— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256.* Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Pfähanahmne und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgen⸗ 7 u r bis Abends§8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 8 3. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe — hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 7 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 55 Pf. 2 Nr.— Sf. „ 3„„„„„ 5., Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt. der Leſer ſun Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird veſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ *efelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 88 —-— —— Jeder iſt ſeines Glückes Schmied. Eine Erzählung für meine jungen Freunde von Franz Malkmann. Motto: Du ſollſt deinen Nächſten lieben, wie dich ſelbſt. Matth. 5. 43. Mit vier Stahlſtichen. Stuttgart. Verlag von Schmidt& Spring. 1855. —— Erſtes Kapitel. Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuſer. Sir. 3. 11. Am entlegenſten Ende der Stadt, ganz draußen, wo die letzten kleinen Häuſer ſtehen, und gerade in einer der allerletzten und kleinſten Hütten, wohnte Frau Arnold, eine arme Wittwe mit fünf Kindern. Sie war noch nicht alt, ſondern eher faſt noch eine junge Frau zu nennen, aber Gram und Sorgen hatten ihre Züge geſchärft, ihr einſt ſo glänzendes, dunkles Haar gebleicht vor der Zeit, und die holde Blüthe der Jugend von ihrer zarten Geſtalt abgeſtreift. Sie war nicht mehr, was ſie früher geweſen: eine glückliche, heitere, zufriedene Mutter, denn obwohl ſie ihre Kinder mit der innigſten Zärtlichkeit liebte, waren es doch eben die Kinder, die ihrem Herzen die ſchwerſten Sorgen auf⸗. bürdeten. In früherer Zeit nicht! So lange ihr Mann, der Bergmeiſter Arnold noch lebte, da hatte ſie nicht er⸗ ren, was Noth, Mangel und Kummer bedeuten 2nd das Glück, das ſie in der Liebe zu ihren Ki iſtes Schmied. 10 empfand, war durch keinen Tropfen herben Leides ver⸗ bittert worden. Aber ſeit ſeinem Tode! Seinem ſo ſchrecklichen und plötzlichen Ende! Ach, wie ſtand da Alles ſo ganz anders! Die Stütze des Hauſes, der Ernährer der Familie fehlte, und das bisherige, beſcheidene Glück der armen Wittwe verwandelte ſich mit Einem Schlage, in Vergleiche zu früher wenigſtens, in Mangel und lend. Frau Arnold konnte anfänglich das Unglück kaum verwinden und noch weniger vergeſſen; Schrecken und Gram hatten es mit zu unvertilgbaren Zügen ihrem Gedächtniſſe eingeprägt. Immer ſtand das traurige 3 Bild vor ihren Augen, wie man eines Tages ihren 4 Mann ganz bleich und blutig und kaum noch athmend auf einer Tragbahre gebracht hatte. Er war im Berg⸗ werke bei der Erfüllung ſeiner Pflicht verunglückt. Ein. morſcher Stollen, der aufgebeſſert werden ſollte, war zuſammengebrochen und hatte ihn verſchüttet. Sterbend wurde er nach ſeinem Hauſe, und drei Tage ſpäter todt aus dem Hauſe nach dem Kirchhofe zur letzten Ruheſtätte getragen. Dort begrub man ihn, und mit ihm das ſtille Glück der armen Wittwe, die nun allein ſtand, gebeugt unter der Laſt ihrer Leiden, ohne Stütze, ohne Hülfe, allein mit ihren fünf Kindern, die mit weinenden Augen zu ihr aufblickten. In ſolcher ſchrecklichen Lage fand Frau Arnold nur Einen Troſt, den Troſt im Gebete zum Herrn, der ihr die ſchwere Laſt aufgebürdet. Und ſiehe, es ging an ihr in Erfüllung, was geſchrieben ſteht im Buch der Bücher: der Herr hilft denen, die zer⸗ 6 ſchlagen Gemüth haben, und Ihn anru 65 3 zur Zeit der Noth. Gott half ihr über die erſten, ſchwerſten Tage der Leiden hinweg, indem Er die Her⸗ zen guter Menſchen rührte, daß ſie der armen Wittwe thatkräftigen Beiſtand leiſteten und dafür Sorge trugen, daß es ihr und den armen, verwaisten Kindern nicht am Nothwendigſten fehlte. Aber freilich war das nur für die erſten Tage, denn reiche Leute gab es nicht viele in der kleinen Bergſtadt, und die Aermeren konn⸗ ten wohl einzelne Opfer bringen, und brachten ſie gern, aber dann mußten ſie auch wieder an die eigene be⸗ ſchränkte Lage und an die Ihrigen denken, und ſo konnte es nicht fehlen, daß die Quelle der Mildthätigkeit, erſt reichlich ſtrömend, allmählig wieder verſiegte, obgleich die herzlichſte Theilnahme, gewiß bei den Meiſten, fort⸗ während blieb. Nun würde es recht ſchlimm um Frau Arnold ausgeſehen haben, wenn ihr nicht wenigſtens noch eine letzte, kleine Hülfsquelle geblieben wäre. Dieſe beſtand in dem Wittwen⸗Gehalt, das ſie aus der Bergamts⸗Kaſſe bezog. Es war freilich nicht viel, Alles in Allem nicht mehr als fünfzig Thaler jährlich, aber es wandte doch die bitterſte Sorge, die alleräußerſte Nahrungsſorge ab, und dadurch war der armen Frau ſchon Vieles geholfen. 84 Freilich von Wohlleben konnte keine Rede weiter ſein! Aber das verlangte auch die brave Frau Arnold nicht; wenn ſie nur überhaupt lebte und ihre Kinder nicht hungern ſehen mußte, ohne ihren Hunger ſtillen zu können. Nach den erſten Wochen dumpfen und trüben Schmer⸗ zes raffte ſie ſich auf, und traf entſchloſſen die Maß⸗ eegeln, welche ihre ſo ſehr beſchränkte und ärmliche gge erforderte. Da ſie ohnehin die Dienſtwohnung ihres ſeligen Mannes räumen mußte, ſo miethete ſie das kleine Häuschen draußen ganz am Ende der Vor⸗ ſtadt, wo ſie nur einen ganz geringen Miethszins zu geben brauchte, und dann verkaufte ſie alle Möbel und* alles Hausgeräth, das für ihre jetzigen geringen Ver⸗ hältniſſe nicht mehr paßte. Es war ihr freilich recht ſchwer, ſich von ſo manchem lieb gewordenen Stücke zu trennen; aber Vernunft und Nothwendigkeit erforderten es, und dies genügte für Frau Arnold, um jede bittere Regung gleich im Keime zu erſticken und neben allem andern Kummer nicht auch noch einen überſtüſſigen Schmerz aufkommen zu laſſen. Nach dem Verkaufe richtete ſie ſich häuslich ein, und zwar ſo beſcheiden, ſo ganz nur auf das Allernöthigſte ſich beſchränkend, daß manche Freunde ihres verſtorbenen Mannees ſie faſt darum tadelten. Aber Frau Arnold blieb feſt. 4 „Es iſt wahr,« erwiederte ſie ſtets auf ſolche Be⸗ merkungen,„ich könnte mir vielleicht Dies und Jenes bequemer machen, aber armen Leuten wie uns geziemt es, vor Allem ſparſam zu ſein. Das Geld, das ich für Ueberflüſſiges ausgeben müßte, kann beſſer geſpart werden für meine Kinder. bie haben keinen Vater mehr, nun muß ich für ſie ſorgen. Bequemlichkeiten kann ich entbehren, aber die Kinder können zum Bei⸗ ſpiel nicht die Schule entbehren. Sie müſſen lernen, wenn etwas Rechtes aus ihnen werden ſoll, und die Schule haben ſie nicht umſonſt. Darum ſpar' ich, und darum werd' ich auch arbeiten, ſo viel in meinen Kräften ſteht! Das iſt meine Pflicht, und ſeine Pflicht muß der Menſch erfüllen, ſo hart es ihn auch ankommen mag.« So ſprach die wackere Frau, und ſo handelte ſie aauch. Alles für die Kinder, nichts für ſi 5 ſelbſt, das war ihr Wahlſpruch, das war der Leit⸗ ſtern, dem ſie folgte, das der immer wache Gedanke, der ihr ganzes Weſen beſeelte. Sie arbeitete den ganzen * Tag, und vergönnte ſich kaum die nöthigſte Zeit zum Ruhen und Schlafen. Der erſte Strahl der Morgen⸗ ſonne fand ſie ſchon wach und mit regſamen Händen, und Mitternacht war oft ſchon nahe, wenn ſie den müden Leib auf das harte Lager bettete. Sie nähte, ſie ſtrickte, ſie ſtickte, ſie wuſch und glättete, und keine Arbeit war ihr zu gering, ſie beſchaffte ſie, wenn ſie nicht ganz und gar uͤber ihre Kraͤfte ging. Dabei mußte die einfachſte Koſt ihr genügen. Brod, Kartoffeln, ein wenig Gemüſe, das ſie ſelber in dem Gärtchen hinter dem Hauſe zog, und ein friſcher Trunk von dem klaren, hellen Bergwaſſer dazu, das eine nahe Quelle ihr frei⸗ gebig ſpendete,— das war Alles, was auf ihren Tiſch kam. Von Vergnügungen und Zerſtreuungen war gar keine Rede. Ihre einzige, aber auch freilich unendliche und große Freude fand ſie in der Liebe zu ihren Kindern. Dieſer Quell des Glückes ſprudelte immer friſch aus dem tiefen Borne ihres mütterlichen, liebevollen und zärtlichen Herzens, und er würde ſie über alles Andere getröſtet haben, wenn eben nicht die bange Sorge um die Zukunft ihrer Theuren geweſen wäre. Aber dieſe Sorge war freilich ſehr drückend und ſehr ſchwer; denn welche Hoffnung konnte und ſollte ſie hegen, auf deren. Erfüllung ſie vernünftiger Weiſe einmal rechnen durfte? JIetzt waren die Kinder noch klein; das jüngſte erſt drei, Paul, der älteſte Knabe erſt vierzehn Jahr alt,— da koſteten ſie noch nicht ſo viel an Kleidung und Schul⸗ geld! Aber wenn ſie nun größer wurden, wenn ſie lernen ſollten, wenn ſie noch nichts verdienen konnte und doch Jahr um Jahr immer mehr bedurften und alſo immer größere Ausgaben veranlaßten? Das waren Fragen, die häufig ſchwer das Herz der Mutter be⸗ drückten, weil ſie keine andere befriedigende Antwort„ darauf zu finden vermochte, als nur das eine:„Am Ende wird ja der liebe Gott für Alles Porgen! Der feſte Glaube hieran war wohl gut und herr⸗ lich,— aber freilich, er war nicht immer gleich feſt in dem Herzen der armen, ſorgenden Mutter, und wenn die bangen Zweifel kamen, dann kamen auch die bangen, ſchweren Sorgen zugleich, und viele trübe und traurige Gedanken brüteten manches Mal hinter der Stirn der armen Mutter, von denen die ſorgloſen Kinder nicht die entfernteſte Ahnung hatten. Indeß, Gott ſorgte wirklich, ſorgte väterlich zwei, drei Jahre lang, bis dann endlich aber doch wieder ſchlimme Tage kamen, ſchlimmere, als die arme Frau Arnold ſeit dem Tode ihres Mannes erlebt hatte. Daran war der Krieg ſchuld. Das Land gerieth in Feindes Hand, und mit ihm die Bergwerke. Mancherlei Veränderungen traten ein. Auch die arme Wittwe Arnold wurde davon betroffen, denn ſie verlor ihren kleinen Wittwen⸗Gehalt, der ohne Rückſicht auf die unglückliche Lage der Wittwe von den neuen Machthabern geſtrichen und trotz ihrer Bitten und Vorſtellungen nicht mehr ausgezahlt wurde. Das war ein harter Schlag und ein ſchwerer Ver⸗ luſt! Fünfzig Thaler im Jahre ſind für Manchen nicht viel, aber für die arme Wittwe mit ihren fünf Kindern waren dieſe fünfzig Thaler faſt Alles, waren für Gegen⸗ wart und Zukunft, die ganze Zukunft ihrer Kinder, die 7 ſich auf einmal in die Unmöglichkeit verſetzt ſahen, ferner noch die Schule zu beſuchen, da die Mutter kein Schul⸗ geld mehr bezahlen konnte. „— Wie ſie da weinte, die arme Mutter! Ihre Thrä⸗ nen floſſen früh und ſpät, und netzten ſelbſt während der Nacht noch ihr Kiſſen. Und nicht genug an dem Einen Unglück, es ſollte noch ein Zweites dazu kommen. Paul, der älteſte Sohn der Wittwe, der mittler⸗ weile zu einem kräftigen, ſchlanken Jünglinge heran⸗ gewachſen war, hatte ſchon ſeit Jahr und Tag im Bergwerke mit gearbeitet, denn er wollte, wie ſein ſeliger Vater, ein Bergmann werden. Eines Tages aber kam er mit einem finſteren Geſicht nach Hauſe, und ſo bleich ſah er aus, daß die Mutter ihn kaum erblickte, als ſie auch ſchon mit einem Ausrufe des Schreckens von ihrem Sitze aufſprang, wo ſie mit fleißigen Händen Spitzen geklöppelt hatte. .»Paul, mein Kind!« rief ſie ihm entgegen.„Was, um Gottes willen, iſt geſchehen?« »Nichts weiter, Mutter,« entgegnete der junge Burſch, als daß heute die Hälfte der Bergleute verabſchiedet iſt, und ich mit. Nun bin ich wieder brodlos, und muß dir zur Laſt liegen.«“ Die arme Mutter wurde noch bläſſer, als ihr Sohn, ein Krampf zog ihr Herz zuſammen und mit einem Seufzer herber Beklemmung ſank ſie auf ihre Holzbank 3 zurück. Sie war einer Ohnmacht nahe, bis endlich ein Thränenſtrom ihr bedrücktes Gemüth erleichterte, und ihr die verlorene Faſſung zurückgab. 3 »Nun denn, wie Gott will,« ſagte ſie mit leiſer Stimme.„Wir haben tapfer gegen das Unglück kämpft, aber jetzt verläßt mich die Kraft, ich kann nicht mehr!« „Aber ich, Mutter!« rief Paul aus, der bei dem tiefen Grame der Mutter plötzlich ſeine eigene Betrüb⸗ niß und Niedergeſchlagenheit vergaß und ſich mit einer kräftigen Anſtrengung emporrichtete.„Es iſt wahr, du haſt tapfer gegen das Unglück angekämpft, aber das tapferſte Herz muß zuletzt entmuthigt werden, wenn es kein Ende des bittern Kampfes abſehen und hoffen kann. Arme Mutter!“ fuhr er fort, und umſchlang ſie zärtlich mit den Armen,—„ja, ich habe wohl bemerie, wie du ſeit Jahren dich abmühteſt, um deinen Kindern die treueſte Stütze zu ſein;— aber jetzt iſt's auch genug! Jetzt iſt an uns die Reihe, an uns, deinen Kindern, für die du dich opferteſt! Ernſt, Friedrich und ich, wir drei können arbeiten, und wir werden es! Sei ruhig, Mutter! Bis wieder beſſere Zeiten kommen, ſollſt du Muße haben, dich zu erholen.“ „Paul, was willſt du thun? Was haſt du im Sinne?“ fragte die Mutter faſt erſchreckt. „Ich ſage dir's ja, Mütterchen, arbeiten wollen wir, und auch die geringſte Handthierung nicht ſcheuen, da es einmal nicht ſo geht, wie bisher. Pochjungen zum Erzklopfen werden immer gebraucht, und von mor⸗ gen ab werden wir Pochjungen ſein.“ „Du, Paul, du ein Pochjunge, nachdem du bereits Bergknappe geweſen biſt? Nachdem du ſo fleißig ge⸗ lernt und dir gediegene Kenntniſſe erworben haſt? O mein Kind, das wäre traurig!« 5 „Nicht ſo traurig, als dich leiden und vor Gram und Kummer aufreiben ſehen!“ gab Paul hochherzig zur Antwort.„Und außerdem, es werden auch wieder e 9 beſſere Zeiten kommen, Muͤtterchen. Verliere den Muth nicht! Bedenke nur, die niedrigſte Arbeit iſt beſſer, als betteln, ſie ſchändet nicht.“. „Aber Ernſt und Friedrich, ſie ſind noch nicht ein⸗ mal aus der Schule!« warf die Mutter ein. „Freilich wohl,« antwortete Paul,„aber ſiehſt du, Mütterchen, da wir kein Schulgeld für ſie erſchwingen können, müßten ſie doch heraus bleiben, und alſo läßt ſich da weiter nichts ändern. Was ſie jetzt ohne unſere und ihre Schuld verſäumen, können ſie ſpäter immer noch nachholen. Anſtatt ganz müſſig zu gehen, iſt es immer beſſer, ſie arbeiten, und zu dieſer Arbeit reichen ihre Kräfte aus.“ „Aber Pochjungen! Die Söhne des Bergmeiſters! An der Straße ſitzen, und Erz klopfen! Solche Er⸗ niedrigung iſt hart.“ „Ei, Mütterchen, warum klagſt du darüber?“ ſagte Paul.„»Arme Leute wie wir haben nicht das Recht, hochmüthig zu ſein, und überdies, ſteht denn nicht geſchrieben, wer ſich ſelbſt erniedrigt, ſoll er⸗ höhet werden! Muth, mein Mütterchen! Die Haupt⸗ ſache iſt, daß die Laſt deiner Sorgen ein wenig erleichtert wird, und daß es zunächſt deinen Kindern geziemt, ſie zu erleichtern. Alles Andere ſoll uns nicht kümmern, wenn uns nur dieſes gelingt!« Frrau Arnold ergab ſich in die Nothwendigkeit. Freilich war es ein bitterer Schmerz für ſie, ihre Kinder als Pochjungen zu ſehen, nachdem ſie mit ſo großer Aufopferung danach geſtrebt hatte, ihnen den Weg zu einem beſſern und ehrenvolleren Lo u bahnen. Aber es ſollte nicht ſein, dieſe Hoffr ſollte nun einmal vereitelt werden, und in das Unal 10 wendbare muß ſich der Menſch zuletzt immer fügen. Und wohl ihm, wenn er es mit Entſchloſſenheit thun kann, welche allein ein reines Herz und ein gutes Ge⸗ wiſſen verleiht. Dieſe Schätze des inneren Bewußtſeins halfen Frau Arnold bald auch über dieſe Demüthigung hinweg, be⸗ ſonders als ſie ſich erſt überzeugte, daß ihr wackerer Paul, wie auch ſeine Brüder Ernſt und Friedrich ſich leicht an ihre neue Beſchäftigung gewöhnten und ſo fleißig den Pochhammer führten, als ob ſie von Kind⸗ heit auf an nichts Anderes gewöhnt wären. Sie ſchlugen tapfer drauf los, und die beiden jüngeren Brüder wenigſtens machten ſich weiter keine Gedanken, ſondern waren zufrieden, daß ſie ihrer guten Mutter, die ſie üͤber Alles liebten, eine kleine Erleichterung durch ihrer Hände Arbeit verſchaffen konnten. Viel war's freilich nicht, und dies mochte wohl die Urſache ſein, daß Paul zuweilen eine traurige und niedergeſchlagene Miene zeigte. Er konnte ſchon beſſer rechnen, als ſeine beiden jüngeren und ſorgloſeren Brüder, und er rech⸗ nete aus, daß er mit aller Arbeit ſeiner fleißigen, nimmer ruhenden Hände kaum ſo viel verdiente, als er für ſeine eigene auf das Nothwendigſte beſchränkte Erhaltung gebrauchte. Aus dieſem Grunde allein ge⸗ nügte ihm ſeine Beſchäftigung nicht, denn am Ende war er keine Stütze für ſeine Mutter, ſondern nur eben nicht gerade eine Laſt für ſie. Er ſann und grü⸗ belte oft darüber nach, ob er nicht irgend eine andere Beſchäftigung, die ſich beſſer lohnen würde, ergreifen könnte, aber leider wollte ihm nichts Paſſendes ein⸗ fallen. Höchſtens Soldat werden! Soldaten konnte man wohl brauchen im Kriege! Aber was hätte er — 11 auch damit erreicht? Paul war ſchon klug genug, um zu wiſſen, daß von dem kargen Solde, den er als Soldat beziehen würde, für die Mutter nicht viel übrig bleiben konnte. So mußte er denn einen Tag wie alle Tage zum Hammer greifen, und Erz klopfen von früͤh bis ſpät, um Abends ein paar Groſchen mit nach Hauſe bringen zu können. So ſaß er auch eines Tages vor einem Haufen von Erzſtücken, die eben aus dem Stollen gebracht waren, und hieb mit dem Hammer darauf los, daß die Funken und Splittern ſtoben, da hörte er plötzl ich ein lautes:„Glück auf, Paul!“ und ſah, den Blick erhebend, einen alten Bergmann mit ſchneeweißem Haare vor ſich ſtehen, der ihn mitleidig und theil⸗ nahmsvoll betrachtete. „Glück auf, Vater Lorenz!“ erwiederte er, und ſchwang wieder den Hammer zu neuer Arbeit. „Junge, du dauerſt mich!“ fuhr der Alte fort. „Wenn ich an deinen ſeligen Vater denke, der uns Bergleuten immer ein guter Freund und treuer Be⸗ rather war, und muß nun ſehen, daß ſein Sohn zu nichts Beſſerem gebraucht wird, als zum Erzklopfen, was jeder zehnjährige Bube verrichten kann, ſo wendet ſich mir das Herz im Leibe um!“ „Aber was iſt da weiter zu thun, Vater Lorenz 26 entgegnete Paul.„Ihr wißt doch, daß es nicht meine Schuld iſt, daß man mich entlaſſe en, aus den Gruben fortgeſchickt hat, obgleich.. „Obgleich du rechtſchaffen deine Pflicht thateſt! Ja, das weiß ich, mein Junge!“ ſagte der Alte.„Du mußt auch nicht denken, daß ich dir Vorwürfe machen will,— Gott ſoll mich bewahren! Ich kenn dich 12 von klein auf, als du noch ſolch' ein luſtiger Junge warſt! Nein, nein, Paul, nichts der Art,— nur denke ich, du könnteſt bei dem, was du gelernt haſt, doch noch was Beſſeres thun, als Erz klopfen!“ Paul horchte auf. Der alte Mann ſchien eine be⸗ ſondere Abſicht zu haben.„Was meint Ihr denn da⸗ mit, Vater Lorenz?“« fragte er geſpannt. „Ei nun, ich meine gerade das, was ich ſage, Paul!“ erwiederte Jener.„Ich kenne ein altes Sprich⸗ wort, das heißt:„Ein Jeder iſt ſeines Glückes Schmied!“ Du führſt hier wohl den Hammer, Paul, aber ſiehſt du, vor der rechten Schmiede ſcheinſt du mir nicht zu ſtehen.“ „Und wo wäre die, Vater Lorenz? Wo wäre die?“ „Ja, ſiehſt du, Paul, ich ſollte meinen, das müß⸗ teſt du eigentlich beſſer wiſſen, als ich, und weißt es gewiß auch beſſer, nur wirſt du eben noch nicht daran gedacht haben. Verſtehſt du, als ich dich zum erſten Male hier ſitzen und Erz klopfen ſah, das gab mir einen Stich in's Herz, denn ich dachte an deinen ſeligen Vater, und was der wohl ſagen würde, wenn er dich ſo ſähe, und zudem, du biſt ein braver Burſche, daß weiß ich,— und nun, ſo ſimulirte ich hin und her, was ich ſelber wohl thun würde, wenn ich jung und an deiner Stelle wäre, und da fiel mir ein...« „Was, was, Vater Lorenz?“ fragte Paul geſpannt. „Was fiel Euch ein?« „Nun denn, ich dachte, nach Amerika iſt's am Ende nicht ſo weit, daß man nicht hinkommen könnte, und geſchickte Bergleute ſind überall willkommen, und wenn man nichts zu verlieren hat und geſund iſt, und 3 13 da doch ſchon ſo Mancher ſein Glück drüben gemacht, oder doch wenigſtens ſein gutes Auskommen gefunden hat... ei, dacht' ich, ſollte das nichts ſein für Berg⸗ meiſter Arnold's Paul? Der hat die Kenntniſſe, der iſt jung, dacht' ich, der iſt brav, rechtſchaffen und ehrlich, wie ſein ſeliger Vater, der verliert hier nichts in jetzigen Zeiten, und am Ende, dacht' ich, bringt er's wohl überall, wo es noch Bergwerke gibt, weiter als hier, wo er in jetziger ſchlechter Zeit nichts als ein armſeliger Pochjunge iſt. Nichts für ungut, Paul⸗ chen, du weißt wohl, ich meine das nicht in ſchlechtem Sinne, ſondern ich denke nur, du möchteſt eben in Amerika, in Peru zum Beiſpiel, wo es die reichen Silberminen gibt, wie ich gehört habe, mehr Glück haben, als bei uns, wenn du nur Muth haſt und den weiten Weg nicht ſcheueſt.“ Paul ſaß in Gedanken verloren und keine Er⸗ wiederung kam über ſeine Lippen. Des guten alten Lorenz wohlmeinende Worte waren wie ein Blitz in ſeine Seele geſchlagen, und er erlag faſt dem Ein⸗ drucke, den ſie auf ihn hervorgebracht hatten. „Siehſt du,« fuhr nach einem Weilchen der alte Lorenz fort,—„ich würde dir nicht einen ſolchen Rath geben, wenn ich Hoffnung hätte, daß es dir in der Heimath glücken koͤnne. Aber da ſehe ich keine Hoffnung, Paul, wenigſten's für's Erſte nicht, und ſo lange die Franken⸗Wirthſchaft hier dauert. Wenn die nicht wäre, ſo würde ich dir rathen:„Bleibe im Lande und nähre dich redlich!« Aber ſo— als Poch⸗ junge, du, der doch Verſtand und Kenntniſſe, der Muth und vor Allem Geſundheit und Jugend hat... ei, Blitz ja, Paul, da ginge ich in deiner Stelle vor * 14. eine andere Schmiede und ſchmiedete mir wo anders mein Glück! Was verlierſt du hier? Nichts!« „Und meine Mutter, Vater Lorenz? Meine Mut⸗ ter 2 „Deine Mutter, Paul? Nun ja, deine Mutter! Der Abſchied von ihr wird dir ſchwer werden, und ſie wird dichauch nicht gern fort laſſen,— aber, Paul, was kannſt du deiner Mutter viel nützen, wenn du bleibſt? Hier verdienſt du nicht mehr, als du brauchſt, oder wohl kaum ſo viel, wohingegen drüben, — ei, wenn du nur ein ganz klein bischen Gläck haſt, ſo ſchaffſt du dort in einem einzigen Monate mehr, als hier in einem ganzen Jahre!“ „Das könnte wohl ſein, Vater Lorenz,“ ſagte Paul nachdenklich.„Aber ſo raſch, als Ihr meint, geht das Ding doch nicht. Zunächſt einmal, da drüben ſprechen die Leute ſpaniſch, und das verſteh' ich nicht.“ „So lern' es!« erwiederte der alte Lorenz kurz. „Wenn mir recht iſt, ſo kann dir dabei ſogar Jemand recht behülflich ſein, Einer, der lange in den Spani⸗ ſchen Queckſilber⸗Bergwerken von Almaden gearbeitet hat, Burgmüllers Friedl mein' ich, du kennſt ihn ja ſo gut wie ich!“ „Das iſt wahr, das iſt wahr,“ rief Paul aus und ſeine Augen blitzten.„Der kann mir helfen, und er wird es, wenn ich ihn darum bitte! Nun aber, dann bleibt immer noch ein großer Haken übrig!“ „Noch ein Haken? Wunderlich, wenn ſich der nicht auch noch gerade ſchmieden ließe!“ erwiederte der alte Lorenz.„»Was iſt's denn für einer?« „Die weite Reiſe,— die Koſten,“ antwortete Paul ſeufzend.„Wie ſollt' ich's möglich machen, die zu erſchwingen?“ »„Ja freilich, das iſt ein arger Haken! Ein ſehr arger!« ſagte der alte Lorenz und ſchüttelte den Kopf. »Indeß, kommt Zeit, ſo kommt Rath! Vorläufig würd' ich einmal ſpaniſch lernen, und nachher wird man ja ſehen! Am Ende— ich dächte, deine Mutter müßte noch einiges Geld übrig haben vom Verkaufe ihrer Sachen her,— wenn du von ihr...« »Nein, nein, Lorenz, daraus wird nichts,« unter⸗ brach ihn Paul lebhaft.„Nicht einen Groſchen! Nicht einen Pfennig nehm' ich von ihr! Sie braucht es nöthiger, die arme Mutter, für meine kleineren Geſchwiſter! Lieber wollt' ich mich bis an die See⸗ küſte durchbetteln!“ „Freilich, freilich!« ſprach der alte Lorenz,—„ver⸗ denken kann ich's dir nicht, denn die arme Frau hat ohnehin Sorgen genug. Da müſſen wir alſo auf etwas Anderes ſpekuliren— hm! hm! hm!— Blitz ja, Paul, nun hab' ich's!« »Was habt Ihr, Vater Lorenz?« »Das Reiſegeld, Junge! Oder doch wenigſtens ein Mittel, dazu zu kommen!« »Unmöglich, Vater Lorenz! Unmöglich!« „Ach was, unmöglich! Es wird ſich machen, ſag' ich! Und wenn ich mir's recht überlege, wird ſich's ſogar ſehr gut machen!!?! „»Aber wie, Vater Lorenz? Wie?« »Verſtehſt du, mir iſt ſo, als ob noch von meinem Vater ſelig her auf meiner Polterkammer ein kleines, recht hübſch und künſtlich gearbeitetes Bergwerk ſtehen müßte, wenn es nicht ſeitdem in Stücke gegangen iſt! 16 Das thät's, Paul! Und ſchlimmſten Falls kann man ja das alte Ding ausbeſſern und neue Figuren dazu machen. Das wird ſo viel Mühe nicht koſten! Ich muß gleich auf der Stelle einmal nachſehen, wenn ich nach Hauſe komme!“ 1 „Aber, Vater Lorenz, was ſoll mir das Bergwerk helfen?« fragte Paul mit getäuſchter Miene. „Das begreifſt du noch nicht, Junge? Siehe da, ich häͤtte dich für geſcheidter gehalten! Weißt du wohl, daß das Ding da ein ordentliches, kleines Silber⸗ Bergwerk für meinen Vater geweſen iſt? Begreifſt du immer noch nicht? Nun ſeh' Einer den Jungen! Auf dem Buckel herumgehuckt hat er's von einem Ort zum andern im ganzen deutſchen Reich, und hat's in den Häuſern herumgezeigt für ein Geringes, und hat dennoch ganz gut gelebt und ſogar noch ein Sümmchen erſpart dabei, was er nachher mitgebracht hat. Es war damals gerade eine Zeit wie jetzt, ſtehſt du. Die Arbeit lag nieder, und wer nicht verhungern wollte, mußte auf einen kleinen Erwerb denken. Da zimmerte mein Vater das kleine Bergwerk, denn er hatte viel Geſchick zu ſolchen Sachen, und ſiehſt du, Paul, wenn du dich nicht ſchämteſt, das Ding aufzuhucken und deine Wanderſchaft anzutreten, ſo wollt' ich dir's recht gern geben, denn es ſteht mir ja doch nur zum Ueberfluß auf der Polterkammer herum!“ „Vater Lorenz,“ ſagte Paul, deſſen Augen fun⸗ kelten, während ſein Herz vor Freuden laut pochte, —„Ihr ſeid mein guter Engel, Vater Lorenz! Ja wahrhaftig, jetzt ſeh' ich's ein, auf dieſe Weiſe muß es gehen, und wenn Ihr wirklich wolltet... — 17 »Freilich will ich, ſonſt würd' ich's dir doch nicht angeboten haben! Du kannſt dir das alte Ding holen, und wir flicken's dann nothdürftig wieder zurecht. Ja, ja, ich glaube ſelbſt, der Einfall war nicht ganz dumm von mir, und wenn du's geſchickt anfängſt, ſo läßt ſich was daraus machen!“ »Ein herrlicher Einfall iſt's, Vater Lorenz!“ ſagte Paul und jubelte faſt laut heraus.„Jetzt iſt mir ge⸗ holfen! Wenn der Winter vorbei iſt, ſo mach' ich mich auf und gehe nach Peru vor die rechte Schmiede, um an meinem Glücke zu ſchmieden! Glaubt mir, Vater Lorenz, am Fleiße will ich's nicht fehlen laſſen, denn mein Glück iſt ja das Glück meiner guten Mutter und aller meiner Geſchwiſter mit. Aber wißt Ihr, Vater Lorenz, jetzt noch kein Wort davon zu meiner guten Mutter! Sie darf nichts wiſſen, bis Alles reif iſt, denn ſie würde ſich nur vor der Zeit grämen, und ſie hat doch ſo wie ſo ſchon Kummer und Sorge vollauf. Nicht wahr, Vater Lorenz, wir halten's geheim?«. »Kein Sterbenswörtchen ſoll über meine Lippen kommen,« verſprach der alte Mann.„Die ganze Ge⸗ ſchichte bleibt hübſch unter uns! Und nun behüt' dich ſehe Paul! Ich will heim und nach dem Bergwerke e en.“. „Erſt noch meinen Dank, Vater Lorenz, meinen herzlichen Dank! Ihr habt mich ganz glücklich gemacht!« ſagte Paul mit Thränen in den Augen.„Ich weiß nicht, womit hab' ich's nun gerade verdient, daß Ihr ſo gut und theilnehmend gegen mich ſeid?« »Das will ich dir ſagen, mein Junge,“ erwiederte der alte Mann, indem er mit Wärme die Hand des Knaben drückte.„Du verdankſt es deinem ſeligen Vater, Glückes Schmied. 2 X△ 18 der uns Allen immer ein guter Vorgeſetzter geweſen iſt, und der Vielen von uns ſo manches Gute gethan hat, als er noch am Leben war. Er hat Segen geſäet, und da iſt's ganz natürlich, daß ſeine Kinder Segen ärnten! Das iſt eins, ſiehſt-du! Und dann nachher,— ich will dich weiter nicht loben und preiſen— aber gefallen hat mir's, daß du, obgleich eines Bergmeiſters Sohn, nicht zu ſtolz und hochmüthig geweſen biſt, gleich dem letzten Pochjungen den Hammer zu ſchwingen. Das hat mir gefallen, und darum hab' ich druͤber nachgedacht, wie dir wohl zu helfen wäre, und da iſt mir denn eingefallen, was ich dir nun ſchon geſagt habe. Das iſt's Ganze! Und von jetzt an kein Wort mehr darüber! Aber heute Abend, wenn Schicht gemacht iſt, dann komm' zu mir, und wir wollen ſehen, ob wir das alte Bergwerk wieder hübſch zurecht flicken können! Gott behuüͤte dich!“ Und damit drückte der alte Lorenz noch einmal kräf⸗ tig Pauls Hand, und ging mit raſchen Schritten davon. Paul aber griff wieder zu ſeinem Hammer, und arbei⸗ tete, daß die Stücke flogen. „Ja, ja, er hat Recht,“ murmelte er dabei öſter als einmal vor ſich hin;—„hier bin ich nichts nütze, und es wird nichts aus mir! Aber drüben kann ich mein Glück machen, wenn ich fleißig und rechtſchaffen bin. Jeder iſt ſeines Glückes Schmied, hat Vater Lorenz ge⸗ ſagt! Wohlan denn, ich will wacker ſchmieden, und mich auch nicht fürchten, vor die rechte Schmiede zu gehen. Es iſt ja nicht allein fuͤr mich, es iſt ja auch für die arme, liebe, gute Mutter, und gerade für ſie ganz ins⸗ beſondere! Alſo fort nach Peru! Gott iſt ja dort ſo gut, wie hier!“ 19 Zweites Kapitel. Klopfet an, ſo wird Euch aufgethan. Matth. 7. 8. Der Funke, den der alte Lorenz in die Seele Pauls geworfen hatte, erloſch nicht wieder, ſondern fachte eine helle Flamme an, einen wahren Feurreifer, welcher den wackeren Burſchen zu den äußerſten An⸗ ſtrengungen ſpornte. Burgmüllers Friedl, auch der Spanier von ſeinen Kameraden genannt, weil er mehrere Jahre auf der pyrenäiſchen Halbinſel gelebt hatte, zeigte ſich ſogleich und herzlich gern bereit, der Lehrmeiſter Pauls in der Spaniſchen Sprache zu wer⸗ den, und ſchon am nächſten Tage fingen die Lectionen an. Der ehrliche Friedl war freilich, wie ſich bald zeigte, ein ziemlich unbeholfener Lehrer, aber der gute Wille erſetzte manchen anderen Mangel, und außerdem wußte Friedl gerade da am meiſten Beſcheid, wo es für Paul am nützlichſten war. Friedl war ſelbſt Berg⸗ mann, hatte in Spanien faſt nur mit Bergleuten ver⸗ kehrt, alſo kannte er gerade die bergmänniſche Sprache ganz genau, und Paul erlernte die hierauf bezüglichen und darin vorkommenden Ausdrücke mit der größten Gründlichkeit.— Dabei wurde jedoch auch das kleine Bergwerk nicht verſäumt, das der alte Lorenz wirklich in der Rumpel⸗ kammer vorgefunden hatte,— allerdings in ſehr ſchlech⸗ ten Umſtänden, denn Vieles war daran zerbrochen, Anderes verſtäubt und verblichen, und noch Anderes 4 20 ganz und gar verſchwunden;— gleichwohl, man hatte die Grundlage, und ausbeſſern, nachhelfen, ergänzen ließ ſich immer noch leichter, als von Grund aus neu ſchaffen. An Fleiß fehlte es auch nicht, der alte Lo⸗ renz half wacker mit leimen, ſchnitzen, bauen und an⸗ ſtreichen, und kurz und gut, als der Frühling wieder in's Land kam, die Quellen wieder rieſelten und die Blumen wieder blühten, konnte Paul jeden Tag und jede Stunde ſeine Reiſe antreten. Nur Eines noch lag ihm ſchwer und drückend auf dem Herzen: die Sorge, wie die Mutter ſein immerhin gewagtes und ſchwieri⸗ ges Unternehmen beurtheilen werde, und dann der Ab⸗ ſchied von ihr. Aber auch dieſer letzten Sorge ſollte Paul bald entledigt werden. Die Mutter ſelber ebnete ihm den Weg dazu. Sie hatte ſchon längſt gemerkt, daß Paul mit irgend einem beſonderen Plan umging, und eines Abends, als er müde und gedankenvoll von ſeinem vollbrachten Tagewerke heimkehrte, ergriff ſie ihn bei der Hand und führte ihn hinaus in den kleinen Garten, wo ſie ganz ungeſtört mit einander plaudern konnten. „Paul,“ ſagte ſie,„dich bedrückt etwas! Haſt du ſo wenig Vertrauen zu dem Herzen deiner Mutter, daß du ihr deinen Kummer zu verheimlichen ſuchſt? O Paul, hat deine Mutter das um dich verdient? Iſt ſie dir nicht immer eine treue, zärtliche, liebevolle Mutter geweſen?“ Paul ſah ſie mit inniger Liebe an, und Thränen der Rührung traten ihm in's Auge.„Eben darum, gute, gute Mutter!« erwiederte er.„Weil du immer ſo liebreich wareſt, fürchte ich eben, dir Schmerz zu be⸗ reiten,— und doch, einmal muß es doch geſchehen, einmal mußt du ja doch Alles erfahren!“ »„Alſo errieth ich dich, ich las in deinem Herzen,“ ſagte die Mutter.„Ach ja, ich dacht' es mir wohl, denn das Auge einer Mutter, die ihr Kind liebt, ſieht ſcharf. Nun denn, Paul, da einmal doch der Augen⸗ blick kommen muß, wie du ſagſt, warum noch zögern? Sprich, mein Kind, und rechne in Allem auf die Liebe deiner Mutter!« Ihrem liebevollen Zureden widerſtand Paul nicht länger. Er öffnete der Mutter ſein ganzes Herz, er⸗ zählte, wie ihn im vorigen Herbſt der alte Lorenz ge⸗ troffen, welche Unterredung er mit ihm geführt, und welche Folgen dieſelbe gehabt hatte. Mehr erſtaunt und überraſcht, als betrübt hörte die Mutter ihm zu, und als ſie Alles wußte, glänzte ſogar ein Strahl der Freude in ihrem Auge. »Und du haſt alſo den Entſchluß gefaßt, mich zu verlaſſen, Paul?« fragte ſie. »Ja, liebe Mutter,“ entgegnete Paul offen,— „vorausgeſetzt, daß mein Entſchluß von dir gebilligt wird, denn niemals würde ich dir ein ungehorſamer Sohn ſein!« „So iſt's recht, ſo erwartete ich's,“ ſprach die Mut⸗ ter und drückte die Hand ihres wackeren Sohnes.„Oh, Paul, ich werde leiden, wenn ich dich nicht mehr ſehe, wenn du ferne von mir biſt, wenn ich dir nur noch meine Wünſche nachſchicken, nur noch für dich beten kann;— aber ich werde doch immer weniger leiden, als ich bis jetzt gelitten habe, wo ich dich in ſo tiefer Erniedrigung ſehen mußte, ohne Hoffnung und Aus⸗ ſicht, daß deine unglückliche Lage ſich beſſern koͤnnte. 22 Geh', mein Kind! Der Weg iſt zwar weit, aber die Tugenden deines ſeligen Vaters haben ihn dir eröffnet, und der Segen deiner Mutter begleitet dich. Es iſt Gottes Wille, daß du mich verlaſſen ſollſt, und darum ſo wird auch Gott deine Schritte lenken! Es iſt ge⸗ nug! Ich weiß nun Alles, und mein Herz wird ſich gewöhnen, den Gedanken an unſere baldige Trennung zu ertragen.“ Eine ſtumme, innige Umarmung folgte dieſer Un⸗ terredung. Paul fühlte eine ſüße Beruhigung, nach⸗ dem er nun wußte, daß die Mutter ſeine Abſicht bil⸗ ligte,— und ſie, die arme Mutter, ſuchte und fand einigen Troſt über die Trennung in der Hoffnung, der entzückenden Hoffnung, daß ihr wackerer Sohn ſich einen Weg bahnen, daß er ſich eine Stellung erwerben und im fernen Lande ein beſcheidenes Glück finden werde, auf das er in ſeiner Heimath nicht mehr rech⸗ nen konnte, wenigſtens in den nächſten Jahren nicht. Und endlich— ſollte ſie denn nicht auf ein einſtiges Wiederſehen hoffen? Freilich mochten Jahre dahin⸗ ſchwinden, bis dieſe entzückendſte Hoffnung ſich verwirk⸗ lichte, aber endlich einmal kam ja doch der glüͤckliche Tag, die glückliche Stunde, und ihr zärtliches, liebe⸗ volles Mutterherz pochte hoch auf, wenn ſie ſich dieſe Stunde mit all' ihren unſäglichen Wonnen vergegen⸗ wärtigte. Ja, ja, mochte er ziehen! Er war brav, redlich, fleißig, ein guter, geſchickter Arbeiter und ein treuer Sohn,— ihm konnte der Segen Gottes ſo we⸗ nig fehlen, als der Segen der Mutter. An einem hellen Frühlingsmorgen war es, als Paul von der Heimath, von der Mutter, von den Ge⸗ ſchwiſtern Abſchied nahm. Den Wanderſtab in der 23 Hand, den ſchweren Kaſten mit dem kleinen Bergwerke und einer künſtlich darin angebrachten Drehorgel auf dem Rücken, ſo zog er von hinnen nach einem Abſchiede von Allem, was ihm theuer war, einem Abſchiede, den wir nicht zu ſchildern verſuchen wollen. Mehrere Tage klang der trübe Nachhall des bitteren Scheidens in ſei⸗ nem Herzen nach, und er bedurfte der ganzen jugend⸗ lichen Friſche ſeiner Seele, um die dunkeln Wolken der Trauer, die ſein Gemüth verfinſterten, gegen den Son⸗ nenſchein der Hoffnung zu vertauſchen. Aber Gott half ihm und war mit ihm auf ſeinen Wegen. Der Him⸗ mel glänzte in heiterer Bläue auf ihn nieder, die ganze Natur prangte in ihrem ſchönſten Schmucke rund um ihn her, wohin ſeine Pfade ihn führten, der grüne Wald rauſchte ihm Troſt und Stärkung zu, der Fink ſchmetterte ſo luſtig ſein heiteres Lied ihm entgegen, Alles lachte ihn an,... endlich mußte ja wohl der fri⸗ ſche Jugendmuth wieder in ihm lebendig werden, und nun ſah er nicht mehr rückwärts in die dunkle Ver⸗ gangenheit, ſondern vorwärts in die Zukunft hinaus richtete er ſeine Blicke, und malte ſich— nicht glän⸗ zende, reiche Luftſchlöſſer, oh nein— ſondern nur ein beſcheidenes, kleines Bild ſtiller, friedlicher Häuslichkeit aus, das er durch ſeiner Hände Fleiß und ein redliches Streben zu verwirklichen hoffen durfte. „Muth!“ rief er ſich ſelbſt zu.„Muth! Wer das Rechte erwählt hat nach redlichem Wollen und beſtem Wiſſen, der mag vielleicht manchmal getäuſcht werden, aber zuletzt erringt er doch wohl faſt immer das Ziel ſeines Lebens! Ich habe gewählt, und die Mutter bil⸗ ligte meine Wahl! Alſo kein Schrecken, kein Trauern, 24 kein Zaudern mehr! ‚Jeder iſt ſeines Glückes Schmied!“ ſagte der alte Lorenz. Wohlan, ſchmieden wir!« Noch einmal ſo ſchön und hell und heiter ſchien ihm die Welt, ſeitdem er die trüben Wolken der Weh⸗ muth aus ſeinem Herzen verjagt hatte. Munterer för⸗ derte er ſeine Schritte, und in dem nächſten Orte, den er erreichte, einem kleinen Städtchen, machte er den er⸗ ſten Verſuch, ſein künſtliches Bergwerk auszubeuten. Und dieſer Verſuch gelang ihm über alle Erwartung. Sein hübſches Geſicht, ſein beſcheidenes, ſanftes Weſen öffnete ihm viele Thüren, und gewann ihm faſt über⸗ all, wo er vor den Thüren die künſtlich in ſeinem Bergwerke angebrachte Drehorgel ſpielte und Einlaß fand, Wohlwollen und Freundlichkeit. Zuweilen frei⸗ lich wurde er wohl auch barſch, kurz und trocken zu⸗ rückgewieſen, aber er ließ darüber keine Bitterkeit in ſeinem Herzen aufkommen. Der guten Menſchen, die ihn mild und gütig behandelten, fand er überall. mehr, als der Böſen, und ſo vergaß er leicht, was er nicht ändern konnte, und am Ende auch nicht verſchuldet hatte. Mit mehreren Silberſtücken in der Taſche ver⸗ ließ er das Städtchen wieder, und zog weiter von Ort zu Ort, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, im⸗ mer mit ſeinem Bergwerk auf dem Rücken, deſſen Werth er jeden Tag mehr kennen und ſchätzen lernte. Es war in der That ein kleines Silber⸗Bergwerk, und ſelbſt Goldkörner fand er darin, die er als guter Haus⸗ halter ſparte und aufbewahrte. Als er ein Vierteljahr ſpäter nach Bremen kam, hatte er ſich mehr als zwei⸗ hundert Thaler geſammelt, wovon er die Hälfte ſorg⸗ fältig einpackte und in die Heimath an die Mutter ſchickte, worauf er mit der anderen Hälfte ſich nach einem Schiffe umſchaute, auf dem er als Zwiſchendeck⸗ Paſſagier die Reiſe nach Peru antreten konnte. Ein ſolches Schiff war bald gefunden. Paul be⸗ zahlte, nachdem er ein erkleckliches Sümmchen von der erſten Forderung abgehandelt hatte, ſein Paſſagegeld, ſchaffte ſeinen Bergwerkskaſten an Bord des Schiffes, und erwartete nun mit einem Gemiſch der verſchieden⸗ artigſten Gefühle die Abfahrt. Lebhafter als je traten die Bilder der Vergangenheit vor ſeine Seele; aber auch hoffender als je ſchaute er in die dunkel verhüllte Zukunft. Der bereits errungene Erfolg ermuthigte ihn. Gott hatte bis hieher geholfen, Gott werde weiter hel⸗ fen, dachte er zuverſichtlich und vertrauensvoll. Als das Schiff vom Lande abſtieß, als es in das Meer hinaus ſegelte, und die deutſche Küſte nur noch einem Nebelſtreifen vergleichbar hinter ihm ſich über das Waſſer erhob, da perlte freilich eine Thräne in Pauls Auge, und mit heißer Liebe dachte er der Mutter, der Geſchwiſter, der treuen, wackeren Freunde in der Hei⸗ math. Aber als auch der letzte Nebelſtreifen zwiſchen Himmel und Waſſer verſchwamm, da richtete er ſich wieder auf, da trocknete er ſeine Thränen, und wieder⸗ um wandte er vorwärts den Blick, vorwärts weit über das Waſſer hinaus, vorwärts zu dem fernen Lande, wo er das Ziel ſeines Lebens zu erreichen hoffte. »Jeder iſt ſeines Glüͤckes Schmied,« murmelte er, indem er mit hellem Blicke über die glänzenden Wellen hinſchaute;—„ſchmieden wirl« 26 Drittes Kapitel. Liebe deinen Nächſten, wie dich ſelbſt. Matth. 5. 43. Die Sonne brannte glühend vom wolkenloſen Him⸗ mel hernieder, der ſich wie ein Gewölbe von Erz über die Erde ausſpannte, als ein hübſcher junger Menſch mit etwas gebräuntem Geſicht, aber mit blonden Locken und blauen Augen, welche auf den erſten Blick ſeine nordiſche Heimath verriethen, von der Hafenſtadt Callao her ſich der Hauptſtadt Peru's, dem weit ausgedehnten Lima, näherte. Auf dem Rücken trug er einen ſchwe⸗ ren, großen Kaſten von dunkel polirtem Fichtenholz, und in der rechten Hand einen derben Stab, der ihm auf ſeinen Wanderungen zur Stütze diente. Seine Klei⸗ dung war einfach und dem heißen Klima der ſüdlichen Länder angemeſſen. Ein leichter, breitrandriger Som⸗ brero oder Schattengeber ſchützte ſein Geſicht vor dem unmittelbaren Eindrucke der Sonnenſtrahlen; ein Jäck⸗ chen von geſtreiftem Nanking mit darüber geklapptem Hemdkragen, weite Beinkleider von dem gleichen Stoffe, und Halbſtiefeln von weichem Leder machten ſeinen An⸗ zug aus. Trotzdem, daß er leicht und luftig genug war, ſchien der junge Mann doch unter dem Einfluſſe der drückenden Schwüle zu leiden, denn er blieb öfter ſtehen, wiſchte mit einem ſeidenen Tuche die Schweiß⸗ tropfen von ſeiner Stirn, und warf ſich endlich, nach⸗ dem er vorſichtig ſeinen Kaſten auf die Erde geſetz hatte, unter einer Gruppe von prächtigen Maulbeer⸗ bäumen nieder, deren Schatten ihn unwiderſtehlich zur Ruhe einlud. In einem weiten Thale, das in der Ferne von der mächtigen Gebirgskette der Cordilleren begränzt wurde, an beiden Ufern des Fluſſes Rimac und durch ihn in zwei ungleiche Theile geſchieden, brei⸗ tete ſich die Ciudad de los reyes, die Stadt der Kö⸗ 3 nige, wie ſie von ihrem Gründer, Don Francisco Pi⸗ zarro, genannt wurde, vor den Blicken unſeres Wan⸗ derers aus. Ihre Umgebungen waren lachend und fruchtbar, und zeugten von fleißigem Anbau. Weite Mais⸗ und Baumwollen⸗Felder bekleideten die Erde mit hellem Grün, und eine zahlloſe Menge von Pflanzun⸗ gen, die beſonders häufig am Ufer des Rimac entlang lagen, wechſelten mit Gebuͤſchen von Platanos, von Oliven⸗, Feigen⸗ und Granatbäumen in reicher Fülle ab, und verliehen der Gegend einen lachenden Ausdruck von Friſche und Lieblichkeit. Eine unzählbare Menge von Thürmen ragte über die niedrigen Häuſermaſſen mit ihren flachen Dächern empor, und erfuͤllte die Luft mit dem faſt ununterbrochenen Schalle ihrer Glocken, denn es war Feſttag, und der Schall der ehernen Zeu⸗ gen rief die Gläubigen zu den Altären der ſechsund⸗ fünfzig Kirchen und Klöſter Lima's. Lange verweilte das Auge des jungen Wanders⸗ mannes auf dem reichen Gemälde, das ſeinen erſtaun⸗ ten Blicken ſo viel Neues und Fremdartiges bot, bis er endlich, tief aufathmend, Worte fand, ſeine Gedan⸗ ken und Empfindungen auszuſprechen. »Bis hieher wäre ich alſo!« murmelte er in deut⸗ ſcher Sprache vor ſich hin.„Viele hundert Meilen von der Heimath entfernt,— einſam, allein, ohne Freund, ohne Hülfe, im fremden Lande, wo man nicht 28 einmal meine Sprache verſteht,— aber trotzalledem doch voll Muth, voll Hoffnung, voll von feſtem Ver⸗ trauen auf dich, mein Gott, der du ja überall um mich und in mir biſt! Sei getroſt, meine gute Mutter! Was mich auch erwarten, was mir auch begegnen möge, Alles ſoll mich gefaßten Herzens und friſch zum tapfe⸗ ren Widerſtande finden!“ „Ob ſie daheim wohl an mich denken?« fuhr er ſinnend und mit einem Anfluge zuverſichtlichen Lächelns auf den Lippen fort.„Oh, die Mutter gewiß! Sie vor Allem! Ich weiß es, ich fühl' es hier tief in der Bruſt, daß ihre Gedanken, ihre Wünſche, ihre Gebete mich überall hin begleiten! Und auch die Geſchwiſter! Auch der alte ehrliche Lorenz und der brave Friedl,— Keiner hat mich vergeſſen, Keiner iſt, der mir nicht den beſten Erfolg aller meiner Unternehmungen gönnte und wünſchte! Alſo warum ſollt' ich zagen, da ſo viele gute Menſchen die herzlichſte Theilnahme für mich he⸗ gen? Nein, nein! Muth, Paul, und mit feſtem Schritte vorwärts auf der betretenen Bahn!“ Noch eine Stunde verweilte er in ſolchen und ähn⸗ lichen Betrachtungen im Schatten der Maulbeerbäume, bis die Sonne ſich allmälig dem Untergange zuneigte. Da ſprang er endlich auf, ſtreifte ein paar Hände voll Früchte von den nächſten Zweigen, die er mit Behagen verzehrte, huckte ſeinen Kaſten wieder auf, und näherte ſich dann mit raſcheren und elaſtiſcheren Schritten als vorher der Stadt, welche kaum noch eine viertel Legua entfernt lag. Bald hatte er ſie erreicht. 8 Wenn er aber der Meinung geweſen war, pracht⸗ volle Straßen und Häuſer zu finden, wie ſie eine Stadt von der Größe und dem Umfange Lima's wohl hätte erwarten laſſen, ſo fand er ſich jetzt vollkommen ge⸗ täuſcht. Er betrat enge ſchmutzige Gaſſen mit niedri⸗ gen, einſtockigen, halb verfallenen Gebäuden, die eher die Bezeichnung Hütten als Häuſer verdienten, und erſt, als er ſich mehr dem Mittelpunkte der Stadt nä⸗ herte, wurden die Straßen breiter und reinlicher, die Häuſerreihen ſtattlicher, obwohl auch hier nur ſelten ein Haus mehr als ein Stockwerk über dem Erdge⸗ ſchoß hatte. Paul Arnold,— denn ihn werden unſere freund⸗ lichen Leſer nun ſchon längſt in dem einſamen Wande⸗ rer erkannt haben,— achtete jedoch weniger auf das Ausſehen der Straßen ſelbſt, als vielmehr auf die bunte Bevölkerung, die in ihnen drängte und wogte. Ein ſo buntes Gemiſch von Farben und Geſichtern hatte er noch nirgends geſehen, obgleich er mehrere Tage in Rio Janeiro und Valparaiſo geweſen war. Von dem Kreo⸗ len mit weißer Haut an bis zu dem ebenholzſchwarzen Congoneger ſah er alle Schattirungen der Hautfarben in regelmäßigen Abſtufungen auf ganz beſchränktem Raume bei einander. Auf dem Hauptplatze beſonders fand er das bunteſte Leben und Treiben. Hier ſtanden gruppenweiſe die verſchiedenen Beſtandtheile der Bevöl⸗ kerung Lima's. Am Stolzeſten ragten wie überall die weißen Kreolen hervor, ſchlanke, ziemlich große Geſtal⸗ ten, mit ſcharfen Geſichtszuügen, dunkelſchwarzem Haar und blitzenden ſtolzen Augen, die verächtlich über die Menge der Farbigen hinſtreiften. Neger, Indianer, Mulatten, Zambo's und Meſtizen wogten lachend, plau⸗ dernd, oder auch finſtern Blickes und mit verſchloſſener Miene auf und ab. Die Meiſten waren müſſige Spa⸗ 30 ziergänger, welche die kühle Luft der Cordilleren ein⸗ athmeten, die bei Sonnenuntergang längs des Rimac weht. Andere ſpielten, auf den nackten Boden ausge⸗ ſtreckt, mit ſchmutzigen Karten, noch Andere verſammel⸗ ten ſich vor den Häuſern, wo Erfriſchungen feil gebo⸗ ten wurden, und wo vor den Thüren Tiſche mit Limo⸗ nade, Mandelmilch und Gefrornem ſtanden und die Vorüberwandelnden anlockten. Die zahlreichen Beſucher ſetzten ſich auf die Bänke, die dieſe Tiſche im Viereck umgaben, und ſchienen dort die angenehmſte Kühlung nach der drückenden Schwüle des Tages zu finden. Paul war ſelber hungrig und durſtig, aber er wagte es nicht, ſich dieſer Menge beizugeſellen, die ihm viel zu vornehm erſchien, und nachdem er ſeine Augen ge⸗ nugſam an dem bunten fremdartigen Gemiſch der Be⸗ völkerung geweidet hatte, verließ er die Plaza mayor, und ſchlug den Weg in eine Nebenſtraße ein, um auf Gerathewohl irgend ein anderes, beſcheideneres und je⸗ denfalls auch wohlfeileres Erfriſchungs⸗Lokal aufzu⸗ finden. Bald entdeckte er, was er ſuchte, eine„Picante⸗ ria«, wo es bereits von Gäſten wimmelte, die ſich an Cancha, das heißt, geröſtetem Mais, an Picante's und Chicha gütlich thaten. Hier war es augenſcheinlich weniger vornehm, als auf dem großen Platze, und deß⸗ halb trat Paul ziemlich keck in das Lokal, ſuchte ſich einen Platz im Winkel aus, ſtellte ſeinen Kaſten auf eine rohe Holzbank, ſetzte ſich neben ihn nieder, und wartete nun geduldig, daß der Wirth der Picanteria ihn bemerken und bedienen werde. Seine Geduld wurde übrigens auf keine ſehr harte Probe geſtellt. Eine häß⸗ Niche alte Mulattin eilte bald auf ihn zu, und ohne ihn 31 zu fragen, was er verlange, ſetzte ſie eine tüchtige Por⸗ tion geröſteten Mais in einer Kürbisſchale, einen Teller mit Picante„Calapulcra«, nämlich ein mit ſpaniſchem Pfeffer ſtark gewürztes Gericht von gedörrten fein ge⸗ ſtoßenen Kartoffeln mit Fleiſch, und endlich ein großes Glas voll Chicha vor ihn hin. Paul bezahlte die ge⸗ ringe Forderung für alle dieſe Leckerbiſſen, und that hierauf einen herzhaften Trunk aus dem Glaſe voll Chicha, da ihn beſonders der Durſt quälte nach dem Marſche in der glühenden Tageshitze. Aber kaum be⸗ rührte das Getränk ſeine Lippen, kaum hatte er einen Schluck davon genoſſen, als er ſchaudernd vor Ekel das Glas wieder niederſetzte und ſo weit als möglich aus dem Bereiche ſeines Armes ſchob. „Schmeckt Euch der Chicha nicht, mi amo?«(mein Gebieter,) fragte ein zerlumpter Farbiger, der ihm ge⸗ genuͤber ſaß und grinſend die von Ekel verzerrten Ge⸗ ſichtszüge Pauls betrachtete. »Abſcheulich ſchmeckt das Zeug!“ erwiederte Paul. »Widerlich ſcharf und bitter! Nie werde ich wieder Ver⸗ langen danach tragen. Was iſt es eigentlich?« „»Eine Art Bier aus Mais, Su merced(Euer Gna⸗ den),“ antwortete der Farbige.„Wenn es Euch nicht ſchmeckt, ſo gebt es mir.“ »Mit Vergnügen, wenn Ihr mir ein Glas Waſſer dafür verſchafft,« ſagte Paul. Der Farbige lachte, ſprang auf, lief davon und kehrte faſt augenblicklich mit einem großen Glaſe Waſſer zurück, welches er vor Paul hinſchob. Dann ergriff er das Glas mit der Chicha, und leerte es mit einer ſol⸗ chen Wonne bis auf den Boden aus, daß Paul ſich nicht genug darüber verwundern konnte, wie man in 32 Wirklichkeit an ſolchem Zeuge Geſchmack zu finden vermöge. Indeß, nach gelöſchtem Durſte meldete ſich der Hun⸗ ger wieder, und Paul rückte ſich die Schüſſel mit„Ca⸗ lapulcra« näher, deren Geruch ihm ſehr einladend ent⸗ gegenduftete. Es fiel ihm zwar auf, daß ihn der Far⸗ bige wiederum, wie vorhin, als er die Chicha trank, mit einem verſtohlenen Grinſen betrachtete, aber ohne ſich dabei etwas Böſes zu denken, aß er einige Biſſen von dem Gericht, bis er auf einmal die Gabel weg⸗ warf; furchtbar huſtete, und beinahe laut aufgeſchrieen hätte. Der Farbige brach in helles Lachen aus, und wälzte ſich vor lauter Schadenfreude in faſt krampfhaf⸗ ten Zuckungen. »„Ich dacht' es mir wohl, ja ich dacht' es,“« ſagte er endlich, als er nach ſeinem verrückten Lachen wieder ein wenig zu Athem kam.„»Mi amo iſt fremd, und Pican⸗ te's noch zu ſcharf für ihn. Schmeckt es Euch nicht, Sennor? »Das iſt kein Eſſen, das ſind glühende Kohlen, die Einem Mund und Gaumen verbrennen!“ erwiederte Paul.„Wer kann ſolches Zeug genießen?« „Oh, ich, Su merced, wenn Ihr's erlaubt,“ ant⸗ wortete der Mulatte geſchwind, indem ſeine Augen voll Gier funkelten. „Eßt, eßt, mein Freund,“ ſagte Paul und ſchob ihm den Teller hin.„Wahrhaftig, ich beneide Euch nicht um Euren Geſchmack.“ 1 „Oh, Ihr werdet noch eſſen lernen, mein Gebieter,“ erwiederte der Farbige zuverſichtlich, indem er haſtig das ſcharfe mit ſpaniſchem Pfeffer gewürzte Gerich hinunter ſchlang, und dabei zum Zeichen ſeines Wohl 33 behagens, und zum Beweiſe, wie gut es ihm ſchmeckte, gräulich die Augen verdrehte.»Dieß iſt köſtlich, Euer Gnaden, und wenn Ihr nur erſt ein paar Wochen hier ſeid, ſo werdet Ihr nicht mehr ſo freigebig wie jetzt mit Picante's und Chicha umgehen.“ Paul ſchien mit dieſer Verſicherung nicht völlig ein⸗ verſtanden zu ſein, denn er ſchüttelte den Kopf, und ſah ziemlich verdrießlich die geröſteten Maiskörner an, die noch vor ihm in der Kürbisſchale ſtanden,— das einzige Gericht, welches ihm von ſeinem Abendeſſen noch übrig blieb. Er aß ein paar Hände voll davon, und obgleich es ihm nicht gerade wie ein Leckerbiſſen vorkam, ſo verbrannte es ihm doch wenigſtens die Zunge und den Gaumen nicht, und er konnte nothdürftig ſei⸗ nen Hunger damit ſtillen. Nachdem dieß geſchehen war, ſchaute er ſich ſeine nächſten Umgebungen ein wenig genauer als bisher an, und entdeckte nun in dem engen Raume der„Picantterine“ ein faſt noch bunteres Ge⸗ miſch von allen möglichen Menſchenragen, als er es auf der Plaza mayor gefunden hatte. Um die kleinen Tiſche herum ſaßen Leute von allen Farben und aus den ver⸗ ſchiedenſten Ständen. Hier ein paar ernſte Alt⸗Spanier mit bleichen, ſtolzen Geſichtern; dort ein paar Mönche mit braunen Kapuzen; hier ein tiefſchwarzer Congone⸗ ger mit ſchmutzigen Mulatten und Meſtizen; dort Sol⸗ daten, Kaufleute, Handwerker und Maulthiertreiber,— Männer und Weiber, weiße, ſchwarze, gelbe und braune, in den ſeltſamſten, fremdartigſten Trachten, und Alle aßen ihre Picante's und tranken aus großen Glaͤſern die ekelhafte Chicha mit einem Wohlbehagen, bei dem ſich Paul nicht eines leichten Schauders von Ekel und Abſcheu erwehren konnte. Glückes Schmied. 3 34 Eine halbe Stunde mochte er ſo die bunte Menge um ſich herum neugierig gemuſtert haben, als von Neuem auf einmal die Thür geöffnet wurde, und eine hohe, ſchlanke, kräftige Geſtalt eintrat, deren ſeltſames Ausſehen ſogleich die Aufmerkſamkeit Pauls mehr noch, als alles Uebrige feſſelte. Der Mann war noch jung, langes ſchwarzes Haar fiel ſtraff und glänzend auf ſeine breiten Schultern herab; ſeine Farbe war kupfer⸗ braun, und ſein Geſicht zeigte einen ungewöhnlich dü⸗ ſtern und verſchloſſenen Ausdruck. Seine Bekleidung beſchränkte ſich auf ein dunkles, ſackartiges Hemd ohne Aermel, welches um die Hüfte durch einen Gürtel zu⸗ ſammengehalten wurde. Auf dem Rücken trug er ein ziemlich ſchweres Bündel, das er beim Eintreten in die Picanterine abnahm und unter die erſte beſte Bank ſchob, worauf er ſich ſelbſt, unbekümmert um die Leute, welche bereits den Tiſch eingenommen hatten, auf die Bank niederſetzte. 1 „Was für ein Menſch iſt das?« fragte Paul neu⸗ gierig den Mulatten, der vorhin mit ſo großem Appe⸗ tite ſeine Chicha und ſeine Picante's verzehrt hatte. „Iſt es nicht ein Indianer?« „So iſt es, Euer Gnaden,“ erwiederte der Mulatte mit verächtlicher Miene.„Ein Indio brato(ein viehi⸗ ſcher Indianer) aus den Bergen, der mit Salben und Pflaſtern, mit Samen, Wurzeln und Rinden handelt, die er in den Wäldern eingeſammelt hat. Ein unver⸗ ſchämter Kerl, den ſie bald aus der Hütte hinaus wer⸗ fen werden!“ „Unverſchämt? Wie das?“ fragte Paul.„»Er ſitzt ja ganz ruhig da, und beläſtigt Niemanden durch ſeine Gegenwart!«. 3⁵ »Ahi, man ſieht wohl, daß Ihr noch fremd ſeid in dieſem Lande, mein Gebieter!«entgegnete der Mulatte. „Seht Ihr nicht, Euer Gnaden, daß der Schurke ſich gerade an den Tiſch geſetzt hat, der nur allein von Weißen und Kreolen eingenommen iſt? Ich ſelbſt, der ich doch nur einen Tropfen ſchwarzen Blutes in den Adern habe, würde das nicht wagen, und ſolch ein dummer Indio iſt frech genug,... ahi, da haben wir's... jetzt wird es losgehen... ich dacht' es wohl, daß man ihn nicht lange würde ſitzen laſſen!« Pauls Neugierde wurde mit einem Male auf's höchſte geſpannt, vermiſchte ſich aber auch mit einem Gefühle von banger Furcht um den armen Indianer, als jetzt plötzlich ein rieſenhafter Kerl, deſſen dunkle Farbe den Zamboneger verrieth, dicht vor den Indianer hintrat, und ihn mit roher Heftigkeit an der Schulter packte und ſchüttelte. »Ondio brato!« ſchrie er,—„wie du ſo frech ſein, dich ſetzen hieher, wenn ich, Herkules, nicht einmal ſitzen da?« Eine tiefe Stille herrſchte nach dieſen Worten in dem Raum der Picanterine, und Aller Augen waren auf den Indianer und den Zambo geheftet, welcher Letz⸗ tere,— ohne alle Veranlaſſung, wie Paul meinte,— auf die brutalſte Weiſe den Streit begonnen hatte. Der Indianer richtete den Kopf auf, warf einen Blick voll Verachtung und Abſcheu auf den Zambo, und machte ſich mit einer raſchen, kräftigen Bewegung von der Fauſt ſeines Angreifers los. »Geh'!« ſagté er mit gebieteriſcher Stimme und zornblitzenden Augen.„Hualpa hat nichts mit einem Neger zu ſchaffen!« 36 „Hualpa! Hualpa!“ wiederholte der Zambo mit ſpöttiſchem Hohngelächter.„Er heißen Hualpa, der Hundeſohn! Hinaus mit Hualpa! Die Thür offen ſein! Hinaus gehen, oder Hualpa fliegen hinaus!« Der Indianer zuckte verächtlich die Achſeln, und drehte dem Zambo ſtolz den Rücken zu. „Geh'!« wiederholte er mit dem vorigen gebieteri⸗ ſchen Ausdrucke.„Hualpa iſt ein Sohn der Wälder, und verachtet den niedrigen Sclaven.“. „Sohn eines Hundes Hualpa ſein!« brüllte der Zambo, und packte den Indianer von Neuem mit bei⸗ den Fäuſten.„Hinaus mit dem Indio brato! Hinaus!« Zu gleicher Zeit ſchrieen und brüllten vielleicht zwan⸗ zig andere Stimmen noch das„Hinaus! Hinaus“ des Zambo nach, und drohende Geſichter tauchten von ver⸗ ſchiedenen Seiten auf, welche Blicke voll Wuth und Verachtung auf den Sohn der Wälder ſchleuderten, wie ſich Hualpa ſelber genannt hatte. Es war augenſchein⸗ lich, daß es zu einem heftigen Auftritte kommen mußte, wenn ſich Hualpa nicht freiwillig entfernte; denn zu dem angebornen, eingefleiſchten Kaſtenhaſſe, wie er in der neuen Welt ſeit Jahrhunderten zwiſchen den Farbi⸗ gen beſteht, geſellte ſich in dieſem drohenden Augen⸗ blicke auch noch der Rauſch der Chicha, welcher de Neger, Mulatten und Zambo's fleißig zugeſprochen hat⸗ ten. Paul zitterte mehr als je für den Indianer, der indeß bei dem drohenden, immer heftiger anwachſenden Sturme, äußerlich wenigſtens, ſeine ganze Gelaſſenheit bewahrte.. Als der wilde Zambo ihn zum zweiten Male mit roher Fauſt antaſtete, drehte er ſich um, und Paul ſah, wie ein Gluthſtrahl aus ſeinem dunkeln Auge ſchoß, 37 und wie ſeine Naſenflügel leiſe erzitterten, wäͤhrend ſich eine dunkle Wolke auf ſeiner breiten Stirn zu lagern ſchien. „Zurück!“« ſagte er in feſtem, ruhigem Tone.„Rühre mich nicht zum dritten Male an, Neger, oder du wirſt es zu bereuen haben. Ich ſuche keinen Streit mit Euch, ſo laßt mich in Frieden!«— Vielleicht wäre der Zambo vor dem drohenden Blicke des Indianers zurück gewichen, wenn ihn nicht der Zu⸗ ruf der Menge zu einer neuen Beleidigung des In⸗ dianers angereizt hätte. »„Zambo lachen über Indio!« ſchrie er, und griff Hualpa zum dritten Male. Jetzt aber war deſſen Maß der Geduld erſchöpft, und ein furchtbarer Ausbruch des Zornes zeugte von dem verhaltenen Grimme, den der Indianer bis jetzt niedergekämpft hatte. Einen gellenden Schrei aus⸗ ſtoßend, faßte Hualpa ſeinen Gegner mit beiden Hän⸗ den um den Leib, hob ihn vom Boden auf, ſchwang ihn zwei, drei Mal hin und her, und ſchleuderte ihn dann plötzlich mit ſolcher Gewalt mit dem Kopfe voran gegen die nächſte Wand, daß der Zambo ſofort beſin⸗ nungslos, wie eine Leiche, zuſammenbrach, und in ſei⸗ nem Sturze noch einen Tiſch und eine Bank voll neu⸗ gieriger Zuſchauer mit niederriß. Eine Wolke von Staub ſtieg auf, und einige Augenblicke hindurch herrſchte die tiefſte Stille, als ob Alle von dem eben gegebenen Beweiſe der ungewöhnlichen Stärke des In⸗ dianers betäubt worden ſeien Aber dieſe Stille war nur die Stille vor dem 5 Hrkane. Mit einem Male brach ein tolles Getöſe 1s. 38 „Der Indio brato hat den Zambo getödtet!« ſchrie eine Stimme.„Schlagt ihn nieder!« „Nieder mit ihm! Mordet ihn!« ſchrieen zehn an⸗ dere Stimmen nach. Mehrere Gläſer mit Chicha flo⸗ gen gleich Wurfgeſchoſſen gegen den Indianer, und im nächſten Augenblicke ſah ihn Paul von allen Seiten uwringt und im wüthendſten Kampfe mit der großen Ueberzahl ſeiner Widerſacher begriffen. „Um Gottes Barmherzigkeit willen, ſchont den Un⸗ glücklichen, den Unſchuldigen!“ rief er den erbarmungs⸗ loſen Wütherichen zu. Man hörte ihn nicht, man achtete nicht auf ſeinen Zuruf. Zwei, drei von den Angreifenden ſchleuderte Hualpa mit Rieſenkraft von ſich, aber ſechs, ſieben An⸗ dere warfen ſich wieder auf ihn, klammerten ſich an ihn, indem ſie ein Gebrüll wie wilde Thiere ausſtießen, Meſſer blitzten und wurden drohend gegen den Indianer geſchwungen, die hinten Stehenden drängten mit Macht auf die Vorderen, und es konnte kein Zweifel mehr obwalten, daß Hualpa trotz ſeiner Entſchloſſenheit und Körperſtärke der Uebermacht nach wenigen Augenblicken unterliegen müſſe. Da erinnerte ſich Paul plötzlich ſeines Kaſtens mit dem Bergwerke und der Drehorgel, und ein glücklicher Gedanke blitzte wie ein Lichtſtrahl durch ſeine Seele. Den Kaſten aufnehmen, auf den Tiſch ſetzen, die Orgel in Gang bringen, war das Werk einer einzigen Se⸗ kunde, Die vollen, rauſchenden Klänge der Orgel dran⸗ gen mit einem Male mächtig durch alles Getöſe des Kampfes hindurch, und wie mit einem Zauberſchlage übten ſie ihr)e Wirkung. Die wuͤthenden Mulatten unß Neger ließen von dem Indianer ab, die drohen, 4 39 geſchwungenen Meſſer ſanken nieder, der allgemeine Grimm verwandelte ſich plötzlich in Erſtaunen, in Ueberraſchung, die wuthfunkelnden Augen funkelten jetzt vor Entzücken, das Geſchrei des Grimmes löste ſich in ein Luſtgeheul auf, und mit einem Male ſah ſich Paul von lauter lachenden Geſichtern umringt, die ihn breit⸗ mäulig und mit großen Augen anglotzten, wogegen der Indianer, noch keuchend von der heftigen Anſtrengung des Kampfes, ganz allein ſtand und von allen Anwe⸗ ſenden vergeſſen zu ſein ſchien. Er warf noch einen wilden Blick rings um ſich her; dann, mit raſchem Entſchluſſe, zog er ſein Bündel unter der Bank hervor, und ſchlüpfte mit leichten, unhörbaren Schritten aus der Picanterine, ohne daß Jemand daran dachte, ihn zu verfolgen oder aufzuhalten. Mit ſtiller Freude ſah Paul ihn verſchwinden, und orgelte luſtig weiter, um die Aufmerkſamkeit der ihn umringenden Farbigen noch ein Weilchen zu feſſeln, und erſt, als er ſich überzeugt hielt, daß der Indianer in Sicherheit ſein müſſe, endete er ſein munteres Spiel, und ließ die luſtigen, zauberhaft wirkenden Klänge ſei⸗ ner Orgel verſtummen. Wer die Wirkung kennt, welche jede, auch die elendeſte Muſik, auf die Neger und Farbigen ausübt, wird nicht nur ganz erklärlich finden, daß die rauſchen⸗ den Akkorde der Drehorgel dem Kampfe ein plötzliches Ende machten, ſondern er wird ſich auch nicht wundern, daß in dem Augenblicke, als Paul zu drehen aufhörte, kein Menſch mehr an den Indianer dachte, ſondern nur von Begierde erfuͤllt war, die köſtliche Muſik von Neuem danfangen zu hören. Als Paul ſie verſtummen ließ, er⸗ folgte eine ſeltſame Scene. Die farbigen Leute drängten ℳ AA 40 ſich ungeſtüm um ihn herum, fielen ihm zu Füͤßen, und baten mit flehender Stimme, daß Paul noch einmal von vorn anfangen möge. „Oh, mein Gebieter! Noch einmal! Nur ein klein wenig! Ahi, Euer Gnaden, noch einmal den Zauber! Euer Gnaden großer Zauberer! Spielen noch für ar⸗ men Nigger! Nigger wollen tanzen, ſpringen, luſtig ſein! Schlagen Nigger, treten Nigger, ſchimpfen Nig⸗ ger, nur noch Muſtk, ein kleines Muſik! Ahi, Euer Gnaden, hoher Gebieter, wir Alle Sclav für Euch, nur noch ein klein wenig Muſik!« Solche Ausrufe und Bitten, untermiſcht mit Ge⸗ ſchrei, mit Jauchzen und Händeklatſchen drangen von allen Seiten auf Paul ein. Die Vorderſten küßten ſeine Hände, ſeine Kleider, ſeine Füße ſogar, indem ſie ſich in den Staub vor ihm niederwarfen, in den Augen Einiger ſtanden Thränen, und der wüthende Zambo, der vorhin den erſten Angriff auf Hualpa gemacht und ſich mittlerweile wieder erholt hatte, zeigte ſich jetzt ge⸗ rade als der demüthigſte und zerknirſchteſte Bettler. Er wälzte ſich vor Paul auf dem Boden herum, und be⸗ ſtürmte ihn mit den heißeſten Bitten und Liebkoſungen. Paul konnte ſich kaum ſeiner ungeſtümen Zärtlichkeiten erwehren, und es wurde ihm überhaupt faſt unheimlich bei dem Gewirre und Toben der leidenſchaftlichen und heißbluͤtigen Kinder Afrika's um ihn herum. „Wohlan denn,“ rief er endlich, um ſich nur von dem zudringlichen Schwarme zu befreien,— yein letz⸗ tes Stück, aber dann iſt's für dieſen Abend vorbei.“ Ein allgemeines Jauchzen, Lachen, Schreien, Ju⸗ beln folgte dieſer Zuſage, und als von Neuem die Klänge der Orgel ertönten, wußten ſich die ſchwarzen, 6 41 braunen und gelben Geſichter vor Entzücken kaum zu faſſen. Sie umarmten, umſchlangen ſich, hüpften um⸗ her, ſprangen auf Tiſche und Bänke, und tanzten end⸗ lich in buntem Durcheinander und raſendem Wirbel umher, bis vor dem dicken, aufſteigenden Staube, der wie ein dichter Herbſtnebel die Picanterine erfüllte, kaum noch etwas zu ſehen und zu erkennen war. Paul ergriff dieſen Moment, ſich heimlich und geſchwind dem Getümmel zu entziehen. Allmälig näherte er ſich der Thür, und dann mit einem Male ſchlüpfte er hinaus, ehe die tobenden Tänzer ihn aufzuhalten vermochten. Als ſie von ihrem Taumel zu ſich ſelbſt kamen, und ſich wieder zurecht fanden, war Paul ſchon auf der Straße draußen und ſchlich eilig an den Wänden der Häuſer davon. Hundert Schritte mochte er etwa von der Picante⸗ rine entfernt ſein, als plötzlich eine dunkle Geſtalt dicht vor ihm auftauchte, und ein Arm ſich nach ihm aus⸗ ſtreckte, ſo unerwartet und überraſchend, daß Paul un⸗ willkürlich erſchreckt einen Schritt zurücktrat. »Oh, Sennor, fürchtet nichts,“ ſagte aber jetzt eine wohllautende Stimme mit ſanftem Ausdruck.„Erkennt mich! Ich bin Hualpa!« „»Hualpa! Du noch hier!« erwiederte Paul, und reichte, augenblicklich von jeder Befürchtung befreit, dem jungen Indianer die Hand, welche dieſer, zum Zeichen der Achtung, an ſeine breite Bruſt drückte.„Was machſt du noch hier, Hualpa? Warum fliehſt du nicht weiter? Deine Feinde könnten dich erſpähen, und ihre Wuth gegen dich i*ſt vielleicht noch nicht ganz ab⸗ gekühlt.« 3 „Hualpa fürchtet ſeine Feinde nicht, und am wenig⸗ Aℳ 42 ſten die elenden Schwarzen!« entgegnete der Indianer ſtolz.»Ich wartete hier, um Euch zu danken, denn Ihr habt mir das Leben gerettet, Sennor.“ „Du verdankſt dein Leben mehr deiner Tapferkeit, als meinem Beiſtande,“ erwiederte Paul. „Auch der Jaguar iſt tapfer, und dennoch muß er den Hunden erliegen, wenn ſie in großer Zahl über ihn kommen,“ gab der Indianer zur Antwort.„Genug, Sennor! Hualpa iſt Euer Freund, Ihr könnt auf ihn rechnen in jeder Gefahr. Der Sohn der Wälder ver⸗ gißt nie eine Wohlthat, die ihm erzeigt wurde.“— „Nun denn, Hualpa, wenn du mir wirklich einige Dankbarkeit ſchuldig zu ſein glaubſt,« entgegnete Paul mit einem Lächeln,—„ſo will ich augenblicklich deine Freundſchaft in Anſpruch nehmen.“— „Befehlt, Sennor,“ ſagte der Indianer, und ſeine Augen leuchteten wie die Augen des Jaguars im Dun⸗ keln, aber nicht aus Mordgier, ſondern aus Freude, daß er ſeinem Wohlthäter einen Dienſt erzeigen konnte. „Hualpa iſt bereit! Verlangt ſein Leben, und es iſt Euer, Sennor!“ „Nein, mein Freund, nicht um das Leben handelt es ſich,« erwiederte Paul lächelnd, wie vorhin,— „ſondern nur um ein Nachtlager. Ich bin fremd in Lima, heute erſt angekommen, kannſt du mir ein Tambo, — eine Herberge— zeigen, wo ich ein Obdach finde, ſo werde ich dir eben ſo dankbar ſein, wie du mir.« „Habt die Güte, mir zu folgen, Sennor,“ ſagte der Indianer, und ſchritt mit leichtem raſchen Schritte vor⸗ an. Nach wenigen Minuten war ein Tambo gefun⸗ den, und Paul bezeigte ſich zufrieden, als man ihm ein kleines Zimmer mit einem Tiſche, einem Stuhle und 43 einem Bette zuwies. Als er ſicher untergebracht war, entfernte ſich der Indianer, indem er die Hoffnung aus⸗ ſprach, daß er Paul früher oder ſpäter einmal wieder⸗ ſehen werde. Paul warf ſich auf ſeine Matratze, und, ziemlich zufrieden mit den Erlebniſſen ſeines erſten Ta⸗ ges in Lima, entſchlummerte er bald zu der ſüßen Ruhe, welche allein ein gutes Gewiſſen und der Frieden der Seele verleihen kann. Viertes Kapitel. In der puna. 2* Paul hatte anfänglich die Abſicht gehabt, nur kurze Zeit in Lima zu verweilen, und unverzüglich nach Cerro de Pasco weiter zu wandern, wo er in den berühmten reichen Silber⸗Bergwerken irgend eine Anſtellung oder doch Beſchäftigung zu finden hoffte. Aber der Vorfall in der Picanterine, wo er durch ſeine Drehorgel den Indianer Hualpa aus der drohendſten Gefahr gerettet hatte, veränderte ſeinen Entſchluß. Eine Drehorgel war zu Lima etwas Neues und Seltenes, und ihre grellen, ſchneidenden Töne, die einem zarten Ohre nicht ſonder⸗ lich reizend erſcheinen mögen, fanden den größeſten und lauteſten Beifall unter der farbigen Bevölkerung von der Hauptſtadt Puna's. Paul und ſeine Drehorgel wurden in wenigen Tagen berühmt, und wie ein Wun⸗ der ſtaunten die Leute den Kaſten an, aus welchem die 44 für ihr Ohr ſo entzückenden Melodien hervorklangen. Und nicht bloß die Schwarzen, die Farbigen, die Mu⸗ latten, die Zambo's und wie die vielfachen Bezeichnun⸗ gen der Miſchlinge ſonſt heißen, ſondern auch die ſtol⸗ zen Alt⸗Spanier und Kreolen ſchienen ſehr eingenom⸗ men von dem ſeltſamen und unerhörten Inſtrumente, und es dauerte nur wenige Tage, ſo erhielt Paul Ein⸗ ladungen über Einladungen aus den vornehmſten Häu⸗ ſern der Hauptſtadt, und wurde in die beſten Geſell⸗ ſchaften gebeten, um die Leute durch die Melodien ſei⸗ ner Drehorgel zu beluſtigen. Als er nun vaͤllends eines Tages den Kaſten öffnete, und in einer zahlrei⸗ chen Verſammlung der reichſten Einwohner ſein Berg⸗ werk den ſtaunenden Blicken enthüllte, dieſes kleine Kunſtwerk, das mit vielleicht hundert winzigen Figür⸗ chen belebt war, da erreichte das Entzücken und die Verwunderung den höchſten Grad. Allerdings war das Bergwerk auch äußerſt niedlich und zierlich anzuſchauen. Wenn Paul die Orgel drehte, ſo ſetzten ſich die kleinen Figuren im Innern der Stol⸗ len und Schachte plötzlich in Bewegung. Einige davon hämmerten an den Felſen herum, Andere meißelten, wie⸗ der Andere fuhren geſchäftig kleine Karren hin und her, um das Erz aus den Gruben zu Tage zu fördern, noch Andere ſchienen die großen Erzblöcke in kleine Stückchen zu ſchlagen, wieder Andere ſchaufelten, kletterten die Lei⸗ ter auf und ab, kurz, das ganze gewöhnliche Treiben im Innern eines Bergwerkes wurde den erſtaunten Zu⸗ ſchauern in ſcheinbar lebendigen Bildern vor das Auge geführt. Ein unermeßlicher Jubel brach aus, als Paul die Schrankthüren öffnete, und die verſammelten Herren 45 und Damen in dieſe kleine Wunderwelt hinein ſchauten. Stunden lang ergötzten ſie ſich an dem niedlichen Spiel⸗ werke, und als endlich Paul vor Ermüdung nicht län⸗ ger die Orgel zu drehen vermochte, regnete es aus frei⸗ gebigen Händen Silber auf ihn, und er erhielt eine ſolche Menge von inſtändigen Einladungen, daß er vor der Hand nicht mehr daran denken konnte, Lima in der nächſten Zeit wieder zu verlaſſen. Er blieb alſo, und blieb gern, denn die Silber⸗Ernte, die er hielt, war be⸗ trächtlich genug, ſelbſt ein habgieriges Gemüth zufrieden zu ſtellen, um wie viel leichter alſo nicht vollends ein ſo beſcheidenes, wie unſer Paul es beſaß. »Das Eiſen glüht,“ ſagte er manches Mal, wenn er aus den vornehmen Geſellſchaften mit gefüllter Taſche in ſeine Tambo zurückkehrte,—„das Eiſen glüht, man muß es ſchmieden, ehe die Gluth verkühlt. Ehrlicher, alter, guter Lorenz, wenn du wüßteſt, was für herr⸗ liche Geſchäfte ich mit deinem Bergwerke mache, du würdeſt dich freuen! Aber nur Geduld,— du ſollſt eines Tages ſehen, alter Freund, daß dein Paul durch ſein Glück nicht übermüthig und undankbar gewor⸗ den iſt!« 9 Alſo Paul ſchmiedete das Eiſen, ſo lange es warm war, und ſein Fleiß erntete reiche Früchte, ſo reiche, daß er ſich endlich in Verlegenheit befand, nicht zu wiſſen, was er mit ſeinem großzeen Haufen Silbergelb anfangen ſollte. Die ſchwere Laſt nach Pasco mitnehmen, das ging nicht an, und eben ſo wenig mochte er ſeinen klei⸗ nen Schatz in Lima fremden Händen anvertrauen. Der Wirth der Herberge, in der er ſein Quartier genommen hatte, ſchien ein ehrlicher Mann zu ſein. Paul beſchloß, ihn um Rath zu fragen. 4 4 46 „Ei, Sennor,“ erwiederte der Wirth ohne langes Beſinnen,„was Ihr thun ſollt? Das iſt ganz einfach. Geht in ein gutes, ſolides Handelshaus, kauft für Euer Geld ſichere Wechſel auf Deutſchland oder England, und dann ſchickt dieſe Wechſel entweder in Eure Hei⸗ math, oder macht ſie wieder zu Geld, wenn Ihr in Pasco angekommen ſeid, wohin Ihr doch gehen wollt.« „Danke, Sennor, Euer Rath iſt gut, und ſoll auf der Stelle befolgt werden,“ erwiederte Paul und begab ſich unverzüglich zu einem reichen engliſchen Banquier, der ihm ſchon mehrmals als ein braver, rechtlicher und wohlwollender Herr gerühmt worden war. Herr Wil⸗ ſon empfing ihn ſehr freundlich, ordnete ſchnell das kleine Geſchäft, übergab Paul Papiere, die er jeden Augenblick in Deutſchland, England oder Peru verwer⸗ then konnte, und als Paul den Wunſch äußerte, daß er ſie gern in ſeine Heimath ſchicken möchte, um ſeiner Mutter eine Freude zu machen, erbot ſich Herr Wilſon mit herzlichem Wohlwollen, das Nöthige in Bezug hier⸗ auf zu beſorgen und die Gelder ſicher in die Hände ſeiner Mutter zu bringen. Paul nahm natürlich ſehr erfreut und mit großem Danke dieſes gütige Anerbieten an, worauf Herr Wilſon ſogleich ſeinem erſten Buch⸗ halter die Weiſung gab, unverzüglich einen Handels⸗ freund in Deutſchland mit der Auszahlung der Geld⸗ ſummen an Frau Arnold zu beauftragen. „Und nun, junger Freund,“ fügte er, zu Paul ge⸗ wendet, hinzu,„noch ein Paar Worte mit Ihnen. Sie ſind Bergmann, nicht wahr?« Paul bejahete. »Und wollen Sie nicht von Ihren Kenntniſſen hie V — 47 Gebrauch machen, oder haben ſie aus anderen Gruͤnden Ihr Vaterland verlaſſen?« Paul erzählte kurz und beſcheiden, welche Urſachen ihn bewogen hatten, nach Lima zu kommen, und hier länger, als er anfangs gewollt, zu verweilen. 8 Aber in dieſem Augenblicke, welche Abſichten haben ie?« „Eben jetzt, nachdem Sie ſo gütig für das ſichere Unterkommen meines Geldes geſorgt haben, bin ich zu dem Entſchluſſe gelangt, mein Glück wieder als Berg⸗ mann zu verſuchen,“ erwiederte Paul.„Ich verſpüre wohl, daß meine Drehorgel allmälig den Reiz der Neu⸗ heit verloren hat, und darum will ich vor eine andere Schmiede gehen.“ »Vor eine andere Schmiede?“« fragte verwundert Herr Wilſon. „Ja doch, Herr,“ antwortete Paul lächelnd.„Ein alter Freund von mir gab mir, als ich die Heimath verließ, außer meinem kleinen Bergwerke auch noch ein deutſches Sprichwort mit auf den Weg, das Sprich⸗ wort: ‚Jeder iſt ſeines Glückes Schmied! Sehen Sie, das hab' ich nicht vergeſſen, und darum ſagte ich, ich wolle vor eine andere Schmiede gehen.« »Ah, ich verſtehe, gut, gut!« ſprach Herr Wilſon. „Um an Ihrem Glücke zu ſchmieden! Sehr gut! Nun denn, mein junger Freund, ich könnte Ihnen dabei viel⸗ leicht behülflich ſein, indem ich Sie nicht blos vor, ſondern in die Schmiede hinein bringe. Hören Sie mich an. Sie gefallen mir, Sie ſcheinen mir ein recht⸗ licher, junger Menſch, und außerdem finde ich es hübſch, daß Sie Ihre Erſparniſſe einer armen Mutter ſchicken, anſtatt ſie zu verpraſſen und ſich luſtige Tage damit zu 48 machen, wie vielleicht hundert Andere an Ihrer Stelle gethan hätten. Ich beſitze ſelber eine Silbergrube auf dem Cerro de Pasco, und wenn es mir auch nicht an Arbeitern fehlt, ſo iſt doch ein rechtſchaffener, fleißiger und kenntnißreicher Menſch unter allen Umſtänden nicht überflüſſig. Ich kenne nun zwar weder Ihre Kennt⸗ niſſe, noch weiß ich, ob Sie fleißig ſind,— aber ich bin überzeugt von Ihrer Rechtſchaffenheit und von Ih⸗ rem guten Herzen, und überhaupt, wie geſagt, Sie ge⸗ fallen mir. Wenn Sie in meine Dienſte treten wollen, ſo ſind Sie mir willkommen.« Paul ſtrahlte vor Freude.„Ich ſtelle mich ganz zu Ihrer Verfügung,“ ſagte er.„Wann muß ich nach Pasco aufbrechen, und bei wem habe ich mich dort zu melden?« „»Aufbrechen ſo bald als möglich,— und mel⸗ den bei Don Joſe Ugarto meinem erſten Geſchäfts⸗ führer, an den ich Ihnen ein Schreiben mitgeben werde. Wann ſind Sie bereit, abzureiſen?« 8 „Heute— morgen— übermorgen,— zu welcher Zeit Sie wollen.« „Sehr gut! Sagen wir, morgen früh. Sie wer⸗ den dann ein Maulthier und das Schreiben an Ugarto bereit finden. Aber Sie fragen nicht einmal, welchen Gehalt ich Ihnen ausſetze?« „Nein,“ erwiederte Paul einfach.„Ich verlaſſe mich in dieſer Beziehung vertrauensvoll auf Ihre Gerechtig⸗ keit. Sie werden den Gehalt, denk' ich, nach mei Leiſtungen beſtimmen, und da Sie ja nicht wiſſen kön⸗ nen, welchen Nutzen Ihnen meine Arbeit bringt, ſo war⸗ ten wir noch ein wenig.“ »Gang recht; Sie haben mich errathen mein jung⸗ 1 49 Freund,“ entgegnete Mr. Wilſon.„Einſtweilen wird alſo für Ihren Unterhalt und Ihre Bedurfniſſe geſorgt werden, und ſpäter wollen wir ſehen. Morgen fruͤh um zehn Uhr alſo erwarte ich Sie.« Mit dem Schlage zehn Uhr befand ſich Paul wie⸗ der im Hauſe Mr. Wilſons, und verließ es eine Stunde ſpäter wieder auf einem kräftigen Maulthiere und mit dem Schreiben an Don Ugarto in ſeiner Taſche, wel⸗ ches, wie er hoffte, ihm den Weg zu ſeinem künftigen Glücke bahnen ſollte. Wohlgemuth ritt er ſeines We⸗ ges dahin, denn weder ſchweres Gepäck, noch ſchwere Sorgen drückten und beläſtigten ihn. Seinen Kaſten mit dem Bergwerke hatte er bei Mr. Wilſon zurückge⸗ laſſen, da er die Unmöglichkeit einſah, ihn auf ſeinem Maulthiere über den ſechszehntauſend Fuß hohen Paß der Cordilleren hinüber zu ſchaffen. Er brauchte ihn ja auch nicht mehr; andere Ausſichten waren ihm er⸗ öffnet worden, und er hatte beſchloſſen, mit aller ihm zu Gebote ſtehenden Beharrlichkeit die neue ihm eröff⸗ nete Laufbahn zu verfolgen. Es war ein beſchwerlicher und zum Theil ſogar ge⸗ fahrvoller Weg, den er bis zur Cerro de Pasco zu⸗ rücklegen mußte. Anfangs freilich, ſo lange er ſich noch in der Ebene befand, ging Alles leicht und vortrefflich. Dem Laufe des Rimac folgend, fand er überall wohl angebaute Landſtrecken, Hacienda's, in denen er gaſt⸗ freundlich willkommen geheißen wurde, und die man⸗ nichfaltigſten Lebensbedürfniſſe im Ueberfluß. Aber als es erſt ſteil aufwärts dem hohen Kamme der Cordille⸗ ren zuging, änderte ſich die Scene. Auf halsbrechenden Pfaden mußte er empor dringen, und ſeine Umgebun⸗ gen nahmen einen immer wilderen, und trotz ihr Glückes Schmied. 4 50 Großartigkeit öden Charakter an. Die Hacienda's verſchwanden, und auf meilenlangen Strecken erblickte Paul keine anderen menſchlichen Wohnungen weiter, als elende indianiſche Hütten, mit armen Bewohnern, die ihm kaum einen freundlichen Blick, und noch weni⸗ ger eine gaſtfreie Aufnahme gewährten. Gleichwohl drang er unerſchrocken vorwärts, immer höher und höher ſtieg er bis zu den wilden Gipfeln, wo er alle Vegetation an den nackten Felſen des Hoch⸗ gebirges erſtorben fand. Endlich erreichte er eines Tages mit einbrechender Dämmerung den letzten Abſchnitt des Abhanges, von den Eingeborenen Piedra Parada genannt, der ſich ſteil und mit Geröll und Trümmern bedeckt, über ihn erhob. Er ermuthigte ſein müdes, ſchwerathmendes Thier zu einer letzten Anſtrengung, und endlich, endlich erreichte er die höchſte Spitze des Paſſes, von wo ſich ihm eine prachtvolle Ausſicht eröffnete, die ihn in einem Augen⸗ blicke alle überſtandenen Mühen und Gefahren vergeſſen ließ. Nach Abend hin ſah er die ſchmalen Gebirgs⸗ thäler allmälig in das ſandige Küſtenland Peru's aus⸗ laufen, das vom ſtillen Oceane beſpült wird; nach Nor⸗ den und Süden verfolgte er die mit ewigem Eiſe be⸗ deckten Cordillera⸗Häupter, oder die ſchwarzen, finſter gen Himmel ſtarrenden, ſenkrechten Felſenkuppen, die in ſteter Folgenreihe den mächtigen Gebirgskamm krönen. Wenn er den Blick nach Oſten richtete, ſo ſchweifte er zuerſt über das unermeßliche Grasmeer der Hochebenen und die fruchtbaren Thäler der Sierra, bis er zuletzt endlich auf die hoch emporgethürmte Kette der Anden traf, die dem weiteren Vordringen eine unüberſteigliche Gränze ſetzte. 3 —— 51 Lange verweilte er im Anſchauen dieſes großartigen Panorama's, bis die Dunkelheit überhand nahm und ein ſcharfer Oſtwind ſeine ſchauernden Glieder durch⸗ kältete. Da erſt riß er ſich los, und ſchaute ſich nach einem Obdache für die Nacht um, das er in einer In⸗ dianerhütte fand, welche ihm freilich nur ein elendes Lager und einigen Schutz vor der rauhen Kälte ge⸗ wäͤhrte. Wenn man die terraſſenförmige Abdachung des Oſt⸗ abhanges der Cordilleren von ihrem Kamme etwa zwei⸗ bis dreitauſend Fuß hinabſteigt, ſo gelangt man in ein ausgedehntes, wellenförmiges Plateau, das ſich bis nach Pasco hinanſtreckt. Dieß iſt die ſtrenge Puna von Peru, deren Klima eben ſo unfreundlich, wie das der hohen Gebirgskämme, iſt. Dieſe Puna mußte Paul noch überſchreiten, um nach dem Ziele ſeiner Reiſe, nach Pasco, zu gelangen. Der Morgen war im Erwachen, und die Sonne begann die mit ewigem Schnee bedeckten Häupter der Cordilleren leicht zu röthen, als er die Huͤtte des ar⸗ men Puna⸗Schäfers verließ, bei dem er die letzte Nacht verweilt hatte. Er hob das Kuhfell vor der Oeffnung auf, und trat in's Freie, wo er ſein armes Maulthier, zitternd vor Froſt, an dem Steine fand, wo er es am Abend feſtgebunden hatte. Trotz der Warnungen ſeines Wirthes, der ihn aufforderte, ſo lange bei ihm zu war⸗ ten, bis er in der Geſellſchaft irgend eines anderen Reiſenden den gefahrvollen Weg uͤber die Puna an⸗ treten könne, beſtieg Paul ſein Thier, auf deſſen Aus⸗ dauer er ſich verlaſſen zu können glaubte, und ritt davon. »Hütet Euch vor der Veta und dem Surumpa 4 35 5² ſchrie ihm der Schäfer nach. Aber Paul achtete nicht viel auf den Zuruf, ſondern eilte weiter. Noch lag ein dichter, ſchwerer Nebel auf der gan⸗ zen Gegend und verſchmolz mit dem über Nacht reich⸗ lich gefallenen Schnee in ein trauriges, einfoͤrmiges Weiß. Auf ſchlechten Pfaden ritt er vorwärts, bis endlich nach einigen Stunden die Sonne den Nebel zer⸗ theilte, und von ihrem brennenden Strahl in wenigen Augenblicken der Schnee verſchwunden war. Wohlthä⸗ tig berührt von der Wärme, die ſeinen halb erſtarrten Gliedern neues Leben einflößte, ſetzte Paul ſeinen Weg fort. Vierzehntauſend Fuß über dem Meere ſtarrten ihn die beeisten Zacken der Cordilleren an, aus denen einzelne Pyramiden gigantiſch zum Himmel emporſtreb⸗ ten. Hinter ihm lagen tief und tiefer die ſchwarzdun⸗ keln Thäler der niedrigeren Bergregion mit kaum er⸗ kennbaren Indianerdörfern, und verſchmolzen in unab⸗ ſehbarer Ferne mit dem Saume des Horizontes; vor ihm ſtreckten ſich die kahlen, unermeßlichen Hochebenen wellenförmig hin, nur hie und da von langen niedrigen Bergrücken mit ſteilen Felſenwänden unterbrochen. Paul ritt weiter und weiter. Allmälig erwachte das Leben auf der Puna; die Einförmigkeit der Gegend verſchwand; Heerden von Vicunna's näherten ſich ihm neugierig; in der Ferne zogen Schaaren von Huana⸗ cus voruͤber; im Verſtecke der Felſen wachten einzelne Rehe auf und verfolgten laut pfeifend den ſanften Berg⸗ abhang; langſam kam der ſonderbar gehörnte Puna⸗ Hirſch aus ſeiner Höhle, und ſah faſt erſtaunt dem ein⸗ ſamen Reiter mit ſeinen großen, ſchwarzen Augen nach, ad muntere Felſenhaſen ſpielten arglos und ſorglos 5³ um ihn herum, und weideten die kleinen Kräuter ab, welche ſpärlich die Felſenritzen auskleideten. Immer weiter trabte Paul auf ſeinem wackeren Maulthiere, das indeß allmälig Spuren von Ermüdung zeigte, als die Sonne etwa ſeit zwei Stunden ihre Mit⸗ tagshöhe überſchritten hatte. Paul ſtieg ab, um ſein armes, fleißiges Thier zu erleichtern, und ſeine Glieder, die ſeit der Frühe nicht aus dem Sattel gekommen wa⸗ ren, ein wenig durch die Bewegung zu ſchmeidigen. Rüſtig ging er vorwärts, eine ziemlich ſteile Anhöhe hinauf, mußte aber bald ſtill ſtehen, um Athem zu ſchöpfen. Aber kaum fand er Luft, und mit Schrecken fühlte er den verderblichen Einfluß des verminderten Luftdruckes auf dieſen Höhen, indem ein früher nie em⸗ pfundenes Unbehagen ihn ergriff. Dieſes Unbehagen ſteigerte ſich; er verſuchte weiter zu gehen, aber eine unbeſchreibliche Angſt bemächtigte ſich ſeiner. Hörbar klopfte das Herz gegen ſeine Rippen, ſein Athem wurde kurz und abgebrochen, eine Welt ſchien auf ſeiner Bruſt zu liegen, ſeine Lippen wurden blau, ſchwollen an und barſten; aus ſeinen Augenlidern drang Blut, und ſeine Sinnesthätigkeiten verminderten ſich. Er ſah, hörte und fühlte nichts mehr; ein dunkelgrauer Nebel ſchwamm vor ſeinen Augen, ſein Kopf ſchwindelte, und unfähig, ſich aufrecht zu erhalten, mußte er ſich endlich zitternd auf die Erde niederlegen. »Dieß iſt alſo die Veta,“ dachte er,„vor welcher der Schäfer mich warnte. Dieß das Uebel, das ſchon ſo manchem Wanderer über die Puna zum Verderben gereicht hat. Oh, Herr, erbarme dich meiner, und mei⸗ ner armen Mutter, deren Stuütze ich bin!“ Der Gedanke an ſeine Mutter ſchien ihm neue 54 Kraft einzuflößen. Nach einer Weile raffte er ſich wie⸗ der auf, und fühlte ſich ſo weit erholt, daß er von Neuem ſein Maulthier beſteigen konnte. Es war die höchſte Zeit. Schwarze, gewitterſchwere Wolken hatten ſich am Horizonte gehäuft, zahlloſe Blitze leuchteten auf ihrem dunkeln Grunde, und der näher kommende Don⸗ ner drohte dem Obdachloſen mit einem fürchterlichen Naturſchauſpiele. Zum Glück lagerte ſich das Hochge⸗ witter ſchwer um die metallreichen Cordillera⸗Gipfel, unnd nur das leichtere Gewölk jagte dem einſamen Rei⸗ teer entgegen. Bald löste es ſich in ein furchtbares Schhneegeſtober auf, das der eiſige Sturm ihm in's Ge⸗ ſicht peitſchte und ihm jeden Augenblick den Athem ab⸗ zuſchneiden drohte. In weniger als einer halben Stunde war die ganze Gegend wieder fußhoch mit Schnee be⸗ deckt; Sumpf und Hügel, Thal und Felſenabhang er⸗ ſchienen nur als eine Fläche, jede Spur des Weges war verſchwunden, und ſeine Lage verſchlimmerte ſich jeden Augenblick. 4 Das Maulthier verfolgte indeß willig ſeinen Weg, bis es plötzlich ſo tief in einen Sumpf einſank, daß es ſich nicht wieder herausarbeiten konnte. Vorſichtig ſtieg Paul ab, und nur mit unſäglicher Mühe gelang es ihm, mit dem Dolche, den er bei ſich trug, die Füße des armen Geſchöpfes frei zu machen, und es wieder auf beſſeren Boden zu bringen. Lange ritt er nun hin und her, und ſuchte ſeinen Weg in der unendlichen Oede. Endlich fand er ihn; er war durch eine Menge Schädel und Gerippe bezeichnet, die mit ihren ſcharfen Kanten aus der Schneedecke hervorragten und den elen⸗ den Tod der Laſtthiere anzeigten, welche auf dieſem Wege unter ihrer Bürde erlegen waren. Paul betrach⸗ 55⁵ tete die traurigen Ueberreſte mit trüben Blicken; denn die Furcht lag wahrlich nahe genug, daß es ihm nicht beſſer ergehen werde, als dieſen Opfern früherer, hef⸗ tiger Schneeſtürme. Da theilten ſich ploͤtzlich die Wolken und die Strah⸗ len der brennenden Tropenſonne reflektirten ſo grell auf der blendenden Schneefläche, daß Paul augenblicklich die heftigſten Augenſchmerzen empfand, und nur mit einem vor das Geſicht gehängten Tuche ſeinen Weg fortſetzen konnte. „Alſo auch noch der Surumpe!“ ſeufzte er, wie vorhin, als er die Leiden der Veta empfand.„Warum folgte ich nicht dem Rathe des ehrlichen Puna⸗Schäfers? Jetzt muß ich vielleicht mit ewiger Blindheit meinen Eigenſinn büßen!“ Nach einer halben Stunde wiederholte ſich die vo⸗ rige Scene von Neuem. Der plötzlich verfinſterte Him⸗ mel entlud abermals, unter Blitz und Donner und einem orkanähnlichen, erſchütternden Sturme, ungeheure Schneemaſſen; dann kam die Sonne wieder, aber nur, um ſich hinter neuen Gewittern zu verbergen. Mit unendlicher Anſtrengung ſetzte Paul ſeinen Weg fort; ſein armes Maulthier vermochte mit ſeiner geſunkenen Kraft kaum noch durch den immer höher ſich thürmen⸗ den Schnee ſich durchzuarbeiten, und bald brach nun auch noch die Nacht herein. Starr vor Kälte, entkräf⸗ tet von Hunger und den Leiden des Weges, konnte der arme Reiter kaum noch die Zügel halten, und fühlte ſeine Füße nicht mehr, obwohl ſie durch ſeine breiten, hölzernen Steigbügel etwas geſchützt waren. Zudem hatte er die troſtloſe Gewißheit, daß das nächſte gaſt⸗ liche Dach noch über acht Wegſtunden entfernt lag, und 56 in der Dunkelheit der Nacht und bei dem hohen Schnee war es unmöglich, den Weg zu finden oder auch nur eine beſtimmte Richtung feſt einzuhalten. Das erſchöpfte Maulthier, das ſchon vierzehn Stunden ohne Ruhe und Nahrung mit ſeiner Laſt auf dem Rücken, wenn auch mäßig, bergan geſtiegen war, konnte nicht mehr weiter; und ſchon glaubte ſich Paul verloren, und fürchtete, der ſteigenden Kälte oder dem immer dichter fallenden Schnee zum Opfer zu werden,— als er ploͤtzlich, faſt erliegend bereits, noch im letzten rechten Augenblicke einen über⸗ hängenden Felſen mit einer Höhle gewahrte, die ihm eeinnigen Schutz vor dem Unwetter verſprach. Gott, den er angerufen hatte in der furchtbaren Gefahr, die ihn umringte, hatte alſo ſein Gebet erhört,— er ſollte nicht im Kampfe der Elemente untergehen! Neue Wärme ſtrömte durch ſeine Adern; er fand Kraft, von dem Maulthier abzuſteigen und flüchtig die Höhle zu unterſuchen. Sie bot nicht den angenehmſten Aufenthalt, aber es war doch ein Obdach vor Wind und Schnee, und eine, wenn auch immer nur armſelige Zuflucht. Paul entſchloß ſich ſofort, die Nacht hier zuzubringen. Mühſam ſattelte er ab, und bereitete ſich aus den Satteldecken und ſeinem Poncho ein elendes Lager auf der kalten, naſſen Erde. Das Maulthier band er in der Nähe an einen Stein feſt, wo es gleich⸗ falls einigen Schutz vor Sturm und Kälte fand, und gierig ſcharrte es mit den Hufen im Schnee, um die wenigen Kräuter hervorzuſuchen, die unter der Decke deſſelben verborgen wuchſen. 8 Nicht weniger hungrig, als das arme Thier, öffnete Paul ſeine Satteltaſchen, langte ein paar Hände voll Mais, etwas Brod und trockenen harten Käſe, ſowie — — X — — 57 eine Flaſche Wein heraus, mit der er ſich vorſorglich verſehen hatte, und wollte eben ſein ſpärliches Mahl beginnen, als er jetzt plötzlich, da ſich ſein Auge an die Dunkelheit der Höhle gewöhnt hatte, den Körper eines Menſchen bemerkte, welcher, kaum einen Schritt von ihm entfernt, lang ausgeſtreckt und regungslos wie ein Todter auf der bloßen Erde lag. »Gott im Himmel!“ rief er erſchreckt aus.„Ein Unglücksgefährte! Und vielleicht todt— und ich allein mit der Leiche an dieſem von den furchtbarſten Schrecken der Natur umgebenen, öden Orte!« Pauls erſtes Gefühl war Furcht und Entſetzen über dieſe ſo unerwartet gefundene Geſellſchaft; aber nach wenigen Augenblicken fand er ſeine ganze Beſonnenheit wieder, und Mitleid, Erbarmen und Theilnahme bemäch⸗ tigten ſich ganz ſeines Herzens. „Wie, wenn noch ein Funke von Leben in ihm wäre?“ fragte er ſich ſelbſt.„Vielleicht könnteſt du ihn retten, und den glimmenden Funken wieder zur hellen Flamme anfachen!“ Nur dieſer großmüthigen Regung folgend, ſchob er ſein Abendeſſen auf die Seite, zog ein Feuerzeug aus der Taſche, und entzündete ein ſchwaches Licht, das in⸗ deß Helle genug verbreitete, um ſeinen Unglücksgefährten deutlicher ſehen zu laſſen. Er brachte das Licht ganz nahe an das Geſicht deſſelben, und ein neues Erſtaunen, jetzt aber nicht mehr mit Furcht gemiſcht, malte ſich in ſeinen Zügen. »„Großer Gott, der Indianer! Hualpa!“« rief er aus.„Das iſt ein wunderbares Zuſammentreffen! Aber noch ſcheint Leben in ihm— ſein Herz ſchlägt 58 noch, wenn auch nur ſchwach! Wenn es mäöglich iſt, ſoll der Arme gerettet werden.“ Das ſchwache Licht, welches einige Augenblicke hin⸗ durch die Höhle matt erleuchtet hatte, erloſch wieder, aber Paul brauchte es nicht länger. Von Theilnahme erfüllt, widmete er ſeine ganze Sorgfalt dem Indianer. Er holte die Weinflaſche herbei, legte den Kopf des Ohnmächtigen auf ſeinen Schooß, flößte ihm einige Schlucke von dem kräftigen Weine ein, rieb ihm die kalten, erſtarrten Hände und die Schläfe, und hatte dieſe Bemühungen kaum einige Minuten hindurch eifrig fortgeſetzt, als ein matter Seufzer des Indianers ihn belehrte, daß das entſchwindende Leben wiederzukehren im Begriff ſei. Er verdoppelte ſeine Anſtrengungen, ſetzte dem Armen noch einmal die Mündung der Flaſche an die Lippen, und bemerkte mit Freuden, daß ſie gie⸗ rig die belebende Flüſſigkeit einſogen. Wenige Augen⸗ blicke nachher richtete ſich der Indianer auf, und fragte mit ſchwacher Stimme:„Wo bin ich, und wer iſt der 3 gute Geiſt, der Feuer zin meine Adern gegoſſen und mein erſtarrtes Blut wieder aufgethaut hat?“ „Frage nachher,“« erwiederte Paul mit ſeiner fanf⸗ ten, wohllautenden Stimme.„Jetzt trinke noch einmal von dieſem Weine, und wenn dich hungert, ſo iſt hier Mais, Käſe und Brod. Nimm!« Der Indianer aß und trank. Mehr und mehr wich 3 die Erſtarrung aus ſeinen Gliedern, und volles war⸗ mes Leben pulſirte wieder in ſeinem Herzen. Paul aß und trank mik ihm; denn jetzt, nachdem er mit ſo großem Erfolge die Pflicht der Barmherzigkeit an einem Unglücklichen geübt hatte, machte ſich das Bedürfniß nach waͤrmender und erquickender Nahrung mit voller 59 Gewalt wieder geltend. Schweigend verzehrten Beide den ganzen, kleinen Vorrath von Lebensmitteln, und behielten nur einen kleinen Reſt Wein in der Flaſche, den Paul vorſorglich für den anderen Morgen aufbe⸗ wahrte. „Jetzt aber, Sennor,“ nahm der Indianer wieder das Wort, indem er, aber vergeblich, das Dunkel der Hoͤhle mit den Augen zu durchdringen und die Geſichts⸗ züge ſeines Retters zu erkennen ſuchte,—„jetzt, nach⸗ dem Ihr mich nicht nur aus dem Todesſchlafe erweckt, ſondern auch Euer Mahl mit mir getheilt habt, um das Maß Eurer Großmuth voll zu machen,— darf jetzt Hualpa erfahren, wem er zu ewigem Danke ver⸗ pflichtet iſt? Ich bitte Euch, ſprecht, Euer Gnaden!« „Du haſt mich alſo noch nicht erkannt, Hualpa?« fragte Paul.»Es iſt licht das erſte Mal, daß wir zuſammengetroffen ſind.« 8 »Ahi, dieſe Stimme! Sie klingt lieblich in mein Ohr!« rief der Indianer aus.„Sennor Paulo— Ihr ſeid es, Ihr habt mir zum zweiten Male das Le⸗ ben gerettet! Ja, Ihr ſeid es! Vorhin, noch betäubt von Kälte, erſchöpft von Hunger, konnte ich den Klang Eurer Stimme nicht unterſcheiden, aber jetzt— jetzt täuſche ich mich nicht mehr. Sennor Don Paulo, Hualpa ſchuldet Euch zwei Leben!« »Nichts von Schuld, mein Freund,“ erwiederte Paul freundlich.„Ich bin glücklich, einen Gefährten in die⸗ ſer ſchrecklichen Puna gefunden zu haben, und nun ver⸗ lange ich nichts weiter von dir, als zu hören, wie du hieher gekommen biſt.« „Hualpa ſuchte Kräuter auf den Bergen und in den Schluchten der Puna,« antwortete der Indianer. 3 60 „Er hatte in zwei Nächten nicht geſchlafen, er war müde und hungrig, und ſo überraſchte ihn der Schneeſturm auf dem Wege nach Pasco. Der Schnee machte ihn blind, der Hunger war ſtärker, als ſeine Glieder,— er irrte lange umher; wie er in dieſe Höhle kam, weiß er nicht. Er glaubte zu ſterben.“ „Ermüdet, hungrig, leicht gekleidet, und dieſer füͤrch⸗ terliche Schneeſturm dazu,— es iſt kein Wunder, daß unter ſolchen Umſtänden menſchliche Kraft erliegen mußte!« ſagte Paul.„Nun denn, ich danke Gott, der meine Schritte hieher gelenkt hat. Gott allein rettete uns Beide! Wenn ich dieſe Höhle nicht fand, wäre ich verloren geweſen, wie du, mein Freund.“ Mit beredten Worten ſchilderte Paul die Drang⸗ ſale, die er im Verlaufe des Tages hatte ausſtehen müſſen, und ſchweigend, die Hände über der Bruſt ge⸗ kreuzt, hörte der Indianer ihm zu. „Und was nun?“ fragte er, als er den Grund von Pauls Erſcheinen in der Höhle kannte.„Was will Sennor Paulo nun beginnen?« »Das Ziel meiner Reiſe iſt auch das deinige,« er⸗ wiederte Paul.„Ich hoffe, morgen werden wir bei guter Zeit nach Pasco gelangen.“ „Hualpa kennt den Weg,“ antwortete der Indianer. „Er wird ſeinem Lebensretter zum Führer dienen. Aber darf er fragen, was Sennor Don Paulo in Pasco zu ſchaffen hat?« „»Oh, gewiß, mein Freund! Es iſt kein Geheimniß, und du magſt Alles wiſſen.“ Und Paul erzählte von Neuem, erzählte von ſeiner Jugendzeit, von ſeinen Geſchwiſtern, von der Armuth, in welche der Tod ſeines Vaters ſeine Familie geſtürzt 61 hatte, erzählte vom alten Lorenz und dem guten Rathe, den er von ihm bekommen, von ſeiner Wanderung durch Deutſchland, ſeiner Fahrt über das Meer, und nach einer kurzen Stunde kannte Hualpa das ganze Leben Pauls ſo genau, als ob er mit ihm aufgewachſen wäre. „Gut,“ ſagte Hualpa,„Sennor Don Paulo ſucht das Glück in Peru, er ſoll es finden. Genug! Es iſt ſpät, und wir müſſen früh aufbrechen! Schlafen wir, wenn es Euch gefällig iſt!« Paul hätte gern noch gefragt, was Hualpa mit der prophetiſchen Aeußerung, er ſolle ſein Gluͤck fin⸗ den, meine, denn ſeine Neugierde war dadurch rege gewordan Der Indianer aber ſchien nicht geneigt, ſich in ein weiteres Geſpräch einzulaſſen. Er holte das Maulthier in die Höhle herein, ließ es hier ſich nieder⸗ legen, und ſtreckte ſich dicht neben ihm auf den Boden aus. Die natürliche Wärme des Thieres machte den Aufenthalt in der Höhle bald behaglicher, als er vor⸗ her geweſen. Paul folgte dem ſtillſchweigend gegebenen Beiſpiele Hualpa's, und bald fielen ihm vor Muͤdigkeit die Augen zu. Erſchöpft und angegriffen von den un⸗ gewöhnlichen Anſtrengungen des Tages ſchlummerten die beiden Juͤnglinge und das Maulthier ſo feſt ein, als ob die Erſteren in einem behaglichen Bette, das Letztere in einem guten, wohlverwahrten Stalle lägen, und erſt die anbrechende Morgendämmerung weckte ſie aus ihrem tiefen und erquickenden Schlafe. Riücken des Gebirgszuges von Olachin hinauf, wo Paul 62 Fünftes Kapitel. Das Complott. Es war noch ein beſchwerlicher Weg, den Paul und Hualpa bis Pasco zurückzulegen hatten, und der Indianer trieb deßhalb zum Aufbruche. Nach einge⸗ nommenem Frühſtück, und nachdem Paul den Reſt ſei⸗ nes Weines brüderlich mit Hualpa getheilt hatte, be⸗ ſtieg er das Maulthier und folgte dem Indianer aus der Höhle in's Freie. Glücklicherweiſe hatte ſich wäh⸗ rend der Nacht das Wetter geändert, und über der nebelfreien Welt ſtand die junge, ſiegreiche Morgen⸗ ſonne, und glänzte hell und ſtrahlend uͤber die mittler⸗ weile vom Schnee befreiten Ebenen und Hügel hin. »Alles ſteht gut, Sennor Don Paulo,“ ſagte der Indianer, indem er mit tiefen Athemzügen die reine, friſche Gebirgsluft einſog.„Ehe ſechs Stunden ver⸗ gangen ſind, werden wir Pasco erreicht haben.“ Mit leichtem, elaſtiſchem Schritte ging Hualpa vor⸗ an, und das Maulthier, welches ſich völlig erholt hatte, trabte munter hinter ihm drein. Obgleich noch manche beſchwerliche Strecke Weges zu überwinden war, er⸗ reichten unſere Reiſenden dennoch um die Mittagsſtunde, nachdem ſie die einförmigen Hochebenen von Bombon hinter ſich gelaſſen hatten, das kleine Dorf Pasco, und klimmten nun den ſumpfigen und ſteilen Weg bis zum — plötzlich eine volkreiche Stadt vor ſich erblickte, die in dieſer wilden und öden Gegend einen überraſchend ange⸗ . 6³ nehmen Eindruck auf ihn machte. In einer terraſſen⸗ förmigen Vertiefung, rings von ſteilen, nackten Felſen⸗ kuppen umgeben, dehnte ſie ſich vor ihm aus, und ihre ſtattlichen Häuſer mit den dampfenden Schornſteinen und den ſchützenden grauen Bleichdächern ſchienen ihm einen wohnlichen und heimiſchen Aufenthalt zu ver⸗ ſprechen. »„Dieß alſo iſt der weltberühmte Cerro de Pasco, mein Freund!« ſagte er nach einer Weile ſtummen An⸗ ſchauens zu Hualpa. »Dieß iſt der Cerro de Pasco,« erwiederte der In⸗ dianer.„»Ihr könnt jetzt Euern Weg nicht mehr ver⸗ fehlen, da das Ziel Eurer Reiſe vor Euch liegt.« »Wie denn, Hualpa?« fragte Paul erſtaunt.„Willſt du mich etwa verlaſſen, da du ſprichſt, daß ich nicht mehr fehlen kann?« »Hualpa verläßt Euch, ſo iſt es, Sennor Don Paulo,« entgegnete der Indianer.„Aber nicht auf lange Zeit.“ »Doch du wollteſt ja ſelbſt nach der Stadt, wie du mir ſagteſt, warum willſt du mich alſo nicht vollends dahin begleiten?“. »Hualpa hat ſeinen Entſchluß geändert,“ entgegnete der Indianer.„Er hat jetzt Wichtigeres zu thun, und muß ſeinen Vater in den Gebirgen aufſuchen. Lebt wohl, Sennor! Und auf baldiges Wiederſehen!“ »In der That,“ ſagte Paul,„es ſchmerzt mich, daß du mich verlaſſen willſt, denn ich habe dich lieb gewon⸗ nen. Aber wenn eine andere Pflicht dich ruft, ſo kann ich dich freilich nicht zurückhalten.“* »Ja, eine andere Pflicht ruft mich,« antwortete Hualpa, und drückte kräftig die Hand, welche Paul ihm 8 64 hinreichte.»Ich muß mit meinem Vater ſprechen, ehe ich Euch wieder aufſuche, Sennor. Aber zweifelt nicht, ich werde kommen. Nur eine Warnung noch, Sennor Don Paulo: Hütet Euch vor Don Joſe Ugarto!l« 3 Ehe Paul über dieſe ihn überraſchende Warnung nähere Auskunft von Hualpa verlangen konnte, hatte dieſer ihm noch ein letztes Mal die Hand gedrückt, und eilte mit flüchtigem Schritte die ſteile Anhöhe wieder hinab, die er eben erſt mit ſeinem Begleiter erſtiegen hatte. 1 „Hualpa! Hualpa!“ rief ihm Paul nach. Aber hörte der Indianer ſeinen Ruf nicht, oder wollte er ihn nicht hören, kurz, Hualpa ſetzte ſeinen Weg fort, ohne nur noch einmal nach ſeinem Reiſege⸗ fährten zurückzuſchauen. „Ein ſeltſamer Menſch!« murmelte Paul vor ſich hin, während der Indianer an dem ſteilen Abhange des Gebirges verſchwand.„Er ſcheint mich zu lieben, die innigſte Dankbarkeit für mich zu empfinden, und doch iſt er ſo heimlich und verſchloſſen, daß er mir nicht einmal den Grund ſeines plötzlichen Abſchiedes mit⸗ theilt! Und dann dieſe ſeltſame Warnung vor Joſe Ugarto! Warum hat er auf dem ganzen langen Wege von der Höhle bis hierher nicht von ihm geſprochen? Er hatte doch Zeit und Gelegenheit genug dazu! In⸗ deß, wie dem auch ſei, Hualpa meint es gewiß gut mit mir, und ſeine Warnung ſoll nicht verloren gehen. Die andern Räthſel mag er ſelber löſen, wenn ich ihn wie⸗ derſehe!“ 1 Noch ſinnend und grübelnd über das ungewöhnliche und auffallende Benehmen des Indianers gab er endlich ſeinem Maulthiere die Sporen, und trabte auf Cerro de Pasco zu. Bald erreichte er die erſten Häuſer, und leicht wurde es ihm nun, das Haus zu erfragen, in welchem Don Joſe Ugarto, der Geſchäftsfuͤhrer Mr. Wilſons, ſeine Wohnung hatte. Wenige Minuten ſpä⸗ ter hielt er vor einem großen, palaſtähnlichen Gebäude; ein Neger trat heraus, um ihm ſein Maulthier abzu⸗ nehmen, und auf ſeine Frage, ob Don Ugarto zu ſpre⸗ chen ſei, wies er grinſend auf den Haupteingang des Hauſes, und ſagte kurz:„Treten ein, Su merced(Euer Gnaden), Maſſa in Zimmer gleich links!«. Die Weiſung war deutlich und verſtändlich genug. Paul trat in den Hausflur und ſtand wenige Augen⸗ blicke ſpäter in dem bezeichneten Gemache. Es war groß, geräumig und mit reichem Luxus ausgeſtattet. Fünf oder ſechs Schreiber ſaßen an großen Mahagoni⸗ tiſchen emſig mit der Feder beſchäftigt, und in einem bequemen Lehnſtuhle nahe an einem der großen Bogen⸗ fenſter, welche das Zimmer erhellten, dehnte ſich nach⸗ läſſig ein großer hagerer Mann mit bleichem Geſicht, kurz verſchnittenem, ſchwarzem Haar und ſtechenden Augen, die mit dem Blicke eines Raubvogels über eine lange, wie der Schnabel eines Habichts gekrümmte Naſe hinwegfunkelten. „Dieſer muß Don Ugarto ſein!« dachte Paul, und ſuchte in ſeiner Taſche nach dem Briefe, den Mr. Wil⸗ ſon ihm an ſeinen Geſchäftsführer mitgegeben hatte. „Wer ſeid Ihr? Was wollt Ihr?« fragte indeß die ſcharfe Stimme des Mannes im Lehnſtuhle. »Ich ſuche Don Joſe Ugarto,“ erwiederte Paul mit einer höflichen Verbeugung,—„und wenn ich nicht irre, ſo habe ich ihn in Euch gefunden, Sennor.« Grückes Schmied. 5 66 „Ganz recht! Und nun?“« „Nun habe ich hier ein Schreiben von Mr. Wilſon in Lima zu übergeben, das Euch alles Weitere ſagen wird,“ entgegnete Paul. Er hatte kaum den Namen Mr. Wilſons ausge⸗ ſprochen, als Don Ugarto haſtig aufſprang und ihn mit einem halb mißtrauiſchen, halb verwunderten Blicke von oben bis unten maß. Dann riß er ihm den Brief aus der Hand, wendete ſich mit dem Geſicht nach dem Fen⸗ ſter, und blieb ſo, nachdem er den Brief überflogen hatte, wohl noch fünf Minuten in Nachdenken verſun⸗ ken ſtehen. Als er ſich endlich wieder umwendete, be⸗ merkte Paul, daß ſein Geſicht noch bleicher als vorher geworden war, und daß ſich tiefe und finſtere Runzeln zwiſchen ſeinen buſchigen Augenbrauen gebildet hatten. „Ihr nennt Euch alſo Paul Arnold, ſeid ein Deut⸗ ſcher von Geburt, und beabſichtigt, hier eine Anſtellung zu finden,“ ſagte er mit abſtoßender Kälte. „Genau ſo verhält es ſich, bis auf die Anſtellung, die ich bereits hier gefunden habe, wie Mr. Wilſon mir ſagte,« antwortete Paul.»Sehet nur genau in dem Schreiben nach, und Ihr werdet Euch davon über⸗ zeugen.“ „Hm! Schon recht!“ entgegnete Don Ugarto mit noch feindlicherem Ausdrucke,— ves ſteht allerdings etwas der Art in dieſen Zeilen, aber es iſt nicht ange⸗ geben, welche Beſchäftigung ich Euch zuweiſen ſoll. Wir haben Leute im Ueberfluß, und ich kann nicht je⸗ dem hergelaufenen— Bettler Arbeit und Brod geben. Ihr würdet beſſer thun, junger Mann, Euch anderswo umzuſehen!“ Eine tiefe Roͤthe des Zornes und der Entrüſtung Antwort,„als die Bitte, daß Ihr mir mein barſches 5*⁸ 67 überflog die blühenden Wangen Pauls, und anſtatt ſich von der ſchnöden Behandlung Don Ugarto's einſchüch⸗ tern zu laſſen, richtete er ſich ſtolz auf, und trat einen Schritt näher auf den Geſchäftsführer zu. „Ich weiß nicht, Sennor, wer Euch das Recht gibt, in dieſer Weiſe mit mir zu ſprechen,« ſagte er.»„Ich komme nicht als ein Bettler zu Euch, ſondern im Auf⸗ trage von Mr. Wilſon, Eurem Herrn, und durch ein eigenhändiges Schreiben von ihm empfohlen. Aufdrin⸗ gen will ich mich Euch ſo wenig, wie ich mich Eurem Gebieter aufgedrungen habe. Ich gehe, aber Mr. Wil⸗ ſon wird erfahren, wie man hier in ſeinem Hauſe ſeine Befehle reſpektirt. Gott befohlen, Sennor Ugarto!« Und ganz entſchloſſen, dieſem ungaſtlichen Hauſe den Rücken zu wenden und anderswo Arbeit und Beſchäf⸗ tigung zu finden, drehte ſich Paul um, und ſchritt auf die Thür zu. Aber noch hatte er ſie nicht erreicht, als er eine Hand auf ſeiner Schulter fühlte und die Worte vernahm:„Halt, Sennor Arnoldo, wir haben noch ein paar Höflichkeiten mit einander zu wechſeln!« Betroffen wendete er ſich um, und erſtaunte von Neuem nicht wenig, als er Don Ugarto mit ganz ver⸗ ändertem Ausdrucke im Geſicht hart hinter ſich erblickte. Die finſteren Runzeln waren von ſeiner Stirn ver⸗ ſchwunden, und der ſtolz, höhniſch und verächtlich ver⸗ zogene Mund wies ein freundliches und wohlwollendes Lächeln. »Was könnt Ihr noch von mir wünſchen, Sennor, nachdem Ihr mir in der unzweideutigſten Weiſe die Thuͤr gezeigt habt?« fragte er voll Verwunderung. »Nichts weiter vor der Hand,“ lautete die höͤfliche 68 und abſtoßendes Benehmen verzeihen möget. Ich muß Euch wiſſen laſſen, Sennor Arnoldo, daß wir häufig von kenntnißloſen Abenteurern uͤberlaufen werden, und ich fürchtete anfänglich, daß Ihr zum gleichen Schlage gehören möchtet. Aber Euer raſches und entſchiedenes, ja ſogar ſtolzes Weſen hat mich eines Anderen über⸗ zeugt. Nur, wer ſeinen Werth kennt, pflegt mit ſolcher Entſchloſſenheit aufzutreten, und nachdem Ihr mir Ach⸗ tung vor Euch eingeflößt habt, zweifle ich nicht, daß wir ſehr bald auch noch gute Freunde werden können. Eure Hand, junger Mann, und vergebt mir meine Uebereilung!« Wenn Paul nicht von Hualpa gewarnt worden wäre, ſo hätte er die Entſchuldigungen Don Ugarto's vielleicht für baare Münze genommen, um ſo mehr, als der Geſchäftsführer Mr. Wilſons in der That jetzt die offenſte und freundlichſte Miene von der Welt zur Schau trug, und ſein Entſchuldigungsgrund keineswegs der Wahrſcheinlichkeit entbehrte. Aber die Warnung des Indianers war nicht vergeſſen worden, und Paul fühlte ſich ſehr geneigt, die jetzige geſchmeidige Höflich⸗ keit Don Ugarto's eher, als die barſche feindliche Kürze von vorhin, für erheuchelt zu nehmen. Dennoch ſchlug er in die dargebotene Hand Don Ugarto's ein, mit dem ſtillen Vorbehalte jedoch, vor dieſem Manne unter allen Umſtänden auf ſeiner Hut zu ſein. „Schon recht, Sennor,“ antwortete er nach blitz⸗ ſchneller Ueberlegung.„Ich bin nicht gewöhnt, jedes Wort auf die Wagſchale zu legen, und wenn wir gute Freunde werden können, ſoll es mir angenehm ſein.“ „Alſo Ihr bleibt bei uns, mein Freund, dieß iſt abgemacht,« erwiederte Don Ugarto.„Wohlan, ſo macht 69 es Euch bequem! Ich werde Euch ein Zimmer in die⸗ ſem Hauſe anweiſen laſſen, und es verſteht ſich von ſelbſt, daß Ihr ein für alle Mal mein Gaſt bei Tiſche ſeid. Mr. Wilſon hat dieß ohnehin ſchon ſo angeord⸗ net, und es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich ſeinen Be⸗ fehlen, nachdem ich Euch beſſer kennen gelernt habe, pünktlich nachkommen werde. Antonio!« Der Neger, welcher vorhin das Maulthier Paul's in Empfang genommen hatte, trat nach dieſem Rufe ein. »Dieſem Herrn das grüne Zimmer im erſten Stock⸗ werk vorn heraus!“ befahl Don Ugarto dem Schwar⸗ zen.„Habe Acht, daß es an keiner Bequemlichkeit Mangel leidet,— ich werde ſelbſt nachſehen. Sancho wird den perſönlichen Dienſt bei Sennor Arnoldo über⸗ nehmen. Und nun, mein Herr,«— wendete er ſich wieder zu Paul,—„habt die Güte, dieſem Neger zu folgen und Euch häuslich einzurichten. In einer Stunde erwarte ich Euch bei Tiſche, und wir beſprechen dann bei einem Glaſe Wein, welchen Poſten Ihr vorläufig bei uns übernehmen wollt. Auf Wiederſehen, Sennor! Paul verbeugte ſich artig, und folgte dem Neger, der ihn über eine breite Mahagonitreppe, die dick mit weichen Teppichen belegt war, in das obere Stockwerk und in ein Gemach führte, von deſſen verſchwenderiſcher Pracht der an die geringſten Bedürfniſſe gewöhnte junge Mann nicht wenig betroffen war. Doch beherrſchte er jedes äußere Zeichen von Ueberraſchung, und befahl dem Neger, ſein weniges Gepäck herauf zu ſchaffen. Anto⸗ nio gehorchte, und Paul ſchickte ihn hierauf fort, um mit ſeinen Gedanken allein zu bleiben. »Hualpa hat Recht,“ ſagte er nach einer geraumen Weile ernſten Sinnens,—„dieſem Mann iſt nicht zu 70 trauen, und man muß vor ihm auf der Hut ſein! Aber am Ende, was kann er mir anhaben, wenn ich meine Pflicht erfülle? Vielleicht wird er mich bei Mr. Wilſon zu verläumden ſuchen, um mich für immer aus ſeiner Nähe zu entfernen; aber ſelbſt, wenn dieß ge⸗ ſchähe, ſo bleibt mir ja immer noch die Macht der Wahrheit zu meiner Rechtfertigung, und die Wahrheit iſt zuletzt immer ſtärker, als die Lüge. Nein, Don Ugarto, ein ſchlichtes, ehrliches, deutſches Gemüth fürch⸗ tet Eure ſpaniſchen Ränke und Schliche nicht, und wenn Ihr einen unredlichen Kampf ſucht, ſo ſollt Ihr jeden⸗ falls einen redlichen Gegner in mir finden.“ Mit dieſem Vorſatze kehrte die gewöhnliche Ruhe in Paul's Gemüth zurück, und nachdem er ſich erfriſcht und die ſichtbaren Spuren der Reiſe von ſeinem ſchlich⸗ ten Anzuge entfernt hatte, begab er ſich wohlgemuth und ſorglos zur Tafel, wohin ihn Don Ugarto durch Sancho, einen zweiten Neger, der ſich ihm als ſeinen Diener vorſtellte, beſcheiden ließ. Don Ugarto empfing ihn freundlich, ſtellte ihn noch einigen anderen jungen Leuten vor, die er bereits im Geſchäftszimmer an den Schreibtiſchen geſehen hatte, und ließ ihn dann bei Tafel an ſeiner Seite niederſitzen. Während der Mahl⸗ zeit überhäufte er ihn mit Höflichkeiten, legte ihm ſelbſt von den beſten Speiſen vor, ſchenkte ihm eigenhändig Wein in das Glas, und nöthigte ihn faſt zudringlich zum Eſſen und beſonders zum Trinken des ſtarken Wei⸗ nes, der wie Feuer in dumpfer Gluth durch ſeine Adern rollte. Paul merkte endlich, oder glaubte wenigſtens eine Abſichtlichkeit zu merken, und ſchob entſchloſſen ſein Weinglas zurück, indem er äußerte, daß er von Jugend auf an ſtrenge Mäßigkeit gewöhnt ſei, und von dieſer 71 Gewohnheit auch nicht abzugehen gedenke. Ein falſcher Blick Don Ugarto's, in welchem ſich deutlich genug Verdruß und Ueberraſchung malte, ſtreifte über Paul hin, der ſich jedoch ganz kaltblütig den Anſchein gab, als ob er nicht das Mindeſte davon bemerkt hätte. Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben, und alle An⸗ weſenden entfernten ſich, bis auf Paul, welcher von Don Ugarto zurückgehalten wurde. „Nun, mein junger Freund,“ ſagte er,„ich habe mir überlegt, in welcher Weiſe ich Euch am beſten und vortheilhafteſten für Euch ſelbſt beſchäftigen kann. Ich werde Euch unter die Zahl meiner Schreiber aufneh⸗ men. Eure Arbeiten als Solcher ſind einfach, und wenn Ihr Euch erſt ein wenig damit vertraut gemacht habt, ſo könnt Ihr es in kurzer Zeit dahin bringen, einen anſehnlichen Gehalt zu beziehen.“ Hätte ein Anderer, als Don Ugarto, dieſen Vor⸗ ſchlag gemacht, ſo wäre Paul wahrſcheinlich ohne Be⸗ denken darauf eingegangen; aber was von Jenem kam, erregte von vorn herein ſein Mißtrauen, und da er ohnehin keine große Luſt verſpürte, ſich als Schreiber verwenden zu laſſen, was auch ohne allen Zweifel nicht in Mr. Wilſons Abſichten lag, ſo lehnte er den Antrag zwar höflich, aber mit Beſtimmtheit ab. „Ich danke Euch, Sennor,“ ſagte er.„Obgleich ich nicht zweifeln will, daß Ihr meinen Vortheil im Auge habt, kann ich mich doch nicht entſchließen, ohne Weiteres Euren Vorſchlag anzunehmen. Ich bin als Bergmann aufgewachſen, als Bergmann will ich leben und ſterben. Außerdem hat Mr. Wilſon mir freige⸗ ſtellt, mich nach meinen Neigungen beſchäftigen zu duͤr⸗ fen, und ſo will ich denn mit Eurer Erlaubniß erſt noch 72 ein Weilchen zuwarten, und mittlerweile mich ein we⸗ nig umſchauen, um dann nachher ohne Uebereilung mei⸗ nen Entſchluß zu faſſen.“ »Aber, Herr, wenn ich Euch ſage... Ihr vergeßt, wie es ſcheint, daß ich hier der Stellvertreter und Be⸗ vollmächtigte Mr. Wilſons bin!« erwiederte Don Ugarto ſichtlich gereizt.„Am Ende werdet Ihr gut thun, mei⸗ nen Befehlen zu gehorchen.« »Gewiß, Sennor!“« entgegnete Paul kaltblütig.„Ihr werdet mich immer gehorſam finden, inſoweit Eure Be⸗ fehle mit denen unſeres gemeinſchaftlichen Herrn und Gebieters übereinſtimmen. Aber ich wiederhole Euch, daß Mr. Wilſon mich für ſeine Silbergrube, aber nicht für die Schreibſtube beſtimmt hat, und da ſeht Ihr wohl ein, daß ich zunächſt ſeinen Weiſungen folgen muß.« »Nun, wie Ihr wollt, Sennor, wie Ihr wollt,« antwortete Don Ugarto mit ſchlecht verhehltem Ver⸗ druſſe.„Nur möchte ich Euch bemerken, daß Ihr als Bergmann nie eine Stellung erlangen könnt, die der Stellung, dem Anſehen und dem Einkommen eines er⸗ ſten Buchhalters nur entfernt gleichſtünde, Ihr müßtet denn wie die Barreteros, die das Erz brechen, oder wie die Hapiris, die es aus den Gruben fördern, mit eigenen Händen außerordentlich mühevoll arbeiten wollen. In dieſem Falle allerdings, aber dann auch freilich nur, wenn Ihr das Glück habt, zufällig eine reiche Silberader zu treffen, könnt Ihr Euch einen hüb⸗ ſchen Verdienſt erwerben. Aber, wie geſagt, dieß iſt ungewiß, und Ihr würdet Euch durch eine ſolche Ar⸗ beit erniedrigen, indem Eure Genoſſen nichts als elende Indianer ſind. Als Schreiber dagegen nehmt Ihr eine 73 Eurer Farbe geziemende Stelle ein, und ich rathe Euch daher nochmals freundſchaftlich, auf meinen Vorſchlag einzugehen.“„ »Goͤnnt mir Zeit zur Ueberlegung, Sennor,“ bat Paul einfach.„In acht oder vierzehn Tagen will ich Euch meine Entſcheidung mittheilen, früher kann ich mich nicht entſcheiden. Außer den Barreteros und Hapiris muß es ja doch noch Leute geben, die Auf⸗ ſicht führen und die Arbeiten anordnen und leiten, und da findet ſich vielleicht, was ich ſuche, was mir am meiſten zuſagt, und wobei ich Mr. Wilſon's Vertrauen in meine Kenntniſſe am beſten rechtfertigen kann.“ »Eigenſinniger Thor!« murmelte Don Ugarto, in⸗ dem er ſich ärgerlich von Paul abwendete.„Habe denn, was du haben willſt.— Gut, Sennor Paulo,“ wandte er ſich dann wieder zu dieſem—„folgt Eurem Kopfe, und ſeht zu, wie weit Ihr damit kommen wer⸗ det. Doch glaube ich, daß Ihr bald bereuen werdet, meine Rathſchläge verachtet zu haben. Gott befohlen, Sennor!« Paul war froh, daß der Unterredung auf dieſe Weiſe ein Ende gemacht wurde, und entfernte ſich. Kaum hatte er das Gemach verlaſſen, ſo ſtampfte Don Ugarto heftig auf den Fußboden und riß an einer Klingel, deren gellender Ton augenblicklich einen Neger yerbeirief.. „Der Mayordomo Rivero ſoll kommen! Auf der Stelle!“ herrſchte er ihm zu. Der Neger eilte davon, und bald darauf trat ein Menſch herein, der mit kriechender Unterwürfigkeit Don Ulgarto begrüßte. Er war klein, verwachſen, und ſein „Blick hatte etwas Scheues, Lauerndes und Boshaftes. △ 3 4 8 4 74 „Was befiehlt mein gnädigſter Herr?« fragte er. „Setzt Euch, Rivero!“ erwiederte Don Ugarto, in⸗ dem er in großer Aufregung mit haſtigen Schritten das Gemach durchmaß.»Der alte Wilſon hat uns einen Teufelsſtreich geſpielt. Wenn wir uns nicht vorſehen, ſo kommt uns der Burſche auf die Schliche, und man jagt uns mit Schimpf und Schande davon, — es ſei denn, daß wir ehrlich würden, und hübſch ordentlich jedes Pfund Silber notirten, was aus den Gruben gewonnen wird.“« »Nicht ſo haſtig, gnädigſter Herr, ich verſtehe Euch nicht,« entgegnete Rivero, der Mayordomo oder Ober⸗ aufſeher der Silbermine.„Von was für einem Bur⸗ ſchen ſprecht Ihr?“ „Von einem deutſchen Bettelbuben, den uns Wil⸗ ſon über den Hals geſchickt hat! Da leſet ſelbſt den Brief! Der alte Wilſon empfiehlt ihn mir angelegent⸗ lich, ich ſoll ihn in alle Geſchäfte einweihen, ſoll ihn ſelber ſeine Stellung wählen laſſen, und dabei ſcheint der Burſche ſo ſtockehrlich, zeigt eine ſolche Fe⸗ ſtigkeit des Charakters, und ſo wenig Reſpekt vor mir, ſeinem Vorgeſetzten, daß er uns Manches zu ſchaffen machen wird.“ „Ehrlich, Sennor?“ erwiederte der Oberaufſeher mit hämiſchem Lächeln.„Ich ſollte meinen, daß es keine Ehrlichkeit gibt, die den blanken Silberbarren zu widerſtehen vermag.« „Ah, Ihr beurtheilt den Burſchen nach mir und nach Euch, aber ich verſichere Euch, Ihr könntet Euch täuſchen. Er iſt ein Deutſcher und von der rechten Sorte! Wollt Ihr glauben, daß ich ihm den Poſten eines erſten Buchhalters in Ausſicht ſtellte? Ihr 4 7⁵ meint, er hätte mit beiden Händen zugegriffen? Nichts da! Ausgeſchlagen! Will erſt ſehen, ob er nicht in den Gruben nützlicher ſein kann, als am Schreibtiſche! Der iſt ein deutſcher Bär, aus dem wir nie ein ge⸗ fügiges Werkzeug machen werden.“ „Nun, nun, Sennor, es käme auf den Verſuch an zunächſt,« entgegnete Rivero mit ungläubigem Zweifel. „Wir ſind ſchon mit ſo Manchem fertig geworden, und dieſer wird nicht der Letzte ſein. Mit Beſtechung er⸗ reicht man Alles!«. „Ja, bei den Meiſten, aber bei dieſem nicht! Ich ſage Euch ja, der iſt feſt!“ „Jeder hat ſeinen Preis, und wenn wir auch vielleicht nicht wohlfeil wegkommen, ſo wird er doch am Ende zu erkaufen ſein. Ich habe meine Er⸗ fahrungen!« „Dieſer wird ſie alle zu nichte machen!“ behaup⸗ tete Don Ugarto mit einer Beſtimmtheit, die den Ober⸗ aufſeher doch endlich ſtutzig machte. Ein häßliches Lächeln ſpielte um ſeinen Mund. „Wohlan,“ ſagte er,„wir verſuchen, und, gelingt der Verſuch nicht, ſo haben wir ja hier allerliebſte kleine Schlupfwinkel, wo jede Nacht geſpielt und ge⸗ trunken wird. Dabei fallen nicht ſelten Meſſerſtiche, und wenn ſolch' ein Meſſerſtich zufällig den naſeweiſen Burſchen trifft, der ſich herausnimmt, Eure väterlichen Anerbietungen auszuſchlagen, nun denn, was geht es uns an?« „Aber er wird nicht ſpielen, wird nicht gingohen, ſo wenig wie er trinken will! Ich hab' es ſchon ver⸗ ſucht unt ihm, Rivero! Er trank nicht einen Tropfen niehp hale ihm zuſagte. 4 76 „Hm! Da wäre er allerdings gefährlicher, als ich anfangs glaubte,« antwortete der Oberaufſeher, und blinzelte mit den kleinen, falſchen, grünen Augen.„Ein Deutſcher, der nicht trinkt, der ehrlich, der entſchloſſen, und, wie mir ſcheint, auch noch ein kluger Kopf iſt, — denn ſonſt würde ihn der alte Wilſon nicht her⸗ geſchickt haben,— der iſt allerdings ein Stein des Anſtoßes. Aber ſeht, gnädiger Herr, ſolche Steine räumt jeder vernünftige Menſch aus dem Wege, und ſo müſſen wir's mit dieſem ebenfalls machen. Gelingt es nicht am Spieltiſch, nun, ſo ſchickt man ihn eines Tages mit einem wichtigen Auftrage ein zehn, zwölf Meilen weit fort,— die Straßen ſind unſicher,— es wimmelt überall von nichtsnutzigen Indianern und Miſchlingen,— und wenn man dann gelegentlich ein Wörtchen fallen läßt,— etwa, daß der Sennor Deut⸗ ſcher eine gute Priſe wäre, oder ſonſt etwas der Art, — ei, ſo ſtehe ich dafür, daß man ihn nicht ganz un⸗ behindert ſeines Weges wird ziehen laſſen. Es iſt ſchon Mancher auf einem guten Maulthier fortgeritten, und nicht wieder gekommen. Dergleichen fällt vor, und zwar nicht ſelten.“ »Aber das wäre nicht viel beſſer, als Mord!“ ſagte Don Ugarto. „»Mord? Morden wir etwa, Sennor?“ entgeg⸗ nete Rivero hohnlächelnd.„Ich dachte nicht, daß Ihr ein ſo zartes Gewiſſen hättet, mein gnädigſter Herr! Doch ganz nach Eurem Gefallen! Wenn wir fort⸗ gejagt werden,— ei nun, der alte Rivero findet ſchon wieder ein Plätzchen, während Ihr. Ich weiß wirk⸗ lich nicht, gnädigſter Herr, ob es ſich mit Euch ſo bald wieder machen würde, und eine Stellung, wie Ihr jetzt 77 habt, mööchte ich denn doch nicht um eines fremden, deutſchen Landſtreichers willen aufgeben. Aber, wie Ihr wollt, wie Ihr wollt! Jeder iſt ſeines Glückes Schmied!“« „Rivero, Ihr habt Recht! Ich war ein Narr mit meinen Bedenklichkeiten!« rief Don Ugarto nach kurzem Bedenken aus.„Doch ehe wir zum Aeußerſten ſchrei⸗ ten,— verſuchen wir es erſt! Zeigt er ſich als ein Stein des Anſtoßes, dann— fort mit ihm.« „Ja, ja, dafür laßt nur mich ſorgen, mein Gebie⸗ ter!« erwiederte Rivero mit heimlicher Tücke.„Wenn es nach mir gienge, ſo würde ich kurzen Proceß mit ihm machen. Jetzt iſt er noch fremd hier, kein Menſch kennt ihn, kein Menſch frägt nach ihm! Später wird die Sache ſchon ſchwieriger, und— wer ſteht Euch dafür, daß er nicht früher, als wir denken, unſeren klei⸗ nen Handel durchſchaut, und Alles dem alten Wilſon berichtet? Weiß der einmal, oder ſchöpft er nur Ver⸗ dacht, ſo.. »Nein, nein, dafür iſt geſorgt,« fiel Don Ugarto ein.„Ich habe ihm das grüne Zimmer angewieſen, — Ihr wißt, man höoört und ſieht dort Alles und kann bei doppelt verſchloſſener Thür eintreten,— und außer⸗ dem iſt Sancho ſein Diener, der ihn nicht aus den Augen laſſen wird. Ich habe ihm ſchon einen Wink gegeben.“ Das wäre Etwas, ja, ich meine, für eine kurze Zeit mag es angehen,“ entgegnete Rivero.„Aber Ihr wißt doch auch mit Beſtimmtheit, daß er bis jetzt kei⸗ nen Freund, keinen Bekannten hier hat! Ich brauche Euch nicht zu ſagen, man munkelt ſo Allerlei über uns Beide hier in Pasco, und wenn dem Burſchen etwas davon zu Ohren kommt, ſo möchte er mehr auf ſeiner Hut ſein, als uns lieb iſt. Er darf nicht gewarnt werden,— darf keine Ahnung bekommen!“ »Fürchtet nichts, Rivero, er iſt fremd hier, ganz fremd, und kennt keine Seele.“ „Wohlan denn, ſo verſuchen wir, und gluͤckt es. nicht, läßt er ſich nicht beſtechen, dann— eine kleine Reiſe! Gehabt Euch wohl, Sennor! Ich werde ja Euren ehrlichen Burſchen kennen lernen, wie?« »„Morgen gewiß, denn er will die Mine beſichtigen,“ entgegnete Don Ugarto. „Er iſt willkommen, jedoch hoffe ich, unſere Be⸗ kanntſchaft werde nur eine kurze ſein,“ ſagte Nivero mit hämiſchem Lächeln, und entfernte ſich mit tiefen Verbeugungen. Sechstes Kapitel. Entdeckungen. Der Morgen des folgenden Tages graute kaum, als Paul nach erquickendem Schlafe von ſeinem Lager aufſprang, ſich raſch ankleidete, und ſeinen Diener herbeirief, der bereits im Vorzimmer ſeiner Befehle harrte. „Wie heißt du?“ fragte er ihn. „Ich Sancho heißen, Su merced!“ lautete die Antwort. 79 „Sancho, gut! Man ſagte mir, du ſeieſt zu meiner Bedienung befohlen. Willſt du mir ein treuer, redlicher Diener ſein? Antworte frei heraus, mein Freund.“ „Sancho wollen ſein, ja,“ erwiederte der Neger, ganz verwirrt über die Freundlichkeit und gütige Miene ſeines jungen Gebieters. „Nun denn, Sancho, ich traue dir,“ fuhr Paul fort und reichte dem Schwarzen die Hand, welche dieſer kaum zu ergreifen und an ſeine Lippen zu führen wagte, denn er mochte an eine ſolche Behandlung von Seiten eines Weißen nicht gewöhnt ſein.„»Viel zu arbeiten wirſt du bei mir nicht haben, Sancho, denn ich bediene mich ſo viel wie möglich gern ſelbſt. Aber wenn ich dir einen Auftrag gebe, muß ich mich darauf verlaſſen können, daß du ihn genau und pünktlich ausführſt. Haſt du mich verſtanden, Freund Sancho?“« „Ja, mi amo(mein Gebieter),“ erwiederte der Ne⸗ ger und grinste, denn ſein junger Herr gefiel ihm. „Wohlan, Sancho, wir werden ſehen,“ ſagte Paul. „Wenn ich finde, daß du es ehrlich mit mir meinſt, ſo werden wir als gute Freunde mit einander leben,— wenn nicht, ſo trennen wir uns, und zwar unverzüg⸗ lich, ſobald ich nur die geringſte Treuloſigkeit bei dir merke. Und nun, Sancho, führe mich nach der Silber⸗ grube Dolores! So heißt doch die Grube Mr. Wilſons?“ „Heißen ſo, Su merced!« antwortete der Neger. „Aber wollen nicht frühſtücken erſt, mein Gebieter? Alles bereit.“ „Geſchwind denn, Sancho! die Zeit iſt edel, und von jeder Minute, die ich verſäume, bin ich meinem Gewiſſen und Mr. Wilſon Rechenſchaft ſchuldig!« 80 8 Der Neger grinste wieder; Aeußerungen dieſer Art mochte er noch nicht viel gehört haben, ſo wenig, wie gute Worte. Aber ſie machten Eindruck auf ihn, er flog davon und kehrte faſt augenblicklich wieder zurück. Paul verzehrte haſtig ſein Frühſtück, und begab ſich dann nach der Grube Dolores, wohin Sancho ihm das Geleit gab. Es war gerade ſechs Uhr, und die Indianer, welche während der Nacht gearbeitet hatten, verließen eben die Grube, um der zweiten Punta oder Abtheilung Platz zu machen. Etwa dreißig halb nackte, elend, verhungert, finſter und niedergeſchlagen ausſehende Indianer zogen im Geleite ihres Caporal, oder Aufſehers, ſchweigend näher, und verſchwanden in einem düſteren Schachte, aus welchem die Andern wie Geſpenſter hervorgeſtiegen waren. Paul konnte die armen Menſchen nicht ohne Mitleiden betrachten, denn ihr ganzes ärmliches und verkümmertes Ausſehen bewies, daß ſie ſich in ſchlech⸗ ten Verhältniſſen befinden mußten.. „»Wir werden ſehen, werden ſehen, wer daran ſchuld iſt,“ murmelte er vor ſich hin, und nachdem er Sancho verabſchiedet und ihm geſagt hatte, daß er bis Mittag ſich nach ſeinem Gefallen beluſtigen könne, folgte er der Punta entſchloſſen in die Tiefen der Silbergrube nach. Wenn Paul erwartet hatte, in dieſer Mine die Ordnung und Regelmäßigkeit zu finden, wie in den Minen ſeiner Heimath, wo der Bergbau mit ſtrenger Gewiſſenhaftigkeit und mit Benutzung aller Vortheile getrieben wurde, ſo ſah er ſich ſehr bald gründlich n tauſcht. Schon der Eingang in die Grube zeugte von unverantwortlicher Vernachläſſigung. Ueber halb faule 81 Querhölzer und loſe Steine, die als Stufen dienen mußten, oder an roſtzerfreſſenen Ketten und modernden Stricken, da wo keine Hölzer anzubringen waren, führte der Weg faſt ſenkrecht in die Tiefe, und Paul fand alle Urſache, beim Hinabſteigen vorſichtig zu Werke zu gehen, denn öfter als einmal rollte von den naſſen Wänden des Schachtes loſes Geröll und Geſtein hinter ihm drein, und drohte ihn zu verletzen. Eben ſo ſchlimm und noch ſchlimmer fand er die Zuſtände in der Grube ſelber, die er endlich nach einiger glücklich überſtandener Lebensgefahr erreichte. Alle Gänge und Schachte, die er betrat, waren liederlich, unordentlich und ſelbſt un⸗ vernünftig bearbeitet, und Paul ſah bei jedem Schritte, daß nur die Habgier und die Sucht, auf die wohlfeilſte Weiſe große Ausbeute zu erlangen, die Aufſeher und beſonders den Mayordomo geleitet hatten. Nur das ſilberhaltige Erz wurde in den Gängen ausgebrochen, und alles Andere, was Vorſicht und Vernunft erfor⸗ derte, darüber vernachläſſigt. Nicht einmal die gefähr⸗ lichſten Stellen waren untermauert oder ſonſt unter⸗ ſtützt, und man konnte es faſt für ein Wunder halten, daß dieſe unordentlich abgeteuften Minen nicht ſchon längſt zuſammengebrochen waren. Innerlich entrüſtet ſuchte Paul den Caporal auf, welcher, müſſig ſeine Cigarre rauchend, die Arbeiten der Indianer beauf⸗ ſichtigte. »Aber Mann,“ ſagte er,„fürchtet Ihr Euch nicht der Sünde, in ſolcher Weiſe den Bergbau zu betrei⸗ ben? Wißt Ihr nicht, daß jeden Augenblick das Leben dieſer unglücklichen Arbeiter gefährdet iſt? Irgend ein zufälliges Ereigniß kann dieſe Gruben verſchütten, und Ihr Alle ſeid ohne Rettung dem elendſten Tode verfallen.“ Glückes Schmied. 6 82 „Ganz recht, Sennor,“ erwiederte der Aufſeher kalt⸗ blütig.„Wir ſtehen hier auf gefährlichem Boden, aber wir können's nicht ändern; dieß iſt Sache des Mayor⸗ domo.« 1 „und wo iſt er?« fragte Paul.„Dieſer Menſch geht unverantwortlich zu Werke, mag er nun aus Nach⸗ läſſigkeit oder aus Unwiſſenheit ſo handeln!“« „Ah, Sennor, und wer ſeid Ihr, daß Ihr es wagt, in dieſer Weiſe über den Mayordomo, Sennor Don Rivero zu ſprechen?“ fragte der Caporal ganz verdutzt, während die arbeitenden Indianer hoch aufhorchten. „Wer ich bin? Ihr werdet es bald genug erfah⸗ ren!« erwiederte Paul.„Beim Hindes es thut Noth, daß Mr. Wilſon Jemanden hierher ſchickte, der Ord⸗ nung macht! Noch einmal, Caporal— wo iſt der Mayordomo?« „Hier! Habt Ihr mir etwas zu ſagen, Sennor?« fragte Rivero ſelbſt mit höhniſcher Miene, indem er aus dem Schatten eines Seitenſtollens vortrat, deſſen Dunkelheit ihn bisher verborgen hatte.„Ich bin Ri⸗ vero, der Mayordomo der Mine Dolores, und ich frage, wer ſeid Ihr, daß Ihr Euch anmaßt, hier das Wort zu fuͤhren?“ „Fragt Euren Vorgeſetzten, Don Joſe Ugarto!“ ent⸗ gegnete Paul kalt und ruhig, indem er mit ſtrengem Blicke das hohnlächelnde, boshafte Geſicht des Mayor⸗ domo muſterte, und ihn auf dieſe Weiſe zwang, die Augen vor ihm niederzuſchlagen.„Vorläufig genüge Euch meine Verſicherung, daß ich volles Recht hab mich hier einzumiſchen, ein Recht, das ich zu behau und geltend zu machen wiſſen werde. Uebrigens h ich Paul Arnold, und nun, zur Sache!“ 83 „Ah, Sennor Don Arnoldo, ja, ja, ich habe ge⸗ hört,« erwiederte Rivero tückiſch.„Ihr ſeid der Deut⸗ ſche, von dem mir Don Ugarto ſagte.« »„Ganz recht, und er wird Euch auch geſagt haben, daß ich im Auftrage Mr. Wilſons hier bin,« entgeg⸗ nete Paul.„Wißt Ihr wohl, Herr, daß es eine Schande iſt, wie hier das Vertrauen des Minero Berg⸗ werksbeſitzers) getäuſcht wird? Ihr verwuͤſtet das edle Metall, anſtatt es regelmäßig auszubeuten! Ihr bauet auf Raub, anſtatt auf die Zukunft bedacht zu ſein! Wißt Ihr dieß, Herr?“ Der Mayordomo verzog keine Miene, ſondern zuckte nur verächtlich die Achſeln.„Was verſteht Ihr von unſerem Bergbau hier zu Lande?« entgegnete er.„Wenn Ihr Euch erſt ein Jahr oder zwei hier aufgehalten und Euch die Hörner ein wenig abgelaufen habt, ſo mögt Ihr wieder einmal mitſprechen. Für jetzt thätet Ihr beſſer, zu ſchweigen, junger Mann.“« »Schweigen bei ſolchen himmelſchreienden Mißbräu⸗ chen?“ rief Paul voller Entrüſtung.„Herr, wollt Ihr läugnen, daß Euer ganzes Verfahren von ſchänd⸗ licher Nachläſſigkeit oder Unwiſſenheit zeugt? Tretet hierher, wenn's gefällig iſt! Eine einzige, geringe Er⸗ ſchütterung, von einem leichten Erdbeben etwa,— und die ganze morſche Decke da oben bricht über unſerem Haupte zuſammen. Und ſo iſt's nicht nur hier, ſo iſt es überall, wohin ich gekommen bin. Achtet Ihr denn das Leben dieſer armen Indianer ſo wenig, daß Ihr es ſtündlicher Gefahr, ſtündlichem Verderben preis⸗ gebt?« 1 »Pah, Indianer!“ antwortete Rivero verächtlich. »Wer frägt nach ihnen? Solcher Elenda gibt es 8 84 immer genug. Mr. Wilſon würde nicht wenig ſcheel ſehen, wenn wir ihn aus Rückſicht auf dieſe Geſchöpfe in Koſten und Ausgaben ſtürzen wollten.“ „Herr, da kenne ich Mr. Wilſon beſſer, wie ich glaube,“ antwortete Paul mit edler Entrüſtung.»Aber gleichviel, ich ſehe ſchon, Ihr wollt nicht von Euren Gewohnheiten abgehen, und da muß man denn freilich nach Mitteln ſuchen, Euch zu zwingen. Vorläufig werde ich mit Don Ugarto reden, und das Uebrige wird ſich dann finden.“ „Redet, mein guter Sennor, redet ganz nach Belie⸗ ben und nach Gefallen,“ gab Rivero zur Antwort. „Für jetzt aber, wenn's gefällig iſt, ſtört uns nicht in unſeren Arbeiten, denn Ihr ſeht ja wohl, daß dieſe faulen Beſtien von Indianern keine Hand regen, ſo lange ſie noch eine Sylbe von unſerem freundſchaft⸗ lichen Geſpräch erhaſchen können. Ein anderes Mal, Sennor Arnoldo, und auf der Oberwelt, wenn's be⸗ liebt!« 8 Mit dieſen Worten drehte er Paul den Rücken zu, und Paul verließ voll Zorn die Grube und eilte zu Don Ugarto, dem er eine beredte Schilderung von der gränzenloſen Leichtfertigkeit machte, die er in den Minen gefunden hatte. Wider Erwarten hörte ihn der Ge⸗ ſchäftsführer Mr. Wilſons äußerſt gleichgültig und kühl an, und erwiederte obenhin, daß er ſelbſt in den nächſten Tagen einen Beſuch in den Gruben machen werde. Mit dieſem Beſcheide mußte ſich Paul vor⸗ läufig zufrieden geben. DOgpbgleich fortwährend mit feindlicher Kälte von R⸗ vero empfangen, beſuchte Paul dennoch täglich die Gru⸗ ben, beobachtete die Aufſeher und Arbeiter, s 61 3 85 auch wohl mit den Indianern, welche im Schweiße ih⸗ res Angeſichts die Erze brachen und zu Tage ſchafften, und wartete geduldig, daß Don Ugarto ſein Verſprechen erfüllen und in die Grube kommen werde. Aber der Geſchäftsführer ließ ſich nicht blicken, und der Mayor⸗ domo verharrte in höhniſcher Sicherheit bei ſeinem bis⸗ herigen Verfahren, die Mine auszubeuten, ohne ſich nur im Geringſten um die Anweſenheit Pauls zu beküm⸗ mern. Dieſe ungeſtörte Ruhe erweckte zuerſt in Paul den Verdacht, daß Mayordomo und Geſchäftsführer unter Einer Decke ſpielen müßten, und dieß erklaͤrte ihm, warum Don Ugarto ſeine Beſchwerden ſo gleich⸗ gültig hingenommen und ſeitdem nicht einen Schritt gethan hatte, den eingeriſſenen Mißbräuchen Einhalt zu thun. Er machte außerdem noch eine andere Entdeckung, indem er bemerkte, daß gerade die reichſten Silbererze, die man in den Gruben gebrochen hatte, nie von den Hapiris derſelben Punta nach der Haciendas gebracht wurden, wo man durch Amalgamirung das edle Me⸗ tall von den Erzen ausſchied. Er forſchte nach der Urſache dieſer ungewöhnlichen Anordnung, konnte ihr aber anfangs nicht auf den Grund kommen, bis er einen alten Indianer fragte, der ſchon ſeit Jahren als Hapiri in der Grube Dolores gedient hatte. „Nicht jetzt,« flüſterte ihm der Indianer zu.„Wenn die Punta abgelöst wird. Habt Acht, Sennor, und geht mir nach, ich werde Euch an einen ſicheren Ort führen.“ Paul ſtutzte bei dem geheimnißvollen Weſen des Indianers, merkte ſich aber den Mann genau, und wartete die Zeit der Ablöſung ab, welche um ſechs Uhr 86 Abends ſtattfand. Kurz vorher verließ er die Grube, und harrte in einiger Entfernung auf das Erſcheinen der Punta, zu welcher ſein Indianer gehörte. Als die Leute kamen, folgte er ſeinem Manne auf dem Fuße nach bis zu einer kleinen Hütte, in die Jener ſchnell hineinſchlüpfte, aber die Thür halb offen ließ, ſo daß Paul kein Hinderniß beim Eintreten fand. Der In⸗ dianer verſchloß ſogleich die Thür hinter ihm und führte ihn in einen ärmlichen kleinen Raum, wo er ihn freund⸗ lich Sitzen einlud. t, Sennor, fragt mich, was Ihr wollt,“ ſagte er,„hie will ich Euch Antwort geben.“ 3„Aber warum ſo geheimnißvoll, mein Freund 2« er⸗ wiederte Paul. »„lUm Eurer Sicherheit willen, Sennor,“ entgegnete der Indianer mit bedeutungsvollem Blicke.„Ihr kennt den Boden nicht, auf dem Ihr ſteht, Ihr kennt Rivero nicht und nicht Don Ugarto, Ihr wißt nicht, daß Ihr von Schurken und Verräthern umgeben ſeid, die Euch ohne Bedenken auf die Seite ſchaffen würden, ſobald ſte ahnten, daß Ihr ihnen in die Karten ſchauet. Ver⸗ muthet Ihr denn gar nicht, wohin die reichen Silber⸗ erze wandern, die von einer Punta zur andern in den Gruben liegen bleiben?“ „Wie ſollte ich? Ich würde Euch nicht gefragt ha⸗ ben, wenn ich es wüßte!“ „Nun denn, Sennor Don Arnoldo, Ihr würdet es auch von mir nicht erfahren, wenn Ihr nicht von an⸗ derem Schlage wäret, als jene Schurken, die uns arme indianiſchen Bergleute bis auf's Blut drücken, um uns in ewiger Sclaverei zu erhalten. Ihr, Sennor, betrach⸗ tet uns als Menſchen; Jene betrachten uns nur als 87 Laſtthiere, die ſie ungeſtraft mißhandeln können. Wir Alle, Barreteros wie Hapiris, werden in knechtiſcher Abhängigkeit erhalten, weil wir, von künſtlich herbei⸗ geführter Noth gedrängt, kleine Vorſchüſſe von Don Ugarto fordern mußten, und ihm nun für immer ver⸗ ſchuldet und verfallen ſind. Einmal verſchuldet, kann ſich der arme Indianer nie wieder von dem Joche be⸗ freien, das er ſich auferlegt hat, denn er findet kein Necht bei den weißen Herren, die Seiner bedürfen. Flieht er, ſo wird er gehetzt und niedergeſchoſſen, wie ein wildes Thier; ſträubt er ſich gegen das Joch, ſo wird er in das Gefängniß geworfen, wo ihn nicht Sonne noch Mond beſcheint; betheuert er, daß der Minero ihn betrügt, ſo wird er ausgelacht und mit Peitſchenhieben fortgeſchickt, weil er den Betrug nicht beweiſen kann;— und ſo bleibt ihm nichts übrig, als die ſchwere Kette zu ſchleppen ſein ganzes armſeliges Leben hindurch, bis der Tod ſeiner Sclaverei ein Ende macht. So iſt es bei uns, ſo iſt es bei allen anderen Minen⸗Beſitzern. Sie können uns nicht entbehren, und darum zwingen ſie uns durch Liſt oder Gewalt.“ „Das iſt ſchrecklich!« rief Paul von Mitleid ergrif⸗ fen aus.„Aber da Ihr Euer Schickſal kennt, warum ſtürzt Ihr Euch blind hinein in's Elend, indem Ihr Euch Vorſchüſſe von Euren Herren geben laßt!“« »Die Noth, Sennor, und— ich ſag' es mit Be⸗ trübniß— die Neigung zum Trunke bringt Alle ſo weit,“ entgegnete der Indianer mit traurigem Ernſte. „»Sie wiſſen es wohl, die ſchlauen Sennors, daß ein Indianer nur ſelten dem Reize widerſteht, den die ſtar⸗ ken Getränke auf ihn ausüben! Sie verlocken ihn ein, 88 zwei Mal auf liſtige Weiſe zu einem zügelloſen Rauſche, und das Opfer ihrer Liſt gehört ihnen auf immer.« »Aber Mr. Wilſon weiß nichts von ſolchen Schänd⸗ lichkeiten!“ rief Paul aus.„Ich möͤchte darauf ſchwö⸗ ren, daß er nichts weiß.“ „Mag ſein, daß Ihr Recht habt, Sennor,“ antwor⸗ tete der Indianer.„Vielleicht, wenn Ihr Euch unſe⸗ res Elendes annehmt, wird es gemildert. Wir hoffen es, denn wir haben gehört, wie Ihr zum Mayordomo redetet, und unſere Herzen waren erfreut. Ja, Ihr ſeid nicht, wie Jene, und darum lieben Euch die armen Indianer, darum vertrauen ſie Euch, und ihre Augen ſtnd offen für Euch. Kein Indianer wird je die Hand gegen Euch erheben, Sennor. Aber dennoch ſeid vor⸗ ſichtig, und bewahrt, was ich Euch mittheilen will, ver⸗ ſchwiegen im Herzen, denn die Böſen ſind ſchlau, und es möchte nicht immer Jemand zu Eurem Schutze zur Hand ſein.“ „Gleichviel, mein Freund! Sprich nur, ſprich!“ drängte Paul.„Was geſchieht mit den Silbererzen, nach denen ich Euch fragte?“ 3 „Sie werden auf die Seite geſchafft, und zum Nutzen des Majordomo und des en Ugarto verkauft,“« erwiederte der Indianer.„Dieſe Beiden betrügen ihren Herrn, und wenn hundert Centner Erz aus den Gru⸗ ben geſchafft werden, ſo nehmen ſie fünfzig, und zwar die reichſten und beſten, für ſich. Um die Gefahr der Entdeckung zu vermeiden oder doch zu vermindern, laſ⸗ ſen ſie die eine Punta nicht wiſſen, was die andere gearbeitet hat, und darum die Anordnung, die Euch aufgefallen iſt, Sennor. Aber gleichwohl, wir ſehen doch, wir errathen doch, was vorgeht, und alle Vorſicht 89 der Schurken wäre eitel, wenn wir nur reden dürf⸗ ten. Aber nur ein Wort, eine Miene des Verraths, und der Tod wäre dem Verräther gewiß. Ihr hörtet ja ſelbſt, was der Mayordomo ſagte: ‚Wer frägt nach einem Indianer? Solcher Elenden gibt es genug!“« „»Mann, du lügſt!« rief Paul voll Abſcheu aus. „Eine ſolche Betrügerei iſt nicht denkbar!« »Nun denn, Sennor, ſehet ſelbſt, wenn Ihr mir nicht glaubt,« antwortete der Indianer.„Frägt, ob Don Ugarto richtig die Silbererze einträgt, die Tag für Tag nachträglich fortgeſchafft werden. Beobachtet ihn im Regiſtro, der Hauptablage, wo die Erze gewo⸗ gen werden, aber heimlich, daß er nichts merkt, und dann ſchaut in die Bücher, und rechnet nach, ob Alles ſtimmt! Oh, für Euch iſt es leicht, dem Betruge auf die Spur zu kommen!“ „Es ſoll geſchehen, verlaß dich darauf!« entgegnete Paul.„Und wehe ihnen, wenn.. »Halt, Sennor! Uebereilt nichts fiel der In⸗ dianer ein.„Laßt Euch warnen,— die Böſewichter ſind gefährlich!«— „Nicht für mich, der ich in Gottes Hand ſtehe,« erwiederte Paul mit gehobener Stirn und blitzendem Auge.„Ich thue recht, und ſcheue Niemand! Sei ru⸗ hig, mein Freund! Niemand ſoll erfahren, daß du es biſt, der mich auf die Fährte der Elenden gebracht hat. Und, wenn Gott mir beiſteht, woran ich nicht zweifle, dann, mein Freund, ſoll auch dein Loos und das Loos deiner unglücklichen Brüder ein anderes und beſſeres werden, wie bisher.“ Mehrere Tage hindurch, eine ganze Woche lang. 90 4 war jetzt Paul immer um die Zeit, zu welcher die Erze im Regiſtro von den Hapiri's abgeliefert wurden, in der Nähe deſſelben zu finden, ohne daß Don Joſe Ugarto, vor dem er ſich ſorgſam verborgen hielt, eine Ahnung davon hatte. Endlich am Sonntage, wo alle Arbeit ruhte und auch keiner von den Schreibern im Bureau anweſend war, ſuchte er hier Don Ugarto auf, begrüßte ihn kalt, und verlangte das große Hauptbuch zu ſehen, in welches jeden Sonnabend das Gewicht der im Verlaufe der vergangenen Woche gebrochenen Erze eingetragen wurde. Don Ugarto ſtutzte, und fragte verwundert nach der Urſache dieſer ungewöhnlichen For⸗ derung. „Ihr werdet es ſogleich erfahren, Sennor,“ erwie⸗ derte Paul gleichgültig.„Ich möchte nur eine kleine Notiz nehmen!“ Die gleichgültige Miene des jungen Mannes ſchien Don Ugarto zu beruhigen, und er nahm das Buch aus dem Schranke, in welches Paul nur einen kurzen Blick warfr. .„»Und habt Ihr ſchon an Mr. Wilſon gemeldet, welchen Ertrag an Erzen die vorige Woche ergeben hat?« fragte er. „Gewiß,— es geſchieht regelmäßig am Schluß der WMoche⸗ wie Ihr bereits bemerkt haben müßt.“« „Ganz recht,“ ſagte Paul,—„natürlich habt Ihr den Ertrag angegeben, der hier im Buche notirt ſteht?« „Ohne Zweifel! Warum fragt Ihr nur ſo ſonder⸗ bar, Sennor Arnoldo?« „»Nun denn, ganz einfach, weil Ihr ein Lügner, ein 3 Dieb und ein Betrüger ſeid!“ erwiederte Paul mit niederſchmetternder Verachtung.„Ihr habt nur die 91 Hälfte der gewonnenen Erzmenge angegeben, und hier ſind die Beweiſe dafür! Vergleicht dieſe Liſte mit der Eurigen, Ihr betrugeriſcher und lügenhafter Schelm. Ich habe genau notirt, Sennor Don Joſe Ugarto, und Euer falſches Spiel iſt verrathen!“ Don Ugarto wurde bleich und zitterte ſo heftig, daß er ſich gegen ſein Pult lehnen mußte, um nicht nieder⸗ zufallen. Plötzlich aber ſeine ganze Kraft und Energie zuſammenraffend, riß er ein Dolchmeſſer aus dem Pulte, und ſtürzte wie ein Tiger mit tödtlich funkelndem Blicke auf Paul zu. Paul zog gelaſſen ein kleines Piſtol aus der Taſche und richtete die Mündung auf Don Ugarto. Einen Schrei der Wuth ausſtoßend, taumelte dieſer zurück. „Nicht ſo haſtig, Sennor!“ ſagte Paul.„Auf der⸗ gleichen Sprünge war ich vorbereitet, und überhaupt, Don Ugarto, bin ich auf meiner Hut. Auch iſt Eure Rolle hier ausgeſpielt, denn heute noch werde ich Mr. Wilſon benachrichtigen, mit welcher Treue und Ehrlich⸗ keit ſein Geſchäftsführer und ſein Mayordomo Hand in Hand für ſeinen Vortheil wirken. In der That, Mr. Wilſon wird ſich überzeugen, daß es hohe Zeit. war, einen rechtſchaffenen Menſchen hierher zu ſchicken. Gehabt Euch wohl, Sennor, bis auf Weiteres.“ Paul wollte gehen, aber Don Ugarto eilte ihm nach und hielt ihn am Arme feſt.„Sennor Arnoldo,“ ſagte er,„nicht ſo raſch! Bedenkt wohl, was Ihr thut! Und jedenfalls hört erſt an, was ich Euch noch mitzu⸗ theilen habe.“ „ Und was wäre dieß?« „ Nun denn, Sennor,“ fuhr Don Ugarto mit ziem⸗ lich ſicherer Haltung fort, die er mittlerweile, nachdem 92 er ſich von der erſten Beſtürzung erholt, wieder gewon⸗ nen hatte,—„nun denn, wenn Ihr wirklich an Mr. Wilſon ſchreibet,— wie wollt Ihr ihm ſpäter bewei⸗ ſen, daß Eure Liſte richtig und die meinige falſch iſt? Wenn ich nun läugne? Wenn Rivero Euch als Verläumder bezeichnet, der nur danach trachtet, mich von meinem Poſten zu verdrängen, um ihn ſelber ein⸗ zunehmen? Was denn, Sennor?« »Dann werd' ich mich einfach auf das Zeugniß der Unteraufſeher und der Indianer berufen!“ erwiederte Paul. Don Ugarto lachte ſpöttiſch.„Das Zeugniß der Indianer fällt nicht in's Gewicht,“ erwiederte er,„und was die Caporale anbetrifft, ſo werden ſie es nicht wagen, ſich gegen den Mayordomo aufzulehnen. Ihr kämpft mit ſehr ſchwachen Waffen, mein guter Sennor!« »„Gleichviel, ich habe die Wahrheit, die Treue und die Rechtſchaffenheit für mich,« entgegnete Paul. »Nun, ſehet zu, wie weit Ihr damit kommt,« ent⸗ gegnete Don Ugarto.„Uebrigens kann ich es Euch ſo ziemlich vorherſagen. Wenn Mr. Wilſon Eure Anklage wirklich berückſichtigte, und in eigener Perfon käme, um eine genaue Unterſuchung anzuſtellen, ſo würde Folgen⸗ des geſchehen. Der Mayordomo würde die Hapiri's der einen Punta kommen laſſen, und ihnen die Frage vorlegen, wie viel Erz ſie nach dem Regiſtro getragen hätten? Die Antwort würde mit meiner Liſte genau übereinſtimmen!« „Ganz recht,— weil ſie die beſten Erze im Schachte ließen, um ſie von der zweiten Punta fortſchaffen zu laſſen. Man müßte das Zeugniß der Barreteros ver⸗ langen, und hören, wie viel Erz ſie gebrochen haben.“ 4Q 93 „Sehr gut!. Man wird alſo die Barreteros kom⸗ men laſſen, natürlich die Barreteros der anderen Punta,« ſagte Don Ugarto.„Man wird ebenfalls ihre Aus⸗ ſage hören, wie viel Erz ſie gebrochen haben, und dieſe Ausſage wird wiederum mit meinem Buche und meinen Angaben übereinſtimmen. Denn natürlich, ſie haben ja die Erze nicht gebrochen, welche die Hapiris der zweiten Punta nach dem Regiſtro trugen. Ihr verſteht mich, Sennor? Ja, ja, man fängt nicht ſo leicht den ſchlauen Fuchs, und noch weniger leicht ihrer Zwei, die einander Beiſtand leiſten. Gebt Euch alſo zufrieden, Sennor Arnoldo! Eure Anklage würde nur als Ver⸗ läumdung auf Euch ſelber zurückfallen.“ Paul wurde nachdenklich, und ſchien zweifelhaft über den Entſchluß, den er faſſen ſollte. Don Ugarto, der ihn ſcharf beobachtete, nahm ſeine Unſchlüſſigkeit wahr, und trat ihm vertraulich näher. „Hört mich an, mein Freund,“ ſagte er in ſchmei⸗ chelndem Tone.„Ich will Euch einen vortheilhafteren Weg zeigen, den Ihr einſchlagen könnt. Verſchweigt, was Ihr geſehen habt, ſeiet unſer Verbündeter, theilt mit uns den Gewinn, und— Euer Glück iſt gemacht! Ich ſpreche offen zu Euch, denn Ihr habt unſer Spiel allerdings durchſchaut, wenn es Euch auch ſehr ſchwer fallen würde, es zu verrathen. Alſo ſchlagt ein, und wir, die wir uns jetzt als Feinde gegenüber ſtehen, werden als Freunde und Verbündete von einander ſchei⸗ den. Schlagt ein, ſag' ich! Das Glück kommt Euch vielleicht niemals wieder ſo auf halbem Wege ent⸗ gegen!“ „Glück! Was nennt Ihr Glück?“ erwiederte Paul nachdenklich und mit einer Miene, als ob er Don 8 94 Ugarto's Vorſchlag in Erwägung zöge.„Den Gewinn unter Dreien getheilt,— was kann da viel übrig blei⸗ ben für den Einzelnen?“ „Genug, um Euch in wenigen Jahren zum reichen Manne zu machen!“ entgegnete Don Ugarto. „Aber Ihr, Ihr ſeid nicht reich, ſo viel ich weiß?« „Freilich nicht! Aber es iſt allein meine Schuld! Das Spiel und der Wein— die Gewißheit, immer von Neuem meine Taſchen füllen zu können, dieß er⸗ klärt Alles. Und nun,— erklärt Euch, Sennor: Feind oder Freund?« Paul heftete ſeine klaren, hellen Augen offen und feſt auf den von Neuem erbleichenden Don Ugarto, der nichts Gutes für ſich aus dieſem Blicke herausleſen konnte. „Genug!“ ſagte er dann mit ernſter Entſchloſſen⸗ heit.„Nie werdet Ihr mich überreden, an einer Be⸗ trügerei Theil zu nehmen, die in ſehr großartigem Maß⸗ ſtabe betrieben ſein muß, wenn ſie in wenigen Jahren ein Glück machen kann, wie Ihr behauptet. Jeder iſt ſeines Glückes Schmied ja,— aber an ſolchem Glücke zu ſchmieden, das ſeine Wurzeln in Niederträchtigkeit und Betrug hat, das könnte ich nimmermehr vor mei⸗ nem Gewiſſen verantworten. Ihr habt Euch in mir getäuſcht, Don Ugarto! Gehabt Euch wohl!“ „Sennor Arnoldo, beſinnt Euch!“ rief Ugarto er⸗ ſchreckt aus. „Hier iſt nichts zu beſinnen,“ entgegnete Paul. „Sehe ich nicht, daß Ihr Euer eigenes Unglück, Elend, Schmach und Schande geſchmiedet habt, und ich ſollte Eurem Beiſpiele folgen? Nein, niemals! Mr. Wilſon ſoll Alles erfahren, und er mag entſcheiden zwiſchen Euch und mir!“ Und ohne weiter auf Don Ugarto zu hören, begab ſich Paul aus dem Gemache. Der Geſchäftsführer Mr. Wilſons ſchaute ihm mit wildem Blicke nach, und ſchüt⸗ telte die Fäuſte hinter ihn her.„Du willſt es nicht anders,— wohl, ſo hab' es denn!“ murmelte er grim⸗ mig, und griff nach ſeinem Sombrero, um zu ſeinem Spießgeſellen Rivero zu eilen, ihn von dem Vorgefal⸗ lenen zu benachrichtigen, und die Maßregeln mit ihm zu überlegen, welche den Ausbruch des über ihren Häuptern drohenden Gewitters verhindern könnten. Siebentes Kapitel. Die Rache der Entlarvten. Schweigend, mit gerunzelter Stirn und einem Un⸗ heil verkündenden Lächeln auf den Lippen hörte Rivero den Bericht ſeines Vorgeſetzten an. 1 „Da ſeht Ihr nun die Folgen Eurer jämmerlichen Schwachheit und Unentſchloſſenheit,“ ſagte er barſch, als er Alles gehört hatte.„Wäret Ihr ſchnell zu Werke gegangen, hättet Ihr gleich im Anfange der jun⸗ gen Schlange den Giftzahn ausgeriſſen oder ihr den Kopf zertreten, ſo würde Euch dieſer ärgerliche Auftritt erſpart worden ſein. Aber noch iſt nichts verloren, da zum Glück fuͤr uns der Burſche ſo einfältig war, Euch ſeine Abſichten zu enthüllen.“ „Aber was können wir thun?« fragte Don Ugarto in Todesangſt.„Wenn Mr. Wilſon erfährt...“ »Thorheit! Wie wird er erfahren?« unterbrach ihn Rivero.„Ihr werdet doch nicht ſo einfältig ſein, und den Brief des Burſchen an den alten Wilſon abgehen laſſen? Dann freilich wären wir verloren! Aber da⸗ gegen gibt es Mittel, und ich denke, wir werden in der Wahl derſelben nicht allzu gewiſſenhaft ſein. Vor allem Anderen müßt Ihr den Verräther genau beobachten laſſen, damit nicht der geringſte Schritt, den er thut, nicht die geringſte Maßregel, die er trifft, uns verbor⸗ gen bleibt. Dieß iſt für heute genug, wo wir weiter nichts thun dürfen, da Keiner von unſeren Leuten, auf die wir uns verlaſſen können, zu haben ſein wird. Die Trunkenbolde liegen heute, als am Sonntage, überall in den Pulperia's herum, verſchleu⸗ dern ihren Wochenlohn in Branntwein und Chicha, und laſſen ſich von den ſpitzbübiſchen Pulperos ſo lange feſthalten, bis die letzte kleine Silbermünze vergeudet iſt. Aber morgen, wenn die Burſche aus ihrem Rauſche erwachen, dann iſt's Zeit, ſie aufzuſuchen und— zu handeln!« „»Aber was können wir thun?« fragte Don Ugarto. »Wir können ihn verſchwinden laſſen,« entgeg⸗ nete der Mayordomo. »Und wenn nach ihm gefragt wird?« »Was wiſſen wir? Werden Nachforſchungen an⸗ geſtellt, ſo forſchen wir mit, natürlich ohne etwas zu entdecken. Hier zu Lande verſchwinden die Leute häufig, 1 I 97 kommen nicht wieder zum Vorſchein, und werden ver⸗ eſſen.“ 1 Don Ugarto athmete freier auf, als er die Sicher⸗ heit ſeines Spießgeſellen merkte.„Und wo ſoll es ge⸗ ſchehen?“ fragte er.. „Vor der Grube, denk' ich,« erwiederte Rivero.„Er wird ohne Zweifel, wie immer, morgen die Grube be⸗ ſuchen. Wenn Abends um ſechs Uhr die Punta ab⸗ gelöst wird, ſo hält man ihn noch eine Stunde oder nur eine halbe Stunde feſt, und wenn er dann zu Tage fährt, iſt es Nacht und die Gegend menſchenleer. Ihr könnt ruhig ſein, Don Ugarto, der dreiſte, naſeweiſe Burſche entgeht uns nicht. Sorgt nur dafür, daß kein Schreiben von ihm an den alten Wilſon gelangt.“ »Das übernehm' ich!« erwiederte Don Ugarto.„Ich und Sancho wollen ihn nicht aus den Augen laſſen. Doch noch Eins: Wohin bringen wir ihn? Wo ver⸗ bergen wir ihn?“ 8— »Ueberlaßt das meinen Leuten,“ entgegnete Rivero. »Für ein paar Gold⸗Unzen und Branntwein, ſo viel ſie trinken wollen, verſtecken die ihn ſo ſicher, daß kein Sonnenſtrahl ihn wieder aufzufinden vermag. Und jetzt an Euren Poſten, Sennor! Seid Ihr auch gewiß, daß Ihr Sancho trauen könnt?« »Bis jetzt iſt er mir immer⸗ treu geweſen, ich habe alſo keine Urſache, ihm zu mißtrauen. Doch will ich ihn nicht weiter in unſer Geheimniß einweihen, als un⸗ umgänglich nöthig iſt.« »Daran werdet Ihr wohl thun, Sennor. Je we⸗ niger Mitwiſſer, deſto größere Sicherheit für uns. Gott befohlen, Sennor!« Glückes Schmied. 7 98 Don Ugarto, befreit von der Angſt und den Be⸗ fürchtungen, die ſein Herz bedrückt und gequält hatten, begab ſich nach ſeiner Wohnung, und rief Sancho zu ſich. Er vernahm von ihm, daß Paul ſchon ſeit einer Stunde emſig mit dem Schreiben eines Briefes beſchäf⸗ tigt ſei, und konnte ſich leicht denken, für wen dieſer Brief beſtimmt war. Natürlich durfte er nicht in die Hände des alten Wilſon kommen. „Ja, ja, ich weiß,“ ſagte er zu Sancho.„Er ſchreibt nach Lima an Mr. Wilſon, und zwar in mei⸗ nem Auftrage. Aber merke wohl auf, Sancho: der Brief darf nicht auf die Poſt gegeben werden, ſondern wird mir eingehändigt, da ich ihm einige Bemerkun⸗ gen hinzuzufuügen habe. Verſtehſt du, Sancho?« „Sancho verſtehen!“ erwiederte der Neger. „Gut, ſo wirſt du auch gehorchen, wenn du nicht ddie ſchwerſte Strafe erdulden willſt. Betrügſt du mich, o wanderſt du in die Gruben, und mit deinem guten Leben hier im Hauſe iſt's für immer vorbei. Außer⸗ dem verläſſeſt du heute deinen Poſten bei Sennor Ar⸗ noldo nicht, ſondern beobachteſt, insgeheim natürlich, jeden Schritt, den er thut. Ich habe meine Gründe dazu! Verſtehſt du mich, Sancho?« „Sancho verſtehen ganz gut. Er bringen Brief zu Sennor Don Ugarto, und laſſen Sennor Arnoldo nicht aus Auge.“ „Ganz richtig!« ſagte Don Ugarto befriedigt. „Wenn du geſchickt und klug zu Werke gehſt, ſo daß Don Arnoldo nichts bemerkt, ſo werde ich ein gutes Wort bei Mr. Wilſon für dich einlegen, und er ſchenkt dir auf meine Verwendung vielleicht die Freiheit.« Sancho grinste, um dadurch ſeine Freude und Zu⸗ 99 friedenheit zu bezeugen, und begab ſich in das Vorzim⸗ mer ſeines jungen Herrn. Als er ſich allein und un⸗ beobachtet ſah, verſchwand der dummfroͤhliche Ausdruck aus ſeinen Zügen, und er wurde nachdenklich. „Es gehen hier vor etwas, was nicht gut ſein für Maſſa Arnoldo!« murmelte er.„Was thun? Ich nicht wagen dürfen, Don Ugarto zu belügen, aber ich nicht wollen Maſſa Arnoldo unglücklich ſehen! Er ſehr guter Menſch, und nennen Sancho Freund! Was thun?« Lange ſann er hin und her, wie er ohne Gefahr für ſich ſelbſt ſeinem jungen Herrn eine Warnung oder nur einen Wink könne zukommen laſſen, aber ſeine Furcht vor Don Ugarto war noch immer ſtärker, als ſeine Liebe zu Paul. Er wußte, daß Don Ugarto ſeine Drohungen ausführen würde, ſobald er nur den gering⸗ ſten Verdacht ſchöpfte, und Sancho ſchauderte, wenn er an die ſchweren Arbeiten in den Gruben dachte, die er gegen den leichten Dienſt im Hauſe vertauſchen mußte, wenn Don Ugarto es befahl. Endlich, nach langem Nachdenken, ſchien er ſich auf einen Ausweg zu be⸗ ſinnen. »Ich werde alten Huari benachrichtigen!« murmelte er.„Das am beſten ſein! Ich wiſſen, daß die In⸗ dianer lieben Maſſa Arnoldo, und Huari helfen ihm und ſchweigen ſtill. So es gehen!« Huari hieß der alte Bergmann, welchen Sancho ſchon öfter vertraulich mit Paul hatte plaudern ſehen, und ihm glaubte er daher trauen zu können. Kaum war er zu dem Entſchluſſe gekommen, ihn heimlich am Abend oder in der Nacht aufzuſuchen, ſo rief ihn Paul, und er trat in das Zimmer deſſelben. »Sancho, mein Freund,“« ſagte er,„nimm dieſen 100 Brief, trage ihn ohne Zögern auf das Poſtamt, gib ihn dort ab, und kehre ohne Zögern zu mir zurück. Ver⸗ liere den Brief nicht, es hängt ſehr viel davon ab.“ „Ja, Euer Gnaden,“ erwiederte Sancho, und nahm den Brief. Anſtatt ihn aber auf das Poſtamt zu tra⸗ gen, überbrachte er ihn Don Ugarto, welcher ihn ohne Umſtände und ohne ſich zu beſinnen, erbrach. Der Brief war in der That an Mr. Wilſon gerichtet, und enthielt einen genauen Bericht von allen Betrügereien, die Paul im Verlaufe der letzten Tage entdeckt hatte. „Gut, Sancho,“ ſagte Don Ugarto, indem er kalt⸗ blütig den Brief in ſeine Taſche ſteckte,—„ich ſehe, du biſt ein kluger Burſche, und deine Belohnung dafür wird nicht ausbleiben. Jetzt nimm dieſes Schreiben da, und trage es auf die Poſt. Der ſchlaue junge Herr könnte zufällig nachfragen, ob ſein Brief auch richtig abgegeben iſt, und fuͤr dieſen Fall müſſen wir uns ſicher ſtellen. Lauf', Sancho! Und wenn er fragt, ob du ſeinen Auftrag richtig beſorgt haſt, ſo verſteht ſich von ſelbſt, daß du ja antworteſt. Beeile dich ein wenig, denn es könnte ſein, daß ich deine Dienſte noch gebrauchte.« Sancho nahm den Brief, den falſchen nämlich, den ihm Don Ugarto gegeben hatte, und machte ſich ſchnell⸗ füßig auf den Weg. Bei der Rückkehr fiel ihm ein, daß er die Gelegenheit wahrnehmen könne, Huari zu benachrichtigen, und ſpornſtreichs ſuchte er deſſen Hütte auf. Glücklicherweiſe fand er den Indianer zu Hauſe, und erzählte ihm offen und ohne Rückhalt, was er ge⸗ than hatte und welche Vermuthungen er hegte. „Das Alles wundert und überraſcht mich nicht,“ ſagte Huari.„Sie ſind ihm feind, weil er rechtſchaffen 101 und der Freund der armen Indianer iſt. Aber ich werde wachen. Es iſt gut, Sancho! Du kannſt ruhig ſein. So alt Huari iſt, ſein Auge iſt noch ſcharf. Geh' und ſchweige!« Sancho war zufrieden, daß er, ohne Verdacht zu erregen, Huari einen Wink hatte geben können, und eilte nach Hauſe. Der Tag verſtrich, ohne daß ſich noch irgend etwas Bemerkenswerthes zugetragen hätte. Paul ging nicht aus, und Sancho's Wächteramt machte ihm daher nicht viel zu ſchaffen. Am anderen Morgen begab ſich Paul, wie gewöhn⸗ lich, in die Grube Dolores, um die Arbeiter zu beob⸗ achten und beaufſichtigen zu helfen. Alles nahm hier ſeinen gewohnten Gang, und der einzige Unterſchied, welchen Paul bemerkte, lag in dem Umſtande, daß Ri⸗ vero heute freundlicher und zuvorkommender als jemals gegen ihn war. »Ugarto wird ihn benachrichtigt haben, daß ich Alles weiß,“ dachte er,„und er hofft vielleicht, ich werde mich beſinnen und auf ihre ehrloſen Pläne eingehen. Aber nichts davon! Ehrlich währt am längſten.“ Gegen Abend verließ Rivero die Grube, bat aber vorher Paul, an ſeiner Stelle die Oberaufſicht in der Grube zu führen, bis die zweite Punta, die Abtheilung für die Nacht, ihren Dienſt angetreten haben würde. Paul übernahm bereitwillig dieſen Auftrag, der durch⸗ aus nichts Befremdendes hatte. Aber kaum war Ri⸗ vero verſchwunden, ſo trat Huari auf Paul zu, und flüſterte ihm in's Ohr:„Seiet auf der Hut, Sennor! Es iſt etwas Böſes gegen Euch im Werke!« 102 „Es mag ſein,“ erwiederte Paul eben ſo leiſe,„aber ich habe mich vorgeſehen!“«. Mit dieſen Worten verſchob er ein wenig ſein Ober⸗ gewand, und die Knäufe von zwei Piſtolen wurden ſichtbar, die in ſeinem Guͤrtel ſteckten. Huari nickte zufrieden.„Das iſt Etwas,“ ſagte er.„Aber was auch geſchehen möge, erinnert Euch, daß der alte Huari wachſam iſt.« Nach dieſen Worten ging der Indianer wieder an ſeine Arbeit, und Paul gab mit ruhiger Miene ſeine Befehle, als ob nichts von Wichtigkeit zwiſchen ihm und Huari vorgefallen wäre. Endlich ſchlug es ſechs Uhr. Die Arbeiter ſtiegen aus den Gruben, und wurden von der zweiten Punta abgelöst. Paul wies den Leuten ihre Plätze an, und nachdem er ſo den Auftrag Rivero's erfüllt hatte, traf er ebenfalls Anſtalt, die Grube zu verlaſſen. Aber der Aufſeher, welcher den Dienſt für die Nacht hatte, hielt ihn noch zurück, um über einige Punkte Auskunft von ihm zu erlangen, und verzögerte, mochte es nun aus Zufall oder Äbſicht geſchehen, ſein Hinweggehen faſt eine ganze Stunde lang. Endlich konnte ſich Paul von ihm losmachen, und entfernte ſich. Als er den Aus⸗ gang des Schachtes erreichte, war es ſchon finſtere Nacht, und nur die hell funkelnden Sterne verbreiteten noch ein ſehr ſchwaches, dämmerndes Licht. Tiefe Stille herrſchte überall, und unwillkürlich dachte Paul bei ſich ſelber:„Das iſt eine Nacht, wie ein Verbrechen ſie zu ſeinen lichtſcheuen Thaten ſich wünſchen mag!« Ohne aber dieſem Gedanken weiter nachzuhängen, ging er mit ſchnellen Schritten vorwärts, und näherte ſich den Häu⸗ ſern von Pasco, welche in einiger Entfernung mit hell „ 103 erleuchteten Fenſtern vor ihm lagen und gaſtfreundlich zu winken ſchienen. Bevor er ſie erreichte, mußte er aber an einer verfallenen Hütte vorüber, die längſt nicht mehr bewohnt wurde, ſeit die Silbergrube verlaſſen war, zu welcher ſie in früherer Zeit als Zugang ge⸗ dient hatte. Er wollte raſch daran vorbei eilen, trat aber kaum in den Bereich derſelben, als plötzlich drei finſtere Geſtalten aus dem tiefen Schatten ihrer Mauern auftauchten, und ohne Laut, ſchweigſam, wie der ſchlei⸗ chende Panther der Wälder, über ihn herſtürzten. Ehe Paul Zeit gewann, eine Piſtole zu ziehen, oder nur einen Schrei um Hülfe auszuſtoßen, wurde er nieder⸗ geriſſen, ſeiner Waffen beraubt, geknebelt und in die Hütte geſchleppt. Man trug ihn wehrlos davon. Das Innere der Hütte war dunkel, aber man hielt ſich nur wenige Augenblicke, daß heißt nur ſo lange hier auf, um eine Thür zu öffnen, welche in einen feuchten Gang, einen alten Stollen, führte, der früher zum Befahren der verlaſſenen Silbergrube gedient haben mochte. Auch hier war kein Licht, aber die Banditen, welche Paul überfallen hatten, ſchienen ganz genau Beſcheid zu wiſ⸗ ſen. Sie ſchleiften ihn mit ſich fort, etwa zweihundert Schritte weit, legten ihn dann auf den Boden, ſchlan⸗ gen um ſeine Bruſt und Schultern ein ſtarkes Seil, und ließen ihn dann in ein tiefes, finſteres Loch hinab, wo die Luft ſo ſchwer und drückend war, daß Paul ſie kaum athmen konnte. Wie tief ſie ihn hinunter gleiten ließen, konnte er nicht genau beurtheilen, doch ſchien ihm mehr als Eine Sekunde verſtrichen zu ſein, als er endlich auf dem Boden der brunnen⸗artigen Grube an⸗ langte. Er fiel ziemlich hart auf. Dann glitt das Seil unter ſeinen Schultern weg, und ehe er's ergreifen 104 und ſich daran feſtklammern konnte, war es ſchon dem Bereiche ſeiner Hände entzogen. „Gute Nacht und gute Ruhe!“ ſchrie eine rauhe Stimme höhniſch von oben zu ihm hinab.„Wir ha⸗ ben Euch ein Bett bereitet, in dem Ihr lange ſchlafen könnt! Bis an der Welt Ende!“ Der Ton der Stimme weckte einen dumpfen Wie⸗ derhall in den Gängen der alten Grube; dann vernahm Paul die Fußtritte der ſich entfernenden Banditen, und endlich wurde Alles ſtill. Noch ein lautes Krachen ſchmetterte an ſein Ohr, offenbar das Krachen der Thür, welche oben am Ende des Stollens zugeſchlagen wurde. Dann kein Laut mehr! Rings tiefes Schweigen, und undurchdringliche, greifbare, unheimliche Nacht.— Eiine dumpfe, ohnmachtähnliche Betäubung folgte en erſten Eindrücken der Ueberraſchung, des Schreckens id Entſetzens, welche bei dem plötzlichen Ueberfallen das ſonſt ſo muthige und entſchloſſene Herz Pauls er⸗ ſchüttert hatten. Auf ſeine gute Sache vertrauend, hatte er nicht geglaubt, daß die Rache der entlarvten Betrü⸗ ger ihn ſo ſchnell und ſo ſicher treffen würde,— und nun ſah er ſich wie durch einen Zauberſchlag in eine Lage verſetzt, welche nicht ſchrecklicher und hoffnungs⸗ loſer ſein konnte. Gefeſſelt, lebendig begraben, tief im Schooße der Erde verborgen, blieb ihm nicht einmal der leiſeſte Schimmer von Hoffnung, an dem er ſich tröſten, aufrichten und ſtärken konnte. Die Schandthat war zu gut vorbereitet, und mit zu viel Glück ausge⸗ führt, um ihm noch eine Hoffnung übrig zu laſſen. Wenn man ihn auch vermißte, nach ihm fragte, forſchte, ſuchte— wo ſollte man ihn entdecken? Kein menſch⸗ liches Auge hatte den Ueberfall geſehen, und die 105 Schurken, die ihn niedergeworfen, hüteten ſich ohne Zweifel, ihr Bubenſtück auszuplaudern. Selbſt wenn Mr. Wilſon ſeinen Brief empfing, wenn er nach Pasco kam, um Gericht zu halten, und ſein Haus von den Schelmen zu ſäubern, die ihn beſtahlen und auf ſchänd⸗ liche Weiſe ſein Vertrauen mißbrauchten, wenn er nach ihm fragte, wenn er ſogar die ſtrengſte Unterſuchung anſtellte,— was konnte das Alles ihm, dem armen Begrabenen, helfen, deſſen Verſchwinden immer räthſel⸗ haft bleiben mußte? Welcher Verdacht auch Don Ugarto und Rivero treffen mochte, wer konnte beweiſen, daß ſie gerade Paul auf die Seite geſchafft hatten? Ohne Zweifel läugneten ſie Alles, und behaupteten mit frecher Stirn, nichts von Paul zu wiſſen, nicht die geringſte Kunde von ihm zu beſitzen. Er hatte eines Abends die Grube verlaſſen, und war nicht nach Hauſe gekom⸗ men. Wo er geblieben war, ob er in die Hände von Räubern gefallen, ob er ſonſt verunglückt war,— wer konnte das wiſſen? Ein Mord auf offener Straße ge⸗ hörte nicht zu den Seltenheiten in Pasco, und wenn nach begangener That der Leichnam in irgend einen alten Schacht geworfen wurde, ſo verſchwand natürlich jede Spur und an Verfolgung des Mörders war nicht zu denken. Dieß Alles flog wirr durch die Gedanken des armen Paul, und raubte ihm ſo ganz alle Zuverſicht, daß er wirklich nicht die geringſte Hoffnung hegte, jemals das Licht des Tages wieder zu erblicken. Aber wie, ſollte er nicht wenigſtens einen Verſuch machen, ſich ſelbſt, ohne Beiſtand von außen her, zu befreien? Wie ein Lichtſtrahl von oben fiel dieſer Ge⸗ danke in ſeine verdüſterte Seele, und rüttelte ihn aus 106 ſeiner Betäubung wieder wach. Zwar war er an Hän⸗ den und Füßen gebunden, aber er hatte ſeine Zähne, und mit raſchem Entſchluſſe nagte er an ſeinen Feſſeln, wie die Maus, die das Netz des Löwen zernagte. Die Stricke gaben nach, ſeine Arme waren frei, und nun ward es ihm leicht, auch ſeine Füße frei zu machen. Er konnte ſich aufrichten, und umhertappen, um trotz der tiefen Dunkelheit nach einem Fluchtwege aus ſeinem Kerker zu ſuchen. Vorſichtig griff er an den Wänden herum, bei jedem Schritte erſt prüfend, ob nicht etwa ein Abgrund vor ſeinen Füßen ſich öffne, in den er ſtürzen könne. Keine Gefahr dieſer Art bedrohte ihn, aber zu ſeinem Schmerze mußte er ſich auch überzeugen, daß keine ſeiner ſchwa⸗ chen Hoffnungen beſtätigt wurde. Wohin er taſtete, fand er überall nur den ſtarren Fels, der ſich ringsum gleich einer feſten unüberſteiglichen Mauer ſenkrecht er⸗ hob. Er konnte nicht länger zweifeln, daß er in einen alten Schacht hinabgelaſſen war, den man früher mit Hülfe von Leitern befahren hatte, von welchen Leitern ſich aber jetzt nicht die geringſte Spur mehr vorfand. Seine ganze Hoffnungsloſigkeit kehrte zurück, und er verſank wieder in ein dumpfes Traͤumen und Grü⸗ beln. Länger als eine Stunde ſaß er auf den Boden gekauert, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt, ohne ſich eines beſtimmten Gedankens bewußt zu wer⸗ den, als ihn plötzlich das Geräuſch von nahenden Schrit⸗ ten und ein ſchwacher Lichtſchimmer, der matt durch die dichte Finſterniß drang, aus der Betäubung ſeiner Ge⸗ fühle in die Höhe ſchreckte. „Wer kommt da?“ rief er aus.„Um Gottes wil⸗ len, iſt es ein Freund?“. 1⁰7 »Sieh' mich an, und dann frage noch einmal, ob es ein Freund iſt, der dich beſucht!“« entgegnete höh⸗ niſch eine Stimme, die dem armen Paul nur zu be⸗ kannt war, und ein tückiſch verzerrtes Geſicht mit vor Schadenfreude funkelnden Augen, hell von einem Gru⸗ benlichte beſchienen, beugte ſich über den oberen Rand des Schachtes in die finſtere Tiefe hinab. »Rivero!« rief Paul aus.„Elender, deine Hand alſo war es, die mich in dieſes Grab geſtoßen hat?« »Recht gerathen! Meine Hand durch die Hände meiner Helfershelfer, drei wackerer Zambo's, die ver⸗ ſchwiegener ſind, als dieſe Wände von Erz, welche dich einſchließen,« entgegnete Rivero. „Und was verlangſt du jetzt von mir?« fragte Paul. „Biſt du nur gekommen, um dich am Anblicke meines Unglücks zu weiden?“ »Nicht allein darum, ſondern auch, um dich wiſſen zu laſſen, was du noch zu erwarten und zu hoffen haſt,« antwortete der Mayordomo.„Siehſt du, mein Sohn, ein Jeder iſt ſeines Glückes Schmied, wie du zu Sen⸗ nor Don Ugarto ſagteſt, als er dir die großmüthigſten Anerbietungen machte. Du haſt dein Glück ſehr gut geſchmiedet, du ſitzeſt mitten zwiſchen Silbererzen, und kein König kann ſich eines koſtbareren Sarges rühmen, als nach einigen Tagen, wenn du verhungert biſt, der deinige ſein wird.“ »Verhungern!“ rief Paul entſetzt aus.„Du willſt mich wirklich verhungern, langſam verſchmachten und hinſterben laſſen?« „Ja, mein Söͤhnchen, gerade das will ich,“« erwie⸗ derte Rivero.„Siehſt du, das iſt kein Mord. Ich tödte dich nicht, ich ſperre dich nur ein,— meiner 108 Sicherheit willen, damit du nicht ausplauderſt, was mir einige Verlegenheiten bereiten könnte. Alles Uebrige kümmert mich nicht, am wenigſten dein Ende da unten. Aber einen guten Rath will ich dir noch geben, aus Mitleid mit deiner Jugend und Unſchuld. Siehſt du, Kind, das Verhungern iſt ein langſamer, ſchmerzlicher, elender Tod! Ich würde vorziehen, mir den Kopf an den harten Erzwänden zu zerſchmettern. Das thut freilich ein bischen weh, aber es iſt dann auch um ſo eher vorbei. Folge meinem Rathe, Söhnchen, denn ſiehſt du, etwas Anderes wird dir kaum übrig bleiben.“ „Nein, Elender,“ gab Paul mit gepreßter Stimme zur Antwort,—„Gott kann nicht wollen, daß ich ein ſo entſetzliches Ende nehme, da ich nur nach Seinen heiligen Geboten handelte. Hüte dich! Mr. Wilſon weiß Alles! Ich habe ihm geſchrieben, ihm alle Eure Betrügereien aufgedeckt, er wird hierher eilen, mich ver⸗ miſſen, Euer ſchändlicher Mord wird an's Tageslicht kommen, und dann, dann bin ich es, der wiederum ſa⸗ gen wird: Jeder iſt ſeines Glückes Schmied!« 3 Ein lautes Hohnlachen ſchallte in das tiefe Grab des unglücklichen Paul hinab.„Schmeichlé dir nicht mit ſolchen Hoffnungen!« entgegnete Rivero.„Du glaubſt, der alte Wilſon wiſſe Alles? Nichts weiß er, und nie wird dein Brief in ſeine Hände kommen. Fange ihn auf, mein Söhnchen! Da iſt er! Betrachte ihn ge⸗ nau! Und nun trag' ihn auf's Poſtamt, wenn du willſt!« Ein weißes Blatt flatterte, wie eine weiße Taube, zwiſchen den feuchten Wänden in die Tiefe des Schach⸗ tes hinunter; Paul griff danach mit beiden Händen— fing es auf— befühlte, betaſtete, betrachtete es bei dem 109 ſchwachen Scheine des Grubenlichtes—: ach, er konnte nicht zweifeln, es war ſein Brief, der Brief an Mr. Wilſon, und in ſeinen Schrei des Entſetzens miſchte ſich die Hohnlache Rivero's, der voll boshafter Scha⸗ denfreude ſeinen ſchrecklichen Triumph feierte. „Stirb, Knabe!“ rief er.„Du ſiehſt wohl, für dich hat dein Gott ſelbſt keine Rettung mehr! Du haſt dein Glück geſchmiedet, genieße es denn ungeſtört, du wacke⸗ rer Schmied!“ „Erbarmen!« ſchrie Paul verzweiflungsvoll aus der Tiefe ſeines Grabes.„Erbarmen! Um Gottes Barm⸗ herzigkeit willen, laß mich nicht ſo umkommen, Rivero!« »Kein Erbarmen!“ rief der Mayordomo, ungerührt von den Schmerzenslauten des Unglücklichen, zurück— „du haſt, was du dir ſchmiedeteſt! Kein Erbarmen!« Und Rivero trat von dem Rande des Schachtes zurück, ſeine Geſtalt, ſein häßliches Geſicht verſchwand, und Paul ſtieß einen zweiten Schrei der Verzweiflung aus.„Kein Erbarmen! O Gott, kein Erbarmen!« rief er, während der Schimmer des Grubenlichtes nur noch matt in ſein Grab fiel.— »Nein, beim Himmel, kein Erbarmen mit dem Elen⸗ den!« ſprach plötzlich mit Donnerſtimme eine fremde dunkle Geſtalt, die ſich hoch hinter Rivero aufrichtete, und mit dem ſchnellen und ſicheren Griffe eines Raub⸗ vogels den Nacken des Böſewichtes umklammerte. Ein gellendes Kreiſchen des Entſetzens zeterte lange nach⸗ hallend durch die unterirdiſchen Gänge und Gewölbe des Schachtes. Dann erfolgte ein dumpfes, halb er⸗ ſticktes Stöhnen, das Grubenlicht erloſch, und einige Augenblicke hindurch ſchwebte Paul in tödtlicher Angſt über den Ausgang des Kampfes, der ſich, wie er deut⸗ 110 lich vernahm, zwiſchen Rivero und dem neuen Ankömm⸗ linge am Rande ſeines Grabes, ohne Zweifel mit tödt⸗ licher Erbitterung, entſponnen hatte. Jetzt noch ein Schrei, ein Stöhnen, ein ſchwerer Fall,— und Alles ſchien vorüber. Gott im Himmel— wer war Sicgger geblieben in dem fürchterlichen Kampfe? Der ſchreckliche Zweifel ſollte nicht lange das hör⸗ bar pochende Herz des armen Paul beunruhigen. „Nur einen Augenblick Geduld noch, mein Bruder!“ rief die Stimme des neuen Ankömmlings ihm zu.„Der Verräther, der Mörder liegt zu Boden, und ich ſuche nur das Grubenlicht, das ihm entfallen iſt. Ha, hier iſt es!«. „Aber du, mein Freund, mein Erretter, wer biſt du?« fragte Paul mit zitternder Stimme, indem das Entzücken über die ihm ſo unerwartet zu Theil gewor⸗ dene Hülfe ihm faſt den Athem raubte. 1 „Du wirſt es ſehen, mein Bruder!“ antwortete die Stimme.„Nur noch kurze Geduld!“ Ein heller Lichtſchein ſchimmerte plötzlich durch die Finſterniß. Das Grubenlicht brannte wieder hell, und über den Rand des Stollens hinweg lehnte ſich, hell beſchienen von der Flamme des Lichtes, das ausdrucks⸗ volle, tief gebräunte Geſicht eines ungen Indianers. „Hualpa!“ rief Paul aus.„Vater im Himmel, welch ein ſegensreiches Geſchick brachte dich zu meiner Rettung hieher?« »Du ſollſt Alles hoͤren, mein Bruder!“ entgegnete Hualpa.„Aber erſt mußt du wieder frei ſein. Er⸗ greife dieſes Seil, binde es dir feſt um Bruſt und Schul⸗ tern, und ich werde dich aus deinem Grabe ziehen.“ 111 Ein Seil glitt bei dieſen Worten über den Rand des Abgrundes und rollte in die Tiefe hinab. Paul fing es auf, befolgte die Weiſungen ſeines Befreiers, und nach einigen Augenblicken ſtand er tief aufathmend an der Seite Hualpa's, der ihn liebevoll mit den Ar⸗ men umſchlang und an ſeine Bruſt drückte, während ein zweiter Indianer, der alte Huari, zur Seite ſtand und mit Freude und Rührung die gluͤckſtrahlenden Ge⸗ ſichter der beiden Jünglinge betrachtete. „Und Rivero?“ fragte er endlich.„Was ſoll mit ihm geſchehen, Hualpa?« »„Ihn treffe die Vergeltung, die er ſelbſt auf ſein Haupt herabgezogen!« entgegnete der junge Indianer mit finſterem Ernſte.„Hinab mit ihm, Huari!“« Rivero lag feſt gebunden, wie vorhin Paul, am Boden des Stollen, und rollte voller Wuth und Ver⸗ zweiflung die Augen. Huari ſchlang ihm das Seil um den Leib, ſtieß ihn über den Rand des Abgrundes, und als er ſo frei in der Luft ſchwebte, zerſchnitt er den Strick, der ſeine Hände feſſelte. Rivero entfernte den Knebel aus ſeinem Munde, der ihn bis dahin am Sprechen verhindert hatte, und ſtieß ein jammervolles, klägliches Geheul aus.. „Erbarmen! Erbarmen!“ rief er.„Toͤdtet mich, nur laßt mich nicht verhungern in dieſem Grabe!« »Kein Erbarmen!« entgegnete Hualpa.„Hat er Erbarmen gehabt mit meinem Bruder. Hinab mit ihm!« Gellend, verzweiflungsvoll, graͤßlich erſchallte das Brüllen des Elenden durch die Gänge der Grube, während Huari allmälig das Seil nachließ, bis der Verurtheilte auf dem Boden des Schachtes ange⸗ langt war. 112 „Stirb!« rief ihm Hualpa zu.„Sagteſt du nicht zu meinem Bruder, Jeder ſei ſeines Glückes Schmied? Wohl denn, du liegſt an der Kette, die deine Bosheit geſchmiedet hat. Elender, ſtirb!“ »„Ich will nicht ſterben!“ ſchrie der Unglückſelige in Todesangſt.„Sennor Arnoldo! Erbarmen! Rettet mich! Barmherzigkeit um der Mutter Gottes willen!“ Paul wandte ſich bittend an Hualpa. „Nein!“ ſagte dieſer mit ſchrecklicher Entſchloſſen⸗ heit.„Er bleibt! Mein Freund, mein Bruder, komm! Folge mir!« Nur mit Widerſtreben gab Paul nach, denn das entſetzliche Geſchrei Rivero's zerriß ihm das Herz.„Laſſ' ihn, laſſ' ihn!« flüſterte ihm Hualpa zu, als ſie ſich einige Schritte von dem Schachte entfernt hatten.»„Seine Strafe iſt gerecht, wir üben nicht Rache, ſondern nur ſtrenge Wiedervergeltung! Morgen mehr!“ Sie gingen; Hualpa Arm in Arm mit Paul, Huari mit der Leuchte voran. Das Geheul des ver⸗ zweifelnden Böſewichts, den ſie im Schachte zurück⸗ ließen, gellte ihnen nach, bis ſie das Ende des Stollens erreicht hatten. Huari öffnete die ſchwere Thür, die ihn verſchloß, und Hualpa warf ſie wieder krachend hinter ſich zu. Paul betrat das Innere der verfallenen Hütte, und im nächſten Augenblicke ſtand er im Freien unter dem nächtlichen Himmel, deſſen Sterne in golde⸗ nem Glanze auf ihn nieder funkelten; ſanfte Lüfte um⸗ weheten ihn, und mit einem Ausrufe des Entzückens ſank er von Neuem an die Bruſt Hualpa's. „»Mein Freund, wie ſoll ich dir danken für dieſe 4 Rettung aus der Nacht des Grabes?“ rief er mächtiz ergriffen aus 3 . 1 „Danke nicht mir, mein Bruder, ſondern dem ewi⸗ gen Geiſte, der Mitleid, Erbarmen, Bruderliebe und Rechtſchaffenheit in deine Bruſt gepflanzt hat!“ entgeg⸗ nete Hualpa mit warmem Händedrucke.„Wer ſtand dem armen Indianer bei, obgleich ſeine Haut roth iſt, als die Meſſer der Zambo's und Neger nach ſeinem Herzen zielten? Wer rettete dem armen Indianer mit der rothen Haut das Leben, als er den Schneeſtürmen der Puna erlegen war? Wer nannte den armen rothen Indianer ſeinen Freund und hatte ein Herz für ſeine Leiden? Wer ſprach für die unglücklichen Barretero's und Hapiri's, und trotzte für die armen Rothhäute der Rache ſeiner weißen Verfolger? Du wareſt es, du thateſt dieß Alles, mein Bruder? Und nun— ſollte der rothe Mann ſeinen weißen Freund nicht retten aus den Schlingen der Gottloſen? Nichts mehr davon, mein Bruder! Komm! Sennor Don Wilſon wartet auf dich, und es gibt noch einen zweiten Schuldigen zu beſtrafen!« »Mr. Wilſon?« fragte Paul erſtaunt.„Wie kommt Er hieher?“ »„Hualpa holte ihn,“ lautete die einfache Antwort des jungen Indianers.„Hualpa wußte ſeinen Bruder in den Klauen der Panther, und er allein war zu ſchwach, ihn zu befreien. Genug, du wirſt Alles hö⸗ ren, mein Bruder! Folge mir!« Glückes Schmied. 114 Achtes Kapitel. Das Glück geſchmiedet. 4 — Ein Jahr und darüber mochte ſeit den zuletzt er⸗ zäͤhlten Begebenheiten vergangen ſein, da befanden ſich im Prunkzimmer des prächtigen Hauſes, welches Mr. Wilſon bewohnte, mehrere Perſonen beiſammen, welche aus fernen Gegenden ein ungewoͤhnliches Schickſal hier vereinigt hatte. Zuerſt Mr. Wilſon ſelbſt, behaglich in einen großen Lehnſtuhl ausgeſtreckt; dann Paul, der 4 mit ſtrahlendem Antlitz zu den Füßen einer blaſſen, ält⸗ lichen Frau ſaß, der er von Zeit zu Zeit liebevoll die 9 Hände drückte; dann zwei junge Leute und ihre zwei Schweſtern, jünger Alle als Paul, aber ihm auffallend, 2 ähnlich in ihren Geſichtszügen, dann ein ſtämmiger al⸗ ter Mann mit weißem Haar und Bart, der mit auf⸗ merkſamen Blicken ein künſtlich gearbeitetes, kleines Bergwerk beſichtigte, das zur Seite auf einem großen Mahagoni⸗Tiſche ſtand; und endlich ein junger In⸗ dianer mit edler, ruhiger Haltung, deſſen Augen heller glänzten, wenn ſein Blick von der belebten Straße, wo er gleichgültig die vorüber wogende Menſchenmenge muſterte, auf ſeinen Freund Paul fiel, deſſen Glück er im innerſten Herzen mitzuempfinden ſchien. Paul war eben im Erzählen ſeiner Schickſale ber⸗ griffen, und man kann ſich denken, mit welchem Inter⸗ eeſſe ſeine Mutter, ſeine Geſchwiſter und der alte Lorenz 1 — welche wir gewiß in den Gäſten des Mr. Wilſon bereits erkannt haben,— ſeine Geſchichte anhörten. tung, indem er Paul durch einen bedeutungsvollen Wink veranlaßte, raſch an das Fenſter zu treten. Er hatte kaum einen Blick hinausgeworfen, als er ausrief: „Da gehen ſie! Rivero und Don Joſe Ugarto! An Eine Kette gefeſſelt! Oh, welch ein trauervoller Anblick!«„ Die Anderen eilten bei dieſen Worten ebenfalls an die Fenſter und auf den Balkon des Hauſes, und blick⸗ ten mit ſcheuer Neugierde auf den Haufen der Sträf⸗ linge nieder, welche, zwei und zwei an Einer Kette, von ihren Aufſehern durch die Straßen getrieben wur⸗ den, um zu öffentlichen Arbeiten verwendet zu werden. »Zeige ſie mir, mein Sohn,“ ſagte Frau Arnold mit leiſer Stimme.„Welche ſind es.«. »Dieſe da, in der Mitte der Anderen,“ erwiederte Paul.„Dieſe da mit den blaſſen, von allen böſen Leidenſchaften verwüſteten Geſichtern,— dieſelben, gute Mutter, die eben einen Blick voll giftiger Wuth empor zu uns ſchleuderten und drohend die Hände gegen uns ſchüttelten. Du fürchteſt dich vor ihnen? O, fürchte nichts! Sie ſind auf ihre ganze Lebenszeit zu ſchwerer Gefängnißſtrafe verurtheilt, und können uns keinen Schaden mehr zufügen!“ »Nein, oh nein, ich fürchte ſie nicht, ich beklage ſie, die Unglückſeligen,“ erwiederte Frau Arnold.„Welch ein Schickſal! Und das nach einem Leben des Reich⸗ thumes und Ueberfluſſes!« 3 »Kein Mitleid mit ihnen!“ ſprach Hualpa mit fin⸗ „Sie leiden nur, was ſie verdienen! Jeder iſt ſeine 8* 8 8 ſter gerunzelter Stirn und einem Blicke ohne Gehgrmem Da auf einmal unterbrach Hualpa die Unterhal⸗ 116 Glückes Schmied,— ſie haben ſich ihre Ketten ge⸗ ſchmiedet!« „Aber du, mein Sohn, du? Bedauerſt du nicht ihr ſchreckliches Loos?“« fragte die Mutter, erſchreckt über die unbeugſame Härte des rothen Mannes. „Ich verzeihe ihnen, was ſie mir Boͤſes zugefügt,« erwiederte Paul mit ruhiger Stimme.„Aber, wie Hualpa muß ich ſagen: Sie haben ihr Schickſal ver⸗ dient!« „Gewiß, Jedem das Seine!“ ſprach Mr. Wilſon. „Wäaͤren ſie nur halb ſo treu und rechtſchaffen geweſen, als unſer Freund Paul, hätten ſie wenigſtens nicht nach ſeinem Leben getrachtet, ſondern hätten offen ihre Ver⸗ gehungen geſtanden und einige Reue gezeigt,— ich würde ſie dann entlaſſen und nicht weiter mit der Strenge der Gerechtigkeit verfolgt haben! Aber Ein Verbrechen auf das Andere zu häufen, zu morden, um ungeſtört mich weiter betrügen und berauben zu können, — das iſt zu viel. Ihnen geſchieht nach ihren Tha⸗ ten! Wohl hat unſer alter Freund Lorenz recht, wenn er ſagt, Jeder ſei ſeines Glückes Schmied. Da iſt Paul! Er iſt vor die rechte Schmiede gegangen, und hat wacker geſchmiedet. Wie die Arbeit, ſo der Lohn! Erzähle nur weiter, Paul! Als wir durch das Erſchei⸗ nen der Böſewichter unterbrochen wurden, wareſt du eben bei deiner Befreiung durch Hualpa aus dem Schachte, und ich ſehe deiner guten Mutter an, daß ſie gern noch das Weitere hören möchte.« „Ja, gewiß, mein Sohn!“ ſagte Frau Arnold, in⸗ dem ſie, wie auch die Uebrigen, wieder auf ihren Platz zurückkehrte.„Du haſt uns noch nicht Alles mitgetheilt. Wie kam es, daß du ſo im rechten Augenblicke durch —/—⸗:⸗⸗⸗⸗————— 117 deine Freunde aus deiner ſchrecklichen Lage gerettet wurdeſt?“ „Oh, das wird bald erzählt ſein,“ ſagte Paul, in⸗ dem er wieder auf einem niedrigen Seſſel zu den Füßen ſeiner Mutter Platz nahm!„Es war wahrlich eine glückliche und unverhoffte Rettung, denn ſchon verzwei⸗ felte ich daran, daß ich jemals wieder das Tageslicht erblicken würde. Ich verdankte ſie meinem treuen Freunde Hualpa und dem alten redlichen Huari, der mich lieb gewonnen hatte, weil ich ſein und ſeiner Brüder hartes Schickſal nicht ſtillſchweigend mit anſehen konnte, ſon— dern bei ihren Peinigern auf Verbeſſerung ihrer Lage drang.“ „Eine Verbeſſerung, die ihnen ſeitdem reichlich zu Theil geworden iſt,« fiel Hualpa ein.„Aber, die ro⸗ then Männer lieben auch ihren Freund!« »„Still, ſtill davon, Hualpa!“ ſagte Paul.„Du weißt wohl, daß ohne Mr. Wilſons väterliche Güte..« »Weiter, weiter!“ unterbrach ihn Mr. Wilſon ſel⸗ ber.„Dieſe Dinge wollen wir ja nicht hören, ſondern die Geſchichte deiner Befreiung durch Hualpa.“ »Nun ja,« fuhr Paul mit einem Blicke warmer Dankbarkeit auf Mr. Wilſon fort,— zur Sache alſo. Hualpa kannte die beiden Männer, welche die Geſchäfte für Mr. Wilſon in Pasco führten, und er vermuthete, daß ich einen ſehr ſchwierigen Stand bei ihnen haben würde. So trennte er ſich denn von mir im Angeſichte der Stadt, wohin er mir durch die Puna zum Führer gedient hatte, und ſuchte ſeinen Vater auf, um ihn mir zum Schutze zu ſenden, während er ſelbſt nicht über meine Sicherheit wachen konnte. Aber ſein Vater lag krank, und nun war Hualpa zweifelhaft, und wußte 118 nicht, was er thun ſollte. Endlich faßte er den Ent⸗ ſchluß, nach Lima zu eilen, Mr. Wilſon aufzuſuchen, ihm die Betrügereien Rivero's und Ugarto's zu ent⸗ hüllen, und ihm zu ſagen, daß er mich in die Höhle des Löwen geſchickt habe. Zum Glück für mich glaubte Mr. Wilſon ſeinen Ausſagen, und traf unverzüglich Anſtalten, Hualpa ſelber nach Pasco zu begleiten. Am Abend des Tages, den meine Feinde zu meinem Unter⸗ gange beſtimmt hatten, trafen ſie ein, fragten nach mir und ſtellten Don Ugarto zur Rede. Dieſer läugnete mit frecher Stirn, etwas von mir zu wiſſen. Hualpa ließ ſich durch ſeine Lügen nicht täuſchen.“ „Ihr habt ihn gemordet!« ſchrie er Don Ugarto zu. „Aber ſein Blut komme über Euer Haupt!“ „»Von Beſorgniß um mein Schickſal ergriffen, eilte er nach der Grube Dolores, um dort Nachforſchungen anzuſtellen. Aber die Indianer, ſeine Landsleute, wuß⸗ ten nichts von mir, und der ſchlau angelegte Plan Ri⸗ vero's, mich für immer zu beſeitigen, wäre ohne Zwei⸗ fel vollkommen gelungen, wenn nicht des alten Huari treues Freundesauge über mich gewacht hätte. Aber Huari, gewarnt durch einige Andeutungen des Negers Sancho, war ſofort entſchloſſen geweſen, mich nicht eine Sekunde hindurch aus den Augen zu laſſen. In der Nähe der Grube Dolores verſteckt, wartete er, bis ich dieſelbe verließ, und wurde nun ein verborgener Zu⸗ ſchauer der Frevelthat, welche meine Feinde gegen mich ausübten. Er allein war zu ſchwach, um es mit mei⸗ nen Gegnern aufzunehmen. So verhielt er ſich denn ruhig, jedoch mit dem feſten Entſchluſſe, noch in der⸗ ſelben Nacht meine Befreiung zu verſuchen. Er kannte die verfallene Hütte, in die ich geſchleppt worden war; 6 119 er kannte die Stollen und Schachte der verlaſſenen Grube, in der er früher ſelber einmal gearbeitet hatte, und vermuthete ſogleich, daß man mich in irgend einen von jenen Schachten geworfen haben möge. „So blieb er alſo auf der Lauer liegen und war⸗ tete, bis die Nacht erſt noch weiter vorgerückt wäre, um gegen jede etwaige Störung geſichert zu ſein, als er plötzlich Hualpa bemerkte, der, wie ich kurz vorher, aus der Grube Dolores kam. Hualpa war ſein Freund. Er rief ihn, entdeckte ihm, was er beabſichtigte, und nun ſtellte ſich ſofort heraus, daß Beide die Fährte deſ⸗ ſelben Wildes verfolgten. Hualpa wollte ohne Verzug in meinen Kerker eindringen, und Huari gab ſchon ſei⸗ nem Drängen nach, als ſie eine dunkle Geſtalt bemerk⸗ ten, die raſch der Hütte näher ſchlich und in derſelben verſchwand. »Rivero!“« ſagte Hualpa.„Er liefert ſich ſelbſt in unſere Hände, folgen wir ihm!« „»Unhörbar wie Schatten ſchlichen ſie hinter ihm drein, hörten alle die bitteren Hohnworte, die er gegen mich ausſtieß, und bemächtigten ſich dann plötzlich ſei⸗ ner, als er mich, verzweiflungsvoller Hoffnungsloſigkeit anheim gegeben, ohne Erbarmen zu verlaſſen im Be⸗ griff war. Zur Strafe für ſeine ſchändliche Grauſam⸗ keit wurde er von Hualpa in den Schacht geworfen, der mein Grab hätte werden ſollen, und hier verbrachte er eine furchtbare Nacht, da er nicht anders glauben konnte, als daß man ihn denſelben ſchrecklichen Tod wolle ſterben laſſen, den er mir zugedacht hatte. Die Strafe war hart, aber gerecht. Am anderen Morgen aber zog man ihn wieder an's Tageslicht, und da mitt⸗ lerweile Don Ugarto, durch mein unerwartetes Erſcheinen 120 ganz in Verwirrung gebracht, die umfaſſendſten Ge⸗ ſtändniſſe abgelegt hatte, ſo wurde er und ſein Spieß⸗ geſelle Rivero den Gerichten übergeben. Mich aber uüberhäufte Mr. Wilſon, mein väterlicher Freund, mit tauſend Beweiſen von Güte, ernannte mich zum ober⸗ ſten Geſchäftsführer und Mayordomo der Grube Do⸗ lores, und ließ dich, meine theure Mutter, Euch, meine geliebten Geſchwiſter, und da meinen alten Freund Lo⸗ renz aus Deutſchland herüberkommen, um mich zum glücklichſten Menſchen der Welt zu machen. Oh, Mr. Wilſon,“ rief er aus, indem er aufſprang und die Hand des würdigen Mannes ergriff, der ihn lächelnd und liebevoll anſchaute,—„wahrlich, Ihr habt wie ein Vater an mir und den Meinen gehandelt!« „Ei, du närriſcher Junge, konnte ich denn an⸗ ders?“ erwiederte Mr. Wilſon mit dem vorigen güte⸗ vollen Lächeln.„Ich verdanke dir ja mehr, als du mir, denn wahrhaftig, Sennora Arnoldo, ſeit Er meine Geſchäfte leitet, ſeit Hualpa und Huari ihm als Auf⸗ ſeher zur Seite ſtehen, haben ſich meine Einkünfte aus der Grube Dolores verdoppelt, und meine Barretero's und Hapiris arbeiten mit einer Luſt und Liebe, die in ganz Pasco ihres Gleichen nicht findet, und um die alle Minero's mich beneiden. Außerdem iſt mein Berg⸗ werk jetzt ſo ſchmuck und ſicher, Alles iſt ſo herrlich im Stande, und der ganze Betrieb ein ſo vortrefflicher, daß die Grube Dolores zu einem ſprichwörtlichen Mu⸗ ſter weit und breit geworden iſt! Und da wundert ſich denn nun der närriſche Junge, daß man ihn lieb hat, ihn werth hält, und ſeine Verdienſte gelegentlich nach Würden anerkennt. Nichts mehr davon! Du ſelbſt biſt deines Glückes Schmied geweſen, mein 12¹ braver Paul, und wenn denn doch einmal ein Gefühl der Dankbarkeit ausgeſprochen werden ſoll, nun, ſo wollen wir aus Grund der Seele Alle Dem da dro⸗ ben danken, der die Treue und Rechtſchaffenheit, die Liebe zum Nächſten, ſei deſſen Haut ſchwarz, weiß oder roth, und alle die tugendhaften Beſtrebungen ſegnete, die unſeren Paul und uns Alle zu glücklichen Menſchen gemacht hatten!“ „Amen!“ ſagte Frau Arnold tief gerührt und aus vollem Herzen, und ihre mütterlichen Arme umſchloſſen liebevoll den treuen Sohn, der ſeine Freudenthränen an ihrem Buſen verbarg.— —SSS 8 2 8 8 *⁸ O — ½ S 8 H— S 5 8 3 5 8 8 ——— —. ſſſſfff ll fffffffnfnfſſ 11 12 14 15 16 17 18 19