wilh m Hauff s ſämmtliche Werke. Mit des Dichters Leben von Guſtan Schwab. 1 Neu durchgeſehen und ergänzt. 4 Achtzehntes Bändchen. Vierte Geſammtausgabe. 4.— 3 Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1846. Lichtenſtein, romantiſche Kage, — Fünfter Theil. I. Kein Feuer, keine Kohle Kann glühen ſo heiß, Als heimliche Liebe, Von der Niemand was weiß. Altes Volkslied. Die Beſorgniſſe des alten Herrn ſchienen nicht ſo ungegründet geweſen zu ſein, als Ambroſius Volland ſte dargeſtellt hatte. Ein ſehr großer Theil des Landes fiel zwar dem Herzog zu, weil die Vorliebe für den an⸗ geſtammten Regenten, der Druck des Bundes und die anfangs ſo ſiegreichen Waffen Uierichs Viele bewogen, die Huldigung, die ſie gezwungener Weiſe dem Bunde gethan, zu vergeſſen und ſich für Würtemberg zu er⸗ klären. 3 Aber die neue Huldigung, die alle früheren Ver⸗ träge umſtieß, das Gerücht, daß manche Stadt durch Gewalt zu dieſen Formen gezwungen worden ſei, be⸗ wirkte wenigſtens, daß der Herzog keine Popularität ge⸗ wann, ein Mangel, der in ſo zweifelhafter Lage oft nur zu bald fühlbar wird. Noch beharrten Urach, Göppingen und Tübingen auf ihren dem Bunde geleiſteten Pflichten, 3 4 W. Hauffs Werke. KVIII. denn ihre bündiſch gefunken Obervögte zwangen ſie mit „Gewalt dazu. Zu Urach hauste Dieterich Spät, des Herzogs bitterſter Feind. Er brachte in wenigen Tagen ſo viel Mannſchaft auf, daß er nicht nur ſein ganzes Amt im Zaume hielt, ſondern auch Einfälle in die Lände⸗ reien machte, die dem Herzog wieder zugefallen waren. Es ging auch das Gerücht, die Bundesſtände ſeien ſchnell von Nördlingen aufgebrochen, Jeder in ſeine Heimath geeilt, um friſche Heere aufzubieten und Ulerich zum zweitenmal auf Leben und Tod zu bekämpfen. Ulerich ſelbſt ſchien weder der einen noch der andern dieſer Beſorgniſſe Raum zu geben. Er pflog bei ver⸗ ſchloſſenen Thüren mit Ambroſius Volland Rath. Man ſah viele Eilboten kommen und abgehen, aber Niemand erfuhr, was ſie brachten. In Stuttgart aber glaubte man feſt, der Herzog müſſe in der fröhlichſten Stim⸗ mung ſein, denn wenn er mit ſeinem glänzenden Ge⸗ folge durch die Straßen ritt, alle ſchöne Jungfrauen grüßte und mit den Herren an ſeiner Seite ſcherzte und lachte, da ſagten ſie:„Herr Ulerich iſt wieder ſo luſtig, wie vor dem armen Konrad.“ Er hatte ſeinen Hofſtagt wieder glänzend eingerichtet. Zwar war es nicht mehr wie früher der Sammelplatz der baieriſchen, ſchwabi⸗ ſchen und fränkiſchen Grafen und Herren, zwar fehlte die Fürſtin, die ſonſt einen ſchönen Kranz blühender Fräulein um ſich verſammelt hatte, aber dennoch fehlte es nicht an ſchönen Frauen und ſchmucken Edeln, ſeinen Hof zu verherrlichen, und die Luft dieſer Stadt ſchien ſchon damals der Schönheit ſo günſtig zu ſein, daß die bunten Reihen in den Sälen und Hallen des Schloſſes 2 nicht einer gewohnlichen Verſammlung, ſondern einer Auswahl aus den ſchönen Frauen des Landes glich. Tänze und Ritterſpiele waren in ihre alten Rechte eingeſetzt worden. Feſt drängte ſich an Feſt, und Ule⸗ rich ſchien eifrig nachholen zu wollen, was er in der Zeit ſeines Unglücks verſäumt hatte. Keines dieſer ge⸗ ringſten Feſte war die Hochzeit Georgs von Sturmfeder mit der Erbin von Lichtenſtein. Der alte Herr hatte ſich lange nicht entſchließen kön⸗ nen, ſein Wort zu halten. Nicht, daß er die Wahl ſei⸗ ner Tochter mißbilligt hätte, denn er liebte ſeinen Ei⸗ dam väterlich; er ſah in ihm ſeine eigene Jugend wie⸗ der aufblühen, er ſchlug ihm ſeine freiwillige Verban⸗ nung mit dem Herzog hoch an: Ader wie der Horizont von Ulerichs Glück, ſo war auch die Stirne des alten Mannes noch immer umwölkt, denn er ahnte, daß es nicht ſo bleiben werde, wie es jetzt war, und tief ſchmerzte es ihn, daß der Herzog in ſo mancher wichti⸗ gen Angelegenheit von ſeinem Rath nicht Gebrauch machte, ſondern Alles heimlich mit ſeinem Kanzler ab⸗ handelte. So hatte er unſchlüſſig und betrübt dieſen Tag der Freude immer hinausgeſchoben, aber die ſchö⸗ nen Augen ſeiner Tochter, in welchen er oft einen leiſen Vorwurf zu leſen glaubte, Georgs Bitten nöthigten ihm endlich einen beſtimmten Termin ab. Der Herzog ließ es ſich nicht nehmen, die Hochzeit auszurichten. Er mochte ſich jener Nächte erinnern, wo der Vater nicht müde ward, ihm ſeine Anhänglichkeit zu bezeugen, wo die zarte Tochter keinen Sturm, keine Kälte ſcheute, um ihn am Burgthor zu empfangen, um ihn mit war⸗ men Speiſen zu laben. Er mochte ſich noch aus der jüngſten Vergangenheit der Opfer erinnern, die ihm der Bräutigam gebracht hatte, er zeigte auf glänzende Art, wie er Treue, Aufopferung und Liebe, die ſich ihm ſo ſelten bewährt hatten, zu vergelten wiſſe. Der Ritter und ſeine Tochter waren bisher noch immer ſeine Gäſte im Schloß zu Stuttgart geweſen, jetzt ließ er ein ſchönes Haus nächſt der Collegiaten⸗Kirche mit neuem Hausgeräth verſehen, und übergab am Vorabend der Hochzeit den Schlüſſel dem Fräulein von Lichtenſtein, mit dem Wunſche, ſie moͤchte es, ſo oft ſie in Stutt⸗ gart ſei, bewohnen. Und jetzt endlich war der Tag gekommen, welchen Georg oft in ungewiſſer Ferne, aber immer mit gleicher Sehnſucht geſchaut hatte. Er rief ſich am Morgen die⸗ ſes Tages das ganze Leben ſeiner Liebe zurück; er wun⸗ derte ſich, wie Alles ſo ganz anders gekommen war, als er ſich gedacht hatte. Wie hätte er, als er damals durch den Schönbuch nach der Heimath zog, denken können, daß das Glück, die Geliebte ganz zu beſitzen, nicht mehr ſo ferne liegen werde, als er fürchtete. Wie hätte er, als er ſich an das Bundesheer anſchloß, ahnen können, daß der Herzog, welchen er zu bekriegen kam, ſein Glück gründen werde. Mit welch heiterer Ruhe dachte er jetzt an die Stürme jener Tage zurück, wo es ihm zuerſt wieder möglich geworden war, der Ge ein Wörtchen der Liebe zuzuflüſtern, wo er die Se kunde vernahm, daß ihr Vater, ein Feind d ſie mit ſich hinwegführen werdez wo er in Garten die unglücklichſte Stunde ſeines Le ſchmerzlichen Abſchied von der Geliebten hinbrachte, wo er auf lange, vielleicht auf ewig verloren glanbte, was heute auf ewig ſein werden ſollte. Jedes Wort der Geliebten kehrte wieder in ſeiner Erinnerung, und er mußte aufs Neue ihre hohe Zuverſicht, ihren ſchönen Glauben an ein gütiges Geſchick bewundern, den ſie auch damals, wo die Zukunft mit einem düſteren Schleier verhüllt, und keine Ausſicht, keine Hoffnung mehr war, nicht verlor, den ſie mit dem letzten Abſchiedskuſſe auch ihm mitzutheilen wußte. „Er bat uns nicht gelogen, dieſer Glaube,“ ſprach der junge Mann von der Erinnerung bewegt zu ſich; „es lebt eine heilige, ahnungsvolle Stimme in ihrer reinen Seele, und ihr klares Auge, das in dem meini⸗ gen die Gewißheit meiner Liebe las, tauchte auch da⸗ mals tief in die Zukunft und verkündete Glück, es wird ſie auch jetzt nicht täuſchen, wenn es ein ſüßes, unge⸗ ſtörtes Glück in unſerer Verbindung liest.“ Ein beſcheidenes Pochen an der Thüre unterbrach die lange Gedankenreihe, die ſich an den heutigen Tag knüpfen und in die ferne Zukunft hinausziehen wollte. Es war Herr Dieterich von Kraft, der ſtattlich ge⸗ ſchmückt zu ihm eintrat. —„Wie?“ rief dieſer Schreiber des großen Rathes zu Ulm, und ſchlug voll Verwunderung die Hände zu⸗ ſammen.„Wie? In dieſem Wamms wollet Ihr Euch doch hoffentlich nicht trauen laſſen? Es iſt ſchon neun Uhr, die Gänge und Treppen des Schloſſes wimmeln von Hochzeitgäſten, die von Sammt und Seide glänzen, und Ihr, die Hauptperſon im Stück, ſchauet ruhig zum Fenſter hinaus, ſtatt Euren Anzug zu be⸗ ſorgen?“ „Dort liegt der ganze Staat,“ erwiderte Georg lächelnd.„Baret und Federn, Mantel und Wamms, alles aufs Schönſte zuberettet, aber Gott weiß, ich habe noch nicht daran gedacht, daß ich dieſes Flitterwerk an mich hängen ſolle. Dies Wamms iſt mir lieber als jedes ſchöne neue. Ich hab es in ſchweren, aber dennoch glücklichen Tagen getragen.“ „Ja, ja! Ich kenne es wohl: das habt Ihr bei mir in Ulm getragen, und es iſt mir noch wohl erinner⸗ lich, wie Euch Bertha in dieſem blauen Kleid abſchil⸗ derte, daß ich recht eiferſüchtig ward. Aber Flitterwerk nennt Ihr die Kleider da? Ei, der Tauſend! hätte ich nur mein Lebenlang ſolche Flitter. Ha, das weiße Gewand, mit Gold geſtickt, und der blaue Mantel von Sammt! Kann man was Schöneres ſehen? Wahrlich, Ihr habt mit Umſicht ausgewählt, das mag trefflich ſte⸗ hen zu Euren braunen Haaren.“ „Der Herzog hat mir es zugeſchickt,“ antwortete Georg, indem er ſich ankleidete,„mir wäre Alles zu koſtbar geweſen.“ p„ Jſt doch ein prächtiger Herr, der Herzog, und jetzt erſt, ſeit ich einige Zeit hier bin, ſehe ich ein, daß man ihm bei uns in Ulm zuviel gethan hat. An einem ſolchen Hofe iſt es doch was Anderes als in den Städten. Und Herzog von Würtemberg klingt auch ſchöner, als Bürgermeiſter von Ulm. Und doch möcht ich nicht in ſeiner Haut ſtecken. Ihr werdet ſehen, Vetter, es eht noch einmal bergab mit ihm.“ —— „Das iſt Euer altes Lied, H. Ihr Euch noch, wie Ihr damals in Ulm groß thatet mit Eurer Politika, und wie Ihr regieren wolltet in Wür⸗ temberg? Wie iſt es denn jetzt?“ „Iſt nicht Alles eingetroffen?“ erwiderte der Raths⸗ ſchreiber mit weiſer Miene.„Weiß noch wie heute, daß ich prophezeite, die Schweizer ziehen heim, die Landſchaft werden wir für uns gewinnen, und die Burgen werden wir einnehmen.“* „Ja, ja! Ihr habt ſie erobern helfen,“ lachte Georg,„ſeid ja in einer Sänfte zu Feld getragen worden; aber damals ſagtet Ihr auch, der Herzog werde nie zurückkehren, und jetzt ſitzt er ganz warm und ruhig hier.“ „Nicht ſo ruhig als Ihr glaubt. Zwar ich wollte ihm und Euch wünſchen, er behielte ſein Land; uns hat es doch nichts genützt, die großen Herren nehmen Alles für ſich, an unſer einen kam nichts als etwa die Ehre, für den Bund geköpft zu werden; möchte es ihm wohl gönnen; aber— glaubet mir, es ſieht nicht ſo ruhig aus, als man hier meint. Die vertriebenen Räthe haben von Eßlingen aus an den Kaiſer und das Reich geſchrieben und geklagt, der Bund iſt wieder Lauf den Beinen; bei Ulm ſteht ſchon wieder ein neues Heer.“ „Gerede, nichts weiter; ich weiß gewiß, daß der Herzog ſich mit Baiern verſöhnen wird.“ „Ja will, aber nicht verſöhnen wird. Das hat noch manchen Haken. Aber was ſehe ich? Ihr werdet doch nicht den alten Fetzen von einer Feldbinde zu dem ſtattlichen Hochzeitſchmuck anlegen wollen? Pfui, das paßt nicht zuſammen, lieber Vetter.“ Der Bräutigam betrachtete die Schärpe mit inni⸗ ger Liebe.„Das verſteht Ihr nicht,“ ſagte er,„wie gut ſich dies zum Hochzeitgewande ſchickt. Es iſt ihr erſtes Geſchenk; ſie flocht ſie heimlich bei Nacht auf ihrem Kämmerlein, als ihr die Kunde kam, daß ſie bald ſcheiden müſſe. Sie hat manche Thräne hinein⸗ gewoben, hat das Gewebe oft an die Lippen gedrückt, drum ward es mir eine Zauberbinde und meinen Augen ein Troſt, wenn ich im Unglück auf die Bruſt hernieder ſah. Sie darf nicht fehlen, dieſe Binde; hat ſie die Noth mit mir getragen, ſo ſei ſie mir ein heiliger Schmuck am Tage des Glückes.“ „Nun, wie Ihr wollt, haͤngt ſie in Gottes Namen um; jetzt noch das Baret aufgeſetzt und ſchnell den Mantel umgehängt, ſie läuten ſchon das Erſte drüben in der Kirche. Sputet Euch, laſſet das Bräutlein nicht ſo lange warten!“ Der Rathsſchreiber ſtellte ſich noch einmal vor den jungen Mann und muſterte mit ſtrengen Kenneraugen ſeinen Anzug. Er zog dort eine Spange ſchärfer an, er verwiſchte dort eine Falte, ſteckte hier eine Feder höher, und immer zufriedener wurden ſeine Blicke. Er geſtand ſich, daß der große, ſchlanke junge Mann, ſein ſchöner Kopf, die klaren, muthigen Angen ganz des lieblichen Bäschens würdig ſeien.„Weiß Gott,“ ſagte er,„Ihr ſehet aus, Vetter, als wäret Ihr von unſe⸗ rem Herr Gott gerade zum Hochzeiter erſchaffen wor⸗ den. Es iſt mir lieb, daß Euch heute Bertha nicht 4 delnd werden, dem armen Kind!— Kommt, kommt; ſehen kann, es moͤchte i acht Tage ſchwin⸗ ich fühle mich ſtolz, Euer Geſelle zu ſein, wenn ich auch vierzehn Tage zu ſpät nach Ulm zurückkebre.“ Georgs Wangen rötheten ſich, ſein Herz pochte, als er ſein Gemach verließ. Die Freude, die Erwartung, die Erfüllung jahrelanger Wünſche beſtürmten. ſeine Sinne, und wie trunken ging er neben Herrn Diete⸗ rich durch die Galerien. Die Tbhüre ging auf, und Marie im Glanze ihrer Schönheit ſtand umgeben von vielen Frauen und Fräulein, die, vom Herzog einge⸗ laden, heute ihre Begleitung bilden ſollten. Marie erröthete, als ſie den Geliebten ſah, ſie betrachtete ihn ſtaunend, als ſeien ſeine Züge heute mit einem neuen Glanze übergrſſen, ſie ſchlug die Augen nieder, als ſie ſeinen freudetrunkenen Blicken begegnete. Was hätte „Georg darum gegeben, die Geliebte an ſein Herz zie⸗ hen, den Morgengruß der Liebe auf ihre Lippen drücken zu dürfen; aber die ſtrenge Sitte der Zeit trennte an dieſem Tage durch eine weite Kluft, was ſich ſonſt ſchon längſt gefunden hatte. Dem Bräutigam war es nicht erlaubt, die Hand der Braut zu berühren, ehe ſie der Prieſter, in die ſeinige legte, und der Braut wurde es übel aufgenommen, wenn ſie den Bräutigam gar zu viel und gar zu lange anſah. Züchtig, ehrbar, die Augen auf den Boden geheftet, die Hände unter der Bruſt gefaltet, mußte ſie ſtehen— ſo wollte es die Sitte. Bei mancher Andern möchte dieſe Stellung er⸗ zwungen und ſteif erſchienen ſein, doch, wie die Natur über ihre lieblichſten Töchter in jeder Lage, in Trauer und Freude, den Zauber der Schönheit ausgießt, ſo war auch dieſe unnatürliche Haltung der Braut bei Marien zum gelungenſten Bild geworden: die zarte Röthe, die alle Augenblicke auf ihren Wangen wech⸗ ſelte, der ſüße Mund, in deſſen Winkeln ein Lächeln aufzukeimen ſchien, der feine, weiche Vorhang der ge⸗ ſenkten Lider, die zarten Franſen der dunkeln Wim⸗ pern, durch welche die blauen, glänzenden Augen wie eine aufgehende Sonne kaum ſichtbar durchſchimmerten, ſie gaben ein Bild holder, verſchämter Liebe, die dem Geliebten die Arme öffnen, die ſeinen Namen mit den ſüßeſten Tönen ausſprechen, die die Augen aufſchlagen möchte, um ihm durch einen Blick ihre Wünſche zu verkünden; doch die mächtigere Natur, das verwirrende Gefühl der Beſchämung windet ihr die Hände nur noch feſter zuſammen, ſchlägt die zarte Hülle der Wim⸗ pern vor das glühende Auge herab und verſchließt den Mund, daß er nur heimlich und ſtille lächelt, aber das Geheimniß der Liebenden nicht ausſpricht Verſchwunden war die erhabene Haltung Mariens, verſchwunden die Majeſtät ihrer Stirne und jener ge⸗ bietende, ernſte Blick, der auch den Kühnſten gefeſſelt hätte; aber man war verſucht, jene erhabeneren Schön⸗ heiten nicht zurückzuwünſchen; lag doch in dieſem ver⸗ ſchämten Bekenntniß, durch einen Blick des Geliebten überwunden zu ſein, ein höherer Reiz, als wenn das ſtolze Auge frei um ſich geblickt und dieſer geſchloſſene Mund das Geſtändniß der Liebe laut und offen ausge⸗ ſprochen hätte. So hatte die Natur Marien an dieſem — — — Tage einen neuen Zauber verliehen, der ſo mächtig wirkte, daß Georg einige Momente ſeine Braut ver⸗ wunderungsvoll betrachtete und ſein Herz ſich ſtolzer hob, im Gefühle, dieſes liebliche Kind ſein nennen zu dürfen. Jetzt kam auch der Herzog, der den Ritter von Lichtenſtein an der Hand führte. Er muſterte mit ſchnellen Blicken den reichen Kreis der Damen, und auch er ſchien ſich zu geſtehen, das Marie die Schönſte ſei.„Sturmfeder!“ ſagte er, indem er den Glücklichen auf die Seite führte,„dies iſt der Tag, der Dich für Vieles belohnt. Gedenkſt Du noch der Nacht, wo Du mich in der Höhle beſuchteſt und nicht erkannteſt? Damals brachte Hans, der Pfeifer, einen guten Trink⸗ ſpruch aus:„Dem Fräulein von Lichtenſtein! Möge ſie blühen für Euch!““— Jetzt iſt ſte Dein, und was nicht minder ſchön iſt, auch Dein Trinkſpruch iſt er⸗ füllt: wir ſind wieder eingezogen in die Burg unſerer Väter.“ „Möge Euer Durchlaucht dieſes Glück ſo lange genießen, als ich an Mariens Seite glücklich zu ſein hoffe. Aber Eurer Huld und Gnade habe ich dieſen ſchönen Tag zu verdanken, ohne Euch wäre vielleicht der Vater—“ „Ehre um Ehre, Du haſt uns treulich beigeſtanden, als wir unſer Land wieder erobern wollten, drum ge⸗ bührte es ſich, daß auch wir Dir beigeſtanden, um ſie zu beſitzen.— Wir ſtellen heute Deinen Vater vor, und als ſolchen wirſt Du uns ſchon erlauben, nach der Kirche Deine ſchöne Frau auf die Stirne zu küſſen.“ r J tt, als der Herzog unter dem Thor von Lichtenſtein ſich auf dieſen Tag ver⸗ tröſtete: unwillkürlich mußte er lächeln, wenn er der Würde und Hoheit gedachte, mtt welcher die Geliebte den Mann der Höhle damals zurückgewieſen hatte. „Immerhin, Herr Herzog, auch auf den Mund! Ihr habt es längſt verdient durch Eure großmüthige Für⸗ ſprache.“ „Wer ſind Deine Geſellen, die Dich zum Altar geleiten?“ fragte der Herzog. 4 „Marx Stumpf und der Ulmer Rathsſchreiber, ein Vetter von Lichtenſtein.“ 3 „Wie, das feine Männlein, den mein Kanzler köpfen laſſen wollte? Da haft Du links den zierlichſten und rechts den tapferſten Mann des Schwabenlandes. Glück zu, junger Herr; doch ich will Dir rathen, mehr rechts zu halten als links, dann kann es Dir nie feh⸗ len auf Erden, und wärſt Du ſo eiferſüchtig als ein Türke. Sieb, ſieh, da kommt ja der Rechte; ſieh, wie ſeine breite kurze Geſtalt ſich wunderlich ausnimmt unter den Frauenzimmern. Und wie er ſich ſtattlich angethan hat! Den verſchoſſenen grünen Mantel trug er ſchon Anno elf auf unſerer Hochzeit mit Frau Sa⸗ bina Lobeſan.“ „Kann mich nicht viel mit dem Anzug befaſſen,“ erwiderte der tapfere Ritter von Schweinsberg, der die letzten Worte noch gehört hatte;„auch mit dem Tanzen will es nicht recht gehen, Ihr werdet mich entſchuldigen; will aber heute Abend im Ritterſpiel der neue Eheherr eine Lanze mit mir brechen, ſo— 4 „So willſt Du ihm aus lauter Zärtlichkeit und Höflichkeit ein paar Rippen einſtoßen!“ lachte der Herzog;„das heiße ich einen Bräutigamsgeſellen von echter Art. Nein, da rathe ich Dir, Georg, Dich lieber links zu halten; de⸗ Ulmer wird Dir nicht wehe thun.“ Die Flügelthüren öffneten ſich jetzt, und man ſah auf der breiten Galerte das Hofgeſinde des Herzogs in Ordnung aufgeſtellt. An dieſe ſchloſſen ſich die Edel⸗ knaben an, welche brennende Kerzen trugen; dann folgte der glänzende Zug der Fräulein und Edelfrauen, die ſich zu dieſem Feſte eingefunden hatten. Sie waren in reiche, mit Gold und Silber durchwirkte Stoffe gekleidet, und jede hatte einen Blumenſtrauß und eine Citrone in der Hand. Die Braut wurde von Georg von Hewen und Reinhardt von Gemmingen geführt. Viele Ritter und Edelleute ſchloſſen ſich an dieſe an, in ihrer Mitte ging Georg von Sturmfeder, Marx Stumpf zu ſeiner Rechten, der Rathsſchreiber Diete⸗ rich von Kraft zu ſeiner Linken. Sein ganzes Weſen ſchien von einer würdigen Freude gehoben, ſeine Au⸗ gen blinkten freudig, ſein Gang war der Gang eines Siegers. Er ragte mit dem wallenden Haar, mit den wehenden Federn des Barets weit über ſeine Geſellen ervor. Die Leute betrachteten ihn ſtaunend, die — lobten laut ſeine hohe, männliche Geſtalt, ſeine edle Haltung, aber die Mädchen flüſterten leiſe und prieſen ſeine ſchönen Züge und das freie, glän⸗ zende Auge. . So ging der Zug aus dem Thore des Schloſſes nach der Kirche, erch einen breiten Platz von ihm getrennt war. Kopf an Kopf ſtanden die ſchönen Mädchen und die redſeligen Frauen; ſie muſterten die Anzüge der Fräulein, ſtrengten die Blicke an, als die ſchöne Braut vorbeiging, und waren voll Lobes über den Bräutigam. d Unter den zahlreichen Zuſchauern ſah man auch eine rüſtige, runde Bauersfrau mit ihrem Töchterlein ſtehen. Dieſe Frau verneigte ſich immerwährend zu großer Beluſtigung der Städtler umher, die nur der Braut und dem Herzog dieſe Aufmerkſamkeit bewieſen. Ste unterhielt ſich dabei eifrig mit ihrer Tochter. Das ſchöne Kind an ihrer Seite ſchien aber wenig auf ihre Reden zu achten; ſie üͤberſah den glänzenden Zug der Fräulein, ihre hellen Augen waren nur immer auf die nahende Braut gerichtet. Je näher dieſe kam, deſto röther färbten ſich die Wangen des Mädchens, das rothe Mieder hob und ſenkte ſich ungeſtüm, und das pochende Herz ſchien die ſilbernen Ketten, womit es eingeſchnürt war, zerſprengen zu wollen. Sie ſah Ma⸗ rien feſt und durchdringend an, die hohe Schönheit der jungen Braut ſchien ſie zu überraſchen, ein wehmüthiges Lächeln zuckte um ihren kleinen Mund.„Sie iſt's!a rief ſie unwillkürlich aus, und verbarg dann ſchnell ihr Geſicht hinter dem Rücken ihrer Mutter, denn die Um⸗ ſtehenden ſahen verwundert nach ihr hin. „Jo, dia iſt's, Bärbele! Dia iſt grauſig ſchö etz flüſterte die runde Frau und neigte ſich tief.„J wellet mer uf da Junker paſſa.“ Das Mädchen ſchien dyebe Raths nicht erſt zu be⸗ ai 15 dürfen, denn ſie blickte läng Phinüber nach jener Seite, woher er kommen mußte.„Er kommt, er kommt,“ hörte ſie ihre Nachbarn flüſtern;„der iſt's in dem weißen Kleid, mit dem blauen Mantel, er geht gerade vor dem Herzog.“ Sie ſah ihn, nur einen Blick warf ſie nach ihm hin, und wagte dann nicht mehr aufzu⸗ blicken; die tiefe Röthe ihrer Wangen verſchwand, als er vorüberging, ſie zitterte, eine Thräne fiel herab auf das rothe Mieder; jetzt war er vorüber, jetzt hob ſich das Köpfchen wieder ein wenig auf und ſandte ihm einen Blick nach, der mehr auszudrücken ſchien, als die reine Bewunderung oder das Staunen der Neugierde. Als der Zug vorüber war, drängten ſich die Zu⸗ ſchauer mit Ungeſtüm zu den Kirchthüren, und in einem Augenblick war der Platz, der noch kurz zuvor den Anblick einer bunten wogenden Menge dargeboten hatte, wie ausgeſtorben. Die runde Frau blickte noch immer ſtaunend den ſchönen geputzten Stadtjungfern nach, welche mit ihren brocatenen Hauben und gold⸗ geſtickten Miedern, mit ihren feinen langen Röͤcken, an welchen man nur um den Hals und Buſen den Zeug allzuſehr geſpart zu haben ſchien, in der Bauers⸗ frau mächtige Sehnſucht nach ſolcher Pracht und Herr⸗ liichkeit erweckt hatten. 8 8¾ Als ſie ſich umwandte, erſchrak ſie nicht wenig, henn ihr holdes Kind hatte das blühende Geſichtchen vie Hände verborgen und weinte. Sie konnte nicht begreifen, was dem Mädchen begegnet ſein könne, ſle faßte ihre Hand, zog ſie herab von den Augen— 1 ſie weinte bitterli hoſt denn, Bärbele,“ fragte ſie halb unmuthig, doch nicht ohne Theilnahme, „was heulſcht denn? Höſt's denn et g'ſeha? Gang, ¹s iſt jo a Schand! Wenn's jo ebber ſieht; ſo ſag’ no, worum Du heulſcht?“ „J wois et, Muater!“ flüſterte ſie, indem ſie ver⸗ geblich ihre Thränen zu bezwingen ſuchte.„Es iſt mer ſo weh im Herz drin, i wois et worum.“ „Laß jetzt bleiba, ſag⸗ e! Komm, ſonſt kommemer Pſpot in d'Kirch. Hairſch, wie ſe muſieiret und ſinget? Komm, ſonſt ſehe mer nex mai!“ Die Frau zog bei dieſen Worten das Mädchen nach der Kirche. Bärbele folgte, ſie bedeckte die Augen mit der weißen Schürze, um nicht den Stadtleuten zum Geſpötte zu werden; aber die tiefen Seufzer, die ſich aus ihrer Bruſt her⸗ aufſtahlen, ließen ahnen, daß ſie einen tiefen Schmerz vergeblich zu unterdrücken ſuche. Die Orgel ſchwieg, der Chorgeſang verſtummte, als ſie an der Kirchthüre anlangten. Die Einſegnung des ſchönen Paares mußte in dieſem Augenblicke beginnen. Aber vergebens ſuchte die runde Frau durch die dichten Reihen zu dringen, welche die Thüre füllten; ſie wurde, ſo oft ſi ſie ſich in einen freien Raum zu ſchieben ſuchte, unwillig und mit Scheltworten zurückgeſtoßen. „Komm, Muater!“ ſprach das Mädchen.„Mer wellet hoim; mer ſent arme Leut, uns laſſet ſe et in d'Kirch; komm hoim.“ „Was? D'Kircha ſind für älle Leut etſchaffe, au für d'Arme. Wia, ihr Herra, leut es e biule do nei. Mer ſehet jo gar nex.“ 6f —— „Waz!“ ſprach der den ſie ſich gewendet hatte, und kehrte ihr ein rothbraunes Geſicht mit ſchrecklichem Bart zu.„Waz? Packt Euch fort, wir laſſen Niemand durch; wir ſind die allergnädigſten her⸗ zoglichen Landsknechte wir und nach dem Zanktus, hat der Hauptmann befohlen, darf keine Zeele mehr durch; Mordblei! Thut mir leid, wenn ich in der Kirche fluche, aber ich zag’, weg da!“ „Die Olte muß weg, ſogen wer, ober das Dienderl darf rein; komm, Schazerl! Du konnſt's recht gut ſehen; ſchaut's, jetzt ſteckt thr der Probſt den Ring on, jetzt legt er ihne die Händ zuſommen— gib mir en Schmazerl, dann darfſt ſehen.“ Der Staberl von Wien ſtreckte bei dieſen Worten ſeine tapfere Hand nach dem Mädchen aus, doch dieſe ſchrie laut auf und entfloh weinend; die runde Frau aber verwünſchte die Stadtleute, die Stadtkirchen und die unanſtändigen Landsknechte, und folgte ihrer Tochter. W. Hauffs Werke. XVIII. 2 II. So hab' ich endlich Dich gerettet Mir aus der Menge wilden Reih'n; Du biſt in meinen Arm gekettet, Du biſt nun mein, nun einzig mein. Es ſchlummert alles dieſe Stunde, Nur wir noch leben auf der Welt; Wie in der Waſſer ſtillem Grunde Der Meergott ſeine Göttin hält. Uhland. Herzog Ulerich von Würtemberg liebte eine gute Tafel, und wenn in guter Geſellſchaft die Becher kreis⸗ ten, pflegte er nicht ſobald das Zeichen zum Aufbruch zu geben. Auch am Hochzeitsfeſte Mariens von Lichten⸗ ſtein blieb er ſeiner Gewohnheit treu. Man war, als die heilige Handlung in der Kirche vorüber war, in den Luſtgarten am Schloß gezogen; dort hatten ſich in den Laubgängen und künſtlich verſchlungenen Wegen die Hochzeitgäſte ergangen, oder an den zahmen Hirſchen und Rehen im Gehege, oder an den Bären, die in einem der Gräben des Schloſſes umherwandelten, ſich ergötzt. um zwoͤlf Uhr hatten die Trompeten zur Tafel gerufen. Sie wurde in der Tyrnitz gehalten, einer weiten hohen Halle, die viele hundert Gäſte faßte. Dieſe Halle war die Zierde des Schloſſes zu Stuttgart. Sie maß wohl hundert Schritte in der Länge; die eine Seite, die gegen den Garten des Schloſſes lag, war von vielen breiten Fenſtern unterbrochen, und der freundliche Tag ergoß ſich durch die vielfarbigen Scheiben und erhellte überall das ungeheure Gemach, das mit ſeinen Wöl⸗ bungen und Säulen mehr einer Kirche als einem Tum⸗ melplatze der Freude glich. Um die drei übrigen Seiten liefen Galerien mit Teppichen reich behängt, ſie waren für die Geiger und Trompeter und für die Zuſchauer bei einem fürſtlichen Mahle beſtimmt; oft aber dienten ſie den Damen und Kampfrichtern zu Tribünen, wenn nicht der Klang der Becher, ſondern Schwerthiebe, das Krachen der Lanzen, das Sauſen der Speere und das Gelächter und Geſchrei der Kämpfer beim freien Waf⸗ fenſpiel in der Halle erſcholl. Aber heute ſah man hier einen gemiſchten Kreis ſchöner Frauen und fröhlicher Männer um reichbeſetzte Tafeln ſitzen. Auf den Galerien ſchwangen die Geiger luſtig ihre Fidelbogen. Die Zinkeniſten blieſen ihre Backen auf, die Trommler ſchlugen kräftig auf die Felle, und mit Jauchzen und Halloh ſtimmte die Volks⸗ menge, die man auf den übrigen Theilen der Galerien zugelaſſen hatte, ein, wenn die Herren unten einen Trinkſpruch ausgebracht hatten. Am oberen Ende der Halle ſaß unter einem Thronhimmel der Herzog. Er hatte ſeinen Hut weit aus der Stirne gerückt, ſchaute fröhlich um ſich und ſprach dem Becher fleißig zu. Zu ſeiner Rechten, an der Seite des Tiſches, ſaß Marie; jetzt wollte die Sitte nicht mehr, daß ſie die Augen niederſchlug und ſechs Schritte von dem Geliebten ent⸗ fernt blieb. Ein froͤhliches Leben war in ihre Augen, um ihren Mund eingezogen; ſie blickte oft nach ihrem neuen Gemahl, der ihr gegenüber ſaß, es war ihr oft, als müſſe ſie ſich überzeugen, daß dies alles nicht ein Traum, daß ſie wirklich eine Hausfrau ſei, und den Namen, den ſie achtzehn Jahre getragen, gegen den Namen Sturmfeder vertauſcht habe; ſie lächelte, ſo oft ſie ihn anſah, denn es kam ihr vor, als gebe er ſich, ſeitdem er aus der Kirche kam, eine gewiſſe Würde. „Er iſt mein Haupt,“ ſagte ſie lächelnd zu ſich;„mein Herr, mein Gebieter; o der gute Herr! das liebe Haupt!“ 4 Und es war ſo, wie Marie zu bemerken glaubte; Georg fühlte ſich gehobener, mit einer neuen Würde umgeben; es ſchien ihm, als zeigen ihm die Junker mehr Ehrfurcht, als ziehen ihn die älteren Ritter freundlicher zu ſich heran, ſeit er nicht mehr allein in der Welt ſtand, ſondern wie ſie ein Hausvater, vielleicht der Stammhalter eines glänzenden Geſchlechtes ge⸗ worden war. Denn in den guten alten Zeiten waren die Begriffe noch anders als heutzutag, und man dachte ſich den Edelmann und den Bürger nicht anders, als mit Weib und Kindern, und überließ den Cöͤlibat den Mönchen. In die Nähe des Herzogs war der Ritter von Lichtenſtein, Marx Stumpf von Schweinsberg und der Kanzler gezogen worden, und auch der Rathsſchreiber von Ulm ſaß nicht ferne, weil er heute als Geſelle des Bräutigams dieſen Ehrenplatz ſich erworben hatte. Der Wein begann ſchon den Männern aus den Augen 4 zu leuchten und den Fr die Wangen höher zu fär⸗ ben, als der Herzog ſeinem Küchenmeiſter ein Zeichen gab. Die Speiſen wurden weggenommen und im Schloßhof unter die Armen vertheilt; auf die Tafel kamen jetzt Kuchen und ſchöne Früchte, und die Wein⸗ kannen wurden für die Männer mit beſſeren Sorten gefüllt; den Frauen brachte man kleine ſilberne Becher mit ſpaniſchem, ſüßem Weine. Sie behaupteten zwar, keinen Tropfen mehr trinken zu können, doch nippten und nippten ſie von dem ſüßen Nektar immer wieder, bis man die Nagelprobe hätte machen können. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo nach der Sitte der Zeit dem neuen Ehepaar Geſchenke überbracht wurden. Man ſtellte Körbe neben Marien auf, und als die Geiger und Pfeifer von Neuem geſtimmt hatten und aufzuſpielen anfingen, bewegte ſich ein langer, glän⸗ zender Zug in die Halle. Voran gingen die Edelknaben des fürſtlichen Hofes, ſie trugen goldene Deckelkrüge, Schaumünzen, Schmuck von edlen Steinen als Ge⸗ ſchenke des Herzogs. „Mögen Euch dieſe Becher, wenn ſie bei den Hoch⸗ zeiten Eurer Kinder, bei den Taufen Eurer Enkel kreiſen, mögen ſie Euch an einen Mann erinnern, dem Ihr Beide im Unglück Liebe und Treue bewieſen, an einen Fürſten, der im Glück Euch immer gewogen und zugethan iſt.“ Georg war überraſcht von dem Reichthum der Ge⸗ ſchenke.„Euer Durchlaucht beſchämen uns,“ rief er; „wollet Ihr Liebe und Treue belohnen, ſo wird ſie nur zu hald um Lohn feil ſein.“ 8 22 3 „Ich habe ſie ſelten rein gefunden,“ erwiderte Ulerich, indem er einen unmuthigen Blick über die lange Tafel hinſchickte und dem jungen Mann die Hand drückte;„noch ſeltener, Freund Sturmfeder, hat ſie mir Probe gehalten, drum iſt es billig, daß wir die reine Treue mit reinem Golde und edle Liebe mit edlen Steinen zu belohnen ſuchen. Doch wie, Eure ſchöne Frau vergießt Thränen? Ich weiß die Quelle dieſes klaren Thaues, es iſt die Erinnerung an unſer bitteres Geſchick, die wir ſelbſt herauf beſchworen haben. Hin⸗ weg mit dieſen Thränen, ſchöne Frau; am Hochzeits⸗ tag iſt es kein gutes Zeichen. Doch mit Verlaub Eures Cheherrn will ich jetzt eine alte Schuld einziehen, Ihr wißt noch welche?“ Marie erröthete und warf einen forſchenden Blick nach Georg hinüber, als fürchtete ſie jenes alte Üübel, das ſie oft kaum zu beſchwören vermochte, möchte wie⸗ derkehren. Georg wußte recht wohl, was der Herzog meine, denn jene Scene, die er hinter der Thüre be⸗ lauſcht, war ihm noch immer im Gedächtniß, doch er fand Gefallen daran, den Herzog und Marien zu necken, und antwortete, als dieſe noch immer ſchwieg: „Herr Herzog, wir ſind jetzt zuſammen ein Leib und eine Seele, wenn alſo meine Frau in früheren Zeiten Schulden gemacht hat, ſo ſteht es mir zu, ſie zu be⸗ zahlen.“ „Ihr ſeid zwar ein hübſcher Junge,“ entgegnete Ulerich mit Laune, und manche unſerer Fräulein hier am Tiſche möchte vielleicht gerne einen ſolchen Schuld⸗ brief an Euren ſchönen Mund einzufordern haben; mir aber kann dies nicht denn meine Urkunde lautet auf die rothen Lippen Eurer Frau.“ Der Herzog ſtand bei dieſen Worten auf und nä⸗ herte ſich Marien, die bald erröthend, bald erbleichend ängſtlich auf Georg herüber ſah.„ Herr Herzog,“ flü⸗ ſterte ſie, indem ſie den ſchönen Nacken zurückbog,„es war nur Scherz!— ich bitte Euch.“ Doch Ulerich ließ ſich nicht irre machen, ſondern zog die Schuld ſammt Zinſen von ihren ſchönen Lippen ein. Der alte Herr von Lichtenſtein ſah bei dieſer Seene finſter bald auf den Herzog, bald auf ſeine Tochter; vielleicht mochte ihm Ulerich von Hutten beifallen, denn ſeine Blicke ſtreiften auch ängſtlich auf ſeinen Schwie⸗ gerſohn. Der Kanzler Ambroſtus Volland aber ſchaute mit hoͤhniſcher Schadenfreude aus den grünen Auglein auf den jungen Mann.„ Hi, hi,“ rief er ihm zu, nich leere meinen Becher auf gutes Wohlſein. Eine ſchöne Frau iſt eine gute Bittſchrift in aller Noth; wünſche Glück, liebſter, werthgeſchätzter Herr; hi, hil ˙s iſt ja auch was Unſchuldiges, ſo lange es vor den Augen des Ehemanns geſchieht.“ 1 „Allerdings, Herr Kanzler!“ erwiderte Georg mit großer Ruhe.„Um ſo unſchuldiger, als ich ſelbſt da⸗ bei war, wie meine Frau Seiner Durchlaucht dieſen Dank zuſagte. Der Herr Herzog verſprach beim Vater für uns zu bitten, daß er mich zum Eidam annehnte, und bedung ſich dafür dieſen Lohn an unſerm Hoch⸗ zeitstage.“ 1. Der Herzog ſah den jungen Mann mit Staunen an; Marie erröthete von Neuem, denn ſie mochte ſich jene ganze Seene ins Gedächtniß zurückrufen; aber kei⸗ nes von Beiden widerſprach ihm, ſei es, weil ſie es für unſchicklich hielten, ihn Lügen zu ſtrafen, ſei es, weil ſie ahneten, er könne ſie belauſcht haben. Aber Ulerich konnte doch nicht unterlaſſen, ihn heimlich um die nä⸗ heren Umſtände zu befragen; er theilte ſie ihm in we⸗ nigen Worten mit. „Du biſt ein ſonderbarer Kauz!“ flüſterte der Her⸗ zog lachend.„Was hätteſt Du denn gemacht, wenn wir damals ein Küßchen erobert hätten?“ „SIch kannte Euch noch nicht,“ flüſterte Georg vben ſo leiſe,„drum hätte ich Euch auf der Stelle niederge⸗ ſtochen, und an die nächſte Eiche aufgehängt.“ Der Herzog biß ſich in die Lippen und ſah ihn ver⸗ wundert an; dann aber drückte er ihm freundlich die Hand und ſagte:„Da hätteſt Du alles Recht dazu ge⸗ habt, und wir wären in unſeren Sünden abgefahren. — Doch ſiehe, da bringen ſie wieder Spenden für die Braut.“ Es erſchienen jetzt die Diener der Ritter und Edeln, die zur Hochzeit geladen waren, die trugen allerlei ſel⸗ tenes Hausgeräthe, Waffen, Stoff zu Kleidern und dergleichen; man wußte zu Stuttgart, daß es der Lieh⸗ ling des Herzogs ſei, dem dieſes Feſt gelte, drum hatte ſich auch eine Geſandtſchaft der Bürger eingeſtellt, ehr⸗ ſame, angeſehene Männer in ſchwarzen Kleidern, kurze Schwerter an der Seite, mit kurzen Haaren und lan⸗ gen Bärten. Der Eine trug eine aus Silber getriebene Weinkanne, der Andere einen Humpen aus demſelben Metall, mit eingeſetzten Schaumünzen geſchmückt. Sie 4 nahten ſich ehrerbietig zue Herzog, verbeugten ſich vor ihm, und traten dann zu Georg von Sturm⸗ feder. Sie verbeugten ſich lächelnd auch vor ihm, und der mit dem Humpen hub an: Gegrüßet ſei das Ehepaar Und leb' zufammt noch manches Jahr; um Euch zu ſriſten langes Leben, Will Stuttgart Euch ein Tränkſein geben. Des Lebens Tränklein iſt der Wein. Komm', guter Geſelle, ſchenk' mir ein. Der andere Bürger goß aus der Flaſche den Hum⸗ pen voll und ſprach, während der Erſte trank: Von dieſem Tränklein ſteht ein Faß Vor Eurer Wohnung auf der Gaß: Es iſt vom Beſten, den wir haben, Er ſoll Euch Leiv und Seele laben; Er geb' Euch Muth, Geſundheit, Kraft: Das wünſcht Euch Stuttgarts Bürgerſchaft. Der Erſtere hatte indeſſen ausgetrunken, füllte den Becher von Neuem, und ſprach, indem er ihn dem jun⸗ gen Mann kredenzte: Und wenn Ihr trinkt von dieſem Wein, Soll Euer erſter Trinkſpruch ſein; „Es leb' der Herzog und ſein Haus!“ Ihr trinkt bis auf den Boden aus; Dann ſchenkt Ihr wieder Friſchen ein: „Hoch leb' Sturmfeder und Lichtenſtein!“ Und lüſtet Euch noch ein's zu trinken, Mögt Ihr an Stuttgarts Bürger denken. Georg von Sturmfeder reichte Beiden die Hand, und dankte ihnen für ihr ſchönes Geſchenk; Marie ließ ihre Weiber und Mädchen grüßen, und auch der Her⸗ zog bezeugte ſich ihnen gnädig und freundlich. Sie leg⸗ ten den ſilbernen Becher und die Kanne in den Korb zu den übrigen Geſchenken, und entfernten ſich ehrba⸗ ren und feſten Schrittes aus der Tyrnitz. Doch die Bür⸗ ger waren nicht die Letzten, die Geſchenke gebracht hatten; denn kaum hatten ſie die Halle verlaſſen, ſo entſtand ein Geräuſch an der Thüre, wo die Landsknechte Wache hielten, das ſelbſt die Aufmerkſamkeit des Her⸗ zogs auf ſich zog. Man hörte tiefe Männerſtimmen fluchen und befehlen, dazwiſchen ertönten hohe Weiber⸗ ſtimmen, von denen beſonders eine, die am heftigſten haderte, der Geſellſchaft am oberſten Ende der Tafel ſehr bekannt ſchien.. „Das iſt wahrhaftig die Stimme der Frau Roſel!“ flüſterte Lichtenſtein ſeinem Schwiegerſohn zu.„Gott weiß, was ſie wieder für Geſchichten hat.“ Der Herzog ſchickte einen Edelknaben hin, um zu erfahren, was das Lärmen zu bedeuten habe; er erhielt zur Antwort, einige Bauernweiber wollen durchaus in die Halle, um den Neuvermählten Geſchenke zu bringen, da es aber nur gemeines Volk ſei, ſo wollen ſie die Knechte nicht einlaſſen. Ulerich gab Befehl, ſie vorzu⸗ bringen, denn die Sprüchlein der Bürger hatten ihm gefallen, und auch von den Bauersleuten verſprach er ſich Kurzweil. Die Knechte gaben Raum und Georg erblickte zu ſeinem Erſtaunen die runde Frau des Pfei⸗ fers von Hardt mit ihrem ſchönen Töchterlein, geführt von der Frau Roſel, ihrer Baſe. Schon auf dem Wege in die Kirche hatte er die holden Züge des Mädchens von Hardt, die er nicht aus ſeinem Gedächtniß verloren, zu bemerken geglaubt; aber wichtigere Gedanken und die Heiligkeit des Sa⸗ kraments, die ſeine ganze Seele füllten, hatten dieſe flüchtige Erſcheinung verdrängt. Er belehrte die Ge⸗ ſellſchaft, wer die Nahenden ſeien, und mit großem In⸗ tereſſe blickten ſte Alle auf das Kind jenes Mannes, deſſen wunderbares Eingreifen in das Schickſal des Herzogs ihnen oft ſo unbegreiflich geweſen war, deſſen Treue ſo erhaben, deſſen Hülfe in der Noth ſo will⸗ kommen erſchienen war. Das Mädchen hatte die blon⸗ den Haare, die offene Stirn, die Züge ihres Vaters; nur die Liſt, die aus ſeinen Augen, die Kühnheit und Kraft, die aus ſeinem Weſen ſprach, war bei ihr, wenn ſie nicht ſchüchtern und blöde war, in eine neckende Freundlichkeit und in rüſtiges, behendes Weſen überge⸗ gangen. So hatte ſie Georg erkannt, als er im Hauſe des Pfeifers wohnte; doch heute ſchien ſie vor den vielen vornehmen Leuten etwas ſchüchtern, ja es wollte ihm ſogar ſcheinen, als ſei ein neuer Zug in ihr Geſicht ge⸗ kommen, den er früher nicht an ihr bemerkt hatte, eine gewiſſe Wehmuth und Trauer, die ſich um ihren Mund und in ihren Augen ausſprach. 3 Die Pfeifersfran wußte, was Lebengart ſei, ſie verbeugte ſich daher von der Thüre der Tornitz in einem fort, bis ſie zum Stuhl des Herzogs kam. Frau Roſel hatte noch die Röthe des Zornes auf ihren magern Wangen, denn die Landsknechte, namentlich der Mag⸗ deburger und Kaſpar Staberl, hatten ſie höchlich be⸗ leidigt, und ſie eine dürre Stange geheißen. Ehe ſie noch ſich fmmnenn und den lerrſchaften egemend die Familie ihres Bruders vorſtellen konnte, hatte die runde Frau ſchon einen Zipfel von des Herzogs Mantel ge⸗ faßt und ihn an die Lippen gedrückt.„Gueten Obed, Herr Herzich,“ ſprach ſie dazu mit tiefen Knixen;„wie goht Ich's, ſeit Er wieder in Stuagert ſend? mei Ma loßt Ich ſchö grüaßa; mer komme aber et zum Herr Herzich, noi, zu dem Herre dort drübe welle mer. Mer hent a Hockzeitſchenke für ſei Frau. Da ſittzt ſe jv, gang Bärbele, lang's aus em Krättle.“ „Ach! Du lieber Gott,“ fiel Frau Roſel ihrer Schwägerin ins Wort;„bitt' unterthänigſt um Ver⸗ zeihung, Euer Durchlaucht, daß ich die Leute'reinge⸗ bracht habe;'s iſt Frau und Kind vom Pfeifer von Hardt. Ach! Du Herr Gott, nehmet doch nichts übel, Herr Herzog, die Frau meint's g'wiß gut.“ Der Herzog lachte mehr über dieſe Entſchuldigung der Frau Roſel, als über die Reden ihrer Schwägerin. „Was macht denn Dein Mann, der Pfeifer? Wird er uns bald beſuchen? Warum kam er nicht mit Euch?“ „Sell hot ſein Grund, Herr!“ erwiderte die runde Frau.„Wenn's Krieg geit, bleibt er g'wiß et aus; do ka mer'n brauche; aber im Frieda? Noi, do denkt er, mit graußa Herra iſt's et guet Kirſche freſſa.“ Frau Roſel wollte beinahe verzweifeln über die Nai⸗ vität der runden Frau, ſie zog ſie am Rock und am lan⸗ gen Zopfband, es half nichts, die Frau des Pfeifers ſprach zu großer Ergötzung des Herzogs und ſeiner Gäſte immer weiter, und das unauglöſchliche Gelächter, das ihre Antworten erregten, ſchien ihr Freude zu machen. Bärbele hatte indeſſen mit dem Deckel des Körbchens geſpielt, ſie hatte einigemal gewagt, ihre Blicke zu er⸗ heben, um jenes Geſicht wieder zu ſehen, das im Fie⸗ her der Krankheit ſo oft an ihrem Buſen geruht, und in ihren treuen Armen Ruhe und Schlummer gefunden hatte, jenen Mund wieder zu ſehen, den ſie ſo oft heim⸗ licherweiſe mit ihren Lippen berührt hatte, und jene Augen, deren klarer, freundlicher Strahl ewig in ihrem Gedächtniß fortglühte. Sie erhob ihre Blicke immer wieder von Neuem, doch, wenn ſie bis an ſeinen Mund gekommen war, ſchlug ſie ſie wieder— aus Furcht, ſeinem Auge zu begegnen— herab. „Siehe Marie,“ hörte ſie ihn ſagen,„das iſt das gute Kind, das mich pflegte, als ich krank in ihres Va⸗ ters Hütte lag, das mir den Weg nach Lichtenſtein zeigte.“ 3 Marie wandte ſich um und ergriff gütig ihre Hand; das Mädchen zitterte, und ihre Wangen färbten ein dunkles Roth; ſie öffnete ihr Körbchen und über⸗ reichte ein Stück ſchöner Leinwand und einige Bündel Flachs, ſo fein und zart wie Seide. Sie verſuchte zu ſprechen, aber umſonſt, ſie küßte die Hand der jungen Frau, und eine Thräne fiel herab auf ihren Ehring. „Ei Bärbele,“ ſchalt Frau Roſel,„ſei doch nicht ſo ſchüchtern und ängſtlich. Gnädiges Fräulein— wollte ſagen, gnädige Frau, habt Nachſicht, ſie kommt ſelten zu vornehmen Leuten. Es iſt Niemand ſo gut, er hat zweierlei Muth, heißt es im Sprüchwort. Das Mädchen kann ſonſt ſo frohlich ſein, wie eine Schwalbe im Frühling.“ 30 „Ich danke Dir, Bärbele!“ ſagte Marie.„Wie ſchön Deine Leinwand iſt! Die haſt Du wohl ſelbſt geſponnen?“ Das Mädchen lächelte durch Thränen; ſie nickte ein Ja!— zu ſprechen ſchien ihr in dieſem Augenblick un⸗ möglich zu ſein. Der Herzog befreite ſie von dieſer Ver⸗ legenheit, um ſie noch in eine größere zu ziehen. „Wahrhaftig ein ſchönes Kind hat Hans der Spiel⸗ mann,“ rief er aus, und winkte ihr näher zu treten. „Hoch gewachſen und lieblich anzuſchauen! Schaut nur, Herr Kanzler, was ihr das rothe Mieder und das kurze Röckchen gut anſteht; wie? Ambroſius Vol⸗ land, meinſt Du nicht, wir könnten durch ein allge⸗ meines Edikt dieſe niedliche Tracht anch bei unſern Schönen in Stuttgart einführen?“ Der Kanzier verzog ſein Geſicht zu einem gräu⸗ lichen Lächeln; er beſchaute das erröthende Mädchen mit ſeinen ÄAuglein vom Kopf bis zu den Füßen.„Man könnte zum Grund angeben,“ ſagte er, daß dadurch eine Elle in der Länge erſpart würde. So gut Euer Durchlaucht vor einigen Jahren das Maas und Ge⸗ wicht hat kleiner machen laſſen, habt Ihr nach allen Regeln der Logika auch das Recht, dem Frauenzimmer die Röcklein zu verkürzen. Wäre aber damit nichts ge⸗ wonnen, denn— hi, hi, hi! Schaut nur, was dort wegfiele, müßten dann die hieſigen Schönen oben wieder anſetzen. Und wer weiß, ob ſie ſich gerne dazu ver⸗ ſtünden? Sie gehören zum Geſchlecht der Pfauen, und Ihr wißt ſchon, daß dieſe nicht gerne auf ihre Beine ſehen.* 3 91 3 „Haſt Recht, Ambroſius,“ lachte der Herzog.„Es geht doch nichts über einen gelehrten Herrn! Aber ſag' einmal, Kind, haſt Du auch ſchon einen Schatz? Einen Liebſten?“ „Ei was, Euer Durchlaucht!“ unterbrach ihn die runde Frau.„Wer wird ſo ebbes von ſo ema Kind denka! Se iſt a ehrlichs Mädle, Herr Herzich!a Der Herzog ſchien nicht auf dieſe Bemerkung zu hören; er betrachtete lächelnd die Verlegenheit, die ſich auf den reinen Zügen des Mädchens abſpiegelte; ſie ſeufzte leiſe, ſie ſpielte mit den bunten Bändern ihrer Zöpfe; ſie ſandte unwillkürlich einen Blick, aber einen Blick voll Liebe auf Georg von Sturmfeder, und ſchlug dann erröthend wieder die Augen nieder. Der Herzog, dem dies Alles nicht entging, brach in lautes Lachen aus, in das die ührigen Männer einſtimmten.„Junge Frau!“ ſagte er zu Marien,„jetzt könnt Ihr billig die Eiferſucht Eures Herrn theilen; wenn Ihr geſehen hättet, was ich ſah, könntet Ihr allerlei deuten und vermuthen.“ Marie lächelte und blickte theilnehmend auf das ſchöne Mädchen; ſie fühlte, wie wehe ihr der Spott der Männer thun müſſe. Sie flüſterte der Frau Roſel zu, ſie und die runde Frau zu entfernen. Auch dieſes bemerkte Ulerichs ſcharfer Blick und ſeine heitere Laune ſchrieb es der ſchnell erwachten Eiferſucht zu. Marie aber band ein ſchönes, aus Gold und rothen Steinen gearbeitetes Kreuzchen ab, das ſie an einer Schnur um den Hals getragen, und reichte es dem überraſchten Mädchen.„Ich danke Dir,“ ſagte ſie ihr dazu;„grüße 8 2 Deinen Vater und beſuche uns recht oft hier und in Lichtenſtein. Wie wäre es, wenn Du mir dienteſt als Zofe? Du ſollſt es gut haben, und haſt ja auch Deine Muhme, Frau Roſel, bei uns.“ Das Mädchen erſchrak ſichtbar; ſie ſchien mit ſich zu kämpfen; oft ſchien ein freundliches Lächeln„ja“ ſagen zu wollen, aber eben ſo oft drängte ein ſchmerz⸗ licher Zug um den Mund dieſen Entſchluß zurück.„J dank' ſchö, gnädige Frau!“ antwortete ſie, indem ſie Mariens ſchöne Hand küßte.„Aber i mueß daheim bleibe: d'Mueter wird alt und braucht me, b'hüt Ich Gott der Herr, älle Heilige walten über Ich, und die heilige Jungfrau ſei Ich gnädig. Lebet g'ſund und froh mit Euerem Herra,'s iſt a gueter, lieber Herr!“ Noch einmal beugte ſich Bärbele herab auf Mariens Hand und entfernte ſich dann mit ihrer Mutter und der Baſe. „Hör' einmal,“ rief ihr der Herzog nach,„wenn Deine Mutter einmal zugibt, daß Du einen Liebſten bekommſt, ſo bring' ihn mir; ich will Dich ausſtatten, Du hübſches Pfeiferskind!“ Unter dieſen Scenen war es vier Uhr geworden; und der Herzog hob die Tafel auf. Dies war das Zeichen, daß ſich jetzt das Volk von den Galerien ent⸗ fernen müſſe, die ſogleich mit Polſtern und Teppichen belegt und zum Empfang der Damen eingerichtet wurden. In dem Parterre der Tyrnitz wurden ſchnell die Tafeln weggeräumt, Lanzen, Schwerter, Schilde, Helme und der ganze Apparat zu Ritterſpielen herbei⸗ geſchleppt, und in einem Augenblicke war dieſe große Halle, die noch ſo eben der Sitz der Tafelfreuden ge⸗ weſen war, zum Wafefenſaal eingerichtet. Wie die Damen in unſeren Tagen gerne lauſchen, wenn die Männer ſich in gelehrte Discuſſionen und politiſche Streitigkeiten einlaſſen, wie Jede wünſcht, den Ge⸗ liebten oder Gemahl am ſcharffinnigſten urtheilen, am ſchnellzüngigſten diſputiren zu hören, ſo war es in den guten alten Zeiten den Frauen Freude, ſelbſt blutige Kämpfe ihrer Männer zu beobachten, und aus manchem ſchönen Auge blitzte das Hochgefühl, einem Tapferen anzugehören, manche holde Wange ſchmückte ein hö⸗ heres Roth, nicht wenn der Geliebte in Gefaßr, fon⸗ dern wenn er ſich zurückzuziehen ſchien, oder ſeine Hiebe nicht ſo kräſtig waren, wie die ſeines Gegners. Es wurden an dieſem Abend ſogar Pferde in die Halle geführt, und Marie hatte die Frende, ihrem Geliebten den zweiten Dank im Rennen überreichen zu können, denn er machte den Herrn von Hewen zweimal im Sattel wanken. Der tapferſte Kämpfer war Herzog Ulerich von Würtemberg, eine Zierde der Ritterſchaft ſeiner Zeit. Meldet ja doch die Sage von ihm, daß er an ſeinem eigenen Hochzeitstag acht der ſtärkſten Ritter des Schwaben⸗ und Frankenlandes in den Sand warf. Nachdem die Ritterſpiele einige Stunden gedauert hatten, zog man zum Tanz in den Ritterſaal, und den Siegern im Kampfe wurden die Vortänze zugeſtanden. Der fröhliche Reigen ertönte bis in die Nacht; der Herzog ſchien alle Sorgen vor der hangen Zukunft auf den Hoͤcker ſeines Kanzlers geſchoben zu haben, der wie die böſe Zeit in einem Fenſter ſaß und mit bitterem W. Hauffs Werke. XVIII. 3 Lächeln einem Vergnügen zuſchaute, von welchem ihn ſeine eigene Mißgeſtalt ausſchoß. Zum letzten Tanz vor dem Abendtrunk wollte Ule⸗ rich die Krone des Feſtes, die junge, ſchöne Frau Marie aufrufen; doch im ganzen Saal ſuchte er und Georg ſie vergebens auf, und die lächelnden Frauen geſtanden, daß ſechs der ſchönſten Fräulein ſie entführt und in ihre neue Wohnung begleitet haben, um ihr dort, wie es die Sitte wolle, die myſteriöſen Dienſte einer Zofe zu erzeigen. „Sic transit gloria mundi!“ ſagte der Herzog lä⸗ chelnd.„Und ſiehe, Georg, da nahen ſie ſchon mit den Fackeln, Deine Geſellen und zwölf Junker, ſie wollen Dir„heimzünden.“ Doch zuvor leere noch einen Becher mit uns. Geh'“ Mundſchenk! bring' vom beſten.“ Marx Stumpf von Schweinsberg und Dietrich von Kraft naheten ſich mit Fackeln, und boten ſich an, Georg nach Hauſe zu geleiten. An ſie ſchloſſen ſich zwölf Junker, ebenfalls mit Fackeln, an, um dem jungen Mann dieſe Ehre zu erweiſen; denn ſo wollte es die Sitte der guten alten Zeit. Der Mundſchenk goß die Becher voll und kredenzte ſie ſeinem Herzog und Georg von Sturmfeder. Alerich ſah ihn lange und nicht ohne Rührung an; er drückte ſeine Hand und ſagte:„Du haſt Probe ge⸗ halten. Als ich verlaſſen und elend unter der Erde lag, haſt Du Dich zu mir bekannt; als jene Vierzig meine Burg übergaben und kein Stückchen Würtemberg mehr mein war, biſt Du mir aus dem Land gefolgt, haſt mich oft getröſtet und auch auf dieſen Tag verwieſen. . 85 Bleibe mein Freund, wer weiß, was die nächſten Tage bringen. Jetzt kann ich wieder Hunderten gebieten und ſie ſchreien„Hoch!“ auf das Wohl meines Hauſes, und doch war mir Dein Trinkſpruch mehr werth, den Du in der Höhle ausbrachteſt und den das Echo beant⸗ wortete. Ich erwidere es jetzt und gebe es Dir zurück: Sei glücklich mit Deinem Weibe, möge Dein Geſchlecht auf ewige Zeiten grünen und blühen; möge es Wür⸗ temberg nie an Männern fehlen, ſo muthig im Glück, ſo treu im Unglück wie Du!“ Der Herzog trank, und eine Thräne fiel in ſeinen Becher. Die Gäſte ſtimmten jubelnd in ſeinen Ruf, die Fackelträger ordneten ſich, und ſeine Geſellen führten Georg von Sturmfeder aus dem Schloß der Herzoge von Würtemberg. III. Auch aus entwölkter Höhe Kann der zündende Donner ſchlagen, Darum in Deinen glück ichen Tagen Fürchte des Ungluckes tückiſche Nähe. Schiller. Der Weg, den die berühmten Novelliſten unſerer Tage bei ihren Erzählungen aus alter oder neuer Zeit einſchlagen, iſt ohne Wegſäule zu finden und hat ein unverrücktes, beſtimmtes Ziel. Es iſt die Reiſe des Helden zur Hochzeit. Mag ſein Weg ſich noch ſo oft krümmen, wagt er es ſogar, Abſtecher zu machen und in Wirthshäuſern und Burgen ungebührlich lange zu verweilen, er eilt nachher um ſo raſcheren Schrittes ſeinem Ziele zu, und wenn er endlich nach ſo vielen Leiden mit gehöriger Würde in die Brautkammer ge⸗ ſchoben iſt, pflegt der Autor dem Leſer die Thüre vor der Naſe zuzuwerfen und das Buch zu ſchließen. Auch wir hätten mit dem herrlichen Reigen im Schloſſe zu Stuttgart ſchließen, oder den Leſer mit dem Fackelzug des Bräutigams aus dem Buche hinaus begleiten koͤn⸗ nen, aber die höhere Pflicht der Wahrheit und jenes Intereſſe, das wir an einigen Perſonen dieſer Hiſtorie nehmen, nothigt uns, den geneigten Leſer aufzufordern, uns noch einige wenige Schritte zu begleiten und den Wendepunkt eines Schickſals zu betrachten, das in ſei⸗ nem Anfang unglücklich, in ſeinem Fortgang günſtiger, durch ſeine eigene Nothwendigkeit ſich wieder in die Nacht des Elends verhüllen mußte. Das Motto, womit wir dieſen Abſchnitt bezeich⸗ neten, iſt eine Geiſterſtimme, die warnend durch die Weltgeſchichte tönt, die von Wielen vernommen, von den Meiſten überhört, von Wenigen befolgt wurde, Zu allen Zeiten ging ein finſterer Geiſt durch das Haus der Erde, man vernahm oft ſein Rauſchen, man ſuchte es durch die Töne der Freude zu übertäuben. Ulerich von Würtemberg hatte jene Stimme in mancher Nacht vernommen, die er ſorgenvoll auf ſeinem Lager durch⸗ wachte. Er glaubte das Geräuſch vieler Gewappneten und die dröhnenden Tritte eines Heeres zu vernehmen, er glaubte ſie näher und näher um ſich lagern zu hören, und wenn er ſich auch überzeugte, daß es nur die Nachtluft war, die um die Thürme ſeines Schloſſes brauste, ſo blieb doch eine finſtere Ahnung in ihm zurück, daß ſein Schickſal noch einmal ſich wenden könnte. Jene Warnung des alten Ritters von Lichten⸗ ſtein tönte oft in ſeiner Seele wieder, und vergeblich ſtrengte er ſich an, die künſtlichen Folgerungen ſeines Kanzlers ſich zu wiederholen, um ein Verfahren bei ſich zu entſchuldigen, das ihm jetzt zum wenigſten vicht genug überdacht ſchien. Denn ſeine alten Feinde rüſteten ſich mit Macht. Der Bund hatte ein neues Heer geworben und drang herab ins Land, näher und näher an das Herz von Würtemberg. Die Reichsſtadt 4 38 Eßlingen bot für dieſe Unternehmungen einen nur zu günſtigen Stützpunkt. Sie liegt nur wenige Stunden von der Hauptſtadt, beinahe mitten im Lande, und war, ſobald das Heer des Bundes die Communikation mit ihr hergeſtellt hatte, eine furchtbare Schanze, um Ausfälle nach Würtemberg zu begünſtigen und zu decken. Das Landvolk nahm an vielen Orten den Bund günſtig auf, denn der Herzog hatte ſie durch die neue Art, wie er ſich huldigen ließ, ängſtlich gemacht. Der Würtem⸗ berger liebt von jeher das Alte und Hergebrachte. Altes Recht, alte Ordnung ſind ihm goldene Worte, wenn er auch oft nicht weiß, was ſie bedeuten und ob das Neue nicht beſſer iſt. Seine Ruhe, die er bei andern Zufällen des Lebens zeigt, verläßt ihn, wenn man von Neuerungen ſpricht, und ein Eigenſinn, der ſogar Trotz wird, läßt ihn das Alte mit einer Glut, mit einer natürlichen Begeiſterung umfaſſen, die ihm ſonſt fremd iſt und gänzlich außer ſeinem Weſen, der ruhigen, biederen Geſchäftigkeit, liegt. Dieſe Liebe zum Alten hatte der Herzog an ſeinem Volk erfahren, als er einige Jahre zuvor ſeinen Räthen 1 folgte und zur Verbeſſerung ſeiner Finanzen ein neues Maas und Gewicht einführte. Der„arme Konrad,“ ein förmlicher Aufſtand armer Leute, hatte ihn nach⸗ denklich gemacht und den Tübinger Vertrag eingeleitet. Dieſe Liebe zum Alten hatte ſich auf eine rührende Weiſe an ihm gezeigt, als der Bund ins Land fiel und das Haupt des alten Fuͤrſtenſtammes verjagen wollte. Ihre Väter und Großväter hatten untey den Herzogen und Grafen von Würtemberg gelebt, darum war ihnen — — — können, ſo wenig als auf die Ritterſchaft des Landes, 395 Jeder verhaßt, der dieſe verdrängen wollte. Wie wenig ſie das Neue lieben, hatten ſte dem Bunde und ſeinen Statthaltern oft genug bewieſen. Der alte, angeſtammte Herzog, ein Würtember⸗ ger, kam wieder ins Land, ſie zogen ihm freudig zu. Sie glaubten, jetzt werde es wieder hergehen wie„vor Alters“; ſie hätten recht gerne Steuern bezahlt, Zehnten gegeben, Gülten aller Art entrichtet und Frohnen geleiſtet. Sie hätten über Schwereres nicht gemurrt, wenn es nur nach hergebrachter Art geſchehen wäre. So gut ward es ihnen aber nicht. Die alten Formeln waren aus dem Huldigungseid verſchwunden, die Steuern wurden nicht mehr nach hergebrachter Sitte eingezogen, es war Alles anders als früher, kein Wunder, wenn ſie den Herzog als einen neuen Herrn anſahen und murrend nach dem alten Recht verlang⸗ ten. Sie hatten zu Ulerich kein Zutrauen mehr, nicht weil ſeine Hand ſchwerer auf ihnen ruhte als vorher, nicht weil er bedeutend mehr von ihnen wollte als frü⸗ her, ſondern weil ſie die neuen Formen mit argwöhni⸗ ſchen Augen anſahen. Ein Herzog, beſonders wenn er einem Ambroſius Volland ſein Ohr leiht, erfährt ſelten genau, wie man über ihn denkt, und ob die Maßregeln klug be⸗ rechnet waren, die ihm ſeine Räthe an die Hand gaben. uUnd dennoch entging Ulerichs hellem Auge die Unzu⸗ friedenheit ſeines Volkes nicht ganz. Er merkte, daß er im ſchlimmen Falle ſich nicht auf ſie werde verlaſſen halten hatte.* Seine Unruhe über dieſe Bemerkungen ſuchte er jedem Auge zu verbergen. Er beſchwor die wildeſten Töne der Freude herauf, und oft gelang es ihm ſogar, zu vergeſſen, vor welchem Abgrund er ſtehe. Er ver⸗ ſuchte, um ſeinem Volk und dem Heer, das er in und um Stuttgart verſammelt hatte, Vertrauen und Muth einzuſlößen, einige Einfälle, welche die Bündiſchen von Eßlintzen aus in ſein Land gemacht hatten, verdoppelt heimzugeben. Er ſchlug ſie zwar und verwüſtete ihr Gebiet, aber er verhehlte ſich nicht, wenn er nach einem ſolchen Siege in ſeine Stellungen zurückging, daß das Kriegsglück ihn vielleicht verlaſſen könnte, wenn der Bund einmal mit dem großen Heere im Feld erſcheinen werde. 4 Und er erſchien frühe genng für Ulerichs zweifel⸗ haftes Geſchick. Noch wußte man in Stuttgart wenig oder nichts von dem Aufgebot des Bundes, noch lebte man am Hof und in der Stadt in Ruhe und in Freude, als auf einmal am zwölften Oktober die Landsknechte, welche der Herzog ein Lager bei Cannſtadt hatte be⸗ ziehen laſſen, flüchtig nach Stuttgart kamen und von einem großen bündiſchen Heer erzählten, das ſie zu⸗ rückgeworfen habe. Jetzt merkten die Bewohner Stutt⸗ garts, daß eine wichtige Entſcheidung nahe, jetzt ſahen ſte ein, daß der Herzog längſt um dieſen drohenden Einfall gewußt haben müſſe, denn er ließ an dieſem 2 Ueber dieſes neutrale Verhalten des Adels iſt zu verglei⸗ chen Sattler II.§. 19. 41 Tage die Amter aufbieten, ließ die Truppen ſich ver⸗ ſammeln, die auf das Land umher verlegt geweſen waren, und hielt noch am Abend dieſes Tages eine Mu⸗ ſterung über zehntaunſend Mann.* Noch in der Nacht zog er mit einem großen Theil der Mannſchaft aus, um die Stellungen, die ein Theil der Landsknechte zwiſchen Cannſtadt und Eßlingen ge⸗ nommen hatte, zu verſtärken. In ſener Nacht wurde in Stuttgart manche Thräne von ſchönen Augen geweint, dem Männer und Jüng⸗ linge, was die Waffen führen ſonnte, zog mit dem Herzog in die Schlacht. Doch das Rauſchen des ab⸗ ziehenden Heeres übertönte die Kagen der Mädchen und Frauen, ſie verhallten wie daz Wimmern eines Kindes im Kampf der Elemente. Nariens Schmerz war ſtumm, aber groß, als ſie den hatten unter die Thüre herabgeleitete, wo die Knechte nit den Roſſen für ihn und den Vater hielten. Sie haätten ſtill und einſam, nur mit ihrem Glück beſchäfligt, die erſten Tage ihrer Ehe verlebt. Sie dachten wnig an die Zukunft, ſie glaubten im Hafen zu ſein, und indem ſie nur ſich ſelbſt lebten, überhörten ſie das Flüſtern, die geheimnißvolle Unruhe, die einem nahenda Sturm vorangeht. Sie waren gewöhnt, den Vater enſt und düſter zu ſehen, es fiel ihnen nicht auf, wie ſei Auge e„Der Herzog zog ſich mit ungefähr 6000 Mann Ladvolk nach Stut gart, und die angeworbenen Knechte legte enach Cannſtart.“ Sattler I§ 21.„Der Herzog, als er enhr, daß der Feind ſo nohe ſei, rief die Seinigen ſchrell us Srahen und Dörſern herbet, die auch ſogleich erſchienen.“ Thotingi Commentarius etc. libr. III. 8 1412 immer trüber, ſeine Stirne finſterer, ſeine Mienen beinahe traurig wurden. Er ſah ihr ſüßes Glück, er fühlte mit ihnen, er verbarg, um ſie nicht zu frühe aufzuſtören, was ihm eine bange Ahnung oft genug ſagte. Aber endlich nahte der entſcheidende Schlag. Der Herzog von Baiern war bis in die Mitte des Landes vorgedrungen, und der Ruf zu den Waffen ſchreckte Georg aus den Armen ſeines geliebten Weibes. Die Natur hatte ihr eine ſtarke Seele und jene entſchiedene Erhabenheit über jedes irdiſche Verhängniß gegeben, die nur in einer reinen Seele und in der muthigen Zuverſicht auf einen höhern Beiſtand beſtehen kann. Sie wußte, was Georg der Ehre ſeines Namens und ſeinem Verhiltniß zum Herzog ſchuldig ſei, darum erſtickte ſie jeden lauten Jammer und brachte ihrer ſchwächeren Notur nur jenes Opfer ſchmerzlicher Thrä⸗ nen, die dem Auge, das den Geliebten tauſend Gefah⸗ ren preisgegeben ſieht, unwillkürlich entſtrömen. „Siehe, ich kann nicht glauben, daß Du auf immer von mir ghſt,“ ſagte ſie, indem ſie ihre ſchönen Züge zu einem kächeln zwang;„wir haben jetzt erſt zu leben begonnez, der Himmel kann nicht wollen, daß wir ſchon aifhören ſollen. Drum kann ich Dich ruhig ziehen laſſen, ich weiß ja zuverſichtlich, daß Du mir wiedekehrſt. ¹ georg küßte die ſchönen weinenden Augen, die ihn ſo aild und voll Troſt anblickten. Er dachte in dieſem Agenblicke nicht an die Gefahr, der er entgegen gehe, e dachte nur daran, wie groß für das theure Weſen⸗ as er in den Armen hielt, der Schmerz ſein müßte, 4 43 wenn er nicht mehzurückehrte; wie ſie dann ein langes Leben einſangur in der Erinnerung an die wenigen Tage des Glus fortleben könnte. Er preßte ſie heftiger in die Arn als wolle er dadurch dieſe ſchwarzen Gedanken vereuchen, ſeine Blicke tauchten tiefer in ihr)e Augen her, um dort Vergeſſenheit zu ſuchen, und es gelang n, wenigſtens trug er ein ſchönes Bild der Hoffnungnd der Zuverſicht mit ſich hinweg. 3 Die Ritter ſtießen vor de Thor gegen Cannſtadt zu dem Herzog. Es war dund Nacht, das erſte Vier⸗ tel des Mondes und das Heer d Sterne warfen einen matten Schein herab; Georg gubte zu bemerken, daß der Herzog finſter und in ſo gekehrt ſei; denn ſeine Augen waren niedergeſchlan, ſeine Stirne kraus, und er ritt ſtumm ſeinen Weweiter, nachdem er ſie flüchtig mit der Hand gegrüßt itte. Ein nächtlicher Marſch hat immeetwas Geheim⸗ nißvolles, Bedeutendes an ſich. Die onne, heitere Gegenden, der Anblick vieler Kamerade der Wechſel der Ausſichten locken bei Tag den Soldan zum Ge⸗ ſpräch, wohl auch zum Geſang. Weil d Eindrücke von außen ſtärker ſind, denkt man wenigenach über das Ziel des Marſches, über das Ungewiſſe es Krie⸗ ges, über die Zukunft, die Niemand dunkler rhängt iſt, als dem Kriegsmann im Felde. Ganz andes auf dem Marſch in der Nacht. Man hört nur das Gröhn des Zuges, den taktartigen Hufſchlag der Roſſe ihr Schnauben, das Klirren der Waffen, und die Sle, die durch das Auge keine Bilder mehr empfängt, wd K 144 durch dieſes eintönige Gemurmelernſter; Scherz und Gelächter ſind verſtummt, das laute Geſpräch ſinkt zum Geflüſter herab, und auc dieſes gilt nicht mehr gleichgültigen Gegenſtänden, ſendern der Entſcheidung, welcher man entgegenzieht. So war auch der Zug i jener Nacht, ernſt und von keinem Laut der Freuf unterbrochen. Georg ritt neben dem alten Herrn vm Lichtenſtein, und warf hie und da ängſtliche Blicke auf dieſen, denn er hing wie von Kummer gebückt in Sattel und ſchien ernſter als je zu ſein. Er häͤtte beinahe ohne Leben geſchienen, wenn nicht hin und weder ein Seufter aus ſeiner Bruſt heraufgeſtiegen wär und ſeine glänzenden Augen nach den Wölkchen geſchut hätten, die um die bleiche Sichel des Mondes zogen. „Glaubt Ihr es werde morgen zum Gefecht kom⸗ men, Vater?⸗ Aſterte Georg nach einer Weile. „Zum Gefcht? Zur Schlacht.“ „Wie? Ir glaubt alſo, das Bundesheer ſei ſo ſtark, daß e’ uns jetzt ſchon werde die Spitze bieten können? Eiſt nicht möglich. Herzog Wilhelm müßte Flügel habn, wenn er ſeine Baiern herabgeführt hätte, und Frowsberg iſt in ſeinen Entſchlüſſen bedächtig. Ich glacbe nicht, daß fie viel über ſechstauſend ſtark ſind.“ „Zwanzigtauſend,“ antwortete der Alte mit dumpfer Stinme. „Bei Gott, das hab' ich nicht gedacht,“ entgegnete der junge Mann mit Staunen.„Freilich, da werden fi uns hart zuſetzen. Doch wir haben geübtes Volk, und des Herzogs Aun ſind ſchärfer als irgend eines im Bundesheere, ſelbals Fronrsberg's. Glaubt Ihr nicht auch, daß wir ſieylagen werden 2 „Nein.“* „Nun, ich gebe die ffnung nicht auf. Ein großer Vortheil für uns liegt on darin, daß wir für das Land ſechten, die Bündiſch aber dagegen; das macht unſeren Truppen Muth; d Würtemberger kämpfen für ihr Vaterland.“ „Gerade darauf traue ianicht,“ ſprach Lichten⸗ ſtein;„ja wenn der Herzog ſteanders hätte huldigen laſſen, ſo aber— hat er das Idoolk nicht für ſich; ſie ſtreiten, weil ſie müſſen, undy fürchte, ſie halten nicht lange aus.“ „Das wäre freilich ſchlimm,“ erwitert⸗ Georg; „doch die Schwaben ſind ein biedert, ehrliches Volk, ſie werden den Herzog nicht in der Nih verlaſſen. Wo glaubt Ihr, daß wir dem Feind begegin? Wo werden wir uns ſtellen?“ 8 „Zwiſchen Eßlingen und Cannſtatz bei Unter⸗ türkheim haben die Landsknechte einige Ghanzen auf⸗ geworfen und ſtehen dort zu dritthalbtaumd Mann; wir werden uns noch in dieſer Nacht an ſie anchließen. u Der Alte ſchwieg und ſie ritten wiedereine ge⸗ raume Zeit ſtille neben einander hin.„Höre jeorg!“ hub er nach einer Weile an; oich habe ſchon ſt dem Tod Aug in Auge geſehen, und bin alt genug, mich nicht vor ihm zu fürchten; es kann Jedem ewas Menſchliches begegnen— tröſte dann mein liebes 8, Marie.“ 46 6 „Vater!“ rief Georg, und röte ihm die Hand hinüber;„denket nicht Solches! werdet noch lange und glücklich mit uns leben.“ „Vielleicht,“ entgegnete d alte Mann mit feſter Stimme,„vielleicht auch nich Es wäre thöricht von mir, Dich aufzufordern, D ſollſt Dich im Gefecht ſchonen. Du würdeſt es dockticht thun. Doch bitte ich, denk an Dein junges Wo, und begib Dich nicht blindlings und unüberleg in Gefahr. Verſprich mir dies.* „Gut, hier habt He meine Hand, was ich thun muß, werde ich nichtäblehnen, leichtſinnig will ich mich nicht ausſetzen ziber auch Ihr, Vater, könntet dies geloben.“ „Schon gut, lo das jetzt. Wenn ich etwa morgen todtgeſchoſſen weren ſollte, ſo gilt mein letzter Wille, den ich beim H og niedergelegt habe; Lichtenſtein geht auf Dich üer, Du wirſt damit belehnt werden. Mein Name ſybt hier zu Land mit mir, möge der Deinige deſto änger tönen.“ Der jun⸗ Mann war von dieſen Reden ſchmerz⸗ lich bewegt er wollte antworten, als eine bekannte Stimme ſeten Namen rief. Es war der Herzog, der nach ihmoerlangte. Er drückte Mariens Vater die Hand uy ritt dann ſchnell zu Ulerich von Würtemberg. „Grten Morgen, Sturmfeder!“ ſprach dieſer, in⸗ dem ſene Stirne ſich etwas aufheiterte.„Ich ſag guten Moren, denn die Hähne krähen dort unten in dem Dor. Was macht Dein Weibh? Hat ſie gejammert, als D' wegrittſt?“ 47 „Sie hat gewen,“ antwortete Georg;„aber ſie hat nicht mit einem Lort geklagt.“ „Das ſieht ihr gich; bei Sanet Hubertus, wir haben ſelten eine muthere Frau geſehen. Wenn nur die Nacht nicht ſo finſtewäre, daß ich recht in Deine Augen ſehen könnte, ob au zum Kampf geſtimmt biſt und Luſt haſt, mit den Vudlern anzubinden?“ „Sprecht, wohin ich rezn ſoll; mitten drauf ſoll es gehen im Galopp. Glaumn Euer Durchlaucht, ich habe in meinem kurzen Cheſtad ſo ganz vergeſſen, was ich von Euch erlernte, daß ma in Glück und Unglück den Muth nicht ſinken laſſen dufe 24 „Haſt Recht: Impavidum ferynt ruinæ. Wir haben es auch gar nicht anders von unrem getreuen Ban⸗ nerträͤger erwartet. Heute trägt mine Fahne ein An⸗ derer, denn Dich habe ich zu etwa Wichtigerem be⸗ ſtimmt. Du nimmſt dieſe hundertundſchzig Reiter, die hier zunächſt ziehen, läßt Dir von Enem den Weg zeigen, und reiteſt Trab gerade auf Unzrtürkheim zu. Es iſt möglich, daß der Weg nicht gan frei iſt, daß vielleicht die von Eßlingen ſchon herabgezoen ſind, uns den Paß zu verſperren; was willſt Du thu, wenn es ſich ſo verhält?“ „Nun, ich werfe mich in Gottes Namen mt meinen hundertundſechzig Pferden auf ſie und hau mih durch, wenn es kein Heer iſt. Sind ſie zu ſtark, ſo dicke ich den Weg, bis Ihr mit dem Zug heran ſeid.¹ „Recht gut geſagt, geſprochen wie ein tapfrer Degen, und hauſt Du ſo gut auf ſie wie auf mich hei ichtenſtein, ſo ſchlägſt Du Dich durch ſechshundent 48 Bündler durch. Die Leute, die ich ir gebe, ſind gut. Es ſind die Fleiſcher, Sattler un Waffenſchmiede von Stuttgart und den andern Stären. Ich kenne ſie aus manchem Kampf, ſie ſind waer, und hauen einen Schädel bis aufs Bruſtbein duch. Das Schwert in der Fanſt, reiten ſie Dir in die poͤlle, wenn fie Dir ein⸗ mal zugethan ſind, und wa ſie einmal ans Hirn ge⸗ troffen haben, der braucht einen Arzt mehr auf dieſer Welt. Das ſind die echtenSchwabenſtreiche.“ „Und bei Untertärkvim ſoll ich imich aufſtellenke „Dort triffſt Du au einer Anhöhe die Landsknechte unter Georg von Hewu und Schweinsberg. Die Loo⸗ ſung iſt: Uierieus fürimmer. Den beiden Herren ſagſt Du, ſie ſollen ſich ulten bis fünf Uhr; ehe der Tag aufgeht, ſei ich mit/echstauſend Mann bei ihnen, und dann wollen wir den Bund erwarten. Gehab Dich wohl, Georg.“— Der junge Nann erwiderte den Gruß, indem er ſich ehrerbietig teigte; er ritt an die Spitze der tapfern Reiter, und rabte mit ihnen das Thal hinauf. Es waren kräftiee Geſtalten, mit breiten Schultern und ſtarken Arnen; unter den Sturmhauben hervor blickten ihn muthiſe Augen und breite ehrliche Geſichter freund⸗ lich an; e fühlte ſich ehrenvoll ausgezeichnet eine ſolche Schaar zu führen. Man näherte ſich dem Fuß des Rotherverges, auf deſſen Gipfel das Stammſchloß von Würtznberg weit über das ſchöne Neckarthal hinſah. Es nar vom Sternenſchimmer matt erhellt, und Georg konste ſeine Formen nicht deutlich unterſcheiden, aber detnoch hlickte er immer wieder nach dieſen Thürmen 1 und Mauern hinaf; er erinnerte ſich jener Nacht, wo Ulerich in der Höhl mit Wehmuth von der Burg ſeiner Väter ſprach, von wlcher er ſonſt auf ein ſchönes Land voll Obſt, Wein un Frucht hiuabgeſchaut, und dies Alles ſein genannt zatte. Er verſank in Gedanken über das unglückliche Cchickſal dieſes Fürſten, das ihm aufs Neue den Beſitz hes ſchönen Landes ſtreitig zu machen ſchien; er dachtenach über die ſonderbare Mi⸗ ſchung ſeines Charakters wie hier wahrhafte Größe ooft durch Zorn, Trotz uid unbeugſamen Stolz ente weiht ſei. „Was Ihr dort unten umerſcheiden könnet zwiſchen den beiden Bäumen,“ unterbach ihn der Reiter, wel⸗ cher ihm den Weg zeigte,„ſt die Thurmſpitze von Untertürkheim. Es geht jetzt wider etwas ebener, und wenn wir Trab reiten, können nir bald dort ſein.“ Der junge Mann trieb ſein Vferd an, der ganze Zug folgte ſeinem Beiſpiel, und badd waren ſie im An⸗ geſicht dieſes Dorfes. Hier war eine ſoppelte Linie von Landsknechten aufgeſtellt, welche ihnen drohend die Hellebarden entgegenſtreckten. An vielen Punkten ſah man den röthlichen Schimmer glühender Lunten, die wie Scheinwürmchen durch die Nacht funkelten. „Halt, wer da?“ rief eine tiefe Stimme aus ihren Reihen.„Gebt die Loſung!“ „Ulerieus für immer,“ rief Georg von Sturmſeder. „Wer ſeid Ihr?“ „Gut Freund! rief Marr Stumpf von Schweins⸗ berg, indem er aus den Reihen der Landsknechte heraus und auf den jungen Mann zu ritt.„Guten Morgen, W, Hauffs Werke. XVIII. 4 8 50 Georg; Ihr habt lange auf Euch narten laſſen, ſchon die ganze Nacht ſind wir auf den Zeinen, und harren ſehnlich auf Verſtärkung, denn dort drüben im Wald ſieht es nicht geheuer aus, und wenn Frondsberg den Vortheil verſtanden hätte, wärer wir ſchon längſt über⸗ mannt.“ „Der Herzog zieht mit ſehstauſend Mann heran,“ erwiderte Sturmfeder,„läugſtens in zwei Stunden muß er da ſein.“ „Sechstauſend, ſagſt Du? Bei Sanet Nepomuk, das iſt nicht genug; wir fnd zu dritthalbtauſend, das macht zuſammen gegen reuntauſend. Weißt Du, daß ſie über zwanzigtauſenz ſtark ſind, die Bündiſchen? Wie viel Geſchütz bringt er mit?“ „Ich weiß nicht; es wurde erſt nachgeführt, als wir ausritten.“— „Komm, laß die Reiter abſitzen und ruhen,“ ſagte Marr Stumpf;„ſie werden heute Arbeit genug be⸗ kommen.“ Die Reiter ſaßen ab und lagerten ſich; auch die Landsknechte lösten ihre Reihen auf und ſtellten nur ſtarke Poſten auf den Anhöhen und am Neckar auf. Marx Stumpf beſichtigte alle Anſtalten, und Georg legte ſich, in ſeinen Mantel gehüllt, nieder, um noch einige Stunden zu ruhen. Die Stille der Nacht, nur durch den eintönigen Ruf der Wachen unterbrochen, ſenkte ihn bald in einen Schlummer, der ſeine Seele weit hinweg über Krieg und Schlachten, in die Arme ſeines Weibes entführte. IV. In ſchwarzi Pulverdämpfen Verbirgt ſich Mann und Roß; Ihr ſchlagt Euch immer kecker Berg unter Ale zumal; Jetzt ſprengt Inr durch den Neckar, Jetzt fechtet Ihr im Thal. G. Schwab. Georg erwachte am Wirbaln der Trommeln, die das kleine Heer unter die Waffen riefen. Ein ſchmaler Saum war am Horizont helle, der Morgen kam, die Truppen des Herzogs ſah man in der Ferne daherziehen. Der junge Mann ſetzte den Helm auf, ließ ſich den Bruſtharniſch wieder anlegen und ſtieg zu Pferd, den Herzog an der Spitze ſeiner Mannſchaft zu empfangen. Aus Ulerichs Zügen war zwar nicht der Ernſt, wohl aber alle Düſterkeit verſchwunden. Sein Auge ſprühte von einem kriegeriſchen Feuer, und aus ſeinen Mienen ſprach Muth und Entſchloſſenheit. Er war ganz in Stahl gekleidet und trug über ſeinem ſchweren Eiſen⸗ kleid einen grünen Mantel mit Gold verbrämt. Die Farben ſeines Hauſes wehten in ſeinem großen wal⸗ lenden Helmbuſch. Sonſt unterſchied er ſich in nichts von den übrigen Rittern und Edeln, die ebenfalls in 8 52 blankes Eiſen„bis an die Zähne“ gekliidet, den Herzog in einem großen Kreis umgaben. Er begrüßte freund⸗ lich Hewen, Schweinsberg und Georg von Sturmfeder, und ließ ſich von ihnen über die Stellung des Feindes berichten.* Noch war von dieſem nichts zu ſehen; nur an dem Saume des Waldes gegen Eßlingen hin ſah man hin und wieder ſeine Poſten ſtehen. Der Herzog beſchloß, den Hügel, den die Landsknechte beſetzt gehalten hatten, zu verlaſſen und ſich in die Ebene hinabzuziehen. Er hatte wenig Reiterei, der Bund aber, ſo berichteten Kundſchafter, zählte dreitauſend Pferde. Im Thal hatte er auf einer Seite den Neckar, auf der andern einen Wald, und ſo warer wenigſtens auf den Flanken vor einem Reiterangriff ſicher. Lichtenſtein und mehrere Andere widerriethen zwar dieſe Stellung im Thal, weil man vom Hügel zu nahe beſchoſſen werden könne; doch Ulerich folgte ſeinem Sinn und ließ das Heer hinabſteigen. Er ſtellte zu⸗ nächſt vor Türkheim die Schlachtordnung auf und er⸗ wartete ſeinen Feind. Georg von Sturmfeder wurde beordert, in ſeiner Nähe mit den Reitern, die er ihm anvertraut hatte, zu halten; ſie ſollten gleichſam ſeine Leibwache bilden; zu dieſen berittenen Bürgern ge⸗ ſellten ſich noch Lichtenſtein und vierundzwanzig andere Ritter, um bei einem Reiterangriff den Stoß zu ver⸗ * Wir benützten zur Beſchreißung dieſer Schlacht haupt⸗ ſächlich: Joh. Betzii hist. Ulrici Dacis Wurt. und Thetinger, der beſonders bei dem Angriff der Reiterei auf den mit Geſchütz beſetzten Hügel ſehr ins Einzelne geht. ſtärken. In jeten Tagen war ein Treffen oft in viele kleine Zweikämpfe zerſtreut, die Ritter, die einem Heer folgten, fochten ſelten in geſchloſſenen Maſſen, ſondern ſuchten nit ſchnellem Blicke einen Gegner unter den Reihen des Feindes, den ſie dann mit Schwert und Lanze bekämpften. Eine ſolche Schaar war es, die bei Georgs Reiterhauſen ſtand, und den Herzog ſelbſt gelüſtete es, ſeine ungeheure Kraft, ſeine weit berühmte Fertigkeit in einem ſolchen Zweikampf zu erproben, und nur die inſtändigen Bitten der Ritter hielten ihn ab, dieſe romantiſche Idee auszuführen. Neben dem Herzog bielt eine ſonderbare Figur, beinahe wie eine Schildkröte, die zu Pferde ſitzt, anzuſehen. Ein Helm mit großen Federn ſaß auf einem kleinen Körper, der auf dem Rücken mit einem gewöͤlbten Panzer verſehen war; der kleine Reiter hatte die Knie weit heraufge⸗ zogen und hielt ſich feſt am Sattälknopf. Das herab⸗ geſchlagene Viſier hinderte Georg zu erkennen, wer dieſer lächerliche Kämpfer ſei; er ritt daher näher an den Herzog heran und ſagte: „Wahrhaftig, Euer Durchlaucht haben ſich da einen überaus mächtigen Kämpen zum Begleiter aus⸗ erſehen. Sehet nur die dürren Beine, die zitternden Arme, den mächtigen Helm zwiſchen den kleinen Schul⸗ tern— wer iſt denn dieſer Rieſe?“ „Kennſt Du den Höcker ſo ſchlecht?“ fragte der Herzog lachend.„Sieh nur, er hat einen ganz abſon⸗ derlichen Panzer an, der wie eine große Nußſchale anzuſehen, um ſeinen theuren Rücken zu verwahren, wenn es etwa zur Flucht käme. Es iſ mein getreuer Kanzler, Ambroſius Volland.“ „Bei der heiligen Jungfrau! Dem habe ich bitter Unrecht gethan,“ entgegnete Geong; nich dachte, er werde nie ein Schwert ziehen unß ein Roß beſteigen, und da ſitzt er auf einem Thier, ſo hoch wie ein Ele⸗ phant, und trägt ein Schwert, ſo groß als er ſelbſt iſt; dieſen kriegeriſchen Geiſt hätte ich ihm nimmer zugetraut.“ „Meinſt Du, er reite eus eigenem Entſchluß zu Felde? Nein, ich habe ihn mit Gewalt dazu genöthigt. Er hat mir zu Manchen gerathen, was mir nicht frommte, und ich fürchle, er hat mich mit böslicher Abſicht aufs Eis geführt; drum mag er auch die Suppe mit verzehren, die er eigebrockt hat. Er hat geweint, wie ich ihn dazu zwang, er ſprach viel vom Zipperlein und von ſeiner Natur, die nicht kriegeriſch ſei; aber ich ließ ihn in ſeinen Harniſch ſchnüren und zu Pferd heben, er reitet den feurigſten Renner aus meinem Stall.“ 4 Während dies der Herzog ſprach, ſchlug der Ritter vom Höcker das Viſier auf und zeigte ein bleiches, kum⸗ mervolles Geſicht. Das ewig ſtehende Lächeln war ver⸗ ſchwunden, ſeine ſtechenden Auglein waren groß und ſtarr geworden, und drehten ſich langſam und ſchüch⸗ tern nach der Seite; der Angſtſchweiß ſtand ihm auf der Stirne und ſeine Stimme war zum zitternden Flüſtern geworden:„Um Gottes Barmherzigkeit wil⸗ len, werthgeſchätzter Herr von Sturmfeder, viellieber Freund und Goͤnner, leget ein gutes Wort ein beim geſtrengen Herrn, daß er mich aus dieſem Faſtnachts⸗ ſpiel entläßt. Es iſt des allerhöchſten Scherzes jetzt genug. Der Ritt in den ſchweren Waffen hat mich grauſam angegriffen, der Helm drückt mich aufs Hirn, daß meine Gedanken im Kreiſe tanzen, und meine Kniee ſind vom Zipperlein gekrümmt: bitte, bitte! leget ein gutes Wort ein für Euren demüthigen Knecht Ambroſius Volland; will's gewißlich vergelten.“ Der junge Mann wandte ſich mit Abſcheu von dem grauen, ſeigen Sünder.„Herr Herzog,“ ſagte er, indem ein edler Zorn ſeine Wangen röthete,„ver⸗ gönnt ihm, daß er ſich entferne. Die Ritter haben ihre Schwerter gelüftet und die Helme feſter in die Stirne gedrückt, das Volk ſchüttelt die Speere und erwartet muthig das Zeichen zum Angriff, warum ſoll ein Feigling in den Reihen von Männern ſtreiten?“ „Er bleibt, ſage ich,“ entgegnete der Herzog mit feſter Stimme;„bei dem erſten Schritt rückwärts hau’ ich ihn ſelbſt vom Gaul herunter. Der Teufel ſaß auf Deinen blauen Lippen, Ambroſius Volland, als Du uns gerathen, unſer Volk zu verachten und das Alte umzuſtoßen. Heute, wenn die Kugeln ſauſen und die Schwerter raſſeln, magſt Du ſchauen, ob Dein Rath uns frommte.“ Des Kanzlers Augen glühten vor Wuth, ſeine Lippen zitterten und ſeine Mienen verzerrten ſich gräulich.„Ich habe Euch nur gerathen, warum habt Ihr es gethan?“ ſagte er.„Ihr ſeid Herzog, Ihr habt befohlen und Euch huldigen laſſen; was kann denn ich dafür?“„ Der Herzog riß ſein Pferd ſo ſchnell um, daß der Kanzler bis auf die Mähnen ſeines Elephanten nieder⸗ tauchte, als erwarte er den Todesſtreich.„Bei unſerer fürſtlichen Ehre,“ rief er mit ſchrecklicher Stimme, in⸗ dem ſeine Augen blitzten,„wir bewundern unfere eigene Langmuth. Du haſt unſern erſten Zorn benützt, Du haſt Dich in unſer Vertrauen einzuſchwatzen gewußt; wären wir Dir nicht gefolgt, Du Schlange, ſo ſtünden heute zwanzigtauſend Würtemberger hier, und ihre Herzen wären eine feſte Mauer für ihren Fürſten. O, mein Würtemberg! mein Würtemberg! Daß ich Dei⸗ nem Rath gefolgt wäre, alter Freund; ja, es heißt was, von ſeinem Volk geliebt zu ſein!“ 8, Entfernet dieſe Gedanken vor einer Schlacht,“ ſagte der alte Herr von Lichtenſtein;„noch iſt es Zeit, das Verſäumte nachzuholen. Noch ſtehen ſechstauſend Würtemberger um Eunch, und bei Gott, ſie werden mit Euch ſiegen, wenn Ihr mit Vertrauen ſie in den Feind führet. O Herr! hier ſind lauter Freunde, vergebet Euren Feinden, entlaßt den Kanzler, der nicht fechten kann!“ 4 „Nein! her zu mir, Schildkröte! An meine Seite her, Hund von einem Schreiber! Wie er zu Roſſe ſitzt, als hätte ihn unſer Herr Gott hinaufgeſchneit, den Schneemann! Du haſt mein Volk verachtet in Deiner Kanzlei, und ihnen Geſetze gegeben mit Deiner Schwa⸗ nenſeder, jetzt ſollſt Du ſehen, wie ſie ſtreiten; jetzt ſollſt Du ſehen, wie Würtemberg ſiegt oder untergeht. Hal ſeht Ihr ſie dort auf dem Hügel? Seht Ihr die Fahnen mit dem rothen Kreuz? Seht, Ihr das Banne . von Baiern? Wie ihre Waffen blitzen im Morgenroth, wie ihre Glieder von tauſend Lanzen ſtarren, wie der Wind in ihren Helmbüſchen ſpielt.— Guten Tag, Ihr Herren vom Schwabenbund! Jetzt geht mir das Herz auf! das iſt ein Anblick für einen Würtemberg.“ „Schaut, ſie richten ſchon die Geſchütze,“ unter⸗ brach ihn Lichtenſtein;„zurück von dieſem Platz, Herr! hier iſt Euer Lebentin augenſcheinlicher Gefahr; zurück, zurück, wir halten hier; ſchickt uns Eure Befehle von dort n. wo Ihr ſicher ſeid.“ Der Herzog ſah ihn groß an.„ Wo haſt Du ge⸗ hört,“ ſagte er,„daß ein Würtemberg gewichen ſei, wenn der Feind zum Angriff blaſen ließ? Meine Ah⸗ nen kannten keine Furcht, und meine Enkel werden noch aushalten wie ſie, furchtlos undtreul Sieh', wie der Berg ſich dunkler und dunkler füllt von ihren Schaaren. Siehſt Du jene weiße Wolken am Berg, Schildkröte? Hörſt Du ſie krachen? Das iſt der Don⸗ ner der Geſchütze, der in unſere Reihen ſchlägt. Jetzt, wenn Du ein gutes Gewiſſen haſt, wirſt Du leichter Athem holen, denn um Dein Leben gibt Dir Keiner einen Pfennig.“ „Laſſet uns beten,“ ſagte Marx von Schweinsberg, wund dann drauf in Gottes Namen.“ Der Herzog faltete andächtig die Hände, ſeine Be⸗ gleiter folgten ſeinem Beiſpiel und beteten zum Anfang der Schlacht, wie es Sitte war in den alten Tagen. Der Donner der feindlichen Geſchütze tönte ſchauerlich in dieſe tiefe Stille, in welcher man jeden Athemzug, jedes leiſe Flüſtern der Betenden hoͤrte. Auch der Kanz⸗ 58 ler faltete die Hände, aber ſeine Augen richteten ſich nicht gläubig auf zum Himmel, ſie irrten zagend an den Bergen umher, und das Beben ſeines Körpers, ſo oft Blitz und Rauch aus den Feldſtücken des Feindes fuhr, zeigte, daß ſeine Seele nicht zu dem ſich aufzu⸗ ſchwingen vermöge, der aus den Strahlen ſeiner Mor⸗ genſonne über Freunde und Feinde herabblickte. Ulerich von Würtemberg hatte gebetet und zog ſein Schwert aus der Scheide. Die Ritter und Reiſigen folg⸗ ten ihm, und in einem Augenblick blitzten tauſend Schwerter um ihn her.„Die Landsknechte ſind ſchon im Gefecht,“ ſagte er, indem ſein Adlerauge ſchnell das Thal überſchaute.„Georg von Hewen, Ihr rückt ihnen mit Tauſend zu Fuß nach. Schweinsberg lehne ſich mit achthundert an den Wald und warte bis auf Weiteres. Reinhardt von Gemmingen, wollet mit den Eurigen gerade ausziehen, und den mittleren Raum zwiſchen dem Wald und dem Neckar einnehmen. Sturmfeder, Du bleibſt mit Deiner Abtheilung Reiter. Doch biſt Du jeden Augenblick bereit, vorzubrechen. Gott beſohlen, Ihr Herren. Sollten wir uns hier unten nicht mehr ſehen, ſo grüßen wir uns deſto freudiger oben.“ Er grüßte ſie, indem er ſein großes Schwert gegen ſie neigte. Die Ritter erwiderten den Gruß und zogen mit ihren Schaaren dem Feinde zu, und ein tauſend⸗ ſtimmiges„Ulerich für immer!“ ertönte aus ihren Reihen. Das bündiſche Heer, das auf dem Hügel, den die Herzoglichen früher beſetzt gehalten hatten, angekom⸗ men war, begrüßte ſeinen Feind aus vielen Feldſchlangen 59 und Karthaunen; dann zogen ſie ſich allmählig herab ins Thal. Sie ſchienen durch ihre ungeheure Anzahl das kleine Heer des Herzogs erdrücken zu wollen. In dem Augenblick, als die letzten Glieder den Hügel ver⸗ laſſen wollten, wandte ſich der Herzog zu Georg von Sturmfeder.„Siehſt Du ihre Feldſtücke auf dem Hü⸗ gel?“ fragte er. „Wohl. Sie ſind nur durch wenige Mannſchaft bedeckt.. „ Frondsberg glaubt, weil wir nicht über ihn weg⸗ fliegen können, ſei es unmöglich, ſein Geſchütz zu neh⸗ men. Aber dort am Wald biegt ein Weg links ein und führt in ein Feld. Das Feld ſtößt an jenen Hügel. Kannſt Du mit Deinen Reitern ungehindert bis in je⸗ nes Feld vordringen, ſo biſt Du beinahe ſchon im Rü⸗ cken der Bündiſchen. Dort läßt Du die Pferde ver⸗ ſchnauben, legſt dann an, und im Galopp den Hügel hinauf. Die Geſchütze müſſen unſer ſein.“ Georg verbeugte ſich zum Abſchied, aber der Her⸗ zog bot ihm die Hand.„Lebe wohl, lieber Junge!“ ſagte er.„Es iſt hart von uns, einen jungen Ehemann auf ſo gefährliche Reiſe zu ſchicken, aber wir wußten keinen Raſcheren und Beſſeren als Dich.“ Die Wangen des jungen Mannes glühten, als er dieſe Worte hörte, und ſeine Augen blinkten muthig. „Ich danke Euch, Herr, für dieſen neuen Beweis Eurer Gnade,“ rief er,„Ihr belohnt mich ſchöner, als wenn Ihr mir die ſchöͤnſte Burg geſchenkt hättet.— Lebt wohl, Vater, und grüßt mein Weibchen.“ „So iſt's nicht gemeint!“ entgegnete lächelnd der 60 alte Lichtenſtein.„Ich reite mit Dir, unter Deiner Führung— „Nein, Ihr bleibt bei mir, alter Freund,“ bat der Herzog.„Soll mir denn der Kanzler hier im Felde rathen? Da könnte ich ſo übel fahren, wie mit ſeinen andern Rathſchlüſſen. Bleibet mir zur Seite; machet den Abſchied kurz, Alter! Euer Sohn muß weiter.“ 5 Der Alte drückte Georgs Hand. Lächelnd und mit freudigem Muthe erwiderte dieſer den Abſchiedsgruß, ſchwenkte mit ſeinen Reitern ab, und„Ulerich für im⸗ mer!“ riefen die Stuttgarter Bürger zu Pferd, welche er in dieſer entſcheidenden Stunde gegen den Feind führte. Georg betrachtete, als er an dem Waldſaum hinritt, ſinnend die Schlacht. Die Würtemberger hat⸗ ten eine gute Stellung, denn der Wald und der Neckar deckte ſie, und ihre Flügel und das Centrum waren ſtark genug, um auch einen mächtigen Stoß von Rei⸗ terei auszuhalten. Er konnte ſich aber nicht verhehlen, daß, wenn ſie ſich aus dieſer Stellung herauslocken lie⸗ ßen, ſie alle dieſe Vortheile verlieren würden, weil ſie dann entweder zwiſchen dem Wald und dem linken Flü⸗ gel einen bedeutenden Zwiſchenraum laſſen, oder um dieſen auszufüllen, ihre Schlachtlinie ſo weit ausdehnen müßten, daß ſie an innerer Stärke verlieren würden und leichter durchbrochen werden könnten. Ein großer Nachtheil für die Würtemberger war auch ihre geringe Anzahl, denn der Feind zählte zwei Drittheile mehr. Er konnte zwar in dem engen Thal ſeine Streitkräfte nicht entwickeln und nur wenige Mannſchaft auf einmal 6 ins Treffen führen. Und doch war dies immer genug, um die Herzoglichen unausgeſetzt zu beſchäftigen; der Feind behielt dadurch immer friſche Leute, und es war zu befürchten, daß die ſechstauſend Würtemberger, wenn ſie auch noch ſo tapfer Stand halten ſollten, endlich aus Ermattung würden unterliegen müſſen. Der Wald nahm jetzt Georg und ſeine Schaar auf; ſie rückten ſtill und vorſichtig weiter, denn Georg wußte wohl, wie ſchwierig es für einen Reiterzug ſei, im Wald von Fußvolk angegriffen zu werden. Doch ungefährdet kamen ſie auf das Feld heraus, das ihnen der Herzog bezeichnet hatte. Rechts über dem Wald hin wüthete die Schlacht. Das Geſchrei der Angrei⸗ ſenden, das Schießen aus Donnerbüchſen und Feld⸗ ſtücken, das Wirbeln der Trommeln hallt ſchrecklich herüber. Vor ihnen lag der Hügel, von deſſen Gipfel eine gute Anzahl Karthaunen in die Reihen der Würtem⸗ berger ſpielte; dieſer Hügel erhob ſich von der Seite des Wäldchens allmählig, und Georg bewunderte den ſchnellen Blick des Herzogs, der dieſe Seite ſogleich erſpäht hatte, denn von jeder andern Seite wäre, we⸗ nigſtens für Reiter, der Angriff unmöglich geweſen. Das Geſchütz wurde, ſo viel man von unten ſehen konnte, nur durch eine ſchwache Mannſchaft bedeckt⸗ und als daher die Pferde ein wenig geruht hatten, ord⸗ nete Georg ſeine Schaar und brach im Galopp an der Spitze der Reiter vor. In einem Augenblick waren ſie auf dem Gipfel des Hügeis angekommen, und Georg rief den bündiſchen Soldaten zu, ſich zu ergeben. 62 Sie zauderten, und die Fleiſcher, Sattler und Waffenſchmiede von Stuttgart erſparten ihnen die Mühe, denn mit gewaltigen Streichen hieben fie Helme und Köpfe durch, daß von der Bedeckung bald wenig mehr übrig waren. Georg warf einen frohlockenden Blick auf die Ebene hinab, ſeinem Herzog zu; er hörte das Freudengeſchrei der Würtemberger aus vielen tau⸗ ſend Kehlen aufſteigen, er ſah, wie ſie friſcher vor⸗ drangen, denn ihre Hauptfeinde, die Feldſtücke auf dem Hügel, waren jetzt zum Schweigen gebracht. 4 Aber in dieſem Augenblick der Siegesfreude ge⸗ wahrte er auch, daß jetzt der zweite und ſchwerere Theil ſeiner ſchnellen Operation, der Rückzug, gekommen ſei; denn auch die Bündiſchen hatten bemerkt, wie ihr Geſchütz plötzlich verſtummt ſei, und ihre Oberſten Hatten alſobald eine Reiterſchaar gegen den Hügel aufbrechen laſſen. Es war keine Zeit mehr, die ſchwe⸗ ren erbeuteten Feldſtücke hinwegzuführen; darum be⸗ fahl Georg, mit Erde und Steinen ihre Mündungen zu verſtopfen und ſie auf dieſe Weiſe unbrauchbar zu machen. Dann warf er einen Blick auf den Rückweg; zwiſchen ihm und den Seinigen lag der Wald auf der einen, das feindliche Heet auf der andern Seite. Wurde er nur von Reiterei angegriffen, ſo war der Rückweg den Wald möglich, weil dann der Feind dieſelben rigkeiten zu überwinden hatte, wie er. Aber n ſcharfen Auge entging nicht, daß ein großer Haufen bündiſchen Fußvolkes in den Wald ziehe, um ihm den Rückzug abzuſchneiden, und ſo ſah er ſich von dem Walde ausgeſchloſſen. Das große Heer des Bun⸗ 65 des zu durchbrechen, ſich mit hundertundſechzig Pferden durch Zwanzigtauſend durchzuſchlagen, wäre Tollkühn⸗ heit geweſen. Es blieb nur ein Weg, und auch auf dieſem war der Tod gewiſſer als die Rettung. Zur Linken des feindlichen Heeres floß der Neckar. Am andern Ufer war kein Mann von bündiſcher Seite; konnte er nur dieſes Ufer gewinnen, ſo war es möglich, ſich zum Herzog zu ſchlagen. Schon waren die Reiter des Bundes, wohl fünfhundert ſtark, am Fuß des Hü⸗ gels angelangt; er glaubte an ihrer Spitze den Truch⸗ ſes von Waldburg zu erblicken; jedem Andern, ſelbſt dem Tod wollte er ſich lieber ergeben, als dieſem. Drum winkte er den tapfern Würtembergern nach der ſteilern Seite des Hügels hin, die zum Neckar führte. Sie ſtutzten; es war zu erwarten, daß unter zehn immer acht ſtürzen würden, ſo jähe war dieſe Seite, und unten ſtand zwiſchen dem Hügel und dem Fluß ein Haufen Fußvolk, der ſie zu erwarten ſchien. Aber ihr junger, ritterlicher Führer ſchlug das Viſier auf und zeigte ihnen ſein ſchönes Antlitz, aus welchem der Muth der Begeiſterung ſie anwehte; ſie hatten ihn ja noch vor wenigen Wochen eine holde Jungfrau zur Kirche führen ſehen, durften ſie an Weib und Kinder denken, da er dieſe Gedanken weit hinter ſich gewor⸗ ſe hatte? „Drauf, wir wollen ſie ſchlachten!“ riefen die Flei⸗ ſcher.„Drauf, wir wollen ſie hämmern!“ riefen die Schmiede.„Immer drauf, wir wollen ſie lederweich klopfen!“ riefen ihnen die Sattler nach.„Drauf, mit Gott, Ulerich für immer!“ rief der hochherzige Jüng⸗ 64 4 8 ling, drückte ſeinem Roß die Sporen ein und flog ihnen voran den ſteilen Hügel hinab. Die feindlichen Reiter trauten ihren Augen nicht, als ſie den Hügel herauf kamen, die verwegene Schaar gefangen zu nehmen, und ſie ſchon unten, mitten unter dem Fußvolk erblick⸗ ten. Wohl hatte Mancher den kühnen Ritt mit dem Leben bezahlt, Mancher war mit dem Roß geſtürzt und in Feindes Hand gefallen, aber die Meiſten ſah man unten tapfer auf das Fußvolk einhauen, und der Helmbuſch ihres Anführers wehte hoch und mitten im Gedräng. Jetzt waren die Reihen des Fußvolkes ge⸗ brochen, jetzt drängten ſich die Reiter nach dem Neckar — jetzt— ſetzte ihr Führer an und war der Erſte im Fluß. Sein Pferd war ſtark, und doch vermochte es nicht mit der Laſt ſeines gewappneten Reiters gegen die Gewalt des vom Regen angeſchwellten Stromes anzukämpfen, es ſank, und Georg von Sturmfeder rief den Männern zu, nicht auf ihn zu achten, ſondern ſich zum Herzog zu ſchlagen und ihm ſeinen letzten Gruß zu bringen. Aber in demſelben Augenblick hat⸗ ten zwei Waffenſchmiede ſich von ihren Roſſen in den Fluß geworfen; der eine faßte den jungen Ritter am Arm, der andere ergriff die Zügel ſeines Pferdes, und ſo brachten ſie ihn glücklich ans Land heraus. Die Bündiſchen hatten ihnen manche Kugel nach⸗ geſandt, aber keine hatte Schaden gethan, und im Angeſicht beider Heere, durch den Fluß von ihnen ge⸗ trennt, ſetzte die küͤhne Schaar ihren Weg zum Herzog fort. Es war unweit ſeiner Stellung eine Furth, wo ſie ohne Gefahr überſetzen konnten, und mit Jubel — und Freudengeſchrei wurden ſie wieder von den Ihri⸗ gen empfangen. Ein Theil des feindlichen Geſchützes war zwar durch dieſen eben ſo ſchnellen als verwegenen Zug Georgs von Sturmfeder zum Schweigen gebracht worden, aber das Verhängniß Ulerichs von Würtemberg wollte, daß ihm dieſe kühne Waffenthat zu nichts mehr nützen ſollte; die Kräfte ſeiner Leute waren durch die immer erneuerten Angriffe des an Zahl weit überlegenen Fein⸗ des endlich voöllig erſchöpft worden; die Landsknechte hielten zwar mit ihrem gewöhnlichen kriegeriſchen Feuer aus, aber ihre Anführer hatten ſich ſchon ge⸗ nöthigt geſehen, ſie in Kreiſe zu ſtellen, um den An⸗ drang der feindlichen Cavallerie abzuwehren; dadurch war die Linie hin und wieder unterbrochen, und das Landvolk, das man durch eilige Bewaffnung nicht zu Kriegern hatte machen können, füllte nur ſchlecht dieſe Lücken aus. In dieſem Augenblick wurde dem Herzog gemeldet, daß der Herzog von Baiern Stuttgart plötz⸗ lich überfallen und eingenommen habe, daß ein neues feindliches Heer in ſeinem Rücken am Fluß heraufziehe und kaum noch eine Viertelſtunde entfernt ſei. Da merkte er, daß er an dieſem Tage ſein Reich zum zwei⸗ tenmal verloren habe, daß ihm nichts mehr übrig bleibe, als Flucht oder Tod, um nicht in die Hände ſeiner Feinde zu fallen. Seine Begleiter riethen ihm, ſich in ſein Stammſchloß Würtemberg zu werfen und ſich dort zu halten, bis er Gelegenheit fände, heimlich zu entrinnen; er ſchaute hinauf nach dieſer Burg, die, von dem Glanz des Tages beſtrahlt, ernſt 14 jenes W. Hauffs Werke, XVIII, 66 Thal herabblickte, wo der Enkel ihrer Erbauer den letzten verzweifelten Kampf um ſein Herzogthum kämpfte. Aber er erbleichte und deutete rechdehi⸗ auf, denn auf den Thürmen und Mauern dieſer Burg erſchienen rothe, glänzende Fähnlein, die im Morgen⸗ wind ſpielten; die Ritter blickten ſchärfer hin, ſie ſahen, wie die Fähnlein wuchſen und größer wurden, und ein ſchwärzlicher Rauch, der jetzt an vielen Stellen auf⸗ ſtieg, zeigte ihnen, daß es die Flamme ſei, welche ihre glühenden Paniere ſiegend auf den Zinnen aufgeſteckt hatte. Würtemberg brannte an allen Ecken, und ſein unglücklicher Herr ſah mit dem gräulichen Lachen der Verzweiflung dieſem Schauſpiel zu. Jetzt bemerkten auch die Heere die brennende Burg. Die Bündiſchen begrüßten dieſe Flammen mit einem Freudengeſchrei, den Würtembergern entſank der Muth, es war ihnen, als ſei dies ein Zeichen, daß das Glück ihres Herzogs ein Ende habe. Schon tönten die Trommeln des im Rücken heran⸗ ziehenden Heeres vernehmlicher, ſchon wich an vielen Orten das Landvolk, da ſprach Ulerich:„Wer es noch redlich mit uns meint, folge nach, wir wollen uns durcſchlagen durch ihre Tauſende oder zu Grund gehen. Nimm mein Banner in die Hand, tapferer Sturm⸗ feder, und reite muthig mit uns in den Feind!“ Georg ergriff das Panier von Würtemberg, der Herzog ſtellte ſich neben ihn, die Ritter und die Bürger zu Pferd umgaben ſie und waren bereit, ihrem Herzog Bahn zu brechen. Der Herzog deutete auf eine Stelle, wo die Feinde dünner ſtanden, dort müſſe man durch⸗ * 67 kommen, oder Alles ſei verloren. Noch fehlte es an einem Anführer, und Georg wollte ſich an die Spitze ſtellen, da winkte ihm der Ritter von Lichtenſtein, ſeinen Platz an der Seite des Herzogs nicht zu verlaſſen, und ſtellte ſich vor die Reiter; noch einmal wandte er die ehrwürdigen Züge dem Herzog und ſeinem Sohne zu, dann ſchloß er das Viſier und rief:„Vorwärts, hie gut Würtemberg allweg!“ Dieſer Reiterzug war wohl zweihundert Pferde ſtark, und bewegte ſich in Form eines Keiles im Trab vorwärts. Der Kanzler Ambroſtus Volland ſah ſie mit leichtem Herzen abziehen, denn der Herzog ſchien ihn ganz vergeſſen zu haben, und er hielt jetzt mit ſich Rath, wie er ohne Gefahr von ſeinem hochbeinigten Thier herabkommen ſollte. Doch der edle Renner des Herzogs hatte mit klugen Augen den Reitern nachge⸗ ſchaut; ſo lange ſie ſich im Trab fortbewegten, ſtand er ſtille und regungslos, jetzt aber ertönten die Trom⸗ peten zum Angriff, man ſah das Panier von Würtem⸗ berg hoch in den Lüften wehen, und die tapfere Reiter⸗ ſchaar im Galopp auf den Feind anſprengen. Auf dieſen Moment ſchien der Renner gewartet zu haben; mit der Schnelligkeit eines Vogels ſtrich er jetzt über die Ebene hin, den Reitern nach; dem Kangler ver⸗ gingen die Sinne, er hielt ſich krampfhaft am Sattel⸗ knopf, er wollte ſchreien, aber die Blitzesſchnelle, wo⸗ mit ſein Roß die Luft theilte, unterdrückte ſeine Stimme; in einem Augenblick hatte er den Zug ein⸗ geholt, ſo ſchnell ſie ihre Roſſe auslaufen ließen, er überholte ſie, und ſo hatte es der Kanzler in kurzer 4 68 Zeit zum Anführer der Reiter gebracht. Der Feind ſtutzte über die ſonderbare Geſtalt, die mehr einem ge⸗ hanniſchten Affen als einem Krieger glich; noch ehe ſie ſich recht beſinnen konnten, war der fürchterliche Mann mitten in ihren Reihen, die Würtemberger brachen, trotz des entſcheidenden Augenblickes, in ein luſtiges — Gelächter aus, und auch dieſes mochte beitragen, die tapfern Truppen von Ulm, Gmünd, Aalen, Nürnberg und noch zehn andern Reichsſtädten, welche dieſer un⸗ erwartete Angriff traf, zu verwirren; ſie zerſtoben vor der ungeheuern Wucht der zweihundert Pferde, und die ganze Schaar war im Rücken des Feindes. Sie ſetzte eilig ihren Marſch fort, und ehe noch die hündiſche Reiterei zum Nachſetzen herbeigerufen werden konnte, hatte der Herzog mit wenigen Begleitern ſich zur Seite geſchla een; er gewann einen großen Vorſprung, denn die Reſßre des Bundes erreichte die berirtene Schaar der Bürger erſt vor den Thoren von Stuttgart, und es fand ſich unter ihnen weder der Herzog, noch einer ſeiner wichtigeren Anhänger, außer dem Kanzler Am⸗ broſtus Volland, den man halb todt vom Pferde hob. Die bündiſchen Kriegsleute behandelten ihn, nachdem man ihm die gewölbte Rüſtung vom Leib geſchält hatte, ſehr übel, denn nur ſeiner fürchterlichen, alle Begriffe überſteigenden Tapferkeit, ſchrieben ſie es zu, daß ihnen der Herzog und mit ihm eine Belohnung von tauſend Goldgulden entgangen war. So geſchah es, daß dieſer tapfere Kanzler, nicht wie ſein Herzog in der Schlacht, ſondern nach der Schlacht geſchlagen wurde. Wohl nieget Eines viele Thaten auf— Sie achten d'rauf— 7 Das iſt um Deines Vaterlandes Noth Der Heldentod. Sieh' hin, die Feinde fliehen, blick' hinan, Der Himmel glänzt, dahin iſt unſ're Bahn. L. Uhland. 8— A Die Nacht, welche dieſem entſcheidenden Tag folgte, brachten Herzog Ulerich und ſeine Begleiter in einer engen Waldſchlucht zu, die durch Felſen und ſträuche einen ſicheren Verſteck gewährten, und noch heute bei dem Landvolk die„Ulerichshöhle“ genannt wird. CE war der Pfeifer von Hardt, der ihnen auf ihrer Flucht als ein Retter in der Noth erſchienen war, und ſie in dieſe Schlucht führte, die nur den Bauern und Hirten der Gegend bekannt war. Der Herzog hatte beſchloſſen, hier zu raſten, um dann, ſobald der Tag graute, ſeine Flucht nach der Schweiz fortzuſetzen. Wohl wäre ihm hiezu die Nacht günſtiger geweſen, denn die Bundes⸗ truppen hatten ſchon das Land beſetzt, und es war we⸗ nig Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß er ſie täuſchen und ungehindert entkommen werde; aber die Pferde waren von dem heißen Schlachttag ermüdet, und es war 270 3 unmöglich den Herzog und ſeine nothwendige Beglei⸗ tung von Neuem beritten zu machen, ohne die Nachfor⸗ ſchung des Feindes auf dieſen Schlupfwinkel zu leiten. Die Männer hatten ſich um ein ſpärliches Feuer gelagert. Der Herzog war längſt dem Schlummer in die Arme geſunken, und vergaß vielleicht in ſeinen Träu⸗ men, daß er ein Herzogthum verloren habe; auch der alte Herr von Lichtenſtein ſchlief, und Marx Stumpf von Schweinsberg hatte ſeine mächtigen Arme auf die Knie geſtützt, ſein Geſicht in die Hände verborgen, und man war ungewiß, ob er ſchlafe, oder in Kummer ver⸗ ſunken über das Schickſal des Herzogs nachdenke, das ſich mit einem Schlag ſo furchtbar gewendet hatte. Georg von Sturmfeder beſtegte die Macht des Schlum⸗ mers, der ſich immer wieder über ihn lagern wollte; er war der jüngſte unter Allen und hatte freiwillig in dieſer Nacht die Wache uͤbernommen. Neben ihm ſaß Hans, der Pfeifer von Hardt; er ſah verwundert ins Feuer, und ſeine Gedanken ſchienen ſich in einem Lied⸗ chen zu ſammeln, deſſen melancholiſche Weiſe er mit leiſer, unterdrückter Stimme vor ſich hin ſang. Wenn das Feuer heller aufflackerte, ſchaute er mit einem trü⸗ ben Blick nach dem Herzog, und wenn er ſah, daß Je⸗ ner noch immer ſchlafe, verſank er wieder in den flü⸗ ſternden, traurigen Geſang. 5 „Du ſingſt eine traurige Weiſe, Hans!“ unterbrach ihn Georg, den die melancholiſchen Töne dieſes Liedes unheimlich anregten;„es tönt wie Todtengeſang und Sterblieder, ich kann es nicht ohne Schaudern hören.⸗ „Wir können alle Tage ſterben,“ ſagte der Spiel⸗ * 4 mann, indem er düſter in die Flamme blickte;„d'rum fing' ich gerne ein ſolches Lied, es iſt mir, als könnte ich mit ſolchen Gedanken würdigen ſterben.“ „Wie kommſt Du auf einmal zu dieſen Todesge⸗ danken, Hans? Du warſt doch ſonſt ein fröhlicher Burſche zur Herbſtzeit, und Deine Zither tönte auf mancher Kirchweih. Da haſt Du gewiß keine Todten⸗ lieder geſungen.“ 15 „Meine Freude iſt aus,“ erwiderte er und wies auf den Herzog;„all meine Mühe, all meine Sorge war vergebens; es iſt aus mit dem Herrn, und ich— ich bin ſein Schatten; auch mit mir iſt's aus; hätte ich nicht Weib und Kind, ich mochte heute Nacht noch ſterben.“ „Wohl warſt Du immer ſein getreuer Schatten,“ ſagte der junge Mann gerührt,„und oft habe ich Deine Treue bewundert; höre, Hans! wir ſehen uns vielleicht lange nicht mehr. Jetzt haben wir Zeit zu ſchwatzen, erzähle mir, was Dich ſo ausſchließlich und enge an den Herzog knüpft, wenn es etwas iſt, was Du erzählen kannſt.“ Er ſchwieg einige Augenblicke und ſchürte das Feuer zurecht; ein unruhiges Feuer blitzte in ſeinen Augen, und Georg war ungewiß, ob es die Flamme oder eine innere Bewegung ſei, was ſeine ausdrucksvollen Züge mit wechſelnder Röthe übergoß.„Das hat ſeine eigene Bewandtniß,“ ſagte er endlich,„und ich ſpreche nicht gerne davon. Doch Ihr habt Recht, Herr, auch mir iſt es, als werden wir uns lange nicht mehr ſehen, ſo will ich Euch denn erzählen. Habt Ihr nie von dem armen Konrad gehört?“ „O ja,“ erwiderte Georg,„das Gerücht davon kam noch weiter, als bis zu uns nach Franken; war es nicht ein Aufſtand der Bauern? Wollte man nicht ſo⸗ gar dem Herzog ans Leben?“ 4 „Ihr habt ganz Recht, der arme Konrad war ein böſes Ding. Es mögen nun ſieben Jahre ſein, da gab es unter uns Bauern viele Männer, die mit der Herr⸗ ſchaft unzufrieden waren; es waren Fehljahre geweſen, den Reicheren ging das Geld aus, die Armen hatten ſchon lange keines mehr, und doch ſollten wir zah⸗ len ohne Ende, denn der Herzog brauchte gar viel Geld für ſeinen Hof, wo es alle Tage zuging, wiß im Pa⸗ radies.“ 3 „Gaben denn Eure Landſtände nach, wenn der Herr ſo viel Geld verlangte?“ fragte Georg. „Sie wagten eben auch nicht, immer Nein zu ſagen, des Herzogs Beutel hatte aber ein großes Loch, das wir Bauern mit unſerm Schweiß nicht zuleimen konnten. Da gab es nun Viele, die ließen die Arbeit egen, weil das Korn, das ſie pflanzten, nicht zu ihrem Brod wuchs, und der Wein, den ſie kelterten, nicht für ſie in die Fäſſer floß. Dieſe, als ſie dachten, daß man ihnen nichts mehr nehmen könne, als das arme Leben, lebten luſtig und in Freuden, nannten ſich Grafen zu Nirgendsheim, ſprachen viel von ihren Schlöſſern auf dem Hungerberge und von ihren bedeutenden Beſitzun⸗ gen in der Fehlhalde und am Bettelrain; und dieſe Ge⸗ ſellſchaft war der arme Konrad.“ 4 4 Der Pfeifer legte ſinnend ſeine Stirne in die Sahb und ſchwieg. 3 „Von Dir wollteſt Du ja erzählen, Hans,“ ſagte Georg,„von Dir u Herzog.“ „Das hätte ich beinahe vergeſſen,“ antwortete dieſer.—„Nun,“ fuhr er fort,„es kam endlich dahin, daß man Maß und Gewicht geringer machte, und dem Herzog gab, was damit gewonnen wurde. Da ward aus dem Scherz bitterer Ernſt. Es mochte Mancher nicht ertragen, daß rings umher volles Maß und Ge⸗ wicht, und nur bei uns kein Recht ſei. Im Remsthale trug der arme Konrad das neue Gewicht hinaus und machte die Waſſerprobe.“ „Was iſt das?“ fragte der junge Mann. „Ha!“ lachte der Bauer,„das iſt eine leichte Probe. Man trug den Pfundſtein mit Trommeln und Pfeifen an die Rems und ſagte:„Schwimmts oben, hat der Herzog Recht; finkt's unter, hat der Bauer Recht.““ Der Stein ſank unter. und jetzt zog der arme Konrad Waffen an. Im Remsthal und im Neckarthal bis hinauf gegen Tübingen und hinüber an die Alb ſtanden die Bauern auf und verlangten das alte Recht. Es wurde gelandtagt und geſprochen, aber es half doch nichts. Die Bauern gingen nicht auseinander.“ „Aber Du, von Dir ſprichſt Du ja gar nicht.“ „Daß ich's kurz ſage, ich war einer der Argſten,“ antwortete Hans,„ich war kühn und trotzig, mochte nicht gerne arbeiten und wurde wegen Jagdfrevel un⸗ menſchlich abgeſtraft; da trat ich in den armen Konrad, gand bald war ich ſo arg als der Gaispeter und der egenzer. Der Herzog aber, als er ſah, daß der hr gefährlich werden könne, ritt ſelbſt nach Schorn⸗ 74141 dorf. Man hatte uns zur Huldigung zuſammenberufen, wir erſchienen zu vielen Hunderten, aber bewaffnet. Der Herzog ſprach ſelbſt zu uns, aber man hörte ihn nicht an. Da ſtand der Reichsmarſchall auf, erhob ſeinen goldenen Stab und ſprach:„Wer es mit dem Herzog Ulerich von Würtemberg hält, trete auf ſeine Seite!““ Der Gaispeter aber trat auf einen hohen Stein und rief:„„Wer es mit dem armen Konrad von Hunger⸗ berg hält, trete hieher!“ Siehe, da ſtand der Herzog verlaſſen unter ſeinen Dienern. Wir Andern hielten zu dem Bettler.“ 8 „O ſchändlicher Aufruhr,“ rief Georg, vom Ge⸗ fühl des Unrechts ergriffen;„ ſchändlich vor Allen die, welche es ſo weit kommen ließen! Da war gewiß Am⸗ broſtus Volland, der Kanzler, an Vielem Schuld?“ „Ihr könnet Recht haben,“ erwiderte der Spiel⸗ mann;„doch höret weiter: der Herzog als er ſah, daß ſeine Sache verloren ſei, ſchwang ſich auf ſein Roß, wir aber drängten uns um ihn her; doch noch wagte es Kei⸗ ner, den Fürſten anzutaſten, denn er ſah gar zu gebietend aus ſeinen großen Augen auf uns herab.„Was wollt Ihr, Lumpen?“ ſchrie er und gab ſeinem Hengſt die Sporen, daß er ſich hoch aufbäumte und drei Männer niederriß. Da erwachte unſer Grimm, ſierfielen ſeinem Roß in die Zügel, ſie ſtachen nach ihm mit Spießen, und ich, ich vergaß mich ſo, daß ich ihn am Mantel packte und rief:„Schießt den Schelmen todt!““ „Das warſt Du, Hans?“ rief Georg und ſah ihn mit ſcheuen Blicken an. 4ℳ „Das war ich,“ ſagte dieſer langſam und ernſt: 4 — 75 „aber es ward mir dafür, was mir gebührte. Der Her⸗ zog entkam uns damals und ſammelte ein Heer; wir konnten nicht lange aushalten und ergaben uns auf Gnad und Ungnad. Es wurden zwölf Anführer des Aufruhrs nach Schorndorf geführt und dort gerichtet; ich war auch unter dieſen. Aber als ich ſo im Kerker lag und mein Unrecht und den nahen Tod überdachte, da graute mir vor mir ſelbſt, und ich ſchämte mich, mit ſo elenden Geſellen, wie die andern Elf waren, gerichtet zu werden.“— „Und wie wurdeſt Du gerettet?“ fragte Georg theilnehmend. „Wie ich Euch ſchon in Ulm ſagte, durch ein Wun⸗ der. Wir Zwölf wurden auf den Markt geführt, es ſollte uns dort der Kopf abgehauen werden. Der Her⸗ zog ſaß vor dem Rathhaus und ließ uns noch einmal vor ſich führen. Jene Elfe ſtürzten nieder, daß ihre Ketten fürchterlich raſſelten, und ſchrieen mit jammern⸗ der Stimme um Gnade. Er ſah ſie lange an und be⸗ trachtete dann mich.„Warum bitteſt Du nicht auch?“““ fragte er.„Herr,““ antwortete ich,„„ich weiß, was ich verdient habe, Gott ſei meiner Seele gnädig.““ Noch einmal ſah er auf uns, dann aber winkte er dem Scharfrichter. Wir wurden nach dem Alter geſtellt, ich, als der Jüngſte, war der Letzte. Ich weiß wenig mehr von jenen ſchrecklichen Augenblicken; aber nie vergeſſe ich den gräulichen Ton, wenn die Halsknorpel krach⸗ ten— 1. „Um Gottes Willen hör' auf,“ bat Georg,„oder übergehe das Gräßliche!“ 4 ——— — — 6 4 3 1 „Neun Koͤpfe meiner Geſellen ſtaken auf den Spie⸗ ßen, da rief der Herzog:„Zehn ſollen bluten, zwei frei ſein. Bringt Würfel her und laßt die Drei dort würfeln.“ Man brachte Würfel, der Herzog bot ſie mir zuerſt; ich aber ſagte:„Ich habe mein Leben ver⸗ wirkt und würfle nicht mehr darüber!““ Da ſprach der Herzog:„Nun ſo würfle ich für Dich.““ Er bot den zwei Andern die Würfel hin. Zitternd ſchürtelten ſie in den kalten Händen die Würfel, zitternd zählten ſie die Augen, der Eine warf neun, der Andere vier⸗ zehn; da nahm der Herzog die Würfel und ſchüttelte ſie. Er faßte mich ſcharf ins Auge, ich weiß, daß ich nicht gezittert habe. Er warf— und deckte ſchnell die Hand darauf.„Bitte um Gnade,““ ſagte er,„„noch iſt es Zeit.““„„Ich bitte, daß Ihr mir verzeihen möget, was ich Euch Leid's gethan,““ antwortete ich; z„um Gnade aber bitt' ich nicht, ich habe fie nicht verdient und will ſterben.““ Da deckte er die Hand auf, und ſiehe, er hatte achtzehn geworfen. Es war mir ſonderbar zu Muth, es kam mir vor, als habe er gerichtet an Gottes Statt. Ich ſtürzte auf meine Knie nieder und gelobte, fortan in ſeinem Dienſt zu leben und zu ſterben. Der Zehnte ward geköpft, wir Beide waren frei.“ 4 3 Mit immer höher ſteigender Theilnabme hatte Georg der Erzählung des Pfeifers von Hardt zugehört; aber als er ſchloß, als ſich das ſonſt ſo kühn und liſtig blickende Auge mit Thränen füllte, da konnte er ſich nicht enthalten, ſeine Hand zu faſſen, ſie feſt und herz⸗ lich zu drücken,„Es iſt wahr,“ ſagte der junge Mann, . 277 „Du haſt Schweres an Deinem Landesherrn verſchul⸗ det, aber Du haſt auch ſchrecklich gebüßt, denn Du haſt den Tod dennoch erlitten; jenes ſchnelle Zücken des Schwertes iſt nichts mehr gegen das Gefühl, ſo viele hbekaunte Menſchen hinrichten, und ſich den Tod immer näher kommen zu ſehen! Und haſt Du nicht durch ein Leben voll Treue, durch Aufopferung und Wagniß aller Art den Fürſten verſöhnt, an den Du Deine Hand leg⸗ teſt? Wie oft haſt Du ihm Freiheit, vielleicht das Le⸗ ben gerettet! Wahrlich, Deine Schuld iſt reichlich ab⸗ getragen.“ Der arme Mann hatte, nachdem er ſeine Erzählung geſchloſſen, wieder mit düſterem Sinnen ins Feuer ge⸗ ſchaut. Er hätte ganz theilnahmlos geſchienen, wenn nicht unter den Worten Georgs nach und nach ein trü⸗ bes Lächeln auf ſeinen Zügen erſchienen wäre.„Meint Ihr,“ ſagte er,„ich hätte gebüßt und meine Schuld abgetragen? Nein, ſolche Schulden tilgen ſich nicht ſo bald, und ein geſchenktes Leben muß für den ausgeſetzt werden, der es uns friſtete. Das Umherſchleichen in den Bergen, Kundſchaft bringen aus Feindes Lager, Höhlen zeigen, wo man ſich verbergen kann, das iſt keine ſchwere Sache, Herr, und das allein thut's nicht. Ich weiß, ich werde noch einmal für ihn ſterben müſſen— und dann, Herr, nehmt Euch meines Wei⸗ bes und meiner Tochter an.“ Eine Thräne fiel in ſeinen Bart; doch als ſchämte er ſich, ſo weich zu ſein, verbarg er ſein Geſicht in der Hand, und fuhr fort:„Doch dazu bin ich noch gut ge⸗ nug, wie jeder Kriegsmann, wie Jeder im Volk, darf . — 83 ich für ihn ſterben; o könnte ich durch meinen Tod ſeine Huldigung abändern, und ihm das Land wieder ver⸗ ſchaffen, noch in dieſer Stunde wollte ich ſterben.“ Der Herzog erwachte; er richtete ſich auf, er ſah mit verwunderten Blicken um ſich her, als ſei er durch einen Zauber in dieſe Erdſchlucht verſetzt und ſehe jetzt erſt dieſe Felſen und Bäume, das ſpärliche Feuer, und die von den Flammen beſchienenen Männer, ſeine Be⸗ gleiter; er bedeckte ſeine Augen mit der Hand, doch er ſah wieder auf, als prüfe er, ob dieſe Erſcheinungen bleiben;— ſie blieben, und ſchmerzlich ſah er bald den Einen, bald den Andern an.„Ich habe heute ein Land verloren,“ ſprach er,„es hat mich nicht ſo geſchmerzt, als dieſes Erwachen, denn ich habe es im Traume wie⸗ der und noch viel ſchöner beſeſſen.“ „Seid nicht ungerecht, Herr,“ ſagte Marx Stumpf von Schweinsberg, indem er ſich aus ſeiner gebückten Stellung aufrichtete;„ſeid nicht ungerecht gegen dieſe Wohlthat der Natur. Wie unglücklich wäret Ihr, wenn Ihr auch im Schlummer, der Eure Kräfte für das ſchwere Unglück ſtärken ſoll, Euern Verluſt noch fühl⸗ tet, auch da noch ſo düſter darüber gebrütet hättet. Ihr ſeid finſter und verſchloſſen eingeſchlummert, jetzt ſind Eure Züge freundlicher und milder; verdanken wir dies nicht Eurem Traum?“⸗ „So hätte ich mögen nie erwachen; o daß ich Jahrhunderte fortgeträumt hätte und dann erwacht wäre; es war ſo ſchön, ſo tröſtlich, was ich träumte!“ Er ſtützte die Stirne in die Hand und ſchien ſchmerz⸗ lich bewegt. Der alte Herr von Lichtenſtein war von 2790 den Stimmen der Sprechenden erweckt worden; er kannte Ulerich und wußte, daß man ihn nicht über ſei⸗ nen ſchmerzlichen Verluſt brüten laſſen dürfe; er rückte ihm daher näher und ſprach: „Nun, und wollt Ihr uns nicht auch ſagen, was Ihr geträumt habt? Vielleicht liegt auch für uns ein Troſt darin, denn wiſſet, ich glaube an Träume, wenn ſie in einer wichtigen, verhängnißvollen Stunde in un⸗ ſere Seele einziehen, und ich glaube, ſie kommen von oben, um uns zu tröſten.“ 3 Der Herzog ſchwieg noch eine Weile, er ſchien über die Worte des Ritters nachzuſinnen; dann fing er an zu erzählen:„Mein Schwager, Wilhelm von Baiern, hat mir heute zur Probe ſeiner Freundſchaft die Burg meiner Ahnen niedergebrannt. Dort hausten ſeit un⸗ denklichen Zeiten die Würtemberger, und das Land, das wir beſitzen, trägt von dieſem Schloß den Namen. Es ſcheint, als habe er damit uns eine Todesfackel an⸗ zünden, und mit dieſen Flammen unſer Wappen und Gedächtniß, und ſelbſt den Namen Würtemberg vertil⸗ gen wollen. Und faſt könnte er Recht haben; denn mein einziges Söhnlein, Chriſtoph, iſt in fernen Landen, mein Bruder Georg hat noch keine Kinder, und ich— bin geſchlagen, verjagt, ſie haben wiederum mein Land beſetzt, und wo iſt Hoffnung, daß ich es wieder einmal erlange?—— Wie ich nun ſo ganz verlaſſen und elend hier am Feuer ſaß, wie ich nachdachte über mein kurzes Glück, und wie ich vielleicht mein Unglück ſelbſt ver⸗ ſchuldet habe; wie ich bedachte, auf welch ſchwachen Stützen meine Hoffnung beruhe, und wie ſelbſt der 80 Name Würtemberg auslöſchen könne, gleich den letzten Funken in der Aſche meiner Stammburg, da übermannte mich der Jammer, und bitterer als je fühlte ich die Schläge meines Schickſals. Unter dieſen Gedanken ent⸗ ſchlief ich. Doch wie im Wachen meine Seele mit Sehnſucht und Trauer auf den Höhen des Rothenber⸗ ges und um die rauchenden Trümmer von Würtemberg ſchwebte, ſo erging ſich mein Geiſt auch im Traume dort.“ Ulerich hielt inne; es war, als fülle ein Bild ſeine Seele, das zu ſchön, zu groß ſei, um es mit ſterblichen Lippen zu beſchreiben; ein milder Friede lag auf den Zügen des unglucklichen Fürſten, und ein wunderbarer Glanz drang aus ſeinen aufwärts gerichteten Augen. Die Männer umher blickten ihn ſtaunend an; ſie hingen an ſeinen Lippen und lauſchten auf ſeine Rede, die ih⸗ nen ſo Wichtiges zu verkünden ſchien. 2e „Höret weiter,“ fuhr er fort,„ich ſah herab auf das ſchöne Neckarthal. Der Fluß zog wie ſonſt in ſchö⸗ nen blauen Bogen hin, aber das Thal und die Berge ſchienen mir lieblicher, glänzender, die Wälder auf den Höhen waren verſchwunden, die Wieſen waren nicht mehr, ſondern von Berg zu Berg zog ſich ein großer Garten voll grüner Reben, und im Thal ſah man Obſt⸗ bäume und ſchöne blühende Gärten ohne Zahl. Ich ſtand entzückt und ſchaute, und ſchaute immer wieder hin, denn die Sonne erſchien freundlicher, der Himmel blauer und reiner, das Grün der Reben und Bäume glänzender als jetzt. Und als ich mein trunkenes Auge erhoh und hinüberſchaute über den Neckar, da gewahrte ich auf einem Hügel am Fluß 3 feeundliches Schloß, das im Glanz der Morgenſonne ſich ſpiegelte; es lag ſo friedlich da, daß ſein Anblick meiner Seele wohl that, denn keine Gräben und hohe Mauern, keine Thürme und Zinnen, kein Fallgatter, keine Zugbrücke erinnerte an den Zwiſt der Völker, und an das unſt⸗ chere, wechſelnde Geſchick der Sterblichen. „Und als ich verwundert über den tiefen Frieden des Thales und jenes unbewachten Schloſſes mich um⸗ ſah, waren auch die Mauern meiner Burg verſchwun⸗ den; doch hier wenigſtens log mir der Traum nicht, denn ich ſah ja geſtern die Zinnen ſtürzen und den Wartthurm ſinken, von welchem ſonſt mein Panier in den Lüften wehte. Kein Stein von Würtemberg war mehr zu ſehen, aber ein Tempel ſtand dort mit Säuten und Kuppel, wie man ſie in Rom und Griechenland findet. Ich dachte nach; wie dies Alles auf einmal ſo habe kommen können, da gewahrte ich Männer in frem⸗ der Kleidung, die nicht weit von mir ſtanden, und auf das Land hinab ſchauten.“ „Der Eine dieſer Männer zog vor den Übrigen meine Aufmerkſamkeit auf ſich; er hatte einen ſchönen Knaben an der Hand, dem er das Thal zu ſeinen Fü⸗ ßen, und die Berge umher, und den Fluß und die Städte und Dörfer in der Nähe und Ferne zeigte. Ich betrachtete den Mann, er trug die Züge meines Bru⸗ ders Georg,“ und es war mir, als müſſe er zum Stamm * Graf Georg von Würtemberg und Mömpelgard, der Bruder Ulerichs, iſt der Stammvater des jetzigen Regenten⸗ W. Hauffs Werke. XVIII. 6 Sohn, ohne männliche Descendenz ſtarb. meiner Ahnen gehören u ein Würtemberg ſein; er ſtieg mit dem Knaben den Berg hinab ins Thal, und die ondern Männer folgten ihm in ehrerbietiger Ent⸗ fernung; den Letzten hielt ich auf und fragte ihn: wer Jener geweſen ſei, der dem Knaben das Land gezeigt habe?„„Das war der König,“⸗ ſagte er, und ſtieg den Berg hinab.“ Der Herzog ſchwieg und ſah die Ritter forſchend an, als wollte er ihre Meinung hören; ſie ſchwiegen lange, endlich nahm der Rirter von Lichtenſtein das Wort und ſprach:„Ich bin fünfundſechzig Jahre alt, und habe Vieles geſehen und gehört auf Erden, und Manches, worüber der menſchliche Geiſt erſtaunte, und wo ein frommer Sinn den Finger der Gottheit ſah. Glaubet mir, auch die Träume kommen von Gott, denn nichts geſchieht auf Erden ohne Urſache. Es hat in alten Zeiten Seher und Propheten gegeben, warum ſollte nicht auch in unſern Tagen der Herr ſeiner Hei⸗ ligen einen herabſenden, daß er einem Unglücklichen im Traume die dunkeln Pforten der Zukunft öffnen und ihn einen Blick in künftige, ſchönere Tage thun laſſe? Drum ſeid getroſten Muthes, Herr! Eure Veſte hat der Feind verbrannt, Ihr habt an einem Tage ein Herzogthum verloren, aber dennoch wird Euer Name nicht verlöſchen, und Euer Gedächtniß wird nicht ver⸗ loren ſein in Würtemberg.“. „Ein König—“ ſprach der Herzog ſinnend,„iſt houſes von Würtemberg. Sein Sohn war Friedrich I. reg. Herzog, der das Herzogthum erhielt, weil Ludwig, Chriſtophs es nicht vermefen, jetzt, ch hinaus muß ins Elend, jetzt an einen König meines Stammes zu denken? Kann nicht auch die ölle ſolche Träume vorſpiegeln, um uns nachher deſto bit terer zu täuſchen?“ „Was zweifelt Ihr an der Zukunft?“ ſagte Schweinsberg lächelnd.„Hätte Einer Eurer ritterli⸗ chen Ahnen, die auf Würtemberg hausten, hätte Einer wiſſen können, daß ſeine Enkel Herzoge ſein, daß das weite ſchͤne Land ihren Namen Würtemberg tragen werde? Nehmet Euren Traum als den Wink des Schickſals hin, daß Euer Name in ferner, ferner Zeit auf dieſem Lande bleiben, daß die ſpätern Fürſten Würtembergs die Züge Eures Stammes tragen werden.* „Wohlan, ſo will ich hoffen,“ erwiderte Ulerich von Würtemberg,„will hoffen, daß uns das Land der⸗ bleibe, wie dunkel auch jetzt unſere Looſe ſeien. Mügen unſere Enkel nie ſo harte Zeiten ſehen wie wir; möge man auch von ihnen ſagen: ſie ſind— furchtlos!“ Und treu!“ ſprach der Bauer mit Nachdruck 15“ ſtand auf.„Doch iſt es Zeit, Herr Herzog, daß Ihr aufbrechet. Das Morgenroth iſt nicht mehr fern⸗ und über den Neckar wenigſtens müſſen wir kommen, ſo lange es noch dunkel iſt.“ Sie ſtanden auf und waffneten ſich. Die Pferde wurden herbeigeführt, ſie ſaßen auf, und der Pfeifer ging voran, den Weg aus der Schlucht zu zeigen. Die Reiſe des Herzogs zum Land hinaus war mit großer Gefahr verbunden, denn der Bund ſuchte ſeiner mit aller Mühe habhaft zu werden. Um auf einen Weg zu gelangen, wo er ſicher ſeinen Feinden entgehen könnte, war der Herzog genöthigt, noch einmal über den Neckar zu gehen. Dieſer Übergang war nicht ohne Gefahr. Ein ſtarker Gewitterregen hatte den Fluß angeſchwellt, ſo daß es nicht möglich ſchin, ihn mit den Pferden zu durchſchwimmen. Die Brücken aber waren zum größten Theil von dem Bund beſetzt worden. Doch auch hier wußte Hans guten Rath, denn er hatte durch treue Leute ausgeſpäht, daß die Brücke von Köngen noch frei ſei. Man hatte ſich wohl nicht die Mühe genommen, ſte zu beſetzen, weil ſie Eßlingen und dem feindlichen Lager allzunahe war, als daß man hätte glauben kön⸗ nen, der Herzog werde dort vorüber kommen. Dieſer Weg ſchien wegen ſeiner großen Gefahr die meiſte Si⸗ cherheit zu gewähren. Ihn wählte Ulerich, und ſo zo⸗ gen ſie ſtille und vorſichtig dem Neckar zu. Als ſie aus dem Wald ins Feld heraus kamen, ſäumte ſchon das Morgenroth den Horizont. Sie rit⸗ ten jetzt ouf beſſerem Wege ſchärfer zu, und bald ſahen ſie den Neckar ſchimmern, und die hochgewölbte Brücke lag nicht ferne mehr von ihnen. In dieſem Augenblicke ſah ſich Georg um und gewahrte eine bedeutende An⸗ zahl Reiter, die von der Seite her hinter ihnen zogen. Er machte ſeine Begleiter darauf aufmerkſam. Sie ſa⸗ hen ſich beſorgt um und muſterten den Zug, der wohl fünfundzwanzig Prerde betragen mochte. Es ſchien bün⸗ diſche Reiterei zu ſein, denn des Herzogs Völker waren geſprengt und zogen nicht mehr in ſo geordneten Schaa⸗ ren wie dieſe. 3 Noch zogen Jene ruhig ihren Weg und ſchienen die kleine Geſellſchaft nicht zu bemerken, aber dennoch ſchien ——— ——.— — 3 85 es rathſam, die Brücke zu gewinnen, wo ſich drei Wege ſchieden, ehe man von ihnen angerufen und befragt würde. Der Pfeifer lief voran, ſo ſchnell er konnte, der Herzog und die Ritter folgten ihm in geſtrecktem Trab, und je weiter ſie ſich von den Bündiſchen ent⸗ fernten, deſto leichter wurde ihnen ums Herz. denn Alle bangten nicht für ihr eigenes Leben, wohl aber für die Freiheit Ulerichs. Sie hatten die Brücke erreicht, ſie zogen hinauf, aber in demſelben Augenblick, wo ſie oben auf der Mitte der hohen Wölbung angekommen waren, ſpran⸗ gen zwölf Männer mit Spießen, Schwerter und Büch⸗ ſen bewaffnet, hinter der Brücke hervor und beſetzten den Ausgang. Der Herzog ſah, daß er entdeckt war, und winkte ſeinen Begleitern rückwärts. Lichtenſtein und Schweinsberg, die Letzten, wandten ihre Roſſe, aber ſchon war es zu ſpät, denn die bündiſchen Reiter, die ihnen im Rücken nachgezogen waren, hatten ſich in Ga⸗ lopp geſetzt und den Eingang der Brücke in dieſem Au⸗ genblick erreicht und beſetzt. Noch war es zu dunkel, als daß man den Feind ge⸗ nau hätte unterſcheiden können, doch nur zu bald zeig⸗ ten ſich ſeine feindlichen Abſichten.„Ergebet Euch, Herzog von Würtemberg,“ rief eine Stimme, die den Rittern nicht unbekannt ſchien.„Ihr ſehet, es iſt kein Ausweg da zur Flucht!“ „Wer biſt Du, daß Würtemberg ſich Dir ergeben ſoll?“ antwortete Ulerich mit grimmigem Lachen, in⸗ dem er ſein Schwert zog.„Du ſttzeſt ja nicht einmal zu Roß; hiſt Du ein Ritter?“ 28 86 3* „Ich bin der Doktor Calmus,“ entgegnete Jener, „und bin bereit, die vielen Liebesdienſte zu vergelten, die Ihr mir erwieſen habt. Ein Ritter bin ich, denn Ihr habt mich ja zum Ritter vom Eſel gemacht. Aber ich will Euch dafür zum Ritter ohne Roß machen. Ab⸗ geſtiegen, ſag' ich, im Namen des durchlauchtigſten Bundes!“ „Gib' Raum, Hans,“ flüſterte der Herzog mit un⸗ terdrückter Stimme dem Spielmann zu, der mit geho⸗ bener Art zwiſchen ihm und dem Doktor ſtand;„geh', tritt auf die Seite. Ihr Freunde, ſchließt Euch an, wir wollen plötzlich auf ſie einfallen, vielleicht gelingt es, durchzubrechen!“ Doch nur Georg vernahm dieſen Befehl des Herzogs, denn die zwei andern Ritter hiel⸗ ten wohl zehn Schritte hinter ihnen den Eingang be⸗ ſetzt und waren ſchon mit den bündiſchen Reitern im Gefecht, die umſonſt dieſes ritterliche Paar zu durch⸗ brechen und zu dem Herzog durchzudringen verſuchten. Georg ſchloß ſich an Ulerich an und wollte mit ihm auf den Doktor und die Knechte einſprengen, aber dieſem war das Flüſtern des Herzogs nicht entgangen.„Drauf, ihr Männer! der im grünen Mantel iſt's; lebendig oder todt!“ rief er, drang mit ſeinen Knechten vor und griff zuerſt an. Sein langer Arm führte einen fünf Ellen langen Spieß. Er zückte ihn nach Ulerich, und es wäre vielleicht um ihn geſchehen geweſen, da er ihn in der Dunkelheit nicht gleich bemerkte, doch Hans kam ihm zuvor, und indem der berühmte Doktor Kahlmäuſer nach der Bruſt ſeines Herrn ſtieß, war ihm die Art des Pfeifers tief in die Stirne gedrungen. Er fiel, ſo V ill auf die Knechte zurück. Sie ſtutzten, der rsmann ſchien ein ſchrecklicher Käm⸗ pfer, denn ſeine Art ſchwirrte immer noch in den Lüf⸗ ten, er bewegte ſie wie eine Feder hin und her; ſie zo⸗ gen ſich ſogar einige Schritte zurück. Dieſen Augen⸗ blick benützte Georg. riß dem Herzog den grünen Man⸗ tel ab, hing ihn ſelbſt um und flüſterte ihm zu, ſein Pferd zu ſpornen und ſich über die Brüſtung der Brücke hinabzuſtürzen. Der Herzog warf einen Blick auf die hochgehenden Wellen des Neckars und hinauf zum Him⸗ mel. Es ſchien keine andere Rettung möglich, und er wollte lieber auf Leben und Tod den Sprung wagen, als ſeinen Feinden in die Hände fallen. Doch der An⸗ blick, der ſich ihm in dieſem ſchrecklichen Moment dar⸗ bot, zog ihn noch einmal zurück. Die Knechte hatten die Speere vorgeſtreckt und dran⸗ gen vor. Der Pfeifer ſtand noch immer, obgleich aus mehren Wunden butend, und ſchlug mit der Art ihre Speere nieder. Seine Augen blitzten, ſeine kühnen Zuͤge trugen den Ausdruck von freudiger Begeiſterung, und das Lächeln, das um ſeinen Mund zog, war nicht das der Verzweiflung, nein, ſeine muthige Seele erbebte nicht vor dem nahenden Tod, er blickte ihm mit ſtolzer Freude entgegen, als ſei er der Kampfpreis, um den er ſo viele Sorgen und Gefahren auf ſich genommen habe. Noch Einen ſchlug er mit ſeiner ſtarken Rechten zu Bo⸗ den, da ſtieß ihm einer der Knechte von der Eeite her die Hellebarde in die Bruſt, in dieſe treue Bruſt, die noch im Tod ein Schild für den unglücklichen Fürſten war, dem nie ein treueres Herz geſchlagen hatte. Er waͤnkte, er ſank zuſammen, er heftete das brechende Auge auf ſeinen Herrn.„ Herr Herzog, wir ſind quitt!“ rief er freudig aus und ſenkte ſein Haupt zum Sterben. An ihm vorüber ging der Weg der Knechte, die mit Freudengeſchrei näher zudrangen— da warf ſich Georg von Sturmfeder in die Mitte, ſeine Klinge ſchwirrte in der Luft, und ſo oft ſie niederfiel, zuckte einer der Feinde am Boden. Es war der letzte Schild Herzog Ulerichs von Würtemberg, ſank dieſer noch, ſo war Ge⸗ fangenſchaft oder Tod unvermeidlich. Drum wandte er ſich zum letzten Mittel. Er warf noch einen thränen⸗ ſchweren Blick auf die Leiche jenes Mannes, der ſeine Treue mit dem Tode beſtegelt hatte. Dann riß er ſein mächtiges Streitoß zur Seite, ſpornte es, daß es ſich hoch aufbäumte, wandte es mit einem ſtarken Druck rechts, und— in einem majeſtätiſchen Sprung ſetzte es über die Brüſtung der Brücke und trug ſeinen fürſtli⸗ chen Reiter hinab in die Wogen des Neckars. Georg hielt inne mit Fechten, er ſah dem Herzog nach. Roß und Reiter waren niedergetaucht, doch das mächtige Thier kämpfte mit den Wirbeln, ſchwamm, arbeitete ſich herauf, und wie die beſte Barke ſchwamm es mit dem Herzog den Strom hinab. Dies Alles war das Werk weniger Augenblicke, einige der Knechte woll⸗ ten hinabſpringen ans Ufer, um ſich des kühnen Rit⸗ ters zu bemächtigen, doch Einer, der Georg am näch⸗ ſten war, rief ihnen zu:„Laßt ihn ſchwimmen, an dem iſt nichts gelegen, das hier iſt der grüne Vogel, das iſt der grüne Mantel, den laßt uns faſſen.“ Georg blickte zu er ließ ſein Schwert ſinken und erg Bündiſchen. Sie ſchloſ⸗ ſen einen Kreis um ihn, und ließen es willig geſche⸗ hen, daß er abſtieg und zu der Leiche jenes Mannes trat, der ihnen ſo ſchrecklich erſchienen war. Georg faßte die Hand, welche noch immer die blutige Axt feſt hielt. Sie war kalt. Er ſuchte, ob das treue Herz noch ſchlage, aber der tödtliche Stoß der Lanze hatte es nur zu gut getroffen. Das Auge, das einſt ſo kühn und muthig blickte, war gebrochen, geſchloſſen der Mund, der auch in den trübſten Stunden einen ungebeugten, frohen Sinn verkündete. Seine Züge waren erſtarrt, aber noch ſchwebte um ſeine Lippen jenes Lächeln, das den letzten Gruß, den er ſeinem Herrn entbot, begleitet hatte. Georgs Thränen fielen auf ihn herab. Er drückte noch einmal die Hand des Pfeifers, ſchloß ihm die Au⸗ gen zu und ſchwang ſich auf, um den Knechten in ihr Lager zu folgen. VI. O ſchöner Tag, wann endlich der Soldat Ins Leben heimkehrt, in die Menſchlichkeit.— O, glucklich, wem dann auch ſich eine Thür', Sich zarte Arme ſanft umſchlingend öffnen. Schiller. — Nach einem Marſch von beinahe drei Stunden nä⸗ herte ſich der Trupp der bündiſchen Knechte, den Ge⸗ fangenen in ihrer Mitte, dem Lager. Sie hatten nicht gewagt, ſich laut zu unterreden, aber ihre Mienen ver⸗ kündeten großen Triumph, und Seorgs ſcharfem Ohr entging es nicht, wie ſie flüſternd den Gewinn berech⸗ neten, den ſie aus dem Herzog im grünen Mantel zie⸗ hen würden. Ein freudiges Gefühl bewegte ſeine Bruſt, er glaubte hoffen zu dürfen, daß der unglückliche Fürſt durch ſeine kühne Aufopferung Zeit gewonnen habe, ſich zu retten. Nur der Gedanke an Marie trübte auf Augenblicke ſeine Freude. Wie groß mußte ihr Kummer ſchon geweſen ſein, als ſie die Nachricht von dem Ausgang der Schlacht bekam; er hatte ihr zwar durch treue Männer die Nachricht geſandt, daß er un⸗ verletzt aus dem EStreit gegangen ſei; aber wußte er 3 Entſcheidung von Würtembergs Schickſal ihre Seele tief betrüben, daß ihre Blicke ängſt⸗ lich dem Geliebten auf den Gefahren der Flucht folgen 4 werden, daß ihre Sehnſucht zu jeder Stunde ſeinen Na⸗ men nenne und ihn zurückrufe? Und durfte er hoffen, vom Bunde zum Zweitenmal ſo leicht entlaſſen zu werden, wie damals in Ulm? Ge⸗ fangen mit den Waffen in der Hand, bekannt als eifri⸗ ger Freund des Herzogs— mußte er nicht fürchten, einer langen Gefangenſchaft, einer grauſamen Behand⸗ V lung entgegen zu gehen? Die Ankunft an dem äußeren Poſten des Lagers unterbrach dieſe düſtern Gedanken. Die Knechte ſchickten Einen aus ihrer Mitte ab, um die Bundesoberſten von ihrem Fang zu benachrichtigen und Befehle einzuholen, wohin man ihn führen ſolle. Es war dies eine peinliche Viertelſtunde für Georg; er wünſchte wo möglich mit Frondsberg zuſammmen zu treffen, er glaubte hoffen zu dürfen, daß dieſer edle Freund ſeines Vaters ihm ſeine gütigen Geſinnungen erhalten haben möchte, daß er ihn zum wenigſten billi⸗ 2 4 9 nicht, daß die traurige ger beurtheilen werde als Waldburg Truchſes und ſo mancher Andere, der ihm früher nicht günſtig war. Der Knecht kam zurück; der Gefangene ſollte ſo ſtill 4 als möglich und ohne Aufſehen in das große Zelt geführt werden, wo die Oberſten gewöhnlich Kriegsrath hiel⸗ ten. Man ſchlug zu dieſem Gang einen Seitenweg ein, und die Knechte baten Georg, ſeinen Helm zu ſchließen, daß man ihn nicht erkenne, ehe er vor den Rath geführt wuͤrde. Gerne befolgte er dieſe Bitte, denn es war ihm in einem ſolchen Falle nichts unerträglicher, als ſich den Blicken neugieriger oder ſchadenfroher Menſchen ausſetzen zu müſſen. Sie gelangten enblich an das große Zelt. Diener aller Art waren hier verſammelt, und die verſchiedenen Farben und Binden, mit welchen ſie ge⸗ ſchmückt waren, ließen auf eine zahlreiche Verſammlung edler Herren und Ritter im Innern des Zeltes ſchließen. Schon mochte die Nachricht unter ſie gekommen ſein, daß einige Knechte einen Mann von Bedeutung gefangen haben, denn ſie drängten ſich nahe herbei, als Georg ſich aus dem Sattel ſchwang, und ihre neugie⸗ rigen Blicke ſchienen durch die Hffnungen des Viſters dringen zu wollen, um die Züge des Gefangenen zu ſchauen. Ein Edelknabe ſuchte Raum zu machen, und er mußte ſeine Zuflucht zu dem„Namen der Bundes⸗ oberſten“ nehmen, um dieſe dichte Maſſe zu durchbre⸗ chen und dem gefangenen Ritter einen Weg in das In⸗ nere des Zeltes zu babnen. Drei jener Knechte, die ihn begleitet hatten, durften folgen; ſie glühten vor Freude und glaubten nicht anders, als jene Goldgülden ſo⸗ gleich in Empfang nehmen zu können, die auf die Per⸗ ſon des Herzogs von Würtemberg geſetzt waren. Der letzte Vorhang that ſich auf und Georg trat muthig und feſten Schrittes ein und überſchaute die Männer, die über ſein Schickſal entſcheiden ſollten. Es waren wohlbekannte Geſichter, die ihn ſo fragend und durchdringend anſchauten. Noch waren die düſteren Blicke und die feindliche Stirne des Truchſes von Wald⸗ burg ſeinem Gedächtniß nicht entfallen, und der ſpöt⸗ tiſche, beinahe höhniſche Ausdruck in den Mienen die⸗ ſes Mannes weiſſagte ihm nichts Gutes. Sickingen, — —— Alban von Cloſen, Hu mals vor ihm, als er dem Bund auf ewig Lebewohl ſagte; aber wie Vireles hatte ſich geändert. Und eine Thräne füllte ſein Auge, als es auf jene theure Ge⸗ ſtalt, auf jene ehrwürdigen Züge fiel, die ſich tief in ſein dankbares Herz gegraben hatten. Es war nicht Hohn, nicht Schadenfreude, was man in Georg von Frondsbergs Mienen las, nein, er ſah den Nahenden mit jenem Ausdruck von würdigem Ernſt, von Weh⸗ muth an, womit ein edler Mann den tapferen, aber be⸗ ſiegten Feind begrüßt. Als Georg dieſen Männern gegenüber ſtand, hub der Truchſes von Waldhurg an:„So hat doch endlich der ſchwäbiſche Bund einmal die Ehre, den erlauchten Herzog von Würtemberg vor ſich zu ſehen; freilich war die Einladung zu uns nicht allzuhöftich, doch—“ „Ihr irrt Euch!““ rief Georg von Sturmfeder und ſchlug das Viſter ſeines Helmes auf. Als ſähen ſie Mi⸗ nerva's Schild und ſein Meduſen aupt, ſo bebten die Bundesrätbe vor dem Anblick der ſchönen Züge des jun⸗ Ritters.„Ha! Verräther! Ehrloſe Buben! Ihr Hundel“ rief Truchſes den drei Knechten zu.„Was bringt Ihr uns dieſen Loffen, deſſen Anblick meine Galle aufregt, ſtatt des Herzogs? Geſchwind, wo iſt er? Sprecht!a Die Knecte erbleichten.„Iſt's nicht dieſer?“ frag⸗ ten ſte ängſtlich.„Er hat doch den grünen Mantel an.“ Der Truchſes zitterte vor Wuth und ſeine Augen ſprützten Verderben; er wollte auf die Knechte hinſtür⸗ zen, er ſprach davon, ſie zu erwürgen; aber die Retter hielten ihn zurück, und Hutten, zornbleich, aber gefaß⸗ — 8* ter als jener, fragte:„W ihn hereinkommen, er ſoll den Zug übernommen. 2 „Ach Herr, ſagte einer ker Knechte,„der legt Euch keine Rechenſchaft mehr ab; er liegt erſchlagen auf der Brücke bei Kängen!“ „Erſchlagen?“ rief Sickingen.„Und der Herzog iſt entkommen? Erzählet, Ihr Schurken!“ „Wir legten uns, wie uns der Doktor befahl, bei der Brücke in Hinterhalt. Es war beinahe noch dunkel, als wir den Hufichlag von vier Roſſen börten, die ſich der Brücke nähert n, zugleich vernahmen wir dat Zei⸗ chen, das uns die Reiter über dem Fluß geben ſollten, wenn die Herzoglichen aus dem Wald kämen.„ Jetzt iſt’s Zeit,““ ſagte der Kahlmäuſer. Wir ſtanden ſchnell auf und beſetzten den Ausgang der Brücke. Es waren, ſo viel wir im Halbduntel unterſcheiden konnten, vier Reiter und ein Bauersmann; die zwei Hinterſten wand⸗ ten ſich um und fochten mit unſern Reitern, die zwei Vordeien und der Bauer mackhten ſich an uns. Doch wir ſrreckten ihnen die Lanzen entgegen, und der Dok⸗ tor rief ihnen zu, ſich zu ergeben. Da drangen ſie wü⸗ thend auf uns ein; der Doltor ſagte uns, der im grü⸗ nen Mantel ſei der Rechte; und wir bätten ihn bald ge⸗ habt, aber der Bauer, wenn es nicht der Teufel ſelbſt war, ſchlug den Doktor und noch Zwei von uns nieder. Jetzt ſtach ihm Einer die Hellebarde in den Leib, daß er fiel, und dann ging es auf die Reiter. Wir packten alleſammt den im grünen Mantel, wie uns der Kahl⸗ mäuſer geheißen, der Andere aber ſtuͤrzte ſich mit ſeinem b or Calmut, laßt negeuſtaſe ablegen, er hat aolegen, eb Roß über die Brücke hinabi in den Neckar und ſchwamm davon. Wir aber ließen ihn ziehen, weil wir den Grü⸗ nen hotten, und brachten dieſen hierber.“ „Das war Ulerich und kein Anderer!“ rief Alban von Cloſn.„Ha! über die Brücke hinab in den Ne⸗ ckar! Das thut ihm Keiner nach.“ „Man muß thm nachjagen,“ fuhr der Truchſes auf; „die ganze Reiterei muß aufſitzen und hinab am Neckar ſtreifen, ich ſelbſt will hinaus—“ „O Herr,“ entgegnete einer der Knechte,„da kommt Ihr zu ſpät; es iſt drei Stünden jitzt, daß wir von der Brücke abzogen, der bat einen guten Vorſprung, und keunt das Land wobl beſſer als alle Rerter.“ „Kerl, willſt Du mich noch höhnen? Ihr habt ihn entkommen laſſen, an Euch hatte ich mich, man rufe die Wache; ich laß Euch aufnängen.“* „Mäßigt Euch,“ ſagte Frondsberg;„die armen Burſche trifft der Fehler nicht: ſie hätt n ſich gerne das Gold verdient, das auf den Herzog geſetzt wor. Der Doktor hat gefehlt, und Ihr hört, daß er es mit dem Leben zablte.“ „Alſo Ihr babt heute den Herzog vorgeſtellt?4 wandte ſich Waltburg zu Georg, der ſtill dieſer Scene zugeſehen hatte,„Müßt Ihr mir überall in den Weg laufen, mit Curem Milchgeſicht? Üüberall hat Euch der Teufel, wo man Euch niat braucht. Es iſt nicht das erſtemal, daß Ihr meine Plane durchkreuzet—* „Wenn Ihr es geweſen ſeid, Herr Truchſes,“ ant⸗ wortete Georg,„der bei Neuffen den Herzog meuch⸗ lings Bierfallen laſſen wollte, ſo bin ich Euch leider in 4 den Weg gekommen, denn uiedergeworfen.“ Die Ritter erſtaunten über dieſe Rede und ſahen den Truchſes fragend an. Er erröthete, man wußte nicht aus Zorn oder Beſchämung, und entgegnete: „Was ſchwatzt Ihr da von Neuffen? Ich weiß von nichts; doch wenn man Euch dort niedergeworfen hat, ſo wünſche ich, Ihr wäret nimmer aufgeſtanden, um mir heute vor Augen zu kommen. Doch es iſt auch ſo gut; Ihr habt Euch als einen erbitterten Feind des Bundes bewieſen, habt heimlich und offen für den ge⸗ ächteten Herzog gehandelt, theilet alſo ſeine Schuld ge⸗ gen den Bund und das ganze Reich, ſeid überdies heute mit den Waffen in der Hand gefangen worden— Euch trifft die Strafe des Hochverraths an dem allerdurch⸗ lauchtigſten Bund des Schwaben⸗ und Frankenlandes.“ „Dies dünkt mir eine lächerliche Beſchuldigung,“ erwiderte Georg mit muthigem Ton;„Ihr wiſſet wohl, wann und wo ich mich von dem Bunde losgeſagt habe; Ihr habt mich auf vierzehn Tage Urfehde ſchwören laſ⸗ ſen; ſo wahr Gott über mir iſt, ich habe ſie gebalten. Was ich nachher gethan, davon habt Ihr nicht Rechen⸗ ſchaft zu fordern, weil ich Euch nicht mehr verpflichtet war, und was meine Gefangennehmung mit den Waf⸗ fen in der Hand betrifft, ſo frag ich Euch, edle Her⸗ ren, welcher Ritter wird, wenn er von ſechs oder acht angegriffen wird, ſich nicht ſeines Lebens wehren? Ich verlange von Euch ritterliche Haft, und erbiete mich, Urfehde zu ſchwören auf ſechs Wochen; mehr könnet Ihr nicht von mir verlangen.“ Eure Knechte haben mich gelernt bei dem bermitzigen Herzog; ich höre ihn aus Euch ſprechen; doch keinen Schritt ſollt Ihr zu Eurer Sippſchaft thun, bis Ihr geſteht, wo der alte Fuchs, Euer Schwiegervater ſich aufhält und welchen Weg der Herzog genommen hat.“ „Der Ritter von Lichtenſtein wurde von Euren Rei⸗ tern gefangen genommen: welchen Weg der Herzog nahm, weiß ich nicht und kann es mit meinem Wort bekräftigen.“ „Ritterliche Haft?* rief der Truchſes bitter la⸗ chend.„Da irrt Ihr Euch gewaltig; zeiget vorher, wo Ihr die goldenen Sporen verdient habt! Nein, ſolches Gelichter wird bei uns ins tiefſte Verließ ge⸗ worfen, und mit Euch will ich den Anfang machen.“ „ Ich denke, dies iſt unnöthig,“ fiel ihm Frondsberg ins Wort;„ich weiß, daß Georg von Sturmfeder zum Ritter geſchlagen wurde; überdies hat er einem bündi⸗ ſchen Edlen das Leben gerettet; Ihr werdet Euch wohl an die Ausſage des Dieterich von Kraft erinnern. Auf Verwenden dieſes Ritters wurde er von einem ſchmäh⸗ lichen Tod befreit und ſogar in Freiheit geſetzt. Er kann dieſelbe Behandlung von uns verlangen.“ „Ich weiß, daß Ihr ihm immer das Wort geredet, daß er Euer Schooskind war; aber diesmal hilft es ihm nicht, er muß nach Eßlingen in den Thurm, und jetzt den Augenblick— „Ich leiſte Bürgſchaft für ihn,“ rief Frondsberg, „und habe hier ſo gut mitzuſprechen wie Ihr. Wir W. Hauffs Werke. XVIII. 7 98 8 wollen abſtimmen über den Gefangenen, man führe ihn einſtweilen in mein Zelt..) Einen Blick des Dankes warf Georg auf die ehr⸗⸗ würdigen Züge des Mannes, der ihn auch jetzt wieder aus der drohenden Gefahr rettete. Der Truchſes aber winkte mürriſch den Knechten, dem Befehl des Ober⸗ feldhauptmanns zu folgen, und Georg folgte ihnen durch die Straßen des Lagers nach Frondsbergs Zelt. Nicht lange nachher ſtand der Mann vor ihm, dem er ſo unendlich viel zu danken hatte. Er wollte ihm danken, er wußte nicht wie er ihm ſeine Ehrfurcht be⸗ zeigen ſollte; doch Frondsberg ſah ihn lächelnd an und zog ihn in ſeine Arme.„Keinen Dank, keine Entſchul⸗ digung!“ ſprach er;„ſah ich doch Alles dies voraus⸗ als ich in Ulm von Dir Abſchied nahm; doch Du woll⸗ teſt es nicht glauben, wollteſt Dich vergraben in die Burg Deiner Väter. Ich kann Dich nicht ſchelten; glaube mir, das Feldlager und die Stürme ſo vieler, Kriege haben mein Herz nicht ſo verhärtet, daß ich ver⸗ geſſen könnte, wie mächtig die Liebe zieht!* 8 „Mein Freund, mein Vater!“ rief Georg, indem er ſreudig erröthete. „Ja, das bin ich: der Freund Deines Vaters, Dein Vater; drum war ich oft ſtolz auf Dich, wenn Du auch in den feindlichen Reihen ſtandeſt; Dein Name wurde, ſo jung Du biſt, mit Ehrfurcht genannt, denn Treue und Muth ehrt einen Mann auch an dem Feinde. Und glaube mir, es kam den Meiſten von uns erwünſcht, daß der Herzog entkam; was konnten wir mit ihm beginnen? Der Truchſes ätte vielleicht einen übereiiten Streich gemacht, den wir Alle zu büßen gehabt hätten.“ „Und was wird mein Schickſal ſein?“ fragte Georg. „Werde ich lange in Haft gehalten werden? Wo iſt der Ritter von Lichtenſtein? O mein Weib! darf ſie mich nicht beſuchen?“ Frondsberg lächelte geheimnißvoll.„Das wird ſchwer halten,“ ſagte er;„Du wirſt unter ſicherer Be⸗ deckung auf eine Veſte geführt und einem Wächter über⸗ geben werden, der Dich ſtreng bewachen und nicht ſo bald entlaſſen wird. Doch ſei nicht ängſtlich, der Ritter von Lichtenſtein wird mit Dir dorthin abgeführt wer⸗ den, und Ihr Beide müſſet auf ein Jahr Urfehde ſchwören.“ Frondsberg wurde hier durch drei Männer unter⸗ brochen, die in das Zelt ſtürmten; es war der Feld⸗ hauptmann von Breitenſtein und Dieterich von Kraft, die den Ritter von Lichtenſtein in ihrer Mitte führten. „Hab' ich Dich wieder, wackerer Junge!“ rief Brei⸗ 4 tenſtein, indem er Georgs Hand drückte.„Du machſt mir ſchöne Streiche; Dein alter Oheim hat Dich mir auf die Seele gebunden, ich ſolle einen tüchtigen Käm⸗ pen aus Dir ziehen, der dem Bunde Ehre mache, und nun laufſt Du zu dem Feind, und hauſt und ſtichſt auf uns, und hätteſt geſtern beinahe die Schlacht gewon⸗ nen, durch Dein tollkühnes Stückchen auf unſere Ge⸗ ſchütze.“ „ Jeder nach ſeiner Art,“ entgegnete Frondsberg; „er hat uns aber auch in Feindes Reihen Ehre ge⸗ macht.“ 10o Der Ritter von Lichtenſtein umarmte ſeinen Sohn. „Er iſt in Sicherheit,“ flüſterte er ihm zu, und Beider Augen glänzten vor Freude, zu der Rettung des un⸗ gllücklichen Fürſten beigetragen zu haben. Da fielen die Blicke des alten Ritters auf den grünen Mantel, der noch immer um Georgs Schultern hing: er erſtaunte, er ſah ihn näher an.„Hal jetzt erſt verſtehe ich ganz, wie Alles ſo kommen konnte,“ ſprach er bewegt, und eine Thräne der Freude hing in ſeinen granen Wim⸗ pern;„ſie nahmen Dich für ihn; was wäre aus ihm geworden, wenn Dich der Muth nur einen Augenblick verlaſſen hätte? Du haſt mehr gethan als wir Alle, Du haſt geſtegt, wenn wir jetzt auch Beſtegte heißen; komm an mein Herz, Du würdiger Sohn.“ „Und Marx Stumpf von Schweinsberg?“ fragte Georg;„auch er gefangen?“ „Er hat ſich durchgehauen, wer vermöͤchte auch ſei⸗ nen Hieben zu widerſtehen? Meine alten Knochen ſind mürbe, an mir liegt nichts mehr, aber er iſt dem Her⸗ zog nachgezogen und wird ihm eine beſſere Hülfe ſein als fünfzig Reiter. Doch den Pfeifer ſah ich nicht; ſage, wie iſt er entkommen aus dem Streit? „Als ein Held,“ erwiderte der junge Mann, von der Wehmuth, der Erinnerung bewegt;„er liegt erſto⸗ chen an der Brücke.“ 1 f „Todt?“ rief Lichtenſtein und ſeine Stimme zit⸗ terte.„Die treue Seele! Doch wohl ihm, er hat ge⸗ than wie ein Edler, und iſt geſtorben, treu, wie es Männern ziemt.“ Frondoberg näherte ſich ihnen und unterbrach ihre Reden.„Ihr ſcheint mi 4001 r ſo niedergeſchlagen,“ ſagte glück iſt wandelbar, und Euer Herzog wird wohl auch wieder zu ſeinem Lande kommen; wer weiß, ob es nicht beſſer iſt, daß wir ihn noch auf einige Zeit in die Fremde ſchickten. Leget Helm und Panzer ab; das Ge⸗ fecht zum Frühſtück wird Euch die Luſt zum Mittag⸗ eſſen nicht verdorben haben. Setzet Euch zu uns. Ich erwarte gegen Mittag den Wächter, unter deſſen Ob⸗ hut Ihr auf eine Burg gebracht werden ſollet. Bis dahin laſſet uns noch zuſammen frohlich ſein.“ „Das iſt ein Vorſchlag, der ſich hören läßt,“ rief Breitenſtein.„Zu Tiſch, Ihr Herren; wahrlich Georg, mit Dir habe ich nicht mehr geſpeist, ſeit dem Imbiß im Ulmer Rathhausſaal. Komm, wir wollen redlich nachholen, was wir verſäumten.“ Hans von Breitenſtein zog Georg zu ſich nieder, die Anderen folgten ſeinem Beiſpiel, die Knechte trugen auf, und der edle Wein machten den Ritter von Lich⸗ tenſtein und ſeinen Sohn vergeſſen, daß ſie in mißlichen Verhältniſſen im feindlichen Lager ſeien, daß ſie viel⸗ leicht einem ungewiſſen Geſchick, und wenn ſie die Re⸗ den Frondsbergs recht deuteten, einer langen Gefan⸗ genſchaft entgegen gehen. Gegen das Ende der Tafel wurde Frondsberg hinausgerufen; bald kam er zurück und ſprach mit ernſter Stimme:„So gerne ich noch länger Eure Geſellſchaft genoſſen hätte, liebe Freunde, ſo thut es jetzt Noth aufzubrechen. Der Wächter iſt da, dem ich Euch übergeben muß, und Ihr müßt Euch ſpu⸗ ten, wollet Ihr heute noch die Veſte erreichen.“ 102 „Iſt er ein Ritter, dieſer Wächter,“ fragte Lich⸗ tenſtein, indem ſich ſeine Stirne in finſtere Falten zog. „Ich hoffe, man wird auf unſeren Stand Rückſicht ge⸗ nommen haben, und uns ein anſtändiges Geleite geben?“ „Ein Ritter iſt er nicht,“ antwortete Frondsberg lächelnd,„doch iſt er ein anſtändiges Geleite; Ihr wer⸗ det Euch ſelbſt davon überzeugen.“ Er lüftete bei die⸗ ſen Worten den Vorhang des Zeltes und es erſchienen die holden Züge Mariens; mit dem Weinen der Freude ſtürzte ſie an die Bruſt ihres Gatten, und der alte Va⸗ ter ſtand ſtumm vor Überraſchung und Rührung, küßte ſein Kind auf die ſchöne Stirne und drückte die Hand des biedern Frondsberg. „Das iſt Euer Wächter,“ ſprach dieſer,„und der Lichtenſtein die Veſte, wo ſie Euch gefangen halten ſoll. Ich ſehe es ihren Augen an, ſie wird den jungen Herrn nicht zu ſtrenge halten, und der Alte wird ſich nicht über ſie beklagen koͤnnen; doch rathe ich Euch, Töchterchen, habet ein wachſames Auge auf die Gefangenen, laſſet ſie nicht wieder von der Burg, geſtattet nicht, daß ſie wieder Verbindungen mit gewiſſen Leuten anknüpfen; Ihr haftet mit Eurem Kopf dafür.“ „Aber, lieber Herr,“ entgegnete Marie, indem ſie den Geliebten inniger an ſich drückte und lächelnd zu dem ſtrengen Herrn aufblickte;„bedenket, er iſt ja mein Haupt, wie kann ich ihm etwas befehlen?“ „Eben deßwegen hütet Euch, daß Ihr dieſes Haupt nicht wieder verlieret; bindet ihn mit einem Liebeskno⸗ ten recht feſt, daß er Euch nicht entlaufe, er ändert nur gar zu leicht die Farbe; wir haben Beiſpiele.⸗ 03 4 „Ich trug nur eine Farbe, mein väterlicher Freund,“ entgegnete der junge Mann, indem er in die Augen ſeiner ſchönen Frau und auf die Feldbinde niederſah, die ſeine Bruſt umzog;„nur eine, und dieſer blieb ich treu.“ „Wohlan! ſo halte ferner nur zu ihr;“ ſagte Frondsberg, und reichte ihm die Hand zum Abſchied. „Lebe wohl! Die Pferde harren vor dem Zelt; brin⸗ get Eure Gefangenen ſicher auf die Veſte, ſchöne Frau, und gedenket huldreich des alten Frondsberg.“ Marie ſchied von dieſem Edlen mit Thränen in den Augen, auch die Männer nahmen bewegt ſeine Hand, denn ſie wußten wohl, daß ohne ſeine Hülfe ihr Ge⸗ ſchick ſich nicht ſo freundlich gewendet hätte. Noch lange ſah ihnen Georg von Frondsberg nach, bis ſie an der äußerſten Zeltgaſſe um die Ecke bogen.„Er iſt in gu⸗ ten Händen,“ ſagte er dann, indem er ſich zu Breiten⸗ ſtein wandte,„wahrlich, der Segen ſeines Vaters ruht auf ihm.„Ein gutes, ſchönes Weib und ein Erbe, wie wenige ſind im Schwabenland.“ „Ja, ja!“ erwiderte Hans von Breitenſtein,„ſei⸗ ner Klugheit und Vorſicht hat er es nicht zu danken; doch wer das Glück hat, führt die Braut heim; ich bin fünfzig alt geworden und gehe noch auf Freiersfüßen⸗ Ihr auch, Herr Dieterich von Kraft, nicht wahr?“ „Mit Nichten und im Gegentheil,“ ſagte dieſer, wie aus einem Traum erwachend;„wenn man ein ſolches Paar ſieht, weiß man, was man zu thun hat. In dieer Stunde noch ſetze ich mich in meine Sänfte, reiſe nach Ulm und führe meine Baſe heim; leht wohl Ihr Herrn.“ Als der ſchwäbiſche Bund Würtemt derg wieder er⸗ obert hatte, richtete er ſei degierung wieder ein und beherrſchte das Land wieder wie im Sommer 1519. Die Anhänger des vertriebenen Herzogs mußten Ur⸗ fehde ſchwören und wurden auf ihre Burgen verwieſen. Georg von Sturmfeder und ſeine Lieben, die dieſes Schickſal mit betraf, lebten zurückgezogen auf Lichten⸗ ſtein, und Marien und ihrem Gatten ging in ihrem ſtillen häuslichen Glück ein neues Leben äuf. Noch oft, wenn ſie am Fenſter des Schloſſes ſtan⸗ den und hinabſchauten auf Würtembergs ſchöne Flu⸗ ren, gedachten ſie des unglücklichen Fürſten, der einſt hier mit ihnen auf ſein Land hinabgeblickt hatte; und dann dachten ſie nach über die Verkettung ſeiner Schick⸗ ſale, und wie durch eine ſonderbare Fügung auch ihr eigenes Geſchick mit dem ſeinigen verbunden war; und wenn ſie ſich auch geſtanden, daß ihr Glück vielleicht nicht ſo frühe, nicht ſo ſchön aufgeblüht wäre ohne dieſe Verknüpfung, ſo wurde doch ihre Freude durch den Ge⸗ danken getrübt, daß der Stifter ihres Glücks noch im⸗ mer ferne von ſeinem Lande, im Elend der Verban⸗ nung lebe. Erſt viele Jahre nachher, gelang es dem Herzog, Würtemberg wieder zu erobern. Doch als er, geläutert durch Unglück, als ein weiſer Fürſt zurück⸗ kehrte, als er die alten Rechte ehrts und die Herzen ſei⸗ ner Bürger für ſich gewann, als er jene heiligen Leh⸗ ren, die er in fernem Lande gehört, die ſo oft ſein Troſt in einem langen Unglück geworden waren, ſei⸗ nem Volke predigen ließ, und einen geläuterten Glau⸗ ben mit den Grundgeſetzen ſeines Reiches verband, da rrie den Finger einer gütigen er ickſalen Ulerichs von Würtemberg, und ſie ſegneten eem Auge des Sterblichen die Zukunft verhüllt und auch hier wie immer durch Nacht zum Lichte führte. Der Name der Lichtenſtein im Würtemberger Land ging mit dem alten Ritter zu Grabe; doch erlebte er noch im hohen Alter die Freude, ſeine blühenden Enkel waffenfähig zu ſehen. So geht Geſchlecht um Geſchlecht über die Erde hin, das Neue verdrängt das Alte, und nach dem kurzen Zeitraum von fünfzig oder hundert Jahren ſind biedere Männer, treue Herzen vergeſſen; ihr Gedächtniß übertönt der ranſchende Strom der Zei⸗ ten, und nur wenige glänzende Namen tauchen auf aus den Fluten des Lethe, und ſpielen in ihrem ungewiſ⸗ ſen Schimmer auf den Wellen. Doch wohl dem, deſſen Thaten jene ſtille Größe in ſich tragen, die den Lohn in ſich ſelbſt findet, und ohne Dank bei der Mitwelt, ohne Anſprüche auf die Nachwelt entſteht, ins Leben tritt— verſchwindet. So iſt auch der Name des Spielmanns von Hardt verklungen, und nur leiſe Nachklänge von ſeinem Wirken wehen uns an, wenn die Hirten der Gegend die Ulerichshöhle zeigen und von dem Mann ſprechen; der ſeinen unglücklichen Herzog hier verbarg; ſo ſind ſelbſt jene romtantiſchen Züge aus Ulerichs Le⸗ ben zur Fabel geworden, der Geſchichtſchreiber ver⸗ ſchmäht ſie als unweſentliche Außendinge, und ſie er⸗ ſcheinen uns nur, wenn man auf den Höhen von Lich⸗ tenſtein von dem Herzog erzählt, der allnächtlich vor das Schloß kam, und wenn man uns auf der Brücke von Koͤngen die Stelle zeigt, wo jener Unetſchrockene den Sprung auf Leben und Tod in die Tiefe wagte. Und ſie erſcheinen uns da, dieſe Sagen, wie unge⸗ wiſſe Schatten, die eine große Geſtalt vom Berge in die Nebel des Thales wirft, und der kältere Beobachter lächelt, wenn man ihnen wirkliches Leben und jene Farben verleihen will, die ihr unſicheres Grau zu einem Bild des Lebens umwandeln. Auch Lichtenſteins alte Veſte iſt längſt zerfallen und auf den Grundmauern der Burg erhebt ſich ein freundliches Jägerhaus, faſt ſo luftig und leicht wie jene ſpaniſchen Schlöſſer, die man in unſern Tagen auf die Grundpfeiler des Alterthums erbaut. Noch immer breiten ſich Würtembergs Gefilde ſo reich und blühend wie damals vor dem entzückten Auge aus, als Marie an des Geliebten Seite hinab⸗ ſah, und der unglücklichſte ſeiner Herzoge den letzten Scheideblick von Lichtenſteins Fenſtern auf ſein Land warf. Noch prangen jene unterirdiſchen Gemächer, die den Geächteten aufnahmen, in ihrer alten Pracht und Herrlichkeit, und die murmelnden Waſſer, die ſich in eine geheimnißvolle Tiefe ſtürzen, ſcheinen längſt ver⸗ klungene Sagen noch einmal wieder erzählen zu wollen.. Es iſt eine ſchöne Sitte, daß die Bewohner dieſes Landes, auch aus entfernteren Gegenden, um die Zeit des Pfingſtfeſtes ſich aufmachett, um Lichtenſtein und die Höhle zu beſuchen. Viele hundert ſchöne Schwaben⸗ kinder und holde Frauen, begleitet von Jünglingen und Männern, ziehen herauf in dieſe Berge, ſie ſteigen nieder in den Schvos der Erde, der an ſeinen kryſtallenen Wänden den Schein der Lichter tauſendfach wiedergibt, ſie füllen die Höͤhle mit Geſang und lauſchen auf ihr Echo, welches die murmelnden Bäche der Tiefe melo⸗ diſch begleiten, ſie bewundern die Werke der Natur, die ſich auch ohne das milde Licht der Sonne, ohne das fröhliche Grün der Felder, ſo herrlich zeigt. Dann ſtei⸗ gen ſie herauf zum Lichte, und die Erde will ihnen noch ſchöner bedünken als zuvor; ihr Weg führt immer wei⸗ ter zu den Höhen von Lichtenſtein, und wenn dort die Männer im Kreiſe ſchöner Frauen, die Becher in der Hand auf die weiten Fluren hinabſchauen, wie ſie be⸗ ſtrahlt von einer milden Sonne im lieblichſten Schmelz der Farben ſich ausbreiten, dann preiſen ſie dieſe lichten Höhen, dann preiſen ſie ihr geſegnetes Vaterland. Dann kehrt, wie in den alten Tagen, Geſang und Ju⸗ bel und der fröhliche Klang der Pokale auf den Lichten⸗ ſtein zurück, und weckt das Echo ſeiner Felſen, und weckt mit ihm die Geiſter dieſer Burg, daß ſie die fröh⸗ lichen Gäſte umſchweben, und mit ihnen hinabſchauen auf das alte Würtemberg. Ob auch das holde Fräu⸗ lein von Lichtenſtein, ob Georg und der alte Ritter mit ihnen heraufſchwebt, ob jener treue Spielmann in den Tagen des Frühlings ſeinem Grab entſteigt und, wie er im Leben zu thun pflegte, hinaufzieht nach der Burg, das Feſt mit Geſang und Spiel zu ſchmücken? Wir wiſſen es nicht; doch wenn wir im Abendſcheine auf den Felſen gelagert, die Landſchaft überſchauten, wenn wir von den alten guten Zeiten und ihren Sagen ſprachen, wenn ſich die Sonne allmählig ſenkte, und nur das Schlößchen noch ſelig und freundlich in ſeiner Ein⸗ 3 4 9 8 ſamkeit, von den letzten Strahlen mit einem röthlichen Schein umgoſſen, auf ſeinem Felſen nuhte— da glaub⸗ ten wir im Wehen der Nachtluft, im Rauſchen der Bäume, im Säuſeln der Blätter bekannte Stimmen 2 zu vernehmen, es war uns, als flüſterten ſie uns ihre Grüße zu, als erzählten ſie uns alte Sagen von ihrem Leben und Treiben. Manches haben wir an ſolchen Abenden erfahren, manches Bild ſtieg in uns auf und ſchien ſich vor unſeren Blicken zu verwirklichen; und die es uns woben und malten, die uns ihre romantiſche Sagen zuflüſterten, wir glauben, es waren— die Geiſter von Lichtenſtein. 5 —— In demſelb Verlage d erſchienen und in allen Buchhandlunge haben: V Vollſtändiger Himmels⸗Atlas für Freunde und Kiebhaber der Sternkunde, nach den vorzüglichſten Hülfsmitteln und eigenen Beobach⸗ tungen gezeichnet von Karl Friedrich Vollrath Hoffmann. Geſtochen von W. Pobuda und J. Kees. 32 Blätter in groß Quer⸗Folio. 85 3 fl. 12 kr. oder 2 Rthlr. Der innern Gebirgswelt Schätze und Werkſtätten. Oder gemeinfaßliche Darſtellung der Berg⸗ . baukunde. + 8 Von 4 Carl Hartmann, herzoglich braunſchweigiſcher Bergkommiſſar. Mit vielen Abbildungen. Eleg. Ausſtatt. gr. 8. br. 4 fl. 45 kr. od. 1 Rhtlr. 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