4 4 —ᷓ eihbi deutſcher, engliſcher nund franzöſiſcher Literatur von. Eduard Ottmann in Gießen, pfangnahme und Rückgabe der 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. den angenommen. 3. Caution. Unbekannte eines Buches, eine dem Werth Bei Rückgabez eines geliehenen . Per) Buches wird von Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſonen müſſen, bei Entgegennahme e deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Burückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. beträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: Daſſelbe n 24 Bücher 1 Mk.— P „*— 7 5. Auswärtige Abonnenten der Bücher auf ihre eigenen K 6. Schadenersatz. Für beſch defecte Bücher(namentlich bei Ladenpreis erſetzt werden.— J lorene oder defecte Buch ein T. der Leſer zum Erſatz des Gang 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt beſonders darauf aufm erkſam der Bücher nicht ſtattfinden da ſelben von mir geliehen, auch ———— 5 huß voraus bezahlt werden und 4 Bücher: 6 Bücher: ——— f. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. haben für Hin⸗ und Zurückſendung oſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. hmutzte, zerriſſene, verlorene und ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der ſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ heil eines größeren Werkes, ſo iſt een verpflichtet. auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird gemacht, daß das Weiterverleihen f. indem Diejenigen, welche die⸗ bafür zu ſtehen haben. . 1 ¹ Wilhelm Hauſſ's 1 ſämmtliche Werke. Mit des Dichters Leben von Gnſtav Schwab. Neu durchgeſehen und ergänzt. Siebenzehntes Bändchen. ——.— —ꝛã— Vierte Geſammtausgabe. 8. Stuttgart: 1 GScheible, Rieger& Sattler. 1846. Lichtenſtein, romantiſche Sage. — Vierter Theil. 1. —— Wie Du nun ſo ganz So verlaſſen da ſtebſt und ſo ganz entblößt, Und wie nun ich, Dein einz'iger Lehensmann, Der Enz'ge bin, der Dich noch Herzog nennt, Und wie nun mir allein die Ehre bleibt, Dir Dienſt zu leiſten bis zum letzten Hauch. uhland. Auch Georg hatte erwartungsvoll hingeſehen. Er muſterte mit ſchnellem Blick die Eintretenden; in dem Einen erkannte er ſogteich den Pfeifer von Hardt, der Andere war— jener Krämer, den er in der Herberge von Pfullingen geſehen hatte. Der Letztere warf einen Pack, den er auf dem Rücken getragen, ab, riß das Pflaſter weg, womit er ein Auge bedeckt hatte, richtete ſich aus ſeiner gebückten Stellung auf, und ſtand nun als ein unterſetzter, ſtark gebauter Mann, mit offenen, kräftigen Zügen vor ihnen. „Marx Stumpf!“ rief der Geächtete mit dumpfer Stimme.„Wozu dieſe finſtere Stirne? Du bringſt uns gute Botſchaft, nicht wahr, ſie wollen uns das Pfört⸗ chen öffnen, ſie wollen mit uns aushalten bis auf den letzten Mann?* Marxr Stumpf von Schweinsberg warf einen be⸗ kümmerten Blici auf ihn.„Machet Euch auf Schlimmes 6 gefaßt, Herr!“ ſagte er.„Die Botſchaft iſt nicht gut, die ich bringe.“ 4„Wie,“ entgegnete Jener, indem die Röthe des Zornes über ſeine Wangen flog und die Ader auf ſeiner Stirne ſich zu heben begann.„Wie, Du ſagſt, ſie zau⸗ dern, ſie ſchwanken? Es iſt nicht möglich, ſieh' Dich wohl vor, daß Du nichts übereiltes ſagſt; es iſt der Adel des Landes, von dem Du ſprichſt.“ „Und dennoch ſage ich es,“ antwortete Schweins⸗ berg, indem er einen Schritt weiter vortrat;„im An⸗ geſichte vor Kaiſer und Reich will ich es ſagen, ſie ſind Verräther.“ „Du lügſt!“ ſchrie der Vertriebene mit ſchrecklicher Stimme.„Verräther, ſagſt Du? Du lügſt. Wie wagſt Du es, vierzig Ritter ihrer Ehre zu berauben? Ha! geſtehe, Du lügſt.“ „Wollte Gott, ich allein wäre ein Ritter ohne Ehre, ein Hund, der ſeinen Herrn verläßt. Aber alle Vierzig haben ihren Eid gebrochen, Ihr habt Euer Land verloren. Herr Herzog! Tübingen iſt über.“ Der Mann, dem dieſe Rede galt, ſank auf einen Stuhl am Fenſter; er bedeckte ſein Geſicht mit den Händen, feine Bruſt hob und ſenkte ſich, als ſuche ſie vergeblich nach Athem, und ſeine Arme zitterten. Die Blicke Aller hingen gerührt und ſchmerzlich an ihm, vor allen Georgs, denn wie ein Blitz hatte der Name des Herzogs das Dunkel erhellt, in welchem ihm bisher dieſer Mann erſchienen war. Er war es ſelbſt, es war Ulerich von Würtemberg! In einem ſchnellen Fluge zog es an ſeiner Seele vorüber, wie er 7 dieſen Gewaltigen zuerſt getroffen, wie er ihn tief in der Erde Schoos beſucht, welche Worte Jener zu ihm geſprochen, wie ſein ganzes Weſen ihn ſchon damals überraſcht und angezogen hatte; es war ihm unbe⸗ greiflich, daß er nicht längſt ſchon von ſelbſt auf dieſe Entdeckung gekommen war. Eine geraume Weile wagte Niemand das Schwei⸗ gen zu brechen. Man hörte nur die tiefen Athemzüge des Herzogs und das Winſeln ſeines treuen Hundes. der ſein Unglück zu kennen und zu theilen ſchien. End⸗ lich winkte Lichtenſtein dem Ritter von Schweinsberg, ſie traten zu Ulerich, ſie faßten ſein Gewand und ſchienen ihn erwecken zu wollen; er blieb unbeweglich und ſtumm. Marie hatte weinend in der Ferne geſtan⸗ den, ſie nahte ſich jetzt mit unſicheren, zagenden Schrit⸗ ten, ſie legte ihre ſchöne Hand auf ſeine Schulter, ſie blickte ihn bange an, ſie faßte ſich endlich ein Herz und flüſterte:„Herr Herzog! hie iſt noch gut Würtemberg, alle weg!l? Ein tiefer Seufzer löste ſich aus ſeiner gepreßten Bruſt, aber ſeine Hände drückten ſich feſter auf die Au⸗ gen, er ſah nicht auf. Jetzt nahte auch Georg. Un⸗ willkürlich kam ihm der heldenmüthige Ausdruck dieſes Mannes in die Seele, jene gebietende Erhabenheit, die er ihm, als er ihn zum erſtenmal geſehen, gezeigt hatte; jedes Wort, das er damals geſprochen, kehrte wieder, und der junge Mann wagte es, zu ihm zu ſprechen! „Warum ſo kleinmüthig, Mann ohne Namen: Si fracius illabatur orbis, impavitum ferient ruinae l Wie ein Zauber wirkten dieſe Worte auf Ulerich 8 von Würtemberg. Sei es dieſer ſein Wahlſpruch, ſei es jene Miſchung von Seelengröße, Trotz und wahrer Erhabenheit über das Unglück, was ihm bei ſeinen Zeitgenoſſen den Namen des„Unerſchrockenen“ er⸗ warb— er zeigte ſich von dieſem Augenblick an ſeines Namens würdig. „Das war das rechte Wort, mein junger Freund,“ ſprach er zur Verwünderung Aller mit feſter Stimme, indem er ſeine Hände ſinken ließ, ſein Haupt ſtolzer aufrichtete, und das alte kriegeriſche Feuer aus ſeinen Augen loderte;„das war das rechte Wort. Ich danke Dir, daß Du mir es zugerufen. Tretet vor, Marx Stumpf, Ritter von Schweinsberg, und berichtet mir über Eure Sendung. Doch reiche mir zuvor einen Becher, Marie!“ „Es war letzten Donnerſtag, daß ich Euch verließ,“ hob der Ritter an;„Hans ſteckte mich in dieſe Klei⸗ dung und zeigte mir, wie ich mich zu benehmen habe. In Pfullingen kehrte ich ein, um zu probtren, ob man mich nicht kenne, aber die Wirthin gab mir ſo gleich⸗ gültig einen Schoppen, als habe ſie den Ritter Stumpf in ihrem Leben nicht geſehen, und ein Rathsherr, den ich noch vor acht Tagen tüchtig ausgeſcholten hatte, trank mit mir, als hätte ich Zeitlebens den Kram auf dem Rücken getragen. Der junge Her dort war auch in der Schenke.“ Der Herzog ſchien ſich an dieſer Erzählung zu zer⸗ ſtreuen; munterer, als man bei ſo großem Unglück hätte denken ſollen, fragte er:„Nun Georg, Du haſt ihn geſehen; ſah er ſo recht aus, wie ein ſchäbiger, fil⸗ ziger Krämer? Wie?“ „Ich denke, er hat ſeine Rolle gut geſpielt,“ ant⸗ wortete der junge Mann lächelnd. „Von Pfullingen zog ich Abends noch fürbas bis nach Reutlingen. Dort war in der Weinſtube ein gan⸗ zer Trieb Bündiſcher: Augsburger, Nürnberger, Ulmer, alle mögliche Städtler, und jubelirten mit den Reut⸗ lingern, daß man die Hirſchgeweihe wieder von ihren Wappen genommen, die Ihr ihnen auggeſetzt habt. Sie ſchimpften und ſangen Sporttieder über Euch, die vbewieſen, wie ſehr ſie Euch noch immer fürchten. Am Charfreitag früh ging ich nach Tübingen, das Herz pochte mir, als ich das Burgholz herunter kam, und das ſchöne Neckarthal vor meinen Blicken lag, und die feſten Thürme und Zinnen von Tübingen vom Berg herüber ragten. Der Herzog preßte die Lippen zuſammen, wandte ſich ab und ſah hinaus ins Weite. Der von Schweins⸗ berg hielt inne, und blickte theilnehmend auf ſeinen Herrn doch jener winkte ihm, fortzufahren. „Ich ſtieg hinab ins Thal und wandelte weiter nach Tübingen. Die Stadt war ſchon ſeit vielen Tagen von den Bündiſchen beſetzt, und nur wenige Truppen ſtan⸗ den mehr im Lager, das ſie über dem Ammerthal auf dem Berge geſchlagen hatten. Ich beſchloß, mich in die Stadt zu ſchleichen, und hinzuhorchen, wie es mit dem Schloß ſtehe, ehe denn ich auf dem geheimen Wege zur Beſatzung ginge. Ihr kennet die Herberge in der obern Stadt. uicht weit von der St. Georgenkirche; dort trat ich ein und ſetzte mich zum Weine. Die Bündiſchen Ritter, ſo erfuhr ich unterwegs, kehrten oft dort ein, daher ſchien mir dies der beſte Platz zu meinem Zweck.“ „Ihr wagtet viel, unterbrach ihn Herr von Lich⸗ tenſtein;„wie leicht konnten Leute da ſein, die Euch abkaufen wollten, und da wäre der Krämer bald ent⸗ deckt geweſen!“ „Ihr vergeßt, daß es Feſttag war,“ entgegnete Jener;„ich hatte alſo guten Grund, mein Bündel nicht auszupacken und anzupreiſen nach Krämerſitte. Doch ſo leicht wäre ich wohl nicht entdeckt worden, habe ich doch an Georg von Frondsberg ein Büchslein mit Wundbalſam verkauft! Weiß Gott, ich hätte lieber mit ihm geſtritten, daß er es gleich hätte brau⸗ chen können.— Es war noch das Hochamt in der Kirche, daher war Niemand in der Herberge; vom Wirth aber erfuhr ich, daß die Ritter im Schloß einen Waffenſtillſtand bis Oſtermontag früh gemacht haben. Als die Kirche aus war, kamen richtig, wie ich mir gedacht hatte, viele Ritter und Herren in die Herberge zum Frühtrunk. Ich ſetzte mich in einen Winkel auf die Ofenbank, wie es armen Leuten geziemt in Gegen⸗ wart ſo großer Herren.“ „Wen ſahſt Du dort?“ fragte der Herzog. „Ich kannte Einige, Andere errieth ich aus dem Geſpräch, das ſie führten. Es war Frondsberg, Alban von Cloſen, die Huttiſchen, Sickingen und noch Viele; bald trat auch der Truchſes von Waldburg ein. Ich zog die Kappe tiefer ins Geſicht, als ich ihn ſah, denn er wird noch nicht vergeſſen haben, wie ich ihn vor fünfzehn Jahren im Lanzenſtechen zu Nürnberg von der Mähre warf.“ „Saht Ihr nicht auch den Hauptmann Hans u von Breitenſtein?“ unterbrach ihn Georg. „Breitenſtein? daß ich nicht wüßte; doch ja, ſo hieß wohl Jener, der den Hammelſchlegel auf einen Sitz verzehrte. Jetzt fingen ſie an, von der Belage⸗ rung zu reden und vom Waffenſtillſtand. Sie ſprachen hin und her, oft flüſterten ſie auch unter einander, doch ich habe gute Ohren und vernahm, was mir nicht lieb war. Der Truchſes nämlich erzählte, daß er einen Pfeil in die Burg habe ſchießen laſſen, mit einem Brieflein an Ludwig von Stadion. Es muß dies ſchon mehremal geſchehen ſein, denn die Ritter verwunderten ſich nicht, als er weiter fortfuhr und ſagte, wie er auf demſelben Weg eine Antwort erhalten habe.“ Des Herzogs Srtirne verfinſterte ſich.„Ludwig von Stadion!“ rief er ſchmerzlich.„Ich hätte Häuſer auf ihn gebaut! Er war mir ſo lieb, ich that ihm Alles, was ich ihm an den Augen anſehen konnte— er hat mich zuerſt verrathen?“ 2 „Im Brieflein ſtand, daß er, der Stadion, und noch zwölf Andere der Fehde müde, auch ſchon halb und halb Willens ſeien, ſich zu ergeben; Georg von Hewen aber habe ihnen abgerathen.“ »uUm den hab ich's nicht verdient,“ ſagte Ulerich; vich war ihm gram, weil er mich oft getadelt hat, wenn ich nicht nach ſeinem Sinne that. Wie man ſich irren kann in den Menſchen! Hätte man mich gefragt, wer mich verrathen würde und wer dagegen ſpreche, ich 12 3 hätte hier den Stadion, dort vielleicht Georg von Hewen genannt!“. „Im Brieflein ſtand auch noch weiter, daß Euer Durchlaucht vielleicht Entſatz bringen, oder, wenn dies nicht mäglich, auf geheimen Wegen in die Burg ſich begeben wollen. Die Bündiſchen ſprachen Mancherlei hierüber. Sie waren aber darin einig, daß man die Beſatzung zu einem Vergleich bringen müſſe, ehe Ihr heranrucktet oder gar ins Schloß kämet. Denn dann, meinten ſie, könnten ſie noch lange belagern müſſen. Wie ich nun dies Alles hörte, ſchien es mir nicht ge⸗ rathen, durch den gebeimen Weg geradezu in die Burg zu gehen und mich zu entdecken; denn wie leicht konnte Stadion ſchon die Oberhand gewonnen haben, und dann war ich verrathen. Ich beſchloß, den Tag noch zu warten; hörte ich bis Samstag früh nichts Schlim⸗ meres über die Beſatzung, ſo wollte ich ins Schloß dringen und Ew. Durchlaucht Schreiben übergeben. Ich ſtreifte im Lager und in der Stadt umher, und Niemand bielt mich an; auch ſuchte ich mich immer in der Nähe der Oberſten zu halten; ſo kam der Nach⸗ mittag.“ „Das war noch Freitags, an dem Feſt?“ fragte Lichtenſtein. „Am heiligen Freitag war's. Nachmittags um drei Uhr ritt Georg von Frondsberg mit etlichen andern Hauptleuten vor die Stadtpforte an dem Schloß und ſchrie hinauf, ob ſie im Schloſſe bauen? Ich ſtand nicht weit davon und ſah, wie Stadion auf den Wall kam und antwortete: Nein, denn es wäre wider den 13 Pact des Stillſtandes; aber ich ſehe, daß Ihr im Feld bauet. Georg von Frondsberg rief:„„So es geſche⸗ hen, iſt es ohne meinen Befehl geſcheben; wer biſt Du?““ Da antwortete der im Schloß:„„Ich bin Ludwig von Stadion.““ Drauf lächelte der Bündiſche und ſtrich ſich den Bart.„„Iſt's alſo, wie Du ſagſt,“à rief er,„„ſo will ich's wenden.““ ritt zu ein paar Schanzkörben und warf ſie um. Dann rief er dem Stadion zu, mit einigen Rittern herabzukommen und mit einander einen Trunk zu thun** „Und ſie kamen?“ rief der Herzog.„Die Ehrver⸗ geſſenen kamen?“ „Auf dem Schloßberg vor dem äußerſten Graben iſt ein Platz, dort ſieht man weit ins Land, hinab ins Neckarthal, hinauf die Steinlach, hinüber an die Alb und Zollern, und viele Burgen ſchmücken die Ausſicht. Dorthin ließen ſie einen Tiſch bringen und Bänke, und die Bundesoberſten ſetzten ſich zum Wein. Dann ging das Thor von Hohen⸗Tübingen auf, die Brücke fiel über den Graben und Ludwig von Stadion mit noch ſechs Andern kamen über die Brücke; ſie brachten Eure ſilbernen Deckelkrüge, ſie brachten Eure goldenen Be⸗ cher und Euren alten Wein, ſie grüßten die Feinde mit Gruß und Handſchlag und ſetzten ſich, beſprachen ſich mit ihnen beim kühlen Wein.“ „Der Teufel geſegne es ihnen Allen,“ unterbrach ihn der Ritter von Lichtenſtein, und ſchüttete ſeinen »„dDer Tüfell gſegen in ollen!“ ſind die Worte des Chro⸗ niſten Stumph rdt, die ibm u willkürlich ent chluünfen, indem er die Unterhandlung der Retter„beim kühlen Wein“ beſchreibt. 14 Becher aus. Der Herzog aber lächelte ſchmerzlich und gab Marx Stumpf einen Wink, fortzufahren. „So thaten ſie ſich gütlich bis in die Nacht und zechten, bis ſie rothe Köpfe bekamen und taumelten; ich ſtand nicht ferne und keine ihrer verrätheriſchen Reden entging mir. Als ſie aufbrachen, nahm der Truchſes den Stadion bei der Hand.„„Herr Bru⸗ der,““ ſagte er,„„in Eurem Keller iſt ein guter Wein; laſſet uns bald ein, daß wir ihn trinken.“* Jener aber lachte darüber, ſchüttelte ihm die Hand und ſagte:„Kommt Zeit, kommt Rath.““ Wie ich nun ſah, daß die Sachen alſo ſtehen, beſchloß ich mit Gott, mein Leben dran zu ſetzen und in die Burg zu den Verräthern zu gehen. Ich ging hinaus bis in die Grafenhalde, wo der kleinere unterirdiſche Gang be⸗ ginnt. Ungeſehen ſtieg ich hinab und drang bis in die Mitte. Dort hatten ſie das Fallgatter herabge⸗ laſſen und einen Knecht hingeſtellt. Er legte auf mich an, als er mich durch die Finſterniß kommen hörte, und fragte mich nach der Loſung. Ich ſprach, wie Ihr befohlen, das Loſungswort Eures tapfern Ahnherrn, Eberhards im Bart:„Atempto;“ der Kerl machte große Augen, zog aber das Gatter auf und ließ mich durch. Jetzt ging ich ſchnellen Schrittes weiter vor und kam heraus im Keller. Ich ſchöpfte einige Augen⸗ blicke Luft, denn der Athem war mir ſchier ausgeblie⸗ ben in dem engen Gang.“ „Armer Marr! geh, trink einen Becher, das Reden wird Dir ſchwer,“ ſagte Ulerich. Willig befolgte Jener — 15 das gütige Geheiß ſeines Fürſten und ſprach dann mit friſcher Stimme weiter: „Im Keller hörte ich viele Stimmen, und es war mir, als zanke man ſich. Ich ging den Stimmen nach und ſah eine ganze Schaar der Beſatzung vor dem großen Faß ſitzen und trinken. Es waren Einige von Stadions Partei und Hewen und mehre der Seinigen. Sie hatten Lampen aufgeſtellt und große Humpen vor ſich; es ſah ſchauerlich aus, faſt wie das Vehmgericht. Ich barg mich in ihrer Nähe hinter ein Faß und hörte, was ſie ſprachen. Georg von Hewen ſprach mit rüh⸗ renden Worten zu ihnen und ſtellte ihnen ihre Untreue vor: er ſagte, wie ſie ja gar nicht nöthig haben, ſich zu ergeben, wie ſie auf lange mit Vorräthen verſehen ſeien, wie Euer Durchlaucht ein Heer ſammeln wer⸗ den, Tübingen zu entſetzen, wie eher die Belagerer in Noth kommen als ſie.“ „Hal wackerer Hewen! und was gaben ſie zur Antwort?“ „Sie lachten und tranken.„„Da hat es gute Weile, bis der ein Heer ſammelt! Wo das Geld her⸗ nehmen und nicht ſtehlen?““ ſagte Einer. Hewen aber fuhr fort und ſagte:„„Wenn es auch nicht ſo bald möglich ſei, ſo müſſen ſie ſich doch halten bis auf den letzten Mann, wie ſie Euch zugeſchworen, ſonſt handeln ſie als Verräther an ihrem Herrn. Da lachten ſie wieder, und tranken und ſagten:„Wer will auftreten und uns Verräther nennen?““ Da rief ich hinter meinem Faß hervor:„„Ich, Ihr Buben, Ihr ſeid Verräther am Herzog und am Land!““ Alle 16 waren erſchrocken, der Stadion ließ ſeinen Becher fal⸗ len, ich aber trat hervor, nahm meine Kappe ab und den falſchen Bart, ſtellte mich hin und zog Euren Brief aus dem Wamms.„„Hier iſt ein Brief von Eurem Herzog,““ ſagte ich;„„er will, Ihr ſollet Euch nicht übergeben, ſondern zu ihm halten; er ſelbſt will kommen und mit Euch ſiegen oder in dieſen Mauern ſterben.““ 4 „O Tübingen!“ ſagte der Herzog mit Seufzen, „wie thöricht war ich, daß ich dich verließ! Zwei Finger meiner Linken gäbe ich um Dich; was ſage ich, zwei Finger? Die Rechte ließ ich mir abhauen, könnte ich dich damit erkaufen, und mit der Linken wollte ich dem Bund den Weg zeigen! Und gaben ſie nichts, gar nichts auf meine Worte?“ „Die Falſchen ſahen mich finſter an, ſchienen nicht recht zu wiſſen, was ſie thun ſollten. Hewen aber er⸗ mahnte ſie nochmals. Da ſagte Lurwig von Stadion, ich komme ſchon zu ſpät. Achtundzwanzig der Ritter⸗ ſchaft wollen ſich der Fehde mit dem Bunde begeben und den Herzog ſolche allein ausmachen laſſen. Komme er wieder mit Heeresmacht ins Land, ſo wollen ſie getreulich zu ihm ſtehen, aber aufs Ungewiſſe wollen ſie den Krieg nicht fortfübren, denn ihre Burgen und Güter werden ſo lange beſchädigt und gebrandſchatzt, bis ſie nicht mehr gegen den Bund dienen. Ich ver⸗ langte nun, ſie ſollten mich hinaufführen in den Ritter⸗ ſaal, ich wolle verſuchen, ob nicht Männer da ſeien, das Schloß zu halten, ich zählte auf, wen ich noch für treu halte, die Nippenburg, die Gültlingen, die Ow, 47 die beiden Berlichingen, die Weſterſtetten, die Elters⸗ hofen, Schilling, Reiſchach, Welwart, Kaltenthal— der von Hewen aber ſchüttelte den Kopf und ſagte, ich habe mich in Manchem geirrt.“ „Und Stammheim, Thierberg, Weſterſtetten, meine Getreuen, haſt Du ſie nicht geſehen?“ „O ja, ſie ſaßen im Keller beim Stadion und tranken Euren Wein. Hinauf wollten ſie mich aber nicht laſſen. Selbſt Hewen, ſelbſt Freiberg und Heideck, die mit ihm waren, riethen ab, ſie ſagten, die zwei Par⸗ teien ſeien ohnedies ſchon ſchwierig gegen einander, der Stadion habe die Mehrzahl für ſich und auch den größten Theil der Knechte. Wenn ich hinauf gehe, komme es im Schloßhof und im Ritterſaal zum Kampfe, und es bleibe ihnen, als den Geringeren, nichts übrig, als zu ſterben. So gerne ſie nun auch für Euch den letzten Blutstropfen aufwenden, ſo wollen ſie doch lieber in der Feldſchlacht gegen den Feind fallen, als von ihren Landsleuten und Waffenbrüdern todt ge⸗ ſchlagen werden. Da blieb mir nichts übrig, als ſie zu bitten, ſie möchten ſich des Prinzen Chriſtoph und Eu⸗ res zarten Töchterleins annehmen und ihnen das Schloß bei der Übergabe erhalten. Einige ſagten zu, Andere ſchwiegen und zuckten die Achſel, ich aber gab den Verräthern meinen Fluch als Chriſt und Ritter, ſagte Fünf von ihnen auf, und lud ſie zum Kampf auf Leben. und Tod, wenn der Krieg zu Ende ſei; dann wandte ich mich und ging auf demſelben Wege aus der Burg, wie ich gekommen war.“.. W. Hauffs Werke. XVII. 2 „Herr Gott im Himmel! hätte ich dies für möglich gehalten!“ rief Lichtenſtein. Zweiundvierzig Ritter, zweihundert Knechte, eine feſte Burg und ſie doch ver⸗ rathen! Unſer guter Name iſt beſchimpft; noch in ſpäten Zeiten wird man von unſerem Adel ſprechen, und wie ſie ihr Fürſtenhaus im Stich gelaſſen;„das Sprüchwort: „„treu und ehrlich wie ein Würtemberger““, iſt zum Hohn geworden!“ „Wohl konnte man einſt ſagen, treu wie ein Wür⸗ temberger,“ ſprach Herzog Ulerich, und eine Thräne fiel in ſeinen Bart.„Als mein Ahnherr Eberhard einſt hinabritt gen Worms, und mit den Churfürſten, Grafen und Herren zu Tiſche ſaß, da ſprachen und rühmten ſie viel vom Vorzug ihrer Länder. Der Eine rühmte ſeinen Wein, der Andere ſprach von ſeiner Frucht, der Dritte gar von ſeinem Wild, der Vierte grub Eiſen in ſeinen Bergen. Da kam es auch an Eberhard im Bart.„„Von Euren Schätzen weiß ich nichts aufzuweiſen,““ ſagte er,„„doch gehe ich Abends durch den dunkelſten Wald, und komm ich Nachts durch die Berge und bin müd, matt, ſo iſt ein treuer Würtemberger bald zur Hand, ich grüße ihn und leg mich in ſeinen Schooß und ſchlafe ruhig ein.““ Deß wunderten ſich Alle und ſtaunten und riefen:„„Graf Sberhard hat Recht,““ und ließen treue Würtemberger leben. Geht jetzt der Herzog durch den Wald, ſo kom⸗ men ſie und ſchlagen ihn todt, und leg ich meine Treuen in die Burgen, kaum wende ich den Rücken, ſo handeln ſie mit dem Feind. Die Treue ſoll der Kukuk holen; — doch fahre fort, gib mir den Kelch bis auf die Hefen, der Saaten, mit den dunkleren Farben der Wälder, 19 ich bin der Mann dazu, ohne Furcht den Grund zu ſehen.“ „Nun, daß ich's kurz ſage, ich hielt mich noch in Tübingen auf, bis ich Gewißheit bekäme, wegen der übergabe. Geſtern, am Oſtermontag, ſind ſie zuſammen gekommen; ſie haben die Pakten ſchriftlich aufgeſetzt und nachher durch den Herold auf den Straßen aus⸗ rufen laſſen; um fünf Uhr Abends haben ſie das Schloß übergeben. Ihr ſeid der Regierung förmlich entſetzt; Prinz Chriſtoph, Euer Söhnlein, behält Schloß und Amt Tübingen, doch zu des Bundes Dienſt und unter ſeiner Obervormundſchaft, und in das übrige, heißt es, werden ſich die Herren theilen. Ich habe viel Jammer erfahren in meinem Leben, ich habe einen Freund im Lanzenſtechen umgebracht, ein liebes Kind iſt mir ge⸗ ſtorben und mein Haus abgebrannt, aber ſo wahr mir Gott gnädig ſei und ſeine Heiligen, mein Schmerz war nie ſo groß als in jener Stunde, wo ich des Bundes Farben neben Euer Durchlaucht Panieren aufpflanzen, als ich ihr rothes Kreuz Würtembergs Geweihe und den Helm mit dem Jagdhorn bedecken ſah!“ So ſprach Marx Stumpf von Schweinsberg. Die Sonne war während ſeiner Erzählung völlig herauf⸗ gekommen, auch an den äußerſten Bergen war der Nebel gefallen, und was um die fernen Höhen von Aſperg zog, war ein Duft, der wie ein zarter Schleier vom Horizont herabhing und die Gegenden, über welche er ſich breitete, nur in noch reizenderem Lichte durchſchimmern ließ. Angethan mit dem ſanften Grün 20 geſchmückt mit freundlichen Dörfern, mit glänzenden Burgen und Städten, lag Würtemberg in ſeiner Mor⸗ genpracht. Sein unglücklicher Fürſt überſchaute es mit trüben Blicken. Die Natur hatte ihm einen feſten Muth und ein Herz gegeben, das Kummer und Elend nicht zu brechen vermochte; nicht zu jeder Stunde, nicht Je⸗ dem theilte er ſeine Empfindungen mit, und wenn ein großes Unglück über ihn kam, pflegte er zu ſchweigen und zu handeln. Auch in dieſen ſchrecklichen Momenten, wo mit der letzten, feſten Burg ſeine letzte Hoffnung gefallen war, verſchloß er einen großen Schmerz in einer tapfern Bruſt. Wer ſtand je an dem Sarg einer Mutter, und fühlte nicht, wenn er den letzten Blie auf die theuren, bleichen Züge, auf den verſtummten Mund warf, bittere Empfindungen in ſich aufſteigen? Es iſt die Reue, was in ſolchen Augenblicken den Menſchen übermannt. Man erinnert ſich, wie unendlich viel ſie für uns gethan, wie ſie uns als Kind ſo liebreich hegte, wie ihr kein Opfer zu ſchwer ward, das ſie dem Jüngling nicht gebracht hiätte. Und wie haben wir vergolten? Wir waren gleichgültig gegen ſo viele rührende Liebe, wir glaubten, es müſſe nun einmal ſo ſein, wir waren ſogar undank⸗ bar und murrten, wenn nicht alle unſere Wünſche ſchnell erfüllt wurden, wir verpraßten ihr Gut, und achteten nicht auf ihre ſtillen Thränen. Jetzt, wo dieſes liebevolle Auge uns nicht mehr ſieht, wo dieſes Ohr auf immer verſchloſſen iſt, das nur auf unſere Wünſche lauſchte, wo dieſe Hände un⸗ ſern letzten Druck nicht mehr fuͤhlen, dieſe Hände, die — 4 — 21 uns mühſam nährten: jetzt beſtürmen alle jene Gefühle von Reue, Dankbarkeit, Liebe unſere Bruſt, deren eines hingereicht hätte in den vorigen Tagen, ſie glück⸗ lich zu machen! Ein ähnliches Gefühl der Reue war es, was drü⸗ ckend auf der Bruſt Ulerichs von Würtemberg lag, als er auf ſein Land hinabſchaute, das auf ewig für ihn verloren ſchien. Seine edlere Natur, die er oft im Gewühle eines prächtigen Hofes, und betäubt von den Einflüſterungen falſcher Freunde verläugnet hatte, trauerte mit ihm, und es war nicht ſein Unglück allein, was ihn beſchäftigte, ſondern auch der Jammer des occupirten Landes. Als er ſich daher nach geraumer Zeit von dem An⸗ blick in die Ferne zu ſeinen Freunden wandte, ſtaunten ſie über den Ausdruck ſeiner Züge. Sie hatten erwar⸗ tet, Zorn und Grimm über den Verrath ſeiner Edlen auf ſeiner Stirne, in ſeinen Augen zu leſen, aber es war eine tiefe Rührung, ein ſtiller, großer Schmerz, was ſeinen Mienen einen Ausdruck von Milde gab, den ſie nie an ihm gekannt hatten. „Marx! Wie verfahren ſie gegen das Landvolk?“ fragte er. „Wie Räuber,“ antwortete dieſer;„ſie verwüſten ohne Noth die Weinberge, ſie hauen die Obſtbäume nieder und verbrennen ſie am Wachtfeuer, Sickingens Reiter traben durch das Saatfeld und treten nieder, was die Pferde nicht freſſen. Sie mißhandeln die Weiber und preſſen den Männern das Geld ab. Schon jetzt murrt das Volk aller Orten, und laſſet erſt den Sommer kommen und den Herbſt! Wenn aus den zerſtampften Fluren kein Korn aufgeht, wenn auf den verwüſteten Bergen keine Weinbeere wächst, wenn ſie erſt noch die un⸗ geheure Kriegsſteuer, die der Bundesrath umlegen wird, bezahlen müſſen— da wird das Elend erſt recht angehen.“ „Die Buben!“ rief der Herzog, und ein edler Zorn ſprühte aus ſeinen Augen,„ſie rühmten ſich mit großen Worten, ſie kämen, um Würtemberg von ſeinem Ty⸗ rannen zu befreien, es zu entheben aller Noth. Und ſie hauſen im Lande wie im Türkenkrieg. Aber ich ſchwöre es, ſo mir Gott eine fröhliche Urſtänd gebe, und ſeine Heiligen gnädig ſein wollen meiner Seele, wenn keine Saat aufgeht in den verwüſteten Thälern des Neckars und auf ſeinen Höhen keine Traube reift, ich will kom⸗ men und mähen und Harben ſchneiden— in ihren Gliedern, ich will kommen mit ſchrecklichen Winzern, will ſie treten und keltern und ihr Blut verzapfen. Ich will rächen, was ſie an mir und meinem Land gethan, ſo mir der Herr helfe.“ „Amen!“ ſprach der Ritter von Lichtenſtein. Aber ehe Ihr herein kommt, müßt Ihr auf gute Art hinaus ſein aus dem Land. Es iſt keine Zeit zu verlieren, wenn Ihr ungefährdet entkommen wollt.“ Der Herzog ſann eine Weile nach und antwortete dann:„Ihr habt Recht, ich will nach Mömpelgard. Von dort aus will ich ſehen, yb ich ſo viele Mannſchaft an mich ziehen kann, um einen Einfall in das Land zu wagen. Komm her, du getreuer Hund, du wirſt mir folgen ins Elend der Verbannung. Du weißt nicht, was es heißt, die Treue brechen und den Eid vergeſſen.“ S 4 7 23 „Hier ſteht noch Einer, der dies auch nicht kennt,“⸗ ſagte Schweinsberg und trat näher zu dem Herzog. „Ich will mit Euch ziehen nach Mömpelgard, wenn Ihr meine Begleitung nicht verſchmähet.“ Aus den Augen des alten Lichtenſtein blitzte ein kriegeriſches Feuer.„Nehmt mich mit Ench, Herr!* ſagte er.„Meine Knochen taugen freilich nicht mehr viel, aber meine Stimme iſt noch vernehmlich im Rath.* Marie ſah mit leuchtenden Blicken auf den Ge⸗ liebten. Über die Wangen Georgs von Sturmfeder zog ein glühendes Roth, ſein Auge leuchtete von Muth der Begeiſterung. „Herr Herzog!“ ſagte er.„Ich habe Euch meinen Beiſtand angetragen in jener Höhle, als ich nicht wußte, wer Ihr ſeiet, Ihr habt ihn nicht verſchmäht. Meine Stimme gilt nicht viel im Rath, aber könnet Ihr ein Herz brauchen, das recht treu für Euch ſchlägt, ein Auge, das für Euch wacht, wenn Ihr ſchlafet, und einen Arm, der die Feinde von Euch abwehrt, ſo nehmt mich auf und laſſet mich mit Euch ziehen!“ Alle jene Empfindungen, die ihn zu dem Manne ohne Namen gezogen hatten, loderten in dem Jüng⸗ ling auf, ſein Unglück und die erhabene Art, wie er es trug, vielleicht auch jener aufmunternde Blick der Ge⸗ liebten, erhöhten dieſe Flammen zur Begeiſterung und zogen ihn zu den Füßen des Herzogs ohne Land. Der alte Herr von Lichtenſtein blickte mit ſtolzer Freude auf ſeinen jungen Gaſt, gerührt ſah ihn der Herzog an und bot ihm ſeine Hand, hob ihn auf von den Knieen und küßte ihn auf die Stirne. 24 „Wo ſolche Herzen für uns ſchlagen,“ ſagte er, da haben wir noch feſte Burgen und Wälle, und ſind noch nicht arm zu nennen. Du biſt mir lieb und werth, Georg von Sturmfeder, Du wirſt mich begleiten, mit Freuden nehme ich Deine treuen Dienſte an. Marx Stumpf von Schweinsberg, Dich brauche ich zu wichti⸗ gerem Geſchäft, als meinen Leib zu decken. Ich werde Dir Aufträge geben nach Hohentwiel und der Schweiz. Eure Begleitung, guter Lichtenſtein, kann ich nicht an⸗ nehmen. Ich ehre Euch wie einen Vater, Ihr habt ge⸗ treu an mir gehandelt, Ihr habt mir allnächtlich Eure Burg geöffnet; ich will's vergelten. Wenn ich mit Got⸗ tes Hülfe wieder ins Land komme, ſoll Eure Stimme die erſte ſein in meinem Rath.“ Sein Auge fiel auf den Pfeifer von Hardt, der de⸗ müthig in der Ferne ſtand:„Komm her, Du getreuer Mann!“ rief er ihm zu und reichte ihm ſeine Rechte. „Du haſt Dich einſt ſchwer an uns verſchuldet, aber Du haſt treu abgebüßt, was Du gefehlt.“ „ Ein Leben iſt nicht ſo ſchnell vergolten,“ ſagte der Bauer, indem er düſter zum Boden blickte,„noch bin ich in Eurer Schuld, aber ich will ſie zahlen.“ „Gehe heim in Deine Hütte, ſo iſt mein Wille. Treibe Deine Geſchäfte wie zuvor, vielleicht kannſt Du uns treue Männer ſammeln, wenn wir wieder ins Land kommen. Und Ihr, Fräulein! Wie kann ich Eure Dienſte lohnen? Seit vielen Nächten habt Ihr den Schlaf geflohen, um mir die Thüre zu öffnen und mich zu ſichern vor Verrath! Erröthet nicht ſo, als hättet Ihr eine große Schuld zu geſtehen. Jetzt iſt es Zeit zu 2⁵ handeln.„Alter Herr,“ wandte er ſich zu Mariens Va⸗ ter:„Ich erſcheine als Brautwerber vor Euch, Ihr werdet den Eidam nicht verſchmähen, den ich Euch zu⸗ führe.“ „Wie ſoll ich Eure Rede verſtehen, gnädigſter Herr?“ ſagte der Ritter, indem er verwundert auf ſeine Tochter ſah. Der Herzog ergriff Georgs Hand und führte ihn zu Jenem.„Dieſer liebt Eure Tochter, und das Fräu⸗ lein iſt ihm nicht abhold; wie wäre es, alter Herr, wenn Ihr ein Pärlein aus ihnen machtet? Ziehet nicht die Stirne ſo finſter zuſammen, es iſt ein ebenbürtiger Herr, ein tapferer Kämpe, deſſen Arm ich ſelbſt ver⸗ ſuchte, und jetzt mein treuer Geſelle in der Notb.“ Marie ſchlug die Augen nieder, auf ihren Wangen wechſelte hohe Röthe mit Bläſſe; ſtezitterte vor dem Aus⸗ ſpruch des Vaters. Dieſer ſah ſehr ernſt auf den jungen Mann:„Georg,“ ſagte er,„ich habe Freude an Euch gehabt ſeit der erſten Stunde, daß ich Euch ſah. Sie moͤchte übrigens nicht ſo groß geweſen ſein, hätte ich gewußt, was Euch in mein Haus führte.“ Georg wollte ſich entſchuldigen, der Herzog aber fiel ihm in die Rede:„Ihr vergeſſet, daß ich es war, der ihn zu Euch ſchickte mit Brief und Siegel, er kam ja nicht von ſelbſt zu Euch; doch was beſinnt Ihr Euch ſo lange? Ich will ihn ausſtatten wie meinen Sohn, ich will ihn belohnen mit Gütern, daß Ihr ſtolz ſein ſollet auf einen ſolchen Schwiegerſohn.“ „Gebt Euch keine Mühe weiter, Herr Herzog,“ ſagte der junge Mann gereizt, als der Alte noch immer habe mir ein Weib erbettelt und ihrem Vater mich auf⸗ dringen wollen. Dazu iſt mein Name zu gut.“ Er wollte im Unmuth das Zimmer verlaſſen; der Ritter von Lichtenſtein aber faßte ſeine Hand:„Trotzkopf!“ rief er,„wer wird denn gleich ſo aufbrauſen? Da, nimm ſie, ſie ſei Dein, aber— denke nicht daran, ſie heimzuführen, ſo lange ein fremdes Banner auf den Thürmen von Stuttgart weht. Sei dem Herrn Herzog treu, hilf ihm wieder ins Land zu kommen, und wenn Du treulich aushältſt: am Tag, wo Ihr in Stuttgarts Thore einzieht, wo Würtemberg ſeine Fahnen wieder aaufgepflanzt und ſeine Farben von den Zinnen wehen, will ich Dir mein Töchterlein bringen, und Du ſollſt mir ein lieber Sohn ſein!“ 4 „Und an jenem Tag,“ ſprach der Herzog,„wird das Bräutchen noch viel ſchöner erröthen, wenn die Glocken tönen von dem Thurme und die Hochzeit in die Kirche ziehet! Dann werde ich zum Bräutigam treten und zum Lohn fordern, was mir gebührt. Da guter Junge, gib ihr den Brautkuß; es iſt zu vermuthen, daß es nicht der erſte iſt, herze ſie noch einmal, und dann gehörſt Du mein, bis an den fröhlichen Tag, wo wir in Stuttgart einziehen. Laſſet uns trinken, Ihr Herren, auf die Geſundheit des Brautpaars!“ Auf Mariens holden Zügen ſtieg ein Lächeln auf und kämpfte mit den Thränen, die noch immer aus den ſchönen Augen perlten. Sie goß die Becher voll und kredenzte den erſten dem Herzog mit ſo dankbaren Bli⸗ Ceen, mit ſo lieblicher Anmuth, daß er Georg glücklich unſchlüſſig ſchien.„Es ſoll nicht von mir heißen, ich 27 pries und ſich geſtehen mußte, manch Anderer moͤchte um ſolchen Preis ſelbſt ſein Leben wagen. Die Männer ergriffen ihre Becher und erwarteten, baß ihnen der Herzog einen guten Spruch dazu ſagen werde nach ſeiner Weiſe. Aber Ulerich von Würtem⸗ berg warf einen langen Abſchiedsblick auf das ſchöne Land, von dem er ſcheiden mußte; einen Augenblick wollte ſich eine Thräne in ſeinem Auge bilden, er wandte ſich kräftig ab.„Ich habe hinter mich geworfen,“ ſagte er,„was mir einſt theuer war, ich werde es wieder ſehen in beſſeren Tagen. Doch hier in dieſen Herzen beſitze ich noch Länder. Beklaget mich nicht, ſondern ſeid getroſten Muthes, wo der Herzog iſt und ſeine Treuen: Hie gut Würtemberg alle Wegel“ II. 2 In Schwaben, wo Dein Vater Herzog war, Wo ihn und Dich ein biederes Volk geliebt, Wo Mancher jetzt auf ſeiner Veſte bauſ't,. Der unter Deinem Banner einſt gekämpft, Dort muß von Dir noch ein Gevächtniß ſein, Dorthin ſet unſer irrer Pfad gelenkt, Des Schwarzwalds dichter Schatten nehm'’ uns auf. Uhland. Wcohl nie ſo ſchwül hat ein Sommer über Würtem⸗* berg gelegen, als der des Jahres 1819. Das ganze Land hatte dem Bunde gehuldigt und meinte, es werde jetzt Ruhe haben. Aber jetzt erſt zeigten die Bundesglieder deutlich, daß es nicht die Wiedereinnahme von Reut⸗ lingen geweſen ſei, was ſie zuſammen führte. Sie woll⸗ ten bezahlt ſein, ſie wollten Entſchädigung haben für ihre Mühe. Die Einen wollten, man ſolle Würtemberg unter ſie theilen, die Andern, man ſolle es an Öſter⸗ reich verkaufen, die Dritten wollten es Ulerichs Kindern erhalten, aber unter des Bundes Obervormundſchaft. ritten ſich um den Beſitz des Landes, auf das we⸗ r Eine noch der Andere gerechte Anſprüche machen Das Land ſelbſt war in Spaltung und Par⸗ 3. Es ſollte die Kriegskoſten decken, und doch war Niemand da, der zahlen wollte. Die Ritterſchaft hielt es für eine erwünſchte Gelegenheit, ſich ganz vom Lande 8 ———— 4 — H— 29 los zu ſagen, und ſich für unabhängig zu erklären. Die Bürger und Bauern waren ausgeſogen, ihre Felder waren verwüſtet und zertreten, ſie ſahen nirgends eine Ausſicht, ſich zu erholen. Die Geiſtlichkeit wollte auch nicht allein bezahlen, und ſo war Alles in Hader und Streit. Es ging auch Vielen tief zu Herzen, daß ihr angeborner Fürſt ſo ſchnöde behandelt worden war. Manchem kam jetzt, da der Herzog fern von dem Lande ſeiner Väter in Verbannung hauste, Reue und Sehn⸗ ſucht an. Sie verglichen ſein Regiment mit dem jetzigen. Es war nicht beſſer, wohl aber ſchlimmer geworden. Aber ſie lebten unter zu hartem Zwang, als daß ſie ihre Schmerzen hätten offenbaren können. Der Regenſchaft des Bundes entging dieſe Unzu⸗ friedenheit des Volkes nicht; ſie mußte, wie ſich in al⸗ ten Berichten findet,„manche ſeltſame und böſe Rede“ hören. Sie ſuchte durch geſchärfte Strenge ſich An⸗ hänglichkeit zu erwerben; ſie ſtreute Lügen über den Herzog aus.* Man gebot den Prieſtern, gegen ihn zu a Herzog Ulerich beklagt ſich wiederholt, namentlich in dieſem Zeitpunkt, daß ſeine Gegner ſo viele Lügen gegen ihn ansſtreuen. Er vertheidigt ſich darüber, beſonders in ſeinen Briefen an die ſchweizeriſche Eidgenoſſenſchaft. So ſtreuten ſeine Feinde im Jahre 1519 aus, er habe einen Edelknaben, Wülhelm von Janowiz, entzwei gehauen. Doch Janowiz lebte noch im Jahre 1562, und war Anno 1560 Commandant der Veſte Aſpe⸗g. Aber jene Lüge machte damals großes Aufſehen, daher kam es, daß ein Schweizer, dem man dieſen Mann zeigte und ſagte, was die Feinde des Herzogs von ihm ausge⸗ ſtreut haben, antwortete:„Er muß nochten ein guter Barbier gſyn ſy, der den Knaben ſo ſuber ge⸗ hailt'hat.“(Sattler II.§. 24.) 4 4 predigen; wer von ihm Gutes rede, ſoll gefangen wer⸗ den, wer ihn heimlich unterſtütze, ſoll der Augen be⸗ raubt, ſogar enthauptet werden. Aber Ulerich hatte noch treue Leute unter dem Land⸗ volk, die ihm auf geheimen Wegen Kunde brachten, wie es in Würtemberg ſtehe. Er ſaß in ſeiner Grafſchaft Mömpelgard und harrte dort mit den Männern, die ihm ins Unglück gefolgt waren, auf günſtige Gelegen⸗ heit, in ſein Land zu kommen. Er ſchrieb an viele Für⸗ ſten, er beſchwor ſie, ihm zu Hülfe zu kommen. Aber keiner nahm ſich ſeiner ſehr thätig an. Er ſchrieb an die zur neuen Kaiſerwahl verſammelten Kurfürſten, ſie hal⸗ fen nicht. Das einzige, was ſie thaten, war, dem neuen Kaiſer in ſeiner Kapitulation eine Clauſel an⸗ zuhängen, die Würtemberg und den Herzog betraf— er hat ſie nicht geachtet. Als ſich der Herzog von aller Welt alſo verlaſſen ſah, wankte er dennoch nicht, ſon⸗ dern ſetzte Alles daran, ſein Land mit eigener Macht wieder zu erobern. Es waren einige Umſtände, die für ihn ſehr günſtig ſchienen. Der Bund hatte nämlich, als er Kunde bekam, daß ſich Niemand des Vertriebe⸗ nen annehmen wolle, ſeine Völker entlaſſen. Die mei⸗ ſten Städte und Burgen behielten nur ſehr ſchwache Beſatzungen, und ſelbſt in Stuttgart waren nur wenige Fähnlein Knechte gelaſſen worden. Durch dieſe Maßregel aber hatte ſich der Bund ei⸗ nen Feind erworben, den man gering ſchätzte, der aber viel zur Änderung der Dinge beitrug— es waren dies die Landsknechte.“ Dieſe Menſchen, aus allen Enden e Landoknechte ſchreiben wir, nicht Lanzknechte, wie man —, —. 31 und Orten des Reiches zuſammen gelaufen, boten ge⸗ wöhnlich dem ihre Hülfe an, der ſie am beſten zahlte; für was und gegen wen ſie kämpften, war ihnen gleich⸗ gültig. Um ſie zu halten, mußte man ihnen Vieles nach⸗ ſehen, und Raub, Mord, Plünderung, Brandſchatzen führten ſie auf ihre eigene Fauſt aus, um ſich zu ent⸗ ſchädigen, wenn ſie den Sold nicht richtig bekamen. Georg von Frondsberg war der erſte geweſen, der ſie durch ſein Anſehen im Heere, durch tägliche Übungen und unerbittliche Strenge einigermaßen im Zaum hielt. Er hatte ſie in regelmäßige Rotten und Fähnlein ein⸗ getheilt, er hatte ihnen beſtimmte Hauptleute gegeben, er hatte ſte gelehrt, geordnet und in Reihen und in Gliedern zu fechten. Sie zeigten aber jetzt, daß ſie aus einer guten Schule kamen; denn als ſie vom Bund ent⸗ laſſen waren, liefen ſie nicht wie früher, zerſtreut durch das Land, um Dienſte zu ſuchen, ſondern rotteten ſich zuſammen, richteten zwölf Fähnlein auf, erwählten aus ihrer Mitte Hauptleute,“ und ſelbſt einen Ober⸗ ſten in der Perſon des langen Peters. Sie waren ſchwierig auf den Bund, nährten ſich von Raub und Brandſchatzen im Land, und führten Krieg auf eigene in neuerer Zeit gethan, und berufen uns auf die„Hiſtoria der Herren von Frondsberg“ ꝛc. * Sattler erzählt dies folgendermaßen: Der ſchwäbiſche Bund hatte einen großen Theil ſeiner Kriegsknechte abgedankt, dieſe wurden darüber ſchwierig, ſie rottirten ſich zuſammen, richteten zwölf Fähnlein auf, erwählten thre Hauptleute und machten unter ſich nach damaligem Gebrauch eine Regiments⸗ ordnung. Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß der Herzog dieſe Leute an ſich gezogen. Geſchichte der Herzoge von Würtemberg II.§. 16, 32 Rechnung. Die Auarchie war in Würtemberg ſo groß, daß ihnen Niemand die Spitze bot. Der Bund hatte ſich von Streitkräften entblöst, und war zu ſehr mit ſeinen eigenen Angelegenheiten beſchäftigt, als daß er das arme Land von dieſer Bande befreit hätte. Die Ritterſchaft war uneinig, ſie ſaßen auf den Schlöſſern und ſahen ruhig dieſem Treiben zu; die Beſatzung der Städte war zu gering, um ihnen mit Kraft Einhalt zu thun, und Bürger und Bauern ſahen ſogar dieſen Haufen gerne, wenn ſeine Forderungen nur nicht all⸗ zugroß waren, denn die Landsknechte ſchimpften weid⸗ lich auf den Bund, dem Niemand hold war. Ja es ging ſogar die Sage, dieſe Kriegsmänner ſeien nicht abgeneigt, dem Herzog wieder zu ſeinem Land zu ver⸗ helfen. Es war ein ſchöner Morgen in der Mitte Auguſts, als ſich dieſe Leute in einem Wieſenthale gelagert hat⸗ ten, das der Grenze von Baden zunächſt gelegen war. Die rieſigen, ſchwarzen Tannen und Föhren, die das Thal auf drei Seiten einſchloſſen, gehörten noch dem Schwarzwald an, und das Flüßchen, das durch das Thal eilte, war die Würm. Halb uberſchattet vom Wald, halb in den Weidenbüſchen des Thales verſteckt, lag das kleine Heer in wunderlichen Gruppen und pflegte der Ruhe. In der Entfernung von zweihundert Schrit⸗ ten ſah man Poſten aufgeſtellt, deren blitzende Lanzen oder rothglühende Lunten ſchon von Weitem Furcht einjagten. In der Mitte des Thales, im Schatten einer Eiche, ſaßen fünf Männer um einen ausgeſpann⸗ ten Mantel, den ſie als Tiſch gebrauchten, um ein Spiel —— 3 38 auf ihm zu ſpielen, das heute noch den Namen Lands⸗ knecht führt. Dieſe Männer zeichneten ſich vor ihren übrigen Genoſſen durch breite rothe Binden aus, die ſte über die Schulter und Bruſt herabhängen hatten, ſonſt aber hatte ihre Bekleidung auch das zerriſſene und morſche Ausſehen, wie das der übrigen Soldateska. Einige hatten Sturmhauben auf, Andere große Filz⸗ hüte, mit eiſernen Bändern beſchlagen, dazu Lederkoller, welche von Regen, Staub und Bivouaks alle möglichen Schattirungen erhalten hatten. Bei näherem Blick erkannte man übrigens noch zwei Dinge, durch welche ſie ſich von ihren Kameraden unter⸗ ſchieden. Sie führten nämlich keine Donnerbüchſen oder Spieße, wie ſie die Landsknechte gewöhnlich trugen, ſondern Raufdegen von ungemeiner Länge und Breite. Auch hatten ſie, wie es damals die Edellente und An⸗ führer trugen, auf ihren Hüten und Sturmhauben bunte, wallende Federbüſche aus Hahnenſchwänzen, um ſich ein ritterliches Anſehen zu geben. Die fünf Männer ſchienen große Geſchicklichkeit im Spiel zu beſitzen, vorzüglich aber Einer, der ſich mit dem Rücken an die Eiche lehnte. Es war dies ein langer, wohlbeleibter Mann. Er hatte einen Hut auf, deſſen Rand ſich wie ein bedeutender Muͤhlſtein um den Kopf zog. Der Hut war mit einer Goldtreſſe beſetzt, auf der Stirnſeite war er mit dem goldenen Bild des hei⸗ ligen Petrus geſchmückt, aus welchem zwei ungeheure rothe Hahnenfedern hervorragten. Dieſer Mann mußte weit in der Welt herumgekommen ſein, denn er konnte W. Hauffs Werke. XVII. 3 r auf Franzöſiſch, Italieniſch, Ungariſch fluchen, ſeinen Bart aber trug er ungariſch, er hatte ihn nämlich mit Pech ſo zuſammen gedreht, daß er wie zwei eiſerne Stacheln auf beiden Seiten der Naſe eine Spanne in die Luft hinausſtarrte. „Canto cäcramento!“ rief dieſer Mann mit einem dröhnenden Baß,„der kleine Wenzel iſt mein. Drauf! Ich ſtech ihn mit dem Eichel⸗König.“ „Mein iſt er, mit Verlaub,“ rief ſein Nebenmann, „und der König dazu. Da liegt die Eichel⸗Sau!“ „Mord de ma Vich, zagt der Franzoz, Hauptmann Löffler, Ihr wollt Eurem Oberſt dieſen Stich abjagen? Schämt Euch, ſchämt Euch; daz iſt ein Rebeller, der daz thut. Gott ſtraf' mein' Zeel', Ihr wollt mich vom Regiment abſetzen?“ Der große Mann funkelte zu die⸗ ſen Worten gräßlich mit den Augen, ſchob ſeinen gro⸗ ſen Hut auf das Ohr, daß ſeine überhängenden Augen⸗ brauen und eine mächtige rothe Narbe auf der Stirne ſichtbar wurden, die ihm ein ungemein kriegeriſches Anſehen gaben. „Beim Spiel, Herr Oberſt Peter, gilt keine Kriegs⸗ ordnung,“ antwortete der andere Spieler.„Ihr kön⸗ net uns Hauptleuten befehlen, ein Städtchen zu bloki⸗ ren und zu brandſchatzen, aber beim Spiel iſt jeder Landsknecht ſo gut wie wir.“ „Ihr zeid ein Meuter, ein Rebeller gegen die Ob⸗ rigkeit, Gott ſtraf mein Zeel'’, und wäre es nicht gegen meine Würde, ich wollt Euch in Kochſtücke mazakeriren; aber ſpielt weiter.“ „Da liegt ein Dauß 4—„drauf der Quater— —,— 3⁵ „den ſtech ich mit dem Zinken“—„Schellen⸗Wenzel, wer ſticht den?“ 4 „Ich,“ ſprach der Große,„da liegt der Schellen⸗ König, Mordblei, der Stich iſt mein.“ „Wie bringſt Du den Schellen⸗König rauf?“ rief ein kleines, dürres Männchen und ſpitzigem Geſicht und kleinen, giftigen Auglein und heiſerer Stimme.„Hab⸗ ich nicht geſehen, als Du ausgabſt, daß er unten liegt? Er hat betrogen, der lange Peter hat ſchändlich betrogen.“ „Muckerle, Hauptmann vom achten Fähnlein! Ich rath' Euch, haltet Euer Maul,““ ſagte der Oberſt. „Bassa manelka, ich verſteh keinen Spaß. Die Mauz zoll den Löwen nicht erzürnen.“ „Und ich ſag's noch einmal; wo hätteſt Du ſonſt den König her? Vor dem Pabſt und dem König von Frankreich will ich's beweiſen, Du falſcher Spieler!“ „Muckerle,“ erwiderte der Oberſt, und zog kalt⸗ blütig ſeinen Degen aus der Scheide,„bete noch ein Ave Maria und ein Gratias, denn ich ſchlage Dich todt, zo wie daz Spiel auz iſt.“ Die übrigen drei Männer wurden durch dieſe Strei⸗ tigkeiten aus ihrer Ruhe aufgeſchreckt. Sie erklärten ſich für den kleinen Hanptmann und gaben nicht un⸗ deutlich zu verſtehen, daß man dem Oberſten wohl der⸗ gleichen zutrauen könnte. Dieſer aber vermaß ſich hoch und theuer, er habe nicht betrogen.„Wenn der hei⸗ lige Petruz, mein gnädiger Herr Patron, den ich auf dem Hut trage, ſprechen könnte, der würde mir, zo wahr er ein chriſtlicher Landsknecht war, bezeugen, daß ich nicht betrogen.“ 34 „Er hat nicht betrogen,“ ſagte eine tiefe Stimme, die aus dem Baum zu kommen ſchien. Die Männer erſchraken und ſchlugen Kreuze wie vor einem böſen Spuk, ſelbſt der tapfere Oberſt erbleichte und ließ die Karte fallen, aber hinter dem Baum hervor trat ein Bauersmann, der mit einem Dolch bewaffnet war und eine Zither an einem ledernen Riemen auf der Schulter hängen hatte. Er ſah die Männer mit unerſchrockenen Blicken an und ſagte:„Es iſt, wie ich ſagte, dieſer Herr da hat nicht betrogen, er bekam ſchon beim Aus⸗ geben Schellen⸗ und Eichel⸗König, Fünfe und Vier von Laub und den Schippenunter in die Hand.“ „Ha! Du biſt ein wackerer Kerl,“ rief der Oberſt vergnügt,„zo wahr ich ein ehrlicher Landsknecht— will zagen Oberſt bin, ez iſt all wahr, waz Du gezagt haſt.* „Was iſt denn das?“ rief der kleine Hauptmann Muckerle mit giftigen Blicken.„Wie hat ſich der Bauer daher eingeſchlichen, ohne daß unſere Wachen ihn mel⸗ deten? Das iſt ein Spion, man muß ihn hängen!“ „Zei nicht wunderlich, Muckerle; daz iſt kein Spio⸗ ner, komm', zez' Dich zu mir, biſt ein Spielmann, daz⸗ Du die Cittara umhängſt, wie ein Spanier, wenn er zu zeinem Schätzerl geht?“ „Ja, Herr! ich bin ein armer Spielmann; Eure Wachen haben mich nicht angehalten, als ich aus dem Wald kam. Ich ſah Euch ſpielen, und wagte es, den Herren zuzuſehen.“ Die Hauptleute dieſes Freikorps waren nicht ge⸗ wohnt, ſo höflich mit ſich ſprechen zu hören, daher faß⸗ ten ſie Zuneigung zu dem Spielmann, und luden ihn 37 ſehr herablaſſend ein, ſich zu ihnen zu ſetzen, denn ſie hatten in fremden Kriegsdienſten gelernt, daß große Könige und Feldherren ſehr vertraulich mit den Mei⸗ ſtern des Geſanges umgehen. Der Oberſte that einen Trunk aus einer zinnernen Flaſche, bot ſie dem kleinen Hauptmann nnd ſprach mit heiterer Miene:„Muckerle, daz zoll mein Tod zein, waz ich getrunken, wenn ich nicht Alles vergeſſe; Hader und Zank haben ein Ende; wir wollen nicht weiter ſpielen, Ihr Herren! Ich liebe Gezang und Lauten⸗ ſpiel, wie wäre ez, wenn wir uns aufſpielen ließen?“ Die Männer willigten ein und warfen die Karten zuſammen; der Spielmann ſtimmte ſeine Zither und fragte, was er ſingen ſoll. „Sing' ein Lied vom Spiel!“ rief Einer.„Weil wir gerade dran ſind.“ Der Spielmann ſann ein wenig nach und hub an: Von dem Zinken, Quater und Aß Kommt Mancher in des Teufels Gaß, Von Quater, Zinken und von Dreien Muß Mancher Waffengo ſchreien, Von Aß, Seß und Dauß Hat Mancher gar ein ödes Haus, Von Quater, Drei und Zinken Mutz Mancher lauter Waſſer trinken, Von Zinken Drei und Quater Weinen oft Mutter, Kind und Vater, Von Zinken, Quater und Seß Muß Jungfrau, Metz und Agneß Oft gar lang unberathen bleiben, Will er die Läng' das Spiel betreiben.* * Dieſes Lied führt auch Leſſing in der Sammlung an, die den Namen trägt:„Altdeutſcher Witz und Verſtand.“ 1 38 Der Oberſt Peter und die Hauptleute lobten das Lied und reichten dem Spielmann zum Dank die Flaſche. „Gott geſegne es Euch,“ ſagte dieſer, indem er die Flaſche zurückgab.„Viel Glück zu Eurem Zuge; Ihr ſeid wohl Oberſten und Hauptleute des Bundes und ziehet wieder zu Feld; darf man fragen, gegen wen?“ Die Männer ſahen ſich an und lächelten, der Oberſte aber antwortete ihm:„Ganz Untecht habt Ihr nicht, Wir haben früher dem Bund gedient, jetzt aber dienen wir Niemand, alz unz zelbſt, und wer Leute braucht, wie wir zind.“ „Die Schweizer werden heuer ein gutes Jahr ha⸗ ben, man ſagt ja, der Herzog wolle wieder ins Land?“ „Aller Hund Krümmen komme auf die Schweizer,“ rief der Oberſt;„wie übel zind zie an ihm gefahren; der gute Herzog hat all' zeine Hoffnung auf zie geſetzt, und diavolo maledetto, wie haben zie ihn im Stich gelaſſen bet Blaubeuren!“ „Sie haben ihn ſchändlich verlaſſen,“ ſagte der Hauptmann Muckerle mit heiſerer Stimme;„aber doch ſo mans beim Licht beſieht, ſo geſchieht ihm wohl halb Recht, dann er ſollt ſie wohl kennt haben; es leit doch am Tag, daß ſie kein dichs Brittlein bohren. Der Tü⸗ fel hol' ſie All’!“ „Ja, der Herzog hat halt nichts Beſſeres haben können,“ entgegnete der Spielmann;„freilich, wenn er ſolche Herren gehabt hätte, wie Ihr und Eure tapfre Fähnlein, da wäre der Bund noch bei Ulm.“ „Du haſt da ein wahrez Wort geſprochen, guter Gezell; Landsknecht' hätt er haben ſollen, und keine — 39 Schwyzer. Und hält er zich jetzt wieder zu ihnen, z0 weiß ich, waz ich von ihm halte. Landsknecht hätt' er zollen haben, ich zag's noch einmal. Nicht wahr, Mag⸗ deburger?“ „Dat well ich man voch meenen,“ antwortete der Magdeburger.„Landsknechte oder Keener können den Heertog wieder eup den Stuhl zen. Die Schweiter kön⸗ nen man gar nichts als mit den Hellebarden in die Glie⸗ der ſtechen, dat iſt all ihre Kunſt. Aber Ihr ſolltet man ſehen, wie wir die Donnerbücheen laden, uf die Gabel legen un mit den Lun en d'raaf, dat dich dat Wetter. Dat Manäfer man uns Keener nich nach, Gott ſtraf⸗ mir, Keener. Sie brauchen eine halbe Stunde, um ihre Kugel loszuſchießen, und wir Landsknechte eine halbe Vertelſtunde.“ „Ja, alle Achtung vor den Herren Landsknechten,“ ſagte der Spielmann und lüftete ehrerbietig die Mütze; freilich Euch Herren ſollt' er haben. Aber der Bund wird Euch ſo gut belohnt haben, daß Ihr dem armen Herzog nicht zu Hülfe ziehen möget.“ „Gelohnt, ſocht er?“ rief der fünfte Hauptmann und lachte,„Jo, wenn er's Geld von Blech ſchlagen könnt, der ſchwäbiſch' Hund! Bei denen gilt's Sprüchwort: Dien' wohl und fordre keinen Sold, So werden Dir die Herren hold.“ „Ich ſoch', ſchlecht hot er uns bezohlt. Und wenn 8 ſeine Durchlaucht, der Herr Herzog, mi hoben will, ich ſteh'nem z'Dienſt wie Jedem.“ „ Staberl, Du haſt Recht,“ ſagte der Oberſt und wichste den ungariſchen Bart.„Mordblei, die Katz 4⁰ iſt gern, wo man ſie ſtrehlet. Wenn der Herr Ulerich gut zahlt, zo wird, Gott ſtraf' mein Zeel' unſere ganze Mannſchaft mit ihm ziehen.“ „Nun, das werdet ihr bald ſehen können,“ entgeg⸗ nete der Bauer, liſtig lächelnd,„habt Ihr noch keine Antwort vom Herzog auf Eure Botſchaft?“ Der Oberſt Peter ward feuerroth bis in die Stirne. „Mordelement! Wer biſt denn Du, Menſchenkind, daz Du mein Geheimnn, weißt? Wer hat Dir gezagt, daz ich zum Herzog ſchickte?“ „Zum Herzog hob’ er g'ſchickt, Peter? Wos hobt er denn für G'heimniß mitenonder, doß wir's nit wiſſen dörften? Soch' es nur gleich!“ „Nun, ich hab’ gedacht, ich müſſe wieder einmal für Euch Alle denken, wie immer, und hab' einen Mann zum Herzog geſchickt, ihm in unzerm Namen einen ſchö⸗ nen Geuz entboten und fragen laſſen, ob er unz brau⸗ chen könnt’? Dez Monats für den Mann einen halben Dickthaler, uns Oberſten und Hauptleut' aber ein Goldgülden und täglich vier Maz alten Wein.“ „Dat is keen bitterer Vorſchlach, der Teiwel! Eenen Goldgülden monatlich? Ich bin dabei und es wird Keener wat dagegen haben. Haſt Du Antwort von dem Heertog?“ „Bis jetzt noch keine; aber Bassa manelka! Wie kamſt Du zu meinem Geheimnuz, Bauer? Ich hau' Dir ein Ohr ab, Gott ſtraf' mein Zeel'’, zo thu ich, wie mein Patron, der heilige Petruz, war auch ein Landsknecht, dem Malchus, der war von den jüdiſchen Schwyzern, ein Hellebar ierer. Zag' ſchnell oder ichhau'!“ 41 „Langer Peter!“ rief der kleine Hauptmann Muk⸗ kerle mit ängſtlicher Stimme,„laß um Gott'swillen den gehen; der iſt feſt und kann hexen. Ich weiß noch wie heut, daß wir ihn in Ulm fangen ſollten und in Herrn von Krafts, des Rathsſchreibers, Stall kamen, wo er ſich aufhielt, denn er war ein Kundſchafter, ſo machte er ſich klein und immer kleiner, bis er ein Spatz wurde und über uns'naus flog.“ 4 „Was?“ ſchrie der tapfere Oberſt und rückte von dem Spielmann hinweg.„Der iſt's? Wo dann der Magiſtrat auzrufen ließ, man zolle alle Spatzen todt ſchießen, weil ſich ein würtembergiſcher Spioner in einen verwandelt habe?“ „Der iſt's,“ flüſterte Muckerle.„Es iſt der Pfei⸗ fer von Hardt, ich hab' ihn gleich erkannt.“ Der Oberſt und die Hauptleute hatten ſich von ihrem Erſtaunen noch nicht ganz erholt. Sie ſahen den Mann, von welchem der Ruf ſo wunderbare Dinge erzählte, halb ängſtlich, halb neugierig an. Er ſelbſt hatte ein zu wohlgeübtes Ohr, als daß er nicht verſtanden hätte, was dieſe Leute unter ſich flüſterten; aber er that, als bemerkte er ihr Staunen und Verſtummen nicht; er beſchäftigte ſich ruhig mit ſeiner Zither. Endlich faßte ſich der lange Peter, wohlbeſtallter Oberſt dieſes Hee⸗ res, ein Herz, zwirbelte den Bart einigemal, zog dann den ungeheuren Hut vom Kopf und ſprach:„Verzeihet doch, lieber Gezelle, werthgeſchätzter Pfeifer, daß wir zo ohne alle Umſtände mit Euch verfahren zind; konn⸗ ten wir denn wiſſen, wen wir da neben uns haben? Zeit vielmal gegrüßet, hab' ſchon oft, Gott ſtraf mein⸗ A* Zeel, gedacht, möchte nur einmal den fürtrefflichen Kerl zehen, den Pfeifer von Hardt, der in Ulm am hellen Tag als Spatz ausgeflogen. ¹ „Iſt ſchon gut,“ unterbrach ihn der Spielmann unmuthig;„laſſet die alten Geſchichten ruhen. Nun, von wegen des Herzogs kam mir die Nachricht zu, ich ſoll Euch Herren auf den heutigen Tag aufſuchen, und wenn Ihr noch geneigt wäret, mit ihm zu ziehen, ſo wolle er gerne zahlen, was Ihr ihm vorgeſchlagen.“ „Canto cacramento! daz iſt ein frommer Herr! ein Goldgülden des Monats und täglich vier Maaz Wein! Er zoll leben!“ „Und wann wird er kommen?“ fragte der Haupt⸗ mann Löffler.„Wo werden wir zu ihm ſtoßen?“ „Wenn kein Unglück geſchehen iſt, heute noch. Heute iſt er auf Heimsheim losgebrochen, die Beſatzung iſt ſchwach. Wenn er ſie überwältigt hat, rückt er heute noch weiter.“ „Schaut! reitet dort unten nicht ein Geharniſch⸗ ter? Sieht aus wie ein Ritter!“ Die Männer ſahen aufmerkſam nach dem Ende des Thales. Dort ſah man einen Helm und Harniſch in der Sonne blinken, auch ein Pferd wurde hie und da ſichtbar. Der Pfeifer von Hardt ſprang auf und klimmte auf die Eiche hinan. Von dieſem hohen Standpunkt konnte er das Thal beſſer überſehen. Noch war der Reiter zu fern, als daß er ſeine Züge hätte unterſcheiden können, aber er glaubte ſeine Feldbinde zu erkennen, er glaubte den Mann zu erkennen, den er in dieſer Stunde erwartete. „Was ſiehſt Du?“ riefen die Hauptleute.„Iſt es 4³ Einer, der zufällig durchs Thal reitet, oder glaubſt Du, er kommt vom Herzog?“ „Richtig, weiß und blau iſt die Schärpe,“ ſprach der Pfeifer.„Das iſt ſein langes Haar, ſo ſitzt er zu Pferd. Ei du Go djunge, willkommen in Würtemberg! Jetzt ſieht er Eure Wachen, jetzt reitet er auf ſie zu; ſchau, wie die Burſche ihre Lanzen vorſtrecken und die Beine ausſpreizen.“ „Ja, was Landsknechte ſind, die verſtehen den Kriegsbrauch. Darf Keiner vorbei, wo die Hauptleute liegen, ohne daß er Rede ſteht.“ „Halt! jetzt rufen ſie ihn an; er ſpricht mit ih⸗ nen, ſie deuten hieher; er kommt!“ Der Pfeifer von Hardt ſtieg mit freudeglühendem Geſicht vom Baum herab. 4 „Diavolo maledetto! bassam terendete! Zie werden ihn doch nicht allein reiten laſſen? Es wird doch Einer zein Roß am Zügel führen nach Kriegs⸗ brauch! Wie? Iſt es ein Ritter, der kommt?“ „Ein Edelmann, ſo gut wie Einer im Reich,“ ant⸗ wortete der Pfeifer,„und der Herzog iſt ihm ſehr ge⸗ wogen.“ Bei dieſer Nachricht ſtanden die Hauptleute auf, denn ob ſie ſich gleich nicht wenig einbildeten, Hauptleute zu heißen, ſo wußten ſie doch, daß ſie eigentlich nur Landsknechte und dem Ritter jedes Zei⸗ chen von Ehrerbietung ſchuldig ſeien. Der Oberſt aber ſetzte ſich gravitätiſch am Fuße der Eiche nieder, ſtrich den Bart, daß er hell glänzte, ſetzte den großen Hut mit der Hahnenfeder zurecht, ſtützte ſich auf ſeinen großen Hieber und erwartete ſo den Ritter. III. Der Herzog iſt gekommen, Er liegt nicht weit im Feld, Er hat's dem Feind genommen, Er bringt'nen Sack mit Geld. 4 G. Schwab. Dem Platze, wo die Hauptleute und der lange Pe⸗ ter, ihr Oberſt, verſammelt waren, nahte ſich jetzt ein geharniſchter Reiter, deſſen Pferd von zwei Landsknech⸗ ten geführt wurde. Der Ritter hatte das Viſter ſeines blanken Helmes herabgeſchlagen, die breiten Schultern und die kräftigen Lenden und Beine waren mit Platten und Schienen von Stahl verhüllt, aber die wallenden Federn ſeines Helmbuſches und die wohlbekannten Farben einer Schärpe, die über den Panzer herablief, die Haltung und das edle, kräftige Weſen des Nahen⸗ den hatten dem Pfeifer von Hardt längſt geſagt, wen er zu erwarten habe. Und er betrog ſich nicht, denn einer der Knechte trat jetzt vor den Oberſt und berich⸗ tete, daß der„Edle von Sturmfeder“ mit den An⸗ führern der geſammten Landsknechte etwas zu ſpre⸗ chen habe. Der lange Peter antwortete im Namen der Übri⸗ gen:„Zag' ihm, er iſt willkommen, Peter Hunzinger, 45 der Oberſt, Ztaberl vpn Wien, Eunrad der Magde⸗ burger, Balthaſar Löffler und der tapfere Muckerle, wohlbeſtallte Hauptleute, erwarten ihn zum Geſpräch. — Gott ſtraf' mein Zeel', er hat einen ſchönen Har⸗ niſch und einen Helm wie der König Franz, aber zein Gaul dürfte beſſer zein, Mordblei! er iſt an allen Vieren ſteif!“. „Dos iſt holt, ſog' ich, weil er den ganzen Som⸗ mer g'ſtonden iſt in Möompelgard bei'm Herzog.“ Die Männer belächelten den Witz des Wieners, doch hüteten ſie ſich, ihre Freude laut werden zu laſſen, denn der Ritter hielt nicht allzuferne. Noch immer machte er keine Miene, abzuſteigen und ſich ihnen zu nahen. Er ſprach mit dem Knecht, ſchlug dann das Viſir auf und zeigte ein ſchönes, freundliches Geſicht. „Steht dort nicht Hans der Spielmann?“ rief er mit lauter Stimme.„Erlaubet, daß er ein wenig zu mir trete.“ Der Oberſt nickte dem Pfeifer zu, er ging und der Junker ſchwang ſich vom Pferde.„Willkommen in Würtemberg, edler Herr!“ rief der Mann von Hardt, indem er den Handſchlag des Junkers treuherzig er⸗ widerte.„Bringet Ihr gute Botſchaft? Ich ſeh's Euch an den Augen an, es ſteht gut mit dem Herzog.“ „Komm’ tritt hier ein wenig auf die Seite,“ ſagte Georg von Sturmfeder mit freudiger Haſt.„Wie ſteht es auf Lichtenſtein? Denkt ſie an mich? Haſt Du einen Brief, ein paar Zeilen? O gib ſchnell! Was läßt ſie mir ſagen, guter Hans?“ Der Pfeifer lächelte ſchlau über die Ungeduld des 8 liebenden Jünglings.„Einen Brief hab' ich nicht, keine Zeile. Sie iſt geſund und der alte Herr auch; das iſt Alles, was ich weiß.“— „Wie!“ unterbrach ihn Georg.„Keinen Gruß? Keine Botſchaft? So hat ſie Dich gewiß nicht ziehen laſſen?“ „Als ich vorgeſtern Abſchied nahm, ſagte das Fräulein: ſag' ihm, er ſoll ſich ſputen, daß er einziehet in Stuttgart. Sie wurde gerade ſo roth wie Ihr jetzt, da ſie dies ſprach.“ Der junge Mann erröthete voll freudiger Gefühle, ſein Auge glänzte und ein freundliches Lächeln zeigte, daß er den Sinn dieſer Worte verſtanden habe. „Bald, bald werden wir einziehen, ſo Gott will,“ ſagte er.„Aber wie tebten ſie dieſen langen Sommer? Nur dreimal kam uns Botſchaft von ihnen zu! Warſt Du oft auf Lichtenſtein, Hans? War ſie traurig? Was ſprach ſie?“ „Lieber Herr,“ antwortete der Mann von Hardt, „geduldet Euch noch, auf dem Marſch will ich Euch ein Langes und Breites erzählen, für jetzt nur ſo viel: ſobald der Alte hört, daß Ihr auf Stuttgart ziehet, will er von Lichtenſtein aufbrechen und Euch die Braut zuführen. Denn er zweifelt nicht, daß Ihr die Stadt überwältiget. Habt Ihr Heimsheim?“ „Wir haben es. Ich jagte mit zwölf Reitern in die Thore, ehe ſie ſich's verſahen. Die Beſatzung war zwar etwas ſtärker als wir, aber muthlos und unzu⸗ frieden. Ich handelte mit ihnen in des Herzogs Na⸗ men, da glaubten ſie, er liege mit vielen Truppen 47 noch im Hinterhalt und ergaben ſich. So weit wären. wir nun in Würtemberg, aber wie iſt der Weg weiter hin? „Offen, bis ins Herz offen. Ich bringe Euch wich⸗ tige Nachricht vom Ritter von Lichtenſtein; daß die ge⸗ waltigen Herren aus dem Lande ſind, wiſſet Ihr— 4 „Sie halten einen Bundestag in Nördlingen,* iſt's nicht ſo? Freilich wiſſen wir's, denn auf dieſe Nachricht brach der Herzog aus Baden auf.“ „Nun, und wenn die Katzen fort ſind, tanzen die Mäuſe auf dem Tiſch? Die Beſatzungen ſind überall unbeſorgt, an den Herzog denkt kein Bündler mehr, ſie ſind nur aufmerkſam auf den Bundestag, welchen Herrn wir bekommen werden: den Oeſterreicher, den Bater, den Prinzen Chriſtophel, oder ob uns der Städtebund, Augsburg und Aalen, Nürnberg und Bopfingen, regieren werde.“ „Welche Augen ſie machen werden,“ rief Georg lächelnd,„wenn der Stuhl ſchon beſetzt iſt, um welchen ſie ſtreiten! Der Froſch hüpft wieder in ſein Pfuhl, Wenn er auch ſäß' auf einem gold'nen Stuhl! ſagt’s Sprüchwort. Sie werden ihre Büchſen auf die Schulter nehmen und ˙s Regieren ſein laſſen.“ „Und die Würtemberger? Wie denken ſie jetzt vom Herzog? Glaubſt Du, er werde viel Anhang finden? Werden ſie uns zu Hülfe ziehen?“ 1 Der Schwahen⸗ und Frankenbund dielt in dieſem Som⸗ mer einen Nundestag in Nördlingen. Auch die Herzogin Sabina und der Herzog von Batern fanden ſich dort ein, um haupt⸗ fächlich über Würtemberg zu entſcheiden. Sattler II.§. 15. „Was Bürger und Bauern ſind, ja. Von der Rit⸗ terſchaft weiß ichs nicht, und der alte Herr zuckte die Achſel, wenn ich ihn fragte, und murmelte ein paar Flüche. Ich fürchte, es ſteht hier nicht Alles, wie es ſoll. Aber Bürger und Bauern die ſind für den Herzog. Es ſind allerlei ſonderbare Zeichen geſchehen, die das Volk aufmuntern. So iſt neulich im Remsthal ein Stein vom Himmel gefallen, drauf war ein Hirſchge⸗ weih eingegraben und die Worte:„Hie gut Würtem⸗ berg allweg,“ und auf der andern Seite ſoll man auf lateiniſch geleſen haben:„Herzog Ulerich ſoll leben!“* „Vom Himmel gefallen, ſagſt Du?“ „So ſagt man. Die Bauern hatten große Freude dran, aber die bündiſchen Herren wurden zornig, nah⸗ men die Schulzen gefangen und wollten ihnen abpreſſen, woher der Stein des Anſtoßes komme. Und als man bei hoher Strafe verbot, vom Herzog zu ſprechen, da lachten die Männer und ſagten, jetzt träumen wir von ihm. Alles wünſcht ihn zurück, denn ſie wollen ſich lieber von ihrem anerkannten Herrn drücken, als von Fremden die Haut abziehen laſſen.“ „Gut; der Herzog und ſeine Reiter können in we⸗ nigen Stunden hier ſein. Sein Plan iſt, ſich gerade * Die Regentſchaft mußte zu jener Zeit viel ſeltſamer, leichtfertiger und böſer Reden hören. Der Keller in Göppingen berichtete einmal, man habe auf der Straße zwiſchen Grunbach und Heppach einen Kieſelſtein gefunden, auf deſſen einer Seite ein Herſchgeweih mit der Unterſchrift:„Hie gut Würtemberg allweg,“ auf der andern Seite ein Jagdhorn mit den Worten: „Vive Dux Ulrioe“ zu ſehen waren. Vergl. Pfaff's Geſchichte von Würtemverg I. 306. 4 3 durchs Land nach Stuttgart zu ſchlagen. Iſt die Hauptſtadt unſer, ſo fällt uns auch das Land zu. Und wie iſt es mit den Landsknechten dort? Wollen ſie mitziehen?“ „Faſt hätte ich die vergeſſen,“ ſagte Hans;„ſie werden ungeduldig werden, wenn wir ſie zu lange war⸗ ten laſſen. Gehet doch recht klug mit ihnen um, es ſind ſtolze Geſellen und laſſen ſich Hauptleute ſchelten. Aber haben wir die Fünfe gewonnen, ſo ſind zwölf Fähnlein des Herzogs. Beſonders mit dem Oberſt, dem langen Peter, müßt Ihr gar höflich ſein.“ „Welcher iſt der lange Peter? 4 „Der dicke Mann, der unter der Eiche ſitzt. Er hat einen ſteifen Schnauzbart und einen vornehmen Hut auf dem Kopf. Der iſt der Höchſte unter ihnen.“ „Ich will mit ihm reden, wie Du ſagſt,“ antwor⸗ tete der junge Mann und ging mit dem Pfeifer zu den Landsknechten. Die lange Unterredung der Beiden hatte ſie ſcon etwas unmuthig gemacht, und der kleine Muckerle ſchoß ſtechende Blicke auf den Geſandten des Herzogs. Als dieſer aber mit edlem Anſtand und freiem, ſiegen⸗ dem Blick unter ſie trat, wurden ſie ſchüchtern und ver⸗ legen, und als er ſie endlich mit höflichen, ſchmeichel⸗ haften Worten anredete, wurden ihre tapfern Herzen von der Anmuth Georgs von Sturmfeder für des Her⸗ zogs Sache gewonnen. 3 „Wohlerfahrener Oberſt,“ ſprach er,„tapfere Hauptleute der verſammelten Landsknechte, der Herzog von Würtemberg hat ſich den Grenzen ſeines Landes genaht, hat die Stadt Heimsheim erobert und iſt W. Hauffs Werke. XVII. 4 50 Willens, auf gleiche Weiſe ſein ganzes Herzogthum wieder an ſich zu bringen—“ „Gott ſtraf' mein Zeel, er hat Recht; thätz auch zo mochen— 3 „Er hat den tapfern Arm und die fürtreffliche Kriegskunſt der Landsknechte erprobt, als ſie noch gegen ihn ſtanden; er verſieht ſich zu ihnen, daß ſie ihm mit gleichem Muthe jetzt beiſtehen werden, und ver⸗ ſpricht ihnen mit ſeinem fürſtlichen Wort, die Bedin⸗ gungen zu halten, die ſie ihm angeboten haben.“ „Ein frommer Herr,“ murmelten ſie untereinander mit beifälligem Nicken,„ein Goldgülden des Monats und— Mordblei— täglich vier Maß Wein für die Hauptleut!“ Der Oberſt ſtand auf, entblößte ſein kahles Haupt zum Gruß und ſprach, von manchem Räuſpern der Verlegenheit unterbrochen:„Wir danken Euch, hoch⸗ edler Herr, wollen's thun, wollen mitziehen— wir wollen dem ſchwäbiſchen Bund heimgeben, was er unz gethan, zo wollen wir. Die allerbeſten und tapferſten, wie auch fürtrefflichſten Leute haben zie fortgeſchickt, als brauchten ſie keine Landsknechte mehr. Da ſteht zum Beiſpiel der Hauptmann Löffler. Wenn' einen tapferen Landsknecht gibt in der Chriſtenheit, zo laß ich mir die Haut vom Leib ſchälen, und laß mich braten wie eine Zau. Da ſteht der Staberl von Wien; zo Einen hat die Zonne noch nie beſchienen und der Mond.— Da iſt dann der Magdeburger, wie der ſicht Keiner in der Türkei— und der Muckerle da, man zollt ihm'z nicht anzehen; aber daz iſt der beſte Schütz mit der Donner⸗ —— büchs und trifft auf vierzig Gäng' ins Schwarze.— Von mir mag ich nicht reden, Eigenlob ſtinkt, aber Bassa manelka, in Spanien und Holland hab' ich ge⸗ dient und Canto cacramento in Italien und Deutſch⸗ land, Mordblei! in jedem Heere kennt man den langen Peter. Gott ſtraf' mein Zeel', wenn ich und die Andern hinter den ſchwäbiſchen Hund, wollt, zagen Bund, komme, diavolo maledetto! Da werden zie daz Haa⸗ zenpanier ergreifen und mit den Abſätzen hinter ſich hauen!“ Es war dies die längſte Rede, die der lange Peter in ſeinem Leben gehalten hatte, und noch in ſpäten Jahren, als er längſt bei Pavia den Ruhm der deut⸗ ſchen Landsknechte mit dem Tod beſiegelt hatte, führten ſeine Genoſſen, wenn ſie den jüngern Kameraden vom langen Peter erzählten, dieſen Moment als einen der erhabenſten ſeines Lebens auf. Wie er dageſtanden ſei, auf das lange Schwert geſtützt, den großen Hut mit der Hahnenfeder kühn auf das Ohr gerückt, die rechte Hand in die Seite geſtemmt und die Beine aus⸗ geſpreizt, da habe ihm nichts gefehlt als ein beſſeres Wamms und eine Gnadenkette, um ihn für einen echten Oberſt und wahrhaften Feldherrn zu halten. Die Hauptleute luden jetzt den Junker von Sturm⸗ feder ein, eine Muſterung über das neugeworbene Heer zu halten. Der dumpfe Schall der ungeheuern Trom⸗ meln tönte durchs Thal und weckte die Schläfer aus ihrer Ruhe. Noch ſchien Frondsbergs kriegeriſcher Geiſt und ſein ſtrenger Ordnungsſinn über ihnen zu ſchweben, denn in wenigen Augenblicken hatten ſie ſich zu drei „ großen Kreiſen gebildet, die je aus vier Fähnlein be⸗ ſtanden. Einem Auge, das an die ſchnelle, taktmäßige Bewegung, die ſchöne Haltung und die gleiche Farbe der Regimenter unſerer Zeit gewöhnt iſt, mochte wohl jener Anblick überraſchend, ja lächerlich erſchienen ſein. Die Landsknechte waren nach ihrem Geſchmack geklei⸗ det, doch hatte die Mode der Zeit im Schnitt ein wenig Gleichförmigkeit in ihren Anzug gebracht. Sie trugen gewöhnlich enge Wämmſer von Leder, oder auch Leder⸗ weſten mit Ärmeln von grobem Tuch. Die Lenden ſtacken in ungeheuer weiten Pluderhoſen, die am Knie zugebunden, durch ihre eigene Schwere noch etwas tiefer herunter hingen. Die vollen Waden umgaben grobe Strümpfe von hellen Farben, und die Füße waren mit groben Bundſchuhen von ungefärbtem Leder be⸗ kleidet. Ein Hut, eine Tuch⸗ oder Ledermütze, eine erbeutete oder für eigene Rechnung gekaufte Blech⸗ haube bedeckte den Kopf, und die bärtigen Geſichter dieſer Männer, die oft zwanzig Jahre unter allen Heeren und Himmelsſtrichen Europa's dienten, hatten einen kühnen, martialiſchen Ausdruck. Ihre Bewaffnung be⸗ ſtand in einem langen Dolch und einer Hellebarde; ein Theil war auch mit Donnerbüchſen bewaffnet, die man mit Lunten losbrannte. So ſtanden ſie mit ausgeſpreizten Beinen, Fuß an Fuß geſchloſſen, wie ein feſtes Bollwerk, und Georgs kriegeriſchen Sinn erfreute der Anblick dieſer kampf⸗ geübten Männer, die wohl zu wiſſen ſchienen, daß ſie vereinzelt nichts, aber in Maſſen verbunden auch einer zahlreichen Schaar von Feinden furchtbar ſeien. 5³ Die Hauptleute hatten den Kriegesbrauch und das Commandowort ihrer früheren Anführer wohl im Ge⸗ dächtniß behalten. Sie traten daher mit dem jungen Ritter in einen dieſer Kreiſe, und der tiefe, weittönende Baß des langen Peters befahl:„Gebt Acht, Ihr Leut! Kehrt Euch um!“. Schnell hatten ſich die Kreiſe nach innen gekehrt, und vernahmen nun die Reden ihrer Hauptleute, die ihnen jene Aufforderung des Herzogs von Würtemberg auseinanderſetzten. Ein freudiges Gemurmel zeigte, daß ſte mit dieſen Bedingungen zufrieden ſeien und Ule⸗ rich von Würtemberg ſo eifrig dienen wollten, als ſie vorher gegen ihn gedient hatten. Die Hauptleute ließen jetzt auch einige übungen machen, und Georg bewun⸗ derte die Geſchicklichkeit der Landsknechte und glaubte feſt, man werde es in der Kriegskunſt auf Erden ſchwer⸗ lich noch viel weiter bringen. Er täuſchte ſich! Doch ſein Irrthum iſt ſo verzeihlich, als jener unſerer Groß⸗ väter, welche die Heroen des großen Friedrich für un⸗ übertrefflich hielten und den gottloſen Spott ihrer En⸗ kel über Zopf⸗ und Kamaſchendienſt nicht ahneten. Und wird nicht eine Zeit kommen, wo man auch über die guten alten Zeiten von 1829 lächeln wird? Frei⸗ lich ſo ſchlanke Taillen wie heutzutage, ſah man bei den Landsknechten und ihren Hauptleuten Anno 1519 nicht; doch hätten jene martialiſchen Figuren einem ganzen heutigen Heere mit Normalbärten aushelfen können. 3 Etwa nach einer Stunde meldeten die Vorpoſten, daß man unten im Thale, von der Gegend von Heims⸗ 54 heim her, Waffen blinken ſehe, und wenn man das Ohr auf die Erde lege, ſeien die Tritte vieler Roſſe deutlich zu vernehmen.“ 5 „Das iſt der Herzog,“ rief Georg,„führt mein Pferd vor, ich will ihm entgegen reiten.”¹ Der junge Mann galoppirte durch das Thal hin, und die Hauptleute und ihre Geſellen blickten ihm nach und bewunderten die Kraft und Gewandtheit, mit wel⸗ cher er in der ſchweren Rüſtung aufs Pferd geſprungen war, lobten ſeinen Anſtand und ſeine Haltung, ſo lange ſie ihn noch ſehen konnten. Bald miſchte ſich ſein Helm⸗ buſch mit den Büſchen und Lanzenſpitzen, die man un⸗ ten im Thale bemerkte. Sie kamen näher, jetzt ſah man Helme blinken, jetzt wurden die Reiter bis um die Bruſt ſichtbar, jetzt erſchienen ſie auf einmal auf einer kleinen Anhöhe und man konnte die ganze Schaar über⸗ ſehen. Der Pfeifer von Hardt ſchaute mit blitzenden Augen in die Ferne. Seine Bruſt hob und ſenkte ſich, die Freude ſchien ihn des Athems zu berauben, ſprach⸗ los nahm er den Oberſten an der Hand und deutete auf die Reiterſchaar. 8 „Welcher iſt der Herzog?“ fragte dieſer.„Iſt z der auf dem Mohrenſchimmel?“ „Nein, das iſt der edle Herr von Hewen. Seht Ihr das Banner von Würtemberg? Wie, ſeh ich recht? Bei Gott, der Junker von Sturmfeder darf es tragen!“ „Daz iſt eine große Ehre! Mordblei, iſt erſt fünf⸗ undzwanzig und darf die Fahne tragen! In Frankreich darf das nur der Connetabel thun, der erſte Mann nach dem König Franz. Dort heißt man'z Ohrenflamme 5⁵ und iſt aus lauter Gold. Aber welcher iſt der Herzog Ulerich?“ „Seht Ihr den im grünen Mantel mit den ſchwarz und rothen Federn auf dem Helm? Er reitet neben dem Banner und ſpricht mit dem Junker, er reitet einen Rappen und zeigt gerade mit dem Finger auf uns— ſeht, das iſt der Herzog.“ Die Reiterſchaar mochte ungefähr vierzig Pferde betragen. Sie beſtand meiſt aus Edelleuten und ihren Dienern, die dem Herzog in ſeine Verbannung nachge⸗ zogen waren, oder von ſeinem Einfall benachrichtigt, an der Grenze ſeines Landes ſich an ihn angeſchloſſen hatten. Sie waren Alle wohlberitten und bewaffnet. Georg von Sturmfeder trug Würtembergs Panier, ne⸗ ben ihm ritt ganz geharniſcht der Herzog. Als dieſer Zug jetzt den Landsknechten etwa auf dreihundert Schritte nahe war, erhob der lange Peter ſeine Stimme und ſprach:„Gebt Acht, Ihr Leut'. Wann Zeine Durchlaucht nahe iſt, und ich meinen Hut vom Scheitel reiße, zo ſchreiet:„Vivat Ulericus!“ ſchwenket die Fähnlein in der Luft, und Ihr Trommler, raſſelt auf Euren Fellen, daß Euch das Donnerwetter! Schlagt den Wirbel, wie beim Sturm auf eine Feſtung; Bassa manelka! haut drauf und wenn der Schlegel bricht— zo begrüßen die tapfern Landsknecht einen Fürſten.“ Dieſe kurze Anrede that ihre vollkommene Wirkung. Die kriegeriſche Schaar murmelte das Lob des Herzogs⸗ ſie ſchüttelten ihre Hellebarden, ſtampften ihre Büchſen klirrend auf den Boden und die Trommler faßten ihre Schlegel krampfhaft in die Hand, und als jetzt Georg von Sturmfeder, der Bannerträger von Würtemberg, anſprengte und hinter ihm hoch zu Roß, erhaben wie in den Tagen ſeiner Herrſchaft, mit kühnen, gebieten⸗ den Blicken Herzog Ulerich von Würtemberg ſich zeigte, da entblößte der lange Peter ehrfurchtsvoll ſein Haupt, die Trommeln raſſelten wie zum Sturm einer Veſte, die Fähnlein neigten ſich zum Gruß, und die Lands⸗ knechte riefen ein tauſendſtimmiges Vivat Ulericus! Der Bauersmann von Hardt war ſtill in der Ferne geſtanden, hatte nicht auf dieſe kriegeriſchen Grüße ge⸗ hört, ſeine ganze Seele ſchien nur in ſeinem Auge zu liegen, das trunken an ſeinem Herrn hing. Der Her⸗ zog hielt den Rappen an, blickte um ſich, und es war tiefe Stille unter den vielen Menſchen. Da trat der Bauer vor, kniete nieder, hielt ihm den Bügel zum Abſteigen und ſprach:„Hie gut Würtemberg all⸗ weg!“. „Hal biſt Du es, Hans, mein Geſelle im Unglück, der mir den erſten Gruß von Würtemberg bringt? Meine Edeln habe ich hier erwartet, daß ſie mich be⸗ grüßen bei meinem erſten Schritt auf würtembergiſchem Grund, meinen Kanzlar und meine Räthe. Wo ſind die Hunde? Die Stände meiner Landſchaft, wo blie⸗ ben ſie, will man mich nicht wiederſehen in der Hei⸗ math? Iſt Keiner von Allen da, mir den Bügel zu halten, als der Bauer?“ Seine Begleiter drängten ſich ſtaunend um den Herzog her, als fie ihn alſo ſprechen hörten. Sie wuß⸗ ten nicht, war es Ernſt oder bitterer Scherz über ſein Unglück. Sein Mund ſchien zu lächeln, aber ſein Auge 57 blitzte muthig, und ſeine Stimme klang ernſt und be⸗ fehlend. Sie ſahen einander wegen dieſer düſtern Laune zweifelhaft an, aber der Pfeifer von Hardt erwiderte ſeinem Fürſten: 4 „Diesmal iſt's nur der Bauer, der Euch auf Wür⸗ tembergs Boden hilft, aber verachtet nicht ein treues Herz und eine feſte Hand. Die Andern werden ſchon auch kommen, wenn ſie hören, daß der Herr Herzog wieder im Lande ſei.“ „Meinſt Du,“ ſprach Ulerich bitter lachend, indem er ſich vom Pferde ſchwang,„ſie werden auch kommen? Bis jetzt haben wir wenig Kunde davon. Aber ich will anklopfen an ihren Thüren, daß ſie merken ſollen, es iſt der alte Herr, der in ſein Haus will!“ „ESind dies die Landsknechte, die mir dienen wol⸗ len?“ fuhr er fort, indem er aufmerkſam das kleine Heer betrachtete.„Sie ſind nicht übel bewaffnet und ſehen männlich aus. Wie viel ſind es? „Zwölf Fähnlein, Euer Durchlaucht,“ antwortete. der Oberſt Peter, der noch immer mit gezogenem Hut vor ihm ſtand und hie und da verlegen den ungariſchen Bart zwirbelte.„Lauter geübte Leut', Gott ſtraf' mein' Zeel’, thut mir leid, wenn ich geflucht hab', der Koͤnig in Frankreich hat ſie nicht beſſer.“ „Wer biſt denn Du?“ fragte ihn der Herzog, der die große, dicke Figur mit dem langen Hieber und dem rothen Geſicht verwundert anſchaute. „Ich bin eigentlich ein Landsknecht meines Zei⸗ chenz, man nennt mich den langen Peter, jetzt aber wohlbeſtallter Oberſt verzammelter—“ 58 „Was, Oberſt! Dieſe Narrheit muß aufhöͤren. Ihr mögt mir wohl ein tapferer Mann ſein, aber zum Hauptmann ſeid Ihr nicht gemacht. Ich ſelbſt will Euer Oberſt ſein und zu Hauptleuten werde ich einige meiner Ritter machen.“ „Bassa manelk— thut mir leid, wenn ich ge⸗ flucht hab', aber erlaubt, Herr Herzog, einem alten Kerl ein Wort, daz iſt gegen unſern Pact mit dem Goldgülden monatlich und den vier Maaz alten Wein tagtäglich. Da ſteht zum Beiſpiel der Staberl aus Wien, z'gibt keinen Tapferen unter dem Mond—“ „Schon gut, Alter, ſchon gut! Auf die Goldgül⸗ den und den Wein ſoll mir's nicht ankommen. Wer bisher Hauptmann war, ſoll es richtig bekommen. Nur den Befehl müßt Ihr abgeben. Habt Ihr Pulver und Kugeln?“ „Das will ich meenen!“ ſagte der Magdeburger. „Wir haben noch von Eurer Durchlaucht eigenem Pul⸗ ver und Blei, was wir in Tübingen mitgenommen. Wir haben Munition auf achtzig Schuß für den Mann.“ „Gut. Georg von Hewen und Philipp von Rech⸗ berg, Ihr theilt Euch in die Knechte, Jeder nimmt ſechs Fähnlein. Ihr da, die Ihr Euch Hauptleute nennet, könnet bei den einzelnen Fähnlein bleiben und den beiden Herren an die Hand gehen. Ludwig von Gemmingen, ſeid ſo gut und nehmet den Oberbefehl über das Fußvolk. Jetzt geraden Weges auf Leonberg. Freu' Dich, mein treuer Bannerträger,“ ſagte Ulerich, als er ſich auf's Pferd ſchwang;„ſo Gott will, ziehen wir morgen in Stuttgart ein.“ 8 59 Die Reiterſchaar, den Herzog an der Spitze, zog fürder. Der lange Peter ſtand noch immer unverrückt auf dem Platz, den Hut mit der ſtolzen Hahnenfeder in der Hand, und ſchaute den Reitern nach. „Daz iſt einmal ein Fürſt,“ ſprach er zu den Hauptleuten, die neben ihm ſtanden.„Waz der für eine gewaltige Stimme hat und wie er gräulich mit den Augen funkelt, daz ez einem angſt und bange wird⸗ Hu, ich meinte, er woll' mich mit Haut und Haar verſchlucken, alz er mich fragte:„Wer biſt denn Du?“ „Mir wor's g rod, wie wenn Einer ſiedend Waſſer über mein Leib ſchütten thät, In Wien iſt doch auch 'n Kaiſer, aber der thut nit ſo g'waltig, wie der do!“ „Alſo Hauptleut ſind wer g'weſen,“ ſprach der Haupt⸗ mann Muckerle,„die Herrlichkeit hat nit lang dauert.“ „Narr! Daz iſt mir recht. Würde bringt Bürde, zagt ein Sprüchwort, die Andern haben oft nicht recht gehorcht, wenn wir befohlen haben; Diavolo lhat doch erſt heute Einer mich ausgelacht. Hat Alles ein' beſſeren Schick, wenn'z die Herren anführen. Den Goldgülden und die vier Maz haben wir ja doch, und daz bleibt die Hauptſache.“ „Dat meen' ich voch! Und dat haben wer dem langen Peter zu verdanken. Er ſoll leben!“ „Dank ſchön; aber daz zag ich, der Herr wird dem Bund aufzünden, Mordbleil Wenn der erſt ein Schwert in die Hand nimmt, der jagt die Städtler allein auz dem Land! Und zeine Räthe und Kanzlar und die Landſchaft! Habt Ihr gehört, wie gräulich er über die geflucht hat? Ich möͤcht' in keinez Haut ſtecken.“ Das Wirbeln der Trommeln unterbrach das Ge⸗ ſpräch dieſer tapferen Krieger. Dieſe Töne erſchollen nicht mehr auf ihren Befehl, aber der lange Peter war in ſeinen vielen Feldzügen ſo ſehr an den Wechſel von Glück und Unglück, von Hoheit und Niedrigkeit gewöhnt worden, daß er über den Sturz ſeines Regiments nicht trauerte. Gelaſſen nahm er die Hahnenfeder von dem großen Hut, legte die rothe Schärpe und den langen Hieber, die Zeichen ſeiner Würde, ab und ergriff eine Hellebarde.„Gott ſtraf' mein' Zeel', ez iſt ſchwer für einen Kerl wie ich, zwölf Fähnlein zu regieren,“ ſagte er, als er ſich wieder als guter Landsknecht in die Rei⸗ hen ſeiner Kameraden ſtellte.„Aber bei Sanct Pe⸗ truz, dem trefflichen Landsknecht— er muß jetzt auch Oberſt zein in den himmliſchen Heerſchaaren, Kyrie eleizon!— der Menſch muß Allez probiren auf Er⸗ den.“ Die Landsknechte ſchüttelten ihm die Hand und beſtätigten es. Es that ſeinem tapferen Herzen wohl, zu hoͤren, er habe ſein Commando trefflich verwaltet. Die drei Ritter, ihre Anführer, ſaßen auf und ſtellten ſich zu ihren Fähnlein, die Landsknechte richteten ſich in gewohnter Ordnung zum Marſch, und Ludwig von Gemmingen ließ die Trommeln rühren zum Aufbruch. IV. Erſtiegen iſt der Wall, wir ſind im Lager! Jetzt werft die Hülle der verſchwiegenen Nacht Von Euch, die Euren ſtillen Zug verhehlte: Und macht dem Feinde Eure Schreckensnähe Durch lauten Schlachtruf kund. Schiller. OO— Es war in der Nacht vor Mariä Himmelfahrt, als Herzog Ulerich vor dem Rothenbühlthor in Stuttgart anlangte. Er hatte auf ſeinem Zuge ſchnell das Städt⸗ chen Leonberg erobert und war dann unaufhaltſam immer weiter gedrungen. Vieles Volk lief zu, denn wie ein Lauffeuer hatte ſich die Nachricht verbreitet, daß der Herzog wieder im Lande ſei. Jetzt erſt zeigte es ſich, wie wenig Freunde der Bund ſich erworben hatte; denn überall wurde die Freude laut, daß das gehäſſige Regiment des Bundes ein Ende habe, daß das angeſtammte Fürſtenhaus wieder in ſeine alten Rechte ſich einſetze. Auch nach Stuttgart war bald dieſe Nachricht vor⸗ gedrungen und hatte die verſchiedenſten Empfindungen dort erregt. Der Adel, der ſich in der Stadt befand, wußte nicht, was er ſich vom Herzog zu verſehen hatte. Die übergabe von Tübingen war noch in zu friſchem Gedächtniß, als daß er ganz unbeſorgt geweſen wäre. * 62 Aber die Erinnerung an den glänzenden Hof Ulerichs von Würtemberg, an die fröhlichen Tage, die ſie dort verlebt hatten, die Vergleichung dieſer Zeit mit dem freudenloſen Leben der Bundesräthe mochte ſie günſtig für den Herzog ſtimmen, wenn auch Mancher Urſache hatte, ſeine Wiederkehr nicht gerade herbeizuwünſchen. Die Bürgerſchaft konnte ihre Freude über dieſe Nach⸗ richten kaum verbergen; ſie verließen ihre Häuſer, tra⸗ ten haufenweiſe auf den Straßen zuſammen und be⸗ ſprachen ſich über die Dinge, die ihrer warteten. Sie ſchimpften leiſe, aber weidlich auf den Bund, ballten grimmig ihre Fäuſte in der Taſche und waren überaus patriotiſch geſinnt. Sie erinnerten ſich der erlauchten Ahnen des vertriebenen Fürſten, es war ſein Name Würtemberg, den auch ſie trugen; ſie zählten ſo manchen wackeren Herrn aus der Familie auf, unter welchem ſie und ihre Väter glücklich gelebt, der Würtembergs Namen berühmt gemacht hatte. Auch der Gedanke that ihnen wohl, daß von ihrer Entſcheidung für den einen oder den andern Theil ſo viel abhänge, weil man im ganzen Lande auf die Stuttgarter ſehe. Sie waren zwar weit entfernt, gegen die bündiſche Beſatzung auf ihre eigene Fauſt einen Aufruhr zu unternehmen, aber ſie ſprachen zu einander:„Gevatter, wart nur, bis es Nacht wird, da wollen wir den Reichsſtädtlern zeigen, wo ſie her ſind, wir Stuttgarter.“ Dem bündiſchen Statthalter, Chriſtoph von Schwar⸗ zenberg, entging dieſe Bewegung unter den Bürgern nicht. Zu ſpät ſah er ein, wie thöricht man gethan habe, das Heer zu entlaſſen. Er wandte ſich an die 63 Bundesſtände, die noch zu Nördlingen verſammelt waren, und begehrte Hülfe; aber er ſelbſt gab die Hoffnung auf, Stuttgart ſo lange halten zu können, bis ein neues Heer im Feld erſchienen ſei. Er traf zwar einige Anſtalten zur Gegenwehr, aber die Blitzes⸗ ſchnelle, mit welcher der Herzog erſchien, vereitelte alle ſeine Bemühungen. Als er ſah, daß er den Bür⸗ gern nicht trauen koͤnne, daß ihm der Adel nicht bei⸗ ſtehe, daß die Beſatzung nicht einmal zur Sicherung der Thore hinreiche, entwich er bei Nacht und Nebel mit den Bundesräthen nach Eßlingen. Ihre Flucht war ſo eilig und geheim, daß ſie ſogar ihre Familien zurückließen und Niemand in der Stadt ahnte, daß der Statthalter und die Räthe nicht mehr in den Mauern ſeien; daher waren die Anhänger des Bun⸗ des noch immer getroſten Muthes und glaubten nicht an die Gerüchte von der ſchnellen Annäherung des Herzogs. Der Marktplatz war damals noch das Herz der Stadt Stuttgart; zwar hatten ſich ſchon zwei große Vorſtädte, die Sanet Leonhards⸗ und die Turnieracker⸗ Vorſtadt, um ſie gelagert, welche mit Graben, Mauern und ſtarken Thoren verſehen, das Anſehen eigener Städte bekommen hatten. Aber noch ſtanden die Ring⸗ mauern und Thore der Altſtadt, und ihre Bürger ſahen nicht ohne Stolz herab auf die Vorſtädtler. Der Marktplatz war es, wo nach alter Sitte bei jeder be⸗ ſondern Gelegenheit die Bürger ſich verſammelten; auch an dem wichtigen Abend vor Mariä Himmelfahrt ſtrömten ſie dorthin zuſammen. Zur Zeit, wo der Bürger noch mit der Wehre an der Seite auftreten durfte, hatte ſein öffentlich geſprochenes Wort auch mehr zu bedeuten, als in ſpätern Tagen, wo Dinte, Feder und Papier die Oberhand gewannen. Und wahr⸗ lich, die Bürger von Stuttgart waren bei Nacht, und in Maſſen verſammelt, ganz andere Leute als Mor⸗ gens. Mancher, der, hätte man ihn Vormittags um ſeine Meinung wegen des Herzogs gefragt, antwor⸗ tete:„Was geht es mich an, bin ein friedlicher Bür⸗ gersmann,“ erhob jetzt ſeine Stimme und ſchrie:„Wir wollen dem Herzog die Thore öffnen, fort mit den Bündiſchen! Wer iſt ein guter Würtemberger?“ Der Mond ſchien hell auf die verſammelte Menge herab, die unruhig hin und herwogte. Ein verworre⸗ nes Gemurmel drang von ihr in die Lüfte. Noch ſchie⸗ nen ſie unſchlüſſig, vielleicht weil Keiner kühn genug war, ſich an die Spitze zu ſtellen. Aus den hohen Gie⸗ belhäuſern, die den Platz einſchloſſen, ſchauten viele hundert Köpfe auf den Markt hernieder. Es waren die Weiber und Töchter der Verſammelten, die ängſt⸗ lich und geſpannt auf das Gemurmel lauſchten; denn die Stuttgarter Mädchen waren damals ein neugieriges Völkchen und hielten es im Herzen aus Mitleiden mit dem Herzog. Schon wurde das Murmeln der Menge immer lauter und verſtändlicher; der Ruf:„Wir wollen die Knechte vom Thor wegjagen und die Stadt dem Her⸗ zog aufthun,“ immer deutlicher, da ſah man einen langen hageren Mann auf eine Bank am Brunnen ſpringen, wo er die ganze Menge überragte. Er focht 65 mit ungeheuer langen Armen in der Luft umher, that einen weiten Mund auf und ſchrie mit heiſerer Stimme um Gehör. Es wurde nach und nach ſtiller auf dem Platz, man vernahm einzelne Worte aus ſeiner Rede: „Was? Die ehrſamen Bürger von Stuttgart wollen ihren Eid brechen— habt Ihr nicht dem Bunde ge⸗ ſchworen: Wem wollet Ihr die Thore öffnen? Dem Herzog? Er kommt mit ganz geringer Mannſchaft, denn er hat ja kein Geld, um Leute zu bezahlen, und da müſſet dann Ihr wieder den Beutel aufthun und blechen! Da wird's heißen, Stuttgart zahlt zehntau⸗ ſend Gulden, weil es von uns abgefallen iſt. Hört Ihr? Zehntauſend Gulden ſollt Ihr zahlen!“ „Wer iſt denn der lange Kerl?⸗ fragten ſich die Männer.—„Er hat nicht Unrecht— werden tüchtig zahlen müſſen.— Iſt er ein Bürger, der da oben? Wer ſeid Ihr,“ rief einer der Kühnſten.„Woher wollt Ihr wiſſen, was wir zahlen müſſen?“ „Ich bin der berühmte Doktor Calmus,“ ſprach der Redner mit feierlicher Stimme,„und weiß das ganz genau. Und wen wollt Ihr vertreiben? Den Kaiſer, das Reich, den Bund? So viele reiche Herren wollt Ihr vor den Kopf ſtoßen? Und warum? We⸗ gen dem Utz, der Euch das Fell über die Ohren zieht; denkt nur an das geringere Gewicht, an die harten Jagdfrevel. Jetzt hat er gar kein Geld mehr; er iſt ein Lump, hat Alles verſpielt in Mömpel⸗ gard— ⸗* 3 „Halt Er ſein Maul!“ ſchrien die Bürger.„Was geht das Ihn an? Er iſt kein hieſiger Burger; fort W. Hauffs Werke, XVII. 5 ſͤſͤſͤſͤſͤſͤſͤſͤſͤſͤſͤͤſſͤ 66 mit dem Kahlmäuſer— ſchlagt ihn todt— werft ihn als Fiſch in den Brunnen— der Herzog ſoll leben!“ Doktor Calmus erhob noch einmal ſeine Stimme, aber die Bürger überſchrien ihn. In dieſem Augenblick kam ein neuer Trupp Bürger aus der obern Stadt herabgerannt.„Der Herzog iſt vor dem Rothenbühlthor,“ riefen ſie,„mit Reitern und Fußvolk. Wo iſt der Statthalter? Wo ſind die Bundesräthe? Er will in die Stadt ſchießen, wenn man nicht aufmacht!— Fort mit den Bündiſchen!— Wer iſt gut Würtembergiſch?“ Der Tumult wuchs von Sekunde zu Sekunde. Die Bürger ſchienen noch unſchlüſſig, da beſtieg ein neuer Redner die Bank; es war ein feiner Herr, der durch ſein ſchmuckes Aeußere einen Augenblick den Bürgern imponirte:„Bedenket, Ihr Männer,“ rief er mit fei⸗ ner Stimme,„was wird der durchlauchte Bundesrath dazu ſagen, wenn Ihr—“ „Was ſcheeren wir uns um den Durchlauchtigen!“ überſchrie man ihn.„Fort! Reißt ihn herab mit dem roſenfarbenen Mäntelein und dem glatten Haar, das iſt ein Ulmer! Fort mit ihm— auf ſhn⸗ er iſt von Ulm!“ Aber ehe ſie noch dieſen Eutſchluß augführten, trat ein kräftiger Mann hinauf, warf mit einem Schlag den Doktor rechts und den Ulmer mit dem roſenfarbe⸗ nen Mäntelein links von der Bank, und winkte mit der Mütze in die Luft.„Still! Das iſt der Hart⸗ mann,“ flüſterten die Bürger,„der Perſeht, hört, was er ſpricht!“ die Lippen zuſammen und knirſchte mit den Zähnen. 67 „Höret mich!“ ſprach dieſer.„Der Statthalter und die Bundesräthe ſind nirgends zu finden, ſie ſind entflohen und haben uns im Stich gelaſſen, drum grei⸗ fet die Beiden da, wir wollen ſie als Geißeln behalten. Und jetzt hinauf ans Nothebühlthor. Dort ſteht unſer rechter Herzog,'s iſt beſſer, wir machen ſelbſt auf, als daß er mit Gewalt eindringt. Wer ein guter Würtem⸗ berger iſt, folgt mir nach.“ Er ſtieg herab von der Bank und jubelnd umgab ihn die Menge. Die beiden Fürſprecher des Bundes wurden, ehe ſie ſich deſſen verſahen, gebunden und fortgeführt. Jetzt ergoß ſich der Strom der Bürger vom Marktplatz zum obern Thor, hinaus über den breiten Graben der alten Stadt in die Turnieracker⸗ Vorſtadt, am Bollwerk vorbei zum Rothenbühlthor. Die bündiſchen Knechte, die das Thor beſetzt hielten, wurden ſchnell übermannt, das Thor ging auf, die Zugbrücke fiel herab und legte ſich über den Stadt⸗ graben. Dort hatten indeſſen die Anführer des Fußvolkes ihre beſten Truppen aufgeſtellt, denn man wußte nicht genau, wie die Bündiſchen ſich bei Annäherung des Herzogs benehmen werden. Ulerich ſelbſt hatte die Poſten beritten. Vergeblich ſuchte Georg von Sturm⸗ feder ihn zu überzeugen, daß die Beſatzung von Stutt⸗ gart ſo ſchwach ſei, daß ſie ihnen nicht die Spitze bie⸗ ten könne; vergeblich ſtellte er ihm vor, daß die Bürger ihn zurückſehnen und willig ihre Thore öffnen werden. Der Herzog ſchaute finſter in die Nacht hinaus, preßte „Das verſtehſt Du nicht,“ murmelte er dem Jüng⸗ ling zu.„Du kennſt die Menſchen nicht; ſie ſind Alle falſch; traue Niemand als Dir ſelbſt. Sie drehen den Mantel nach jedem Wind!— Aber diesmal will ich ſie faſſen. Meinſt Du, ich habe mein Land umſonſt mit dem Rücken angeſehen?“ Georg konnte dieſe Stimmung des Herzogs nicht begreifen. Im Unglück war er feſt, ſogar mild und ſanft geweſen, hatte von manchem ſchönen Brauch ge⸗ ſprochen, den er einführen wolle, wenn er wieder ins Land komme, hatte ſelten Zorn über ſeine Feinde, bei⸗ nahe nie Unmuth über die Unterthanen gezeigt, die von ihm abgefallen waren; aber ſei es, daß mit dem An⸗ blick der vaterländiſchen Gegenden auch das Gefühl der Kränkung ſtärker als zuvor in ihm erwachte, ſei es, daß es ihm unangenehm auffiel, daß der Adel und die Stände noch nichts hatten von ſich hören laſſen; er war, ſeit er die Grenzen Würtembergs überſchritten, nicht freudig, gehoben, erwartungsvoll, ſondern ein ſtolzer Trotz blitzte aus ſeinen Augen, ſeine Stirne war finſter, und eine gewiſſe Strenge und Härte im Urtheil fiel ſeinen Umgebungen, beſonders Georg von Sturmfeder, auf, der ſich in dieſe neue Seite von Ulerichs Charakter nicht gleich zu finden wußte. Die Aufforderung an die Stadt mochte wohl ſchon ſeit einer halben Stunde ergangen ſein. Bald war die Friſt abgelaufen, die er ihnen gegeben hatte, und noch immer war keine Antwort da; man hörte nur ein ängſtliches Hin⸗ und Herrennen in der Stadt, aus wel⸗ chem man weder gute, noch böſe Zeichen deuten konnte. — * — Der Herzog ritt zu den Landsknechten vor, die er⸗ wartungsvoll auf ihren Hellebarden und Donnerbüchſen lehnten. Die drei Ritter, welche ſie führten, ſtanden am Graben, und hielten durch ihre Anweſenheit die Knechte in Ruhe und Ordnung. Beim Schein des Mondes betrachtete Georg ängſtlich Ulerichs Züge. Die Ader auf ſeiner Stirne war aufgelaufen, eine tiefe Röthe lag auf ſeinen Wangen, und ſeine Augen brann⸗ ten in düſterer Glut. „Hewen! Laßt Leitern anſchleppen,“ ſagte er mit dumpfer Stimme.„Der Donner und das Wetter! Es iſt mein eigen Haus, vor dem ich ſtehe, und die Hunde wollen mich nicht einlaſſen. Ich laß noch einmal blaſen, machen ſie dann nicht ſogleich auf, ſo ſchmeiß ich Feuer in die Stadt, daß ihre Käfige zuſammen brennen.“ „Bassa manelka, waz mich daz freut!“ ſagte der lange Peter, der in der erſten Rotte neben dem Herzog ſtand, leiſe zu ſeinen Kameraden.„Jetzt werden Leitern beigeſchleppt, wie die Katzen wir hinauf, mit den Helle⸗ barden über die Mauer geſtochen, daß die Kerl herunter müſſen, mit den Büchſen d'rein gepfeffert, Canto cacramento!“ „Dat will ik meenen!“ flüſterte der Magdeburger, „und dann hinunter in die Stadt, angezündet an den Ecken, geplündert, gebürſtet, da will ik man ooch bei ſin.“ „Um Gottes willen, Herr Herzog,“ rief Georg von Sturmfeder, welcher die Reden des Herzogs und die gräuliche Freude der Landsknechte wohl vernommen hatte.„Wartet nur noch ein kleines Viertelſtündchen, es iſt ja Eure eigene Reſidenzſtadt. Sie berathen ſich vielleicht noch. „Was haben ſie ſich lange zu berathen?“ entgeg⸗ nete Ulerich unwillig.„Ihr Herr iſt hier außen vor dem Thor und fordert Einlaß. Ich habe ſchon zu lange Geduld gehabt. Georg! Breite mein Panier aus im Mondſchein, laß die Trompeter blaſen, fordere die Stadt zum Letztenmal auf! Und wenn ich dreißig zähle nach Deinem letzten Wort und ſie haben noch nicht aufgemacht, beim heiligen Hubertus, ſo ſtürmen wir. Spute Dich, Georg!“ „O Herr! Bedenket eine Stadt, Eure beſte Stadt! Wie lange habt Ihr in dieſen Mauern gelebt, wollt Ihr Ench ein ſolches Brandmal aufrichten? Gebt noch Friſt.“ „Hal!“ lachte der Herzog grimmig und ſchlug mit dem Stahlhandſchuh auf den Bruſtharniſch, daß es weithin tönte durch die Nacht.„Ich ſehe, Dich gelüſtet nicht ſehr in Stuttgart einzuziehen und Dein Weib zu verdienen. Aber bei meiner Ungnade, jetzt kein Wort mehr, Georg von Sturmfeder. Schnell ans Werk! Ich ſag', roll mein Panier auf! Blaſ't Trompeter, blaſ't! Schmettert ſie auf aus dem Schlaf, daß ſie merken, ein Würtemberger iſt vor dem Thor, und will trotz Kaiſer und Reich in ſein Haus, ich ſag', fordere ſie auf, Sturmfeder!“ Georg folgte ſchweigend dem Befehl. Er ritt bis dicht vor den Graben und rollte das Panier von Wür⸗ temberg auf. Die Strahlen des Mondes ſchienen es freundlich zu begrüßen, ſie beleuchteten es deutlich und zeigten ſeine Felder und Bilder. Auf einer großen Fahne s —— —— 71 von rother Seide war Würtembergs Wappen einge⸗ woben. Der Schild zeigte vier Felder. Im erſten waren die würtembergiſchen Hirſchhörner angebracht, im zweiten die Würfel von Teck, im dritten die Reichs⸗ ſturmfahne, die dem Herzog als Reichs⸗Bannerträger zukam, und im vierten die Fiſche von Mömpelgard, der Helm aber trug die Krone und das Uracher Jäger⸗ horn. Der junge Mann ſchwenkte das ſchwere Panier in der ſtarken Hand, drei Trompeter ritten neben ihm auf und ſchmetterten ihre wilden Fanfaren gegen die verſchloſſene Pforte. Im Thore öffnete ſich ein Fenſter; man fragte nach dem Begehr. Georg von Sturmfeder erhob ſeine Stimme und rief:„Ulerich, von Gottes Gnaden Herzog zu Würtemberg und Teck, Graf zu Urach und Mömpelgard, fordert zum zweiten⸗ und letztenmal ſeine Stadt Stuttgart auf, ihm willig und ſogleich die Thore zu öffnen; widrigenfalls wird er die Mauer ſtürmen und die Stadt als feindlich anſehen.“ Noch während Georg dieſes ausrief, hörte man das verworrene Geräuſch vieler Tritte und Stimmen in der Stadt, es kam näher und näher und wurde zum Tumult und Geſchrei. „Gott ſtraf mein Zeel', zie machen einen Auzfall!“ ſagte der lange Peter,„laut genug, um vom Herzog verſtanden zu werden.“ „Du könnteſt Recht haben,“ erwiderte dieſer, indem er ſich plötzlich zu dem erſchrockenen Landsknecht wandte. „Schließt dichter an, ſtreckt die Picken vor und haltet die Lunten bereit. Wir wollen ſie empfangen nach Verdienſt.“ —————— 72 Die ganze Linie zog ſich vom Graben zurück, nur die drei erſten Fähnlein ſtellten ſich da, wo die Zug⸗ brücke ſich ans Land legen mußte, auf. Ein Wall von Piken ſtarrte jedem Angriff entgegen, und die Schützen hatten die Donnerbüchſen aufgelegt und hielten die Lunten über dem Zündloch. Tiefe Stille der Erwartung war auf dieſer Seite; deſto brauſender drang der Lärm aus der Stadt herüber. Die Brücke fiel herab, aber keine Feinde waren es, die zu einem Ausfall herüber⸗ drangen, ſondern drei alte graue Männer kamen aus dem Thor; ſie trugen das Wappen der Stadt und die Schlüſſel. Als der Herzog dies ſah, ritt er etwas freundlicher hinzu. Georg folgte ihm. Zwei dieſer Männer ſchienen Rathsherrn oder Bürgermeiſter zu ſein. Sie beugten das Knie vor dem Herrn und überreichten ihm die Zeichen ihrer Unterwerfung. Er gab ſie ſeinen Dienern und ſagte zu den Bürgern:„Ihr habt uns etwas lange warten laſſen vor der Thüre. Wahrhaftig, wir wären hald über die Mauer geſtiegen und hätten eigenhändig Eure Stadt zu unſerem Empfang beleuchtet, daß Euch der Rauch die Augen hätte beizen ſollen. Der Teufel! Warum ließet Ihr ſo lange warten?“ „O Herr!“ ſagte einer der Bürger.„Was die Burgerſchaft betrifft, die war gleich bereit, Euch auf⸗ zuthun. Wir haben aber etliche vornehme Herren vom Bunde hier, die hielten lange und gefährliche Reden an das Volk, um es gegen Euch aufzuwiegeln. Das hat ſo lange verzögert.“ „Ha! Wer ſind dieſe Herren? Ich hoffe nicht, daß 73 Ihr ſie habt entkommen laſſen! Mich gelüſtet, ein Wort mit ihnen zu ſprechen.“ „Bewahre, Euer Durchlaucht! Wir wiſſen, was wir unſerm Herrn ſchuldig ſind. Wir haben ſie ſogleich gefangen und gebunden. Befehlt Ihr, daß wir ſie bringen?⸗ „Morgen früh ins Schloß! Will ſie ſelbſt verhören; ſchicket auch den Scharfrichter; werde ſte vielleicht koͤpfen laſſen.“ 4 4 „Schnelle Juſtiz, aber ganz nach Verdienſt!“ ſprach hinter den beiden Bürgern eine heiſere krächzendeStimme. „Wer ſpricht da mir ins Wort?“ fragte der Her⸗ zog und ſchaute ſich um: zwiſchen den beiden Bürgern heraus trat eine ſonderbare Geſtalt. Es war ein kleiner Mann, der den Höcker, womit ihn die Natur geziert hatte, unter einem ſchwarzen ſeidenen Mantel ſchlecht verbarg. Ein kleines ſpitziges Hütlein ſaß auf ſeinen grauen, ſchlichten Haaren, tückiſche Auglein funkelten unter buſchigen, grauen Augenbraunen, und der dünne Bart, der ihm unter der hervorſpringenden Adlernaſe hing, gab ihm das Anſehen eines ſehr großen Katers. Eine widerliche Freundlichkeit lag auf ſeinen einge⸗ ſchrumpften Zügen, als er vor dem Herzog das Haupt zum Gruß entblößte, und Georg von Sturmfeder faßte einen unerklärlichen Abſcheun und ein ſonderbares Grauen vor dieſem Mann gleich beim erſten Anblic. Der Herzog ſah den kleinen Mann an und rief freudig:„Ha! Ambroſtus Volland, unſer Kanzlar! Biſt Du noch am Leben? Hätteſt zwar früher ſchon kommen können, denn Du wußteſt, daß wir wieder ins 74 Land dringen— aber ſei uns deßwegen dennoch will⸗ kommen.“ „Allerdurchlauchtigſter Herr!“ antwortete der Kanz⸗ ler Ambroſtus Volland,„bin wieder ſo hart vom Zip⸗ perlein befallen worden, daß ich beinahe nicht aus meiner Behauſung kommen konnte; verzeihet daher, Euer— „Schon gut, ſchon gut!“ rief der Herzog lachend. „Will Dich ſchon kuriren vom Zipperlein. Komm mor⸗ gen früh ins Schloß. Jetzt aber gelüſtet uns, Stutt⸗ gart wieder zu ſehen. Heran, mein treuer Banner⸗ träger!“ wandte er ſich mit huldreicher Miene zu Georg. „Du haſt treulich Wort gehalten bis an die Thore von Stuttgart. Ich wills vergelten. Bei St. Hubertus, jetzt iſt die Brant Dein nach Recht und Bllligkeit. Trag' mir meine Fahne vor, wir wollen ſie aufpflanzen auf meinem Schloß und jenes bündiſche Banner in den Staub treten! Gemmingen und Hewen, Ihr ſeid heute Nacht noch meine Gäſte. Wir wollen ſehen, ob uns die Herren vom Schwabenbund noch ein Reſtchen Wein übrig gelaſſen haben!“ So ritt Herzog Ulerich, umgeben von den Rittern, die ſeinem Zuge gefolgt waren, wieder in die Thore ſeiner Reſidenz. Die Bürger ſchrien Vivat und die ſchönen Mädchen verneigten ſich freundlich an den Fenſtern, zum großen Argerniß ihrer Mütter und Lieb⸗ haber; denn Alle dachten, dieſe Grüße gelten dem ſchönen jungen Ritter, der des Herzogs Banner trug, und beleuchtet vom Fackelſchein wie St. Georg, der Lindwurmtödter, ausſah. V. O Burg, von Geiſtern tapfrer Ahnen, Die Thaten freudig hier gelebt, Und wachrer Fürſten Ruhm umſchwebet, O, deren Bild mit frommem Mahnen Sich in des Nahen Bilder webt. Ph. Conz. Das alte Schloß zu Stuttgart hatte damals, als es Georg von Sturmfeder am Morgen nach des Her⸗ zogs Einzug beſchaute, nicht ganz die Geſtalt, wie es 4 noch in unſern Tagen zu ſehen iſt, denn dieſes Gebäude purde erſt von Ulerichs Sohn, Herzog Chriſtoph, auf⸗ geführt. Das Schloß der alten Herzoge von Würtem⸗ berg ſtand übrigens an derſelben Stelle, und war in Plan und Ausführung nicht ſehr verſchieden von Chri⸗ ſtophs Werk, nur daß es zum größten Theil aus Holz gebaut war. Es war umgeben von breiten und tiefen Gräben, über welche eine Brücke in die Stadt führte. Ein großer, ſchöner Vorplatz diente in früheren Zeiten dem fröhlichen Hofe Ulerichs zum Tummelplatz für ritterliche Spiele, und mancher Reiter wurde von des Herzogs eigener gewaltiger Hand in den Sand gewor⸗ fen. Die Zeichen dieſes ritterlichen Sinnes ſprachen ſich auch in andern Theilen des Gehäudes aus. Die 7⁶ Halle im unteren Theile des Schloſſes war hoch und gewölbt wie eine Kirche, daß die Ritter in dieſer „Tyrnitz“ bei Regentagen fechten und Speere werfen, und ſogar die ungeheuren Lanzen ungehindert darin handhaben konnten. Von der Größe dieſer fürſtlichen Halle zeugt die Ausſage der Chroniſten, daß man bei feierlichen Gelegenheiten dort oft zwei⸗ bis dreihundert Tiſche gedeckt habe. Von da führte eine ſteinerne Treppe aufwärts, ſo breit, daß zwei Reiter neben ein⸗ ander hinaufreiten konnten. Dieſer großartigen Ein⸗ richtung des Schloſſes entſprach die Pracht der Zim⸗ mer, der Glanz des Ritterſaales und die reichen, breiten Galerien, die zum Tanz und Spiele eingerich⸗ tet waren. Georg maß mit ſtaunendem Auge dieſe verſchwen⸗ deriſche Pracht der Hofburg. Er verglich den kleinen Sitz ſeiner Ahnen mit dieſen Hallen, dieſen Höfen, dieſen Sälen; wie klein und gering kam er ihm vor! Er erinnerte ſich der Sage von der glänzenden Hof⸗ haltung Ulerichs, von ſeiner prachtvollen Hochzeit, wo er in dieſem Schloß ſiebentauſend Gäſte aus allen Theilen des deutſchen Reiches ſpeiste und tränkte, wo in dem hohen Gewölbe der Tyrnitz und in dem weiten Schloßhofe einen ganzen Monat lang Ritterſpiel und Gelage gehalten wurden, und wenn der Abend ein⸗ brach, hundert Grafen, Ritter und Edelleute mit Hunderten der ſchönſten Damen in jenen Sälen und Galerien tanzten. Er blickte hinab in den herrlichen Schloßgarten, das Paradies genannt. Seine Phan⸗ taſie bevölkerte dieſe Luſtgehege und Gänge mit jenem 77 fröhlichen Gewimmel des fröhlichen Hofes, mit den Heldengeſtalten der Ritter, mit den feſtlich geputzten Fräulein, mit allem Jubel und Sang, der einſt hier erſcholl. Aber wie öde und leer däuchten ihm dieſe Mauern und Gätten, wenn er die Gegenwart mit den Bildern ſeiner Phantaſie verglich. Die Gäſte der Hoch⸗ zeit, der glänzende, luſtige Hof iſt verſchwunden, ſprach er zu ſich, die fürſtliche Gemahlin iſt entflohen, der glänzende Frauenkreis, der ſie einſt umgab, hat ſich zerſtreut, die Ritter und Grafen, die einſt hier ſchmaus⸗ ten und ein reiches Leben voll Spiel und Tanz ver⸗ lebten, ſind von dem Fürſten abgefallen, die zarten Sproſſen ſeiner Ehe ſind in fernen Landen— er ſelbſt ſitzt einſam in dieſer herrlichen Burg, brütet Rache an ſeinen Feinden und weiß nicht, wie lange er nur in dem Hauſe ſeiner Väter bleiben wird. Ob nicht aufs Neue ſeine Feinde noch mächtiger heranziehen, ob er nicht noch unglücklicher wird, als je zuvor. Vergebens ſtrebte der Jüngling, dieſe trüben Ge⸗ danken, welche der Widerſpruch der Pracht ſeiner Um⸗ gebungen mit dem Unglück des Herzogs in ihm erweckt hatte, zu unterdrücken. Vergebens rief er das Bild jenes holden Weſens herauf, das er jetzt bald auf ewig ſein nennen durfte, vergebens malte er ſich ſein häus⸗ liches Glück an ihrer Seite mit den lockendſten, reizend⸗ ſten Farben aus, jene trüben Bilder kehrten immer wieder. Sei es, daß jener Mann durch die Erhaben⸗ heit, die er im Unglück gezeigt hatte, einen ſo großen Raum in der Bruſt des Jünglings gewonnen hatte, ſei es, daß ihn die Natur in einzelnen Augenblicken 78 er blieb ſinnend und ernſt, und es war ihm, als ſei der Herzog nichts weniger als glücklich, als müſſe er ihn vor irgend einem drohenden Unglück warnen. mit einem unwillkürlichen Gefühl der Ahnung begahte, „So überaus ernſt, junger Herr?“ fragte eine heiſere Stimme hinter ihm und weckte ihn aus ſeinen Gedanken.„Ich dächte doch, Georg von Sturmfeder hätte alle Urſache, heiter und guter Dinge zu ſein!“ Der junge Mann wandte ſich verwundert um und ſchaute herab— auf den Kanzler Ambroſius Volland. War ihm dieſer Mann ſchon geſtern durch ſeine widrige 2 4 Freundlichkeit, durch ſein katerhaftes, ſchleichendes Weſen unangenehm aufgefallen, ſo war dies heute noch mehr der Fall, da der Kanzler durch überladenen Putz ſeine Mißgeſtalt noch mehr herausgehoben hatte. Sein dunkelgelbes, verwittertes Antlitz mit dem ewi⸗ gen, ſtehenden Lächeln, die grünen Anglein unter den langen, grauen Wimpern, die rothen, entzündeten Ränder der Augenlieder, der dünne Katzenbart ſtachen grell ab gegen ein rothes Baret von Sammt und gegen einen Mantel von hellgelber Seide, der über den Höcker des kleinen Mannes hinabfloß. Unter dieſem trug er einen grasgrünen Anzug, roſenroth ausge⸗ ſchlitzt, und roſenrothe Kniebänder mit ungeheuren Maſchen. Sein Kopf ſtack in den Schultern und das rothe Baret ſtieß hinten ſogleich auf den Höcker auf. Der Scharfrichter von Stuttgart pflegte daher zu ſagen, unter allen Menſchen, die er kenne, ſei Nie⸗ mand ſchwerer köpfen als der Kanzler Ambroſius Volland. 79 Dieſer Mann war es, der an Georg von Sturm⸗ feder mit ſüßem Lächeln hinaufſah, und da ihn dieſer noch immer anſtarrte, zu ſprechen fortfuhr:„Ihr kennet mich vielleicht nicht, werthgeſchätzter junger Freund, ich bin aber Ambroſius Volland, Sr. Durch⸗ laucht Kanzler. Ich komme, um Euch einen guten Morgen zu wünſchen.“ „Ich danke Euch, Herr Kanzler. Viele Ehre für mich, wenn Ihr Euch deßwegen herbemühtet.“ „Ehre, wem Ehre gebühret! Ihr ſeid der Ausbund und die Krone unſerer jungen Ritterſchaft! Ja, wer meinem Herrn ſo treu beigeſtanden iſt in aller Noth und Fährlichkeit, der hat Anſpruch auf meinen innig⸗ ſten Dank und meine abſonderliche Verehrung.“ „Ihr hättet das wohlfeiler haben können, wenn Ihr mitgezogen wäret nach Mömpelgard,“ erwiderte Georg, den die Lobſprüche dieſes Mannes beleidigten. „Treue muß man nie loben, eher Untreue ſchelten.“ Einen Augenblick blitzte ein Strahl des Zornes aus den grünen Augen des Kanzlers, aber er faßte ſich ſchnell wieder zur alten Freundlichkeit.„Ja wohl, das mein ich auch. Was mich betrifft, ſo lag ich am Zipperlein hart darnieder und konnte alſo nicht wohl nach Mömpelgard reiſen. Werde aber jetzt mit meinem kleinen Licht, das mir der Himmel verliehen, dem Herrn deſto thätlicher zur Hand gehen.“ Er hielt einen Augenblick inne und ſchien Antwort zu erwarten. Aber der Jüngling ſien und maß ihn nur hin und wieder mit einem Blicke, den er nicht recht ertragen konnte.„Nun, Euch wird die Freude ö ꝛ——— 80 erſt recht angehen. Der Herzog hält erſtaunlich viel auf Euch! Natürlich, Ihr verdient es auch im höchſten Grad, und der Herzog hat ſeinen Liebling gut ge⸗ wählt. Wollet doch erlauben, daß Ambroſius Volland Euch auch eine kleine Erkenntlichkeit zeige. Seid Ihr Freund von ſchönen Waffen? Kommet in meine Be⸗ hauſung auf dem Markt, wählet Euch aus meiner Armatur, was Euch beliebt. Vielleicht dienen Euch ſchöne Bücher, habe einen ganzen Kaſten voll; wählet Euch aus, was Ihr wollet, wie es unter Freunden gebräuchlich. Eſſet auch zuweilen bei mir zu Mittag, meine Baſe, ein feines Kind von ſiebzehn Jahren, hält mir Haus. Sehet ihr nur, hi, hi, hi— ſehet ihr nur nicht zu tief in die Augen.“ „Seid ohne Sorgen, bin ſchon verſehen.“ „So? Ei das iſt recht chriſtlich gedacht; das muß ich loben. Man trifft ſolchen wackern Sinn nicht im⸗ mer unter unſerer heutigen Jugend. Ich ſagte es ja gleich, der Sturmfeder, das iſt ein Ausbund von Tu⸗ genden. Nun, was ich noch ſagen wollte, wir ſind bis jetzt ſo miteinander die Einzigen von des Herzogs Hof⸗ ſtaat; ſtehen wir zuſammen, ſo werden nur Leute aufgenommen, die wir wollen. Verſtehet mich ſchon, hi, hi, eine Hand wäſcht die andere. Darüber läßt ſich noch ſprechen. Ihr beehret mich doch zuweilen mit einem Beſuche?“ „Wenn es meine Zeit erlauben wird, Herr Kanz⸗ ler.“ „Würde mich gerne noch länger bei Euch aufhal⸗ ten, denn in Eurer Gegenwart iſt mir ganz wohl ums 841 Herz; muß aber jetzt zum Herrn. Er will heute frͤh Gericht halten über die zwei Gefangenen, die geſtern Nacht das Volk aufwiegeln wollten. Wird was geben, der Beltle iſt ſchon beſtellt.“ „Der Beltle?“ fragte Georg,„wer iſt er?⸗ „Das iſt der Scharfrichter, werthgeſchätzter junger Freund.“⸗ „Ich bitte Euch! der Herzog wird doch nicht den erſten Tag ſeiner neuen Regierung mit Blut beflecken wollen!“ Der Kanzler lächelte gräulich und antwortete: „Was das wieder Eurem fürtrefflichen Herzen Ehre macht; aber zum Blutrichter taugt Ihr nicht. Man muß ein Exempel ſtatuiren. Der Eine,“ fuhr er mit zarter Stimme fort,„der Eine wird geköpft, weil er von Adel iſt, der Andere wird gehängt. Behüt Euch Gott, Lieber!“ So ſprach der Kanzler Ambroſius Volland und ging mit leiſen Schritten die Galerie entlang den Gemächern des Herzogs zu. Georg ſah ihm mit düſte⸗ ren Blicken nach. Er hatte gehört, daß dieſer Mann früher durch ſeine Klugheit, vielleicht auch durch un⸗ erlaubte Künſte großen Einfluß auf Ulerich gewonnen hatte. Er hatte den Herzog ſelbſt oft mit großer Ach⸗ tung von der Staatsklugheit dieſes Mannes ſprechen hören. Aber er wußte nicht warum, er fürchtete für den Herzog, wenn er ſich dem Kanzler vertraue, er glaubte Tücke und Falſchheit in ſeinen Augen geleſen zu haben. Er ſah gerade den Höcker und den wehenden gelben W. Hauffs Werke. XVII. 6 8² Mantel um die Ecke ſchweben, als eine Stimme neben ihm flüſterte:„Trauet dem Gelben nicht!“ Es war der Pfeifer von Hardt, der ſich unbemerkt an ſeine Seite geſtellt hatte. „Wie? Biſt Du es, Hans?“ rief Georg und bot ihm freundlich die Hand:„Kommſt Du ins Schloß, uns zu beſuchen? Das iſt ſchön von Dir, biſt mir wahr⸗ haftig lieber, als der mit dem Höcker. Aber was woll⸗ teſt Du mit dem Gelben, dem ich nicht trauen ſollte?“ „Das iſt eben der mit dem Höcker, der Kanzler, der iſt ein falſcher Mann. Ich habe auch den Herzvg verwarnt, er ſoll nicht Alles thun, was er ihm räth; aber er wurde zornig, und— es mag wahr ſein, was er ſagte.“ 3 „Was ſagte er denn? Haſt Du ihn heute ſchon geſprochen?“ „Ich kam, um mich zu verabſchieden, denn ich gehe wieder heim nach Hardt, zu Weib und Kind. Der Herr war erſt gerührt, und erinnerte ſich an die Tage ſeiner Flucht, und ſagte, ich ſoll mir eine Gnade aus⸗ bitten. Ich aber habe keine verdient, denn was ich gethan, iſt eine alte Schuld, die ich abgetragen. Da ſagte ich, weil ich nichts anders wußte, er ſoll mich meinen Fuchs frei ſchießen laſſen und es nicht ſtrafen als Jagdfrevel. Deß lachte er, und ſprach: das könne ich thun, das ſei aber keine Gnade; ich ſolle weiter bitten. Da faßte ich ein Herz und antwortete:„Nun, ſo bitt' ich, Ihr mö⸗ get dem ſchlauen Kanzzer nicht allzuviel trauen und fol⸗ gen. Denn ich meine, wennich ihn ſehe, er meint es falſch.“ „So geht es mir gerad' auch,“ rief Georg.„Es 8³ iſt, als wolle er mir die Seele ausſpioniren mit den grünen Augen, und ich wette, er meint es falſch. Aber was gab Dir der Herzog zur Antwort?“ „„ Das verſtehſt Du nicht,““ ſagte er, und wurde böſe.„„In Klüften und Höhlen magſt Du wohl be⸗ wandert ſein, aber im Regiment kennt der Kanzler die Schliche beſſer als Du.““ Kann ſein, ich habe Unrecht, und es ſoll mir lieb ſein, um den Herzog. Nun, lebet wohl, Junker, Gott ſei mit Euch! Amen.“ „Und wollteſt Du alſo gehen? Wollteſt nicht noch zu meiner Hochzeit bleiben? Ich erwarte den Vater und das Fräulein heute. Bleibe noch ein paar Tage. Du warſt ſo oft der Liebesbote, und darfſt uns nicht fehlen!“ „Was ſoll ſo ein geringer Mann, wie ich, bei der Hochzeit eines Ritters? Zwar könnte ich mich hinauf⸗ ſetzen zu den Spielleuten, und auch eines aufſpielen zum Ehrentanz, aber das thun Andere ſo gut als ich, und mein Haus verlangt nach mir.“ „Nun, ſo lebe wohl! Grüße mir Dein Weib und Bärbele, Dein ſchmuckes Töchterlein, und beſuche uns fleißig auf Lichtenſtein. Gott ſei mit Dir!⸗ Dem Jüngling hing eine Thräne im Auge, als er dem Bauer die Hand zum Abſchied bot, denn er hatte in ihm einen kräftigen, biedern Mann, einen treuen Diener ſeines Fürſten, einen muthigen Genoſſen in Ge⸗ fahren und einen heitern Geſellen im Unglück erkannt. Wohl ſchwebte ihm noch manche Frage über das ge⸗ heimnißvolle Walten dieſes Mannes, über ſeine wun⸗ derbare Anhänglichkeit an den Herzog auf den Lippen; aher er unterdrückte ſie, überwältigt von jener uner⸗ 84 klärlichen Macht, von jener natürlichen Groͤße und Würde, welche den Pfeifer von Hardt auch im unſchein⸗ baren Gewande des Bauers umgab. „Noch Eins!“ rief Hans, als er eben nach dem letzten Händedruck des Junkers ſcheiden wollte.„Wiſ⸗ ſet Ihr auch, daß Euer ehemaliger Gaſtfreund und zu⸗ künftiger Vetter, Herr von Kraft, hier iſt? „Der Nathsſchreiber? Wie ſollt' der hierher kom⸗ men? Er iſt ja Bündiſch!“ „Er iſt hier, und nicht gerade im anmuthigſten Cloſet, denn er ſitzt gefangen. Geſtern Abend, als das Volk zuſammenlief wegen des Herzogs, ſoll er für den Bund öoͤffentlich geſprochen haben.“ „Gott im Himmel! Das war Dietrich Kraft, der Rathsſchreiber? Da muß ich ſchnell zum Herzog, er richtet ſchon über ihn, und der Kanzler will ihn köpfen „laſſen. Gehab' Dich wohl!“ Mit dieſen Worten eilte der Jüngling den Corri⸗ dor entlang zu den Gemächern des Herzogs. Er war in Mömpelgard zu allen Tageszeiten zum Herzog ge⸗ gangen, daher machten ihm auch jetzt die Thorhüter ehrerbietig Platz. Er trat haſtig in das Gemach. Der Herzog ſah ihn verwundert und etwas unwillig an, der Kanzler aber hatte das ewige ſüße Lächeln wie eine Larve vorgehängt. „Guten Morgen, Sturmfeder!“ rief der Herzog⸗ der in einem grünen, goldgeſtickten Kleide, den grünen Jagdhut auf dem Kopf, am Tiſch ſaß.„Haſt Du gut geſchlafen in meinem Schloſſe? Was führt Dich ſchon 3 ſo früh zu uns? Wir ſind beſchäftigt.“ — 85⁵ Die Augen des jungen Mannes hatten indeſſen un⸗ ruhig im Zimmer umher geſtreift, und den Schreiber des Ulmer Raths in einer Ecke gefunden. Er war blaß wie der Tod, ſein ſonſt ſo zierliches Haar hing in Ver⸗ wirrung herab, und ein roſenfarbenes Mäntelein, das er über ein ſchwarzes Kleid trug, war in Fetzen zerriſ⸗ ſen. Er warf einen rührenden Blick auf den Junker Georg, und ſah dann auf zum Himmel, als wollte er ſagen:„Mit mir iſt's aus!“ Neben ihm ſtanden noch einige Männer, und auch ein langer, hagerer Mann, den er ſchon geſehen zu haben ſich erinnerte. Die Ge⸗ fangenen wurden von Peter, dem tapfern Magdeburger und dem Staberl aus Wien bewacht. Sie ſtanden mit ausgeſpreizten Beinen, die Hellebarden auf den Boden geſtemmt, kerzengerade auf ihrem Poſten. „Ich ſag', wir haben zu thun,“ fuhr der Herzog fort.„Was ſchauſt Du nur immer nach dem roſenfar⸗ benen Menſchenkind? Das iſt ein verſtockter Sünder. Das Schwert wird ſchon für ihn gewetzt.“ „Euer Duchlaucht erlauben mir nur ein Wort,“ entgegnete Georg.„Ich kenne jenen Mann, und wollte mich mit Hab und Gut für ihn verbürgen, daß er ein friedlicher Mann iſt, und gewiß kein Verbrecher, der den Tod verdiente.“ „Bei Sankt Hubertus, das iſt kühn! Die Natur hat ſich geändert. Mein Kanzler, der treffliche Juriſt⸗ hat ſich aufgeputzt wie ein junger Krieger, und mein junger Krieger dort will den Advokaten machen. Was ſagt Ihr dazu, Ambroſius Volland?“ „Hi, hil! Ich habe Eure Durchlaucht durch meine F 8⁶ Perſon Spaß machen wollen. Weiß aus früherer Zeit, daß Ihr einen kleinen Scherz liebet. Nun, der liebe, gute Sturmfeder will die Luſtbarkeit vermeh⸗ ren und den Juriſten ſpielen. Hi, hi, hi! Wird ihm aber nichts helfen, dem Roſenfarbenen. Majeſtäts⸗ verbrechen. Wird halt doch geköpft, der im Mäntelein.“ „Herr Kanzler,“ rief der Jüngling, vor Unmuth glühend,„der Herr Herzog wird mir bezeugen können, daß ich mich nie zum Schalksnarren hergegeben habe. Dieſe Rolle mache ich Andern nicht ſtreitig. Und mit Menſchenleben ſpiele und ſcherze ich nie! Es iſt mein wahrer Ernſt. Ich verbürge mich mit meinem Leben für gegenwärtigen Edlen von Kraft, Rathsſchreiber in Ulm. Ich hoffe, meine Bürgſchaft kann angenommen werden.“ „Wie?“ ſagte Ulrich.„Das iſt wohl der zierliche Herr, Dein Gaſtfreund, von dem Du mir ſo oft er⸗ zählteſt? Thut mir leid um ihn, aber er wurde in einem Aufruhr unter ſehr gefährlichen Umſtänden gefangen.“* „Freilich,“ krächzte Ambroſius,„ein Crimen læ- sæ majestatis!“ „Erlaubet, Herr! Ich habe die Rechte lange ge⸗ nug ſtudirt, um zu wiſſen, daß hier durchaus nicht von einem ſolchen Verbrechen die Rede ſein kann. Geſtern Nacht waren die Bundesräthe und der Statthalter noch hier; folglich war Stuttgart noch in Gewalt des Bun⸗ des, und der Rathsſchreiber, der durchaus kein Unter⸗ than Sr. Durchlaucht iſt, hat nicht anders gehandelt, als jeder bündiſche Soldat, der auf Befehl ſeines Obe⸗ ren gegen uns zu Felde zog.“ »Ci, die Jugend, die Jugend! Wie Ihr Alles — 87 überhaſpelt, junger, ſehr werthgeſchätzter Freund! So⸗ bald der Herzog die Stadt aufgefordert hatte, und den Animum possidendi hatte, war auch Alles, was in den Mauern ſich befand, ſein. Folglich, wer eine Ver⸗ ſchwörung gegen ihn anzettelte, iſt ein Majeſtätsverbre⸗ cher. Beſagter Herr von Kraft aber hat ſchrecklich ge⸗ fährliche Reden an das Volk gehalten.“ „Nicht möglich! Es wäre ganz gegen ſeine Art und Weiſe! Herr Herzog, das kann nicht ſein!“ „Georg!“ ſagte dieſer ernſt.„Wir haben lange Geduld gehabt, Dich anzuhören. Es hilft Deinem Freunde doch nichts. Hier liegt das Protokoll. Der Kanzler hat, ehe ich kam, ein Zeugenverhör angeſellt, worin Alles ſonnenklar bewieſen iſt. Wir müſſen ein Exempel ſtatuiren. Wir müſſen unſere Feinde recht ins Herz hinein verwunden; der Kanzler hat ganz Recht. Darum kann ich keine Gnade geben.“ „So erlaubt mir nur noch eine Frage an ihn und an die Zeugen, nur ein paar Worte.“ „Iſt gegen alle Form Rechtens,“ fiel der Kanzler ein.„Ich muß dagegen proteſtiren, Lieber! Es iſt ein Eingriff in mein Amt.“ „Laß ihn, Ambroſius. Mag er meinetwegen noch ein paar Fragen an den armen Sünder thun. Er iſt doch verloren.“ „Dietrich von Kraft,“ fragte Georg,„wie kommt Ihr hierher?“ Der arme Rathsſchreiber, den der Tod ſchon an der Kehle gefaßt hatte, verdrehte die Augen und ſeine Zahne ſchlugen an einander. Endlich konnte er zinide 88 Worte herausſtoßen:„Bin hieher geſchickt worden vom Rath, wurde Schreiber beim Statthalter—“ „Wie kamet Ihr geſtern Nacht zu den Bürgern von Stuttgart?“ „ Der Statthalter befahl mir Abends, wenn etwa die Bürger ſich aufrühreriſch zeigten, ſte anzureden, und zu ihrer Pflicht und ihrem Eid zu verweiſen.“ „Ihr ſehet, er kam alſo auf höheren Befehl dorthin. Wer nahm Euch gefangen?“ fuhr Georg zu fragen fort, „Der Mann, der neben Euch ſteht.“ „Ihr habt dieſen Herrn gefangen? Alſo müßt Ihr auch gehört haben, was er ſprach? Was ſagte er denn?“ „Ja, was wird er geſagt haben?“ antwortete der Bürger;„er hat keine ſechs Worte geſprochen, ſo warf ihn der Bürgermeiſter Hartmann von der Bank herun⸗ ter. Ich weiß noch, er hat geſagt:„Aber bedenket, Ihr Leute, was wird der durchlauchtigſte Bundesrath dazu ſagen!“ Das war Alles, da nahm ihn der Hart⸗ mann beim Kragen und warf ihn herunter. Aber dort, der Doktor Calmus, der hielt eine längere Rede.“ Der Herzog lachte, daß das Gemach dröhnte, und ſah bald Georg, bald den Kanzler an, der ganz bleich und verſtört ſich umſonſt bemühte, ſein Lächeln beizubehalten. „Das war alſo die gefährliche Rede, das Majeſtätsver⸗ brechen? Was wird der Bundesrath dazu ſagen! Armer Kraft! wegen dieſes kraftvollen Sprüchleins verfielſt Du beinahe dem Scharfrichter. Nun, das haben ſelbſt un⸗ ſere Freunde oft geſagt:„Was werden die Herren ſagen, wenn ſie hören, der Herzog iſt im Land.“ Deßwegen ſoll er nicht beſtraft werden. Was ſagſt Du dazu, Sturmfeder?“ b 4 89 „Ich weiß nicht, was Ihr für Gründe habt, Herr Kanzler,“ ſagte der Jüngling, indem ſein Auge noch immer von Unmuth ſtrahlte,„die Sachen ſo auf die Spitze zu ſtellen, und dem Herrn Herzog zu Maßregeln zu rathen, die ihn überall— ja ich ſage es, die ihn über⸗ all als einen Tyrannen ausſchreien müſſen. Wenn es nur Dienſteifer iſt, ſo habt Ihr diesmal ſchlecht gedient.“ Der Kanzler ſchwieg und warf nur einen grimmigen, ſtechenden Blick aus den grünen Auglein auf den jungen Mann. Der Herzog aber ſtand auf und ſprach:„Laß mir mein Kanzlerlein gehen; diesmal freilich war er zuſtrenge. Da— nimm Deinen roſenrothen Freund mit Dir. Gib ihm zu trinken auf die Todesangſt, und dann mag erlau⸗ fen, wohin er will. Und Du, Hund von einem Ooktor, der Du zu ſchlecht zu einem Hundedoktor biſt, für Dich iſt ein würtembergiſcher Galgen noch zu gut. Gehängt wirſt Du doch noch einmal, ich will mir die Mühe nicht geben. Langer Peter, nimm dieſen Burſchen, binde ihn rückwärts auf einen Eſel und führe ihn durch die Stadt. Und dann ſoll man ihn nach Eßlingen führen— zu den hochweiſen Räthen, wo er und ſein Thier hingehören. Fort mit ihm!“ Die Züge des Doktor Kahlmäuſer, in welchen ſchon der Tod geſeſſen war, heiterten ſich auf. Er holte freier Athem, und verbeugte ſich tief. Peter, Staberl und der Magdeburger fielen mit grimmiger Freude über ihn her, luden ihn auf ihre breite Schultern und trugen ihn weg. Der Rathsſchreiber von Ulm vergoß Thränen der Rührung und Freude. Er wollte dem Herzog den Man⸗ tel küſſen, doch dieſer wandte ſich ab und winkte Georg, den Gerührten zu entfernen. VI. O thu es nicht! Thuts nicht! Sieh', Deine reinen, edlen Züge wiſſen Noch nichts von dieſer unglückſel'gen That. Bloß Deine Einbildung befleckte ſie, Die Unſchuld will ſich nicht vertreiben laſſen Aus Deiner hoheitblickenden Geſtalt. Schiller. — Der Schreiber des großen Rathes ſchien noch nicht Faſſung genug erlangt zu haben, um auf dem Wege durch die Gänge und Galerien des Schloſſes die vielen Fragen ſeines Erretters zu beantworten. Er zitterte noch an allen Gliedern, ſeine Kniee wankten, und oft drehte er ſich um und ſchaute mit verwirrten Blicken hinter ſich, als fürchte er, den Herzog moͤchte ſeine Gnade gereuen, und der gräuliche Kanzler im gelben Mantel möchte ihm nachſchleichen und ihn plötzlich am Genick packen. Auf Georgs Zimmer angekommen, ſank er erſchöpft auf einen Stuhl, und es verging noch eine gute Weile, ehe er geordnet zu denken und zu antwor⸗ ten vermochte. „Eure Politika, Vetter, hat Euch einen ſchlimmen Streich geſpielt,“ ſagte Georg;„was fällt Euch aber auch ein, in Stuttgart als Volksredner auftreten zu wollen? Wie konntet Ihr überhaupt nur Eure bequeme 91 Haushaltung, die ſorgſame Pflege der Amme und die Nähe der holden Bertha fliehen, um hier dem Statt⸗ halter zu dienen?“ „Ach! Sie iſt es ja gerade, die mich in den Tod geſchickt hat. Bertha iſt an Allem ſchuld. Ach, daß ich nie mein Ulm verlaſſen hätte! Mit dem erſten Schritte über unſere Markung fing mein Jammer an.“ „Bertha hat Euch fortgeſchickt?“ fragte Georg. „Wie, ſeid Ihr nicht zum Ziele Eurer Bemühungen gelangt? Sie hat Euch abgewieſen, und aus Verzweif⸗ lung ſeid Ihr—“ „Gott behüte! Bertha iſt ſo gut als meine Braut. Ach, das iſt gerade der Jammer! Wie Ihr von Ulm abgezogen waret, bekam ich Händel mit Frau Sabina, der Amme. Da entſchloß ich mich, und hielt bei meinem Oheim um das Bäschen an. Nun habt Ihr aber dem Mädchen durch Euer kriegeriſches Weſen gänzlich den Kopf verrückt. Sie wollte, ich ſolle vorher zu Feld ziehen, und ein Mann werden wie Ihr.— Dann wolle ſie mich heirathen. Ach, Du gerechter Gott!“ „Und da ſeid Ihr förmlich zu Feld gezogen gegen Würtemberg? Welche kühne Gedanken das Mädchen hat!“ „Bin zu Feld gezogen; die Strapazen vergeſſe ich in meinem Leben nicht! Mein alter Johann und ich rückten mit dem Bundesheer aus. Das war ein Jam⸗ mer! Mußten oft täglich acht Stunden reiten. Die Kleider kamen in Unordnung, Alles wurde beſtaubt und unſauber, der Panzer drückte mich wund. Ich hielt es nicht mehr aus, und Johann ief heim nach Ulm; da 92 bat ich um eine Stelle bei der Feldſchreiberei, miethete mir eine Sänfte und zwei tüchtige Saumroſſe dazu, und ſo ging es doch erträglicher.“ „Da wurdet Ihr alſo zu Feld getragen, wie der Hund zum Jagen. Habt Ihr auch einem Treffen bei⸗ gewohnt?“ „O ja; bei Tübingen kam ich hart ins Gedränge. Keine zwanzig Schritte von mir wurde einer maustodt geſchoſſen. Ich vergeſſe den Schrecken nicht, und wenn ich achtzig Jahre alt werde! Als wir dann das Land völlig beſtegt hatten, bekam ich die ehrenvolle Stelle beim Statthalter. Wir lebten ruhig und in Frieden; da kommt auf einmal wieder der unruhige Herr ins Land. Ach, daß ich meinem Kopfe gefolgt, und mit dem Bundesoberſten nach Nördlingen auf den Bundes⸗ tag gezogen wäre! Aber ich ſcheute die beſchwerliche Reiſe.“ „Warum ſeid Ihr aber nicht mit dem Statthalter davon gegangen, als wir kamen? Der ſitzt jetzt im Trockenen in Eßlingen, bis wir ihn weiter jagen.“ „Er hat uns im Stiche gelaſſen, und meinem Kopf Alles anvertraut, und beinahe hätte ich mit dem Kopf dafür büßen müſſen. Ich dachte nicht, daß die Gefahr ſo groß ſei, ließ mich vom Doktor Calmus verführen, eine Rede ans Volk zu halten, um Würtemberg dem Bunde zu retten. Das hätte gewiß Aufſehen gemacht, und Bertha wäre noch einmal ſo freundlich geweſen. Aber die Leute da unten in Würtemberg ſind Bar⸗ baren und ohne alle Lebensart; ſie ließen mich nicht einmal zum Wort kommen, warfen mich herab und 9³ behandelten mich ganz gemein und roh. Seht nur meinen Mantel an, wie ſie ihn zerriſſen haben! Es iſt Schade dafür, er hat mich vier Goldgulden gekoſtet, und Bertha behauptete immer, daß mir roſenfarb ſo gut zu Geſicht ſtehe.“ Georg wußte nicht, ob er über die Thorheit des Schreibers lachen, oder es als hohen ſtoiſchen Gleich⸗ muth bewundern ſollte, daß er, kaum dem Tode ent⸗ gangen, ſein zerriſſenes Mäntelein bedauern konnte. Er wollte ihn noch weiter über ſeine Schickſale befra⸗ gen, als ihn ein Geräuſch vom Vorplatz des Schloſſes her ans Fenſter lockte; er ſah hinaus und winkte ſchnell Herrn Dieterich herbei, um ihm das Schauſpiel gefal⸗ lener irdiſcher Größe zu zeigen. Der Doktor Calmus hielt ſeinen Umzug durch die Stadt. Er ſaß verkehrt auf einem Eſel; die Lands⸗ knechte hatten ihn wunderlich ausgeſchmückt; ſie hatten ihm eine ſpitzige Mütze von Leder aufgeſetzt, an deren Spitze eine Hahnenfeder angebracht war. Vor ihm gingen zwei Trommler, zu ſeinen Seiten ſah man in gravitätiſchen Schritten den Magdeburger und den Wiener, den ehemaligen Hauptmann Muckerle und ſeinen tapferen Oberſten gehen, die hin und wieder mit den Enden ihrer Hellebarden den Eſel zu kühnen Sprüngen antrieben. Ein ungeheurer Volkshaufe umſchwärmte ihn und warf ihn mit Eiern und Erde. Der Rathsſchreiber ſchaute trübſelig auf ſeinen Ge⸗ fährten hinab und ſeufzte:„'s iſt hart, auf dem Eſel reiten zu müſſen,“ ſagte er,„aber doch immer noch beſſer, als gehängt werden.“ Er wandte ſich ab von 94 dem Beiſpiel und blickte nach einer andern Seite des Schloßplatzes.„Wer kommt denn hier?“ fragte er den jungen Ritter.„Schaut, in einem ſolchen Kaſten zog ich zu Felde.“ Georg wandte ſich um. Er ſah einen Zug von Reifigen, die eine Sänfte in ihrer Mitte führten. Ein alter Herr zu Pferd folgte dem Zug, der jetzt aufs Schloß einbeugte. Georg ſah ſchärfer hinab:„Sie find's,“ rief er,„wahrhaftig; es iſt der Vater, und in der Sänfte wird ſie ſitzen!“ In einem Sprung war er zur Thür hinaus, und der Rathsſchreiber ſah ihm ſtaunend nach.„Wer ſoll es ſein, welcher Vater?“ fragte er. Er ſchaute noch einmal durchs Fenſter, die Sänfte hielt vor der Zugbrücke des Schloſſes, und in demſelben Augenblicke ſtürzte Georg aus dem Thor. Herr Dietrich ſah ihn die Thüre der Sänfte ungeſtüm aufreißen, eine verſchleierte Dame ſtieg aus, ſie ſchlug den Schleier zurück— und wunderbar! Es war das Bäschen Marie von Lichtenſtein.„Ei, ſeh doch Einer? Er küßt ſie auf öffentlicher Straße,“ ſprach der Raths⸗ ſchreiber kopfſchuͤttelnd vor ſich hin;„was das eine Freude iſt! Aber wehe, jetzt kommt der Alte um die Sänfte herum, der wird Augen machen! Der wird ſchimpfen!— Doch wie? Er nickt dem Jüngling freundlich zu, er ſteigt ab, er umarmt ihn. Nein, das geht nicht mit rechten Dingen zu!“ Und dennoch ſchien es durchaus mit rechten Dingen zuzugehen; denn als der Schreiber des großen Rathes aus dem Zimmer auf die Galerie trat, um ſich zu über⸗ zeugen, daß ihn ſeine Augen getäuſcht haben müſſen, 95⁵ kam ſein Oheim, der alte Herr von Lichtenſtein, die Treppe herauf. An der rechten Hand führte er Georg von Sturmfeder, an der linken— Bäschen Marie. Welche Veränderung war mit jenen holden Zügen vor⸗ gegangen, die ſich ſo tief in ſein Herz, in ſein Gedächt⸗ niß geprägt hatten. In Ulm war ſie ihm zum erſtenmal wie ein Bote aus einem unbekannten Lande erſchienen, ſo erhaben war der Blick ihrer ſchönen blauen Augen, ſo majeſtä⸗ tiſch ihre Stirne, ſo ſinnig jenes kleine Fleckchen zwi⸗ ſchen den ſchönen, dunkeln Bogen der Brauen. Er hatte oft und viel darüber nachgedacht, worin denn der Zauber beſtehe, der ihn ſo unwiderſtehlich feßle? Die Ulmer Mädchen hatten friſchere Wangen, lebhaftere Augen, ein ſchalkhafteres Lächeln, und den fröhlichen, friſchen Glanz einer heiteren Jugend. Und dennoch war Marie unter ihnen geſtanden, ſtill und groß wie eine Königin. War es vielleicht der dunkle Schleier ihrer Wimpern, der ſich oft mit unnennbarem Reiz über das Auge herabſenkte, um das Geheimniß einer ſtillen Thräne zu verhüllen? Waren es die feinen, geſchloſſe⸗ nen Lippen, von ſußer Wehmuth umlagert? War es der zarte Wechſel der Farben auf ihren Zügen, die bald nur gebietende Hoheit auszuſtrahlen, bald das reizende Geheimniß leidender Liebe zu verrathen ſchienen 2 Ber⸗ tha'’s Heiterkeit, Bertha's fröhliche, neckende Gunſt hatte dieſes ernſtere Bild längſt aus ſeinem Herzen ver⸗ drängt, und doch fühlte der arme Herr Dieterich die alte Wunde wieder bluten, als das Fräulein von Lich⸗ tenſtein ſich nahte. Aber welcher unbekannten Macht 7 8 ſollte er es zuſchreiben, daß Mariens Züge einen ganz anderen Ausdruck gewonnen hatten? Wohl lag noch eine hohe Würde in ihrer Haltung, auf ihrer Stirne, aber in ihren Augen glühte eine ſtille Freude, ihr Mund lächelte und ſcherzte, auf ihren Wangen waren die ſchönſten Roſen aufgeblüht. Sprachlos hatte Dieterich von Kraft dieſe Erſcheinung angeſtarrt, und jetzt erſt wurde auch er von dem alten Ritter bemerkt.„Seh' ich recht,“ rief dieſer,„Dieterich Kraft, mein Neffe! Was führt denn Dich nach Stuttgart, kommſt Du etwa zur Hochzeit meiner Tochter mit Georg von Sturmfeder? Aber wie ſiehſt Du aus? Was fehlt Dir doch? Du biſt ſo bleich und elend, und Deine Kleider hängen Dir in Fetzen vom Leibe??“ Der Rathsſchreiber ſah herab auf das roſenfarbene Mäntelein und erröthete.„Weiß Gott,“ rief er,„ich kann mich vor keinem ehrlichen Menſchen ſehen laſſen! Dieſe verdammten Würtemberger, dieſe Weingärtner und Schuſtersjungen haben mich ſo zerfetzt. Aber wahr⸗ haftig! der ganze durchlauchtigte Bund iſt in meiner Perſon angegriffen und beleidigt!“ „Ihr dürft froh ſein, Vetter! daß Ihr ſo davon gekommen ſeid,“ ſagte Georg, indem er die Angekom⸗ menen in ſein Gemach einführte.„Bedenket, Herr Vater, geſtern Nacht, als wir vor den Thoren ſtanden, hielt er Reden an die Bürger, um ſie aufzuwiegeln gegen uns. Da hat ihn heute früh der Kanzler wollen köpfen laſſen. Mit großer Mühe bat ich ihn los, und jetzt klagt er die Würtemberger wegen ſeines zerfetzten Mänteleins an.“ X 3 7 „Mit gnädiger Erlaubniß,“ ſagte Frau Roſel und verbeugte ſich dreimal vor dem Rathsſchreiber,„wenn Ihr meine Hülfe annehmen wollet, ſo will ich den Mantel flicken, daß es eine Luſt iſt. Da geht's wie im Sprüchwort: Hat der Junge den Rock zerriſſen, hat der Alu' ihn flicken müſſen.“ Herrn Dieterich war dieſe Hülfe ſehr angenehm. Er bequemte ſich, zu der Frau Roſel ans Fenſter zu ſitzen, um ſich ſeine Gewänder zurecht richten zu laſſen. Sie zog aus ihrer großen Ledertaſche Zwirn von allen Farben, und machte ſich an die Wunden, die ihm die Würtemberger geſchlagen hatten. Sie unterhielt ihn dabei mit ergützlichen Reden von der Haushaltung und der Zubereitung verſchiedener Speiſen, die in Frau Sabina's Kochregiſter nicht vorgekommen waren. Ent⸗ fernt von dieſem Paar, um die ganze Breite des Zim⸗ mers, ſaßen Georg und Marie im traulichen Flüſtern der Liebe. Weder der gelehrte Johannes Thetingerus, noch ein Johannes Bezius, weder Gabelkofer noch Cruſius, ſo wichtige Kunde wir ihnen über dieſe Zei⸗ ten verdanken, melden uns, was dieſe Beiden an jenem Morgen zuſammen flüſterten. Nur ſo viel können wir berichten, daß eine ſüße Ruhe auf Mariens Zügen lag, daß ſte die ſchonen Augen bald freudig aufſchlug, bald verſchämt wieder ſenkte, daß ſie bald lächelte, bald tief erröthete und manche Frage des Geliebten mit Küſſen zurückdrängte. Der Leſer wird es uns Dank wiſſen, wenn wir ihn von einer Scene, die ſo wenig hiſtoriſchen Grund und Boden, alſo nach neueren Begriffen auch keinen Werth W. Hauffs Werke. XVII. 3 7 98 hat, hinwegführen und den Schritten des Ritters von Lichtenſtein folgen. Er hatte ſeine Tochter unter der Pflege Georgs, ſeinen Neffen unter der kunſtreichen Hand der Frau Roſalie gelaſſen, und ſchritt nun den Gemächern des Herzogs zu. Seine Züge, welchen Alter und Erfahrung einen ſinnenden Ernſt eingedrückt hatten, erſchienen in dieſer Stunde noch ernſter— beinahe traurig. Dieſer Mann hatte von ſeinen Vä⸗ tern die Liebe zum Hauſe Würtemberg geerbt, Ge⸗ wohnheit und Neigung hatten ihn an die Regenten gefeſſelt, die während ſeines langen Lebens über Wür⸗ temberg geherrſcht hatten, und das Unglück und die Verleumdung, welche auf Ulerich unabläſſig herein⸗ ſtürmten, hatten das Herz des alten Herrn nicht von dieſem Herzog losreißen können, ſie feſſelten ihn nur mit noch ſtärkeren Banden. Mit der Freude eines Bräutigams, der zur Hochzeit zieht, mit der Kraft eines Jünglings hatte er den weiten und beſchwerlichen Weg von ſeinem Schloß nach Stuttgart zurückgelegt, als man ihm gemeldet hatte, daß der Herzog Leonberg erobert habe und auf Stuttgart zuziehe. Keinen Au⸗ genblick zweifelte er an dem Siege des Herzogs, und ſo traf es ſich, daß er ſchon am andern Morgen der neuen Herrſchaft Ulerichs nach Stuttgart kam. Nicht ſo fröhlicher Art waren die Nachrichten, die ihm Georg mittheilte, als er mit ihm und Marien die Treppe heraufſtieg.„Der Herzog,“ hatte ihm Jener zugeflüſtert,„der Herzog iſt nicht ſo, wie er ſollte; Gott weiß, was er mit ſeinem Lande machen will; er hat unterwegs ſonderbare Reden fallen laſſen, und ich fürchte, er iſt nicht in den beſten Händen. Der Kanz⸗ ler Ambroſius Volland—“ dieſer einzige Name reichte hin, in dem Ritter von Lichtenſtein große Beſorgniſſe aufzuregen. Er kannte dieſen Volland, er wußte, daß er zwar gelehrt, in allen Regierungsgeſchäften überaus wohl erfahren, zu jedem, auch dem ſchwerſten Dienſt bereit, aber dabei ein Mann ſei, der zum wenigſten ſchon öfter ein gewagtes, wo nicht falſches Spiel geſpielt habe. „Wenn der Herzog dieſem ſein Vertrauen ſchenkt, wenn er nur ſeine Rathſchläge befolgt, dann ſei Gott gnädig. Dem Ambroſius iſt das Land ein Stück Leder, das man nach Willkür handhaben kann, er wird es zurechtſchneiden wollen zu einem Koller für den Herzog, und die Abſchnipfel für ſich behalten. Aber, wie Frau Roſel zu ſagen pflegt: Zerſchneiden kann jeder Narr, aber wie zuſammennähen?“ So ſprach der alte Herr von Lichtenſtein zu ſich, als er durch die Galerien ging; er ſtreichelte unmuthig ſeinen langen, weißen Buart, und ſeine Augen glühten von Eifer für die gute Sache Würtembergs. Er wurde ſogleich vorgelaſſen und traf den Herzog in großer Berathung mit Ambroſius. Der Letztere hatte eine ungeheure Schwanenfeder in der einen Hand, in der andern hielt er ein Pergament, das mit ſchwar⸗ zer, rother und blauer Dinte in vielen zierlichen Schnörklein beſchrieben war. Der Herzog ſpielte mit einem großen Sigill, das er in der Hand hielt; er ſchien mit ſich zu kämpfen, er ſah bald ſeinen Kanzler durchdringend an, bald heftete ſich ſein Blick wieder auf das Sigill. Sie waren Beide ſo vertieft, daß 40⁰ Lichtenſtein einige Minuten im Zimmer ſtand, ohne von ihnen bemerkt zu werden; er betrachtete mit großer Theilnahme die edlen Züge Ulerichs von Würtemberg. Er ſah, wie auf ſeiner Stirne, in ſeinen ſprechenden Augen ſo verſchiedene Empfindungen wechſelten. Bald runzelte ſich ſeine Stirne, ſeine Augenbrauen zuckten, ſein Auge rollte, dann glätteten ſich dieſe Falten, aus ſeinen Blicken ſtrahlte nur ein tiefer Ernſt, der in Nachdenken überging, und oft ſchien ein Anflug von Güte den ſtrengen Ausdruck ſeiner Züge zu mildern. Aber der im gelben Mäntelein, mit der Schwanenfeder in der Hand, ſtand wie der Verſucher vor ihm! Er wand und drehte ſich vor ihm, wie die Schlange im Paradies, und das ewig ſtehende Lächeln, der Ausdruck von Ehrlichkeit, den er ſeinen grünen Äuglein zu geben wußte, wenn ihn ſein Herr ſcharf anſah, ſollten ein⸗ laden, den Apfel anzubeißen. „Ich kann nicht begreifen,“ ſprach ex mit heiſerer, feiner Stimme,„warum Ihr es nicht thun möget. Hat wohl Cäſar ſo lange gezaudert, als er über den Rubicon ging? Ein großer Mann hat große Mittel nöthig, und die Mitwelt und die Nachwelt wird Euch preiſen, daß Ihr dieſe Feſſeln von Euch geworfen.“ „Weißt Du dies ſo gewiß, Ambroſius Volland?“ entgegnete der Herzog, indem er ihn düſter anblickte. „Man wird ſagen: Herzog Ulerich war ein Tyrann. Er hat die alte Ordnung umgeſtoßen, die ſeinen Vätern heilig war, er hat den Vertrag, den er ſelbſt aufge⸗ richtet, gebrochen, er hat ſein Land wie ein fremdes behandelt, er hat die Geſetze nicht gehalten, die— 4 „Erlaubet,“ unterbrach ihn Jener,„es kommt nur allein auf die Frage an: Wer iſt Herr? Der Herzog vder das Land? Wenn das Land Herr iſt, dann iſt s was Anderes. Dann freilich ſind allerlei Paeten, Ver⸗ träge, Klauſeln und dergleichen nöthig. Die Ritter⸗ ſchaft, die Prälaten und die Landſchaft ſind dann Meiſter, und Euer Durchlaucht— nun. ſind dann Der, welcher den Namen dazu hergibt. Seid Ihr aber, was man ſo eigentlich Herr nennt, dann ſeid Ihr es auch, der Geſetze gibt. Jetzt habt Ihr das Heft in der Hand, jetzt noch ſeid Ihr Herr und Meiſter. Drum fort mit dem alten Recht, hier iſt ein neues— da, nehmt in Gottes Namen die Feder, un⸗ terzeichnet!“ Der Herzog ſtand noch eine Weile unſchlüſſig⸗ ſeine Wangen glühten, ſeine ganze Geſtalt richtete ſich höher auf, aber ſein Auge haftete noch am Boden. Jetzt ſchlug er es auf, und es blitzte vom Gefühl ſeiner Würde.„Ich heiße Würtemberg,“ ſagte er.„Ich bin das Land und das Geſetz— ich unterſchreibe.“ Er ſtreckte die Rechte aus, die Schwanenfeder aus der Hand ſeines Kanzlers zu empfangen, aber mit ſanfter Gewalt wurde ſein Arm von einer fremden Hand er⸗ griffen und weggezogen. Erſtaunt ſah er ſich um, und blickte in die ruhigen, aber ernſten Züge des Ritters von Lichtenſtein. „Ha! Willkommen!“ rief er,„mein getreuer Lich⸗ tenſtein. Sogleich ſteh' ich Euch Rede, laſſet mich nur zuvor dies Pergament unterzeichnen.“ „Erlauben Euer Durchlaucht,“ ſagte der alte 40² Mann,„Ihr habt mir eine Stimme zugeſagt in Eu⸗ rem Rath, darf ich nicht auch wiſſen um die erſte Ver⸗ ordnung, die Ihr an Euer Land ergehen laſſet?“ „Mit Euer Hochedeln Erlaubniß,“ fiel Ambroſius Volland haſtig ein,„das Ding hat Eile, die Bürger⸗ ſchaft von Stuttgart verſammelt ſich ſchon auf der Wieſe. Dieſe Schrift muß ihr vorgeleſen werden. Es hat wahrhaftig Eile.“ „Nun, Ambroſius!“ ſagte der Herzog,„ſo gar eilig iſt es nicht, daß wir unſerem alten Freund die Sache nicht mittheilen ſollten. Wir haben nämlich beſchloſſen, uns huldigen zu laſſen, und zwar nach neuen Verträgen und Geſetzen. Die alten find null und nichtig.“ „Das habt Ihr beſchloſſen? um Sotteswillen, habt Ihr auch bedacht, zu was dies führt? Habt Ihr nicht erſt vor wenigen Jahren den Tübinger Vertrag heſchworen?“ „Tübingen!“a rief der Herzog mit ſchrecklicher Stimme, indem ſeine Augen von Zorn glühten.„Tü⸗ bingen! Nenne dies Wort nicht mehr! Dort hatte ich all' meine Hoffnung, dort war mein Land, meine Kinder, ha! und dort haben ſie mich verrathen und verkauft. Ich bat, ich flehte, ſie ſollen zu mir halten, ich wollte Gut und Blut mit ihnen theilen— nichts! Man wollte von Ulerich nichts mehr. Das neue Re⸗ giment gefiel ihnen beſſer, im Elend haben ſie mich ſchmachten laſſen, haben zugegeben, daß ihr Herzog in Verbannung war, haben geduldet, daß der Name Würtemberg ein Hohngelächter wurde in allen Reichen, W —] —— jetzt bin ich wieder Herr und Meiſter, und habe das Heft in der Hand, und will mir's nicht wieder aus der Hand winden laſſen. Haben ſie ihren Eid vergeſſen, bei Sankt Hubertus, ſo iſt mein Gedächtniß auch nicht länger. Tübinger Vertrag? Ich ſag', der Teufel ſoll Alles holen, was mit dieſem Namen ſich verknüpft!“ „Aber bedenken Euer Durchlaucht!“ ſprach Lich⸗ tenſtein, von dieſem Ausbruch der Leidenſchaft erſchüt⸗ tert,„bedenket doch, welchen Eindruck ein ſolcher Schritt auf das Land machen muß. Noch haht Ihr nichts als Stuttgart und die Gegend; noch liegen in Urach, Aſperg, Tübingen, Göppingen überall bündiſche Be⸗ ſatzungen. Wird die Landſchaft Euch beiſtehen, den Bund zu verjagen, wenn ſie hört, auf welche neue Ordnung ſie huldigen ſoll?“ „Ich ſag' iſt mir die Landſchaft beigeſtanden, als ich Würtemberg mit dem Rücken anſehen mußte? Sie haben mich laufen laſſen und dem Bund gehuldigt!“ „Vergebt mir, Herr Herzog,“ entgegnete der Alte mit bewegter Stimme,„dem iſt nicht alſo. Ich weiß noch wohl den Tag bei Blaubeuren. Wer hielt da zu Euch, als die Schweizer abzogen? Wer bat Euch, nicht vom Land zu laſſen: wer wollte Euch ſein Leben opfern? Das waren achttauſend Würtemberger. Habt Ihr den Tag vergeſſen?“ 3 „Ei, ei, Wertheſter!“ ſagte der Kanzler, dem es nicht entging, welchen mächtigen Eindruck dieſe Worte auf Ulerich machten.„Ei, Ihr ſprechet doch auch et⸗ was zu kühnlich. Iſt übrigens jetzt auch gar nicht die Rede von damals, ſondern von jetzt. Die Landſchaft iſt von der alten Huldigung gänzlich abgekommen, hat dem Bunde eine andere Huldigung gethan; Seine Durchlaucht iſt jetzt als ein neu angekommener Herr anzuſehen; er hat dies Land mit Gewalt erobert; hat ſich nun der Bund auf beſondere Verträge huldigen laſſen, ſo kann es der Herzog eben ſo halten. Neuer Herr, neu Geſetz. Man kann ſich in allewege nach eigenem Gutdünken huldigen laſſen. Soll ich die Feder eintauchen, gnädiger Herr?“ „Herr Kanzler!“ ſagte Lichtenſtein mit feſter Stimme.„Habe alle mögliche Ehrfurcht vor Eurer Gelahrtheit und Einſicht, aber was Ihr da ſagt, iſt grundfalſch und kein guter Rath. Jetzt gilt es, zu wiſſen, wen das Volk liebt. Der Bund hat durch ſein Walten im Land Alles gegen ſich aufgebracht; es war die rechte Zeit, daß Seine Durchlaucht wieder kam, jetzt fliegen ihm alle Herzen zu. Wird er ſie nicht ge⸗ waltſam von ſich ſtoßen, wenn er alles Alte umreißt, und nach eigner, neuerer Satzung ſchaltet und waltet? O, bedenkt, bedenkt, die Liebe eines Volkes iſt eine mächtige Stütze!“ Der Herzog ſtand mit untergeſchlagenen Armen da, düſter vor ſich hinblickend, er antwortete nicht. Deſto eifriger that dies der Kanzler im gelben Mänte⸗ lein.„Hi, hi, hi! Wo habt Ihr die ſchönen Sprüchlein her, Liebwerther, Hochgeſchätzter? Liebe des Volkes ſagt Ihr? Schon die Römer wußten, was davon zu halten ſei. Seifenblaſen, Seifenblaſen! Hätt' Euch für geſcheiter gehalten. Wer iſt denn das Land? Hier, hier ſteht es in Perſona, das iſt Würtemberg, dem 155 gehört's, hat's geerbt, und jetzt noch dazu erobert. Volksliebe! Aprillenwetter! Wäre ihre Liebe ſo ſtark geweſen, ſo hätte ſie nicht dem Bunde gehuldigt.“ „Der Kanzler hat Recht!“ rief Ulerich, aus ſeinen Gedanken erwachend.„Du magſt es gut meinen, Lich⸗ tenſtein. Aber er hat diesmal Recht. Meine Langmuth hat mich zum Land hinaus getrieben; jetzt bin ich wie⸗ der da, und ſie ſollen fühlen, daß ich Herr bin. Die Feder her, Kanzler, ich ſag', ſo will ich's; ſo wollen wir uns huldigen laſſen!“ „O Herr, thut nichts in der erſten Hitze! Wartet, bis Euer Blut ſich abkühlt. Rufet die Landſchaft zuſammen; machet Änderungen nach Eurem Sinne, unr jetzt nicht, nur nicht, ſo lange der Bund noch Land beſitzt in Würtemberg; es könnte Euch ſchaden bei den übrigen. Geſtattet nur noch eine kurze Friſt.“ „So?“ unterbrach ihn der Kanzler.„Daß man dann alsgemach wieder in das alte Weſen hinein kommt? Gebt acht, wenn die Landſchaft erſt beiſammen iſt, wenn ſie ſich erſt zuſammen berathen, meinet Ihr, da werden ſie ſo gutwillig nachgeben? Hi, hi! Da wird man Gewalt anwenden müſſen, und das macht erſt verhaßt. Schmiedet das Eiſen, ſo lange es warm iſt. Oder gelüſtet Euer Durchlaucht, wieder ganz gehor⸗ ſamlich unter das alte Joch zu ſtehen, und den Karren zu ziehen?“ Der Herzog antwortete nicht. Er riß mit einer haſtigen Bewegung Feder und Pergament dem Kanzler aus der Hand, warf einen ſchnellen, durchdringenden Blick auf ihn und den Ritter, und ehe noch dieſer es 106 verhindern konnte, hatte Ulerich ſeinen Namen unter⸗ zeichnet. Der Ritter ſtand in ſtummer Beſtürzung; er ſenkte bekümmert das Haupt auf die Bruſt herab. Der Kanzler blickte triumphirend auf den Ritter und den Herzog. Doch dieſer ergriff eine ſilberne Glocke, die auf dem Tiſch ſtand und klingelte. Ein Diener erſchien und fragte nach ſeinem Befehl. 4 „Iſt die Bürgerſchaft verſammelt?“ fragte er. „Ja, Euer Durchlaucht! Auf den Wieſen gegen Cannſtatt ſind ſie verſammelt. Amt und Stadt; die Landsknechte rücken ſo eben aus, ſechs Fähnlein.“ „Die Landsknechte? Wer gab die Erlaubniß?“ Der Kanzler zitterte bei dem Ton dieſer Frage. „Es iſt nur wegen der Ordnung,“ ſagte er,„ich habe gedacht, weil es bei ſolchen Fällen gebräuchlich ſei, daß bewaffnete Mannſchaft—“ Der Herzog winkte ihm, zu ſchweigen. Er begegnete einem trüben, fragenden Blick des alten Lichtenſtein, der ihn erröthen machte.„Mit meinem Befehl geſchah es nicht,“ ſprach er,„doch— es möchte auffallen, wenn wir ſie zurück riefen. Es iſt ja gleichgültig. Man hringe mir den rothen Mantel und den Hut; ſchnell!“ Der Herzog trat ans Fenſter, und ſah ſchweigend hinaus. Der Kanzler ſchien nicht recht zu wiſſen, ob ſein Herr erzürnt ſei, oder nicht, er wagte nicht zu ſprechen, und der Ritter von Lichtenſtein beharrte in ſeinem trüben Schweigen. So ſtanden ſie geraume Zeit, bis ſie von den Dienern unterbrochen wurden. Es traten vier Edelknaben ins Gemach, der erſte trug den Mantel, der zweite den Hut, der dritte eine Kette von ₰ Gold, und der vierte des Herzogs Schlachtſchwert. Sie bekleideten den Herzog mit dem Fürſtenmantel von purpurrothem Sammt, mit Hermelin verbrämt. Sie reichten ihm den Hut, der die ſchwarz und gelbe Farbe des Hauſes Würtemberg in reichen wehenden Federn zeigte, dieſe wurden zuſammen gehalten von einer Agraffe aus Gold und Edelſteinen, die eine Grafſchaft werth waren. Der Herzog bedeckte ſein Haupt mit die⸗ ſem Hut. Seine kräftige Geſtalt ſchien in dieſem fürſt⸗ lichen Schmuck noch erhabener als zuvor, und die freie majeſtätiſche Stirne, das glänzende Auge ſah gebietend unter den wallenden Federn hervor. Er ließ ſich die Kette umhängen, ſteckte das Schlachtſchwert an, und winkte ſeinem Kanzler, aufzubrechen. Noch immer ſprach der Ritter von Lichtenſtein kein Wort. Mit bekümmerter Miene hatte er dieſen An⸗ ſtalten zugeſehen und ſich dann abgewendet. Der Her⸗ zog ſchritt mit leichtem Neigen des Hauptes an dem alten Ritter vorüber zur Thüre, und die wunderliche Figur des Kanzlers Ambroßus Volland folgte ihm mit majeſtätiſchen Schritten. Hatte der Herr den Alten nicht gegrüßt, glaubte auch der Kanzler ihm dies nicht ſchuldig zu ſein. Er warf nur einen tückiſchen Blick nach dem Platz hinüber, wo Jener noch immer ſtand, und ſein großer, zahnloſer Mund verzog ſich zu einem höhniſchen Lächeln. In der Thüre ſtand der Herzog ſtille, er ſah rückwärts, ſeine beſſere Natur ſchien über ihn zu ſiegen, er kehrte zur Verwunderung des Kanz lers zurück und trat zu Lichtenſtein. „Alter Mann!“ ſagte er, indem er vergeblich 108 ſtrebte, ſeine tiefe Bewegung zu unterdrücken:„Du warſt mein einziger Freund in der Noth, und in hun⸗ dert Proben habe ich Deine Treue bewährt gefunden, Du kannſt es mit Würtemberg nicht ſchlimm meinen. Ich fühle, es iſt einer der wichtigſten Schritte meines Lebens, und ich gehe vielleicht einen gewagten Gang.— Aber wo es das Höchſte gilt, muß man Alles wagen.“ Der Ritter von Lichtenſtein richtete ſein greiſes Haupt auf; in den weißen Wimpern hingen Thränen. Er er⸗ griff Ulerichs Hand:„Bleibet,“ rief er,„nur diesmal, diesmal folget meiner Stimme. Mein Haar iſt grau, ich habe lange gelebt, Ihr erſt drei Jahrzehnte.“— Indem ertönten die Trommeln der Landsknechte in dem Hof. Das ungeduldige Stampfen der Roſſe drang herauf und die Herolde ſtießen, zur Huldigung rufend, in die Trompeten. „Jacta alea esto! war der Wahlſpruch Cäſars,“ ſagte der Herzog mit muthiger Miene.„Jetzt gehe ich über meinen Rubicon. Aber Dein Segen möchte mir frommen, alter Mann, zum Rath iſt es zu ſpät!“ Der Ritter blickte ſchmerzlich aufwärts. Die Stimme verſagte ihm, er drückte ſegnend ſeines Herzogs Rechte an die Bruſt. Noch zögerte Ulerich bei ihm, da ſtreckte der Kanzler den langen, dürren Arm unter dem gelben Mäntelein hervor, und winkte ihm mit der Pergament⸗ rolle. Er war anzuſchauen, wie der Verſucher, dem es gelingt, eine arme Seele mit ſich hinab zu ziehen. Ule⸗ rich von Würtemberg riß ſich los und ging, um ſich von ſeiner Hauptſtadt huldigen zu laſſen. —⸗/—