e 0 83 0 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht de Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 83 . ]JS 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Wachentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ———— auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„—„„—„»„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene⸗ verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit upfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. N——-=j—— 4 —-———— NX Der Kaufmann von Luzern. Hiſtoriſcher Roman aus der Schweizexgeſchichte von Guſtan von Heeringen. Zweiter Theil. Dresden und Leipzig, Arnoldiſche Buchhandlung. 1849. Inhaltsverzeichniß. Erſtes Kapitel: Mariens Leid.— Zweites Kapitel: Der Tanz im Wetterhorn Drittes Kapitel: Des Kapleſer Gericht Viertes Kapitel: Schiedsgericht auf der Eſchholzmatt Fünftes Kapitel: Florinens Abreiſe. Schluß⸗Kapitel Erſtes Kapitel. Mariens Leid. Auf Burg Oltingen an der Aar, dem Sitze des Amtmanns und Vogts, Ritter Wilibald von Stein, herrſchte ein mehr als gewöhnlich reges oder feſt⸗ liches Leben. Die Schloßkapelle war geſchmückt, ſämmtliche Burgmannen und Knechte hatten einen Feiertag. Niemand arbeitete, und überall ſah man ſonntägliche Kleider, auch bei den weiblichen Ein⸗ wohnern der Burg, unter denen es mehr als eine recht preiswürdige und ſchmucke Dirne gab. Sie alle mußten ſich aber in Anbetracht der Schönheit verſtecken gegen die edle und hohe Maid, welche ſo eben, im Gemache der Burgfrau ſelbſt und von deren eigenen Händen auf das Beßte und Sorgfältigſte geſchmückt, den Myrthenkranz durch das Haar ge⸗ flochten erhielt. Auf einer kleinen Fußbank kniete v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. II. 1 Verwandten, welche ſie damit ſchmückte, auffallen. Maria vor der gütigen Pflegemutter und Baſe, Frau Hedwig von Stein, und neigte ihr Haupt zur Empfangnahme des goldenen Reiſes, das für jede Jungfrau ſo bedeutungsvoll und für die mei— ſten ſo erwünſcht, gewiſſermaßen das Ziel alles ihres Strebens iſt; weiße Gewänder umfloſſen ſie nebſt einem Schleier von Spitzen, der ſich auf ihrem Haupte theilte und von beiden Seiten auf ihre Ge⸗ ſtalt herabfiel. Der Kranz, den Frau Hedwig nun mit vieler Vorſicht aus einer Schachtel nahm, ſollte das Ganze des hochzeitlichen Schmuckes vollenden, der in Allem ſo beſchaffen war, wie er einer adeligen, doch nicht mit Glücksgütern reich ausgeſtatteten Braut geziemte. Es hätte auffallen können, daß bei dem Geſchmücktwerden mit dem lebensfriſchen Reis der Myrthe, die ſonſt die ſchönere Blüthe der Freude und Geſundheit zu empfangen pflegt, dieſe letztere auf den Wangen Fräulein Mariens fehlte. Ihr Antlitz mar vielmehr ſchneeweiß wie ihre Ge⸗ wänder, und hatte ſchon den ganzen Tag über ihre Stille und Bläſſe ſämmtliche Jungfrauen der Burg, ihre Geſpielinnen, mit Befremden und Erſtaunen erfüllt, ſo mußte das leiſe Zittern Mariens bei Empfang des Brautkranzes jetzt nothwendig ihrer 3 Was iſt Dir, Kind, fragte Frau Hedwig, biſt Du krank? Ich will nicht hoffen. Bei dieſer Frage von Seiten der ſanften und gutigen Frau, die ſo lange Mutterſtelle an ihr ver⸗ treten hatte, brach Marie in Thränen aus, ergriff Frau Hedwigs Hände, drückte ihr Antlitz darauf, wie um es zu verbergen, und weinte nun heftiger. Um Gott! rief Frau Hedwig, theueres Kind, was iſt Dir? Zwar kenne ich dieſe Erregung bei der Braut kurz vorm Altare, dieſe Beklommenheit jungfräulicher Schüchternheit, die auch Dich befängt, und ehre ſie; auch ich weinte an meinem Hochzeits⸗ tage an der Bruſt meiner nun längſt in Gott ruh⸗ enden verklärten Mutter; noch erinnere ich mich wohl des Gefühls, welches damals meine Thränen hervorrief; es war ein heiliges und durchſchauerte mich ſchon vom frühen Morgen an; zwiſchen Gebet und frommen Entſchlüſſen verging mir der wichtigſte Feſttag meines Lebens keinesweges in lauter Freude, die ich Anderen überließ. Auch Du, Marie, ſcheinſt, wie ich wohl bemerkt habe, dieſe Bewegung zu fühlen, und anſtatt ſie zu tadeln oder Dich aufzu⸗ fordern zu Luſt und Heiterkeit, wie ſie wohl manche von Deinen Geſpielinnen von Dir erwarten mögen, verſtehe ich Dich und liebe Dich Deines frommen Ernſtes wegen noch mehr. Meine theuere Baſe, Ihr verſteht mich nicht, weinte Maria, herrliche Frau, und ſollte ich ſterben vor Eueren Augen, ſo will ich es lieber, denn als Heuchlerin vor Euch ſtehen in dieſer Stunde. Wiſſet, meine Bruſt füllt nicht jenes heilig fromme Gefühl, das Euere Thränen hervorrief am Buſen Euerer verklärten Mutter. Nicht? nicht? Doch welches denn? Doch wei⸗ net Ihr? Ich weine.... Euere Thränen netzen mein Tuch; denkt Euch, Ihr habt es oft gedacht, es ſei die Bruſt Euerer Mutter, welche unter dieſem Tuche wallt. Eben weil ich dieß denke und weiß und fühle, kann ich Euch nicht täuſchen. Euere theueren, ewig geliebten Hände flochten mir die Myrthe ins Haar; nehmet ſie weg, der Schmuck einer jungfräulichen unentweihten Braut ziemt mir nicht. Indem Maria dieſes ſagte, weinte ſie heftiger und verbarg ihr Antlitz in das Kleid der Amt⸗ männin. Frau Hedwig erſchrak heftig. Was ſagſt Du, 5 Kind? rief ſie. Wiederhole es noch einmal, ich verſtand Dich nicht. Es war, fuhr Maria fort, mein Bekenntniß, nur vor Euch abgelegt, vor Euch allein: Kuniberts Leidenſchaft, das Feſt zu Bern auf der Engen⸗Wieſe am heiligen Oſterfeſte, dem beizuwohnen Ihr mir erlaubt hattet, der Glanz, der ungewohnte Wirbel der Zerſtreuung, der Freudenrauſch, der meine nüch⸗ ternen Sinne gefangen nahm. Sprecht mein Ur⸗ theil, Baſe, verdammt mich, ich kam nicht ſo ſchuld⸗ los zurück nach Oltingen, als ich gegangen war. Die Engel hatten ſich von mir gewendet. O ihr Heiligen, rief Frau Hedwig und drängte die Bekennende leicht zurück. Dennoch wart Ihr nicht ohne Schutz und Aufſicht in Bern, ſondern der Hut einer würdigen Frau anvertraut, meiner Freundin Erlach. Es war, noch erinnere ich mich, da Kunibert, meinem Sohn einen Auftrag zu bringen, nach Bern geſandt war.— Unglückliche Marie, redet Ihr auch die Wahrheit? Leider, theuere Pflegemutter. Die Folge dieſes Geſpräches war, daß Marie— denn Frau Hedwig, ſo mild und gütig ſie war, hielt dennoch ſtreng auf alte Sitte und Gebrauch— ohne Myrthenkranz, deſſen Mangel irgend einem zufälligen Verſehen zugeſchrieben ward, zum Altar ſchritt; eine Laſt fiel von Mariens Herzen, als die Feier an heiliger Stätte vorüber war, nicht luſtig und heiter ward ſie, gleich ihrem nunmehrigen Gat⸗ ten, der in Glück und Vergnügen ſchwelgte, doch ruhig, die Amtmännin ihres Theils tröſtete ſich mit dem Gedanken, daß der Rüſtmeiſter, dem ſie ſonſt ſehr gewogen war, doch ſelbſt der Urheber des Un⸗ glücks ſei, welches Marien betroffen, und das, nachdem ſich die Umſtände ſo glücklich geſtaltet hat⸗ ten, viel von ſeiner Folgenwichtigkeit verlor. Der Tag verging unter den üblichen Feſtlichkeiten; Geſang, Bankett und Tanz folgten einander. Herr Wilibald und ſeine Gattin hatten, um ihn würdig und eini⸗ germaßen glänzend zu begehen, gethan, was nur irgend ihre geſtörten Vermögensumſtände geſtatteten, ein Beſtreben, welches bei den ländlichen Verhält⸗ niſſen, die ſie umgaben, ohne zu großen Aufwand und mit mäßigen Koſten erreicht werden konnte. Am nächſten Morgen luſtwandelten der Rüſtmei⸗ ſter und ſein junges Weibchen auf dem Burgwall, deſſen Abfall gegen Mittag hin gerichtet und deßhalb mit üppigen Weinſtöcken bepflanzt war. Laß uns in den Weinberg hinunter, ſagte der neue Ehemann, 4 b4 7 ich habe eine ſchöne Laube dort angelegt, die eine herrliche Ausſicht auf die Berge, auf den Fluß und die Heerſtraße hat; dort, Marie, ſollſt Du dem Spröß⸗ ling unſerer Ehe und Liebe die erſten Kinderſchritte lehren, bis ich ihn in den Waffen unterweiſe, wenn es ein Bube iſt. Gelt, es wird ein Bube ſein, Weibchen? Marie blickte beſchämt zu Boden und wandte ſich, von der unzarten Andeutung gekränkt, ab. Junge Frau, fuhr Kunibert fort, Du weißt, daß ich Dich lieb habe, aber Eins mußt Du mir vermeiden, wenn Du verhüten willſt, daß wir Zwiſt bekommen; Du mußt Dich weniger zimper⸗ lich gehaben. Sag' mir doch Einer. Iſt ſie doch roth geworden bis an das Ohr, weil ich von un⸗ ſerer künftigen Nachkommenſchaft ſprach, die, Dank den Heiligen, auf dem beßten Wege iſt! Darüber erröthet höchſtens ein ſechzehnjähriges Dirnlein. Wir, Marie, haben die Kinderſchuhe ausgetreten, denke ich. Komm! den Kopf in die Höhe, Dein Mann will kein finſteres Geſicht, ſondern einen Schmatz. Marie, obgleich zürnend über dieſes Benehmen des Gatten, das allerdings an die Gränzen der Rohheit ſtreifte, gehorchte doch, und ſchon waren zarte Roſe ihres Mundes zu heften, als ein Horn⸗ ruf durch die Luft zog und der Rüſtmeiſter, ſtets aufmerkſam auf ſeinen Dienſt und flink, ihn zu er⸗ füllen, von ſeinem ſüßen Beginnen abließ und auf⸗ horchte. Der Ruf kam vom Thurmwart und war das herkömmliche Zeichen, daß etwas Außergewöhnliches ſich im weiten Geſichtskreiſe der Burg zutrage, daß Gäſte oder fremde Reiſige im Anzuge ſeien. Die Wiederholung des Hornklangs verkündete deren Nähe, und ein dritter Stoß, der ſoeben erfolgte, zeigte an, daß jene ſich bereits im nächſten Um⸗ kreiſe des Schloſſes befanden. Wirklich vernahmen der Rüſtmeiſter und ſein Weib zu gleicher Zeit ein Geräuſch am Fuße des Burgwalles, das ihre Auf⸗ merkſamkeit verdoppelte. Das Knarren von Rädern und das Aechzen von Achſen ſchwer fahrender Wa⸗ gen, dazu das Wiehern von Roſſen und ſelbſt menſch⸗ liche Stimmen hallten durch den Föhrenwald, der den unteren Theil des Berges bedeckte, auf welchem Schloß Oltingen lag. Horch! rief der Rüſtmeiſter, Frachtwagen nahen, ſchwer beladen, wie es ſcheint, denn die Räder ſchlagen auf dem felſigen Boden auf. Ein Güterzug von Kuniberts bärtige Lippen im Begriff, ſich auf die — 9⸗ Kaufleuten; doch, was ſage ich, zu uns her⸗ auf fahren keine Güterzüge, und geraubt am Heer⸗ wege wird bei uns nicht. Ja, wäre Schloß Ol⸗ tingen Aarburg, aber ſelbſt Aarburg iſt ſicher jetzt, der Ritter treibt ſich anderwärts umher— wo? mögen die Heiligen wiſſen, kümmert mich auch nicht. Ich will nun hinab und ſehen, was es giebt. Bleibe Du einſtweilen hier, Marie; bald gedenke ich wieder bei Dir zu ſein. Schau doch, ſchau da hinab, wo der Wildgang durch das Dickicht gehauen iſt; es blitzt und glänzt da beim Teufel wie Waffen in der Sonne, wie Harniſche und Helme. Schau die Reiter, — einer mit einem Banner, mit einem Fähnlein, wor⸗ auf der ſchwarze Bär, das Feldzeichen unſerer Herren zu Bern. Wer kann das ſein? Gotts Tod! Jetzt geht mir ein Licht auf; wenn maàn Hochzeit ge⸗ halten hat, vergißt man Alles, und hielte ich alle Tage Hochzeit, ich käme ganz von Verſtand. Gott befohlen, Weibchen, ich eile, ich fliege. Weißt Du, wer naht? Das wird eine Freude ſein bei den Alten da drinnen, er wies auf das Schloß. Weißt's, Marie? Der Junker, ſagte Marie erbleichend, doch mit ziemlicher Gleichgültigkeit im Tone. Vetter Egon. Er ſelbſt, meiner Treue, Junker Egon! 10 Höre, Kunibert, ſagte Marie und hielt den Fort⸗ eilenden noch einen Augenblick am Arme zurück; wenn er es iſt, ſo vergiß nicht in Deinem Beneh⸗ men gegen ihn, daß Du jetzt nicht mehr bloß Dienſt⸗ mann und Untergebener, ſondern nach dem Oheim der Erſte im Schloſſe und ſeit geſtern Mitglied der Familie biſt. Ich ſehe Dich nicht gern demüthig und untergeordnet ihm gegenüber. Der Rüſtmeiſter hatte ſie in ſeiner freudigen Haſt nicht vollſtändig angehört, ſondern eilte davon, den Wall auf dem nächſten Wege abwärts, den Nah⸗ enden entgegen. Jetzt ward es auch im Schloſſe lebendiger, des Thurmwarts Horn hatte gewirkt, und mehr noch wirkte das Gerücht, welches mit einem Male von Mund zu Mund zu fliegen be⸗ gann, daß Wagen mit Reitern nahten, von denen einer Junker Egon, der Rathsknappe, ſein könne, dem Fähnlein nach, welches über ſeinem Haupte wehe. Frau Hedwigs Wangen färbten ſich hoch vor freudiger Wallung bei dieſem bloßen freudigen Gedanken; aber die Wagen, ſprach ſie zum Ehe⸗ herrn, der bei ihr im Gemache war und ein altes Buch, in dem er geleſen, jetzt weglegte und ſich von ſeinem Sitze erhob, wie käme Egon zu den Wagen? Du vergiſſeſt, liebe Frau, entgegnete Herr Wili⸗ 4 44 bald, daß er Gefangene herzuführen den Auftrag hatte; gerade das beſtätigt unſere Vermuthung; auch trifft die Zeit zu; lange genug war unſer Egon im Auslande, er kann jetzt zurückkehren mit beßter Verrichtung der ihm anvertrauten Geſchäfte. Erhebe Dich, Hedwig, ſiehe nach in der Küche, ob ſie wohl verſehen iſt zur Aufnahme von Gäſten im Schloß, und wo es fehlt, hilf nach. Mein Göttli! ſagte die rührige Hausfrau, gleich, gleich, ich will ja thun, was ich kann, ja doch, nur eine kleine Weile Geduld. Ein Dienſtmann trat in dieſem Augenblicke in das Wohngemach. Nun Schlüſſelwart, redete ihn der Amtmann an, die Gemächer im Weſtwall ſind bereit, wie ich mich erſt unlängſt durch eigenen Augenſchein überzeugt habe; jetzt geht, ſchließt ſie auf, öffnet jedes ein⸗ zelnen Pforte und prüft noch einmal die Riegel. Ich denke, die Lüt kommen, die ſie bewohnen ſollen, für kurze Zeit hoffentlich; macht ihr Herr Friede mit Bern, ſo geben wir ſie gerne wieder los. Laßt die Knechte ſich aufſtellen im Hofe, und die Stallbuben ſollen flink ſein mit Roß und Mann und die Pferde beßtens warten und für ihre Ver⸗ pflegung ſorgen, wenn jetzt Gäſte kommen und ſehr 12 2 willkommene, wie ich vermuthe. Das beßte Heu in die Krippen, Heu von der Flußwieſe gemäht und ſpäter Hafer, ſo viel ein Reiter für ſein Roß ver⸗ langt. Sie ſollen nicht ſagen, es mangele etwas für Roß und Mann in Schloß Oltingen, wo der Vater ihres jungen Anführers Amtmann und Vogt iſt. Eine Trompete! Hörſt Du, Hedwig? Frau Hedwig war aber nicht mehr im Gemache, ſondern bereits, dem Mutterherzen folgend, hinaus⸗ geeilt in den Hausraum und durch die überdeckte Halle in den Hof. Herr Wilibald that jetzt des⸗ gleichen, und nach wenigen Augenblicken hatten beide Ehegatten das Vergnügen, in den Armen ihres Erſt⸗ geborenen zu liegen, der, durch das Thor einreitend, kaum die lieben Aeltern unter den übrigen im Hof⸗ raume Verſammelten erblickte, als er, alles Andere vergeſſend, Zügel und Fahne, deren Schaft er bis dahin auf ſeinen rechten Steigbügel geſtützt getra⸗ gen hatte, Kunibert zuwarf, welcher ſeinem Roſſe zunächſt ging, und in ihre Arme eilte, die ihn mit großer Freude empfingen. Der Hof füllte ſich zu gleicher Zeit mit ſeinen Reitern, hinter denen die Wagen der Gefangenen hereinſchwankten. Auf Ku⸗ niberts Wink ſchloß ſich das Thor, und die Zugbrücke ward wieder aufgezogen, ſobald die letzteren herein . 13 waren und ſich ſomit im inneren Umkreiſe der Burg und am Orte ihrer Beſtimmung befanden, wo Egons Amt in Betreff ihrer aufhörte und das ſeines Va⸗ ters begann, dem er ſeine Schutzbefohlenen denn alsbald übergab. Während die Reiſigen abſaßen, und die Gefangenen ihre Wagen verließen, wobei ihnen jene behülflich waren, ſchaute mit neugier⸗ igen Blicken zu, was Augen hatte im Schloß. Knechte und Mägde drängten ſich unter der Halle zuſammen, und die erſteren ſuchten auf jede Weiſe den Ankommenden ihre Dienſtbefliſſenheit zu bezei⸗ gen. Mit großer Theilnahme ſah Frau Hedwig die Gefangenen von Etivaz, die faſt alle ſtattliche und trotzig ausſchauende Männer waren, von ihren Fuhr⸗ werken ſteigen und willig den Weiſungen folgen, die man ihnen gab. Hierbei verriethen ſie jedoch, daß ſie Ausländer waren und die Sprache des Landes nur wenig verſtanden. Sie unterhielten ſich im Franzöſiſchen, und Egon redete über ſie mit ſeinem Vater und dem Rüſtmeiſter, als nähme er an, daß ſie ihn nicht verſtänden, was auch der Fall war. Nicht wenig erſchrak aber die ſanfte Frau, als jetzt die Männer auf einen der mit den Fuhr⸗ werken Gekommenen deuteten, welcher nicht abſtieg, ſondern in ſeiner liegenden Stellung noch verharrte, 14 als die Uebrigen alle ſchon den Fuß zu Boden geſetzt hatten; er konnte allerdings nicht anders, denn er war an Händen und Füßen gefeſſelt, und die einzige Bewegung, die ihm dieſer Umſtand ge⸗ ſtattete, beſtand darin, in dem Stroh zu raſſeln, das ihm zur Unterlage diente, und wilde, zürnende Blicke um ſich zu werfen. Der, ſagte Egon, auf ſeines Vaters Frage, iſt nicht allein Gefangener, ſondern Verbrecher, und ein ſtrenges Gericht erwartet ihn. Er iſt Mörder, der ſeine Unthat faſt vor meinen Augen beging, und ich hätte nach dem Wunſche ſeiner eigenen Landsleute und Gefährten bereits das Urtheil an ihm vollziehen ſollen, wenn nicht eine beſondere Scheu mich davon zurückgehalten hätte, ihm Uebels zu thun. Genug, ich ſchonte ſein und bringe ihn mit, um ſein weiteres Schick⸗ ſal unſerem hohen Rathe anheim zu geben. Und nun erzählte Egon in kurzen Worten von dem Benehmen des wilden Kapleſer während der ganzen Reiſe und von ſeiner That in dem Dorfe des Thales Val⸗Sainte, deren Opfer ein junges unſchuldiges Mädchen geworden war. Während er ſprach, hielt Frau Hedwig in aͤngſtlicher Spannung des Sohnes Hand und drückte dieſelbe, als er ge⸗ endet hatte, an ihre Bruſt; ſo recht, ſagte ſie aufathmend, ach, ach, ſchon zitterte ich, unſer Sohn könnte in dieſem Falle ſein reines Herz mit einer Handlung befleckt haben, deren Bewußtſein ihn ſpäter gedrückt haben würde, aber Dich geleiteten gute En gel, Goin, mein lieber Goin! Mit dem hinab ins Verließ, entſchied jetzt Egon, da er des Rüſtmeiſters und ſeines Vaters fragenden Blicken begegnete, und dürft Ihr ihn eines Theils ſeiner Bande entledigen, doch nicht aller. Es iſt eben ein wilder, unbändiger Geſelle, den ich kennen gelernt habe auf der Reiſe. Egon umarmte nun auch ſeine jüngeren Ge⸗ ſchwiſter, die ſchon lange jubelnd an ihm herauf⸗ geſprungen waren, und folgte, nachdem im Hofe ſeine Geſchäfte vor der Hand beſorgt waren, ſeinen Aeltern in das Wohngemach, wo der Vielgereiſte, der in den letzten Monaten mehr geſehen und er⸗ lebt hatte als während ſeines ganzen früheren Daſeins, unter Liebkoſungen erzählen und berichten mußte. Er hatte außer dem Vater die Seinigen ſeit der Savoyer Reiſe noch nicht wiedergeſehen, und auch hier in der ſtillen Heimath war manches Ungewöhnliche vorgegangen, darunter hauptſächlich Mariens erſt geſtern gefeierte Hochzeit. Wo iſt denn Marie? fragte Egon, begierig, die liebe An⸗ 46 verwandte wiederzuſehen, zu wiederholten Malen. Wo iſt ſie? Warum kommt ſie mir nicht entgegen⸗ geſprungen, wie ſonſt wohl, wenn ich einmal von Bern auf Vacanz nach Hauſe kam? 4 Mein lieber Sohn, ſagte Frau Hedwig und zog den Rathsknappen in ein Fenſter, das würde ſich nicht wohl ſchicken. Schicken? Warum nicht, Mutter? Iſt Marie nicht mein Bäslein, meine Schweſter? Das wohl, aber, Ihr ſeid nun beide groß und erwachſen, und überdieß iſt mit Marien eine Ver⸗ änderung vorgegangen. Ja doch, ſie hat den Rüſtmeiſter geheirathet; nun Gott ſegne ſie. Ihm habe ich bereits Glück gewünſcht, aber ihr möchte ich es auch. Und dann, fuhr Frau Hedwig fort, iſt auch in ihren Geſinnungen ein Wechſel vorgegangen, na⸗ mentlich in Beziehung auf Dich. Sie ſcheint Dir nicht mehr ſo gewogen wie früher, wo ſie Dich wie eine Schweſter liebte und Dein pflegte, da Du am Fieber darniederlagſt; ſie nährt vielmehr eine Abneigung gegen Dich, wie ſie mir ſelbſt geſtanden hat, und frage ich ſie um die Urſache ſolcher Ab⸗ neigung, ſo gibt ſie eine gewiſſe Rückſichtsloſigkeit Deines Betragens gegen ſie an, ſelbſt eine Art 47 von Rohheit, was ich in der That nicht verſtehe. Er hat mich geſchlagen und geſtoßen, ſagte ſte. Ich? fragte Egon hoch erröthend, das ſagt Marie, Muetti! So ſpricht ſie, fuhr die Amtmännin fort; aber iſt ſte nicht ſeltſam, Goni? Wenn ſolches wirk⸗ lich geſchehen ſein ſollte, ſo war es, da Ihr noch Kinder waret, Du ein wilder Knabe, ſie eine Dirne, die auch nicht zaͤrtlich verwöhnt war; ſo könnte es wohl ſein, daß bei Eueren kindiſchen Spie⸗ len— beſinne Dich nur, mein Bub. Wahrlich, mir fällt nichts ein, ſagte der Jüng⸗ ling, mit der Hand über die Stirne fahrend, und doch— Mutter— einmal, wir waren draußen auf dem Anger und ſpielten Haſchen, aber es ſind wenigſtens 7 Jahre her, ich haſchte ſie, und das Spiel brachte es mit ſich, daß ich ſie dabei ſchlug, ich bereute es gleich nachher; darüber zürnt ſie mir noch!— Die ſchöne Marie, o mein Gott! So ſcheint es, ſprach die Mutter; aber wenn es der Fall iſt, ſo wird ſie Dir jetzt vergeben. Goni, mein Liebling, mein Erſtgeborener, kann man Dir zürnen, wenn man Dich ſieht? O warum nicht, Muetti? Schon manchen Streit mit Geſellen meines Alters habe ich gehabt und v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. II. beſtanden, die mir ganz wacker zürnten. Aber ich hoffe, Marie wird wieder gut werden, wenn ich ihr das ſchöne Kreuzlein anhänge, das ich ihr auf der Rückreiſe von Chambery in dem prächtigen Genf gekauft habe. Das iſt eine Stadt, Mutter! Bern iſt auch ſchön, aber die Pracht und Ueppigkeit in Genf an den blauen Ufern ſeines Sees übertrifft Alles, was wir hier zu Land kennen. Ein Kleinod haſt Du ihr mitgebracht? fragte die Mutter; ei nun ſchaue mir Einer, wenn ſie das nicht verſöhnt. Aber wo iſt ſie? Sie muß herbei, Dich zu begrüßen. Rudi, Rudi, rief die Edelfrau ihrem jüngeren Sohne zu, der in der Stube war, friſch hinauf, ſuche Baſe Marie und ſage ihr, ich bäte ſie, eiligſt herzukommen; unſer Egon ſei hier. Der Knabe ſprang davon, und Egon trat zu ſeinem Vater zurück, um noch verſchiedene Maßregeln, die jetzt zu ergreifen ſein möchten, mit dieſem zu beſprechen. Vor Allem ward die Abſendung berit⸗ tener Botſchaft nach Bern an den hohen Rath mit der Kunde von der glücklichen Ankunft der Gefang⸗ enen von Etivaz auf Schloß Oltingen beſchloſſen und alsbald ausgeführt; dann nahm Egon des Rüſtmeiſters Arm und bat ihn, ihm die Gemächer im Weſtwall, wo die Gefangenen untergebracht waren, zu zeigen; er beſuchte ſie alle, ſah nach, wie es mit eines jeden Bequemlichkeit und Wohlbefinden auf Burg Oltingen ſtand, ließ ihnen Erfriſchungen reichen und war bei deren Vertheilung, ſprach ihnen mit ſeiner treuherzigen Weiſe Muth und Zuverſicht gegen die Großmuth des hohen Rathes ein, der nicht anders gewohnt ſei, als ſeine Kriegsgefangenen mit Milde und Güte zu behandeln. Auch zu des Kap⸗ leſers Gefängniß ſtieg er hinab, redete dem wilden, verbrecheriſchen Manne freundlich zu und ſuchte ihn in ſeinem Unglück zu tröſten; er hatte deſſen aber ſchlechten Dank, indem der Gefangene ſeine auf Egons Befehl entfeſſelten Arme dazu mißbrauchte, eine ſteinerne Kugel, die im Kerker lag und deren er ſich bemächtigt hatte, mit aller Gewalt nach dem Rathsknappen zu ſchleudern. Glücklicherweiſe fehlte ddeer Wurf, der tödtlich hätte werden können, ſein Ziel, doch ſtreifte er Egons Schläfe, ſo daß Blut aus der verletzten Haut drang und die Locke, die ſich hier um das Ohr ſchmiegte, leicht röthete. Der Rüſtmeiſter und ſeine Knechte wollten bei die⸗ ſem Anblick den Uebelthäter niederſchlagen. Egon aber verhinderte es und ſagte dann beim Anatrüt aus dem Kerker: Dieß darf ſein Schickſal nicht erſchweren, und ſollte der Rath ein Gericht über ihn niederſetzen und halten, wie ich wohl vermuthe, ſo wird dieſe That mit Stillſchweigen übergangen. Die galt mir allein, und ich habe darüber zu beſtimmen. Aber Ihr blutet, Junker, und er konnte Euch Schlimmes thun. Pah! Pah! Nimm dieſes Tuch, Kunibert, und trockne mir die Stirne rein ab, ſo daß man nichts bemerkt draußen; ich bin unverletzt, und nur die Haut hat der rauhe Stein ein wenig geritzt. Es war nichts als ein plumper Scherz von dem Kapleſer. Kunibert that, wie er geſagt hatte. Mit friſchem Waſſer, das ſein Knecht aus dem nahen Pump⸗ brunnen herbeiholte, wuſch er den leicht verwundeten Theil, trocknete ihn dann ſorgfältig ab, und ehe die Kunde von dem Unfall ſich weiter verbreitete, waren die Spuren davon faſt beſeitigt. Als Egon wieder hinaustrat in den Burghof, war er ſo friſch und fröhlich, wie zuvor, ſprang aber plötzlich von des Rüſtmeiſters Seite und eilte einer beſonderen Richt⸗ ung nach auf einen Gegenſtand zu, den Jener nicht bemerkt hatte. Marie, rief er dabei, theuere Baſe, liebes Bäslein Marie, o ſteht doch, flieht 24 doch nicht! Wen flieht Ihr denn? Mich, Eueren Bruder, Eueren Freund? Unmöglich! Oeffnet Euere Arme, drückt mich an Euer Herz, wie ich Euch an das meinige preſſe, ſo, ſo Marie! Er hatte bei dieſen Worten das Kleid der Frau Rüſtmeiſterin erfaßt, die in der Thüre ihres Hauſes erſchienen war und ſich nicht ſchnell genug zurückziehen konnte, um von dem ſtürmiſchen Vetter nicht entdeckt und daran ge⸗ hindert zu werden; im nächſten Augenblicke lag er an ihrem Halſe, und ſie ward von ſeinen Armen umfangen und gepreßt; vergebens ſuchte ſie ihn nach der erſten Ueberraſchung, in welcher ſie ihre Abneigung zu vergeſſen ſchien und ſeine Umarmung mit Innigkeit erwiederte, von ſich zu ſtoßen, ſich von ihm loszumachen. Bäsli, rief Egon, Ihr ſtoßt, Ihr drängt mich fort! Mein Himmel, bin ich denn der Alte nicht mehr? Nicht mehr Euer Geſpiele, der Freund und Genoſſe Cuerer Jugend? Doch halt! Ich habe Euch ge⸗ kränkt, wie die Mutter ſagt. Vor 7 Jahren etwa ſchlug ich Euch beim Haſchen, o verzeiht es. Es war Knabenmuthwille, Spielgebrauch, wenn ich nicht irre; doch mag es geweſen ſein, was es will, vergebt es mir, Baſe. Seht, auf meinen 22 Knieen flehe ich um Verzeihung. Nie ſoll es wieder geſchehen. Friede, Verſöhnung! Laßt mich, Junker, laßt mich— Und tauſendfacher Glückwunſch zu Deiner Ver⸗ mählung, Bäsli, tauſendtauſendfacher! Du mögeſt ein glückliches Weib werden! Was ſage ich? Ein glückliches? Das glücklichſte im Berngebiet! Das geſegnetſte, wie Du das ſchönſte biſt, den Engeln gleich an Wohlgeſtalt und Reinheit des Herzens. Junker, ſteht doch auf, ich bitte Euch, ſagte Marie betroffen und düſter. Und mir vergiebſt Du mein Knabenungeſchick? Junker! Junker! Nenne mich Vetter, nenne mich Goni, zauſe mich, hier iſt mein Kopf, hier ſind meine Ohren, zauſe mich, zauſe mich, Marie; ich will Deine ſchöne Hand dankbar küſſen, nur vergieb mir. Ich kann den Gedanken nicht aushalten, daß Du mir zürnſt. Dort kommt mein Gatte, laßt mich los. Keine Vergebung, Marie, flehte der Jüngling und drückte ſein ſchönes Haupt in ihre Gewänder. Ich kann nicht, erwiderte ſie und reichte über ihn hinweg dem Gatten die Hand. Kunibert, ſteh doch, ſagte ſie, der Junker ſpottet mein; er treibt E 23 Kurzweil und umarmt meine Knie. Wie gefällt Euch das, werther Eheherr? Mir muß es wohl gefallen, entgegnete Jener, denn er iſt der Herr, mindeſtens des Herrn Sohn; aber ein Ende nehmen könnte immerhin das Spiel. Junker, Euere Schläfe blutet wieder und befleckt das neue Zitzkleid meines Weibes; ſeid ſo gefällig, Euch zu erheben. Großer Gott, rief Marie, herabblickend und nun erſt wahrnehmend, daß Kunibert Recht hatte, großer Gott, er blutet. Was iſt ihm geſchehen? Zu Hülſe, zu Hülfe, Egon blutet. Sie ließ eine ihrer Hände auf ſein Haupt ſinken, mit der anderen mußte ſie ſich an die Thürpfoſte halten; der Anblick ſeines Blutes ſchien ſie zu über⸗ wältigen und die alten Gefühle ſchweſterlicher, über den Groll ſiegender Liebe plötzlich wieder hervorzu⸗ rufen. Mit einem Sprunge war Cgon wieder auf ſeinen Füßen, lachte und ſagte: Es iſt nichts, ich ſtieß mich unten im Verließ an eine Ecke, doch nur leicht. Ja doch, höhnte der Rüſtmeiſter, ein ſchönes Verſehen, das; wäre es kein Verſehen geweſen, unſer Junker läge jetzt todt da, wo er, Gott ſei Dank, wieder recht wacker auftritt. Aber dem will ich es gedenken, fuhr er fort und deutete nach dem Thurm, unter welchem ſich das Verließ befand; aus eigener Machtvollkommenheit laſſe ich ihn auf⸗ knüpfen oder lege ihm den Kopf vor die Füße, noch ehe die Herren von Bern kommen; ja, ſo thue ich gleich nach dem Mittagseſſen— Kunibert, Kunibert, ſagte Egon verweiſend. Aber Ihr, ſchöner Junker, fiel ihm der Rüſt⸗ meiſter in das Wort und runzelte die Stirn etwas. Du ſollſt mich nicht ſo nennen, wie ich Dich ſchon einige Male bat, ich bin Dein Spielgenoſſe und Bruder Egon. Alſo Du, Egon, ſtotterte Kunibert; aber Du darfſt mein Weiblein nicht umarmen und nicht zu ihren Füßen liegen, wenn ſie auch zehnmal Deine Baſe iſt; ich bin, daß Du es nur weißt, eiferſüchtig, und ein Glück, daß ſie Dir grollt. Ich bat nur um Vergebung, ſagte Egon, daß Marie dieſen Groll, deſſen Urſache ſchon ſo fern liegt, fahren laſſe; doch ich muß hineingehen und die Mutter um ein Heilpfläſterlein bitten auf die⸗ ſen Ritz hier; ſie hat dergleichen, ich weiß, in Vorrath. Auf Wiederſehen, Marie! Er ging, und ein feſtlicher Mittagstiſch, unter * 25 Frau Hedwigs Leitung möglichſt gut hergerichtet, vereinigte Alles, was ſeiner Stellung und ſeinen Beziehungen zur Familie des Amtmanns nach nur irgend dieſer Ehre theilhaftig werden konnte, in der großen Wohnſtube. Egon erſchien dabei mit einem kleinen Pflaſter an der linken Schläfe, was ihn aber nicht entſtellte, und, nach abgelegten Reiſe⸗ kleidern, äußerſt ſchmuck angethan. Frau Hedwig ſah ihre Freude an ihm; ihr Goni war doch der ſchönſte Jüngling, den ſie je geſehen hatte, ſchöner noch als ſein Vater, da dieſer in ähnlichem Alter ſtand, ein Bu zum Küſſen und gegen alle Welt ſo freundlich und lieb; man mußte ihm gut ſein, und war es denn nicht auch Jeder männiglich in der Burg? Drängte ſich nicht Jung und Alt an ihn und ſuchte ſich ihm bemerklich zu machen, durch kleine Dienſte und Aufmerkſamkeiten ſich ihm ge⸗ fällig zu zeigen. Unbegreiflich, daß Marie allein hierin eine Ausnahme machte. Sie kam jetzt, in⸗ dem die Baſe über dieſen Umſtand, der ihr Kummer bereitete, eben von Neuem nachzudenken anfing und, alle Umſtände zuſammen überſchauend, leiſe vor ſich hinſprach: Was will nur die Rüſtmeiſterin? Ich habe ſie als Kind gehalten und ge⸗ liebt, aber ſie hat mich doch hintergangen. Sie hat 26 mich um das Glück und die Ehre gebracht, ihr am Hochzeitstage den heiligen Myrtenkranz auf das Haupt ſetzen zu dürfen. Sie hat Zucht und Tu⸗ gend verleugnet, gleichviel mit wem und daß der Verführer ihr künftiger Gatte ſelbſt war. Wie kann ſie, mit ſolcher Schuld belaſtet, noch ſtolz und kalt ſein gegen ihren Vetter Egon, der noch ſo rein da ſteht, ja, mit ihr verglichen, ein wahrer Engel iſt? Sie verdient, bei Licht betrachtet, das Geſchenk gar nicht, welches er ihr zugedacht, nicht ſeine freundliche Anſprache. Mein herrlicher Sohn hat ſich gede⸗ müthigt vor dieſer Stolzen und Kalten, und im Grunde iſt ihr Platz zu ſeinen Füßen; nicht er hat ihr Unrecht abzubitten und ihre Verzeihung zu er⸗ flehen, wie er gethan hat, nein ſie die ſeinige, die Huld ſeines reinen Auges, die Gnade ſeiner Zuneigung. So grübelte Frau Hedwig vor ſich hin, als Marie mit ihrem Gatten eintrat, und dieſe Betracht⸗ ungen waren eben nicht geeignet, den Empfang des rüſtmeiſterlichen Paares von Seiten der Hausfrau herzlicher zu machen; im Gegentheil zeigte ſich die Baſe ziemlich kühl, und es lag ein ungütiger Aus⸗ druck in ihrem Lächeln, was aber jetzt nicht weiter beachtet ward und nun vollends wirkungslos 27 blieb, als der Held des Tages, Egon, jetzt alsbald dem Ehepaare entgegentrat, dem Gatten die Hände ſchüttelte und ſagte: Wahrlich, Kunibert, Du biſt ein Mann von Geſchmack und Glück, daß Du eine ſo ſchöne und edle Hausfrau errungen haſt, wie mein Bäsli iſt, und dazu eiferſüchtig biſt auf ſolchen Schatz, wie Du mir geſagt haſt. Siehe, das nehme iicch Dir nicht übel, vielmehr nähme ich Dir es übel, wenn Du es nicht wäreſt. Aber auf den Bruder, auf Deinen und ihren Bruder darfſt Du es nicht ſein und nicht etwa ſchel ſehen, wenn ich Marien ein kleines Geſchenk übergebe, das ich auf der Durchreiſe durch Genf bei einem der dortigen kunſt⸗ reichen Goldſchmiede für ſie kaufte. Und Ihr, ſchöne Baſe, Du, Marie, geſtatte mir, dieß Kreuzlein an goldener Kette um Deinen Hals zu hängen, und gönne ihm ein Plätzchen an Deiner keuſchen Bruſt eben ſo wie mir ein ganz kleines Räumlein in Deinem Herzen. Er zog bei dieſen Worten das Kleinod aus ſeiner Bruſttaſche, machte es geſchickt von der Hülle frei, in der es ſich befand, und bald ſpielte der Sonne Strahl in dem Golde und dem ſchön gefaßten Steinlein in ſeiner Hand; er näherte nun dieſe Hand Marien, und ehe ſie es ſich verſah, war ſie ge⸗ ſchmückt und ſtand, hoch erröthend und erbleichend in ſchnellem Wechſel, vor dem Vetter da. Faſt war ſie nie ſchöner geweſen. Egon erkannte das, nund ſchnell den einen Arm um ſie ſchlingend, zog er ſie ſanft an ſich, hauchte einen Kuß auf ihre Stirn und bat: Aber nicht mehr böſe, Marie, nicht mehr zürnen mit dem Knaben Egon! Zürnſt Du auch mit den Vettern Rudi und Seppi, wenn die Buben einmal ungeſtüm waren? 4 Hoho, Junker, rief Kunibert und ſchob ſich zwiſchen ſein Weib und den Vetter, das iſt von Ueberfluß. Mit Gunſt, laßt ſie gefälligſt los und ſeid ohne Sorgen. Sie ſoll Euch nicht mehr zürnen, ich will ihr ſchon zureden; nur bemüht I Euch nicht weiter. Aufrichtig geſagt, auch ich finde dieſen Zorn Mariens gegen Euch ſeltſam, ja kindiſch. Noch mehr als das, fiel die Amtmännin ein. Verlaßt Euch darauf, es ſoll anders werden, geſtrenge Frau. Edler Junker, ich ſage Euch, es ſoll anders und ihr Gemüth gegen Euch ſo blank werden, wie der Harniſch, den ich putze. Aber Mordelement, iſt das ein fein Ding! fuhr er fort, des Junkers Geſchenk näher betrachtend, und wie es der Frau Rüſtmeiſterin ſteht. Laßt doch ſchauen, Marie, heiliger Nicolaus! und in Genf kauftet 6 29 Ihr das, Junker? Freilich hier in Oltingen, in Aarburg, und ſelbſt in Solothurn ſieht man der⸗ gleichen Halsketten nicht! Machen doch d'Lüt viel Rühmens von Genf; was mich betrifft, hab's nie geſehen. Ihr aber, liebenswerther Junker, ſeid allzu gütig, allzu großmüthig gegen mein Weiblein. So ſprach der gute Rüſtmeiſter, ſchwankend zwiſchen eiferſüchtelndem Groll und geſchmeichelter Eitelkeit, die ſich in Marien ſelbſt geehrt ſah; Frau Hedwig gab ihm nicht Unrecht, vorzüglich in dem, was ſeine letzten Worte beſagten. Egon entſchuldigte ſich bei der Mutter und den kleineren Geſchwiſtern, daß er nicht auch ihnen ein Andenken von ſeiner wälſchen Reiſe mitgebracht habe, mit dem geringen Beſtande ſeiner Caſſe, der ihnen Allen ja kein Geheimniß war, und dann ging man fröhlich und wohlgemuth zu Tiſche, an welchem die Beſchenkte ihren Platz neben dem Geber erhielt. Marie ſchien dieſen ihren von Allen beneideten Ehrenplatz doch nicht ſehr zu würdigen; wenigſtens war ſie durch ihn und durch das Geſchenk, welches ſie ſchmückte, nicht eben zu Hei⸗ terkeit und Freude angeregt, ſondern einſilbig und zerſtreut und mußte ſich mehrmals von ihrem Gatten ſelbſt darüber bereden laſſen. Herr Wilibald brachte mit gefülltem Pokal ſeines Erſtgeborenen Geſund⸗ 30 heit aus, eine Geſundheit, welcher Jeder nach Kräften Beſcheid that. Kunibert ſtürzte den Inhalt ſeines Bechers mit einem Zuge hinunter, faſt alle Tiſchgenoſſen leerten den ihrigen. Marie allein netzte kaum die Lippen mit Wein und entſchuldigte ſich damit, daß ſie nie welchen tränke. Die Amt⸗ männin fand, daß heute wohl eine Ausnahme von der Regel gemacht werden dürfe, und ſchrieb im Stillen dieſes Ablehnen der ehemaligen Pflegetochter mit in deren Sündenregiſter in Betreff ihres Be⸗ nehmens gegen Egon, das nach ihrer Meinung jeden Augenblick wuchs. Egon dagegen übertraf ſich ſelbſt an Liebenswürdigkeit, feinem ritterlichen Weſen und frohem Jugendſinn; daß er fröhlich, glücklich und heiter war, wer mochte es ihm ver⸗ denken? Es war ſo natürlich, ſo lange hatte er nicht im Vaterhauſe am Tiſche der lieben Aeltern, umringt von Allem, was ihm theuer war, gegeſſen. Geſund im Gefühle wohlvollbrachter Pflicht, das Gewiſſen mit keinem Vorwurf belaſtet, wie hätte er nicht vergnügt und geſprächig ſein ſollen? Wenn er erzählte, und er that es, vom Vater dazu auf⸗ gefordert, mit Beſcheidenheit, von ſeinem Zuge ins Frutiger Land, wo er die Männer zum Zuzug gegen die ſavoyſche Grafſchaft, aus 34 welcher er jetzt eben herkam, aufgemahnt hatte, wenn er von ſeinen kleinen Abenteuern im Gebiete von Etivaz und Gruyres berichtete, wie ſchwiegen da die Knaben, die ſonſt ein wenig vorlaut waren, wie lauſchte die ganze Tiſchgenoſſenſchaft auf ſeine Worte! Gegen das Ende der Mahlzeit ward dem Amtmann eine Meldung gemacht, die ihn bewog, aufzuſtehen, wobei er jedoch den Uebrigen winkte, ſitzen zu bleiben, worauf er mit der Bemerkung, er werde alsbald zurückkommen, gegen die Stubenthüre vor⸗ ſchritt. Der Rüſtmeiſter, ſeines Dienſtes eingedenk, folgte ihm ungeachtet der empfangenen Weiſung. Was iſt? fragte er. Bleibt doch, geſtrenger Herr Amtmann, ſchickt mich, ſtört doch Euere Bequem⸗ lichkeit nicht. Bleib' nur, Kunibert, bleibe, entgegnete der Amtmann. Vater, rief Egon, ſende mich, ſo es meine Gefangenen betrifft, für deren Mittagsmahl übrigens, wie die liebe Mutter ſagt, beßtens geſorgt iſt. Und um ſo beſſer, erwiderte der Amtmann lächelnd, als ihre Verpflegung auf Rathskoſten geht und ich die Weiſung empfangen habe, es ihnen an nichts fehlen zu laſſen. Darüber ſei ruhig, Bub'. 32 Nein, es iſt ein Aarburger Knecht, der mich zu ſprechen verlangt. Ein Aarburger? Ein Knecht Vetter Donats? O der kann warten, bis Ihr Euer Mahl beendigt habt, Vater, in der Geſindeſtube bei unſeren Knechten. Was treibt denn Vetter Donat? Wie geht es ihm? Darüber, mein Sohn, entgegnete der Amtmann, der den Rath Egons annehmbar fand, indem er ſich wieder niederließ, dem Rüſtmeiſter aber einen Wink gab, zu thun, wie Jener geſagt hatte, dar⸗ über, Sohn, können wir Dir keine beſtimmte Aus⸗ kunft geben. Des Aarburgers Leben, Du weißt's ja, iſt das regelmäßigſte nicht, und wie die Sage geht, weilt er ſchon ſeit längerer Zeit nicht mehr auf ſeiner väterlichen Burg. Ich ſah ihn zuletzt mit Dir in der Gelagſtube zu Bern. Wo er ſich herumgetrieben ſeitdem, iſt mir nicht bekannt; ver⸗ muthlich weiß es der Knecht, der draußen wartet, und ich werde ihn befragen nach dem Wohlergehen ſeines Herrn, der doch immer unſer Verwandter iſt. Nun, Kunibert, wandte ſich der Ritter von Stein gegen den wieder in das Zimmer tretenden Rüſt⸗ meiſter. Es verhält ſich ſo, Ew. Geſtrengen, berichtete 33 dieſer, ich kenne den Burſchen, es iſt ein Reiſiger des Aarburgers, aus dem nahen Binsgau gebürtig, ein rechtes Galgengeſicht, wie denn Herr Donat meiſt Geſindel und loſes Volk in ſeinen Dienſten hat. Selten iſt ein rechtlicher Mann dabei. Nein, nein, Kunibert, fiel ihm der Amtmann ins Wort, man muß nicht das Aergſte ſagen und ſich in Acht nehmen mit ſchlimmen Urtheilen über den Nächſten. Wir können nicht Alle ein gleiches Leben führen und die nämlichen Grundſätze haben. Vetter Donat iſt, ſoweit ich ihn kenne, ein wackerer De⸗ gen, wenn auch ein wenig wüſt. Du haſt doch dem Knecht einen Trunk einſchenken laſſen? Das habe ich, obgleich ich gewiß bin, daß ein Schelm Eueren Wein trinkt. Laßt das. Er will Euch allein ſprechen, der Strolch, flü⸗ ſterte Kunibert, zum Ohre des Amtmanns geneigt. Gut, gut. Beide Männer ſprachen noch leiſer, und Frau Hed⸗ wig, welche ihr Wort dazu geben wollte, vielleicht auch ihren kleinen Unmuth gegen Marien noch nicht ganz unterdrücken konnte, erhob ihre Stimme zu einem Geſpräch mit dieſer. Nun, Marie, ſagte ſie, nun, werthe Frau Baſe, wie iſt's? Noch immer ſo ſtill v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. II. und einſilbig? Ei wollte ich ſchwatzen und wohl⸗ gemuth ſein, hätte ich ein ſo ſchönes Kettlein um den Hals, ein ſolches Kreuzlein von Edelſteinen an der Bruſt. Schon lange liege ich den Goni an, er ſoll mir verrathen, was es koſtet; er thut es nicht, der Schelm. Ja, ja, andere Zeiten, andere Sitten. Mein Brautſchmuck war ungleich weniger ſchön. Haſt Du Dich dafür denn bedankt bei dem Vetter, Bäslein? Marie ſtammelte verlegen einige Worte. Ich für meinen Theil ſah und hörte nichts, fuhr die Amtmännin fort. Mit Gunſt, geſtrenge Frau, fiel der Rüſtmeiſter ein, ich that es an meiner Frau Stelle. An Euch war's im Grunde weniger. Ihr kennt Mariens Blödigkeit— Die kenne ich im Grunde nicht. O liebe Mutter, laßt das doch, bat Egon in peinlicher Bewegung, Ihr könntet meine holde Baſe von Neuem auf mich zürnen machen. Auf Dich zürnen? Dazu ſehe ich ſehr wenig Urſache; anſtatt zu zürnen, ſollte ſte Dir die Hand küſſen. Beßte Muttes— 3⁵ Ja, ſieh, ſo wie ich es mache, ich bin Deine Mutter und ſchäme mich deſſen nicht. Bei dieſen Worten nahm ſie des Jünglings Rechte und führte ſie trotz ſeinem leichten Wider⸗ ſtreben, ein ernſthaftes wagte er nicht, an ihre Lippen. Wie ſchön ſagte ſie, mehre Küſſe darauf drückend, wie ſchön ſeine Handli geworden iſt und ſo weich und warm; es iſt kein Opfer, wohl aber eine Freude, ſolche edle Hand zu küſſen. Mutter, allzu gütige Mutter! ſagte Egon mit hohem Purpur auf den Wangen. Um Gott, rief der Rüſtmeiſter, was fehlt meinem Weib? Es iſt ihr übel, ſie ſchwankt. In der That war die Rüſtmeiſterin einer Ohnmacht nahe und neigte ſich mit brennenden Blicken auf das Be⸗ ginnen der glücklichen Mutter und doch todbleichen Wangen gegen ihren Gatten, der ſie unterſtützte; doch führte dieſer Zufall das Ende der Mahlzeit herbei. Marie erhob ſich vom Tiſch, und Kuni⸗ bert führte ſie zu einem Faulbett, auf welchem er ſie niederließ, und wo er hoffte, daß ſie ſich er⸗ holen werde; es war ihm nicht recht, wenn viel Aufſehens über dieſe kleine Anwandlung, deren Natur und Urſache er zu errathen glaubte, gemacht wurde; junge Frauen, ſo hatte er wohl einmal 36 vernommen, ſeien in gewiſſen Umſtaͤnden der An⸗ wandlung von Ohnmachten ausgeſetzt. Er wagte dieß nicht zu ſagen, aber er dachte es und war dann nicht mit Worten, aber in der That recht beſorgt und geſchäftig um ſein erkranktes Weib. Die Amtmännin holte ihr Riechfläſchchen mit ſtärkender Eſſenz herbei, die Schläfe der Ohn⸗ mächtigen wurden damit gerieben, und ſie erholte ſich allmälig. Während der Zeit war der Amtmann nicht im Zimmer geweſen, er ließ gern die Frauen für ſich walten und ging ſtill ſeinen Geſchäften nach; jetzt trat er wieder ein, und nachdem er ſich nach Ma⸗ riens Befinden erkundigt und daruͤber Beruhigendes vernommen hatte, winkte er Egon zu ſich und ging mit ihm in das Gaden, das kleine Sprechſtübchen, das gewöhnliche Anhängſel aller helvetiſchen Wohn⸗ gemächer. Sohn, ſagte er dort, was mich betrifft, ſo muß ich bekennen, daß ich früher Marien, unſer Pflegekind, liebenswürdiger gefunden habe als in neuerer Zeit; ihre Gereiztheit, ihr ungleiches Weſen, ja ihre Hinfälligkeit, die früher dem ſtarken, friſchen Landmädchen ſo fremd war, wollen mir nicht recht gefallen. Doch laß das, ich ſehe ſchon, Du willſt 37 ſie vertheidigen, ſpare Deine Worte. Von etwas Anderem lieber; rathe, woher ich komme. Aus der Geſindeſtube, Vater? Ja. Und was wollte des Aarburgers Knecht bei mir? Nein, das erräthſt Du nicht, Goni. Siehe, dieß Papier befand ſich in des Burſchen Händen, und er bot es mir zum Verkauf an. Damit überreichte der Amtmann ſeinem Erſtge⸗ borenen ein zuſammengelegtes, mit Schrift und Siegel verſehenes Pergament, welches Egon nicht ohne Verwunderung nahm und auseinander faltete. Er war ein fleißiger Schüler der frommen Väter in Bern geweſen und verſtand daher das Leſen meiſterlich. Das iſt, ſagte er nach einer Weile, in der er die Schrift betrachtet hatte, ſo viel ich daraus entnehme, eine Schuldverſchreibung von vielen Tauſenden, aus⸗ geſtellt einem Gläubiger.— Ganz recht! Sieh nur die Unterſchrift. Heiliger Urban! Mein eigener Name, ſagte der Jüngling erſchrocken. Der Deines Großvaters, der Dein Pathe war und Deinen Taufnamen hatte. Nach ihm heißeſt Du Egon. Er war durch Kriegszüge in's 38 Unglück gekommen und ſuchte Hülfe bei einem Lombarden, die er auch fand. Großer Gott, und dieſer Lombarde? War der Vater Herrn Werner Schillings in Luzern. Ach mein Himmel! Dem ich in Genf und ganz vor Kurzem in der Grafſchaft Greyerz begegnete. Deſſelben. Kurz, Egon, dieß Pergament, wie Du es hier ſiehſt, iſt äußerſt verhängnißvoll für uns und hat Deinen Großvater und mir, auch Deiner Mutter ſchon viele Sorgen gemacht, mittel⸗ ³ bar ſelbſt auf Dich und Deine Geſchwiſter einge⸗ wirkt. Es iſt die Urſache, daß ich Dir von jeher manchen Wunſch verſagen mußte, manche Zier und Luſt in Kleid, Waffen oder Roß, wie ſie die reichen Junker in Bern haben, die Patricierſöhne. Dein Schmuck, mein Junge, war Einfachheit in Sitte und Thun, gerechter Wandel vor Gott und Men⸗ ſchen, Geſundheit, Kraft und Blüthe Deines Leibes. Ich denke, das Alles iſt auch nicht übel und wiegt wohl manchen koſtbaren Firlevanz auf; denkſt Du nicht auch? Ihr habt immer Recht, Vater. Nun ſtelle Dir vor, Egon, Schilling's Pfand⸗ brief, der von meinem Vater ihm ausgeſtellte 39 Wechſel, dieſes Document, kraft deſſen er mich und uns Alle ſchon ſo mannigfach geplagt und gedrückt hat, iſt in unſeren Händen. Kein Zweifel, dieß Pergament iſt es. Aber wie, auf welche Art, um Chriſti willen, kamt Ihr dazu, Vater? fragte der Rathsknappe ganz aufgeregt. Erräthſt Du's nicht? Des Aarburgers Knecht hatte es und bot es mir zum Kauf an. Ein Mönch im nächſten Kloſter, bei dem er gebeichtet, hatte ihm den Inhalt des Documentes einigermaßen erläͤutert und ihm geſagt, daß er es auf Oltingen beim Vogt verſilbern und in Geld umſetzen könne. So kam der Burſche hierher. Und Ihr kauftet das Euch Angebotene, Vater? Natürlich, da ich durchaus nicht ermitteln konnte, wie es in den Beſitz des Knechtes gekommen ſein mochte. Denken läßt's ſich, gewiß nicht auf die ehrlichſte Weiſe, aber er wich allen meinen Fragen darüber aus und war zuletzt ſo hartnäckig und ver⸗ ſtockt, daß ich der Sache ein Ende machte, dem Strolch die geforderten 10 Burgunder Thaler gab und ihn dann zum Teufel ſchickte. Hm, Hm! Zehn Thaler gabt Ihr ihm? Allerdings eine Kleinigkeit im Vergleich zum Werthe des Documentes, von welchem der Burſche nur ſehr undeutliche Begriffe hatte; er mochte die Erläuterung des Kloſterbruders wohl nicht ganz verſtanden haben, war froh, für das vergilbte Blatt noch ſo viel zu erhalten, ging völlig zufrie⸗ den davon, und ich bin im Beſitze des Wechſels. Der Amtmann, obwohl er Urſache dazu gehabt hätte, jubelte hierüber nicht, ſondern legte, nachdem es gehörig beſichtigt und geprüft worden war, das Pergament wieder ernſt und nachdenklich zuſammen, und beide Männer gingen dann, mit einander plaudernd, das ganze Gebiet der Möglichkeiten durch, wie und auf welche Weiſe das Document wohl in des Aarburgers Hände gekommen ſein könnte. Offenbar war es geraubt worden, denn Schriften wie dieſe pflegen ihre Inhaber ſorgſam zu bewahren und, wenn ſie dieſelben bei ſich führen, nicht gutwillig in Jedermanns Hände zu geben. Sollte Vetter Aarburg ſelbſt— fähig wäre er ſchon eines ſolchen Streiches, meinte der ſonſt ſo mild richtende Amtmann, oder der Raubritter, aus deſſen Händen Egon Herrn Schilling in der Graf⸗ ſchaft Gruysres befreit hatte— dennoch hatte er nichts von einer Gewaltthat und Beraubung geſagt. Freilich war er mit ſammt ſeinem Güterzuge d — 44 2 auf faſt unerklärliche Weiſe aus jenem Dorfe verſchwunden, wo ſie zuſammen übernachtet hatten, obgleich Egon ihm weiteren Schutz, ſo viel er ſol⸗ chen gewähren konnte, zugeſagt hatte. So blieb denn nichts übrig, als die Löſung dieſes Räthſels der Zukunft anheim zu geben, einer Zukunft, die vielleicht ſehr nahe lag, denn offenbar war zu er⸗ warten, daß Herr Schilling, falls er noch lebte, nicht unterlaſſen würde, ſeinen Schuldner an dem nächſt bevorſtehenden Zahltermine ſchriftlich oder mündlich zu mahnen. Indem Vater und Sohn ſich noch hierüber in Vermuthungen ergingen und allerhand Pläne rück⸗ ſichtlich ihres einzuhaltenden Benehmens in dieſer Angelegenheit entwarfen, war Frau Hedwig um Marien beſchäftigt, deren Unwohlſein doch nicht ſo leicht vorübergegangen war, als man geglaubt hatte hoffen zu dürfen. Ihre Hände brannten immer noch fieberiſch, ihre Wangen glühten, und zuweilen beywegte ſie die Lippen, wie zum Reden, verſchloß ſie aber wieder, wenn ſie Frau Hedwigs große Milde und ruhige, aber ernſte Augen erblickte; ſie ſchien mit ſich zu kämpfen, ohne zum Siege ge⸗ langen zu können; Frau Hedwigs mütterliche Freund⸗ lichkeit und Sorgfalt thaten ihr wohl und wehe zugleich. So nahte der Abend, und Egon verkehrte noch immer mit dem Vater, der des Sohnes einmal ſo recht genoß; Frau Hedwig aber reichte der Kranken einen ſelbſt bereiteten Kühltrank; da erhob ſich dieſe plötzlich und flüſterte, das Haupt an der Pflege⸗ mutter Bruſt geſchmiegt: So es ſein kann, theuere Frau Baſe, laßt die Kinder ein wenig hinausgehen; ich habe Euch etwas zu ſagen, was keinen weiteren Zeugen verträgt. Schweigen würde ich, aber bei meinem jetzigen Zuſtande wäre es möglich, daß ich ſtürbe und ſo mit einer Lüge gegen Euch aus dieſer Welt ginge. Unter einem paſſenden Vorwande ſchickte Frau Hedwig ihre junge Tochter fort, die Knaben waren längſt draußen, und näherte ſich dann der Leidenden. Um Gott, ſagte ſie, was werde ich wieder hören müſſen?! Ich geſtehe, Marie, daß Du ſeit geſtern mein Herz ungewöhnlich aufregſt und ängſtigſt durch Alles, was ich von Dir vernehme und ſehe, auch durch Dein kaltes und unſchweſterliches Be⸗ 4 nehmen gegen unſeren Goni, Deinen Bruder. Ach theuere, theuere Mutter, rief Marie und er⸗ griff die Hand der Amtmännin, wäre er das! Was ich Euch ſagen will, wird Euch vielleicht wieder ausſöhnen, vielleicht noch mehr gegen mich 43 Foerzuͤrnen. Gleichviel, ich muß reden, Ihr werdet mich nicht verſtoßen und mir um der Qualen willen, die ich leide, verzeihen. Wiſſet denn— O woher nehme ich den Muth, es Euch zu geſtehen, daß eine heiße, flammende Liebe gegen den edelſten und ſchönſten aller Jünglinge in meinem Herzen brennt. Nun wohl, ſagte die Amtmännin, als Marie hier wieder ſtockte, der Rüſtmeiſter kann ſich Deines Urtheils freuen, er iſt gewiß ein wackerer Mann, obwohl ich finde, daß die Liebe ſeines jungen Weib⸗ chens, ihre Leidenſchaft bei dieſem Bilde von ihm ein wenig den Pinſel geführt hat. Nicht er, alle ihr Heiligen, nicht Kunibert. Ihr wollt mich nicht verſtehen, Mutter. So muß es denn über meine Lippen. Egon iſt es, den ich liebe, in meinem Herzen trage, vergöttere,— und ich gehöre einem Anderen! Nun urtheilt von meinen Leiden, edle Frau. Egon?! Armes Kind, aber Du haſſeſt ihn ja, Du grollſt, Du zürneſt ihm— Was wollte ich Aermſte thun, als dieſe Liebe anfing alle meine Gedanken, meine Traͤume ſelbſt zu erfüllen, als mir und Anderen einzureden, ich ſei dem Herrn meiner Seele, dem König meines Herzens gram, und jeden ſcheinbaren Grund dafür aufzu⸗ ſuchen; es gelang mir theilweiſe; ich ſelbſt fühlte jedoch nur zu ſehr, wie dieſe Täuſchung immer mehr zur Lüge ward und wie die innere Gluth nur eines geringen Luftzuges, eines Athemzuges bedurfte, um unverſehens hervorzubrechen. Ihr ſelbſt, theuere Mutter, führtet dieſen Augenblick herbei. Ich, Kind? Ja, indem Ihr mich wegen meiner Kälte gegen Egon tadeltet, gegen ihn, zu deſſen Füßen ich ſo gern mein Daſein ausgehaucht hätte, als Ihr mich auffordertet, ſeine Hand zu küſſen, dieſe geliebte Hand, die zu küſſen mein heißeſtes Verlangen war, eine Sehnſucht, welche ich bisher immer mit aller Kraft, deren ich fähig war, zurückgewie⸗ ſen hatte. Jetzt führtet Ihr ſelbſt, gewiſſermaßen mir zum Beiſpiel, ſeine ſchöne, gütige Hand an Euere ehrwürdigen Lippen; dieß ſehen, und meine Stärke brach. Ich wäre vom Stuhle geſunken, hätte Kunibert mich nicht gehalten. Kunibert, der werthe, mannhafte Gatte, der Vater Euerer künftigen Kinder, Marie, ihm wendet Euere Neigung zu, er verdient ſie auch.— Ach, was iſt er neben Egon? ein Knecht, nichts Anderes als der letzten einer aus Hof und 45 Stall, waͤhrend er der Herr und Gebieter iſt überall, wohin er ſein ſtrahlendes Auge richtet. O Baſe, nur einen Kuß auf ſeine Hand, und ich will ſterben. Arme Marie, Du biſt krank. Doch ſtill, ich höre Sporentritte, der Gang klingt wie der ſeinige. Ja, fürwahr, da kommt er. Soll ich Dich hinüber führen in Deine Wohnung, meine Tochter? Ach nein, vergönnt mir zu bleiben. So magſt Du jetzt Deinen Wunſch erfüllen, ſicher wird er Dir nahen, flüſterte die Amtmännin. Und ſo geſchah es im nächſten Augenblick. Egon trat alsbald zu dem Faulbett, auf welchem die Frau Rüſtmeiſterin ausgeſtreckt lag, und ſagte: Was? Das Bäslein noch immer unwohl? Ich will es nicht glauben. Sprich doch, Marie, liebe, un Marie, biſt Du wirklich leidend? Er näherte mit dieſen Worten ſeine beiden Hände ihrem Haupte und berührte damit, leiſe koſend, ihre Stirne, ihr Haar, unbefangen, wie ein zärtlich beſorgter Bruder. Jetzt erhob ſie die ihrigen zitternd, erfaßte damit ſeine Rechte und zog ſie an ihr Antlitz, an ihre Wangen, an ihre heißathmenden Lippen; er wollte ſie wegziehen. Laß doch, ſagte die Mutter, laß doch die gute Marie ihre Dankbarkeit und ſchweſterliche Zuneig⸗ ung einmal recht nach Herzensluſt ſich kund geben. Ei, wenn das iſt, ſprach der Jüngling, und gleich darauf hatte er die Hand weggezogen und ſein Haupt zu dem ihrigen herabgeneigt, und ſein Mund glühte in einem herzinnigen Kuß auf dem ihrigen. Ein Hornruf des Thurmwarts unterbrach dieſes kleine Feſt der Zärtlichkeit und erſparte Frau Hed⸗ wig die ſchon bereit gehabte Erinnerung und dem wackeren Rüſtmeiſter eine etwaige Urſache zur Eifer⸗ ſucht, wenn er dieſer Leidenſchaft überhaupt zu⸗ gänglich war, wie er ſagte, denn es iſt nicht eines jeden Ehemannes Geduld gegeben, ruhig zuzuſehen, wenn ein ſehr hübſcher, zwanzigjähriger Jüngling ſein Weib küßt, wäre dieſer Jüngling auch ihr Vetter oder brüderlicher Spielgenoſſe. Man eilte an das Fenſter oder in den Hof, das Wohnzimmer lag zu ebener Erde, und in wenig Minuten ritten mehre Männer durch das innere Burgthor ein, denen Egon mit fröhlichem Geſicht entgegenging, und die er eben ſo ehrerbietig als freundlich be⸗ grüßte. Auch ſein Vater kam mit abgezogenem Sammtmützchen herbei; es waren Berner Herren, Abgeordnete des hohen Regierungsrathes, welche in Folge der empfangenen Meldung jetzt im Auftrage 47 jener höchſten Landesbehörde erſchienen, um wegen der glücklich hierher geführten Gefangenen die nöthigen Maßregeln und Beſtimmungen zu treffen. He, Goni, rief ein kleiner, alter Mann in ſchwarzem Sammetmantel, der auf einem ſehr hohen Roſſe ſaß, dem Rathsknappen zu, erſter unſerer Knappen, komm' und hilf mir aus dem Sattel; Du kennſt meine Stute noch, es iſt ein gutes, aber etwas hochbeiniges Thier, und unſer einer wird alle Tage ſtumpfer. Ach, Ihr ſeid es, Euer Geſtrengen, rief der Jüngling und blickte hoch erfreut in das Antlitz ſeines alten Gönners, des Rathſchreibers, ei, grüß Euch Gott tauſendmal, Herr Furter, willkommen auf Oltingen. Und damit half er ihm auf die Beine, indem er den Alten geſchickt aus ſeinen Steigbügeln los⸗ machte und ihm, der ſich nun förmlich herabwarf, in ſeine ſtarken Arme ſanft niederſetzte. Dank, Junker Egon, Dank! Mord, ſeid Ihr ein kräftiger Burſche, Ihr handhabt unſer einen wie eine Feder, die gar kein Gewicht hat. Und wenn es darauf ankäme, glaube ich, trüget Ihr den alten Furter auf Eueren Armen bis Bern. Warum das nicht, geſtrenger Herr? 48 Euer Diener, Herr Amtmann, wandte ſich nun Furter gegen den älteren Stein; nun, was ſagt Ihr? Heute dürft Ihr nicht über Mangel an Zuſpruch klagen, ich bringe ein ganzes Gericht mit; nichts fehlt, nicht einmal Meiſter Peter der Halsab mit ſeinen Knechten für den Fall, daß wir ſeiner noth⸗ wendig haben ſollten, was Gott verhüte. Auch unſere Reiſige, die Eueren Sohn begleiteten, bringe ich wieder mit nach Oltingen, weil ihre Ausſage wichtig iſt und wir ihrer als Zeugen bedürfen möchten. Wackere Burſche übrigens, guter Leute Söhne aus der Stadt. Das ganze Schloß belebte, füllte ſich nun; da aber Oltingen groß und weitläufig war, ſo fanden alle Gekommenen ihrem Stand und Range nach hinreichend Raum und Unterkunft. Frau Hedwig und ihre Mägde erhielten noch gehörig zu ſchaffen für den Abend, und Marie ſchien nach abgelegtem Geſtändniß, nach jenem Kuß auf Hand und Lippen des heimlich Geliebten wie umgewandelt, ihr fieber⸗ haftes Krankſein war vergeſſen, ſie fühlte ſich ſtark und werkthätig wie nie, alle ihre Pulſe ſchlugen mit erneuter Federkraft, ein freier, friſcher Lebens⸗ athem durchwehte ſie wieder, und wie ſie der Baſe bei Beſorgung aller dieſer Gäſte zur Hand ging, 49 mußte dieſe ſie zuweilen mit ſtiller Verwunderung anſchauen, als ſehe ſie die alte liebe, frohe Marie wieder, die überall behüfliche, ſchöne Pflegetochter. Morgen ſollte das Verließ beſucht und das Ge⸗ richt über Kapleſer gehalten werden; ſpät Abends aber konnte Herr Wilibald nicht umhin, den ge⸗ ehrten Herren und Vorgeſetzten das Abenteuer zu erzählen, welches er heute mit dem Aarburger Knecht gehabt; er brauchte daraus kein Geheimniß zu machen, ſein Verhältniß zu Schilling war in Bern bekannt, und da er keineswegs geſonnen war, mit dem in ſeine Hände gelieferten Document einen unedlen Gebrauch gegen Schilling und zu ſeinem Gunſten zu machen, ſo nahm er keinen Anſtand, dieſe Angelegenheit den Rathsherren mitzutheilen, um ihre Meinung darüber zu vernehmen. Hm, hm, ſagte der alte Furter mit ſeinem ge⸗ wöhnlichen heiteren Lächeln, indem er das herbei⸗ gebrachte Document beſah, Ihr ſeid fürwahr ein Glückspilz, Herr Amtmann; ich kenne dieſes Blatt, weil ich es ſelbſt mit ausgeſtellt habe, denn wie Ihr wißt, ging das verpfändete Gut Eueres Vaters bei uns zu Lehen. Nicht allen Schuldnern aber wird es ſo gut als Euch, daß ihre Pfandbriefe, ohne um ihren Werth eingelöſt zu ſein, wieder in ihre v. Heeringen, der Kanfmann von Luzern. II. 50 Hände kommen. Gratulor, veneratissime, ſetzte er hinzu. Jetzt werft den Wiſch bald thunlichſt in das Feuer, ehe ihn der Teufel Euch wieder entführt, wie er ihn gebracht haben mag. Was denkt Ihr, Herr Furter? Ich denke, daß Ihr ſo klug ſein werdet, dieſe ſeltene Gunſt des Schickſals zu benutzen und, nach⸗ dem dieſes Document im Rauchfang aufgegangen ſein wird, ruhig zu erwarten, bis Euer Gläubiger klagbar gegen Euch werden wird. So könnt Ihr es darauf ankommen laſſen. Mit nichten, Ew. Geſtrengen. Wäre Ew. Ge⸗ ſtrengen Name nicht ſo bekannt, als der eines makelloſen Ehrenmannes, geliebt und geachtet, Euere Rede, die ſonder Zweifel nur Scherz war, könnte einen irre machen an Eueren Geſinnungen, und wäre ich ſo zu handeln fähig, wie Ihr da andeu⸗ tetet, ich ſäße wahrlich nicht hier ſeit ſo vielen Jahren als Vogt und Amtmann des hohen Rathes auf Schloß Oltingen, ſagte Herr Wilibald von Stein. Nun, nun, nur nicht ſo aufbegehreriſch und un⸗ wirſch gleich, entgegnete der Rathsſchreiber, kommt, Freund Willy, gebt mir Euere Hand und nehmt die meinige; wir wiſſen beide, daß es die Hand eines Ehrenmannes iſt, die wir ſchütteln. Denkt Ihr übrigens ſo ehrlich und adelhaft, laßt es mich einmal ſo nennen, ſo freut es mich doppelt, einmal für Euch und für Euere Kinder, denn der Apfel fällt nicht weit vom Stamme, wie man zu ſagen pflegt, und dann für den armen Teufel, den reichen Schilling aus Luzern, der ſeit einigen Tagen in traurigem Aufzug die Straßen von Bern durch⸗ irrt, Stadt und Rathhaus mit ſeinen Klagen er⸗ füllt und Jedem, der es hören oder nicht hören will, heulend erzählt, wie er auf ſeinem Zuge heim⸗ wärts durch die Grafſchaft Greyerz um Hab' und Gut gekommen und ſchändlich beraubt worden ſei. Alſo doch? rief Egon. Ja und, was das Schlimmſte iſt, durch Berner Volk, wähnt der Mann und beſtürmt den Rath deßhalb, was ſage ich? bietet gleichſam Himmel und Erde auf. Meiner Treue, Egon, fuhr der Alte fort, mir fiel ein Stein vom Herzen, als die Bot⸗ ſchaft Deiner Ankunft in Oltingen heute Mittag in Bern eintraf, denn ich fürchtete ſchon im Stillen, Du möchteſt mit unſeren Reiſigen ein Streichlein des Uebermuthes ausgeführt haben, das uns min⸗ deſtens entſetzliche Weitläufigkeiten auf gezogen haben würde, denn ich ſage Werner ſpeit Feuer und Flammen nnd iſt durch nichts zu beruhigen. Der Himmel verhüte, daß andere Söhne unſeres Cantons, deren wir jetzt viele in Greyerz haben, den Frevel verübten. Das fürchte ich nicht, ich kenne die meiſten, ſagte Egon, lauter wackere Mannen unter Rinken⸗ berg's Banner. Da würde ohnehin des Einzelnen Raubgier gar nicht aufkommen. Aber eine Frage erlaubt mir: wißt Ihr nicht, wo Euer Schweſterſohn Donat von Aarburg, unſer ſehr werther Vijter, ſich gegenwärtig aufhalten mag? Auf ſeiner Burg nicht, wie wir wiſſen Aber in Bern, lieber Junker, ſeit einigen Tagen wenigſtens, entgegnete Furter, er war abweſend in Schwaben, glaube ich, wo er auch ſeinen Freund, den Pottinger, deſſen Ihr Euch erinnert, zurückge⸗ laſſen hat. Mir lieb, denn der Pottinger, ſo viel ich über ihn in Erfahrung gebracht habe, war ein verſchlagener und wilder Geſelle, der nicht den heilſamſten Einfluß auf Donat ausübte; übrigens gefällt mir dieſer jetzt beſſer als ſeit langer Zeit; er iſt n iccht mehr ſo barſch, ſo zankſüchtig, und der kurze hſanhne in Deutſchland ſcheint ſehr vor⸗ theilha t auf ihn eingewirkt zu haben; er giebt höflich — 53 Rede und Antwort, hat glatte Worte im Munde, Geld im Säckel, iſt fein und ritterlich gekleidet und genug, ein ganz umgewandelter Mann. Ich ſprach ihn ein paar Mal auf der Engenwieſe, wo mir dieſe Veränderung auffiel, denn bei den Vorwürfen, die ich ihm machte, daß er ſich nicht unter Rinken⸗ berg's Panier zu unſerem Volk nach Greyerz begeben habe und Antheil am Kriege gegen Savoyen nehme, gab er mir höfliche und entſchuldigende Antworten. Un⸗ aufſchiebbare Angelegenheiten hätten ihn nach Schwa⸗ ben gerufen, ſagte er; ja er ließ mich merken, daß dieß wohl Herzensangelegenheiten fein könnten, und freuen würde ich mich darüber, wenn der wilde Donat heirathete und ſein wüſtes Weſen unter das heilſame Joch einer wackeren Lebensgefährtin ſchmiegte. Zugeben muß ich, daß er gute Vorbe⸗ reitungen in ſeinem Betragen dazu gemacht zu haben ſcheint. Seltſam, bemerkte der Amtmann, und ließ man auf der Engenwieſe keine ſpitzen Worte gegen ihn los, daß er juſt bei einem Kriege des Cantons nach Schwaben gereiſt ſei? Vetter Stein, war die Antwort, Ihr wißt, an eines Aarburgers Tapferkeit wagt Niemand zu⸗ 54 zweifeln. Neckereien und Spitzreden weiß er ſich fern zu halten. 4 Was aber, fuhr Jener fort, was, lieber Herr, dünkt Euch jetzt von Donats Abweſenheit, nun Ihr den Umſtand mit dieſem Schuldbriefe erfahren und gehört habt aus weſſen Händen ich ihn empfing? Solches klingt allerdings verdächtig, doch war es nur ein Knecht, ein ſonſt unbekannter Geſell, aus deſſen Händen Ihr dieſes werthvolle Docu⸗ ment erhieltet. Knechte aber laufen öfter von einem Herrn zum anderen und ſind nicht ſelten mit allerhand loſem Volk, Verkäufern von geſtohlenen Sachen, Diebshehlern, Juden, Räubern ſelbſt, in Verbindung. Wer kann wiſſen, auf welche Weiſe jener, ſich für einen Aarburger Knecht ausgebende Burſche in den Beſitz dieſes Briefes gerieth? Mit Euerer hohen Gunſt, Euer Geſtrengen, nahm hier der Rüſtmeiſter, der mit im Kreiſe ſaß, das Wort, ich kannte den Mann als einen Knecht des Ritters von Aarburg und habe ihn mehrmals als ſolchen geſehen.. Gut, das Beßte wäre freilich geweſen, ihn feſt⸗ zuhalten, um ein weiteres Geſtändniß über das, 5⁵ was er vom Document wußte, auf jede Weiſe, von ihm zu erwirken. Herr Wilibald wollte dem nicht widerſprechen, obgleich er ſein Haupt leiſe dazu ſchüttelte; ver⸗ ſchiedene Meinungen wurden noch im Kreiſe der Männer laut, verſchiedene Anſichten beredet und berathen, bis die Thurmuhr Mitternacht anſchlug und Jeder ging, die Ruhe zu ſuchen. Zweites Kapitel. Der Tanz im Wetterhorn. Nachdem am folgenden Tage die Gefangenen von den Berner Rathsherren beſucht und ver⸗ nommen worden waren, den Meiſten auch guter Troſt zu baldiger Auswechſelung und Freiheit er⸗ theilt worden und überhaupt Alles geſchehen war, das Loos dieſer Männer von Greyerz, denen man nichts ſchuld geben konnte, als daß ſie Joinville's Knechte geweſen waren, zu erleichtern, ward das Halsgericht über Kapleſer eingeſetzt und gehalten. Der Gefangene mußte davor erſcheinen, und er kam, mit Ketten belaſtet, in Mitten der Amtsbüttel, in den großen Saal des Schloſſes, wo die Abgeord⸗ neten nebſt dem Amtmann und den Reiſigen, die mit Egon in der Grafſchaft geweſen waren und ſo gut über Kapleſers Betragen unterwegs Rechen⸗ 57 ſchaft geben konnten, als ihr Führer ſelbſt, ver⸗ ſammelt waren. Der junge Rathsknappe wollte mit der ganzen Sache nichts zu thun haben und hatte den Vater um Erlaubniß gebeten, das Schloß verlaſſen und nach Bern reiten zu dürfen, um Herrn Schilling je eher, deſto lieber im Betreff ſeines ihm abhanden gekommenen Documentes zu beruhigen, das heißt, ihm daſſelbe wieder einzuhändigen. In Oltingen verlor er überhaupt jetzt nichts, Marie war wieder feeundlich gegen ihn, was ihn ſehr glücklich machte; ſeine Berichte und Erzählungen hatte er abgeſtattet, ſeinen Rath verlangte Niemand, die hochweiſen Herren waren verſammelt, um über einen armen Sünder zu Gericht zu ſitzen; da war es ihm in den Mauern der hohen Burg zu eng, und er ſehnte ſich, nachdem er ſeinem Gönner, Herrn Furter, noch Milde und Gnade gegen Kap⸗ leſer empfohlen hatte, hinaus auf die ſchöne Land⸗ ſtraße, zwiſchen Wälder und Felder, nach der heiteren, glanzvollen Stadt. Man war damit zufrieden, daß er ſich beurlaubte, und ſo trabte er denn friſch und wohlgemuth, mit ziemlich gefülltem Säckel, dem die Mutter noch ihr kleines Erſpartes hinzugefügt hatte, auf ſeinem Goldfuchs dahin, dem ſtattlichen Bern zu, deſſen Thürme gegen Abend vor ihm aufſtiegen. 58 Wer von dieſer Seite ſich der Hauptſtadt des Cantons näherte, hatte noch unweit von dem Thor, in deſſen offenem Zwinger die Wahrzeichen der Stadt und des Landes, mächtige lebende Bären, aufbewahrt wurden, einen ſchönen, dichten Laub⸗ wald und dann eine Wieſenebene zu überſchreiten, in deren Mitte ſich ein mit Sand beſtreuter und mit Schranken eingefaßter Raum befand; weiter hin gab es einen Brunnen in kunſtvoller Stein⸗ faſſung, deſſen reines Waſſer in eine große Schale von Granit ſtrömte. Kleine Luſthäuſer und Schenk⸗ wirthſchaften ſah man überall aus dem Grün des Laubdickichts oder unter dem Schatten großer Bäume freundlich mit ihren bunten Schildern her⸗ vorlauſchen. Es war die Engenwieſe und der Junkerbrunnen, der Ort der Spiele und kriegeriſchen Uebungen, der Turniere zu Schimpf und Ernſt, der Tanzfeſte und Abendbeluſtigungen der Berner Männer und Frauen, Jünglinge und Mädchen, und ſelten leer von Beſuchern, ſelten ohne eine fröhliche Schaar auf irgend eine Weiſe des Le⸗ bens, des Wohlſtandes, der Geſundheit und Kraft ſich Erfreuender. Zimbeln und Pfeifen, die Töne einer bald einfacheren, bald vollkommeneren Mu⸗ ſik, ließen ſich hier und da, oft bis in die ſpäte — B 59 Nacht auf der Engen vernehmen, die durch einen jähen Abfall nach der Aar hin begränzt war, welcher Strom unter lieblichen Terraſſen, wo man die ganze Pracht des Anblicks der Hochgebirge genoß, daher donnerte und ſchäumte. Egon ritt mit geheimen Anflügen von Vergnügungsluſt, wie ſte einem munteren Burſchen wohl begegnen können, durch die Engen und das, je näher der Stadt, deſto bunter ſich geſtaltende Treiben. Im Reiten erblickte er manchen Bekannten, der ihm zunickte oder ihn an⸗ ſprach; er wurde aufgefordert, abzuſitzen und in dieſe oder jene Gelagſtube mit einzutreten; auch war er nicht durchaus abgeneigt, ſolches zu thun, wollte aber vorher ſein Roß in der Stadt in der ge⸗ wöhnlichen Ablage der Oltinger unterbringen und verſorgen und dann zurückkehren; beim Brunnen ward er jedoch noch einmal aufgehalten. Da ſtand am Rande der Granitſchale ein Knabe, der die Hände im Waſſer netzte und dann die Stirne da⸗ mit wuſch, über welche, wie der Rathsknappe be⸗ merkte, ein ziemlich breiter rother Streif hinlief, der faſt wie eine Wunde ausſah; es mußte wohl eine ſolche ſein, denn einzelne rothe Tropfen rieſelten von da über das bleiche, leidenvolle, ſonſt hübſche Antlitz des Knaben; er befreite ſich von ihnen ſo 60 gut er konnte, dann nahm er ein Tuch, das mit bereits trocken gewordenem Blut befleckt war, wand es ſich um den Kopf, wozu er mehrmals ſeine braunen Locken zurülkkſtreichen mußte, und ſetzte ſich dann traurig nieder auf die Stufen, welche die Brunnenſchale trugen, und die noch von mehren das Mitleid anregenden Geſtalten, Krüppeln, Kran⸗ ken und Bettlern, beſetzt waren. Die allem Anſchein nach heftige Verwundung des jungen Buben, der ein dreizehn⸗ oder vierzehnjähriger ſein mochte, ſeine kummervolle Miene, die fürwahr voll des tiefſten Schmerzes war, fiel dem vorbeireitenden Rathsknappen auf, der in ſeinem reichſten und ſchmuckſten Wamms prangte. Sein Mitleid regte ſich, wie denn dieß überhaupt ſtets, nur loſe zuge⸗ deckt, in ſeinem weichen Herzen ſchlummerte; er zog den Säckel und hielt ſeinen Goldfuchs an, indem er den Knaben herbeiwinkte. Derſelbe kam, aber mit ihm freilich noch ein halb Dutzend Almoſen Be⸗ gehrender, Männer und Frauen, die ſich alle von jenem Winke des ſchmucken Junkers gemeint glaub⸗ ten. Sie umringten mit frech⸗demüthigen Geberden ſein Roß und ſtreckten verlangende und bittende Hände zu dem Reiter empor, deſſen Freigebigkeit ein jeder theilhaftig werden wollte. Egon theilte 61 aus, ſo viel er etwa miſſen konnte, vielleicht auch mehr an Solche, die ihm am hülfsbedürftigſten er⸗ ſchienen; der letzte der Empfänger war der Knabe, der beſcheiden fern blieb; der hohe Jüngling winkte ihm, näher zu treten, und als er gehorcht, ward er von demſelben gefragt: Was haſt Du, Bub? Biſt wund? Haſt mit Anderen gerauft und einen Schlag auf den Kopf bekommen? Nun, das iſt gerade noch kein Unglück und kommt wohl vor; Du aber ſtehſt aus wie Hunger und Kummer, da! Der Knabe empfing ſchweigend die Gabe, nickte dankend und wollte auf ſeinen verlaſſenen Platz zu⸗ rückkehren, aber der Herr deutete ihm mit der Hand, noch zu bleiben, und fuhr zu fragen fort: Nun, wo fehlt es denn noch? Du weinſt ja, thut Dein Kopf ſo weh? Keine Antwort erfolgte. Biſt ein Berner, mein Bub? Hier aus der Stadt? Keine Antwort. Ich frage, wo her Du gebürtig biſt, Bub! Der Bube ſchwieg. Jedenfalls gehe heim und laß Dich verbin⸗ den, Du biſt wahrlich wund, wie von einem 62 Schwerthieb, die hellen Tropfen kommen ſchon wie⸗ der. Jetzt geh'. Jener blieb in ſeiner Stellung. Euer Geſtrengen, erhob hier ein Bettelweib ihre Stimme, Niemand kennt den Schelm, und Niemand weiß, wo er her iſt, denn ſprechen kann man nicht mit ihm, obgleich er nicht ſtumm iſt, aber unſere Sprache verſteht er nicht, wir glauben, daß er ein Wälſcher ſein mag. So, ſo. Egon war im Begriff, den hübſchen, leidenden Knaben franzöſiſch anzureden, als er auf der an⸗ deren Seite von einer mächtigen Baßſtimme begrüßt und ſo davon abgehalten ward. Soll mich Sanct Pilatus, ſprach ein Mann, der am Arm einer ſehr geſchmückten Dame eben vorüberging, wenn das nicht mein ſehr lieber, ſehr theuerer, immer hoch gehaltener, glattwangiger Vet⸗ ter von Oltingen iſt! Wiſſen's die Heiligen, und ſchmuck wie ein Reichsgraf! Grüß' Dich Gott, Goni! Wohin? Zur Stadt? Nun, trabe in Gottes Na⸗ men davon, aber in einer Stunde komme wieder, in der Gelagſtube zum Wetterhorn triffſt Du mich; es iſt da Tanz heute, wohin ich dieſe Dame führen werde, Frau Eliſabethli Fenzlein, eine ehrſame 63 Wittib aus Gurnigel. Schau', Liesli, ſchau' auf, das iſt mein hochverehrlicher Vetter, Junker Egon von Stein, des Amtmanns Sohn, von dem ich Dir immer ſo viel Lobes gemacht, von dem zu reden ich nicht aufhören kann. Schau' aber auch, was das für ein Prachtkerli iſt. Allzu gütig, Vetter Donat, erwiderte Egon, leicht grüßend und wenig gerührt von dieſen Schmeichelworten. Ich bin erfreut, Euch wiederzu⸗ ſehen, ſo ich weiß, daß Ihr mich nicht zum Beßten haben wollt. Ein ganz gehorſamer Knecht, theuere Dame, fügte er hinzu, will ſehen, vielleicht komme. ich noch ein wenig in das Wetterhorn. Gott be⸗ fohlen bis dahin. Ich nehme Dich beim Wort, rief der Aarburger ihm noch nach, wir leeren einen Humpen auf das Wohl der Allerſchönſten, die da lebt auf Erden. Egon ritt nun in die Stadt, brachte ſein Roß zu Stalle, übergab es der ferneren ſorgſamen Pflege des Hausdieners in dem Oltinger Hofe, einem dem hohen Rath zugehörigen Hauſe, das aber der Vogt und Amtmann und die Seinen zu bewohnen pflegten, wenn ſie in der Stadt waren, und ſchmückte ſich dann ſelbſt ſo gut, als es gehen wollte. Er ſalbte ſein Haar ein wenig und zog wohlriechende 1 64 Handſchuhe vom feinſten und weichſten Wildleder an, die oben mit bunten Seidenfäden durchnäht waren. Nichts war zierlicher als ſeine Beinkleider von demſelben Stoff und die mit Sammet aufgeſchla⸗ genen Schuhe, welche bis zum Knöchel reichten und auf den Spannen mit Gold und Silber ver⸗ brämt waren. Der ſchwere Reiterhut ward mit einem purpurſeidenen Federbaret vertauſcht, welches ſich anmuthig und üppig auf die Fülle ſeines Haares drückte. So ging er nach der Engen zurück. Da es indeſſen dunkel geworden war, ſo hatten die Bettler auf den Stufen des Junkerbrunnens ihren Platz verlaſſen, ſich ſtatt deſſen aber, theilweiſe wenigſtens, unter die Volksgruppen gemiſcht, welche den Ein⸗ gang der Gelagſtube zum Wetterhorn umſtanden. Weit geöffnet waren die Thüren dieſer Gelagſtube, und der Schein von Hunderten von Kerzen ſtrömte heraus und beleuchtete nicht allein die auf dem Tanzboden Verſammelten, ſondern theilweiſe auch mit die von außen ſich Drängenden, welche durch Fenſter und Thür die Herrlichkeit mit anſchauen wollten. Schon wogte die Muſtik, und in raſchen Tacten bewegten ſich Paare im Kreiſe, das Tanz⸗ feſt hatte begonnen und war bereits im vollen Gange, als der Rathsknappe dazu kam; er hatte 6⁵ einige Mühe, durch das Gedränge vor der Thuͤre in das Innere des Saales zu gelangen, doch wich das Volk vor dem ſtattlichen, ritterlich gekleideten Junker, der durch ſeine Gruppen hinſchritt, ehrer⸗ bietig zurück und machte ihm Bahn. Bald hatte der Aarburger, der bei Egons Ankunft eben mit der ehrbaren Wittib aus Gurnigel im Tanze be⸗ griffen war, den glattwangigen Vetter, wie er ihn nannte, entdeckt, und nun war des Herzens, des Begrüßens und Wohlredens kein Ende. Egon mußte ſich zu ihm ſetzen und dann der ſchönen Eliſabethli den nächſten Tanz verſprechen, was er ganz gern that, denn er war zu Luſt und Zerſtreu⸗ ung hierher gekommen, und die Wittib von Gur⸗ nigel war ein gar ſchönes, preiswürdiges Weibsbild und dazu herrlich geſchmückt; ſie trug in ihrem dunklen Haar einen künſtlich von Gold und edlen Steine zuſammengeſetzten Blätterkranz, ein Kleid von Seide und über ihre Schultern einen kurzen Mantel von purpurfarbenem Sammet, der von einer reichen Goldſchnur gehalten war und gar nicht ſchöner ſein konnte. Er war mit weißem Atlas gefüttert und ſchlug, über Lieslis Rücken dahin wall⸗ end, wahrhaft köſtliche Falten. Der Tanz ging an, Egon holte die Tänzerin und flog mit ihr raſch und v. Heeringen, der Knufmann von Luzern. II. 66 feurig dahin, wobei er gar nicht unzufrieden war, auf mehren Seiten Aufmerkſamkeit und Zeichen des Beifalls zu bemerken. In der That gewann dieſen das ſchöne Paar im ganzen Saale, die Dame wegen ihrer Pracht, der Tänzer wegen ſeiner Ge⸗ wandtheit, ſeiner ſchmucken und ſtattlichen Er⸗ ſcheinung. Zwar war Liesli groß und voll, ſelbſt ein wenig breit, ja Spötter hätten ſie plump nennen können, was allerdings noch mehr in die Augen gefallen ſein würde, wenn Jener zu den Kleinen und Schmächtigen zu zählen geweſen wäre, Egon aber war groß und ſeine Geſtalt vollkommen, die eines zwar ſchlanken, aber doch kräftigen, wohlge⸗ wachſenen Jünglings, der ſelbſt einer Tänzerin, wie die ſeinige, jeden Augenblick Herr und Meiſter war. Donat unter den Zuſchauern nickte beiden zu, wenn ſie an ihm vorüber kamen, und ſchien äußerſt zufrieden mit dem Beifall ſowohl, den ſeine Schöne einzuernten ſchien, als auch mit der Chre, die ihr zu Theil wurde, mit einem ſo unbeſcholte⸗ nen, überall geachteten und beliebten Junker zu tanzen, wie ſein glattwangiger Vetter war und wor⸗ in derſelbe gegen ihn offenbar den Vorzug hatte, da er, was den Leumund betraf, ſich nicht allzu 6 breit machen durfte. Dieſe Betrachtung ſiegte ſogar — 67 über die Regung von Eiferſucht, die in ihm auf⸗ tauchen wollte, wenn er Liesli's Blicke und Mienen während des Tanzes betrachtete, dieſe Augen, die ſo zärtlich, ſo ſchmachtend an ihrem Tänzer auf⸗ ſchauten, dieſe hochwallende Bruſt, die ſie ihm ent⸗ gegendrängte. Donat beſaß Selbſtkenntniß, und in Folge dieſer mußte er ſich geſtehen, daß er, ob⸗ wohl noch immer ein ſtämmiger und mannhafter Ritter, in Vergleich mit dem glattwangigen Vetter bedeutend zurückſtand. Er war mindeſtens 15 Jahre älter als Jener, hatte gelebt und die Welt genoſſen, wovon ſich deutliche Spuren auf ſeinem Antlitz zeigten, die ihm der unhöfliche Spiegel nicht ver⸗ hehlte. Mochte dem nun auch ſein, wie ihm wollte, ſo ward des Aarburgers Zufriedenheit, die Behag⸗ lichkeit Liesli's und des Rathsknappen ſammt ihrer kleinen Citelkeit, ja der Friede des ganzen Tanz⸗ ſaales plötzlich auf die unerwartetſte Weiſe geſtört. Ein Mann, der ziemlich das Anſehen eines Wahn⸗ witzigen hatte, mit verwirrtem Haar, unſicheren, funkelnden, Blitze ſchießenden Blicken und in bei⸗ nahe als Lumpen an ihm herabhängender Kleidung, genug in ärmlichem Aufzug, wovon jedoch die Wohlgenährtheit, ja Dicke ſeiner Korperformen 2* ſeltſam abſtach, war in den Saal gedrungen und wartete jetzt das Ende des Tanzes nicht ab, ſon⸗ dern ſtürzte wie ein grimmiger Bär auf Egons Tänzerin zu, erreichte die ſich raſch Bewegende endlich, erfaßte ſie bei ihrem Mantel, den er heftig an ſich riß, und ſchrie: Diebin, Diebin, haltet die Diebin! Mein iſt dieſer Mantel, mein iſt der koſtbare Kranz von Goldblättern auf ihrem Haupte, mein das Gewand von lyoneſer Seide, ich habe das Alles ſelbſt eingekauft in Lyon, aber es iſt mir geraubt worden, ich bin der arme, verrathene, be⸗ trogene Schilling aus Luzern, den Niemand mehr kennen will, der nirgends Recht erhalten kann als wo er es ſich ſelbſt nimmt. Diebin, Du trägſt als Deinen Schmuck und Staat mein geraubtes Eigenthum. Der Mantel iſt vom Hauſe Deleſſers und koſtet mich im Dutzend 200 Francs per Stück. Herunter von Deinem Hals, herunter das Kleid, herunter den Goldſchmuck im Haar! Herbei ihr Büt⸗ tel, nehmt die Diebin gefangen! Ein kräftiger Stoß von Egons Arme wehrte den Zudringlichen von der Tänzerin ab, die der Tänzer aber zugleich auch losließ, indem er ſich feuerroth vor Schrecken und Zorn an Jenen wandte 44 und ihm mit ſtarker Stimme zurief: Laßt ab! Was 69 beginnt Ihr, Herr Schilling? Welches Benehmen! Ihr müßt den Verſtand verloren haben. Den Verſtand nicht— ach, was wäre das auch⸗ aber meine franzöſiſchen Güter, meine lyoneſer Waa⸗ ren, meine Brieftaſche mit Documenten, mehr als die Hälfte meines geringen Vermögens, und nun, da ich der Diebin da auf die Spur komme, willſt Du mich an ihrem Feſthalten hindern? Du junger Fant? Wer biſt Du denn? Ehe Du ſolches ver⸗ magſt, mußt Du Dir erſt mehr Bart anſchaffen— bis dahin— Er machte eine neue feindliche Bewegung gegen Egons Dame. Zurück, rief dieſer und ſtieß den ſinnverwirrten Kaufmann ſo gewaltig fort, daß er mehre Schritte rückwärts nach der offenen Saal⸗ thüre hin taumelte und in Folge des erhaltenen Stoßes beinahe hinausgefallen wäre. Zugleich rief der Rathsknappe laut den Namen ſeines Vet⸗ ters Aarburg, um ihm ſeine Dame wieder zu über⸗ geben und ihm für die Ehre zu danken, die er ihm angethan, als er ihn zu ihrem Tänzer machte. Dieſer Dank würde vielleicht ein wenig ſtürmiſch ausgefallen ſein, wenn der, an den er gerichtet werden ſollte, zu finden geweſen wäre, aber trotz wiederholten Rufens und Suchens ließ kein Donat 7⁰ von Aarburg ſich blicken. Liesli aber ſtand zitternd und bebend da, ein ängſtliches Schweigen war über die ganze Geſellſchaft gekommen, die ſich entſetzt aus der Nähe der Schöngeputzten zurückzog. Schilling wiederholte noch einige Male ſeine Angriffe gegen die Wittib von Gurnigel und ward jedesmal von deren Beſchützer zurückgeſchlagen, bis dieſer, der Sache überdrüſſig und mehr als müde, den zahl⸗ reich Verſammelten zum Schauſpiel zu dienen, Schilling beim Arme mit ſich hinauszog aus dem Saal. Es dauerte lange, ehe er ſich draußen einiges Gehör bei dem Wüthenden verſchaffen konnte, der ihn nicht wiederzuerkennen ſchien; endlich gelang es ihm, in ſein Ohr zu donnern: Beruhigt Euch, Herr Schilling, und erkennt mich. Ich bin der Sohn Eueres Schuldners, des Amtmanns in Oltingen, Egon von Stein, und hat man Euch das Schuld⸗ bekenntniß meines Vaters geſtohlen oder geraubt, ſo ſollt Ihr es aus meinen Händen zurückem⸗ pfangen. Aus Eueren Händen? Gebt hert Jetzt nicht und hier nicht! Bemüht Euch morgen, wenn die Münſterglocke neun ſchlägt, in den Oltinger Hof, und Ihr werdet mich bereit finden zu Euerem Dienſt. 8 — 74 Neun? Warum ſo ſpät? Allwerther Herr, weil ich ausſchlafen will. Aber ich will mein Document jetzt gleich, auf der Stelle. Mein Gott, Ihr werdet doch warten können bis morgen? 4 Bis morgen? heulte Schilling und packte den Rathsknappen beim Kragen ſeines zierlichen Wamm⸗ ſes, ha, ſo biſt auch Du einer von Denen, die mich beraubt haben. Zu Hulfe, zu Huͤlfe! Egon machte ſich ohne beſondere Anſtrengung von ihm los, und es gelang ihm, ſich ſeinen Hän⸗ den zu entziehen und im Schatten der Nacht bis an das Stadtthor zu gelangen. Ja, bei allen Heiligen, ſtöhnte er hier, es war ein böſer Stern, der mich in das Wetterhorn führte zum Vetter Donat; ja, man gerathe nur in deſſen Nähe, ſo iſt es nicht anders, als wäre man dem Gottſeibei⸗ uns verfallen. So viel glaube ich mit Gewißheit annehmen zu dürfen, daß der tolle Schilling ſo ganz Unrecht nicht hat, und Vetter Aarburg mehr, als gut iſt, von ſeiner Beraubung wiſſen mag. Er iſt ſtill davon gegangen und überläßt mir die Sorge für ſeine Dame, die eine Diebin geſcholten wird⸗ und welcher der arme Kaufmann Schmuck und 72² Kleider vom Leibe reißen will. Warte nur, Donat, warte nur, das iſt nicht vetterlich gehandelt, und morgen will ich trotz meinen glatten Wangen und deinem Walddickicht von Bart Rechenſchaft von dir fordern.— Doch, was iſt das nun wieder? Er horchte auf, ein leiſer Jammerton berührte ſein Ohr, ein Weinen und Wehklagen, das in das Herz drang und ganz aus der Nähe zu kommen ſchien. Hier, fern vom blendenden Kerzenglanz des Tanzbodens im Wetterhorn, war die Nacht weniger tief und erlaubte einem angeſtrengten Auge, Gegen⸗ ſtände zu unterſcheiden. Egon that daher einige Schritte ſeitwärts nach der Schutzmauer des Bären⸗ zwingers und entdeckte alsbald, daran gelehnt liegend, von der oberen Bedachung der Mauer ein wenig vor dem Sprühregen geſchützt, der eben an⸗ fing niederzufallen, ein Weſen, welches jene Töne von ſich gab, und deſſen Antlitz, von beiden Händen und dem darüber hinwegfallenden Haar bedeckt, nicht zu ſehen war. Dennoch erkannte Herrn Wilibalds Sohn den Knaben, den er vorhin am Junkerbrunnen beſchenkt hatte, und dieſe Wehklage verſcheuchte für den Augenblick ſeinen Zorn gegen den Vetter, die ärgerliche Stimmung, welche der ſchmähliche Auftritt im Wetterhorn bei ihm erzeugt 73 hatte; das Mitleid allein erhielt die Oberhand in ſeiner Seele. Er beugte ſich nieder zu dem armen Weinenden, und ſich erinnernd, daß das Bettelweib geſagt hatte, Niemand kenne ihn, und er möge wohl ein Wälſcher ſein, redete er ihn mit ſanfter Stimme in franzöſiſcher Sprache an. Mein lieber Knabe, ſagte er, iſt denn Dein Jammer ſo groß, daß Du hier liegſt an der Mauer und ſo weineſt? Ach ſehr, ſehr groß, lieber Herr, entgegnete der Knabe, beim Klange der Mutterſprache raſch die Hände vom Antlitz nehmend und dieſes von Thrä⸗ nen, Blut und Schmuz feuchte Antlitz gegen Den wendend, der mit ihm redete. Du biſt krank, Dein Kopf blutet. Ach mein Herz blutet, die Kopfwunde, mein theuerer Herr, ich fühle ſie nicht, entgegnete jener, ſchnell aufhörend mit Weinen, und glaubt Ihr für⸗ wahr, ich könnte ſo klagen über den Riß hier oben? Nein, obwohl er ſchmerzt, darüber weinte Thibaut nicht, aber mein Herz zerſpringt vor Wehe, denn ich habe Alles, Alles auf dieſer Welt verloren. So ſcheint es, ſelbſt Dein Obdach, ſonſt wür⸗ deſt Du nicht bei Nacht hier an der Mauer liegen, 74 jedweder Ungunſt des Wetters preisgegeben. Du biſt wohl auch beraubt worden? Ja, ja, ſtöhnte der Knabe. Gehe in die Stadt und ſuche Dir ein Obdach, befahl Egon, hier kannſt Du nicht bleiben. Warum nicht, lieber Herr? Warum ſollte man nicht überall ſterben können? Iſt doch auch er geſtorben; nicht auf weichem Bett und in purpurne Decken gehüllt, nein, auf hartem Boden, und nur von meinem Arme gehalten, hauchte er ſeine huldreiche, großmüthige Seele aus, und ſtrömte ſein Blut dahin, die Baumwurzeln tränkend. Knabe, von wem ſprichſt Du? Stehe auf, folge mir, ich will Dich für die Nacht betten. Biſt Du ein Franzoſe? Savoyen iſt mein Vaterland, Herr, entgegnete der Knabe aufſtehend, wobei er Egons Rechte, die dieſer ihm reichte, ſchüchtern und ehrerbietig mit ſeinen beiden Händen ergriff und ihm nachfolgte durch die Thorwölbung nach der Stadt. Eine Laterne brannte im Thor, und Egon führte den Knaben unter deren Schein, um ihn genau zu betrachten. Dabei fielen trotz dem Schmuze, der ſie entſtellte, deſſen feine edle Züge ihm auf, das große tiefbraune Auge, das unter einem Schleier von Thränen ihn anleuchtete, wie ein Stern der Nacht hinter Wolken, — 7⁵ dazu die ſchlanke, ebenmäßige Geſtalt des jungen Bettlers, ſeine weichen Hände, die in ſeiner Hand wieder zu erwarmen begannen. Wie heißeſt Du, Knabe? fragte er. Thibaut, Graf von Gruysres. Wie ſagſt Du? Thibaut, Graf von Gruyères. Du biſt krank, mein Knabe— ein Fieber ſchüt⸗ telt Dich. Nein, Herr, nichts als der unbändige Schmerz um meinen Beſchützer, meinen Freund, meinen Herrn, Herrn Victor Deleſſers, den ſie in einem Wald ermordet haben— ich konnte ihn nicht ret⸗ ten. Wohl verſuchte ich es, ich trug aber nichts davon als Spott, eine Schmarre und den Troſt, daß Herr Victor in meinen Armen ſtarb. Du ſollſt mir das in der Stube weitläufiger erzählen. Nun den Heiligen ſei Dank, ward jetzt dicht neben ihm eine Weiberſtimme laut, und eine kräf⸗ tige Hand ſchob ſich in ſeinen Arm. Dank den Heiligen, da iſt mein Tänzer! O ſchöner Junker, wo ſchwandet Ihr hin?— Laßt mich allein mitten im Gedränge, um hier im Thore mit Bettelbuben zu verkehren. Eine ſchöne Wirthſchaft das! Auch 76 mein Freund, der Ritter von Aarburg, iſt verſchwun⸗ den, ich habe nun Niemand mehr als Euch. Frau, ich bitte, laßt mich— dieſer Kranke bedarf und erheiſcht meinen Beiſtand. Und ich wohl nicht? Eine ſchmählich Geſchol⸗ tene, eine Mißhandelte? Ich mag nicht länger tanzen, habe den Saal verlaſſen, wo man den Angriffen wahnwitziger Bettler ausgeſetzt iſt, und will nach Hauſe gehen. Eueren Arm, Junker! Ihr werdet mir das Geleit geben. Das Geleit? fragte Egon beſtürzt. Ei wohl, Ihr ſeid ein ritterlicher Knecht, und ich muß Euch an Euere Schuldigkeit mahnen. Gebt dem Scheuſal von Buben einen Fußtritt und laßt uns dieſen Ort verlaſſen. Ach mein Gott, wohin wollt Ihr denn geleitet ſein? Ich bin eine Fremde hier, und doch weiß ich ein wenig Beſcheid in der Stadt. Führt mich an's Nydeckthor, und ich finde unſer Haus wohl“ das in der Nähe iſt, weit von hier freilich. Egon befand ſich in Verlegenheit. Seinem inneren Weſen nach viel zu höflich und dienſtfertig gegen Frauen, mochten dieſelben ſein, wer ſie woll⸗ ten, um ihnen einen Wunſch verſagen zu können, 77 gerieth er hier faſt zum erſten Male in einen Widerſtreit ſeiner Neigung und ſeiner Galanterie. Gern hätte er die tanzluſtige Schöne, Vetter Do⸗ nats Freundin, die Diebin, deren Bekanntſchaft we⸗ der Ehre noch Vergnügen brachte, wie er zu ſeinem Leidweſen die Erfahrung hatte machen müſſen, heim geſchickt und ſo kurz abgebrochen mit ihr, als ihre Bekanntſchaft überhaupt gedauert hatte, aber ſie verlangte ſeinen Ritterdienſt, und wäre ſie bereits aus den Händen des Büttels gekommen, wozu frei⸗ lich nicht allzu viel mehr fehlte, er konnte doch nicht widerſtehen. Nach kurzem Zaudern gab er daher der Dame den rechten Arm, nahm den Knaben, der offenbar krank war, an ſeine linke Hand und zog, ſo begleitet, in die Stadt ein. Am Thore des Oltinger Hofes, den man in Kurzem erreichte, be⸗ fahl er dem letzteren, hier ſeiner zu warten, bis er zurückkommen würde, was vielleicht eine Stunde oder länger dauern möchte. Ein Obdach war es freilich noch nicht, was er dem wehklagenden Burſchen auf dieſe Art verſchafft hatte, aber der Platz, den er ihm anwies, war mindeſtens nicht ſchlimmer als der am Bärenzwinger, von wo er hn weggenommen. Thibaut weigerte ſich keines⸗ wegs der Annahme des Platzes, der ihm angewieſen 78 ward; er ſchien überhaupt keinen Willen zu haben und nur von einem Gefühle noch beſeelt zu ſein, dem Schmerz um ſeinen Wohlthäter und Freund, wie er ihn nannte. Ergeben wie ein Opferlamm ſank er an den Stufen nieder, die in den Oltinger Hof führten, und bedeckte, kaum losgelaſſen, das Antlitz wieder mit beiden Händen und weinte dann, alles Andere nicht mehr beachtend und vergeſſend, vor ſich hin: O mein Freund, mein Beſchützer, gütigſter und ſchönſter der Männer, großmüthiger Franzoſe! Muß ich leben, da du geſtorben biſt? Dann verlor ſich ſeine Stimme in Schluchzen und Wehklagen. Egon aber ſchritt mit ſeinem Schütz⸗ ling aus dem Tanzſaal die Gaſſen entlang nach den Lauben, dem ſteinernen Bogengang, welcher in doppelten Arkaden die ſchöne Stadt ihrer gan⸗ zen anſehnlichen Länge nach durchſcheidet, unter dem Zytglockenthurm durch und hatte in faſt einer halben Stunde die Gegend des unteren Staldens und das Nvydeckthor erreicht, hinter welchem die Aar, welche Bern auf drei Seiten einſchließt, unter einer ſteinernen Brücke laut wie ein brauſender Bergſtrom rauſchte. Er war auf dem ganzen Wege nicht allzu geſprächig und erwiederte nur kurz und abgebrochen den Redefluß des Gegenſtandes, 79 welchen er führte. Endlich war man auf der Stelle, die Liesli bezeichnet und bis wohin ſie Ge⸗ leit verlangt hatte; ſie blickte ſich mehrmals um. Wenn Ihr des Aarburgers Haus ſucht, ſagte Egon, ſo kann ich Euch dienen, ich weiß Beſcheid hier, und kenne auch dieß; ſeht, jenes dort an der Ecke iſt es, das dunkle, ſtattliche Steingebäude; ein Wunder in der That, daß mein wüſter Vet⸗ ter es noch in Beſitz und nicht längſt ſchon ver⸗ kauft hat in der Geldnoth, die ihn oft drücken ſoll. Geldnoth? Kann ſein zu Zeiten, lachte Liesli, jetzt, verſichere ich Euer Geſtrengen, iſt kein Man⸗ gel beim Ritter von Aarburg zu finden, vielmehr Alles aus dem Vollen. Nein, ſollte ich ihm einen Vorwurf machen, einen, aller Wahrſcheinlichkeit nach wohl verdienten, ſo beträfe derſelbe weniger ſeine Armuth als ſeine allzu große Ueppigkeit. Soll⸗ tet Ihr glauben, Junker, daß ich, ſeine Freundin, ſeit Jahren Urſache habe, mich bitter über ihn zu beſchweren, was den Punkt der Treue betrifft, ja, es iſt ganz gewiß, daß er noch andere— Ihr läutet ja am Glockenzug, als wenn Feuer wäre. Thue ich ſo? Schlaft wohl, würdige Frau, und verſchont mich gütigſt mit Cueren Beſchwerden, wenn es ſein kann. 8⁰ Nicht doch, ich muß Ritter Donat verklagen, hört nur. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die ſtarke Hausthüre von Eichenholz, und der Retter ſelbſt, bereits im Hauswamms, doch einen Stahlharniſch loſe über die Bruſt geworfen, in der einen Hand eine flackernde Kerze, in der anderen einen mit Stacheln beſetzten Streithammer, den er in faſt drohender Stellung gegen die erwarteten Ankom⸗ menden geſchwungen hielt, erſchien in der Thür⸗ öffnung, der Schein ſeiner Leuchte fiel alsbald auf die geſchmückte, jetzt ein wenig zerzauſte, be⸗ ſtaubte und vom Regen angeſprühte Liesli von Gurnigel und auf den glattwangigen Vetter mit ſeinem roſigen Antlitz. Das ſeinige klärte ſich ſichtbar bei dieſem Anblick auf, Gott weiß, was er gefürchtet oder erwartet haben mochte beim ſtarken Ziehen des Glockenzuges, denn offenbar hatte er ſich für alle Fälle gerüſtet und ſchien geneigt, ei⸗ nem unwillkommenen Beſuch allenfalls bewaffnet die Spitze zu bieten; jetzt ſah er, daß das Letztere keineswegs nöthig war, und er kehrte daher alle Glätte ſeines Weſens, deren freilich nicht allzu viel da war, heraus. Nun, rief er, da kommen Sie ja, meine lieben, mit Sicherheit erwarteten Gäſte. — 81 Willkommen, Liesli, willkommen, Vetter! Hol' mich der Kuckuck, wenn Du auch noch glatt biſt am Kinn, ſo biſt Du doch ein ganzes Kerli, das weiß, was man den Damen ſchuldig iſt— eine derbe Strecke vom Aarthor hierher, und giebſt der Frau Fenzlein das Geleit bis an meine Thüre, das iſt fein von Dir, Vetter. Nun, tritt näher, thue meinem beſcheidenen Hauſe die Ehre an, nur her⸗ ein hier. Cgon ſchien ihm zu lange draußen zu warten, er ſprang deßhalb trotz ſeinem ſeltſamen Aufzuge über die Schwelle der Hausthüre, und indem er die Streitart hinter ſich ſchleuderte, wollte er Jenen beim Arm erfaſſen und nach innen ziehen, der Rathsknappe aber trat zurück. Spart Euere Höf⸗ lichkeit, Vetter, ſagte er kalt, ich bin nicht in der Laune, ſie zu erwiedern, und Ihr habt es wahrlich nicht darnach gemacht, mich in Euere Nähe zu locken. Iſt Euer Benehmen ritterlich, nur anſtändig gegen dieſe Frau und mich, uns beide im Stich zu laſſen, davon zu laufen, wenn es galt, Euere Ehre zu vertheidigen? denn ſolche war in dieſer Euerer Begleiterin angegriffen, und in mir, der ich eben auf Euere Veranlaſſung mit ihr tanzte. Ihr hättet uns beide vertreten ſollen und müſſen. Für ſolche freundſchaftliche Streiche habe ich keinen Sinn und v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. II. 6 8² will Euch zum letzten Mal in eine Gelagſtube ge⸗ folgt ſein; man hat wenig Ruhm von Euerer Ge⸗ meinſchaft. Weniger als dieſe Erklärung würde hingereicht haben, des Aarburgers ganzen, wilden Zorn aufzu⸗ reizen und die Streitart, wenn er ſie noch in Händen gehabt hätte, auf den Tollkühnen nieder⸗ ſchmettern zu laſſen, der ſolche Worte an den ge⸗ fürchteten Raufbold zu richten wagte; auch erwar⸗ tete Egon nichts Anderes als einen wüthenden Angriff, und ſeine Rechte lag am Schwertgriff zu nöthiger Vertheidigung gerüſtet; ſtatt deſſen brauſte Donat nicht auf, er bezwang vielmehr ſeine Empfindlichkeit, die wie ein ſchnell erlöſchender Blitz über ſein Antlitz zuckte, und ſprach mit einem Lachen, das jedoch dem Grinſen nahe verwandt war: Nun, nun, ſprudle nur Dein Gift von Dir, Vetter, ich laſſe es über mich ergehen, denn ganz ohne Schuld bin ich nicht. Schilt mich nach Her⸗ zensluſt, dann aber ſei wieder gut; auch ich will gut ſein wie ein dreijähriges Kind und jeden Streich von Deiner Hand in Demuth empfangen. Komm' nur herein, Goni, nicht wahr, ſo nennt Dein Vater Dich, wenn er guter Laune iſt, und Deine Mutter, die trefkliche, hochgeſchätzte Frau, — 83 meine ſtets verehrte Baſe, komm' herein, Goni, und ſiehe, wo ich wohne. Der Aarburger, indem er ſo handelte, hatte hierzu doppelte Beweggründe. Einmal fürchtete er ein auffallendes Zerwürfniß mit dem Vetter, der eben ſo beliebt im Volke, als er verſchrieen war. Ferner kannte er Egons Gunſt bei ſeinem Oheim, dem Alles geltenden Rathsſchreiber, zund es mußte ihm daher viel daran liegen, bei einer etwaigen unum⸗ wundenen Anklage von Seiten der von ihm Be⸗ raubten und Mißhandelten durch Egon ſich einen Weg zur Einwirkung auf die unerbittliche Strenge des Gerichts offen zu halten. Er vermehrte daher die Herzlichkeit und Unabweisbarkeit ſeiner Einlad⸗ ung, und in Kurzem hatte er über des Jünglings Widerſtand geſtegt, und ſelbiger befand ſich bald darauf mit halb verſöhntem Gemüthe in ſeinem Wohngemach. Liesli war in ihre Gemaͤcher geeilt, ſich umzukleiden, ein Knecht brachte Weinflaſchen und hohe Spitzgläſer; Donat flüſterte ihm einige Befehle zu, worauf jener ging. Noch mehr Kerzen wurden gebracht, und der Aarburger nahm nun eines der hohen Gläſer, füllte es mit franzöſiſchem Schaumweine und reichte es dem Vetter. Ihr ſeht, ſagte dieſer, es ablehnend, daß ich Euch nich Be⸗ 84 ſcheid thun kann, bevor Ihr mir nicht eine ehrliche Auskunft über Verſchiedenes gegeben habt, das rein werden muß zwiſchen Euch und mir, ehe ich Euch dienen und Freundſchaft zwiſchen uns beſte⸗ hen kann. Der Auftritt in der Engen und der Umſtand, daß einer Cuerer reiſigen Knechte meinem Vater ein Schulddocument gebracht und verkauft hat, das in keines Anderen Beſitz als in dem des Werner Schilling aus Luzern geweſen ſein kann, dem es ſicher nur auf gewaltſame Weiſe entwendet oder geraubt wurde— Donat ließ ihn nicht ausreden. Meiner Knechte einer? fragte er in großer Spannung. Wie ich Euch ſagte. Egon erzählte nun den Vorgang in Oltingen mit dem Document und fügte hinzu, wie der Rüſtmeiſter auf Oltingen den Ver⸗ käufer als einen Knecht des Aarburgers erkannt habe und auch ſeinen Namen wiſſe. Und dieſer Name? fragte Donat. Melcher. Der! Der Strolch! Der Wicht! Der wüſte Hund! Der Gaudieb! ſchalt der Aarburger. Denk nicht, ſagte Egon, daß ich Eueren Knecht gegen Euch vertheidigen will. Nein, Vetter, ich bin 8⁵ der Meinung, daß er alle Ehrentitel, die Ihr ihm da gebt, verdiene; ja, ich fürchte ſogar, daß Ihr die gegründetſten Anſprüche darauf haben mögt, und kurz und gut, wozu hinter dem Berge halten da⸗ mit, ich hege gegen Euch den vollen Verdacht, daß Ihr bei der Beraubung des armen Lombarden die Hand im Spiele habt, wo Ihr nicht der Haupt⸗ thäter waret. So weit war der Rathsknappe in edler Frei⸗ müthigkeit gekommen, als Donat ſeine Rechte mit ſeinen beiden Händen faßte und ihm mit ſeltſamen Ausdruck in die Augen ſah. Beſtürzung, ſchuldiges Bewußtſein, Schwanken zwiſchen hartnäckigem Groll und Hinneigung zum Vertrauen kämpften in ſeinem Antlitz, er wandte ſich raſch, ſtürzte den Inhalt eines gefüllten Pokals hinab und ſagte: Setz' Dich nieder, Goni, ich will Dir Wein ein⸗ ſchenken, ſo rein wie der da in den Gläſern, ich will Dir mein Vertrauen ſchenken; Du wirſt es nicht mißbrauchen, vielleicht ſogar, wo die Gelegen⸗ heit ſich bieten ſollte, einen für mich nützlichen Ge⸗ brauch davon machen. Wiſſe denn, der Alte hat mich bereits verklagt beim hohen Rathe, und dieſe ſtrengen Herren hätten ſich vielleicht ſchon vergriffen an mir, wenn ſie mir etwas beweiſen könnten. 86 Da aber fehlt es, dennoch aber hat der alte Fett⸗ wanſt nicht ganz Unrecht. Siehſt Du, rief Egon, meine Vermuthung trog alſo nicht. Nein, doch höre das Nähere, Umſtände verän⸗ dern die Sachen. Du weißt, daß ich mit einem Haufen bewehrter Knechte durch das Frutigerland in die Grafſchaft zog, mit der wir im Kriege ſiegen um Rinkenberg's Macht zu verſtärken. Das weiß ich nicht, ſagte Egon. Nun, ſo erfährſt Du es jetzt. Ich war immer auf des Herrn Rathsknappen Spur, die ich nur ſelten verlor. Wunderbar! Euer Oheim ſagt, Ihr wäret in Schwaben geweſen. Was weiß davon der alte Federheld hinter ſeinen Acten, genug, unweit der Gränze war es, im Walde von Gautery, wo ich eines Abends mit meinem Volke raſtete. Mit einem Male knarrten unter uns im Hohlwege Räder und Axen, der Hufſchlag von Pferden ward laut, und Du kannſt denken, daß wir aufhorchten— in einem feindlichen Lande iſt das doppelte Pflicht. Nun hörten wir franzöſiſch reden, Zurufe, Flüche, ſogar Singen in wälſcher Sprache und erkannten, daß die unten 87 Vorüberziehenden Güter auf Wagen führten. Daß wir ſie zugleich für Feinde hielten, ſie mindeſtens unter feindlichem Geleit wähnten, kann uns der Teufel verdenken. Warum, frage ich, ſchwatzten, ſangen und riefen ſie nicht in gutem Schweizeriſch, wie es in Luzern und Bern gäng und gäbe iſt, warum in der Mundart der Franzoſen, der Bur⸗ gunder und Savoyarden, mit welchen letzteren wir im Kriege liegen. Lange zu fragen nach Heimath und Stand der Ziehenden war auch weder Zeit noch Ort. Warum nicht? fiel Egon ein. Wohl iſt es ſchicklich, vor einem Angriff zu wiſſen, wen man überfällt. Nun ſchaue, Vetter, das nicht beobachtet zu haben in der Haſt und Eile, des Feindes Herr zu werden, wie es muthigen Männern geziemt, mag unſer Fehler geweſen ſein, aber verzeihlich iſt er. Wer mag ſpintiſiren und grübeln, indem man handeln will. Genug, blank unſere Klingen und hinab in den Hohlweg, war das Werk zweier Augenblicke. Ein Theil meiner Knechte mußte den Ausgang des Weges verſperren. Strauchritter, Du wirſt kein hartes Stück Ar⸗ beit gehabt haben. Ei doch, viel härter, als Du denkſt. Die Fuhr⸗ 88 knechte ergaben ſich wohl bald und krochen unter ihre Wagen, auch der alte Handelsherr machte es ſo, wenn mir recht iſt und wie ich ſpäter von meinen Burſchen vernahm, die ihn da fanden und auszogen; aber es muß unter der Bedeckung ein tapferer Degen geweſen ſein, vielleicht auch mehre; genug, ich ſage Dir, ein Kampf entſpann ſich, der in der hitzigſten Schlacht nicht ergrimmter und wilder ſein kann. Meine Kerle ſchrieen auf und heulten wie Hunde, wenn ſie geſchlagen werden, Blut floß, es regnete Wunden, geſpaltene Schädel klafften, und vor Allen war es ein Mann und ein Satansbube von Knabe, der uns gehörig zu ſchaf⸗ fen machte; ſogar ein paar Weiber mit Dolchen in den Händen waren überall im Gedränge und bohrten nieder, wer ihnen zuͤ nahe kam. Glück⸗ licherweiſe gelang es mir, eine von ihnen zu fangen und, von meinen Armen umſchlungen, unſchädlich zu machen; ich hielt ſie wie eine giftige Schlange, der man den Kopf eindrücken will, indem ich das triefende Meſſer ihren Händen entwand; ſchon war ich im Begriff, es in ihre eigene Bruſt umzuwenden, als ich dieß jedoch aus angeborener Milde unter⸗ ließ. Genug, nach viel Mühe, Schweiß und Blut wurden wir des Geſindels Meiſter, mein Waffen⸗ V 89 bruder Pottinger geleitete den Wagenzug der Gränze zu, während ich dem Kämpen, der uns ſo viel zu ſchaffen gemacht hatte, und der blutend auf der Wahlſtätte lag, den Gnadenſtoß gab. Da haſt Du die Geſchichte. Nun frage ich Dich, Vet⸗ ter, ob Du mich unter ſolchen Umſtänden noch einen Strauchritter und Räuber ſchelten kannſt, ob ich überhaupt nach den Geſetzen der Ritter⸗ ſchaft oder vor dem Gerichtshofe des hohen Raths ſtrafbar bin. In Feindes Land iſt Alles erlaubt, ſagt mein Geſetzbuch, und dieß iſt älter als das Deinige, Fäntli, ſetzte er ein wenig hochfahrend hinzu. Egon ſchwieg eine Weile, vor ſich hin ſinnend. Ihr habt Recht, Vetter, ſagte er dann, mich an meine Jugend zu erinnern, und in Anbetracht der Erfahrungen und der Lebensklugheit, die Ihr vor mir voraus habt, will ich meine Meinung über dieſe Angelegenheit und mein Urtheil, das ſich gegen die Rechtmäßigkeit Euerer Handlungsweiſe auflehnt, einſtweilen gefangen geben und keinen unhöflichen Gaſt in Euerem Hauſe abgeben, keinen ſtrengen Sittenrichter, keinen krittlichen Petanten ſpielen. Ich nehme daher Eueren duftigen Labe⸗ trunk an und thue Euch Beſcheid. Laßt uns die ganze Sache, die ohnehin ihren Richter finden 90 wird, für heute nicht mehr erwähnen. Nur das erlaubt mir noch hinzuzufügen; der Mann, der bei der Wehr gegen Euch unterlag, war der Erwählte von Schilling's Tochter, Fräulein Sibyllens, und das Mädchen, welches Ihr entwaffnetet, entweder Sibylle ſelbſt oder deren Freundin, eine junge Lyo⸗ neſin. Den Knaben erinnere ich mich nicht ge⸗ ſehen zu haben. Glaube es gern, aber woher wißt Ihr— Weil ich mit dem Kaufmann und ſeinem An⸗ hang in Genf zuſammentraf, da ich von Cham⸗ bery kam. Da ſieht man den gereiſten Herrn, ſpöttelte Donat und füllte von Neuem die Gläſer. Topp, alle hübſchen Dirnen ſollen leben. Allerdings, Vetter; aber wo blieb denn die Entwaffnete? Auch auf der Wahlſtatt? Nein— ja doch, ich glaube. Weiß nit, wie es ihr ergangen iſt.. So Gott will, gut. Donat, Euer Wein iſt trefflich und macht das Gemüth heiter; ich fühle mich heiter werden, obgleich ich in den letzten Stunden manches Widrige erlebte. Nun, ſo ſetzt Euch, Vetter, ſagte der Aarbur⸗ ger ſeelenvergnügt, ſchüttelte des Gaſtes beide —— — * Hände und drückte ihn mit ſanfter Gewalt in einen Seſſel; keine Weigerung, fuhr er fort, Ihr ſeid unſer werther Gaſt bei dem Nachtimbiß, den die Wittib von Gurnigel, Euere ſchöne Tänzerin und meine einſtweilige Hausehre, wird haben bereiten laſſen. Indem Egon in den Lehnſeſſel ſank, blitzte ein Gedanke an den Bettler, dem er an der Pforte des Oltinger Hofes zu warten befohlen hatte, bis er wiederkommen würde, durch ſeine Seele; draußen ſchlug der Regen hörbar gegen das Pflaſter, und er war in Begriff, aus Mitleid mit dem armen Kna⸗ ben wieder aufzuſpringen und heim zu eilen; aber in dem Augenblick öffnete ſich die Thüre und eine dampfende Schüſſel mit leckeren Fleiſchſpeiſen ward aufgetragen, vor deren lockendem Aroma alle beſſe⸗ ren Gedanken machtlos dahin ſchwanden. Egon empfand Eßluſt, denn, ſeitdem er Oltingen verlaſſen, hatte er nichts zu ſich genommen, und der Geiſt des eben genoſſenen Schaumweines, ohnehin etwas ſehr Ungewöhnliches in des Jünglings Lebensweiſe, wirkte bereits in ſeinem ſchlichten, ſonſt ſo geſunden Kopfe und ſtrahlte in ſeinen Augen, in dem Pur⸗ pur ſeiner höher gefärbten Wangen; überdieß trat die Wittib umgekleidet und in einem ihr recht wohl 94 ſtehenden Hausanzug herein, und in einem Gefühle üppiger Behaglichkeit dachte Herrn Wilibald's Sohn nicht mehr an ein ferneres Ablehnen der ihm ange⸗ botenen Höflichkeiten und Genüſſe. Frau Fenzlein ließ ſich neben ihm nieder und war gegen ihn die Huld und Artigkeit ſelbſt, gegen ihren Hausherrn dagegen hochfahrend, unachtſam und kurz angebun⸗ den. Im Anfange wollte er es nicht merken, end⸗ lich aber lief ihm die Galle über, und er fragte mit grimmigem Blick: Nun, Lisbeth, was iſt? Was fehlt der Gans? Warum ſo buckt und muckt? Gleich angeſtoßen, ſchon ſeit einer Viertelſtunde halte ich den Becher hin, und ſie koſt fort mit dem Vetter. Wirſt anſtoßen? frage ich. Hoho, entgegnete Liesli mit einem verächtlichen Zucken der Unterlippe, haſt Urſache aufzubegehren, Du! Alter Sünder, gut, daß Du mich darauf bringſt in meinem unſchuldigen Geſchwätz mit dem Junker. Will auch gar nicht hinter dem Berge halten mit meinem Anliegen. He! Was ſteckt in der ſonſt immer unverſchloſſenen Kammer der Küche gegenüber? Jetzt eben kam der Schuft von Balthaſar heraus mit einem Napf in der Hand, worin Speiſen geweſen waren, und ſchloß gleich hinter ſich wieder zu, mei⸗ nem Verbote zum Trotz. Nun legte ich das Ohr 93 an die Thüre und hörte Geräuſch in der Kammer, Seufzen, Weinen, genug, Töne, wie die Weh⸗ klagen eines Gefangenen. 1 Oho, lachte der Aarburger, bläſt der Wind daher? Nun ja, ſchöne Wittib, ſo iſt es auch; eine Gefangene noch obendrein. Wer? Du arger Mann! Ein ſchönes Dirnlein, Dir zu dienen, kicherte Donat. Da ſieht man es, Du wüſter Hung. Schöner und jünger als Du. Schlämperli, Unverſchämter, jetzt wahre Deine Zunge, rief Liesli in vollem Zorn. Treffliche Frau, ereifert Euch nicht. Nicht allein, daß ich Euch das Hierſein einer kleinen Gefangenen bekenne, Ihr ſollt ſie ſogar ſehen dürfen, um den Unterſchied zwiſchen Eueren reifen und ihren un⸗ ceeifen, aber dennoch größeren Reizen beurtheilen zu können. He, Balthaſar! Ein Diener neigte ſich über den Herrn, der zu ihm aufredete, leiſe zwar, aber doch ſo, daß das, was er ſagte, von einem lauſchenden Ohre hätte vernom⸗ men werden können; ſolches fehlte aber in dem Au⸗ genblick, Egon war ſeiner Natur nach kein Lau⸗ ſcher und die dicke Liesli mit angenehmeren Dingen 84 94 beſchäftigt, als daß ſie auf ihres Hausherrn Thun geachtet hätte. Sie hatte ihres jungen Nachbars Hand ergriffen, drückte dieſelbe, ſtreichelte ſie zärtlich, lobte ihre ſchöne Form, ihre Lebensfriſche und führte ſie zuletzt an ihre Lippen, indem ſie ſie mit Küſſen bedeckte. Ei, welch ein Handli, ſagte ſte waͤhrend deſſen, wie warm, ja wie heiß möchte ich ſagen, und ſolch eine Hand entbehrt des Goldreifs? Erlaubt, Junker, daß ich dieſen daran ſchiebe. Nicht ohne eine kleine Anſtrengung machte ſie von ihrem fetten Zeigefinger einen wunderſchön gearbeiteten Ring mit dunkelrothen Steinen los, in deſſen Beſitz ſie auch erſt vor Kurzem gekommen war, und ſteckte ihn an den Zeigefinger von Egons Rechter, an welchen er trefflich paßte. Der Knappe dankte, wollte den Schmuck nicht nehmen, wehrte es aber doch nicht, daß ſeine Tänzerin, als ſei ſie die von ihm Beſchenkte, ſeine Hand noch einmal brün⸗ ſtig küßte. Hier pfiff der Aarburger, wie man einem Hund pfeift; da aber weder ein ſolcher, noch ein Knecht im Zimmer war, ſo konnte der Pfiff nur der Freundin aus Gurnigel gelten. Sie nahm es auch ſo an und blickte fragend zu ihm hinüber, indem ſie noch immer 95⁵ die von ihr geſchmückte und geliebkoſ'te Jünglings⸗ hand hielt. Daß Dich der Butz, rief Donat zornig, willſt ein Ende machen! Denkſt, des glatten Vetters Hand wäre der marmorne Fuß des heiligen Petrus im Münſter, den das Kirchenvolk faſt ſchon halb weg⸗ geküßt hat? J nun, entgegnete Liesli, ſeinen ſchlanken Fuß, ſo leicht, ſo feſt, küßte ich wohl auch, wenn es dar⸗ auf ankäme. Närrin, ſchalt Donat, auch ich habe Hände und Füße. Vetter, fiel Egon ein, der den Streit über⸗ hörte und nicht recht wußte, was ſeine Veranlaſſ⸗ ung geweſen war, eine Bitte müßt Ihr mir er⸗ lauben. Nennt mich nicht mehr den glatten oder glattwangigen Vetter; es iſt, als wolltet Ihr da⸗ mit einen recht kindiſchen Geſellen bezeichnen und meine Jugend verſpotten. Darum thut es nicht mehr, ich werde Euch dankbar dafür ſein. Und ich, nahm Liesli das Wort, verſichere Dir, daß ſeine glatten Wangen tauſendmal holder ſind als die Deinen mit ihrem Fuchsbart. Weib! rief der Aarburger und griff nach einem Pokal, als wollte er dieſen gegen ſie ſchleudern. 96 Die Thüre des Gemachs öffnete ſich in dieſem Augenblick, und von Balthaſar, dem Knecht, gefolgt trat eine Leidensgeſtalt ganz eigener Gattung her⸗ ein, ein leichtes, ſchwebendes Mädchen, deſſen Füße in der That den Boden kaum zu berühren ſchienen, ſchlank, anmuthig, zart, ein Kind und doch kein Kind mehr, ſo eben zur Jungfräulichkeit aufgeblüht, ein Bild der Lieblichkeit und der Freude, welches dem Schmerze erlag, der in ihrem himmliſchen An⸗ tlitz bereits Spuren zurückgelaſſen hatte. Die Roſe der holdeſten Wange war ausgelöſcht und hatte einer ſchmachtenden Bläſſe Platz gemacht, wie ſie ein großes Leiden zu erzeugen pflegt. Ihre Kleid⸗ ung, die einſt aus reichen Stoffen beſtanden haben mochte, hing jetzt faſt in Lumpen zerfetzt an ihrer ſchlanken Geſtalt herab, nichts konnte rührender ſein als ihr tief braunes, noch in Thränen, welche wie Diamanttropfen an ihren langen Seidenwim⸗ pern glänzten, ſchwimmendes Auge. Die zierlich ge⸗ rundeten Arme zeigten ſich faſt nackt und waren hier und da mit Streifen Zeuges nothdürftig um⸗ wickelt, wie ein ſchlecht angelegter Wundenverband. Des Mädchens Hände ballten ſich unwillkürlich beim Eintritt in das Gemach und beim Anblick des hier ſchwelgenden weinrothen Aarburgers, und es 97 zuckte über ihr Antlitz hin wie ein ernſter Entſchluß. Sie nahte ſich des Hausherrn Stuhl und blieb, als erwartete ſie deſſen Anrede oder Befehle, einige Schritte rückwärts davon ſtehen; der Wortwechſel am Tiſche hörte auf, die Eſſenden ſtarrten einige Minuten ſchweigend auf das Mädchen. Da, Liesli, rief endlich Donat mit faſt lallender Zunge, da ſchauſt Du ſie, die Bewohnerin der Stube nahe der Küche. Jetzt geſtehe, Alte, daß ſie tauſendmal reizender iſt als Du. Pah, ein Kind, ſagte die Wittib wegwerfend. Florine, tanze, fuhr jetzt Donat halb in fran⸗ zôſiſcher, halb in berniſcher Mundart fort, zeige Dich, meine Kleine, ſetze Deine netten Füßchen in Be⸗ wegung und tanze wie geſtern; ich will den Tact dazu pfeifen oder mit den Fingern auf den Tiſch trommeln. Friſch getanzt, es ſteht Dir gut an, Dirne. Mit Thränen in den Augen und mit einer Stimme, die dem reinen Kehllaute einer Nach⸗ tigall glich, ſagte die Gefangene. Heute nicht, Herr, ich bin zu traurig und werde es immer mehr, wenn ich über mein und der Meinigen Schickſal nachdenke. Fordere heute nicht, daß ich tanze. v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. II. 7 98 Du ſollſt, Mädchen; es ſieht ſich zu huͤbſch und ſchnurrig zu. Aber ich will nicht. So werde ich Dich wie geſtern zwingen; dort hängt noch die Peitſche, die ſchon einmal Wunder that. Horch! ich fange die Tactweiſe an. Gnade, Herr, ich kann nicht tanzen, es müßte denn ſein, Du ſagteſt mir, daß mein Bruder lebt und morgen kommen will, mich zu befreien; auch von meiner Schweſter Sibylle verlange ich Nachricht. Balthaſar, bringe mir einmal die Peitſche vom Nagel, ſprach Donat, dieſe kleine Hexe von Fran⸗ zöſin wird doch zu zwingen ſein. Nun ſchau' auf, Liesli, und mache es der Kleinen nach, wenn Dir einmal wieder die Luſt ankommt, auf einen Tanz⸗ boden zu gehen, und Du nicht zu alt biſt zum Lernen. Balthaſar legte die verlangte Peitſche, eine mehrſtriemige, aber kurze Geißel, in Donats Hand, der damit wie zur Probe auf den Tiſch ſchlug. Du wirſt die Dirne doch nicht ſchlagen? rief Egon plötzlich aufſpringend. Bleibe, bleibe, Vetter; ich ſage Dir, Du wirſt etwas Beſonderes ſehen, eine ſchwebende Elfen⸗ nixe, wie ſie in unſeren Mährchen vorkommt. 99 Aber ſie weint und trauert um den Bruder, denn er ſcheint es geweſen zu ſein, den Du oder Deine Knechte im Hohlwege erſchlugen. Der Ritter von Aarburg lachte rauh auf und ſchlug noch einmal mit der Geißel auf den Tiſch. Allons, allons, ſagte er in fluriner Sprache, an⸗ gefangen, mache mich nicht ungeduldig, Kleine. Du tanzeſt nicht, rief ihr Egon zu, gehe in Dein Kämmerlein. Daß Dich der Butz! fuhr hier Donat grimmig heraus. Wer iſt hier Herr im Hauſe? Ich oder dieſer glattwangige Knabe? Nun iſt meine Geduld zu Ende, und alle Teufel und die Hölle ſelbſt ſollen Dich nicht loskaufen vom Tanze. Ich werde tanzen, ſagte das Mädchen mit kalter Ruhe, war mit einem leichten Schritt an den Eßtiſch getreten und riß, ſich zwiſchen dem Aarburger und ſeiner Freundin aus Gurnigel durch⸗ drängend, ein großes Meſſer an ſich, das da lag. Mit dieſem bewaffnet, die beiden kleinen, zarten, aber kräftigen Hände feſt um den Griff geklammert, erhob ſte die Arme gegen den Aarburger, und das Heft würde den Eingang in ſeine unbewaffnete Bruſt geſucht und gefunden haben, ware Egon nicht ſein Retter geworden. Dieſer hutte Flo⸗ 1⁰⁰ rinens Bewegungen mit mehr Ruhe und Ueber⸗ legung verfolgt, als dem Vetter noch zu Gebote ſtanden, und in dem Augenblicke, wo die erzürnte Franzöſin den tödtlichen Stoß ausführen wollte, umfaßte er ſie und riß ſie zurück. Mademoiſelle, ſagte er, mein Vetter iſt nicht werth, von Euerer Hand zu ſterben; darum verzeiht. Ich aber kenne Euch oder ſah Euch wenigſtens ſchon. Zu Genf war es, denke ich, im Kaufhauſe, wo Herr Schil⸗ ling, Eueres wackeren Bruders Schwiegervater, mich Euch vorſtellte. Ich hoffe, Ihr befindet Euch wohl, theueres Fräulein. Florine, die in ſeinen Armen lag, ſtarrte mit wilden Blicken zu ihm empor und erwiderte hier⸗ auf nichts weiter als: Wo iſt mein Bruder? Davon ſpäter, Mademoiſelle, ſagte Egon, mit jener feſten und weichen Stimme, die ſo ſehr ge⸗ eignet war, ihm die Herzen zu gewinnen. Jetzt befehlt, wohin Ihr geleitet ſein wollt. Zu ihm, rief Florine. Bringt die Mörderin fort, ſchrie der Aarburger, den die Gefahr, in welcher er geſchwebt, und der Schrecken, den ſie ihm eingeflößt, ein we⸗ nig nüchtern gemacht hatte, fort mit ihr, hinter Schloß und Riegel; morgen will ich ſis richten und 4⁰4 ſtrafen. Fort, fort, herrſchte er noch einmal mit grimmverzerrten Zügen. Mein Vetter, ſagte Egon mit Entſchiedenheit, Du wirſt vielleicht Deine Anſichten und Entwürfe ändern, wenn ich Dir ſage, daß ich die junge Dame kenne und ihr Beſchützer ſein will. Jede weitere Beleidigung gegen ſie iſt eine Herausfor⸗ derung an mich. Wollt Ihr mir folgen, Florine, wandte er ſich nun an das in ſeinen Armen faſt ohnmächtig da liegende Mädchen, wollt Ihr ge⸗ ſtatten, daß ich für heute Euer Bruder ſei und deſſen Rechte und Pflichten übe? Ihr müßt dieſes Haus verlaſſen, wie Ihr einſehen werdet. Jetzt riß des Aarburgers Geduldfaden, und aus war es mit ſeiner Berechnung, Zurückhaltung und Höflichkeit im Betreff Egons aus gewiſſen Rückſichten. Der Haß, der Zorn und die Wildheit behielten die Oberhand. Daß Du es verlaſſen mußt, Bube, rief er, iſt klar, und ich rathe Dir, dieß bald zu thun, wenn Du nicht dieſe Geißel, deren heil⸗ ſamer Zucht Du zu früh entlaufen biſt, fühlen oder von meinem Knecht hinausgeworfen wer⸗ den willſt. Gewiß, Donat, ich werde gehen, und zwar ohne Deine Drohungen zu beobachten. Nicht ungeladen 1⁰² betrat ich Deine Schwelle, bis zu welcher ich die Dame Deines Herzens zurückgeleitete. 3 Dann wandte er ſich an die beſtürzte Wittib mit der Frage: Könnt Ihr, Dame, dieſes hülfloſe Mädchen in Eueren Schutz nehmen und vor dem Zorn Eueres Buhlen bewahren? Nein, Junker, das kann ich nicht; verſuchen will ich es, aber im Zorn kennt er ſich nicht, und in ſolchen Momenten vermag ſelbſt ich nichts über ihn und krieche zu Kreuze. Liesli, brüllte Donat jetzt, die es mit Anderen hält, geht morgen zurück nach Gurnigel; die Wälſche aber wird gepeitſcht, bis ſie ſich beſſert und ich ihr meine Gunſt wieder zuwende. He, Balthaſar! So komme, ſagte Egon, nahm des Mädchens Hand und wollte ſie mit einem leichten Gruß ge⸗ gen den Hausherrn davon führen. Wohin? Nicht von der Stelle! Donat ſprang auf, ſtürzte nach der Wand, wo ſein breites Goliathſchwert hing, riß es herab— die Scheide fiel raſſelnd zu Boden— und eine Klinge, breit wie ein Richtſchwert und flammend im Scheine der brennenden Kerzen, blitzte über dem Haupte ſeines jungen Vetters. Kaum hatte dieſer Zeit, dem Hiebe auszuweichen und ihm nothdürftig 103 mit ſeiner ſchnell entblößten Klinge zu begegnen; es bedurfte indeſſen nur eines Augenblicks, und auch er war bewehrt, ſein Schwert gezogen und der Vortheil auf ſeiner Seite, denn, was ſeinen Arm ſtählte und ſeine rüſtige Jugendkraft verdoppelte, das treffliche Mahl, der in ungewohnter Fülle ge⸗ noſſene Wein, übte auf Donat nur die Wirkung, ſeine Wuth zu erhöhen, ohne ſeine Umſicht, die Ge⸗ wandtheit ſeiner Glieder, ſeine Stärke zu vermehren; er taumelte ein wenig, und dieſen Umſtand benutzte Egon mit ſchneller Entſchloſſenheit. Sein Schwert fuhr raſſelnd in die Scheide zurück, und er unterlief ſeinen Gegner, wodurch er bedeutend deſſen Gleich⸗ gewicht minderte und ſein Schwanken vermehrte. Einige Secunden dauerte es, bis er ihm das Schwert aus der Fauſt gewunden hatte; dann plötzlich bebte das Haus, und alle ſeine Fenſter klirrten von dem ſchweren Fall, der ſeine Grundveſten erſchütterte. Sein Beſitzer ſtürzte niedergeſchmettert, ſchäumend vor Wuth, lallend, brüllend und dennoch ohn⸗ mächtig zu Boden. Nun hielt ſich Egon mit Dankſagungen für genoſſene Höflichkeiten und Ent⸗ ſchuldigungen nicht weiter auf ſondern führte ſeinen Schützling raſch über die Schwelle des Zimmers. Draußen wollte ihm noch der 2“ in den Weg 8 1⁰⁴ treten, aber das Rufen ſeines ſich am Boden wälzenden Herrn im Innern und mehr vielleicht noch des Junkers wieder gezücktes Schwert bewirkten, daß Balthaſar auf die Seite ſprang und ſich ehr⸗ erbietig an die Wand drückte, um den Davongeh⸗ enden Raum zu geben. Sie fanden die Hausthüre zwar verriegelt, öffneten die Riegel jedoch ohne Schwierigkeit und ſahen ſich im Freien noch lange bevor es Liesli's Buhlen gelungen war, wieder auf ſeine Füße zu kommen. Eine Weile ſchritten ſie unter den Lauben des Staldens fort, Florine willen- und halb bewußt⸗ los am Arme ihres Führers hängend und halb von ihm getragen. Plötzlich war es, als gäbe das Anwehen der kühlen Nachtluft ihr die Empfindung zurück; ſie glitt unverſehens zu Egons Füßen nie⸗ der, umfaßte ſeine Kniee und fragte: Wohin führt Ihr mich Aermſte, mein Herr? Was habt Ihr mit mir vor? Florine, entgegnete Egon, ich kann Euch nicht zumuthen, daß Ihr mich wiedererkennt, nachdem Ihr mich einmal in f eſehen habt, vielleicht ein zweites Mal flüchti der Grafſchaft Gruyères bei der Begegnung eines Haufens von Bewaffneten, der den Gütetzuß des Herrn Schilling aus den 2 —— b V V 1⁰⁵ Händen eines Raubritters befreite— jetzt iſt es das dtitte Mal, daß wir uns ſehen, aber ſei dem, wie ihm wolle— Ja, rief Florine, ihn unterbrechend, ja ich ent⸗ ſinne mich, im Kaufhauſe zu Genf ſah ich einen ſchönen Jüngling, der ſich mir und der Schweſter Sibylle freundlich bezeigte; dann ſah ich denſelben zu Roß in einem Walde mit vielen Bewaffneten— der Klang ſeiner Stimme hatte Aehnlichkeit mit dem der Eurigen— Nun ſeht, theuere Mademoiſelle Deleſſers, ſo iſt Euer Name, denke ich. So iſt er. Laßt mich für einige Stunden Euer Bruder ſein, ich führe Euch morgen in mein Vaterhaus, das in jeder Beziehung ein anſtändiger Zufluchtsort für Euch ſein wird. Meine Mutter iſt eine ſehr gütige, liebe Frau, mein Vater ein Ehrenmann; in beider Schutz werdet Ihr verweilen, bis die Heftigkeit des Gewitterſturms, der ſich über Euerem Haupte entladen hat, vorübergezogen ſein und Spiel⸗ raum für freien und ruhigen Ueberblick gewährt haben wird. Sie werden Alles aufbieten, Euch beizuſtehen und Euere Lage zu erleichtern. Jetzt erhebt Euch getroſt und folgt mir unter mein be⸗ 4⁰⁶ ſcheidenes Obdach; es bietet ſich für die Nacht kein anderes dar. O gern, gern, rief Florine, folge dh Euch da⸗ hin. Nicht eine Spur von Mißtrauen gegen Euch regt ſich in meiner Seele. Ihr ſeid ein Jüngling? Gut, dennoch folge ich Euch wie ein Kind ſeinem ehrwürdigen Vater, wie eine Schweſter ihrem ge⸗ liebten Bruder. Arme Florine, ſo viel ich weiß, waltet er nicht mehr auf dieſer Welt, und vom Herzen beklage ich dieß mit Euch, denn ich hatte große Achtung, ſelbſt Zuneigung zu Herrn Victor Deleſſers. Hattet Ihr?! O laßt mich noch einmal Euere Kniee umfaſſen. Nicht doch, Florine; ſehr geehrt würde ich mich fühlen, wenn Ihr mir einen leichten Kuß auf Euere Stirne erlaubtet. Tauſend, tauſend, hier iſt mein Antlitz, küßt es; ich werde Euere Küſſe erwiedern, wie die eines Engels. Florine! Ich weiß Eueren Namen nicht, flüſterte Florine unter dem warmen Hauche ſeiner Lippen. Er nannte ihn. Egon, theuerer Egon. 1⁰7 Liebes, unausſprechlich reizendes Kind. Unglückliches wollt Ihr ſagen. So plaudernd erreichten ſie, unter den trockenen, wohlerleuchteten Bogengängen, die Lauben genannt, fortgehend, endlich den Zytglockenthurm und die Ge⸗ gend des Oltinger Hofes. Als ſie die Stufen zu der äußeren Hofpforte des Oltinger Hauſes hinauf⸗ gehen wollten, ſtieß Egons Fuß unverſehens an einen weichen Körper, der auf dieſen Stufen hin⸗ geſtreckt lag, und die Erinnerung an den armen Knaben, den er hier gebettet und ganz vergeſſen hatte, kam plötzlich wieder über ihn. He Schläfer, rief er, den Halberſtarrten rüt⸗ telnd, erwache. Nehmt Euch in Acht, Mademoiſelle, fuhr er, zu Florinen gewendet, fort, daß Euer Fuß den Schläfer nicht trete, der hier liegt; es iſt ein Bettelknabe, ein Kranker, wie es ſcheint, deſſen Gehirn vorhin in fieberhaftem Zuſtande war. Er nannte ſich Thibaut, Graf von Gruyères. Wer ruft mich? richtete der Knabe ſich auf. Thibaut, ſchrie Florine auf, Günſtling meines Bruders, ſchöner, freundlicher Thibaut, ſeid Ihr es? Nach einer Stunde in des Rathsknappen trau⸗ lichem Stübchen war es den drei Perſonen kein Räth⸗ ſel mehr, wie ſie hier zuſammengetroffen waren, und 108 hatten ſie ſich gegenſeitig ihre Lage und ihre Verhält⸗ niſſe mitgetheilt. Thibaut, ausgekleidet und in warme Decken gehüllt, lag in Egons Bett, von dieſem und Florinen nebſt der alten Kaſtellanin des Hauſes auf das Sorglichſte gehegt und gepflegt. In Thränen zerfließend hielt Florine die heißen Hände des Kna⸗ ben in den ihrigen und ließ ſich von ihm, in deſſen Armen der theuere Bruder ſein Leben ausgehaucht hatte, zum zehnten Mal die Geſchichte ſeiner letzten Augenblicke, ſeiner letzten Worte und Athemzüge erzählen. Daß ſie ſelbſt ihm die Augen nicht hatte zudrücken können, war ihr eine Urſache des tiefſten Leidens; aber als Victor ſank, befand ſich Florine be⸗ reits in der Gewalt des Räubers und war von deſſen Knechten bei Seite geſchleppt worden. Später mußte ſie ihm, ohne von dem Schickſal aller ihrer verſprengten Gefährten etwas Genaues erfahren zu können, nach der Stadt folgen, wo man ſich jetzt befand, und ward in ſeinem Hauſe gefangen gehalten. Thibaut, nachdem er lange bei dem unbeerdigten Leichnam ſeines Gönners gewacht hatte, rief endlich durch ſeine Wehklage einige Holzhauer herbei, mit deren Hülfe die Leiche in ein nahes Kloſter geſchafft und dort— Thibaut war deſſen Zeuge geweſen— in geweihter Erde eingeſenkt wurde. Der Knabe, der 5 41⁰⁹ den Moͤnchen ſeinen Namen nicht verhehlt hatte, floh bei Nacht aus dem Kloſter, weil er aus ver⸗ ſchiedenen hingeworfenen Reden ſchließen zu müſſen glaubte, daß man den Plan nährte, ſich ſeiner zu vergewiſſern und ihn feſt zu halten. Nach längerem Umherirren kam er in die große Stadt, wo er ſchon mehre Male, um ſeinen Hunger zu ſtillen, das Mitleid der Menſchen angeſprochen hatte, be⸗ vor ihn der Junker auf den Stufen des Brunnens, wo er zu raſten pflegte, am heutigen Abend traf. Während Thibaut ſo ſprach und erzählte, trat Egon einigemal zu den Häupten ſeines Lagers und legte die Hand auf ſeine Stirne, um deren natürliche Wärme oder Fieberhitze zu prüfen. Dieß geſchah eben auch, als Florine aufſchrie und haſtig mit beiden Händen die Rechte Egons ergriff. Die⸗ ſer Ring, rief ſie, indem ihre Augen ſtarr auf das Geſchenk der Wittib von Gurnigel, welches dieſe in einer Wallung der Zärtlichkeit und des Trotzes gegen den Aarburger ihrem ſchönen Tänzer ge⸗ macht hatte, und das er erſt ſeit einer Stunde trug, dieſer Ring, o woher habt Ihr ihn? Er war meines Bruders Eigenthum, und oft ſah ich ihn an deſſen edler Hand glänzen. Egon erzählte nun, wie er zu dem Ringe gekommen, und zog ihn * 41¹⁰ zugleich ab, indem er Florinen bat, dieſes theuere Andenken an den Verſtorbenen von ihm zurückzu⸗ empfangen. Nie, erwiderte Florine, es kann keinen beſſeren Erben haben, als Euch. Gönnt ihm den Platz an Euerer Hand, die nicht minder edel und ſchön iſt, als die meines Bruders war, und denkt ſtets ſeiner mit Freundſchaft, die er ſo ſehr verdiente. Mitternacht ſchlug von den Stadtthürmen, Flo⸗ rine, über Thibaut gebeugt, deſſen Lager ſie zur Hälfte theilte, obgleich die Kaſtellanin ihr ein an⸗ deres bereitet hatte, ſchlief ein, wie ein ermatteter Engel, indem ihr dunkles Haar über des Knaben Schultern hinfloß und ihre Thränen ſeine Wangen benetzten. Egon, in einen Lehnſeſſel geworfen, hörte ebenfalls die nächſte Stunde nicht ſchlagen und entſchlummerte tief und feſt. Drittes Kapitel. Des Kapleſer Gericht. Während nun auf dieſe Weiſe ihrem Liebling die Nacht nicht eben ganz ruhig zwiſchen Schlaf und Traum verging, hatte auch Hedwig, die würdige Hausfrau auf Oltingen, wenig Ruhe gefunden. Tauſend Sorgen und Beängſtigungen in Folge des ungewöhnlichen Zuſpruches auf der Burg hielten ſie wach auf ihrem Lager, indeß ihr Cheherr, ein Bild des friedlichen Gewiſſens, geſund und feſt ſchlief. Mitternacht hatte geſchlagen, als es leiſe, ganz leiſe an das Fenſter der ehelichen Schlaf⸗ kammer klopfte und Frau Hedwig eben ſo leiſe, aber eilig aufſtand, ihre Kleider nebſt einem großen Tuch umwarf und die Kammer, vorſtchtig auftre⸗ tend und jedes Geräuſch vermeidend, verließ. Sie 412 trat hinaus in den Hof. Eine andere verhuͤllte Frauengeſtalt ſchien hier auf ſie zu warten, aus den Gewändern derſelben leuchtete ein Kleiderſchein und verrieth, daß ſie eine Blendlaterne trug. Biſt Du da, Marie? fragte die Amtmännin. Ja, Baſe, und hier die Schlüſſel zum Verließ. Der Rüſtmeiſter ſchläft, eben ſo der Thorwart, vom Wein, den ich beiden im Ueberfluß kredenzte; jetzt iſt unſerem Vorhaben nichts mehr im Wege, und wir können das Werk beginnen. Wohl, Baſe, wohl, laßt uns gehen. Thun wir aber auch recht? Wir, zwei arme, ſchwache, un⸗ vernünftige Weiber, wollen den Männern ein Widerſpiel machen, unſeren Eheherren, unſerer welt⸗ lichen Obrigkeit ſogar. Der Verbrecher iſt in aller Form Rechtens zu ſterben verurtheilt, und auch kein einziger von ſeinen Mitgefangenen und Landsleuten hat ein Fürwort für ihn eingelegt oder ſich für ihn verwandt, ein Zeichen, daß er den Tod vielleicht mehrfach verdient. Wohl wahr, liebe Mutter, doch habt Ihr Eines vergeſſen. 4 Was denn, liebe Marie? Daß Er wünſcht, der Mann möge hier nicht 413 ſterben, und ſich beim alten Stadtſchreiber ſelbſt für ihn verwandt hat. Wer denn, Kind? Wer den? Wie Ihr fragt, als ob nicht Euere Seele ſeines Namens voll wäre, wie es die meinige iſt, Euer Egon, Euer lieber Sohn, mein hoher Herr und Gebieter. Dein Gebieter? Ja, Mutter, der König meiner Seele. Sündliches Kind. Nun denn, auch ich fühle, aufrichtig geſagt, einen ſtarken Abſcheu, daß hier im Schloß, in unſerem freundlichen Wohnſitz einem lebenden Manne der Kopf abgeſchlagen werde. So wollen wir ihn denn retten, mag daraus entſtehen, was da will, und mögen die hohen Rathsherren morgen uns ſelbſt einkerkern. Gehe aus dem Wege, mein Töchterlein; ſonſt fällſt Du über den Sand⸗ haufen, denn ſie da aufgeſchüttet haben. Es iſt naßkalt, der Regen hat unlängſt erſt aufgehört, und mich fröſtelt's ein wenig. Egon, ſetzte ſie hin⸗ zu, ſchläft, ſo Gott will, recht ſanft und ruhig in ſeinem Stadtbett, während wir hier noch in kalter Nachtluft unheimliches Werk treiben. Wer weiß, Mutter, ſagte Marie mit einem v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. II. 8 114 Seufzer, vielleicht tanzt er auf der Engen, denn da iſt ja ewig Luſtharkeit und Muſitk. Auch möglich, warum ſollte mein ſchlanker Junge nicht tanzen, wenn er Luſt und Gelegen⸗ heit dazu hat? Unter ſolchem Plaudern oder Flüſtern waren beide Frauen bis an die Thürpforte gelangt, deren gewaltiges Schloß Kuniberts Weib jetzt mit dem, ihrem Manne entwendeten Schlüſſel zu öffnen ver⸗ ſuchte. Es gelang mit einiger Mühe; ſte traten in den Vorraum, von wo die Wendeltreppe von Stein ſich in engen Windungen nach unten ſchlängelte. Hier ließ Marie ihre Blendleuchte ſpielen, und nach wenigen Minuten ſtanden ſie vor einer niedrigen, eiſernen Pforte, dem Zugange zum Verließ. Marie, ſtark und rüſtig, wie ſie war, machte ſich daran, auch dieſe zu öffnen, was ihr endlich mit Hülfe ihrer Schlüſſel gelang. Der Schein der Kerze ſiel in das Gewölbe, welches das Burgverließ war; ſie erblickte den Gefangenen an der, dem Pforteneingang gegenüber liegenden Mauer, in drohender Stellung aufgerichtet und, obwohl mit klirrenden Ketten beſchwert, in den auf⸗ gehobenen Händen einen Gegenſtand haltend, den er zum Schleudern gebrauchen zu wollen ſchien. 14⁵ Die Frauen wichen im Anfang erſchrocken zuruͤck; bald aber wagte die muthige Rüſtmeiſterin ſich näher, kehrte den Schein der Leuchte gegen ſich, ſo daß ſie hell davon angeſtrahlt ward, und ſagte mit ihrer weichen Frauenſtimme: Gefangener, was machſt Du? Droheſt Du uns? Wir ſind Frauen, die mit Deinem Schickſal Mitleid fühlen, und kom⸗ men, um Dir Rettung und Freiheit zu bringen. Was? Ihr ſeid nicht Schergen, die mich zum Tode ſchleppen wollen? Seid Ihr es, ſo muß ich ſterben. Aber vorher giebt es noch zerbrochene Hirnſchädel; ſeht den Stein hier in meiner Hand und die Quaderſteine, die hier rings um mich her liegen und mir bis zum letzten als Wurfgeſchoſſe dienen ſollen. Seht— ſo.. Er warf bei dieſen Worten einen Mauerſtein mit der äußerſten Gewalt gegen eine der Wände, ſo daß der Stein zerbröckelte und die einzelnen Stücke weit umher ſprühten. Gut, wilder Mann, rief Marie, empfängſt Du uns auf dieſe Art, ſo gehen wir und uͤberlaſſen Dich Deinem Schickſale, während ich bei den Wunden des Heilands ſchwöre, daß wir Gutes mit Dir im Sinne haben, ſo Du folgen und unſeren Weiſungen gehorchen willſt. 8 ⅝ 4146 Ich will es, entgegnete Kapleſer nach einigem Sinnen. Kann man Deinen Worten trauen? Wie ich Eueren. Ich ſchwöre wie Ihr bei den Wunden des Erlöſers. Nun gut; auch würde es Dein ohnehin trau⸗ riges Loos zehnfach erſchweren, wenn Du uns, die Frau und Nichte des Schloßvogts, beleidigteſt oder gar angriffeſt. 1 Tretet ein, Damen. Ich bin ein Gefeſeelter, Ketten halten mich an der Mauer feſt. Die ich löſen will mit dieſen Schlüſſeln. Marie trat nun dreiſt in den Kerker, einige Schritte hinter ihr folgte die Amtmännin. Erſtere näherte ſich dem wild ausſehenden Gefangenen und beugte ſich zu ihm nieder. Sie ſuchte in ihrem Schlüſſel⸗ bund, während er ihr ſeinen mit Handſchellen um⸗ ſchloſſenen Arm darreichte; bald öffneten ſich dieſe, und Kapleſers rechter Arm war frei. Er athmete ruhiger und ſagte jetzt mit völlig gewonnenem Zutrauen: Dank, Dank! Ci ſagt doch, was bewegt Euch denn zu ſolcher Barmherzigkeit ge⸗ gen mich, der den Tod verwirkt hat und den ſie mor⸗ gen einen Kopf kürzer machen wollen in dieſer Burg. Die Barmherzigkeit eines Engels gegen Dich, 417 antwortete Marie raſch, eines Junkers, der Dich jüngſt hätte tödten können, wenn ſein Herz nicht voll Mitleid und Güte geweſen wäre. In ſeinem Geiſt und Auftrag handeln wir; jetzt Deine linke Hand, Gefangener. Marie überlief es ein wenig wie Schauer beim Anblick dieſer braunen, behaarten, ſehnen⸗ geſchwollenen Arme und der ihnen entſprechen⸗ den Hände, welche ſie jetzt berühren mußte. Während dieß geſchah, ſagte ſie: Welch ein Hau⸗ fen von Steinen und Schutt umgiebt Dein Lager, Gefangener; es ſcheint, Du habeſt an Flucht durch dieſe undurchdringliche Mauer gedacht und darum jene Steine ausgebrochen. Nun freilich. Denkt Ihr, Dame, ich werde ge⸗ duldig warten, bis Euer Pfaff kommt, mir die letzten Kerkerſprüchlein vorzubeten, und endlich der Meiſter Kopfab mit ſeinen Knechten, um mich auf den Sandhaufen zu führen? Mir wäre ſo. Dieſe Steine ſollten mir allerdings einen Ausweg bah⸗ nen und zugleich als Waffen dienen; denn ein rechter Mann weiß Alles zu brauchen, und der iſt ein Elender, der ſich ſeines Lebens nicht wehrt. Kapleſer! Dame! 418 Jetzt ſeid Ihr faſt frei, beantwortet mir eine Frage. Seid Ihr ein rechter Mann? Das heißt ein ſolcher, der ſein Leben und die ihm wiederge⸗ ſchenkte Freiheit zu guten Werken anwenden wird? Ein Weib und drei Kinder zu ernähren, Dame, wenn Ihr ſolches ein gutes Werk nennt. So es ehrlich geſchieht, ja, das Beßte, Kaple⸗ ſer, was Ihr thun könnt, um Euch mit Gott, Menſchen und Euch ſelbſt zu verſöhnen; allein fühlt Ihr keine Dankbarkeit gegen den, der Euch in Charmy das Leben ſchenkte und erhielt, während es von einem Worte ſeiner Lippen abgehangen hätte, es Euch zu nehmen? J nun, ſagte Kapleſer, mit den frei gewordenen Händen ſeine Haare krauend. Tragt mir auf, in Euerem Namen ſeine gütige Hand zu küſſen. Meinethalben, Dame; ja, es iſt wahr, er war gütig und überhaupt ein wackerer Mann. Vielleicht kommt einmal mein Weib oder meiner Kinder eines dazu, ihm fußfällig zu danken. Das iſt brav geſprochen, ſagte Marie. Und hier, fügte die Amtmännin hinzu, indem ſie dem Gefangenen einen kleinen Säckel mit Geld reichte, nehmt dieſes zur Reiſe in Euere Heimath 119 und denkt ohne Groll an Oltingen und den Sohn des Burgvogts, der Euch in Charmy begnadigte. Sie leiteten nun ihren Schützling die Stiege hinauf und über die Burghöfe bis zu dem äußeren Thore, wo man in der Behauſung des ſchlafenden Wächters eine ſtarke Schnur, die neben deſſen Bett an einer Rolle befeſtigt war, loswand und damit die kleine Brücke für Fußgänger, welche den Uebergang des Wallgrabens möglich machte, nieder⸗ ließ und dann die Pforte neben dem Thore öffnete. Kapleſer, der nun die Freiheit vor ſich ſah, hielt ſich nicht lange auf, fondern eilte über den Gra⸗ ben davon, ſehr bald aus dem Geſichtskreiſe ver⸗ ſchwindend. Es thut, ſagte die Amtmännin nach einer kurzen Pauſe ſeufzend, wohl, wenn man ſeines Herzens Trieb und Neigung erfüllt hat. Wir haben es, und die Folgen müſſen wir nun tragen. Dein Oheim und Dein Ehegatte, Marie, werden zürnen, wenn ſie das Verſchwinden des Gefangenen und die Verwüſtung entdecken, die er im Verließ angerichtet hat, und dann die Raths⸗ herren; ach, mein Kind, uns erwartet morgen ein Gewitter. Die Herren, ſagte Marie, fürchte ich am we⸗ nigſten; ich verlaſſe mich auf den guten, alten 420 frohen Herrn Furter, dem offenbar nichts daran gelegen war, daß der Mörder hier gerichtet werde. Wäre es ſchicklich geweſen, er würde ihn gebeten haben, ſich irgend wo anders als bei uns köpfen zu laſſen. Auch hätte er, wie es mir ſchien, nichts dagegen gehabt, wenn Vetter Egon dieſen Gefang⸗ enen auf irgend eine Art unterwegs eingebüßt hätte; aber Egon hatte eine beſtimmte Anzahl Gefangener herzuführen, und er erfüllte pünkt⸗ lich ſeine Pflicht; zagt nicht, Baſe, es wird Alles gut werden, und ich übernehme die ganze Schuld, wie ich ſie denn größtentheils allein habe, denn Ihr wichet nur meinem Bitten und Zureden. Doch allzuleicht, Bäsli, mit Egons Namen bezwangſt Du mich, und die Sache iſt geſchehen. Gehe nun zu Bett und ſchlafe ſanft; auch ich will es verſuchen. Am anderen Morgen kam etwas von dem, was Frau Hedwig ein Gewitter genannt hatte, als die Flucht des Gefangenen ſich nicht mehr verheh⸗ len und verſchweigen ließ, vielmehr die Kunde da⸗ von durch das ganze Schloß lief. Das Schloß⸗ geſinde und die Mannſchaft, die auf das Schauſpiel der Juſtificirung eines Verbrechers, welches ihnen ge⸗ boten werden ſollte, begierig war, murrte und fluchte. 121 Der Amtmann ſchüttelte das Haupt und ſchmälte, ja ſein Unmuth und ſeine Verlegenheit wurden groß, als Frau Hedwig mit dem Geſtändniß nicht mehr zurückhielt, daß ſie zum Theil die Urheberin und Mitwiſſerin der ſtattgehabten Flucht geweſen ſei. Was ſollte der ſtets in ſeinem Dienſt tadelfreie Vogt und Amtmann nun ſeiner hohen, im Schloſſe anweſenden Obrigkeit gegenüber ſagen und be⸗ ginnen? Es konnte nicht fehlen, daß die gute Frau Hedwig eine ernſte Mahnung erhielt und keiner der Gründe, die ſte zur Entſchuldigung ihrer Handlungsweiſe anführte, ſtichhaltig befunden wurde; namentlich kam ſie damit in das Gedränge, daß ſie Egons vermeintlichen Wunſch, Kapleſer möchte mit dem Leben aus Oltingen davon kom⸗ men, einen Wunſch, den er geſprächsweiſe geäußert und dem ſie habe nachkommen wollen, in Erwähn⸗ ung und Erwägung brachte. Hier ſchalt Herr Wilibald ernſtlich; ſchwache Mutter, ſprach er, zeigt ſich nicht wieder von Neuem, was ich Dir oft vorwarf, daß Du unſerem Aelteſten mit einer Art von Affenliebe zugethan biſt, daß Du ihn verziehſt und daß Gott weiß was aus dem Buben gewor⸗ den wäre, hätte ich nicht ſtets eine heilſame Strenge rückſichtlich ſeiner walten laſſen. Der allein es iſt zu danken, daß er noch einigermaßen ge⸗ rathen iſt; halb und halb leidlich, will das ſagen. An Dir, thörichte Frau, liegt ſolches nicht. Halb und halb leidlich, wiederholte Frau Hed⸗ wig, an ihrer empfindlichſten Stelle getroffen, ſehr kleinlaut; er ſieht ſeinem Vater ſprechend gleich, deſſen ich mich noch wohl erinnere, als er ein Jüngling war— aber nie ſtolz war ich auf die Wahl dieſes halb und halb Leidlichen, der der Mildeſte an Sinn und Sitten, der bravſte und liebwertheſte Junker weit und breit war. Nun, nun, grollte Wilibald, auch Du, Alte, warſt nicht eben übel, vielmehr ein Fräulein, wie es in ganz Helvetien kein zweites gab, und zürne ich Dir, ſo geſchieht es nur des thörichten Streiches wegen, den Du in dieſer Nacht begangen haſt. Und den mir mein theuerer Ehegatte vergeben wird. Die Amtmännin ſank ihrem Gemahle zu Füßen und umarmte ſeine Kniee. Vor Allem ſiehe, was die geſtrengen Herren oben dazu ſagen werden. Dem Meiſter Jäkel aber 6 gieb einen doppelten Morgenimbiß und bitte ihn um Verſchwiegenheit, damit er in der Stadt nicht ausplaudere, wie in Oltingen Gefangene bewacht 123 werden und was die Chefrau des Vogts und Amtmanns dort über Nacht mit ihnen thut. Nicht ganz ſo friedlich verlief der Gewitteraus⸗ bruch, den Marie bei ihrem Gatten, dem Rüſtmei⸗ ſter, zu beſtehen hatte; Kunibert war heftig und leidenſchaftlich in allen ſeinen Gemüthsbewegungen, und hätte die ſchuldige Gemahlin nicht der hoff⸗ nungsvolle Zuſtand geſchützt, in welchem ſie ſich freilich einige Monate zu früh befand, ſie hätte leicht in der erſten Hitze, die ihr Geſtändniß erregte, trotz der Liebe, die er für ſie wirklich hegte, des Rüſtmeiſters ſchwere Hand fühlen können. Mit Zittern und Zagen verfügten ſich dann die beiden erſten Beamten der Burg hinauf in die Staatsgemächer, um den hohen Rathsherren die Eröffnung oder das Geſtändniß von dem zu machen, was während der Nacht ſich ereignet hatte, ein Bekenntniß, das unterm Schutz und Einfluß des Rathsſchreibers weniger ſchlimm aufgenommen ward, als die Männer erwartet hatten. Die beiden ſchuldigen Frauen mußten ſelbſt erſcheinen nd aus⸗ führlich berichten, wie ſich Alles begeben und wie Kapleſer bei ſeiner unverhofften Befreiung ſich ge⸗ berdet hatte. Furter konnte ein Lachen dabei nicht ganz unterdrücken und erwiderte dann: Sorgt, daß 124 der Schade, den der Mann in der Mauer ange⸗ richtet, durch ordentliche Handwerker ausgebeſſert und der alte Zuſtand wieder hergeſtellt werde. Gebt Euch zufrieden, Ritter von Stein, das Un⸗ glück iſt ſo groß nicht, in wenigen Tagen wird ſeine Spur verſchwunden ſein; ich erinnere mich, dieſe Ausbeſſerung iſt die zweite, die während meiner langen Amtsführung im Burgverließ zu Oltingen auf Rathskoſten vorgenommen wird. Es war vor 30 Jahren etwa, wir hatten auch Krieg, und die Armagnaes fluchbeladenen Andenkens zogen ver⸗ wüſtend, ſengend und brennend durch Helvetien. Euer Großvater, der bald darauf ſtarb, war juſt unſer Vogt auf Oltingen. Richtig, dunkel erinnere ich mich deß; ich war noch ein junger Geſelle zu jener Zeit. Die Armagnacs, fuhr Furter fort, müſſen auch Euch und Eueren liegenden Gründen vielen Schaden zugefügt haben, denn Eueres Vaters Wohlſtand war dem nicht entſprechend, was man von Eueres Großvaters Nachlaß erwartet hatte, der für einen reichen Mann galt. Euer Vater nahm Capi⸗ talien auf ſein Stammgut auf und gerieth in Schulden. 4 25 Leider, ſeufzte Herr Wilibald, leider, Euer Ge⸗ ſtrengen, ich weiß es nur zu gut. Ihr aber, Amtmann, ſeid ein ſeltener und edler Mann, denn Ihr habt Euerem hartherzigen Gläu⸗ biger ein Document wieder zugeſtellt, das ihm viel Macht über Euch giebt und welches zuletzt auf ge⸗ rechte Weiſe in Euere Hände gefallen war. Auf gerechte Weiſe? Ich hatte es doch nicht eingelöſt vom Glaͤubiger. Freilich nicht, und Euere Handlungsweiſe würde auch weniger zu preiſen ſein, kennte man nicht dieſen Herrn Werner Schilling als einen habgierigen Eiſenkopf, der Euch und den Eurigen vermöge des ihm wieder zugeſtellten Documentes noch weidlich Leid zufügen wird. Wundern ſoll es mich, wenn er nicht über Kurz oder Lang Euer Stammgut mit Beſchlag belegen, ſich in deſſen Beſitz ſetzen und es verkaufen läßt. Wilibald ſeufzte. Meine armen Söhne, ſagte er. Bei jedem Anderen hättet Ihr auf Nach⸗ und Rückſicht rechnen und hoffen können, bei dieſem Luzerner Lombarden nicht, und zwar um ſo we⸗ niger, als er ſelbſt eben Verluſte erlitten hat und chwerlich wieder zu ſeinem verlorenen oder ge⸗ raubten Gute kommen wird. 126 Ueber dieſen Gegenſtand unterhielten ſich die Männer noch eine Weile, und da der Schaden im Verließ wieder hergerichtet, überhaupt von Seiten der Abgeordneten noch einiges Geſchäftliche mit dem Amtmann zu erledigen war, ſo entſchied Furter, den heutigen Tag noch in Oltingen zuzubringen und erſt morgen zurückzukehren in die Stadt. Man ſaß gegen Abend beim Imbiß, als des Thurmwarts Hornruf und Pferdegetrappel noch einen ſpäten Be⸗ ſuch ankündigten. Klirrender Sporentritt ward auf den Quaderſteinen des Hausraumes laut, und die Kna⸗ ben ſtürzten in die Wohnſtube, dem Kommenden vor⸗ an, mit der Freudenbotſchaft: Bruder Egon kommt, Bruder Goni iſt wieder da. In der That trat der ſo Angemeldete gleich hinter den Knaben ein und erregte unter den um den Tiſch Sitzenden aller⸗ dings einige Aufregung, denn man hatte ihn nicht ſo bald zurückerwartet aus der Stadt. Goni, Goni, ſagte der Amtmann mit gutmüthigem Ernſt, Du kommſt gerade zu recht, um Dir den Kopf waſchen zu laſſen; es iſt noch Waſſer genug dazu vorhanden, Dolderbub, der Du biſt. Wie ſo denn? Warun ſchiltſt Du, Aeti? Was habe ich begangen? O viel, viel. Haſt Du nicht unter den Ge⸗ 127 fangenen von Gruyeres einen Verbrecher mitge⸗ bracht nach Oltingen, den wir, damit Recht geſchehe, haben müſſen köpfen laſſen vom Meiſter Jäkel? Sieh hinaus, der Hof raucht noch vom Blute. Glaube es nicht, Sohn, rief die Amtmännin dazwiſchen, der Vater ſcherzt, Niemand iſt geköpft worden in Oltingen. Weil der Herr Rathsknappe ſeiner ſchwachen Baſe und ſeiner noch ſchwächeren Mutter in den Kopf geſetzt hatte, er liebe ſolche Auftritte der Gerechtigkeit nicht und wünſche ſie unvollführt, worauf denn Frau Hedwig und Frau Marie nichts Angelegentlicheres zu thun hatten, als dem Ver⸗ brecher ohne unſer Wiſſen die Feſſeln abzunehmen und ihn in das Freie zu laſſen. Thatet Ihr ſo? fragte Egon, ſich umſchauend im Kreiſe, wobei er an dem Purpur auf ſeiner Mutter Wangen, an Mariens in Thränen getauchtem Blick und an Furter's ſchelmiſchem Kopfnicken wohl erkannte, daß des Vaters Rede mehr als Scherz war. O meine liebe, gütige Mutter, theuerſte Muetti, Dich erkenne ich. Laß mich Deine Hände küſſen und Dein liebes Gewand. Er ſank zu den Füßen der Amtmännin und that, wie er ſagte. 428 . * Biſt Du damit zufrieden, mein Sohn, ſprach dieſe * und ſtteichelte ihm Wangen und Stirne wenn Du es biſt, ſo mußt Du Dich bei Baſe Marie bedanken, die Dich am erſten verſtanden hat; ich folgte nur ihren Rathſchlägen. Ja, ja, ſo iſt es. Theuere Baſe, rief Egon, zu Marien gekehrt, ſeid meines innigſten Dankes gewiß, ſowie immer meiner tiefſten Verehrung. Ihr aber, lieben Aeltern, ſchenkt mir einige Augenblicke Gehör im Gaden, ich habe Euch etwas vorzutragen, was keinen Auf⸗ ſchub leidet. Ich bringe Gäſte mit aus der Stadt, die um eine freundliche und gütige Aufnahme bitten; welche Bewandtniß es aber mit dieſen Gäſten hat, muß ich Euch vorher berichten. Junker, Junker, rief der alte Furter, mit dem Finger drohend, etwa wieder Gefangene, über die wir ein Halsgericht halten ſollen, damit Euere gute Frau Mutter ſie abermals befreien kann? Wie Ihr wollt, geſtrenger Herr, entgegnete Egon; viel wird darauf ankommen, wozu Ihr ſie macht, denn Ihr ſeid hier Herr und Gebieter. Tretet auch Ihr gütigſt in das Gaden, denn auch Euch geht die Meldung an, die ich zu machen habe. Pah, pah! Du ſcherzeſt, Goni. Wenn Ihr es ſo nennt, daß ich Den zu frei⸗ 129 williger Haft bringe, gegen den unſer hoher Rath Krieg führt und in deſſen ihm angehörigen und unter⸗ thänigen Gauen unſere Hulfsvölker ſtehen, mit einem Worte, den Grafen und Herrn von Gruyeères. Wie? Was? Ihr redet irre, Herr Knappe. Ich glaube doch nicht, Euer Geſtrengen. Uebrigens iſt, wie Euch bekannt ſein muß, ſetzte Furter hinzu, der eigentliche Erbherr und Graf von Gruyères ein Kind, ein etwa dreizehnjähriger Knabe, unter Vormundſchaft eines ſeiner vornehmſten Va⸗ ſallen, des Herrn von Joinville, der ſtatt ſeiner regiert. Ganz recht, Ihr werdet dieſes Kind ſehen, es weilt draußen im Hofe. Des alten Furter Augen glänzten bei dieſen Worten auf, er warf einen Blick durch das Fenſter, wo noch Roſſe und Reiter hielten; dann kam er eiligſt um den großen Eßtiſch herum, ſchüttelte Egons Hand und ſagte: Fort, fort in das Gaden, Junker. Was Ihr da ſagt, iſt mir formlich in die Beine gefahren. Wenn Ihr keinen ſchlechten Spaß machtet und nicht im Fieber ſpracht, ſo hätten wir in jenem Knaben die Grafſchaft, ja ganz Savoyen ſelbſt in unſeren Händen. Kommt in das Gaden, Ritter Wilibald, Frau Hedwig, kommt. v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. II. 9 13³⁰ Er zog ſie eifriger als Alle in das nahe Kloſet, die Sprachſtube der Herrſchaft, und während Egon berichtete, was ihm im Laufe der Nacht in der Stadt begegnet war, von dem Tanz in der Engen an bis zu Florinens und Thibauts Einführung in den Oltinger Hof, hing Mariens Auge an den fremden Geſtalten im Burghofe, an dem feinen, hübſchen Mädchen und dem ſchlanken Knaben zu Roß, in deren Zügen Spannung und Kummer bis zu einem Grade, der zu Mitleid reizte, ausgedrückt waren. Die Rüſtmeiſterin ging, von ihrem Manne gefolgt, zu den Fremden hinaus, und ehe noch die Unterredung im Gaden zu Ende und über die An⸗ nahme oder Nichtannahme der Gäſte entſchieden war, begrüßten jene Beiden ſie freundlich und luden ſie ein, abzuſteigen, was auch mit des Rüſtmeiſters Hülfe alsbald geſchah. Beide jungen Reiter ſchienen in den ungewohnten Sätteln ſich nicht zu behagen, oder war es das Unſichere und noch ſo Schwankende ihrer Lage, was ſie drückte, genug, ſie erſchienen bleich und leidend, als ſie der Rüſtmeiſter von den Roſſen hob, die er als Berner Miethgaule erkannte; des Knaben Antlitz war nicht ganz zu ſehen, denn er trug um die Stirne eine ſchwarzſeidene Binde, wie ein Verwundeter. So ſtanden ſie einige Minuten, 41³¹ angeſtaunt von dem Burggeſinde, aber ſchweigend, denn der Rüſtmeiſter ſowohl als ſein Weib, waren der wälſchen Sprache unkundig, und auf die deut⸗ ſchen Begrüßungen wußten die jungen Fremden nichts zu erwidern, als Egon mit haſtigem Schritt aus dem Hauſe kam, fröhlichen Antlitzes auf ſie zuging und zu ihnen ſprach: Ihr ſeid willkommen; meine Aeltern willigen gütig und mit Freude dar⸗ ein, Euch in ihrer Häuslichkeit zu empfangen. Ueber Euere Herkunft, Mademoiſelle, waltet kein Zweifel, weil ich Euch ſelbſt in Herrn Schillings und Eueres Bruders Geſellſchaft ſah, und Euere Angaben, Thibaut, verbürgt uns Florine, und noch ein anderes Mittel, hinter deren unfehlbare Wahr⸗ heit zu kommen, bietet ſich vermuthlich hier im Schloſſe ſelbſt dar. Ihr müßt nämlich wiſſen, daß mehre Euerer Landsleute oder, wenn Ihr wollt, Unterthanen als Gefangene hier ſind, von denen einer oder der andere doch vielleicht ſeinen jungen Herrn in Euch erkennen wird, wenn Ihr es ſeid. Zu Egons Freude blieb Thibauts Ausdruck bei dieſer Verkündigung ein völlig ruhiger; er ward nun eingeladen, näher zu treten und ſich dem Haus⸗ herrn und der Hausfrau zu zeigen, wobei ſein Anſtand und ſein Benehmen, eine ungeiiungene „ 43² Höflichkeit, verbunden mit jener feinen Art und Weiſe, die man ſo gern als Attribut eines höheren Standes bezeichnet, Allen in die Augen ſprang und für ihn einnahm. Der alte Furter flüſterte ſeine Bemerkungen darüber in des Amtmanns Ohr, wollte jedoch ſeinen Glauben oder Unglauben an die vorgegebene Abſtammung des jungen Men⸗ ſchen noch zurückhalten. Florine konnte Frau Hed⸗ wigs und Mariens herzlichen und gütigen Empfang nicht lange widerſtehen; bald begann ſie ſich heimiſch und behaglich hier zu fühlen, ſie durfte an der mütterlichen Bruſt Frau Hedwigs um den geliebten Bruder klagen und weinen, und dieß hob ſie ſchnell über die kalte Scheidewand hinweg, die ſonſt Fremde wohl bei der erſten Bekanntſchaft noch zu trennen pflegt. Alles geſchah, um den die Theilnahme ſo ſehr erweckenden Fremden zu dienen, ſie zu laben, zu ſtär⸗ ken; man trug ihnen und ihrem Beſchützer und Freund Egon ein neues Mahl auf, und ſie langten mit recht geſunder Eßluſt zu, als die Thüre ſich öffnete und unter des Rüſtmeiſters Anführung eine Schaar von Männern, einer hinter dem anderen gehend, langſam um die Tafel geführt ward. Plötzlich ſprang Thibaut auf und lief zu einem von ihnen. Guten Abend, Bernard, rief er, ſteh 133 doch, Bernard, meines Vaters Falkenier, wo warſt Du? Wo hielteſt Du Dich verborgen? Und auch Du hier, Jean⸗Pierre, Du Daniel?! Ei Du kennſt dieſe Männer, mein ſchöner Knabe? fragte der alte Furter, ernſt werdend. Werde ich doch, Herr; ſind ſie doch alle Dienſt⸗ mannen von unſerer Burg Gruyères und Reiſige des geſtrengen Herrn von Joinville. Aber Ihr Männer, fuhr er fort, wo waret Ihr? Wie kommt es, daß ich Euch hier in fremdem Lande antreffe? Nehmt Euch in Acht, der Ritter von Joinoille iſt ſtreng, auch wohl hart ſogar. Junker Thibaut! riefen die Männer, die keine Anderen waren als die Gefangenen von Etivaz. Still, winkte der Rathsſchreiber mit immer ernſt⸗ erem Antlitz dazwiſchen, ſtill, Ihr Männer, nur eine Frage beantwortet: Kennt Ihr dieſen Knaben? Sie antworteten jedoch nicht, ſondern blickten Alle fragend auf Thibaut, als trügen ſie Scheu, ſeinen Namen hier zu nennen. Nein, nein, ſprach der Knabe, ich wehre es Euch nicht, antwortet dieſem Heren immerhin; ich glaube, daß wir in guten Händen ſind. Das glaube ich auch, nahm der alte Bernard das Wort, wenn Ihr, Herr Thibaut, wie wir es 434 waren, jenes jungen Herrn Gefangener ſeid, der dort ſitzt.— Er wies auf Egon. Der? fragte der Knabe erſtaunt. Still noch einmal, rief der Rathsſchreiber, jetzt gebt eine kurze und beſtimmte Antwort. Kennt Ihr dieſen Jüngling mit der Binde um den Kopf? Wir kennen ihn, ſagten Alle einſtimmig. So nennt ſeinen Namen. Es iſt, ſagte der älteſte von den Gefangenen, der Falkonier Bernard, es iſt Graf Armands, meines dahingeſchiedenen gnädigen Herrn, nachgelaſſener einziger Sohn, Junker Thibaut, Graf von Gruyèéres, Schutzherr der Städte Lauſanne, Vevay und Mor⸗ ges, Herr von Moleſſon und Bellegarde. Noch viele Gauen und Städte könnte ich nennen, die alle ſein Erbe ſind. Damit ließ der Alte, ehrwürdigen Anſehens, ſich vor Thibaut auf ein Knie nieder und küßte ihm mit ehrerbietiger Zärtlichkeit die Hand? Redet er die Wahrheit? fragte der Raths⸗ ſchreiber, mit funkelnden Augen im Kreiſe der Ge⸗ fangenen umherſchauend. Die Wahrheit, entgegneten die Gefangenen ein⸗ ſtimmig, und einer ſetzte hinzu: Nicht wahrer ſtarb unſer Heiland am Kreuze. 435 Nun denn, rief Furter mit einem Triumph, der ſeine kleine Geſtalt erhob und größer machte, ſo jubele, Bern, Dein iſt der Sieg und unermeßlich der Vortheil. Gruyeères iſt in Deiner Hand. Der alte Herr, ein feuriger Vaterlandsfreund, konnte ſich kaum faſſen, er beſchenkte die Gefangenen aus eigenem Säckel, er umarmte den hohen Knaben, ſeinen Günſtling Egon, deſſen Vater und Mutter und ſah ſich in eine äußerſt heitere, ja mehr noch glorioſe Stimmung verſetzt. Der arme Thibaut, der nach den Erziehungsgrundſätzen ſeines Vor⸗ mundes über die Vorgänge und Verhältniſſe ſeines Vaterlandes in gänzlicher Unkenntniß gelaſſen wor⸗ den war und nur ſo viel davon wußte, als ſein heller Sinn ſich aus den Erſcheinungen, die er wahrnahm, zuſammenreimte, ſtaunte im Anfang über Alles, was er ſah und hörte, und zeigte Betroffen⸗ heit; bald jedoch gewann er eine ziemlich klare Umſicht der Dinge, und da er ſeinen Vormund immer gefürchtet, ſeit Kurzem aber mit vollem Be⸗ wußtſein angefangen hatte, ihn auch zu haſſen, hier aber nur Liebe und Freundlichkeit ihm entgegen⸗ trat, ſo gehörte er von nun an auch zu Joinville's Feinden, ſo gut als der Rath zu Bern und die Zuzugvölker aus dem Simmenthal und dem Fru⸗ 136 tigerland. Sein ganzes vergangenes Leben lag hinter ihm, wie eine bedeutungsloſe Null, erſt ſeit den wenigen Tagen ſeiner Bekanntſchaft mit Victor Deleſſers, oder auch erſt ſeit Stunden, ſo lange er in Oltingen weilte, hatte er angefangen, ſelbſtſtän⸗ dig zu fühlen und zu leben. Etwas Aehnliches, wiewohl aus anderen Urſachen, ſchwellte die kaum ſich wölbende Bruſt der jungen Lyöneſin, doch nicht mit ſo hellem Bewußtſein, als dieß bei ihrem Spiel⸗ und Leidensgefährten Thibaut ſtattfand. Es war nach der Mahlzeit, als der Amt⸗ mann ſeinen Sohn abſeit zog und ihn fragte, ob er noch im Beſitze des bewußten Documentes ſei oder daſſelbe bereits ſeinem rechtmäßigen Eigenthümer wieder zugeſtellt habe. Verzeihung, Vater, erwi⸗ derte der Sohn, daß ich vergaß, Euch den Em⸗ pfangſchein des Herrn Schilling zu geben. Hier iſt er; ich erzählte Euch, wie ich geſtern Abend auf der Engen mit unſerem Gläubiger zuſammen⸗ traf und daß ich ihn heute Morgen um die neunte Stunde in den Oltinger Hof beſchied, um ihm den Schuldbrief zurückzugeben. Er kam ſchon drei Stunden früher, weckte mich und meine Gäſte aus dem Schlafe und zügelte ſeinen Ungeſtüm nicht eher, als bis er das Doeument in den Händen hielt 437 und ſich bei angezündeter Kerze von ſeiner Rich⸗ tigkeit überzeugt hatte. Dank und Abſchied waren kurz, kaum daß ich ihn dahin bringen konnte, mir dieſen Empfangſchein zu ſchreiben und eine Er⸗ kundigung nach dem Ergehen ſeiner liebenswürdigen Tochter zu beantworten. Fräulein Sibyllle iſt, wie ich vernahm, wohlbehalten in Luzern; ſie gelangte glücklich vom Platz der Raubthat, nachdem ſie den Fall ihres Bräutigams geſehen hatte, in die Her⸗ berge von Gurnigel, wo ſie den Tod Herrn Victors erfuhr und dann allein nach ihrer Heimathſtadt reifte. Ihr Vater vermuthet, daß ſie, nach ſolchen Erlebniſſen der Welt müde, in den Orden der from⸗ men Urſulinerinnen, die in Luzern ein Kloſter haben, einzutreten gedenkt. Als Herr Wilibald den von Schilling ausge⸗ ſtellten Empfangſchein las, lautete derſelbe alſo: Ich Endesunterzeichneter verſpreche und verheiße hiermit, daß ich bei nächſter Zahlungsfriſt der Schuld, die in dem mir geraubten und heute zu⸗ rückgeſtellten Document verbrieft iſt, mit richter⸗ licher Hülfe einen Beſuch in Oltingen abſtatten und dabei von alle dem Recht und der Gewalt gegen meinen Schuldner Gebrauch machen will, 138 welche mir zuſteht, falls ich nicht von Jenem zu⸗ frieden geſtellt werde. 4 Zu Bern, im Oltinger Hof, wo ich den Junker Egon in Geſellſchaft einer kleinen verlaufenen Franzöſin und eines Landſtreichers antraf, die bei ihm übernachtet und mit ihm ſehr lange geſchlafen hatten. Werner Schilling. Nun, mein Sohn, rief Herr Wilibald, kennſt Du den Inhalt dieſer Schandſchrift, haſt Du ſie geleſen? Nein, Vater, dazu fehlte mir Luſt und Muße. Da lies... Ja, ſagte Egon, nachdem er das Blatt ſeinem ganzen Inhalte nach ſtudirt hatte, er bleibt, was er immer war, ein Grobian; dennoch habt Ihr recht gethan mit dem Document, das uns freilich großer Trübſal ausſetzen kann; doch ich vertraue auf Gott. 1 Schöne Zuverſicht der Jugend! ſeufzte Herr Wilibald und trat dem Rüſtmeiſter entgegen, der eben in das Zimmer getreten war und Miene machte, als habe er dem Hausherrn etwas zu melden. Kunibert ſprach lange und heimlich mit ihm. Seltſam, entgegnete nach einer Pauſe der 139 Amtmann, ich will ſelbſt hinab kommen; mög⸗ lich iſt es, was die Leute gehört haben wollen, doch beruht es vermuthlich auf einer Taͤuſchung. Egon achtete auf das weitere Geſpräch nicht ferner, denn er war durch die Anweſenheit der Gäſte gehörig in Anſpruch genommen. Was hatteſt Du denn mit dem Oheim? fragte Marie, als ſie ſpät Abends mit ihrem Manne heim⸗ gekehrt war. Ich? Nichts. Schlafe wohl, mein Weibchen. Nicht eher, als bis Du mir geſagt haſt, was Du in ſein Ohr ziſchelteſt. Weiber, mußt Du wiſſen, ſind neugierig, und ich mache keine Ausnahme von ihnen. Bitte, bitte, Rüſtmeiſter, theile mir das Geheimniß mit. Nun wohl, Kind; damit Du nicht denkſt, es ſei etwas Wichtigeres, ſo höre: die Maurer, die unten im Verließ an Ausbeſſerung der beſchädigten Mauer und des Fußbodens arbeiten, wollen mit ihren Hämmern eine Stelle getroffen haben, die einen ganz eigenthümlichen Ton beim Aufſchlag der Werkzeuge von ſich gibt, einen Ton, wie der einer Hohlung oder eines ſolchen Raumes, der nicht mit Steinen ausgefüllt iſt. Wahr iſt es, denn ich ſtieg 140 hinunter und hörte dieſen abſonderlichen Klang ſelbſt; der Herr will erſt morgen hinab. Weiter nichts? fragte Marie unbefriedigt. Weiter nichts. Sahſt Du nicht wenigſtens ein Irrlicht, einen feurigen Hund, einen Kobold oder einen Burggeiſt, Kunibert? Nein, liebes Weib, die Neugier muß mit dem bloßen hohlen Klang fuͤrlieb nehmen. Böſer Mann, ich will mehr. Da haſt Du mich, ſagte Kunibert und ſchloß ſie in ſeine Arme. Viertes Kapitel. Schiedsgericht auf der Eſchholzmatt. Herr Schilling, der ſchmählich beraubte Kauf⸗ mann, kam trotz aller Vermuthungen über den Ur⸗ heber der an ihm verübten verbrecheriſchen That dennoch zu keiner unumſtößlichen Gewißheit, und er mußte ſich damit begnügen, ſeine Klage bei dem hohen Rathe von Bern, die er nun allen Ernſtes einreichte, nur gegen eine Rotte zu richten, die zweifelsohne zu Bern gehört haben müſſe. Ob Furcht vor dem gewaltthätigen Aarburger oder ein anderer ſchlimmer Rath ihn bewogen hatte, ſeine Klage ſo, wie er gethan, zu ſtellen, bleibt ungewiß, nicht ſo der Erfolg, der ſich hieraus ergab, denn die Obrigkeit erkannte, daß es nicht in ihrer Macht ſtehe, ihm Genugthuung oder Erſatz des Geraubten zu verſchaffen, weil ſie die Thäter nicht kenne. Sehr unzufrieden mit dieſem Beſcheid eilte nun Schilling nach ſeiner Heimath Luzern und begehrte, daß ihm dieſe Stadt zum eidgenöſſiſchen Rechte gegen Bern verhelfe, das ihn mit der Ausflucht abgewieſen habe, man kenne die Thäter des an ihm verübten Raubes nicht. Das eidgenöſſiſche Recht verordnete, daß, wenn der Angehörige eines Cantons in dem anderen keine gerichtliche Hülfe finde, alsdann aus jedem der beiden Cantone zwei Schiedsrichter darüber zuſammen ſitzen und mit Zuziehung eines Obmannes entſcheiden ſollten. Ziemlich auf der Hälfte Weges zwiſchen Bern und Luzern im Emmenthal lag, vom Walde um⸗ ſchloſſen, ein freier Wieſenplatz, an welchem die Grenze beider Staaten hin lief, die Eſchholzmatt genannt; ſie ward zur Abhaltung des Schiedsge⸗ richts gewählt. Die Abgeordneten beider Städte er⸗ ſchienen hier mit zahlreichem Gefolge; unter den Bernern war Herr Furter einer der Richter und Egon Stein einer der dieſelben geleitenden Waf⸗ fenträger. War es nun des alten, ſchlauen Raths⸗ ſchreibers, der dieſem ganzen verdrießlichen Handel abgeneigt war und ihn Bern fern zu halten wünſchte, Einfluß, der ſich geltend machte, oder wirkte eine andere Urſache, genug die Berner Schiedsrichter, 143 den Obmann an der Spitze, verweigerten plötzlich das eidgenöſſiſche Recht mit der Erklärung, der Kläger möge, wenn er erweislich über Berner Klage zu führen habe, ſich vor Bern'ſchen Ge⸗ richten ſtellen. Groß war Schillings Wuth, als ihm dieſer Beſcheid ertheilt ward, der ſeiner nach der ſchon gemachten Erfahrung allerdings zu ſpotten ſchien, und es fehlte nicht viel, daß es hier auf der Eſchholzmatt zwiſchen Schillings Begleitern und den Bernern zu blutigem Hadern gekommen wäre; die Ruhigeren im Haufen, die Bedächtigeren ver⸗ hinderten dieß indeſſen, ſie wußten wohl, daß die Macht auf Berns Seite war, und der Mächtige ſich immerhin ungeſtraft etwas Uebermuth erlauben darf; letzterer mochte bei dem Entſcheid freilich mit eingewirkt haben, mehr aber, zu des alten Rathsſchreibers Ehre, höhere und ernſtere Rück⸗ ſichten auf das Staatswohl. Sollte Bern, das ſo eben in einen koſtſpieligen und ernſten Krieg mit dem mächtigen ſavoyer Fürſten verwickelt war, einen Krieg, der ſeine ganze Thatkraft und alle ſeine Mittel in Anſpruch nahm, ſich noch in ver⸗ drießliche Nebenhändel eingarnen laſſen, die viel⸗ leicht den ſchon eingeleiteten Friedensunterhand⸗ lungen nachtheilig oder hindernd werden konnten? * 14⁴ Daß Aarburg der Thäͤter war, welcher Schilling beraubt hatte, darüber waltete bei Fürter nach den ihm von Egon mitgetheilten Erfahrungen und Be⸗ obachtungen freilich faſt kein Zweifel mehr ob, aber der wüſte Ritter war ſeiner Schweſter Sohn und überdieß längſt nicht mehr in Bern oder auf Aarburg in ſeinem Schloß; er hatte ſich entfernt, Niemand wußte wohin, und ſeine zurückgelaſſenen Be⸗ ſitzthümer boten im Fall einer Verurtheilung in con- tumaciam nur wenig Mittel zur Entſchäͤdigung des Beraubten an. Zu dem Allen kam die geringe Be⸗ liebtheit, deren ſich Schilling in Bern und nament⸗ lich bei dem alten mächtigen Rathsſchreiber erfreute; genug, er erhielt den obenerwähnten Beſcheid. Gut, rief der alte, erzürnte Mann, indem er roth vor Wuth den Boden mit den Füßen ſtampfte, da ich kein Recht erhalten ſoll bei Euch in dieſer Sache, ſo will ich es mindeſtens in einer anderen, was Ihr mir nicht ſogleich werdet verſagen können. Ein verlorener Mann bin ich im Betreff eines Gutes, das mir abgenommen wurde. So will ich denn jetzt einem der Eueren ſein Gut abnehmen und ſeine Chre und Freiheit dazu, wie es mir zuſteht nach dem Lom⸗ bardenrecht, von Kaiſer Friedrich eingeführt und gültig im ganzen Reich. Ja, fuhr er fort und 145 wandte ſich vorzugsweiſe zu einem der ihm nahe haltenden Reiter, ja erbleicht nur auf Euerem Roſſe, Junker von Habenichts, und ſchlagt die unverſchämten Augen zu Boden, Euerem Vater gilt es, dem wohl und warm ſitzenden Amtmann auf Oltingen, dem Ritter von Stein, wie ich hier jedermänniglich, der es hören will, verkünde. In der That wechſelte Egons Farbe während dieſer heftigen Rede des Kaufmanns raſch hinter einander, er ſammelte ſich aber und erwiderte: Wenn ich erbleichte, Herr Schilling, ſo geſchah es nicht aus Furcht vor Euerer Drohung, meines Vaters Ehre und Freiheit an⸗ greifen zu wollen. Dank ſei der gnädigen Fügung der Heiligen, weder mein Vater noch ich haben mehr nöthig, davor zu zittern, wir ſind Euer Schuld⸗ ner, es iſt wahr, aber Ihr unſer Gläubiger ſollt be⸗ friedigt werden und eine Abſchlagszahlung erhalten, die Euch mindeſtens vor der Hand beruhigen wird; wißt, daß in den Gewölben von Oltingen ſich ein Schatz fand, den mein Großvater dort während der Armagnacs⸗Kriege verborgen hatte und deſſen Da⸗ ſein uns unbekannt war. Von dem Betrage dieſes Fundes ſoll Euere Schuld bezahlt werden, wie mein Vater ſagt. Seid deßhalb ruhig und enthaltet Euch, ich bitte, kränkender Reden gegen mich, der unſchuldig v. Heeringen, der Kaufmann von Luzern. II. 446 an den Verhältniſſen iſt, die bis dahin zwiſchen uns walteten. Saht Ihr mich erbleichen, ſo war dieß nur in Foige der widrigen Eindrücke, welche die ſo eben gepflogene Unterhandlung auf mich ge⸗ macht hat, und der Ausdruck des Leides, welches ich darüber empfinde, daß Ihr— er begleitete die letzten Worte mit einem Seitenblick auf Furter— in Bern nicht zu Euerem Rechte gelangen könnt. Alles ſtutzte über dieſe frei und kräftig geſpro⸗ chenen Worte des Jünglings, der Rathsſchreiber blinzelte mit den Augen, Schilling aber forderte ungeſtüm, daß Jener ſeine Andeutung mit dem ge⸗ fundenen Schatze wiederhole, und als dieß geſchehen und durch Furter's Beſtätigung die Wahrheit des Geſagten noch bekräftigt war, rief der Lombarde: Gut, werde ich bezahlt, ſo bin ich ruhig. Man ſende mir, hört Ihr es, Junker, mein Geld nach Schwa⸗ ben, wohin ich jetzt gehe, um vor dem erſten Reichs⸗ gericht Klage gegen Bern zu führen und das Recht zu ſuchen, welches hier nicht mehr zu finden iſt. Ja, fuhr er fort, ich ſehe es Euch an, wackerer Junker, Ihr billigt das Verfahren Euerer Obrigkeit gegen mich nicht, wie ich denn erkennen muß, daß Ihr immer ein leidlich gutes Bürſchli waret. Doch das bei Seite, ſteigt jetzt ab und laßt uns nähere Rück⸗ 147 ſprache nehmen uͤber das, was Ihr ſagt, und über die Art und Weiſe, wie und wann Euer Vater mich zu befriedigen denkt. Egon gehorchte, er nahm des Kaufmanns Arm und ging mit ihm beiſeit, während die Männer des eidgenöſſiſchen Rechtes ihre Schranken abbrachen und ſich, freilich unverrichteter Sache, zur Heimkehr rü⸗ ſteten. Die Berner, welche am eiligſten waren, hatten den Platz ſchon verlaſſen, als der Raths⸗ knappe und der Kaufmann nach gepflogener Verab: redung wieder aus dem Dickicht traten, wo ſie eif⸗ riges Zwiegeſpräch gehalten hatten. Egon nahm kurzen Abſchied von Schilling, ſtieg wieder zu Roß, das ein berittener Knecht am Zügel hielt, und mußte eilen, um den Rathsherren nachzukommen, die ſchon einen Vorſprung vor ihm hatten. Als er wieder bei ihnen war, ſuchte er an Furter's Seite zu kommen und ſprach zu dieſem: Verzeiht, werther Herr, daß ich mich erkühne, Euch etwas zu ſagen, was mich drückt. Es ſcheint mir, als wäre eine Ungerechtigkeit be⸗ gangen worden, und Ihr, die Ihr das Haupt die⸗ ſes Schiedsgerichts waret, und in deſſen Geiſt es handelte, truget durch Eueren Ausſchlag das Meiſte dazu bei. Das ängſtigt mich, der ich Euch ſtets als ein geheiligtes Sinnbild des Rechts und der 10* ——ꝛnr———— 448 Ehrbarkeit betrachtete. Darum bitte ich wiederholt, entfernt mich, ſendet mich auf den Schauplatz des Krieges, wo mitzuſtreiten mir noch nicht vergönnt war. Mein Wort, daß ich Euerer Erlaubniß keine Schande machen will. Guter Bu', entgegnete Furter mit einem Antlitz, das ernſter blickte als gewöhnlich, namentlich, wenn er mit ſeinem Günſtling, dem Rathsknappen, ſprach, ich weiß, daß Du es ehrlich meinſt, und ſchätze Dich hoch darum, wie Du weißt; deßhalb will ich mir die Mühe geben, mit Dir zu reden, als ſpräche ich mit meinesgleichen an Alter und Rang. Es iſt wahr, dem Werner geſchieht Unrecht, aber es geht nicht anders; wir können uns in dieſem Augenblick ſeiner nicht annehmen, noch weniger die Ehre und den Ruf unſeres Staates oder eines ſeiner Angehörigen, was der Aarburger doch iſt, preisgeben. Iſt er der Schuldige, ſo ſoll er der wohlverdienten Strafe nicht entgehen, dieſe Verſicherung gebe ich Dir, aber erſt ſeiner Zeit, und dieſe Zeit iſt noch nicht. Und warum? erlaubte ſich Egon zu fragen. Weil, fuhr der Rathsſchreiber fort, in dieſem Augenblicke die Augen der Welt, mindeſtens ganz Helvetiens, auf uns gerichtet ſind, weil ein Nachbarfürſt, wenngleich noch ein Knabe, doch 149 hellen und aufgeweckten Geiſtes, in unſerer Mitte weilt, der keinen Flecken in unſerem Haushalt be⸗ merken ſoll und darf, und würde er das nicht, wenn wir oder einer der uns lehnspflichtigen Ritter ſich eines Scandales ſchuldig bekennten, wie er wenig zu Erhöhung unſerer Ehre beitragen würde? Ihr meint, fragte Egon ſchüchtern, unſeren Gaſt auf Oltingen, Thibaut? Den künftigen Landesherrn von Gruyères, der mit dem achtzehnten Lebensjahre mündig ſein wird, ja den meine ich. Dieſe, ſeine Eigenſchaft kam noch wenig in Betracht und zur Sprache, ſeit Thibaut in Ol⸗ tingen wohnt, bemerkte Egon. Deſto mehr haben wir ſie in Betracht zu ziehen, ſagte der Rathsſchreiber, in fünf Jahren iſt dieſer Knabe mündig nach fränkiſchem Fürſtenrecht und unſer mächtiger Nachbar. Jetzt iſt die Frevelthat, über die Schilling klagt, noch innerhalb ſeines Ge⸗ bietes geſchehen; dort bleibe ſie, ich habe nicht Luſt, ſie in das unſrige herüber zu ziehen und den Glanz des Anſehens dadurch zu ſchmälern, den Bern, der ſtolze Freiſtaat, in ſeinen Augen zu haben ſcheint. Und was Dein Verlangen betrifft, Theil an dem Kriege zu nehmen, den wir in Gruyères führen 4⁵⁰ müſſen, ſo wiſſe, mein Sohn, daß wir im Stillen hoffen, nächſtens Frieden machen zu köͤnnen. Es iſt dem wilden Joinville die geheime Botſchaft zuge⸗ gangen, daß wir im Beſitze ſeines Mündels und dadurch ſeines Gutes und Lebens ſind. Hierauf ſind offenkundige Friedensvorſchläge gemacht wor⸗ den, und wir werden nun hören, was der über⸗ müthige Statthalter dazu ſagen wird. Gib Acht, Goni, er giebt klein bei und kriecht zu Kreuze, wenn er auch vor den Leuten große Worte im Munde führen ſollte. Seine Rückantwort kann täglich, ſtündlich eintreffen; folglich, mein Sohn, ſiehſt Du ein, daß wir nicht Zeit haben, uns in die dumme Geſchichte des Luzerner Juden, die Gott weiß wo⸗ hin führen kann, einzulaſſen, und daß es für Dich keine Zeit iſt, in den Krieg zu ziehen. Du bleibſt hier, wir können Dich beſſer brauchen, und über⸗ dieß haſt Du mit Hand anzulegen, daß Deines Vaters Verhältniſſe mit Schilling ſich ordnen. Ich fürchte, ſo leid es mir thut, es zu ſagen, daß der im Verließ gefundene Schatz, zwar ohne Zweifel Euerer Sippſchaft erbend Eigenthum, wie das Per⸗ gament, das beilag, beweiſt, doch nicht hinreichen werde, um Schilling zu befriedigen, der jetzt nach dem ihm zugeſtoßenen Unfall habgieriger als ein Wolf iſt. 4⁵¹ Egon ſeufzte. Wie gefällt es denn jetzt dem jungen Grafen auf Oltingen? fragte Furter. Dem Anſchein nach gut, Herr, er iſt munter, aufgeweckt und den Leibesübungen eifrig zugethan; auch ſieht er ungleich kräftiger und blühender aus, als da er kam, und lernt brav Deutſch, worin Alle ihm Unterricht geben. Fünftes Kapitel. Florinens Abreiſe. Noch immer ein wenig verſtimmt und ernſt kam Egon nach Oltingen zurück, wo ſich indeſſen ein außergewöhnliches Ereigniß zugetragen hatte. Dieß beſtand in dem Zuſpruch eines Fremden, eines Ausländers, des alten Handelshern aus Lyon, des Herrn Frédérie Deleſſers, Florinens Va⸗ ters, der, durch einen von Herrn Wilibald von Stein an ihn abgeſendeten Boten von dem Schickſal ſeiner Kinder unterrichtet, jetzt kam, um das Grab ſeines Sohnes aufzuſuchen und ſeine Tochter, nunmehr ſein einziges Kind, wieder zurückzuführen in ſeine Heimath nach einer Reiſe, die ſo unglücklich aus⸗ gefallen war. So trat, mit Dank erfüllt, doch ernſt und trauernd, ein durchaus würdevoller Greis, 4⁵3 der reiche Lyöneſer, in das ſchlichte, doch wohnliche Haus des helvetiſchen Ritters, wo ſein Liebling Zuflucht, Schutz und Pflege, ja Liebe gefunden hatte, und Florine, ſo glücklich ſie war, ihren theueren Vater wieder zu umarmen, ſchied nur mit tau⸗ ſend Thränen von Oltingen, wo es ihr ſo wohl geworden war. Die luſtige Franzöſin war eine kleine Deutſche geworden an den Ufern der Aar und unter den Zinnen der Berner Burg. Daß ſie jetzt gehen mußte, ohne ihren erſten Beſchützer und Retter aus Donats Gewalt, Monſieur Goni, wie ſie ihn nannte, wiedergeſehen zu haben, war ihr ſehr ſchmerzlich; doch ihres Vaters Verhältniſſe und Geſchäfte erlaubten nicht, Egons Rückkehr abzu⸗ warten, der eben in Dienſten des hohen Rathes abweſend war, und ſo ſchied Florine mit tauſend Grüßen und Segenswünſchen an ihn, die ſie der guten Frau Hedwig auftrug und hinterließ. Dieſe ſowohl als ihr Gemahl, wie überhaupt alle Bewohner der Burg, die mit Florinen in näheren oder ferneren Verhältniſſen geſtanden und ihr eine Gunſt oder Gefälligkeit erwieſen hatten, wozu Herr Deleſſers jeden ihr geleiſteten Dienſt rechnete, wurden von ihm mit Großmuth und einer Freigebigkeit beſchenkt, die hier in der einfachen 4 154 Schweizerburg fürſtlich erſchien. Ganze Ballen Seidenwaaren und koſtbare Stoffe, Gold⸗ und Silbergewebe führte der alte Herr zur Austheil⸗ ung mit ſich, der prächtigen Geräthe, Waffen, Schmuck⸗ und Rüſtſtücke, in den erſten Werkſtätten Frankreichs gearbeitet, nicht zu gedenken. Florine ging wie ein kleiner Segen ſpendender Engel von dannen, ein holdes Andenken an Alle zurücklaſſend, das holdeſte, die Erinnerung an ſie ſelbſt, an ihre Lieblichkeit, ihre Milde, Güte, Leutſeligkeit gegen Jedermann und an die Thränen, die beim Abſchied aus ihren ſchönen Augen floſſen. Als ſie dahin war, ſchien Oltingen leer, öde, ausgeſtorben, denn ſie war das Sinnbild der Seele des Lebens und der Anmuth geweſen, und die Nachricht dieſes Scheidens, welche das Erſte war, was Egon bei ſeiner Heimkehr entgegenflog, konnte die Wolke nicht zerſtreuen, die er auf ſeiner ſonſt ſo klaren und heiteren Stirne von der Eſchholz⸗ matt mitgebracht hatte. Nach den erſten Begrüß⸗ ungen und gegenſeitigen Berichten, die von Seiten des Ankommenden wie der Zurückgebliebenen dieß⸗ mal mit beſonderem Antheil gegeben und empfangen wurden, näherte ſich Frau Hedwig ihrem Sohne, der nachdenklich am Tiſche ſaß und mit gar 4⁵⁵ trüber Miene den Kopf in die Hand ſtützte. Du weißt, ſagte ſie, daß Herr Deleſſers uns Alle be⸗ gabt, Florine jedem von uns werthvolle Angedenken zurückgelaſſen hat; blick' in meine Kleiderkammer, ſiehl des Vaters Waffenſchrank und Rüſtmeiſters Habſeligkeiten durch, und Du wirſt manches Stück darin finden, welches Dir fremd ſein dürfte, manches eben ſo nützliche als ſchöne Geräth, wie es hier nicht gemacht wird, aber wie man es doch gern hat. Fürwahr, Mutter, ſelbſt dieſes weiche Tuch, das Euere Schultern bedeckt, ſagte Egon und ließ ſeine Hand leicht darüber hin gleiten. Noch ein viel ſchöneres, viel koſtbareres hahe ich, mein Bub. Das freut mich, Mutter. Sollte denn aber Florine gegangen ſein,— ihrem lieben Beſchützer von Bern her ein Anden⸗ ken zurückgelaſſen zu haben? Ich weiß es nicht, ſeufzte Egon, doch weiß ich, daß es unnöthig wäre; es bedarf bei mir des ſicht⸗ baren Andenkens nicht, um ſie nicht zu vergeſſen, das holde Kind. Ihre Abreiſe bekümmert mich, macht mich traurig, geht mir tief zu Herzen. Komm', Bub, folge mir. Faſt unwillkürlich folgte Egon ſeiner Mutter, 45⁵6 die ihn hinauf in ein oberes Gemach führte; es war das, wo er in der letzten Zeit zu wohnen pflegte, wenn er in Oltingen war, und hier leuchteten ſeinem Blicke die holdeſten Gaben entgegen. Da ſtand auf einem Tiſch ein wunderſchöner Helm, glänzend in Stahl und Gold, von einem ſtolzen Buſch ſchnee⸗ weißer Federn überwogt, Schwert und Stahlhand⸗ ſchuhe von gleich köſtlicher Arbeit lagen daneben; die Handſchuhe waren auf den Schienen mit Gold ausgelegt und im Inneren mit purpurnem Sammet gefüttert. Eine herrliche Schaͤrpe— ein König hätte ſich nicht ſchämen dürfen, ſie zu tragen, Tücher, Stickereien, Spitzen und ſilberne Schnallen und Spangen, genug, was an eitlem Tand und Zierat ein junger, ritterlicher Geſell ſich nur wünſchen konnte, war hier ausgebreitet, und Frau Hedwig ſprach: Das Alles iſt Dein, Florine ſelbſt hat es ſo gelegt, wie Du es findeſt, ihr Wunſch iſt, daß Du Ge⸗ brauch davon machen mögeſt— ei, Goni, ich werde Dich kaum wiedererkennen, wie wirſt Du geſchmückt ſein am nächſten Feiertag auf der Egen in Bern. Es bedurfte der mehrmaligen Verſicherung von Seiten Frau Hedwigs, ehe der beſcheidene Raths⸗ knappe glaubte und begriff, daß alle dieſe Herr⸗ lichkeiten ſein Eigenthum und das ihm von Flo⸗ 5 457 rinen ausdrücklich beſtimmte Geſchenk ſeien. Er beſah und muſterte Alles wohl, probte dieß oder jenes Stück an, bewunderte ſeinen Glanz und die Trefflichkeit des Stoffes oder der Arbeit. Wohl heiterte ſich ſein Antlitz während dieſer behaglichen Arbeit etwas auf, und ganz ſtrahlend wurde es, wenn er von ſeiner Dankbarkeit, ſeiner Freude und Florinens Güte gegen die Mutter ſprach. Plötzlich unterbrach er ſich mit der Frage: Wo iſt denn Thibaut, Mutter? Nun ſieh, das iſt ein Zeichen, daß Du mit Deinem Herzen und Deinen Gedanken wo an⸗ ders warſt als hier, ſonſt hätteſt Du ſchon lange nach Thibaut gefragt. Er iſt mit Kunibert in den Forſt zum Bruder Klausner; der hatte ſchon im⸗ mer um die Ehre ſeines Beſuches gebeten, und da ſind ſie heute hinab geritten zum frommen Manne. Sind ſie? fragte Egon, werden ſich dort mit ſchmalen Biſſen begnügen müſſen zum Nachtmahl. O nicht ſo ſchmal, als Du glaubſt, Bruder Klausner war ſeinem Wunſch gemäß vorbereitet auf den Beſuch, und durch den Buben, den ich ihm ſandte, ließ ich zugleich einen Trnnk guten Weines und anderes Nothwendige, wie es unſer Kunibert liebt, mit hinab tragen. 1⁵8 Das war ſehr vorſichtig von Euch, Muetti⸗ Wie waret Ihr denn die Zeit zufrieden mit dem vornehmen Knaben? Das mußt Du den Vater fragen, ich für mein Theil gut. Er iſt höflich, ſittſam und beſcheiden; ich denke, Deine Brüder, ſeine Geſpielen, geben ihm auch kein ſchlechtes Beiſpiel. Ich will hin und ihn überraſchen beim Klaus⸗ ner; er wird ſich freuen, mich wiederzuſehen. Gott befohlen, Mutter. Er ging, beſtieg ſein Roß, welches ſchnell von Neuem geſattelt ward, und befahl einigen müſſig da⸗ ſtehenden Knechten, zum Zeitvertreib ihm zu folgen. Der Amtmann, der dieſe Vorbereitungen vom Fen⸗ ſter des Gaden aus ſah, bekam Luſt, ſelbſt Theil zu nehmen am Ritt, und ſo zog nach Verlauf einer Viertelſtunde ein ganz ſtattlicher Zug den Felſen⸗ weg von Oltingen hinab in den Forſt in der Richt⸗ ung des Steinbruches, wo des Klausners Hütte gelegen war. Nicht weit waren ſie gezogen, als einer der Rüden, die mitgelaufen waren, anſchlug und in das Dickicht drang, wo ſein Bellen hef⸗ tiger ward und wohin die anderen unter gleichem Thun ihm nachfolgten. Halt doch, befahl der Amt⸗ mann, es muß ein Wild ſich ſpüren laſſen oder dort 159 liegen; zuweilen wechſeln Bären vom Jura her⸗ über, und hübſch wäre es, wenn wir unverſehens eine gute Jagd machten. Kaum hatte er dieß ge⸗ ſagt, als ein Mann, von den Hunden verfolgt, aus dem Gebüſch ſprang und ſich der immer böſer wer⸗ denden Thiere ſo gut als möglich zu erwehren ſuchte; es war ein Halbbewaffneter, ſein Haupt bedeckte eine eiſerne Pickelhaube, die Bruſt ein Har⸗ niſch, und die Scheide eines Schwertes, das er ge⸗ zogen, ſchleifte ihm zur Seite. Hoho, rief ihn Herr Wilibald an, wohin, guter Freund? Was machſt Du hier im Forſt? Du biſt keiner der Unſeren, wie es ſcheint. Laß Dich doch etwas näher betrachten. In gleichem Augenblick drang ein gellender und ſeltſamer Laut aus der Ferne her durch den Wald, er hatte Aehnlichkeit mit einem Horn- oder Hülfe⸗ ruf, und der Reiſige— ein ſolcher ſchien es zu ſein— hieb noch einmal mit blanker Klinge und aller Ge⸗ walt nach den Fangrüden, die ihn angriffen, ver⸗ wundete deren mehre, ſo daß die Thiere heulend von ihm abließen, und ſtürzte ſich dann wieder in das Gebüſch, das ihn den Blicken der überraſchten Oltinger entzog. Was war das? rief der Amt⸗ mann und Vogt, ſolcher außerordentlicher Er⸗ ſcheinungen in den Umgebungen des Schloſſes 46⁰ und im Umkreiſe ſeines Gebietes nicht gewohnt. Kennt Einer den Burſchen? Mir iſt faſt ſo, entgegnete Egon, in der That mir ſchien er nicht ganz fremd; aber hört nur den Hornruf, er wiederholt ſich, und wenn das nicht Kuniberts Horn iſt— Er vollendete nicht, das Getöſe aus dem In⸗ nern des Forſtes in der Richtung des Steinbruchs her wiederholte und mehrte ſich, mit dem Hornruf miſchten ſich menſchliche Simmen, Geſchrei, das Zuſammenſtoßen und Klirren von Waffen, kein Zweifel war, es gab dort Bedrängniß, Kampf, irgend ein gewaltthätiges Ereigniß. Man ſprengte die Gäule an, und mit jedem Schritt vorwärts ward es den Oltingern klarer, daß das Geräuſch von der Behauſung des Klausners oder aus deſſen nächſter Umgebung herrühre. Jetzt mündete der Waldſteig, den man entlang ſtürmte, in einen freien Platz vor dem Steinbruch aus, wo Bruder Klausners Hütte ſtand; dieſer Platz, ſonſt ein heiliges Revier der Stille und des Friedens, den ſelbſt das furcht⸗ ſame Reh und anderes ſcheues Wild zu betreten wagte, um Nahrung zu ſuchen, die hier wucherte, war in dieſem Augenblick der Tummelplatz eines hartnäckigen und gefährlichen Streites. Harniſche 164 raſſelten an einander, Schwerter blitzten, Roſſe wie⸗ herten, und Kuniberts Hornruf zog angſthaft durch das übrige Getöſe, ſowie ſeine gute Klinge hoch über dem Kampfgewühl leuchtete. Der Klausner lag zitternd auf den Knieen vor ſeiner Hütte, die Hände zum Himmel erhoben wie im Gebet. Kaum hatte er die nahenden Oltinger erblickt, als er ſich aufraffte und ihnen entgegeneilte. Herbei, rief er mit wehklagender Stimme, herbei, Ritter, ein Ueberfall, Graf Thibaut, ihm ſcheint es zu gelten, Herr Kunibert kann ihn nicht mehr vertheidigen, ſie ſchleppen ihn fort. Wen? Thibaut. Schneller als ein Blitzſtrahl war Egon bei den Kämpfenden und mitten im Kampfgewühl und rief ſo laut er konnte den Namen ſeines jungen Freundes. Hier, hier, antwortete ihm endlich eine matte, faſt erſtickte Stimme, zu Hülfe, zu Hülfe. Zugleich erblickte er den Knaben, umſchlungen von den eiſernen Armen eines ganz geharniſchten Ritters mit geſchloſſenem Viſir ohne ein kennbares Feldzeichen und auf einem ſchnaubenden, ungebehr⸗ lichen Hengſt, der, den wüthenden Spornſtreichen ſeines Reiters nicht gehorchend, ſtaͤtiſch auf einer v. Heeringen, der Kaufmann von Lugern. II. 41 462 Stelle blieb und ſich aufbäumte anſtatt, wie dieſer es wollte, auszugreifen und davonzuſprengen. Stecht die Beſtie nieder, ſchrie der Ritter in fran⸗ zöſiſcher Sprache, und Du, treuloſer Kapleſer, ſollſt ſterben, denn Du haſt uns verrathen und riefſt dieſe dort herbei aus der Burg. Thibaut's kla⸗ gende Stimme unterbrach eine reiche Nachfolge von Flüchen, die aus des Ritters Viſir drangen. Join⸗ ville, bat der Knabe, laß mich, laß mich los aus Deinen Armen, Du thuſt mir wehe, ſehr wehe. In Wahrheit, Zuckerpuppe? Nun ſteh, das iſt erſt der rechte Anfang, es ſoll noch beſſer kommen. In dieſem Augenblick erhielt Thibaut's Be⸗ dränger einen mächtigen Schwerthieb über den Helm, der da eindrang, wo die Halsſchiene be⸗ ginnt, Blut drang aus dieſer Schiene, und zugleich fielen der Schläge noch mehr von Schwertern, Kolben und Streitärten auf den Ritter, der ſeine Arme öffnete, ſinken ließ und zu gleicher Zeit ſelbſt rücklings ſank. Thibaut glitt oder ſprang herab auf den Boden und wollte eben Egons Steigbügel faſſen, als ein Paar nicht minder kräftige Arme als die des verlarvten Ritters ihn zurück und an ſich riſſen. Es waren die jenes Reiſigen, den vor⸗ hin die Oltinger Rüden aus dem Gebüſche aufge⸗ 4 163 jagt hatten, wo er auf der Lauer lag; ehe er aber noch Zeit gewann, ſeine Beute, den Knaben, fort⸗ zuſchleppen, durchſchnitt ihm Egons Klinge den Lebensfaden, indem ſie in ſeine Kehle eindrang. Kapleſer, rief der Jüngling dem Röchelnden zu, der zu Boden ſtürzte, Dir war es beſtimmt, durch meine Hand zu ſterben. Zugleich ſchwang er ſich aus dem Sattel, riß den Knaben an ſich, der ihn unter Freudengeſchrei umſchlang, und überließ es den Knechten, mit dem ſterbenden Kapleſer ein Ende zu machen, was bald genug geſchah. Der Ritter mit dem geſchloſſenen Helme ward zum Ge⸗ fangenen gemacht und ohnmächtig vom Blutverluſt nach Schloß Oltingen hinauf geſchafft; es ergab ſich, daß er in der That niemand Anderes war als der, gegen welchen Bern wie gegen einen Lan⸗ desherrn Krieg führte und der, um der Friedens⸗ unterhandlungen, die man eingeleitet hatte, lachen zu können, nichts bedurfte als der Wiederhabhaft⸗ werdung ſeines Mündels. Für dieſe war ihm kein Preis zu hoch; bevor er ihn aber durch einen nachtheiligen Frieden zahlte, wollte er erſt Liſt und Gewalt anwenden, um zu ſeinem Ziele zu gelangen. Zu Beidem ſchien ihm die abgelegene Lage von Ol⸗ tingen, von der er durch Kapleſer nähere Kenntniß 1 4* 164 erlangt hatte, am geeignetſten, und mit Hülfe die⸗ ſes Reiſigen ſuchte er einen Anſchlag ins Werk zu richten, bei welchem der Klausner als unbewußtes Werkzeug diente und der zu Berns unberechnenbarem Nachtheil vollkommen geglückt ſein würde ohne Egons Freundſchaft zu dem jungen Thibaut und ſeine Ungeduld, ihn nach mehrtägiger Abweſenheit wiederzuſehen, was die Urſache des Rittes nach dem Steinbruch wurde. Tief war Joinville's Zerknirſchung, als er ein verwundeter und ohnmächtiger Gefangener ſeinem Mündel und Lehnsherrn, der frei, ſeiner Willkür nicht mehr hingegeben, geſund und blühend war, gegenüber geſtellt ward. Ein reitender Bote be⸗ nachrichtigte gleich am folgenden Tage den hohen Rath zu Bern von dem ſtattgefundenen wich⸗ tigen Ereigniß. Der alte Furter, da er es ver⸗ nahm, rief: Ehre unſerem Kriegsvolk, der Sieg iſt unſer und dreimal unſer; aber das, Ihr Herren, müßt Ihr mir zugeben, mit unſerem Knappen und ſeinem Glück haben wir mehr als ein Heer im Dienſte. Ein Teufelskind, dieſer Junker von Stein, oder ein Liebling der Heiligen, gleichviel, Gru⸗ yères und mit ihm Savoyen ſind uns zinsbar, und der ſchwarze Bär in unſerem Wappen ſteigt 165 wieder drei Sproſſen höher auf ſeinem Balken empor, und ſeine Tatze wird immer mächtiger. In dieſer Vorausſetzung hatte der alte, kluge Rathsſchreiber Recht. Joinville, wohl gepflegt, blieb in der Gefangenſchaft und mußte jedwedes Frie⸗ denspact, das ihm vorgelegt ward, gut heißen, auch die Beſtimmungen über ſeines Mündels nächſte Zukunft, welche der hohe Rath von Bern dictirte. Ihnen zufolge ſollte Ritter von Rinkenberg, der ſein Amt als Feldherr nunmehr wieder abgeben durfte, und einer der Junker von Stein, entweder Vater oder Sohn, nebſt anſehnlichem Gefolge den jungen Grafen von Gruyères nach Chambery, der Hofſtadt ſeines höchſten Lehensherrn, des Grafen Anton von Savoyen, geleiten. Daß der mäch⸗ tige Graf, ein geachteter und beliebter Herr, weit und breit die nöthige Sorgfalt für die fernere Er⸗ ziehung eines ſeiner reichſten und fürnehmſten Va⸗ ſallen haben würde, ließ ſich nicht allein mit Si⸗ cherheit erwarten, ſondern es war auch im Frie⸗ denstractat bedingungsweiſe aufgeführt und unter Aufzählung der Joinville'ſchen Treuloſigkeit gegen ſeinen Mündel Jenem zur Pflicht gemacht. So gern Egon die Reiſe nach Savoyen ein zweites Mal gemacht hätte und zwar in Geſell⸗ 4166 ſeines lieben Thibaut und ſo ſehr dieſer um ſeine Begleitung bat, ſo mußte er ſich doch dieſes Ver⸗ gnügen verſagen, denn eine ernſtere Pflicht rief ihn wo anders hin. Er hatte verſprochener Maßen eine bedeutende Geldſumme, die Schuld ſeines Va⸗ ters, an Schilling nach Deutſchland zu ſchaffen, nach einem Städtchen in Schwaben, wohin der ſtrenge Gläubiger verlangte, daß man ihm ſein Capital liefere. Schilling hatte indeß vor dem Reichsgericht zu Rottweil geklagt, und es war ein Urtheil erfolgt, die Berner ſollten ihm die geraubten Waaren wieder erſtatten, worauf jedoch der hohe Rath eben ſo wenig Rückſicht zu nehmen Luſt be⸗ zeigte wie auf die früheren vom Kaufmann gethanen Schritte, wieder zu ſeinem Gut zu gelangen, in⸗ dem er zur Antwort gab, er kenne kein fremdes Gericht über ſich an. Da ſchwor Schilling im Gefühle ſeiner Kränkung allen Bernern Rache und Feindſchaft und ſuchte ihnen ſo viel Schaden und Nachtheil zuzufügen als möglich. Die Sitte der Zeit erlaubte dieß, denn es war keineswegs ſelten, daß einzelne Perſonen ganzen Bürgerſchaften die Fehde ankündigten; aber freilich mußten ſie dazu Macht und Mittel beſitzen und über kleinere oder größere Streitkräfte gebieten können. Letzteres 167 war nun bei Schilling nicht der Fall, aber er hatte noch Geld und überdieß die Ausſicht, deſſen bald mehr zu erhalten; er ſchloß daher mit einem eben geſchäftsloſen Ritter einen Vertrag, warb durch ihn Söldlinge, was in dem menſchenvollen Schwaben nicht ſchwer hielt, um mit dieſer Schaar Streifzüge und Verwüſtungen im Berner Gebiet vorzunehmen und ſich für den ihm zugefügten Schaden möglichſt zu rächen. Jeder Berner war von nun an ſein Todfeind und das Recht des Krieges zwiſchen bei⸗ den Parteien erlaubt und eingetreten. Dieſe Ge⸗ nugthuung ward Herrn Schilling zu Theil, aber bald mußte er die Erfahrung machen, daß ſein Rottenführer, Hans Pottinger genannt, ſammt ſei⸗ ner Schaar angeworbener Söldlinge unerſättlich war und den Reſt ſeines Vermögens vollends zu ver⸗ ſchlingen drohte. So ſtanden die Sachen mit dem Kaufmann— nicht zum Beßten eben, als ſehr zu rechter Zeit der Abgeſandte ſeines Gläubigers von Oltingen mit der ihm ſchuldigen Summe in Rott⸗ weil eintraf, geleitet von mehren wohlbewaffneten, reiſtgen Knechten, deren Bedeckung auf der Reiſe auch einige Mal nöthig und heilſam geweſen war. Schilling erhielt ſein Geld nebſt Zinſen wohlge⸗ zählt überantwortet, ſtellte auch einen Empfang⸗ 8¼ 168 ſchein darüber aus, und Egon, ſeines Vaters Ab⸗ geſandter, trat ſehr erleichtert in ſeinem Reiſegepäck und in ſeinem Herzen, denn die Schilling ſche An⸗ gelegenheit hatte oft ſchwer darauf gelaſtet, den Rückweg in die Heimath an; aber erſt. eine kurze Strecke hatte er Rottweil im Rücken— er konnte die Thürme des Städtleins noch ſehen, als er in einem Hohlwege überfallen und trotz rüſtiger Ge⸗ genwehr von der Ueberzahl ſeiner Angreifer über⸗ wältigt ward. Man ſchleppte ihn und ſeine Knechte als Gefangene nach Rottweil zurück und ſchloß ihn, da Schilling mit der Stadtobrigkeit bereits über die nöthigen Maßregeln zur Gefangenhaltung der Schweizer übereingekommen war, in einen feſten Thurm. Die Knechte aber entließ man nach kurzer Haft mit dem Beſcheid an den hohen Rath zu Bern, daß, wenn er ſeinen Knappen wiederſehen wolle, er den Betrag der Stein'ſchen Schuld und noch tauſend Gulden dazu oder mehr entrichten müſſe; nur auf dieſe Weiſe könne er ihn einlöſen und die Pforte ſeines Kerkers öffnen. Schluß. Furter ſchüttelte bei dieſer Meldung gewaltig den Kopf und kraute ſich hinter den Ohren, ob⸗ wohl er auf der Stelle einſah, daß hier nichts Anderes übrigbleiben werde, als in den ſaueren Apfel zu beißen. Er war auch ſogleich entſchloſſen, ſolches zu thun oder ſeinen ganzen Einfluß auf⸗ zubieten, daß der Rath es thue. Hierzu gehörte aber mancherlei, vor Allem Einſtimmigkeit des Rathes, vom Schultheiß bis zum jüngſten Mit⸗ glied herab, und endlich Geld. Ehe man es zahlte, wurden noch verſchiedene Unterhandlungen verſucht, die jedoch zu keinem glücklichen Ende führten; dieſel⸗ ben nahmen mindeſtens Zeit weg, und der arme Egon hatte Muße genug, über ſein Schickſal nachzudenken und die Wände ſeines Kerkers in Rottweil kennen lernen, wo ſeine Behandlung und Verpflegung ohnehin nicht die gaſtreichſte und freundlichſte war. Er ſaß faſt ein Jahr lang in der Haft, bis endlich 470 der hohe Rath ſeine Auslöſung bewirkte und er wieder ans Licht und in das Leben trat. Als er nach Bern zurückkam und eine keineswegs über⸗ triebene Schilderung ſeiner Leiden im ſchwäbiſchen Kerker gab, erklärte der hohe Rath Schilling, ſeinen Gegner, für vogelfrei— ach, er war auch ohne dieſe Erklärung bereits ein verlorener Mann; ſein Ver⸗ mögen mit Inbegriff der zurückgezahlten Schuld hatten die koſtſpieligen Klagen und die noch koſt⸗ ſpieligeren Söldner aufgezehrt. Sibylle, ſeine Toch⸗ ter, hatte den Schleier genommen und gehörte we⸗ der ihm, noch der Welt ferner an, ſein Haus in Luzern war verkauft; er war ein Bettler und ſah ſich genöthigt, ſich in ſeiner eigenen Stadt, wo er einſt geprunkt und wohl gelebt hatte, im Hand⸗ lohn zu verdingen, Luzern erbaute eben damals eine neue Stadtmauer, und dabei erhielt der zurück⸗ gekommene Kaufmann Beſchäftigung. Als Egon wieder nach Oltingen kam, fand er auch Manches verändert, doch meiſtens zum Guten, die Gefangenen von Etivaz waren längſt nicht mehr dort, ſondern nach dem Frieden mit Gruyères als freie und geehrte Männer in ihre Heimath zu⸗ rückgekehrt, der Vater war reich begabt aus Cham⸗ bery zurückgekommen, und Marie, die Frau Rüſt⸗ meiſterin, erfreute ſich eines ſchon recht derben Knäbleins, deſſen Daſein und Holdſeligkeit ſie mit ſich und ihrem Schickſal verſöhnte und ſie ſo voll⸗ kommen glücklich machte, als ſie nie geglaubt hatte werden zu können. Ihre Leidenſchaft für Egon ver⸗ klärte ſich zu milder Schweſterliebe, ſie hatte jetzt eine vom Himmel geſegnete Leidenſchaft, die ihr liebendes Herz vollkommen befriedigte, die für den kleinen Egon, ihr Kind. Da kam eines Tages die Kunde von dem ſchnell erfolgten Tode des alten Herrn Deleſſers in Lyon, und wenige Tage darauf reiſte Egon, der Rathsknappe, nach Chambery zu Thi⸗ baut, der zu einem ritterlichen und ſchönen Jüng⸗ ling blühend emporwuchs, und von da nach Lyon, um der holden Florine ſein und der Seinigen Bei⸗ leid zu dem erlittenen Verluſte zu bezeigen. Wie ward ihm, ein Kind hatte er Florinen zuletzt ge⸗ ſehen, die lieblichſte, holdſeligſte Jungfrau trat ihm im Palaſte Deleſſers entgegen. Oder vielmehr ſie eilte ihm entgegen und warf ſich, in Thränen aus⸗ brechend, an ſeine Bruſt. Florine ſtand in ihrem ſechs⸗ zehnten Jahre, Egon ſeinem zweiundzwanzigſten Ge⸗ burtstage nahe, er war ein ſtarker, ritterlicher Jüng⸗ ling, ſie die ſchönſte Jungfrau, noch immer in der holden Züchtigkeit und lebensvollen Anmuth des 172 Kindes, das ſie einſt war. Eine glühende Liebe für ſie brauchte in ſeinem Herzen nicht erſt zu entſte⸗ hen, ſie lag ſchon darin und wachte nur auf mit friſcher Lebenskraft bei dem ſüßen Hauche von Flo⸗ rinens ſchöner Natur, ihrem Sein und Leben, das ihn ein unendliches Gebiet von Herrlichkeit und Glück ahnen ließ. Mein Freund, ſagte Florine, indem ſie eines Tages mit ihm an dem Grabe ihres Vaters weilte, mein Freund, ich habe nichts mehr auf dieſer Erde als Gräber und das Anden⸗ ken an theuere Todte. Sei Du mein Vater, mein Bruder, mein Beſchützer. Willſt Du es ſein? Iſt Deine Hand noch frei, ſo reiche ſie mir. Sie iſt es, theuere Florine, entgegnete Egon und ſchlang feurig ſeine Arme um die Liebliche. Beider Bund ward über dem väterlichen Grabe ge⸗ ſchloſſen, und Egons Aeltern ſegneten ihn freudig, als er mit dieſer Kunde aus der Fremde zurückkam. Florine war nicht allein das ſchönſte, beßte, ſondern auch das reichſte Mädchen Lyons, und alle Jünglinge dieſer Stadt trauerten, da ſie, an einen Schweizer vermählt, ihren Geburtsort verließ. Glück und Freude aber zogen mit ihr in Oltingen ein, wo ſie bald Aller Herzblatt ward, vorzüglich das der Aeltern ihres Gatten, denen ſie nach gehöriger 173 Friſt die Wonne verſprach und gewährte, ein En⸗ kelchen auf ihren Knieen zu wiegen. Bei dem Mönchen des Kloſters im Walde von Gautery, wo Victor Deleſſers beerdigt worden war, erhob ſich noch auf Herrn Frédérics Veranlaſſung ein prächtiges Denkmal von italieniſchem Marmor über ſeines Sohnes Grabe, und dorthin pilgerte Flo⸗ rine von Stein bald nach ihrer Ankunft in Hel⸗ vetien, eine Pilgerfahrt, die ſie alljährlich an ihres Gatten Seite wiederholte. Herr Werner Schilling blieb nicht lange beim Bau der neuen Stadtmauer ſeiner Vaterſtadt, die ſich ſtattlich und thürmereich erhob, ſondern kehrte nach Schwaben zurück, wo ſich eine ferne Aus⸗ ſicht zeigte, in dem eben ausgebrochenen Kriege zwi⸗ ſchen Herzog Friedrich von Oeſterreich und einigen Reichsfürſten vermöge ſeines klugen und berech⸗ nenden Kopfes etwas zu gewinnen. Er gewann nichts als die Genugthuung, zwei in den ver⸗ ſchiedenen, einander gegenüberſtehenden Feldlagern eingefangene Kundſchafter hängen zu ſehen. In einem derſelben entdeckte er den Anführer ſeiner ehemaligen Söldlingsſchaar und, weiter zurückgehend in der Erinnerung, den luſtigen Hans, der ſich auf jener für ihn ſo unglücklichen Reiſe durch die Grafſchaft 174 Gruysères zu ihm geſellt hatte, Pottinger, der andere, welcher von der Gegenpart gerichtet ward, ein häß⸗ licher Mann, auf deſſen alterndem Antlitz ſich die Spuren aller Laſter und Leidenſchaften malten, Do⸗ nat von Aarburg. Uebrigens war dieſes Beiſpiel Herrn Schilling ein Wink, ſich ſelbſt nicht lange mehr zwiſchen den ſtreitenden Parteien herumzu⸗ treiben. Er ging nach der Heimath zurück, lebte, von Sibyllens Kloſter unterſtützt und auf geheim⸗ nißvolle Weiſe durch reiche Geſchenke begabt, die aus einer verborgenen Hand floſſen und durch Si⸗ byllens Hand ihm zukamen, noch kurze Zeit und ſtarb endlich, von einem böſen Fieber ergriffen, im Hoſpiz des Urſulinerkloſters unter den Gebeten der Nonnen und in den Armen ſeiner Tochter. Eines Tages ward dieſe in das Sprachzimmer beſchieden, weil Fremde ſie zu ſprechen wünſchten; ſie kam, eine reich gekleidete, junge Frau flog ihr entgegen und in ihre Arme, ein herrlicher, hochge⸗ wachſener, ſchmucker Mann ergriff ſchweigend ihre Hand und küßte ſie. Niemand ſprach, aber Thrä⸗ nen floſſen. Sibylle, rief endlich die Dame, theuere Sibylle, kennt Ihr mich noch? Ich kenne Euch, entgegnete die von ſchwarzen Schleiern umhüllte, bleiche Nonne ernſt und gefaßt, 175 ja, Florine, die Heiligen haben unſer Schickſal auf verſchiedene Bahnen geführt. Indeſſen laßt ſie uns preiſen. Ihr ſeid glücklich? Ich bin es. Auch ich, ich habe die Welt überwunden, die meine Heimath nicht mehr iſt. O laßt mich Euer Antlitz anſchauen und küſſen, Ihr gleicht dem theueren Todten, den ich dort wiederzuſehen hoffe, bald, ſo Gott will. Dieſer Ritter—? Ihr kennt ihn nicht? Wohl!, ich kenne ihn, ſagte Sibylle, leiſe redend, es iſt Victors einſtiger Freund und meines Vaters ſtiller Wohlthäter bis zu ſeinem Tode, Euer Ge⸗ mahl, Florine, den ich nach Victors Abſcheiden für den edelſten und trefflichſten aller Männer er⸗ kläre. O, das Leben iſt doch ſchön, aber der Tod iſt es auch. Verlaßt mich, mein Segen begleitet Euch. Der Bernſche Feldhauptmann Egon von Stein und ſeine Gemahlin verließen das Kloſter der Urſu⸗ linerinen unter ernſten, aber erhebenden Gefühlen. Ende. 5 = — 8 e = 2 8 2 — 2 2 8 — = ₰ 2 5: 8 2 65 Z 8