Wilhelm Hauff's ſämmtliche Werke. Mit des Dichters Leben von Guſtav Schmab. Dreizehntes Bändchen. Vierte Geſammtausgabe. Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1846. Mährchen für IV. Das Wirthshaus im Speſſart. (Fortſetzung.) Die Hähle von Steenfoll. Eine ſchottländiſche Sage. Auf einer der Felſeninſeln Schottlands lebten vor vielen Jahren zwei Fiſcher in glücklicher Eintracht. Sie waren beide unverheirathet, hatten auch ſonſt keine An⸗ gehörigen, und ihre gemeinſame Arbeit, obgleich ver⸗ ſchieden angewendet, nährte ſie Beide. Im Alter kamen ſie einander ziemlich nahe, aber von Perſon und an Gemüthsart glichen ſie einander nicht mehr, als ein Adler und ein Seekalb. Kaſpar Strumpf war ein kurzer, dicker Menſch mit einem breiten fetten Vollmondsgeſicht und gutmüthig lachenden Augen, denen Gram und Sorge fremd zu ſein ſchienen. Er war nicht nur fett, ſondern auch ſchläfrig und faul, und ihm fielen daher die Arbeiten des Hauſes, Kochen und Backen, das Stricken der Netze zum eigenen Fiſchfang und zum Verkaufe, auch ein großer Theil der Beſtellung ihres kleinen Feldes anheim. Ganz das Gegentheil war ſein Gefährte; lang W. Hauffs Werke. XIII. 4 2 und hager, mit kuͤhner Habichtsnaſe und ſcharfen Au⸗ gen, war er als der thätigſte und glücklichſte Fiſcher, der unternehmendſte Kletterer nach Vögeln und Dau⸗ nen, der fleißigſte Feldarbeiter auf den Inſeln, und dabei als der geldgierigſte Händler auf dem Markte zu Kirchwall bekannt; aber da ſeine Waaren gut und ſein Wandel frei von Betrug war, ſo handelte Jeder gern mit ihm, und Wilm Falke(ſo nannten ihn ſeine Landsleute) und Kaſpar Strumpf, mit welchem Erſterer trotz ſeiner Habſucht gerne ſeinen ſchwer errungenen Gewinn theilte, hatten nicht nur eine gute Nahrung, ſondern waren auch auf gutem Wege, einen gewiſſen Grad von Wohlhabenheit zu erlangen. Aber Wohlha⸗ benheit allein war es nicht, was Falke's habſüchtigem Gemüthe zuſagte; er wollte reich, ſehr reich werden, und da er bald einſehen lernte, daß auf dem gewöhn⸗ lichen Wege des Fleißes das Reichwerden nicht ſehr ſchnell vor ſich ging, ſo verfiel er zuletzt auf den Ge⸗ danken, er müßte ſeinen Reichthum durch irgend einen außerordentlichen Glückszufall erlangen, und da nun dieſer Gedanke einmal von ſeinem heftig wollenden Geiſte Beſitz genommen, fand er für nichts Anderes Raum darin, und er fing an, mit Kaſpar Strumpf davon, als von einer gewiſſen Sache zu reden. Dieſer, dem Alles, was Falke ſagte, für Evangelium galt, er⸗ zählte es ſeinen Nachbarn, und bald verbreitete ſich das Gerücht, Wilm Falke hätte ſich entweder wirklich dem Böſen für Gold verſchrieben, oder hätte doch ein Anerbieten dazu von dem Fürſten der Unterwelt be⸗ kommen. 3 Anfangs zwar verlachte Falke dieſe Gerüchte, aber allmählig gefiel er ſich in dem Gedanken, daß irgend ein Geiſt ihm einmal einen Schatz verrathen könne, und er widerſprach nicht länger, wenn ihn ſeine Landsleute damit aufzogen. Er trieb zwar noch immer ſein Ge⸗ ſchäft fort, aber mit weniger Eifer, und verlor oft einen großen Theil der Zeit, die er ſonſt mit Fiſchfang oder andern nützlichen Arbeiten zuzubringen pflegte, in zweck⸗ loſem Suchen irgend eines Abenteuers, wodurch er plötzlich reich werden ſollte. Auch wollte es ſein Un⸗ glück, daß, als er eines Tages am einſamen Ufer ſtand und in beſtimmter Hoffnung auf das bewegte Meer hinausblickte, als ſolle ihm von dorther ſein großes Glück kommen, eine große Welle unter einer Menge losgeriſſenen Mooſes und Geſteins, eine gelbe Kugel — eine Kugel von Gold— zu ſeinen Füßen rollte. Wilm ſtand wie bezaubert; ſo waren denn ſeine Hoffnungen nicht leere Träume geweſen, das Meer hatte ihm Gold, ſchönes reines Gold geſchenkt, wahr⸗ ſcheinlich die überreſte einer ſchweren Barre, welche die Wellen auf dem Meeresgrund bis zur Größe einer Flintenkugel abgerieben. Und nun ſtand es klar vor ſeiner Seele, daß einmal irgendwo an dieſer Küſte ein reich beladenes Schiff geſcheitert ſein müſſe, und daß er dazu erſehen ſei, die im Schooße des Meeres begra⸗ benen Schätze zu heben. Dies ward von nun an ſein einziges Streben; ſeinen Fund ſorgfältig, ſelbſt vor ſeinem Freunde verbergend, damit nicht auch Andere ſeiner Entdeckung auf die Spur kämen, verſäumte er alles Andere und brachte Tage und Nächte an dieſer 4 Küſte zu, wo er nicht ſein Netz nach Fiſchen, ſondern eine eigends dazu verfertigte Schaufel— nach Gold auswarf. Aber er fand Nichts, als Armuth; denn er ſelbſt verdiente Nichts mehr, und Kaſpars ſchläfrige Bemühungen reichten nicht hin, ſie Beide zu ernähren. Im Suchen größerer Schätze verſchwand nicht nur das gefundene Gold, ſondern allmählig auch das ganze Ei⸗ genthum der Junggeſellen. Aber ſo wie Strumpf früher ſtillſchweigend von Falke den beſten Theil ſeiner Nah⸗ rung hatte erwerben laſſen, ſo ertrug er es auch jetzt ſchweigend und ohne Murren, daß die zweckloͤſe Thätig⸗ keit deſſelben ſie ihm jetzt entzog; und gerade dieſes ſanftmüthige Dulden ſeines Freundes war es, wäs jenen nur noch ſtärker anſpornte, ſein raſtloſes Suchen nach Reichthum noch mehr fortzuſetzen. Was ihn aber noch thätiger machte, war, daß, ſo oft er ſich zur Ruhe niederlegte, und ſeine Augen ſich zum Schlummer ſchloſſen, Etwas ihm ein Wort ins Ohr raunte, das er zwar ſehr deutlich zu vernehmen glaubte, und das ihm jedesmal daſſelbe ſchien, das er aber niemals be⸗ halten konnte. Zwar wußte er nicht, was dieſer Um⸗ ſtand, ſo ſonderbar er auch war, mit ſeinem jetzigen Streben zu thun haben könne; aber auf ein Gemüth, wie Wilm Falke'’s, mußte Alles wirken, und auch dieſes geheimnißvolle Flüſtern half ihn in dem Glauben be⸗ ſtärken, daß ihm ein großes Glück beſtimmt ſei, das er nur in einem Goldhaufen zu finden hoffte. Eines Tages überraſchte ihn ein Sturm am ufer, wo er die Goldkugel gefunden hatte, und die Heftigkeit deſſelben trieb ihn an, in einer nahen Höhle Zuflucht . 5 8. zu ſuchen. Dieſe Höhle, welche die Einwohner die Höhle von Steenfoll nennen, beſteht aus einem langen unterirdiſchen Gange, welcher ſich mit zwei Mündungen gegen das Meer öffnet und den Wellen einen freien Durchgang läßt, die ſich beſtändig mit lautem Brüllen ſchäumend durch denſelben hinarbeiten. Dieſe Höhle war nur an einer Stelle zugänglich, und zwar durch eine Spalte von oben her, welche aber ſelten von je⸗ mand Anderem, als muthwilligen Knaben, betreten ward, indem zu den eigenen Gefahren des Ortes ſich noch der Ruf eines Geiſterſpuks geſellte. Mit Mühe ließ Wilm ſich in denſelben hinab und nahm ungefähr zwölf Fuß tief von der Oberfläche auf einem vor⸗ ſpringenden Stein, und unter einem überhängenden Felſenſtück Platz, wo er mit den brauſenden Wellen unter ſeinen Füßen und dem wüthenden Sturm über ſeinem Haupte in ſeinen gewöhnlichen Gedankenzug verfiel, nämlich von dem geſcheiterten Schiff, und was für ein Schiff es wohl geweſen ſein möchte; denn trotz allen ſeinen Erkundigungen hatte er ſelbſt von den älteſten Einwohnern von keinem an dieſer Stelle ge⸗ ſcheiterten Fahrzeuge Nachricht erhalten können. Wie lange er ſo geſeſſen, wußte er ſelbſt nicht; als er aber endlich aus ſeinen Träumereien erwachte, entdeckte er, daß der Sturm vorüber war; und er wollte eben wie⸗ der emporſteigen, als eine Stimme ſich aus der Tiefe vernehmen ließ und das Wort Car⸗mil⸗han ganz deutlich in ſein Ohr drang. Erſchrocken fuhr er in die Höhe und blickte in den leeren Abgrund hinab.„Großer Gott!“ ſchrie er,„das iſt das Wort, das mich in mei⸗ 6 nem Schlafe verfolgt! Was, ums Himmels Willen mag es bedeuten? u„Carmilhan!“ ſeufzte es noch einmal aus der Höhle herauf, als er ſchon mit einem Fuß die Spalte verlaſſen hatte, und er floh wie ein ge⸗ ſcheuchtes Reh ſeiner Hütte zu. Wilm war indeſſen keine Memme; die Sache war ihm nur unerwartet gekommen, und ſein Geldgeiz war auch überdies zu mächtig in ihm, als daß ihn irgend ein Anſchein von Gefahr hätte abſchrecken können, auf ſeinem gefahrvollen Pfade fortzuwandern. Einſt als er ſpät in der Nacht beim Mondſchein der Höhle von Steenfoll gegenüber mit ſeiner Schaufel nach Schätzen fiſchte, blieb dieſelbe auf einmal an Etwas hängen. Er zog aus Leibeskräften, aber die Maſſe blieb unbeweg⸗ lich. Inzwiſchen erhob ſich der Wind, dunkle Wolken überzogen den Himmel, heftig ſchaukelte das Boot und drohte umzuſchlagen; aber Wilm ließ ſich nicht irre machen; er zog und zog, bis der Widerſtand aufhörte, und da er kein Gewicht fühlte, glaubte er, ſein Seil wäre gebrochen. Aber gerade, als die Wolken ſich über dem Monde zuſammenziehen wollten, erſchien eine runde, ſchwarze Maſſe auf der Oberfläche, und es er⸗ klang das ihn verfolgende Wort Carmilhan!] Haſtig wollte er nach ihr greifen, aber eben ſo ſchnell, als er den Arm darnach ausſtreckte, verſchwand ſie in der Dunkelheit der Nacht, und der eben losbrechende Sturm zwang ihn, unter den nahen Felſen Zuflucht zu ſuchen. Hier ſchlief er vor Ermüdung ein, um im Schlafe, von einer ungezügelten Einbildungskraft ge⸗ peinigt, aufs Neue die Qualen zu erdulden, die ihn 4 8 7 ſein raſtloſes Streben nach Reichthum am Tage erlei⸗ den ließ. Die erſten Strahlen der aufgehenden Sonne fielen auf den jetzt ruhigen Spiegel des Meeres, als Falke erwachte. Eben wollte er wieder hinaus an die gewohnte Arbeit, als er von Ferne Etwas auf ſich zu⸗ kommen ſah. Er erkannte es bald für ein Boot, und in demſelben eine menſchliche Geſtalt; was aber ſein größtes Erſtaunen erregte, war, daß das Fahrzeug ſich ohne Segel oder Ruder fortbewegte, und zwar mit dem Schnabel gegen das Ufer gekehrt, und ohne daß die darin ſitzende Geſtalt ſich im geringſten um das Steuerruder zu bekümmern ſchien, wenn es je eins hatte. Das Boot kam immer näher und hielt endlich neben Wilms Fahrzeug ſtille. Die Perſon in demſel⸗ ben zeigte ſich jetzt als ein kleines, verſchrumpftes altes Männchen, das in gelbe Leinwand gekleidet und mit rother, in die Höhe ſtehender Nachtmütze, mit ge⸗ ſchloſſenen Augen, und unbeweglich wie ein getrockne⸗ ter Leichnam da ſaß. Nachdem er es vergebens ange⸗ rufen und geſtoßen hatte, wollte er eben einen Strick an das Boot befeſtigen und es wegführen, als das Männchen die Augen aufſchlug und ſich zu bewegen anfing, auf eine Weiſe, welche ſelbſt den kühnen Fiſcher mit Grauſen erfüllte. „Wo bin ich?“ fragte es nach einem tiefen Seuf⸗ zer auf Holländiſch. Falke, welcher von den holländi⸗ ſchen Häringsfängern etwas von ihrer Sprache gelernt hatte, nannte ihm den Namen der Inſel und fragte, wer er denn ſei, und was ihn hieher gebracht. „Ich komme, um nach dem Carmilhan zu ſehen.“ 8 „Dem Carmilhan? Um Gotteswillen! Was iſt das?“ rief der begierige Fiſcher. „Ich gebe keine Antwort auf Fragen, die man mir auf dieſe Weiſe thut,“ erwiderte das Männchen mit ſichtbarer Angſt. 3 „Nun,“ ſchrie Falke,„was iſt der Carmilhan?“— „Der Carmilhan iſt jetzt Nichts, aber einſt war es ein ſchönes Schiff, mit mehr Gold beladen, als je ein anderes Fahrzeug getragen.“ „Wo ging es zu Grunde, und wann?“ „Es war vor hundert Jahren; wo, weiß ich nicht genau; ich komme, um die Stelle aufzuſuchen und das verlorene Gold aufzufiſchen; willſt Du mir helfen, ſo wollen wir den Fund mit einander theilen.“ „Mit ganzem Herzen, ſag mir nur, was muß ich thun?“ „Was Du thun mußt, erfordert Muth; Du mußt Dich gerade vor Mitternacht in die wildeſte und ein⸗ ſamſte Gegend auf der Inſel begeben, begleitet von einer Kuh, die Du dort ſchlachten und Dich von Je⸗ mand in ihre friſche Haut wickeln laſſen mußt. Dein Begleiter muß Dich dann niederlegen und allein laſſen, und ehe es ein Uhr ſchlägt, weißt Du, wo die Schätze des Carmilhan liegen.“ „Auf dieſe Weiſe fiel der alte Engrol mit Leib und Seele ins Verderben!“ rief Wilm mit Entſetzen.„Du biſt der böſe Geiſt,“ fuhr er fort, indem er haſtig da⸗ von ruderte,„geh zur Hölle! Ich mag nichts mit Dir zu thun haben.“ Das Männchen knirſchte, ſchimpfte und fluchte 9 3. ihm nach; aber der Fiſcher, welcher zu beiden Rudern gegriffen hatte, war ihm bald aus dem Gehör, und nachdem er um einen Felſen gebogen, auch aus dem Geſichte. Aber die Entdeckung, daß der böſe Geiſt ſich ſeinen Geiz zu Nutze zu machen und mit Gold in ſeine Schlingen zu locken ſuchte, heilte den verblendeten Fiſcher nicht, im Gegentheil, er meinte die Mitthei⸗ lung des gelben Männchens benutzen zu können, ohne ſich dem Böſen zu überliefern; und indem er fortfuhr, an der öden Küſte nach Gold zu fiſchen, vernachläſſigte er den Wohlſtand, den ihm die reichen Fiſchzüge in andern Gegenden des Meeres darboten, ſo wie alle andern Mittel, auf die er ehemals ſeinen Fleiß ver⸗ wendet, und verſank von Tag zu Tage nebſt ſeinem Gefährten in tiefere Armuth, bis es endlich oft an den nothwendigſten Lebensbedürfniſſen zu fehlen anfing. Aber obgleich dieſer Verfall gänzlich Falke's Halsſtar⸗ rigkeit und falſcher Begierde zugeſchrieben werden mußte, und die Ernährung Beider jetzt Kaſpar Strumpf allein anheim fiel, ſo machte ihm doch dieſer niemals den geringſten Vorwurf; ja er bezeugte ihm immer noch dieſelbe Unterwürfigkeit, daſſelbe Ver⸗ trauen in ſeinen beſſern Verſtand, als zur Zeit, wo ihm ſeine Unternehmungen allezeit geglückt waren; dieſer Umſtand vermehrte Falke's Leiden um ein gro⸗ ßes, aber trieb ihn, noch mehr nach Gold zu ſuchen, weil er dadurch hoffte, auch ſeinen Freund für ſein ge⸗ genwärtiges Entbehren ſchadlos halten zu können. Da⸗ bei verfolgte ihn das teufliſche Geflüſter des Wortes Carmilhan noch immer in ſeinem Schlummer. Kurz, 10 Noth, getäuſchte Erwartung und Geiz trieben ihn zu⸗ letzt zu einer Art Wahnſinn, ſo daß er wirklich beſchloß, das zu thun, was ihm das Männchen angerathen, ob⸗ gleich er nach der alten Gage wohl wußte, daß er ſich vamit den Mächten der Finſterniß übergab. Alle Gegenvorſtellungen Kaſpars waren vergebens. Falke ward nur um ſo heftiger, je mehr Jener ihn an⸗ ſlehte, von ſeinem verzweifelten Vorhaben abzuſtehen. Und der gute ſchwache Menſch willigte endlich ein, ihn zu begleiten und ihm ſeinen Plan ausführen zu helfen. Beider Herzen zogen ſich ſchmerzhaft zuſammen, als ſie einen Strick um die Hörner einer ſchönen Kuh, ihr letztes Eigenthum, legten, die ſie vom Kalbe aufgezogen, und die ſie ſich immer zu verkaufen geweigert hatten, weil ſie's nicht übers Herz bringen konnten, ſie in fremden Händen zu ſehen. Aber der böſe Geiſt, wel⸗ cher ſich Wilms bemeiſterte, erſtickte jetzt alle beſſeren Gefühle in ihm, und Kaſpar wußte ihm in Nichts zu widerſtehen. Es war im September, und die langen Nächte des ſchottländiſchen Winters hatten angefangen. Die Nachtwolken wälzten ſich ſchwer vor dem rauhen Abendwinde und thürmten ſich wie Eisberge im Clyde⸗ ſtrom, tiefer Schatten füllte die Schluchten zwiſchen dem Gebirge und den feuchten Torfſümpfen, und die trüben Betten der Ströme blickten ſchwarz und furcht⸗ bar wie Höllenſchlünde. Falke ging voran und Strumpf folgte, ſchaudernd über ſeine eigene Kühnheit, und Thränen füllten ſein ſchweres Auge, ſo oft er das arme Thier anſah, welches ſo vertrauensvoll und bewußtlos ſeinem baldigen Tode entgegenging, der ihm von der 11 Hand werden ſollte, die ihm bisher ſeine Nahrung ge⸗ reicht. Mit Mühe kamen ſie in das enge ſumpfige Bergthal, welches hier und da mit Moos und Heide⸗ kraut bewachſen, mit großen Steinen überſäet war, und von einer wilden Gebirgskette umgeben lag, die ſich in grauen Nebel verlor, und wohin der Fuß eines Menſchen ſich ſelten verſtieg. Sie näherten ſich auf wankendem Boden einem großen Stein, welcher in der Mitte ſtand, und von welchem ein verſcheuchter Adler krächzend in die Höhe flog. Die arme Kuh brüllte dumpf, als erkenne ſie die Schreckniſſe des Ortes und das ihr bevorſtehende Schickſal; Kaſpar wandte ſich weg, um ſich die ſchnellfließenden Thränen abzuwiſchen. Er blickte hinab durch die Felſenöffnung⸗ durch welche ſie heraufgekommen waren; von wo aus man die ferne Brandung des Meeres hörte; und dann hinauf nach den Berggipfeln, auf welche ſich ein kohlſchwarzes Ge⸗ wölk gelagert hatte, aus welchem man von Zeit zu Zeit ein dumpfes Murmeln vernahm. Als er ſich wie⸗ der nach Wilm umſah, hatte dieſer bereits die arme Kuh an den Stein gebunden und ſtand mit aufgehobe⸗ ner Art im Begriff, das gute Thier zu fällen. Dies war zuviel für ſeinen Entſchluß, ſich in den Willen ſeines Freundes zu fügen. Mit gerungenen Händen ſtürzte er ſich auf die Kniee.„Um Gottes wil⸗ len, Wilm Falke!“ ſchrie er mit der Stimme der Ver⸗ zweiflung,„ſchone Dich, ſchone die Kuh! ſchone Dich und mich! ſchone Deine Seele!— Schone Dein Le⸗ ben! Und mußt Du Gott ſo verſuchen, ſo warte bis 12 morgen und opfere lieber ein anderes Thier, als unſere liebe Kuh!“ „Kaſpar, biſt Du toll?“ ſchrie Wilm wie ein Wahnſinniger, indem er noch immer die Axt in der Höhe geſchwungen hielt.„Soll ich die Kuh ſchonen und verhungern?“’ „Du ſollſt nicht verhungern,“ antwortete Kaſpar. entſchloſſen.„So lange ich Hände habe, ſollſt Du nicht verhungern. Ich will vom Morgen bis in die Nacht für Dich arbeiten. Nur bring Dich nicht um Deiner Seele Seligkeit, und laß mir das arme Thier leben!“ „Dann nimm die Art und ſpalte mir den Kopf,“ ſchrie Falke mit verzweifeltem Tone,„ich gehe nicht von dieſem Fleck, bis ich habe, was ich verlange.— Kannſt Du die Schätze des Carmilhan für mich heben? Können Deine Hände mehr erwerben als die elende⸗ ſten Bedürfniſſe des Lebens?— Aber ſie können mei⸗ nen Jammer enden— komm, und laß mich das Opfer ſein!" „Wilm, tödte die Kuh, tödte mich! Es liegt mir nichts daran, es iſt mir ja nur um Deine Seligkeit zu thun. Ach! dies iſt ja der Piktenaltar, und das Opfer, das Du bringen willſt, gehört der Finſterniß.“ „Ich weiß von nichts dergleichen,“ rief Falke wild lachend, wie Einer, der entſchloſſen iſt, nichts wiſſen zu wollen, was ihn von ſeinem Vorſatze abbringen könnte.„Kaſpar, Du biſt toll und machſt mich toll— aber da,“ fuhr er fort, indem er das Beil von ſich warf und das Meſſer vom Steine aufnahm, wie wenn 13 er ſich durchſtoßen wollte,„da behalte die Kuh ſtatt meiner!“ Kaſpar war in einem Augenblick bei ihm, riß ihm das Mordwerkzeug aus der Hand, er faßte das Beil, ſchwang es hoch in der Luft und ließ es mit ſolcher Gewalt auf des geliebten Thieres Kopf fallen, daß es ohne zu zucken und todt zu ſeines Herrn Füßen nieder⸗ ſtürzte. Ein Blitz, begleitet von einem Donnerſchlage, folgte dieſer raſchen Handlung, und Falke ſtarrte ſei⸗ nen Freund mit den Augen an, womit ein Mann ein Kind anſtaunen würde, das ſich das zu thun getrauet, was er ſelbſt nicht gewagt. Strumpf ſchien aber weder von dem Donner erſchreckt, noch durch das ſtarre Er⸗ ſtaunen ſeines Gefährten außer Faſſung gebracht, ſon⸗ dern fiel, ohne ein Wort zu reden, über die Kuh her und fing an, ihr die Haut abzuziehen. Als Wilm ſich ein wenig erholt hatte, half er ihm in dieſem Geſchäfte, aber mit ſo ſichtbarem Widerwillen, als er vorher be⸗ gierig geweſen war, das Opfer vollendet zu ſehen. Während dieſer Arbeit hatte ſich das Gewitter zuſam⸗ mengezogen, der Donner brüllte laut im Gebirge, und furchtbare Blitze ſchlängelten ſich um den Stein und über das Moos der Schlucht hin, während der Wind, welcher dieſe Höhe noch nicht erreicht hatte, die un⸗ tern Thäler und das Geſtade mit wildem Heulen er⸗ füllte. Und als die Haut endlich abgezogen war, fan⸗ den beide Schiffer ſich ſchon bis auf die Haut durchnäßt. Sie breiteten jene auf dem Boden aus, und Kaſpar wickelte und band Falken, ſo wie dieſer es ihn gehei⸗ 14 ßen, in derſelben feſt ein. Dann erſt, als dies geſchehen war, brach der arme Menſch das lange Stillſchweigen, und indem er mitleidig auf ſeinen bethörten Freund hinabblickte, fragte er mit zitternder Stimme:„Kann ich noch etwas für Dich thun, Wilm?“ „Nichts mehr,“ erwiderte der Andere„* lebe wohl!“ „Leb wohl,“ erwiderte der Kaſpar,„Gott ſei mit Dir, und vergebe Dir, wie ich es thue!“ Dies waren die letzten Worte, welche Wilm von ihm hörte, denn im nächſten Augenblick war er in der zunehmenden Dunkelheit verſchwunden. Und in dem⸗ ſelben Augenblick brach auch einer der fürchterlichſten Gewitterſtürme, die Wilin nur je gehört hatte, aus. Err fing an mit einem Blitze, welcher Falken nicht nur die Berge und Felſen in ſeiner unmittelbaren Nähe, ſondern auch das Thal unter ihm, mit dem ſchäumen⸗ den Meere und den in der Bucht zerſtreut liegenden Felſeninſeln zeigte, zwiſchen welchen er die Erſcheinung eines großen fremdartigen und entmaſteten Schiffes zu erblicken glaubte, welches auch im Augenblick wieder in der ſchwärzeſten Dunkelheit verſchwand. Die Don⸗ nerſchläge wurden ganz betäubend. Eine Maſſe Felſen⸗ ſtücke rollten vom Gebirge herab und drohten ihn zu erſchlagen. Der Regen ergoß ſich in ſolcher Menge, daß er in einem Augenblick das enge Sumpfthal mit einer hohen Flut überſtrömte, welche bald bis zu Wilms Schultern hinaufreichte, denn glücklicher Weiſe hatte ihn Kaſpar mit dem oberen Theile des Körpers auf eine Erhöhung gelegt, ſonſt hätte er auf einmal 15 ertrinken müſſen. Das Waſſer ſtieg immer höher, und je mehr Wilm ſich anſtrengte, ſich aus ſeiner gefahr⸗ vollen Lage zu befreien, deſto feſter umgab ihn die Haut. Umſonſt rief er nach Kaſpar. Kaſpar war weit weg. Gott in ſeiner Noth anzurufen, wagte er nicht, und ein Schauder ergriff ihn, wenn er die Mächte an⸗ flehen wollte, deren Gewalt er ſich hingegeben fühlte. Schon drang ihm das Waſſer in die Ohren, ſchon berührte es den Rand der Lippen.„Gott, ich bin ver⸗ loren!“ ſchrie er, indem er einen Strom über ſein Geſicht hinſturzen fühlte— aber in demſelben Augen⸗ blick drang ein Schall, wie von einem nahen Waſſer⸗ fall, ſchwach in ſein Gehör, und ſogleich war auch ſein Mund wieder unbedeckt. Die Flut hatte ſich durch das Geſtein Bahn gebrochen. Und da zu gleicher Zeit der Regen etwas nachließ, und das tiefe Dunkel des Him⸗ mels ſich etwas verzog, ſo ließ auch ſeine Verzweiflung nach, und es ſchien ihm ein Strahl der Hoffnung zu⸗ rückzukehren. Aber obgleich er ſich wie von einem To⸗ deskampfe erſchöpft fühlte und ſehnlich wünſchte, aus ſeiner Gefangenſchaft erlöst zu ſein, ſo war doch der Zweck ſeines verzweifelten Strebens noch nicht erreicht, und mit der verſchwundenen unmittelbaren Lebensge⸗ fahr kam auch die Habſucht mit all ihren Furien in ſeine Bruſt zurück. Aber überzeugt, daß er in ſeiner Lage ausharren müſſe, um ſein Ziel zu erreichen, hielt er ſich ruhig und fiel vor Kälte und Ermüdung in einen feſten Schlaf. Er mochte ungefähr zwei Stunden geſchlafen ha⸗ ben, als ihn ein kalter Wind, der ihm übers Geſicht fuhr, und ein Rauſchen, wie von herannahenden Mee⸗ reswogen, aus ſeiner glücklichen Selbſtvergeſſenheit aufrüttelte. Der Himmel hatte ſich aufs Neue verfin⸗ ſtert. Ein Blitz, wie der, welcher den erſten Sturm herbeigeführt, erhellte noch einmal die Gegend umher, und er glaubte abermals, das fremde Schiff zu erblicken, das jetzt dicht vor der Steenfollklippe auf einer hohen Welle zu hängen und dann jählings in den Abgrund zu ſchießen ſchien. Er ſtarrte noch immer nach dem Phantom, denn ein unaufhörliches Blitzen hielt jetzt das Meer erleuchtet, als ſich auf einmal eine berghohe Waſſerhoſe aus dem Thale erhob und ihn mit ſolcher Gewalt gegen einen Felſen ſchleuderte, daß ihm alle Sinne vergingen. Als er wieder zu ſich ſelbſt kam, hatte ſich das Wetter verzogen, der Himmel war hei⸗ ter, aber das Wetterleuchten dauerte noch immer fort. Er lag dicht am Fuße des Gebirges, welches dieſes Thal umſchloß, und er fühlte ſich ſo zerſchlagen, daß er ſich kaum zu rühren vermochte. Er hörte das ſtillere Brauſen der Brandung, und mitten drinnen eine feier⸗ liche Muſik, wie Kirchengeſang. Dieſe Töne waren anfangs ſo ſchwach, daß er ſie für Täuſchung hielt. Aber ſie ließen ſich immer wieder aufs Neue vernehmen, und jedesmal deutlicher und näher, und es ſchien ihm zuletzt, als koͤnne er darin die Melodie eines Pſalms unterſcheiden, die er im vorigen Sommer an Bord eines holländiſchen Häringfängers gehört hatte. Endlich unterſchied er ſogar Stimmen, und es däuchte ihm, als vernehme er ſelbſt die Worte jenes Liedes, Die Stimmen waren jetzt in dem Thale, und 17 als er ſich mit Mühe zu einem Stein hingeſchoben, auf den er den Kopf legte, erblickte er wirklich einen Zug von menſchlichen Geſtalten, von welchen dieſe Muſik ausging, und der ſich gerade auf ihn zu bewegte. Kumtmer und Angſt lag auf den Geſichtern der Leute, deren Kleider von Waſſer zu triefen ſchienen. Jetzt waren ſie dicht bei ihm, und ihr Geſang ſchwieg. An ihrer Spitze waren mehre Muſikanten, dann mehre Seeleute, und hinter dieſen kam ein großer ſtarker Mann in altväterlicher, reich mit Gold beſetzter Tracht, mit einem Schwert an der Seite, und einem langen dicken ſpaniſchen Rohr mit goldenem Knopf in der Hand. Ihm zur Linken ging ein Negerknabe, welcher ſeinem Herrn von Zeit zu Zeit eine lange Pfeife reichte, aus der er einige feierliche Züge that und dann weiter ſchritt. Er blieb kerzengerade vor Wilm ſtehen, und ihm zu beiden Seiten ſtellten ſich andere, minder präch⸗ tig gekleidete Männer, welche alle Pfeifen in den Händen hatten, die aber nicht ſo koſtbar ſchienen, als die Pfeife, welche dem dicken Manne nachgetragen wurde. Hinter dieſen traten andere Perſonen auf, wor⸗ unter mehre Frauensperſonen, von denen einige Kinder in den Armen oder an der Hand hatten, alle in koſt⸗ barer, aber fremdartiger Kleidung. Ein Haufen hol⸗ ländiſcher Matroſen ſchloß den Zug, deren jeder den Mund voll Tabak, und zwiſchen den Zähnen ein brau⸗ nes Pfeiſchen hatte, das ſie in düſterer Stille rauchten. Der Fiſcher blickte mit Grauſen auf dieſe ſonder⸗ bare Verſammlung; aber die Erwartung deſſen, das W. Hauffs Werke. XIII. 2 18 da kommen werde, hielt ſeinen Muth aufrecht. Lange ſtanden ſie ſo um ihn her, und der Rauch ihrer Pfeifen erhob ſich wie eine Wolke über ſie, zwiſchen welcher die Sterne hindurch blinkteu. Der Kreis zog ſich immer enger um Wilm her, das Rauchen ward immer hefti⸗ ger, und dicker die Wolke, die aus Mund und Pfeifen hervorſtieg. Falke war ein kühner, verwegener Mann; er hatte ſich auf Außerordentliches vorbereitet; aber als er dieſe unbegreifliche Menge immer näher auf ihn eindringen ſah, als wolle ſie ihn mit ihrer Maſſe er⸗ drücken, da entſank ihm der Muth, dicker Schweiß trat ihm vor die Stirne, und er glaubte, vor Angſt ver⸗ gehen zu müſſen. Aber man denke ſich erſt ſeinen Schrecken, als er von ungefähr die Augen wandte und dicht an ſeinem Kopf das gelbe Männchen ſteif und aufrecht ſitzen ſah, wie er es zum erſtenmal erblickt, nur daß es jetzt, als wie zum Spotte der ganzen Ver⸗ ſammlung, auch eine Pfeife im Munde hatte. In der Todesangſt, die ihn jetzt ergriff, rief er zu der Haupt⸗ perſon gewendet:„Im Namen deſſen, dem Ihr dienet, wer ſeid Ihr? Und was verlangt Ihr von mir?“ Der große Mann rauchte drei Züge, feierlicher als je, gab dann die Pfeife ſeinem Diener und antwortete mit ſchreckhafter Kälte:„Ich bin Alfred Franz van der Swelder, Befehlshaber des Schiffes Carmilhan von Amſterdam, welches auf dem Heimwege von Batavia mit Mann und Maus an dieſer Felſenküſte zu Grunde ging; dies ſind meine Offiziere, dies meine Paſſagiere, und jenes meine braven Seeleute, welche alle mit mir ertranken. Warum haſt Du uns aus unſern tiefen 19 Wohnungen im Meere hervorgerufen? Warum ſtörteſt Du unſere Ruhe?“ „Ich moͤchte wiſſen, wo die Schätze des Carmilhan liegen.“ „Am Boden des Meeres.“ „Wo?¹ „In der Höhle von Steenfoll.“ „Wie ſoll ich ſie bekommen?“ „Eine Gans taucht in den Schlund nach einem Häring; ſind die Schätze des Carmilhan nicht eben ſo viel werth?“ „Wie viel davon werd’ ich bekommen?“ „Mehr als Du je verzehren wirſt.“ Das gelbe Männchen grinste, und die ganze Verſammlung lachte laut auf.„Biſt Du zu Ende?“ fragte der Hauptmann weiter. „Ich bins. Gehab Dich wohl!“ „Leb' wohl, bis aufs Wiederſehen;“ erwiderte der Holländer und wandte ſich zum Gehen, die Muſikanten traten aufs Neue an die Spitze, und der ganze Zug ent⸗ fernte ſich in derſelben Ordnung, in welcher er ge⸗ kommen war, und mit demſelben feierlichen Geſang, welcher mit der Entfernung immer leiſer und undent⸗ licher wurde, bis er ſich nach einiger Zeit gänzlich im Geräuſche der Brandung verlor. Jetzt ſtrengte Wilm ſeine letzten Kräfte an, ſich aus ſeinen Banden zu be⸗ freien, und es gelang ihm endlich, einen Arm los zu bekommen, womit er die ihn umwindenden Stricke löste und ſich endlich ganz aus der Haut wickelte. Ohne ſich umzuſehen, eilte er nach ſeiner Hütte und fand den 20 armen Kaſpar Strumpf in ſtarrer Bewußtloſigkeit am Boden liegen. Mit Mühe brachte er ihn wieder zu ſich ſelbſt, und der gute Menſch weinte vor Freude, als er den verloren geglaubten Jugendfreund wieder vor ſich ſah. Aber dieſer beglückende Strahl verſchwand ſchnell wieder, als er von dieſem vernahm, welch verzweifeltes Unternehmen er jetzt vorhatte.. „Ich wollte mich lieber in die Hölle ſtürzen, als dieſe nackten Wände und dieſes Elend länger anſehen. — Folge mir oder nicht, ich gehe.“ Mit dieſen Worten faßte Wilm eine Fackel, ein Feuerzeug und ein Seil und eilte davon. Kaſpar eilte ihm nach, ſo ſchnell ers vermochte, und fand ihn ſchon auf dem Felsſtück ſtehen, auf welchem er vormals gegen den Sturm Schutz ge⸗ funden, und bereit, ſich an dem Stricke in den brau⸗ ſenden ſchwarzen Schlund hinabzulaſſen. Als er fand, daß alle ſeine Vorſtellungen nichts über den raſenden Menſchen vermochten, bereitete er ſich, ihm nachzu⸗ ſteigen, aber Falke befahl ihm zu bleiben und den Strick zu halten. Mit furchtbarer Anſtrengung, wozu nur die blindeſte Habſucht den Muth und die Stärke geben konnte, kletterte Falke in die Höhle hinab und kam endlich auf ein vorſpringendes Felſenſtück zu ſtehen, unter welchem die Wogen ſchwarz und mit weißem Schaume bekräuſelt brauſend dahin eilten. Er blickte begierig umher und ſah endlich etwas gerade unter ihm im Waſſer ſchimmern. Er legte die Fackel nieder, ſtürzte ſich hinab und erfaßte etwas Schweres, das er auch heraufbrachte. Es war ein eiſernes Käſtchen voller Goldſtücke. Er verkündigte ſeinem Gefährten, was er 21 gefunden, wollte aber durchaus nicht auf ſein Flehen hören, ſich damit zu begnügen und wieder heraufzu⸗ ſteigen. Falke meinte, dies wäre nur die erſte Frucht ſeiner langen Bemühungen. Er ſtürzte ſich noch einmal hinab— es erſcholl ein lautes Gelächter aus dem Meere und Wilm Falke ward nie wieder geſehen. .Kaſpar ging allein nach Hauſe, aber als ein anderer Menſch. Die ſeltſamen Erſchütterungen, die ſein ſchwacher Kopf und ſein empfindſames Herz erlitten, zerrütteten ihm die Sinne. Er ließ Alles um ſich her verfallen und wanderte Tag und Nacht gedankenlos vor ſich ſtarrend umher, von allen ſeinen vorigen Be⸗ kannten bedauert und vermieden. Ein Fiſcher will Wilm Falke in einer ſtürmiſchen Nacht mitten unter der Mannſchaft des Carmilhan am Ufer erkannt ha⸗ ben, und in derſelben Nacht verſchmanduch Kaſpar Strumpf. Man ſuchte ihn allenthalben, allein nirgends hat man eine Spur von ihm finden können. Aber die Sage geht, daß er oft nebſt Falke mitten unter der Mann⸗ ſchaft des Zauberſchiffes geſehen worden ſei, welches ſeitdem zu regelmäßigen Zeiten an der Höhle von Steenfoll erſchien. 4 „Mitternacht iſt längſt vorüber,“ ſagte der Stu⸗ dent, als der junge Goldarbeiter ſeine Erzählung ge⸗ endigt hatte,„jetzt hat es wohl keine Gefahr mehr, und ich für meinen Theil bin ſo ſchläfrig, daß ich Allen rathen möchte, niederzuliegen und getroſt einzu⸗ ſchlafen.“ 22 „Vor zwei Uhr Morgens moͤcht’ ich doch nicht trauen,“ entgegnete der Jäger;„das Sprüchwort ſagt: von elf bis zwei Uhr iſt Diebes Zeit.“ „Das glaube ich auch,“ bemerkte der Zirkelſchmid; „denn wenn man uns etwas anhaben will, iſt wohl keine Zeit gelegener, als die nach Mitternacht. Drum meine ich, der Studioſus könnte an ſeiner Erzählung fortfahren, die er noch nicht ganz vollendet hat.“ „Ich ſträube mich nicht,“ ſagte dieſer,„obgleich unſer Nachbar, der Herr Jäger, den Anfang nicht ge⸗ hört hat.“ „Ich muß ihn mir hinzu denken, fanget nur an,“ rief der Jäger. „Nun denn,“ wollte eben der Student beginnen, als ſie durch das Anſchlagen eines Hundes unter⸗ brochen wunden, Alle hielten den Athem an und horch⸗ ten;— einer der Bedienten aus dem Zim⸗ mer der Gräfin und rief, daß wohl zehn bis zwölf be⸗ waffnete Männer von der Seite her auf die Schenke zukommen.. Der Jäger griff nach ſeiner Büchſe, der Student nach ſeiner Piſtole, die Handwerksburſchen nach ihren Stöcken, und der Fuhrmann zog ein langes Meſſer aus der Taſche. So ſtanden ſie und ſahen rathlos ein⸗ ander an. „Laßt uns an die Treppe gehen!“ rief der Stu⸗ dent,„zwei oder drei dieſer Schurken ſollen doch zuvor ihren Tod finden, ehe wir überwältigt werden.“ Zu⸗ gleich gab er dem Zirkelſchmid ſeine zweite Piſtole und rieth, daß ſie nur Einer nach dem Andern ſchießen 23 wollten. Sie ſtellten ſich an die Treppe; der Student und der Jäger nahmen gerade ihre ganze Breite ein; ſeitwärts neben dem Jäger ſtand der muthige Zirkel⸗ ſchmied und beugte ſich über das Geländer, indem er die Mündung ſeiner Piſtole auf die Mitte der Treppe hielt. Der Goldarbeiter und der Fuhrmann ſtanden hinter ihnen, bereit, wenn es zu einem Kampf Mann gegen Mann kommen ſollte, das Ihrige zu thun. So ſtanden ſie einige Minuten in ſtiller Erwartung; end⸗ lich hörte man die Hausthüre aufgehen, ſie glaubten auch das Flüſtern mehrer Stimmen zu vernehmen. Jetzt hörte man Tritte vieler Menſchen der Treppe nahen, man kam die Treppe herauf, und auf der erſten Hälfte zeigten ſich drei Männer, die wohl nicht auf den Empfang gefaßt waren, der ihnen bereitet war. Denn als ſie ſich um die Pfeiler der Treppe wandten, ſchrie der Jäger mit ſtarker Stimme:„Halt!“ Noch einen Schritt weiter, und Ihr ſeid des Todes. Spannt die Hahnen, Freunde, und gut gezielt!“ Die Räuber erſchraken, zogen ſich eilig zurück und beriethen ſich mit den Übrigen. Nach einer Weile kam einer davon zurück und ſprach:„Ihr Herren! es wäre Thorheit von Euch, umſonſt Euer Leben aufopfern zu wollen, denn wir ſind unſerer genug, um Euch völlig aufzureiben; aber ziehet Euch zurück, es ſoll Keinem das Geringſte zu Leide geſchehen; wir wollen keines Groſchen Werth von Euch nehmen.“ „Was wollt Ihr denn ſonſt?“ rief der Student. „Meint Ihr, wir werden ſolchem Geſindel trauen 2 Nimmermehr! Wollt Ihr etwas holen, in Gottes 3 24 Namen ſo kommet, aber den Erſten, der ſich um die Ecke wagt, brenne ich auf die Stirne, daß er auf ewig keine Kopfſchmerzen mehr haben ſoll!“ „Gebt uns die Dame heraus, gutwillig;“ antwor⸗ tete der Näuber.„Es ſoll ihr nichts geſchehen, wir wollen ſie an einen ſichern und bequemen Ort führen, ihre Leute können zurückreiten und den Herrn Grafen bitten, er möge ſie mit zwanzigtauſend Gulden aus⸗ löſen.“ „Solche Vorſchläge ſollen wir uns machen laſſen?“ entgegnete der Jäger knirſchend vor Wuth und ſpannte den Hahn.„Ich zähle drei, und wenn Du da unten nicht bei drei hinweg biſt, ſo drücke ich los, eins, zwei—* „Halt!“ ſchrie der Räuber mit donnernder Stimme. „ Iſt das Sitte, auf einen wehrloſen Mann zu ſchießen, der mit Euch friedlich unterhandelt? Thörichter Bur⸗ ſche, Du kannſt mich todtſchießen, und dann haſt Du erſt keine große Heldenthat gethan; aber hier ſtehen zwanzig meiner Kameraden, die mich rächen werden. Was nützt es dann Deiner Frau Gräfin, wenn Ihr todt oder verſtümmelt auf der Flur lieget? Glaube mir, wenn ſie freiwillig mitgeht, ſoll ſte mit Achtung behandelt werden, aber wenn Du, bis ich drei zähle, nicht den Hahn in Ruhe ſetzeſt, ſo ſoll es ihr übel er⸗ gehen. Hahn in Ruh', eins, zwei, drei!“ „Mit dieſen Hunden iſt nicht zu ſpaßen,“ flüſterte der Jäger, indem er den Befehl des Räubers befolgte; „wahrhaftig, an meinem Leben liegt nichts, aber wenn ich einen niederſchieße, könnten ſie meine Dame um ſo 25 härter behandeln. Ich will die Gräfin um Rath fragen. Gebt uns,“ fuhr er mit lauter Stimme fort,„gebt uns eine halbe Stunde Waffenſtillſtand, um die Gräfin vorzubereiten, ſie würde, wenn ſie es plötzlich erfährt, den Tod davon haben.“ „Zugeſtanden,“ antwortete der Räuber und ließ zugleich den Ausgang der Treppe mit ſechs Mann be⸗ ſetzen. Beſtürzt und verwirrt folgten die unglücklichen Reiſenden dem Jäger in das Zimmer der Gräfin; es lag dieſes ſo nahe, und ſo laut hatte man verhandelt, daß ihr kein Wort entgangen war. Sie war bleich und zitterte heftig, aber dennoch ſchien ſie feſt ent⸗ ſchloſſen, ſich in ihr Schickſal zu ergeben:„Warum ſoll ich nutzlos das Leben ſo vieler braver Leute aufs Spiel ſetzen?“ ſagte ſie.„Warum Euch zu einer ver⸗ geblichen Vertheidigung auffordern, Euch, die Ihr mich gar nicht kennet? Nein, ich ſehe, daß keine an⸗ dere Rettung iſt, als den Elenden zu folgen.“ Man war allgemein von dem Muth und dem Un⸗ glück der Dame ergriffen; der Jäger weinte und ſchwur, daß er dieſe Schmach nicht überleben könne. Der Stu⸗ dent aber ſchmähte auf ſich und ſeine Größe von ſechs Fuß.„Wäre ich nur um einen halben Kopf kleiner,“ rief er,„und hätte ich keinen Bart, ſo wüßte ich wohl, was ich zu thun hätte, ich ließe mir von der Frau Grä⸗ fin Kleider geben, und dieſe Elenden ſollten ſpät genug erfahren, welchen Mißgriff ſie gethan.“ Auch auf Felix hatte das Unglück dieſer Frau gro⸗ ßen Eindruck gemacht. Ihr ganzes Weſen kam ihm ſo 26 rührend und bekannt vor; es war ihm, als ſei es ſeine frühe verſtorbene Mutter, die ſich in dieſer ſchrecklichen Lage befände. Er fühlte ſich ſo gehoben, ſo muthig, daß er gerne ſein Leben für das Ihrige gegeben hätte. Doch als der Student jene Worte ſprach, da blitzte auf einmal ein Gedanke in ſeiner Seele auf; er ver⸗ gaß alle Angſt, alle Rückſichten, und er dachte nur an die Rettung dieſer Frau,„Iſt es nur dies,“ ſprach er, indem er ſchüchtern und erröthend hervortrat,„gehört nur ein kleiner Körper, ein bartloſes Kinn und ein muthiges Herz dazu, die gnädige Frau zu retten, ſo bin ich vielleicht auch nicht zu ſchlecht dazu; ziehet in Gottes Namen meinen Rock an, ſetzet meinen Hut auf Euer ſchönes Haar, und nehmet meinen Bündel auf den Rücken und— ziehet als Felix, der Goldarbeiter, Eure Straße.“ 4 Alle waren erſtaunt über den Muth des Jünglings, der Jäger aber ſiel ihm freudig um den Hals.„Gold⸗ junge,“ rief er,„das wollteſt Du thun? Wollteſt Dich in meiner gnädigen Frau Kleider ſtecken laſſen und ſie retten? Das hat Dir Gott eingegeben; aber allein ſollſt Du nicht gehen, ich will mich mit gefangen geben, will bei Dir bleiben an Deiner Seite, als Dein beſter Freund, und ſo lange ich lebe, ſollen ſie Dir nichts anhaben dürfen.“—„Auch ich ziehe mit Dir, ſo wahr ich lebe!“ rief der Student. Es koſtete lange überredung, um die Gräfin zu dieſem Vorſchlag zu überreden. Sie konnte den Ge⸗ danken nicht ertragen, daß ein fremder Menſch für ſie ſich aufopfern ſollte; ſie dachte ſich im Fall einer ſpä⸗ 27 teren Entdeckung die Rache der Räuber, die ganz auf den Unglücklichen fallen würde, ſchrecklich. Aber end⸗ lich ſiegten theils die Bitten des jungen Menſchen, theils die überzeugung, im Fall ſie gerettet würde, Alles aufbieten zu können, um ihren Retter wieder zu befreien. Sie willigte ein. Der Jäger und die übrigen Reiſenden begleiteten Felix in das Zimmer des Stu⸗ denten, wo er ſich ſchnell einige Kleider der Gräfin überwarf. Der Jäger ſetzte ihm noch zum Überfluß einige falſche Haarlocken der Kammerfrau und einen Damenhut auf, und alle verſicherten, daß man ihn nicht erkennen würde. Selbſt der Zirkelſchmied ſchwur, daß, wenn er ihm auf der Straße begegnete, würde er flink den Hut abziehen und nicht ahnen, daß er vor ſeinem muthigen Kameraden ſein Compliment mache. . Die Gräfin hatte ſich indeſſen mit Hülfe ihrer Kammerfrau aus dem Ränzchen des jungen Gold⸗ arbeiters mit Kleidern verſehen. Der Hut, tief in die Stirn gedrückt, der Reiſeſtock in der Hand, das etwas leichter gewordene Bündel auf dem Rücken machten ſie völlig unkenntlich, und die Reiſenden würden zu jeder andern Zeit über dieſe komiſche Maskerade nicht we⸗ nig gelacht haben. Der neue Handwerksburſche dankte Felix mit Thränen und verſprach die'ſchleunigſte Hülfe. „Nur noch eine Bitte habe ich,“ antwortete Felix, „in dieſem Ränzchen, das Sie auf dem Rücken tragen, befindet ſich eine kleine Schachtel; verwahren Sie dieſe ſorgfältig, wenn ſie verloren ginge, wäre ich auf im⸗ mer und ewig unglücklich; ich muß ſie meiner Pflege⸗ mutter bringen und—“ 28 „Gottfried, der Jäger, weiß mein Schloß,“ ent⸗ gegnete ſte,„es ſoll Euch Alles unbeſchädigt wieder zurückgeſtellt werden; denn ich hoffe, Ihr kommet dann ſelbſt, edler junger Mann, um den Dank meines Gat⸗ ten und den meinigen zu empfangen.“ Ehe noch Felix darauf antworten konnte, ertönten von der Treppe her die rauhen Stimmen der Räuber; ſie riefen, die Friſt ſei verfloſſen und Alles zur Abfahrt der Gräfin bereit. Der Jäger ging zu ihnen hinab und erklärte ihnen, daß er die Dame nicht verlaſſen werde und lieber mit ihnen gehe, wohin es auch ſei, ehe er ohne ſeine Gebieterin vor ſeinem Herrn erſchiene. Auch der Student erklärte, dieſe Dame begleiten zu wollen. Sie berathſchlagten ſich über dieſen Fall und geſtanden es endlich zu, unter der Bedingung, daß der Jäger ſogleich ſeine Waffen abgebe. Zugleich befahlen ſie, daß die übrigen Reiſenden ſich ruhig verhalten ſollten, wenn die Gräfin hinweg geführt werde. Felix ließ den Schleier nieder, der über ſeinen Hut gebreitet war, ſetzte ſich in eine Ecke, die Stirne in die Hand geſtützt, und in dieſer Stellung eines tief Be⸗ trübten erwartete er die Räuber. Die Reiſenden hatten ſich in das andere Zimmer zurückgezogen, doch ſo, daß ſte, was vorging, überſchauen konnten; der Jäger ſaß anſcheinend traurig, aber auf Alles lauernd in der andern Ecke des Zimmers, das die Gräfin bewohnt hatte. Nachdem ſie einige Minuten ſo geſeſſen, ging die Thüre auf, und ein ſchöner, ſtattlich gekleideter Mann von etwa ſechsunddreißig Jahren trat in das Zimmer. Er trug eine Art von militäriſcher Uniform, 29 einen Orden auf der Bruſt, einen langen Säbel an der Seite, und in der Hand hielt er einen Hut, von welchem ſchöne Federn herabwallten. Zwei ſeiner Leute hatten gleich nach ſeinem Eintritt die Thüre beſetzt. Er ging mit einer tiefen Verbeugung auf Felix zu; er ſchien vor einer Dame dieſes Ranges etwas in Verlegenheit zu ſein, er ſetzte mehremal an, bis es ihm gelang, geordnet zu ſprechen.„Gnädige Frau,“ ſagte er,„es gibt Fälle, worein man ſich in Geduld ſchicken muß. Ein ſolcher iſt der Ihrige. Glauben Sie nicht, daß ich den Reſpekt vor einer ſo ausgezeich⸗ neten Dame auch nur auf einen Augenblick aus den Augen ſetzen werde; Sie werden alle Bequemlichkeit haben, Sie werden über nichts klagen können, als vielleicht über den Schrecken, den Sie dieſen Abend gehabt.“ Hier hielt er inne, als erwartete er eine Antwort; als aber Felix beharrlich ſchwieg, fuhr er fort:„Sehen Sie in mir keinen gemeinen Dieb, kei⸗ nen Kehlenabſchneider. Ich bin ein unglücklicher Mann, den widrige Verhältniſſe zu dieſem Leben zwangen. Wir wollen uns auf immer aus dieſer Gegend entfer⸗ nen, aber wir brauchen Reiſegeld. Es wäre uns ein Leichtes geweſen, Kaufleute oder Poſtwagen zu über⸗ fallen, aber dann hätten wir vielleicht mehre Leute auf immer ins Unglück geſtürzt. Der Herr Graf, Ihr Gemahl, hat vor ſechs Wochen eine Erbſchaft von fünfmalhunderttauſend Thalern gemacht. Wir erbitten uns zwanzigtauſend Gulden von dieſem überfluß, ge⸗ wiß eine gerechte und beſcheidene Forderung. Sie werden daher die Gnade haben, jetzt ſogleich einen 30 offenen Brief an Ihren Gemahl zu ſchreiben, worin Sie ihm melden, daß wir Sie zurückgehalten, daß er die Zahlung ſo bald als möglich leiſten möge, widri⸗ genfalls— Sie verſtehen mich, wir müßten dann etwas härter mit ihnen ſelbſt verfahren. Die Zahlung wird nicht angenommen, wenn ſie nicht unter dem Siegel der ſtrengſten Verſchwiegenheit von einem ein⸗ zelnen Mann hierher gebracht wird.“ Dieſe Secene wurde mit der geſpannteſten Aufmerk⸗ ſamkeit von allen Gäſten der Waldſchenke, am ängſt⸗ lichſten wohl von der Gräfin beobachtet. Sie glaubte jeden Augenblick, der Jüngling, der ſich für ſie ge⸗ opfert, könnte ſich verrathen. Sie war feſt entſchloſſen, ihn um einen großen Preis loszukaufen; aber eben ſo feſt ſtand ihr Gedanke, um keinen Preis der Welt auch nur einen Schritt weit mit den Räubern zu gehen. Sie hatte in der Rocktaſche des Goldarbeiters ein Meſ⸗ ſer gefunden. Sie hielt es geöffnet krampfhaft in der Hand, bereit, ſich lieber zu tödten, als eine ſolche Schmach zu erdulden. Jedoch nicht minder ängſtlich war Felix ſelbſt. Zwar ſtärkte und tröſtete ihn der Gedanke, daß es eine männliche und würdige That ſei, einer bedrängten, hülfloſen Frau auf dieſe Weiſe bei⸗ zuſtehen; aber er fürchtete, ſich durch jede Bewegung, durch ſeine Stimme zu verrathen. Seine Angſt ſtei⸗ gerte ſich, als der Räuber von einem Briefe ſprach, den er ſchreiben ſollte. Wie ſollte er ſchreiben? Welche Titel dem Gra⸗ fen geben, welche Form dem Briefe, ohne ſich zu ver⸗ rathen? 31 Seine Angſt ſtieg aber aufs Hochſte, als der An⸗ führer der Räuber Papier und Feder vor ihn hin⸗ legte, ihn bat, den Schleier zurückzuſchlagen und zu ſchreiben. 3 Felix wußte nicht, wie hübſch ihm die Tracht paßte, in welche er gekleidet war; hätte er es gewußt, er würde ſich vor einer Entdeckung nicht im mindeſten gefürchtet haben. Denn als er endlich nothgedrungen den Schleier zurückſchlug, ſchien der Herr in Uniform, betroffen von der Schönheit der Dame und ihren etwas männlichen, muthigen Zügen, ſie nur noch ehrfurchts⸗ voller zu betrachten. Dem klaren Blicke des jungen Goldſchmids entging dies nicht; getroſt, daß wenig⸗ ſtens in dieſem gefährlichen Augenblick keine Ent⸗ deckung zu fürchten ſei, ergriff er die Feder und ſchrieb an ſeinen vermeintlichen Gemahl, nach einer Form, wie er ſie einſt in einem alten Buche geleſen; er ſchrieb: „Mein Herr und Gemahl! „Ich unglückliche Frau bin auf meiner Reiſe mit⸗ ten in der Nacht plötzlich angehalten worden, und zwar von Leuten, welchen ich keine gute Abſicht zu⸗ trauen kann. Sie werden mich ſo lange zurückhalten, bis Sie, Herr Graf, die Summe von 20,000 Gulden für mich niedergelegt haben. „Die Bedingung iſt dabei, daß Sie nicht im min⸗ deſten über die Sache ſich bei der Obrigkeit beſchweren, noch ihre Hülfe nachſuchen, daß Sie das Geld durch einen einzelnen Mann in die Waldſchenke im Speſſart 32 ſchicken; widrigenfalls iſt mir mit längerer und harter Gefangenſchaft gedroht. „Es fleht Sie um ſchleunige Hülfe an Ihre unglückliche „Gemahlin.“ Er reichte den merkwürdigen Brief dem Anführer der Räuber, der ihn durchlas und billigte.„Es kommt nun ganz auf Ihre Beſtimmung an,“ fuhr er fort, „ob Sie Ihre Kammerfrau oder Ihren Jäger zur Begleitung wählen werden. Die eine dieſer Perſonen werde ich mit dem Briefe an Ihren Herrn Gemahl zurückſchicken.“ „Der Jäger und dieſer Herr hier werden mich be⸗ gleiten,“ antwortete Felix. „Gut,“ entgegnete Jener, indem er an die Thüre ging und die Kammerfrau herbeirief,„ſo unterrichten Sie dieſe Frau, was ſie zu thun habe. Die Kammerfrau erſchien mit Zittern und Beben. Auch Felix erblaßte, wenn er bedachte, wie leicht er ſich auch jetzt wieder verrathen könnte. Doch ein unbegreiflicher Muth, der ihn in jenen gefähr⸗ lichen Augenblicken ſtärkte, gab ihm auch jetzt wie⸗ der ſeine Reden ein.„Ich habe Dir nichts weiter auf⸗ zutragen,“ ſprach er,„als daß Du den Grafen bitteſt, mich ſo bald als möglich aus dieſer unglücklichen Lage zu reißen.“— „Und,“ fuhr der Räuber fort,„daß Sie dem Herrn Grafen aufs Genaueſte und Ausdrücklichſte empfehlen, daß er Alles verſchweige und nichts gegen uns unter⸗ nehme, bis ſeine Gemahlin in ſeinen Händen iſt. Un⸗ ————— —y'y—— 33 ſere Kundſchafter würden uns bald genng davon unter⸗ richten, und ich möchte dann für nichts ſtehen.“ Die zitternde Kammerfrau verſprach Alles. Es wurde ihr noch befohlen, einige Kleidungsſtücke und Leinenzeug für die Frau Gräfin in einen Bündel zu packen, weil man ſich nicht mit vielem Gepäcke beladen könne, und als dies geſchehen war, forderte der Anfüh⸗ rer der Räuber die Dame mit einer Verbeugung auf, ihm zu folgen. Felir ſtand auf, der Jäger und der Student folgten ihm, und alle drei ſtiegen begleitet von dem Anführer der Räuber die Treppe hinab. Vor der Waldſchenke ſtanden viele Pferde; eines wurde dem Jäger angewieſen, ein anderes, ein ſchönes, kleines Thier mit einem Damenſattel verſehen, ſtand für die Gräfin bereit, ein drittes gab man dem Stu⸗ denten. Der Hauptmann hob den jungen Goldſchmied in den Sattel, ſchnallte ihn feſt, und beſtieg dann ſelbſt ſein Roß. Er ſtellte ſich zur Rechten der Dame auf, zur Linken hielt einer der Räuber; auf gleiche Weiſe waren auch der Jäger und der Student umgeben. Nachdem ſich auch die übrige Bande zu Pferd geſetzt hatte, gab der Anführer mit einer helltönenden Pfeife das Zeichen zum Aufbruch, und bald war die ganze Schaar im Walde verſchwunden. Die Geſellſchaft, die im obern Zimmer verſammelt war, erholte ſich nach dieſem Auftritt allmählig von ihrem Schrecken. Sie wären, wie es nach großem Un⸗ glück oder plötzlicher Gefahr zu geſchehen pflegt, viel⸗ leicht ſogar heiter geweſen, hätte ſie nicht der Gedanke an ihre drei Gefährten beſchäftigt, die man vor ihren W. Hauffs Werke. XlII. 3 34 Augen hinweggeführt hatte. Sie brachen in Bewunde⸗ rung des jungen Goldſchmieds aus, und die Gräfin vergoß Thränen der Rührung, wenn ſie bedachte, daß ſie einem Menſchen ſo unendlich viel zu verdanken habe, dem ſie nie zuvor Gutes gethan, den ſie nicht einmal kannte. Ein Troſt war es für Alle, daß der helden⸗ müthige Jäger und der wackere Student ihn begleitet hatten, konnten ſie ihn doch tröſten, wenn ſich der junge Mann unglücklich fühlte, ja der Gedanke lag nicht gar zu ferne, daß der verſchlagene Weidmann vielleicht Mittel zu ihrer Flucht finden könnte. Sie beriethen ſich noch mit einander, was zu thun ſei. Die Gräfin be⸗ ſchloß, da ſie ja kein Schwur gegen den Räuber binde, ſogleich zu ihrem Gemahl zurückzureiſen und Alles aufzu⸗ bieten, den Aufenthalt der Gefangenen zu entdecken, ſie zu befreien; der Fuhrmann verſprach, nach Aſchaf⸗ fenburg zu reiten und die Gerichte zu Verfolgung der Räuber aufzurufen. Der Zirkelſchmied aber wollt⸗ ſeine Reiſe fortſetzen. Die Reiſenden wurden in dieſer Nacht nicht mehr beunruhigt; Todtenſtille herrſchte in der Waldſchenke, die noch vor Kurzem der Schauplatz ſo ſchrecklicher Sce⸗ nen geweſen war. Als aber am Morgen die Bedienten der Gräfin zu dem Wirth hinabgingen, um alles zur Abfahrt fertig zu machen, kehrten ſie ſchnell zurück und berichteten, daß ſie die Wirthin und ihr Geſinde in einem elenden Zuſtande gefunden hätten. Sie liegen gebun⸗ den in der Schenke und flehen um Beiſtand. Die Reiſenden ſahen ſich bei dieſer Nachricht erſtaunt an.„Wie?“ rief der Zirkelſchmied.„So ſollten dieſe 35⁵ Leute dennoch unſchuldig ſein? So hätten wir ihnen uUnrecht gethan, und ſie ſtanden nicht im Einverſtänd⸗ niß mit den Räubern?“ 3 „Ich laſſe mich aufhängen ſtatt ihrer,“ erwiderte der Fuhrmann,„wenn wir nicht dennoch Recht hatten. Dies Alles iſt nur Betrug, um nicht überwieſen wer⸗ den zu können. Erinnert Ihr Euch nicht der verdäch⸗ tigen Mienen dieſer Wirthſchaft? Erinnert Ihr Euch nicht wie ich hinabgehen wollte, wie mich der abgerich⸗ tete Hund nicht losließ, wie die Wirthin und der Haus⸗ knecht ſogleich erſchienen und mürriſch fragten, was ich denn noch zu thun hätte? Doch ſie ſind unſer, wenig⸗ ſtens der Frau Gräfin, Glück. Hätte es in der Schenke weniger verdächtig ausgeſehen, hätte uns die Wirthin nicht ſo mißtrauiſch gemacht, wir wären nicht zuſammen geſtanden, wären nicht wach geblieben. Die Räuber hät⸗ ten uns überfallen im Schlafe, hätten zum wenigſten unſere Thüre bewacht, und dieſe Verwechslung des bra⸗ ven jungen Mannes wäre nimmer möglich geworden.“ Sie ſtimmten mit der Meinung des Fuhrmanns Alle überein und beſchloſſen auch die Wirthin und ihr Geſinde bei der Obrigkeit anzugeben. Doch um ſie deſto ſicherer zu machen, wollten ſie ſich jetzt nichts merken laſſen. Die Bedienten und der Fuhrmann gingen daher hinab in das Schenkzimmer, lösten die Bande der Die⸗ beshehler auf und bezeigten ſich ſo mitleidig und bedau⸗ ernd als möglich. Um ihre Gäſte noch mehr zu verſöh⸗ nen machte die Wirthin nur eine kleine Rechnung für jeden, und lud ſie ein, recht bald wieder zu kommen. Der Fuhrmann zahlte ſeine Zeche, nahm von ſei⸗ 36 nen Leidensgenoſſen Abſchied und fuhr ſeine Straße. Nach dieſem machten ſich die beiden Handwerksburſche auf den Weg. So leicht der Bündel des Goldſchmieds war, ſo drückte er doch die zarte Dame nicht wenig. Aber noch viel ſchwerer wurde ihr ums Herz, als unter der Hausthüre die Wirthin ihre verbrecheriſche Hand hinſtreckte, um Abſchied zu nehmen.„Ei, was ſeid. Ihr doch für ein junges Blut,“ rief ſie beim Anblick des zarten Jungen,„noch ſo jung und ſchon in die Welt hinaus! Ihr ſeid gewiß ein verdorbenes Kräut⸗ lein, das der Meiſter aus der Werkſtatt jagte. Nun, was geht es mich an, ſchenket mir die Ehre bei der Heimkehr, glückliche Reiſe!“ Die Gräfin wagte vor Angſt und Beben nicht zu antworten, ſie fürchtete ſich durch ihre zarte Stimme zu verrathen. Der Zirkelſchmied merkte es, nahm ſeinen Gefährten unter den Arm, ſagte der Wirthin Ade und ſtimmte ein luſtiges Lied an, während er dem Wald zuſchritt. „ Jetzt erſt bin ich in Sicherheit!“ rief die Gräfin, als ſie etwa hundert Schritte entfernt waren.„Noch immer glaubte ich, die Frau werde mich erkennen und durch ihre Knechte feſtnehmen. O, wie will ich Euch Allen danken! Kommet auch Ihr auf mein Schloß, Ihr müßt doch Euren Reiſegenoſſen wieder bei mir abholen.“ Der Zirkelſchmied ſagte zu, und während ſie noch ſprachen, kam der Wagen der Gräfin ihnen nachgefah⸗ ren; ſchnell wurde die Thüre geöffnet, die Dame ſchlüpfte hinein, grüßte den jungen Handwerksburſchen noch einmal, und der Wagen fuhr weiter. 37 Um dieſelbe Zeit hatten die Räuber und ihre Ge⸗ fangenen den Lagerplatz der Bande erreicht. Sie waren durch eine ungebahnte Waldſtraße im ſchnellſten Trab weggeritten; mit ihren Gefangenen wechſelten ſie kein Wort, auch unter ſich flüſterten ſie nur zuweilen, wenn die Richtung des Weges ſich veränderte. Vor einer tiefen Waldſchlucht machte man endlich Halt. Die Räuber ſaßen ab, und ihr Anführer hob den Goldarbeiter vom Pferd, indem er ſich über den harten und eiligen Ritt entſchuldigte, und fragte, ob doch die gnädige Frau nicht gar zu ſehr angegriffen ſei. Felix antwortete ihm ſo zierlich als möglich, daß er ſich nach Ruhe ſehne, und der Hauptmann bot ihm den Arm, ihn in die Schlucht zu führen.— Es ging einen ſteilen Abhang hinab; der Fußpfad, welcher hin⸗ unterführte, war ſo ſchmal und abſchüſſig, daß der An⸗ führer oft ſeine Dame unterſtützen mußte, um ſie vor der Gefahr, hinabzuſtürzen, zu bewahren. Endlich langte man unten an. Felix ſah vor ſich beim matten Schein des anbrechenden Morgens ein enges, kleines Thal von höchſtens hundert Schritten im Umfang, das tief in einem Keſſel hoch hinanſtrebender Felſen lag. Etwa ſechs bis acht kleine Hütten waren in dieſer Schlucht aus Brettern und abgehauenen Bäumen auf⸗ gebaut. Einige ſchmutzige Weiber ſchauten neugierig aus dieſen Höhlen hervor, und ein Rudel von zwölf großen Hunden und ihren unzähligen Jungen um⸗ ſprang heulend und bellend die Angekommenen. Der Hauptmann führte die vermeintliche Graͤfin in die beſte dieſer Hütten und ſagte ihr, dieſe ſei ausſchließlich zu 38 ihrem Gebrauch beſtimmt; auch erlaubte er auf Felix Verlangen, daß der Jäger und der Student zu ihm gelaſſen wurden. Die Hütte war mit Rehfellen und Matten ausge⸗ legt, die zugleich zum Fußboden und Sitze dienen muß⸗ ten. Einige Krüge und Schüſſeln aus Holz geſchnitzt, eine alte Jagdflinte, und in der hinterſten Ecke ein La⸗ ger, aus ein paar Brettern gezimmert und mit wolle⸗ nen Decken bekleidet, welchem man den Namen eines Bettes nicht geben konnte, waren die einzigen Ge⸗ räthe dieſes gräflichen Palaſtes. Jetzt erſt, allein ge⸗ laſſen in dieſer elenden Hütte, hatten die drei Gefange⸗ nen Zeit, über ihre ſonderbare Lage nachzudenken. Felix, der zwar ſeine edelmüthige Handlung keinen Au⸗ genblick bereute, aber doch für ſeine Zukunft im Fall einer Entdeckung bange war, wollte ſich in lauten Kla⸗ gen Luft machen; der Jäger aber rückte ihm ſchnell näher und flüſterte ihm zu:„Sei um Gottes Willen ſtille, lieber Junge; glaubſt Du denn nicht, daß man uns behorcht?“—„Aus jedem Wort, aus dem Ton Deiner Sprache könnten ſie Verdacht ſchöpfen,“ ſetzte der Student hinzu. Dem armen Felir blieb Nichts übrig, als ſtille zu weinen. „Glaubt mir, Herr Jäger,“ ſagte er,„ich weine nicht aus Angſt vor dieſen Räubern, oder aus Furcht vor dieſer elenden Hütte, Nein, es iſt ein ganz anderer Kummer, der mich drückt! Wie leicht kann die Gräfin vergeſſen, was ich ihr ſchnell noch ſagte, und dann hält man mich für einen Dieb, und ich bin elend auf immer!“ 39 „Aber was iſt es denn, was Dich ſo ängſtigt?“ fragte er Jäger, verwundert über das Benehmen des jungen Menſchen, der ſich bisher ſo muthig und ſtark betragen hatte. 3 „Höret zu, und Ihr werdet mir Recht geben,“ antwortete Felir.„Mein Vater war ein geſchickter Goldarbeiter in Nürnberg, und meine Mutter hatte früher bei einer vornehmen Frau gedient als Kammer⸗ frau, und als ſie meinen Vater heirathete, wurde ſie von der Gräfin, welcher ſie gedient hatte, trefflich aus⸗ geſtattet. Dieſe blieb meinen Eltern immer gewogen, und als ich auf die Welt kam, wurde ſie meine Pathe und beſchenkte mich reichlich. Aber als meine Eltern bald nach einander an einer Seuche ſtarben, und ich ganz allein und verlaſſen in der Welt ſtand und ins Waiſenhaus gebracht werden ſollte, da vernahm die Frau Pathe unſer Unglück, nahm ſich meiner an und gab mich in ein Erziehungshaus; und als ich alt genug war, ſchrieb ſie mir, ob ich nicht des Vaters Gewerbe lernen wollte. Ich war froh darüber und ſagte zu, und ſo gab ſie mich einem Meiſter in Würzburg in die Lehre. Ich hatte Geſchick zur Arbeit und brachte es bald ſo weit, daß mir der Lehrbrief ausgeſtellt wurde und ich auf die Wanderſchaft mich rüſten konnte. Dies ſchrieb ich der Frau Pathe, und flugs antwortete ſie, daß ſie das Geld zur Wanderſchaft gebe. Dabei ſchickte ſie prachtvolle Steine mit und verlangte, ich ſolle ſie faſſen zu einem ſchönen Geſchmeide, ich ſolle dann ſolches als Probe meiner Geſchicklichkeit ſelbſt über⸗ bringen und das Reiſegeld in Empfang nehmen. Meino 40 Frau Pathe habe ich in meinem Lebeu nicht geſehen, und Ihr könnet denken, wie ich mich auf ſie freute. Tag und Nacht arbeitete ich an dem Schmuck, er wurde ſo ſchön und zierlich, daß ſelbſt der Meiſter darüber er⸗ ſtaunte. Als er fertig war, packte ich Alles ſorgfältig auf den Boden meines Ränzels, nahm Abſchied vom Meiſter und wanderte meine Straße nach dem Schloſſe der Frau Pathe. Da kamen,“ fuhr er in Thränen ausbrechend fort,„dieſe ſchändlichen Menſchen und zerſtörten all meine Hoffnung. Denn wenn Eure Frau Gräfin den Schmuck verliert oder vergißt, was ich ihr ſagte, und das ſchlechte Ränzchen wegwirft, wie ſoll ich dann vor meine gnädige Frau Pathe treten? Wo⸗ mit ſoll ich mich ausweiſen? Woher die Steine er⸗ ſetzen? Und das Reiſegeld iſt dann auch verloren, und ich erſcheine als ein undankbarer Menſch, der anver⸗ trautes Gut ſo leichtſinnig weggegeben. Und am Ende — wird man mir glauben, wenn ich den wunderbaren 4 Vorfall erzähle?“ „Über das letztere ſeid getroſt!“ erwiderte der Jä⸗ ger.„Ich glaube nicht, daß bei der Gräfin Euer Schmuck verloren gehen kann; und wenn auch, ſo wird ſie ſicherlich ihn ihrem Retter wiedererſtatten und ein Zeugniß über dieſe Vorfälle ausſtellen.— Wir ver⸗ laſſen Euch jetzt auf einige Stunden, denn wahrhaftig wir brauchen Schlaf, und nach den Anſtrengungen dieſer Nacht werdet Ihr ihn auch nöthig haben. Nach⸗ her laßt uns im Geſpräch unſer Unglück auf Augen⸗ blicke vergeſſen, oder beſſer noch, auf unſere Flucht denken.“ —-——— 41 Sie gingen; Felix blieb allein zurück und verſuchte dem Rath des Jägers zu folgen. Als nach einigen Stunden der Jäger mit dem Stu⸗ denten zurück kam, fand er ſeinen jungen Freund ge⸗ ſtärkter und munterer, als zuvor. Er erzählte dem Goldſchmied, daß ihm der Hauptmann alle Sorgfalt ffr die Dame empfohlen habe, und in wenigen Minuten voerde eins der Weiber, die ſie unter den Hütten ge⸗ ſehen hatten, der gnädigen Gräfin Kaffee bringen und ihre Dienſte zur Aufwartung anbieten. Sie beſchloſſen, um ungeſtört zu ſein, dieſe Gefälligkeit nicht anzu⸗ nehmen, und als das alte, häßliche Zigeunerweib kam, das Frühſtück vorſetzte und mit grinſender Freundlich⸗ „ keit fragte, ob ſie nicht ſonſt noch zu Dienſten ſein könnte, winkte ihr Felix zu gehen, und als ſie noch zauderte, ſcheuchte ſie der Jäger aus der Hütte. Der Student erzählte dann weiter, was ſie ſonſt noch von dem Lager der Räuber geſehen.„Die Hütte, die Ihr bewohnt, ſchönſte Frau Gräfin,“ ſprach er,„ſcheint urſprünglich für den Hauptmann beſtimmt. Sie iſt nicht ſo geräumig, aber ſchöner als die übrigen. Außer dieſer ſind noch ſechs andere da, in welchen die Weiber und Kinder wohnen, denn von den Räubern ſind ſelten mehr als ſechs zu Hauſe. Einer ſteht nicht weit von dieſer Hütte Wache, der Andere unten am Weg in der Höhe, und ein Dritter hat den Lauerpoſten oben am Eingang in die Schlucht. Von zwei Stunden zu zwei Stunden werden ſie von den drei übrigen abgelöst. Jeder hat überdies zwei große Hunde neben ſich liegen, 4 und ſie Alle ſind ſo wachſam, daß man keinen Fuß aus A* 42 der Hütte ſetzen kann, ohne daß ſie anſchlagen. Ich habe keine Hoffnung, daß wir uns durchſtehlen können.“ „Machet mich nicht traurig, ich bin nach dem Schlummer muthiger geworden,“ entgegnete Felix; „gebet nicht alle Hoffnung auf, und fürchtet Ihr Ver⸗ rath, ſo laſſet uns lieber jetzt von etwas Anderem re⸗ den und nicht lange voraus ſchon kummervoll ſein. Herr Student, in der Schenke habt Ihr angefangen, etwas zu erzählen, fahrt jetzt fort, denn wir haben Zeit zum Plaudern.“ „Kann ich mich doch kaum erinnern, was es war,“ antwortete der junge Mann. „Ihr erzähltet die Sage von dem kalten Her⸗ zen, und ſeid ſtehen geblieben, wie der Wirth und der andere Spieler den Kohlenpeter aus der Thüre warfen.“ .„Gut, jetzt entſinne ich mich wieder,“ entgegnete er,„nun, wenn Ihr weiter hoͤren wollet, will ich fort⸗ fahren.“ Das kalte Herz. Zweite Abtheilung. Als Peter am Montag Morgen in ſeine Glashütte ging, da waren nicht nur ſeine Arbeiter da, ſondern auch andere Leute, die man nicht gerne ſieht, nämlich der Amtmann und drei Gerichtsdiener. Der Amtmann wünſchte Petern einen guten Morgen, fragte, wie er geſchlafen, und zog dann ein langes Regiſter heraus, und darauf waren Peters Gläubiger verzeichnet.„Könnt 1 Ihr zahlen oder nicht?“ fragte der Amtmann mit 43 4 ſtrengem Blick.„Und macht es nur kurz, denn ich habe nicht viel Zeit zu verſäumen, und in den Thurm iſt es drei gute Stunden.“ Da verzagte Peter, geſtand, daß er nichts mehr habe, und überließ es dem Amtmann, Haus und Hof, Hütte und Stall, Wagen und Pferde zu ſchätzen; und als die Gerichtsdiener und der Amt⸗ mann umhergingen und prüften und ſchätzten, dachte er, bis zum Tannenbühl iſts nicht weit, hat mir der Kleine nicht geholfen, ſo will ich es einmal mit dem Großen verſuchen. Er lief dem Tannenbühl zu, ſo ſchnell, als ob die Gerichtsdiener ihm auf den Ferſen wären; es war ihm, als er an dem Platz vorbei rannte, wo er das Glasmännlein zuerſt geſprochen, als halte ihn eine unſichtbare Hand auf, aber er riß ſich los und lief weiter, bis an die Grenze, die er ſich früher wohl gemerkt hatte, und kaum hatte er, beinahe athemlos, „Holländer Michel! Herr Holländer Michel!“ gerufen, als auch ſchon der rieſengroße Flözer mit ſeiner Stange vor ihm ſtand.. „Kommſt Du?“ ſprach dieſer lachend.„Haben ſie Dir die Haut abziehen und Deinen Gläubigern ver⸗ kaufen wollen? Nu, ſei ruhig; Dein ganzer Jammer kommt, wie geſagt, von dem kleinen Glasmännlein, von dem Separatiſten und Frömmler her. Wenn man ſchenkt, muß man gleich recht ſchenken, und nicht wie dieſer Knauſer. Doch komm,“ fuhr er fort und wandte ſich gegen den Wald,„folge mir in mein Haus, dort wollen wir ſehen, ob wir Handels einig werden.“ „Handels einig?“ dachte Peter.„Was kann er denn von mir verlangen, was kann ich an ihn verhan⸗ 44 deln? Soll ich ihm etwa dienen, oder was will er?“ Sie gingen zuerſt über einen ſteilen Waldſteig hinan und ſtanden dann mit einemmal an einer dunkeln, tiefen, abſchüſſigen Schlucht; Holländer Michel ſprang den Felſen hinab, wie wenn es eine ſanfte Marmor⸗ treppe wäre; aber bald wäre Peter in Ohnmacht ge⸗ ſunken, denn als Jener unten angekommen war, machte er ſich ſo groß wie ein Kirchthum und reichte ihm einen Arm, ſo lange als ein Weberbaum, und eine Hand daran, ſo breit als der Tiſch im Wirthshaus, und rief mit einer Stimme, die herauf ſchallte wie eine tiefe Todtenglocke:„Setz Dich nur auf meine Hand und halte Dich an den Fingern, ſo wirſt Du nicht fallen.“ Peter that zitternd, wie Jener befohlen, nahm Platz auf der Hand und hielt ſich am Daumen des Rieſen. Es ging weit und tief hinab, aber dennoch ward es zu Peters Verwunderung nicht dunkler; im Gegen⸗ theil, die Tageshelle ſchien ſogar zuzunehmen in der Schlucht, aber er konnte ſie lange in den Augen nicht ertragen. Der Holländer Michel hatte ſich, je weiter Peter herabkam, wieder kleiner gemacht, und ſtand nun in ſeiner früheren Geſtalt vor einem Haus, ſo gering oder gut, als es reiche Bauern auf dem Schwarzwald haben. Die Stube, worein Peter geführt wurde, unter⸗ ſchied ſich durch nichts von den Stuben anderer Leute, als dadurch, daß ſie einſam ſchien. Die hölzerne Wanduhr, der ungeheure Kachelofen, die breiten Bänke, die Geräthſchaften auf den Geſimſen waren hier wie überall. Michel wies ihm einen Platz hinter dem großen Tiſch an, ging dann hinaus und 1 45 kam bald mit einem Krug Wein und Gläſern wieder. Er goß ein und nun ſchwatzten ſte, und Holländer Michel erzählte von den Freuden der Welt, von frem⸗ den Ländern, ſchönen Städten und Flüſſen, daß Peter, am Ende große Sehnſucht darnach bekommend, dies auch offen dem Holländer ſagte. „Wenn Du im ganzen Körper Muth und Kraft, etwas zu unternehmen, hatteſt, da konnten ein paar Schläge des dummen Herzens Dich zittern machen; und dann die Kränkungen der Ehre, das Unglück, wo⸗ zu ſoll ſich ein vernünftiger Kerl um dergleichen be⸗ kümmern? Haſt Du's im Kopf empfunden, als Dich letzthin einer einen Betrüger und ſchlechten Kerl nannte? Hat es Dir im Magen wehe gethan, als der Amtmann kam, Dich aus dem Hauſe zu werfen? Was, ſag' an, was hat Dir wehe gethan 24 3 „Mein Herz,“ ſprach Peter, indem er die Hand auf die pochende Bruſt preßte; denn es war ihm, als ob ſein Herz ſich ängſtlich hin und her wendete. „Du haſt, nimm es mir nicht übel, Du haſt viele hundert Gulden an ſchlechte Bettler und anderes Ge⸗ ſindel weggeworfen; was hat es Dich genützt? Sie haben Dir dafür Segen und einen geſunden Leib ge⸗ wünſcht; ja biſt Du deßwegen geſünder geworden? Um die Hälfte des verſchleuderten Geldes hätteſt Du einen Arzt gehalten. Segen, ja ein ſchöner Segen, wenn man ausgepfändet und ausgeſtoßen wird! Und was war es, das Dich getrieben, in die Taſche zu fah⸗ ren, ſo oft ein Bettelmann ſeinen zerlumpten Hut hin⸗ ſtreckte?— Dein Herz, auch wieder Dein Herz, und 46 weder Deine Augen, noch Deine Zunge, Deine Arme, noch Deine Beine, ſondern Dein Herz; Du haſt Dir es, wie man richtig ſagt, zu ſehr zu Herzen genommen.“ „Aber wie kann man ſich denn angewöhnen, daß es nicht mehr ſo iſt? Ich gebe mir jetzt alle Mühe, es zu unterdrücken, und dennoch pocht mein Herz und thut mir wehe.“. „Du freilich,“ rief Jener mit Lachen,„Du armer Schelm, kannſt nichts dagegen thun; aber gib mir das kaum pochende Ding, und Du wirſt ſehen, wie gut Du es dann haſt.“ „Euch, mein Herz?“ ſchrie Peter mit Entſetzen. „Da müßte ich ja ſterben auf der Stelle! Nimmermehr!“ „Ja, wenn Dir einer eurer Herren Chirurgen das Herz aus dem Leib operiren wollte, da müßteſt Du wohl ſterben; bei mir iſt dies ein anderes Ding; doch komm herein und überzeuge Dich ſelbſt.“ Er ſtand bei dieſen Worten auf, öffnete eine Kammerthüre und führte Peter hinein. Sein Herz zog ſich krampfhaft zuſammen, als er über die Schwelle trat, aber er ach⸗ tete es nicht, denn der Anblick, der ſich ihm bot, war ſonderbar und überraſchend. Auf mehren Geſtmſen von Holz ſtanden Gläſer mit durchſichtiger Flüſſigkeit ge⸗ füllt, und in jedem dieſer Gläſer lag ein Herz, auch waren an den Gläſern Zetteln angeklebt und Namen darauf geſchrieben, die Peter neugierig las; da war das Herz des Amtmanns in F., das Herz des dicken Czechiel, das Herz des Tanzbodenkönigs, das Herz des Oberförſters; da waren ſechs Herzen von Kornwuche⸗ rern, acht von Werboffizieren, drei von Geldmäklern —— — — kurz, es war eine Sammlung der angeſehenſten Herzen in der Umgegend von zwanzig Stunden. „Schau!“ ſprach Holländer Michel,„dieſe alle haben des Lebens AÄngſten und Sorgen weggeworfen; keines dieſer Herzen ſchlägt mehr ängſtlich und beſorgt, und ihre ehemaligen Beſitzer befinden ſich wohl dabei, daß ſie den unruhigen Gaſt aus dem Hauſe haben. „Aber was tragen ſie denn jetzt dafür in der Bruſt?“ fragte Peter, den dies alles, was er geſehen, beinahe ſchwindeln machte. „Dies“ antwortete Jener und reichte ihm aus einem Schubfach— ein ſteinernes Herz. „So?“ erwiderte er und konnte ſich eines Schauers, der ihm über die Haut ging, nicht erwehren.„Ein Herz von Marmelſtein? Aber, horch einmal, Herr Hollän⸗ der Michel, das muß doch gar kalt ſein in der Bruſt. „Freilich, aber ganz angenehm kühl. Warum ſoll denn ein Herz warm ſein? Im Winter nützt Dich die Wärme nichts, da hilft ein guter Kirſchgeiſt mehr als ein warmes Herz, und im Sommer, wenn alles ſchwül und heiß iſt,— Du glaubſt nicht, wie dann ein ſolches Herz abkühlt. Und wie geſagt, weder Angſt noch Schrecken, weder thörichtes Mitleiden noch anderer Kummer pocht an ſolch ein Herz.“ „Und das iſt alles, was Ihr mir gehen könnet,“ fragte Peter unmuthig,„ich hoff' auf Geld, und Ihr wollet mir einen Stein geben!“ „Nu, ich denke an hunderttauſend Gulden hätteſt Du fürs erſte genug. Wenn Du es geſchickt umtreibſt, kannſt Du bald ein Millionär werden.“ „Hunderttauſend?“ rief der arme Köhler freudig. „Nun ſo poche doch nicht ſo ungeſtüm in meiner Bruſt, wir werden bald fertig ſein miteinander. Gut, Michel, gebt mir den Stein und das Geld, und die Unruh' könnet Ihr aus dem Gehäuſe nehmen.“ „Ich dachte es doch, daß Du ein vernünftiger Burſche ſeiſt,“ antwortete der Holländer freundlich lächelnd;„komm, laß uns noch eins trinken, und dann will ich das Geld auszahlen.“ So ſetzten ſie ſich wieder in die Stube zum Wein, tranken und tranken wieder, bis Peter in einen tiefen Schlaf verfiel. Kohlenmunkpeter erwachte beim fröhlichen Schmet⸗ tern eines Poſthorns, und ſiehe da, er ſaß in einem ſchönen Wagen, fuhr auf einer breiten Straße dahin, und als er ſich aus dem Wagen bog, ſah er in blauer Ferne hinter ſich den Schwarzwald liegen. Anfänglich wollte er gar nicht glauben, daß er es ſelbſt ſei, der in dieſem Wagen ſitze. Denn auch ſeine Kleider waren gar nicht mehr dieſelben, die er geſtern getragen, aber er erinnerte ſich doch an Alles ſo deutlich, daß er endlich ſein Nachſinnen aufgab unn rief:„Der Koh⸗ lenmunkpeter bin ich, das iſt ausgemacht, und kein Anderer.“ Er wöunderte ſich über ſich ſelbſt, daß er gar nicht wehmüthig werden konnte, als er jetzt zum erſtenmal aus der ſtillen Heimath, aus den Wäldern, wo er ſo lange gelebt, auszog. Selbſt nicht, als er an ſeine Mutter dachte, die jetzt wohl hülflos und im Elend ſaß, konnte er eine Thräne aus dem Auge preſſen oder 49 nur ſeufzen; denn es war ihm Alles ſo gleichgültig. „Ach freilich,“ ſagte er dann,„Thränen und Seufzer, Heimweh und Wehmuth kommen ja aus dem Herzen, und Dank dem Holländer Michel,— das meine iſt kalt und von Stein.“ Er legte ſeine Hand auf die Bruſt, und es war ganz ruhig dort und rührte ſich nichts.„Wenn er mit den Hunderttauſenden ſo gut Wort hielt, wie mit dem Herz, ſo ſoll es mich freuen,“ ſprach er und fing an, ſeinen Wagen zu unterſuchen. Er fand Kleidungs⸗ ſtücke von aller Art, wie er ſie nur wünſchen konnte, aber kein Geld. Endlich ſtieß er auf eine Taſche und fand viele tauſend Thaler in Gold und Scheinen auf Handlungshäuſer in allen großen Städten.„Jetzt hab ichs, wie ichs wollte,“ dachte er, ſetzte ſich bequem in die Ecke des Wagens und fuhr in die weite Welt. Er fuhr zwei Jahre in der Welt umher und ſchaute aus ſeinem Wagen links und rechts an den Häuſern hinauf, ſchaute, wenn er anhielt, nichts als den Schild ſeines Wirthshauſes an, lief dann in der Stadt umher und ließ ſich die ſchönſten Merkwürdigkeiten zeigen. Aber es freute ihn nichts, kein Bild, kein Haus, keine Muſtk, kein Tanz, ſein Herz von Stein nahm an nichts Antheil, und ſeine Augen, ſeine Ohren waren abge⸗ ſtumpft für alles Schöne. Nichts war ihm mehr ge⸗ blieben, als die Freude an Eſſen und Trinken und der Schlaf, und ſo lebte er, indem er ohne Zweck durch die Welt reiste, zu ſeiner Unterhaltung ſpeiste und aus Langerweile ſchlief. Hie und da erinnerte er ſich zwar, daß er fröhlicher, glücklicher geweſen ſei als er W. Hauffs Werke, XIII, noch arm war und arbeiten mußte, um ſein Leben zu friſten. Da hatte ihn jede ſchöne Ausſicht ins Thal, Muſik und Geſang hatten ihn ergötzt, da hatte er ſich ſtundenlang auf die einfache Koſt, die ihm die Mutter zu dem Meiler bringen ſollte, gefreut. Wenn er ſo über die Vergangenheit nachdachte, ſo kam es ihm ganz ſonderbar vor, daß er jetzt nicht einmal lachen konnte, und ſonſt hatte er über den kleinſten Scherz gelacht. Wenn Andere lachten, ſo verzog er nur aus Höflichkeit den Mund, aber ſein Herz— lächelte nicht mit. Er fühlte dann, daß er zwar überaus ruhig ſei, aber zufrieden fühlte er ſich doch nicht. Es war nicht Heimweh oder Wehmuth, ſondern Ode, Überdruß, freudenloſes Leben, was ihn endlich wieder zur Hei⸗ math trieb. Als er von Straßburg herüber fuhr und den dun⸗ keln Wald ſeiner Heimath erblickte, als er zum erſten⸗ mal wieder jene kräftigen Geſtalten, jene freundlichen, treuen Geſichter der Schwarzwälder ſah, als ſein Ohr die heimathlichen Klänge, ſtark, tief, aber wohltönend, vernahm, da fühlte er ſchnell an ſein Herz, denn ſein Blut wallte ſtärker, und er glaubte, er müſſe ſich freuen und müſſe weinen zugleich, aber— wie konnte er nur ſo thöricht ſein, er hatte ja ein Herz von Stein. Und Steine ſind todt und lächeln und wei⸗ nen nicht. Sein erſter Gang war zum Holländer Michel, der ihn mit alter Freundlichkeit aufnahm.„Michel,“ ſagte er zu ihm,„gereist bin ich nun und habe Alles ge⸗ ſehen, iſt aber Alles dummes Zeug, und ich hatte nur 51 Langeweile. Überhaupt, Euer ſteinernes Ding, das ich in der Bruſt trage, ſchützt mich zwar vor Manchem. Ich erzürne mich nie, bin nie traurig, aber ich freue mich auch nie, und es iſt mir, als wenn ich nur halb lebte. Könnet Ihr das Steinherz nicht ein wenig beweglicher machen? oder— gebt mir lieber mein altes Herz. Ich hatte mich in fünfundzwanzig Jahren daran gewöhnt, und wenn es zuweilen auch einen dummen Streich machte, ſo war es doch munter und ein fröhliches Herz.“ Der Waldgeiſt lachte grimmig und bitter.„Wenn Du einmal todt biſt, Peter Munk,“ antwortete er, „dann ſoll es Dir nicht fehlen; dann ſollſt Du Dein weiches, rührbares Herz wieder haben, und Du kannſt dann fühlen, was kommt, Freud oder Leid. Aber hier oben kann es nicht mehr Dein werden! Doch, Peter! gereist biſt Du wohl, aber, ſo wie Du lebteſt, konnte es Dich nichts nützen. Setze Dich jetzt hier irgendwo im Wald, baue ein Haus, heirathe, treibe Dein Vermögen um, es hat Dir nur an Arbeit gefehlt, weil Du müßig warſt, hatteſt Du Langeweile, und ſchiebſt jetzt Alles auf dieſes unſchuldige Herz.“ Peter ſah ein, daß Michel Recht habe, was den Müßiggang beträfe, und nahm ſich vor, reich und immer reicher zu werden. Michel ſchenkte ihm noch einmal hunderttauſend Gulden und entließ ihn als ſeinen guten Freund. Bald vernahm man im Schwarzwald die Mähre, der Kohlenmunkpeter oder Spielpeter ſei wieder da, und noch viel reicher, als zuvor. Es ging auch jetzt wie immer; als er am Bettelſtab war, wurde er in der Sonne zur Thüre hinausgeworfen, und als er nun an einem Sonntag Nachmittag ſeinen erſten Ein⸗ zug dort hielt, ſchüttelten ſie ihm die Hand, lobten ſein Pferd, fragten nach ſeiner Reiſe, und als er wie⸗ der mit dem dicken Czechiel um harte Thaler ſpielte, ſtand er in der Achtung ſo hoch, als je. Er trieb jetzt aber nicht mehr das Glashandwerk, ſondern den Holz⸗ handel, aber nur zum Schein. Sein Hauptgeſchäft war mit Korn und Geld zu handeln. Der halbe Schwarzwald wurde ihm nach und nach ſchuldig, aber er lieh Geld nur auf zehn Prozente aus, oder verkaufte Korn an die Armen, die nicht gleich zahlen konnten, um den dreifachen Werth. Mit dem Amtmann ſtand er jetzt in enger Freundſchaft, und wenn Einer Herrn Peter Munk nicht auf den Tag bezahlte, ſo ritt der Amtmann mit ſeinen Schergen hinaus, ſchätzte Haus und Hof, verkaufte es flugs, und trieb Vater, Mutter und Kind in den Wald. Anfangs machte dies dem reichen Peter einige Unluſt, denn die armen Ausge⸗ pfändeten belagerten dann haufenweiſe ſeine Thüre, die Männer flehten um Nachſicht, die Weiber ſuchten das ſteinerne Herz zu erweichen, und die Kinder win⸗ ſelten um ein Stücklein Brod. Aber als er ſich ein paar tüchtige Fleiſcherhunde angeſchafft hatte, hörte dieſe Katzenmuſik, wie er es nannte, bald auf. Er pfiff und hetzte, und die Bettelleute flogen ſchreiend auseinander. Am meiſten Beſchwerde machte ihm das „alte Weib.“ Das war aber Niemand anders als Frau Munkin, Peters Mutter. Sie war in Noth und Elend gerathen, als man ihr Haus und Hof ver⸗ 53 kauft hatte, und ihr Sohn, als er reich zurückgekehrt war, hatte nicht mehr nach ihr umgeſehen. Da kam ſie nun zuweilen, alt, ſchwach und gebrechlich, an einem Stock vor das Haus. Hinein wagte ſie ſich nicht mehr, denn er hatte ſie einmal weggejagt; aber es that ihr wehe, von den Gutthaten anderer Menſchen leben zu müſſen, da der eigene Sohn ihr ein ſorgloſes Alter hätte bereiten können. Aber das kalte Herz wurde nimmer gerührt von dem Anblicke der bleichen, wohlbekannten Züge, von den bittenden Blicken, von der welken, ausgeſtreckten Hand, von der hinfälligen Geſtalt. Mürriſch zog er, wenn ſie Sonnabends an die Thüre pochte, einen Sechsbätzner hervor, ſchlug ihn in ein Papier und ließ ihn hinausreichen durch einen Knecht. Er vernahm ihre zitternde Stimme, wenn ſie dankte und wünſchte, es möge ihm wohlgehen auf Erden, er hörte ſie hüſtelnd von der Thüre ſchlei⸗ chen, aber er dachte weiter nicht mehr daran, als daß er wieder ſechs Batzen umſonſt ausgegeben. Endlich kam Peter auf den Gedanken zu heirathen. Er wußte, daß im ganzen Schwarzwald jeder Vater ihm gerne ſeine Tochter geben werde; aber er war ſchwierig in ſeiner Wahl, denn er wollte, daß man auch hierin ſein Glück und ſeinen Verſtand preiſen ſollte; daher ritt er umher im ganzen Wald, ſchaute hier, ſchaute dort, und keine der ſchönen Schwarzwälderinnen däuchte ihm ſchön genug. Endlich nachdem er auf allen Tanz⸗ böden umſonſt nach der Schönſten ausgeſchaut hatte, hörte er eines Tages die Schönſte und Tugendſamſte im ganzen Wald ſei des armen Holzhauers Tochter. Sie 54 lebe ſtill und für ſich, beſorge geſchlckt und emſig ihres Vaters Haus, und laſſe ſich nie auf dem Tanzboden ſehen, nicht einmal zu Pfingſten oder Kirchweih. Als Peter von dieſem Wunder des Schwarzwalds hörte, beſchloß er, um ſie werben, und ritt nach der Hütte, die man ihm bezeichnet hatte. Der Vater der ſchönen Lisbeth empfing den vornehmen Herrn mit Staunen und erſtaunte noch mehr, als er hörte, es ſei dies der reiche Herr Peter und er wolle ſein Schwiegerſohn werden. Er beſann ſich auch nicht lange, denn er meinte all ſeine Sorge und Armuth werde nun ein Ende haben, ſagte zu, ohne die ſchöne Lisbeth zu fra⸗ gen, und das gute Kind war ſo folgſam, daß ſie ohne Widerrede Frau Peter Munkin wurde. Aber es wurde der Armen nicht ſo gut, als ſie ſich geträumt hatte. Sie glaubte ihr Hausweſen wohl zu verſtehen, aber ſie konnte Herrn Peter nichts zu Dank machen, ſie hatte Mitleiden mit armen Leuten, und da ihr Eheherr reich war, dachte ſie, es ſei keine Sünde, einem armen Bettelweib einen Pfennig oder einem al⸗ ten Mann einen Schnaps zu reichen; aber als Herr Peter dies eines Tages merkte, ſprach er mit zürnen⸗ den Blicken und rauher Stimme:„Warum verſchleu⸗ derſt Du mein Vermögen an Lumpen und Straßen⸗ läufer? Haſt Du was mitgebracht ins Haus, das Du wegſchenken könnteſt? Mit Deines Vaters Bettelſtab kann man keine Suppe wärmen, und wirfſt das Geld aus wie eine Fürſtin. Noch einmal laß Dich betreten, ſo ſollſt du meine Hand fühlen!“ Die ſchöne Lisbeth weinte in ihrer Kammer über den harten Sinn ihres 55 Mannes, und ſie wünſchte oft lieber daheim zu ſein, in ihres Vaters ärmlicher Hütte, als bei dem reichen, aber geizigen, hartherzigen Peter zu hauſen. Ach, hätte ſie gewußt, daß er ein Herz von Marmor habe und weder ſie noch irgend einen Menſchen lieben könne, ſo hätte ſie ſich wohl nicht gewundert. So oft ſie aber jetzt unter der Thüre ſaß, und es ging ein Bettelmann vorüber, und zog den Hut und hub an ſeinen Spruch, ſo drückte ſie die Augen zu, das Elend nicht zu ſchauen, ſie ballte die Hand feſter, damit ſie nicht unwillkürlich in die Taſche fahre, ein Kreuzerlein herauszulangen. So kam es, daß die ſchöne Lisbeth im ganzen Wald verſchrieen wurde, und es hieß, ſie ſei noch geiziger als Peter Munk. Aber eines Tages ſaß Frau Lisbeth wieder vor dem Haus und ſpann und murmelte ein Liedchen dazu; denn ſie war munter weil es ſchön Wetter und Herr Peter ausgeritten war über Feld. Da kömmt ein altes Männlein des Weges daher, der trägt einen großen, ſchweren Sack, und ſie hoͤrt ihn ſchon von weitem keuchen. Theilnehmend ſieht ihm Frau Lisbeth zu und denkt, einem ſo alten kleinen Mann ſollte man nicht mehr ſo ſchwer aufladen. Indeß keucht und wankt das Männlein heran, und als es gegenüber von Frau Lisbeth war, brach es unter dem Sack beinahe zuſammen.„Ach habt die Barmher⸗ zigkeit, Frau, und reichet mir nur einen Trunk Waſſer,“ ſprach das Männlein;„ich kann nicht weiter, muß elend verſchmachten.“ 1 „Aber Ihr ſolltet in Eurem Alter nicht mehr ſo ſchwer tragen,“ ſagte Frau Lisbeth. 56 „Ja, wenn ich nicht Boten gehen müßte, der Ar⸗ muth halber und um mein Leben zu friſten,“ antwor⸗ tete er;„ach, ſo eine reiche Frau, wie Ihr, weiß nicht, wie wehe Armuth thut, und wie wohl ein friſcher Trunk bei ſolcher Hitze.“ Als ſie dies hörte, eilte ſie in das Haus, nahm einen Krug vom Geſims und füllte ihn mit Waſſer; doch als ſie zurückkehrte und nur noch wenige Schritte von ihm war, und das Männlein ſah, wie es ſo elend und verkümmert auf dem Sack ſaß, da fühlte ſie inni⸗ ges Mitleid, bedachte, daß ja ihr Mann nicht zu Hauſe ſei, und ſo ſtellte ſie den Waſſerkrug bei Seite, nahm einen Becher und füllte ihn mit Wein, legte ein gutes Roggenbrod darauf und brachte es dem Alten.„So, und ein Schluck Wein mag Euch beſſer frommen, als Waſſer, da Ihr ſchon ſo gar alt ſeid,“ ſprach ſie; „aber trinket nicht ſo haſtig und eſſet auch Brod dazu.“ Das Männlein ſah ſie ſtaunend an, bis große Thränen in ſeinen alten Augen ſtanden, er trank und ſprach dann:„Ich bin alt geworden, aber ich hab⸗ wenige Menſchen geſehen, die ſo mitleidig wären, und ihre Gaben ſo ſchön und herzig zu ſpenden wußten, wie Ihr, Frau Lisbeth. Aber es wird Euch dafür auch recht wohl gehen auf Erden; ſolch ein Herz bleibt nicht unbelohnt.“ „Nein und den Lohn ſoll ſie zur Stelle haben,“ ſchrie eine ſchreckliche Stimme, und als iſie ſich um⸗ ſahen, war es Herr Peter mit blutrothem Geſicht. „Und ſogar meinen Ehrenwein gießeſt Du aus an Bettelleute, und meinen Mundbecher gibſt Du an die Lippen der Straßenläufer? Da nimm Deinen Lohn!“ Frau Lisbeth ſtürzte zu ſeinen Füßen und bat um Ver⸗ zeihung, aber das ſteinerne Herz kannte kein Mitleid, er drehte die Peitſche um, die er in der Hand hielt, und ſchlug ſie mit dem Handgriff von Ebenholz ſo hef⸗ tig vor die ſchöne Stirne, daß ſie leblos dem alten Mann in die Arme ſank. Als er dies ſah, war es doch, als reuete ihn die That auf der Stelle; er bückte ſich herab zu ſchauen, ob noch Leben in ihr ſei, aber das Männlein ſprach mit wohlbekannter Stimme:„Gib Dir keine Mühe, Kohlenpeter; es war die ſchönſte und lieblichſte Blume im Schwarzwald, aber Du haſt ſie zertreten, und nie mehr wird ſie wieder blühen.“ Da wich alles Blut aus Peters Wangen und er ſprach:„Alſo Ihr ſeid es, Herr Schatzhauſer? Nun, was geſchehen iſt, iſt geſchehen, und es hat wohl ſo kommen müſſen. Ich hoffe aber, Ihr werdet mich nicht bei dem Gericht anzeigen als Mörder.“ „Elender!“ erwiderte das Glasmännlein.„Was würde es mir frommen, wenn ich Deine ſterbliche Hülle an den Galgen brächte? Nicht irdiſche Gerichte ſind es, die Du zu fürchten haſt, ſondern andere und ſtrengere; denn Du haſt Deine Seele an den Böſen verkauft.“ 4 „Und hab' ich mein Herz verkauft,“ ſchrie Peter, „ſo iſt Niemand daran ſchuld, als Du, und Deine be⸗ trügeriſchen Schätze; Du tückiſcher Geiſt haſt mich ins Verderben geführt, mich getrieben, daß ich bei einem Andern Hülfe ſuchte, und auf Dir liegt die ganze Ver⸗ antwortung.“ Aber kaum hatte er dies geſagt, ſo wuchs 3 58 und ſchwoll das Glasmännlein und wurde hoch und breit, und ſeine Augen ſollen ſo groß geweſen ſein, wie Suppenteller, und ſein Mund war wie ein ge⸗ heizter Backofen und Flammen blitzten daraus hervor. Peter warf ſich auf die Kniee, und ſein ſteinernes Herz ſchützte ihn nicht, daß nicht ſeine Glieder zitterten wie eine Eſpe. Mit Geierskrallen packte ihn der Waldgeiſt im Nacken, drehte ihn um wie ein Wirbelwind dürres Laub, und warf ihn dann zu Boden, daß ihm alle Rippen knackten.„Erdenwurm!“ rief er mit einer Stimme, die wie der Donner rollte;„ich könnte Dich zerſchmettern, wenn ich wollte, denn Du haſt gegen den Herrn des Waldes gefrevelt. Aber um dieſes todten Weibes willen, die mich geſpeist und getränkt hat, gebe ich Dir acht Tage Friſt. Bekehrſt Du Dich nicht zum Guten, ſo komme ich und zermalme Dein Gebein, und Du fährſt hin in Deinen Sünden.“ Es war ſchon Abend, als einige Männer, die vor⸗ beigingen, den reichen Peter Munk an der Erde liegen ſahen. Sie wandten ihn hin und her, und ſuchten, ob noch Athem in ihm ſei, aber lange war ihr Suchen vergebens. Endlich ging Einer in das Haus und brachte Waſſer herbei und beſprengte ihn. Da holte Peter tief Athem, ſtöhnte und ſchlug die Augen auf, ſchaute lange um ſich her und fragte dann nach Frau Lisbeth, aber Keiner hatte ſie geſehen. Er dankte den Männern für ihre Hülfe, ſchlich ſich in ſein Haus und ſuchte überall, aber Frau Lisbeth war weder im Keller, noch auf dem Boden, und das, was er für einen ſchrecklichen Traum gehalten, war bittere Wahrheit. Wie er nun ſo ganz 59 allein war, da kamen ihm ſonderbare Gedanken; er fürchtete ſich vor nichts, denn ſein Herz war ja kalt; aber wenn er an den Tod ſeiner Frau dachte, kam ihm ſein eigenes Hinſcheiden in den Sinn, und wie belaſtet er dahin fahren werde, ſchwer belaſtet⸗ mit Thränen der Armen, mit tauſend ihrer Flüche, die ſein Herz nicht erweichen konnten, mit dem Jammer der Elen⸗ den, auf die er ſeinen Hund gehetzt, belaſtet mit der ſtillen Verzweiflung ſeiner Mutter, mit dem Blute der ſchönen guten Lisbeth; und konnte er doch nicht einmal dem alten Mann, ihrem Vater, Rechenſchaft geben, wenn er käme und fragte:„Wo iſt meine Tochter, Dein Weib?“ Wie wollte er einem Andern Frage ſtehen, dem alle Wälder, alle Seen, alle Berge gehö⸗ ren und die Leben der Menſchen? Es quälte ihn auch Nachts im Traume, und alle Augenblicke wachte er auf an einer ſüßen Stimme, die ihm zurief:„Peter, ſchaff Dir ein wärmeres Herz!“ Und wenn er erwacht war, ſchloß er doch ſchnell wieder die Augen, denn der Stimme nach mußte es Frau Lis⸗ beth ſein, die ihm dieſe Warnung zurief. Den andern Tag ging er ins Wirthshaus, um ſeine Gedanken zu zerſtreuen, und dort traf er den dicken Czechiel. Er ſetzte ſich zu ihm, ſie ſprachen dies und jenes, vom ſchönen Wetter, vom Krieg, von den Steuern und endlich auch vom Tod, und wie da und dort einer ſo ſchnell geſtor⸗ ben ſei. Da fragte Peter den Dicken, was er denn vom Tod halte, und wie es nachher ſein werde. Ezechiel ant⸗ wortete ihm, daß man den Leib begrabe, die Seele aber fahre entweder auf zum Himmel oder hinab in die Hölle. 60 „Alſo begräbt man das Herz auch?« fragte der Peter geſpannt. „Ei freilich, das wird auch begraben.“ „Wenn aber Einer ſein Herz nicht mehr hat?“ fuhr Peter fort. Czechiel ſah ihn bei dieſen Worten ſchrecklich an. „Was willſt Du damit ſagen? Willſt Du mich fop⸗ pen? Meinſt Du, ich habe kein Herz?“ „O, Herz genug, ſo feſt wie Stein,“ erwiderte Peter. Ezechiel ſah ihn verwundert an, ſchaute ſich um, ob es Niemand gehört habe, und ſprach dann:„Woher weißt Du es? Oder pocht vielleicht das Deinige auch nicht mehr?“ „Pocht nicht mehr, wenigſtens nicht hier in meiner Bruſt!“ antwortete Peter Munk.„Aber ſag' mir, da Du jetzt weißt, was ich meine, wie wird es gehen mit unſeren Herzen?“ „Was kümmert Dich dies, Geſell!“ fragte Ezechiel lachend.„Haſt ja auf Erden vollauf zu leben und da⸗ mit genug. Das iſt ja gerade das Bequeme in unſern kalten Herzen, daß uns keine Furcht befällt vor ſolchen Gedanken.“ „Wohl wahr, aber man denkt doch daran, und wenn ich auch jetzt keine Furcht mehr kenne, ſo weiß ich doch wohl noch, wie ſehr ich mich vor der Hölle ge⸗ fürchtet, als ich noch ein kleiner unſchuldiger Knabe war.“ „Nun— gut wird es uns gerade nicht gehen,“ ſagte Czechiel.„Hab' mal einen Schulmeiſter darüber gefragt, der ſagte mir, daß nach dem Tod die Herzen 61 gewogen werden, wie ſchwer ſie ſich verſündiget hätten. Die leichten ſteigen auf, die ſchweren ſinken hinab, und ich denke, unſere Steine werden ein gutes Gewicht haben.“ 3 „Ach freilich,“ erwiderte Peter,„und es iſt mir oft ſelbſt unbequem, daß mein Herz ſo theilnahmlos und ganz gleichgültig iſt, wenn ich an ſolche Dinge denke.“ So ſprachen ſie; aber in der nächſten Nacht hörte er fünf oder ſechsmal die bekannte Stimme in ſein Ohr lispeln:„Peter, ſchaff’ Dir ein wärmeres Herz!“ Er empfand keine Reue, daß er ſie getödtet, aber wenn er dem Gefinde ſagte, ſeine Frau ſei verreist, ſo dachte er immer dabei:„Wohin mag ſie wohl gereist ſein?“ Sechs Tage hatte er es ſo getrieben, und immer hörte er Nachts dieſe Stimme, und immer dachte er an den Waldgeiſt und ſeine ſchreckliche Drohung; aber am ſte⸗ benten Morgen ſprang er auf von ſeinem Lager und rief;„Nun ja, will ſehen, ob ich mir ein wärmeres ſchaffen kann, denn der gleichgültige Stein in meiner Bruſt macht mir das Leben nur langweilig und öde.“ Er zog ſchnell ſeinen Sonntagsſtaat an und ſetzte ſich auf ſein Pferd und ritt dem Tannenbühl zu. Im Tannenbühl, wo die Bäume dichter ſtanden, ſaß er ab, band ſein Pferd an und ging ſchnellen Schrittes dem Gipfel des Hügels zu, und als er vor der dicken Tanne ſtand, hub er ſeinen Spruch an: „Schatzhauſer im grünen Tannenwald, Biſt viele hundert Jahre olt, Dein iſt all' Land, wo Tannen ſtehen, Läßt Dich nur Sonntagskindern ſehen.“ 62 Da kam das Glasmännlein hervor, aber nicht freundlich und traulich wie ſonſt, ſondern düſter und traurig; es hatte ein Röcklein an von ſchwarzem Glas, und ein langer Trauerflor flatterte herab vom Hut, und Peter wußte wohl, um wen es traure. „Was willſt Du von mir, Peter Munk?“ fragte es mit dumpfer Stimme.. „Ich hab' noch einen Wunſch, Herr Schatzhauſer,“ antwortete Peter mit niedergeſchlagenen Augen. „Können Steinherzen noch wünſchen?“ ſagte jener. „Du haſt Alles, was Du für Deinen ſchlechten Sinn bedarfſt, und ich werde ſchwerlich Deinen Wunſch er⸗ füllen.“ „Aber Ihr habt mir doch drei Wünſche zugeſagt; einen hab' ich immer noch übrig.“ „Doch kann ich ihn verſagen, wenn er thöricht iſt,“ fuhr der Waldgeiſt fort;„aber wohlan, ich will hören, was Du willſt?“ „So nehmet mir den todten Stein heraus und gebt mir mein lebendiges Herz,“ ſprach Peter. „Hab' ich den Handel mit Dir gemacht? a fragte das Glasmännlein.„Bin ich der Holländer Michel, der Reichthum und kalte Herzen ſchenkt? Dort, bei ihm mußt Du Dein Herz ſuchen.“ „Ach, er gibt es nimmer zurück,“ antwortete Peter. „Du dauerſt mich, ſo ſchlecht Du auch biſt,“ ſprach das Männlein nach einigem Nachdenken.„Aber weil Dein Wunſch nicht thöricht iſt, ſo kann ich Dir wenig⸗ ſtens meine Hülfe nicht verſagen. So höre. Dein Herz kannſt Du mit keiner Gewalt mehr bekommen, wohl 8 4 63 aber durch Liſt, und es wird vielleicht nicht ſchwer hal⸗ ten; denn Michel bleibt doch nur der dumme Michel, obgleich er ſich ungemein klug dünkt. Sp gehe denn geraden Weges zu ihm hin und thue wie ich Dir heiße.“ Und nun unterrichtete er ihn in Allem und gab ihm ein Kreuzlin aus reinem Glas:„Am Leben kann er Dir nicht ſchaden, und er wird Dich frei laſſen, wenn Du ihm dies vorhalten und dazu beten wirſt. Und haſt Du dann, was Du verlangt haſt, erhalten, ſo komm' wieder zu mir an dieſen Ort.“ Peter Munk nahm das Kreuzlein, prägte ſich alle Worte ins Gedächtniß, und ging weiter nach Holländer Michels Behauſung. Er rief dreimal ſeinen Namen, und alſobald ſtand der Rieſe vor ihm.„Du haſt Dein Weib erſchlagen?“ fragte er ihn mit ſchrecklichem La⸗ chen.„Hätt' es auch ſo gemacht, ſie hat Dein Ver⸗ mögen an das Bettelvolk gebracht. Aber Du wirſt auf einige Zeit außer Landes gehen müſſen, denn es wird Lärm machen, wenn man ſie nicht findet; und Du brauchſt Geld und kommſt, um es zu holen?“ „Du haſt's errathen,“ erwiderte Peter,„und nur recht viel diesmal, denn nach Amerika iſt's weit.“ Michel ging voran und brachte ihn in ſeine Hütte; dort ſchloß er eine Truhe auf, worin viel Geld lag, und langte ganze Rollen Golds heraus. Während er es ſo auf den Tiſch hinzählte, ſprach Peter:„Du biſt ein loſer Vogel, Michel, daß Du mich belogen haſt, ich hätte einen Stein in der Bruſt, und Du habeſt mein Herz!“ „Und iſt es denn nicht ſo?“ fragte Michel ſtan⸗ 64 nend.„Fühlſt Du denn Dein Herz? Iſt es nicht kalt wie Cis? Haſt Du Furcht oder Gram, kann Dich etwas reuen?“ „Du haſt mein Herz nur ſtille ſtehen laſſen, aber ich hab' es noch wie ſonſt in meiner Bruſt und Czechiel auch, der hat es mir geſagt, daß Du uns angelogen haſt; Du biſt nicht der Mann dazu, der Einem das Herz ſo unbemerkt und ohne G fahr aus der Bruſt reißen könnte; da müßteſt Du zallbern können.“ „Aber ich verſichere Dich,“ rief Michel unmuthig, „Du und Ezechiel und alle reichen Leute, die es mit mir gehalten, haben ſolche kalte Herzen wie Du, und ihre rechten Herzen habe ich hier in meiner Kammer.“ „Ei, wie Dir das Lügen von der Zunge geht!“ lachte Peter.„Das mach' Du einem Andern weiß. Meinſt Du, ich hab' auf meinen Reiſen nicht ſolche Kunſtſtücke zu Dutzenden geſehen? Aus Wachs nach⸗ geahmt ſind Deine Herzen hier in der Kammer. Du biſt ein reicher Kerl, das geb' ich zu; aber zaubern kannſt Du nicht!“ 8 Da ergrimmte der Rieſe und riß die Kammerthüre auf.„Komm' herein und lies die Zettel alle, und jenes dort, ſchau, das iſt Peter Munks Herz; ſiehſt Du, wie es zuckt? Kann man das auch aus Wachs machen?“ „Und doch iſt es aus Wachs,“ antwortete Peter. „So ſchlägt ein rechtes Herz nicht, ich habe das mei⸗ nige noch in der Bruſt. Nein, zaubern kannſt Du nicht!“ „Aber ich will es Dir beweiſen,“ rief jener ärger⸗ lich.„Du ſollſt es ſelbſt fühlen, daß dies Dein Herz 7 „A 65 iſt.* Er nahm es, riß Peters Wamms auf und nahm einen Stein aus ſeiner Bruſt und zeigte ihn vor. Dann nahm er das Herz, hauchte es an, und ſetzte es behutſam an ſeine Stelle, und alſobald fühlte Peter wie es pochte, und er konnte ſich wieder darüber freuen. „Wie iſt es Dir jetzt?“ fragte Michel lächelnd. „Wahrhaftig, Du haſt doch recht gehabt,“ antwor⸗ tete Peter, indem er behutſam ſein Kreuzlein aus der Taſche zog.„Hätt' ich doch nicht geglaubt, daß man dergleichen thun könne!“ „Nicht wahr? Und zaubern kann ich, das ſiehſt Du; aber komm', jetzt will ich Dir den Stein wieder hineinſetzen.“ „Gemach, Herr Michel!“ rief Peter, trat einen Schritt zurück und hielt ihm das Kreuzlein entgegen. „Mit Speck fängt man Mäuſe, und diesmal biſt Du der Betrogene.“ Und zugleich fing er an zu beten, was ihm nur beifiel. Da wurde Michel kleiner und immer kleiner, fiel nieder und wand ſich hin und her wie ein Wurm, und ächzte und ſtöhnte, und alle Herzen umher fingen an zu zucken und zu pochen, daß es tönte wie in der Werk⸗ ſtatt eines Uhrmachers. Peter aber fürchtete ſich, es wurde ihm ganz unheimlich zu Muth, er rannte zur Kammer und zum Haus hinaus und klimmte, von Angſt getrieben, die Felſenwand hinan; denn er hörte, daß Michel ſich aufraffte, ſtampfte und tobte, und ihm ſchreckliche Flüche nachſchickte. Als er oben war, lief er dem Tannenbühl zu; ein ſchreckliches Gewitter zog auf, Blitze fielen links und rechts an ihm nieder und zer⸗ Hauffs Werke. XIII. 5 66 ſchmetterten die Bäume, aber er kam wohlbehalten in dem Repier des Glasmännleins an. Sein Herz pochte freudig, und nur darum, weil es pochte. Dann aber ſah er mit Entſetzen auf ſein Leben zurück, wie auf das Gewitter, das hinter ihm rechts und links den ſchönen Wald zerſplitterte. Er dachte an Frau Lisbeth, ein ſchönes, gutes Weib, das er aus Geiz gemordet, er kam ſich ſelbſt wie der Aus⸗ wurf der Menſchen vor, und er weinte heftig, als er an Glasmännleins Hügel kam. Schatzhauſer ſaß unter dem Tannenbaum und rauchte aus einer kleinen Pfeife, doch ſah er munterer aus, als zuvor.„Warum weinſt Du, Kohlenpeter?“ fragte er.„Haſt Du Dein Herz nicht erhalten? Liegt noch das kalte in Deiner Bruſt? „Ach Herr!“ ſeufzte Peter.„Als ich noch das kalte Steinherz trug, da weinte ich nie, meine Augen waren ſo trocken, als das Land im Juli; jetzt aber will es mir beinahe das alte Herz zerbrechen, was ich ge⸗ than! Meine Schuldner habe ich ins Elend gejagt, auf Arme und Kranke die Hunde gehetzt, und, Ihr wißt es ja ſelbſt— wie meine Peitſche auf ihre ſchöne Stirne fiel!“ „Peter! Du warſt ein großer Sünder!“ ſprach das Männlein.„Das Geld und der Müßiggang haben Dich verderbt, bis Dein Herz zu Stein wurde, nicht Freud', nicht Leid, keine Reue, kein Mitleid mehr kannte. Aber Reue verſöhnt, und wenn ich nur wüßte, daß Dir Dein Leben recht leid thut, ſo könnte ich ſchon noch was für Dich thun.“ V V 67 „Will nichts mehr,“ antwortete Peter und ließ traurig ſein Haupt ſinken.„Mit mir iſt es aus; kann mich mein Lebtag nicht mehr freuen; was ſoll ich ſo allein auf der Welt thun? Meine Mutter verzeiht mir nimmer, was ich ihr gethan, und vielleicht hab' ich ſie unter den Boden gebracht, ich Ungeheuer! Und Lis⸗ beth, meine Frau! Schlagt mich lieber auch todt, Herr Schatzhauſer, dann hat mein elend Leben mit einmal ein Ende.“ „Gut,“ erwiderte das Männlein,„wenn Du nicht anders willſt, ſo kannſt Du es haben; meine Art habe ich bei der Hand.“ Er nahm ganz ruhig ſein Pfeif⸗ lein aus dem Mund, klopfte es aus und ſteckte es ein. Dann ſtand er langſam auf und ging hinter die Tannen. Peter aber ſetzte ſich weinend ins Gras, ſein Leben war ihm nichts mehr, und erwartete geduldig den Todesſtreich. Nach einiger Zeit hörte er leiſe Tritte hinter ſich und dachte: Jetzt wird er kommen. „Schau Dich noch einmal um, Peter Munk!“ rief das Männlein. Er wiſchte ſich die Thränen aus den Augen und ſchaute ſich um, und ſah— ſeine Mutter und Lisbeth, ſeine Frau, die ihn freundlich anblickten. Da ſprang er freudig auf:„So biſt Du nicht todt, Lisbeth? Und auch Ihr ſeid da, Mutter, und habt habt mir vergeben?“ „Sie wollen Dir verzeihen,“ ſprach das Glasmänn⸗ lein,„weil Du wahre Neue fühlſt und Alles ſoll ver⸗ geſſen ſein. Zieh jetzt heim in Deines Vaters Hütte und ſei ein Köhler wie zuvor; biſt Du brav und bieder, ſo wirſt Du Dein Handwerk ehren, und Deine Nach⸗ mir viel heimlicher, als in dem großen Haus mit dem 68 barn werden Dich mehr lieben und achten, als wenn Du zehn Tonnen Goldes hätteſt.“ So ſprach das Glasmännlein und nahm Abſchied von ihnen. Die drei lobten und ſegneten ihn und gingen heim. Das prachtvolle Haus des reichen Peters ſtand nicht mehr; der Blitz hatte es angezündet und mit all ſeinen Schätzen niedergebrannt; aber nach der väterlichen Hütte war es nicht weit; dorthin ging jetzt ihr Weg der große Verluſt bekümmerte ſie nicht. Aber wie ſtaunten ſie, als ſie an die Hütte kamen! Sie war zu einem ſchönen Bauernhaus geworden, und Alles darin war einfach, aber gut und reinlich. „Das hat das gute Glasmännlein gethan!“ rief Peter. „Wie ſchön!“ ſagte Frau Lisbeth.„Und hier iſt vielen Geſinde.“ Von jetzt an wurde Peter Munk ein fleißiger und wackerer Mann. Er war zufrieden mit dem, was er hatte, trieb ſein Handwerk unverdroſſen, und ſo kam es, daß er durch eigene Kraft wohlhabend wurde und angeſehen und beliebt im ganzen Wald. Er zankte nie mehr mit Fran Lisbeth, ehrte ſeine Mutter und gab den Armen, die an ſeine Thüre pochten. Als nach Jahr und Tag Frau Lisbeth von einem ſchönen Knaben ge⸗ nas, ging Peter nach dem Tannenbühl und ſagte ſein Sprüchlein. Aber das Glasmännlein zeigte ſich nicht. „Herr Schatzhauſer!“ rief er laut.„Hört mich doch; ich will ja nichts Anderes, als Euch zu Gevatter bitten bei meinem Söhnlein!“ Aber er gab keine Antwort; 69 nur ein kurzer Windſtoß ſauste durch die Tannen und warf einige Tannenzapfen herab ins Gras.„So will ich dies zum Andenken mitnehmen, weil Ihr Euch doch nicht ſehen laſſen wollet,“ rief Peter, ſteckte die Zapfen in die Taſche und ging nach Hauſe; aber als er zu Hauſe das Sonntagswamms auszog und ſeine Mutter die Taſchen umwandte und das Wamms in den Kaſten legen wollte, da fielen vier ſtattliche Geldrollen heraus, und als man ſie öffnete, waren es lauter gute, neue badiſche Thaler, und kein einziger falſcher darunter. Und das war das Pathengeſchenk des Männleins im Tannenwald für den kleinen Peter. So lebten ſie ſtill und unverdroſſen fort, und noch oft nachher, als Peter Munk ſchon graue Haare hatte, ſagte er:„Es iſt doch beſſer zufrieden zu ſein mit Wenigem, als Gold und Güter haben, und ein kal⸗ tes Herz.“ Es mochten ſchon etwa fünf Tage vergangen ſein, während Felix, der Jäger und der Student noch immer unter den Räubern gefangen ſaßen. Sie wurden zwar von dem Hauptmann und ſeinen Untergebenen gut behandelt, aber dennoch ſehnten ſie ſich nach Befreiung, denn je mehr die Zeit fortrückte, deſto höher ſtieg auch ihre Angſt vor Entdeckung. Am Abend des fünften Tages erklärte der Jäger ſeinen Leidensgenoſſen, daß er entſchloſſen ſei, in dieſer Nacht loszubrechen, und wenn es ihm auch das Leben koſten ſollte. Er munterte ſeine Gefährten zum gleichen Entſchluß auf und zeigte ihnen, wie ſie ihre Flucht ins Werk ſetzen könnten. 70 „Den, der uns zunächſt ſteht, nehme ich auf mich; es iſt Nothwehr, und Noth kennt kein Gebot, er muß ſterben.“ 1 „Sterben!“ rief Felix entſetzt;„Ihr wollt ihn todt ſchlagen?* „Das bin ich feſt entſchloſſen, wenn es darauf an⸗ kommt, zwei Menſchenleben zu retten. Wiſſet, daß ich die Räuber mit beſorglicher Miene habe flüſtern hören, im Wald werde nach ihnen geſtreift, und die alten Weiber verriethen in ihrem Zorn die böſe Abſicht der Bande, ſte ſchimpften auf uns und gaben zu verſtehen, wenn die Räuber angegriffen würden, ſo müßten wir ohne Gnade ſterben.“ „Gott im Himmel!“ ſchrie der Jüngling entſetzt und verbarg ſein Geſicht in die Hände. „Noch haben ſie uns das Meſſer nicht an die Kehle geſetzt,“ fuhr der Jäger fort;„drum laß uns ihnen zuvorkommen. Wenn es dunkel iſt, ſchleiche ich auf die nächſte Wache zu; ſie wird anrufen; ich werde ihm zu⸗ flüſtern, die Gräfin ſei plötzlich ſehr krank geworden, und indem er ſich umſieht, ſtoße ich ihn nieder. Dann hole ich Euch ab, junger Mann, und der Zweite kann uns eben ſo wenig entgehen; und beim Dritten haben wir zu Zwei leichtes Spiel.“— Der Jäger ſah bei dieſen Worten ſchrecklich aus, daß Felix ſich vor ihm fürchtete. Er wollte ihn bere⸗ den, von dieſem blutigen Gedanken abzuſtehen, als die Thüre der Hütte leiſe aufging und ſchnell eine Geſtalt hereinſchlüpfte. Es war der Hauptmann. Behutſam ſchloß er wieder zu und winkte den beiden Gefangenen ſich ruhig zu verhalten. Er ſetzte ſich neben Felix nieder und ſprach: „Frau Gräfin, Ihr ſeid in ſchlimmer Lage. Euer Herr Gemahl hat nicht Wort gehalten, er hat nicht nur das Löſegeld nicht geſchickt, ſondern er hat auch die Regierungen umher aufgeboten, bewaffnete Mannſchaft ſtreift von allen Seiten durch den Wald, um mich und meine Leute aufzuheben. Ich habe Eurem Gemahl ge⸗ droht, Euch zu tödten, wenn er Miene mache, uns anzugreifen; doch es muß ihm entweder an Eurem Le⸗ ben wenig liegen, oder er traut unſern Schwüren nicht. Ener Leben iſt in unſerer Hand, iſt nach unſern Ge⸗ ſetzen verwirkt. Was wollet Ihr dagegen einwenden?“ Beſtürzt ſahen die Gefangenen vor ſich nieder, ſie wußten nicht zu antworten, denn Felix erkannte wohl, daß ihn das Geſtändniß über ſeine Verkleidung nur noch mehr in Gefahr ſetzen könnte. „Es iſt mir unmöglich,“ fuhr der Hauptmann fort, „eine Dame, die meine vollkommene Achtung hat, alſo in Genhr zu ſetzen. Darum will ich Euch einen Vor⸗ ſchlag ur Rettung machen, es iſt der einzige Ausweg, der Euh übrig bleibt: Ich will mit Euch ent⸗ flieher“ Erſtant, überraſcht blickten ihn Beide an; er aber ſprach witer:„ Die Mehrzahl meiner Geſellen iſt ent⸗ ſchloſſen, ſich nach Italien zu ziehen und unter einer weitverbriteten Bande Dienſte zu nehmen. Mir für meinen Thil behagt es nicht, unter einem Andern zu dienen, un darum werde ich keine gemeinſchaftliche Sache mit hnen machen. Wenn Ihr mir nun Euer 72² Wort geben wollet, Frau Gräfin, für mich gut zu ſprechen, Eure mächtigen Verbindungen zu meinem Schutze anzuwenden, ſo kann ich Euch noch frei machen, ehe es zu ſpät iſt.“ Felix ſchwieg verlegen; ſein redliches Herz ſträubte ſich, den Mann, der ihm das Leben retten wollte, ge⸗ fliſſentlich einer Gefahr auszuſetzen, vor welcher er ihn nachher nicht ſchützen konnte. Als er noch immer ſchwieg, fuhr der Hauptmann fort:„Man ſucht gegenwärtig überall Soldaten; ich will mit dem geringſten Dienſt zufrieden ſein. Ich weiß, daß Ihr viel vermöget, aber ich will ja nichts weiter, als Euer Verſprechen, etwas für mich in dieſer Sache zu thun.“ „Nun denn,“ antwortete Felix mit niedergeſchla⸗ genen Augen,„ich verſpreche Euch, was ich ſhun kann, was in meinen Kräften ſteht, anzuwenden um Euch nützlich zu ſein. Liegt doch, wie es Euch auh er⸗ gehe, ein Troſt für mich darin, daß Ihr dieſem Reuber⸗ leben Euch ſelbſt freiwillig entzogen habt.“ Gerührt küßte der Hauptmann die Hand dieer gü⸗ tigen Dame, flüſterte ihr noch zu, ſich zwei Etunden nach Anbruch der Nacht bereit zu halten, unf verließ dann eben ſo vorſichtig, wie er gekommen bar, die Hütte. Die Gefangenen athmeten freier, as er hin⸗ weggegangen war.„Wahrlich!“ rief der Jägr,„dem hat Gott das Herz gelenkt! Wie wunderbarſollen wir errettet werden! Hätte ich mir träumen la n, daß in der Welt noch etwas dergleichen geſchehen kunte, und daß mir ein ſolches Abenteuer begegnen ſolte?“ „Wunderbar, allerdings!“ erwiderte Nlir.„Aber 7 —— 7³ habe ich auch Recht gethan, dieſen Mann zu betrügen? Was kann ihm mein Schutz frommen? Saget ſelbſt, Jäger, heißt es ihn nicht an den Galgen locken, wenn ich ihm nicht geſtehe, wer ich bin?“— „Ei, wie mögt Ihr ſolche Skrupel haben, lieber Junge!“ entgegnete der Student.„Nachdem Ihr Eure Rolle ſo meiſterhaft geſpielt! Nein, darüber dürft Ihr Euch nicht ängſtigen, das iſt nichts anderes, als er⸗ laubte Nothwehr. Hat er doch den Frevel begangen, eine angeſehene Fran ſchändlicher Weiſe von der Straße hinweg führen zu wollen, und wäret Ihr nicht gewe⸗ ſen, wer weiß, wie es um das Leben der Gräfin ſtünde? Nein, Ihr habt nicht Unrecht gethan; übrigens glaube ich, er wird bei den Gerichten ſich einen Stein im Brett gewinnen, wenn er, das Haupt dieſes Geſindels, ſich ſelbſt ausliefert.“ Dieſer letztere Gedanke tröſtete den jungen Gold⸗ ſchmied. Freudig bewegt und doch wieder voll banger Beſorgniß über das Gelingen des Planes durchlebten ſie die nächſten Stunden. Es war ſchon dunkel, als der Hauptmann auf einen Augenblick in die Hütte trat, einen Bündel Kleider niederlegte und ſprach:„Frau Gräfin, um unſere Flucht zu erleichtern, müßt Ihr nothwendig dieſe Männerkleidung anlegen. Machet Euch fertig. In einer Stunde treten wir den Marſch an.“ Nach dieſen Worten verließ er die Gefangenen und der Jäger hatte Mühe, nicht laut zu lachen.„Das wäre nun die zweite Verkleidung, rief er,„und ich wollte ſchwören, dieſe ſteht Euch noch beſſer, als die erſte!“ 8 3 74 Sie öffneten den Bündel und fanden ein hübſches Jagdkleid mit allem Zubehör, das Felix trefflich paßte. Nachdem er ſich gerüſtet, wollte der Jäger die Kleider der Gräfin in einen Winkel der Hütte werfen, Felix gab es aber nicht zu; er legte ſie zu einem kleinen Bündel zuſammen und äußerte, er wolle die Gräfin bitten, ſte ihm zu ſchenken, und ſie dann ſein ganzes Leben hindurch zum Andenken an dieſe merkwürdigen Tage aufbewahren. Endlich kam der Hauptmann. Er war vollſtändig bewaffnet und brachte dem Jäger die Büchſe, die man ihm abgenommen, und ein Pulverhorn. Auch dem Studenten gab er eine Flinte, und Felix reichte er einen Hirſchfänger, mit der Bitte, ihn auf den Fall der Noth umzuhängen. Es war ein Glück für die Drei, daß es ſehr dunkel war, denn leicht hätten die leuch⸗ tenden Blicke, womit Felix dieſe Waffe empfing, dem Räuber ſeinen wahren Stand verrathen können. Als ſie behutſam aus der Hütte getreten waren, bemerkte der Jäger, daß der gewöhnliche Poſten an der Hütte diesmal nicht beſetzt ſei. So war es möglich, daß ſie un⸗ bemerkt an der Hütte vorbeiſchleichen konnten, doch ſchlug der Hauptmann nicht den gewöhnlichen Pfad ein, der aus der Schlucht in den Wald hinauf führte, ſondern er näherte ſich einem Felſen, der ganz ſenkrecht, und wie es ſchien, unzugänglich vor ihnen lag. Als ſie dort angekommen waren, machte der Hauptmann auf eine Strickleiter aufmerkſam, die an dem Felſen herab⸗ geſpannt war. Er warf ſeine Büchſe auf den Rücken und ſtieg zuerſt hinan, dann rief er der Gräfin zu, ihm 7⁵ zu folgen, und bot ihr die Hand zur Hülfe; der Jäger ſtieg zuletzt herauf. Hinter dieſem Felſen zeigte ſich ein Fußpfad, den ſie einſchlugen und raſch vorwärts gingen. „Dieſer Fußpfad,“ ſprach der Hauptmann,„führt nach der Aſchaffenburger Straße. Dorthin wollen wir uns begeben, denn ich habe genau erfahren, daß Ihr Gemahl, der Graf, ſich gegenwärtig dort aufhält.“ Schweigend zogen ſie weiter, der Räuber immer voran, die drei Andern dicht hinter ihm. Nach drei Stunden hielten ſie an; der Hauptmann lud Felix ein, ſich auf einen Baumſtamm zu ſetzen, um auszuruhen. Er zog Brod, eine Feldflaſche mit altem Wein hervor, und bot es den Ermüdeten an.„Ich glaube, wir wer⸗ den, ehe eine Stunde vergeht, auf den Cordon ſtoßen, den das Militär durch den Wald gezogen hat. In die⸗ ſem Fall bitte ich Sie, mit dem Anführer der Soldaten zu ſprechen und gute Behandlung für mich zu ver⸗ langen.“ Felir ſagte auch dies zu, obwohl er ſich von ſeiner Verwendung geringen Erfolg verſprach. Sie ruhten noch eine halbe Stunde und brachen dann auf. Sie mochten etwa wieder eine Stunde gegangen ſein und näherten ſich ſchon der Landſtraße, der Tag fing an heraufzukommen, und die Dämmerung verbreitete ſich ſchon im Wald, als ihre Schritte plötzlich durch ein lautes„Halt! Steht!“ gefeſſelt wurden. Sie hielten, und fünf Soldaten rückten gegen ſie vor und bedeute⸗ ten ihnen, ſie müßten folgen und vor dem commandi⸗ renden Major ſich über ihre Reiſe ausweiſen. Als ſie noch etwa fünfzig Schritte gegangen waren, ſahen ſie 76 links und rechts im Gebüſch Gewehre blitzen, eine große Schaar ſchien den Wald beſetzt zu haben. Der Major ſaß mit mehren Offizieren und andern Männern unter einer Eiche. Als die Gefangenen vor ihn gebracht wurden und er anfangen wollte, ſie zu examiniren über das„woher“ und„wohin,“ ſprang einer der Männer auf und rief:„Mein Gott, was ſehe ich, das iſt ja Gottfried, unſer Jäger!“„Ja wohl, Herr Amt⸗ mann!“ antwortete der Jäger mit freudiger Stimme, „da bin ich, und wunderbar gerettet aus der Hand des ſchlechten Geſindels.“ Die Offiziere erſtaunten, ihn hier zu ſehen; der Jäger aber bat den Major und den Amtmann, mit ihm auf die Seite zu treten, und erzählte in kurzen Worten, wie ſie errettet worden, und wer der Dritte ſei, welcher ihn und den jungen Goldſchmied begleitete. Erfreut über dieſe Nachricht traf der Major ſo⸗ gleich ſeine Maßregeln, den wichtigen Gefangenen weiter transportiren zu laſſen, den jungen Goldſchmied aber führte er zu ſeinen Kameraden, ſtellte ihn als den heldenmüthigen Jüngling vor, der die Gräfin durch ſeinen Muth und ſeine Geiſtesgegenwart gerettet habe, und Alle ſchüttelten Felix freudig die Hand, lobten ihn und konnten nicht ſatt werden, ſich von ihm und dem Jäger ihre Schickſale erzählen zu laſſen. Indeſſen war es völlig Tag geworden. Der Major beſchloß, die Befreiten ſelbſt bis in die Stadt zu be⸗ gleiten; er ging mit ihnen und dem Amtmann der Gräfin in das nächſte Dorf, wo ſein Wagen ſtand, und dort mußte ſich Felixr zu ihm in den Wagen ſetzen; der Jäger, der Student, der Amtmann und viele an⸗ dere Leute ritten vor und hinter ihnen, und ſo zogen ſie im Triumph der Stadt zu. Wie ein Lauffeuer hatte ſich das Gerücht von dem überfall in der Waldſchenke, von der Aufopferung des jungen Goldarbeiters in der Gegend verbreitet, und eben ſo reißend ging jetzt die Sage von ſeiner Befreiung von Mund zu Mund. Es war daher nicht zu verwundern, daß in der Stadt, wohin ſie zogen, die Straßen gedrängt voll Menſchen ſtanden, die den jungen Helden ſehen wollten. Alles drängte ſich zu, als der Wagen langſam hereinfuhr. „Das iſt er,“ riefen ſie,„ſeht ihr ihn dort im Wa⸗ gen neben dem Offizier! Es lebe der brave Gold⸗ ſchmiedsjunge!“ und ein tauſendſtimmiges„Hoch!“ füllte die Lüfte. Felix war beſchämt, gerührt von der rauſchenden Menge. Aber noch ein rührender Anblick ſtand ihm auf dem Rathhauſe der Stadt bevor. Ein Mann von mittleren Jahren, in reichen Kleidern, empfing ihn an der Treppe und umarmte ihn mit Thränen in den Augen.„Wie kann ich Dir vergelten, mein Sohn!“ rief er.„Du haſt mir viel gegeben, als ich nahe daran war, unendlich viel zu verlieren! Du haſt mir die Gattin, meinen Kindern die Mutter gerettet, denn ihr zartes Leben hätte die Schrecken einer ſolchen Ge⸗ fangenſchaft nicht ertragen.“ Es war der Gemahl der Gräfin, der dieſe Worte ſprach. So ſehr ſich Felir ſträuben mochte, einen Lohn für ſeine Aufopferung zu beſtimmen, ſo unerbittlich ſchien der Graf darauf beſtehen zu wollen. Da fiel dem Jüngling das un⸗ 78 glückliche Schickſal des Räuberhauptmanns ein; er erzählte, wie er ihn gerettet, wie dieſe Rettung eigent⸗ lich der Gräfin gegolten habe. Der Graf, gerührt nicht ſowohl von der Handlung des Hauptmanns, als von dem neuen Beweis einer edlen Uneigennützigkeit, den Felix durch die Wahl ſeiner Bitte ablegte, ver⸗ ſprach das Seinige zu thun, um den Räuber zu retten. Noch an demſelben Tag aber führte der Graf, be⸗ gleitet von dem wackern Jäger, den jungen Goldſchmied nach ſeinem Schloſſe, wo die Gräfin, noch immer beſorgt um das Schickſal des jungen Mannes, der ſich für ſie geopfert, ſehnſuchtsvoll auf Nachrichten wartete. Wer beſchreibt ihre Freude, als ihr Gemahl, den Retter an der Hand, in ihr Zimmer trat? Sie fand kein Ende, ihn zu befragen, ihm zu danken; ſie ließ ihre Kinder herbeibringen und zeigte ihnen den hochherzigen Jüngling, dem ihre Mutter ſo unendlich viel verdanke, und die Kleinen faßten ſeine Hände, und der zarte Sinn ihres kindlichen Dankes, ihre Verſiche⸗ rungen, daß er ihnen nach Vater und Mutter auf der ganzen Erde der Liebſte ſei, waren ihm die ſchönſte Entſchädigung für manchen Kummer, für die ſchlafloſen Nächte in der Hütte der Räuber. Als die erſten Momente des frohen Wiederſehens vorüber waren, winkte die Gräfin einem Diener, wel⸗ cher bald darauf jene Kleider und das wohlbekannte Ränzchen herbeibrachte, welches Felix der Gräfin in der Waldſchenke überlaſſen hatte.„Hier iſt Alles,“ ſprach ſie mit gütigem Lächeln,„was Ihr mir in jenen furchtbaren Augenblicken gegeben; es iſt der Zauber, — womit Ihr mich umhüllt habt, um meine Verfolger mit Blindheit zu ſchlagen. Es ſteht Euch wieder zu Dienſten; doch will ich Euch den Vorſchlag machen, dieſe Kleider, die ich zum Andenken an Euch aufbe⸗ wahren möchte, mir zu überlaſſen, und zum Tauſch dafür die Summe anzunehmen, welche die Räuber zum Löſegeld für mich beſtimmten.“ Felix erſchrak über die Größe dieſes Geſchenkes; ſein edler Sinn ſträubte ſich, einen Lohn für das an⸗ zunehmen, was er aus freiem Willen gethan.„Gnä⸗ dige Gräfin,“ ſprach er bewegt,„ich kann dies nicht gelten laſſen. Die Kleider ſollen Euer ſein, wie Ihr es befehlet; jedoch die Summe, von der Ihr ſprechet, kann ich nicht annehmen. Doch, weil ich weiß, daß Ihr mich durch irgend Etwas belohnen wollet, ſo er⸗ haltet mir Euer Wohlwollen, ſtatt anderen Lohnes, und ſollte ich in den Fall kommen, Eurer Hülfe zu bedürfen, ſo könnt Ihr darauf rechnen, daß ich Euch darum bitten werde.“ Noch lange drang man in den jungen Mann, aber nichts vermochte ſeinen Sinn zu ändern. Die Gräfin und ihr Gemahl gaben endlich nach, und ſchon wollte der Diener die Kleider und das Ränzchen wieder wegtragen, als Felix ſich an das Geſchmeide erinnerte, das er im Gefühl ſo vieler freu⸗ digen Scenen ſo ganz vergeſſen hatte. „Halt!“ rief er.„Nur etwas müßt Ihr mir noch aus meinem Ränzchen zu nehmen erlauben, gnädige Frau, das Ubrige iſt dann ganz und völlig Euer.“ „Schaltet nach Belieben,“ ſprach ſie;„obgleich ich gerne Alles zu Eurem Gedächtniß behalten hätte, ſo 80 nehmet nur, was Ihr etwa davon nicht eutbehren wollet. Doch, wenn man fragen darf, was liegt Euch denn ſo ſehr am Herzen, daß Ihr es mir nicht über⸗ laſſen möget!“ Der Jüngling hatte während dieſer Worte ſein Ränzchen geöffnet und ein Käſtchen von rothem Saffian herausgenommen.„Was mein iſt, könnet Ihr Alles haben,“ erwiderte er lächelnd,„doch dies gehört mei⸗ ner lieben Frau Pathin; ich habe es ſelbſt gefertigt und muß es ihr bringen. Es iſt ein Schmuck, gnä⸗ dige Frau,“ fuhr er fort, indem er das Käſtchen öffnete und ihr hinbot;„ein Schmuck, an welchem ich mich ſelbſt verſucht habe.“ Sie nahm das Käſtchen; aber nachdem ſie kaum einen Blick darauf geworfen, fuhr ſie betroffen zurück. „Wie! Dieſe Steine!“ rief ſie.„Und für Eure Pathin ſind ſie beſtimmt, ſagtet Ihr?“ „Ja wohl,“ antwortete Felix,„meine Frau Pathin hat mir die Steine geſchickt, ich habe ſie gefaßt und bin auf dem Wege, ſie ſelbſt zu überbringen.“ Gerührt ſah ihn die Gräfin an; Thränen drangen aus ihren Augen.„So biſt Du Felix Perner aus Nürnberg?“ rief ſie. „Ja wohl! Aber woher wißt Ihr ſo ſchnell meinen Namen?“ fragte der Jüngling und ſah ſie beſtürzt an. „O wundervolle Fügung des Himmels!“ ſprach ſie gerührt zu ihrem ſtaunenden Gemahl.„Das iſt ja Felix, unſer Pathchen, der Sohn unſerer Kammer⸗ frau Sabine! Felix! Ich bin es ja, zu der Du 31 kommen wollteſt; ſo haſt Du Deine Pathin gerettet, ohne es zu wiſſen.“ „Wie? Seid denn Ihr die Gräfin Sandau, die ſo viel an mir und meiner Mutter gethan? Und dies iſt das Schloß Maienburg, wohin ich wandern wollte? Wie danke ich dem gütigen Geſchick, das mich ſo wun⸗ derbar mit Euch zuſammentreffen ließ; ſo habe ich Euch doch durch die That, wenn auch in geringem Maß, meine große Dankbarkeit bezeugen können!“ „Du haſt mehr an mir gethan,“ erwiderte ſie, „als ich je an Dir hätte thun können; doch ſo lange ich lebe, will ich Dir zu zeigen ſuchen, wie unendlich viel wir Alle Dir ſchuldig ſind. Mein Gatte ſoll Dein Vater, meine Kinder Deine Geſchwiſter, ich ſelbſt will Deine treue Mutter ſein, und dieſer Schmuck, der Dich zu mir führte in der Stunde der höͤchſten Noth, ſoll meine beſte Zierde werden, denn er wird mich immer an Dich und Deinen Edelmuth erinnern.“ So ſprach die Gräfin und hielt Wort. Sie unter⸗ ſtützte den glücklichen Felix auf ſeinen Wanderungen reichlich. Als er zuruckkam, als ein geſchickter Arbeiter in ſeiner Kunſt, kaufte ſie ihm in Nürnberg ein Haus, richtete es vollſtändig ein, und ein nicht geringer Schmuck in ſeinem beſten Zimmer waren ſchön gemalte Bilder, welche die Scenen in der Waldſchenke und Felir Leben unter den Räubern vorſtellten. Dort lebte Felix als ein geſchickter Goldarbeiter, der Ruhm ſeiner Kunſt verband ſich mit der wunder⸗ baren Sage von ſeinem Heldenmuth und verſchaffte ihm Kunden im ganzen Reiche. Viele Fremde, wenn W. Hauffs Werke. XIII. 6 8² ie durch die ſchöne Stadt Nürnberg kamen, ließen ſich in die Werkſtatt des berühmten Meiſters Felir führen, um ihn zu ſehen, zu bewundern, wohl auch ein ſchönes Geſchmeide bei ihm zu beſtellen. Die an⸗ genehmſten Beſuche waren ihm aber der Jäger, der Zirkelſchmied, der Student und der Fuhrmann. So oft der Letztere von Würzburg nach Fürth fuhr, ſprach er bei Felix ein; der Jäger brachte ihm beinahe alle Jahre Geſchenke von der Gräfin, der Zirkelſchmied aber ließ ſich, nachdem er in allen Ländern umhergewandert war, bei Meiſter Felix nieder. Eines Tages beſuchte ſie auch der Student. Er war indeſſen ein bedeutender Mann im Staat geworden, ſchämte ſich aber nicht, bei Meiſter Felix und dem Zirkelſchmied ein Abendeſſen zu verzehren. Sie erinnerten ſich an alle Scenen in der Waldſchenke, und der ehemalige Student erzählte, er habe den Räuberhauptmann in Italien wieder geſehen; er habe ſich gänzlich gebeſſert und diene als braver Soldat dem König von Neapel. 3 Felir freute ſich, als er dies hörte. Ohne dieſen Mann wäre er zwar vielleicht nicht in jene gefährliche Lage gekommen, aber ohne ihn hätte er ſich auch nicht aus Räuberhand befreien können. Und ſo geſchah es, daß der wackere Meiſter Goldſchmied nur friedliche und freundliche Erinnerungen hatte, wenn er zurückdachte an das Wirthshaus im Speſſart. — e— Die Bücher und die Leſewelt. I. Die Neihbiblisthek. Als ich noch in—n lebte, gehörte es zu meinen Vormittagsvergnügungen, in eine Leihbibliothek zu gehen; nicht um Bücher auszuwählen, denn die Samm⸗ lung beſtand aus vier⸗ bis fünftauſend Bänden, die ich größtentheils zwei Jahre zuvor in einer langen Krankheit durchblättert hatte, ſondern um zu ſehen, wie die Bücher ausgewählt werden. Ich trug mich damals mit dem ſonderbaren Gedanken, ein Buch zu ſchreiben; ich hatte noch keinen beſtimmten Gegenſtand oder Zweck und war noch ſehr unentſchieden, nach welchem großen Meiſter ich mein erſtes Stück verfertigen ſollte; an den innern Werth des künftigen Buches dachte ich zwar mit unbehaglichem Gefühl, denn unter allen meinen Gedanken war ich bis jetzt auf keinen geſtoßen, der ſich, ſelbſt mit Schwabacher Lettern gedruckt, ſchön ausge⸗ nommen hätte; doch ſchien mir das Größte und Noth⸗ wendigſte für einen, der ein Buch machen will, daß er die Menſchen ſtudire, nicht um Menſchenkenntniß zu ſammeln, die lernt man jetzt in Büchern, ſondern um —— — 86 den Leuten abzuſehen, was etwa am meiſten Beifall finde, oft und gerne geleſen werde. Vox populi, Vox Dei, dachte ich, gilt auch hier. So ſaß ich denn man⸗ chen Vormittag in der Bibliothek, um die Leſer und ihre Neigungen zu ſtudiren. Der Bibliothekar war ein alter, kleiner Mann, der in den zehn Jahren, die ich in ſeiner Nähe lebte, beſtändig einen apfelgrünen Frack, eine gelbe Weſte und blaue Beinkleider trug; ich ſuchte ihm zu bewei⸗ ſen, daß er ſeinen Anzug nicht greller und abgeſchmack⸗ ter hätte wählen können; er brach aber, nachdem ich einiges Schlagende aus der Farbenlehre vorgebracht hatte, in Thränen aus und verſicherte mich, er trage ſich ſo und werde ſich bis an ſein Ende ſo tragen, denn von dieſen Farben ſei ſein Hochzeitskleid geweſen, das er ſich ſechs Wochen vor der Hochzeit und leider zu frühe habe fertigen laſſen: denn die Braut ſei ſchnell am Nervenfieber geſtorben. Der Biblothekar hatte in ſeinem Fach eine vieljährige Erfahrung und intereſſant war, was er zuweilen darüber äußerte.„Morgens,“ ſagte er mir z. B.,„morgens werden am meiſten Bü⸗ cher ausgetauſcht, das iſt die Zeit der zweiten und dritten Theile. Es kommt nicht daher, wie ich anfäng⸗ lich glaubte, daß zu dieſer Zeit die Bedienten und Kammermädchen ihre Ausgänge in die Stadt machen, denn dann müßte ſich dieſes Verhältniß auch auf erſte Theile erſtrecken, nein, es kömmt vom Nachtleſen her.“ „Vom Nachtleſen?“ fragte ich verwundert. „Davon, meine ich, daß die Leute intereſſante Bücher bei Nacht leſen. Ein großer Theil der Men⸗ 87 ſchen, die jungen und ganz geſunden ausgenommen, kann nicht in derſelben Minute einſchlafen, wo ſie zu Bette gehen. Zum Opium mag man nicht greifen, weil man damit, einmal ungeieſhen, fortfahren muß; da gibt es nun kein beſſeres Mittel, als zu leſen.“ „Gut, ich verſtehe,“ erwiderte ich;„aber Sie ſag⸗ ten ja ſelbſt von intereſſanten Büchern; ſind denn dieſe zum Einſchläfern eingerichtet?“ „Nicht alle und nicht für Alle; natürlich muß man unterſcheiden, für wen dies oder jenes intereſſant ſein kann. Sie kennen die Gräfin Winklitz? Nun, die kann am längſten nicht einſchlafen; mich dauert nur das Kammermädchen, die ihr jede Nacht oft bis zwei Uhr vorleſen muß. Nun gebe ich einmal aus Irrthum dem Mädchen Görres Deutſchland und die Revolution mit— Sie wiſſen, für den Kenner gibt es nichts In⸗ tereſſanteres— acht Nächte haben ſie daran geleſen und doch hat es nur 190 Seiten, und jedesmal iſt die Gräfin um elf Uhr eingeſchlafen. Das Mädchen wußte mir Dank für das ſchläfrige Buch“. Kommt, um Ih⸗ nen nur noch ein Beiſpiel zu geben, kommt zu mei⸗ nem großen Erſtaunen der alte Profeſſor Wanzer, der über Mathematik liest, in meinen Laden. Er habe ſeit zwanzig Jahren nichts Belletriſtiſches mehr geleſen⸗ als zuweilen die Traueranzeigen im Merkur, und nun wünſche er doch wieder eine Ueberſicht über das zu be⸗ kommen, was einſtweilen Gutes geſchrieben worden. Ich fragte ihn, ob er von Walter Scott etwas gele⸗ ſen? Er erinnert ſich, von dem berühmten Mann ge⸗ hört zu haben, und nimmt Ivanhve mit, Jvanhoe, . 88 dieſe herrliche Geſchichte! Den andern Tag kömmt er ganz verdrießlich, wirft mir ein paar Groſchen und den Scott auf den Tiſch und ſagt, die Rittergeſchichten, die er in ſeiner Jugend geleſen, ſeien bei weitem ſchö⸗ ner geweſen; er ſei ſchon über dem erſten Theil ein⸗ geſchlafen; bitte Sie um Himmelswillen, über Ivan⸗ hoe eingeſchlafen!“: „Aber wie hängt dies mit Ihren Beobachtungen über die zweiten und dritten Theile zuſammen?“ un⸗ terbrach ich ihn. „Nun, wir ſprachen gerade von intereſſanten Bü⸗ chern, und da kam ich auf die Gräfin und den Pro⸗ feſſor. Kommt aber ein intereſſantes Buch an den rech⸗ ten Mann, ſo geht es, wie wenn ein Pferd flüchtig wird. Abends war man im Theater oder in Geſellſchaft, man hat nachher gut zu Nacht geſpeist und rüſtet ſich nun zu Bette zu gehen. Die Lampe auf dem Tiſche am Bette iſt angezündet, das Mädchen oder der Bediente hat einen erſten Theil zurecht gelegt, Alles iſt in Ord⸗ nung, nur der Schlaf will noch nicht kommen. Man rückt die Lampe näher, man nimmt das Buch in die Rechte, ſtützt den linken Ellenbogen in die Kiſſen und ſchlägt das Titelblatt auf. Sagt der Titel dem Leſer zu, hat er ſich über das erſte, oder, wie ichs nenne, Geburtsſchmerzenkapitel hinüber gewunden, ſo geht es raſch vorwärts, die Augen jagen über die Zeilen hin, die Blätter fliegen, und ſolch ein rechter Nachtleſer reitet einen Theil ohne Mühe in zwei Stunden hinaus. Gewöhnlich iſt der Schluß der erſten Theile eingerichtet wie die Schlußſeenen der erſten Akte in einem Drama. 89 Der Zuſchauer muß in peinlicher Spannung auf den nächſten Akt lauern. Unzufrieden, daß man nicht auch den zweiten Theil gleich zur Hand hat und dennoch an⸗ genehm unterhalten, ſchläft man ein; den nächſten Morgen aber fällt der erſte Blick auf das geleſene Buch, man iſt begierig, wie es dem Helden, der am Schluß des erſten Theils entweder gerade ertrunken iſt, oder ein ſonderbares Pochen an der Thüre hörte und ſo eben„herein!“ rief, weiter ergehen werde, und wenn ich um acht Uhr meinen Laden öffne, ſtehen die Johanne, Friedriche, Katharinen, Babetten ſchon in Schaaren vor der Thüre, weil gnädiges Fräulen, ehe ſie eine engliſche Stunde hat, der Herr Rittmeiſter, ehe er mit der Schwadron ſpazieren reitet, die Frau Geheimeräthin, ehe ſie Toilette macht, noch einige Ka⸗ pitel im folgenden Theil des höchſt intereſſanten Buches leſen möchten.“ II. Geſchmach des Publikums. „O daß ich auch einer der Glücklichen wäre,“ dachte ich, als jetzt die Leihbibliothek ſich öffnete und ein Gemiſch von bordirten Bedientenhüten und hüb⸗ ſchen Mädchengeſichtern ſich zeigte, einer jener Glück⸗ lichen, deren zweiter Theil mit ſo großer Sehnſucht erwartet wird!“ Nicht ohne Neid blickte ich auf die Bände, die der kleine Bibliothekar mit der wichtigen Miene eines Bäckers zur Zeit einer Hungersnoth ver⸗ theilte.— Er hatte die dringendſten Kunden befriedigt, das Geld oder die Leſeſchulden eingeſchrieben und ich 90 konnte jetzt eine wichtige Frage an ihn richten, die mir ſchon lange auf den Lippen ſchwebte, die Frage über den Geſchmack des Publikums. „Er iſt ſo verſchieden,“ antwortete er,„und iſt oft ſo ſonderbar als der Geſchmack an Speiſen. Der Eine will ſüße, der Andere geſalzene; der Eine Seefiſche, Auſtern und italieniſche Früchte; der Andere nahrhafte Hausmannskoſt: in einem Punkte ſtimmen ſie aber Alle überein, ſie wollen gut ſpeiſen.“ „Das heißt?“ „Sie wollen unterhalten ſein; natürlich Jeber auf ſeine Weiſe.“ „Aber wer iſt der Koch,“ rief ich aus,„der für dieſe verſchiedenen und verwöhnten Gaumen das Schmack⸗ hafte zubereitet? Wie kann man es Allen oder Vielen recht machen? Denn darin liegt doch der Ruhm des Autors?“ 3 „Sie ſind nicht ſo verwöhnt als man glaubt,“ ent⸗ gegnete er;„die Mode thut viel, und wenn nur die Schriftſteller fleißiger die Leihbibliotheken beſuchten, mancher würde finden, was ihm noch abgeht, oder was er zuviel hat. Kann doch Keiner ein guter Theaterdichter werden, der nicht mit der ganzen Stadt vor ſeinem eigenen Stücke ſitzt, aufmerkſam zuſchaut und lauſcht, was am meiſten Effekt macht.“ Der Mann ſprach mir aus der Seele; er hatte ausgeſprochen, was auch ich ſchon lange mir zugeflüſtert hatte.„Die Leihbibliotheken ſtudire, wer den Geiſt des Volks kennen lernen will,“ fuhr er mit Pathos fort. „Sehen Sie einmal, Beſter, jene lange Reihe von 91 Bänden an; die weißen Pergamentrücken ſind ſo rein, als hätte man ſie nie oder nur mit Handſchuhen an⸗ gefaßt. Wer iſt wohl der Autor, der ſo vergeſſen und gleichſam in Ruheſtand verſetzt dort ſteht?“ Ich rieth auf eine Reiſebeſchreibung oder auf ein naturhiſtoriſches Werk. „Letzteren Artikel führen wir gar nicht,“ antwor⸗ tete er wegwerfend;„nein— es iſt Jean Paul.“ „Wie!“ rief ich mit Schrecken,„ein Mann, der für die Unſterblichkeit geſchrieben, ſollte ſchon jetzt ver⸗ geſſen ſein? Hat er denn nicht Alles in ſich vereinigt, was anzieht und unterhält, tiefen Ernſt und Humor, Wehmuth und Satire, Empfindſamkeit und leichten Scherz?“ „Wer läugnet dies?“ erwiderte der kleine Mann. „Alles hat er in ſich vereint, um auch die verſchieden⸗ ſten Gaumen zu befriedigen; aber er hat jene Ingre⸗ dienzien klein gehackt, wunderlich zuſammengemiſcht und mit einer Sauce piquante gekocht; als es fertig war und das Publikum koſtete, fand man es wohl⸗ ſchmeckend, delikat, aber es widerſtand dem Magen, weil Niemand ſeine Kraftbrühen, den ſonderbaren dunkeln Styl ertragen konnte. Dort ſtehen alle ſeine Gerichte unberührt, und nur einige Gourmands im Leſen nehmen hie und da ein Kampanerthal oder einen Titan nach Hauſe und ſchmecken allerlei Feines her⸗ aus, das ich und mein Publikum nicht verſtehen. Sehen Sie in jener Ecke die lange Reihe mit den neuen grü⸗ nen Schildern? Das iſt Herder; auch dieſer— doch 92 hier kommt ein lebendiges Beiſpiel die Straße herauf; kennen Sie Fräulein Roſa von Milben?“ „Gewiß; ich ſah ſie zuweilen und fand in ihr eine Dame vom feinſten Geſchmack und ſehr beleſen; zwar etwas empfindſam und idealiſch, aber dabei von einer liebenswürdigen Unbefangenheit.“ „Des Fräuleins Kammermädchen wird ſogleich ein⸗ treten, und da haben Sie die beſte Gelegenheit, den feinen, empfindſamen Geſchmack jener Dame kennen zu lernen.“ „Ich wollte errathen, von welcher Art ihre Lektüre iſt,“ erwiderte ich,„etwa Roſaliens Nachlaß oder Ja⸗ kobs Frauenſpiegel, Tiedge's Urania oder Agathokles von Karoline Pichler.“ „Stellen Sie ſich nur ruhig an jene Seite, wir werden ſogleich ſehen.“ Ich that, wie er mir ſagte; ich nahm ein Buch aus dem Schrank und ſtellte mich, ſcheinbar mit Leſen be⸗ ſchäftigt, in eine Ecke. Das Mädchen trat in das Ge⸗ wölbe, richtete eine freundliche Empfehlung vom gnä⸗ digen Fräulein aus, und ſie laſſe fragen, ob man denn Nro. 1629 noch immer nicht haben könne? „Nicht zu Hauſe,“ antwortete er nach einem flüch⸗ tigen Blick auf die Bücherſchränke;„hier iſt eine andere Nummer für Ihr Fräulein. Sie ſoll ſich gut unter⸗ halten.“ Das Mädchen ging.„Schnell einen Katalog,“ rief ich, als ſich die Thüre hinter ihr geſchloſſen hatte, „laſſen Sie mich ſehen, was 1629 iſt!“ Mit ironiſchem Lächeln reichte mir der Alte den Katalog; ich blätterte eilig, fand, und mein Herz erſtarrte vor Verwunde⸗ 93 rung, denn Nro. 1629 war—„Leben und Meinungen Erasmus Schleichers von Cramer!“—„Wie! dieſes, um wenig zu ſagen, gemeine Buch darf Fräulein Roſa, die liebenswürdige Einfalt, leſen?“ ſprach ich unmu⸗ thig.„Und wenn keine Gouvernante, keine Mutter ihre Lektüre ordnet, darf ſie ſich ſelbſt etwas der Art er⸗ lauben? Doch es iſt ein Irrthum, die Zahlen ſind falſch aufgeſchrieben!“ „Wertheſter Herr,“ erwiderte der Bibliothekar, „Sie trauen den Menſchen zu viel Gutes zu. Hier iſt ein Zettelchen, das ich heimlich aus dem Körbchen des Kammermädchens nahm, Erasmus Schleicher iſt es und kein Anderer; noscitur ex socio— an Deinem Kameraden kennt man Dich; hier ſtehen die übrigen Nummern, nach welchem das Herz des Fräuleins ver⸗ langt, vergleichen Sie!“ Zürnend nahm ich das Blättchen, auf welchem zierlich die Worte:„für Fräulein von Milben!“ und eine lange Reihe von Zahlen geſchrieben waren. Ich fing mit der erſten Nummer an und fand Leute, welchen freilich die Nachbarſchaft des alten Erasmus keine Schande brachte. 1585 der deutſche Aleibiades, 2139 der Geiſt Erichs von Sickingen und ſeine Erlöſung, 2995 Hiſtorien ohne Titel, 1544 der Blutſchatz von H. Clauren. 1531— 40, Scherz und Ernſt von H. Clauren. Nein, weiter mochte ich dieſe Herzensge⸗ heimniſſe nicht entziffern;„welche Heuchlerin iſt dieſes Mädchen!“ rief ich.„Das iſt ihre Lektüre, und ich glaubte, ſie werde nur die Stunden der Andacht leſen!“ „Da müßten Sie wahrhaftig einen guten Theil 94 unſerer jungen Damen Heuchlerinnen nennen, denn Clauren und Cramer und dergleichen ſind ihre ange⸗ nehmſte Lektüre, und daß ſie nicht darüber ſprechen, iſt noch keine Heuchelei.“ „Aber mein Gott, warum leſen denn wohlgezogene Leute ſo ſchlechte Bücher, von welchen ſie ohne Errö⸗ then nicht ſprechen dürfen? Wahrhaftig, der Umgang mit ſchlechten Büchern iſt oft gefährlicher, als der Um⸗ gang mit ſchlechten Menſchen.“ „Warum?“ entgegnete der Büchermann lachend. „Warum? Das iſt einmal der Geſchmack der Zeit.“ III. Der große Unbekannte. Ein Bedienter unterbrach uns.„Die Frau Gräfin von Langsdorf läßt ſich ein Buch ausbitten;“ ſprach er. „Was für eine Nummer?“. „Das hat ſie nicht geſagt. Aber ich glaube, ſie will eine Geiſtergeſchichte.“ „Geiſtergeſchichte?“ fragte der kleine Bibliothekar umherſuchend,„darf es auch eine Rittergeſchichte ſein? Die Geiſter ſind alle ausgeblieben.“ „Ja, nur etwas recht Schauerliches, das hat ſie gerne,“ erwiderte der Diener,„ſo wie das letzthin, die ſchwarzen Ruinen oder das unterirdiſche Gefängniß⸗ das hat uns ſehr gut gefallen.“ „Liest Er denn auch mit?“ fragte der kleine Mann mit Staunen. „Nachher, wenn die Frau Gräfin einen Band durch hat, leſen wir es auch im Bedientenzimmer.“ 9⁵ „Gut; will Er lieber das Geiſterſchloß, die Aufer⸗ ſtehung im Todtengewölbe oder das feurige Rache⸗ ſchwert von Hildebrandt?“ „Da thut mir die Wahl weh,“ erwiderte er;„was müſſen das für ſchöne Bücher ſein!—, Nu— ich will diesmal das feurige Racheſchwert nehmen, behalten Sie mir das Geiſterſchloß für das nächſtemal auf.“ Kaum hatte ſich der Diener der Gräfin, die gerne Schauergeſchichten las, entfernt, ſo trat gemeſſenen Schrittes ein Soldat ein. „Für den Herrn Lieutenant Flunker beim fünfzehn⸗ ten Regiment den blinden Thorwart vom alten Schott.“ „Freund, hat Er auch recht gehört?“ fragte der Leihbibliothekar.„Den blinden Thorwart vom alten Schott? Ich kenne keinen Autor dieſes Namens.“ „Es ſoll auch kein Auditor ſein,“ entgegnete der Soldat vom fünfzehnten,„ſondern ein Buch; der Herr Lieutenant ſind auf der Wache und wollen leſen.“ „Wohl! Aber vom alten Schott? Es ſteht weder ein alter noch ein junger im Katalog.“ „Es iſt, glaub' ich, derſelbe, der ſo viel gedruckt hat, und den ſich alle Korporals und Wachtmeiſter um zwei gute Groſchen gekauft haben.“ „Walter Scott!“ rief der Kleine mit Lachen.„Und das Buch wird Quentin Durward heißen.“ „Ach ja, ſo wird es heißen!“ ſprach der Soldat. „Aber ich darf den Herrn Lieutenant nichts zweimal fragen, ſonſt hätte ich wohl den Namen gemerkt, und er hat ſich das undeutliche Sprechen vom Commandiren angewöhnt.“ Er empfing ſeinen blinden Thorwart und 96 ging. Aber der Himmel hatte ihn in dieſem Augen⸗ blick in die Leihbibliothek geſandt, und ſeine Worte hatten einen Lichtſtrahl in meine Seele geworfen.„So iſt es denn wahr,“ ſprach ich,„daß die Werke dieſes Britten beinahe ſo verbreitet ſind als die Bibel, daß Alt und Jung und ſelbſt die niedrigſten Stände von ihm bezaubert ſind?“ „Gewiß, man kann rechnen, daß allein in Deutſch⸗ land ſechzigtauſend Exemplare verbreitet ſind, und er wird täglich noch berühmter. In Scheerau hat man jetzt eine eigene Überſetzungsfabrik angelegt, wo täglich fünfzehn Bogen überſetzt und ſogleich gedruckt werden.“ „Wie iſt das möglich?“ „Es ſcheint beinahe ſo unmöglich, als daß Walter Scott dieſe Reihe von Bänden in ſo kurzer Zeit ſollte geſchrieben haben; aber es iſt ſo, denn erſt vor kurzer Zeit hat er ſich öffentlich als Autor bekannt; die Fabrik habe ich aber ſelbſt geſehen.“ „Wird vielleicht durch Vertheilung der Arbeit Zeit gewonnen?“ fragte ich. „Einmal dies,“ entgegnete er,„und ſodann wird alles mechaniſch betrieben; der Profeſſor Lux iſt ſogar gegenwärtig beſchäftigt, eine Dampfmaſchine zu erfin⸗ den, die Franzöſiſch, Engliſch und Deutſch verſteht, dann braucht man gar keine Menſchen mehr. Die Fabrik iſt aber folgendermaßen beſchaffen: Hinten im Hof iſt die Papiermühle, welche unendliches Pa⸗ pier macht, das ſchon getrocknet wie ein Lavaſtrom in das Erdgeſchoß des Hauptgebäudes herüber rollt; dort wird es durch einen Mechanismus in Bogen zer⸗ 97 ſchnitten und in die Druckerei bis unter die Preſſen geſchoben. Fünfzehn Preſſen ſind im Gang, wovon jede täglich zwanzigtauſend Abdrücke macht. Nebenan iſt der Trockenplatz und die Buchbinderwerkſtätte. Man hat berechnet, daß der Papierbrei, welcher Morgens fünf Uhr noch flüſſig iſt, den andern Morgen um elf Uhr, alſo innerhalb dreißig Stunden, ein elegantes Büchlein wird. Im erſten Stock iſt die Überſetzungs⸗ anſtalt. Man kömmt zuerſt in zwei Säle; in jedem der⸗ ſelben arbeiten fünfzehn Menſchen. Jedem wird Mor⸗ gens acht Uhr ein halber Bogen von Walter Sceott vorgelegt, welchen er bis Mittag drei Uhr überſetzt haben muß. Das nennt man dort:„aus dem Groben arbeiten.“ Fünfzehn Bogen werden auf dieſe Art jeden Morgen überſetzt. Um drei Uhr bekommen dieſe Leute ein gutes Mittagsbrod. Um vier Uhr wird Jedem wieder ein halber Bogen gedruckte überſetzung vorgelegt, die durchgeſehen und korrigirt werden muß.“ „Aber was geſchieht denn mit den überſetzten Bo⸗ gen vom Vormittag?“ „Wir werden es ſogleich ſehen. An die zwei Säle ſtoßen vier kleine Zimmer. In jedem ſitzt ein Styliſt und ſein Sekretär; Styliſten nennt man dort nämlich diejenigen, welche die Überſetzungen der Dreißig durch⸗ gehen und aus dem Groben ins Feine arbeiten; ſle haben das Amt, den Styl zu verbeſſern. Ein ſolcher Styliſt verdient täglich zwei Thaler, muß aber ſeinen Sekretär davon bezahlen. Je ſieben bis acht Grobar⸗ beiter ſind einem Styliſten zugetheilt; ſobald ſie eine Seite geſchrieben haben, wird ſie dem Styliſten geſchickt. W. Hauffs Werlt⸗ Mll⸗ 7 5 98 5 Er hat das engliſche Exemplar in der Hand, läßt ſich vom Sekretär das überſetzte vorleſen und verbeſſert hier oder dort die Perioden. In einem fünften Zimmer ſind zwei poetiſche Arbeiter, welche die Motto's über den Kapiteln und die im Text vorkommenden Gedichte in deutſche Verſe überſetzen. Ich ſtaunte über dieſen wunderbaren Mechanismus und bedauerte nur, daß die dreißig Arbeiter und vier Styliſten nothwendig ihr Brod verlieren müſſen, wenn der Profeſſor Lux die überſetzungsmaſchine erfindet. „Gott weiß, wie es dann gehen wird,“ antwortete der kleine Mann;„ſchon jetzt koſtet das Bändchen in der Scherauer Fabrik nur einen Groſchen; in Zukunft wird man zwei Bändchen um einen Silbergroſchen geben und alle vier Tage wird eines erſcheinen.“ IV. Veſuch im Zuchladen. Mein Entſchluß ſtand feſt; einen hiſtoriſchen Ro⸗ man a la Walter Scott mußt Du ſchreiben, ſagte ich zu mir; denn nach Allem, was man gegenwärtig vom Geſchmack des Publikums hört, kann nur dieſe und keine andere Form Glück machen. Freilich kamen mir bei dieſem Gedanken noch allerlei Zweifel; ich mußte die Werke dieſes großen Mannes nicht nur leſen, ſon⸗ dern auch ſtudiren, um ſie zu meinem Zweck zu be⸗ nützen. Ein dritter und der mächtigſte Zweifel war, ob ich einen Verleger bekommen würde. Ich beſchloß daher, ehe ich mich an das Werk ſelbſt machte, die Wege kennen zu lernen, die man hei ſolchen Geſchäf⸗ 99 ten zu gehen hat. Den Buchhändler Salzer und Sohn kannte ich von der Harmonie her; ich ſteckte zwei Tha⸗ ler zu mir, um ein Buch bei ihm zu kaufen und ſo ſeine nähere Bekanntſchaft zu machen. 4 „Ein ſchönes Buch für zwei Thaler?“ fragte er. „Was ſoll es ſein? Gedichte?“ „Erzählungen oder ein Roman, Herr Salzer.“ „Um dieſen Preis werden Sie nichts Schönes finden,“ erwiderte er lachend; ndoch hier iſt der Ka⸗ talog.“. „Wie? Nichts Schönes um zwei Thaler, und doch koſtet ein Roman von Walter Scott nur zwanzig Groſchen.“ „Wenn Sie überſetzungen haben wollen,“ ſagte er; nich dachte, Sie wollten Originale“ 3 „Aber mein Gott,“ entgegnete ich,„wenn ein guter Roman aus einer andern Sprache nur zwanzig Groſchen koſtet, warum hält man denn die deutſchen Bücher ſo theuer?“ „Meinen Sie,“ erwiderte er unmuthig,„wir wer⸗ den auch noch die Originale um einen Spottpreis weg⸗ werfen? Dieſe Überſetzungen, dieſe wohlfeilen Preiſe werden uns ohnedies bald genug ruiniren. Was iſt denn jetzt ſchon unſer ſchöner Buchhandel geworden? Nichts als ein Verkaufen im Abſtreich; Alles ſoll wohl⸗ feil ſein, und ſo wird Alles ſchlecht und in den Staub gezogen. In jeder Ecke des Landes ſitzt Einer, der mit wohlfeiler Schnittwaare handelt, und wir Andern, die uns noch dem Verderben entgegenſtemmen, gehen darüber zu Grunde.“ 10⁰ „Aber wie kann denn dieſe Veränderung des Han⸗ dels ſo großen Einfluß auf Originale oder auf die Buchhandlung üben?“ „Wie?“ fuhr er eifrig fort.„Wie? Es iſt ſo klar als die Sonne; das Publikum wird dadurch verdorben und verwöhnt! Ich ſtreite Scott und den beiden Ame⸗ rikanern ihr Verdienſt nicht ab; ſie ſind im Gegentheil leider zu gut. Aber jedes Nähtermädchen kann ſich für ein paar Thaler eine Bibliothek klaſſiſcher Romane anſchaffen. Unnatürlich ſchnell hat ſich die Sucht nach dieſer Art von Dichtungen verbreitet, und hundert⸗ tauſend Menſchen haben jetzt durch dieſe Groſchen⸗ bibliotheken einen Maßſtab erhalten, nach welchem ſie eigenſinnig unſere deutſchen Produkte meſſen.“ „Um ſo beſſer für die Welt; wird denn nicht da⸗ durch die Intelligenz und der gute Geſchmack verbrei⸗ tet, und das Schlechte verdrängt?“ „Intelligenz und Geſchmack, das Bändchen um neun Kreuzer rheiniſch!“ rief er aus.„O ich kenne dieſe ſchönen Worte! Guter Geſchmack! Als ob nur die Leute über dem Kanal guten Geſchmack hätten! Intelligenz! Meinen Sie denn, die Menſchen denken dadurch vernünftiger, daß ſie jetzt alle ſelbſt recenſiren und ſagen: Er iſt doch nicht ſo ſchön als Walter Scott und Cooper, und nicht ſo tief und witzig als Waſhing⸗ ton Irving? Und welcher Segen für unſere Literatur und den Buchhandel wird aus dieſem Samen hervor⸗ gehen, den man ſo reichlich ausſtreut? Verkehrtheit der Begriffe und einige ſchlechte Nachahmungen(wie ich mich ſchämte bei dieſen Worten!) und überdies 5* 101 unſer Ruin. Die Schriftſteller verlangen immer ſtär⸗ kere Honorare; wofür man ſonſt einen Louisd'or zahlte, will man jetzt fünf, und im umgekehrten Ver⸗ hältniß werden die Bücher weniger geſucht als jemals. Üüberdies hat auch dieſe Herren Walter Scott's Frucht⸗ barkeit angeſteckt. Sie ſind jetzt ſparſam mit Gedanken und verſchwenderiſch mit Worten. Gedanken, Seenen, Gemälde, die man ſonſt in den engen Rahmen eines Bändchens fügte, werden auseinander gezogen in zehn, zwölf Bände, damit man mehr Geld verdiene, und was früher vier, fünf hübſche Verſe gegeben hätte, wächst jetzt in holperiger Proſa zu eben ſo vielen Seiten an.“ „Alſo geht die gereimte Poeſie nicht mehr?“ „Wer will ſie kaufen? Privatleute? die ſehen vornehm herab und uennen Alles Verſelei; Gelehrte? die bekommen es vom Autor, damit ſie ihn deſto gnä⸗ diger recenſiren möchten; Leihbibiotheken? die führen nur Romane, weil ſie ihr Publikum kennen. Und dieſe Leihbibliotheken ſind noch unſer Unglück. Jedes Städt⸗ chen hat ein paar ſolche Anſtalten. Das Publikum denkt, warum ſollen wir für ein Buch ſo viel Geld wegwerfen, wenn wir es in der Leihbibliothek leſen können? Man kauft ſich Groſchenüberſetzungen oder wohlfeile Taſchenausgaben, um doch eine Bibliothek zu haben, und der Buchhändler, der ein Buch verlegen will, kann alſo höchſtens noch auf fünfhundert Leih⸗ bibliotheken rechnen. Und wenn heute wieder ein Goethe oder ein Schiller geboren würde, man könnte keine fünfhundert Exemplare abſetzen; das Publikum 10⁰² hat Glauben, Vertrauen und Luſt an unſerer Literatur verloren.“ „Und von alle dem ſollten Scott und die Taſchen⸗ ausgaben die Schuld tragen?“ „Ja! und dieſe unſelige Zerſplitterung durch alle Zweige iſt auch mit Schuld! Die Schriftſteller zer⸗ ſplittern ihr Talent in Almanache und Zeitſchriften, weil ſie dort gut bezahlt werden; das Publikum zer⸗ ſplittert ſein Geld für dieſe Luxuswaaren, weil ſie Mode geworden ſind; wir ſelbſt überbieten uns; jeder will einen Almanach, eine Zeitſchrift haben und dieſe Taſchenkrebſe ſind es, die unſere Krebſe erzeugen.“ „Aber, Herr Salzer,“ ſagte ich zu dem Unmuthi⸗ gen:„Warum ſchwimmen Sie gegen den Strom? Warum veranſtalten Sie nicht ſelbſt Taſchenausgaben? Warum unternehmen Sie keine Zeitſchrift? Oder ſchämen Sie ſich vielleicht, ſelbſt mitzumachen?“ „Schämen würde ich mich eigentlich nicht,“ erwi⸗ derte er nach einigem Nachdenken.„Was ein Anderer thut, kann Salzer und Sohn auch thun. Aber ehrlich geſtanden, ich fürchte mit einer Zeitſchrift zu ſpät zu kommen; und wer ſoll ſie ſchreiben! Etwas Neues muß heutzutage auffallend, pikant ſein, wenn es Glück machen ſoll; ſo habe ich mich ſchon lange umſonſt auf einen ausgezeichneten Titel beſonnen, denn der Titel muß jetzt Alles thun. Hätte ich nur hier einige tüch⸗ tige Männer vom Fache, eine kritiſche oder belletriſti⸗ ſche Zeitſchrift ſollte bald daſtehen; denn ich bin ein unternehmender Geiſt ſo gut als einer.“ * 9 10⁰³ V. Der unternehmende Geiſt. „Man hat jetzt Morgen⸗, Mittag⸗, Abend⸗ und Mitternachtblätter, man hat alle Götter und Muſen⸗ titel erſchöpft, man ſieht ſich genöthigt, zu den ſonder⸗ barſten Namen ſeine Zuflucht zu nehmen, will man Aufſehen machen, denn nur der neue Klang iſt es, der das Alte, längſt Gewöhnte übertönt, und jeder Ver⸗ nünftige ſieht ein, daß eine neue Zeitſchrift nicht an und für ſich beſſer iſt, als die alten. Erzählungen, Gedichte, Kritiken finden ſich hier wie dort, und gute Mitarbeiter werden nicht zugleich mit dem Namen des Blattes erfunden.“. „Aber Herr Salzer,“ erwiderte ich:„Warum ver⸗ laſſen denn die Menſchen oft die längſt bekannten Zeitſchriften, um auf ein paar Probeblätter hin eine neue anzuſchaffen?“ „Das liegt ganz in unſerer Zeit; Veränderung macht Vergnügen und neue Beſen kehren gut,“ ant⸗ wortete er;„ſo iſt einmal das Publikum, wetterwen⸗ diſch und weiß nicht warum. Kleider machen Leute, und eine hübſche Vignette, ein auffallender Titel thut in der Leſewelt ſo viel, als eine neue Mode in einer Aſſemblee. Wer dieſen Charakter der Menſchen recht zu nützen verſteht, kann in jetziger Zeit noch Etwas machen; hätte ich nur einen Titel!“ „Da unſere Zeitſchriften gegenwärtig ſo vielſeitig ſein müſſen,“ ſprach ich;„was denken Sie zu dem Titel:„Literariſches Hühnerfutter?“ „Wäre nicht ſo übel; man könnte in der Vignette 10⁴ das Publikum als ein Hühnervolk darſtellen, welchem von der Muſe kleingeſchnittenes Futter vorgeſtreut wird; aber es geht doch nicht! in dem Futter könnte eine Beleidigung liegen, weil es ſchiene, als wollte man das Publikum mit dem Abfall von dem großen Mittagstiſch der Literatur füttern; geht nicht!“ „Oder etwa— die Abendglocke.“ „Abendglocke? Wahrhaftig! Ei, das ließe ſich hören! Es liegt ſo etwas Sanftes, Beruhigendes in dem Wort. Will mir doch den Gedanken bemerken; aber ein kritiſches Beiblatt müßte dazu; ich habe ſchon gedacht, ob man es nicht„der Deſtillateur“ nennen könnte. „Es liegt etwas Wahres in Ihrer Idee,“ entgeg⸗ nete ich.„Die Bücher werden allerdings neuerer Zeit durch einen chemiſchen Prozeß recenſirt oder abgezogen; man deſtillirt ſo lange, bis ſich das X Geiſt, das man ſuchte, verflüchtigt, oder bis der gelehrte Chemiker der Welt anzeigen kann, aus welchen verſchiedenen Be⸗ ſtandtheilen das Gebräue beſtand, das er zerſetzte; aber das Blatt röche doch zu ſehr nach einer Material⸗ handlung oder nach gebrannten Waſſern; was aber halten Sie von einem kritiſchen Schornſteinfeger?“ Der Buchhändler ſah mich eine Zeitlang ſchwei⸗ gend und umarmte mich dann voll Rührung.„Ein Fund, ein trefflicher Fund!“ rief er.„Was liegt nicht Alles in dieſem einzigen Wort! Die deutſche Literatur ſtellt das Kamin vor, unſere Recenſenten die Schorn⸗ ſteinfeger, ſie kratzen den literariſchen Ruß ab, damit das Haus nicht in Brand gerathe. Ein Oppoſitions⸗ 10⁵ blatt ſoll es werden, Aufſehen muß es machen, das iſt jetzt die Hauptſache; der kritiſche Schornſteinfeger! Und die Kunſtkritiken geben wir unter dem vielver⸗ ſprechenden Titel: Der artiſtiſche Nachtwäch⸗ terl“ Haſtig ſchrieb er ſich den Namen auf und fuhr dann fort:„Herr! Sie hat ein Schutzengel in meinen Laden geführt; wenn ich ſo hinter meinem Arbeits⸗ tiſch ſitze, bin ich wie vernagelt, aber ſchon oft habe ich bemerkt, wenn ich mich ausſpreche, kommen mir die Gedanken wie ein Strom. So, als Sie vorhin von Walter Seott und ſeinem Einfluß ſprachen, ging mir mit einemmal eine herrliche Idee in der Seele auf. Ich will einen deutſchen Walter Scott machen.“ „Wie? Wollten Sie etwa auch einen Noman ſchreiben?“. „Ich? o nein ich habe Beſſeres zu thun; und ei⸗ nene nein zwanzig! Wenn ich nur meine Gedanken ſchon geordnet hätte. Ich will mir nämlich einen großen Unbekannten verſchaffen, dieſer ſoll aber Niemand an⸗ ders ſein, als eine Geſellſchaft von Romanſchreibern; verſtehen Sie mich?“ „Noch iſt mir nicht ganz klar, wie Sie—“ „Mit Geld kann man Alles machen; ich nehme mir etwa ſechs oder acht tüchtige Männer, die im Ro⸗ man ſchon etwas geleiſtet haben, lade ſie hierher ein und ſchlage ihnen vor, ſie ſollen zuſammen den Walter Scott vorſtellen. Sie wählen die hiſtoriſchen Stoffe und Charaktere aus, berathen ſich, welche Nebenfiguren anzubringen wären, und dann— 2 8 „O jetzt verſtehe ich Ihren herrlichen Plan; dann 106 errichten Sie eine Fabrik, etwa wie jene in Scheerau. Sie laſſen ſich Kupferſtiche von allen romantiſchen Ge⸗ genden Deutſchlands kommen; die Koſtüme alter Zeiten kann man von Berlin verſchreiben; Sagen und Lieder finden ſich in des Knaben Wunderhorn und andern Sammlungen. Sie ſetzen ein paar Ontzend junger Leute in ihr Haus; die Sechseinigkeit, der neue Unbekannte, gibt die Umriſſe der Romane, hie und da zeichnet und korrigirt er an einem großartigen Charak⸗ ter: die vierundzwanzig oder dreißig Anderen aber ſchreiben Geſpräche, zeichnen Städte, Gegenden, Ge⸗ bäude nach der Natur— „Und,“ fiel er mir freudig ins Wort,„weil der Eine mehr Talent für Gegendmalerei, der Andere mehr für Koſtüms, der Dritte für Geſpräche, ein Vierter, Fünfter fürs Komiſche, Andere wieder mnehi für das Tragiſche—* „Richtig! ſo werden die jungen Künſtler in Ge⸗ gendmaler, Koſtümſchneider, Geſprächführer, Komiker und Tragiker eingetheilt, und jeder Roman läuft durch aller Hände wie die Bilder bei Campe in Nürnberg, wo der Eine den Himmel, der Andere die Erde, Jener Dächer, Dieſer Soldaten, zeichnet, wo der Erſte das Grün, der Zweite das Blau, der Dritte Roth, der Vierte Gelb malen muß nach der Reihe.“ „Und Einheit, Gleichförmigkeit wird dadurch er⸗ reicht, gerade wie in Walter Scott, wo alle Figuren offenbare Familienähnlichkeit haben; und eine Taſchen⸗ ausgabe veranſtalten wir davon, ſo wohlfeil als nur möglich; auf vierzigtauſend können wir rechnen.“ 407 „Und der Titel ſoll heißen: Die Geſchichte Deutſchlands von Hermann dem Cherus⸗ ker bis 1830 in hundert hiſtoriſchen Ro⸗ manen!“— Herr Salzer vergoß einige Thränen der Rührung. Nachdem er ſich wieder erholt hatte, drückte er mir die Hand.„Nun bin ich nicht ein ſo unternehmender Geiſt als irgend Einer? ⁴ ſprach er.„Was wird dies Auf⸗ ſehen machen! Aber Sie, Werthgeſchätzter, waren mir hehülflich, dieſen Rieſengedanken zu gebären; ſuchen Sie ſich das ſchönſte Buch in meinem Laden aus, und zum Dank ſollen Sie— einer der Vierundzwanzig ſein!“ 4 VI. Schluß. So war ich denn durch mein günſtiges Geſchick in Kurzem dahin gelangt, wohin ich mich ſo lange ge⸗ ſehnt hatte. Jetzt hatte ich nicht mehr nöthig, die Leute und ihren Geſchmack in einer Leihbibliothek zu ſtudiren, hatte nicht mehr nothig, ängſtlich nach Plan und An⸗ ordnung eines Werkes, oder gar nach vortrefflichen Gedanken umherzuſuchen; ich war ein Glied, ein Finger des neuen Unbekannten geworden, durfte ſchrei⸗ ben nach Luſt und mein Geſchriebenes gedruckt leſen. Es iſt bekannt, welch großen Erfolg das Unternehmen des Herrn Salzer hatte, und ſchon längſt iſt es kein Geheimniß mehr für die Welt, aus welchen Beſtand⸗ theilen eigentlich der große Unbekannte beſtand. Es konnte uns nur ſchmeicheln, daß man anfänglich au berühmte und vorzügliche Schriftſteller rieth, wie z. B. 108 auf den Profeſſor Lux, der indeſſen ſeine Überſetzungs⸗ maſchine erfand, den Dichter F. Kempler und andere Treffliche, ja, daß man einen Augenblick ſogar Willi⸗ bald Alexis, trotz ſeiner bekannten Abneigung gegen die deutſche Geſchichte, im Verdacht hatte. Längſt haben ſich jene verdienſtvollen Herren genannt, die das Direktorium gebildet haben, und mir bleibt nur noch übrig, Einiges von dem Antheil zu erzählen, welchen ich ſelbſt an dem Unternehmen hatte. Weil ich einige Theile Deutſchlands genau kannte, erhielt ich zuerſt eine Stelle unter den Gegendmalern. Leider ſchrieb ich aber in dem Roman das Coneilium in Konſtanz:„Leicht und ſchwebend trug ſie der Kahn an den rebenbepflanzten Hügeln hin von Baſel nach Konſtanz—“¹ dieſe Stelle wurde, von den ſechs Direktoren überſehen, gedruckt, und die Recenſenten und das ganze Publikum wunderten ſich höchlich, daß man damals den Rheinfall hinauf gefahren ſei, und zur Strafe wurde ich in die Klaſſe der Geſpräch⸗ führer verſetzt. Geſpräche in Wirthshäuſern, auf Straßen und Märkten, Händel und Wortſtreit wurden mir zugetheilt. In dieſer Eigenſchaft blieb ich, bis einer der ſentimental und heroriſch Sprechenden einen großen Fehler machte. Er ſagte nämlich:„Die Wolken zogen bald vor, bald hinter dem Mond;“ ver⸗ gebens berief er ſich auf die Autorität eines Herrn S...„aus deſſen hiſtoriſchem Roman er dieſe herrliche Stelle entlehnt habe; man erklärte die Worte für widerfinnig, weil die Wolken nicht hinter dem Mond vorbeiziehen, und ſetzte ihn ab; ſeine Stelle 4⁰9 fiel mir zu. In dieſem Fache leiſtete ich mehr, als in den beiden andern. So iſt z. B. der größte Theil des Romans: Der Dom zu Aachen oder die Pala⸗ dine Karls des Großen von meiner Hand. Auch in Barbaroſſa oder die Hohenſtaufen habe ich etwa zehn Kapitel geſchrieben. Meine letzte Arbeit vor Auflöſung des Unternehmens war das achte, neunte und fünfzehnte Kapitel in der Schlacht von Kun⸗ nersdorf. Man hat viel über und gegen dieſes großartige Unternehmen, das ich, wiewohl zufällig, ins Leben rief, geſchrieben und geſprochen. Wenn man bedenkt, daß in der kurzen Zeit von zwei Jahren fünfundſie⸗ benzig Bände oder fünfundzwanzig Romane aus der Fabrik des deutſchen Unbekannten hervorgingen, ſo muß man zum mindeſten den Fleiß und die Ausdauer der Theil⸗ nehmer bewundern. Man hat vorgeworfen, daß einige geſchichtliche Charaktere gänzlich verzeichnet ſeien, daß ſogar bedeutende Anachronismen vorkommen; aber wie kraftlos erſcheint ein ſolcher Vorwurf gegen die übrigen Vorzüge des Unternehmens! Sind nicht alle Gegenden ſo treu geſchildert, daß man ſieht, man habe nicht die Natur, ſondern wirkliche Gemälde abgezeichnet? Haben wir nicht bei den Kleidungen unſerer Helden und Da⸗ men die Koſtüme des pünktlichſten und genaueſten Theaters von Europa als Vorlegeblätter vor uns ge⸗ habt? Hat nicht Herr Salzer mit ſchwerem Gelde allerlei alterthümliches Hausgeräth aus Burgen und Rüſtkammern gekauft, damit wir deſto richtiger zeich⸗ neten? 110 Das iſt hiſtoriſche Wahrheit und Treue, und das iſt es auch, was das Publikum verlangt; das Übrige, genaue Beachtung der geſchichtlichen Charaktere oder Zeiten, iſt nur Nebenſache; Kleider, Schuhe, Stühle. Häuſer u. ſ. w. wird man in allen fünfundſiebenzig Bänden niemals unwahr finden. Daß nach zwei Jahren ſchon dieſe Art von Darſtellungen aus der Mode kam, war nicht unſere Schuld; aber leider ſcheiterte das ſchöne Unternehmen an der Veränderlichkeit des Publi⸗ kums. Aus der Mode entſtand das Ganze, und mit dem günſtigſten Wind dieſer Mode ſegelten wir auf dem Strom der Geſchichte, und unſer Wahlſpruch war: „Verletzet eher die Wahrheit der Geſchichte, verzeichnet lieber einen hiſtoriſchen Charakter, nur ſundiget nie gegen die Mode der Zeit und den herrſchenden Ge⸗ ſchmack des Publikums.“ Freie Stunden am Fenſter. Laetus sorte tua vives sapienter. — Horatius. 1. Mein Onkel war geſtorben; er hinterließ ein hüb⸗ ſches Vermögen, das meinen heimlichen Kummer wieder ſtillen konnte; aber er hatte es einer Wittwe vermacht, die er noch in ſeinen alten Tagen gern geſehen. Ich erklärte, der Wille des Seligen ſei mir zu heilig, als daß ich ihn umſtoßen möchte, d. h. die Advokaten hatten mir geſagt, daß ich den Prozeß in allen Inſtanzen ver⸗ lieren würde; aber die ganze Stadt pries meinen Edel⸗ muth. Sie hatte gut loben, die ganze Stadt; Loben koſtet nichts, aber um ſo viele Hoffnungen betrogen, um das ganze Vermögen des Onkels ärmer zu ſein, das war hart! Ich habe in meiner Jugend im Kinderfreund gerne ein Stück geleſen, es hieß:„Edelmuth in Niedrig⸗ keit;“ nachher hat mich oft ein anderes:„Armuth und Edelſinn“ bis zu Thränen gerührt.— War es vielleicht die Ahnung, daß ich einſt dieſe Rolle ſelbſt ſpielen müſſe, was mir Thränen auspreßte? Meinen einzigen Troſt, 112 meine ſüße Hoffnung, die Tante in Leipzig, rührte vor vier Wochen der Schlag. Ich, ihr nächſter Leibeserbe, machte bei dieſer Nachricht bedeutende Einkäufe in ſchwarzem Tuch, zog einen ganz neuen Menſchen an, und meine Bekannten wußten ſich dieſen Aufwand nicht zu erklären. Die Tante hat ihre Thaler einem ganz fremden Menſchen vermacht. Ich dachte anfänglich, aus Haß gegen mich, weil ich einmal geäußert: die Zei⸗ tung für gebildete und noble Menſchen ſei ſchlechtes Zeug, ſie aber hatte Alles trefflich und genial gefunden; aber nein, es verhielt ſich anders. Die Tante, ich erfuhr es erſt vor einigen Tagen, die ſelige Tante war Schriftſtellerin geweſen. Unter dem Namen Ido⸗ nia Strahlen hatte ſie in die Zeitung für noble ꝛc. Er⸗ zählungen, Aphorismen aus ihrem Leben, Romanzen und dergleichen geliefert. Ja, ſie hatte ſogar Romane für Leihbibliotheken geſchrieben; wer kennt nicht„Lis⸗ betha's letzte Seufzer“ in Duodez;„die Mohrenſchlacht oder die grauſamen Herzen, eine ſpaniſche Geſchichte;“ wem iſt nicht„meine erſte Liebe oder der blutige Säbel“ bekannt? Ich hatte ſie oft auf die Seite geworfen, wenn ſie mir nebſt anderer dergleichen Waare in die Hände ſielen; konnte ich denken, daß ſie mich um mein Erbe bringen würden? Idonia las alle ihre Produkte einem Magiſter vor, der ſie quoad stylum korrigirte, reinlich abſchrieb, an die Zeitung für noble ꝛc. oder an die Ver⸗ leger verſchickte und, wenn ſie erſchienen waren, in ſechs oder acht Journalen günſtig recenſirte. Es konnte nicht ehlen— die ſelige Tante hinterließ ihm ihren Mammon. Das neue Kleid war gekauft und konnte nicht mehr 113 ungekauft gemacht werden; ich verkaufte mein Piano, um jenes zu bezahlen. Es war gut, daß nicht noch etwas Schwereres zu vergüten war. Als mir nämlich die Kunde von dem Tod der ſeligen Idonia kam, als ich mich im neuen Kleide vor dem Spiegel muſterte, fand ich, daß ich gut genug zu einem Chemanne aus⸗ ſehe. Wenn ich nicht irrte, ſo mochte dies auch des Oberhofmeiſters Trinette finden. Ich hatte Ausſichten, gemächlich mit einer Frau leben zu können; ich las auf⸗ richtige Liebe in ihren ſchönen, braunen Augen; ich wollte endlich einen Schritt vorwärts thun, da kam die Leipziger Poſt, der Magiſter hatte das Erbe, und ich— blieb ſtehen, ich ging rückwärts. Jetzt erſt war ich arm, denn ich hatte keine Hoffnung mehr. Ich dachte ernſt⸗ lich über meine Stellung in der Welt nach und fand, daß ein armer Teufel eine um ſo traurigere Rolle ſpiele, je weiter er oben ſteht. Moreau's Rückzug wird für das Glänzendſte gehalten, was dieſer große General gethan hat. An mir iſt es jetzt, eine ähnliche Operation zu machen; ich mußte mich ohne Schande aus den Salons zurückziehen, mein Rückzug mußte einem Siege gleichen, wenn ich mir das Erröthen erſparen wollte. Man kann ſich denken, daß ich am ſchwerſten daran kam, jene treff⸗ liche Stellung zu verlaſſen, die ich gegen die Baſtion Trinette eingenommen hatte. Meine Vorpoſten waren ſchon ſo weit vorgeſchoben, daß ſie täglich mit dem Feinde plänkelten, ich war daran, die Laufgräben zu eröffnen, es war mathematiſch gewiß, daß ich ſiegen mußte; wer hat eine ſolche Stellung nicht mit einer Thräne im Auge aufgegeben? W. Hauffs Werke. XlII. 8 114 Aber mein Rückzug war meiſterhaft; es fand ſich eine Gelegenheit, gegen Trinette den Eiferſüchtigen zu ſpielen; ich erſchien einige Abende bei den fröhlichſten Soupers, bei den glänzendſten Bällen düſter und in mich gekehrt, es fiel auf, und jetzt hatte ich gewonnen.„Er iſt melancholiſch,“ ſagte die ganze Sradt; ich war me⸗ lancholiſch, denn ich hatte ja nichts mehr, um die Freude zu bezahlen, die Melancholie kann man aber umſonſt haben. Ich gab meine vier Zimmer in der Hauptſtraße auf und bezog ein kleines Stübchen in einem entlegenen Theile der Stadt.„Nein, wie er melancholiſch iſt!“ ſagten die Leute. Ich ſpeiste ſonſt im erſten Gaſthof; jetzt ließ ich mir die Speiſen aus einer Garküche brin⸗ gen.„Er iſt ein Narr,“ war das Urtheil der Welt, und jeder, der mich ſah, fragte mich theilnehmend, wie es mir gehe? Die Ehre war gerettet; ich wollte lieber für einen Narren, für melancholiſch— als für einen armen Teufel gelten. Es wohnt ſich übrigens ganz gut in dem kleinen Stübchen. Die einzigen Mobilien, die mir gehören, ſind ein großer Fauteuil, ich konnte es nicht übers Herz bringen, ihn zu verkaufen, denn meine gute Mutter war darin verſchieden; das andere war ein Schreibtiſch, der beinahe ein Drittheil des Stübchens einnahm— mein Vater hatte daran gearbeitet. Anfangs vermißte ich mein Piano ſehr ungern. Es gab in meinem Tag ſo manche freie Stunde, die ich mir mit Muſik verkürzt hatte. Aber bald entdeckte ich ein Möbel, das mir noch größern Genuß verſchaffte als das Klavier; es war mein Fenſter. Mein Stübchen lag im zweiten Stock: 115 ich konnte, wenn ich mein Opernglas zu Hülfe nahm, ganz bequem in die Etagen meiner Nachbarn ſchauen; ich lernte beobachten, und Stunden lang ſaß ich an meinem Fenſter. Ich komme mir oft vor, wie der Rit⸗ ter Toggenburg. Es iſt zwar kein Nonnenkloſter, dem gegenüber ich mein Hausweſen aufgeſchlagen habe, aber doch ſchaue ich vielleicht nicht mit geringerer Andacht nach dem ſchönen, zweiſtöckigen Haus und lauſche, bis ein Fenſter klingt und ich auch Worte vernehme. Auch bleibe ich ſo nach und nach ein Junggeſelle wie der me⸗ lancholiſche Ritter, doch ſoll mich Gott bewahren, daß ich darüber das Bischen Geiſt aufgebe wie der Toggen⸗ burger, und es wäre mir höchſt fatal, wenn man von mir ſagte: Und ſo ſaß er, eine Leiche, Eines Morgens da, Nach den Fenſtern noch das bleiche, Stille Antlitz ſah. 2. „Chriſtel!“ ſagte ich am Morgen, nachdem ich mich eingerichtet hatte, zu der alten Aufwärterin, die mir den Kaffee brachte,„ Chriſtel, wer wohnt da gegenüber in dem breiten Hauſe?“ 4 „Parterre wohnt der Schuhmacher Rupfer, mitten die gnädige Frau und oben der Doktor und der Lieute⸗ nant.“. „Nicht ſo ſchnell, Chriſtel, nicht ſo ſchnell, da weiß ich ſo viel als vorher; wem gehört das Haus?“ „Dem Schuhmacher, daß mir’s Gott verzeih’!“ 116 antwortete ſie.„Iſt es nicht eine Sünde, daß ein Schuhmacher einen ſolchen Palaſt hat? Das kommt aber Alles von der Ruſſenzeit. Da hat ihm ſein Vetter, der Kriegsrathkanzeliſt, eine Schuhlieferung verſchafft, und weil die Ruſſen bekanntlich große Füße haben, ſo— 4„ „So war auch der Abfall groß, natürlich; aber wie ſind die Leute? Der Meiſter ſcheint früh auf zu ſein, ich ſah ſchon um fünf Uhr Licht; auch einige Mädchen glaubte ich zu bemerken.“ 4 „Der Alte um fünf Uhr auf?“ rief Chriſtel mit wegwerfender Miene.„Ja, dem thuts Noth; der lebt wie ein großer Herr ſeit der Ruſſenzeit und ſteht vor acht Uhr nicht auf. Sie werden ſchon merken, wenn er aufſteht. Geht ein rechtes Geſchrei los in der Werk⸗ ſtätte, hören ſie einen Mann ſchimpfen und die Mäd⸗ chen heulen, ſo iſt der Alte aufgeſtanden; das iſt alle Tage, die Gott gibt, ſein Morgenlied.“ „Wer arbeitet denn aber ſo früh am Tag in der Werkſtatt? Sind die Mädchen ſo fleißig?“ „Wie man will,“ erwiderte ſie, ves iſt eigentlich der Pariſer, der Geſelle des Schuhmachers, und Bren⸗ ners Karlchen, der Lehrjunge; dieſe arbeiten vom frü⸗ heſten Morgen; aber auch Mamſell Karoline, die größere mit den ſchwarzen Augen, iſt mit der Thor⸗ glocke auf. Früher hätte man ſie nicht mit zehn Pfer⸗ den aus dem Bette gebracht; aber ſeit der Pariſer im Haus iſt, ſteht man alle Morgen ſchon um fünf Uhr auf; das macht, ſie leht mit ihm in einem unchriſt⸗ lichen Verhältniß.” 3— 117 „Und im erſten Stock wohnt die gnädige Frau? Wie heißt ſie denn? Hat ſie Familie?“ „Es iſt die Frau Oberforſtmeiſterin von Trichter. Der Mann iſt geſtorben, ſie hat zwei Fräulein und einen ungerathenen Sohn. Sie thun auch zu vornehm; es ſoll nicht immer richtig ſein mit dem Geld, und die Titel und vornehmen Bekanntſchaften kann man nicht wechſeln laſſen.“ „So, die wohnt hier?“ Ich hatte in den Zirkeln, die ich vor meinem Rückzug beſuchte, von einer ſolchen Frau von Trichter gehört; doch erinnerte ich mich nicht mehr gewiß, was von ihr geſprochen wurde. „Und oben?“ fuhr ich fort, indem ich auf die Fenſter zeigte, die in gleicher Höhe mit den meinigen waren; „oben?“ „Nun, da wohnt der Doktor und der kleine Kieu⸗ tenant.“ „Was iſt das für ein Doktor? Ein Medieiner?“ „Nein, es iſt kein Menſchendoktor; aber ſo viel ich weiß, ſoll er ein gelehrter Herr ſein, der Doktor Salbe, und Bücher ſchreiben. Ich habe ihm früher auch den Kaffee gebracht, aber er macht ihn jetzt ſelbſt, der Hungerleider, in der Maſchine mit Spiritus. Wenn er ſich nur die Finger recht verbrennte, mit dem Weingeiſt! Was hat er nöthig, mit der Maſchine Kaffee zu machen? Aber freilich, jetzt ſoll Alles mit Maſchinen gehen und mit Dampf. Sie gonnen einer armen Frau nicht einen Groſchen mehr, den ſie ehrlich erworben.“ „Und der Lieutenant,“ unterbrach ich ihre Philip⸗ 118 pica gegen den Maſchinenkaffee des Doktors,„wie ſagſt Du, daß er hieße?“ „Man nennt ihn in der ganzen Nachbarſchaft nur den kleinen Lieutenant. Er iſt ein freundlicher Herr, aber reich muß er auch nicht ſein, denn er reitet um ſechs Groſchen ſpazieren und hat zwar große Sporen aber kein Pferd. Chriſtel hatte unter dieſen Belehrungen mein Stüb⸗ chen aufgeräumt und ging. Die Lampe der Schuſter war verlöſcht, ein ſchönes Mädchen trat aus dem Hauſe und machte die eiſernen Stangen der Fenſterladen los; die Laden öffneten ſich von innen, ein hübſcher, junger Man ſah heraus, um die Stange herein zu nehmen, das ſchöne Kind reichte ſie hin, zog ſie zurück, wenn er helfen wollte, ſie neckte ihn, daß er nicht ſchneller ſei als ſie. Das wird der Pariſer ſein, dachte ich, und das Mädchen mit den ſchwarzen, feurigen Augen, mit dem blühenden Roth auf den Wangen iſt wohl Niemand anders als Mam⸗ ſell Karoline, des Meiſters Tochter. Dieſe Scene zog mich an. Sie ſchienen ſich verglichen zu haben, der junge Mann empfing die Stange, man ging an den zweiten Laden. Hier erneuerte ſich das Schauſpiel; der Pariſer drohte ihr, er zeigte mit dem Finger auf ſei⸗ nen Mund und dann auf ſie, es war deutlich, er drohte ihr mit einem Kuß, und ſie— lachte und gab die Stange nicht. Welch unchriſtliches Verhältniß! Man ging endlich an das dritte Fenſter; der Laden ging auf, der Pariſer erſchien mit einer Eiſenſtange bewaff⸗ net und machte Ausfälle gegen ſeine Schöne; ſie pa⸗ 119 rirte aber malheureusement, mochte der Pariſer deu⸗ ken, ſeine Stange gleitete ab und zerſchlug klirrend eine Scheibe. Man ſenkte beſtürzt die Waffen, die feindlichen Partien vereinigten ſich, um das Unglück zu betrachten; eine kleine Figur wurde auf der Bank hin⸗ ter dem Pariſer ſichtbar, es war wohl Brenners Karl⸗ chen, der Lehrjunge, der ſo jammervoll die Hände über dem Kopf zuſammenſchlug; der böſe Meiſter, der ſeit der Ruſſenzeit erſt um acht Uhr aufſteht, und deſ⸗ ſen Morgenlied Geſchrei und Zanken iſt, fiel mir ein — gewiß, ihn fürchteten ſie, vor ihm zitterten ſie. Der Pariſer zog ein Stückchen Geld aus der Taſche, er drehte es hin und her, es war ſehr klein,— er fuhr wieder in die Taſche, er brachte nichts mehr hervor; wer will es ihm verargen? Es war ja geſtern Sonn⸗ tag, und ich wollte wetten, er war mit Karolinchen auf dem Tanzboden und hat ihr fürſtlich aufgewartet. Er ſah ſein Stückchen Geld an und erröthete. Das ſchöne Kind drängte ſeine Hand mit dem Geld zurück; ſie zog ein Beutelchen aus dem Buſen und zählte ab, was etwa zu einer neuen Scheibe reichen konnte; der Pariſer widerſetzte ſich, aber ſchien der ſüßen Gewalt ihrer Blicke nachzugeben, ſie gab dem jammernden Burſchen das Geld, man hob das Fenſter aus, und bald ſah ich ihn aus dem Hauſe und um die nächſte Ecke traben. Mögen die Götter ſeine Schritte lenken, daß er nicht fällt und die übrigen zwei Scheiben mit zerbricht! Aber dieſe Unterbrechung hatte die Freude der beiden Leutchen geſtört; Karoline ging ins Haus, der Geſelle an die Arbeit, und ich ſah nur noch, wie 120 das Mädchen hie und da ängſtlich zum Fenſter heraus⸗ ſchaute, als wolle ſie Brenners Karlchen mit dem Fen⸗ ſter erſpähen; wenn der Vater kam, ehe er zurück war, wenn er den Schaden bemerkte, den ſie Beide ange⸗ richtet— ich glaubte in ihren Mienen dieſe Angſt zu leſen. Doch war ich überzeugt, wenn dieſer unglück⸗ liche Fall eintreren ſollte, ſo nahm ſie die Schuld auf ſich; hätte der Alte nicht auf ſo Manches ſchließen kön⸗ nen, wenn er den Kampf mit den Eiſenſtäbchen er⸗ fuhr? Es ſchlug acht Uhr, unwillkürlich fing ich ſelbſt an unruhig zu werden; ich glaubte im Geiſt den Lie⸗ feranten der Ruſſenzeit in weiten Pantoffeln herbei⸗ ſchlurfen zu hören; ein böſer Huſten wird ihn ſchon zuvor anzeigen, wie wird er toben, wie wird er fluchen, wenn er— Da kommt Brenners Karlchen um die Ecke gefah⸗ ren; er hat das Fenſter unter dem Arm; jede Spur von Angſt iſt aus Karolinchens Zügen verſchwunden; ſie nimmt dem Burſchen das Fenſter ſchon von der Straße ab, ſie hängt es ein; triumphirend ſchaut ſie durch die neue Scheibe; der Pariſer ergreift ihre Hand und zieht ſie vom Fenſter. Wird er noch Zeit gefunden haben, ſeine fürchterliche Drohung zu vollziehen, und ſie für die Neckerei an ihren friſchen Lippen beſtrafen? 3. Die Jalouſien des zweiten Stockes mir gegenüber öffneten ſich, ich erſchrak; ein ungeheurer Knebelbart ſchaute zum Fenſter heraus.„Das iſt ſicher der kleine Lieutenant,“ ſagte ich zu mir,„das muß ein fürchter⸗ 121 licher Kriegsmann ſein!“ Ich wagte es wieder aufzu⸗ blicken und nach ihm hinüber zu ſchielen; wo hatte ich nur meine Augen gehabt, daß ich vor ſeinem Anblick ſo erſchrak? Der Bart war allerdings bedeutend und gehörte in die Klaſſe der grimmigen, aber hinter die⸗ ſem Wall von Haaren lag ein kleines, freundliches Ge⸗ ſichtchen, ein Näschen, das ſchalkhaft zwiſchen dem Grimmigen hervorguckte, ein paar wackere Aeuglein, die auch nicht im geringſten zum Erſchrecken eingerich⸗ tet waren. Der Kriegsmann hatte mit der Bruſt nicht ſehr weit über den Fenſterſims emporgeragt, als er die Jalouſien öffnete; jetzt hatte er ſich wohl einen Stuhl ans Fenſter gerückt, denn er erſchien auf einmal groß und ſchaute mit dem halben Leib auf die Straße herab; doch nach Verhältniß ſeiner Arme und⸗ ſeines Kopfes zu urtheilen, mußte er ein kleiner unterſetzter Mann ſein; ich erinnerte mich, daß ihn Chriſtel den kleinen Lieutenant genannt hatte. Nichts deſto weniger brachte er eine ungeheure Pfeife hervor, die bis in den erſten Stock hinabreichte. Sie mochte ein bedeutendes Ge⸗ wicht haben, denn der kleine Lieutenant hielt ſie mit beiden Fäuſten, um das Gleichgewicht nicht zu ver⸗ lieren.. Als der Kriegsmann einige Zeit ſeinen Morgen⸗ betrachtungen nachgehängt haben mochte, fing er an mit der langen Pfeife an den Jalouſien zu ſeiner Lin⸗ ken zu pochen. Sie thaten ſich auf, ein mageres, blei⸗ ches Geſicht, eine lange hagere Figur, in einen ge⸗ blümten Schlafrock gehüllt, ſchaute hervor; es war der Doktor Salbe. 1 122 Die Straße, in welcher ich wohne, iſt ziemlich ſchmal; ich konnte, wenn ich das Fenſter öffnete, das Geſpräch meiner Nachbarn hören; ich öffnete daher mein Fenſter, ließ die Gardinen herab, um nicht von ihnen bemerkt zu werden, und lauſchte. „Wo habt Ihr Euch geſtern Nacht herumgetrieben, Doktor?“ ſprach der Lieutenant mit ſchalkhaften Blicken, indem ſich der Bart zu einem angenehmen Lächeln bis an die Ohren verzog.„Warum kamt Ihr nicht in den goldenen Hahn? Ich wollte wetten, Ihr waret in einem Singthee.“ „Der Doktor nickte und zündete ſtill lächelnd eine Cigarre an der Pfeife des Soldaten an.„Ich war im Singthee,“ antwortete er mit hohler Stimme;„Lieu⸗ tenant! da war es wieder herrlich! Im goldenen Hahn geht es mir Sonntags gar zu roh her. Eure Kameraden rauchen ſo ſchlechten Tabak, und das Schreien und Schwadroniren von den Gefechten ſetzt meinen Nerven zu. Aber bei dem Profeſſor Nanze war es geſtern wie⸗ der göttlich!“ „War die Fremde auch dort?“ fragte der kleine Krieger und deutete auf den erſten Stock ſeiner Woh⸗ nung.„Waren auch die beiden Fräulein da?“ „Die Mutter, die Töchter und die Fremde; und wiſſen Sie wohl, wer ſie iſt? Sie wird Couſine titu⸗ lirt, und die Oberforſtmeiſterin thut ſehr freundlich mit ihr. Und denken Sie, ich wurde ihr vorgeſtellt als Nachbar vom oberen Stock; ſie war holdſelig und hat auch mein Trauerſpiel geleſen und meine Erzählungen in der Zeitung für noble Leute.“ 123 Auch ein Genoſſe der ſeligen Tante Idonia, dachte ich und machte ihm hinter den Vorhängen eine Fauſt, denn er ſchien mit dem Leipziger Magiſter im Bunde gegen mich zu ſein. Indem hörte man einen wahrhaft hölliſchen Lärm in der Wohnung des Schuſters. Eine tiefe Baßſtimme fluchte und tobte wie die rauhen Töne des Violons; dazwiſchen hörte man Karolinen und ihre Schweſter in hohen, klingenden Tönen wie Hoboe und Clarinette und Brenners Karlchen, der wohl Schläge bekam, fiſtulirte mit gräulichen Violinpaſſagen dazwi⸗ ſchen. Es war kein Zweifel, der Ruſſenſchuſter war erwacht und hielt ſeinen feierlichen Einzug in ſein Reich. „Hören Sie doch, wie der Alte wieder rumort,“ ſagte der Doktor Salbe;„mich dauern nur die Mäd⸗ chen, er probirt ſicher an Karolinchen ein Paar neue Knieriemen. A propos, wie ſtehen Sie mit Karolinchen, Lieutenant?“ „Gar nicht,“ antwortete er mürriſch und blies eine große Wolke vor ſich hin;„die hochmüthige, ſchnippi⸗ ſche Perſon! Ich weiß nicht, was ſie jetzt wieder im Kopf hat, ſie dankt kaum, wenn ich ſie grüße. Es iſt mir auch ganz einerlei,“ fuhr er ärgerlich fort; meine Gedanken ſtehen jetzt auf die Fremde, auf die Couſine; der will ich die Cour machen, Höllenſchwernothchen, Doktor! Das ſollt Ihr mal ſehen.“ „Hoho!“ fiel ihm ſein Nachbar mit hohlem Lachen ins Wort.„Wenn Sie erſt wüßten, was ich weiß, Wertheſter!“ 4 1 „Donner! Hat ſie von mir geſprochen? Salbe! Ihr foltert mich; hat ſie von mir geſprochen 24 124 „Nein! Aber ſie ſagte mir viel Schönes über mein Flötenſpiel, das ſie vorgeſtern Nacht in den Schlaf ge⸗ wiegt habe.“ Ich glaubte, der Lieutenant werde bei dieſen Worten zum Fenſter hinausſtürzen; er hüpfte auf ſei⸗ nem Stühlchen hin und her und rückte weiter über die Brüſtung heraus, um dem Doktor näher zu ſein.„Und Ihr habt dem lieben Kind doch geſagt, daß ich es bin, der muſieirt?“ „Ja wohl; ich ſagte ihr, daß ich nur Guitarre ſchlage und etwas Weniges dazu ſinge, der Flötiſt aber ſei mein Nachbar, der Lieutenant Münſterthurm. Ich will Ihnen auch gar nicht im Wege ſtehen; ich habe an meinem neugriechiſchen Roman ſo entſetzlich zu arbei⸗ ten, daß ich vor den nächſten vierzehn Tagen an keine Liebe denken kann; aber den goldenen Hahn ſollten Sie ſich abgewöhnen; Sie ſollten in gebildete Zirkel ſich einlaſſen, dort können Sie die Couſine treffen.“ „Gott ſtraf' mich, Ihr habt nicht Unrecht!“ unter⸗ brach ihn der liebende Soldat.„In den goldenen Hahn kommt ſie doch nicht, alſo muß ich ſie andern Orts auffuchen. Aber Ihr kennt ja meine Antipathie gegen das Theetrinken, ich riskire, daß ich auf der Stelle krank werde, wenn ich dieſes laue Waſſer zu mir nehme. Was haltet Ihr davon, Doktor, wenn ich Punſcheſſenz mit mir nehme in einem Gläschen, und, während ich nach der tollen Sitte mit der Taſſe auf⸗ und abſpa⸗ ziere, heimlich einige Tröpflein in den Thee gieße? Dann kann er mir nichts ſchaden.“ „Wahrhaftig, das könnten Sie thun; kaufen Sie 12⁵ 4 Eſſenz, ich will Sie einführen in Nanze’s göttlichen Singthee.“ „Am Donnerſtag bekomme ich meinen neuen Uni⸗ formsfrack,“ antwortete er vergnügt;„dann gehen wir mit einander in den Singthee.“ 3 3 4. Ein Beſuch, der mir gerade jetzt ſehr ungelegen kam, unterbrach meine Beobachtungen. Es war einer jener freundlichen Alltagsmenſchen, die, wenn ſie mit ums Billiard geſpielt haben, auf der Promenade einige hundert Schritte mit uns gingen, in der Loge zufällig neben uns einen Platz fanden, ſich unaufgefordert zu unſern Freunden zählen. Er hatte ſicher nicht geruht, bis er mein geringes Stübchen aufgefunden; er kam, wie er verſicherte, nur aus Theilnahme, und doch war es die unverſchämteſte Neugierde, die ihn hergetrieben hatte; er und ſein Hund beguckten und berochen jeden Winkel meines Zimmers; ich ſah ihm an, wie er No⸗ tizen ſammelte, um Abends einige Damen über mich und meine Spleen zu unterhalten. „Sie ſind doch ein glücklicher Menſch,“ ſagte er; „waren Sie in Geſellſchaft, ſo vergaßen die Damen, daß es gegen allen guten Ton ſei, länger als fünf Minuten über einen Gegenſtand zu ſprechen. Man lauſchte begierig auf Ihre Worte, weil Sie ein halber Gelehrter ſind.“ „Sie können ſich doch wahrlich nicht beklagen,“ erwiderte ich;„wie glänzend haben Sie vor drei Wochen 126 die Damen unterhalten, als Sie den Brief aus Paris bekommen hatten.“ „Es war der einzige glückliche Abend meines Le⸗ bens,“ ſprach er mit ſüßer Wehmuth;„mein Mode⸗ correſpondent hatte den vernünftigen Einfall, mir einige Anekdoten aus den Salons, einiges Neue über Damenputz und über die Stellung einer modernen Pariſerin beim Theeeingießen, und wie ſie in Gegen⸗ wart ihres jungen Ehemannes die Schlafhaube auf⸗ ſetze, zu ſchreiben. Ich brachte es bei Graf C. vor; man fand mich köſtlich, man fand mich liebenswürdig und amüſant. Es war aber auf Ehre der einzige Abend. Aber Sie! Wie glücklich ſind Sie.“ „In was ſoll nur mein Glück beſtehen?“ fragte ich ärgerlich über ſeine Ausrufungen. „Haben Sie nicht immer das verdammte Spiel; der Chevalier de Papillot, von vorn bis hinten ohne Anſtoß behalten können? Und ich! Wenn ich am herrlichſten friſirt und gebrannt war, ſo wurde das dumme„Chevalier de Papillot a un papillot“ ge⸗ ſpielt, meine Friſur ging zum Teufel, denn ich konnte den franzöſiſchen Sermon nicht behalten und bekam den ganzen Kopf voll Papilloten. Aber Sie! Hatten Sie den ganzen Abend nichts gethan, als an einer Thür geſtanden und finſter in die Zimmer geblickt, ſo gab es doch Leute, die Sie ſehr intereſſant fanden. Jetzt ver⸗ laſſen Sie ſogar die Welt, werden melancholiſch; ich wollte wetten, wenn ich es geworden wäre, man hätte gelacht, und Sie werden bemitleidet, zurückgeſehnt; es gibt ſogar junge Damen, die ganz offen den Fächer 127 vor das linke Auge halten, wenn von Ihnen geſprochen wird.“ „Den Fächer vor das linke Auge halten? Wozu denn, was ſoll es denn bedeuten?“ „Sie wiſſen nicht einmal dieſes Zeichen der trauern⸗ den Liebe? Das iſt das neueſte, was man hier in der Liebesſprache kennt; das heißt à la Joco trauern.“ „K la Joco trauern!“ rief ich.„Wer trauert denn mit der Windſuchtel vor dem linken Auge um mich?“ „Gehen Sie, das wiſſen Sie nur zu gut; Ober⸗ hofmeiſters Trinettchen i*ſt ganz melancholiſch geworden. Auf Ehre, ich ſah ſie zweimal à la Joco trauern. Iſt das nicht rührend?“ „Was werden Sie heute mit Ihrem Tag anfan⸗ gen?“ fragte ich, um mir das Erröthen über die trauernde Joco zu erſparen.„Wo werden Sie ſpeiſen? Werden Sie ins Theater gehen?“ „Speiſen?“ fragte er wehmüthig lächelnd.„Spei⸗ ſen! Ich lebe gegenwärtig wie ein Klausner. Denken Sie ſich mein Unglück!“. Ich war begierig; ſollte ihn etwa auch eine Tante enterbt haben, war er vielleicht auf halben Sold geſetzt wie ich? Er ſchien bekümmert, geheimnißvoll. „Denken Sie ſich mein Unglück! Schon ſeit einiger Zeit bemerkte ich, daß mir meine Röcke und Weſten nicht mehr recht paſſen wollen. Ich nahm daher das vormalige Maß meiner Taille(mein Schneider in Frankfurt und ich haben jeder ein Exemplar, und zwar aus Drath geflochten, daß es ſich nicht verzieht); ich nehme es, lege es um, und o Schrecken! Ich bin ſeit 128 einem Vierteljahr um zwei Daumen breit ſtärker ge⸗ worden! Ich war außer mir, ich wüthete, ich war nahe daran, Hand an mich ſelbſt zu legen. Ich entdeckte mich dem jungen Baron F.; Sie kennen ſeinen herr⸗ lichen Wuchs, er tröſtete mich, er gab mir Mittel.“ „Nun, in was beſtehen dieſe?“. „Zuerſt mußte ich Rhabarbertinktur nehmen, daß ich beinahe todt war. Dann darf ich acht Tage lang nichts genießen, als eine Taſſe voll Gerſtenſchleim, einige Auſtern und ein Glas Madera. Alle Morgen nach acht Uhr muß ich ein Glas Kräutereſſig trinken und darauf ſpazieren gehen. Es iſt heute der fünfte Tag; es iſt wahr, es hilft, ich bin ſchon um einen Daumen eingegangen, aber meine Kräfte ſchwinden, ich bin ſo ſchwach, daß ich heute Abend nicht werde tanzen können. Es iſt nur gut, daß es jetzt Mode iſt, daß wir jungen Herren nicht tanzen; aber das ewige Stehen mit dem Hut in der Hand werde ich auch nicht aushalten; ich werde mich ſetzen müſſen gegen allen guten Ton und feine Lebensart.“ 1 „Ich bedaure Sie,“ ſagte ich, als er mit zitternder Hand von mir Abſchied nahm.„Wären denn fünf Tage nicht auch genug?“— „Acht Tage müſſen es ſein,“ antwortete er ſeufzend; „aber dieſer Leidenskelch wird auch an mir vorüber⸗ gehen; was thut man nicht um den Ruhm, eine Taille à la Joco zu haben.“ Armer Jocol ſprach ich bei mir, als er weggegangen war. Armſeliger Affe! Du ſchämſt Dich Deiner menſch⸗ lichen Geſtalt und wendeſt alle Mittel an, ein Pavian 129 ober eine Weſpe zu werden! Jene große Werkſtätte der Thorheit ergötzte ſich an einem Menſchen in Affenge⸗ ſtalt; ſie trugen ſich wie der herrliche Affe, es gab nichts, was nicht den Namen dieſes Affen trug; es nimmt mich Wunder, daß ſie ihren König nicht à la Joco krönten. Aber die Narrheit bleibt nicht in jenen Mauern, ſie verbreitet ſich über die Provinzen, ſie paſſirt ungehindert die Douanen des Rheins, und man ſchämt ſich in Deutſchland auf eine andere Art ein Thor zu ſein, als wie es vor ſechs Monaten in Paris Sitte war. Wer iſt ein größerer Affe und der Thierheit näher, jener Urjoco oder die unzähligen Affenherren, Affen⸗ fräulein und Affenmamſellen, die an dem Affen einen Affen gefreſſen haben, ihm nachäfften und mit Freude ſammt und ſonders Jocos wurden? Erbärmlicher Affe! Der Du mich um eine ſchöne Stunde betrogſt! Warum verbieten es die geſellſchaft⸗ lichen Sitten, daß ich Dich freundſchaftlichſt aus der Thüre warf? Wie vergnügt, wie zufrieden wäre ich mit mir ſelbſt geweſen! Wie gut hätte ich mich an meinem Fen⸗ ſter unterhalten können! Und dieſer hohle Menſch, in deſſen Kopf kein Gedanke war, als der an das Souper heute Abend, deſſen Blick in die Zukunft nicht weiter reichte, als bis zum nächſten Ball, deſſen Erinnerungen nur in Auſtern und Tanzmuſik beſtanden, deſſen Herz kein wärmeres Gefühl kannte als Neid, wenn er nicht die feinſte Taille hatte, oder die Freude, das neueſte Tuch oder die eleganteſte Hutfagon zu haben; dieſer Menſch durfte ſich meinen Freund nennen, durfte mein W. Hauffs Werke, KllI. 9 5 13⁰ ſtilles Aſyl durch ſein Geplauder entweihen? ESind nicht dieſe Menſchen die ärgſten Heiden? Es ſteht im Evangelium:„Ihr ſollt nicht ſagen, was werden wir eeſeen, was werden wir trinken, wie uns kleiden, denn nach dieſem allem fragen die Heiden.“ Und dieſe Leute möchten verzweifeln, weil ſie nicht wiſſen, ob ſie heute in jenem Hotel oder bei dieſem Italiener ſpeiſen wer⸗ den; ſie ſind in Gefahr krank zu werden, weil ſie im Zweifel ſind, ob ſie ſich ſchwarz oder blau ankleiden ſollen?“ 5. Ich war unter dieſen Gedanken wieder an mein Fen⸗ ſter getreten. Der Tag war nun auch im erſten Stock gegenüber angebrochen. Ich konnte, weil das Haus auf der Mittagsſeite lag, bis in die Mitte dieſer ſchönen Zimmer ſchauen; ich nahm mein Opernglas zur Hand und muſterte die Fenſter. Es waren drei junge und eine alte Dame, die ich ſah; von den Mädchen waren zwei noch im Negligée, die Eine las im Fenſter, ſchaute übrigens oft über das Buch hinweg auf die Straße; ſie ſchien nicht mehr ſehr jung, ihre Züge hatten ſchon etwas Scharfes angenommen, an ihrem Naſenwinkel glaubte ich jenes unbeſchreibliche, mokante Etwas zu bemerken, das Einer meiner Freunde den Altjungfern⸗ zug nennt. Die Zweite im Negligée ſchien jünger und hübſcher; ſie ſaß am Klavier und präparirte ſich wohl auf ihre Lektion oder gar auf einen Singthee. Mama ſaß an 134 ihrer Seite und ſchien ihr Spiel zu bewundern. An einem andern Fenſter ſaß ein Kind von ſechzehn bis ſiebzehn Jahren. Es mußte die Fremde, die Couſine ſein, denn wäre dieſer ſchöne Kopf, wären dieſe Augen, deren Glanz ich aus ſo weiter Ferne bewunderte, ſchon länger in der Stadt geweſen, ich hätte gewiß von einer ſchönen Tochter der Oberforſtmeiſterin gehört. Sie nähte emſig an einem Kleide, aber dennoch konnte ſie ſich nicht enthalten, zuweilen die Vorübergehenden zu muſtern, mit den niedlichen Fingern zu deuten, wenn ihr etwas auffiel und die Leſende im Negligée zu befragen. Es mußte die Fremde ſein. Ich hatte dazu mehre Gründe. Die beiden andern Fräulein hatten gleiche Hauben, gleiche Bänder, gleiche überröcke; ſie waren die Schwe⸗ ſtern. Die Eine las, die Andere muſicirte, das ſchöne Kind aber arbeitete; was was natürlicher, als daß es die Fremde war, die arbeitete? Sie hatte ihre Gar⸗ derobe vom Land mitgebracht. Wenn ſie auch dort nach der Mode ſein mochte, ſo war ſie doch hier ſchon um einige Monate zurück. Der Leib am Kleidchen durfte vielleicht nur etwas weiter ausgeſchnitten, die Garnitur nur etwas höher geſetzt werden, ſo war man noch paſ⸗ ſabel nach der Mode. Auch das, daß ſie ſo frühe ſchon in vollem Anzug war, beſtärkte meine Vermuthung. Ich hatte einige Zeit mit dieſen Betrachtungen hin⸗ gebracht, als ich Madame plötzlich aufſtehen ſah; ſie winkte der Couſine, ſie deutete ans Fenſter; das ſchöne Mädchen öffnete und ſah heraus, ſie heftete ihre Blicke auf die Hausthüre. Ich war begierig, wer erſcheinen werde, denn offenhar erwartete ſie Jemand, der aus dem 13² Hauſe treten ſollte; war es der Ruſſenſchuſter? Hatte der Pariſer ihre Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen? Oder ging vielleicht Jemand aus dem obern Stock an ihrem Zimmer vorbei? etwa der Doktor oder Münſterthurm, der kleine Lieutenant? Er war es, der Kleine! Aber welchen ſonderbaren Anblick gewährte er! Gleichſam zum Hohn hatte ihm die Natur einen großen Namen gegeben; wer dachte ſich nicht, wenn er vom Lieutenant Münſterthurm hörte, einen Kerl, der dem Kölner oder Straßburger Münſter Ehre machte? Aber er war ein Duodezmünſterchen. Er hatte eine tiefe rauhe Stimme; wenn man die Augen zumachte und ihn fluchen und donnerwettern hörte, glaubte man wenigſtens einen rie⸗ ſenhaften Küraſſier vor ſich zu haben. Parturiunt mon- tes, vascetur ridiculus mus; es iſt der kleine Mün⸗ ſterthurm. Er kündigte ſich zuerſt durch das ſchreckliche Klirren eines nachſchleppenden Säbels an; dann kam ein ungeheurer Hut mit wehendem Federbuſch aus der Thüre, unter ihm wandelte der Lieutenant. Dieſer Sol⸗ dat ſchien ſeine verkürzten Formen dadurch entſchädigen zu wollen, daß er Alles, was er ſich ſelbſt beilegen konnte, im größten Maßſtabe hatte; ſeinen ungeheuern Bart, die lange Pfeife, die er mit zwei Händen balan⸗ eirte, hatte ich früher ſchon bewundert. Der Hut ſammt Federbuſch maß drei Schuh in der Höhe, alſo zwei Drittheile von dem Lieutenant, ſein Schwert war eine furchtbare Waffe und reichte ihm, wenn es aufrecht neben ihm ſtand, hoch über die Bruſt. Er führte die längſte Reitgerte, die ich geſehen, lange Sporen raſſel⸗ ten an ſeinen Füßchen; er ging wohl aus, um einen 13³. Morgenritt für ſechs Groſchen zu machen. Er machte Front vor der Hausthüre, ich ſah, daß er unter ſeinem Hut hinaufſchielte in den erſten Stock; er bemerkte die Fremde, eine angenehme Freude blitzte, mir ſichtbar, aus ſeinen Augen; er that, als hätte er ſie nicht erblickt. Er hieb mit der Reitpeitſche auf ſeinen Stiefel und rief mit tiefer, dröhnender Stimme:„ Johann!“ Ein großer Kerl in abgetragenen Soldatenkleidern fuhr aus dem Haus, ſtellte ſich in militäriſche Poſition, die Hand an der Mütze, und antwortete:„Herr Lieu⸗ tenant!“ „Schlingel!“ fuhr der Kleine fort,„ hab' ich Dir nicht geſagt, Du ſolleſt meine Flöte jeden Abend ein⸗ ſalben mit Mandelöl? Ha! daß Dich das Donnerwet⸗ ter, ſie hat geſtern Nacht gequickt wie ein Dudelſack. Schmier' ein, ſag' ich Dir, ſalbe das fürtreffliche In⸗ ſtrument, daß es weich töne, oder Dich ſoll der T... holen, und ich laſſe Dich ſechs Stunden auf die Latten legen, daß Du kein Glied rühren kannſt.“ „Ganz wohl, Herr Lieutenant, aber— u „Was aber, wenn ich befehle, gibt es kein Aber; was willſt Du denn?“ „Ich hätte ſchon geſtern eingeſchmiert und geſalbt, Herr Lieutenant, aber der Grunsky, bei dem ich das ſüße Mandelöl kaufen ſoll, ſagt, er borge— mit Re⸗ ſpekt zu vermelven— dem Herrn Lieutenant keinen Groſchen mehr.“ „Was? mir das?“ ſchrie Münſterthurm mit ent⸗ ſetzlicher Stimme, daß meine Fenſter zitterten und die ſchöne Fremde erbleichte.„Ich ermorde ihn, ich renne 134 ihn mit dem Säbel durch und durch, ich zerhacke alle Gläſer, Pomeranzen und Citronen in ſeinem Laden in Kochſtücke, der Kukuk ſoll ihn holen, ihn und ſein ſüß Mandelöl!“ Der tapfere Soldat wackelte zu dieſen Worten mit dem Federbuſch, klirrte mit dem Säbel, ſtampfte mit den Sporen, focht mit der Reitpeitſche in der Luft und blinzelte hinauf ans Fenſter, welche Wir⸗ kung ſeine Berſerkerwuth hervorbringe.„Doch, es iſt unter meiner Würde, mich über ſolche Canaille zu alte⸗ riren;“ fuhr er ruhiger fort,„ich werde ihn verklagen, ſo thu' ich.— Johann!“ „Was befehlen der Herr Lieutenant?“ „Geh in die Apotheke in der Königsſtraße, dort, wo es zur Kirche hinunter geht, laß Dir für zwei Groſchen ſüß Mandelöl geben; laß es aufſchreiben— die Welt kennt meinen Namen.“ So ſprach der Lieutenant Münſterthurm. Er nahm ſeinen Säbel unter den Arm, rückte den großen Hut ſchiefer aufs Ohr und ſchritt mit mächtigem Gange die Straße hinab. Die Fremde aber ſchlug das Fenſter zu, ſetzte ſich an ihren Platz und lachte. 6. Ich habe jetzt ſeit mehren Tagen die Liebenden parterre betrachtet; immer klarer wird es mir, daß ein ſehr reines Verhältniß zwiſchen Karolinchen und dem Pariſer beſteht. Wenn etwas Unchriſtliches in dieſer Liebe wäre, ſo müßte es in der Art, wie ſie 135 zuſammen ſcherzen, ſich zeigen; der Pariſer koͤnnte nicht ſo zart ſeine Glut verrathen; er würde, wenn er ſchon höhere Rechte ſich zugeeignet hätte, nicht, wie ich wohl bemerkt habe, um ein Küßchen ſo lange betteln und ſogar ſchmollen, wenn er es nicht bekommt. Karolinchen könnte nicht mit jenem heitern, ungetrüb⸗ ten Muth Scherze ſelbſt beginnen, könnte ihn nicht aus ihren klaren Augen ſo treuherzig anblicken, wenn ſie ſich etwas Unchriſtliches bewußt wäre. Es iſt etwas Heiliges, Holdes um die Unbefangenheit der erſten Liebe, ſollte ſie ſich bei einem Schuſtergeſellen und ſei⸗ nes Meiſters Tochter oder in dem Boudoir einer jun⸗ gen Fürſtin zeigen; es iſt der herrliche Schmelz, den die Unſchuld aushaucht; keine Kunſt erſetzt ihn wieder, wenn Du ihn abſtreifſt. Oder kann der Maler dem Schmetterling die Flügel wieder malen, wenn eine rauhe Hand ihn betaſtet und den Blütenſtaub ver⸗ wiſcht hat, womit die Natur ſeinen bunten Mantel überkleidete? Iſt nicht die ſanfte Röthe auf den Wan⸗ gen eines ſchönen Kindes ein ſolcher Blütenſtaub? Wird die Schuldbewußte erröthen, wenn der Geliebte um ein Küßchen bittet? Wird ſie die Augen nieder⸗ ſchlagen? Die Kunſt einer Kokette geht weit; ſie kann durch großes Studium vielleicht lernen, wie und wo man die Augen niederſchlagen müſſe; aber jenen holden jungfräulichen Schmelz, jenes rouge ſin der Natur kann ſie bei Laugier père et-fils, rue bourg l'abbé à Paris, nicht kaufen. Ich traute daher lieber meinen Augen und meinem guten Opernglas, als der böſen Zunge der alten 136⁶ Chriſtel, meiner Aufwärterin, die mir das Verhältniß der beiden Leutchen als ein unchriſtliches ſchilderte. Ich hatte ein Paar Pantoffeln nöthig, was war natür⸗ licher, als daß ich meinen Nachbar, den Ruſſenſchuſter, mit dieſem Auftrag beehrte? Ich hatte dabei noch eine Nebenabſicht. Der alte Ruſſe, dachte ich, iſt wohl zu bequem und vornehm, als daß er ſich zu mir bemüht; Brenners Karlchen, den. kann er auch nicht wohl ſchicken, um mein Maß zu nehmen, folglich werde ich den Pariſer bei mir ſehen. Die alte Chriſtel wollte mir zwar das Vorhaben mit Gewalt ausreden; ſie behauptete, daß ich bei dem reichen Nachbar das Doppelte werde zahlen müſſen, aber es half nichts, ſie mußte hinüber. Sie kam bald wieder und berichtete, man werde kommen; ſie lächelte dazu vor ſich hin, als wüßte ſie noch Etwas, das ſie ſich unbefragt nicht zu ſagen getraue. Ich konnte ihr ſchon den Gefallen thun, zu fragen, denn ſie ſchwatzte gerne. „Als ich hinüber kam,“ ſagte ſie,„und ausrichtete, daß Sie ein Paar Pantoffeln wünſchten, da— nein ich kann es nicht ſagen—“ „So ſprich doch, Alte! was ſagten ſie denn?“ „Karolinchen ſah recht mitleidig aus und ſagte: Ach, zu dem bleichen Herrn im zweiten Stock drüben? was fehlt ihm denn? er iſt immer zu Haus und ſieht ſo trübſelig durchs Fenſter; und der Pariſer ſagte: ja, und wenn er ausgeht, ſo ſieht er ſo ernſt und traurig aus, was fehlt ihm denn?“ 8 „Nun? und was ſagteſt Du, Alte? Was gabſt Du zur Antwort?“ 137 „Na, ich weiß es ja ſelbſt nicht; ich ſagte, es müſſe Ihnen Jemand geſtorben ſein, Sie gehen meiſt in ſchwarzen Kleidern; und da meinten ſie— hil hi! da ſagte Karolinchen: Ach, gewiß iſt ihm ſein Schatz ge⸗ ſtorben, dem armen Herrn, oder es geht ihm gar wie dem armen jungen Werther, der auch ſo viel ge⸗ litten hat.“ Die guten Seelen! dachte ich; weil ſie lieben, ſo kennen ſie kein anderes Leid, als die Trauer der Liebe! Wie unendlich proſaiſcher iſt doch mein Kummer! Frei⸗ lich iſt mir ein Schatz geſtorben; der Leipziger Ma⸗ giſter hat ihn gewonnen. Die alte Tante iſt es, der meine Melancholie gilt, der ſeligen Idonia, der Mit⸗ arbeiterin an der Zeitung für noble und gebildete Leute. Wie proſaiſch, wie ſo ganz miſerabel und un⸗ poetiſch! Meine Farbe ſpielt etwas ins Blaſſe, was iſt natürlicher, als daß ich Kummer habe? Ich bin viel zu Hauſe, ich muß über meinen Kummer brüten; ich ſehe melancholiſch aus, ich könnte ſchwer verdauen, ich könnte einen Roman unter falſchem Namen geſchrie⸗ ben haben und deßwegen auf Geldbuße angeklagt ſein. Aber dies alles iſt uns heuzutage zu proſaiſch— er iſt melancholiſch, er muß Liebeskummer haben, ganz er⸗ ſchreckliche Seelenleiden; ſogar die Schuſtermamſell, die liebende, weiß gleich, wo Einen der Schuh drücken könnte. In welcher Schule mag ſie das gelernt haben? Ja, ſie hält mich für größer, als ich bin, ſte ver⸗ gleicht mich ſogar mit dem jungen liebenden Werther, dem unvergeßlichen; und ich— muß erröthen, jene 138 enorme Höhe von tragiſchem Pathos noch nicht erreicht zu haben! Mit dieſen Betrachtungen beſchäftigt, ſah ich den Pariſer aus dem Hauſe treten. Er ſah gar nicht übel aus, und ich konnte es Karolinchen nicht verdenken, daß ſie gern mit ihm ſcherzte. Er war nett und elegant gekleidet, denn zu ſolchen Beſuchen wurde der Sonn⸗ tagsſtaat angelegt. Er iſt ein hübſcher, gedrungener, unterſetzter Burſche, lebhaft, gewandt; es kann ihm nicht fehlen, er muß bei den Mädchen Glück machen. Schon der Name: der Pariſer, weckt tauſenderlei günſtige Meinungen zum Voraus. Der muß die Welt geſehen haben, denkt man und fühlt ſich nicht wenig geehrt, von ihm zu einem Walzer oder Dreher aufge⸗ zogen zu werden. Ich konnte mir denken, daß er ſeine Sittten perfektionirt haben werde. In der Hauptſtadt der Welt, wo die Schuſter in Glaswagen bei ihren Kunden vorfahren und ihre eigenen geheimen Sekretäre haben, welche ſogleich die Maße der Kundfüße zu Pro⸗ tokoll nehmen, wo die Meiſter Künſtler ſind, ein Ate⸗ lier ſtatt der Werkſtatt haben, mehre Curſe über Ana⸗ tomie anhören, um ſich in ihren Bemühungen um den Fuß zu vervollkommnen, wo die Geſellen nicht auf einfüßigen Schemeln, ſondern in prachtvollen Fauteuils Schuhe flicken, und die Lehrjungen oder Garçons den Draht mit parfümirtem Pech wichſen, in einer ſolchen Stadt hatte er den deutſchen Handwerksburſchen, die⸗ ſen aus Flegelei, Courtoiſie und Einnlichkeit zuſam⸗ mengeſetzten Kraftmenſchen, ausziehen und in den Pa⸗ riſer fahren müſſen. 139 Er kam, ich hatte mich nicht getäuſcht. Wie artig wußte er ſich zu verbeugen, den Hut abzulegen und ein paar Fünffingerſtriche durch ſein Haar zu thun! Wie unbefangen näherte er ſich, mit welcher Grazie ſetzte er mir den Stiefelzieher zurecht! Er ſchien mich mit mitleidigen Blicken zu betrachten, der arme Sieg⸗ wart mochte ihm einfallen, oder gar die Leiden des jungen Werthers, denn er erkundigte ſich dolce nach meiner Geſundheit. „Sie haben eine angenehme Werkſtatt da drüben,“ ſagte ich zu ihm, indem er mit einem roſenfarbenen Seidenband meinen Fuß maß und ſich Notizen in eine ſaffianene Brieftaſche aufzeichnete;„ich meinte, Ihre Werkſtatt muß hell und freundlich ſein?“ „Unſer Arbeitszimmer meinen Sie? O ja, es iſt hübſch und freundlich, und man hat doch auch eine Ausſicht auf die Straße.“ „Nun, und die Einſicht iſt gewiß auch nicht übel; läßt Ihnen Mamſell Karoline ſo viel Zeit, auf die Straße zu ſehen?“ 3 Stumm vor Staunen lag er vor mir auf den Knieen; er hielt in einer maleriſchen Stellung das roſenfarbene Maß in der Hand, die Brieftaſche war ihm entfallen.„J der Tauſend!“ preßte er heraus. „Wie meinen Sie denn das, werthgeſchätzter Herr...2“ „Nun, ich habe letzthin eine kleine Attaque mit den eiſernen Ladenſtangen geſehen, wo eine Fenſter⸗ ſcheibe zerſchlagen wurde, da dachte ich—“* „Ei! So hat Brenners Karlchen doch Recht ge⸗ habt,“ rief er, ner hat geſagt, Sie haben herausge⸗ 440 ſehen; ja, ich hatte einen kleinen Spaß mit des Mei⸗ ſters Tochter.“ „Und wenn ich recht geſehen, iſt ſie Ihnen gut, die Mamſell?“ Der gute Pariſer wurde über und über roth, und ein Strahl der Freude ſchien aus ſeinen ehrlichen Augen zu dringen.„Was hilft es mir auch, wenn mir das Mädchen gut iſt?“ ſagte er nach einigen Augenblicken leiſe.„Ich kriege ſie doch nicht!“ „Und warum nicht?“ fragte ich verwundert,„ein geſchickter Arbeiter, der ſogar in Paris gelernt hat, dieſen ſollte der Meiſter verſchmähen?“ „Es iſt wahr,“ ſagte der junge Schuſter nicht ohne Selbſtgefühl,„ich habe in Deutſchland und Frankreich gelernt; ich habe in Paris, Amſterdam, Berlin und Frankfurt in den berühmteſten Ateliers gearbeitet, aber was hilfts? Der Meiſter iſt reich und vornehm, er wird nächſtens Stadtrath werden, er ſucht ſeine Tochter in vornehme Familien zu verheirathen. Ein Bierbrauer, ein Schweineſchlachter, ein Rothgerber, alles vornehme und angeſehene Herren, die wenigſtens ihre zwanzig⸗ bis dreißigtauſend Thaler ſchwer ſind, haben um Karolinchens Hand angehalten, und der Alte iſt nur noch im Zweifel, wem er ſie geben ſoll.“ Der arme Burſche dauerte mich, er hatte Thränen in den Augen, während er mir das erzählte,„und Karolinchen?“ fragte ich. „Ach! das iſt gerade mein Jammer; ſie hat mich lieb, wir haben es vergangenen Sonntag auf dem Tanzboden einander geſtanden. Wenn ich wollte, ſie 141 liefe mit mir davon, denn ſie mag keinen Andern als mich, aber ich weiß wohl, in den Romanenbüchern werden oft junge Frauenzimmer entführt, die es nach⸗ her recht gut bekommen; aber was kann ich ihr anbie⸗ ten? Bis ich Meiſter werde zu Haus. geht mein kleines Vermögen vollends drauf, und ich ſoll ſie in ein Haus voll Kummer und Sorgen führen? Nein; ſie wird mich vielleicht doch auch vergeſſen können. Sie ſoll heirathen, wie es der Vater will, ſie wird dann eine vornehme, wohlhabende Frau, und wenn ſie erſt ein paar liebe Büblein hat, denkt ſie nimmer an unſere Liebſchaft und an den armen Pariſer.* „Aber Sie? Können Sie ſo ruhig entſagen? Wird es Ihnen nicht recht ſchwer werden, von Karolinchen zu ſcheiden?“ „Ich mag nicht daran denken,“ antwortete er; „es würde mir jede Stunde verbittern; wenn einmal geſchieden ſein muß, ſo ſoll es ſchnell gehen. Wohl wird es mich ſchmerzen, wenn ich wieder ſo allein in die weite Welt hinaus muß, denn hier kann ich nicht blei⸗ ben; aber ich denke dann, es wandert mancher arme Teufel durchs Reich, den es im Herzen noch weit ſchwerer drückt als ſein Bündel auf dem Rücken; ſo gehts halt in der Welt!“ Er ging mit einer Thräne im Auge von mir. „Alſo auch hier die unglückſelige Macht der Ver⸗ hältniſſe!“ dachte ich.„Auch hier der Eigenſinn der Väter, auch hier das eifrige Strehen nach Geld und Ehre! Man ſpricht von dem Unglück hochgeborner junger Damen, daß ſie nicht dem Zug des Herzens, ſondern dem Gebot der Verhältniſſe folgen müſſen. Man bedauert Prinzeſſinnen, daß für ſie wahrſcheinli⸗ cherweiſe das Glück ſtiller beglückter Liebe verloren ſei; man beklagt Gräfinnen und Fräulein von altem Adel, daß ihrem Auge kein Mann gefallen dürfe, der nicht ſechzehn Ahnen gehabt, daß ihre Seele legitimer Weiſe kein Bild erfüllen dürfe, das nicht ſtiftsfähig wäre. Hat die Tochter des Ruſſenſchuſters ein glücklicheres Loos? Es werben reiche Grafen, beſternte Diplomaten um die Hand einer jungen Dame, der Arme, Unbe⸗ rühmte muß zurücktreten; hier kommen ganz außer⸗ ordentlich vornehme und angeſehene Leute und wollen Karolinchen zur Frau, wer ſind ſie? Bierbrauer, Schweineſchlachter, Rothgerber; ſollte nicht der Pariſer eben ſo gut, ſogar noch paſſender für ſie ſein? Mit nichten! jene haben Geld und Anſehen in der Stadt, ſie ſind außerordentlich vornehm; Karolinchen muß ſie heirathen. Aber welche Nöthigung iſt bei all dieſen Fällen? Der Vater des Fräuleins wird die Achſel zucken und ſagen: die Verhältniſſe. Verflucht ſei, wer dieſes Wort erfand, um einen Begriff zu bezeichnen, der auf Vernunft und Recht keinen Anſpruch machen kann!“ Ich war ergrimmt über dieſe Unnatur des Schu⸗ ſters, und in meinem Grimm mußte ich die Reſignation des Pariſers bewundern. Wäre dieſer Fall in den höch⸗ ſten oder in den Mittelſtänden vorgefallen, der Amo⸗ roſo hätte ſich erſtens entweder mit ſeinem durch die Verhältniſſe begünſtigten Nebenbuhler ſchießen wollen, oder zweitens, er hätte gewüthet, ſeiner Geliebten das 14³ Leben verbittert, ihr geflucht, gedroht ſich zu erſchießen und erſt auf ihr inſtändiges Bitten ſich das Leben ge⸗ ſchenkt, oder drittens, er wäre ins Waſſer geſprungen, oder viertens, er wäre tiefſinnig geworden, und dieſes letzte iſt das Allgemeinere. Nicht ſo der Pariſer; er ſieht ſein Unglück voraus; er könnte zur Noth einen dummen Streich machen, aber das Glück und die Ehre der Ge⸗ liebten iſt ihm theurer— er liebt und vergißt ſein Un⸗ glück bis es da iſt, und dann ſchnallt er den Ranzen und wandert traurig durch das Reich. Man wird ſa⸗ gen, er hat nicht jenes tiefe Gefühl, nicht jene feinere Bildung, die zur wahren Liebe und zum tieferen Schmerz der Liebe gehört; kann man glauben, daß ein Schuſtergeſelle ſo innig lieben könnte als ein Drago⸗ nerlieutenant, oder ein Legationsrath oder gar als ein junger Doktor? Kleinliche Thorheit, da Du auch hier wieder die Gefühle nach den Ständen abmeſſen willſt— Die Außerungen dieſes armen Burſchen ſind erhabener als die Radomontaden hochgeborner Lieb⸗ haber, ſie zeugen von tieferer Empfindung als eure er⸗ lernten und erleſenen Sentiments, und ſeine Reſig⸗ nation iſt edler als euer Toben und Wüthen gegen das Schickſal. Er will ſich nicht ſchießen mit ſeinen Nebenbuhlern wie der Legationsrath; er will ſich nicht in ſeinen eigenen Sonetten erſäufen, wie der Doktor; er ſchließt die Geliebte zum letztenmal in die Arme, wirft ſein Ränzel auf den Rücken, nimmt den Wanderſtab und geht. Sein Unglück fühlt er tief, wenn er zum letztenmal die Thürme der Stadt, die er verläßt, aus der Ferne ragen ſieht; aber er denkt, es wandert noch mancher arme Teufel durchs Reich, den es im Herzen noch weit ſchwerer drückt, als ſein Bündel auf dem Rücken. Er trocknet eine Thräne ab und geht. Aber der Dragoner und der Legationsrath und der Doktor? Wenn jener nicht geblieben iſt, wenn ſich dieſer nicht erſchoß, wenn der Doktor nicht ertrunken— ſo „gehen ſie auch und geben ſich zufrieden. Aber freilich, es gehört dazu, daß ſie vorher etwas Weniges geſtöhnt und gejammert hatten. So wollen es die Verhältniſſe! 7. Vor einigen Tagen traf ich am dritten Ort meinen Nachbar, Dr. Salbe. Er erkannte mich als Nachbar, freute ſich, mich zu ſehen, und lud mich ein, ihn hie und da zu beſuchen. Ich verſäumte es nicht. Dr. Salbe iſt ein unterrichteter Mann, und ich bin gerne in ſeiner Geſellſchaft. Anfangs war es mir ſchwer, ſeiner Ein⸗ ladung in den goldenen Hahn zum zweitenmal zu folgen; dieſe qualmende Bierſtube wollte mir, da ich an dieſe Tabakshöhlen nicht gewöhnt war, nicht zu⸗ ſagen. Aber ich gewöhnte mich daran, und ſo mancher Kernwitz, der in dieſer Geſellſchaft fiel, die gewaltige, tönende Sprache der Lieutenants, die aus allen Wiſſen⸗ ſchaften zuſammengeholten Ausdrücke der jungen Dok⸗ toren entſchädigten mich für das Außere. So war es auch in Dr. Salbe's Haus. Eine Unordnung, beinahe unreinlichkeit ohne Gleichen. Wenn er mir ein neues Gedicht vorleſen wollte, blickte er mit Falkenaugen im Zimmer umher und fuhr dann oft plötzlich unter den Tiſch, denn dorthin hatte ſich der Wiſch verloren. Ein⸗ 145 mal erzählte er mir von einem Sonnett, an welchem er drei Tage gedreht habe. Es ſei ganz unübertrefflich, und die Ausgänge tönen wie lauter Italieniſch und Spaniſch unter einander. Er ſuchte in allen Ecken, auf allen Tiſchen, in allen Fächern; es fand ſich nicht. Endlich führte ihm der Zufall ein zuſammengedrehtes, halbverbranntes Papier in die Hand. Er ſah es an, ern. erblaßte, er ſchlug ſich vor die Stirne.„O ihr Götter!“ rief er aus, mit meinem herrlichſten Sonnett hat der verdammte Lieutenant Münſterthürmchen ſeine Pfeife angezündet! Wie hätteſt Du geglänzt, klang⸗ volles Gedicht, in der Zeitung für noble und gebildete Leute! Jetzt muß ich Dich aus meinem miſerablen Ge⸗ dächtniß compenſiren. Du biſt ein Torſo, und ich ſoll Dir neue Füße einſetzen!“ Trotz dieſer ſchrecklichen Unordnung geſiel es mir wohl bei Salbe. Er hatte eine gewiſſe gelehrte Atmo⸗ ſphäre, die jeden ſchlechten, trivialen Gedanken zu er⸗ ſticken ſchien; man konnte ſich ganz behaglich in ſeiner Nähe fühlen, denn er hatte eine ungemeine Literatur im Kopf und belehrte im Geſpräch auf angenehme Weiſe. Wir ſprachen eines Nachmittags, den ich bei ihm zubrachte, von Literatur und ihrem Einfluß auf die Menſchen. Ich ſagte:„Die Franzoſent haben das vor uns voraus, daß alle ihre Geſchichtswerke, ihre Romane, ihre Gedichte, ſelbſt ihre philoſophiſchen Bücher ſo geſchrieben ſind, daß ſie Jeder leſen kann. Die Werke ihrer größten Geiſter ſind unzähligemal als Stereotypen gedruckt; ich habe oft auf meinen Rei⸗ ſen geſehen, daß ein geringer Handwerker, ein Soldat, W. Hauffs Werke. XIII. 40 1446 ſelbſt ein Bauer, ſeinen Voltaire, ſeinen Rouſſeau las; dadurch wird die Intelligenz unbegreiflich geſteigert, daher kommt auch, daß jene Redner in der Kammer ſo ungeheuer wirken, nicht durch den verſchwebenden Schall von der Tribüne, der Einzelnkampf richtet dort wenig aus, wo man in Maſſen kämpft, ſondern durch die Verbreitung dieſer Reden durch die öffentlichen Blätter. Der geringere Bürger, der Landmann liest begierig dieſe Reden; ſeine Lektüre hat ihn vorbereitet, das Wahre von dem Falſchen zu ſondern, und ich ver⸗ ſichere Sie, ich habe dieſe Leute mit einer Wahrheit, mit einer Tiefe über die Schönheiten einer Rede, über die Wendungen eines Satzes ſprechen hören, die mich in Verwunderung ſetzte, und die ich vergebens ſelbſt in unſern Mittelſtänden, bei dem Kaufmann, dem Künſtler, dem Schreiber ſuchen würde.“ „Sie machen damit unſerm Vaterland und ſeinen Schriftſtellern ein ſchlechtes Compliment,“ antwortete Doktor Salbe.„Es iſt wahr, die eigentlichen Gelehr⸗ ten bei uns bilden ſich eine eigene Sprache; ſie konnten ſich aus dem frühern lateiniſchen Jargon nicht gleich in das ehrliche Deutſch finden. Daher kommt es, daß man bei uns, außer Plattſchwäbiſch und Hochdeutſch, auch noch Kantiſch, Schellingiſch, Hegeliſch ꝛc. ſpricht und ſchreibt; man muß zu dieſen Sprachen eigene Wörterbücher haben, um ſie zu verſtehen, und es iſt kein Wunder daß man Kant ins Deutſche überſetzt hat.“ 1— „Aber ſagen Sie mir um Gottes Willen, wozu denn dieſe Sprachverwirrung? Wie können denn un⸗ 147 ſere Philoſophen auf die Intelligenz des Volkes wir⸗ ken? Und dazu ſind ja doch auf der Welt.“ „Im Gegentheil, erwiderte Salbe,„da haben Sie eine völlig unrichtige Anſicht. Es mag dies vielleicht bei den franzöſiſchen Philoſophen der Fall ſein. Aber bei uns ſind die Philoſophen nur für den Katheder ge⸗ ſchaffen; ſie haben nur das kleine Publikum, das vor ihnen in den Bänken ſitzt, über Sonne, Mond und die Erbſünde aufzuklären; ſonſt haben ſie lediglich nichts mit dem Publikum zu thun. Kennen Sie denn nicht den Artikel im Regensburger Reichstagsabſchied?“ „Wie? ein Artikel über die Philoſophen? Kein Wort habe ich davon gehört.“ „Man wußte wohl, daß die populäre Philoſophie der Franzoſen für das Volk durchaus ſchädlich ſei, weil die Menſchen dadurch Aufklärung, eine Art von ille⸗ gitimer Vernunft bekommen; daher hat man ſehr weiſe damals das Geſetz erlaſſen und heimlich auf allen Univerſitäten und Gelehrtenanſtalten verbreitet:„„All⸗ dieweilen die durch die in das für ſich ſchon intelligente Leben ſo leicht eingreifende Philoſophie angeſteckten Menſchen allzuleicht rebelliſche ſogenannte Ideen be⸗ kommen, ſo ſollen die für die auf den zu der Vorbe⸗ reitung junger Leute errichteten Inſtituten beſtehenden Lehrſtühlen angeſtellten Philoſophen dahin gehalten ſein, daß, wenn ſie Bücher ſchreiben, ſo in dies Fach einſchlagen, dieſe alſo abgefaßt ſeien, daß Andre zu dieſer Wiſſenſchaft nicht beſtimmte Leute ſolche gar nicht capiren können.““ „Das ſtand im Regensburger Reichstagsabſchied?“ 148 „Ja wohl, und daher dämmten die Philoſophen ihre Bücher mit allerlei wunderlichen Redensarten ein, ſo daß, wenn ein ungelehrter Bürger in ein ſolches Opus hineinſchaute, ihm die Worte vor den Augen herumtanzten, ihm die überſchwenglichen Gedanken wie ein Mühlrad im Kopf herumgingen, und er in Gefahr war, darüber ein Narr zu werden. Es war dies auch ganz gut; Sie wiſſen, die Deutſchen ſind eine Nation die gar zu ſchnell Feuer fängt wie naſſer Zunder, da⸗ her war dies Mittel ganz gut. Denken Sie nur an jene Zeit, wo eine Regierung dies Interdikt aufhob, und ein Gelehrter Reden an die deutſche Nation in natürlicher Sprache hielt, was entſtand daraus für ein Spektakel! Man hat daher das Interdikt aufs Neue geſchärft, ja die Philoſophen müſſen jetzt ſogar my⸗ ſtiſch ſprechen; ſelbſt wenn einer z. B. über Deutſch⸗ land und die Revolution ſchreiben wollte, müßte er ſeiner Rede kurzen Sinn in dieſe Wortſpezereien ein⸗ balſamiren.“ „Hal jetzt erſt iſt mir das große Geheimniß unſerer Literatur klar und deutlich! Alſo daher kommt es, daß wir ſo weit zurück ſind; da bleibt alſo für das Volk nichts übrig, als Genofeva und Eulenſpiegel?“ „Das möchte ich doch nicht behaupten,“ ſagte Salbe;„unſere mittlern und untern Stände leſen ſehr viel, nur natürlich nichts, was auf den geſunden Men⸗ ſchenverſtand Anſpruch machen könnte. Sie haben ih⸗ ren Spieß, ihren Cramer, ihren Lafontaine, in neuerer Zeit hauptſächlich ihren Clauren. Alles liest, aber un⸗ ſchädliches Zeug, das ihren Verſtand ganz gelinde * 14⁴9 afficirt, Geſpenſtergeſchichten, Morbthaten, Räuber⸗ hiſtorien, Heirathsaffairen mit vielem Geld ꝛc.“ „O Sott! weiter nichts! ſo kommen alſo unſere größten Geiſter, ein Schiller, ein Gbeihe⸗ ein Tieck nicht unter das Publikum?“ „Behüte! Schiller kennen ſie zur Noth vom Thea⸗ ter her, aber er iſt meiſt zu hoch für ſie, eigentlich zu gut. Von Goethe, Tieck, Jean Paul weiß man nichts. Sie haben für die Ewigkeit geſchrieben, aber nicht für unſer Volk.“ Der äſthetiſche Elub. Continuere omnes, intentique ora- tenebant. „Wertheſter!“ ſprach mein Freund zu mir, als wir die Treppen meines Hauſes herabſtiegen;„Sie würden ſich ſehr irren, wenn Sie glaubten, es gäbe nur in höhern Ständen äſthetiſche Geſellſchaften. Jene herr⸗ lichen Thees, wo feingebildete Menſchen ſich über die neueſten Erzeugniſſe der Literatur beſprechen, finden ſich, nur unter anderer Form, auch unter den gemei⸗ neren Leuten. Wie jene mit dem Theewaſſer eine neue Novelle oder einen Sonnettenkranz einſchlürfen, ſo haben dieſe ihre eigenen Schriftſteller, welche ſie beim Biere mit derberem Stoffe bewirthen.“ 3 „Und zu einem ſolchen äſthetiſchen Biere werden Sie mich führen, Doktor?“ „Gewiß! Der Meiſter des Hauſes, wohin wir wandern, geht alle Nachmittage in die Schenke; ſeit nun der neue Geſell im Hauſe iſt, wird jeden Mittag äſthetiſcher Club gehalten. Er iſt ein ſchöner Geiſt und beſorgt mit großer Auswahl die Lectüre. Die bei⸗ den Töchter des Meiſters und einige Freundinnen aus der Nachbarſchaft bilden den Damenzirkel; ſie ſtricken oder nähen, trinken dünnen Kaffee dazu, den die Mäd⸗ 151 chen unter ſich bezahlen, und eine von ihnen hat das Amt des Vorleſers; denn der neue Geſell arbeitet ſtreng an ſeinen Schuhen fort; ſein Geſchäft beſchränkt ſich darauf, den Zirkel auf die Schönheit des Geleſenen aufmerkſam zu machen. Er und der Leipziger trinken Bier. Ich war ſchon einigemal in dieſen⸗ Clubs; na⸗ türlich hüte ich mich wohl, in die Schönheiten ihrer Literatur einen Zweifel zu ſetzen. Ich ſtaune und be⸗ wundere mit ihnen; und ſo bin ich wohl gelitten in dieſem Kreiſe und darf es wagen, Sie einzuführen.”¹ Wir ſtanden vor der Thüre und horchten; aber das war kein fröhlicher Leſeelub! Ich ſah den Doktor ängſtlich an, denn deutlich hörte man ein vielſtimmiges Schluchzen und Weinen; es wurde mit jammernder Stimme Etwas geleſen; wir ſtrengten unſere Ohren an, aber vernahmen nur Geſtöhn und tiefes Herzſeufzen. „Ha! Sie leſen etwas Tragiſches!“ rief mein Freund.„Das iſt köſtlich; nur zu! Wir wollen ihr Pathos beobachten.“ Er machte raſch die Thüre auf; welch ſonderbarer Anblick! Auf einer Erhöhung ſaß der Leipziger und heulte laut; es wollte ihm beinahe das Herz abdrücken, und ſein Lieblingsdichter hatte für dieſen Zuſtand geſorgt. Neben ihm ſaß der neue Ge⸗ ſell; ſein Schmerz war nicht minder tief, aber er be⸗ herrſchte ihn mit männlicher Feſtigkeit; doch auch ihm hing eine Perle in den Wimpern. Auf der Seite ſaßen fünf oder ſechs hübſche Mädchen, unter denen ich Karo⸗ linchen ſogleich erkannte; ſie ſchienen einem geliebten Todten ein letztes Opfer zu bringen, denn ſie wiſchten mit den Schürzen ihre ſchönen weinenden Augen, und 4⁵² in ihren Mienen war ein ſo wahrer Ausdruck von Kummer und namenloſem Jammer, daß ich über die Tiefe ihrer Empfindungen ſtaunte. Sie nickten uns zu, wir nahmen ſchweigend Plas. „Thu' nur nicht ſo erſchrecklich, Leipziger!“ ſagte der neue Geſell mit dumpfer gebrochener Stimme.„Sie wird ja bald vollends ausgerungen haben, die arme Seele; machen Sie nur gefälligſt weiter, Jungfer Köhlerin.“ Dieſe wiſchte ihre Thränen ab, die wie ein Waſſerfall herabrollten, und las mit zitternder Stimme weiter. Sie hatte geendet und legte ſchnell das Buch nieder; die Mädchen weinten noch etwas Weniges in der Stille fort; der Leipziger aber vertrank ſeinen Schmerz in einem mächtigen Zuge Bieres. „Wir ſind heute leider zu ſpät gekommen, um noch Etwas von Ihrer Lectüre profitiren zu können. Was haben Sie heute geleſen?“ „Rochus Pumpernickels Tod;“ antwortete der neue Geſell.„O, Herr Doktor, das iſt eine ſo grauſam rüh⸗ rende Geſchichte, als im ganzen Evangelium keine ſteht!“ „So? A. v. S. macht auch rührende Geſchichten?“ fragte jener weiter.„Ich habe bisher geglaubt, er ſei immer nur fröhlich und heiter und laſſe ſeine Leutchen heirathen, nebſt ſchöner Mitgift von ein paar Mil⸗ liönchen?* „Ja, wir haben es anfangs auch geglaubt,“ ent⸗ gegnete Karolinchen;„es ging ſo hübſch und fröh⸗ lich an.“ „Das iſt gerade das Schöne, daß man glaubt, es 15³ komme Alles ſo freudig wie immer, und dann kommt es auf einmal hageldick mit dem Unglück. Das iſt um ſo rührender, daß einem die Thränen unwillkürlich laufen; ach und wie wahr iſt es! Nicht alle Liebenden können ja glücklich werden! Dies beweist ja Siegwart und Werthers junge Leiden, die ich in Mannheim ge⸗ leſen habe, und viele andere rührende Hiſtorien. Und ſieht man es nicht alle Tage?“ ſetzte er gerührt hinzu, indem er nach Karolinchen blickte.„Wie viele zärtliche Liebſchaften hat ſchon das grauſige Schickſal getrennt!“ Karolinchen weinte ſtill; der Leipziger aber ſchlug mit dem Hammer auf den Abſatz eines Stiefels, daß es Funken gab.„Den Kerl, den Alten ſoll der Teufel holen; er iſt an Allem Schuld, der heimtückiſche Sakermenter; hier möcht' ich ihn haben, zwiſchen mei⸗ nen Knieen, ich wollte ihn hämmern wie Sohlenleder!“ „Ja, er iſt an Allem Schuld,“ klagten die Mädchen. „Sie lieben alſo dieſen Schriftſteller?“ fragte ich. „Sie ſcheinen ihn allen andern vorzuziehen?* „Gewiß!“ ſagte der neue Geſell.„Sehen Sie, es mag wohl ſonſt noch Dichter geben; aber ſie ſind nur für die vornehmen Leute, ſie ſind uns zu hoch; da iſt nun A. v. S. gerade recht für uns, ſo gemein wie er, ſchreibt Keiner. Ihn verſtehen wir; wenn er Etwas ſagt, ſo weiß man auch, was er will. Ich kann Sie verſichern, es iſt mir oft, wenn ich ihn leſe, als ſäße ich im Bierhaus, und mein Kamerad, der Straubinger oder der Hamburger, erzählte mir eine ſchöne Ge⸗ ſchichte.“ 3 Ich ſah miich nach meinem Freund um, er ſaß ganz 154 ernſthaft da und rief alle Augenblicke aus:„Es iſt zum Erſtaunen!“ „Und Kernmädchen hat er,“ fuhr der große Kritiker fort,„ſo ſchön und köſtlich, daß einem ordentlich der Mund wäſſert. Nicht wahr, Ihr Jungfern?“ Die Mädchen errötheten, doch, was ſie ſich lächelnd in die Ohren flüſterten, mochte den Satz des Leipzigers nicht umſtoßen. 1 „Vox populi, vox Dei!“ ſagte ich.„Denken viele Leute ſo wie Sie?“ „Ich bin weit herumgekommen,“ erwiderte er mit Feuer,„aber überall fand ich die gleiche Liebe für dieſen Mann! Alle Handwerksburſche von Bildung laſſen ſich für ihn todtſchlagen.“ 4 Der Doktor ſtand auf, er mochte glauben, ich habe jetzt genug gehört, um ſeine Behauptung beſtätigt zu finden. Wir nahmen Abſchied von dieſem äſtheti⸗ ſchen Club und gingen. Unter der Hausthür nahm er meine Hand.„Und, was meinen Sie?“ ſagte er, indem Spott und Hohn um ſeinen Mund, aus ſeinen Augen blitzte.„Glauben Sie jetzt; daß auch in Deutſch⸗ land ein Schriftſteller allgemein werden könne? Was wollen Sie mit ihren Franzoſen, die Ihren Voltaire hinter dem Pfluge leſen und von den Reden eines Foy in den ärmlichſten Hütten begeiſtert ſind? Kann nicht auch bei uns ein großer Geiſt durchdringen und ein Mann des Volkes und allgemein werden?“ „ Ja,“ erwiderte ich und drückte ihm die Hand, ver kann es, wenn er es verſteht, gemein zu ſein.“ Ein paar Reiſe eſtunden. Ein Bruchſtück. Vorwort an Madame J. Floret, Eigenthümerin des Hotel de Flandre, Rue Kotre Dame des Vietoires aaris. Sehr verehrte Frau! Sie gehören unter die wenigen Menſchen, die mir auf mein ehrliches Geſicht hin und ohne andern Schein als etwas Scheinheiligkeit getraut haben, und ich würde Ihre trefflichen Eigenſchaften, ein gutes Herz, nachſich⸗ tige Augen, ein offenes Ohr und einen für Rue Notre Dame des Victoires hinlänglichen Verſtand öffentlich gemacht haben, auch wenn ich es Ihnen nicht verſpro⸗ chen hätte. Als ich, verſehen mit Allem, was ein muthiges junges Herz unterſtützt, in Ihr Haus trat, da dachte ich freilich nicht, es einſt ſo plötzlich verlaſſen zu müſſen; doch wäre auch jene Begebenheit ſchon damals vor mei⸗ ner ahnungsloſen Seele geſtanden, an eine ſo roman⸗ tiſche, ſamaritaniſche, beinahe unglaubliche Zuverſicht einer Eigenthümerin eines Hotel garni hätte ich nie geglaubt. 456 Ich vergeſſe jenen Abend nie, als ich, vor Schre⸗ cken, Unwillen und Angſt beinahe leblos, bei Ihnen eintrat, nach meiner Rechnung fragte und Ihnen ge⸗ ſtand, daß ich abreiſen müßte. Ich hatte von allem ge⸗ münzten Gold, das auf der Erde umherrollt, noch zwei Zwanzigfrankenſtücke, von dem ungemünzten in Bar⸗ ren, Gefäßen und Geſchmeiden einen Ring, und alles übrige Schätzbare beſtand in einigen Kleidern, welche rechtlicher Weiſe noch nicht mir gehörten. Ihr Scharfblick, verehrte Frau, oder nenne ich es lieber barmherzigen Inſtinkt? kurz jene unbegreifliche Ahnung ſagte Ihnen in einem Augenblicke Alles; Sie ſchlugen das wohlbekannte Buch von grünem Saffian auf, Sie liſpelten freundlich: vierhundert und fünfzig Franken, und ich wiederholte mit bebender Zunge: vier⸗ hundert und fünfzig! Und als ich Ihnen dann meinen Kummer auseinanderzuſetzen wagte, wie gütig waren Sie da, wie müttterlich beſorgt fragten Sie nach den kleinſten Umſtänden! Genug! Sie haben mir aus einer Verlegenheit ge⸗ holfen, die, ſo klein ſie dem Namen nach ſein mochte, für mich in jenem Drang der Umſtände niederdrückend, ſchmerzlich war. Es war in meinen Augen, obgleich ich gewiß war, ſchon im folgenden Monat meine Schuld tilgen zu können, nichts anderes als ein Geſchenk; denn konnten Sie wiſſen, daß ich ehrlich genug ſein werde. die Summe heimzuzahlen? Und mit welcher Urbanität wußten Sie es zu bieten! Wie fein wußten Sie der peinlichen Nothwendigkeit, eine Wohlthat annehmen zu müſſen, alles Drückende zu benehmen! Es iſt heut⸗ 157 ein Jahr ſeit jenem Abend verfloſſen, aber noch heute ſteht jedes Ihrer Worte deutlich und wie gedruckt vor meiner Seele.„Es haben ſchon viele deutſche Dokto⸗ ren bei mir gewohnt,“ ſprachen Sie, bald auf Ihr Buch, bald auf mich blickend,„meiſtens au Cinquieme und Quatrieme, Sie ſind der Erſte geweſen au Second; Alle haben geraucht wie Sie, Alle haben ſchlecht fran⸗ zöſiſch geſprochen, Alle verlangten anfangs ein Kopf⸗ kiſſen von Federn ſtatt meiner trefflichen Rollen von Roßhaar, Keiner von ihnen konnte mit dem Kamin⸗ feuer zurecht kommen, faſt Alle ſchrieben den ganzen Vormittag, oft bis vier Uhr, und Gott weiß, was ſie geſchrieben; aber Alle waren redliche, ehrſame Leute und mir, ich geſtehe es(ihre runden Köpfe und blonden Haare abgerechnet), lieber als meine jungen Landsleute, die über einen unpolirten Nagel an der Wand eine Stunde ſprechen können und doch nicht mehr werth ſind, als daß man ſie daran aufhänge. Ich habe gehört,“ fuhren Sie fort,„daß alle dieſe junge Herren, wenn ſie nach Deutſchland zurückkehrten, unſere ſchöne Haupt⸗ ſtadt in Büchern beſchreiben und weitläufig erzählen⸗ was ſie daſelbſt gehört und nicht gehört, geſehen und nicht geſehen haben. Mein Vetter, Doktor O—, Sie müſſen ihn oft bei mir geſehen haben, und die Leute behaupten, er ſähe mir ähnlich, obgleich ſein Teint dunkler iſt als der meinige, nun dieſer Vetter iſt Mit⸗ arbeiter am Globe, und es iſt nicht die ſchlechteſte Zei⸗ tung, die in Paris geleſen wird. Die Deutſchen, Ma⸗ dame, ſagte er oft, ſind in der Geſellſchaft nicht zu gebrauchen, aber die Feder iſt ihre Zunge; ſie ſind 158 treffliche Leute mit der Feder und in der That gelehrt; ihre Literatur fängt an, bei uns bekannt zu werden, und es iſt nicht das Schlechteſte, was wir vom Auslande em⸗ pfangen. So ſprach er oft, und meine Achtung vor Ihren Landsleuten ſtieg.“ „Monſieur Off.“ ſuhren Sie fort, denn mein Name war Ihnen nicht geläufig,„Sie haben viel geſchrieben, ſo lange Sie auf Nr. 15. im Hotel de Flandre waren. Dok⸗ tor K., Ihr Landsmann, hat mich auch verſichert, daß man ſchon einige von Ihren Schriften gedruckt habe; Monſieur Off, gegen einen ſolchen Mann kenne ich meine Pflichten, und dieſe Rechnung(Sie machten einen dicken Strich dadurch) ſoll Ihnen nicht länger beſchwer⸗ lich fallen; aber Sie werden auf Ihrer Seite auch ſo gütig ſein, meiner und meines Hauſes in Ihrer näch⸗ ſten Schrift zu erwähnen, und ich weiß, dieſe vierhun⸗ dert und fünfzig Franken werden mir dann ſchöne Zin⸗ ſen tragen.“ „Wahrlich, verehrte Frau, noch zur Stunde kann ich nicht glauben, daß es Ihnen mit jener Bitte ernſt war; denn wer von meinen Landsleuten wird gerade deßhalb, weil ich dort wohnte, Ihr Hotel beziehen? Dies Buch, vor welches ich Ihren Namen ſetze, Sie ſelbſt können es nicht leſen, und Jean, le Garçon, ſpricht zwar die Worte Brod, Schnaps, Wein, Salz, Wurſt, Durſt, Bett, die er auf ſeinen militäriſchen Durchreiſen bei uns zu lernen die Gnade hatte, deutlich genug aus; aber auch er wird unſere Buchſtaben ſo wenig leſen können, als die gothiſchen Charaktere an den Boutiken der deutſchen Schneidermeiſter, die ihn 1 1 159 oft zu Verwünſchungen ſteigerten. Vielleicht wohnt irgend einer meiner Landsleute au Quatrième, und in dieſem Fall können Sie ſich einige Kapitel überſetzen laſſen, vorausgeſetzt, daß Sie ſein ang und ong ver⸗ ſtehen.“ 1 7 Auf jeden Fall aber müſſen Sie ſich durch Ihren gelehrten Vetter von der Redaktion des Globe ein Cer⸗ tifikat verſchaffen, daß à la téte dieſer Schrift wirklich eine Zueignung an Sie zu leſen iſt, denn Sie könnten glauben, dadurch, daß ich darauf beſtand, meine Rech⸗ nung zu tilgen, habe ich mich von meinem Wort und einer angenehmen Pflicht losgeſagt. Wem könnte ich ein Buch, in dem meine Landsleute flüchtige Zeichnun⸗ gen der Sitten Ihres und meines Volkes finden ſollen, würdiger zueignen, als einer liebenswürdigen Reprä⸗ ſentantin des neuen Frankreichs, einem Kinde der Re⸗ volution, das, obgleich ſo weit entfernt von Politik, als vom Studium der Geographie, die Abſchnitte ſeines . Lebens nach den Leiden und Freuden ſeines Vaterlandes zählt? Sie wurden von der Sturmglocke des dreizehn⸗ ten Vendemiaire aus Mutterleibe geläutet; als Bona⸗ parte ſich die Krone Karls des Großen auf die Stirne ſetzte, warf Sie, Neugierige, eine Volkswelle an die Treppe des Hotel⸗dien; die Stirnnarbe, die Sie davon trugen, iſt noch nicht verſchwunden, aber ſie ſteht Ih⸗ nen gut, und Sie wiſſen es. Bald fluchte Ihr junges, der Liebe erſchloſſenes Herz Cäſarn und ſeinem Glück. denn Ambroiſe, der hübſche Commis aus der Rue Mont⸗ martre, ſollte als Voltigeur helfen Rußland erobern, und bald beweinten Sie Frankreich und ſich— Ambroiſe 160 reſina voltigiren. Monſieur Floret war Ambroiſe's Nachfolger in der Wohnung Ihres Herzens; jedoch erbte er nicht das ganze Apartement, er mußte ſich mit. einer Kammer begnügen, die ändern blieben für Am⸗ broiſe's Andenken verſchloſſen. Alle Kammern konnten ſich indeſſen nicht enthalten bange zu klopfen, als Herr Floret, im Kleide der Pariſer Nationalgarde, Gewehr in Arm, Abſchied nahm, um an die Barriere zu fliegen, und Sie— zum letztenmaͤl umarmte, ehe er unter Blüchers erſten Kanonendonner wiederkam. Frankreichs Geburtswehen beſchleunigten Ihr Glück; Sie ſtiegen mit Ludwig XVIII. auf den Thron des Zahltiſches und ſaßen ungleich feſter, denn Sie bedurften ſeitdem keiner Reſtauration; ja, Herrn Florets Tod, der an dem Tage, wo der alte Lilienſtengel eine junge alte Knospe trieb, zu Pére la Chaise ſchlafen ging, ſtatt ihn zu erſchüt⸗ tern, diente dazu, ihn zu befeſtigen.— Leben Sie wohl auf Nimmerwiederſehen; einfache, und— meine Lands⸗ männinnen mögen die Naſen rümpfen, ſo viel ſie wol⸗ len— tugendhafte Frau; Ihr Andenken ſoll mich be⸗ geiſtern, wenn ſich die liebenswürdige Seite Ihres Volkes mir zuwendet, ich werde Sie aufſuchen und mit Liebe aufſuchen, und ewig ſollen mir die Worte unver⸗ geßlich bleiben, die Sie im Augenblicke des Abſchieds, anfangs in einem Tone, als ſeien Sie die Sprecherin Ihrer Nation der meinigen gegenüber, dann mit zit⸗ ternder Stimme und feuchtem Auge ſprachen:„Monſieur, ich achte Ihre Nation, und dieſe Achtung hat ſich ver⸗ mehrt, ſeitdem ich die Ehre hatte, Sie kennen zu lernen. mit erfrornen Beinen konnte nicht wieder über die Be⸗ 161 Reiſen Sie glücklich, und kommen Sie ſchnell wieder in das ſchöne Frankreich, wenn Sie zu Hauſe friert, — car je suppose, qu'il my à pas loin de chez vous les glaces, ou mon pauvre petit Ambroise a péri.“ Es ſind ſchon ſo viele Reiſen nach Paris geſchrie⸗ ben und gedruckt worden, daß man eine eigene Biblio⸗ thek davon errichten könnte, und es ſcheint, es ſei eine ſehr überflüſſige Mühe, nach der tauſendſten noch die tauſend und erſte herauszugeben; dennoch kann keinem Reiſenden das Recht beſtritten werden, ſeine eigene Reiſe zu beſchreiben, ſo wenig als einem verboten werden köͤnnte, ſeine Biographie oder Reiſe durchs Leben herauszugeben, weil er etwa nur Nachtwächter, Doktor der Philoſophie und nicht König, Kaiſer oder Göthe war; Jeder lebt, denkt und reist anders als ſein Vordermann, und es kommt am Ende weder auf die Reiſe, noch auf die Beſchreibung, ſondern darauf an, ob einer etwa ſo viele Leſer findet, als ich mir wünſche. Vergebens würde übrigens einer aus meiner Reiſe⸗ beſchreibung zu berechnen hoffen, wie viele tauſend Thaler ein junger Mann etwa in einem Monat brau⸗ chen könnte, wo die beſten Nachtlager und die theuer⸗ ſten Mittageſſen, wo die höchſten Thürme und die breiteſten Straßen ſeien. Vergebens wird einer, der thöricht genug iſt, ſie als Guide des Voyageurs mit⸗ zunehmen, nach andächtigen Empfindungen und rich⸗ tigen Notizen über irgend ein bedeutungsvolles Monu⸗ ment blättern; ich ſchreibe weder zur Erbauung noch W. Hauffs Werke. XIII. 11 16² zur Bereicherung der Geographie, ich dränge Niemand meine Empfindungen auf, denn Jeder hält am Ende doch ſeine eigenen für die beſten; ich will nur wieder erzählen, was ich gehört habe, nur einiges Vorüber⸗ gehende, aber Bedeutungsvolle, was Andere nicht ge⸗ ſehen haben, will ich beſchreiben. Darunter gehört zum Beiſpiel nicht das Städtchen Saarlouis, ſondern die Leute, die von dort aus in dem Metzer Eilwagen mit mir fuhren; obgleich es beinahe ſo viele Geſchichten von Poſtwagen gibt, als Geſpen⸗ ſterſagen und Lichtkarzmährchen, ſo bin ich doch ver⸗ ſucht, von einigen dieſer Perſonen zu ſprechen. Ich ſaß in einer Ecke und mußte es mir gefallen laſſen, wenn mich die Übrigen ſo aufmerkſam betrach⸗ teten, wie ich ſie; es iſt mir übrigens gewiß nicht zu verargen, wenn meine Blicke hauptſächlich auf einer jungen Dame mir gegenüber hafteten, von deren Ant⸗ litz ich freilich nichts ſah als eine dunkle Locke und ein glänzendes Auge; denn eine große Kaputze, welche ſie am Mund mit einem Tuch verſchloſſen hielt, umhüllte den Kopf; daß ſie jung ſei, ſagte mir nicht nur die ſchlanke Taille, die Behendigkeit, womit ſie in den Wagen geſtiegen war, ſondern auch ein gewiſſer Aber⸗ glaube; denn meine Baſe in Frankfurt hatte mir pro⸗ phezeiht, ich werde mit einer ſchoͤnen jungen Dame nach Paris fahren. Ich bemerkte, daß ihr die Stellung der nächſten vier Füße unbequem ſei, machte ihr Raum, konnte aber nicht verſtehen, in welcher Sprache ſie mir dankte, denn ich hatte bei dem Manveuvre einen dicken Mann, ihren Nachbar, auf ſeinen Leichdorn getreten, ₰ 16³ und er brummte vernehmlich und deutſch. Es war Morgens vier Uhr, die Luft kühl, aber gegen acht Uhr mußte nach meiner Rechnung der Nebel und mit ihm die Kaputze der ſchönen Nachbarin fallen. 3 Ein Mann mit kühnem, dunklem Geſicht und ſchwarzen Falkenaugen, einen ſchon ins Graue ſpie⸗ lenden Bart um die Oberlippe, ſaß in der andern Ecke neben dem dicken Mann.„Ein echt franzöſiſches Geſicht, ein Offizier,“ dachte ich,„und zwar einer von der alten Armee und auf halbem Sold, denn ſeine Kleidung iſt etwas ärmlich, er ſieht unzufrieden aus und will wahrſcheinlich die Ehrenlegion Heinrichs IV. nicht tragen, denn er hat kein Band im Knopfloch. Welche Gedanken ſprechen aus dieſem dunkeln Auge! Dieſelbe Straße nach Deutſchland iſt er in der Revo⸗ lution als junger feuriger Patriot, nachher als Offi⸗ zier des Kaiſers, vielleicht an der Spitze eines Regiments gezogen! Auf dieſem Wege vielleicht hat er ſeine tapfern Truppen aus den Feldzügen von Sechs und Neun zu⸗ rückgeführt! Jetzt bezeichnet ihm dieſe Kaiſerſtraße nur noch wehmüthige Erinnerungen ehemaliger Größe; noch lange nicht iſt ſeine ganze Generation ins Grab geſtiegen, und doch iſt alles dahin vorangeeilt, was ihnen groß und theuer war, und dieſes ſchöne Frank⸗ reich däucht ihnen ein großer Kirchhof, wo ihr Ruhm und ihre Hoffnungen begraben liegen und auf eine frohe Urſtänd warten.“ 3 Der kleine junge Mann an meiner Seite könnte etwa ein angehender Kaufmannsdiener ſein; in meinem Herzen halte ich ihn aber für einen deutſchen Schnei⸗ 164 der, der nach Paris reist, um ſich auszubilden. Noch gibt es einen jungen Menſchen in einem blauen flan⸗ deriſchen Hemde an der Seite meines Nebenmannes; er ſchläft ſchon und iſt ſeinem Geſicht nach unbedeutend. Bis jetzt wurde noch kein deutliches Wort unter der Geſellſchaft gewechſelt. Nach und nach ſchlafen die Meiſten, nur das Auge der jungen Dame ſehe ich hie und da aus der Kaputze leuchten. Fünf bis ſechs Uhr Morgens. Der dicke Mann ſchnarcht ſchrecklich; ſein Kopf droht auf die Schulter der jungen Dame zu ſinken, ich bringe ihn durch einen kleinen Fußtritt zu ſich ſelbſt, er fährt auf, ſetzt ſich zurecht, ſchläft wieder ein und ſchnarcht von Neuem. Seine Bewegung hat den fran⸗ zöſiſchen Oberſt erweckt; er ſieht ſich unzufrieden und ſtolz um. Es gefällt mir nicht, daß er eine ungeheure Doſe von Horn hervorzieht und ſchnupft; er ſchläft bald wieder ein. Die Morgenluft weht immer kälter.„Soll ich vielleicht das Fenſter vorziehen? Wird es Ihnen nicht zu kalt?“ fragte ich ſo freundlich als möglich die junge, ſchöne Dame und denke erſt bei„zu kalt“ daran, daß wir längſt auf franzöſiſchem Boden ſind, und Made⸗ moiſelle kein Deutſch verſtehen wird. Aber ſie antwortet mit heller, wohltönender Stimme, jedoch ohne die Kaputze zu lüften:„Wenn es Ihnen ſelbſt nicht zu kalt wird, danke ich; ich bin wohl verwahrt.“ Alſo eine Deutſche, dachte ich, nun, um ſo beſſer, da werde ich doch ſobald unſere Sprache nicht ver⸗ — — 165 lernen.„Ihr Nachbar, mein Fräulein,“ fuhr ich fort; „iſt wohl etwas unbequem für Sie; der Wagen iſt zu enge, als daß ein ſolcher Koloß mit Recht in der Mitte ſitzen dürfte.“ „Und doch möchte ich ihn noch weniger zum téte- à-téte,“ erwiderte ſte. 1 Ich erröthete beinahe über dieſe Artigkeit und war doch eitel genug zu fragen:„Und warum?“ „Ich denke, ein ſchlafender Koloß würde nicht ſo artig ſein, auf meine Bequemlichkeit Rückſicht zu nehmen.“ 1 Ich weiß nicht, ob ſie mir wirklich dadurch für ihre Sicherſtellung vor den breiten Hufen des dicken Man⸗ nes danken wollte, aber ich verbeugte mich, murmelte etwas von Schuldigkeit gegen Damen und war in dem⸗ ſelben Augenblick wieder unmuthig über mich ſelbſt, weil ſie doch vielleicht mich nicht gemeint hatte, ließ die angeknüpfte Unterhandlung fallen und ſuchte wie ein gleichgültiger Reiſender auszuſehen, obgleich noch mancher Streifblick an dem glänzenden Auge der jun⸗ gen Dame vorüberflog. Sechs bis ſieben Uhr. Die Pferde werden gewechſelt; die Schlafenden er⸗ wachen und ſtarren mit glanzloſen, ſchläfrigen Augen auf einige zerlumpte Weiber und Kinder, die mit ihrem kreiſchenden Patois und ihren Holzſchuhen einen unan⸗ genehmen Lärm machen. Der Oberſt zieht an einem alten ledernen Riemchen eine ſilberne Uhr aus der Taſche, und ich denke, er müſſe ſeit der Reſtaurativn 166 ſehr zurückgekommen ſein. Der dicke Mann hat ein un⸗ erträglich dummes Geſicht, und wenn ich ihn nicht für einen Viehhändler halte, ſo iſt nur ſeine reinliche Klei⸗ dung Schuld; ich mache ihn zu einem holländiſchen Krämer.— Man fuhr weiter, und aufs Neue zogen mich die melancholiſchen Züge des Oberſten an. Er ſang ganz leiſe vor ſich hin ein Liedchen, das er mit den Silben„leon“ und einem tiefen Seufzer endete; ach! es war Napoleon, ſein Held, ſein Kaiſer, von welchem er ſang! Jetzt zog er eine Schreibtafel heraus, die, ich muß es geſtehen, ein wenig ſchmutzig und verbraucht war; aber nur um ſo intereſſanter ſchien ſie mir, denn ſte war wohl ein Andenken an einen gefallenen Kame⸗ raden; er hatte, ſtellte ich mir vor, als er einſt Nachts beim Mondlicht über das Schlachtfeld ritt, die bleichen Züge ſeines Freundes erkannt, er ſchwang ſich vom Pferd, kniete nieder zu ihm, rief mit ſchmerzlichen Tö⸗ nen ſeinen Namen, aber Jener hörte nicht mehr, die bleichen Lippen, die er küßte, ſie konnten ſeinen Ab⸗ ſchiedsgruß nicht erwidern. Da nahm er mit einer männlichen Thräne jenes Andenken, und es hat ihn in Glück und Unglück begleitet. Ich ſah wieder nach ihm hin; er warf bald nachdenkliche Blicke über das Land hin, bald zeichnete er mit feſter Hand ſeine Gedanken auf, und nichts ſchien mir gewiſſer, als daß dieſer alte Offizier(ich ließ ihn jetzt zum General avanciren) das Land durchfliege, um ſeine militäriſchen Erinnerungen aufzufriſchen und— ſeine Memoiren über die Feldzüge der Franzoſen zu ergänzen. —— , 167 Sieben bis acht Uhr. Die junge Dame iſt eingeſchlafen oder ſcheint wenigſtens zu ruhen; noch immer iſt ihr Geſicht neidiſch verhüllt. Der junge Schneider an meiner Seite läßt ſeinen großen Hummerkopf bald links bald rechts fallen, ohne aufzuwachen. Aber der junge Burſche im blauen Hemd iſt erwacht, und wunderbar! zwiſchen ihm und dem General oder Oberſt entſpinnt ſich ein Geſpräch; ich lauſche, aber es iſt nicht Engliſch, nicht Deutſch, weder Franzöſiſch noch Holländiſch; am meiſten Ähn⸗ lichkeit hat es mit dem Italieniſchen, und ich würde den Offizier für einen Korſikaner oder einen Veteranen der italieniſchen Armee halten, kämen nicht Worte in ihrem ſchnellen Geſpräche vor, die völlig fremd toönen. Doch muß es wenigſtens nicht die Mutterſprache des Jüngern ſein, denn er ſcheint ſich hie und da auf den rechten Ausdruck zu beſinnen, und der ernſte ältere Mann weist ihn mit einem leichten Lächeln zurecht. Der dicke Holländer iſt jetzt mit tiefem Stöhnen auch erwacht, betrachtet ſeine Nachbarn einen Augenblick aufmerkſam, lauſcht auf ihre Sprache und fragt dann langſam und höflich:„Vos este Espaniol, Sefor?“ Ahl dachte ich, vielleicht ein edler, vertriebener Spanier, vielleicht ein Genoſſe Mina’s? Aber man denke meinen Schrecken, als der Oberſt, der General, Empecinado’s und Mina's Genoſſe, der intereſſante Mann in öſterreichiſchem Dialekte antwor⸗ tete:„Um Vergebung, wir ſind halt böhmiſche Glas⸗ händler, mein Neffe da und ich, und reiſen nach Se⸗ villa, wo ich mit Trink⸗ und Tafelgläſern handle.“ „ 168 Und nun erzählte er unerträglich breit und langweilig, daß ſein Bruder in Frankfurt einen Glashandel habe, daß Stoffel, der Neffe, daſelbſt in Condition geſtanden und jetzt auch auf ſechs Jahre nach Spanien gehe; wie dort der Glashandel beſchaffen ſei und wie viele tauſend Trinkgläſer ſie alljährlich ſchmuggeln und ver⸗ kaufen. Ich verwünſchte den Böhmaken, ſeine Adler⸗ naſe, ſein ſchönes Auge, ſeinen ehrwürdigen Bart und den holländiſchen Krämer, der ihn zum Sprechen ge⸗ bracht; ich verwünſchte vor Allem meine eigene Thor⸗ heit, von einem General der alten Armee zu träumen; ſeine ſilberne Uhr fand ich jetzt ganz in der Ordnung, in ſein ſchmieriges Souvenir ſchrieb er keine erhabene Erinnerungen, ſondern Kunden und Gläſer ein, und wenn er mit dem melancholiſchen Auge über das Land hinſtreifte, ſetzte er Kaiſergulden in Dollars, und ſchlechte Conventionskreuzer in ſchlechtere Maravedis um. Ich ſchämte mich, in der Phyſiognomik noch ſo weit zurück zu ſein; denn jetzt hatte der alte Kerl allen Schimmer der Einbildungskraft verloren und erſchien mir, genauer betrachtet, wie ein ganz gewöhnlicher böhmiſcher Muſikant, wie man ſie, gelb und ſonnen⸗ verbrannt, mit dicken Bärten und dunkeln Augen um⸗ herziehen ſieht; um ihn nicht zu ſehen, ſchloß ich die Augen und drückte mich in meine Wagenecke. Acht bis neun Alhr. Das Auge der ſchönen Dame glänzt wieder, aber der Wind mag ihr noch zu heftig ſein, ſie hat die Ka⸗ putze noch immer nicht zurückgeſchoben. Der dicke —— 169 Mann ſucht ein Geſpräch mit ihr anzuknüpfen, aber ſie antwortet einſilbig, und dieſe Zurückhaltung freut mich, denn ich kann den feiſten Holländer, ſeit er Spaniſch ſprach, noch weniger leiden als zuvor. Er fährt übrigens mit großer Ruhe fort, ihr den Namen jedes Dorfes zu nennen, das man an der Landſtraße ſieht, und weiß einige Anekdoten von dem Maire von Fouligny, welches eben hinter uns liegt, zu erzählen. Dabei lacht er aber immer zuerſt, legt, wenn die Schneide der Anekdote kommt, ſeine Hand zutraulich auf den Arm der jungen Dame, um ſie gleichſam ein⸗ zuladen, ſich ebenfalls mit ihm und den Böhmen halb todt zu lachen, und hält es für keine Beleidigung, wenn ſie(offenbar mit einem Seitenblick auf mich) unwillig ihren Arm zurückzieht. Der dicke Mann befand ſich gerade mitten in einer Geſchichte, die zu meiner großen Beſorgniß für das zarte Ohr der jungen Dame etwas obſcön zu werden drohte, als man hinter dem Wagen einigemal heftig: Halte, Postillon! halte! rufen hörte; zugleich jagte ein Reiter vorüber, der einen großen Brief empor hielt. Der Wagen hielt, Conducteur und Poſtillon fluchten; der Erſtere ſchwang ſich nach einigem Wort⸗ wechſel von ſeinem Imperial herab und trat dann mit dem großen Brief an unſerem Schlag herauf, muſterte die Geſellſchaft aufmerkſam, zog ſeine Mütze und bot den Brief herein. Ich ſaß zunächſt, nahm ihm den Brief aus der Hand und las die Überſchrift: A Mon- sieur Monsieur le Comte Blankenspeer, à Saar- bruk, poste restante, citissimo. Da ſtieg der ſchla⸗ 170 fende Schneider auf einmal bei mir im Preis, denn Niemand anders konnte der Graf ſein; des Condueteurs Allons, Monsieur! und ein Stoß, den ich ihm in die Seite gab, weckten ihn; ich überreichte ihm den Brief,„ er ſtarrte ihn gedankenlos an und gab ihn dann kopf⸗ ſchüttelnd und murrend zurück. Der Conducteur wurde ungeduldig über die Zögerung:„Allez, Messieurs,“ rief er,„qui est donc Monsieur le Conite de Blan- quespeere.“ „Iſt der Brief an mich?“ fragte der Holländer verwundert, riß ihn mir aus der Hand, las flüchtig die Adreſſe— und erbrach das Siegel. Schnell zog er darauf die Börſe, befriedigte den Kurier, den man ihm nachgeſchickt hatte, und der Wagen fuhr weiter.— Aber ich ſah mich zum zweitenmal getäuſcht, und um ſo bitterer, als der Herr Graf zwar nach wie vor die Miene eines holländiſchen Käſekrämers behielt, aber das Mädchen mit den ſchwarzen Augen es jetzt gar nicht mehr bemerken zu wollen ſchien, daß ſeine Hand ſchwer auf ihrem runden Arme ruhe; ja zu meinem. Arger lachte ſie ſogar einigemal mit heller Stimme auf, als der Herr Graf die Gnade hatte, einige Schnurren aus ſeinem Leben zu erzählen. Von neun bis zehn Ahr. In Coureelles wurde zum Frühſtück angehalten. Wir traten in das freundliche Zimmer, wo bereits auf dem großen Roſte die Cotelettes kniſterten. Die Män⸗ ner legten Mützen und Mäntel ab; das Gewölk, das um das Haupt der Jungfrau hing, zerriß plötzlich, — —— 1 171 und mir war, als erwache ich jählings aus einem ſchmeichelnden Traume. Wer ſah nicht ſchon ein un⸗ bekanntes Schloß aus einem Morgennebel tauchen? Man muſtert es; es iſt bewohnt, iſt nicht übel ge⸗ baut, iſt vollſtändig unter Dach, aber der Totalein⸗ druck, und hier eine Epheuranke, dort eine unver⸗ mauerte Ritze, hier ein Krähenneſt, dort ein ſchlimmer einſpringender Winkel am Dachſtuhl verkünden laut, es habe ſeine ſchönſte Zeit geſehen. Wenn ein ſolcher Zuſtand einer Baulichkeit herkömmlichermaßen etwas Poetiſches hat, ſo war der analoge Zuſtand meiner Reiſegefährtin nur zu ſehr geeignet, mich in die platte Wirklichkeit zurückzuwerfen; kurz ich hatte ein ziemlich erhaltenes Exemplar einer alten Jungfer vor mir, und die ſchönen ſchwarzen Sterne, die Verführer meiner Einbildungskraft, und die Reminiscenzen einer Ju⸗ gendblüte, die keine Früchte getragen, preßten mir jetzt nur den Seufzer aus: warum kann man ſolche Brillanten nicht aus der alten Hülſe brechen und modern faſſen laſſen? Wie mancher Seigneur chate- lain mit jedem Quader, der von den Zinnen ſeines Erbſitzes in den Graben ſtürzt, froher und lebensluſti⸗ ger wird, ſo war meine Unbekannte, wie dies ſo ge⸗ wöhnlich iſt, mit den Breſchen, welche in den Wall ihrer Zähne gefallen waren, regſamer, ihre Zunge geläufiger geworden; denn kaum hatte ſich der Gene⸗ ralsglashändler einen Zipfel der Serviette in das Ordensknopfloch geſteckt, kaum ſtanden die duftenden Cotelettes auf dem Tiſch, ſo ſagte mir die Cadenz ihres quickenden Sprachinſtruments, daß ſie eine mei⸗ 172 ner ſüdlichen Landsmänninnen aus den Gränzmarken von Schwaben und Franken ſei, und unbefragt gab ſie uns zum Beſten, wie ſie ihren Herrn Bruder, den Kaufmann Morgenſtern zu Paris, in einer wichtigen Angelegenheit beſuche. Ihr Herr Bruder habe im vorigen Jahre durch die grobe Unwiſſenheit der fran⸗ zöſiſchen Hebammen den Stammhalter des franzöſiſchen Zweiges des Morgenſtern'’ſchen Hauſes verloren; da nun jetzt wiederum nahe Hoffnung zum Aufgang eines neuen Morgenſternes ſei, ſo habe er ſich entſchloſſen, trotz der franzöſiſchen Erziehungskunſt, trotz der Pro⸗ teſtationen von Madame, denſelben à l'allemand auf⸗ gehen zu laſſen, und deßhalb ſie, ſeine Schweſter, berufen, die durch langjährige Praris ſich damit ver⸗ traut gemacht habe, wie in der Morgenſtern'ſchen Fa⸗ milie die Sauglappen gebunden und der Kinderbrei gebraut werde. Zur Bekräftigung ihrer Ausſage, und damit in keinem Winkel unſerer Herzen ein Argwohn über ihren wahren Charakter bleibe, theilte ſie uns mit triumphirender Miene lithographirte Karten aus, auf denen in gothiſchen Buchſtaben zu leſen ſtand: Jules Morgenstern, marchand tailleur, palais royal, galerie de bois Nro. 65. à Paris u. ſ. w. Unter die⸗ ſem intereſſanten Geſpräch ging das ſchmackhafte Früh⸗ ſtück vorwärts, alle Details einer deutſchen Wochenſtube wurden beſprochen, mit den franzöſiſchen Inſtituten derſelben Art verglichen. Der Herr Graf, überhaupt ein ſehr leutſeliger Herr, ging mit Herablaſſung und Sachkenntniß in die populäre Materie ein, und ſelbſt die Böhmen fanden beim Artikel der Milchgläſer und — 3 — 173³3 1 Saugflaſchen Gelegenheit, ein kritiſches Wort anzu⸗ bringen. Auf dieſe Weiſe war die Geneſis ſämmtlicher gräflich Blankenſpeer'ſcher und Schneider Morgenſtern⸗ ſcher Sproſſen abgehandelt worden, und ſchon begann ich zu befürchten, daß nun die Reihe an die böhmiſche Descendenz kommen möͤchte, als ſich der Condueteur den Mund wiſchte, und Madeleine mit ihrem Teller und ihrem: Messieurs, n'oubliez pas la fille! das Zeichen zum Aufbruch gab.— Inhalt. Das Wirthshaus im Speſſart(Fortſetzung). Die Höhle von Steenfoll„ Das kalte Herz. Zweite Abtheilung.. Skizzen. Die Bücher und die Leſewelt.. Freie Stunden am Fenſter„ Der äſthetiſche CEluib. Ein paar Reiſeſtunden... 7