Leibbibliothek ngliſcher und franzöſiſcher Literatur; on.— Otktmann in Gießen, chloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Seſebedingungen. der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ds 8 Uhr offen. kückgabe eines geliehenen Buches wird von 8 9. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ommen. 3. 4 ion. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme zuches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe n, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet vonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und w 2 Bücher: Deutſche Bibliothek. 3 Sammlung auserleſener 8 0. Original⸗Romane. Unter Mitwirkung von Ludwig Bechſtein, Adolf Glaßbrenner, F. G. Kühne, F. Kürnberger, Hermann Kurz, Hermann Marggraff, Theodor Mügge, Wolfgang Müller, Otto Müller, Otto Roquette, Leopold Schefer, J. V. Scheffel, Georg Schirges, Lud. Storch, E. Willkomm u. a. m. Zwölfter Band. John Milton und ſeine Zeit. Hiſtoriſcher Roman von Max Ning. Frankfurt a. M. Verlag von Meidinger Sohn& Eie. 1857. Druck von Aug. OÖſterrieth in Frankfurt a. M. John Milton und ſeine Zeit. Hiſtoriſcher Romau —„—— von Max Ning. Frankfurt a. M. VBerlag von Meidinger Sohn& Ci⸗ 1857. Der Autor behält ſich das Recht der Uebertragung dieſes Romans in's Engliſche vor. Druck von Aug. Oſterrieth in Frankfurt a. M. Dem Herrn K. A. Varnhagen von Enſe, Geheimen Legationsrath, Ritter u. ſ. w. als Zeichen der daukbarſten Verehrung zugeeignet. —— 9— Erſtes Buch. ——–—–— —** N Durch den Haywood⸗Forſt, einen jener prächtigen Wälder, welche einſt das alte England aufzuweiſen hatte und die auch dort immer ſeltener angetroffen werden, ritten zur ſchönſten Frühlingszeit zwei junge Edelleute in Begleitung ihrer Schweſter. Sie hatten ihren Ver⸗ wandten in Harefield, dem edlen Hauſe der Derby's, einen Beſuch abgeſtattet und kehrten nunmehr nach ihrer Heimat Lutlow⸗ Caſtle zu⸗ rück. Ihr Vater war der Graf von Bridgewater und zur Zeit Pre if⸗ dent von Wales. Er ſolber ſtammte von jenem berühmten lehrten Thomas Egerton ab, welcher unter der Regierung der Köni gin Eliſabeth und ihres Nachfolgers das hohe Amt eines Schatzkanz⸗ lers bis in ſpäteſtes Alter mit Auszeichnung bekleidrt hatte. Ein ſolcher Adel der Geſinnung und Geburt hatte ſich in der hochgeſtellten Familie fortgeerbt. Die Enkel, eben erſt in das Jüng⸗ lingsalter getreten, waren nicht aus der Art geſchlagen und die rei⸗ zende Schweſter Miß Alice Egerton galt im ganzen Lande für eines der ſchönſten und liehenswürdigſten Mädchen. Die drei G blühten gleichmäßig im friſcheſten Jugendglanz. Eine innige Freund⸗ ſchaft hielt das Kleeblatt umſchlungen und bisher hatte kein Unfall ihren reinen Lebenslauf getrübt; Luſt und Freude leuchtete von ihren Wangen und ſtrahlte aus den hellen Augen. So ritten ſie durch den frühlingsgrünen duftigen Forſt in ſorglos ſcherzendem Geſpräche. Artige Neckereien, wie ſie nur die Jugend kennt und liebt, erregten ihr frohes Gelächter, in das die Vögel des D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 1 ſchwiſter 4 2— Waldes mit ihrem luſtigen Zwitſchern und Singen dann und wann harmoniſch einfielen.— Der Forſt von Haywood beſtand, wie faſt der größte Theil der Grafſchaft Herefordſhire, in der er liegt, aus einer Reihe wellenförmiger Hügel und Anhöhen, die hier mit mächtigen Buchen und Eichen bewachſen waren. Die Hauptſtraße, auf welcher die Reiſenden ſich zur Zeit befanden, lenkte bald an einer tiefen Schlucht, bald an einem ſteilen Berg vorüber, von dem ein kleiner Waldbach rauſchend niederſchoß. Mannigfache Nebenwege kreuzten den Hauptpfad und führten immer tiefer in die Wildniß hinein. Dort gab es noch verborgene Stellen, die ſelten oder nie ein menſchlicher Fuß betreten hatte, zu denen noch keine mörderiſche Axt gedrungen war, jungfräu⸗ liche Heiligthümer mit allen Reizen und dem Schauer der einſamen, unentweihten Natur bekleidet. Solch einen Nebenweg hatten die Reiſenden ohne es zu ahnen im Eifer ihres Geſpräches eingeſchlagen. Sie merkten während ihrer em⸗ ſigen Unterhaltung nicht, daß ſie vom gebahnten Pfade und der be⸗ kannten Hauptſtraße abgekommen waren. Der wunderbare Zauber dieſer ſchönen Wildniß nahm ſie gefangen. Es war ſo herrlich in der grünen Stille des Waldes. Da ſtanden jene uralten Eichen, Patriarchen der Schöpfung, welche über ein jüngeres Geſchlecht von ſchlanken Birken, Ahorn, Rüſtern und wilden Kaſtanien wie ſegnend ihre knorrigen Arme breiteten. Um ihre mächtigen Stämme rankte der ſchmiegſame Epheu leicht empor, wuchſen, grauen Bärten gleich, die langhaarigen, ſilberfarbenen Mooſe, wucherten gelbbraune Schwämme und die ge⸗ heimnißvolle Miſtel, eine neue Pflanzenwelt, welche Leben und Nahrung aus dieſem ſeltſamen in die Höhe ſtrebenden Mutterboden ſog. An den Spitzen der Aeſte leuchteten die jungen röthlichen Triebe wie zuckende Flammen, die Zeugen einer noch immer ungeſchwächten Kraft. Das ſind prächtige Burſchen, bemerkte der jüngere Bruder Thomas Egerton, indem er heiter auf die Rieſen des Waldes deutete. Solch ſchöne Eichen erinnere ich mich nie hier zuvor geſehen zu haben, ob⸗ gleich ich doch mehr als fünfzigmal durch den Haywood⸗Forſt geritten bin. Ich glaube in der That, daß wir vom Wege abgekommen und zu tief in den Wald hinein gerathen ſind, entgegnete der ältere I⸗ bei Lebzeiten des Vaters Lord Brackley genannt. Die Gegend erſche mir ganz fremd und unbekannt. 8 — Aber wunderherrlich, rief mit leuchtenden Augen die ſchöne Alice, welche zwiſchen den beiden Brüdern auf ihrem weißen Damenzelter ritt. Hier möchte ich gleich den ganzen Tag verweilen. Wie Clelia im Ardennenwald, ſcherzte Thomas. Daran erkenne ich gleich meine liebe Schweſter, die ſtets an ihren Shakeſpeare denkt. Wohlan! ich ſtehe zu Dienſten; laßt uns hier Hütten bauen. Ich werde dein Orlando ſein, wenn unſer melancholiſcher Jaques nichts dagegen hat. Mit dieſem Namen aus Shakeſpear's„Wie es euch gefällt“ be⸗ zeichnete der heitere Jüngling den ernſteren Bruder, welcher als der Erſtgeborne nach der Sitte des Landes eine gewiſſe Autorität über ſeine jüngeren Geſchwiſter ausübte. Weit entfernt jedoch, von ſeinem Anſehen jetzt Gebrauch zu machen, fügte ſich John ihren Wünſchen, obgleich er durch das Abkommen vom rechten Wege mehr beunruhigt war, als er es ſich merken ließ.. 1 Gut denn! Wenn ihr müde ſeid, ſagte er anſcheinend ſorglos, ſo können wir immerhin noch eine Stunde raſten. Die Sonne ſteht noch hoch und wir werden hoffentlich bald wieder auf die Hauptſtraße kommen. Einſtweilen wollen wir hier unſer Mittagsmahl wie Robin Hood im Freien einnehmen und uns unter den ſchattigen Bäumen lagern. Geſprochen wie ein Salomo, jubelte der luſtige Thomas. Ich rufe mit Orlando aus: Ich ſterbe faſt vor Hunger, gebt mir Speiſe. Mit dieſem klaſſiſchen Citate, dem alten wohlbekannten Dichter entlehnt, ſprang der Uebermüthige von ſeinem Roß herab und beeilte ſich der geliebten Schweſter ſeine Dienſte als ihr Stallmeiſter anzu⸗ bieten, während er dem bedächtigeren John die Sorge überließ, die Zügel der Thiere an einen Baumſtamm zu befeſtigen und die mit⸗ gebrachten Vorräthe abzupacken. Die jungen Neiſenden führten keine Diener mit ſich, da ſie zum Schutze für die Schweſter ausreichten und keinen läſtigen Begleiter in ihrer Nähe dulden wollten. Auf dem weichen, grünen Raſen und unter dem Schatten einer jener uralten Cichen lagerte ſich die fröhliche Karawane, um ihr ein⸗ faches Mahl einzunehmen. Die Brüder hatten für Alicen aus ihren Mänteln einen koſtbaren Sitz bereitet und behandelten ſie überhaupt mit der größten Aufmerkſamkeit. Bei ihrem Benehmen verbanden ſie den Ton der verwandtſchaftlichen Liebe mit jener zarten, damals üblichen 1* 2—— Galanterie, welche aus den Zeiten der Königin Eliſabeth herrührte, als ganz England noch anbetend zu den Füßen ſeiner jungfräulichen Fürſtin lag. Die Huldigungen, welche der erſten Frau der Welt gezollt wurden, gingen bald auf das ganze weibliche Geſchlecht über und wurden zur Modeſache. Es bildete ſich ein ganz beſonders über⸗ ſchwänglicher Kultus der Frauen mit eigenen Gebräuchen und Ausdrücken. Dieſe übertriebene Sprache der Höflichkeit verlieh der Unterhaltung der Geſchwiſter einen gewiſſen phantaſtiſchen Reiz und miſchte in ihre Geſpräche die Würze einer feinen, ſchalkhaften Jronie. Beſonders zeichnete ſich in dieſer Beziehung der jüngere Thomas aus. Er gefiel ſich in der angenommenen Rolle eines irrenden Ritters und ſchmachtenden Schäfers jener Tage, die er mit eben ſo viel Grazie als ſprudelnder Laune zu ſpielen wußte. Seine Schweſter behandelte er ganz wie eine eingebildete Geliebte und überhäufte ſie darum mit den zierlichſten Phraſen und gedrechſelten Redensarten, die er den Modeſchriftſtellern der Zeit, einem Philipp Sidney und Walter Raleigh glücklich abgelauſcht hatte.— Edles Fräulein! ſagte er, die Speiſen ihr vorlegend und mit einem leiſen Anſtrich von heitrem Spott, wollt Ihr nicht von dieſer zarten Wildpaſtete genießen. Schon lange ſehnt ſich dieſer Rebhuhnflügel, die Bekanntſchaft Eurer ſüßen Lippen zu machen. Könnt Ihr ſo grauſam ſein und ihm dieſe Gunſt verſagen? Lachend und auf ſeinen Scherz eingehend dankte ihm Alice, indem ſie ganz im Geiſte der ihr zugedachten Rolle eines romantiſchen Fräu⸗ leins antwortete. Wie, Ihr habt keinen Hunger? fragte er. Edle Dame, ſolltet Ihr vielleicht an einem geheimen Kummer leiden„ und mit Eurem Appetit auch zugleich Euer Herz verloren haben? Iſt es vielleicht jener blonde walliſiſche Ritter Namens Carbury, der mir Eure Gut t geraubt, oder unſer Philoſoph, Sir Kenelm Digby, der durch magiſche Künſte ſchon manches weibliche Herz umſtrickt hat, obgleich er noch immer den be⸗ trübten Wittwer ſpielt?— Antwortet, oder beim Zeus! dieſe Waffe, welche ſoeben erſt die ſaftige Hammelkeule zerlegte, wird meinem elenden Daſein ein Ende machen, wenn Ihr mir keine Hoffnung gebt. Haltet ein! rief Alice mit erheuchelter Angſt. Ich ſchwöre Euch bei der keuſchen Diana und allen ihren Nymphen, daß weder Sir Carbury, noch unſer Vetter Digby unſerem Herzen näher ſteht als Ihr. —— — 5— Aber auch kein Dritter? Da war noch in dem Hauſe der guten Tante Derby ein junges Dichterlein mit einem ſo feinen, ſchwär⸗ meriſchen Angeſicht, daß ich geneigt war, ihn für ein. verkleidetes Mädchen, für eine arkadiſche Schäferin zu halten. Selbiger Poet beſchäftigte ſich ganz beſonders mit meinem holden Sa weſterchen und ver⸗ wendete keinen ſeiner feurigen, ſtumm beredten Blicke von ihrem Angeſicht. Ich weiß wirklich nicht, wen du meinen kannſt, erwiederte das erröthende Mädchen mit einiger Verlegenheit. O Verſtellung! dein Name iſt Weib, parodirte der Jüngling im neckenden Tone. Sollteſt du wirklich nicht einen gewiſſen John Milton, den zierlichen Dichter der Arkadier, in dem Hauſe unſerer Tante, der Gräfin Derby, bemerkt haben? 4 Allerdings habe ich ihn geſehen, entgegnete Alice ſcheinbar unbe⸗ fangen. Auch habe ich einige Worte mit ihm geſprochen. Er ſchien mir einſylbig und menſchenſcheu. Sag lieber unbeholfen und linkiſch, wie die meiſten Männer, welche mehr mit ihren Büchern, als mit der Welt und den Menſchen verkehren, bemerkte der ältere Bruder, der bisher ſtillſchweigend dem Geſpräche zugehört hatte. Ich finde dieſe Unbeholfenheit durchaus nicht lächerlich, antwortete das holde Mädchen ein wenig gereizt. Dichter ſind wie die Nachtigal⸗ len; ſie ſchweigen in laut ſchwatzender Geſellſchaft und ſingen am ſchönſten in der Einſamkeit. 4 Gut gegeben, ſcherzte Thomas. Doch ich halte es lieber mit dieſem gebratenen Faſanen als mit all euren poetiſchen Nachtigallen und ähnlichen unnützen Singvögeln. Alice ſpöttelte lächelnd über die proſaiſche Natur des Bruders, während dieſer ſie im heiteren Tone mit ihrer Vorliebe für Poeſie und Poeten anmuthig aufzog. Der ältere Bruder hörte einige Zeit den hin⸗ und herfliegenden Wortwitzen zu, ohne indeß ſeine gewohnte Vorſicht zu vergeſſen. Mehr als einmal ſchon hatte er voll Beſorgniß die ſcherzhafte Unterhaltung durch ſeine Mahnung unterbrochen, das Geſpräch zu beenden und ſich auf den Weg zu machen, da die Zeit im raſchen Fluge unbemerkt verſtrich. 3 Nur noch ein Viertelſtündchen, bat die liebliche Schweſter, welche ſich von dem reizenden Aufenthalte nicht ſo leicht zu trennen vermochte. 6 In der That war auch der Ort, den die Geſellſchaft ſich zum Ruheplatz gewählt hatte, von der Natur mit verſchwenderiſcher Schön⸗ heit reichlich ausgeſtattet. Der grüne Raſen und das weiche Moos bildeten den zierlichſten Teppich, während die alte Eiche wie ein präch⸗ tiger Baldachin ſich über ihre jugendlichen Häupter wölbte. Wilde Roſenhecken mit duftenden Blüthen bedeckt, ſchneeweißer Schlehdorn und immergrüne Kirſchlorbeerſträuche bildeten die zierlichſte Einfaſſung dieſes natürlichen Speiſeſaals. Würziger Thymian, Krauſemünze und das ganze zahlloſe Heer der Waldkräuter und Blumen ſchwängerten die milde Luft mit ſüßen Wohlgerüchen. Lenzesluft und Frühlings⸗ weben regten ſich im ſtillen, grünen Forſt. Finken und Grasmücken wetteiferten im Geſang und belebten das Schweigen der Natur. Aus der Ferne ließ der Kukuk ſeinen einförmigen, aber angenehm melan⸗ choliſchen Ruf erſchallen und die Droſſel ſchmetterte vom hohen Gipfel ihr kühnes Lied. Blaue und gelbe Schmetterlinge ſchwebten vorüber, kreisten um die Kelche der Blumen und ſchlürften aus goldenen Scha⸗ len mit langem, feinem Rüſſel den Blüthennektar ein. Marienkäfer mit rothen ſchwarz punktirten Flügeldecken kletterten an den biegſamen Halmen empor und übten ihre halsbrechenden Seiltänzerkünſte, während in den höchſten Aeſten einer ſchlanken Silberbirke ſich ein braunes Eichhörnchen wiegte und neugierig mit klugen Augen herabſchaute. Zuweilen ſchlüpfte eine geſchmeidige Eidechſe durch das feine Moos und ein Sonnenſtrahl vergoldete ihren grünlich ſchimmernden Glieder⸗ bau. Das Alles regte und bewegte ſich im hellen Sonnenſchein ſo freudig und des Daſeins volles Glück genießend; und mitten in dieſer ſeligen Einſamkeit ruhten die Geſchwiſter aus, ſie ſelbſt die glücklich⸗ ſten und zufriedenſten Weſen dieſer herrlichen Natur. Alle drei waren noch jung, ſchön und unentweiht von dem Getriebe des Lebens und der Welt, Kinder des Frühlings, Blüthen des Lenzes. Darum fühl⸗ ten ſie ſo froh und warm in der verwandten Umgebung. Frei von jedem Zwang überließen ſie ſich darum willig dem Zauber des Wal⸗ des, von dem ſie ſich nun ſchwer zu trennen vermochten.— Stunden entſchwanden ihnen hier wie Augenblicke und als ſie endlich aufbrechen Inßu war es ihnen als ſchieden ſie von ihrem Paradieſe. Wirklich bedurfte es auch der wiederholten und immer dringenderen Aufforderung des älteren Bruders, ehe ſich die kleine Karawane zum 7 Aufbruch entſchloß. Selbſt die Pferde, welche hier einen trefflichen Weideplatz gefunden hatten, ſchüttelten wie mißbilligend ihre Häupter und ließen ſich nur unter Sträuben von lautem, unwilligen Wiehern, begleitet, Zaum und Halfter wieder anlegen. Beſonders ſchien der weiße Zelter Alicens die Vorliebe ſeiner Herrin für dieſen romantiſchen Aufenthalt zu theilen. Mehr als einmal wendete er noch ſeinen Kopf zurück nach dem fetten Grasplatz, der ihm ſo ſehr gefallen hatte. Zu⸗ weilen blieb er ſogar gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit ſtehen, um mit ſeinen roſenrothen Lippen einige Stauden und niedere Sträucher am Wege zu benagen. Alicce ließ dieſe kleinen Abſchweifungen ihres Zel⸗ ters willig zu und wendete ſelbſt von Zeit zu Zeit ihr liebliches Ge⸗ ſicht nach dem trauten Plätzchen hin, wo ſie einige Stunden ſo glück⸗ lich verlebt hatte. Der bedächtige John eilte raſtlos voran. Er gab noch immer nicht die Hoffnung auf, bald wieder die ihm bekannte Hauptſtraße zu erreichen. Je weiter er aber ritt, deſto fremder und unheimlicher er⸗ ſchien ihm der eingeſchlagene Pfad. Bald verlor derſelbe auch ſeine bisherige Breite und Wegſamkeit. Dichtes Geſtrüpp und verwilderte Dornenhecken engten ihn von beiden Seiten ein, nackte Wurzeln kro⸗ chen wie ſchwarze Schlangen drüber hin. Die Gegend hatte auch nach und nach ihren anmuthigen Charakter verloren und wurde immer düſte⸗ rer. Finſteres Nadelholz war an die Stelle des heiteren Laubwaldes getreten und verbreitete eine melancholiſche Dämmerung. Das tiefſte Schweigen herrſchte weit und breit; denn ſelbſt der Hufſchlag der Pferde tönte geſpenſtiſch gedämpft auf dem mit Kiefernadeln bedeckten Fußboden, welcher durch ſeine Glätte den ſonſt ſicheren Tritt der Thiere öfter zum Straucheln brachte. Die Befürchtung, daß ſie ſich ver⸗ irrt, drängte ſich bald dem beſorgten Führer als Gewißheit auf. Wir kommen hier nicht durch und müſſen auf den früheren Weg zurückkehren, ſagte John. Umkehren, erwiederte der kühnere Thomas, den jedes Abenteuer reizte. Bei dem Andenken unſeres großen Ahnen, Robert Malpas, der die Schlacht bei Haſtings mitgefochten hat, der Wahlſpruch unſeres Hauſes lautet anders: sic— donec. Ein leichter Schlag mit der Gerte trieh das feurige Roß, welches der Jüngling ritt, zu neuen Anſtrengungen an. Alice hielt ſich dicht — Z— hinter ihm und der ältere, bedächtige John ſah ſich gezwungen, gegen ſeine beſſere Ueberzeugung den jüngeren, voraneilenden Geſchwiſtern zu folgen. Das Glück ſchien auch anfänglich die kühnen Wagehälſe zu begünſtigen. Eine geraume Zeit verlief der Weg wieder hinlänglich breit und bequem, ſo daß die Reiſenden denſelben ohne beſondere Schwierigkeiten länger als eine halbe Meile fortſetzen konnten. Schon überließen ſie ſich der angenehmen Hoffnung, in dieſer Richtung die Hauptſtraße wieder zu gewinnen; doch dieſe Erwartung täuſchte ſie ſchadenfroh. Plötzlich endete der tückiſche Weg in der Nähe einer Schlucht, welche einem vorhandenen Waldbach zum Bette gedient haben mochte. Vergebens ſpähten die Wanderer in die Nähe und Ferne. Erſt nach langem, vergeblichen Suchen entdeckten ſie einen ſchmalen Fußpfad, der nur zur Noth einem einzelnen kühnen Reiter geſtattete, durch ein Labyrinth von ſtachligen Hecken und wucherndem Geſtrüppe vorzudringen. Unmöglich konnten die Brüder die zartere Schweſter den Beſchwerden und ſelbſt Gefahren eines ſolches Weges ausſctzen. Nach einer kurzen Berathung entſchloß ſich John, den vorhandenen Pfad zu verfolgen, der nach ſeiner Meinung zu irgend einer menſch⸗ lichen Wohnung, einer Köhlerhütte oder einem einſam gelegenen Jäger⸗ hauſe führen mußte. Dort hoffte er einen Führer durch dieſe ver⸗ wirrende Wildniß zu finden. Einſtweilen ſollte Thomas bei der Schweſter zum Schutze bleiben und dieſelbe unter keiner Bedingung verlaſſen. Wiederholt ſchärfte der ältere Bruder dem vorſchnellen Jüngling dieſe Mahnung ein, ehe er ſich, von den Wünſchen der Ge⸗ ſchwiſter begleitet, entfernte. Dieſe blieben mit ihren Pferden in der Nähe der Schlucht zurück, welche ihnen einen keineswegs einladenden Anblick darbot. Die Spuren der Verwüſtung, die der angeſchwollene Waldbach im Beginn jedes Frühlings verurſachte, waren noch ringsumher ſichtbar. Weit und breit zeigte ſich die Gegend unfruchtbar und verſandet, mit den Trüm⸗ mern des Geſteins bedeckt, das die wilde Fluth von den höher gelege⸗ nen Bergen abgeſpült hatte. Zwiſchen dieſem Gerölle ſprießte nur kümmerlich verkommenes Gras und dürftiges Haidekraut. Spärlich und vereinzelt ſtanden einige verkrüppelte Tannen und ärmliche Fich⸗ ten. Das tückiſche Waſſer hatte die Wurzeln bloßgelegt und ſchwan⸗ kend erwarteten die Bäume ihren Sturz von jedem heftigeren Wind⸗ 1 7 — 9 ſtoß. Andere Stämme waren bereits der Gewalt der Frühlingsſtürme und der andrängenden Fluth erlegen. Die Baumleichen lagen ge⸗ brochen mit abgeſtorbenen Aeſten und halb verfault. Aus der feuchten, vermoderten Rinde ſchoſſen giftige Pilze hervor und um die vergilbten, trock⸗ nen Zweige hüpften Krähen und freche Dohlen mit krächzendem Geſchrei. Unwillkürlich wirkte die traurige, landſchaftliche Scenerie auf die Stimmung der Zurückgebliebenen. Die Scherze, mit welchen Thomas ſeine Schweſter zu unterhalten ſuchte, bekamen etwas Gezwungenes. Bald ſtockte das Geſpräch gänzlich und ungeduldig harrten Beide auf die Rückkehr des ſäumenden Bruders. Die Zeit wurde den Warten⸗ den ungebührlich lang und die Minuten dehnten ſich zu Stunden aus. Ich kenne Bruder John, ſagte der Jüngling nach einer längeren Pauſe faſt unmuthig. Er iſt immer ſo langſam und ich mache eine Wette, daß er jetzt an irgend einem Kreuzweg ſteht und vor lauter Bedenklichkeit und Ueberlegung, welche Richtung er einſchlagen ſoll, nicht von der Stelle kommt. Du thuſt ihm Unrecht, entgegnete Alice ſanft ohne Vorwurf. Seine Vorſicht iſt jedenfalls nur zu loben und er verdient deinen Tadel nicht, Hätten wir ſeinen Rath befolgt und wären wir gleich, als er es wollte, umgekehrt, ſo hätten wir gewiß den richtigen Weg gefunden und brauchten uns hier nicht zu langweilen. Trotz der Milde, mit der die Schweſter die Worte ſprach, reichten dieſelben doch hin, den leidenſchaftlichen Jüngling zu reizen und zu betrüben. Er klagte ſich mit übertriebener Heftigkeit ſeiner vorigen Thorheit an und hätte am liebſten, ſelbſt mit Gefahr, die geliebte Schweſter aus der gegenwärtig unangenehmen Lage befreit, die er zum Theil verſchuldet hatte. Ueberhaupt war ihm die ihm zugetheilte unthätige Rolle verhaßt. Seine ganze Natur drängte ihn zu einem raſchen und entſchloſſenen Handeln. Unruhig ſprang er von dem Stein empor, auf dem er bisher geſeſſen hatte, mit heftigen Schritten ging er auf und ab längs der unheimlichen Schlucht, um einen anderen Ausweg zu entdecken. Bald blickte er auf den Fußpfad, welchen John eingeſchlagen, bald ſchweiften ſeine Augen nach der entgegengeſetzten Richtung, die doch irgend wohin führen mußte. Stolz und Ehrgeiz regken ihn leidenſchaftlich auf. Er allein wollte der Retter Aller ſein. Unbewußt ſchlummerte in ſeiner jungen Seele der Drang nach Aus⸗ — 10— zeichnung. Mehr als einmal hatte er ſich in ſeinen kindiſchen Träumen an der Spitze eines großen Heeres geſehn und Wunder von Tapferkeit verrichtet. Der chevalereske Sinn ſeiner Zeit und der Hang nach Abenteuern, welcher damals ſeine Landsleute auszeichnete, erfüllte auch ſeine Bruſt. Er wollte an Muth und Kühnheit Alle und beſonders ſeinen älteren Bruder übertreffen, deſſen durch Geburt und Herkommen begründetes Uebergewicht er nur mit Widerſtreben anerkannte. So verbarg ſich in dieſem jugendlichen Herzen unter der täuſchen⸗ den Hülle des Leichtſinns und der Sorgloſigkeit ein brennender Chrgeiz und die Sucht nach Auszeichnung. Vergebens mahnte Alice, welche ſo oft eine große Gewalt über ihn ausübte und vermittelnd zwiſchen den Brüdern ſtand, zur Ruhe und Geduld. Was thut's auch, ſagte ſie beſchwichtigend, ob wir hier noch ein Stündchen warten. Wir kommen noch immer zeitig genug nach Ludlow⸗Caſtle. Der Tag iſt ſo ſchön und ehe die Sonne untergeht, ſind wir zu Hauſe. Und da geht das Schelten wieder los, entgegnete der Jüngling im gereizten Ton. John wird wegen ſeiner Beſonnenheit gelobt und ich wegen meines Leichtſinnes vom Vater geſcholten werden. Wir brauchen ja nur zu ſagen, daß wir ſpät von dem Hauſe der Tante aufgebrochen ſind. Daß wir uns verirrt haben, ſoll der Vater nicht von uns erfahren. Wozu auch? Er würde ſich nur unnöthig ereifern und uns künftig nicht allein reiſen laſſen. Und iſt ſelbſt dies Abenteuer nicht ergötzlich? Wir verdanken ihm die ſchönen Stunden, die wir unter den Eichen ſo köſtlich zugebracht haben. Komm! Orlando reich mir deine Hand und ſieh nicht ſo finſter drein, was dich gar nicht kleidet und was ich auch nicht leiden mag. So ſuchte die holde Schweſter mit der ihr eigenen Liebenswürdig⸗ keit den trotzigen Wildfang zu beſänftigen. Was ihr aber ſonſt ſtets mit Leichtigkeit gelang, ſcheiterte diesmal an dem Unmuth des Jüng⸗ lings. Bei dem leiſeſten Geräuſch fuhr er empor und geſpannt horchte er auf jeden Ton aus der Ferne. Bald glaubte er nahende Schritte, bald das Geräuſch menſchlicher Stimmen zu vernehmen.— Haſt du nichts gehört? fragte er die Schweſter heftig. Es müſſen hier Menſchen und ganz in der Nähe ſein. Dort aus der Schlucht tönt es deutlich zu uns herauf. *— . ³ — 11— Vielleicht täuſcht dich das Rauſchen des Windes, oder der Schrei eines Vogels. Sicher nicht. In der Schlucht ſind Leute. Ich werde ſie nach dem Wege fragen und kehre im Augenblick zurück. Ehe Alice ihn hindern konnte, war der Ungeduldige bereits ver⸗ ſchwunden. Mit raſchen Schritten verfolgte er ſein Ziel. Anfänglich eilte Thomas längs dem Bette des eingetrockneten Waldbachs, das einen ganz bequemen Weg ihm darbot. Bald aber machten herab⸗ gefallene Felstrümmer und eingeſtürzte Sandhaufen den Pfad beſchwer⸗ lich und faſt unzugänglich. Der Jüngling ſah ſich genöthigt, denſelben wieder zu verlaſſen. Solche Hinderniſſe ſpornten aber ſeinen Eifer nur noch mehr an, ſtatt ihn abzuſchrecken. Auf dem Rücken eines benachbarten Hügels, den er erklommen, fand er deutlich die friſchen Spuren von vielfachen, menſchlichen Fußtritten. Bald vermehrten ſich dieſe Merkmale und kreuzten ſich in den verſchiedenſten Richtungen, Zuletzt führten all die Fußtapfen wieder nach dem trockenen Waldbach zurück, der von Neuem gangbar wurde. Thomas überzeugte ſich mehr und mehr, daß Menſchenhände dieſen verſteckten Pfad künſtlich geebnet hatten. Seinem Scharfblick entging zugleich nicht, daß ſelbſt die auf⸗ gethürmten Felsſtücke abſichtlich ſo geſchichtet waren, um den Unein⸗ geweihten den Zugang zu verſperren. Dieſe unerwartete Entdeckung mahnte zur Vorſicht und machte ihn ſtutzen, ſein kühner Muth ſchreckte jedoch nicht ſo leicht vor einem Wagniß zurück. Im Gegentheil fand ſein abenteuerlicher Geiſt in all dieſen Umſtänden nur friſche Nahrung und das Geheimniß, welches ſich hier verbarg, reizte ſeine Neugierde auf das Höchſte. Er drang daher ohne weiteres Beſinnen tapfer vorwärts. Je wei⸗ ter er kam, deſto mehr breitete ſich die Waldſchlucht, welche in einen tiefen, abgeſchloſſenen Keſſel zu enden ſchien, vor ſeinen Füßen aus. Der volle Einblick wurde ihm jedoch durch mächtige Baumgruppen und faſt undurchdringliche Hecken abgeſchnitten. Eine natürliche Mauer von verflochtenen Dornbüſchen und jungem Unterholz drohte ſeinem ferneren Fortſchreiten mit einem Male ein Ende zu machen. Schon zog er ſein Schwert, das er nach der Sitte jener Zeit immer an der Seite trug, um ſich mit der Waffe in der Hand einen Weg durch das Geſtrüpp des Urwaldes zu bahnen, als er zu ſeiner Ueberraſchung — 12— eine künſtlich angebrachte Thür entdeckte, welche hinter Epheu und Tannenzweigen ſo geſchickt verborgen war, daß das ſchärfſte Auge ſie nicht ſo leicht aufzufinden vermochte. Einen Augenblick zögerte der Jüngling und überlegte gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit, ehe er ſich entſchloß, in die Geheimniſſe der Wildniß einzudringen. Wilddiebe und verwegene Räuberbanden gehör⸗ ten in jenen Tagen keineswegs zu den ſeltenen Vorkommniſſen und konnten hier, in dieſem abgelegenen Schlupfwinkel ihr Weſen treiben. Es war dahev nicht gerathen, als einzelner Mann ſich tollkühn in eine ſolche Gefahr zu begeben. Auch hatte Thomas öfters von ge⸗ heimen Zuſammenkünften und unerlaubten Verbindungen der mit allzu großem Eifer verfolgten Religionsſekten gehört. Sein Vater ſelbſt, der Präſident von Wales, hatte mehr als einmal von der Regierung den Auftrag erhalten, mit gewaffneter Hand gegen derartige Konven⸗ tikel einzuſchreiten. Es war zuweilen ſelbſt zu blutigen Auftritten ge⸗ kommen, denn die Puritaner, Separatiſten und wie die Leute heißen mochten, ſetzten ſich, wenn ſie zahlreich verſammelt waren, muthig zur Wehre und leiſteten einen verzweifelten Widerſtand. Außerdem gedachte Thomas der harrenden Schweſter, die er unüberlegt ohne jeglichen Schutz allein in dem Walde zurückgelaſſen hatte. All dieſe Rückſichten hätten ihn vielleicht beſtimmt, umzuwenden und ruhig auf demſelben Wege zurückzukehren, wenn nicht in dieſem Augenblick ihn die mächtigen Klänge eines feierlichen Chorals unwi⸗ derſtehlich gefeſſelt hätten. Es war eine einſache, aber ergreifende Melodie, welche die tiefe Stille wunderbar mit einem Male unter⸗ brach. Athemlos lauſchte er dem erſchütternden Geſang, der gedämpft aus der Ferne zu ihm herüberſchallte. Dieſe Töne ſchienen keinen irdiſchen Lippen, ſondern Geiſterchören zu entſtammen. Unwillkürlich wurde er von ihnen fortgezogen. Mit einem raſchen und entſchloſſenen Griffe öffnete er die geheimnißvolle Thür und ſein Auge überflog das wunderbare Schauſpiel, das ſich ihm plötzlich darbot. 13 2. Zu ſeinen Füßen lag jetzt die umfangreiche Schlucht vollkommen ſichtbar. Ringsumher von dunklen Buchen und gewaltigen Eichen ein⸗ geſchloſſen, bildete ſie ein natürliches Gotteshaus, einen Dom, den die Macht des Schöpfers ſich ſelbſt gebaut und mit unſichtbaren Händen aufgerichtet. Gleich mächtigen, gothiſchen Pfeilern ſtrebten die maje⸗ ſtätiſchen Baumſtämme empor und ihre grünen Wipfel ſchienen die Rieſenorgel, von dem Odem des Herrn beſeelt. Durch das durchbro⸗ chene Laub ſtahl ſich das gedämpfte Licht der ſcheidenden Abendſonne wie durch buntgemalte Kirchenſcheiben bald mit goldigem Schimmer, bald mit purpurner Gluth den Raum erfüllend. Ein weicher Raſen⸗ grund diente zum Fußboden und in der Mitte deſſelben ſprudelte als Taufbecken ein friſcher Quell hervor. An demſelben Orte mochten die erſten Chriſten Englands ihren geheimen Gottesdienſt abgehalten haben, als ihnen noch Gefahr von allen Seiten drohte. Heute waren ihre Nachfolger gezwungen, dieſelben Verſtecke wieder aufzuſuchen. Das ganze Leben der Menſchheit iſt nur eine Wiederholung und ein Blatt der Weltgeſchichte gleicht dem andern oft auf's täuſchendſte.— Eine zahlreiche Menſchenmenge hatte ſich hier eingefunden, um in der freien Natur dem Herrn nach ihrer Weiſe zu dienen.. Es waren Chriſten von Chriſten gehaßt, verfolgt und zum Aeu⸗ herſten getrieben. Ihr einziges Verbrechen beſtand darin, daß ſie nicht die anglikaniſche, biſchöfliche Staatskirche von England anerkennen wollten und ſich lediglich auf die Bibel und deren Lehren beriefen. Darum mußten ſie dieſen verborgenen Schlupfwinkel aufſuchen; doch Gott ſelber hatte ihnen die Kirche erbaut, welche ihnen von den Men⸗ ſchen, von ihrem König und den damals ſo mächtigen Biſchöfen ver⸗ ſagt wurde. Hierher waren ſie mit ihrem ſtarren, unerſchütterlichen Glaubensmuth geflüchtet. Männer, Weiber und Kinder lagen male⸗ riſch zerſtreut im Kreiſe. An der einen Seite war eine rohe Kanzel aus grauen, übereinander geſchichteten Schieferplatten aufgerichtet. Auf derſelben ſtand der würdige Prediger mit ſilberweißem Haar und Bart. Seine hohe, abgemagerte Geſtalt umſchloß der ſchwarze Genfer Rock ohne alle anderweitige Auszeichnung. Das Chorhemd der anglikaniſchen Geiſtlichkeit hätte er nimmermehr angelegt; denn es. war ein Greul — 14— in ſeinen Augen, weil es ihn an Babylon und den Antichriſt erin⸗ nerte. Mit dieſen Ehrentiteln wurde nämlich von ihm die römiſche Kirche und der verhaßte Papſt bezeichnet. Das bleiche Geſicht des Predigers trug die deutlichen Spuren tieſer Leiden und der Gefängniß⸗ luft, die er längere Zeit eingeathmet. Aber all dieſe Verfolgungen vermochten ſeinen Eifer nicht zu dämpfen und kaum wieder freigelaſſen, war der treue Hirt zu ſeiner harrenden Gemeinde zurückgekehrt, jeden Augenblick bereit, daſſelbe Schickſal um des Glaubens willen von Neuem zu erdulden. Der ehrwürdige Samuel Gott wird meine Hülfe ſein, ſo lautete nämlich ſein vollſtändiger Name, den er ſich nach der Sitte der damaligen Puritaner beigelegt hatte, erwartete nun das Ende des von der Gemeinde angeſtimmten Pſalms, um eine jener feurigen Reden abzuhalten, welche ganz geeignet waren, die Gemüther ſeiner Zuhörer in Flammen zu verſetzen, aus denen ihr Herz wie ge⸗ härteter Stahl hervorging, trotzend den Anfechtungen der Regierung und der Biſchöfe. Rings um die Kanzel und den Redner ſtanden oder ſaßen die verſchiedenſten Gruppen. Der lauſchende Jüngling, nur durch einen Baumſtamm verborgen, konnte bequem von ſeinem Standpunkte aus die einzelnen Perſonen erkennen. Meiſt waren nur ärmere Leute nie⸗ deren Standes zugegen, dazwiſchen machte ſich jedoch die Geſtalt eines wohlhabenderen Pächters, oder eines angeſehenen Bürgers bemerkbar. Der Unterſchied in der Kleidung war zwar nur gering. Faſt alle Anweſenden trugen ſchwarze Wämſer ohne alle Verzierung von ein⸗ fachem Wollenſtoff gearbeitet und kurze Beinkleider, an die ſich die weißen Strümpfe und die Schuhe ſchloſſen, bei denen eine dunkle Bandſchleife die Stelle der ſilbernen Schnalle vertrat. Das Haupt be⸗ deckte ein ſpitzer Hut, der ſich oft zur anſehnlichen Höhe emporthürmte und ebenfalls jeglichen Schmuckes entbehrte. Da gab es keine wal⸗ lenden Federn, keine goldenen Zierrathen und bunte Einfaſſungen, wie ſie doch ſonſt der Pracht liebende Geſchmack der damaligen Zeit er⸗ forderte. Die Haare hingen rund und kurz geſchnitten um das Haupt. Damals, wo lange und zierlich gekräuſelte Locken als eine beſondere Zierde galten und allgemein gepflegt wurden, mußte das Gegentheil um ſo mehr auffallen und rief daher den Spottnamen„Rundköpfe“ hervor, welche die Anhänger dieſer Sekte um deswillen von ihren — 15— Feinden erhielten. Sie ſelbſt nannten ſich die Kinder Gottes, oder das auserwählte Volk. Mit dieſer düſteren Einfachheit der Kleidung har⸗ monirte ein Zug finſterer Schwärmerei, welcher in der ganzen Ver⸗ ſammlung vorherrſchte. Faſt alle Geſichter zeigten denſelben Ausdruck eines entſchloſſenen Trotzes, einer ſelbſtbewußten Energie. Leiden aller Art hatten ihre Widerſtandskraft geweckt und die ſichere Ueberzeugung von der Richtigkeit ihrer Grundſätze und dem endlichen Siege der guten Sache ihnen einen Stolz verliehen, der von Hochmuth nicht frei zu ſprechen war und die Erbitterung ihrer Feinde ganz beſonders vermehrte. Man ſah es dieſen gedrungenen Männern an, daß ſie nur mit Ingrimm ſich den Umſtänden fügten und den Tag der Vergeltung erwarteten. An ihren Mienen konnte ein aufmerkſamer Beobachter neben der deutlich ausgeſprochenen Gottergebenheit einen wilden Fana⸗ tismus leſen und während von ihren Lippen der fromme Pſalm mit vieler Salbung geſungen wurde, blitzte ihr Auge in wilder Gluth, ſo oft die Verſe des Liedes von den Feinden des Herrn und ſeinen Widerſachern ſprachen, worunter ſie natürlich ihre eigenen verhaßten Gegner verſtanden. Einigermaßen gemildert wurde dieſer herbe und ſtrenge Eindruck durch die Gegenwart der Frauen und Kinder. Auch unter den erſteren fehlte es nicht an finſteren Geſtalten mit harten, unangenehmen Zügen; die Mehrzahl jedoch und darunter vorzugsweiſe die jüngere Generation zeichnete ſich mehr durch eine ſanfte Schwärmerei aus, die den meiſt ſchönen und friſchen Geſichtern eher zum Vortheil als zum Schaden gereichte. Auch die Kleidung war trotz der puritaniſchen Strenge nicht ſo einförmig und düſter wie die der Männer. Die weibliche Eitelkeit und Gefallſucht fand ſelbſt unter den ungünſtigſten Verhältniſſen immer noch einen Ausweg, um geſchickt hier ein Band, dort eine Schleife anzubringen. Die weißen, eng anſchließenden Häub⸗ chen gaben ſogar manchem jugendlichen Antlitz ein ganz eigenthümlich gewinnendes Ausſehen„ wobei ſich mitunter ein Anſtrich von weltlicher Koketterie bei aller Frömmigkeit verrieth. Unter den Mädchen beſonders bemerkte der lauſchende Thomas, der in ſolchen Dingen einen feinen Geſchmack beſaß, einzelne Erſcheinungen, die ſelbſt einen Vergleich mit ſeiner Schweſter, der ſchönen Alice, nicht zu ſcheuen brauchten.— Solche Beobachtungen ſtellte indeß der Jüngling aus ſeinem Verſteck erſt an, als der Geſang, der ihn ſo mächtig angezogen, längſt verſtummt — 16— war. Nach einer kurzen Pauſe ſchickte ſich der Prediger an„ ſeire Rede zu beginnen. Die Gemeinde ſchaarte ſich näher um die Kanzel, muthmaßlich um beſſer zu hören. Neugierde und Abenteuerluſt trieben auch Thomas, ſeinen bisherigen, ſicheren Schlupfwinkel zu verlaſſen. Mit einiger Vorſicht noch ſtahl er ſich leiſe zwiſchen den Bäumen durchſchlüpfend nach der Seite hin, wo die Kanzel ſtand. Dies geſchah ganz unbemerkt und der erſte Erfolg gab dem verwegenen Jüngling ſeine frühere Dreiſtigkeit zurück. Den Sermon eines puritaniſchen Predigers zu hören, war ſchon längſt ſein Wunſch und ſein heiterer Sinn verſprach ſich einen ganz vorzüglichen Spaß von dem näſelnden Tone, den lächerlichen Gebärden, die er nach der hierüber allgemein verbreiteten Anſicht bei jedem derartigen Sektirer erwartete. Nachdem ſich das übliche Räuſpern und das Murmeln, welches bei ähnlichen Gelegenheiten in jeder größeren Verſammlung einzutreten pflegt, gelegt hatte, ergriff der würdige Samuel Gott wird meine Hülfe ſein, das Wort. Es herrſchte jetzt eine Stille, daß man das Rauſchen der Blätter im Winde und das Sprudeln des lebendigen Quells deutlich vernehmen konnte. Die Männer ſchauten ernſt und düſter drein und ſelbſt der weibliche Theil der Gemeinde zeigte eine ungewöhnliche Aufmerkſamkeit. Man ſah es dieſen Leuten an, daß ſie ein lebendiges Bedürfniß nach dem Wort des Herrn empfanden, um deswillen ſie von weit hergekommen waren und ſich den größten Gefahren ausſetzten. Volk Iſrael! böre mich, begann der Redner ſeinen Vortrag mit leiſer zitternder Stimme, die im Verlaufe der Rede immer ſtärker und kräftiger wurde. Die Feinde mehren ſich mit jedem Tage und die Zahl deiner Widerſacher iſt Legion; fürchte dich aber nicht, denn der Herr iſt mit dir. Er wird dein Schutz ſein und deine Gegner nieder⸗ ſchmettern mit der Gewalt ſeines Armes. Ein König iſt in unſerer Mitte aufgeſtanden, ſchlimmer als Pharao, der das auserwählte Volk bedrückte und mit ſchwerer Arbeit plagte; doch es wird uns nicht an einem Moſes fehlen, der ihn ſchlagen wird mit der Schärfe des Schwer⸗ tes, der ihn begraben wird mit Mann und Roß in die Tiefen des ſalzigen Meeres. Laßt euch nicht anfechten die Qualen, die ihr er⸗ duldet und die Verſuchungen, denen ihr ausgeſetzt ſeid; denn die Pla⸗ gen Aegyptens werden über den Tyrannen und ſeine ſchlimmen Rath⸗ “ — 17— geber kommen. Er will euch zwingen, anzubeten die fremden Götzen und das Knie zu beugen nach der Weiſe Rom's. Seine Biſchöfe prunken in unheiligen Gewändern und ſtinken nach Aberglauben und Abgötterei. Weh über ſie! Kein Mittel laſſen ſie unverſucht, um die fromme Heerde zum Abfall zu bewegen. Mit Kerker und Banden bedrohen ſie die Gläubigen und mit ſcharfen Geißeln zerfleiſchen ſie den Rücken der Frommen. Wer iſt hier unter uns, der nicht von ihrer grauſamen Strenge zu ſagen weiß? Ein dumpfes Gemurmel der Zuſtimmung unterbrach auf einen Augenblick die feierliche Stille. Bei der Erinnerung der erlittenen Bedrückungen ballten ſich unwillkührlich die Fäuſte der Männer und ihre drohenden Mienen verriethen nur zu deutlich die mühſam be⸗ kämpfte Wuth. Schwere Strafen an Gut und Blut, fuhr der greiſe Prediger fort, haben uns Alle mehr oder minder betroffen; aber eher wendet ſich die Sonne in ihrem Lauf und geht im Weſten ſtatt im Oſten auf, als daß wir ablaſſen ſollten von dem Herrn und ſeinem Gebot. Er wird ſeine Getreuen nicht fallen laſſen, ſondern aus dem Staube erheben zur größten Herrlichkeit. Nur noch eine kurze Spanne Zeit und ganz Iſrael wird aufſtehen wie ein Mann und Rache nehmen an ſeinen Peinigern. Wahrlich, wahrlich, ich ſage euch und der Herr ſpricht aus meinem ſchwachen Munde, daß der Tag bald erſcheinen muß, wo die Kinder Gottes einziehen werden in das neue Jeruſalem. Dann wird ſein ein Jauchzen und Jubeln für die Auserwählten und Zit⸗ tern und Beben wird die Gottloſen ergreifen um ihrer eigenen Ruch⸗ loſigkeit Willen. Darum ſeid fröhlich und getroſten Muthes, tragt neue Laſten mit Geduld, bis der Augenblick kommt, wo ihr ſie ab⸗ werfen dürft. Aber nicht müßig wollen wir den Tag der Vergeltung erwarten. Der Landmann ſoll die Sichel ſchleifen, denn die Ernte iſt nahe und der Krieger das Schwert wetzen zur blutigen Arbeit, die unſerer wartet. Auf, auf! mein Volk und rüſte dich zur Vergeltung, waffne deinen Arm und laſſe dein heiliges Banner wehen. Von Neuem hielt der erſchöpfte Redner inne. Der gebrechliche Körper genügte nicht mehr dem Feuereifer dieſer durch Qualen und Verfolgungen aller Art ergrimmten Seele. Er ſuchte friſche Kraft zu ſammeln, um in demſelben heftigen Tone fortzufahren. So lange er D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 2. — 18— ſprach, ſchoß ſein tiefliegendes unter grauen, buſchigen Augenbrauen verborgenes Auge lodernde Blitze und ſeine abgezehrte Geſtalt ſchien an Größe noch zu wachſen. Seine Worte zündeten in den hinläng⸗ lich vorbereiteten und empfänglichen Gemüthern. Die ganze Gemeinde ward von ihm fortgeriſſen und befand ſich in dem Zuſtande gewaltſamer Aufregung. Alte und neue Ungerechtigkeiten, die ſie erlitten, ſtachel⸗ ten die Männer auf und mit knirſchenden Zähnen gedachten ſie der erſt ſeit Kurzem erduldeten Qualen. Anders war der Eindruck, den die Predigt auf den zufällig unter dieſe Schwärmer gerathenen Jüng⸗ ling hervorbrachte. Lachen konnte er darüber nicht, wie er ſich an⸗ fänglich gedacht hatte, dazu war ſeine eigene Lage zu beunruhigend und die Haltung der ganzen Verſammlung allzu ernſt. Ein Gemiſch von Theilnahme und Widerwillen hielt ihn gegen ſeine Abſicht feſt. Der Sohn des Lord Präſidenten von Wales war in den ſtrengſten Grundſätzen der Loyalität und Ergebenheit für ſeinen König und für die biſchöfliche Kirche Englands erzogen worden, außerdem theilte er die Vorurtheile ſeiner Zeit und der meiſten Standesgenoſſen gegen die puritaniſchen Sekten. Ihr ſtrenges, mürriſches Weſen, ihre düſtere, einfache Kleidung wurde für Heuchelei gehalten und waren auch keines⸗ wegs geneigt, ihnen die Sympathie der lebensluſtigen Jugend und der übermüthigen Höflinge zu verſchaffen. Schon aus dieſem Grunde fand auch der heitere Thomas ſich eben nicht beſonders zu ihnen hin⸗ gezogen. Die aufreizenden Worte des Predigers verletzten ſein dem Königthum gänzlich ergebenes Gefühl; dennoch konnte er dem Schau⸗ ſpiel, das ſich ihm darbot, nicht eine gewiſſe Würde und einfache Größe abſprechen. Unwillkürlich wurde er davon gefeſſelt und er ver⸗ gaß jede Vorſicht ſo weit, daß er von Neugterde getrieben ſeine bis⸗ herige Zurückhaltung aufgab und ſich dem Kreiſe der Zuhörer nach und nach immer mehr näherte. So lang der würdige Geiſtliche ſprach, war die Aufmerkſamkeit der Gemeinde ſo ausſchließlich mit dem In⸗ halte der Rede beſchäftigt, daß ſie die fremde Erſcheinung des ver⸗ wegenen Jünglings überſah. Erſt in der nunmehr eingetretenen Pauſe erblickten ihn die Zunächſtſtehenden. Die Anweſenheit eines unbekann⸗ ten Mannes, der noch dazu durch ſeine reiche, bunte Kleidung und ſein herausforderndes Auftreten als ein frecher Eindringling, als ein Gegner der Kinder Gottes ſich zu erkennen gab, genügte, um die — 19— ſchon vorhandene Aufregung womöglich noch zu ſteigern. Plötzlich hatte die Wuth und der Haß der Verſammlung einen beſtimmten Gegenſtand gefunden. Augenblicklich ſah ſich der unbeſonnene Jüng⸗ ling von einer drohenden Menge umringt; mißtrauiſche wilde Blicke begegneten ihm und laute Verwünſchungen umbrausten ihn, wohin er ſich auch wenden mochte. Mit jeder Sekunde wuchs die allgemeine Erbitterung. Schon ſtreckten einige Männer ihre Arme nach ihm aus, ſchon hatte Thomas, der jetzt erſt die Gefahr in ihrem ganzen Umfange erkannte, die Hand an den Griff ſeines Schwertes gelegt, um im Nothfalle, wenn auch ohne Ausſicht auf Erfolg, Gewalt mit Gewalt zu vergelten; als plötzlich ein kräftiger Mann von vornehmer, faſt ritterlicher Haltung dem tobenden Haufen Ruhe gebot. Auch der Prediger, welcher in einiger Entfernung noch auf der Kanzel verweilte, war herabgeſtiegen und durch den allgemeinen Aufruhr in ſeiner Rede unterbrochen, ſo ſchnell es ſeine Gebrechlichkeit geſtattete, herbeigeeilt. Wer iſt der Jüngling und was ſucht er hier? fragte jener be⸗ reits erwähnte Mann, der eine gewiſſe Autorität in der Verſammlung auszuüben ſchien. Ein Spion, der uns belauſcht hat und verrathen will, ſchrie es von allen Seiten. Das lügt Ihr in Euren Hals hinein, entgegnete der muthige Tho⸗ mas. Der Zufall hat mich hergeführt und zum Zeugen Eurer Ver⸗ ſammlung gemacht. Was geht mich ſonſt Euer Geplärre und Augen verdreheriſches Treiben anz ich kümmere mich nicht ſo viel darum. Hört Ihr wie er läſtert, brüllte die gereizte Menge. dem Verruchten, mit dem Sohne Belials. Durch die von ihm ausgeſtoßenen, unbeſonnenen Worte hatte der tollkühne Jüngling ſeine Lage weſentlich verſchlimmert. Vergebens ſuchten der greiſe Prediger und ſein Gefährte die tobende Gemeinde zu beſchwichtigen. Einige Männer legten von Neuem Hand an Thomas, der raſch entſchloſſen jetzt wirklich ſein Schwert blitzſchnell aus der Scheide geriſſen hatte. Ehe er jedoch von der Waffe einen ge⸗ fährlichen Gebrauch machen konnte, war dieſelbe ihm entriſſen. Wehr⸗ los gemacht, ſtand der Jüngling der Willkür ſeiner erbitterten Gegner Preis gegeben. Unmuthig ſtampfte er mit dem Fuße den Boden und die ohnmächtige Wuth entpreßte ſeinem Auge eine Thräne. So ſtand 2*¾ Nieder mit 8 6 — 20— er mit glühenden Wangen und trotzigem Geſicht in der Mitte des Kreiſes. Auch die Frauen hatten ſich herangedrängt und betrachteten mit einer Miſchung von Theilnahme und Angſt den ſchönen Jüngling, der ihnen keineswegs ſo gefährlich erſchien, als den rauhen, bedenklichen Männern. Der Anblick der blanken Waffen, die zum Glücke keinen weiteren Schaden angerichtet, hatte dieſe zu neuer Wuth entflammt. Die Ver⸗ wünſchungen und Drohungen gegen den frechen Eindringling ſteigerten ſich von Stunde zu Stunde. Nur die Anweſenheit des würdigen Geiſtlichen und jenes älteren Mannes ſchützten Thomas vor thätlichen Mißhandlungen. Beide traten, nachdem ſie einigermaßen die Ruhe hergeſtellt hatten, zu einer kurzen Berathung zuſammen. Leiſe flüſternd beſprachen ſie den allerdings unerwarteten und Gefahr drohenden Zwi⸗ ſchenfall. So lang dieſe Unterhaltung dauerte, beobachtete die Gemeinde eine ernſte, gemeſſene Haltung dem Gefangenen gegenüber, der von zwei handfeſten Männern an den Armen gehalten wurde, um jeden Verſuch zur Flucht oder Gegenwehr zu vereiteln. Nach einer kurzen Pauſe, in der Thomas hinlänglich Gelegenheit gehabt, nicht eben die angenehmſten Betrachtungen über ſeine Lage an⸗ zuſtellen, ergriff jener Mann, der das Amt eines Vorſtehers in der Verſammlung zu bekleiden ſchien, das Wort. — Ihr habt Euch, ſagte er mit Würde und Ruhe zu dem Jüngling, unberufen in dieſe Zufluchtsſtätte eingedrängt. Unſer Sicherheit ver⸗ langt, daß ich Euch einige Fragen vorlege, die Ihr mir der Wahrheit gemäß beantworten werdet. Vor allen Dingen nennt uns Curen Namen. 8 — Ich weiß nicht, welch ein Recht Ihr habt, ein förmliches Ver⸗ hör mit mir anzuſtellen, entgegnete Thomas, deſſen Trotz ungeachtet der Gefahr nicht gebeugt war, ſondern eher zunahm. — Unſer Recht iſt das Recht des Stärkeren, von dem wir heut denſelben Gebrauch machen wie unſere Gegner. Nehmt den Rath eines älteren und erfahrenen Mannes an und verſchlimmert nicht Euere An⸗ gelegenheit durch ſolch unzeitigen Hochmuth. Nochmals bitte ich um Euren Namen, Sir! 5 — Nicht eher, bevor ich den Euren weiß. — — 21— — Dieſe dreiſte Antwort des Uebermüthigen rief einen neuen Sturm unter den Zuhörern hervor und es bedurfte des ganzen An⸗ ſehens, welche der Vorſteher beſaß, um die empörten Gemüther zu beruhigen. Nachdem ihm dies gelungen war, wandte er ſich mit überlegenem Lächeln an den unbeſonnenen Jüngling. — Ich weiß keinen Grund, erwiederte er, Euch meinen Namen zu verſchweigen. Ich heiße Overton. — Ovoerton, Sir Overton, rief der Jüngling überraſcht aus, Euer Name iſt mir nicht unbekannt. Wenn ich nicht irre, hörte ich den⸗ ſelben öfters in dem Hauſe meines Vaters mit Achtung nennen. Ihr ſeid demnach ein Kavalier wie ich. — Jetzt werdet Ihr gewiß keinen Anſtand nehmen, meinen Wunſch zu erfüllen und mir Euren Namen nicht länger verſchweigen. — Ich heiße Thomas Egerton. — Sohn des Lord Präſidenten von Wales. — Und ich kann bezeugen, daß der junge Mann die Wahrheit ſpricht, fiel eine tiefe, ernſte Stimme dazwiſchen ein, welche aus dem Munde eines finſter blickenden Alten kam. Unwillkürlich richtete Thomas ſeinen Blick nach der Seite hin, wo der Redner ſtand, den er bisher in dem Gedränge nicht bemerkt hatte. Auch er ſeinerſeits erkannte jetzt den mürriſchen Alten, an deſſen Seite ein liebliches Mädchen in der Tracht des dortigen Landvolks ſtand. Ihr blaues Auge begegnete dem dunkeln des Jünglings und eine plötz⸗ liche Röthe überzog das feine und doch ſo ausdrucksvolle Geſicht des ſchönen Kindes. Niemand in der Verſammlung achtete auf dies kurze Intermezzo und doch fand hier eine bedeutende Begegnung nach langer Trennung ſtatt. Die Züge des Mädchens riefen in der Seele des Jünglings mannigfache Gefühle und Erinnerungen wach. Lucy Henderſon, ſo hieß die Tochter des Alten, war die Milchſchweſter Alicens und die Geſpielin der Brüder geweſen, ſo lang dieſe ſelbſt noch Kinder waren. Damals weilte ſie Tage lang auf dem Schloß der Egertons und nahm an allen Spielen und Unterhaltungen der hoch gebornen Geſchwiſter Theil, ſelbſt den Lehrſtunden wohnte ſie öfters bei und ſo kam es, daß Lucy eine Bildung erhalten hatte, welche ſonſt in ihrem Stande nur ausnahmsweiſe angetroffen wird. Ihr Vater, der alte mürriſche Henderſon, war vor Jahren aus einer — fernen Grafſchaft eingewandert und hatte ſich in der Nähe von Ludlow⸗ Caſtle niedergelaſſen. Seine indeß verſtorbene Frau brachte ſchon die kleine Lucy mit, welche eben erſt geboren ſein konnte. Auf Wunſch der Lady Egerton übernahm es die noch rüſtige Frau, die kaum ein halbes Jahr alte Alice zu nähren und zu pflegen. So kam es, daß die beiden Kinder miteinander aufwuchſen. Auch nach dem Tode der Pflegemutter dauerte dieſe Freundſchaft fort. Erſt in letzter Zeit war eine Unterbrechung in dem Verhältniſſe eingetreten. Je älter der finſtere Henderſon wurde, deſto ungefügiger und trüber entwickelte ſich ſeine ohnehin zur Melancholie geneigte Gemüthsart. Die Nachbarn ſchrieben dieſe Veränderung, die ihnen nicht entgangen war, dem Ver⸗ luſte des geliebten Weibes zu, denn ſo lange dasſelbe lebte, verkehrte er weit umgänglicher und in ſeiner Weiſe freundlich mit den Leuten. Nach und nach zog er ſich indeß immer mehr von der Welt zurück; auch brach er jeden Umgang mit den Bewohnern von Ludlow⸗ Caſtle ab, die eine ſolche Vernachläſſigung keineswegs verſchuldeten. Beſonders hatte ſich Lady Egerton ſtets freundlich gegen die Familie Henderſon gezeigt und die kleine Lucy mit Geſchenken und Wohlthaten überhäuft. Dieſe wurden jetzt von dem rauhen Wittwer mit beleidi⸗ gendem Stolze zurückgewieſen. Er duldete nicht länger, daß ſeine Tochter mit ihren vornehmen Geſpielen und Freunden verkehrte. Trotz ihrer Thränen und ihres Widerſpruchs mußte ſie ſich endlich fügen und den ihr ſo lieben Umgang gezwungen aufgeben. Seitdem waren Jahre verſtrichen und Lucy zu einem blühenden Mädchen herangewachſen; aus ihrem Jugendfreunde Thomas, dem ſie ſtets vor dem älteren und ernſteren Bruder den Vorzug gab, war ein ſtattlicher Jüngling geworden. Unter ſolch veränderten Verhältniſſen fand nun nach langer Trennung wieder die erſte Begegnung der früher innig befreundeten ſtatt. Es war hier weder die geit noch der Ort dazu ihre gegenſeitige Ueberraſchung in Worte zu kleiden. Stumm begrüßten ſich die Beiden mit einem kaum merklichen Neigen des Kopfes und einem vertrauten Blick von Seiten des Jüngling, mit einem holden Erröthen und freu⸗ digen Zittern, von dem die liebliche Lucy ergriffen wurde. Die längſt Bekannten erneuerten bei dieſer ſeltſamen Gelegenheit ohne ihre Ge⸗ fühle auszutauſchen das alte Bündniß und prägten ihrem Herzen . — 23— ihr gegenſeitiges Bildniß ein. Hätten ſie ihre Empfindung laut aus⸗ drücken dürfen, ſo wären ſie ſicherlich in denſelben Ausruf ausgebro⸗ chen: O, wie ſchön und groß biſt du geworden. Vor der Verſamm⸗ lung mußten ſie indeß jede derartige Aeußerung ſorgfältig unterdrücken, aber je ſchweigſamer ihre Lippen blieben, deſto beredter war die Sprache ihrer Augen. Unter ſolchen Umſtänden entſcheidet oft der Moment über das Schickſal eines ganzen Menſchenlebens und die augenblicklich gewaltſam unterdrückte Neigung ſucht und findet bald Gelegenheit, ſich in ihrem vollen Umfange und in ihrer ungebändigten Kraft zu offenbaren. Nie war dem Jüngling ſeine Jugendgefährtin ſo reizend, und begehrenswerth erſchienen, nie hatte das Mädchen eine Ahnung von der Leidenſchaft gehabt, welche der unvermuthete Anblick ihres Freundes in ihr anfachte. Beide fühlten das Bedürfniß einer Verſtändigung nach ſo langer Trennung, beide wurden unwiderſtehlich zu einander hingezogen. In der ganzen Verſammlung hatte kein Menſch und am wenigſten der alte Henderſon eine Ahnung von den Vorgängen in dieſen jugendlichen Herzen. Nur ein Reſt der alten Dankbarkeit bewog vielleicht den rauhen Puritaner zu Gunſten des gefährdeten Jünglings dazwiſchen zu trennen. Dieſer jedoch war von dem wunderbaren Zuſammentreffen mit Lucy ſo befangen, daß er die nächſte Veranlaſſung dazu und ſeine noch immer keineswegs angenehme Lage vergaß. Indeß hatten die Worte Henderſons augenſcheinlich eine für Thomas günſtige Wirkung hervorgebracht. Die Zunächſtſtehenden nahmen ihm gegenüber eine friedlichere Haltung an und ließen die früheren Drohungen ſchweigen. Der würdige Geiſtliche ſowohl, wie der ritterliche Overton richteten ſogar Blicke voll Theilnahme auf den mehr leichtſinnigen als ſchuldigen Jüngling. Es iſt mir lieb, begann das ſcheinbare Haupt der Gemeinde, daß ein ſolch wackerer Mann wie unſer Freund Henderſon die Wahrheit Eurer Rede bezeugt; doch wird dadurch immer noch nicht Euer unbe⸗ rufenes Eindringen in dieſes Aſyl erklärt und entſchuldigt. Wie ſeid Ihr hierher gekommen? Auf die einfachſte Weiſe von der Welt. Ich habe mich im Forſt von Haywood verirrt. 9 — 24— Ich will Euch glauben, da aus Eurem ganzen Weſen eine jugend⸗ liche Offenheit ſpricht und ich nicht annehmen kann daß Ihr in der Abſicht hergekommen ſeid, um unſere Verſammlung zu belauſchen, oder gar zu verrathen. 8 Sir! Ich glaube, daß mein bloßer Name genügen muß, mich vor jedem derartigen Verdacht zu ſchützen, rief Thomas mit aufbrauſender Heftigkeit. Zugegeben, entgegnete Overton, der durch ſeine Ruhe und Feſtig⸗ keit den entſchiedenſten Gegenſatz zu dem leicht gereizten Jüngling bildete. Wer aber bürgt uns für Eure fernere Verſchwiegenheit? Was der Zufall Euch entdecken ließ, kann mit Abſicht oder vielleicht aus Leichtſinn von Euch weitergetragen und gemißbraucht wurden. Sir Overton! rief Thomas mit vor Entrüſtung gerötheten Wan⸗ gen. Nur meine gegenwärtige Hilfloſigkeit läßt Euch eine ſolch unrit⸗ terliche Sprache führen. Bei den Wappen meiner Ahnen, hätte ich mein Schwert zur Seite, ſo würde ich für dieſen Schimpf blutige Rechenſchaft von Euch fordern. Ihr thätet beſſer daran, Eure etwas ſtolze und vorlaute Sprache zu dämpfen. Seht um Euch; dieſe guten Leute hier verſtehen keinen Scherz, das habt Ihr bereits erfahren. Es handelt ſich um ihre Sicherheit, um Gut und Blut, vielleicht um ihr Leben; denn die Grauſamkeit ihrer Peiniger kennt kein Mitleid. Darum dürft Ihr es weder ihnen, noch mir verargen, wenn wir eine größere Sicherheit von Euch fordern als die bloße Berufung auf den Namen Egerton und das morſche Wappen Eurer Ahnen. Hoffentlich werdet ihr euch mit dem Worte eines Edelmannes begnügen, entgegnete der Jüngling, indem er erbittert die Zähne über⸗ einander biß und kaum noch länger den Ausbruch ſeiner Wuth zurückzuhalten vermochte. Das Wort eines Edelmannes könnte vielleicht mich, nicht aber jene Maänner dort zufrieden ſtellen. Sie wiſſen, was davon zu halten iſt, ſeitdem der erſte Edelmann England's, König Karl, mehr als zehn⸗ mal ſein Wort gebrochen und die heiligen Verſprechungen verletzt hat. Das war zu viel für den tief verletzten Jüngling. In den Ge⸗ ſinnungen der unbegränzteſten Loyalität erzogen, konnte er eher die eigene Beſchimpfung, als den geringſten Angriff auf die Ehre ſeines „* — — 25— Königs dulden. Mit einem Wuthſchrei rang er ſich los und ſtürzte auf Overton zu, nachdem er das ihm früher ſchon entwundene Schwert aus den Händen desjenigen geriſſen hatte, der es noch immer hielt. Durch eine geſchickte Wendung entging der ſo plötzlich Angegriffene dem ſtürmiſchen Ausfall des Raſenden. Im nächſten Moment hatte auch er ſein Schwert entblößt, und wer die gedrungene Geſtalt des Mannes, ſeinen kräftigen Arm, die Kaltblütigkeit und Ruhe ſeines ganzen Weſens gegenüber der blinden Hitze und den kaum entwickelten Formen des Jünglings beobachtete, der konnte keinen Augenblick im Zweifel über den Ausgang dieſes ungleichen Kampfes ſein. Nur die Vorliebe, welche alle Engländer zu jederzeit für derartige Scenen haben, und die Achtung vor dem Muth und mannhaften Be⸗ nehmen verhinderte die Verſammlung dazwiſchen zu treten. Trotz ihrer puritaniſchen Strenge hatten dieſe ernſten Männer die alte Luſt an derartigen Schauſpielen ſich gewahrt. Unwillkürlich erweiterte ſich der Kreis, um den Fechtenden den nöthigen Raum zu verſchaffen. In der Mitte ſtanden die ſo unähnlichen Kämpfer und kreuzten ihre funkeln⸗ den Schwerter. Ringsumher herrſchte eine erwartungsvolle Stille, welche keiner der Anweſenden, nicht einmal der würdige Prediger durch ein Wort des Friedens zu unterbrechen wagte. Mit gewohnter Hef⸗ tigkeit und wilder Hitze griff Thomas ſeinen Gegner an, ſo daß dieſer hinlänglich zu thun hatte, um ſich der blitzſchnell einander folgenden Stöße und Hiebe zu wehren. Anfänglich ſchien ſich der ruhigere Overton lediglich auf ſeine Vertheidigung beſchränken zu wollen, aber ſchon in den nächſten Gängen, nachdem der ſtürmiſche Jüngling ſeine Kräfte vorſchnell erſchöpft hatte, nahm der geübte Fechter ſeinen Vor⸗ theil wahr und gab ſeine bisherige paſſive Stellung auf. Die Zuſchauer verfolgten mit wachſender Theilnahme den Verlauf des Kampfes und man brauchte nur die Spannung in ihren Mienen und das Glänzen in ihren Blicken zu ſehen, um zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß der größte Theil derſelben dem Waffenhandwerk nicht ganz fremd war. So oft Overton mit der ihm eigenthümlichen Kalt⸗ blütigkeit einen Hieb ſeines Gegners geſchickt parirte, oder einem Stoße deſſelben mit gewandter Biegung auswich, erhob ſich ein beifälliges Gemurmel in dem weiten Kreiſe; auch dem Muthe des Jünglings wurde eine gerechte Anerkennung gezollt, der ſich aber ein Gefühl von — 26—. Mißbilligung wegen ſeines hochmüthigen Benehmens beimiſchte. Nie⸗ mand jedoch betrachtete das Schauſpiel mit größerer Bewegung als die reizende Lucy. Sie hatte ſich ſo weit als möglich vorgedrängt und ſtand mit gerötheten Wangen, zurückgehaltenem Athem und zitternden Gliedern lauſchend. Die Entſcheidung ſchwankte noch immer wie das Zünglein an der 5 Wage. Was dem Jüngling an Kraft und Uebung abging, erſetzte er durch Ungeſtüm, während Overton das mangelnde Feuer durch Vor⸗ ſicht und Gewandtheit ausglich. Es war ein wunderbarer Anblick, den blühenden Thomas mit dem blonden Lockenkopf, dem glühenden Angeſicht und der ſchlanken Geſtalt dem gedrungenen Overton, deſſen Antlitz auch nicht die geringſte Bewegung verrieth, gegenüber zu ſehen. Man konnte ſich keinen größeren Gegenſatz denken, als die Heftigkeit des Einen und die Ruhe des Anderen. Die Jugend ſelbſt und das gereifte Mannesalter ſchienen hier, auf dieſem Kampfplatz, ihre gegenſeitigen Kräfte zu meſſen. Beſſere und würdigere Repräſen⸗ tanten ihrer Vorzüge konnten beide auf der Welt kaum zum zweiten⸗ male finden. Eine geraume Zeit mochte ſo der Kampf gedauert haben, als der 3 kaltblütige Overton es an der Zeit hielt, demſelben ein Ende zu machen Dabei gedachte er jedoch keineswegs dem muthigen Thomas ein großes Leid anzuthun. Mit ſcharfem Blick nahm er eine der vielen Schwächen wahr, welche ihm die unbeſonnene Tapferkeit ſeines Gegners darbot. Ruhig und geſchickt parirte er den ihm zugedachten Hieb und ſchlug dabei mit Anſtrengung ſeiner ganzen Kraft das Schwert dem Jüng⸗ ling aus der Hand, ehe dieſer ſich deſſen verſah. Dabei konnte es nicht ausbleiben, daß derſelbe eine leichte Wunde erhielt, aus der das rothe, warme Blut zur Erde träufelte und in dunkeln Tropfen auf den grünen Raſen fiel. d/ 3 4 Kaum aber hatte Lucy die Verwundung ihres Jugendfreundes bemerkt, als ſie aufſchrie und mit geſchloſſenen Augen ohnmächtig in die Arme der Zunächſtſtehenden ſank. 3 Beſchämt und wehrlos ſtand der beſiegte Thomas vor ſeinem triumphirenden Gegner. Dieſer war indeß keineswegs geneigt, ſeinen errungenen Vortheil weiter zu verfolgen. Großmüthig ſenkte er das Schwert, das er wieder mit gewohnter Ruhe in die Scheide ſteckte. ———————— 2 27 Sein ritterliches Benehmen verfehlte nicht, auf den Jüngling eine beſänftigende Wirkung auszuüben. Overton hatte ihm das Leben ge⸗ ſchenkt, das in ſeine Hand gegeben war. Sein Gefühl der Dankbar⸗ keit war jedoch von der Empfindlichkeit verletzter Eitelkeit getrübt. — Ihr habt mich geſchont, ſagte er mit bebender Stimme. Nach altem Brauch und Recht ſtehe ich in Eurer Schuld. Ihr könnt den Preis beſtimmen, womit ich mich löſen ſoll. Euer Löſegeld ſoll das unverbrüchlichſte Stillſchweigen über all die Vorfälle in dieſem Walde ſein. Darauf werdet Ihr mir Euer Ehrenwort als Kavalier geben. — Ich werde ſchweigen bei meiner Ehre. Keinem Menſchen dürft ihr dieſen geheimnißvollen Schlupfwinkel verrathen, den Euch der Zufall entdecken ließ, eben ſo wenig mit Euren nächſten Angehörigen darüber ſprechen. Wenn und wo Euch immer einer der Anweſenden begegnen mag, ſo werdet Ihr ihn nicht kennen. Das gelobt Ihr mir. — Ich gelobe es. Und nun ſeit Ihr frei und könnt den Ort verlaſſen und auf dem⸗ ſelben Wege zurückkehren, den Ihr gekommen ſeid. Der Jüngling ſchickte ſich ſogleich an, von der gegebenen Erlaubniß Gebrauch zu machen und die geſtörte Verſammlung zu verlaſſen. Mit den mannigfachſten Gefühlen, welche ſein leicht bewegtes Herz beſtürmten, trat er ſeinen Rückweg an. Beſchämung und Aerger über ſeine Niederlage nahmen dabei die erſte Stelle ein. So ſehr er dem großmüthigen Benehmen Overtons Anerkennung zollen mußte, ſo wünſchte er doch, ihm bald wieder mit dem Degen in der Hand zu begegnen, und ſich mit ihm unter günſtigeren Umſtänden zu meſſen. Seine Vorurtheile gegen das puri⸗ taniſche Sektenweſen waren keineswegs durch ſeine Begegnung mit ihnen gemindert worden, ſondern eher noch im Steigen. Nur das Bild der lieblichen Luey Henderſon warf ein freundliches Licht auf all die Schatten, welche in ſeiner Seele aufſtiegen. Gedankenvoll ſchlug er den Pfad ein, der ihn zu der harrenden Schweſter zurückführen ſollte. Auch die fromme Gemeinde befand ſich in einem Zuſtande ängſt⸗ licher Spannung und Zerſtreutheit. Der Gottesdienſt war unterbro⸗ chen und durch die ſtattgefundenen Ereigniſſe geſtört; ein Theil der Anweſenden zeigte ſich mit Overton's Benehmen keineswegs einver⸗ — 28— ſtanden. Nach ihrer Anſicht 12 dieſer ſich nicht mit dem bloßen Worte des übermüthigen Jünglings begnügen, ſondern einen feierlichen Eid auf die Bibel von ihm fordern ſollen. Die wildeſten Fanatiker in der Verſammlung gingen noch weiter und waren überhaupt dagegen geweſen, daß man Thomas ſo ruhig ziehen ließ. Es gab darunter Männer, die ſelbſt vor einer blutigen That nicht zurückbebten. Dieſe trugen auch vor einem Verbrechen nicht Scheu, wo es ihre Sicherheit erforderte. Jetzt murrten ſie laut und es bedurfte des ganzen An⸗ ſehn Overton's und des Zuſpruchs von Seiten des würdigen Predi⸗ gers, um ſie von ferneren Schritten abzuhalten. Sie wollten dem Abweſenden nachſetzen und ihr grauſames Vorhaben noch ausführen. Dabei beriefen ſie ſich auf mannigfache Ausſprüche und Beiſpiele, welche ſie der heiligen Schrift, beſonders dem alten Teſtamente ent⸗ lehnten und in ihrer Weiſe deuteten. Während die rauheren Männer ſo verhandelten, beſchäftigten ſich die mitleidigen Frauen mit der noch immer ohnmächtigen Luch. Aus dem benachbarten Quell holten ſie in den mitgebrachten Trinkgefäßen Waſſer herbei, mit dem ſie die bleiche Stirn und die Wangen des Mädchens benetzten. Einige erfahrene Matronen zerrieben indeß wür⸗ zige Waldkräuter, durch deren ſcharfen ätheriſchen Geruch ſie die ſchla⸗ fenden Lebensgeiſter reizen wollten. Endlich gelang es ihren angeſtreng⸗ ten Bemühungen, die Lebloſe wieder zu ermuntern. Verwundert ſchlug ſie die Augen auf und ihr erſter Blick ſtarrte auf den Fleck hin, wo der Zweikampf eben ſtatt gefunden hatte. Wo iſt er? hauchte ſie mit matter Stimme, da ſie den Jüngling vermißte. Die verwunderten Frauen hielten die ihnen unverſtändliche Frage für eine neue Verirrung des abweſenden Bewußtſeins und vermochten dieſelbe weder zu beantworten, noch richtig zu deuten. Erſt aus dem Munde des alten Henderſon erfuhr Lucy die ferneren Schickſale des Jugendfreundes und daß derſelbe ohne erheblichen Schaden die Ver⸗ ſammlung verlaſſen habe. Dieſe tröſtliche Nachricht bewirkte in kür⸗ zeſter Friſt ihre vollſtändige Geneſung und ſie vermochte dem Pater wieder unbehindert zu folgen, als dieſer mit der ganzen Gemeinde aufbrach und in ſeine Heimath zurückkehrte. — —————————·‧⅛ —— — 29 3. Unterdeß wartete Alice von Stunde zu Stunde auf die Wieder⸗ kunft des Bruders. Sein plötzliches Verſchwinden verſetzte ſie anfäng⸗ lich nur in geringe Unruhe, da ſie ſeine raſche Art und Weiſe hin⸗ länglich ſchon kannte. Auch glaubte ſie, daß er nicht weit gegangen ſei und ſchon im nächſten Augenblick zurückkommen würde. Erſt als er über die Gebühr ausblieb, regte ſich ihre Beſorgniß. Sie beſaß ſo viel Muth, als irgend ein Weib in einer ähnlichen Lage haben konnte und darum gelang es ihr auch, die aufſteigenden Befürchtungen wieder zu bekämpfen. Sie ſuchte und fand bald eine Beſchäftigung, welche ihre müßigen Gedanken ablenkten. An dem Rande der Schlucht hatte ſie einige Blumen, Vergißmeinnicht und Tauſendſchön, entdeckt. Dieſe beſchloß ſie zu pflücken und daraus einen Kranz zu winden. Schnell machte ſie ſich an's Werk und in kurzer Zeit war die Arbeit beendet. Mit einer gewiſſen kindlichen Freude ſetzte ſie den zierlichen Kranz auf das blonde Haupt, nachdem ſie das beſchwerliche Barett entfernt hatte. Aber noch immer war Thomas nicht zurückgekehrt und von Neuem überließ ſie ſich ihrer Angſt, doch verſuchte ſie derſelken dadurch Herrin zu werden, daß ſie ſelber über ihre Furcht im Stillen ſpottete und an andere, angenehmere Gegenſtände dachte. Zunächſt erinnerte ſie ſich der in dem gaſtlichen Hauſe ihrer Anverwandten ſo ſchön durchlebten Stunden. Das Schloß ihrer Tante, der Gräfin Derby, war von jeher der Sammelplatz des hohen Adels und der benachbarten Gentry geweſen. In den hohen alterthümlichen Hallen deſſelben herrſchte eine feine Geſelligkeit und ein gebildet heiterer Ton. Dort hatte Alice Frauen und auch Männer von hervorragendem Geiſte und anmuthigen Sitten kennen gelernt und unter den Letzteren beſon⸗ ders ſo manchen Bewunderer ihrer jugendlich aufblühenden Reize ge⸗ funden. Wenn auch keiner von dieſen einen tieferen Eindruck auf ihr unſchuldiges Herz zurückgelaſſen hatte, ſo war ſie ſelbſt doch nicht ganz unempfindlich für die ihr geſchenkte Aufmerkſamkeit und die Hul⸗ digungen geblieben. Mit weiblicher, aber gewiß verzeihlicher Eitelkeit verweilte ſie jetzt im Geiſte am längſten bei denen, von welchen ſie auf dieſe Weiſe bevorzugt worden war. Bald gaukelte vor ihrer einmal geweckten Phantaſie das Bild jenes bereits erwähnten Edelmanns aus ₰ 30— Wales, bald das ausdrucksvolle Geſicht des ſchon damals durch ſeine Sonderbarkeiten wie durch ſeine Gelehrſamkeit berühmten Kenelm Digby, eines Anverwandten der Derby's, welcher eine Tochter des edlen Hauſes, die ſchöne und excentriſche Lady Venezia Stanley ent⸗ führt, ſpäter geheirathet und nach kurzem Beſitze wieder durch den Tod verloren hatte. Die verſchiedenen Gerüchte, welche Alice über den bedeutenden Mann vernommen, waren allein ſchon dazu angethan, eine lebhafte Theilnahme für ihn und ſein wunderliches Treiben zu erregen. Außerdem umgab noch ſeine ganze Erſcheinung der Schleier des Geheimnißvollen, wohl geeignet die leicht entzündete Phantaſie der Frauen zu reizen und ihr Herz zu intereſſiren. Noch ein Dritter geſellte ſich hinzu, ein beſcheidener Dichter, Na⸗ mens Johannes Milton, mit zarten, faſt mädchenhaften Zügen voll geiſtiger Schönheit. Nur im Augenblicke der Begeiſterung ließ dieſer die ihm angeborene Schüchternheit ſchwinden und entfaltete dann eine Fülle von hohen und hinreißenden Gedanken, welche den Zuhörer um ſo mehr überraſchen mußten, je weniger er ſolche Vorzüge vorher ge⸗ ahnt. Es war aber Alicen nicht entgangen, daß ſein braunes, ſchwär⸗ meriſches Auge ihr folgte, ſo oft dies unbemerkt geſchehen konnte. Sie ſelbſt war außerdem Zeugin des Triumphs geweſen, den ſein poetiſches Talent gefeiert hatte. Bei dem Feſte in dem Hauſe ihrer Tante wurde ein anmuthiges Schäferſpiel, die„Arkadier“ benannt, und Hon Milton gedichtet, zur Aufführung gebracht und mit vielem Beifall unter den lebhafteſten Zeichen allgemeiner Anerkennung aufgenommen. Rur Hery Kenelm Digby ſchien den Beifall der Menge nicht zu theilen; um ſo mehr aber war Alice von den melodiſchen Verſen und dem Poetiſchen Inhalt derſelben entzückt. Sie hielt ſich ſogar verpflichtet, dem Dichter ihre Freude darüber auszudrücken und hatte durch ihr ungeheuchektes Löb die Röthe der Beſcheidenheit auf ſeine von nächtigem Fleiße gebleichten Wangen hervorgerufen. Doch mochte die Beſcheidenheit allein nicht ſein Erröthen verſchuldet haben, ſondern weit mehr noch eine aufkei⸗ mende Neigung für das holde Mädchen. Wie die Dichter aller Zeiten beſaß auch der junge Milton ein empfängliches Herz für die Macht der Liebe. Ob die reizende Alice dieſe Leidenſchaft bemerkt, oder gar ſchon getheilt habe, wagen wir um ſo weniger zu entſcheiden, da ſie ſelbſt noch völlig unklar über ihre eigenen Empfindungen der verſchloſ⸗ S 8 —— 31 8— ſenen Knospe glich, weit mehr von Ahnungen und dunklen Empfin⸗ dungen als von beſtimmten Wünſchen und Gedanken erfüllt. All dieſe Erinnerungen nahmen keine feſte Geſtalt und Form an, ſie ſchwankten wie Nebelbilder, gleich flüchtigen Schatten vor der Seele des Mädchens vorüber. Dieſes Träumen mit offenen Augen, eine keineswegs ungewöhnliche Erſcheinung in dem hoffnungsreichen Alter von ſiebzehn Jahren, ging bald in einen wirklichen, ſanften Schlummer über. Der weite Weg und der lange, ungewohnte Aufenthalt in der freien Luft hatten Alice müde gemacht. Dazu kam noch die ſie um⸗ gebende Ruhe, höchſtens durch das einförmige Rauſchen des Windes in den Wipfeln der Bäume oder durch den monotonen Geſang eines Vogels unterbrochen, der ſich in dieſe melancholiſche Wildniß verirrt hatte. Vergebens ſträubte ſie ſich gegen die Macht des Schlafes, all⸗ mälig ſchloſſen ſich die ſchönen Augen und der blonde Lockenkopf ſank auf den weichen Raſen nieder. Bilder und Gedanken verwirrten ſich und zerfloſſen wie leichtes Gewölk, aus denen der phantaſtiſche Gott des Traumes allerhand wunderliche Geſtalten formte. Wie das Echo den wirklichen Ton, ſo hallten dieſe zerrinnenden Bilder die eigenen Erlebniſſe der jüngſten Vergangenheit wieder. Vor den geſchloſſenen Augen des Mädchens gaukelten die hohen Hallen des Derby⸗Schloſſes mit ſeinen Zinnen und Thürmen im Abendrothe leuchtend. Die Son⸗ nengluth verwandelte ſich in zuckende Flammen, welche ihr Gewand ergriffen und ſie zu verbrennen drohten. Schon glaubte ſie ſich unrett⸗ bar verloren, da ſchwebte eine himmliſche Geſtalt zu ihr hernieder, welche die bekannten Züge Milton's trug. Mit ſtarkem Arm hob er ſie empor aus den brennenden Trümmern, immer höher ſich mit ihr über den Rauch und die züngelnde Lohe emporſchwingend, von mächti⸗ gen Silberſchwingen getragen, die aus ſeinen Schultern wuchſen. Erſt auf einem goldenen Sterne ruhte er aus mit ſeiner ſüßen Laſt; dort empfing ſie ein heiliger Geſang, Chöre von Engel ſtimmten Lieder an, wie ſie nie zuvor dergleichen ſüße Töne vernommen. Auch ihr Retter ergriff eine Harfe, welche an einer goldenen Säule hing und ſeinen Lippen entſtrömte die wunderbarſte Melodie. Immer höher wuchs der Sänger, ſeine ganze Geſtalt leuchtete im verklärten Licht und die Saiten der Harfe verwandelten ſich in ſtrahlende Strönt, die vom Himmel zur Erde rauſchten. Seine Worte wurden zu Geſtalten und nahmen bald menſchliche, bald überirdiſche Formen an. Ein Mann und eine Frau von wunderſamer Schönheit ſtanden unter einem Baum mit lockenden Früchten prangend. Um den Stamm deſſelben ringelte ſich die Schlange, deren Kopf die Züge des berühmten Kenelm Digby's trug. Da nahte ſich der beſcheidene Carbury und zog ſein Schwert, mit einem wuchtigen Hiebe trennte er das Haupt von dem Rumpfe der Schlange, aber aus den Blutstropfen ſchoſſen unzählige hölliſche Geiſter empor, welche mit frechen Sprüngen und höhniſchem Geläch⸗ ter das träumende Mädchen umſprangen und ängſtigten. Immer lauter ertönte das Lachen der Dämonen und dazwiſchen glaubte ſie den Schall einer wilden Muſik zu vernehmen. Verwundert ſchlug Alice die Augen auf, aber ſie vermeinte, noch fort zu träumen, denn die Spuckgeſtalten, die ſie im Schlaf geſehn, umgaben ihr Lager. Es war ein Trupp wilder, verwegener Geſellen in allerlei phantaſti⸗ ſchen Anzügen. An der Spitze des Zuges befand ſich eine Bande ſeltſam herausgeputzter Muſikanten, welche mit ihren Inſtrumenten einen Höllenſpektakel verurſachten. Einige derſelben waren als Moh⸗ ren herausſtaffirt und hatten ihre Geſichter geſchwärzt. In den Hän⸗ den hielten ſie kleine Trommeln, Tambourines und ſchallende Becken, die ſie aneinander ſchlugen. Andere gingen mit einem Thierfell be⸗ kleidet und hatten ſich dicke Kränze von jungem Eichenlaub und im⸗ mergrünem Epheu auf das ſtruppige Haupt geſetzt; ſie ſpielten auf der Schalmei oder blieſen auf ſchreienden Pfeifen bekannte Gaſſenlieder. Je länger Alice dieſe ſeltſame Geſtalten anſtarrte, deſto ſchneller kehrte ihr Bewußtſein wieder. Bald ſchwand die Furcht vor den Dä⸗ monen um einer noch größeren Angſt Platz zu machen. Sie befand ſich, wie ſie ſogleich belehrt wurde, einer ausgelaſſenen, berauſchten Horde ſogenannter Mai⸗ oder Mohrentänzer gegenüber, welche von irgend einem ländlichen Feſte heimkehrten und in deren Hände ſie ohne männlichen Schutz gefallen war. Meiſt beſtand die Bande aus jungen Burſchen vom Lande, die einem einſamen Mädchen gegenüber wenig oder gar keine Rückſicht nahmen. An Flucht war nicht zu denken und ſo ergab ſich Alice in ihr Geſchick, entſchloſſen jede rohe Annäherung des Haufens durch ihr feſtes Benehmen und durch Nennung ihres Namens und Standes abzuwehren. — 33— Die Bande hatte die einſame Schläferin unter den Bäumen über⸗ fallen und mit ihrem Getöſe geweckt. Erſchrocken war Alice empor⸗ geſprungen, mit gerötheten Wangen und klopfendem Herzen erwartete ſie den Ausgang des ihr gefahrdrohenden Abenteuers. Sie trug noch den Kranz von Vergißmeinnicht in den blonden Haaren, die während ihres Schlummers ſich leicht gelöst und in goldenen Locken um die Stirn und den weißen Nacken wallten. Ein grünes Jagdkleid um⸗ ſchloß ihre ſchlanke, Elfen ähnliche Geſtalt und von ihren Schultern flatterte ein gleichfarbiges, kurzes Seidenmäntelchen im Winde. Sie hatte in der Eile die biegſame Reitgerte aufgehoben, die einzige Waffe, welche ihr zur Vertheidigung dienen konnte. Auf dem Boden lag das Barett mit der wehenden Feder und in der Nähe graſ'te ihr weißer Zelter und das Pferd des abweſenden Bruders. Mochte es die ſeltene Schönheit des Mädchens ſein, welche an die Erſcheinungen der Feenwelt erinnerte, oder der Ausdruck von Un⸗ ſchuld und adliger Würde in den Zügen Alicens; der rohe Haufe ſchien anfänglich zu ſtutzen und hielt ſich in ehrerbietiger Entfernung, die Augen an dem köſtlichen Anblick weidend, der ſich ihm ſo uner⸗ wartet darbot. Selbſt der gemeine Sinn fühlt in ſolchen Momenten die Heiligkeit und Weihe, die ein ſchuldloſes Mädchenhaupt wie eine ſchützende Glorie umgiebt und die Macht der wahren Schönheit iſt ſo groß, daß ſie gleich einer Offenbarung von Oben auch den gewöhn⸗ lichen Menſchen überkommt und jede irdiſche Begierde zum Schweigen bringt. Ein beifälliges Gemurmel begrüßte die Holde. Beim heiligen Georg, rief einer der Tänzer, dort ſteht das Wald⸗ fräulein, die Fee von Haywood⸗Forſt. Ich will ſie anreden, ſagte ein Anderer. Thu' es nicht. Du ſiehſt ja, daß ſie den Zauberſtab in den Händen hält. Wenn du ſie böſe machſt; verwandelt ſie dich in einen Eſel. 3 Und dich in ein Schaaf. Laßt mich nur machen, ſchrie jetzt ein ſtämmiger Burſche, welcher der Führer der Bande zu ſein ſchien. Ich werde mit der Schönen im Walde ein vertrautes Wörtlein reden und ich wette einen Roſenoble drum, daß ſie mich darum nicht gleich beheren wird. Ihr wißt nicht, wie man mit Geiſtern und Elfen ſprechen muß. D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit.. 3 — 34— Ja Billy verſteht's, rief der erſte Sprecher, ſeine Großmutter iſt ſelbſt eine alte Hexe geweſen und von der hat er's gelernt. Und deine Großmutter iſt des Teufel's Couſine. Alſo aufgepaßt und ſeht, wie ich es mache. Mit allerlei ſeltamen Sprüngen und komiſchen Reverenzen trat der ausgelaſſene Burſche jetzt vor Alice heran. Er mochte vielleicht ſein vier und zwanzigſtes Jahr überſchritten haben; ſeine Geſtalt war kurz und gedrungen; in dem pfiffigen Geſicht funkelten zwei ſchwarze überaus pfiffige Augen. Seine rothe Naſe deutete auf eine genaue Be⸗ kanntſchaft mit der Flaſche und die wohlgenährten, vollen Backen, ſo wie das feiſte Bäuchlein verriethen den reinen oder vielmehr unreinen Genußmenſchen. Die niedrige Stirne und das ſtruppige Haar waren mit einer grünen Kappe bedeckt, welche ſchief auf dem Kopfe ſaß und von der eine Pfauenfeder lang herunterſchwankte. Das kurze Wamms, welches er trug, war in der Mitte durch einen breiten Ledergürtel befeſtigt, in welchem ſtatt des Schwertes, ein großer Suppenlöffel hing. Den dicken Hals und die breite Bruſt bedeckte ein kurzer Man⸗ telkragen mit Lämmerſchwänzen ſtatt des fürſtlichen Hermelins beſetzt und außerdem über und über mit Schellen und Glöckchen benäht, welche bei jedem Schritte luſtig klangen. In den Händen hielt er eine halb geleerte Flaſche und einen braunen Stab ,an deſſen Griff ein Narrenkopf roh in Holz geſchnitzt zu ſehen war. Dieſe wunderliche Figur ruhte zum Ueberfluß auf zwei krummen Säbelbeinen, um welche die weißen Socken loſe ſchlotterten, die prallen, ſchwarz behaarten Waden nur zum Theil bedeckend. Dieſer Geſelle näherte ſich jetzt der durch ſeinen Anblick keines⸗ wegs beruhigten Alice. Seinen breiten, mit einer Reihe weißer, ſcharfer Zähne beſetzten Mund zu einem grinſenden Lachen verziehend, begrüßte er ſie mit übertriebener und dadurch komiſcher Höflichkeit. Schönſte aller Feen, redete er ſie an, verzeihe, wenn ich mich erdreiſte, dir zu nahen, aber es wäre unartig, wenn ich einer ſolch ausbündigen Schönheit nicht meine Huldigungen darbrächte. Erlaube daher, daß ich zuvor aus dieſer Flaſche dein Wohlſein trinke und dir ſie dann hinreiche, damit du deßgleichen thuſt. Mit dieſen Worten ſetzte er die Flaſche an ſeine wulſtige Lippen und that einen gehörigen Zug daraus, den Reſt Alicen hergebend — 35— Dieſe ſtieß indeß mit allen Zeichen des Abſcheu's ſeine plumpe Hand zurück, ſo daß die Flaſche zu Boden fiel und klirrend zerbrach. 3 Ha, ha! rief der aufgebrachte Geſelle. Ihr thut ſtolz und wollt nicht mit mir trinken. Wißt Ihr auch, mein ſchönes Schätzchen, meine hochnäſige Prinzeſſin, wen Ihr beleidigt habt? Ich bin mindeſtens ſo viel und noch mehr als Ihr. In meiner Perſon ſeht Ihr den Kö⸗ nig aller Narren, den Fürſten der Thorheit, den Beherrſcher aller luſtigen Leute, den Gott des Scherzes. Reißt nur immer eure Guck⸗ äuglein auf, und ſo ſehr Ihr auch Euer hochgetragenes Näschen rümpfen und Eure Kirſchenlippen verziehen mögt, ihr ſollt bald aus einem an⸗ dern Tone pfeifen, wenn Ihr erſt meinen Namen, Rang und Titel gehört haben werdet; denn keine geringere Perſon ſteht vor Euch, als Komus, der Gott der Laune und des Humors, deſſen Regiment ganz England anerkennt. Alſo laßt Euch herab und thut mir jetzt Beſcheid. Auf einen Wink des Burſchen wurde eine andere Flaſche herbei⸗ gebracht und dem Mädchen hingereicht. Um den Erzürnten nicht noch mehr zu reizen, entſchloß ſich Alice mit Widerſtreben und ſetzte, ſich leicht verneigend, das Glas an ihre Lippen. So iſt es recht, ſagte der improviſirte Gott. Ich ſehe, daß Ihr fügſam ſeid und wir werden hoffentlich ganz gut mit einander aus⸗ kommen. Schon längſt ging ich mit der Abſicht um, mein bisheriges Junggeſellenleben aufzugeben und mich ſtandesgemäß zu vermählen. Eure holde Erſcheinung hat mein Herz in Flammen geſetzt, und ich fühle, wie meine Liebe zu Euch mit jeder Minute wächſt. Schönſte Gloriana, Holdeſte der Feen! reiche mir deine ſeidenweiche, weiße Hand zum ewigen Bunde. Ich erhebe dich auf meinen Thron und von Stunde an ſollſt du meine Krone theilen und die Beherrſcherin des ganzen Narrenreiches ſein. Die Lage Alicen's wurde immer peinlicher; ſie wußte nicht, was ſie antworten und wie ſie ſich unter den gegebenen Verhältniſſen be⸗ nehmen ſollte. Nach kurzer Ueberlegung hielt ſie es am gerathenſten, in den ſcherzhaften Ton ihrer Umgebung mit einzuſtimmen und in derſelben Weiſe zu verkehren. Der Burſche verrieth überdieß bei aller Plumpheit und Zudringlichkeit einen nicht gewöhnlichen Witz und eine ſchalkhafte Gutmüthigkeit, welche ihr einigermaßen Vertrauen einflößte. Sie ſuchte ihn daher durch einige Nachgiebigkeit zu Zendunen, ſtatt — 36— durch übel angebrachten Trotz ſeinen Zorn zu reizen. Vor allen Din⸗ gen lag ihr daran, Zeit zu gewinnen, da ſie in jedem Augenblicke die Rückkehr ihrer abweſenden Brüder erwarten durfte. Alle dieſe Gründe beſtimmten ſie, ein freundliches Benehmen zu beobachten und dem unangenehmen Abeuteuer eine ſcherzhafte Wendung zu geben. In dieſem Sinne lautete ihre Antwort. Verehrter und großmächtiger Komus! ſagte ſie mit einem erzwun⸗ genen Lächeln. Euer Antrag kommt mir ſo überraſchend, daß ich wirklich darüber in Verlegenheit gerathe. Euere Macht und Euer An⸗ ſehen ſind mir wohlbekannt. Denn ganz England weiß, daß Ihr einer der mächtigſten unter den Göttern ſeid. Euer Reich iſt gewiß das größte auf der Welt, weil es auf denſelben nie an Narren und Tho⸗ ren fehlt und fehlen wird. Der Ruf Eurer Thaten iſt bis zu meinen Ohren gedrungen und ich habe oft genug von Euch und Eurem glän⸗ zenden Hofſtaat gehört, den Ihr an verſchiedenen Orten dieſer Inſel und beſonders im Oakley Park haltet. Ich preiſe mich darum glücklich, daß der Zufall mir vergönnt hat, Euch und Eure Pairs von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen, wobei ich mich überzeugen konnte, daß der Ruf Eurer feinen Sitten, Eurer Artigkeit und Eures Witzes keines⸗ wegs erlogen iſt. Was aber Euren ehrenvollen Antrag betrifft, ſo muß ich geſtehen, daß ich mich zu niedrig halte, den Thron eines ſo mächtigen Herrſchers zu theilen und an der Seite eines Gottes zu leben. Ich bin keine Fee und am allerwenigſten jene berühmte Glo⸗ riana, welche der unſterbliche Dichter Spencer in ſeinem Gedichte ver⸗ herrlicht hat. Dieſen Irrthum muß ich Euch benehmen. Meine Eltern ſind nur arme Sterbliche und ich ſelbſt ein ſchlichtes Mädchen, keines⸗ wegs würdig, die Gemahlin eines ſo mächtigen Geiſtes zu werden. Haltet ein! rief der Burſche mit verzücktem Grinſen. Eure Worte dienen nur dazu, Oel in meine Liebesgluth zu gießen. Mögt Ihr auch ſein, wer Ihr wollt, die Fee dieſer Wälder oder das Kind eines rußigen Köhlers. Eure Schönheit und Euer Geiſt haben mich der⸗ maßen bezaubert, daß ich nimmermehr von Euch laſſen kann. Ihr ſollt die Königin der Narren ſein und ſogleich die Huldigung der Pairs und meiner übrigen Unterthanen empfangen. Auf die Kniee, Schelme, Schlingel und Narren. Ruft mit mir: Es lebe Eure Königin. — — 37— Es lebe unſere Königin, es lebe der große Komus, brüllte der Chor der luſtigen Burſchen. Zugleich erhob die Muſik von Neuem einen Höllenlärm. Die Trommeln raſſelten, die Pfeifen quickten und die ganze Bande drückte ihre Freude und Zuſtimmung zu der getroffenen Wahl durch die toll⸗ ſten Sprünge und ein die Luft erſchütterndes Geſchrei aus. Auf! und bringt den Thron herbei, befahl das Oberhaupt, welchem die Uebrigen freiwillig Gehorſam leiſteten. Sogleich rüſteten einige Burſchen aus ſchnell abgehauenen Baum⸗ zweigen eine Art von Seſſel. Alice wurde aufgefordert, ſich darauf niederzulaſſen. Ehe ſie noch dagegen Einſpruch erheben konnte, fühlte ſie ſich von den kräftigen Fäuſten leicht und ſanft emporgehoben. So ſaß ſie auf den Schultern ihrer Träger und mußte ſich gefallen laſſen, im Triumpf von dieſen entführt zu werden. Ihr weißer Zelter wurde hinter ihr nachgezogen, während der Befehlshaber der Truppe ſich auf das Pferd des Bruders ſchwang und an ihrer Seite ritt. Solcher Geſtalt ſetzte ſich der ſeltſame Zug in Bewegung. Voran gingen die verkleideten Muſtkanten, welche auf ihren Inſtrumenten einen lärmenden Marſch anſtimmten. Hinterdrein folgte eine Anzahl von abenteuerlichen Masken in Thierfellen gekleidet. Sie bildeten gleichſam die Leibwache und trugen zu dieſem Zwecke große Stäbe mit Blumen und Bändern geſchmückt in den Händen. Dann kamen verſchiedene Tänzer in ihren bunten Anzügen, mit klingenden Schellen behangen; ſie tanzten zu beiden Seiten und führten allerlei groteske Sprünge aus. In der Mitte wurde Alice auf ihrem ſchnell errichte⸗ ten Throne getragen. Die untergehende Sonne beleuchtete mit ihren goldenen Strahlen das liebliche Bild. Man konnte ſich nichts Schö⸗ neres und Anmuthigeres denken. Eine Miſchung von mädchenhafter Furcht und kindlichem Muthwillen zauberte ein halb verlegenes, halb ſchalkhaftes Lächeln um den reizenden Mund und die roſigen Wangen. Die neckenden Geiſter des Scherzes ſpielten um die zarten Grübchen derſelben und um das fein geformte Kinn. Lang hernieder floßen die blonden Locken auf das grüne Reitgewand, das die feine Geſtalt züch⸗ tig verhüllte. Der Kranz auf ihrem Haupt verlieh ihr ein fürſtliches Anſehen und paßte zu der ihr aufgenöthigten Rolle. Ein Reſt von Befangenheit und natürlicher Angſt ſpiegelte ſich in dem ſcheu geſenk⸗ — 38— ten Auge, wodurch ihre Schönheit den noch größeren Reiz der Demuth und Beſcheidenheit gewann. Nach und nach ſchwand dieſe Furcht und der frühere Muth regte ſich in Alicen's Bruſt. Ihr heiterer Sinn fand ſogar eine Art von Vergnügen an dem Abenteuer. Sie kam ſich ſelbſt wie eine Königin vor, die im Triumpf einherzieht und die Huldigungen ihrer Unter⸗ thanen in Empfang nimmt. Unbewußt gab ſie ſich dem phantaſti⸗ ſchen Zauber des Ortes und der ganzen wunderbaren Scenerie hin. Ihr Gefolge benahm ſich mit ausgeſuchter Höflichkeit und flößte ihr nach und nach ein größeres Vertrauen ein. Dieſe rohen Burſchen waren ſelbſt von der Macht der Schönheit wie gebannt und die wil⸗ den Ausbrüche eines rauhen, ungezügelten Humors nahmen immer mehr die Geſtalt eines heiteren Scherzes, eines anmuthigen Spieles an. Die kräftigen Träger ſchritten ſtolz auf ihre ſchöne Laſt einher, Gott Komus ritt langſam nebenher und bemühte ſich bald den Zug in Ordnung zu halten, bald mit ſeinen Späſſen der erwählten Schönen den Weg zu verkürzen. Selbſt die ausgelaſſenen Tänzer ſuchten ihren zweideutigen Sprüngen und Verrenkungen einen züchtigeren Ausdruck zu geben. Alle ohne Ausnahme bemühten ſich ſichtlich, der neuen Königin zu gefallen, die es auch an gewinnenden Blicken und freund⸗ lichen Reden nicht fehlen ließ. Trotz dieſer günſtigen Wendung ihres Abenteuers ſehnte Alice die Gegenwart ihrer Brüder herbei, da ſie der Ausgang dieſes Begegniſſes bei aller guten Laune, die ſie zu zeigen ſich bemühte, in große Un⸗ ruhe verſetzte. Allein und ſchutzlos unter dieſer Horde halb berauſchter, zügelloſer Burſchen konnte der nächſte Augenblick ſchon ihr mit Gefahr drohen. Außerdem entfernte ſich der Zug immer weiter von der Stelle, wo ihre Brüder ſie allein nur ſuchen konnten. Mit jedem Schritte wuchs daher ihre Verlegenheit, die ſie indeß ſorgfältig vor ihren Begleitern verbergen mußte. Mit ſteigender Ungeduld ſpähten ihre Augen nach der Richtung, woher der eine oder andere ihrer Brüder kommen ſollte. Aber ſo ſehr ſie ſich auch anſtrengte, war von Beiden keine Spur zu ſehen. Ihre Niedergeſchlagenheit indeß bekämpfend„hoffte ſie noch im⸗ mer auf eine baldige Rettung aus ſolcher Verlegenheit.— —— Um dieſelbe Zeit wanderten in ähnlicher Richtung zwei junge Männer durch den Haywood⸗Forſt. Sie waren Freunde, faſt von gleichem Alter und durch die innigſte Zuneigung mit einander ſeit Jahren verbunden. Der Aeltere von Beiden zeichnete ſich durch ein feines und vornehmes Aeußere aus. Schlank und hoch gewachſen ver⸗ rieth ſein ganzes Auftreten eine gewiſſe Sicherheit und einen edlen Anſtand, welchen der Sohn einer reichen und hochgeſtellten Familie gleichſam ſpielend und ohne ſein beſonderes Verdienſt zu erwerben pflegt. Auch in ſeiner Kleidung gab ſich ein gewiſſer Wohlſtand zu erkennen. Die gewölbte Stirn und das dunkle, ſorgfältig gelockte Haar wurde von einem Federhut bedeckt, an welchem die goldene Schnalle mit Edelſteinen verziert, als ein koſtbarer Schmuck erglänzte. Ein dunkler, wohlgepflegter Bart, der nach der Sitte jener Zeit von wohlriechenden Oelen duftete, umgab die blühenden, gebräunten Wan⸗ gen. Ein Zug von ſorgloſer Heiterkeit umſpielte den ſchönen Mund und die dunklen Augen leuchteten von Zufriedenheit und Glück. Sein Wamms von geriſſenem niederländiſchen Sammt und die goldene Kette,, die ſich um den Nacken ſchlang, vollendeten das Bild eines jungen und reichen Edelmanns aus jener Zeit. Minder vom Glück begün⸗ ſtigt ſchien der jüngere Begleiter, deſſen einfach bürgerliche Kleidung indeß durch Sauberkeit und Reinlichkeit, wie ſie bei Leuten, die ſich vorzugsweiſe geiſtig beſchäftigen, nicht eben häufig angetroffen wird, die Pracht des Stoffes erſetzte. Auch nahm ſich die kleinere, faſt mädchenhaft zierliche Geſtalt neben dem ſtattlichen Gefährten nicht allzu vortheilhaft aus. Doch ein Blick auf das edle Angeſicht, auf die prächtig hohe Stirn und das tiefe geheimnißvolle Auge genügte für den aufmerkſamen Beobachter, um ſogleich die Nähe eines bedeutenden und vom Genius bevorzugten Menſchen zu ahnen. Trotz der Zart⸗ heit dieſer Züge, welche den Beſitzer derſelben weit jünger erſcheinen ließen, als er wirklich war, ſprach ſich in ihnen eine ſeltene Reife des Geiſtes aus. Die Farbe der Wangen verrieth, ohne kränklich zu ſein, die Spuren ſeines nächtlichen Fleißes und des angeſtrengten Nach⸗ denkens. Ein unausſprechlicher Zauber umſchwebte die feinen Lippen und der Adel einer rein geiſtigen Schönheit verklärte das ganze, aus⸗ — 40— drucksvolle Antlitz, in deſſen zarten und doch ſcharfen Linien ſich neben weiblicher Sanftheit ein männlicher Ernſt, ſelbſt eine trotzige Feſtig⸗ keit erkennen ließen. Die beiden jungen Wanderer waren eben im Begriff von einem ihrer gewöhnlichen Ausflüge in die Heimath zurückzukehren. Sie lieb⸗ ten es vereint während der ſchönen Jahreszeit Hand in Hand durch Wald und Flur zu ſchweifen. Die Länge des Weges kürzten ſie ſich gegenſeitig durch eben ſo lehrreiche, als unterhaltende Geſpräche ab. Waren auch Beide von einander durch Rang, Vermögen und Abkunft verſchieden, ſo wurde dieſer Unterſchied vollkommen durch die innigſte Freundſchaft und die gleiche Liebe für Wiſſenſchaft und Kunſt wieder ausgeglichen. Schon auf der Schule zu Cambridge hatte ſich der ältere Eduard King, der einzige Sohn eines hochgeſtellten Staatsbe⸗ amten, unwiderſtehlich zu dem jüngeren Milton hingezogen gefühlt, deſſen Vater als Advokat eine zwar einträgliche, aber keineswegs be⸗ deutende Praxis beſaß. Gemeinſchaftlich vertieften ſich die heranwach⸗ ſende Jünglinge in das klaſſiſche Alterthum, deſſen herrliche Schätze ſie bewunderten. Die Werke der edelſten Griechen und Römer fach⸗ ten eine glühende Begeiſterung für alles Große und Schöne in ihren Seelen an. Beſonders zeichnete ſich der junge Milton durch den Ernſt und Eifer aus, mit denen er ſich dem Geiſte des Alterthums hingab, ſo daß er vollſtändig darin aufging. Bald hatte er ſich mit den größten Philoſophen und Dichtern Athens und Roms bekannt gemacht und die Schwierigkeiten der beiden Sprachen ſo weit über⸗ wunden, daß er ſelber und mit großem Erfolge in ihnen dichtete. Doch damit begnügte ſich ſein raſtloſer Fleiß noch nicht; von der er⸗ habenen Schönheit der Bibel ergriffen, legte er ſich auf das ſchwierige Studium der hebräiſchen Sprache und nach der mühevollſten An⸗ ſtrengung gelang es ihm zu ſeiner größten Freude,„das göttliche Wort“ im Urtexte zu leſen und zu verſtehen. 3 Ein ſelten glückliches Geſchick bewahrte ihn vor einer geiſtloſen Pedanterie, welche den Gelehrten ſo häufig anzuhaften pflegt. Seine lebhafte Phantaſie entriß ihn jeder einſeitigen Beſchäftigung und führte ihn aus der ſtaubigen Studirſtube immer wieder in die friſche Natur und in das wogende Leben zurück. Auch die Kunſt ſchützte ihn vor jeder derartigen Verirrung. Miltons Vater war ſelbſt ein bedeutender — — 111— Muſiker und brachte dem Sohne frühzeitig den Geſchmack für harmo⸗ niſche Schönheit bei. Ueber all' dieſe geiſtige Ausbildung wurden von ihm keineswegs die körperlichen Uebungen vernachläſſigt und der junge Gelehrte wußte mit den Waffen und der edlen Reitkunſt ebenſo Beſcheid, wie er in ſeinen Büchern und Mannſcripten zu Hauſe war. Unter ſolchen Umſtänden konnte es ihm nicht an Freunden und hohen Gönnern fehlen.. Für Dichter und Gelehrte war damals überhaupt eine glückliche Zeit in England. Die wieder aufblühende Wiſſenſchaft, welche ſich von Griechenland und Italien aus ſeit dem fünfzehnten Jahrhundert über ganz Europa verbreitete, fand hier beſonders einen fruchtbaren und empfänglichen Boden. Nach den furchtbaren inneren Kriegen und Parteikämpfen hatte England endlich einen dauernden Frieden gefunden. Die Thatkraft der Nation richtete ſich auf das Meer, welches von allen Seiten dies glücklich gelegene Inſelreich umgibt. Bald nahm der Handel einen ungewöhnlichen Aufſchwung, von allen Seiten floſſen die Schätze und Reichthümer der fernſten Länder herbei. Große Entdeckungen und Erwerbungen in fremden Welttheilen mehr⸗ ten den Wohlſtand. Während das ſtolze Spanien an ſeinem finſteren Glaubenseifer und ſeiner Unthätigkeit immer mehr verfiel, wuchs unter dem Scepter der klugen und mächtigen Eliſabeth Englands Größe und ſein Handel. Der Proteſtantismus mit ſeiner freieren Richtung be⸗ günſtigte noch den großartigen Aufſchwung und weckte die geiſtige und materielle Thatkraft des Volkes. Mit dem Ueberfluß ſtellte ſich das Bedürfniß nach einer höheren Bildung und den verſchönernden Künſten ein. Eliſabeth ſelbſt war eine Freundin der Wiſſenſchaft und Poeſie, welche ſie mit königlichem Sinne beförderte. An ihrem Hofe lebten die geiſtreichſten Männer, Bako, der Vater und Reſtaurator der neuen Wiſſenſchaft, Walter Raleigh und noch viele Andere. Damals dichtete der große Shakeſpeare ſeine unſterblichen Schauſpiele und erfreute ſich der Huld ſeiner Königin, des Umgangs und der Freundſchaft des höchſten Adels und der Anerkennung ſeiner Zeitgenoſſen.— Unter dem Nachfolger Eliſabeths, dem pedantiſchen, aber ſelbſt gelehrten Jakob dem Erſten, gelangten Bildung und Wiſſenſchaft zu den größten Ehren und Auszeichnungen. So kam es, daß die ganze Nation ſich lebendig an dieſer neuen Richtung betheiligte, und daß der Gelehrtenſtand eine — 22— hervorragende Stellung im Staate und geſellſchaftlichen Leben gewann. Die vornehmſten Familien öffneten ihm ihr gaſtliches Haus und der geiſtige Adel ging mit dem Adel der Geburt von nun an Hand in Hand. Auf dieſe Weiſe hatte Milton durch ſein Talent Zutritt in das edle Haus der Grafen von Derby erhalten und darum fühlte ſich der vornehme und reiche Eduard King durch den Umgang und die Freund⸗ ſchaft mit dem jungen Gelehrten hoch geehrt. Vor Tag zu Tag war dieſes Bündniß inniger geworden und noch ſtets im Wachſen. So oft es nur geſchehen konnte, verkehrten die Freunde mit einander, ihre gegenſeitigen Gedanken und Empfindungen austauſchend. Am liebſten ſchweiften ſie an ſonnigen Tagen im Freien umher, an der Schönheit der Gegend und den abwechſelnden Naturſcenen ihr Auge ergötzend. Solche Spaziergänge waren beſonders genußreich für Beide. Bald gingen ſie im eifrigen Geſpräche durch den grünen Wald, bald ruhten ſie auf weichem Mooſe unter dem Schatten einer hohen Eiche aus und verzehrten ihr mitgebrachtes Mahl, wozu ſie einen Trunk aus dem friſchen Quell ſchöpften. Zuweilen begegnete ihnen auch wohl ein kleines Abenteuer, das ihnen dann reichen Stoff für ihre Unter⸗ haltung bot. Durch dieſe genußreichen Ausflüge wurden ſie nach und nach mit der ganzen Nachbarſchaft bekannt. Auf ihren Wanderungen trafen ſie oftmals mit dem einſamen Schäfer, dem rußigen Köhler, oder dem ſchlichten Landmanne zufällig zuſammen und gingen wohl eine kurze Strecke mit ihnen. So lernten ſie die verſchiedenen Stände, ihr einfaches Leben, ihre Anſichten, Wünſche und Be⸗ dürfniſſe genauer kennen. Manche poetiſche Anregung und manches ächte Volkslied empfing durch derartige Begegniſſe der ſtets aufmerk⸗ ſame Dichter. Mitunter kehrten ſie auch bei einem Klienten von Mil⸗ tons Vater auf einem wohlhabenden Pachthof ein, wo ihnen eine gaſtfreundliche Bewirthung von den biederen Leuten zu Theil wurde. Die ſchönſten Stunden verlebten aber die Jünglinge in der Ein⸗ ſamkeit des Waldes. Hier tauchten all die großen Erſcheinungen der Vergangenheit vor ihnen auf und ihre lebendige Phantaſie ſchwelgte in der Erinnerung an das ſchöne Hellas und das gewaltige Rom. Im Geiſte verſetzten ſie ſich ein Jahrtauſend zurück und die Gegenwart verſchwand vor ihren Blicken. Sie ſelbſt fühlten ſich verwandelt und N — — 432— ihre Umgebung nahm das ganze Gepräge ferner Zeiten und Gegenden an. Ueber ihrem Haupte rauſchten die heiligen Eichen von Dodona und in ihrem Säuſeln glaubten ſie die Stimme des Orakels zu ver⸗ nehmen. Dann gingen ſie mit Plato durch den Hain der Akademie und lauſchten der weiſen Lehren ſeines göttlichen Mundes. Der Berg in ihrer Nähe nahm die Geſtalt des Helikon an und der Quell zu ihren Füßen wurde zur kaſtaliſchen Fluth. So verwechſelten ſie die nahe Wirklichkeit mit den Gebilden ihrer Phantaſie. Selbſt ihre Freundſchaft erhielt den Stempel des klaſſiſchen Alterthums. Oreſtes und Pylades, Damon und Pythias waren ihre Vorbilder, denen ſie gleichzukommen ſich beſtrebten. Ihre gewöhnlichen Namen genügten ihnen länger nicht und ſie vertauſchten dieſelben mit den wohlklingen⸗ den Thyrſis und Lycidas, womit ſie ſich von nun an riefen. Dabei gedachten ſie der Bündniſſe getreuer Schäfer, wie dieſe Virgil und Theokrit in ihren Gedichten feierten. Mit ſolchen Spielen verbanden ſie doch einen hohen Ernſt und das Streben, jene erhabene Vorbilder nicht nur zu erreichen, ſondern noch zu übertreffen. Beide befanden ſich ja in jenem glücklichen Alter, wo der Geiſt ſich von der Erde zu den Sternen emporſchwingt und dort ſeine Ideale ſucht. Nichts ſchien ihnen mehr unmöglich und das Höchſte leicht erreichbar.— Poeſie und Freundſchaft machten noch vorläufig ihren ganzen Lebensinhalt aus und dieſe freundlichen Genien begleiteten ſie auf allen Wegen. In ihren eifrigen Geſprächen wurden die Freunde unerwartet durch den lauten Schall einer betäubenden Muſik unterbrochen, die ganz aus der Nähe ihnen entgegenſchallte. Das dichte Gebüſch, in welchem ſie ſich befanden, hinderte jede ſernere Ausſicht. Was hat das zu bedeuten? fragte Milton die bisherige Unterhal⸗ tung abbrechend. Gewiß ein Bachantenchor, entgegnete der Freund noch ganz im Geiſte ihrer gewöhnlichen Sprachweiſe. Du haſt Recht, mein Lycidas. Ich höre deutlich die lärmende Querpfeife des ziegenfüßigen Pans. Die laute Trommel und das ſchallende Blech der raſenden Mänaden. Evoe Bakche! Vernimmſt du nicht das Jauchzen des glühenden Chors? Ich würde mich nicht mehr wundern, wenn im nächſten Augenblicke Dyoniſos, ſelbſt mit Weinlaub —441— bekränzt und von ſeinen Panthern gezogen, aus dem Dickicht hervor⸗ treten und um jene Ecke des Waldes biegen würde. So laſſ' uns eilen, den Gott zu begrüßen, damit uns nicht das Schickſal ſeiner Verächter trifft. Dir beſonders, mein Thyrſis, dürfte das Zuſammentreffen mit den raſenden Bachanten Gefahr drohen; denn du weißt, daß ſie einſt den lieblichen Sänger Orpheus in ihrer Wuth zerriſſen haben. Als Dichter könnte dir leicht ein ähnliches Geſchick zu Theil werden, worüber ich natürlich untröſtlich wäre. Meinetwegen brauchſt du dir keine Sorge machen, erwiederte Milton mit anmuthigem Lächeln auf den Scherz des Freundes ein⸗ gehend. Ich bin noch weit entfernt, ein ſolch berühmter Dichter wie Orpheus zu ſein. Die Töne meiner Leier bewegen weder Felſen noch zähmen ſie die wilden Thiere. Höchſtens gewinnen ſie mir den Beifall meines allzu nachſichtigen Lycidas, wofür ich jedoch von ganzem Her⸗ zen den Göttern dankbar bin. Mit dieſen Worten eilte Milton dem zögernden Freunde voran, neugierig die Urſache dieſer lärmenden Muſik zu entdecken, welche ſo plötzlich die Stille des Waldes unterbrach. Auch King beſchleunigte ſeine Schritte und beide erreichten faſt zu gleicher Zeit einen freien Standpunkt, von dem aus ſie das Schauſpiel, welches ſich ihnen ſo unerwartet darbot, ungeſtört überſehen konnten. Gerade ihnen gegen⸗ über bewegte ſich der bereits erwähnte Zug, in deſſen Mitte ſich Aliee mit Gott Komus befand. Der abenteuerliche Anblick überraſchte die lauſchenden Freunde nicht wenig. In der That ſchienen ſich ihre ſcherzhaften Reden zu verwirklichen und ihre Reminiscenzen an die Feier des Bachus Wahrheit zu gewinnen. Die verkleideten Tänzer in ihren Masken von Thierfellen, mit ihren falſchen Bärten und den Eichenkränzen auf den Köpfen erinnerten allerdings ganz und gar an den bocksfüßigen Chor des Weingottes. Selbſt der alte Silen ſchien nicht zu fehlen, denn auf einem kleinen Eſel hing ein dicker, angeſchwollener Trunkenbold mit rothem Kupfergeſicht, den die müden, taumelnden Beine nicht mehr tragen mochten. Auch die wunderlich ausſtaffirten Muſikanten zerriſſen mit ihren Trommeln, Pfeifen und Schalmeien jedes gebildete Ohr und machten eine wahrhaft heidniſche Muſik. Das Staunen der Freunde verwandelte ſich aber bald in die höchſte Bewunderung, als ſie die reizende Alice auf ihrem Throne von — — 5— „jungen Baumſtämmen und grünem Laubgeflecht entdeckten. Mit dem Anſtande einer jungen Königin ſaß ſie auf ihrem erhabenen Sitz, um⸗ floſſen von der Purpurgluth der Abendſonne. Die herrlichſte der Feen, das holdeſte Bild der Märchenwelt ſchien in ihr verkörpert, um jedes ſterbliche Auge zu bezaubern. Das blendende Licht verhinderte anfänglich Milton, ſogleich die ihm wohlbekannten Züge wieder zu er⸗ kennen, während ſein Begleiter von den Wundern des Alterthums das ſchönſte zu ſehen glaubte. Beim Zeus! rief Eduard King begeiſtert aus, wir befinden uns auf Naxos und dort das liebliche Mädchen kann Niemand anders ſein als Ariadne, welche die Diener des Bachus huldigend im Triumphe einher tragen. Diesmal antwortete Milton nicht. Plötzlich ſtürmte er den Hügel herab, auf dem die Freunde ſtanden, und ſtürzte dem fortſchreitenden Zuge entgegen. 3 Was ſicht dich an? fragte King verwundert. Sie iſt es, ſie iſt es, keuchte der athemloſe Milton und riß den überraſchten Freund an der Hand faſſend mit ſich fort. Den lauten Ausruf mußte auch Alice gehört haben, denn ſie wen⸗ dete ihr zierliches Haupt nach jener Gegend; ein neuer Hoffnungsſtrahl röthete ihre Wangen und ließ ihr blaues Auge heller ſtrahlen. Sie glaubte die Stimme eines Freundes vernommen und erkannt zu haben. Auch täuſchte ſie ſich nicht. In wenigen Augenblicke ſtand Milton ihr gegenüber und an ſeiner Seite der treue Eduard King. Miß Egerton, Miß Egerton! rief ihr Milton ſchon von Weitem zu. Ich bin es, ſprach Alice von ihrem Thron herab, um ſeinen Zweifel zu verſcheuchen.. Und was thun Sie hier in ſolcher Geſellſchaft? Um Gottes Willen befreien Sie mich aus dieſer ſchrecklichen Lage, flüſterte ſie mit ängſtlicher Stimme. Das ſchöne Mädchen mußte ſich auf dieſe unbeſtimmten Andeutun⸗ gen beſchränken. Es war ihr keine Zeit zu längeren Erörterungen gegönnt, denn der Burſche, welcher an ihrer Seite reitend die Rolle des Gottes Komus ſpielte, fing an ungeduldig zu werden. Hollah ho! mein Täubchen, brummte er ärgerlich, du willſt mir untreu werden, und davonfliegen. Daraus wird aber nichts. Platz da, Ihr Herren! und Reſpekt vor dem Gotte Komus und ſeinem Ge⸗ folge. Wenn Ihr nicht gleich aus dem Wege geht, könnt Ihr noch die Bekanntſchaft mit ſeinem Zauberſtabe und den Fäuſten ſeiner Unter⸗ thanen machen. Bei dieſen Worten wirbelte der Redner den Stab mit dem Narrenkopf mehrmals wie eine Lanze um den Kopf, auch die Leibwache ſchwang die Stangen den Freunden entgegen. Das war für den ritterlichen Muth des jungen King zu viel. Ganz allein glaubte er mit dem zahlreichen Geſindel fertig zu werden, ihre Menge flößte ihm keine Furcht ein. Schnell riß er das Schwert aus der Scheide und im unerwarteten Anlauf drang er ungehindert bis zu Alice vor. Schlagt ihn nieder, brüllte der Führer dem Haufen zu. Ehe dieſer ſich jedoch von ſeiner anfänglichen Beſtürzung erholen konnte, hatte der kühne Jüngling den Burſchen vom Pferde herabge⸗ riſſen und das blanke Schwert ihm auf die Bruſt geſetzt. Wenn mich Einer von dieſem Geſindel nur mit den Fingerſpitzen berührt, ſo biſt du des Todes. Dieſe Drohung verfehlte nicht die beabſichtigte Wirkung. Das Gefolge des Gottes hielt ſich in ehrerbie⸗ tiger Entfernung und dieſer ſelbſt machte auch nicht die geringſte Anſtrengung ſich den Händen ſeines Gegners zu entziehn. Indeß war auch Milton herbeigeeilt, um vielleicht durch gütliches Zureden Blutvergießen zu verhindern. Seine nächſte Bemühung galt indeß dem geängſtigten Mädchen, welche von ihrem Throne herab zitternd dieſem neuen Zwiſchenfall beiwohnte. Setzt die Lady nieder, befahl er den Trägern. Dieſe gehorchten ſogleich und mit Miltons Hülfe berührte Alicens Fuß wieder den ſicheren Boden. Nachdem er ihr dieſen Dienſt geleiſtet⸗ wandte er ſich zu der ihn umgebenden Gruppe. Die laute Muſik war verſtummt und die Spielleute ſtanden mit halb verlegenen, halb furchtſamen Mienen ringsumher. Die Leibwache des Gottes hatte die Lanzen geſenkt und die halbberauſchten Unterthanen waren ſcheu zur Seite gewichen. Komus ſelbſt lag am Boden und ſein früherer Ueber⸗ muth hatte ſich in die größte Feigheit verwandelt. Das rothe Geſicht war mit einem Male ganz blaß geworden und die verſchmitzten Augen irrten ſcheu und unſtät im Kreiſe. Auf ſeinem dicken Leibe ruhte der eine Fuß ſeines Siegers, der mit der linken Hand den Burſchen feſt an der Kehle hielt, während die Rechte das Schwert ihm auf die ——— — 4,— Bruſt ſetzte. Die nahe Gefahr entpreßte dem Geängſtigten die ſchwerſten Seufzer und er wagte nicht die geringſte Bewegung, um ſeinen Gegner nicht noch mehr zu reizen. In dieſer unangenehmen Lage fand Milton den armen Burſchen, dem er jetzt erſt ſeine Auf⸗ merkſamkeit zuwendete. Nicht wenig war er indeß erſtaunt, in dem⸗ ſelben einen alten Bekannten zu begrüßen. Billy Green! rief er überraſcht. Ganz Recht, Eure Edlen! ächzte der Burſche in komiſcher Ver⸗ zweiflung. Beſter Herr Milton! helft mir nur aus der verwünſchten Klemme und ich werde mich freuen, Euch einmal wiederzuſehen. Ich weiß nicht, ob es räthlich iſt, einen ſolch notoriſchen Galgen⸗ ſtrick, bekannten Wilddieb und Taugenichts zu befreien. Dein Betragen gegen dieſe Lady verdient die härteſte Züchtigung. Fragt ſie ſelber, ob ich ſie nur mit einem Worte beleidigt habe. Ein kleiner Scherz war Alles, was ich mir mit ihr erlaubt habe. Und dann wußte ich weder wer, noch was ſie ſei. Edles Fräulein! ſagt nur, ob ich Euch in irgend einer Weiſe zu nahe getreten bin, und legt ein freundliches Wort zu meinen Gunſten bei dieſen Herren ein. Ihr braucht nicht einmal Eure ſchönen Lippen zu bemühen, nur ein Blick aus Euren Sternenaugen genügt, um den armen, luſtigen „Billy Green zu Eurem ewigen Schuldner zu machen. Dieſe Aufforderung, in dem jämmerlichſten Tone vorgebracht, ge⸗ nügte für Alice, um für den Burſchen ihre Fürbitte einzulegen. Sie that es lächelnd, indem ſie ſich voll Anmuth an ihren Befreier wandte. — Mein edler Retter, ſagte ſie mit holdem Erröthen, verzeiht, wenn ich mit meinem Danke zugleich eine Bitte verbinde. Ihr habt wie ein ächter Ritter an mir gehandelt und Eure Tapferkeit im glänzend⸗ ſten Lichte gezeigt; vergeßt aber darum nicht jene Tugend, welche die wahre Ritterſchaft ſtets zu begleiten pflegt: das Mitleid mit dem Be⸗ ſiegten. Was der Burſche hier geſprochen hat, kann ich ihm beſtätigen. Allerdings hat er ſich mit meiner Perſon einen unziemlichen Scherz erlaubt, aber keine andere Beleidigung mir zugefügt. Da ich ihm verzeihe, ſo dürft auch Ihr nicht länger unerbittlich ſein. Laßt ihn aufſtehen und ſich mit ſeinen Begleitern ſogleich entfernen. Der Ton dieſer Worte, der Klang ihrer Stimme und die lieb⸗ liche Anmuth ihres Weſens machten auf den Jüngling, der Alice zum 8 erſten Male heute ſah, einen entzückenden Eindruck. Sonſt nicht um eine Antwort verlegen, bedurfte er erſt einiger Augenblicke, um ſich zu ſammeln. — Cdles Fräulein, erwiederte Eduard King nach einer kurzen Pauſe, Euer Dank beſchämt mich um ſo mehr, da ich ihn nicht ver⸗ diene. Es gehörte weder Muth noch Tapferkeit dazu, um Euch aus ſolchen Händen zu befreien. Gebt mir erſt Gelegenheit mit meinem Blute und Leben Eure Erkenntlichkeit zu verdienen, dann mögt Ihr mir auch danken. Dieſer Burſche verdient nicht, daß Ihr Fürſprache für ihn einlegt, ſondern die härteſten Strafen für ſolche Vermeſſenheit. Indeß Euer Wort genügt, daß ich ihn ſchone. Nur zu unſerer aller Sicherheit ſoll er zuvor geloben, daß weder er noch ſeine Genoſſen ferner gegen uns etwas unternehmen wollen. Mein Freund Milton ſcheint ihn genauer zu kennen und wenn auch dieſer ſich für ihn ver⸗ bürgt, ſo mag er laufen, nachdem er noch zuvor auf den Knien Euch Abbitte geleiſtet hat. Dem Galgen wird er ohnehin nicht entgehen. — Tauſend Dank! grinste Billy Green erleichtert. Ich werde mich bemühen, die Prophezeiung Eurer Edlen nicht gar zu genau zu befolgen. — Lieber Eduard, fügte Milton hinzu. Ich kenne den Burſchen ſchon ſeit längerer Zeit. Er kommt häufig in unſer Haus und mein Vater hat ihn allerdings ſchon einigemal von dem Strick gerettet, den er als bekannter Wilddieb mehr als einmal verdient hat. Indeß glaube auch ich, daß er mehr Narr und Schelm als Böſewicht iſt, und da Lady Egerton bereits für ihn geſprochen, ſo möchte auch ich meine Fürbitte mit der ihrigen verbinden. Laß ihn ſein Wort geben, daß er gegen uns nichts Arges ſinnt, und dann ſchicke ihn fort mit ſeinen Spießgeſellen. 3 — Hol mich der Teufel, ſchrie der entzückte Gott, wenn ich Euch das je vergeſſe. Ich habe immer geſagt, daß Herr Milton ſeinen beſondern Stuhl im Himmel verdient. Wenn Ihr mich braucht bei Tag oder Nacht, ſo braucht Ihr nur den luſtigen Billy Green zu rufen. Für Euch würde ich mit tauſend Freuden ſelbſt eine Kirche beſtehlen, wenn es ſein müßte. Ueber dieſe gut gemeinte Herzensergießung mußte ſelbſt der ernſtere Eduard King ein wenig lächeln. — 1419— — So ſei es denn, ſagte er. Ich füge mich den Befehlen der Lady und den Bitten des Freundes. Steh auf, Spitzbube! Zuvor aber gelobe auf deinen Knieen Beſſerung und aufrichtige Reue. — Ich ſchwöre und Gott ſtrafe mich, wenn ich meinen Eid breche, ſagte Billy Green, indem er eine feierliche Miene anzunehmen ſich beſtrebte. Jetzt erſt ließ auch King ſeine Hand von der Kehle des Burſchen, den er bis dahin feſtgehalten hatte. Mit einem tollen Satze ſprang der Befreite vom Boden auf und eilte auf die Lady und auf Milton zu, um Beiden zu danken. Mit komiſcher Wehmuth blickte er Alice an, indem er demüthig die grüne Kappe vor ihr ſchwenkte. Die Pfauenfeder war im Handgemenge zerknickt und abgeriſſen worden. — Lebt wohl, ſchöne Fee, rief er mit komiſcher Rührung. Unſere Verbindung hat nur kurze Zeit gedauert, aber es war die glücklichſte meines Lebens. Ich ſehe ſchon, daß Ihr zu vernünftig ſeid, um die Beherrſcherin des Narrenreichs zu bleiben. Schade! ich fürchte ſelber, daß das Reich der Thorheit in dem alten England bald ein Ende nehmen wird, und daß Gott Komus nicht länger auf dieſer Inſel weilen darf. Die Zeit ſchneidet ein ernſthaftes Geſicht und die Welt läßt den Kopf hängen. Die näſelnden Puritaner mehren ſich mit jedem Tag. In ihren Augen iſt jeder Scherz eine Sünde und jeder Spaß verdammt. Sie verabſcheuen den Tanz und haſſen einen fröh⸗ lichen Rundgeſang. Wenn das ſo fortgeht, wird das fröhliche Eng⸗ land bald ſtumm ſein wie das finſtere Grab. Darum will ich lieber meinem Thron freiwillig entſagen und abdanken ſo wie Ihr. Statt dieſes Stabes will ich das Geſangbuch in die Hand nehmen und meine Narrenkrone mit einem Rundhut vertauſchen. Einſtweilen lege ich hie Zeichen meiner Macht in Eure Hände, bewahrt ſie, bis ich ſie von EFuch wieder fordere. Auch dieſe Thorheit wird ein Ende nehmen, wie alle Narrheit auf dieſer Welt. Auf Wiederſehen alſo in beſſerer Zeit. Dcer Burſche fing im Verlauf ſeiner wunderlichen Rede zu weinen an. Niemand konnte jedoch wiſſen, ob ſeine Thränen natürliche oder erkünſtelte waren. Schluchzend legte er ſeine Kappe und den Stab zu Alicens Füßen nieder. Als Milton ſich niederbeugte, um dieſe Em⸗ bleme der Narrheit aufzuheben, nahm der abgedankte Gott von Neuem das Wort. d D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 4 — 50— — Das iſt Recht, ſagte er, daß Ihr, Herr Milton, Euch der Sachen annehmt. Wie ich weiß, ſeid Ihr ein Stück von einem Gelehrten und Dichter in einer Perſon, alſo ein doppelter Narr. Ihr verdient da⸗ her, mein Nachfolger zu werden. Theilt Euch mit der ſchönen Lady in meine Erbſchaft und nun, ihr Muſtkanten, ſpielt noch einmal auf und zwar einen luſtigen Marſch, bevor man Euch die Fiedel um den Kopf ſchlägt. Bald wird man in England einen andern Tanz auf⸗ führen und die Trommeln und Pfeifen ein tolleres Lied anſtimmen, als man je zuvor gehört. Vorwärts, meine Jungens und ſpringt zum letzten Mal. Wer weiß, ob ihr morgen noch tanzen und ſpringen dürft. Das Gefolge wußte ſich eben ſo wenig wie die übrigen Anweſen⸗ den die ſeltſame Stimmung des Burſchen und ſeine plötzliche Traurig⸗ keit zu erklären. Die Muſtikanten jedoch ſtimmten einen fröhlichen Marſch an, wie ihnen befohlen war. Unter den Tönen deſſelben ſetzte ſich der ganze Zug wieder in Bewegung, an der Spitze ging der Führer deſſelben mit ſchwankenden Schritten. Von Zeit zu Zeit wiſchte er ſich die Thränen ab, welche über ſeine dicken Wangen floſſen. All⸗ mählig verſchwand der Haufe unter den Bäumen, von der zunehmen⸗ den Dämmerung verhüllt. Die Klänge der Muſik ſchallten immer ſchwächer aus der Ferne herüber, bis ſie zuletzt kaum noch hörbar leiſe verhallten. Im Weſten ging die bleiche Sichel des Mondes auf und die frühere Stille herrſchte in dem dunklen Wald. 5. Alice befand ſich jetzt den beiden Freunden allein gegenüber, von denen ihr nur der junge Dichter flüchtig bekannt war. Dieſer ſtellte ihr den ritterlichen Eduard King vor. Bald verlor das ſcheue Mäd⸗ chen ihre frühere Befangenheit und erzählte ihren Befreiern im Zu⸗ ſammenhange das eben erlebte Abenteuer. 3 nahme. Ich bin wirklich in Verlegenheit, entgegnete Alice. Befehlt über uns, ſagte King mit ſichtlichem Eifer. Wir werden LCuch nicht früher verlaſſen, bevor ihr vollkommen in Sicherheit ſeid. Und was gedenkt Ihr nun zu thun? fragte Milton voll Theil⸗ — 51— Gewiß nicht, bekräftigte der Freund. So lange Ihr unſerer be⸗ dürft, wollen wir Euch mit Euerer Erlaubniß Geſellſchaft leiſten. Es fragt ſich nun, was Ihr beſchließt, ob Ihr den geraden Weg nach Ludlow⸗Caſtle einzuſchlagen, oder hier zu verweilen gedenkt, bis Eure Brüder zurückgekehrt ſind. 1 Ich finde es jedenfalls gerathener, bemerkte King, den unſichern Wald zu verlaſſen und die Landſtraße zu gewinnen. Aber meine Brüder, wendete Alice dagegen ein, werden vielleicht mich ſuchen und wenn ſie mich nicht mehr im Walde finden, ſich Meinetwegen unnöthige Sorge machen. Auch möchte ich den Herren nicht mehr beſchwerlich fallen, als dieß bereits geſchehen iſt. Ihr Weg führt ſie gewiß nach einer ganz entgegengeſetzten Richtung, als der meinige. Für uns, erwiederte King mit Höflichkeit, giebt es keine andere Pflicht, als einer ſchutzloſen Lady zu dienen. Auch kommt es dabei nicht darauf an, ob wir eine Stunde früher oder ſpäter nach Hauſe kommen. Doch Ihr, mein edles Fräulein, dürft Euch nicht länger den Unannehmlichkeiten dieſer Wildniß ausſetzen. Ohnehin werdet Ihr von dem weiten Wege und dem vielen Herumirren ermüdet und der gei⸗ ſtigen wie körperlichen Ruhe bedürftig ſein. Außerdem wird Euer Aus⸗ bleiben Euren Eltern gewiß die größte Beſorgniß verurſachen. Was Eure Brüder aber betrifft, ſo glaube ich, daß wir ihnen auf der Land⸗ ſtraße noch am eheſten begegnen werden. Eine kleine Strafe haben ſie jeden Falls verdient, da ſie ſo ſchlechte Hüter eines ſolchen Schatzes waren. Da auch Milton den Worten ſeines Freundes beipflichtete, ſo ent⸗ ſchloß ſich Alice, den wohlgemeinten Vorſchlag anzunehmen. Mit King's Hülfe beſtieg ſie den der Tänzerbande wieder abgenommenen Damenzelter, während der junge Mann das Pferd des Bruders am Zügel leitend auf der einen Seite, Milton auf der andern neben ihr hergingen. Beide waren mit dem Wege genügend vertraut und das milde Licht des Mondes erhellte außerdem hinlänglich den ziemlich geebneten Pfad. Es war eine herrliche, duftige Maiennacht, ein lei⸗ ſer Luftzug flüſterte durch das junge Laub, die blühenden Birken hauch⸗ ten würzige Wohlgerüche und die ſchmetternden Nachtigallen ſangen in langgezogenen, ſchmelzenden Tönen der Liebe Luſt und Leid. Schwei⸗ 4*½ — 52— gend überließen ſich die jungen Wanderer dem Zauber der Natur; um ſie und in ihnen webte die geheimnißvolle Wunderkraft des Len⸗ zes und der Blüthenzeit. Der Frühling, welcher mit ſeinen Küſſen die verſchwiegenen Knospen am Wege erſchloß, weckte auch in ihren Herzen die ſehnſüchtigen Triebe eines unausſprechlichen Glückes, das„ ganze Heer der ſeligſten Gefühle.— Unzählige zarte Keime regten ſich in ſtiller Nacht und wuchſen unbemerkt im ſilbernen Mondenlicht; hier ſprang eine Knospe und entfaltete ſich zur Blüthe, dort koste der Wind um den halb geöffneten Kelch. Aus dem Gebüſch tönte das Girren der Turteltaube, der lockende Ruf eines unbekannten Vo⸗ gels. Die zerſtreuten Samenkörner ſprengten die dunkle Scholle und die dunkle Puppe ſtreifte ihre ſchwere Hülle ab, um als goldener Schmet⸗ terling die Morgenſonne zu begrüßen. Frühlingsdüfte, Lenzesahnen, Nachtigallentöne und Mondenlicht webten an dem Zauberband, das zu dieſer Stunde ſich von Seele zur Seele ſchlang. Endlich brach zuerſt Alice das gefährlich brütende Schweigen, das ihr faſt beängſtigend vorkam. Sie wandte ſich zunächſt an den ihr 3 mehr bekannten Milton. Mit ihm redete ſie von dem Hauſe ihrr Tante und dem jetzten Feſte, dem ſie daſelbſt beigewohnt hatte. Ich preiſe meine Tante Derby glücklich, ſagte ſie im Verlauf des immer lebhafter werdenden Geſpräches, weil es ihr vergönnt iſt, einen Kreis von Frauen und Männern um ſich zu verſammeln, wie er ſonſt 3 wohl nirgends angetroffen wird. Welch herrliche Genüſſe weiß ſie ſich und ihren Gäſten zu bereiten, die Tage, welche ich bei ihr verlebt und die mir nur allzu ſchnell verſchwunden ſind, werden ſtets mir unvergeßlich bleiben. Auch ich, erwiederte Milton beziehungsvoll, gedenke ihrer mit dank⸗ barer Rührung. Ein neues Leben iſt mir dort in jenem Hauſe auf⸗ gegangen. 3 Plötzlich hielt er inne, zum Bedauern Alicens, die ſo gern von ihm noch mehr gehört hätte, beſonders Was und Wen er mit dem „neuen Leben“ meinte. Faſt fürchtete ſie, daß er wieder in ſein ſcheues Weſen zurückfallen würde, das er leichter hier im grünen Walde, als in den ſtolzen Hallen des Grafenſchloſſes zu überwinden ſchien. Zum Glück nahm jetzt der Freund den abgebrochenen Faden der Un⸗ 4 terhaltung auf.— ——/——““““ — 53— Wenn ich nicht irre, bemerkte dieſer, ſo iſt auch ein kleines von dir verfaßtes Schäferſpiel in dem Hauſe der edlen Gräfin zur Auf⸗ führung gekommen. Wie gewöhnlich haſt du mir noch gar nichts von ſeinem Erfolg erzählt, weshalb ich mich an Euch jetzt, ſchöne Lady, wende, um darüber Näheres zu hören. Ihr meint doch die Arkadier? fragte Alice freundlich. So heißt das Stück, von dem ich bisher nur einzelne Bruchſtücke zu hören bekam. Eine Kleinigkeit, welche kaum der Mühe lohnt, warf der beſchei⸗ dene Dichter ein. 3 Ihr thut Euch ſelbſt und Eurem Werke Unrecht, ſchalt Alice. Da Ihr aber wie ein ungerechter, grauſamer Vater Euer eigenes Kind aus⸗ ſetzt und verſtoßen habt, ſo werde ich mich ſeiner annehmen und es nach Verdienſt hegen und pflegen. Euer Spott iſt grauſam. Ich bitte Euch, das ungerathene Kind lieber zu vergeſſen. Das kann nicht geſchehn und zum Beweiſe, wie tief ich mir ſeine ſchönen Züge eingeprägt, will ich ſogleich auch einige Verſe citiren, die ich um ihrer Trefflichkeit Willen mir beſonders gemerkt habe. Thut es nicht, murmelte Milton beſchämt. Aber das liebenswürdige Mädchen achtete nicht auf ſeinen Ein⸗ ſpruch und begann folgendermaßen: Solch ſüßer Zauber liegt in der Muſik, Daß ſie der Parzen rauhe Strenge ſchmilzt, Daß die Natur ſich ihren Rythmen fügt, Die Erde maßvoll ſich durch ſie bewegt Erfüllt von ſeel'ger Sphärenharmonie, Die nie ein ſterblich Ohr vernommen hat. Iſt das nicht ſchön, unterbrach Alice ihren Vortrag, indem ſie ſich fragend an den lauſchenden King wandte. Klingen dieſe Verſe nicht ſelber wie Muſik? Ich muß Euch Recht geben, nachdem ich ſie aus Eurem Munde ge⸗ hört habe. Während der ganzen Zeit ſchwieg Milton, in Entzücken verſetzt. Konnte es für den Dichter ein größeres Glück geben, als ſeine eige⸗ nen Worte und Gedanken von dem Munde der Angebeteten zu ver⸗ nehmen. Es war das erſte Mal, daß ihn ein Lob trunken machte. Zwar war er weit entfernt, ihrer Huldigung eine andere Deutung zu geben und das halbe Geſtändniß daraus zu leſen, welches ſie verſchloß; aber ihre Rede erfüllte das Herz des Dichters mit einer unausſprech⸗ lichen Wonne, welche mehr zu bedeuten hatte, als das bloße Gefühl„ der befriedigten Eitelkeit. Seine Bruſt war zu voll, um zu ſprechen, ſelig träumend ſchritt er neben der ſchönen Reiterin, verſtohlen von Zeit zu Zeit zu ihr emporblickend wie zu der himmliſchen Muſe ſelbſt, die ſie für ihn in dieſer Stunde geworden war. Auch der Freund war nicht minder empfänglich für die Reize der holden Erſcheinung. Vermöge ſeiner Stellung war King weit mehr. als der zurückgezogene Milton mit dem Leben und der Frauenwelt bekannt, dennoch mußte er ſich eingeſtehen, weder am Hofe, noch in der Geſellſchaft eine ähnliche Vollkommenheit angetroffen zu haben. Alice vereinte mit ihrer jugendlichen Schönheit einen geiſtigen Liebreiz, den die Natur nur ihren beſonderen Lieblingen zu verleihen pflegt. Eine unbeſchreibliche Grazie umgab ihr ganzes Weſen und verlieh dem 6 Unbedeutendſten, was ſie ſprach und that, einen eigenen Zauber. Selbſt die gewöhnlichſten Reden klangen aus ihrem Munde bedeutend und immer glaubte der Hörer nie etwas Aehnliches vernommen zu haben. Dieſe ächt weibliche Anmuth war nur der Abglanz einer reich begabten Natur, welche mit der zarteſten Empfindung, die feſteſte Willenskraft, mit der lebendigſten Phantaſie eine große Klarheit des Verſtandes verband. Und all dieſe ſeltenen Eigenſchaften waren noch durch eine ſorgfältige Erziehung harmoniſch ausgebildet und ſtanden zu einander im vollkommenen Gleichgewicht. Ihr Begleiter hatte hinlänglich Zeit und Gelegenheit ,dieſe Vor⸗ züge während einer längeren Unterhaltung mit ihr kennen zu lernen. 3 Die ſeltſame Begegnung im Walde, die herrliche Frühlingsnacht waren wohl geeignet, das Herz und die Phantaſie des jungen Mannes außer⸗ dem noch anzuregen. Unvergeßlich mußte ihm das feine, edle Geſicht bleiben, welches der Mond mit magiſchem Silberlicht verklärte. Mit der Nachtigall wetteiferte der ſeelenvolle Ton ihrer Stimme und die ſchlanke Geſtalt auf dem weißen Roß mahnte ihn unwillkürlich an die Wunder der Poeſie, an die Zauber der Märchenwelt. Wenn ſie ſich auf den Hals ihres Zelters niederbeugte und mit weicher Hand — — 55— das treue Thier ſtreichelte, wünſchte ſich King an deſſen Stelle zu ſein, wenn ihr loſes Haar dann ſeine glühende Wange ſtreifte, faßte ein ſüßer Schauer den jungen Mann. Die ganze Reiſe dünkte ihm wie ein himmliſcher Traum, aus dem er nur allzufrüh geweckt zu werden fürchtete. 4 Mit argloſer Vertraulichkeit, mit der Unſchuld eines reinen Her⸗ zens wendete ſich Alice, nachdem ſie die erſte Befangenheit überwun⸗ den hatte, bald an den einen, bald an den andern Begleiter. Immer offener erſchloß ſich ihnen dieſe herrliche Blüthe der Frauenwelt. Das waren Augenblicke, wie ſie nimmermehr im Leben wiederkehren, glück⸗ liche Momente, die für Jahre lange Leiden zu entſchädigen vermögen; denn was giebt es wohl auf Erden Köſtlicheres als dieſer trauliche Verkehr zwiſchen edlen Jünglingen und einem reizenden Weib. Noch miſchte ſich kein anderes Gefühl in ihre Unterhaltung, als das reinſte Wohlwollen. Die Neigung, welche in den jugendlichen Herzen unbe⸗ wußt ſchlummerte, hatte noch keine beſtimmte Geſtalt gewonnen und trübte nicht die hingebende Sicherheit. Am dunklen Horizont zuckte von Zeit zu Zeit ein fernes Wetter⸗ leuchten und der leiſe Donner eines fruchtbaren Frühlingsgewitters mahnte die Wanderer zur Eile. Bald hatten ſie die Landſtraße glück⸗ lich erreicht.* Ol jetzt kenne ich ſchon den Weg, ſagte Alice, in einer halben Stunde müſſen wir in Ludlow⸗Caſtle ſein. Dann kommen wir noch zu rechter Zeit, ehe das Gewitter herauf⸗ zieht, entgegnete King. Wie herrlich ſich die Blitze kreuzen. Ich fürchte mich nicht vor dem Gewitter, aber Ihr, meine Herren„ könnet unmöglich noch in dieſer Nacht heimkehren. Mein Vater wird ſich freuen, Euch als ſeine Gäſte zu begrüßen. Meine Retter werden ihm gewiß willkommen ſein. Vergebens wollten die Freunde ihre artige Einladung ablehnen. Alice beſtand darauf und ſie mußten ihr das Verſprechen geben, wenigſtens bis zum Morgen in Ludlow⸗Caſtle zu verweilen. Je näher Alice ihrer Heimath kam, deſto heiterer und ſcherzhafter wurde die Wendung, welche ſie dem Geſpräch zu geben wußte. Mit der Sicher⸗ heit, die ſie jetzt im vollen Maße empfand, kehrte auch die friſche Laune ihr zurück. — 86— — Ich freue mich, ſagte ſie lächelnd, über mein Abenteuer, das für mich ſo glücklich geendet hat. Wie ein irrendes Fräulein kehre ich in Begleitung eines männlichen Ritters und eines trefflichen Trou⸗ badours zurück. Wie wäre es, Herr Dichter, wenn Ihr unſere Be⸗ gegnung zum Stoffe eines Heldengedichtes nähmt? — Ich wette darauf, erwiederte King, daß er es bereits in ſeinem Kopfe fertig hat. Ich kenne ſeine Gewohnheit, wenn er nicht redet, dichtet er. — Allerdings, ſagte Milton auf den Scherz eingehend, gleicht die ganze Begebenheit einem vollendeten Gedicht, doch ich traue mir kaum die Kraft zu, den ſchönen Stoff in würdiger Weiſe zu behandeln. — O, verſucht es nur, bat das holde Mädchen. Doch dürft Ihr dabei Euch ſelber nicht vergeſſen. Wir müſſen insgeſammt in Eurem Gedichte vorkommen, mein Bruder, meine Befreier und auch Gott Komus, der mich in keine geringe Angſt verſetzt hat. Da Milton nicht antwortete, ſo fügte ſie beſorgt hinzu: — Wie, Ihr ſchweigt? Sollte ich Euch durch meinen kindiſchen Wunſch erzürnt haben. Freilich, ich kann es mir wohl denken, daß ein Poet, der ſo ſchöne lateiniſche Verſe ſchreibt, wie Ihr, die ich leider nicht verſtehe, die man mir aber ſehr gerühmt hat, es unter ſeiner Würde halten muß, im ſchlichten Engliſch ein ſo unbedeutendes Ereigniß zu beſingen. — Ihr irrt Euch, edle Miß! erwiederte der Dichter im ernſten Tone. Seit ich denken kann, habe ich keinen größeren Wunſch, als eines Tages irgend etwas zu Gottes Ruhm und für die Ehre meines Vaterlandes zu ſchreiben. Ich möchte ja ſo gern meinen ganzen Fleiß auf die Verherrlichung der Mutterſprache verwenden; nicht daß ich gewillt wäre, mit eitlen Wortklaubereien und ähnlichen pedantiſchen Arbeiten meine Zeit hinzubringen. Mich beſeelt nur der Eifer für dieſe geſegneten Inſeln, welche meine Welt bedeuten, der Dolmetſcher der edelſten und größten Gedanken zu werden. Schon von früheſter Jugend an glaubte ich und mit mir einige gleichgeſinnte Freunde, im Ver⸗ 3 trauen auf die heilige Glut, welche ſich in meinem Innern entzündete, daß ich meinen Landsleuten einige Seiten hinterlaſſen würde, die nicht ſo ſchnell untergehen können. An Arbeit und unermüdlichem Studium wollte ich es ja ſo gern nicht fehlen laſſen, denn dies iſt das Loos, R — 57— das ich mir gezogen. Aber wie viele Jahre dürften noch vergehn, ehe ich mein Verſprechen erfüllen werde.— Die Poeſie, welche mir vor⸗ ſchwebt, iſt nicht die flüchtige Blüthe jugendlicher Schwärmeret, noch das Erzeugniß eines galanten Höflings oder der Erguß eines hungrigen Paraſiten, der für ein Mittagsbrod ſich zum Reimen zwingt, nicht einmal jene glänzende Erſcheinung unſerer Tagesdichter, denen von der Mode kurze Zeit gehuldigt wird. Meine Muſe wendet ſich in Demuth flehend zu dem ewigen Geiſt, welcher allein der menſchlichen Sprache die Kraft des Ausdrucks und die Tiefe der Wiſſenſchaft verleiht. Er ſchickt für ſeine Lieblinge die heiligen Seraphim hernieder, welche die Lippen der Auserwählten mit göttlichen Flammen berühren und reini⸗ gen. Jetzt kennt Ihr mein Herz und wißt, wonach ich ſtrebe. — Und es wird Euch gelingen, ſagte Alice ergriffen und fortge⸗ riſſen von der Begeiſterung des Dichters. Ich ſehe bereits den Lorbeer, der einſt Eure Stirne umſchlingen wird. Neben Shakeſpeare und Spencer wird man den Namen Milton nennen.. 8 — Haltet ein! entgegnete dieſer. Noch bin ich nicht würdig, die⸗ ſen großen Männern die Schuhriemen aufzulöſen, am wenigſten Shakeſpeare, dem unſterblichen Genius Englands. Was habe ich bisher gethan, um nur mein Auge zu ihm empor heben zu dürfen? — Ihr ſeit noch jung und erſt mit den Jahren reift die Blüthe zur Frucht. — War Shakeſpeare älter als ich, da er„Romey und Julie“ ſchrieb, dies hohe Lied der Liebe? — Jede Pflanze hat ihre Zeit der Entwickelung und des Gedeihens. Auch die Eure wird noch kommen. — O, daß Ihr wahr ſprächet. Wie gern wollt ich Tag und Nacht dem hohen Ziele weihen. Von Euch, edles Fräulein, und vor meinem Freunde darf ich offen reden, denn ich weiß, daß Ihr mich nicht mißverſtehen werdet. Ihr dürft es hören, aber laßt mich mein Geſtänd⸗ niß nur leiſe ins Ohr flüſtern, damit ich nicht zu erröthen brauche. Ja, ich ſehne mich nach Unſterblichkeit. Ich übe meine Schwinge und denke auf einen kühnen Flug; aber mein Pegaſus ſchwingt ſich nur auf ſchwachen Flügeln noch empor. Darum will ich lieber in Denu mich beſcheiden.— ————— Londoner Geſellſchaft bfins zuſammengetroffen und hatten hier und — 58— Dröhnender Hufſchlag und der Ruf verſchiedener Stimmen unterbrachen den plötzlich beredt gewordenen Dichter in ſeinen weiteren Herzensergießungen. An der Spitze einer Dienerſchaar, welche die beſorgten Eltern ausgeſchickt, zeigte ſich jetzt der junge Lord Brakley, der ſeine Schweſter ſuchte. Mit einem Freudenruf begrüßte er die 5 Wiedergefundene. Alice ſtellte die Freunde dem Bruder als ihre Retter vor, der ihnen herzlich dafür dankte und ſie ebenfalls einlud, 1 wegen des aufziehenden Gewitters die Nacht in Ludlow⸗Caſtle zu⸗ zubringen. Nur Thomas fehlte noch, doch waren die Geſchwiſter Seinetwegen nicht allzu beſorgt, da der muthige Jüngling öfters von ſeinen Ausflügen und Jagdparthien ſpät in der Nacht heim⸗ zukehren pflegte. Zur Vorſorge hatte man eine andere Abtheilung von Dienern in den Haywood⸗Forſt geſchickt, um ihn aufzuſuchen. Bald befreundete ſich der junge Lord mit den Begleitern ſeiner Schweſter, von denen ihm nur King unbekannt war, da er den Dich⸗ 5 ter bereits in dem Hauſe ſeiner Tante geſehen hatte. Auf einen Wink von ihm wurden die Freunde beritten gemacht, die Diener leuchteten mit den mitgebrachten Fakeln voran und ſo ſetzte ſich der Zug in Bewegung. 4 In kurzer Zeit erreichten die Reiſenden Ludlow⸗Caſtle, noch ehe ¹ das drohende Gewitter ſich entladen hatte. Die Eltern waren noch wach und empfingen ihre Gäſte in der Halle des Schloſſes mit alt engliſcher Höflichkeit und Gaſtfreundſchaft. Ein reiches Mahl wurde aufgetragen und Alice, welche zwiſchen den Freunden ſaß, mußte ihr Abenteuer von Neuem erzählen. Dies geſchah mit möglichſter Schonung des abweſenden Bruders, den trotzdem von allen Seiten Tadel traf. Um ſo größer war das Lob, welches dem ritterlichen Benehmen der Freunde zu Theil wurde. Der edle Wirth des Hauſes unterhielt ſich 4 mit ihnen auf das freundlichſte und dehnte die Einladung ſeiner Kinder auf mehrere Tage aus, da ihm das beſcheidene Benehmen und die klugen Antworten ſeiner jungen Gäſte überaus gefielen. Wie es bei ſolchen Gelegenheiten zu geſchehen pflegt, fanden ſich unerwartet bei näherer Berührung eine Menge freundſchaftlicher Beziehungen u Annährungspunkte. King's Vater war dem Lord Präſidenten Wales aus früherer Zeit bekannt. Beide waren am Hofe und — — 59— da auch ein freundliches Wort miteinander gewechſelt; ſo daß der Sohn jetzt ſchon um deswillen eine überaus herzliche Aufnahme fand. Auch Milton hatte plötzlich hier an der Tafel des Lords einen alten Be⸗ kannten und Univerſitätsfreund getroffen. Ihm gegenüber ſaß ein junger Mann, der die Stelle eines Muſiklehrers in der Familie des Grafen von Bridgewater bekleidete. Trotz Jahre langer Trennung kamen dem Dichter die Züge ſeines Nachbars bekannt vor und er nahm daher keinen Anſtand ihn als ſeinen alten Schulfreund Henry Lawes, zu begrüßen. Alice freute ſich dieſes Zwiſchenfalles um ſo mehr, da ſie dem beſcheidenen und in ſeinem Fache äußerſt tüchtigen Lehrer beſonders geneigt war. Die Wiedererkennung gab zu vielen Erinnerungen Veranlaſſung, aus denen die aufmerkſame Zuhörerin manche intereſſante Begebenheit aus dem Jugendleben des Dichters er⸗ fuhr. Lawes ſpielte beſonders auf ein früheres Abenteuer Miltons an, das den beſcheidenen Dichter in Verlegenheit zu ſetzen ſchien. — Weißt du auch noch, fragte der Muſiker ſeinen Freund, welchen Beinamen wir dir auf der Schule gegeben haben? — Ol gewiß, entgegnete Milton, indem er erröthete. — Und wie lautet dieſer? fragte Alice neugierig. — Freund Milton hieß nur„die Dame des Kollegiums“, antwortete der heitere Muſiker. Dieſen Spitznamen hatte er wegen ſeines zarten, mädchenhaften Ausſehens erhalten. In der That glich er auch mit ſeiner feinen Geſtalt, den roſigen Wangen und der Zierlich⸗ keit ſeines ganzen Weſens weit mehr einem jungen, ſchüchternen Fräu⸗ lein, als den wilden, übermüthigen Knaben, welche mit ihm in einer Klaſſe ſaßen. Er wurde darum oft von uns geneckt, aber im Grunde des Herzens hatten wir ihn alle lieb, weil er die beſte Seele von der Welt war. Auch fehlte es ihm nicht trotz ſeiner Zartheit an Muth und Kraft. Wenn wir es ihm zu arg machten, wehrte er ſich tapfer und was ihm an roher Stärke abging, erſetzte er durch die Uebung und Gewandtheit ſeiner Glieder. Ich hätte es Keinem gerathen, ihn herauszufordern. Im Ringen, Schlagen und Reiten ſtand er ſeinen Mann, aber nichts deſtoweniger hieß er ein und allemal„die Dame“; es hatte dies freilich auch noch einen anderen Grund. Vergebens winkte Milton dem durch die Freude des Wiederſehens und einige Becher Weins aufgeregten Schulfreund.⸗ — 60— — Ja, winke nur, fuhr der luſtige Muſiker in ſeiner ſcherzhaften Erzählung fort, Miß Alice ſoll doch die Geſchichte erfahren, die dir begegnet iſt. Sie klingt zu ſchön und wunderbar, ſo daß ich faſt glauben möchte, daß du nur geträumt oder eine deiner gewöhnlichen poetiſchen Viſionen gehabt haſt. — Ihr macht mich in der That neugierig, warf Alice dazwiſchen ein, die ſich muthwillig an der Verlegenheit des Dichters zu ergötzen ſchien. — Eines Tages, berichtete der ſchwatzhafte Muſiker, lag Freund Milton unter einem Baume im Garten des Collegiums und ſchlief, da ſoll eine fremde, italieniſche Dame, welche in Cambridge zu Beſuch war, den ſchlummernden geſehen und dermaßen von ihm entzückt geweſen ſein, daß ſie eine blühende Roſe aus ihren Händen auf ihn nieder⸗ fallen ließ. Um den Stengel derſelben war ein Papierſtreifen gewickelt, welcher einen ſchönen Vers in italieniſcher Sprache auf den ſchlafenden Endymion enthielt. — Vielleicht erinnert ihr Euch noch des Gedichtes, fragte Alice im neckenden Tone. 4 — Allerdings. Es lautet, wenn ich mich nicht irre, folgender⸗ maßen: Ihr ſchönen Augen, Sterne dieſer Erden,* Wenn ihr geſchloſſen mich ſchon tief verwundet, Was ſoll aus mir, wenn ihr euch öffnet, werden. — Ich finde die Strophe reizend, bemerkte die Zuhörerin; obgleich ſie mir weit eher für eine Frau als für einen Mann zu paſſen ſcheint. — Das meinte auch die ganze Klaſſe und darum hieß Milton ſeitdem erſt recht„die Dame des Kollegs“. — Und habt Ihr von der unbekannten Dame nichts mehr vernom⸗ men? fragte Alice den verlegenen Dichter. — Wie ſollte ich? entgegnete dieſer. Vielleicht war das Ganze nur ein ſchlechter Schülerſcherz. Am liebſten wäre ich geneigt, das ſeltſame Ereigniß für einen Traum meiner lebhaften Phantaſie zu halten, hätte ich nicht bei meinem Erwachen die Roſe mit den um den Stiel derſelben ſorgfältig gewickelten Zeilen vorgefunden. Auch glaubte ich wirklich, als ich die Augen wieder öffnete, eine weibliche Geſtalt — — — — 61— geſehen zu haben, die ſich ſchnell aus dem Garten entfernte. Ja ſogar ihr Name iſt mir geblieben, denn deutlich hörte ich ſie von einer älteren Begleiterin„Leonora“ rufen. Ich geſtehe offen, daß mich die ſeltſame Erſcheinung längere Zeit beſchäftigt hat. — Vielleicht begegnet Ihr der Schönen noch einmal im Leben, ſcherzte Alice. Solltet Ihr nie dieſen Wunſch gehegt haben? — Früher wohl, aber ſeit langer Zeit iſt die ganze Begebenheit aus meinem Gedächtniß geſchwunden und erſt Lawes hat mich wieder daran erinnert. Jetzt ſehe ich in dem Abenteuer nur den übermüthigen Scherz einer Fremden mit einem Knaben und wer weiß, ob ich wün⸗ ſchen ſoll, noch einmal der Signora zu begegnen. Die Wirklichkeit würde vielleicht mich nur enttäuſchen, wie das gewöhnlich zu geſchehen pflegt. So lebt ſie wenigſtens in meiner Phantaſie als das Bild der Muſe, die ihren Jünger in ſeinen Träumen beſucht hat. — Und Ihr fürchtet eure Muſe alt und häßlich wiederzufinden. Da möchtet Ihr Recht haben, ſetzte Alice lächelnd hinzu. Unterdeß unterhielt ſich der herablaſſende Wirth mit dem jungen King und ſprach mit ihm von den Angelegenheiten des Königs und den Vorgängen am Hofe. Der edle Graf urtheilte über die Ver⸗ hältniſſe mit vieler Mäßigung. Er verhehlte dabei nicht ſeine Beſorg⸗ niſſe wegen den Streitigkeiten, die zwiſchen Karl dem Erſten und ſeinem Parlamente waren. Doch hoffte und wünſchte er eine gütliche Beilegung dieſer Zwiſtigkeiten. Am Schluſſe ſeines Geſpräches ergriff der wür⸗ dige Lord⸗Präſident von Wales den vor ihm ſtehenden Becher. — Gebe Gott, rief er laut, dem Vaterlande Ruhe und Frieden. Euch aber, meine lieben Gäſte, heiße ich von ganzem Herzen in Ludlow⸗ Caſtle nochmals willkommen und möget ihr in meinem Hauſe ſo lange verweilen, als es Euch bei uns beliebt und gefällt. Hierauf erhob er ſich und gab ſomit das Zeichen zum Aufbruch. Für die Freunde hatte der Haushofmeiſter des Grafen in einem Sei⸗ tenflügel des Schloſſes die nöthigen Zimmer in Stand geſetzt. Unter Vortritt eines Bedienten und in Begleitung des gutmüthigen Muſikers begaben ſich beide zur Ruhe, nachdem ſie ſich von der Familie des Grafen verabſchiedet hatten. Ein herrlicher Frühlingsmorgen weckte die Schläfer, welche nach den Anſtrengungen der geſtrigen Reiſe die köſtliche Ruhe genoſſen. Das Gewitter ſelbſt war nicht im Stande geweſen, ſie in ihrem 1 Schlummer zu ſtören. Dieſes hatte ſich um Mitternacht ſchnell entladen und die einzigen zurückgelaſſenen Spuren waren die ſchweren Regen⸗ tropfen, welche jetzt an jedem Grashalme hingen und im goldnen Sonnenſchein prächtig funkelten. Milton war zuerſt erwacht und ſo⸗ gleich an das geöffnete Spitzbogenfenſter getreten. Zu ſeinen Füßen lag der große Schloßgarten mit den ſorgfältig gepflanzten Blumen⸗ beeten, welche ihre ſüßen Wohlgerüche im Morgenwinde zu ihm herauf⸗ ſandten. Ein wahres Blüthenmeer breitete ſich vor ſeinen Blicken aus, unzählige Knospen hatte der warme Gewitterregen hervorgelockt, die Kirſch⸗ und Aepfelbäume in weiße wohlriechende Schneeballen ver⸗ wandelt. Dazwiſchen ſchimmerten die röthlichen Blüthenbüſchel der Kaſtanien und Aprikoſen, glänzte das junge Laub in allen möglichen Farbenabſtufungen von Gelb zu Grün bis zum tiefen Schwarz der düſteren Zypreſſen, wie die Palette eines fleißigen Malers. Mit fröh⸗ lichem Muthwillen fuhr der friſche Morgenwind darüber und miſchte wie der Farbenreiber die verſchiedenen Tinten zu neuen, überraſchen⸗ den Verbindungen. So oft er dies that und rauſchend durch die Blätter wehte, fielen die hängenden Tropfen als ein blitzender Juwe⸗ lenregen zur Erde nieder. An den blühenden Garten ſchloß ſich der nahe Park mit ſeinen mächtigen Bäumen, deren Gipfel noch ganz im Morgenlicht gebadet ſchienen; darüber hinaus dehnte ſich die Landſchaft mit grünen Wieſen und Feldern, vereinzelten Baumgruppen, zerſtreu⸗ ten Hütten, aus denen der blaue Rauch in grader Linie emporſtieg. Eine ſanft aufſteigende Hügelreihe begränzte die Fernſicht, hier und da mit einem ſtattlichen Gebäude oder mit den Trümmern eines noch aus den Römerzeiten ſtammenden Kaſtell's geziert. Es konnte keinen ſchöneren Anblick geben, als dieſe fruchtbare und zugleich maleriſche f Gegend im Schmuck der ſchönen Maienzeit. Der blaue Himmel war ſo rein und klar, kein Wölkchen trübte ſeinen hellen Spiegel und die Sonne verbreitete mit ihren erſten, kräftigen Strahlen einen ſolch hellen Glanz, daß ſelbſt die breiten Schatten auf der thauigen Flur M — — 63 ꝛ— wie große goldene Streifen mit Perlen und Diamanten durchwirkt dem Auge erſchienen. Zugleich hatte der Morgen die weite Welt mit neuem Leben erfüllt. Aus der Ferne ließ der Haushahn ſeine Stimme erſchallen, die Lerche wirbelte vom feuchten Kleefeld empor und ſchmet⸗ terte aus der Höhe ihren ſüßen Morgengruß hernieder; die emſigen Schwalben bauten am alten Gemäuer zwitſchernd ihr Neſt und all die übrigen lieblichen Sänger des Waldes und der Flur miſchten ihre Stimmen in das Frühconzert der Schöpfung. Mitten in dieſer ſchönen, geſegneten Landſchaft erhob ſich Ludlow⸗ Caſtle, ein ſtolzer Bau im normänniſch⸗gothiſchen Styl. Auf einem ſteilen Felſen gelegen ſtand das ſtattliche Fürſtenſchloß, welches noch aus den Zeiten Wilhelm des Eroberers ſtammte; ſeine Ringmauern beſaßen damals, nach den Angaben des Chroniſten Leland, einen Um⸗ fang von faſt einer ganzen engliſchen Meile. Befeſtigte Wälle und Zugbrücken dienten ihm zum Schutze gegen feindliche Angriffe. Durch das mächtige Eingangsthor gelangte man in den großen, inneren Hof, den eine Reihe zu verſchiedenen Zwecken dienende Seitengebäude ein⸗ fchloſſen. Tiefer gelegen erblickte der Beſchauer die impoſante Facade der alten Burg, welche aus mächtigen Quadern und Steinblöcken von Rieſenhänden aufgebaut erſchien und Jahrhunderten zu trotzen ver⸗ mochte. Zwei feſte Thürme ſtiegen drohend und gebieteriſch empor, mit Schießſcharten verſehen und von zackigen Zinnen gekrönt. An den mittleren Theil des Gebäudes ſchloſſen ſich in maleriſchen Winkeln und Vorſprüngen die Seitenflügel, welche jüngeren Urſprungs waren als der alte Bau und nach und nach dieſem hinzugefügt wur⸗ den. Dieſer Zuwachs verlieh dem Ganzen den Reiz der Mannigfal⸗ tigkeit bei gewaltiger Ausdehnung. Die ſchwerfälligen, normanniſchen Formen und Linien der erſten Anlage wurden durch die zierlichen, gothiſchen Erker, Pfeiler und Thürmchen auf das Angenehmſte ver⸗ deckt und unterbrochen, ohne der Größe und Würde des Schloſſes Abbruch zu thun. So war es durch Natur und Kunſt zu einem wahren Königsſitz geſchaffen und die Herrſcher Englands hatten es auch in der That ſeit dem Tode des erſten Beſitzers und Erbauers, Roger Montgomery, inne gehabt und öfters ſelbſt bewohnt. Erſt unter der Regierung Heinrich des Achten wurde Ludlow⸗Caſtle dem jedesmaligen Lord⸗Präſidenten von Wales zur Reſidenz angewieſen. — 6— Jetzt bewohnte der Graf von Bridgewater, welcher dieſe hohe Stel⸗ lung bekleidete, mit ſeiner Familie dies wahrhaft fürſtliche Gebäude. Ein großer Hofſtaat, wie ihn ein Edelmann von ſeinem Rang und Stand in jener Zeit zu halten pflegte, hatte einen Theil der Seiten⸗ flügel und die Nebengebäude inne. Außerdem hielt eine kleine Gar⸗ niſon die Burg beſetzt, um im Nothfall dieſelbe gegen innere und äußere Feinde zu vertheidigen. Zahlreiche Gäſte fanden in jenen Ta⸗ gen der ausgedehnteſten Gaſtfreundſchaft hier eine willkommene Auf⸗ nahme in den ſtattlichen Räumen, an denen es nicht mangelte. Durch den ſeltſamen Zufall war auch Milton ein Bewohner des königlichen Schloſſes geworden, welches er in früher Morgenſtunde mit Aufmerk⸗ ſamkeit und Bewunderung betrachtete. Sein künſtleriſches Auge ver⸗ weilte mit Wohlgefallen auf dem impoſanten Bau. Ein reizendes Spiel von Licht und Schatten ſchwebte um die alten, grauen Mauern. Noch ſtand über dem weſtlichen Thurme die blaſſe, ſilberne Mond⸗ ſichel, während die Zinnen desſelben im hellen Morgenlicht gleich einer goldenen Krone flammten. Von dort glitten die Strahlen an den Vorſprüngen und Pfeilern nieder, hier ein gothiſches Fenſter, dort eine Roſe von Stein, oder einen vorſpringenden Erker erhellend. An⸗ dere Theile dagegen waren noch in Schatten gehüllt, bis auch ſie nach und nach im Glanz der ſiegreichen Sonne ihre düſtere Phyſiognomie verloren. Aus der Tiefe blitzten die Wellen der Teme, welche in maleriſchen Windungen die Wälle des Schloſſes umgab und in ihren Fluthen die ſtolzen Zinnen desſelben wiederſpiegelten. Allmählig wurde es auch in dem Innern des Schloſſes laut und das erwachende Leben kündigte ſich an. In den nahen Ställen wie⸗ herten die Pferde, auf dem Hofe bellten die Jagdhunde; Thüren öff⸗ neten ſich mit Geräuſch und verſchiedene Tritte ſchallten auf dem dröhnenden Pflaſter. Zuerſt eilten geſchäftige Diener unter Milton's Fenſter vorüber; dann kam der Haushofmeiſter mit würdevoller Ge⸗ ſchäftsmiene, der die Säumenden ſchalt und, wo es Noth that, dro⸗ hend den mit ſilbernem Griff verſehenen Stab ſchwang. Rüſtige Mägde mit vom Schlafe noch gerötheten Wangen ſtanden am Brun⸗ nen laut plaudernd und reinigten die irdenen und kupfernen Gefäße von den Ueberbleibſeln des geſtrigen Nachtmahls, oder füllten die hölzernen Eimer mit Waſſer aus dem rauſchenden Brunnen. Andere — 865— kamen aus den Ställen und trugen auf den Köpfen die friſch gemol⸗ kene Milch unter Anführung der ſtattlichen Schaffnerin. Müßige Knechte und Jägerburſchen ſcherzten mit ihnen, wofür ſie weidlich von der alten Aufpaſſerin ausgeſcholten und an die eigene Arbeit verwieſen wurden. Der Koch mit ſeinen Gehülfen kehrte aus der Vorrathskam⸗ mer zurück, beladen mit Wildprett und Fleiſch, als gälte es ein Hochzeitsmahl zu rüſten. Im Triumph wurde der wilde Eber voran⸗ getragen, welchen der Lord⸗Präſident vor wenigen Tagen mit eigener Hand erlegt hatte, und deſſen vergoldeter Kopf noch heute auf der Tafel als Hauptſtück prangen ſollte.— Zwiſchendurch bewegte ſich langſam mit ernſten Mienen ein Schreiber, oder der Rentmeiſter mit der Rechnung in der Hand, um den Zins eines Pächters, oder die Abgaben eines demüthigen Bäuerleins in Empfang zu nehmen, der mit abgezogenem Hute vor dem geſtrengen Herrn ſtand. Immer lebendiger wurde das Treiben auf dem Edelhof. Der wohlgenährte Burgkaplan begab ſich noch gähnend aus ſeiner Wohnung nach der Halle des Schloſſes, um daſelbſt noch nach alter Sitte vor dem Imbiß den üblichen Morgenſegen zu ſprechen. Im Vorübergehen warf er einen freundlichen Blick auf den feiſten Eber und die Fleiſch⸗ vorräthe, welche an ihm vorübergetragen wurden. Die angenehme Ausſicht auf den reichen Mittagstiſch verlieh ſeinem Geſichte einen überaus wohlwollenden Ausdruck. Mit ſchmunzelndem Lächeln dankte er dem Haushofmeiſter, welcher ehrerbietig den Geiſtlichen begrüßte. — Schöner Morgen, ſagte dieſer, indem er mit dem Kaplan ein Geſpräch anzuknüpfen ſuchte. Prächtiges Wetter. Nach dem Gewit⸗ ter ſtehen die Saaten noch einmal ſo ſchön. Wir werden mit Gottes Hülfe ein fruchtbares Jahr haben. — Ja, ja, Gottes Güte und Langmuth iſt groß mit der ſündi⸗ gen Menſchheit, erwiederte der Geiſtliche mit gefaltenen Händen. — Nun, nun! Gar ſo arg iſt es doch nicht mit der Welt. — Was, nicht ſo arg? eiferte der Kaplan. Habt ihr nicht ge⸗ hört, daß die Abtrünnigen und Verächter unſerer Kirche ſich täglich mehren? Nicht zu arg, ſagt ihr, Meiſter Buller! und in unſerer nächſten Nähe treiben allerhand Sektirer„ Browniſten, Anabaptiſten, Familiſten, Arminianer, Antimonianer, Socianer, Puritaner und wie die gottesläſterlichen Schurken heißen mögen, ungeſcheut ihr Weſen. D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 5 — 66— — Was Ihr ſagt? erwiederte ungläubig mit dem Kopf ſchüttelnd der würdige Haushofmeiſter. — Was ich ſage, iſt ſo wahr, wie der helle Tag. Wie ich aus beſter Quelle vernommen, halten ſie in allerlei abgelegenen Schlupf⸗ winkeln, in Höhlen und Wäldern ihre geheimen Verſammlungen und Konventikeln ab, worin ſie die Kirche Englands mit Schimpfreden begeifern und Empörung gegen das geſalbte Haupt des Königs pre⸗ digen. Das kommt aber von der unzeitigen Nachſicht und Langmuth. Mit Feuer und Schwert würde ich darein fahren, wenn mir die Macht gegeben wäre, wie unſerm gnädigen Herrn, dem Lord⸗Präſidenten. — Er iſt ein guter Herr. Gott ſegne ihn, entgegnete der loyale Haushofmeiſter, indem er ſeinen Hut lüftete.— — Seine Güte iſt aber übel angewandt. Es iſt eine Zeit gekom⸗ men, wo nur noch Strenge helfen kann, um das um ſich freſſende Gift der Ketzerei auszurotten. Auch in meiner Gemeinde fangen ein⸗ zelne Glieder an, faul zu werden. Ich muß mit dem Herrn Grafen ein ernſtes Wort ſprechen, daß er einmal mit Schärfe dazwiſchen fährt, damit nicht die geſunden Schafe von den räudigen angeſteckt werden. Da iſt einer Namens Henderſon. — James Henderſon von Huntington, den Mann kenne ich, ein tüchtiger Arbeiter, fleißig und pünktlich in allen Stücken, nur ein wenig verdroſſen und mürriſch ſeit dem Tode ſeiner Frau. — Sagt lieber aufrühreriſch und rebelliſch gegen Gott und König. Ich kenne ihn beſſer, dieſen fleißigen James Henderſon. Freilich fleißig im Läſtern und pünktlich im Punkte des Ungehorſams. Hat er nicht neulich erſt laut und vor allen Leuten behauptet, daß die Steuer auf Seife und das Schiffsgeld nicht bezahlt zu werden brauchte? Eine unrechtmäßige Abgabe nannte der Schlingel die neue Tarxe, weil das Geld ohne Bewilligung des Parlaments erhoben wird. Unrecht⸗ mäßig, ſeh doch einmal Einer, als ob der König je Unrecht thun kann, und ſelbſt, wenn das der Fall wäre, darf ein Unterthan dage⸗ gen ſich auflehnen? Steht nicht in der heiligen Schrift: Du ſollſt unterthan ſein deiner Obrigkeit? Hat nicht der Heiland ſelbſt geſagt: Gebt dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt? Und dieſer Kaiſer war ein Heide und kein Bekenner des wahren Glaubens, wie König Karl, den Gott ſegnen und noch lange Jahre erhalten mag. — 67— — Aber wozu iſt das Parlament denn da? wandte ſchüchtern der Haushofmeiſter ein, welcher, wie die meiſten Engländer, voll Ehr⸗ furcht für die alte Verfaſſung ſeines Landes erfüllt war.— Ohne Parlament darf nach der Magna Charta keine neue Steuer dem Volke auferlegt werden. — Hm! murmelte einlenkend der Geiſtliche. Das Parlament iſt eine ſchöne Einrichtung und ich will auch nichts dagegen ſagen. Gott behüte mich davor, ſeine Privilegien und Freiheiten anzutaſten. Aber darum handelt es ſich auch gar nicht, ſondern um den verwünſchten James Henderſon, der reſpektwidrig von unſerm allergnädigſten Kö⸗ nig ſpricht, und ſchon ſeit länger als einem Jahre keine Kirche be⸗ ſucht und meine Predigten nicht hört. Seinetwegen will ich mit dem Herrn Grafen ein ernſtes Wort reden. Als Lord⸗Präſident und Stellvertreter des Königs ſoll er den beſagten Henderſon in Strafe nehmen, wegen läſterlichen Redens und Betragens. Ginge es mir nach, ſo ließ ich ihn durchpeitſchen und ſteckte ihn in das tiefſte Loch. — Ihr vergeßt, daß Henderſon eine mächtige Fürſprache hat. Seine Tochter iſt die Milchſchweſter unſeres gnädigen Fräuleins. — Immerhin, das ſoll mich aber nicht abhalten, meine Pflicht zu thun. Vor Gott gilt kein Anſehen der Perſon. Mit dieſen Worten entfernte ſich der eifrige Burgkaplan, da in⸗ deß die Stunde zum Gebet, oder vielmehr zum Frühſtück herangekom⸗ men war. Der liebliche Duft von friſch gebackenem Kuchen, der ihm aus der großen Halle entgegenſtrömte, beſänftigte einigermaßen ſeinen heiligen Zorn und dämpfte ſeine Verfolgungswuth gegen Brownianer, Arianer und all die übrigen Sekten, welche in jenen Tagen von der herrſchenden biſchöflichen Kirche und der Regierung mit furchtbarer Strenge beſtraft und verfolgt wurden. Eiligſt folgte ihm der Haus⸗ hofmeiſter, um weder den Segen, noch das Frühmahl zu verſäumen. Dies Geſpräch, welches dem lauſchenden Milton nicht entgangen war, verſetzte den ſchwärmenden Dichter mit einem Schlage wieder aus der blühenden Natur in die troſtloſen religiöſen Wirren und Händel der Gegenwart. Der Proteſtantismus war in England nicht wie in Deutſchland das Ergebniß des Volksbewußtſeins und von die⸗ ſem ausgegangen. Die Streitigkeit Heinrich des Achten mit dem Papſte wegen ſeiner Scheidung hatten hier den Bruch mit der katholiſchen — 68— Kirche herbeigeführt. Im Gegenſatz zu der deutſchen Reformation, welche auf geiſtiger Freiheit beruhte und dieſe allein erſtrebte, war die engliſche durch den Machtſpruch und die Willkür eines tyranniſchen Königs zum Theil aufgedrungen. Luther, der ſchlichte, gottbegeiſterte Mönch, wagte den Kampf mit dem mächtigen Rom lediglich auf die öffentliche Meinung und die Autorität der Bibel geſtützt; Heinrich der Achte dagegen pochte auf ſeine königliche Macht und die Gewalt, welche ihm zu Gebote ſtand. Perſönliche Rückſichten und weltliche Vortheile leiteten den Einen, während der deutſche Reformator ſein unſterbliches Werk im Namen der Wahrheit und geiſtigen Freiheit einzig und allein begann und vollendete. An die Stelle des Papſtes ſetzte ſich in Eng⸗ land der König ſelbſt, doch blieb er in der Hauptſache noch eifrig katholiſch und änderte, die Oberherrſchaft des Papſtes in geiſtlichen Dingen und das Mönchsweſen ausgenommen, nur wenig in der alten Lehre ſeiner Kirche. So unterſchieden ſich die beiden Reformationen ſchon bei ihrem Urſprung weſentlich von einander. Sie gingen von entgegengeſetzten Punkten aus und nahmen auch im ferneren Verlauf eine entgegengeſetzte Richtung an. Die religiöſe Strömung, welche in Deutſchland begonnen, ſtieg von Unten nach Oben, von dem Volke zu dem Adel und den Fürſten empor, welche theils aus wirklicher Ueber⸗ zeugung, theils ebenfalls um irdiſcher Zwecke willen die Reformation förderten. Umgekehrt in England; hier verbreitete ſich die religiöſe Bewegung von der Spitze nach der Baſis, vom Thron zu den unteren Schichten des Volkes herab. Dieſes nahm bald die Umänderung ſeines Glaubens nicht als eine weltliche, ſondern rein göttliche Angelegenheit in ſeine Hand. Unbekümmert um die Rückſichten, welche den König bei ſeinem Abfall von Rom leiteten, ſuchte das Volk ſtatt der irdiſchen Schätze, um welche es der Krone hauptſächlich zu thun war, die ewigen Güter der Gewiſſensfreiheit und der Duldung. Aus der reichen Erbſchaft der römiſchen Geiſtlichkeit, aus den Schatzkammern der Klö⸗ ſter wählte es ſtatt der goldenen Geräthe, der köſtlichen Geſchmeide und der Kirchengüter nichts als— die Bibel, welche ihm bisher vor⸗ enthalten worden war. Aus der heiligen Schrift quoll ihm eine Fülle von Belehrung, die Offenbarung einer neuen Weltanſchauung. Die Bibel wurde in der Hand des Volkes die mächtige Waffe, mit der es den endlichen Sieg über die Tyrannei erkämpfte und ſich endlich die — 69— religiöſe und politiſche Freiheit erſtritt. Von dieſer Zeit ab begann der Kampf gegen die königliche Autorität, welche an die Stelle der päpſtlichen ſich eigenmächtig geſetzt hatte. Die Nachfolger Heinrich des Achten verfuhren mehr oder minder in ſeinem Geiſte. Die große Toch⸗ ter deſſelben, Eliſabeth von England, gab der Kirchenverfaſſung von England erſt eine feſtere Geſtalt, die ſie noch gegenwärtig hat, und überließ die Aufſicht darüber den Biſchöfen und Erzbiſchöfen. Nach derſelben blieben die Könige von England ſtets das Haupt der Kirche und übten die höchſte Gewalt in dieſer aus, ſie ſtützten ſich auf die von ihnen ernannten Biſchöfe, welche das königliche Anſehen unter ſol⸗ chen Bedingungen mit allen ihnen zusGebote ſtehenden Mitteln beför⸗ derten. So entſtand die ſogenannte anglikaniſche, oder biſchöfliche Kirche von England. An die Stelle des Papſtes waren die Könige getreten und die Biſchöfe waren nur die abhängigen Träger der unumſchränk⸗ ten Willkür in allen kirchlichen Angelegenheiten. Ein ſolches Syſtem konnte unmöglich dem neu erwachten, religiöſen Bewußtſein des Volkes Befriedigung gewähren und ſtieß von Anfang an auf entſchiedenen Widerſpruch. Von Genf her hatte das Bekenntniß des großen Schwei⸗ zer Reformators Kalvin ſich in England Eingang zu verſchaffen gewußt und mit demſelben eine freiere politiſche Geſinnung, wie ſie in den kleineren Republiken zu herrſchen pflegt. Jede Bewegung auf dem religiöſen Gebiete wird ſtets von einer ähnlichen auf politiſchem begleitet ſein. Dies war auch hier der Fall. Die Krone ſah ſich daher doppelt bedroht, nicht nur in ihren kirchlichen, ſondern ſelbſt in ihren Herrſcherrechten angefochten. Im Gegenſatz zu der biſchöflichen Kirche, welche ſich auf die Autorität des Königs und auf die von ihm übertragene Macht der Biſchöfe ſtützte, verlangte die volksthümliche Glaubenspartei die freie Wahl ihrer Geiſtlichkeit und ihrer Vorſteher, welche Aelteſte, Presbyteren, genannt wurden, woraus ſpäter der Name Presbyterianer für ihre Anhänger entſtand. Die Gemeinde forderte für ſich das Recht, ſelbſtſtändig ihre religiöſen Angelegenheiten zu ord⸗ nen, ſie berief ſich dabei lediglich auf die Bibel und die erſten chriſt⸗ lichen Gemeinſchaften, welche zur Zeit der Apoſtel in gleicher Weiſe handelten. Außerdem verwarfen die meiſten Presbyterianer alle von der biſchöflichen Kirche noch zum Theil beibehaltenen Gebräuche des katholiſchen Gottesdienſtes, welche an das verhaßte Rom erinnerten, * — 70— weßhalb ſie die„Puritaner“ geheißen wurden. Vorzugsweiſe hatte dies Sektenweſen in Schottland um ſich gegriffen, wo die meiſten Schüler Kalvins ihre Grundſätze predigten und lebhaften Anklang da⸗ mit fanden. Bald ſtanden ſich die religiöſen Parteien ſchroff gegenüber. Die Verfolgungen der Regierung weckten den Widerſtand des Volkes. Je größer der Druck von der einen Seite, deſto höher ſtieg der Eifer von der andern, der bald als glühender Fanatismus in hellen Flammen ſtand. An der Spitze der biſchöflichen Kirche ſtand der bekannte Laud, Biſchof von London, welcher einen unglückſeligen Einfluß auf den König ausübte. Er war die Seele dieſer gehäßigen Verfolgungen und die furchtbare„Sternkammer“„ der Gerichtshof für alle religiö⸗ ſen Vergehen, verfuhr unter ſeiner Anleitung mit rückſichtsloſer Strenge und Unbarmherzigkeit gegen die Sektirer. Aber weder die unerſchwing⸗ lichen Geldbußen, die langjährigen Einkerkerungen, noch das zahlloſe Heer von Strafen an Leib und Leben vermochten den Glaubenseifer zu erkalten. Die ſo Beſtraften wurden vom Volke als Märtyrer ge⸗ prieſen und ihr Beiſpiel fand immer neue Nachahmer. Mit bewun⸗ derungswürdigem Muthe trotzten ſie der härteſten Verfolgung, eher geneigt ihr Leben, als ihre Ueberzeugung aufzugeben. All dieſe Thatſachen ſtanden vor Milton's Seele ,nachdem er das Geſpräch des biſchöflich geſinnten Schloßkaplans mit dem Haushofmei⸗ ſter des Grafen mitangehört hatte. Er ſelbſt war ein Anhänger der religiöſen Freiheit, obgleich weit entfernt von aller Schwärmerei und Fanatismus. Durch das Beiſpiel ſeines eigenen Vaters hatte er Dul⸗ dung und Toleranz kennen und ſchätzen gelernt. Dieſer war von ſei⸗ naen katholiſchen Eltern vor langer Zeit verſtoßen und enterbt worden, wel er ſich der Reformation zugewendet hatte. Für den Dichter gab es kein größeres Gut als Gewiſſensfreiheit. Er hatte deßhalb einzig und allein das Studium der Theologie aufgegeben und auf die kirch⸗ liche Laufbahn verzichtet, die ihm in damaliger Zeit und bei ſeinem Fleiße und Talent die glänzendſten Ausſichten bot.—„Als ich bemerkte,“ ſchrieb er über dieſen Gegenſtand zu ſeiner eigenen Rechtfertigung,„daß der herrſchende Despotismus, welchem ſich die Kirche beugt, denjenigen, der ihre Weihen empfängt, gewiſſermaßen zwingt, ſeine eigene Skla⸗ verei zu unterſchreiben und ihm außerdem einen Eid auferlegt, den — 1— man nur bei einem weiten Gewiſſen ſchwören kann; ſo habe ich ein ehrenvolles Schweigen dem Dienſte des heiligen Wortes vorgezogen, weil ſich dieſer nur durch Knechtſchaft und einen Meineid erkaufen läßt.“ Dieſe Gründe beſtimmten Milton, ungeachtet des väterlichen Wunſches, das Studium der Theologie aufzugeben und eine andere Lebensrich⸗ tung einzuſchlagen. An die Stelle der Kirchenväter waren für ihn die Dichter und Schriftſteller des klaſſiſchen Alterthums getreten, aber nichts deſto weniger nahm er noch den lebendigſten Antheil an den Glaubenskämpfen ſeiner Zeit und ſo oft er daran wie jetzt erinnert wurde, ſtellte er ſich auf die Seite der Unterdrückten und Verfolgten. Das eben gehörte Geſpräch erfüllte ihn von Neuem mit Abnei⸗ gung gegen die Anmaßung und Strenge der biſchöflichen Kirche und er hätte nicht Dichter ſein müſſen, um nicht auf Seiten der freieren Glaubensrichtung ſich zu ſtellen und den Bekennern derſelben beizu⸗ ſtimmen. Durch all dieſe Betrachtungen, welche in ſeiner Seele auf⸗ ſtiegen, erhielt ſeine ganze Umgebung eine andere und düſtere Färbung. Die ſchöne Landſchaft verlor ihren Reiz für ihn, das fürſtliche Schloß vermochte ihn nicht länger zu begeiſtern. Seine lebhafte Phantaſie führte ihn in die niedrigen Hütten des Volkes, wo der arme Land⸗ mann bei verſchloſſenen Thüren ſeinen verbotenen Gottesdienſt ausübt. Er ſah den angeklagten Henderſon aus dem Bette geriſſen, mit Feſ⸗ ſeln beladen, zitternd vor dem ſtrengen Richter ſtehn. Das herrliche Gebäude, welches noch kurz vorher ihn mit Bewunderung erfüllt hatte, verwandelte ſich in einen großen Kerker, in deſſen unterſtem Verließe die gequälten Sektirer ſchmachten. Es drängte ihn ſelbſt, als ihr Vertheidiger aufzutreten und für die Freiheit des Glaubens, füy das Recht des gedrückten Volkes ein großes Wort zu ſprechen, eine erlö⸗ ſende That zu thu. Solche Gedanken tauchten wohl von Zeit zu Zeit ſchon früher in der Seele des Dichters auf, aber die Liebe zu den Wiſſenſchaften, die Beſchäftigung mit den idealen Schöpfungen des Alterthums und der Poeſie verdrängten wieder dieſe Ideen und ließen ihn in ſeiner Studirſtube über die Herrlichkeit der vergangenen Tage die Leiden und Mängel der Gegenwart vergeſſen. Noch war für ihn nicht die Zeit gekommen, an den politiſchen und religiöſen Kämpfen ſeines Landes den lebendigen Antheil zu nehmen, wie er es ſpäter that. Auch in — 2— dieſem Augenblicke erlitten ſeine Anſchauungen bald wieder eine andere Richtung. Durch eine Seitenpforte, welche nach dem Garten führte, trat ein holdes Mädchen. Sogleich erkannte er Alice wieder„ trotzdem ſie in gänzlich veränderter Kleidung erſchien. Den prächtigen Reitrock von grünem Sammt, reich mit Gold geſtickt, hatte ſie mit einem leichten, weißen Morgengewande vertauſcht, das wie eine ſilberne Welle ſich um die herrliche Geſtalt ſchmiegte und die reizenden Formen im Mor⸗ genwinde umflatterte. Statt des kühnen Baretts mit der wehenden Feder wallte ein Schleier um das jugendliche Haupt, nur zum Theil die üppige Fülle der goldenen Locken verbergend. Neben ihr ſtand ein Kammermädchen, welches auf ihren Armen einen Korb mit allerlei Getreidearten angefüllt trug. Von Zeit zu Zeit griff Alice mit ihren weißen Händen in denſelben und ſtreute ſeinen Inhalt auf dem Boden aus; zugleich ließ ſie einen ſanften, lockenden Ruferſchallen. Es dauerte auch nicht lang und der Platz, auf dem ſie ſtand, füllte ſich mit den geflügelten und ſelbſt vierfüßigen Bewohnern“des Hofes. Flatternde Hühner unter Anführung des ſtattlichen Haushahns und gefräßige Enten ſammelten ſich um ihre Wohlthäterin. Aus der ſonnigen Höhe des Daches und von den Zinnen ſchwirrten die girrenden Tauben nie⸗ der, dazwiſchen wandelte der ſtolze Pfau und blähte ſich, ſein glän⸗ zendes Geſieder entfaltend, wobei er ſein unangenehmes Geſchrei er⸗ tönen ließ. Auch ein zahmes, weißes Reh kam herangeſprungen und zupfte, weil es ſich vernachläßigt glaubte, die ſchöne Herrin an ihrem Kleid. Es war ein reizendes Schauſpiel, das ſich dem lauſchenden Dich⸗ ter darbot und er genoß mit Entzücken den heiteren Anblick. Mitten unter dem kollernden„krähenden und gluckſenden Haufen ſtand das liebliche Mädchen, wie eine Göttin, welche mit ſegensreichen Händen den Creaturen das tägliche Brod ſpendet. Ein heiteres Lächeln der Zufriedenheit umſchwebte ihre Lippen und oft ſteigerte ſich daſſelbe zu einem lauten Ausbruche des fröhlichſten Muthwillens, wenn eines der Thiere im allzugroßen Eifer umpurzelte, oder die ihm beſtimmten Körner von den andern ihm vor der Naſe weggeſchnappt wurden. Im nächſten Augenblick entſchädigte ſie jedoch die zu kurz Gekommenen mit reicher Spende. Niemand durfte unbefriedigt von ihrem Mahle gehen. —— Selbſt dem melancholiſchen Puterhahn entlockte ſie ein anerkennendes Kullern der Zufriedenheit; ja er vergaß ſeinen Stolz und die üble Laune ſo ſehr, daß er ſich auf ihren Zuruf unter den gemeinen Hüh⸗ nerpöbel miſchte, freilich dieſelben keines Blickes würdigend. Schnell ſtürzte er ſich auf die ihm zugedachte Gabe, erhaſchte ſie und zog ſich dann verächtlich mit den Flügeln zuckend wieder aus der nicht eben⸗ bürtigen Geſellſchaft zurück. Beſonders reichlich bedachte Alice ihre Lieblinge, die Gluckhenne mit ihren Küchlein und die Tauben, welche ſie koſend umflatterten. Das weiße Reh war aber am beſten daran, denn es durfte ſein Frühſtück aus den Händen ſeiner Gebieterin neh⸗ men, wofür es zum Dank dieſelben küßte. Bald war der reiche Vor⸗ rath des Körbchens geleert, das die Dienerin zurückempfing. Alice klatſchte jetzt in ihre Hände und der ganze Schwarm zerſtob. Wie eine Silberwolke ſtiegen die Tauben mit einem ſchwirrenden Ton von der Erde auf, wiegten ſich hin und her in der reinen Luft, bis auch ſie verſchwanden.— Nur das weiße Reh folgte in gewohnter Treue der gütigen Herrin, welche den Weg nach dem Garten einſchlug, um dort ihren Blumen den täglichen Morgenbeſuch abzuſtatten. 7. Wunderbar iſt eines Menſchen und gar eines Dichters Herz. Wie Schilfrohr im Winde ſchwankt es hin und her, von jedem Lüftchen bewegt. Ein Blick aus einem ſchönen Augenpaar, ein Wort von ſüßen Lippen, das Wehen einer blonden Locke, der ſchwebende Gang einer ſchlanken Geſtalt und alle Entſchlüſſe und Vorſätze ſind dahin, wir ſehen die Welt in einem andern Licht. Wo kurz vorher eine dunkle Wolke ſtand, ſtrahlt jetzt der hellſte Sonnenſchein, wo wir noch im Augenblick nur ſtechende Dornen ſahen, ſprießt ein blühendes Ro⸗ ſenfeld. Welch ein Zauberer iſt unſere Phantaſie, welch ein thöricht Ding des Menſchen Herz, das ſich von ihr leiten läßt!— So erging es auch Milton, den die Erſcheinung Alicens plötzlich von all ſeinen früheren Gedanken abzog. Mit einem Male war er nun wieder der Dichter, ganz berauſcht von dem lieblichen Schauſpiel, das er ſo eben genoſſen. Als das holde Mädchen indeß verſchwunden — 1— war und die Richtung nach dem Garten eingeſchlagen hatte, empfand auch er unvermuthet den lebhafteſten Wunſch, den ſchönen Morgen im Freien zu genießen. Nirgends aber ſchien ihm die Natur ſchöner, die Luft milder, die Sonne heller als in dem Garten, wo er Alice wußte. Schnell wollte er ſeinen Entſchluß ausführen, doch mitten in der Ausführung deſſelben erfaßte ihn eine unerklärliche Befangen⸗ heit. Es war ihm zu Muthe, als ob er im Begriffe ſtände, etwas Unrechtes zu begehen. Einige Augenblicke ſchwankte er unſchlüſſig wie Herkules am Scheidewege; zuletzt aber unterlag er der Verſuchung. Nur noch einen Blick warf er auf den ſchlummernden Freund, der ruhig noch im tiefſten Schlafe lag, dann verließ auch er das Gemach. Langſam ſtieg Milton die breite Sandſteintreppe nieder, noch im⸗ mer auf jeder Stufe überlegend, ob es für ihn auch ſchicklich ſei„ der Zauberin, die ihn ſo unwiderſtehlich nach ſich zog, zu folgen. Sein Weg führte ihn durch eine lange Gallerie, deren Wände mit den er⸗ lauchten Ahnen des Hauſes bekleidet waren. Indem er einen flüchtigen Blick auf die ſtattlichen Männer und geſchmückten Frauen warf, unter denen ſich die höchſten Würdenträger des Staates befanden, fühlte er zum erſten Male die faſt unüberſteigliche Kluft, welche ihn von der Enkelin dieſer hochgeſtellten Perſonen trennte. In den ſtolzen Zügen dieſer edlen Lords und frommen Prälaten, zum Theil von Meiſter⸗ händen niederländiſcher Künſtler gemalt, glaubte er eine entſchiedene Mißbilligung ſeines Schrittes zu leſen. Erſt als er die Gallerie durchſchritten und an der geöffneten Pforte ſtand, welche in den Gar⸗ ten führte, verlor ſich dieſe mit Ehrfurcht gemiſchte Beklommenheit. Blumenduft und Vogelſang verſcheuchten bald die aufſteigenden Beſorgniſſe des Dichters. Wie anders und um wie viel freier ſchlug ſein Herz unter den rauſchenden Bäumen, als drinnen in den hohen Hallen, deren gewaltige Maſſe ihn zu erdrücken, deren eiſige Kälte ihn zu erſtarren drohte. Hätte er Alice dort gefunden, wie verſchieden wäre ſeine Begegnung mit ihr geweſen, kaum hätte er ſie anzureden gewagt. Hier im Garten fehlte es ihm weder an Muth noch Luſt dazu.— Es verging jedoch noch eine geraume Zeit, ehe er ſeinen Vorſatz auszuführen vermochte. Die ſorgfältig gepflegten Kiesgänge führten nach den verſchiedenſten Richtungen, von denen Alice doch nur eine einzige eingeſchlagen haben konnte. Millton irrte daher durch ein — †5ᷣ— Labyrinth von Blumenbeeten, verſchwiegenen Boskets und ſchattigen Laubgängen, ehe er das ſchöne Mädchen fand. Der Garten war im Geſchmack jener Zeit äußerſt weitläufig angelegt und zerſiel in mehrere Abtheilungen. Noch hatte damals nicht in England der franzöſiſche Gartenſtyl, der ſelber in ſeinem Vaterlande erſt im Entſtehen begrif⸗ fen war, mit ſeinen ſteifen Formen Eingang gefunden. Weit mehr herrſchte der italieniſche Geſchmack in den Gärten der Vornehmen, angepaßt den eigenthümlichen Verhältniſſen. Ein beſonderer Raum war für Küchengewächſe, ein eben ſolcher für die wichtigſten Heilkräuter abgezweigt, daran ſchloß ſich der eigentliche Luxusgarten. Mehrere Stufen führten zu demſelben hinauf, da er teraſſenförmig den Berg emporſtieg, auf welchem das Schloß lag. Eine Reihe von Orangen und Citronenbäumen, damals noch eine größere Seltenheit als jetzt, faßten den Hauptweg ein. Zwiſchen ihnen ſtanden einige Statuen nach griechiſchen Vorbildern von engliſchen Bildhauern gearbeitet, welche Zeugniß ablegten, daß auch dieſer bisher vernachläſſigte Kunſtzweig eine ſorgfältigere Pflege fand. Die Blumenbeete konnten allerdings keinen Vergleich mit unſerer heutigen Kultur aushalten, da dieſelben ſich größtentheils auf einheimiſche Pflanzen beſchränkten und alle die exotiſchen Gewächſe der Neuzeit ihnen mangelten. Dafür entſchädigten die üppigen Boskets und einzelne Baumgruppen von außerordentlicher Schönheit. Ein lebendiger Quell, welcher dem Felſen entſprang, rie⸗ ſelte in geſchlängelten Windungen durch den ganzen Garten und ver⸗ breitete überall eine liebliche Kühle. Rauſchend ſtürzte er in ein Baſſin hernieder, in deſſen Mitte ſich eine Gruppe von badenden Nymphen und ſchwimmenden Tritonen befand, die in ihren Händen und an ihren Lippen gewundene Muſchelhörner hielten. Um den Rand des Baſſins waren mehrere Bänke von Sandſtein angebracht, rings von ſchattigen Büſchen umgeben. Von dieſem lauſchigen Winkel ge⸗ noß man die köſtliche Ausſicht zugleich auf das Schloß und zwiſchen den benachbarten Hügeln den Fernblick auf die fruchtbare Landſchaft. Dies Plätzchen war auch der Lieblingsaufenthalt Alicens und hier traf ſie der Dichter nach längerem Umherirren in dem weitläufigen Garten. Ihre zarte Geſtalt im weißen Gewand mahnte ihn wohl an die Nymphe des Quells. Schüchtern und, mit ſchwankenden Schritten — 76— nahte er ihr. Sie hatte ihn indeß bemerkt und war von ihrem Sitze aufgeſtanden. Ein zartes Roth färbte ihre Wangen, als ſie ihn nach den Begegniſſen des geſtrigen Tages ſo unvermuthet wiederſah. — Verzeiht, ſagte Milton, indem er ſich tief verneigte, wenn ich durch Zufall Euch in Eurer Einſamkeit geſtört habe. Der herrliche Morgen und die Schönheit des Gartens haben mich verführt und da ich die Pforte offen fand, ſo bin ich ohne Erlaubniß eingedrungen. Zürnt mir nicht wegen meiner Vermeſſenheit. Ich will ſogleich mich wieder entfernen. — Ihr ſtört mich nicht, entgegnete ſie nicht ohne Befangenheit. Als Gaſt unſeres Hauſes ſeid ihr überall willkommen und ich freue mich, wenn Euch der Garten gefällt. Ihr habt Euch gewiß ſchon ein wenig umgeſehen, doch die ſchönſten Punkte kennt ihr noch nicht. Ich will ſie Euch zeigen. Ehe Milton ihr danken konnte, war ſie behend an ſeiner Seite. Das zahme Reh, welches bisher zu ihren Füßen gelegen hatte, ſprang in anmuthigen Sätzen jetzt nebenher und alle drei wandelten durch den duftigen Garten. Anfänglich ſtockte wohl noch zuweilen das Ge⸗ ſpräch, bald aber überwanden Beide die unter ſolchen Verhältniſſen natürliche Scheu. Alice fand zuerſt die nöthige Sicherheit und Selbſt⸗ beherrſchung wieder. Als Wirthin führte ſie ihren Gaſt von einer Lieblingsſtelle zu der andern und machte ihn auf die wechſelnde Schön⸗ heit der Landſchaft und des Gartens aufmerkſam. Bald mußte er einen beſonders prächtigen Baum, bald eine Blume, die ſie ſelbſt ge⸗ zogen, bald die Ausſicht auf eine Ruine aus der Römerzeit, oder auf ein verfallenes altbrittiſches Caſtell bewundern. Zuweilen verſetzte ſie ſelbſt ein derartiger Anblick von Neuem in Entzücken und ſie unter⸗ brach mehr als einmal das eben begonnene Geſpräch mit dem Aus⸗ ruf: O! wie herrlich, wie bezaubernd!— Dann ließ es Milton nicht an ſeinen beiſtimmenden Worten fehlen, wobei er mit feinem poetiſchen Sinn der Schönheit der Landſchaft und des Schloſſes die vollſte Ge⸗ rechtigkeit widerfahren ließ. Wunderbarer Weiſe ſtimmten Beide in ihrem Wohlgefallen immer überein und was Alicen hinriß, entzückte auch ſicherlich ſtets den begeiſterten Dichter. Nie hatte er ſo viel Schönheiten in der Natur entdeckt und genoſſen, als an der Seite ſeiner holden Begleiterin. In der That erſchien ihm der Garten wie — 772— ein Paradies, worin er ſich mit Alice die Rolle des erſten Eltern⸗ paars in Gedanken zuertheilt haben mochte. So gingen ſie hin, vor⸗ über wie im Traum an den duftenden Blumenbeeten, an den weißen Marmorbildern, durch die ſchattigen Laubengänge von rankenden Wein⸗ reben gebildet. Langſam ſtiegen ſie zu der Teraſſe empor, wo ſie an die Steinbaluſtrade gelehnt in die Tiefe gedankenvoll niederſchauten. Zu ihren Füßen breitete ſich das ſonnige Thal mit ſeinen zerſtreuten Häuſern und Hütten aus. Zwiſchen üppigen Wieſen und bläulichen Saatfeldern floß der ruhige Strom. Von ſeinen Wellen getrieben drehte ſich das Mühlrad im raſchen Schwung und die Tropfen, welche von den Speichen ſtäubten, funkelten im ſtrahlenden Morgenlicht wie Schnüre von Demanten und Perlen. Sanft gleitete ein Nachen auf den Wellen hin und die Morgenglocken der ihren Blicken entzogenen Kathedrale von Ludlow tönten wie ferne Geiſterſtimmen zu ihnen herüber. Hier genoſſen ſie Augenblicke, wie ſie nie im Leben wiederkehren, Momente des reinſten Glückes. Was Alice zu Milton ſprach, klang wie eine Offenbarung für ihn. Die wundervolle Umgebung, der herr⸗ liche Maitag ſchloß ihre ganze Seele auf. Schnell hatte ſite Ver⸗ trauen zu dem ihr nicht gänzlich unbekannten Dichter gefaßt; er war ihr kein Fremder mehr. Sie nahm keinen Anſtand, ihm ihre inner⸗ ſten Gedanken und Empfindungen mitzutheilen. Was er hier entdeckte, glich der Natur, die ihn umgab. Frühlingswonne und Frühlings⸗ leben wogte in ihrer Bruſt, ſonnige Reinheit und Klarheit erfüllte ihre Seele und in ihrem Herzen blühte und duftete der Zauber der Unſchuld. Ihr hochgebildeter Geiſt erging ſich an ſeiner Seite in dem Wunderreich der Poeſie. Die Dichter ihres Vaterlandes waren ihre ſteten Freunde und Begleiter geweſen, aber ſelbſt die Schriftſteller fremder Nauonen, ſogar das klaſſiſche Alterthum war ihr nicht ganz fremd geblieben. Alice hatte wie viele edle Frauen und Mädchen jener Zeit eine weit ſorgfältigere Erziehung genoſſen, als unſere heu⸗ tige Damenwelt. Sie hatte Arioſt und Taſſo im Original kennen gelernt und ſelbſt den Verſuch gewagt, Virgil und Horaz in der Ur⸗ ſprache zu leſen. Solche Kenntniſſe waren in den Tagen der wieder erwachenden Wiſſenſchaft unter den höheren Ständen nicht ungewöhn⸗ lich und man traf darunter ſo manche Frau, welche mit ächt weib⸗ — 28— licher Anmuth und Liebenswürdigkeit eine tiefere Gelehrſamkeit und mehr als oberflächliche Kenntniſſe des klaſſiſchen Alterthums verband. Die Töchter des Kanzler Morus, die durch ihr trauriges Schickſal berühmte Jane Grey und die Königin Eliſabeth wetteiferten in dieſer Hinſicht mit den gebildetſten Männern ihrer Zeit. Auch Alice, welche auf den Wunſch des Vaters an dem Unterricht ihrer Brüder Theil genommen hatte, überraſchte den ſtaunenden Milton durch einen Schatz von gediegenen Kenntniſſen, die ihr in den Augen des jungen Gelehrten einen neuen Reiz verleihen mußten. 3 Wie entzückte es ihn, bald ein klaſſiſches Citat, bald die melodiſchen Verſe aus dem befreiten Jeruſalem⸗oder dem raſenden Roland von ſolch ſchönem Munde zu hören; und wie leuchteten dagegen ihre Au⸗ gen, wenn er mit ihr von den Schönheiten des Alterthums, von den Geſängen Homers oder den erhabenen Dramen des Aſchylus ſprach. Sie vermochte ihm überall hin zu folgen und verrieth das innigſte Verſtändniß mit einer Welt, welche ſonſt der gewöhnlichen Denkweiſe eines jungen Mädchens fern liegt. Unmerklich wurde ſie zur Schü⸗ lerin, die begeiſtert an den Lippen ihres neuen Lehrers hing. Wie Abälard und Heloiſe in früheren Jahrhunderten das ſüße Gift der Liebe aus dem Becher der Wiſſenſchaft und Forſchung leerten, ſo ſtahl ſich auch hier die wachſende Neigung unter der Maske der Lernbegierde und des Bildungstriebs in die Herzen Miltons und Alicens ein. Die Strophen und Geſänge längſt vermoderter Dichter glichen den Samen⸗ körnern, welche man in Jahrtauſende alten Gräbern Aegyptens auf⸗ gefunden hat, und die in fruchtreiches Erdreich geſenkt von Neuem keimen, blühen und Früchte tragen. Aber nicht nur die Gedankenwelt der helleniſchen und römiſchen Vorzeit bot ihnen unzählige Berührungspunkte, auch die Gegenwart mit ihrer aufgeregten, religiöſen Stimmung forderte zu einem gegen⸗ ſeitigen Austauſch der Anſichten auf, wobei die wichtigſten Fragen der Menſchheit in Betracht kamen. Alice beſaß wie die meiſten Frauen ihrer Zeit ein lebendiges Gefühl für die ewigen Wahrheiten des Chriſtenthums. Der Glaube an den göttlichen Erlöſer und die volle Hingebung an ſeine Lehren und ſein Beiſpiel bildeten den Grundton ihres ganzen Weſens. Der frühere Hauslehrer ihrer Brüder, Jeremy Taylor, welcher ſpäter einer der berühmteſten Theologen Englands „ —„— und die Hauptzierde der biſchöflichen Kirche wurde, hatte Alicens re⸗ ligiöſen Sinn frühzeitig gebildet und eine beſtimmte Richtung gegeben. Sie bekannte ſich offen zu der herrſchenden biſchöflichen Kirche, wäh⸗ rend Milton ſich ſchon damals zu der freieren Anſchauung der ver⸗ folgten Sektirer hinneigte. Der Widerſpruch, welcher ſich in dieſer Beziehung zwiſchen Beiden geltend machte, war für ſie eher ein An⸗ ziehungs⸗ als ein Scheidungspunkt. Gegenſeitig bemüht, ſich zu über⸗ zeugen, verliehen ſie ihrer Unterhaltung ein eifriges Intereſſe und indem ſie ihre abweichenden Meinungen vertheidigten, ſtieg die perſön⸗ liche Hochachtung und Zuneigung für einander. Es war gewiß ein eben ſo eigenthümliches als anziehendes Schau⸗ ſpiel, das ſich dem Beobachter hier darbot. Ganz im Geiſte jener Tage tauſchten dieſe zwei junge Leuten, deren Herzen von Liebe erfüllt waren, Angeſichts der blühenden Natur, nicht ihre zärtlichen Gefühle, ſondern ſcharfſinnige Anſichten und Gedanken über die ſubtilſten theo⸗ logiſchen Fragen aus. Ein heiliger Bekehrungseifer röthete die Wangen des lieblichen Mädchens, ließ die glänzenden Augen des Dichters heller erſtrahlen, wenn er angeregt von ſeiner Freiheitsliebe mit begeiſterten Worten gegen die Tyrannei der Regierung und der Biſchöfe ſeine Stimme erſchallen ließ. — Nein, nein! ſagte er im Eifer des Geſpräches. Ihr könnt nicht läugnen, edles Fräulein, daß die biſchöfliche Kirche ſich mit je⸗ dem Tage mehr der römiſchen wieder zuneigt und uns den Katholi⸗ eismus mit dem ganzen Gefolge ſeiner Abgötterei und dem Geiſtes⸗ zwange der Inquiſition wieder aufnöthigen will. — Da ſei Gott für, erwiederte Alice mit dem ungeheuchelten Entſetzen einer guten Proteſtantin jener Zeit. — Hat man nicht, fuhr Milton fort, ſchon gewagt, unſer heiliges, kaum errungenes Paladium wieder anzutaſten? Mit ſcheelen Seiten⸗ blicken ſieht man auf die Bibel, welche aus dem Staub gezogen und der Menſchheit wieder gegeben iſt. Will man uns nicht dieſes Banner von Neuem entreißen, um das ſich die nach Offenbarung dürſtenden Seelen ſchaaren, das die Märtyrer aus ihrem Todesſchlaf erweckt, da⸗ mit ſie laut ihr Zeugniß ablegen und die Finſterniß bekämpfen helfen, in welche man gewaltſam uns ſtürzen will.— Sprechen dieſe Anzei⸗ chen nicht vernehmlich und deutlich genug für den, welcher Ohren hat * — 80— zu hören und Augen um zu ſehen? Was iſt dieſe biſchöfliche Kirche anders, als der verkleidete Katholicismus? — Ihr geht zu weit. Der König iſt ein guter Proteſtant und wird den theuer errungenen Glauben nimmer mehr verrathen. — Und hat er nicht durch die Wahl der katholiſchen Gattin dem hereinbrechenden Übel ſelber jeden möglichen Vorſchub geleiſtet? Aber er wird ſeine Irrthümer zu ſpät einſehen. Statt das Königthum zu ſchützen und zu befeſtigen, hat dasſelbe keinen tödtlicheren Feind als das Episkopat. Wenn dasſelbe ſich an den Thron anklammert, ſo geſchieht es lediglich, um ihn zu ſtürzen. Freilich wird den Royaliſten oft genug geſagt: keine Biſchöfe, kein König mehr, aber ſie wiſſen nicht, daß dieſes Stichwort von den Jeſuiten herrührt, um die Axt der Re⸗ formation abzuſtumpfen, nachdem dieſe bereits die Wurzeln des Papſt⸗ thums angetaſtet hat. Ich will nicht erſt Beiſpiele anführen wie Thomas von Kanterbury und den ſtolzen Wolſey, welche gegen ihre Herrſcher ſich mit Rom verbündet hatten und die ſchlimmſten Feinde des königlichen Anſehens waren, nur die eine Frage ſollt Ihr mir be⸗ antworten? Worauf ſtützt ſich die Herrſchaft der Fürſten, wenn nicht auf die Zahl, die Kraft, den Reichthum und die Liebe ihrer Unter⸗ thanen? Das Episkopat aber hat ohne Achtung und Gewiſſensbiſſe dieſe Bollwerke und Schutzwälle der Krone zerſtört. Seine Haupt⸗ waffe iſt die religiöſe Verfolgungsſucht.— Wer weiß nicht, wie viele tüchtige, freigeborne und chriſtlich geſinnte Engländer den heimiſchen Herd um ihres Glaubens willen verlaſſen mußten und keine andere Zufluchtsſtätte fanden als den wüſten Ocean und die wilden Einöden Amerikas? Ach! wenn unſer theures Vaterland ſich verkörpern könnte, in welcher Geſtalt, glaubt ihr wohl, daß es in dieſem Augenblick er⸗ ſcheinen würde? In Trauerkleidern, Aſche auf das Haupt geſtreut, die Augen in Thränen gebadet würde es vor uns ſtehn, weinend und klagend bei dem Anblick ſeiner verfolgten und vertriebenen Kinder, die nackt in das Elend hinausgeſtoßen werden, weil ihr Gewiſſen ſich gegen den ihnen zugemutheten Zwang empört. — Ich beklage gewiß mit Euch, ſagte Alice von der Schilderung des Dichters ergriffen, dieſe traurigen Vorgänge, welche jeder Ver⸗ nünftige mißbilligen muß. Auch mein Vater hat bereits ſich in dieſem Sinne ausgeſprochen, ſelbſt auf die Gefahr hin„ am Hofe Mißfallen —O—O—ę—ꝭ—ꝭ—Q—ę—ꝭQꝭQO—QOQOQC⸗c ·— — 81— zu erregen. So viel an ihm liegt, ſucht er gegen die Sektirer, ein mildes und ſchonendes Verfahren zu beobachten; aber verſchulden nicht dieſe Puritaner und Presbyterianer ihr eigenes Geſchick? Wollen ſie nicht durch ihre gränzenloſe Liebe zu einer mißverſtandenen politiſchen und religiöſen Freiheit die Grundfeſten umſtürzen, auf denen unſer ganzes Staatsleben beruht, bedrohen ſie nicht die geheiligte Majeſtät des Königs wie das Anſehen der Kirche? — Verzeiht, mein edles Fräulein, aber ich höre Euch ſprechen, wie die meiſten Anhänger der biſchöflichen Kirche. Seit ewigen Zeiten haben ſich die Prieſter mit der Kirche ſelbſt, oder vielmehr mit dem Glauben und der Religion verſchmolzen hingeſtellt. Beide ſind aber weſentlich von einander verſchieden wie das Gefäß von ſeinem Inhalt; das Gold von dem Bergmann, der es gräbt, oder dem Arbeiter, der es formt. Der Wein bleibt Wein, ob er von irdenen oder ſilbernen Bechern umſchloſſen wird und das Gold verliert nicht ſeinen innern Werth, ob es dieſe oder jene Faſſung an ſich trägt. Nicht das Wort, ſondern der Geiſt und der Gedanke machen lebendig. — Aber der Inhalt verlangt auch ſeine beſtimmte Form, ohne die er nicht beſtehen und ſich behaupten kann.. 2 — Dieſe Form iſt auch verhanden und zwar gegeben durch Chriſtus ſelbſt, durch den Erlöſer und den Heiland der Welt. Gerade dieſes reine Gold wollen die ſo gänzlich verkannten Puritaner von allen irdiſchen Schlacken befreit wieder herſtellen. Sie gehen zu den Urquellen des Chriſtenthums zurück, aus den heiligen Büchern, welche uns die Apoſtel hinterlaſſen haben, ſchöpfen ſie ihren Glauben. Das Wort ſoll nicht länger ein Wort bleiben, ſondern Fleiſch, das Chriſtenthum zur vollen Wahrheit werden. Sagt ſelber, ob dies jetzt ſchon der Fall iſt. Wo findet ihr in England chriſtliche Liebe, Duldung, Selbſt⸗ entſagung und Hingebung? Am Hofe herrſcht der Uebermuth und das Laſter zeigt ſich ungeſchminkt in der Nähe des Königs. Seine Höflinge geben ein tägliches Aergerniß durch ihren üppigen Lebenswandel, durch die Frechheit ihres Betragens. Die Biſchöfe, welche ſich die Nachfolger der Apoſtel nennen, ſind weit davon entfernt, einem ſolchen Beiſpiele zu folgen. Sie würden über Eure Thorheit lachen, wenn Ihr ihnen zumuthetet in Armuth zu leben und ſich die ſchweren Entbehrungen ihrer heiligen Vorgänger aufzulegen. Statt deſſen ſchwelgen ſie in O. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 6 —— — 8— „ den reichen Einnahmen, welche ſie dem armen Volke entpreſſen. Gleich aufgeblähten Schwämmen ſaugen ſie ſich voll von Gold. Wo iſt die geprieſene Demuth hingerathen? Ihr geiſtlicher Hochmuth und Stolz hat keine Gränzen mehr. Wehe dem, der ſich nicht vor ihrem Anſehen beugt. Die ſchwerſten Bußen und Erpreſſungen werden ihm von der furchtbaren Sternkammer, dieſem Gerichtshof der Hölle, auferlegt. Sagt ſelber, ob ich übertreibe. So werden die Lehren des Chriſtenthums befolgt, das in ſolcher Geſtalt nur wie eine große Lüge, eine furcht⸗ bare Heuchelei erſcheinen muß. — Und dieſe mächtige Revolution wollen Eure Puritaner voll⸗ bringen? Was können und was werden ſie an die Stelle ſetzen? — Gott und die Freiheit, rief der Dichter begeiſtert aus. Nicht jene irdiſche Willkür, welche zügellos zum Umſturz alles Beſtehenden treibt und die geſellſchaftliche Ordnung in ihren Grundfeſten erſchüttern will, ſondern eine Freiheit des Geiſtes, eine Tochter des Himmels, die aus dem Chriſtenthume und der heiligen Schrift ſelber entſpringt und auf den ewigen Lehren derſelben beruht. Wie wir im Staate einen König anerkennen, dem zur Seite die edelſten und würdigſten Bürger ſtehen, das durch die freie Wahl des Volkes hervorgegangene Parlament; ſo ſoll auch die Kirche in dem Könige, den Stellvertreter des Heilands, ehren, der nach der Schrift das Scepter Davids in ſeinen Händen hält. Um ihn aber müſſen ſich die weiſeſten und edelſten Männer ſchaaren, ebenfalls hervorgegangen aus freier Wahl, die Verkündiger des gött⸗ lichen Wortes. Die Kirche Englands will keinen unumſchränkten Papſt, keine Biſchöfe, welche ein königlicher Machtſpruch ernennt, ſon⸗ dern wie zu den Zeiten der Apoſtel, nur vom Volk beſtellte Prieſter und Diakonen. Wenn dieſe dem Beiſpiele ihrer Vorgänger treulich folgen und aus denſelben Quellen, wie jene ſchöpfen, dann wird auch das Chriſtenthum zu ſeiner urſprünglichen Reinheit zurückkehren und Gerechtigkeit, Wahrheit, Liebe und Duldung die Herzen all ſeiner Bekenner erfüllen. Dann wird in Mitten der Hymnen und Hallelujahs der Heiligen ſich eine Stimme in hohen Weiſen und voll neuer und ſüßer Melodien vernehmen laſſen, um der göttlichen Vorſehung Lob zu ſingen und ſie zu preiſen, daß ſie dies Land für alle Jahrhunderte ge⸗ rettet, dieſe Nation von allen Irrthümern befreit, und zu der weiſeſten frömmſten und beſten auf der Erde erhoben hat. Schon ſehe ich wie 2 — 83— die Wolken zerreißen und ſtrahlend das Heil der Welt auf uns nieder blickt, das auserwählte Volk ſegnet mit der Fülle ſeiner Gnade, ein Ende ſetzt jeder irdiſchen Tyrannei, und heraufbeſchwört ein Reich der Liebe und des Friedens, worin in Eintracht alle Gläubigen wohnen und laut die Güte und die Huld des Herrn preiſen. O, daß Ihr wahr ſprächet, erwiederte Alice mit ſtrahlenden Augen, daß dieſer Wunſch in Erfüllung ginge!— Wenn ich Euch auch nicht in jeder Beziehung beipflichten kann, ſo doch in dem Einen, daß die Zeit der gegenſeitigen Duldung und Nachſicht bald kommen möge. Wie oft hörte ich aus dem Munde meines verehrten Lehrers Jeremy Taylor ähnliche Worte. Auch er war ein Feind jeglicher Verfolgung und obwohl ein ſtrenger Anhänger der biſchöflichen Kirche, dennoch voll Milde und Sanftmuth gegen Andersgläubige. Wie wunderbar! Wenn ich Euch, Herr Milton, ſprechen höre, ſo iſt es mir gerade zu Muthe, als ſtände er vor mir. Ihr beſitzt dieſelbe Begeiſterung, dieſelbe reich geſchmückte, blühende Redeweiſe wie jener treffliche Mann und ſelbſt der Klang Eurer Stimme mahnt mich an ihn. Er hätte Euch beſſer auf eure Gründe geantwortet als ein unwiſſendes Mädchen kann. Denn er war ein hochgelehrter Mann und in der Theologie beſonders wohlbewandert. Gewiß er wäre für Euch ein ebenbürtiger Gegner geweſen. Wie Schade, daß er nicht mehr hier iſt, denn trotz Eurer entgegengeſetzten Meinung hättet ihr Euch ſicherlich mit ihm befreundet. Edle Männer, ſo hörte ich ihn oft ſagen, bekämpfen einander, ohne ſich zu verfolgen. Nur Gott allein kennt die Wahrheit, darum iſt es ſträflich, wenn Menſchen ſich zu Richtern und Rächern derſelben aufwerfen wollen. Die verſchiedenſten Wege können zu demſelben Ziele führen, an dem ſich die Guten aller Zeiten und Länder, mögen ſie auch von den entgegengeſetzten Punkten ausgegangen ſein, am Ende doch wiederfinden, um ſich in Friede und Liebe die Hand zu reichen. So wollen wir auch jetzt thun, obwohl wir von einander, wie ich ſehe, in manchem weſentlichen Punkt abweichen und wo wir uns auch treffen mögen, ſei unſere Loſung und das Wiedererkennungszeichen: Duldung und Nachſicht, Freundſchaft und Liebe. Leiſe flüſterte das treffliche Mädchen die letzte Worte, welche in ihrem Munde noch eine andere und ſüßere Bedeutung für den glück⸗ lichen Dichter erhielten. Milton ergriff die ihm dargebotene Hand und 6*. — 84— hielt dieſelbe lange ſprachlos in der Seinigen wie ein Pfand, das er nie wiederzugeben geſonnen war. So feierten hier in dem blühenden Garten die entgegengeſetzten Parteien im Voraus das heilige Feſt der Verſöhnung, welche erſt nach langen blutigen Bürgerkriegen England zu Theil wurde. Irdiſche und göttliche Liebe, wunderbar mit einander verſchmolzen, vollbrachten in einem Augenblick das hohe Werk, woran die Staatskunſt der größten Politiker, die Ueberredungskraft der bedeu⸗ tendſten Redner, die Anſtrengung eines ganzen, mächtigen Volkes ver⸗ gebens viele Jahre arbeiteten. Ein flüchtiger Moment bewirkte, was Jahrzehnte nicht vermochten und füllte die Kluft aus, welche den Par⸗ teien unüberwindlich ſchien, heilte die tiefften Wunden und goß den Balſam des Friedens in die aufgeregten Wellen der Zeit. Willig überließ Alice dem Dichter ihre Hand. So ſtanden ſie auf der Terraſſe, an die Balluſtrade gelehnt und ſchauten bald in das 3 ſanfte Thal zu ihren Füßen, bald Aug in Auge tief verſenkend. Die Begeiſterung hatte ſie ſtumm gemacht. Was konnten ſie einander⸗ noch nach ſolchen Worten ſagen? Jedes andere Geſpräch hätte nur die Heiligkeit dieſer Stunde und die ernſte Weihe des köſtlichen Augen⸗ blicks geſtört. Nur die verhallenden Glockentöne der Kathedrale, welche Friede und Freude den Menſchen verkündigten, ſielen harmoniſch in die Andacht der jungen Herzen ein, welche heute ihre Auferſtehung, den Oſtermorgen der erwachenden Liebe, feierten. 8. Auf dem Rückwege nach dem Schloſſe begegnete Alice ihrem jün⸗ geren Bruder. Thomas war ſpäter als ſeine Geſchwiſter und erſt nach Mitternacht in Ludlow⸗Caſtle eingetxoffen. Er hatte ſogleich ſein Lager mißmuthig aufgeſucht, nachdem er von einem Diener die glück⸗ liche Ankunft Alicens in Geſellſchaft der Freunde vernommen hatte. Seine aufgeregte Stimmung ließ ihn nicht ſogleich zur Ruhe kommen. Die Erinnerung an ſein Abenteuer mit den Puritanern und die Aus⸗ ſicht auf Vorwürfe von Seiten ſeiner Eltern und des bedächtigeren Bruders raubten ihm auf längere Zeit den Schlaf. Trotzdem war er bei Zeiten wieder aufgeſtanden und Alice fand ihn bereits angekleidet — 85— . auf dem Hof. Der Jüngling ſtand Mitten in einer Meute von Jagd⸗ hunden, welche ihn liebkoſend und mit ihrem lauten Gebell begrüßend umſprangen. Ein Diener hielt das wiehernde, ungeſtüm mit den Hufen ſcharrende Pferd, worauf ſich Thomas eben ſchwingen wollte, um auszureiten.. — Guten Morgen, Orlando! rief ihm Aliee freundlich ſchon von Weitem entgegen. Ei! iſt das ſchön? Du willſt mich verlaſſen, ohne mich zuvor begrüßt zu haben. Nicht einmal nach meinem Befinden haſt du dich zuvor erkundigt und wie es mir ergangen iſt, ſeitdem du mich ſo treulos und unbedacht verlaſſen haſt. Weißt du auch, daß ich ernſtlich böſe bin. — Eben deswegen wollte ich mich entfernen. Ich kann einmal dieſe ewigen Vorwürfe nicht ertragen. — Du Wilder! habe ich dir denn ſchon welche gemacht? Wer wird auch ſo empfindlich ſein. Zur Strafe mußt du hier bleiben und mir erzählen, welch eine Fee oder ſchöne Zauberin dir begegnet iſt und dich in den Wald ſo tief hineingelockt hat, daß du darüber deine Schweſter vergeſſen haſt. Das iſt ſchnell geſchehen, entgegnete der Jüngling mit dem Er⸗ röthen, welches ſtets die erſte Lüge zu begleiten pflegt. Als ich dich verließ, glaubte ich in der That Menſchenſtimmen in der Schlucht ge⸗ hört zu haben. Es war jedoch nur eine Täuſchung. Je weiter ich vordrang, deſto mehr entfernten ſich dieſe verführeriſchen Töne. Als es zu ſpät war, ſah ich meinen Irrthum leider ein. Ich wollte ſo⸗ gleich umkehren, aber ich hatte jetzt ſelber den Rückweg verloren. So irrte ich in der Wildniß einige Stunden umher, ohne mich zu Recht zu finden, bis ich auf einige Landleute ſtieß, mit deren Hülfe ich die Hauptſtraße wieder gewann. Ich eilte ſogleich nach der Stelle zurück, wo ich dich noch anzutreffen glaubte. Du warſt indeß verſchwunden. Vergebens rief ich nach deinem Namen, Niemand antwortete mir. Eine unausſprechliche Angſt ergriff mich da und ich verbrachte längere Zeit, um dich zu ſuchen. Unterwegs begegnete ich den Dienern, welche der Vater uns entgegengeſchickt hatte. Beruhigter über dein⸗ Geſchick trat ich in ihrer Geſellſchaft den Rückweg an. Bald erfuhr ich die näheren Umſtände deiner Rettung durch zwei junge Männer, von denen wenigſtens der Eine dir kein Fremder iſt. 6.— 36— — Und nun willſt du uns wieder verlaſſen und Gott weiß, wo herumſchwärmen.—. — Ich habe dir meine Gründe geſagt. Ich mag dieſe allſeiti⸗ gen Vorwürfe nicht ruhig hinnehmen. Morgen kann ich ſchon eher einen Tadel ertragen. Das Gewitter, welches über meinem Haupte ſteht, muß ſich erſt verziehen, dann kehre ich wieder. Du freilich haſt die gegründetſte Urſache, mit mir zu zanken, aber du thuſt es nicht und haſt mir ſicher längſt vergeben. — Allerdings, du Tollkopf! und ich will auch bei dem Vater ein gutes Wort für dich einlegen, wenn du bei uns bleibſt. — Nur heute nicht, bat der Jüngling. Ich würde nur eine trau⸗ rige Rolle unter Euch ſpielen. Erſpare mir dieſe Beſchämung vor den Leuten und laß mich gehen. Nun meinetwegen, Unverbeſſerlicher! aber nur unter der Bedin⸗ gung, daß du am Abend wieder hier biſt. Deine Abweſenheit will⸗ ich, ſo gut es angeht, bei den Eltern entſchuldigen. Thu' es, erwiederte der Jüngling, indem er ſich auf das unge⸗ duldige Roß ſchwang und mit einem flüchtigen Gruße davonſprengte. Alice ſah ihm nach, bis er verſchwand, dann begab ſie ſich auf ihr Zimmer, wo ſie in Geſellſchaft der Mutter ſich bis zur Mittagsſtunde mit allerlei weiblichen Arbeiten beſchäftigte, wobei ſie am beſten Ge⸗ legenheit hatte, ungeſtört an den abweſenden Dichter und an ſeine be⸗ deutungsvolle Unterhaltung zu denken.— Unterdeß ſprengte Thomas in Begleitung ſeiner Meute nach dem nahgelegenen Forſt. Wer indeß den Jüngling genauer beobachtete, mußte bald von der Meinung abkommen, daß es ihm um die Jagd ernſtlich zu thun war; ſie ſollte ihm nur zum Vorwand dienen, um ſeine Unruhe, die ihn von Hauſe wegtrieb, vor ſich ſelber zu beſchö⸗ nigen. So unachtſam reitet kein Waidmann durch Feld und Wald, wie er es that. Bald überließ er es ſeinem Pferde, ſelbſt den Weg zu finden. Es ſchien ihm gleichgültig zu ſein, welche Richtung daſſelbe einſchlug. Nachläßig hing er im Sattel, die Zügel loſe in den Hän⸗ den haltend. Zuweilen ſtreifte ein Blüthenzweig ihm Hut und Wange, ohne daß er darauf achtete. Die Hunde trabten im Anfange luſtig nebenher und ſchlugen, ſo oft ſie ein Wild witterten, mit leiſem Ge⸗ belle an, aber der verdroſſene Jäger hörte ſie nicht. Er ging ja auf — m — einer ganz andern Fährte und trieb in dieſem Augenblick— Gedan⸗ kenjagd. Sein Wild war ein junges, ſchlankes Mädchen mit nuß⸗ braunen Augen und dunkeln Locken. Die ſchöne Lucy Henderſon be⸗ ſchäftigte ihn ausſchließlich und ihr Bild verfolgte er, oder es ver⸗ folgte vielmehr ihn auf ſeinem Weg. Er kannte ihre Wohnung, die drunten im Thale, nicht fern von dem Ufer der Temme lag. Dorthin zog es ihn mit Macht, aber die Scheu, dem ſtrengen Puritaner zu begegnen, ließ ihn nicht die gerade Richtung einſchlagen. Je näher er der Hütte kam, welche der alte Henderſon mit ſeiner Tochter bewohnte, deſto hörbarer ſchlug das Herz in der Bruſt des Jünglings. Schon konnte er das kleine Haus bemerken, welches mitten unter den blühenden Obſtbäumen ſtand. Wie oft hatte er hier mit ſeinen Geſchwiſtern und der kleinen Lucy geſpielt und ſie im Scherze ſeine Braut genannt. Die Tage der unſchuldigen Kinderzeit waren vorüber, heißere Wünſche und Begierden beſtürmten jetzt die Seele des heran⸗ gewachſenen Jünglings. Was hätte er darum gegeben, ſo unbefangen und ungeſtört mit ihr verkehren zu dürfen, wie noch vor einigen Jah⸗ ren. Nun ſtand er nicht mehr fern von dem Eingangsthor, aber er wagte nicht Einlaß zu begehren. Drüben am jenſeitigen Ufer des Fluſſes hielt er hoch zu Roß und ſchaute ſehnſuchtsvoll hinüber, wo die Jugendfreundin verweilte. Wie ein Dieb ſchlich er in der Nähe der Geliebten, von den dichten Weiden und dem ſaftigen Erlengebüſch des Ufers gedeckt. Durch die Lücken deſſelben warf er von Zeit zu Zeit einen verſtohlenen Blick nach der Hütte, aber ſie blieb verſchloſ⸗ ſen und keine weiße Hand ſchob den Riegel zurück, kein blüßendas Mädchenantlitz zeigte ſich am Fenſter. Nicht fern von Thomas ſaß oder lag vielmehr unbemerkt von ihm ein Mann im Gebüſch verborgen auf dem Raſen des Ufers hinge⸗ ſtreckt. Scheinbar theilnahmlos ſah er vor ſich auf die Angel hin, welche er in der Hand hielt, doch das ſchlaue Blinzeln ſeiner ſchielen⸗ den Augen verrieth, daß ihm die Anweſenheit des Jünglings nicht entgangen war. Mit großer Aufmerkſamkeit und voll Neugierde be⸗ obachtete der Angler das Thun und Treiben deſſelben. Seinem Scharf⸗ blick war es nicht entgangen, daß Thomas auf der Lauer ſtand und vorzugsweiſe das Haus des alten Henderſon in's Auge faßte. Zu⸗ — 88— weilen ſtahl ſich ein ſpöttiſches Lächeln über das breite, üige Ge⸗ ſicht des ſtruppigen Geſellen. — Hm! murmelte dieſer für ſich, ich möchte eine Wette unchen, daß der feine Junker nicht umſonſt hier Wache hält. Wenn ich nicht irre, hat der alte Puritaner eine ſchmucke Dirne, die wohl einer Sünde werth wäre. Ein feiner Biſſen für einen ſolchen Jäger. Will doch ſehen, wie der Vogelſteller es anfängt, um das Vöglein zu locken. Aufgepaßt Billy Green! vielleicht giebt es hier für dich zu thun. Verliebte ſind großmüthig und meine Taſchen ſind eben ſo leer wie mein Magen. Wie wär's, wenn ich ihm meine Hülfe anböte. Ich kenne die Schliche zehnmal beſſer wie jeder Andere. Mit dieſen Worten erhob ſich der uns bereits bekannte Billy Green aus ſeiner bequemen Lage und richtete ſich hoch empor. Bei dem Ge⸗ räuſch, welches er dadurch verurſachte, ſchlugen die Hunde laut an, ſo daß Thomas aus ſeinen Träumen emporfuhr. 3 — Wer iſt da? frug er den Burſchen, der plötzlich vor ihm ſtand. — Euer Diener, entgegnete dieſer demüthig mit abgezogener Kappe. Mein Name thut nichts zur Sache und kann Euch nichts nutzen, deſto mehr meine Perſon. So wie Ihr mich hier ſeht, bin ich der beſte Spürhund weit und breit. Ich ſtöbere Euch das Wild auf, wonach ihr jagt. — Da nimm, ſagte der Jüngling, indem er eine kleine Münze in die Kappe des Burſchen fallen ließ. Du ſiehſt, daß ich allein ſein will. Entferne dich daher, deine Dienſte kann ich nicht gebrauchen und an Hunden fehlt es mir nicht, wie du dich überzeugen kannſt. — Oho! Ihr ſeid kurz angebunden. Zwiſchen Hunden und Hun⸗ den iſt aber immer noch ein Unterſchied. Die Eurigen verſtehen höch⸗ ſtens ein mageres Kaninchen, oder ein verhungertes Feldhuhn aufzu⸗ jagen; ich aber treibe Euch das ſchönſte Mädchen in der ganzen Graf⸗ ſchaft auf. Ich kenne hier ein Wild, das Lucy Henderſon heißt und das ſich wohl der Mühe verlohnen dürfte. Kerl! rief der Jüngling erhitzt. Was weißt du von dem Mäd⸗ chen? Sprich! — Aha! Ich ſehe, daß ich auf der rechten Fährte bin, denn Ihr ſeid dahinterher wie ein ächter Jägersmann, wenn er einen feiſten ——— 89— Sechszehnender zu Geſicht bekommt. Nun an mir ſoll es nicht liegen, wenn ihr nicht noch heute Hallali aus vollem Halſe blast. — Laſſ' deine ſchlechten Scherze und antworte mir ohne Um⸗ ſchweife: Kennſt du das Mädchen? — Wie ſollte ich nicht die Blume des Thals, die ſchönſte Roſe von Herefordſhire kennen? Aber nehmt Euch in Acht. Das alte Sprich⸗ wort ſagt: keine Roſen ohne Dornen, und der mürriſche Henderſon iſt ein ganzer Dornbuſch, der das Röschen vor profanen Händen ſchützt. Wenn Ihr nicht wenigſtens ein Heiliger, oder ein Erzengel mit rund geſchorenem Kopfe ſeid, ſo wirft er Euch die Thür vor der Naſe zu. Außerdem iſt er im Stande, Euch aus ſeiner alten Don⸗ nerbüchſe ein Paar blaue Kugeln nachzuſchicken, die Euch jede Wieder⸗ anfrage ſchwer machen könnten. Der alte puritaniſche Hund verſteht keinen Spaß und führt ein grimmiges Gebiß. — Ich weiß, ich weiß, murmelte Thomas, und doch muß ich Lucy ſprechen und bewachte ſie die ganze Hölle mit einer Legion Teu⸗ fel. Willſt du mir einen Gefallen thun? — Zwei für einen, erwiederte der loſe Burſche, wenn Ihr näm⸗ lich doppelt zahlt. — Daran ſoll es nicht fehlen. Hier nimm einſtweilen dieſe zwei Kronen auf Abſchlag. — So kommt ein armer Teufel wie ich zu zwei Kronen, wäh⸗ rend der König doch nur eine hat, die ihn oft genug ſchwerer wie meine beiden drücken mag. Jetzt aber ſagt, was ich thun ſoll, denn umſonſt iſt der Tod und wegen meines ſchönen Geſichtes habt ihr mir das Geld doch nicht gegeben. Billy Green iſt kein Bettler der Heer⸗ ſtraße, ſondern ein ehrlicher Burſche, der ſich mit dem Teufel ſelber herumſchlägt, wenn er dafür bezahlt wird. — Ich will dir vertrauen, obgleich ich dich nicht näher kenne. Du ſcheinſt mir ein ſchlauer und gewandter Burſche zu ſein. — Gebt mir nur erſt Gelegenheit, meine Schlauheit und Ge⸗ wandtheit zu zeigen, Ihr ſollt dann ein blaues Wunder ſehen. Nicht wahr, ihr habt da drüben einen Liebeshandel mit der ſchönen Lucy? Laſſ't mich nur machen, Ihr ſollt ſie in kurzer Zeit ſprechen. Beim Himmel! Für mich giebt es keine größere Freude, als einem ſolch heuchleriſchen, näſelnden und Pſalmen plärrenden Puritaner eine rechte — 90— Naſe zu drehen. Denkt nur, was er mir neulich that, als er mich in einem allerdings nicht ganz nüchternen Zuſtande am Sonntag traf. Er nannte mich einen ruchloſen Sabbathſchänder, einen Sohn des Antichriſt und Babylon's, kurz es gab kein Schimpfwort in der eng⸗ liſchen Sprache, das er mir nicht angehängt und das Alles, weil ich mich am Sonntag ein wenig luſtig gemacht hatte. Hol der Henker dieſe puritaniſchen Schurken, welche einem ehrlichen Burſchen kein Ver⸗ gnügen mehr gönnen wollen. — Du kannſt ein andermal deiner Galle freien Lauf laſſen und auf die Puritaner fluchen, ſo viel du willſt. Ich werde dich nicht dran hindern, ſondern aus vollem Herzen miteinſtimmen. Aber jetzt haſt du keine Zeit zu verlieren, wenn du dein Verſprechen erfüllen willſt. Da habt Ihr Recht, doch vor allen Dingen muß ich wiſſen, wie weit Ihr mit der Dirne ſchon gekommen ſeid, ob Ihr beim A oder Z der Liebe ſteht, ob das Vöglein nur nach den Beeren blinzelt, oder ſchon von der verbotenen Frucht gekoſtet hat. — Was geht das dich an, Burſche! Du erlaubſt dir da eine Sprache, die ich nicht zum zweitenmale hören mag. — Ganz wie Ihr befehlt; doch das erſchwert mir das Geſchäft. Ich kenne die Mädchen und die Vögel, denn Billy Green iſt kein Neuling mehr in ſolcher Jagd. Lucy wird mir nicht glauben, wenn Ihr mir nicht ein ſicheres Zeichen gebt, woran ſie erkennt, daß die Botſchaft, welche ich ihr bringen ſoll, von Euch herrührt. Verliebte haben ihre eigene Spitzbubenſprache, woran ſie ſich erkennen. Solch einen geheimnißvollen Gruß⸗ muß ich ihr beſtellen, ſonſt traut ſie mir nicht. Habt Ihr ein beſonderes Wort, oder ein Erkennungszeichen, um das nur ſie und Ihr allein wißt. Laſſ't hören! Thomas, welchem die Gründe des Burſchen einleuchteten, ſann einige Augenblicke nach. Es war eine geraume Zeit vergangen, ſeit⸗ dem er mit dem Mädchen zum letzten Male geſprochen hatte. Woran ſollte ſie in der That erkennen, daß er es war, der ſie zu ſehen wünſchte? Zum Glück ſiel ihm ein kleines Lied ein, das Beide in der Kinderzeit vielfach geſungen hatten und deſſen Schlußverſe fol⸗ gendermaßen lauteten:; — n — 91— Er hob das Mädchen auf ſein Roß Er führte ſie ins Grafenſchloß, Aus Liebe, ja aus Liebe. Es hielt nicht ſchwer für den Burſchen, ſich dieſe Strophen eines alten Volksliedes und die dazu gehörige Melodie, welche ihm der Jüng⸗ ling leiſe vorſang, ſogleich einzuprägen. So ausgerüſtet begab ſich Billy Green auf den Weg mit dem Verſprechen, die ſchöne Luey Hen⸗ derſon aufzuſuchen und bald von ihr Beſcheid zu bringen. Vorſichtig näherte er ſich dem Hauſe des Puritaners, deſſen Begegnung er gern vermieden hätte, weil der mürriſche Alte eben nicht allzufreundlich gegen derartige Tagediebe und Herumſtreicher geſonnen war. Wie ein Fuchs um den Taubenſchlag, ſo ſtrich der ſchlaue Burſche erſt einige Zeit um den verſchloſſenen Hof herum. Er hoffte irgend eine Gele⸗ genheit, ein offenes Seitenpförtchen zu finden, durch das er unbemerkt in die Wohnung ſchlüpfen wollte. Dieſer Plan erwies ſich jedoch bald als unausführbar. Der mißtrauiſche und menſchenſcheue Hender⸗ ſon hatte dafür geſorgt, daß nicht ſo leicht ein Fremder bei ihm ein⸗ dringen konnte. Um das ganze Gebäude zog ſich eine ſtattliche Mauer, welche überdies mit ſpitzen Eiſenſtäben verſehen war. Billy Green hatte weder Luſt, ſeine Gliedmaßen auf das Spiel zu ſetzen, noch eine Wunde davon zu tragen. Es blieb ihm daher nichts übrig, als an der Einlaßpforte mit Macht zu klopfen und Einlaß zu begehren. Sein erfinderiſcher Geiſt hatte bereits eine paſſende Ausrede ſelbſt für den Fall erſonnen, wenn er dem Puritaner begegnen ſollte. Er ſuchte deshalb ſeinem Geſichte einen ſo ernſten und ſcheinheiligen Anſtrich zu geben, als dies ihm nur immer möglich war. Längere Zeit hatte er ſchon vergeblich geklopft, ohne durch den Lärm einen Menſchen herbeizuziehen. Das Haus ſchien gänzlich aus⸗ geſtorben, keine Stimme ließ ſich vernehmen, um ſeinem Ruf zu ant⸗ worten, kein Fuß und keine Hand regte ſich, um ihm zu öffnen. Faſt gab er die Hoffnung auf, ſeinen Auftrag an die ſchöne Lucy auszurichten. Bereits gedachte er den Rückzug unverrichteter Sache anzutreten, nur noch einen Verſuch wollte er machen, ehe er umkehrte. Der Kitzel des Muthwillens regte ſich in ihm und außerdem ſtachelte ihn der Ehrgeiz, ſelbſt auf die Gefahr hin, eine tüchtige Tracht Prü⸗ gel zu bekommen, mußte er ſich den Eingang verſchaffen. 1 — 92— Zu dieſem Zwecke begann er aus vollem Halſe zu ſchreien: Feuer, Feuer! Es brennt, rettet, helft. Dieſes letzte Auskunftsmittel verfehlte auch in der That nicht ſeine Wirkung. In der Wohnung wurde es lebendig. Eine ältliche Frau und ein junges Mädchen ſtürzten in den Hof mit ängſtlichen Gebärden, aus dem Stalle eilte ein Knecht herbei. Alle drei hatten den Schrei gehört und ſuchten nach dem Urheber desſelben, der ſich wohlweislich hinter einem benachbarten Baum verſteckt hielt, um die Wirkung ſei⸗ ner Kriegsliſt abzuwarten. So viel hatte er bereits erfahren, daß der alte Henderſon, welchen er am meiſten fürchtete, nicht zugegen war. Die erſchrockenen Bewohner des Hauſes gelangten bald zu der Ueberzeugung, daß ein Vorübergehender ſie geäfft, da ſich nirgends, trotz des ſorgfältigſten Nachforſcheng, keine Spur eines Brandes zeigte. Lucy und die alte Wirthſchafterin ſchickten ſich wieder an, in das Haus zurückzukehren, nur der Knecht mochte ſich nicht zufrieden geben. — Dem Spaßvogel will ich es eintränken, rief er mit geballter Fauſt. Ich wette, daß er hier ganz in der Nähe ſteckt. Er ſoll uns für den Schreck bezahlen. Ehe die noch immer geängſtigten Frauen ihn daran hindern konn⸗ ten, hatte er den Niegel am Thore zurückgeſchoben und ſtürzte ins Freie. Billy Green rieb ſich in ſeinem Verſteck vergnügt die Hände, da ihm jetzt kein Hinderniß mehr im Wege ſtand, um in das Haus zu kommen. Sobald der Knecht ſich im Eifer der Verfolgung eine hinlängliche Strecke entfernt hatte, verließ der Burſche ſeinen Schlupf⸗ winkel und trat ganz ungeſcheut in den Hof. Beim Anblicke der fremden und keineswegs Vertrauen einflößenden Geſtalt erhob die furcht⸗ ſame Wirthſchafterin ein lautes Geſchrei und entfloh. Lucy, der es nicht an Muth gebrach, blieb indeß ruhig ſtehen und wartete das Begehren des Burſchen ab. — Was wollt Ihr hier? fragte ſie ihn ohne Scheu. Mein Va⸗ er iſt nicht zu Hauſe. Wenn Ihr ihn ſprechen wollt„ſo müßt Ihr morgen wiederkommen, da er eine kleine Reiſe angetreten hat. — Das iſt mir lieb, dann kann ich mich meines Auftrags um ſo ungeſtörter entledigen. —— — 93— — Eures Auftrages und an wens fragte ſie erſtaunt, indem ſie einige Schritte zurücktrat, da ihr das Benehmen des Fremden Ver⸗ dacht einflößte. — An wen anders, als an Euch ſelber, ſchöne Lucy! — Ich wüßte nicht, wer einen ſolchen für mich hätte. — Ein junger Mann, den Ihr kennt und der Euch liebt. — Ihr ſeid ein Schelm und ein Böſewicht, daß Ihr ſolche Worte mir zu ſagen wagt. Entfernt Euch, oder ich laſſe Euch mit Schimpf und Schande aus dem Hauſe werfen. — Creifert Euch nicht ſo ſehr, ſagte mit frechem Lächeln der Burſche, obgleich der Zorn Euch gar nicht übel kleidet. Mich täuſcht Ihr doch nicht, ich bin meiner Sache zu gewiß. Man weiß ja, wie es alle Mädchen machen. 8 — Schweigt ſtill! dort kommt unſer Knecht und bei Gott! er ſoll Euch für Eure frechen Reden ſtrafen. — Bis der wiederkehrt, werdet Ihr aus einem andern Tone pfei⸗ ſen. Wenn Ihr denn durchaus nichts von meinem Auftrag hören wollt, ſo kann ich Euch mit einem ſchönen Liedchen dienen. Er hob das Mädchen auf ſein Roß, Er führte ſie ins Grafenſchloß Aus Liebe, ja aus Liebe. Nun wie gefällt Euch das? Lucy hatte ſogleich die Verſe und die Melodie wieder erkannt, welche der Burſche zwar leiſe, aber von ausdrucksvollen, komiſchen Gebärden begleitet, ihr vorſummte. Dabei blinzelte er ſie mit ſeinen ſchlauen Augen ſchelmiſch von der Seite an, und beobachtete ſie ſo genau, daß ihm ihre Bewegung nicht entgehen konnte. — Ich ſehe ſchon, fügte er lachelnd hinzu, daß ich diesmal den rechten Ton getroffen. Nun, was ſteht Ihr und reißt die braunen Augen auf, als wär' Euch Gott weiß was für ein Wunder widerfahren. — Wie kommt Ihr zu dem Liede? ſtammelte Lucy haſtig und erregt. — Mein Gott! wie man zu einem Liede kommt. Ein luſtiger Vogel hat's mir unter den Weiden vorgeſungen, und da es mir ge⸗ fallen hat, ſo hab' ich's behalten. — Nein, nein! Er hat's Euch gelehrt. Quält mich nicht und redet offen, iſt der Auftrag, den Ihr für mich habt, von ihm? — 94— — Wenn Ihr unter Er und Ihm einen ſchlanken Jägersmann von vornehmen Anſehen, feinen Manieren, mit einem Geſichte wie Milch und Blut und dem Anfluge eines zierlich ſchwarzen Bärichens verſteht, ſo habt Ihr allerdings das Richtige getroffen. — Und Ihr ſagt, daß er ganz in der Nähe weilt. — Nicht viel weiter, als ein Schuß aus einer guten Büchſe. reicht. Mit Euren Rehfüßchen ſeid Ihr in fünf Minuten drüben und in den Armen des Geliebten. So ſaßen ſie, ſo lagen ſie, Im grünen Feld, im grünen Feld, Sie ſaßen und vergaßen Die ganze Welt, die ganze Welt. 2 — Ich bitte Euch und laßt dieſe Narrenpoſſen ſein. Der Knecht kann in jedem Augenblicke zurückkehren, und außerdem beobachtet uns bereits die Wirthſchafterin, welche nur noch von der Furcht, die Ihr ihr eingeflößt, zurückgehalten wird, ihre Neugierde zu befriedigen. — Gutl. dann ſputet Euch und gebt mir einen günſtigen Beſcheid, den ich dem harrenden Junker bringen kann. — Was verlangt er denn von mir?. — O, über Euch Mädchen. Wie die Kätzchen ſchleichen ſie um den heißen Brei herum, von dem ſie gar zu gerne naſchen möchten. Sehen, ſprechen, umhalſen und küſſen will Euch der junge Herr. Wenn Ihr nicht kommt, thut er ſich ein Leids an. Er ſtirbt vor Ungeduld und kommt vor Sehnſucht um. Vielleicht hat er ſich ſchon, weil ich nicht ſchnell genug ihm Eure Antwort gebracht habe, ſich in die kühlen Wellen der Temme geſtürzt, um ſeine ſüße Liebesglut abzukühlen. — Er will mich ſehen und ſprechen, hat er geſagt? — Geſagt, geſchworen, geraſ't, wie es alle Verliebten thun; denn er iſt verliebt bis über die Ohren. Das kann ich bezeugen. Seine lauten Seufzer haben mich aus dem Schlafe geweckt und nur aus Mitleid mit ſeiner Liebespein habe ich mich zum Boten hergege⸗ ben. Jetzt aber beeilt Euch mit Eurem Entſchluß, denn ich ſehe wirk⸗ lich, wie der Tölpel von Knecht auf uns zuſteuert, nachdem er jeden Buſch durchſucht und hinter jeden Grashalm nach mir ſich blind ge⸗ guckt. Was ſoll ich dem Herzliebſten ſagen? —— — —— — 95— Feinsliebchen! willſt du kommen, Ich wart' und harre dein. Die Bäume ſind verſchwiegen Und ſtumm die Sternelein. Obgleich Lucy den herannahenden Knecht ihres Vaters bemerkt hatte, und darum keine Zeit zu verlieren war, ſo zögerte ſie doch mit der Antwort. Sie fürchtete die Strenge des alten Henderſon, auch regte ſich noch ein Gefühl von jungfräulicher Scheu in ihrer Bruſt. Aber grade die puritaniſche Zurückgezogenheit und der Zwang, dem ſie ſo lange Zeit unterworfen war, hatte den Trieb nach Frei⸗ heit in ihr geweckt. Schon lange Zeit empörte ſich heimlich ihr Geiſt gegen die ihm aufgelegten Beſchränkungen. Sie ſehnte ſich hinaus in die weite Welt, welche ihr verſchloſſen war. Das Verbot, Ludlow⸗ Caſtle und ſeine Bewohner je wieder zu ſehen, erregte ſtets von Neuem ihren Widerſpruch. Ihr letztes Zuſammentreffen mit Thomas brachte eine wahrhaft fieberhafte Wirkung in ihrem heißen Blut hervor. Die ganze Nacht hatte ſie von dem Jugendfreund geträumt, und auch während des Tages ſtand ſein Bild vor ihrer Seele. Jetzt hatte er. den erſten Schritt gethan und ſie aufgeſucht; konnte, durfte ſie noch länger widerſtehen? Nur noch höchſtens fünfzig Schritte war der Knecht von der Ein⸗ gangsthür entfernt, auch der Kopf der alten Wirthſchafterin zeigte ſich neugierig am Fenſter. Lucy hatte keine Zeit zu verlieren. — Geht, flüſterte ſie leiſe dem Burſchen zu, und ſagt dem, der Euch geſchickt, daß ich ihn ſehen und ſprechen will. Mein Vater iſt über Land in Geſchäften fortgereiſ't und kehrt vor morgen nicht wie⸗ der; aber trotz ſeiner Abweſenheit bin ich wie eine Gefangene bewacht. Erſt nach Tiſch kann ich mich unbemerkt fortſtehlen. Um dieſe Zeit ſoll er mich an den drei Fichten an dem alten Grabſtein erwarten. Jedes Kind kennt den Ort, er braucht nur zu fragen. — Ich will ihn ſelber hinführen und Wache ſtehen, damit Ihr nicht belauſcht werdet. — Thut das, guter Mann, und nehmt für Eure Mühe dieſe Gabe. Billy Green ſteckte vergnügt die kleine Münze ein, welche Lucy ihm reichte und gelobte dafür unaufgefordert ewige Treue und Ver⸗ ſchwiegenheit, die er auch zu halten Willens war, nur aus Haß gegen — — den Puritaner. Mit frohem Lächeln ging er an dem zurückkehrenden Knecht vorüber. — Habt Ihr den gefunden, den Ihr ſucht? fragte er ihn muth⸗ willig. Dieſer begnügte ſich, nur mit mißtrauiſchen Blicken den Burſchen anzuſehen. — Ich will Euch noch einen guten Rath geben, rief ihm Billy nach. Wenn Ihr künftig fortgeht, ſo ſchließt die Thüre fein zu, damit nicht der Fuchs Euch euere puritaniſche Hühnchen ſtiehlt, während Ihr ſeine Spur verfolgt. Mit einem lauten Gelächter verſchwand er unter dem Gebüſch des Ufers, ehe der Knecht ſich auf eine paſſende Antwort beſinnen konnte. Der Stein, den dieſer dem Landſtreicher nachſenden wollte, fiel in das Waſſer mit lautem Schall und erregte nur von Neuem die Luſtigkeit und Spottſucht des Burſchen, von welchem ſich der Knecht in jeder Beziehung geäfft ſah. 9. Mit fieberhafter Spannung erwartete Lucy den Augenblick, wo ſie ſeit langer Trennung zum erſten Mal wieder den Jugendfreund unge⸗ ſtört ſehen und ſprechen ſollte. Wie langſam ſchlichen ihr die Stunden hin, der Weiſer an der Uhr wollte nicht fortrücken. Beim Mittags⸗ tiſch vermochte ſie kaum einen Biſſen hinunterzubringen, ſo daß die alte Wirthſchafterin ſie beſorgt fragte; ob ſie unwohl wäre und was ihr fehle? Sie bemühte ſich heiter und unbefangen zu erſcheinen, ob⸗ gleich ihr das nur ſchwer gelang. Endlich begab ſich der Knecht an die gewohnte Arbeit, nachdem er von Neuem ſorgfältig das Thor ver⸗ riegelt hatte; die Alte ſchien auf dem Lehnſtuhl eingeſchlafen. Jetzt auf den Zehen nach der Thür. Noch einmal wendete ſie ſich ängſtlich um. Die Wirthſchafterin hatte die Augen noch immer offen. Halb im Traum fragte ſie: Wohin Lucy? — Nur in den Garten, log das Mädchen. Ich will nach den neuen Pflanzen ſehen. war die Zeit da, wo Lucy ſich fortſtehlen konnte. Leiſe ſchlich ſie— — 97— — Geh, mein Kind! Aber entferne dich nicht weiter vom Hauſe, du weißt, daß das der Vater nicht leiden mag, beſonders, wenn er abweſend iſt. Wenn er ſo was erfährt, bekommen wir Beide Schelte. — Ich bleibe im Garten. — Gut, gut! murmelte die Alte, eine Anverwandte Henderſon's, und verfiel von Neuem in ihren ſchlummerſüchtigen Zuſtand. Lucy ging, wie ſie geſagt hatte, zunächſt in den Garten. Derſelbe beſtand aus einigen beſcheidenen Beeten und einer kleinen Baumpflan⸗ zung. Seitwärts lagen die Bienenkörbe, denen der alte Henderſon eine beſondere Pflege angedeihen ließ. Die fleißigen Bewohner der⸗ ſelben ſchwärmten in dichten Zügen und flogen ſummend an Lucy vor⸗ über nach dem benachbarten Wald, wo ſie eine reichere Ausbeute an Honig ſuchten. Die Tochter des Hauſes war den klugen Thieren wohlbekannt. Ein keckes Bienchen ſetzte ſich auf Lucy's Hand, die es vielleicht für eine weiße Blüthe gehalten hatte, dann entfaltete es, wohl weil es ſeine Täuſchung erkannt haben mochte, die braunen Flü⸗ gel und flog davon, als wenn es ihr den Weg zeigen wollte.— Ein Pförtchen führte aus dem Garten in das Freie, es war von Innen durch einen Holzriegel verſchloſſen. Dieſen ſchob jetzt das Mädchen mit zitternder Hand zurück, als ſtände ſie im Begriff, ein großes Verbrechen zu begehen. So hatte ſie die Schwelle des väterlichen Hauſes überſchritten und ſtand einen Augenblick nachdenklich. Das Bienchen ſummte voran und Lucy wußte noch immer nicht, ob ſie folgen ſollte. Von Neuem erfüllte ſie eine unnennbare Angſt. Keck und muthwillig ſchwärmte das Bienchen weiter, von keinen ähnlichen Bedenklichkeiten erfüllt und wenn es überhaupt dachte, nur an den ſüßen Honig denkend, der ſeiner wartete. Da ſchoß aus den Lüften eine vorüberfliegende Schwalbe nieder. Wie der Blitz ſtürzte der Vo⸗ gel auf das Thierchen herab. Mit dem Leben zahlte die kleine Biene ihren erſten Ausflug in's Freie. Lucy hatte den Vorgang nicht be⸗ achtet, denn ſie war zu ſehr mit ihren eigenen Gedanken beſchäftigt; er hätte ihr vielleicht zur Warnung dienen können. So trug das heiße Blut und die Leidenſchaft den Sieg davon, ſie mußte Thomas ſehen und hätte es auch ihr Leben gekoſtet. So jung das Mädchen war, ſo beſaß es doch einen feſten Willen, der an Eigenſinn faſt grenzen mochte. Etwas von der puritaniſchen D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 1 7 — 398— Halsſtarrigkeit des alten Henderſon war ihrem Weſen beigemiſcht. Die ſtrenge Behandlung hatte ihren Trotz herausgefordert und länger wollte ſie nicht mehr den ihr aufgenöthigten Zwang ertragen. Sie hatte früher ein anderes und glänzenderes Leben kennen gelernt, als ſie jetzt in der ſtillen Hütte in Geſellſchaft der alten Verwandtin und unter Aufſicht des mürriſchen Vaters führen mußte. Damals als ihre Mutter noch lebte, als ſie mit den Bewohnern von Ludlow⸗Caſtle noch täglich verkehren durfte, war ſie auch die Theilnehmerin ihrer Freuden und vielfachen Vergnügungen geweſen. Tagelang durfte ſie— in den prächtigen Zimmern des Schloſſes ſpielen, umgeben von allen möglichen koſtbaren Gegenſtänden. Das hatte mit einem Male auf das Machtgebot des ſtrengen Henderſon aufhören müſſen. Wie viele Thränen koſteten ihr nicht damals die ſo gewaltſam auferlegten Ent⸗ behrungen. Im Schlafen und Wachen gedachte ſie jener herrlichen Zeiten und alles Schöne und Herrliche nahm für ſie die Geſtalt von Ludlow⸗Caſtle an. Dort lag das Land ihrer Sehnſucht; das verlo⸗ rene Paradies der Kindheit. 3 Aus dieſem Grunde war auch das Zuſammentreffen mit Thomas im Haywood⸗Forſt ſo verhängnißvoll für ſie geweſen. Alle alten Wunden brachen wieder auf und die Erinnerung fachte die ſchlum⸗ mernde Neigung zur hellen Flamme an. Wohl bedurfte es nur der Gelegenheit, nur eines Winkes und Lucy verließ das ihr verhaßte elterliche Haus, um in die Arme des früheren Jugendgeſpielen zu fliehen. Die Phantaſie des ſiebzehnjährigen Mädchens ſah in dem Jüngling einen Retter und Befreier aus dem Kerker, in dem ſie ſich gefangen glaubte. Das warme Blut, welches in ihren Adern rollte, verlangte nach Genuß und Lebensluſt. Das Alles war ihr bisher verſagt geweſen. Der finſtere Puritaner vergönnte ſeiner Tochter keine Freude, nach der die Jugend ein billiges Verlangen trägt; ſelbſt die unſchuldigſten Vergnügungen waren ihr unterſagt. Sie durfte nur in Begleitung des Vaters oder unter Aufſicht ausgehen, nie ein ländliches Feſt beſuchen. Der Ton einer Sackpfeife oder einer Violine war dem alten Henderſon ein Greul, der Tanz eine furchtbare Sünde, jede ſonſt erlaubte Beluſtigung ein ſchweres Verbrechen. Das lag einmal im Geiſte jener Zeit und in den Grundſätzen jener Sektirer, Selbſt ſingen durfte Lucy nicht und ſie hatte doch eine ſo friſche, bezaubernde — 99— Stimme, daß ſie wegen ihres Geſanges berühmt war. Herr Lawes, der Muſiklehrer auf dem Schloſſe, war, nachdem er ſie gehört hatte, ſo entzückt geweſen, daß er von freien Stücken ſich erbot, ihr den nöthigen Unterricht zu ertheilen und ſie auszubilden. Auch das hatte der mürriſche Puritaner nicht gelitten und unter dem Vorwande zu⸗ rückgewieſen, daß die Stimme der Menſchen nur dazu da ſei, den Schöpfer zu preiſen und dazu genüge der natürliche Geſang. Das Alles hatte Lucy lang genug nach ihrer Meinung ertragen, die über⸗ triebene Strenge, die freudenloſe Einſamkeit, den Druck einer rauhen Behandlung und Entbehrungen der ſelbſt erlaubten Freuden. Jetzt war der Augenblick gekommen, ſich einigermaßen zu entſchädigen. In ihrer Seele regte ſich unbewußt der Drang nach Freiheit, eine unbe⸗ ſtimmte Sehnſucht nach irgend einem Wechſel, einer Veränderung in dieſem eintönigen, langweiligen Leben. In ſolcher Stimmung traf ſie die Botſchaft des Freundes. Ihr war zu Muthe wie dem Gefangenen, dem eine mitleidige Hand die Kerkerthüre aufſchließt. Ohne Beſinnung ſtürzte ſie ins Freie. Erſt hier überlegte ſie und eine erklärliche Scheu beſchlich ihr Herz. Mit jedem Schritte, um den ſie ſich weiter von dem elterlichen Hauſe ent⸗ fernte, wuchs ihre Angſt. Jeder Baum am Wege ſchien ihr ein Spion und hinter jedem Strauch glaubte ſie einen heimlichen Auf⸗ paſſer zu bemerken. Sie hatte das Aeußerſte von der Strenge ihres Vaters zu erwarten, wenn er je erfahren ſollte, daß ſie ſeine Ver⸗ bote in ſolcher Weiſe übertreten. In ihrem Herzen empfand ſie nicht Liebe, ſondern nur eine entſetzliche Furcht für ihn. Aber das war es nicht allein, was ſie von ihrem Gange abſchreckte. In ihrem Bu⸗ ſen regte ſich die warnende Stimme des Gewiſſens, die jungfräuliche Schaam. Beide riethen ihr von dieſem Schritte ab und ſprachen zwar nur leiſe, aber eindringlich genug mit dem zagenden Mädchen. Laut pochte das ſtürmiſch bewegte Herz und drohte das knappe, ſchwarze Mieder zu ſprengen. Allerlei Bedenklichkeiten ſtiegen in ihrer Seele auf und mehr als einmal wandte ſie den Blick rückwärts nach der Hütte, welche in der Mittagsſonne ſo ruhig dalag. So lange Lucy das Häuschen ſah, wo ſie geboren war, wo ſie mit der geſtorbenen Mutter ſo oft vor der Thüre ſaß, das lockige Haar in den Schoos der freundlichen Frau geborgen, fühlte ſie ſich noch immer verſucht, 7* ——— — 100— wieder umzukehren. Die Fenſter ſchienen ihr wie Augen, die ihr beſorgt nachblickten, der rauchende Schornſtein ein warnender Finger, der ſie abmahnte. Sie glaubte eine bekannte Stimme zu vernehmen, welche ſie klagend zurückrief. Der Ton ſchnitt ihr ins Herz und un⸗ willkürlich zitterten ihre Kniee und ihr Fuß blieb eingewurzelt ſtehen. Aber im nächſten Augenblicke dachte ſie an das Verſprechen, welches ſie dem harrenden Freunde gegeben hatte, und drehte der Heimath und den Geiſtern des häuslichen Heerdes, die ihr warnend folgten, entſchloſſen den Rücken. Nur noch ein einziges Mal wendete ſie ſich um, ehe ſie den Steg überſchritt, der ſie an das andere Ufer führen ſollte. Das Haus war verſchwunden und hatte ſich gänzlich ihren Blicken entzogen. Es kam ihr vor, als hätte ſie nun keine Hei⸗ math mehr. 8 Mit raſchen Schritten eilte ihr Fuß über die Brücke, ſie athmete erſt wieder frei, als ſie den Fluß überſchritten hatte. Hinter ihr lag die düſtere Vergangenheit und vor ihr die blumigen Wieſen und der verſchwiegene Wald, wo unter den Fichten der Geliebte ſie erwartete. Wie ſchlug ihr Herz vor Sehnſucht und Verlangen ihm entgegen. Aber ſo leicht wie ſich ſelber gab ſie die Heimath noch nicht auf; ſie ſchickte ihr den treuen Boten nach, der ihren Spuren emſig folgte. Es keuchte und ſchnaubte hinter ihr her. Lucy hatte nicht den Müͤth ſich umzuſchauen. Es kam immer näher und näher hergetrabt, heu⸗ lend und winſelnd, ſuchend und ſpürend. Der treue Hofhund war es, der ihr nachgeeilt war. Schon ſprang er an ihr hoch empor und verkündigte ſeine Freude um die Wiedergefundene mit lautem Gebell und fröhlichen Sätzen. Ganz außer Athem ſchmiegte er ſein zottiges Haupt an ihre leichte Geſtalt und blickte ſie dabei mit klugen, gut⸗ müthigen Augen an. Sie vermochte nicht den Blick zu ertragen, der ihr zum ſtillen Vorwurf wurde. Der unvermuthete Zeuge war ihr zur Laſt. Vergebens ſcheuchte ſie das Thier von ihrer Seite, der ſonſt gehorſame Hund wollte nicht von ihr laſſen, immer von Neuem kehrte er zu ihr zurück, weder ihre Bitten noch ihre Drohungen trie⸗ ben ihn fort. Seit früh'ſter Jugend war er ihr ſteter Begleiter ge⸗ weſen, er war mit ihr zuſammen aufgewachſen, ein Freund, ein ſorg⸗ ſamer Wächter zu jeder Zeit; vielleicht in dieſem Augenblicke mehr als je. Etwas Aehnliches mochte Lucy jetzt empfinden, und dennoch — 101— wollte ſie den ſtummen Mahner nicht in ihrer Nähe dulden. Sie bat und ſchalt, ſie drohte und flehte, aber der Hund wich nicht von der Stelle. Höchſtens blieb er einige Schritte nur zurück und trabte mit geſenktem Haupte traurig hinterher. Um keinen Preis hätte das Mäd⸗ chen ſeine Begleitung ertragen. Faſt mit Thränen in den Augen hieß ſie ihn umkehren, doch umſonſt, er klammerte ſich ihren Ferſen an, wie das mahnende Gewiſſen. Die Ungeduld ließ ſie Alles ver⸗ geſſen, ſeine Treue und Liebe, die vieljährigen Dienſte und ihre alte Zuneigung. Sie hob einen Stein vom Wege auf und ſchleuderte den⸗ ſelben nach dem treuen Thier. Dieſes ſtieß ein lautes Geheul aus und hinkte mit blutigem Fuße davon. Vor ihren Augen wurde es dunkel, ſie fühlte ſich einer Ohnmacht nahe. Als ſie aufblickte, war der Hund bereits verſchwunden.. Nun ſtürzte ſie im haſtigen Laufe fort, um die verſäumte Zeit wieder einzubringen, aber noch immer glaubte ſie das Keuchen und Schnauben des getreuen Hundes hinter ſich zu hören und den vor⸗ wurfsvollen Blick zu ſehen, den er ihr zuwarf, als die Hand, welche ſonſt nur Liebkoſungen für ihn hatte, den Stein vom Boden gegen ihn aufhob. Als hätte ſie ein Verbrechen begangen, ſo fühlte ſie die Bruſt beklommen und die Seele bedrückt. In ihrem Innern ließ ſich die warnende Stimme von Neuem, doch vergeblich hören. Sie konnte bereits das Ziel ihrer Wanderung ſehen, die drei einſamen Fichten um das alte Grab. Der letzte Auftritt hatte ihr heißes Blut nur noch mehr in Wallung gebracht und den trotzigen Sinn beſtärkt. In dieſem Augenblicke konnte ſie nichts mehr zurückhalten. Ihre Wangen glühten, ihre Pulſe klopften, eine Art wilden Wahnſinns hatte ſich ihrer Seele bemächtigt. So ſtürmte ſie ihrem Schickſal entgegen. Auch Thomas wartete mit ähnlicher fieberhafter Aufregung auf die Ankunft des Mädchens, für das in ſeinem Herzen ſo plötzlich die glühendſte Leidenſchaft über Nacht entſtanden war. Er hatte den Mor⸗ gen über im Wald gejagt, lediglich um die Zeit bis zur beſtimmten Stunde hinzubringen, aber das Wild war vor ſeinem Schuſſe ſicher. Seine Gedanken ſchweiften weit ab und beſchäftigten ſich ausſchließlich mit dem reizenden Bilde Lucy's. Sie war die Beute, die er ſich erkoren, und die Schilderungen, welche Billy Green ihm von ihrer Schönheit machte, fachten nur immer mehr und heißer die Flamme 9 — 102— der Leidenſchaft in ſeinem Innern an. Es war nicht Liebe, ſondern ein wilder Taumel, der ſich ſeiner Sinne bemächtigt hatte, ein be⸗ rückender Zauber, der plötzlich das ganze Weſen des bisher ſchuldloſen Jünglings verwandelte. Seitwärts von der Straße lag der bezeichnete Ort auf einem Hügel, von dem aus man ſelbſt ungeſehen und durch dichtes Gebüſch geſchützt die Gegend überſehen konnte. Ein grauer, moosbedeckter Stein bezeichnete das Grab eines unbekannten Ritters, der vor meh⸗ reren Jahrhunderten hier im Zweikampf, oder durch Mord ſeinen Tod gefunden hatte. Die Inſchrift war längſt verwittert, der Name ver⸗ ſchollen, aber die Sage hatte ſich der blutigen Stätte bemächtigt und ließ den Geiſt des Erſchlagenen ſelbſt im Grabe nicht die Ruhe fin⸗ den. Vorübergehende wollten öfters einen bleichen Jüngling von ſei⸗ nen Hunden umgeben, auf einem Stein ſitzend, geſehen haben. Das abergläubiſche Landvolk in der Nähe vermied den Weg, der hier vor⸗ überführte. Selten nur wagte es ein Fuß, dieſen unheimlichen Ort zu betreten, und ſelbſt die Vögel ſchienen ſich zu fürchten. Rings umher herrſchte eine tiefe Stille. Die dunklen Fichten mit ihren ſchweren Zweigen regten ſich nicht und das hohe Riedgras flüſterte kaum vernehmlich. Dies war die Stelle, welche Lucy zur Zuſammenkunft beſtimmt hatte, ſicher von keinem Menſchen hier belauſcht und geſtört zu werden. Sie ſelbſt fürchtete ſich nicht,« denn der alte Henderſon war frei von dem Aberglauben des gewöhnlichen Landvolkes geblieben und hatte auch in dieſem Sinne ſeine Tochter erzogen. Ein ſchriller Pfiff, den Billy Green ausſtieß, benachrichtigte den ungeduldigen Jüngling von der Ankunft des Mädchens. Bald ſtand ſie ihm gegenüber athemlos und ohne Sprache. Der Landſtreicher ver⸗ ſchwand auf ein Zeichen im Gebüſch und die Liebenden blieben allein. — Endlich, endlich! rief Thomas ihr entgegen. Ich fürchtete ſchon, daß du nicht kommen würdeſt. — Mußte ich nicht, da du mich gerufen haſt, entgegnete ſie hin⸗ gebend. Ich wäre gekommen und hätte es mein Leben gekoſtet. — Lucy! Du liebſt mich? 5 — Frage ob ich je aufgehört habe, dich zu lieben. All meine Gedanken ſind bei dir, bei deinen Geſchwiſtern in Ludlow⸗Caſtle ge⸗ weſen. O, wie ſehnte ich mich, Einem von Euch zu begegnen und ihm 4½ —— — 103— Alles ſagen zu dürfen, was mein Herz bedrückt. Da ſah ich dich geſtern im Haiwood⸗Forſt. Meine Seele flog dir entgegen, doch ich durfte keine Sylbe ſprechen in dieſer verhaßten Geſellſchaft. Was habe ich um Deinetwillen dulden müſſen, als ich dich in ſolcher Gefahr erblickte. Gott ſei gedankt, du biſt gerettet, ſie haben dich nicht getödtet. — Wie du ſiehſt, bin ich noch leidlich davongekommen. Doch wir wollen nicht von mir und am wenigſten von meinem geſtrigen Abenteuer ſprechen. Ich hoffe noch einmal mich an dem Geſindel zu rächen, ſie ſollen mir den angethanen Schimpf bezahlen. Erzähle mir lieber von deinen Angelegenheiten, von deinem Leben, wir haben uns ſo lange nicht geſehen, eine Ewigkeit für mich. — Wirklich? O, daß ich dir glauben dürfte. — Hab' ich jemals dich belogen, warſt du nicht von Jugend auf meine liebſte Freundin? Komm und ſetze dich, wir wollen mit⸗ ſammen plaudern wie in alter Zeit. — Er nahm ihre Hand und zog ſie zu ſich nieder auf den mooſi⸗ gen Stein. Liebkoſend hielt er ſie umſchlungen und ſie wehrte nicht die heißen Küſſen ab, die er auf Mund und Wange drückte. — Wie es mir ergangen? ſagte ſie ſeufzend nach einer Pauſe. Ach! ſeit dem Tode meiner guten Mutter habe ich keine frohe Stunde mehr gehabt. Mein Vater wurde immer finſterer und ging mit keinem Menſchen um. Wie du weißt, hat er ſich den Puritaner angeſchloſſen und lebt, wie dieſe, zerfallen mit der ganzen Welt. Den ganzen Tag lieſ't er in der Bibel, die er ſtets mit ſich herumträgt; er hat für nichts auf Erden mehr Sinn. Ich muß ſeinem Beiſpiele folgen, obgleich mir dieſes Leben ſo verhaßt iſt, daß ich mir täglich den Tod wünſchte. Wie eine Gefangene werde ich im Hauſe gehalten und darf mich weder rühren, noch regen. Was ich auch thun mag, iſt eine Sünde in des Vaters Augen und jedes Vergnügen eine Lockung der Hölle. Länger kann ich's nicht ertragen. Wenn ich dich nicht getroffen hätte, ſo hätte ich gewiß meinen Entſchluß ausgeführt. — Und was wollteſt du thun? — Mich in die Temme ſtürzen, wo ſie am tiefſten fließt. — Böſes Mädchen! das wärſt du wirklich im Stande geweſen? — 104— — Wahrhaftig und du weißt, daß ich ſchon als Kind eines feſten Entſchluſſes fähig war. Jetzt aber, da ich dich wiedergefunden und du mir geſagt haſt, daß du mich noch liebſt, will ich leben. O! ich liebe ja dieſes Leben ſo ſehr, wenn es mich heiter aus deinen Augen anlächelt. — Ja, wir wollen leben, ſagte Thomas, indem er feſter ſeinen Arm um den ſchlanken Leib des Mädchens legte. Leben und genießen ſoll unſer Wahlſpruch ſein. Fort mit den mürriſchen Lehren der heuchleriſchen Puritaner! Was gehen uns ihre traurigen Predigten an? Nicht umſonſt hat Gott die ſchöne Welt geſchaffen, nicht umſonſt uns die frohe Jugendzeit gegeben. Allen den näſelnden, plärrenden Schur⸗ ken zum Trotz wollen wir uns an der Gegenwart erfreuen. Wozu blüht die Blume, wenn man ſie nicht pflücken darf, wozu wächſt der Wein, wenn man ihn nicht trinken ſoll? Unſere Lippen ſind noch zu was Anderem geſchaffen, als ewig und immer langweilige Pſalmen abzuleiern. Küſſe mich, mein ſüßes Lieb, und ich abſolvire dich von dieſer Sünde mit einem zweiten Kuß. So ſcherzte und koſ'te der Jüngling die etwa noch aufſteigenden Bedenklichkeiten des Mädchens hinweg. Auch er predigte, aber das Evangelium des Genuſſes und der Liebe, welches bei ihr nur all⸗ zuwillige Ohren fand. Gegen den finſteren Geiſt des Puritanismus beſchwor er die leichten Geiſter der Lebensluſt und des Vergnügens. Lucy vermochte nicht zu wiederſtehen. Sie theilte weder den Fanatis⸗ mus noch die finſteren Anſchauungen ihres Vaters von dem Leben dieſer Welt, ihr ganzes Weſen ſträubte ſich dagegen. Jugend und Liebe empörten ſich in ihrem Herzen, gegen eine religiöſe Richtung, welche mit den Forderungen ihres heißen Blutes im ſteten Widerſpruche ſtand. Entſage! rief ihr der ihr aufgedrungene Glaube zu, genieße! flüſterte ihr die Liebe in das Ohr. Sie folgte der ſüßen Stimme der Ver⸗ führerin. Der ewige Streit, der durch das Chriſtenthum in die Welt gekom⸗ men, der Kampf zwiſchen Geiſt und Materie, zwiſchen Entſagung und Genuß, wurde in England zu keiner Zeit lebhafter geführt als in jenen Tagen. Auf der einen Seite ſtand der üppige Hof mit den reichen und übermüthigen Kavalieren. Hier herrſchte der größte Glanz und Ueberfluß, der Alles übertraf, was in dieſer Beziehung die Gegenwart — 105— aufzuweiſen hat. Buckingham, der Günſtling zweier Könige, darf mit Recht als der Repräſentant und Tonangeber dieſer Partei angeſehen werden. Seine Verſchwendungsſucht und Ueppigkeit kannte keine Gränzen mehr. Seine Schlöſſer und Beſitzungen waren der Sammelplatz des Luxus, der Werth ſeiner Demanten und übrigen Juwelen überſtieg die Summe von zweimal hunderttauſend Pfund Sterlingen. Er war der erſte Engländer, welcher in einer Kutſche mit ſechs Pferden beſpannt fuhr, ſo wie er der erſte war, der einer Sänfte ſich bediente, eine Neuerung, welche dem Volke großes Aergerniß gab und allgemeinen Widerſpruch deshalb fand, weil den Menſchen dabei die Dienſte der Zugthiere zugemuthet wurden. Sein übriger Lebenswandel entſprach dieſer Ueppigkeit. Zahlloſe Liebſchaften, unter denen ſein Verhältniß zu der regierenden Königin von Frankreich die erſte Stelle einnahm, wurden ihm zugeſchrieben. Sein Beiſpiel wurde von den meiſten, jüngeren Höflingen nachgeahmt. Galanterien und Ausſchweifungen aller Art galten ſogar für verdienſtvoll und die größte Sittenverderb⸗ niß fand nicht nur Nachſicht, ſondern öfters ſelbſt noch Lob und Aner⸗ kennung. Ein ungebundener, freier Ton herrſchte in dieſen Kreiſen. Liebeshändel aller Art, Zechgelage und hohes Spiel waren an der Tagesordnung. Unter den Augen des Königs und der Königin führten die Höflinge ein derartiges anſtößiges Leben. Selbſt die aufblühen⸗ den Künſte und beſonders die Poeſie wurden in dieſen Taumel mit hineingezogen. Die Dichter, wie Waller und Davenant, waren ent⸗ weder ſelbſt ausſchweifende Höflinge, oder ſtanden im Solde der Sittenloſigkeit. Die Muſe hatte ihre Keuſchheit verloren und war zur Kammerjungfer herabgeſunken.— Dieſer Ueppigkeit gegenüber eiferten die immer mehr um ſich greifenden Puritaner mit rauher Strenge und wildem Fanatismus gegen alle Freuden dieſer Welt, in denen ſie nur die Verlockungen der Hölle ſahen. Sie verdammten von ihrem einſeitigen Standpunkte aus, jede Luſt, jedes ſonſt erlaubte Vergnügen. Im blinden Eifer verlangten ſie die Verbannung und Abſchaffung aller Ergötzlichkeiten. Sie waren die geſchwornen Feinde des Luxus, und huldigten der größten Einfachheit in Kleidung und Benehmen. Ihre Lieblingsfarben waren ein dunkeles Braun oder Schwarz und ſo düſter, einförmig, ohne Schmuck und Zier wollten ſie das ganze Leben für ſich und Andere geſtalten. Muſik und Tanz waren ihnen verhaßt, die — 106— ſchönen Künſte dünkten ihnen nicht nur überflüſſig, ſondern gerade⸗ zu verderblich. Aus ihrer Mitte war jener finſtere Schwärmer William Prynne hervorgegangen, der in einem dicken Folianten, Hiſtriomaſtix betitelt, mit einem ungeheuren Aufwande von geſchmackloſer Gelehr⸗ ſamkeit die Sündhaftigkeit der theatraliſchen Beluſtigungen, Schauſpiele, Masken u. ſ. w. nachwies. Sein Buch fand den größten Beifall bei ſeinen Geſinnungsgenoſſen und der vom Hofe deßhalb verfolgte und mit ungerechten, ſchimpflichen Strafen belegte Verfaſſer wurde eben darum vom Volke wie ein Märtyrer verehrt. So ſtanden ſich die feindlichen Richtungen entſchiedener als je gegenüber, auf der einen Seite die Zügelloſigkeit der Kavaliere, auf der andern die finſtere Glaubensſtrenge der Puritaner. Beide fehlten durch ihre Einſeitigkeit und das Uebermaß. Je nachdem im Verlaufe der Zeit die eine oder die andere Partei die Oberhand erhielt, bot England bald das Bild einer wollüſtigen Hetäre, bald den Anblick einer ſtrengen, die Welt verachtenden Matrone dar. Dieſe ſchreienden Gegenſätze haben bis heute daſelbſt noch nicht ihre volle Erledigung gefunden und wenn auch die Kontraſte nicht mehr ſo grell hervortreten, ſondern jetzt friedlich neben einander beſtehen, ſo leidet doch ſelbſt gegen⸗ wärtig die ganze Nation an den Folgen dieſes Doppelweſens. Mit der Pruderie, die oft ans Lächerlichſte gränzt, geht häufig die gröbſte Ausſchweifung Hand in Hand und die puritaniſche Sittenſtrenge lähmt nur zu oft die Schwingen der freien Forſchung und die Entfaltung des Genius. Der größte Dichter der Neuzeit, ein Lord Byron, krän⸗ kelte an dieſen Gebrechen ſeines Vaterlandes. Unbewußt trug damals jeder Einzelne den Stempel der Partei, welcher er angehörte, und nahm an ihren Schwächen und Sünden Theil. So war Thomas vom Scheitel bis zur Zehn ein Kavalier; tapfer und muthig, treu dem Könige und der biſchöflichen Kirche, zu der er ſich bekannte, aber auch übermüthig, verwegen und ohne ſittlichen Halt. Er hatte das Gift ſeiner Zeit und ſeines Standes in ſich ein⸗ geſogen, denn wie zur Zeit, wenn die Peſt herrſcht, jeder Mann mehr oder minder den Anſteckungsſtoff in ſeinem Innern trägt, ſo waren auch die Beſten nicht frei von der allgemeinen Fäulniß ihrer Umgebung. Der Keim lag in dem übermüthigen Jüngling und bedurfte nur der Gelegenheit, um hervorzubrechen. Solchen Händen hatte die uner⸗ „ — ——— — 107— fahrene Lucy ihr Geſchick, ihre Unſchuld und Ehre anvertraut. Wil⸗ lenlos überließ ſie ſich ſeinen gefährlichen Liebkoſungen und hörte auf die ſchmeichleriſchen Worte, die er ihr zuflüſterte. Er war ſchön, die ſorgſam gepflegten, blonden Locken umwehten die ſtolze, ariſtokratiſche Stirne. Den feinen Mund und das wohl geformte Kinn beſchattete der weiche Bartflaum. Ein weißer Spitzenkragen legte ſich um Bruſt und Nacken. Seine Kleidung prachtvoll und mit reicher Gold⸗ ſtickerei beſetzt, bildete einen gefälligen Gegenſatz zu der düſtern, einförmigen Tracht der Puritaner, welche ſie gewöhnlich zu Geſichte bekam. Wie fein war ſein Benehmen, wie ſüß klangen ſeine Reden, wenn er mit ihr von ſeiner Liebe ſprach, oder von den Vergnügungen und Feſten auf Ludlow⸗Caſtle erzählte. Sie wurde nicht müde ihm zuzuhören und bemerkte nicht, wie ſchnell die Zeit verſtrich. „Die untergehende Sonne mahnte ſie zum Aufbruch, ſie fürchtete zu ſpät zu kommen und daß ihre lange Abweſenheit von ihrer Ver⸗ wandten bemerkt und dem Vater hinterbracht werden könnte. Nur mit Widerſtreben riß ſie ſich aus ſeinen Armen, ihr Herz ließ ſie zurück. — Wann ſehe ich dich wieder? flehte er. — Bald, ſo bald als möglich und ſollte es mich mein Leben koſten. Der Vater iſt jetzt häufig verreiſt. Ich weiß nicht, was er vor hat, aber er geht in letzter Zeit oft Tage lang über Land. So bald er ſich wieder entfernt, will ich dir ein Zeichen geben und wir treffen uns an derſelben Stelle. — Bis dahin ſterbe ich vor Sehnſucht. Ich werde dir meinen Boten ſchicken. — Denſelben, der mich hierher gerufen hat? — Er iſt ſchlau und wie ich glauben darf, auch verſchwiegen. Durch ihn kannſt du immer mir Nachricht zukommen laſſen. — Jetzt aber muß ich gehen. Es dunkelt bereits, halte mich nicht länger auf, ſonſt gerathe ich in Ungelegenheiten. Leb wohl! Ein langer, langer Kuß vereinte die Liebenden, dann entriß ſich Lucy den ſtürmiſchen Umarmungen des Jünglings und eilte wie das gehetzte Reh nach dem Vaterhauſe zurück. Thomas ſah ihr ſo lange nach, bis ihre ſchlanke Geſtalt unter den Bäumen verſchwunden war, dann pfiff er den Hunden und trat ſeinen Heimweg an. 3 4 — ꝗ— — — 108— Auf ferneres Glück! rief ihm Billy Green nach, und wenn ihr wieder einen Treiber braucht, der Euch das Wild ſtellt, ſo fragt nur nach mir in der Schenke zu den„Drei Tauben“ nach. Damit bückte er ſich, um ein Geldſtück aufzuheben, welches ihm Thomas im Fortgehen zugeworfen hatte. Vergnügt beäugelte er den Schatz, den er in ſeine weite Taſchen darauf gleiten ließ. — Hüätte nicht geglaubt, murmelte er lächelnd, daß die fromme Puritanerin ſo raſch zum Teufel fahren wird. Doch was geht's mich an, ich diene ſtets dem, der mich am beſten bezahlt. 10. Ein neuer Gaſt war in Ludlow⸗Caſtle eingetroffen. Auf ſeiner Rückreiſe nach London hielt es der Sir Kenelm Digby für ſeine Pflicht, dem verwandten Hauſe des Grafen von Bridgewater einen Beſuch ab⸗ zuſtatten. Vielleicht verband er mit dieſer Höflichkeit noch einen andern Zweck, da Sir Kenelm nie Etwas ohne eine geheime Abſicht that. Die Aufnahme, welche er in der edlen Familie fand, entſprach ihrer geprieſenen Gaſtfreundſchaft, wie dem Ruf, der dem außerordentlichen Manne voranging. Kenelm Digby war der Sohn des Sir Edward Digby, eines begüterten Edelmannes. Sein Vater, ein eifriger Katholik, war wegen ſeiner Theilnahme an der berühmten Pulververſchwörung unter König Jakob dem Erſten von England hingerichtet worden. Der verwaiste Sohn nahm die proteſtantiſche Religion an, um wenigſtens einen Theil des Vermögens zu retten, welches die Krone bereits eingezogen hatte. Sein Lehrer und Erzieher war der bekannte Erzbiſchof Laud, damals noch Decan of Gloceſter. Frühzeitig verrieth der talentvolle Knabe außerordentliche Gaben des Geiſtes, und machte in allen Wiſſenſchaften die bedeutendſten Fortſchritte. Als Jüngling wurde er unter Aufſicht des gelehrten Thomas Allen von ſeiner ſtreng katholiſchen Mutter auf Reiſen und zunächſt nach Frankreich und Ita⸗ lien geſchickt. Bei ſeiner Rückkehr verbreitete ſich allgemein das Ge⸗ rücht, daß er in Rom die ihm aufgedrungene proteſtantiſche Religion abgeſchworen habe; er ſelbſt ſtellte aber längere Zeit dieſen Umſtand entſchieden in Abrede. Bei einem Hoffeſte, welches zur Vermählung 4 — — 109— der Prinzeß Eliſabeth mit dem Pfalzgrafen Friedrich, dem ſpäteren König von Böhmen, gegeben wurde, lernte er die ſchöne Venezia Stan⸗ ley, die Tochter des Sir Edward Stanley kennen, deren Mutter eine Percy war und die ſomit zu dem höchſten Adel des Königreichs ge⸗ hörte. Trotz aller Hinderniſſe gelang es ihm, die Liebe des ſechszehn⸗ jährigen Mädchens zu gewinnen, deſſen Ruf jedoch von ihren Zeitge⸗ noſſen vielfach angezweifelt wurde. Ehe er ihr ſeine Hand reichte, ſah er ſich gezwungen, für einige Zeit ſeinen Aufenthalt in Paris zu neh⸗ men. Dort erregte ſeine männliche Schönheit wie ſein Geiſt am Hofe das größte Aufſehen und ſelbſt die Königin, jene galante Anna von Oeſterreich, fühlte ſich zu ihm hingezogen und knüpfte mit ihm ein inniges Verhältniß an. Aus den Armen einer Fürſtin eilte er jedoch wieder zu ſeiner geliebten Venezia zurück, welche allerdings nach dem einſtimmigen Urtheil zu den liebenswürdigſten und verführeriſchſten Frauen jener Zeit gezählt werden darf. Erſt nachdem er ſie mit Gewalt entführt und ſich heimlich mit ihr vermählt hatte, gelangte er zu ihrem vollſtändigen Beſitz. Ehrgeiz und Abenteuerluſt führten ihn an den Hof und in das Treiben der Welt zurück. Er bwegleitete den verſchwenderiſchen Buckingham auf deſſen Geſandtſchaftsreiſe nach Frank⸗ reich. Um die Koſten dieſes Ausfluges zu beſtreiten, mußte ſeine ge⸗ liebte Venezia ihren reichen Juwelenſchmuck verſetzen, was ſie gern und freudig that. Später rüſtete er in dem Kriege, welchen Karl mit Frankreich führte, einige Schiffe mit ſeinem Gelde aus. Als Be⸗ fehlshaber derſelben griff er bei Skandenoon die vereinigten Galeeren der Franzoſen und Venezianer muthig an und erfocht einen nicht un⸗ erheblichen Sieg über dieſelben. Sieggekrönt kehrte er nach England zurück, um ſich während der nun folgenden Friedensjahre ausſchließlich der Liebe und den Wiſſenſchaften zu widmen. Sein Lieblingsſtudium war die Chemie, in der er ſich durch Fleiß und Anſtrengung ganz ungewöhnliche Kenntniſſe für die damalige Zeit erwarb. Schon nach einer fünfjährigen Ehe ſtarb ſein Weib und zwar ſo plötzlich, daß ihr unerwartet ſchneller Tod den Verdacht einer Vergiftung aufkom⸗ men ließ. Ihr Gatte ſelbſt wurde eines ſolchen Verbrechens und zwar aus Eiferſucht beſchuldigt, da die Treue Venczia's mindeſtens zweifelhaft erſchien und ihr früherer Lebenswandel allerdings ſeinen Argwohn leicht erregen konnte. Sein Betragen nach dieſem Verluſt — 10— gränzte einigermaßen an Wahnſinn. Monate lang ſchloß er ſich in ſeinem Laboratorium ein, erſchien an keinem Tageslicht. Mit unge⸗ kämmtem Haar und Bart ſtarrte er ſinnend auf einen Punkt und überließ ſich vollkommen der größten Verzweiflung. Erſt nach einem Jahre erſchien er wieder in der Welt und ließ ſich bei Hofe blicken, wo er ſich beſonders der Gunſt der katholiſchen Königin erfreute. Karl der Erſte zog ihn in ſein Vertrauen und ernannte ihn zu ſeinem Kammerherrn. Dieſem vielbewegten Leben eines Kriegers, Denkers und Höflings in derſelben Perſon entſprach auch die ganze äußere Er⸗ ſcheinung des Edelmanns. Seine athletiſche Figur verrieth eine un⸗ gewöhnliche Körperkraft und kriegeriſche Tüchtigkeit. Auf dem ſtarken Nacken ſaß indeß der ausdrucksvollſte Kopf, welcher die Herrſchaft des Geiſtes über dieſen koloſſalen Körper verkündigte. Die hohe, ſtark ge⸗ wölbte Stirn verrieth den ſcharfen Denker. Der Blick der dunkel⸗ grauen Augen war hell und klar wie ein geſchliffener Stahlſpiegel und deutete auf vorwiegenden Verſtand. Im wunderbaren Contraſt ſtand damit der üppig weiche Mund, den ein ſchwärmeriſcher Zug umfloß. Glänzend ſchwarz war das lockige Haar, welches bereits zu ſchwinden begann und einen Theil des Scheitels kahl und bloß erſcheinen ließ. Ein eben ſo dunkler Bart umgab die bleichen Wangen bis tief zur Bruſt herniederwallend. Dadurch erhielt der Ausdruck des Geſichtes trotz ſeiner großen Bedeutſamkeit etwas unheimlich Geſpenſtiſches. Die ganze Erſcheinung vereinte zu große Widerſprüche, um nicht ein ge⸗ wiſſes Mißtrauen zu erregen. Sinnlichkeit und fanatiſche Aſceſe, kalter Verſtand und an Wahnſinn gränzende Exeentricität ſprachen aus den ſcharf geprägten Zügen. Die verſchiedenen Gerüchte, welche der ge⸗ ſchwätzige Leumund über ihn verbreitet hatte, waren ganz beſonders dazu angethan, den Eindruck des Geheimnißvollen und Myſtiſchen ſeiner Perſon zu verſtärken.— Es ging ihm wie ſo vielen Verſtandes⸗ menſchen; das unterdrückte Gefühl und die zurückgedrängte Phantaſie machte ſich in unbewachten Augenblicken bei ihm doppelt geltend. Dann kannte ſeine Leidenſchaftlichkeit keine Grännze mehr und die Ausbrüche ſeiner Excentricität glichen verheerenden Stürmen und vernichtenden Blitzen. 15 Sowohl ſeine Stellung wie die verwandtſchaftlichen Beziehungen, in denen er zu der Familie des Grafen von Bridgewater ſland, ſicher⸗ ,— — 111— ten ihm eine überaus freundliche Aufnahme. Der Lord Präſident zog ſich bald nach der Ankunft des Gaſtes mit demſelben zurück, um mit dem erfahrenen und geiſtreichen Mann die Lage des Königs und des Hofes zu beſprechen. Das geheime Kabinet des Grafen lag in einem der gothiſchen Thürme und hatte die herrlichſte Ausſicht auf das Thal und die Hügel von Herefordſhire. Weiche Teppiche waren auf dem Fußboden ausgebreitet, um jeden lauten Schall zu dämpfen. Die gepreßten Ledertapeten enthielten Darſtellungen aus dem alten Teſtament; an der einen Wand erblickte man den Erzvater Abraham wie er im Begriffe ſtand, ſeinen einzigen Sohn zu opfern, neben ihnen ſtand der Widder und über dem Altar ſchwebte der rettende Engel mit vergoldeten Fittigen. Ein anderes Bild zeigte die Kinder Iſraels in der Wüſte, das goldene Kalb anbetend; auf einer Anhöhe ſtand Moſes zürnend mit den Geſetztafeln in der Hand. So zeigte ſich der religiösſe Sinn der Zeit in der ganzen Einrichtung dieſes Studirzim⸗ mers eines vornehmen Herrn aus jener Zeit. Möbel, Tapeten, jeder Hausrath zum täglichen Gebrauch war damals noch in ſtrenger Ueber⸗ einſtimmung mit dem ganzen Menſchen und ſeinem Leben. Selbſt die Stühle und Lehnſeſſel waren mit bibliſchen Stickereien bedeckt. In der Nähe des Fenſters ſtand der alterthümliche Schreibtiſch des Grafen mit Büchern und Schriften beladen. Dicke Folianten in Schweins⸗ leder oder Pergament gebunden erſetzten unſere heutigen zierlichen Oktavbändchen und ſtatt der Akten lagen ringsumher ſtattliche Urkun⸗ den mit Metallkapſeln verſehen, welche die großen Siegel vor Beſchädi⸗ gung bewahrten. In dieſem Zimmer verkehrten jetzt ungeſtört und ohne Zeugen die beiden Männer. Der Lord Präſident von Wales war ein ſchon be⸗ jahrter Mann mit würdevollen Zügen. Er hatte wie ſein Vater, der unter Eliſabeths und Jakobs Regierung berühmte Kanzler Egerton, das Studium der Rechtswiſſenſchaften erwählt und wie dieſer ſein ganzes Leben hindurch die ſtrengſte Pflichttreue und den ſtarrſten Sinn für Gerechtigkeit bewieſen. Trotz ſeiner Anhänglichkeit für das könig⸗ liche Haus konnte er darum die letzten Maßregeln der Regierung nicht gut heißen. Die Bedrückungen und Erpreſſungen der Sternkammer, die ungerechtfertigte Auflöſung des Parlaments, die dadurch herbeige⸗ führte willkürliche Beſteuerung des Volkes hatten ihn mit Recht für — n2— die Zukunft des Landes beſorgt gemacht. Jetzt ſprach er ſeine Be⸗ fürchtungen, wenn auch mit Vorſicht, dem neuen Gaſte gegenüber aus, wobei ſeine angeborene Loyalität häufig mit ſeinem Gewiſſen in Wider⸗ ſpruch gerieth. — Ihr könnt mir glauben, ſagte er im Verlauf der Unterhaltung, daß das Volk mit jedem Tage hier ſchwieriger wird. Der König muß ein neues Parlament berufen, wenn es nicht zum Aeußerſten kommen ſoll. Ihr lebt am Hofe, in ſeiner nächſten Umgebung und könnt mir daher am beſten ſagen, was er zu thun gedenkt. — Karl wird ſo lang als möglich ohne ſein Parlament zu re⸗ gieren ſuchen. Er hat die Freuden der unbeſchränkten Herrſchaft ein⸗ mal kennen gelernt und will dieſelben nicht ſo leicht wieder fahren laſſen. Vorläufig iſt nicht daran zu denken und ſo lang es ihm an Geld nicht mangelt, wird er ſich hüten, von freien Stücken dieſe Ver⸗ ſammlung von mürriſchen Zuchtmeiſtern und Nachmittagspredigern einzuberufen. — Aber bei dem gegenwärtigen Aufwande, der am Hofe herrſcht, werden ſeine Mittel bald erſchöpft ſein. — Dafür laßt nur den alten Noy ſorgen. Der ſchlaue Rabuliſt ſitzt Tag und Nacht und ſucht in vergilbten Pergamenten und ver⸗ ſtaubten Urkunden nach. Er verſteht es beſſer wie der erſte Alchymiſt aus Papier Geld zu machen. Wo er nur ein Titelchen eines ver⸗ jährten Rechtsanſpruches, eine Spur von einer abgekommenen Ein⸗ nahme der Krone findet, da ſtützt er ſich darauf und weiß Geld dar⸗ aus zu ſchlagen. Tag und Nacht ſinnt er darauf, neue Steuern und Abgaben unter geſetzmäßigen Formen aufzubringen. Die Rechtmäßig⸗ keit läßt ſich nicht beſtreiten, denn das muß man dieſer juriſtiſchen Kreuzſpinne nachrühmen, daß ſie jeden vergeſſenen Schlupfwinkel unſerer Geſetze kennt. Verdankt ihm nicht der König die Taxe auf den Ge⸗ brauch von Seife, welche er aus irgend einem verſchimmelten Statut aus den Zeiten des„Eroberers“ hergeleitet hat. Freilich murrt. das Volk, weil es ſich nicht mehr ſo häufig waſchen kann; aber was thuts? Die Puritaner ſehen ohnehin mehr auf ein reines Herz und einen reinlichen Lebenswandel, als auf weiße Hemden und gewaſchene Hände. — Ihr könnt noch ſcherzen, während ich und mit mir alle wah⸗ ren Freunde des Königs voll Beſorgniß ſind. —— — 113— — Da thut Ihr Unrecht, edler Graf, entgegnete Kenelm Digby mit unheimlichem Lächeln. Man ſieht, daß Ihr in der Provinz lebt und nicht mehr wißt, wie es am Hofe zugeht. Dort hat kein Menſch vor der Zukunft Angſt. Man denkt nur an die Luſt des Augenblicks und jeder Tag bringt ein neues Feſt. Wir haben alle Hände voll zu thun mit Bällen, Masken und ähnlichen Vergnügungen. An Buckingham's Stelle iſt die Könizin getreten und ich gebe Euch mein Wort darauf, daß wir uns nicht ſchlechter unterhalten als zu den Zeiten, wo der„große Herzog“ noch lebte. Armer Buckingham! Wer hätte das gedacht, daß du ſo zeitig und durch Mörderhände enden würdeſt.— Kaum vermodert, biſt du ſchon vergeſſen. Das iſt der Lauf der Welt. — Gott ſchenke ihm die ewige Seligkeit, erwiderte der fromme Lord Präſident, indem er ſeine Hände faltete. Er trägt zum größten Theil die Schuld an der gegenwärtigen Verwirrung, doch der Tod iſt der größte Verſöhner. Hätte der König weniger auf den Rath ſeines Günſtlings gehört und ihn nicht ſtets ſo hartnäckig vertheidigt, er ſtände jetzt beſſer mit ſeinem Parlament und hätte nicht nöthig gehabt, es aufzulöſen. 3 — Amen! rief der Gaſt mit einem Anfluge von Spott. Indeß geht es auch ſo noch immer gut genug. Vorläufig fehlt es nicht an Baarem, die Seifenſteuer und das Schiff⸗ und Tonnengeld decken die königlichen Bedürfniſſe. Auch ſorgt die Sternkammer dafür, daß die auferlegten Strafen und Bußen den Säckel des Hofes gehörig füllen. Auf tauſend Pfund mehr oder weniger kommt es ihr nicht an und wenn ein armer Teufel nicht zahlen kann, ſo wird er ſo lang einge⸗ ſperrt, als es ſeiner Majeſtät gefällt. Er kann dabei noch von Glück ſagen, wenn man ihm nicht am Pranger die Ohren abſchneidet, wie dies dem frechen Prynne von Rechtswegen geſchehen iſt. Ich habe ſelbſt dem Schauſpiel mit beigewohnt und dabei den Muth des Schur⸗ ken bewundert. Während der blutigen Operation hielt er eine feier⸗ liche Anrede an das Volk und ſelbſt der Henker konnte ihm nicht den Mund ſtopfen. Ich ſage Euch, der Schuft gebärdete ſich wie ein Märtyrer und ſtand da, als erwarte er jeden Augenblick zum Schutz⸗ patron von England ausgerufen zu werden. D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 1 8 — 114— 1 e dns Alles, was Ihr mir hier erzählt, vermehrt nur meine Befürh ngen. Wie ich höre, haben ſich viele der angeſehenſten Män⸗ ner, Kaufleute und Gutsbeſitzer bereits geweigert, das Schiff⸗ und Tonnengeld zu bezahlen, weil dieſe Abgabe ohne Bewilligung des Parla⸗ ments erhoben wird. Wenn ihr Beiſpiel um ſich greift, ſo kann der König nicht anders, und wird nachgeben müſſen. Leider geſchieht dies dann nur mit Beeinträchtigung ſeiner Würde und das Parlament wird um ſo kühner vorgehen und zu den alten Freiheiten neue begehren, welche ſeine Macht noch mehr beſchränken, als dies bisher geſchehen. — Freilich wenn das Geld fehlt, fehlt auch der Muth. Point d'argent, point de Suisses pflegt man in Frankreich zu ſagen. Einſt⸗ weilen aber ſteckt man die Steuerverweigerer ſo lange ins Gefängniß, bis ſie zahlen. Es gibt kein beſſeres Mittel auf der Welt, um wider⸗ ſpenſtige Leute zur Beſinnung zu bringen, als ſo ein Kerker. Es weht dort eine ganz beſonders beruhigende Luft, um Hitzköpfe abzu⸗ kühlen. Ein Aufenthalt von einigen Tagen im Tower oder in New⸗ gate genügt oft ſchon, um die Wildeſten zahm zu machen. Das Mittel hat ſich aber bei der Anwendung bis jetzt noch immer bewährt. — Wenn aber die Richter ſich weigern ſollten, ihre Hand zu ähn⸗ lichen Verfolgungen zu bieten, wenn es in England noch Männer gibt, welche das Recht höher ſtellen, als die Gunſt des Hofes, was wird dann geſchehen? — Pah! Man wird auch mit ihnen fertig werden. Man ent⸗ ſetzt ſie ihrer Stellen und jagt ſie einfach fort. Mit der nöthigen Energie wird man mit Allem fertig. Das hat am beſten unſer jetzi⸗ ger Miniſter, Lord Wentworth, gezeigt. Er macht ſeinem Wahl⸗ ſpruch Ehre. Wißt Ihr, wie der lautet? Immer durch!— Damit treibt er die Rebellen zu Paaren und ſchafft im Lande Ruhe. Der verſteht es, denn er war ja ſelbſt früher eines der widerſpenſtigen Mitglieder des aufgelösten Parlaments. Er kennt daher die Ränke, Schliche und Schwächen ſeiner früheren Geſinnungsgenoſſen am beſten. In Indien, ſo habe ich mir erzählen laſſen, fängt man die wilden Elephanten mit Hülfe der gezähmten. Glaubt mir, Apoſtaten ſind das Holz, aus dem man die ſchärfſten Verfolger für Ihresgleichen ſchnitzt. Aus einem früheren Demokraten läßt ſich im Handumdrehen ein Freund der Regierung machen, wenn man es nur verſteht, ſeinen — 115— Ehrgeiz zu erwecken und zu befriedigen. Käuflich ſind ſie Alfe und Wentworth regiert jetzt mit einer Strenge und Rückſichtsloſigkett, die ſich kein alter Anhänger des Königs je erlaubt hätte. Wie man ſagt, geht er ſogar damit um, ein ſtehendes Heer zu ſchaffen. Wenn ihm dieſer Meiſterſtreich gelingt, dann wird der König kein Parlament mehr zu berufen brauchen. — Dann iſt es aber auch um die Freiheit des Volkes geſchehen und wir Alle ſind nicht beſſer daran, als die Sklaven in der Türkei. Gerade der Adel, welcher an der Spitze ſteht, wird dieſe Veränderung zuerſt empfinden. Wir ſinken zu bloßen Werkzeugen und Dienern der Krone herab, während gegenwärtig der König von England nur der Oberſte unter ſeines Gleichen, der Pair ſeiner Paire iſt. Blickt nur auf Frankreich, wo Richelieu unumſchränkt im Namen Ludwig's herrſcht. Wollt ihr ähnliche Zuſtände unſerem Vaterlande wünſchen? Der ſtolze Kardinal ſetzt ſeinen Fuß auf den Nacken der edelſten Ge⸗ ſchlechter und läßt die höchſten Häupter fallen, wenn es ihm beliebt. — Immer noch beſſer das kraftvolle Regiment eines Einzigen, als die vielköpfige Herrſchſucht des Volkes. Ich bin, wie ihr wißt, Na⸗ turforſcher, und aus der Natur habe ich gelernt, daß die Glieder eines Ganzen dem Willen des Hauptes unterthan ſein müſſen. Der Stär⸗ kere zwingt die Schwächeren, das iſt ein unumſtößliches Geſetz. In der Chemie ſtreiten die verſchiedenen Kräfte ſo lange, bis eine einzige die Oberhand gewinnt, der ſich die übrigen willig unterordnen. Selbſt unter den Metallen habt ihr eine gewiſſe Rangordnung. Das Gold iſt der König, das Eiſen der Knecht. So war es von jeher und ſo wird es ewig ſein. — Ich ſtreite auch nicht dagegen, aber zwiſchen einem chriſtlichen Könige und einer despotiſchen Tyrannei iſt, ſollte ich meinen, noch immer ein ſo großer Unterſchied, wie zwiſchen der Pflugſchaar und dem Schwert. Die eine verbreitet Segen, das andere Fluch und Ver⸗ derben. Das haben unſere Väter wohlweislich eingeſehen und darum die fürſtliche Macht der Willkür beraubt, ohne ihrer Würde darum Abbruch zu thun. Das Parlament iſt die natürliche Schutzwehr gegen königliche Tyrannei. Sollen wir ſelber die Hand dazu bieten, dieſes Bollwerk einzureißen? Sagt, welchen Schutz haben wir dann noch? 8* — 116— — Die Kirche! entgegnete Kenelm Digby mit ſtarker Betonung. Von jeher gab dieſelbe das beſte Gegengewicht gegen die Anmaßungen der weltlichen Herrſchaft ab. Die Päbſte haben ſtets die Völker ihren Fürſten gegenüber in Schutz genommen. Das iſt der größte Fluch der Reformation, daß ſie die geiſtliche Macht gebrochen und ihr die Waffen entwunden hat, mit denen ſie allein die Tyrannei wirkſam zu bekämpfen wußte. Vor den Blitzen Rom's zitterten die Könige auf ihren Thronen. — Wenn man Euch ſo ſprechen hört, ſo ſollte man meinen, daß Ihr wirklich Katholik geworden ſeid, wie man ſich hier und da erzählt. Ich wollt' es nimmermehr glauben. — Kann man denn nicht ein guter Proteſtant ſein und dennoch ſein Auge für die großen Vorzüge der römiſchen Kirche nicht ver⸗ ſchließen?— Wollt ihr leugnen, daß der Katholizismus eine Burg für die Völker war?— Ich zähle Euch nicht zu dem urtheilsloſen Pöbel, der in Verwünſchungen ausbricht, wenn man Rom und den Pabſt erwähnt. Ihr ſeid mir immer, wie ein Mann ohne jedes Vorurtheil erſchienen. Darum werdet Ihr mir auch zugeſtehen müſſen, daß die Reformation den Fürſten weit mehr Vortheile darbietet als dem Volk. Die katholiſche Kirche ſtand frei und unabhängig da. Ihre Geiſtlichkeit bildete ein geweihtes Heer, einen Staat im Staate mit einer faſt republikaniſchen Verfaſſung. Geht doch aus ihrer Mitte das höchſte Oberhaupt, der Pabſt ſelber, durch freie Wahl hervor, und der niedrigſte Prieſter kann dieſe erhabene Stelle durch ſeine gei⸗ ſtige Begabung erlangen. Dadurch aber iſt von vornherein die Herr⸗ ſchaft des Geiſtes über die rohe Kraft geſichert. In dieſem Sinne lehnte ſich auch Rom zu allen Zeiten gegen die Anmaßung der Für⸗ ſten auf, und ſein gefürchteter Bannſtrahl ſchreckte die Mächtigen der Erde vor offener Gewalt zurück. Was hat uns die Reformation da⸗ für gebracht? Sie hat nur die Könige bereichert und die Völker arm gemacht. Die Geiſtlichkeit hat ihre Unabhängigkeit und damit ihren Einfluß eingebüßt, von einem freien Stande iſt ſie zur gemeinen Dienſtbarkeit herabgeſunken. Das Vermögen der Kirche iſt nicht der Nation, ſondern nur dem Fürſten zugefallen und hat das Ueberge⸗ wicht desſelben nur noch verſtärkt. Bei wem ſoll das Volk jetzt Schutz gegen die Willkür ſuchen, ſeitdem es ſeinen beſten Helfer verloren —,—— V — 117— hat?— An die Stelle der geiſtigen Herrſchaft iſt die rohe Gewalt getreten, und die mit Recht verhaßte Inquiſition iſt mit einer weit ſchlimmeren vertauſcht geworden. Oder meint ihr, daß der Glaubens⸗ zwang der Sternkammer milder ſei, daß die Strafen und Bußen, welche ſie auferlegt, weniger ſchmerzen, daß ihre Kerker minder tief und grauſam ſind? Noch einmal ſage ich es frei, daß die Reforma⸗ tion der eigentliche Grundquell aller unſerer gegenwärtigen Leiden iſt. — Um Gottes Willen ſchweigt! rief der ängſtliche Graf. Wenn Euch jemand ſo ſprechen hörte, ſo würdet Ihr vielleicht Euch ſelbſt bald vor der gefürchteten Sternkammer verantworten müſſen und als geheimer Katholik die ärgſten Strafen zu erdulden haben. Zugegeben, daß Ihr in manchen Beziehungen auch Recht haben mögt, ſo dürft Ihr das Eine nicht vergeſſen, daß grade die Reformation dem Volke die geiſtige Freiheit gebracht hat. Sie hat ihm die Bibel, das unge⸗ fälſchte Wort des Heils, in die Hand gegeben. Wir haben leſen und denken gelernt. Die römiſche Kirche gleicht dem Geizhals, der ſeine eigenen Kinder hungern läßt, und den Schatz verſchloſſen hält, der ungenutzt in der ſicheren Truhe vermodert. Es iſt wahr, ſie hat oft das Volk in Schutz genommen gegen die Tyrannei der Fürſten, doch ſie handelte nur ſo in ihrem eigenen Intereſſe, wie der Schäfer, der die Schafe dem Wolfe gegenüber ſchützt, um ſie zu ſcheeren und zu ſchlachten, wenn es ihm nach ihrer Wolle oder ihrem Fleiſche gelüſtet. Die Menſchheit iſt aber keine vernunftloſe Heerde von Schafen; ſie hat ſich aufgelehnt gegen dieſe geiſtige Bevormundung, gegen die ſchlimmſte aller Tyranneien. Mag auch der gegenwärtige Zuſtand nicht der glücklichſte ſein, aber immer beſſer, daß wir an unſeren Gütern und an unſerem Leben Schaden nehmen„ als an unſerem Seelenheil. Der Schutz, welchen Rom den Nationen gewährte, war zu theuer erkauft. Der Preis war die Freiheit des Gewiſſens und des Denkens. — Und wohin hat uns dieſe geprieſene Freiheit geführt? Ganz England iſt in feindliche Sekten zerfallen, die ſich unter einander bis auf's Blut haſſen und verfolgen. Die widerſinnigſten Irrlehren fin⸗ den täglich neue Anhänger und Verbreiter. Es geht uns wie unge⸗ rathenen Söhnen, welche über die Hinterlaſſenſchaft ihres Vaters ſich nicht einigen können und ſich unter einander zerfleiſchen und morden, bis Keiner mehr übrig bleibt, um das Erbtheil zu genießen. Ich „— 118— ſehe weiter, als Ihr glaubt. Hinter den religiöſen Streitigkeiten er⸗ ſcheint mir bereits das Meduſenhaupt des Bürgerkrieges, eines bluti⸗ gen Kampfes, welcher alles Beſtehende mit dem Untergang bedroht. Die Lehren des ſogenannten Urchriſtenthums fangen bereits an, Früchte zu tragen, und aus der Bibel ſelbſt leiten fanatiſche Schwärmer und ſchlaue Heuchler die Berechtigung zu jedem Angriff auf das Eigen⸗ thum und die Regierung ab. Habt Ihr nicht von den Wiedertäufern gehört, die in Deutſchland ihr Unweſen getrieben haben? Sie for⸗ dern nichts weniger als Abſchaffung aller Vorrechte und Theilung der Güter.— Unſere Puritaner ſehen ihren deutſchen Brüdern ſo ähn⸗ lich, als ein Ei dem andern. Sie träumen, wie man ſich von ihnen erzählt, von einem tauſendjährigen Reiche, von der Herrſchaft des auserwählten Volkes. Darunter verſtehen ſie nichts mehr, noch weni⸗ ger, als die ſchrankenloſe Regierung des Pöbels, die Abſchaffung des Adels und den Genuß unſeres Vermögens. Das auserwählte Volk des Herrn hat keine üble Luſt, uns die Köpfe abzuſchlagen und ſich an unſere Stellen zu ſetzen. Wir ſind ja in ſeinen Augen nur eine Schaar verdammter Heiden, Moabiter, Edomiter u. ſ. w., welche keine Schonung verdienen und deren Vermögen, Ländereien, Wieſen, Gär⸗ ten und Wälder Gott ſeinen Gerechten zur Belohnung für ihre Ver⸗ dienſte und Frömmigkeit angewieſen bnt. t das haben wir Eu⸗ rer Freiheit und der Bibel zu derdanken. Gidt nur dies zweiſchnei⸗ dige Schwert in die Hand des ungebildeten Volkes und Ihr werdet bald Euer eigenes Leben bedroht ſehen. Leider muß ich Euch hierin beipflichten, obgleich ich nicht weiß, wie man dem Uebel begegnen kann. Darum möcht ich gern Eure Anſicht und Meinung hören. Ihr ſeid nicht nur ein tiefer Gelehrter, ſondern mir auch als ein erfahrener Staatsmann bekannt. Was ra⸗ thet Ihr unter ſolchen Verhältniſſen zu thun?— Ich glaube nicht zu irren, wenn ich mir die Vermuthung erlaube, daß Eure Reiſe noch einen andern als den ſichtbaren Zweck verbirgt und Euer Beſuch wahr⸗ ſcheinlich mit einem geheimen Auftrag verbunden iſt. Ihr beſitzt das Vertrauen des Königs und ſteht der Königin am nächſten. Erzbi⸗ ſchof Laud war früher Euer Lehrer und iſt gegenwärtig Euer Freund. Redet offen mit mir und enthüllt mir Euere Miſſion. A— — 11— 4. Einige Zeit ließ Sir Digby den Grafen auf eine beſtimmte Ant⸗ wort warten. Er hielt es für angemeſſen, ſich in ein räthſelhaftes Schweigen zu hüllen. Den Vermuthungen ſeines Wirthes widerſprach er weder, noch pflichtete er denſelben bei. — Ihr irrt, ſagte er mit vieldeutigem Lächeln, wenn Ihr mir einen beſonderen Auftrag von Seiten meines königlichen Herrn zu⸗ ſchreibt. Bedarf es denn eines andern Grundes, mich in Euer Haus zu führen, als unſere langjährige Freundſchaft und die Bande der Verwandtſchaft, die ich, ſtatt zu lockern, nur noch feſter knüpfen möchte?— In der That, ich ſprach Euch gegenüber nur meine eigenen Anſichten über die Lage unſeres Vaterlandes aus. Möglich, daß ich mich auch geirrt haben kann. Da Ihr aber einigen Werth auf meinen Rath zu legen ſcheint, ſo will ich Euch denſelben nicht vorenthalten. Hip⸗ pokrates ſagt, was die Medizin nicht heilt, heilt das Eiſen, und wo dieſes nicht hilft, muß man ſelbſt zum Feuer greifen. Die Krank⸗ heiten des Staates fordern nach meinem Dafürhalten dieſelben Mit⸗ tel, wie die Gebrechen des Körpers. Verſucht es zuerſt mit Milde, und wo die nicht hilft, mit Strenge, ſelbſt mit Härte. Man muß das ſchadhafte Glied entfernen, ehe der Brand den ganzen Körper erfaßt. Beſſer ein fauler Theil geht verloren, als das Ganze. Das iſt meine Meinung, grad und ehrlich herausgeſagt. Nur ſo retten wir uns und bewahr als treue Diener, unſern König vor Schaden und Gefahr.— Doch jetzt mögt Ihr mich entſchuldigen, wenn ich mich entferne. Ich habe den Damen des Hauſes noch nicht meine Aufwartung gemacht. Mit Eurer Erlaubniß will ich jetzt zu ih⸗ nen gehen. Ungern entließ der Graf ſeinen Gaſt, mit dem er lieber noch mehr über die Angelegenheiten des Landes geſprochen hätte. Er ſelbſt hatte ſich noch keine beſtimmte Meinung bilden können, und ſchwankte zwiſchen der angeborenen Milde und der Furcht vor den drohenden Ereigniſſen. Eine große Verantwortung lag in ſeiner ho⸗ hen Stellung. Gedankenvoll blieb er zurück, ohne zu einem feſten Entſchluſſe zu gelangen. Selbſt die Zweifel, welche der Beſuch in ſeiner Seele wegen der Vorzüge der katholiſchen Kirche angeregt, blie⸗ ben nicht ohne Foͤlgen, und wenn ſich auch das proteſtantiſche Be⸗ wußtſein des Lord⸗Präſidenten gegen Rom empörte, ſo mußte er ſich — 120— ſelber eingeſtehen, daß die Worte des Gaſtes manche beherzigenswerthe Wahrheit enthielten. Sir Kenelm Digby ſchritt indeß ſelbſtzufrieden durch die Gallerie nach dem Frauengemach des Schloſſes. Er hatte ſeinen Zweck durch das eben geführte Geſpräch erreicht, und vielleicht wieder ein ſchwan⸗ kendes Gemüth für ſeine Pläne gewonnen. Er haßte die Reforma⸗ tion vom Grunde ſeiner Seele, da ſie ſeinem Vater das Leben geko⸗ ſtet hatte. Einſtweilen aber hielt er es noch für gerathen, die Maske nicht abzuwerfen und im Stillen für die römiſche Kirche Anhänger und Freunde zu werben. 11. Das Erkerzimmer, worin die Damen ſaßen, war im Geſchmacke jener Zeit reich und koſtbar ausgeſtattet. Scenen aus der Mythologie ſchmückten die vergoldete Decke. Hier fuhr Venus auf einem mit Tau⸗ ben beſpannten Wagen, umgeben von kleinen Liebesgöttern, welche in ihren Armen die Waffen des Mars, ſeinen Helm, Schild und Lanze mit komiſchen Gebärden ſchleppten. Seidene, gewirkte Tapeten von dunkelrother Farbe bedeckten die Wände, ſchwere Vorhänge von dem⸗ ſelben Stoff wallten an den Thüren und Fenſtern nieder. Die Stühle mit hohen Lehnen waren mit kunſtreichen Schnitzereien verſehen. In der Nähe des gewölbten Fenſters ſtand ein Tiſchchen mit koſtbarer Ar⸗ beit eingelegt. Die Platte desſelben beſtand aus feinen Hölzern, El⸗ fenbein und Metallen, welche die zierlichſten Figuren, Schmetterlinge, Blumen und Vögel bildeten. Ein ähnliches Schränkchen war ganz in der Nähe befindlich. Hier verſchloſſen die Frauen ihren Schmuck und ähnliche Toilettengegenſtände. Alice und ihre Mutter ſaßen auf niedri⸗ gen Seſſeln mit weiblichen Handarbeiten beſchäftigt, ihnen gegenüber Milton und ſein Freund Edward King. In einiger Entfernung von dieſen hatte ſich der Muſiker Lawes an der Hausorgel niedergelaſſen, ein damals noch unentbehrliches Möbelſtück in jeder vornehmeren Fa⸗ milie. Der Künſtler beendete ſoeben ein auf Verlangen der Gräfin componirtes Lied, für das ihm von allen Anweſenden das reichſte — 121— Lob zu Theil wurde. Die durch ſeinen Vortrag unterbrochene Unter⸗ haltung war kaum wieder aufgenommen, als Sir Kenelm Digby die Damen begrüßte. Seine Haltung, wie ſein Benehmen, verriethen ſo⸗ gleich den gewandten Weltmann, der an den größten Höfen Europa's ſich mit Beifall bewegt hatte. Wie er früher dem Grafen gegenüber mit Erfolg den Staatsmann herauskehrte und die Bewunderung ſeines Wirthes dadurch erregte, ſo entzückte er im Augenblicke jetzt die Frauen durch die Feinheit ſeines Geiſtes und durch ſeinen artigen Witz. Be⸗ ſonders wußte er die noch immer ſchöne Gräfin zu gewinnen, der er vorzugsweiſe ſeine ganze Aufmerkſamkeit zu ſchenken ſchien, ohne des⸗ halb Alice auch nur einen Moment außer Acht zu laſſen, oder gar zu vernachläſſigen. Mit gewohnter Sicherheit nahm er an der Unter⸗ haltung Theil. Ohne daß ſich Milton Rechenſchaft darüber zu geben wußte, empfand er einen entſchiedenen Widerwillen gegen den ſo un⸗ erwartet eingetretenen Gaſt. Es war nicht Neid, nicht einmal Eifer⸗ ſucht, was ſich in ſeinem Buſen regte und ihn mit Mißtrauen gegen den Unbekannten erfüllte. Vielleicht drückte der Dichter nur das Ueber⸗ gewicht und eine nur allzuſehr zur Schau getragene Selbſtgefälligkeit des Ankömmlings, oder war es die eigenthümlich geheimnißvolle At⸗ moſphäre, welche Sir Kenelm umgab. Es lag etwas Dämoniſches in ſeinem Auftreten. Unwillkürlich mußte Milton an jene prächtigen Giftblumen denken, welche einen betäubenden Duft aushauchen und trotz aller Schönheit den Stempel des Unheimlichen an ſich tragen. Die Hauptſchuld an dieſem Mißfallen trug wohl die Verſchiedenheit der Charactere. Hier begegneten ſich zwei ganz entgegengeſetzte Natu⸗ ren, welche auch nicht einen einzigen gemeinſamen Berührungspunkt aufzuweiſen hatten. Alice bemerkte zuerſt mit dem ſcharfen Auge der beginnenden Neigung die Verſtimmung des Dichters und ſuchte dieſen ins Geſpräch wieder hineinzuziehen, nachdem er längere Zeit geſchwiegen hatte. — Nun Herr Milton, ſagte ſie ſcherzend, Ihr ſinnt wohl in dieſem Augenblicke über das Verſprechen nach, welches Ihr mir und Euerem Freunde Lawes gegeben habt. — Welch ein Verſprechen? fragte der Dichter zerſtreut aus ſeinen Gedanken auffahrend. — 122— — Eil Ich hätte Euch nicht für ſo vergeßlich gehalten. Erinnert Ihr Euch nicht mehr, daß Ihr ſo eben erſt drein gewilligt, unſere Irrfahr⸗ ten im Haywood⸗Forſt durch ein Gedicht zu verewigen? — Alllerdings, ſtammelte Milton verlegen und ich will Euch mein Wort halten. — Auch zu mir, bemerkte Sir Digby dazwiſchen, hat die ge⸗ ſchwätzige Fama bereits den Ruf Eures Abenteuers, mein edles Fräu⸗ lein, getragen und ich beneide die jungen Herren, denen es vergönnt war, Euch einen ſolchen Ritterdienſt zu erweiſen. Der Dichter der Arkadier, denn ich erkenne ihn als ſolchen wieder, kann aber nach meiner Meinung keinen würdigeren Gebrauch von ſeinem Talente machen, als wenn er die Schönheit und Unſchuld in zierlichen Verſen beſingt. Das iſt der einzige Fall, wo ich die Poeſie gelten laſſen will, von der ich ſonſt nichts wiſſen mag.. — uUnd darf man fragen, wodurch ſich die Muſen Euren Wider⸗ willen zugezogen haben? fragte Alice durch den Spott des Gaſtes verletzt. — Weil ſie nur Lügen und Unwahrheiten in der Welt verbreiten. Die Dichter kennen meiſt das wirkliche Leben nicht und ſetzen an die Stelle desſelben ihre Einbildungen und Träume voll Irrthümer. Ihre Phantaſie ſpiegelt ihnen und dem Leſer nur Nebelbilder vor, welche bei näherer Betrachtung und Prüfung ſich als leere Schatten erweiſen. Beſonders iſt der Einfluß der Poeſie auf jugendliche Gemüther ſchäd⸗ lich, weil ſie den Verſtand irre führt, die Gegenſtände in einem fal⸗ ſchen Lichte erſcheinen läßt und Herz und Kopf mit phantaſtiſchen Ge⸗ danken und Empfindungen erfüllt. Wie der göttliche Plato würde ich ebenfalls die Poeten aus dem Staat verweiſen. — Mit gerötheten Wangen und von Unwillen blitzenden Augen hatte Milton dieſen ungerechtfertigten Angriff angehört. Sein Stolz empörte ſich gegen den Verächter der Poeſie, welche er von allen Kün⸗ ſten am höchſten hielt. Für ihn war die Muſe kein bloßer Zeitver⸗ treib, keine irdiſche Magd, die nur dem Vergnügen und der Unterhal⸗ tung dienen ſollte. Dazu hatte er einen zu hohen Begriff von der Göttlichen. Dichter und Prophet galt in ſeinen Augen gleich; darum durfte er keine Schmähung ſeines Berufes und noch dazu in Gegen⸗ wart der Geliebten dulden. Plötzlich hatte er ſeine bisherige Schüch⸗ ——yyö — 123— ternheit abgelegt; er war von ſeinem Sitze aufgeſprungen und ſtand nun im Feuereifer der Begeiſterung dem Spötter gegenüber. — Mag Plato ſprechen was er will, ſagte er gereizt, ich glaube dagegen, daß die Poeſie das höchſte iſt, was der Menſch beſitzt. Sie ſollte dem Staate und der Geſellſchaft ſchädlich ſein, ſie die größte Wohlthäterin der Menſchheit? Erhebt ſie nicht die Seele durch das Be⸗ wußtſein ihrer Verwandtſchaft mit Allem, was göttlich, rein und edel iſt? Wenn ſie ſich zu ihrer wahren Höhe emporſchwingt, verſchmilzt ſie mit der Religion, mit dem Chriſtenthume ſelbſt, denn wie dieſes durchgeiſtigt ſie die ganze Natur. Zugegeben, daß die Poeſie auch zuweilen dem Laſter fröhnt und im Gefolge böſer Neigungen erſcheint; aber ſelbſt dann noch, wenn der Genius ſich ſo verirrt, bewahrt er noch ſeine Göttlichkeit und ſelbſt wenn die Poeſie der Wolluſt oder dem Haſſe dient, kann ſie ihren erhabenen Urſprung nicht ganz ver⸗ leugnen. Spuren einer reinen Empfindung, Züge voll Zartheit, Bil⸗ der eines unſchuldigen Glückes, Sympathie mit den Leiden der Tugend brechen aus der dunklen Zorneswolke aus der Nacht der Verzweiflung hervor; Stellen voll ſittlichen Gefühls finden ſich ſelbſt in jedem un⸗ moraliſchen Werk und ſie beweiſen nur wie ſchwer dem dichteriſchen Geiſte der Abfall von ſeiner angebornen Trefflichkeit wird; denn die Poeſie iſt der ſtete Verbündete unſerer beſten Gefühle. Sie ergötzt ſich an der Schönheit und Größe der Natur wie der Menſchenſeele. In der That, ſie ſchildert mit ſchrecklicher Wahrheit die Verirrungen der Leidenſchaft, doch nur ſolche, welche von einer mächtigen Natur Zeugniß ablegen, von einer Furcht gebietenden Kraft, die ein tiefes ſchauerndes Mitleid hinterläßt. Ihr hauptſächliches Streben und ihre größte Aufgabe iſt es, den Geiſt über die ausgetretenen, ſtaubigen und ſchmutzigen Bahnen des gewöhnlichen Lebens hinwegzutragen, ihn zu einer reineren Höhe emporzuheben, wo er in einer Atmoſphäre voll edler und tiefer Gefühle athmen darf. Sie offenbart uns einzig und allein den Liebreiz der Natur, bringt uns die Friſche jugendlicher Empfindungen wieder zurück, belebt den Geſchmack an den einfachſten Vergnügungen, bewahrt die heilige Flamme der Begeiſterung, welche den Lenz unſeres Lebens erwärmt, die Liebe der getrennten Ge⸗ ſchlechter veredelt, unſere Theilnahme an allen menſchlichen Verhältniſſen und für alle Klaſſen der Geſellſchaft anregt, fortwährend neue Bande — 124— mit der Welt knüpft und endlich durch prophetiſche Ahnungen den Grund zu dem beſeligenden Glauben an ein künftiges Leben legt. — Vortrefflich! erwiederte Sir Kenelm Digby ironiſch. Ihr ver⸗ theidigt Eure eigene Sache mit einem großen Aufwande von Geiſt und Phantaſie. Als wahrer Dichter ſeid Ihr aber meiner Anklage eigent⸗ lich ausgewichen und habt Euch nur auf ein Loblied der Poeſie be⸗ ſchränkt. Meine ihr gemachten Vorwürfe habt Ihr noch keineswegs widerlegt. — Ich komme jetzt darauf zurück. Ihr werft der Dichtkunſt vor, daß ſie unrichtige Anſichten und falſche Erwartungen von dem wirklichen Leben verbreitet, daß ſie den Geiſt mit Schatten und Illuſionen er⸗ füllt, daß ſie Luftſchlöſſer auf den Ruinen der Weisheit aufbaut. Ich leugne auch in der That nicht, daß ſie jene Weisheit bekämpft welche lediglich auf ſinnlichen Anſchauungen beruht, materielle Genüſſe und Vergnügungen als das höchſte Gut betrachtet und den Erwerb als die einzige Aufgabe des Lebens anſieht; ja ich leugne es nicht und ich preiſe dieſen Umſtand nicht als den geringſten Dienſt, welchen die Poeſie der Menſchheit leiſtet, indem ſie uns von der Sclaverei dieſer ſtaubgebornen, weltlichen Klugheit befreit. Aber ich will lieber dieſen Punkt unberührt laſſen und nur den Beweis führen, daß all die An⸗ ſchuldigungen, welche den Dichter wegen Täuſchung und Lüge treffen, gänzlich grundlos ſind. In manchen Gedichten iſt weit mehr Wahr⸗ heit, als in der Geſchichte ſelbſt und in den philoſophiſchen Syſtemen gefunden wird. Die Schöpfungen des Genius ſind öfters die Offen⸗ barungen der höchſten Wahrheit, ſie erſchließen uns unbekannte Regio⸗ nen des Gedankens und erhellen mit einem neuen Licht die Myſterien des Daſeins. In der Poeſie erſcheint das Wort ſelbſt zuweilen falſch,⸗ aber der Geiſt enthält die höchſte Wahrheit. Und wenn ſo die Wahr⸗ heit ſogar noch in den kühnſten Schöpfungen des Dichters weilt, um wie viel mehr wird dies der Fall ſein, wo er das wirkliche Leben malt; denn unſer gegenwärtiges Leben iſt nur die Vorſchule des unſterblichen Geiſtes, überreich an poetiſchem Gehalt. Die hohe Aufgabe des Sän⸗ gers wird es ſein, dies göttliche Element aus der Hülle des groben Stoffes und der irdiſchen Zerſtreuungen hervorzuziehen. Dies Leben iſt durchaus nicht proſaiſch, ſchaal und nüchtern wie man glaubt. Für das geöffnete Auge ſtrömt es über von Poeſie. Die Gefühle, welche — — 125— es in unſeren eigenen Herzen erweckt lund als Samenkörner für die Zukunft ausſtreut, die Kräfte der allmächtigen Leidenſchaft, welche die Seele mit einer übermenſchlichen Energie zu waffnen ſcheint, die unſchul⸗ digen und ewig neuen Freuden der Jugend, die Schauer des Herzens, wenn es zum erſten Male der ſüßen Macht der Liebe unterliegt, und von einem Glücke träumt, zu hoch für dieſe Welt; das Weib mit ſeiner Schönheit und Anmuth, ſeiner Liebenswürdigkeit und Hingebung ohne Gränzen; das Erröthen der Unſchuld, der Ton, der Blick, welche allein dem Herzen einer Mutter zu Gebote ſtehn, das Alles iſt Poeſie. Es iſt eine Lüge, daß der Dichter ein Leben malt, das nicht in der Wirklichkeit beſteht. Er deſtillirt und koncentrirt nur des Lebens himmliſchen Eſſenz, bewahrt und ſichert ſeinen flüchtigen Duft, vereint die getrennten und zerriſ⸗ ſenen Theile ſeiner Schönheit und gibt eine längere Dauer ſeinen leider nur zu ſchnell hinwelkenden Blüthen. Und daran thut er wohl, denn es iſt gut, ſich daran zu erinnern, daß das Leben nicht allein der Sorge für die irdiſche Exiſtenz gehört, ſondern Empfindungen noch zuläßt, welche ins Unermeßliche ausgedehnt, uns mit Wonnen und Entzücken erfüllen, werth eines beſſeren Seins. Dieſe Macht der Poeſie, unſere An⸗ ſchauungen vom Leben und vom Glück zu verfeinern und zu läutern thut um ſo mehr uns Noth, je weiter die Geſellſchaft vorſchreitet. Sie thut uns Noth, um den Anmaßungen unſeren herzloſen und gekünſtel⸗ ten Zuſtände zu begegnen, welche durch die Bildung herbeigeführt die Welt ſo öde und intereſſenlos erſcheinen laſſen. Sie thut uns Noth, um die einſeitigen Beſtrebungen der Wiſſenſchaft zu bekämpfen, welche nicht wie früher um ihrer ſelbſt Willen gelehrt wird, ſondern aus ſchnöder Gewinnſucht und wegen der Vortheile, die ſie verſpricht. Darum muß die Poeſie einen neuen Aufſchwung nehmen, um die Menſchheit zu verhindern unter der Laſt dieſes irdiſchen, materiellen und genußſüchtigen Lebens der Gegenwart gänzlich zu verſinken und ſo unterzugehen. Als der Dichter geendet hatte, entſtand eine auffallende Stille in dem Gemache, über die er faſt erſchrack. Die Begeiſterung hatte ihn ſelber fortgeriſſen, ſo daß er Alles ringsumher vergaß, den Ort, wo er ſtand und die Perſonen, zu denen er ſprach. Erröthend blickte er wie aus einem Traum erwachend auf ſeine Zuhörer, die unter dem Zauber ſeiner Worte noch wie gebannt erſchienen. Alice hatte ihre — 126— Arbeit auf den Schoos niedergleiten laſſen und ſaß in andächtiger Stellung mit gefalteten Händen da. Ein ſeliges Lächeln ſchwebte um ihre Lippen und in ihrer reinen Seele hallte noch das Echo der eben gehörten Worte nach. Das waren ja ihre eigenſten Gedanken und Empfindungen, nun unendlich ſchöner und tiefer als ſie ſelbſt gedacht und gefühlt. Der enthuſiaſtiſche Muſiker war von ſeinem Sitze aufgeſprungen und drückte dem verlegenen Milton zum Danke warm die Hand. Selbſt der ironiſche Weltmann vergaß ſeinen Spott und begnügte ſich die offen⸗ bare Niederlage, die er erlitten, mit höfiſcher Gewandtheit zu verdecken, indem er ſelbſt zuerſt dem Dichter für ſeine Vertheidigung der Poeſie das reichſte Lob ſpendete. — Ihr habt Eure Sache ſo trefflich geführt, daß ich mich faſt beſiegt erklären muß. Ihr ſeid nicht nur ein Dichter, ſondern auch ein ausgezeichneter Advvkat. Mit ſolchem Talente könnt Ihr es noch weit bringen, wenn Ihr es zu nutzen verſteht. Ich will nicht auf den alten Streit zurückkommeu, ſonſt würde ich Euch den Rath ertheilen, gebt lieber die Poeſie auf, welche ihre Verehrer nur mit Dornen⸗ kronen lohnt. Der Lorbeer bleibt ewig unfruchtbar. — Deswegen iſt er auch das Symbol des höchſten Ruhms. Wer das Göttliche erſtrebt, verzichtet auf jeden irdiſchen Gewinn. — Wir leben aber einmal auf dieſer Erde und darum thätet Ihr beſſer Euer Talent zu nützen und ſo viel als möglich auszubeuten. Der Staatsdienſt ſteht Euch offen und bei Eurer Begabung kann es Euch nicht fehlen, daß Ihr zu den höchſten Aemtern einſt gelangt, wenn Ihr nur wollt. — Vorläufig, entſchied die Gräfin Bridgewater, dürft Ihr Herrn Milton nicht dem Dienſt der Muſen entziehen. Wir bedürfen ſeiner. Noch in dieſen Monat fällt der Geburtstag meines Gatten, des Lord Präſidenten. Wir haben beſchloſſen, bei dieſer Gelegenheit irgend eine Maske, oder ein Schäferſpiel zur Aufführung zu bringen und wollten den Dichter eben darum erſuchen, uns mit Rath und That an die Hand zu gehen. — Von ganzem Herzen ſtehe ich mit meiner geringen Kraft zu Dienſten, entgegnete Milton bereitwillig. — Und die Muſik liefere ich dazu, ſagte Conrad Lawes. Wie freue ich mich auf die ſchönen Verſe, die du mir gewiß dichten wirſt. — — 127— — Du thuſt mir eine große Ehre an, entgegnete der Dichter, doch bin ich wirklich wegen des Stoffes in Verlegenheit. — O, da iſt leicht geholfen, rief der Muſiker, und du kannſt gleich zwei Fliegen mit einem Schlage abthun. Wie wäre es, wenn du das Abenteuer im Haywood⸗Forſt zum Gegenſtande dieſes Masken⸗ ſpieles wählteſt. Das giebt herrliche Scenen und Aufritte. Die Perſonen, die darin erſcheinen, kannſt du gleich nach der Natur zeich⸗ nen; unſer gnädiges Fräulein, die beiden Brüder und den närriſchen Komus. Du haſt nur halbe Arbeit und ich will dir eine Muſik dazu machen, daß ſich die Engel im Himmel darüber freuen ſollen. — Es frägt ſich nur, wandte Milton dagegen ein, ob Fräulein Alice und ihre Brüder damit einverſtanden ſind, daß ich ſie auf die Bühne bringe. Auch fühle ich mich einer ſolchen Aufgabe nicht ge⸗ wachſen. — O, verſucht es nur, nahm Alice jetzt das Wort. Ich gebe Euch gerne dazu die Erlaubniß und meine Brüder werden ebenſowenig dagegen etwas einzuwenden haben. Nur eine Bedingung knüpfe ich noch daran, daß Ihr uns nicht allzuſehr idealiſirt und mit zu großer poetiſcher Freiheit behandelt. Die Dichtkunſt ſoll der Wahrheit dienen, habt Ihr ſelbſt geſagt, und ich nehme Euch beim Wort. — Seid ganz unbeſorgt, denn ich werde mich hüten, mich ſelbſt Lügen zu ſtrafen. Die Wirklichkeit iſt hier ſchon volle Poeſie. Sogleich will ich mich an die Arbeit machen und Lawes ſoll ſchon in einigen Tagen die erſten Verſe erhalten, welche er componiren wird. — Ich danke Euch im Voraus, ſagte die Gräfin, für Euere Be⸗ reitwilligkeit. Und um der Wahrheit ſo treu als möglich zu bleiben, ſollen Alice und ihre Brüder ſelbſt das Abenteuer auf der Bühne darſtellen, das ihnen begegnet iſt. — Vortrefflich! jubelte der Muſiker. So erleben die Betheiligten doppelt die wunderſame Begebenheit. — Für die übrigen Rollen, die Ihr noch hinzuzufügen gedenkt, fuhr die Gräfin fort, werden ſich wohl ebenfalls die geeigneten Dar⸗ ſteller finden. Natürlich rechne ich dabei zunächſt auf Euch und Euren Freund, Herrn King. Als Befreier und Erretter dürft Ihr Beide dabei nicht fehlen. — 128— — Erlaßt mir, bat Milton, dieſe Aufgabe. Ich ſelber beſitze auch nicht die geringſte Anlage zum Schauſpieler. So oft ich öffentlich ſprechen ſoll, ſchnürt ſich mir die Kehle zuſammen und ich vermag auch nicht ein Wort hervorzubringen. Ich würde deshalb nur eine ſehr traurige Rolle bei einer derartigen Gelegenheit ſpielen. Auch gebührt die Ehre der Befreiung, wenn dieſelbe überhaupt ſo zu nennen iſt, lediglich der Tapferkeit und dem Muthe meines Freundes. Es wird ſomit genügen, wenn er als ſolcher in dem Maskenſpiel, wie es mir vorſchwebt, erſcheint. — Wer aber wird den Gott Komus darſtellen? fragte Alice. — Ich! Wenn Ihr es erlaubt, antwortete Sir Digby. — Wie, Ihr wolltet? rief die Gräfin verwundert aus. — Auch ich möchte gern ein Scherflein zu dem allgemeinen Ver⸗ gnügen mit beitragen; und da ich einmal von der Natur zum pro⸗ ſaiſchen Menſchen geſchaffen bin, ſo laßt mich auch in Gottes Namen als ſolchen eine Rolle übernehmen, die meinem Weſen am meiſten zu⸗ ſagt. Von allen Göttern des Olymps hat mir Freund Komus„ der Gott des Scherzes und der Laune„immer am beſten gefallen und ich will mich bemühen, ihn ſo weit als möglich zu Ehren zu bringen, vorausgeſetzt, daß der Dichter und Ihr nichts dagegen einzuwenden habt. Herr Milton wird gewiß dafür Sorge tragen, daß Freund Komus nicht allzu ſchlecht fährt und ihn mit der gehörigen Doſis von Witz und Humor ausſtatten. In dieſem Falle erlaube ich ihm ſogar, der Wahrheit ein wenig zu nahe zu treten und den plumpen, ſpötti⸗ ſchen Geſellen nicht ganz nach der Natur zu ſchildern. Ein wenig Bosheit und Ironie darf er dagegen aufweiſen. Denn ſie würzen das Leben und ein ſanftes Schäferſpiel kann nur dabei gewinnen. — Ich danke Euch für dieſen Fingerzeig, erwiederte der Dichter, und hoffe ihn nach meinen Kräften zu benutzen. Ihr ſollt Euch nicht über mich zu beklagen haben und ich werde gewiß Eure Angaben ge⸗ treulich befolgen. — Aber wie ſoll die Maske heißen? fragte der Muſiker. — Alice, oder die befreite Unſchuld, antwortete ſchnell Edward King, der bisher geſchwiegen und ſich nur in Gedanken mit dem lieb⸗ lichen Mädchen beſchäftigt hatte. — 129— — Ihr thut mir zu viel Ehre an, wandte dieſelbe dagegen ein. Laßt das Stück lieber„Komus“ heißen. — Ihr habt nur zu gebieten, erwiederte der Dichter; auch ich finde dieſen Titel am beſten und will ſogleich an die Arbeit gehen. In einigen Tagen hoffe ich damit fertig zu ſein. — Und ich werde mich pünktlich zur rechten Zeit einſtellen, ſagte Sir Digby und meine Rolle gewiſſenhaft lernen und ſpielen. — Wir nehmen Euch beim Wort, entgegnete die Gräfin. Natür⸗ lich verſprechen mir alle die Betheiligten ihr Stillſchweigen, da es auf eine Ueberraſchung für meinen Gatten abgeſehen iſt. Bald darauf nahm das Geſpräch eine mehr allgemeine Wendung. Sir Kenelm Digby mußte von ſeinen Reiſen erzählen, und er that dies in einer Weiſe, welche ſeine Zuhörer entzückte. Er hatte den größten Theil Europa's und zwar unter durchaus eigenthümlichen und glänzenden Verhältniſſen geſehen. Er wußte eben ſo lebendig als ergötzlich das Leben am ſpaniſchen wie am franzöſiſchen Hofe zu ſchildern. Dadurch, daß er die hervorragendſten Perſönlichkeiten von Angeſicht kannte und vielfach mit ihnen in Berührung getreten war, erhielt ſeine Erzählung noch einen ganz beſonderen Reiz. So ent⸗ warf er ein höchſt entſprechendes Bild von dem Kardinal Richelieu, den er für den größten Staatsmann der Welt erklärte. Seine Schil⸗ derung wußte er noch außerdem mit allerhand witzigen Anſpielungen und piquanten Anekdoten zu würzen, wobei die Liebe des Kardinals zu der Königin Anna von Oeſtreich und ihre Abneigung gegen den allmächtigen Miniſter nicht vergeſſen wurde. Am längſten und aus⸗ führlichſten verweilte er bei den Herrlichkeiten Italiens. Hier wurde er faſt ſelbſt zum Dichter und indem er die Wunder Venedig's, die Schön⸗ heiten von Florenz und die Erhabenheit Roms ſeinen Zuhörern pries, erwärmte er ſich ſelbſt und vergaß ſeine gewöhnliche Ironie, indem er ſich von ſeiner Begeiſterung hinreißen ließ. — Ja, Ihr müßt nach Rom, ſagte er zu dem Dichter gewendet. Dort wird Euch ein neues Leben aufgehen. Keine Stadt auf Erden vereint in dem Maße die Wunder der alten und der neuen Zeit. Wohin Ihr tretet, iſt der Boden geheiligt. Dort erhebt ſich das Koloſſeum, ſelbſt in ſeinen Ueberreſten noch erdrückend durch die Größe und die Kühnheit ſeines Baues; hier erblickt Ihr Sct. Peters Dom, D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 9 — 130— deſſen erhabene Kuppel dem Beſchauer groß wie die Wölbung des Himmels erſcheint. Ein frommer Schauer erfüllt das Herz in ſolch rieſiger Umgebuug und wenn von dem Chore die mächtige Orgel und der Geſang zum Hochamt erſchallt, dann beugt ſich unwillkührlich jedes Knie.— Tempel und Paläſte wechſeln mit einander ab und die un⸗ ſterblichen Schöpfungen der Kunſt ſtrahlen Euch in ewiger Schöne von ihren Wänden und aus den Niſchen entgegen. Der ganze Olymp läßt ſich zu Euch herab und Ihr ſeht jene Götter, welche die blühende Phantaſie den Hellenen geſchaffen hat, Groß und ernſt ſchaut Euch der Kopf der Juno an, heiter lächelnd ſteigt die Göttin der Liebe vor Curen Blicken aus dem Wellenbad. Der Marmor ſcheint zu leben und ihr erwartet, daß ſie ihre verlangenden Arme Euch entgegenſtreckt. Die keuſche Diana eilt mit ſchnellem Fuß an Euch vorüber, Ihr glaubt die Pfeile in ihrem Köcher raſſeln zu hören und wünſcht im Stillen, wie Endymion von dieſen jungfräulich ſtrengen und doch ſo feinen Lippen im Schlafe geküßt zu werden. An den Baumſtamm gelehnt ſteht Apollo, der Gott des Geſanges, das Urbild der Schönheit. Von ſeiner glänzend reinen Stirn wallt das ambroſiſche Haar wie lichter Sonnenglanz. Ein edler Sängerſtolz ſchwellt den kräftigen Mund und bläht die königlichen Nüſtern auf.— Und als genügten dieſe Zeugen einſtiger Herrlichkeit noch nicht: ſo tauchen mit jedem Tage neue Wunderwerke aus dem Schoos der Erde auf, welche getreu ſolche Schätze vor den barbariſchen Horden verborgen hielt, um ſie einer beſſeren und gebildeteren Zeit aufzuſparen, die ihren Werth zu ſchätzen weiß. An dieſen Reliquien des Alterthums entzündete ſich in Italien die neuere Kunſt. Nicht umſonſt hat ein Raphael ſich in den Anblick ſolcher Schönheit verſenkt, ein Michel Angelo mit großem Blick die Einfachheit und Größe der antiken Welt erkannt. Beide ſchufen Werke, die ihre Vorbilder nicht nur zu erreichen, ſondern ſelbſt zu übertreffen ſuchten. An die Stelle des kalten Marmors iſt die heitere Farbenpracht getreten. Das Chriſtenthum zeigt ſich nicht minder reich wie der heidniſche Götterdienſt. Um wie viel ſchöner ſind dieſe Ma⸗ donnen, dieſe Heiligen von der Meiſterhand eines Raphael, welcher den irdiſchen Liebreiz mit der himmliſchen Glorie zu umgeben weiß, als all die Liebesgöttinnen, um wie val erhabener das jüngſte Gericht von Michel Angelo als der Streit der Titanen. Und um dies Alles — — — — 131— ſchlingt ſich der liebliche Kranz ländlicher Villen und Gärten, wo der Lorbeer auf Ruinen ſprießt, die Weinrebe traubenſchwer ſich um die ſchlanke Pappel rankt und die dunkle Cypreſſe wie ein warnender Finger an die Vergänglichkeit uns mahnt, zugleich zum Genuß des Lebens einladend. — Wahrlich! rief Milton, von der Schilderung des Redners er⸗ griffen, ich will dies Wunderland noch einmal ſehen. — Und Ihr thut wohl daran, fuhr Digby mit ſeinem eigenthüm⸗ lichen Lächeln fort. Wo Virgil gelebt, Horaz gedichtet, Cicero ge⸗ ſprochen und gedacht, kann es dem Dichter nicht an neuen Anregungen fehlen. Die große vatikaniſche Bibliothek wird ſich vor Euch aufthun mit ihren Geiſtesſchätzen, ihren Büchern und ſeltenen Handſchrif⸗ ten. Dort findet Ihr auf einem einzigen Punkt vereint, was der menſchliche Genius ſeit Jahrhunderten geſchaffen, ein Arſenal des Wiſſens, eine Schatzkammer der edelſten Art, wie ſie nirgends zum zweiten Male in der Welt angetroffen wird. Aber der klaſſiſche Geiſt ruht nicht blos todt in den Büchern, er iſt noch immer lebendig in dieſem wunderbaren Land Italien und Ihr werdet dort eine Anzahl Männer kennen lernen, reich an Kenntniſſen und von der feinſten Humanität beſeelt. Nach wie vor bleibt Italien die Wohnſtätte de Genies, das Vaterland der Dichter und ſeine großen Männer ſind noch immer die Lehrer der ganzen Welt. In dieſem begeiſterten Tone ſprach Digby mit Milton und fachte in der Bruſt deſſelben den längſt genährten Wunſch, Italien zu ſchauen, faſt zur verzehrenden Sehnſucht an. Schon früher hatte er oft daran gedacht, das klaſſiſche Land zu beſuchen. In jenen Tagen wurden die jungen Leute zur Vollendung ihrer Ausbildung dahin geſchickt, wie ſpäter nach Frankreich und Paris. Rom und Florenz galten da⸗ mals noch für die Hochſchulen des Geiſtes und kein Kavalier wurde für vollgültig angeſehen, der nicht daſelbſt längere Zeit verweilt hatte. Miltons Vater war von der Nothwendigkeit einer ſolchen Reiſe für den talentvollen Sohn vollkommen überzeugt und hatte längſt ihm die Erlaubniß dazu bewilligt; nur war der Zeitpunkt noch nicht für die Ausführung derſelben feſtgeſtellt und durch manche häusliche Verhält⸗ niſſe weiter hinausgeſchoben. Digby's Schilderungen erweckten von Neuem den alten Plan, dem jetzt nichts im Wege ſtand, als die be⸗ 9* — 132— ginnende Neigung für Alice. Dieſe hatte in den wenigen Tagen, welche der Dichter in Ludlow⸗Caſtle zubrachte, entſchiedene Fortſchritte gemacht. Seit jener Begegnung im Garten waren Beide ſich mit jeder Stunde näher gerückt und wenn auch weder der Dichter noch Alice ihren Gefühlen bis jetzt Worte liehen, ſo hatten ſie dennoch die Ge⸗ wißheit ihres gegenſeitigen Glückes. Die Abſchiedsſtunde ſchlug indeß. Länger konnten Milton und ſein Freund nicht in Ludlow⸗Caſtle verweilen und die großmüthige Gaſtfreundſchaft benutzen. Der Trennungsſchmerz wurde jedoch durch die Hoffnung eines baldigen Wiederſehens gemildert. Der Dichter mußte der Gräfin nochmals das Verſprechen geben, in wenig Tagen mit ſeinem Werke zu erſcheinen, die nöthigen Anordnungen für das Feſtſpiel ſelbſt zu übernehmen und die Aufführung deſſelben zu leiten. Alice reichte ihm zum Abſchied unbefangen die Hand, welche er ehr⸗ erbietig an ſeine Lippen führte. — Auf baldiges Wiederſehn! flüſterte ſie dem Dichter zu. — Auf baldiges Wiederſehn! wiederholte er gedankenvoll. 12. Nachdem die Freunde gegangen waren, verweilte noch Digby einige Tage auf dem Schloſſe. Die Anweſenheit des geiſtreichen und intereſſanten Mannes war für ſämmtliche Bewohner mehr oder minder willkommen, beſonders fand die Gräfin das größte Wohlgefallen an ſeiner Unterhaltung. Die Aufmerkſamkeit, welche er Alice erwies, er⸗ füllte ihr mütterliches Herz ſtatt mit Beſorgniß nur mit Stolz. Im Stillen ſchien ſie ſeinen immer deutlicher hervortretenden Plan auf die Hand ihrer Tochter zu unterſtützen. Die meiſten Frauen zeigen bei ſolchen Gelegenheiten eine auffallende Nachſicht. Weder der keineswegs tadelloſe Ruf des Bewerbers, noch ſein vorgerückteres Alter ſchadeten ihm in den Augen der Mutter, die er durch die Feinheit ſeines Benehmens und durch die Vortheile ſeiner Stellung für ſich zu gewinnen wußte. Auch die übrigen Mitglieder der Familie zeigten ſich ihm geneigt, be⸗ ſonders wurde der leicht bewegliche Thomas von dem Weſen des er⸗ fahrenen Weltmannes und geſchmeidigen Höflings angezogen. Mit 8— 133— Wohlgefallen lauſchte der Jüngling den lockenden Schilderungen deſſelben von dem glänzenden Leben in London und am Hofe Karl des Erſten. Nur Alice theilte nicht die allgemeine Vorliebe und wenn ſie ſich auch nicht dem Zauber ſeiner Unterhaltung gänzlich zu entziehn vermochte, ſo fühlte ſie doch in ſeiner Nähe eine Beklemmung und Unruhe, welche ſie ſich nicht zu erklären vermochte. Digby ließ ſich jedoch keineswegs von ihrem zurückhaltenden Weſen abſchrecken und ſetzte ſeine Bewerbungen um ihre Gunſt in ſo zarter und feiner Weiſe fort, daß ſie, ohne unhöflich zu ſein, ſich ihm nicht entziehen konnte. So ſchlang der räthſelhafte Gaſt unmerklich ſein Netz um das ganze Haus, die Maſchen eines weit reichenden Gewebes von Plänen, Abſichten und Zwecken der verſchiedenſten Art. Auch hier beobachtete er jenes geheimnißvolle Weſen, welches ihm zur zweiten Natur geworden war. Zuweilen ſchloß er ſich Stunden lang in dem von ihm bewohnten Zimmer ein, um eine weitläufige Korreſpondenz nach den verſchiedenſten Weltgegenden zu führen. Seine Briefe ſchrieb er in einer unverſtändlichen Zifferſchrift, die kein Uneingeweihter zu enträthſeln vermochte. Ein verſchwiegener Diener beſorgte ſie und war meiſt zu dieſem Zweck Unterwegs. Ab und zu kamen auch wohl Fremde, welche nach dem Gaſte frugen, und mit denen er dann bei verſchloſſener Thüre bald längere, bald kürzere Zeit verhandelte. Eines Tages ließen ſich bei ihm zwei Herren melden. Beide waren, wie es ſchien, Ausländer, und ſo eben erſt von einer größeren Reiſe angelangt. Der breite Hut des einen verbarg beſonders eine ſcharf gezeichnete italieniſche Phyſiognomie, ein Gemiſch von prieſterlicher Salbung und weltlicher Schlauheit. So bald ſich Digby allein mit ſeinem Beſuche ſah, drückte er unverholen ſein Erſtaunen aus. — Ehrwürdiger Vater! ſagte er, die Hand des Fremden küſſend. Ich hätte eher den Einſturz des Himmels erwartet, als Eure Anweſen⸗ heit in England. Wißt Ihr auch, was Ihr wagt? — Allerdings. Ich bin hinlänglich von dem barbariſchen Geſetze unterrichtet, welches jedem fremden katholiſchen Prieſter den Eintritt in dies Land bei ſchweren Strafen an Gut und Leben verbietet. — Und Ihr habt Euch doch nicht abhalten laſſen? — Daran könnt Ihr die Wichtigkeit der mir aufgetragenen Miſ⸗ ſion erkennen. Ich zähle dabei auf Euch, da ich um Euren Eifer 134— für die gute Sache weiß. Deshalb habe ich auch auf unſerer Reiſe nach London nicht den Umweg über Ludlow⸗Caſtle geſcheut, um mich Eures Beiſtandes zu verſichern. Ich bringe Euch ein Schreiben von unſerm heiligen General, dem ehrwürdigen Vater Jakob Lainez, ſo wie die beſten Grüße und Empfehlungen von den Superioren und Rektoren unſeres Ordens mit. Zugleich erlaube ich mir, Euch hier in der Perſon des würdigen Bruders, Signor Con, meinen Aſſiſtenten und Stellvertreter vorzuſtellen, da ich nur kurze Zeit in England zu verweilen gedenke und bald wieder nach Rom zurückkehren muß. — Bei der heiligen Jungfrau, rief dieſer, nachdem er den Brief aufmerkſam geleſen hatte. Der Plan iſt kühn und macht dem Erfin⸗ der alle Ehre. Ich zweifle nicht an dem Gelingen. Was in meinen ſchwachen Kräften ſteht, will ich gern dazu beitragen. Ihr wißt, daß die Kirche keinen treueren Diener hat, als mich. O! wie haſſe ich dieſe Reformation, welche meinem Vater das Leben gekoſtet und mich zum Bettler gemacht hat. An dem Tage will ich gern ſterben, wo ganz England den falſchen Glauben abſchwört und ſich wieder in den Schoos der allein ſelig machenden Kirche begibt. — Dazu mögen alle Heiligen ihren Segen geben, aber ich fürchte, daß noch lange Zeit darüber vergehen wird. — Die Verhältniſſe ſtehen hier weit beſſer als Ihr glaubt, ehr⸗ würdiger Bruder. Alle Umſtände ſind uns günſtig. Seit Bucking⸗ ham's Tod iſt der Einfluß der Königin fortwährend im Steigen und ihr Eifer für die katholiſche Sache iſt hinlänglich bekannt. Sie bedarf eher des Zügels als des Sporns, da ſie noch allzuſehr der weltlichen Klugheit entbehrt und ſich von ihrem lebhaften Geiſte und ihrer Ungeduld zu unklugen Schritten hinreißen läßt. Viele Großen des Reiches halten entweder feſt an dem alten Glauben oder haben ſich bald öffentlich, bald heimlich ihm wieder zugewendet. Selbſt in der nächſten Umgebung des Königs ſind uns neuerdings einige wichtige Bekehrungen geglückt. Lord Cottington und der Geheimſecretair Windbank ſind zu uns übergetreten und ihr Beiſpiel findet täglich neue Nachfolger. Selbſt unter der Geiſtlichkeit der biſchöflichen Kirche haben wir eine Menge von Anhängern, welche ſich im Stillen zu Rom halten. Gelingt es uns, noch den allmächtigen Laud auf unſere Seite herüberzuziehen, ſo kann uns der Sieg nicht fehlen. — 135 — Und Ihr haltet ihn für unſere Pläne reif genug? — Seine Hinneigung zur katholiſchen Kirche kann nicht bezweifelt werden. Wo er kann, führt er die alten Gebräuche wieder ein. Seine Liturgie ſtimmt mit unſerer Meſſe wunderbar überein. Koſtbare Gewän⸗ der, Altäre und Heiligenbilder hat er wieder zu Ehren gebracht, kurz es mangelt ihm nichts, um ein ſo guter Katholik wie Ihr und ich zu ſein, als die Anerkennung der päpſtlichen Autorität. Bisher hat ſein ungemeſſener Stolz ihn daran verhindert, jetzt, wo Ihr ihm den Kar⸗ dinalshut aus den Händen des heiligen Vaters bringt, wird auch dieſer letzte Scrupel ſchwinden. — Ihr wißt, daß meine eigene Sicherheit mir nicht geſtatte auf direktem Wege mit Laud zu unterhandeln, eben ſo wenig wird der Primas der biſchöflichen Kirche Englands mich bei ſich empfangen wollen. Es bedarf daher für unſere Unterhandlung einer unverdäch⸗ tigen Mittelsperſon und zu dieſer Rolle hat Euch unſer heiliger Ordensgeneral auserſehen. — Seine Wünſche werden mir ſtets Befehle ſein. Ich werde noch heut mit Euch Ludlow⸗Caſtle verlaſſen und mich nach London begeben, um Eure Anträge dem Biſchof kund zu thun. Vor dem Intereſſe des Ordens müſſen alle perſönliche Rückſichten ſchwinden. — Ihr ſcheint das Schloß nur ungern zu verlaſſen, ſagte der ſchlaue Jeſuit. Es thut mir leid, daß ich Eure Pläne ſtören muß, denn zum bloßen Vergnügen ſcheint Ihr hier nicht zu verweilen. — Ihr mögt Recht haben, aber indem ich mir ſelber diene, ver⸗ geſſe ich ſelbſt bei meinen eigenen Angelegenheiten nie die höheren Zwecke des Ordens. Graf Bridgewater, der Lord⸗Präſident von Wales, iſt einer der reichſten und vornehmſten Edelleute dieſes Königreichs. Es iſt mir gelungen, ſein Vertrauen zu gewinnen, den Zweifel in ſein ſchwaches Herz zu ſtreuen. In einigen Tagen wäre vielleicht die Saat ſchon aufgegangen und wir hätten einen neuen Zuwachs für unſere Kirche gewonnen. Ich fürchte jetzt, daß durch meine Abweſenheit Alles wieder verloren geht. — Wer Großes gewinnen will, muß Kleineres aufzugeben wiſſen. Wenn Laud, der Primas der biſchöflichen Kirche, unſer wird, dann folgen die Uebrigen ihm nach wie dem Hirten die ganze Heerde. Eure — 133 Mühe wird darum doch nicht verloren ſein und Euch im Himmel wie auf Erden angerechnet werden.. — Vor Euch darf und will ich kein Geheimniß haben. Der Graf hat eine Tochter. — Ich verſtehe. Ihr wollt dem betrübten Wittwerſtand ent⸗ ſagen und da es der Lady gewiß nicht an einer reichen Mitgift fehlt, Euren einigermaßen zerrütteten Verhältniſſen wieder aufhelfen. Das kann der Orden Euch nicht verdenken, ja er billigt Euer Thun, da es ihm daran liegen muß, daß der Einfluß und das irdiſche Anſehen ſeiner Freunde wächſt. Doch zunächſt muß er auf ſtrenge Pflichter⸗ füllung ſehen. Habt Ihr Eure Aufgabe gelöſ't, Laud für uns ge⸗ wonnen, ſo findet Ihr noch immer Zeit, Euch mit den Angelegenheiten Eures Herzens zu beſchäftigen, der Lady aufzuwarten und ſie als Eure Gattin heimzuführen.— — Wenn mir aber ein Anderer zuvorkommen ſollte? — Ihr habt alſo Nebenbuhler und Mitbewerber um ihre Gunſt? — Bisher nur einen Einzigen, ſo viel ich weiß. Ein junger Dichter, der hier in der Nähe wohnt, ſcheint einigen Eindruck auf das junge Herz der Lady gemacht zu haben. Er iſt nicht ohne Talent und ich habe ſchon daran gedacht, daß er in unſeren Händen noch ein brauchbares Werkzeug werden dürfte, obgleich er ſich offen zu den Puritanern hält. — Sein Name. — Milton, John Milton! — Ich will ihn mir merken und der Orden wird ihn im Auge behalten.. Aus einer verborgenen Taſche zog der Jeſuit eine Schreibtafel hervor, in die er ebenfalls in geheimen Charakteren eine kurze Bemer⸗ kung einſchrieb. — Uebrigens, fuhr er im ruhigen Tone fort, habt Ihr, wie mir ſcheint, von einem derartigen Nebenbuhler wenig oder gar nichts zu fürchten. Poeten ſind nur ſelten gefährlich, das werdet Ihr aus eigner Erfahrung wiſſen, da Ihr ſelbſt in jungen Jahren den Muſen gehul⸗ digt habt. Sie ſchwärmen ins Blaue hinein. Erſt wenn die Dämpfe und Nebel der Einbildungskraft ſich verzogen haben, ſehen ſie die Dinge und Menſchen wie. ſie wirklich ſind. Dann iſt es aber für ſie — —* — 137— zu ſpät, der rechte Zeitpunkt vorüber und ſie ſtehen darum mit leeren Händen da. Ich muß mich wundern, daß ein Mann wie Ihr ſolch einen Phantaſten fürchtet. Greift nur verwegen zu, und die Lady kann Euch nicht entgehen. Doch laſſen wir dieſe Allotria auf gelegenere 4 Zeiten. Wir haben noch von wichtigeren Dingen zu reden. Ihr habt da der Puritaner erwähnt. Wie ſteht es mit ihnen und mit den Sekten überhaupt? 1— Dieſe gewinnen mit jedem Tage eine größere Ausbreitung und wuchern wie Unkraut auf dem Sumpfboden der Reformation. — Um ſo beſſer, entgegnete der Jeſuit mit einem ſeltſamen Lächeln. Wir können uns keinen treueren Bundesgenoſſen wünſchen als das Sekten⸗ weſen, wenn man es nur zu nutzen weiß. Je mehr religiöſe Parteien in England entſtehen, deſto leichter wird uns der Sieg gemacht. Sie bekämpfen und verfolgen ſich für uns, ihre Zwiſtigkeiten liefern ſie 1 uns ſicher in die Hand. Ihr kennt das Gleichniß von dem Pfeilbündel. 1 So lange ein Band die Getrennten vereint, könnt Ihr ſie nicht zer⸗ 8 brechen, einzeln wird ein Kind mit ihnen fertig werden. Wir wollen ruhig zuſehen, wie ſich die Abtrünnigen ſelbſt untereinander aufreiben. Gebt acht! das dauert nicht mehr allzulange. — Die Katholiken ſollen demnach neutral bleiben? — Nicht ſo ganz. Es dürfte bald der Zeitpunkt kommen, wo auch wir ein entſcheidendes Wort mitſprechen werden. Vorläufig aber würde ich ein ruhiges und beobachtendes Verhalten anrathen. Wir dürfen es weder mit der biſchöflichen Kirche, noch auch mit den Puri⸗ tanern verderben. Wer weißheute, welche Partei den Sieg morgen 1 trägt. Außerdem werdet Ihr nicht vergeſſen, daß die Katho England in manchen Punkten ganz gleiche Intereſſen mit den Sekten verfolgen. — Mit unſeren ſchlimmſten Feinden? fragte Digby verwundert. — Allerdings. Werden die Puritaner und ähgliche Separatiſten nicht gerade wie wir verfolgt, leiden wir nicht gemeinſchaftlich unter denſelben Strafgeſetzen?— Indem die Sektirer Religionsfreiheit und 1 Duldung verlangen, kämpfen ſie auch mit für uns. Nicht unſere Freunde, ſondern unſere Feinde müſſen uns nutzen. Daher wird es wohlgethan ſein, ſo lange mit ihnen Hand in Hand zu gehen, als dies unſer eigener Vortheil erheiſcht. Haben wir durch ſie und mit ihnen — 138— den Sieg erlangt, dann iſt⸗es noch immer Zeit, ſie wieder fallen zu laſſen. Merkt Euch dieſe Politik, von der Ihr vielleicht ſchon in kurzer Zeit Gebrauch machen müßt. — Ihr werdet mich zu allen Zeiten bereit finden, wo es gilt, die Befehle des Ordens und das Gebot der heiligen Kirche zu befolgen. — Wohlan! ſo laßt uns keinen Augenblick verſäumen. In einer Stunde müſſen wir das Schloß verlaſſen und zunächſt an unſer wich⸗ tigſtes Geſchäft gehen. Nimmt Laud den Kardinalshut an, ſo iſt England morgen unſer. Digby gehorchte ſogleich dem Jeſuiten, in dem er einen ſeiner Oberen verehrte. Er ſelbſt war ein geheimes Mitglied des Ordens und er hatte ſogar die Erlaubniß erhalten, ſich nach wie vor äußerlich zu der biſchöflichen Kirche Englands zu bekennen, ſo lang dies die Verhältniſſe von ihm fordern ſollten. Dagegen hatte er ſich zum ſtrengſten Gehorſam verpflichtet. Von Jugend auf mit Haß gegen die Reformation erfüllt, die ſeinem Vater das Leben, ihm ſelbſt einen großen Theil ſeiner Güter koſtete, kannte er kein anderes und höheres Ziel, als die Wiederherſtellung des Katholicismus. In dieſem Stre⸗ ben wurde er durch ſeine bigotte, ſtreng katholiſch geſinnte Mutter unterſtützt und angefeuert. Er hatte bereits während ſeines Aufent⸗ haltes in Frankreich ſeinen längſt gehegten Vorſatz ausgeführt und war in den Schooß der allein ſelig machenden Kirche zurückgekehrt. Seit dieſer Zeit widmete er ausſchließlich ſeine ganze Thätigkeit den Zwecken d 8 Ordens, der in ihm alsbald eines ſeiner brauchbarſten No nichts vergißt, nichts aufgibt, konnte den Abfall des engliſchen Volkes nicht verſchmerzen. Unter der Regierung der Köni⸗ gin Eliſabeth hatte der päpſtliche Stuhl die katholiſchen Mächte gegen die ketzeriſche Fürſtin aufgeboten, um mit den Waffen in der Hand den alten Glauben wieder herzuſtellen. Auf Roms Geheiß hatte Phi⸗ lipp von Spanien die ſtolze Armada ausgerüſtet, welche an den Kreide⸗ felſen Englands ſcheiterte. Rom war die Seele aller Unruhen und Verſchwörungen gegen Eliſabeth, die unglückliche Maria Stuart nur ein willkommenes Werkzeug in ſeiner Hand. Beſonders zeigte ſich der erſt kürzlich ins Leben getretene Jeſuitenorden in dieſer Beziehung überaus thätig und rührig. Nach Eliſabeths Tod zettelte dieſer unter . — 139— der Regierung Jakob des Erſten die berühmte Pulververſchwörung an. Es handelte ſich um nichts Geringeres, als den König und ſein ganzes Parlament zu gleicher Zeit in die Luft zu ſprengen. Ein Zufall führte die Entdeckung dieſes ſchrecklichen Verbrechens herbei und hin⸗ derte die Ausführung. Noch heute wird dieſer Tag in London und ganz England feſtlich begangen und der Verräther Guy Fawkes im feierlichen Aufzuge bildlich verbrannt. All dieſe feindlichen Pläne tru⸗ gen nur dazu bei, in der engliſchen Nation den Haß gegen das Papſt⸗ thum zu ſteigern und einen eben ſo wenig gerechtfertigten Fanatismus gegen die katholiſche Religion hervorzurufen. Von den Kanzeln herab wurde eine wilde erbitterte Polemik gegen den Papſt und ſeine An⸗ hänger von der proteſtantiſchen Geiſtlichkeit geführt, dabei im Geiſte jener Zeit die niedrigſten Schimpfworte und ekelhafteſten Benennungen nicht geſpart. Rom war der große Sündenpfuhl, das babyloniſche Weib, der Papſt wurde mit dem Antichriſt, dem Drachen, dem Thiere mit ſieben Köpfen aus der Apokalypſe verglichen. So erweiterte ſich die Kluft mit jedem Tage mehr und der Haß des Volkes ſelbſt war fort⸗ während im Steigen. Trotz dieſen ungünſtigen Ausſichten gab die katholiſche Kirche ihre Hoffnung darum nicht auf. Was der Gewalt mißglückt, ſuchte ſie auf einem friedlichen Wege zu erlangen. Die Verhältniſſe hatten ſich allerdings zu ihrem Vortheile geändert. Zwar lebte in dem Herzen der Nation und des Parlaments der alte Haß noch und der Wider⸗ wille gegen Rom, der ſich durch die grauſamſten Geſetze und blut⸗ gierige Strafen kund gab. Kein Katholik hatte Anſprüche auf ein bürgerliches Amt, oder eine Beförderung. Die Prieſter der römiſchen Kirche wurden nach wie vor verfolgt, ins Gefängniß geſperrt, und ſelbſt hingerichtet, jede Bekehrung auf das Strengſte unterſagt. Den⸗ noch war eine günſtige Umwandlung eingetreten. König Karl der Erſte hatte eine katholiſche Prinzeſſin, Henriette von Frankreich, zur Ehe genommen und ihr nicht allein die freieſte Religionsübung, ſon⸗ dern außerdem ihren Glaubensgenoſſen jede mögliche Erleichterung, die in ſeiner Macht lag, zugeſichert. Im Gefolge der Königin erſchien nicht blos ein franzöſiſcher Hofſtaat, auch Prieſter und ſelbſt Mönche hatten ſich ihr angeſchloſſen. Zum erſten Male ſeit langer Zeit ſah der Londoner Bürger bärtige Kapuziner in den Straßen der Haupt⸗ — 140— ſtadt ruhig wandeln. In den Gemächern von St. James wurde feierlich die Meſſe geleſen und ſelbſt der Grundſtein zu einer katholi⸗ ſchen Kapelle in der Nähe des Palaſtes gelegt. Das Volk begnügte ſich, ſein Mißfallen mit einem leiſen Murren zu erkennen zu geben. Auf den Schutz und den ſteigenden Einfluß der jungen Königin ge⸗ ſtützt, erhob die katholiſche Partei in England von Neuem ihr Haupt, anfänglich nur ſcheu und ſchüchtern, ſpäter um ſo offener und ſtolzer. Oeffentliche und geheime Bekehrungen gehörten nicht mehr zu den Seltenheiten und die ſtrenge Sternkammer zeigte ſich in dieſer Bezie⸗ hung mit einem Male mild und nachſichtig. Die biſchöfliche Kirche, welcher der König getreulich angehörte, ſtand keineswegs dem Katholicismus ſo fern, wie die übrigen reformir⸗ ten Sekten. Sie hatte viele alte Gebräuche derſelben beibehalten und wichim Aeußeren nur ſehr wenig davon ab. Laud, der Primas des Reiches, zeigte ſogar eine auffallende Hinneigung zu Rom und ſeinen Satzun⸗ gen. Je mehr das Volk dem puritaniſchen Weſen anhing, um ſo entſchiedener nahm die Regierung und der Hof eine entgegengeſetzte Richtung an und folgte einer mehr ultramontanen Strömung. Dieſe für ihn ſo günſtige Geſinnung wurde von dem Orden der Jeſuiten auf das beſte benutzt. Seine Emiſſaire, zu denen auch Sir Kenelm Digby gehörte, entwickelten eine ungemeine Thätigkeit. Nach allen Seiten hin wirkten ſie im Geheimen fort, wichtige Bekehrungen waren ihnen geglückt und wenn ihr Vorhaben gelang, den ehrgeizigen Laud ſelbſt durch das Anerbieten der Kardinalswürde zum Abfall zu bewe⸗ gen, ſo ſtand ihnen faſt kein Hinderniß mehr im Wege, ganz England ſelbſt in den Schoos des Katholicismus wieder zurückzuführen. Dieſer großen Aufgabe widmete Digby ſchon ſeit Jahren ſeine ganze Thätigkeit. Jetzt war ihm der Auftrag zu Theil geworden, mit dem Primas in Unterhandlung zu treten und dieſen durch die Aus⸗ ſicht auf einen ſo hohen Lohn zu gewinnen. Sir Kenelm ſchreckte vor dieſem Unternehmen nicht zurück. Er rechnete auf den Stolz und ungebändigten Ehrgeiz des biſchöflichen Prälaten. Che er jedoch zu dieſem Zwecke Ludlow⸗Caſtle verließ, verabſchie⸗ dete er ſich höflich bei den ſämmtlichen Bewohnern deſſelben. Der Graf drückte beſonders ſeine Verwunderung und ſein Bedauern über dieſe plötzliche Abreiſe aus. — 141— — Es thut mir doppelt leid, ſagte er verbindlich, daß Ihr uns ſo bald verlaſſen wollt, da ich noch ſo manche wichtige Angelegenheit mit Euch zu beſprechen gedachte. — Ich hoffe recht bald wieder zurückzukehren und von Neuem Eure Gaſtfreundſchaft in Anſpruch zu nehmen. Jetzt rufen mich leider dringende Geſchäfte nach London und an den Hof. — Da Ihr zunächſt an den Hof geht, ſo könnt Ihr mir einen wichtigen Dienſt leiſten. — Sprecht nur und was in meinen Kräften ſteht, will ich gerne für Euch und Euer Haus thun. — Zuerſt bitte ich Euch, dem Könige die Verſicherungen meiner unveränderten Treue und Ergebenheit zu überbringen, desgleichen an die Königin, Euere erhabene Gönnerin und Beſchützerin. — Wollt Ihr eine Gnade oder Huld von Beiden beanſpruchen? — Allerdings und doch wage ich kaum mich ſelbſt darum zu bewerben, da ich mit Beweiſen der königlichen Güte bereits ſo ſehr überhäuft bin, daß jede neue Forderung als ein entſchiedener Mißbrauch derſelben ſcheinen müßte. Ich habe einen Sohn, den Ihr bereits kennt. — Lord Brackley.. 1 — Nicht dieſen meine ich, ſondern ſeinen jüngeren Bruder Thomas. Er hat eine gute Erziehung genoſſen, auch fehlt es ihm nicht an edlen Gaben des Geiſtes und des Körpers, dennoch habe ich manchen Grund, nicht ganz mit ſeinem Weſen zufrieden zu ſein. Er läßt die ſchöne Kraft ungenützt und vergeudet ſeine Anlagen in Geiſt tödtendem Müßiggang. Beſonders ſcheint in der letzten Zeit eine keineswegs günſtige Veränderung mit ihm vorgegangen zu ſein. Statt ſeinen Studien obzuliegen, ſchweift er Tage lang ohne Zweck und Ziel herum. Er iſt zerſtreut, unaufmerkſam und flieht jede Geſellſchaft. Um ſo mehr war ich erſtaunt, daß er ſo ſchnell ſich mit Euch befreundet hat. Ich nahm dieſen Umſtand als einen Wink des Schickſals. — Und ich freue mich, daß der trotz Euren Anklagen ſo liebens⸗ würdige Jüngling Zutrauen zu mir gefaßt und ſich mir ſogleich an⸗ geſchloſſen hat. — CEben darauf baue ich meinen Plan, wobei ich auf Euere Unterſtützung rechne. Schon längſt hatte ich die Abſicht, meinen Sohn an den Hof zu ſchicken. Als jüngerer Bruder muß er bei Zeiten daran — 1422— denken, eine Stellung daſelbſt zu erlangen. Es liegt mir natürlich ſehr viel daran, daß er in den Haushalt des Königs oder der Königin aufgenommen wird. — Ich glaube, daß dies für Euch nicht ſchwierig ſein dürfte, ob⸗ gleich es nicht an jüngeren Söhnen fehlt, die ſich an den Hof drängen, um da ihr Glück zu machen. — Um ſo mehr bedarf er der Protektion. Ihr ſeid mit der Königin befreundet und deshalb wende ich mich an Euch, damit Ihr ein gutes Wort für ihn einlegt und Euch für ihn verwendet. — Was mein geringer Einfluß vermag, ſoll von meiner Seite gern geſchehen, doch bedarf es meiner Empfehlung nicht. Der Sohn des Lord⸗Präſidenten von Wales i*ſt einer günſtigen Aufnahme gewiß. — Darum allein handelt es ſich nicht. Der unerfahrene Jüngling bedarf noch außerdem der Aufſicht und Bevormundung. Mit Freuden habe ich bemerkt, daß mein Sohn ſich zu Euch hingezogen fühlt. Wenn Ihr aus Freundſchaft für ihn und mich dies ſchwierige Amt über⸗ nehmen, ſeine erſten Schritte auf dem ſchlüpferigen Boden, den er betritt, leiten wollt, ſo würdet Ihr mich zu ewigem Dank verpflichten. — Cuer Vertrauen ehrt mich dermaßen, daß ich trotz meiner Schwäche und Unwürdigkeit demſelben entſprechen will, ſo weit ich das im Stande bin. Ich werde ſogleich bei meiner Ankunft am Hofe mit dem Könige und meiner hohen Gönnerin Rückſprache nehmen. Wie ich feſt überzeugt bin, wird Euer Sohn von ihnen gnädig aufgenommen und eine paſſende Stellung ihm ſogleich angewieſen werden. Von meiner Seite ſoll es ihm nicht an gutem Rath fehlen, obgleich es mir gehen kann wie gewiſſen Predigern, deren Worte zwar trefflich, deren Thaten aber keineswegs empfehlenswerth ſein dürften. Indeß habe ich den Vortheil, die Verlockungen der großen Welt aus eigener Er⸗ fahrung zu kennen, ich kann daher den Jüngling vor den Sirenen warnen und vor der Charybdis behüten, deren Gefahren ich ſelbſt an mir erprobt habe. So mögt Ihr ihm denn ein weiſer Mentor auf dieſem Lebens⸗ wege ſein. Einſtweilen will ich ihn auf ſeinen neuen Beruf vorberei⸗ ten und wenn Ihr, wie Ihr uns verſprochen habt, in wenig Wochen zurückkehrt, ſo könnt Ihr Euren Zögling mitnehmen, den ich keinem Menſchen lieber anvertrauen möchte, als Euch. * ————— — 2— — 143— Digby übernahm ſehr gern dieſe Verpflichtung, welche ihn der Familie des Grafen nur näher bringen mußte. Er hielt ſomit gleich⸗ ſam ein Pfand in ſeinen Händen, das ſeine Pläne bedeutend fördern konnte. Aus dieſem Grunde gab er dem Grafen das feierliche Ver⸗ ſprechen für den Sohn zu ſorgen und denſelben wie ſeinen Augapfel zu behüten. Auch die Gräfin wiederholte ihre frühere Einladung für ihn und Alice zeigte ſich beim Abſchiede wieder zurückhaltend als ſonſt. — Vergeßt nur nicht den Komus, ſetzte ſie ſchalkhaft hinzu, und laßt ja nicht zu lange auf Euch warten. — Sorgt nicht, mein edles Fräulein, ich werde mich ſchon zur rechten Zeit einſtellen und meine Rolle will ich trotz des beſten Schau⸗ ſpielers ſpielen. — Daran habe ich auch nie gezweifelt, entgegnete ſie im necken⸗ den Tone. 3 Die Begleitung der Brüder, welche ihn zu Pferde bis über die Gränzen von Ludlow⸗Caſtle bringen wollten, lehnte Digby beſonders wegen ſeiner jeſuitiſchen Gefährten höflich ab. Als er gegangen war, ſtimmte die ganze Familie in das Lob des gewandten und geiſtreichen Mannes überein und Alle freuten ſich auf ſeine baldige Wiederkehr. e. Nur Alice ſchwieg gedankenvoll. Sie allein empfand einen ihr ſelbſt unerklärlichen Widerwillen gegen den Geprieſenen. Die Unſchuld be⸗ ſitzt zu ihrem eigenem Schutz ein Ahnungsvermögen, das bei Weitem den Scharfſinn und die Erfahrung der Weltkinder übertrifft. Auch war ihr Herz bereits vor den Schlingen des Höflings durch eine an⸗ dere und würdigere Neigung bewahrt. Sie liebte den Dichter. 13. Milton's Vater beſaß eine kleine ländliche Beſitzung in der Graf⸗ ſchaft Buckinghamſhire. Hier lebte er ſchon ſeit mehreren Jahren zurück⸗ gezogen von ſeinen früheren Geſchäften in mäßiger Wohlhabenheit, welche ihm geſtattete dem talentvollen Sohne eine treffliche Erziehung zu geben. Er ſelbſt widmete ſich in den Mußeſtunden, an denen es ihm nicht fehlte, ausſchließlich der Muſik. Die Mutter war eine ſanfte, — 144— ſtille Frau, ausgezeichnet durch ihren Wohlthätigkeitsſinn. Ein älterer Bruder des Dichters und eine verheirathete Schweſter machten den ganzen Familienkreis aus und hingen trotz mancher Verſchiedenheit ihrer Meinungen und Richtungen voll inniger Liebe aneinander. Das Wohngebäude war eines jener alten Häuſer mit ſpitzem Giebeldach, von Außen beſcheiden und im Innern traulich und heimlich. Der Dichter hatte trotz der Beſchränktheit ſein eigenes Studirzimmer, welches auf den benachbarten Garten ging. Das kleine Fenſter war von Wein⸗ reben und Geisvlatt umrankt, wenn er es öffnete, ſtrömte ihm der ſüße Duft der Blumen entgegen. Die Wände des Gemaches zeigten ſtatt jedes anderen Schmuckes eine zahlreiche Bibliothek, zierlich geordnet und aufgeſtellt, denn Milton liebte nicht gleich anderen Studirenden eine gelehrte Unordnung. Wie er in ſeiner Kleidung auf Reinlichkeit und ſelbſt auf eine gewiſſe Eleganz ſah, ſo ließ er es auch hier nicht an der nöthigen Sauberkeit fehlen. In alterthümlichen Schränken und auf Brettern lagen und ſtanden die lateiniſchen und griechiſchen Klaſſiker, Philoſophen und Poeten, dazwiſchen blähten ſich die großen in eaaftter gebundenen Folioausgaben der Kirchen⸗ väter und berühmteſten Theologen. So berührten ſich auch hier die verſchiedenartigen Elemente, aus denen jene Zeit ihre Bildung ſchöpfte, das klaſſiſche Alterthum und die chriſtliche Theologie auf ein und demſelben Bücherbrett. Auf dem einfachen Tiſche lag die hebräiſche Bibel aufgeſchlagen, zum Beweiſe, daß ſie zu allen Zeiten das Lieb⸗ lingsbuch des Dichters war, der aus ihren heiligen Blättern eine ihm verwandte Begeiſterung ſchöpfte. 3 Hier hatte Milton ſo manche Nacht im eifrigen Studium und mit eiſernem Fleiße durchwacht, denn für ihn war die Poeſie nicht das leichte Spiel der beweglichen Phantaſie, der augenblickliche Rauſch einer ſchnell verwehenden Begeiſterung, ſondern die ernſte Aufgabe des ganzen Lebe—, der Inbegriff des Höchſten und Erhabenſten, was die Menſchheit hervorzubringen im Stande iſt. Durch die Vorhalle der Wiſſenſchaft wollte er erſt mit der Zeit den Tempel der Göttin betreten. Dieſer ſchweren Aufgabe war er ſich im vollſten Maße bewußt.— Seit ſeiner Rückkehr von Ludlow⸗Caſtle ſchien er indeß den ern⸗ ſteren Studien entſagt zu haben und ſich ausſchließlich mit dem ver⸗ —— — 145— ſprochenen Gelegenheitsſtücke zu beſchäftigen. Der Plan war ſchnell entworfen und er ging ſogleich mit Feuer an die Ausführung des⸗ ſelben. Im Fluge warf er einzelne Scenen und die Charaktere vor⸗ läufig auf das Papier. In dieſer Arbeit überraſchte ihn eines Tages ſein Vater, der ſich von Zeit zu Zeit nach den Beſchäftigungen des Sohnes erkundigte. Milton hatte kein Geheimniß vor dem Nachſichts⸗ vollen und theilte ihm unbefangen Zweck und Inhalt ſeiner Verſe mit. Zugleich unterrichtete ey ihn genauer von dem Abenteuer im Haywood⸗Forſt und von ſeinem Aufenthalte auf dem Schloſſe. Die Schilderung, welche er dabei mit Begeiſterung von der Familie des Grafen von Bridgewater und beſonders von der Anmuth und der Liebenswürdigkeit Alicen's entwarf, machten den zärtlichen Vater nach⸗ denklich und beſorgt.. — Du weißt wohl, ſagte dieſer mit ſonſt ungewohntem Ernſt, daß ich deinem Thun und Treiben bisher niemals hinderlich in den Weg getreten bin. Andere Väter würden vielleicht darauf gedrungen haben, daß ein Sohn in deinem Alter ſich endlich für einen künftigen Lebens⸗ beruf entſcheidet und daran denkt, eine einträgliche Stellung zu ge⸗ winnen. Ich habe dich noch immer mit dergleichen Zumuthungen verſchont. — Und ich danke dir dafür, entgegnete der Dichter warm, indem er die väterliche Hand ergriff und voll kindlicher Ehrerhietung an ſeine Lippen führte. Ich danke dir für ſolche Nachſicht, obgleich ich beklagen muß, daß meine ganze Erkenntlichkeit ſich vorläufig nur auf leere Worte beſchränkt. Du haſt mir von Jugend auf eine ſeltene Freiheit geſtattet und in keiner Weiſe die Richtung meines Geiſtes beſchränkt; ebenſowenig wollteſt Du, daß ich den gemeinen Pfad be⸗ trete, vom Glanz gelockt, ſchnödem Gewinn nachſtrebte und nach eitlem Gelde jagte. Du zwangſt mich nicht, wider meine beſſere Ueberzeugung die Kanzel zu betreten und Dinge zu lebngn, gegen die ſich mein Gewiſſen ſträubte; vielmehr vergönnteſt du mir, den nach Erkenntniß dürſtenden Geiſt zu bereichern und in ſorgloſer Einſamkeit mich mit meinen Lieblingsſtudien zu beſchäftigen. Nur wenig Väter handeln ſo wie du und darum preiſe ich mein Geſchick, daß es mir den beſten, einſichtsvollſten aller Väter gab. D. B. XII. Milton u. ſeine geit. 10 — 146— — Um ſo mehr darf ich hoffen, daß meine wohlgemeinten Worte Eingang finden werden. — Sprich und ich will dir gern gehorchen, denn ich weiß, daß du mir zu meinem Beſten rathen wirſt. Da Milton eine längere Unterhaltung mit ſeinem Vater erwarten durfte, ſo beeilte er ſich, einen bequemen Seſſel für ihn hervorzurücken, während er ſelbſt in ehrerbietiger Haltung vor ihm ſtehen blieb. Nach einer Pauſe nahm Jener von Neuem das Wort. — Du wirſt mir gewiß das Zeugniß geben müſſen, daß ich deine Zuneigung zur Poeſie nicht ſtörte oder mißbilligte. Ich freute mich ſtets an deinem Talente und nahm die erſten Proben deſſelben mit väterlichem Stolze auf. Trotzdem wünſche ich nicht, daß du aus⸗ ſchließlich eine Richtung verfolgſt, die dir niemals ein ſicheres Glück und eine feſte Stellung im Leben gewähren kann. Die meiſten Dichter, welche ich kennen lernte, hatten mit Sorgen und mit Noth zu kämpfen, ihre Beſchäftigung bringt ihnen zuweilen Ruhm und Ehre, ſelten aber nur das ausreichende Brod. Als Schmuck und Zier will ich gern die Poeſie gelten laſſen, 12 ſie iſt zu wenig geeignet, einem Manne die nöthigen Mittel für ſeine Exiſtenz zu gewähren. Deshalb halte ich es für meine Pflicht, dich auf eine andere Laufbahn hinzuweiſen. Du haſt der Theologie entſagt, weil ſie deinem Gewiſſen Zwang anlegte. Damals billigte ich deine Gründe. Daſſelbe gilt jedoch nicht vom Richterſtande, der zu den angeſehenſten des Landes zählt. Ich will dich nicht drängen, auch nicht zwingen, ſondern dir die nöthige Zeit zur Ueberlegung geſtatten. Unumwunden darfſt du deine Meinung über meinen Vorſchlag mir kund thun. 4— Ich erkenne von Neuem deine Güte an, entgegnete Milton nach kurzem Nachdenken. Auch mir erſcheint die Poeſie zu hoch, um ſie zur Magd herabzuwürdigen und von ihr den täglichen Bedarf des Lebens zu fordern. Sie hat mit unſeren irdiſchen Verhältniſſen nichts zu thun und wo ſie ſich zum bloßen Erwerbe hergiebt, verliert ſie ihre heilige Würde. Nur in den Stunden der höchſten Weihe, wenn ſich der Himmel vor dem entzückten Blick des Dichters öffnet, ſteig ſie von ihrem Strahlenthron herab und erfreut ihre Lieblinge mit ihrer göttlichen Umarmung. Stets ſoll ſie ihm die Geliebte bleiben und niemals als gemeine Hausfrau am Küchenheerde ſchalten. Des —— — 1⸗— Menſchen Leben iſt eben ein doppeltes. Der Körper fordert ſein Recht eben ſo gut, wie der Geiſt und die materielle Welt macht ſich mit ihren Anſprüchen nur zu bald geltend. Ich finde daher deine Ermahnung vollkommen gerechtfertigt. Nur möchte ich nicht in einer Zeit, wie die gegenwärtige, mich um das Amt eines Richters bewerben. Niemand kann dieſen Stand höher ſchätzen, als ich es thue, aber nur ſo lange, als er ſich einer vollkommenen Unabhängigkeit von allen äußeren Einflüſſen bewahrtB. Dann allein iſt der Richter der Stell⸗ vertreter der Gottheit auf Erden, ein Wohlthäter der Menſchheit. Wie der Allgerechte ſelbſt, kennt er kein Anſehen der Perſon, er ſtützt ſich auf die Geſetze, die ſittlichen Offenbarungen des Volksgeiſtes, in ſeinen Händen hält er die unbeſtechliche Waage und das Schwert, welches nur den Schuldigen treffen ſoll.— Wenn aber die Despotie einer tyranniſchen Regierung das Recht verfälſcht, die Geſetze beugt und den Richter durch Gewalt und Ueberredung zu einem bloßen Werkzeuge herabwürdigt, dann ſinkt der ganze Stand noch unter den Henker ſelbſt herab, die Waage ſchwankt in ſeinen unſichern Händen und das Schwert kehrt ſich gegen die heilige Bruſt der Gerechtigkeit ſelber. Dahin ſind wir leider in unſerem Vaterlande gekommen. Der Richter iſt nicht mehr ein freier Mann„ Gott allein und ſeinem Ge⸗ wiſſen verantwortlich, ſondern ein feiler Knecht, der vom Hofe Beför⸗ derung oder Abſetzung zu erwarten hat. Du ſelbſt haſt aus eigener Erfahrung eine Anſchauung dieſer tiefen Entwürdigung dieſes einſt ſo hochgeehrten Amtes kennen gelernt, willſt du mir jetzt rathen, Richter, das heißt Sclave zu werden? — Da ſei Gott dafür, entgegnete der Vater mit allen Zeichen des Abſcheues. Allerdings leben wir in einer betrübten Zeit und ich muß dir leider beiſtimmen. Dennoch würde ich es gerne ſehen, wenn du dich für einen beſtimmten Beruf entſcheiden wollteſt. — Das will ich auch, denn ich ſehe die Nothwendigkeit deines Wunſches ein, aber weder als Geiſtlicher noch als Richter würde ich diejenige Befriedigung finden, welche der Menſch in ſeinem Berufe haben muß, wenn er ſich und andern nützen ſoll. Es giebt noch einen dritten Stand, den ich gegenwärtig all den übrigen Lebensrich⸗ tungen vorziehe. Laß mich einen Lehrer der Jugend werden. Hier kann ich allein der Welt und meinem Vaterlande nützen. Zwar . 10£ — EEEEEEEEEEEEEEEE weiß ich wohl, daß der äußere Lohn nur gering iſt, aber um ſo größer der innere. Seit langer Zeit habe ich mich bereits mit dieſem Gedanken ernſtlich beſchäftigt und befreundet. Giebt es einen ſchönern Wirkungskreis, wo man mehr Segen ſtiften kann? Du lächelſt über meinen Eifer, du denkſt vielleicht an unſere armen Schulmeiſter, welche mit Mühe beladen den unwiſſenden Kindern die Anfangsgründe und Elemente des Wiſſens beibringen, oder an unſere Proofeſſoren, welche aus ihren verſchimmelten Collegienheften ſtets dieſelbe Weisheit wiederkauen, ſich und Anderen zum Ekel. — Allerdings hätte ich dieſe Wahl am wenigſten von dir ver⸗ muthet, da ich deinen Widerwillen gegen unſeren bisherigen Unterricht, gegen das ganze Schul⸗ und Uniyerſitätsweſen hinlänglich kenne. —— Cben weil ich die traurigſten Erfahrungen in dieſer Beziehung an mir ſelber gemacht habe, will ich mit meinen ſchwachen Kräften gegen die Mißbräuche ankämpfen. Unſere Schulen ſind gegenwärtig nur Kerker für den Körper und den Geiſt, unſere Univerſitäten dienen nur dazu, um uns ſieben bis acht der ſchönſten Lebensjahre zu ſtehlen. Statt wahrer Kenntniſſe und fruchtbarer Ideen nehmen wir von beiden nur leere Formeln und eitle Schemen mit. Der Kopf iſt voll mit unnützem Wuſt gepfropft und das Herz dabei leer geblieben. Wir haben die Friſche und Urſprünglichkeit unſeres eigenen Geiſtes einge⸗ „büßt und die Willenskraft, den Charakter verloren. Kaum herange⸗ wachſen und von der Univerſität entlaſſen, ſtürzt ſich unſere Jugend, von der Noth oder dem Ehrgeize getrieben, auf die verſchiedenen Le⸗ benswege. Dann beſteigen die Einen, Dank der Verwendung ein⸗ flußreicher Gönner oder vornehmer Verwandten, die Kanzel und ver⸗ wandeln ſich ſchnell in ſtolze und feile Prälaten; Andere widmen ſich dem Recht, aber weit entfernt, ſich von den himmliſchen Betrachtungen der ewigen Gerechtigkeit und Billligkeit leiten zu laſſen, die ihnen kein Profeſſor vom Katheder herab gelehrt hat, ergehen ſie ſich in den Schleichwegen der Chikane, in langen und weitſchweifigen Proceſſen, von denen ſie den größten Nutzen ziehen. Manche ſchlagen den Staats⸗ dienſt ein und bringen eine Seele mit, entblößt von allen Grundſätzen der Tugend und unfähig einer jeden edlen Neigung, ſo daß ihnen bald die höfiſche Lüge und die tyranniſche Willkür als der Inbegriff der höchſten Weisheit erſcheint. Die Dürre ihres Herzens macht ſie * — 149— zu willfährigen Selaven der Gewalt. Endlich giebt es noch eine Klaſſe von Leichtſinnigen, welche weit offener und minder verſteckt das ganze Gepäck der Schulweisheit abwerfen und nichts Höheres kennen, als den Genuß und das Vergnügen. Ihr ganzes Leben gleicht einem leichtfertigen Bankett, dabei ſind ſie jedoch hundertmal noch beſſer, als diejenigen, welche die ernſteren Beſchäftigungen ergreifen, ohne die dazu unumgänglich nothwendige Reinheit der Geſinnung mitzubringen.— Das aber ſind die Früchte der auf den Schulen und Univerſitäten verlorenen Jugendjahre, wo man ſtatt Begriffe nur leere Worte und ſolch eitles Wiſſen lernt, dem ich eine völlige Unwiſſenheit bei weitem vorziehen möchte. — Und trootz dieſer gerügten Uebelſtände willſt du dich dem Lehrer⸗ ſtande widmen? 4 — Weil ich in mir den Beruf fühle und ſchon längſt den Plan zu einer Reform des ganzen Unterrichtsweſens mit mir herumtrage. Wohl weiß ich, daß der Einzelne nicht Alles vermag, aber dieſer Gedanke darf uns nicht zurückſchrecken. Das Ganze beſteht aus Ein⸗ zelnen und thut nur Jeder in ſeinem engen Kreiſe ſeine Pflicht, ſo wirkt er auf die Geſammtheit ſicher zurück. Wie oft habe ich als ein Knabe einen Stein in die Tiefe eines Teiches geworfen und mich an dem Schauſpiel ergötzt, das ſich dann meinem kindiſchen Auge darbot. Der anfänglich kleine Kreis wurde immer größer und größer, eine Welle riß die andere mit ſich fort, bis die ganze Waſſermaſſe in Be⸗ wegung gerieth. Das Bild möchte ich auf mein gegenwärtiges Streben anwenden. Vielleicht gelingt es meinem Geiſte, durch einen glücklichen Wurf die träge Maſſe unſeres verſtockten Schulweſens zu erſchüttern und ſomit neues Leben in daſſelbe zu bringen. Das iſt ungefähr das Ziel, welches mir in dieſem Augenblicke vorſchwebt. Freilich bedarf ich eine längere Zeit zu meiner eigenen Vorbereitung, doch ich weiß, daß du mir gern die nöthige Muße geſtatten wirſt. — Die ſoll dir gewiß nicht fehlen, obgleich ich fürchte, daß dein Plan auf vielfache Hinderniſſe ſtoßen wird. — Darauf bin ich auch hinlänglich gefaßt. Jede neue Idee gleicht dem Saamenkorn, das die dunkle Erde erſt durchbrechen muß, ehe es ſich zum Lichte emporringt. Selbſt dann wird es noch mit den feind⸗ lichen Einflüſſen der Atmoſphäre zu kämpfen haben. Mein Syſtem — 150— ſteht indeß auf einem ſicheren Grund. Das Endziel jeder Erziehung iſt für mich die Gottheit ſelbſt. Sie zu erkennen, zu lieben und ſich ihr zu nähern, muß die Baſis der Wiſſenſchaft ſein. Von dieſem eben ſo einfachen, als erhabenen Standpunkte aus will ich mein Werk be⸗ ginnen. Und wie ſich Gott im Leben offenbart, ſo ſoll auch unſer Wiſſen mit dem Leben Hand in Hand gehen. Nicht Gelehrte, ſon⸗ dern Menſchen zu bilden, wird meine höchſte Aufgabe ſein. Der Buch⸗ ſtabe tödtet, nur der Geiſt macht lebendig. Das Wort iſt nur der Träger der Idee, die Sprache nur die Hülle der Gedanken, darum will ich mit den Elementen der Grammatik den Kindern zugleich die Lehren der Tugend und Moral in die zarte Seele einpflanzen. Sie ſollen leſen und dabei denken lernen. Die Mathematik muß ſie zum Studium der Phyſik, der Chemie und der Aſtronomie führen, die Naturgeſchichte ſich mit der Anatomie des menſchlichen Körpers ver⸗ binden; denn das Wiſſen darf nicht blos den Kopf ausfüllen, ſondern ſich praktiſch bethätigen, dem Wiſſenden ſelbſt und ſeinen Mitmenſchen zum Heil und Segen gereichend. So vorbereitet können meine Schüler je nach der Nothwendigkeit Jäger, Fiſcher, Schäfer, Gärtner, Apo⸗ theker, Architekten, Mechaniker, Ingenieure und ſelbſt Aerzie werden. Die ſchönſten und beſten Stellen der Dichter müſſen ſie nebenbei aus⸗ wendig lernen und mit Anmuth laut vortragen, denn das iſt das beſte Mittel, ſie zu Rednern heranzubilden. Es verſteht ſich dabei von ſelbſt, daß ſie ſo nur von Stufe zu Stufe vorwärts ſchreiten und daß man ihnen die nöthige Zeit gönnen muß, ihre Kenntniſſe zu ſammeln und im Gedächtniſſe zu bewahren, bis dieſe, in einem Punkt vereint, den Legionen der Römer gleichen, welche aus verſchiedenen Be⸗ ſtandtheilen zuſammengeſetzt, doch von einem gleichen Streben beſeelt waren. Jeden Abend vor dem Schlafengehen werde ich mit ihnen einige Kapitel der Bibel leſen und erklären, damit ſie die Grundſätze der Religion in ihre Seele zeitig aufnehmen. Vor allen Dingen aber will ich in ihnen jene Willenskraft erwecken, welche unſere Moraliſten die Pareſe nennen. So werden ſie den Unterſchied zwiſchen Gutem und Böſem bald erkennen, die Tugend lieben und das Laſter haſſen lernen. Ueber dieſe geiſtige Ausbildung darf aber die körper⸗ liche nicht vernachläſſigt werden. Die Mußeſtunden ſind der Ruhe und der göttlichen Muſik, welche die Leidenſchaften beruhigt und die ——— — Sitten milder macht, und der Uebung der Gliedmaßen gewidmet. Sie ſollen fechten, ringen und ihren Körper gebrauchen lernen. Im Früh⸗ ling, wo die Luft ſo ſüß und ruhig uns anweht, wäre es eine Sünde gegen die Natur, die Schüler einzuſchließen. Sie werden dann ihre ſitzende Lebensart verlaſſen und unter paſſender Aufſicht ſelbſt größere Ausflüge machen, um die Beſchaffenheit des Bodens, die Arbeit des Landmannes, den Fleiß der Städte, Feſtungen und Häfen kennen zu lernen. So eröffnen ſich ihnen tauſend Quellen, um ihr Talent, das ſich zuweilen tief verbirgt, herauszufordern und zu erproben. Dann werden die Gaben und Tugenden, welche man einſt an unſerer Nation bewunderte, noch gehoben durch einen wahrhaft chriſtlichen Sinn, ſich in ihrem vollen Glanze zeigen und wir können die franzöſiſchen Char⸗ latane entbehren, welche durch ihre Oberflächlichkeit im Unterricht die Jugend ruiniren und unſere Kinder, die wir ihnen anvertraut, uns als Affen, Zierbengel und Tanzmeiſter zurückſchicken. — Ich freue mich, entgegnete der Vater, noch immer ernſt ge⸗ ſtimmt, daß du deinen Plan ſo reiflich erwogen, noch mehr, daß du endlich daran denkſt, dich für einen Lebensberuf zu entſcheiden. Offen geſagt, deine gegenwärtigen Beſchäftigungen ließen mich daran zwei⸗ feln. Auch dein Umgang flößte mir ein gewiſſes Mißtrauen ein. Allerdings bietet der Umgang mit Vornehmen, den du in letzterer Zeit faſt ausnahmsweiſe zu ſuchen ſcheinſt, manche Vortheile, die ich nicht zu gering veranſchlagen will, aber du darfſt nie vergeſſen, daß man nur allzuleicht dabei ſeine eigene Selbſtſtändigkeit einbüßen und zu einem bloßen Spielballe ihrer Launen und Vergnügungen herab⸗ ſinken kann. Sie ſuchen und beſchützen das Talent nur ſo lange, als es ihnen zur Unterhaltung dient und ihnen die Zeit mit tödten hilft. Niemals vergeſſen ſie jedoch ihre höhere Stellung und trotz aller Her⸗ ablaſſung behaupten ſie den ihnen angeborenen Stolz. Sobald du nur Miene machſt, dich ihnen gleichzuſtellen, werden ſie dich voll Hoch⸗ muth in deine Schranken zurückweiſen und wenn ſie dich nicht mehr brauchen, ohne Rückſicht fallen laſſen. Ich habe eine zu gute Mei⸗ nung von deinem Werth, als daß ich glauben ſollte, du würdeſt dich jemals, wie ſo manche Dichter der Gegenwart, zu einem gewöhnlichen Schmarotzer und Sykophanten des Adels herabwürdigen. — 152— — Lieber Vater! du kennſt weder das Haus der Gräfin Derby, noch die edle Familie der Bridgewater. — Aber ich kenne die Welt und beſonders die Geſinnungen des Adels noch aus jener Zeit, wo ich als Advokat vielfach mit ihm in Berührung kam. An Ausnahmen fehlt es ſicher nicht und ich will gern deine Gönner und Freunde als ſolche anſehen, dennoch möchte ich dich wohlmeinend warnen, damit du nicht früher oder ſpäter eine herbe Enttäuſchung erfährſt und ſchmerzlich aus deinen Träumen auf⸗ gerüttelt wirſt. Ich räume dir gern ein, daß unſer Adel heutzutage den Dichter ehrt und zu ſich heranzieht, aber nur dieſen und nicht den Menſchen in ihm. Sollte dieſer ſich vermeſſen, und wirkliche Freund⸗ ſchaft oder gar eine wahre Liebe fordern, ſo würden ſie dem Vermeſ⸗ ſenen bald das Uebergewicht ihrer Geburt und ihres Standes fühlen laſſen. Du kennſt das lateiniſche Sprüchwort: Proenl a Jove, procul a fulmine. Miltons Vater ſprach dieſe Worte mit eigener Betonung und einem ſo ſeltſam ſcharfen Blick, daß Jener erröthend ſeine Augen vor ihm niederſchlug. Er fühlte, daß das Geheimniß ſeines Herzens ver⸗ rathen war. Nachdenklich blieb der Dichter zurück. Vor ihm aufge⸗ ſchlagen lag die letzte Scene ſeiner Maske„Komus“, die er ſoeben niedergeſchrieben, als er durch den Eintritt des Vaters in ſeiner Ar⸗ beit unterbrochen wurde. Wie zur Beruhigung ſeiner aufgeregten Stimmung überlas er noch einmal die eben gedichteten Strophen, welche das Auftreten Alicen's im Haywood⸗Forſte ſchilderten. Ihr liebliches Bild ſtand vor ihm und alle durch jenes Geſpräch angereg⸗ ten Zweifel ſchwanden mit einem Male aus ſeiner Seele. Mit lauter, wohltönender Stimme recitirte er die Verſe, welche er bei dieſer Ge⸗ legenheit dem reizenden Mädchen in den Mund gelegt: Hier war der Lärm, wenn mir mein Ohr getreu, Das jetzt mein beſter Führer; wie mir ſchien, War es der Schall von wilder Fröhlichkeit Und ausgelaſſ'ner Luſt, wie wenn ſich Flöte Und Pfeife hören läßt mit frohem Ton Im luſt'gen, rohen Bauernſchwarm, wenn er Für trächt'ge Heerden, angefüllte Scheunen Dem gnäd'gen Pan im zügelloſen Tanz — 153— Den Dank bezeigt, Götter roh verehrt. Gefahrvoll wär' es, ſolcher Rohheit und Geſchwellter Ausgelaſſenheit der ſpäten Zecher entgegentreten wollen; doch Wo ſoll für meinen unbekannten Fuß Im dunklen Labyrinth des ſtrupp'gen Waldes Ich ſonſt wohl Kunde ſuchen? Meine Brüder Entfernten ſich, als ſie ermüdet mich Vom weiten Wege ſahen, ſchnell beſchließend, Hier unter'm weiten Dach der Fichten mir Die nöth'ge Ruh zu gönnen, nächſtem Dickicht Zu, wie ſie ſagten, Beeren dort zu ſuchen, So labend kühl, wie nur die Gaſtlichkeit Der Wälder ſie uns bietet. Sie verließen Mich gerade, als der grauvermummte Abend, Gleich einem trüben Büßer, in dem Kleid Des Pilgrims, hinter Phöbus Wagen ſich Erhob. Doch wo ſie weilen und warum Sie nicht zurückgekehrt, iſt der Gedanken Qual mir; wahrſcheinlich haben ihre Schritte Zu weit ſie fortgeführt, neidvolles Dunkel, Eh' ſie rückkehren konnten, ſie geraubt. Wie ſonſt, wenn nicht zu ſolchem ſchlechten Zweck, Haſt du, o diebiſche Nacht, auf deiner Warte Die Sterne all verlöſcht, die die Natur Am Himmel aufgehangen, ihre Flammen Mit ew'gem Oel genährt, daß nöth'ges Licht Dem einſamen, verirrten Wand'rer ſie Gewährten?— Ja, hier iſt der Ort, wie ich Wohl glauben muß, woher nur eben noch Die laute Luſt erſcholl, mein horchend Ohr Erfüllend. Nichts jedoch als bloßes Düſter Kann ich hier finden. Was nun kann das ſein? Vielfache Phantaſteen drängen ſich Meiner Erinnerung auf von Geiſtern und Furchtbaren Schatten, die verlockend wirken, Und Stimmen in der Luft, an Küſten und Verlaſſner Wildniß, unſere Namen rufend. — 154— Wohl mögen ſolche Phantaſie'n erregen Den tugendhaften Sinn, doch können ſie Ihn nicht erſchüttern. Stets iſt er beſchützt Von ſeiner ſchimmernden Genoſſenſchaft, Dem ruhigen Gewiſſen. O willkommen Du reiner Glaube, ſchöne Hoffnung du! Du Engel, ſchwebend auf den Fittigen Von Gold! auch du, der Keuſchheit unbefleckt Gebild! Ich ſchau euch alle ſichtbar und Ich glaube jetzt, daß Er, der höchſte Gott, Dem alles Uebel nur zum Werkzeug dient, Mir einen lichten Schutzgeiſt ſenden würde, Wenn es mir Noth, mein Leben zu erhalten, Und meine Ehre zu beſchirmen. Täuſchte Ich mich denn? Oder wandte eine Wolke Ihr Silberlicht auf dieſe düſtre Nacht? Ich irrte nicht— während der Dichter ſo las, öffnete ſich leiſe die Thür. Unbemerkt von ihm war ſein Freund, Eduard King, in das Zimmer getreten und hatte wenigſtens den letzten Theil der eben recitirten Verſe be⸗ lauſcht. Auch er erkannte ſogleich das Bild Alicens und ihre Er⸗ ſcheinung im Haywood⸗Forſt. Die Leidenſchaft, welche er für das reizende Mädchen vom erſten Augenblick ſeiner Begegnung mit ihr empfand, erwachte bei dieſer Schilderung mit doppelter Stärke. Ein Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt. Milton wandte ſich um und er⸗ kannte den Freund. 5 2 — Willkommen, mein Lyeidas! rief er ihm entgegen. Du haſt mich lange auf deinen Beſuch warten laſſen. — Ich fürchtete, zu ſtören, da ich wußte, daß du mit deinem Schauſpiele beſchäftigt biſt. — Bald bin ich damit zu Ende und außerdem habe ich immer für meine Freunde Zeit. Wenn du nichts dagegen haſt, ſo wollen wir in's Freie gehen. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet und ein Spaziergang an deiner Seite wird mich erfriſchen. Auch dem Freunde war die Stube zu eng. Beide verließen die⸗ ſelbe und traten ihre gewohnte Wanderung wieder an. — 155— 14. Längere Zeit gingen die Freunde ganz gegen ihre Gewohnheit ſchweigend neben einander her. Ihre Gedanken ſchweiften um das gleiche ferne Ziel, dieſelbe Neigung machte ſie ſtumm. Vielleicht ahnte jeder die Gefühle des Andern und darum anicdn F ſich auszuſprechen. Eine gewiſſe Scheu hielt ſie zurück, den Namen Alicen's nur zu nennen und von ihrem letzten Aufenthalt in Ludlow⸗ Caſtle zu reden. Milton, dem das veränderte Benehmen des Freundes und ſeine Bläſſe aufgefallen war, brach endlich das faſt peinliche Stillſchweigen. — Du ſiehſt leidend aus, ſagte er, was fehlt dir, mein Lycidas? Faſt erſchrocken fuhr der Freund aus ſeinem Nachſinnen empor. — Mirr fragte er ausweichend. Ich fühle mich ganz wie ſonſt. — Und doch will es mir ſcheinen, als hätteſt du dich ſeit einiger Zeit verändert. Deine Wangen ſind bleich, dein Blick unſtät und ich hörte dich öfters wider deine ſonſtige Gewohnheit ſeufzen. Drückt dich ein geheimer Kummer, ſo vertraue ihn mir an. Ich möchte dir ſo gerne rathen und helfen. — O, du biſt gut, murmelte King, und ich thue unrecht, dir ein Geheimniß zu verbergen, das mein ganzes Herz erfüllt. Ja, du ſollſt noch heute Alles wiſſen. — Du machſt mich in der That geſpannt. — Komm und laſſ' uns hier unter dieſer Linde ausruhen. Unter ihrem duftigen Schatten will ich dir anvertrauen, was ich mir ſelber kaum zu geſtehen wagte. Ich liebe. — Du liebſt, rief Milton überraſcht. O, dann begreife ich dein ganzes Weſen, denn die Liebe gleicht einer gewaltigen Zauberin, welche den ganzen Menſchen umwandelt. Sie macht den Dreiſten verlegen und ſchüchtern, den Weiſen zum Thoren, den Beredten ſtumm und den Stummen zum Redner. Der Fröhliche wird durch ſie traurig und der Betrübte heiter. Kein Wunder iſt ihr unmöglich, da ſie ja ſelbſt das größte Wunder iſt, worin ſich die geheimnißvolle Macht der Natur uns offenbart. Du liebſt und nun erfaſſe ich, daß mein einſt ſo froher Lycidas einherſchleicht wie die Schatten am Acheron und die Wälder mit ſeinen Klagen erfüllt. — 156— — Du ſchilderſt die Leidenſchaft, als ob du ſie ſelber empfändeſt. Wer dich hört, ſollte glauben, daß dein Herz ebenfalls ihrer Gewalt unterlegen ſei. — Wer weiß? lächelte Milton halb verlegen und erröthete. Viel⸗ leicht hat auch meine Stunde geſchlagen, vielleicht werde auch ich dich mmit meinen Bekenntniſſen überraſchen, doch zuvor will ich von dir erfahren, welche Nymphe deinen ſpröden Sinn beſiegt. Gewiß iſt ſie ſcheu wie das junge Reh, voll Duft der Seele, mit allen Liebreizen der Schöpfung ausgeſtattet, eine Venus an Schönheit, eine Pallas an Verſtand. So denk ich mir das Weib, das dich allein zu feſſeln im Stande iſt. — Du malſt ihr Bild, als ob du bereits wüßteſt, wer die Holde ſei. Doch du kennſt ſie eben ſo gut wie ich. Du haſt ſie ja geſehen und ihre bezaubernde Anmuth an dir erfahren. Kein anderes Weib kann ſich mit ihr vergleichen. Die Sprache iſt zu arm, um ihren Liebreiz auszudrücken. Soll ich dir noch ihren Namen nennen?— Ein Schauer erfaßte den Zuhörer, ſein Herz ſtockte und die Sinne drohten ihm zu vergehen. Es konnte kein Zweifel mehr für ihn ſein, daß der Freund Alice Egerton meinte. Mühſam nur bekämpfte er ſeine Aufregung, welche dem Sprecher entging, weil dieſer zu ſehr mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt war. — Alice! murmelte der Dichter erſchüttert. — Alice! Du haſt es errathen, fuhr King in ſeinen Bekennt⸗ niſſen fort. Ich liebe ſie von dem erſten Augenblick an, da ich ſie im Haywood⸗Forſt ſah. Damals erſchien ſie mir im Walde wie die Fee des Hains, wie ein lichter Engel, der ſich aus himmliſchen Höhen herabgelaſſen hat. Seitdem lernte ich ſie jedoch genauer kennen und jeder Tag verlieh ihr eine neue Zierde. Nicht ihre Schönheit allein hat mich bezwungen, weit mehr noch die Unſchuld, welche wie ein Heiligenſchein ihr ganzes Weſen umgibt, die Tiefe ihres Geiſtes, die ſich mit der rühmendſten Beſcheidenheit vereint. O, ihres Gleichen gibt es auf Erden nicht. Jedes Wort zu ihrem Preiſe aus dem Munde des entzückten Freundes vermehrte nur den Schmerz des Dichters, den er bei dieſem unerwarteten Geſtändniſſe empfinden mußte. Faſt erlag er unter dieſer Qual, nur mit der höchſten Anſtrengung ſeiner Energie ver⸗ mochte er ſeiner Empfindungen Herr zu werden und einen Ausbruch ſeiner peinlichen Stimmung zu bemeiſtern. — Und ſie liebt dich wieder? ſtammelte Milton aus gepreßter Bruſt. — O, daß du wahr ſprächeſt, daß du der Prophet meines Glückes wäreſt. Bis jetzt hab' ich es nie gewagt, eine derartige Frage an ſie zu richten; doch ich darf dir wohl geſtehen, daß ich nicht ohne jede Hoffnung bin, denn was wäre noch ferner das Leben für mich, wenn ich nicht hoffen dürfte. Alice hat meine Bewunderung nicht zurückgewieſen, ſondern mit aufmunternder Freundlichkeit aufgenommen. Wenn ſie mit mir ſprach oder mir begegnete, ließ mich ihr Benehmen glauben, daß ich ihr nicht ganz gleichgültig ſei. Auch die Eltern und beſonders ihr Vater ſchienen meine ſchüchternen Bewerbungen um die Gunſt der Tochter nicht zu mißbilligen. Doch das Alles gewährt mir noch immer keine Sicherheit. Du weißt ja vielleicht aus eigener Erfahrung wie das Herz des Liebenden zwiſchen Wonne und Ver⸗ zweiflung ſchwankt. Um mir nun Gewißheit zu verſchaffen, habe ich dich aufgeſucht. Ich habe keinen treueren Freund als dich und an wen ſollte ich mich anders wenden, als an meinen Thyrſis, den Ge⸗ ſpielen meiner Jugend, den treueſten Gefährten auf meinen bisherigen Lebenswegen. — Gewiß und ich werde deine Freundſchaft mehr als je zu ver⸗ dienen wiſſen, entgegnete der Dichter mit all der Selbſtverleugnung, deren er in dieſem Augenblicke fähig war. — Ich rechne auf dich, fuhr der Freund mit dem verblendeten Egoismus der Leidenſchaft fort. Du kennſt Alice ſchon längere Zeit als ich und ſtehſt ihr augenblicklich noch näher. Vielleicht gelingt es dir, ſie zu beobachten, oder gar ihr Vertrauen zu gewinnen. Sie weiß, daß wir Freunde ſind. Ein hingeworfenes Wort von dir, kann möglicher Weiſe biel nützen und mir Aufſchluß über ihr Herz geben. Suche dich daher ihr noch mehr zu nähern und mit ihr oft und viel von mie zu reden, damit ich auf dieſem Wege erfahre, wie ſie gegen mich geſinnt ſei. Was du aber auch mir bringen magſt, Leben oder Tod, ſtets werde ich dir für einen ſolchen Dienſt ewig zu Dank verpflichtet ſein. — Ich will es verſuchen, ſtammelte Milton, während ſein Herz zu Tode verwundet blutete, — 158— — Und ich bin überzeugt, daß du nichts unterlaſſen wirſt, um mich in meinen Abſichten auf Alicen's Hand zu unterſtützen. Im Namen unſerer Freundſchaft beſchwöre ich dich, mir mit Rath und That beizuſtehen, denn ich fühle, daß ich ohne ſie nicht zu leben vermag. — Was ich thun kann, ſoll gewiß von meiner Seite geſchehen und ich zweifle nicht daran, daß du Alice einſt beſitzen wirſt. Ein ſchmerzlicher Seufzer entrang ſich der Bruſt des Dichters, jetzt erſt wurde King auf den Zuſtand des Freundes aufmerkſam. Die tödtliche Bläſſe deſſelben, der tiefe Schmerz, der ſich in ſeinen Zügen verrieth, konnte ihm nicht länger entgehen, aber er war weit davon entfernt, die eigentliche Urſache nur zu ahnen und ſchrieb dieſe deutlich ausgeſprochenen Leiden einem ganz andern Beweggrunde zu. — Verzeihe, ſagte er bei dieſer Entdeckung, daß ich über meine eigene Angelegenheit die deinige vergaß. Wenn ich recht gehört habe, ſo ſprachſt auch du von einer ähnlichen Neigung, welche dich ebenfalls mit Qual erfüllt. Thue wie ich und ſchütte deinen Kummer in die Bruſt des Freundes aus. Rede eben ſo offen mit mir und gebiete über mich. Alles, was ich bin und habe, ſteht dir zu Dienſten und es würde mich freuen, wenn ich zur Erreichung deines Zieles dir be⸗ hüflich werden könnte. Sprich, mein geliebter Thyrſis und du ſollſt ſehen, daß die Liebe mich nicht für die heiligen Gefühle der Freund⸗ ſchaft abgeſtumpft hat. Laſſ' mich auch wiſſen, was deine Bruſt betrübt. — Jetzt nicht, nur jetzt nicht, ſtöhnte Milton, vielleicht ein an⸗ deres Mal. 3 — Und warum nicht in dieſem Augenblick? drängte der Freund. Du glaubſt doch nicht, daß meine Theilnahme für dich und deine Freundſchaft erloſchen ſei. O, wie betrübt mich der bloße Gedanke einer ſolchen Möglichkeit. Du kennſt mich und weißt, wie ich dich liebe. Ich wäre im Stande für dich Alles, Alles aufzugeben. Haben wir nicht beim heiligen Licht der Sterne uns ſo oft Treue und Ergeben⸗ heit bis in den Tod geſchworen, ſind wir nicht nach wie vor ein Brüderpaar, wie es Kaſtor und Pollux einſt im Alterthum waren, du mein Damon, ich dein Pythias? Oder meinſt du, daß nur Grie⸗ chenland, nur die vergangenen Jahrhunderte ſolche Beiſpiele eines — 159— ewigen Seelenbündniſſes aufzuweiſen haben? Nein, ich fühle in mir dieſelbe Liebe und Begeiſterung, für dich in den Tod zu gehen. — Das darfſt du nicht, rief der Dichter tief ergriffen aus. Wenn einer von uns ſterben, wenn einer ſich opfern ſoll, ſo laſſ' es mich ſein. Ich fühle ein Sehnen nach dem Tod, wie nie. Du aber mußt leben und dich des heitern Daſeins freuen, denn dir lachen die Götter zu ſeit der Stunde der Geburt. Du beſitzeſt Rang und Adel, alle Glücksgüter, die der Himmel auf ſeine Lieblinge mit verſchwenderiſchen Händen häuft. Denke an die glänzende Zukunft, welche dich erwartet, an deine Eltern, deren Stolz und Freude du biſt, und vor Allem an deine Liebe zu Alice. — Und an den Freund, der mir theurer iſt als alle Schätze der Welt. Komm! Wir wollen in dieſer ſchönen Stunde den alten Liebesbund erneuern. Was auch immer kommen mag, kein Zufall, keine Schickung ſoll und darf uns trennen. Schwöre mir ewige Liebe und Freundſchaft, wie ich es jetzt thue. 1 Ueberwältigt von ihren Gefühlen ſanken die Jünglinge begeiſtert einander in die Arme und ruhten ſprachlos Bruſt an Bruſt. Das ſanfte Mondlicht verklärte ihre Züge. An dem Buſen des Freundes gelobte ſich Milton Entſagung und Bekämpfung ſeiner Leidenſchaft. Als er das bleiche Antlitz erhob, zitterte noch eine Thräne in ſeinen Augen, der einzige Zeuge ſeines ſchweren Kampfes. Das Opfer war vollbracht... In dieſer feierlichen Stunde tödtete er für den Freund die auf⸗ keimende Leidenſchaft in ihrer erſten Blüthe. Sein antiker Sinn, die Erinnerung an die leuchtenden Beiſpiele des Alterthums halfen ihm den Sieg erringen. Nie ſollte King die Größe des Opfers erfahren, das er ihm gebracht. Hand in Hand wanderten die Freunde durch die ſtille Nacht. Nochmals verſuchte der Gefährte dem Dichter ſein Geheimniß zu ent⸗ reißen und ſein Vertrauen zu gewinnen. — Laß für heut, flehte dieſer. Du kennſt ja meine Art und Weiſe, die ſich in ſich ſelbſt verſchließt. Du darfſt mich nicht darum wegen eines Mangels an Offenheit anklagen. Dein eigenes Ge⸗ ſtändniß hat mich ſo gänzlich erfüllt, daß meine Gefühle nicht den rechten Ausdruck finden können. So viel mag dir genügen, daß ich — 160— ebenfalls ein junges Mädchen gefunden habe, werth der zärtlichſten Neigung. — Und ſie liebt dich gewiß, denn du verdienſt die Liebe des ſchönſten und edelſten Weibes. — Ich weiß es nicht, entgegnete der Dichter, ſich ſelbſt bezwin⸗ 8 gend, denn ich habe bisher mit keinem Worte meiner Leidenſchaft ge⸗ dacht. Eine angeborne Schüchternheit hat mich immer davon ab⸗ gehalten. — Aber deine Blicke, deine Mienen haben ihr ſicher das Geheim⸗ niß verrathen. Das Auge der Frauen iſt in dieſer Beziehung weit ſchärfer als das unſrige. Sie weiß, daß du ſie liebſt. — Ich glaube nicht und wenn ſie auch um die Neigung wüßte, was nützt es mir?— Sie ſteht zu hoch und wird ſich nie zu einem armen Dichter und künftigen Schulmeiſter herablaſſen. 4— Das alſo iſt der geheime Grund deines Kummers? Darum „brauchſt du noch nicht jede Hoffnung aufzugeben. Die Liebe iſt all⸗ mächtig und ebnet Berge, die ſich ihr entgegenſtemmen. Wie ein Waldſtrom ſchwillt ſie nur vor jedem neuen Hinderniſſe an und wird um ſo ſtärker. Du mußt den Muth nicht ſinken laſſen. Ein Dichter ſteht den Edelſten des Landes gleich. Deine gelehrten Kenntniſſe wer⸗ den dir den Weg zu den höchſten Aemtern eröffnen. Du beſitzeſt Freunde und Gönner, die ſich für dich verwenden und dir hülfreich zur Seite ſtehen. Mein Vater ſelbſt liebt dich wie ſeinen eigenen Sohn und ſein Einfluß am Hofe wird dir leicht eine gute Stelle ver⸗ ſchaffen. So kannſt du ſtolz vor deine Geliebte hintreten, oder wenn du zu ſcheu und zaghaft biſt, will ich ſelbſt als dein Brautwerber um ihre Hand anhalten. — Ich danke dir von ganzen Herzen für deine Freundſchaft, ent⸗ gegnete der Dichter zuſammenzuckend. — Dann, wann dir und mir der heißeſte Herzenswunſch in Er⸗ füllung gegangen iſt, wollen wir im Beſitze der ſchönſten und tugend⸗ hafteſten Frauen ein neues Leben beginnen. Fühlſt du nicht, wie ich, die Wonne, welche mich bei dieſem Gedanken durchſtrömt?— Alice wird mir zur Seite ſtehen und mich zu den edelſten Thaten be⸗ geiſtern, denn ſie beſitzt einen hohen Sinn und ein Streben auf das Göttliche gerichtet. Für ſie werde ich meine bisherige Thatenloſigkeit — 161— entſagen und mich auszuzeichnen ſuchen. Von nun an will ich mich dem Dienſt des Vaterlandes ernſtlich widmen, raſtlos arbeiten. Je⸗ den Sieg, den ich ſo erringe, theile ich mit ihr und wird mir je eine Bürgerkrone zu Theil, ſo ſoll dieſelbe das liebliche Haupt mei⸗ nes Weibes ſchmücken. Wenn aber der ſtille Abend naht, der laute Lärm verhallt, die Geſchäfte ruhen, dann eile ich zu ihr, der Freun⸗ din meiner Seele, dann nehmen mich die häuslichen Penaten unter dem trauten Dache auf, die reinſte Liebe entſchädigt mich für den Kampf der Parteien, für die Sorgen des Staatsmanns, ſanft und ſüß grüßen mich ihre Lippen mit beſeligenden Küſſen und Lächeln. Im holden Wechſel ſtrömt die Unterhaltung hin und auch du ſtellſt dich ein, nicht mehr vereinſamt, ſondern in Begleitung einer holden Gattin. Mein Glück wied durch das deinige nur verdoppelt. Du bringſt die Gaben der Muſen mit, und um den Dichter ſchaaren ſich lauſchend die bewundernden Zuhörer. So verwandelt ſich mein Haus in einen Tempel der Liebe und Freundſchaft, in ein ſtilles Heilig⸗ thum, wo den Muſen und Grazien täglich geopfert wird. Hand in Hand wollen wir das Leben genießen, nicht egoiſtiſch, ſondern dem großen Ganzen dienend, ein Vorbild künftiger Geſchlechter, auf unſere Kinder die Freundſchaft vererbend, welche die Väter einſt ſo innig verbunden. In dieſer Weiſe ſchwärmte der glückliche Jüngling, ohne zu ah⸗ nen, wie tief ſeine Worte den Freund verwundeten. Dieſer verrieth kaum mehr durch einen Blick, durch keine Miene den Schmerz, der ſein Inneres durchwühlte. Schweigend ging er nebenher, den Tod im Herzen. Erſt als King in der Nähe des väterlichen Hauſes von ihm Ab⸗ ſchied nahm, überließ er ſich rückſichtslos ſeinen traurigen Gefühlen. Erſchöpft warf ſich Milton auf den grünen Raſen nieder, den er mit ſeinen Thränen befeuchtete. Jetzt erſt empfand er die ganze Größe ſeines Verluſtes. Alicen's Bild ſtand vor ſeiner Seele; vergebens ſuchte er es zu verſcheuchen, es kam immer wieder zurück mit ſanft flehenden Mienen.„Stoße mich nicht fort!“ ſchien der ſchöne Mund ihm zu⸗ zurufen und ihre weichen Arme ſtreckten ſich ſehnſüchtig ihm entgegen. All die Orte, wo er ſie geſehen, tauchten in der Erinnerung wieder auf, der mondbeglänzte Haywood⸗Forſt, der duftende Garten mit D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 11 — — 162— dem Brunnen, der Schloßhof und das trauliche Gemach der Frauen. Seine dichteriſche Phantaſie vermehrte nur die bittere Qual, ſie zau⸗ berte von Neuem den ſtrahlenden und doch ſo frommen Blick, die Bewegungen voll Anmuth und Grazie, das holde Lächeln und die geiſtreichen Worte des geliebten Mädchens vor ſeine Seele, dies Alles 3 in die glühendſten Farben tauchend. So ſchön war ſie ihm nie erſchienen, als in dieſem verzweiflungsvollen Augenblick, wo er ſich für immer von ihr losſagen wollte. Er ſollte den Abſchiedskelch bis zum Grunde leeren. Dumpf brütend lag er ſo am Boden, leiſe flüſterten und rauſch⸗ ten die Blätter der Bäume über ſeinem Haupt, als wollten ſie ihm klagen helfen, durch die Stille der Nacht ließ die Nachtigall ihr Lied in langgezogenen, ſchluchzenden Tönen ſchallen, aber er hörte nicht die Sängerin, welche ſein Leid zu beweinen ſchien. Den Tod rief er mit lauter Stimme und wünſchte, daß ſich der grüne Raſen aufthäte, um ihn für immer aufzunehmen, doch der Engel des Todes rauſchte an dem Unglücklichen vorüber, um mit der Spitze ſeines Schwertes glück⸗ lichere Weſen zu treffen, welche im Genuſſe aller Freuden ſchwelgten. Milton hatte Entſagung gelobt, und er beſaß die nöthige Kraft, ſich ſelber zu beſiegen. Nachdem er ſeinen Tribut der menſchlichen Schwäche gezollt, erhob er ſich zu jener Höhe eines antiken Herois⸗ mus, den er aus den Schriften und Beiſpielen des Alterthums ge⸗ ſchöpft hatte. Wie dem helleniſchen Jüngling ſtand auch ihm die einmal beſchworene Freundſchaft höher als die Liebe, obgleich er durch dieſe Auffaſſung ſich ſelber und ſeinem ganzen künftigen Leben unbe⸗ wußt das größte Leid zufügte, denn er wurzelte mit allen Faſern ſeines Weſens tief in dem modernen Bewußtſein, das den Kultus des Weibes an die Spitze ſtellt. Seine Entſagung war keine natür⸗ liche Ueberwindung einer Leidenſchaft, ſondern die mehr künſtliche Nach⸗ ahmung eines Standpunktes, der einer andern Zeit und andern Lebens⸗ bedingungen angehörte. Indem er ſich für den Freund opferte, vernichtete er ein höheres Ideal, als die Freundſchaft, die Liebe und das Weib. Als Sieger ſtand er jedoch vom Boden auf, nur ſein bleiches, verſtörtes Geſicht trug noch die Spuren des durchgefochtenen Kampfes. Im Oſten begann es zu tagen, leiſe färbten ſich die grauen Wolken mit einem zarten, roſigen Hauch. Fröhlich rauſchte der Morgenwind —— — 163— durch das junge Laub und weckte zu neuer Lebensluſt die erſchlaffte Natur. Die Schleier der Nacht zerriſſen vor ſeinem kräftigen Wehen. Schon wirbelte die Lerche in blauer Luft und ſchmetterte unſichtbar aus reiner Aetherhöhe ihren Gruß an die erwachte Natur. Heller und heller wurde der Horizont, die roſigen Wolkenſtreifen verwandelten ſich in flammenden Purpur und leuchtendes Gold. Die Schatten ent⸗ wichen vor der ſiegenden Gewalt des Lichts. Es wurde Tag. 1 Nach einem kurzen Schlafe, welchen Milton dem erſchöpften Kör⸗ per gegönnt, vermochte er ſeine gewohnten Arbeiten wieder aufzuneh⸗ men. Vor Allem lag ihm daran, das Werk zu beenden, das ſo viele traurige Erinnerungen in ihm erwecken mußte. Er that es mit ſtoiſcher Selbſtverleugnung, und nur ſelten noch entrang ſich ein ſchwe⸗ rer Seufzer der gepreßten Bruſt, wenn er dabei ſeiner erſten Begeg⸗ nung mit Alice Egerton gedachte. Derartige Erinnerungen erſchwerten nur das Opfer, welches er im Begriffe ſtand, dem Freund zu brin⸗ gen, aber ſie ließen ſich unmöglich vermeiden. Ab und zu kam auch der Muſiker Lawes, um die Vollendung des Schauſpiels zu betreiben und die nöthigen Verabredungen mit dem Dichter zu treffen. Er brachte Grüße und die ſchmeichelhafteſten Einladungen von der Gräfin Bridgewater und der Tochter mit. Milton hatte ſich verpflichtet, ſein Werk einzuſtudiren und die Proben ſelbſt zu leiten. Das erforderte einen mehrtägigen Aufenthalt auf dem Schloſſe, den er eben ſo gern wie jede fernere Berührung mit Alice vermieden hätte. Er konnte ſich jedoch unmöglich ſeinem Verſprechen entziehen und mußte, wenn auch mit Widerwillen, in Geſellſchaft des Muſikers die unerwünſchte Reiſe nach Ludlow⸗Caſtle antreten. Mit welch veränderten Gefühlen ſah er jetzt den Schauplatz ſei⸗ nes ſchnell entſchwundenen Glückes. Beim Anblick des gaſtlichen Hau⸗ ſes wachten all die alten Schmerzen mit erneuerter Stärke wieder auf. Er bedurfte ſeiner ganzen Stärke„um nicht unter dieſer Laſt zuſam⸗ menzubrechen. Die Aufnahme von Seiten der edlen Familie war eine ſo herzliche und Alice drückte ſo unverholen ihre Freude über das Wiederſehen mit ihm aus, daß er nur mit Mühe ſich zu beherrſchen vermochte. Sein verändertes Benehmen hätte ihr, ſo wie den übri⸗ gen Schloßbewohnern, auffallen müſſen, wären dieſe nicht durch die 11* — 164— Vorbereitungen des Feſtes und durch die Ankunft zahlreicher Gäſte aus der Nähe und Ferne in Anſpruch genommen worden. Dieſem Umſtande verdankte Milton, daß er in dem Schwarm unbeachtet blieb. Unter dem Vorwande, daß er an ſein Werk die letzte Feile legen und noch manche nöthige Aenderung treffen müßte, zog er ſich von der Geſellſchaft zurück, nur mit Lawes verkehrend, der die Muſik zu Milton's Verſen componirte, und deswegen mit dem Dichter fortwäh⸗ rende Verabredungen noch zu treffen hatte. Die übrigen Gäſte, zu denen auch King und Sir Kenelm Digby gehörten, brachten den Tag auf die angenehmſte Weiſe zu. Bald zer⸗ ſtreuten ſie ſich durch einen Ausflug in den Park, der dann von ih⸗ rem lauten Gelächter widerhallte, bald wurde ein weiterer Ritt in die Umgegend oder eine Jagdpartie unternommen. Die Seele aller dieſer Unterhaltungen war Sir Digby, der ſich ſtets als der kühnſte Reiter, der ſicherſte Schütze und der liebenswürdigſte Erzähler hervor⸗ that. Trotz dieſer glänzenden Eigenſchaften ſchien Alice ſeine Gegen⸗ wart eher zu meiden als zu ſuchen; ſie vermied es, mit ihm allein zu ſein, und wich ſeiner auffallenden Bewerbung um ihre Gunſt, ſo weit dies ohne Unhöflichkeit geſchehen konnte, entſchieden aus. Weit lieber litt ſie die Geſellſchaft eines jungen Edelmannes aus Wales, den ſie in dem Hauſe ihrer Tante Derby kennen gelernt und der als Gränz⸗ nachbar ebenfalls eine Einladung zu der Geburtsfeier ihres Vaters erhalten hatte. Schlicht und einfach in ſeinem ganzen Weſen bildete Sir Carbury den größten Gegenſatz zu dem gewandten Höfling. Sein offenes roſi⸗ ges Geſicht, die blauen treuherzigen Augen verriethen keinen überwie⸗ genden Geiſt, aber eine anſprechende Gutmüthigkeit mit dem nöthi⸗ geen geſunden Menſchenverſtande gepaart. Eine gewiſſe Unbehülflich⸗ keit ließ ihn minder bedeutend und begabt erſcheinen, als er es in der That war. Es fehlte ihm weder an Kenntniſſen, noch an richti⸗ tigem Urtheil, wenn er erſt die ihm anhaftende Schüchternheit über⸗ wunden und Vertrauen zu ſich ſelber und den mit ihm verkehrenden Perſonen gefaßt hatte. Sein Körper war überaus kräftig, und wie ſo oft bei ſtarken Männern fand man auch bei ihm eine faſt weib⸗ liche Milde und Sanftmuth, dennoch traute man ihm im entſcheiden⸗ den Momente einen ungewöhnlichen Muth und große Beharrlichkeit zu. —— — 165— Seine ganze Erſcheinung hatte etwas Ehrenfeſtes, bieder Kernhaftes, Eigenſchaften, die noch heute vorzugsweiſe bei dem engliſchen Land⸗ adel angetroffen werden und dieſe ehrenwerthe Klaſſe beſonders aus⸗ zeichnen. Seine breite walliſiſche Ausſprache und eine faſt kindliche Unbeholfenheit machten Sir Carbury zum Gegenſtande des Spottes für Alicen's Bruder und die übrigen Gäſte. Dieſer Umſtand erregte anfänglich ihr Mitleid, und ſie entſchädigte den armen Ritter durch eine ſein ganzes Herz gewinnende Freundlichkeit für die ungezogenen Neckereien der Geſellſchaft. Er dagegen erkannte dieſe zarte Scho⸗ nung und war ihr dankbar dafür. So wurde er bald ihr ſteter Be⸗ gleiter, und Alice hatte hinlänglich Gelegenheit, die trefflichen Eigen⸗ ſchaften, welche eine unſcheinbare Hülle den Augen der Welt entzog, an ihm zu entdecken. Bald trat ſie noch zu ihrem Schützling in ein näheres Verhältniß, indem ſie ſich die Mühe gab, die kleinen Ecken und Unebenheiten ſeines Weſens abzuſchleifen und mit edler Offen⸗ heit ihn auf ſeine Fehler aufmerkſam zu machen. Sie übte dieſes Amt mit der feinſten Rückſicht und fand an ihm den willigſten und gelehrigſten Schüler. Der Spott verſtummte nach und nach, beſon⸗ ders da Sir Carbury durch ſeine Körperkraft und unbezweifelten Muth ohnehin eine gewiſſe Achtung den Uebrigen abnöthigte. Der Vorzug, den ihm Alice einräumte, war jedoch von ſolcher Art, daß er weder den ritterlichen King, noch den feinen Höfling eiferſüchtig machen konnte. Beide fuhren ungeſtört fort, ſich um die Gunſt des ſchönen Mädchens zu bewerben, welche ihre Huldigungen ganz im Geiſte der Zeit als den ſchuldigen Tribut entgegennahm. So von Anbetern umgeben, durch Vergnügungen aller Art zerſtreut, be⸗ merkte Alice weit weniger die Abweſenheit des Dichters. Nur in ſtil⸗ len Momenten der Ruhe und Sammlung vermißte ſie den ungetreuen Freund, der ihr von allen Männern, die ſie kannte, am nächſten ſtand, und der ihr noch immer theuer war. 15. Milton hatte indeß mit Hülfe ſeines Freundes in einſamer Zu⸗ rückgezogenheit an ſein Werk die letzte Hand gelegt. Die Rollen wur⸗ den vertheilt und die Proben begannen. Außer Alice und ihren Brüdern waren noch King und Sir Kenelm Digby beſchäftigt. Der Erſtere ſollte den Schutzgeiſt, der Letztere den Gott„Komus“ ſpielen, wozu er ſich ſelbſt erboten hatte. Einer Anverwandten des Hauſes war die Rolle der Nymphe Sabrina zugetheilt, weil ſie eine ſchöne Stimme beſaß, und ihre Partie vorzugsweiſe aus Geſängen beſtand. Mehrere Gäſte waren außerdem als Tänzer angeworben. Die weite Halle des Schloſſes wurde vorläufig den Darſtellern eingeräumt. Alle brachten den beſten Willen mit und freuten ſich auf die Aufführung. Der Dichter las noch einmal zunächſt ſein Werk vor und erhielt den größten Beifall, ſelbſt Sir Kenelm Digby konnte ſich nicht enthalten, einzelne Stellen lebhaft zu beklatſchen. Alice näherte ſich Milton, um ihm zu danken. Von Begeiſterung ergriffen, nahm ſie ſeine Hand, ein Schauer durchflog ihn bei dieſer ſanften Berührung. — Ihr habt, ſtatt eines Gelegenheitsgedichtes, ein Meiſterwerk geſchaffen, ſagte ſie leiſe. Selbſt Shakeſpeare brauchte ſich der Verſe nicht zu ſchämen, nur mir habt Ihr ein großes Unrecht zugefügt. — Ich wüßte nicht wodurch, ſtammelte verlegen der Dichter. — Ihr ſeid nicht der Wahrheit treu geblieben und habt ein Ideal aus mir gemacht, das Niemand in der Wirklichkeit finden wird. Wie weit bleibe ich hinter Eurem Bilde zurück, doch ich will mit dem Dichter nicht rechten, er gebraucht die ihm verliehene Frei⸗ heit, wie er will und kann. Ihr hättet mir das Erröthen ſparen ſollen, welches mich befallen muß, wenn ich Eure Verſe öffentlich ſprechen ſoll. — Jedermann wird finden, daß mein Urbild noch größeren Lobes würdig ſei. — Genug davon, entgegnete Alice mit geſenktem Blicke. Ich danke Euch doppelt für das herrliche Gedicht und die gute Meinung. Zwar will ich meine Anklage fallen laſſen, doch nur um eine zweite zu erheben. Ihr entzieht Euch der Geſellſchaft und ſondert Euch von — — 167— uns ab. Noch könnt Ihr Euch mit Eueren Arbeiten entſchuldigen, aber von heute ab zähle ich auf Euch. Ich ſehne mich nach einer beſſeren Unterhaltung, als ſie der Haufe mir gewährt. Vor und nach dem Feſte hoffe ich, unſere früheren Geſpräche wieder aufzu⸗ nehmen. Das Herzutreten Digby's überhob den Dichter einer peinlichen Antwort. Er zog ſich zurück mit einer kalten Verbeugung und die Probe nahm ihren Anfang. Auch am nächſten Tage ſuchte er jede nähere Berührung mit Alice zu vermeiden. Länger konnte ihr kaum die Abſichtlichkeit ſeines Benehmens verborgen bleiben, vergebens ſuchte ſie nach einem Grund. Sie prüfte ſorgfältig ihr bisheriges Benehmen ihm gegenüber, ſie rief ſich jedes Wort, jeden Blick zurück, womit ſie vielleicht das leicht reizbare Gemüth des Dichters verletzt haben konnte, doch ſie war ſich keiner derartigen Schuld bewußt. Um ſo ſchmerzlicher berührte ſie ſein verändertes Weſen. Unaufhörlich beſchäftigte ſie ſich damit, die verborgene Urſache deſſelben zu entdecken. Bald ſchrieb ſie dieſe Umwandlung einem körperlichen Leiden zu, wozu ſie die krank⸗ hafte Bläſſe ſeines Geſichtes und der leidende Ausdruck ſeiner Züge verleitete, bald einem häuslichen Kummer. In ihrer Sorge um den Dichter wandte ſie ſich an King, um von dieſem Auskunft zu erhalten. Die Antworten des Freundes lauteten ausweichend und keineswegs beruhigend. Nicht undeutlich ließ derſelbe als die einzige Urſache eine unglückliche Leidenſchaft des Dichters für eine hochſtehende Dame ahnen. Dieſe nur flüchtig und mit gehörigem Rückhalt hingeworfene Aeußerung verſetzte Alice in eine heftige Aufregung. Scharfſichtiger als King glaubte ſie den Gegenſtand zu kennen. Was hätte ſie darum gegeben, den Namen zu erfahren, doch eine natürliche Scheu hielt ſie ab, ge⸗ nauere Erkundigungen einzuziehen. Ein ſüßer unausſprechlicher Schauer erfaßte ſie bei dieſer Nachricht und jetzt war ihr Alles erklärlich, Miltons Verlegenheit, ſein ſchüchternes Ausweichen, ſeine Zurückge⸗ zogenheit. Aber zugleich that ſie auch plötzlich einen Blick in ihr eigenes Herz, und die Liebe für den Dichter, die ihr ſelbſt ein ver⸗ ſchleiertes Geheimniß war, wurde ihr zur Gewißheit. Sie fühlte bei dieſer Entdeckung die höchſte Wonne, doch ſchon im nächſten Augen⸗ blick regte ſich der giftige Zweifel. Konnte nicht eine Andere der Ge⸗ — 168— genſtand ſeiner heißen Neigung ſein, eine ihr unbekannte Frau ihn gefeſſelt haben? Neues Schwanken, neue Bedenken.— In dieſer Stimmung vermied auch ſie, mit Milton allein zu ſein, obgleich ſie eine Erklärung ſo gerne herbeigeführt hätte. Eine natür⸗ liche Verlegenheit bemächtigte ſich ihrer, ſo oft er ſich ihr näherte. Er hingegen legte ihr Schweigen, ihr Ausweichen im entgegengeſetzten Sinne aus und genoß das ſchmerzliche Bewußtſein, mit jedem Tage die Kluft erweitert zu ſehen, welche ihn von Alicen für immer trennen ſollte. Die Proben nahmen indeß ihren Fortgang, als plötzlich ein un⸗ erwarteter Zwiſchenfall die ganze Aufführung zu vereiteln drohte. Die Dame, welche die Rolle der Nymphe Sabrina übernommen hatte, er⸗ hielt unerwartet. Nachricht von einer bedenklichen Erkrankung ihrer Mutter. Sogleich entſchloß ſie ſich, abzureiſen und ließ den Dichter und die Darſteller in keiner geringen Verlegenheit. Lawes rannte wie ein Raſender herum, weil er ſeine ſchöne Muſik umſonſt compo⸗ nirt zu haben glaubte. Keine von den anweſenden Damen beſaß das nöthige Geſangtalent, um die Ausgeſchiedene zu erſetzen. — Was ſollen wir beginnen? ſchrie der aufgeregte Muſiker. Wo finden wir in ſo kurzer Zeit eine gleiche Sängerin? — Ich kenne eine ſolche und noch eine beſſere, ſagte Thomas vorſchnell. — Du fragten verwundert zu gleicher Zeit ſein Bruder und Alice. Thomas gerieth in einige Verlegenheit und ſtockte mit ſeiner Ant⸗ wort. Er dachte an ſeine Geliebte, deren ſchöne Stimme er oft genug bewundert hatte. — Um Gottes Willen! rief Lawes dazwiſchen. Sagt, wo ſie iſt und wer ſie iſt. Was beſinnt Ihr Euch denn noch? Ihr ſeht, daß uns das Feuer auf den Nägeln brennt. Von allen Seiten wurde der Jüngling dermaßen beſtürmt, daß er nicht länger ausweichen konnte. — Ihr kennt, ſagte er erröthend zu ſeinen Geſchwiſtern, unſere Jugendfreundin Lucy Henderſon. Sie beſitzt die herrlichſte Stimme. — Das iſt wahr, bekräftigte Alice, doch ſie hat ſich von uns zu⸗ rückgezogen.— — 169— — Thut nichts, ſchrie der eifrige Muſiker, wenn ſie nur ſingt. Man muß ſie auffordern, holen und wenn es nöthig ſein ſollte, mit Gewalt entführen. Herzens⸗Thomas, Ihr müßt uns dieſen Schatz, dieſen Juwel herbeiſchaffen. — Ich will mein Möglichſtes verſuchen. — Thu' es, ſagte Alice, und wir Alle werden uns freuen, nach langer Abweſenheit unſere Freundin wieder zu begrüßen. Unter ſolchen Umſtänden ſah ſich Thomas genöthigt, Lucy Hender⸗ ſon aufzuſuchen und ſie mit den Wünſchen ſeiner Schweſter bekannt zu machen. Seit längerer Zeit hatte er mit der Tochter des Puri⸗ taners einen regelmäßigen Verkehr gepflogen. Die häufige Abweſen⸗ heit des alten Henderſon erleichterten die Zuſammenkünfte der Liebenden. Bei dieſer Gelegenheit hatte Thomas dem Mädchen eine glänzende Schilderung von dem bevorſtehenden Feſte gemacht und ihre Neugierde dadurch erregt. Jetzt war ihr die Gelegenheit geboten, nicht nur als Zuſchauerin, wie ſie ſo ſehnlichſt wünſchte, ſondern ſelbſt als Darſtel⸗ lerin dem prächtigen Schauſpiele beizuwohnen. Ihr leichter Sinn war von der Aufforderung ſogleich entzückt und mit einem Freudenſchrei nahm ſie die Nachricht des Jünglings auf. Alle Rückſichten auf den ſtrengen Vater, der jedes derartige Vergnügen einer Todſünde gleich achtete, ſchwanden vor der lockenden Ausſicht. — Ich, ich, jubelte ſie, ſoll vor all den Herrſchaften und vor dir ſingen? O! Thomas, du treibſt nur deinen Scherz mit mir. — Ich gebe dir mein Wort zu Pfande, daß ſich die Sache ſo verhält. Meine Schweſter ſelbſt läßt dich durch mich erſuchen. — Und ich werde Alice, meine theure Milchſchweſter wiederſehen? Darf ich das wohl? fragte ſie plötzlich mit niedergeſchlagenen Augen. — Sei ganz unbeſorgt, erwiederte der Jüngling, den Sinn ihrer Rede vollkommen verſtehend. Niemand in unſerem Hauſe hat eine Ahnung von unſerem Verhältniſſe. Ich fürchte nur die Strenge deines Vaters, wenn er erfährt, daß du in einem nach ſeinen Begriffen ſündhaften Schauſpiele aufgetreten biſt. — Er ſoll und darf nichts erfahren, mein Entſchluß iſt gefaßt! Länger ertrage ich nicht dieſe Sclaverei. Ich fliehe mit dir, ſobald du nach London gehſt. Du haſt mir feierlich gelobt, mich nicht zurück⸗ zulaſſen.. — 170— — Und ich werde mein Wort halten. Ich habe bereits mit Billy Green das Nöthige verabredet. Er wird dich nach London begleiten. — Ich folge dir bis an's Ende der Welt, wenn es ſein muß. Mehr verlange ich ja nicht, als in deiner Nähe zu leben; ich will ja gern deine Magd ſein, nur laß mich die Luft athmen, in der du lebſt. Ach! wie ſehne ich den Tag herbei, wo ich dieſe Ketten ab⸗ werfen darf, welche mir zur Laſt ſind. Ich zähle die Augenblicke und die Stunden, wo ich das düſtere Haus verlaſſen kann. Du und London! Die Sinne ſchwindeln mir, wenn ich daran denke. — Halte dich nur vorläufig ruhig, damit du dich nicht verräthſt. Doch wie willſt du es möglich machen, die dir angebotene Rolle zu übernehmen und in Ludlow-Caſtle zu erſcheinen, ohne daß es dein Vater merkt? — Er iſt verreiſt und kehrt erſt in fünf Tagen wieder. Die Muhme geht zeitig zu Bett und ich werde ſchon eine Ausrede erſinnen. Die Magd iſt längſt durch dein Geld gewonnen, nur der Knecht wäre zu fürchten, doch er ſchläft nicht im Hauſe. Das Thor iſt zwar ver⸗ ſchloſſen, aber Billy hat mich mit einer Strickleiter für alle Fälle verſehen, die ich unter meinem Kopfkiſſen ſchon ſeit geraumer Zeit verborgen halte.. — Und der Hund? fragte Thomas beſorgt. Kann dich ſein Ge⸗ bell nicht verrathen? — Der Vater hat ihn auf meine Bitten fortgegeben. Das Thier mochte mich nicht leiden und knurrte mich immer an, ſeitdem ich ihn einmal mit einem Stein geworfen. Ich mochte ihn nicht länger um mich haben, ſein Auge blickte mich ſo eigen an. Es war mir immer wie ein ſtiller Vorwurf, da ruhte ich nicht eher, bis er fortgethan wurde. Unſer neuer Wächter kennt mich, ich habe ihn mit Kuchen zahm gemacht. Ihn brauche ich nicht zu fürchten. — Um ſo beſſer, ſagte Thomas zerſtreut. Du kannſt alſo und willſt die Rolle übernehmen. — Mit tauſend Freuden, antwortete Luey, denn was thäte ich nicht für dich. Erwarte mich an dem bewußten Orte. Am nächſten Tage erſchien Lucy Henderſon, um an den Proben des Schauſpiels Theil zu nehmen. Alice empfing die Jugendfreundin mit ungekünſtelter Herzlichkeit, welche dieſe mit einer gewiſſen Befan⸗ —— . 8 — 171— genheit erwiederte. Dieſe anfängliche Scheu gab ſie jedoch bald auf, nachdem ihr von allen Seiten wegen ihrer Schönheit und der Treff⸗ lichkeit ihres Geſanges die beſten Lobſprüche ertheilt wurden. Mit bewunderungswürdigem Takte traf ſie den richtigen Ton für die Ge⸗ ſellſchaft, in die ſie ſich plötzlich verſetzt ſah. Sie bewegte ſich darin, wie in ihrem eigenen Lebenselement, denn ſie beſaß im reichſten Maße jenes Talent der Frauen, ſich beſonders leicht in die verſchiedenſten Lagen des Lebens zu ſchicken und wenigſtens das äußere Weſen der Vornehmen anzunehmen. Ihre Augen leuchteten und ihre Lippen lächelten vor Wonne bei dem Anblick der Pracht und des Luxus, den ſie ſo lange vermißt hatte. Der leichte Sinn, den ſie beſaß, ver⸗ ſcheuchte jede Furcht vor den möglichen Folgen ihres bedenklichen Schrittes. Die Schmeicheleien, Huldigungen und Freundſchaftsbeweiſez welche ihr von allen Seiten zu Theil wurden, verſetzten ſie in den ſeligſten Taumel, aber mitten in dieſem höchſten Glücke ſuchten ihre Blicke den Geliebten. Thomas hielt es indeß für gerathen, ſich ihr ſo wenig als möglich zu nähern, um ſein Verhältniß mit ihr nicht zu verrathen. Um ſo mehr beſchäftigte ſich der enthuſiaſtiſche Muſiker mit der ſchönen Sängerin. Kaum hatte er die erſten Töne gehört, ſo erklärte er laut und öffentlich, daß ſie geboren ſei, alle Primadonnen der Welt durch ihr Talent zu verdunkeln. Er übernahm es, ihr ſeine Lieder einzuſtudiren, und ſchon nach wenigen Stunden machte ſie die erfreulichſten Fortſchritte. — Bei den Muſen, rief der entzückte Muſiker, wir haben hier einen Phönix entdeckt. Man möchte faſt an ein Wunder glauben. Herzens⸗Thomas, wie ſeid Ihr zu dieſem Schatz gelangt? — Ihr habt ja gehört, erwiederte der Gefragte, daß das Mädchen die Milchſchweſter Alicen's iſt, die Tochter des alten Henderſon. — Wo denkt ihr hin? Eher glaube ich, daß ein Dornſtock Trauben und ein Schlehenbaum koſtbare Südfrüchte hervorbringt. Ihr wollt Euch über mich luſtig machen. Der mürriſche, griesgrämige, ſauertöpfiſche Henderſon mit einer Stimme wie ein heiſerer Hund ſollte der Vater dieſes lieblichen Geſchöpfes ſein? Geht, geht! Ihr ſchwatzt nur Unſinn. Ich will Euch ſagen, wer ſie iſt und woher ſie kommt. — Da bin ich in der That neugierig. 9 — 41722— — Sie iſt die Nymphe Sabrina in eigener Perſon und wohnt in den kühlen Fluthen des blauen Stromes. Habt Ihr denn nicht be⸗ merkt, daß ſie ſich unſichtbar machen kann und verſchwindet, ehe man ſich deſſen verſieht. Neulich habe ich mit eigenen Augen geſehen, wie ſie in der Dunkelheit an dem Ufer der Temme umherirrte. Ich wollte ihr nachgehen, plötzlich war ſie mir entrückt. Ich möchte ſchwören, daß ſie in die Wellen niedertauchte. — Ihr ſeid ein Phantaſt, lächelte der Jüngling, doch will ich Euch noch einen wohlgemeinten Rath geben: Schleicht künftig nicht der holden Nymphe nach, Ihr könntet ſonſt in Ungelegenheiten ge⸗ rathen. — Wie ſo? — Der alte Henderſon verſteht keinen Spaß. Ueberhaupt wünſcht Lucy, ſo viel ich weiß, daß ihr Vater nichts von ihrer Betheiligung an unſerem Feſte erfährt. Seid daher vorſichtig, ſonſt könnt Ihr uns und Euch den ganzen Spaß verderben. — Sorgt nicht. Ich weiß zu ſchweigen. Lieber wollte ich mir ja die Zunge abbeißen, als eine ſolche Sängerin verlieren, die meine Lieder zu Ehren bringt. Aber ich bleibe dabei, daß ſie die Nymphe Sabrina iſt. Trotz dieſer wohlgemeinten Warnung hatte der Muſiker ſein Herz bereits an die ſchöne Lucy verloren. Dieſe ſchnelle Eroberung ver⸗ mehrte nur die Heiterkeit des ſchönen Mädch ens. Im Stillen ſcherzte ſie mit Thomas darüber, der ihr den Rath gab, Lawes Huldigungen nicht abzuweiſen, um den Verdacht von ihm ſelber abzulenken. Wie die ſchwankende Libelle flatterte ſo das reizende Geſchöpf in dieſer be⸗ rauſchenden Atmosphäre, ſorglos den Reiz des Lebens genießend und den bunten, ſchillernden Glanz ihres Weſens entfaltend. Ihr Ent⸗ ücken ſtieg jedoch auf das Höchſte„als ihr Alice eines Tages, kurz vor der Aufführung des Schauſpiels„die für ſie gefertigten und zu ihrer Rolle paſſenden Kleidungsſtücke mit Hülfe einer Kammerfrau anlegen ließ. Ein weißes mit Gold durchwirktes Gewand und ein durchſichtiger Schleier umſchloſſen die ſchlanke Geſtalt. Durch das dunkle Haar, welches in langen, loſen Flechten bis zu den Hüften niederfiel, ſchlang ſich ein Kranz von bläulich grünen Schilfblättern mit See⸗ roſen und Anemonen durchflochten. Den üppigen Nacken und die zier⸗ 45 173— lichen Arme umgab ein Schmuck von rothen Korallen. So ſtand ſie, ſelbſtgefällig ihr eigenes Bild in dem koſtbaren Venezianiſchen Spie⸗ gelglaſe bewundernd, während Alice ſich neidlos an der Schönheit der Jugendfreundin weidete und mit geſchickter Hand noch hier und da etwas an ihrem Anzuge ordnete. — Wiißt du auch, ſagte die Herrin, daß du eines der ſchönſten Mädchen geworden biſt, das ich ſeit langer Zeit geſehen. Du haſt auch ſchon eine Eroberung gemacht. Lucy's Wangen brannten wie Feuer und ihr Herz klopfte hörbar. — Nun, du brauchſt dich deines Triumphes nicht zu ſchämen. Herr Lawes iſt ein trefflicher Mann und ein ausgezeichneter Muſiker. Wie würde ich mich freuen, wenn du auf ſolche Weiſe wieder in unſere Nähe kommen würdeſt, denn er iſt in unſerem Hauſe angeſtellt. Darf ich ihm Hoffnung geben? — Nein, nein, flüſterte das Mädchen mit niedergeſchlagenen Augen. — Und warum denn nicht? Findeſt du an ihm etwas auszu⸗ ſetzen?— Er iſt noch jung, liebenswürdig, ein Meiſter auf allen Inſtrumenten und was die Hauptſache, verliebt bis über die Ohren. Auch ſcheint er dir nicht gleichgültig zu ſein. Vor mir brauchſt du kein Geheimniß zu haben, wir kennen uns ja von Jugend auf. Sag' mir aufrichtig, ob er dir gefällt? — Ich, ich weiß nicht, ſtammelte Lucy verlegen. — Wie, du weißt's nicht und doch läßt du dir ſeine Huldigungen gefallen und munterſt ihn durch dein Lächeln und deine freundlichen Blicke auf. Weißt du auch, mein Kind, daß dein Benehmen ſtrafbar iſt und nicht zu entſchuldigen wäre, wenn Lawes wirklich dir gleich⸗ gültig erſchiene. Es gibt in meinen Augen kei nverächtlicheres Weſen, als ein Weib, das einen Ehrenmann zum Narren hält, mit ſeinen beſten Gefühlen ihr Spiel treibt und dann den Armen von ſich ſtößt. Der Dieb auf der Heerſtraße ſteht in meinen Augen höher, denn er nimmt nur, was er braucht. Die Noth macht ihn zum Verbrecher, während eine ſolche Frau an dem Edelſten frevelt, was Gott dem Menſchen verliehen und das Heiligſte dem Manne ſtiehlt, was er be⸗ ſitzt, den Glauben an die Frau und ſeine Liebe. Nein, nein, das willſt du nicht thun. Ich kenne meine Lucy beſſer. Du haſt vielleicht noch nicht darüber nachgedacht und dich ſelbſt geprüft. Jung und — 174— unerfahren kennſt du nicht das Leben und die Welt. Du biſt ſchön, aber die Schönheit iſt die gefährlichſte Gabe für uns arme Mädchen. Sie zieht zu oft den Geiſt von den höheren Dingen ab und bringt der unſterblichen Seele nur Gefahr. Unſer ſchwaches Geſchlecht iſt zwar auf den äußeren Reiz hauptſächlich angewieſen, aber wie ſchnell verweht die irdiſche Blüthe, ſie welkt über Nacht und wehe denen, die nichts beſſeres aufzuweiſen haben. Sie gleichen den thörichten Jung⸗ frauen, deren Lampe erloſchen iſt, wenn der himmliſche Bräutigam erſcheint. Ein tiefer Seufzer entrang ſich aus Lucy's Buſen. Scham und Reue erfüllten ihr Herz und ſie wagte nicht der unſchuldigen Schweſter ihres Geliebten gegenüber die Augen aufzuſchlagen. — Faſſe Vertrauen zu mir, fuhr dieſe fort. Hat vielleicht eine andere Liebe bereits ſich deines Herzens bemächtigt, ſo laſſ' es mich wiſſen. Unſere alte Freundſchaft gibt mir ein Recht dazu. Ich habe keine Schweſter außer dir und auch du ſtehſt allein in einer Welt voll Argliſt und Verführung. Wie leicht wird ein junges Mädchen hinter⸗ gangen und verliert in einem unbewachten Augenblick ihr ganzes Le⸗ bensglück. Alle Leiden, alle Freuden des Weibes fließen aus der⸗ ſelben Quelle. Wohl dem Mädchen, das auf ihrem Wege einen edlen Mann findet, der ihre Liebe nicht mißbraucht. Wie ſchneidende Schwerter drangen Alicen's Worte in die Bruſt der Jugendfreundin, die noch nicht für derartige Ermahnungen abge⸗ ſtumpft war, aber die Macht der Verhältniſſe ließ ſie verſtummen. Sie war bereits zu weit gegangen, um noch zurückkehren zu können. — Nein, nein, murmelte ſie mühſam ihre Thränen unterdrückend. Ich verdiene dieſe Güte nicht, aber nicht deſto weniger will ich dir bis an mein Lebensende dankbar ſein, denn du wirſt mich nicht verdam⸗ men, nicht verachten. Ehe Alice noch nach dem Grunde dieſer ſeltſamen Aeußerung fragen konnte, ſtürzte Lucy überwältigt von ihren Gefühlen an die Bruſt der Freundin. Dieſe ſuchte das aufgeregte Mädchen vergebens zu beſchwichtigen. Ein Thränenſtrom benetzte die blühenden Wangen und ein krampfhaftes Schluchzen verrieth ihre tiefe Erſchütterung. Aber ſchon nach wenigen Minuten kehrte das frühere Lächeln anfäng⸗ lich erzwungen, ſpäter natürlich zurück. Ueber dieſen plötzlichen Ausbruch — 175 der tiefſten Verzweiflung trug in dieſer chaotiſchen Frauennatur, die ein ſeltenes Gemiſch von guten und ſchlechten Eigenſchaften in ſich vereinte, der urſprüngliche Leichtſinn den Sieg davon. Verwundert und gedankenvoll blickte ihr Alice nach, deren ganzes Weſen im entſchiedenſten Gegenſatze zu dieſem leichtbeweglichen Frauen⸗ charakter ſtand. 16. So rückte allmälig ohne jede fernere Störung der Geburtstag des Grafen und die damit verbundene Aufführung des Komus heran. In dem großen Saale war die Bühne aufgeſchlagen. Sie beſtand aus einem hölzernen Gerüſte mit bunten Teppichen behangen. Decorationen und Maſchinerien waren kunſtreich angefertigt und keineswegs ſo ein⸗ fach, wie man in unſerer Zeit zu glauben geneigt iſt. Ueberhaupt wurden die ſogenannten Masken, welche eine beſondere Unterhaltung des Hofes und der Vornehmen bildeten, mit ungewöhnlicher Pracht und ſelbſt mit Verſchwendung ausgeſtattet. Nur bei hohen und feſtlichen Gele⸗ genheiten, Krönungsfeierlichkeiten, Vermählungen der Könige u. ſ. w. kamen dergleichen Aufführungen vor. Ihr Inhalt war meiſt allegori⸗ ſcher Natur und die Hauptſache der dabei entfaltete Luxus in Deco⸗ rationen und Anzügen. Die reiche und freigebige Gräfin hatte es auch daran nicht fehlen laſſen. Der Vorhang, welcher die Bühne den Zuſchauern verbarg, war reich mit goldenen Verzierungen verſehen. Eine Reihe von Stühlen war für die eingeladenen Gäſte beſtimmt, in der Mitte dieſer Sitze erhob ſich eine Art von Thronhimmel, unter welchem der Lord⸗Prä⸗ ſident und ſeine Gemahlin Platz nehmen ſollten. Die Gallerien wurden der Dienerſchaft und einem Theile des Volkes eingeräumt. Den wohlhabendſten Bürgern aus der Stadt Ludlow war der Zutritt geſtattet und ſie erſchienen jetzt mit ihren Frauen und Töchtern im Sonntagsſtaate, um dem ſelten ihnen gebotenen Schauſpiele beizu⸗ wohnen. Der Haushofmeiſter hatte alle Hände voll zu thun, um die Ord⸗ nung aufrecht zu erhalten, nicht minder beſchäftigt war Lawes, welcher — 176— an der Spitze der Muſiker eintrat und ſich in der Nähe der Bühne mit ſeinem Orcheſter aufſtellte. Daſſelbe beſtand aus mehreren Lauten, Flöten, Hörnern, einem Harpſichord, welches die Stelle unſeres heutigen Klaviers vertrat und das von Lawes ſelbſt geſpielt wurde. Sechs Sänger ſtanden außerdem auf beiden Seiten, um mit ihren Stimmen noch das Orcheſter zu verſtärken. Hinter den Couliſſen fand ein wirres, buntes Gedränge ſtatt. Schauſpieler und Tänzer in phanta⸗ ſtiſcher Tracht gingen noch einmal ihre Rollen durch oder übten ihre Füße in allerlei zierlichen Figuren. Einzelne Gruppen hatten ſich ge⸗ bildet und je nach Neigung zuſammengefunden. Die Decorationen und Verſetzſtücke boten ſo manches Verſteck und heimliche Winkel für einen ungeſtörten Verkehr. Hier traf Thomas mit Lucy Henderſon zuſammen, ſein flüchtiger Kuß und einige leidenſchaftliche Worte ge⸗ nügten, um all die früheren Bedenklichkeiten des leichtbeweglichen Mädchens zu beſiegen. Von Neuem wurde zwiſchen Beiden die nahe bevorſtehende Flucht verabredet, da der Jüngling nach dem Willen ſeines Vaters in Geſellſchaft Digby's Ludlow⸗Caſtle bald verlaſſen und ſich bei Hofe vorſtellen ſollte, wo er in dem Haushalt der Kö⸗ nigin einen angemeſſenen Poſten gefunden hatte. Auch Sir Kenelm benutzte die Gelegenheit, ſich Alice zu nähern und ihr ſeine Huldigungen darzubringen. Er machte dabei von der Gelegenheit Gebrauch, welche ihm der Ort und ſeine Maske geſtattete. Im Geiſte ſeiner Rolle ſprach er ſie an. — Schönſte der Sterblichen! flüſterte er in leiſem Tone. Ich lege mein Herz zu Euren Füßen. Man nennt mich einen gewaltigen Zau⸗ berer und der Ruf meiner Macht erfüllt dies ganze Meer umfloſſene Eiland, aber Euch gegenüber fühle ich meine Schwäche. Wer kann eine ſolche Vereinigung von Geiſt und Schönheit ungeſtraft ſehen, ohne zum Sklaven zu werden. — Ihr fallt aus Eurer Rolle, entgegnete ſie ſcherzend. Ueber⸗ dies iſt es ja Welt bekannt, daß Gott Komus ein arger Schalk iſt, der mit ſeinen Künſten ein einfaches Mädchen nur verlocken will. — Ich ſchwöre Euch, daß ich nie ein Weib ſo geliebt habe, wie Euch. — Auch nicht Venezia Stanley, Eure erſte Frau? —— — 127— Der gewandte Höfling verſtummte nur auf einen Augenblick. Die Antwort hatte ihn außer Faſſung gebracht, doch bald gewann er ſeine gewohnte Kühnheit wieder und ließ es nicht an neuen Betheuerungen und Schmeicheleien fehlen, welche jedoch nur die entgegengeſetzte Wirkung hervorbrachten. Sein Anzug, der in einem bunten Wamms, mit Schellen beſetzt beſtand, ſein Weſen und ſelbſt der Ton ſeiner Stimme erinnerten ſie nur zu ſehr an ihre Begegnung mit Billy Green, der ihr hier zum zweiten Mal, wenn auch in verfeinerter Geſtalt und mit mehr Anſtand erſchien. Ja ſie zog im Stillen die ſinnliche Derbheit des ſchlauen Burſchen, der raffinirten Lüſternheit des Hofmanns vor. Derſelbe thieriſche Ausdruck, nur unter der Maske einer höfiſchen Ar⸗ tigkeit verborgen, ſchreckte ihr ahnendes Herz vor jeder Berührung mit dem Unreinen zurück. Die Annäherung King's, der die Rolle des Schutzgeiſtes ſpielte, befreite ſie von der läſtigen Gegenwart des ge⸗ fährlichen Mannes, der ſich unmuthig zurückzog, ſeine Pläne auf eine beſſere Gelegenheit verſchiebend. Ehe jedoch ihr neuer Anbeter mehr als eine flüchtige Begrüßung hervorbringen konnte, gab Milton das Zeichen zum Beginn des von ihm gedichteten Maskenſpiels. Die Scene ſtellte einen wilden Wald vor, in welchem King als Schutzgeiſt erſchien. In wohltönenden Verſen kündigte er ſeine Sen⸗ dung an. Vor ſternbeſetzter Schwelle, an Jupiters Hofhalt iſt meine Wohnung, wo nur die Unſterblichen, hellſtrahlende Geſtalten Aus Aether weilen, in den ruhigen Und heiteren Regionen, überm Dunſt Und Lärmen dieſes dunkeln Flecks, den Menſchen Erde benennen, wo von nied'rer Sorge Gequält, in enger Hürde eingeſchloſſen Ein kurzes, ſchwaches Daſein zu erhalten Sie ſtreben, nicht gedenk der Krone, die Einſt Tugend ihren treuen Dienern beut, Nach ſterblicher Verwandlung, an den Thronen Der Götter, in den heiligen Wohnungen. Doch ſind dort einige, die durch gerechten Wandel die reinen Hände legen wollen D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 12 — 178— An jenen goldnen Schlüſſel, der eröffnet Den Palaſt der Unſterblichkeit: für die Werd' ich hierher geſandt; wenn ſie nicht wären, So würd' ich nicht mein glänzend helles und Ambroſiſches Gewand beflecken mit Dem ſchmutz'gen Dunſt von dieſer ſünd'gen Welt. Nach dieſen Eingangsſtrophen erging ſich der Schutzgeiſt in dem vollſten Lobe des edlen Grafen von Brilgewater und ſeiner Kinder. Um die im Wald Verirrten vor den Verlockungen des boshafteſten aller Götter, vor Komus zu ſchützen, wollte er die Geſtalt und das Aus⸗ ſehen eines bekannten Schäfers annehmen und die Argloſen vor den Künſten des Zauberers warnen. Mit dieſem Vorſatz entfernte ſich der Schutzgeiſt und an ſeine Stelle trat Sir Kenelm Digby in der Maske des Komus auf. In der einen Hand hielt er ſeinen Zauber⸗ ſtab, in der anderen einen goldenen Becher. Ein Haufe von Spuk⸗ geſtalten mit verſchiedenartigen Thierköpfen, ſonſt wie Mann und Weib gebildet, und in den glänzendſten Anzügen gekleidet, umgaben ihn. Sie kamen mit wildem Lärm, von einer rauſchenden Muſik begleitet und ſchwangen brennende Fackeln über ihren Häupter, allerlei phantaſtiſche Stellungen annehmend. Ganz im Geiſte ſeiner Rolle redete Komus ſeine Begleiter an: Sei jetzt willkommen Feſt und Luſt Und nächt'ger Lärm aus voller Bruſt, Und wilder Tanz und Schwelgerei! Ihr Nachtgefährten eilt herbei, Drückt in das Haar den duft'gen Kranz Von Roſen und von Weinlaub ganz! Der Ernſt iſt nun zu Bett gebracht, Der Tadel ſagte gute Nacht, Ehrſames Alter ſchloß zur Ruh Die ſtrengen, trüben Augen zu; Die Sümpf' und Seen mit floſſ'gem Hauf, Sie hüpften zu dem Mond jetzt auf, Und auf dem braunen Sand am Strand 4 V — 19— Dreht Elf und Kobold ſich gewandt; An Quellen und am hellen Bach Sind jetzt der Wälder Nymphen wach, Und freuen ſich bei'm nächt'gen Spiel: Was nützt bei Nacht der Schlaf auch viel? Die Nacht kann ſüß're Luſt verleih'n, Wo Venus wacht, muß Liebe ſein! Kommt, laßt beginnen uns den Brauch, Der Tag nur ſieht der Sünde Hauch, Wovon das Dunkel nimmer ſpricht. Dir mit verhülltem Angeſicht, Dir Göttin jeder nächt'gen Luſt Cocyto, Heil aus voller Bruſt! Es flammet dir der Fackeln Schein Um Mitternacht, dir Lob zu weih'n.— Kommt, machet euch zum Tanz bereit, Verſchlingt die Hände, ſtampft den Grund In einem ſchnellen, wilden Rund! Auf einen Wink des Gottes führten die phantaſtiſchen Spukge⸗ ſtalten einen charakteriſtiſchen Tanz aus, wobei ſie ihrer thieriſchen Natur gemäß ſich in den kühnſten und wildeſten Sprüngen zeigten. Das grelle Fackellicht beleuchtete die dunkeln Scene und die wunder⸗ lichſten Gruppen. Die Böcke meckerten und ſprangen, der Eſel walzte mit einem Affen, Wölfe und Löwen heulten und brummten um die Wette. Der ganze Chor drückte mit vielem Geſchick die beſtialiſche Luſtigkeit des Gefolges aus. Allmälig aber ging die rauſchende, bachantiſche Muſik⸗ begleitung in eine ſanftere Tonart über, um die Annäherung der verirrten Alice anzudeuten und Komus rief dem luſtigen Schwarm zu: Brecht ab, brecht ab! es kündet mein Gefühl Das Nahen eines keuſchen Fußes mir; Zieht euch in eur' Verſteck zurück, zurück Euch in Gebüſch und Wald! Es könnte ſonſt Erſchrecken unſ're Zahl: gewißlich iſt, Denn ſo läßt meine Kunſt erkennen mich Die Jungfrau in dem Walde von der Nacht 12* — 180— Hier uͤberfallen worden. Jetzt herbei Ihr meine Zauber, liſtige Verlockung! Doch ſie kommt ſchon. Gut iſt's, ich tret bei Seite Und horche, wenn ich kann, was ſie hierhergeführt.— Jetzt erſchien Alice in derſelben Kleidung, die ſie in Haiwood⸗Forſt getragen, und ſprach ihre Beſorgniß wegen der Abweſenheit ihrer Brüder aus, von denen ſie allein im Walde zurückgelaſſen worden war. Ihr nahte ſich Komus in der angenommenen Geſtalt eines wohlhaben⸗ den Landmannes. Er bot ihr ein Aſyl in ſeiner Hütte an, das ſie voll Vertrauen auch annimmt. Indeß ſind die Brüder zurückgekehrt und ſuchen die verlorne Schweſter. Beide zeigen ihre Furcht wegen der Gefahren, welchen ein unbeſchütztes Mädchen in der Wildniß und Einſamkeit des Waldes ausgeſetzt ſein kann. Der bedächtige John tröſtet den jüngeren Thomas und ſucht dieſen zu beruhigen: Verborg'ne Stärke iſt, da ſie der Himmel Geſchenkt ihr hat, ihr Eigenthum zu nennen: Die Keuſchheit iſt's, o Bruder, Keuſchheit iſt's! Wer ſie beſitzt, iſt ganz in Stahl gehüllt Und gleich Diana, die mit kühnem Pfeil Und vollem Köcher bewaffnete, kann Auch ſie die weiten Wälder, unwirthbare Haiden, verruf'ne Berge, ſand'ge Wüſten Gefahrerfüllt, durchſchweifen, wo ſchnell abgeſchreckt Von ihrer Keuſchheit heil'gen Strahlen kein Erbarmungsloſer Wilder, kein Bandit,. Noch Räuber wagen wird der Jungfrau Reinheit Frech anzutaſten. Ja, auch dort, wo wohnt Die ödeſte Unheimlichkeit, in Grotten Und Höhlungen, von rauhem Wald umgeben, Darf ſie mit unbefleckter Majeſtät Verweilen, wenn es nicht aus Stolz geſchieht Oder Vermeſſenheit. Man ſagt auch, daß Kein Uebel, das bei Nacht erſcheint, in Nebel In Feuer, See und Sumpf, die dürre Hexe, — — 181— Der wilde, ruheloſe Geiſt, der die Geheimnißvollen Feſſeln bricht der Nacht, Kein Kobold und Geſpenſt Gewalt hat über Reine Jungfräulichkeit, ihr ſchaden darf. ——————— So iſt Dem Himmel heil'ge Keuſchheit werth, daß er, Wenn eine Seele wirklich keuſch er ſieht, Mit tauſend Engeln ſchirmend ſie umgibt, Daß fern ſie jedes ſündig— ſchuld'ge Weſen Abwehren, und in lichten Träumen, heil'gen Geſichten Dinge ihr erzählen, die Ein irdiſches Gehör ſonſt nicht vernimmt; Bis dieſer Umgang mit des Himmels Boten Auch einen Glanz auf ihren Körper wirft, Den unbefleckten Tempel der Geſinnung, Und nach und nach ihn zu der Seele Weſen Geſtaltet, bis ſie beide gleich unſterblich. Doch wenn Begierde durch unkeuſche Blicke, Ein zügellos Betragen, ſchlechte Rede, Und meiſt durch niedrig, freies Sündenwerk Ins Innere die Verderbniß dringen läßt, Verkörpert ſich die Seele dadurch bald, Wird thieriſch, bis ſie ganz verloren hat Die früh're Göttlichkeit. Das ſind dann dieſe Verdickten, dunkeln Schatten, die man bei Kirchhöfen und Grabhügeln Nachts erblickt, Wo neben einer neugemachten Gruft Sie zögernd ſitzen, gleich als möchten ſie Den Körper, den ſie liebten, ungern laſſen, Die ſo ſich ſelbſt durch fleiſchliche Gedanken Entadelt und erniedrigt haben.— Ein reicher Beifall des auſmerkſamen Publikums belohnte die Schönheit dieſer Stelle. Der Graf ſelbſt gab das Zeichen dazu und ihm folgten ſämmtliche Zuhörer.— Auf der Bühne erſchien indeß King als Schutzgeiſt von Neuem in Geſtalt eines Schäfers und geſellte ſich zu den beſorgten Brüdern. Von ihm erfuhren ſie, in welcher Gefahr ihre verlorne Schweſter ſich befinde. Zugleich gab er ihnen ein Mittel zur Befreiung derſelben an. Er reichte ihnen eine kleine unſcheinbare Wurzel, doch voll göttlicher Kraft und von beſonderem Nutzen gegen jegliche Bezauberung. Mit dieſem Amulet bewehrt, ſollten ſie dreiſt in Komus Wohnung dringen, mit geſchwungenem Schwert auf ihn losſtürzen, und ſich ſeines Bechers und des Zauberſtabs bemächtigen. Die Brüder verſprachen ſeinem Rathe zu folgen und entfernten ſich in Begleitung des gütigen Schutzgeiſtes. Unterdeß verwandelte ſich die Scene in einen prächtigen Palaſt mit allem möglichen Luxus aus⸗ geſtattet. Koſtbare Teppiche bedeckten den Boden. In der Mitte ſtand eine reiche Tafel mit den ausgeſuchteſten Speiſen beſetzt. Eine ſanfte Muſik ließ ſich vernehmen und begleitete die folgende Handlung. Auf einem bezauberten Seſſel, der jede Bewegung hinderte, ſaß Alice, vor ihr ſtand Komus mit ſeiner Schaar und hielt ihr den Becher hin mit dem berauſchenden Trunk der Luſt gefüllt. Sie aber ſtieß ihn mit allen Zeichen des Abſcheu's zurück und wollte ſich erheben, aber von dem Zauber gebannt, ſank ſie ohnmächtig in den Stuhl zurück. Das Spiel der beiden Hauptperſonen war überaus natürlich, denn unwillkürlich miſchte ſich in ihre künſtleriſche Darſtellung die Wirklichkeit und das wahre Leben.— Schon hinter den Couliſſen hatte Digby von Neuem den Verſuch gemacht, durch ſeine Schmeicheleien und Huldigungen Alicen zu gewinnen, ohne wie früher ein geneigteres Ohr zu finden. Bis auf die Bühne verfolgte er ſie mit ſeinen Anträgen, die ſie mit Entrüſtung zurückwies. So erhielten die Worte des Dichters, welche beide ihrer Stimmung gemäß betonten, eine ganz beſondere Bedeutung. Das Schauſpiel floß mit den natürlichen Ver⸗ hältniſſen zuſammen und der phantaſtiſche Inhalt deſſelben drückte, vor aller Welt verborgen, die volle Wahrheit ihrer gegenſeitigen Gefühle aus. Die vollendetſten Schauſpieler konnten die Situation nicht beſſer zur Anſchauung des Publikums bringen, als dies jetzt Digby und Alice thaten. Beide vergaßen ihre Rollen und daß ſie ſich auf dem Theater befanden, ſeine Lockungen, mit denen er ſie bedrängte, waren nicht mehr erkünſtelt, ſondern gaben nur ſeine eigene Empfindungen wieder. Leidenſchaft und ſinnliche Begierde tobten in ſeinem Geſichte und verriethen ſich in dem bewegten, zitterndem Tone ſeiner Stimme, während Alice ungeheuchelt ihm ihren Abſcheu und die Furcht vor — A — — 183— ſeinem Weſen erkennen ließ. Das war keine Täuſchung mehr, ſondern die volle ungeſchminkte Wahrheit. Auf faſt unbegreifliche Weiſe paßten die Worte, welche Milton den Perſonen in den Mund gelegt, zu der eigenthümlichen Lage, in der ſie ſich gegenüberſtanden. Viel⸗ leicht ſchwebten ihm während ſeiner Arbeit ihre Charaktere und der feindliche Gegenſatz derſelben vor und indem der Dichter nur allgemeine Typen und ideale Begebenheiten zu ſchildern ſuchte, hatte er unbewußt im prophetiſchen Geiſte die Wirklichkeit und das nächſte Leben abgeſpiegelt.— Noch einmal machte Digby⸗Komus den Verſuch, Alice zum Genuß des Zaubertrankes aus ſeinem goldnen Becher zu bewegen und ließ es nicht dabei an falſchen, heuchleriſchen Reden fehlen, doch ſie wies mit Entrüſtung ſeine Lockungen zurück. Sie rief ihm zu: Fort mit dem Zaubertranke, du Betrüger! Haſt du nicht einmal ſchon belogen meine Leichtgläubige Unſchuld mit verlarvter Falſchheit Und nied'rer Liſt, und wieder willſt du mich Mit leck'ren Biſſen ſchlau zu täuſchen ſuchen, Womit das Thier man in die Schlinge lockt? Wär es ein Trank für Juno auch, wann ſie Sich gütlich thut, nicht würde ich berühren Deine verrätheriſche Gabe. Komus. O menſchliche Verkehrtheit, die da leiht Ihr Ohr den mürr'ſchen Lehren mit ſtoiſchem Pelz und ihre Weisheit aus eyniſcher Tonne herholt, anpreiſend magere Enthaltſamkeit. Wozu goß die Natur Wohl ihren Reichthum aus mit ſolcher vollen, Freigeb'gen Hand, die Erde deckend mit Gerüchen, Früchten, Heerden und die See'n Anfüllend mit unzähl'gen Fiſchen? Alles Wohl nur, neugierigem Geſchmack genug Zu thun? Sie ließ Millionen Würmer ſpinnen Zarthaar'ge Seide in den grünen Räumen, Um damit ihre Kinder zu bekleiden; — 184— Und daß kein Winkel ihrer Fülle leer Sei, ſo bewahrte ſte im eigenen Gebein werthvolles Erz und edle Steine, Um ihre Kinder damit reich zu machen. Wenn alle Welt in mäß'ger Nüchternheit Nur Hülſenfrüchte äße, klares Waſſer Nur tränke, nichts als grobe Woll' am Leibe Trüge, der Allverleiher würd' entbehren Den Dank, das Lob und ſeine reiche Gaben, Nicht halb gekannt, ſchon wären ſie verſchmäht. Wir würden dienen ihm, wie einem mürr'ſchen, Wie einem geiz'gen Herrn, und leben wie Baſtarde der Natur, wir ihre Kinder: Von eignem Gewichte würd' überlaſtet Sie werden, und von eigner Füll' erdrückt; Die Erde würd' beläſtigt ſein, die Luft Schwarz von Geflügel, und die Heerden würden An Zahl die Herren übertreffen dann; Das Meer würd' überfüllt anſchwellen, und Die Diamanten nicht mehr aufgeſucht, Sie würden ſo die dunkle Tief' erhellen, Mit Sternen ſo beſetzen, daß ſie unten Dem Tageslichte gleichen würden, und Mit frecher Stirne auf die Sonne ſchau'n. O höre Herrin! ſei nicht ſpröd' und nicht Magſt du dich täuſchen über die geprieſene Jungfräulichkeit. Die Schönheit iſt das Gold, Das die Natur verleiht; dies darf nun nicht Gehäufet werden, ſondern muß im Umlauf Stets ſein, ſo daß das Gute, das es ſchafft, In wechſelſeitig mitgetheiltem Segen Liegt; nutzlos wär' es, freute man allein Sich dran. Verſäumet ihr die Zeit, wie eine Vernachläſſigte Roſe wird ſie welken, Am Stocke bald mit mattem Haupte hangen. Die Schönheit iſt's, worauf Natur ſo ſtolz, Sie muß an Höfen und bei Feſtlichkeiten Zur Schau getragen werden, daß die Menge Bewundern mag ihr Werk. Die häuslichen Geſichter mögen dann zu Hauſe bleiben, Sie haben ihren Namen ja daher; Die plumpen Züge, ſchlecht gefärbten Wangen, Sie mögen an dem Rocken ſitzen und Der Hausfrau Wolle ſpinnen. Sind dazu Korallenfarb'ge Lippen nöthig, iſt's Das liebvolle Auge, Haare wie Der Morgen? Nein zu andrem Zwecke ſind Dir ſolche Gaben wohl verliehn. Bedenke Das nun und laß dir rathen! du biſt ja Noch ſo jung. Alice. Nicht dacht' ich dran, die Lippen In dieſer böſen Luft zu öffnen, doch Der Gaukler könnte denken, daß er meinen Verſtand bezaubre wie mein ſchwaches Auge Mit falſchen Sätzen im Gewand der Wahrheit. Ich haß' es, daß das Laſter ſeine Gründe Behaupten ſollte, und der Tugend fehlte Die Zunge, ſeinen Stolz zu bändigen. Betrüger! nicht beſchuld'ge die ſchuldloſe Natur, als wollte ſie, daß ihre Kinder Den Ueberfluß, den ſie gewährt, verſchwelgten. Sie hat, haushälteriſch, nur für den Guten, Der ihren nüchternen Geſetzen nach lebt, Und weiſer Mäß'gung heil'ge Satzung ehrt, Beſtimmt die reichen Güter: Wenn nur jeder Gerechte, weiſe Menſch, der jetzt mit Mangel Muß kämpfen, ſein beſcheidnes Theil, was ihm Gebührt, von dem beſäße, was jetzt Luxus Verſchwenderiſch zum Uebermaße häuft Auf Wen'ge; würde dann der Segen der Natur gar gut verwendet werden, nach Geziemendem Verhältniß, und es würde Der Reiche nicht beſchwert dadur ch; und beſſern Dank würd' auch der güt'ge Geber dann — 186— Empfangen, Preis, der ihm gebührt. Denn nicht Blickt gierige Gefräßigkeit zum Himmel Auf während ihres ſchwelgeriſchen Mahls; Sie mäſtet ſich bei dummem, niederm Undank Und ſchmähet ihren Geber.— Soll noch weiter Ich reden, oder hab' ich ſchon genug Geſprochen? Gar zu gerne wollte ich Dem was entgegnen, der es wagte zu Bewaffnen ſeine Zunge mit Verachtung Für ſonnenreine Macht der Keuſchheit. Doch Wozu? Du haſt nicht Ohr noch Seele, aufzufaſſen Den heiligen Begriff, erhabenes Geheimniß, Das man verrathen muß, will man entfalten Die ernſte Lehre der Jungfräulichkeit; Und du biſt's werth, daß du kein größeres Glück Je kennſt, als dein gegenwärtiges Loos: Erfreu' dich deines lieben Witzes, deiner So luſtigen Rhetorik, die ſo gut In falſcher Spiegelfechterei erfahren; Denn nimmer biſt du tauglich, daß man dich Noch überzeugen ſollte. Doch wenn ich's Verſuchen möchte, würd' der unermeſſne Werth dieſer reinen Sache meinen Muth Entzünden zu einer Glut ſolch heiliger Begeiſt'rung, daß die todte Welt bewegt Zur Sympathie hier werden würde, mir Die Erde ihre Stärke leihen würde, Und ſo ſich ſchütteln, bis daß dein Zauberbau, Den du ſo hoch gethürmt, in ſchneller Eil Zuſammenſtürzte auf dein falſches Haupt. Komus. ————— Komm, nicht weiter! Dies iſt moraliſches Geplapper nur, Den Grundgeſetzen unſ'rer Satzung ganz Zuwider. Nicht darf ich dies dulden. Doch Iſt's nur die Hefe eines ſchweren Bluts: —— e — —y— — —jy——— — — 187— Der Trank macht bald dich wieder heil: ein Zug Davon, und deine matten Geiſter baden Sich in Entzücken, wie man es nicht träumt. Sei klug und koſte. Von Neuem machte der Gott einen Verſuch, Alice zum Genuß des Zaubertranks zu bewegen, ſie aber weigerte ſich und ſtieß ſeine Hand zurück. Plötzlich ſtürzten die Brüder mit gezogenen Schwertern in den Palaſt, entriſſen ihm den Becher und zerſchlugen ihn am Boden. Seine Schaar, welche ſich zur Wehre ſetzen wollte, wurde von ihnen fortgetrieben. Zugleich erſchien der Schutzgeiſt wieder. Dieſer tadelt die Hitze der Brüder und beſonders, daß ſie den Zauberer im Beſitze ſeines Stabes gelaſſen, weil dadurch Alice für immer regungslos und an ihren Seſſel gefeſſelt bleiben müßte. Nur durch die Hülfe der Nymphe Sabrina könnte ſie befreit werden. Auf die Beſchwörung des Schutzgeiſtes erſchien dieſe ſelbſt von Lucy Henderſon vorgeſtellt. Fabelhafte Seeroſſe zogen den vergoldeten Wagen, auf dem das ſchöne Mädchen in dem bereits beſchriebenen Anzuge ſaß. Ihre Erſcheinung erregte ein Gemurmel des Beifalls von Seiten der Zuhörer, der ſich noch lauter äußerte, als ſie mit lieblicher Stimme ſang: Immer iſt es mein Bemühn, Keuſchheit aus der Noth zu zieh'n. Schönes Mädchen, ſchau auf mich, Wie ich hier beſprenge dich Mit dem Waſſer aus dem Quell Seltner Kräfte reich und hell, Dreimal auf die Finger tippe, Dreimal auf die rothe Lippe, Dann zunächſt den Marmorſeſſel, Keuſcher Jungfrau zähe Feſſel, Rühr' ich an mit feuchten Händen, So muß aller Zauber enden.— Ich muß fort, eh' glüht der Morgen Amphitriten zu gehorchen. Unter dem Schall einer lieblichen Muſik verſchwand Sabrina in der Verſenkung und Alice erhob ſich, von dem Zauberſtuhl erlöſt. Die Scene verwandelte ſich wieder und ſtellte Ludlow⸗Town und das — 188— Schloß des Präſidenten dar. Ein Chor tanzender Schäfer und Land⸗ leute umringte die Brüder und die gerettete Schweſter, lebhaft ihre Freude über die Wiederkehr derſelben nach dem väterlichen Hauſe aus⸗ drückend. Der Schutzgeiſt nahm die Geſchwiſter und führte ſie den gefeierten Eltern mit den Worten zu: Edler Herr und hohe Frau, Wie ſeid ihr ſo glückesreich! Neue Freude bracht ich euch: Seht die Kinder, drei an Zahl, Wohl gerathen allzumal. Die Verſuchung, die ſie fanden Haben ſie mit Lob beſtanden; Ihre Treu, Geduld und Glauben Kann kein böſer Zauberer rauben. So hat mit des Sieges Glanz Zu Triumph und frohem Tanz Sie der Himmel hergeleitet. Euch dies frohe Glück bereitet. Zum Schluſſe nahm King als Epilog noch folgenden Abſchied von den Gefeierten und den Zuhörern: Doch jetzt iſt mein Geſchäft vollendet hier: Ich darf geh'n und darf fliegen bis An's Ende dieſer Erde, wo der Himmel Sich zu ihr neigt, und von da kann ich Mich zu des Mondes Hörnern leicht erheben. Ihr Sterblichen, die ihr mir folgen wollt, O liebt die Tugend! ſie allein iſt frei: Sie wird euch lehren, wie ihr höher euch Als ſelbſt die Sphärenharmonien erheben Könnt; oder ſollte ſchwach die Tugend werden, Kommt wohl der Himmel ſelbſt zu ihr herab. De — . 17. Der Beifall, den die Dichtung fand, war ein allgemeiner. Von allen Seiten wurde Milton umringt und mit Lobſprüchen überhäuft. Der Lord⸗Präſident und ſeine Gemahlin dankten ihm mit den ſchmeichel⸗ hafteſten Worten, und auch Alice näherte ſich ihm, um die in ihr an⸗ geregten Gefühle auszuſprechen. Sein Triumpf war ja auch der Ihrige und der Enthuſiasmus, den ſie empfand, belebte ihr ganzes Weſen. Die Glut der reinſten Begeiſterung ließ ſie ihre ſonſtige Zurückhaltung vergeſſen, ſie wurde fortgeriſſen und verrieth unwillkür⸗ lich ihre geheimſten Gedanken und Gefühle. Um ſo mehr mußte ſie die faſt zurückſtoßende Kälte des gefeierten Dichters verletzen. Faſt abſichtlich vermied er jede längere und alleinige Unterhaltung mit ihr, er ſchien ihre Geſellſchaft zu fliehen und ihr ſo viel als möglich aus⸗ zuweichen. Länger ertrug Alice dieſes räthſelhafte Benehmen nicht, ſie wollte Aufklärung von ihm erlangen, doch waren weder der Ort noch die Zeit ihrem Vorhaben günſtig. Bald wurde ſie von ſeiner Seite fortgeriſſen und in den Strudel des nachfolgenden Feſtes mit hinein gezogen. Der Vorſtellung folgte ein glänzendes Mahl, welches mit einem fröhlichen Tanze ſchloß. Durch den ſtrahlenden Saal wogten die ſchwebenden Paare, Alice durfte nicht fehlen als Tochter des Hauſes und als die gefeierte Schönheit des Tages. Trotz ihres Widerſtrebens tanzte ſie mit Digby, der nicht von ihrer Seite wich und alle Künſte der Verführung entfaltete. Nur um ſeiner Verfolgung zu entgehen, ſchenkte ſie weit mehr als ſonſt heute den Huldigungen King's Gehör und zeichnete dieſen vor allen Andern aus. Der beglückte Jüngling ließ ſich nur zu gern täuſchen und ſchwelgte in unausſprechlicher Seligkeit. Milton ſtand an einer Säule gelehnt und ſchaute in das fröhliche Gewühl mit zeriſſenem Herzen. So oft Alice an der Seite ſeines Freundes vorüberſchwebte, erfaßte ihn von Neuem der tiefſte Schmerz und er hätte laut aufſchreien mögen vor innerer Qual. Während er ſich an den Erfolgen des begünſtigten King erfreute, klagte er Alice der Treuloſigkeit an, die er ja ſelber herbeigewünſcht. Ein bitterer Groll erfaßt ihn gegen das ganze weibliche Geſchlecht, das ihm leicht⸗ — 190— ſinnig, ſchwankend und verderbt vorkam. Statt ſich ſelber anzuklagen, klagte er das reinſte Weſen an und übertrug die eigene Schuld auf die Geliebte ſeines Herzens. Länger vermochte er jedoch nicht, ihren Anblick zu ertragen, die Luft wollte ihn erdrücken, die Decke des Saals drohte auf ihn niederzuſtürzen, die tanzenden Paare verwandel⸗ ten ſich in hölliſche Dämonen, welche mit ihrer Luſtigkeit ihn verſpot⸗ teten. Kaum ſeinen Sinnen mächtig, ſtürzte er ins Freie. Draußen lag der Garten von Mondlicht umfloſſen. Auf der Balluſtrade brannten zu Ehren des Feſtes rothe und grüne Lampen, flammende Pechkränze loderten hier und da zwiſchen den Bäumen und beleuchteten in phantaſtiſcher Weiſe das friſche Laub. Auch hier war es dem Dichter noch zu hell und der Lärm des Feſtes verfolgte ihn mit ſeinem Hohn. Schnell ſtieg er die Stufen nieder, welche ihn zu den dunklen Lauben und ſchattigen Plätzen führte. Bald befand er ſich in der gewünſchten Einſamkeit, nur aus der Ferne tönten noch die Klänge der Muſik gedämpft zu ihm herüber wie der Nachhall eines verlornen Glückes. An dem Baſſin, wo das niederfallende Waſſer wie eine leiſe Klage rauſchte, wo er mit Alice die glücklichſten Stunden einſt verlebt, über⸗ ließ er ſich ſeinen melancholiſchen Träumen. Die Stille der Natur beruhigte ſeinen wild erregten Geiſt und die Verzweiflung, welche ihn im Saale erfaßt hatte, ging in ſanfte Träume über. Auf die ſtattge⸗ fundene Ueberreizung folgte eine matte Abſpannung, der er ſich gern und willig überließ. Das Säuſeln des Windes, das Murmeln der Wellen, die verſchwimmenden Töne der Muſik wiegten ihn in Schlaf. Bald ſchlummerte er auf der Bank von Stein und vergaß, wenn auch nur auf kurze Zeit, den Schmerz. War es Zufall oder Sympathie? Alice hatte kaum den letzten Tanz beendet, als ſie plötzlich dem Schwarm ihrer Anbeter entſchlüpfte und aus dem heißen Saal nach dem Garten eilte. Eine unwillkür⸗ liche Gewalt zog ſie dem Dichter nach, deſſen Abweſenheit ſie kaum bemerkt haben konnte. Gleich einem weißen Schatten ſchwebte ſie durch die ſtillen Gänge, an den Mond beſchienenen Göttergeſtalten von Marmor vorüber. Sie hörte nur noch das Klopfen ihres bewegten Herzens, das die leichte Hülle des Gewandes mit ſeinen ſtürmiſchen Schlägen zu ſprengen drohte. Was ſie hierhergeführt, wagte ſie ſich ſelber nicht zu geſtehen. Sie hoffte und fürchtete zugleich eine Begeg⸗ nung mit dem geliebten Mann. Hüätte ſie ihn ſicher in dem Garten zu finden geglaubt, ſo wäre ſie gewiß nicht hierhergekommen, ihr jung⸗ fräulicher Stolz hätte ſich gegen jeden derartigen Gedanken empört; ſie überließ ſich nur dem Zufall der Ahnung, ohne ſich ihrer Abſichten klar zu werden.— So irrte ſie ohne Ziel und doch ein ſolches ſuchend, ſich ſelbſt täuſchend und in tiefer Täuſchung befangen durch den duf⸗ tenden Garten. Wie ein flüchtiges Reh zuckte ſie bei jedem Ge⸗ räuſch zuſammen, das Fallen eines Blattes, das Rauſchen eines ſchlaftrunkenen Vogels, der leiſeſte Ton ließ ihr Blut erſtarren. Oft zögerte ihr Fuß, aber ein innerer Drang, von dem ſie ſich nicht Rechenſchaft zu geben wußte, lockte ſie mit magnetiſcher Kraft immer weiter und weiter. Es war ihr, als müßte ſie Milton hier treffen und das Geheimniß ihm abfordern, das ihn von ihrer Seite gewalt⸗ ſam riß. Er ſollte ihr Rede ſtehen und das unerklärliche Schweigen brechen. Doch auch dieſer Vorſatz tauchte in ihrer Seele nur wie ein fernes Nebelbild empor, um bald wieder zu zerfließen. Ein ihr fremder Wille bezwang den ihrigen und lähmte ihre Kraft, ſie ſchwankte wie eine Nachtwandlerin im Halbſchlaf, faſt träumend fort, bis ſie zu ihrem Lieblingsplätzchen gelangte. Hier fand ſie den ſchla⸗ fenden Milton im Mondſchein, ſein bleiches Antlitz glänzte ihr ver⸗ klärt entgegen. Sie wußte nicht, ob ſie bleiben, ob ſie fliehen ſollte, mit angehaltenem Athem betrachtete ſie den Schlummernden, von ſeinem plötzlichen Anblick unwillkürlich gefeſſelt. So glich ſie der keuſchen Göttin, wie ſie zum erſten Male den ſchlafenden Endymion im ver⸗ ſchwiegenen Walde traf. Ein jungfräulicher Schauer erfaßte ſie, doch ihr Fuß wurzelte im Boden feſt. Sie hätte ſich zu ihm niederbeugen und einen Kuß auf die edle Stirn leiſe hauchen mögen. Vielleicht wäre der glückliche Dichter erwacht und dieſer neuen Verſuchung er⸗ legen, dann hätte ihm gewiß der Muth gefehlt, noch ferner der Freund⸗ ſchaft eine ſolche Liebe zu opfern. Ein nahendes Geräuſch ſchreckte Alice aus ihrer Betrachtung auf, ſie durfte nicht hier getroffen werden, ſchnell verſchwand ſie unter den Bäumen, nur noch einen zärtlichen Blick auf den Schlummernden werfend. Mit pochendem Herzen eilte ſie durch den Thorweg des Gartens nach dem erleuchteten Saale zurück. Hinter ſich glaubte ſie — 192 heallende Männertritte zu vernehmen. Es kam immer näher, es ver⸗ folgte ſie, es drängte ſich heran und ehe ſie noch die Balluſtrade er⸗ reichte, fühlte ſie ſich von zwei kräftigen Armen umſchlungen. Ein leiſer Schrei der Ueberraſchung entrang ſich ihrer Bruſt, dann ſuchte ſie ſich aus der umſtrickenden Umarmung loszureißen. — Macht kein Geräuſch, flüſterte ihr eine bekannte Stimme zu. Ich bin Euch nachgefolgt. — Sir Kenelm! rief das erſchrockene Mädchen. Was wollt Ihr hier. — GEuch ſehen und ſprechen. Ihr müßt mich anhören, denn Ihr ſeid jetzt in meiner Gewalt. Vergebens ſucht Ihr mir zu ent⸗ fliehen, ich halte Euch feſt. Wohl weiß ich, daß Ihr mich in dieſem Augenblicke haßt und verabſcheut, immer noch beſſer, als Eure Gleich⸗ gültigkeit. Ich liebe Euch, und darum werdet Ihr mich wieder lieben. — Nimmermehr! ſtöhnte Alice, und wenn Ihr mich nicht los⸗ laßt, ſo werde ich um Hülfe rufen. — Ihr ſeid zu klug, entgegnete Digby mit kaltem Hohn, um ein unnützes Aufſehen zu erregen. Wenn man wirklich Eure Stimme auch hörte, was ich wegen der Entfernung bezweifeln möchte, und Euch zu Hülfe kommen ſollte, ſo iſt Euer Ruf verloren. Nehmt daher lieber Vernunft an und ergebt Euch in Euer Geſchick. Mit wilder Leidenſchaft preßte er Alige an ſeine Bruſt und ſuchte ihre Wangen und den Nacken mit ſeinen glühenden Küſſen zu bedecken. — Zurück! hauchte ihm Alice faſt erliegend entgegen. — Macht nur keinen Verſuch, Euch meinen Armen zu entwinden. Ich fürchte weder Euren Zorn, noch Euer Schreien. Denkt Ihr, daß ich nicht von Allem unterrichtet bin, daß ich nicht im Voraus meine Maß⸗ regeln getroffen habe? Warum ſträubt Ihr Euch gegen mich und ſpielt die Keuſche? Ich weiß, was Euch hierher geführt, daß Euer Geliebter ſich noch in dieſem Augenblick hier im Garten verborgen aufhält. Ihr befindet Euch in meiner Gewalt, denn Eure Ehre, Euer Ruf liegen in meinen Händen. — Ihr lügt, rief Alice entrüſtet. — Nicht ich, ſondern Ihr, mein ſchönes Fräulein, tretet der Wahrheit zu nahe. Wenn Ihr wirklich ſo unſchuldig ſeid, warum ruft Ihr, warum ſchreit Ihr nicht? Doch ich halte Euch für zu ver⸗ — —— — 193— nünftig, um das Aeußerſte zu thun. Zürnt mir nicht und ſeid nicht ungehalten. Ihr ſollt mich bald näher kennen lernen und ich bin überzeugt, daß Ihr mir dann alle Gerechtigkeit wiederfahren laßt. Vor allen Dingen gelobe ich Euch bei meinem Ritterwort die tiefſte Verſchwiegenheit, kein Menſch ſoll dieſen Vorgang erfahren. Ich werde Eure kleine Schwäche vergeſſen und der Kinderei, wofür ich das Ganze halte, kein beſonderes Gewicht beilegen. Ich liebe Euch darum nicht minder und kümmere mich auch nicht um dieſe unſchädliche Verirrung eines jugendlichen Herzens. Ihr ſeht, daß ich billig bin und keineswegs der Wehrwolf, für den Ihr mich haltet. — So ſagt, was fordert Ihr von mir? fragte Alice nachgiebiger, durch ſeine Worte ermuthigt, und um ihn nicht zum Aeußerſten zu treiben. — Eure Hand, Euer Herz. Ihr wißt, daß ich mich um Beide ſchon ſeit längerer Zeit bewerbe. Bisher habt Ihr mich zurückgewieſen und jeder andere Mann hüätte ſich vielleicht durch d eſe Sprödigkeit abſchrecken laſen. Bei mir war die Wirkung eine umgekehrte, denn Schwierigkeiten reizen mich und öinderniſſe entflammen nur meinen Muth. Ich mag weder einen Feind noch ein Weib, die ſich leicht beſiegen laſſen. Ich bin eben einmal anders wie die gewöhnlichen Menſchen und wandle nicht gern auf dem breit getretenen Pfad der Alltäglichkeit. Mein erſtes Weib hab' ich ihren Anverwandten abge⸗ trotzt und mein zweites will ich mir gegen Ihren eigenen Willen ge⸗ winnen. — Und Ihr glaubt, daß es Euch gelingen wird? — Ich zweifle nicht mehr daran, denn Ihr werdet und müßt meinen Gründen Gehör geben. Ich rechne dabei auf Eure mir hin⸗ länglich bekannte Klugheit, auf Euren Geiſt, der die Verhältniſſe voll⸗ kommen zu würdigen verſteht. Eine Eures Standes unwürdige Nei⸗ gung hat ſich zwar Eures Herzens bemächtigt, doch bei einigem Nach⸗ denken werdet Ihr ſelbſt bald Eure Thorheit einſehen. Wollt Ihr Eure Hand einem jungen, unreifen Manne reichen, der nichts iſt, nichts hat, einem Dichter, deſſen Talent höchſtens dazu ausreicht, irgend einen Geburtstag, oder ähnliches Feſt zu feiern und der lediglich nur darum in vornehmen Geſellſchaften gelitten wird? — Ihr irrt Euch, entgegnete Alice ausweichend. D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 13 — 194— — Glaubt mir, ich kenne die Welt und das Leben. Nie wird eine derartige Verbindung die Zuſtimmung Eurer Eltern erhalten. Wollt Ihr Euch gegen ihren Willen auflehnen und die Folgen eines derartigen Schrittes tragen? Verſtoßen von Eurer Familie werdet Ihr dann das Weib eines Mannes ſein, der trotz ſeines Talentes, denn ein ſolches will ich ihm nicht gänzlich abſprechen, nur kümmerlich ſein Brod findet. Ihr ſeid an Glanz und Luxus gewöhnt, und müßt dann mit tauſend Entbehrungen täglich kämpfen. Statt der ſtolzen Räume eines Palaſtes, werden Euch die ärmlichen Wände einer Hütte entgegenſtarren. Euer Fuß hat bisher nur weiche Teppiche betreten, der harte Fließboden wird ihn ſchmerzlich berühren. Wollt Ihr wie die andern Bürgerfrauen auf den Markt mit dem Fleiſcher und den Fiſchweibern um einen Heller feilſchen? Geht, geht! Dazu ſeid Ihr nicht geſchaffen. Euer Rang, Eure Bildung und Eure Schönheit weiſen Euch eine andere Stellung an. Eine ſolche Perle darf nicht im Schmutze des alltäglichen Lebens untergehen, ſie iſt berufen, ein königliches Diadem zu ſchmücken. Ich will Euch meine Hand bieten, um Euch an den rechten Platz zu bringen. Werdet meine Gattin und Ihr ſollt am Hofe glänzen, unter die erſten Frauen Londons gezählt wer⸗ den und die Euch gebührende Huldigung empfangen. Dort erwartet Euch ein neues Leben, eine Welt voll Glanz und Pracht, der Um⸗ gang mit den feinſten und edelſten Männern und Frauen des Kö⸗ nigreichs, der Reiz und Duft einer höheren und reineren Atmoſphäre, welche nie von den Düften der gemeinen Sorge und von dem Schatten des Elends getrübt wird. Warum antwortet Ihr mir nicht? Wollt Ihr mein Anerbieten annehmen? — Nimmermehr, entgegnete Alice mit Entſchiedenheit. — So werd' ich Euch zu Eurem Glücke zwingen müſſen. Be⸗ denkt, daß Euch keine andere Wahl bleibt zwiſchen der Schande und meiner Hand. Eure Abweſenheit iſt gewiß ſchon bemerkt worden, man wird Euch vermiſſen und ſucht Euch vielleicht ſchon in dieſem Augenblick an allen Orten. Wenn man Euch hier findet, ſei es mit mir, oder einem andern Manne, ſo ſeid Ihr für immer der Verleum⸗ dung Preis gegeben. Ein Wort von mir und Eure Ehre iſt dahin. — Ich verachte Eure Drohungen eben ſo ſehr wie Eure Schmeicheleien. — 195— Alice ſuchte von Neuem zu entfliehen, doch Digby hielt ſie mit ſeinen athletiſchen Armen feſt, ſo daß ſie kein Glied ihres Körpers zu rühren vermochte. Er ſtützte ſich auf die phyſiſche Kraft, welche ihm ſchon manchen Sieg über ſchwache Frauen in ähnlicher Lage ver⸗ ſchafft hatte. Zugleich rechnete er auf die Verlegenheit Alicen's, auf ihre Angſt, ihre Schüchternheit und die Unerfahrenheit des jungen Mäd⸗ chens. Durch Ueberraſchung glaubte er ſein Ziel zu erlangen und der Trotz, den er wider Erwarten fand, nährte nur noch mehr die Glut der Leidenſchaft. Er gehörte zu jenen kühnen, rückſichtsloſen Männern, welche vor keiner Gewaltthat zurückſchrecken.— Im Ringen mit ihr fiel der Schleier, welcher Alice verhüllte, und ihre blendenden Schul⸗ tern und der wallende Buſen war ſo ſeinen gierigen Blicken Preis gegeben. Dieſer Anblick entflammte ſeine ſinnliche Natur. Inſtinkt und Berechnung trieben ihn zum Aeußerſten, er fühlte, daß er bereits zu weit gegangen, daß er triumphiren oder für immer ſeine Pläne aufgeben mußte, abgeſehen von den Folgen, welcher dieſer aller Sitte und Gaſtfreundſchaft Hohn ſprechende Angriff auf die Tochter eines edlen Hauſes für ihn haben konnte. Alice hielt ſich für verloren, ihre Sinne begannen zu ſchwinden, vor ihren Augen wurde es dunkel und ſie fühlte ſich einer Ohnmacht nahe. In dieſem verhängnißvollen Augenblicke ſtieß ſie einen lauten Schrei aus. Er wurde ſogleich gehört, plötzlich tauchte aus dem Ge⸗ büſch ein Mann empor. Beim Scheine des Mondes erkannte ſie den edlen Carbury. Mit einem raſchen Sprunge war er an ihrer Seite und ſein Schwert entblößt.. — Mädchenräuber! rief er Digby zu. Vertheidigt Euch und zeigt, ob Ihr eben ſo tapfer gegen Männer wie gegen wehrloſe Frauen ſeid.. Ehe jedoch Sir Kenelm ihm antworten und ſeine Ausforderung annehmen konnte, warf ſich Alice zwiſchen beide Männer. — Wenn Ihr mein Freund ſeid, flüſterte ſie, ſo ſteckt Eure Waffe ein. Meinetwegen darf kein Blut vergoſſen werden. Ich danke Euch Sir Carbury für Euren guten Willen, gebt mir Euren Arm und führt mich in den Saal zurück. — Und dieſer Mann ſoll Cuch ungeſtraft gekränkt haben? fragte der Ritter unwillig. 13* — 996— — Ich will ihn ſeinem Gewiſſen überlaſſen, entgegenete ſie mit Würde. Einen ſtolzen und vernichtenden Blick warf ſie noch auf Digby, der ihr nicht zu folgen wagte. Mit den Zähnen knirſchend ſtand er noch einen Augenblick in wilden Gedanken. — Geh' nur, eitle Thörin! murmelte er ihr nach. Ich werde mich zu rächen wiſſen. Du ſollſt deinem Geſchicke nicht entfliehen, doch bin ich nicht ſelbſt der größte Thor? Statt ruhig zu bleiben, habe ich mich hinreißen laſſen von blinder Leidenſchaft. Am beſten wird es ſein, wenn ich mich heimlich entferne, länger darf ich nicht auf dem Schloſſe verweilen. Ohnehin habe ich hier nichts mehr zu ſuchen, mein Spiel iſt ein verlorenes und ich muß es aufgeben. Bah! Was iſt es auch weiter? Die Sache wird vielleicht Skandal machen, vielleicht auch nicht, denn wenn das Mädchen klug iſt und das ſcheint ſie mir zu ſein, ſo wird ſie ſchweigen und dem Walliſiſchen Tölpel ebenfalls das Reden verbieten.— Ich habe kein Glück mehr in England, auch Laud hat mein Anerbieten nicht angenommen und wenn die Geſchichte mit dem Kardinalshut ruchbar wird, ſo kann ich in des Teufels Küche kommen und den Reſt meiner Güter noch oben⸗ drein verlieren. Ich glaube, daß ich wohl daran thue, eine kleine Reiſe zu unternehmen. Ich ſpüre plötzlich wieder meine alte Schn⸗ ſucht, Italien zu ſehen. Alſo fort nach Rom und zwar ohne allen Abſchied, der ohnehin nicht allzu zärtlich ausfallen dürfte. Sogleich eilte Digby auf ſein Zimmer und weckte ſeinen ſchlum⸗ mernden Bedienten. Mit deſſen Hülfe raffte er ſeine Habſeligkeiten zuſammen und entfernte ſich heimlich wie ein Dieb von Ludlow⸗Caſtle. Am nächſten Abend ſchon beſtieg er ein Schiff, das ihn nach Italien bringen ſollte, wo er einige Zeit zu leben gedachte, um den Folgen ſeiner geſcheiterten Intriguen zu entgehen. 18. Digby hatte richtig geurtheilt, weder Alice noch ihr Beſchützer klagten ihn an, ſeine That blieb ein Geheimniß für alle Welt und nur den Betheiligten bekannt. Zwiſchen beiden fand eine kurze Aus⸗ — 192— einanderſetzung ſtatt, welche nicht ohne nachhaltige Folgen für ihr Schickſal war. Carbury legte bei dieſer Gelegenheit ſeine gewohnte Schüchternheit ab, und zeigte, daß er nicht nur tapfer zu handeln, ſondern auch zartfühlend und hochherzig zu empfinden und zu denken vermochte. Kein Zweifel wegen ihrer Unſchuld regte ſich in ſeinem Herzen und nach wie vor blickte er zu ihr, wie zu einer Heiligen empor. So gewann er mit Alicen's Vertrauen auch ihre Achtung und als er, ſo wie alle die übrigen Gäſte, nach der Feier das Schloß verließ, ſagte ihm eine innere Stimme, daß er nicht ganz ohne Hoffnung ſei. In minder heiterer Stimmung gingen auch Milton und ſein Freund von Ludlow⸗Caſtle. King hatte einen dringenden Brief von ſeinem Vater erhalten, der ihn nach Irland berief. Er ſollte ſeine Reiſe ohne Aufſchub antreten und der doppelte Abſchied von dem Freunde und der Geliebten betrübte ihn. Nie war ihm die Trennung ſo ſchwer gefallen als unter ſolchen Verhältniſſen, aber es blieb ihm nichts übrig, als zu gehorchen. Nach dem Rauſche des Feſtes war für alle Betheiligten mehr oder minder eine gewiſſe Ernüchterung eingetreten, welche Niemand ſchmerzlicher, als die lebensluſtige Lucy Henderſon empfand. Das Leben in dem Hauſe des Puritaners war ihr doppelt widerwärtig ge⸗ worden, nach dem Glanz und der Pracht, die ſie von Neuem in dem Schloſſe des Grafen kennen gelernt hatte. Dazu kam noch die Furcht vor der Entdeckung ihres Schrittes. Wie leicht konnte ihre Mitwir⸗ kung bei der Aufführung des Schauſpiels verrathen werden.— Ihr Vater war zurückgekehrt und ſeine finſteren Züge ſchienen der Schuld⸗ bewußten nur noch ſtrenger und drohender als je. So oft ſie ſeinem ſcharfen, unheimlichen Blick begegnete, erfaßte ſie ein unwillkürlicher Schauder. Sein brütendes Auge ſchien ſie durchbohren zu wollen und verkündete nichts Gutes. Sonſt ſprach er doch, wenn auch in rauher Weiſe mit ihr, ſeit ſeiner Rückkehr beobachtete er ein drückendes Still⸗ ſchweigen; er richtete keine Frage an ſie, und erkundigte ſich nicht einmal, wie ſie während ſeiner Abweſenheit die Zeit verbracht, was er doch ſonſt gewöhnlich zu thun pflegte. Den ganzen Tag ſaß er mit aufgeſtemmten Armen am Tiſche und las in der von ihm aufgeſchlagenen Bibel, während Lucy ihm gegen⸗ über mit einer weiblichen Handarbeit beſchäftigt war. Wenn er nicht — 198— las, ſo ſtarrte er vor ſich hin, nach der Wand, wie es ſchien, und doch war es Lucy, als wendete er kein Auge von ihr ab und als ſchaute er bis in die Tiefen ihrer Seele. Wo ſie ſich auch hinwenden mochte, begegnete ſie ſeinen Augen und ſein durchdringender Blick ſchwebte vor dem ihrigen. Seine Nähe hatte etwas Unheimliches, Geſpenſtiſches. So verging der freudenloſe Tag, als der Abend kam, nahm ſie das Licht, bot dem Vater eine gute Nacht und begab ſich in ihre Kammer. Sie verſuchte zu ſchlafen, doch eine innere Angſt verhin derte ſie, ruhelos wälzte ſie ſich auf ihrem Lager. So oft ſie auch die Augen zu ſchließen verſuchte, immer ſah ſie die drohende Geſtalt des Vaters und den entſetzlichen Blick, der ihr Blut zu Eis gerinnen ließ. Stunde um Stunde verging und ſie konnte noch immer keine Ruhe finden, vergebens wollte ſie die Schreckbilder ihrer Phantaſie durch lieblichere Erinnerungen verſcheuchen; ſie rief die jüngſt verlebte Vergangenheit zurück, das zauberiſche Feſt, die Huldigungen, welche ihr zu Theil geworden, die glänzenden Gewänder und den Schmuck, den ſie von Alice zum Geſchenk erhalten hatte und jetzt heimlich unter ihrem Kopfkiſſen verbarg; das Alles wollte nicht fruchten und die Angſt laſtete wie ein ſchwerer Alp auf ihrer Bruſt. Es ſchlug Mitternacht, da öffnete ſich geräuſchlos die Kammerthür. Ein Grauen durchrieſelte ſie und ſie ſchloß unwillkürlich ihre Augen. War es Traum jetzt oder war es Wirklichkeit?— Auf der Schwelle ſtand der alte Henderſon und ſie konnte deutlich im Mondlicht ſeine hagere, dürre Geſtalt erkennen. Ein blitzendes Meſſer hielt er in ſeiner Hand, ſo ſchlich er leiſe wie ein Schatten, bis er vor ihrem Bette ſtand. Lucy unterdrückte gewaltſam den Schrei, der auf ihren Lippen ſchwebte und wagte kaum zu athmen. Er beugte ſich vorſichtig zu der Tochter nieder und ſtrich leiſe taſtend über ihr Geſicht, als wollte er ſich zuerſt überzeugen, ob ſie auch feſt ſchliefe. Keine Bewegung, nicht das geringſte Zucken in ihren Zügen verrieth, daß ſie noch wachte. Jetzt kniete der Puritaner auf den Boden nieder und mur⸗ melte ein Gebet. Die Angſt hatte die Sinne des Mädchens noch ge⸗ ſchärft, ſo daß ihr kein Wort entging. ———ÿ—;—;—;ᷣ——— — — Gott Iſraels! rief der fanatiſche Henderſon, höre deinen Knecht. Wie der Erzvater Abraham nicht zögerte, ſeinen einzigen und geliebten Sohn dir darzubringen, ſo will ich dir thun. Beſſer, daß dies Kind heute ſtirbt und ſein Leben verliert, als daß ſeine Seele zur Hölle fährt. Du kennſt mein Herz und meine Qual in dieſer harten Stunde der Prüfung und des Trübſals, die du über mich verhängt haſt. Du aber wirſt mir auch Kraft und Stärke ver⸗ leihen. Mein Arm ſoll nicht wanken, wenn er den Stahl in die Bruſt der Tochter ſenkt. Lucy hielt ſich für verloren, ſie hatte ihren eigenen Grabgeſang gehört. Geräuſchlos erhob ſich der Vater vom Boden und näherte ſich wieder ihrem Lager. Ehe er jedoch die blutige That vollführte, ſchien ein Bedenken in ſeiner Seele aufzuſteigen. — Sie ſoll nicht ohne Gebet zu Grunde gehen, flüſterte er, mit ſich ſelber redend. Ich will ſie zuerſt wecken. Der ſtarre Puritaner verrieth eine tiefe Bewegung, eine Thräne ſchimmerte in ſeinen tiefliegenden Augen, als er noch einmal die dem Tode geweihte Tochter betrachtete. — Wie ſchön ſie iſt, murmelte er, von ihren enthüllten Reizen ergriffen, ſo ſchön war auch das erſte Weib im Paradies, von dem alles Unheil und die Sünde in die Welt gekommen iſt. Sie gleicht der blühenden Roſe mit ihren gerötheten Wangen, aber in der Tiefe des Kelches ſchlummert der giftige Wurm. Beſſer, daß ſie zeitlich, als daß ſie ewig verdirbt. Bald jedoch verſchwand dieſe letzte Gefühlsregung des harten Mannes und ſein Fanatismus behielt die Oberhand. Sein Arm ſtreckte ſich nach dem Mädchen aus, während er in der rechten Hand das ſcharfe Meſſer hielt. — Steh' auf! herrſchte er Lucy zu. — Um Gottes willen, ſchrie ſie entſetzt, was wollt Ihr von mir, mein Vater? — Ich bin gekommen, um Gericht zu halten über dich. — Was hab' ich verbrochen? rief ſie händeringend. — Du haſt die Gebote des Herrn übertreten, dich in die Geſell⸗ ſchaft der Unreinen begeben und an ihren Gaukeleien Theil genommen. Kannſt du es leugnen, daß du in Ludlow⸗Caſtle in einem ſündhaften — 200— Schauſpiel wider meinen Willen aufgetreten biſt, daß du eine heid⸗ niſche Göttin dargeſtellt, läſterliche Lieder geſungen haſt? Du ſiehſt, daß ich von Allem unterrichtet bin. — Und darum wollt Ihr mich ſo grauſam ſtrafen? Ich geſtehe ja ein, daß ich gefehlt habe und will mein Vergehen bereuen. — Die Reue kommt zu ſpät. Du mußt ſterben, doch zuvor ſollſt du ein Gebet ſprechen, damit wenigſtens deine Seele gerettet wird. — Sterben, ſterben! ſtöhnte das Mädchen verzweiflungsvoll. Ich will, ich kann nicht ſterben. O, habt Erbarmen mit meiner Jugend, ich bin kaum achtzehn Jahre alt und ſchon ſoll ich die Welt verlaſſen und in das dunkle Grab hinunterſteigen. Nein, nein! das iſt nicht möglich. Denkt an meine Mutter, ſie hätte mich mit ihrem Leben gegen Euch vertheidigt. Ihr durftet mir, ſo lange ſie mir zur Seite ſtand, nicht ein böſes Wort geben, keinen ſchiefen Blick zu⸗ werfen. Wenn mich eine Biene ſtach, ſo legte ſie mir ein heilendes Pflaſter auf, wenn mich ein Dorn ritzte, ſo klagte und weinte ſie mit mir. Sie ſieht und hört uns in dieſem Augenblick. Fürchtet Ihr nicht, daß ſie im Himmel Euerer Grauſamkeit jetzt flucht? — Rufe nicht deine Mutter an, entgegnete düſter der Puritaner. Sie war ein tugendhaftes Weib, wie es kein zweites mehr auf dieſer Erde giebt. Hätte ſie von deinem jetzigen Lebenswandel eine Ahnung gehabt, ſo hätte ſie dir ſelber ſtatt der Milch ihres Buſens ein ſchnell tödtendes Gift gereicht. Sie wird mich im Paradieſe, wo ſie jetzt mit den Gerechten weilt, wegen meines Vorhabens nicht verfluchen, ſondern jauchzen und jubeln, daß ich ihr Kind vor fernerer Verderb⸗ niß bewahren will. Warum zitterſt du vor dem Tode? Früher oder ſpäter iſt er unſer Aller Loos. Wer jung ſtirbt, iſt vor Sünden ge⸗ ſchützt und ſeiner wartet die ewige Seligkeit. Dein Verbrechen kann noch Gnade vor dem Herrn finden, aber je länger du lebſt, deſto größer wird die Schuld, bis dich ihre Laſt zur Hölle ſtürzt. Glaubſt du, daß ich gern dein Blut vergieße, daß meine Seele nicht trauert über deinen Verluſt, aber der Vater züchtigt ſein Kind, eben weil er es liebt. — Wohlan! ſo ſtraft mich, züchtigt mich ſo hart und ſo ſtreng, wie Ihr nur immer wollt. Sperrt mich in den dunkelſten Keller ein, entzieht mir Nahrung und Licht, laßt mich die ganze Schwere . — 201— Eurer Hand empfinden, oder ſtoßt mich hinaus in Armuth und Elend, nur ſchenkt mir das Leben. Ach! es iſt ſo ſüß zu leben und der Tod ſo furchtbar, daß ich den Gedanken nicht zu faſſen vermag. Lucy war von ihrem Lager aufgeſprungen und hatte die Knie des Puritaners umfaßt. Die Verzweiflung lieh ihr Kraft und krampf⸗ haft klammerte ſie ſich an den grauſamen Vater feſt. Mit aufge⸗ lösten Haaren und todesbleichen Wangen, in Thränen gebadet, von Schluchzen unterbrochen, flehte ſie um ihr Leben. Vergebens ſuchte er, ſie abzuwehren, ſie ließ ſich am Boden von ihm fortſchleifen. — Nein, nein! ſchrie ſie laut, du kannſt mich nicht tödten. — Ich muß, erwiederte der ſtarre Henderſon. Wohl hab' ich ge⸗ rungen und gebetet, mich geſträubt und gekämpft gegen die Prüfung, welche der Herr mir auferlegt hat. Den ganzen Tag ſuchte ich, dem Gedanken zu entfliehen, aber der Geiſt ließ mir nicht Ruhe und Raſt. Die Stimme Gottes befahl mir, wie ſie einſt Abraham geheißen, ſein einziges Kind zu opfern. Wenn der Herr mir befiehlt, thu' ich nach ſeinem Willen. — Der Barmherzige will ſolch ein Opfer nicht. Er hat Iſaak geſchont und den Widder für ihn genommen. Gott verlangt nicht mein Blut, er verzeiht den Schuldigen. — Und hat er nicht ſeinen eigenen Sohn, unſern Erlöſer, ſelbſt zum Opfer für die Menſchheit dargebracht. Denk' an ihn, der da ſtarb für unſere Sünden, und blick' zum Kreuze empor. Bete, bete! — Ich kann nicht, ſtöhnte die Unglückliche. Ich kann nicht beten, wie ich nicht ſterben kann. — So will ich es für dich thun. Vater unſer! — Vater unſer! hauchte ſie mit erſterbender Stimme nach. — Der du biſt im Himmel. — Im Himmel, ſtöhnte Lucy. — Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geſchehe auf Erden, wie im Himmel.— Lucy! warum beteſt du nicht? fragte der Vater, welcher neben der Tochter niedergekniet war. Willſt du den einzigen Rettungsanker von dir ſtoßen und mit all deinen Sünden beladen zur Hölle fahren? — Unſer tägliches Brod gieb uns heute, ächzte ſie mechaniſch. — 202— — Und vergieb uns unſere Süudd, wie wir unſern Schuldigern veergeben. — Unſern— Schuldigern— vergeben, ſtammelte ſie. — Und führe uns nicht in Verſuchung, ſondern erlöſe uns vom Uebel.— Sie betete nicht mehr, ſondern ſprang vom Boden auf. Jedes Wort war ja nur ein Todesbote, wie konnte ſie es noch länger aus⸗ ſprechen. Auch der Puritaner hatte ſich erhoben und murmelte nur noch den Schluß des Vaterunſers zwiſchen ſeinen Zähnen. — Amen! rief er zuletzt mit lauter Stimme, in der Hand das Meſſer ſchwingend. Lucy flüchtete in den äußerſten Winkel der Kammer, bereit, ihr Leben gegen den Vater zu vertheidigen. — Füge dich in dein Schickſal, rief ihr der fanatiſche Henderſon zu. Du kannſt ihm nicht entgehen. Sie ſtieß einen furchtbaren Schrei aus, der die Wände erſchütterte. Alles umſonſt! Kein Menſch hörte ſie, der alte Henderſon hatte alle ſeine Hausbewohner entfernt, um keinen Zeugen ſeiner That zu haben. Er war allein mit ihr und ſie in ſeiner Gewalt. Noch einmal raffte ſie ihre ganze Kraft zuſammen. — Mörder! ſchrie ſie ihm zu. Du biſt nicht mein Vater, denn ein Vater kann nicht ſein eigenes Kind tödten. Bei dieſem Ausruf, den ihr die Verzweiflung eingegeben, trat der Puritaner betroffen einen Schritt zurück und das Meſſer fiel aus ſeinen Händen. Statt es aufzuheben, ſtand er einige Augenblicke, in tiefes Nachſinnen verſunken. Er ſchien mit ſich ſelber zu kämpfen, ehe er einen Entſchluß faſſen konnte. Athemlos beobachtete Lucy den Ausdruck ſeines Geſichts. Eine furchtbare Pauſe war inzwiſchen eingetreten. Durch die ſtille Kammer ſchien der Todesengel unentſchloſſen zu ſchweben, ob er blei⸗ ben oder fliehen ſollte. — Sie ſpricht wahr, murmelte der alte Henderſon. Ich habe kein Recht, ſie zu tödten. Einer, der mehr Macht hat, als ich, ſoll ihr Richter ſein und was er beſchließt, will ich ausführen.— Ohne mit Lucy noch ein Wort zu wechſeln, verließ er das Zim⸗ mer, welches er ſorgfältig ſhinter ſich verſchloß. Nur das Meaſſe⸗ — 203— welches noch immer am Boden lag, gab ihr die Gewißheit, daß ſie nicht geträumt; ſie wäre ſonſt geneigt geweſen, das ganze Ereigniß für einen Spuk ihrer erhitzten Phantaſie zu halten. Sie war gerettet, aber eine Gefangene. Nach und nach erholte ſie ſich von dem furcht⸗ baren Schreck und der erlittenen Angſt, ihre Beſinnung kehrte wieder zurück und ſie zog ihre eigenthümliche Lage in Erwägung. Ihr näch⸗ ſter Gedanke war, zu fliehen und für immer das väterliche Haus zu verlaſſen, wie ſie bereits früher mit ihrem Geliebten verabredet hatte. Der letzte Auftritt mit ihrem Vater machte ihrem Schwanken ein Ende, jedes Band, das ſie an das väterliche Haus noch feſſeln konnte, war dadurch gelöst. An Mitteln zur Flucht fehlte es ihr nicht. Sie beſaß eine Strickleiter, mit deren Hülfe ſie leicht ihre Kammer und das Haus verlaſſen konnte; jetzt zog ſie dieſelbe unter ihrem Kopf⸗ kiſſen hervor, dann raffte ſie eilig einige von ihren Kleidungsſtücken und ihren beſten Habſeligkeiten zuſammen„ſo ausgerüſtet, ſchickte ſie ſich an, für immer der Heimath Lebewohl zu ſagen. Vorſichtig öffnete ſie das Fenſter und lauſchte; Niemand ließ ſich hören, der alte Hen⸗ derſon ſchien ebenfalls zur Ruhe gegangen zu ſein. Mit zitternden Händen befeſtigte ſie die ſchwankenden Stufen, ſie waren ſtark genug, um die leichte Laſt zu tragen. Leiſe ſchwebte ſie nieder, bis ihr Fuß wieder den ſicheren Boden betrat. Erſt als ſie im Freien war, athmete ſie wieder auf, ſie hatte keine Zeit zur Ueberlegung, wohin ſie ſich zunächſt wenden ſollte. Wie leicht konnte nicht ihre Flucht bemerkt und ihr nachgeſetzt werden; deshalb eilte ſie, ſo ſchnell dies ihre Kräfte erlaubten, nach der Richtung von Ludlow⸗Caſtle hin. Dort erſt glaubte ſie ſich unter dem Schutze des Geliebten geborgen. Kaum eine Viertelſtunde mochte ſie ſo in größter Haſt und unter fortwährender Furcht gegangen ſein, als ſie einem Reitertrupp begeg⸗ nete. Aengſtlich wollte ſie ausweichen und ſich in dem nahen Gebüſch verbergen, doch ſie war bereits bemerkt worden. — Beim Himmell rief eine ihr bekannte Stimme, da iſt ja un⸗ ſere Puritanerin. Straf mich Gott! die hat eine Witterung, wie der beſte Spürhund. Um ſo beſſer, dann brauchen wir ſie nicht erſt auf⸗ zuſuchen und abzuholen. Nun, mein Täubchen, was hat Euch ſo früh aus dem warmen Neſt getrieben? — 201 — Gott Lob! daß ich Euch hier treffe, entgegnete Luey ermu⸗ thigt, iſt Herr Thomas mit zugegen? — Das will ich meinen. Da ſteht er ja vor Euch. Wo habt Ihr denn Eure Augen, ſchönes Kind? — In der That, ſagte dieſer ſelbſt, das iſt eine wunderbare Fü⸗ gung. Ich bin eben im Begriff, nach London abzureiſen und war deinetwegen in Sorgen. Billy Green hatte den Auftrag erhalten, dich zu benachrichtigen und wo möglich gleich mitzubringen. Ich wollte mit meiner Dienerſchaft ſolange in der nächſten Schenke warten, bis er mir Beſcheid gebracht hätte; und nun kommſt du ſelbſt, als wenn du geahnt hätteſt, mit welcher Ungeduld ich deiner harrte. Aber ſo rede doch, was iſt geſchehen? Du ſiehſt ſo bleich und ſcheu dich um, als fürchteteſt du, verfolgt zu werden. Haſtig und mit wenigen Worten theilte Lucy dem Geliebten ihr Abenteuer mit, von Zeit zu Zeit unterbrochen durch laute Ausrufe ſeines Erſtaunens und Schreckens. — Zum Teufel! das hätt' ich dem alten Henderſon nicht zuge⸗ traut, aber warte nur, du ſchurkiſcher Puritaner. Du wirſt mir noch einmal begegnen, und dann nimm dich in acht vor mir. Armes Kind! was mußt du gelitten haben, ſelbſt ein Mann hätte gezittert. Bebe ich doch noch beim bloßen Zuhören. Weine nicht, ich werde dich nicht verlaſſen. Du ſollſt ſtets einen Beſchützer an mir finden. — Nun hab' ich Niemand auf der Welt als dich, jammerte das arme Mädchen, indem es ſich an die Bruſt des Geliebten ſtürmiſch warf. Weder Mutter noch Vater, keinen Winkel, um mein Haupt niederzulegen. — Sei unbeſorgt, tröſtete Thomas. Ich will dir Alles erſetzen. Du folgſt mir ſogleich. — Bis in den Tod, wohin du willſt. Auf einen Wink des Jünglings ſtieg einer der Diener von ſeinem Pferde und bereitete aus dem vorhandenen Gepäck einen Damenſattel, auf welchem Lucy bequem ſitzen konnte. Thomas ſelbſt half ihr das Roß beſteigen, dann gab er das Zeichen zum Aufbruch. Zuvor jedoch rief er ſeinen Vertrauten, Billy Green herbei. — Hier! ſagte er, indem er ihm einige Goldſtücke einhändigte, das iſt dein Lohn und nun kannſt du gehen, wohin du willſt. — 205— — Wie, Ihr wollt mich verabſchieden? fragte der Burſche erſtaunt. So haben wir nicht gewettet, edler Herr; jetzt, da Ihr das Vöglein habt, mögt Ihr von dem Vogelſteller nichts wiſſen. Iſt das recht von Euch gehandelt? — Du ſiehſt, daß es mir nicht an Dienern fehlt. — Ihr habt Tölpel, aber keine Diener. Glaubt Ihr denn, daß einer dieſer rothröckigen und goldbetreßten Affen Euch nur halb ſoviel nutzen kann, als Billy Green, der im kleinen Finger mehr Verſtand, und Grütze hat, wie alle Lakaien in England zuſammengenommen? Ihr gebt mir den Abſchied, aber ich nehme ihn nicht an. Seid ganz unbeſorgt, ich verlange weder Lohn noch Koſt von Euch, erlaubt mir nur, in Eurem Gefolge mitzureiſen. Ich will und muß einmal Lon⸗ don ſehen. Das hab' ich mir eingebildet und davon ſoll kein Menſch mich abbringen. Auf dem Lande behagt es mir nicht länger, viel⸗ leicht glückt es mir in der Stadt. Unter die Bauerntölpel taug ich nicht mehr, am Hofe iſt mein Platz, das fühl' ich ganz klar und deutlich. Da hat ſchon mancher Spitzbube und Schalk, wie ich, mit weit weniger Geiſt ſein Glück gemacht. Endlich gab Thomas den dringenden Bitten des Burſchen nach, der auch die ſchöne Lucy für ſich zu gewinnen wußte. — Juchhe! jubelte Billy Green„ nun geht es nach London, an den Hof, fort in die weite Welt. 19. Als der alte Puritaner am andern Morgen nach jener unruhigen Nacht erwachte, war ſein erſter Gang nach der Schlafkammer ſeiner Tochter, er fand dieſelbe leer. Die⸗ Strickleiter, welche an dem geöff⸗ neten Fenſter hing, verrieth ihm die Art und Weiſe ihrer Flucht. Sogleich machte er ſich auf den Weg, um die Spuren Lucy's zu ver⸗ folgen. Alle ſeine Nachfragen in der Nachbarſchaft waren vergeblich, denn das Mädchen hatte aus Vorſorge die weibliche Kleidung mit einem Anzuge aus der Garderobe ihres Geliebten vertauſcht, und ritt ſo in der kleidſamen Tracht eines jungen Kavaliers neben Thomas. Bald hatten Beide auf ihren ſchnellen Roſſen einen bedeutenden Vor⸗ — 206— ſprung gewonnen, ſo daß der ergrimmte Henderſon unverrichteter Sache heimkehren mußte.— Düſter brütend ſaß er in ſeinem Zimmer und las nach gewohnter Weiſe in der Bibel, als die Thür geräuſchvoll ſich öffnete und e ſeltſamer Gaſt hereintrat. Es mochte ein Mann nahe den Vierzi ſein, nicht allzugroß, aber breitſchultrig und unterſetzt, von kräftige Körperbau. Sein Geſicht konnte wohl beim erſten Anblick roh und plump erſcheinen, doch bald entdeckte man, daß die breite, hohe Stirn einen ungewöhnlichen Geiſt beherberge, das feſte, geſchloſſene Kinn einen hohen Grad von Energie und Willenskraft verrieth, und daß in den blau⸗grauen, durchdringenden Augen eine mächtige Seele ſchlum⸗ merte. Eben ſo einfach, wie ſein ganzes Aeußere, war auch ſeine Kleidung, welche ſich in Nichts von der gewohnten Tracht eines wohl⸗ habenden engliſchen Pächters unterſchied. Er trug einen braunen Rock, der von einem gleichfarbigen Mantel verhüllt wurde; den ſtarken Kopf bedeckte ein breitkrämpiger Filzhut, ſeine Beine ſteckten in großen Reiſe⸗ ſtiefeln, welche ihm bis faſt an die Lenden reichten. In dem breiten Ledergurt, der ſich um die ſtämmigen Hüften ſchlang, glänzten ein Paar Piſtolen, denn ohne Waffen pflegte in damaliger Zeit nicht leicht ein Mann ſich auf Reiſen zu begeben. Der laute, faſt heroiſche Ton dieſes Schrittes weckte den Purita⸗ ner aus ſeinen düſteren Betrachtungen auf. Es dämmerte bereits, ſo daß er den längſt von ihm erwarteten Gaſt nicht ſogleich wieder⸗ erkannte, aber bei dem Gruß desſelben ſchauerte der alte Henderſon unwillkürlich zuſammen, der Ton dieſer tiefen Stimme klang wie ein mahnender Donner in ſeinen Ohren, und als er dem forſchenden Blicke der glänzenden Augen begegnete, konnte kein Zweifel mehr obwalten. Dieſen Blick, der mit magnetiſchem Zauber Jedermann zu bannen wußte, beſaß nur Einer, und zwar eben der Mann, der jetzt hier ſo plötzlich erſchienen war. Das ſtarre Geſicht des alten Henderſon fing ſich an, gar wunderbar zu beleben und in ſeinen Mienen kämpften deutlich Angſt und Freude. Kaum vermochte er von dem Lehnſtuhle aufzuſtehen, ſeine Füße und die Hände, welche er dem Beſucher ent⸗ gegenſtreckte, zitterten wie Espenlaub. — Oliver! rief er faſt entſetzt. — 207— — Ich bin es, erwiederte der Gaſt. Aber was ſtarrſt du mich an, als ob ich ein Geſpenſt wäre. Faſt möchte ich glauben, daß die Zeit deinen alten Kopf verwirrt und dein Gedächtniß ſchwach gemacht hat. Du erkennſt nicht mehr deinen Freund. 3 Ob ich dich kenne. Willkommen„was du auch bringen magſt. — Nun, das laſſe ich gelten. Alſo nochmals gegrüßt, mein Bru⸗ der, im Namen deſſen, der mich zu dir geführt. Ich habe deinet⸗ wegen einen großen Umweg gemacht und bin heute ſchon mehr als dreißig Meilen geritten. Die Bewegung hat meinen Hunger geſchärft und mein Leib ſehnt ſich zunächſt nach irdiſcher Nahrung. Du ſollſt ſogleich bedient werden. An Trank und Speiſe fehlt es nicht in dieſem Hauſe. — Ich weiß, daß der Herr dich hier mit Glücksgütern weit mehr geſegnet hat, als da du noch in unſerer Nachbarſchaft lebteſt. Das Land iſt hier ſchön, die Saaten ſtehen herrlich, und du lebſt jetzt im Ueberfluſſe, nachdem du früher den bitteren Kelch der Armuth bis zur Hefe geleert hatteſt. — Ich wäre untergegangen, wenn du mir nicht das nöthige Geld vorgeſtreckt und mir nicht den Rath gegeben hätteſt, mich hier anzu⸗ kaufen. Was ich jetzt bin und habe„ verdanke ich einzig dir allein. — Und zum Danke, erwiederte der Gaſt mit einem Anſtrich von Humor, willſt du mich nun verhungern laſſen. Du thäteſt beſſer, ſtatt eitel zu ſchwatzen, mir ein Abendmal zu rüſten.. Im nächſten Augenblick ſchon ſtand der Tiſch gedeckt, an welchem ſich der Gaſt behaglich niederließ. Mit dem Appetit eines Reiſenden hieb er in den ſaftigen Schinken ein, der ſich zuſehends unter ſolchen Angriffen verminderte und bis auf den daran gelaſſenen Knochen ſchwand. Dazwiſchen that er aus dem großen Kruge, den Henderſon vor ihm hingeſtellt, ſo mächtige Züge, daß dieſer, bald geleert, zum zweitenmale gefüllt werden mußte. Unterdeß benutzte der noch immer überraſchte Wirth dieſe Zwiſchenzeit, in der nur wenig geſprochen wurde, zu der nothwendigen Sammlung. Faſt zu ſchnell für ihn endete das kurze, aber kräftige Mahl. Der Fremde klappte mit Ge⸗ räuſch den Deckel des geleerten Kruges zu und fuhr mit dem Zipfel des Tiſchtuches über ſeinen Mund, um die Reſte der Speiſen abzu⸗ — 208— wiſchen, dann faltete er die knochigen Hände und ſchickte ſich an, ſein gewohnkes Tiſchgebet zu ſprechen. — Nur noch einen Biſſen oder einen Schluck von meinem ſelbſt⸗ gebrauten Bier, bat der aus Verlegenheit höflich gewordene Henderſon. — CEs iſt genug, entgegnete der Gaſt, die angebotenen Speiſen von ſich ſchiebend. Du haſt mich hinlänglich erquickt und mich mit irdi⸗ ſchem Manna gelabt. Um ſo ſchwerer fällt es mir, dich zu betrüben, aber ich darf dir die Nachrichten nicht vorenthalten, die du früher oder ſpäter doch erfahren wirſt. Die Hand des Herrn liegt ſchwer auf ſei⸗ nem Volk. Was iſt geſchehen, fragte Henderſon erwartungsvoll. — Nichts Neues eben und nichts Beſonderes. Haben wir doch genug zu tragen an der alten Laſt, die uns ſchier zu Boden drückt. Trübſal und Elend iſt das Loos der Gläubigen, und die Frommen werden verfolgt und geſtraft um ihrer Treue willen, weil ſie nicht ihr Knie beugen vor den Götzen und nicht abfallen zu der biſchöflichen Kirche von England, welche da iſt eine Schweſter der Babylonierin und mit dem päpſtlichen Drachen Buhlſchaft treibt. Unſer Gewiſſen wird bedrückt und unſere Freiheit mit Füßen getreten. Ein Pharao ſitzt auf dem Thron und hört auf den Rath ſeiner bethörten Prieſter und falſchen Beamten, ſtatt die Stimme ſeines Volkes und erwähl⸗ ten Parlaments zu vernehmen. Unſere Prioilegien werden nicht mehr geachtet, unſere Gerechtſame unterdrückt und ſtatt der heiligen Geſetze herrſcht die frechſte Willkür. Der Uebermuth kennt keine Schranken mehr, und unſer Vaterland, einſt von allen Völkern der Erde benei⸗ det, iſt jetzt zum Geſpött geworden. Die Beſten trauern und wenden ſich mit verhülltem Haupte ab, denn ſie vermögen nichts gegen die Gewalt. 4 — Was wollt Ihr beginnen? — Die frömmſten und weiſeſten Männer, unter denen ſich auch mein trefflicher Ohm, John Hampden, befindet, wollen dem undank⸗ baren Vaterland den Rücken kehren. Ich habe mich ihnen angeſchloſ⸗ ſen. In wenig Wochen verlaſſen wir England und ſchiffen nach Ame⸗ rika, um dort die verlorene Freiheit wieder zu finden. Lieber wollen wir unſer Leben und unſere Güter dem ſchwankenden Ozean anvertrauen, als die Tyrannei noch länger ertragen. Beſſer in der Wildniß mit — 209— freien Gewiſſen leben, als in Hülle und Fülle Knechte ſein. Die wilden Thiere werden mehr Mitleid empfinden und minder grauſam ſein, als dieſe unerſättlichen und ſtolzen Biſchöfe. Dort haben wir kein anderes Unrecht zu erdulden, als die Ungunſt der Witterung und die Rauheit des Klima's, keine willkürliche Steuer, keinen andern Zoll zu entrichten, als den Schweiß, mit dem wir den jungfräulichen Boden düngen. Dort gibt es keinen Glaubenszwang, keine frechen Höflinge, keine übermüthigen Prälaten. Unter den mächtigen Bäu⸗ men des Urwaldes werden wir ein Aſyl für uns und unſere Kinder finden, und in den Kirchen, die ſich der Herr ſelbſt erbaut, ihn an⸗ beten dürfen frei und ohne Menſchenfurcht. — Du willſt alſo auswandern und nach Amerika gehen? — Bleibt uns eine andere Wahl? Mit blutendem Herzen reißen wir uns von unſerem Vaterland; doch der reine Glaube und die Freiheit müſſen dem Menſchen höher ſtehen, als Alles hier auf Erden. Wie ein Sterbender bin ich zu dir gekommen, um Abſchied zu nehmen und meine irdiſche Angelegenheiten zu ordnen. Du weißt, daß ich dir ein theures Pfand anvertraut habe. — Der letzte Reſt meiner Schuld liegt für dich bereit, erwie⸗ derte Henderſon ausweichend. Du kannſt das Geld ſogleich erhalten. — Nicht wegen des Geldes habe ich dieſen weiten Umweg gemacht, mein Bruder, obgleich in meiner gegenwärtigen Lage auch dieſe Summe mir willkommen ſein muß, vorausgeſetzt, daß die Rückzahlung dich nicht in Verlegenheit ſetzt. Ich meine ein anderes Pfand von Fleiſch und Blut. Wo iſt das Mädchen, das ich dir übergeben? Rufe das Kind, damit ich es noch einmal ſehen und ſegnen kann. — Wie, du wollteſt dich ihr zu erkennen geben? fragte der Puri⸗ taner mühſam nach Faſſung ringend und nur um Zeit zu gewinnen. — Das kann nicht meine Abſicht ſein, entgegnete der Fremde. Niemals darf Lucy erfahren, wer ihr Vater iſt. Das Geheimniß ihrer Geburt ſoll ihr ſtets verborgen bleiben, nur du und ich wiſſen darum, ſeitdem dein Weib geſtorben iſt.— Auch jetzt habe ich dieſel⸗ ben Gründe, die Sünden meiner Jugendzeit zu verheimlichen. O, hätt' ich dieſe Thorheit nie begangen! aber ich war damals noch nicht in im Zuſtand der Gnade, ich hörte auf die Verlockungen der ſündigen Luſt und taumelte an dem furchtbaren Abgrunde der Hölle. Du weißt D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit.„ 14 — 210— darum, Lucy's Mutter war ja die nächſte Verwandte deiner Frau, das arme Mädchen büßte ihre Schuld mit dem Tode. In der Stunde der Geburt ſtarb ſie und ich gab dir das neugeborene Kind, die Frucht der Schande. Jahre ſind ſeitdem vergangen, der Herr hat meine Augen geöffnet und mir den rechten Weg gezeigt, ich darf wohl ſagen, daß ich einen anderen Menſchen angezogen habe, aber die Erinnerung vermochte ich nicht zu verlöſchen, ſie ſteht wie ein dunkler Fleck vor meinen Augen. Was ich verbrochen, will ich büßen, was ich geſün⸗ digt, auch bereuen. Es läßt mich nicht ruhen noch raſten. Darum bin ich hergekommen, um bei dem Anblick meiner Tochter mich noch einmal zu demüthigen und meiner Sünden zu gedenken. Herr, Herr! Ich bin nicht werth, daß du auf mich niederblickſt und mir gnädig biſt. Ich habe deine heiligen Gebote verachtet und übertreten, deine Lehren in den Wind geſchlagen, mich im Sündenpfuhl herumgewälzt und meine unſterbliche Seele mit allen Laſtern befleckt. Kannſt du mir ver⸗ zeihen und mich emporrichten? Sieh auf meine Reue, auf die Thränen, die mein früherer Wandel mir entpreßt. Im Staube liege ich hier vor dir und ringe um Vergebung. Herr, mein Gott! verſtoße mich nicht von der himmliſchen Schwelle, die mein Fuß zu betreten nicht würdig iſt. Mit allen Zeichen der tiefſten Zerknirſchung hatte ſich der wunder⸗ bar Gaſt auf den Boden geworfen, wo er knieend mit Inbrunſt be⸗ tete Seine Augen leuchteten in Verzückung und ſeine Wangen rötheten ſich in fieberhafter Glut. Fortwährend ſchlug er mit geballter Fauſt gegen die breite Bruſt, daß dieſelbe dröhnend widerhallte. Eine kurze Zeit dauerte dieſer Anfall, welcher faſt an Wahnſinn zu gränzen ſchien, dann erhob ſich der Fremde ruhig und gefaßt, keine Spur einer ſo tiefen Bewegung verrathend. In gemeſſenem Tone nahm er ſeine Unterhaltung auf, als wenn eben nichts geſchehen wäre. — So bin ich denn hergekommen, um das Mädchen noch einmal vor meinem Abſchiede zu ſehen. Außerdem wollte ich mit dir, mein Bruder, all die nöthigen Angelegenheiten ordnen, und für Lucy's Zukunft Sorge tragen. Zunächſt können wir die irdiſchen Verhältniſſe mit einander abmachen. Ich beſtimme die hundert Pfund und fünf⸗ zehn Schillinge, die du mir noch ſchuldeſt, zu ihrem Lebensunterhalt. Außerdem habe ich hier noch eine ähnliche Summe mitgebracht, die — —— — 211— ihr einſt zur Ausſteuer dienen ſoll, wenn ſie in den Stand der heili⸗ gen Ehe tritt und ſich ein paſſender Mann findet. Bewahre das Geld ſorgfältig, ich habe es mir ſauer abgeſpart und durch Entbehrungen erworben. Kein Heller iſt darunter von dem Vermögen meiner jetzigen Frau und meiner rechtmäßigen Kinder„denen kein Abbruch geſchehen darf. Vor allen Dingen aber habe Lucy's Seelenheil vor Augen, ſie iſt die Tochter einer leichtfertigen Mutter und wie das Blut ſo vererben ſich die Gebrechen der Eltern auf die Kinder. Halte ſie darum ſtreng und ſei wachſam. Du haſt eine ſchwere Pflicht übernommen, denn du biſt nicht nur mir, ſondern Gott ſelbſt verantwortlich für dieſes Kind. Jetzt aber geh und rufe ſie her. — Oliver! rief der Puritaner, ich kann dir Deine Tochter nicht rufen, denn ſie iſt nicht mehr in meinem Hauſe. — Was ſagſt du? entgegnete der Fremde und die Zornader auf ſeiner Stirn begann zu ſchwellen. Du haſt ſie fortgeſchickt und aus deinen Augen gelaſſen? — Nicht ich habe ſie fortgeſchickt, ſie ſelbſt hat ſich entfernt und iſt entflohen. — Und du ſttzeſt hier und biſt ihr nicht nachgeeilt? — Ich habe mich ſogleich auf den Weg gemacht und bin ihr 1 0. Meilen weit gefolgt, aber nirgends konnte ich eine Spur von.Ir. entdecken. — Du biſt mir verantwortlich für alle Folgen. Henderſon! du mußt mir mein Kind wiederſchaffen und ſollteſt du bis ans Ende der Welt gehen. Doch erzähle, erzähle zuvor, was iſt geſchehen, warum hat ſie ſich entfernt. O, ich kenne dich, du haſt ſie durch deine Strenge zum Aeußerſten getrieben, ſie mißhandelt, ſie zu hart geſtraft. Gieb mir mein Kind wieder, mein Kind! — Sei ein Mann, Oliver! höre mich ruhig an, du ſollſt Richter ſein zwiſchen mir und ihr. Ich will dir nichts verſchweigen, nichts beſchönigen. Nach und nach ließ ſich der Fremde auch wieder beruhigen und der Puritaner erzählte die Begebenheiten der Nacht der Wahrheit gemäß. 14* — 242— — Dein Kind befand ſich in den Fallſtricken der Hölle, du hatteſt ſelbſt mir väterliche Gewalt über Lucy eingeräumt. Kannſt du es läugnen? — Gewiß nicht, murmelte der Gaſt finſter, aber ein Vater würde anders gehandelt haben, das fühle ich. — Darum habe ich auch nicht die That vollführt, obgleich der Geiſt mich dazu getrieben hat. Ich wollte die Strafe dir allein überlaſſen. — Du haſft ſie erſchreckt und deßwegen hat ſie die Flucht ergriffen. Das iſt ein entſetzliches Unglück. Nicht allein daß ſie allen Verſuchun⸗ gen der Welt ausgeſetzt iſt, haſt du mein Gemüth mit ſchweren Sor⸗ gen belaſtet. Wir müſſen ſie wiederfinden. Biete deinen ganzen Scharfſinn auf, ziehe noch genguere Erkundigungen ein, beachte auch den kleinſten Wink, denn er kann uns auf die nöthige Spur führen. Vor allen Dinge forſche in Luhlow⸗Caſtle ſelber nach, denn wenn mich nicht Alles täuſcht, ſo muß dort Vertraute, Freunde und vielleicht einen Geliebten beſitzen, der i fortgeholfen hat. Der Puritaner ſchickte ſich ſogleich an, den Anordnungen ſeines Freundes Folge zu leiſten. Dieſer zeigte bei dieſer Gelegenheit neben ſeiner religiöſen Schwärmerei eine durchdringende Klarheit und Ueber⸗ ſicht der Verhältniſſe. Einige Andeutungen genügten ſeinem ſcharfen Verſtande, um den wahren Zuſammenhang zu ahnen. Die Nachrich⸗ ten, welche Henderſon bei ſeiner Rückkehr von Ludlow⸗Caſtle mitbrachte, waren an ſich unverfänglich; er meldete nur die Abreiſe des jüngeren Sohnes der Familie nach London. — Kennſt du den Burſchen? fragte aufmerkſam der Fremde. — Wohl kenn' ich ihn, er iſt ein übermüthiger, tollkühner Geſelle. — Und er war öfters in Lucy's Geſellſchaft.. — Mein Knecht will ihn zuweilen hier in der Nähe herumſchwei⸗ fen geſehen haben. — Rufe mir deinen Knecht. Dieſer kam und Oliver ſtellte ein genaues Verhör mit demſelben an. Der Knecht behauptete ſogar eines Abends Lucy mit Thomas an den drei einſamen Fichten getroffen zu haben; doch er getraute ſich nicht näher zu gehen, aus Furcht vor den Geſpenſtern, welche dort an dem einſamen Orte ihr Weſen trieben. — — — —— — 213— — Es iſt genug, ſagte der Gaſt. Wenn mich nicht Alles trügt, ſo iſt Luch mit dem jungen Mann nach London entflohen, dort müſſen wir ſie ſuchen. — Du wirſt eher eine Stecknadel in einem Kornhaufen, als deine Tochter in dem Gewühle Londons wieder finden. — Das wird meine Sorge ſein. Du kennſt mich und weißt, daß ich immer kann, was ich willl. Diesmal aber wurde das Selbſtvertrauen des ſeltſamen Mannes doch getäuſcht. Noch an demſelben Tage verließ er nach kurzer Raſt, von Henderſon gefolgt, das Haus des Puritaners, um ſich nach London zu begeben und ſeine verlorne Tochter auszuſpüren. Alle ſeine Bemühungen waren jedoch fruchtlos, da Thomas dafür Sorge trug, Lucy vorläufig zu verbergen.„Billy Green bewies bei dieſer Gelegenheit von Neuem ſein Talent. Der Burſche hatte ein abgelegenes Haus ausfindig gemacht, wo das Mädchen ſicher unter ſeiner Bewachung lebte.— Nach vielen vergeblichen Schritten ſuchte auf Veranlaſſung des Fremden Henderſon ſelbſt Thomas i3 um ihn zu Rede zu ſtellen. Er fand ihn in der Nähe von Withehall in einer prächtigen Wohnung. Bei den Anklagen des Puritaners ſchlug der Jüngling ein übermüthi⸗ ges Gelächter auf. — Wie ich ſollte ein Mädchen entführt haben und gar Eure Tochter, Freund Henderſon? Was fällt Euch ein? Wären wir nicht ſo alte Bekannte, ſo würde ich mit der Peitſche auf Eure Beſchuldigun⸗ gen geantwortet haben. Diesmal mag es Euch noch hingehen und ich will Euch verzeihen. — Aber Lucy wurde in Eurer Geſellſchaft geſehen. — In der Meinigen und in noch vielen Anderen.— Was be⸗ weiſt das? Doch ich verſchwende meine Zeit mit Euch und ich habe am Hof zu thun. Geht und hütet Euch künftig einen Edelmann eines Verbrechens anzuklagen, wo Euch alle Beweiſe fehlen. Ihr könntet leicht wegen Verläumdung einer harten Strafe verfallen. Nun, was ſteht ihr noch? Macht lieber, daß Ihr fortkommt!. Und der übermüthige Jüngling ſchwang die ſchmiegſame Reitgerte ſpielend um die Ohren des alten Puritaners„der ſich zähneknirſchend entfernte, um den Freund aufzuſuchen. Er fand denſelben vor der Thüre der Taverne ſitzend und auf Nachricht warten. — 214— — Nun, was bringſt du? fragte er Henderſon geſpannt. — Nichts als die übermüthige Antwort eines frechen Cavaliers. O! daß ich ihn hätte züchtigen können, wie ich gern gewollt. — Die Zeit wird kommen, wo wir Rechenſchaft fordern werden für Alles, für Alles, murmelte Oliver mit prophetiſcher Stimme. So kann, ſo darf es nicht in England bleiben. Das Volk wird die Knechtſchaft nicht lange mehr ertragen und aufſtehen wie ein Mann. Wehe denen, welche ein Aergerniß gegeben haben. Dieſe ſtolzen Präla⸗ ten, dieſe übermüthigen Adligen werden zu ſpät bereuen. Ihre Sünden fallen auf ihr Haupt zurück. Eine neue Sündfluth bricht dann herein, aber nicht Waſſer, ſondern Blut wird die Gottloſen in ihrer Schuld erſäufen. Wir aber, mein Bruder, wollen wachen und beten, auf daß wir am Tage des Gerichts gerüſtet ſind, wenn der Herr uns ruft. Einſtweilen müſſen wir uns in ſeinen Willen fügen. Länger kann ich nicht in London weilen, meine Familie erwartet mich in Huntingdon, ich muß daher von ferneren Schritten abſtehen, die ohnehin nicht zum Ziele führen würden. Der Herr hat mich ſchwer mit dieſer Prüfung heimgeſucht und Jammer auf mein Haupt gehäuft. Ich fürchte, daß dieſes Kind der Schande mir noch manche ſchwere Sorge bereiten wird, doch ich habe Alles gethan, was in meinen Kräften ſtand. Auch du begieb dich ruhig nach Hauſe, und harre der Dinge, die da kommen werden und nicht ausbleiben können. — Und der Verführer deiner Tochter, ſoll er ungeſtraft bleiben? — Wer ſagt dir das? Ich kenn ihn nun und das genügt mir, ich werde ihn auch nicht vergeſſen, ſein Name iſt in meinem Schuld⸗ buch eingetragen und ich ſtehe dir dafür, daß er mir auf Heller und Pfennig einſt zahlen ſoll.— Rach einem kurzen Abſchiede trennten ſich die Freunde und kehrten, in entgegengeſetzter Richtung, jeder in ſeine Heimath zurück. ——— — 215— 20. Seit dem Feſte in Ludlow⸗Caſtle führte Milton ein einſames und zurückgezogenes Leben, lediglich mit ernſten Berufsſtudien beſchäftigt. Er hatte Alice nicht wieder geſehen und alle Einladungen der Familie Bridgewater abgelehnt. Selbſt den Umgang des Freundes und die ge⸗ wohnten Spaziergänge mußte er entbehren, da King nach Irland ab⸗ gereiſt war. Seinen einzigen Troſt und ſeine Zerſtreuung fand er in den geliebten Büchern, welche er weder am Tage noch des Nachts aus Händen ließ. Dieſer anhaltende Fleiß, durch den er ſeine Gedanken zu betäuben und von einer unglücklichen Liebe abzulenken verſuchte, wirkte indeß ſchädlich auf ſeine Geſundheit zurück. Sein Geſicht nahm eine krankhafte Bläſſe an, ſein helles Auge trübte ſich und ſein Gang wurde matt und ſchleppend. Dieſe Veränderungen entgingen nicht den zärtlich beſorgten Blicken ſeiner Mutter, die ſelbſt leidend war und ſchon ſeit längerer Zeit kränkelte. Aufmerkſam durch ſie gemacht, be⸗ redete Milton's Vater den Sohn zu einer kleinen Reiſe nach der nächſten Küſte, um ſich in der friſchen Seeluft und am Anblick des gewaltigen Meeres zu erholen. Nur ungern und wie von einer bangen Ahnung ergriffen, willigte der Dichter in dieſen Vorſchlag. Ueberaus zärtlich war der Abſchied, den er von ſeiner leidenden Mutter nahm. Nach einer kurzen Reiſe langte er ohne Abenteuer an den Ort ſeiner Beſtimmung an. Er fand die ganze Bevölkerung in einer ge⸗ wiſſen Aufregung wegen eines großen Unglücks, das ſich eben erſt ereignet hatte. Der furchtbare Sturm, welcher die ganze Nacht hin⸗ durch gewüthet, hatte mehrere Fahrzeuge an die Klippen getrieben, wo ſie faſt unter den Augen der Einwohner geſcheitert waren. Viele Menſchenleben wurden beklagt und die Wellen trieben die Leichen der Untergegangenen an den Strand. Das Alles erfuhr Milton von der geſprächigen Wirthstochter in der Taverne, wo er eingekehrt war. — Seht nur, ſeht! rief das geſchwätzige Mädchen, da bringen ſie wieder einen Ertrunken. O, mein Gott! welch ein ſchöner junger Mann. Er ſieht aus, als ob er der Prinz von Wales ſelber wäre. Der muß vornehmer Leute Sohn ſein. — 216— Mechaniſch trat Milton an das geöffnete Fenſter, welche nach dem Meere die Ausſicht hatte. Er konnte das Brüllen der noch immer nicht beruhigten Wogen deutlich vernehmen. Längs des Strandes be⸗ wegte ſich ein trauriger Zug. Mehrere Fiſcher trugen die Leiche eines Jünglings, der zu ſchlafen ſchien. Nur die triefenden von Sand und Seetang verunreinigten blonden Locken und die geſchloſſenen Augen verriethen ſeinen Tod. Seine Reiſekleider, wie ſie nur ein vornehmer und reicher Mann in jenen Tagen zu tragen pflegte, waren ganz durchnäßt und kündeten deutlich durch die feuchte Spuren, die ſie im Sande zurückließen, die Art und Weiſe des Todes an. Ein müſ⸗ ſiger und theilnehmender Haufe hatte ſich angeſchloſſen und beklagte das traurige Geſchick des Verunglückten. Der Zug kam dem Wirths⸗ hauſe immer näher und dentlich konnte Milton jetzt die Züge des Ver⸗ blichenen erkennen. Mit einem lauten Schrei ſtürzte er zum Hauſe hinaus und der Leiche entgegen. — King, mein Eduard, mein Lycidas! rief er bei dem erſchüttern⸗ den Anblick aus und brach von ſeinem Schmerze überwältigt, zu⸗ ſammen. Die neugierige Menge war ſogleich bei dieſem Ausrufe ſcheu zur Seite gewichen und die Träger hatten ihre Laſt ſanft auf die Erde geſetzt. Jeder ehrte dieſen Ausbruch eines traurigen Gefühls. — Iſt keine Rettung möglich? fragte Milton nach einer länge⸗ ren Pauſe. — Der iſt todt, erwiederte ein treuherziger Schiffer. Da iſt Alles umſonſt, Ihr ſeht ja ſelbſt, daß die Leiche mehrere Stunden im Waſſer gelegen hat. Schade um das junge Blut. — Wo habt Ihr ihn gefunden? — Droben, zwiſchen den Klippen hat das Meer ihn hingeſpült. Es liegen noch mehr Leichen dort, Alle von demſelben Schiff. Weil der junge Herr aber ſo fein ausſah, wollten wir ihm zuerſt ein chriſt⸗ liches Begräbniß verſchaffen. — Das lohn' Euch Gott. ⸗ 5 — 217— — Ihr ſcheint ſein Bruder, oder ſonſt ein Verwandter zu ſein, da werdet Ihr wohl ſelber Sorge tragen und ſeine Beerdigung über⸗ nehmen. Wohin befehlt Ihr, daß wir die Leiche bringen? — In das Wirthshaus. Bis er in's Grab geſenkt wird, ſoll er nicht von meiner Seite kommen. Auf Milton's Wunſch nahmen die Träger wieder die Leiche auf und brachten ſie in die Taverne, wo ſie ſogleich auf ein bereit ſtehendes Bett niedergelegt wurde. Nachdem der Dichter die wackeren Leute bezahlt hatte, blieb er allein mit dem Todten und ſeinen Schmerz. — Mein Freund, mein Bruder, mein Lycidas! jammerte er laut. So mußteſt du untergehen und an der Schwelle der Jugend, mitten in der Fülle des Lebens ſterben.— O, hätte mich der grauſame Tod ſtatt deiner genommen. In dir begrabe ich meine Freundſchaft und meine Liebe. Weh' mir! Das Opfer, das ich dir gebracht, war umſonſt. Das finſtere Schickſal hat es anders beſchloſſen, ſtatt in das Brautbett mußteſt du in die feuchte Gruft des Meeres ſteigen. So klagte Milton an der Leiche des Freundes, von der er nicht weichen wollte. Erſt am nächſten Tage war er ſo weit gefaßt, um dem Vater King's einen Boten mit der traurigen Nachricht nach Irland zu ſchicken und die nöthigen Vorbereitungen für die vorläufige Beer⸗ digung des Entſchlafenen zu treffen. Hinter dem Sarge ſchwankte der Dichter als einziger Leidtragender. — Fahr' wohl, fahr' wohl! rief er dem Freunde nach. Längſt hatte ſich der Todtengräber entfernt, er aber ſaß noch auf dem friſchgemachten Grabhügel. Es dunkelte bereits und der Wind wehte ſcharf vom Meere, die Wogen brauſ'ten und am Himmel trieb das dunkle, zerriſſene Gewölk, durch welches der bleiche Mond ge⸗ ſpenſtiſch hervorbrach. In ſeiner Verzweiflung bemerkte Milton nicht wie die Stunden vergingen. Ein unausſprechlicher Jammer laſtete auf ihm; er hatte ja Alles hier verloren und in demſelben Grabe ruhte ſein Freud, ſeine Geliebte und die eigene Jugend. Als er ſich von dem Schmerzenshügel endlich erhob, war er zum Manne heran⸗ gereift, ſeine Ideale waren verſunken, ſeine reinſten und heiligſten Gefühle von ihm geſchieden. Er lernte andere Männer und Frauen ſpäter kennen, ſein Dichterherz ſchlug auch für ſie, aber nicht mehr — 218— ſo friſch und urkräftig wie es einſt für King und Alice geſchlagen. Ach, nur einmal erhebt ſich der Menſch auf den Schwingen der Jugend zum Himmel empor, doch gelähmt durch den Blitz des Schickſals oder durch die Hand der vernichtenden Zeit vermag er ſich nie mehr zu jener Höhe aufzuſchwingen. Gebrochen kehrte Milton in das Vaterhaus zurück, auch hier em⸗ pfing ihn neues Unglück. Der Zuſtand ſeiner kränkelnden Mutter hatte ſich in ſeiner Abweſenheit ſo ſehr verſchlimmert, daß das Schlimmſte zu befürchten ſtand. Der treue Sohn wich nicht von ihrem Krankenlager bis ſie in ſeinen Armen entſchlummerte. Es war zu viel, der doppelte Verluſt untergrub ſeine eigene Geſundheit. Nur noch wie ein bleicher Schatten wankte er umher, ſeine Lieblingsbeſchäf⸗ tigungen waren ihm zum Ekel geworden und eine tiefe Melancholie hatte ſich ſeiner Seele bemächtigt. Der beſorgte Vater ließ den tüch⸗ tigen Hausarzt kommen und fragte ihn um ſeinen Rath. Dieſer ſchlug eine längere Reiſe in fremde Länder vor. Anfangs weigerte ſich Milton, ſeinen Vater allein zu laſſen; er drang indeß ſo lange in den Sohn, bis derſelbe ſich fügte. Da ihm die Wahl vollkommen frei geſtellt wurde, ſo entſchied er ſich für Italien. Ehe er jedoch für lange Zeit von England Abſchied nahm, beſuchte er noch einmal die Gräber ſeiner Mutter und des geliebten Freundes. Ihr Andenken begleitete ihn und in lieblichen Verſen beſang er den dahingeſchiedenen King.„Lycidas“ nannte er die ſchönſte Todten⸗ klage, die je ein Dichter ſeinem Freunde gewidmet hat. Wir wohnten Beide auf demſelben Hügel Und weilten bei dem gleichen Quell zuſammen, Dieſelbe Heerde nährt' uns an dem Bach. Eh' noch die Dämm' rung kam, das erſte Blinzeln Des gold'nen Sonnenauges uns erſchien, Da eilten wir zuſammen in's Gefild Und horchten auf das Horn des Morgenwind's, Der nächt'gen Thau von ſeinen Schwingen goß; Oft bis der Abendſtern im Weſten kam Verweilten wir mit fröhlichem Geſang. Doch, ſchmerzliches Geſchick, du gingſt dahin Du gingſt dahin und kehrſt nicht mehr zurück. Ihr Schäfer, Wälder und verborg'ne Höhlen Mit Thymian und wildem Wein umzogen, Du Echo klaget, ſo wie ich, um ihn!— Die Weide und der grüne Haſelbuſch Soll dich nicht mehr erblicken, ſäuſelnd Zu deinem Lied mit leiſem Blätterſpiel.— So tödtlich wie der Wurm der jungen Roſe, Die Seuche für die Lämmerheerde iſt, Der Froſt den Blumen in des Frühlings Schmuck Und wann der Schlehdorn weiß wie Schnee erſcheint; So war dein Tod für jedes Schäfers Ohr: Doch weint nicht mehr, ihr Schäfer, weint nicht mehr! Denn Lycidas, betrauert, iſt nicht todt, Sank er auch in das feuchte Grab hinab.— So ſinkt des Tags Geſtirn zum Ocean Und hebt ſein träufelnd Haupt von Neuem hoch, Hell ſtrahlend und mit friſchem Glanzgefunkel Flammt es im Oſten an des Morgens Stirn. So ſank auch Lycidas nur um zu ſteigen Durch deſſen Macht, der auf den Wellen ging Und auf des Meeres Wogen ſicher ſchreitet. Mit reinem Nektar ſalbt er ſeine Locken Und hört den hochzeitlichen Hochgeſang In jenem Reich, wo ew'ge Luſt und Liebe. Dort wandelt er mit all den Heil'gen droben Im feierlichen Zug und ſel'gem Bunde; Sie ſingen ihm und ſingend jauchzt er mit Und ſeine Thränen trocknen in der Freude. Weint nicht um Lycidas! Er iſt der Geiſt, Der Genius, der an der Küſte weilt Und jedem Wandrer Heil und Rettung bringt.— So ſang ein Jüngling in der Eiche Schatten, — 220— Am Quell, als kaum der Morgenſtern verblich. Die Sonne kam, hell ſtrahl ten alle Hügel Dann ſank ſie wieder in die roſ'ge Bai. Er aber hüllte ſich in ſeinen Mantel, Und ſuchte neue, fremde Länder auf.— — — 0 QA☛ — — S Ao ————— 1. Italien iſt die Zirze unter den Ländern. Die holde Zauberin, welche mit verführeriſchem Lächeln dem nordiſchen Wanderer den Becher der Vergeſſenheit reicht. Die weichen Lüfte ſchmeicheln ſo lang, bis der Gram aus ſeiner Bruſt entweicht, und die gerunzelte Stirn ſich entfaltet. Unter dem blauen, immer klaren Himmel kann der Schmerz ſich nicht behaupten, die Schatten fliehen vor dem goldenen Sonnen⸗ ſchein; ſelbſt die Nacht iſt nicht zur Klage, ſondern zur lauten Luſt gemacht. Auf Ruinen und Gräbern tanzt das leichtbewegte Volk die Tarantella, die Guitarre klingt, das Tamburin erſchallt und die fröh⸗ lichſten Tänzer ſchweben in zierlichem Reigen. Zwiſchen grünen Myr⸗ ten und rothen, lodernden Granatblüthen hat die Liebe ihren Sitz aufgeſchlagen, nicht die kalte, bedächtige Neigung des Nordens, ſondern die glühende, verzehrende Leidenſchaft. Fruchtbeladen neigt ſich die Pomeranze mit ihren goldenen Aepfeln nieder und die Rebe breitet ihre üppigen Blätter aus, unter deren Schatten der glückliche Zecher ſich am feurigen Moſt erfreut. Alles athmet Freude und Genuß, aus jedem Winkel lächelt die Verführung. Schöne Frauen mit dunk⸗ len Locken und brennenden Augen umſchlingen den nordiſchen Bar⸗ baren mit ihren Zaubernetzen; es ſind die Töchter jener Sirenen, welche durch ihren Geſang einſt den Wanderer verlocktettz noch heute erklingt die Sprache des Landes, lieblich wie Muſik, und bewährt den alten Zauber. Nicht roh und verletzend erſcheint die Sinnlichkeit Italiens, ſondern in das Gewand der Schönheit und der Kunſt ge⸗ kleidet; die Religion ſelbſt ſteht in ihrem Dienſt. Die Madonna iſt — 224— nur ein blühendes Weib, eine glückliche Mutter mit dem reizenden Knaben auf dem Arm, ſie lächelt dem Sünder zu und vergiebt dem Schuldigen mit weiblicher Milde. Dieſe Heiligen und Märtyrer ſind trotz ihren Qualen herrliche Männer und Frauen, an deren lieblichen Formen ſich das gebildete Auge des Beſchauers erfreut. Die Kirchen ſtrahlen in bunter Farbenpracht von Gold und Moſaiken; von dem Chore herab ſchallt der herrlichſte Geſang und der Glaube zürnt der Liebe nicht, wenn ſie ſein Heiligthum betritt. In das heiße Gebet miſcht ſich der heiße Seufzer der irdiſchen Leidenſchaft und bei dem Anblick der himmliſchen Jungfrau gedenkt man auch der irdiſchen, die neben dem Beter ſo nahe kniet, daß ihn der Saum ihres Gewandes ſtreift. Unwillkürlich begegnen ſich die Blicke, ſprechen die Augen, wenn der Mund auch ſchweigen muß, Zeichen des Einverſtändniſſes werden gewechſelt und die gefalteten Hände bezeichnen oft genau und nur dem Eingeweihten verſtändlich die ſo verabredete Stunde des Wiederſehens.— In dem Beichtſtuhle kniet die reuige Sünderin und der nachſichtige Prieſter giebt der Reuigen die Abſolution.— Schätze der Kunſt und der Wiſſenſchaft, in Muſeen und Bibliotheken aufge⸗ häuft, geben dem Geiſt Gelegenheit, ſich in die Wunderwelt der Ver⸗ gangenheit zu verſetzen und darüber die Noth des Augenblicks und die Leiden der Gegenwart zu vergeſſen. Der Gelehrte verſenkt ſich in die alten Manuſeripte, in vergilbte Pergamente und aus den räthſel⸗ haften Charakteren, die er entziffert, taucht eine neue Welt empor. Die Weiſen und großen Männer aller Zeiten umgeben ihn und aus ihrer Unterhaltung ſchöpft er Troſt und Beruhigung. Der ganze Olymp ſteigt zu ihm hernieder und er darf mit den Göttern unge⸗ ſtört verkehren, ein Genoſſe der Unſterblichen ſein.— So erging es Milton in Italien. Er hatte England verlaſſen und ſeine Reiſe über Frankreich angetreten. Ein früherer Lehrer und Gönner des Dichters, Sir Henry Wotton, hatte ihn mit den wärm⸗ ſten Empfehlungen an Gelehrte und Staatsmänner des Auslandes verſehen, wozu er noch folgende Lebensregel fügte: il viso scioltoe i pensieri stretti, gehe durch's Leben, das Antlitz offen und die Ge⸗ danken verbergend.— Von Ungeduld und Sehnſucht getrieben, eilte Milton zunächſt nach Paris, wo er nur kurze Zeit verweilte. Er liebte weder das Land, noch den allgewaltigen Miniſter Richelieu, der — 225— damals Frankreich beherrſchte. Deſto freudiger ergriff er die Gelegen⸗ heit, durch Vermittlung des engliſchen Geſandten, Lord Skudamore, die Bekanntſchaft des berühmten Hugo Grotius zu machen, der als Geſandter der Königin Chriſtine von Schweden am franzöſiſchen Hofe verweilte, nachdem ihn ſein undankbares Vaterland verſtoßen hatte. Der ausgezeichnete Gelehrte und Staatsmann empfing den ihm ſo warm empfohlenen Dichter mit der größten Freundlichkeit. Bald er⸗ kannte er das hervorragende Talent deſſelben und ſchon nach einer kurzen Unterredung war ihm Milton kein Fremder mehr. — Ihr thut wohl daran, ſagte Grotius, Italien zu ſehen und noch beſſer würdet Ihr thun, auch auf Griechenland Eure Reiſe aus⸗ zudehnen. O, wie beneide ich Euch, daß Ihr in ſüßer Muße auf klaſſiſchem, geheiligtem Boden wandeln dürft, während mich leider hier die dringenden Geſchäfte und Verhandlungen für meine gnädige Kö⸗ nigin feſthalten. — Wer kann das mehr bedauern, als ich, erwiederte Milton, denn in Eurer Geſellſchaft würde mir erſt das richtige Verſtändniß für die Herrlichkeiten aufgehen, die mir ein günſtiges Geſchick zu ſehen vergönnt. Welche neuen und großen Eindrücke würde ich und die Welt durch Euch empfangen, der Ihr ſo tief in den Geiſt des Alterthums eingedrungen ſeid, daß ſich kein Zweiter Euch zur Seite ſtellen darf. Mit Recht betrauert die gelehrte Welt, daß Ihr durch die Politik der Wiſſenſchaft entzogen werdet, aber noch mehr würde die Staatskunſt und Europa trauern, wenn die gelehrte Welt Euch als ihr ausſchließ⸗ liches Eigenthum beanſpruchen wollte. Ihr aber beweist durch Eure Thätigkeit und Stellung mir recht klar, daß Wiſſenſchaft und Poeſie mit dem praktiſchen Leben einträchtig Hand in Hand gehen können und daß man zugleich Dichter und Politiker ſein kann, indem Ihr die ſcheinbar widerſtrebenden Elemente in Euch vereint und Bürger zweier Welten, der Erde und des Himmels ſeid. — Ihr thut mir zu viel Ehre an und wenn nicht Euer offenes Geſicht und Euer männliches Weſen dem widerſpräche„ ſo könnte ich leicht geneigt ſein, Euch für einen gewöhnlichen Schmeichler zu halten. Das Schickſal hat mich zeitig in die Schule des Lebens geführt. Ich war kaum dem Knabenalter entwachſen, als ich mit dem juriſtiſchen Doctorhute gekrönt wurde. Fünfzehn Jahre alt, wurde mir dieſe D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 15 — 226— Ehre und die noch größere zu Theil, daß mich mein väterlicher Freund und Gönner, der edle Barneveldt, nach Paris und an den Hof Hein⸗ rich des Vierten mitnahm, wo er die Stelle eines Geſandten der holländiſchen Republik bekleidete. Der große König fand an meiner frühreifen Entwicklung ſein Wohlgefallen und ich verdanke ihm manche Auszeichnung, die er mir gütig zu Theil werden ließ. Weit höher jedoch veranſchlage ich den Einfluß, den ſeine erhabene Perſönlichkeit auf Jeden ausüben mußte, der, wie ich, das Glück hatte, ihm näher zu ſtehen. Sein Lob iſt in dem Munde aller Welt und ſein Anden⸗ ken wird ſo lange leben, wie das franzöſiſche Volk. Das aber iſt die herrlichſte Eigenſchaft großer Männer, daß ſie der Sonne gleichen, an deren Licht ſich tauſend und abertauſend kleine Sterne entzünden, welche dann noch leuchten, wenn jene längſt untergegangen iſt und die Nacht erhellen, die ihr Scheiden zurückläßt.— Durch den berühmten König lernte ich eine andere Politik kennen, als jene, welche dem be⸗ kannten Florentiner Machiavelli ihre Entſtehung verdankt und die leider von den meiſten Fürſten mit mehr oder minder Glück und Ge⸗ ſchick jetzt gehandhabt wird. Mir wurde zum erſten Male klar, daß ein Herrſcher keine andere Aufgabe hat, als das Wohlſein und die Sicherheit ſeines Volkes zunächſt und dann des ganzen menſchlichen Geſchlechts zu erzielen. Zu früh endete der Tod das Leben dieſes erhabenen Königs und begrub ſeine mächtigen Pläne, die er zum Theil mir, dem ſtaunenden Jünglinge, mittheilte oder wenigſtens ahnen ließ. Nach ſeinem Tode kehrte ich nach Holland zurück, wo ich in ſeinem Sinne zu leben und zu wirken mich beſtrebte. In dem Kampfe zweier ſich gegenüberſtehender Parteien, welche ſich mit Erbitterung angriffen, wählte ich die meines Freundes Barneveldt, weil ich Recht und Freiheit auf ſeiner Seite fand. Der alte Mann bezahlte ſein Streben mit dem Tode, er wurde unter dem Jubel des verblendeten Volkes enthauptet; mich traf lebenslängliche Gefangenſchaft, die ich auf dem Schloſſe Löwenſtein verbüßte. Die That meiner trefflichen Gattin wird Euch bekannt ſein. Sie rettete mich durch eine verwe⸗ gene Liſt. Mittelſt einer Kiſte, in der ſie mir die mir geſtatteten Bücher ſchickte, wußte ſie mich zu befreieu, mit Gefahr ihres eigenen Lebens.— Ich wandte mich zunächſt nach Frankreich, wo König Ludwig, vielleicht eingedenk der Freundſchaft, welche mir ſein, großer — 227— Vater einſt erwieſen, oder um meiner anderweitigen, geringen Ver⸗ dienſte willen, mir eine Penſion von dreitauſend Livres bewilligte; doch nur kurze Zeit dauerte dieſe Gnade. Kardinal Richelieu, der allmächtige Miniſter, dem ich nicht zu ſchmeicheln verſtand, entzog mir den verliehenen Gnadengehalt und von Neuem ſah ich mich dem Elend, ſelbſt dem Mangel Preis gegeben. Aus meinem Vaterlande verbannt, irrte ich mit meiner armen Familie unſtätt umher, bis ich nach der reichen, deutſchen Handelsſtadt Hamburg kam. Hier lernte ich den einflußreichen und weiſen Kanzler Orenſtierna kennen, der mir im Namen ſeiner Königin, der hochgebildeten Chriſtine von Schweden, welche ſelbſt ein Wunder an Gelehrſamkeit der Wiſſenſchaft jede mögliche Pflege angedeihen läßt, mir den nöthigen Schutz zuſagte und mich in ihre Dienſte nahm. — Wahrlich, das Schickſal hat Euch wunderbar geführt und trotz mancher Drangſale vor Vielen begünſtigt. Euch ward das ſeltene Glück zu Theil, mit den größten Männern und Frauen unſerer Zeit zu verkehren. Ihr durftet zu den Füßen eines großen Königs ſitzen, der Euch mit ſeinen weitausgreifenden Plänen bekannt gemacht hat, einen Mann wie Oxenſtierna Euren Freund nennen, den die Welt als den größten Politiker Europas anerkennt, und außerdem in Ge⸗ ſellſchaft einer Fürſtin leben, die ihren Hof in ein Aſyl der bedeu⸗ tendſten und ausgezeichnetſten Gelehrten verwandelt hat. Ein ſeltſames Lächeln umſchwebte bei dieſem Ausbruche jugend⸗ licher Schwärmerei und Begeiſterung den fein geformten Mund des gelehrten Staatsmannes. Seine angeborene Humanität und Feinheit ließ ihn jedoch die aufſteigende Spottluſt unterdrücken, die ihn beſon⸗ ders bei dem reich geſpendeten Lobe der launenhaften Königin von Schweden überfiel. — Dennoch, ſagte Grotius, wieder ernſt werdend„ möchte ich mit Euch, mein junger Freund, von Herzen gern tauſchen und mich, wie Ihr es dürft, einzig und allein dem Studium der Wiſſenſchaft und der Geſellſchaft der holden Mußen überlaſſen. Ihr dürft meiner Er⸗ fahrung Glauben ſchenken, nur der wahre Dichter oder der Gelehrte, die in einer abgeſchloſſenen Welt voll Träumen und Gedanken leben, ſind vollkommen glücklich. Sie bewahren ſich ſelbſt jene Unſchuld des Herzens und des Geiſtes, welche die Berührung mit der wirklichen Welt dem . 15*† — 228— Politiker rauben muß. Uns geht es, wie den Schauſpielern, die hinter den Couliſſen ſtehen und den Lampendunſt, die Schminke und die plumpen Malereien kennen, mit denen die ſchauluſtige Menge ge⸗ täuſcht und betrogen wird. Da verwandeln ſich die ſchönen Geſichter in häßliche Fratzen, die prachtvollen Gewänder in zerriſſene Lumpen und die herrlichen Landſchaften in grobe Leinwand, mit dem Mauer⸗ pinſel angeſtrichen. Immer fällt mir von Neuem dabei das Wort des großen Oxenſtierna ein, mit dem er ſeinen Sohn in die Welt entließ und in das Leben einführte: Geh' hin, mein Sohn und ſieh, von welchen Leuten die Welt regiert wird.— Doch ich will Euch nicht das Herz beſchweren vor der Zeit. Nehmt aber meinen Rath an, genießt die frohe Jugendzeit und vor allen Dingen geht nach Griechenland. — Ich werde um ſo mehr Euren Rath befolgen, da ich ſchon längſt den gleichen Wunſch empfand, das Land zu ſehen, dem wir unſere ganze heutige Bildung verdanken, den Boden zu betreten, auf dem ein Miltiades gegen die Tyrannei Aſiens den Rieſenkampf auf⸗ nahm, ein Leonidas ſich muthig opferte, ein Sokrates lebte und ſtarb wie der beſte Chriſt, ein Plato lehrte und ein Pindar ſang. Was ich ſelber geworden bin, verdanke ich allein nur den erhabenen Bei⸗ ſpielen und Lehren, welche uns dieſes einzig daſtehende Volk hinter⸗ laſſen hat. Hätte ich doch jene kraftvolle Beredtſamkeit eines De⸗ moſthenes geerbt, ich würde jetzt meine Stimme erheben und ganz Europa, vor allen aber mein eigenes Vaterland aufrufen, daß es Griechenland, die Wiege der Kunſt und Poeſie, den urſprünglichen Sitz der Beredſamkeit, von dem Joche der grauſamen Türken befreie. Iſt es nicht eine Schmach für die ganze gebildete Welt, daß die Söhne jener Helden die Sklaven eines barbariſchen Volkes ſein, daß Chriſten die Ketten der Ungläubigen ſchleppen müſſen? — Auch ich theile Eure fromme Wünſche, entgegnete der gelehrte Staatsmann, doch will es mir auch bedünken, daß es den heutigen Griechen wie meiſt den Erben eines großen Namens geht. Sie gleichen ihren Vorfahren, wie die Katze dem Löwe ähnlich ſieht. Nach dem, was ich von ihnen geſehen und gehört habe, wäre ich geneigt, ſie für nicht minder barbariſch und ungebildet als ihre Tyrannen zu halten. Außerdem haben ſie alle Laſter eines in Sklaverei und Un⸗ — 229— terdrückung lebenden Volkes angenommen, ſie ſind hartnäckig, hinter⸗ liſtig und feig. — Ich kann es nicht glauben, daß jeder göttliche Funke in ihnen erloſchen iſt. Ich ſelber kenne einige treffliche Männer dieſer Nation, welche mich nicht an der Wiedergeburt Griechenlands verzweifeln laſſen. — Mögen Eure Hoffnungen in Erfüllung gehen. Ich begreife vollkommen, daß ein Dichter ſich für das Vaterland der Poeſie ſelbſt in ſeinem jetzigen Verfalle noch begeiſtern kann. Doch vergeßt nicht über die todte Vergangenheit das Leben und die Gegenwart. Auch unſere Zeit iſt nicht arm an großen Männern auf dem Gebiete der Wiſſenſchaft. An einen dieſer Heroen, der noch dazu mit der Mar⸗ tyrerkrone des Genies gekrönt iſt, möchte ich Euch weiſen. Euer Weg wird Euch auch nach Florenz führen; verſäumt es nicht in dem benachbarten Arcetri den berühmten Galilei aufzuſuchen, der die Rechte der Natur einer verkehrten Philoſophie gegenüber geltend zu machen wußte und zum Dank dafür von der Inquiſition die härteſten Ver⸗ folgungen zu dulden hatte. Laßt Euch um ſo mehr zu dem Beſuche anſpornen, da der alte Mann, welcher ſo große Verdienſte um das Univerſum hat, durch Krankheit und noch mehr durch quälenden Kum⸗ mer abgezehrt, uns nur wenig Hoffnung giebt, daß ſein Leben noch von langer Dauer ſein werde; darum erfordert die Klugheit, die Zeit ſorg⸗ fältig zu benutzen, wo wir noch den Unterricht eines ſo großen Lehrers genießen können.— Der berühmte Greis wird Euch gewiß freundlich aufnehmen, wenn Ihr ihm einen Gruß von mir, ſeinem bekannten Verehrer bringt. Milton dankte für dieſe neue Empfehlung und verſprach, nicht die Gelegenheit zu verſäumen, welche ihm hier geboten wurde, um einen der bedeutendſten Männer ſeines Jahrhunderts kennen zu lernen. Auch Grotius, der immer mehr Gefallen an dem viel verſprechenden Jüngling fand, forderte denſelben während ſeines kurzen Aufenthaltes in Paris zu wiederholten Beſuchen auf. Durch dieſen Umgang mit einem der bedeutendſten Staatsmänner ſeiner Zeil, lernte der Dichter nicht nur die politiſche Lage Europa's kennen, ſondern auch das innerſte Ge⸗ triebe der damaligen Parteien und der ſich gegenüberſtehenden Inter⸗ eſſen. Sein Blick erweiterte ſich und die Unterhaltung mit Grotius legte gewiß mit den Grund zu ſeinen ſpäteren Anſichten. Oft berührte — 230— ihr lebendiges Geſpräch die wichtigſten Fragen des Völkerlebens und der Regierungskunſt. Die freiere Forſchung, welche auf dem religiöſen Gebiete und in Glaubensſachen damals allgemein verbreitet war, er⸗ ſtreckte ſich auch auf die Politik. Aus dem dumpfen Traumleben des Mittelalters einmal erwacht, rüttelte der Menſchengeiſt mit jugend⸗ licher Kraft an den Schranken, wo ſie ihm auch immer gegenübertreten mochten. Die wiedererſtandene Wiſſenſchaft griff, nachdem ſie die Wälle des Glaubenszwanges überſtiegen, das Bollwerk der Tyrannei ſelber an, und übte ihr kritiſches Talent an allen beſtehenden Ver⸗ hältniſſen. Durch die Reformation war ein allgemeiner Gährungsſtoff in die Welt gekommen, die nach einer neuen Geſtaltung rang. Nach⸗ dem einmal die Autorität des Papſtes und der Glaube an ſeine Un⸗ fehlbarkeit angegriffen und erſchüttert war, drohte dem abſoluten Kö⸗ nigthum auch Gefahr. Die Fürſten ſelbſt öffneten in ihrer Verblen⸗ dung dem Feinde das Thor„durch welches früher oder ſpäter der Strom der Revolution über ſie hereinbrechen mußte. Sie hatten meiſt aus eigennützigen Gründen der Reformation jeden möglichen Vorſchub geleiſtet, und das Band, welches die Völker an Rom feſſelte, gelockert, um ſich der Schätze und Güter der Geiſtlichkeit zu bemächtigen, oder die geiſtliche Gewalt des Papſtes mit ihrer irdiſchen Macht zu vereini⸗ gen. In Frankreich beſonders führte das Königthum einen erbitterten Verzweiflungskampf gegen den feudalen Adel und die Großen des Landes. Das Ziel war die unbeſchränkte Souverainetät, aber indem es die natürlichen Stützen ſeines Thrones, die Geiſtlichkeit und den Adel ſtürzte und zu bloßen Dienern des Hofes erniedrigte, gab es ſich ſelbſt den ſpäteren Angriffen ſeiner Feinde ſchutzlos Preis. All dieſe Verhältniſſe entwickelte Grotius mit bewunderungswür⸗ diger Klarheit ſeinem nach Belehrung dürſtenden Schüler. 1 — Wir ſtehen, ſagte er am Schluſſe ſeiner Rede, an einem neuen und großen Wendepunkte der Geſchichte. Die alte Welt iſt todt und geht in Fäulniß über, aber ein neues Leben entwickelt ſich ſichtbar vor unſeren Augen. Das kann nicht ohne einen mächtigen Kampf geſche⸗ hen; der Geburt gehen immer erſt die ſchmerzenhaften Wehen voran. Der endliche Sieg aber muß dem Geiſt verbleiben, der ſich aller Orten regt und zeigt. Dieſer Geiſt iſt der Geiſt der Freiheit, der Odem Gottes, der mit ſeinem friſchen Hauche die Welt — 231— durchzieht. Wohl thürmen ſich ihm die ſchwarzen Wolken der Ty⸗ rannei, die Nebel des Aberglaubens und alle Schatten der Nacht entgegen, aber er wird ihrer Herr werden und ſie verwehen. Das Licht, welches einmal den Völkern aufgegangen, kann nicht mehr erlöſchen. — Dieſe Wohlthat haben wir einzig und allein der Wiſſenſchaft und ihren Erfindungen zu verdanken. Wahrlich, es iſt erſtaunenswerth, was die Menſchheit in den letzten Jahrhunderten geleiſtet hat, und wir brauchen nicht mehr beſchämt vor den Völkern des Alterthums zu ſtehen. Die Buchdruckerkunſt vor Allem hat dem Geiſte Flügel verliehen, daß er von einem Ende des Erdballs bis zum andern fliegt. Das Wort hat durch ſie ein ferntönendes, tauſendfaches Echo erhalten, das in allen Herzen wiederklingt. Die Werke griechiſcher und römiſcher Weisheit und vor Allem die heilige Schrift, ſind aus dem Moder und Staube, in welchem ſie Jahrhunderte gelegen, auferſtanden und das Gemeingut Aller geworden. Nicht die rohe Kraft, ſondern Bildung und Kenntniſſe beherrſchen jetzt die Welt. Es giebt nicht Laien und Prieſter mehr, wir Alle ſind ein Volk von Prieſtern geworden, wie die Bibel es verkündet hat. So, von ihren Feſſeln befreit, wird die Wiſſenſchaft zum heiligen Geiſt, der ſich über die Nationen ergießt. Auch Ihr, mein junger Freund, ſeid, wenn mich nicht Alles trügt, zu dieſem heiligen Amt berufen und ſo empfangt denn von mir den Bruderkuß, als ein Glied unſerer großen Gelehrtenrepublik, welche die erleuchteten Geiſter der ganzen Welt zu einem heiligen und mächtigen Bund vereint 2. So vorbereitet auf ſeine künftige Laufbahn nahm Milton von dem berühmten Staatsmann einen feierlichen Abſchied, um ſich auf dem nächſten Wege nach Italien zu begeben. Bald hatte er die Alpen überſchritten und nach kurzer und glücklicher Reiſe langte er wohlbe⸗ halten in Florenz an. Der Eindruck, den er hier empfing, war über⸗ wältigend. Zwar die Glanzperiode der erſten Medizäer war ver⸗ blichen, aber ein Nachhall jener für Kunſt und Wiſſenſchaft ſo bedeu⸗ tenden Tage noch zurückgeblieben. Mit entzückten Blicken eilte der — 232— Dichter durch die Straßen der ſchönen Stadt. An die Brücke des Arno gelehnt, verfolgte er den Lauf des Fluſſes, der wie ein ſilberner Pfeil dahinſchießt, von beiden Seiten mit herrlichen Gebäuden und Paläſten gekrönt, deren Bauart alles Edle, Wahre und Gediegene eines männlichen Styls athmete. Dieſe, Kaſtellen ähnliche Schlöſſer, Zeugen eines kühnen, republikaniſchen Geiſtes, ſteinerne Denkmäler erſchütternder Parteikämpfe ſpiegelten ſich in den Wellen des dahin⸗ gleitenden Stromes mit ihren ſtolzen Zinnen und wallartigen Mauern ab. Der Geiſt der Republik mit ſeinem trotzigen Bügerſinn ſchien noch immer geharniſcht vor den geſchloſſenen Portalen Wache zu ſtehen und auf das Zeichen zum blutigen Kampfe zu harren. Aber weit mehr noch als dieſe hiſtoriſche Erinnerungen feſſelten Milton die aufge⸗ häuften Schätze der Kunſt und Wiſſenſchaft. Täglich und ſtündlich verweilte er in den Gallerien und Bibliotheken, bald in einem alten Manuſeripte blätternd, bald eine antike Statue, ein Gemälde von Tizians Meiſterhand bewundernd. Eine neue Welt, die Welt der Kunſt erſchloß ſich ihm, und das empfängliche Gemüth des Dichters erhielt hier die erſten unauslöſchlichen Eindrücke einer nie geahnten Schönheit. Sein krankes Herz begann allmälig wieder zu geneſen und die düſtere Melancholie wich den mannigfachen bald heitern, bald erhabenen Empfindungen, welche Florenz mit ſeinen Denkmälern und ſeiner reizenden Umgebung in ihm erweckte. Auch an geſelligem Umgang ſollte es ihm nicht fehlen. Er hatte in Genf einen jungen, dort lebenden Gelehrten, Namens Diodati, kennen gelernt, der ihn mit Empfehlungsbriefen an Freunde und Ver⸗ wandte in Florenz verſah. Milton fand bei dieſen eine überaus freundliche Aufnahme und verdankte ihnen die Bekanntſchaft mit den angeſehenſten und bedeutendſten Familien in der Stadt.— Es herrſchte in Florenz ein reger Sinn für Wiſſenſchaft und Kunſt, die Vaterſtadt Dantes', Boccacio's und Machiavellys zählte noch immer eine Reihe ausgezeichneter Männer in ihren Mauern und Bildung wurde von Allen hoch geſchätzt. Die vornehmſten und reichſten Familien ſetzten ihren Stolz darein, Künſtler und Gelehrte zu beſchützen und bei ſich zu ſehen. Ihre Häuſer, Villen und Gärten waren der Sammelplatz der fremden und einheimiſchen Talente, hier wurde muſicirt, über Kunſt geſprochen, geiſtreiche Abhandlungen und Gedichte vorgetragen — — 23³3— und ſelbſt mit vielen Koſten ein Theater aufgeſchlagen, auf welchem Liebhaber ein altes Luſtſpiel von Terenz, oder ein neueres drama⸗ tiſches Product wie den pastor fido von Guarini oder die ausge⸗ laſſene Madragora von Machiavelli aufführten. Auch die Frauen nahmen an dieſen und ähnlichen Unterhaltungen Theil, wobei ſie an Kenntniſſen und ſelbſt an Gelehrſamkeit häufig den Männern in keiner Weiſe nachſtanden. 3 Der Mittelpunkt für all dieſe Beſtrebungen bildeten die nach Plato's Vorbild geſtifteten und benannten Akademieen, welche in kei⸗ ner größeren Stadt Italiens fehlen durften, und den bedeutendſten Einfluß auf die Bildung und öffentliche Meinung der Nation aus⸗ übten. In dieſen Verſammlungen fanden die poetiſchen und wiſſen⸗ ſchaftlichen Wettkämpfe ſtatt„ Dichter und Gelehrte laſen ihre Werke und Abhandlungen vor einem auserwählten Publikum vor, das dar⸗ über mit Geiſt und Scharfſinn aburtheilte und den Sieger mit dem Lorbeerkranze krönte. So trat eine lebendige Wechſelwirkung und Theilnahme an allen geiſtigen Bewegungen hervor, wie ſie in unſeren Tagen nirgends mehr gefunden wird, wo der todte Buchſtabe das ge⸗ ſprochene Wort längſt verdrängt hat.— Allerdings trugen die Akade⸗ mieen ein gewiſſes theatraliſches Gepränge zur Schau und litten oft an einer faſt ſpieleriſchen Nachahmung der antiken Formen mit ſtei⸗ fer Pedanterie verbunden„aber die Vortheile überwogen entſchieden die gerügten Mängel. In eine ſolche Akademie wurde Milton von ſeinen italieniſchen Freunden eingeführt und aufgefordert„einige ſeiner lateiniſchen Ge⸗ dichte vorzuleſen. Die abgelegten Proben ſeines Talents erhielten einen weit über ſeine Erwartung gehenden Beifall; ſelbſt ſchriftliche Lobſprüche, mit welchen Italiener gegen die Bewohner diesſeits der Alpen nicht eben beſonders freigebig zu ſein pflegen, wurden ihm von allen Seiten zu Theil. Dieſer kaum gehoffte Erfolg machte indeß den Dichter keineswegs eitel. Er fand nur einen neuen Sporn darin, Beſſeres zu ſchaffen, indem er weit ſtrenger über ſeine Leiſtungen ur⸗ theilte, als ſeine entzückten Zuhörer. Vor allen Dingen aber kam er zu der Erkenntniß, daß der wahre Dichter ſich nicht einer fremden, ſondern der eigenen Mutterſprache bedienen müßte. Immer mehr be⸗ feſtigte er ſich in dem Entſchluſſe, einſt ein würdiges Werk in dieſer 4 ———— — 234— zu ſchreiben, und die künſtlichen, lateiniſchen Formen, in denen er ſich meiſt bisher bewegt hatte, für immer zu verlaſſen. So verlebte der Dichter in angenehmſten Verhältniſſen die Tage in Florenz, geehrt und geſucht von den beſten Kreiſen, die ſich ihm gaſtfreundſchaftlich öffneten. Wieder wandte er ſich dem heiteren Le⸗ bensgenuſſe zu, und die traurigen Erinnerungen der jüngſten Ver⸗ gangenheit verblichen nach und nach. Er fand von Neuem Wohlge⸗ fallen an einer geiſtreichen und feinen Geſelligkeit, wie ſie ihm hier geboten wurde. Zuweilen machte er auch Ausflüge in die benachbarte Umgebung, wo die reizende Natur ſeine Heilung vollendete. Ein ſeiner nächſten Beſuche galt dem Städtchen Arcetri, wo der berühmte Galilei in einer Art von gezwungener Verbannung lebte. Zwiſchen Weinbergen und fruchtbaren Oelbäumen erſtieg Milton den Hügel, auf welchem das beſcheidene Häuschen des größten und unglücklichſten Naturforſchers ſtand- Auf dem höchſten Punkt angelangt, ruhte der Dichter noch einmal aus, und warf einen Blick auf das herrliche Thal zu ſeinen Füßen. Da lag die Stadt mit ihren Thürmen, Pa⸗ läſten und Brücken im goldenen Sonnenſchein ſo klar und duftig, daß man ſie zu greifen meinte; wie ein ſilbernes Band ſchlängelte ſich der Arno durch das fruchtbare Gefild, ein Bild des Wohlſtandes und des geſegneten Fleißes; üppige Wieſen, ſchwellende Hügel mit Reben und Oelbäumen bepflanzt, von weißen Landhäuſern bedeckt, begleite⸗ ten den Strom auf ſeinem irrenden Lauf. Einem großen Garten glich das ganze Land, das ſich unendlich weit vor dem Auge des Be⸗ ſchauers ausdehnte, bis die zackigen Berge Carraras den trunkenen Blicken Halt geboten. In den Anblick dieſer herrlichen Natur verſenkt, bemerkte Milton einen Greis, der in ſeiner Nähe auf einer Marmorbank ſich nieder⸗ gelaſſen hatte, und neben dem eine Nonne mit wallendem Schleier ſtand. Erſt im Umwenden wurde er die beiden Geſtalten gewahr, die ſogleich ſeine Aufmerkſamkeit im höchſten Grade in Anſpruch, nahmen. Der alte Mann zeigte das ehrwürdigſte Antlitz, das der Dichter je in ſeinem Leben geſehen zu haben glaubte; die erhabene Stirn, welche den tiefen Denker verrieth, und der gewölbte Scheitel waren mit ſil⸗ berweißen Locken geziert; ein Bart von gleicher Farbe, der faſt bis zur Bruſt herniederfiel, umgab die abgezehrten, bleichen Wangen. ————— 2 ᷣ— — 235— Doch den rührendſten Eindruck machten die dunklen Augen, deren Licht erloſchen war. Glanzlos und unbeweglich ſtarrten ſie in die ewige Nacht der unheilbaren Blindheit. Zu dem unglücklichen Greis beugte ſich die ſchlanke Nonne hernieder, über ihr zartes, kränkelndes Geſicht ſchwebte die doppelle Verklärung der Religion und Kindesliebe. — Laſſ' uns gehen, ſagte der alte Mann, indem er ſich auf den Arm der Tochter geſtützt erhob. Du wirſt in dein Kloſter zurückkehren müſſen, denn, wenn ich nicht irre, muß es bald Abend ſein. Ich fühle es an dem kühlen Winde„der aus dem Thale emporſteigt. Es war ein ſchöner Tag heute, und die Nacht wird hell und klar in ihrer Sternenpracht erſcheinen. O, die Sterne vermiſſe ich am mei⸗ ſten, weit mehr als die Sonne. Dürfte ich nur noch einmal mich an ihrem prächtigen Anblick freuen, und von meinem Obſervatorium ihren herrlichen Anblick bewundern. — Armer Vater! flüſterte die Nonne mit klagender Stimme. — Bedauere mich nicht. Ich fühle es an der Abnahme meiner Kräfte, daß der Tag] nicht mehr fern ſein kann, wo ich mitten unter meinen Sternen wandeln darf. Dann werden mir die ewigen Geſetze ihres Wandelns, die ich von meinem irdiſchen Stand⸗ punkte nur geahnt, klar und offenbar werden. In meinen Träumen, die mir einen Vorgeſchmack der künftigen Seligkeit geben, ſehe ich die großen, goldenen Welten, wie ſie im heiligen Reigen um die ſtrah⸗ lende Sonne ſchweben. Die holde Venus, der glühende Mars und der erhabene Jupiter ſchaaren ſich wie Kinder um die Mutter, von der ſie das Leben empfangen, und auch dieſer Erdball dreht ſich in harmoniſchen Rhythmen mit. Nein! ich habe mich nicht getäuſcht, die Wiſſenſchaft lügt nicht. Gott ſelbſt hat mit leuchtender Sternenſchrift die Wahrheit an ſein Firmament geſchrieben, und er wird mir in ſeiner Barmherzigkeit ein milderer und weiſerer Richter ſein, als ſeine Inquiſition, die mich zum Widerrufe zwingt. — Beruhige dich, mein Vater! flehte die fromme Tochter, wir müſſen der Kirche gehorchen und uns fügen in ihr Gebot. — Der Kirche wohl, aber nicht der Inquiſition. Ich bin ein ſo gut katholiſcher Chriſt, wie irgend ein Mann in Italien, auch glaube ich, daß ſich Gott in der heiligen Schrift ebenſo, wie in der Natur, geoffenbart hat; die Welt iſt demnach das Werk, die — 236— Schrift das Wort desſelben Gottes, aber das Wort, in menſchlicher Sprache ausgedrückt, wird ſo vieldeutig, daß es an hundert Stellen Ausſprüche bringt, die, nach dem einfachen Wortſinne genommen, nicht nur Ketzereien, ſondern ſchwere Läſterungen enthalten würden, indem ſie Gott ſelbſt des Zornes, der Reue, der Vergeßlichkeit und der Rache fähig darſtellen; die Natur dagegen, die Dienerin Gottes, iſt ewig unveränderlich, durch menſchliche Wünſche und Anſchauungen nicht zu verrücken; in Betreff der Bewegungen, Geſtalt und Anordnung der Theile behält das Weltall immer denſelben Gang und dieſelbe Form. Der Mond wird und muß ſtets ſphäriſch bleiben, obgleich das gewöhn⸗ liche Volk ihn lange Zeit für eine flache Scheibe hielt. Die Natur läßt ſich nicht wie das Wort deuten und menſchlicher Anſicht und Glauben gemäß ummodeln. Darum habe ich ſie zu meiner Führerin erwählt, und ihre heiligen Geſetze und Lehren mich aufzufinden be⸗ müht. Sie war meine Bibel, in der ich bei Tag und Nacht ohne Ermüdung las. Und das ſollte Ketzerei ſein, daß ich den Schöpfer aus ſeinen Werken zu erkennen verſuchte? O, das ſchmerzt, aber weit ſchmerzlicher iſt mir der eigene Widerruf, dieſer Abfall von der Wahrheit. — Du haſt ihn gethan auf das Zureden deiner Kinder, deiner Freunde und des Fürſten ſelbſt, der dich ſo lang beſchützte, als es irgend möglich war. — Und dennoch hätte ich nicht nachgeben ſollen, denn die Wahrheit muß und ſoll uns höher ſtehen, als Weib und Kind, als die ganze Welt. Haben die heiligen Märtyrer ihren Glauben je verleugnet und ſich vor den falſchen Göttern ihrer Peiniger gebeugt? Lieber litten ſie die grauſamſten Qualen und den Tod. O! ich mußte thun, wie ſie gethan; daß mir der Muth dazu gefehlt, iſt jetzt mein ſchwerſtes Leid. Die Natur, die ich abgeſchworen, hat ſich aber für mein Vergehen furchtbar gerächt. Sie nahm mir das Augenlicht, damit ich ihre er⸗ habenen Schönheiten nicht mehr ſehen und bewundern darf. Das iſt die gerechte Strafe für meinen Abfall von ihr. Die fromme Tochter antwortete nicht, nur eine heiße Thräne fiel auf die Hand des Vaters. — Weine nicht, ſagte der würdige Greis mit vor Rührung zit⸗ ternder Stimme. Dieſe irdiſche Blindheit kann nicht mehr lange dauern, —yy.— — 237— bald werde ich ſehen, was kein irdiſches Auge je erſchaut. Schon dringen die Strahlen einer höheren Sonne in die dunkle Nacht mei⸗ nes Daſeins, und ein Abglanz des ewigen Lichts erfüllt meine Seele. Oft iſt es mir, als ſäße ich auf einem hohen Thurm von reineren Lüften angeweht, mit einem Fernglas in der Hand, das unendlich ſchärfer und vollkommener iſt, wie meine bisherigen Inſtrumente; vor meinen Blicken zieht die Milchſtraße vorüber, die dem bloßen Auge nur als ein feiner, ſilberner Nebel jetzt erſcheint; mir aber verwan⸗ delt ſie ſich in ein Meer von Licht, erfüllt von einem Gewimmel neuer leuchtender Sonnen, umtanzt von Planeten und Monden, größer und ſchöner als all die bisher entdeckten. Kreis an Kreis, Ring an Ring ſchlingt ſich fort bis zu dem Thron des Ewigen, der hinter jenem feurigen Glanz ſich verbirgt, und deſſen Antlitz allein die Se⸗ ligen ſchauen. Auch ich hoffe ihn mitten in ſeiner herrlichen Ster⸗ nenwelt zu ſehen. Unter einem vorſtehenden Baum verborgen, hatte der lauſchende Milton das Geſpräch mit angehört, welches er nicht zu unterbrechen wagte. Er konnte nicht länger zweifeln, daß jener unglückliche Greis der berühmte Galilei war, an den ihn Grotius empfohlen. Da ſich der Blinde jetzt anſchickte, in ſein Haus zu treten, ſo eilte auch der Dichter, ihm zu folgen und ihn anzureden. An der Schwelle holte er ihn ein. — Irre ich nicht, ſagte Milton, ſo begrüße ich in Euch den be⸗ rühmten Galilei, dem ich von einem ſeiner vielen Verehrer und Be⸗ wunderer, Hugo Grotius, einen Gruß und dieſes Schreiben bringe. — Tretet ein, entgegnete der Greis, damit meine Tochter mir den Brief des trefflichen Mannes vorlieſ't. Milton folgte der Einladung und wurde in ein beſcheidenes Zim⸗ mer geführt, welches mit Büchern und verſtaubten Inſtrumenten an⸗ gefüllt war. Die Nonne, welche vor dem unbekannten Manne ſich ſogleich verſchleiert hatte„ſchlug den Schleier wieder zurück und las mit ſchüchterner Stimme die Empfehlung und das Lob„ das dem ta⸗ lentvollen Jüngling reichlich geſpendet wurde. Ihr zartes, ätheriſches Geſicht färbte ſich dabei mit einem roſigen Hauch, und trotz ihrer Frömmigkeit ließ ſie unwillkürlich ihren ſanften Blick von den Zeilen ——ÿ—— — 238— des Briefes auf die ſchlanke, zierliche Geſtalt des Gaſtes herüber⸗ ſchweifen. Als ſich dabei zufällig ihre Blicke mit dem ſeinigen begeg⸗ neten, vermochte ſie kaum ihre Verlegenheit zu verbergen, und ſie entfernte ſich auf kurze Zeit unter dem Vorwande, für das Abend⸗ brod zu ſorgen. Das anfängliche Mißtrauen, womit der blinde und von Spähern umringte Galilei jeden betrachten mußte, wich ſchon nach wenigen Worten einem herzlicheren Einverſtändniß. Beide Männer hatten und fanden ſo viele Berührungspunkte, denn auch der große Naturforſcher war ein Freund der Poeſie und der Muſik. Je länger Milton verweilte, deſto zutraulicher wurde der liebens⸗ würdige Greis, nur über die Verfolgungen, die er durch die Inqui⸗ ſition erlitten, beobachtete er ein vorſichtiges Stillſchweigen, ungeachtet der Gaſt ihn mehrfach im Verlaufe der Unterhaltung auf dieſen Punkt hinzuleiten verſuchte.— Um ſo beredter wurde er, als er auf die Fortſchritte der Naturwiſſenſchaften zu ſprechen kam. — Auch in Eurem Vaterlande, ſagte Galilei, iſt ein Mann auf⸗ geſtanden, der wie ich die Irrthümer der ſcholaſtiſchen Philoſophie be⸗ kämpft und den einzig richtigen Weg der Beobachtung und des Er⸗ perimentes eingeſchlagen hat; ich meine den großen Kanzler Bako, den Vater und Reſtaurator der neuen Wiſſenſchaft. So regt ſich aller DOdrten der Geiſt der Wahrheit und ſprengt die Feſſeln, in die ihn Ariſtoteles oder vielmehr deſſen blinde Anhänger geſchlagen haben. Jahrhunderte lang irrte die Menſchheit gleich den Kindern Iſraels in der Wüſte der Lüge und Täuſchung und erſt eine kräftige Generation findet das gelobte Land. Ich aber komme mir wie der ſterbende Moſes vor, der das heilige Land der Verheißung nicht betreten, ſon⸗ dern nur von Ferne erſchauen darf. Welch ein entzückender Anblick! Die Saat, welche der Geiſt ausgeſtreut, trägt hundertfache Frucht. Der Wiſſenſchaft werden überall Tempel und Altäre erbaut, neue und kaum geahnte Erfindungen bringen die Erde dem Himmel näher und mit der erhöhten Erkenntniß gehen alle Tugenden Hand in Hand. Mildere Sitten verdrängen die alte Barbarei, der Aberglaube ſchwin⸗ det, Krieg und Zwietracht müſſen entfliehen und die Segnungen des Friedens und der Eintracht beglücken dieſe Welt. —— — 239— — Dann wird auch die Wahrheit ungeſcheut ihre Stimme er⸗ heben dürfen und ihre Bekenner weder Henker noch Tortur zu fürchten haben, ſetzte der Dichter bezüglich hinzu. Eine feierliche Pauſe war eingetreten„Galilei mit dem ſchwärme⸗ riſchen Ausdruck eines Propheten in dem würdigen Geſicht ſchien jenen Traum fortzuträumen, den die Beſten aller Zeiten tief in ihrer Seele bergen und der uns an den höheren Urſprung mahnt. Ein mildes Lächeln umſchwebte die abgezehrten, eingefallenen Wangen des Dulders. Die Sonne war im Untergehen und ihre letzten feurigen Strahlen drangen durch das geöffnete Fenſter in die kleine Stube und verbrei⸗ teten ein goldenes Licht, gleich einer Glorie um das greiſe Haupt. Milton dachte an die erſten Märtyrer des Glaubens, denen die der Wiſſenſchaft folgen ſollten. Eine Ahnung ſeines eigenen künftigen Geſchicks überkam den Jüngling bei dem Anblick des Erblindeten. Unauslöſchlich prägte ſich das Bild des italieniſchen Gelehrten ſeiner Seele ein.— Die Nonne öffnete leiſe die Thür und ſtellte, von einem alten Diener unterſtützt geräuſchlos die Speiſen auf den Tiſch, dann lud ſie den Gaſt durch eine Handbewegung zum Eſſen ein. Auch Galilei nahm an dem einfachen Mahle, das größtentheils aus Früchten be⸗ ſtand, Theil. Während des Eſſens hatte Milton Gelegenheit, einige Worte an das fromme Mädchen zu richten, ihre Antworten zeigten von einem ſeltenen Verſtand und von großer Bildung. Unumwunden ſprach er dem Vater gegenüber ſein Bedauern aus, daß er die Ge⸗ ſellſchaft einer ſolchen Tochter entbehren müſſe, da die Kloſterregel ihr nur ſelten einen Beſuch, wie den heutigen, geſtattete. — Mein Kind hat Recht gethan, ſagte Galilei, daß ſie vor den Verſuchungen der Welt und allen Leiden Zuflucht bei Gott ge⸗ ſucht hat. Ich ſelbſt bin zu alt und gebrechlich, um ihr den nöthigen Schutz zu gewähren. Sie iſt ein frommes Kind, das ſeinen alten Vater nicht vergißt. So oft ihr es die Priorin geſtattet, kommt ſtie nach Arcetri und leiſtet mir Geſellſchaft. Von Jugend anf hat ſich ihr Sinn dem Himmel zugewendet und ſie hat wohl daran gethan. Manche Prüfung iſt ihr dadurch erſpart worden, denn der Glaube iſt der ſicherſte Führer auf dieſer Welt. Einſt wenn ich meine Augen — 240— ſchließe, wird ſie an meinem Sterbelager ſtehen und ein Engel wird für mich um Gnade bitten. Eine Thräne ſchimmerte in dem Auge der Nonne und auch Mil⸗ ton war ergriffen. Die ernſte Stimmung wurde noch vermehrt durch das Ave Maria, welches von den Thürmen der Stadt herüberklang und das Scheiden des Tages verkündete. Die Nonne war ſogleich bei den erſten Tönen niedergekniet und betete, den Roſenkranz in der zarten, weißen Hand; auch Galilei, der trotz ſeiner wiſſenſchaftlichen Forſchungen ein gläubiger Katholik geblieben war, folgte ihrem Bei⸗ ſpiele. Wie verſchieden aber mochten die Gebete ſein, die von Beider Lippen zum Himwel emporſtiegen. Während dieſer frommen Hand⸗ lung blieb der Dichter ſtehen und betrachtete ſchweigend den Greis und das liebliche Mädchen, welche ihm wie eine Verkörperung der Wiſſenſchaft und des Glaubens erſchienen. Sobald das Gebet beendet war, erhob ſich die Nonne und warf einen forſchenden, faſt vorwurfsvollen Blick auf den Fremden, der ihre Andacht nicht theilte. — Ihr betet nicht? fragte ſie verwundert. — Verzeiht mir, Signora! entgegnete der Dichter mit feſter Stimme, ich gehöre nicht Eurer Kirche an. — Ihr ſeid doch kein Ketzer? rief ſie beſtürzt. Das iſt nicht möglich. — Der Herr, belehrte Galilei ſeine fromme Tochter, iſt ein Engländer und dieſe Nation hat den Glauben Kalvin's angenommen. — Alſo doch ein Ketzer, murmelte die blaſſe Nonne. Sancta Maria! Ihr betet nicht, Ihr glaubt auch nicht an Gott und den Heiland? fügte ſie lauter und mit ſchmerzlichem Bedauern hinzu. — Ihr irrt Euch, Signora! erwiederte Milton mit mildem Lächeln. Auch wir glauben an einen Gott und den Erlöſer, der am Kreuz für uns geſtorben iſt, wenn wir auch in anderer Weiſe ihn verehren.. 3 — Ich hoffe, daß der Herr Euch in den Schoos ſeiner heiligen Kirche zurückführen wird, Euch und Euer Volk. Zu dieſem Zweck will ich täglich für Euch zur Madonna flehen. Nehmt auch dieſen ge⸗ weihten Roſenkranz von mir, er wird Euch vor allen Gefahren einer — 241— weiten Reiſe ſchützen und ſoll Euch zugleich an dieſe Stunde und an unſer Beiſammenſein erinnern. Milton vermochte nicht, den frommen Wahn, der ihm hier in ſo rührender Geſtalt entgegentrat, zu verſpotten und nahm mit herz⸗ lichem Dank den Roſenkranz aus den Händen der Nonne. Als ſeine ausgeſtreckte Hand die ihrige berührte, fühlte er das leiſe Beben derſelben. — Die Madonna beſchütze Euch, flüſterte ſie mit bewegter Stimme, ich muß gehen, denn meine Zeit iſt bereits abgelaufen. Sie neigte ſich vor dem blinden Vater, der einen zärtlichen Kuß auf ihre Stirn hauchte, dann wandte ſie ſich noch einmal zu dem Gaſt. — Lebt wohl, ſagte ſie faſt zitternd. Ich werde nie vergeſſen, Euch in mein Gebet einzuſchließen. In den Schleier gehüllt, verließ ſie das Gemach, um in ihr Kloſter zurückzukehren. An's Fenſter gelehnt, ſtarrte ihr der Dichter nach, den Roſenkranz gedankenvoll in der Hand haltend, bis die ein⸗ tretende Dunkelheit der Nacht und die Entfernung ihm die ſchlanke Geſtalt verbarg. Nach kurzem Verweilen nahm auch er von ſeinem Wirthe Abſchied, tief ergriffen von den mannigfachen Eindrücken dieſes Beſuches. Die Tochter Galileis aber kniete in ihrer Zelle und betete heiß und inbrünſtig zu der Madonna für das Seelenheil des jungen Ketzers.— 3. Nach einem ebenſo an Genuß wie an Belehrung reichen Aufent⸗ halt von zwei Monaten ſetzte Milton ſeine Reiſe nach Rom fort. Auch hier ſicherten ihm ſein Ruf und die mitgebrachten Empfehlungen eine freundliche Aufnahme, er hatte Zutritt zu den erſten Geſellſchaf⸗ ten und die angeſehenſten Häuſer ſtanden ihm ſogleich offen. In den erſten Tagen ſeiner Anweſenheit ſtattete er dem gelehrten Holſtenius, dem bekannten Bibliothekar des Vatikans, einen Beſuch ab. Dieſer führte ihn bei ſeinem Gönner, dem wiſſenſchaftlich gebildeten und ein⸗ flußreichen Kardinal Barberini, ein, der den Dichter mit auffallender D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 16 —— — 242— Zuvorkommenheit empfing und mit Aufmerkſamkeiten aller Art über⸗ häufte.— Es war damals noch der Brauch, daß die Fremden in Rom je nach ihrer Nationalität in dem Hauſe des einen oder des andern Kirchenfürſten Schutz und Aufnahme fanden. Für die Eng⸗ länder waren die glänzenden Räume des Palaſtes Barberini geöffnet. Der Kardinal, welcher in noch nicht allzuweit vorgerücktem Lebensalter ſtand, verſchmolz in ſeiner Perſon die Würde eines hohen Geiſtlichen mit der heiteren Weltanſchauung eines Lebemannes und gab den lie⸗ benswürdigſten Wirth für ſeine zahlreichen Gäſte ab. Faſt an jedem Abend füllten ſich die prächtigen Zimmer und Säle mit einem auserleſenen Kreiſe hochgeſtellter und bedeutender Perſonen; Fremde und Einheimiſche, Geiſtliche und Laien, Gelehrte und Dichter wogten im bunten Gewirre und in lebhafter Unterhaltung auf und nieder. Hier wandelte ein würdiger Biſchof an der Seite eines Künſtlers, dort ein bärtiger Mönch neben einem glatt raſirten Stutzer, zwiſchen den ſchwarzgelockten und feurigen Italienern bewegte ſich mit abgemeſſenen Schritten der blonde Engländer, ſteif wie eine Kerze. Auch die Frauen waren nicht ausgeſchloſſen, denn trotz ſeines Standes ſchien der lebensluſtige Kardinal kein Feind des ſchönen Ge⸗ ſchlechts zu ſein.—— Milton fand bald Wohlgefallen an dem ungezwungenen Ton, der in dieſer Geſellſchaft herrſchte, und fehlte faſt an keinem der gewöhn⸗ lichen Empfangsabende. Außerdem wurde er noch öfters zu beſonderen Feſten eingeladen und überhaupt mit einer Auszeichnung behandelt, die ihn ſogar befremden mußte. — Ihr ſeid ein Glückskind, pflegte der gelehrte Bibliothekar zu ſcherzen, und wenn Ihr wolltet, könntet Ihr in Rom Alles erreichen, was ein Mann ſich wünſchen kann. Der Kardinal Barberini, der nächſte Verwandte des Papſtes, iſt Euer Freund. — Das habe ich nur Eurer Empfehlung zu danken. — Nicht allein der meinigen, Ihr ſcheint noch andere geheime Gönner zu beſitzen; denn als ich Euren Namen Seiner Excellenz zum erſten Male nannte, ſchien er ihn bereits früher gehört zu haben, er that wenigſtens als wär't Ihr ihm bekannt. 3 — Möglich, daß einer der vielen Engländer, die mit dem Kar⸗ dinal ſo häufig verkehren, zufällig meiner Erwähnung that. ————— — — 243— — Das wird es wohl ſein, entgegnete Holſtenius, das Geſpräch aus Vorſicht abbrechend. Milton blieb nachdenklich zurück, doch bald verſchwanden ſeine auf⸗ ſteigenden Befürchtungen wieder und er ſah hinter der übergroßen Freundlichkeit des Kardinals nichts weiter, als die Herablaſſung eines vornehmen Gönners. Andere verborgene Abſichten konnte der Kirchen⸗ fürſt nach ſeiner Meinung nicht mit einem faſt unbekannten Jüngling haben. Er nahm daher keinen Anſtand, nach wie vor den Einladun⸗ gen deſſelben Folge zu leiſten.— Eines Abends, als er ſpäter wie gewöhnlich in den bereits gefüllten Saal trat, tönte ihm ein wunder⸗ barer Geſang entgegen; eine weibliche Stimme von einem nie gehörten Umfang und Schmelz trug ein Lied von Paleſtrina mit wahrhaft künſt⸗ leriſcher Vollendung vor. Unwillkürlich trat der Dichter näher, um die Sängerin zu ſehen. Sie ſtand auf einer vergoldeten Erhöhung, wie eine Königin auf ihrem Thron. Ein dunkelrothes Gewand ſchmiegte ſich um die ſchlanke Geſtalt; die herrlichen Arme und der klaſſiſche Nacken, der die römi⸗ ſchen Frauen auszeichnet, waren entblößt, nur zwei Kameen von großem Werth hielten das Kleid über den Schultern und dem üppigen Buſen feſt. Ein Kranz von flammenden Granatblüthen ſchlang ſich um die feinen Schläfen und durch das nächtig ſchwarze Haar, welches in einen Knoten nach Art der weiblichen Antike feſtgebunden war, aber unzählige kleine Locken ſpotteten des Bandes und drängten ſich in na⸗ türlicher Fülle wie kleine verführeriſche Schlangen hervor. Auf dem ſtolzen Nacken ſaß der prächtige Kopf, der junoniſche Würde mit dem Liebreiz einer Venus in ſich verſchmolz. Ein goldener Hauch ſchwebte über den zart gerötheten Wangen, deren ſanfte Rundung an die ſchwellenden Formen der Pfrſich mahnten, die kaum merklich gebogene Naſe und das kräftige Kinn verriethen eine ungewöhnliche Feſtigkeit, während die faltenloſe, klare Stirn zum Thron eines ungewöhnlichen Geeiſtes erkoren ſchien. Dunkle Augenbrauen und ſeidenweiche Wim⸗ pern beſchatteten zwei Sterne, wie ſie der Himmel ſelbſt nicht ſchöner aufzuweiſen hat. Sie loderten jetzt mit der doppelten Gluth der Be⸗ geiſtrung und des angeborenen Feuers. Der Mund war halbgeöffnet und von den fein geformten purpurnen Lippen ſtrömte ein bezaubern⸗ 16* — — 1 — 244— der Geſang. Die ganze Erſcheinung glich auf dem erhabenen Poſta⸗ ment der Götterſtatue der Kunſt.— — Ringsumher ſaßen oder ſtanden die Zuhörer, tief ergriffen von den mächtigen Tönen, eine athemloſe Stille herrſchte in dem großen Saal und das Entzücken der leicht berauſchten Italiener machte ſich nur in kaum vernehmbaren, unterdrückten Seufzern Luft. Erſt als die Sängerin ihr Lied beendet hatte, brach der Enthuſiasmus wie ein raſender Sturm hervor.. — E viva Leonora! brava! brava! riefen die begeiſterten Landsleute der Künſtlerin. — Heilige Cäcilie! ſagte ein grauköpfiger Biſchof, welcher neben Milton ſtand. So etwas haben meine Ohren nie zuvor vernommen. Mit einem unmerklichen Kopfnicken dankte die Gefeierte, ſtolz wie eine Fürſtin, welche die Huldigungen und den ſchuldigen Tribut ihrer Unterthanen entgegennimmt. — Anucora bis! ſchrien ihr die zunächſt Stehenden zu, widerhallte der ganze Saal. Ein unmerkliches Lächeln der Befriedigung umſchwebte den trotzig ſchönen Mund und ihre flammenden Augen ſchweiften ſtolz über die Menge der Bewunderer hin. Sie flüſterte dem Kardinal, der in ihrer Nähe ſaß, einige Worte zu, dieſer nickte freundlich und die Sängerin verſchwand durch den grünen Vorhang, welcher in die inneren Gemächer des Palaſtes führte. Die Zuhörer blieben in geſpannter Erwartung zurück und ahnten eine neue Ueberraſchung. Nach wenigen Augenblicken erſchien ein Jüngling von unnennbarer Schönheit. Ein kurzes griechiſches Gewand, weiß wie Schnee, mit golde⸗ nen Bändern eingefaßt, bekleidete die herrliche Geſtalt; Epheuranken bekränzten die dunklen bis zu den Hüften wogenden Locken; in den Händen hielt er eine goldene Lyra. Das göttliche Antlitz drückte den tiefſten Schmerz, eine rührende Trauer mit ergreifender Wahrheit aus. — Orpheo! murmelte die Verſammlung. In der That ſtellte die Sängerin den unglücklichen Orpheus dar. Seine Klagen um die verlorene Gattin ſtrömten mit erſchütternder Gewalt aus ihrer Bruſt hervor. Es war nicht der Geſang allein, der eine unbeſchreibliche Wirkung hervorbrachte und die Zuhörer fortriß, ſondern die wunderbare Macht des Vortrags, verſchmolzen mit dem — ——— — 245— ausdruckvollſten und edelſten Mienenſpiel. Dieſe Stimme voll Seele und Gefühl weinte und ſchluchzte, hoffte und zagte, ſtieg zu dem höchſten Gipfel des Schmerzes empor und ſank zu der tiefſten Ver⸗ zweiflung herab. Kein Auge blieb thränenleer und die Künſtlerin feierte den höchſten Triumph. Lange noch, nachdem ſie ſchon längſt geendet hatte, herrſchte eine lautloſe Stille in dem Saale. Niemand wagte das Schweigen zu unterbrechen, denn es war den Anweſenden zu Muthe, als hätte ſich etwas Gewaltiges begeben, als wären ſie ſelber Zeugen eines unge⸗ heuren Ereigniſſes geweſen. Nicht eine Fabel, oder eine Mythe glaub⸗ ten ſie gehört zu haben, ſondern das Alles hatten ſie mit erlebt, es hatte ſich vor ihren eigenen Augen begeben und ſie hatten daran Theil genommen. Erſt nach einer längeren Pauſe kehrte die Beſinnung zurück und die Wirklichkeit behauptete ihr Recht. Der Kardinal ſelbſt gab das Zeichen zu dem folgenden Beifall, welcher wo möglich noch den vorangegangenen Enthuſiasmus überſtieg. Die ſüdliche Lebendig⸗ keit und Kunſtbegeiſterung der Italiener begnügte ſich nicht mehr mit den gewöhnlichen Zeichen der Anerkennung. Männer und Frauen er⸗ hoben ſich von ihren Sitzen und warfen Blumen, Ringe, Spangen und Diademe, was ſie an Schmuck und Koſtbarkeiten beſaßen zu den Füßen der Sängerin. Dieſe indeß würdigte die reiche Spende kaum eines Blickes, ſie verneigte ſich und verſchwand, um ſich umzukleiden. Ein kleiner Diener, der einem Engel glich und ihr zur Seite ſtand, ſammelte indeß den Tribut der Künſtlerin ſorgfältig in einem zierli⸗ chen Körbchen. Auch Milton war tief bewegt, er ſtand an einer Säule angelehnt und ſtarrte der bezaubernden Erſcheinung nach. Unnennbare Gefühle beſtürmten ſeine Bruſt, es ſchien ihm, als hätte er erſt jetzt die wahre Kunſt kennen gelernt, als wäre Alles, was er früher geſehen, eitel und nichtig geweſen, kaum noch der Erinnerung werth. Alicens zarte und beſcheidene Weiblichkeit, die rührende Frömmigkeit der blaſ⸗ ſen Tochter Galileis verſchwanden vor dem Glanze dieſer neuen Sonne, die ihm plötzlich aufgegangen war. Ein ſolches Weib hatte er nie zuvor geahnt, eine derartige geniale Frauennatur war ihm noch nir⸗ gends begegnet. Jetzt ſtand er vor einem Weſen höherer Art, vor einer bedeutenden Natur, einer Prieſterin der göttlichen Kunſt. In — 246— ſeine Begeiſterung und Anerkennung miſchte ſich noch eine andere Empfindung, die Geſtalt und ſelbſt der Name der Sängerin erweckten in ihm alte, längſt verſchollene Erinnerungen. Ein Bild, das noch aus der Knabenzeit in ſeiner Seele ſchlummerte, tauchte von Neuem wieder auf und er gedachte unwillkürlich der ſeltſamen Begegnung mit der ſchönen Unbekannten im Garten des Kollegiums zu Cambridge. Während er ſo ſeinen Gedanken und Träumen nachhing war die Sängerin zurückgekehrt, ſie hatte die männliche Kleidung mit ihrem früheren weiblichen Anzuge vertauſcht. Ein Schwarm von Bewunderern drängte ſich um ſie, wie ſie geführt von dem Kardinal mit ſtolzen Schritten durch den Saal dahinrauſchte. Sie kam immer näher und näher, bis ſie dem Dichter gegenüberſtand. Lebhaft unterhielt ſie ſich mit ihren Begleitern und der tiefe wohltönende Silberklang ihrer Stimme, den von allen Frauen Italiens die römiſchen beſitzen, be⸗ rührte Miltons Ohr; unwillkürlich ſchlug er ſeine Augen zu ihr empor, ihre Blicke begegneten ſich und wie ein Blitz durchfuhr es ihn. Eine flammende Purpurröthe bedeckte ſein zartes, faſt weibliches Angeſicht und auch die bleichen Wangen der Sängerin färbten ſich dunkler. — Wer iſt der Fremde? fragte ſie leiſe den Kardinal, auf deſſen Arm ſie ſich lehnte. 3 — Erlaubt mir, Signora! antwortete dieſer laut mit feinem Lächeln, daß ich Euch einen Jünger der Muſen vorſtelle, Signor Milton aus England, ausgezeichnet als Dichter, wie als Gelehrter. Ehe der Dichter noch ein paſſendes Wort hervorzubringen vermochte, um der Künſtlerin ſeine Bewunderung auszudrücken, wandte dieſe ſich ſchnell an ihn. — Ihr ſeid ein Engländer, ich kenne Euer Vaterland, dort lebte ich mit meinem Vater kurze Zeit. Ihr kommt mir bekannt vor, ich muß Euch ſchon irgendwo geſehen haben. Eure Züge erinnern mich an einen Jugendſtreich. — Ihr war't in Cambridge? 3 — Allerdings, erwiederte die Sängerin verwundert. Woher wißt Ihr das? — Ihr habt den Garten des Kollegiums beſucht, den ſonſt Frauen nur ſelten zu betreten pflegen. Irre ich mich nicht, ſo wart Ihr in Begleitung einer älteren Dame. —— — — — 247— — Meine arme Mutter, ſie iſt todt, eine Heilige im Paradies; doch weiter, weiter, rief die Künſtlerin ungeduldig. — Dort lag ein Knabe im Schatten und ſchlief. Er hatte einen wunderbaren Traum, er glaubte einen Engel zu ſehen, der ſich zu ihm herniederbeugte und eine Roſe niederfallen ließ. — Der Knabe war ſchön wie Endymion, doch ich glaubte, daß er ſchlummerte, fügte die Sängerin lächelnd hinzu. — Er ſchlief nicht, nur ſeine Augen waren geſchloſſen. — Ach, der Schelm täuſchte mich und ich ließ mich von meinem jugendlichen Muthwillen hinreißen und begleitete die Roſe mit einigen Verſen, die ich in der Eile niederſchrieb. Hat der Knabe die Verſe geleſen und behalten? — Er hat ſie für immer ſeinem Gedächniß, ſowie die ganze holde Erſcheinung eingeprägt. — Vielleicht kann Signor Milton uns die gewiß reizenden Strophen wiederholen, ſchaltete der Kardinal in heiterer Laune da⸗ zwiſchen ein. — Ich weiß nicht, ob ich darf, entgegnete der Dichter mit einem fragenden Blick auf die Sängerin. — Ich gebe Euch die Erlaubniß und werde mich freuen, wenn Ihr meinen erſten poetiſchen Verſuch nicht vergeſſen habt. — Milton erröthete von Neuem und vermochte vor innerer Be⸗ wegung nur ſtammelnd den erſten Vers zu ſprechen. Ihr holden Augen, Sterne dieſer Erden— — Ich ſehe ſchon, ſagte die Küſtlerin, daß ich Eurem Gedächtniſſe zu Hülfe kommen muß; die Strophen lauteten: Ihr holden Augen, Sterne dieſer Erden, Wenn ihr geſchloſſen mich ſo tief verwundet, Was ſoll aus mir, wenn ihr euch öffnet, werden? — Brava, brava! rief der Kardinal galant. Ihr ſeid nicht nur zur Sängerin, ſondern auch zur Dichterin geboren; ſo iſt und bleibt Leonora Baroni in jeder Beziehung die erſte Frau der Welt. Meint Ihr nicht auch, Signor Ingleſe? — 248— Milton vermochte nicht in den leichten Ton mit einzuſtimmen, ſein Herz war zu voll von dieſer ſeltſamen Begegnung. So hatte er nicht nur geträumt, das Ideal ſeiner Jugend war kein eitles Gebilde der Phantaſie, in ſchönſter Verkörperung trat ihm die holde Wirklichkeit entgegen. Wie ſollte, oder wie konnte er Worte für die Empfindungen haben, welche in dieſem Augenblicke ſein Herz ſturchſtrömten, die Sprache ſchien ihm zu arm für ſein Gefühl, für all die Wonne, die er mit einem Mal empfand. Auch Leonora mochte wohl ahnen, was in dem Herzen des Jünglings vorging und ſein Schweigen ge⸗ fiel ihr beſſer als die banalen Lobſprüche, die ihr von allen Seiten gezollt, bereits zum Ekel geworden waren. Sie weidete ſich an ſeiner Verlegenheit, aber nicht mit ihrem gewohnten Stolz und Uebermuth ſondern mit einem milden Lächeln und einem ſanften Blick aus ihren flammenden Augen. Nur der Kardinal ſpottete über den ſchweig⸗ ſamen Dichter. — Wie, Herr Poet, fragte er, Ihr habt kein Wort für das ſchönſte Weib und die erſte Sängerin Italiens? Bei Gott, wenn ich ein Dich⸗ ter wäre, wie Ihr, ſo würde ich ſie ſogleich beſingen. — Die Signora bedarf meiner Lieder nicht, entgegnete Milton ernſt. Der ganze Parnaß Italiens huldigt ihr, ſie wird den unge⸗ ſchickten Fremdling leicht vermiſſen. — Wißt Ihr nicht, daß gerade das Fremde für uns Frauen einen beſonderen Reiz hat. — Ihr ſeid kein gewöhnliches Weib.— — Verſteht Ihr auch. zu ſchmeicheln? Zur Strafe ſollt Ihr mich jetzt beſingen und zwar in einem Sonnet, aber nicht in Eurer rauhen Sprache, ſondern in meiner eigenen. — Und das nennt Ihr eine Strafe? fragte der Kardinal. — Ich erwarte morgen Euer Gedicht und Euch ſelbſt in meiner Wohnung. Auf Wiederſehen! Milton verneigte ſich vor der Sängerin, welche bald darauf die Geſellſchaft verließ. Auch er verweilte nicht länger, nachdem der ſchöne Magnet verſchwunden war, der ihn beſonders feſſelte. Träumend irrte er durch die nächtigen Straßen der Siebenhügelſtadt. Es war eine herrliche Sommernacht, an dem dunkelblauen Himmel flammten die goldene Sternen mit einem Glanz, wie ihn nur der glückliche Süden — — — 249— kennt. Das ſilberne Mondlicht verklärte die unzähligen Kuppeln, Thürme und Ruinen. Sein Weg hatte ihn von dem Palaſte Bar⸗ berini nach dem Monte Pincio geführt. Von dem Hügel herab genoß er die herrliche Ausſicht auf dies Gewimmel von mächtigen Paläſten, herrlichen Kirchen, Säulen und Obelisken, welche in magiſcher Beleuch⸗ tung wie ein Märchenbild erſchienen. Zu ſeinen Füßen lag der ſpaniſche Platz mit ſeinem bunten Menſchengewimmel, das in ſolcher Entfernung leiſe verklang und ſich harmoniſch mit dem Gemurmel der rauſchenden Springbrunnen vermiſchte. Zuweilen nur wurde das Stillſchweigen durch den girrenden Ton einer Guitarre oder Mandoline unterbrochen, zu der ein Verliebter mit wohltönender Stimme Ritor⸗ nelle ſang. Leiſe flüſterten die lauen Lüfte in den Wipfeln der grünen Pinien und nur die dunklen Zypreſſen blieben lautlos und regten ſich nicht. Die Seele des Dichters verſank in jene ſüße Träumerei, welche nirgends ſo leicht den Wanderer beſchleicht als in der ewigen Roma, wo Vergangenheit und Gegenwart, Tod und Leben ſich wun⸗ derbar nahe berühren und zuſammenfließen. Vergeſſen waren all die alten Leiden und Kämpfe, verſunken die früheren Tage mit ihren viel⸗ fachen Qualen und Schmerzen; nur hier und da ragte noch eine Erinnerung an ſie, wie eine einſame Säule oder eine Ruine unter dem Gewirre neuer Empfindungen und Gefühle hervor. Wie hier wuchernder Epheu und friſches Rebengrün Schutt nnd Trümmer rings umkleideten, ſo grünte auch in dem Herzen des Dichters die Hoffnung eines künftigen Glückes auf den Ruinen der Vergangenheit. Was bedeuteten ſeine Leiden neben dem Geſchick des ewigen Roms, ſeine Trauer neben der dieſer Niobe unter den Städten? Sie hatte ihre beſten Söhne ſterben geſehen, an Cäſars Leiche geweint und den Fall der Republick überlebt; ſie war von ihrer einſtigen Größe herab⸗ geſtürzt, die frühere Herrſcherin des Weltalls von Barbaren geſtürmt und geſchändet worden, ihre Kinder waren entartet und beugten den ſtolzen Nacken unter dem Sclavenjoch; und doch ſchwebte noch immer ein heiteres Lächeln um ihre Lippen und ihr Auge glänzte in friſcher Lebensluſt. Sollte der Menſch allein, ſeinem Schmerze ewig nachhängen und ſeine Trauer nie vergeſſen? Das Leben bietet tauſendfachen Erſatz und wenn eine Blume verwelkt iſt, blüht die andere nur um ſo — 250— ſchöner auf. Die Welt iſt ſo reich und herrlich, und ſelbſt die Ver⸗ gänglichkeit bietet nur einen neuen Reiz. Das alte Rom iſt unterge⸗ gangen und ein anderes an ſeine Stelle getreten, ſtatt des Helden⸗ thums ſtrahlt die Kunſt, ſtatt des Schlachtenrufs tönt das Lied des Sängers und die Stärke iſt der Armuth gewichen. Leben, lieben, genießen und glücklich ſein, darnach ſehnt ſich das menſchliche Herz zu allen Zeiten. Solche Gedanken wehten dem Dichter die lauen, wollüſtigen Lüfte zu, rauſchten in dem flüſterndem Laube, murmelten die flüchtigen Wellen des Springbrunnens, ſchwebten in dem dämmernden Mon⸗ denlicht. — Leben und lieben! wiederholte er leiſe, als er den Hügel ver⸗ ließ und die monumentale Doppeltreppe niederſtieg, welche in kunſt⸗ reichen Bogenwindungen zu dem ſpaniſchen Platz ihn niederführte, wo das Volk in ſpäter Nacht noch jubelnd ſich des Daſeins freute. 4. Am nächſten Tage ſchon erſchien Milton in der Wohnung der be⸗ rühmten Sängerin. Sie kam ihm mit dem freundſchaftlichſten Gruße entgegen und führte ihn zu einem ſchwellenden Polſterſitz, auf dem er ſich an ihrer Seite niederlaſſen mußte. Ihre ganze Umgebung trug einen heiteren, künſtleriſchen Anſtrich. Die hohen, kühlen Wände des Zimmers waren mit bunten Frescomalereien bedeckt, welche die Macht des Ge⸗ ſanges verherrlichten. Hier ſtand ein Apoll unter den Hirten des Admet und ſpielte die Lyra, während ſeine Zuhörer entzückt ſeinen Tönen lauſchte, dort bewegte Orpheus durch ſeinen Geſang die Thiere des Waldes, die gezähmt ihm folgten. Den Fries bildete eine Kette von Amoretten und Kindern, welche auf allerhand Inſtrumenten mu⸗ ſicirten, mit aufgeblaſenen Backen in die Poſaunen ſtießen oder mit ihren kleinen Händen die Pauke ſchlugen oder den Violinbogen führten. An der Decke ſchwebte eine heilige Cäcilie mit verzücktem Angeſicht, von Engeln umkniet, die das Notenblatt ihr hielten und um die auf⸗ —-/— — — — — — 251— geſchlagene Orgel flatterten. Bei genauer Betrachtung bemerkte der Beſchauer, daß die Heilige die Züge Leonora's trug, eine feine und doch aufrichtige Schmeichelei des ihr befreundeten Malers. Rings umher ſtanden und lagen in maleriſcher Unordnung allerlei Geräth⸗ ſchäften und koſtbare Geſchenke, kunſtvolle Vaſen und Götterſtatuen, theils wirkliche Antiken von hohem Werthe, oder deren Nachbildungen. Ueber dem ausgeſtreckten Arm einer Venus hing das griechiſche Ge⸗ wand, welches die Sängerin geſtern getragen und eine Laute ruhte zu den Füßen eines geflügelten Merkurs angelehnt. Lorbeerkränze und ähn⸗ liche Spenden eines ihr bereits alltäglich gewordenen Beifalls, lagen auf dem Tiſch zwiſchen Notenblättern und poetiſchen Huldigungen der berühmten Künſtlerin. Sie ſelbſt erſchien in einem weißen Kleide, durchſichtig genug, um die herrlichen Formen zu verrathen, den ge⸗ wöhnlichen Schleier der römiſchen Frauen trug ſie in maleriſchen Win⸗ dungen um das Haupt geſchlungen; der ſeltſame Kopfputz, unter dem das dunkle Haar in üppigen Locken hervorquoll, mußte unwillkürlich an eine der Sybillen Raphaels erinnern, der die Sängerin in dieſem Augenblicke auffallend glich. — Ich habe Euch erwartet, ſagte ſie mit wohltönender ſonorer Stimme. Ihr ſeid ein Mann von Wort, wie alle Engländer; doch laßt ſehen, was Ihr mir gebracht habt. Verlegen reichte ihr der Dichter das Sonnet, welches ſie mit lauter Stimme las und das in italieniſcher Sprache folgendermaßen lautete: Giovane piano, e semplicetto amante Poi che fuggir me stesso in dubbio sono, Madonna a voi del mio cuor l'humil dono Faro divoto; io certo a prove tante L'hebbi fedele, intrepido, constante, De pensieri, leggiadri accorto, e buono; Quando rugge il gran mondo, e scocca il tuono, S'arma di se, e d'intero diamante; Tanto del forse, e d'invidia sicuro, Di timori, e speranze, al popol use, Quanto d'igegno, e d'alto valor vago, Sdi cetra sonora, e delle muse: Sol troverete in tal parte menduro, Ove' amor mise l'insanabil ago. ¹) Ein anerkennendes Lächeln umſchwebte den Mund der Sängerin, als ſie geendet hatte, und ſie reichte dem Dichter dankend die ſchöne Hand. — Beim Himmell ſagte ſie, Euer Gedicht iſt ſchön, faſt zu ſchön⸗ um wahr zu ſein. — Wie, Signora, Ihr zweifelt an meiner Aufrichtigkeit? — Ich will Euch glauben, denn ich mag Euch nicht zu dem ge⸗ wöhnlichen Haufen meiner unzähligen Anbeter werfen. Ich habe mir auch ſagen laſſen, daß die Liebe im Norden keine flüchtige Blüthe, ſondern feſt und dauerhaft wie ſeine Eichen ſei. — Das iſt Wahrheit. Stellt mich auf die Probe. — Die Zeit kann kommen und ich werde mich bald überzeugen, ob ich mich in Euch getäuſcht. Aus Eurem Gedichte weht ein männ⸗ licher Geiſt, den ich leider bei meinen Landsleuten vermiſſe. Die alten Römer ſind nicht mehr und ihre Nachkommen gleichen ihnen nur wenig. Einſt waren wir die Herrſcher der Welt. — Und das ſeid ihr geblieben, wenn auch in anderer Weiſe. Früher hat Rom die Welt durch ſeine Tapferkeit erobert, jetzt durch Kunſt und Schönheit. ¹1) Jung, unerfahren in der Liebe Schlingen, Unſchlüſſig, wie ich ſelber mir entfliehn, Mich retten ſoll und ihrer Macht entziehn, Nah' ich Madonna, dir mein Herz zu bringen. Klein iſt die Gabe und zählt zu den g'ringen, Doch ſah ich's treu, feſt wie Demant und kühn Für alles Edle und Erhab'ne glüh'n,. In Sturm und Donner mit dem Schickſal ringen. Vom Neide frei und ohne Furcht und Bangen, Von denen nur des Pöbels Wahn umfangen, Liebt es die Kunſt, die Muſe, den Geſang: An einem Ort nur wird es ſchwach gefunden, Wo es mit tiefen, unheilbaren Wunden Der Pfeil der Lieb' aus deinem Aug' durchdrang. ——— * — Ihr habt Recht. Die göttliche Kunſt iſt uns geblieben. Das himmliſche Feuer iſt noch nicht erloſchen, es lodert in den Liedern unſerer Sänger, in den Farben eines Raphael's, in den erhabenen Ge⸗ ſtalten eines Michel Angelo's. — Und in den Geſängen Leonora Baroni's. — Still! Schmeicheln dürft Ihr mir nicht, entgegnete die Künſtlerin, indem ſie anmuthig mit dem Fächer, mit dem ſie ſich Kühlung zuwehte, nach ſeinem Arm ſchlug. Milton beeilte ſich die Hand zu küſſen, welche ihn ſo reizend züchtigte. — Ihr ſeid hier fremd, fuhr die Signora fort, deshalb will ich Euer Führer in Rom ſein. — Ihr ſeid zu gütig. — Ich kenne kein größeres Vergnügen, als das Schöne und Er⸗ habene, das mich entzückt, auch Andern mitzutheilen. Wenn es Euch demnach gefällt, ſo wollen wir noch heute unſere Wandenungen durch die ewige Stadt beginnen. — Ich werde Euch dafür ſtets verbunden ſein und wünſche mir keine beſſere Führerin— durch's ganze Leben. — Wer weiß, ob Euch damit immer gedient wäre. — Der Dichter ſoll die Muſe ſtets zur Seite gehen. — Ich fürchte nur, daß ihm die Geſellſchaft der Muſe bald über⸗ drüſſig werden dürfte. Am Ende würde er ſich daran gewöhnen und in ihr ein Weib wie alle andern ſehen. — Dafür ſchützt Sie Ihr göttlicher Urſprung. — Erlaubt jetzt, daß die Muſe ſich einige Augenblicke entfernt, um nach der Küche zu ſehen. Ihr ſeid heut' mein Gaſt und wenn Ihr nicht verhungern wollt, muß ich meiner Dienerſchaft die nöthigen Befehle ertheilen. Milton blieb allein zurück und überließ ſich ganz dem Eindrucke, welchen die geiſtreiche Schönheit Leonora's in ihm hervorgerufen. Er mußte ſich geſtehen, nie ein ähnliches Weib auf ſeinem Lebenswege angetroffen zu haben. Alles athmete an ihr eine gewiſſe künſtleriſche Gluth und Größe, eine Freiheit, die dem ſchüchternen Dichter über die Schranken der Alltäglichkeit leicht hinweghalf, ohne ſein Gefühl in irgend einer Weiſe zu verletzen. Die Atmoſphäxe, in der er ſich — 254— hier befand, ſchien ihm ſein eigentliches Lebenselement zu ſein. Auch er liebte die Muſik leidenſchaftlich und die Poeſie galt ihm ſtets als der höchſte Beruf. Jetzt hatte er eine Frau gefunden, welche ihm als die Verkörperung ſeiner eigenen idealen Richtung erſchien. Sie theilte ſeine Neigungen, ſie verſtand ihn und ſeine geheimſten Gedanken, ſie nahm an ſeinen Beſtrebungen den innigſten Antheil. Dazu kam noch die Macht ihrer Perſönlichkeit, die ſtrahlende Schönheit, welche nur die Hülle eines hochgebildeten Geiſtes, einer durch und durch genialen Natur war. Bedurfte es da noch eines beſonderen Zaubers, um ſein Herz zu gewinnen und die glühendſte Leidenſchaft in der Seele des Dichters anzufachen. Selbſt der ſchmerzliche Verluſt, der ihn vor ſeiner Abreiſe von England getroffen, machte ihn für eine neue Lei⸗ denſchaft nur um ſo geneigter. Die Jugend hört nicht auf zu hoffen und zu lieben. Wenn im Frühling auch manche Blüthe vom Nachtfroſt berührt, verwelkt und abfällt, ſo ſtirbt darum die friſche Triebkraft nicht, neue Keime er⸗ ſetzen die abgeſtorbenen und neue Blüthen die abgefallenen. Der Lenz iſt reich genug, um Alles zu erſtatten. Von einer Dienerin begleitet, war Leonora indeß zurückgekehrt, auf ihren Wink wurde ein Tiſch gedeckt und mit auserleſenen Spei⸗ ſen beſetzt. Selbſt in dieſem alltäglichen Geſchäfte verrieth ſich der feine und poetiſche Sinn der Künſtlerin, ſie ordne ſelber an und entwickelte dabei einen wunderbaren Geſchmaee der herr⸗ lichen Seidendecke lagen die koſtbaren Majolikateller von von kunſtreicher Hand gemalt, goldene und ſilberne Gefäße, die vielleicht von dem berühmten Benvenuto Cellini herrührten, ſtanden in reicher Fülle zwi⸗ ſchen großen und herrlichen Vaſen mit Blumen und Lorbeerzweigen angefüllt. In venezianiſchen Kryſtallflaſchen funkelte der Wein wie flüſſiges Gold. — Ihr ſollt ein klaſſiſches Mahl haben, ſagte ſie, indem ſie den Dichter zum Niederſitzen einlud. Dort ſteht ächter Falerner, wie ihn Horaz nicht beſſer getrunken hat. Schenkt ein und ſtoßt mit mir an. Es lebe die Poeſie! — Die Muſe des Geſangs. — Das Leben! — Die Liebe! —,— —— — Leben und lieben, ſetzte Leonora gedankenvoll hinzu. Das erſchöpft Alles. Ich verſtehe noch ſoviel von Eurer Mutterſprache, um zu wiſſen, daß leben und lieben bei Euch faſt gleich lautet. Darin liegt eine tiefe Bedeutung. — Leben heißt lieben, und nur wer liebt, der lebt, beſtätigte der Dichter, von dem feurigen Weine angeregt. — Ich hätte Eurer, meinem verwöhnten Ohre barbariſch klingen⸗ den Sprache nicht eine ſolche Tiefe zugetraut. — Ihr thut ihr Unrecht. Allerdings beſitzt das Engliſche nicht den Wohllaut des Italieniſchen, das dem Ohr ſo angenehm zu ſchmeicheln verſteht, aber dafür eine männliche Kraft und eine Innigkeit, die ich von ſeinem germaniſchen Urſprung herleite. Ich möchte in keiner an⸗ deren Sprache dichten. — Und ich in keiner anderen ſingen, als in der meinigen. — So thut es! Ich bitte Euch darum. Geſtern mußte ich mit dem großen Haufen meine Bewunderung theilen, laßt mich heut' allein genießen, was die Menge nie zu würdigen verſteht. — Ihr ſeid egoiſtiſcher, als ich gedacht, doch ich will es nicht machen, wie ſo viele Sängerinnen, die ſich bitten und nöthigen laſſen, um den Werth ihres Geſanges durch den ihnen angethanenen Zwang nur noch zu erhöhen. Ich ſinge von Herzen gern. Schon als klei⸗ nes Kind orn, en ganzen Tag, ich mochte gehen oder ſtehen, arbeitkt eein. Es war eine Art von innerem Bedürfniß, und ehe ich noc deutlich und vernünftig ſprechen konnte, ſang ich ſchon. Meine gute Mutter, ſie lebt im Paradieſe, nannte mich nur „ihr Vögelchen“, und dieſen Namen hatte ich in der ganzen Nachhar⸗ ſchaft und behielt ihn lange Zeit. Eines Tages hörte ich in der Kirche den berühmten Antonio Liberti, den größten Sänger Italiens. Ich wurde ſo ergriffen, daß man mich krank forttragen mußte. Ein heftiges Fieber mit Delirien war die Folge meines kindlichen Enthu⸗ ſiasmus. Später erzählte mir die Mutter, daß ich in meinen Phan⸗ taſieen einzelne Stücke aus der heiligen Meſſe, die ich in der Kirche gehört, mit wunderbarer Stimme ſang. Nicht eine Note ſoll gefehlt haben oder falſch geweſen ſein. Man ſchrie Mirakel und aus den fernſten Stadttheilen kamen die Leute, um mich mit geſchloſſenen Au⸗ gen und in Fieberglut ſingen zu hören. Ich erinnere mich nur aus —————— — 256— 1 jener Zeit eines lebhaften Traumes, der jede Nacht wiederkehrte. Die heilige Cäcilie ſaß an meinem Lager und ſang mit himmliſcher Stimme mir die ſchönſten Lieder vor, die ich mich nachzuſingen bemühte. Mög⸗ lich auch, daß ich nicht geträumt, ſondern daß die Heilige ſich in der That zu mir herabgelaſſen hat. — Das könnt Ihr doch nicht im Ernſte glauben? fragte Milton mit verwundertem Lächeln. — Das verſteht Ihr nicht, entgegnete die Sängerin halb ernſt, halb ſcherzend. Ihr ſeid ja leider ein Ketzer, den ich jedoch noch zu bekehren hoffe. — Das dürfte Euch nur ſchwer gelingen. — Ihr ſeid ſchon eines Verſuches werth, und ſo ſehr Ihr auch Euch ſperren und ſträuben mögt, ſo gebe ich doch darum nicht alle Hoffnung auf. Der Ton, in dem Leonora dieſen Punkt berührte, ſchien dem Dichter unangenehm aufzufallen, und ſie hielt es darum für gera⸗ then, nicht mehr darauf zurückzukommen. Statt deſſen fuhr ſie in ihrer Erzählung fort. — Mag nun die heilige Cäcilie mir im Traum oder in der Wirklichkeit erſchienen ſein, ſo viel ſteht feſt, daß ſeit jener Zeit mein Talent ſich in überraſchender Weiſe entwickelte. Man ſtaunte mich als ein Wunderkind an, und ſelbſt viele vornehme Herren k lelher. unſer Haus, um ſich mit eigenen Ohren und Augen zu überzeugen. Unter ihnen befand ſich mein jetziger Gönner und Beſchützer, der Kardinal Barberine, er ſorgte, da meine Eltern unbemittelt waren, großmüthig für meine fernere Ausbildung. Ich wurde von ihm zu Antonio Li⸗ berti gebracht, deſſen Schülerin ich wurde. Schon nach einem Jahre war ich die Sängerin, welche jetzt vor Euch ſteht. — Die von ganz Italien bewundert wird, und der ein nordiſcher Barbar mit Entzücken lauſchen darf. Ihr habt mir allein ein Lied verſprochen und ich mahne Euch jetzt an Euer Wort. — Wohlan! dies Lied ſoll Euch allein gehören. Ich habe es noch vor keinem andern Menſchen geſungen. Es war bisher wie ein Geheimniß, das ich in meiner Bruſt verſchloſſen. Vor Euch aber kann ich kein Geheimniß haben, Herr Barbar. —— — 257— Sie ſah ihn dabei mit lodernden, verzehrenden Blicken an, ſo Glück verheißend, daß Milton tief in ſeinem Innerſten ſüß zuſam⸗ menſchauerte; dann begann ſie ein Lied, das die Gewalt und Selig⸗ keit der Liebe verkündete. Welch' ein Zauber lag in ihrer Stimme, welche Glut loderte während des Geſanges in ihren Augen! Alle Schmerzen und alle Wonnen des Daſeins zitterten in dieſen glocken⸗ reinen Tönenz ſie jubelten und jauchzten; ſie offenbarten dem Dichter das innerſte Geheimniß einer liebenden Frauenſeele. Athemlos ſaß er und lauſchte, berauſcht von den herrlichen Klängen. Als ſie geendet hatte, ſtürzte er zu ihren Füßen, ſie aber beugte ſich zu ihm hernieder, und er fühlte den warmen Hauch ihrer ſchwellenden Lippen auf ſeiner Stirn. — Leonora! ſeufzte er im Uebermaße ſeines Entzückens. Meine Göttin, meine Muſe! — Ich gehöre dir, ſagte ſie, ſich ſanft ſeiner Umarmung entwin⸗ dend. Mit dieſem Kuſſe gebe ich dir meine Seele, mein ganzes Herz. Und nun komme mit mir. Es wird mir in dieſen ſteinernen Wän⸗ den zu eng, ich muß hinaus. Hand in Hand verließen ſie die Wohnung der Sängerin und wan⸗ derten durch das ewige Rom. 5. Von der genialen Sängerin geführt, lernte Milton erſt jetzt alle erhahenen Schätze der Siebenhügelſtadt, Kirchen und Paläſte, Ruineu und Reliquien des Alterthums kennen. Sie zeigte ihm die Statuen der Götter, die Schöpfungen der neueren Maler, und ſelbſt tief ein⸗ geweiht und begeiſtert von der Kunſt, erſchloß ſie ihm das Verſtänd⸗ niß für die höchſten Leiſtungen der Menſchheit. Bewundernd ſtand er mit ihr vor dem Apollo von Belvedere, dem ſterbenden Fechter und dem Faun; mit trunkenen Augen betrachtete er die Madonnen Ra⸗ phael's und das jüngſte Gericht Michel Angelo's in der Sirtiniſchen Kapelle. Beſonders wurde ſeine eigene große Phantaſie von dem Werke dieſes erhabenen Meiſters angezogen. Er fühlte ſich dem Ge⸗ D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 17 — 258— nius verwandt, und in ſeiner Seele dämmerte in unbeſtimmten For⸗ men der Plan zu einem Gedicht, das an Kühnheit und Größe mit den Fresken Michel Angelo's ringen ſollte.— Leonora theilte nicht ſeine Vorliebe für den gewaltigen Maler, ſondern neigte ſich weit mehr zu dem göttlichen Sanzio und zu deſſen ſtets maßvollen und von Schönheitsſinn belebten Schöpfungen. — Eure Vorliebe für den alten Angelo, ſagte ſie im anmuthi⸗ gen Scherze, beweiſ't mir von Neuem, daß Ihr, trotz aller Bildung, noch immer ein halber Barbar geblieben ſeid. Ich geb' Euch zu, daß er groß und gigantiſch iſt, aber die Grazien haben nicht an ſeiner Wiege geſtanden. Ich weiß nicht, wie es kommen mag, ſo oft ich aber vor ſeinen Werken ſtehe, ſehe ich auch den ſtrengen, mürriſchen Meiſter vor mir mit herben Zügen und zornigem Eifer. Es iſt mir immer, als thäte er der Kunſt nur Gewalt an, als kämpfte er mit ihr und zwinge ſie, ihm zu dienen. Sie hat ihn nie geliebt, ſondern nur gefürchtet und ihm gehorcht. Der Marmor zwar bewäl⸗ tigte ſein ſtarker Arm, und der Stein erlag den wuchtigen Schlägen ſeines Meiſels, aber die holde Farbenwelt ſpottete ſeiner Tyrannei. Die hat ſich ihrem Liebling offenbart, ohne Mühe und ohne Arbeit ihm das ewige Geheimniß ihrer Schönheit aufgeſchloſſen. Göttlicher Raphael! wie lieb' ich dich ſo ſehr. — Faſt freue ich mich, daß er nicht mehr lebt. Ich wäre eifer⸗ ſüchtig auf ihn geweſen, und, wie es ſcheint, nicht ohne Grund. — Er iſt todt, ſagte die Sängerin mit wehmüthigem Ton, und die Todten können den Lebenden nicht mehr gefährlich ſein. Ich hätte ihn vielleicht geliebt, mehr als ſeine Fornarina, die den Genius in ihm nicht zu würdigen verſtand. Sei nicht böſe, meine Giovanni, wegen meiner Offenheit. Du lebſt und ich liebe dich; was willſt du mehr? Sie reichte ihm mit gewinnendem Lächeln die weiße Hand, die er mit ſeinen Küſſen bedeckte. Eine kleine Wolke jedoch blieb auf ſeiner Stirn für den ganzen Tag zurück. Je länger Milton mit Leonora verkehrte, je genauer er ſie kennen lernte, deſto klarer entwickelte ſich ihre eigenthümliche Natur vor ſeinen Augen. Sie war mehr Künſt⸗ lerin, als Weib; ihr ganzes Weſen ging in dieſer Richtung auf und ſelbſt in Milton ſchien ſie weit mehr den Dichter, als den Menſchen — — — 259— zu lieben. Trotz dieſer Beobachtung, die ſich ihm unwillkürlich und oft ſchmerzlich genug aufdrängte, vermochte er nicht von ihr zu laſſen. Die Liebe iſt nicht blind, ſondern nur großmüthig. Schwächen ent⸗ ſchuldigt ſie, Fehler überſieht ſie, ſelbſt eine tiefere Kränkung verzeiht ſie leicht. Sie glaubt an ihre Macht und deßhalb hofft ſie ſtets auf auf Beſſerung und übt die größte Nachſicht, bis das Maß erſchöpft iſt und der Glaube wankt; auch dann noch klammert ſie ſich an den Schatten feſt und lebt von der Täuſchung, von einem Traum, bis auch dieſer ſchwindet und ſie in ewiger Nacht zurückläßt. Häufig kehrte dieſer innere Zwieſpalt wieder, aber er führte zu keinem Bruch; immer von Neuem fand eine Verſöhnung ſtatt, die den Dichter nur noch inniger an Leonora feſſelte. Ihrem ſchwärmeriſchen Glaubenseifer begegnete er mit Schonung; ſie war eine glühende Ka⸗ tholikin, und mehr als einmal verrieth ſie deutlich die Abſicht, Mil⸗ ton für ihre Ueberzeugung zu gewinnen. Es fehlte nicht dazu an mannigfacher Gelegenheit und Veranlaſſung. Zuweilen beſuchte er mit ihr die vorzüglichſten Kirchen der Stadt und wohnte der heiligen Meſſe bei. Unter allerlei Vorwänden wußte ſie ihn geſchickt dahin zu führen; bald galt es, ein berühmtes Bild, eine Statue zu bewun⸗ dern, bald einer außerordentlichen Kirchenfeier beizuwohnen. Er fügte ſich gern und unbefangen ihren Wünſchen, jedoch ohne den von ihr beabſichtigten Eindruck zu empfangen. In ſeinen Geſprächen mit ihr geſtand er ihr gern zu, daß der römiſche Gottesdienſt prächtiger ſei und die Sinne mehr befriedige, als der nüchterne Kultus der Prote⸗ ſtanten. Ein anderes Zugeſtändniß ließ er ſich nicht entreißen, ob⸗ gleich Leonora nicht verzweifelte, ihn mit der Zeit vollkommen zu bekehren. Mit weiblicher Schlauheit wartete ſie auf einen günſtigeren Zeitpunkt, auf die Macht der Gewohnheit und auf den Sieg ihrer Liebe. Eines Tages nahm ſie nach einer längeren Ugterbrechung ihr Be⸗ kehrungswerk mit neuem Eifer auf. Sie war ml ⸗Milton in der Pe⸗ terskirche geweſen, wo eine große Kirchenfeierligt„Kattgefunden hatte. Das rieſige Gebäude war von Andächtigen eufult, und der Katholi⸗ eismus hatte ſeine ganze Pracht gezeigt. An der Spize ſeiner Kar⸗ dinäle erſchien der heilige Vater ſelbſt, die goldene Tiara auf dem Haupt. Die erſten Würdenträger der Stadt umgaben den Thron, auf dem er vorübergetragen wurde, und ein Gefolge, würdig des erſten 17* — 260— Fürſten der Chriſtenheit, ging ihm zur Seite. Bei ſeinem Anblick ſtürzte die gläubige Menge auf die Kniee, und die päpſtliche Kapelle ſtimmte zu den Tönen der mächtigen Orgel den ambroſianiſchen Lob⸗ geſang an. Es war ein Schauſpiel, wie es nirgends, außer in Rom, dem Fremden geboten wird. Der erhabene Dom mit ſeiner rieſigen Knuppel und den gewaltigen Säulenreihen glich einem Abbilde des Him⸗ mels ſelbſt. Unzählige Kerzen verbreiteten einen flammenden Glanz und verdrängten faſt das Sonnenlicht. Die Wände ſtrahlten in bunter Farbenpracht der Fresken und koſtbarſten Moſaiken; die Menge der Altäre ſchimmerten von Gold und Cdelſteinen bedeckt. Blaue Wolken von duftendem Weihrauch wirbelten aus den unabläſſig geſchwungenen ſilbernen Keſſeln empor und ſchwebten bis zu der hohen Decke auf. Durch den Schleier derſelben blitzte von Zeit zu Zeit die Herrlichkeit der Kirche wie Sonnenglanz aus dem Nebel hervor. Köſtliche Bilder und bunte Fahnen wogten über den Köpfen der Gläubigen, und die Statuen der Heiligen und Märtyrer breiteten ſegnend ihre Hände über die frommen Beter aus. 5 Jetzt trat der heilige Vater ſelbſt an den Hochaltar und kniete vor dem Bilde des Erlöſers, angethan in ſeinen goldenen Gewändern, unter deren Laſt er faſt erlag. Ein ehrfurchtsvolles Schweigen er⸗ füllte den weiten Dom, man konnte das Rauſchen eines fallenden Blattes hören. Es war, als ob der Geiſt des Herrn durch die ge⸗ waltige Kirche ſchwebte. Der Papſt betete.— Als er ſich wieder vom Boden erhob, ſchmetterten von Neuem die Poſaunen, wirbelten die Pauken, brauste die Rieſenorgel, ein Meer von Tönen rauſchte von dem hohen Chor herab und die Ton⸗ wellen ſchlugen dröhnend an die hallende Wölbung der gewaltigen Kuppel. Das war kein irdiſcher Geſang, ſondern die Pforten des Himmels hatten ſich aufgethan und die himmliſchen Heerſchaaren jauchz⸗ ten ihr Triumphlied nieder.— Schweigend und trotz ſeiner Ueberzeugung tief ergriffen verließ Milton an der Seite Leonora's den Dom, aus deſſen geöffneten Thoren die unüberſehbare Menſchenmenge fluthete. Auf dem Rückwege nach ihrer Wohnung geſellte ſich Sir Kenelm Digby zu ihnen, der ſo eben von einem Ausfluge nach Neapel zurückgekehrt war und den Milton bisher noch nicht in Rom geſehen hatte. Er begrüßte dieſen — 261— und ſeine Begleiterin, die auch ihm bekannt war, mit freundlichen Worten. — Sieh dal rief er ihnen entgegen. Appollo und die Muſe des Geſanges. Das nenne ich ein glückliches Zuſammentreffen. Ihr habt alſo doch meinen Vorſchlag befolgt und ſeid nach Rom gegangen. Wie ich ſehe, habt Ihr keinen Grund, meinen Rath zu bereuen. Dabei warf er einen ſchlauen, vieldeutigen Blick auf die Signora. Milton ſchien indeß keineswegs ſo erfreut über dieſe Begegnung. In ſeinem Herzen regte ſich der alte Widerwille gegen den gewandten Höfling, deſſen ganzes Weſen mit ſeiner eigenen Natur im Wider⸗ ſpruche ſtand; deſto zuvorkommender war die Signora gegen Kenelm, ſie reichte ihm die Hand und lud ihn ein, ihr zu folgen. Unterwegs erzählte Sir Kenelm dem ſtaunenden Dichter ohne Hehl, daß er jetzt offen zum Katholizismus ſich in Rom bekenne, nachdem er in Eng⸗ land bereits heimlich zu dem Glauben ſeiner Väter übergetreten war. — Auch von Euch, fügte er zu dem Dichter gewendet hinzu, er⸗ warte ich, daß Ihr meinem Beiſpiele folgen werdet. Es iſt immer beſſer, Ihr thut es in der Zeit, denn früher oder ſpäter wird unſer ganzes Vaterland in den Schoos der alleinſeligmachenden Kirche zu⸗ rückkehren. — Und was berrchtigt Euch zu dieſer Meinung? fragte Milton gereizt. — Der Glaube an die ſiegende Gewalt des Katholicismus und die Stimmung des Hofes. König Karl bekennt ſich zwar noch zu der biſchöflichen Kirche und verſichert ſtets ſeine feſte Anhänglichkeit an dieſelbe, aber ſeine innere Ueberzeugung muß ihn mit der Zeit uns immer näher bringen. Die Königin iſt eine fromme Katholikin und übt auf ihren Gemahl den entſchiedenſten Einfluß aus. Selbſt Bi⸗ ſchof Laud arbeitet und wirkt ganz in unſerem Sinne. Mehre der einflußreichſten und bedeutendſten Männer in der Umgebung des Kö⸗ nigs haben bereits den neuen Glauben abgeſchworen und Ihr wißt, welche Antwort eine bekannte Lady dem Biſchof gab, als dieſer ſie wegen ihres Abfalls zur Rede ſtellte.„Mylord“, ſagte ſie,„ich liebe es nicht, im Gedränge und mit dem großen Haufen zu gehen“. — Ihr redet nur vom Hofe und ſeinen Anhängern, das Volk aber hält an ſeinem Glauben feſt. 5 — 262— — Das Volk, erwiederte Sir Kenelm mit Achſelzucken, das Volk kommt nicht in Betracht. Es iſt dieſelbe blinde Menge, welche unter Heinrich dem Achten ſich die Reformation aufdringen ließ, ſie wird unter Karl dem Erſten ſich zu der alten Kirche ohne Widerſtreben zurückführen laſſen. Der König befiehlt, das Volk gehorcht. — Ihr befindet Euch in einem ſchweren Irrthum. Als Heinrich der Achte die Reformation, wie ich Euch zugeben will, aus ſelbſtſüch⸗ tigen Gründen einführte, da war er ſelber nur ein Werkzeug in den Händen der Vorſehung, unbewußt von dem Geiſte ſeiner Zeit zu die⸗ ſem Schritt getrieben. Der Boden war hinlänglich gelockert und vor⸗ bereitet, durch Wiklef, Luther und Kalvin bearbeitet. Der Sämann brauchte nur den Samen ausſtreuen, damit er aufging und Früchte trug. Nicht das Machtwort eines Königs, ſondern der innere Trieb und Drang des Volkes brachte die Reformation hervor. Seitdem hat dieſelbe ſich befeſtigt, unter den Verfolgungen der blutigen Marie ein 8 Zeugniß ihrer Beharrlichkeit abgelegt. In dem blutgetränkten Boden breiteten ſich ihre Wurzeln aus, gedüngt durch die Aſche der Märtyrer, welche um ‚des Glaubens Willen auf dem Scheiterhaufen endeten. Königin Eliſabeth pflegte das junge Reis, das unter ihrem Schutze zu einem mächtigen Baume emporwuchs. Sie wurde mit und durch die Reformation groß, getragen von dem Volke und deſſen neu er⸗ wachter Kraft. Damals erhob ſich unſer Vaterland zu einer nie ge⸗ ahnten Größe, weil es ſich an die Spitze der geiſtigen Bewegung ſtellte, welche die Welt in ihrem Innerſten erſchütterte. Nehmt Eng⸗ land ſeine Reformation und Ihr ſchneidet ihm die Lebensader durch. Die Künſtlerin, welche bisher ſchweigend zugehört hatte, nahm jetzt das Wort und miſchte ſich lebhaft in das Geſpräch. — Giovannil ſagte ſie lächelnd. Ich verſtehe nichts von Eurer Politik und das Schickſal Eures Vaterlandes bekümmert mich nicht, aber Euer Seelenheil liegt mir am Herzen und vor allem das Heil der Kunſt. Wohl ſeid Ihr ein Barbar, wie ich Euch oft im Scherz genannt habe, wenn Ihr nicht einſeht, daß einzig und allein die ka⸗ tholiſche Kirche die Mutter und Pflegerin der Künſte ſei. Was hat Eure geprieſene Reformation bisher hervorgebracht? Nichts als blu⸗ tige Bürgerkriege, innere Zwietracht und Verwüſtung. Können da die Muſen leben und gedeihen? Blickt um Euch und Ihr müßt und —.— — — 263— werdet mir Recht geben. Rom iſt die erſte Stadt der Welt, ſeine Kirchen und Paläſte ſind mit den Wunderwerken der größten Maler und Bildhauer angefüllt, Poeſie und Muſik haben hier ihren Wohn⸗ ſitz aufgeſchlagen. Und all dieſe Herrlichkeit ſtrömt einzig und allein aus dem ewigen Quell des alleinſeligmachenden Glaubens. Er be⸗ geiſtert den Künſtler und erfüllt ſeine Seele mit jenen himmliſchen Bildern, welche uns überall entgegenſtrahlen. Seht! die göttliche Madonna Naphaels, die Contrefei's der heiligen Märtyrer, ſie ſind nur der verkörperte Abglanz der katholiſchen Kirche. Was bietet uns Eure Reformation dafür? Nackte Wände, kalte, zierloſe Mauern, einen Gottesdienſt ohne Begeiſterung und Aufſchwung. — Aber dafür Wahrheit an Stelle der Sinnentäuſchung, Freiheit für Glaubenszwang und ſtatt der verlockenden Kunſt, die er⸗ habene Wiſſenſchaft. Hätten wir der Reformation nichts weiter, als die Verbreitung der Bibel und die damit verbundene Befreiung des göttlichen Wortes zu verdanken, ſo wäre dieſer Umſtand allein ge⸗ nügend, um ihre Bedeutung für ewige Zeiten zu begründen. — Für den Laien bleibt die Bibel ſtets eine zweiſchneidige Waffe, wandte Sir Kenelm dagegen ein. Die volle Wahrheit taugt nicht für das Volk. Die blinde Menge mißbraucht nur die Freiheit und die heilkräftige Medizin wird nur zu leicht in den Händen eines Un⸗ erfahrenen zum tödtlichen Gift. Nur der Arzt hat das Recht und die Pflicht, die Doſis zu beſtimmen, welche dem Patienten Noth thut. — Die Bibel iſt nicht eine Arznei, ſondern die Geſundheit ſelbſt, unſer eigenſtes Lebenselement. Wer ſie uns vorenthält, nimmt uns die Luft, die wir athmen, raubt uns die Bedingungen unſerer Eriſtenz. Das göttliche Wort darf nicht das Eigenthum einer beſonderen Klaſſe ſein, es gehört der ganzen Welt. Seht, wie das Volk ſich nach dem ewigen Quell drängt, aus dem es Troſt, Glauben und Seligkeit ſich ſchöpft. Gott ſelber hat ſich darin offenbart und Ihr wollt den hei⸗ ligen Geiſt in Feſſeln legen; aber er ſpottet Eurer Gewalt. Ihr könnt ihn nicht länger unterjochen, gewaltſam macht er ſich Bahn. Ueberall ergießt er ſich über die Menſchheit und ſein Licht durchſtrömt die ganze Welt. Er iſt die Freiheit, Rom aber kann nur durch die geiſtige Knechtſchaft der Nationen und der Individuen beſtehen. Die freie Forſchung mit ihrer Wahrheit iſt ein Gräuel in ſeinen Augen, — 264— die Wiſſenſchaft ſeine ärgſte Feindin. Noch raucht der Scheiterhaufen, auf dem es Giordano Bruno verbrannte, mit meinen eigenen Augen habe ich den unglücklichen, blinden Galilei geſehen. Sein Bild allein genügt, um mich für immer dem Katholizismus zu entfremden. — Hat nicht der Vater ein Recht, ſeine ungehorſamen Kinder zu beſtrafen. Wohin ſoll dieſe geiſtige Zügelloſigkeit führen, wenn ihr nicht bei Zeiten gewehrt wird? Iſt nicht Deutſchland und unſer eigenes Vaterland durch dieſe verderblichen Neuerungen der Auflöſung nahe? Die Irrlehren der Wiedertäufer, Browniſten und wie all die Sekten heißen mögen, drohen die bürgerliche Geſellſchaft in ihren Grundfeſten zu erſchüttern. In wilder Schwärmerei predigen ſie die Vernichtung von allem Beſtehenden, Krieg der Regierung und der Ordnung. Sie Alle berufen ſich auf die Bibel und ſtützen ſich auf das göttliche Wort, das ſie willkürlich deuten und entſtellen. In dieſem Aufruhr ſteht die Kirche Rom's feſt und unerſchütterlich wie ein Felſen im empörten Meere; ſie ruht auf den Verheißungen des Erlöſers, auf den Verdienſten ihrer Heiligen und Märtyrer, auf den Lehren der Kirchenväter und auf der weltlichen und geiſtigen Macht, die ihr der Herr für immer verliehen. Da iſt Größe und Einheit, Macht und Weisheit, Strenge und Milde. Man kann ihren Rieſen⸗ bau nicht ohne Ehrfurcht und Bewunderung anblicken; Erhabeneres hat die Menſchheit nie geſehen. Jahrtauſende hat ſie beſtanden und ſie wird auch dieſen Sturm der Reformation ſiegreich überdauern. — Wahrlich, fügte die Signora hinzu, Signor Kenelm hat ſelber wie ein heiliger Kirchenvater geſprochen. Giovanni! verſchließt Euer Ohr nicht den Worten unſeres Freundes und folgt ſeinem herrlichen Beiſpiele. Auch er war noch vor Kurzem ein Verirrter, aber er hat die Stimme ſeiner verlaſſenen Mutter gehört und iſt reuig in ihre Arme zurückgekehrt. Die Madonna wird auch Euch auf den rechten Weg führen und Euch verzeihen. O, Ihr wißt nicht, wie gut ſie iſt, wie mild und freundlich ſie ſich zu dem Gläubigen neigt; ſie iſt ja ein Weib voll Liebe. Darum bete ich auch täglich zu ihr, daß ſie Euer Herz rühren und Euch erleuchten möge. Erſt dann, wenn Ihr Euch bekehrt, will ich Euch gänzlich angehören, dann iſt auch die letzte Schranke gefallen, die uns noch trennt. 1 —— — 265— Mit weichen Armen zog ſie den Widerſtrebenden mit ſich fort und er vermochte nicht, der holden Verſuchung zu widerſtehen, obgleich er innerlich feſt entſchloſſen war, nie der Liebe ſeine Ueberzeugung und geiſtige Freiheit aufzuopfern. 6. Derartige Scenen wiederholten ſich jetzt öfters und Milton ſchrieb nicht mit Unrecht den Grund dieſes erhöhten Bekehrungseifers der Anweſenheit Sir Digby's zu. Dieſer blieb in Rom und verfolgte von hier aus mit großer Umſicht und Schlauheit ſeine Pläne, welche nichts geringeres bezweckten, als die katholiſche Kirche in England durch Liſt oder Gewalt wieder herzuſtellen. Er war ein willkommener Bundesgenoſſe dem Orden der Jeſuiten, der in jener Zeit in vollſter Blüthe ſtand und eine unermüdliche, vor keinem Mittel zurückſchreckende Thätigkeit entwickelte. Der talentvolle Dichter, deſſen Bedeutung immer mehr anerkannt wurde, blieb von den Jeſuiten nicht unbeachtet; ſie glaubten in ihm mit der Zeit ein treffliches Werkzeug für ihre weit aus⸗ gedehnten Pläne heranzubilden. Deshalb ſetzten ſie auch alle Hebel in Bewegung, um ihn für ſich zu gewinnen. Der Kardinal Barbe⸗ rini begünſtigte dieſe Anſchläge und fuhr ununterbrochen fort, ihm die größte Aufmerkſamkeit zu ſchenken, er ließ es nicht an Verſprechun⸗ gen und lockenden Ausſichten fehlen, verſteckt deutete er an, daß es nur an Miltons Willen läge, um eine hervorragende und einfluß⸗ reiche Stellung zu erlangen. Auch die Liebe ſtand im Dienſte des mächtigen Ordens, die Leidenſchaft, welche Leonora Baroni dem Dichter eingeflößt habe, entging ſeinem Scharfblick nicht und wurde nur dazu benutzt, um die Beute deſto ſicherer zu ködern. So von Netzen und Schlingen aller Art umringt, hätte Milton unter⸗ liegen müſſen, wenn ihn nicht ſeine Liebe zur Freiheit und die geſunde Natur gerettet hätte. Ein ſchwerer Kampf ſtand ihm jedoch bevor; täglich wiederholten ſich die Angriffe und Auftritte, die Künſtlerin ſetzte alle ihr zu Gebote ſtehenden Reize und Talente in Bewegung, um ihn zu dem gewünſchten Abfall zu bewegen. Bald ſchmollte ſie — 266— mit ihm, bald überhäufte ſie ihn mit den ſüßeſten Schmeichelworten und Liebkoſungen; Lächeln und Thränen, Bitten und Drohungen, das ganze Arſenal weiblicher Verführungskünſte ſetzte ſie für ihre Zwecke in Bewegung. Milton fühlte die Gefahr, welche ihn täglich mehr bedrohte; ſeine Kraft war erſchöpft und um jeder ferneren Verſuchung zu entgehen, beſchloß er Trennung, wenn auch nur auf kurze Zeit, von der er für ſich und Leonora den beſten Einfluß erwarten durfte. Nur mit Gewalt riß er ſich von der Geliebten los, die ihm durch⸗ aus folgen wollte, doch durch das feierliche Verſprechen, ſo bald als möglich zurückzukehren, bewog er ſie von ihrem Willen abzuſtehen. Längſt ſchon hatte er den Plan gehegt, Neapel und wo möglich auch Griechenland zu beſuchen, jetzt gelangte dieſer zur Ausführung. In Begleitung eines treuen Dieners trat er die Reiſe an, von der er ſich Zerſtreuung und Beruhigung verſprach. An einem ſchönen Früh⸗ lingstage verließ er Rom und die Geliebte, bald befand er ſich in der öden Campagna. Troſtlos dehnte ſich die dürre, braune Wüſte vor ſeinen Augen aus, höchſtens von einer zerfallenen Waſſerleitung oder einem Trümmerhaufen unterbrochen. Stundenlang ritt er ohne einem andern Menſchen zu begegnen, als dem wilden Schäfer der Campagna in zottigem Pelze gehüllt, die Füße mit einem rohen Ziegen⸗ fell bekleidet und das ſonnverbrannte Haupt mit dem ſpitzen Filz be⸗ deckt. Um ſo ungeſtörter konnte der Dichter ſeinen Gedanken nach⸗ hängen. Zuweilen ergriff ihn wieder das Gefühl ſeiner alten Leiden⸗ ſchaft mit aller Macht, ſo daß er nach dem Zügel griff und im Begriff ſtand, ſein Roß nach dem ſo eben erſt verlaſſenen Rom zurückzulenken und in die Arme ſeiner geliebten Leonora zu eilen.— Am erſten Abend langte er in Albano an, aber weder die klaſſiſchen Erinne⸗ rungen, welche ſich an den Namen Alba longa knüpften, noch die berühmte Schönheit der dortigen Frauen vermochten ſeine ſehnſüchtige Trauer zu verſcheuchen. Am nächſten Morgen, als er geſtärkt er⸗ wachte und ſeinen Weg fortſetzte, begann die reizende Natur ihren gewohnten Zauber wieder auf ihn auszuüben.— Kaum eine Viertel⸗ ſtunde mochte er geritten ſein, als er an den Rand des tiefen Kraters gelangte, deſſen Tiefe das Becken des Albaners See bildet. Immer⸗ grüne Eichen und Ulmen von rieſiger Größe und Stärke füllten die ſteile Schlucht aus und bekränzten das kühn geformte Ufer. Auch die — — 267— überall zerſtreuten Denkmäler des Alterthums erregten ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit; in idylliſcher Umgebung ſuchte und fand er das Grab des großen Pompejus und der Geiſt des Dichters beſchäftigte ſich mit den gewaltigen Kämpfen, welche dem Untergange der Republik vorange⸗ gangen waren. Tauſend Schritte weiter lag das Monument der Ho⸗ ratier, eine ſonderbare Ruine, deren uralte Mauern an den hier ſtatt⸗ gefundenen Kampf ihn mahnten. In dem köſtlich gelegenen Ariccia gedachte er der Zeiten, wo Horaz hier verweilte und fern von dem Lärm und Treiben der Hauptſtadt ſich in ländlicher Zurückgezogen⸗ heit den Freuden eines behaglichen Stilllebens überließ. Auf jedem Schritte, den er weiter that, begegnete Milton einer großen hiſtoriſchen Erinnerung, vor der ſeine eigenen kleinen Erlebniſſe verſchwinden mußten, von denen ſein Geiſt geſtärkt einen höheren Aufflug nahm. Bald ſchimmerte das blaue Meer ihm aus der duftigen Ferne ent⸗ gegen und der Anblick deſſelben erfüllte ſeine Seele mit unnennbarem Entzücken. Auch einen Reiſegefährten hatte Milton gefunden. Nicht fern von Terracina traf er im Schatten einer jenen mächtigen Bäume einen Einſiedler, der hier während der Mittagsſonne ſeine Sieſta hielt, neben ihm weidete ein beſcheidener Eſel mit Lebensmitteln, den frommen Gaben der Gläubigen, beladen. Die ſenkrecht herabſchießen⸗ den, brennenden Sonnenſtrahlen ließen auch den verſchmachteten Dichter mit ſeinem Begleiter und den müden Thieren Schutz und Schatten⸗ ſuchen. Er ſtieg deshalb vom Pferde herab und begrüßte den Ere⸗ miten, der ihn freundlich einlud, an ſeiner Seite Platz zu nehmen. Der Einſiedler war ein alter, freundlicher Mann, mit milden, offenen Zügen. Ein ſilberweißer Bart reichte ihm bis auf die Bruſt und verlieh ihm bei aller Einfachheit ein ehrwürdiges Ausſehen. — Willkommen im Grünen! rief er ſchon von Weitem Milton heiter zu. Wenn Ihr meinen Palaſt theilen wollt, ſo ſeid Ihr ein gerne geſehener Gaſt, denn trotzdem ich ein Einſtedler bin, liebe ich doch die Geſellſchaft und eine muntere Unterhaltung. — Ihr habt da ein ſchönes Haus, ſcherzte der Dichter, i den⸗ ſelben Ton eingehend. Euer Palaſt übertrifft Alles, was ich in Rom geſehen. 269— — Das will ich meinen, den haben auch keine Menſchenhände gebaut. Das grüne Dach iſt ſo luftig und kühl, wie es kein Bau⸗ meiſter auf Erden ſchaffen kann und die Ausſicht findet ihres Gleichen nicht. Seht Euch nur um und Ihr werdet mir beiſtimmen. Milton ließ ſeine Blicke umherſchweifen und mußte ſeinem freund⸗ lichen Wirth beipflichten. Dort glänzte das blaue Meer im goldenen Sonnenſchein, hier erhoben ſich die phantaſtiſchen Gipfel des Gebirges. Einen beſonderen Reiz erhielt noch die wild romantiſche Landſchaft durch die kleinen Gärten, welche zwiſchen den vereinzelten Häuſern an dem Felſen wie bunte Teppiche hingen und die nackten Wände lieblich bekleideten. Orangen⸗ und Citronenbäume ſchwebten an den Abgründen und neigten ſich unter der Laſt ihrer goldenen Früchte, dazwiſchen blühten Pfirſiche und Mandeln in ſanften Farben. Die einſame Palme erhob ſich ſchlank wie eine Säule zum Himmel empor und entfaltete ihre phantaſtiſche Krone, an die Zauberwelt des Orients gemahnend. Das dunkle Grün der ſchwarzen Cypreſſen und Pinien ſchattete ſich maleriſch ab gegen das erſte zarte Laub der Pappeln und filbernen Weiden. Unzählige Sträuche, mit Blüthen bedeckt, worunter ddie würzige Myrte, ſchoſſen aus jedem Spalt hervor, während der nackte Feigenbaum mit ſeinen wunderlich verrenkten Armen klimmend von einer Felſenſtufe zu der anderen emporzuklettern ſchien. Das Alles war von zauberiſcher Wirkung, getaucht in den Sonnenglanz eines ſüdlichen Himmels. — O, wie ſchön iſt euer Vaterland! rief Milton entzückt ſeinem Begleiter zu. — Nun, hab' ich nicht Recht, entgegnete der Eremit mit freund⸗ lichem Lächeln, giebt es einen ſchönern Palaſt mit einer herrlicheren Ausſicht auf der ganzen weiten Welt, und wohin ich komme, beſitze ich einen ähnlichen. — Ihr ſeid ein reicher Mann, ſcherzte der Dichter, und faſt möcht' ich Euch beneiden. 3 — Das will ich meinen, daß ich ein reicher Mann bin. Seit ich nichts auf Erden mein nenne, beſitze ich erſt die ganze Welt. Könnt Ihr mir dies Räthſel löſen? — Ich verſtehe Euch und Ihr ſeid auch nebenbei, wie ich ſehe, ein großer Philoſoph. —;—;—ᷣ—ᷣ—ᷣ¾ — 269— — Um Gottes Willen ſprecht nicht ſo laut, denn die Philoſophie ſteht bei uns nicht im beſten Geruche. Laßt uns lieber von etwas Anderem reden. Ihr ſcheint aus weiter Ferne zu uns gekommen zu ſein. — Ich komme aus England. — Ihr ſeid alſo vermuthlich ein Ketzer. — Es würde mir Leid thun, wenn Euch darum meine Geſell⸗ ſchaft minder angenehm wäre. — Im Gegentheil, Ihr gebt mir ja die ſchönſte Gelegenheit, ein verirrtes Lamm auf den rechten Weg zurückzuführen. — Guter Vater! ich fürchte nur, daß alle Eure derartigen Ver⸗ ſuche vergeblich ſind. — Dann will ich mir die Mühe erſparen. Im Grunde genom⸗ men, was geht es mich an? Wenn Ihr durchaus nicht ſelig werden wollt, ſo iſt das Eure Schuld. Wir können doch darum eine kurze Strecke mit einander gehen und wenn Ihr kein anderes Nachtquartier habt, ſo ſteht Euch meine kleine Klauſe zu Gebote. Mit dieſen Worten erhob ſich der Einſiedler von dem Raſen und zäumte den Eſel auf, auch Milton rüſtete ſich zum Aufbruch. Beide ſetzten ihren Weg gemeinſchaftlich fort und fanden, je länger ſie mit einander verkehrten, deſto größeres Wohlgefallen aneinander. Der Ein⸗ ſiedler entwickelte in der Unterhaltung einen klaren, ſcharfen Verſtand mit einem heiteren und milden Sinn gepaart. Er kannte die Welt und ſein Urtheil war meiſt treffend und dennoch mild und nachſichtig. Ueber ſein früheres Leben behauptete er ein tiefes Stillſchweigen, nur ſo viel ging aus ſeinen Worten und ſeinem ganzen Benehmen hervor, daß er den beſſeren Ständen einſt angehört und keine unbedeutende Stellung in der Welt eingenommen haben mußte. Auch zeigte er eine keineswegs vernachläſſigte Bildung und er citirte im Verlaufe des Geſprächs häufig klaſſiſche Stellen der alten Schriftſteller und der beſten Dichter ſeines Vaterlandes. Als Milton ſich ihm als einen Poeten zu erkennen gab und einige ſeiner lateiniſchen Verſe vortrug, nahm der Einſiedler den lebendigſten Antheil an ſeinen Leiſtungen. — Ihr ſeid ein ganzer Dichter, ſagte er, und darum will ich Euch, da Ihr nach Neapel reiſ't, eine Empfehlung an einen trefflichen — 270— Herrn mitgeben, der ſelbſt der beſte Freund des unſterblichen Taſſo war, deſſen herrliche Geſänge Ihr ſicher kennt. Armer Taſſo! Der Eremit ſchien gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit durch die Er⸗ innerung an den Sänger des befreiten Jeruſalems traurig geſtimmt. — Ihr ſcheint Taſſo ſelbſt gekannt zu haben? fragte Milton ſei⸗ nen Reiſegefährten, der ihm immer intereſſanter erſchien. Könnt Ihr mir von ſeinen Schickſalen etwas mittheilen? — Erlaßt mir die traurigſte Erinnerung meines Lebens. Seine Geſchichte iſt die des Genius, der ſich ſelbſt verzehrt, um die Welt mit ſeinem Lichte zu erleuchten. Ich lernte ihn in Rom kennen, als er krank mit gebrochenem Körper und Geiſte auf dem Siechenbette in dem Kloſter St. Onofrio darniederlag. Aber ſelbſt in dieſer verfal⸗ lenen Geſtalt erſchien er mir noch immer wie einer jener Tempel des Alterthums, deſſen Ruinen und zertrümmerte Säulen Zeugiß ablegen für ſeine frühere Schönheit und Herrlichkeit. Doch Ihr ſollt ſeinen beſten Freund Baptiſta Manſo, Marcheſe de Villa, kennen lernen und ich bin überzeugt, daß Ihr mir ſtets darum Dank wiſſen werdet. So gelangten die Reiſenden in angenehmer und abwechſelnder Unterhaltung in ein freundliches Thal, hier ſtand, von immergrünen Eichen und Birkenſträuchen umgeben, die Hütte des Einſiedlers. Vor der Thür rieſelte aus dem vulkaniſchen Geſtein ein friſcher Quell und das Bild des Erlöſers begrüßte an der Schwelle den Wanderer. Der freundliche Eremit lud den Dichter ein, ihm zu folgen und beeilte ſich als gaſtfreier Wirth, ein einfaches Abendbrod ihm aufzutiſchen. Nach dem Eſſen ſaßen Beide auf der Raſenbank und genoſſen die liebliche Kühle der Nacht. Die Sterne funkelten an dem dunkelblauen Himmel in goldenem Glanz und der ſilberne Mond beleuchtete ein irdiſches Paradies. Unwillkürlich nahm das Geſpräch eine ernſtere Wendung an und berührte jene Fragen, welche tief in der Zeit lagen. Auch Italien hatte ſeinen Antheil an den religiöſen Kämpfen der Refor⸗ mation genommen und Philoſophen und Denker hervorgebracht, welche wie Giordano Bruno die Kühnheit ihrer Anſichten auf dem Scheiter⸗ haufen büßen mußten. In den unzugänglichen Thälern Piemonts lebten die Nachkommen jener Waldenſer, welche ſchon im Mittelalter ſich gegen Rom aufgelehnt und die heilige Schrift zur Richtſchnur ihres Glaubens genommen hatten.— Dieſe Verhältniſſe berührte der — 271— Eremit mit milder Schonung und Toleranz, auch er war von der Nothwendigkeit einer Kirchenverbeſſerung durchdrungen, da er noch beſſer als Milton die Gebrechen des Katholizismus kannte. Beſonders richtete ſich ſein Eifer gegen die Jeſuiten, welche er als ein Haupt⸗ hinderniß und als Hemmung jedes nothwendigen Fortſchrittes bezeich⸗ nete. Dabei aber billigte er eben ſo wenig die Reformation, die er nur für eine bedauernswerthe Spaltung hielt. Als Milton dieſe Anſicht von ſeinem Standpunkte aus bekämpfte und in rückſichtsloſer Sprache gegen Rom zu Felde zog, warnte ihn ſein Wirth mit wohlmeinenden Worten. — Nehmt Euch in Acht und bewahrt Eure Zunge. Ich ſelber kann den Widerſpruch vertragen und halte Eurer Jugend manches un⸗ bedachte Wort zu Gute. Die heilige Inquiſition aber verſteht keinen Spaß und der Orden Jeſu hat die feinſten Ohren und die längſten Arme. Ihr ſeid in Italien, das heißt von Spionen umringt. Die Glaubenskerker ſind tief und ihre Mauern ſo ſtark, daß Eure Klagen ungehört verhallen.— Ich zürne Euch nicht, denn in vielen Dingen theile ich Eure Meinung, nur wünſche und liebe ich den Frieden. Noch gebe ich nicht die Hoffnung auf, daß dieſe unſeligen Streitig⸗ keiten friedlich enden werden. Peccatur intra et extra muros, von beiden Seiten iſt gefehlt und geſündigt worden. Rom hat die billigen Wünſche der Völker nicht gehört und dieſe haben ſich eigenmächtig losgeriſſen. Dieſe unglückſelige Spaltung bringt Niemand Heil. Darum hoffe ich, daß ſie früher oder ſpäter mit einer Verſöhnung enden wird. Vor⸗ läufig aber wollen wir mit gutem Beiſpiele vorangehen, und uns in Friede und Eintracht die Hände reichen. So ſprach der Eremit zu ſeinem Gaſt und ſeine Handlungsweiſe entſprach ſeinen Worten, willig theilte er ſein Lager aus trockenem Laube mit ihm und der Ketzer ſchlief neben dem frommen Katholiken. Am nächſten Morgen brach Milton wieder auf, um ſeine Reiſe nach Neapel fortzuſetzen. Der freundliche Einſiedler ließ es ſich nicht nehmen und begleitete ſeinen jungen Freund noch eine weite Strecke. Zum Abſchiede händigte er ihm den Brief an den Marcheſe de Villa, den Freund Taſſo's ein. 7. Ohne fernere Abenteuer gelangte Milton nach Neapel. Sein erſter Gang war zu dem Marcheſe, dem er das Empfehlungsſchreiben ſeines Reiſegefährten überbrachte. Er fand einen liebenswürdigen Greis, der früher einen hohen Poſten bekleidet hatte und jetzt von allen Geſchäften zurückgezogen ſich ausſchließlich dem Studium der Wiſſen⸗ ſchaften und der Poeſie widmete. — Ihr ſeid mir hier, ſagte der Marcheſe, von einem alten Freunde auf das beſte und wärmſte empfohlen. Doppelt willkommen, da Ihr, wie ich aus dem Briefe erſehen kann, ein junger Dichter ſeid. — Verzeiht, daß ich Euch gleich bei meinem Eintritt mit meiner Neugierde beſchwerlich falle, aber Ihr werdet es gewiß natürlich finden, wenn ich mich bei Euch nach dem Namen und den Lebensumſtänden jenes freundlichen Eremiten erkundige, dem ich Eure Bekanntſchaft zu verdanken habe.. — Er war mein alter Kriegsgefährte, das Leben hat ihm hart mitgeſpielt. Nachdem er ſein Weib und zwei Kinder begraben, hat er ſich von der Welt zurückgezogen. Faſt möchte ich ihn um ſeine Einſamkeit und den heiteren Sinn beneiden, den er ſich bewahrt.— Seinen Namen kann ich Euch nicht ſagen, da er ihn geheim gehalten wiſſen will. Mit dieſer dürftigen Auskunft mußte ſich Milton zufrieden geben, bald nahm das Geſpräch eine andere Wendung, die dem Dichter nicht minder intereſſant erſchien. Unaufgefordert erzählte ihm der Marcheſe von ſeinem Zuſammenleben mit Taſſo. — Es war mir vergönnt, ſagte der würdige Greis, dem von äußeren und inneren Feinden verfolgten Dichter eine Zufluchtsſtätte in einem meiner am Meer gelegenen Landhäuſer zu gewähren. Dort vollendete er ſein„Befreites Jeruſalem“ in glücklicher Abgeſchieden⸗ heit, nachdem er das Haus des Fürſten Conca verlaſſen hatte. Ein entſetzlicher Argwohn vergiftete ſein Daſein und ſtets lebte er in der unſeligen Furcht, daß man ſich ſeiner Manuſcripte bemächtigen und zu ſeinem Nachtheil ausbeuten wollte. Nur mir allein ſchenkte er ſein volles und unbedingtes Vertrauen. Ich benutzte es, um ſeine — 273— leidende Geſundheit wieder herzuſtellen, ſeine erſchlaffte Phantaſie zu beleben und ſeine Muſe zu neuen und erhabenen Arbeiten anzuregen. — Wohl dem Dichter, der einen ſolchen Beſchützer und Gönner auf ſeinen Lebenswegen findet. Euer Verdienſt kommt faſt dem Seini⸗ gen gleich, denn Euch verdanken wir dieſe letzten unſterblichen Werke des Genius, den herrlichen Scheidegruß der untergehenden Sonne. — Ihr ſchlagt mein Verdienſt zu hoch an und wie reichlich wurde ich dafür gelohnt. Abgeſehen von ſeiner Freundſchaft, die ich als die größte Errungenſchaft meines Lebens betrachte, widmete er mir ſeinen berühmten Dialog über die Freundſchaft, der meinen Namen auf die Nachwelt trägt. Auch begann er auf Wunſch meiner Mutter ſein Gedicht:„Von den ſieben Tagen der Schöpfung“. So blieb ich noch immer in ſeiner Schuld. Leider war es mir nicht vergönnt, dieſelbe bei ſeinem Leben abzutragen, jetzt nach ſeinem Tode erſt will ich ihm ein Denkmal ſetzen, das ſeiner würdig iſt. Ich gedenke nämlich ſeine Lebensgeſchichte zu ſchreiben, die überaus reich an wunderbaren Be⸗ gebenheiten iſt. — Ich habe viel von ſeiner unglücklichen Liebe zu der Fürſtin Leonora von Eſte ſprechen hören. Dieſe Leidenſchaft ſoll allein der Grund ſeiner Leiden geweſen ſein. — So viel ich aus ſeinem eigenen Munde weiß, hat dieſe Nei⸗ gung niemals die Schranken einer tugendhaften und ritterlichen Ver⸗ ehrung überſchritten. Ich ſelber kannte die erhabene Fürſtin, ſie war die Zierde ihres Geſchlechts, eine jener herrlichen Naturen, wie man ſie nur ſelten trifft. Edel und großherzig, nahm ſie den lebendigſten Antheil an der Bildung und Literatur unſeres Vaterlandes. Sie ſprach das Lateiniſche fertig wie ein Gelehrter und las den unſterb⸗ lichen Homer und die meiſten griechiſchen Dichter in der Urſprache. Kein Wunder, daß ſie mit Taſſo viel verkehrte und den Dichter be⸗ günſtigte. Sie liebte den Umgang mit bedeutenden Männern und nicht die Geburt, ſondern das Talent allein verlieh dem Menſchen Werth in ihren Augen. Da ſie viel älter war als er, ſo erhielt ihre Freundſchaft zu ihm einen ſchweſterlichen Anſtrich. Es war eine ſchöne Zeit, die Taſſo damals an dem„Hofe von Ferrara verlebte. Die edelſten Männer und liebenswürdigſten Frauen hatten ſich zuſammen⸗ gefunden und bildeten einen geiſtigen Hof, an deſſen Spitze der Her⸗ D. B. XII. Milton u, ſeine Zeit. 18 — — 274— zog ſelber ſtand. Alle dieſe ausgezeichneten Menſchen achteten und förderten den Dichter. Beſonders war er ein Liebling der Frauen, die er in ſeinen Liedern verherrlichte. Zwiſchen ihnen fand eine Art zärtlicher Eiferſucht ſtatt und jede ſuchte ihn für ſich ausſchließlich zu gewinnen. Im Anfange ſiegte die junge und reizende Lukrezia Venadidio und bemächtigte ſich ſeines Herzens. Sie wurde der Gegenſtand ſeiner dich⸗ teriſchen Ergüſſe, aber ſie verdiente auch ſeine Huldigungen, der Früh⸗ ling kann nicht ſchöner ſein als dieſe liebenswürdige Frau. Doch der erhabene Geiſt Leonorens und ihrer gleichbegabten Schweſter entführten ihn und in platoniſchen Geſprächen wandelte der Dichter zwiſchen den Fürſtinnen durch die blühenden Gärten und ſchattigen Gängen Bellriguardo's. Später erſchien die hinreißende Gräfin Leonore Sanvitale, die Gemahlin des Grafen von Scandiano, auch ſie begün⸗ ſtigte den Dichter und nahm an dem Wettſtreit der holden Frauen Theil. Bald war ſie die Alleinherrſcherin ſeines Herzens. So viel Gunſt und Auszeichnung, die ihm von allen Seiten zu Theil wurde, mußten ihm nothwendig Feinde und Neider erwecken. Der ſchlimmſte Feind indeß war ſeine unglückliche Gemüthsart, ein unheilbarer Hang zur Schwermuth, der früher oder ſpäter ihn zum Wahnſinn führen mußte. Nicht die Gemeinheit der Höflinge, nicht der Streit, den er im Palaſte mit einem Diener der Herzogin von Urbino hatte, und am allerwenig⸗ ſten trägt der Herzog die Schuld. Der edle Alphons zeigte anfäng⸗ lich die größte Geduld und Nachſicht mit den Verkehrtheiten des Dich⸗ ters, den er zu beruhigen, zu heilen ſuchte. Auf Taſſo's eigenen Wunſch ließ er ihn in das Kloſter der Franziskaner bringen, um dort ſeine Geneſung abzuwarten. Ungeachtet all dieſer Sorgfalt verſchlim⸗ merte ſich ſein Uebel nur immer mehr und mehr, er ſah ſich von Gefahren umringt, von eingebildeten Feinden verfolgt, er machtes ſich ſelbſt die peinlichſten Vorwürfe ohne allen Grund. Die Zerüttung ſeines Geiſtes nahm überhand und in einem unbewachten Augen⸗ blicke ergriff er, von Allem entblößt, ſelbſt mit Zurücklaſſung ſeiner wichtigſten Papiere und Manuſcripte die Flucht. Er eilte zu ſeiner Schweſter Cornelia, welche als Wittwe in Sorrent lebte. Ihrer Zärt⸗ lichkeit und Sorgfalt gelang es, ihn zu beruhigen und unter ihrer Pflege genas ſein zerſtörter Geiſt. Noch einmal faßte der Unglückliche friſchen Muth und die herrlichen Funken ſeines Geiſtes durchbrachen — 275— ſtrahlend die trüben Nebel, welche ſein Gemüth verſchleierten und nur zu bald ſich in die ewige Nacht des Wahnſinns verwandelten. Er ſehnte ſich abermals nach Ferrara zurück, wozu er die Vermählung des Herzogs mit Margareta Gonzaga für den günſtigſten Zeitpunkt hielt. Bitter ſah er ſich jedoch in ſeinen Erwartungen getäuſcht. Statt eines freundlichen Empfanges und einer ehrenvollen Aufnahme. fand er nur Kälte und Gleichgültigkeit von Seiten des Hofes, Spott und Hohn bei ſeinen Gegnern; weder der Herzog noch die Fürſtinnen ließen ihn vor ſich. Da verließ ihn die Geduld und er ergoß ſich laut in Schmähungen gegen Alphons und deſſen Hof, ſo daß der Fürſt ſich genöthigt ſah, ihn als einen Raſenden in das St. Annen⸗ Hoſpital zu bringen und feſt zu verwahren. — Armer Taſſo! unterbrach Milton die Erzählung des Marcheſe. Iſt denn der Dichter nur zum Leid geboren? — Faſt ſollte man glauben, entgegnete der würdige Greis, daß die Dornenkrone die einzige Mitgabe des Genius ſei. Sieben Jahre ſchmachtete der größte Dichter Italiens in der Wahnſinnszelle, umge⸗ ben von Blödſinnigen und Raſenden, deren Toben und Geſchrei hin⸗ gereicht hätten, ſelbſt einem Geſunden den Verſtand zu rauben. Indeß blieben ſeine zahlreichen Freunde nicht unthätig. Seine Werke hatten im ganzen Vaterlande die höchſte Begeiſterung hervorgerufen, von allen Seiten wurde Alphons beſtürmt. Fürſten und Städte, vor Allen Bergamo, das eigentliche Vaterland des Dichters, ſchickten ihre Geſandten, welche dringend ſeine Freilaſſung forderten. Da vermochte auch der Herzog nicht länger zu widerſtehen, er gab ihn frei, doch der große herrliche Geiſt kam gebrochen aus dem Kerker und das Licht war dem Erlöſchen nahe. Zu ſpät kam die Einladung des Papſtes aus Rom, wohin der Dichter berufen wurde, um feierlich auf dem Kapitole als Fürſt der italieniſchen Poeſie gekrönt zu werden. Seine Kraft war erſchöpft und während die glänzendſten Vorbereitungen zu dieſer Krönung getroffen wurden, entſchlummerte der Held des Tages in dem Kloſter, St. Onofrio. Der Marcheſe ſchwieg erſchüttert und eine Thräne zitterte an ſeinen grauen Wimpern, auch Milton war tief ergriffen von der Er⸗ zählung dieſes Dichter⸗ und Menſchengeſchicks. Der gemeinſchaftliche Schmerz verband den Jüngling mit dem Greiſe und aus der Trauer 18* 4 — 276— um den Dahingeſchiedenen erwuchs das neue Freundſchaftsbündniß. Mit väterlichem Wohlwollen begegnete der würdige Mann dem frem⸗ den Dichter, der ihm dieſe Geſinnung mit kindlicher Liebe und Ver⸗ ehrung vergalt. Durch den Marcheſe lernte Milton Neapel und deſſen entzückende Umgebung kennen. Von großer Bedeutung waren beſon⸗ ders die häufigen Unterhaltungen des liebenswürdigen Greiſes über die Literatur und den hervorragendſten Erſcheinungen der italieniſchen Poeſie. Milton erhielt hier die erſte Anregung zu ſeinem unſterb⸗ lichen Werke, der Gedanke entſtand in ihm jetzt wohl zuerſt nach dem⸗ Vorgange Taſſo's ein großes epiſches Gedicht in ſeiner eigenen Mutter⸗ ſprache zu ſchreiben. Er theilte ſeine Pläne dem Marcheſe mit, der es an Aufmunterung und nützlichen Rathſchlägen nicht fehlen ließ und überhaupt den günſtigſten Einfluß auf den Dichter ausübte. — Ich bin, pflegte er wohl dann lächelnd zu ſagen, dazu beſtimmt, der Freund und Genoſſe des Talents zu ſein und preiſe darum mich glücklich, denn nächſt der Freude, die das eigne Schaffen dem Genie gewähren muß, kenne ich keinen größeren Genuß als den an dem Um⸗ gange und Wirken desſelben. Dieſe beſcheidene Stellung möchte ich mit keiner anderen vertauſchen und ich bin ſchon hinlänglich zufrieden, wenn nur ein Strahl der Sonne, welche die ganze Welt mit ihrem Licht erfüllt, mir beſonders zufällt.— — Ihr verdient in der That, entgegnete Milton, daß jeder Dichter Euren Namen preiſ't, denn nur wenig Menſchen beſitzen die herrliche Eigenſchaft, ſich neidlos an der Gabe des Genius zu erfreuen und ihm den Dornenpfad zu ebenen, wie Ihr es Eurem Freunde, dem unſterblichen Taſſo gethan habt. Deshalb wird auch Euer Ruf nicht untergehen und mit dem Seinigem vereint von der Nachwelt geprieſen werden, wie Ihr es verdient. Nur ein Umſtand trübte von Zeit zu Zeit das zärtliche Verhältniß der beiden durch Alter, Rang und Nationalität ſo verſchiedenen und doch durch den Kultus des Geiſtes innig verbündete Freunde. Auch hier machte ſich der Glaubensunterſchied bemerkbar und wenn auch der Marcheſe eine große Toleranz zeigte, ſo ließ ſich Milton von ſeinem Eifer und jugendlichem Ungeſtüm zu manchem unbedachten Worte in Neapel hinreißen, wodurch ſein edler Gaſtfreund ſelbſt mehrfach in Verlegenheit gerieth. Der Marcheſe warnte jedoch vergebens vor der — — 277— Gefahr, die dem Unbedachten daraus erwachſen konnte. Milton ver⸗ mied es zwar ſo viel als möglich, religiöſe Gegenſtände und Glaubens⸗ lehren zu berühren, konnte es aber nicht unterlaſſen, wenn das Ge⸗ ſpräch einmal dieſe Wendung genommen, frei und unumwunden ſeine Meinung auszuſprechen, wobei er häufig die gewöhnlichſte Vorſicht nicht beachtete. Die ſanften Vorwürfe des Marcheſe rührten ihn zwar, wenn aber der liebenswürdige Greis um das Seelenheil des jungen Ketzers bekümmert einen leiſen Bekehrungsverſuch andeutete, ſo erfuhr er einen eben ſo ernſten als unerſchütterlichen Widerſtand. So blieb Milton unter allen Verhältniſſen ſeiner religiöſen Ueberzeugung treu und weder Liebe noch Freundſchaft vermochten ſeinen Glauben zu er⸗ ſchüttern. Nur in der Reformation ſah er die Möglichkeit eines geiſti⸗ gen Fortſchrittes, ſie und die Freiheit waren ihm gleichbedeutend. Ungeachtet diefer kleinen Reibungen blieben ſeine Beziehungen zu dem Marcheſe ungetrübt. Oefters erhielt er von demſelben Einla⸗ dungen zu verſchiedenen Ausflügen in die Umgegend von Neapel. Mit ihm beſuchte er auch eines Tages das zauberiſche Sorrent, wo noch einige Verwandte Taſſo's lebten. Auf einer von hohen Bergen einge⸗ faßten Fläche liegt die reizende Stadt. Zu dem Meere geneigt fällt die ſteile Wand mehrere hundert Fuß tief lothrecht herab und bildet ſo eine einzige rieſige Terraſſe, welche ein großer Orangenwald bedeckt. Aus einem Duft- und Blüthenmeer tauchen die kleinen, weiß ange⸗ ſtrichenen Häuſer mit ihren flachen Dächern hervor, auf denen, um die Kühle des Seewindes zu genießen, die Bewohner ſich meiſt aufzu⸗ halten pflegen. Eines dieſer Häuschen hatte der Schweſter Taſſo's gehört und hier fand der kranke, lebensmüde Bruder für kurze Zeit ein glückliches Aſyl. Mit ſchuldiger Pietät überſchritt Milton an der Hand des Marcheſe die gaſtliche Schwelle. An der Thür ſtand eine junge Frau mit einem blühenden Säugling auf dem Arme, das Eben⸗ bild der Madonna mit dem Kinde. Ein älterer Knabe ſpielte zu ihren Füßen. Bei dem Anblick des Marche ſtieß das liebliche Weib einen Freudenſchrei aus und eilte ihm entgegen. — Wie wird ſich die Mutter freuen, rief ſie ihm ſchon von Weitem entgegen. Sie iſt im Garten, und ich will ſie ſogleich von der Ehre benachrichtigen, die unſerem Hauſe widerfahren. — 278— — Ich werde ſie ſelber aufſuchen, entgegnete der Marcheſe, geht nur voran, wir folgen Euch. Trotz meines Alters bin ich noch rüſtig genug, um die den Frauen ſchuldige Ehrfurcht nicht aus den Augen ſetzen zu dürfen. Mit dieſen Worten bemühte ſich der Greis der ſchnell voraneilen⸗ den Frau zu folgen und die in den Felſen gehauenen Stufen zu er⸗ ſteigen, welche nach dem Garten führten. Hier erwartete ihn die Schweſter Taſſo's, die faſt achtzigjährige Cornelia. Es war ein rüh⸗ render Anblick, wie ſie ihre welke Hand dem treuen Freunde ihres Bruders entgegenſtreckte. Ihr Geſicht trug noch die deutlichen Spuren früherer Schönheit und beſonders ſtrahlten ihre dunklen Augen in wunderbarem Glanz. Sie wollte ſich von dem Stuhle erheben, auf dem ſie in der offenen Rebenlaube ſaß, doch der Marcheſe hinderte ſie daran. — Bleibt nur ſitzen, Cornelia, ſagte der freundliche Greis. Ich hatte Euch ſchon längſt wieder meinen Beſuch zugedacht, doch das zu⸗ nehmende Alter legt mir wie Euch Bande an. Doch, was ſpreche ich vom Alter? Ihr ſeht ſo jung und friſch aus wie in Eurer beſten Zeit. — Spottet nur, antwortete die Matrone, ich fühle täglich mehr die Abnahme meiner Kräften und bald werde ich wohl meinem armen Bruder nachfolgen. Wie freue ich mich, daß es mir noch ver⸗ gönnt war, bei meinem Leben zu ſehen, daß ganz Italien in ihm ſeinen erſten Dichter anerkennt und preiſ't. Jetzt kann ich ruhig von der Welt ſcheiden, nachdem ihm volle Gerechtigkeit widerfahren und ſelbſt ſeine Neider und Feinde gezwungen ſind, ſeine Größe einzugeſtehen. Ich hätte es nicht gedacht, daß dieſe kleine Hütte, worin er mit mir gelebt, einſt wie ein Wallfahrtsort, von fremden Menſchen beſucht werden würde. Es vergeht faſt kein Tag, wo nicht angeſehene Leute hierher kommen, um bei mir Erkundigungen über die kleinſten Bege⸗ benheiten ſeines Lebens einzuziehen. So genieße ich noch am Abende meines Daſeins das Glück, Zeugin und Theilnehmerin ſeines Tri⸗ umphes zu ſein. — Und dieſes Glück habt Ihr im reichſten Maße als ſeine ſchwe⸗ ſterliche Freundin und Pflegerin verdient. Doch nicht Italien allein ehrt ſeinen Dichtern, ſondern ſelbſt die fernſten Völker bringen ihm — — 279— heut' ſeine Huldigung. Dieſer junge Mann, mein Freund, iſt ein Engländer, der die Stätte ſehen und die Schweſter Taſſo's kennen lernen will. Er ſelber iſt bereits ein in ſeinem Vaterlande bekann⸗ ter Poet. — Ihr ſeid willkommen, ſagte die Matrone mit Würde, und die heilige Jungfrau verleihe Euch den Ruhm meines armen Bru⸗ ders, und bewahre Euch vor ſeinen Leiden. Auf den Wink Cornelia's beeilte ſich die junge Frau, welche ihre Tochter und eine Nichte Taſſo's war, den Gäſten einige Erfriſchungen anzubieten. Unterdeſſen war auch der Gatte, ein tüchtiger und ver⸗ ſtändiger Schiffsbeſitzer gekommen, der an dem allgemein werdenden Geſpräch lebhaften Antheil nahm. Im Kreiſe der glücklichen und mit ihrem Geſchicke zufriedenen Familie flogen für Milton die Stunden wie Augenblicke hin. Die untergehende Sonne, welche mit ſüdlicher Farbenpracht in das blaue Meer tauchte und dieſes in flammenden Purpur umwandelte, mahnte zum Aufbruch. Der Seemann erbot ſich auf ſeinem Kahn die Freunde nach Neapel zu bringen und dieſe nahmen ſein freundliches Anerbieten an. Es war ein herrlicher Abend und der Wind, welcher die Segel ſchwellte, mit ſüßen Wohlgerüchen geſchwängert. Mit Dank und Rührung ſchied Milton aus dem Hauſe Taſſo's von den Grüßen und Segenswünſchen der edlen Cornelia begleitet.— — Fahrt wohl! rief ihm die Matrone zu, und werdet Eurem Vaterlande, was mein Bruder dem Seinigen geworden iſt. Für den Schmerz dieſer Erde lohnt ihn der ewige Ruhm und die Unſterblichkeit. In den Strahlen der Abendſonne leuchtete ihr edles Geſicht wie verklärt, als ſie dieſe Worte mit feierlicher Stimme ſprach, Leiſe rauſchten und murmelten die Wellen, welche der Kahn im ſchnellen Lauf durchſchnitt. Der Mond war aufgegangen und beleuch⸗ tete das Meer und die Felſen des Ufers, welche in phantaſtiſchen Um⸗ riſſen verſchwammen. Die beiden Ruderer hatten nur wenig zu thun, da ein günſtiger Wind das Fahrzeug vorwärts trieb. Der eine von ihnen, ein kräftiger Burſche mit dunklem Lockenhaar und krauſem Barte, die rothe Schiffsmütze auf dem Haupte, erhob mit einem Male ſeine Stimme und ließ einen ſanften, klagenden Ton erſchallen. Es war halb Geſang, halb Recitativ, was die lauſchenden Hörer ver⸗ — 280— nahmen, von wunderbarer Wirkung indeß und in ſchönſter Harmonie mit dem murmelnden Spiel der Wogen. Immer deutlicher traten die Worte hervor und bald erkannten Milton und der Marcheſe Strophen aus dem befreiten Jeruſalem von Taſſo. Der andere Schiffer, ein älterer Mann, ſiel mit tieferer Stimme ein, wenn ſein Vorgänger ge⸗ endet hatte. So tönte der eigenthümlich feſſelnde Wechſelgeſang, der eine gewiſſe Berühmheit durch ganz Italien erlangt hat. — Irre ich nicht, ſagte der Marcheſe zu dem Seemann gewendet, ſo ſingen Eure Leute Taſſo's befreites Jeruſalem. — Ihr habt ganz recht gehört, antwortete dieſer. Unſere Schiffer kennen größtentheils das Gedicht auswendig und unterhalten ſich auf der Fahrt damit, ſich wechſelweiſe einige Strophen zuzurufen. Sie lieben den Dichter und die Heldenthaten Gottfrieds, Armidens Zauber, Klothildens Liebe leben in dem Munde dieſer rauhen Leute. — Wahrlich! rief Milton ergriffen. Jetzt kann ich Taſſo nicht länger beklagen. Er hat das Höchſte erreicht, denn ſeine Lieder leben in dem Munde des Volkes. 8. Nach einem Aufenthalte von mehreren Wochen, die ihm in ſolcher Geſellſchaft und Umgebung ſchnell und angenehm verfloſſen, ſtand Milton im Begriff ſeinen längſt gefaßten Beſchluß auszuführen und nach Griechenland zu reiſen. Er hatte bereits die nöthigen Vorbe⸗ reitungen getroffen und von dem edlen Marcheſe ſchriftlich und mündlich Abſchied genommen, als er von ſeinem Vater einen Brief aus der Heimath erhielt, der ihn ſeine Pläne wieder aufgeben ließ. Aus dem Schreiben erſah er, daß während ſeiner Abweſenheit wichtige Ereig⸗ niſſe vorgefallen waren, der Bürgerkrieg ſtand vor der Thür und eine große erſchütternde Revolution ſchien unausbleiblich. Der verblendete König, dem es nicht an vielen und trefflichen Eigenſchaften des Geiſtes und des Herzens fehlte, ließ ſich von ſeiner Umgebung und noch mehr von dem hohen Begriff, den er von ſeiner königlichen Würde hegte, zu offenbaren Verletzungen der alten Inſtitute und Satzungen des — — 281— Landes hinreißen. Drei Mal hatte er das Parlament berufen und drei Mal wieder aufgelöſt. Seit zehn Jahren regierte er ſchon ohne Volksvertreter. Da ihm die nöthigen Geldſummen fehlten, deren Be⸗ willigung lediglich vom Parlament abhing, ſo griff er in ſeiner Ver⸗ legenheit zu allerlei willkürlichen Erpreſſungen und verwerflichen Mitteln. Alte, bereits verjährte Steuern wurden hervor geſucht und gegen das Geſetz dem Volke auferlegt; wer ſich zu zahlen weigerte, mit ſchweren Geldbußen und Kerker beſtraft. Eine ſolche willkürliche Steuer war das ſogenannte Schiffsgeld, eine Abgabe, die frühere Herrſcher nur in Kriegszeiten erhoben und die lediglich zur Vertheidi⸗ gung des Landes zur See verwendet werden durfte. Selbſt die könig⸗ lich Geſinnten mußten zugeben, daß das Geld nicht zur Unterhaltung der Marine eingetrieben wurde, ſondern lediglich den König mit Hilfs⸗ mitteln verſehen ſollte, die er nach Willkür zu jeder Höhe ſteigern und zu jedem beliebigen Zwecke verwenden konnte. Die ganze Nation gerieth deshalb in Aufregung und Erbitterung, die Anhänglichkeit an die alte Conſtitution ſah durch eine ſolche Maßregel das heilige Pal⸗ ladium der Freiheit ſelbſt bedroht. Beſonders fürchtete man die Ver⸗ wendung des Geldes zur Einführung und Unterhaltung eines ſtehenden Heeres, das in den Händen eines despotiſchen Herrſchers zur Unter⸗ drückung der Freiheit und Aufhebung der beſtehenden Inſtitute und Bollwerke gegen den Abſolutismus dienen konnte. Da trat John Hampden, ein wohlhabender Gutsbeſitzer aus Buckinghamſhire und von guter Abkunft, hoch geachtet in ſeiner Nachbarſchaft, aber bis dahin noch wenig bekannt, mit Muth und Entſchloſſenheit der könig⸗ lichen Willkür entgegen. Er weigerte ſich entſchieden auch nur einen Heller der unrechtmäßigen Steuer zu bezahlen und beſtritt in einem Prozeſſe, den er gegen die Regierung anſtellte, dieſer das Recht und die Befugniß, Schiffsgeld zu erheben. Trotzdem er von den feilen und größtentheils vom Hofe abhängigen Richtern verurtheilt wurde, gab ſein muthvolles Benehmen das Signal zu einem allgemeinen Wi⸗ derſtand. Die gegen den König und den Hof bereits ſehr gereizte Stimmung ſteigerte ſich zu einer ſolchen Höhe, daß es nur eines un⸗ bedeutenden Ereigniſſes bedurfte, um das Volk zum Aufſtand zu bewegen. Zu der politiſchen Unzufriedenheit geſellten ſich die weit gefährli⸗ cheren religiöſen Wirren. Zugleich geiſtliches und weltliches Oberhaupt hielt es der König für ſeine Pflicht, die biſchöfliche Kirche zur herr⸗ ſchenden ſowohl in England als in Schottland zu erheben. Von dem bigotten und fanatiſchen Laud geleitet, hatte Karl neue und wo mög⸗ lich noch ſtrengere Geſetze gegen die Presbyterianer und andere Sekten erlaſſen. Excommunication mit all ihren Folgen wurde gegen Jeden verhängt, der das göttliche Recht der verhaßten Biſchöfe nur zu be⸗ zweifeln wagte. Alle Verſammlungen und Conventikeln von Privat⸗ perſonen und Predigern Behufs der Auslegung der Bibel waren auf das ſtrengſte unterſagt. Doch die gefährlichſte Neuerung, weil ſie dem gemeinen Volke unmittelbar in die Sinne fiel, betraf den öffent⸗ lichen Gottesdienſt. Dieſer ſollte von nun an ſtreng nach den Vor⸗ ſchriften der engliſchen Hochkirche abgehalten und die an den Katho⸗ lieismus erinnernden Formeln wieder eingeführt werden. Schon die bloße Nachricht von dieſen königlichen Beſchlüſſen verſetzte ganz Schott⸗ land in die größte Aufregung, beſonders war das Volk in der Haupt⸗ ſtadt auf das höchſte gereizt und erbittert. An dem Tage, wo zum erſtenmal der Gottesdienſt in der neuen vorgeſchriebenen Weiſe abgehal⸗ ten werden ſollte, füllten ſich die Kirchen mit einem Haufen von Män⸗ nern und Frauen, die zum Aeußerſten entſchloſſen waren, ehe ſie die an Rom erinnernden Cermonien dulden wollten. So bald der Biſchof in dem weißen Ueberwurf die Kirche in Begleitung der übrigen Prä⸗ laten und der Magiſtratsmitglieder betrat, erhob ſich gegen ihn ein Sturm von Verwünſchungen und Flüchen. Der Diakonus, welcher den Gottesdienſt verrichtete, wurde durch das laute Schluchzen und Weinen der vornehmen Damen unterbrochen, während die Frauen der niederen Klaſſe ihn mit wildem Geſchrei empfingen und mit abge⸗ brochenen Stuhllehnen und Schemelbeinen nach ihm warfen. Als der Biſchof die Kanzel betrat, wurde der Lärm noch größer. Von allen Seiten wurde er angegriffen und er konnte zu keinem Worte kommen. Unter dem Rufe„ein Papſt, ein Papſt, der Antichriſt, ſteinigt ihn, ſchlagt ihn nieder!“ mußte er ſich zurückziehen und mit Geſahr ſeines Lebens aus der Kirche flüchten. Der ergrimmte Haufe zertrümmerte die Fenſter des Doms und die vorhandenen Betpulte. Der Aufſtand fand bald eine allgemeine Verbreitung. Man feuerte ſich gegenſeitig — ——— an, jeder Neuerung auf religiöſem Gebiete männlich entgegenzutreten; auch die Frauen nahmen an der Bewegung Theil und wie dies ge⸗ wöhnlich zu geſchehen pflegt, mit fanatiſchem Eifer. Die presbyteria⸗ niſche Geiſtlichkeit donnerte laur gegen Papſtthum und Liturgie, welche ſie für ein und dasſelbe Ding erklärte. Die Kanzeln hallten von Ver⸗ wünſchungen gegen den Antichriſt und das Volk, welches zuerſt ſich gegen die Liturgie ausgeſprochen, wurde nicht eben ſchmeichelhaft mit dem Eſel Bileams verglichen, einem für ſich zwar dummen und ein⸗ fältigen Thiere, deſſen Mund aber der Herr geöffnet zum Wunder und Zeichen für alle Welt. Zu dem Fanatismus geſellte ſich noch die Leidenſchaft der politiſchen Parteien, mit dem Geiſt der Freiheit ver⸗ miſchten ſich Privatintereſſen und von allen Seiten zeigten ſich die bedrohlichſten Symptome, welche einen baldigen Ausbruch einer Revo⸗ lution erwarten ließen. Hätte der König unter dieſen Umſtänden eine Amneſtie erlaſſen und in Bezug auf die Liturgie ſich nur einigermaßen nachgiebig gezeigt, ſo wäre die Gefahr noch abgewendet worden. Statt deſſen verfuhr er mit der äußerſten Strenge und beſchleunigte nur durch unbeugſamen Starrſinn, der bei ihm die Stelle des Muthes vertrat, die Kriſis. Bald wurden auch die angeſehenſten Männer von der Bewegung ergriffen, welche urſprünglich nur von der niedrigſten Volksklaſſe ausging und ſo wurde aus einem Straßentumult eine wirkliche und bedeutende Revolllkion. Die Häupter des ſchottiſchen Adels und die vorzüglichſten Bürger ſchloſſen einen Bund, den ſoge⸗ nannten Konvenant, und verpflichteten ſich dadurch feierlich zur Ab⸗ wehr jeder Neuerung und zur gegenſeitigen Vertheidigung.— Karl wüthete und machte einen Verſuch, den Aufruhr mit dem Schwerte niederzuſchlagen. Da es ihm jedoch an einem Heere und den nöthigen Geldmitteln fehlte, ſo blieb ihm nichts übrig als gezwungen ein neues Parla⸗ ment einzuberufen; dies geſchah im Frühjahr ſechszehn hundert und vierzig. So lauteten die Berichte, welche Milton von ſeinem Vater erhielt. Er zögerte keinen Augenblick und traf als Freund der Freiheit und ſeines Landes ſeine Wahl. Sogleich beſchloß er die Rückreiſe anzu⸗ treten, indem er es für ſchimpflich hielt, müßig herumzuwandern, wäh⸗ rend ſeine Mitbürger ſich zum Kampfe für die Freiheit rüſteten. Kurz vor ſeinem Scheiden von Neapel wurde er jedoch von einigen engli⸗ ſchen Freunden in Rom ſchriftlich vor dem Beſuche dieſer Stadt ge⸗ — 284— warnt. Dort anſäſſige Geſchäftsleute ſchrieben ihm, daß ſeine allzu⸗ kühne Auslaſſungen über den Katholicismus, beſonders aber ſein Beſuch bei Galilei, ihm gefährliche Feinde, vorzugsweiſe unter den Jeſuiten, erweckt hätten. Nichts deſto weniger kehrte er nach Rom zurück. Noch einmal umſchlang ihn die ewige Stadt mit ihren Sirenen⸗ armen und es war als könnte er ſich nimmermehr von ihr trennen. Auch die Liebe hatte an dieſem Verweilen wohl den größten Antheil. So lange er von Leonora Baroni getrennt war und in Neapel ſich durch den Umgang mit dem trefflichen Marcheſe zerſtreute, ſchlummerte ſeine Leidenſchaft, die beim Anblick der Künſtlerin mit neuer Kraft und Stärke erwachte. Sie ſelbſt empfing ihn mit einem Freudenſchrei und feſſelte ihn mehr als je mit ihren Liebkoſungen. Wohl gedachte er der Zauberin Armida aus Taſſo's befreitem Jeruſalem, aber es fehlte ihm der Muth, ſich aus ihren Roſenbanden zu befreien. So oft er von ſeinem Abſchied ſprach, ſchloß ſie ſeinen Mund mit glühenden Küſſen. Trotz des Glückes aber, das er in ihrer Nähe genoß, über⸗ ſchlich ihn mitten im Genuß eine tiefe Trauer. Eine Ahnung überkam ihn von den Kämpfen und Verwirrungen, denen er entgegenging. Er glaubte eine Stimme zu hören, die ihn aufrief dem bedrängten Vater⸗ lande zu Hülfe zu eilen. Oft ſchreckte er in ihren Armen auf und ſtarrte wild um ſich. — Was fehlt dir, mein Giovanni? fragte die Geliebte erſchrocken. — Ich darf nicht länger bei dir bleiben, ich muß in die Heimath. Mein Vaterland iſt in Gefahr. 3. — Böſer Mann! Was kümmert dich dein Vaterland? Mein Herz, mein Buſen ſoll immer deine Heimath ſein. — Leonora! folge mir, ich kann mich nicht länger meinen Mit⸗ bürgern entziehen. — Ich ſoll dir folgen und wohin? In ein Land, deſſen ſchwerer, grauer Himmel mich zu erdrücken drohte, deſſen Sprache ich nicht verſtehe. Bleibe bei mir in Rom, in dem herrlichen Italien, wo die Sonne freundlich ſcheint, wo das Leben mit dem ſüßeſten Genuß ſich eint. Geh nicht von mir, denn dein Abſchied würde mich tödten. Thränen begleiteten ihre Worte und Milton fühlte ſich zu ſchwach, ihren Thränen zu widerſtehen. Faſt täglich wiederholten ſich ähnliche Geſpräche und Auftritte. Vergebens kämpfte ſeine Vernunft gegen —— Poeſieen, welche Ihr in Florenz und hier öffentlich in den verſchie⸗ — 286— die gewaltige Leidenſchaft. Zuweilen zwar machte er den Verſuch, ſich zu befreien und er irrte dann allein in der ſtillen Nacht unter den Trümmern und Ruinen der ewigen Stadt. Bei ſolchen einſamen Wanderungen bemerkte er, daß ihm häufig eine dunkle Geſtalt nach⸗ ſchlich, die er indeß wenig oder gar nicht beachtete. Als er in der Dunkelheit nach gewohuter Weiſe das Koloſſeum beſuchte und in phan⸗ taſtiſcher Mondbeleuchtung den erhabenen Bau bewunderte, ſtürzte plötzlich ein verhüllter Mann mit breitem Hute, der ſein Geſicht be⸗ deckte, auf Milton los. In der Hand hielt derſelbe einen geſchwun⸗ genen Dolch. Ehe jedoch der Mörder ſeinen Vorſatz ausführen konnte, war ihm die Waffe von einem ſtarken Arm entwunden. In der Finſterniß gelang es dem Verbrecher, unerkannt zu entkommen. Milton dankte ſeinem Befreier, der ſich ihm als einen Landsmann, Namens Marvell zu erkennen gab. Der junge und liebenswürdige Geſelle ge⸗ fiel dem Dichter und bald ſchloſſen ſich unter ſolchen Verhältniſſen Beide feſt aneinander an. — Ich bin Euch zu großem Danke verpflichtet, ſagte der Dichter. — Nicht mir, ſondern dem Zufall, der mich hierhergeführt. Mein Name iſt Marvell. — Und der meinige Milton. — Ich habe bereits früher von Euch gehört und freue mich daher doppelt, Euch einen kleinen Dienſt geleiſtet zu haben. Vor allen Dinge aber muß ich Euch warnen. Bekannte haben mir erzählt, daß man hier in Rom Euch nach dem Leben trachtet. — Ich wüßte nicht warum. — Doch habt ihr bei allen Gelegenheiten eine ſo freie Sprache geführt, daß man auf Euch aufmerkſam geworden iſt. Ihr beſitzt hier Feinde und Gegner, die vor keinem Gewaltſtreich zurückſchrecken. Heut habt Ihr ein Pröbchen ſelbſt erlebt, wie man in Rom einen religiöſen Disput durch einen Dolchſtich abzumachen und einem geiſtreichen Redner nicht nur das Wort, ſondern auch den Lebensfaden abzuſchneiden verſuchte. — Ich hätte nicht geglaubt, daß man meiner geringen Perſon eine ſo große Wichtigkeit beilegt. — Ihr ſeid zu beſcheiden und verkennt Euren Werth. Eure —— —— denen Akademien vorgeleſen habt, fanden ungetheilten Beifall und Anerkennung. Außerdem hat unſer Landsmann Sir Kenelm Digby, der eben ſo gewiſſenloſe, als hochbegabte Mann, wie ich höre, allerlei Pläne mit Eurer Perſon vorgehabt. Gott Lob! daß Ihr nicht darauf eingegangen ſeid. Viele Landsleute, die an Euch den redlichſten An⸗ theil nahmen, befürchteten das Aergſte und man ſprach allgemein von Eurer bevorſtehenden Bekehrung zur alleinſeligmachenden Kirche. — Welch ſchändliche Verläumdung! — Ihr ſelbſt habt durch Euer männliches Benehmen am beſten dieſe albernen Gerüchte widerlegt, die nichts deſto weniger ſehr wahr⸗ ſcheinlich klangen, da Ihr im Hauſe des Kardinals Barberini über alle Maßen freundlich aufgenommen worden ſeid. Vorzugsweiſe wurde der Verdacht jedoch durch den Verkehr mit der Signora Baroni verſtärkt. Verzeiht, daß ich mich ſo offen äußere, aber ich halte es für Pflicht, einem Manne wie Euch nichts zu verſchweigen. — Was wißt Ihr von Leonora Baroni? fragte Milton haſtig. — Daß die gefeierte Künſtlerin halb bewußt, halb unbewußt von den Jeſuiten und Sir Kenelm als ein Werkzeug zu Eurer Bekehrung benutzt wurde. Es thut mir Leid, Euch dies zu ſagen, aber es iſt nicht das erſte Mal, daß die Signora zu ähnlichen Zwecken gebraucht wird. Im vergangenen Jahre ſchmachtete ein junger franzöſiſcher Edelmann, ein vornehmer Hugenotte in ihren Netzen grad wie Ihr. Nachdem er erſt ſeinen Glauben abgeſchworen, erkaltete auch die Liebe der Sängerin. Der arme Burſche überlebte nicht den doppelten Ver⸗ luſt und den Gedanken, ſeine Ueberzeugung einer Chimäre geopfert zu haben. Er ſtürzte ſich in den Tiber und ruht nun in ungeweihter Erde. Wenn Ihr wollt, können wir ſein Grab beſuchen. Es dürfte eine heilſame Warnung für Euch, Herr Milton, ſein. — Aber wer iſt dieſe Leonora Baroni? fragte der Dichter erſchüttert. — Einige behaupten die Tochter, Andere die Geliebte des Kar⸗ dinals, vielleicht Beides zugleich, wie das ja in Rom ſeit Lukrezia Borgia nicht eben zu den Seltenheiten gehört. Dem ſei aber wie ihm wolle, folgt meinem Rath und verlaßt die Sirene je zeitiger um ſo beſſer. Flieht und entzieht Euch der Gefahr, denn noch ſchlimmer als die Dolche der Italiener ſind die Augen der Italienerinnen. — — 287— Marvell's Worte ſchienen einen großen Eindruck auf den Dichter zu machen. Er hatte bereits ähnliche Gerüchte gehört, denen er jedoch keinen Glauben ſchenken wollte. Jetzt nahm er ſich vor, eine genauere Prüfung vorzunehmen und wenn ſich die Wahrheit beſtätigen ſollte, für immer mit Leonora zu brechen. In Begleitung des neuen Freundes kehrte er in ſeine Wohnung zurück. Unterwegs ſprachen ſie noch viel von der veränderten Lage des Vaterlandes und tauſchten darüber ihre Gedanken aus. Milton fand an Marvell einen politiſchen und religiöſen Geſinnungsgenoſſen, einen begeiſterten Anhänger der Freiheit. — Wir ſtehen am Vorabende wichtiger Ereigniſſe, ſagte dieſer, und kein Mann darf jetzt fehlen, wo es ſich um die Vertheidigung unſerer heiligſten Güter handelt. Ich ſelbſt trete aus dieſem Grunde ſogleich meine Rückreiſe nach England an. Die Zeit der müßigen Schwärmerei und des Genuſſes iſt für mich vorüber, die Pflicht ruft und ich werde ihr gehorchen. — Und ich will Euch folgen. — Gebt mir die Hand darauf, entgegnete der Jüngling, indem er begeiſtert ſeine Rechte Milton hinreichte. Wir wollen Beide unſere Kräfte dem bedrängten Vaterlande weihen. Kampf der Tyrannei, Kampf der Gewiſſensfreiheit. — Kampf der Tyrannei, Kampf der Gexwiſſensfreiheit! wieder⸗ holte Milton feierlich. 9. Marvell's Angaben über den Charakter Leonora's fanden theil⸗ weiſe ihre Beſtätigung, obgleich die Künſtlerin nicht in dem vollſten Maße ſchuldig war. Nur halb bewußt war ſie ein Werkzeug in den Händen des ſchlauen Ordens. Sobald Milton zu dieſer Ueberzeugung gelangt war, faßte er den Entſchluß, ſich von ihr zu trennen. Offen trat er ihr entgegen, wenn er auch mit gebührender Schonung den Bruch herbeiführte. In ſeiner Seele regte ſich das Mitleid mit der herrlichen Frauennatur, welche der Macht der Verhältniſſe erlegen war. — 288— Bei Erwähnung des jungen franzöſiſchen Edelmannes zuckte ſie zu⸗ ſammen und ihr Erbleichen bekundete ihre Schuld. — Luigil hauchte ſie mit einem Seufzer, armer Luigi! — Er iſt durch deine Schuld umgekommen, ſagte Milton im milden Tone. Empfindeſt du keine Reue? — Warum ſoll ich es bereuen, daß ich ſeine Seele gerettet und der Madonna zugeführt habe. Ich beweine nur den Armen, oder vielmehr ich beweine mich. Ich konnte ihn nicht lieben und jetzt hat mich das Schickſal ereilt, dich liebe ich und du willſt mich verlaſſen. — Ich kann nicht anders, denn ich müßte mich ſelber verachten. — Harter Mann!l ich will dir folgen, deine Sklavin ſein. Miß⸗ handle mich, tödte mich, aber geh' nicht von mir. Wenn du mich ver⸗ laſſen willſt, ſo muß ich ſterben. Ein Thränenſtrom begleitete ihre Worte. — Leonora! erwiederte der Dichter. Du wirſt nicht ſterben, du täuſcheſt dich über dein Gefühl für mich. Deine ganze Natur be⸗ fähigt dich nicht zu einer ſo tiefen Leidenſchaft. Vor allem biſt du Künſtlerin und in der Kunſt allein findeſt du deine volle Befriedigung. Ich habe dich zu genau beobachtet. Der Stolz und die Befriedigung deiner Eitelkeit werden und müſſen dich für die Freuden der Liebe entſchädigen. Du biſt zunächſt Künſtlerin und dann ein Weib. Wenn bei deinem Geſange die Seelen deiner Zuhörer fortgeriſſen werden, wenn du dir ſelbſt durch die Macht der Töne entrückt wirſt, dann verſchwindet jede andere Empfindung vor dieſem Triumph, vor dem Siegesbewußtſein der Sängerin. Gewohnt über ſo viele Herzen zu herrſchen, kann dir ein einzelnes nicht mehr und nicht für immer ge⸗ nügen. Früher oder ſpäter hätten wir uns doch getrennt, wenn auch die Verſchiedenheit des Glaubens, der Nationalität und der Sprache nicht geweſen wäre. — Barbar! Du kennſt nicht mein Herz, nicht die Gluth, die mich für dich beherrſcht.. — Und wenn dir die Kunſt nicht mehr genügt, ſo wirſt du zur Religion deine Zuflucht nehmen. — Ja, du haſt Recht, murmelte ſie. Ich will der Welt entſagen und in ein Kloſter gehen. Dort werde ich die ſchwere Sünde ab⸗ büßen, daß ich dich Ketzer ſo ſehr geliebt. —————.— 9 — 259 Mit einem wilden Schrei umſchlang ſie Milton noch einmal und drückte einen glühenden Kuß auf ſeine Lippen. — Verflucht die Lippen, rief ſie mit ſüdlicher Lebhaftigkeit, die nach mir die deinen zu küſſen wagen, verflucht auch du, wenn du ein anderes Weib zu lieben dich unterfängſt. Und nun geh', geh', ich werde dich mit Hülfe der Madonna zu vergeſſen ſuchen, ſchöner Ver⸗ räther, holder Ketzer! Ungeſtüm riß ſie ſich von ihm los und ſtieß ihn zurück, dann ver⸗ ſchwand ſie und ließ den Dichter betäubt über dieſen ſeltſamen Ab⸗ ſchied ſtehen. Am nächſten Morgen verließ derſelbe Rom mit ſchwerem Herzen. Die ganze vorangehende Nacht hatte er ſchlaflos und mit Leſen der heiligen Schrift zugebracht, er bedurfte ſo ſehr der Stärkung In ſeine Bibel, ein Geſchenk ſeines Vaters, das ihn auf ſeiner ganzen Reiſe begleitet hatte, ſchrieb er mit bewegtem Herzen folgende Ab⸗ ſchiedsworte: Bald iſt die Liebe und die Muſik begraben, Bald ſchlummert der zarte Keim der Poeſie von eiſigem Winterfroſt erſtarrt. 1 Jahre des Kampfes und des Leid's folgen der hellen Frühlingszeit. Eine tiefe Trauer bemächtigte ſich ſeiner Seele. Der Abſchied von Rom war für ihn zu gleicher Zeit ein Abſchied von der Liebe, von der Kunſt. Er fühlte, daß er einer ernſten, vielbewegten Zukunft entgegenging, daß er an einem großen Wendepunkte des Schick⸗ ſals ſtand. In ſolchen Augenblicken verſenkt ſich der Geiſt noch einmal in die Vergangenheit, dieſen großen Kirchhofe unſerer Gedanken und Gefühle. Dort wandelt er zwiſchen Gräbern und den Schatten der Erinnerung. Mit Thränen benetzt er die vertrockneten Kränze und verwelkten Blu⸗ men und beweint den Verluſt der Jugend und des Glückes, das ſtets der Jugend folgt. In ſolcher Stimmung reiſte Milton von Rom ab, trotz ſeiner Liebe zur Heimath beſchleunigte er die Rückkehr nicht. Zögernd ver⸗ weilte er in Florenz und in Venedig, als könnte er ſich nimmermehr von dem ſchönen Lande und dem blauen Himmel Italiens losreißen. D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 19 — 290— Sein Herz, ein Theil ſeines Lebens und Liebens blieb hier zurück. Um ſich zu zerſtreuen, beſuchte er das Theater in Florenz, wo ihn der Zufall der Aufführung eines eigenthümlichen Dramas beiwohnen ließ, das von entſchiedenem Einfluß für ſein ganzes dichteriſches Leben blieb. Das Stück führte den Titel: Adamo Caduto von Andrini und erinnerte an die Myſterien des Mittelalters. Der Stoff war der Bibel entlehnt und behandelte den Sündenfall des erſten Menſchen⸗ paares.— Beim Aufgehen des Vorhanges erblickte man einen Engelchor, welcher das Lob Gottes ſang. Nach ihrem Hymnus erſchien Gott der Vater und der Geiſt der Finſterniß, der Erſtere ein würdiger Greis mit langem Silberbart und in einem blauen Gewande über und über mit Sternen beſät, der letztere in feuerfarbenen Taffet ge⸗ kleidet und mit zwar ſchönen aber diaboliſchen Zügen. In einem kurzen Zwiegeſpräch befahl Gott Lucifer die Schönheit ſeiner Schöpfung zu betrachten und die Dankbarkeit des erſten Menſchenpaares, das ſeine Freude und Verehrung in lauten Worten äußerte, mit anzuhören. Darüber ergrimmt der böſe Geiſt und ſchwört ewigen Haß den guten Engeln und Verderben den Sterblichen. Auf ſein Geheiß ſtiegen die ſieben Todſünden, die er herauf beſchwor, aus der Hölle auf. Sie hießen in dem Drama: Melecano der Stolz, Lurcone der Neid, Ruſ⸗ picano der Zorn, Arfarat der Geiz, Maltea die Trägheit, Dulciato die Wolluſt und Guliar die Schwelgerei. Ungeſehen von dem Men⸗ ſchenpaar wird dieſes von Lurcone und Guliar belauſcht, aber das Gebet Adam's und Eva's, welche ſich mit inniger Wärme und kind⸗ licher Ehrfurcht zu Gott wenden, verſcheucht die böſen Geiſter, die zur Hölle entfliehen. An ihrer Stelle erſchien die Schlange im Gefolge der Ehrſucht und anderer Dämonen. Sie näherte ſich Eva und ver⸗ führte ſie, die verbotene Frucht zu pflücken. Nach einem zärtlichen Geſpräche mit Adam brachte dieſe den Apfel zum Vorſchein; der Mann äußert Anfangs ſeinen Abſcheu, weil die Frau das Gebot Gottes übertreten, giebt aber endlich der immer ſtärker werdenden Verſuchung nach. Nachdem Beide von der Frucht gekoſtet, werden ſie von Gewiſſensbiſſen überwältigt und von Furcht ergriffen, ſie fliehen, um ſich zu verbergen. Satan verkündigte der Hölle ſeinen Triumph und fordert ſeine Untergebenen auf, ſich zu freuen und ihm zu hul — 291— digen. Ein Chor von böſen Geiſtern feierte das Ereigniß durch dä⸗ moniſchen Geſang und wilde ausgelaſſene Tänze, welche jedoch bald in Aeußerungen des Entſetzens über die Annäherung Gottes und ſeiner himmliſchen Heerſchaaren übergehen, mit denen er gekom⸗ men war und ſein Strafgericht über das ſündige Menſchenpaar zu halten. Er giebt ihnen ſeinen Fluch und verſtößt ſie aus dem Pa⸗ radieſe, woraus ſie der Erzengel Michael mit feuriger Geißel vertreibt. Die Himmliſchen ſchloſſen den Aufzug mit einem Chor, der die Sünder zur Reue und Hoffnung ermahnt. In dem folgenden Acte erſchien wieder Lucifer, umgeben von den Fürſten der Hölle, voll Trauer, weil ihm die Menſchwerdung Chriſti und Erlöſung der Welt bekannt ge⸗ worden und er ſomit ſein Werk vereitelt ſieht. Die Böſen Geiſter ſuchen ihn zu tröſten und er ſinnt auf neue Bosheiten gegen das ge⸗ fallene Menſchenpaar. Er ruft drei Dämonen zu Hülfe, welche die charakteriſtiſchen Namen: Tod, Fleiſch und Welt führen. Indeß be⸗ klagt Adam ſein Geſchick und noch mehr die Leiden ſeiner Gattin. Wilde Thiere verfolgen Beide, ſie müſſen entfliehen und fühlen den ganzen Umfang ihres Elends. Hunger, Durſt, Ermüdung und Ver⸗ zweiflung treten in Geſtalt ſcheußlicher Larven auf und peinigen die Unglücklichen auf das Aeußerſte, ſo daß, Eva dem Adam zum Selbſt⸗ mord auffordert. Der Tod mit ſcharfer Sichel, ein grauenvolles Beingerippe, wirft Eva ihre furchtbare Schuld vor und verkündigt ihr das Loos aller ihrer Kinder. Vor Entſetzen ergriffen, flüchten die erſten Menſchen in das Gebirge. Hier geſellt ſich das Fleiſch in der Form eines reizenden Weibes zu Adam uud ſucht ihn zu verführen, doch er widerſteht muthvoll der neuen Verſuchung. Lucifer tritt zu ihm und giebt ſich für einen Menſchen, für den älteren Bruder Adam's aus, doch ein Cherub vom Himmel geſandt, befreit das Opfer aus den Händen des Böſen und ringt mit ihm. Ein ſchöner Mann, die Welt genannt, tritt zu Eva heran und verſpricht ihr äußeren Glanz und ein köſtliches Wohlleben. Auf ſein Geheiß ſteigt ein prächtiger Palaſt aus der Erde hervor, angefüllt mit Herrlichkeiten aller Art. Loſe Nymphen umſchweben Eva und laden ſie zum Genuſſe ein, doch Adam warnt ſie vor dem Verderben. Die ergrimmte„Welt“ ruft die Dämonen aus der Hölle, welche die Menſchen in Ketten legen und peinigen, Eva fleht um Erbarmen, aber Adam ermuntert ſie auszu⸗ 19* — 292— halten und auf Gott zu trauen. Lucifer und der Tod ſtürzen ſich auf die Gequälten, da aber ſteigt der Erzengel Michael, angethan mit einem ſtrahlenden Panzer und das blanke Schwert in der Hand, in Begleitung der himmliſchen Streiter aus der Höhe nieder. Nach einem heftigen Kampfe überwindet er Lucifer. Die Menſchen freuen ſich ſeines Sieges und danken ihm, er aber hebt die Gefallenen durch das Verſprechen der Gnade Gottes. Engel ſchloſſen das Drama mit ihren Lobgeſängen, auf die noch bevorſtehende Ankunft des Erlöſers hin⸗ weiſend.— Trotzdem dieſes Drama die erhabene Einfalt und Tiefe der bibli⸗ ſchen Erzählung von dem Sündenfall der Menſchen durch ſchwulſtige Sprache und allerlei abenteuerliche Hinzuthaten weſentlich beeinträch⸗ tigte, ſo verfehlte es doch nicht einen mächtigen Eindruck auf die em⸗ pfängliche Seele des Dichters zu machen. Sein Geiſt verſenkte ſich in die Wunder der Schöpfung, und hier zum erſten Male dämmerte in ihm der Gedanke auf, ſich jenes großen Stoffes zu bemächtigen, den er in ſeinem„Verlorenen Paradieſe“ ſpäter ſo herrlich beſang und dem er ſeine eigene Unſterblichkeit verdankte. Voll von dem eben geſehenen Schauſpiel und von den Gedanken ſeiner künftigen Dichtung umſchwebt, verließ Milton an der Seite eines angeſehenen Florentiners, dem er empfohlen war, das Theater. Signor Diodatt, ausgezeichnet durch Bildung und Gelehrſamkeit, unterbrach das Schweigen des Dichters durch allerlei treffende Bemerkungen über den Inhalt und die Aufführung des Drama's. — Unter allen Offenbarungen der heiligen Schrift, ſagte der feine Florentiner, hat mich ſtets die Geſchichte der Schöpfung und der Sündenfall des erſten Menſchen beſonders tief berührt. Wie kind⸗ lich und doch erhaben, wie einfach und groß wird hier die tiefſte Phi⸗ loſophie, die ſchwierigſte und bedeutendſte Frage über die Natur des Menſchen und das Weſen der Sünde behandelt. In der Form einer allgemein verſtändlichen Parabel offenbart ſich die höchſte Weisheit, und, ſelbſt für Kinder begreiflich, löst die Erzählung das geheimniß⸗ volle Räthſel des Daſeins. — Ihr habt hier meine eigenen Gedanken ausgeſprochen, ent⸗ gegnete Milton. Kein Buch der Welt, ſelbſt die von mir ſo hoch verehrten Schriften der Griechen, kommen in dieſer Beziehung der Bibel gleich. So oft ich dieſelbe in die Hand nehme, ergreift mich ein heiliger Schauer; ich fühle die Nähe Gottes, der ſich darin der Welt offenbart. Alles, was menſchlicher Geiſt und Witz erdacht, oder erſon⸗ nen, verſchwindet vor den Wahrheiten, die ſie lehrt. Ihre Worte gleichen goldenen Früchten in ſilbernen Schalen, und vereinen die Un⸗ ſchuld des Kindes mit der Weisheit der Greiſe. Erde und Himmel, Blumen und Sterne, die Wunder der Schöpfung und des Menſchen⸗ lebens, ſtrahlen und blühen uns auf jeder Seite entgegen. Für den Reichen, wie für den Dürftigen im Geiſte giebt ſie Nahrung, Troſt und Erbauung. Sie iſt im eigentlichen Sinne das Wort Gottes, wie die von ihm geſchaffene Welt ſeine That. Beide ergänzen ſich und offenbaren die Größe, Allmacht und Weisheit des Herrn. Je⸗ mehr wir uns darein verſenken, deſto herrlichere Schönheiten entdecken wir. So iſt auch mir heute ein neuer Stern aufgegangen, den ich ihr verdanke, und der tiefe Sinn der Schöpfung und des Sünden⸗ falls hat mich ganz wunderbar ergriffen. In dem erſten Menſchen⸗ paar ſehe ich die ganze Menſchheit dargeſtellt; das Paradies erſcheint mir als die angeborene Unſchuld. Die Stimme Gottes, welche Adam verbietet von der Frucht zu eſſen, iſt die Stimme der Vernunft. So lange ſie ihre Oberherrſchaft über die Leidenſchaften behauptet, lebt er glücklich und zufrieden, die Welt iſt dann ein Eden für ihn, aber die Schlange ſchläft nicht und verlockt ihn, ſeiner Begierde zu folgen. Er verliert ſeine Unſchuld und mit ihr das Paradies. Elend und Kummer ſind dann ſein Loos, und die Reue bemächtigt ſich ſeiner Seele; aus ihr aber erwächſt die heilſame Buße, die Erkenntniß des Guten. Er rafft ſich von Neuem empor, wendet ſich wieder zu Gott, bekämpft das Böſe und ſiegt durch die Barmherzigkeit des Himmels, der den Gefallenen emporrichtet. Die Erlöſung bleibt nicht aus und ſo gewinnt der Menſch das verlorene Paradies zurück. Das iſt die Geſchichte Adams oder vielmehr der Menſchheit. Auch die Stellung des Weibes wird in der Erſcheinung Eva's klar gemacht. Sie wird zuerſt von der Schlange verführt, weil ihr Herz der Verlockung zu⸗ gänglicher und ſie aus ſchwächerem Stoff gebildet iſt, als der Mann. Sinnlichkeit und Leidenſchaft beherrſchen ſie, darum trifft ſie auch zu⸗ nächſt die Strafe. Mit Schmerzen muß ſie Kinder gebären, deren — 294— trauriges Geſchick das Mutterherz mit Gram erfüllt. Welche treffliche Lehren, welche erhabene Weisheit liegt in dieſer einfachen Erzählung! — Ich theile ganz und gar Eure Bewunderung, doch dünkt es mir immer wie eine Entweihung, wenn ich derartige heilige Geſchich⸗ ten auf der Bühne, ſo wie hier, profanirt und Gott ſelber und ſeine himmliſche Heerſchaaren von Schauſpielern dargeſtellt ſehe, deren Per⸗ ſönlichkeit und Lebenswandel meiſt im Widerſpruch mit ihren Rollen ſtehen. Mir ſcheint das wie eine Entweihung des Höchſten. Nach mei⸗ ner Meinung eignen ſich derartige Stoffe am wenigſten zur dramati⸗ ſchen Aufführung, und büßen dadurch ihre Würde und die ſchuldige Ehrfurcht beim Volke ein. — Ich habe ebenfalls daran gedacht, und ich will Euch nur ein⸗ geſtehen, daß das Schauſpiel in mir den Gedanken lebendig angeregt hat, in einer würdigeren Form dieſes tiefe Myſterium zu behandeln. Nach dem Vorgange Taſſo's möchte ich ein durchaus chriſtliches Epos ſchaffen, das, wo möglich, dem erhabenen Gegenſtand volle Gerech⸗ tigkeit widerfahren läßt. Schon lange ſuchte ich nach einer ähnlichen Aufgabe, um daran meine Kraft zu verſuchen. Ich hatte früher den Gedanken gefaßt, den engliſchen König Alfred zum Helden eines großen Epos zu erwählen. Der heutige Abend hat mich wieder ſchwankend gemacht, und mich auf eine weit höhere und ſchönere Aufgabe hinge⸗ wieſen. Was kann der Dichter Beſſeres thun, als die ganze Menſch⸗ heit zum Helden ſeiner Poeſie zu erheben, die Wunder der Schöpfung, die Größe und Barmherzigkeit Gottes zu beſingen? Himmel und Hölle mit ihren Geheimniſſen ſollen der Schauplatz meines Epos werden, und meine Phantaſie ſchwelgt bereits in den Abgründen der ewigen Finſterniß und in den Wohnplätzen der Seligen. Ich ſehe den Herrn der Welt mit leuchtendem Angeſicht auf ſeinem ſtrahlenden Throne ſitzen, umgeben von den Chören ſeiner Engel und Cherubim, während in der Tiefe Lucifer mit ſeinen Dämonen haust, angethan mit dem Feuerglanz einer hölliſchen Majeſtät. Wie Homer einſt den Krieg der Trojaner und Griechen mit hinreißender Wahrheit geſchil⸗ dert, ſo will ich den weit größeren und heiligeren Kampf des Gu⸗ ten mit dem Böſen, des Heiligen mit dem Irdiſchen, des Himmels mit der Hölle malen. Nicht umſonſt habe ich die Werke der größten Künſtler Italiens geſehen, die gemalten und gemeißelten Gedichte eines — 295— Raphael's und Michel Angelo's; ſie ſollen meine Vorbilder ſein, die ich zu erreichen ſtreben werde. — Und es wird Euch gelingen, ſagte Diodati von der Begeiſte⸗ rung des Dichters ergriffen. Ich ſehe bereits im Geiſte Euer Ge⸗ dicht, welches die Grazie unſeres Raphael's mit der Kraft und Ener⸗ gie des gewaltigen Angelo's verbindet, denn Ihr beſitzt das, was vor Allem dem Dichter noth thut, den Glauben an Gott und die Liebe zu Eurem Vaterlande. 10. Während Milton ſo auf der Rückreiſe nach der Heimath den Stoff zu dem großen Heldengedichte fand, nahmen die Verhältniſſe in ſei⸗ nem Vaterlande eine mehr und mehr drohende Geſtalt an. Die Par⸗ teien ſtanden ſich ſchroffer als je gegenüber, auf der einen Seite das neu berufene Parlament, von religiöſen und politiſchen Schwärmern aufgeregt, auf der andern Seite der verblendete König mit ſeinem Hof und ſeinen übermüthigen und ſorgloſen Anhängern. Zu der letz⸗ teren gehörte auch der leichtſinnige Thomas Egerton, welcher in dem Haushalte der Königin eine Anſtellung gefunden hatte, und in der neuen Umgebung bald eine hervorragende Stellung als ihr bevorzugter Günſtling einnahm. Der kecke Jüngling hatte ſich ohne Ueberlegung in den Strudel der Intriguen und Vergnügungen geſtürzt, welche der Hof zu jener Zeit ihm darbot. Ein Feſt verdrängte das andere, ob⸗ gleich die Zeit nichts weniger, als günſtig für derartige Zerſtreuungen war; man tanzte im eigentlichſten Sinne auf einem flammenden Vul⸗ kan. Die Stimmung im Volke war eine auf's Aeußerſte gereizte. Durch allerlei ungeſetzmäßige und despotiſche Schritte hatte die Krone das Vertrauen und die Liebe der Nation verſcherzt, welche ſich dage⸗ gen um ſo mehr zu den muthigen Gegnern derſelben und den Par⸗ lamentsmitgliedern hingezogen fühlte, die rückſichtslos die Regierung angriffen. Männer, wie Pym, Hampden u. ſ. w. waren die Helden des Tages und genoſſen die höchſte Verehrung. Sie allein hielt man für treue Patrioten, für Freunde des Va⸗ terlandes, und vor Allem für wahre und aufrichtige Chriſten. Selbſt —.—— 1 — 296— eine durchaus reine und unverfängliche Anhänglichkeit an den Hof wurde als ſelaviſche Abhängigkeit, die Liebe zum Königshauſe als ſer⸗ vile Schmeichelei, und das Vertrauen auf ſeine Verſprechuugen als ſchamloſe Beſtechlichkeit angeſehen und verſchrieen. Dieſe Strömung der öffentlichen Meinung war die allgemein verbreitete und wurde noch durch die plötzliche Auflöſung des Parlaments vermehrt. Trotz dieſer drohenden Anzeichen einer nahe bevorſtehenden Revo⸗ lution überließ ſich der Hof und beſonders die Königin ſorglos dem Taumel des Vergnügens. Karl war zu ernſt, faſt pedantiſch, um an der herrſchenden Fröhlichkeit lebendigen Antheil zu nehmen; deſto mehr aber liebte die Königin Feſte, Tanz und dramatiſche Vorſtel⸗ lungen. Ein liebenswürdiger Geſellſchafter, ein guter Tänzer, ein heiterer Sinn war der lebhaften Franzöſin ſtets willkommen, und deß⸗ halb hatte auch Thomas, der all dieſe Eigenſchaften in ſich vereinte, in kurzer Zeit ihre Gunſt erlangt. In auffallender Weiſe von ihr bevorzugt, erregte er bereits die Aufmerkſamkeit und den Neid der übrigen Höflinge. Mit dem feinen Jermyn und dem ſchönen Percy wurde er öffentlich als ihr erklärter Günſtling bezeichnet. Er war darum nicht wenig ſtolz und ſeiner Gebieterin fanatiſch ergeben. Die Herablaſſung und Freundlichkeit der hohen Frau erweckten in dem Her⸗ zen des Günſtlings eine gränzenloſe Dankbarkeit, welche bald in die heißeſte Liebe überging. Henriette vergaß zwar nie ihre königliche Würde, aber ſie war zu ſehr Weib, um nicht an den Huldigungen des ſchönen und gewandten Jünglings Wohlgefallen zu finden. Ein freundliches Lächeln, einen gewinnenden Blick aus ihren feurigen brau⸗ nen Augen hielt ſie nicht für unerlaubt, und mehrte ſo die verzehrende Glut in ſeinem Buſen. Dafür hätte er gern ſein Leben, ſein Blut hingegeben und ſich aufgeopfert. Seine Liebe zu der armen Lucy Hen⸗ derſon, welche ihm voll Vertrauen nach London gefolgt war, mußte dieſer neuen Leidenſchaft wohl weichen, denn wie konnte das einfache Landmädchen einen Vergleich mit der Königin von England aushalten? Sie fühlte zwar eine Abnahme ſeiner Zärtlichkeit, aber in ihrer Ein⸗ falt ahnte ſie nicht den wahren Grund und ſchrieb ſeine ſichtbare Kälte den veränderten Verhältniſſen, ſeiner neuen Stellung und den damit verbundenen Beſchäftigungen zu. Sie liebte ihn nichts deſto weniger mit immer gleicher Innigkeit und begnügte ſich wie eine Magd —— — 297— mit den Broſamen und dem Abfall ſeiner Neigung. Wenn er mit ihr von der Schönheit und der Liebenswürdigkeit der Königin in den enthuſiaſtiſchen Ausdrücken ſprach, überkam ſie auch nicht eine Spur von Neid; denn wie hätte ſie eine Fürſtin beneiden können? ſie theilte im Gegentheil ſeine Gefühle, und obgleich ſie Henriette nie geſehen, betete ſie dieſelbe wie eine Heilige an, ebenfalls bereit, für ſie ſich aufzuopfern und ihr Leben hinzugeben. Neben der Leidenſchaft zu Thomas, war ihr Herz ganz und gar von Liebe und Verehrung für die Königin erfüllt. Dieſe Empfindung nahm faſt den ſchwärmeriſchen Ausdruck eines religiöſen Kultus an. Von ganz anderen Gedanken wurde unſer Freund Billy Green beſeelt. Der freche Burſche gefiel ſich in den Straßen London's, weit mehr noch am Hofe, den er in der Eigenſchaft des Bedienten ſeines Herrn betrat. Bald war er auch hier bekannt und wegen ſeiner lu⸗ ſtigen Späße wohlgelitten. So vermehrte er die müßige Dienerſchaar, welche ſich im Palaſte herumtrieb und auf allgemeine Unkoſten ſchma⸗ rotzte. In ſeinem Aeußeren war ebenfalls eine große Veränderung vorgegangen; er bemühte ſich, den Ton der großen Stadt und beſon⸗ ders ſeiner Umgebung mit vielem Glücke nachzuahmen. In den ab⸗ gelegten Kleidern ſeines Herrn ſpielte er mit einiger Uebertreibung den vollkommenen Kavalier aus jener Zeit. Den runden Hut mit der Feder hatte er ſchief und verwegen nach der Seite ſitzen. Ein breiter Spitzenkragen fiel auf das bunte Wamms herab, und überaus weite Pluderhoſen bedeckten ſeine prallen Schenkel, während die weißen Strümpfe ein Paar kräftige Waden hervortreten ließen. An der Seite trug er den unentbehrlichen Raufdegen, auf den er ſich zu ſtützen pflegte. So ſtolperte er in den Vorhallen und Gängen des Pala⸗ ſtes herum, wobei er ſich ſo weit als möglich das Anſehen eines ein⸗ flußreichen und gewandten Höflings zu geben ſuchte. In der That gelang es ihm auch, in dieſer neuen Geſtalt einige einfältige Bitt⸗ ſteller zu täuſchen, denen er ſeine Protektion bei dem Könige und andern bedeutenden Perſonen am Hofe, natürlich gegen angemeſſene Belohnung, verſprach. Auch beim ſchönen Geſchlechte war Billy Green in dieſer Metamorphoſe mehr als früher angeſehen, und manche zärt⸗ liche Verbindung mit Kammerzofen und Bürgerstöchtern wurde von ihm angeknüpft, wobei ſeine Beſcheidenheit ihn meiſt ſeine eigene — 298— Perſon verleugnen und die Rolle eines wirklichen Kavaliers anneh⸗ men ließ; kurz der muntere Geſelle gefiel ſich überaus in ſeiner neuen Stellung und ſegnete den Augenblick, wo er ſeine heimathlich⸗ ländlichen Fluren mit dem Pflaſter London's vertauſcht hatte. Sei⸗ nem Herrn bewährte er die frühere Anhänglichkeit bis auf einen ge⸗ wiſſen Punkt. Er verſpürte weit weniger die Natur des treuen Hun⸗ des, als den Unabhängigkeitsſinn der Katze in ſich. Wie dieſe, mauste er auf eigene Hand und bewahrte ſich eine gewiſſe Freiheit. An Schlau⸗ heit übertraf er dieſes Thier noch bei Weitem, und wo es ſich darum handelte, einen pfiffigen Streich auszuführen, war Billy Green noch immer ſeinem Herrn zur Hand. Heute beſchäftigte ſich der würdige Geſelle, ſeinen Herrn für den Abend anzukleiden. In den Gemächern der Königin ſollte ein Hoffeſt gegeben werden, zu dem der Hofpoet Davenant eine beſondere Maske gedichtet hatte. Henriette liebte es, bei dergleichen Gelegenheiten ihren Gatten durch allerhand geiſtreiche Spiele und Aufführungen zu unterhalten und zu überraſchen. Sie ſelbſt übernahm auch wohl zuweilen zum Aerger ihrer puritaniſchen Unterthanen eine Rolle in einem ſolchen Stücke, beſonders als Tän⸗ zerin. Zu einer Quadrille, worin die Königin mitwirkte, war Thomas Egerton aufgefordert worden, und man kann ſich wohl den⸗ ken, welche Sorgfalt er auf ſeinen Anzug verwendete, da er wußte, wie viel ſeine hohe Gönnerin auf geſchmackvolle Tracht und ſchönes Aeußere gab. Mit Hülfe ſeines Dieners legte er ein Kleid von weißer Seide mit goldener Stickerei an, reich mit den feinſten Brüſſeler Spitzen und flatternden Bändern beſetzt. Billy Green war ihm bei der Toi⸗ lette behülflich, und unterhielt dabei ſeinen Herrn mit allerlei luſtigen Geſchichten und Einfällen, die ſeinen feinen Spürſinn und ſeine ſcharfe Beobachtungsgabe verriethen. — Es wird wieder heut hoch hergehen, ſagte der ſchlaue Burſche. Ich bin ſchon in der Küche geweſen. Herr du mein Gott! was wurde da gekocht und gebraten. Das Waſſer läuft mir gleich im Mund zu⸗ ſammen, wenn ich nur daran denke. Und die Weine, die ihr trinken werdet. Der Kellermeiſter hat das Beſte und Schönſte hergeben müſ⸗ ſen. Ach! nur einmal in meinem Leben möchte ich an ſo einer Hof⸗ tafel eſſen und trinken, ich hätte dann genug für alle Ewigkeit. Was werden wieder die geiſtlichen Schwarzröcke ſchimpfen und donnern, — 299— wenn ihnen der Bratengeruch aus der königlichen Küche in die Naſe ſteigt. Glaubt mir, Sir Thomas, die ganze Unzufriedenheit der Pfaffen kommt aus einem leeren Magen. — Du kannſt Recht haben, entgegnete der Jüngling zerſtreut, in⸗ dem er noch eine Neſtel an ſeinem Gewande befeſtigte und die nach Biſam duftenden Handſchuhe anlegte. — Neulich, fuhr Billy fort, bin ich zum Spaß in einer ſolchen Kirche geweſen und habe einer Predigt beigewohnt. Wenn ich der König wäre, ließ ich den Schuft hängen. Ihr hättet hören ſollen, wie er loslegte. Der König wurde mit Saul verglichen, der zu Grunde ging, weil er nicht auf die Stimme Samuels hören wollte. Natürlich war Samuel Niemand anders als der rund geſchorne Pfaffe ſelber. Weit ſchlimmer kam noch die Königin fort, er ſchimpfte ſie das babyloniſche Weib, eine andere Jeſabel, das Verderben Englands, die Peſt der Welt. — Hüätte ich den Schurken hier, ich wollte ihm den ungewaſchenen Mund mit meinem Degen ſtopfen und ihn das kalte Eiſen koſten laſſen. — Ich konnte mich nicht länger halten und ſing laut zu grunzen an. Da ging der Spektakel erſt recht los.„Hinaus mit dem Baals⸗ ſohn,“ ſchrie der Prädikant und die ganze Gemeinde warf ſich auf mich und puffte und ſtieß, bis ich vor die Thüre kam, ich wußte ſelbſt nicht wie. Eine Beule hatte ich an meinem Kopf ſo groß wie eine Melone, Alles zu Ehren unſerer Königin, die Gott beſchützen möge. — Da nimml!l dieſe Dublone als Pflaſter und zur Entſchädigung, ſagte der Jüngling, indem er die ſchwere Börſe öffnete und dem Diener ein Goldſtück hinreichte. — Es lebe die Königin! rief der Burſche und ſchwang ſeinen Hut, zufrieden mit dem Erfolge ſeiner erheuchelten Loyalität. Thomas verließ ſein Gemach und begab ſich in die ſtrahlende Säle von Withehall. Dort war bereits ein großer Theil der einge⸗ ladenen Gäſte verſammelt. Höflinge, Staatsmänner und ſchöne Frauen drängten ſich durch die Hallen und Galerien, welche mit Gemälden von den berühmteſten niederländiſchen Meiſtern geſchmückt waren. Karl der Erſte liebte die Kunſt und Maler wie Rubens und Van Dyk ,— 300— wurden von ihm mit Reichthümern und Ehren überhäuft. Der Hof bot in dieſem Augenblick das glänzendſte Schauſpiel dar. Wie die Sonne vor dem Untergang, flammte das Leben daſelbſt vor ſeinem Er⸗ löſchen noch einmal im höchſten Glanze auf. Alle Pracht und Schön⸗ heit des ganzen Königreichs ſchien hier auf einem einzigen Punkt vereint. Es herrſchte ein Luxus, wie er nie in ſpäterer Zeit wiederkam, zumal die Ausſchmückung des königlichen Palaſtes, wie die reiche Trachten jener Tage, gewährten ein entzückendes Bild. Was ihm an Einfach⸗ heit gebrach, wurde reichlich durch üppige Fülle und Pracht aufgewogen. Die Säle und übrigen Räume, in denen ſich die Geſellſchaft verſam⸗ melte, ſtarrten von vergoldeter Stuckarbeit, koſtbaren Tapeten, Gobelins und Schmuck. An den Pfeilern lehnten rieſige Spiegel von venezia⸗ niſchem Glaſe, in den Ecken ſtanden große Kredenztiſche mit ſilbernen Gefäßen, Trinkbechern, kunſtvolle Schalen und maſſiven Schüſſeln beladen, ſo daß ſie unter der theueren Laſt zu ſeufzen ſchienen. Die Decken waren mit Fresken geziert, welche in glühenden Farben Dar⸗ ſtellungen aus der griechiſchen Mythologie enthielten. Unzählige Kandelaber und ſchwebende Leuchter mit tauſenden von Kerzen beſteckt, verbreiteten das hellſte Tageslicht. Der Renaiſſanceſtyl, welcher damals in ſeiner größten Blüthe ſtand, feierte hier ſeinen höchſten Triumph. Ganz geeignet für einen üppigen und lebensluſtigen Hof, verſchmolz er mit den Sitten, der Lebensart und den Trachten der damaligen Zeit zu einem harmoniſchen Ganzen. Er war wie die Zeit ſelbſt verſchwenderiſch, Pracht-⸗liebend, üppig, ſchimmernd, gleißend und genußſüchtig. In dieſen mit Gold, Marmor, Stuck und Bildern überdeckten Hallen wandelte ein eben ſo reich gekleideter Hof in der Erwartung des königlichen Paares auf und nieder. Die Anzüge der Männer von buntem Sammt, oft mit Perlen und Cdelſteinen ſo bedeckt, daß man kaum den urſprünglichen Stoff erblickte, die ſchweren Gewänder der Frauen von golddurchwirkter Seide in allen Farben des Regenbogens ſchimmernd, ſtimmten mit der glänzenden Umgebung vollkommen über⸗ ein. Es hatten ſich einzelne Gruppen gebildet, Befreundete und Ge⸗ ſinnungsgenoſſen trafen, begrüßten ſich und beſprachen die Ereigniſſe des Tages und der Politik. Auch unter den Anhängern des Königs gab es verſchiedene Parteien und Abſtufungen. Eine Anzahl ſeiner — 301— Freunde, die ſich vorzugsweiſe um Henriette ſchaarten, waren blind in ihrem Haſſe gegen das Parlament und die beſtehenden Geſetze, welche die Willkür der Regierung beſchränkten; ſie riethen zur offenen Gewalt, zu kühnen und entſcheidenden Maßregeln. Meiſt waren es junge Leute von lockerem Lebenswandel, den Frauen und dem Spiel erge⸗ ben, mehr Höflinge als Politiker, mehr Soldaten als Staatsmänner, wilde Geſellen und Lebemänner, denen jeder Zwang verhaßt und die den religiöſen Eifer, die rauhe Einfachheit und Sittenſtrenge der Puritaner verſpotteten. Es fehlte ihnen nicht an Muth und unge⸗ ſtümer Tapferkeit, wohl aber an Ernſt, Beharrlichkeit und Einſicht in die Verhältniſſe. Sie waren unter dem Namen der Kavaliere be⸗ kannt und vom Volke wegen ihres Uebermuths und ihres Lebenswan⸗ dels verabſcheut.— Eine andere Partei bildeten einige tüchtige und ehrenwerthe Freunde des Königs, an deren Spitze der edle Lord Falk⸗ land ſtand, ſie waren nicht verblendet genug, um nicht die kommende Gefahr zu ſehen, aber ſie hofften noch immer dieſelbe abzuwenden. Vermittelnd zwiſchen der Krone und dem Parlament, zwiſchen der Regierung und dem Volke wollten ſie weder das königliche Anſehen geſchmählert noch auch die Rechte des Landes verletzt wiſſen, ſie theil⸗ ten das gewöhnliche Schickſal einer derartigen Stellung und wurden von allen Seiten zugleich angefeindet. In den Augen der Kavaliere galten ſie für halbe Verräther und von den Volksfreunden wurden ſie für Gegner der Feiheit angeſehen. Selbſt der König ließ ihnen keine Gerechtigkeit widerfahren und wendete ſich meiſt von ihnen nach der extremen Seite hin.— Auch an heimlichen und offenen Feinden des Hofes fehlte es in der Verſammlung nicht. Da, wo ſo viele leicht verletzte Intereſſen ſich kreuzten, verſchiedene Leidenſchaften auf einander prallten, konnte ein Zuſammenſtoß unmöglich ausbleiben. Ehrgeiz und Citelkeit, der Hang zur Intrigue und das ganze Heer böſer Geiſter fanden hier ein reiches Feld für ihre verderbliche Thätigkeit. Zwiſchen dieſen verſchiedenen Gruppen bewegte ſich Thomas mit angeborener Leichtigkeit, bald fand er einen Kreis, dem er ſich zuge⸗ ſellte. Eine Anzahl junger Männer, die ſich durch ihre elegante Kleidung und den vorlauten, faſt lärmenden Ton auszeichnete, hieß ihn willkommen. — 302— — Hierher zu uns, rief ihm einer dieſer Stutzer zu. Zum Teufel! Freund Thomas, wo habt Ihr geſtern geſteckt? Ihr habt uns nur noch gefehlt, um die luſtige Compagnie vollzumachen. Wir waren im Anker und haben bis zum Morgen geſpielt. Percy wurde gerupft, ſeht nur das jämmerliche Geſicht, das er macht. — Ich hatte Dienſt bei der Königin, entgegnete der Angeredete. — Das macht einem Andern weiß, aber nicht mir. Man kennt ſchon Eure Schliche. Ihr habt ein heimliches Schätzchen, bei dem Ihr Eure Abende zubringt; das iſt aller Welt bekannt. Wenn Ihr einmal Eurer Eroberung überdrüſſig ſeid, ſo gebt mir einen Wink, ich will mich der verlaſſenen Dido gern annehmen. — Natürlich, ſpottete ein Anderer. Villiers kauft ſeine Kleider und ſeine Liebſchaften auf dem Trödelmarkt, wo er beide am billigſten bekommt. Er iſt geizig wie ein Schotte. — Apropos! ſchaltete ein Dritter ein. Wie ſteht es mit dem ſchottiſchen Heer? Wie ich höre, ſoll Lord Strafford noch heute hier eintreffen, um die rebelliſchen Ohnehoſen zu Paaren zu treiben. — Da wird ſich Lady Karlisle freuen, ſie begleitet ihn gewiß in's Lager, entgegnete der Erſte in dieſem Kreiſe. Den zweideutigen Wit belohnte ein lautes Gelächter der Anwe⸗ ſenden. Ein neuer Ankömmling gab der Unterhaltung einen wo mög⸗ lich noch frivoleren Anſtrich. Es war dies der Hofpoet Davenant, eben ſo geiſtreich und witzig, als ſittenlos. Sein ausdrucksvolles Ge⸗ ſicht trug deutlich die Spuren des Laſters zur Schau, durch eine an⸗ ſteckende Krankheit hatte er ſeine Naſe eingebüßt, aber ſeine dunklen Augen funkelten von Geiſt und überſprudelndem Muthwillen. Wie er ſelber behauptete, war er ein unehelicher Sohn Shakespeares und ſeine Muter die Wirthin einer Taverne. — Nun, Sohn des Apollo, rief ihm Lord Wilmot, einer der ausgelaſſenſten jungen Leute, entgegen, wie geht es Eurer Dichterſchaft? .— Ich danke Eurer Herrlichkeit nnd freue mich, daß Ihr noch nicht gehangen ſeid. — Dapvenant iſt nicht der Sohn Apollo's, ſondern ein Baſtard⸗ kind Shakespeares, bemerkte der ſchöne Perey. — Da habt Ihr ganz Recht, entgegnete der Dichter. Meine Mutter hat mehr für mich geſorgt, als die Eurige, ſie gab mir einen — 303— geiſtreichen Mann zum Vater, und ich bin lieber der Baſtard eines Genies, als der rechtmäßige Sohn eines Dummkopfs. Wir können Beide zufrieden ſein, da wir unſere Väter beerbt haben. Der ſchöne Percy fand es für gerathen, den Wortkampf mit dem boshaften und rückſichtsloſen Dichter abzubrechen, in welchem er zum Geſpött ſeiner Freunde den Kürzeren zog. Er wendete ſich deshalb ab und begrüßte einen jungen Mann, der ſoeben in den Saal trat. Derſelbe war das Muſterbild eines vollendeten Hofmannes, der erklärte Günſtling der Königin und ihr Stallmeiſter, Lord Jermyn. War er auch minder ſchön, als Percy, ſo zeichnete ſich ſeine ganze Figur durch die höchſte Eleganz und Feinheit aus. Sein Anzug von braunem geriſſenen Sammet, reich mit Gold geſtickt, hob die ſchlanke zierliche Figur äußerſt vortheilhaft hervor. Die Züge ſeines Geſichts trugen einen ächt ariſtokratiſchen Typus, blonde, ſorgfältig gepflegte Locken fielen bis auf ſeine Schultern nieder, ſeine Augen waren glänzend blau, aber auch kalt wie Stahl, um die feingeſchnittenen Lippen ſpielte ein halb übermüthiges, halb treuloſes Lächeln. Nicht nur die Königin, ſondern faſt alle Damen des Hofes ſchwärmten für den zierlichen, glatten Höfling und je mehr weibliche Herzen er bisher gebrochen hatte, deſto mehr Frauen begehrten nach einem ähnlichen Geſchick. Es war Mode geworden, ſich von Jermyn betrügen und unglücklich machen zu laſſen. Bei ſeinem Erſcheinen wurde er von den jungen Leuten mit einer gewiſſen Ehrfurcht begrüßt, ſo weit dieſelbe in einem ſolchen Kreiſe ſich überhaupt äußern konnte. Er genoß hier wenigſtens einen Grad von Achtung, der ihm von würdigeren Männern verſagt wurde, denn er war gleichſam der Anführer und das Vorbild dieſer jungen Leute. Mit einer affektirten Herablaſſung behandelte er ſeine Satelliten. — Guten Abend, Goring, Percy, Wilmot, Egerton, rief er ihnen kopfnickend zu. Sieh da, Davenant! Die Königin hat ſoeben mit mir von Eurer Maske geſprochen und ſich ſehr gnädig über Stoff und Inhalt geäußert. Nun, meine Herren, wißt Ihr ſchon die Neuig⸗ keit des Tages? — Daß alle Frauen keuſch und alle Männer vernünftig leben, ſpottete der Hofpoet, daß Percy nicht mehr ſpielt, Villiers nicht mehr 4 4 1 — 304— lügt, Egerton nicht mehr ſchwärmt und Jermyn nicht mehr unſchuldige Mädchen berückt. — Fehlgeſchoſſen, mein wackerer Poet! Ich kann Euch eine beſſere Mittheilung machen. Der Lord Lieutenant von Irland, Graf Straf⸗ ford, iſt ſoeben in London eingetroffen und befindet ſich in dieſem Augenblick mit dem Könige in deſſen Kabinet. So viel ich erfahren habe, räth er zu den kräftigſten und energiſchſten Maßregeln, und er iſt der Mann darnach, um ſeinem Wahlſpruch„Durch“ unter allen Verhältniſſen treu zu bleiben. Er räth von jeder Schonung ab und will ſowohl die rebelliſchen Schotten, wie das aufſäſſige Volk von England durch die Waffen wieder zur Vernunft bringen. Aus Irland bringt er Geld genug mit, um den leeren Schatz zu füllen und was die Hauptſache iſt, zehntauſend Mann wohlgeübter Truppen, die unter einem gleichen Führer den Teufel ſelber nicht fürchten. Sobald er mit den Convenanten fertig iſt, wird er auch in London aufräumen und ein Ende mit dieſer parlamentariſchen Wirthſchaft machen. Bei Gott! ich hätte ſelbſt faſt Luſt, unter Strafford einem kleinen Feldzug beizuwohnen, länger wie vierzehn Tage kann die ganze Geſchichte doch nicht dauern. Was meint Ihr, meine Herren, zu einem ſolchen Ausflug nach der Gränze? Es wäre das eine Abwechslung in unſerem Leben. — Eine Frühſtückspartie, wobei Jeder von uns zehn Schotten ver⸗ „ zehrt, prahlte der ſchöne Percy. — Die Kerls ſind nur zu zäh und unverdaulich, bemerkte Goring. — Darum wollen wir ſie ſo lange klopfen, bis ſie genießbar wer⸗ den, ſcherzte Egerton. — Thut das, entgegnete Jermyn mit ſpöttiſchem Lächeln, Ihr werdet Euch dadurch die beſondere Gnade des Königs erwerben, auch hättet Ihr da die ſchönſte Gelegenheit, Euch auszuzeichnen. — Das heißt mit anderen Worten, entgegnete Thomas lächelnd, lieber Egerton, thut mir den Gefallen und laßt Euch von einem nacktbeinigen Schotten den Hals brechen, damit Ihr mir nicht länger im Wege ſeid. Die Lippen des verzogenen Günſtlings kräuſelten ſich zu einem verächtlichen Lächeln und mit ſtolzen Blicken maß er ſeinen Neben⸗ buhler von Oben bis Unten. — 305— — Ich fürchte mich vor keinem Mann und noch weniger vor einem unbärtigen Knaben, fügte Jermyn übermüthig hinzu. — Nehmt Euch vor dem unbärtigen Knaben in Acht, drohte Thomas gereizt, er könnte Euch ein Loch in Euer ſchönes Wamms und in Euer Milchgeſicht reißen. Eine neue beleidigende Aeußerung ſchwebte bereits auf der Zunge des Höflings, als die Flügelthüren ſich öffneten und der Thürſteher die Ankunft des königlichen Paares mit lauter Stimme verkündete. Die Gegner hatten nur noch Zeit ſich wüthende Blicke zuzuwerfen, da ſie ihre Stellung in die Nähe des Fürſten führte. Ihre Rache mußten ſie auf gelegenere Zeit aufſchieben. Auch die übrige Verſammlung ſtellte ſich in der Ordnung auf, welche Rang und Geburt dem Ein⸗ zelnen anwies und erwartete ſo die Nähe der Monarchen. 11. Karl der Erſte war keineswegs eine imponirende Erſcheinung, ſeine Figur von mittlerer Größe, ſeine Haltung ſchüchtern und ver⸗ legen. Urſprünglich als nachgeborener Sohn ſeines Vaters war er nicht für den Thron, ſondern für die Kirche beſtimmt. Erſt durch den Tod ſeines älteren Bruders fiel ihm die Krone zu. Die anfäng⸗ liche Erziehung klebte ihm noch immer an und ſein ganzes Weſen verrieth mehr den gelehrten Theologen, als den geborenen Fürſten. Durch fortgeſetzte ritterliche Uebungen hatte ſein Körper zwar mit der Zeit eine große Tüchtigkeit und Kraft erlangt, aber nichtsdeſtoweniger blieb eine gewiſſe Unbeholfenheit wie ſie den Männern der Wiſſen⸗ ſchaft eigen zu ſein pflegt, auch bei ihm zurück. Sein Geſicht war regelmäßig und wohlgebildet, ein eigenthümlich melancholiſcher Ausdruck umſchwebte ſeine Züge gleichſam wie eine Vorahnung ſeines künftigen Geſchicks. Häufig wollen Phyſiognomiker dieſen Zug bei ſolchen Per⸗ ſonen beobachtet haben, die dazu beſtimmt waren, eines unnatürlichen Todes zu ſterben. Ein kleiner Sprachfehler, er ſtotterte ein wenig, erhöhte ſeine Schüchternheit und Menſchenſcheu. In ſeinem Charakter zeigte ſich ein wunderbares Ga guten und ſchlechten Eigenſchaften; Schwäche war jed D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit.— — 306— ſeiner ganzen Natur, der Schlüſſel zu ſeinem Sein und Handeln; ſie artete bald in Eigenſinn und Halsſtarrigkeit aus, wo Kraft und männliche Würde bei ihm am rechten Ort geweſen wäre, bald nahm ſie die Form von Liſt und ſelbſt von betrügeriſcher Schlauheit an, wo die Verhältniſſe ihm einen gebieteriſchen Zwang auferlegten. Von Natur gutmüthig und wohlwollend, fehlte ihm die Kraft, die Herzen durch liebenswürdiges Benehmen für ſich zu gewinnen. Seine Fröm⸗ migkeit war gewiß aufrichtig aber durch Aberglaube und Verfolgungs⸗ wuth entſtellt, ſein richtiger Verſtand durch das Vertrauen beeinträch⸗ tigt, welches er ſolchen Perſonen ſchenkte, denen er bei Weitem über⸗ legen war und auf deren Rath er mehr, als auf ſeine eigene geſunde Vernunft zu hören pflegte. Trotz eines ruhigen und mäßigen Tem⸗ peraments, blieb er nicht frei von raſchen und unüberlegten Entſchlüſſen. Häufig ließ er ſich zu jähen Thaten im Augenblick hinreißen, die er hintendrein bereute. Durch ſeine Schwäche verwandelten ſich ſeine Tugenden ſelbſt in Fehler. Das lebhafte Gefühl für Freundſchaft artete in blinde Hingebung an unwürdige Günſtlinge aus, ſeine Liebe zu der Königin und ſeiner Familie machte ihn zum Sklaven derſelben. Er liebte Künſte und Wiſſenſchaft und unterſtützte dieſelben, ohne jedoch einen belebenden und fördernden Einfluß auf ſie auszuüben, weil er ihnen nicht die nöthige Freiheit gönnte, ſondern ſie in der ungeſunden Luft des Hofes verkommen ließ. Wie die meiſten ſchwachen Charaktere, hatte er häufig Anfälle von Trotz, die er für Kraft und Energie hielt und wobei ſeine Despotie ſich bis zu einer Grauſamkeit ſteigerte, die ſeiner urſprünglichen, beſſeren Natur ſonſt fremd war. Seinen Gegnern gegenüber hielt er jede Liſt für erlaubt und die Ehrlichkeit und Gradheit, welche ſtets mit der männlichen Kraft Hand in Hand zu gehen pflegt, fehlte ihm gänzlich. Er wußte weder zur rechten Zeit nachzugeben, noch zur rechten Zeit feſtzuhalten, was er freiwillig thun konnte, ließ er ſich erſt abnöthigen und indem er mit der rechten Hand ſeinem Volke die Freiheit hinreichte, ſtreckte er bereits die linke aus, um ſein Geſchenk zurückzunehmen. Da ihm die Kraft mangelte, offen zu verſagen, ſo nahm er zu allerhand hinterliſtigen Wendungen und Winkelzügen ſeine Zuflucht, durch welche er die Ach⸗ nn Volkes vollkommen einbüßte. Als Privatperſon in jeder umaswerth und durch viele häusliche und menſchliche — 307— Tugenden ausgezeichnet, hatte ihm das Schickſal eine Krone auf das Haupt geſetzt, die ſeine ſchwachen Schultern nicht zu tragen vermochten. Vielleicht wäre er trotzdem in ruhigen Zeiten ein trefflicher Regent geworden, aber zum Unglück für ihn, lebte er in Tagen der größten politiſchen und religiöſen Aufregung, in einer Periode, wo der Geiſt der Nation einen wilden Anlauf nahm und der Sturm der Freiheit das engliſche Inſelreich in deſſen Grundfeſten erſchütterte. An der Seite des Königs ſchritt in dieſem Augenblick ein Mann aus einem ganz andern Stoff geformt, als Karl der Erſte. Es war dies der Graf Strafford, der allmächtige Miniſter. Unwillkürlich richteten ſich die Blicke der Verſammlung auf die impoſante Erſchei⸗ nung. Die gedrungene Geſtalt mit breiter Bruſt und mächtigen Schul⸗ tern ſchien aus Granit geformt, Muskeln und Sehnen an ihr von Stahl geſchmiedet, ſo kräftig und elaſtiſch zu gleicher Zeit. Auf dem ſtarken Nacken, der nicht gewohnt war, ſich zu beugen, ruhte ein ge⸗ waltiges Haupt von einem Wald üppiger in die Höhe ſteigender Locken gekrönt. Die hohe Stirn und die klaren, leuchtenden Augen verriethen einen ungewöhnlichen Geiſt, den großen Staatsmann und Politiker, während die buſchigen Augenbrauen, die gewölbten Schläfen, der trotzige Mund und das feſte Kinn, welches von einem tiefſchwarzen Bart eingerahmt wurde, an den unerſchrockenen Krieger und den er⸗ probten Feldherrn erinnerten. In dem entſchiedenen Auftreten, dem feſten dröhnenden Gang that ſich eine trotzige Energie kund, welche vor keiner Schwierigkeit zurückſchreckte. Früher ein begeiſterter Anhänger der Freiheit und des Parlaments, der hervorragendſte Redner und Staatsmann ſeiner Partei, war er ſeit längerer Zeit durch die Schmei⸗ cheleien des Hofes und durch ſeinen eigenen Ehrgeiz zum Abfall ge⸗ bracht worden. Wie gewöhnlich alle Apoſtaten, ſo verfolgte auch Strafford jetzt ſeine früheren Grundſätze und politiſchen Freunde mit wildem Fanatismus. Unerſchöpflich in ſeinen Hülfsmitteln, rückſichtslos in ſeinem Haſſe, war er gegenwärtig der gefährlichſte Gegner des Parlaments und der Freiheit. Fortwährend rieth er zu den ener⸗ giſchſten Maßregeln, zu einem entſchloſſenen Widerſtand und warnte vor jeder Nachgiebigkeit, vor der geringſten Conceſſion; er ſelbſt brütete einen weitausſehenden Plan aus, durch Schaffung eines ſtehenden Heeres und Erſparniſſe im Staatsſchatze zunächſt dem Könige eine voll⸗ . 20* — 308— kommen unabhängige Stellung zu geben und ſpäter mit einem kühnen Streiche die Verfaſſung Englands aufzuheben. Zu dieſem Zwecke hatte er bereits alle nöthigen Schritte gethan, Soldaten ausgehoben, in Irland Steuern ausgeſchrieben und verſchiedene Verbindungen an⸗ geknüpft. Jetzt wartete er nur noch den gelegenen Zeitpunkt, vor Allem die Beendigung des ſchottiſchen Krieges ab, um im Einverſtänd⸗ niſſe mit ſeinem Herrn dieſen Vorſatz auszuführen. Inſtinktmäßig wurde er vom Volke verabſcheut, das in ihm den Urheber aller Be⸗ drückungen und Verfolgungen, aller gewaltſamen Maßregeln der Re⸗ gierung mit Recht erblickte. Verwünſchungen und Flüche häuften ſich an jedem Tage auf ſein trotziges Haupt, er aber verlachte die Dro⸗ hungen ſeiner Feinde und verfolgte mit unerbitterlicher Conſequenz ſeine früheren Freunde und nunmehrigen Gegner. Aber auch am Hofe fehlte es dem großen Manne nicht an Neidern und Verfolgern, welche er durch ſein rückſichtsloſes Auftreten, durch ſeinen ungezähmten Stolz und durch ſein rauhes Weſen hervorgerufen. Selbſt die Kö⸗ nigin und ihre Anhänger waren eiferſüchtig auf den Einfluß und die Freundſchaft, die Karl ſeinem Miniſter gewährte. Zwei Perſonen nur waren Strafford unbedingt ergeben, es waren dies die ſchöne und geiſtreiche Gräfin Carlisle, welche allgemein für ſeine Geliebte galt, und der Erzbiſchof Laud, der bigotte Rathgeber und geiſtliche Leiter des Königs. Durch die galante Gräfin, die Freundin Henriettens, übte er Einfluß auf die Königin, durch den fanatiſchen Prieſter auf Karl ſelber aus. So glaubte ſich Strafford ſicher und hielt ſeine Stellung für unantaſtbar. In dieſem ſtolzen Bewußtſein ſchritt er an der Seite des Mo⸗ narchen durch die ſtrahlenden Säle von Withehall, und ſo groß war ſein Anſehen, ſo bedeutend wirkte ſeine Erſcheinung, daß er faſt die minder hervorragende Perſönlichkeit ſeines Herrn in den Hintergrund drängte und die allgemeine Aufmerkſamkeit vorzugsweiſe auf ſich lenkte, ſo daß dieſer ſelbſt eine kleine Anwandlung von Neid verſpürte, wozu ſeine leicht Verdacht ſchöpfende und vom Gefühl ſeiner könig⸗ lichen Würde ganz erfüllte Seele beſonders geneigt war. Unterdeß hatte ſich die Königin auf einen bereit ſtehenden Thronſeſſel, umgeben von dem Kranz der ſchönen Hofdamen, niedergelaſſen. Henriette Marie war nach den Bildern, welche aus jener Zeit auf uns gekom⸗ — 309— men ſind, eine anmuthige und lebensluſtige Fürſtin, der es weder an Reizen noch an Verſtand gebrach. Ihr Geſicht konnte zwar nicht für regelmäßig ſchön gelten, aber die zierliche Geſtalt, das dunkle Haar, der feine Mund mit den blendend weißen Zähnen, die ſchalkhaften Grübchen der Wangen und des Kinns, vor Allem das feurige Auge, machten ſie zu einer intereſſanten und pikanten Erſcheinung. Von ihrer herrſchſüchtigen Mutter erzogen und von Richelieu über ihre Stellung belehrt, ging ſie nach England mit dem feſten Vorſatze, der katholiſchen Religion und ihren Glaubensgenoſſen weſentlich zu nützen. Sie verfuhr dabei mit weit weniger Vorſicht als in einem proteſtanti⸗ ſchen Lande nöthig war und ſetzte ſich dabei von Anfang an zu ihren Unterthanen in eine ſchiefe Stellung. Von ihrem Gatten aufrichtig geliebt, gelangte ſie doch erſt nach dem Tode Buckingham's, des könig⸗ lichen Günſtlings, zu dem gewünſchten Einfluß. So lang der Herzog lebte, beherrſchte dieſer ausſchließlich den Geiſt ſeines Herrn. Nach deſſen Ableben nahm Henriette die erſehnte Stellung ein und bald übte ſie ſelbſt auf die Regierung und alle Staatsverhältniſſe einen bedeutenden Einfluß aus. Fremd und mit den Gebräuchen des Landes unbekannt, den die königliche Autorität beſchränkenden Geſetzen feind, trug ſie weſentlich zu den obwaltenden Streitigkeiten zwiſchen dem Könige und ſeinem Volke mit bei. Als Katholikin war ſie von vorn⸗ herein dem Volke verdächtig und bald verhaßt, da ſie es nicht ver⸗ ſtand, die Vorurtheile deſſelben zu ſchonen. Auch ihre Lebensluſt und Vergnügungsſucht war ein Dorn in den Augen der ſittenſtrengen“ Puritaner. Die Kanzeln hallten von ſchonungsloſen Angriffen gegen die Königin wieder, welche bald als Kananiterin, als die Tochter Heth's und als GCötzendienerin von fanatiſchen Geiſtlichen bezeichnet wurde. Sie ihrerſeits vergalt den Haß mit Haß, die Verfolgung mit noch ſchlimmerer Verfolgung. Hauptſächlich auf ihr Andringen wurde mehreren Rednern der Prozeß gemacht und der bekannte Prynne zu der ſchwerſten Strafe verurtheilt. Konnte man ihr auch in ſittlicher Beziehung nicht geradezu einen Vorwurf machen, ſo erregte doch ihr Leichtſinn vielfachen Anſtoß und häufig Gelegenheit zu üblen Gerüchten. Auch bei dem heutigen Hoffeſte legte ſich Henriette keinen Zwang an. Zum Aerger aller Bedächtigen trat ſie ſelbſt in der Maske Da⸗ venants auf und ſprach einige auf die Gelegenheit bezügliche Verſe, — 310— eine Neuerung, welche ſich bisher noch keine engliſche Königin erlaubt hatte und die ſelbſt von manchem ergrauten Höfling für unvereinbar mit der fürſtlichen Würde gehalten wurde. Henriette ſpottete indeß über derartige Bedenklichkeiten und überließ ſich ohne Zurückhaltung der ganzen Ungebundenheit ihres lebhaft heiteren Temperaments. Sie tanzte abwechſelnd mit Jermyn und Thomas, den ſie durch ſeine Herablaſſung entzückte. — Sir GEgerton, flüſterte ſie lächelnd, Ihr habt bedeutende Fort⸗ ſchritte gemacht, in kurzer Zeit ſeid Ihr der beſte Tänzer an unſerem Hofe geworden. — Wie konnte das auch anders ſein unter den Augen eines ſo erhabenen Vorbildes. — Morgen wird man wieder gegen meine unſchuldigen Vergnü⸗ gungen von allen Kanzeln Londons predigen. — Befehlt und ich werde den ſchurkiſchen Pfaffen mit meinem Schwerte den Mund ſtopfen. — Noch iſt die Zeit nicht gekommen, aber vielleicht ſchon in wenig Wochen könnt Ihr die Gelegenheit haben, Euer Schwert für Eure Königin zu gebrauchen. — Und Ihr nehmt mich zu Eurem Ritter an? — Wenn Ihr treu und verſchwiegen ſeid. — Stellt mich auf die Probe, Majeſtät! Verlangt mein Leben, mein Blut, mit tauſend Freuden gebe ich es hin. Henriette belohnte den Enthuſiasmus des Jünglings mit ihrem freundlichſten Lächeln, ſo daß dieſer Alles um ſich her vergaß. Nicht viel fehlte und er wäre Angeſichts des ganzen Hofes zu den Füßen ſeiner angebeteten Gebie⸗ terin hingeſunken. Jermyn, der in einiger Entfernung ſtand, bemerkte zu ſeinem Verdruß die Fortſchritte, welche ſein Gegner in der Gunſt der Königin machte. Während er in zierlichen Pas und mit freund⸗ lichem Geſichte einhertänzelte, brütete er über einen Plan, den gefähr⸗ lichen Gegner ſo bald als möglich zu entfernen. Gleich nach der Vorſtellung hatte ſich der König mit dem Grafen Strafford zurückgezogen, um mit ihm und einigen anweſenden Rath⸗ gebern der Krone die nöthigen Maßregeln für den bevorſtehenden Krieg mit den ſchottiſchen Rebellen zu verabreden. Die meiſten Stim⸗ men erklärten ſich für ein nachgiebiges Benehmen und für friedliche — — 311— Unterhandlungen, nur der ſtolze Miniſter drang auf eine energiſche Fortführung des Kampfes.. — Ich hoffe, ſagte er im Bewußtſein ſeiner Kraft, in kurzer Zeit mit dieſem ſchottiſchen Geſindel fertig zu werden und dann gedenke ich meinen längſt Seiner Majeſtät vorgelegten Plan auszuführen und mit einem Schlage dieſe Unruhen zu beenden. Glaubt mir, meine Herren, das Volk gleicht einem bellenden Hunde, zeigt ihr Euch furchtſam, ſo bellt er nur um ſo lauter und weiſt Euch die Zähne, gebt ihm einen Fußtritt und er flieht mit eingezogenem Schwanze. Laßt Euch um des Himmelswillen nicht einſchüchtern und weicht keinen Zoll breit ſeinen Forderungen. Vor allen Dingen aber müſſen wir einigen Schreiern den Mund ſtopfen und dieſe mit Gewalt oder durch Be⸗ ſtechungen zum Schweigen bringen. Die blinde Menge wird ſtets einen oder mehrere Führer haben, nehmt Ihr dieſe, ſo zerſtreut ſich der hülfloſe Haufen und fällt auseinander. Entfernt die Stützen und das ganze Revolutionsgebäude verſinkt in Nichts. Mit einem wohl disciplinirten Heer, das dem Könige treu ergeben iſt, will ich zuerſt die Schotten wieder unterwerfen und dann dem engliſchen Volke die Luſt benehmen, ſich gegen die Regierung aufzulehnen. 2 — Ein ſtehendes Heer verſtößt aber gegen die Geſetze des Landes, bemerkte der edle Falkland, treu der einmal gegebenen Verfaſſung. — Wer die Gewalt hat, hat auch das Recht, entgegnete Graf Strafford. Nennt mir ein beſſeres Mittel, wenn Ihr eins wißt. — Ein neues Parlament wird ſich vielleicht dem Könige will⸗ fähriger erweiſen und ihm die nöthigen Truppen und Gelder bewilligen. — Da ſeid Ihr in einem argen Irrthum befangen. Ein neues Parlament wird nur noch anmaßender wie all die früheren auftreten. Das Volk wird uns nur ſolche Männer ſchicken, von denen es über⸗ zeugt iſt, daß ſie der Regierung feindlich geſinnt ſind. Wie jetzt die Sachen in England ſtehen, wäre die Einberufung des Parlaments unſer Verderben. O, ich kenne dieſe Männer und ihre Abſichten aus eigener Erfahrung, den hinterliſtigen Pym, den ſchlauen Hampden, der unter der Maske des Biedermanns einen Ehrgeiz ohne Gränzen ver⸗ birgt. Ruft ſie nur herbei und ſie werden diesmal mit erhöhtem Haſſe an dem Thron ſo lange rütteln, bis er zuſammenbricht. Jeder Schilling, den ſie bewilligen, wird der König durch ein Opfer ſeiner Macht und ſeines Anſehens erkaufen müſſen, bis ihm nichts übrig bleibt, als der leere Titel, ein eitler Schatten ſeiner Würde, wenn das Parlament ſo gnädig iſt, ihm noch ſo viel übrig zu laſſen. — Und welche Gefahr läuft die Religion dabei, bemerkte der Erzbiſchof Laud, welcher an der Berathung mit Theil nahm. Die Feinde der biſchöflichen Kirche warten nur auf die Gelegenheit, ihre verderblichen Pläne auszuführen; ſie verlangen Freiheit für ihre verruchten Lehren und Duldung ihres Sektenweſens. Was ſoll aus dem Staate werden, wenn die Kirche ihr Anſehen einbüßt und zum Spott wird. — Ich will kein Parlament, rief der König mit Entſchloſſenheit, ich dulde keine Herren neben mir. Strafford und Laud haben Recht. Thron und Altar würden von Neuem den wüthenden Angriffen der Feinde ausgeſetzt ſein. Gott ſelber hat die Krone auf mein ge⸗ ſalbtes Haupt geſetzt und die Gewalt in meine Hand gegeben, ich werde ſie zu behaupten wiſſen. Der Herr wird mir ſeinen Schutz ver⸗ leihen und meine Gegner züchtigen. — Amenl! ſprach der Erzbiſchof indem er ſeine Hände faltete. Die übrigen Räthe der Krone und beſonders Lord Falkland wagten noch einen ſchwachen Wiederſpruch zu erheben, ſie wurden jedoch durch den Entſchluß des Königs und durch Lauds und Straffords Worte überſtimmt. — Ich will kein Parlament, wiederholte Karl mit eigenſinniger Hartnäckigkeit unaufhörlich, bis er ſeine treuen Anhänger vollkommen eingeſchüchtert und zum Schweigen gebracht hatte. Hierauf beauftragte er noch den geheimen Staatsſecretair, Sir Vane, die Vorſchläge Straffords zur weiteren Beſprechung aufzuzeichnen und dem geheimen Archive einzuverleiben. Das Feſt ging ſeinem Ende entgegen. Die Königin von anſtren⸗ gendem Tanze müde, zog ſich in ihre Gemächer zurück, beim Abſchiede lächelte ſie noch einmal dem überglücklichen Thomas zu, der ſeelig Withehall verließ und von der Liebe einer Fürſtin geträumt. 12. Der Krieg gegen die ſchottiſchen Rebellen nahm, trotzdem Straf⸗ ford an der Spitze des Heeres ſtand, keine günſtige Wendung. Der edle Graf hatte ſeine Gegner zu gering geſchätzt, ihr religiöſer Fana⸗ tismus erſetzte was ihnen an Zahl und Disciplin gebrach. Die Sol⸗ daten des Königs waren demoraliſirt, unzufrieden über einen Kampf mit dem benachbarten Brudervolke, deſſen Anſichten und Grundſätze im engliſchen Volke ſelbſt die lebhafteſten Sympathien fanden. Trotz aller Anſtrengung und der Tüchtigkeit des Anführers, machte das Heer keine Fortſchritte und erlitt ſogar einige nicht unbedeutende Niederlagen. Dem Könige fehlte es von Neuem an Geld und Truppen, in ſeiner Verlegenheit wandte er ſich an die Lords, bei denen er eine nachgiebigere und ihm günſtigere Stimmung vorausſetzte, als in dem Hauſe der Gemeinen. Wider ſeine Erwartung drangen aber auch die Pairs auf ſchleunige Einberufung des geſetzmäßigen Parlaments und erklär⸗ ten ſich für incompetent, der Regierung die gewünſchte Hülfe zu ge⸗ währen. So von allen Seiten gezwungen und gedrängt, ſah ſich Karl gegen ſeinen Willen genöthigt nachzugeben. Bei dem aufſäſſigen Geiſte, der im ganzen Lande herrſchte, konnte der Ausfall der Wahlen nicht zweifelhaft ſein, alte und neue Gegner des Königs nahmen ihre früheren Sitze ein, ſie ſtützten ſich auf die öffentliche Meinung und erlangten bald eine unbeſchränkte Gewalt. Jetzt kam die Zeit, wo die Talente der Oppoſition befreit von jedem Zwang und aller Furcht, bald mit ihren weiſen Reformplänen, bald mit ihren ausſchweifenden Anſichten rückſichtslos hervortraten. Da entfaltete der gereifte Pym ſeine Rednergabe und übernahm die Lei⸗ tung aller Angriffe gegen die langjährigen Mißbräuche der Regierung. Der durch ſeinen Widerſtand gegen die willkürliche Beſteuerung be⸗ rühmt gewordene Hampden entwickelte einen Muth, der durch Klug⸗ heit geleitet, durch Beſcheidenheit noch erhöht wurde. Damals legte zuerſt der tiefe St. John die glänzendſten Proben ſeines Scharfſinns ab und erſchien um ſo gefährlicher, je verſteckter er mit ſeinen Plänen war. Der ungeſtüme Hollis, heftig aber aufrichtig, offen und ehrlich als Freund wie als Feind, der enthuſiaſtiſche Genius des jüngeren Vane, ein Schwärmer, der das Unmögliche ſich zum Ziele ſetzte, aber die weiſeſten und beſten Mittel dafür anzuwenden wußte, vermehrten die Zahl der ausgezeichneten Männer, welche plötzlich von dem Strome der Volksgunſt getragen in ſolch unruhigen Tagen aufzutauchen pflegen. An dieſen parlamentariſchen Kämpfen nahm die ganze Nation den lebendigſten Antheil. Täglich wurden Volksverſammlungen abgehalten und die ruhigen Bürger verließen ihre Geſchäfte, um ſich den Ange⸗ legenheiten des Staates und der Kirche zu widmen. Durch dieſe Zu⸗ ſammenkünfte wurden Gedanken und Meinungen von Mund zu Mund, von Bruſt zu Bruſt ſchnell fortgepflanzt. Die Stelle der Zeitungen und öffentlichen Blättern, welche in der Gegenwart einen ſo bedeuten⸗ den Einfluß auf die Volksſtimmung ausüben, vertrat in jener Zeit die Kanzel und der Predigerſtuhl. Dort wurden von den Geiſtlichen die Tagesfragen und wichtigſten Ereigniſſe mit einem Eifer beſprochen, der von religiöſem Fanatismus angefacht, die Hörer in Flammen ver⸗ ſetzte. Auch die Preſſe, von früheren Beſchränkungen befreit, begann ſich zu regen und wurde von beiden Seiten mit mehr Erbitterung als Einſicht und Kunſt gebraucht. Zahlloſe Pamphlete und Abhandlungen erſchienen im Druck und wurden in den Straßen Londons unter allerlei ſeltſamen und abenteuerlichen Titeln feil geboten, um die Käufer anzu⸗ locken. Selbſt das Parlament und die Regierung verſchmähten dieſes Mittel nicht, um bei wichtigen Gelegenheiten auf das Volk in dieſer Weiſe einzuwirken. Die Menge der fliegenden Blätter und Plakate in Verſen und in Proſa aus jener Zeit dürfte mindeſtens die ähnliche Literatur aus dem Jahre achtundvierzig in Deutſchland erreichen, wo nicht gar über⸗ treffen. Selbſt ein politiſcher Clubb hatte ſich damals ſchon gebildet, ein Verein der hervorragendſten Talente und Volksführer unter dem Namen der„Rota.“ In demſelben wurden Reden gehalten, politi⸗ ſche und religiöſe Fragen vorgetragen, abgehandelt und discutirt. Dort entwickelte der Dichter Harrington unter dem Titel„Oceana“ den Plan einer ſocialen Republik faſt zwei Jahrhunderte früher als der Com⸗ muniſt Cabet ſein„Ikarien“ veröffentlichte. Erſchreut durch dieſe Anzeichen eines nahen Sturms, ſah ſich Karl der Erſte im Gefühl ſeiner Schwäche nach einem Retter in der Noth um. Er glaubte ihn einzig und allein in dem Grafen Strafford zu finden, dem er die Kraft zutraute, das lecke Fahrzeug der Regierung — —⸗ — — — 315— mit ſicherer Hand durch die empörten Wogen der aufrühreriſchen See zu führen. Wiederholt hatte der König ihn aufgefordert, das Heer zu verlaſſen und durch ſein Rednertalent, wie durch ſeine Energie den täglich ſich ſteigenden Angriffen des Parlaments entgegenzutreten. Im Vorgefühl der drohenden Gefahr zögerte jedoch der Graf, den Wün⸗ ſchen ſeines Gebieters nachzukommen. Er wußte, daß er der gehaßteſte Mann in ganz England war und ſtellte dem König klar und offen dieſen Umſtand vor; doch dieſer ohne Ahnung, wie ſehr ſein eigenes Anſehen dem Erlöſchen nahe war, gelobte ihm ſeinen Schutz und gab ihm ſein fürſtliches Ehrenwort, daß auch nicht ein Haar auf dem Haupte des Grafen von dem Parlamente gekrümmt werden ſollte. Endlich gab Strafford gegen ſeine beſſere Ueberzeugung dem wiederholten Andringen ſeines Herrn nach und traf in London ein. Kaum war ſeine Ankunft be⸗ kannt geworden, als im Unterhauſe ſogleich der Angriff gegen ihn begann. An der Spitze ſeiner erbitterſten Feinde ſtand der jetzt mäch⸗ tige Pym. Beide waren in früheren Jahren Freunde geweſen und hatten, ehe Strafford zu der Regierung überging, dieſelbe politiſche Meinung getheilt. Dieſes Verhältniß ſchärfte nur den gegenſeitigen Haß, ſtatt ihn zu mildern. Die frühere Freundſchaft hatte ſich in Er⸗ bitterung und ihre Neigung in Widerwillen verwandelt. Jetzt klagte Pym in einer langen und ſorgfältig ausgearbeiteten Rede den Grafen unter Herzählung einer Menge von ſchweren Beſchuldigungen gradezu des Hochverrathes an. Er ſchrieb ihm einen überlegten Plan zu, die beſtehende Conſtitution zu ſtürzen und die alten Geſetze, Freiheiten und Inſtitute Englands zu beſeitigen. — Sehen wir, ſagte der Redner, nach der Urſache aller dieſer Bedrückungen, nach dem Quell, woraus das bittere Waſſer der Be⸗ drängniß fließt, ſo werden wir manchen ſchlechten Rathgeber des Königs finden, der mit dazu beigetragen hat, aber keiner mehr als jener nichts⸗ würdige Miniſter, der durch Muth, Fähigkeit und Rückſichtsloſigkeit den erſten Platz unter den Verräthern des Vaterlandes beanſpruchen darf. Es iſt dies der Graf Strafford, der Statthalter von Irland, der Präſident des Gerichtshofes, der in ſeiner doppelten Eigenſchaft und in allen Ländern, deren Verwaltung ihm anvertraut war, zahl⸗ reiche Beweiſe ſeiner Bedrückung und Denkmäler ſeiner Tyrannei hin⸗ terlaſſen hat. Selbſt das Privatleben ſeines Gegners, das nicht in jeder Be⸗ ziehung fleckenrein zu nennen war, wurde von Pym nicht geſchont, ſogar ſeine verſchiedenen Verbindungen mit bekannten Frauen und mit der Gräfin Karlisle rückſichtslos an's Licht gezogen. Den Schluß der Rede bildete ein Aufruf an das Parlament, den Verbrecher nicht zu ſchonen, weil derſelbe eine hohe Stellung bekleidete, ſondern ohne An⸗ ſehen der Perſon zu verfahren urd den Grafen Straffort wegen Hoch⸗ verraths anzuklagen. Unter lautem Beifall des Hauſes ſetzte ſich Pym und ſein Vorſchlag wurde ſogleich in geheimer Sitzung zum Beſchluß erhoben. Zu dieſem Zwecke wurde der Thürſteher der Gemeinen, James Marwell, an die Lords abgeſchickt, in deren Mitte Strafford ſaß, um dieſen nach dem Unterhauſe zu beſcheiden. Mit gewohntem Uebermuth erſchien er hier und wollte ſich niederlaſſen, doch ein all⸗ gemeiner Ruf tönte ihm entgegen, vor der Thür zu warten, bis man ihn rufen würde. Nach einer kurzen Berathung wurde er wieder vorbeſchieden, er mußte niederknien und auf den Knien den über ihn gefaßten Entſchluß anhören. Darauf wurde er dem Thürſteher des Hauſes übergeben, um ſo lange deſſen Gefangener zu bleiben, bis er ſich von allen gegen ihn erhobenen Beſchuldigungen gereinigt haben würde. Der ſtolze Mann raffte noch einmal ſeine ganze Energie zuſammen und verſuchte die Verſammlung anzureden, doch man ließ ihn nicht zu Worte kommen und gebot ihm, ſich ſtillſchweigend zu entfernen. Draußen wurde ihm von Maxwell das Schwert abgenom⸗ men, derſelbe geleitete ihn durch die gafſende Menge zu ſeinem Wagen hin. Niemand grüßte ihn und vor dem mächtigſten Manne Englands, vor dem ſich noch am Morgen die reichſten und ſtolzeſten Lords ver⸗ beugten, rührte kein Menſch den Hut. Das Volk empfing ihn ſtill⸗ ſchweigend, nur Wenige wagten, ihn zu verhöhnen, ſelbſt nach ſeinem Sturze behauptete er eine Würde in ſeiner ganzen Erſcheinung, die unwillkürlich dem rohen Haufen Achtung abnöthigte. Als er nach dem Platz gelangte, wo er ſeinen Wagen zurückgelaſſen hatte, war dieſer nicht ſogleich zu finden. Er mußte daher auf demſelben Weg an dem neugierigen Volke vorüber zurückkehren. Erſt nach einiger Zeit langte die Kutſche an, welche ihn in das Gefängniß brachte. Faſt zu gleicher Zeit mit Strafford wurde auch der Erzbiſchof Laud von dem Hauſe der Gemeinen angeklagt und zur Haft gebracht. — —— —— 347— „ Der König, welcher in früheren Jahren ſelbſt den damals noch mäßigen Eingriffen des Parlaments mit Hartnäckigkeit Widerſtand leiſtete und im Gefühl ſeiner von Gott ſelbſt ihm übertragenen Ma⸗ jeſtät auch nicht die geringſte Beſchränkung dulden mochte, ſchien von dieſen Vorfällen wie vom Blitz getroffen und förmlich gelähmt zu ſein. Er ſah der Verhaftung ſeiner beiden erſten Rathgeber, ſeiner beſten Freunde, ruhig zu, ohne auch nur einen Verſuch zu ihrer Be⸗ freiung zu machen. Vielleicht hoffte er jetzt, durch Nachgiebigkeit und Fügſamkeit in die Wünſche des Parlaments das verſcherzte Vertrauen der Nation wieder zu erlangen, vielleicht überkam ihn mit einem Male das Gefühl ſeiner Ohnmacht, der öffentlichen Meinung gegenüber. Er ließ ſich von nun an ein Zugeſtändniß nach dem andern, eine Conceſſion nach der anderen entreißen. Wahrſcheinlich handelte er auch ſo noch nach der Art ſchwacher Natur mit dem heimlichen Ge⸗ danken, bei gelegener Zeit das Verlorene wieder zu gewinnen und zurückzufordern. Im Augenblicke aber verhielt er ſich vollkommen paſſiv gegen alle neuen Angriffe. Er ließ es geſchehen, daß der Prozeß gegen Strafford ſeinen ungeſtörten Fortgang nahm. Um der Verhandlung einen möglichſt feierlichen Anſtrich zu ver⸗ leihen, wurden in Weſtminſterhall mit rothem Tuch bekleidete Büh⸗ nen aufgeſchlagen, auf denen beide Häuſer ſich niederließen, die Ge⸗ meinen als Ankläger, die Lords als Richter. Außer dem Thron für den König war noch eine beſondere vergitterte Loge für denſelben und die Königin eingerichtet, wo ſie ungeſehen den Verhandlungen bei⸗ wohnen konnten. So kam der große Tag heran, welchem das ganze Land mit geſpannter Erwartung entgegenſah. Drei Königreiche, Ir⸗ land, Schottland und England, entluden ihren Haß gegen einen ein⸗ zigen Mann, der unbeſchützt von dem Fürſten, dem er Alles geopfert, ohne Freunde, ohne Rathgeber ſein Leben mit der äußerſten Anſtren⸗ gung eines unerſchöpften und ſelbſt durch die Gefangenſchaft und die Ausſicht auf einen ſchimpflichen Tod noch nicht gebeugten Geiſtes ver⸗ theidigte. So groß war das Genie, die Geiſtesgegenwart, der Scharf⸗ ſinn und das Rednertalent des ausgezeichneten Staatsmannes, daß er ſicher noch den Sieg davongetragen hätte, wenn ſeine Feinde nach Recht und Geſetz mit ihm verfahren wären. Er unterlag, aber er sreen — — 4 blieb unbeſiegt und ſein Tod ſelbſt diente nur dazu, um die Fehler und Vergehen ſeines thatenreichen Lebens vergeſſen zu machen. Am einundzwanzigſten März wurde der Gefangene unter ſtarker Begleitung aus dem Tower zu Waſſer nach Weſtminſterhall ge⸗ bracht. Außer dem Parlament waren der König, die Königin und der ganze Hof zugegen, die vornehmſten Frauen und vor Allem die Herzogin Karlisle, nahmen den lebendigſten Antheil an dem Prozeſſe und ſtanden faſt ohne Ausnahme auf Seite des Grafen. Dieſer er⸗ ſchien einfach, aber koſtbar gekleidet. Unerſchüttert ließ er ſeinen Blick über die glänzende Verſammlung ſchweben und manches ſchöne Auge begegnete dem ſeinigen mit inniger Sympathie. Die Anklage⸗ ſchrift, welche mehrere Stunden dauerte, wurde zuerſt verleſen, dann begann die Vernehmung der Zeugen und die Vertheidigung Strafford's. Fünfzehn Tage lang beantwortete er Punkt für Punkt die gegen ihn erhobenen Beſchuldigungen mit meiſterhafter Beredtſamkeit und mit einer Beſonnenheit ohne Gleichen. Beſonders glücklich griff er die Anklage an, welche ſich auf ein längſt verjährtes Geſetz gegen Hoch⸗ verrath ſtützte. — Wie konnte, fragte er im Verlaufe ſeiner bewunderungswür⸗ digen Vertheidigung, dieſe Art der Beſchuldigung ſo lange verborgen bleiben, das Feuer durch Jahrhunderte ſo heimlich fortglimmen, ohne ſich durch ſeinen Rauch zu verrathen, das jetzt mit einem Male her⸗ vorbricht, um mich und meine Kinder zu verzehren? Beſſer iſt es, wir leben ohne irgend ein Geſetz und fügen uns vorſichtig der Willkür eines unumſchränkten Herrn, als daß wir uns auf ein Geſetz ſtützen, das niemals bekannt gemacht und nie zur Anwendung gekommen iſt. Wenn ich auf der Themſe ſchiffe und mein Fahrzeug auf einen Anker ſtößt, ſo wird, wenn kein Warnungszeichen ausgeſteckt iſt, der Beſitzer mich entſchädigen müſſen, wenn aber der Anker bezeichnet iſt, dann geſchieht das Unglück auf meine eigene Gefahr. Wo iſt das War⸗ nungszeichen für das mir zur Laſt gelegte Verbrechen? Woran ſoll ich die Gefahr erkennen? Sie liegt verborgen unter dem Waſſer in unſichtbarer Tiefe und weder menſchliche Vorſicht noch Unſchuld können mich vor dem Verderben ſchützen, das mir droht.— Laßt uns nicht zu unſerem eigenen Verderben den ſchlafenden Löwen wecken, indem wir in alten Pergamenten herumraſſeln, welche Jahrhunderte begraben — 319— und vergeſſen lagen. Zu all meiner Betrübniß, Ihr Lords, fügt nicht noch den Schmerz hinzu, daß ich für meine anderen Sünden nicht für meinen Verrath die Urſache zur Wiederbelebung eines Geſetzes wer⸗ den ſoll, welches die Freiheit meines Vaterlandes und das Leben meiner Mitbürger ſo ernſtlich bedroht. Legt nicht, ich bitte Euch, un⸗ erträgliche Laſten auf die Schultern der Staatsdiener und benehmt ihnen nicht den Muth und die Kraft, dem Könige zu dienen. Die öffentlichen Aemter werden verwaist bleiben, denn kein weiſer Mann, der ſeine Ehre oder ein Vermögen zu verlieren hat, wird ſich einer ſo großen und völlig unbekannten Gefahr unterziehen.— Meine Herren, ich habe Eure Lordſchaft länger bereits aufgehalten, als dies eigentlich meine Abſicht war. Hätte ich nicht dieſe theuren Pfänder, welche eine Heilige im Himmel mir hinterlaſſen hat— hier deutete er auf ſeine Kinder und hielt, übermannt von ſeinen Thränen, inne— ſo wäre es nicht geſchehen. Die Strafe, die mich ſelber trifft, achte ich nur gering, aber daß auch dieſe Unſchuldigen leiden ſollen, ſchmerzt mich tief. Verzeiht, wenn mich bei dieſen Gedanken die Schwäche übermannt. Ich hätte noch ſo Manches zu ſagen, doch ich fühle mich in dieſem Angenblicke unfähig und will es lieber laſſen. Und nun, meine Lords, danke ich Gott, durch ſeine Güte habe ich die Nichtig⸗ keit aller irdiſchen Freuden kennen gelernt, verglichen mit der Ewigkeit. Mit Ruhe und Geduld unterwerfe ich mich ſo Eurem Richterſpruch und mag derſelbe Leben oder Tod mir bringen, ich lege mich voll Vertrauen und Dankbarkeit in die Arme des allmächtigen Schöpfers meiner Exiſtenz. So gewaltig war der Eindruck dieſer Rede, daß die Richter von Mitleid ergriffen ſchwankten und Strafford's Feinde vor dem Aus⸗ gang bangten. Er hatte alle Beweiſe entkräftet und ſeine Freiſprechung ſchien gewiß. Wenn dieſelbe erfolgte, ſo hatten die Gegner von dem unverſöhnlichen und energiſchen Miniſter keine Schonung zu erwarten. Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Der Löwe hatte ſeine alte Kraft gezeigt, ſeine Stimme ertönen laſſen und die Häupter der Oppoſition erbebten vor dem gewaltigen, bekannten Ton. Der König ſelbſt hatte der Verhandlung in ſeiner geſchloſſenen Loge mit beige⸗ wohnt, und mit der größten Spannung und Aufmerkſamkeit den Ver⸗ lauf des Prozeſſes verfolgt. Jetzt freute er ſich über den Triumph — 320— des Grafen, deſſen Freiſprechung nicht mehr zweifelhaft war. In dieſem Augenblicke erhob ſich der düſtere St. John, welcher zum An⸗ kläger beſtimmt war. Um ſeine Lippen ſchwebte ein unheilverkünden⸗ des Lächeln. Nachdem er über die Natur der politiſchen Prozeſſe ge⸗ ſprochen und dabei den Grundſatz aufgeſtellt, daß die Verurtheilung ſich weniger auf die Kraft der Beweiſe, als auf die moraliſche Ueber⸗ zeugung der Richter zu ſtützen habe, zog er ein Papier hervor, welches er mit lauter Stimme vorlas. Es enthielt die Vorſchläge Strafford's, welche dieſer vor Kurzem erſt dem Könige gethan und die der geheime Staatsſekretär Vane, welcher bei der Berathung zugegen war, nieder⸗ geſchrieben hatte. Dieſer beauftragte ſeinen Sohn vor wenigen Tagen, aus dem Staatsarchive einige Schriften ihm zu holen, welche mit dem betreffenden Prozeſſe in keinerlei Verbindung ſtanden. Beim Suchen nach denſelben war die verhängnißvolle Antwort Strafford's dem jün⸗ geren Vane in die Hände gefallen und dieſer machte ſich kein Ge⸗ wiſſen daraus, ſie gegen ſeinen politiſchen Gegner zu gebrauchen und dem öffentlichen Ankläger St. John einzuhändigen. Der Vorſchlag lautete wörtlich: Um den ſchottiſchen Krieg zu beenden, ſoll der König hunderttauſend Pfund von der Stadt London entleihen und außerdem ſich nicht abſchrecken laſſen, das Schiffsgeld nach wie vor mit Gewalt zu erheben. Nachdem Seine Majeſtät die möglichſten Conceſſionen gemacht, um das Vertrauen und die Liebe Ihrer Unter⸗ thanen zu gewinnen, ſind ſie frei und ledig aller ferneren Verpflich⸗ tungen und mögen Alles thun, wozu ſie die Gewalt beſitzen. Da Ihre Majeſtät jeden Weg, der zur Verſöhnung führen konnte, einge⸗ ſchlagen haben, ſind Sie vor Gott und der Welt entſchuldigt. Sie beſitzen eine treue Armee in Ireland, welche dazu verwendet werden muß, dies Königreich zum Gehorſam zurückzubringen, denn ich bin feſt überzeugt, daß die Schotten ſich höchſtens nur noch fünf Monate werden im Felde behaupten können.— Während der Verleſung dieſes entſcheidenden Schriftſtückes ertönte ein unterdrückter Schrei aus der königlichen Loge. Karl hatte ſich vorgebeugt und das hölzerne Gitter, welches ihn den Blicken der An⸗ weſenden verbarg, ſo krampfhaft mit beiden Händrn erfaßt, daß es in Stücke brach. Er ſelbſt blieb ſo den Augen Aller ausgeſetzt. Der muthige Strafford erbleichte, doch bald gewann er ſeine frühere Faſſun — 321— wieder und machte ſeine Richter mit vielem Scharfſinn auf die Unbe⸗ ſtimmtheit der Ausdrücke aufmerkſam, welche eher auf die ſchottiſchen Rebellen, als auf das engliſche Volk ſich deuten ließen, wobei er je⸗ doch den von ihm gethanen Vorſchlag überhaupt in Abrede ſtellte. Nichtsdeſtoweniger ließen ſich die Richter von dem beigebrachten Beweiſe beſtimmen, ihr Urtheil auszuſprechen. Sie fanden den Grafen Strafford ſchuldig des Hochverrathes und verdammten ihn zum Tode durch das Henkerbeil. 13. Tief erſchüttert verließ der König Weſtminſter⸗Hall mit dem feſten Vorſatze, für die Rettung ſeines Miniſters Alles zu thun, was in ſeinen Kräften ſtand. Er rief ſogleich ſeinen geheimen Rath zuſam⸗ men, um die nöthigen Schritte in Erwägung zu ziehen. Wider Er⸗ warten erhob ſich mit Ausnahme des ehrwürdigen Biſchofs Juxon auch nicht ein Mann zu Gunſten des verurtheilten Grafen. Mehr oder minder wieſen Alle auf die Nothwendigkeit hin, der öffentlichen Mei⸗ nung ein Opfer zu bringen. Dennoch war der König nicht zu über⸗ zeugen und er hoffte noch immer, den traurigen Ausgang abwenden zu können. Das Volk von London nahm die Verurtheilung Strafford's mit blutgieriger Freude auf, und forderte ungeſtüm ſeine Hinrichtung. Eine wilde Menge belagerte den königlichen Palaſt und begleitete ihr Ge⸗ ſchrei nach Gerechtigkeit mit offenen Drohungen, geneigt die Unter⸗ ſchrift des Königs auch mit Gewalt zu erzwingen. Unheimliche Ge⸗ rüchte liefen durch die Stadt, und die ganze Einwohnerſchaft befand ſich in einer Aufregung, welche das Allerſchlimmſte befürchten ließ. Wohin auch der König ſeine Blicke wenden mochte, ſah er keine Hülfe, keine Rettung. Alle ſeine Diener, mehr auf ihre eigene Sicherheit, als auf die Ehre ihres Gebieters bedacht, lehnten ihre Vermittlung zwiſchen dem Parlament und dem Könige in dieſer Angelegenheit ab. Strafford ſelbſt, von der Unentſchloſſenheit und der Aengſtlichkeit Karls unterrichtet, faßte einen außerordentlichen Entſchluß, er uieh an den D. B. XlI. Milton u. ſeine Zeit. — 322— König einen Brief, worin er ihn aufforderte, um des öffentlichen Friedens und der eigenen Sicherheit Willen, ſeinem unglücklichen Le⸗ ben ein Ende zu machen, und dem ungeſtümen Drängen des Volkes, welches ſeinen Kopf verlangte, nachzugeben.„Meine eigene Zuſtim⸗ mung, ſchrieb ihm der treue Diener, wird Euch vor Gott mehr, als Alles, entſchuldigen. Einem willigen Mann geſchieht kein Unrecht. Bei Gottes Gnade, ich vergebe aller Welt mit Ruhe und Sanftmuth zur innigen Befriedigung meiner ſcheidenden Seele. So, mein Ge⸗ bieter, bringe ich Euch freudig mein Leben als ein Opfer dar, als die billige Entſchädigung für die reiche Gunſt, die Ihr mir ſtets erwieſen habt.“— Vielleicht erwartete Strafford von dieſem ungewöhnlichen Schritt, daß ſeine eigene Großmuth den König nur noch anſpornen würde, neue Schritte zu ſeiner Rettung zu thun, vielleicht gab er ſich ſelbſt bereits verloren, und dieſes Gefühl bewaffnete ihn mit jenem Muthe und der Standhaftigkeit, welche ihn von nun an bis zu ſeinem Ende nicht mehr verließ. Der König, welcher ihm ſowohl mündlich, wie ſchriftlich bei den verſchiedenſten Gelegenheiten ſeinen Schutz zugeſichert hatte, befand ſich in der furchtbarſten Lage. Gram, Kummerg und Furcht nagten an ſeinem Herzen, und er beſaß weder die Kraft, ſei⸗ nen Günſtling zu vertheidigen, noch ihn aufzugeben. Brütend ſaß er in ſeinem Gemache zu Withehall, als die Königin eintrat und ihn mit ihren Armen ſanft umſchlang. — Was fehlt dir? fragte Henriette den betrübten Gatten. — Ich ſoll meinen beſten Freund, meinen treueſten Anhänger der Volkswuth opfern. Henriette! begreifſt du den Schmerz, der mich bei dieſem Gedanken erfaßt? — Karl! Es muß geſchehen. Denke an dich, an deine Kinder. — Du räthſt mir, mein königliches Wort zu brechen. Wer wird mir ferner noch vertrauen? Ich ſtehe dann entehrt vor mir ſelber, vor meinen Dienern, vor dem ganzen Land. Nein, nein, ich thue es nimmermehr. — Beſſer, daß ein Einziger zu Grunde geht, als wir Alle. Er iſt dein Diener, und ſein Leben gehört dir. Strafford ſelbſt hat ſein Haupt dir angeboten. — Aber ich darf es nicht nehmen. Alle Welt müßte mich ver⸗ achten, wenn ich das Todesurtheil meines beſten Freundes beſtätigte. — Was iſt an dem Urtheil gelegen, deſſen Vollſtreckung noch immer aufgeſchoben werden kann. Füge dich dem Willen des Parla⸗ ments, und gib dem Drängen des Volks vorläufig nur zum Schein nach. Ueberlaſſe mir, einen Plan zu erſinnen, der den Grafen ſicher retten muß. Karl, mein Herr, mein Geliebter! ſchicke dich in die Nothwendigkeit, und rette dir und deinen Kindern den bedrohten Thron. Was wir heute verlieren, können wir morgen wieder gewinnen. Es werden beſſere Zeiten kommen, wo du dein Anſehen und deine könig⸗ liche Macht zurückerobern wirſt. Du weißt, wie ſchwankend das Volk in ſeiner Geſinnung iſt, und die ſich jetzt gegen deine Herrſchaft aufleh⸗ nen, können dir in wenig Wochen ſchon wieder zu Füßen liegen. Oft erlangt eine kluge Nachgiebigkeit mehr als Starrſinn und Hartnäckigkeit. Nicht Achilles mit ſeiner wilden Kraft, ſondern der ſchlaue Odyſſeus mit ſeiner Klugheit hat die Trojaner beſiegt.— Nimm dir ein Bei⸗ ſpiel an dem edlen Dulder, der nach manchem Mißgeſchick über ſeine Feinde triumphirte und die unverſchämten Freier aus dem Hauſe trieb. So rieth die anmuthige Königin mit Bitten und Schmeicheln, und wo dieſe nicht ausreichten, nahm ſie ſelbſt zu Thränen ihre Zuflucht, bis Karl ſchwach genug war, ihrem Drängen nachzugeben. In ihrer Gegenwart unterſchrieb er das Todesurtheil. Sobald der verhängniß⸗ volle Schritt geſchehen war, bedeckte er ſein Geſicht mit beiden Hän⸗ den, als wollte er ſeine Scham und Reue ſelbſt vor ſeiner Gattin verbergen. Ihr Lächeln ermuthigte ihn wieder. — Verlaſſe dich auf mich, ſagte ſie, ihm Muth zuſprechend. Strafford ſoll trotzdem nicht ſterben. — Was willſt du thun, um das grauſame Geſchick von ſeinem Haupte abzuwenden? — Das ſoll vorläufig noch mein Geheimniß bleiben, es iſt beſſer, daß du nichts erfährſt, da ich deine ängſtliche Gemüthsart kenne. Nur ſoviel will ich dir verrathen, daß ich Freunde beſitze, die keinen Au⸗ genblick anſtehen, ihr Leben für mich hinzugeben. — Dann biſt du glücklicher, als ich, ſeufzte der unglückliche Monarch. Sobald Henriette ihren Gatten verlaſſen hatte, rief ſie ihre erge⸗ bene Kammerdame, Madame de Motteyille, eine Franzöſin, welche 21* — 324— ſie nach England begleitet hatte, und der ſie ein unbedingtes Zutrauen ſchenken durfte. — Motteville! ſagte ſie, nimm dieſes Billet und übergib es heim⸗ lich an Sir Thomas Egerton, ich erwarte ihn in der Dunkelſtunde. Du wirſt ihn durch die verdeckte Hintertreppe in mein Kabinet führen. Die liſtige Franzöſin, welche an ein unerlaubtes Verhältniß den⸗ ken mochte, ſah ihre Gebieterin fragend an. — Gehl! befahl dieſe ungeduldig, verliere keine Zeit, und ſei ſtumm, wie das Grab. Das zierliche, nach Moſchus duftende Billet der Königin, welches eine Einladung zur ungewohnten Zeit enthielt, verſetzte den leiden⸗ ſchaftlichen Jüngling in keine geringe Aufregung. Hoffnung und Zwei⸗ fel beſtürmten ſeine Bruſt, und voll ſtürmiſcher Ungeduld zählte er die langſam dahinſchleichenden Stunden des Tages, bis der Glück ver⸗ heißende Abend kam. Vorſichtig näherte er ſich der bezeichneten Thür, welche laut Verabredung ſich auf drei gethane, leiſe Schläge öffnete. An der Thür empfing ihn Frau von Motteville, welche ihn in das geheime Kabinet der Königin geleitete. Henriette lag auf einem Di⸗ van von rothem Sammt nachläſſig hingeſtreckt. Eine Ampel mit wohlriechendem Oel gefüllt, beleuchtete mit magiſchem Schimmer ihr reizendes, intereſſantes Geſicht. Sie ſtreckte dem geblendeten Jüngling mit anmuthigem Lächeln ihre feine Hand entgegen, die dieſer knieend an ſeine brennenden Lippen führte. — Sir Thomas!l ſagte die Königin, ich habe Euch rufen laſſen, um einem großen Dienſt von Euch zu verlangen. — Fordert mein Leben, mit tauſend Freuden gebe ich es hin für Euch, rief der entzückte Thomas. — Ich habe mich nicht geirrt, als ich auf Euch rechnete. Setzt Euch und hört mich ruhig an, doch wir dürfen keinen Zeugen haben. Auf einen Wink der Königin entfernte ſich die Kammerdame, die Thüren ſorgfältig verſchließend und die Vorhänge von Purpur nieder⸗ laſſend; dennoch dürfen wir nicht zweifeln, daß Frau von Motte⸗ ville das folgende Geſpräch belauſcht hat, indem ſie ihr Ohr an die dünne Tapetenwand legte, und von Zeit zu Zeit ihr Auge durch das Schlüſſelloch ſchweifen ließ. In ihren Erwartungen ſah ſie ſich jedoch getäuſcht, da weder die Königin noch ihr Anbeter die Schranken der — 325— Sitte und des hergebrachten Tones auch nur im Geringſten fallen ließen. In ehrerbietiger Entfernung begnügte ſich Thomas ſtumm, die Reize ſeiner Gebieterin zu bewundern. Nach einer kurzen Pauſe ergriff die Königin das Wort. — Ich bedarf eines entſchloſſenen und verſchwiegenen Mannes, der vor keiner Gefahr zurückſchrickt; den glaube ich in Euch gefunden zu haben. Es handelt ſich um einen Plan, der nicht nur den Gra⸗ fen Strafford, ſondern die bedrohte Monarchie ſelbſt retten ſoll. Wer die Ausführung desſelben übernimmt, ſetzt im Fall des Mißlingens vielleicht ſeinen Kopf auf's Spiel. — Ich würde ihn für meine Königin ohne Murren auf den Richtblock niederlegen. Gebietet über mich, was ſoll ich thun? — Ihr müßt noch dieſe Nacht in das Lager reiſen und das Heer zu gewinnen ſuchen. Ich weiß, daß Ihr mit dem größten Theil der Offiziere genauer bekannt ſeid; auch findet Ihr mehrere meiner Freunde dort. O'Neale, Pollard, Afhburham ſind mir und dem Könige er⸗ geben. Jermyn, Percy, Wilmot und Goring ſollen Euch unterſtützen. Sucht zuerſt die Anführer und ſpäter die Soldaten auf unſere Seite zu ziehen; ich werde Euch mit dem nöthigen Gelde zu dieſem Zwecke verſehen. — Und was ſoll geſchehen, wenn mir mein Auftrag gelingt? — Zunächſt handelt es ſich darum, das Parlament einzuſchüchtern. Laßt daher zu dieſem Zwecke die Armee eine energiſche Petition auf⸗ ſetzen und unterſchreiben, worin ſie ernſtliche Abhülfe der beſtehenden Uebelſtände verlangt. Dieſe Vorſtellung muß mit großer Vorſicht ab⸗ gefaßt ſein, und beſonders auf die großen und beiſpielloſen Conceſſio⸗ nen Bezug nehmen, welche der König in Rückſicht auf den Frieden und die Sicherheit des Landes gewährt hat; dann kann ſie die endloſen Unruhen im Volke und das ausſchweifende Treiben der Parteien be⸗ rühren, welche die Freiheit des Königs und des Parlaments beſchrän⸗ ken. Lediglich zum Schutze des Letzteren ſoll das Heer das Verlangen ſtellen, nach London berufen zu werden, um die Verſammlung zu bewachen und vor jedem Einfluſſe zu ſchützen. — Wäre es nicht beſſer, ſogleich und ohne Umſchweife die Armee hierher zu führen, und mit ihrer Hülfe das Parlament auseinander zu treiben? — 326— Gewiß, doch ich fürchte dann die Bedenklichkeit ſo mancher Offtziere und der Soldaten, welche noch an den hergebrachten Vorurtheilen der Conſtitution hängen; auch das Volk würde ſofort zu den Waffen grei⸗ fen und Widerſtand leiſten. Wir müſſen vorläufig den Schein des Rechtes zu wahren ſuchen, und das Parlament mit gleichen Waffen bekämpfen. Wie dieſes durch Petitionen und Aufſtände die Regierung bedroht und einſchüchtert, ſo ſoll ihm jetzt von unſerer Seite geſche⸗ hen. Sieht das Haus der Gemeinen erſt das Heer auf unſerer Seite, ſo wird es nachgiebiger werden und ſich unſerm Willen fügen. Wir können von ihm die Freilaſſung Strafford's und noch weit mehr ver⸗ langen. Ihr ſeht daher, wie viel von einer ſchnellen und genauen Ausführung dieſes Plans abhängt. — Ich will ſogleich an's Werk gehen, noch in dieſer Stunde reiſe ich. — Rechnet auf meine unbegränzte Dankbarkeit. Dieſe Briefe nehmt noch an Jermyn und Percy mit, um Euch zu beglaubigen. Laßt jedoch die Zeilen ſogleich und in Eurer Gegenwart verbrennen. Thomas nahm die Briefe aus der Hand der Königin, obgleich er lieber ganz allein die Gefahr und Ehre des Unternehmens getragen hätte. Zugleich händigte ihm Henriette eine bedeutende Geldſumme ein, die ſie aus dem Erlös einiger verkauften Juwelen ſich verſchafft hatte. Nach einem überaus gnädigen Abſchiede verließ der Jüngling das Kabinet, um möglicher Weiſe ſein Leben für ſeine angebetete Ge⸗⸗ bieterin zu opfern. In größter Eile ließ er von Billy Green ſein Roß ſatteln, und eilte noch in dieſer Nacht, in Begleitung des ver⸗ ſchmitzten Dieners, in das Lager. Hier entledigte er ſich ohne Ver⸗ ſäumniß ſeines Auftrages. Die meiſten Offiziere ſicherten ihm ihre Beihülfe zu, und vermittelſt des mitgebrachten Geldes, das er mit reichen Händen ausſtreute, hoffte er auch die Mehrzahl der Soldaten zu gewinnen, welche ohnehin aus mannigfachen Gründen mit dem Parlamente unzufrieden waren. Der argliſtige Jermyn heuchelte gegen Thomas die größte Erge⸗ benheit, und ſchien den neulichen Streit vollkommen vergeſſen zu ha⸗ ben. In ſeinem Zelte fand die Zuſammenkunft der Offtziere ſtatt, welche ſich durch einen Eid verpflichteten, die größte Verſchwiegenheit zu beobachten, und den Plan der Königin nach beſten Kräften zu —.— — — — 327— fördern. Ein üppiges Gelage der ausgelaſſenen Cavaliere ſchloß die Berathung. Der Wein wurde nicht geſchont, und in der allgemeinen Trunkenheit ſo mancher Becher auf das Wohl der Königin und den baldigen Untergang des Parlaments ohne die nöthige Vorſicht geleert. Billy Green, welcher hinter dem Stuhle ſeines Herrn ſtand, hatte darüber ſeine eigenen Gedanken.— Am nächſten Morgen eilte Thomas nach London zurück, um die Königin von dem Erfolge ſeiner Sen⸗ dung zu benachrichtigen. Jermyn hatte ihm verſprochen, die Petition ſogleich unterſchreiben zu laſſen, und ſelbſt in London an der Spitze der Offiziere dem Parlamente zu übergeben. Kaum hatte Thomas jedoch, durch dies Verſprechen beſtimmt, das Lager verlaſſen, als den hinterliſtige Höfling ſeine Freunde Wilmot, O'Neale, Pollard und Goring um ſich verſammelte. Er mißbilligte zwar, wie er ihnen aus⸗ einanderſetzte, keineswegs den Plan der Königin, aber wohl die Wahl des Vertrauten, deſſen ſie ſich zu dieſem Zwecke bediente. — Wie ich glaube, ſagte er von Neid erfüllt, ſo gibt es noch andere Männer, lum ein ſolches Unternehmen zu leiten, als ein un⸗ reifer, unbärtiger Jüngling, der kaum ſeit einigen Monaten am Hofe lebt. Wir dürfen eine ſolche Bevorzugung nicht dulden. Außerdem kann uns ſeine Unvorſichtigkeit in die größte Gefahr ſtürzen. Wenn das Parlament von der Verſchwörung Wind bekommt, ſind wir ver⸗ loren und dem Untergang geweiht. — Was ſollen wir thun? fragte ängſtlich Lord Goring, der für ſeinen Kopf zu fürchten begann, das Geheimniß hat bereits zu viele Mitwiſſer.— — Deswegen wird es am Beſten ſein, wenn wir die Sache in unſerer Hand nehmen und Egerton fallen laſſen. Wir entwerfen die Bittſchrift und ſtatt ſie ſelber zu unterſchreiben, legen wir ſie dem Könige zur Unterzeichnung vor. Wenn ſein Name an der Spitze ſteht, ſo haben wir nichts zu fürchten, unter ſeiner Sanction können wir ungeſtraft dem Parlament die Petition überreichen. Der Vorſchlag fand allgemeinen Anklang. Dieſelben Kavaliere, welche einige Monate ſpäter mit der größten Tapferkeit und Todes⸗ verachtung ſich im freien Felde für den König ſchlugen, und an Muth keinem ihrer Gegner wichen, waren faſt von feiger Angſt vor dem Anſehen des Parlaments erfüllt. Aus dieſem Grunde zogen — 328— ſie ſich furchtſam hinter den Schutz des königlichen Namens jetzt zurück.— Indeß ſollte ihnen ihre Vorſicht durchaus keinen Nutzen bringen, Billy Green hatte nicht umſonſt am Hofe gelebt und die dort herrſchende Geſinnungsloſigkeit, Perfidie und den allgemein ver⸗ breiteten Eigennutz kennen gelernt. Durch die Verurtheilung Straf⸗ ford's wurde ſein Vertrauen zu der Macht des Königs bedeutend er⸗ ſchüttert und ihm ſowohl die Gewalt des Parlaments, wie die Ge⸗ ſinnung des Volkes klar gemacht. Der ſchlaue Burſche hatte einen gewiſſen politiſchen Inſtinct und wäre vielleicht unter andern Verhält⸗ niſien ein bedeutender Staatsmann geworden; er witterte mit ſeiner feinen Naſe den Verweſungsgeruch der monarchiſchen Partei. Auf Seiten des Königthums blühten, wie er richtig ahnte, keine be⸗ ſondere Ausſichten mehr für ihn, und wenn ihm auch im Grunde der Seele die herrſchende Partei wegen ihrer puritaniſchen Sittenſtrenge und tieferer Lebensanſchauung zuwider war, ſo neigte er ſich doch zu ihr nach Art gemeiner Seelen, die dem Strome folgen und dem Sieger ſich anſchließen. Auch wußte er, daß hinter der Maske der Tugend ein Schalk und Heuchler ungeſtört oder nur um ſo beſſer ſein Weſen forttreiben durfte, und daß am Ende auch die grimmig⸗ ſten Puritaner Menſchen blieben, ihren Wein heimlich tranken, ihre Mädchen im Verborgenen küßten. Das Alles reizte den verſchmitzten Geſellen ſchon lange Zeit und er wartete nur auf die paſſende Gele⸗ genheit, um ſeinen Herrn zu verlaſſen und eine kleine politiſch⸗religiöſe Schwenkung zu machen, wie ſie zu jenen Zeiten nicht eben ſelten vor⸗ kam. Die Sympathie für ſeinen bisherigen Herrn war nie ſo ſtark geweſen, daß er ſeinen Nutzen und die Ausſicht auf eine angemeſſene Belohnung darum aufgeopfert hätte.. Derartige Gedanken beſchäftigten den Burſchen auf dem ganzen Wege aus dem Lager nach London. Er war durch Zufall in den Beſitz eines Geheimniſſes gelangt, das er auszubeuten und für den höchſten Preis an die Feinde der Regierung zu verkaufen beſchloß. Es war damals eine Zeit der gegenſeitigen Spionage und Angeberei, der Hof wie das Parlament bedienten ſich der niedrigſten Werkzeuge, um ſich zu überwachen und auszukundſchaften. Das Gewiſſen der Parteien pflegt nie allzuſtreng in der Wahl der Mittel zu verfahren, ——y— — 329— wenn ſie nur zum Zwecke führen. In Gedanken zählte bereits Billy Green die Goldſtücke, welche er für ſeinen Verrath zu erhalten hoffte. So bald er in London angekommen war, ſuchte er den Leiter der Oppoſition, den bekannten Pym auf. — Was gebt Ihr mir, fragte der freche Geſelle, wenn ich Cuch ein Geheimniß anvertraue, von dem das Schickſal des Parlaments abhängt? Der bedächtige Pym maß den Burſchen mit ſeinen kalten, durch⸗ bohrenden Augen. — Du ſiehſt nicht darnach aus, als ob dir Jemand ein ſo wich⸗ tiges Geheimniß anvertraut hätte, doch laß hören, was du weißt. — Nicht eher, bevor ich meinen Lohn erhalten habe. — Wenn deine Nachrichten von Wichtigkeit ſind, ſo ſoll dir der⸗ ſelbe nicht entgehen. — Ich habe Euer Wort. Gut! ſo will ich Euch denn ſagen, daß mein Herr und mit ihm die vornehmſten Offiziere ſich vereinigt haben, um mit Hülfe des Heeres das Parlament unter dem Vorwande es zu beſchützen, auseinander zu treiben. — Haſt du Beweiſe? — Ich wußte, daß Ihr meinen Worten nicht trauen würdet und habe mich daher vorgeſehen. Leſ't dieſe Briefe von der Hand der Königin. — Und wie biſt du dazu gekommen? — Auf die einfachſte Weiſe von der Welt. Ich war beauftragt, ſie in's Feuer zu werfen, habe es aber vorgezogen, ſie heimlich zu unterſchlagen. — Du haſt wohl daran gethan und verdienſt dafür eine ange⸗ meſſene Belohnung. Vorläufig nimm dieſen Beutel auf Abſchlag. Das Parlament wird ferner für dich Sorge tragen. Einſtweilen kannſt du zu deinem Herrn zurückkehren und wenn du neue, wichtige Nach⸗ richten mir zu bringen haſt, ſo weißt du jetzt, wo du mich findeſt. Hocherfreut entfernte ſich Billy Green, zufrieden mit der Beloh⸗ nung und der Ausſicht auf eine einträgliche Stellung, die ihm von Pym zugeſichert war. Unterwegs empfand er jedoch eine Anwandlung von Gewiſſensbiſſen und er beſchloß ſeinem Herrn einen warnenden Wink zu geben. — 330— Jeder Menſch, philoſophirte der Burſche, hat die Aufgabe für ſich ſelbſt zu ſorgen. Erſt wenn er mit ſich ſelber fertig iſt, kann er an Andere denken. Mein Herr, über den ich mich eigentlich nicht zu beklagen habe, ſoll ſehen, daß ich dankbar bin. So ſchlage ich zwei Fliegen mit einem Schlage. Ich erfülle meine Pflicht gegen mich ſelber und gegen meinen Nebenmenſchen. Eigentlich muß es mir Sir Thomas danken, daß ich ihn vor einem dummen Streich bewahre. Die Luft taugt nichts für ihn und je zeitiger er fortkommt, deſto beſſer. Ich will ihm einen Brief ſchreiben, daß er am Beſten thut, wenn er ſich auf die Strümpfe macht. Mit dieſem Vorſatz begab ſich Billy Green in die nächſte Ta⸗ verne, wo er ſich bei einem Glaſe Wein gütlich that, dann erſuchte er einen aufwartenden Knaben einen mit verſtellter Hand gekritzelten Brief an Sir Egerton zu beſorgen, worin er mit Verſchweigung ſeines Namens ihm die Anzeige machte, daß Alles verrathen und ſchnelle Flucht die einzige Rettung für ihn ſei. Noch an demſelben Tage zeigte Pym dem Parlamente die Ver⸗ ſchwörung der Offiziere an. Die Nachricht wurde mit allgemeiner Entrüſtung aufgenommen und ſogleich der Beſchluß gefaßt, gegen die Schuldigen mit der äußerſten Strenge zu verfahren. Conſtabler wur⸗ den ausgeſchickt, um ſich ihrer zu bemächtigen und ſie zur Haft zu bringen. Thomas hatte indeß die warnenden Zeilen erhalten und konnte noch zur rechten Zeit ſich retten. Er ſchlug den Weg nach Wales ein, wo ſeine Schweſter Alice an der Seite ihres Gatten lebte. Dort hoffte er verborgen zu bleiben. Auch Percy gelang es einen ſicheren Verſteck zu finden, Jermyn hielt es für gerathen, vorläufig nach Frankreich zu gehen, um den Sturm in Sicherheit abzuwarten. Dagegen wurde Goring ergriffen und von einem Ausſchuſſe des Par⸗ laments vernommen. Voll Furcht machte er die umfaſſendſten Ge⸗ ſtändniſſe und verrieth ſeine Freunde, ſo wie die Mitwirkung der Kö⸗ nigin, welche ohnehin durch die überlieferten Briefe von ihrer Hand nicht länger bezweifelt werden konnte. Das Scheitern dieſes Planes ſchadete dem Königthum weit mehr, als ihm vielleicht das Gelingen deſſelben genützt haben würde. Lauter als je erhoben ſich die Anſchuldigungen gegen Karl und ſeine Gattin. Die nächſten Folgen fielen aber auf das Haupt des unglücklichen — —— —᷑—᷑—V—᷑—ͦ—ÿ—’O:˖—:˖:—ꝛ—ꝛ—:˖::— 4— — 331— Strafford zurück. Mit Ungeſtüm forderte jetzt das Volk ſeinen Kopf und von allen Kanzeln wurde gegen ſeine Anhänger in wüthenden Ausdrücken gepredigt. So oft der König ſich öffentlich zeigte, wurde er von einer lärmenden, aufrühreriſchen Volksmenge empfangen, welche mit wüſtem Geſchrei Gerechtigkeit gegen den Verräther Strafford for⸗ derte. So von allen Seiten gedrängt, von den Räthen vielfach an⸗ gegangen, von den Bitten und Thränen der Königin beſtürmt, ent⸗ ſchloß ſich der König endlich nachzugeben und in die Hinrichtung ſeines treueſten Dieners zu willigen. Bis zum letzten Augenblicke hoffte er jedoch noch, daß das Parlament nachgeben und nicht auf Strafford's Tod beſtehen würde. Zu dieſem Zweck ließ er ſich zu neuen Conceſ⸗ ſionen herbei, aber ohne ſeine Abſicht zu erreichen. Die Gemüther waren einmal unverſöhnlich gegen den unglücklichen Miniſter geſtimmt und man mißtraute dem König jetzt um ſo mehr, da ſein Antheil an der Verſchwörung der Offiziere zum Sturze der beſtehenden Verfaſ⸗ ſung nicht bezweifelt wurde. Drei Tage vor der Hinrichtung des Grafen ſandte ihm Karl ſeinen Secretair Carleton, um ihn mit ſeinem Schickſal bekannt zu machen und ſich gleichſam durch die Nothwendigkeit zu entſchuldigen. Trotzdem Strafford wenig Hoffnung hatte und mit dem ſchwankenden Charakter ſeines Gebieters hinlänglich bekannt war, ſchien er doch ſchmerzlich erſtaunt, er ſtarrte wie aus einem Traum empor und brach in die Worte der heiligen Schrift aus:„Vertraut nicht den Fürſten und Menſchenkindern, denn in ihnen iſt kein Heil.“ Dann verſank er in ein tiefes, ſchmerzliches Stillſchweigen. Sein ganzes vergangenes Leben zog an ſeiner Seele vorüber und er gedachte wohl mit Bitter⸗ keit der ſchlecht vergoltenen Treue, die er dem Könige ſtets bewahrt hatte. Drei Tage waren ihm noch zur Vorbereitung auf den Tod gegönnt. Unterdeß verlebte auch Karl die traurigſten Stunde ſeines Daſeins. Noch einen Verſuch wollte er machen, um den Grafen zu retten, er ſandte einen Brief durch den jungen Prinzen an das Haus der Lords, worin er ſie erſuchte, mit den Gemeinen noch einmal das Ur⸗ theil Strafford's in Erwägnung zu ziehen und daſſelbe zu mildern, ſchließlich forderte er wenigſtens den Aufſchub der Hinrichtung. Beide Anträge wurden von den Pairs nicht bewilligt. — — — — 332— An einem freundlichen Frühlingsmorgen verließ der Gefangene ſeinen Kerker, um das Schaffot zu beſteigen, Sein Weg führte ihn an dem Fenſter des Erzbiſchofs Laud vorüber, der ebenfalls im Tower ſaß. Seit längerer Zeit ſahen ſich die vieljährigen Feunde wieder. Der greiſe Prieſter ſtreckte dem Scheidenden die zitternden Arme entgegen, in Thränen aufgelöſ't rief er den Segen des Himmels auf den Ver⸗ urtheilten herab, dann ſank er von ſeinem Schmerze überwältigt in die Arme des Zunächſtſtehenden. Welch ein Wiederſehen! Die beiden mächtigſten Männer des Kö⸗ nigreichs, welche vor wenig Monaten noch England faſt unumſchränkt beherrſchten, ſtanden einander jetzt hülflos gegenüber, der Eine im Begriff ſein Haupt auf den Block zu legen, der Andere mit der nahen Ausſicht auf ein ähnliches Geſchick. Mit dem alten, unbefangenen Muthe betrat Strafford das Blut⸗ gerüſt; nach der Sitte der Zeit hielt er eine Anrede an die zahlreichen Zuſchauer, welche ſich eingefunden hatten, um ihn ſterben zu ſehen. — Ich halte es für ein ſchlimmes Zeichen, ſagte er mit feſter Stimme, daß die Reſorm des Staates mit Vergießung von unſchul⸗ digem Blut beginnt. Hierauf umarmte er ſeinen anweſenden Bruder und die wenigen Freunde, welche ihn in der letzten Stunde nicht verlaſſen hatten, dann ſegnete er in Gedanken ſeine Kinder, deren Gegenwart er nicht ge⸗ wünſchf hatte. — Und nun, fügte er hinzu, iſt bald Alles abgethan. Ein ein⸗ ziger Streich wird mein Weib zur Wittwe, meine Kinder zu vater⸗ loſen Waiſen machen, meine treuen Diener eines nachſichtigen Herrn berauben und mich von der Seite eines geliebten Bruders und meiner Freunde reißen. Gott möge ſie und Alle in ſeinen Schutz nehmen. Er kleidete ſich ſelber aus und traf die nöthigen Vorbereitungen ohne die Hülfe des Henkers anzunehmen, der ſich ihm darbot. — Ich danke Gott, ſprach er laut, daß ich vor dem Tode keine Furcht habe und die Ausſicht auf die Ewigkeit mich nicht erſchreckt. Ich lege mein Haupt ſo ruhig auf den Henkerblock, als wäre es das Kiſſen, worauf ich zu ruhen pflege. Leiſe ſprach er hinknieend ſein Gebet. Es herrſchte ein ernſtes Schweigen, eine feierliche Stille im weiten Kreiſe des Towers. ———— —— — 333— Das Beil des Henkers blitzte im funkelnden Sonnenſchein, ein dumpfer Schlag erdröhnte und das Haupt des großen Staatsmannes fiel auf einen Streich. 11. Wahrend dieſer tragiſchen Vorgänge war Milton aus Italien zurückgekehrt. Der Anblick fremder Länder, der Verkehr mit ſo be⸗ deutenden und großen Männern hatten ſeinen Verſtand gereift, ſeinen Geſichtskreis erweitert, aus einem Jüngling war ein Mann geworden. Die Zeit der müßigen Träumereien, des poetiſchen Schwärmens war für ihn vorüber, er ſehnte ſich nach einer ernſten und nützlichen Thätig⸗ keit, nach einer andauernden und geregelten Beſchäftigung. Zunächſt beſchloß er ſeinen längſt gehegten Plan zur Ausführung zu bringen, er fühlte den Beruf in ſich, Erzieher der Jugend zu werden. Die Stellung eines Lehrers war in damaliger Zeit weder allzu ehrenvoll noch Gewinn verheißend, dennoch ſchwankte Milton keinen Augenblick, ſich dem Dienſte der Menſchheit zu weihen. Er bezog ein kleines und äußerſt beſcheidenes Quartier in der Nähe von St. Brides Kirchhof, dort unterrichtete er ſeine beiden Neffen, John und Edward Philipps, die Kinder ſeiner Schweſter, ſo wie mehrere Knaben, die ihm anver⸗ traut wurden. Seiner Aufgabe widmete er ſich mit der uneigennützig⸗ ſten Liebe und er befolgte dabei ſein eigenes Syſtem, das die Frucht eines reiflichen Nachdenkens war. Nach ſeiner Anſicht ſollte eine voll⸗ kommene Erziehung den Menſchen fähig machen, alle Pflichten des Familien⸗ und öffentlichen Lebens, des Krieges und des Friedens auf eine rechtmäßige, geſchickte und edle Weiſe zu erfüllen. Die Grund⸗ ſätze, welche ihn dabei leiteten, hat er in einer Stelle des„Verlorenen Paradieſes“ folgendermaßen ausgedrückt: Zwar iſt der Geiſt geneigt, geneigter noch Die Phantaſie zum zügelloſen Flug, Sie läßt nicht ab zu ſchweifen ohne Ziel Bis durch Erfahrung ſie begreifen lernt, Daß nicht Vielwiſſerei, gelehrter Kram — 334— Von Dingen, die zum nützlichen Gebrauch Untauglich, übermenſchlich und geheim; Vielmehr die Kenntniß nur von dem, was uns Im Leben täglich kommt und nahe liegt Der Anfang aller ächten Weisheit ſei. Was d'rüber iſt, iſt Rauch und leerer Schall Oft baare Thorheit, die den reinen Sinn Verwirrt, und uns in dem, was als Beruf Und Lebenszweck vor Allem wichtig iſt, 4 Unkundig, rathlos macht, uns ſelber fremd. In dieſer Weiſe entwickelte er den Geiſt ſeiner Zöglinge, indem er ihren moraliſchen Sinn beförderte, ihre Willenskraft weckte und ſie zeitig mit ihren Pflichten und den Aufgaben des praktiſchen Lebens bekannt machte, ohne darüber ihre wiſſenſchaftliche Ausbildung zu ver⸗ nachläſſigen. Trotz der Gewiſſenhaftigkeit, mit welcher Milton ſein Lehreramt verwaltete, behielt er noch immer Zeit übrig, um ſich an den großen Ereigniſſen und den Fragen der Zeit zu betheiligen. Er beſaß nicht jene objektive Ruhe, oder vielmehr Gleichgültigkeit, um ferne von dem Treiben der Parteien dem Kampfe müßig zuzuſehen und in poetiſcher Muße ſich von der Außenwelt ängſtlich abzuſchließen. Die Zeit des Dichtens war für ihn vorüber, und das Leben machte andere, ernſtere Anſprüche an ihn. Durch gründliche theologiſche und politiſche Studien vorbereitet, hielt er ſich für berufen, das Still⸗ ſchweigen zu brechen und mit Wort und That die Sache der Freiheit zu vertreten. Seit Straffords Tod und Laud's Verhaftung kam hauptſächlich die Stellung der biſchöflichen Kirche im Parlamente zur Sprache. Die Biſchöfe trugen beſonders die Schuld des Gewiſſen⸗ zwanges und der religiöſen Bedrückung. Gegen ihre Anmaßung richtete Milton eine kleine Flugſchrift, welche in eindringlicher Weiſe dieſe Uebelſtände rügte und auf eine Reform in Glaubensſachen mit Ent⸗ ſchiedenheit drang. Mit Begeiſterung und Würde geſchrieben, erregte ſeine Abhandlung das größte Aufſehen bei Freund und Feind. Es fehlte dem Verfaſſer nicht an Angriffen und Bewunderung. Mehrere Gegenſchriften erſchienen, denen Milton in angemeſſener Weiſe ant⸗ wortete. Bald war der Name des Dichters auch als politiſcher Schrift⸗ ſteller bekannt und berühmt. Die bedeutendſten Mitglieder des Parla⸗ — — 335— ments, vor allen der jüngere Vane ſuchten ihn in ſeiner Zurückge⸗ zogenheit auf und wurden ſeine Freunde. Er erhielt die Aufforderung, die Rota zu beſuchen, jenen politiſchen Club, der das Vorbild aller ähnlichen, ſpäteren Verſammlungen war. Als er daſelbſt erſchien, ſah er ſich bald von einer Menge jüngerer und älterer Männer umringt, welche eifrig nach ſeiner Bekanntſchaft und nach ſeinem Umgange ſtrebten. Am engſten ſchloß ſich ihm der tapfere und freiſinnige Overton an, dem wir bereits früher in Haywood⸗Forſt begegneten, wo er dem heimlichen Gottesdienſte der Puritaner beiwohnte und mit ſeinem Schwerte den übermüthigen Thomas züchtigte. Er fühlte ſich zu Milton hingezogen und der ſtrenge Republikaner wurde für immer der Freund des Dichters. Milton ließ ſich jedoch keineswegs in das politiſche Getriebe über die Gebühr hineinziehen, er behauptete auch hier eine gewiſſe Selbſt⸗ ſtändigkeit. Die Partei, die er ergriff, war weder die des Parlaments, noch die der ausſchweifenden Republikaner und der religiöſen Schwärmer, ſondern die der Freiheit, der geſunden Vernunft und der Gerechtigkeit. Mitten in dieſen verſchiedenartigen Beſtrebungen und Arbeiten über⸗ raſchte ihn der Beſuch ſeines Vaters. Nach den herzlichſten Begrüßun⸗ gen brachte der würdige Mann, um das Wohl des Sohnes beſorgt, einen Gegenſtand zur Sprache, auf den er bereits vielfach in ſeinen Briefen angeſpielt hatte. Es dürfte wohl an der Zeit ſein, ſagte der Vater nach einigen einleitenden Worten, daß du dich um eine tüchtige Hausfrau umthuſt. Du kannſt nicht länger ledig bleiben. Wenn du noch keine Wahl ge⸗ troffen haſt, ſo würde ich dir ein Mädchen nachweiſen, das in meiner Nachbarſchaft lebt und gewiß ein angemeſſenes Weib für dich wäre. — Ich kann mich nicht ſo leicht entſchließen, entgegnete der Dich⸗ ter, eingedenk ſeines letzten Verhältniſſes mit Leonora Baroni. — Und doch möchte ich dich noch gerne vor meinem Tode verſorgt ſehen. Du haſt das Alter bereits erreicht, wo es gut iſt, daß der Menſch nicht mehr allein bleibt. Die Schwärmereien der Jugend liegen hinter dir und du wirſt zu der Einſicht gekommen ſein, daß nur in dem dauernden Verhältniſſe einer geſegneten Ehe das Glück des Lebens liegt. Folge meinem Rath und zögre nicht länger, deinem alten Vater die Freude zu machen. Ich will nicht eher von London — 336— fortgehen, bis du dich entſchließeſt, mit mir zu reiſen und wenigſtens das Mädchen, das ich dir beſtimmt habe, kennen zu lernen. Gefällt ſie dir nicht, ſo haſt du wenigſtens meinen Willen erfüllt und biſt darum noch nicht gebunden. So gedrängt, willigte Milton in den Vorſchlag ſeines Vaters ein und reiſte mit ihm nach der Heimath, um ſeine zukünftige Gattin zu ſehen. In der Nähe des elterlichen Hauſes wohnte der wohlhabende Gutsbeſitzer Richard Powel, deſſen Tochter Mary ein blühendes Mäd⸗ chen von neunzehn Jahren dem Dichter wohlgeſiel. Sie war ſchlank gewachſen und ihr roſiges Geſicht von einer Fülle blonder Locken um⸗ geben, vereinte manchen anmuthigen Reiz mit jugendlicher Friſche. Sie war nicht ohne Bildung und ſchien ein heiteres lebensluſtiges Tempera⸗ ment zu beſitzen. Auch in ihren ſchönen Augen fand die zarte, geiſtige Schönheit des Dichters um ſo mehr Gnade, da ſie von dem lebhafte⸗ ſten Wunſche beſeelt wurde, ſo ſchnell als möglich unter die Haube und aus ihrer ländlichen Umgebung in das geräuſchvolle Leben Londons zu kommen. Als ächte Tochter Evens liebte ſie Putz, Zerſtreuungen und Vergnügungen aller Art, die ſie ſich in Hülle und Fülle von einer Heirath nach der Stadt verſprach. Ihre muntere Laune und ein natürlicher Mutterwitz ließen Milton manchen Fehler der Erziehung und Gewohnheit überſehen und über eine gewiſſe ſinnliche Anmuth entging ihm der eigentliche Mangel an Tiefe des Herzens und des Geiſtes, die ihr fehlten. Eine Art von Reſignation, welche ſich ſeiner Seele bemächtigt hatte, erleichterte den Abſchluß dieſes Bündniſſes. Seine Frauenideale waren ihm zum Theil durch eigene, zum Theil durch fremde Schuld zerron⸗ nen. Alice lebte in Wales an der Seite Carbury's als deſſen Gattin und er hatte ſeit ſeiner Rückkehr nach England keine Nachricht mehr von ihr erhalten; ſie war für ihn verloren und zwar, wie er ſich ſelber eingeſtehen mußte, durch ſeine unzuläſſige Aufopferung. In Leonora Baroni hatte er eine ächte Künſtlernatur kennen gelernt, die ihn jedoch als Weib nicht befriedigen konnte. Jetzt war er herabgeſtimmt und zu der Erkenntniß gekommen, daß Schwachheit das Erbtheil des Frauen⸗ geſchlechtes und kein Weib ohne Gebrechen ſei. Das heitere Leben in Foreſthill und der freundliche Empfang, der ihm hier zu Theil wurde, ließen jedoch derartige Gedanken nicht zur — 337— vollen Klarheit gelangen. Es herrſchte ein luſtiger Ton unter dem Dache Richard Powels. Die Tiſche brachen faſt unter der Laſt der Speiſen und an Wein und gutem Ale war kein Mangel. Das Haus war in der ganzen Nachbarſchaft für gaſtfrei bekannt, es fehlte nicht an jungen Leuten und alten Zechern, welche das Mahl mit ihren Späſſen und manchem guten Witze würzten. Rothnaſige Squires mit ihren Söhnen aus der Nachbarſchaft, heruntergekommene Cavaliere, die gerne auf Koſten anderer Leute ſchmarozten, hatten ſich zahlreich, gela⸗ den und auch ungeladen, eingefunden. In der weiten Halle ſaß die fröhliche Compagnie um den großen Kamin, in welchem⸗ ein ganzer Wald zu lodern ſchien. An dem Feuer wurden Aepfel gebraten, welche man ziſchend in das ſchäumende Bier warf. Unter lautem Gelächter ergötzte ſich das junge Volk mit Pfänderſpielen, wobei man⸗ cher Kuß von den rothen Lippen halb geraubt, halb gegeben wurde, während die Alten in mächtigen, weitbäuchigen Stühlen von ver⸗ gangenen Tagen ſprachen und alte Geſchichten auftiſchten. Hier fand man noch das alte, luſtige England wieder voll aus⸗ gelaſſener Fröhlichkeit und übermüthigen Humors, bis hierher war noch nicht der Streit und Lärm der Parteien gedrungen. Man ließ den König leben und kümmerte ſich wenig oder gar nicht um Politik. Das harmloſe Leben gewährte dem Dichter eine angenehme Zerſtreuung und nach der Aufregung, die er in London zurückgelaſſen, that ihm die ländliche Stille unendlich wohl. Er wollte nur wenige Tage verwei⸗ len und aus den Tagen wurden Wochen, die er auf dieſe Weiſe in Mary's Geſellſchaft zubrachte, ſie nahm ſeine Werbung freundlich auf und folgte ihm nach Ablauf eines Monats als ſeine Gattin nach London. Dort fand ſie ſich jedoch bitter enttäuſcht, ſtatt des geräuſch⸗ vollen Lebens, das ſie erwartete, ſah ſie ſich auf die beſcheidene Woh⸗ nung eines jungen Gelehrten und auf den Umgang mit dieſem und einen wenigen Freunden und Schülern beſchränkt. Gleich nach der Hochzeit nahm Milton ſeine früheren Studien und Beſchäftigungen wieder auf, indem er ſeiner jungen Frau die Sorge um das Hausweſen überließ. Damit war Mary keineswegs zufrieden, überhaupt entſprach weder die Ehe, noch das Leben in London ihren hochgeſpannten Erwartungen. Sie hatte von Feſten, Tänzen, Ver⸗ gnügungen und Zerſtreuungen aller Art t deträunnt, aber die Hauptſtadt D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit, 22 — 338— war nichts weniger als derartig geſtimmt. Die Schauſpielhäuſer ſtan⸗ den leer oder waren geſchloſſen, Flöten und Geigen verſtummt, die beliebteſten Volksbeluſtigungen außer Mode gekommen. Weder Bären⸗ hetzen, noch Hahnenkämpfe fanden Zuſchauer und Circus und Arena trauerten verlaſſen. Dafür füllten ſich die Kirchen mit einer eifrigen Menge, welche den beliebten Kanzelrednern andächtig lauſchten. Je ſtrenger dieſe gegen die bisherigen Vergnügungen eiferten, deſto größe⸗ ren Beifall fanden ſie. Männer und Frauen legten ihre ſeidenen Gewänder, allen Schmuck und Putz ab und kleideten ſich in einförmi⸗ ges Schwarz oder Braun. Aus ſchwärmeriſcher Ueberzeugung oder aus Heuchelei, weil die puritaniſche Partei immer mächtiger wurde, legten ſie ihr Geſicht in fromme Faiten, entſagten ſie den Freuden der Welt. Oeffentliche Gelage und Bälle waren ein Greul in den Augen der Gottſeligen und ſelbſt ein erlaubter Scherz galt als eine Sünde. Die Straßen Londons boten meiſt einen traurigen Anblick dar und tägliche Unruhen und Aufſtände verſetzten die Gemüther in Angſt und Schrecken. Unheimliche Gerüchte wurden erfunden und ausgeſprengt, um die allgemeine Verwirrung zu vermehren. Die Häupter der Volkspartei begünſtigten aus nahe liegenden Gründen dieſe Unordnun⸗ gen, fortwährend erheuchelten ſie eine durchaus nicht vorhandene Furcht vor den Anſchlägen ihrer Gegner, deren ſie allerlei Pläne zum Sturz des Parlaments und der Werſaſſung bald mit Recht, bald mit Unrecht zuſchoben. Für Billy Green gab es jetz zu thun. Der ſchlaue Burſche war förmlich als beſoldeter Spion und Angeber angeſtellt, und ſtattete täglich ſeinem Gönner Pym Bericht ab. Er hatte, um mehr Ver⸗ trauen einzuflößen, ganz und gar das Weſen und den Anzug eines frommen Puritaners angenommen. Er ließ ſich die Haare rund ſcheeren, trug einen ſpitzigen Hut, vertauſchte das geſtickte, bunte Wamms mit einem braunen Wollenrock und der weiße Halskragen war mindeſtens zwei Ellen breit. In gebückter Stellung, mit geſenk⸗ ten Augen und gefalteten Händen ſchlich er in der Nähe des Parla⸗ ments herum, um ſtets bei der Hand zu ſein. Mit vielem Glücke ahmte er ſeine Vorbilder nach, er nahm eine gleißneriſch heilige Miene an und bemühte ſich, ſeine Geſpräche mit frommen Redensarten und Bibelſtellen zu ſpicken. In dieſer neuen Geſtalt erſchien er täg⸗ — — 339— lich mit theils wahren, theils falſchen Nachrichten, die er ſich gut be⸗ zahlen ließ. Wenn es ihm an Stoff fehlte, ſo machte er ſich kein Gewiſſen daraus, mit ſeiner reichen Phantaſie und Erfindungsgabe dem Mangel abzuhelfen. Er hatte eine förmliche Geſellſchaft aus Leuten von ähnlichem Schlage wie er ſelbſt gebildet, um im Nothfalle gleich Zeugen zur Hand zu haben, die ſeine Ausſagen beſtätigten und die ſogar im Schwören eine große Fertigkeit erlangt hatten. Mit Hülfe eines Spießgeſellen, der ein heruntergekommener Schnei⸗ der war und Beale hieß, hatte Billy Green eine neue Verſchwörung entdeckt, nachdem die erſte ſich ſo einträglich ihm erwieſen. Die beiden Ehrenmänner machten dem Parlament die Anzeige, daß ſie auf einem Spaziergange ins Freie eine Anzahl unbekannter Männer geſehen und belauſcht hätten, welche mit der gefährlichſten Verſchwörung umgingen. Hundert und acht Meuchelmörder wären gedungen, um die hundert und acht Lords und Gemeinen zu ermorden, für jeden Lord ſollten zehn Pfund und für jeden Gemeinen vierzig Schillinge bezahlt werden. — Billy und ſein Freund nahmen keinen Anſtand, ihre Ausſagen zu beſchwören. Neue Verhaftungen und meiſt Unſchuldiger waren die natürliche Folge von dergleichen falſchen Angebereien, die in einer Zeit der allgemeinen Aufregung nur allzuleicht Glauben finden. Endlich ſchien auch Karl aus ſeiner Apathie zu erwachen. Er⸗ ſchreckt über die Fortſchritte, welche das Parlament täglich machte, müde der Conceſſionen, die er bereits bewilligt und gereizt von dem Widerſtand, den er trotzdem erfuhr, ließ er ſich ſeiner Natur gemäß zu einer Gewaltmaßregel hinreißen, welche den noch in der Aſche glimmenden Bürgerkrieg zur hellen Flamme anfachte und der von den traurigſten Folgen begleitet war. Mit einem Schlage wollte er ſich der Häupter der Volkspartei bemächtigen. Zu dieſem Zwecke ſchickte er den königlichen Staatsanwalt Herbert in das Parlament, um den Lord Kimbelton und die fünf Mitglieder des Unterhauſes, Hollis, Sir Arthur Hazlerig, Hampen, Pym und Strode des Hochverrathes anzu⸗ klagen. Er ließ ſie beſchuldigen, die Fundamentalgeſetze des König⸗ thums und der Regierung angegriffen, die Majeſtät und ihr Anſehen beim Volke untergraben und beleidigt zu haben, daß ſie ferner nach Willkürherrſchaft geſtrebt, mit den Schotten im Einverſtändniß dieſe zu einem Einfall in England aufgefordert und außerdem an verſchie⸗ 22* denen Aufſtänden gegen die Regierung Theil genommen hätten. Groß war das Erſtaunen und die Entrüſtung der Verſammlung, welche durch dieſen Schritt ihre eigene Freiheit und Exiſtenz bedroht ſah, doch es blieb ihr kaum Zeit, ſich von dem erſten Eindruck zu erholen. Dem Staatsanwalt auf dem Fuße folgte ein bewaffneter Beamte, der die fünf Mitglieder von dem Hauſe forderte, er wurde mit einer auswei⸗ chenden Antwort zurückgeſchickt. Unterdeß ſandte Karl Boten aus, um die Fünf zu ſuchen und zu verhaften. Ihre Zimmer, Schriften und Koffer wurden durchſucht und verſiegelt. Das Parlament begnügte ſich gegen dieſe Maßregel als einen Bruch ſeiner Privilegien zu pro⸗ teſtiren und forderte das Land zum Schutz ſeiner Vertreter auf. Der König noch mehr gereizt durch dieſen Widerſtand, beſchloß in eigner Perſon in das Haus zu kommen und die Angeklagten in ſeiner Gegen⸗ wart ergreifen zu laſſen. Ehe jedoch ſein Plan zur Ausführung kam, war derſelbe verrathen und die betreffenden Volksvertreter gewarnt. Die Gräfin von Karlisle, die frühere Geliebte Strafford's, hatte ſeit dem Tode des Grafen, deſſen Untergang ſie der Schwäche des Königs nicht mit Unrecht bei⸗ maß, ein heimliches Einverſtändniß mit den Häuptern der Volkspartei angeknüpft. Die geiſtreiche und ſchöne Frau beſaß einen ungebändig⸗ ten Stolz, verbunden mit dem größten Hang zur Intrigue. So lange Strafford der größte Mann in England war, hing ſie feſt und treu an ihm und ihr Ehrgeiz fühlte ſich durch ſeine Liebe und ſeine Huldigung geſchmeichelt. Nach ſeinem Tode warf ſie ihre Netze nach Pym, als dem einflußreichſten Leiter der Volkspartei, aus. Wie das Glück, folgte ſie ſtets dem Sieger und wandte ohne Reue und Scham dem Beſiegten den Rücken. Als Hofdame der Königin war ſie von allen Plänen des Hofes unterrichtet und ſie nahm keinen Anſtand, ihre neuen Günſtlinge von der ihnen drohenden Gefahr zu unter⸗ richten. Der König begab ſich, umgeben von einem zahlreichen. Gefolge und von zweihundert mit Hellebarden bewaffneten Wachen in das Parlament. Vor den Thoren ließ er ſeine Begleiter zurück, und er ſelbſt ſchritt allein mit bedecktem Haupte durch die Hallen. Bei ſeinem Erſcheinen erhob ſich die gahze Verſammlung, um ihn zu begrüßen. — 341— Der Sprecher verließ ſeinen Stuhl, auf dem ſich der König niederließ. Nachdem er Platz genommen, hielt er folgende Anrede: — Gentlemen! ich bin in der That bekümmert wegen der Ver⸗ anlaſſung, die mich hergeführt. Geſtern habe ich einen Offtzier ge⸗ ſandt, um einige Männer von Euch zu verlangen, welche wegen Hoch⸗ verraths angeklagt worden ſind. Statt mir zu gehorchen, ließt Ihr Euch entſchuldigen. Ich muß Euch hier erklären, daß kein König Eure Prioilegien ſorgfältiger beachten kann, als ich, aber für Ver⸗ räther giebt es kein Privilegium. Deswegen bin ich ſelbſt gekommen, um Euch zu ſagen, daß ich dieſe Männer haben muß, wo ich ſie finde. Wie ich ſehe, ſind die Vögel ausgeflogen, ich erwarte aber, daß Ihr mir ſie ſchicken werdet, ſobald ſie wiederkehren. Ich gebe Euch das Wort eines Königs, daß ich niemals die Abſicht habe, ge⸗ waltthätig gegen ſie zu verfahren, ſondern nur auf dem geſetzmäßigen Wege, einen andern kenne ich nicht. Und nun, da die Gelegenheit mir geeignet ſcheint, wiederhole ich nochmals meine frühere Verſicherung, daß ich Alles, was ich zum Beſten meiner Unterthanen bisher gethan und bewilligt habe, auch getreulich zu halten gedenke. Nachdem der König geendet hatte, ließ er ſeine Blicke herum⸗ ſchweifen, als ſuchte er die fünf abweſenden Mitglieder, dann fragte er den Sprecher, ob keiner von den Angeklagten zugegen wäre. Dieſer antwortete ausweichend, indem er auf die Kniee fiel. — Ich bin nur der Diener des Parlamentes und habe weder Augen, zu ſehen, noch eine Zunge, um zu ſprechen, darum möge Eure Majeſtät mir verzeihen, wenn ich Ihre Fragen nicht beantworte. Das ganze Haus befand ſich in der höchſten Aufregung und als der König unverrichteter Sache wieder fortging, erhob ſich der laute Schrei: Unſere Privilegien, unſere Privilegien! Am Abend begaben ſich die angeklagten Mitglieder, um ihre Furcht⸗ loſigkeit zu zeigen, in die City. Die Bürger waren die ganze Nacht unter Waffen. Mancherlei Volk, welches dazu gemiethet war, oder vielleicht aus eigenem Antriebe, rann durch die Straßen und ſchrie, daß die Cavaliere kommen würden, um die Stadt anzuzünden und daß der König an ihrer Spitze ſtünde. Billy Green mit einem Haufen von Lehrlingen und Geſellen zog bewaffnet von einem Stadttheil zum andern und vermehrte den Tumult. Er begegnete mehreren verab⸗ ———’— — 342— ſchiedeten Offizieren und Anhängern des Königs, mit denen er Händel anfing. — Nieder mit den Cavalieren, mit den Bluthunden! ſchrie er laut. — Zum Teufel mit den Rundköpfen und den ſchurkiſchen Puri⸗ tanern! tönte die Antwort. Von Worten kam es zu Thaten, die Lehrjungen ſchwangen ihre mit Eiſen beſchlagenen Knüppel, die Cavaliere zogen ihre Degen und bald entſtand ein allgemeines Handgemenge. Während aber das Volk und die Höflinge ſich die Köpfe blutig ſchlugen, hielt es der ſchlaue Burſche für gerathen, ſich aus dem Getümmel fortzuſtehlen und An⸗ dere den Strauß ausfechten zu laſſen, den er angezettelt. Am nächſten Morgen entſchloß ſich Karl einige Nachgiebigkeit zu zeigen, um die allgemeine Aufregung zu beſchwichtigen. Er ließ den Lord⸗Major kommen und befahl ihm, den Stadtrath zu verſam⸗ meln. Um zehn Uhr Morgens begab er ſich, nur in Begleitung weniger Lords nach Guildhall, wo der Stadtrath verſammelt war. Dieſem ſagte er, daß er die ihm zur Laſt gelegten Mißverſtändniſſe beklage, daß er ohne Wachen gekommen ſei, um zu zeigen, wie ſehr er die Londoner Bürgerſchaft liebe und ihr vertraue. Er habe einige Mitglieder des Parlaments wegen Hochverraths angeklagt, gegen die er nur auf legalem Wege verfahren wolle, deshalb hoffe er, daß die Stadt ihnen keinen Schutz gewähren würde. Seine Herablaſſung ging ſo weit, daß er einen der Sheriffs und zwar den ihm am wenigſten geneigten, zur Tafel einlud, dennoch fand ſein Benehmen nicht den gewünſchten Beifall. Als er durch die Straßen Londons fuhr, tönte ihm von allen Seiten das Geſchrei ent⸗ gegen: Die Privilegien des Parlaments, die Privilegien des Parla⸗ ments! An einer Ecke ſaß ein alter Mann, es war der ſtrenge Henderſon. Beim Nahen des Königs richtete der eifrige Puritaner ſich empor und rief mit lauter Stimme. Zu deinen Zelten, Iſrael! Es war das Geſchrei der aufrühreriſchen Juden, womit ſie ihren übel berathe⸗ nen König Rehabeam empfingen. Karl erſchrak vor der fanatiſchen Wuth, welche ihm aus den wilden Blicken Henderſon's entgegenblitzte. — Wer biſt du? fragte er den Puritaner. —2.— — 343— — Ein Diener des Herrn, entgegnete der finſtere Henderſon, der gekommen iſt, um dich zu warnen. Mene, mene Tekel! Der König gab dem Kutſcher den Befehl, ſchnell fortzufahren, um dem Volksgedränge zu entgehen, aber fortwährend verfolgte ihn die dumpfe Warnungsſtimme Henderſon's, das Mene, mene Tekel. Er⸗ ſchöpft langte er in ſeinem Palaſte an, wo er in ein dumpfes Brüten verſank.— Unterdeß hatte das Parlament den Beſchluß gefaßt, daß die fünf angeklagten Mitglieder im Triumph ihre Sitze wieder ein⸗ nehmen ſollten. Zu ihrem Schutze wurde die Stadtmiliz, unter An⸗ führung des Major⸗General Skippon, aufgeboten. An der Spitze dieſer bewaffneten Bürgerwehr und unter dem Jauchzen des Volkes hielten ſie ihren Einzug in Weſtminſterhall. Die Themſe war mit unzähligen Booten bedeckt und alle Fahrzeuge hatten feſtliche Flaggen aufgezogen.— Um den König noch mehr einzuſchüchtern, wurde von dem Parlamente der Weg der Petitionen eingeſchlagen. Auch hier hatte Billy Green ſeine Hände im Spiel, er beſaß eine außerordent⸗ liche Fertigkeit im Sammeln und Anfertigen von Namensunterſchriften An der Spitze ſeiner Lehrjungen überreichte er dem Parlament eine Petition mit ſechstauſend Namen, worin die Unterſchreiber ſich ver⸗ pflichteten, ihr Leben und ihr Blut für die Freiheit des Landes und des religiöſen Bekenntniſſes hinzugeben. Viele wußten freilich nicht, was ſie unterzeichnet hatten und waren auch keineswegs geſonnen, ſich beim Worte nehmen zu laſſen. Auch die Frauen wußte der ver⸗ ſchmitzte Burſche aufzuregen. Eines Tages erſchien er mit mehreren tauſend Frauen, an deren Spitze eine ihm befreundete Brauersfrau von anſehnlichem Umfange ſtand. Das ſtattliche Weib, das mit ihrem ſchwarzen Bärtchen in dem rothgedunſenen Geſicht eher einem Manne ähnlich ſah, verlangte in ihrem Namen, ſowie in dem ihrer Mit⸗ ſchweſtern, vorgelaſſen zu werden, um eine Petition zu übergeben. In dieſer drückten die Bittſtellerinnen ihren Abſcheu vor dem Papis⸗ mus und dem Prälatenweſen in den ſtärkſten Ausdrücken aus. Sie ſagten darin, daß ſie gezwungen wären, dem Beiſpiele der Weiber von Tekoah zu folgen und daß ſie gleiche Rechte mit den Männern verlangten, weil Chriſtus auch ſie mit ſeinem Blut erlöst und für beide Geſchlechter dieſelbe Liebe bewieſen habe.— Pym empfing die Bittſtellerinnen vor den Thüren des Hauſes. Ein feines ironiſches — 344— Lächeln zuckte um ſeine Lippen, als er er der Brauerin für ihren Eifer dankte. — Gute Weiber! ſagte er mit erheuchelter Freundlichkeit, kocht und waſcht für Eure Männer, ſolltet Ihr jedoch noch Zeit übrig be⸗ halten, ſo betet für das Wohlergehen des Parlaments. Die Frauen entfernten ſich mit dem lauten Rufe: es lebe Pym, es lebe das Parlament! Karl's letzte Hoffnung unter ſolchen Umſtänden blieb noch das Oberhaus, eine Anzahl von Pairs war ihm treu ergeben und be⸗ kämpfte die Angriffe der Gemeinen gegen die Autorität des Königs. Die Volksführer ließen es ſich daher angelegen ſein, die öffentliche Meinung gegen die Lords zu richten und deren Anſehen zu erſchüttern. Jede Oppoſition gegen das Unterhaus wurde von ihnen als ein Ver⸗ brechen betrachtet. Dabei bedienten ſie ſich der Einſchüchterung durch die müßige Menge, welche auf ihren Wink bereit war, derartige Freunde des Königthums zu verhöhnen und ſelbſt zu verhindern, ihre gewohnten Sitze einzunehmen. Sowohl Pym wie Hollis predigten— den Grundſatz, daß das Volk nicht im Ausdrucke ſeiner Wünſche und Meinungen beſchränkt werden dürfte. Beſonders aber war die Königin ein Gegenſtand ihres Haſſes, ſowohl wegen ihres katholiſchen Glau⸗ bens, als auch wegen ihrer Thätigkeit und ihres Muthes, ſie wurde mit Schmähungen überhäuft und als die Urſache aller vorhandenen Uebelſtände zum Theil wohl mit Recht bezeichnet. Unter dieſen Ver⸗ hältniſſen faßte ſie den Plan, England zu verlaſſen und in Holland eine Zuflucht zu ſuchen. Um jedoch Zeit zu den nothwendigen Vor⸗ bereitungen zu gewinnen, rieth ſie dem Könige ſelbſt zu neuen Con⸗ ceſſionen. Je nachgiebiger dieſer jedoch ſich zeigte, deſto größer wurden die Anſprüche der Oppoſition, die ſich ſo ſteigerten, daß ſie zuletzt ein* Geſetz einbrachten, durch welches der Oberbefehl und die Verwendung der bewaffneten Macht dem Könige genommen und auf das Parlament, oder vielmehr auf deſſen Anhänger im Heere übertragen werden ſollte. Karl weigerte ſich, dieſem Geſetze ſeine Billigung zu geben und da die Gefahr für ihn täglich wuchs, ſo faßte er den Entſchluß, London zu verlaſſen und ſeine Reſidenz nach York zu verlegen. Hier erließ er ein öffentliches Manifeſt gegen die Anmaßungen des Parlaments, das auch ſeinerſeits ſich zum Kampfe rüſtete. —— — —— — 345— Der Bürgerkrieg war ſomit erklärt und bald fiel dem Schwerte die blutige Entſcheidung der großen Zeitfrage zu. 3 15. 4 An einem düſteren Märzabende ſaß die junge Gattin Milton's in ihrer beſcheidenen Wohnung. Die wilden Frühlingsſtürme brausten um das Haus, Schnee und Regen ſchlug praſſelnd gegen die zuge⸗ machten Läden und der Wind heulte durch den Kamin, in welchem das Feuer zu erlöſchen drohte. Auf dem Tiſche brannte eine ſpärliche Lampe und rings umher lagen verſchiedene Bücher in gelehrter Unord⸗ nung. Ein Gefühl von tiefer Einſamkeit und Verlaſſenheit überſchlich die junge Frau, ſie hatte die angefangene Handarbeit in den Schoos ſinken laſſen und ſtarrte in die düſtere Glut des Kohlenfeuers. Un⸗ willkürlich füllte ſich ihr Auge mit Thränen, indem ſie an die ſchönen Tage in ihrem elterlichen Hauſe dachte, wo es ihr nie an fröhlicher Unterhaltung und heiterer Geſellſchaft gefehlt hatte. Jetzt mußte ſie beide ſchmerzlich entbehren. Ihr Gatte brachte den größten Theil des Tages in der Schulſtube bei ſeinen Zöglingen zu und ſelbſt am ſpäten Abend beſchäftigte er ſich weit mehr mit ſeinen Büchern, als mit ſeinem Weibe Mit jedem Tage erweiterte ſich die Kluft zwiſchen dieſen gänzlich verſchiedenen Charakteren. Die lebensluſtige Mary hatte kein Verſtändniß für das hohe Streben und den erhabenen Geiſt eines Milton, ſie hielt ſich vernachläſſigt und ließ es nicht bald an ſtillen, bald an lauten Vorwürfen fehlen. Dennoch liebte ſie ihren Mann heiß und innig, aber dieſe Neigung war durchaus egoiſtiſcher Natur, ſie wollte ihn ausſchließlich beſitzen und war ſelbſt gegen die Bücher, mit denen er ſich nach ihrer Meinung viel zu viel beſchäftigte, eifer⸗ ſüchtig. Nachdem ſie ſo einige Zeit ſtill vor ſich hingebrütet, ſprang ſie plötzlich auf und warf durch ihre raſche Bewegung einige Folianten vom Tiſch herab; ſtatt ſie aufzuheben, ſtieß ſie dieſelben verächtlich mit ihrem kleinen Fuß zur Seite, indem ſie ſo eine kindiſche Rache gegen ihre vermeintlichen Feinde befriedigte. — 346— — Da könnt ihr liegen, ſagte ſie ſchmollend, indem ſie noch einen Fußtritt den unſchuldigen Büchern gab. Mit raſchen, heftigen Schritteu eilte ſie dann nach der Thür, welche in die Studirſtube ihres Mannes führte. Zweimal klopfte ſie, ohne eine Antwort zu erhalten, endlich riß ihr vollends die Geduld und ſie ſtürmte ungerufen in das ſtille Aſyl des Dichters herein. Er ſchien ſie nicht zu bemerken und ſchrieb ungeſtört an einer neuen gelehrten Arbeit, bis ſie mit hochgeröthetem Geſicht vor ihm ſtand und zornig ſeinen Arm ergriff. — Was giebt's? fragte er verdießlich, ſich bei der Arbeit geſtört zu ſehen. — Was es giebt? eiferte die junge Frau. Daß ich es nicht mehr vor Bangigkeit drinnen aushalten konnte. Denkſt du, daß ich darum dein Weib geworden bin, um mein junges Leben bei dir zu vertrauern. Den ganzen langen Tag bin ich auf mich ſelber ange⸗ wieſen und langweile mich, während du in deinen Büchern vergraben liegſt oder mit deinen Schulbuben lateiniſche Vokabeln repetirſt. Ich kann das nicht länger dulden. — Sei nur ruhig, entgegnete Milton, indem er ihre Vorwürfe geduldig anhörte. Bald bin ich mit meiner Arbeit zu Ende und dann wollen wir den Abend gemeinſchaftlich zubringen. Ich erwarte meinen Freund Overton zum Abendbrod. — Der kann auch bleiben, wo er iſt. Ein ſchöner Geſellſchafter⸗ der traurige Puritaner, den ich noch niemals lachen gehört habe. Bei Gott! lieber will ich den ganzen Abend mit einem Stockfiſch verleben, als mit dieſem Duckmäuſer. — Du thäteſt beſſer, von den Freunden deines Mannes gezie⸗ mendere Ausdrücke zu gebrauchen, mahnte der Gatte. Herr Overton i*ſt ein durch Geiſt und Charakter gleich ausgezeichneter Mann. — Freilich und die Geſellſchaft iſt dir lieber als die deiner Frau. Da werdet ihr wieder zuſammenſitzen, von dem verwünſchten Parla⸗ ment ſchwatzen und auf die armen Biſchöfe ſchimpfen, die tauſend Mal mehr werth ſind als dein Overton, mag er auch noch ſo heilig thun, als ob er kein Wäſſerchen trüben könnte. 1 — Mary! bat der Dichter. Verſchone mich mit derartigen Re⸗ densarten, du ſprichſt von Dingen, von denen du vermöge deiner Er⸗ 5 3 s — — 347— ziehung keine Ahnung haſt. Laſſ' das unerquickliche Geſpräch und begib dich in deine Küche, um das Nachtmahl anzuordnen. — Natürlich, dazu bin ich immer gut. Kochen, backen, waſchen und nähen ſoll die arme Frau und dann kann ſie ſehen, wo ſie bleibt. Ich werde von dir wie eine Sklavin behandelt. — Deine Vorwürfe ſind gänzlich ungerechtfertigt, da ich bei jeder Gelegenheit und auch heute dir gegenüber eine Nachgiebigkeit zeige, welche faſt an Schwäche gränzt. — Und ich bleibe doch dabei, daß ich nur eine Sklavin, eine Magd in deinem Hauſe bin. Muß ich nicht den ganzen Tag arbeiten und wenn der Abend kommt, wo jeder Mann bei ſeiner Frau ſitzt oder mit ihr einen Spaziergang macht, einen Beſuch abſtattet und in Geſellſchaft geht, hockſt du über deinen Bücher oder discutirſt mit deinen Freunden. Vor ihnen thuſt du den Mund auf, mit ihnen unterhältſt du dich, aber für dein armes Weib haſt du kein Wort. Ich bin dir zu ungebildet, ich verſtehe ja nichts von deiner Gelehrſamkeit, ich bin nur ein unwiſſendes, unglückliches Weib, um das du dich nicht be⸗ kümmerſt. Bei dieſen Worten brach Mary in einen Thränenſtrom aus, ihr Weinen ging in ein lautes Schluchzen über, das ſich gar nicht beru⸗ higen zu wollen ſchien. Obgleich dieſe Scene nicht der erſte derartige Auftritt war, ließ ſich Milton doch von Neuem rühren, er ſchob ſeine Arbeit zur Seite und ſuchte die klagende Gattin durch mildes Zu⸗ reden und ſeine Küſſe zu beſänftigen. Alsbald ging Mary bald von einem Extrem zum andern über. Ihrer Verzweiflung folgte die aus⸗ gelaſſendſte Heiterkeit und während noch die Thränen auf ihren roſigen Wangen glänzten, lachte ſchon ihr friſcher Mund, ſtrahlten ihre Augen von heiterem Muthwillen. Sie war die ächte Tochter Even's launen⸗ haft wie der Aprilhimmel, ſchwankend wie die treuloſe See. Unter Scherzen und Gelächter eilte ſie in die Küche, um das Abendbrod zu rüſten. Zur gewohnten Stunde erſchien der erwartete Gaſt, den die Haus⸗ frau heut freundlicher als ſonſt empfing. Bald ſaßen Milton und Overton im eifrigen Geſpräche über die verzweifelte Lage des Va⸗ terlandes. — 349— — Der Krieg ſcheint mir unvermeidlich, ſagte der Letztere. Das Parlament wirbt für den bevorſtehenden Kampf bereits Truppen und fordert auch Freiwillige auf. Auch ich habe mich gemeldet und die Stelle eines Offiziers erhalten. — Und ich gedenke das Gleiche zu thun, entgegnete Milton. — Ihr? fragte Overton verwundert. Das wäre geradezu eine Thorheit zu nennen. — Und warum ſollte ich nicht eben ſo gut wie Ihr dem Vater⸗ lande mein Blut und Leben weih'n, jetzt, da es in Gefahr iſt? — Weil Ihr mit Eurem Kopfe ihm mehr nützen könnt, als wir mit unſeren Händen. Jeder in ſeiner Weiſe. Auch der Gelehrte iſt ein Soldat, ſeine Waffe iſt die Feder, ſie iſt oft ſchärfer wie das Schwert, ſpitzer wie die Lanze. Es gehört oft mehr Muth dazu, ſeine Meinung auszuſprechen und zu vertheidigen, als im Schlachtge⸗ tümmel ſein Leben auf das Spiel zu ſetzen. Der Geiſt hat mehr Siege erkämpft und aufzuweiſen als die rohe Gewalt. Bleibt Ihr daher ruhig bei Euren Büchern und überlaßt es uns Soldaten, dieſen Strauß auszufechten. — Ihr glaubt alſo nicht an die Möglichkeit einer Ausſöhnung zwiſchen dem Könige und dem Parlament? — Wäre der Streit nur zwiſchen dieſen Beiden, ſo wäre der Friede wohl möglich, aber der Kampf iſt ein größerer, weit bedeuten⸗ der. Es iſt der ewige Krieg zwiſchen der Freiheit und der Tyrannei, zwiſchen der Despotie und der Republik, zwiſchen dem Gewiſſenszwang und der religiöſen Duldung. Da kann keine Vermittlung mehr ſtatt⸗ finden. Nicht Menſchen kämpfen gegen Menſchen mehr, ſondern die Wahrheit gegen die Lüge, die Freiheit gegen die Bedrückung, die Willkür gegen das Geſetz. Sterbliche Feinde können ſich verſöhnen, aber die unſterblichen Prinzipien, die ewigen Gegenſätze laſſen keine Verſöhnung zu, ihr Krieg dauert fort bis zum Tage des Gerichts. — Ja, rief Milton begeiſtert aus, ſo habe ich mir oft den Kampf der gefallenen Engel mit den himmliſchen Heerſchaaren, des Lichtes mit der Finſterniß gedacht. Ich ſehe meine Träume verkörpert und meine Phantaſiegebilde zur Wahrheit werden. Nicht Karl und das Parlament, ſondern die großen und gewaltigen Gegenſüätze der 5 —xr —— — 349— Welt und der Zeit ringen mit einander und der Sieg wird und muß dem Lichte bleiben. Mary's Eintritt, welche mit dem Abendbrode kam, gab dem Geſpräche eine andere Wendung, und Milton vermied aus Schonung für ſeine Frau jedes fernere Geſpräch über politiſche Angelegenheiten. Leider wurde aber der eben wieder hergeſtellte häusliche Friede ſchon nach wenigen Tagen durch die Ankunft von Mary's Eltern un⸗ terbrochen. Sir Richard Powell, der würdige Schwiegervater Milton's und ſeine Gattin ſtatteten ihren längſt verſprochenen Beſuch in London ab. Er hatte auf ſeiner Reiſe York beſucht und den König geſehen. Sein loyales Herz ſtrömte von Anhänglichkeit und Treue für Karl und ſeine Sache über. Der ehrliche Gutsherr und Friedensrichter von Foreſthill machte aus ſeiner Geſinnung kein Hehl. — Wie lange wird es dauern, fragte der loyale Gentleman, und der König hat wieder Oberwaſſer und kommt nach London zurück. Ich bin in York geweſen und habe ihn mit meinen eigenen Augen geſehen, er war ſo freundlich und herablaſſend, daß ich gleich für ihn mein Schwert gezogen hätte, wenn ich nicht ſchon zu alt wäre. So wie ich, denkt das ganze Land mit Ausnahme der verwünſchten Hauptſtadt, aber auch die wird bald zu Kreuz kriechen, wenn erſt Ernſt gemacht wird. Bis jetzt iſt der König noch viel zu nachſichtig und gnädig. Wäre ich wie er, ich wüßte was ich thäte. Ich riefe alle treuen Freunde zuſammen und marſchirte geradezu auf das verfluchte Neſt. Dort langte ich mir die paar Rebellen und Schreier, die ließ ich auf⸗ knüpfen und dann hätte die ganze Geſchichte ein Ende. Milton begnügte ſich, die beſchränkten Anſichten des wackeren Squire ruhig entgegenzunehmen, doch als derſelbe ſeinen Schwieger⸗ ſohn förmlich zur Rede ſtellte und beſonders wegen ſeiner Schrift gegen die biſchöfliche Autorität heftig tadelte, brach er auch ſein Still⸗ ſchweigen und trat dem Schwiegervater mit männlicher Würde ent⸗ gegen. Es kam zu einem heftigen Wortwechſel, welcher mit der ſchleu⸗ nigen Abreiſe Sir Richard's endete. Mary's Mutter jedoch ließ ſich auf Zureden der Tochter beſtimmen, noch einige Tage in dem Hauſe Milton's zu verweilen. Frau Powell benutzte redlich dieſe Zeit, um als ächte Schwiegermutter ſo viel Unkraut als möglich in dem jungen Hausweſen auszuſäen, ſie beſtärkte Mary in ihrem Widerſtand und — 350— in allen möglichen Launen. Nie verſäumte ſie eine Gelegenheit, um Milton in den Augen ſeiner Gattin herabzuſetzen, ihn wegen ſeines zurückgezogenen Lebens zu tadeln und wegen ſeiner politiſchen Mei⸗ nungen zu verſpotten. Mary gehörte unglücklicher Weiſe zu den leicht beſtimmbaren Charakteren und wurde von ihrer Mutter daher voll⸗ ſtändig beherrſcht und geleitet. Die Lehren derſelben fielen auf einen fruchtbaren Boden und wucherten im Stillen. Zum Abſchied lud Frau Powell ihre Tochter dringend ein, die Sommermonate in Foreſthill zuzubringen. — Dort wirſt du, ſagte die würdige Matrone, dich erholen und zerſtreuen können. Wenn es dir in London und bei deinem Manne nicht gefällt, findeſt du noch immer eine Zuflucht im Vaterhauſe. Da giebt es zwar keine Bücher und keine gelehrten Geſpräche, aber ein derbes Stück Rindfleiſch mit ſchäumender Ale und eine luſtige Com⸗ pagnie von Freunden und Verwandten, die ſich freuen werden, dich wieder einmal zu ſehen. Mit dieſem Seitenhiebe auf Milton nahm die Schwiegermutter ihren Abſchied, bald folgte Mary ihrem Rathe und bat Milton um die Erlaubniß, einige Wochen in ihrem elterlichen Hauſe verleben zu dürfen. Gerne gewährte er ihre Bitte und geſtattete ihr bis Michaelis zu bleiben, obgleich durch ihre Abweſenheit ſein eigenes Hausweſen leiden mußte. Er ſelber hoffte von dieſer Entfernung einen günſtigen Einfluß für ſich und ſeine Frau. Wenige Tage nach ihrer Abreiſe wurde er durch die Ankunft ſeines Vaters überraſcht. Der alte Mann hatte ſich mit ſeinem jüngeren Sohne Chriſtian, einem Rechtsgelehrten und königlich Geſinnten in Reading niedergelaſſen, hielt es aber beim Ausbruche der Feindſeligkeiten zwiſchen Karl und dem Parlamente für gerathener, ſeine Zuflucht in London und in dem Hauſe Milton's zu nehmen. Er fand bei ſeinem Sohne die zärtlichſte und ehrerbietigſte Aufnahme. Durch dieſen Zuwachs ſah ſich Milton veranlaßt, die Rück⸗ kehr ſeiner abweſenden Gattin zu beſchleunigen. Mary aber ſchien kei⸗ neswegs geneigt, ſeinem Wunſche bald zu entſprechen, ſie gefiel ſich überaus gut unter dem Dache ihres Vaters, wo es ihr nicht an Zer⸗ ſtreuungen fehlte. Ihre Brüder und nächſten Anverwandten hatten die Partei des Königs ergriffen, für den ſich damals wieder neue und beſſere Ausſichten eröffneten. 8 n ——— en Auf Karl's Aufforderung ſtrömte der Adel aus der Umgebung von York und aus den benachbarten Grafſchaften herbei, um ſich um ſeine Perſon zu ſchaaren. Allmälig bildete ſich ein vollſtändiges Hof⸗ und Heerlager um ihn, ſeine Miniſter Falkland, Hyde und Colpeper waren von London eingetroffen, ihnen folgten vierzig Mitglieder des Oberhauſes und auch viele ſeiner Anhänger unter den Gemeinen ſchloſſen ſich ihnen an. Von allen Seiten kamen Gutsbeſitzer, verab⸗ ſchiedete Offiziere und Cavaliere mit ihren Fähnlein angezogen, zwar fehlte dieſen Soldaten nichts weniger als Alles, nämlich Waffen, Klei⸗ dung, Munition und beſonders die nöthige Disciplin, aber dafür brachten ſie vielen guten Muth und warmen Eifer mit. In den Straßen von York herrſchte ein buntes und lautes Leben und Treiben. Höflinge und Soldaten drängten ſich an allen Orten, die Wirths⸗ häuſer waren voll von Gäſten und luſtigen Zechern, welche auf das Wohl des Königs tranken. Die Kavaliere ließen ihre langen Stoß⸗ degen auf dem Pflaſter niederraſſeln und die Höflinge erhoben von Neuem ihr Haupt mit Stolz. In den Schenken wurden Spottlieder gegen das Parlament, die Schotten und Puritaner geſungen, gelärmt und geprahlt. Der alte Uebermuth der Cavaliere ſchien zurückgekehrt zu ſein und machte ſich in allerlei muthwilligen Aeußerungen und Scherzen Luft. Obgleich die Königin noch in Holland verweilte, wo ſie durch den Verkauf ihrer Juwelen das nöthige Geld zur Beſorgung der Truppen und zur Herbeiſchaffung von Munition aufzutreiben be⸗ müht war, hatten ſich doch die meiſten ihrer früheren Höflinge und Anhänger in York eingefunden. Der ſchöne Percy, der liederliche Wilmot, Aſhburnham und O'Neale hatten ihren Verſteck verlaſſen, Jermyn war aus Frankreich zurückgekommen und auch Thomas bei der erſten Nachricht von den beginnenden Feindſeligkeiten aus Wales herbeigeeilt. Alle dieſe jungen Leute freuten ſich auf den bevorſte⸗ henden Feldzug, den ſie wie eine luſtige Abwechslung in ihrem Leben betrachteten.é Selbſt an Frauen fehlte es nicht an dem neuen Hof⸗ lager und die Cavaliere verſprachen Wunder von Tapferkeit unter den Augen ihrer Schönen zu thun. Die Damen waren durchaus nicht müßig, außer den gewöhnlichen Hof⸗ und Liebesintriguen knüpften ſie Verbindungen mit den einflußreichſten Perſonen in London an, um dieſe für die königliche Sache zu gewinnen. — 3522— Bei der erſten Nachricht von Thomas Rückkehr hatte ſich Lucy Henderſon nach York begeben. Mit einem Freudenſchrei ſtürzte ſie in die Arme des Geliebten, der nicht wenig überraſcht von ihrer Ankunft war. Sie bemerkte nicht ſeine Verlegenheit, nicht die Kälte, womit er ſie empfing, da noch immer das Bild der abweſenden Königin ſein Herz erfüllte. Nach dem erſten Freudenrauſch von ihrer Seite ſuchte er ſie ſo bald als möglich wieder zu entfernen, er ſtellte ihr vor, daß ſie unmöglich in York, in der Nähe des Hofes und in Mitten des Lagers bleiben könnte. Sie aber ließ nicht ab, ihn durch Bitten und Thrä⸗ nen zu beſchwören. — Ich will ja gern, ſagte ſie, ihn feſt umklammernd, mich vor aller Welt verborgen halten, da ich weiß, daß meine Anweſenheit dir vielleicht manche Unannehmlichkeit bereiten kann. Du haſt, ſeit⸗ dem Billy Green dich verlaſſen, keinen Diener, laſſ' mich dein Die⸗ ner ſein. — Das geht nicht an. — O, dafür laſſ' mich ſorgen. Ich habe bereits daran gedacht, und mir einen Knabenanzug beſorgt, den ich ſogleich anlegen will. Sie nahm aus dem kleinen Bündel, das ſie mitgebracht, ein zierliches Wamms und einen Hut. In wenig Augenblicken hatte ſie ſich umgekleidet und erſchien in der Tracht eines Pagen. Der eng anſchließende Anzug hob ihre ſchlanke Geſtalt auf das Vortheilhafteſte hervor, und Thomas konnte ſich nicht enthalten, ſie in dieſer verän⸗ derten Geſtalt zu bewundern. Und nun, fügte ſie lächelnd hinzu, wirſt du mich nicht mehr fort⸗ ſchicken. Kein Menſch ſoll mich erkennen, und du wirſt an mir einen treueren Diener, als in Billy haben.* — Ich fürchte nur, daß du die Beſchwerden nicht ertragen wirft. Wir werden ſchon in wenig Tagen aufbrechen und den Feind angreifen. — Meinetwegen ſei ganz unbeſorgt. Ich kann alle Beſchwerden aushalten, wenn ich ſie mit dir theilen darf. Von nun an gehe ich nicht mehr von deiner Seite. Ich werde mit dir ziehen und ſei es bis an's Ende der Welt; ich will dich pflegen, alle Gefahren mit dir tragen, im Kampfe dir beiſtehen, und wenn du verwundet werden ſollteſt, nicht von deinem Lager weichen. Alles, Alles will ich ja ——V—B—ꝛ—x—ꝛ·ꝛ—:—:— —ę—ęę— gern thun, nur verſtoße nicht deine arme Lucy, die für Dich Alles geopfert hat, und außer dir Niemand auf der Welt beſitzt. Gerührt von ihrer aufopfernden Liebe und von ſo großer hinge⸗ bender Treue vermochte auch Thomas nicht länger zu widerſtehen und behielt Lucy in ſeiner Nähe. Niemand erkannte ſie in dieſer neuen Verkleidung, und ſie galt allgemein für den Pagen ihres Herrn. Unterdeß wurden die Ereigniſſe immer ernſthafter und drohender Der König hatte ſeine Vorbereitungen zum Kriege ſo weit beendet, daß er ſeine Standarte am neun und zwanzigſten Auguſt aufpflanzen ließ. Es war ein ſtürmiſcher Abend, die Sonne ging in blutigen Wolken unter. Karl erſchien in Begleitung ſeiner getreueſten Anhän⸗ ger auf dem Schloßhügel von York, eine große Menſchenmenge hatte ſich außerdem eingefunden, um dem Schauſpiele zuzuſehen. Der Mar⸗ ſchall Verney trug die Fahne, welche das königliche Wappen und ein. Hand zeigte, die auf die Krone mit der Unterſchrift deutete:„Gebe dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt“. Der Grund war ſo ſteinigt, daß man nur mit Mühe ein Loch in die Erde graben konnte, um die Stange zu befeſtigen. Alle Anweſenden waren von dem folgenreichen Schritte tief ergriffen, und auch der König ſah noch düſterer, als gewöhnlich aus. Selbſt die vorlauten Cavaliere wagten keinen Scherz; es überſchlich ſie, wie eine Ahnung, der kommenden Leiden. Das tiefe Schweigen wurde nur durch das Schmettern der Trompeten und das dumpfe Raſſeln der Trommeln unterbrochen. Ein Herold verlas mit lauter Stimme die Kriegserklärung gegen das rebelliſche Parla⸗ ment. Am Schluſſe der Verleſung nahmen Alle ihre Hüte ab und riefen:„Gott ſegne den König!“ In derſelben Nacht erhob ſich der Sturm mit erneueter Gewalt und warf die nur ſchlecht in den ſteinigten Boden eingerammelten Fahne zu Boden. Dieſer Umſtand wurde von den abergläubigen Anhängern Karls als ein Zeichen von übler Vorbedeutung angeſehen. D. B. XII. Milton u. ſeine Zgeit.. 23 16. Der Sommer neigte ſich zu Ende und Mary war noch immer nicht in das Haus ihres Gatten zurückgekehrt. Seine wiederholten Aufforderungen und Briefe ließ ſie unbeantwortet. Ihre Eltern tru⸗ gen jedoch zum größten Theil die Schuld dieſes unverzeihlichen Be⸗ nehmens. Seitdem der König ſeine Fahne in York aufgepflanzt hatte, ſchien das treuloſe Glück ihm wieder zu lächeln. Schneller und beſſer gerüſtet, von kriegskundigen Offizieren umgeben, hatte er einige nicht unbedeutende Vortheile in kleineren Scharmützeln und Treffen über ſeine minder geübten Gegner davon getragen. Seine Anhänger, zu denen auch Sir Powel gehörte, erhoben jetzt ſtolz ihr Haupt und gingen von der tiefſten Niedergeſchlagenheit zum höchſten Uebermuthe über. Die Familie von Milton's junger Frau fing an zu bereuen, daß ſie ihre Tochter mit einem Manne verbunden, der offen ſich zur Oppoſition bekannte, und wegen ſeiner Schrift gegen die Biſchöfe das Mißfallen des Hofes erregt hatte. Sie fürchteten, daß eine derartige Verbindung einen Schatten auf ihre loyale Geſinnung werfen und die Ehre ihres Wappens beflecken könnte. Auch der Eigennutz ſpielte dabei keine unbedeutende Rolle, da ſie als treue Anhänger des Kö⸗ nigs, wenn dieſer vorausſichtlich ſeine Macht wiedererlangte, Beloh⸗ nungen und Beförderungen für ſich erwarten durften.. Mary war ſchwach genug, um den Einflüſterungen der Ihrigen Gehör zu geben, obgleich ſie ihren Gatten noch immer liebte. Die Briefe Milton's wurden von ihrer Mutter ihr abſichtlich verhehlt und unterſchlagen, ſo daß ſie in dieſer Beziehung weit weniger ſchuldig war, als es den Anſchein hatte. Zuweilen überkam ſie wohl auch der Gedanke an ihre Pflicht, und ſie nahm ſich ernſtlich vor, nach London und zu ihrem Manne zurückzukehren, aber dieſe beſſeren Vorſätze wurden im Keime durch ihren eigenen Leichtſinn und durch die Abmahnungen ihrer Eltern erſtickt. Milton's Stolz war auf das Empfindlichſte verletzt; er wollte noch einen Verſuch machen, um ſeine ungehorſame Gattin zu ihrer Pflicht zurückzuführen. Zu dieſem Zwecke wandte er ſich an ſeinen Freund Overton mit der Bitte, ſich nach Foreſthill zu begeben und Mary abzuholen. Dieſe Wahl war keine glückliche; die junge Frau hatte ſtets einen Widerwillen gegen den wr — -— 355— ernſten, faſt finſteren Freund ihres Mannes. Wäre Milton ſelbſt⸗ gekommen, ſo hätte ſie ſicher nachgegeben und wäre ihm gefolgt. Jetzt empfing ſie ſeinen Abgeſandten mit einer faſt an Verachtung gränzen⸗ den Kälte. — Ich komme im Auftrage meines Freundes, ſagte Overton zu ihr, ſobald er ſich mit ihr allein ſah. Euer Gatte fühlt ſich durch Euer Betragen auf das Schmerzlichſte verletzt, und fordert dringend Eure Nüastehr⸗ Ich werde kommen, wenn es mir gefällt, entgegnete Mary trotzig. — Bedenkt, was Ihr thut. Ihr ſeid Eurem Manne Gehorſam ſchuldig, ſowohl nach menſchlichen, wie nach göttlichen Geſetzen. — Spart Eure Predigt für Eure Conventikel, wir bedürfen hier derſelben nicht. — Ich will Euch gern um meines Freundes Willen Eure Rede verzeihen. Doch vor allen Dingen fordere ich eine beſtimmte Ant⸗ wort, ob Ihr mir folgen wollt oder nicht. Mary überlegte und ſchwankte; wahrſcheinlich wäre ſie ihrer beſſeren Natur und einer m lderen Eingebung gefolgt, wenn nicht ihre Mutter das Zwiegeſpräch durch ihren ungeſtſunen Eintritt unter⸗ brochen hälte. — Meine Tochter, ſchrie Frau Powel im gebieteriſchen Tone, der ihr bereits zur Gewohnheit geworden war, bleibt hier; ſie kehrt nicht mehr zu dem Bücherwurm, zu dem Duckmäuſer zurück, der weder Reſpekt vor dem Könige, noch Achtung vor den ehrwürdigen Biſchö⸗ fen hat. Sagt ihm nur, daß er eine junge Frau nicht brauchen kann, weil er ſeine verſchimmelten Pergamente und ſeine ſauberen Freunde ihrer Geſellſchaft vorzieht. Mary hat ebenfalls keine Sehn⸗ ſucht nach dem vertrockneten Stubenhocker und ſeinen Büchern. Das arme Weib lebt erſt hier wieder auf, denn in London hat ſie nicht einmal ſatt zu eſſen bekommen. — Aber Mutter, wandte die junge Frau ſchüchtern ein. — Laſſ' mich nur reden, ich will dieſem Herrn einen ordentlichen Beſcheid ſagen. Mein Kind iſt zu gut für einen Schulmeiſter, der vom Unterricht ſchmutziger Buben nur mit Noth ſein Leben friſtet. Unſere Familie iſt hochgeachtet im ganzen Lande, und ſelbſt der Kö⸗ nig, den Gott erhalten möge, kennt uns. Statt die Ehre zu würdi⸗ 1 23* — 3566— gen, die wir ihm durch dieſe Verbindung angethan, macht uns der ſaubere Herr Milton nur Schande und einen ſchlimmen Ruf in der ganzen Nachbarſchaft. Mein braver Mann rauft ſich die grauen Haare über das Benehmen aus, und ſein loyales Herz blutet bei dem Ge⸗ danken an einen ſolchen Schwiegerſohn; wo er hinkommt, muß er von dem verwünſchten Skribler und ſeinen verwünſchten Skribeleien hören. Beim Himmel! ich verfluche die Stunde, wo er unſer Haus betreten, und wo Mary dieſem Bettler ihre Hand gereicht hat. — Und doch, entgegnete Overton gereizt, hat dieſer Bettler Eure Tochter ohne Ausſteuer in ſein Haus genommen, und das verſprochene Heirathsgut von tauſend Pfund weder gefordert, noch erhalten. — Tauſend Pfund! ſchrie Frau Powel bei Erwähnung dieſer Thatſachen, die ſie nicht ableugnen konnte. Tauſend Pfund! tauſend Hiebe ſollte er von uns bekommen für die ſchlechte Behandlung, die er unſerer Tochter zukommen ließ. Seht einmal an, tauſend Pfund für einen ſolchen Lumpen. Vergebens ſuchte Mary den Zorn ihrer Mutter zu beſchwichtigen; das wüthende Weib hatte alle Rückſicht bei Seite geſetzt, und über⸗ ließ ſich ganz den Ausbrüchen einer heftigen und gemeinen Natur. — Ich verfluche dich, rief ſie laut, wenn du nur den Gedanken hegſt, zu dieſem Milton zurückzukehren! und nun, mein Herr, wißt Ihr Euren Beſcheid, gebt ihn Eurem Freund, und je früher Ihr es thut, deſto lieber ſoll es mir ſein. Hier habt Ihr ohnehin nichts mehr zu ſuchen. Trotz dieſer Abfertigung hielt es Overton für ſeine Pflicht, aus Mary's eigenem Munde eine Antwort zu hören; ſie ſtand indeß ſo vollſtändig unter der Herrſchaft ihrer Mutter, daß ſie dieſer nicht zu widerſprechen wagte. — Sagt meinem Manne, entgegnete ſie ihm ausweichend, daß ich noch einige Zeit bei meinen Eltern zu bleiben gedenke. Ohne ſie eines Blickes oder Wortes ferner zu würdigen, entfernte ſich Overton, kaum jedoch, daß er gegangen war, empfand ſie die bitterſten Gewiſſensbiſſe, und ſie wäre 4 am liebſten nachgeeilt. Es war zu ſpät, und nur ein ohnmächtiger Thränenſtrom bezeugte ihre Reue und weibliche Schwäche. Bald war auch dieſer vertrocknet, und ihr roſt ges Geſicht lachte in kindiſcher Freude, als ihr die Mutter „ — 357— einige Schmuckſachen, die ſich die Tochter ſchon längſt gewünſcht, zum Geſchenk machte, um ſie zu tröſten. Mit Ungeduld erwartete Milton die Rückkehr ſeines Freundes. Als dieſer ihm vollſtändigen Bericht über die mißglückte Sendung und das Benehmen Mary's abſtattete, ergriff ihn ein tiefer Slhmerie der einem noch größeren Zorne Platz machte. — Wohlan! ſagte er nach einem kurzen Kampfe. So bleibt mir nichts übrig, als Scheidung. — Daran kennt Ihr nicht im Ernſte denken, da aach kirchlichen und bürgerlichen Geſetzen die Eheſcheidung bei uns faſt zur Unmög⸗ lichkeit geworden iſt. — Um ſo mehr muß jeder Mann daran denken, dieſen unnatür⸗ lichen Zwang zu beſeitigen. Nicht die Geſetze, ſondern nur die Ge⸗ wohnheit haben uns dieſes Joch aufgelegt. Obgleich ſich natürlich die Tugend als theoretiſch ſehr beredſam und das Gewiſſen als eine kräf⸗ tige Stütze derſelben in den einfachen Beziehungen des Geiſtes erweiſ't, ſo hält man doch das Herkommen in den meiſten Fällen ſtillſchwei⸗ gend für den beſten Zunft⸗ und Lehrmeiſter, ungeachtet dasſelbe jeden Stand und Lebensberuf mit niedrigen und knechtiſchen Grundſätzen durchdringt, und den hohen, gottähnlichen Geiſt des Menſchen weit unter die Stufe herabwürdigt, auf welche ihn Gott berufen, oder die Sünde erniedrigt hat. Gewöhnung und Herkommen ſind aber nur ein bloßer Schein, wie das Echo ein bloßer Schall, und ſuchen des⸗ halb in ihrer Unſelbſtſtändigkeit eine dauernde Verbindung mit dem Irrthum, welcher als blindes, kopfloſes, ſchlangenähnliches Weſen willig das ihm Fehlende ſich aneignet, und jenen dasjenige dafür bietet, was ſie vermiſſen. So kommt es, daß Irrthum das Herkom⸗ men und die Gewohnheit unterſtützt und die Gewohnheit den Irrthum unterhält. Wer ſie bekämpft, muß ſich allerdings auf Widerſpruch und Verläumdung gefaßt machen. Iſt doch die Wahrheit körperlich ſo wenig zu erfaſſen, wie der Sonnenſtrahl; und erwartet ſie doch bei ihrer Geburt das Schickſal, der Welt nur als Baſtard und zur Schmach deſſen zu erſcheinen, Keelcher ſie hervorgebracht, bis endlich die Zeit, welche eher die Hebamme, als die Mutter der Wahrheit iſt, das Kind gereinigt, gebadet und für legitim erklärt hat. — 358— — Ich fürchte nicht nur den Widerſpruch, auf den Ihr ſicher ſtoßen werdet, ſondern weit mehr die Zügelloſigkeit der Gottloſen, die ſich auf Euer Beiſpiel berufen werden, wenn ein Mann, wie Ihr, das Inſtitut der Ehe angreift. — Die Böſen ſaugen, gleich den Spinnen, auch aus den un⸗ ſchuldigſten Blumen Gift. Dieſe Bedenklichkeit darf uns jedoch nicht abhalten, die Wahrheit auszuſprechen, daß nämlich maßvolle Freiheit der größte Feind maßloſer Ungebundenheit iſt. Ich halte die Frage der Eheſcheidung als eine der bedeutendſten für die bbürgerliche Ge⸗ ſellſchaft, obgleich ihr lange noch nicht die gebührende Aufmerkſamkeit geſchenkt wird, die ſie verdient. In der That ſind die menſchlichen Neigungen ſo beſchaffen, daß wir zwar geneigt ſind, nach der Ent⸗ deckung werthloſer Neuigkeiten zu forſchen, dagegen bei den Verhand⸗ lungen einer ſchwierigen Frage, die ſich auf die Aufhebung eines un⸗ vernünſtigen Unrechts und die Erleichterung unſerer Mitmenſchen von einer ihr Leben bedrückenden Laſt bezieht, unglaublich kalt, gleich⸗ gültig und dem Gefühl der Gemeinſamkeit entfremdet bleiben, den einzigen Fall ausgenommen, daß wir ſelbſt dabei intereſſirt ſind.— Welche Einrichtung iſt aber mehr beſtimmt, zum Troſte und zum Ge⸗ nuſſe des Menſchen, als die Ehe? Und doch hat das Mißverſtändniß einiger Bibelſtellen des neuen Teſtaments den Segen der Ehe nicht ſelten zu einem hartnäckigen Fluche des Familienlebens gemacht, und ſo die Natur derſelben verändert.— Keinen Platz gibt es im Him⸗ mel und auf Erden, mit alleiniger Ausnahme der Hölle, wohin nicht die Liebe dringe, und die Ehe dieſes Inſtitut zu unſerem Glück, die⸗ ſes Heilmittel unſerer Verlaſſenheit, ſoll der Liebe und Milde baar bleiben, ohne den Frieden, welcher den Ernſt dieſer wohlthätigen An⸗ ordnung bedarf, ohne ein anderes Heilmittel gegen die innerhalb der⸗ ſelben mögliche geiſtige Einſamkeit. Derjenige, der heirathet, beab⸗ ſichtigt ebenſowenig den Untergang ſeiner Selbſtſtändigkeit, wie der⸗ jenige, welcher den Vaſalleneid leiſtet, und dasſelbe Verhältniß, welches zwiſchen einem ganzen Volke und einer ſchlechten Regierung beſteht, waltet zwiſchen dem Individuum und einer unglücklichen Ehe ob. Wie die ganze Nation, geſtützt auf das allerhöchſte Geſetz der Liebe gegen die Autorität und das Vertragsverhältniß Leben und Freiheit aus unwürdigen Ketten retten darf, eben ſo gut darf auch der — — 359— Einzelne aus einem privatrechtlichen Vertragsverhältniſſe, welches nie⸗ mand zu ſeinem Elende doch eingehen wird, ſich ſelbſt von unerträg⸗ lichen Leiden befreien, und ſo die Achtung des Friedens und eine ge⸗ rechte Selbſtgenugthuung ſich verſchaffen, denn keine Art von Tyran⸗ nei laſtet ſchwerer auf dem Gemeinweſen, als dieſes häusliche Unglück auf der Familie. Eine Verbeſſerung im Staatsweſen kann man un⸗ möglich fordern, ſo lange noch ſolche Uebel, wie dieſe, innerhalb der Häuslichkeit unbeachtet und ohne Rückſicht bleiben. An ihrer Abhülfe hängt nicht allein das geiſtige und leibliche Leben unſerer erwach⸗ ſenen Mitmenſchen, ſondern die freie und ſorgſame Erziehung unſerer Kinder. — Ich bezweiſle nicht die Richtigkeit Eurer Anſichten, doch ſtehen dieſelben mit den Lehren und Grundſätzen der Kirche in Widerſpruch. Dieſe erkennt nur den Ehebruch als den einzigen Grund der Schei⸗ dung an. — Und doch ſind Vernunft und Billigkeit von vornherein dagegen, daß irgend ein Geſetz und Vertrag, wie feierlich und beſtimmt derſelbe auch ſein mag, dem urſprünglichen und hauptſächlichen Zweck ſeiner Einrichtung ent⸗ gegen, binden kann. Was Gottes Hauptzweck bei der Erſchaffung des Weibes zur Vereinigung mit dem Manne geweſen, beſagen ſeine eigenen Worte, die uns in untrüglicher Weiſe davon unterrichten, was die Ehe iſt, und was keine Ehe iſt.„Es iſt nicht gut, ſagt er, daß der Menſch allein ſei, ich will ihm eine hülfreiche Gefährtin ſchaffen.“ Aus dieſen ſo klaren Worten kann und iſt auch wirklich von gelehrten Erklärern nichts anders geſchloſſen worden, als daß nach der Abſicht Gottes ein hülfreicher und glücklicher Verkehr des Geiſtes der wichtigſte und edelſte Zweck der Ehe iſt, denn wir finden an den genannten Stellen keinen Ausdruck, der die bürgerliche Vereinigung ſo nothwendig in ſich ſchlöſſe, wie die Verhinderung einer geiſtigen Vereinſammung der menſchlichen Seele. Auch zeigt ſich wirklich bei allen in der Ehe lebenden Perſonen von edlerem Charakter, daß wo Geiſt und Gemüth übereinſtimmen, irgend ein körperlicher Mangel und Fehler leichter zu ertragen iſt, als wenn der Geiſt zum Geiſte in einem niemals anzunähernden Verhältniſſe ſteht, der Körper dagegen ganz tadellos gebaut iſt; und zwar aus dem einfachen Grunde, weil jeder ſinnliche Genuß in einem ſolchen Falle ſehr bald zur Ueberſättigung und Abneigung führen 4 — 369— muß.— Eine ſolche Iſolirung des Menſchen, welche Gott namentlich und ausdrücklich durch die Ehe zu verhindern beabſichtigte, ſoll ohne Heilmittel bleiben und iſt doch offenbar ein ſchlimmerer Zuſtand als das einſamſte Leben eines Unverheiratheten, denn in dem Letzteren iſt der Mangel und die Entbehrung einer Gehülfin möglicher Weiſe noch Grund, um aus ſich ſelber Troſt zu ſchöpfen, oder nach einer Ver⸗ beſſerung mit Erfolg zu ſuchen, wogegen in der Ehe der beſtändige Anblick getäuſchter Hoffnungen, die niemals wieder belebt werden kön⸗ nen, unzweifelhaft und ganz beſonders bei einem zum Ernſt geneigten Gemüthe, Betrübniß und Schmerz zu einem ſolchen Grade Tag für Tag erneuern, wie ihn die Verdammten fühlen müſſen. — Darum ſoll der Wahl auch die ſorgfältigſte Prüfung voran⸗ gehen und wer ſich zu heirathen entſchließt, mit der größten Ueber⸗ legung zu Werke gehen. — Bei aller möglichen Sorgfalt und Vorſicht iſt der Irrthum in allen menſchlichen Angelegenheiten darum nicht ausgeſchloſſen. Grade die überlegteſten und ruhigſten Männer haben in derartigen Verhält⸗ niſſen am wenigſten praktiſche Erfahrung. Daraus folgt aber noch nicht, daß jemand eines entſchuldbaren Irrthums wegen für ſein ganzes Leben das Glück verſcherzt haben ſoll.— Die Ehe iſt eine rechtliche Vereinigung, deren wahres Weſen nicht in äußerer Nöthigung zum Zuſammenleben und nicht in einer erzwungenen Reihe von Pflichten, ſondern in ungeheuchelter Liebe und Harmonie zu ſuchen iſt. Ich weiß nicht, ob ihr die Parabel der alten Weiſen kennt, die mir hierher zu paſſen ſcheint. — Ich erinnere mich nicht und will ſie gern aus Eurem Munde hören. — CEros, der Gott der Liebe, hat, wenn nicht einen Zwillings⸗ bruder, doch einen ihm auffallend ähnlichen Bruder, Namens Anteros, die Gegenliebe. Während er dieſen, von inniger Neigung getrieben, aufſucht, trifft es ſich, daß er auf viele falſche Schattenbilder, die einſam unter der angenommenen Geſtalt ſeines Bruders herumwandeln, häufig ſtößt. Durch ſie wird Eros öfters getäuſcht, da er, wenn auch nicht der falſchen dichteriſchen Anſchauungsweiſe nach völlig blind, doch nur ein Auge beſitzt. Er iſt nämlich mit einem des Zielens wegen geſchloſ⸗ ſenen Auge als Bogenſchütze geboren und ſein anderes Auge iſt in 8 xp 0 der irdiſchen Dunkelheit nicht ſehr ſcharfblickend. Deshalb und weil er außerdem von Natur unſchuldsvoll und leichtgläubig iſt, verbindet ſich Eros mit jenen Schattenbildern, als wären ſie ſeiner Mutter rechte Söhne, wofür er ſie um ſo leichter halten kann, als ſie ſich beſtändig auf der nicht ſehenden Hälfte ſeines Geſichts aufhalten. Wenn er ſich jedoch nach einiger Zeit, wie es ſeine Art iſt, auf die hohe Warte einer reineren Region aufſchwingt, dann erſt erkennt er mit den pfeil⸗ ſcharfen Blicken ſeines hellen Auges die ihm widerfahrene Täuſchung, durchſchaut die ihm vorgeſpiegelten Maske und erkennt, daß ſie nicht ſein wahrer Bruder ſind, wie er geglaubt. Außer Stand, die Geſell⸗ ſchaft ſolcher Weſen länger zu ertragen, verlieren ſeine Pfeile plötzlich ihre goldene Spitze und entfiedern ſich ihrer Purpurfedern; ſeine ſeiden⸗ weiche Locken löſen ſich auf aus ihrer Verflechtung und ſeine feurige, ihm durch das Schickſal gewährte Kraft erliſcht, ſo daß er ſeiner Kräfte beraubt entgöttlicht zuſammenſinkt. Endlich findet er den wahren Anteros und entzündet an den Ausſtrahlungen eines gleichartigen und verwandten Feuers die faſt verſchwundene Flammennatur ſeiner Gottheit wieder, ſo erhält er ſeine frühere Macht zurück.— Alſo lautet die Dichtung und wahrlich es liegt kein bloßer Liebesroman darin, ſondern die tiefe und ernſte Wahrheit, welche uns lehrt, daß Liebe ohne Gegenliebe in der Ehe nicht beſtehen kann, und daß dieſe letztere, wenn keine Liebe vorhanden, ein leerer Schein und eine bloße Aeußerlichkeit iſt. Overton hatte beifällig die Parabel angehört, trotzdem erhob er immer wieder von Neuem Einſpruch gegen den Entſchluß Milton's, ſich von Mary ſcheiden zu laſſen. Dieſer dagegen beharrte dabei und fuhr fort den Freund durch ſeine Gründe zu überzeugen. — Es giebt, ſagte er, im Verlaufe des Geſpräches, keine größere Entſtellung der Naturgeſetze, keine größere Gewaltthätigkeit gegen die⸗ ſelben, als eine Vereinigung von Characteren erzwingen zu wollen, die in der Wirklichkeit unvereinbar ſind, und in die menſchliche Natur die Saat zuſammenhangsloſer und wiederſtrebender Neigungen abſichtlich hineinzuſtreuen. Meiſtens zeigt die tägliche Erfahrung, daß Liebe und Haß im Menſchen ſowohl wie in allen andern lebenden Weſen, eine verborgene an und für ſich natürliche, ja ſittliche Wirkung offenbaren. Was die Urſache davon iſt, ob angeborner Genius oder ein eigenes — 362— Verhältniß, oder ein überirdiſcher Einfluß, oder die elementare Miſchung hierunten, ob alles dies für ſich allein oder in ſeinem Zuſammenhange aufzufaſſen iſt, dies zu erklären, reicht mein Wiſſen und meine Philo⸗ ſophie nicht aus. So viel ſteht indeß feſt, daß es von Hauſe aus in der Natur eine zwiefache Kraft giebt, aus welcher Liebe und Haß entſpringen, von welcher her die ganze Maſſe der erſchaffenen Dinge durchſtrömt wird, daß es Gottes Wille iſt, das Gleiche und Har⸗ moniſche in ſeiner Schöpfung zuſammenzuführen, ausgenommen, wenn etwa aus zwei zu eigener Zerſtörung erſchaffnen Gegenſätzen ein drittes Weſen entſtehen ſoll. Erkennt man ferner an, daß nur Irrthum oder ein böſer Engel zwei unglücklich verheirathete Perſonen verblendet und zuſammengeführt hat, indem er ſie abſichtlich unter falſchen Vorſpie⸗ gelungen einſchläferte, um dann zum Kampf auf Tod und Leben wieder zu erwachen, wenn Niemand mehr zurück kann und alle Verſuche der Einigung und Verſöhnung fruchtlos bleiben müſſen; ſo iſt es ge⸗ wiß die größte Thorheit, in dem Kampfe gegen unüberwindliche Urſachen und Wirkungen ſo lange zu verharren, bis in dem Streite zwiſchen zwei feindlichen Gegenſätzen unſere ſchönſten Tage zerſtört werden oder in bin⸗ raffender Betrübniß enden. Wenn körperliche Entſtellung und Häßlich⸗ keit ſo leicht Abneigung erzeugen und die Sympathie in der Ehe zerſtören kann, wie viel mehr muß ſich dann geiſtige Zwietracht und Mangel an Uebereinſtimmung allen Fähigkeiten und Verrichtungen des Lebens mittheilen. Was iſt das Leben noch ohne Kraft und Tüchtig⸗ keit des Geiſtes? Wie kann dasſelbe zum Nutzen des Einzelnen oder des Gemeinweſens verwendet werden? Nichtsdeſtoweniger ſoll es er⸗ niedrigt, entwerthet und nur dazu beſtimmt ſein, unter ſchwerem Drucke zu verfaulen, bloß um der abergläubiſchen und ganz unmög⸗ lichen Erfüllung unglücklich eingegangener Verbindlichkeiten zu genügen. Nicht wenn zwei unglücklich vereinigte Perſonen durch kirchliche Rechts⸗ ſätze gezwungen werden, unter hartem Joche ein ſchweres Tagewerk der Sorge ſo lange zu verbringen, bis ſie der Tod befreit, nicht dann erhält das Geſetz die Ehe rein von Entheiligung, ſondern dann, wenn es ſich bemüht, die Ehe verantwortlich und ſchuldpflichtig zu machen für die Erfüllung jener religiöſen bürgerlichen und leiblichen Gemein⸗ ſchaft, welche man in ihr ſuchen darf. Damit die Ehe unauflöslich wird, mache man ſie zur gerechten und unparteiiſchen Form des Ver⸗ — 5 —-— — — .— 363— kehrs und zu einer Erfüllung der ſchuldigen Hülfsleiſtungen, welche der ihr zu Grunde liegende Vertrag erheiſcht. Ohne dies iſt ſie ein ungerechtfertigtes Verhältniß und des geſetzlichen Schutzes eben ſo wenig würdig, als der gemeinſte Betrug, Fälſchung oder Tiebſtahl. Hüten wir uns daher, für das Menſchengeſchlecht nutzloſe Qualen zu erfinden, eine Strenge auszuüben, die uns niemals von Oben aufer⸗ legt worden. Seien wir nicht zu eifrig auf die Spaltung eines Atoms bedacht. Während wir der erlaubten Freiheit den Ausgang verſperren, würde die Natur, ſo ihrer Athmungsorgane und Poren beraubt, plötzlich durch einen gewaltſamen Riß des offenen Laſters und ſinnloſer Aus⸗ ſchweifungen hervorbrechen, oder unter dem unvernünftigen, fruchtloſen Schutze einer nutzloſen Geſetzgebung in trauernden und gottesläſter⸗ lichen Gedanken dahinſiechen. 17. Je länger Mary mit ihrer Rückkehr zögerte, deſto mehr beſtärkte ſich Milton in dem Entſchluſſe, ſich von ihr zu trennen. Indem er aber über das Weſen der Ehe und über die Scheidung reiflich nach⸗ dachte, hatte er weit weniger ſeine eigenen Verhältniſſe, als das all⸗ gemeine Wohl im Auge. Er wollte den Uebelſtänden abhelfen, die ſich ihm aufdrängten, wobei er weniger auf ſich als auf ſeine Mitbür⸗ ger Rückſicht nahm. Der Fall, der ihn ſelbſt betraf, kümmerte ihn nicht ſo ſehr, als die Gebrechen der Geſetzgebung, welche das Inſtitut der Ehe zu einem unauflöslichen Zwang, zu einer unerträglichen Tyrannin für Alle machten. Nicht er wollte ſich allein befreien, ſon⸗ dern die ganze Welt Antheil an der Freiheit nehmen laſſen, die er erſtrebte. So erhob er ſich über den eigenen Schmerz und ſuchte die ihm auferlegten Leiden in einem minder egoiſtiſchen und im höheren Sinne zum Nutzen Aller zu beſeitigen. Zu dieſem Zwecke ſchrieb er die durch das Geſpräch mit Overton angeregten Gedanken ſogleich nie⸗ der, um ſie weiter und gründlicher auszuführen. So entſtand ſeine Abhandlung über„Lehre und Weſen der Eheſcheidung“, die er dem Parlamente widmete. — 361— Milton war jedoch nicht wenig über die unerwarteten Angriffe er⸗ ſtaunt, welche ſeine Schrift von einer Seite erfuhr, von wo er ſie am wenigſten erwartete. Die presbyterianiſche Geiſtlichkeit, für die er in ſeinem Pamphlet gegen die biſchöfliche Kirche ſo muthig und entſchieden in die Schranken getreten war, nahm an ſeiner Arbeit Anſtoß und klagten den Verfaſſer bei dem Oberhauſe ſeiner freiſinnigen Geſinnun⸗ gen wegen an. Dieſelbe Partei, die noch vor Kurzem unter den Verfolgungen der Biſchöfe geſeufzt und für die Gewiſſens⸗ und Glau⸗ bensfreiheit in die Schranken getreten war, trat jetzt ſelbſt nach er⸗ langtem Siege als Anklägerin und Verfolgerin der Wahrheit auf. Zum Glücke gab das Parlament ihrer Verketzerung kein Gehör und ließ die Sache in Vergeſſenheit gerathen. Von ſeiner Gattin verlaſſen, ſuchte Milton Zerſtreuung und Auf⸗ heiterung in der Geſellſchaft einer edlen Dame. Lady Margaretha Ley war die Tochter des Grafen Malborough, eine Frau von ſeltenen Eigenſchaften des Herzens und des Geiſtes. In ihrem Haufe verſam⸗ melten ſich die vorzüglichſten Männer und Frauen, welche mitten in den Unruhen und Wirren eines blutigen Bürgerkrieges den Sinn für Wiſſenſchaft und Kunſt bewahrten und in dem friedlichen Aſyle den Muſen und Grazien opferten. Hier war Milton ein gern geſehener und willkommener Gaſt. Seine häuslichen Leiden vermehrten das Intereſſe, das die Frauen an dem Dichter nahmen, während er durch Kenntniſſe und Geiſt die Männer feſſelte. Die Abende floſſen ihm ſo in anmuthigen und belehrenden Geſprächen hin. Es war ein ſeltener Kreis ausgezeichneter Menſchen von allen Parteien, die ſich auf neu⸗ tralem Boden trafen. Milton lernte hier die fein gebildete Lady Ranelagh und deren ausgezeichneten Bruder, den berühmten Natur⸗ forſcher Robert Boyle kennen. Die Naturwiſſenſchaften erfreuten ſich 1 jenen Tagen einer beſonderen Pflege und es war Modeſache, ſelbſt für die Damen, von dem Phlogiſton und den anziehenden und ab⸗ ſtoßenden Kräften zu ſprechen, durch das Fernrohr eine Mondfinſterniß zu beobachten und unter dem noch unvollkommenen Mikroſkope die Vergrößerung der kleinſten Thiere zu bewundern. Eines Abends brachte Sir Robert Boyle die von Otto Guerike erfundene und von ihm verbeſſerte Luftpumpe mit und ſetzte durch ge⸗ ſchickte Experimente ſeine Zuſchauer in Erſtaunen. Indem er aus — — 365— zwei Hohlkugeln die in ihnen enthaltene Luft entfernte, preßte er beide ſo auf einander, daß dieſelben trotz aller Anſtrengung nicht von einander geriſſen werden konnten; ſo zeigte er, welchen gewaltigen Druck die uns umgebende Atmoſphäre auf alle Körper ausübt. — Iſt es doch, ſagte bei dieſer Gelegenheit Milton, mit der Luft, die uns umgiebt, wie mit den Gedanken. Beide üben eine unſichtbare Gewalt auf den Menſchen aus. Wir ſind gewohnt, nur die Kräfte als ſolche anzuerkennen, welche in greifbarer Geſtalt ſich geltend ma⸗ chen, während wir allzu geneigt ſind, jene geheimnißvollen Mächte, die ſich den gröberen Sinnen entziehen, als nicht vorhanden zu be⸗ trachten. Grade ſie aber ſind die Lenker der Welt und die Triebräder der Schöpfung. — Ihr habt ganz Recht, entgegnete Lady Ley, doch vor Allem möchte ich die Liebe zu jenen geheimnißvollen Naturgewalten zählen, die dem Menſchen nur durch ihre Wirkung offenbar werden. Leider fehlt uns der Naturforſcher, der uns ihr innerſtes Weſen ſo klar macht, wie es unſer Freund Boyle mit der Luft gethan. — Die Liebe könnte nur dadurch verlieren, warf eine junge ſchüch⸗ terne Dame ein. Ihre Natur verlangt das Geheimniß, in das ſie ſich vor der Welt verbirgt. Nehmt Ihr den Schleier, der ſie keuſch ver⸗ hüllt, und ſie iſt nicht mehr die Liebe. Nicht der Naturforſcher, ſon⸗ dern der Dichter hat allein das Recht, das menſchliche Herz in ſeinen heiligſten und reinſten Gefühlen zu offenbaren. Milton drückte der jugendlichen, mehr anmuthigen als ſchönen Sprecherin ſeinen Beifall aus. Schon längſt war ihm die reizende Erſcheinung aufgefallen. Ein ſinniger Ernſt umſchwebte die ſchlanke, etwas vorüber gebeugte Geſtalt und die feinen edlen Züge des Mäd⸗ chens, welche eine Tochter des Doktor Davies war. Aus ihren dunkel⸗ blauen Augen ſprach eine Tiefe der Seele, ſie glichen dem Gebirgsſee, geheimnißvoll und klar wie er. Meiſt blieb ſie ſtill und in ſich ge⸗ kehrt, ſie gehörte zu jenen ſeltenen Frauen, die noch beſſer zu hören, als zu ſprechen verſtehen und die darum geiſtreiche Männer willkom⸗ men ſind. Ihr ganzes Weſen zeigte von ächter Weiblichkeit und von einer Beſcheidenheit, die eben ſo weit entfernt von beſchränkter Blö⸗ digkeit wie von verſtecktem Stolze blieb. Als ſich Milton ihr jetzt näherte, überzogen ſich die meiſt bleichen Wangen der liebenswürdigen ——— ——— —— — — — 366— Anna mit einer holden Röthe, die ſie faſt ſchön erſcheinen ließ. Bald hatte der Dichter mit ihr ein lebhaftes Geſpräch angeknüpft, wobei ſie ohne alle Abſicht eine Fülle von überraſchenden Kenntniſſen und ſelbſt⸗ ſtändigen Gedanken entwickelte. Im Verlaufe der Unterhaltung ließ ſie eine wohlthuende Theilnahme für die Verhältniſſe des Dichters hindurchſchimmern und die feine Weiſe, worin ſich ihr Mitleid äußerte, erhöhte den Werth deſſelben. Am nächſten Tage, wo er Lady Ley beſuchte, zog ihn die freund⸗ liche Dame wegen der Aufmerkſamkeit, welche er Anna am geſtrigen Abend geſchenkt, im ſcherzenden Tone auf. — Wärt Ihr ſchon geſchieden, ſagte ſie, ſo gäbe Miß Anna ein treffliches Weib für Euch. Ich glaube, daß ſie Euch nicht ungern ſieht. Sie iſt mir eine theure Freundin und wird gewiß den Mann einſt glücklich machen, dem ſie ihre Hand reicht. Durch ihre Bildung und treffliche Erziehung, welche ſie von ihrem Vater erhalten, dürfte ſie ſich vorzugsweiſe zur Frau eines Gelehrten, wie Ihr einer ſeid, eignen. Milton antwortete nicht, ſondern verſank in tiefes Nachdenken. Nach ächter Frauenart ließ aber ſeine Gönnerin den einmal angeregten Plan nicht ſo leicht fallen. Sie rühmte die Tugenden und trefflichen Eigenſchaften Anna's ſo lang, bis ſie in ihm den lebhaften Wunſch erregte, das treffliche Mädchen näher kennen zu lernen. Es fiel Milton nicht ſchwer, in dem Hauſe des Doktor Davies Zutritt zu erhalten. Hier lernte er Anna in ihrer Häuslichkeit noch weit höher ſchätzen, als in der Geſellſchaft. Der tiefe aber doch nicht abſchreckende Ernſt, mit dem ſie ihn ſtets empfing, eine immer ſich gleich bleibende, würdevolle Freundlichkeit, feſſelten ihn an ſie und ſprachen ihn wohlthuend an. Nach und nach entwickelte ſich zwiſchen Beiden eine innige Freundſchaft, welche jedoch nie die Gränzen zu überſchreiten und in ein wärmeres Ge⸗ fühl überzugehen drohte. Milton war von ſeiner Gattin noch immer nicht geſchieden und konnte daher keine neue Verbindung ſchließen und Anna war zu gewiſſenhaft und zu verſtändig, um die Rechte eines andern Weibes zu kränken, das allerdings durch eigene Schuld ihr Schickſal verdient hatte. Mit anſcheinender Ruhe ſah ſie den Dichter kommen und gehen, nur in der Tiefe ihrer Seele hegte ſie eine innigere Neigung, die ſie vor ihm wie vor der Welt ſorgfältig ver⸗ — — ——— — 367— barg. Sie beſaß eine eigene Selbſtbeherrſchung und wäre eher geſtor⸗ ben, als daß ſie das Geheimniß ihres Herzens verrathen hätte. Zu ihrer natürlichen Scheu geſellten ſich auch allerlei religiöſe Bedenken wegen ihrer Leidenſchaft zu einem verheiratheten Manne, denn als ſolcher galt ihr Milton, ſo lange er noch nicht von ſeiner erſten Frau geſchieden war. Der fortwährende Kampf drohte ſie aufzureiben, ſie wurde noch bleicher, als gewöhnlich und ihr Vater, der ſelbſt ein ge⸗ ſchickter und einſichtsvoller Arzt war, fürchtete den Beginn der Schwind⸗ ſucht, an der Anna's Mutter geſtorben war. Trotzdem die Gattin Milton's von ihm getrennt im Hauſe ihrer Eltern lebte, ſo war doch ihre Liebe noch immer nicht gänzlich erlo⸗ ſchen. Sie ließ ihn nicht aus den Augen und erkundigte ſich häufig bei ihren Bekannten in London nach ſeinem Leben und allen Vor⸗ gängen in ſeinem Hauſe. So erhielt ſie auch die Nachricht von ſeinen häufigen Beſuchen, dieſer Anna abſtattete. Sie nahm dieſelbe mit großer Betrübniß auf. Reue und Furcht bemächtigten ſich ihrer Seele und was weder die Vorſtellungen Milton's noch die eigene Vernunft vermochten, bewirkte die Eiferſucht und der Gedanke, daß eine andere Frau ihre Stelle einnehmen könnte. Bishex hatte ſich Mary ausſchließlich in ihrem Benehmen gegen ihren Gatten von ihren Eltern und vorzugs⸗ weiſe von ihrer Mutter leiten laſſen, jetzt erhielt ſie plötzlich ihre Selbſtſtändigkeit zurück und ihre Schwäche verwandelte ſich faſt in un⸗ kindliche Härte. Frau Powell war nicht wenig über dieſe Verände⸗ rung und noch mehr über die Vorwürfe erſtaunt, welche ſie aus dem Munde ihrer Tochter zu hören bekam. Beide hatten ihre Rollen vertauſcht, die ſchwache Tochter zeigte eine ungewohnte Heftigkeit und die herrſchſüchtige Mutter eine ſonſt ihr fremde Nachgiebigkeit, da ſie von Mary's Charakter das Aeußerſte befürchten mußte. Tage lang ſchloß dieſe ſich in ihr Zimmer ein, badete ihr Geſicht mit heißen Thränen und verſchmähte jede Nahrung zu ſich zu nehmen. Es fehlte nicht viel, ſo hätte ſie ihrer Mutter geflucht, wie dieſe ihr zu thun gedroht, wenn ſie zu ihrem Manne zurückkehren würde. Es war auch hier wieder die gewöhnliche Erſcheinung eingetreten, daß der Menſch nicht eher den Werth der Dinge ſchätzen lernt, als bis er im Begriffe ſteht, ſie zu verlieren. Der Beſitz macht uns nicht halb ſo glücklich, als uns der Verluſt unglücklich macht. 4 So erging es auch der armen Mary und erſt jetzt, wo eine Ne⸗ benbuhlerin ihr die Liebe Milton's zu rauben drohte, empfand ſie das volle Maß der Schuld, und die ganze Bedeutſamkeit des Mannes, den ſie noch vor Kurzem ſo bitter gekränkt hatte. Maßlos in allen ihren Empfindungen, nicht von der Vernunft, ſondern nur von ihrer Leidenſchaft beherrſcht, überließ ſie ſich der gränzenloſeſten Verzweif⸗ lung. Wie ihr früher der Aufenthalt in London, ſo war ihr jetzt ihr längeres Verweilen im elterlichen Hauſe zur unerträglichen Laſt geworden. Der Boden brannte unter ihren Füßen und ſie hatte keinen anderen Wunſch, als ſo bald als möglich zu ihrem Gatten zurück⸗ zukehren. Unterdeß verkehrte Milton nach wie vor in dem Hauſe des Dok⸗ tors, wo er ein täglicher Gaſt war. Auch ihm war Anna's Bläſſe und Schwäche aufgefallen. — Ihr ſcheint nicht wohl zu ſein, ſagte er theilnehmend, indem er ihre Hand ergriff. Ein leiſer Schauer durchrieſelte ſie dabei und auch er merkte das Zittern ihrer Hände. — Was fehlt Euch, liebe Anna? forſchte er, ſie noch immer feſthaltend. Wenn Euch ein Kummer drückt, ſo vertraut ihn mir, denn Ihr habt gewiß keinen beſſeren Freund als mich auf dieſer Welt. — Es iſt nur ein leichtes Unwohlſein, das mich befallen, entgeg⸗ nete ſie ausweichend. — GEuer Vater iſt beſorgt und ängſtlich. Ich bitte Euch, ſchont Euch um Seinet⸗ wie um Meinetwillen. — Was iſt daran gelegen? antwortete ſie mit einem verdächtigen Hüſteln. Die Welt verliert nicht viel an einem armen Mädchen, wie ich eines bin. Ich fürchte mich auch nicht vor dem Tode, ſeitdem ich meine Mutter ſterben ſah. Sie ſchlief ſo ſanft und ſelig mit verklär⸗ tem Lächeln auf ihren bleichen Lippen ein, daß ich ſie faſt um ihre Ruhe beneidete. Selig ſind die Todten. — Ihr begeht eine ſchwere Sünde, wenn Ihr Euch ſolchen trüben Gedanken überlaßt. Ich kenne aus eigener Erfahrung dieſe finſteren Geiſter der Melancholie, ſie liegen im Blute, in der Luft, aber der Menſch muß ſie bekämpfen. Das Leben iſt ſo ſchön, wenn man es — — 369— nur zu nehmen weiß und ſelbſt unſere Leiden ſind nur die vorüber⸗ gehenden Schatten, welche das Licht begleiten und erhöhen. — Ihr habt Recht, und ich will die kurze Friſt noch genießen, die mir vergönnt iſt.. Ein melancholiſches Lächeln ſchwebte um ihre blaſſen Lippen und ſie bemühte ſich, wenigſtens heiter zu ſcheinen. Nichtsdeſtoweniger blieb die ernſte Stimmung in ihrer ferneren Unterhaltung vorherr⸗ ſchend, wozu wohl auch die ganze Umgebung mit beitragen mochte. Sie ſaßen in dem kleinen Gärtchen, das bereits zu verblühen begann. Der Herbſtwind rauſchte durch die Bäume, und gelbe, fahle Blätter rieſelten leiſe zu ihren Füßen nieder. Eine unnennbare Wehmuth lag über die ganze Natur ausgegoſſen, es war, als ob ſich dieſe zum Abſchied rüſtete. Anna blickte nachdenklich auf das vergilbte Laub und auch ihr kam unwillkürlich ein Gefühl des Scheidens. Gegen ihre Gewohnheit war ſie weich geworden und eine Thräne zitterte in ihrem Auge. — Bald wird der Winter kommen, ſagte ſie nach einer Pauſe mit bebender Stimme, nur um das gefährliche, laſtende Schweigen zu unterbrechen. — Und auf dem Winter folgt der Frühling, entgegnete Milton mit troſtreichem Lächeln. — Tod und Auferſtehungl flüſterte Anna leiſe. — So beſtätigt die Natur den Glauben, der den Menſchen auf⸗ recht hält. Die Unſterblichkeit, welche nur von Thoren angezweifelt werden kann, predigt jeder Baum, jede Blume im Herbſt. Wir wer⸗ den uns einſt wiederſehen. — Gewiß! Wir werden uns wiederſehen, wiederholte Anna mit überirdiſch ſtrahlenden Augen. — Und was wir einſt verloren, finden wir geläutert wieder, ſetzte Milton hinzu. — Das wünſche ich Euch und ſo bald als möglich. Ihr habt eine Gattin— Bei der Erwähnung von Mary's Namen machte der Dichter eine ablehnende Bewegung und ſah Anna bittend an. — Nein, nein! ſagte dieſe. Ihr ſollt und Ihr müßt mich an⸗ hören. Bisher habe ich es vermieden, ein Verhältniß zu erwähnen, D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 24 — ——— — 370— das in Euch nur trübe Erinnerungen erwecken kann, doch die Zeit iſt gekommen, wo ich offen und als Eure Freundin mit Euch ſprechen darf. Ich habe Eure Schrift über die Eheſcheidung mit Aufmerſam⸗ keit geleſen und muß trotz meiner religiöſen Bedenklichkeiten Euch in der Hauptſache Recht geben. Ihr habt zwar meinen Geiſt, aber nicht mein Herz überzeugt und Frauen, wie Ihr wißt, urtheilen weit mehr mit dem Herzen, als mit dem Verſtande. Eure Gattin trifft gewiß der größte Theil der Schuld, doch ſeid Ihr von jedem Vorwurf frei? Müßt Ihr Euch nicht auch anklagen und dürft Ihr die ganze Schuld auf die Schultern Eures ſchwachen Weibes laden? — Kein Menſch iſt von Fehlern frei und ich am wenigſten. — Richtet alſo nicht, damit Ihr nicht gerichtet werdet. — Mich hat ein tieferer Grund beſtimmt. Je länger ich mit meiner Frau lebte, deſto mehr kam ich zu der Erkenntniß, daß uns die zur Ehe nöthige Sympathie fehlt, daß unſere Charakteren nicht für einander paſſen.. — Ihr habt nur nicht die nöthige Zeit und Aufmerkſamkeit auf die Hervorbringung dieſer Harmonie verwendet. Wir Frauen gleichen einem zartbeſaiteten Inſtrumente, das von künſtleriſchen Händen be⸗ handelt werden muß, um den richtigen Ton zu geben. Leicht verſtimmt uns ſchon ein Hauch der Luft, geſchweige eine rauhe Berührung. Wirr wollen zart und liebevoll angeſprochen werden. Verfehlt Ihr dies im Anfange, ſo bleibt eine falſche Stimmung zurück, die ſich nur ſchwer wieder beſeitigen läßt. Ich fürchte, daß dies in Eurer Ehe der Fall geweſen iſt. Ihr habt das Inſtrument nicht zu ſpielen verſtanden, das man Euch anvertraut hat und weil es nicht gleich ſüße Töne von ſich gab, verächtlich bei Seite geſchoben. Macht nur einen neuen Verſuch damit, nehmt es liebevoll wieder auf, lernt erſt ſeine innerſte Natur genau kennen, widmet Euch mit Hingebung ſeiner Eigenthümlichkeit und Ihr werdet mit jedem Tage neue und ſchönere Harmonien entdecken, wie ſie in jeder Frauenſeele ſchlummern und die der rechte Mann und Künſtler faſt immer hervorzulocken weiß. — Mein Weib iſt kein wohltönendes Inſtrument. Erziehung und Gewohnheit haben ihre beſſere Natur verdorben. — Indem Ihr ſie anklagt, entſchuldigt Ihr ſie auch. Was die elterliche Erziehung verſchuldet, ſoll die eheliche wieder gut machen. ————— — 371— Iſt doch die Ehe eine fortdauernde, gegenſeitige Schule, wo beide Gatten zugleich Lernende und Lehrer ſind. Die Strenge des Mannes ſoll durch weibliche Milde, die Schwäche des Weibes durch die Kraft des Mannes ergänzt und gehoben werden. Und wie man bei länge⸗ rem Zuſammenleben zwiſchen Gatten eine körperliche Aehnlichkeit be⸗ merkt haben will, ſo wird auch dann mit der Zeit jene geiſtige Sym⸗ pathie nicht ausbleiben, die Ihr als Grundbedingung einer glücklichen Ehe in Eurer Schrift über die Scheidung aufgeſtellt habt.— Darum hört auf meinen Wunſch und verſöhnt Euch mit Eurer Frau. Ich kann den Gedanken weder faſſen, noch gut heißen, daß Ihr Euch von ihr trennen wollt. — Wie, Ihr verlangt, daß ich ſie wieder aufnehmen ſoll? fragte Milton erſchüttert. — Ich fordere ſogar dieſen Schritt, entgegnete Anna mit würde⸗ voller Reſignation. Ich verlange ihn als einen Beweis Eurer Freund⸗ ſchaft, Eurer Achtung. 4 Er wollte antworten, doch Anna, welche eine Erklärung befürch⸗ tete, unterbrach ihn ſchnell. Gebt mir Euer Verſprechen, Euer Wort, daß Ihr Euch mit Eurer Gattin verſöhnen wollt, ſobald ſie Reue empfindet und zu Euch zu⸗ rückkehrt. Milton zögerte, doch er vermochte nicht länger ihren dringenden und wiederholten Bitten zu widerſtehen. Er reichte ihr endlich zur Beſtätigung die Hand, die ſie einige Zeit gedankenvoll und in ſchmerz⸗ licher Selbſtvergeſſenheit in der ihrigen hielt. Dann wandte ſie ſich von ihm ab und winkte ihm, ſie zu verlaſſen. Sobald ſie ſich allein ſah, preßte ſie ihr weißes Taſchentuch an die trockenen Lippen, als ſie es zurückzog, war das feine Linnen mit dem Blut gefärbt, das ihren Lungen entſtrömte. Erſchöpft ſtützte ſie das bleiche Haupt auf ihren Arm. — Bald iſt es vollbracht, flüſterte ſie leiſe. Ihr Vater kam den Garten entlang, ſie erkannte ihn und beeilte ſich ſoglei die Spuren ihres Seelenkampfes und ihrer Krankheit vor ſeinen fößſchenden Blicken zu verbergen. — Wie geht es dir? fragte er beſorgt. 24* — 372— — Beſſer, viel beſſer, antwortete ſie, während ihre bleichen Wan⸗ gen ihre Worte Lügen ſtraften.. Aus Milton's Seele wollte Anna's Bild nicht ſchwinden, den ganzen Tag über beſchäftigte er ſich mit dem trefflichen Mädchen, das er zu ſpät kennen gelernt hatte. Lebhaft fühlte er jenen Gedan⸗ ken, den er ſpäter in ſeinem verlorenen Paradieſe ausdrückte: ———— errſſpart wär' aller Gram, Der die Verbindung mit dem Weibe noch Unzählig oft dem Mann bereiten wird: Er findet keine gleichgeſtimmte Gattin, Ein leid'ger Mißgriff iſt dann ſeine Wahl; Die er ſich wünſcht, wird ſelten ihm zu Theil; Zieht ſie nicht launiſch einen Schlechtern vor, Wird ſie von ihren Eltern ihm verſagt; Ein Andrer ſieht ſein Ideal zu ſpät, Wenn Chebande ihn an ein Geſchöpf, Unwürdig und verhaßt gekettet haben. So wird des Menſchen Lebensglück zerſtört, Des Hauſes Frieden untergraben ſein. Einige Wochen ſpäter ſtattete Milton einem nahen Verwandten in St. Martins⸗Lane einen Beſuch ab. Wie immer wurde er von der Familie freundlich, aber mit einer gewiſſen Befangenheit aufge⸗ nommen. Während er mit dem Manne ſich über verſchiedene Ver⸗ hältniſſe angelegentlich unterhielt, ging die Frau in großer Unruhe ab und zu. Zuweilen miſchte ſie ſich auch in das Geſpräch, das ſie abſichtlich auf Milton's Gattin zu bringen verſuchte. — Habt Ihr von Mary nichts gehört? fragte ſie. — Seit Monden bin ich ohne jede Nachricht von Foreſthill, ent⸗ gegnete er, kurz abbrechend. —— So wißt Ihr nicht, daß ſie ſich heimlich von ihren Eltern ent⸗ fernt hat? — Ich erfahre es von Euch zuerſt. Welche Gründ nen ſie aber zu einem ſolchen Schritte bewogen haben und n M ſich begeben? — 373— — Ich glaube, daß ſie ihr Unrecht einſieht und von Reue er⸗ griffen das elterliche Haus verlaſſen hat. Das arme Weib weiß ſicher nicht, wohin es ſich wenden ſoll und irrt jetzt in der Fremde herum, ohne Eltern, ohne Gatten. — Wenn ſie wirklich Reue empfände, ſo würde ſie nicht zögern, ſich ihm zu ſen Bei dieſen Worten öffnete ſich plötzlich die Thür, welche in das Nebenzimmer führte. Ein ſchluchzendes Weib näherte ſich Milton und ſtürzte weinend zu deſſen Füßen. — Mary! rief der erſtaunte Gatte. — Ja, ich bin es, ſeufzte ſie, dein ſchulbbewußtes Weib, das hier zu deinen Füßen um Verzeihung fleht. Kannſt du mir ver⸗ geben? Er wandte ſich zögerd ab. Stolz und gerechte Empfindlichkeit kämpften in ſeinem Herzen mit der angeborenen Güte und mit dem Mitleid, welches ihm ihre demüthige Lage einflößte. Sie hatte ſeine Füße umklammert und benetzte ſeine Hände mit ihren heißen Thränen⸗ Ihr blondes Haar hing aufgelöst um den wogenden Buſen und ihr roſiges Geſicht verrieth den tiefſten Schmerz, deſſen ſie überhaupt nur fähig war. — Verſtoße mich nicht, jammerte ſie mit aufgehobenen Händen. Ich geſtehe ja gern ein, daß mich allein jede Schuld trifft, aber ich vermag nicht mehr, ohne dich zu leben. Heimlich habe ich das Haus meiner Eltern verlaſſen, um dich aufzuſuchen. Wenn du mich nicht aufnimmſt, ſo weiß ich nicht, wohin ich mich wenden ſoll; dann bleibt mir nichts übrig, als zu ſterben. Seine Verwandten verein ihre Bitten mit denen Mary's. Sein Zorn begann zu ſchwinde d er warf einen milderen Blick auf die ſchuldige Gattin. Seine Micgen verloren den ſtrengen Ernſt und von Rührung ergriffen, neigte er ſich zu dem reuigen Weibe nieder und hob es vom Boden auf. Sie umſchlang ihn mit ihren weichen Armen und preßt, wogenden Buſen an ſein bewegtes Herz. — gut, viel beſſer, als ich, rief ſie unter Thränen lächelnd. nun an will ich dir gehorchen, wie eine Magd nur deinen Willen thun. — 7 —————— — 374— — Du ſollſt nicht meine Magd, du ſollſt mein Weib ſein, ſagte er, ihre Heftigkeit beſchwichtigend. Auch mich trifft ein Theil der Schuld. — Nein, nein! widerſtritt ſie laut. Du haſt eine Nachſicht ge⸗ zeigt, wie ich ſie nicht um dich verdiente. O, wirderhi es mir, daß ich bei dir bleiben und dich nicht mehr verlaſſen darf. 5— Du darfſt es, entgegnete er, indem er einen Kuß auf ihre friſchen Lippen drückte. Vollkommen ausgeſöhnt verließ er mit Mary das Haus ſeiner Anverwandten. Wenige Monate darauf wurde Anna Davies begra⸗ ben, ſie ſtarb, wie ihr Vater ſagte, an der erblichen Schwindſucht. Sdiie ſelbſt kannte und verſchwieg den Grund ihrer Leiden. Kurz vor ihrem Tode erhielt Milton ein Schreiben von ihr, deſſen ſchwankende Schriftzüge den höchſten Grad von Schwäche verriethen. Die Schluß⸗ worte lauteten: Seid glücklich und vergeßt Eure Freundin! Ein welkes Lindenblatt war dem Briefe beigefügt. Milton be⸗ netzte die Zeilen und das Blatt mit ſeinen Thränen. Nie in ſeinem ganzen Leben vergaß er die tugendhafte und reizende Anna. 18. Der Frieden war in das Haus des Dichters zurückgekehrt, um ſo grimmiger wüthete der Bürgerkrieg im ganzen Lande. Jede Stadt verwandelte ſich in ein Kriegslager, jedes Schloß in ein Kaſtell. Der Bürger verließ ſeine Arbeit, der Landagann ſeinen Pflug und Beide griffen zu dem Schwerte. Die ganze 8 ten Aufregung und die Parteien f ne ſchroffer als je gegenüber, auf der einen Seite der Köniſit ſeinen Cavalieren, auf der andern das Parlament mit ſeinen Anhängern. Dazwiſchen erhoben ſich zwar manche gewichtige Stimmen für den Frieden, die jedoch zum großen Theil ungehört verhallten. Karl hatte im Ve es Som⸗ mers ſein Hauptquartier nach Orford verlegt. Bish ihn das Glück begünſtigt und das Parlament hielt es daher gerathen, Unterhandlungen anzuknüpfen. Dieſelben ſcheiterten je och theils an — 1 ———j o ation befand ſich in der größ⸗ — ——.— — 375— der Hartnäckigkeit des Königs, welche mit jedem Siege ſich ſteigerte, theils an dem Mißtrauen und den keineswegs herabgeſtimmten For⸗ derungen des Parlaments. Nach verſchiedenen fruchtloſen Verſuchen wurde von Neuem die Entſcheidung dem Schwerte und dem Glück des Krieges überlaſſen. Je weiter aber der Kampf um ſich griff, je höher die Sturmfluth der Revolution ſtieg, deſto ſchärfer traten auch die Gegenſätze hervor, welche bisher im Schooße des Parlaments ſelbſt geſchlummert hatten. Presbyterianer und Puritaner, die bis jetzt einträchtig nach demſelben Ziele ſtrebten, die Willkür der Regierung und die Tyrannei der bi⸗ ſchöflichen Kirche zu ſtürzen, ſonderten ſich in zwei ſich ſchroff gegen⸗ überſtehende Heerlager. Die Presbyterianer hatten erreicht, was ſie wollten und boten nun ihre Hand dem Könige zum Frieden. Nicht eine Revolution, nicht ein völliger Umſturz aller beſtehenden Staats⸗ und Glaubensformen lag in ihrer Abſicht, ſondern nur Verbeſſerungen und Reformen. Damit ließen ſich die eifrigen Puritaner, mit denen fich die wahren Anhänger der Republik verbanden, keineswegs be⸗ gnügen. Dieſe wollten, wo möglich, den Sturz des Königthums und jeder kirchlichen Einrichtung herbeiführen. Was ihnen an Zahl und Einfluß abging, erſetzten ſie durch Muth, Thätigkeit und unermüd⸗ lichen Eifer. Gerade ſolche Eigenſchaften mußten ihnen das Ueber⸗ gewicht über ihre Gegner, die Presbyterianer, geben, welche durch ihre bisherigen Erfolge läſſiger geworden waren. In einer Revolution wird aber ſtets die Partei den Sieg, wenigſtens für eine kurze Zeit erringen, welche mit der äußerſten Conſequenz verfährt und vor keiner Maßregel, ſei dieſelbe noch ſo gewagt, zurückſchreckt. Milton ſelbſt, der keineswegs von Natur ſich zu einem Exrtreme „neigte, wurde durch das Benehmen der Presbyterianer und ihr Ver⸗ fahren gegen ihn auf die Seite der Puritaner faſt wider ſeinen Willen gedrängt. Eine der erſten Handlungen des Parlaments war die Be⸗ freiung der Preſſe von der Bedrückung geweſen, welche ſie unter der Regierung des Königs beſonders von Seiten der verhaßten Stern⸗ kammer erlitten. Alle beſchränkenden Beſtimmungen und Geſetze wur⸗ den aufgehoben. Alsbald wurde London und das ganze Land mit einer Unmaſſe von Flugſchriften überſchwemmt, welche von einem Ende Englands bis zum andern die Klagen und Hoffnungen der Presby⸗. —— — 376— terianer trugen, die die Oberhand im Parlamente hatten. Einige dieſer leidenſchaftlichen und ſatyriſchen Schriften erregten den Enthu⸗ ſiasmus des Volkes und wurden lebhaft beſprochen. Karl ſelbſt, der ſie alle las und oft ſogar beantwortete, bezahlte einſt mit zehn Pfund ein einziges Exemplar einer ſkandalöſen Brochüre, nur um ſie zu leſen. Damals erhielten die Preſſe und beſonders die Zeitungen ihre wahre Bedeutung und wurden in den Händen der Parteien zu einer furchtbaren Waffe. Es erſchien der Mercurius pragmaticus, ein 3 Blatt, welches lange Zeit die Intereſſen der Presbyterianer vertheidigte, während der Hof ſein Organ in dem Mercurius aulicus fand, der von Sir John Birkenhead redigirt wurde. Keine dieſer Zeitungen ließ es an Spott und ſelbſt an Verleumdung den Gegnern gegenüber fehlen. Aber eine derartige Freiheit mißfiel den Presbyterianern und wenn ſie auch eine Zeit lang dies Treiben zu begünſtigen ſchienen, ſo geſchah dies nur, um ſich ſelbſt ein nützliches Inſtrument zu ſchaffen, das ſie ſpäter zerbrachen, als ſie es nicht mehr brauchten und es ihnen ſogar ſchädlich zu werden drohte. Sie hatten nur die Abſicht gehabt, der biſchöflichen Kirche und dem Königthum eine mächtige Schutzwaffe zu entwinden und trotzdem ſie ſelbſt die Freiheit der Preſſe beantragt, ließen ſie es nicht an geheimen Drohungen und Einſchüchterungen gegen diejenigen Schriftſteller fehlen, welche die Partei des Königthums offen nahmen. Noch mehr fürchteten ſie die Puritaner und Independenten, die ſich nicht ſo leicht zum Schweigen bringen ließen. Die Pres⸗ byterianer zitterten vor dem Geiſt, den ſie heraufbeſchworen und woll⸗ ten ihn in neue Ketten legen. Sie hatten jedoch nicht den Muth, 1 offen und entſchieden den beabſichtigten Rückſchritt zu thun. Unter allerlei nichtigen Vorwänden beſchloſſen ſie die alten Beſchränkungen wieder herzuſtellen und in die Fußtapfen der von ihnen ſelbſt verwor⸗ 8 fenen Sternkammer zu treten. Groß war der Unwille und das Aufſehen, welches dieſe drückende 4 3 Maßregel hervorrief. Am ſchmerzlichſten jedoch wurde Milton durch— die Bedrückung der Preſſe, die er mit Recht als das Bollwerk der 1 bürgerlichen Freiheit Englands anſah, betroffen. Er war entſchloſſen, dem Lande dieſes natürliche und ſo wichtige Recht zurückzuerobern, und Alles daran zu ſetzen, um dieſe neue* Tyrannei zu ſtürzen. Das waren dieſelben Presbyterianer, mit de⸗ — ,— — ,— — 377— nen Milton ſich zum Sturz der biſchöflichen Kirche und zum Triumph der Freiheit verbunden hatte, das war dieſes lang erſehnte Parlament, von dem England ſo große Wohlthaten erwartete, das er jetzt zu be⸗ kämpfen und anzuklagen ſich genöthigt ſah. Er that es mit eben ſo vielem Muth, als mit Klugheit.— Zum erſtenmale ſeit langer Zeit war Milton wieder in der Rota, in jenem bekannten politiſchen Club erſchienen. Seine Anweſenheit wurde ſogleich bemerkt, und Freunde und Bekannte drängten ſich um ihn. Der Dichter Harrington, ein eifriger Republikaner, und vor Allen der ſchwärmeriſche Vane begrüßten ihn. Bald bildete ſich ein Kreis um ihn, mit dem er über die neue, der Preſſe aufgelegte Be⸗ ſchränkung ſprach. Seine Meinung ſtieß auch hier auf mannigfachen Widerſpruch; denn es fehlte ſelbſt in dieſem Club, der ſich durch ſeinen revolutionären Geiſt bemerkbar machte, nicht an Gegnern der Preßfreiheit. Ein ſolcher war der finſtere St. John, eine bedeutende juriſtiſche Autorität, der mit ſcharfſinnigen Gründen Milton's Anſic ten zu bekämpfen ſuchte. — Ihr könnt unmöglich, ſagte dieſer im Verlaufe des Geſprächs, für die Preſſe eine unbegränzte Freiheit fordern. — Gewiß nicht, entgegnete Milton. Sowohl im Intereſſe des Staats, wie der Kirche, wird jede Regierung ſich zuweilen genöthigt ſehen, ſo gut wie die Menſchen, auch die Bücher in Bande zu legen, denn Bücher ſind nicht abſolut todte Gegenſtände; ſie beſitzen einen Lebenstrieb, der eben ſo thätig wirkt, wie die Seele ihrer Erzeuger ſelbſt. In ihnen birg oft, wie in einer Phiole, die reichſte Eſſenz und der Extrakt des Geiſtes, von dem ſie ausgegangen ſind; ſie gleichen in dieſer Beziehung den Drachenzähnen der Fabel, welche über die Erde ausgeſät, als geharniſchte Krieger emporſteigen. Nichtsdeſtowe⸗ niger bedarf es der größten Vorſicht in Handhabung der ſie beſchrän⸗ kenden Geſetze; denn wer einen Menſchen tödtet, mordet allerdings ein vernünftiges Weſen, ein Ebenbild der Gottheit; wer aber ein gutes Buch zerſtört, vernichtet die Vernunft, den Ausfluß und die Offenbarung Gottes. Viele Menſchen leben auf der Erde als eine unnütze Laſt; ein gutes Buch aber iſt die Subſtanz eines höheren Geiſtes, ſorgfältig bewahrt und balſamirt, um ihn ſelbſt zu überleben. —y ͤͤ —————— 1 ————ᷣ—ᷣ—ÿ—ÿ;õ——— — 378— — Die Cenſur, wendete St. John ein, iſt ſo alt, wie die Pro⸗ duktion. So lange überhaupt Bücher geſchrieben werden, ſo lange hat auch der Staat das Recht beſeſſen, ſie zu beaufſichtigen und zu unterdrücken, wenn ſie mehr Schaden als Nutzen ſtiften. — Ich muß dieſe Thatſachen beſtreiten. Weder die Griechen noch die Römer haben die Cenſur gekannt, ſelbſt in den erſten Jahrhun⸗ derten des Chriſtenthums verdammte die Kirche nur diejenigen Bücher, welche geradezu die Sittenloſigkeit lehrten, und die Grundwahrheiten der Religion angriffen. Erſt im achten Jahrhunderte führten die Päpſte die Cenſur ein, und das Conſilium zu Trient legte dem Geiſt die Ketten an, welche das Papſtthum geſchmiedet hatte. Die Cenſur iſt nicht nur eine Schmach für die Menſchheit, ſondern eine vollkommen nutzloſe Erfindung, die noch nie ihren Zweck erreicht hat. Sie will die Geiſter und die Herzen vor der Berührung mit der Immoralität bewahren, aber ſie vergißt, daß der Anblick des Böſen uns mit Ab⸗ ſcheu erfüllt, und uns häufig die Waffen gegen dasſelbe in die Hände gibt. Aus dem verhängnißvollen Apfel, der unſere Eltern im Para⸗ dieſe verführt, ſind das Böſe und das Gute als Zwillinge hervorge⸗ gangen, ſie wachſen mit einander auf ſo innig verbunden, daß wir zur Erkenntniß des Einen durch das Andere erſt gelangen. Nur derjenige, welcher das Laſter und ſeine Verführungen feſt ins Auge faßt, und dennoch der Tugend den Vorzug giebt, iſt der wahre Chriſt. Eine unverſuchte Tugend, die eingeſchloſſen, wie im Kloſter lebt, ohne Kampf und ohne Verſuchung ihrem Gegner nicht ins Antlitz zu ſchauen wagt, verdient dieſen Namen nicht. Nur dem Ueberwinder winkt die un⸗ ſterbliche Palme, die er im Schweiße ſrines iſichtes und im Staube des Kampfplatzes ſich erwirbt. — Ihr vergeßt, daß nicht alle Menſchen ſtark genug ſind, der Verſuchung zu widerſtehen. Man muß die Schwachen wenigſtens vor der Anſteckung ſchützen. — Wenn Ihr die Anſteckung fürchtet, dann müßt Ihr vor allen Büchern die Bibel ſelbſt unterdrücken, wie es conſeqjuenterweiſe die Katholiken thun. An vielen Stellen enthält die heilige Schrift un⸗ verhüllte Schilderungen der Wolluſt und ärgerliche Blasphemien. Dann müßt Ihr auch die frommen Kirchenväter verbieten, welche durch die Unmoralität des Heidenthums erſt zum reinen Licht des Evangeliums ——— 2— — 379— gelangen. Ihr wollt das Laſter verbannen, aber nehmt Euch in Acht, daß Ihr nicht eine Pforte ihm verſchließt und tauſend andere ihm öff⸗ net. Ihr erinnert mich an den Gärtner, der ſeinen Garten zuſchloß, um ihn vor den Sperlingen zu bewahren. Um die Sitten zu ver⸗ beſſern, wird Euch die Cenſur nichts nützen, wenn Ihr nicht die Ge⸗ ſellſchaft und jedes öffentliche Vergnügen zugleich verbietet und über⸗ wacht. Dann geſtattet kein Lied, das nicht ernſthaft klingt, keine Muſik, welche nicht ſtreng und traurig tönt. Ihr müßt Cenſoren haben für den Tanz. Und das Geſchwätz der jungen Leute? Schnell andere Cenſoren herbei, um es zu unterdrücken. Jedes Liedchen, jede Weiſe athmet ja Verführung. Und die Fenſter und die Balkone, welche die gefährlichen Gäſte hereinlaſſen? Ihr müßt ſie verſchließen oder zumauern. Die Violine des Dorfes muß verſtummen, jeder Scherz aufhören. Und wenn es Euch wirklich gelingen ſollte, alle dieſe Thüren dem Geiſte zu verſperren, was habt Ihr dann gewon⸗ nen? Die Wahrheit, ſagt die heilige Schrift, gleicht einem ſtrömenden Quell; werden ſeine Wellen aufgehalten, dann ſammeln ſich die Irr⸗ thümer und die Vorurtheile, welche ihn ſonſt einen Augenblick nur trübten und dann verſchwanden, zu einem ſtagnirenden Sumpf, der die Luft weit und breit verpeſtet. — Um die Wahrheit rein zu erhalten, ſind ihre Diener da, die Prieſter der Kirche, und das Parlament. — Für ſolche Menſchen, welche nur das glauben, was die Kirche oder das Geſetz erlauben, wird dieſer blinde Glaube ſelbſt zur Ketzerei. Ein reicher Mann, der ausſchließlich nur mit ſeinem Gewinnſt oder mit ſeinem Vergnügen ſich beſchäftigt, findet in der Religion ein ſo verwickeltes Geſchäft, und von ſo geringem Ertrage, daß er alle ihre Myſterien zuſammengenommen, das herauskommende Kapital zu gering ſchätzt, um ſich damit zu befaſſen. Was wird er nun thun? denn er will doch für einen religiöſen Mann gelten, oder wenigſtens den Ruf eines ſolchen bei ſeinen Nachbarn haben. Was er thun wird, will ich Euch ſagen. Er entſchlägt ſich jeder perſönlichen Sorge um dieſen Gegenſtand, und überläßt irgend einem Factor oder Director die Verwaltung aller ſeiner religiöſen Angelegenheiten. Natürlich wird dieſer Verwalter mindeſtens einen gelehrten Titel, wie Doctor oder dergleichen haben müſſen, und einen gewiſſen Ruf beſitzen. Iſt das — 380— der Fall, ſo vertraut er ihm ſeinen ganzen Vorrath von Religion mit Schlöſſern, Schlüſſeln und Riegeln an. Sein Glaube hat es dann nur mit dieſer Perſönlichkeit zu thun, und der Gedanke, ſich unter eine ſolch reſpektable Aufſicht geſtellt zu haben, erſcheint ihm als ein hinreichender Beweis für ſeine Religioſität. Der Glaube, kann man dann ſagen, ruht nicht mehr in ihm, ſondern iſt eine Art von Möbel geworden, das mit ſeinem Geiſtlichen kommt und geht. Der Haus⸗ herr macht ihm Geſchenke, bezahlt und füttert ihn. Seine Religion beſucht ihn des Abends, ſpricht den Segen, ſpeiſ't mit ihm und legt ſich zu Bett. Am andern Morgen ſteht ſeine Religion auf, läßt ſich von ſeinen Bevormundeten die Hand küſſen und frühſtückt mit gutem Appetite. Nach einem Mittagsmahle, reicher und köſtlicher, als die Feigen von Jeruſalem und Bethanien, geht ſeine Religion ſpazieren und läßt den guten Mann ohne alle Religion auf ſeinem Comptoir.— Das ſind die Folgen Eurer ſchönen Einrichtung, Eurer Bevormun⸗ dung des menſchlichen Geiſtes. Nein, nein! dahin dürfen wir es nicht kommen laſſen. Die Zeit verlangt Freiheit des Denkens und Schreibens für Alle. Mögen alle Stürme der Meinung auf ein⸗ mal die Welt durchtoben, die Wahrheit ſteht im Felde und kämpft mit dem Irrthume. Wer hat je geſehen, daß im ehrlichen und offe⸗ nen Kampfe die Wahrheit unterlegen iſt? Einſt ſtieg die Göttin mit ihrem himmliſchen Meiſter und Erlöſer zur Erde herab; ihr Weſen war zu rein und geiſtig, als daß ein irdiſches Auge ſie erfaſſen konnte. Als aber der Gottmenſch wieder zum Himmel emporſtieg, ſtürzte ſich ein Haufen von ſchändlichen Buben auf die jungfräuliche Wahrheit und bemächtigten ſich derſelben. Ihren ſchönen Körper zerriſſen ſie in tauſend Stücke und zerſtreuten dieſe in alle vier Winde. Seit jener Zeit ſammeln ihre trauernden Freunde, ſo wie die geheimnißvolle Iſis den zerſtückten Leichnam ihres Gatten, die zerſtreuten Glieder, wo ſie ſie finden mögen. Auch wir haben ſie noch nicht gefunden, und un⸗ ſere Aufgabe muß es ſein, ſo lange zu ſuchen, bis ihr Herr und Meiſter, gerührt von unſerer Sorgfalt, ſich herabläßt, die Wahrheit in einer neuen und ſchöneren Form für uns zu erwecken. Bis dahin aber dürfen wir nicht dulden, daß ein inquiſitoriſches Geſetz auf jedem Schritte uns im Aufſuchen des zerriſſenen Leichnams der heiligen Mär⸗ tyrerin behindert. 381— Als Milton geendet hatte, zollten ihm alle Zuhörer der Rota den größten Beifall, und ſelbſt der finſtere St. John mußte ſich für beſiegt erklären. Der edle Vertheidiger der Preßfreiheit wurde von allen Sei⸗ ten aufgefordert, ſeine Gedanken aufzuſchreiben und zu veröffentlichen; er verſprach es zu thun, und ſo entſtand ſeine Schrift„Aeropagitika“; eine Rede für die Freiheit der Preſſe, die er ebenfalls dem engliſchen Parlamente widmete. So vertheidigte der Dichter eines der edelſten Güter der Menſchheit mit männlichem Muthe, und kaum dürfte in neueſter Zeit irgend eine Schrift über dieſen Gegenſtand veröffentlicht worden ſein, welche ſich dem Werke Milton's an die Seite ſtellen kann. Schon damals erfaßte er mit ſeltenem Scharfſinn die Größe und Wichtigkeit einer Frage, welche ſelbſt in unſeren Tagen noch nicht eine vollkommene Erledigung geſunden hat. Milton's Schrift war der Weckeruf, welche in der franzöſiſchen Revolution bis in die Gegenwart hinein ein tauſendfaches Echo fand.— Auch dieſe neue Arbeit rief einen entſchiedenen Widerſpruch gegen ihren Verfaſſer hervor. Der gelehrte Barter, einer der vorzüglichſten Theologen der presbyterianiſchen Partei, ſchrieb einen geharniſchten Angriff gegen die freie Preſſe. Als Hauptgrund dagegen führte er die Unmaſſe von Büchern an, und daß die zahlloſen ſchlechten und von unberufenen Schriftſtellern verfaßten Werke die Wahrheit zu un⸗ terdrücken drohten. — Dann muß man beſſere ſchreiben, und Ihr könnt ſicher ſein, daß ſie, wie der Stab Moſes, die Werke der Gottloſen verſchlin⸗ gen werden, erwiederte ihm Milton. Barter ging in ſeinem Eifer ſogar ſoweit, daß er ſich zu ſterben wünſchte, bevor er den Triumph der von ihm verabſcheuten Preßfrei⸗ heit erlebte. So lange die Herrſchaft der Presbyterianer dauerte, blieb die Preſſe nach wie vor beſchränkt; erſt unter Cromwell und den In⸗ dependenten wurde die Cenſur zwar abgeſchafft, aber dennoch fehlte es nicht an heimlichen Verfolgungen. Oefters wurde den Schriftſtel⸗ lern das Manuſcript während des Druckes entriſſen. Ein ſolches Ge⸗ ſchick traf den Dichter Harrington mit ſeiner„Ozeana“, denn auch die Republik ſchützte nicht die Republikaner. Einen Erfolg hatte Milton's Werk indeß, der einen glänzenden Beweis für die Wirkung desſelben ablegte. Einer der angeſtellten Cenſoren, Namens Gilbert Mabbot, legte ſein Amt nieder und reichte ſeine Entlaſſung ein. Als Haupt⸗ gründe gab er an, daß ihm ſein Amt illegal, gefährlich und eher ſchädlich, als nützlich ſchiene. Zugleich machte er den Vorſchlag, daß Jedem geſtattet ſein ſolle, zu drucken mit Unterzeichnung ſeines Na⸗ mens und mit Uebernahme der Verantwortlichkeit vor den Gerichten. 19. Ueber einen jener zahlreichen Sumpfmoore, welche ſich oft Meilen weit im Inlande ausdehnen, und die unter dem Namen der Bogs bekannt ſind, ritt an einem ſtürmiſchen Februartage Sir Kenelm Digby in Begleitung eines Mannes, welcher trotz der verſteckten Tonſur und einer ſorgfältigen Verkleidung den katholiſchen Prieſter nicht verleugnen konnte. Der Boden war durch die vorangegangenen Regengüſſe voll⸗ kommen aufgeweicht und in einen ſchwarzen Brei aufgelöst. Bei jedem Tritte der Pferde zitterte die ſchlammige Maſſe und die kräftigen Thiere drohten zu verſinken. Ein eiſiger Wind, der die großen mit Schnee⸗ flocken vermiſchten Regentropfen den Reiſenden ins Gei iiht trieb, ver⸗ mehrte ihre unbehagliche Stimmung. Bei allen Heiligen! brummte Sir Kenelm. Ich wünſchte, wir wären ſchon unter Dach und Fach. Bald wird es dunkel werden, und dann halte ich es für eine Unmöglichkeit, auch nur einen Schritt weiter zu kommen. Es würde uns nichts übrig bleiben, als hier in dem verwünſchten Sumpfe unſer Lager aufzuſchlagen, wenn wir es nicht vorziehen, darin zu erſticken. Bei dieſer keineswegs tröſtlichen Ausſicht ſtieß der fromme Beglei⸗ ter einen tiefen Seufzer aus und bekreuzte ſich. — Sollte nicht in der Nähe irgend eine Hütte ſein, ſetzte er fra⸗ gend hinzu, die uns für die Nacht Schutz und Obdach gewähren kann? Strengt Eure Augen an, werther Freund! Die meinigen ſind von dem Schneetreiben ganz geblendet. — Ich fürchte, daß auch ich nicht mehr zu ſehen bekommen werde, als Ihr ſelbſt, ehrwürdiger Vater. Das ſchöne Erin hat keinen ——— — — 383— Ueberfluß an wohnlichen Häuſern, und die wenigen, welche noch ſtan⸗ den, haben unſere werthen Freunde, die rebelliſchen Irländer, mit Feuer und Schwert vom Boden vertilgt, daß auch keine Spur davon zurückgeblieben iſt. — In majorem Dei gloriam, ſagte der Geiſtliche mit gefalteten Händen, Alles zu Gottes Ruhm und Preis. — Ich wünſchte nur, daß die Hitzköpfe minder gründlich verfah⸗ ren wären. Ueberhaupt hätten ſie mit ihrem Aufſtand noch immer einige Zeit warten können; aber ſo ſind dieſe Irländer, ſie kommen immer zur Unzeit, und laſſen ſich von ihrer tollen Hitze hinreißen. Alles war vortrefflich eingeleitet, die nöthigen Vorbereitungen getroffen, Dublin wäre ohne Schwertſtreich in ihre Hände gefallen; doch dieſe Menſchen können nicht warten, und wollen die Frucht vom Baume pfluͤcken, ehe ſie noch reif geworden iſt. — Ihr vergeßt ganz und gar, daß die Verſchwörung vor der Zeit verrathen wurde. Das war nicht ihre Schuld. — Und dann dieſe unnöthige Metzelei der Proteſtanten, dieſe Grau⸗ ſamkeit gegen unſchuldige Frauen und Kinder. Ich bin kein Freund von Blut und mag nicht dulden, daß unſere gute Sache durch ſolche Ausſchweifungen befleckt wird. Die natürliche Folge konnte nicht aus⸗ bleiben; daß der König ſich von ihnen losſagen und mit ihnen kämpfen mußte. Er hätte den letzten Reſt von Liebe bei dem eng⸗ liſchen Volke eingebüßt, wenn er nicht die Rebellen als Feinde und Verräther behandelte. Schon aus Politik durfte er nicht anders thun. — Aber im Etillen unterhandelt er mit den Irländern. Das müßt Ihr am Beſten wiſſen, denn welchen andern Zweck könnte Eure Reiſe haben und wozu habt Ihr mich aufgeſucht und mich ebenfalls zu dieſer Reiſe beredet, die ich in Anbetracht ihrer Annehmlichkeiten ſchon mehr als einmal verwünſcht habe. Mir ahnt nichts Gutes davon. — Ihr irrt in dieſer Beziehung. Was ich thue, thue ich auf meine eigene Verantwortung. Zuerſt bin ein guter Katholik und dann erſt Unterthan. Die Irländer ſind im Namen der katholiſchen Reli⸗ gion aufgeſtanden, ihre übrigen Gründe gehen mich nichts an. Des⸗ halb halte ich es für meine Pflicht, ihnen mit meinem Rathe beizu⸗ ſtehen. Die Leute, welche an der Spitze ſtehen, können ihn brauchen, — 384— denn Phelim O'Neale beſitzt nicht mehr Verſtand in ſeinem dicken Schädel als das Pferd, das ich jetzt reite. — Und was gedenkt Ihr auszurichten? — Vor allen Dingen will ich mir eine klare Einſicht in die Lage der Verhältniſſe verſchaffen. Weiß ich erſt wie ſtark die Rebellen ſind, über welche Kräfte ſie zu verfügen haben, dann ergiebt ſich das Uebrige von ſelbſt. — Und in welcher Eigenſchaft wollt Ihr Euch den Führern vorſtellen? — Als Sir Kenelm Digby, als ein eifriger Katholik, als der treueſte Freund unſerer unterdrückten Religion. — Man würde Euch gewiß willkommen heißen, wenn Ihr als Abgeſandter des Königs gekommen wäret, um mit den Irländern zu unterhandeln. Digby antwortete nicht den verſteckten Fragen ſeines Reiſegefährten, ſondern trieb jetzt ſein Pferd zu größerer Eile an, ſo weit dies der ſumpfige Boden geſtattete. Der kurze Tag ging zu Ende und es be⸗ gann zu dunkeln. Die Lage der beiden Wanderer wurde immer unan⸗ genehmer. Weit und breit war kein Obdach, nicht die ärmlichſte Hütte zu ſehen, nur das ſchwarze Moor dehnte ſich in unbegränzter Ferne aus und ſchien am Horizont mit dem finſtern Himmel zu ver⸗ ſchmelzen. Der Weg war faſt nicht mehr zu finden und außerdem höchſt beſchwerlich. Es gab Stellen, wo die Pferde im Schlamme ſtecken blieben und nur mit der größten Anſtrengung herausgeriſſen werden konnten. Dazu kam die Furcht vor einem möglichen Ueber⸗ falle. Die Gegend war noch unſicherer als gewöhnlich durch die Un⸗ ruhen im Lande geworden. Sir Kenelm hielt es daher für gerathen, ſeine Piſtolen für alle Fälle in Stand zu ſetzen und den Hahn zu ſpannen. So mochten ſie noch länger als eine halbe Stunde in die hineinbrechende Nacht geritten ſein, als ſich der bisher ſichtbare Pfad gänzlich verlor. Die Dunkelheit hatte ſchnell zugenommen und es war keine Möglichkeit, auch nur einige Schritt weit vor ſich zu ſehen. Schon machten ſie ſich gefaßt, die Februarnacht unter freiem Himmel zuzubringen, als das laute Gebell eines Hundes neue Hoffnungen mit Befürchtungen gemiſcht in ihrer Seele erweckte. — — — 385— — Es müſſen Menſchen in der Nähe ſein, ſagte Sir Kenelm, indem er zur Vorſicht ſeine Waffe in die Hand nahm. — Heiliger Ignatius! betete der Jeſuit, beſchütze uns und ſchicke uns einen Engel, um uns wieder auf den rechten Weg zu bringen. Einige Minuten vergingen in banger Erwartung, dann ſchlug der Hund noch einmal und zwar lauter an. Das Brauſen des Windes und die herrſchende Finſterniß verhinderten die Annäherung einiger Perſonen zu bemerken, welche bald die Reiſenden umringten. — Wer ſeid Ihr? fragte eine rauhe Stimme im iriſchen Dialekt. — Arme Reiſende, welche ſich verirrt haben, lautete die Antwort. — Woher kommt Ihr? und wohin wollt Ihr? — Wir kommen über den Kanal und wollen in das Lager. Guter Freund, ſetzte der Geiſtliche hinzu, könnt Ihr uns nicht ein Obdach geben, wir werden Euch gerne dankbar ſein. — Folgt mir! Mit dieſen Worten ergriff der Unbekannte die Zügel des Pferdes, während ſein Begleiter desgleichen mit dem Thiere Sir Kenelm's that. Beide ſchienen mit der eigenthümlichen Beſchaffenheit des Bodens und mit dem Wege vollkommen vertraut zu ſein. Trotz der tiefen Dunkelheit ging es jetzt ſchneller als vorher und bald wurde ein Licht⸗ ſchimmer ſichtbar, welche die Nähe einer menſchlichen Wohnung ver⸗ kündigte. Auf einen gellenden Pfiff des Führers ſtürzten aus der Thür mehrere dunkle Schatten, welche ſich der Reiſenden bemächtigten. Dieſe wurden in ein weites Gemach geführt, in deſſen Kamin ein wohlthätiges Feuer loderte. Um daſſelbe ſaßen oder lagen mehrere bewaffnete Männer, deren Ausſehen oder Benehmen kein beſonderes Zutrauen einzuflößen im Stande war. Ihre Kleidung beſtand aus einigen zer⸗ riſſenen Lumpen und das wirre, ungekämmte Haar hing ihnen bis zu den Schultern herab. Die Sprache und das lebendige Mienenſpiel verrieth die Eingebornen des Landes. Bei dem Eintritt der Fremden erhoben ſie ſich mit blitzenden Augen und drohenden Geberden. Es ſind Engländer! ſchrie ein athletiſcher Mann, indem er ſpielend das Beil erhob, welches er in ſeinen Händen hielt. Dann müſſen ſie ſterben, fügte ein Anderer hinzu, wobei er einen habgierigen Blick auf die goldne Kette und die koſtbaren Waffen Sir Kenelms warf. 3 D. B. Xll. Milton u. ſeine geit. 25 — 386— Der Geiſtliche zitterte und bebte vor Angſt, während Digby ruhig und gefaßt blieb. — Ihr irrt, meine Freunde!l ſagte dieſer mit überlegenem Lächeln. Wir ſind zwar Engländer, aber gute Katholiken und Irlands Freunde. Wir wollen nach dem Lager, um Euren Anführer Phelim O'Neal zu ſprechen, da wir ihm wichtige Nachrichten mitzutheilen haben. Dieſe Rede ſchien einigen Eindruck auf die Männer zu machen, wenigſtens traten ſie zu einer kurzen Berathung zuſammen, deren Re⸗ ſultat ein für die Reiſenden günſtiges war. An dem Beſchluſſe nahm auch der Führer Antheil, welcher nicht minder zerlumpt gekleidet wie die Uebrigen, doch eine Art Herrſchaft über ſie auszuüben ſchien. Dieſer verkündigte ihnen auch, daß vorläuſig ihrem Leben keine Ge⸗ fahr drohe, ſie ihm aber ſogleich in das Lager folgen müßten. Mit einem ſchweren Seufzer entſchloß ſich der Geiſtliche, von dem zwar unbehag⸗ lichen, aber wenigſtens warmen Obdach Abſchied zu nehmen und wie⸗ der in die finſtere Nacht, Gott wußte, wohin zu reiten. Indeß, es blieb ihm nichts übrig, als dem Gebot des Führers und dem Beiſpiele Sir Kenelm's Folge zu leiſten. Mitternacht mochte vorüber ſein, als die Reiſenden in das Lager gelangten. Schon von ſerne ſahen ſie un⸗ zählige Wachtfeuer in der Dunkelheit glänzen. Als ſie näher kamen, glaubten ſie jedoch, ſich eher in dem Aufenthalte hölliſcher Geiſter, als in einem Kriegslager zu befinden. Um die Flammen kauerte ein Gewirre halbnackter Geſtalten, in den verſchiedenſten Stellungen und Lagen, Männer und ſelbſt Frauen und Kinder hockten um das Feuer und wärmten ſich, andere tanzten in wilder Trunkenheit um die bren⸗ nenden Holz⸗ und Strohbündel. Die rothen, zuckenden Gluthen beleuchteten ihre ſeltſamen Sprünge und Verrenkungen, welche von einem Geſange begleitet wurde, der an das Geheul der Verdammten erinnerte. Durch dieſe Gruppen geleitete der Führer die Reiſenden, hier und da einen Schläfer, welcher quer über den Weg lag, mit einem unſanften Fußtritt weckend oder bei Seite ſchiebend. Endlich gelangten ſie zu dem Zelte des Häuptlings, wo ſie längere Zeit warten mußten, ehe ſie vorgelaſſen wurden. Umgeben von ſeinen Offizieren und von mehreren katholiſchen Prieſtern, welche ſich im Lager auf⸗ hielten, trat Phelim O'Neale ihnen mit dem ſtolzen Bewußtſein ſeiner 3 — — 387— Würde entgegen. Die kräftigen, aber rohen Züge ſeines Geſichtes verriethen mehr Willensſtärke als Einſicht und Verſtand. — Wer ſeid Ihr? herrſchte er den Fremden zu. — Mein Name iſt Kenelm Digby, erwiederte dieſer, und meinen Reiſegefährten werdet Ihr wohl kennen. Bei dieſen Worten trat der Jeſuit dem Häuptling einige Schritte näher. — Ehrwürdiger Vater! rief dieſer erſtaunt. Wie, Ihr ſelbſt habt mich aufgeſucht und zwar in einer ſolchen Nacht? — Auf den Wunſch des Sir Kenelm Digby habe ich mein ſicheres Aſyl verlaſſen und keine Gefahr geſcheut, um ſeine Pläne bei Euch zu unterſtützen. Er kommt, wenn ich nicht irre, mit wichtigen Nach⸗ richten und mit dem beſten Willen, Euch und der guten Sache zu nützen. — Und er ſoll uns ſo wie auch Ihr willkommen ſein, ſagte der Häuptling, indem er Beiden ſeine Hand entgegenſtreckte. Während Phelim O'Neale ſich mit ihnen unterhielt, erſchien ein Trupp Bewaffneter mit zwei Gefangenen. Der Offtzier ſprach einige Worte mit dem Häuptling, worauf dieſer eine zuſtimmende Bewe⸗ gung machte. — Hängt ſie bei Sonnenaufgang, entſchied er kurz. Die ſo Verurtheilten wollten ſich vertheidigen, doch Phelim gebot ihnen ſtill zu ſchweigen. — Ihr ſeid überwieſene Spione, fügte er hinzu, denn was habt Ihr ſonſt in der Nähe des Lagers zu ſuchen? Außerdem ſeid Ihr geborene Engländer, demnach unſere Feinde. Bereitet Euch zum Tode vor. — Verzeiht, entgegnete der eine dieſer Gefangenen ohne Furcht. Ich habe eine geheime Botſchaft für Euch und deswegen näherte ich mich dem Lager. — Von wem iſt dieſe Botſchaft? — Das kann ich Euch nur ganz allein und ohne Zeugen an⸗ vertrauen. Bei den erſten Tönen dieſer Stimme warf Sir Kenelm einen Blick auf den Sprecher, den er ſogleich erkannte. — Sir Thomas Egerton! rief er erſtaunt.. 2— ——.— 2 — — Ihr kennt den Mann? fragte der Rebellenhäuptling. — Und ich verbürge mich für ihn. Er kann kein Feind, kein Verräther ſein, da er im Dienſte Ihrer Majeſtät der Königin ſteht. Auf einen Wink des Häuptlings wurde Thomas und ſein Beglei⸗ ter, der kein anderer als Lucy Henderſon in ihrer männlichen Klei⸗ 3 dung war, von ihren Banden befreit. Thomas dankte Digby zuerſt für den geleiſteten Dienſt mit vieler Wärme und Erkenntlichkeit. — Wie kommt Ihr hierher? forſchte dieſer erſtaunt.. — Mich ſendet die Königin, erwiederte Thomas leiſe. Ich komme im Auftrage meiner hohen Gebieterin. Ein ſeltſames Lächeln ſchwebte um die Lippen Digby's, als er dieſe Antwort erhielt. — Dann freue ich mich doppelt, Euch dieſen kleinen Dienſt geleiſtet zu haben. Wie ich glaube, führt uns Beide derſelbe Grund hierher und wir können daher offen gegen einander ſein. Da die Nacht zu weit vorgerückt war, um noch von Geſchäften zu reden, ſo verabſchiedete der Häuptling ſeine Gäſte, denen er ein gemeinſchaftliches Zelt anweiſen ließ. Erſchöpft von den Anſtrengun⸗ gen der Reiſe und der ausgeſtandenen Gefahr ſchliefen Lucy und der Geiſtliche bald ein, während Thomas und Sir Kenelm noch längere Zeit ſich unterhielten. Bald hatte Digby den Zweck der Miſſion er⸗ fahren, welche dem Jüngling aufgetragen war. Die Königin bot den iriſchen Rebellen durch ihn heimlich ihre Unterſtützung an und gab ihnen zugleich die Verſicherung, daß Karl geneigt ſei, einen Waffen⸗ 5 ſtillſtand mit ihnen abzuſchließen. Dieſe Mittheilung erfüllte Sir Kenelm mit den beſten Ausſichten für die katholiſche Partei, deren Sieg ihm vorzugsweiſe am Herzen lag. Er ſelbſt hatte ſich in das triſche Lager begeben, um daſelbſt durch ſeine Einſicht die von ihm vertretene Sache zu unterſtützen. Am nächſten Morgen hatte Thomas mit dem Rebellenhäuptling die gewünſchte Unterredung und erhielt einen eigenhändigen Brief des⸗ ſelben an die Königin, worauf er das Lager verließ, während Sir Kenelm noch längere Zeit daſelbſt verweilte. Beim Abſchiede von ſeinem jungen Freunde erbot dieſer ſich freiwillig, die Unterhand⸗ lungen zwiſchen Karl und den Irländern unter dem Siegel der tiefſten Verſchwiegenheit zu leiten. Von allen Seiten gedrängt, nahm der f n — 389— König dieſes Anerbieten an und während er offen die Rebellen be⸗ kriegen ließ, leitete Sir Kenelm im Geheimen die Fäden einer Intrigue, welche zunächſt nur einen Waffenſtillſtand, für ſpätere Zeit aber den völligen Abſchluß eines Bündniſſes bezweckte, um mit Hülfe iriſcher Truppen das Parlament zu unterdrücken und die Freiheit Englands für immer zu vernichten. Durch derartige Schritte, welche nicht ver⸗ borgen bleiben konnten, verſcherzte Karl die Sympathie ſelbſt derje⸗ nigen ſeiner Unterthanen, welche ihm noch zugethan waren, deren Liebe zur proteſtantiſchen Religion und Abſcheu vor dem Papſtthum jedoch ihre Anhänglichkeit und Treue für den König bei weitem über⸗ wog. Sein ſchlimmſter Feind war ſeine Doppeltzüngigkeit, welche wie alle ſeine Fehler aus der ihm angborenen Schwäche herzu⸗ leiten war. Auch das Kriegsglück, von dem Karl bisher begünſtigt worden war, ſchien ihn verlaſſen zu wollen. Die ſchottiſchen Convenanters hatten ſich mit dem Heer des Parlaments verbunden und die vereinigte Armee lieferte den Königlichen bei Marſtonmoor eine Schlacht, welche für die Letzteren höchſt ungünſtig ausfiel. Prinz Rupprecht, ein naher Verwandter, der Schweſterſohn Karl's, befehligte deſſen Cavallerie und ließ ſich von ſeiner Hitze zu weit gegen den Feind fortreißen. Er fand einen eben ſo tapferen als umſichtigen Gegner an Oliver Crom⸗ well, einem Manne, deſſen Name erſt ſeit kurzer Zeit genannt wurde. Im Parlamente ſelbſt, deſſen Mitglied er war, hatte er ſich bisher nur wenig bemerkbar gemacht. Er war ein ſchlechter Redner, aber ein geborener Feldherr und Parteiführer. In wenig Monaten hatte er ſich durch ſeine Tapferkeit und ſein Organiſationstalent emporgeſchwun⸗ gen. Bei Marſtonmoor entſchied er allein durch ſeine Kühnheit mit Beſonnenheit verbunden das Treffen zu Gunſten des Parlaments. Die untergehende Sonne beleuchtete das blutige Schlachtfeld und die Leichen der Erſchlagenen. Hier und da ſtieß ein ſchwer Verwun⸗ deter einen tiefen Seufzer aus und wimmerte um Hülfe. Herrenloſe Pferde flogen ohne Reiter geſpenſtig durch die Dunkelheit. Der laute Kanonendonner war verſtummt und hatte einer tiefen, faſt unheimlichen Stille Platz gemacht. Ueber das blutgetränkte Moor ritt Cromwell, gefolgt von dem alten Henderſon, der während der Schlacht nicht von ſeiner Seite gekommen war. Eine breite nur dürftig verbundene — 390— Stirnwunde gab Zeugniß von der Tapferkeit des finſteren Puritaners. Beide Männer beobachteten ein ernſtes Stillſchweigen. Erſt als der Mond im Weſten aufging und mit ſeinem bleichen Lichte das Schlacht⸗ feld überglänzte, öffnete Cromwell ſeine Lippen, um die ein Lächeln des Triumphes ſpielte. — Der Herr hat ſeine Feinde in unſere Hand gegeben. Wahr⸗ lich England und die Kirche Gottes haben große Gnade vor ſeinen Augen gefunden. So lang der Krieg gedauert hat, iſt kein größerer Sieg erfochten worden. — Und dir vor Allen gebührt der Dank, denn du haſt die Feinde vor dir hergejagt wie Spreu im Winde. — Preis und Ehre gehört dem Allmächtigen, ſein iſt der Ruhm. Ich bin nur ſein und des Parlamentes Diener. — Wenn du wollteſt, könnteſt du der Herr des Parlamentes ſein. — Was ſagſt du, Henderſon! Solche Rede darf ich nicht mit anhören. — Willſt du dein Ohr der Wahrheit verſchließen? Du biſt nicht blind, Oliver! du weißt ſo gut wie ich, daß die Verſammlung in Weſtminſterhall nicht mehr vom Geiſte Gottes erleuchtet wird. Viele darunter gleichen der Rotte Korah und lehnen ſich auf gegen den Herrn und ſeine Heiligen. — Leider muß ich dir Recht geben, ſeufzte Cromwell. — Auch die Feldherren ſind nicht alle wie du, Oliver, Auser⸗ wählte des Herrn. Eſſex, Fairfar und Waller hängen den Presbyte⸗ rianern an, welche mit Karl nicht mehr Krieg führen wollen. Ihr Arm iſt läſſig und ihr Herz zaghaft geworden. — Du ſchmähſt tapfere und würdigere Männer als wir Beide ſind; doch in deiner Rede ſteckt ein Körnchen Wahrheit, dem ich nach⸗ forſchen will. Vor allen Dingen vermiſſe auch ich die nöthige Ein⸗ tracht und den Eifer, der die Krieger Gottes beſeelen ſoll. Ich werde darüber nachdenken, wie dem Uebel abzuhelfen iſt, mich mit den Freun⸗ den berathen und ganz beſonders im Gebet die nöthige Erleuchtung ſuchen. Der Krieg muß mit mehr Eifer und Nachdruck fortgeführt werden, wenn er zu einem glücklichen Ziele führen ſoll. Ich fürchte ſehr, daß nicht alle Leute ſo reinen Herzens ſind wie du und ich. Es — 391— giebt Ehrgeizige darunter, welche, um ihrer hohen Stellung und anderer irdiſchen Vortheile willen, den Krieg in die Länge ziehen möchten. Das darf nicht ſein. — Du kannſt auf die Unterſtützung der Gottſeligen rechnen, wenn du die Sache zur Sprache bringſt. — Gott ſoll mich bewahren, rief Cromwell mit natürlich ſcheinen⸗ dem Entſetzen, daß ich gegen dieſe würdigen Männer auftrete, die noch dazu meine Freunde ſind. — So werden es andere Leute thun. Ich werde mit Harry Vane, mit St. John oder Nathaniel Fines ſprechen. Der Oberbefehl muß in würdigere Hände übergehen und ich kenne Niemand, der unſer Vertrauen ſo verdient, wie du. — Was der Herr über mich beſchließt, wird geſchehen und ich werde mich ſeinem Willen fügen. Thue du, wozu der Geiſt dich treibt und handle nach der Eingebung Gottes. Vor allen Dingen aber geh jetzt und laſſe deine Wunde verbinden, damit du in der kühlen Nacht⸗ luft keinen Schaden an deinem Körper nimmſt. — Sei meinetwegen ganz unbeſorgt. Dieſe Wunde ſchmerzt nicht mehr wie ein Mückenſtich, ſie ſoll mich an den ſtets gemahnen, der ſie mir geſchlagen hat und den ich mit Hülfe des Herrn einſt beſſer zu treffen gedenke als er mich. — Wer war der Mann? — Dein Feind wie der Meinige, jener gottloſe Jüngling, welcher deine Lucy entführt hat. — Weh ihm, wenn ich ihm begegnen ſollte. — Mitten im Kampfgewühl hab' ich ihn bemerkt und ſuchte ihn im dichteſten Gedränge heraus. Unſere Schwerter kreuzten ſich und ſchon ꝛglaubte ich, daß der Herr ihn in meine Hand gegeben, als plötz⸗ lich ein unbärtiger Knabe, der ſein Diener zu ſein ſchien, mich hinter⸗ rücks anſiel. Während ich mich umwendete, um den neuen Feind ab⸗ zuwehren, erhielt ich dieſe Wunde über die Stirn. Das herabſtrömende Blut blendete meine Augen und verhinderte mich am Sehen. Im nächſten Augenblicke waren meine Gegner verſchwunden und ich habe ſie nicht wieder erblickt. — C—O——————— — 392— — Er wird uns nicht entgehen und dann ſoll ihn die gerechte Strafe treffen. Haſt du von Lucy nichts gehört? — Meine Nachforſchungen waren vergebens, nur ſo viel erfuhr ich, daß ſie ſich von London heimlich entfernt hat, doch Niemand weiß wohin. — Ihr Tod kann mich nicht mehr ſchmerzen als ihr ſündhaftes Leben. Sie iſt verloren für mich, für immer verloren. Wiederholt drang Cromwell auf die Entfernung Henderſon's, damit dieſer ſeine Wunden verbinden laſſen und ſich die nöthige Ruhe gönnen ſollte. Er ſelbſt blieb allein in tiefem Nachdenken zurück. Sein ganzes vergangenes Leben zog an ſeinem inneren Blick vorüber. Vor wenigen Jahren noch ein unbekannter Mann, ein Flüchtling, der ſein Vater⸗ land verlaſſen und um des Glaubens Willen in die Wälder Amerikas ſich zurückziehen wollte, war er jetzt durch den Umſchwung der Verhältniſſe ein berühmter General, ein einflußreiches und bedeutendes Mitglied der mächtigſten Partei geworden. Der Ehr⸗ geiz, welcher bisher ungeahnt in ſeiner Seele ſchlummerte, begann ſich gewaltig zu regen. Er gehörte zu jenen großen und eigenthümlichen Männern, welche die Vorſehung in Zeiten einer Welt erſchütternden Bewegung hervorruft, um eine beſondere Miſſion zu erfüllen. Crom⸗ well vereinte die widerſprechendſten Eigenſchaften in ſeiner außerordent⸗ lichen Natur. Aufrichtige Verehrung Gottes und der Vorſehung, wahre und ächte Gottesfurcht ſchloſſen bei ihm keineswegs eine gewiſſe Weltklugheit und Verſtellungskunſt aus. Mit dem ſchärfſten Verſtande begabt, war er ein fanatiſcher Schwärmer und ſein durchdringender Geiſt, ſein ſtets richtiges und treffendes Urtheil erhielt häufig einen kleinen Bei⸗ geſchmack von ſcuriler Laune. Er war ein Held mit dem Benehmen eines Buffo, ein feiner Politiker in der plumpen Geſtalt eines engli⸗ ſchen Viehzüchters; das Genie ſeiner Zeit mit all ihren Fehlern. Es konnte keinen größeren Gegenſatz geben als Cromwell und ſeinen königlichen Gegner. Schwäche war der Grundzug des Einen, Willens⸗ kraft der des Anderen. Karl ſtammte von einer Reihe erlauchter Ahnen ab und vereinte in ſeiner Perſon alle Vorzüge und Mängel der Ariſtokratie, während ſich in Cromwell das Bürgerthum jener Zeit verkörperte; er war gleichſam der inkarnirte Glaubenseifer, verbunden mit dem ſchärfſten Verſtande, der revolutionäre Geiſt des Jahrhunderts, b — M , — —— — der dem despotiſchen Starrſinn des Königs gegenüberſtand. Beide Principien mußten ſich durch eine höhere Nothwendigkeit gezwungen mit einander meſſen und einen Kampf auf Leben oder Tod beſtehen. Je höher Cromwell geſtiegen war, deſto klarer und weitreichender wurde ſein Blick. Er wuchs mit den Verhältniſſen und auf der höchſten Stufe angelangt, ſtand er in rieſiger Größe da. Nicht nur ſein Verſtand, ſondern ein gewiſſer dämoniſcher Inſtinkt trieben ihn auf der einmal betretenen Bahn immer weiter und weiter. Der Augenblick beherrſchte ihn zwar, aber er wußte ihn immer richtig zu benutzen und war ſo der Herr desſelben und ſein Diener zu gleicher Zeit. Seine Verſtellungskunſt und die ihm oft vorgeworfene Heuchelei entſprangen nicht aus ſeinem innerſten Weſen, ſie waren nur durch ſeine eigenthümliche Lage bedingt, gewiſſermaßen ſeine Hülfstruppen, die er jedoch nach erlangtem Siege wieder verabſchiedete. Er dachte ſtets groß, war aber häufig gezwungen, klein zu handeln, dennoch ver⸗ lor er nie ſein Hauptziel aus den Augen, England mächtig und gefürchtet zu machen. In dieſem Augenblicke ſchweifte ſein Blick über das blutige Schlacht⸗ feld in die dunkle Ferne. Aus dem Moor ſtiegen die weißen Nebel empor und hüllten die Leichen der Todten ein, ſie ballten ſich zuſam⸗ men und nahmen, vom Mondlicht beſchienen, allerlei phantaſtiſche Ge⸗ ſtalten an. Ein langer geſpenſtiger Zug wie Geiſter der Erſchlagenen wallte an ihm vorüber, es überfiel ihn keine Furcht, denn die kannte er nicht, aber wohl ein leiſer Schauder. Er gedachte der nächſten Zukunft und der drohenden Ereigniſſe im Gefolge dieſes Bruderkampfes. — Nein, nein! murmelte er für ſich. Dieſer Krieg darf nicht länger dauern, er muß ein Ende nehmen, wenn nicht England darüber zu Grunde gehen ſoll Noch einige Siege und Karl muß nachgeben, oder— Er vollendete nicht, ſondern ſtarrte düſter vor ſich nieder. Erſt nach einer Pauſe fuhr er fort. — Wenn der König unterliegt, fällt die Herrſchaft an das Parla⸗ ment zurück, an das Parlament, welches ruhig in London ſitzt, um Unbedeutendes ſtreitet, während der Soldat ſein Blut im Felde ver⸗ ſpritzt. Wie mich dünkt, ruht nicht mehr der Geiſt Gottes auf der Verſammlung und ihr Thun iſt eitel. Je mehr Köpfe, deſto mehr — 394— Sinne, es fehlt der eine feſte Wille; der thut uns Noth. Nicht Eſſer, nicht Fairfax ſind berufen, das große Werk zu beenden. Der Herr wird ſich einen anderen Diener erwecken, der ſeinen Willen offen⸗ bart. Wer es auch ſein mag, er nimmt eine ſchwere Laſt auf ſeine Schultern, eine Prüfung, die kaum der Beſte überſteht. Was aber Gott beſchließt, iſt wohlgethan und ſein Wille geſchehe im Himmel, wie auf Erden.— Der Mond beleuchtete die betende Geſtalt Crom⸗ wells. So fand ihn in ſtiller Verzückung ein Reitertrupp, an deſſen Spitze der alte Henderſon ritt, nachdem er ſeine Wunden ſorgfältiger verbunden hatte. — Sehet! rief der ſchwärmeriſche Puritaner, indem er auf den fortbetenden Cromwell zeigte, das iſt das Rüſtzeug des Herrn, der auserwählte Streiter Iſraels. Ehrfurchtsvoll begrüßten die Soldaten ihren Führer. Er ſchien wie aus einem tiefen Traume zu erwachen und blickte verwundert um⸗ her, als hätte er ſie nicht zuvor bemerkt. — Geht! rief er ihnen zu, und thut Eure Pflicht. Verfolgt den Feind, ſchont ihn nicht, wo Ihr ihn trefft. Ich werde für Euch beten, während Ihr fechtet. 20. Zwiſchen den Bergen von Wales lag ein grünes, ſchattiges Thal, von einem friſchen rieſelnden Gebirgsbach durchſtrömt. Die ganze Gegend glich einem großen, romantiſchen Park; auf einem ziemlich ſteilen Hügel ſtand ein ſtattliches Schloß, welches aus den Zeiten der erſten Bürgerkriege zwiſchen den beiden Roſen ſtammen mochte, aber ſeitdem bedeutend erweitert und verſchönert worden war. Es hatte ſeinen urſprünglich gothiſchen Styl ſich bewahrt und ſchaute gebieteriſch mit ſeinem hohen Thurme, den kühnen Vorſprüngen und Pfeilern von ſeiner Höhe hernieder. Von einer ſtarken Mauer umgeben, durch eine Zugbrücke geſchützt und außerdem mit vielfachen Wällen und Verſchan⸗ zungen gedeckt, glich es einer kleinen Feſtung, wohl geeignet, ſelbſt einem zahlreicheren Feinde längere Zeit zu widerſtehen. Hier wohnte ſſchon e — 395— ſeit mehreren Jahren Alice Egerton an der Seite ihres Gatten. Nach Miltons Abreiſe hatte das treffliche Mädchen den andauernden Be⸗ werbungen des edlen und tapferen Sir Carbury nachgegeben und war ihm in ſeine Heimath gefolgt. Sie fand keinen Grund, die getroffene Wahl zu bereuen, da ihr Gatte zu den beſten Männer zählte, die ſie kennen gelernt und jeden ihrer Wünſche, bevor derſelbe noch ausge⸗ ſprochen war, zu erfüllen ſich bemühte. Dennoch vermochte ſie nicht gänzlich das Andenken an Milton aus ihrem Herzen zu verdrängen. Es gab Stunden, wo ſein theueres Bild ihr immer wieder erſchien, obwohl ſie gegen jede derartige Verſuchung mit ſtrengem Pflichtgefühl ſtets ankämpfte.— Wie viele und ſelbſt hervorragende Frauen be⸗ wahrte ſie das Ideal einer Jugendliebe in ihrem Herzen, ohne deshalb die Treue ihrem Gatten gegenüber zu verletzen. Sie liebte Carbury nur um ſo mehr und ſie ſuchte für dieſe Erinnerungen, die ſich ihr unwillkürlich aufdrängten, ihn durch die hingebendſte Zärtlichkeit, und Aufopferuug zu entſchädigen. Sie hatte ihm ein Kind geboren, zeinen Knaben, der das Band zwiſchen dem Ehegatten noch feſter knüpfte. Heut ſaß ſie in dem Schloßgarten und neben ihr ſtand die Wiege, in welcher der kleine Sohn ſchlummerte. Eine Bibel, die ſtete Begleiterin der wahrhaft frommen Alice lag vor ihr aufgeſchlagen, doch während ſie las, ſchweiften ihre zärtlichen Mutteraugen von den Zeilen auf das roſige Kind. Ein ſüßes Lächeln umſpielte die Lippen des Kleinen und die Mutter beugte ſich zu ihm hernieder nicht wagend, ihm den zuge⸗ dachten Kuß zu geben, aus Furcht, das Kind aus ſeinem feſten Schlafe zu erwecken. Ihre verklärten Blicke hingen mit Entzücken an dem theueren Weſen und ſie belauſchte mit heiliger Scheu die leichten Athemzüge der zarten Bruſt, die ſich in melodiſchem Takte hob und ſenkte. Während ſie dieſes Schauſpiel ſo genoß, fühlte ſie ſich plötzlich von zwei kräftigen Armen umſchlungen. — Alice, mein ſüßes, mein theures Weib, flüſterte die bekannte Stimme ihres Gatten. Sie wandte ſich um und erblickte Carbury an der Seite des wür⸗ digen Schloßkaplans. Ihr Gemahl war in Reiſekleidern und ſeine Mienen verriethen, trotzdem ſie heiter zu ſcheinen ſich bemühten, einen gewiſſen feierlichen Ernſt. — Du willſt verreiſen? fragte ſie betroffen. — 396— — Nur auf kurze Zeit, morgen bin ich ſicher ſchon zurück. Der würdige Doctor wird dir ſo lange Geſellſchaft leiſten. Er deutete dabei auf den Geiſtlichen, der das vierzigſte Jahr über⸗ ſchritten haben mochte und deſſen ſanftes, kluges Geſicht unwillkürlich Zutrauen einflöſte. Nichtsdeſtoweniger war Alice durch dieſe plötzliche Abreiſe ſehr beſorgt. — Ich kann mir, ſagte ſie, gewiß keinen beſſern Schutz und keine angenehmere Geſellſchaft wünſchen, als die mir die Gegenwart des Herrn Taylor gewährt, dennoch überraſcht mich dein Entſchluß und gerade in einer Zeit, wo uns von allen Seiten Gefahr droht. Du weißt, daß das Heer des Parlaments in Wales eingedrungen iſt und nur wenige Meilen von unſerem Schloſſe entfernt ſteht. Man kennt deine Geſinnung und Anhänglichkeit an unſern König. — Dieſe iſt auch der Grund meiner Reiſe. Ich habe Nachricht erhalten, daß man einen Handſtreich gegen unſere Beſitzung beabſichtigt. Die Beſatzung des Schloſſes iſt zu ſchwach, um eine längere und ſtrenge Belagerung auszuhalten. Ich habe mich deshalb um Unterſtützung an den König gewendet und obgleich er ſelbſt von allen Seiten bedrängt wird, hat er mir doch die nöthigen Truppen zugeſagt. Dein eigener Bruder ſoll dieſelben mir zuführen und ich reite ihnen entgegen, weil mich das längere Ausbleiben derſelben beſorgt macht. — Du erwarteſt alſo einen förmlichen Angriff auf das Schloß? fragte Alice geſpannt. — Das gerade nicht, entgegnete Carbury ausweichend, aber ich will für alle Fälle die nöthige Vorſorge treffen. Sehen unſere Feinde, daß wir hinlänglich gerüſtet ſind, um ſie zu empfangen, ſo werden ſie gewiß nicht ihre Zeit mit einer unnützen Belagerung verlieren wollen, da ſie ſelbſt im günſtigſten Falle wenig oder nichts dabei gewinnen. — Und mein Bruder Thomas ſoll uns die gewünſchte Hülfe bringen? Ich habe ſchon lange Zeit nichts von ihm und von den Meinigen gehört. — Er hat bis jetzt in der Umgebung der Königin gelebt. Seit⸗ dem dieſelbe jedoch England verlaſſen und nach Frankreich ſich ge⸗ flüchtet hat, dient er im Heere des Königs, wo er ſich bereits bei mehr als einer Gelegenheit rühmlich ausgezeichnet hat. — 2— mn ——— — 397— — Wie freue ich mich, ihn wieder zu ſehen, wenn auch die Ver⸗ anlaſſung ſeines Beſuches eben keine beſonders erfreuliche zu nennen iſt. — Sei unbeſorgt, mein geliebtes Weib! Ich hoffe, daß auch diesmal die Gefahr an uns vorübergehen wird. — Das gebe GCott! fügte der fromme und gelehrte Schloßkaplan mit gefalteten Händen hinzu.. Sir Carbury nahm den zärtlichſten Abſchied von ſeiner Gattin und drückte einen Kuß auf den Mund des noch ſchlummernden Kindes, das, aus ſeinem Schlafe erwacht, weinend emporfuhr und die kleinen Händchen nach der Mutter ausſtreckte. Alice beruhigte das ſchreiende Söhnchen mit einem Schlummerlied und bald ſchloſſen ſich wieder die kleinen blauen Augen, welche denen der Mutter glichen. Der Geiſtliche begleitete den Schloßherrn bis an das Thor und kehrte dann wieder zurück, um der Dame des Hauſes Geſellſchaft zu leiſten. Er fand ſie mit dem Leſen der Bibel beſchäftigt. Nach einer kleinen Weile legte ſie das Buch bei Seite. — Iſt es nicht wunderbar, ſagte ſie, daß dasſelbe Buch, welches für mich eine Quelle des Friedens und des Troſtes iſt, die übrige Welt in Feuer und Flammen verſetzt. Katholiken und Reformirte, Puritaner und Presbyterianer, ſowie die biſchöfliche Kirche berufen ſich auf die heilige Schrift und ſtreiten in ihrem Namen. — Selig ſind die Friedfertigen, entgegnete der Geiſtliche. Die ächten Bekenner der göttlichen Lehre ſoll man an der Liebe und Dul⸗ dung erkennen, die ſie den Andersgläubigen erweiſen. Als Abraham, ſo erzählt die Sage, vor der Thüre ſeines Zeltes ſaß, um nach ſeiner Gewohnheit müde Wanderer einzuladen, erblickte er einen alten Mann, der von den Jahren und den Anſtrengungen des Weges gebeugt, mühſam auf ihn zukam. Abraham empfing ihn freundlich, wuſch ſeine Füße, und lud ihn ein, niederzuſitzen und an dem Mahle Theil zu nehmen. Als er aber die Bemerkung machte, daß der alte Mann weder vor noch nach dem Eſſen batete, noch ſeinen Segen ſprach, frug er ihn, warum er nicht Gott im Himmel verehrte. Der alte Mann ſagte ihm, daß er nur das Feuer anbete und keinen andern Gott an⸗ erkenne. Ueber dieſe Antwort wurde Abraham ſo ergrimmt, daß er den alten Mann aus ſeinem Zelte fortſtieß und ihn allem Ungemach der Nacht und der Wüſte Preis gab.— Als der alte Mann gegangen ————x ——— u —— 398— war, rief Gott Abraham und frug ihn, wo der Fremde wäre? Er antwortete: Ich habe ihn fortgejagt, weil er dich nicht anbetete. Gott aber antwortete ihm: Ich habe hundert Jahre ertragen, daß er mich verunehrte und du konnteſt nicht eine Nacht ihn dulden, obgleich er dich nicht im mindeſten beleidigte. Da ſah Abraham ſein Unrecht ein und eilte dem alten Manne nach, bat ihn um Verzeihung und führte ihn mit allen Ehren in ſein Zelt zurück. — Und ſo wollen auch wir thun, ſagte Alice, indem ſie ſich von der Bank erhob. Ich kenne manchen trefflichen Mann, der in reli⸗ giöſen Dingen einen andern Glauben hat, als ich, dennoch möcht' ich ihn darum nicht haſſen. Wer nach Wahrheit ſtrebt, ſoll unſer Freund bleiben, ob er auch einen andern Weg einſchlägt, wie wir. Am Ziele müſſen all die Beſſeren ſich zuſammenfinden. Der Tag verging für Alice wie jeder andere in treuer Erfüllung ihrer Pflicht. Sie hatte ein großes Hausweſen zu verſorgen, viele Diener zu beaufſichtigen, die Mägde in Zucht und Ordnung zu er⸗ halten. Pächter kamen und gingen, ſie brachten den Zins für ihre Pachtungen, den die Hausfrau in Empfang nahm und getreulich in ein Buch eintrug. Faſt Alle klagten jetzt über die ſchweren Zeiten und verlangten bald einen größeren, bald einen geringeren Nachlaß von der ſchuldigen Summe. Gern gewährte Alice, was in ihren Kräften ſtand und mehrte ſo durch ihre Güte die Freunde und treuen Anhänger des Hauſes, welche bereit waren, im Falle der Noth ihr Leben für den Gutsherrn hinzugeben.— Gegen Abend ging ſie in Begleitung des Schloßkaplans und einer treuen Dienerin zu den Hütten der Armen und Kranken, überall Troſt und Hülfe ſpendend, begleitet von dem Segen derer, denen ſie eine wahrhaft liebevolle Pflegerin und Mutter war.— Nachdem ſie noch einmal ihr Kind geküßt, zog ſie aus einem verborgenen Schubfach des zierlichen, mit Elfenbein und Silber ausgelegten Schrankes ein Buch hervor, dem ſie ihre geheimſten Gedanken, Empfindungen, Gefühle und Erlebniſſe anzuvertrauen pflegte. Seit Jahren gab ſie ſich ſelbſt die ſtrengſte Rechenſchaft von ihrem Denken und Thun, ſie prüfte ſich und dieſe wohlverwahrten Blätter waren gleichſam der Spiegel ihrer Seele, der getreue Abdruck ihres Seins. Hier hatte ſie auch das Geheimniß ihres Herzens, ihre erſte Liebe für Milton, niedergelegt. Jetzt ſchrieb ſie folgende Worte nieder, — ——— —y ——— — 399— welche das ſchönſte Zeugniß für ihre Reinheit und ihre Trefflichkeit ablegen dürften. „Den fünfzehnten September. Heute früh iſt Mylord abgereiſt, um Erkundigungen wegen des Feindes einzuziehen, der nur noch fünf⸗ zehn Meilen von unſerem Schloſſe entfernt ſein ſoll. Er hofft, mit meinem Bruder und einer königlichen Beſatzung zurückzukehren. Als er gegangen, war mein Herz voll Trauer, ich griff nach der Bibel, um mich zu tröſten. Das Kapitel, welches ich zufällig aufſchlug, ließ mich lebhaft die Güte Gottes gegen ſeine ſchwachen und unwiſſenden Kinder empfinden. Gott ſei Dank, es bedarf nicht der Wiſſenſchaft und des Talents, um das Evangelium zu verſtehen. Ich glaube, daß das ſchlichte und einfache Weib oft das Leben beſſer und geſünder auffaßt, als wir mit all unſeren Kenntniſſen. Selten ſehe ich die alte, blinde Betty, die ich geſtern erſt wieder in ihrer Hütte beſucht habe, ohne von ihr zu lernen und mich an ihrem Beiſpiele aufzu⸗ richten. Sie hat ihren Gatten und alle ihre Kinder verloren, bis auf einen Sohn, der ſie ſchon lange Zeit verlaſſen hat und von dem ſie nicht einmal weiß, ob er noch lebt. Dabei iſt ſie ſeit fünfzehn Jahren erblindet, dennoch iſt ſie heiter und voll Vertrauen auf Gott. Dieſe Blinde ſieht heller, als wie ich mit meinen offenen Augen. Wäh⸗ rend ich ſo las und nachdachte, kam unſer guter Schloßkaplan zurück, der Mylord begleitet hatte. Er brachte mir die Grüße meines Gatten und wir ſprachen von der Duldung gegen Andersgläubige. Der wür⸗ dige Geiſtliche theilte meine Meinung und ich freute mich, daß auch er ſo mild urtheilte. Im Stillen gedachte ich dabei des Mannes, der meinem Herzen noch immer theuer iſt, unbeſchadet meiner Pflichten als Gattin und Mutter. Mein kleiner Sohn ſchlief ruhig und ich dankte Gott für das theure Pfand, welches er mir anvertraut hat. All meine Trauer verſchwindet, ſo oft ich das lächelnde Geſicht meines Kindes betrachte, jeder unlautere Gedanke ſchweigt in der Nähe dieſer Unſchuld. Ich fühle mich gereinigt und geheiligt durch ſeinen An⸗ blick.— Bei Tiſch fühlte ich mich einſam, da Mylord nicht zugegen war. Es iſt nicht bloß die Macht der Gewohnheit, die mich zu mei⸗ nem Gatten zieht, ſondern die aufrichtigſte Achtung und Liebe zu dem trefflicſſten der Männer. Er hat mein Herz durch ſeine Tugenden bezwungen und jede frühere Neigung in mir verdrängt. Für den ——— ͤͤſ 400 Genoſſen meiner Jugend empfinde ich jetzt nur die aufrichtigſte Freund⸗ ſchaft. Ich bin feſt überzeugt, daß auch er mich vergeſſen hat.— Gegen Abend habe ich das Vorwerk beſucht und Alles in beſter Ord⸗ nung gefunden. Cicely iſt eine treue Magd und das Vieh gedeiht unter ihrer Pflege. Ich habe ſie darum gelobt, denn das Lob der Herrin thut den treuen Dienern wohl. Man ſoll ſtets ſparſamer mit ſeinem Tadel, als mit ſeinem Lobe ſein. Die Schafe ſind wieder mit ihrer Wolle bedeckt, ſie wurden im Mai geſchoren. Arme Thiere! Wie haben ſie ſich anfänglich geſträubt gegen das kalte Eiſen und wie ruhig haben ſie doch endlich ſich in ihr Geſchick ergeben. Die jungen Lämmer blöckten nur, ſie ſchienen ihre Mütter in ſo veränderter Ge⸗ ſtalt gar nicht zu erkennen. Der Herr hat ihnen einen milden Wind geſchickt und ſo iſt wieder das Sprüchwort wahr geworden, daß Gott den geſchorenen Lämmern warme Lüfte giebt.— Ich bin durch den Park zurückgekehrt. Niemals habe ich die Kaſtanienbäume und die Buchen ſo ſchön in ihrer herbſtlichen Färbung gefunden. Ein Son⸗ nenſtrahl vergoldete das roth und gelbe Laub, die trockenen Blätter rauſchten angenehm zu meinen Füßen. Mir kam der Gedanke an meinen Tod, aber er ſchreckte mich nicht, ich wünſchte nur ſo ſanft und lächelnd hinzugehn, wie jetzt die ſcheidende Natur.— Alle Rech⸗ nungen mit den Pächtern habe ich in Mylords Abweſenheit in Ord⸗ nung gebracht. Ich fürchte faſt, daß ich mich zu ſehr mit den welt⸗ lichen Geſchäften befaſſe und darüber die Prüfung und Ausbildung meines Inneren verabſäume. Andere dürfen freilich glauben, daß ich alle meine Pflichten erfülle; wer dringt auch in die geheimen Fehler des Herzens ein, wer kennt die Trägheit, Unvollkommenheit und Kälte, mit der ich meinem Schöpfer diene, den Egoismus und die ſelbſtſüch⸗ tigen Gründe, welche meine wohlthätigen Handlungen leiten. Jetzt, wo ich Mutter bin, muß ich nicht doppelt mich ſelbſt bewachen! Als ich von meinen Rechnungen ermüdet und von Beſorgniſſen erfüllt, den Kleinen an die Bruſt legte, ſchien er vor meinem finſteren und ſor⸗ genvollen Geſichte zu erſchrecken. Das Kind, obgleich noch in ſo zar⸗ tem Alter, iſt ſchon äußerſt aufmerkſam auf die Phyſiognomien ſeiner Umgebung. Der Ausdruck meiner Mienen mußte ihm fremd vor⸗ kommen, denn es ſchrie heftig. Mein Lächeln und meine Zärtlichkeit beruhigten den Kleinen wieder, er ſtützte ſein Köpfchen von Neuem —— ——— — 401— an meine Bruſt und ſchlief bald darauf ein. Dieſer Vorfall iſt an ſich unbedeutend und doch belehrt er mich, wie es Noth thut, fort⸗ während auf ſi ſi ch ſelber Acht zu geben. Wenn aber dieſe Pflicht uns gegen unſere Kinder, und gegen alle Menſchen obliegt, um wie viel mehr gegen den, der unſer Herz durchſchaut und unſere geheimſten Gedanken kennt.“ Am nächſten Tage kehrte Sir Carbury in Begleitung einer kleinen Truppenabtheilung zurück, welche der König ihm unter Anführung von Thomas GEgerton zuſchickte. Alice eilte dem Gatten und dem lang erſehnten Bruder mit ungeheuchelter Freude entgegen. Bald be⸗ merkte ſie jedoch in den Zügen und in dem Benehmen der beiden Män⸗ ner den Ausdruck eines ſchlecht verhehlten Kummers. — Robert! ſagte ſie zu ihrem Gatten, was iſt dir widerfahren? Verberge mir nichts. Du weißt, daß ich nicht furchtſam bin und als dein Weib habe ich ein Recht, auch deine Sorgen wie deine Freuden zu theilen. — Ich fürchte, entgegnete Carbury nach einigem Zögern, daß wir uns trennen müſſen. Du darfſt nicht länger auf dem Schloſſe bleiben. Der Feind rückt immer näher und ſchon morgen kann er hier ſein und die Belagerung beginnen. Du wirſt dich noch heute auf den Weg machen und nach Ludlow⸗Caſtle in Begleitung eines treuen Diener reiſen, wo du im Hauſe deiner Eltern ſicher biſt. — Wie, und du glaubſt, daß ich dich verlaſſen würde? Mein Platz iſt hier an deiner Seite. Keine Gefahr kann mich von deiner Seite reißen. Wir haben uns gelobt, bis zum Tode neben einander auszuharren. — Ich kann, ich darf dich nicht den Schrecken einer ſolchen Be⸗ lagerung ausſetzen. — Und ich fürchte mich nicht, ſtelle mich auf die Probe und du ſollſt ſehen, daß ich nicht zittere. — Denke an unſer Kind. Seinetwegen bitte und beſchwor ich dich, das Schloß zu verlaſſen. — Die Pflichten der Gattin ſind nicht minder groß wie die der Mutter. Mein Leben gehört dir eben ſo wie meinem Sohne. Ich weiche nicht von dir.* D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 4 26 — 402— 1 liee be⸗ Auch nicht, ihren Vergebens waren alle Bitten und Befehle Carbury's harrte bei ihrem Beſchluſſe, alle Gefahren mit ihm Thomas, der ſeine Schweſter aufrichtig liebte, Willen zu erſchüttern. So blieb ſie und ern ruhig die nahe bevorſtehende Belagerung.— In wenig Stunden hatte das Schloß ſeine friedliche Geſtalt verloren. Der Hof und die Säle füllten ſich mit lärmenden Soldaten. Auf die Mauern wurden zwei kleine Ge⸗ ſchütze aufgeſtellt, welche früher nur zum Spiele und bei feſtlichen Gelegenheiten als Freudenboten gedient hatten; ſie waren zum letzten Male bei der Geburt eines Erben abgefeuert worden und lagen ſeitdem unbenutzt in einem Winkel des Schloſſes. Jetzt wurden ſie wieder hervorgezogen und mit Kugeln, gehacktem Blei und Eiſen geladen. Einige Diener erhielten den Auftrag, die alten Bäume des Parks zu fällen, damit die Belagerer an dieſen keinen Schutz und Anhalt fänden. Die ſchadhaften Stellen der Mauer wurden noch ſchnell aus⸗ gebeſſert und mit Schießſcharten verſehen, die Zugbrücke aufgezogen und die nöthigen Wachen aufgeſtellt. Alice ſtand bei allen dieſen Anord⸗ nungen ihrem Gatten und Bruder hülfreich zur Seite, ſie ſorgte mit ihren Mägden für die Bedürfniſſe der Beſatzung und ließ, ſo weit dies die Zeit noch erlaubte, durch die ihr ergebenen Pächter und Land⸗ leute die nöthigen Vorräthe an Getreide und Vieh von den Vorwerken herbeiſchaffen. Bald füllte ſich der Hof mit brüllenden Rindern und blökenden Schafen, die Speicher mit Korn und Mehl. In der Küche loderte ein mächtiges Feuer und die Wirthſchafterin kochte den ganzen Tag für die hungrige Beſatzung. Carbury hatte einige tüchtige Burſchen abgeſchickt, um die nöthigen Erkundigungen über die Bewegungen des Feindes einzuziehen. Sie kehrten mit keineswegs tröſtlichen Nachrichten zurück. Das Herr des Parlaments hatte die meiſten Schlöſſer und Feſtungen des Landes unter Anführung von Fairfax erſtürmt und zerſtört, eine Abtheilung ſetzte ſich unter dem Befehle des Majors Overton gegen die Beſitzun⸗ gen Carbury's in Bewegung und ſtand nur noch wenige Meilen davon entfernt, ſie konnte ſchon am nächſten Tage eintreffen. Ueber das Ziel ihres Marſches konnte kein Zweifel mehr ſein, da Sir Carbury für einen der eifrigſten Anhänger des Königs galt. Unter banger Er⸗ wartung verging die Nacht, am nächſten Morgen traf der Schloßherr * — 403 die Anordnung, daß alle Frauen, Kinder und Kranke alls dem Schloße entfernt werden ſollten. Nur die treue Cicely mit zwei Mäg⸗ den blieb zurück, um die Herrin in ihren vielen und ſchweren Ar⸗ beiten zu unterſtützen. Gleich nach Tiſch ſtiegen Thomas und Carbury auf den Thurm, um mit Fernröhren die Annäherung des Feindes zu erkundſchaften. Gegen drei Uhr glaubten ſie am Horizont eine Staubwolke zu beob⸗ achten, welche immer näher und näher rückte. Hier und da ſchim⸗ merte eine glänzende Waffe, eine Muskete oder der Griff eines Schwertes wie ein zuckender Blitz hervor. Die Lauſcher auf der Warte glaubten den dröhnenden Ton und gleichmäßigen Tritt eines Heer⸗ haufens zu vernehmen. Noch ließ ſich nicht die Zahl der Truppen beſtimmen, doch konnte dieſelbe nach der Ausdehnung der Staub⸗ wolke nicht unbedeutend ſein. So nahte die Gefahr, verhüllt wie ein dunkles Geheimniß, das in ſeinem Schooße Tod und Verderben birgt. Erſt nach und nach wurde der ganze Zug ſichtbar, der ſich zwiſchen den Hügeln und Thälern wie eine ringelnde Schlange bewegte, bald zwiſchen den Bäumen verſchwindend, bald wieder in der Ebene empor⸗ tauchend. An der Spitze ritt der Führer, umgeben von einigen Of⸗ fizieren, dahinter folgten mehrere hundert Soldaten in der charakteriſtiſchen Haltung der Heiligen Iſraels, wie ſie ſich ſelber nannten. Beim An⸗ blick des Schloſſes ſtimmten ſie einen frommen Pſalm an und rückten ſo ruhig vor, als ſtänden ſie im Begriff nicht einen Sturm zu wagen, ſondern irgend eine gottesdienſtliche Handlung zu begehen. — Ich glaube die Schurken, ſagte Thomas, ſchmeicheln ſich mit der Hoffnung, die Mauern dieſes Schloſſes wie die von Jericho durch ihr bloßes Geplärre einzunehmen. Wäre es nicht gut, durch einen gut gezielten Kanonenſchuß ihnen eine andere und beſſere Meinung beizubringen.. — Dazu haben wir noch immer Zeit, entgegnete Carbury. Wir müſſen unſer Pulver ſparen, ſie ſtehen noch zu entfernt, als daß ſie vor unſeren Kugeln ſich zu fürchten brauchten. Wie ſie aber auch ſingen und plärren mögen, es ſind doch tüchtige Männer und ihre ganze Haltung verräth wackere Soldaten und erprobte Krieger. — Halt! unterbrach Thomas ſeinen Schwager. Die Kerls ſcheinen doch mehr Lebensart zu beſitzen, als ich ihnen zugetraut habe. Bei 26* — 404 Gott! Sie ſchicken einen Parlamentair, der uns wahrſcheinlich zur Uebergabe auffordern ſoll. — Komm'! wir wollen ihn empfangen und hören, was er uns zu ſagen hat. Als Carbury vom Thurm herabſtieg, fand er bereits einen Of⸗ fizier des Parlaments an der Zugbrücke, der ihn zu ſprechen verlangte. Der Abgeſandte forderte ihn auf, das Schloß zu übergeben und ſich ohne Bedingung dem Parlament zu unterwerfen, dann ſollte ſein Leben wie das der Beſatzung geſchont werden. Der Schloßherr erklärte mit Entſchiedenheit ſeine Anhänglichkeit an den König und daß er bis auf den letzten Blutstropfen ſich vertheidigen würde. — So komme Euer Blut über Euer Haupt, rief der puritaniſche Offizier ihm zu, indem er ſeinem Pferde die Sporen gab. Gleich darauf ſchlug der Feind ſein Lager auf und entwickelte noch an demſelben Abend ſeine ganze Thätigkeit. Als Carbury vom Walle aus die nöthigen Beobachtungen anſtellte, kam er zu der Ueber⸗ zeugung, daß er einen eben ſo tapferen als kriegsgeübten Gegner vor ſich habe. — Es wird einen harten Strauß geben, ſagte er zu Thomas. Der Anführer dieſer Puritaner ſcheint mir ein Mann zu ſein, der ſein Handwerk verſteht. — Ich kenne ihn von früher und freue mich, daß ich bald eine Gelegenheit finden werde, eine alte Rechnung mit ihm auszugleichen. Dieſer Overton ſtéht noch immer in meiner Schuld. Die Annäherung Alicen's und des Schloßkaplans gab dem Ge⸗ ſpräche eine andere Wendung. Sie lud die Männer zum Abendbrode ein, das in feierlich⸗ernſter Stimmung verzehrt wurde. Nach Been⸗ digung deſſelben ſtellte Carbury die Wachen aus und ſchärfte ihnen die nöthige Vorſicht ein; er ſelbſt begab ſich nicht zu Bett, ſondern durchwachte die ganze Nacht, um ſogleich bei der Hand zu ſein. Alice mußte bei ihrem Kinde bleiben. Ehe ſie einſchlief, faltete ſie die Hände und betete um Abwendung der drohenden Gefahr. * —e —e 2. Die Herbſtſonne ging in goldener Klarheit auf, die Nebel, welche um die Hügel und Wieſen wie leichte Schleier ſchwebten, verſchwanden und die Gegend lag in wunderbarer Schönheit da. Kein Zeichen ver⸗ rieth, daß der wilde Krieg bereits in nächſter Nähe tobte. Alles war noch ſtill und nur die Schwärme der fortziehenden Wandervögel ließen zum letzten Mal im Jahre ihr Abſchiedslied ertönen. Alice war an das Fenſter getreten und ſchaute in die Ferne, da erblickte ſie das Lager mit ſeinen grauen Zelten, das wie eine dunkle Gewitter⸗ wolke ſich auf dieſem friedlichen Boden niedergelaſſen hatte. Es war kein Traum, ſondern die rauhe Wirklichkeit des Krieges, die ihr hier entgegenſtarrte. Am Himmel ſtand die ſilberne Mondſichel und der Morgenſtern funkelte ſie tröſtend an. Im Lager ſelbſt ſchien das tiefſte Schweigen noch zu herrſchen, plötzlich ertönte lauter Trompeten⸗ ſchall und in wenig Augenblicken war die Scene verändert. Aus den Zelten ſtrömten die Truppen herbei und ſtellten ſich in Ordnung auf; Sturmleitern und Faſchinen, um die Mauern zu erſteigen und die Gräben auszufüllen, wurden herbeigeſchleppt. Der Zug ſetzte ſich in Bewegung und rückte dem Schloſſe in eiligem Schritte bis auf Schußweite entgegen. Ein wildes Kriegsgeſchrei ertönte:„Der Herr iſt mit Gideon und ſeinem Schwert.“ Eine furchtbare minutenlange Pauſe entſtand, wo Alice nichts hörte als das Schlagen ihres eigenen Herzens.— Unterdeß ſtand Carbury an der Spitze der Belagerten, er hatte ebenfalls die Bewegungen des Feindes genau vom ſichern Walle aus beobachtet und erwartete ihre Annäherung. Jetzt befahl er mit lauter Stimme, die Geſchütze zu richten und auf die Angreifer Feuer zu geben. Im nächſten Augenblicke zitterte die Luft vom Donner der Kanonen und bald konnte Alice von ihrem Standpunkte die verheerenden Wirkungen der Kugeln beobachten. Mehrere Sol⸗ daten des Parlaments waren geſtürzt und bemerkbare Lücken in die Reihen geriſſen. Bald ſchloſſen ſich dieſelben wieder dichter und die eherne Sturmcolonne rückte unaufhaltſam vorwärts. Der tapfere Führer feuerte den Muth der Seinigen an und ſtellte durch ſein eigenes Beiſpiel und Zureden die geſtörte Ordnung ſogleich wieder her Bald jedoch ſtanden die Belagerer in der Nähe des Schloſſes und ——————— — 406— außer dem Bereiche der Kanonen, ſie hatten höchſtens nur noch von dem Kleingewehrfeuer der Gegner zu leiden, das ihnen aber nur wenig Schaden that. Mittelſt der mitgebrachten Faſchinen ſuchten ſie ſich dem Graben und den Wällen zu nähern, vor Allem aber die Zug⸗ brücke zu gewinnen, durch die ſie in das Schloß zu gelangen hofften. Schon ſchwangen ſich die Kühnſten herauf und machten Anſtalten, die Ketten der Brücke mit ihren Aexten zu durchhauen, als dieſe mit einem Male von ſelbſt fielen und Thomas an der Spitze von fünfzig Frei⸗ willigen hervordrang und die überraſchten Feinde im gewaltigen Anlauf zurückdrängte. Die Vorderſten wurden entweder getödtet, oder ge⸗ nöthigt in den Schloßgraben zu ſpringen, in deſſen ſchlammigen Wellen ſie umkamen, wenn nicht eine Kugel ihnen noch ſchneller ein Ende machte. Mitten auf der Brücke fand ein furchtbares Gemetzel ſtatt, kaum war Raum genug für die Kämpfer, Mann an Mann, Bruſt an Bruſt gedrängt, würgten ſich die Erbitterten und ſuchten ſich gegenſeitig hinabzuſtürzen. Immer neue Schaaren rückten heran, doch auch ſie vermochten nicht den Eingang zu erzwingen. Die Truppen des Parlaments mußten der ungeſtümen Tapferkeit der Belagerten weichen und wurden zum Rückzuge gezwungen. Den Fliehenden folgten die Kugeln von den Wällen des Schloſſes und erſt in der Nähe des Lagers gelang es Overton, ſeine zerſprengten Truppen wie⸗ der zu ſammeln. Der erſte Sturm war glücklich abgeſchlagen und Alice dankte Gott für den Sieg ihres Gatten. Sie eilte ſogleich in den Schloßhof, hier fand ſie Carbury und Thomas, der im Kampfe eine leichte Wunde erhalten hatte. Ein ſchöner Jüngling, der ſein Diener zu ſein ſchien, war damit beſchäftigt, ihm einen Verband anzulegen. Sie erkannte nicht ſogleich ihre Jugendfreundin Lucy Henderſon, welche für den Verwundeten Sorge trug und ſich abſichtlich vor ihr verbarg. Doch als ſich dieſe entfernen wollte und ihr dabei das Geſicht zuwendete, ſtieß Alice einen leiſen Schrei aus. — Lucy! rief ſie erſchrocken. Das arme Mädchen wagte weder zu bleiben noch zu gehen. Eine glühende Schamröthe überzog ihr Geſicht. — Komm' mit mir, ſagte Alice, indem ſie ein Geheimniß ahnte. — 8— hergegeben, welche Lucy vollkommen paßten. So erſchien ſie nach — 407— Widerſtandslos folgte Lucy der Jugendfreundin in ihr Gemach. Unter einem Thränenſtrom geſtand ſie ihre unerlaubte Liebe zu Thomas, ihre Flucht aus dem Hauſe des alten Henderſon und all die abenteuerlichen Begegniſſe ſeit der Aufführung des Komus in Lud⸗ low⸗Caſtle. — Ich bin nicht werth, ſagte ſie am Schluſſe ihrer Erzählung, daß eine edle Frau wie Ihr mit mir noch redet. Ach! ich vergehe vor Scham bei Eurem Anblick, Ihr müßt mich für die elendeſte Kreatur auf dieſer Erde halten. 1 — Da ſei Gott dafür, entgegnete Lucy mild. Richtet nicht, damit Ihr nicht gerichtet werdet. Der Heiland hat der größten Sünderin verziehen und ich ſollte dich verſtoßen. Meinen Bruder trifft minde⸗ ſtens dieſelbe Schuld wie dich. Ich werde mit ihm deinetwegen reden. — Redet mit ihm, doch treibt mich nicht zur Verzweiflung. Ich fühle, daß ich ihn nie verlaſſen kann.— — Und doch iſt es nothwendig. Vor allen Dingen aber mußt du die männliche Kleidung ablegen und wieder die Frauenkleider an⸗ legen, die dir zukommen. — Ich will Alles, Alles thun, was Ihr verlangt, nur muthet mir nicht Trennung von Thomas zu. — Nicht ich, ſondern er wird darüber entſcheiden, was geſchehen ſoll. Er hat dir die Ehre geraubt, er ſoll ſie dir auch wieder geben. — Wie, habe ich Euch Recht verſtanden? fragte Lucy wie aus einem Traum erwachend. Nein, nein! Es iſt nicht möglich. Das kann ja nimmermehr geſchehen. Thomas, Euer Bruder, ſollte mein Gatte werden. Ihr vergeßt, daß weder meine Geburt noch mein Ver⸗ mögen mich zu ſolchen Anſprüchen berechtigen. Alice ſuchte die Aufgeregte zu beruhigen, ſie konnte indeß dieſe nicht hindern, ihr die Hände und Füße mit Küſſen und Thränen zu bedenken. Die herbeigerufene Cicely half das Mädchen umkleiden und bald erſchien dasſelbe in ſeiner früheren weiblichen Geſtalt. Aus ihrem eigenen Kleidervorrathe hatte die gütige Schloßfrau die nöthigen Stücke — einiger Zeit von dem herbeigerufenen Thomas, mit welchem ſeine Schweſter eine längere und ſehr ernſte Unterredung hatte. — 408— — Du haſt ein großes Unrecht wieder gut zu machen. Durch deine Schuld allein hat die arme Lucy ihre Ehre eingebüßt. Ich weiß, daß ſie dich liebt, ſie hat es dir durch eine Aufopferung ohne Gränzen bewieſen. Jetzt iſt es an dir, ihr die geraubte Ehre wieder⸗ zugeben. Euer bisheriges Verhältniß muß aufhören und ſich in ein reineres und heiligeres Bündniß verwandeln. Obgleich Thomas vollkommen die frivole Anſchauung und Lebens⸗ weiſe ſeiner bisherigen Umgebung theilte, ſo beſaß er doch nicht den Muth, ſeiner Schweſter gegenüber dieſe Grundſätze geltend zu machen. Alicens Weſen flößte ihm unwillkürlich eine tiefe Ehrfurcht ein und er wagte in ihrer Nähe nicht, eine unziemliches Wort oder einen zweideutigen Scherz vorzubringen. Bis zu dieſem Augenblick hatte Lucy keinen derartigen Anſpruch erhoben und er betrachtete ſein Ver⸗ hältniß zu ihr keineswegs in dem Lichte einer unerlaubten Verbindung. Derartige Vorfälle gehörten überhaupt unter den Cavalieren jener Zeit zu den allergewöhnlichſten Vorkommniſſen und wurden in dieſen Kreiſen mit großer Milde und Schonung beurtheilt. Alicen's Worte ſchienen jedoch einen tiefen Eindruck auf den leichtſinnigen Mann her⸗ vorzurufen. Vielleicht mochten auch die vielen unzweideutigen Proben einer tieferen Neigung ihn in dieſem Augenblick beſtimmt haben. Er näherte ſich ſeiner Geliebten und reichte ihr die Hand. — Der Schloßkaplan, ſagte Alice, erwartet Euch in der Kapelle, um die Trauung noch heute Abend zu vollzlehen. Weinend, von Scham und Freude überwältigt, ſank Lucy in die Arme der tugendhaften Frau. Nur von Carbury und ſeiner Gattin begleitet, welche als Zeugen der Cermonie beiwohnten, trat das Paar vor den Altar, wo der fromme Taylor eine paſſende Anrede hielt und den Segen über die Vermählten ſprach. Die leidenſchaftliche Lucy wurde von einer an Anbetung gränzenden Liebe für ihre neue Schwä⸗ gerin erfüllt, Alice reichte ihr nach der Trauung die Lippen zum Kuſſe hin, doch das genügte Lucy nicht, ſie warf ſich ihr zu Füßen und küßte ihr die Hände, ohne daß ſie es wehren konnte. Unterdeß ſchritt die Belagerung weiter fort. Die Truppen des Parlaments hatten ſich bald von ihrer erſten Niederlage erholt und brannten vor Begierde die ihnen widerfahrene Schmach ſo bald als möglich wieder auszuwetzen. Sie erſuchten ihren Führer Overton ſo⸗ —— —— — 409— gleich einen zweiten Sturm zu wagen, dieſer zog es indeß vor, das Schloß immer enger einzuſchließen und durch Hunger zur Uebergabe zu zwingen. Zu dieſem Behufe umgab er es mit einem Kreiſe von Wachen, welche jede Zufuhr ihm abſchnitten. Außerdem ließ er ſchweres Belagerungsgeſchütz nachkommen, womit er in die Mauern erſt Breſche zu ſchießen gedachte, um dann ſicherer wie bisher einen zweiten und erfolgreichen Sturm zu wagen. Die wenigen Vorräthe waren bald auf⸗ gezehrt und auch die Munition begann zu fehlen. Carbury ſah ſich genöthigt, alles Blei und Eiſen von den Dächern und Fenſtern abzu⸗ reißen, um daraus Kugeln zu gießen. Täglich richtete das Geſchütz des Feindes große Verwüſtungen an, die Mauer wurde in Trümmer gelegt und ſelbſt das Schloß fing bereits an zu leiden. Die Garniſon war gelichtet und es fehlte nicht an Todten und Verwundeten. Unter ſolchen Umſtänden wurde ein Kriegsrath abgehalten und der Beſchluß gefaßt, einen Ausfall zu thun, um das Schloß mit den nöthigen Lebensmitteln zu verſehen und wo möglich das Belagerungsheer zum Abzuge zu zwingen. In dunkler Nacht ſetzte ſich der Haufen verwegener Männer, zu dem Aeußerſten entſchloſſen, in Bewegung. Geräuſchlos verließen ſie das Schloß und näherten ſich der vorgeſchobenen Liniie der Belagerer. Ein Soldat des Parlaments, welcher Wache ſtand und Lärm erheben wollte, wurde von Thomas mit eigener Hand niedergeſtoßen. Schon hatten ſie das freie Feld gewonnen, als ſie auf einen Poſten ſtießen, der ſich ihnen entgegenwarf. Jetzt erſt machten ſie von den Schuß⸗ waffen Gebrauch, der Schall derſelben weckte das ganze Lager und an der Spitze ſeiner eiligſt zuſammengerafften Truppen eilte Overton ſelbſt herbei. Nun entſpann ſich ein verzweifeltes Gefecht in der herrſchenden Finſterniß, welche nur von dem Blitzen der Gewehre und dem Blinken der Waffen durchbrochen wurde. Es fand ein ſtummes blutiges Ringen ſtatt. Freund und Feind erkannten ſich kaum in der Dunkelheit der Nacht. Erſt als der Mond aufging und die blutige Scene beleuchtete, wurde Overton die geringe Zahl der Gegner gewahr. Bald waren dieſe von allen Seiten eingeſchloſſen und es blieb ihnen keine Wahl, als ſich zu ergeben, oder mit bedeutendem Verluſte durchzuſchlagen. — Mir nach, ſchrie der tapfere Thomas. Verkauft Euer Leben ſo theuer als möglich. — 410— Mit dieſen Worten ſtürzte er muthig gegen die eherne Mauer der Feinde, um dieſelbe zu durchbrechen, verzweifelt folgten ihm die Seini⸗ gen; doch Overton ſtand ihm mit ſeinen Kerntruppen gegenüber. Zwei⸗ mal kreuzten ſich ihre Schwerter und beim ſchwankenden Mondlicht erkannten ſich die alten Gegner — Nehmt dies für den Haywood⸗Forſt, rief Thomas mit gewich⸗ tigem Hiebe gegen den Kopf des Führers ausholend, dem dieſer ge⸗ ſchickt auswich. — Ergebt Euch, rief dieſer. Der Herr hat Euch zum zweiten⸗ Male in meine Hand gegeben. — Spart Euere heuchleriſchen Redensarten, die mich nur mit Ekel erfüllen. Sie fochten mit einander voll Erbitterung und wie früher hatte ſich auch jetzt ein Kreis um die Kämpfenden gebildet, welcher von dem Schauſpiel angezogen die eigenen Waffen ruhen ließen. Beide Gegner bluteten bereits aus mehreren Wunden, als Carbury, der an einer andern Seite vergebens den Kreis zu durchbrechen verſuchte, ſich ihnen näherte. Er drängte gegen die Feinde ungeſtüm heran und bald wurde der Kampf wieder ein allgemeiner. In dem folgenden Getüm⸗ mel ſah ſich Thomas von Overton gewaltſam getrennt. Unentſchieden wogte das Gefecht, indem ſich die Schale des Sieges bald auf die eine, bald auf die andere Seite neigte. Carbury verrichtete Wun⸗ der von Tapferkeit, von ſeinen treueſten Dienern umgeben, gelang es ihm mit ſeinem Schwerte ſich nochmals einen blutigen Weg zu bahnen, doch die Ueberzahl der Feinde geſtattete ihm nicht die hier und da erlangten Vortheile weiter zu verfolgen. Immer dünner wurde ſeine Schaar und die tapfern Krieger ſanken vor ſeinen Augen zu Tode getroffen hin. Enger und enger ſchloß ſich das Netz, das er vergebens zu zerreißen verſuchte. Er hatte ſich bisher den Rücken frei zu halten gewußt, indem er ſich mit den Seinigen auf ein kleines Gebüſch zu⸗ rückzog, das überdies von einem nicht allzutiefen Graben gedeckt wurde. So von hinten wenigſtens geſchützt vermochte er längere Zeit der Uebermacht zu widerſtehen. Overton hatte indeß mit gewohnter Um⸗ ſicht dieſe natürliche Schutzmauer nicht überſehen, auf ſeinen Befehl bahnte ſich eine kleine Abtheilung ſeiner Truppen mit dem Schwerte einen Weg durch das Geſtrüpp. Der Schall der Hiebe, das Brechen — — 4411— und Zuſammenſinken der Zweige belehrte Carbury von der neuen drohenden Gefahr. Mit jedem Schlage fiel eine ſeiner Stützen und bald war das Gebüſch gelichtet. Nur der ſchmale Grabe diente ihm als Schutzwehr, die er mit der größten Anſtrengung zu vertheidigen beſchloß. Die Angreifer durchwateten denſelben und ſtürmten gegen das entgegengeſetzte Ufer, welches nur um wenige Fuß höher lag. Hier ſtießen ſie jedoch auf einen wahrhaft verzweifelten Widerſtand. Carbury benutzte die geringen Vortheile ſeiner Lage und ſtürzte mit ſeinen Getreuen die emporklimmenden Gegner immer von Neuem von der Höhe herab. Der Graben füllte ſich mit den Leichen der Erſchla⸗ genen, die eine natürliche Brücke für die Lebenden bildeten. Ueber die todten Körper ſchritten dieſe zum erneuten Sturm. Vergebens waren alle Anſtrengungen, von hinten und vorn zu gleicher Zeit bedrängt, mußte ſich Carbury in ſein Schickſal ergeben. Nach der muthvollſten Gegenwehr ſank er tödtlich getroffen zu Boden. Sein Fall jedoch gab das Zeichen zu einem noch erbitterteren Kampfe. Thomas, welcher von Fern die Gefahr bemerkt hatte, in der ſein Schwager ſich befand, eilte mit dem noch übrigen Haufen herbei, um ihn zu befreien. Er kam zu ſpät, um ihn zu retten, aber wenigſtens wollte er ihn rächen. Mit tollkühnem Ungeſtüm warf er ſich auf Overton und deſſen Truppen. Der raſende Schmerz verdoppelte ſeine Tapferkeit und die der Belagerten. Die Parlamentariſchen begannen zu weichen und im wilden Anlaufe gelang es ihm, den Kreis zu durchbrechen und ohne verfolgt zu werden den Rückweg nach dem Schloſſe zu erzwingen. Mit der Leiche des getödteten Carbury kehrte er zurück. Alice begegnete dem Trauerzuge auf dem Schloßhofe, mit einem Schmerzensſchrei ſtürzte ſie auf die blutige Bahre. Trotz ihres Jammers bei dem ungeheuren Verluſte, der ſie betrof⸗ fen, verlor Alice ihre Beſinnung nicht; ſie war entſchloſſen ganz im Geiſte des Verſtorbenen nach wie vor dem Feinde Widerſtand zu leiſten und das Schloß zu vertheidigen. Nachdem ſie die Leiche beſtattet hatte, erſchien ſie in ihren Wittwenkleidern vor der Beſatzung, welche Thomas jetzt befehligte. Ein ſchwarzer, bis zur Erde niederwallender Schleier verhüllte die edle Geſtalt, nur das bleiche, ſchöne Geſicht freilaſſend. Auf den Armen trug ſie ihr unmündiges, verwaiſtes Kind, das ſorg⸗ los mit den dunkeln Buſenſchleifen ſpielte. So redete ſie das tapfere I 1412— Häufchen der Uebriggebliebenen an und forderte ſie zum muthigen Aus⸗ harren auf. Ihr Anblick begeiſterte und rührte dieſe feſten Männer; manches Auge, das ſelten oder nie geweint, füllte ſich mit Thränen. Alle ſchworen der Herrin unaufgefordert Treue bis in den Tod. Trotzdem Carbury gefallen war, erfuhren die Belagerer nach wie vor einen unerwarteten Widerſtand. Von Lucy begleitet zeigte ſich Alice zu jeder Tageszeit unter ihren Getreuen, um ihren Muth anzu⸗ feuern, was ihr auch ſtets gelang. Wo die Gefahr am größten ſchien, war ſie ſicher zu finden. Ihre ganze Natur hatte ſich plötzlich ver⸗ ändert, ſonſt ſcheu und ſchüchtern, war ſie über Nacht zu einer Heldin geworden, die den Tod des Gatten rächte und die gelobte Treue ihrem Könige bewahrte. Gleich den heroiſchen Frauen des Alterthums bebte ſie nicht vor den Schrecken des Krieges, dem Lärm der Waffen und dem Anblick der Todten und Verwundeten zurück. Wenn ſie am Tage alle Gefahren mit den Ihrigen getheilt, wandelte ſie des Nachts durch die Säle, um die Wunden der Tapferen zu verbinden. Sie legte ſich ſelbſt die größten Entbehrungen auf und da der Mangel an Lebensmitteln immer drückender wurde, verſagte ſie ſich die gewohnte Nahrung und Bequemlichkeit. Ein ſolches Beiſpiel mußte Wunder thun und die Beſatzung ertrug ohne Murren die ihr auferlegten Ent⸗ behrungen. Ein in dieſem Kriege unerhörte Treue nnd Ausdauer ehrte die ganze Garniſon, unter der ſich auch nicht ein einziger Ueber⸗ läufer oder Verräther fand. Trotzdem waren alle dieſe Anſtrengungen ohne Erfolg. Das Geſchütz der Belagerer hatte den größten Theil der Mauern und Wälle zerſtört und die Beſatzung vermochte nicht den angerichteten Schaden wieder auszubeſſern. Ergrimmt über den unerwarteten Aufenthalt, beſchloß Overton einen neuen Sturm zu wagen. Um Mitternacht, als die Garniſon von anhaltendem Kampfe überwältigt ſich dem Schlafe überließ, erſtiegen die Truppen des Parlaments das Schloß, ehe die Wachen noch Lärm erheben konnten, wurden dieſelben niedergeſtoßen. Bald füllte ſich der Hof mit Bewaffneten, welche die überraſchte Garniſon von allen Seiten angriffen. Aber auch jetzt noch leiſtete dieſe eine verzweifelte Gegenwehr. Thomas hatte ſich mit einem Hau⸗ fen entſchloſſener Männer in den Thurm geworfen; dort befand ſich auch Alice mit dem Kinde. Von dem Fenſter ſchoſſen die Tapfern — 413— auf den Feind, und noch mancher Soldat des Parlaments wurde hier niedergeſtreckt. Eine tollkühne Schaar von Freiwilligen nahte ſich mit Aexten bewaffnet, um die eiſernen Thore, welche zu dem Thurme führten, einzuſchlagen. Mehrere wohlgezielte Salven der Belagerten reichten indeß hin, ſie wie Spreu im Winde wegzublaſen. Von Neuem führte Overton ſelbſt ſeine Truppen zum Angriff an; ſie hör⸗ ten nicht mehr auf ſeinen Befehl, und wichen, von ſcheuer Furcht ergriffen, vor dem Kugelregen, der auf ſie herniederſtürzte. Nur ein Mittel blieb noch übrig, welches der Befehlshaber bisher aus Menſch⸗ lichkeit unterlaſſen hatte. Auf einen Wink von ihm wurden Pech⸗ kränze und Fackeln gebracht, um den Thurm in Brand zu ſtecken. Bald wirbelte ein dichter Rauch empor, und die gierigen Flammen, durch herbeigeſchlepptes Stroh und Reiſigbündel genährt, leckten gierig an dem dürren Gebälk. Von Stockwerk zu Stockwerk ſtieg die ver⸗ zehrende Gluth, welche die Beſatzung zu verbrennen drohte. Es ſchien keine Rettung mehr möglich, und Alle waren auf den Tod in dieſem Flammenmeer gefaßt. 3 — Ehe wir ſo elend durch das Feuer umkommen, ſagte Thomas, iſt es beſſer, daß wir mit dem Schwerte in der Hand fallen. Wir wollen unſer Leben wenigſtens ſo theuer, als möglich verkaufen. Sein Vorſchlag fand allgemeine Billigung und wurde ſogleich aus⸗ geführt. Auf ein gegebenes Zeichen fielen die Riegel des eiſernen Thores, und die Belagerten, zu einem dünnen Häufchen zuſammen⸗ geſchmolzen, ſtürzten aus dem brennenden Thurme hervor. In ihrer Mitte befanden ſich die Frauen, Lucy und Alice, welche das Kind auf dem Arme trug. Die Truppen des Parlaments umringten ſo⸗ gleich die kleine Schaar. An ein Entrinnen war kaum mehr zu den⸗ ken, um ſo erbitterter war der Kampf. Thomas erlag der Ueber⸗ macht und wurde zum Gefangenen gemacht; dasſelbe Schickſal traf diejenigen ſeiner Kampfgefährten, welche nicht von dem ergrimmten Sieger niedergeſchlagen wurden. Glücklicher waren die beiden Frauen. In der Dunkelheit und der allgemeinen Verwirrung gelang es ihnen, unbemerkt zu entkommen. Schon hatten ſie ein Pförtchen erreicht, das in den Park und in das Freie führte, als das Schreien des Kindes die Aufmerkſamkeit eines Soldaten auf ſich zog. Dieſer ſtürzte ihnen nach; es war der wohlbekannte Billy Green, der nach — 4144— dem Beiſpiele vieler ähnlicher Abenteurer jetzt Beute und Beförde⸗ rung im Heere des Parlaments ſuchte, nachdem ſein Gönner Pym geſtorben war, und er als Angeber und Spion nicht mehr ſeine Rechnung fand. Wohlweislich hielt er ſich von der Gefahr und dem Kampfe ſo weit als möglich entfernt, auf die Gelegenheit lauernd, wo er durch Plündern und Brandſchatzen ſeine Taſchen füllen konnte. Dieſe ſchien jetzt für ihn gekommen zu ſein. Bei der Helle, welche der brennende Thurm verbreitete, entdeckte er ſogleich die fliehenden Frauen. Weibern gegenüber, verſpürte er aber immer eine beſondere Tapferkeit. Bald hatte er auch Alice erreicht, und ſuchte ſie an ih⸗ rem Gewande feſtzuhalten. — Hollah! rief er ihr zu. Mein holdes Täubchen, ſo entkommt Ihr nicht. — Um Gottes Willen, laſſ't mich los. Was wollt Ihr von mir? — Närriſche Frage, lachte der Böſewicht. Ihr tragt an Eurem Halſe eine goldene Kette, die mir wohlgefällt. — So nehmet ſie hin und haltet mich nicht auf. — Auch ein Ringlein glänzt an Eurem Finger, das ich für mein Schätzchen brauchen könnte. — Es iſt mein Trauring, entgegnete Alice im ſchmerzlichſten Tone. — Laſſ't ſehen, ob er ſich der Mühe lohnt, antwortete er ungerührt. Billy griff nach ihrer Hand, um ihr den Ring zu entreißen. Bei dieſer Gelegenheit war er ihr nahe genug getreten, ſo daß ſie in ihm den frechen Komus aus dem Haywood⸗Forſte wieder erkannte. Auch in ihm ſchien eine ähnliche Erinnerung aufzuſteigen. — Potz Wetter! ſchrie er laut. Ich habe, wenn ich mich nicht täuſche, da einen ſauberen Fang gethan, der ſich noch der Mühe lohnt. Ihr müſſ't mit mir umkehren, Ihr und Euer Kind. Gebt mir es her. — CEher mein Leben, entgegnete Alice entſchloſſen, indem ſie ihr Söhnchen feſt an den ſtürmiſch bewegten Buſen drückte. — Macht keine Umſtände, höhnte der Burſche. Ihe ſeid die Schloßfrau und meine Gefangene. Sträubt Euch nicht, Ihr ſeht, daß ich Euch kenne. Vergebens flehte Alice um Schonung für ſich und ihr Kind. Schon ſtreckte Billy die Hand nach dem Kleinen aus, um ſich mit m — — 415— Gewalt desſelben zu bemächtigen, da ſtürzte Lucy, welche er bisher gänzlich unberückſichtigt gelaſſen hatte, mit dem Muthe einer Löwin auf den Räuber los. Che er ſich deſſen verſah, entriß ſie ihm die. Piſtole, welche er in ſeinem breiten Gürtel trug. — Zurück! donnerte ſie ihm entgegen, oder, ſo wahr ein Gott im Himmel lebt, ich ſchieße dich nieder. Billy taumelte, von Furcht ergriffen, einige Schritte rückwärts, und feige Todtenbläſſe überzog ſein lebhaftes Geſicht; doch bald ermuthigte ihn der Gedanke, daß ihm nur eine Frau gegenüberſtand. Er ließ jetzt von Alice ab und wandte ſich gegen ſeine neue Feindin. — Zurück! rief ihm dieſe von Neuem zu, indem ſie mit geübter Hand den Hahn ſpannte. Mochte ſich der Burſche ſeiner früheren Feigheit ſchämen, oder der Gedanke ihn ſtacheln, einen wichtigen Fang zu thun, und da⸗ durch Anſehen und Belohnung zu empfangen; er achtete die Drohung nicht, und legte ſeine Hand an das Schwert, um Lucy einzuſchüch⸗ tern und ſich der wehrloſen Frauen zu bemächtigen. Ehe er jedoch ſein Vorhaben ausführen konnte, zielte Lucy mit Sicherheit und drückte die Piſtole los. Verwundet ſtürzte Billy Green mit lautem Geſchrei um Hülfe zu Boden. Ehe noch einer ſeiner Spießgeſellen ihn hören konnte, hatte Lucy die Hand ihrer Schwägerin ergriffen und war entflohen. 22. Ein Mißgeſchick nach dem andern hatte den König betroffen; ſeine Truppen waren geſchlagen, ſeine Anhänger auf der Flucht, oder im Gefängniſſe; er ſelbſt irrte mit dem zerſprengten Reſt eines Heeres von Ort zu Ort. So von aller Welt verlaſſen, gab er endlich den Rathſchlägen des franzöſiſchen Geſandten Montreville Gehör, und ſtellte ſich ſelbſt freiwillig in dem Lager der Schotten. Er zog es vor, ſich ſeinen alten Feinden eher anzuvertrauen, als ſeinen eigenen Unter⸗ thanen, indem er theils auf ihre Großmuth, theils auf die fortwäh⸗ rende Eiferſucht der beiden benachbarten Nationen im Stillen rechnen — 1416 mochte. Bald mußte er jedoch zu der Ueberzeugung gelangen, daß er ſich getäuſcht. Die Schotten lieferten den König für eine Summe von viermal hundert tauſend Pfund an das engliſche Parlament aus. Die Presbyterianer, welche noch immer hier die Oberhand hatten, bemächtigten ſich ausſchließlich der Perſon des Königs, und brachten ihn nach Holmby, wo er zwar ſtreng von ihnen bewacht, aber noch immer mit allem ihm zukommenden Reſpekt von ihren Commiſſionä⸗ ren behandelt wurde. Karl ſelbſt gab ſich von Neuem der Hoffnung hin, durch Unterhandlungen mit ſeinen Gegnern nicht allein ſeine Krone zu retten, ſondern mit der Zeit ſeine frühere Macht wieder zu gewinnen. Seinem zweideutigen Weſen getreu, ſchenkte er ſchein⸗ bar den Bedingungen und Vorſchlägen des Parlaments Gehör, wäh⸗ rend er im Geheimen ſich nach einer Befreiung aus ihren Händen umſah. Er glaubte dieſe bei den ſchwärmeriſchen Independenten und bei dem Heere zu ſinden. Er haßte die gemäßigten Presbyterianer, welche das conſtitutionelle und beſchränkte Königthum beibehalten woll⸗ ten, weit mehr als die mehr republikaniſch geſinnten Puritaner. Zu allen Zeiten zeigt der Abſolutismus eher eine Hinneigung zu der extremen Demokratie, als zu den wirklich conſtitutionellen Freunden der Freiheit. Es iſt dies eine Erſcheinung, die ſich immer wiederholt. Sobald der Sieg durch die Gefangennehmung des Königs ent⸗ ſchieden und der Kampf beendet war, ſiel auch das letzte Band, welches die feindlichen Parteien noch zuſammenhielt. Unverhüllt trat jetzt der Zwieſpalt zwiſchen den Presbyterianern und Puritanern her⸗ vor. Beide waren auf einander eiferſüchtig, die Erſteren hatten das Uebergewicht im Parlament, die Letzteren in der Armee. Um dieſe einer ſolchen Stütze zu berauben, beſchloſſen jene, das Heer theils aufzulöſen, theils nach Irland zu entfernen, wo noch immer der Aufſtand wüthete. Die Soldaten, deren Tapferkeit allein den Sieg herbeigeführt, waren durch derartige Maßregeln auf das Aeußerſte erbitterte. Sie rotteten ſich zuſammen und bildeten beſondere Aus⸗ ſchüſſe, die damit beauftragt waren, die Rechte der Armee zu wah⸗ ren. Täglich wurden zu dieſem und ähnlichen Zwecken ſtürmiſche Ver⸗ ſammlungen im Lager abgehalten. Der alte Henderſon, der einen bedeutenden Einfluß innerhalb ſei⸗ ner Partei ausübte, ſtand einige Tage nach der Gefangennehmung — SEoͤoE — 4147— des Königs vor ſeinem Zelte, umgeben von einem Haufen gleichge⸗ ſinnter Soldaten. Einige hielten die Bibel in der Hand, andere ſtützten ſich auf die Griffe ihrer langen Schwerter. Ihre ſtrengen Geſichter waren noch ernſter, als gewöhnlich, fanatiſcher Eifer röthete ihre Wangen, und blitzte wild unter den buſchigen Augen⸗ brauen hervor. Sie glichen weit mehr einer in Verzückung und Erſtaſe befindlichen Kirchengemeinde, als einer Verſammlung von Kriegern. — Auf Iſrael! rief der greiſe Puritaner, und rüſte dich. Gürte deine Lenden mit dem Schwerte und waffne dich gegen die Gottloſen. Der Herr hat dem Löwen von Juda den Sieg verliehen, aber der feige Schakal will ihm den wohlverdienten Lohn verſagen, und die ihm allein zukommende Beute heimlich ſtehlen. Während wir kämpf⸗ ten, haben die loſen Schwätzer in Sicherheit geruht, während wir darbten, ſchwelgten ſie im Wein, während wir wachten, ſchliefen ſie auf weichem Pfühle. Statt uns zu danken, verhöhnen und verun⸗ glimpfen ſie die Streiter Gottes. Wehe, wehe über die Spötter und loſen Buben! 3 — Wehe, wehe! murrten die finſteren Krieger, drohend an den Griff des Schwertes faſſend. — Soll der Schimpf ungerächt bleiben? fragte der fanatiſche Redner. Dürfen wir dulden, daß dem fleißigen Arbeiter der Lohn verſagt, und er um die Früchte ſeiner Anſtrengung betrogen wird? Zephaniah, der Herr ſchütze uns auf allen Wegen! ſage du deine Meinung, denn ich weiß, daß es dir nicht an Erleuchtung fehlt.— Der mit dieſem monſtröſen, bibliſchen Namen angeredete Soldat fuhr in die Höhe, rollte ſeine Augen und zog ſein Schwert aus der Scheide, mit dem er wie raſend einige Streiche in die Luft führte; dann ver⸗ ſank er wieder, wie früher, in ein ſtumpfes Brüten. — Ich verſtehe deine Meinung, fuhr Henderſon fort. Das Schwert ſoll richten zwiſchen uns und ihnen, zwiſchen der ſiegreichen Armee und dem undankbaren Parlament.— Zephaniah, der Herr ſchütze uns auf allen Wegen, begnügte ſich nur mit dem Kopfe zu nicken, zum Zeichen, daß dies ſeine Meinung wäre. Auch die übrigen Soldaten pflichteten meiſt dieſer Anſicht bei, mit Ausnahme D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 27 — 418— eines Fähndrichs. Dieſer, Namens Joyce, rückte mit einem andern Vorſchlage hervor. — Noch iſt die Zeit nicht gekommen, ſagte er, um Abrechnung zu halten. Wir haben es mit einem ſchlechten Schuldner zu thun, und darum wollen wir uns eines Pfandes bemächtigen, damit wir die ſäumigen Zahler in der Hand behalten. Ein ſolches Pfand iſt der König, den das Parlament bewacht. Wer ſeine Perſon hat, hat auch die Macht. Darum rathe ich Euch, ſogleich nach Holmby auf⸗ zubrechen, und den König mit Gewalt oder durch Liſt in das Lager zu bringen. Wer hat ein größeres Anrecht auf Karl, als die Armee, die ihn beſiegt und bezwungen hat? Ihr gehören von Rechtswegen alle Vortheile, welche aus ſeiner Gegenwart gezogen werden können, und wenn einmal mit ihm unterhandelt werden ſoll, ſo iſt es beſſer, daß dies von Seiten des Heeres, als von Seiten des Parlaments geſchieht. — D Der Herr ſpricht aus dir! rief der alte Henderſon. Du haſt geredet, was der Geiſt dir eingegeben hat. Nun aber wollen wir nicht ſäumen, ſondern ſogleich an's Werk gehen. Schwingt Euch auf Eure Roſſe, und du, Fähnrich Joyce, ſollſt uns führen. Nach kurzer Zeit machte ſich ein Trupp Bewaffneter unter An⸗ führung des Fähndrichs auf den Weg. Gegen Mitternacht langte derſelbe in Holmby an und verlangte den König zu ſprechen. Die Commiſſionäre des Parlaments waren nicht wenig überraſcht, doch rechneten ſie auf die Treue ihrer Soldaten, denen die Bewachung des Königs anvertraut war. Der General Browne und der Oberſt Graves, welche den Oberbefehl hatten, fragten den Fähndrich um ſeinen Namen und um ſein Geſchäft, ehe ſie ihn einlaſſen wollten. — Ich bin der Fähndrich Joyce, antwortete er kühn, und will mit dem Könige ſprechen. — In weſſen Auftrag? forſchten ſie. — In meinem eigenen. Die Offiziere lachten. — Da giebt es nichts zu lachen, bemerkte er mit großem Ernſt. Ich habe eben ſo gut ein Recht, wie irgend ein Mann in England. Die Offiziere bedeuteten ihm, ſeine Truppen zu entfernen und ſich morgen an die Commiſſionäre zu wenden. — 40— — Ich brauche weder einen guten Rath, ſagte er, noch habe ich es mit den Commiſſionären zu thun, ſondern nur mit dem Könige. Ich will und muß ſogleich mit ihm reden. Browne und Graves gaben ihren Soldaten den Befehl, ihre Waffen zu ergreifen, doch dieſe hatten bereits mehrere ihrer alten Kameraden erkannt und ſich mit ihnen verſtändigt. Statt zu ge⸗ horchen, öffneten ſie ſelbſt das Gitter und hießen ihre Waffengefährten willkommen. Nachdem Joyce Wachen vor den Wohnungen der Com⸗ miſſionäre geſtellt hatte, verlangte er mit der geſpannten Piſtole in der Hand eine Audienz beim Könige. Die vier Kammerherren mel⸗ deten Karl den Vorfall, dieſer weigerte ſich, vor dem nächſten Morgen den Fähndrich zu empfangen, worauf ſich Joyce auch vorläufig zu⸗ frieden gab. In der Frühe ließ ihn der König kommen. Der Fähndrich erſchien vor ihm mit der ganzen Haltung eines hohen Offtziers. — Was wünſcht Ihr von mir, guter Mann?è fragte ihn Karl. — Eure Majeſtät ſollen und müſſen mir in das Lager folgen. — Wo iſt Eure Beglaubigung? — Hier! entgegnete Joyce, indem er durch das geöffnete Fenſter auf ſeine Truppen zeigte, welche den Schloßhof beſetzt hielten. Der König warf einen Blick auf die Soldaten, welche mit den Waffen in der Hand in guter Ordnung aufmarſchirt waren. — Eure Beglaubigung, ſagte er mit einem trüben Lächeln, iſt ſo deutlich und leſerlich geſchrieben, daß ich ſie länger nicht bezwei⸗ feln kann. Die indeß herbeigerufenen Commiſſionäre ſahen ſich gezwungen, in die Entfernung des Königs einzuwilligen, ſie beſchloſſen, ihn zu begleiten. Karl ſchien keineswegs ſeinem Entführer ungern zu folgen. Im Stillen hatte er mehr Zutrauen zu der Armee, als zu dem ihm ſtets feindſeligen Parlament, bald hoffte er, mit den Häuptern des Heeres in unmittelbare Verbindung zu treten und dieſe für ſich zu gewinnen. Er wurde zunächſt nach Hampton⸗Court gebracht. Sein günſtiges Vorurtheil ſchien ſich auch anfänglich zu beſtätigen. Es wurde ihm geſtattet, unterwegs ſeine Kinder, die Herzöge von York und Gloceſter, ſowie die Prinzeſſin Eliſabeth zu umarmen. Das leicht bewegliche Volk war Zeuge dieſes Wiederſehens und tief davon 27* — 420— ergriffen. Die Menge ſtreute Blumen und Laub vor der königlichen Familie her und ſelbſt ſeine Wächter wurden ſo gerührt von dieſer zärtlichen Scene, daß ſie ihm gerne geſtatteten, die Kinder mehrere Tage bei ſich zu behalten. Auch in Hampton⸗Court lebte er nicht wie ein Gefangener, er bewohnte das prächtige Schloß und ein förm⸗ licher Hofſtaat umgab ihn. Von nah und fern ſtrömten ſeine An⸗ hänger herbei und Keinem wurde der Zutritt zu ihm verſagt.— Presbyterianer und Puritaner, das Parlament und das Heer, jede Partei und Sekte wetteiferten mit einander, um aus der eigenthüm⸗ lichen Lage des Königs den möglichſt größten Nutzen für ſich zu ziehen. Alle wünſchten ein Abkommen mit Karl zu treffen und ſeine Wiederherſtellung auf den Thron unter möglichſt günſtigen Bedingungen für ſich zu bewerkſtelligen. So wurde er der Mittelpunkt der ver⸗ ſchiedenſten Intereſſen und der ſich kreuzenden Intriguen, von den Häuptern der Parteien und der Armee geſucht und geehrt. Mitglieder des Parlaments, Generäle und Commiſſionäre drängten ſich im Schloſſe von Hampton⸗Court um die Perſon des gefallenen Monarchen, wie einſt in Withehall, als Karl noch auf dem Göpfel ſeiner Macht ſtand. Schlaue Zwiſchenhändler gingen ab und zu, der König brauchte zu dieſem Zwecke ſeine Vertrauten Berkeley und den getreuen Aſhburnham. Durch ſie verhandelte er bald mit dem Parlament, bald mit dem Heere, beiden Hoffnungen erweckend, Verſprechungen gebend und Aus⸗ ſichten auf Belohnungen eröffnend. So groß war der Zauber der Majeſtät, daß dieſe ſelbſt, nachdem ſie Alles verloren, noch genug be⸗ ſaß, um den Ehrgeiz, die Gewinnſucht und die Eitelkeit der Sieger zu reizen. Selbſt der Schatten dieſer untergehenden Sonne war noch von einem verführeriſchen Glanz und einer imponirenden Größe be⸗ gleitet. Trotz ſeines Falles befand ſich Karl in einer günſtigeren Lage, als während des ganzen Krieges, aber er verſtand nicht, Geringes aufzugeben, um Großes damit zu gewinnen. Sein alter Starrſinn erwachte von Neuem und er täuſchte ſich wieder über ſeine Macht. Die Stellung, welche er den Verhältniſſen und der Eiferſucht der ſich be⸗ feindenden Parteien verdankte, ſchrieb er in trauriger Verblendung ſeiner eigener Perſon und der nach ſeinen Begriffen ihm angeborenen und vom Himmel ſelbſt ihm verliehenen königlichen Würde zu. Seine — — 421— alte Zweideutigkeit und Doppelzüngigkeit geſellte ſich dazu, er wollte die Presbyterianer durch die Puritaner, das Parlament durch das Heer und ſo auch umgekehrt ſtürzen, ſich eines Gegners durch den andern entledigen. Aus dieſem Grunde ſchenkte er allen Parteien zu⸗ gleich Gehör, unterhandelte er mit Allen, bald mit den Schotten, bald mit den Engländern, mit den Commiſſionären des Parlaments, wie mit den Führern der Armee. An der Spitze der Letzteren ſtan⸗ den die Generäle Fairfar und Cromwell. Vorzugsweiſe mit dem Letzteren und deſſen Schwiegerſohn Ireton knüpfte Karl eine geheime Verbindung an. Er ließ es nicht an den größten Verſprechungen fehlen, die wohl geeignet waren, Cromwell's Ehrgeiz zu befriedigen. Die Unzufriedenheit des Generals mit dem Parlament mochte wohl dazu beitragen, daß er ihnen ein geneigtes Ohr ſchenkte; dennoch be⸗ hielt er ein wohlgegründetes Mißtrauen gegen den König bei.. Cromwell und Ireton hatten durch einen Kundſchafter erfahren, daß der König in einem fortdauernden Briefwechſel mit ſeiner Gattin ſtand, welche ſich nach Frankreich geflüchtet hatte. Es war ihnen verrathen worden, daß ein wichtiges, auf ſie Bezug habendes Schrei⸗ ben in einem Pferdeſattel verſteckt heimlich von einem Reitknecht aus dem Schloſſe befördert werden ſollte. Henriette hatte ihrem Gatten früher Vorwürfe gemacht, weil er ſich mit den„Schurken“ Cromwell und Ireton in Verhandlungen eingelaſſen und ihnen Titel und Ordens⸗ bänder verſprochen habe. Karls Brief enthielt ſeine Antwort und es lag den beiden Generälen jetzt vor Allem daran, ſeine wahre Meinung zu erfahren. Zu dieſem Zwecke lauerten ſie um Mitternacht dem Boten am Thore des Schloſſes auf. Nichts ahnend, erſchien der Mann zur be⸗ ſtimmten Stunde, den Sattel auf ſeinem Kopfe tragend. 1 — Steh', Schurke! donnerte ihm Cromwell entgegen. — Was wollt Ihr von mir? fragte der Knecht, indem er auf die Knie fiel. — Was trägſt du da auf deinem Kopf? — Einen Sattel, Herr! erwiederte der Burſche mit angenommener Einfalt. Es iſt ein ſimpler Pferdeſattel, an dem der Gurt geriſſen iſt; ich will ihn zum Sattler tragen. ———— ————— 4 — 422— — Um dieſe Stunde? Gieb ihn her, wir wollen dir die Mühe erſparen. — Das wäre ſchön. Nein, das geht nicht. Ich kann Euch den Sattel nicht laſſen. — Du mußt, rief Cromwell, indem er ihm mit Gewalt das Polſter zu entreißen ſuchte. — 3Zu Hülfe, zu Hülfe! ſchrie der Knecht, der ſich zur Wehre ſetzte. Ehe ihn jedoch noch Jemand hören konnte, hatte Ireton ſein Schwert gezogen und ihn durchbohrt. Lautlos ſank der Bote zur Erde nieder. Mit ihrer Beute entfernten ſich die Generäle eilends, der Sattel wurde aufgetrennt und folgendes Schreiben von der Hand des Königs, im Futter eingenäht, von ihnen gefunden:„Sei ganz unbeſorgt, du kannſt getroſt mir die Verhandlungen überlaſſen, da ich die Verhältniſſe genau kenne und weiß, was ich unter den gegebenen Umſtänden zu thun habe. Ich habe mich mit den Schurken Cromwell und Ireton nur in Verbindung geſetzt, um ſie für einige Zeit und für meine Pläne zu gewinnen. Ich bin weit entfernt, meine Ver⸗ ſprechungen ernſtlich zu nehmen und ſtatt eines ſeidenen Ordenbandes wartet ihrer der hänfene Strick, der allein für ſie paßt.“ Nachdem Ireton dieſe Zeilen laut vorgeleſen, brach er in wilde Verwünſchungen gegen den König und deſſen Treuloſigkeit aus. Cromwell blieb ruhig, nur ein wildes Gelächter verrieth ſeinen tie⸗ fen Haß. — Ich glaube, ſetzte er finſter hinzu, daß ſein Nacken in größerer Gefahr wie der unſrige jetzt ſchwebt. Den Verräther ſchlägt die eigene Hand. Der Mann ſoll in kurzer Zeit vor den Schurken zittern. Seit dieſem Vorfall trat eine plötzliche Veränderung in der Lage des Königs ein; er wurde wieder in ſtrengerer Gefangenſchaft gehal⸗ ten, ſeine Wachen verdoppelt, ſeine Anhänger entfernt und ihm ſo manche geſtattete Freiheit entzogen. Dieſe Veränderung ſchien Karl unerträglich und er beſchloß, zu fliehen. Zu dieſem Entſchluſſe be⸗ ſtimmte ihn vorzugsweiſe jedoch eine geheimnißvolle Warnung, daß ſein Leben bedroht ſei.— Eine neue, halb politiſche, halb religiöſe Sekte, die ſogenannten Levellers oder Gleichmacher, war im Heere aufgetaucht. Die Anhänger derſelben verlangten Theilung der Güter, 8 — — 423— Aufhebung aller Standesunterſchiede und vor Allem Abſchaffung des Königthums. Der fanatiſche Henderſon, Cromwell's alter Freund, bekannte ſich offen zu dieſer extremen Partei, ebenſo noch einige höhere Offiziere, wie der bekannte Oberſt Harriſon, der außerdem von dem tauſendjährigen Reiche Gottes und von einer Republik der Heiligen träumte. Dieſe Schwärmer ſtießen laut Drohungen gegen das Leben des Königs aus und verriethen die Abſicht, ſich ſeiner Perſon zu be⸗ mächtigen. Das Gerücht von dieſen Umtrieben war bis zu Karl ge⸗ drungen und der eigentliche Grund ſeiner Flucht. In einer Verkleidung war es ihm gelungen, unentdeckt und nur in Begleitung eines treuen Dieners die Wachen zu täuſchen und zu entkommen. Auf dem Wege geſellten ſich ſeine Kammerherren Berkeley Aſbhburnham zu ihm, die von Allem unterrichtet, ihn bereits erwar⸗ teten. Karl ſelbſt war unentſchloſſen, wohin er ſich wenden wollte. Anfänglich gedachte er nach London zu gehen und ſich der Stadt oder dem Parlamente anzuvertrauen, doch dieſer Schritt ſchien ihm ſelber zu gewagt; dann wieder beabſichtigte er nach Jerſey zu entfliehen. In dieſer Verlegenheit machte ihm Aſhburnham den Vorſchlag, auf der Inſel Wight eine Zuflucht zu ſuchen, wo er an dem Gouverneur derſelben, Sir Hammond, einen alten Bekannten und Freund zu fin⸗ den glaubte. Dem König gefiel dieſer Vorſchlag und er ſandte ſeiven Kammerherrn an Hammond ab, um die Geſinnungen deſſelben genauer zu erforſchen. Dieſer zeigte ſich anſcheinend bereit, Karl den nöthigen Schutz gewähren zu wollen. Er verſprach, den König ſelbſt abzuholen. Kaum war jedoch Aſhburnham zurückgekehrt, als Karl Reue empfand und ſeine Beſorgniſſe wegen der Treue des Gouverneurs äußerte. — Ich fürchte, ſagte er, daß Hammond mich verrathen wird. — Wenn Eure Majeſtät kein Vertrauen haben, entgegnete der treue Diener, ſo brauchen Sie ihn nicht vorzulaſſen. — Außerdem habe ich in deiner Abweſenheit Berkeley nach Hampton geſchickt, um ein Schiff zu ſuchen, das mich nach Frankreich bringen ſoll. Ich erwarte jeden Augenblick ſeine Rückkehr. Was ſollen wir nun mit dem Gouverneur anfangen, wenn er kommt? — Wenn Eure Majeſtät beſiehlt, ſo werde ich ihn tödten. Ich will mich hinter dem Vorhange verborgen halten und auf einen Wink von Eurer Majeſtät ihn niederſchießen. 4 —— — — ——— — — 4214— — Wir wollen ſehen, entgegnete Karl mit gewohnter Unent⸗ ſchloſſenheit. Hammond ließ ſich melden und wurde angenommen. Er gab dem Könige ſo beſtimmte Verſicherungen von ſeiner Treue und Ergeben⸗ heit, daß deſſen Bedenklichkeiten ſchwanden. Vergebens harrte Aſh⸗ burnham auf das verabredete Zeichen, es wurde nicht gegeben. Karl ſchiffte ſich in Begleitung des Gouverneurs nach der Inſel Wight ein und folgte dieſem nach Carisbrook⸗Caſtle, wo er ſich voll⸗ kommen ſicher hielt und gerettet glaubte. Seine treuen Diener Aſh⸗ burnham und Berkeley verließen ihn nicht. Auch hier ſchien ſeine Lage anfänglich durchaus nicht ungünſtig. Sowohl das Parlament wie die Schotten ſchickten ihre Commiſſionäre, um mit ihm zu unter⸗ handeln. Mit den Letzteren ſchloß er heimlich einen Vertrag, worin er ihre Rechte anerkannte, wogegen ſie ſelbſt mit den Waffen in der Hand ſich für ſeine Wiederherſtellung auf den Thron verpflichteten. Minder geneigt zeigte er ſich, die Wünſche des Parlaments zu erfüllen. An die Führer der Armee ſchickte er den getreuen Berkeley, um die abgebrochenen Verbindungen wieder anzuknüpfen. Dieſer fand aus begreiflichen Gründen eine ſehr kühle Aufnahme. Unterdeß hatte die religiöſe und politiſche Schwärmerei der Le⸗ vellers einen Grad erreicht, welcher die nöthige Disciplin in der Armee vollkommen zu erſchüttern drohte. Mit gewohntem Scharfblick erkannte Cromwell die verderblichen Folgen dieſes aufrühreriſchen Geiſtes, dem er ſelbſt anfänglich Vorſchub geleiſtet hatte. Er erließ einen Befehl, durch den er den Soldaten jede Verſammlung und Ueberreichung von Petitionen verbot. Nichtsdeſtoweniger hielten dieſe im Geheimen ihre Zuſammenkünfte ab und einige Regimenter lehnten ſich offen auf. — Wir müſſen ein ſtrenges Beiſpiel geben, ſagte er zu Ireton. Die Anarchie greift immer weiter und der Staat geht durch dieſe Levellers zu Grunde. — Eind ſie nicht unſere Freunde? fragte ſein Schwiegerſohn ver⸗ wundert. Haben Sie nicht den König nach Wight getrieben, wo er uns nicht mehr entgehen kann, und das Parlament eingeſchüchtert? — Auch Freunde können uns zur Laſt fallen und uns mehr ſchaden als nützen. Länger dürfen wir nicht zuſehen, ſonſt wächst uns dieſer Aufruhr über den Kopf. Dieſe Heiligen ſchaden der guten — 425— Sache und wenden die ruhigen Bürger von uns ab. Sie verlangen Theilung der Güter, Abſchaffung der Standesunterſchiede. Ich bin weder geſonnen, mit ihnen zu theilen, noch ein Titelchen von meinen wohlerworbenen Rechten aufzugeben. — Was willſt du mit ihnen beginnen? — Ich werde ſie zu Boden ſchlagen, ehe ſie die Kraft gewinnen, mir zu widerſtehen. Geh' Ireton und laſſ' das Heer zur Revue auf⸗ marſchieren. Auf freiem Felde hatte die Armee ſich aufgeſtellt. Cromwell er⸗ ſchien bald darauf von ſämmtlichen Generälen und Führern begleitet. Mit gewohnter Ruhe und undurchdringlichem Geſicht ritt er längſt der Heeresfront. Vor den aufrühreriſchen Regimentern hielt er ſtill. Er kannte die Rädelsführer und ließ ſie vortreten, unter ihnen befand ſich der alte Henderſon. 4 — Grreift ſie! befahl er mit lauter Stimme. Sogleich wurden die eilf Männer umringt und einer Wache über⸗ geben. Er ließ ein Kriegsgericht abhalten, welches die Aufrührer zum Tode verurtheilte. Cromwell näherte ſich ihnen und muſterte ſie mit ſeinen ſtrengen, feſten Blicken. Seine Augen ſielen auf den Puritaner, ſeinen früheren Freund; er that, als ob er ihn nicht kannte. Nachdem er einige Zeit nachdenklich ſo geſtanden, deutete er auf Zwei der heftigſten Levellers. — Nehmt ſie und vollzieht ihr Urtheil, ſagte er dann mit lauter Stimme. Beide mußten niederknieen und wurden ſogleich vor Angeſicht des ganzen Heeres erſchoſſen. Niemand wagte zu murren, ein heilſamer Schrecken verbreitete ſich in allen Reihen. Noch ſtanden die übrigen Deliquenten und harrten eines ähnlichen Looſes. Der nächſte war der finſtere Henderſon, er erwartete gefaßt den Tod. Schon waren die Musketen von Neuem geladen, um das Urtheil auch an ihm zu voll⸗ ziehen; ſchon kniete der unerſchrockene Puritaner nieder, um zu beten⸗ da winkte Cromwell mit der Hand. — Es genügt, rief er mit eigenthümlichem Lächeln. Möge der heutige Tag Allen eine Warnung ſein. Ich dulde unter meinen Sol⸗ daten keinen Ungehorſam. — 426— Schweigend und erſchüttert zog das Heer an dem General vorüber, der durch ſeine Energie und ſeinen Muth den Aufſtand ſo erſtickt und die Disciplin wiederhergeſtellt hatte. Nur der alte Henderſon blieb ungebeugt und ſeine bisherige Zuneigung für Cromwell verwandelte ſich in einen glühenden, unauslöſchlichen Haß. Gleich nach dieſem Sieg im Innern war Cromwell genöthigt das Heer gegen einen äußern Feind zu führen. In Schottland war ein Aufſtand zu Gunſten Karls ausgebrochen, auch in den übrigen Theilen Englands und beſonders in Süd⸗Wales erhoben ſich ſeine Anhänger von Neuem. Mit gewohnter Umſicht und Tapferkeit unterdrückte der General dieſe Verſuche für den unglücklichen König. Alle die Um⸗ ſtände trugen dazu bei, Karls Lage nur zu verſchlimmern. Cromwell gelangte immer mehr zu der Ueberzeugung, daß die Ruhe nur durch einen kühnen Schlag wieder hergeſtellt werden könnte. Sowohl er wie ſeine Freunde und Parteigenoſſen faßten den Entſchluß, den König zu vernichten und das Königthum abzuſchaffen. Auch im Par⸗ lament gewann dieſe Anſicht immer mehr die Oberhand, man war es müde geworden, mit Karl zu unterhandeln, deſſen Falſchheit alle Parteien erfahren und ihm entfremdet hatte. Der Gouverneur Hammond, mit dem Cromwell im Briefwechſel getreten war, erhielt den Befehl, den König dem Oberſt Cobbet aus⸗ zuliefern, der ihn zunächſt nach Hurſt und von da nach London brin⸗ gen ſollte. Unterwegs geſellte ſich Oberſt Harriſon, ein Schwärmer für das tauſendjährige Reich, zu der Escorte hinzu. Erſt beim Anblick des gefürchteten Fanatikers verließ Karl die heitere Sorgloſigkeit, welche er bisher gezeigt hatte. Der Oberſt begegnete indeß dem Kö⸗ nige mit ſoldatiſcher Höflichkeit und ſein zwar rauhes aber offenes Benehmen flößte ihm nach und nach Zutrauen ein. Er nahm ihn beim Arme und unterhielt ſich mit ihm längere Zeit. — Man hat mir geſagt, begann Karl, daß Ihr Willens ſeid, mich heimlich aus dem Weg zu ſchaffen. — Dann hat man Eure Majeſtät falſch berichtet, entgegnete der Oberſt. Ich kann dreiſt wiederholen, was ich häufig geſagt habe, daß das Geſetz für alle Welt gilt, für Niedrig und Hoch, für Reich und Arm und daß die Gerechtigkeit kein Anſehen der Perſon ha⸗ ben darf. 6 — — — 2227— Der König ſchien durch dieſe freimüthige Aeußerung verletzt und brach das Geſpräch mit Harriſon bald wieder ab.— Kaum war Karl in London angelangt, als er durch Parlamentsbeſchluß in An⸗ klagezuſtand verſetzt wurde. Die denkwürdige Verhandlung fand in Weſtminſterhall ſtatt. Der Gerichtshof beſtand aus hundert und dreiunddreißig Mitgliedern, unter denen Cwomwell, Ireton und Har⸗ riſon ſich befanden. Die Anklage wurde verleſen und der König auf⸗ gefordert ſich zu vertheidigen. Er that es mit Würde und Mäßi⸗ gung, ohne jedoch den Gerichtshof anzuerkennen. Vor allen Dingen berief er ſich auf ſeine Unverletzlichkeit als König, der nach englifchen Geſetzen niemals Unrecht thun und deshalb auch nicht beſtraft werden könnte. Nichtsdeſtoweniger wurde er ſchuldig befunden und zum Tode verurtheilt. In drei Tagen ſollte das Urtheil vollzogen werden Alle Schritte zu ſeiner Befreiung, welche ſeine Verwandten und Freunde noch thaten, waren vergebens. Das Volk verhielt ſich theilnahmlos und zeigte weder Haß noch Neigung, vielleicht durch die Anweſenheit zahlreicher Truppen in London eingeſchüchtert. Kurz vor ſeinem Tode wurde ihm geſtattet, ſeine Familie zu ſehen, nur die Prinzeſſin Eli⸗ ſabeth und der Herzog von Gloceſter waren zugegen, alle übrigen be⸗ fanden ſich auf der Flucht. Karl tröſtete und ermahnte ſie, er ſchloß ſeine weinende Tochter in die Arme. — Sage deiner Mutter, rief der unglückliche König, wenn du ſie wieder ſehen ſollteſt, daß ich ſie ſtets geliebt und ihr immer die größte Treue bewahrt habe. Seinen kleinen Sohn ſetzte er auf ſein Knie. — Sie wollen, ſagte er, deinem Vater den Kopf abhauen. Bei dieſen Worten ſtarrte ihn das Kind erſchrocken an. Horch auf, mein Kind! fuhr er fort. Sie werden mir bald das Haupt abſchlagen und dich vielleicht zu ihrem König machen wollen. Aber höre, was ich dir ſage. Du darfſt nicht König werden, ſo lang noch deine Brüder Karl und Jacob am Leben ſind. Sie wollen auch die Köpfe deiner Brüder abhauen, wenn ſie dieſe bekommen und zuletzt werden ſie auch deinen Kopf nehmen. Deshalb befehl ich dir, dich nicht von ihnen zum König machen zu laſſen. — Lieber will ich mich in Stücke zerreißen laſſen, entgegnere der Knabe, welcher nur halb die Rede ſeines Vaters verſtanden hatte. —— ———— — 428— Am Morgen ſeiner Hinrichtung ſtand Karl zeitig auf und verrich⸗ tete wie gewöhnlich ſein Gebet in Anweſenheit ſeines getreuen Dieners Herbert und des Biſchofs Juxon, dem das Parlament geſtattet hatte, dem Könige den Beiſtand der Religion zu leiſten. Aus dem Palaſt von Withehall ſchritt er auf das Schaffot. Hier ſprach er nur noch einige Worte, er rechtfertigte ſein Benehmen und vergab hiermit ſeinen Feinden. Dann kniete er nieder, um das Haupt auf den Block nie⸗ derzulegen. Der Biſchof, welcher nicht von ſeiner Seite wich, ſuchte ihn noch im letzten Augenblicke durch ſeinen Troſt aufzurichten. — Ich vertauſche, ſagte der König ruhig, die irdiſche mit einer himmliſchen, die befleckte mit einer reineren Krone, die keinen Wan⸗ del kennt. Darauf beugte er ſich nieder, um den tödtlichen Streich zu empfan⸗ gen. Er ſelbſt gab das Zeichen, indem er ſeine Hand bewegte. Ein Scharfrichter mit einer ſchwarzen Maske vor dem Geſicht ſchwang das Beil und der Kopf des Königs fiel auf einen einzigen Streich. In demſelben Augenblicke ertönte ein lautes, tauſendſtim⸗ miges Geſchrei, das eben ſo ſehr Mitleid, wie Beiſtimmung bedeuten konnte. Der Henker nahm den blutigen Kopf vom Boden auf und rief mit lauter Stimme: Dies iſt das Haupt eines Verräthers!— 4£Qh — e r —₰ — — — — G 1. Mitn hatte bisher wenig oder gar keinen unmittelbaren Antheil an den öffentlichen Ereigniſſen genommen, er lebte größten Theils in ſtiller Zurückgezogenheit mit der Erziehung ſeiner Zöglinge und Schüler beſchäftigt. Erſt die Hinrichtung des Königs ſtörte ihn aus ſeiner bisherigen Ruhe auf. Faſt gegen ſeinen Willen hatte er ſich den Puritanern angeſchloſſen, da ſeine früheren politiſchen Freunde ihren Sieg nur zu benutzen ſchienen, um die von ihm heißgeliebte Freiheit von Neuem zu bedrohen. Einmal zu der extremen Partei gedrängt, ſchwankte er vor keinen Folgen zurück. Die blutige That war ge⸗ ſchehen, das Volk hatte von ſeiner Macht Gebrauch gemacht und Karl getödtet. Wie immer aber erwies ſich der Tod als ein großer Ver⸗ ſöhner, die Fehler des unglücklichen Monarchen wurden über ſein trauriges Ende vergeſſen und die leicht bewegliche Menge bemitleidete ihn faſt eben ſo ſehr, wie ſie ihn zuvor gehaßt. Jetzt galt es, die öffentliche Meinung aufzuklären und ihr eine beſtimmte Richtung zu geben, die ſchwankenden Gefühle zu befeſtigen und ein ruhiges Urtheil Mitten in dem Sturm der Leidenſchaften auszuſprechen. Milton übernahm dieſe ſchwierige mit der größten Gefahr für ihn verbundene Aufgabe ohne Bedenken, ohne Ausſicht auf Lohn und Dank, lediglich durch ſeine Liebe zur Freiheit beſtimmt.— Ein dumpfes Schweigen war der ungeheuren Aufregung gefolgt, das Volk ſtand beſtürzt und betäubt vor ſeiner eigenen Macht. Keine Stimme wagte ſich zu er⸗ heben, um die Hinrichtung Karls zu vertheidigen. So groß war die Furcht vor der todten Majeſtät, daß ſelbſt die jetzigen Gewalthaber 4 — — — — — 432— nur ſtillſchweigend die Früchte ihres Sieges genoſſen und die Beute unter ſich vertheilten. Ohne Haß gegen den König und das Königthum ging Milton an die große Frage der Volksſouveränität, welche er leidenſchaftlos und mit der Ruhe eines Denkers zu entſcheiden ſuchte. Erſt die Schmä⸗ hungen ſeiner Gegner, unter denen der berühmte Leydner Profeſſor Salmaſius die erſte Rolle einnahm, riſſen Milton zu einer Leiden⸗ ſchaftlichkeit hin, welche ſein ganzes ſpäteres Leben verbitterte.— Der Erfolg ſeiner Schrift:„Die Beſtrafung der Könige und Magiſtrats⸗ perſonen“ war ein großer undeunerwarteter. Der Staatsrath, welcher vorläufig nach Einführung der Republik England regierte, wurde aufmerkſam auf den gelehrten und begeiſterten Anhänger der Freiheit und berief Milton zu der Stellung eines geheimen Secretairs. In dieſer Eigenſchaft verfaßte und ſchrieb er die Correſpondenz der neuen Republik in lateiniſcher Sprache, die ſeit dem weſtphäliſchen Frieden die Sprache der Höfe geworden war, wie ſpäter und noch in unſerer Zeit das Franzöſiſche. So wurde er mit den Häuptern der herrſchen⸗ den Partei bekannt und befreundet und ſelbſt Cromwell, der bereits an der Spitze der Verwaltung ſtand, verkehrte viel und oft mit Milton.— Kurze Zeit, nachdem Milton ſein Amt erhalten, wurde der witzige Dichter Davenant mit dem Tode bedroht. Er hatte ſeine Gönnerin, die Königin Henritte, auf ihrer Flucht nach Frankreich begleitet. Auf ihre Veranlaſſung war er jetzt nach Englano zurückgekehrt, um Ver⸗ bindungen mit den unzufriedenen Royaliſten zu Gunſten des verbann⸗ ten Thronfolgers anzuknüpfen. Seine Abſichten wurden Cromwell verrathen, der ihn gefangen nehmen ließ und über die Pläne ſeiner Gegner ſelbſt verhörte. Mit heftigen Schritten ging der General auf den Gefangenen zu, den er mit ſeinen ſcharfen Augen zu durchbohren drohte. Trotz ſeiner gefährlichen Lage verließ den leichtſinnigen Davenant nicht ſein alter Witz. — Ihr ſeid ein überwieſener Verräther, ſagte Cromwell mit rauher Stimme, und ſollt Eurem Geſchicke nicht entgehen. Morgen laſſe ich Euch hängen. — Das hat durchaus keine Eile und ich geſtehe Euch gern, daß ich noch einige Jahre warten kann. — * — 2332— — Laßt Eure Späße und bereitet Euch lieber auf ein chriſtliches Ende vor. — Ich bin immer ein guter Chriſt geweſen und fürchte mich nicht vor dem Tode. — Ein guter Chriſt.— Glaubt Ihr denn, daß ich Euch nicht kenne. Habt Ihr nicht all die lüderlichen Poſſen und Masken ge⸗ ſchrieben, die man am Hofe Karl Stuarts mit verſchwenderiſcher Pracht aufgeführt hat. Ihr verdient ſchon den Strick um Eures bis⸗ herigen Lebenswandels. — Wenn jeder nach Verdienſt in dieſer Welt beſtraft werden ſollte, ſo reichten alle Stricke Englands nicht hin. — Genug! herrſchte Cromwell. Ich werde Euch meinen Haus⸗ kaplan ſchicken. — Um Gottes Willen thut das nicht. Ich haſſe nichts mehr als Waſſer und Pfaffen. Wollt Ihr mir einen Gefallen thun, ſo ſendet mir einen Krug Wein, der wird mich beſſer tröſten als Euer Hauskaplan. Unwillig wandte ſich Cromwell von dem Unverbeſſerlichen ab, indem er der Wache den Befehl ertheilte, ihn fortzuführen. Beim Herausgehen traf der verurtheilte Dichter im Vorzimmer mit Milton zuſammen, der ihn oberflächlich aus früheren Zeiten kannte. — Davenant! rief dieſer erſtaunt. Wohin geht Ihr?. — Wohin alle Menſchen früher oder ſpäter gehen, in den— Tod. — Ihr ſeid verurtheilt und weshalb? — Wegen meiner Treue für die Königin. Ich habe die gute Zeit mit ihr getheilt, darum konnte ich ſie nicht in ſchlechten Tagen verlaſſen, ſie hat mir von ihrem Brode gegeben und deßhalb will ich für ſie mein Leben opfern. Ich habe zwar nie meine Schulden bezahlt, aber dieſe eine werde ich wenigſtens berichtigen. — Ihr dürft, Ihr ſollt nicht ſterben. — Gebt Euch keine Mühe, ich weiß doch, daß Alles vergebens iſt. Cromwell hat mein Urtheil geſprochen und ich betrachte mich bereits als einen Sterbenden. Reicht mir Eure Hand zum Abſchiede, vielleicht ſehen wir uns in einem beſſeren Leben wieder, wo es keine Puritaner und keine Cavaliere, keine Soldaten und keine Pfaffen giebt. Offen geſtanden, ich fürchte nicht den Tod, aber es thut mir doch Leid, das D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 28 — * — 4³4— Poſſenſpiel des Daſeins ſo bald zu verlaſſen. Ich hätte dieſen tragi⸗ ſchen Schluß nicht erwartet. Ich werde Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, um Euch zu retten. — Ich danke Euch im Voraus und bin zu jedem ähnlichen Gegen⸗ dienſt erbötig. Gebt mir die Hand, wackerer Milton! Ich habe Euch immer für einen guten Kerl gehalten. Nur ſeid Ihr ein wenig zu fromm und ein allzueifriger Freund der ſo genannten Freiheit. Glaubt mir, es kommt dabei doch nichts heraus. Das Volk jagt einen Tyran⸗ nen fort, um ihn mit einem ſchlimmeren zu vertauſchen, und eben ſo geht es mit dem Glauben, vernünftige Leute, wie Ihr und ich, ſollten ſich mit derartigen Lappalien gar nicht befaſſen. Nichts für ungut, mir fehlt der Sinn und der Geſchmack für dergleichen Dinge, aber ich ſehe nicht ein, warum zwei vernünftige Leute ſich darum haſſen und verfolgen ſollen, weil ſie über den oder jenen Punkt eine verſchiedene Meinung haben. Milton reichte dem Dichter die Hand, indem er das Verſprechen hinzufügte, die Begnadigung des Verurtheilten von dem General zu bewirken. Er fand Cromwell in übler Laune. Die junge Republik war in dieſem Augenblicke von allen Seiten bedroht, äußere und innere Feinden vereinten ſich zu ihrem Sturz. Die Schotten hatten den Sohn des Königs, Karl den Zweiten, in ihre Mitte berufen und ihm allerdings unter harten Bedingungen die Krone ſeines Vaters übergeben. In Irland wüthete der Bürgerkrieg noch fort und Crom⸗ wells Anweſenheit wurde dringend gefordert. Die Levellers waren nur eingeſchüchtert aber nicht beſiegt, ſie ſtanden im offenen Aufruhr und drohten den Untergang aller bisherigen Ordnung und der bürger⸗ lichen Geſellſchaft. Dazu kamen noch die Anhänger des verſtorbenen Königs, welche über Verſchwörungen fortwährend brüteten.— Mit gerunzelter Stirn ſaß der General vor einer aufgeſchlagenen Landkarte, einen neuen Feldzugsplan entwerfend, um alle ſeine Feinde zu ver⸗ nichten. Bei dem Eintreten Miltons fuhr er ſchnell empor mit miß⸗ trauiſchen Blicken ſich umwendend. Als er ihn jedoch erkannte, ſtreckte er ihm freundlich die Hand entgegen. — Ihr ſeid es, Herr Seeretair, ſagte er mit gewinnendem Lä — ◻ — Ich bringe die gewünſchten Briefe an die Republik Holland und an den Cardinal Mazarin. — Legt ſie nur hin und ſetzt Euch. Ich habe mit Euch zu reden. Ihr ſeid ein wackerer und frommer Mann, dem ich wohl vertrauen darf, nicht Alle aber denken wie Ihr. Der Herr hat mir eine ſchwere Laſt aufgeladen. — Er weiß, was er thut. Den ſtärkſten Schultern gibt er auch die ſchwerſte Bürde zu tragen. Ihr ſeid der einzige Mann, der zur Rettung des Vaterlands berufen iſt. — Ich danke Euch für die freundliche Meinung und möchte auch gern für Euch Etwas thun. Alle Welt beſtürmt mich jetzt, da ich zu einigem Einfluß gelangt bin, mit Bitten und Forderungen, nur Ihr habt Euren Mund noch nicht aufgethan. — Um ſo mehr darf ich hoffen, daß ich keine Fehlbitte thun werde. — Sprecht dreiſt, was verlangt Ihr von mir? — Das Leben des Mannes, der ſo eben von Euch ins Gefängniß zurückgeſchickt worden iſt. — Wie? ſagte Cromwell verwundert, Ihr fordert die Begnadi⸗ gung dieſes Davenant, eines Sünders ohne Gleichen? Wißt Ihr, was er gethan hat? — Er iſt ſeiner Königin treu geblieben und der Sache, die er einmal erwählt hat. Ich achte ihn darum weit höher, als ſo manchen Apoſtaten, der über Nacht ein eifriger Republikaner, ſei es aus Furcht, oder aus Eigennutz, geworden iſt. — Bah! Man darf nicht allzu ſkrupulös ſein mit den Parteige⸗ genoſſen. Ich weiß, es giebt viele Spitzbuben und Heuchler unter uns, aber dieſe ſind weit weniger ſchädlich, als die ſo genannten Ehren⸗ männer und Starrköpfe. Wenn ich nicht irre, gehört Euer Freund Overton auch dazu. Er und der freigeborne John Lilburn machen mir mehr zu ſchaffen als meine königlich geſinnten Freunde. Gebt Eurem Freunde Overton einen Wink, er ſoll ſich vor mir in Acht nehmen, er mag ſich hüten. Ich weiß, daß er mit den Levellers ge⸗ meinſchaftliche Sache macht und zu den Aufrührern in der Armee gehört. 28* — 436— — Ihr thut ihm gewiß Unrecht, zwar will ich ihn von einer gewiſſen Schwärmerei nicht freiſprechen, doch glaube ich nicht, daß er die Anſichten der Levellers theilt und wie dieſe die bürgerliche Ordnung umſtürzen will. Er liebt die Freiheit und die Republik. Das kann doch kein Verbrechen ſein, nachdem das Königthum abgeſchafft worden iſt. — Gewiß nicht, eutgegnete Cromwell einlenkend. Die Republik iſt eine ſchöne Sache, wenn man ſie nur recht verſteht. Thoren halten ſie für einen Tummelplatz ihrer Zügelloſigkeit, weiſe Männer für eine Staatsform wie jede andere. Doch irre ich nicht, ſo ſprachen wir von Davenant. — Und ich wiederhole meine frühere Bitte. — Er verdient nicht dieſe Gnade. Der Menſch iſt ein elender Spaßmacher, ein ſittenloſer Taugenichts. — Darum nur um ſo unſchädlicher, er hat Talent und es wäre Schade um ſeinen Kopf. — Da er einen ſo warmen Fürſprecher hat, ſo mag er ihn be⸗ halten, obgleich ich nicht begreife, wie ein ſolch tugendhafter Mann ſich für den unverbeſſerlichen Sünder verwenden kann. — Er iſt trotzdem ein Dichter und ſchon als ſolcher verdient er meine Theilnahme. Ich achte die göttliche Poeſie, wo ich ſie finde und um des köſtlichen Inhalts möchte ich auch das Gefäß erhalten, in dem ſie ſich befindet, wenn es auch nicht vom edelſten Metalle iſt und mannigfache Schäden hat. — Das will ich meinen, bekräftigte Cromwell in einer Anwand⸗ lung ſeiner gewöhnlichen Luſtigkeit. Dieſer Davenant iſt ein zerbro⸗ chener Krug voller Riſſe und Sprünge. Er hat ein Loch, ein großes Loch und ſeine Naſe iſt ihm abgegangen. Nach dieſem Ausbruch wilder Heiterkeit nahm der General wieder ſeinen alten Ernſt an. Würdevoll ertheilte er Milton die gewünſchte Begnadigung des königlich geſinnten Dichters. — Geht, ſagte er freundlich, und kündigt ihm ſelbſt ſeine Be⸗ freiung an. Ich will ihm das Leben ſchenken, aber wenn er ſich wieder in eine Verſchwörung einläßt, ſo fällt ſein Kopf. Meinetwegen kann er Poſſen und Masken ſchreiben, aber in Staatsanlegenheiten ſoll er ſich nicht miſchen. Das iſt gefährlich, ſehr gefährlich und kein Spielzeug für ſolch unerfahrene Hände. —,— — 437⸗— Mit dieſen Worten verabſchiedete der General Milton. Dieſer begab ſich ſogleich ins Gefängniß zu Davenant, den er vor einem vollen Weinkrug fand. — Ich bringe Euch Eure Begnadigung, ſagte jener. — Nun, Gott lohn' es Euch, was Ihr an mir gethan. Ihr ſeht, daß ich mich bereits auf meinen Tod vorbereite. Der Wein iſt der beſte Beichtvater und der größte Tröſter, dennoch kann ich einen unangenehmen Gedanken nicht los werden. Ich geſtehe Euch, daß ich ein wenig kitzlich bin und wenn ich mir recht lebhaft den Strick um meinen Hals vorſtelle, ſo empfinde ich ein eigenthümliches Jucken. Ihr habt mich von dieſem unangenehmen Gefühl befreit und dafür bin ich Euch für immer dankbar. Die Gelegenheit kann bald kommen, denn unter uns geſagt, ich habe kein rechtes Zutrauen zu dieſer Republik der Heiligen. Dem Volke iſt nur wohl, wenn es einen Herrn hat. Iſt es nicht Karl, ſo wird es Cromwell ſein. Der General ſieht mir ganz ſo aus, wie ein Mann, der eine Krone nicht liegen läßt, wenn er ſie auf ſeinem Wege findet. — Ihr beurtheilt Cromwell falſch, ſein ganzes Streben iſt dar⸗ auf gerichtet, dem Bürgerkrieg ein Ende und England groß zu machen. — Das will ich gerne glauben, er mäſtet die Gans noch recht fett, bevor er ſie ſchlachtet. Doch ich möchte Euch nicht gern auf⸗ bringen. Ihr ſeid einmal ein argloſes Gemüth, ein ächter Dichter, der ſich in Illuſionen wiegt, und immer einen Gegenſtand für ſeine Bewunderung haben muß. Mir geht es ja auch nicht beſſer, wir müſſen einmal ſo verbraucht werden, wie wir ſind. Wir bleiben ſtets die Narren unſeres Enthuſiasmus, und machen Andere damit zum Narren. Lebt wohl, mein Freund in der Noth. — Wohin wollt ihr Euch jetzt wenden, und was beginnen? — Ich gehe zu meiner alten Mutter, die noch immer in ihrer Taverne hauſ't, und für die Trinker aller Confeſſionen ſorgt. Dort werde ich ruhig das Ende Eurer Republik abwarten, Poſſen ſchreiben, und recht bald ein Krönungslied für Karl den Zweiten dichten. Davenant that noch einen Zug aus dem vor ihm ſtehenden Wein⸗ kruge, und verließ dann ſein Gefängniß mit jener eyniſchen Gleich⸗ gültigkeit, die ihm bereits zur zweiten Natur geworden war. Milton —————— ———— —— 3. — 4——— ————— 84„— 438— begleitete ihn eine kurze Strecke und kehrte dann in ſeine Wohnung zurück. Er fand daſelbſt ſeinen Freund Overton, der ihn bereits erwartete; der Major war im Begriffe, auf ſeinen Poſten und zur Ar⸗ mee nach Schottland abzugehen. — Ehe ich mich zur Armee begebe, ſagte er nach herzlicher Be⸗ grüßung, wollte ich Euch noch einmal ſehen. — Wo ſeid Ihr ſo lange Zeit geweſen? fragte ihn Milton theilnehmend. — Bald hier, bald da, wohin der Krieg mich führte; heute im Süden, morgen im Norden. Der Soldat hat keine Ruhe, und es dürfte noch lange dauern, ehe wir dieſelbe finden werden. — Ihr ſcheint Euch darnach zu ſehnen. — Offen geſtanden, ich habe das rauhe Handwerk ſatt. Ihr wißt, daß ich die Wiſſenſchaft und den heiteren Dienſt der Muſen allem Andern vorziehe. Der Krieg, ſelbſt für eine gerechte Sache, iſt immer ein trauriges Geſchäft. Ich habe ihn ſoeben mit allen ſeinen Schrecken in Wales kennen gelernt. — In Wales? fragte Milton aufmerkſam. — Dort habe ich manchen harten Strauß ausgefochten, manches ſchöne Schloß zerſtört. Ich that zwar nur meine Pflicht, aber mit blutendem Herzen. Am ſchmerzlichſten war mir die Erſtürmung von Golden⸗Grove. Die Beſatzung vertheidigte ſich mit der größten Tapfer⸗ keit, und nachdem der Schloßherr gefallen war, leiſtete deſſen muthige Gattin uns noch einen unerwarteten Widerſtand. Ich hätte ſie gern geſchont, doch es lag nicht in meiner Macht. So blieb mir nichts übrig, als das Schloß mit gewaffneter Hand im Sturme zu nehmen. Bei dieſer traurigen Gelegenheit erfuhr ich durch einen Zufall, daß die ausgezeichnete Dame zu Euch früher in einer nahen Beziehung geſtanden haben muß. — Sie hieß Alice Carbury, ſagte Milton tief erſchüttert. — Ganz recht. Carbury war der Name ihres Gatten, und ſie ſelbſt die Tochter des früheren Lord⸗Präſidenten von Wales, des Grafen Egerton. Ich drang in das Schloß, und verweilte daſelbſt einige Tage. In der Wohnung der Schloßfrau herrſchte die größte Verwüſtung; meine Soldaten hatten die Möbel zertrümmert, die Ta⸗ peten abgeriſſen, Kaſten und Schränke aufgebrochen. Dieſes Tage⸗ — — 439— buch, welches ich fand, erregte meine Aufmerkſamkeit. Ich öffnete es, und faſt auf jeder Seite trat mir Euer Name entgegen; das reizte meine Neugierde, und ich nahm dieſe Blätter an mich, um ſie Euch einzuhändigen. — Doch, was iſt aus der Beſitzerin geworden? forſchte der Dich⸗ ter aufgeregt und voll Spannung.* — Leider kann ich Euch keine genügende Auskunft darüber erthei⸗ len, obgleich mich Alles, was ich erfahren habe, vermuthen läßt, daß ſie glücklich entkommen iſt. Einer meiner Leute, ein nichtsnutzi⸗ ger Burſche und Feigling, behauptete, ſie geſehen zu haben und von ihrer Begleiterin ſogar verwundet worden zu ſein, als er ſich der Flucht der Frauen widerſetzen wollte. Weiter habe ich keine For⸗ ſchungen angeſtellt, und ich bin auch ſchon aus Rückſicht für Euch von jeder ferneren Verfolgung abgeſtanden. Mich ſoll es freuen, wenn ſie glücklich davongekommen iſt. Das Tagebuch überlaſſe ich Euch, da es gewiß für Euch ein beſonderes Intereſſe haben dürfte. Mit tiefer Rührung nahm Milton aus der Hand des Freundes die Blätter, welche ihn an das edle Weib und ſeine eigene Jugend erinnerten. Zum Dank theilte er ihm die Warnung Cromwell's mit. — Ich weiß, daß er mich nicht liebt, ſagte dieſer mit düſterem Lächeln. Er fürchtet meinen Einfluß und meine offen ausgeſprochene Geſinnung. Ich bin Republikaner, und ſehe in der Republik das einzige Heil. Nach ſeiner Gewohnheit hat mich der General auszu⸗ forſchen geſucht, und ich habe meine Meinung nicht verhehlt. — Ihr glaubt doch nicht, daß er die Monarchie wiederherzuſtellen und die Stuart's zurückzurufen gedenkt? — Das Letztere gewiß nicht, aber für ſeine monarchiſchen Ge⸗ lüſte möchte ich nicht einſtehen. In dem General ſelbſt ſteckt der künftige Tyrann England's; doch bevor er ſein Ziel erreicht, werde ich mit meinen Waffengefährten ihm entgegentreten und es zu hindern wiſſen. Nachdem Overton mit dieſer Drohung geſchieden war, blieb Mil⸗ ton allein zurück. In ſeinen Händen hielt er das Tagebuch, das erſte Lebenszeichen der Freundin nach ſo langer Zeit. Eine gewiſſe Scheu hielt ihn ab, es ſogleich zu öffnen, und er ſchwankte, ob er auch Recht thäte, in die Geheimniſſe dieſer edlen Frauennatur einzudringen. — 4240— —— Endlich ſiegte nicht die Neugierde, ſondern der innige Antheil, den er an Alicen's fernerem Schickſal nahm. Von Neuem fühlte er beim Leſen, daß er ſein höchſtes Lebensglück in ihr einſt beſeſſen und ver⸗ ſcherzt habe. Welche Reinheit des Herzens, welche Unſchuld und welch ein reicher Geiſt trat ihm in ihren Zeilen entgegen. Er verfolgte mit tiefer Rührung den Kampf des edlen Weibes zwiſchen der Pflicht und der Liebe, bis zuletzt ihr Herz ſich vollkommen dem Gatten zu⸗ wandte, und für Milton nichts übrig blieb, als eine wehmüthige Er⸗ innerung, eine geläuterte Freundſchaft. Jedes Wort legte ein lautes und ſchönes Zeugniß für ihre herrliche Natur, für ihr tiefes und doch ſo einfach ſchlichtes Weſen ab.— Ein großer Schmerz durchzuckte Milton, und ſeine Thränen be⸗ netzten die theuren Blätter, das einzige Angedenken an die Freundin ſeiner Jugend, an das einzige Weib, das er wahrhaft geliebt hatte. Voll Trauer und Sehnſucht gedachte er ihrer, und ein ſchwerer Seuf⸗ zer entrang ſich ſeiner Bruſt.— 2. Eines Tages, als Milton ſeiner Gewohnheit nach einen Spazier⸗ gang in die Umgegend von London machte, erblickte er am äußerſten Ende der Stadt zwei Frauen mit einem Kinde; ſie waren einfach, faſt ärmlich gekleidet, und wurden augenſcheinlich von einem Manne verfolgt, der ihnen den Weg abzuſchneiden gedachte. Im eilenden Laufe flogen ſie an ihm vorüber, von Zeit zu Zeit ſich ängſtlich um⸗ ſehend. Schon war der Verfolger ihnen ſo nahe, daß er nur ſeine Hand auszuſtrecken brauchte, um ſie zu erreichen, als eine der Frauen einen lauten Schrei ausſtieß. — Rettet uns, rief ſie mit ängſtlicher Stimme, welche Milton bekannt vorkam. Unterdeß war auch der Mann herangekommen. — Was wollt Ihr von dieſen Weibern? fragte der Dichter. — Geht es Euch was an? Ich brauche Euch keine Rechenſchaft zu geben. Dieſe Frauen müſſen mir folgen; ich verhafte ſie im Na⸗ men der Republik. — 44114— — Und mit welchem Recht? — Weil ſie die ausgemachteſten Verrätherinnen ſind; denn trotz ihrer Verkleidung habe ich ſie erkannt. Sie kennen mich auch, und das nicht erſt von heute. Es iſt ſchon ſo manches Jährchen vergan⸗ gen, ſeit wir uns zum erſten Male im Haywood⸗Forſte geſehen ha⸗ ben. Nicht wahr, Lady Alice? Bei dieſem Namen erbebte Milton vor freudiger Ueberraſchung. — Dieſe beiden Damen ſtehen unter meinem Schutz, ſagte er mit würdevoller Feſtigkeit. Ich bürge für ſie, und damit du weißt, wer ich bin, ſo will ich dir meinen Namen und das Amt nennen, welches ich bekleide. — Nicht nöthig, entgegnete Billy Green mit gewohnter Frechheit. Wir ſind alte Bekannte, Herr Milton, und ich hoffe Euch ſammt Euren Schützlingen bald wieder zu ſehen. Mit dieſen Worten entfernte ſich der Unverſchämte, welcher ab⸗ wechſelnd als Spion, oder als beuteluſtiger Soldat ſich umhertrieb, ein Produkt dieſer aufgeregten Zeit der Gährung, welche beſonders geneigt iſt, derartige giftige Pilze zu erzeugen.— Tief erſchütternd war das Wiederſehen. Alicen's Augen füllten ſich mit Thränen, als ſie Milton ihre Hand reichte. — So müſſen wir uns wiederfinden, ſagte ſie bewegt. Ich bin geächtet, vertrieben, eine Wittwe, die ihren Gatten verloren, eine Angeklagte, welche dem Geſetz, oder vielmehr der Willkühr einer ſieg⸗ reichen Partei verfallen iſt. Mein armer Bruder, der Gatte dieſes Weibes, ſitzt im Tower, und erwartet daſelbſt den Tag ſeiner Hin⸗ richtung. Das Leben hat für mich keinen Werth, und wenn nicht 4 dies Kind wäre, ſo hätte ich mich ſchon längſt meinen Richtern frei⸗ willig geſtellt. — Wie ſehr muß ich Euer Geſchick beklagen, das mir nicht un⸗ bekannt geblieben iſt; doch iſt hoffe, dasſelbe einigermaßen lindern zu können, da es mir nicht an einflußreichen Freunden fehlt, und ich ſelbſt eine Stellung jetzt bekleide, in der ich Euch nützen kann. Einſt⸗ weilen folgt mir in mein Haus, wo Ihr ſolange bleiben ſollt, bis ich eine ſichere Zufluchtsſtätte für Euch ausfindig gemacht habe. Durch ſeinen Einfluß gelang es Milton, für Alice die gewünſchte 3 Amneſtie zu erhalten. Es wurde ihr ſogar geſtattet, ungekränkt in — 4⁴22— London zu bleiben, da man von einer Frau keine Gefahr fürchtete. Selbſt ein Theil ihrer Güter wurde ihr zurückerſtattet, ſo daß ſie vor jedem Mangel hinlänglich geſchützt war. Dagegen konnte Lucy die Begnadigung ihres Gatten nicht erlangen. Thomas blieb im Tower gefangen, und nur ein Aufſchub ſeiner Todesſtrafe war Alles, was Milton durch ſeine Verwendungen für ihn erwirken konnte.— In ſtiller Zurückgezogenheit, den gefallenen Gatten betrauernd, und ſich ausſchließlich der Pflege und Erziehung ihres Kindes widmend, floſſen von nun an die Tage für Alice hin. Ihr einziger Umgang war Milton, den ſie jetzt ruhig gehen und kommen ſah. Eine innige Neigung für ihn war ihr zurückgeblieben, trotz der verſchiedenen reli⸗ giöſen und politiſchen Ueberzeugung. Ohne ängſtlich einen Austauſch ihrer Gedanken zu vermeiden, ſuchten Beide doch weit mehr, ſich auf dem neutralen Boden der Kunſt und Poeſie zu begegnen, als auf dem Feld des wild tobenden Kampfes der Parteien. Jeder achtete im Andern ſeine Ueberzeugung; die Royaliſten und der Republikaner übten gegenſeitig eine zarte Schonung, eine milde Duldung aus. Für Milton war dieſer Umgang von beſonderem Einfluß auf ſeine poetiſche Schöpferkraft; denn Alice ſuchte ihn faſt unmerklich wieder ſeinem urſprünglichen Berufe zuzulenken. In ihren Augen war ſeine poli⸗ tiſche Thätigkeit eine Verirrung der ihm eigenen höheren Natur. Ihr ſeid mir, oder vielmehr der Welt, ſagte ſie einſt halb im Scherz, halb im Ernſt, noch ein größeres Werk ſchuldig. Doch ſeit⸗ dem Ihr geheimer Secretair des Staatsraths geworden ſeid, habt Ihr den armen Muſen auch den Abſchied gegeben. — Ihr irrt Euch, theure Freundin. Trotz meiner vielen Ge⸗ ſchäfte bleibt mir doch immer noch einige Zeit, um wenigſtens an die göttliche Poeſie zu denken. Ich trage mich mit mannigfachen Plänen, noch ſchwanke ich, ob ich dem Beiſpiele Shakeſpeare's, oder dem er⸗ habenen Vorbilde eines Homer, Virzil und Taſſo folgen ſoll. Meh⸗ rere Tragödien habe ich bereits im Kopfe ausgearbeitet, die ich zum Theil der engliſchen Geſchichte, zum Theil der Bibel entlehnte. Bis jetzt konnte ich mich jedoch nicht entſchließen, ſie niederzuſchreiben, weil ich den Vergleich mit jenem unſterblichen Genius fürchte. Faſt möchte ich darum einem Epos den Vorzug geben, deſſen Plan mich ebenfalls ſchon längere Zeit beſchäftigt. — — — — 443— — Und darf ich nicht den Inhalt desſelben erfahren? Verzeiht meiner Neugierde, die ich gewiß mit dem edleren Namen der aufrich⸗ tigſten Theilnahme belegen darf. — Vor Euch will ich kein Geheimniß haben. Als ich vor Jah⸗ ren in Italien war, wohnte ich in Florenz der Aufführung eines Schauſpiels bei, das, trotz mancher Mängel und Schwächen, in mir einen bedeutenden Eindruck hinterließ. Es behandelte den Sündenfall und das Schickſal unſeres erſten Elternpaars. Damals wurde ich tief von der einfachen Größe ergriffen, welche in der Offenbarung liegt. Mir erſchien der Gegenſtand würdig und bedeutend genug, um meine ganze Kraft daran zu ſetzen. Eine Fülle von Gedanken wurde in mir angeregt. Ich ſah die Wunder des Paradieſes, dieſen Garten Gottes mit ſeinen herrlichen Bäumen und goldenen Früchten, mit ſeinen duftenden Blumen und ſchattigen Gebüſchen. Dort wohnte das glückliche Menſchenpaar in ungetrübtem Frieden, in reinſter Unſchuld, bis die Schlange kam und Eva verlockte, vom Baume der Erkennt⸗ niß den Apfel zu eſſen, und das Gebot des Herrn zu übertreten. So wurde Adam und das ſündige Weib aus dem Paradieſe getrieben; der Tod und die Sünde hefteten ſich an die Ferſen der Schuldigen. Die Geſchichte der ganzen Menſchheit, wie die jedes Einzelnen, liegt in der heiligen Sage. Wird nicht in jedem Manne ein neuer Adam, in jeder Frau eine neue Eva geboren? haben wir nicht Alle ein ver⸗ lorenes Paradies zu beweinen? — Und das verlorene Paradies ſoll auch Eure Dichtung heißen, ſagte Alice mit wehmüthigem Lächeln. Ihr habt Recht. Wer von uns hätte nicht ein verlorenes Paradies zu beklagen? Die Unſchuld der Kindheit, die Träume der Jugend, unſere Hoffnungen und Er⸗ wartungen, welche ſo oft getäuſcht werden, die Begeiſterung, welche von der Zeit der rauhen Wirklichkeit erliegt, der ſtille Frieden, der vor dem lauten Waffenlärm verſtummt, der ſchöne Glaube, den der Zweifel und der Spott benagt, die Liebe mit ihrem göttlichen Rauſch, der ſo ſchnell verfliegt, unſere gewonnenen Ideale; das Alles ſind die verlorenen Paradieſe der armen Menſchheit. — Doch vor Allem, erwiederte Milton, gedenke ich jenen großen und ewigen Kampf zwiſchen den böſen und den guten Mächten, zwi⸗ ſchen dem Himmel und der Hölle zu beſingen. Vor meinen Blicken 2 8 „ 1 4— Aal— 4 ſteht die Geſtalt des gefallenen Engels, der ſich zuerſt gegen den Schöpfer aufgelehnt hat; ich ſehe ihn noch immer ſchön mit heuchle⸗ riſchen Zügen, in gleißender Geſtalt, ſelbſt in der Verworfenheit ſeinen göttlichen Urſprung nicht verleugnend. Immer von Neuem erhebt er ſich gegen die Herrſchaft des Ewigen und immer von Neuem muß er ſeine Ohnmacht gewahr werden, denn der Sieg gehört dem Himmel und ſeinen Heerſchaaren. In großen Zügen entwarf der Dichter vor Alice den Plan zu ſeinem berühmten Epos und ſchied mit dem Verſprechen, ſobald als möglich an die Ausführung ſeines Werkes zu gehen, aber die Zeit eines ruhigen Schaffens war für ihn noch nicht gekommen.— Kaum in ſeiner Wohnung angelangt, fand Milton eine Botſchaft vom Staats⸗ rath vor, der er Folge leiſten mußte.— Wenige Tage nach der Hin⸗ richtung des Königs war in England ein Buch erſchienen, unter dem Titel„Eikon Baſilika“ oder„des Königs Abbild“. Es wurde Karl dem Erſten zugeſchrieben und enthielt in religiöſer Form die Gefühle, Betrachtungen, Eindrücke und Kämpfe, die ganze Seele des unglück⸗ lichen Monarchen, die Geſchichte ſeiner Leiden, ſeiner Prüfungen, welche ihn als einen verklärten Märtyrer erſcheinen ließen. Wie eine Fackel zündete das Buch und ſeine Wirkung grenzte an das Wunder⸗ bare. Die Anhänger des Königs erhoben wieder das Haupt und jeder Leſer wurde mit Mitleid und Bewunderung erfüllt. Trotz aller Ver⸗ bote fand es eine ſchnelle, ungeheuere Verbreitung und das Parlament zitterte vor den Folgen. Nur ein Mann vermochte die Wirkung zu entkräften und dieſer eine war Milton. Er erhielt den Auftrag, eine Widerlegung zu ſchreiben.— Als er dieſe Verpflichtung übernahm, verſchwieg er ſich nicht die mißlichen Folgen, welche ihn erwarteten. Er ſollte einen unglücklichen Todten, der das öffentliche Mitleid im höchſten Grade für ſich in Anſpruch nahm, noch im Grabe angreifen und gleichſam ein geiſtiges Nachrichteramt an dem enthaupteten Leich⸗ nam üben, ſich ſelbſt mußte er dem Haſſe und der Verfolgung der geſammten königlichen Partei bloßſtellen, welche in blinder Rachſucht ſogar vor einem Morde nicht zurückſchreckte, wie ſie ſpäter vielfach be⸗ wieſen hat. Am ſchmerzlichſten berührte ihn aber ſeine Stellung zu Alice in dieſer Angelegenheit. Seine Freundin verehrte Karl den Erſten und hatte dieſem die größten Opfer gebracht. Sollte er die 445— eben Wiedergefundene zum zweiten Male durch ſeine eigene Schuld verlieren?. — Ich kann mich meiner Pflicht nicht entziehen, ſagte er ihr, indem er ſie mit dem Auftrage des Parlaments bekannt machte. Faſt muß ich fürchten, Eure Freundſchaft, das Theuerſte Hauf der Welt für mich, zu verlieren und doch darf ich nicht anders handeln. — Folgt Eurer Ueberzeugung, entgegnete Alice achtungsvoll. Ihr ſeid Republikaner und ich eine Freundin des Königs, das darf uns jedoch nicht abhalten, nach wie vor mit einander zu verkehren. Niemand kann es mehr bedauern, als ich, daß Ihr dieſen Weg ein⸗ geſchlagen habt und Euer Talent in die Waggſchale des Feindes legt, aber der Kampf der Parteien ſoll mir den alten, treu bewährten Freund nicht rauben. Ich ehre und achte den Menſchen in Euch, wenn ich auch Eure politiſchen Anſichten niemals theilen werde. — Ich denke nur um ſo höher von Euch, erwiederte Milton, tief ergriffen von der hochherzigen Geſinnung der edlen Frau. So gaben Beide ein herrliches Beiſpiel der ſchönſten Duldung. Mitten in der allgemeinen Zwietracht blieben ſie nach wie vor innig vereint. Das reine Menſchthum trug in ihnen den Sieg über den Haß der Parteien davon.— Ehe Milton ſich jedoch entfernte, richtete Alice ihren Blick voll Theilnahme auf ihn. Fortwährende Arbeiten hatten ſeine Geſundheit untergraben und beſonders ſeine Augen angegriffen. Zwar glänzten dieſe mit ihrem früheren Schimmer, aber er ſelbſt hatte eine Abnahme ſeiner Sehkraft bemerkt und ſchon öfters vor der Freun⸗ din darüber geklagt. Beim Fortgehen fiel es Alice auf, daß er die Thüre faſt überſah und nur taſtend dieſelbe fand. Erſchrocken eilte ſie ihm nach und geleitete ihn hinaus. — CEure Geſundheit bekümmert mich, ſagte ſie theilnehmend. Ihr müßt Euch ſchonen und beſonders Euren Augen die nöthige Ruhe gönnen. Aus dieſem Grunde allein wünſchte ich, daß Ihr Eure Ar⸗ beit unterlaßt. — Wie kann ich das? Ich darf ſie nicht aufſchieben. — Bedenkt, daß Ihr Euer Augenlicht verlieren könnt. O, ich vermag den Gedanken nicht zu ertragen, wenn Ihr erblinden ſolltet. — Ich fürchte nicht die Blindheit und nicht die Schrecken der Nacht, welche mich bedrohen, denn mir leuchtet der Glaube an eine —— 8—— ———— 1 3 — — — — 446— gütige Vorſehung, die Theilnahme und Zärtlichkeit meiner Freunde, vor Allem der Gedanke an meine Pflicht. Dieſe Sterne ſtrahlen hell in der Finſterniß, die mich vielleicht bald umgeben wird. Es ſteht ja geſchrieben, daß der Menſch nicht allein vom Brode lebt, ſondern von jeglichem Worte, das aus dem Munde Gottes geht; warum ſoll ich mich nicht da mit dem Gedanken beruhigen, daß das Licht der Augen für mich nicht das einzige ſei, ſondern daß mich die Leitung und Vorſehung Gottes genugſam erleuchten werden? So lange er ſelbſt für mich in die Zukunft hinausſieht, ſo lange er für mich ſorgt, wie er es thut, und mich vor und rückwärts bei der Hand führt, wie mein ganzes Leben hindurch geſchah, will ich gerne meine Augen Sabbath halten laſſen, weil es ſo ſein Wille ſcheint. — Wie leicht werden Eure Gegner und Feinde in dem Verluſt Eures Geſichts ein gütlihes Strafgericht erblicken und Euch darum verſpotten. — Mögen ſie es Pnmerhla thun und mich zum Gegenſtande ihres Hohnes machen. Sie ſollen bald erfahren, daß ich weit entfernt bin, mein Loos mit Reue und Kummer aufzunehmen, daß ich unveränder⸗ lich auf meinen Geſinnungen beharre, indem ich den Zorn Gottes weder fürchte, noch empfinde, ſondern auch hierin, wie in allen wich⸗ tigen Ereigniſſen meines Lebens ſeine väterliche Güte und Gnade an⸗ erkenne. Das Bewußtſein meiner Handlungsweiſe wird mich ſtets aufrecht erhalten und ich möchte daſſelbe gegen keine Herrlichkeit der Welt, ſelbſt nicht gegen das größte Glück vertauſchen. Was iſt an meinem Augenlicht gelegen, wenn ich es auch jetzt im Dienſte der Wahrheit und der Freiheit einbüßen ſollte. Würde ich doch eben ſo freudig mein Leben hingeben, wenn es von mir gefordert würde. Zwiſchen meiner Pflicht und meinem Augenlicht kann ich keinen Augen⸗ blick ſchwanken. Von dieſem Geiſte beſeelt, ging Milton trotz den Warnungen ſeiner Freundin an eine Arbeit, welche ihn in eine Reihe von Streitigkeiten verwickelte und ſeine Geſundheit zerrüttete.— Vor allen Dingen ent⸗ kräftete er den Glauben an die königliche Autorſchaft des zu wider⸗ legenden Buches, indem er mit vielem Scharfſinn einen anderen Ver⸗ faſſer ſogleich nachwies, eine Muthmaßung, welche ſich vollkommen be⸗ ſtätigte, da erwieſener Maßen der Biſchof Gauden das„Eikon Ba⸗ ——— — 44⸗— ſilika“ geſchrieben hatte. Damit ſchwand einigermaßen der Nimbus und die gefährliche Wirkung des Werkes wurde bedeutend abgeſchwächt. Unter fortwährenden Leiden erfüllte Milton ſeine Aufgabe, indem er dem falſchen Abbild des Königs ein wahreres Gemälde deſſelben gegen⸗ überſtellte, wobei auch er nicht immer vermeiden konnte, manchen ge⸗ häſſigen Zug und manchen zu rauhen Pinſelſtrich anzubringen. Jeden⸗ falls war aber ſein Portrait nicht geſchmeichelt und ganz dazu geeignet, ihm die ganze Partei der Königlichgeſinnten zu Feinden zu machen.— Alte und neue Gegner ſtanden gegen ihn auf, unter denen der be⸗ rühmte Leydner, Profeſſor Salmaſius, die erſte Stelle einnahm. Für zweitauſend Goldſtücke erkaufte Karl der Zweite die allezeit bereit⸗ willige Feder dieſes Gelehrten, um das Andenken ſeines Vaters zu rechtfertigen und das ganze engliſche Volk zu verunglimpfen. So groß war jedoch ſchon in jener Zeit der Einfluß der Preſſe, daß das Par⸗ lament dieſe Schmähſchrift ebenfalls in Erwägung zog und Milton auch diesmal den Auftrag ertheilte, dieſelbe zu beantworten. Aller⸗ dings trug zu der Wichtigkeit, die man dieſem Pamphlete beilegte, der Name des Verfaſſers ſehr viel bei. Salmaſius galt für ſeine Zeit als ein aniverſalgenie, er ſprach alle lebenden und todten Sprachen, latein und griechiſch, ſelbſt perſiſch, ſyriſch und arabiſch; an der Univerſität lehrte er zu gleicher Zeit alle Wiſſenſchaften, Theologie, Medizin, Jurisprudenz und Geſchichte. Durch ſeine unzähligen Arbeiten, Com⸗ mentare, Noten und gelehrten Vorreden hatte er ſich den größten Ruf in ganz Europa erworben und ſeinen Vorrang in der gelehrten Welt wagte bisher noch Niemand ihm ſtreitig zu machen. Die erſten Mo⸗ narchen der Welt warben um ihn, Richelieu ſowohl wie jetzt Mazarin ſuchten ihn für Frankreich zu gewinnen und die phantaſtiſche Königin von Schweden erlangte nur durch viele Bitten, daß er ihrem Rufe nach Stockholm Folge leiſtete. Chriſtine kam ſelbſt, wenn der be⸗ rühmte Mann krank war, oder wegen der nordiſchen Kälte nicht aus⸗ gehen wollte, zu ihm, zündete das Feuer in ſeinem Kamin an, kochte ihm das Frühſtück und brachte oft den ganzen Tag an ſeinem Bette zu, ſo daß die Frau des Gelehrten auf die Königin eiferſüchtig wurde und ihren gelehrten Gatten Stockholm und Schweden zu verlaſſen zwang.— — 448— Das war der Gegner, mit dem es Milton jetzt zu thun hatte. Alle ſeine Freunde zitterten vor dem Ausgange dieſes wiſſenſchaftlich politiſchen Streites und riethen davon ab. Dieſer indeß fühlte ſeine Kraft und nicht nur ſeine Ebenbürtigkeit, ſondern die Ueberlegenheit über einen geſinnungsloſen, pedantiſchen Polyhiſtor. Für Milton war die Gelehrſamkeit nicht ein eitles Anſammeln von Kenntniſſen, ein unfruchtbares und unnützes Aufhäufen von unverdautem Material, das wohl geeignet ſein mochte, die eigene Eitelkeit zu kitzeln oder der blinden Menge zu imponiren. Sein Wiſſen war in Fleiſch und Blut übergegangen und Eins mit ſeinem ganzen Charakter, ſeinem Denken und Fühlen geworden. Von einem unendlich höheren Standpunkte übernahm er daher dieſe neue Aufgabe und ſo ſchrieb er ſeine„Ver⸗ theidigung des engliſchen Volkes.“ Hier ſtellte er mit überraſchender Kühnheit jene Grundſätze bereits auf, welche ſpäter Rouſſeau in ſei⸗ nem contràt social nur wiederholt hat und die hinreichten, die ganze gebildete Welt zu erſchüttern. Auch Milton ging von der Souverai⸗ netät des Volkes aus und daß die Macht dem Könige einzig und allein von der Nation zu ihrer eigenen Sicherheit verliehen ſei. Un⸗ beſchreiblich war das Aufſehen, welches dieſes neue Werk erregte; es wurde nicht nur in England, ſondern in ganz Europa mit Begierde geleſen und verſchlungen. Nahe an fünfzigtauſend Exemplare fanden einen unerwartet ſchnellen Abſatz und eine allgemeine Verbreitung. Die fremden Geſandten ſtatteten Milton ihre Glückwünſche über dieſen un⸗ erwarteten Erfolg ab, ſelbſt Salmaſius frühere Gönner wendeten dem beſiegten Profeſſor mit Verachtung den Rücken zu und überhäuften den glücklichen Sieger mit ihren Lobſprüchen und Schmeicheleien. Die Königin Chriſtine verſpottete nun ihren alten Günſtling faſt noch mehr, als ſie ihn früher bewundert und verehrt hatte.— Vergebens machte Salmaſius neue Anſtrengungen, um die errungenen Lorbeern ſeinem Gegner zu entreißen; jeder derartige Verſuch wurde für ihn zu einer friſchen Niederlage. Aber auch Milton gewann ſeine Triumphe nur um einen theueren Preis. Jedes Wort, das er niederſchrieb und womit er den geſinnungsloſen Pedanten niederſchmetterte, koſtete ihn einen Theil ſeiner Sehkraft. Furchtbare Kopfſchmerzen, an denen er von Jugend auf gelitten, waren die ſteten Begleiter ſeines Augenlei⸗ dens; aber er achtete wenig oder gar nicht auf die Verſchlimmerung ——————— —— — —— — 449— ſeiner Leiden. Wie ein Krieger kämpfte er fort mit blutenden Wun⸗ den, und ſchwer getroffen, focht er den einmal angefangenen Kampf zu Ende.— An die Stelle der mittelalterlichen Turniere waren jetzt die wiſ⸗ ſenſchaftlichen Zweikämpfe der berühmten Gelehrten in jener Zeit ge⸗ treten und dieſe wurden mit eben ſo großer Theilnahme verfolgt. Fürſten und Völker waren die Zuſchauer und durch die Macht der Preſſe der bisher nur begrenzte Schauplatz unendlich erweitert, die Schranken in die Ferne ausgedehnt. Ein Ueberbleibſel des alten rit⸗ terlichen Geiſtes hatte ſich in jene wiſſenſchaftlichen Klopffechtereien hin⸗ eingeflüchtet, wo die Folianten die Stelle des Harniſches vertraten und dickleibige Kirchenväter als Schild und Speer gebraucht wurden. Die Gegner traten in die Schranken, bewaffnet mit Citaten aus den klaſ⸗ ſiſchen Schriftſtellern und mit dem ganzen Vorrath eines gelehrten Ar⸗ ſenals; ſie kämpften mit Worten, ſtatt mit dem Schwerte und ſtritten mit Sentenzen und Glaubensſätzen. Es handelte ſich dabei nicht nur um die Wahrheit, ſondern weit mehr noch um Ruhm und Ehre, des⸗ halb wurde der Kampf häufig mit einer Rückſichtsloſigkeit und Er⸗ bitterung geführt, die uns heute befremden muß. Meiſt war der Streit perſönlich und endete nur mit der vollſtändigen Niederlage der einen oder der anderen Partei. Man ſchlug ſich gegenſeitig die tiefſten Wunden und das Gift der Verleumdung und Verketzerung ſchärfte nur noch den Schmerz der verletzten Eitelkeit. An dieſen geiſtigen Turnieren nahm die ganze gebildete Welt mehr oder minder Antheil, je nach dem Ruf und Namen der dabei Betheiligten. Einen ſolchen Zweikampf war Milton mit dem gelehrten Salmaſius eingegangen und ganz Europa begrüßte mit freudigem Zuruf den Sieger. Seine Widerlegung vernichtete den Gegner moraliſch und ſtürzte ihn von ſeinem angemaßten Throne herab. Salmaſius wurde nicht blos bild⸗ lich, ſondern wirklich tödtlich getroffen, er überlebte ſeine Niederlage nur noch kurze Zeit und ſtarb, wie ſeine Freunde behaupteten, an ge⸗ brochenem Herzen. Milton hatte geſiegt, aber dabei ſein Augenlicht faſt eingebüßt. Seinem Triumphe folgte bald die ewige Nacht der Blindheit. D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. —— — —— — 3 Unterdeß hatte Cromwell durch ſeine Tapferkeit die neue Republik in wenig Wochen von allen ihren Feinden befreit. Die aufſtändi⸗ ſchen Irländer wurden zunächſt von ihm beſiegt und der Aufruhr mit furchtbarer Strenge unterdrückt. Hierauf wandte er ſich gegen die Schotten, in deren Mitte ſich Karl der Zweite befand. In zwei Schlachten auf das Haupt geſchlagen, irrte der junge Prinz als Geächteter im Lande und entkam nur durch ein Wunder nach Frank⸗ reich. Nach dieſen Siegen kehrte Cromwell nach London im Triumph zurück. Umgeben von ſeinen Offizieren und gefolgt von zahlreichen Gefangenen hielt er ſeinen feierlichen Einzug in die Hauptſtadt. Das Parlament, welches nur gezwungen ſeine Verdienſte anerkannte und in dem ſiegreichen General mit Recht den künftigen Uſurpator fürchtete, ſchickte ihm vier Commiſſarien bis Aylesbury entgegen, um ihn zu begrüßen. In London ſelbſt empfingen ihn die Sprecher des Parla⸗ ments mit einer großen Anzahl von Mitgliedern, der Präſident des Staatsrath mit dem Lord⸗Major und den Aldermen der City. Tau⸗ ſende von angeſehenen Bürgern ſchloſſen ſich ihnen an und geleiteten Cromwell unter dem Donner der Artillerieſalven und dem Zujauchzen des Volkes nach Withehall. Der General empfing alle dieſe Ehren mit frommer Beſcheiden⸗ heit; er ſprach wenig von ſeinem eigenen Verdienſte und ſchrieb ſeine Triumphe der Gnade Gottes und der Tapferkeit ſeiner Soldaten faſt einzig und allein zu. Indeß unter ſeiner Beſcheidenheit brachen doch von Zeit zu Zeit Aeußerungen einer ſchlecht verhehlten Freude und des verſteckten Ehrgeizes hervor. Er belohnte die vom Parlament abgeordneten Commiſſarien mit fürſtlicher Freigebigkeit, indem er ihnen nicht nur erbeutete Pferde, ſondern auch einige reiche und vornehme Gefangene zum Geſchenke machte, von denen zu erwarten ſtand, daß ſie für ihre Freilaſſung einen hohen Preis bezahlen würden. Er be⸗ ſtrebte ſich bereits, Freunde und ergebene Anhänger zu verſchaffen. Seine Miene, ſein Weſen und ſeine ganze Sprache ſchien eine völlige Umwandlung erlitten zu haben und trug das deutliche Bewußtſein ſeiner unbeſtrittenen Macht zur Schau. Alle dieſe Anzeichen ver⸗ mehrten die Furcht des Parlaments vor dem Einfluſſe und den —᷑——— —᷑——— — 451— Plänen des glücklichen Feldherrn, der an der Spitze einer ſiegreichen Armee Alles fordern, Alles wagen durfte. Dieſes Mißtrauen mußte früher oder ſpäter zum offenen Bruche führen, und in der That ſchien auch der Kampf unvermeidlich.— Cromwell ſtützte ſich auf das Heer und rechnete auf die Blößen, welche ihm ſeine Gegner täglich Nben. Er beeilte ſich nicht den entſcheidenden Schlag zu führen, ſondern be⸗ reitete im Stillen Alles vor. Wenig große Männer beſaßen die inſtinkt⸗ mäßige Klugheit und den ſcharfen Blick dieſes Emporkömmlings. Anſcheinend unthätig, beobachtete er, wie die Spione im Netze, ſeine Feinde. Wie dieſe war er mit der feinſten Witterung für die öffent⸗ liche Meinung und die Stimmung des Volkes begabt. Indem er ſich mit dieſer verband, erlangte er eine Rieſenſtärke, eine dämoniſche Ge⸗ walt.— Seit dem Beginn der Bürgerkriege vereinte das Parlament in ſich die geſammte Gewalt und wie immer fiel auch auf daſſelbe die ganze Verantwortung. Zu lange hatte es regiert, um nicht in der Nation den Wunſch nach einer Veränderung zu erregen. Wie jede derartige Verſammlung, war auch dieſe nicht von Fehlern, Schwächen und Mängeln frei zu ſprechen, welche mit der Herrſchaft unwillkürlich verbunden ſind. Es fehlte ihm nicht an Gegnern, unter denen der ſtreitfüchtige John Lilburne der bedeutendſte war. Selten erfreute ſich ein Mann einer ähnlichen Popularität, er wurde von dem Volke und beſonders von den unteren Schichten Londons angebetet. Schon unter Karl dem Erſten hatte er den Ruf eines Märtyrers für die Freiheit errungen und ſein unruhiger Geiſt trieb ihn nach der Hinrichtung des Königs zu einer eben ſo hartnäckigen Oppoſition gegen das Par⸗ lament. Seine Zeitgenoſſen charakteriſirten ſeine Streitſucht am Beſten durch den Ausſpruch, daß, wenn John Lilburne allein auf der Welt zurückbleibe, John mit Lilburne zu hadern anfangen würde. Doch nicht dieſer angeborne Trieb, ſondern weit mehr noch leitete ihn eine ſtrenge Achtung des Rechtes und der jedem Engländer zukommenden Garantien. Er beſaß in der City, wo er ſeine Jugend verlebt und auch in der Armee, wo er mit Ehren gedient hatte, eine zahlloſe Menge von Freunden, Bürger und Lehrburſchen, Offiziere und Sol⸗ daten, religiöſer und politiſcher Schwärmer, die ſämmtlich gleich ihm mit Leidenſchaftlichkeit an den demokratiſchen Ideen und Gefühlen hingen, Zänker und Raiſonneurs, wie er ſelber einer war, die ſich 29 8 1 ———— ——-———— ——— ———— — weder um die Bedingungen der bürgerlichen Ordnung, noch um die Grundlagen der Staatsgewalt kümmerten, ſondern ſich ſtets geneigt zeigten, die letztern zu bekriteln und anzugreifen, wenn ſie nicht ihren Forderungen und Träumen entſprach, oder gar ihren Stolz und ihrem Gewiſſen hindernd in den Weg trat. Lilburne beſaß aber nicht nur die Fähigkeit durch ſeine Schriften Mißſtimmung zu erregen, ſondern die weit gefährlichere Gabe dieſe zur vollen Gährung zu bringen. Er war unermüdlich thätig in Betreibung von Petitionen, in Abhaltung von aufrühreriſchen Volksverſammlungen, in Bearbeitung der Armee, kurz, in allen demokratiſchen Maßregeln, welche geeignet ſind, den Geiſt des Aufruhrs wach zu halten und die beſtehenden Gewalten zu erſchüttern. Dieſem merkwürdigen Manne war es mit der Zeit ge⸗ lungen, das Parlament in den Augen der Menge herabzuſetzen und deſſen Anſehen zu untergraben. Unbewußt diente er dabei dem Ehr⸗ geize Cromwell's, gegen den er ſpäter mit derſelben Heftigkeit verfuhr. Dieſer benutzte nur die vorhandene Stimmung, die er ſelbſt im Stillen zu nähren ſuchte. Zu dieſem Behufe verſammelte er häufig die einflußreichſten Parteihäupter und Führer des Heeres, theils um ihre Anſichten mit gewohnter Vorſicht zu erforſchen, theils um ſich ihrer Beihülfe für ſeine Pläne zu verſichern. So ließ er im Stillen den Entſchluß reifen, der ſchon lange Zeit in ſeiner Seele ſchlummerte. Bevor er jedoch zur Gewalt ſchritt, wollte er erſt noch einen friedli⸗ chen Weg betreten, um ſich ſeiner Gegner zu entledigen. Allgemein äußerte ſich bereits die Abneigung und Ermüdung gegen das ſoge⸗ nannte lange Parlament, das ſich ſelbſt überlebt hatte. Eine Menge von Pamphlets und Schmähſchriften, welche mit jedem Tage belei⸗ digender wurden, waren gegen daſſelbe in Umlauf. Die Verachtung verband ſich mit dem Haſſe, und die Waffen, deren man ſich bediente, waren häufig die der bitterſten Ironie und des beleidigenden Spottes. Vergebens waren alle Verbote und Verfolgungen gegen die Beleidiger, weder ſein Zorn noch die Gewalt des Staatsrathes konnten ihm die verlorene Würde wiedergeben und die Feinde zum Schweigen bringen, welche wußten, daß Cromwell ſelbſt ihre Anſicht theilte und im Stillen ihr Bundesgenoſſe war. Das Parlament war bereits mo⸗ raliſch todt und dennoch wollte es ſein Scheinleben mit Gewalt fort⸗ ſetzen; es fehlte ihm ſowohl die geiſtige, wie die materielle Macht, — 4 5— 3 — — — 453— weder das Volk, noch die Armee, welche ſich in gemeinſchaftlicher An⸗ tipathie verbanden, wollten noch ferner etwas von ihm wiſſen.— Unter dieſen Verhältniſſen hielten es die Führer der republikaniſchen Partei ſelber für gerathen, die Auflöſung des Parlaments zu bean⸗ tragen und eine neue Wahl zu veranlaſſen. Indeß trafen ſie im Vor⸗ aus ſolche Maßregeln, welche ihre Wiedererwählung ſichern und nach wie vor die Regierung in ihre Hände legen ſollte. Ueber dieſes handgreifliche Lügenſpiel gerieth Cromwell in den größten Zorn und er beſchloß bei ſich ſelbſt, jeden derartigen Schritt zu hindern. Häu⸗ figer wiederholten ſich in ſeiner Behauſung die Zuſammenkünfte ſeiner Freunde, zu den alten ſuchte er noch neue Anhänger zu gewinnen, bis er endlich ſich ſtark genug fühlte, um offen mit ſeinem Anſchlage hervorzutreten, nämlich das Parlament mit Gewalt auseinander zu jagen. Was kein König von England je verſucht, was Karl Stuart trotz ſeiner abſolutiſtiſchen Gelüſte nicht einmal zu denken gewagt, unternahm jetzt Cromwell ohne zu ſchwanken. Während das Parla⸗ ment ſeine Sitzung hielt, verließ der General ſeinen Palaſt, begleitet von fünf bis ſechs Offizieren. Unterwegs nahm er eine Abtheilung von Soldaten mit, welche für dieſen Fall ſchon in Bereitſchaft ſtan⸗ den. Als er in Weſtminſter angekommen war, ſtellte er einen Theil der Truppen vor der Thür, einen andern auf dem Flur und noch einen andern vor dem Sitzungsſale auf; er allein trat in denſelben, ohne Aufſehn zu erregen. Er trug einen ſchwarzen Frack und graue wollene Strümpfe, wie er immer zu gehen pflegte, wenn er nicht in Uniform erſchien. Cromwell ſetzte ſich auf ſeinen gewöhnlichen Platz und ſchien aufmerkſam den Verhandlungen zuzuhören, nur zuweilen flog ein grimmiges, oder ſpöttiſches Lächeln über das ernſte Geſicht. Wie der Adler verhielt er ſich ſtumm und lautlos ,ehe er auf die Beute niederſchoß. Keine Miene verrieth ſeine innere Bewegung und doch pochte heute vielleicht zum erſten Male ſein Herz ſtürmiſcher gegen die eherne Bruſt, als in mancher heißen Schlacht. Er ſtand an dem gefährlichen Rubikon, im nächſten Augenblicke war er entweder ein geächteter Verräther oder der unumſchränkte Herr und Gebieter von drei Königreichen. St. John, einer ſeiner Freunde, begrüßte ihn. Jetzt erſt brach Cromwell ſein Schweigen und ließ in dunklen Worten ſeine Abſicht ahnen. — Ich habe gethan, ſagte er, was mir das Herz abdrückt, wo⸗ von mich zu entbinden ich Gott mit Thränen gebeten habe; ich möchte mich lieber in Stücke hauen laſſen, als es thun; aber die Nothwen⸗ digkeit laſtet auf mir, zum Ruhme Gottes und zum Wohle der Nation. — Ich weiß nicht, entgegnete St. John, was Ihr ſagen wollt, aber Gott gebe, daß, was Ihr auch thut, zum Heile der Republik ausſchlagen möge. Beſtürzt begab derſelbe ſich auf ſeinen Platz zurück und ließ Crom⸗ well in tiefem Nachdenken. Sir Harry Vane, der geiſtreiche und ehrliche Schwärmer, redete noch immer, er verlangte eine unbedingte Annahme der vorgeſchlage⸗ nen Maßregeln und ſeine glühende Beredſamkeit ſchien den größten Eindruck auf das Haus zu machen. Jetzt hielt Cromwell den entſcheidenden Augenblick für gekommen und gab dem Oberſt Harriſon, dem er die Ausführung ſeines Planes anvertraut hatte, das verabredete Zeichen. Der unerſchrockene Krieger bangte vor der Verantwortung und der Bedeutung des Moments. — Dies iſt der Augenblick, ſagte Cromwell, ich muß es thun! — Mylord, flüſterte Harriſon ängſtlich, bedenkt es wohl, das Werk iſt groß uund gefährlich. — Du haſt Recht, erwiederte Cromwell und blieb in Gedanken verſunken. Eine Viertelſtunde war verfloſſen, eine Viertelſtunde voll der größten Spannung und Aufregung für den General. Vor ſeinen Blicken ſchwebte ein Schaffot und eine Königskrone, entweder erwartete ihn der Tod durch Henkers Hand, oder der Thron von England. Schon die nächſte Minute konnte die Entſcheidung bringen. Er mur⸗ melte etwas, das wie ein Gebet klang, als wollte er Gott zum Bun⸗ desgenoſſen ſeiner Pläne machen. Wie wilde Wogen drängten ſich Ge⸗ danken und Empfindungen in ihm, CEhrgeiz und Pflichtgefühl, Stolz und fromme Demuth, Wahrheit und Lüge ſtürmten in raſchem Fluge noch einmal an ihn vorüber. Unwillkürlich ſchauderte er vor dem letzten Schritt zurück, doch kein Augenblick war zu verlieren. Vane hatte aufgehört zu reden und der Sprecher wollte zur Abſtimmung ſchreiten. — erhob ſich, nahm den Hut ab und bat um's Wort, das ihm geſtattet wurde. Er war kein beſonders begabter Rednex, außerdem liebte er es, ſeine Gedanken meiſt in einen Wortſchwall zu verbergen, obgleich Her ſtets ſein Ziel trotz aller Umſchweifungen zu erreichen wußte. Un⸗ geachtet dieſer Mängel hörten ihm die Zuhörer mit der größten Aufmerk⸗ ſamkeit zu, da ſeine Stellung und anerkannten Verdienſte ihnen Ehr⸗ furcht gebot. Nachdem er das Wort ergriffen, erging er ſich Anfangs in ſehr rückſichtsvollen Ausdrücken gegen das Parlament und deſſen Mitglieder, indem er ihrem Eifer und ihre Thätigkeit volle Gerech⸗ tigkeit widerfahren ließ; aber allmälig änderte ſich ſein Ton, ſeine Ausdrücke und Geberden wurden gereizt. Er runzelte die Stirn und, ſchoß aus ſeinen großen Augen vernichtende Blitze auf ſeine Gegner. Immer rückſichtsloſer warf er dem Parlament Feigheit, Habgier, Verfolgung perſönlicher Intereſſen und Vernachläſſigung der Juſtiz vor. — Ihr habt nicht das Herz, ſagte er mit ſeiner dumpfen Stimme, etwas für das allgemein Wohl zu thun; Ihr wollt nur Eure Macht verewigen. Eure Stunde iſt indeß gekommen, der Herr hat Euch ge⸗ liefert; er hat würdigere Werkzeuge für ſein Werk auserwählt, der Herr hat mich bei der Hand genommen und beſiehlt mir zu thun, was ich jetzt thue. Bane, Wentworth und Martyn, die Häupter ihrer Partei, ſpran⸗ gen von ihren Sitzen, um ihn zu antworten. Er ließ ſie jedoch nicht zu Worte kommen. — Ihr findet vielleicht, unterbrach er ſie ſchnell, daß meine Sprache nicht parlamentariſch iſt, ich gebe das zu, aber erwartet von mir keine andere. — Nie hat das Parlament ſolche Worte vernommen, ſchrie Went⸗ worth entrüſtet. Sie ſind um ſo entſetzlicher, da ſie von einem Diener kommen, von einem Diener, den das Parlament in ſeiner Güte ſo hoch erhoben und zu dem erſt gemacht hat, was er geworden iſt. Durch ſolche Reden wurde Cromwell nur noch mehr gereizt, er ſtürzte von ſeinem Platze in die Mitte des Saales und bedeckte ſein Haupt mit dem Hute. — Kommt, kommt! rief er laut und heftig. Ich will Eurem Geſchwätz bald ein Ende machen. — Der wichtige Zeitpunkt ſchien ihm gekommen zu ſein. Geomwel — Dabei ſtampfte er mit dem Fuße auf den Boden und gab ſomit Harriſon das verabredete Zeichen. Alsbald öffnete ſich die Thüre und eine Schaar ſeiner Bewaffneten trat herein, alte gediente Soldaten mit grimmigen Geſichtern und geladenen Musketen. — Ihr ſeid kein Parlament mehr, herrſchte er hochfahrend den beſtürzten Mitgliedern zu. Hinaus mit Euch und macht ehrlichen Leuten Platz. Einige Male ſchritt er dann heftig auf und nieder den großen Saal in ſeiner ganzen Länge mit dröhnenden Schritten durchmeſſend, bis er wieder mit gekreuzten Armen ſtehen blieb. — Bring den herunter, befahl er Harriſon auf den Sprecher Lenthall zeigend, der mit bleichem Geſichte in ſeinem Lehnſtuhl ſaß. Der Oberſt forderte denſelben auf ſich zu erheben, was jener ver⸗ weigerte. — Reiß ihn mit Gewalt herunter! rief Cromwell ſchonungslos. Harriſon gehorchte und zog Lenthall ſo lang bei ſeinem Rock, bis er den Platz verließ. — Das iſt eine Schmach, ſchrie Sir Vane der Jüngere, entrüſtet, eine Unwürdigkeit ohne Gleichen, ein Betragen gegen jedes Recht und alle Ehre. — Ahl Sir Vane, Sir Heinrich Vane, verſetzte Cromwell ſpöttiſch lächelnd. Ihr hättet das Alles verhüten können, aber Ihr ſeid ein Gaukler; Ihr habt nicht einmal die gewöhnliche Ehrlichkeit. Der Herr erlöſe mich von Sir Heinrich Vane. Darauf wandte er ſich noch an die einzelnen Mitglieder, denen er ihre Schwächen und Vergehen, bald mit Recht, bald mit Unrecht vor⸗ warf, ſie mit ſeinen Schmähungen überhäufend.„Ihr ſeid ein Trun⸗ kenbold“, rief er dem Einen zu, den Anderen klagte er des Ehebruchs, oder der Beſtechlichkeit an. Einen Dritten frug er laut vor Allen: „iſt ein Mädchenjäger berufen, hier zu ſitzen und zu regieren? So donnerte er gerechte und ungerechte Beſchuldigungen auf die Anweſen⸗ den, die aus Furcht vor den Soldaten, oder aus wirklichem Schuld⸗ bewußtſein ſich nicht zu vertheidigen wagten. — Ihr habt mich gezwungen, wiederholte er öfters, indem er wie betheuernd mit geballter Fauſt ſich gegen die Bruſt ſchlug. Ihr allein tragt die Schuld. Ich habe bei Tag und Nacht den Herrn gebeten, — —— „—— „—— — 457,— daß er mich lieber tödten als ein ſo ſchweres Werk auferlegen ſollte, aber er hat mich nicht gehört. Auf dem Tiſche lag der Hammer des Sprechers, das Zeichen ſeiner hohen parlamentariſchen Würde und eine Menge von Papieren und Aktenſtücken. Cromwell näherte ſich der Tafel und ergriff den Hammer. — Was ſoll der Plunder? fragte er höniſch. Man bringe ihn fort. Einer der Soldaten mußte dies Zeichen der höchſten Macht, das ſo lange die Stelle des königlichen Scepters vertreten und dieſes ver⸗ drängt hatte, hinwegnehmen. Unterdeß ſäuberten die Bewaffneten den Saal, die meiſten Mitglieder entfernten ſich gutwillig, andere wurden jedoch erſt gezwungen. Cromwell ließ die vorhandenen Papiere mit Beſchlag belegen und die Thüren ſchließen. Die Schlüſſel ſteckte er in die Taſche und ſo kehrte er als der unumſchränkte Gebieter in den Palaſt nach Withehall zurück.— Noch, an demſelben Tage blieben diejenigen, welche vor dem Parlamentsgebäude vorübergingen vor einem großen Zettel ſtehen, welcher von der Hand eines Spaßvogels die ironiſche Inſchrift trug:„Hier iſt eine unmeublirte Wohnung zu vermiethen.— Nach dem Sturze des, von ſeiner Dauer ſogenannten, langen Parla⸗ ments, ließ Cromwell, jetzt der alleinige Herr, um den Schein wenig⸗ ſtens zu wahren, neue Wahlen ausſchreiben. Die Verſammlung indeß, welche unter ſeinem Einfluß zuſammentrat und meiſt aus unfähigen und unbedeutenden Leuten beſtand, löſte ſich im Bewußtſein ihrer Schwäche ſelber auf. Sie wurde zum Gelächter und erhielt den Spottnamen Barebones Parlament, nach einem würdigen Lederhändler Praiſe God Barebone, einem ihrer lächerlichen Mitglieder.— Vier Tage ſpäter bewegte ſich ein großer Zug zwiſchen zwei Reihen von Soldaten von Withehall nach Weſtminſter. Der Lord⸗Mayor und die Aldermen der Londoner City eröffneten denſelben in ihren prächtigen Staatskaroſſen; hierauf kam Cromwell ſelbſt, in ſchwarzem Sammtrocke und mit einer breiten goldenen Schnur um den gewöhnlichen ſpitzen Hut. Seine Wachen, meiſt ergraute Krieger und eine große Anzahl von Edelleuten, die ſich ihm unterworfen hatten, gingen ſeinem Wagen voran, den die erſten Offiziere der Armee mit bedecktem Haupte und gezogenen Schwertern umgaben. Als der Zug in Weſtminſterhall an⸗ langte, trat er in den Saal des Kanzlei⸗Gerichtes ein, an deſſen Ende — 458— ein purpurner Staatsſeſſel aufgeſtellt war. Cromwell ſtand vor dem Seſſel und nachdem ſich alle Anweſenden um ihn geſchaart, verkündigte der General⸗Major Lambert die freiwillige Auflöſung des Parlaments und verlangte im Namen der Armee, der drei Nationen und der Nothwendigkeit der Zeit, daß der Lord⸗General das Protectorat der Republik England, Schottland und Irland übernehme.— Obgleich das ganze Schauſpiel bereits vorher verabredet und die Rollen hin⸗ länglich vertheilt waren, zögerte Cromwell zum Schein mit ſeiner Ant⸗ wort und gab erſt einer nochmaligen und dringenden Aufforderung Gehör. Darauf las einer der Secretaire die neue Verfaſſungsurkunde vor, welche er unterſchrieb und durch einen feierlichen Eid beſchwor. General⸗Major Lambert kniete nieder und überreichte ihm ein Schwert in der Scheide, das ſymboliſche Zeichen der bürgerlichen Gewalt. Als Cromwell es empfing, löſte er ſein eigenes Schwert und legte es ab⸗ indem er hierdurch öffentlich ausdrückte, daß er nicht mehr allein nach dem Kriegsgeſetze regieren wolle. Der Großſiegelbewahrer und die Richter forderten ihn jetzt auf, den Staatsſeſſel einzunehmen. Er ſetzte ſich und bedeckte ſein Haupt mit dem Hute, während alle Anweſenden entblößt ſtanden. Sobald die Cermonie beendet war, kehrte der Zug nach Withehall zurück, wo ein glänzendes Bankett die Feier ſchloß. Auf allen öffentlichen Plätzen erſchienen Herolde, welche dem Volke das Ereigniß verkündeten. — Es lebe der Protector! rief die Menge. Nur ein Mann ſchrie nicht mit. Es war dies der alte Puritaner Henderſon. — Oliver hat uns verrathen, murmelte er finſter. Er iſt abge⸗ gefallen von dem Herrn und darum muß er verderben. 4. Jetzt begann ein neues Leben in Withehall. Cromwell warf mehr und mehr die Maske ab und zeigte ziemlich unverhüllt ſeine Abſicht auf die Krone Englands. Vorſichtig wie immer forſchte er zuerſt die Geſinnungen ſeiner Umgebung aus, ehe er einen neuen Schritt — — — — — 459— thun wollte. Faſt täglich hatte er längere Unterredungen, ſowohl mit ſeinen Offizieren, wie mit den einflußreichſten Bürgern. In dieſen Geſprächen ließ er ſtets leiſe ſeine Meinung einfließen, daß England durchaus einer monarchiſchen Regierungsform bedürfe. So bereitete er die Gemüther allmälig vor. Er hatte die Presbyterianer und Con⸗ ſtitutionellen durch die Puritaner und Republikaner beſiegt, dieſe durch die Armee verdrängt, ſo daß er das Heer einzig und allein nur noch zu fürchten und zu ſcheuen hatte. Hier ſtieß er allerdings auf einen unerwarteten Widerſtand. Schon der Titel Protector erregte Aerger⸗ niß und Oberſt Harriſon erklärte ſich offen dagegen, ebenſo der Freund Miltons, Major Overton. Mit ihren Geſinnungsgenoſſen verbunden, drohten ſie dem Uſurpator und deſſen Abſichten. Doch Cromwell kam ihnen ſchnell zuvor, ehe ſie noch ihre Pläne gegen ihn ausführen konnten, ließ er ſie gefangen nehmen. Milton wurde durch dieſe Nachricht nicht wenig überraſcht und er hielt es für ſeine Pflicht, die Begnadigung des Freundes von dem Protector bei einer paſſenden Gelegenheit ſich zu erbitten. Zu dieſem Zwecke begab er ſich nach Withehall, wo Cromwell in dem Palaſt des hingerichteten Königs ſeine Wohnung aufgeſchlagen und ſich bereits mit einer Art von Hofſtaat umgeben hatte. Eine beſondere Leibwache war vor den Thüren aufgeſtellt. In den Vorſälen und auf den Treppen drängte ſich die Menge, welche von dem neuen Regen⸗ ten Gnadenbezeugungen und Belohnungen erwartete. Generäle und Offiziere, darunter finſtere Puritaner, die ſich in die veränderte Lage nicht zu finden wußten und in Cromwell immer nur noch ihren alten Kriegsgefährten ſahen, ſchritten in ihren abgetragenen Waffenröcken und mit dem hohen Korbdegen klirrend auf und nieder. Man ſah ihnen an, daß die Pracht, welche ſie hier umgab, ein Greuel in ihren from⸗ men Augen war. Mit mißtrauiſchen Blicken maßen ſie die jungen Höflinge, welche ſich wie Fliegen im Hochſommer ſchnell wieder einge⸗ funden hatten, um die aufgehende Sonne zu umſchwärmen; ſie hatten einen neuen Götzen, vor dem ſie ſich mit krummen Rücken beugen, dem ſie wieder ſchmeicheln konnten. Milton war nicht wenig erſtaunt, hier ſo manchen früheren Cavalier zu ſehen, der noch vor Kurzem Cromwell mit dem keineswegs ſchmeichelhaften Beinamen„alter Satan“ belegt hatten. Das war Alles jetzt vergeſſen; der Protector ſuchte ————* 2 — 460— den Adel an ſich heranzuziehen und begünſtigte neuerdings die vorneh⸗ men Familen auffallend. Dieſe ſchloſſen aus Furcht oder aus Eigen⸗ nutz ihren Frieden mit ihm und empfingen aus ſeiner Hand ihre dem Staat verfallenen Güter zurück mit neuen Beweiſen ſeiner Gnade. Um dieſen Preis ſtrömten ſie zu dem neuen Hofe herbei, deſſen Mittel⸗ punkt von Cromwells eigener Familie gebildet wurde.— Da gab es nun ein buntes Gemiſch, das ſich jetzt dem Beſchauer darbot. In einer Ecke ſtand ein rauher Independent, oder ein Fanatiker, der die fünfte Monarchie Gottes und das neue Jeruſalem erwartete; er ſchaute grimmig auf das ungewohnte Treiben. Seine plumpen Manieren, ſeine ſeltſame Kleidung, welche ſich durch Einförmigkeit und Einfachheit aus⸗ zeichnete, und ſeine ſalbungsweiſen, mit Bibelſtellen durchſpickte Reden waren ein Gegenſtand des leiſen Spottes für die verwöhnten Höflinge, die jedoch nur im vertrauten Kreiſe darüber zu lächeln wagten. An dem anderen Ende des Saales eiferten einige Geiſtliche mit Offizieren und zankten über theologiſche Anſichten, welche von beiden Seiten mit der größten Spitzfindigkeit verfochten wurden und wobei die wilden Krieger öfters ihre gelehrten Gegner in die Enge trieben. Dort unterhielten ſich einige junge Höflinge mit leiſer Stimme von den Liebſchaften Seiner Hoheit des Protectors und ſtritten darüber, ob er der ſchönen Lady Dyſart, oder der geiſtreichen Lady Lambert den Vorzug gebe.— Soldaten und Prieſter, Ariſtokraten und Repu⸗ blikaner, der ſtrenge Puritaner und der leichtfertige Skeptiker waren hier durch den Willen des Gebieters oder durch ihre verſchiedenen Intereſſen jetzt vereint und trotz ihrer friedlichen Stellung mit einan⸗ der gewaltſam verſchmolzen. Ein eigenthümlicher Ton herrſchte daher in den Gemächern von Withehall. Demokratiſcher Trotz und höfiſche Geſchmeidigkeit, fanatiſche Schwärmerei und kühle, nüchterne Selbſtſucht gingen Hand in Hand und brachten eine wunderbare Wirkung hervor. Während Milton ſich ähnlichen Betrachtungen überließ, wurde er häufig von Bekannten angehalten und begrüßt. Lord Broghill, der Bruder der Gräſin Ranelagh, ſchüttelte ihm die Hand. Der Dichter Waller, ein Verwandter des Protectors und trotzdem ein früherer Günſtling Karl des Erſten, redete ihn an. Er kam ſo eben aus dem Kabinet, in welchem Cromwell Audienz ertheilte. — Kann ich den Mylord Protector ſprechen? fragte ihn Milton. —I — — — 461— — Wer weiß, entgegnete lachend der luſtige und geſinnungsloſe Waller. Seine Herrlichkeit ſind ſo eben mit einem Heiligen einge⸗ ſchloſſen, einem Schuhmacher, über den der Geiſt des Herrn gekommen George For heißt der närriſche Geſelle, er hat bereits eine Sekte ge⸗ ſtiftet, welche ſich die„Freunde oder Quäker“ nennen.“ Er will keine Geiſtlichen mehr dulden, vor keinem Menſchen den Hut abziehen, und keinen Eid leiſten. Jeden redet er mit du an. Ich ſag Euch, es war zum Todtlachen, wie er auf Cromwell losging und ihm zurief: Friede ſei mit deinem Hauſe, und wie dann Beide mit einander dis⸗ putirten. Während Seine Herrlichkeit ſich die Hoſen anzog, regnete es Bibelſtellen. Ich konnte es vor Lachen nicht aushalten und habe mich fortgemacht. Mylord Protector macht ſich auch im Stillen über ſolche wunderliche Heilige luſtig, aber was ſoll er thun? Wie er mir im Vertrauen ſagt, muß er einmal mit den Wölfen heulen. Ihr wißt nicht, wie wir überlaufen werden. Vorige Woche kam der Jude Manaſſe⸗Ben⸗Iſrael aus Amſterdam und überreichte für ſich und ſeine Glaubensgenoſſen eine Schrift, worin er um die Erlaubniß bat, in London wohnen und Handel treiben zu dürfen. Was ſagt Ihr zu ſolcher Kühnheit? — Nach meiner Anſicht ſollte man die Juden nicht fortweiſen, ſondern mit Duldung aufnehmen. Sie ſind gleichſam der Stamm, aus dem ſich das Chriſtenthum als die herrlichſte Blüthe der Menſch⸗ heit entwickelt hat. Außerdem zeigt das auserwählte Volk einen regen Handelsgeiſt und bringt dadurch Reichthümer in das Land. — Grad ſo denkt auch Mylord Protector. Er hat ſogleich eine Conferenz von Kaufleuten, Theologen und Rechtsgelehrten zuſammen⸗ gerufen, in der er ſelber präſidirt und ſich ſeiner Schützlinge ſehr warm annimmt.. — Er iſt ein großer Mann nach allen Seiten hin.. — Ganz gewiß und es fehlt ihm nichts, als der Königstitel, um König zu ſein. Im Vertrauen geſagt, glaube ich, daß mein würdiger Vetter nächſtens ſich die Krone aufſetzen wird. — Das kann doch nur Euer Scherz ſein, ſagte Milton tief ergriffen. — Wo denkt Ihr hin? Ich habe bereits meine Krönungsode fertig und ich würde auch Euch den wohlgemeinten Rath geben, für die —— — 462— Feierlichkeit der Thronbeſteigung Euren Pegaſus aus dem Stall zu führen und wieder einmal zu beſteigen, was ihr ſchon lange Zeit nicht gethan habt. — Ich kann es immer nicht faſſen. — Und doch braucht Ihr nur Euch hier umzuſehen. Was fehlt denn noch zum vollen Königthum? Wir wohnen in Withehall in dem königlichen Palaſt, wir haben eine treffliche Leibwache, einen vollkom⸗ menen Hofſtaat. Seht da ſteht der edle Graf Warwik, Lord Broghill und wenn ich nicht irre, kommt dort Sir Kenelm Digby, um dem neuen Regenten von England ſeine Huldigungen darzubringen. — Sir Digby, der Katholik, der verbannte Königsfreund? fragte Milton erſtaunt. — Nun, was wundert Ihr Euch. Er hat die Erlaubniß zur Rückkehr bekommen. Wir brauchen ihn zu geheimen Zwecken. Juden, Katholiken und Anabaptiſten geben ſich ein Rendezvous an unſerem Hofe und es ſoll mich gar nicht wundern, wenn eines Tages der Papſt ſelbſt nach Withehall kommt um Seiner Herrlichkeit die Krone aufzuſetzen. Mit dieſen Worten enifernte ſich der heitere Dichter in dem Gedränge verſchwindend. Milton blieb allein zurück voll traurigen Gedanken und Befürchtungen. Immer mehr drängte ſich ihm die Ueberzeuguug auf, daß die Republik, an der er mit Begeiſterung ge⸗ hangen, ihrem Untergange nahe war. Ein neuer Despotismus, uner⸗ träglicher als jeder andere, weil er ſich lediglich auf die rohe Waffen⸗ gewalt ſtützte, drohte an die Stelle der früheren Tyrannei zu treten. In Cromwell hatte Milton den Befreier ſeines Vaterlandes, den Be⸗ ſchützer der Gewiſſensfreiheit, den größten Mann ſeiner Zeit begrüßt, und jetzt lag ſein Ideal herabgezogen und in den Staub getreten vor ſeinen Blicken. Was er verehrt, mußte er verachten, was er einſt ge⸗ liebt, herabſetzen. Das iſt der größte Schmerz für ein edles Gemüth, wenn es mit eigner Hand die Götter ſich aus dem Herzen reißen und von ihren hohen Poſtamenten ſtürzen muß. Nicht die getäuſchte Liebe, ſondern der betrogene Glaube ſchlägt die tiefſten Wunden, weil der ganze Menſch dann vergiftet wird, und er alle ſeine Ideale zugleich begraben und vernichtet ſieht. Die Seele des Dichters war mit bitterem Leid erfüllt und im Stillen weinte er nicht nur über ſein Vaterland, 8* 5 463— 55 ſondern über das Geſchick der ganzen Welt. Er fragte ſich, ob die Freiheit nicht ein leerer Wahn, nur der Traum einer erhitzten Phan⸗ taſie ſei. Indem er die geſinnungsloſe Menge in ſeiner Nähe und ihr Thun und Treiben betrachtete, regte ſich in ſeiner Seele der Zweifel, ob das Volk jemals reif für die Freiheit werde. Die ganze Verſun⸗ kenheit der menſchlichen Natur und der angeborene Sklavenſinn des unzurechnungsfähigen Haufens erfaßte ihn und er empfand den alten Ekel eines edlen Geiſtes über die Gemeinheit dieſer Welt. Bald jedoch wich dieſe traurige Stimmung dem Gefühl ſeiner eigenen Würde, welche ihm den Glauben an die Freiheit und die Wahrheit wieder⸗ gab. Er hielt ſich für verpflichtet, ſeine Ueberzeugung offen und ſogar Cromwell gegenüber auszuſprechen, ſelbſt auf die Gefahr hin, den Zorn des Mächtigen zu erregen. Mit dieſem Entſchluſſe kehrte der frühere Friede in ſein Herz zurück und er wartete ruhiger auf die Zeit, wo er gerufen würde. Während er ſich dieſen erhebenden Gedanken überließ, näherte ſich ihm Sir Kenelm Digby, von dem er trotz der langjährigen Trennung wieder erkannt wurde. Nach einer anſcheinend herzlichen Begrüßung redete er ihn an. — Nun, Herr Milton, ſagte der frühere Höfling Karl's des Erſten, Ihr habt Euch ſicher ebenfalls hier eingefunden, um die über England neu aufgegangene Sonne zu begrüßen. Faſt möchte ich wetten, daß Ihr in Euren Taſchen ein Gedicht zu ſeinem Lobe habt, irgend einen Hymnus auf den großen Mann. — Ihr irrt Euch, entgegnete der Dichter gereizt. Mich führt mein Beruf als Staatsſecretär nach Withehall und in die Nähe des Lord⸗ Protectors. — Alſo ſeid Ihr doch meinem Rathe gefolgt. Ihr habt dem Dichter den Laufpaß gegeben und ſeid Staatsmann geworden. Nun ich freue mich und wünſche Euch Glück zu Eurer neuen Laufbahn. Nehmt Euch nur in Acht, daß Euch Eure Poeſie nicht hindernd in den Weg kommt. Der Politiker muß kalt und nüchtern, ohne alle Illuſionen ſein. Ich fürchte, daß Ihr noch immer zu viel Einbil⸗ dungskraft und Gemüth beſitzt, wenigſtens habe ich das an Euren letzten Schriften bemerkt, die ich aus alter berundchaf für Euch mit beſonderem Intereſſe ſonſt geleſen habe. ————“ — 464— — Ich danke Euch für die Theilnahme, welche Ihr meinen Schriften ſchenkt, doch kann ich Eure Anſichten nicht theilen. Der große und wahre Politiker muß nach meiner Meinung ein Herz be⸗ ſitzen, das warm für die Freiheit und das Wohl des Volkes ſchlägt. Fehlt ihm das, ſo wird er ſtets nur eine vorübergehende Wirkung ausüben und höchſtens den Ruf eines geſchickten Intriguanten errin⸗ gen. Hätte Moſes nicht die Drangſale ſeiner Nation ſo tief empfun⸗ den, wäre er nicht empört geweſen über die Tyrannei ihrer Bedrücker, er hätte nimmer mehr die Wunder gethan, die Gott durch ihn ge⸗ ſchehen ließ. Er wurde berufen von dem Herrn, weil er ein Herz für die Leiden ſeines Volkes hatte. — Grade wie unſer Mylord Protector, bemerkte Sir Kenelm ſpöttiſch. Nur glaube ich mit dem Unterſchiede, daß Seine Herrlich⸗ keit ſich nicht begnügen wird, das gelobte Land aus der Ferne anzu⸗ ſchauen. Täuſchen mich nicht alle Anzeichen, ſo haben wir nächſtens eine Krönung in London und dann wäre es politiſcher von Euch ge⸗ weſen, Eure Freiheitsliebe nnd republikaniſchen Geſinnungen weniger offen dargelegt zu haben. Glaubt mir, theurer Freund, die Freiheit iſt auch nur eine Chimäre der Dichter und eine Republik beſteht nur ſo lange, bis der rechte Mann ſich findet, um ſie zu beſeitigen. Sie iſt meiſt nur in unſeren Tagen ein Product der Schwäche und Ohn⸗ macht, eine Art von Fieberzuſtand, der mit allgemeiner Erſchöpfung endet und durch einen geſchickten Arzt gehoben wird. Doch ich ver⸗ geſſe ganz über die leidige Politik Euch eine Nachricht mitzutheilen, die Euch näher angeht. Ich bin in Rom geweſen und habe Leonora Baroni geſehen. — Leonora! wiederholte der Dichter zuſammenſchreckend. — Ich dachte es wohl, fuhr Sir Kenelm fort, daß Ihr die Signora noch immer nicht vergeſſen habt. Auch ihr geht es nicht beſſer, ſie hat mir Grüße für Euch aufgetragen und ich bringe Euch vielleicht ihr letztes Lebewohl. — Sie lebt nicht mehr? fragte Milton erſchüttert. O, ſagt mir, was aus Ihr geworden iſt? — Gleich nach Eurer Abreiſe begann ſie zu kränkeln, ſie hat Euch ſehr geliebt. Da ſie täglich ſchwächer wurde, ließ ſie ſich in ein Kloſter bringen. Dort ſprach ich ſie, ihre Wangen waren bleich, 465 ihre Glieder abgezehrt, aber ihr Auge ſtrahlte in überirdiſchem Glanz. Sie glich einer Heiligen voll himmliſcher Schönheit. Fromm bereute ſie die Vergangenheit und mit glühender Inbrunſt wandte ſie ihren Sinn von den Freuden dieſer Welt nach Oben. Bald werdet Ihr an der Signora eine Fürſprecherin im Himmel haben. Ach! wie war ſie ſtets für Euer Seelenheil beſorgt, mit welcher verklärten Liebe hat ſie Euer gedacht. Ich verließ ſie als eine Sterbende, und ich mußte ihr das Verſprechen geben, Euch aufzuſuchen und ihre letzten Grüße zu überbringen. Unwillkürlich füllte ſich das Auge Milton's mit Thränen, die er dem Angedenken Leonora's weihte. So war auch dieſe herrliche Künſtler⸗ Natur geſchieden, welche mit Alice ſich einſt in ſein Herz getheilt hatte. — Arme Leonora! ſeufzte er, indem er der Todten den ihm zu⸗ gefügten Schmerz verzieh. 5. Noch erſchüttert von der eben erhaltenen Nachricht, trat Milton in das Cabinet des Protektors, wo dieſer Audienz ertheilte. Cromwell ſaß tief in Gedanken verſunken mit halbgeſchloſſenen Augen. Vor ihm lag die geöffnete Bibel, in der er noch ſo eben geleſen zu haben ſchien. Von dem Buche ſchweifte ſein Auge nach der Decke und dem Getäfel der Wände. Sinnend betrachtete er die goldene Krone und den könig⸗ lichen Namenszug, welcher hier noch überall angebracht war. Das war das Ziel ſeiner Wünſche. Gegenwärtig war er der mächtigſte Mann in England, Europa beugte ſich vor ſeiner Macht; Frankreich buhlte um ſeine Freundſchaft und der ſtaatskluge, ſchlaue Mazarin ſchmeichelte ihm im Namen ſeines Gebieters durch Briefe und koſtbare Geſchenke. Die ganze proteſtantiſche Welt ſah in ihm ihren Beſchützer. Sein bloßes Wort hatte hingereicht den Herzog von Savoyen einzu⸗ ſchüchtern, als dieſer mit unerhörter Grauſamkeit die Nachkommen der alten Waldenepein den Gebirgsthälern der Alpen um ihres proteſtan⸗ tiſchen Giguhens willen verfolgte. Er ſtand geehrt und gefürchtet da auf dem Gipfel einer faſt unumſchränkten Herrſchaft, zu der er ſich aus niederm Stande lediglich durch ſeinen Veadienſe nu die Kraft⸗ D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. —-— — —õy—— — 466— ſeines Geiſtes emporgeſchwungen hatte; es fehlte ihm nichts als jene Krone, die ihm hier von allen Seiten entgegenblitzte. Er brauchte nur die Hand darnach auszuſtrecken, denn das neuberufene Parlament hatte ſie ihm freiwillig angeboten, oder vielmehr aufgedrängt; dennoch zögerte er ſie anzunehmen. Noch ſchien ihm nicht die Zeit gekommen, die öffentliche Meinung nicht genügend für den letzten, großen Schritt geſtimmt. Durch ſie war er ſtark und mächtig geworden, ſie war für ihn die Stimme Gottes, auf die er ſtets zu hören vorgab. Es war dies keine Heuchelei, ſondern ſeine innerſte Ueberzeugung, wenn er ſich ſelbſt als ein Werkzeug der Vorſehung, als einen beſonders Begna⸗ digten des Herrn betrachtete. Der Glaube an ſeine Miſſion wurzelte tief in ſeiner Seele und dieſer Glaube machte ihn vorzugsweiſe groß. So paarte ſich in dieſer wunderbaren Natur religiöſe Schwärmerei mit einem klaren, nüchternen Verſtande, der über dem Himmel nicht die Erde und ſeine weltlichen Zwecke vergaß, ſeine Demuth vor Gott war mit einem hohen Selbſtgefühl und dem brennendſten Ehrgeize verbunden. Während er voll Frömmigkeit nach Oben ſchaute, entgin⸗ gen ſeinem ſcharfen Blicke nicht die irdiſchen Angelegenheiten. Fana⸗ tismus und der Geiſt der Intrigue durchdrangen ſich gegenſeitig und verſtärkten ſomit ihre Kraft. Ohne ſeine religiöſe Schwärmerei wäre Cromwell Zeitlebens ein gewöhnlicher Ränkeſchmied geblieben und ohne ſeinen nüchternen, durchdringenden Verſtand ein blinder Fanatiker wie der Oberſt Harriſon geworden. Im Beſitze dieſer beiden ſich wieder⸗ ſprechenden Eigenſchaften, war er erſt der größte Mann ſeiner Zeit. Milton's Eintritt machten ſeinem Gedankenſlug ein Ende. it der ſtarken Hand fuhr er einige Mal über die breite Stirn als wollte r die losgelaſſenen Geiſter verſcheuchen, denen er ſo eben Gehör geſchenkt. Er heuchelte eine vollkommene Ruhe und Gleichgültigkeit, die er erſt im Verlauf der Unterhaltung fallen ließ. Mit einer freund⸗ lichen Bewegung lud er jetzt den Dichter zum Niederſitzen ein, obgleich er ſelbſt keine beſondere wiſſenſchaftliche Erziehung genoſſen hatte, ſo achtete er um ſo mehr Kenntniſſe und Gelehrſamkeit an Anderen. Die beiden Männer boten den größten Contraſt dem Beobachter dar; Cromwell war gedrungen und feſt gebaut, ſein Körper trotz aller Anſtrengungen wie aus Granit gehauen; ſein geröthetes Geſicht ver⸗ rieth eine ungemeine Willenskraft und in den ſtarken, plumpen Zügen — 467— lag eine Feſtigkeit, welche unwillkürlich Achtung gebot. Eigenthümlich war ſein Blick und der Ausdruck ſeiner großen klaren Augen, die bald in ſchwärmeriſchem Feuer glänzten, bald theilnahmlos und wie nach Innen gerichtet in den Augenhöhlen verſunken ſchienen, bis plötzlich und unerwartet ein Blitz aus ihnen hervorſchoß und den Beſchauer zu zerſchmettern drohte.— Zierlich, faſt ſchwächlich war dagegen die Geſtalt des Dichters, feines dunkelbraunes Haar umgab das zarte, leidende Angeſicht und die bleichen Wangen; um die hohe Stirn ſchwebte der geiſtige Adel des tiefen Denkers und die Spuren ſeiner ange⸗ ſtrengten Arbeit und andauernder Anſtrengungen prägten ſich in ſeinem zarten, gebrechlichen Weſen aus. Die leidenden Augen hatten zwar ihren früheren Glanz bewahrt, aber die Unbeweglichkeit der Pupille deutete auf das faſt gänzliche Erlöſchen der Sehkraft hin. Das Licht aber, das ihnen gebrach, ſchien jetzt über den ganzen Menſchen aus⸗ gegoſſen; er glich einer durchſichtigen Lampe von Alabaſter, welche von innen erleuchtet wird. So ſtanden ſich hier die beiden Genien der Zeit verkörpert gegenüber, die energiſche Kraft des Herrſchers und der Enthuſiasmus des Dichters, das ſchöne Ideal und die gewaltige Wirk⸗ lichkeit. Milton ergriff das Wort und bat um die Begnadigung Overtons, welcher auf Befehl Cromwells in den Tower gebracht worden war. — Ich möchte gern Eure Bitte bewilligen, ſagte der Protector, aber Euer Freund ſelbſt macht mir die Erfüllung ſchwer. Gott iſt mein Zeuge, daß ich ihm wohl will, und daß es mir leid thut, einem alten Waffengefährten mit ſolcher Strenge zu begegnen. Ich trage nicht die Schuld, ſondern er ſowohl, wie Harriſon haben mich gezwun⸗ gen. Der Herr allein kennt mein Herz und wird richten zwiſchen mir und ihnen. Sagt ſelbſt, ob ich anders kann. Sie haben ſich ver⸗ ſchworen gegen die Regierung und die Armee aufgewiegelt. Wären es Königlichgeſinnte geweſen, ich hätte ihnen den Kopf abgeſchlagen, ſo, weil es alte Freunde ſind, begnüge ich mich, ſie in Sicherheit du bringen.. — So viel ich weiß, beſteht ihr einziges Vergehen darin, daß ſie der Republik allzu ſehr anhängen. — Schwärmer ſind Beide, unverbeſſerliche Tollköpfe, welche das Unmögliche wollen und darüber den Staat in Verwirrung ſetzen. Ginge 30* — 468 es ihnen nach, ſo dürfte es gar keine Regierung geben. Sie träumen von einem geſellſchaftlichen Zuſtande, der die vollendetſte Anarchie wäre. Das kann ich nicht dulden und deshalb blieb mir nichts übrig, als ſie unſchädlich zu machen. Ich ſchwöre Euch zu, daß weder ihm noch Harriſon ein Leid geſchehen ſoll. Der Herr behüte mich, daß ich ſo wackeren Männern, welche ihr Blut für die gute Sache hingegeben, das Leben nehmen ſollte; nur im Gefängniſſe will ich ſie halten, bis ſie zur beſſeren Einſicht gelangt ſind. Seid nicht betrübt, Herr Staats⸗ ſecretär, und zürnt mir nicht, wenn ich Euch diesmal abſchläglich be⸗ ſcheide. Ihr wißt, daß ich Euch gewogen bin und gern mit Euch ver⸗ kehre. Wenn Ihr ſonſt was auf dem Herzen habt, ſo ſprecht Euch aus, denn ich halte Euch für einen eben ſo klugen, als beſcheidenen Mann. So kam der Protector unbewußt dem Dichter entgegen und dieſer ergriff ohne Zögern die Gelegenheit, ſeine Gedanken vor jenem aus⸗ zuſprechen. — Nicht mein Freund alletn, ſagte er ernſt, bekümmert mich, ſondern weit mehr noch das Schickſal einer theuern Freundin, faſt möchte ich ſagen der Geliebten meiner Jugend. — Ei, eil rief Cromwell im ſcherzhaften Tone. Hat der Herr Staatsſecretär auch ein Liebchen? So viel ich weiß, ſeid Ihr verhei⸗ rathet und mir immer als ein ſehr moraliſcher Mann gerühmt worden. — Ich ſpreche auch von keinem irdiſchen Weibe, ſondern von der göttlichen Freiheit und von dieſer Republik. Allgemein glaubt man, daß Beiden Gefahr drohe. — Und von wem? fragte der Protector aufhorchend. — Von einem Manne, den die Vorſehung ſo hoch erhoben, wie keinen andern Sterblichen, der England von unerträglicher Tyrannei befreit, der die Feinde des Volkes in unzähligen Schlachten glorreich überwunden hat und dem das dankbare Vaterland in Achtung und Liebe noch heute ergeben iſt. — Und was ſagt man von dieſem Manne jeszt: — Daß er die Hand nach einer Krone ausſtreckt und nach einem eitlen Titel geizt, deſſen ſeine Größe nicht bedarf. Noch wollen, noch können die Freunde der Freiheit dieſer Nachricht keinen Glauben ſchenken; ſie vermögen nicht von dem Großen ſo klein zu denken. Er ————᷑—C—y=—— ꝗ—— — 469— wird die Erwartung, die einzige Hoffnung, welche unſerem Vaterland noch übrig bleibt, ehren und ſich nicht ſelbſt erniedrigen. Milton machte eine kleine Pauſe, um den Erfolg ſeiner kühnen Worte abzuwarten. Cromwell blieb indeß ſtumm und ſchien in tiefe Gedanken verſunken. Von ſeiner eigenen Begeiſterung hingeriſſen, ſetzte der Dichter jede Scheu als ſeiner unwürdig bei Seite und redete den Protector ohne fernere Umgehung und Verhüllung an. — Ehren Sie, rief er mit gerötheten Wangen und voll heiliger Glut, ehren Sie den Anblick und die Wunden ſo vieler tapferen Männer, welche unter der Anführung Ihrer Herrlichkeit mit dem größten Muthe für die Freiheit ſtritten; die Manen derjenigen, welche in dem rühmlichen Kampfe unterlagen; ehren Sie den Ruf, den wir uns bei den auswärtigen Völker erworben haben; vergeſſen Sie nicht, wie Großes ſich dieſe von unſerer ſo mutbig erworbenen Freiheit, von unſerer ſo rühmlich errichteten Republik verſprochen haben. Sollte dieſe ſchnell, wie eine unzeitige Geburt, dahinſchwinden, ſo könnte uns nichts Schimpflicheres, keine größere Schmach widerfahren. — Ich bin nur ein Werkzeug in der Hand des Herrn, unterbrach Cromwell den Redner, als wollte er ſich vor ihm und ſich ſelbſt ent⸗ ſchuldigen. — Darum ehren Sie ſich ſelbſt. Nachdem Sie zur Erwerbung der Freiheit ſo viele Mühſeligkeiten erduldet, ſich ſo großen Gefahren ausgeſetzt haben, ſo dürfen Sie nie durch ſich ſelbſt verletzt, nicht vor Andern auch nur im geringſten Grade erniedrigt werden. In der That Sie können unmöglich frei ſein, wenn wir Alle es nicht ſind; denn die Natur hat die Beſtimmung getroffen und angeordnet, daß derjenige, welcher die Freiheit ſeiner Nebenmenſchen antaſtet, zuerſt ſeine eigene verlieren und die Sclaverei an ſich ſelbſt empfinden muß, was nur recht und billig iſt. Aber wenn der Verfechter und gleich⸗ ſam der Schutzengel des Landes, wenn der, welchen man allgemein für vorzugsweiſe gerecht, fromm und tugendhaft hält, zuletzt ſelbſt Angriffe auf die Freiheit macht, welche er vorher vertheidigte, ſo muß eine derartige Handlungsweiſe nicht nur für ihn ſelbſt, ſondern für die heiligen Intereſſen der Frömmigkeit höchſt verderblich und faſt tödtlich ſein. Die Wahrheit wird durch ihn vergiftet, Rechtſchaffenheit und Religion zu einem Gaukelſpiel herabſinken und alle Achtung auf der ———— 1— — 470— Welt verlieren; der Menſchheit würde eine Wunde geſchlagen werden, eben ſo tief und traurig wie die, welche der Fall der erſten Eltern in die Welt gebracht hat. Mochte Cromwell wirklich erſchüttert ſein, ein tiefer Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt. Ohne ſeine wahre oder erheuchelte Rührung zu beachten, fuhr Milton fort. — Wohl weiß ich es, Sie haben eine unausſprechlich ſchwere Laſt auf ſich genommen, eine Laſt, welche ihre innerſten Eigenſchaften auf die Probe ſtellt, den ganzen Menſchen mit allen ſeinen Gaben, geiſtigen Fähigkeiten und Kräften in Anſpruch nimmt, ihn gleichſam auf die Waagſchale legt, welche auf eine entſcheidende Weiſe offenbaren muß, ob wirklich die Frömmigkeit, Treue, Gerechtigkeit und Mäßigung in Ihnen vorhanden iſt, um derentwillen wir glauben, daß Gott Sie vor Allen berufen, auserwählt und zu dieſer höchſten Stelle erhoben hat. — Ich bin nur ein ſchwacher Mann, ein Gefäß in ſeinen Hän⸗ den, murmelte der Protector. Wahrlich aus dir ſpricht der Herr, darum rede getroſt und ohne Furcht. — Drei der mächtigſten Nationen, fuhr Milton ermuthigt fort, ſollen durch Ihren Rath und Beiſtand geleitet, ein großes Volk durch Ihre Bemühungen gehoben und von ſeinem verkehrten Beginnen durch angemeſſene Zucht und Beiſpiel zum Beſſeren zurückgeführt werden. Ihr mit Sorgen aller Art beladener Geiſt muß über die entfernteſten Gegenden wachen, beſtändig nachdenken, und vorſehen, keine Arbeit ſcheuen, allen Verlockungen widerſtehen, weder durch Macht noch Reich⸗ thum ſich überheben; das ſind allerdings ſo ſchwere Pflichten, daß in Vergleich mit ihnen der Krieg wie ein bloßes Spiel erſcheint; dieſe Pflichten erfordern einen Mann, der durch göttlichen Beiſtand geſtützt und faſt von Gott ſelbſt ermahnt wird, von dem er unmittelbar ſeine Belohnung erhält. — Du haſt Recht, ſehr Recht, entgegnete Cromwell. Der Herr ſelber wird mich erleuchten. — Ich zweifle nicht, daß er mit Ihnen iſt. Sie aber werden meine ſchwachen Worte beherzigen, vorzüglich jedoch in Erwägung ziehen, wie Sie all dieſen wichtigen Pflichten genügen können, um unſere Freiheit nicht nur zu ſichern, ſondern noch zu mehren. 12 — 471— Als Milton ſchwieg, erhob ſich der Protector von ſeinem Stuhl und ging nach ſeiner Gewohnheit mit mächtigen Schritten auf und nieder. — Geh, geh! ſagte er, die gewichtige Hand ihm auf die Schul⸗ tern legend, du biſt ein wackerer Mann und ich wollte, daß ich deinen Geiſt und deine Tugend hätte; doch der Herr hat ſeine Gaben ver⸗ ſchieden ausgetheilt; dir hat er das Wiſſen und die Macht der Sprache verliehen, mir dagegen— Cromwell vollendete nicht, mit einer wohlwollenden Bewegung ver⸗ abſchiedete er den Dichter, welcher mit friſchem Vertrauen und voll Hoffnung von dem gewaltigen Mann ſchied.— Als er gegangen war, überließ ſich der Protector von Neuem ſeinen Gedanken. Wieder begann in ſeinem Innern jener lange Kampf zwiſchen ſeinem Ehrgeiz und der Pflicht. Die Verſuchung war zu groß, und bald bemächtigten ſich ſeiner die alten Dämonen. Er gedachte einer früheren Prophezeihung, wie er als Knabe auf die Schule zu Cambridge in einem lateiniſchen Schauſpiel, das den Kampf der menſchlichen Glieder darſtellte, für die „Zunge“ in die Schranken getreten war und zum Schluß als Sieger gekrönt wurde, wobei ihm ſeine Mitſchüler auf den Knieen huldigten. Dieſe kindiſche Spiele fielen ihm unwillkürlich ein und erfüllten ihn von Neuem mit jenem fanatiſchen Aberglauben an ſeine Miſſion. Eine Tapetenthüre öffnete ſich leiſe und durch dieſelbe ſchaute der Kopf eines Mannes, vorſichtig umherſpähend. Das Geſicht von tauſend kleinen Falten und Linien durchkreuzt, die ſcharfen blinzelnden Augen und die geſchmeidige Haltung des gebückten Körpers kündigten einen eben ſo ſchlauen als gewandten Diener an. Es war der Vertraute des Protectors. — Thurloe! rief dieſer, nur herein. Wir ſind jetzt ganz unge⸗ ſtört. Was bringſt du?.. — Gute Nachrichten. In wenig Augenblicken werden die Com⸗ miſſarien des Parlaments hier ſein, um Ihnen die Krone anzubieten und Ihre Entſcheidung entgegenzunehmen. Ich bin ihnen vorangeeilt, um Eure Herrlichkeit darauf vorzubereiten. — Ich danke dir; aber es iſt ſchwer, einen Entſchluß zu faſſen. Die Sache hat noch immer ſo manche Schwierigkeit. — Wie, Sie zögern eine Krone anzunehmen? —— —— — —ÿy— ————— ———— — ———= — 42 — Neue Bedenklichkeiten erheben ſich in meiner Seele. So eben hat mich ein Mann verlaſſen, der mit mir darüber geſprochen hat. Ich geſtehe dir, daß ſeine Worte einen großen Eindruck auf mich ge⸗ macht haben, obgleich er ein halbblinder Schwärmer iſt. — Der Staatsſeeretär Milton. — Derſelbe, ein ſehr achtbarer Mann und ſo wie er, denken viele in England. — Wenn Eure Herrlichkeit auf jeden Phantaſten hören wollen, ſo werden Sie nie das glorreiche Ziel erreichen, welches Ihnen vorſchwebt. — Du haſt Recht, Thurloe. Laß die Commiſſarien des Parla⸗ ments eintreten. Cromwell empfing dieſelben ſtehend. An ihrer Spitze befand ſich Lord Broghill, welcher das Wort führte. Er faßte noch einmal alle Gründe zuſammen und drang in den Protector, den Namen eines Königs endlich anzunehmen, nachdem er ſchon längſt die Macht eines ſolchen beſeſſen habe. Cromwell hörte dieſe Vorſtellung mit offener Befriedigung an, in die ſich jedoch eine große innere Gährung miſchte. Es war dies der bedeutendſte Moment ſeines Lebens. Eine Krone wurde zu ſeinen Füßen niedergelegt und er brauchte ſich nur bücken, um dieſelbe aufzuheben. Während er anſcheinend ruhig zuhörte und Alles in Erwägung zog, ging er im raſchen Fluge noch einmal die verſchiedenſte Seiten ſeiner Lage durch, die fernen und nahen Be⸗ ziehungen, die wahrſcheinlichen, oder auch nur möglichen Folgen dieſes Schrittes. Er zählte ſeine Feinde, die Menge ſeiner Widerſacher, er berechnete die ihnen zu Gebote ſtehenden Hülfsmittel; ſeinem Scharf⸗ blick entging kein noch ſo unbedeutender Punkt. Mit gewohnter Klar⸗ heit beurtheilte er die Vortheile und Nachtheile ſeiner gegenwärtigen Situation. Es war nicht das Schwanken der Schwäche, ſondern das Zögern der Klugheit, welche ihn noch immer eine ausweichende Ant⸗ wort geben ließ. Trotz ſeines Ehrgeizes ließ er ſich nicht blenden und hinreißen, mit großer Selbſtbeherrſchung prüfte er von Neuem alle Gründe. Sein Beſcheid war weitſchweifig mit Reflexionen, Erinnerun⸗ gen, Ahnungen und Anſpielungen bunt gemiſcht; er ſprach dunkel und unzuſammenhängend, zuweilen aus Ungeduld, zuweilen aus Abſicht, dazwiſchen ließ er wieder einige Lichtſtrahlen durchſchimmern, häufig ſagte er das Gegentheil von dem, was er wirklich dachte, wie ein —————— *— — 473— Mann, der feſt entſchloſſen iſt, keine beſtimmte Andeutungen über ſeine Entſchlüſſe zu geben, welch nichts deſto weniger bei ihm vollkommen klar und unwiderruflich ſtanden. — Wenn Eure Gründe, ſagte er den Commiſſarien, mir das Königthum aufzunöthigen, ſich auf die Nothwendigkeit ſtützen, ſo habe ich nichts dagegen zu ſagen, denn was ſein muß, muß ſein. Aber wenn man außer dieſem Mittel noch ein anderes, oder einen Ausweg finden kann, ſo ſind Eure Eründe nicht mehr unbedingt entſcheidend und die Frage iſt nicht mehr die Frage der Nothwendigkeit, ſondern lediglich der Nützlichkeit. Ich habe dieſe meine gegenwärtige Stellung nicht aus Hoffnung, Gutes auszurichten, übernommen, ſondern mit dem Wunſche, viel Schlimmes zu verhindern, was ich über dieſe Nation kommen ſab; wir waren im Begriff, uns in Verwirrung und Unordnung, ſowie in Blutvergießen zu ſtürzen; ich war bloß ein Werkzeug derer, welche mich aufforderten, die Laſt der Regierung zu übernehmen. Einige von Euch wiſſen es und es geziemt mir, zu ſagen, daß auch ich weiß, was von Anfang mein Beruf war. Von meiner erſten Betheiligung an den öffentlichen Angelegenheiten bin ich von Stufe zu Stufe aufgeſtiegen. Anfangs war ich Hauptmann einer Escadron Reiter und ich beſtrebte mich, meine Pflicht ſo viel als möglich zu erfüllen, und es hat Gott gefallen, mich darin zu ſegnen. Ich hatte damals einen würdigen Freund, einen edlen Mann, deſſen Gedächtniß Euch Allen werth iſt, Mr. Hampden. Während unſeres erſten Feldzugs ſah ich, daß unſere Leute überall geſchlagen wurden; ich bat Mr. Hampden, das Heer mit ein Paar neuen Regimentern zu verſtärken und ſagte ihm, daß ich ihm die Leute verſchaffen wollte⸗ erfüllt von einem Geiſte, der in unſerem Unternehmen etwas aus⸗ richten könne. Ich ſpreche die Wahrheit; Gott weiß, daß ich nicht lüge.„Eure Reiter, ſagte ich zu ihm, ſind meiſt heruntergekommene Bediente, Kellner und andere Leute dieſer Art, die der Feinde ſind Söhne von Edelleuten und Perſonen von Stand. Glaubt Ihr, daß ſolche gemeine Burſchen Muth genug haben, um es mit Edelleuten aufzunehmen, die voll Ehrgefühl und Entſchloſſenheit ſind? Nehmt nicht übel, was ich Euch ſage, ich weiß, Ihr werdet es nicht übel nehmen; Ihr müßt auch Leute haben, erfüllt von einem Geiſte, der ſie eben ſo weit treibt, als dieſe Junker, ſonſt werdet Ihr immerfort Seen — 474— geſchlagen werden.“ Mr. Hampdon war ein weiſer und würdiger Mann; er antwortete mir, daß ich recht habe, daß aber mein Vorſchlag nicht ausführbar ſei. Ich ſagte ihm, daß ich etwas darin thun könnte und ich habe Wort gehalten. Schreibt dies zu, wem Ihr wollt; ich warb Leute, welche die Furcht Gottes vor Augen hatten und, was ſie thaten, mit Gewiſſenhaftigkeit verrichteten und von dieſem Tage an, ſage ich Euch, wurden ſie niemals geſchlagen, ſondern ſchlugen überall den Feind, wo ſie ihn trafen.— Cromwell machte eine Pauſe in ſeiner Rede, als wollte er die Wirkung der geſprochenen Worte entdecken. Die Commiſſarien waren in Verlegenheit, da ſie den Zuſammenhang mit dem eigentlichen Zweck ihrer Verhandlung nicht begreifen konnten. Sie waren jedoch höflich genug, eine beipflichtende Miene zu machen. — Ich werde ſo kühn ſein, fuhr der Protector fort, dies auf un⸗ ſern gegenwärtigen Plan anzuwenden. Ich ſage Euch, es giebt noch Männer in dieſer Nation, fromme Männer, von demſelben Geiſte er⸗ füllt, die ſich nicht vom Weltſinn beſiegen laſſen, ſo lange ſie ihre Rechtſchaffenheit behalten, und ich handle gewiß aufrichtig gegen Euch, wenn ich Euch ſage, daß Gott gewiß nie die Sache, möge ſie nun das Königthum oder etwas Anderes ſein, ſegnen wird, womit dieſe Leute mit Grund und Recht unzufrieden ſind. Freilich können ſie ohne Grund unzufrieden ſein und ich wäre ein Selave, wenn ich mich ſolchen Launen fügte. Aber ich ſage Euch, es giebt ehrliche und ge⸗ treue Männer, getreu den Intereſſen der Regierung und der Volks⸗ freiheit, welche, wie ich wohl weiß, ſich dieſen Titel nicht gefallen laſſen.— Die göttliche Vorſehung hat den Königstitel thatſächlich verworfen; die Verwerfung war das Ergebniß von zehn oder zwölf Jahren Bürgerkrieg, wo viel Blut gefloſſen iſt und nicht in einem Anfall übler Laune oder Leidenſchaft, ſondern in Folge einer ernſten und langen Erwägung hat die Nation dieſe Maßregel ausgeführt. Ich unterſuche hier nicht die Gerechtigkeit von dem, was geſchehen iſt; aber wenn ſich überhaupt darüber ſtreiten läßt und wenn man ſieht, daß Gott in ſeinem Zorn nicht nur ein ganzes königliches Haus, ſon⸗ dern auch den Namen und Titel ausgerottet hat, ſo ſage ich, daß, ich es nicht gethan habe und auch nicht diejenigen, welche mir die Macht angeboten haben, ſondern das lange Parlament.— Wahrlich es iſt — — 475— das größte Elend einer Nation, keine feſte Regierung zu haben, und fürwahr, ich habe es bereits geſagt, und ich ſage es nochmals, ich glaube, daß die von Euch vorgeſchlagene Regierungsform dazu beitra⸗ gen wird, die Nation Alles genießen zu laſſen, wonach ſie ſtrebt.— Ich habe jetzt Eure Meinung vernommen und Ihr die meinige; der Herr möge den Ausgang herbeiführen, an dem er Wohlgefallen hat. Mit dieſer charakteriſtiſchen Antwort verließ Cromwell die Com⸗ miſſarien, welche ihm eine Krone angeboten hatten. Als ſie gegangen waren, fragte ihn ſein Geheimſchreiber Thurloe um ſeine wahre Meinung. — Es iſt ein ſchönes Ding, ſagte Cromwell, den Vertrauten lächelnd am Ohre zupfend, um eine Krone, aber ein gutes Gewiſſen iſt noch ſchöner. Der Herr wird Alles zum Beſten fügen. Kommt, wir wollen zum Eſſen gehen, die lange Rede hat mir einen guten Appetit und den Herren Commiſſaren gewiß viel Kopfzerbrechen gemacht. 6. Cromwell ſpeiſte heute bei ſeiner Lieblingstochter, Lady Claypole. Dieſe übte auf ihren Vater eine ganz beſondere Anziehungskraft aus; ſie war eine Frau von edlem und zartem Gefühl, von einem feinen und gebildeten Geiſt, treu gegen ihre Freunde, großmüthig gegen ihre Feinde, voll zärtlicher Liebe für ihren Vater, an den ſie ſtets nur mit Stolz und Beſorgniß dachte. War Cromwell abgeſpannt durch ſeine Amgebung, von Sorgen erfüllt, ſo ſuchte er mit Freuden Ruhe und erholung in der Geſellſchaft eines Herzens, das den ehrgeizigen Käm⸗ pin und gewaltthätigen Handlungen, die ſein Leben erfüllten, ſo gäzlich fremd war. Gerade der Gegenſatz in ihren beiden Charak⸗ tere vermehrte nur die gegenſeitige Liebe. Lady Claypole war im Stihn eine Anhängerin der vertriebenen Stuarts und der biſchöflichen Kirch, ſowie ihre Schweſter, die Gattin des General⸗Majors Fleet⸗ wood ie republikaniſche Geſinnung ihres Mannes theilte.— So ſtieß der Ptector innerhalb ſeiner eigenen Familie oft auf Widerſpruch — — ——— — — 476— und fand im Schooße derſelben alle Parteien vertreten, die er außer⸗ halb zu bekämpfen hatte.— Mancher Bittende wandte ſich an Lady Claypole, deren Einfluß auf ihren Vater bekannt war.— Bee e Jetzt wartete in ihrem Zimmer der Dichter Harrington in alnlicher Abſicht. Cromwell hatte das Manuſcript zu ſeinem republikaniſchen Utopien, die„Ozeana“ bei dem Drucker fortnebmen und nach Withe⸗ hall bringen laſſen. Vergebens waren die Bemühungen des Dichters, ſein Werk frei zu machen. Seine letzte Hoffnung war die Fürſprache der Lady Claypole. Die Kammerfrau derſelben ging durch das Zim⸗ mer, begleitet von der kleinen Tochter der Lady, einem reizenden drei⸗ jährigen Kinde mit blondem Lockenkopf. Harrington hielt das Kind an, nahm es feſt in ſeine Arme und ſpielte ſo lange mit ihm, bis Lady Claypole kam. — Madame, ſagte der Dichter, indem er das Kind niederſetzte, es iſt ein Glück, daß Ihr kommt, denn ich hätte Euch gewiß Euer aller⸗ liebſtes Töchterchen geſtohlen. — Mein Töchterchen ſtehlen und warum? fragte die Mutter, das Kind feſter an ſich ziehend. — Sie iſt allerdings dazu geſchaffen, einſt glänzendere Eroberungen zu machen, aber ich will es Euch nur geſtehen, Madame, nicht Liebe, ſondern Rache treibt mich zu dieſem Diebſtahl an. — Und was habe ich Euch gethan, Sir, fragte ſie verwundert, daß Ihr mir meine Tochter ſtehlen wollt? — Nichts, Madame; ich wollte nur Wiedervergeltung ausüben, da mir Euer Vater ebenfalls ein Kind geſtohlen hat, das ich nicht minder liebe, als Ihr das Eurige. — O, einer ſolchen That iſt mein Vater nicht fähig. Der Pro⸗ tector iſt ſtreng, aber gerecht. 1 — Dennoch hat er mir mein Kind genommen, freilich iſt es nu ein Buch, eine Art von politiſchem Roman, aber der Verluſt ſchmeßt mich tief. Lady Claypole lächelte über das Mißverſtändniß. — Ich will mit meinem Vater ſprechen und er ſoll Euch guer Kind wiedergeben. — Ich danke im Voraus und werde das Werk dem Pytector widmen und Euch, gnädige Frau, das erſte Exemplar überreickn. ——— —— — Der Dichter entfernte ſich und Lady Claypole eilte ihrem Vater entgegen, der wenige Augenblicke ſpäter erſchien. — Mylord Protector, ſagte die liebenswürdige Frau nach einer zärtlichen Umarmung, ich bitte um Gnade für ein armes Kind, das Ihr ſeinem Vater geſtohlen habt. Kennt Ihr den Dichter Harrington? — Allerdings, meine Tochter! — Ich habe ihm verſprochen, daß Ihr ihm ſein Buch freigeben werdet. Cromwell runzelte die Stirn, welche die Tochter ſo lange mit ihren zarten Händen ſtreichelte, bis ſie wieder glatt wurde. — Du fürchteſt dich doch nicht vor einem Buche? — Ich fürchte weder das Buch noch dieſen Herrn, der mich gerne aus dem Beſitz der Gewalt verdrängen und an meine Stelle ſeine Chimären ſetzen möchte; aber was ich mit dem Schwerte gewonnen habe, werde ich vor einem kleinen Papiergeſchoß nicht fahren laſſen. Ich muß das Amt eines Groß⸗Conſtables übernehmen, um den Frie⸗ den zwiſchen den Parteien der Nation wieder herzuſtellen; denn ſie können über keine Regierungsform einig werden und wenden ihre Macht nur an, um ſich zu verderben.— Das Buch will ich lediglich aus Liebe zu dir losgeben und ſogar die Widmung annehmen.— Bei Tiſche war Cromwell, wie gewöhnlich im Hauſe ſeiner Tochter, ſehr heiter, heute noch mehr als ſonſt, ſo daß ſeine Stimmung ihr auffiel. t — Gewiß iſt Eurer Herrlichkeit etwas ſehr Angenehmes wider⸗ fahren? fragte ſie theilnehmend. — Das Parlament hat mir die Krone heut zum dritten Male angetragen. Am Ende werde ich ſie doch noch annehmen müſſen; ſchon um dir den Titel Königliche Hoheit zu verſchaffen. Lady Claypole erbleichte und ſeuſzte tief auf. Ihre Unruhe und Bläſſe machte den größten Eindruck auf den Protector und erſchütterte den ehrgeizigen Mann. — Mein Kind, beruhige dich, rief er tief ergriffen. Noch habe ich mich nicht entſchieden. Du wirſt dich mit dem Gedanken allmälig vertraut machen. — Niemals, erwiederte die Tochter mit Entſchloſſenheit. Die Krone auf Eurem Haupte wäre nur ein Unglück für unſer ganzes — 478— Haus. Ich würde, wie meine arme Großmutter, keine Minute ruhig ſchlafen können, immer ſähe ich den Dolch in Mörderhand gegen Euch gezückt. O, mein Vater, hört mich ruhig an und zürnt mir nicht. Ich bin nur ein ſchwaches Weib und vermag nicht, Eure hohen Pläne zu beurtheilen, wenn Ihr mich aber liebt, wenn Ihr nur die geringſte Zärtlichkeit für mich beſitzet, ſo begnügt Euch mit der Größe, die Ihr bereits erlangt habt, trachtet nicht nach einem Titel, der, wie Ihr ſelber ſagt, keinen größeren Werth hat, als die Feder an Eurem Hut. Ich fühle, daß Eure Erhebung nur mein Tod ſein würde. — Nein, nein! rief Cromwell erſchrocken. Du ſollſt, du darfſt nicht ſterben. Was ſollte dein alter Vater beginnen, ihm bliebe nichts übrig, als dir ſogleich zu folgen. Thränen benetzten ſeine Wangen und der Mann, vor dem ganz England ſich beugte, der ohne Schonung und Mitleid ſeine Feinde vernichtete, zitterte bei dem bloßen Gedanken an einen ſolchen Verluſt. Vor der Vaterliebe mußte der Ehrgeiz ſchweigen und jene Pläne, an denen vergebens die einflußreichſten und bedeutendſten Menſchen rüt⸗ telten, ſchwanden, momentan wenigſtens, vor dem Blick und dem Worte eines ſchwachen Weibes.— Aber ſo ſchnell vermochte Cromwell nicht Alles aufzugeben. Sein Gefühl hatte ihn zwar übermannt, aber ſein Verſtand und die innere rege Leidenſchaft in ihm ließen ihm keine Ruhe. Zu groß und verlockend war der Preis, um den es ſich handelte. So lange er bei ſeiner Tochter verweilte, vergaß er ſeine ehrgeizigen Pläne, in ihrer Nähe war er nichts weiter, als ein lie⸗ bender Vater, kaum aber dieſem friedlichen Kreiſe entrückt, ſtürzte er ſich von Neuem in den Strudel der Intriguen und Geſchäfte, unver⸗ rückt ſein Ziel im Auge behaltend.— Aber nicht allein die frommen und zärtlichen Bedenken ſeiner Tochter hatte er innerhalb ſeiner Fa⸗ 3 milie zu bekämpfen. Auch andere Mitglieder derſelben, ſein eigener Schwager Desborough und ſein repubikaniſcher Schwiegerſohn Fleet⸗ wood lehnten ſich gegen den Königstitel auf. Als er mit Beiden darüber in ſeinem gewohnten heiteren und vertraulichen Tone ſcherzte und ſeine Lieblingsphraſe wiederholte, daß die Königswürde nur eine Feder auf dem Hute ſei und daß er ſich wundern müſſe, wenn Män⸗ ner den Kindern nicht die Freude laſſen wollten, ſich an ihrem Spiel⸗ — 49— zeug zu ergötzen; blieben dieſe ernſt und verharrten bei ihrer Ueber⸗ zeugung. — Dieſe Angelegenheit, ſagte der General⸗Major Desborough, iſt weit wichtiger, als Ihr zugeben wollt. Diejenigen, welche Euch dazu drängen, ſind keine Feinde Karl Stuart's, und wenn Ihr einwilligt, ſo ſtürzt Ihr Euch und Eure Freunde unfehlbar in's Verderben. — Ihr ſeid ein Paar allzuängſtliche Burſchen, antwortete Crom⸗ well lachend, mit Euch iſt nichts anzufangen. — Dann halte ich die Sache und Eure Familie für verloren, und obgleich ich nie etwas gegen Euch thun werde, ſo werde ich doch von nun an nichts mehr für Euch thun. Sie ſchieden in gereizter Stimmung, indeß hielt Cromwell noch immer den Widerſtand in ſeiner Familie nicht für unüberwindlich, auch war er nicht der Mann, welcher einen einmal gefaßten Plan ſo ſchnell wieder aufgab. Desborough, der im Heere eine bedeutende Stelle bekleidete, benutzte jedoch ſein Anſehen, und brachte eine Pe⸗ tition zu Stande, wodurch ſich die angeſehenſten Offiziere gegen den Königstitel erklärten. Dieſer letzte Schritt gab den Ausſchlag für Cromwell; ſo nahe dem Ziele ſchon, ward dasſelbe ihm entrückt, da er nur mit Hülfe des Heers ſich auf dem Throne zu behaupten ver⸗ mochte. Unter der Miene frommer Gleichgültigkeit lehnte er die ihm angetragene Krone ab. Er blieb nach, wie vor Protector von Eng⸗ land.— Nichtsdeſtoweniger wuchs die Zahl ſeiner Feinde und Geg⸗ ner mit jedem Tage. Unzählige Verſchwörungen gegen ſein Leben wurden durch ſeine zahlreichen Spione entdeckt, unter denen Billy Green wieder eine Hauptrolle ſpielte. In den Straßen London's wurde eine Flugſchrift unter dem Titel „Todſchlag kein Mord“ auf geheimnißvolle Weiſe verbreitet; ſie wan⸗ derte von Hand zu Hand, wie ein Lauffeuer gelangte ſie in die Häuſer unter verſchiedenen Adreſſen, bald in einem Kaſten verborgen, bald in Form eines Briefes. Weiber und Kinder beſchäftigten ſich mit ihrer Verbreitung. Sie predigte geradezu den Mord des Protectors, und begann mit einer Zuſchrift an Seine Hoheit, Oliver Cromwell. Der unbekannte Verfaſſer ſchrieb ihm folgendermaßen:„Ich beabſich⸗ tige, Eurer Hoheit die Gerechtigkeit zu verſchaffen, die Euch noch Niemand zukommen läßt, und dem Volke zu zeigen, welch großen —— — —— — 480— Schaden es ſich ſelbſt und Euch thut, wenn es dieſelbe länger hin⸗ ausſchiebt. Eurer Hoheit kommt die Ehre zu, für das Volk zu ſterben, und es kann in Euren letzten Augenblicken nur ein unausſprechlicher Troſt für Euch ſein, zu bedenken, mit welch großem Nutzen ihr die⸗ ſelbe verlaßt. Erſt dann, Mylord, geziemen Euch in Wahrheit die Titel, welche Ihr Euch jetzt anmaßt; alsdann werdet ihr wirklich der Befreier Eures Vaterlandes ſein, und es von einer Sclaverei erlöſen, die wenig der nachſteht, aus welcher Moſes ſein Volk befreit hat. Alsdann werdet ihr wirklich der Reformator ſein, als der ihr jetzt bloß zu erſcheinen ſucht; denn alsdann wird die Religion wieder her⸗ geſtellt, die Freiheit wieder gewonnen ſein, und das Parlament die Rechte beſitzen, für die es gekämpft hat. Alles dies hoffen wir von dem baldigen Tode Eurer Hoheit. Um dieſe Wohlthat ſchneller her⸗ beizuführen, habe ich dieſe Schrift verfaßt, und wenn ſie die Wirkung hat, welche ich mir davon verſpreche, ſo wird Eure Hoheit bald außer dem Bereiche menſchlicher Bosheit ſein, und Eure Feinde können nur noch gegen Euer Gedächtniß die Schläge führen, die Ihr nicht mehr fühlen werdet.“ Cromwell war eben ſo erbittert, als beſtürzt über dieſe Flugſchrift, und ſetzte alle ſeine Spione in Bewegung, um ſowohl den Verfaſſer, wie auch die Verbreiter derſelben zu entdecken. Billy Green war ſo glücklich, eine Frau beim Austheilen des gefährlichen Blattes zu be⸗ treffen und zu verhaften. Die Gefangene wartete im Vorzimmer des Protectors, der den Gegenſtand für ſo wichtig hielt, daß er in eige⸗ ner Perſon das Verhör leiten wollte. Er war entſchloſſen, mit der größten Strenge zu verfahren, und nur der Tod ſchien ihm die genü⸗ gende Strafe für ein ſo großes Verbrechen. Mit heftigen Schritten durchmaß er ſein Kabinet, ſeine Stirn war gerunzelt und die dunkle Zornader auf derſelben bläulich angeſchwollen. — Führt das Weib herein, befahl er dem wachthabenden Offizier. Die Gefangene erſchien; ruhig und gefaßt ertrug ſie den drohen⸗ den Blick des Protectors, vor dem ſelbſt die muthigſten Männer zu zittern pflegten. — Ihr habt Euch eines todeswürdigen Verbrechens ſchuldig ge⸗ macht, ſagte dieſer, dicht an ſie herantretend. — 481— — Ich weiß es und fürchte nicht den Tod, entgegnete ſie mit ſtolzem Lächeln. — Doch ehe Ihr ſterbt, werdet Ihr mir Eure Mitſchuldigen nen⸗ nen. Von wem habt Ihr dieſe Schrift erhalten? — Dies iſt mein Geheimniß, und Niemand wird dasſelbe mir entreißen. — Auch ich nicht, wenn ich Euch unter dieſer Bedingung das Leben und die Freiheit ſchenke? — Beide haben keinen Werth für mich.. — Ihr ſeid noch jung, erwiederte Cromwell, von ihrer Feſtigkeit betroffen. Wie kommt es, daß das Leben keinen Reiz mehr für Euch hat? — Weil mein Gatte zum Tode verurtheilt iſt und morgen ſter⸗ ben ſoll. — Und wie heißt Euer Gatte? — Thomas Egerton. Bei dieſem Namen verſchwand die Theilnahme und das Mitleid, welches ſich bereits in der Bruſt des Protectors zu regen begann. Er erinnerte ſich ſeiner verführten Tochter, und der Rache, die er dem Verführer gelobt hatte. — Thomas Egerton, rief er ergrimmt. O! ich kenne ihn, und wenn er tauſend Leben hätte, er müßte ſie mir alle geben. Du biſt ſein Weib, auch du ſollſt ſterben. Der Himmel iſt gerecht, und der Herr liefert ſeine und meine Feinde in meine Hände. — Eure Grauſamkeit erſchreckt mich nicht. Mit meinem Gatten zu gleicher Zeit zu ſterben, war der ſehnlichſte Wunſch meines Herzens. — Er ſoll dir in Erfüllung gehen, aber nicht ſo, wie du gedacht haſt. Du ſollſt vor ihm und vor ſeinen Augen hingerichtet werden. — Ihr erweiſ't mir auch damit nur eine Wohlthat wider Euren Willen; denn ſo wird mir wenigſtens der Schmerz erſpart, meinen Gatten ſterben zu ſehen. — Dieſes Weib läßt ſich nicht bändigen, murmelte Cromwell in ohnmächtiger Wuth, und doch unwillkürlich ihr Benehmen bewundernd. Je länger er mit ihr ſprach, deſto mehr ſah er ſich gezwungen, ihren männlichen Geiſt anzuerkennen; er ſpürte die Nähe eines ihm verwandten Geiſtes. Selbſt in ihren Zügen lag eine gewiſſe Aehn⸗ * D. B. XII. Milton u. ſeine geit. 31 —— —— — 482— lichkeit mit den ſeinigen. In der ganzen Erſcheinung war etwas Unheimliches für ihn, und er konnte ſich eines leiſen Schauders nicht erwehren, jemehr er ſie betrachtete. Noch einmal verſuchte er, ein Geſtändniß wegen der Flugſchrift ihr zu erpreſſen; ſie blieb ver⸗ ſchloſſen, wie vorher, und ſeine Drohungen vermochten ſie nicht ein⸗ zuſchüchtern. — So komme, ſagte er düſter, dein Blut über dich. Führt ſie fort; ſie ſoll mit ihrem Manne ſterben. — Ich danke Euch, entgegnete das ungebeugte Weib, indem ſie ſich zum Gehen anſchickte. — Ruft mir Henderſon, befahl der Protector, er mag ſie nach dem Tower bringen. Gleichgültig wandte er ſich zu ſeinem Geheimſecretär Thurloe, dem er den Auftrag gab, Billy Green den Sündenlohn in einigen Goldſtücken auszuzahlen. Bald darauf erſchien der alte Henderſon. Cromwell gab ihm mit leiſer Stimme ſeine Aufträge für den Gou⸗ verneur des Towers. Der Puritaner näherte ſich, um die Gefangene fortzuführen; bei ſeinem Anblicke ſtieß die Frau einen Schrei der Ueberraſchung aus, welcher dem Protector nicht entging. Auch Hen⸗ derſon ſchien erſchüttert, doch bald faßte er ſich wieder, und ſeine ſtarren Mienen verriethen auch nicht die geringſte Bewegung. — Kennſt du das Weib? fragte der Protector ſeinen früheren Freund. — Ich kenne ſie nicht. — Und doch ſchrie ſie bei deinem Anblick auf. Du lügſt, Henderſon! Doch ich werde die Wahrheit von Euch Beiden erfahren. Tretet alle ab, bis auf dieſe hier. Die Anweſenden verließen das Gemach, in welchem nur Crom⸗ well mit dem Puritaner und der Frau zurückblieb. — 2— 7. Eine dunkle Ahnung überſchlich die Seele des Protectors. Tiefe Stille herrſchte in dem Kabinet, die Niemand zu unterbrechen wagte. Von den verſchiedenſten Gefühlen beſtürmt„ſtanden die drei Menſchen einander gegenüber. Erſt nach einer längeren Pauſe trat Cromwell auf den Puritaner zu. — Rede! wer iſt jenes Weib? fragte er gebieteriſch. Dabei blickte er den Puritaner mit jenen durchdringenden Augen an, deren dämoniſcher Gewalt nur Wenige ſich zu erwehren vermoch⸗ ten. Auch Henderſon konnte ſich dem Zauber nicht entziehen, und verrieth, gegen ſeine urſprüngliche Abſicht, die Wahrheit. — Du willſt es wiſſen, ſagte er trotzig mit finſterem Lächeln, ſo erfahre denn, jenes Weib iſt— deine Tochter. — Tochter! wiederholte Cromwell, und bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen. Als er wieder aufblickte, war die Röthe von ſeinen Wangen ge⸗ ſchwunden, und ſein ganzer Körper zitterte. — Du lügſt! ſchrie er laut. Ich weiß, daß ich dir weh gethan habe, und nun willſt du dich rächen. 4 — Ich habe nie gelogen, entgegnete der Puritaner. Ich rede auch jetzt die Wahrheit, obgleich ich es anders mit dir vorhatte. — Du wollteſt mich mein Kind tödten laſſen? fragte Cromwell, der die Abſichten des Fanatikers errieth. Und dann wäreſt du vor mich hingetreten und hätteſt mich ein Mörder geheißen. Henderſon antwortete nicht, ſondern begnügte ſich nur, mit dem Kopfe zu nicken. Lucy war zu den Füßen des Vaters hingeſunken, den ſie hier ſo unvermuthet fand. 3 — Vergib mir, ſtöhnte ſie, aber ich wußte nicht, daß Oliver Cromwell mein Vater ſei. — Dich trifft keine Schuld, entgegnete er tief erſchüttert; nur mich allein. Du biſt nur ein Werkzeug in der Hand des Herrn, der jetzt die Sünden meiner Jugend ſtraft. Ich verzeihe dir. — Und mein Gatte? — Dein Gatte? fragte er zweifelnd. Ich habe ihn ſtets für dei⸗ nen Verführer gehalten, und darum gehaßt. 31* ————* —— — 484— Er hat ſein Unrecht eingeſehen und mir die Ehre wiedergegeben. Wir ſind durch die Hand des Prieſters vereint. Ohne ihn vermag ich nicht zu leben. G — Ich ſchenke dir ſein Leben, obgleich er den Tod hinreichend verdient hat; doch nur unter einer einzigen Bedingung. — Ich will jede eingehen, die ihn retten kann; ſei ſie noch ſo hart. — Du wirſt ein ewiges Stillſchweigen vor ihm und aller Welt bewahren, und zugleich mit ihm England ſogleich verlaſſen. Hen⸗ derſon wird Euch begleiten, und ebenfalls mir geloben, nie zurück⸗ zukehren. — Ich werde gehen, nicht weil du mir befiehlſt, ſondern weil der Geiſt mich treibt. Das Reich der Heiligen iſt noch nicht gekom⸗ men, darum will ich meine Lenden gürten und den Staub von mei⸗ nen Füßen ſchütteln. Zwiſchen dir und mir kann keine Gemeinſchaft mehr beſtehen, denn du biſt abgefallen von dem Herrn und haſt ſeine Sache verrathen. Darum wird er ſich abwenden von dir und deinem Hauſe, weil du ihm ein Greuel geworden biſt. Cromwell war dieſe Sprache längſt gewohnt, darum zürnte er dem Puritaner nicht, und ließ ihn ruhig ſcheiden. 3 Noch an demſelben Tage erhielt der bereits zum Tode verurtheilte Thomas ſeine Begnadigung. Das Gefängniß und die Nähe des Gra⸗ bes hatten einen wohlthätigen Einfluß auf den leichtſinnigen Mann ausgeübt; die Aufopferung ſeines Weibes, ihre Treue und Zärtlich⸗ keit ihn vollkommen umgeſtimmt. An ihrer Hand verließ er England auf längere Zeit, wohin er erſt nach dem Tode des Protectors zu⸗ rückkehrte. Von Zeit zu Zeit erhielt Lucy von geheimnißvoller Hand bedeutende Summen zugeſchickt, welche vollkommen zu ihrem Lebens⸗ unterhalte ausreichten. Dies war das einzige Lebenszeichen, das ſie von ihrem Vater empfing. Das Geheimniß ihrer Geburt bewahrte ſie treu, wie ſie ihm gelobt, und erſt nach ſeinem Ableben entdeckte ſie es ihrem Gatten.— Die Flugſchrift, welche den Oberſt Serby zum Verfaſſer hatte, war nur der Vorläufer neuer und gefährlicher Verſchwörungen, welche in allen Theilen Englands gegen den Protector jetzt ausbrachen. Karl der Zweite hatte mit den Unzufriedenen aller Parteien, ſelbſt mit den —— ——;— Republikanern Verbindungen angeknüpft und beabſichtigte eine neue Landung in England. Levellers und Cavaliere, ehemalige Mitglieder des Parlaments und Offiziere der Armee, die widerſtrebendſten Ele⸗ mente hatten ſich vereinigt, um ihren gemeinſchaftlichen Feind zu ſtürzen. Sogar in London und unter den Augen Cromwell's trieben die Verſchwörer ihre Kühnheit ſo weit, daß ſie den Tag und die Stunde beſtimmten, wo ſie die vornehmſten Poſten der City beſetzen, den Lord⸗Major feſtnehmen, den Tower in Brand ſtecken und während der allgemeinen Verwirrung ſich der Perſon des Protectors bemächtigen wollten. Dieſer verdoppelte indeß ſeine Wachſamkeit und die Thätig⸗ keit ſeiner Spione, die er überall, ſelbſt in der Umgebung und unter den Vertrauten Karl des Zweiten beſoldete. Sobald er die nöthigen Beweiſe in der Hand hatte, handelte er mit gewohnter Umſicht und Energie. Am Morgen des zur Ausführung feſtgeſetzten Tages, in demſelben Augenblick, wo die Verſchworenen ſich in der Stadt ver⸗ breiteten, um ſich auf ihre Poſten zu begeben, wurden die Führer plötzlich verhaftet; alle Wachen verdoppelt. Oberſt Birkſtead, der Lieutenant des Towers, marſchirte mit einer ſtarken Truppenabtheilung und fünf Geſchützen mitten durch die City und nahm gegen vierzig Verſchworene und eben ſo viele Lehrjungen gefangen. Unter ihnen befanden ſich Sir Henry Slingsby, ein Onkel des Lord Faulconbridge, der Lady Mary Cromwell geheirathet hatte und Doctor Hewet, ein Geiſtlicher der biſchöflichen Kirche und von Lady Claypole hoch ge⸗ achtet und verehrt. Beide Frauen machten die größten Anſtrengungen, die zum Tode Verurtheilten zu retten. Umſonſt verſchwendete die Lieblingstochter des Protectors ihre Bitten und Thränen, diesmal blieb derſelbe ungerührt; er wollte ſeine Feinde einſchüchtern und zeigte des⸗ halb eine Strenge, die er ſonſt nicht immer walten ließ. Cromwell liebte ſeine Tochter ſehr, aber ſeine rauhe Natur hatte keine Ahnung von dem tiefen Schmerz dieſer edlen Frau. Sie litt unausſprechlich und ihr ſchwacher Körper begann zu verfallen. Für den Augenblick hatte er ſein Ziel erreicht; die Furcht hielt den Haß im Zaume, aber er ſelbſt und ſeine Ruhe war das Opfer dieſes Sieges. Ueberall ſah er ſich von Feinden umringt, welche ſein Leben bedrohten; er trug von nun an ein verborgenes Panzerhemd, um ſich vor den Dolchſtößen der Mörder zu ſchützen; ſo oft er den Palaſt verließ, begleiteten ihn mehrere vertraute Perſonen in ſeinem Wagen. In Withehall hatte er mehrere Schlafzimmer mit geheimen Thüren, nie ſchlief er in einem und demſelben zwei Nächte hintereinander. Die fortwährende Aufregung war wohl im Stande, ſelbſt ſeine eiſerne Geſundheit aufzureiben.— An ihm und ſeiner Familie ſchien jetzt der Fluch des alten Henderſon in Erfüllung zu gehen. Seine geliebte Tochter, Lady Claypole, erkrankte; er hatte ſie nach Hampton⸗Court geſchickt, damit die Landluft und vollkommene Stille ſie herſtellte. Als ſich ihre Leiden verſchlimmerten, zog er ſelbſt zu ihr und bewachte ſie mit der zäFrtlichſten Sorgfalt. Sein Arm„vor dem die Welt ge⸗ zittert, diente jetzt einer ſchwachen Frau zur Stütze, und von ihrem Krankenzimmer aus regierte er drei Königreiche. — Armes, armes Kind! ſeufzte er erſchüttert, wenn ſie litt. Für dein Leben geb⸗ ich meine Macht, Alles, Alles, was ich be⸗ ſitze, hin. Sie lächelte mit jenem ſchwachen, aber bezaubernden Lächeln, das der edlen Frau zu Gebote ſtand, und verleugnete mit der Aufopfe⸗ rung eines Engels ihre vernichtenden Schmerzen. — Es geht beſſer, viel beſſer, flüſterte ſie mit ſanfter Stimme, während die Bläſſe ihrer Wangen und der erloſchene Glanz ihrer Augen ihre Worte Lügen ſtrafte. In ſolchen Stunden erhob ſich die Seele des gewaltigen Mannes hoch über die Nebel des Ehrgeizes und der Selbſtſucht, von welchen ſie umdüſtert war und aus dem irdiſchen Rauche brach die heilige Flamme ſeiner urſprünglich religiöſen Natur klar und geläutert hervor. — Der Herr wird mich nicht verlaſſen, ſagte er, und mir nicht das Liebſte nehmen, was ich auf Erden beſitze. Er hat mich hoch er⸗ hoben, mich zu ſeinem Werkzeug auserwählt; was ich that, geſchah durch und für ihn. Ich„habe den blutigen Bürgerkrieg mit ſeiner Hülfe beendet, England wieder groß gemacht, unſere proteſtantiſchen Brüder beſchützt und unſern Glauben vertheidigt. Er wird ſeinen Diener nicht fallen laſſen und ſein Werkzeug nicht verſtoßen. Doch ſein Wille geſchehe und nicht der meinige. Wenn er aber mir gnädig iſt, ſo will ich ſeinen Namen verherrlichen, die Wunden dieſes Landes heilen, Gerechtigkeit küben und mein ganzes übriges Leben ſeinem Dienſte und dem Heile meines Volkes weihen. Ich fühle, daß mein —, — 487— Tagewerk noch nicht beendet, daß ich noch zu größeren Dingen be⸗ rufen bin. Stunden lang lag er ſo auf ſeinen Knieen im heißen Gebet für die Geneſung ſeiner Tochter, aber der Himmel erhörte ihn nicht. Lady Claypole erlag endlich ihren Leiden und entſchlummerte in ſei⸗ nen Armen. Der Protector fand einen melancholiſchen Genuß darin, den Sarg der Tochter mit königlichem Pompe zu umgeben. Ihre geſchmückte Leiche wurde in Weſtminſterhall ausgeſtellt und in einer beſonderen Gruft unter den Gräbern der Könige beſtattet.— Seit dieſem Todesfall verſank der Protector in die tiefſte Schwer⸗ muth. Seine Geſundheit begann zu wanken und bald konnte er das Bett nicht mehr verlaſſen. Die Aerzte hielten ſeinen Zuſtand für be⸗ denklich, er ſelbſt aber konnte nicht an die Möglichkeit und die Nähe des Todes denken. Noch hatte er ſo viel hienieden zu thun und ſein irdiſches Tagewerk ſchien noch nicht für ihn beendet. — Warum macht Ihr ein ſo betrübtes Geſicht? fragte er den Doctor, der an ſeinem Bette ſtand. — Wie kann ich heiter ausſehen, da ich die Verantwortlichkeit für das Leben Seiner Hoheit habe? — Ihr Aerzte glaubt, daß ich ſterben werde, entgegnete Cromwell, indem er die Hand ſeiner Gattin ergriff, welche neben ihm ſaß. Ich aber ſage dir, ich werde nicht an dieſer Krankheit ſterben; ich weiß es gewiß. Da er bemerkte, daß die Aerzte ſich über ſeine Worte wunderten, ſetzte er hinzu:. — Glaubt nicht, daß ich von Sinnen bin; ich ſage Euch die Wahrheit; ich habe einen beſſeren Gewährsmann dafür, als Galen und Hippokrates ſind. Gott ſelbſt hat uns dieſe Antwort auf unſere Gebete gegeben; nicht mir allein, ſondern auch Anderen, die viel ver⸗ trauteren Umgang mit ihm haben, als ich. Faßt daher Muth; ver⸗ jagt den Kummer und behandelt mich, als wenn ich ein bloßer Dienſt⸗ bote wäre. Ihr könnt viel mit Eurer Wiſſenſchaft thun, aber die Natur kann mehr ausrichten, als alle Aerzte der Welt und Gott iſt mächtiger, als die Natur. Dieſen feſten Glauben theilten auch alle Freunde und Anhänger des Protectors. Nicht nur in Withehall, ſondern in allen Kirchen —ͤöõ———ö—ͤöͤ—ö——— )— 488— 4 Londons ſtiegen ihre Gebete für die Geneſung deſſelben zum Himmel 3 empor, aber ſelbſt ſeine Gegner waren von Angſt und Furcht bei dem Gedanken an ſeinen Tod und die darauf folgende Verwirrung erfüllt. Bis jetzt hatte Cromwell noch keine Beſtimmung wegen ſei⸗ nes Nachfolgers getroffen und ſeine Umgebung war deshalb in keiner geringen Verlegenheit, da ſelbſt Thurloe aus mannigfachen Gründen zögerte, die Beſtimmungen des Protectors in dieſer Beziehung einzu⸗ volen. Er ſelbſt nahm, je mehr ſeine Krankheit ſich verſchlimmerte, wenig oder gar keinen Antheil mehr an den irdiſchen Angelegenheiten. Seeinne Seele wandte ſich nur ausſchließlich dem Himmel zu, ſie zog ſich in ſich ſelbſt zurück und beſchäftigte ſich mit anderen Fragen und Räthſeln, als diejenigen, welche die um ſein Bett Trauernden erfüllten. b Vor den Pforten der Ewigkeit, welche ſich jetzt vor ihm aufthaten, erfaßte ihn ein tiefer Schauer. Um ſein Bett ſaßen ſeine Capläne, die ihn von nun an nicht mehr verließen, mit ihnen betete er ab⸗ wechſelnd, oder er unterhielt ſich über Gegenſtände des Glaubens. — Sagt mir, frug er, aus tiefem Nachſinnen auffahrend, iſt es 5 denn möglich, aus der Gnade Gottes zu fallen, wenn man dieſelbe einmal nur beſeſſen hat.. — Das iſt nicht möglich, antwortete Godwin, einer der Geiſt⸗ 1 lichen. 1— In dieſem Fall bin ich ruhig, ſagte Cromwell, denn ich weiß, daß ich einmal in dem Fall geweſen bin. Er drehte ſich um und fing laut zu beten an. — Herr! ich bin ein elendes Geſchöpf; du haſt aus mir Unwür⸗ digen ein Werkzeug zu deinen Dienſten gemacht; dieſe Nation wünſcht, daß ich lebe; ſie glaubt, es ſei beſſer für ſie und Alles würde ſich zu deinem Ruhme wenden. Andere wünſchen, daß ich ſterbe. Herr! veerzeihe ihnen und wie du über mich verfügen magſt, gebe ihnen deinen Segen, ſchenke ihnen Ruhe und mir auch, um der Liebe Jeſu Chriſti willen, dem„ ſo wie dir und dem heiligen Geiſte, Ruhm in alle Ewigkeit ſet. Amen! Nachdem er dies fromme Gebet geſprochen, verſiel er in einen 4 Zuſtand von Betäubung, der bis zum Abend dauerte. Als die Nacht anbrach, gerieth er in heftige Aufregung; er ſprach halb laut und 2 1 abgebrochen und ſtockte mitten in den Sätzen und Worten: 6 — 489— — Fürwahr, Gott iſt gut; er wird mich nicht— Gott iſt gut — ich möchte für den Dienſt Gottes und ſeines Volkes leben, aber mein Werk iſt vollbracht; Gott wird weiter mit ſeinem Volke ſein. Man bot ihm zu trinken an und bat ihn zu ſchlafen. — Ich mag nicht trinken, ſagte er, noch ſchlafen, ich denke nur daran, mich zu beeilen, denn ich muß bald abreiſen. Thurloe, der nicht von ſeiner Seite wich, und die Mitglieder ſeiner Familie hielten es für unumgänglich nothwendig, ihn an die Ernennung ſeines Nachfolgers zu erinnern. Er nannte den Namen ſeines Sohnes Richard mit ſchwacher Stimme.— In der Nacht wüthete ein furchtbarer Sturm und richtete einen großen Schaden auf dem Meere und zu Lande an. Der Morgen brach an, es war der Jahrestag ſeiner Siege bei Dunbar und Worceſter, aber Cromwell hatte bereits das Bewußtſein verloren. Zwiſchen drei und vier Uhr Nachmittags ſtieß er einen tiefen Seufzer aus; die Umſtehenden traten an ſein Bett und fanden ihn verſchieden.— Tiefe Stille herrſchte in dem Todtenzimmer, nur durch das Schluchzen und Weinen der Familie und einiger treuer Diener unter⸗ brochen. — Weinet nicht, rief Godwin, Ihr habt mehr Urſache, zu froh⸗ locken. Er war Euer Protector hier ,er wird Euch ein viel mäch⸗ tigerer Protector ſein, jetzt, wo er mit Chriſtus zur Rechten des Vaters ſitzt. 8. Im raſchen Fluge drängten ſich die Ereigniſſe. Nur kurze Zeit regierte der kleine Sohn eines großen Vaters; Richard Cromwell war zu ſchwach für eine ſolche Laſt, er erlag den Parteien, welche nach dem Tode des Gewaltigen, befreit von dem Drucke ſeiner ehernen Hand, ſich von Neuem erhoben. Die Generäle des Protectors ſtreb⸗ ten, von Ehrgeiz getrieben, nach ſeiner Macht, ſie beſaßen wohl ſeine niederen, aber nicht ſeine hohen Eigenſchaften. Nur ein einziger unter — 490— ihnen hatte wenigſtens den berechnenden Verſtand und die zuſchauende Vorſicht von ihm geerbt, aber ihm fehlte die Begeiſterung, durch welche Cromwell im raſchen Fluge ſich emporgehoben hatte. Mit ſeinen ihm ergebenen Truppen marſchirte Monk nach London, wo er die Ruhe herſtellte und einſtweilen den Gang der Ereigniſſe ruhig verfolgte.— Nach den langjährigen Bürgerkriegen und der politiſchen Aufregung war wie gewöhnlich ein Zuſtand von Erſchlaffung eingetreten. Müde der Kämpfe, enttäuſcht und durch Cromwell's Herrſchaft um die Frei⸗ heit betrogen, ſehnte ſich die Mehrzahl der Nation nach ruhigen Zu⸗ ſtänden. Die Jugend haßte die puritaniſche Sittenſtrenge und ver⸗ langte nach dem Genuß der verbotenen Lebensfreuden. So waren alle Verhältniſſe der Wiederkehr der Stuarts günſtig. Während noch die Republik beſtand, eiferten die Geiſtlichen jetzt von den Kanzeln für das Königthum, wie einſt gegen daſſelbe. Haufen von bewaffneten Lehrjungen durchzogen mit lautem Lärm die Straßen der Stadt und ließen Karl den Zweiten leben. Seine Unterhändler traten nunmehr offen und ungeſcheut hervor und warben täglich neue Anhänger für ihn.— Von einem einzigen Manne hing das Geſchick Englands ab und dieſer war der General Monk. Bis jetzt hatte er noch nicht ſeine Abſichten kund gethan, er beſaß die Kunſt des Schweigens im höchſten Grade. Selbſt dem eigenen Bruder verbarg er ſeine Ge⸗ danken. Kalt und nüchtern beurtheilte er die Verhältniſſe und ſeine eigene Stellung; ohne Enthuſiasmus, ohne Begeiſterung war ihm die Republik eben ſo gleichgültig, wie das Königthum und nur die Sache, welche ihm den meiſten Vortheil verſprach, auch die ſeinige.— Dieſer Mann war jetzt Herr der Revolution, auf den ſchwärmeriſchen Fana⸗ tismus war die kühle Berechnung, der egoiſtiſche Verſtand geſolgt.— Alle äußeren und inneren Zeichen deuteten auf den nahen Fall der Republik. Die Anhänger des Königthums jubelten laut, während die Freunde der Freiheit im Stillen trauerten; Niemand jedoch mehr, als Milton.— Seit ſeinem letzten Geſpräche mit Cromwell hatte er neues Vertrauen gefaßt und die Hoffnung war für ihn zurückgekehrt. Durch ſeine zunehmende Blindheit ſah er ſich genöthigt, von den Staatsgeſchäften ſich zurückzuziehen, auf ſeine Empfehlung wurde ihm Marvell, jener junge Engländer, den er in Rom kennen gelernt hatte, als Beiſtand zur Seite gegeben. Dadurch erhielt Milton wieder die 4— ——— — — — 491— nöthige Muße, an größere und poetiſche Arbeiten zu denken. In ein⸗ ſamen Nächten, wo der Schlaf ihn floh, dichtete er an ſeinem„ver⸗ lorenen Paradieſe.“ Einzelne Bruchſtücke theilte er den Freunden mit, welche voll Bewunderung die erſten Geſänge aufnahmen und ihn zur Fortſetzung aufmunterten. Beſonders war Alice begeiſtert von den mitgetheilten Proben. Er hörte auf ihren Rath und ihr feines Ur⸗ theil, ihr geläuterter Geſchmack, vor Allem der ihr innewohnende re⸗ ligiöſe Sinn übte einen bedeutenden Einfluß auf ſeine berühmte Schöpfung. Nicht minder vortheilhaft wirkte ſie auf ſeine Stimmung. Sein eheliches Verhältniß war durch den Tod ſeiner Gattin gelöst; ſie hatte ihm trotz der Verſöhnung nie beſonders nahe geſtanden, dennoch bedauerte er aufrichtig ihren Verluſt, der ihm jetzt um ſo ſchwerer fiel, da er faſt erblindet mit drei halberwachſenen Töchtern zurückbieb. An der treuen Freundin fand er eine Stütze, ſeine Kin⸗ der eine Mutter. Sie ſorgte für ihn und verließ ihn nicht. In dem ſteten Verkehr mit ihr nahm ſein Geiſt eine mildere Färbung an, unwillkürlich lernte er von ihr jene Sanftmuth und Duldung, von der die edle Frau beſeelt war. Ohne ſeiner eigenen Ueberzeugung untreu zu werden, beurtheilte er die Meinung Anderer mit weit mehr Schonung, als früher. Ernſtlich dachte er über eine Ausſöhnung der verſchiedenen Secten und religiöſen Spaltungen innerhalb des Pro⸗ teſtantismus nach und ſeine Geſpräche mit ihr berührten jetzt häufig dieſen Gegenſtand. — Eine ſolche Verſöhnung, ſagte er einſt zu ihr, iſt nur möglich, wenn die Kirche ihre vollkommene Unabhängigkeit vom Staate ge⸗ wonnen hat. — Das dürfte kaum jemals geſchehen. — Und doch ſprechen alle Gründe für meine Forderung. Jeder Menſch hat das angeborne Recht, ſeinen Ueberzeugungen zu folgen, wenn er nur überhaupt einem offenbarten Glauben angehört. Der Proteſtantismus gründet ſich auf die Autorität der heiligen Schrift, welche aber Jedermann nach ſeiner Einſicht und Erleuchtung auslegen kann; daraus geht klar hervor, daß weder die Tradition, noch die Verordnungen der ſichtbaren Kirche, am wenigſten die Entſcheidung der Regierung in Glaubensſachen herrſchen darf. In den Augen der Proteſtanten nimmt die Bibel und nicht die Kirche, das Gewiſſen und * 4 4 1 — 1 v—* 8 ————— —. 4 —— — 492— nicht die Geiſtlichkeit die erſte Stelle ein. Kein Menſch kann aber ſein eigenes Gewiſſen ſich durch die Ueberzeugung eines Andern erſetzen laſſen. Aus demſelben Grunde verwerfen wir auch den Papſt, weil er ſich für unfehlbar hält. — Wenn Ihr aber jede Autorität leugnet, ſo öffnet Ihr der Ketzerei und Gottloſigkeit das Thor, wandte ihm die ſtrenggläubige Freundin ein. — Das großmächtige Wort, das ihr mir da in den Weg werft, er⸗ ſchreckt mich nicht, obgleich ich weiß, daß man es ſeit Jahrhunderten als eine Vogelſcheuche gebraucht, um die freien Geiſter von dem Felde der Erkenntniß abzuwehren. Der wahre Ketzer iſt nicht der, welcher die heilige Schrift befolgt, ſo weit er ſie verſteht und auffaßt, ſondern derjenige, welcher blind der Kirche folgt, ohne ſein eigenes Gewiſſen zu befragen. Offene und unbeſchränkte Freiheit der Prüfung iſt der Lebensnerv des Proteſtantismus. Die Kirche hat kein Recht ſich in religiöſe Ueberzeugungen zu miſchen, um wie viel weniger der Staat. Fragt nur die Geſchichte, und ſie wird Euch Antwort geben. Die Religionskriege, dieſe blutigſten der Kämpfe, fließen aus dieſer trüben OQuelle. Verbannung, Kerker, Leibesſtrafen, alle Grauſamkeiten und die wildeſten Verfolgungen haben ihren Grund in der Abhängigkeit der Kirche vom Staate. Das Chriſtenthum iſt in ſeiner urſprünglichen Geſtalt, rein geiſtiger Natur und beruht auf der unumſchränkten Frei⸗ heit; es bedarf zu ſeinem Wachsthum und ſeiner Entwickelung nicht die weltliche Macht, die ihm offenbar untergeordnet iſt und deren Joch es nicht dulden kann. Es heißt die Religion ſelbſt erniedrigen, wenn man für ſie eine derartige Stütze nöthig hält; es heißt ihr ganzes Weſen verkennen und was noch mehr ſagen will, die göttliche Wahrheit beleidigen. — Der Staat muß nach meiner Meinung wenigſtens das Recht haben, die Religion zu beaufſichtigen, um den Skandal zu hindern und die Unmoralität zu beſtrafen. Es iſt dieſes ſeine heiligſte Pflicht. — Der Beſchützer wird nur allzu leicht ein Tyrann. Indem er vorgiebt, die Religion vor ihren Feinden zu behüten, wird er bald auch die Freiheit des Gewiſſens und des Denkens antaſten. Wenn man den Ungläubigen zwingen will, wenigſtens äußerlich die Formen der Religion zu beobachten, oder den gewiſſenhaften Mann gegen ſeine Ueber⸗ — — 493— 8 zeugung zu handeln, ſo wird man in beiden Fällen ſtets daſſelbe Re⸗ ſultat erreichen und nur Heuchler machen. Ich kann nur in der Frei⸗ 1 heit und in der völligen Unabhängigkeit der Kirche von dem Staate das wahre Heil des Glaubens ſehen. Erſt dann iſt jene Duldung möglich, die ſowohl, Ihr meine Freundin, wie ich für alle Menſchen wünſchen. — So gebe Gott, daß der Tag bald komme, wo alle Welt die Schonung und Liebe übt, die ſeit Jahren trotz unſerer verſchiedenen Anſichten, uns beſeelt. — Amen! ſagte der Dichter, und nun will ich, Euch den Anfang des dritten Geſanges aus meinem„Verlorenen Paradieſes“ recitiren. Mit zitternder, bewegter Stimme ſprach der erblindende Dichter: Sei, heil'ges Licht, gegrüßt, du Erſtgeburt Des Himmels! oder darf ich deinen Strahl Gleich ewig nennen mit dem Ewigen, Da Gott Licht iſt und in unnahbar'm Lichte, In dir alſo, von Ewigkeit her wohnt? Du klarer Ausfluß unerſchaff'ner Klarheit, Du reinſten Aethers heller Strom, wer iſt, Der deine Quelle kennt? Denn vor der Sonne⸗ Und vor den Himmeln warſt du; du umgabſt, Von Gott berufen, wie mit einem Mantel Die Welt, als ſie aus tiefen Waſſern ſtieg Und Finſterm, formlos Oedem ſich entwand. Zu dir kehr' ich mit kühnem Schwung zurück, Dem ſtyg'ſchen Pfuhl entronnen, der mich lang Im Dunkel hielt, als ich auf meinem Fluge Durch äußerſte und mittle Finſterniß Mit andern Tönen als mit Orpheus Leier Vom Chaos ſang und von der ew'gen Nacht. Die Himmelsmuſe lehrte mich, hinab Den dunklen Pfad und wieder aufzuſteigen,— Ein ſchwerer, ſeltener Gang! Ich nah' dir wieder Und fühl' dein allbelebend Sein; doch du Nahſt meinem Auge nicht, die deinen Glanz Vergebens ſuchen, ſelbſt nicht Dämm'rung finden: 1 So dicht hat ihre Kreiſe Abendthau — Mit Dunkelheit umwölkt. Deßhalb jedoch Laß ich nicht ab, zu wandeln mit den Muſen Am Ouell, im Schattenhain, auf ſonnigen Höh'n. Von Lieb' erfüllt für heiligen Geſang Vor allen, Sion, dich und jene Bäche, Die dir umrieſeln den geweihten Fuß, Beſuch' ich gern bei Nacht; dann denk ich oft Des Paars, das gleiches Loos mit mir getheilt;— O, theilte ich auch gleichen Ruhm mit ihm!— An Mäons blinden Sohn und Thamyris, An Phineus auch und an Tireſias; Und lebe in Gedanken, die ſich ſelbſt Zu Maaß und Wohllaut fügen, wie, verſteckt Im dichteſten Gebüſch, die Nachtigall Ihr nächtlich Lied anſtimmt.— Wohl kehrt zurück Der Jahreszeiten Lauf; mir kehrt kein Tag Zurück, kein Morgen⸗ und kein Abendroth, Nicht Lenzes Blüthe, nicht des Sommers Roſen; Mir lacht der Menſchen göttlich Antlitz nicht; Das ſtete Dunkel, das mich einhüllt, trennt Mich von des Lebens fröhlichem Verkehr; Und reicht mir ſtatt des Buchs lebend'gen Wiſſens Ein leeres Blatt; verwiſcht und ausgelöſcht Sind mir die Werke der Natur, und ganz Iſt ein Weg zur Erkenntniß mir verſchloſſen. Um ſo viel heller ſtrahlſt im Innern mir, Du Himmelslicht durch hehre Geiſteskraft! Dort pflanze Augen hin! von da verſcheuch' Des Nebels Dunſt, damit ich ſchau und künde, Was unſichtbar dem Aug' der Sterblichen.— Tief erſchüttert lauſchte Alice der rührenden Klage, welche der Dichter über ſeine eigene Blindheit anſtimmte. Als er geendet hatte, ergriff ſie ſeine Hand, eine Thräne ſiel darauf. — Meine Muſe weinet? fragte der Dichter. Ja, Ihr ſeid meine Muſe und ſteht vor meinen verdunkelten Augen als ſolche da. In Euch finde ich die göttliche Natur des Weibes wieder, welche uns das veerlorene Paradies zurückgiebt. Ach! ich hatte es einſt beſeſſen und — 495— durch eigene Schuld verſcherzt; doch der Himmel war gnädig und ſchickte einen ſeiner Engel in Euch zu mir herab, der mir die Pforten eines neuen und ſchöneren Edens erſchloſſen hat. Die irdiſche Leiden⸗ ſchaft iſt verſchwunden und nur jene himmliſche Liebe mir geblieben, welche jetzt mein Troſt in Nacht und Unglück iſt. In dieſer Stunde will ich Euch geſtehen, wie heiß und innig ich Euch einſt geliebt. Die Zeit hat meine Leidenſchaft geläutert, meine Neigung verklärt, frei von jedem irdiſchem Wunſch darf ich heute laut vor Euch bekennen, was ich ſorgſam ſcheu vor aller Welt verbarg. — Und in demſelben Sinne erwiedere ich Euer Geſtändniß, flüſterte Alice innig bewegt. Auch ich liebte Euch in jener ſchönen Zeit. Das Schickſal trennte uns und ich wurde die Gattin eines andern Mannes. Gott weiß es, wie thellet er mir wurde. Es war nicht jene berau⸗ ſchende Liebe, die mich zu Carbury zog, ſondern die höchſte Anerken⸗ nung der edlen, männlichen Natur in ihm. Lange Zeit kämpfte ich mit der Erinnerung an die Vergangenheit und an Euch, bis ich in der Erfüllung meiner Pflicht ein volles Genügen und meine Beruhi⸗ gung fand. Ich lernte meinen Gatten nicht nur achten, ſondern wirklich auch lieben, und bald war er mir das Theuerſte auf dieſer Welt.— Euch aber bewahrte ich die innigſte Theilnahme in meinem Herzen, eine Zuneigung, welche wie die Eurige, frei von jedem Wunſche, von jedem unerlaubten Wunſche, von jedem unlauteren Gedanken ge⸗ blieben iſt. — Und ſo wurde mir ein Glück zu Theil, das ich kaum mehr gehofft. Ihr habt mir den Glauben an die beſſere Natur der Frauen wiedergegeben; in Euch lernte ich die heilige Weiblichkeit verehren und achten, die ich für ein eitel Hirngeſpinſt einſt hielt. Wohl darf ich Euch geſtehen, daß es eine Zeit in meinem Leben gegeben hat, wo ich ernſtlich glauben konnte, daß die Frau, aus ſchlechterem Stoff gebildet, eine niedre Schöpfung ſei. — Wie beklag ich Euch darum und was müßt Ihr grade dabei gelitten haben; denn dem Mann, welcher den Glauben an die edle Natur des Weibes verloren hat, blüht kein Glück auf dieſer Erde. Der Schöpfer hat uns zwar die Schwäche zum Erbtheil gegeben, aber dafür auch die Milde in das Herz gepflanzt. Wenn Eva die Menſch⸗ —— 1 ————— — 496— heit um ein Paradies gebracht hat, ſo ward uns durch ein anderes Weib der Erlöſer und das Heil der Welt gegeben. — Ihr hadt mein eigenes Schickſal mit Euren Worten bezeichnet. Auch ich beſaß einſt ein Weib, welches der Eltermutter Eva glich. Sie hat das Paradies meines ehelichen Glückes zerſtört, ich habe ihr verziehen, wie einſt Adam ſeinem Weib, der großen Sünderin, vergab. Nun aber iſt mir eine andere Frau erſchienen, welche frei von allen Schwächen ihres Geſchlechtes ſich hoch emporſchwingt über dieſe niedere Welt und mich mit ſich von der Erde zum Himmel führt. Schon fühle ich ihren beſeligenden Einfluß, wie ſie trotz meiner Blindheit meinen Geiſt mit Licht erfüllt, durch Sanftmuth und Duldung mich läutert und mit der Welt verſöhnt, durch ihre ächte und wahre Frömmigkeit mir ein Vorbild wird und mir mein ſchweres Geſchick ertragen hilft. Durch ihre Theilnahme und feines Verſtändniß mein Werk fördert, das ſicher ohne ihre Anregung nie zur Vollendung gelangt ſein würde. Ein ſolches Weib giebt mir das verlorne Paradies zurück und ich preiſe die Güte des Herrn, der mir, wenn auch ſpät, eine ſo große Gnade er⸗ wieſen und mir die wahre und hohe Natur der Frau offenbart hat. Der blinde Dichter fühlte einen leiſen, keuſchen Kuß auf ſeinen Lippen, ehe er jedoch denſelben erwiedern konnte, war ſeine Muſe verſchwunden. 9. So wurde Milton der Poeſie zurückgegeben; nichts deſto weniger aber glühte ſeine Seele noch immer für die Freiheit ſeines Vaterlandes, welche jetzt ernſtlicher, als je bedroht war. General Monk, in deſſen Händen die Enſcheidung lag, zögerte zwar noch, den letzten Schritt zu thun, aber alle Anzeichen deuteten auf den nahen Sturz der Republik. Mit tiefem Schmerze ſah Milton ſeine geträumten Ideale ſchwinden und die Fortſchritte einer zügelloſen Reaction, welche täglich mehr und mehr um ſich griff. Aber noch gab er die ihm heilige Sache nicht verloren; wie er mit Cromwell einſt geſprochen, ſo wollte er auch mit Monk jetzt reden und dieſen an ſeine Pflicht mahnen. Der blinde —— — 497— Mann ließ ſich zu dem General geleiten, den er umgeben von den Stimmführern der verſchiedenſten Parteien fand. Alle drängten ſich um Monk, um auf ſeinen Entſchluß einen Einfluß auszuüben. Die ſtolzen Cavaliere in ſeidenen Kleidern und die prespyterianiſchen Geiſt⸗ lichen im ſchwarzen Genfer Rock belagerten ſein Ohr, alle Secten und Politiker ſuchten Zutritt zu erlangen und die Abſichten des Gene⸗ rals entweder zu erforſchen, oder dieſen eine beſtimmte Richtung zu geben. Immer offener trat die Geſinnungsloſigkeit der Menge hervor und während Milton in dem Vorzimmer wartete, mußte er ſehen, wie ihn alte Freunde und Bekannte jetzt ängſtlich mieden, da er ſeinen früheren Einfluß eingebüßt und die Strömung der öffentlichen Meinung dem Königthum günſtig war. Endlich wurde er vorgelaſſen. Der General empfing ihn in kalter, abgemeſſener Weiſe, mit der überlegenen Ruhe, welche der nüchterne Verſtand vor der genialen Begeiſterung voraus hat. — Was bringt Ihr? fragte Monk, welcher kein Freund von vielen Reden war. — Die Sorge um das Vaterland führt mich zu Euch; ſein Schick⸗ ſal ruht in Eurer Hand. Zu keiner Zeit wohl ward einem einzelnen Manne ſo viel anvertraut als Euch, General! Von Eurem Entſchluſſe hängt das Wohl, oder das Wehe Englands ab. Ein ganzes Volk blickt zu Euch empor und macht Euch verantwortlich für ſein Loos. Die Weltgeſchichte ſteht mit erhobenem Griffel da, um Euren Namen ihren Blättern einzuverleiben zum Segen, oder zum Fluche der kom⸗ menden Tage. — Zur Sache! Wer hat Euch geſandt? — Wer mich abgeſchickt hat? Die Liebe zur Freiheit und der Ruf des Geiſtes. Wie der Herr einſt Propheten in Iſrael erweckt hat, wenn ſein Volk ſich in Gefahr befand, ſo läßt er auch heute noch Männer aufſtehen, welche ungeſcheut die Wahrheit verkünden. — Es geſchehen keine Wunder mehr, entgegnete ſpöttiſch der General. — Und doch ſtrafen die jüngſten Ereigniſſe Eure Worte Lüge. Iſt nicht ein Wunder vor unſern eigenen Augen geſchehen? Vor dem gewaltigen Willen des Volkes iſt ein Thron geſtürzt und das geſalbte Haupt eines Königs gefallen. Ein Mann aus niederem Stande hat D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 3² — ——— — 498— ſich zum Herrſcher von England erhoben und in dem Augenblick, wo er ſeine Hand nach der Krone ſchon ausſtreckte, ereilte ihn der Tod. Seid Ihr nicht ſelbſt durch ein Wunder zu Eurer jetzigen Stellung gelangt, wo Ihr über das Geſchick dreier Königreiche die Entſchei⸗ dung habt? — Und was iſt Eure Anſicht, Euer Wunſch? Was rathet Ihr mir zu thun? — Die Republik zu erhalten und vor ihren Gegnern zu beſchützen; die Freiheit, welche mit Strömen theuren Blutes erkauft worden iſt, der Nation zu bewahren. — Fragt das Volk nur, ob es die Freiheit will und Euch ſelbſt, ob die Menge reif für die Freiheit iſt? — Die Freiheit iſt nach meiner Meinung kein Gnadengeſchenk, welche erſt erbeten und erworben werden muß, ſondern ein angebornes Recht des einzelnen Menſchen, wie eines geſammten Volkes. Ich will nicht leugnen, daß dieſes Recht gemißbraucht werden und in Anarchie ausarten kann; darum verlange ich, daß Geſetze und wlh Inſtitutio⸗ nen den Mißbrauch abwenden. — Und wer ſoll dieſe Geſetze geben? — Eine Verſammlung der beſten Männer, welche aus der freien Wahl des Volkes hervorgehen. — Dann erhalten wir ein Parlement, wie das des elenden Barebone war. — Allerdings, wenn man das Wahlrecht Allen ohne Ausnahme geſtattet, ſo würde nicht die Vernunft und die Autorität, ſondern nur die Unordnung und die Gemeinheit zur Herrſchaft gelangen. Wer möchte auch das Wohl der Republik ſolchen Leuten anvertrauen, denen Niemand die Verwaltung ſeines Vermögens überlaſſen würde? Wer könnte den Staatsſchatz denen ruhig übergeben, welche ihr eigenes Gut auf's Schändlichſte verſchleudert und verſchwendet haben? Sollen die⸗ jenigen etwa den Beutel des Volkes verwalten, welche ihn bald zu dem Ihrigen machen würden? Sind diejenigen zu Geſetzgebern einer Nation berufen, welche nicht einmal wiſſen, was Geſetz und Vernunft, was Recht oder Unrecht, erlaubt oder unerlaubt iſt; Menſchen, welche glauben, daß die Macht in Gewaltthätigkeiten, die Würde in Rück⸗ ſichtsloſigkeit beſtehen; welche ſich über Alles hinwegſetzen, um der Verderbtheit ihrer Freunde, oder der eigenen Rachſucht zu genügen; die ihre Verwandten, oder Kreaturen durch das ganze Land verbreiten, um willkürliche Steuern aufzulegen und die Güter Anderen zu confisciren. Grade die niedrigſten Leute dieſes Schlages ſieht man in ſolchen Zeiten aus ihrem Elend und den Lumpen zu dem unverſchämteſten Glücke emporſteigen. Nein, wir dürfen nicht den Hauptleuten einer Räuber⸗ bande unſere Freiheit anvertrauen, ſondern würdigeren Perſonen, welche von anerkannten Ehrenmännern gewählt, uns eine Garantie bieten, ſo weit dies überhaupt möglich iſt. Monk ſchwieg und verrieth in ſeinen eiſigen Mienen auch nicht das geringſte Zeichen der Theilnahme, dennoch fuhr Milton fort mit Begeiſterung die Freiheit zu vertheidigen. Um die Republik zu retten, war ihm kein Opfer zu groß. Im Voraus begegnete er allen mög⸗ lichen Einwänden und entſchloß ſich ſogar zu ſolchen Conceſſionen, welche ihm ſpäter von ſeinen Parteigenoſſen verargt wurden und um derentwillen er von ihnen vielfache Angriffe erdulden mußte. Er ließ, wie wir geſehen, das allgemeine Wahlrecht fallen; die Mitglieder des Senats, der bei ihm die Stelle des Parlaments vertrat, ſollten auf Lebenszeit gewählt, nur von Zeit zu Zeit eine gewiſſe Anzahl derſelben ausſcheiden und durch neue Wahlen erſetzt werden. Dagegen verlangte er Gewiſſensfreiheit für Alle, welche die Bibel als das Fundament ihres Glaubens anerkannten. Entſchieden verwarf er das Haus der Lords, indem er dabei auf den Einfluß des großen Grund⸗ beſitzers hinwies und ſchon damals ein Hauptgebrechen der engliſchen Verfaſſung hervorhob, woran noch gegenwärtig das Land krankt. So ſuchte er nicht nur als ideeller Schwärmer, ſondern als praktiſcher Staatsmann der Republik ſelbſt in dem Augenblicke noch Dienſte zu leiſten, wo ſie bereits im Erlöſchen war und ihren Freunden keine geringe Gefahr drohte. Ungeſcheut erhob er ſeine Stimme vor Monk und vertheidigte mit männlicher Beredſamkeit die Staatsform, welche ſtets das Ziel ſeiner Wünſche und Träume blieb. — Wenn die alte Regierung, rief er am Schluß ſeiner Unter⸗ redung, auch wiederkehren ſollte, ſo dürfte ſie keinen langen Beſtand haben. Von Neuem werden wir nur um das kämpfen müſſen, um was wir jetzt gekämpft, ohne jemals dasſelbe Ziel zu erlangen, welches wir bereits erreicht hatten. Wir werden nur die Schlachten verlieren, 32* — 500— die wir früher ſchon gewonnen und Gott wird nicht mehr unſere heißen, aber vergeblichen Gebete hören. Verächtlicher wie der Straßen⸗ ſchmutz wird das vergoſſene Blut ſo vieler treuen und frommen Eng⸗ länder ſein, welche die Freiheit ihres Vaterlandes um den Preis des eigenen Lebens erkauften. Dennoch wird ſie ſiegen und über die Tyrannei endlich triumphiren, denn ſie läßt ſich nicht für immer ver⸗ nichten, wenn ſie auch zu Zeiten ſchlummert. Aus ihrem Sarge wird ſie auferſtehen und mit ihrem gewaltigen Ruf das Volk und einſt die ganze Welt erwecken. Der General blieb nach, wie vor für dieſe prophetiſche Sprache, welche kaum zwanzig Jahre ſpäter unter Jakob dem Zweiten in Er⸗ füllung gehen ſollte, vollkommen verſchloſſen. Monk fehlte das Ver⸗ ſtändniß dafür und der Blick des Genius in die Zukunft. Sein nüchterner Verſtand hatte es nur mit der nächſten Gegenwart zu thun. Die Worte Miltons machten keinen Eindruck auf ihn und ohne ſich und ſeine wahre Abſichten zu verrathen, entließ er ihn. Wenige Tage ſpäter erklärte ſich der General und das Parlament für Karl den Zweiten. Das Volk nahm dieſe Nachricht mit Billi⸗ gung, ſogar mit großer Freude auf. Müde der Kriege, des Bürger⸗ kampfes, der Militärgewalt und der Herrſchaft der Generäle ſah es in einem Könige die einzige Rettung und die Rückkehr zu geordneten und friedlichen Zuſtänden. Der Umſchwung der öffentlichen Meinung gab ſich in überraſchender Weiſe bei dem Einzuge Karls in London kund. Ein unendlicher Jubel begrüßte ihn von allen Seiten, die Straßen waren mit Blumen beſtreut und alle Häuſer feſtlich geſchmückt. Karl ritt an der Seite ſeines finſtern Bruders, des Georgs von York. Freundlich grüßte er jetzt dasſelbe Volk, welches vor wenigen Jahren ſeinen Vater zum Tode verurtheilt und dasſelbe Geſchick ihm zugedacht hatte. Der muntere, joviale König ſcherzte und lachte mit ſeinen Begleitern und Freunden, unter denen beſonders der lüderliche Bucking⸗ ham durch frechen Witz und äußere Schönheit hervorragte. So gelangte Karl nach dem Palaſt, umgeben von einem glänzenden Gefolge und von der Menge, die ſich den Ausbrüchen einer lauten Freude überließ. Von allen Seiten ſtrömten jetzt ſeine Anhänger herbei und ſchaarten ſich um ihn, aber auch ſeine früheren Gegner verließen ihre Partei und gingen haufenweiſe zu ihm über. Jetzt begann jenes — — —— — — 504— erbärmliche Schauſpiel, welches bei keiner Reſtauration zu fehlen pflegt. Viele Anhänger der Republik und ſo mancher Puritaner warfen die Maske fort, welche ſie ſo lange nur trugen, als ihr Vortheil es erfor⸗ derte, und ſchloſſen ſich dem Hofe an. Grade die lauteſten Demokraten wurden mit einem Male die glühendſten Anhänger des Königthums und verfolgten ihre einſtigen Freunde und Genoſſen. Nicht nur Leute wie Billy Green, ſondern weit höher geſtellte Perſonen verriethen ihre Erbärmlichkeit und die Gemeinheit ihrer Geſinnung. Der Dichter Waller überreichte dem König ein Ode, in der er Karl's glückliche Rückkehr in derſelben übertriebenen Weiſe feierte, wie er noch vor Kurzem Cromwell angeſungen hatte. — Wißt Ihr auch, ſagte der heitere König, daß Euer Gedicht auf den Protector mir weit beſſer ſcheint. — Natürlich, Sire! erwiederte der geſinnungsloſe Dichter, ohne ſich aus der Faſſung bringen zu laſſen. Eure Majeſtät wiſſen wohl, daß den Poeten die Fabel immer beſſer, wie die Wahrheit gelingt. Karl lächelte, und von der Stunde an wurde Waller in den Kreis jener ausſchweifenden Höflinge aufgenommen, welche ſich durch ihre Laſter und Sittenloſigkeit einen dauernden, doch nicht beneidenswerthen Namen in der engliſchen Geſchichte erworben haben. In kurzer Zeit war der Palaſt von St. James ein Tummelplatz der Zügelloſigkeit und bodenloſer Lüderlichkeit. Hier wurden die berühmten Orgien ge⸗ feiert, zu denen nur die Vertrauten des Königs Zutritt hatten. Galante Frauen, wie die ſpätere Herzogin von Kleveland, die abenteuerliche Nichte Mazarin's, die geiſtreiche, aber tiefgeſunkene Schauſpielerin Nelly Gwin gaben den Ton an; mit ihnen wetteiferten die bekannte⸗ ſten Wollüſtlinge. Hier herrſchte ein Benehmen, das jedem Anſtande und jeder Sitte Hohn ſprach; der Witz kehrte ſich gegen alles Heilige, und je verworfener ein Mann war, deſto größer war ſein geſellſchaftlicher Ruf. Damals erſchienen zuerſt jene frivolen Roue's, welche mit ih⸗ ren Laſtern prahlten, und die Gemeinheit zu einem Verdienſte ſtem⸗ pelten. Die Literatur ſelbſt wurde demoraliſirt, und zur Kupplerin jeder niederen Begierde. Von der Bühne herab wurde die Unmoral gelehrt, und die ſchamloſeſten Zweideutigkeiten gerade in den Mund der weiblichen Schauſpieler gelegt. Dieſe Sucht nach Vergnügen und Zerſtreuung ſchloß keineswegs die grauſamſte Verfolgungswuth aus. — 302— Die ſiegreiche Partei der Reaktion kannte weder Maß, noch Ziel. Der König ſelbſt war keineswegs ſo blutdürſtig, aber ſeine Umgebung drängte ihn zu einer Reihe von Thaten, welche ſeiner urſprünglich indifferenten Natur widerſprachen. Die Richter ſeines Vaters wurden zum Tode verurtheilt und unter furchtbaren Martern hingerichtet. Selbſt das Grab verlieh keinen Schutz, und über den Tod hinaus erſtreckte ſich die Rache der Cavaliere. Die Leichen Cromwell's und Ireton's, ſogar der Körper der ſchuldloſen und edlen Lady Claypole wurden aus der Gruft geriſſen und an den Galgen gehängt. Allen Anhängern der Republik drohte Tod, Gefängniß, oder Verbannung. Unter dieſen nahm Milton eine zu bedeutende Stellung ein, um un⸗ bemerkt zu bleiben. Seine Freunde waren für ſein Leben beſorgt, und riethen ihm, ſich verborgen zu halten, bis ſich der erſte Sturm gelegt haben würde. Um die Verfolger zu täuſchen, ſprengten ſie ſogar das Gerücht von ſeinem Tode aus. Während er in der Woh⸗ nung Alicen's eine ſtille und ſichere Zuflucht fand, wurde aus ſeinem Hauſe ein Sarg auf den benachbarten Kirchhof getragen, begleitet von einem kleinen Leichengefolge. Durch dieſe Liſt war er wenigſtens für den Augenblick gerettet. — Ich wollte, ſagte der Dichter während dieſes ſcheinbaren Be⸗ gräbniſſes, daß ich wirklich todt wäre und begraben würde. Das Leben hat für mich keinen Werth mehr, ſeitdem ich den Untergang der Freiheit und dieſe allgemeine Verderbtheit beklagen muß. — Warum ſo düſter? entgegnete Alice an ſeiner Seite. Dem Tode folgt die Auferſtehung. Man begräbt heute nur den Politiker Milton, während der Dichter in Euch ſeine Auferſtehung feiert. Ihr beſitzt den größten Troſt in Eurer Poeſie, die Euch über jedes irdi⸗ ſche Bedrängniß emporhebt. Ihr hättet ſie nie verlaſſen, nie Euch in das Treiben der Parteien ſtürzen ſollen; es ſtände jetzt beſſer um Euch. — Nein, nein! Ich that nur, wozu der Geiſt mich trieb, und werde nie bedauern, daß ich muthvoll für die Freiheit der Familie, des Gewiſſens und des Gedankens meine Stimme erſchallen ließ. Der wahre Dichter darf ſich nicht der Welt und den Anforderungen ent⸗ ziehen, welche das Vaterland und das Leben an ihn machen. Er iſt Poet und Prophet zugleich, ein Seher und Mahner, der im Dienſt — 503— der Wahrheit ſteht. Das Leben und die Kunſt müſſen ſich in ihm durchdringen, und nur, wenn er der Menſchheit dient, an ihren Käm⸗ pfen Antheil nimmt, die Löſung der großen Zeitfragen ungeſcheut verſucht, und ohne Furcht ſeiner Ueberzeugung folgt, verdient er den Namen eines Dichters. 10. So war Milton ein Todter für die Welt, aber in ſeinem In⸗ nern feierte er, wie Alice ihm vorhergeſagt, das Auferſtehungs⸗ feſt der Poeſie. In ſicherer Abgeſchiedenheit dichtete er an ſeinem „perlorenen Paradieſe“, den großen Kampf des Lichtes mit der Fin⸗ ſterniß, der Wahrheit mit der Lüge. Nur von Zeit zu Zeit erhielt er durch ſeine Freunde Nachricht von der Außenwelt. Das Parla⸗ ment ließ ſeine„Vertheidigung des engliſchen Volkes“ öffentlich durch Henkershand verbrennen. Auch dieſer Schmerz wurde ihm nicht er⸗ ſpart. Seine Geſundheit begann jedoch unter ſo vielen traurigen Ein⸗ drücken zu leiden, und die ſelbſtgewählte Einſamkeit wirkte entſchieden nachtheilig auf ſeinen Körper. Allmählig ſicherer geworden, verließ er ſein Aſyl, und irrte in den Dunkelſtunden durch die Straßen der Stadt. So oft er ausging, bemerkte er einen Schatten, der ihm leiſe nachſchlich, und ihn zu beobachten ſchien. Er achtete nicht darauf, denn das Leben hatte allen Werth für ihn verloren. Längere Zeit hatte er den Anblick ſeiner verlaſſenen Töchter vermißt; er ſehnte ſich nach ihnen, und begab ſich gegen den Rath Alicen's in ſeine frühere Woh⸗ nung, um ſeine Kinder zu ſehen, welche unter der Aufſicht und Pflege ſeiner Schweſtern lebten. Nachdem er ſie nun flüchtig begrüßt, ver⸗ ließ er das Haus, um ſich in ſein ſicheres Aſyl zurückzubegeben. Als er aus der Thüre trat, ſah er ſich von Bewaffneten umringt, welche unter Leitung Billy Green's ihm auflauerten. — Ihr ſeid mein Geſangener! rief der ehemalige Spion Crom⸗ well's, der dieſelben Dienſte der jetzigen Regierung leiſtete. Die Gefangennehmung Milton's verbreitete ſich ſchnell, und ſeine Freunde ſchwebten in keiner geringen Beſorgniß wegen ſeines Lebens. — 504— Alice eilte in den Palaſt, um ihr Fürwort für den unglücklichen Dich⸗ ter einzulegen. Vergebens forderte ſie Einlaß; der König war mit ſeinen Günſtlingen zu Tiſch, und hatte jede Störung ſeines Vergnü⸗ gens ſtreng verboten. Umſonſt berief ſich die edle Frau auf ihre An⸗ hänglichkeit und die großen Opfer, die ſie der Sache des Königthums gebracht; der Kämmerer hatte den Befehl, ſie abzuweiſen. Karl der Zweite beſaß kein Gedächtniß für die treuen Dienſte ſeiner Anhänger, die ſich häufig über ſeine Undankbarkeit zu beſchweren hatten. Alice war jedoch feſt entſchloſſen, nicht zu weichen, bis ſie den König ſelbſt geſprochen und die Begnadigung Milton's von ihm erlangt haben würde. Während ſie im Vorzimmer beharrlich wartete, erſchien der Dichter Davenant, um ſich in das Zimmer des Königs zu begeben, zu deſſen Zechgenoſſen der Ausgelaſſene gehörte. Alice eilte, ohne ihn zu kennen, auf ihn zu. Bei ihrer Annäherung blieb Davenant un⸗ willkürlich ſtehen. — Verzeiht, wenn ich Euch aufhalte, und einen großen Dienſt von Euch verlange. — Verlangt, edle Dame, Alles, was Ihr wollt, nur kein Geld von mir. 3 — Ich muß den König ſprechen, und Ihr ſollt mir dazu be⸗ hülflich ſein. — Das wird ſchwerlich gehen; denn wenn Seine Majeſtät bei Tiſche ſitzt und der Becher vor ihm ſteht, läßt er ſich nicht ſtören, und käme ſelbſt ein Engel aus dem Paradieſe. Ich gebe Euch den Rath, kommt lieber zu einer andern Zeit. — Die Angelegenheit duldet keinen Aufſchub. Es handelt ſich um die Begnadigung eines edlen, hochherzigen Mannes, der überdieß noch das Unglück hat, blind zu ſein. — Doch nicht Freund Milton? fragte er aufhorchend. Wenn das der Fall ſein ſollte, ſo will ich ſelbſt mit dem Könige reden, und ich will nicht Davenant heißen, wenn er nicht begnadigt wird. — Ihr ſeid ein Freund Milton's? — Das will ich meinen, obgleich wir einander ſo wenig ähnlich ſind, wie der Adler dem lockeren Zeiſig. Er iſt Republikaner und ich Royaliſt; er ein Schwärmer für das Ideal und ich für die Wirk⸗ lichkeit, er trinkt Waſſer und ich Wein, er liebt die Muſen und ich — 505— die ſchönen Mädchen, wo ich ſie finde; das ſoll mich indeß nicht ab⸗ halten, dasſelbe für ihn zu thun, was er für mich gethan. Er hat mir einmal ein höchſt unangenehmes Gefühl erſpart, als noch der alte Satan Cromwell lebte. Seine Hoheit wollte mich nämlich hängen laſſen, und meinem Freunde Milton habe ich mein Leben zu verdanken. — O, ſo eilt und rettet ihn. — Das verſteht ſich ganz von ſelbſt, und wenn Seine Majeſtät mir dieſen kleinen Gefallen abſchlagen ſollte; ſo ſchwöre ich Euch, Madame, daß ich mich ſelber aus Verzweiflung aufhänge, obgleich ich im höchſten Grade kitzlich bin. Doch dahin läßt es der König nicht kommen. Ich kenne ihn zu gut, er kann keinem Menſchen etwas abſchlagen, und am wenigſten einem Freunde, wie mir, der ihm die Zeit vertreiben hilft. Wartet nur hier, edle Dame, bis ich zurück⸗ kehre, und ich will ein Schurke ſein, wenn Freund Milton nicht noch heute Abend frei wird. Mit dieſen tröſtlichen Worten eilte der leichtſinnige Davenant in den anſtoßenden Saal, aus deſſen geöffneter Thür der Jubel eines luſtigen Zechgelages der zurückbleibenden Alice entgegenſchallte. Der König ſaß mitten unter ſeinen Trinkgenoſſen an einer reichbeſetzten Tafel. Die ſchöne Nelly Gwin ſchenkte ihm den Becher voll, wäh⸗ rend der übermüthige Buckingham einen ſeiner gewöhnlichen Späße zum Beſten gab, und den würdigen Präſidenten des Staatsraths, Lord Clarendon, zum Ergötzen ſeines hohen Gönners getreu kopirte, wobei er die pedantiſchen Manieren und das Benehmen des verdienſt⸗ vollen Miniſters in der lächerlichſten Weiſe nachahmte. — Vortrefflich! rief Karl, Clarendon, wie er leibt und lebt, nur die große Allongeperücke fehlt. — Eure Majeſtät! ſprach Buckingham ganz im Tone ſeiner an⸗ genommenen Rolle Clarendon's, haben die hohe Aufgabe, Ihr Volk glücklich zu machen. Zu dieſem Behufe müſſen ſie vor allen Dingen die biſchöfliche Kirche ehren und ſich eines frommen und gottgefälligen Lebenswandels befleißigen. Sie ſollen ein leuchtendes Beiſpiel Ihren Unterthanen ſein, und die Sittlichkeit beſonders hochachten. — Thun wir das nicht? fragte der König lachend, indem er auf die friſchen Lippen Nelly Gwin's einen heißen Kuß drückte. “ — 506— Item haben Eure Majeſtät die Aufgabe, durch weiſe Sparſamkeit und muſterhafte Wirthſchaft dem ohnehin erſchöpften Staatsſchatz auf⸗ zuhelfen. Auch halte ich es für meine Pflicht, Sie vor jenen lüder⸗ lichen Geſellen zu warnen, welche leider nur zu oft in der Geſell⸗ ſchaft meines hohen Gebieters geſehen werden, als da ſind der aus⸗ ſchweifende Rocheſter, der im Sumpf des Laſters watet, ferner der Franzoſe Grammont, ein unverbeſſerlicher Taugenichts. — Und vor Allem der Herzog von Buckingham, rief der Dichter Waller dazwiſchen, ein Mann ohne Treue und Glauben, der jeder Schürze auf der Straße nachläuft und vor dem kein Weib in den drei Königreichen ſicher iſt, das Vorbild der Lüderlichkeit, ein Koloß der Ausſchweifung, ein wahrer Abſchaum der Menſchheit. — Immer beſſer, lachte Karl, welcher an derartigen Späßen und Wortgefechten ſeiner Geſellſchaft das höchſte Vergnügen fand. Es lebe Buckingham, der Unverbeſſerliche! — Es lebe Buckingham, der Unverbeſſerliche! rief der ganze Chor. Während der in ſolcher Weiſe Gefeierte ſeinen Dank in komiſchen Worten abſtattete, wobei er ſelbſt den König nicht ſchonte, trat Da⸗ venant in den Saal. — Hohol rief ihm Karl entgegen. Wo haſt du ſo lang geſteckt? — Ich wette bei irgend einer Dirne, ſagte Lord Rocheſter, ein bekannter Wüſtling. — Ich jage nicht gern in dem Park Seiner Herrlichkeit, entgeg⸗ nete der eben ſo witzige, als unverſchämte Dichter. Es könnte mir zuletzt ein Unglück da begegnen. — Dann ſeid Ihr in der Taverne Eurer Mutter geweſen und habt den geſtrigen Rauſch auf ihrem Bette ausgeſchlafen. — Ihr ſeid heut' im Errathen nicht glücklich. Es wäre gut, wenn Ihr Euren Witz zu einem Schleifer ſchicken wolltet. Die Spitze iſt ihm abhanden gekommen. — Dann geht es ihm grade wie Eurer Naſe. — Requiescat in pace, ſagte der gutgelaunte König. Davenant, du mußt dich verantworten, wo du ſo lange Zeit geblieben biſt. — In dem Vorzimmer Eurer Majeſtät, wo ich eine Dame ge⸗ ſprochen habe. — 507— — Eine Dame, die mit dir geſprochen hat, iſt mir ſtets ver⸗ dächtig.— 1 1 — Seht ſie ſelber und Ihr werdet anders urtheilen. Sie wartet im Vorzimmer und verlangt dringend vorgelaſſen zu werden. — Iſt ſie ſchön und jung? fragte der lüſterne König. — Sie beſitzt nicht mehr den Reiz der erſten Jugend, aber dafür jene Schönheit, welche unvergänglich iſt, weil ſie den ganzen Adel eines hohen Geiſtes zeigt. — Davenant iſt toll geworden, ſpottete Buckingham. Man muß ihn in ein Irrenhaus ſperren. Ich trage im Intereſſe der öffentlichen Sicherheit darauf an. — Still! gebot Karl der Zweite. Die geiſtige Schönheit Dave⸗ nant's fängt an mich zu intereſſiren. Und was will die platoniſche Dame von mir? — Die Begnadigung eines Angeklagten, die Befreiung eines Ge⸗ fangenen und ich vereine meine Bitten mit den ihrigen. — Gewiß eine Fürſprache für einen verwünſchten Rundkopf, be⸗ merkte Buckingham. Es iſt ein Unrecht, daß man Seine Majeſtät in den wichtigſten Stunden ſeines Lebens mit ſolchen Lumpereien be⸗ helligt. Man ſollte das ganze Geſindel auf einmal hängen, nur um Ruhe vor ihnen zu haben. — Buckingham hat diesmal Recht, ſagte der träge König. Ich will nicht geſtört werden und mag weder von Eurer Dame, noch von ihrem Schützling etwas wiſſen. Du langweilſt mich, Davenant! — Gut, entgegnete dieſer, dann will ich gehen und der Dame den gnädigen Beſcheid meines Herrn bringen, daß er für treue Dienſte kein Gedächtniß und für Freunde keine Ohren hat. — Ich ſehe ſchon, daß mir nichts übrig bleibt, als dich anzu⸗ hören. So ſage nur, um was es ſich handelt, aber mach' es kurz; du ſiehſt, daß unſere Zeit gemeſſen iſt. Wer iſt der Angeklagte, für den du dich ſo lebbaft verwendeſt. — Der Dichter Milton. Bei Nennung dieſes Namens entſtand in der Verſammlung ein Gemurmel. Das dunkelbraune Geſicht des Königs röthete ſich vor Un⸗ willen; er ſchien aus ſeiner Apathie erwacht. 3 J 1 ——— — 508— — Und dieſen Menſchen ſoll ich begnadigen? fragte erti ſtrengen Ton. Weißt du nicht, daß er meinen Vater noch im Grabe ge⸗ läſtert hat. — Er iſt Republikaner geweſen und hat nach ſeiner Ueberzeu⸗ gung gehandelt, wie ich nach der meinigen. Außerdem hat er mir das Leben gerettet, als ich in Dienſte Eurer hohen Mutter aus der Verban⸗ nung nach England kam. Ich bin noch in ſeiner Schuld und Eure Majeſtät haben mir Ihr königliches Wort gegeben, alle meine Schul⸗ den bei Ihrer Rückkehr zu bezahlen. — Du biſt ein Spitzbube, ſagte Karl bei dieſer witzigen Wen⸗ dung lachend. Aber, wie kommt es, daß dieſer Milton erſt jetzt in's Gefängniß gekommen in? — Seine Freunde haben ihn todt geſagt und einen leeren Sarg an ſeiner Stelle begraben laſſen, um ihn jeder Verfolgung zu entziehen. — Ein prächtiger Spaß! ſcherzte der König, den dieſe Erzählung ſogleich wieder in die heiterſte Laune verſetzte. Mit Todten hat die Gerechtigkeit nichts zu thun und im Grabe hört die Strafe auf. — Ich darf alſo auf die Begnadigung Miltons' rechnen. — Meinetwegen. — Und um Eurer Majeſtät alle Mühe zu erſparen, habe ich dieſe Zeilen aufgeſetzt, welche Sie nur zu unterſchreiben brauchen. Mit einem raſchen Federzug befahl Karl die Freilaſſung des Ge⸗ fangenen, wofür ihm Davenant auf das wärmſte dankte. — Doch, wie ſteht es mit deiner Dame? fragte der König, als Davenant ſich entfernen wollte, um Alice dieſe frohe Botſchaft mitzu⸗ theilen. Du haſt nicht einmal ihren Namen genannt. Gewiß iſt auch ſie eine ebenſo trotzige Republikanerin, wie dein Herr Milton, da ſie ſich für ſein Schickſal ſo lebhaft intereſſirt. — Fehlgeſchoſſen, Ew. Majeſtät. Die Dame iſt die treueſte An⸗ hängerin Ihres verſtorbenen Vaters geweſen, für den ihr Gatte das Leben ließ. Sie ſelbſt hat wie eine Heldin für die gute Sache ge⸗ kämpft und dabei den größten Theil ihrer Güter eingebüßt. Eine loyalere Frau giebt es nicht in ganz England, als Alice Carbury. Die Tochter des Lordpräſidenten von Wales, Thomas Egerton. — Dann halte ich für meine Pflicht, ſie zu ſehen. Man macht mir ohnehin den Vorwurf, daß ich meine alten Freunde vernachläſſige, — —.,— —, — 509— aber weiß Gott, ſeit ich König geworden bin, habe ich ſo diele älte Freunde meiner Familie gefunden, daß ich ihren Anſprüchen nicht ge⸗ nügen könnte, wenn ich auch alles Geld der beiden Indien in meinem Staatsſchatz hätte. — Lady Alice zählt, ſo viel ich weiß, zu denjenigen Freunden, welche nichts verlangen als ein huldreiches Wort und ein freundliches Lächeln Eurer Majeſtät, was keine Koſten verurſacht. — Nun, man muß gegen Damen beſonders galant ſein, ſagte der König in einer Anwandlung ſeiner gutmüthigen, aber indifferenten Natur. Ich will ſie ſehen und ſprecheu, um ihr meine Achtung zu be⸗ zeigen. Sage ihr, daß ich ſie in meinem Cabinette erwarte, um ihr die Begnadigung ihres Schützlings ſelber anzuzeigen. Hier in dieſem Zimmer dürfte doch kein paſſender Ort ſein, um ihr eine Audienz zu ertheilen., Davenant eilte, um Alice von dem Willen des Königs in Kenntniß zu ſetzen. Ihr loyales Herz wurde bei dieſer Nachricht mit der größten Freude erfüllt; ſie hing an dem Königthum mit ſeltener Treue, mit einer faſt religiöſen Schwärmerei. — Alles ſteht gut, flüſterte ihr Davenant zu, doch der König will Euch ſelber ſprechen. — GCott ſegne ihn dafür, betete ſie aus übervollem Herzen. Karl der Zweite ging ihr einen Schritt entgegen; ſie wollte ihr Knie beugen, doch er hinderte ſie daran, nur den Kuß, den ſie auf ſeine Hand drückte, konnte er nicht wehren. Der König beſaß, trotzdem er nicht ſchön war, eine hinreißende und verführeriſche Liebenswürdig⸗ keit, welche ihm ſtets zu Gebote ſtand, wenn er wollte. Voll Men⸗ ſchenverachtung, obgleich wenig Monarchen ſo viele Beweiſe von treuer Aufopferung ihrer Unterthanen empfangen hatten, war er doch von Natur gutmüthig und im Umgange von gewinnender Leutſelig⸗ keit. In ſeinem Leichtſinn lag der Quell ſeiner Fehler und Tugenden, wenn eine gewiſſe träge Gutmüthigkeit und oberflächliche Gemüthlich⸗ keit dieſen Namen verdienten. Für jeden neuen Eindruck empfänglich, gewann die ungeheuchelte Verehrung und noch mehr die geiſtige Schönheit Alicen's, welche ſie trotz ihres vorgerückten Alters ſich be⸗ wahrt hatte, ſein Herz. 5 * Wie kommt es, fragte er im Verlauf der Audie 3, daß eine ſo treue Anhängerin des Königthums für einen der entſch edenſten und gefährlichſten Republikaner ſich verwendet? Dieſer Milton hat unſerer Sache mehr geſchadet, als ein Heer unſerer Feinde, und doch redet Ihr ihm das Wort. — Weil ich in ihm den Charakter und vor Allem den großen Genius achte, den ich den erſten Dichtern aller Zeiten gleich ſtellen möchte. — Gut! dann ſoll er am Leben bleiben und in unſere Dienſte treten. Wir lieben die Poeten und Davenant weiß, wie wir ſie auch zu belohnen wiſſen. — Ich zweifle, daß Milton ein ſo großmüthiges Anerbieten an⸗ nehmen wird, trotzdem ich nicht den edlen Sinn des hohen Gebers verkenne.. — Und warum ſollte ſich Euer Schützling weigern, eine Stelle an unſerem Hofe anzunehmen? Glaubt mir, Mylady, alle Menſchen ſind ohne Ausnahme käuflich, wenn man nur erſt den Preis kennt, für den ſie ſich losſchlagen.. Alice wagte nicht in ihrer Loyalität einen Grundſatz des Königs zu bekämpfen, den dieſer zur Richtſchnur ſeines Lebens machte, und der ſich auf die Erfahrung gründete, welche vorzugsweiſe in Zeiten einer Reſtauration ſich geltend macht, wo Apoſtaſie und Verkäuflich⸗ keit der Ueberzeugung zu den gewöhnlichſten Erſcheinungen des Tages gehört.— Am Schluſſe der gnädigen Audienz, während der das Wohlwollen Karl's für die edle Frau nur ſtieg, brachte er von freien Stücken das Geſpräch auf ihre Opfer für die Sache des Kö⸗ nigthums.. — Guer edler Gemahl iſt für uns gefallen, ſagte er freundlich, Ihr ſelbſt habt durch Confiscation Eurer Güter einen größeren Theil Eures Vermögens eingebüßt. Es iſt daher nur billig, wenn ich, ſo weit dies in meinen Kräften ſteht, Euch den zugefügten Schaden er⸗ ſetze. Das Schloß und die Herrſchaft Golden⸗Grove, welche während der Republik für den Staat eingezogen worden ſind, gehören Euch von Rechtswegen. Ich gebe ſie an Euch und Euren Sohne für immer zurück. — 511— — Das iſt zu viel, ſtammelte Alice überraſcht. Ich 8 um Gnade nicht für mich, ſondern für einen Andern zu bitten. — Dem König aber, ſagte Karl mit Würde, welche er nur ſelten anzunehmen für gut fand, geziemt es nicht, ſich mit dem Gute der Wittwen und Waiſen zu bereichern. Geht, Madame! und ſagt Eurem Republikaner, daß wir Fürſten nicht ſo ſchlecht ſind, wie er und Sei⸗ nesgleichen uns ſchildern. Nach dieſem Akt der Gerechtigkeit und Großmuth kehrte der König zu dem Gelage zurück, wo er bald berauſcht vom Weine und von den Küſſen der Maitreſſen dieſe Anwandlung ſeiner edleren Natur vergaß. 11. Doppelt erfreut eilte Alice in Begleitung Davenants nach dem Gefängniſſe Milton's, um demſelben ſeine Befreiung zu verkündigen. Sie fanden ihn in Geſellſchaft ſeiner älteſten Tochter Anna, welche die Erlaubniß erhalten hatte, von Zeit zu Zeit ihren Vater beſuchen zu dürfen. Er dictirte ihr ſo eben einen neuen Geſang ſeines„Ver⸗ lorenen Paradieſes“. Voll Begeiſterung bemerkte er nicht den Eintritt ſeiner Freunde, die ergriffen von dem erhabenen Schauſpiel ihn in ſeinem Werke nicht zu ſtören wagten. Im Gefängniſſe und unter den Schrecken eines ſchimpflichen Todes überließ er ſich ohne Furcht den Eingebungen ſeiner erhabenen Phantaſie. Eben war er an die Schilderung des erſten Elternpaares gelangt, das er in folgender Weiſe beſang: Zwei herrliche Geſtalten, aufrecht, ſchlank, Mit angeborener Würde, ſchienen hier Die Herrn in ihrer nackten Majeſtät; Aus ihren göttergleichen Zügen ſtrahlte Das Abbild ihres Schöpfers: Wahrheit, Weisheit Und reine, ſtrenge Frömmigkeit— zwar ſtreng, Jedoch in ächter Kinderfreiheit wurzelnd, Woher des Menſchen wahre Hoheit ſtammt. — 512— Nicht gleich erſchienen Beide an Geſchlecht: Für Kraft und Ueberlegung er gebildet, Für Milde ſie und holder Anmuth Reiz, Für Gott allein er, ſie für Gott in ihm. Sein kühner Blick, die ſchöne hohe Stirn Verkündeten den Herrſcher; männlich hing Von ſeinem Scheitel ihm das volle Haar Rings um die tiefen Schultern, tiefer nicht. Ihr floſſen gold'ne Locken, unverziert, Gleich einem Schleier auf die ſchlanke Hüfte und krümmten wie des Weinſtocks Ranken ſich In loſen Ringeln; Zeichen des Gehorſams, Der eben ſo gelind von ihm geheiſcht, Wie liebreich aufgenommen, und von ihr Mit Demuth, Folgſamkeit, beſcheid'nem Stolz In ſüßer Zärtlichkeit geleiſtet ward. Noch war kein Glied mit Heimlichkeit verhüllt, Noch gab's nicht falſche, ſchuldbewußte Scham Ob Werken der Natur, ehrloſe Ehre. O ſünd'ge Brut, wie elend machteſt du Die Menſchen durch der Reinheit leeren Schein, Wie ſcheuchteſt du des Lebens höchſtes Glück, Die Einfalt und der Unſchuld Kindlichkeit. Sie gingen nackend Hand in Hand und ſcheuten, Kein Arges denkend, weder Gottes, noch Der Engel Blick. Ein lieblicheres Paar Umſchlang ſich nie in liebender Umarmung. Er, Adam, aller Menſchenſöhne ſchönſter, Und Eva, ihrer Töchter holdeſte. Sie ſetzten ſich in eines Buſches Schatten, Der flüſternd ſtand auf grünem Raſenplatz, Nah einer Quelle. Nicht ermüdeter Von ihrer Gartenarbeit, als genügt, Den kühlen Zephir angenehmer, Ruh' Behaglicher zu machen, und die Luſt An Speiſ' und Trank zu wecken, pflückten ſie Zu ihrem Mahle Nektarfrüchte ſich Von den gefäll'gen Zweigen, hingelehnt —— — 563— 8½ Auf das mit Blumen buntgeſtickte Moos. 4 Das Fleiſch verzehren ſie und füllen dann Zum Trunk die Schale aus dem klaren Quell; Auch fehlte zärtlich Lächeln, muntrer Scherz Und jugendliches Koſen nicht, wie es So holdem Ehepaar, ſo einſam, ziemt. Rings um ſie ſpielte hüpfend das Gethier Der Erde, welches ſcheu und wild ſeitdem In Wald und Wildniß, Forſt und Schluchten jagt; Der Löwe ſchaukelte in ſeiner Klau' Ein Lämmchen; Tiger, Parder, Bär und Luchs Umſprangen ſie; der plumpe Elephant Mit dem gelenken Rüſſel gab ſich Müh Sie zu ergötzen; ſchmeichelnd flocht die Schlange Zum gordiſchen Knoten ihren glatten Schweif, Und lieferte Beweiſe, unbemerkt Von ihrer argen Liſt; im Graſe lag Ein Theil, geſättigt nun und wiederkäuend, Auf weichem Lager. Denn die Sonne ſank Jetzt eil'gen Laufs des Oceans Inſeln zu Und Sterne ſtiegen auf am Himmelszelt Des nahen Abends Vorverkündiger.— Erſt als Milton hier endete, gaben Alice und Davenant dem blinden Dichter ihre Anweſenheit zu erkennen. — Ihr ſeht, ſagte der Letztere, wie bald meine Worte in Er⸗ füllung gegangen ſind. Heute ſtatte ich Euch einen Gegenbeſuch im Gefängniſſe ab, um Euch Eure Begnadigung zu verkünden. — Dieſem wackern Herrn, fügte Alice hinzu, habt Ihr Eure Rettung zu verdanken. Der König, den Gott ſegnen möge, war überaus gnädig gegen Euch und mich. — Und es liegt nur an Euch, unterbrach ſie Davenant, ob Ihr wieder Staatsſecretär werden wollt. Seine Majeſtät ſchien ſehr ge⸗ neigt, Euch Euren alten Poſten wieder zu geben. An Eurer Stelle würde ich mich keinen Augenblick beſinnen. — Niemals, entgegnete Milton mit feierlichem Ernſte, werde ich mich zu einem derartigen Schritte entſchließen und meine Grundſätze D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 33 verleugnen; lieber will ich das trockne Brod der Armuth eſſen, als meiner Ueberzeugung untreu werden. — Pah! Man muß nicht ſo ſerupulös ſein. Seht Euch ein⸗ mal um, ich könnte Euch eine ganze Menge von Republikanern nen⸗ nen, die jetzt eben ſo gute Royaliſten geworden ſind. Glaubt mir, alter Freund, es lohnt ſich nicht, ſein Glück für eine Chimäre auf⸗ zuopfern; das erſte Geſetz iſt die Selbſterhaltung. — Ich ſollte meinen, die Selbſtachtung, entgegnete Milton, in⸗ dem er ſich bemühte, dem Geſpräch eine andere Wendung zu geben, wozu ihm Alice mit feinem Takt behülflich war. Milton zog ſeine ehrenvolle Armuth dem königlichen Anerbieten vor, und ſcheute nicht die Opfer, welche er ſich freiwillig auferlegte. Von nun an lebte er zurückgezogen in der Nähe von London auf dem Lande, lediglich mit der Ausarbeitung ſeines großen Epos beſchäftigt. Seine drei Töchter theilten nur ungern dieſe Einſamkeit. Sie hatten den Sinn ihrer verſtorbenen Mutter geerbt, und vergalten ſeine Zärtlichkeit mit ge⸗ geringer Liebe. Nur das jüngſte der Mädchen, Namens Deborah, machte eine Ausnahme, und hing an ihrem alten Vater mit mehr Neigung, als ihre widerſpenſtigen Schweſtern. Dieſe beklagten ſich bitter über die Tyrannei Milton's, der ſie im Lateiniſchen, Griechi⸗ ſchen und ſelbſt im Hebräiſchen unterrichtete, und ſich Stunden lang von ihnen vorleſen ließ. Sein Augenlicht war jetzt vollkommen erlo⸗ ſchen, und er bedurfte mehr als je einer Stütze, die er nicht in ſeinen undankbaren Töchtern fand. Im Einverſtändniſſe mit der Magd, be⸗ trogen ſie den blinden, hülfloſen Mann, indem ſie ohne ſein Wiſſen die koſtbaren Bücher ſeiner Bibliothek hinter ſeinem Rücken verkauften und die Rechnungen der ohnehin beſchränkten Haushaltung verfälſchten, wobei ſie das von ihm erpreßte Geld zu ihrem Vergnügen verwendeten. Auf dieſe Weiſe rächten ſie ſich für die Langeweile, welche ſie in ſei⸗ ner Geſellſchaft empfanden. Auch ſein bisheriger Schutzgeiſt ſollte ihn verlaſſen. Alice mußte auf ihre Beſitzungen zurückkehren, wo ihre Gegenwart dringend ge⸗ fordert wurde. Sie hielt es für ihre Pflicht, das Erbtheil ihres ein⸗ zigen Sohnes, der indeß herangewachſen war, vor dem Verfall zu bewahren, und das Schloß ſeiner Väter wieder herzuſtellen. So lange es irgend möglich war, ſchob ſie die Abreiſe auf, welche ihrem Freunde „ — 515— 4 die letzte Stütze raubte. Endlich kündete ſie ihm, tief bewegt, ihren Entſchluß an. — Ich muß nach meinen vernachläſſigten Beſitzungen ſehen, und das Erbe meines Kindes dieſem zu erhalten ſuchen. Nur ein Gedanke bekümmert mich, daß ich Euch hier zurücklaſſe. Ihr bedürft mehr, als je, der weiblichen Pflege und Fürſorge, woran es Eure Töchter fehlen laſſen. 4 — Ich ſoll den bitteren Kelch der Prüfung bis zum Grunde leeren, entgegnete Milton tief aufſeufzend. Meine Töchter gleichen den unnatürlichen Kindern Lear's. O, wie wahr hat der große Shake⸗ ſpeare den Schmerz eines gekränkten Vaters in ſeiner unſterblichen Tragödie geſchildert. Gott ſchütze mich vor Wahnſinn. 1 — Darum bin ich heute gekommen, um Euch einen Vorſchlag zu thun, der Euch aus meinem Munde vielleicht befremden wird. Ich habe lange Zeit mit mir gekämpft und einen andern Ausweg geſucht, aber keinen gefunden. Ihr müßt Euch wieder vermählen. — Und das rathet Ihr mir? fragte er vorwurfsvoll. — Ich weiß am beſten, wie ſchwer Euch dieſer Entſchluß aus mannichfachen Gründen fallen muß, aber die Nothwendigkeit wird Euch ſelber einleuchten. — Und welches Mädchen wird ſeine Hand einem alten blinden Mann, dem Vater dreier Töchter, reichen, der nicht einmal ſein Weib durch ein hinreichendes Vermögen für das von ihr gebrachte Opfer entſchädigen kann? — Ich kenne ein derartiges Mädchen, die Tochter eines würdigen Mannes, das ſeit längerer Zeit in meiner Nähe lebt, und meine Verehrung für Euch theilt. Sie ſelbſt hat mir ihre Liebe zu Euch geſtanden, und will trotz Eurer Blindheit Euch angehören. Aus mei⸗ nen Händen ſollt Ihr die Gattin empfangen, welche keinen andern Gedanken kennt, als Eure Tage zu verſüßen und Eure Stütze zu werden. Wenn Ihr einwilligt, und ich bin überzeugt, daß Ihr den Gründen der Vernunft Gehör ſchenken werdet, ſo ſollt Ihr noch heute Eure zukünftige Frau bei mir ſprechen. — Ihr wollt es, und ich werde mich Euren Wünſchen fügen, obgleich in meinem Herzen die Liebe für ein anderes Weib erſtor⸗ ben iſt. 33*½ 516— — Vergeſſen wir die Vergangenheit, welche für uns Beide un⸗ widerruflich iſt. Wir müſſen uns den Anforderungen des Lebens fügen. Ich werde ruhiger ſcheiden, wenn ich Euch unter der Obhut dieſes trefflichen Weſens zurücklaſſe. Milton würdigte das Opfer, welches Alice ihm ohne Murren brachte. Das Schickſal hatte Beide für immer geſchieden, und nur eine geiſtige Vereinigung ihnen geſtattet. In dem Hauſe Alicen's lernte er die ihm beſtimmte Gattin kennen. Mit weiblicher Hingebung und Selbſtverläugnung hatte das edle Mädchen den Entſchluß gefaßt, die letzten Tage des blinden Dichters zu verſüßen; frei von jeder Selbſtſucht brachte ſie ihre Jugend und eine heitere Zukunft ihm zum Opfer dar. Alice war ihre Freundin, und im täglichen Umgange hatte ſie ihre Liebe und Verehrung für Milton der jüngeren Freundin eingeflößt. Sie ſelbſt beſtärkte dieſelbe in ihrem Vorſatze. — Was kann es Schöneres für ein Weib geben, ſagte ſie, als den Genius auf ſeiner dornenvollen Laufbahn zu begleiten, ihn vor den Sorgen eines gewöhnlichen Lebens zu ſchützen und ihm anzuge⸗ hören. Wäre ich nicht Mutter und hätte ich nicht andere Pflichten zu erfüllen, ſo würde ich mit Freuden bei ihm geblieben ſein. So muß ich ihn verlaſſen, aber er bedarf der Stütze. Keinem andern Weibe als dir, mein Kind, gönne ich ſeine Nähe und Freundſchaft. — Und ich will ihm eine getreue Gefährtin ſein, das gelobe ich Euch. Es war ein erſchütternder Augenblick, als Alice dem blinden Dichter die Verlobte entgegenführte, alle Drei waren tief ergriffen. — Ich nehme das Opfer an, ſagte Milton zu dem weinenden Mädchen. Ach! ich bin ſo arm geworden, daß ich Euch nichts zu bieten vermag, nicht einmal meine Liebe, welche einem andern Weibe angehört. — Ich weiß es, entgegnete ſie, und doch bin ſtolz auf den Namen Eurer Gattin, denn ich verehre in Euch den erhabenſten Geiſt, den größten Dichter. Mein einziges Bedenken iſt nur, ob ich Euch mit meinen geringen Fähigkeiten genügen werde. Erſt jetzt fühle ich meinen ganzen Unwerth. — Nicht das Wiſſen, ſondern die Liebe macht reich, ſagte Alice, indem ſie die Hand des Mädchens in die des Dichters legte. — 517— — Gott ſegne Euch, fügte ſie unter Thränen hinzu. Ich werde auch in der Ferne bei Euch ſein. Mit einer ſchmerzlichen Umarmung ſchied ſie ſtill weinend von dem Geliebten ihrer Jugend, beruhigt, da ſie ihm ein treues Weib gegeben, obgleich ihr Herz im Innern blutete. 12. Das Weib Milton's hielt, was ſie verſprochen und ward ihm eine Stütze. Der Friede kehrte in ſein Hausweſen zurück, nur ſeine unna⸗ türlichen Töchter verharrten in ihrem Widerſtand gegen ihren blinden Vater.— Von Neuem jedoch drohten ihm von Außen Gefahren und Verfolgungen, ſeine Feinde waren geſchäftig, ihm wieder Ungelegen⸗ heiten zu bereiten. Des Königs Bruder, der Herzog von York, der unter dem Namen Jacob der Zweite den Thron beſtieg und ſpäter durch ſeine Tyrannei die Krone verlor, wurde auf ihn aufmerkſam gemacht. Er beſtürmte Karl ſo lange mit ſeinen Bitten, bis ihm dieſer geſtattete, den blinden Dichter zu ſehen. Unerkannt begab er ſich 3 in Begleitung Sir Kenelm Digby's, mit dem er beſonders befreundet war, nach der Wohnung Milton's. Sie fanden ihn, ſeiner Gewohnheit nach, in einer offenen Laube, wie er ſo eben einem jungen Manne einen Brief an einen fernen Freund dietirte. Im Gebüſch verborgen, belauſchten ſie den Blinden. Trotz der doppelten Bürde des Alters und des Unglücks, hatten ſeine Züge nichts an dem geiſtigen Adel verloren, durch den ſie ſich auszeichneten. In langen Locken fiel ſein bereits grau gewordenes Haar bis zu den Schultern nieder, auf ſeiner hohen Stirn glänzte die Majeſtät des Geiſtes, und um ſeine feinen Lippen ſpielte ein ſchmerzliches Lächeln, der einzige Zeuge ſeiner Leiden⸗ die er mit männlicher Reſignation zu ertragen wußte. Seine Klei⸗ dung war höchſt einfach, aber reinlich, ein grauer, bequemer Hausrock bedeckte ſeine ſchlanke, ungebeugte Geſtalt. So ſaß er in dem kleinen Gärtchen, wo er meiſt während der ſchönen Jahreszeit zu verweilen pflegte. Die Herbſtſonne beleuchtete ſein würdiges Antlitz und ſchien eine Glorie über ſein Haupt auszugießen. Leiſe rauſchte der Wind —- — 518— durch das Weinlaub, das ſich um die Laube rankte. Einige verſpätete Blumen blühten in bunten Farben, während von Zeit zu Zeit ein gelbes Blatt herunterrieſelte. In dem Gipfel der Linde ließ ein Vogel ſein melancholiſches Lied ertönen, welches er der ſcheidenden Jahreszeit ſang. Das ganze war ein Bild des Friedens, vermiſcht mit einem Hauche ſanfter Wehmuth. Unwillkürlich flößte der Dichter, welcher in ſeinen Lehnſtuhl zurückgebogen dalag, den Beſuchern trotz der feindlichen Abſicht, in der ſie gekommen waren, ein Gefühl von Achtung und Bewunderung ein. — Ich habe mir dieſen Feind der Religion und des Königthums ganz anders vorgeſtellt, ſagte der finſtere Herzog von York zu ſeinem Begleiter.. — und doch, flüſterte dieſer, hat kein Mann in England unſerer heiligen Sache mehr Schaden zugefügt. Ihr kennt ſeine Schriften, welche den glühendſten Haß gegen den Katholicismus und den heiligen Vater in Rom athmen. Jacob, welcher in Frankreich zur katholiſchen Religion übergegangen und ein fanatiſcher Anhänger derſelben geworden war, wurde durch dieſe wohlberechnete Aeußerung Kenelm's von Neuem gereizt. Seine mildere Stimmung, der er ſich beim Anblicke Milton's nicht erweh⸗ ren konnte, wich der Verfolgungswuth. — Es wäre eine Schmach, wenn ein ſolcher Ketzer und Republi⸗ kaner unbeſtraft davon kommen ſollte. Doch zuvor will ich ihn ſelber ſprechen und mich an ſeinem wohlverdienten Unglück weiden. — Er verdient um ſo mehr ſein Geſchick, da er in Rom die glänzendſten Anerbietungen ausgeſchlagen hat, welche ihm von Seiten unſerer heiligen Kirche gemacht worden ſind. Ich ſelbſt habe mir. die größte Mühe gegeben und kein Mittel unverſucht gelaſſen. Schon glaubte ich ihn gewonnen zu haben, als er mir entkam und zum Dank mich beſchimpfte und verhöhnte. O, ich kann nicht ſagen, wie ich dieſen Menſchen haſſe, der mir überall hindernd in den Weg ge⸗ treten iſt. — Verlaßt Euch darauf, daß ich mich und Euch an ihm rächen will. Die Zeit iſt nicht mehr fern, wo ich offen mit meiner Ueberzeu⸗ gung hervortreten und unſere Feinde vernichten werde. — Ihr wolltet wirklich Euch vor aller Welt als Katholik be⸗ kennen? — Nur zu lange habe ich gezögert, aber Ihr ſelbſt und unſere römiſchen Freunde haben mir Vorſicht anempfohlen; doch der Augen⸗ blick iſt da, wo ich die läſtige Maske abwerfen darf. Unſere Herrſchaft ſteht ſo feſt, daß ſie nichts zu erſchüttern vermag. Auch mein Bruder Karl iſt im Geheim unſerer Kirche zugethan. Er ſelbſt hat jedoch noch Rückſichten zu nehmen, auch iſt ſein Geiſt zu flüchtiger Natur, um die hohe Aufgabe zu erfaſſen, die unſerem Hauſe zu Theil geworden. Ich dagegen bin feſt entſchloſſen, in dieſem Lande den Pro⸗ teſtantismus für immer zu beſeitigen. Das ſchwöre ich Euch, ſo bald ich zur Regierung gelange. — Dann iſt mein Tagewerk gethan und die Aufgabe meines Lebens erfüllt. Das unſchuldige Blut meines Vaters, der für ſeinen Glauben geſtorben iſt, wird verſöhnt und meine Rache iſt vollſtändig geſättigt. — Sie ſoll bei dieſem Ketzer beginnen. Kommt, ich will ihn an⸗ reden, doch, er ſoll nicht ſogleich erfahren, wer mit ihm ſpricht. Mit dieſen Worten näherte ſich der Herzog und ſein Begleiter dem Dichter, der bei ihrem Erſcheinen mit dem feinen Gehör der Blinden aufhorchte und ſich von ſeinem Stuhl erhob. — Wer iſt da? fragte er die Fremden. — Ein guter Freund, ſagte Sir Kenelm mit erheuchelter Zärt⸗ lichkeit. Ich wollte mir ſchon lange das Vergnügen machen, Euch in Eurer Einſamkeit aufzuſuchen. — Seid willkommen, Sir Digby, doch Ihr habt noch einen Ge⸗ fährten mitgebracht? — Es kann Euch nicht befremden, daß ein Bewunderer Eures Talents ſich mit mir verbunden hat, um Euch ſeine Verehrung zu bezeigen.. — Sir Kenelm ſpricht die Wahrheit, fügte der Herzog mit grim⸗ migem Lächeln hinzu. Schon längſt wollte ich den berühmten Dichter und Republikaner kennen lernen, der den Königen ewigen Haß ge⸗ ſchworen hat. — Nicht den Königen, ſondern nur den Tyrannen und ungerech⸗ ten Fürſten. — Außerdem ſeid Ihr ein Schild des Proteſtantismus und ein geſchworner Feind der römiſchen Kirche. Es lag ein gehäſſiger Ausdruck in dem Tone dieſer Worte, der Milton unwillkürlich auffallen mußte, um ſo mehr, da der Sprecher in Geſellſchaft Digby's gekommen war, deſſen Anhänglichkeit an Rom allgemein bekannt war. Aus dieſem Grunde vermied Milton anfäng⸗ lich jede Entgegnung. Bald aber begnügte ſich der Herzog mit dieſen verhüllten Angriffen nicht; er ſowohl wie Sir Kenelm traten immer mehr mit ihren wahren Geſinnungen hervor. — Ihr habt jetzt Euer Ziel erreicht, ſagte Digby höhniſch, Eure hochfliegenden Träume und Erwartungen ſind herrlich in Erfüllung ge⸗ gangen. Was iſt aus Euch und Eurer Republik geworden? Ein Kinderſpott, eine ſchmachvolle Erinnerung? Ihr ſeid ein Thor gewe⸗ ſen, geſteht es nur ein. Wahrlich, wenn ich an die Zeit denke, die wir in Rom gemeinſchaftlich verlebt, und damit die Gegenwart ver⸗ gleiche, ſo möchte ich faſt Mitleid mit Eurer Lage empfinden. Da⸗ mals lag die Welt zu Euren Füßen, Schönheit, Reichthum und Macht flogen Euch entgegen. Ihr brauchtet ja nur zuzugreifen. Warum ſeid Ihr nicht meinem Rathe gefolgt? Mit prophetiſchem Geiſte habe ich die Dinge geahnt, wie ſie kommen mußten. Statt der ſogenannten Freiheit, ſteht der Thron feſter, als je und in einigen Jahren, das läßt ſich mit Beſtimmtheit vorausſehen, kehrt ganz England zu dem Glauben ſeiner Väter zurück. 4 — Und Ihr könnt wirklich hoffen, meinen Muth zu beugen? fragte Milton. Wohl bin ich arm und elend, ein unglücklicher Mann, vom Schickſal ſchwer heimgeſucht, aber darum verzweifle ich nicht. Ich beſitze den Troſt, den Ihr mir nicht rauben könnt. Aus dem Schiff⸗ bruch des Lebens habe ich mir das Köſtlichſte gerettet, das Gefühl, mir ſelber treu geblieben zu ſein. Ich genieße das Bewußtſein, nie meine Ueberzeugung verleugnet zu haben. Wohl weiß ich, daß der Menſch nicht unfehlbar iſt, aber der Herr verzeiht dem Irrthum, wel⸗ cher aus dem Drang nach Wahrheit ſtammt. Gott wird mir ein milder Richter ſein. Jetzt ſitze ich hier wie Hiob, der den Himmel in die Hand des Verſuchers gegeben hat. Meine Häuſer ſind zuſammen⸗ geſtürzt, meine Gärten verwüſtet, die Kinder todt für mich; meine Feinde frohlocken und ſelbſt meine Freunde verſpotten mich; ich aber — 521— bleibe feſt wie er im Glauben. Darum wird mich auch der barm⸗ herzige Vater nicht verlaſſen, ſondern mich aufrichten in meiner Noth. — Ich glaube nur, daß Ihr noch nicht das ganze Maaß Eurer ſelbſtverſchuldeten Qualen erduldet habt, bemerkte der Herzog, er⸗ grimmt über dieſe Feſtigen⸗ welche Milton noch immer im Un⸗ glück zeigte. — Was könnte mich noch treffen? fragte dieſer. Seitdem ich blind geworden bin, fürchte ich nichts mehr. Der größte Verluſt, den ich beklage, iſt der meines Augenlichts. Blind ſein! o, daß iſt ſchlimmer als das Gefängniß, Armuth und die Hinfälligkeit des Al⸗ ters, denn der Blinde iſt zugleich gefangen, in ewiger Nacht begraben, ärmer wie der elendſte Bettler und hinfälliger wie der ſchwächſte Greis. Das erbärmlichſte Thier iſt beſſer daran, der Wurm kriecht im Staube, aber er ſieht, während ich im Dunkeln lebe. O Finſterniß! Finſterniß! Und ich weiß, daß die goldene Sonne jetzt am Himmel leuchtet. Unbezwingliche Finſterniß raubt mir jede Hoffnung, jede Freude. Ach warum iſt das edelſte der Güter einem ſolch' ſchwachen Werkzeug wie dem Auge anvertraut? So klagte der Dichter mit rührender Stimme über ſein Geſchick, ſelbſt Sir Kenelm wurde ergriffen, nur der Herzog kannte kein Mit⸗ leid. Mit jener angebornen Grauſamkeit weidete er ſich an den Qualen des Unglücklichen, welche er durch ſeine bittern Worte nur zu ſchärfen ſuchte. — und ſeht Ihr noch immer nicht, fragte er mit kaltem Hohn, daß in Eurer Blindheit nur die gerechte Strafe für Eure Thaten liegt? — Ich bin mir keiner Schuld bewußt, entgegnete Milton mit der Ruhe eines Gerechten. — Ihr vergeßt ganz und gar Eure Sünden gegen den verſtorbe⸗ nen König, deſſen Andenken ihr noch im Grabe geſchmäht habt. Ge⸗ ſteht Ihr nicht Eure Schuld ein? — Nein, denn ich habe nur nach meiner Ueberzeugung gehandelt. — Ihr wißt nicht, mit wem Ihr redet, flüſterte Sir Kenelm dem Dichter heimlich zu. Nehmt Euch in Acht, Eure unbedachten Worte können Euch noch das Leben koſten. — Ich fürchte keinen Menſchen, entgegnete Milton laut. — Auch mich nicht? fragte der Herzog. — 522— — Auch Euch nicht, mögt Ihr auch der König ſelber ſein. — Der bin ich nicht, antwortete Jakob mit gerunzelter Stirn, aber ſein Bruder, der Herzog von York. Nochmals wiederhole ich Euch, daß der Himmel nur gerecht iſt. Er hat Euch das Augenlicht geraubt, weil Ihr ein unverbeſſerlicher Republikaner meinen armen Vater, die hochſelige Majeſtät von England, noch nach ſeinem Tode beleidigt habt. Ihr verdient Euer Geſchick, die Rache des Himmels hat Euch ereilt. Milton erſchrack nicht über dieſen unerwarteten Beſuch, noch demüthigte er ſich vor dem mächtigſten ſeiner Feinde. Mit überlegenem Lächeln erhob er ſich von ſeinem Stuhl und begrüßte den Herzog ſich leicht vor ihm verneigend. — Wenn Eure königliche Hoheit, antwortete er, die Meinung haben, daß unſer Mißgeſchick ein unzweifelhaftes Zeugniß ablegt für den Zorn Gottes und uns nur um unſere Verbrechen trifft, was, Mylord, müßt Ihr da zu dem Tode Eures Vaters ſagen? Der Herzog erbleichte vor Wuth und Zorn, zwiſchen den gekniffenen Lippen eine furchtbare Drohung murmelnd, verließ er in ſtürmiſcher Aufregung den unbeugſamen Republikaner. — Bei dem blutigen Haupte meines Vaters! rief er im Abgehen. Das blinde Ungeheuer ſoll erfahren, daß es noch ein ſchlimmeres Loos giebt, als der Verluſt ſeiner Augen. Glühend vor Rachedurſt ſuchte er den König, ſeinen Bruder auf. Karl der Zweite luſtwandelte in ſeinem Park; mitten unter ſeinen Günſtlingen und überließ ſich ſeinem Lieblingsvergnügen, die Enten im Teiche von St. James zu füttern. Während die Thiere gierig nach den zugeworfenen Brocken ſchnappten, machte er allerlei witzige Bemerkungen über ihre Haſt und die Art und Weiſe, wie eine Ente die andere gefräßig zu verdrängen ſuchte. — Das ſind meine Paraſiten, ſagte der gutgelaunte König. Sieh nur Buckingham, wie ſich das Lumpenvolk um die Biſſen herumſchlägt. Wenn das ſo fortgeht, ſind bald meine Taſchen leer und ich ſelbſt behalte keinen Biſſen übrig. Das Geſindel frißt mich noch arm. Meinſt du nicht auch, Rocheſter? Wie ſie laut ſchreien; wahrſcheinlich erzählen ſie mir ihre Verdienſte um mich. Ich wette, dieſer alte Enterich iſt ein wackerer Cavalier, der gerechte Anſprüche auf meine — 523— königliche Dankbarkeit zu haben glaubt und die watſchelnde Frau Ente dort empfiehlt mir ſehr dringend ihre junge Brut zur Beförderung und Unterſtützung. Für heute ſind alle Gnaden ausgetheilt und ich bedaure für die Beſtien nichts mehr thun zu können. Die Höflinge ſtimmten in dieſe ſcherzhaften Ausfälle mit ein und belegten zum beſonderen Ergötzen des Königs die einzelnen Enten mit dem Namen bekannter Stellenjäger. Unterdeß war der Herzog näher gekommen. Als Karl ſeinen Bruder bemerkte, rief er ihm ſchon von Weitem freundlich zu. — Komm nur, Jakob, wir geben hier im Freien unſere Audienz und verleihen Gnaden und Pfründen und Orden an unſere getreuen Unterthanen zu Land und zu Waſſer. — Dann bitte ich Euch um eine Gnade, ſagte der Herzog. — Nun, auf ein Stück Brod für dich ſoll es mir nicht ankommen, obgleich es dir daran nicht fehlt, weil du immer ein beſſerer Wirth, wie ich geweſen biſt. — Ich verlange weder Gut noch Geld, nur die Beſtrafung eines Schuldigen. — Immer die alte Leier, ſagte der König ernſter, ewig das Ge⸗ ſchrei um Rache. Weißt du auch, Jakob, daß du mich damit zu lang⸗ weilen anfängſt. Ich denke, daß wir genug gethan haben, und du kannſt zufrieden ſein. — Noch lebt ein Verfolger unſeres hochſeligen Vaters, der in meinen Augen ſchlimmer iſt, als ſeine Mörder. Sir! Ihr ſeid zu tadeln, daß Ihr den alten Milton noch nicht gehängt habt. — Alſo du biſt bei ihm geweſen? fragte Karl, indem er mit gleichgültiger Miene die noch übrig gebliebenen Brocken in den Teich warf. — Ich habe ihn geſehen und geſprochen. — Und in welchem Zuſtande haſt du ihn getroffen? — Vom Alter gebeugt und wie es auch ſcheint in tiefer Armuth. — Und blind iſt er auch, nicht wahr? — Er iſt völlig erblindet. — Geh,, geh', Jakob, entgegnete der König, du biſt ein rechter Narr, wenn du glauben kannſt, daß für einen ſolchen Mann der Galgen eine Beſtrafung ſei, das hieße ja, alle ſeine Qualen mit einem Male beenden und ihm eine Wohlthat erzeigen. Wenn er alt, arm V — 524— und blind iſt, dann hat er ſchon ſeine Strafe und wir können ihn mit gutem Gewiſſen am Leben laſſen. Trotz aller Einwendungen ſeines Bruders verblieb Karl diesmal bei ſeinem Entſchluß. Dafür entriß ihm jedoch der blutgierige Jakob den Befehl zur Hinrichtung des jüngeren Vane, obgleich der König dieſem feierlich ſeine Begnadigung zugeſichert hatte. Durch dies eine Opfer wenigſtens entſchädigt, verließ der Herzog den Park von St. James und ſchwelgte in den Gedanken, wenn er ſich die Qualen des Verur⸗ theilten mit ſeiner finſteren Phantaſie in den wildeſten Farben ausmalte. 13. Von nun an war Milton vor jeder ferneren Verfolgung geſchützt und er konnte mit Muße ſein berühmtes Werk beenden. Er diktirte es abwechſelnd ſeinen Töchtern und einem jungen Manne Namens Elwood, welcher ihm empfohlen war und den er in ſeinem Hauſe aufnahm. Derſelbe gehörte zu der Secte der Quäker oder Freunde und gewann durch ſein beſcheidenes Weſen und die Verehrung, welche er dem blinden Dichter erwies, deſſen Freundſchaft und Liebe. Wohl mochte Milton im Stillen den Wunſch hegen, den wackeren Elwood als Schwiegerſohn begrüßen zu dürfen, aber ſeine jüngſte Tochter Deborah, das einzige von ſeinen Kindern, welche es nie an der ſchuldigen Achtung fehlen ließ und die er ſeinem jungen Freunde zu⸗ gedacht hatte, verließ das elterliche Haus und floh nach Irland, wo ſie ſpäter ſich vermählte. Tieſer Umſtand löſte jedoch die innige Verbindung zwiſchen dem Meiſter und ſeinem Schüler nicht auf und als die Peſt, welche London befallen hatte, immer mehr um ſich griff und den Aufenthalt daſelbſt gefährlich machte, miethete Elwood für Milton eine kleine, ländliche Wohnung in der Nähe von Chalfont, wo der Dichter in geſunder Luft und allen ſtörenden Einflüſſen entzogen ſein„verlorenes Paradies“ beendete. Groß war das Entzücken des jungen Mannes, als ihm Milton das fertige Manuſcript zum Durchleſen anvertraute. Er brachte es ihm mit dem höchſten Dank zurück. — 525— — Wahrlich, ſagte er mit der Offenheit jener Sectirer, welche die Wahrheit zu ihrem Hauptgebote gemacht haben, du haſt ein Werk geſchaffen, das alle deine übrigen Schriften und Arbeiten überleben wird. Du biſt zur Hölle hinabgeſtiegen und zum Himmel aufgeflogen und zwingſt die Seele des Leſers mit Entzücken, oder Schauer dir zu folgen, wohin du ſie führſt. Durch dich lernen wir die furchtbare Majeſtät Satans kennen, der trotz ſeiner Verworfenheit nicht den göttlichen Urſprung und die urſprüngliche Natur des gefallenen Engels verleugnet. Wir ſehen den Fürſten der Hölle von Schmerz verzehrt, noch immer ſehnſuchtsvoll nach Oben blicken; nur ſein ungebeugter Stolz hält ihn aufrecht und ſchürt die Gluth in ſeinem Innern. An deiner Hand wandeln wir entzückt durch das Paradies und erfreuen uns an der Unſchuld des erſten Menſchenpaars, an ihrer reinen Liebe, ihren frommen Gebeten und den holden Reizen der ſie umgebenden Natur. Mit Zittern ſehen wir den böſen Feind, der ſich in der Ge⸗ ſtalt der verführeriſchen Schlange der leichtgläubigen Eva naht und ſie zum Genuſſe der verbotenen Frucht verlockt. Mitleid ergreift uns mit dem gefallenen Weibe und trotzdem ſie die Menſchheit der Sünde und dem furchtbaren Tode überliefert hat, verzeihen wir ihr wie Adam ſelbſt gerührt von ihrem Flehen um Verzeihung. Wir folgen dem ausgeſtoßenen Elternpaar und lauſchen mit heiliger Ehrfurcht den Lehren und Prophezeiungen des Geſandten Gottes, der vor Adam das Geſchick ſeiner Kinder, das Loos der von ihm ſtammenden Völker und die kommenden Zeiten enthüllt, bis er am Schluſſe verſöhnend auf den Heiland deutet, der kommen wird, um die Welt von der erſten Sündenſchuld zu erlöſen. — Ich freue mich, entgegnete Milton dem begeiſterten Jüngling, daß mein Gedicht dir ſo wohl gefallen hat und daß du den Geiſt desſelben ſo klar erfaßt haſt. Ich ſelbſt habe kein anderes Verdienſt dabei, als das feſte Vertrauen, daß in dem Kampf der guten und der böſen Mächte die Wahrheit und die geiſtige Freiheit über alle Künſte der Hölle ſiegen muß.. — Darum halte ich auch dein Werk noch nicht für beendet. Du haſt uns nur die Verheißung, aber nicht die Erfüllung gegeben;z das verlorene Paradies, aber nicht das wiedergefundene gezeigt. Milton gab dem ehrlichen Quäker keine Antwort, er ſaß eine Zeit lang nachdenkend in ſich verſunken und in ſeiner Seele dämmerte der Plan eines neuen, künftigen Gedichtes, welches ausſchließlich ſich mit dem Erlöſungswerk beſchäftigen ſollte. Sobald die Peſt von London gewichen war, wo Tauſende ihr er⸗ legen, kehrte der Dichter dahin zurück, um einen Verleger für ſein Werk zu ſuchen. Er fand nach vieler Mühe einen ſolchen in dem damals bekannten Buchhändler Symmons, dem er das Manuſcript anbot. Nachdem derſelbe das Werk geleſen, gab er es dem Dichter zurück. — Das Gedicht iſt nicht übel, ſagte der Buchhändler, aber nicht zeitgemäß. Vor einigen Jahren hätte ich gerne das Zehnfache Euch dafür gegeben. Die Zeiten haben ſich geändert und mit ihnen der Geſchmack. Das Publikum will von religiöſen Schriften nichts mehr wiſſen. Wer kauft heutzutage noch Erbauungsbücher? Ernſte und ge⸗ lehrte Abhandlungen finden keine Liebhaber mehr. Ja, wenn Ihr mir eine Satyre, oder eine witzige Poſſe geſchrieben hättet, dann wäre noch damit ein Geſchäft zu machen. Der Hudibras von Buttler, den laſſe ich mir gefallen, davon ſind Tauſende von Exemplaren abgeſetzt worden und Jedermann will das Buch leſen. Ich räume Euch ein, daß es eine Scandalſchrift iſt, aber mein Gott, man muß mit den Wölfen heulen.. — Alſo nur der Scandal und die Poſſe finden jetzt Käufer und Abnehmer? — Es iſt einmal ſo und läßt ſich nicht ändern. Damit Ihr aber ſeht, wie gern ich das Talent unterſtütze, ſo will ich Euer Epos unter billigen Bedingungen nehmen. Ich weiß zwar im Voraus, daß kein glänzendes Geſchäft damit zu machen iſt, aber was in meinen Kräften ſteht, will ich dafür thun.. — Sagt, was Ihr mir geben wollt. Ich bin kein Freund vom Handeln, obgleich ich in der That das Geld brauche. — Nun, auf fünf Pfund ſoll es mir nicht ankommen, ſagte der u Buchhändler. Fünf Pfund ſind eine ſchöne Summe und Ihr bekommt ſie gleich baar ausbezahlt. Seid Ihr damit zufrieden? — Was ſoll ich machen? — und für jede folgende Ausgabe erhaltet Ihr eben ſo viel. Ihr ſollt ſehen, daß ich kein Knauſer bin und auch großmüthig ſein kann. — 527— Ein trauriges Lächeln ſpielte um die Lippen des Dichters, als er um einen ſolchen Preis, den ein heutiger Zeitungsſchreiber für einen kurzen Artikel erhält, ſein unſterbliches Werk, die Anſtrengungen vieler Jahre, dem Knicker überließ. Dieſer zog ſogleich den Contract aus der Taſche, welchen Milton von Noth gedrängt, ſtill ſeufzend unter⸗ ſchrieb.— So erſchien das herrliche Epos, welches ſich dreiſt den größten Dichtungen aller Zeiten an die Seite ſtellen darf. Der damalige Cenſor, Thomas Tomkyns, Kanzler des Erzbiſchofs von Canterbury, ein eben ſo bornirter, als boshafter Mann, ſuchte das Werk Miltons zu unterdrücken, als Grund hierzu gab er folgendes Gleichniß an, in welchem er nichts weniger als eine ſchwere Majeſtätsbeleidigung witterte: Wie wenn beim erſten Schritt auf ihrer Bahn Die Sonne durch's Gewölk am Horizont Mit ſchwächern Strahlen vorblickt, oder ſie Der dunkle Ball des Monds verfinſternd deckt: Daß grauſer Schatten dann den halben Kreis Der Erde ſchwärzt und Königen ſogar Für ihres Throns Erſchütterung' bange wird. Nur mit Mühe gelang es Milton, ſeinen Cenſor von der Unge⸗ fährlichkeit der angegebenen Worte zu überzeugen und ſein Gedicht vor der Unterdrückung zu bewahren.— Die Prophezeiungen des be⸗ rechnenden Buchhändlers dagegen ſchienen vollkommen in Erfüllung zu gehen. Das Publikum nahm anfänglich wenig oder vielmehr gar keine Notiz von der unſterblichen Arbeit des Dichters. Der Geſchmack war in der That ein anderer geworden. Die Literatur, welche ſtets nur die Zeit und ihre Geſinnung abſpiegelt, litt an der allgemeinen Zerſetzung und Fäulniß, von der die ganze engliſche Nation ergriffen ſchien. Damals herrſchte die zügelloſeſte Lüderlichkeit und ſchamloſeſte Sittenloſigkeit in den poetiſchen Erzeugniſſen und auf der Bühne, die ein Tummelplatz aller Laſter und Ausſchweifungen geworden war. Der Witz richtete ſich gegen alles Heilige und die würdigſten Gegen⸗ ſtände waren ein Ziel für die Pfeile des Spottes. Unſchuld und Wahrheit wurden lächerlich gemacht und die bloße Verworfenheit galt ſchon für ein Zeichen des Talents. Für diejenigen Schriftſteller, welche dieſe Richtung verfolgten, mit Frechheit und Beſeitigung jedes ——— — ßfêogPO„ — 528— Anſtandes die größten Gemeinheiten vorbrachten, wurden gekauft und ihre Erzeugniſſe mit Heißhunger verſchlungen.— Das erhabene Ge⸗ dicht Milton's wurde kaum beachtet und von dem wuchernden Unkraut verdrängt. Mit dem ſpärlichen Abſatz war der Buchhändler keines⸗ wegs zufrieden und er lag dem Dichter fortwährend mit ſeinen Klagen in den Ohren. — Ja, jal ſagte der würdige Symmons, das kommt davon, wenn die Schriftſteller auf unſterblichkeit ſpekuliren und die Gegen⸗ wart verachten. Die Unſterblichkeit kann mir geſtohlen werden, wenn die Gegenwart nichts von uns wiſſen will. Was geht uns die Zu⸗ kunft an? Die giebt Euch nicht einen rothen Heller für all Eure Poeſie. — Wartet nur die Zeit ab, beſchwichtigte Milton den Unzu⸗ friedenen. — Außerdem klagen die Käufer, daß Euer Gedicht keine gereimten Verſe hat. Das iſt auch wirklich ein großer Fehler. Solche Neue⸗ rungen taugen nichts, man muß immer hübſch beim Alten bleiben. — Das habe ich auch gethan, denn weder Homer noch Virgil haben Reime gekannt und geſchrieben. — Was gehen mich Homer und Virgil an? die haben es eben nicht beſſer verſtanden, aber ſeitdem iſt die Bildung fortgeſchritten und das Publikum verlangt einmal Reime, folglich muß ſich der Dichter darein fügen.. — Ich kann doch nicht das ganze Werk noch einmal umdichten? — Alllerdings, das geht nicht, denn ich müßte es ja dann noch einmal umdrucken laſſen; aber es muß doch etwas geſchehen. Halt! ich hab's. Ihr ſchreibt eine Vorrede zu Eurem Buch und entſchul⸗ digt Euch, ſo gut Ihr könnt, daß Eure Verſe nicht gereimt ſind. — Ich finde Euren Vorſchlag ſelber ungereimt, entgegnete Milton mit humoriſtiſcher Verzweiflung. — Alſo Ihr wollt nicht? Gut, dann bleibt mir nichts übrig, als ſelber eine derartige Vorrede zu ſchreiben. — Dagegen kann ich nichts einwenden, ſagte der Dichter, mit⸗ leidig die Achſeln zuckend. Wir wiſſen nicht, ob die Vorrede und Entſchuldigung des ſpeku⸗ lativen Buchhändlers den gewünſchten Erfolg hatte. Indeſſen fand „das verlorene Paradies“ nach und nach mehr Freunde und auch Käufer. Sir John Denham, ein Mann, der ſich durch Geſchmack und Bildung auszeichnete, brachte das Buch mit in das Parlament, um es in der Zwiſchenzeit zu leſen. Als er von einigen Bekannten gefragt wurde, was für eine Schrift er da hätte, gab er offen ſeine Bewun⸗ derung zu erkennen. — Es iſt, ſagte der als Staatsmann und Krieger gleich ausge⸗ zeichnete Denham, das beſte Gedicht, welches je in irgend einer Sprache und in irgend einem Zeitalter geſchrieben iſt. Der Graf von Dorſet, ein einflußreicher Höfling, gerieth eines Tages in Geſellſchaft eines Freundes durch Zufall in den Laden des Buchhändler Symmons. Er frug nach den neueſten Erſcheinungen der Literatur und ließ ſich dieſelben vorzeigen. Darunter befand ſich Milton's„verlorenes Paradies“. Der Graf nahm das Buch in die Hand und las den Titel. — Ein Werk von John Milton, bemerkte er neugierig. Iſt das derſelbe Milton, welcher zur Zeit der Republik Geheimſecretär war? — Allerdings, entgegnete der Buchhändler. Ich habe aus purem Mitleid mit dem armen, blinden Manne ſein Werk ihm abgekauft, aber ein ſchlechtes Geſchäft dabei gemacht. Kein Menſch will es mir abnehmen und wenn es ſo fortgeht, verliere ich mein ganzes Geld. Während Symmons klagte, hatte ſich der Graf bequem in einen der immer bereit ſtehenden Seſſel niedergelaſſen, um zu leſen. Die Buchläden waren damals zu gleicher Zeit Leſezimmer und kein Käufer kaufte ein Buch, bevor er es nicht entweder theilweiſe oder im Ganzen genauer kennen gelernt hatte. Schon nach den erſten Seiten erkannte er die Trefflichkeit der neuen Dichtung. — Herrlich, herrlich! rief er entzükkt Ihr habt da einen Schatz, Maſter Symmons. — Daß Gott erbarm'! klagte der Buchhändler. Seit vierzehn Tagen habe ich kaum ein einziges Exemplar abgeſetzt. Deiehlen C Eure Herrlichteit, daß ich Euch eins zuſchicke? — Ich nehme es ſelbſt gleich mit. Der Graf entfernte ſich und ſein Entzücken ſteigerte ſich von Seite zu Seite. Er theilte ſeine Entdeckung dem Dichter Dryden mit, welcher am Hofe Karl des Zweiten lebte und allgemein für das größte D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 3 34 ——— —— ———— 530— Talent ſeiner Zeit gehalten wurde, von deren Verirrungen erz ſich zwar nicht gänzlich frei machte, obgleich er ein ernſteres Streben ver⸗ folgte, als die übrigen Schriftſteller dieſer Periode. John Dryden war wie Milton zur Zeit der Republik ein eifriger Anhänger der⸗ ſelben geweſen, ſpäter hatte er Cromwell beſungen. Mit der Wieder⸗ kehr des Königthums wurde er Royaliſt und Hoſdichter. Als ſolcher ging er unter Jakob dem Zweiten zur katholiſchen Religion über. Ganz im Gegenſatz zu Milton zeichnete er ſich durch ſeine Geſinnungs⸗ loſigkeit aus, trotzdem war er immer noch Poet genug geblieben, um die hohe Bedeutung des verlorenen Paradieſes zu würdigen. Nachdem er das Buch geleſen, wurde er von dem Grafen Dorſet um ſein Ur⸗ theil gefragt. — Dieſer Mann, ſagte er voll Bewunderung, der ein Anflug von Neid beigemiſcht war, ſticht uns Alle aus und die Alten dazu. Später ſuchte er ſelbſt die Bekanntſchaft Milton's zu machen, den er um die Erlaubniß erſuchte, deſſen„verlorenes Paradies“ in dra⸗ matiſcher Form bearbeiten zu dürfen. Dryden nahm dabei die Ge⸗ legenheit wahr, dem Dichter ſeine Protection bei Hofe anzubieten. — Ich danke Euch, ſagte Milton, deſſen Verhältniſſe damals eben nicht die glänzendſten waren. Ich tauge nicht dahin. Nach meiner Meinung muß der Dichter vor Allem frei ſein und das kann er nicht, wenn ſeine Muſe in den Dienſten eines Fürſten ſteht. Ich ſchätze meine unabhängige Armuth höher, als allen Glanz, den ich auf Koſten meiner Ueberzeugung erkaufen muß. — Wenigſtens ſolltet Ihr Euch dem Drama zuwenden, rieth Dryden freundſchaftlich, das Theater bietet Euch weit beſſere Ausſich⸗ ten, als der Buchhandel. — Soll das Theater ſeinen hohen Zweck erfüllen, entgegnete Milton, und eine Schule des Lebens ſein, ſo bedarf es vor allen Dingen der Freiheit. Gegenwärtig dient die Bühne nur zur Unter⸗ haltung für die vornehmen Wüſtlinge und den niederen Pöbel, welche hier bequem verdauen und ſich an den rohen Späßen und Zweideu⸗ tigkeiten der Schauſpieler ergötzen wollen. Ehe ich mich dazu hergebe, lieber würde ich darben und hungern. Das Drama, dieſe ſchönſte Blüthe der Kunſt, krankt an der allgemeinen Verderbniß und kein Talent der Welt kann es wieder herſtellen, wenn nicht eine allgemeine — 531— Umwandlung ſtattfindet. Die faulen Säfte, welche in dem Stamme kreiſen, bringen eine faule Frucht hervor, nur ein geſundes Volk und ein ſittlich tüchtiges Zeitalter können ein wahres und großes Drama beſitzen.— Dryden entfernte ſich, nachdem er dieſe Antwort erhalten, einiger⸗ maßen gereizt und beleidigt. Als er ſich bei Davenant darüber be⸗ klagte, lachte dieſer. — Mein Freund! ſagte der luſtige Dichter, da müßt Ihr Euch nicht wundern. Dieſer Milton iſt wie eine Eiche, die weder der rauhe Sturm, noch der leiſe Zephyr beugt. Wenn ich ihn ſehe, glaube ich immer einen der alten Propheten zu erblicken, der Zeter über Jeru⸗ ſalem und Babylon ſchreit. Laßt ihm das Vergnügen und kommt lieber mit, ein Glas Sekt mit mir zu leeren. Wir machen doch die Welt nicht anders, wie ſie einmal iſt. 14. So lebte Milton überhaupt in einer Zeit der allgemeinen Fäulniß, einer der wenigen Charaktere jener Periode, welche ihrer Ueberzeuguug treu blieben und auf deren Andenken kein Makel haftete. Der Hof war zum Tummelplatz aller Ausſchweifungen geworden. Tag für Tag jagte eine Beluſtigung die andere, bald ein Schauſpiel mit der über⸗ raſchendſten Verſchwendung ausgeſtattet, bald ein Ball, ſtrahlend von Blumen, Kerzenglanz und feilen Schönheiten, oder ein Thee, damals noch ein eben ſo ſeltenes als theueres Vergnügen. Prachtvolle Mas⸗ kenaufzüge, wo die Damen in den durchſichtigſten und unzüchtigſten Verkleidungen erſchienen, wechſelten mit Ballet und muſikaliſchen Un⸗ terhaltungen ab, die Saint⸗Evermond und die Herzogin von Mazarin aus Frankreich nach England herübergebracht und daſelbſt zur Mode gemacht hatten. Karl beſchäftigte ſich mit dem Füttern ſeiner Hunde und Enten, oder wohnte Hahnenkämpfen und Bärenhatzen bei, während der blutgierige Herzog von York bei keiner Hinrichtung zu fehlen pflegte, ſich an den Qualen und Martern der zum Tode verurtheilten Puritaner und Republikaner ergötzend. Dieſer Sittenloſigkeit des 34* “ ————yy— 1 31 — 532— Hofes entſprach der ſichtbare Verfall des Nationalcharakters; der Scepticismus und die Gleichgültigkeit traten an die Stelle des Fana⸗ tismus und der Begeiſterung, welche noch vor Kurzem in England herrſchte. Eine leere, eitle, ſpottſüchtige Literatur, der es zwar nicht an Witz, aber an jeder Ueberzeugung fehlte, verdrängte die männliche, kühne Poeſie und die muthige Literatur der Vergangenheit. Statt der eifrigen und gewiſſenhaften Forſchung, womitt ſich England einſt an die Löſung der größten Fragen wagte, welche den Menſchengeiſt noch jetzt in Anſpruch nehmen, war ein leichtſinniges Treiben eingetreten, eine eben ſo oberflächliche als gemeine Nachahmung franzöſiſcher Vorbilder. Die großen und ewigen Prinzipien, für die während der Revolution die bedeutendſten Männer in die Schranken getreten waren, ſchienen für immer vergeſſen und aufgegeben; die Freiheit des Denkens, des Gewiſſens, der Schrift und des Wortes, die Wahlreform, die Ver⸗ beſſerung des Unterrichts wurden erſtickt und allen ihren Freunden und Verfechtern das tiefſte Stillſchweigen geboten. Die Preſſe ſchmachtete unter neuen Feſſeln und die Beſtechlichkeit ließ die Stimmen derjenigen Redner im Parlament erkaufen, deren Einfluß und Talent noch zu fürchten war. Die Verfolgungen nahmen ihren Fortgang und die Rachſucht der ſiegreichen Partei war noch immer nicht befriedigt, trotz des Blutes, das zur Sühne für den hingerichteten König bereits ge⸗ floſſen war. Der Schwärmer Harriſon, der jüngere Vane, einer der ausgezeichnetſten und bedeutendſten Männer ſeiner Zeit, litten den Tod für ihre Ueberzeugung. Milton beweinte das Schickſal ſeines Freun⸗ des, dem er größtentheils ſeine frühere Stellung als Staatsſecretär zu verdanken hatte und deſſen Talent und Glaubenseifer er hoch verehrte. Ein tiefer Schmerz nagte an dem Herzen des Dichters und ſeine Seele empörte ſich gegen ſolche Ungerechtigkeit und Tyrannei. Er ſelbſt war elend und blind, von Allen verlaſſen und von den eigenen Kindern durch Undank gekränkt. Lebensmüde ſchwankte er durch die Straßen Londons, von einem Knaben geführt, welcher den blinden Mann leiten mußte. An der Ecke fand ein Auflauf ſtatt. Dort ſtand ein Mann mit aſchgrauem Geſicht und hohlen, eingefallenen Augen. In Lumpen gekleidet, hielt er einen Beſen in der Hand, mit welchem er fegend durch die Lüfte fuhr. Es war der Dichter Harrington, der Verfaſſer der Oceana, eines republikaniſchen Traumbildes. Ohne Un⸗ — 533— terſuchung und Richterſpruch auf eine wüſte Inſel verbannt, hatte er den Verſtand verloren. Die Leiden der Gefangenſchaft verwirrten ſeine lebhafte Phantaſie und er verfiel in einen unheilbaren Wahnſinn. Hoho! rief der Verrückte, indem er mit ſeinem Beſen durch die Lüfte fuhr. Hoho! wollt ihr nicht weichen, ihr verzehrenden Gedan⸗ ken. Da kommen ſie ſchon wieder angeſchwirrt, lauter kleine Vögel und Bienen. Wie ſie ſingen und pfeifen, ſummen und brummen. Hinweg mit euch, laßt mich in Ruhe mit eurem unheilvollen Geſchrei. Ich habe euch mit meinem Blut genährt, ihr habt mich ausgeſogen, daß ich zum Skelet geworden bin, und immer ſeid ihr noch nicht zu⸗ frieden. Luft, Luft! Ich erſticke in dem Dunſt. Es riecht nach Leichen, meine Gedanken ſind die Würmer, welche aus meinem ver⸗ faulten Gehirne kriechen. Die Peſt über das Gezücht, das einen ehrlichen Mann bei geſundem Leibe und während des Lebens aufzehrt. O, hätte ich doch lieber nie gedacht, nie gedacht!— So klagte und raſ'te der Wahnſinnige, welcher mit ſeinem Beſen unaufhörlich ſeine Gedanken zu verjagen ſuchte, die nach ſeiner Mei⸗ nung in Geſtalt kleiner Vögel und Inſekten aus ſeinem Körper flogen. Das Volk ſtand rings umher und verhöhnte in roher Weiſe den Un⸗ glücklichen, welchen ſeine Schweſter begleitete, und vergebens fortzu⸗ ziehen verſuchte. Milton nahte ſich ihr voll Theilnahme, da er Har⸗ rington von früher kannte. — Armer Freund! ſagte er gerührt. Kennſt du mich nicht mehr? Bei dem Tone dieſer Stimme horchte der Wahnſinnige auf, ein lichter Schimmer ſchien in ſeinen Augen aufzublitzen, und die Ver⸗ nunft wenigſtens für einen Augenblick zurückzukehren. — Dich? fragte der Verrückte. Warum ſoll ich dich nicht ken⸗ nen? Du biſt ja auch eine Leiche, ein Geſtorbener. Alles iſt todt, die Republik, die Freiheit, der Protector und der König. Das Grab verſchlingt uns Alle, dann modern wir, und aus der Verweſung ſteigen neue Gedanken empor. Huſch, huſch! Siehſt du ſie, jetzt nur noch ſo klein, wie die Mücken, werden ſie immer größer und größer, bis ſie als Abler ſich zur Sonne ſchwingen. Ach! wir ſind Beide zu beklagen, du und ich, weil wir allzuviel gedacht haben. Das Denken bringt Unglück und kann einen vernünftigen Menſchen tollmachen. Nimm dich in Acht, in Acht! „† „ 2* 5 3 1 — 534— Erſchüttert von dieſem traurigen Schauſpiel wandte ſich Milton ab; noch aus der Ferne tönte ihm das Geſchrei des Wahnſinnigen zu: Warum haben wir gedacht, gedacht?— Eben ſo beklagenswerth war das Schickſal, welches den treueſten Freund Milton's, den Major Overton, ohne alle Schuld traf. Ob⸗ gleich dieſer, nach der Rückkehr des Königs, ſich vollkommen ruhig verhielt, ſo genügte der bloße Ruf ſeiner Freiheitsliebe, ihn bei der Regierung zu verdächtigen. Auch er wurde ohne ein richterliches Er⸗ kenntniß in ein Gefängniß geſetzt, wo er lange Jahre ſchmachtete. So harte Verfolgungen und Ungerechtigkeiten mußten die Republika⸗ ner zur Verzweiflung treiben, aber ihr Muth war geſunken, und es fehlte ihnen vor Allem an einem einſichtsvollen und ruhigen Führer. Einzelne Aufſtände, welche von Zeit zu Zeit ausbrachen, wurden eben ſo ſchnell wieder unterdrückt.— Nach dem Tode Cromwell's war der alte Henderſon wieder nach England zurückgekehrt. Vergebens boten ihm ſeine frühere Pflegetochter Lucy und ihr Gatte, die jetzt wieder in Ludlow⸗Caſtle wohnten, ein Obdach an; er zog es vor, mit ſei⸗ nen Geſinnungsgenoſſen die Herrſchaft der fünften Monarchie und das neue Jeruſalem zu erwarten. Als aber das Königthum wieder her⸗ geſtellt war, und die Puritaner und andere Sekten mit der äußerſten Strenge verfolgt wurden, vereinte ſich Henderſon mit einem Haufen ihm ähnlicher Schwärmer, um das Reich Gottes mit den Waffen in der Hand zu begründen. Nicht mehr als ſechszig Mann ſtark trau⸗ ten ſich dieſe wahnſinnigen Fanatiker zu, den König zu ſtürzen, und ihre ausſchweifenden Pläne zu verwirklichen; ſie hielten ſich für un⸗ beſiegbar. — Nicht die Menge, ſagte der Puritaner in der Verſammlung, ſondern der Glaube verleihet uns den Sieg. Der Heiland ſelbſt wird unſer Führer ſein, und unſern Arm ſtark, unſern Körper unverwund⸗ bar machen. Fürchtet Euch darum nicht vor der Ueberzahl unſerer Feinde, und wenn ihrer eine Legion wäre, ſo würden wir ſie beſie⸗ gen; denn der Herr iſt mit uns. Er winkt und ſie ſind vernichtet, er beſiehlt und ſie ſind verweht, wie Spreu im Winde. Wer ver⸗ mag ſeinem Volke zu widerſtehen, und wer kann ſeinen Auserwählten etwas anhaben? Hie Gideon und das Schwert des Herrn! — — 535— Mit dieſem Schlachtruf ſtürzten die Fanatiker mit entblößten Waf⸗ fen auf die Straße; Jedermann floh vor den Raſenden, unter den Flüchtlingen befand ſich auch Billy Green, der eiligſt zu entkommen ſuchte. Henderſon hatte den verhaßten Spion erkannt, und ſetzte ihm mit gezogenem Schwerte nach. — Steh! rief er ihm zu, und gib Antwort, du Sohn Belials! Von Furcht ergriffen, ſtürzte der Böſewicht nach dem nächſten Hauſe, wo er eine Zuflucht zu finden glaubte. Schon hatte er die Thüre erreicht, an der er, Einlaß begehrend, heftig pochte, als er die ſennige Fauſt des Puritaners im Nacken fühlte. — Das Gericht des Herrn, rief der grimmige Henderſon, ſoll alle Frevler treffen. Bekenne deine Sünden, denn deine Seele iſt ſchwarz, wie die des Böſen. Barmherzigkeit! ächzte der Spitzbube, während die Hand des Schwär⸗ mers ihm die Kehle zuſammenſchnürte, daß ſeine kleinen, verſchmitzten Augen aus ihren Höhlen hervorquollen. Ich bin ja unſchuldig und habe Euch nichts gethan. — Du unſchuldig? Dann iſt Satan in der Höälle ſelbſt ein Hei⸗ liger. Haſt du nicht allezeit dem Laſter und der Niederträchtigkeit gedient; war'ſt du nicht der Spießgeſelle der Verworfenen? Du ſiehſt, ich kenne dich und dein Thun. Du haſt hundertfach den Tod ver⸗ dient, weil du ein Mohrentänzer, ein frecher Wollüſtling ſtets geweſen biſt. Biſt du nicht einhergegangen in frechen, heidniſchen Gewändern, ein Greuel für die Augen der Gerechten; haſt du nicht dem Tyrannen gedient, der um ſeiner Sünden willen das Haupt auf dem Richtblock verloren hat? 3 — Ich habe meinen Irrthum eingeſehen, und Herr Pym würde mir am beſten bezeugen können, welch ein eifriger Freund der Repu⸗ blik ich ſpäter geworden bin, wenn er noch am Leben wäre. — Erbärmlicher Heuchler! du haſt um ſchnöden Lohnes willen unter der Maske eines Heiligen nur deinen eigenen Vortheil geſucht, ein Wolf im Schaafspelze. Biſt du nicht alsbald wieder abgefallen, da der zweite Stuart in das Land gekommen iſt? Du war'ſt ſein Jagdhund, der das edle Wild der Frommen ihm aufſpüren unddſtellen half. Auf dein Haupt fällt das heilige Blut der Märtyrer, das zum Himmel um Rache ſchreit. — 536— — Erbarmen! ſtöhnte der Unglückliche. Ich will Alles wieder gut machen, Alles thun, was Ihr verlangt. Wenn Ihr mich am Leben laßt, ſo will ich Euch ein wichtiges Geheimniß anvertrauen. Der Herzog von York iſt katholiſch geworden, und der König hört heimlich die Meſſe, welche ihm ein franzöſiſcher Pfaffe lieſ't. Ich weiß noch weit mehr, und will Euch Alles verrathen, wenn Ihr mir das Leben ſchenkt. In der Todesangſt hatte Billy Green die Kniee des Puritaners umſchlungen, und krümmte ſich zu deſſen Füßen, während Henderſon die blanke Waffe über ſeinem Haupte ſchwang. — Nieder mit dem Verräther! rief der wilde Schwärmer, und ſein blitzendes Schwert ſauſte, mit einem gewaltigen Hieb, den Schä⸗ del des Spions ſpaltend. Zuckend brach Billy Green zuſammen, wäh⸗ rend Henderſon ſich kaltblütig abwendete. — Der Herr hat gerichtet, ſagte er, den Leichnam bei Seite ſchie⸗ bend, deſſen verglaste Augen ihm nachſtarrten. An der Spitze des Haufens zog er triumphirend von Straße zu Straße, Jeſus zum Könige ausrufend, den unſichtbaren Lenker dieſes frommen, gottgefälligen Aufſtandes. Die Obrigkeit machte einen Ver⸗ ſuch, mit ihren Milizen den Schwarm zu zerſtreuen, aber die Angrei⸗ fer mußten ſich vor der ungeſtümen Tapferkeit dieſer Fanatiker zurück⸗ ziehen, welche ſich mit bewunderungswürdigem Muthe vertheidigten. So mancher Bürger wurde von ihnen getödtet oder verwundet, bis die geſammte Miliz, von einem paniſchen Schrecken erfaßt, ihr Heil in der Flucht ſuchte, obgleich ſie den Tollkühnen vielleicht zehnfach an Zahl überlegen war. Hinter den Flüchtigen ſtimmte der alte Hender⸗ ſon ſeinen Triumphgeſang an. Den grauen Scheitel entblößt und das blutbeſpritzte Schwert in den Händen ſchwingend, jubelte er mit lau⸗ ter Stimme: — Groß iſt der Herr, und die ihm vertrauen, werden unüber⸗ windlich ſein. Die Feinde nahten uns zahllos, wie Sand am Meere und wie die Heuſchrecken, die ſich auf ein Erndtefeld ſtürzen; dennoch unterlagen wir nicht, denn er iſt unſer Schutz und Schirm. Wir trafen ſie und ſie ſanken zu Boden; mit der Schärfe des Schwertes haben wir ſie hingemäht, wie überreife Garben. Der Ewige ſei ge⸗ — 537— prieſen, der Gott Iſraels, der ſein Volk nicht in der Noth umkommen läßt. Stimmt an ſein Lob und laßt ſeinen Ruhm erklingen. Mit demſelben Pſalm, den ſie bei Dunbar und Woreeſter geſun⸗ gen, als ſie ſich in die Re hen der Feinde ſtürzten, zogen die begei⸗ ſterten Puritaner durch ganz London, ohne auf einen ernſtlichen Wi⸗ derſtand zu ſtoßen; ſo groß war die Feigheit ihrer Gegner und ihr eigenes Zutrauen zur göttlichen Hülfe. Sie glaubten feſt an den Sieg ihrer Sache, und erwarteten jeden Augenblick die Erſcheinung des Heilandes, den ſie als den künftigen König der Welt begrüßten. Erſt am nächſten Morgen, als die Gefahr immer größer zu werden drohte, und man ernſtliche Unruhen befürchtete, wurden die könig⸗ lichen Garden gegen die Fanatiker aufgeboten. Dieſe hatten ſich in größter militäriſcher Ordnung nach einem entlegenen Stadttheil zurück⸗ gezogen, wo ſie ſich feſtſetzten. Von hier aus machten ſie mehrere Ausfälle auf die alte City London's, welche keineswegs darauf vor⸗ bereitet war. Sie richteten daſelbſt keine geringe Verwirrung an, und die reichen Kaufleute glaubten, daß die alten unruhigen Zeiten der Republik zurückgekommen wären, und verließen in furchtſamer Haſt ihre Comptoire und die in ihren Gewölben aufgehäuften Schätze. Zuletzt von allen Seiten angegriffen und eingekeilt, warfen ſich die Fanatiker in ein benachbartes Haus, worin ſie regelmäßig erſt belagert werden mußten. Durch zahlloſe Flintenſchüſſe wurden ihre Reihen immer mehr gelichtet, zuletzt blieben nur noch wenige Mann übrig. Vergebens wurde dieſen großmüthig ein allgemeiner Pardon angeboten, wenn ſie ſich freiwillig ergeben wollten. Geſtützt auf ihren faſt wahn⸗ ſinnigen Glauben, verwarfen ſie jedes Anerbieten ihrer Gegner. — Kaltet treulich aus, rief der alte Henderſon, der Herr wird und kann die Seinigen nicht verlaſſen. Folgt mir nach, und kein Haar ſoll Euch auf Eurem Haupte gekrümmt werden. Ohne Zögern ſtürzte das geſchmolzene Häufchen unter der An⸗ führung des Puritaners auf die Uebermacht. Die Garden wichen an⸗ fänglich ſcheu zurück; als ſie indeß die kleine Anzahl der Gegner ſahen, ſammelten ſie ſich wieder, und griffen von allen Seiten die tapferen Schwärmer an. — Im Namen des Heilandes, ſchrie Henderſon den Seinigen zu, weichet keinen Schritt zurück. Es iſt dies die letzte Prüfung, und . 4 1 4 — 538— wer ſie beſteht, geht ein zur ewigen Seligkeit und in das neue Jeruſalem. Ein Schuß durchbohrte ſeine Bruſt, und warf ihn, noch ehe er ſeine Rede beendet hatte, zu Boden. Es wurde finſter vor ſeinen Augen. — Seht Ihr, flüſterte der zu Tode Verwundete. Der Sieg iſt unſer. Die Pforten thun ſich auf, der Himmel öffnet ſich für uns, aus dem der Erlöſer herniederſteigt. Legionen von Heiligen, Mär⸗ tyrern und Engeln umgeben ihn, ſie heben mich, ſie tragen mich empor. Schon ſchwebe ich mitten unter ihnen. Ha! gebt mir mein Schwert! Dort ſteht der Böſe, der Erbfeind der Menſchen, ihn will ich—— Er vollendete nicht die letzten Worte. Noch im Todeskampfe um⸗ faßte er krampfhaft den Griff ſeines Schwertes, als wollte er mit einem Streiche die Welt erlöſen. Mit einer ſolchen Täuſchung ſchied der Schwärmer vom Leben. Seine Kampfgenoſſen wurden größten⸗ theils niedergemacht, nur wenige blieben noch übrig, welche ſich er⸗ gaben, um ſchimpflich am Galgen oder auf dem Blutgerüſte zu enden. In der Nähe Henderſon's lag der verſtümmelte Körper Billy Green's; der glaubenstreue Puritaner und der geſinnungsloſe Ueber⸗ läufer; beide Produkte derſelben ſtürmiſchen Bewegung, welche ſowohl die Tugend wie das Laſter zu einer koloſſalen und die Grenzen des Menſchlichen überſteigenden Entwickelung treibt. Das war das letzte Aufflackern, der letzte verzweifelte Verſuch einer Partei, welche anfänglich überall verfolgt und unterdrückt, ſich allmählich zur Herrſchaft emporgeſchwungen hatte, um dieſelbe nach kurzer Zeit wieder einzubüßen. Sie wagte keinen neuen Aufſtand mehr und überließ das Feld andern Mächten, welche ſpäter für die Freiheit in die Schranken traten und unter Jakob dem Zweiten den endlichen Sieg über den Despotismus davontrugen.— Milton theilte die Grundſätze und Beſtrebungen dieſer politiſchen und religiöſen Schwär⸗ mer nur ſo lange, als ſie ſelbſt unter dem Druck und den Verfol⸗ gungen ihrer Gegner litten und dagegen mit Tapferkeit und männ⸗ lichem Muthe ankämpften. Von ihren fanatiſchen Ausſchweifungen be⸗ wahrte ihn ſein geſunder Sinn und die angeborene Poeſie. Nach dem Siege waren die Puritaner eben ſo unduldſam und verfolgungsſüchtig — 539— als die Anhänger des Königthums, vor denen ſie ſich allerdings durch ihren ſittlichen Ernſt und tiefe Religiöſität vortheilhaft auszeichneten. Nichtsdeſtoweniger hatte die Fortdauer dieſes Regiments England mehr geſchadet als genützt, weil ſie von ihrem beſchränkten Standpunkt aus den Staat in ein Bethaus, die Nation in einen frommen Con⸗ ventikel verwandeln wollten. Dagegen mußte nothwendiger Weiſe das Volk reagiren und ſich im Intereſſe der individuellen Freiheit auf⸗ lehnen.— 15. Am Hofe des Königs war ein Gaſt eingetroffen, welcher die bereits herrſchende Verderbtheit und Lüderlichkeit zur vollen Blüthe und Ent⸗ wickelung brachte. Es war dies die ſchöne, geiſtreiche, aber durch ihr galantes Leben bekannte Henriette von Orleans, die Schweſter Karl des Zweiten und Schwägerin Ludwig des Vierzehnten, Beider Lieb⸗ ling. Sie gehörte zu den liebenswürdigen Frauen jener Epoche, welche mit dem höchſten Leichtſinne eine feine Bildung und einen intriguanten Geiſt verbanden. Dies waren die Diplomaten im Unterrock, die Vor⸗ läufer jener Maitreſſenherrſchaft, welche am Ende des ſiebzehnten und Anfang des achtzehnten Jahrhunderts an allen Höfen mehr oder minder Mode wurden, und oft den größten Einfluß auf das Schickſal der Staaten ausübten. Dieſe Damen verbanden die Liebe mit der Po⸗ litik, die Koketterie mit der Staatskunſt, ſie gingen von einem zärt⸗ lichen Rendezvous zu einer Cabinetsſitzung und knüpften und lösten mit ihren feinen und weißen Händen die Fäden der damaligen Po⸗ litik; ſie ſchloſſen Bündniſſe und führten Kriege auf dem ſchwellenden Divan nachläſſig ausgeſtreckt und entſchieden mit einem Blick, einem Lächeln die wichtigſten Fragen. Ihr ganzes Leben war ein Gewebe von Intriguen, wobei bald ihr Herz, bald der Staat die erſte Rolle behauptete. Henriette war Meiſterin in dieſem doppelten Spiel und nicht um⸗ ſonſt von Ludwig dem Vierzehnten nach England abgeſchickt worden. Unter der Maske eines Beſuches ſollte ſie die wichtigſten Verhandlungen — 1 1 8 ———õöö — 540— anknüpfen. Es war auf nichts Geringeres abgeſehen, als auf eine gänzliche Vernichtung und Umänderung des beſtehenden Syſtems. England, welches bisher an der Spitze der proteſtantiſchen Staaten geſtanden und noch vor Kurzem ein inniges Bündniß mit Schweden und Holland zum Schutze der Reformation und zur Abwehr gegen die Eroberungsgelüſte Frankreichs geſchloſſen hatte, ſollte dieſe unter dem Namen der Tripelalliance bekannte und von der Nation mit Jubel begrüßte Verbindung wieder auflöſen, Holland den Krieg er⸗ klären und Ludwig dem Vierzehnten in ſeinen das Gleichgewicht Europa's verſpottenden Plänen beiſtehen. Es handelte ſich ſowohl um den Sieg des Katholicismus, wie um den Triumph des abſoluten Herrſcherthums, welches in Ludwig ſeinen höchſten Ausdruck und eigent⸗ lichen Repräſentanten fand. Das Schickſal der Welt ſtand auf dem Spiel und Alles hing von der Entſcheidung ab, die Karl des Zweite treffen würde. Die Umſtände erleichterten Henriettens Aufgabe. Der König hatte ſeinen pedantiſchen, aber ehrenwerthen Miniſter Cla⸗ rendon, der mit ſeltener Treue ihm ergeben war, zum Lohn für all die treuen Dienſte ſchimpflich entlaſſen und in die Verbannung gejagt. Er machte gezwungen einer Rotte leichtſinniger und laſterhaften Ge⸗ ſellen Platz; Clifford, Aſhley, Buckingham, Arlington und Lauderdale hießen die gewiſſenloſen Männer, welche jetzt das Cabinet leiteten und die höchſten Poſten bekleideten. Der Volkswitz hat aus den Anfangs⸗ buchſtaben ihrer Namen das Wort„Kabale“ gebildet, welches noch heut zu Tage dazu dient, um ein Syſtem der Lüge, Schurkerei und Gemeinheit zu brandmarken. Von ſolchen Miniſtern umgeben und beeinflußt verlor Karl den letzten Reſt von Scham und Bedenklichkeit. Ausſchließlich mit ſeinem Vergnügen beſchäftigt, überließ er die Regie⸗ rung dieſen Miniſtern. Henriette kannte die Schwächen ihres Bruders und hatte zur Vor⸗ ſorge ſich eine weibliche Bundesgenoſſin mitgebracht. Es war dies Fräulein von Querouaille, eines der ſchönſten Weiber Frankreichs. Als der König ſie ſah, ſtand ſein Herz in Flammen. Das hatte ſeine Schweſter erwartet und im Voraus ihrem Hof⸗Fräulein die nöthigen Anweiſungen ertheilt. In St. James⸗Palaſt wurde den Gäſten zu Ehren eines der glänzendſten Feſte gegeben. Die Säle ſtrahlten in fabelhafter Pracht. — — 541— Koſtbare Tapeten, die herrlichſten Gobelins, bekleideten die Wände mit ihren kunſtreichen Stickereien; von den getäfelten Decken hingen ſchwere Kronleuchter nieder, welche ein Meer von Glanz und Licht verbreiteten. Die Tiſche brachen faſt unter der Laſt von Speiſen und Getränken, welche in ſilbernen und goldenen Gefäßen aufgetragen wurden.— Gleich nach aufgehobener Tafel begann der Tanz, welche der König mit dem ſchönen Fräulein von Querouaille eröffnete. Ihnen folgte am Arme des verſchwenderlſchen und leichtſinnigen Buckingham die reizende Henriette von Orleans, denen ſich die übrigen Tänzer anſchloſſen. Es herrſchte eine ausgelaſſene Luſtigkeit, die einen wunderbaren Contraſt zu der früher herrſchenden puritaniſchen Strenge bildete. An die Stelle der finſtern Schwärmer und rauhen Krieger war ein Schwarm von ſittenloſen, übermüthigen Höflinge getreten, welche dem Beiſpiele ihres Gebieters folgten. Im raſenden Wirbel drehten ſich die Paare, bis ſie ermattet niederſanken. Die Männer erſchöpften ſich in Galanterien, welche ſie wie ihre ganze Kleidung von Frankreich borgten. Hier und da trug wohl noch ein alter Cavalier, der unter Prinz Ruprecht oder unter dem Herzog von Neweaſtle ge⸗ fochten, ſein eigenes graues Haar und die ihm lieb gewordene Tracht; die jüngere Generation aber bedeckte ihr Haupt mit den ſtattlichen Lockenperücken, welche von Paris gekommen waren, das ſchon damals grade wie noch heut in der Mode den Ton angab. Die Röcke waren mit koſtbaren Stickereien verziert und an der Seite ſteckte der feine Galanteriedegen, der das gewichtige Schwert gänzlich zu verdrängen drohte. Bunte Bänder flatterten von den Schultern nieder und eine Unzahl von künſtlichen Schleifen gab dem Anzug der Männer einen weibiſchen Anſtrich. Die Damen am Hofe Karl des zweiten erſchienen in leichten und durchſichtigen Gewändern; ſie trugen ohne Scheu ihre Reize zur Schau, die von ihren Müttern ſorgfältig verhüllt wurden, und be⸗ mühten ſich hinter ihren franzöſiſchen Vorbildern in keiner Beziehung zurückzubleiben. Engliſche Heiterkeit verband ſich mit franzöſiſcher Ko⸗ ketterie zu einem wunderlichen Gemiſch, das wie Champagner und Porter vereint, einen doppelt ſchweren Rauſch erzeugte und in eine faſt gänzlich nackte Frivolität ausartete.— Dem Tanze folgte eſidenn. eigens zu dieſem Feſte geſchriebene Maske von Dryden, welcher nach —————y—— — —— — — 542— und nach den bereits veralteten Davenant in den Hintergrund drängte und mit dem Dichter Waller ſich in den Ruhm eines vollendeten Hof⸗ Poeten theilte. Auf dem Theater erſchienen faſt alle Götter des Olymp, von den Damen und Herren des Hofes dargeſtellt, um mit den über⸗ triebenſten Schmeicheleien die Ankunft der Herzogin von Orleans zu feiern. Schon mehrere Tage vor der Vorſtellung waren alle weib⸗ lichen Darſtellerinnen in keiner geringen Aufregung, wem von ihnen die Rolle des Venus zufallen würde. Es war dies ein Gegenſtand von größter Wichtigkeit für die betreffenden Hofdamen, da es ſich darum handelte, durch eine ſolche Wahl öffentlich zur Göttin der Schönheit ausgerufen zu werden. Sämmtliche Geliebten des Königs glaubten gerechte Anſprüche auf die Rolle zu haben und ſetzten alle B ihnen zu Gebote ſtehenden Mittel in Bewegung, um ihren Zweck zu erreichen. Bitten und Drohungen, Schmeicheleien und Thränen wurden nicht geſpart und keine war geneigt, ihre Anſprüche aufzugeben, ſon⸗ dern lieber entſchloſſen, das Aeußerſte zu thun. Karl war in keiner geringen Verlegenheit und der Gegenſtand beſchäftigte ihn und ſein Cabinet weit mehr, als die wichtigſte Staatsangelegenheit. Endlich 1 wurde nach mancher Berathung und geheimer Sitzung der Beſchluß gefaßt, Fräulein von Querouaille die Rolle der Liebesgöttin zu erthei⸗ len, wodurch ſie gleichſam zur erklärten Geliebten des Königs erhoben wurde. Der ganze Hof hatte mit größter Spannung dieſe wichtigen Ver⸗ handlungen verfolgt und ſaß jetzt voller Erwartung vor dem Schauſpiel. Der Vorhang flog in die Höhe. Eine Schaar von untergeordneten Genien verkündigten die Nähe der Olympiſchen; endlich erſchien der Götterzug unter den rauſchenden Klängen eines feierlichen Marſches.. An der Spttze ſchritt Aſhley, ein Mitglied der Kabale, als Jupiter mit der goldenen Krone auf dem Haupte und dem Herrſcherſtabe in der Hand, ihm zur Seite wurde Lady Arlington in einem Wagen von zwei künſtlichen Pfauen gezogen. Dem oberſten Götterpaar ſchloſſen ſich die Uebrigen an, welche bald mit größerem, bald mit geringerem Beifall von den Zuſchauern begrüßt wurden und zu allerlei witzigen und lebhaften Bemerkungen Veranlaſſung gaben. — Beim Himmel! rief ein Höfling ziemlich laut. Dort kommt nuaefskammont als Apoll mit ſeinen dürren Beinen, welche wie Spazier⸗ ſtöcke ausſehen. Es gehört viel Muth dazu, darauf zu gehen. — 543— — und doch, flüſterte ein Anderer, hat er mehr als zwanzig Pfund Wolle auf ſeinen Körper verwendet. Was ſagt Ihr zu Lady Cliffton als Diana? — Daß ſie in Ermangelung eines Aktäon ihrem Gatten ein Hirſchgeweih an den Kopf gezaubert hat. Doch ſtill! Wenn ich mich nicht täuſche, kommt dort Venus mit den Grazien. — Fräulein von Querouaille. Beim Zeus! Das Weib iſt ſchön. — Laßt Euch nur den Appetit vergehen. Die reizende Fran⸗ zöſin iſt Regal und kein getreuer Unterthan darf das Wild im könig⸗ lichen Park verfolgen, oder gar erlegen. Ein allgemeiner Ausruf der Ueberraſchung und Bewunderung empfing die Erſcheinung der Liebesgöttin auf dem Theater. Von Amoretten umringt, bewegte ſich ein ſilberner Muſchelwagen über die Bühne, vor dem zwei flatternde Tauben geſpannt waren. In dem⸗ ſelber aber ſaß oder lag vielmehr das reizendſte Weib der Welt nach⸗ läſſig ausgeſtreckt. Wie kleine Schlangen ringelten ſich unzählige ſchwarze Locken um die weiße Stirn, in der die dunkelſchwarzen Augen loderten. Die ſchönſten Perlen und koſtbarſten Diamanten, welche um den zierlichen Kopf funkelten, ſollten die Waſſertropfen der eben aus dem Meere entſtiegenen Göttin darſtellen. Ein blaues Florge⸗ wand ſchmiegte ſich wie eine durchſichtige Welle um die ſchlanke Ge⸗ ſtalt und war weit mehr darauf berechnet, die Reize derſelben zu ent⸗ hüllen, als zu verbergen. Neben ihr ging in prächtiger Rüſtung der Graf Rocheſter als Mars, während Lord Wilmot als Vulkan hinten⸗ drein hinkte. Ein herrlicher Knabe begleitete ſie als Amor und reichte ihr von Zeit zu Zeit einen vergoldeten Pfeil, den ſie von ihrem zier⸗ lichen Bogen auf die Zuſchauer abſchoß. Groß war die Bewunderung, welche dieſe Liebesgöttin erregte; beſonders war der König und mit ihm ſämmtliche Männer von ſo viel Anmuth und hinreißender Schönheit entzückt, wogegen die anweſen⸗ den Frauen ihren Neid durch allerlei ſpitzigen Bemerkungen zu erken⸗ nen gaben. So eben wollte das Fräulein von Querouaille die ihr von dem Dichter in den Mund gelegten Verſe als Liebesgöttin beginnen, als aus der zweiten Couliſſe ein ganz ähnlicher Wagen, ebenfalls mit Tauben beſpannt, zum Vorſchein kam. Aus demſelben ſtieg in gleicher Kleidung eine zweite Liebesgöttin, die Niemand anders ——;J —— —— — 32414— als die frühere Geliebte des Königs, Barbara Palmer, war. Die zurückgeſetzte Favoritin konnte den Gedanken nicht ertragen, einer Fremden nachzuſtehen; ſie hatte deshalb ſelbſt auf die Gefahr hin, den Zorn des Königs zu erregen, dieſelbe Maske gewählt und war ſo unvermuthet erſchienen, um den Kampf der Schönheit mit ihrer Nebenbuhlerin zu beſtehen. Alle Anweſenden, ſowohl die Zuſchauer, wie die mitwirkenden Darſteller wurden durch dieſes unerwartete Schau⸗ ſpiel im Schauſpiel nicht wenig überraſcht. Ihre Augen waren auf Karl gerichtet, der anfänglich voll Erſtaunen nicht zu wiſſen ſchien, ob er über dieſe Improviſation lachen, oder zürnen ſollte. Während dieſer ſpannenden Scene maßen ſich die beiden ſchönen Feindinnen mit ſtolzen und verächtlichen Blicken. Fräulein von Querouaille verlor indeß die Faſſung nicht und begann im gebrochenen Engliſch das Gedicht vorzutragen. Kaum daß ſie zu Ende gekommen war, ſo repitirte ihrer Seits die frühere Geliebte des Königs einige Verſe, welche der Situation vollkommen angepaßt waren. Es fand ſo ein anmuthiger Wettſtreit ſtatt, ein wahrhafter Kampf der Liebens⸗ würdigkeit und Grazie vor dem ganzen verſammelte Hof, der voll Theilnahme dieſem ſeltſamen Ereigniß folgte.— Endlich erhob ſich der König und unterbrach die ohnehin geſtörte Vorſtellung durch ſein Einſchreiten. Er reichte beiden Damen die Hand und flüſterte jeder von ihnen ein Wort ins Ohr, das halb wie eine Bitte, halb wie ein Befehl erklang. Jetzt näherten ſich die Nebenbuhlerinnen einander und umarmten ſich im Angeſicht des Publikums, das in einen lauten Beifallsjubel ausbrach. Der Friede ſchien wenigſtens für den Augen⸗ blick geſchloſſen, doch im Innern ſchürte die Eiferſucht nach wie vor die lodernden Flammen. Erſt im Laufe des Abends und im Gewimmel des Feſtes gelang es dem König, ſich von ſeiner früheren Geliebte zu befreien und mit Fräulein von Querouaille ungeſtört zu ſprechen. Dieſe war im Voraus durch Henriette von Orleans über ihre Rolle belehrt. Jede Gunſt, die ſie Karl gewährte, wurde um einen theueren Preis ver⸗ kauft. In einem entlegenen Cabinet lag der König zu den Füßen der Liebesgöttin. Die Glut einer verſchwiegenen Ampel goß ihren roſigen Schimmer über die reizende Geſtalt; aus der Ferne tönten die Klänge einer wollüſtig verführeriſchen Muſik. — 545 8 Ich gebe meine Krone, ſagte Karl, für Euch und Eure Liebe. — Die beanſpruche ich nicht, entgegnete die Franzöſin, auch ge⸗ hört ſie Euch nicht mehr, ſondern Eurer Gattin. — Erinnert mich nicht an das Opfer, welches ich den Verhält⸗ niſſen bringen mußte. Wir armen Fürſten ſind zu beklagen. 4 — Armer König!l ſcherzte das Fräulein. — Ich kann Euch nicht mehr bieten als mein Herz. — Das ich mit hundert andern Frauen theilen müßte, unter andern mit Barbara Palmer, Nelly Gwin und ſo weiter. — Ihr ſeid grauſam, aber ich ſchwöre Euch. — Nur keinen Meineid. Man hat mich vor Euren Schwüren gewarnt. Der König iſt, wie man ſagt, nur beſtändig in der Un⸗ beſtändigkeit. — Stellt mich auf die Probe und verlangt, was Ihr wollt von mir, rief Karl durch ihren Widerſtand nur noch mehr entflammte. — Ich bin eine gute Katholikin und für mein Seelenheil beſorgt. Ein Ketzer kann nie mein Geliebter werden, das würde mir die Kirche nicht vergeben. — So will ich Euch zu Liebe katholiſch werden. — Das läßt ſich hören, entgegnete ſie kokett. Wenigſtens hätte ich dann ein Verdienſt um meinen Glauben und ich wäre minder ſchuldig. Sagt, iſt es Euch mit Eurem Verſprechen Ernſt? — So wahr ich Karl heiße und König von England bin. Ich ſage wie Euer Heinrich der Vierte: ein ſolches Weib iſt ſchon eine Meſſe werth. — Es heißt, Paris iſt eine Meſſe werth. — Ich gebe Paris und London dazu für einen Kuß von Euren Roſenlippen. — Halt! So ſchnell kommt Ihr nicht zum Ziel. Ich bin nicht nur eine fromme Katholikin, ſondern auch eine gute Franzöſin. So lange Ihr es mit den ketzeriſchen Schweden und Holländern haltet und gegen Frankreich ſteht, ſollt Ihr auch nicht eine Fingerſpitze von mir bekommen. Dabei zog ſie ihre weiße, feine Hand aus der des Königs zurück und ſchmollte ſo lieblich, daß Karl durch ihre Koketterie vollends den D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 35 — ““ — ———— — —= 546 * Reſt ſeiner Beſinnung verlor und in Alles eingewilligt hätte, was ſie von ihm verlangte. 3 — Ich beneide Euren König nicht um ſeinen Ruhm, ſondern Yum die reizendſte Unterthanin, die ſo warm für ihn zu ſprechen verſteht; doch Ihr wißt nicht, was Ihr von mir fordert. Ich ſoll die Tripel⸗ 1 alliance auflöſen, das heißt, die öffentliche Minung von ganz England herausfordern, das um dieſe Verbindung mit den proteſtantiſchen Mächten mir alle übrigen Schwächen und Fehler nachſieht. Schaut mich nicht ſo verwundert mit Euren großen, blauen Augen an, denen ich nichts abzuſchlagen vermag; aber es iſt kein Spaß, wenn alle Parteien ſich gegen mich auflehnen und ein Geſchrei erheben, daß mir die Ohren klingen. Es iſt gefährlich, höchſt gefährlichz denn unter uns geſagt, das Volk läßt ſich viel gefallen, ſo lange ich nicht geradezu ſeine proteſtantiſche Ueberzeugung antaſte. In dieſem einen Punkte i*ſt es wie ein ſtörriſches Pferd, das ſich bäumt und möglicher Weiſe ſeinen Reiter abwirft, wenn er nicht feſt im Bügel ſitzt. — Ich habe Euch ſtets für einen guten Reiter gehalten, der ſein Roß zu zügeln weiß. — Was wird das Parlament ſagen? fragte Karl nachdenklich, denn trotz ſeines Leichtſinns beſaß er hinlänglich Verſtand, um ſeine Lage zu durchſchauen. Nur ſeine Leidenſchaften machten ihn blind und ihnen opferte er meiſt ſeine beſſere Ueberzeugung auf. — Das Parlament, lächelte die Franzöſin mit ihrem Fächer ſpie⸗ lend und einen leichten Schlag durch die Luft führend, das jagt man fort, wenn es einem läſtig fällt, grade wie ich es mit der Fliege thue, die mich jetzt umſchwärmt. — Teufel! das geht nicht ſo raſch und leicht wie Ihr Euch einbildet; das Parlament iſt keine Fliege, ſondern eine Wespe, welche ſtechen kann. — Dann ſchlägt man die Wespe todt. Macht es ſo, wie es der König von Frankreich mit ſeinem Parlamente gemacht hat. Mit der Reitpeitſche in der Hand, hat er die Herren zum Schweigen gebracht. — Aber zwiſchen unſerem England und Enrem Frankreich iſt noch ein großer Unterſchied. Unſere Herrſchaft iſt nur eine beſchränkte und kein König hat es bisher gewagt, ohne Parlament zu regieren. — So wagt Ihr es zum erſten Mal. Ich habe den Auftrag, Cuch die Unterſtützung Seiner Majeſtät, des Königs Ludwig, zuzu⸗ — — 547— ſichern, der Euch mit den nöthigen Hülfsmitteln verſehen will, um ſeinem erhabenen Beiſpiele zu folgen. Mit dieſen Worten zog die ſchöne Franzöſin aus ihrem verlocken⸗ den Buſen einen bereits ausgefertigten Vertrag hervor, der alle die von ihr erwähnten Punkte enthielt. Mit verführeriſchem Lächeln reichte der weibliche Botſchafter dem lüſternen König das Papier zur Unter⸗ zeichnung hin. Karl durchlas es und ſchien zu ſchwanken. Trotz ſeines Leichtſinns ſchreckte er vor einem Plane zurück, der nichts Geringeres bezweckte, als die Zurückführung Englands in den Schoos der katholi⸗ ſchen Kirche und die Abſchaffung des Parlaments. Er war zwar in religiöſen Dingen vollkommen indifferent und ſah in der Vernichtung der Verfaſſung nur die Beſeitigung eines ihm läſtigen Zwanges, aber er erkannte auch die ihm daraus erwachſenden Gefahren mit richtigem Blicke. Zu träge, um einen ſo gewichtigen Entſchluß zu faſſen, beſaß er eben ſo wenig den Muth und den Willen den Vorſchlag anzunehmen, oder abzulehnen. Voll Erwartung beobachtete Fräulein von Querouaille die Züge ihres Geliebten. Als ſie ihn zögern ſah, ergriff ſie ſeine Hand und drückte mit ſchmeichleriſchen Liebkoſungen die Feder zur Unterſchrift in dieſelbe. — Ihr wißt nicht, was Ihr von mir verlangt. — Einen Beweis Eurer Liebe für mich. Nur unter dieſer Be⸗ dingung kann ich Euch angehören. Das reizende Weib lehnte ſich über ſeine Schultern, als wollte ſie den Inhalt des verhängnißvollen Papiere's kennen lernen. Ihr duf⸗ tiger Athem berauſchte ihn, ihre ſeidenweichen Locken ſtreiften ſeine Wangen und ihre elektriſche Berührung fachte die lodernde Glut in ſeinem Herzen zu verzehrenden Flammen an. Ihr Auge ſchaute ſo ſehnſuchtsvoll verlangend, ſo flehend in das Seinige, daß er kaum zu widerſtehen vermochte. Er wußte ſelbſt nicht, wie es kam, aber ihre Hand führte die Feder, die er noch immer in ſeiner Hand hielt, und mechaniſch ſchrieb er mit ihrer Hülfe ſeinen königlichen Namen unter den Vertrag. Mit einem Federzug war das Schickſal Englands ent⸗ ſchieden, er ſelbſt zu einem Vaſallen Ludwigs des Vierzehnten herab⸗ geſunken, von dem er von nun an einen förmlichen Jahrgehalt bezog, den er zur Befriedigung ſeiner verſchwenderiſchen Leidenſchaften ver⸗ wendete.— Die zärtlichſte Umarmung und die heißen Küſſe des 35* — 548— weiblichen Diplomaten erſtickten die aufſteigenden Bedenklichkeiten des Königs. Um einen ſolchen Preis erkaufte Karl die Liebe des Fräulein von Querouaille. 16. Von nun an ſank England immer tiefer von ſeiner früheren, hohen Stufe herab. Im Inneren befeſtigte ſich die Reaction immer mehr und trat ungeſcheut mit ihren volksfeindlichen Anſichten hervor; nach Außen büßte die Regierung durch ihre Abhängigkeit von Frankreich den letzten Reſt aller Achtung ein. Die Kabale herrſchte nach wie vor, während Karl ſich ſeinen Ausſchweifungen um ſo ungeſtörter überließ, da ihn Ludwig mit dem nöthigen Geld verſah. Eine all⸗ gemeine Mißſtimmung war die natürliche Folge und trotz der morali⸗ ſchen Verſunkenheit regte ſich in der Nation ein dumpfes Bewußtſein ihrer traurigen Lage, der ſich das Gefühl der verlorenen Ehre und die Ahnung einer drohenden Gefahr beimiſchte. Karl beſaß zwar nicht die Kraft, einen entſcheidenden Schritt zu thun, um ſeinen mit Frank⸗ reich abgeſchloſſenen Vertrag auszuführen. Er begnügte ſich mit neuen Verſprechungen, wenn er daran gemahnt wurde, oder mit halben, ver⸗ ſteckten Maßregeln gegen die beſtehende Verfaſſung, die er nicht offen anzugreifen wagte. Ein Vorfall bezeichnete am beſten ſein Benehmen dem Parlamente gegenüber und ließ ſeine wahre Geſinnung ahnen. Es war im Parlament die Rede davon, die Schauſpieler zu beſteuern. Die Hofpartei widerſetzte ſich gegen dieſe Maßregel, indem ſie den Einwand machte, daß die Schauſpieler Diener des Königs wären und zu ſeinem Vergnügen unterhalten würden. Bei dieſer Gelegenheit fragte Sir Konventry, ein geachtetes Mitglied, ob damit die weiblichen oder männlichen Schauſpieler gemeint wären. Dieſe Satyre war offenbar gegen die Favoritin Karl des Zweiten, Nelly Gwin und Davis gerichtet, welche beide dem Schauſpielerſtande angehörten. Der König wüthete über dieſe Beleidigung und beſchloß, ſich auf eine ſeiner unwürdige Weiſe zu rächen. Einige Offiziere der Garde übernahmen —— — 549— den Auftrag, Konventry zu beſtrafen. Sie überſielen ihn meuchlings und trotz ſeiner tapferen Gegenwehr verwundeten ſie ihn, indem ſie ihm die Naſe aufſchlitzten. Das Parlament war über dieſe Hand⸗ lungsweiſe empört und verlangte, unterſtützt von dem Unwillen des ganzen Landes, eine entſchiedene Genugthuung. Mehr jedoch als alle dieſe politiſchen Zwiſtigkeiten regten die reli⸗ giöſen Befürchtungen das Volk auf. Nicht mit Unrecht ſtand der König im Verdacht, daß er ſich zur römiſchen Kirche hinneige. Der Herzog von York, ſein Bruder, hatte ſich offen zum Katholicismus bereits bekannt. Sir Kenelm Digby, der indeß auf einer Reiſe nach Frankreich geſtorben war, hatte nicht umſonſt heimlich und offen für den Glauben ſeines hingerichteten Vaters gewirkt. Der Proteſtantis⸗ mus ſah ſich entſchieden bedroht und die religiöſe Freiheit hatte von dem finſteren Jakob nichts Gutes zu erwarten.— Dieſe traurigen Verhältniſſe, unter denen England ſchmachtete, wurden von Niemand tiefer, als von Milton empfunden. Der häus⸗ * liche Kummer ſchärfte nur ſeinen Gram um die Noth des Vaterlandes. Er hatte ſeine Nation groß geſehen und jetzt erſchien ſie ihm gede⸗ 5 müthigt, die Freiheit, für die er einſt in die Schranken getreten, war dahin, vernichtet und verſpottet. Seine politiſchen Freunde hatten ihre ehrliche Ueberzeugung auf dem Blutgericht, oder im Gefängniſſe gebüßt. Die Niederträchtigkeit und der Treubruch triumphirten. Dazu war er alt und blind geworden, von ſeinen eigenen Töchtern verlaſſen Eine tiefe Niedergeſchlagenheit hatte ſich ſeiner bemächtigt und er 4 wünſchte oft den Tod ſehnlichſt herbei. Nur die Poeſie war ihm treu 4 geblieben, aber auch ſie erſchien ihm nicht mehr als die himmliſche Tröſterin, ſondern in trauerndem Gewande, mit Thränen in den er⸗ loſchenen Augen. Er ſtrömte ſeinen Schmerz in einem Drama aus, das er noch vor ſeinem Tode unter dem Namen„Samſon Agoniſtes“ veröffentlichte. Es war dies der Schrei ſeiner gepreßten Seele. Unter dem Bilde des geblendeten, iſraelitiſchen Heerführers beklagte er ſein eigenes Geſchick. Milton ſelbſt war der blinde Simſon, ver⸗ ſpottet von den Philiſtern und Götzendienern, verrathen von einem reuloſen Weibe, verlaſſen von Allen und an dem mächtigen Gott ſeiner Väter verzweifelnd. Wie ddieſer Held hatte er gekämpft und gerungen und jetzt lag er am Boden, gefeſſelt und) gebrochen.— — 550— Während er in dieſer Schöpfung ſeine Leiden ergoß, erhielt er nur noch von Zeit zu Zeit den Beſuch des treuen Marvell. Dieſer wackere Mann war einer von den Wenigen, die ihrer Ueberzeugung treu ge⸗ blieben, er hatte alle Anerbietungen Karl's verſchmäht, der ſeine Be⸗ 3 deutung anerkannte und ihn für ſich zu gewinnen ſuchte. Dem Schatz⸗ kanzler Danby, der ihm eine Stelle am Hofe anbot, zeigte er eine angeſchnittene Schöpſenkeule und ſagte dazu: Glaubt Ihr, daß ein Mann, der eine Woche von dieſer Keule lebt, noch mehr bedarf? Als der Kanzler ſich entfernt hatte, mußte Marvell zu einem Freunde ſchicken, um ſich eine Guinee zur Friſtung ſeines Lebens zu borgen. Mit dieſem Freunde theilte Milton den Reſt ſeines Vermögens, mit ihm erinnerte er ſich der Vergangenheit und ihn machte er mit ſeinem neuen Werke bekannt, das er in dramatiſcher Form erſcheinen ließ. — Dryden, ſagte der Dichter, hat von mir ein Drama verlangt, nun hab' ich ein Schauſpiel gedichtet, das jedoch wenig Hoffnung haben dürfte, bei Hofe aufgeführt zu werden. 3 — Und welchen Stoff habt Ihr gewählt, mein würdiger Freund? — Mein Held iſt der blinde Simſon. — Der blinde Simſon, wiederholte Marvell wehmüthig. — Blind wie ich, verlaſſen wie ich, aber voll Hoffnung auf den Ewigen. So ſitzt er unter den Thoren von Gaza, während die Phi⸗ liſter ihre ſcheußlichen Götzen feiern und ſich im Weine berauſchen. Hört ſeine Klagen: O daß der Schmerz nicht an des Körpers Wunden Und Schäden ſich begnügen läßt Trotz unzählbarer Uebel Im Herzen, Kopfe, Bruſt und Nieren! Daß er geheime Wege auffinden muß Zur innerlichſten Seele, Dort alle ſeine wilde Qual zu üben An ihrem reinſten Geiſt zu zehren, So wie an Eingeweiden und an Gliedern, Mit heftigerer Pein noch, Wiewohl dem Körper ſie nicht fühlbar iſt! Mein Kummer quält mich ſo, Nicht wie langwier'ges Uebel nur; Er gährt und wüthet, keine Hülfe findend, Gleich unheilbaren Wunden, Wenn faulend ſie vereitern, brandig werden Zu ſchwarzem Tode. Gedanken, meine Quäler, mit tödtlichen Stacheln bewaffnet, zerreißen ſie Die zarteſten und ſchwächſten Theile, Erregen und entflammen furchtbare Entzündung, die kein kühlend Kraut, Noch Heiltrank lindern kann, Kein Hauch von ſchnee'gen Alpen. Mich hat der Schlaf verlaſſen, mich hingegeben Des Tods Betäubung, meine einz'ge Hülfe; D'rum dieſe Schwäche, Ohnmacht der Verzweiflung, Und dies Gefühl, daß mich der Himmel aufgab. Ich war ſein Liebling einſt und ſeine Freude, Sein Auserwählter ſchon vom Mutterleibe, Durch himmliſche Verkündigung, die zweimal Herniederſtieg, vorhergeſagt; Rein unter ſeinen Augen wuchs ich auf, Gedieh und wurde ſtark, Er führte mich zu mächt'gen Thaten, Weit über Kräfte eines Sterblichen, Verübet gegen unſere Feind', die Heiden, Doch jetzt verließ Er mich, wie nie gekannt, Und gab mich hülflos hin den Feinden, Den grauſamen, die ich auf Sein Geheiß Zum Kampfe rief. Mit unerſetzbarem Verluſt des Augenlichts, leb' ich fortan Geſpart, um ihrer Grauſamkeit und Spott Ein Opfer zu ſein! Auch nicht gehör' ich mehr Zu denen, welche hoffen dürfen: Alle meine Uebel ſind ja hoffnungslos, Und nicht zu heilen! Nur die einz'ge Bitte Bleibt mir— o möcht' ſie ſein erhört!— Nicht langes Flehn, ein ſchneller Tod 4 Das Ende aller meiner Leiden und ihr Balſam. — 5522— — Armer Simſon! rief Marvell, tief gerührt die Hand des Dich⸗ ters ergreifend. Bleibt dir kein anderer Troſt? Wir müſſen uns fügen und das Unvermeidliche mit Geduld tragen. — Allerdings beſitze ich dieſe und vor Allem das Vertrauen zu dem Walten der göttlichen Vorſehung, nichtsdeſtoweniger ſchmerzt die Wunde und Niemand wird es meinem Simſon verdenken, wenn er unter der ſchweren Laſt aufſchreit und Gott um das Ende ſeiner Tage bittet. 3 — Doch wollt Ihr nicht fortfahren, bat Marvell, wenn Ihr Euch bei Eurem Vortrage nicht allzuſehr anſtrengt, oder aufregt. — Auf Simſon's Klagen antwortet der Chor ſeiner iſraelitiſchen Freunde, den ich nach dem Vorbilde der griechiſchen Tragödie benutzt habe: Viel ſind der Sprüche weiſer Männer, In alten und in neuen Schriften eingetragen Anpreiſend die Geduld als wahre Kraft; Troſtreden auch ſind dort geſchrieben Für alles Uebel, allen Wechſel, dem Des Menſchen ſchwaches Leben unterworfen, Mit Gründen wohl belegt und Ueberredungskunſt Geſchildert, als Beſänftigung für Kummer Und Angſt; doch hilft Unglücklichen In bitt'rer Qual ihr Laut gar wenig nur, Er ſcheint ein rauher Ton, mißtönend mit Der Klage, bis er in ſich Von oben her empfangen, eine Quelle Des Troſtes fühlt, eine geheime Erfriſchung, die Kräfte zu erneuen, Die ſchwachen Geiſter aufrecht zu erhalten.— Gott unſerer Väter! was iſt doch der Menſch, Daß ſo verſchieden du— Soll ich es eher widerſprechend nennen?— Auf ſeiner kurzen Laufbahn deine Führung Beſtimmteſt, nicht gleichmäßig, Wie ja der Engel Schaaren und die ſtummen Niedern Geſchöpfe, die vernunftloſen Und dummen, du regierſt? — 555— Auch mein'’ ich hier die Menſchen nicht Gemeinen Schlages, die ſo dumpf durch's Leben Hinwandern, wachſen und vergeh'n, Wie Mücken an einem Sommertag, Nur Köpfe ohne Namen, deren man Nicht mehr gedenkt, ſondern ſolche, die Du auserwählt haſt, Mit Gaben und mit Gnaden reich geſchmückt, Zu einem großen Werke, deinem Ruhme, Der Völker Wohlfahrt, welche ſie zum Theil Vollführen;— doch veränderſt du die Geſinnung Gegen ſie, wenn ſie auf ihrer Höhe Durch deine Hand geſtellt ſind, ohne Rückſicht Der Gnade, die du ihnen haſt Erzeigt und ihrer Dienſte, die Sie dir geleiſtet. Und du erniedrigſt ſie nicht nur und läß'ſt Sie in Vergeſſenheit gerathen, Was noch als eine Gunſt erſcheinen dürfte, Du ſtürzeſt ſie weit tiefer, als du ſie erhoben, Worüber alle Menſchen ſich verwundern, Weil ihre Strafe größer als die Schuld. Oft übergibſt du ſie dem Schwert des Feindes Der Heiden und Unheiligen; ihren Leichnam Den Hunden und den Vögeln zur Beute; Oder ſie ſchmachten in Gefangenſchaft, Stellſt ſie vor ungerechte Richterſtühle, Gibſt ſie der Unbeſtändigkeit und der Verdammung Der undankbaren Menge Preis. Milton hielt hier, von ſeinen eigenen Worten bewegt, inne. gedachte dabei an das Schickſal ſeiner unglücklichen Freunde. Im Geiſte ſah er das Schaffot, auf welchem der edle Vane geblutet, den Kerker, in welchem ſein Freund Overton noch ſchmachtete, alle die verbannten und verfolgten Männer und Geſinnungsgenoſſen. Voll Bitterkeit er⸗ innerte er ſich des Wankelmuthes des thörichten Volkes, das heute Er wieder vor den Götzen kniete, die es einſt geſtürzt, das jetzt dieſelben — 551— Grundſätze verleugnete und verſpottete, denen es noch geſtern fanatiſch angehangen hatte, das ſeine einſtigen Lieblinge und Freunde jetzt mit Koth bewarf.— Eine Thräne des Unmuths und der gerechten Ent⸗ rüſtung zitterte in den Augen des Dichters, als er fortfuhr: Wenn dieſem Allen ſie entgehn, ſo beugſt In Armuth du mit Krankheiten ſie nieder, Suchſt mit Gebrechen ſie im Alter heim; Mit Leiden, die ſonſt nur die Strafe Des laſterhaften Lebenswandels ſind. Gerecht' und Ungerechte ſcheinen ſo Gleich elend, denn oft nehmen beide Daſſelbe ſchlechte Ende.— Doch ſo verfahre nicht mit dieſem, der Dein ruhmgekrönter Held einſt war, Das Abbild deiner Stärke und Der Diener deiner Macht.— Doch warum fleh' ich dies? Wie biſt du ſchon mit ihm verfahren? 8 Schau' ihn in ſeinem Elend an, Und wende, wenn du kannſt, ſein Leiden Friedvollem Ende zu. 8 Während Milton die Verſe ſprach, welche ſein eigenes Schickſal in der Perſon Simſow's beklagten, rauſchte der kalte Wind in den ent⸗ laubten Bäumen und begleitete mit ſeinen melancholiſchen Tönen die traurigen Worte. Der Sommer war bereits zu Ende, die Felder ab⸗ gemäht, die Blumen abgeblüht, der frohe Geſang der Vögel verſtummt. Ringsumher herrſchte ein tiefes, banges Schweigen. Die ſcheidenden Strahlen der bleichen Sonne beleuchteten das graue Haupt des Dich⸗ ters und ſein blaſſes, eingefallenes Geſicht. Er war alt und krank eworden; elend und blind ſaß er da, ein gebrochener Held, wie ſein 2 Simſon; aber in ſeinem Innern lebte noch der muthige Geiſt der ſein Gedicht bis zu Ende. In angreifenden Verſen ſchilderte er am Schluſſe die Rache, welche der geblendete Simſon an ſeinen Feinden nahm, wie der Held mit gewaltigen Händen an den Pfoſten[des Hauſes rüttelte, in welchem ſeine Widerſacher ſchwelgten, und das Poeſie, die unerſchöpfte Kraft der Seele. Ohne Schwäche recitirte er geſang des iſraelitiſchen Chores recitirte: ———— Beraubt des Lichts Verachtet, für vernichtet ſchon geſchätzt, Doch von innerem Licht erleuchtet, Rührt er den feurigen Muth Aus dunkler Aſche auf zur lichten Flamme: Grad' wie ein Habicht, der zur Nacht Sich auf beſetzte Hühnerſtangen ſtürzt Das zahme Dorfgeflügel niederwirft; Und wie ein Adler ſchleudert' er Den wolkenloſen Donner auf ihr Haupt. Sein hoher Muth, verloren ſchon gegeben Niedergedrückt, wie's ſchien, und faſt erſtorben, Erhob ſich gleich dem ſelbſterzeugten Phönix, Der in Arabiens Wäldern heimiſch iſt, Und dem kein Anderer hienieden gleich kommt; Aus ſeinem Aſchenthrone neu geboren, Steht er und blüht von Neuem wieder auf, Am kräftigſten, wenn er unthätig ganz Geſchienen; und wenn ſein Körper auch hinſtirbt, Sein Name überlebt der Menſchenalter viele Ein Vogel der Jahrhunderte. 8 So iſt's das Beſte— wiewohl wir gar oft 8 Dran zweifeln— was der unerforſchbare Rathſchluß der höchſten Weisheit über uns verhängt. Oft ſcheint Gott ſein Antlitz wegzuwenden, Doch unerwartet kehrt er's wieder zu: Und ſo hat er auch jetzt für ſeinen Helden 8 Gar herrlich hier gezeugt, drob trauert Gaza Und Alle, die dem unwiderſtehlichen 1 Willen des Höchſten ſich widerſetzen wollten; Doch ſeinen Knechten hat er von Neuem Die alte Treue zum Heil erwieſen Dach zuſammenſtürzte, unter deſſen Trümmern er ſich und ſie zugleich begrub. Seine Stimme hob ſich immer mehr, als er den Triumph⸗ — 556— Und ſie nach dieſem mächt'gen Ereigniß Mit Frieden, Troſt und Ruhe der Seele erfüllt.— Wie einer jener Propheten des alten Bundes ſchüttete der Dichter ſeinen Grimm, wie ſeinen Schmerz, ſeinen Zorn und ſeine Hoffnung in gewaltigen Worten aus. Seine Geſtalt ſchien zu wachſen; er hatte ſich erhoben und ſtand jetzt aufgerichtet da, ein geiſtiger Simſon, der noch einmal an dem Gebäude des Despotismus rüttelte, bereit zu ſterben und im Tode noch feſthaltend an dem Glauben ſeines ganzen Lebens. 16. Es war dies das letzte Aufflackern des Genius vor ſeinem Erlö⸗ ſchen. Andauernde Leiden des Körpers und der Seele warfen Milton auf das Krankenlager; er fühlte das nahe Ende ſeiner Tage. An ſeiner Gattin fand er eine liebevolle Pflegerin; auch ſein Bruder, der ſeine politiſchen Anſichten nicht theilte, war herbeigeeilt. Die Geſchwiſter ſahen ſich nach langer Zeit wieder, und vergaßen wenigſtens im erſten Augenblick ihre verſchiedenen Meinungen. Milton ſtreckte ſeine abge⸗ zehrte Hand dem treuen Bruder entgegen. — Guter Chriſtoph! ſagte er mit ſchwacher Stimme. Ich ſehe, daß du mich noch immer liebſt. Wie wohl thut mir dein Anblick nach langer Trennung; wie freue ich mich, daß du gekommen biſt. Du wirſt mir helfen, mein Haus zu beſtellen, und meine irdiſchen Angelegenheiten zu ordnen. — Das will ich gern thun, entgegnete der Bruder mit ſichtbarer Rührung. — Mein Vermögen iſt nur gering, denn Dichter ſammeln keine Schätze. Es thut mir weh, daß ich meiner Frau nur ſo wenig hin⸗ terlaſſen kann. Ich hätte ihr gern ein ſorgenloſes Schickſal bereitet; ſie hat es um mich verdient durch die treue Pflege, die ſie mir angedei⸗ hen ließ, durch ihre Liebe und die Geduld, welche ſie mit dem armen, blinden Manne hatte; doch, ich verſtand es nicht, große Summen zu erwerben. ———— — 557— — Du haſt, wie ich höre, noch außenſtehende Forderungen. — Meine Schuldner ſind noch ärmer, wie ich, größtentheils Par⸗ teigenoſſen, welche bei dem Umſchwung der Verhältniſſe ihr Vermögen verloren haben. Ich wünſche nicht, daß du das Geld von ihnen zu⸗ rückforderſt. — Und deine Kinder, deine Töchter? fragte Chriſtoph ſo ſcho⸗ nend, als möglich. — Ich habe keine Kinder, ſagte er ſchmerzlich. Sie haben ſich von mir losgeſagt. Ich bin einſam und verlaſſen. Bei dieſen Worten öffnete ſich leiſe das Krankenzimmer. Eine Matrone, deren Angeſicht noch die Spuren einſtiger, großer Schön⸗ heit trug, trat durch die Thür geräuſchlos ein. Neben ihr ſtand ein „junger Mann mit edlen, feinen Zügen. Es war Alice mit ihrem herangewachſenen Sohn. Sie hatte auf ihrem Gute die Erziehung des Jünglings, fern von dem verderblichen Einfluſſe des Hofes, vol⸗ lendet. Bei der erſten Nachricht von der gefährlichen Erkrankung ihres Freundes war ſie jetzt beibeigeeilt; doch hatte ſie ſich ſein Ende nicht ſo nahe gedacht. Die Thränen der trauernden Gattin belehrten ſie darüber. So leiſe ſie auch gekommen war, ſo hatte der Blinde doch mit ſeinem feinen Gehör ihren Schritt bemerkt. — Wer iſt das fragte er geſpannt. — Eine Freundin, Alice! antwortete die würdige Matrone, müh⸗ ſam das Weinen unterdrückend. Ueber Milton's Geſicht ſchwebte ein ſanftes Lächeln, ein rührender Freudenſchimmer röthete die blaſſen, eingefallenen Wangen. — Willkommen, rief er tiefbewegt, Geiſt meiner Jugend, Genius des Dichters! Ich wußte, daß du nicht ausbleiben würdeſt, daß ich dich ſehen mußte vor meinem Scheiden. — Und ich bin nicht allein, ich bringe einen Sohn mit, der gekommen iſt, um Euren Segen zu empfangen. 3 — Tritt näher! ſagte der ſterbende Dichter zu dem jungen Mann. Mit den Händen betaſtete er die edlen Linien des friſchen Ge⸗ ſichtes, die ihm wohlzugefallen ſchienen. Er nickte befriedigt. — Gott hat mir einen Sohn verſagt, ſeufzte Milton. Ich habe keine Kinder, auf die mein Name forterbt. — 558 — Ihr hinterlaſſ't unſterbliche Söhne und Töchter, Eure Werke, „Komus“,„das verlorene und wiedergewonnene Paradies“,„der Sim⸗ ſon“, unh alle jene herrliche Schöpfungen Eurer Phantaſie. D! das gendet nicht. Ich würde alle meine Werke hingeben für einen Sohn, für ein Kind von Fleiſch und Blut, dem ich meinen Namen, meine Geſinnungen vererben, meinen Geiſt einhauchen könnte. — So nehmt meinen William und übertragt auf ihn Eure Liebe. Der junge Maun, welcher die Verehrung ſeiner Mutter für ihren Freund theilte, beugte ſein Haupt vor dem ſterbenden Dichter und bat um ſeinen Segen. — So gehe ich doch nicht, ſagte dieſer, ohne einen Sohn zu hinter⸗ laſſen, aus dieſer Welt. Gott ſegne dich, Gott ſegne die Jugend, von der ich noch allein das Heil und die Errettung unſeres armen Vaterlandes erwarte. Ich ſcheide mit der Hoffnung, daß die Saat, welche wir ausgeſtreut, nicht gänzlich untergehen wird. Eine ſpätere Generation ſoll die Früchte ernten. Uns war es nicht vergönnt, das Land der Verheißung zu betreten. Wie Moſes durften wir nur von fern die gelobte Freiheit ſehen. Vierzig Jahre mußte Iſrael in der Wüſte umherirren, ehe es den heiligen Boden betrat. Der Herr wird auch uns nicht zu Schanden werden laſſen. Der Geiſt, den er in uns erweckt hat, kann nicht untergehen. Wohl iſt die Ge⸗ genwart einer Wüſte zu vergleichen, in der wir umherwandeln, ohne den richtigen Weg zu kennen. Das Volk tanzt noch um das goldene Kalb, und wendet ſich von dem wahren Gotte ab, der ſich majeſtä⸗ tiſch in ſeinem Wolkenhimmel verhüllt; aber die Nation wird ſicher zur Beſinnung kommen, ihren Irrthum einſehen, die falſchen Götter verlaſſen, und ſich dem Ewigen wieder zuwenden. Erſchöpft hielt der Kranke inne; die Sprache verſagte ihm, aber ſeine Seele, die ſich bereits von der irdiſchen Hülle zu befreien begann, nahm einen höheren, prophetiſchen Schwung; ſie ſchwebte feſſellos über Zeit und Raum. Nach einer längeren Pauſe begann er von Neuem: — Noch iſt der Kampf nicht beendet, der Kampf des Himmels mit der Hölle, der guten mit den böſen Mächten. Dort ſteht der gefallene Engel mit ſeinem Heer der Unterwelt; er rüſeet ſich von Neuem zum Kriege gegen die Wahrheit, hier grinſ't mich Komus an, der Gott der Gemeinheit, der thieriſchen Begierde; ringsumher ſchwel⸗ —— — 559— gen die Philiſter, und rühmen ſich ihres Sieges über den gottgeſand⸗ ten Helden.— Alles vergebens, ihre Anſtrengungen ſind umſonſt. Ich weiß und fühle es, daß nicht die Hölle triumphiren wird. Schon ſehe ich den Erlöſer kommen, vor dem die Lüge ſchwindet. Der hei⸗ lige Geiſt läßt ſich auf die Völker hernieder, der Geiſt der Erkennt⸗ niß, des Wiſſens, der Menſchenliebe und allgemeinen Duldung. Der Schutzengel der Tugend und Unſchuld verſcheucht den lüſternen Komus, der ſeine Beute fahren laſſen muß. Nach uns kommen beſſere Zeiten, und andere Kämpfer, welche endlich triumphiren werden. Rüſtet euch, ihr Auserwählten, werdet nicht müde, laſſet nicht ab! der Sieg wird euch und der gerechten Sache nicht fehlen. Dich aber, fügte er hinzu, indem er ſich an den Sohn Alicen's wendete, dich werbe ich hiermit für das neue Heer, welches den alten Streit auskämpfen ſoll. Bleibe treu dem Glauben deiner Väter, der beſſeren Ueberzeugung und der Wahrheit. Der Herr ſegne und erleuchte dich. Während der Sterbende ſo ſprach, herrſchte ein tiefes, ehrfurchts⸗ volles Stillſchweigen. Von Rührung ergriffen, kniete der ſchöne Jüng⸗ ling an dem Lager nieder, um den Segen des berühmten Dichters zu empfangen. Er fühlte tief im Innern die Bedeutung des Augen⸗ blicks, der für ſein ganzes, ferneres Leben von Entſcheidung war. Hierauf reichte Milton ſeine Hände der treuen Gattin und der Ge⸗ liebten ſeiner Jugend, die gleich Engeln das Krankenbett umſtanden. — Weinet nicht, tröſtete er ſie. Mein Leben war zwar reich an Leiden aller Art. Ich habe an dem Grabe der Freiheit geſtanden, die ich mit begründen half. Meine Ueberzeugungen wurden verhöhnt, meine Gedanken verſpottet, meine Schriften von Henkershand verbrannt. Ich ſah meine Freunde verfolgt, eingekerkert und hingerichtet. Ich hatte den Verluſt meiner Augen zu beklagen, und wurde ein armer, elender und blinder Mann. Das Schickſal hat mir viel geraubt, aber auch viel gegeben. Es war mir vergönnt, in einer großen Zeit zu leben, und an dem Aufwachen der Geiſter, an der größten That des Jahrhunderts, Theil zu nehmen. Ich habe redlich mitgewirkt und mitgefochten. Die erſten Geiſter meiner Zeit haben mir die Hand gereicht, und mit den Edlen aller Länder verband mich das geiſtige Band der Achtung und Freundſchaft. Fürſten und Völker haben auf mein Wort gehört, das zu Fleiſch, zur That, zur Anregung für Tauſende 8 — 560— geworden iſt, und hoffentlich noch werden wird. Das Alles aber ſchwindet vor der Liebe, die mir von zwei der edelſten Frauen zu Theil ward, vor dir, mein gutes Weib, und von Euch, Alice, meiner Muſe, meinem Genius. Dafür ſegne Euch Beide der Himmel, dafür danke ich Euch und Gott in dieſer letzten Stunde. Die Thränen der Frauen benetzten ſeine Hände. Allmählig aber verwirrten ſich ſeine Sinne, die Außenwelt verging für ihn, und die ſichtbare Veränderung ſeiner Geſichtszüge kündigte das nahe Erlöſchen der ſchwachen Lebensflamme an. Mit ſeinen erkaltenden Händen hielt er noch immer Alice und ſeine Gattin krampfhaft feſt. Während des kurzen und faſt ſchmerzloſen Todeskampfes ſchwand auf einen Moment ſeine äußere Blindheit, er glaubte alle Umſtehenden in der wunder⸗ barſten Beleuchtung zu ſehen; ſie erſchienen ihm rein von jeder irdi⸗ ſchen Beimiſchung als himmliſche Geſtalten im Lichte der Verklärung. Immer größer wurde die Zahl der Phantaſiegebilde, welche ſich um ſein Lager drängten, die Freunde ſeiner Jugend, die Männer, die mit ihm gelitten und geſtrebt, die edlen Frauen, die in ihm den großen Genius geachtet und geliebt, ſchwebten vor ſeinen Augen als ein glänzender Zug, ehe ſich dieſelben für immer ſchloſſen. Ueber ſein Antlitz ſchwebte ein heiteres, ſeliges Lächeln. Als ſich Alice zu ihm niederbeugte, war ſein hoher Geiſt bereits entflohen. Sie hauchte einen Kuß, die letzte Liebesgabe, auf die bleiche, edle Stirn des Dichters, dann ſank ſie weinend in die Arme ſeiner Gattin. Ein zahlreiches Leichengefolge begleitete den Sarg Milton's zu ſeiner letzten Ruheſtätte, nach der Kirche St. Giles bei Cripplegate, wo er neben dem Altar begraben liegt.— Es war ihm nicht mehr vergönnt, den Sieg der Freiheit unter Jakob dem Zweiten und den Triumph ſeiner Grundſätze zu erleben, welcher nur wenige Jahre nach ſeinem Tode erfolgte.— Alicen's Sohn, der indeß zum Manne her⸗ angewachſen war, nahm den weſentlichſten Antheil an dieſen ſpäteren Kämpfen und trat entſchieden auf Seite der Partei, welche ſich gegen die unerträgliche Tyrannei eines bigotten und grauſamen Königs auf⸗ lehnte. Seine Mutter lebte in ſtiller Zurückgezogenheit und weihte dem großen Todten eine liebevolle Erinnerung. Sie hatte die Genug⸗ thuung, noch Zeugin ſeines wachſenden Ruhmes zu ſein.— Wie die — 561— meiſten edlen Geiſter, fand Milton erſt nach ſeinem Ableben die vollſte Anerkennung, welche jedoch mit Unrecht vorzugsweiſe ſeinem„verlorenen Paradieſe“ zu Theil wurde. Seine proſaiſchen Werke tragen ebenſo den Stempel des Genies trotz der ihnen anklebenden Mängel, welche mehr ſeiner pedantiſchen Zeit, als dem Verfaſſer angehören. Umſomehr verdienen dieſelben unſere Bewunderung und Beachtung, da ſie faſt jede große Frage der Menſchheit berühren und alle die politiſchen und ſocialen Intereſſen ſich zur Aufgabe ſtellten, deren befriedigende Löſung bis in die neueſte Zeit hinein die vorzüglichſten Geiſter verſucht haben. In dieſen Schriften lernen wir Milton als den unermüdlichſten Kämpfer der Freiheit kennen, als den großen Vorläufer eines Rouſ⸗ ſeau und der franzöſiſchen Revolution. An der Grenze der alten und neuen Zeit ſteht er wie ein geiſtiger Rieſe da, mit der ſtrahlenden Krone des Dichters geſchmückt, welche durch ihren Glanz die Verdienſte des Publiziſten längere Zeit verdunkelt hat. Milton ſelbſt vergaß über den Poeten nicht den Menſchen, über den Dichter nicht den Staatsbürger. Er ſchloß ſich nicht ſelbſtſüchtig von der Welt ab, ſondern lebte ein volles ganzes Menſchenleben aus. Er opferte Alles ſeiner Ueberzeugung und ſcheute keinen Kampf, keine Verfolgung, keine Unruhe für die Idee, welche er vertrat. Er ſtützte ſich auf den feſten Glauben an das Chriſtenthum. Aus der Religion, aus den ewigen Wahrheiten des Evangeliums ſchöpfte er die nöthige Kraft. So faßte er ſeine Aufgabe als eine große, göttliche Miſſion auf; daher der ſtrenge ſittliche Ernſt, die gewaltige Energie und der heilige Eifer, welche ihn auch dann nicht verlaſſen, wenn er Anſichten vertritt und Grundſätze vertheidigt, welche einem noch beſchränkten und in manchen Beziehungen verfinſterten Zeitalter angehören. Auch in ſeinen Streit⸗ ſchriften, wo er im Geiſte ſeines Jahrhunderts mit einer uns fremden Rückſichtsloſigkeit auftritt und ſeinen Gegner perſönlich angreift, weiß er ſich eine gewiſſe Würde zu wahren. Selbſt in ſeinen Irrthümern lernen wir ihn darum achten, weil ſie aus dieſem Drange nach der Wahrheit ſtammen. Er ſchrieb auch nicht eine Zeile, welche nicht für ſeine edle Geſinnung, für ſeine Liebe zum Vaterlande, zur Menſchheit und für die Freiheit zeugte.— Er war der geborene Feind jeder Beſchränkung, mochte ſie in der Erziehung, im häuslichen Leben, im Staate oder in der Kirche ſich geltend machen. In ſeinen Augen war D. B. XII. Milton u. ſeine Zeit. 36 — 362— jeder Menſch frei geboren und ſollte, um ſeine Aufgabe vor Gott und den Menſchen würdig zu erfüllen, die ganze Freiheit ungeſchmä⸗ lert beſitzen. Deshalb verlangte er Achtung aller natürlichen Men⸗ ſchenrechte, Trennung der Kirche von dem Staate, freie Forſchung für die Wahrheiten der Bibel, Freiheit des Wortes, der Preſſe, der Er⸗ ziehung und des ehelichen Verhältniſſes. In ſeinen proſaiſchen Schrif⸗ ten hat Milton gleichſam die Grundlinien einer neuen geſellſchaftlichen Ordnung gezogen. Wenige Fragen, die uns heute beſchäftigen, dürfte es nur noch geben, die er nicht beachtet hätte. Die Befreiung Grie⸗ chenlands, die Reform des Wahlgeſetzes, die Verbeſſerung des öffent⸗ lichen Unterrichts, die Eheſcheidung, alle die Wünſche und Hoffnungen der Gegenwart hat er mit ahnendem Geiſte vorausgeſehen und ange⸗ regt. Gleich den Propheten des Herrn ſah er in die fernſte Zukunft und ſein Genie eilte nicht nur ſeiner Zeit, ſondern ſelbſt der unſrigen in mancher Beziehung voraus.— Keiner ſeiner Zeitgenoſſen kam ihm gleich an geiſtiger Kraft, Sittlichkeit und Charakterfeſtigkeit. Mitten in den Tagen der allge⸗ meinen Verderbniß und des Abfalls blieb er ſich ſelber und ſeinen Grundſätzen treu. Seine Fehler und Irrthümer gehören dem Jahr⸗ hundert an, in welchem er lebte, ſeine Tugenden und ſein Genie ihm allein.— — ffff uun f ffffffffffff aauuuuumuummuunmauuuaumuua 6 7 8 9 10 11 12 13 15 16 17 18 v 2 — 1* * “ 4 8 1 8 3 „* 4 7 1 4 5 1 5 „4 1 4 4— 5„* 4 8 8 2 4 4 d 8 —