4 — Eduard Oiimann in Gie, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. * 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothe ek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 8 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von d 2 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt wertzen und beträgt: 5 für ichentlich 25Bücher: 4 Büchen 6 Bücher: ————— auf 1 1 Monat: 1 Mk.— Pf. Mr. di 2 Mk.— Pf. „ 3 2„— 5. Auswänti dennenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf i ienen Köoſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6 Schadenersa. Für beſchmutzte, zerriſſene, ertotene und deferte Bücher(n mentlich bei ſolchen mit Kupferu ac.) Nuß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonder⸗ darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Büche nicht ſtattfinden da rf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu arhen haben. eeeeee ͤ l = Wilhelm Hauff's ſämmtliche Werke. Mit des Dichters Leben von Guſtan Schwab. Neu durchgefehen und ergänzt⸗ Zwölftes Bändchen. Bierte Geſammtausgabe. Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler, 1846. Mährchen für Sähne und Töchter gebildeter Stände. III. Das Wirthshaus im Speſſart. Vor vielen Jahren, als im Speſſart die Wege noch ſchlecht und nicht ſo häufig als jetzt befahren waren, zogen zwei junge Burſche durch dieſen Wald. Der Eine mochte achtzehn Jahre alt ſein und war ein Zirkel⸗ ſchmied, der Andere, ein Goldarbeiter, konnte nach ſei⸗ nem Ausſehen kaum ſechzehn Jahre haben und machte wohl jetzt eben ſeine erſte Reiſe in die Welt. Der Abend war ſchon heraufgekommen, und die Schatten der rie⸗ ſengroßen Fichten und Buchen verfinſterten den ſchma⸗ len Weg, auf dem die Beiden wanderten. Der Zirkel⸗ ſchmied ſchritt wacker vorwärts und pfiffein Lied, ſchwatzte auch zuweilen mit Munter, ſeinem Hund, und ſchien ſich nicht viel darum zu kümmern, daß die Nacht nicht mehr fern, deſto ferner aber die nächſte Herberge ſei. Aber Feilx, der Goldarbeiter, ſah ſich oft ängſtlich um. Wenn der Wind durch die Bäume rauſchte, ſo war es ihm, als höre er Tritte hinter ſich. Wenn das Geſträuch am Wege hin und her wankte und ſich theilte, glaubte er Geſichter hinter den Büſchen lauern zu ſehen. W. Hauffs Werke. XII. 4 8 2 Der junge Goldſchmied war ſonſt nicht abergläubiſch oder muthlos. In Würzburg, wo er gelernt hatte, galt er unter ſeinen Kameraden für einen unerſchrocke⸗ nen Burſchen, dem das Herz am rechten Fleck ſitze; aber heute war ihm doch ſonderbar zu Muth. Man hatte ihm vom Speſſart ſo mancherlei erzählt. Eine große Räuberbande ſollte dort ihr Weſen treiben, viele Reiſende waren in den letzten Wochen geplündert wor⸗ den, ja man ſprach ſogar von einigen gräulichen Mord⸗ geſchichten, die vor nicht langer Zeit dort vorgefallen ſeien. Da war ihm nun doch etwas bange für ſein Le⸗ ben, denn ſie waren ja nur zu Zwei und konnten gegen bewaffnete Räuber gar wenig ausrichten. Oft gereute es ihn, daß er dem Zirkelſchmied gefolgt war, noch eine Station zu gehen, ſtatt am Eingang des Waldes über Nacht zu bleiben. „Und wenn ich heute Nacht todt geſchlagen werde, und um Leben und Alles komme, was ich bei mir habe, ſo iſts nur Deine Schuld, Zirkelſchmied, denn Du haſt mich in den ſchrecklichen Wald hereingeſchwatzt.“ „Sei kein Haſenfuß,“ erwiderte der Andere,„ein rechter Handwerksburſche ſoll eigentlich ſich gar nicht fürchten. Und was meinſt Du denn? Meinſt Du die Herren Räuber im Speſſart werden uns die Ehre an⸗ thun, uns zu überfallen und todt zu ſchlagen? Warum ſollten ſie ſich dieſe Mühe geben? Etwa wegen meines Sonntagsrocks, den ich im Ranzen habe, oder wegen des Zehrpfennigs von einem Thaler? Da muß man ſchon mit Vieren fahren, in Gold und Seide gekleidet ſein wenn ſie es der Mühe werth finden, Einen todt zu ſchlagen.4 + ——— ₰+ ——— 3 „Halt! hörſt Du nicht etwas pfeifen im Wald?“ rief Felix ängſtlich. „Das war der Wind, der um die Bäume pfeift: geh' nur raſch vorwärts, lange kann es nicht mehr dauern.* „ Ja, Du haſt gut reden wegen des Todtſchlagens,“ fuhr der Goldarbeiter fort.„Dich fragen ſie, was Du haſt, durchſuchen Dich und nehmen Dir allenfalls den Sonntagsrock und den Gulden und dreißig Kreuzer. Aber mich, mich ſchlagen ſie gleich anfangs todt. Nur weil ich Gold und Geſchmeide mit mir führe.“ „Li warum ſollten ſie Dich todtſchlagen deßwegen? Kämen jetzt vier oder fünf dort aus dem Buſch, mit geladenen Büchſen, die ſie auf uns anlegten, und frag⸗ ten ganz höflich:„„Ihr Herren, was habt Ihr bei Euch?„u und„„machet es Euch bequem, wir wollen’s Euch tragen helfen,““ und was dergleichen anmuthige Redensarten ſind. Da wäreſt Du wohl kein Thor, mach⸗ teſt Dein Ränzchen auf und legteſt die gelbe Weſte, den blauen Rock, zwei Hemden und alle Halsbänder und Armbänder und Kämme, und was Du ſonſt noch haſt, höflich auf die Erde, und bedankteſt Dich für's Leben, das ſie Dir ſchenkten.“ „So? meinſt Du,“ entgegnete Felix ſehr eifrig, „den Schmuck für meine Frau Pathe, die liebe Frau Gräfin, ſoll ich hergeben? Eher mein Leben; eher laß ich mich in kleine Stücke zerſchneiden. Hat ſie nicht Mutterſtelle an mir vertreten und ſeit meinem zehnten Jahne mich aufziehen laſſen? Hat ſie nicht die Lehre für mich bezahlt und Kleider und Alles? Und jetzt, da 4 e beſuchen darf, und etwas mitbringe von meiner cgenen Arbeit, das ſie beim Meiſter beſtellt hat; jetzt, da ich ihr an dem ſchönen Geſchmeide zeigen könnte,⸗ was ich gelernt habe, jetzt ſoll ich das alles hergeben, und die gelbe Weſte dazu, die ich auch von ihr habe? Nein, lieber ſterben, als daß ich den ſchlechten Men⸗ ſchen meiner Frau Pathe Geſchmeide gebe!“ „Sei kein Narr!“ rief der Zirkelſchmied.„Wenn ſie Dich todtſchlagen, bekommt die Frau Gräfin den Schmuck dennoch nicht. Drum iſt es beſſer, Du gibſt ihn her und erhältſt Dein Leben.“ 3 Felix antwortete nicht. Die Nacht war jetzt ganz heraufgekommen und bei dem ungewiſſen Schein des Neumonds konnte man kaum auf fünf Schritte vor ſich ſehen. Er wurde immer ängſtlicher, hielt ſich näher an ſeinen Kameraden und war mit ſich uneinig, ob er ſeine Reden und Beweiſe billigen ſollte oder nicht. Noch eine Stunde beinahe waren ſie ſo fortgegangen, da er⸗ blickten ſie in der Ferne ein Licht. Der junge Goldſchmied meinte aber, man dürfe nicht trauen, vielleicht könnte es ein Räuberhaus ſein, aber der Zirkelſchmied belehrte ihn, daß die Räuber ihre Häuſer oder Höhlen unter der Erde haben, und dies müſſe das Wirthshaus ſein, das ihnen ein Mann am Eingang des Waldes be⸗ ſchrieben. 5 Es war ein langes, aber niedriges Haus, ein Kar⸗ ren ſtand davor, und nebenan im Stalle hörte man Pferde wiehern. Der Zirkelſchmied winkt ſeinen Geſel⸗ len an ein Fenſter, deſſen Laden geöffnet waren. Sie konnten, wenn ſie ſich auf die Zehen ſtellten, die Stube — — 5 überſehen. Am Ofen in einem Armſtuhl ſchlief ein Mann, der ſeiner Kleidung nach ein Fuhrmann und wohl auch der Herr des Karrens vor der Thüre ſein konnte. An der andern Seite des Ofens ſaßen ein Weib und ein Mädchen und ſpannen. Hinter dem Tiſch an der Wand ſaß ein Menſch, der ein Glas Wein vor ſich, den Kopf in die Hände geſtützt hatte, ſo daß ſie ſein Geſicht nicht ſehen konnten. Der Zirkelſchmied aber wollte aus ſeiner Kleidung bemerken, daß es ein vor⸗ nehmer Herr ſein müſſe. Als ſie noch auf der Lauer ſtanden, ſchlug ein Hund im Hauſe an. Munter, des Zirkelſchmieds Hund ant⸗ wortete, und eine Magd erſchien in der Thüre und ſchaute nach den Fremden heraus. Nan verſprach, ihnen Nachteſſen und Betten geben zu können. Sie traten ein und legten die ſchweren Bündel, Stock und Hut in die Ecken und ſetzten ſich zu dem Herrn am Tiſche. Dieſer richtete ſich bei ihrem Gruße auf, und ſie erblickten einen feinen jungen Mann, der ihnen freundlich für ihren Gruß dankte. „Ihr ſeid ſpät auf der Bahn,“ ſagte er.„Habt Ihr Euch nicht gefürchtet, in ſo dunkler Nacht durch den Speſſart zu reiſen? Ich für meinen Theil habe lieber mein Pferd in dieſer Schenke eingeſtellt, als daß ich nur noch eine Stunde weiter geritten wäre.“ „Da habt Ihr allerdings Recht gehabt, Herr!“ erwiderte der Zirkelſchmied.„Der Hufſchlag eines ſchönen Pferdes iſt Muſik in den Ohren dieſes Geſin⸗ dels und lockt ſie auf eine Stunde weit. Aber wenn ein paar arme Burſche wie wir durch den Wald ſchleichen, 6 e, welchen die Räuber eher ſelbſt eiwas ſchenken cönnten, da heben ſie keinen Fuß auf!“ 1 „Das iſt wohl wahr,“ entgegnete der Fuhrmann, der, durch die Ankunft der Fremden erweckt, auch an den Tiſch getreten war;„einem armen Mann können ſie nicht viel anhaben ſeines Geldes willen. Aber man hat Beiſpiele, daß ſie arme Leute nur aus Mordluſt niederſtießen, oder ſie zwangen unter die Bande zu treten und als Räuber zu dienen.“ „Nun, wenn es ſo ausſieht mit dieſen Leuten im Wald,“ bemerkte der junge Goldſchmied,„ſo wird uns wahrhaftig auch dieſes Haus wenig Schutz gewähren. Wir ſind nur zu Vier, und mit dem Hauskaecht Fünf; wenn es ihnen einfällt zu Zehn uns zu überfallen, was können wir gegen ſie? und überdies,“ ſetzte er leiſe fluſternd hinzu,„wer ſteht uns dafür, daß dieſe Wirths⸗ leute ehrlich ſind?“ „Da hat es gute Wege, erwiderte der Fuhrmann. „Ich kenne dieſe Wirthſchaft ſeit mehr als zehn Jahren und habe nie etwas Unrechtes darin verſpürt. Der Mann iſt ſelten zu Hauſe, man ſagt, er treibe Wein⸗ handel; die Frau aber iſt eine ſtille Frau, die Niemand Böſes will; nein, dieſer thut Ihr Unrecht, Herr!“ „Und doch,“ nahm der junge vornehme Herr das Wort,„doch möchte ich nicht ſo ganz verwerfen, was er geſagt. Erinnert Euch an die Gerüchte von jenen Leuten, die in dieſem Wald auf einmal ſpurlos ver⸗ ſchwunden ſind. Mehre davon hatten vorher geſagt, ſie werden in dieſem Wirthshaus übernachten, und als man nach zwei oder drei Wochen nichts von ihnen ver⸗ 7 nahm, ihren Weg nachforſchte und auch hier im Wirths⸗ hauſe nachfragte, da ſoll nun Keiner geſehen r worden ſein; verdächtig iſt es doch.“ „Weiß Gott,“ rief der Zirkelſchmied,„da handelten wir ja vernünftiger, wenn wir unter dem nächſten beſten Baum unſer Nachtlager nähmen, als hier in dieſen vier Wänden, wo an kein Entſpringen zu denken iſt, wenn ſie einmal die Thüre beſetzt haben; denn die Fenſter ſind vergittert.“ Sie waren alle durch dieſe Reden nachdenklich ge⸗ worden. Es ſchien gar nicht unwahrſcheinlich, daß die Schenke im Wald, ſei es gezwungen oder freiwillig, im Einverſtändniß mit den Räubern war. Die Nacht ſchien ihnen daher gefährlich; denn wie manche Sage hatten ſie gehört von Wanderern, die man im Schlaf überfallen und gemordet hatte; und ſollte es auch nicht an ihr Leben gehen, ſo war doch ein Theil der Gäſte in der Waldſchenke von ſo beſchränkten Mitteln, daß ihnen ein Raub an einem Theil ihrer Habe ſehr empfindlich geweſen wäre. Sie ſchauten verdrießlich und düſter in ihre Gläſer. Der junge Herr wünſchte auf ſeinem Roß durch ein ſicheres, offenes Thal zu traben, der Zirkel⸗ ſchmied wünſchte ſich zwölf ſeiner handfeſten Kameraden, mit Knütteln bewaffnet als Leibgarde; Felix, dem Goldarbeiter, war bange, mehr um den Schmuck ſeiner Wohlthäterin, als um ſein Leben; der Fuhrmann aber, der einigemal den Rauch ſeiner Pfeife nachdenklich vor ſich hingeblaſen, ſprach leiſe:„Ihr Herren, im Schlaf wenigſtens ſollen ſie uns nicht überfallen. Ich für 8 meinen Theil will, wenn nur noch Einer mit mir hält, die ganze Nacht wach bleiben.“ „Das will ich auche—„ich auch,“ riefen die drei Übrigen;„ſchlafen könnte ich doch nicht,“ ſetzte der junge Herr hinzu. „Nun ſo wollen wir etwas treiben, daß wir wach bleiben,“ ſagte der Fuhrmann; oich denke, weil wir doch gerade zu Vier ſind, könnten wir Karten ſpielen, das hält wach und vertreibt die Zeit.“ „Ich ſpiele niemals Karten,“ erwiderte der junge Herr,„darum kann ich wenigſtens nicht mithalten.“ „Und ich kenne die Karten gar nicht,“ ſetzte Felix hinzu. „Was können wir denn aber anfangen, wenn wir nicht ſpielen?“ ſprach der Zirkelſchmied.„Singen? Das geht nicht und würde nur das Geſindel herbeilocken; einander Räthſel und Sprüche aufgeben zum Errathen? Das dauert auch nicht lange. Wißt ihr was? Wie wäre es, wenn wir uns etwas erzählten? Luſtig oder ernſt⸗ haft, wahr oder erdacht, es hält doch wach und ver⸗ treibt die Zeit ſo gut wie Kartenſpiel.“ „Ich bins zufrieden, wenn Ihr anfangen wollet,“ ſagte der junge Herr lächelnd.„Ihr Herren vom Hand⸗ werk kommet in allen Ländern herum und könnet ſchon etwas erzählen; hat doch jede Stadt ihre eigenen Sa⸗ gen und Geſchichten. 2 „Ja, ja, man hört Manches,“ erwiberte der Zirkel⸗ ſchmied,„dafür ſtudiren Herren wie Ihr fleißig in den Büchern, wo gar wundervolle Sachen geſchrieben ſte⸗ hen; da wüßtet Ihr noch Klügeres und Schöneres zu — 9 erzählen, als ein ſchlichter Handwerksburſche wie Unſer⸗ einer. Mich müßte alles trügen, oder Ihr ſeid ein Student, ein Gelehrter.“ † „Ein Gelehrter nicht,“ lächelte der junge Herr, „wohl aber ein Student und will in den Ferien nach der Heimath reiſen; doch was in unfern Büchern ſteht, eignet ſich weniger zum Erzählen, als was Ihr hie und dort gehöret. Darum hebet immer an, wenn an⸗ ders dieſe da gerne zuhören.“ „Noch höher als Kartenſpiel,“ erwiderte der Fuhr⸗ mann,„gilt bei mir, wenn Einer eine ſchöne Geſchichte erzählt. Oft fahre ich auf der Landſtraße lieber im elendeſten Schritt und höre Einem zu, der neben her⸗ geht und etwas Schönes erzählt; Manchen habe ich ſchon im ſchlechten Wetter auf den Karren genommen, unter der Bedingung, daß er etwas erzähle, und einen Kameraden von mir habe ich, glaube ich, nur deß⸗ wegen ſo lieb, weil er Geſchichten weiß, die ſieben Stunden lang und länger dauern. „So geht es auch mir,“ ſetzte der junge Goldar⸗ beiter hinzu,„erzählen höre ich für mein Leben gerne, und mein Meiſter in Würzburg mußte mir die Bücher ordentlich verbieten, daß ich nicht zu viel Geſchichten las und die Arbeit darüber vernachläſſigte. Drum gib nur etwas Schönes preis, Zirkelſchmied, ich weiß, Du könnteſt erzählen von jetzt an, bis es Tag wird, ehe Dein Vorrath ausginge.“ Der Zirkelſchmied trank, um ſich zu ſeinem Vortrag z8 ſtärken, und hub alsdann alſo an: 10 Die Sage vom Hirſchgulden. In Oberſchwaben ſtehen noch heutzutage die Mauern einer Burg, die einſt die ſtattlichſte der Ge⸗ gend war, Hohenzollern. Sie erhebt ſich auf einem runden ſteilen Berg, und von ihrer ſchroffen Höhe ſieht man weit und frei ins Land. So weit und noch viel weiter, als man dieſe Burg im Land umher ſehen kann, ward das tapfere Geſchlecht der Zollern gefürchtet, und ihren Namen kannte und ehrte man in allen deutſchen Landen. Nun lebte vor mehren hundert Jahren, ich glaube das Schießpulver war kaum erfunden, auf dieſer Feſte ein Zollern, der von Natur ein ſonderbarer Menſch war. Man konnte nicht ſagen, daß er ſeine Unterthanen hart gedrückt oder mit ſeinen Nachbarn in Fehde gelebt hätte, aber dennoch traute ihm Niemand über den Weg ob ſeinem finſteren Auge, ſeiner krauſen Stirne und ſeinem einſilbigen, mürriſchen Weſen. Es gab wenige Leute außer dem Schloßgeſinde, die ihn je hätten ordentlich ſprechen hören, wie andere Menſchen; denn wenn er durch das Thal ritt, Einer ihm begegnete und ſchnell die Mütze abnahm, ſich hinſtellte und ſagte:„Guten Abend, Herr Graf, heute iſt es ſchön Wetter,“ ſo antwortete er:„Dummes Zeug,“ oder „Weiß ſchon.“ Hatte aber Einer etwas nicht recht ge⸗ macht für ihn oder ſeine Roſſe, begegnete ihm ein Bauer im Hohlweg mit dem Karren, daß er auf ſeinem Rappen nicht ſchnell genug voruͤberkommen konnte, ſo entlud ſich ſein Ingrimm in einem Donner von Flüchen; — 11 doch hat man nie gehört, daß er bei ſolchen Gelegen⸗ heiten einen Bauern geſchlagen hätte. In der Gegend aber hieß man ihn„das böſe Wetter von Zollern.“ Das böſe Wetter von Zollern hatte eine Frau, die der Widerpart von ihm und ſo mild und freundlich war wie ein Maitag. Oft hat ſie Leute, die ihr Eheherr durch harte Reden beleidigt hatte, durch freundliche Worte und ihre gütigen Blicke wieder mit ihm ausge⸗ ſöhnt; den Armen aber that ſie Gutes, wo ſie konnte, und ließ es ſich nicht verdrießen, ſogar im heißen Sommer oder im ſchrecklichſten Schneegeſtöber den ſteilen Berg herab zu gehen, um arme Leute oder kranke Kinder zu beſuchen. Begegnete ihr auf ſolchen Wegen der Graf, ſo ſagte er mürriſch:„Weiß ſchon, dummes Zeug,“ und ritt weiter. Manch andere Frau hätte dieſes mürriſche Weſen abgeſchreckt oder eingeſchüchtert; die Eine hätte ge⸗ dacht: was gehen mich die armen Leute an, wenn mein Herr ſie für dummes Zeug hält; die Andere hätte viel⸗ leicht aus Stolz oder Unmuth die Liebe gegen einen ſo mürriſchen Gemahl erkalten laſſen; doch nicht alſo Frau Hedwig von Zollern. Die liebte ihn nach wie vor, ſuchte mit ihrer ſchönen weißen Hand die Falten von ſeiner braunen Stirne zu ſtreichen, und liebte und ehrte ihn. Als aber nach Jahr und Tag der Himmel ein junges Gräflein zum Angebinde beſcheerte, liebte ſie ihren Gatten nicht minder, indem ſie ihrem Söhn⸗ lein dennoch alle Pflichten einer zärtlichen Mutter er⸗ zeigte. Drei Jahre lang vergingen, und der Graf von Zollern ſah ſeinen Sohn nur alle Sonntage nach 12 Tiſche, wo er ihm von der Amme dargereicht wurde. Er blickte ihn dann unverwandt an, brummte etwas in den Bart und gab ihn der Amme zurück. Als jedoch der Kleine Vater ſagen konnte, ſchenkte der Graf der Amme einen Gulden,— dem Kind machte er kein fröh⸗ licheres Geſicht. An ſeinem dritten Geburtstag aber ließ der Graf ſeinem Sohn die erſten Häslein anziehen und kleidete ihn prächtig in Sammt und Seide; dann befahl er, ſeinen Rappen und ein anderes ſchönes Roß vorzufüh⸗ ren, nahm den Kleinen auf den Arm und fing an mit klirrenden Sporen die Wendeltreppe hinabzuſteigen. Frau Hedwig erſtaunte, als ſie dies ſah. Sie war ſonſt gewohnt, nicht zu fragen, wo aus, und wann heim? wenn er ausritt, aber diesmal öffnete die Sorge um ihr Kind ihre Lippen.„Wollet Ihr ausreiten, Herr Graf?“— ſprach ſie, er gab keine Antwort.— „Wozu denn den Kleinen?“ fragte ſie weiter.„Kuno wird mit mir ſpazieren gehen.“ „Weiß ſchon,“ entgegnete das böſe Wetter von Zollern und ging weiter; und als er im Hof ſtand, nahm er den Knaben bei einem Füßlein, hob ihn ſchnell in den Sattel, band ihn mit einem Tuch feſt, ſchwang ſich ſelbſt auf den Rappen, und trabte zum Burgthore hinaus, indem er den Zügel vom Raſſe ſeines Söhnleins in die Hand nahm. Dem Kleinen ſchien es ganfangt großes Vergnügen zu gewähren, mit dem Vater den Berg hinabzureiten. Er klopfte in die Hände, er lachte und ſchüttelte ſein Rößlein an den Mähnen, damit es ſchneller laufen 7 13 ſollte, und der Graf hatte ſeine Freude daran, rief auch einigemal:„Kannſt ein wackerer Burſche werden.“ Als ſie aber in der Ebene angekommen waren, und der Graf ſtatt Schritte Trab anſchlug, da vergingen dem Kleinen die Sinne; er bat anfangs ganz beſchei⸗ den, ſein Vater möchte langſamer reiten, als es aber immer ſchneller ging, und der heftige Wind dem armen Kuno beinahe den Athem nahm, da fing er an, ſtill zu weinen, wurde immer ungeduldiger und ſchrie am Ende aus Leibeskräften. „Weiß ſchon! dummes Zeug!“ fing jetzt ſein Va⸗ ter an.„Heult der Junge beim erſten Ritt; ſchweig oder———* Doch den Augenblick, als er mit einem Fluche ſein Söhnlein aufmuntern wollte, bäumte ſich ſein Roß; der Zügel des andern entfiel ſeiner Hand, er arbeitet ſich ab, Meiſter ſeines Thieres zu werden, und als er es zur Ruhe gebracht hatte und ſich ängſtlich nach ſeinem Kind umſah, erblickte er deſſen Pferd, wie es ledig und ohne den kleinen Reiter der Burg zulief. So ein harter finſterer Mann der Graf von Zollern ſonſt war, ſo überwand doch dieſer Anblick ſein Herz; er glaubte nicht anders, als ſein Kind liege zerſchmet⸗ tert am Weg; er raufte ſich den Bart und jammerte. Aber nirgends, ſo weit er zurückritt, ſah er eine Spur von dem Knaben; ſchon ſtellte er ſich vor, das ſcheuge⸗ wordene Roß habe ihn in einen Waſſergraben geſchleu⸗ dert, der neben dem Wege lag. Da hörte er von einer Kinderſtimme hinter ſich ſeinen Namen rufen, und als er ſich flugs umwandte— ſieh“! da ſaß ein altes Weib 14 unweit der Straße unter einem Baum und wiegte den Kleinen auf ihren Knieen. „Wie kömmſt Du zu dem Knaben, alte Hexe?“ ſchrie der Graf in großem Zorn;„ſogleich bringe ihn heran zu mir.“ „Nicht ſo raſch, nicht ſo raſch, Euer Gnaden!“ lachte die alte, häßliche Frau,„könntet ſonſt auch ein Unglück nehmen auf Eurem ſtolzen Roß! Wie ich zu dem Junkerlein kam, fraget Ihr? Nun, ſein Pferd ging durch, und er hing nur noch mit einem Füßchen angebunden und das Haar ſtreifte faſt am Boden, da habe ich ihn aufgefangen in meiner Schürze.“ 3 „Weiß ſchon!“ rief der Herr von Zollern unmu⸗ thig,„gib ihn jetzt her; ich kann nicht wohl abſteigen, das Roß iſt wild und könnte ihn ſchlagen.“„ „Schenket mir einen Hirſchgulden!“ erwiderte die Frau demüthig bittend. „Dummes Zeug!“ ſchrie der Graf und warf ihr einige Pfennige unter den Baum. „Nein! einen Hirſchgulden könnte ich gut brauchen,“ fuhr ſie fort. „Was Hirſchgulden! biſt ſelbſt keinen Hirſchgulden werth!“ eiferte der Graf.„Schnell das Kind her oder ich hetze die Hunde auf Dich!“ 3 „So? Bin ich keinen Hirſchgulden werth?“ ant⸗ wortete jene mit höhniſchem Lächeln.„Na! man wird ja ſehen, was von Eurem Erbe einen Hirſch⸗ gulden werth iſt; aber da die Pfennige behaltet für Euch.“ Indem ſie dies ſagte, warf ſie die drei kleinen Kupferſtücke dem Grafen zu, und ſo gut konnte die Alte 2— 15 werfen, daß alle drei ganz gerade in den kleinen Leder⸗ beutel fielen, den der Graf noch in der Hand hielt. Der Graf wußte einige Minuten vor Staunen über dieſe wunderbare Geſchicklichkeit kein Wort hervorzu⸗ bringen, endlich löste ſich aber ſein Staunen in Wuth auf. Er faßte ſeine Büchſe, ſpannte den Hahn und zielte dann auf die Alte. Dieſe herzte und küßte ganz ruhig den kleinen Grafen, indem ſie ihn ſo vor ſich hin hielt, daß ihn die Kugel zuerſt hätte treffen müſſen. „Biſt ein guter frommer Junge,“ ſprach ſie,„bleibe nur ſo und es wird Dir nicht fehlen.“ Dann ließ ſie ihn los, dräute dem Grafen mit dem Finger:„Zollern⸗ Zollern, den Hirſchgulden bleibt Ihr mir noch ſchul⸗ dig,“ rief ſie und ſchlich unbekümmert um die Schimpf⸗ worte des Grafen, an einem Buchsbaumſtäbchen in den Wald. Konrad, der Knappe, aber ſtieg zitternd von ſeinem Roß, hob das Herrlein in den Sattel, ſchwang ſich hinter ihn auf und ritt ſeinem Gebieter nach, den Schloßberg hinauf. Es war dies das erſte⸗ und das letztemal geweſen, daß das böſe Wetter von Zollern ſein Söhnlein mit⸗ nahm zum Spazierenreiten; denn er hielt ihn, weil er geweint und geſchrieen, als die Pferde im Trab gingen, für einen weichlichen Jungen, aus dem nicht viel Gutes zu machen ſei, ſah ihn nur mit Unluſt an, und ſo oft der Knabe, der ſeinen Vater herzlich liebte, ſchmeichelnd und freundlich zu ſeinen Knieen kam, winkte er ihm fortzugehen und rief:„Weiß ſchon! Dummes Zeug!“ Frau Hedwig hatte alle böſen Launen ihres Gemahls gerne getragen, aber dieſes unfreundliche Benehmen 16 gegen das unſchuldige Kind kränkte ſie tief: ſie er⸗ krankte mehremal aus Schrecken, wenn der finſtere Graf den Kleinen wegen irgend eines geringen Fehlers hart abgeſtraft hatte, und ſtarb endlich in ihren beſten Jahren, von ihrem Geſinde und der ganzen Umgegend, am ſchmerzlichſten aber von ihrem Sohn beweint. Von jetzt an wandte ſich der Sinn des Grafen nur noch mehr von dem Kleinen ab: er gab ihn ſeiner Amme und dem Hauskaplan zur Erziehung und ſah nicht viel nach ihm um, beſonders da er bald darauf wieder ein reiches Fräulein heirathete, die ihm nach Jahresfriſt Zwillinge, zwei junge Gräflein, ſchenkte. Kuno's liebſter Spaziergang war zu dem alten Weiblein, die ihm einſt das Leben gerettet hatte. Sie erzählte ihm immer Vieles von ſeiner verſtorbenen Mutter, und wie viel Gutes dieſe an ihr gethan habe. Die Knechte und Mägde warnten ihn oft, er ſolle nicht ſo viel zu der Frau Feldheimerin, ſo hieß die Alte, gehen, weil ſie nichts mehr und nichts weniger als eine Hexe ſei; aber der Kleine fürchtete ſich nicht, denn der Schloßkaplan hatte ihn gelehrt, daß es keine Hexen gebe, und daß die Sage, daß gewiſſe Fkauen zaubern können und auf der Ofengabel durch die Luft und auf den Brocken reiten, erlogen ſei. Zwar ſah er bei der Frau Feldheimerin allerlei Dinge, die er nicht begreifen konnte; des Kunſtſtückchens mit den drei Pfennigen, die ſie ſeinem Vater ſo geſchickt in den Beutel gewor⸗ fen, erinnerte er ſich noch ganz wohl, auch konnte ſie allerhand künſtliche Salben und Tränklein bereiten, womit ſie Menſchen und Vieh heilte; aber das war 17 nicht wahr, was man ihr nachſagte, daß ſie eine Wet⸗ terpfanne habe, und wenn ſie dieſe über das Feuer hänge, komme ein ſchreckliches Donnerwetter. Sie lehrte den kleinen Grafen mancherlei, was ihm nützlich war, zum Beiſpiel allerlei Mittel für kranke Pferde, einen Trank gegen die Hundswuth, eine Lockſpeiſe für Fiſche und viele andere nützliche Sachen. Die Frau Feldheimerin war auch bald ſeine einzige Geſellſchaft, denn ſeine Amme ſtarb, und ſeine Stiefmutter kümmerte ſich nicht um ihn. Als ſeine Brüder nach und nach heranwuchſen, hatte Kuno ein noch traurigeres Leben als zuvor; ſie hatten das Glück, beim erſten Ritt nicht vom Pferd zu ſtürzen, und das böſe Wetter von Zollern hielt ſie daher für ganz vernünftige und taugliche Jungen, liebte ſie aus⸗ ſchließlich, ritt alle Tag mit ihnen aus und lehrte ſte Alles, was er ſelbſt verſtand. Da lernten ſie aber nicht viel Gutes; Leſen und Schreiben konnte er ſelbſt nicht, und ſeine beiden trefflichen Söhne ſollten ſich auch nicht die Zeit damit verderben; aber ſchon in ihrem zehnten Jahr konnten ſie ſo gräßlich fluchen als ihr Vater, fingen mit Jedem Händel an, vertrugen ſich unter ſich ſelbſt ſo ſchlecht wie ein Hund und Kater, und nur wenn ſie gegen Kuno einen Streich verüben wollten, verbanden ſie ſich und wurden Freunde. Ihrer Mutter machte dies nicht viel Kummer, denn ſie hielt es für geſund und kräftig, wenn ſich die Jungen balgten: aber dem alten Grafen ſagte es eines Tags ein Diener, und er antwortete zwar:„Weiß ſchon, dummes Zeug;“ nahm ſich aber dennoch vor, für die W. Hauffs Werke. XII. 2 Zukunft auf ein Mittel zu ſinnen, daß ſich ſeine Söͤhne nicht gegenſeitig todtſchlügen; denn die Drohung der Frau Feldheimerin, die er in ſeinem Herzen für eine ausgemachte Hexe hielt:„Na, man wird ja ſehen, was von Eurem Erbe einen Hirſchgulden werth iſt,“— lag ihm noch immer in ſeinem Sinn. Eines Tages, da er in der Umgegend ſeines Schloſſes jagte, fielen ihm zwei Berge ins Auge, die ihrer Form wegen wie zu Schlöſſern geſchaffen ſchienen, und ſogleich beſchloß er auch dort zu bauen. Er baute auf dem einen das Schloß Schalksberg, das er nach dem Kleinern der Zwillinge ſo nannte, weil dieſer wegen allerlei böſer Streiche längſt von ihm den Namen„kleiner Schalk“ erhalten hatte, das andere Schloß, das er baute, wollte er anfänglich Hirſchguldenberg nennen, um die Here zu verhöhnen, weil ſie ſein Erbe nicht einmal eines Hirſchguldens werth achtete, er ließ es aber bei dem einfacheren Hirſchberg bewenden, und ſo heißen die bei⸗ den Berge noch bis auf den heutigen Tag, und wer die Alb bereist, kann ſie ſich zeigen laſſen. Das böſe Wetter von Zollern hatte anfänglich im Sinn, ſeinem älteſten Sohn Zollern, dem kleinen Schalk Schalksberg und dem andern Hirſchberg im Te⸗ ſtament zu vermachen; aber ſeine Frau ruhte nicht eher, bis er es änderte:„Der dumme Kuno,“ ſo nannte ſie den armen Knaben, weil er nicht ſo wild und ausge⸗ laſſen war wie ihre Söhne,„der dumme Kuno iſt ohne dies reich genug durch das, was er von ſeiner Mutter erbte, und er ſoll auch noch das ſchöne, reiche Zollern haben? Und meine Söhne ſollen nichts bekommen, , , 19 als jeder eine Burg, zu welcher nichts gehört, als Wald? Vergebens ſtellte ihr der Graf vor, daß man Kuno billigerweiſe das Erſtgeburtsrecht nicht rauben dürfe, ſie weinte und zankte ſo lange, bis das böſe Wetter, das ſonſt Niemand ſich fügte, des lieben Friedens wil⸗ len nachgab, und im Teſtament dem kleinen Schalk Schalksberg, Wolf, dem größeren Zwillingsbruder, Zollern, und Kuno Hirſchberg mit dem Städtchen Balingen verſchrieb. Bald darauf, nachdem er alſo verfügt hatte, fiel er auch in eine ſchwere Krankheit. Zu dem Arzt, der ihm ſagte, daß er ſterben müſſe, ſagte er:„Ich weiß ſchon;“ und dem Schloßkaplan, der ihn ermahnte, ſich zu einem frommen Ende vorzu⸗ bereiten, antwortete er:„Dummes Zeug,“ fluchte und raste fort, und ſtarb, wie er gelebt hatte, roh und als ein großer Sünder. Aber ſein Leichnam war noch nicht beigeſetzt, ſo kam die Frau Gräfin ſchon mit dem Teſtament herbei, ſagte zu Kuno, ihrem Stiefſohn, ſpöttiſch, er möchte jetzt ſeine Gelehrſamkeit beweiſen und ſelbſt nachleſen, was im Teſtament ſtehe, nämlich, daß er in Zollern nichts mehr zu thun habe, und freute ſich mit ihren Söhnen über das ſchöne Vermögen und die beiden Schlöſſer, die ſie ihm, dem Erſtgeborenen, entriſſen hatten. Kuno fügte ſich ohne Murren in den Willen des Verſtorbenen; aber mit Thränen nahm er Abſchied von der Burg, wo er geboren worden, wo ſeine liebe Mutter begraben lag, und wo der gute Schloßkaplan 20 und nahe dabei ſeine einzige alte Freundin, Frau Feldheimerin, wohnte. Das Schloß Hirſchberg war zwar ein ſchönes, ſtattliches Gebäude, aber es war ihm doch zu einſam und öde, und er wäre bald krank vor Sehnſucht nach Hohenzollern geworden. Die Gräfin und die Zwillingsbrüder, die jetzt acht⸗ zehn Jahre alt waren, ſaßen eines Abends auf dem Söller und ſchauten den Schloßberg hinab; da ge⸗ wahrten ſie einen ſtattlichen Ritter, der zu Pferde heraufritt und dem eine prachtvolle Sänfte, von zwei Maulthieren getragen, und mehre Knechte folgten. Sie riethen lange hin und her, wer es wohl ſein möchte, da rief endlich der kleine Schalk:„Ei, das iſt Niemand anders als unſer Herr Bruder von Hirſch⸗ berg.“— „Der dumme Kuno?“ ſprach die Frau Gräfin verwundert.„Ei, der wird uns die Ehre anthun, uns zu ſich einzuladen, und die ſchöne Sänfte hat er für mich mitgebracht, um mich abzuholen nach Hirſchberg; nein, ſo viel Güte und Lebensart hätte ich meinem Herrn Sohn, dem dummen Kuno, nicht zugetraut; eine Höflichkeit iſt der andern werth, laſſet uns hinab⸗ ſteigen an das Schloßthor, ihn zu empfangen; macht auch freundliche Geſichter, vielleicht ſchenkt er uns in Hirſchberg etwas, Dir ein Pferd, und Dir einen Har⸗ niſch, und den Schmuck ſeiner Mutter hätte ich ſchon lang gerne gehabt.“ „Geſchenkt mag ich nichts von dem dummen Kuno,“ antwortete Wolf,„und ein gutes Geſicht mach' ich ihm auch nicht. Aber unſerem ſeligen Herrn Vater könnte 21 er meinetwegen bald folgen, dann würden wir Hirſch⸗ berg erben und Alles, und Euch, Frau Mutter, woll⸗ ten wir den Schmuck um hilligen Preis ablaſſen.“ „So, Du Range!“ eiferte die Mutter,„abkaufen ſoll ich Euch den Schmuck? Iſt das der Dank dafür, daß ich Euch Zollern verſchafft habe? Kleiner Schalk⸗ nicht wahr, ich ſoll den Schmuck umſonſt haben?“ „Umſonſt iſt der Tod, Frau Mutter!“ erwiderte der Sohn lachend,„und wenn es wahr iſt, daß der Schmuck ſo viel werth iſt, als manches Schloß, ſo werden wir wohl nicht die Thoren ſein, ihn Euch um den Hals zu hängen. Sobald Kuno die Augen ſchließt, reiten wir hinunter, theilen ab, und meinen Part am Schmuck verkaufe ich. Gebt Ihr dann mehr als der Jude, Frau Mutter, ſo ſollt Ihr ihn haben.“ Sie waren unter dieſem Geſpräch bis unter das Schloßthor gekommen, und mit Mühe zwang ſich die Frau Gräfin, ihren Grimm über den Schmuck zu un⸗ terdrücken, denn ſo eben ritt Graf Kuno über die Zugbrücke. Als er ſeine Stiefmutter und ſeine Brüder anſichtig wurde, hielt er ſein Pferd an, ſtieg ab und grüßte ſie höflich. Denn, obgleich ſie ihm viel Leids angethan, bedachte er doch, daß es ſeine Brüder ſeien, und daß dieſe böſe Frau ſein Vater geliebt hatte. 1 „Ei, das iſt ja ſchön, daß der Herr Sohn uns auch beſucht,“ ſagte die Frau Gräfin mit ſüßer Stimme und huldreichem Lächeln.„Wie geht es denn auf Hirſchberg? Kann man ſich dort eingewöhnen? Und gar eine Sänfte hat man ſich angeſchafft? Ei, und 22 wie prächtig, es dürfte ſich keine Kaiſerin daran ſchä⸗ men; nun wird wohl auch die Hausfrau nicht mehr lange fehlen, daß ſie darin im Lande umherreist.“ „Habe bis jetzt noch nicht daran gedacht, gnädige Frau Mutter,“ erwiderte Kuno,„will mir deßwegen andere Geſellſchaft zur Unterhaltung ins Haus nehmen und bin deßwegen mit der Sänfte hieher gereist.“ „Ei, Ihr ſeid gar gütig und beſorgt,“ unterbrach ihn die Dame, indem ſtie ſich verneigte und lächelte. „Denn er kommt doch nicht mehr gut zu Pferde fort,“ ſprach Kuno ganz ruhig weiter,„der Pater Jo⸗ ſeph nämlich, der Schloßkaplan. Ich will ihn zu mir nehmen, er iſt mein alter Lehrer, und wir haben es ſo abgemacht, als ich Zollern verließ. Will auch unten am Berg die alte Frau Feldheimerin mitnehmen. Lieber Gott! ſie iſt jetzt ſteinalt und hat mir einſt das Leben gerettet, als ich zum erſtenmal ausritt mit mei⸗ nem ſeligen Vater; habe ja Zimmer genug in Hirſch⸗ berg, und dort ſoll ſie abſterben.“ Er ſprach es und ging durch den Hof, um den Pater Schloßkaplan zu holen. Aber der Junker Wolf biß vor Grimm die Lippen 1 zuſammen, die Frau Gräfin wurde gelb vor Arger und der kleine Schalk lachte laut auf:„Was gebt Ihr mir für meinen Gaul, den ich von ihm geſchenkt kriege?“ ſagte er;„Bruder Wolf, gib mir Deinen Harniſch, den er Dir gegeben, dafür. Ha! ha! ha! den Pater und die alte Hexe will er zu ſich nehmen? Das iſt ein ſchönes Paar, da kann er nun Vormittags Griechiſch lernen beim Kaplan und Nachmittags Un⸗ 23 terricht im Hexen nehmen bei der Frau Feldheimerin. Eil! was macht doch der dumme Kuno für Streiche.“ „Er iſt ein ganz gemeiner Menſch!“ erwiderte die Frau Gräfin,„und Du ſollteſt nicht darüber lachen, kleiner Schalk; das iſt eine Schande für die ganze Fa⸗ milie, und man muß ſich ja ſchämen vor der ganzen Umgegend, wenn es heißt, der Graf von Zollern hat die alte Hexe, die Feldheimerin, abgeholt in einer prachtvollen Sänfte, und Mauleſel dabei, und läßt ſte bei ſich wohnen. Das hat er von ſeiner Mutter, die war auch immer ſo gemein mit Kranken und ſchlech⸗ tem Geſindel. Ach, ſein Vater würde ſich im Sarg wenden, wüßte er es.“ „Ja,“ ſetzte der kleine Schalk hinzu,„der Vater würde noch in der Gruft ſagen: Weiß ſchon, dummes Zeug!“ „Wahrhaftig! da kommt er mit dem alten Mann und ſchämt ſich nicht, ihn ſelbſt unter dem Arm zu führen,“ rief die Frau Gräfin mit Entſetzen,„kommt, ich will ihm nicht mehr begegnen.“ Sie entfernten ſich, und Kuno geleitete ſeinen alten Lehrer bis an die Brücke und half ihm ſelbſt in die Sänfte; unten aber am Berg hielt er vor der Hütte der Frau Feldheimerin und fand ſie ſchon fertig, mit einem Bündel voll Gläschen und Toͤpfchen und Tränklein und anderem Geräthe nebſt ihrem Buchs⸗ baumſtöcklein einzuſteigen. Es kam übrigens nicht alſo, wie die Frau Gräfin vpon Zollern in ihrem böſen Sinn hatte vorausſehen wollen. In der ganzen Umgegend wunderte man ſich 24 nicht über Ritter Kuno. Man fand es ſchön und löb⸗ lich, daß er die letzten Tage der alten Frau Feldhei⸗ merin aufheitern wollte, man pries ihn als einen frommen Herrn, weil er den Pater Joſeph in ſein Schloß aufgenommen hatte. Die Einzigen, die ihm gram waren und auf ihn ſchmähten, waren ſeine Brü⸗ der und die Gräfin. Aber nur zu ihrem eigenen Scha⸗ den, denn man nahm allgemein ein Argerniß an ſo unnatürlichen Brüdern, und zur Wiedervergeltung ging die Sage, daß ſie mit ihrer Mutter ſchlecht und in beſtändigem Hader leben und unter ſich ſelbſt ſich alles Mögliche zu Leide thun. Graf Kuno von Zollern⸗ Hirſchberg machte mehre Verſuche, ſeine Brüder mit ſich auszuſöhnen; denn es war ihm unerträglich, wenn ſie oft an ſeiner Veſte vorbeiritten, aber nie einſpra⸗ chen, wenn ſie ihm in Wald und Feld begegneten und ihn kälter begrüßten als einen Landfremden. Aber ſeine Verſuche ſchlugen fehl, und er wurde noch überdies von ihnen verhöhnt. Eines Tages fiel ihm noch ein Mittel ein, wie er vielleicht ihre Herzen gewinnen könnte, denn er wußte, ſie waren geizig und habgierig. „Es lag ein Teich zwiſchen den drei Schlöſſern beinahe in der Mitte, jedoch ſo, daß er noch in Kuno's Revier gehörte. In dieſem Teich befanden ſich aber die beſten Hechte und Karpfen der ganzen Umgegend, und es war für die Brüder, die gerne fiſchten, ein nicht ge⸗ ringer Verdruß, daß ihr Vater vergeſſen hatte, den Teich auf ihr Theil zu ſchreiben. Sie waren zu ſtolz, um ohne Vorwiſſen ihres Bruders dort zu fiſchen, und doch mochten ſie ihm auch kein gutes Wort geben, daß 25 er es ihnen erlauben möchte. Nun kannte er aber ſeine Brüder, daß ihnen der Teich am Herzen liege, er lud ſie daher eines Tages ein, mit ihm dort zuſam⸗ men zu kommen. Es war ein ſchöner Frühlingsmorgen, als beinahe in demſelben Augenblick die drei Brüder von den drei Burgen dort zuſammen kamen.„Eil ſieh da,“ rief der kleine Schalk,„das trifft ſich ordentlich! ich bin mit Schlag ſieben Uhr von Schalksberg weggeritten.“ „Ich auch“—„und ich“ antworteten die Brüder vom Hirſchberg und vom Zollern. „Nun da muß der Teich hier gerade in der Mitte liegen,“ fuhr der Kleine fort.„Es iſt ein ſchönes Waſſer.“ „Ja, und eben darum habe ich Euch hieher be⸗ ſchieden. Ich weiß, Ihr ſeid Beide große Freunde vom Fiſchen, und ob ich gleich auch zuweilen gerne die Angel auswerfe, ſo hat doch der Weiher Fiſche genug für drei Schlöſſer, und an ſeinen Ufern iſt Platz genug für unſrer Drei, ſelbſt wenn wir Alle auf einmal zu angeln kämen. Darum will ich von heute an, daß dieſes Waſſer Gemeingut für uns ſei, und Jeder von Euch ſoll gleiche Rechte daran haben wie ich.“ 1 „Ei, der Herr Bruder iſt ja gewaltig gnädig ge⸗ ſinnt,“ ſprach der kleine Schalk mit höhniſchem Lä⸗ cheln,„gibt uns wahrhaftig ſechs Morgen Waſſer und ein paar hundert Fiſchlein! Nu— und was werden wir dagegen geben müſſen? Denn umſonſt iſt der Tod!“ „Umſonſt ſollt Ihr ihn haben,“ ſagte Kuno;„ach! ——— 26 ich möchte Guch ja nur zuweilen an dieſem Teich ſehen und ſprechen. Sind wir doch eines Vaters Söhne.“ „Nein!“ erwiderte der vom Schalksberg,„das ginge ſchon nicht, denn es iſt nichts Einfältigeres als in Geſellſchaft zu fiſchen, es verjagt immer Einer dem Andern die Fiſche. Wollen wir aber Tage ausmachen, etwa Montag und Donnerſtag Du Kuno, Dienſtag und Freitag Wolf Mittwoch und Sonnabend ich— ſo iſt es mir ganz recht.“ „Mir nicht einmal dann,“ rief der finſtre Wolf. „Geſchenkt will ich nichts haben und will auch mit Niemand theilen. Du haſt Recht, Kuno, daß Du uns den Weiher anbieteſt, denn wir haben eigentlich alle Drei gleichen Antheil daran, aber laſſet uns darum würfeln, wer ihn in Zukunft beſitzen ſoll; werde ich glücklicher ſein als Ihr, ſo könnt Ihr immer bei mir anfragen, ob Ihr fiſchen dürfet.“ „Ich würfle nie,“ entgegnete Kuno, traurig über die Verſtocktheit ſeiner Brüder. „Ja freilich,“ lachte der kleine Schalk,„er iſt ja gar fromm und gottesfürchtig, der Herr Bruder, und hält das Würfelſpiel für eine Todſünde. Aber ich will Euch was anders vorſchlagen, woran ſich der frömmſte Klausner nicht ſchämen dürfte. Wir wollen uns Angelſchnüre und Haken holen, und wer dieſen Mor⸗ gen, bis die Glocke in Zollern zwölf Uhr ſchlägt, die meiſten Fiſche angelt, ſoll den Weiher eigen haben.“* „Ich bin eigentlich ein Thor,“ ſagte Kuno,„um das noch zu kämpfen, was mir mit Recht als Erbe zugehört. Aber damit Ihr ſehet, daß es mir mit 27 der Theilung Ernſt war, will ich mein Fiſchgeräthe holen.“ Sie ritten heim, Jeder nach ſeinem Schloß. Die Zwillinge ſchickten in aller Eile ihre Diener aus, ließen alle alten Steine aufheben, um Würmer zur Lockſpeiſe für die Fiſche im Teich zu finden, Kuno aber nahm ſein gewöhnliches Angelzeug und die Speiſe, die ihn einſt Frau Feldheimerin zubereiten gelehrt, und war der Erſte, der wieder auf dem Platz erſchien. Er ließ, als die beiden Zwillinge kamen, dieſe die beſten und bequemſten Stellen auswählen, und warf dann ſelbſt ſeine Angel aus. Da war es, als ob die Fiſche in ihm den Herrn dieſes Teiches erkannt hätten. Ganze Züge von Karpfen und Hechten zogen heran und wimmelten um ſeine Angeln. Die älteſten und größten drängten die kleinen weg, jeden Augenblick zog er einen heraus, und wenn er die Angeln wieder ins Waſſer warf, ſperr⸗ ten ſchon zwanzig, dreißig die Mäuler auf, um an den ſpitzigen Haken anzubeißen. Es hatte noch nicht zwei Stunden gedauert, ſo lag der Boden um ihn her voll der ſchönſten Fiſche. Da hörte er auf zu fiſchen und ging zu ſeinen Brüdern, um zu ſehen, was für Geſchäfte ſie machten. Der kleine Schalk hatte einen kleinen Karpfen und zwei elende Weißfiſche; Wolf drei Barben und zwei kleine Gründlinge, und Beide ſchauten trübſelig in den Teich, denn ſie konnten die ungeheure Menge, die Kuno gefangen, gar wohl von ihrem Platz aus bemerken. Als Kuno an ſeinen Bruder Wolf herankam, ſprang dieſer halbwüthend auf, zerriß die Angelſchnur, brach die Ruthe in Stücke 28 und warf ſie in den Teich.„Ich wollte, es wären tauſend Haken, die ich hineinwerfe, ſtatt dem einen, und an jedem müßte eine von dieſen Creaturen zap⸗ peln,“ rief er;„aber mit rechten Dingen geht es nimmer zu, es iſt Zauberſpiel und Hexenwerk, wie ſollteſt Du denn, dummer Kuno, mehr Fiſche fangen in einer Stunde, als ich in einem Jahr?“ „Ja, ja, jetzt erinnere ich mich,“ fuhr der kleine Schalk fort,„bei der Frau Feldheimerin, bei der ſchnö⸗ den Hexe hat er das Fiſchen gelernt, und wir waren Thoren, mit ihm zu fiſchen; er wird doch bald Seren. meiſter werden.“ „Ihr ſchlechten Menſchen!“ entgegnete Runo un⸗ muthig.„Dieſen Morgen habe ich hinlänglich Zeit gehabt, Euren Geiz, Eure Unverſchämtheit und Eure Rohheit einzuſehen. Gehet jetzt und kommt nie wieder hieher, und glaubt mir, es wäre für Eure Seelen beſſer, wenn Ihr nur halb ſo fromm und gut wäret als jene Frau, die Ihr eine Hexe ſcheltet.“ „Nein, eine eigentliche Hexe iſt ſie nicht!“ ſagte der Schalk ſpöttiſch lachend.„Solche Weiber können wahrſagen, aber Frau Feldheimerin iſt ſo wenig eine Wahrſagerin, als eine Gans ein Schwan werden kann. Hat ſie doch dem Vater geſagt, von ſeinem Erbe werde man einen guten Theil um einen Hirſchgulden kaufen können, das heißt, er werde ganz verlumpen, und doch hat bei ſeinem Tod Alles ihm gehört, ſo weit man voon der Zinne von Zollern ſehen kann! Geh, geh, Frau Feldheimerin iſt nichts als ein thörichtes altes Weib und Du der dumme Kuno.“ 29 Nach dieſen Worten entfernte ſich der Kleine eilig, denn er fürchtete den ſtarken Arm ſeines Bruders, und Wolf folgte ihm, indem er alle Flüche herſagte, die er von ſeinem Vater gelernt hatte. In tiefſter Seele betrübt ging Kuno nach Hauſe, denn er ſah jetzt deutlich, daß ſeine Brüder nie mehr mit ihm ſich vertragen wollten. Er nahm ſich auch ihre harten Worte ſo ſehr zu Herzen, daß er des andern Tages ſehr krank wurde, und nur der Troſt des wür⸗ digen Pater Joſeph und die kräftigen Tränklein der Frau Feldheimerin retteten ihn vom Tode. Als aber ſeine Brüder erfuhren, daß ihr Bruder Kuno ſchwer darnieder liege, hielten ſie ein fröhliches Banket, und im Weinmuth ſagten ſie ſich zu, wenn der dumme Kuno ſterbe, ſo ſolle der, welcher es zuerſt erfahre, alle Kanonen löſen, um es dem Andern anzu⸗ zeigen, und wer zuerſt ſchieße, ſolle das beſte Faß Wein aus Kuno's Keller vorweg nehmen dürfen. Wolf ließ nun von da an immer einen Diener in der Nähe von Hirſchberg Wache halten, und der kleine Schalk beſtach ſogar einen Diener Kuno's mit vielem Geld, damit er es ihm ſchnell anzeige, wenn ſein Herr in den letzten Zügen liege. Dieſer Knecht aber war ſeinem milden und from⸗ men Herrn mehr zugethan als dem böſen Grafen von Schalksberg. Er fragte alſo eines Abends Frau Feld⸗ heimerin theilnehmend nach dem Befinden ſeines Herrn, und als dieſe ſagte, daß es ganz gut mit ihm ſtehe, erzählte er ihr den Anſchlag der beiden Brüder, und daß ſie Freudenſchüſſe thun wollten auf des Grafen 30 Kunv's Tod. Darüber ergrimmte die Alte ſehr. Sie erzählte es flugs wieder dem Grafen, und als dieſer an eine ſo große Liebloſigkeit ſeiner Brüder nicht glauben wollte, ſo rieth ſie ihm, er ſolle die Probe machen und ausſprengen laſſen, er ſei todt, ſo werde man bald hören, ob ſie kanoniren, ob nicht. Der Graf ließ den Diener, den ſein Bruder beſtochen, vor ſich kommen, befragte ihn nochmals und befahl ihm nach Schalksberg zu reiten und ſein nahes Ende zu verkünden. Als nun der Knecht eilends den Hirſchberg herab⸗ ritt, ſah ihn der Diener des Grafen Wolf von Zollern, hielt ihn an und fragte, wohin er ſo eilends zu reiten Willens ſei.„Ach,“ ſagte dieſer,„mein armer Herr wird dieſen Abend nicht überleben, ſie haben ihn Alle aufgegeben.“ 3 „So? iſt's um dieſe Zeit?“ rief Jener, lief nach ſeinem Pferd, ſchwang ſich auf und jagte ſo eilends nach Zollern und den Schloßberg hinan, daß ſein Pferd am Thore niederfiel und er ſelbſt nur noch„Graf Kuno ſtirbt!“ rufen konnte, ehe er ohnmächtig wurde. Da donnerten die Kanonen von Hohenzollern herab, Graf Wolf freute ſich mit ſeiner Mutter über das gute Faß Wein und das Erbe, den Teich, über den Schmuck und den ſtarken Wiederhall, den ſeine Kanonen gaben. Aber was er für Wiederhall gehalten, waren die Ka⸗ nonen von Schalksberg, und Wolf ſagte lächelnd zu ſeiner Mutter:„So hat der Kleine auch einen Spion gehabt, und wir müſſen auch den Wein gleich theilen wie das übrige Erbe.“ Dann aber ſaß er zu Pferd, denn er argwohnte, der kleine Schalk moͤchte ihm zu⸗ 31 vorkommen und vielleicht einige Koſtbarkeiten des Verſtorbenen wegnehmen, ehe er käme. Aber am Fiſchteich begegneten ſich die beiden Brü⸗ der, und Jeder erröthete vor dem Andern, weil beide zuerſt nach Hirſchberg hatten kommen wollen. Von Kuno ſprachen ſie kein Wort, als ſie zuſammen ihren Weg fortſetzten, ſondern ſie beratheten ſich brüderlich, wie man es in Zukunft halten wolle, und wem Hirſch⸗ berg gehören ſolle. Wie ſie aber über die Zugbrücke und in den Schloßhof ritten, da ſchaute ihr Bruder wohlbehalten und geſund zum Fenſter heraus; aber Zorn und Unmuth ſprühten aus ſeinen Blicken. Die Brüder erſchraken ſehr, als ſie ihn ſahen, hielten ihn anfänglich für ein Geſpenſt und bekreuzten ſich; als ſie aber ſahen, daß er noch Fleiſch und Blut habe, rief Wolf:„Ei, ſo wollt ich doch! Dummes Zeug, ich glaubte, Du wäreſt geſtorben.“ „Nun, aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben,“ ſagte der Kleine, der mit giftigen Blicken nach ſeinem Bru⸗ der hinauf ſchaute. Dieſer aber ſprach mit donnernder Stimme:„Von dieſer Stunde an ſind alle Bande der Verwandtſchaft zwiſchen uns los und ledig. Ich habe Eure Freuden⸗ ſchüſſe wohl vernommen; aber ſehet zu, auch ich habe fünf Feldſchlangen hier auf dem Hof ſtehen, und habe ſie Euch zu Ehren, ſcharf laden laſſen. Machet, daß Ihr aus dem Bereich meiner Kugeln kommt, oder Ihr ſollt erfahren, wie man auf Hirſchberg ſchießt.“ Sie ließen es ſich nicht zweimal ſagen, denn ſie ſahen ihm an, wie ernſt es ihm war; ſie gaben alſo ihren Pfer⸗ 32. den die Sporen und hielten einen Wettlauf den Berg hinunter, und ihr Bruder ſchoß eine Stückkugel hin⸗ ter ihnen her, die über ihren Köpfen wegſauste, daß ſie Beide zugleich eine tiefe und höfliche Verbeugung machten; er wollte ſie aber nur ſchrecken und nicht ver⸗ wunden.„Warum haſt Du denn geſchoſſen?“ fragte der kleine Schalk unmuthig.„Du Thor, ich ſchoß nur, weil ich Dich hörte.“ „Im Gegentheil, frag' nur die Mutter!“ erwi⸗ derte Wolf.„Du warſt es, der zuerſt ſchoß, und Du haſt dieſe Schande über uns gebracht, kleiner Dachs.“ 3 Der Kleine blieb ihm keinen Ehrentitel ſchuldig, und als ſie am Fiſchteich angekommen waren, gaben ſie ſich gegenſeitig noch die vom alten Wetter von Zollern geerbten Flüche zum Beſten und trennten ſich in Haß und Unluſt. Tags darauf aber machte Krn⸗ ſein Teſtament, und Frau Feldheimerin ſagte zum Pater:„Ich wollte was wetten, er hat keinen guten Brief für die Schützen ge⸗ ſchrieben.“ Aber ſo neugierig ſie war, und ſo oft ſi ſie in ihren Liebling drang, er ſagte ihr nicht, was im Teſtament ſtehe, und ſie erfuhr es auch nimmer, denn ein Jahr nachher verſchied die gute Frau, und ihre Salben und Tränklein halfen ihr nichts; denn ſie ſtarb an keiner Krankheit, ſondern am achtundneunzigſten Jahr, das auch einen ganz geſunden Menſchen endlich unter den Boden bringen kann. Graf Kuno ließ ſie beſtatten, als ob ſie nicht eine arme Frau, ſondern ſeine Mutter gewe⸗ ſen wäre, und es kam ihm nachher noch viel einſamer 38 vor auf ſeinem Schloß, beſonders da der Pater Joſeph der Frau Feldheimerin bald folgte. 3 Doch dieſe Einſamkeit fühlte er nicht ſehr lange; der gute Kuno ſtarb ſchon in ſeinem achtundzwanzigſten Jahr, und böſe Leute behaupten an Gift, das ihm der kleine Schalk beigebracht habe. Wie dem aber auch ſei, einige Stunden nach ſeinem Tod vernahm man wieder den Donner der Kanonen, und in Zollern und in Schalksberg that man fünfund⸗ zwanzig Schüſſe.„Diesmal hat er doch daran glau⸗ ben müſſen,“ ſagte der Schalk als ſie unterwegs zu⸗ mentrafen. „Ja,“ antwortete Wolf,„und wenn er noch ein⸗ mal auferſteht und zum Fenſter herausſchimpft, wie da⸗ mals, ſo hab' ich eine Büchſe bei mir, die ihn höflich und ſtumm machen ſoll.“ Als ſie den Schloßberg hinanritten, geſellte ſich ein Reiter mit Gefolge zu ihnen, den ſie nicht kannten. Sie glaubten, er ſei vielleicht ein Freund ihres Bruders, und komme, um ihn beiſetzen zu helfen. Daher geber⸗ deten ſie ſich kläglich, prieſen vor ihm den Verſtorbenen, beklagten ſein frühes Hinſcheiden, und der kleine Schalk preßte ſich ſogar einige Krokodilsthränen aus. Der Ritter antwortete ihnen aber nicht, ſondern ritt ſtill und ſtumm an ihrer Seite den Hirſchberg hinauf.„So, jetzt wollen wir es uns bequem machen, und Wein her⸗ bei, Kellermeiſter, vom Beſten!“ rief Wolf, als er ab⸗ ſtieg. Sie gingen die Wendeltreppen hinauf und in den Saal, auch dahin folgte ihnen der ſtumme Reiter, und als ſich die Zwillinge ganz hreit an den 1 geſetzt W. Hauffs Werke. Xll. haben, ritt er hinüber zum Schalk auf der Schalksburg: 34 hatten, zog jener ein Silberſtück aus dem Wamms, warf es auf den Schiefertiſch, daß es umherrollte und klingelte, und ſprach:„So, und da habt Ihr jetzt Euer Erbe, und es wird juſt recht ſein, ein Hirſchgulden.“ Da ſahen ſich die beiden Brüder verwundert an, lachten und fragten ihn, was er damit ſagen wolle. Der Ritter aber zog ein Pergament hervor, mit hinlänglichen Siegeln, darin hatte der dumme Kuno alle Feindſeligkeiten aufgezeichnet, die ihm die Brüder bei ſeinen Lebzeiten bewieſen, und am Ende hatte er ver⸗ ordnet und bekannt, daß ſein ganzes Erbe, Hab und Gut, außer dem Schmuck ſeiner ſeligen Frau Mutter, auf den Fall ſeines Todes an Würtemberg verkauft ſei, und zwar— um einen elenden Hirſchgul⸗ den! Um den Schmuck aber ſolle man in der Stadt Balingen ein Armenhaus erbauen.„ Da erſtaunten nun die Brüder abermals, lachten aber nicht dazu, ſondern biſſen die Zähne zuſammen, denn ſie konnten gegen Würtemberg nichts ausrichten, und ſo hatten ſie das ſchöne Gut, Wald, Feld, die Stadt Balingen und ſelbſt— den Fiſchteich verloren, und nichts geerbt, als einen ſchlechten Hirſchgulden. Den ſteckte Wolf trotzig in ſein Wamms, ſagte nicht ja und nicht nein, warf ſein Barett auf den Kopf, und ging trotzig und ohne Gruß an dem würtembergiſchen Com⸗ miſſär vorbei, ſchwang ſich auf ſein Roß und ritt nach Zollern. 3 Als ihn aber am andern Morgen ſeine Mutter mit Vorwürfen plagte, daß ſie Gut und Schmuck verſcherzt 3⁵ „Wollen wir unſer Erbe verſpielen oder vertrinken?“ fragte er ihn. „Vertrinken iſt beſſer,“ ſagte der Schalk,„dann haben wir Beide gewonnen. Wir wollen nach Balingen reiten und uns den Leuten zum Trotz dort ſehen laſſen, wenn wir auch gleich das Städtlein ſchmählich ver⸗ loren. „Und im Lamm ſchenkt man Rothen, der Kaiſer trinkt ihn nicht beſſer,“ ſetzte Wolf hinzu. So ritten ſie miteinander nach Balingen ins Lamm und fragten, was die Maas vom Rothen koſte, und tranken ſich zu, bis der Gulden voll war. Dann ſtand Wolf auf, zog das Siberſtück mit dem ſpringenden Hirſch aus dem Wamms, warf es auf den Tiſch und ſprach:„Da habt Ihr Euren Gulden, ſo wirds richtig ſein.“*— Der Wirth aber nahm den Gulden, beſah ihn links, beſah ihn rechts, und ſagte lächelnd:„ Ja, wenn es kein Hirſchgulden wär', aber geſtern Nacht kam der Bote von Stuttgart, und heute früh hat man es aus⸗ getrommelt im Namen des Grafen von Würtemberg⸗ dem jetzt das Städtlein eigen; die ſind abgeſchätzt, und gebt mir nur anderes Geld.“ Da ſahen ſich die beiden Brüder erbleichend an. „Zahl' aus,“ ſagte der Eine;„haſt Du keine Münze?“ ſagte der Andere, und kurz, ſie mußten den Gulden ſchuldig bleiben im Lamm in Balingen. Sie zogen ſchweigend und nachdenkend ihren Weg; als ſie aber an den Kreuzweg kamen, wo es rechts nach Zollern und links nach Schalksberg ging, da ſagte der Schalk: „Wie nun? Jetzt haben wir ſogar weniger geerbt als gar Nichts, und der Wein war überdies ſchlecht.“ „Ja wohl,“ erwiderte ſein Bruder.„Aber was die Feldheimerin ſagte, iſt doch eingetroffen: Seht zu, wieviel von ſeinem Erbe übrig bleiben wird, um einen Hirſchgulden! Jetzt haben wir nicht einmal ein Maas Wein dafür kaufen können.“ „Weiß ſchon!“ antwortete der von der Schalks⸗ burg. „Dummes Zeug!“ ſagte der Zollern, und ritt zer⸗ fallen mit ſich und der Welt ſeinem Schloß zu. „Das iſt die Sage von dem Hirſchgulden,“ endete der Zirkelſchmied,„und wahr ſoll ſie ſein. Der Wirth in Dürrwangen, das nicht weit von den drei Schlöſſern liegt, hat ſie meinem guten Freund erzählt, der oft als Wegweiſer über die ſchwäbiſche Alb ging und immer in Dürrwangen einkehrte.“ Die Gäſte gaben dem Zirkelſchmied Beifall.„Was man doch nicht Alles hört in der Welt,“ rief der Fuhr⸗ mann.„Wahrhaftig, jetzt erſt freut es mich, daß wir die Zeit nicht mit Kartenſpielen verderbten, ſo iſt es wahrlich beſſer, und gemerkt habe ich mir die Geſchichte, daß ich ſie morgen meinen Kameraden erzählen kann, ohne ein Wort zu fehlen.“ „Mir fiel da, während Ihr ſo erzähltet, etwas ein,“ ſagte der Student. „»O erzählet, erzählet!“ baten der Zirkelſchmied und 37 „Gut,“ antwortete Jener;„ob die Reihe jetzt an mich kömmt oder ſpäter, iſt gleichviel; ich muß ja doch heimgeben, was ich gehört. Das, was ich erzählen will, ſoll ſich wirklich einmal begeben haben.“ Er ſetzte ſich zurecht und wollte eben anfangen zu erzählen, als die Wirthin den Spinnrocken bei Seite ſetzte und zu den Gäſten an den Tiſch trat.„Jetzt, Ihr Herren, iſt es Zeit zu Bette zu gehen,“ ſagte ſie.„Es hat neun Uhr geſchlagen, und morgen iſt auch ein Tag.“ „Ei, ſo gehe zu Bette;“ rief der Student,„ſetze noch eine Flaſche Wein für uns hierher und dann wol⸗ len wir Dich nicht länger abhalten.“ „Mit nichten,“ entgegnete ſie grämlich,„ſo lange noch Gäſte in der Wirthsſtube ſitzen, kann Wirthin und Dienſtboten nicht weggehen. Und kurz und gut, Ihr Herren, machet, daß Ihr auf Eure Kammern kommet, mir wird die Zeit lange, und länger als neun Uhr darf in meinem Hauſe nicht gezecht werden. „Was fällt Euch ein, Frau Wirthin?“ ſprach der Zirkelſchmied ſtaunend.„Was ſchadet es denn Euch, ob wir hier ſitzen, wenn Ihr auch längſt ſchlafet? Wir ſind rechtliche Leute und werden Euch nichts hinwegtra⸗ gen, noch ohne Bezahlung fortgehen. Aber ſo laſſe ich mir in keinem Wirthshaus ausbieten.“ Die Frau rollte zornig die Augen:„Meint Ihr, ich werde wegen jedem Lumpen von Handwerksburſchen, wegen jedem Straßenläufer, der mir zwölf Kreuzer zu verdienen gibt, meine Hausordnung ändern? Ich ſag' Euch jetzt zum letztenmal, daß ich den Unfug nicht leide!“ 38 Noch einmal wollte der Zirkelſchmied etwas entgeg⸗ nen, aber der Student ſah ihn bedeutend an und winkte mit den Augen den übrigen.„Gut,“ ſprach er,„wenn es denn die Frau Wirthin nicht haben will, ſo laßt uns auf unſere Kammern gehen. Aber Lichter möchten wir gerne haben, um den Weg zu finden. „Damit kann ich nicht dienen;“ entgegnete ſie fin⸗ ſter,„die Andern werden ſchon den Weg im Dunkeln finden, und für Euch iſt dies Stümpchen hier hinläng⸗ lich; mehr habe ich nicht im Hauſe. Schweigend nahm der junge Herr das Licht und ſtand auf. Die Andern folgten ihm, und die Hand⸗ werksburſche nahmen ihre Bündel, um ſie in der Kam⸗ mer bei ſich niederzulegen. Sie gingen dem Studenten nach, der ihnen die Treppe hinan leuchtete. Als ſie oben angekommen waren, bat ſie der Stu⸗ dent, leiſe aufzutreten, ſchloß ſein Zimmer auf und winkte ihnen herein.„Jetzt iſt kein Zweifel mehr,“ ſagte er,„ſie will uns verrathen! habt Ihr nicht bemerkt, wie ängſtlich ſie uns zu Bette zu bringen ſuchte, wie ſie uns alle Mittel abſchnitt, wach und beiſammen zu bleiben? Sie meint wahrſcheinlich, wir werden uns jetzt niederlegen, und dann werde ſie um ſo leichteres Spiel haben.“ „Aber meint Ihr nicht, wir könnten noch entkom⸗ men?“ fragte Felix.„Im Wald kann man doch eher auf Rettung denken, als hier im Zimmer.“ „Die Fenſter ſind auch hier vergittert,“ rief der Student, indem er vergebens verſuchte, einen der Ei⸗ ſenſtähe des Gitters los zu machen.„Uns bleibt nur ein Ausweg, wenn wir entweichen wollen, durch die Hausthüre; aber ich glaube nicht, daß ſie uns fort⸗ laſſen werden.“ „Es käme auf den Verſuch an,“ ſprach der Fuhr⸗ mann;„ich will einmal probiren, ob ich bis in den Hof kommin kann. Iſt dies möglich, ſo kehre ich zurück und hole Euch nach.“ Die übrigen billigten dieſen Vor⸗ ſchlag, der Fuhrmann legte die Schuhe ab und ſchlich ſich auf den Jehen nach der Treppe; ängſtlich lauſchten ſeine Genoſſer oben im Zimmer, ſchon war er die eine Hälfte der Trippe glücklich und unbemerkt hinabgeſtie⸗ gen; aber als er ſich dort um einen Pfeiler wandte, richtete ſich plozlich eine ungeheure Dogge vor ihm in die Höhe, legte ihre Tatzen auf ſeine Schultern und wies ihm, gerade ſeinem Geſicht gegenüber, zwei Reihen langer, ſcharfer Zihne. Er wagte weder vor noch rück⸗ wärts auszuweichen; denn bei der geringſten Bewegung ſchnappte der entſetliche Hund nach ſeiner Kehle. Zu⸗ gleich fing er an zu leulen und zu bellen, und alſobald erſchien der Hauskneht und die Frau mit Lichtern. „Wohin? was wuͤllt Ihr?“ rief die Frau. „Ich habe noch etuas in meinem Karren zu holen,“ antwortete der Fuhrman am ganzen Leibe zitternd; denn als die Thüre außegangen war, hatte er mehre braune, verdächtige Geſchter, Männer mit Büchſen in der Hand, im Zimmerbemerkt. „Das hättet Ihr alle auch vorher abmachen koͤn⸗ nen,“ ſagte die Wirthin gürriſch.„Faſſan, daher! ſchließ die Hofthüre zu, Jahb, und leuchte dem Mann an ſeinen Karren.“ Der Jund zog ſeine gräuliche — 40 Schnauze und ſeine Tatzen von der Schulter des Fuhr⸗ manns zurück und lagerte ſich wieder quer über die Treppe, der Hausknecht aber hatte das Hofthor zuge⸗ ſchloſſen und leuchtete dem Fuhrmann. An ein Ent⸗ kommen war nicht zu denken. Aber als er nachſann, was er denn eigentlich aus dem Karren holen ſollte, ſiel ihm ein Pfund Wachslichter ein, die er in die nächſte Stadt überbringen ſollte;„das Stümpchen Licht oben kann kaum noch eine Viertelſtunde dauern,“ ſagte er zu ſich;„und Licht müſſen wir dennoch haben!“ Er nahm alſo zwei Wachskerzen aus dem Wagen, verbarg ſie in die Armel und holte dann zum Schein ſeinen Mantel aus dem Karren, womit er ſch, wie er dem Hausknecht ſagte, heute Nacht bedeckm wolle. Glücklich kam er wieder auf dem Zimmer an. Er erzählte von dem großen Hund, der als Wache an der Treppe liege, von den Männern, dieer flüchtig geſehen, von allen Anſtalten, die man gemaht, um ſich ihrer zu verſichern, und ſchloß dſamit, daf er ſeufzend ſagte: „Wir werden dieſe Nacht nicht ülerleben.“ „Das glaube ich nicht,“ erviderte der Student; „für ſo thöricht kann ich dieſe Kute nicht halten, daß ſie wegen des geringen Vorthils, den ſie von uns hätten, vier Menſchen ans Lelen gehen ſollten. Aber vertheidigen dürfen wir uns aicht. Ich für meinen Tgheil werde wohl am meiſtn verlieren; mein Pferd iſt ſchon in ihren Händen, s koſtete mich fünfzig Du⸗ katen noch vor vier Wochen meine Börſe, meine Klei⸗ der gebe ich willig hin; eun mein Leben iſt mir am Ende doch lieber als alles dies.“ 41 „Ihr habt gut reden,“ erwiderte der Fuhrmann; „ſolche Sachen, wie Ihr ſie verlieren könnt, erſetzt Ihr Euch leicht wieder; aber ich bin der Bote von Aſchaffen⸗ burg und habe allerlei Güter auf meinem Karren und im Stall zwei ſchöne Roſſe, meinen einzigen Reichthum.“ „Ich kann unmöglich glauben, daß ſie Euch etwas zu Leid thun werden,“ bemerkte der Goldſchmied;„einen Boten zu berauben, würde ſchon viel Geſchrei und Lärmen ins Land machen. Aber dafür bin ich auch, was der Herr dort ſagt; lieber will ich gleich alles herge⸗ ben, was ich habe, und mit einem Eid verſprechen, nichts zu ſagen, ja niemals zu klagen, als mich gegen Leute, die Büchſen und Piſtolen haben, um meine ge⸗ ringe Habe wehren. Der Fuhrmann hatte während dieſer Reden ſeine Wachskerzen hervorgezogen. Er klebte ſie auf den Tiſch und zündete ſie an.„So laßt uns in Gottes Namen erwarten, was über uns kommen wird,“ ſprach er; „wir wollen uns wieder zuſammen niederſetzen und durch Sprechen den Schlaf abhalten.“ „Das wollen wir,“ antwortete der Student;„und weil vorhin die Reihe an mir ſtehen geblieben war, will ich Euch etwas erzählen.“ Das kalte Herz. Erſte Abtheilung. Wer durch Schwaben reist, der ſollte nie vergeſſen, auch ein wenig in den Schwarzwald hineinzuſchauen; nicht der Bäume wegen, obgleich man nicht überall ’1 5 ¹ 5 4 42 ſolch unermeßliche Menge herrlich aufgeſchoſſener Tan⸗ nen findet, ſondern wegen der Leute, die ſich von den andern Menſchen rings umher merkwürdig unterſchei⸗ den. Sie ſind größer als gewöhnliche Menſchen, breit⸗ ſchultrig, von ſtarken Gliedern, und es iſt, als ob der ſtärkende Duft, der Morgens durch die Tannen ſtrömt, ihnen von Jugend auf einen freieren Athem, ein kla⸗ reres Auge und einen feſteren, wenn auch rauheren Muth, als den Bewohnern der Stromthäler und Ebenen gegeben hätte. Und nicht nur durch Haltung und Wuchs, auch durch ihre Sitten und Trachten, ſon⸗ dern ſie ſich von den Leuten, die außerhalb des Waldes wohnen, ſtreng ab. Am ſchönſten kleiden ſich die Be⸗ wohner des badenſchen Schwarzwaldes; die Männer laſſen den Bart wachſen, wie er von Natur dem Mann ums Kinn gegeben iſt, ihre ſchwarzen Wämmſer, ihre ungeheuren, enggefalteten Pluderhoſen, ihre rothen Strümpfe und die ſpitzen Hüte, von einer weiten Scheibe umgeben, verleihen ihnen etwas Fremdartiges, aber etwas Ernſtes, Ehrwürdiges. Dort beſchäftigen ſich die Leute gewöhnlich mit Glasmachen; auch ver⸗ fertigen ſie Uhren und tragen ſie in der halben Welt umher. Auf der andern Seite des Waldes wohnt ein Theil deſſelben Stammes, aber ihre Arbeiten haben ihnen andere Sitten und Gewohnheiten gegeben, als den Glasmachern. Sie handeln mit ihrem Wald; ſie fällen und behauen ihre Tannen, flößen ſie durch die Nagold in den Neckar, und von dem obern Neckar den Rhein hinab, bis weit hinein nach Holland, und am Meer 4³ kennt man die Schwarzwälder und ihre langen Flöße; ſie halten an jeder Stadt, die am Strom liegt, an und erwarten ſtolz, ob man ihnen Balken und Bretter ab⸗ kaufen werde; ihre ſtärkſten und längſten Balken aber verhandeln ſie um ſchweres Geld an die Mynheers, welche Schiffe daraus bauen. Dieſe Menſchen nun ſind an ein rauhes, wanderndes Leben gewöhnt. Jyre Freude iſt, auf ihrem Holz die Ströme hinabzufahren, ihr Leid am Ufer wieder heraufzuwandeln. Darum iſt auch ihr Prachtanzug ſo verſchieden von dem der Glasmän⸗ ner im andern Theil des Schwarzwaldes. Sie tragen Wämmſer von dunkler Leinwand, einen handbreiten grünen Hoſenträger über die breite Bruſt, Beinkleider von ſchwarzem Leder, aus deren Taſche ein Zollſtab von Meſſing wie ein Ehrenzeichen hervorſchaut; ihr Stolz und ihre Freude aber ſind ihre Stiefeln, die größten wahrſcheinlich, welche auf irgend einem Theil der Erde Mode ſind; denn ſie können zwei Spannen weit über das Knie hinaufgezogen werden, und die „Flözer“ können damit in drei Schuh tiefem Waſſer umherwandeln, ohne ſich die Füße naß zu machen. Noch vor kurzer Zeit glaubten die Bewohner dieſes Waldes an Waldgeiſter, und erſt in neuerer Zeit hat man ihnen dieſen thörichten Aberglauben benehmen können. Sonderbar iſt es aber, daß auch die Waldgeiſter, die der 3 Sage nach im Schwarzwalde hauſen, in dieſe verſchie⸗ denen Trachten ſich getheilt haben. So hat man ver⸗ ſichert, daß das Glasmännlein, ein gutes Geiſtchen von vierthalb Fuß Höhe, ſich nie anders zeige, als in einem ſpitzen Hütlein mit großem Rand, mit Wamms 44 und Pluderhöschen und rothen Strümpfchen. Der Holländer Michel aber, der auf der andern Seite des Waldes umgeht, ſoll ein rieſengroßer, breitſchultriger Kerl in der Kleidung der Flözer ſein, und Mehre, die ihn geſehen haben, wollen verſichern, daß ſie die Kälber nicht aus ihrem Beutel bezahlen möchten, deren Felle man zu ſeinen Stiefeln brauchen würde.„So groß, daß ein gewöhnlicher Mann bis an den Hals hineinſtehen könnte,“ ſagten ſie, und wollten nichts übertrieben haben. Mit dieſen Waldgeiſtern ſoll einmal ein junger Schwarzwälder eine ſonderbare Geſchichte gehabt ha⸗ ben, die ich erzählen will. Es lebte nämlich im Schwarz⸗ wald eine Wittwe, Frau Barbara Munkin; ihr Gatte war Kohlenbrenner geweſen, und nach ſeinem Tod hielt ſie ihren ſechzehnjährigen Knaben nach und nach zu dem Geſchäft an. Der junge Peter Munk, ein ſchlauer Vurſche, ließ es ſich gefallen, weil er es bei ſeinem Vater auch nicht anders geſehen hatte, die ganze Woche über am rauchenden Meiler zu ſitzen, oder ſchwarz und berußt und den Leuten ein Abſcheu, hinab in die Städte zu fahren und ſeine Kohlen zu verkaufen. Aber ein Köhler hat viel Zeit zum Nachdenken über ſich und Andere, und wenn Peter Munk an ſeinem Meiler ſaß, ſtimmten die dunkeln Bäume umher und die tiefe Waldesſtille ſein Herz zu Thränen und unbe⸗ wußter Sehnſucht. Es betrübte ihn etwas, es ärgerte ihn etwas, er wußte nicht recht was. Endlich merkte er ſich ab, was ihn ärgerte, und das war— ſein Stand. „Ein ſchwarzer, einſamer Kohlenbrenner!“ ſagte er 45 ſich.„Es iſt ein elend Leben. Wie angeſehen ſind die Glasmänner, die Uhrmacher, ſelbſt die Muſikanten am Sonntag Abends! Und wenn Peter Munk, rein ge⸗ waſchen und geputzt, in des Vaters Ehrenwamms mit ſilbernen Knöpfen und mit nagelneuen rothen Strüm⸗ pfen erſcheint, und wenn dann Einer hinter mir her⸗ geht und denkt: wer iſt wohl der ſchlanke Burſche? Und lobt bei ſich die Strümpfe und meinen ſtattlichen Gang,— ſieh, wenn er vorübergeht und ſchaut ſich um, ſagt er gewiß: ach es iſt nur der Kohlen⸗ munkpeter.“ Auch die Flözer auf der andern Seite waren ein Ge⸗ genſtand ſeines Neides. Wenn dieſe Waldrieſen her⸗ überkamen, mit ſtattlichen Kleidern, und an Knöpfen, Schnallen und Ketten einen halben Centner Silber auf dem Leib trugen, wenn ſie mit ausgeſpreizten Beinen und vornehmen Geſichtern dem Tanz zuſchauten, Hol⸗ ländiſch fluchten, und wie die vornehmſten Mynheers aus ellenlangen kölniſchen Pfeifen rauchten, da ſtellte er ſich als das vollendetſte Bild eines glücklichen Men⸗ ſchen ſolch einen Flözer vor. Und wenn dieſe Glücklichen dann erſt in die Taſchen fuhren, ganze Hände voll großer Thaler herauslangten und um Sechsbätzner würfelten, fünf Gulden hin, zehn Gulden her, ſo wollten ihm die Sinne vergehen, und er ſchlich trüb⸗ ſelig nach ſeiner Hütte; denn an manchem Feiertag⸗ abend hatte er einen oder den andern dieſer„Holz⸗ herren“ mehr verſpielen ſehen, als der arme Vater Munk in einem Jahr verdiente. Es waren vorzüglich drei dieſer Männer, von welchen er nicht wußte, welchen 46 er am meiſten bewundern ſollte. Der eine war ein dicker, großer Mann, mit rothem Geſicht, und galt für den reichſten Mann in der Runde. Man hieß ihn den dicken Ezechiel. Er reiste alle Jahre zweimal mit Bauholz nach Amſterdam und hatte das Glück, es immer um ſo viel theurer als Andere zu verkaufen, daß er, wenn die Übrigen zu Fuß heimgingen, ſiattlich herauffahren konnte. Der andere war der längſte und magerſte Menſch im ganzen Wald, man nannte ihn den langen Schlurker, und dieſen beneidete Munk wegen ſeiner ausnehmenden Kühnheit; er widerſprach den an⸗ geſehenſten Leuten, brauchte, wenn man noch ſo ge⸗ drängt im Wirthshaus ſaß, mehr Platz als vier der dickſten, denn er ſtützte entweder beide Ellbogen auf den Tiſch oder zog eines ſeiner langen Beine zu ſich auf die Bank, und doch wagte ihm Keiner zu widerſprechen, denn er hatte unmenſchlich viel Geld. Der dritte aber war ein ſchöner, junger Mann, der am beſten tanzte weit und breit, und daher den Namen Tanzbodenkönig hatte. Er war ein armer Menſch geweſen und hatte bei einem Holzherren als Knecht gedient; da wurde er auf einmal ſteinreich; die Einen ſagten, er habe unter einer alten Tanne einen Topf voll Geld gefunden, die Andern behaupteten, er habe unweit Bingen im Rhein mit der Stechſtange, womit die Flözer zuweilen nach den Fiſchen ſtechen, einen Pack mit Goldſtücken herauf⸗ gefiſcht, und der Pack gehöre zu dem großen Nibe⸗ lungenhort, der dort vergraben liegt; kurz, er war auf einmal reich geworden und wurde von Jung und Alt angeſehen wie ein Prinz. 47 An dieſe drei Männer dachte Kohlenmunkpeter oft, wenn er einſam im Tannenwald ſaß. Zwar hatten alle drei einen Hauptfehler, der ſie bei den Leuten verhaßt machte, es war dies ihr unmenſchlicher Geiz, ihre Ge⸗ fühlloſigkeit gegen Schuldner und Arme, denn die Schwarzwälder ſind ein gutmüthiges Völklein; aber man weiß, wie es mit ſolchen Dingen geht, waren ſie auch wegen ihres Geizes verhaßt, ſo ſtanden ſie doch wegen ihres Geldes in Anſehen; denn wer konnte Thaler wegwerfen, wie ſie, als ob man das Geld von den Tannen ſchüttelte? „So geht es nicht mehr weiter,“ ſagte Peter eines Tages ſchmerzlich betrübt zu ſich; denn Tags zuvor war Feiertag geweſen, und alles Volk in der Schenke; „wenn ich nicht bald auf den grünen Zweig komme, ſo ich thu' mir etwas zu Leid; wär' ich doch nur ſo ange⸗ ſehen und reich, wie der dicke Ezechiel, oder ſo kühn und ſo gewaltig, wie der lange Schlurker, oder ſo berühmt, und könnte den Muſikanten Thaler ſtatt Kreuzer zu⸗ werfen, wie der Tanzbodenkönig! Wo nur der Burſche das Geld her hat?“ Allerlei Mittel ging er durch, wie man ſich Geld erwerben könne, aber keines wollte ihm gefallen: endlich fielen ihm auch die Sagen von Leuten bei, die vor alten Zeiten durch den Holländer Michel und durch das Glasmännlein reich geworden waren. So lang ſein Vater noch lebte, kamen oft andere arme Leute zum Beſuch, und da wurde lang und breit von reichen Menſchen geſprochen, und wie ſie reich gewor⸗ den; da ſpielte nun oft das Glasmännlein eine Rolle; ja, wenn er recht nachſann, konnte er ſich beinahe noch des Versleins erinnern, das man am Tannenbühl in der Mitte des Waldes ſprechen mußte, wenn es erſchei⸗ nen ſollte. Es fing an: Schatzbauſer im grünen Tannenwald, Biſt ſchon viel hundert Jahre alt, Dir gehört all' Land, wo Tannen ſtehn— Aber er mochte ſein Gedächtniß anſtrengen, wie er wollte, weiter konnte er ſich keines Verſes mehr ent⸗ ſinnen. Er dachte oft, ob er nicht dieſen oder jenen alten Mann fragen ſollte, wie das Sprüchlein heiße; aber immer hielt ihn eine gewiſſe Scheu, ſeine Gedanken zu verrathen ab, auch ſchloß er, es müſſe die Sage vom Glasmännlein nicht ſehr bekannt ſein und den Spruch müßten nur Wenige wiſſen, denn es gab nicht viele reiche Leute im Wald, und— warum hatten denn nicht ſein Vater und die andern armen Leute ihr Glück ver⸗ ſucht? Er brachte endlich einmal ſeine Mutter auf das Männlein zu ſprechen, und dieſe erzählte ihm, was er ſchon wußte, kannte auch nur noch die erſte Zeile von dem Spruch und ſagte ihm endlich, nur Leuten, die an einem Sonntag zwiſchen elf und zwei Uhr geboren ſeien, zeige ſich das Geiſtchen. Er ſelbſt würde wohl dazu paſſen, wenn er nur das Sprüchlein wüßte, denn er ſei ſchon Mittags zwölf Uhr geboren. Als dies der Kohlenmunkpeter hörte, war er vor Freude und vor Begierde, dies Abenteuer zu unter⸗ nehmen, beinahe außer ſich. Es ſchien ihm hinlänglich, einen Theil des Sprüchleins zu wiſſen und am Sonntag geboren zu ſein, und Glasmännlein mußte ſich ihm zei⸗ gen. Als er daher eines Tages ſeine Kohlen verkauft 49 hatte, zündete er keinen neuen Meiler an, ſondern zog ſeines Vaters Staatswamms und neue rothe Strümpfe an, ſetzte den Sonntagshut auf, faßte ſeinen fünf Fuß hohen Schwarzdornſtock in die Hand und nahm von der Mutter Abſchied:„Ich muß aufs Amt in die Stadt; denn wir werden bald ſpielen müſſen, wer Soldat wird, und da will ich dem Amtmann nur noch einmal einſchärfen, daß Ihr Wittwe ſeid, und ich Euer einziger Sohn.“ Die Mutter lobte ſeinen Entſchluß, er aber machte ſich auf nach dem Tannenbühl. Der Tannenbühl liegt auf der höchſten Höhe des Schwarz⸗ waldes, und auf zwei Stunden im Umkreis ſtand da⸗ mals kein Dorf, ja nicht einmal eine Hütte, denn die abergläubiſchen Leute meinten, es ſei dort unſicher. Man ſchlug auch, ſo hoch and prachtvoll dort die Tannen ſtanden, ungern Holz in jenem Revier, denn oft waren den Holzhauern, wenn ſie dort arbeiteten, die Aexte vom Stiel geſprungen und in den Fuß ge⸗ gefahren, oder die Bäume waren ſchnell umgeſtürzt und hatten die Männer mit umgeriſſen und beſchädigt oder gar getödtet; auch hätte man die ſchönſten Bäume von dorther nur zu Brennholz brauchen können, denn die Floßherren nahmen nie einen Stamm aus dem Tan⸗ nenbühl unter ein Floß auf, weil die Sage ging, daß Mann und Holz verunglücke, wenn ein Tannenbühler mit im Waſſer ſei. Daher kam es, daß im Tannen⸗ bühl die Bäume ſo dicht und ſo hoch ſtanden, daß es am hellen Tag beinahe Nacht war, und Peter Munk wurde es ganz ſchaurig dort zu Muth; denn er hörte keine Stimme, keinen Tritt als den ſeinigen, keine W. Hauffs Werke. XII. 4 Art; ſelbſt die Vögel ſchienen dieſe dichte Tannennacht zu vermeiden. Kohlenmunkpeter hatte jetzt den hoöchſten Punkt des Tannenbühls erreicht und ſtand vor einer Tanne von ungeheurem Umfang, um die ein holländiſcher Schiffsherr an Ort und Stelle viele hundert Gulden gegeben hätte.„Hier,“ dachte er,„wird wohl der Schatzhauſer wohnen,“ zog ſeinen großen Sonntags⸗ hut, machte vor dem Baum eine tiefe Verbeugung, räuſperte ſich und ſprach mit zitternder Stimme: „Wünſche glückſeligen Abend, Herr Glasmann.“ Aber es erfolgte keine Antwort, und Alles umher war ſo ſtill wie zuvor.„Vielleicht muß ich doch das Verslein ſprechen,“ dachte er weiter und murmelte: Schatzhauſer im grünnen Tannenwald, Biſt ſchon viel hundert Jahre alt, Dir gehört all' Land, wo Tannen ſtehn— Indem er dieſe Worte ſprach, ſah er zu ſeinem großen Schrecken eine ganz kleine, ſonderbare Geſtalt hinter der dicken Tanne hervorſchauen; es war/ ihm, als habe er das Glasmännlein geſehen, wie man ihn beſchrieben, das ſchwarze Wämmschen, die rothen Strümpfchen, das Hütchen, Alles war ſo, ſelbſt das blaſſe, aber feine und kluge Geſichtchen, wovon man erzählte, glaubte er geſehen zu haben. Aber ach, ſo ſchnell es hervorgeſchaut hatte, das Glasmännlein, ſo ſchnell war es auch wieder verſchwunden!„Herr Glasmann,“ rief nach einigem Zögern Peter Munk, „ſeid ſo gütig und haltet mich nicht für'n Narren.— Herr Glasmann, wenn Ihr meint, ich habe Euch nicht 51 geſehen, ſo täuſchet Ihr Euch ſehr, ich ſah Euch wohl hinter dem Baum hervorgucken.“— Immer noch keine Antwort, nur zuweilen glaubte er ein leiſes, heiſeres Kichern hinter dem Baum zu vernehmen. Endlich überwand ſeine Ungeduld die Furcht, die ihn bis jetzt abgehalten hatte.„Warte, Du kleiner Bur⸗ ſche,“ rief er,„Dich will ich bald haben,“ ſprang mit einem Satz hinter die Tanne, aber da war kein Schatzhauſer im grünen Tannenwald, und nur ein kleines zierlich Eichhörnchen jagte an dem Baum hinauf. Peter Munk ſchüttelte den Kopf; er ſah ein, daß er die Beſchwörung bis auf einen gewiſſen Grad ge⸗ bracht habe, und daß ihm vielleicht nur noch ein Reim zu dem Sprüchlein fehle, ſo könne er das Glasmänn⸗ lein hervorlocken; aber er ſann hin, er ſann her, und fand nichts. Das Eichhörnchen zeigte ſich an den un⸗ terſten Aeſten der Tanne und ſchien ihn aufzumuntern oder zu verſpotten. Es putzte ſich, es rollte den ſchö⸗ nen Schweif, es ſchaut ihn mit klugen Augen an, aber endlich fürchtete er ſich doch beinahe, mit dieſem Thier allein zu ſein: denn bald ſchien das Eichhörnchen einen Menſchenkopf zu haben und einen dreiſpitzigen Hut zu tragen, bald war es ganz wie ein anderes Eichhörnchen und hatte nur an den Hinterfüßen rothe Strümpfe und ſchwarze Schuhe. Kurz, es war ein luſtiges Thier, aber dennoch graute Kohlenpeter, denn er meinte, es gehe nicht mit rechten Dingen zu. Mit ſchnelleren Schritten, als er gekommen war, zog Peter wieder ab. Das Dunkel des Tannenwaldes 52 ſchien immer ſchwärzer zu werden, die Bäume ſtanden immer dichter, und ihm fing an ſo zu grauen, daß er im Trab davon jagte, und erſt, als er in der Ferne Hunde bellen hörte und bald darauf zwiſchen den Bäumen den Rauch einer Hütte erblickte, wurde er wieder ruhiger. Aber als er näher kam und die Tracht der Leute in der Hütte erblickte, fand er, daß er aus Angſt gerade die entgegengeſetzte Richtung genommen und ſtatt zu den Glasleuten zu den Flözern gekommen ſei. Die Leute, die in der Hütte wohnten, waren Holzfäller; ein alter Mann, ſein Sohn, der Haus⸗ wirth, und einige erwachſene Enkel. Sie nahmen Kohlenmunkpeter, der um ein Nachtlager bat, gut auf, ohne nach ſeinem Namen und Wohnort zu fra⸗ gen; gaben ihm Apfelwein zu trinken, und Abends wurde ein großer Auerhahn, die beſte Schwarzwald⸗ ſpeiſe, aufgeſetzt. Nach dem Nachteſſen ſetzten ſich die Hausfrau und ihre Töchter mit ihren Kunkeln um den großen Licht⸗ ſpan, den die Jungen mit dem feinſten Tannenharz unterhielten, der Großvater, der Gaſt und der Haus⸗ wirth rauchten und ſchauten den Weibern zu, die Burſche aber waren beſchäftigt, Löffel und Gabeln aus Holz zu ſchnitzeln. Draußen im Wald heulte der Sturm und raste in den Tannen, man hörte da und dort ſehr heftige Schläge, und es ſchien oft, als ob ganze Bäume abgeknickt würden und zuſammen krach⸗ ten. Die furchtloſen Jungen wollten hinaus in den Wald laufen, und dieſes furchtbar ſchöne Schauſpiel mit anſehen, ihr Großyater aber hielt ſie mit ſtrengem 5³ Wort und Blick zurück.„Ich will Keinem rathen, daß er jetzt von der Thür' geht,“ rief er ihnen zu;„bei Gott, der kommt nimmermehr wieder; denn der Hol⸗ länder Michel haut ſich heute Nacht ein neues G'ſtair (Floßgelenk) im Wald.“ Die Kleinen ſtaunten ihn an; ſie mochten von dem Holländer Michel ſchon gehört haben, aber ſie baten jetzt den Ehni, einmal recht ſchön von jenem zu er⸗ zählen. Auch Peter Munk, der vom Holländer Michel auf der andern Seite des Waldes nur undeutlich hatte ſprechen gehört, ſtimmte mit ein und fragte den Alten, wer und wo er ſei.„Er iſt der Herr dieſes Waldes, und nach dem zu ſchließen, daß Ihr in Eurem Alter dies noch nicht erfahren, müßt Ihr drüben über dem Tannenbühl oder wohl gar noch weiter zu Hauſe ſein. Vom Holländer Michel will ich Euch aber erzählen, was ich weiß, und wie die Sage von ihm geht. Vor etwa hundert Jahren, ſo erzählte es wenigſtens mein Ehni, war weit und breit kein ehrlicheres Volk auf Erden, als die Schwarzwälder. Jetzt, ſeit ſo viel Geld im Land iſt, ſind die Menſchen unredlich und ſchlecht. Die jungen Burſche tanzen und johlen am Sonntag, und fluchen, daß es ein Schrecken iſt; damals war es aber anders, und wenn er jetzt zum Fenſter dort her⸗ ein ſchaute, ſo ſag' ichs, und hab' es oft geſagt, der Holländer Michel iſt ſchuld an all dieſer Verderbniß. Es lebte alſo vor hundert Jahr und drüber ein reicher Holzherr, der viel Geſinde hatte; er handelte bis weit in den Rhein hinab, und ſein Geſchäft war geſegnet, denn er war ein frommer Mann. Kommt eines Abends 54.. ein Mann an ſeine Thüre, dergleichen er noch nie geſehen. Seine Kleidung war wie der Schwarzwälder Burſchen, aber er war einen guten Kopf hoͤher als alle, und man hatte noch nie geglaubt, daß es einen ſolchen Rieſen geben könne. Dieſer bittet um Arbeit bei dem Holzherrn, und der Holzherr, der ihm anſah, daß er ſtark und zu großen Laſten tüchtig ſei, rechnet mit ihm ſeinen Lohn, und ſie ſchlagen ein. Der Mi⸗ chel war ein Arbeiter, wie ſelbiger Holzherr noch kei⸗ nen gehabt. Beim Baumſchlagen galt er für drei, und wenn ſechs am einen End ſchleppten, trug er allein das andere. Als er aber ein halb Jahr Holz geſchla⸗ gen, trat er eines Tags vor ſeinen Herrn und begehrte von ihm:„„Hab jetzt lang genug hier Holz gehackt, und ſo möcht' ich auch ſehen, wohin meine Stämme kommen, und wie wär' es; wenn Ihr mich auch mal auf den Floß ließet?““ 3 „Der Hausherr antwortete:„„Ich will Dir nicht im Weg ſein, Michel, wenn Du ein wenig hinaus willſt in die Welt; zwar beim Holzfällen brauche ich ſtarke Leute wie Du biſt, auf dem Floß aber kommt es auf Geſchicklichkeit an, doch es ſei für diesmal.““ 4 „Und ſo war es; der Floß, mit dem er abgehen ſollte, hätte acht Glaich(Glieder), und waren im letz⸗ ten von den größten Zimmerbalken. Aber was ge⸗ ſchah? Am Abend zuvor bringt der lange Michel noch acht Balken ans Waſſer, ſo dick und lang, als man keinen je ſah, und jeden trug er ſo leicht auf der Schulter, wie eine Flözerſtange, ſo daß ſich Alles ent⸗ ſetzte. Wo er ſie gehauen, weiß bis heute noch Nie⸗ 5⁵ *„ mand. Dem Holzherrn lachte das Herz, als er dies ſah, denn er berechnete, was dieſe Balken koſten könn⸗ ten; Michel aber ſagte:„„So, die ſind für mich zum Fahren, auf den kleinen Spähnen aber kann ich nicht fortkommen; ſein Herr wollte ihm zum Dank ein Paar Flözerſtiefel ſchenken, aber er warf ſie auf die Seite und brachte ein Paar hervor, wie es ſonſt noch keine gab; mein Großvater hat verſichert, ſie haben hundert Pfund gewogen und ſeien fünf Fuß kang geweſen. „Der Floß fuhr ab, und hatte der Michel früher die Holzhauer in Verwunderung geſetzt, ſo ſtaunten jetzt die Flözer; denn ſtatt daß der Floß, wie man wegen der ungeheuren Balken geglaubt hatte, langſa⸗ mer auf dem Fluß ging, flog er, ſobald ſie in den Neckar kamen, wie ein Pfeil; machte der Neckar eine Wendung, und hatten ſonſt die Flözer Mühe gehabt, den Fluß in der Mitte zu halten und nicht auf Kies oder Sand zu ſtoßen, ſo ſprang jetzt Michel allemal ins Waſſer, rückte mit einem Zug den Floß links oder rechts, ſo daß er ohne Gefahr vorüberglitt, und kam dann eine gerade Stelle, ſo lief er aufs erſte G'ſtair vor, ließ Alle ihre Stangen beiſetzen, ſteckte ſeinen ungeheuren Weberbaum ins Kies, und mit einem Druck flog der Floß dahin, daß das Land und Bäume und Dörfer vorbeizujagen ſchienen. So waren ſie in der Hälfte der Zeit, die man ſonſt brauchte, nach Köln am Rhein gekommen, wo ſie ſonſt ihre Ladung ver⸗ kauft hatten; aber hier ſprach Michel:„„Ihr ſeid mir rechte Kaufleute, und verſteht Euren Nusen! Meinet Ihr denn, die Kölner brauchen all dies Holz, das aus 5G dem Schwarzwald kömmt, für ſich? Nein, um den halben Werth kaufen ſie es Euch ab und verhandeln es theuer nach Holland. Laſſet uns die kleinen Balken hier verkaufen und mit den großen nach Holland gehen; was wir über den gewöhnlichen Preis löſen, iſt unſer eigener Profit.“* „So ſprach der argliſtige Michel, und die Andern waren es zufrieden; die Einen, weil ſie gern nach Holland gezogen wären, es zu ſehen, die Andern des Geldes wegen. Nur ein Einziger war redlich und mahnte ſie ab, das Gut ihres Herrn der Gefahr aus⸗ zuſetzen, oder ihn um den höheren Preis zu betrügen, aber ſie hörten nicht auf ihn und vergaßen ſeine Worte, allein der Holländer Michel vergaß ſie nicht. Sie fuh⸗ ren auch mit dem Holz den Rhein hinab, Michel leitete den Floß und brachte ſie ſchnell bis nach Rotterdam. Dort bot man ihnen das Vierfache von dem früheren Preis, und beſonders die ungeheuren Balken des Mi⸗ chel wurden mit ſchwerem Geld bezahlt. Als die Schwarzwälder ſo viel Geld ſahen, wußten ſie ſich vor Freude nicht zu faſſen. Michel theilte ab, einen Theil dem Holzherrn, die drei andern unter die Männer. Und nun ſetzten ſie ſich mit Matroſen und anderem ſchlechten Geſindel in die Wirthshäuſer, verſchlemmten und verſpielten ihr Geld; den braven Mann aber, der ihnen abgerathen, verkaufte der Holländer Michel an einen Seelenverkäufer, und man hat nichts mehr von ihm gehört. Von da an war den Burſchen im Schwarz⸗ wald Holland das Paradies, und Holländer Michel ihr König; die Holzherren erfuhren lange nichts von 57 dem Handel, und unvermerkt kam Geld, Flüche, ſchlechte Sitten, Trunk und Spiel aus Holland herauf. „Der Holländer Michel war, als die Geſchichte herauskam, nirgends zu finden, aber todt iſt er auch nicht; ſeit hundert Jahren treibt er ſeinen Spuk im Wald, und man ſagt, daß er ſchon vielen behülflich geweſen ſei, reich zu werden, aber— auf Koſten ihrer armen Seele, und mehr will ich nicht ſagen. Aber ſo viel iſt gewiß, daß er noch jetzt in ſolchen Sturmnäch⸗ ten im Tannenbühl, wo man nicht hauen ſoll, überall die ſchönſten Tannen ausſucht, und mein Vater hat ihn eine vier Schuh dicke umbrechen ſehen, wie ein Rohr. Mit dieſen beſchenkt er die, welche ſich vom Rechten abwenden und zu ihm gehen; um Mitternacht bringen ſie dann die G'ſtair ins Waſſer, und er rudert mit ihnen nach Holland. Aber wäre ich Herr und Kö⸗ nig in Holland, ich ließe ihn mit Kartätſchen in den Boden ſchmettern, denn alle Schiffe, die von dem Holländer Michel auch nur einen Balken haben, müſ⸗ ſen untergehen. Daher kommt es, daß man von ſo viel Schiffbrüchen hört; wie könnte denn ſonſt ein ſchönes, ſtarkes Schiff, ſo groß als eine Kirche, zu Grunde gehen auf dem Waſſer? Aber ſo oft Hollän⸗ der Michel in einer Sturmnacht im Schwarzwald eine Tanne fällt, ſpringt eine ſeiner alten aus den Fugen des Schiffes; das Waſſer dringt ein, und das Schiff iſt mit Mann und Maus verloren. Das iſt die Sage vom Holländer Michel, und wahr iſt es, alles Böſe im Schwarzwald ſchreibt ſich von ihm her; o! er kann einen reich machen!“ ſetzte der Greis geheimnißvoll —õ — — 58 hinzu, aber ich möchte nichts von ihm haben; ich möchte um keinen Preis in der Haut des dicken Ezechiel und des langen Schluckers ſtecken; auch der Tanz⸗ bodenkönig ſoll ſich ihm ergeben haben!“ Der Sturm hatte ſich während der Erzählung des des Alten gelegt, die Mädchen zündeten ſchüchtern die Lampen an und gingen weg; die Männer aber legten Peter Munk einn Sack voll Laub als Kopfkiſſen auf die Ofenbank und wünſchten ihm gute Nacht. Kohlenmunkpeter hatte noch nie ſo ſchwere Träume gehabt, wie in dieſer Nacht; bald glaubte er, der fin⸗ ſtere rieſige Holländer Michel reiße die Stubenfenſter auf und reiche mit ſeinem ungeheuer langen Arm einen Beutel voll Goldſtücke herein, die er unter einander ſchüttelte, daß es hell und lieblich klang; bald ſah er wieder das kleine, freundliche Glasmännlein auf einer ungeheuren grünen Flaſche im Zimmer umherreiten, und er meinte das heiſere Lachen wieder zu hören, wie im Tannenbühl; dann brummte es ihm wieder ins linke Ohr: „In Holland gibts Gold, Könnets haben, wenn Ihr wollt Um geringen Sold, Gold, Gold! Dann hörte er wieder in ſein rechtes Ohr das Lied⸗ chen vom Schatzhauſer im grünen Tannenwald, und eine zarte Stimme flüſterte:„Dummer Kohlenpeter, dummer Peter Munk kannſt kein Sprüchlein reimen auf ſtehen, und biſt doch am Sonntag geboren Schlag zwölf Uhr. Reime, dummer Peter, reime!“ —— „ 59 Er ächzte, er ſtͤhnte im Schlaf, er mühte ſich ab, einen Reim zu finden; aber da er in ſeinem Leben noch keinen gemacht hatte, war ſeine Mühe im Traume vergebens. Als er aber mit dem erſten Frühroth er⸗ wachte, kam ihm doch ſein Traum ſonderbar vor; er ſetzte ſich mit verſchränkten Armen hinter den Tiſch und dachte über die Einflüſterungen nach, die ihm noch im⸗ mer im Ohr lagen:„reime, dummer Kohlenmunk⸗ peter, reime,“ ſprach er zu ſich und pochte mit dem Finger an ſeine Stirne, aber es wollte kein Reim her⸗ vorkommen. Als er noch ſo da ſaß, trübe vor ſich hin⸗ ſchaute und an den Reim auf ſtehen dachte, da zogen drei Burſche vor dem Haus vorbei in den Wald, und einer ſang im Vorübergehen: „Am Berge that ich ſtehen Und ſchaute in das Thal, Da hab ich ſie geſehen Zum allerletztenmal.“ Das fuhr wie ein leuchtender Blitz durch Peters Ohr, und haſtig raffte er ſich auf, ſtürzte aus dem Haus, weil er meinte, nicht recht gehört zu haben, ſprang den drei Burſchen nach und packte den Sänger haſtig und unſanft beim Arm.„Halt, Freund,“ rief er,„was habt Ihr da auf ſtehen gereimt? Thut mir die Liebe, und ſprecht, was Ihr geſungen.“ „Was ſicht's Dich an, Burſche?“ entgegnete der Schwarzwälder.„Ich kann ſingen, was ich will, und laß gleich meinen Arm los, oder—“ „Nein, ſagen ſollſt Du, was Du geſungen haſt!“ ſchrie Peter beinahe außer ſich und packte ihn noch 60 feſter an; die zwei Andern aber, als ſie dies ſahen, zögerten nicht lange, ſondern fielen mit derben Fäuſten 4 über den armen Peter her und walkten ihn derb, bis er vor Schmerzen das Gewand des Dritten ließ und erſchöpft in die Knie ſank.„Jetzt haſt Du Dein Theil,“ ſprachen ſie lachend,„und merk Dir, toller Burſche, daß Du Leute, wie wir ſind, nimmer anfällſt auf offe⸗ nem Wege.“ „Ach, ich will es mir gewißlich merken!“ erwiderte Kohlenpeter ſeufzend.„Aber ſo ich die Schläge habe, ſeid ſo gut und ſaget deutlich, was Jener geſungen.“ Da lachten ſie aufs Neue und ſpotteten ihn aus; aber der das Lied geſungen, ſagte es ihm vor, und lachend und ſingend zogen ſie weiter. „Alſo ſehen,“ ſprach der arme Geſchlagene, in⸗ dem er ſich mühſam aufrichtete;„ſehen auf ſtehen, jetzt, Glasmännlein, wollen wir wieder ein Wort zu⸗ ſammen ſprechen.“ Er ging in die Hütte, holte ſeinen Hut und den langen Stock, nahm Abſchied von den Bewohnern der Hütte und trat ſeinen Rückweg nach dem Tannenbühl an. Er ging langſam und ſinnend ſeine Straße, denn er mußte ja einen Vers erſinnen; endlich, als er ſchon in dem Bereich des Tannenbühls ging, und die Tannen höher und dichter wurden, hatte er auch ſeinen Vers gefunden und machte vor Freuden einen Sprung in die Höhe. Da trat ein rieſengroßer Mann in Flözerkleidung, und eine Stange ſo lang wie ein Maſtbaum in der Hand, hinter den Tannen hervor. Peter Munk ſank beinahe in die Knie, als er Jenen langſamen Schrittes neben ſich wandeln ſah; 61 denn er dachte, das iſt der Holländer Michel, und kein Anderer. Noch immer ſchwieg die furchtbare Geſtalt, und Peter ſchielte zuweilen furchtſam nach ihm hin. Er war wohl einen Kopf größer, als der längſte Mann, den Peter je geſehen, ſein Geſicht war nicht mehr jung, doch auch nicht alt, aber voll Furchen und Falten; er trug ein Wamms von Leinwand, und die ungeheuren Stiefeln, über die Lederbeinkleider heraufgezogen, wa⸗ ren Peter aus der Sage wohl bekannt. „Peter Munk, was thuſt Du im Tannenbühl?“ fragte der Waldkönig endlich mit tiefer, dröhnender Stimme. „Guten Morgen, Landsmann,“ antwortete Peter, indem er ſich unerſchrocken zeigen wollte, aber heftig zitterte.„Ich will durch den Tannenbühl nach Haus zurück.“ 4 „Peter Munk,“ erwiderte Jener und warf einen ſtechenden furchtbaren Blick nach ihm herüber,„Dein Weg geht nicht durch dieſen Hain.“ „Nun, ſo gerade juſt nicht,“ ſagte Jener,„aber es macht heute warm, da dachte ich, es wird hier küh⸗ ler ſein.“ „Lüge nicht, Du Kohlenpeter!“ rief Holländer Michel mit donnernder Stimme,„oder ich ſchlag Dich mit der Stange zu Boden; meinſt, ich hab Dich nicht betteln ſehen bei dem Kleinen?“ ſetzte er ſanft hinzu. „Geh, geh, das war ein dummer Streich, und gut iſt es, daß Du das Sprüchlein nicht wußteſt; er iſt ein Knauſer, der kleine Kerl, und gibt nicht viel, und wem er gibt, der wird ſeines Lebens nicht froh.— Peter, 62 Du biſt ein armer Tropf und dauerſt mich in der Seele; ſo ein munterer, ſchöner Burſche, der in der Welt etwas anfangen könnte, und ſollſt Kohlen bren⸗ nen! Wenn Andere große Thaler oder Dukaten aus den Armeln ſchütteln, kannſt Du kaum ein paar Sech⸗ ſer aufwenden;'s iſt ein ärmlich Leben!“ „Wahr iſt's; und Recht habt Ihr; ein elendes Leben.“ „Na, mir ſoll's nicht darauf ankommen,“ fuhr der ſchreckliche Michel fort;„hab ſchon manchem braven ⸗ Kerl aus der Noth geholfen, und Du wäreſt nicht der Erſte. Sag einmal, wie viel hundert Khaler brauchſt Du für's Erſte. Bei dieſen Worten ſchüttelte er das Geld i in ſeiner † ungeheuren Taſche untereinander, und es klang wieder wie dieſe Nacht im Traum. Aber Peters Herz zuckte ängſtlich und ſchmerzhaft bei dieſen Worten, es wurde ihm kalt und warm, und der Holländer Michel ſah nicht aus, wie wenn er aus Mitleid Geld wegſchenkte, ohne etwas dafür zu verlangen. Es fielen ihm die ge⸗ heimnißvollen Worte des alten Mannes über die rei⸗ chen Menſchen ein, und von unerklärlicher Angſt und Bangigkeit gejagt, rief er:„Schön Dank, Herr! Aber mit Euch will ich nichts zu ſchaffen haben, und ich kenn' Euch ſchon,“ und lief, was er laufen konnte.— Aber der Waldgeiſt ſchritt mit ungeheuren Schritten neben ihm her und murmelte dumpf und drohend: „Wirſt's noch bereuen, Peter, auf Deiner Stirne ſteht's geſchrieben, in Deinem Auge iſt s zu leſen; duu entgehſt mir nicht.— Lauf nicht ſo ſchnell, höre nur- 63 noch ein vernünftig Wort, dort iſt ſchon meine Grenze.“ Aber als Peter dies hörte und unweit vor ihm einen kleinen Graben ſah, beeilte er ſich nur noch mehr, über die Grenze zu kommen, ſo daß Michel am Ende ſchneller laufen mußte und unter Flüchen und Drohun⸗ gen ihn verfolgte. Der junge Mann ſetzte mit einem verzweifelten Sprung über den Graben, denn er ſah, wie der Waldgeiſt mit ſeiner Stange ausholte und ſie auf ihn niederſchmettern laſſen wollte; er kam glück⸗ lich jenſeits an, und die Stange zerſplitterte in der Luft, wie an einer unſichtbaren Mauer, und ein lan⸗ ges Stück fiel zu Peter herüber. Triumphirend hob er es auf, um es dem groben Holländer Michel zuzuwerfen; aber in dieſem Augen⸗ blick fühlte er das Stück Holz in ſeiner Hand ſich be⸗ wegen, und zu ſeinem Entſetzen ſah er, daß es eine un⸗ geheure Schlange ſei, was er in der Hand hielt, die ſich ſchon mit geifernder Zunge und mit blitzenden Au⸗ gen an ihm hinaufbäumte. Er ließ ſie los, aber ſie hatte ſich ſchon feſt um ſeinen Arm gewickelt und kam mit ſchwankendem Kopf ſeinem Geſicht immer näher; da rauſchte auf einmal ein ungeheurer Auerhahn nieder, packte den Kopf der Schlange mit dem Schnabel, erhob ſich mit ihr in die Lüfte, und Holländer Michel, der dies Alles von dem Graben aus geſehen hatte, heulte und ſchrie und raste, als die Schlange von einem Gewalti⸗ gern entführt ward. Erſchöpft und zitternd ſetzte Peter ſeinen Weg fort; der Pfad wurde ſteiler, die Gegend wilder, und bald fand er ſich an der ungeheuren Tanne. Er machte wie⸗ —— 64 der wie geſtern ſeine Verbeugungen gegen das unſicht⸗ bare Glasmännlein und hub dann an: „Schatzhauſer im grünen Tannenwald, Biſt ſchon viel hundert Jahre alt. Dein iſt all' Land, wo Tannen ſtehn, Läßt Dich nur Sonntagskindern ſehn. „Haſt's zwar nicht ganz getroffen, aber weil Du es biſt, Kohlenmunkpeter, ſo ſoll es hingehen,“ ſprach eine zarte, feine Stimme neben ihm. Erſtaunt ſah er ſich um, und unter einer ſchönen Tanne ſaß ein kleines. altes Männlein in ſchwarzem Wamms und rothen Strümpfen, und den großen Hut auf dem Kopf. Er hatte ein feines, freundliches Geſichtchen und ein Bärt⸗ chen ſo zart wie aus Spinnweben; er rauchte, was ſon⸗ derbar anzuſehen war, aus einer Pfeife von blauem Glas, und als Peter näher trat, ſah er zu ſeinem Er⸗ ſtaunen, daß auch Kleider, Schuhe und Hut des Klei⸗ nen aus gefärbtem Glas beſtanden; aber es war ge⸗ ſchmeidig, als ob es noch heiß wäre, denn es ſchmiegte ſich wie ein Tuch nach jeder Bewegung des Männleins. „Du haſt dem Flegel begegnet, dem Holländer Mi⸗ chel?“ ſagte der Kleine, indem er zwiſchen jedem Worte ſonderbar hüſtelte.„Er hat Dich recht ängſtigen wol⸗ len, aber ſeinen Kunſtprügel habe ich ihm abgejagt, den ſoll er nimmer wieder kriegen. „Ja, Herr Schatzhauſer,“ erwiderte Peter mit einer tiefen Verbeugung,„es war mir recht bange. Aber Ihr ſeid wohl der Herr Auerhahn geweſen, der die Schlange todt gebiſſen; da bedanke ich mich ſchön⸗ 6⁵ ſtens.— Ich komme aber, um mich Raths zu erholen bei Euch; es geht mir gar ſchlecht und hinderlich, ein Kohlenbrenner bringt es nicht weit, und da ich noch jung bin, dächte ich doch, es könnte noch was Beſſe⸗ res aus mir werden; und wenn ich oft Andere ſehe, wie weit die es in kurzer Zeit gebracht haben: wenn ich nur den Ezechiel nehme und den Tanzbodenkönig; die haben Geld wie Heu.“ „Peter,“ ſagte der Kleine ſehr ernſt, und blies den Rauch aus ſeiner Pfeife weit hinweg;„Peter, ſag’ mir nichts von dieſen. Was haben ſie davon, wenn ſie hier ein paar Jahre dem Schein nach glücklich und dann nachher deſto unglücklicher ſind? Du mußt Dein Hand⸗ werk nicht verachten; Dein Vater und Großvater waren Chrenleute und haben es auch getrieben, Peter Munk! Ich will nicht hoffen, daß es Liebe zum Müßiggang iſt, was Dich zu mir führt.“ Peter erſchrak vor dem Ernſt des Männleins und erröthete.„Nein,“ ſagte er,„Müßiggang, weiß ich wohl, Herr Schatzhauſer im Tannenwald, Müßiggang iſt aller Laſter Anfang, aber das könnet Ihr mir nicht übel nehmen, wenn mir ein anderer Stand beſſer ge⸗ fällt, als der meinige. Ein Kohlenbrenner iſt halt ſo gar etwas Geringes auf der Welt und die Glasleute und Flözer und Uhrmacher und Alle ſind angeſehener.“ „Hochmuth kommt oft vor dem Fall,“ erwiderte der kleine Herr vom Tannenwald etwas freundlicher; „Ihr ſeid ein ſonderbar Geſchlecht, ihr Menſchen; ſelten iſt einer mit dem Stand ganz zufrieden, in dem er geboren und erzogen iſt, und was gilts, wenn Du W. Hauſſs Werke, XII. 5 66 ein Glasmann wäreſt, möchteſt Du gern ein Holzherr ſein, und wäreſt Du Holzherr, ſo ſtünde Dir des För⸗ ſters Dienſt oder des Amtmanns Wohnung an? Aber es ſei; wenn Du verſprichſt, brav zu arbeiten, ſo will ich Dir zu etwas Beſſerem verhelfen, Peter. Ich pflege jedem Sonntagskind, das ſich zu mir zu finden weiß, drei Wünſche zu gewähren. Die erſten zwei ſind frei. Den dritten kann ich verweigern, wenn er thöricht iſt. So wünſche Dir alſo jetzt etwas. Aber— Peter etwas Gutes und Nützliches. „Heiſa! Ihr ſeid ein treffliches Glasmännlein, und mit Recht nennt man Euch Schatzhauſer, denn bei Euch ſind die Schätze zu Hauſe. Nu— und alſo darf ich wünſchen, wornach mein Herz begehrt, ſo will ich denn fürs Erſte, daß ich noch beſſer tanzen könne, als der Tanzbodenkönig, und immer ſo viel Geld in der Taſche habe als der dicke Ezechiel. „Du Thor!“ erwiderte der Kleine zürnend.„Welch' ein erbärmlicher Wunſch iſt dies, gut tanzen zu können, und Geld zum Spiel zu haben! Schämſt Du Dich nicht, dummer Peter, Dich ſelbſt ſo um Dein Glück zu betrü⸗ gen? Was nützt es Dir und Deiner armen Mutter, wenn Du tanzen kannſt? Was nützt Dir Dein Geld, das nach Deinem Wunſch nur für das Wirthshaus iſt, und wie das des elenden Tanzbodenkönigs dort bleibt? Dann haſt Du wieder die ganze Woche nichts und darbſt wie zuvor. Noch einen Wunſch gebe ich Dir frei, aber ſieh’' Dich vor, daß Du vernünftiger wünſcheſt.“ Peter kratzte ſich hinter den Ohren und ſprach nach einigem Zögern:„Nun ſo wünſche ich mir die ſchönſte 67 und reichſte Glashütte im ganzen Schwarzwald mit allem Zugehör und Geld, ſie zu leiten.“ „Sonſt nichts?“ fragte der Kleine mit beſorglicher Miene.„Peter, ſonſt nichts? „Nun— Ihr könnet noch ein Pferd dazuthun, und ein Wägelchen—“ „O, Du dummer Kohlenmunkpeter!“ rief der Kleine, und warf ſeine gläſerne Pfeife im Unmuth an eine dicke Tanne, daß ſie in hundert Stücke ſprang. „Pferde? Wägelchen? Verſtand, ſag' ich Dir, Verſtand, geſunden Menſchenverſtand und Einſicht hätteſt Du Dir wünſchen ſollen, aber nicht Pferdchen und Wägelchen. Nun, werde nur nicht ſo traurig, wir wollen ſehen, daß es auch ſo nicht zu Deinem Schaden iſt; denn der zweite Wunſch war im Ganzen nicht thöricht. Eine gute Glas⸗ hütte nährt auch ihren Mann und Meiſter, nur hätteſt Du Einſicht und Verſtand dazu mitnehmen können, Wagen und Pferde wären dann wohl von ſelbſt gekommen.“ „Aber, Herr Schatzhauſer,“ erwiderte Peter,„ich habe ja noch einen Wunſch übrig. Da könnte ich ja Verſtand wünſchen, wenn er mir ſo überaus nöͤthig iſt, wie Ihr meinet.“ „Nichts da. Du wirſt noch in manche Verlegenheit kommen, wo Du froh ſein wirſt, wenn Du noch einen Wunſch frei haſt. Und nun mache Dich auf den Weg nach Hauſe. Hier ſind,“ ſprach der kleine Tannengeiſt, indem er ein kleines Beutelein aus der Taſche zog,„hier ſind zweitauſend Gulden, und damit genug, und komm mir nicht wieder, um Geld zu fordern, denn dann müßte 68 ich Dich an die höchſte Tanne aufhängen. So hab' ichs gehalten, ſeit ich in dem Wald wohne. Vor drei Tagen aber iſt der alte Winkfritz geſtorben, der die große Glas⸗ hütte gehabt hat im Unterwald. Dorthin gehe morgen frühe und mache ein Bot auf das Gewerbe, wie es recht iſt. Halt Dich wohl, ſei fleißig, und ich will Dich zu⸗ weilen beſuchen, und Dir mit Rath und That an die Hand gehen, weil Du Dir doch keinen Verſtand erbe⸗ ten. Aber, und das ſag' ich Dir ernſtlich, Dein erſter Wunſch war böſe. Nimm Dich in Acht vor dem Wirths⸗ hauslaufen. Peter!'s hat noch bei Keinem lange gut gethan. Das Männlein hatte während es dies ſprach, eine neue Pfeife vom ſchönſten Beinglas hervorgezogen, ſie mit gedörrten Tannenzapfen geſtopft und in den kleinen, zahnloſen Mund geſteckt. Dann zog er ein ungeheures Brennglas hervor, trat in die Sonne und zündete ſeine Pfeife an. Als er damit fertig war, bot er dem Peter freundlich die Hand, gab ihm noch ein paar gute Lehren auf den Weg, rauchte und blies immer ſchneller und verſchwand endlich in einer Rauchwolke, die nach echtem holländiſchen Tabak roch und langſam ſich kräuſelnd in den Tannenwipfeln verſchwebte. Als Peter nach Haus kam, fand er ſeine Mutter ſehr in Sorgen um ihn, denn die gute Frau glaubte nicht anders, als ihr Sohn ſei zum Soldaten ausgeho⸗ ben worden. Er aber war fröhlich und guter Dinge und erzählte ihr, wie er im Wald einen guten Freund getroffen, der ihm Geld vorgeſchoſſen habe, um ein an⸗ deres Geſchäft als Kohlenbrennen anzufangen. Ob⸗ gleich ſeine Mutter ſchon ſeit dreißig Jahren in der 69 Köhlerhütte wohnte und an den Anblick berußter Leute ſo gewöhnt war, als jede Müllerin an das Mehlgeſicht ihres Mannes, ſo war ſie doch eitel genug, ſobald ihr Peter ein glänzenderes Loos zeigte, ihren früheren Stand zu verachten und ſprach:„Ja, als Mutter eines Mannes, der eine Glashütte beſitzt, bin ich doch was anderes als Nachbarin Grete und Bete, und ſetze mich in Zukunft vornehin in der Kirche, wo rechte Leute ſitzen.“ Ihr Sohn aber wurde mit den Erben der Glashütte bald Handels einig. Er behielt die Arbeiter, die er vor⸗ fand, bei ſich und ließ nun Tag und Nacht Glas ma⸗ chen. Anfangs gefiel ihm das Handwerk wohl. Er pflegte gemächlich in die Glashütte hinabzuſteigen, ging dort mit vornehmen Schritten, die Hände in die Ta⸗ ſchen geſteckt, hin und her, guckte dahin, guckte dorthin, ſprach dies und jenes, worüber ſeine Arbeiter oft nicht wenig lachten, und ſeine größte Freude war, das Glas blaſen zu ſehen, und oft machte er ſich an die Arbeit und formte aus der noch weichen Maſſe die ſonderbar⸗ ſten Figuren. Bald aber war ihm die Arbeit entleidet, und er kam zuerſt nur noch eine Stunde des Tages in die Hütte, dann nur alle zwei Tage, endlich die Woche nur einmal, und ſeine Geſellen machten was ſie woll⸗ ten. Das Alles kam aber nur vom Wirthshauslaufen. Den Sonntag, nachdem er vom Tannenbühl zurückge⸗ kommen war, ging er ins Wirthshaus, und wer ſchon auf dem Tanzboden ſprang, war der Tanzbodenkönig, und der dicke Czechiel ſaß auch ſchon hinter der Maas⸗ kanne und knöchelte um Kronenthaler. Da fuhr Peter ſchnell in die Taſche, zu ſehen, ob ihm das Glasmänn⸗ 7⁰0 lein Wort gehalten, und ſiehe, ſeine Taſche ſtrotzte von Silber und Gold. Auch in ſeinen Beinen zuckte und drückte es, wie wenn ſie tanzen und ſpringen wollten, und als der erſte Tanz zu Ende war, ſtellte er ſich mit ſeiner Tänzerin oben an neben den Tanzbodenkönig, und ſprang dieſer drei Fuß hoch, ſo flog Peter vier, und machte dieſer wunderliche und zierliche Schritte, ſo ver⸗ ſchlang und drehte Peter ſeine Füße, daß alle Zuſchauer vor Luſt und Verwunderung beinahe außer ſich kamen. Als man aber auf dem Tanzboden vernahm, daß Peter eine Glashütte gekauft habe, als man ſah, daß er, ſo oft er an den Muſikanten vorbeitanzte, ihnen einen Sechsbätzner zuwarf, da war des Staunens kein Ende. Die Einen glaubten, er habe einen Schatz im Wald gefunden, die Andern meinten, er habe eine Erbſchaft gethan, aber Alle verehrten ihn jetzt und hielten ihn für einen gemachten Mann, nur weil er Geld hatte. Verſpielte er doch noch an demſelben Abend zwanzig Gulden, und nichts deſto minder raſſelte und klang es in ſeiner Taſche, wie wenn noch hundert Thaler darin wären. 3 Als Peter ſah, wie angeſehen er war, wußte er ſich vor Freude und Stolz nicht zu faſſen. Er warf das Geld mit vollen Händen weg und theilte es den Armen reichlich mit, wußte er doch, wie ihn ſelbſt einſt die Armuth gedrückt hatte. Des Tanzbodenkönigs Künſte wurden vor den übernatürlichen Künſten des neuen Tänzers zu Schanden, und Peter führte jetzt den Na⸗ men Tanzkaiſer. Die unternehmendſten Spieler am Sonntag wagten nicht ſo viel wie er, aber ſie verloren 71 auch nicht ſo viel. Und je mehr er verlor, deſto mehr gewann er. Das verhielt ſich aber ganz ſo, wie er es vom kleinen Glasmännlein verlangt hatte. Er hatte ſich gewünſcht, immer ſo viel Geld in der Taſche zu haben, wie der dicke Ezechiel, und gerade dieſer war es, an welchen er ſein Geld verſpielte. Und wenn er zwanzig, dreißig Gulden auf einmal verlor, ſo hatte er ſie alſobald wieder in der Taſche, wenn ſie Ezechiel einſtrich. Nach und nach brachte er es aber im Schlem⸗ men und Spielen weiter, als die ſchlechteſten Geſellen im Schwarzwald, und man nannte ihn öfter Spiel⸗ peter, als Tanzkaiſer, denn er ſpielte jetzt auch bei⸗ nahe an allen Werktagen. Darüber kam aber ſeine Glashütte nach und nach in Verfall, und daran war Peters Unverſtand ſchuld. Glas ließ er machen, ſo viel man immer machen konnte, aber er hatte mit der Hütte nicht zugleich das Geheimniß gekauft, wohin man es am beſten verſchließen könne. Er wußte am Ende mit der Menge Glas nichts anzufangen und verkaufte es um den halben Preis an herumziehende Händler, nur um ſeine Arbeiter bezahlen zu können. Eines Abends ging er auch wieder vom Wirthshaus heim und dachte trotz des vielen Weines, den er ge⸗ trunken, um ſich fröhlich zu machen, mit Schrecken und Gram an den Verfall ſeines Vermögens. Da be⸗ merkte er auf einmal, daß Jemand neben ihm gehe, er ſah ſich um, und ſiehe da— es war das Glasmänn⸗ lein. Da gerieth er in Zorn und Eifer, vermaß ſich hoch und theuer und ſchwur, der Kleine ſei an all ſeinem Unglück ſchuld.„Was thu ich nun mit Pferd 7² und Wägelchen?“ rief er.„Was nutzt mich die Hütte und all mein Glas? Selbſt als ich noch ein elender Köhlersburſch war, lebte ich froher und hatte keine Sorgen. Jetzt weiß ich nicht, wann der Amtmann kommt, und meine Habe ſchätzt und mich pfändet der Schulden wegen!“ „So?“ entgegnete das Glasmännlein.„So? Ich alſo ſoll ſchuld daran ſein, wenn Du unglücklich biſt? Iſt dies der Dank für meine Wohlthaten? Wer hieß Dich auch ſo thöricht wünſchen? Ein Glasmann woll⸗ teſt Du ſein und wußteſt nicht, wohin Dein Glas ver⸗ kaufen? Sagte ich Dir nicht, Du ſollteſt behutſam wiünſchen? Verſtand, Peter, Klugheit hat Dir gefehlt.“ „Was Verſtand und Klugheit!“ rief Jener,„ich bin ein ſo kluger Burſche als irgend einer und will es Dir zeigen, Glasmännlein,“ und bei dieſen Worten faßte er das Männlein unſanft am Kragen und ſchrie: „Hab' ich Dich jetzt, Schatzhauſer im grünen Tannen⸗ wald? Und den dritten Wunſch will ich jetzt thun, den ſollſt Du mir gewähren. Und ſo will ich hier auf der Stelle zweimalhunderttauſend harte Thaler, und ein Haus und— o weh!“ ſchrie er und ſchüttelte die Hand, denn das Waldmännlein hatte ſich in glühendes Glas verwandelt und brannte in ſeiner Hand wie ſprühendes Feuer. Aber von dem Männlein war nichts mehr zu ſehen. Mehre Tage lang erinnerte ihn ſeine geſchwollene Hand an ſeine Undankbarkeit und Thorheit. Dann aber übertäubte er ſein Gewiſſen und ſprach:„Und wenn ſie mir die Glashütte und alles verkaufen, ſo 73³ bleibt mir doch immer der dicke Ezechiel. So lange der Geld hat am Sonntag, kann es mir nicht fehlen.“ Ja Peter! Aber wenn er keines hat? Und ſo ge⸗ ſchah es eines Tages und war ein wunderliches Rechen⸗ exempel. Denn eines Sonntags kam er angefahren ans Wirthshaus, und die Leute ſtreckten die Köpfe durch die Fenſter, und der Eine ſagte: Da kommt der Spiel⸗ peter, und der Andere: Ja, der Tanzkönig, der reiche Glasmann, und ein Dritter ſchüttelte den Kopf und ſprach: Mit dem Reichthum kann man es machen, man ſagt allerlei von ſeinen Schulden, und in der Stadt hat Einer geſagt, der Amtmann werde nicht mehr lang ſäumen zum Auspfänden.“ Indeſſen grüßte der reiche Peter die Gäſte am Fenſter vornehm und gravitätiſch, ſtieg vom Wagen und ſchrie:„Sonnenwirth, guten Abend, iſt der dicke Ezechiel ſchon da?“ Und eine tiefe Stimme rief:„Nur herein, Peter! Dein Platz iſt Dir aufbehalten, wir ſind ſchon da und bei den Karten.“ So trat Peter Munk in die Wirthsſtube, fuhr gleich in die Taſche und merkte, daß Ezechiel gut verſehen ſein müſſe, denn ſeine Taſche war bis oben angefüllt. Er ſetzte ſich hinter den Tiſch zu den Andern, und ſpielte und gewann und verlor hin und her, und ſo ſpielten ſie, bis andere ehrliche Leute, als es Abend wurde, nach Hauſe gingen, und ſpielten bei Licht, bis zwei andere Spieler ſagten:„Jetzt iſt’s genug, und wir müſſen heim zu Frau und Kind.“ Aber Spielpeter forderte den dicken Ezechiel auf zu bleiben. Dieſer wollte lange nicht, endlich aber rief er:„Gut, jetzt will ich mein Geld zählen, und dann wollen wir knöcheln, den 4 74 Satz um fünf Gulden, denn niederer iſt es doch nur Kinderſpiel.“ Er zog den Beutel und zählte, und fand hundert Gulden baar, und Spielpeter wußte nun, wie viel er ſelbſt habe, und brauchte es nicht erſt zu zählen. Aber hatte Ezechiel vorher gewonnen, ſo verlor er jetzt Satz für Satz und fluchte gräulich dabei. Warf er einen Paſch, gleich warf Spielpeter auch einen, und immer zwei Augen höher. Da ſetzte er endlich die letzten fünf Gulden auf den Tiſch und rief:„Noch einmal, und wenn ich auch den noch verliere, ſo höre ich doch nicht auf, dann leihſt Du mir von Deinem Gewinn, Peter, ein ehrlicher Kerl hilft dem Andern!“ „So viel Du willſt, und wenn es hundert Gulden ſein ſollten,“ ſprach der Tanzkaiſer, fröhlich über ſeinen Gewinn, und der dicke Ezechiel ſchüttelte die Würfel und warf fünfzehn.„Paſch!“ rief er,„jetzt wollen wir ſehen!“ Peter aber warf achtzehn, und eine heiſere bekannte Stimme hinter ihm ſprach:„So, das war der letzte.“ Er ſah ſich um, und rieſengroß ſtand der Holländer Michel hinter ihm. Erſchrocken ließ er das Geld fallen, das er ſchon eingezogen hatte. Aber der dicke Ezechiel fah den Waldmann nicht, ſondern verlangte, der Spiel⸗ peter ſolle ihm zehn Gulden vorſtrecken zum Spiel. Halb im Traum fuhr dieſer mit der Hand in die Taſche, aber da war kein Geld; er ſuchte in der andern Taſche, aber auch da fand ſich nichts, er kehrte den Rock um, aber es fiel kein rother Heller heraus, und jetzt erſt gedachte er ſeines eigenen erſten Wunſches, immer ſo viel Geld zu haben als der dicke Ezechiel. Wie Rauch war alles verſchwunden. 7⁵ Der Wirth und Czechiel ſahen ihn ſtaunend an, als er immer ſuchte und ſein Geld nicht finden konnte; ſie wollten ihm nicht glauben, daß er keines mehr habe; aber als ſie endlich ſelbſt in ſeinen Taſchen ſuchten, wurden ſie zornig und ſchwuren, der Spielpeter ſei ein böſer Zauberer, und habe all das gewonnene Geld und ſein eigenes nach Hauſe gewünſcht. Peter vertheidigte ſich ſtandhaft, aber der Schein war gegen ihn. Czechiel ſagte, er wolle die ſchreckliche Geſchichte allen Leuten im Schwarzwald erzählen, und der Wirth verſprach ihm, morgen mit dem früheſten in die Stadt zu gehen, und Peter Munk als Zauberer anzuklagen, und er wolle es erleben, ſetzte er hinzu, daß man ihn ver⸗ brenne. Dann fielen ſie wüthend über ihn her, riſſen ihm das Wamms vom Leib und warfen ihn zur Thüre hinaus. 1 Kein Stern ſchien am Himmel, als Peter trübſelig ſeiner Wohnung zuſchlich, aber dennoch konnte er eine dunkle Geſtalt erkennen, die neben ihm herſchritt und endlich ſprach:„Mit Dir iſt's aus, Peter Munk, all Deine Herrlichkeit iſt zu Ende, und das hätt ich Dir ſchon damals ſagen können, als Du nichts von mir hören wollteſt und zu dem dummen Glaszwerg liefſt. Da ſiehſt Du jetzt, was man davon hat, wenn man meinen Rath verachtet. Aber verſuch es einmal mit mir, ich habe Mitleiden mit Deinem Schickſal. Noch Keinen hat es gereut, der ſich an mich wandte, und wenn Du den Weg nicht ſcheuſt, morgen den ganzen Tag bin ich am Tannenbühl zu ſprechen, wenn Du mich rufſt.“ Peter merkte wohl, wer ſo zu ihm ſpreche, 76 aber es kam ihm ein Grauen an. Er antwortete nichts, ſondern lief ſeinem Haus zu. Bei dieſen Worten wurde der Erzähler durch ein Geräuſch vor der Schenke unterbrochen. Man hörte einen Wagen anfahren, mehre Stimmen riefen nach Licht, es wurde heftig an das Hofthor gepocht, und dazwiſchen heulten mehre Hunde. Die Kammer, die man dem Fuhrmann und den Handwerksburſchen an⸗ gewieſen hatte, ging nach der Straße hinaus; die vier Gäſte ſprangen auf und liefen dorthin, um zu ſehen, was vorgefallen ſei. Soviel ſie beim Schein einer La⸗ terne ſehen konnten, ſtand ein großer Reiſewagen vor der Schenke; ſo eben war ein großer Mann beſchäftigt, zwei verſchleierte Frauen aus dem Wagen zu heben, und einen Kutſcher in Livrée ſah man die Pferde ab⸗ ſpannen, ein Bediente aber ſchnallte den Koffer los. „Dieſen ſei Gott gnädig,“ ſeufzte der Fuhrmann. „Wenn dieſe mit heiler Haut aus dieſer Schenke kom⸗ men, ſo iſt mir für meinen Karren auch nicht mehr bange.“ „Stille!“ flüſterte der Student.„Mir ahnet, daß man eigentlich nicht uns, ſondern dieſen Damen auf⸗ lauert. Wahrſcheinlich waren ſie unten ſchon von ihrer Reiſe unterrichtet. Wenn man ſie nur warnen könnte! Doch halt! Es iſt im ganzen Wirthshaus kein anſtän⸗ diges Zimmer für die Damen, als das neben dem mei⸗ nigen. Dorthin wird man ſie führen. Bleibt ihr ruhig in dieſer Kammer, ich will die Bedienten zu unter⸗ richten ſuchen.“ 77 Der junge Mann ſchlich ſich auf ſein Zimmer, löſchte die Kerzen aus und ließ nur das Licht brennen, das ihm die Wirthin gegeben. Dann lauſchte er an der Thüre. Bald kam die Wirthin mit den Damen die Treppe herauf und führte ſie mit freundlichen, ſanften Worten in das Zimmer nebenan. Sie redete ihren Gäſten zu, ſich bald niederzulegen, weil ſie von der Reiſe er⸗ ſchöpft ſein werden. Dann ging ſie wieder hinab. Bald darauf hörte der Student ſchwere männliche Tritte die Treppe herauf kommen. Er öffnete behutſam die Thüre und erblickte durch eine kleine Spalte den großen Mann, welcher die Damen aus dem Wagen gehoben. Er trug ein Jagdkleid, hatte einen Hirſchfänger an der Seite und war wohl der Reiſeſtallmeiſter oder Begleiter der fremden Damen. Als der Student bemerkte, daß dieſer allein heraufgekommen war, öffnete er ſchnell die Thüre und winkte dem Mann, zu ihm einzutreten. Verwun⸗ dert trat dieſer näher, und ehe er noch fragen konnte, was man von ihm wolle, flüſterte ihm jener zu: „Mein Herr! Sie ſind heute Nacht in eine Räuber⸗ ſchenke gerathen.“ Der Mann erſchrak. Der Student zog ihn aber vollends in ſeine Thüre und erzählte ihm, wie ver⸗ dächtig es in dieſem Hauſe ausſehe. Der Jäger wurde ſehr beſorgt, als er dies hörte. Er belehrte den jungen Mann, daß die Damen, eine Gräfin und die Kammerfrau, anfänglich die ganze Nacht durch haben fahren wollen; aber etwa eine halbe Stunde von dieſer Schenke ſei ihnen ein Reiter begegnet, der ſie angerufen und gefragt habe, wohin ſie reiſen wollten. Als er vernommen, daß ſie geſonnen ſeien, die ganze Nacht durch den Speſſart zu reiſen habe er ihnen abgerathen, indem es gegenwärtig ſehr unſicher ſei.„Wenn Ihnen am Rathe eines redlichen Mannes etwas liegt,“ habe er hinzugeſetzt,„ſo ſtehen Sie ab von dieſem Gedanken; es liegt nicht weit von hier eine Schenke; ſo ſchlecht und unbequem ſie ſein mag, ſo übernachten Sie lieber daſelbſt, als daß Sie ſich in dieſer dunkeln Nacht unnöthig der Gefahr preis⸗ geben.“ Der Mann, der ihnen dies gerathen, habe ſehr ehrlich und rechtlich ausgeſehen, und die Gräfin hähe in der Angſt vor einem Räuberanfall befohlen, an dieſer Schenke ſtille zu halten. Der Jäger hielt es für ſeine Pflicht, die Damen von der Gefahr, worin ſie ſchwebten zu unterrichten. Er ging in das andere Zimmer, und bald darauf öffnete er die Thüre, welche von dem Zimmer der Gräſin in das des Studenten führte. Die Gräfin, eine Dame von etwa vierzig Jahren, trat vor Schrecken bleich zu dem Studenten heraus, und ließ ſich Alles noch einmal von ihm wiederholen. Dann berieth man ſich, was in dieſer mißlichen Lage zu thun ſei, und beſchloß, ſo be⸗ hutſam als möglich die zwei Bedienten, den Fuhrmann und die Handwerksburſche herbeizuholen, um im Fall eines Angriffs wenigſtens gemeinſame Sache machen zu können. Als dieſes bald darauf geſchehen war, wurde das Zimmer der Gräfin gegen die Hausflur hin verſchloſſen und mit Kommoden und Stuühlen verrammelt. Sie e ſetzte ſich mit ihrer Kammerfrau aufs Bette, und die zwei Bedienten hielten bei ihr Wache. Die früheren Gäſte aber und der Jäger ſetzten ſich im Zimmer des Studenten um den Tiſch und beſchloſſen die Gefahr zu erwarten. Es mochte jetzt etwa zehn Uhr ſein, im Hauſe war Alles ruhig und ſtill, und noch machte man keine Miene, die Gäſte zu ſtören. Da ſprach der Zir⸗ kelſchmied:„Um wach zu bleiben wäre es wohl das Beſte, wir machten es wieder wie zuvor. Wir erzählten nämlich, was wir von allerlei Geſchichten wiſſen, und wenn der Herr Jäger nichts dagegen hat, ſo könnten wir weiter fortfahren.“ Der Jäger aber hatte nicht nur nichts dagegen einzuwenden, ſondern um ſeine Bereitwilligkeit zu zeigen, verſprach er, ſelbſt etwas zu erzählen. Er hub an: Said’s Schickſale. Zur Zeit Harun Al Raſchids, des Beherrſchers von Bagdad, lebte ein Mann in Balſora, mit Namen Benezar. Er hatte gerade ſo viel Vermögen, um für ſich bequem und ruhig leben zu können, ohne ein Ge⸗ ſchäft oder einen Handel zu treiben. Auch als ihm ein Sohn geboren wurde, ging er von dieſer Weiſe nicht ab.„Warum ſoll ich in meinem Alter noch ſchachern und handeln,“ ſprach er zu ſeinen Nachbarn, um viel⸗ leicht Said, meinem Sohn, tauſend Goldſtücke mehr hinterlaſſen zu können, wenn es gut geht, und geht es ſchlecht, tauſend weniger? Wo Zwei ſpeiſen wird auch ein Dritter ſatt, ſagt das Sprüchwort, und wenn er nur ſonſt ein guter Junge wird, ſoll es ihm an nichts . 80 fehlen.“ So ſprach Benezar, und hielt Wort. Denn er ließ auch ſeinen Sohn nicht zum Handel oder einem Gewerbe erziehen; doch unterließ er nicht, die Bücher der Weisheit mit ihm zu leſen, und da nach ſeiner An⸗ ſicht einen jungen Mann außer Gelehrſamkeit und Ehr⸗ furcht vor dem Alter nichts mehr zierte, als ein ge⸗ wandter Arm und Muth, ſo ließ er ihn frühe in den Waffen unterweiſen, und Said galt bald unter ſeinen Altersgenoſſen, ja ſelbſt unter älteren Jünglingen für einen gewaltigen Kämpfer, und im Reiten und Schwimmen that es ihm Keiner zuvor. Als er achtzehn Jahre alt war, ſchickte ihn ſein Vater nach Mecca zum Grab des Propheten, um an Ort und Stelle ſein Gebet und ſeine religiöſen übun⸗ gen zu verrichten, wie es Sitte und Gebot erfordern. Ehe er abreiste, ließ ihn ſein Vater noch einmal vor ſich kommen, lobte ſeine Aufführung, gab ihm gute Lehren, verſah ihn mit Geld, und ſprach dann:„Noch etwas, mein Sohn Said! Ich bin ein Mann, der über die Vorurtheile des Pöbels erhaben iſt. Ich höre zwar gerne Geſchichten von Feyen und Zauberern erzählen, weil mir die Zeit dabei angenehm vergeht; doch bin ich weit entfernt, daran zu glauben, wie ſo viele unwiſſende Menſchen thun, daß dieſe Genien, oder wer ſie ſonſt ſein mögen, Einfluß auf das Leben und Treiben der Menſchen haben. Deine Mutter aber, ſie iſt jetzt zwölf Jahre todt, Deine Mutter glaubte ſo feſt daran, als an den Koran; ja ſie hat mir in einer einſamen Stunde, nachdem ich ihr geſchworen, es Niemand als ihrem Kind zu entdecken, vertraut, daß ſie ſelbſt von ihrer Geburt — — * 81 an mit einer Fee in Berührung geſtanden habe. Ich habe ſie deßwegen ausgelacht, und doch muß ich ge⸗ ſtehen, Said, daß bei Deiner Geburt einige Dinge vor⸗ fielen, die mich ſelbſt in Erſtaunen ſetzten. Es hatte den ganzen Tag geregnet und gedonnert, und der Himmel war ſo ſchwarz, daß man Nichts leſen konnte ohne Licht. Aber um vier Uhr Nachmittags ſagte man mir an, es ſei mir ein Knäblein geboren. Ich eilte nach den Gemächern Deiner Mutter um meinen Erſtgebor⸗ nen zu ſehen und zu ſegnen, aber alle ihre Zofen ſtan⸗ den vor der Thüre, und auf meine Fragen antworteten ſie, daß jetzt Niemand in das Zimmer treten dürfe, Zemira, Deine Mutter habe Alle hinausgehen heißen, weil ſie allein ſein wolle. Ich pochte an die Thüre, aber umſonſt, ſie blieb verſchloſſen. „Während ich ſo halb unwillig unter den Zofen vor der Thüre ſtand, klärte ſich der Himmel ſo plötzlich auf, wie ich es nie geſehen hatte, und das Wunder⸗ barſte war, daß nur uüͤber unſerer lieben Stadt Balſora eine reine, blaue Himmelswölbung erſchien, ringsum aber lagen die Wolken ſchwarz aufgerollt, und Blitze zuckten und ſchlängelten ſich in dieſem Umkreis. Wäh⸗ rend ich noch dieſes Schauſpiel neugierig betrachtete, flog die Thüre meiner Gattin auf; ich aber ließ die Mägde noch außen harren und trat allein in das Ge⸗ mach, Deine Mutter zu fragen, warum ſie ſich einge⸗ ſchloſſen habe. Als ich eintrat, quoll mir ein ſo be⸗ täubender Geruch von Roſen, Nelken und Hyaeinthen entgegen, daß ich beinahe verwirrt wurde. Deine Mutter brachte mir Dich dar und deutete zugleich auf ein ſil⸗ W. Hauffs Werke. XII. 6 82 bernes Pfeiſchen, das Du um den Hals an einer gol⸗ denen Kette, ſo fein wie Seide trugſt.„„Die gütige Frau, von welcher ich Dir einſt erzählte, iſt da gewe⸗ ſen,““ ſprach Deine Mutter,„„ſie hat Deinem Kna⸗ ben dieſes Angebinde gegeben.““„„Das war alſo die Hexe, die das Wetter ſchön machte und dieſen Roſen⸗ und Nelkenduft hinterließ?““ ſprach ich lachend und unglaubig. Aber ſie hätte etwas Beſſeres beſcheeren können, als dieſes Pfeiſchen; etwa einen Beutel voll Gold, ein Pferd oder dergleichen. Deine Mutter be⸗ ſchwor mich, nicht zu ſpotten, weil die Feen leicht er⸗ zürnt ihren Segen in Unſegen verwandeln. „Ich that es ihr zu Gefallen und ſchwieg, weil ſie krank war, wir ſprachen auch nicht mehr von dem ſon⸗ derbaren Vorfall bis ſechs Jahre nachher, als ſie fühlte, daß ſie, ſo jung ſie noch war, ſterben müſſe. Da gab ſie mir das Pfeifchen, trug mir auf, es einſt, wenn Du zwanzig Jahre alt ſeieſt, Dir zu geben, denn keine Stunde zuvor dürfe ich Dich von mir laſſen. Sie ſtarb. Hier iſt nun das Geſchenk,“ fuhr Benezar fort, indem er ein ſilbernes Pfeiſchen an einer langen goldenen Kette aus einem Käſtchen hervorſuchte,„und ich gebe es Dir in Deinem achtzehnten, ſtatt in Deinem zwan⸗ zigſten Jahr, weil Du abreiſeſt, und ich vielleicht, ehe Du heimkehrſt, zu meinen Vätern verſammelt werde. Ich ſehe keinen vernünftigen Grund ein, warum Du noch zwei Jahre hier bleiben ſollſt, wie es Deine be⸗ ſorgte Mutter wünſchte. Du biſt ein guter und ge⸗ ſcheiter Junge, führſt die Waffen ſo gut, als Einer von vierundzwanzig Jahren, daher kann ich Dich heute 83³ eben ſo gut für mündig erklären, als wäreſt Du ſchon zwanzig. Und nun ziehe im Frieden und denke in Glück und Unglück, vor welchem der Himmel Dich be⸗ wahren wolle, an Deinen Vater.“ So ſprach Benezar von Balſora, als er ſeinen Sohn entließ. Said nahm bewegt von ihm Abſchied, hing die Kette um den Hals, ſteckte das Pfeifchen in den Gürtel, ſchwang ſich aufs Pferd und ritt nach dem Ort, wo ſich die Karavane nach Mecca verſammelte. In kurzer Zeit waren an achtzig Kameele und viele hundert Reiter beiſammen, die Karavane ſetzte ſich in Marſch, und Said ritt aus dem Thor von Balſora, ſeiner Vaterſtadt, die er in langer Zeit nicht mehr ſehen ſollte.. Das Neue einer ſolchen Reiſe und die mancherlei niegeſehenen Gegenſtände, die ſich ihm aufdrängten, zerſtreuten ihn anfangs; als man ſich aber der Wüſte näherte, und die Gegend immer öder und einſamer wurde, da fing er an, über Manches nachzudenken, und unter Anderem auch über die Worte, womit ihn Be⸗ nezar, ſein Vater, entlaſſen hatte. 3 Er zog das Pfeiſchen hervor, beſchaute es hin und her und ſetzte es endlich an den Mund, um einen Ver⸗ ſuch zu machen, ob es vielleicht einen recht hellen und ſchönen Ton von ſich gebe; aber ſiehe, es tönte nicht; er blähte die Backen auf und blies aus Leibeskräften, aber er konnte keinen Ton hervorbringen, und unwillig über das nutzloſe Geſchenk, ſteckte er das Pfeiſchen wieder in den Gürtel. Aber bald richteten ſich alle ſeine Gedanken wieder auf die geheimnißvollen Worte 84 ſeiner Mutter; er hatte von Feen Manches gehört, aber nie hatte er erfahren, daß dieſer oder jener Nach⸗ bar in Balſora mit einem übernatürlichen Genius in Verbindung geſtanden ſei, ſondern man hatte die Sa⸗ gen von dieſen Geiſtern immer in weit entfernte Län⸗ der und alte Zeiten verſetzt, und ſo glaubte er, es gebe heutzutage keine ſolche Erſcheinungen mehr, oder die Feyen haben aufgehört, die Menſchen zu beſuchen und an ihren Schickſalen Theil zu nehmen. Obgleich er aber alſo dachte, ſo war er doch immer wieder von Neuem verſucht, an irgend etwas Geheimnißvolles und übernatürliches zu glauben, was mit ſeiner Mut⸗ ter vorgegangen ſein könnte, und ſo kam es, daß er beinahe einen ganzen Tag wie ein Träumender zu Pferde ſaß und weder an den Geſprächen der Reiſenden Theil nahm, noch auf ihren Geſang oder ihr Geläch⸗ ter achtete. Said war ein ſehr ſchöner Jüngling; ſein Auge war muthig und kühn, ſein Mund voll Anmuth, und ſo jung er war, ſo hatte er doch in ſeinem ganzen Weſen ſchon eine gewiſſe Würde, die man in dieſem Alter nicht ſo oft trifft, und der Anſtand, womit er, leicht, aber ſicher, und in vollem kriegeriſchem Schmuck zu Pferde ſaß, zog die Blicke manches der Reiſenden auf ſich. Ein alter Mann, der an ſeiner Seite ritt, fand Wohlgefallen an ihm und verſuchte, durch manche Fragen auch ſeinen Geiſt zu prüfen. Said, welchem Ehrfurcht gegen das Alter eingeprägt worden war, antwortete beſcheiden, aber klug und umſichtig, ſo daß der Alte eine große Freude an ihm hatte. Da 2 8⁵ aber der Geiſt des jungen Mannes ſchon den ganzen Tag nur mit einem Gegenſtand beſchäftigt war, ſo geſchah es, daß man bald auf das geheimnißvolle Reich der Feen zu ſprechen kam, und endlich fragte Said den Alten geradezu, ob er glaube, daß es Feen, gute oder böſe Geiſter geben könne, welche den Menſchen be⸗ ſchützen oder verfolgen. Der alte Mann ſtrich ſich den Bart, neigte ſeinen Kopf hin und her und ſprach dann:„Läugnen läßt es ſich nicht, daß es ſolche Geſchichten gegeben hat, ob⸗ gleich ich bis heute weder einen Geiſterzwerg, noch einen Genius als Rieſe, weder einen Zauberer, noch eine Fee geſehen habe.“ Der Alte hub dann an und erzählte dem jungen Mann ſo viele und wunderbare Geſchichten, daß ihm der Kopf ſchwindelte und er nicht anders dachte, als Alles, was bei ſeiner Geburt vorgegangen, die Anderung des Wetters, der ſüße Roſen⸗ und Hyacinthenduft, ſei von großer und glück⸗ licher Vorbedeutung, er ſelbſt ſtehe unter dem beſon⸗ deren Schutz einer mächtigen, gütigen Fee, und das Pfeifchen ſei zu nichts Geringerem ihm geſchenkt wor⸗ den, als der Fee im Fall der Noth zu pfeifen. Er träumte die ganze Nacht von Schlöſſern, Zauberpfer⸗ den, Genien und dergleichen, und lebte in einem wah⸗ ren Feenreich. Doch leider mußte er ſchon am folgenden Tag die Erfahrung machen, wie nichtig all ſeine Träume im Schlafen oder Wachen ſeien. Die Karavane war ſchon den größten Theil des Tages im gemächlichen Schritt fortgezogen, Said immer an der Seite ſeines alten 86 Gefährten, als man dunkle Schatten am fernſten Ende der Wüſte bemerkte; die Einen hielten es für Sandhügel, die Andern für Wolken, wieder Andere für eine neue Karavane; aber der Alte, der ſchon mehre Reiſen gemacht hatte, rief mit lauter Stimme, ſich vorzuſehen, denn es ſei eine Horde räuberiſcher Araber im Anzug. Die Männer griffen zu den Waffen, die Weiber und die Waaren wurden in die Mitte genommen, und Alles war auf einen Angriff gefaßt. Die dunkle Maſſe bewegte ſich langſam über die Ebene her und war an⸗ zuſehen wie eine große Schaar Störche, wenn ſie in ferne Länder ausziehen. Nach und nach kamen ſie ſchneller heran, und kaum hatte man Männer und Lanzen unterſchieden, als ſie auch ſchon mit Windes⸗ eile herbeiſtürmten und auf die Karavane einhieben. Die Männer wehrten ſich tapfer, aber die Räu⸗ ber waren über vierhundert Mann ſtark, umſchwärm⸗ ten ſie von allen Seiten, tödteten viel aus der Ferne her und machten dann einen Angriff mit der Lanze. In dieſem furchtbaren Augenblick fiel Said, der immer unter den Vorderſten wacker geſtritten hatte, ſein Pfeifchen ein, er zog es ſchnell hervor, ſetzte es an den Mund, blies und— ließ es ſchmerzlich wieder ſinken, denn es gab auch nicht den leiſeſten Ton von ſich. Wüthend über dieſe grauſame Enttäuſchung zielte er und ſchoß einen Araber, der ſich durch ſeine prachtvolle Kleidung auszeichnete, durch die Bruſt; jener wankte und fiel vom Pferd. „Allah! was habt Ihr gemacht, junger Menſch!“ rief der Alte an ſeiner Seite.„Jetzt ſind wir Alle 6 87 verloren.“ Und ſo ſchien es auch; denn kaum ſahen die Räuber dieſen Mann fallen, als ſie ein ſchreckliches Geſchrei erhuben und mit ſolcher Wuth eindrangen, daß die wenigen noch unverwundeten Männer bald zerſprengt wurden. Said ſah ſich in einem Augenblick von fünf oder ſechs umſchwärmt. Er führte ſeine Lanze ſo gewandt, daß keiner ſich heranzunahen wagte; end⸗ lich hielt einer an, legte einen Pfeil auf, zielte und wollte eben die Sehne ſchnellen laſſen, als ihm ein Anderer winkte. Der junge Mann machte ſich auf einen neuen Angriff gefaßt, aber ehe er ſich deſſen verſah, hatte ihm einer der Araber eine Schlinge über den Kopf geworfen, und ſo ſehr er ſich bemühte, das Seil zu zerreißen, ſo war doch Alles umſonſt, die Schlinge wurde feſter und immer feſter angezogen, und Said war gefangen. Die Karavane war endlich entweder ganz aufge⸗ rieben oder gefangen worden, und die Araber, welche nicht zu einem Stamm gehörten, theilten jetzt die Gefangenen und die übrige Beute und zogen dann, der eine Theil nach Süden, der andere nach Oſten. Neben Said ritten vier Bewaffnete, welche ihn oft mit bitterem Grimm anſchauten und Verwünſchungen über ihn ausſtießen; er merkte, daß es ein vornehmer Mann, vielleicht ſogar ein Prinz geweſen ſei, welchen er getödtet hatte. Die Sklaverei, welcher er entgegen ſah, war noch härter als der Tod, darum wünſchte er ſich im Stillen Glück, den Grimm der ganzen Horde auf ſich gezogen zu haben, denn er glaubte nicht an⸗ ders, als in ihrem Lager getödtet zu werden. Die 88 Bewaffneten bewachten alle ſeine Bewegungen, und ſo oft er ſich umſchaute, drohten ſie ihm mit ihren Spießen; einmal aber, als das Pferd des einen ſtrau⸗ chelte, wandte er den Kopf ſchnell um und erblickte zu ſeiner Freude den Alten, ſeinen Reiſegefährten, welchen er unter den Todten geglaubt hatte. Endlich ſah man in der Ferne Bäume und Zelte; als ſie näher kamen, ſtrömte ein ganzer Schwall von Kindern und Weibern entgegen, aber kaum hatten dieſe einige Worte mit den Räubern gewechſelt, als ſie in ein ſchreckliches Geheul ausbrachen und alle nach Said hinblickten, die Arme gegen ihn aufhoben und Verwünſchungen ausſtießen.„Jener iſt es,“ ſchrien ſie,„der den großen Almanſor erſchlagen hat, den tapferſten aller Männer; er muß ſterben, wir wollen ſein Fleiſch dem Schakal der Wüſte zur Beute geben.“ Dann drangen ſie mit Holzſtücken, Erdſchollen und was ſie zur Hand hatten, ſo furchtbar auf Said ein, daß ſich die Räuber ſelbſt ins Mittel legen mußten. „Hinweg ihr Unmündigen, fort ihr Weiber!“ riefen ſie, und trieben die Menge mit den Lanzen ausein⸗ ander;„er hat den großen Almanſor erſchlagen im Gefecht, und er muß ſterben, aber nicht von der Hand eines Weibes, ſondern vom Schwert der Tapfern.“ Als ſie unter den Zelten auf einem freien Platz angelangt waren, machten ſie Halt; die Gefangenen wurden je zwei und zwei zuſammengebunden, die Beute in die Zelte gebracht, Said aber wurde einzeln gefeſſelt und in ein großes Zelt geführt. Dort ſaß ein alter, prachtvoll gekleideter Mann, deſſen ernſte, ſtolze — — 89 Miene verkündete, daß er das Oberhaupt vieſer Horde⸗ ſei. Die Männer, welche Said führten, traten trau⸗ rig und mit geſenktem Haupt vor ihn hin.„Das Geheul der Weiber ſagt mir, was geſchehen iſt,“ ſprach der majeſtätiſche Mann, indem er die Räuber der Reihe nach anblickte;„Eure Mienen beſtätigen es,— Al⸗ manſor iſt gefallen.. „Almanſor iſt gefallen,“ antworteten die Männer, „aber hier, Selim, Beherrſcher der Wüſte, iſt ſein Mörder, und wir bringen ihn, damit Du ihn richteſt; welche Todesart ſoll er ſterben? Sollen wir ihn aus der Ferne mit Pfeilen erſchießen, ſollen wir ihn durch eine Gaſſe von Lanzen jagen, oder willſt Du, daß er an einem Strick aufgehängt oder von Pferden zerriſſen werde?“ 3 „Wer biſt Du?“ fragte Selim düſter auf den Ge⸗ fangenen blickend, der zum Tod bereit, aber muthig vor ihm ſtand. Said beantwortete ſeine Frage kurz und offen. „Haſt Du meinen Sohn meuchlings umgebracht? Haſt Du ihn von hinten mit einem Pfeil oder einer Lanze durchbohrt?“ „Nein, Herr!“ entgegnete Said.„Ich habe ihn in offenem Kampf beim Angriff auf unſere Reihen von vorne getödtet, weil er ſchon acht meiner Genoſſen vor meinen Augen erſchlagen hatte.“ „Iſt es alſo, wie er ſprach?“ fragte Selim die Männer, die ihn gefangen hatten. „Ja, Herr, er hat Almanſor in offenem Kampf getödtet,“ ſprach einer von den Gefragten. 90 „Dann hat er nicht mehr und nicht minder gethan, als wir ſelbſt gethan haben würden,“ verſetzte Selim, „er hat ſeinen Feind, der ihm Freiheit und Leben rauben wollte, bekämpft und erſchlagen; drum löſet ſchnell ſeine Bande!“ d Die Männer ſahen ihn ſtaunend an und gingen nur zaudernd und mit Widerwillen ans Werk.„So ſoll der Mörder Deines Sohnes, des tapfern Alman⸗ ſor nicht ſterben?“ fragte Einer, indem er wüthende Blicke auf Said warf.„Hätten wir ihn lieber gleich umgebracht!“ „Er ſoll nicht ſterben;“ rief Selim,„und ich nehme ihn ſogar in mein eigenes Zelt auf, ich nehme ihn als meinen gerechten Antheil an der Beute, er ſei mein Diener.“ Said fand keine Worte, dem Alten zu danken; die Männer aber verließen murrend das Zelt, und als ſie den Weibern und Kindern, die draußen verſammelt waren und auf Saids Hinrichtung warteten, den Ent⸗ ſchluß des alten Selim mittheilten, erhoben ſie ein ſchreckliches Geheul und Geſchrei und riefen, ſie wer⸗ den Almanſors Tod an ſeinem Mörder rächen, weil ſein eigener Vater die Blutrache nicht üben wolle. Die übrigen Gefangenen wurden an die Horden vertheilt, einige entließ man, um Löſegeld für die Rei⸗ cheren einzutreiben, andere wurden zu den Heerden als Hirten geſchickt, und manche, die vorher von zehn Sklaven ſich bedienen ließen, mußten die niedrigſten Dienſte in dieſem Lager verſehen. Nicht ſo Said. War es ſein muthiges, heldenmäßiges Ausſehen oder der * 91 geheimnißvolle Zauber einer gütigen Fee, was den alten Selim für den Jüngling einnahm? Man wußte es nicht zu ſagen, aber Gaid lebte in ſeinem Zelte mehr als Sohn, denn als Diener. Aber die unbegreifliche Zuneigung des alten Mannes zog ihm die Feindſchaft der übrigen Diener zu. Er begegnete überall nur feind⸗ lichen Blicken, und wenn er allein durchs Lager ging, ſo hörte er ringsumher Schimpfworte und Verwün⸗ ſchungen ausſtoßen, ja, einigemal flogen Pfeile an ſei⸗ ner Bruſt vorüber, die offenbar ihm gegolten hatten, und daß ſie ihn nicht trafen, ſchrieb er nur dem Pfeif⸗ chen zu, das er noch immer auf der Bruſt trug, und welchem er dieſen Schutz zuſchrieb. Oft beklagte er ſich bei Selim über dieſe Angriffe auf ſein Leben, aber vergebens ſuchte dieſer die Meuchelmörder ausfindig zu machen, denn die ganze Horde ſchien gegen den be⸗ günſtigten Fremdling verbunden zu ſein. Da ſprach eines Tages Selim zu ihm:„Ich hatte gehofft, Du werdeſt mir vielleicht den Sohn erſetzen, der durch Deine Hand umgekommen iſt; an Dir und mir liegt nicht die Schuld, daß es nicht ſein konnte; Alle ſind gegen Dich erbittert, und ich ſelbſt kann Dich in Zu⸗ kunft nicht mehr ſchützen, denn was hilft es Dir oder mir, wenn ſie Dich heimlich getödtet haben, die Schul⸗ digen zur Strafe zu ziehen? Darum, wenn die Män⸗ ner von ihrem Streifzug heimkehren, werde ich ſagen, Dein Vater habe mir Löſegeld geſchickt, und ich werde Dich durch einige treue Männer durch die Wüſte gelei⸗ ten laſſen.“ „Aber kann ich irgend Einem außer Dir trauen?“ 92 fragte Said beſtürzt.„Werden ſie mich nicht unter⸗ wegs tödten?“ „Davor ſchützt Dich der Eid, den ſie mir ſchwören müſſen, und den noch keiner gebrochen hat,“ erwiderte Selim mit großer Ruhe. Einige Tage nachher kehrten die Männer ins Lager zurück und Selim hielt ſein Verſprechen. Er ſchenkte dem Jüngling Waffen, Klei⸗ der und ein Pferd, verſammelte die ſtreitbaren Männer, wählte fünf zur Bekleidung Saids aus, ließ ſie einen furchtbaren Eid ablegen, daß ſie ihn nicht tödten wol⸗ len, und entließ ihn dann mit Thränen. Die fünf Männer ritten finſter und ſchweigend mit Said durch die Wüſte; der Jüngling ſah, wie ungern ſie den Auftrag erfüllten, und es machte ihm nicht we⸗ nig Beſorgniß, daß zwei von ihnen bei jenem Kampf zugegen waren, wo er Almanſor tödtete. Als ſie etwa acht Stunden zurückgelegt hatten, hörte Said, daß ſie unter einander flüſterten, und bemerkte, daß ihre Mie⸗ nen noch düſterer wurden, als vorher. Er ſtrengte ſich an, aufzuhorchen, und vernahm, daß ſie ſich in einer Sprache unterhielten, die nur von dieſer Horde und im⸗ mer nur bei geheimnißvollen oder gefährlichen Unter⸗ nehmungen geſprochen wurde; Selim, der den Plan gehabt hatte, den jungen Mann auf immer in ſeinem Zelt zu behalten, hatte ſich manche Stunde damit ab⸗ gegeben, ihn dieſe geheimnißvollen Worte zu lehren; aber es war nichts Erfreuliches, was er jetzt vernahm. „Hier iſt die Stelle,“ ſprach Einer,„hier griffen wir die Karavane an, und hier fiel der tapferſte Mann von der Hand eines Knaben.“ 93³ „Der Wind hat die Spuren ſeines Pferdes ver⸗ weht,“ fuhr ein Anderer fort,„aber ich habe ſie nicht vergeſſen.“ „Und zu unſerer Schande ſoll der noch leben und frei ſein, der Hand an ihn legte? Wann hat man je gehört, daß ein Vater den Tod ſeines einzigen Sohnes nicht rächte? Aber Selim wird alt und kindiſch.“ „Und wenn es der Vater unterläßt,“ ſagte ein Vierter,„ſo iſt es Freundespflicht, den gefallenen Freund zu rächen. Hier an dieſer Stelle ſollten wir ihn niederhauen. So iſt es Recht und Brauch ſeit den älteſten Zeiten.“ „Aber wir haben dem Alten geſchworen,“ rief ein Fünfter,„wir dürfen ihn nicht tödten, unſer Eid darf nicht gebrochen werden.“ 1 „Es iſt wahr,“ ſprachen die Andern,„wir haben geſchworen, und der Mörder darf frei aus den Händen ſeiner Feinde.“ „Halt!“ rief Einer, der Finſterſte unter Allen. „Der alte Selim iſt ein kluger Kopf, aber doch nicht ſo klug, als man glaubt; haben wir ihm geſchworen, dieſen Burſchen da oder dorthin zu bringen? Nein, er nahm uns nur den Schwur für ſein Leben ab, und dieſes wollen wir ihm ſchenken. Aber die brennende Sonne und die ſcharfen Zähne des Schakals werden unſere Rache übernehmen. Hier an dieſer Stelle wollen wir ihn gebunden liegen laſſen.“ So ſprach der Räu⸗ ber, aber ſchon ſeit einigen Minuten hatte ſich Said auf das Außerſte gefaßt gemacht, und indem Jener noch die letzten Worte ſprach, riß er ſein Pferd auf die 94 Seite, trieb es mit einem tüchtigen Hieb an und flog wie ein Vogel über die Ebene hin. Die fünf Männer ſtaunten einen Augenblick, aber wohlbewandert in ſol⸗ chen Verfolgungen, theilten ſie ſich, jagten rechts und links nach, und weil ſie die Art und Weiſe wie man in der Wüſte reiten muß, beſſer kannten, hatten zwei von ihnen den Flüchtling bald überholt, wandten ſich gegen ihn um, und als er auf die Seite floh, fand er auch dort zwei Gegner, und den fünften in ſeinem Rücken. Der Eid, ihn nicht zu tödten, hielt ſie ab, ihre Waffen zu gebrauchen; ſie warfen ihm auch jetzt wieder von hinten eine Schlinge über den Kopf, zogen ihn vom Pferd, ſchlugen unbarmherzig auf ihn los, banden ihn dann an Händen und Füßen und legten ihn in den glühenden Sand der Wüſte. 3 Said flehte ſie um Barmherzigkeit an, er verſprach ihnen ſchreiend ein großes Löſegeld, aber lachend ſchwangen ſie ſich auf und jagten davon. Noch einige Augenblicke lauſchte er auf die leichten Tritte ihrer Roſſe, dann aber gab er ſich verloren. Er dachte an ſeinen Vater, an den Gram des alten Mannes, wenn ſein Sohn nicht mehr heimkehre; er dachte an ſein eigenes Elend, daß er ſo frühe ſterben müſſe; denn nichts war ihm gewiſſer, als daß er in dem heißen Sand den martervollen Tod des Verſchmachtens erlei⸗ den müſſe, oder daß er von einem Schakal zerriſſen werde. Die Sonne ſtieg immer höher und brannte 1 gllühend auf ſeiner Stirne; mit unendlicher Mühe ge⸗ lang es ihm, ſich aufzuwälzen; aber es gab ihm we⸗ nig Erleichterung. Das Pfeiſchen an der Kette war 95 durch dieſe Anſtrengung aus ſeinem Kleid gefallen. Er mühte ſich ſo lange, bis er es mit dem Mund erfaſſen konnte; endlich berührten es ſeine Lippen, er verſuchte zu blaſen, aber auch in dieſer ſchrecklichen Noth ver⸗ ſagte es den Dienſt. Verzweiflungsvoll ließ er den Kopf zurückſinken, und endlich beraubte ihn die ſte⸗ chende Sonne der Sinne; er fiel in eine tiefe Betäu⸗ bung. Nach vielen Stunden erwachte Said an einem Ge⸗ räuſch in ſeiner Nähe, er fühlte zugleich, daß ſeine Schulter gepackt wurde, und er ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, denn er glaubte nicht anders, als ein Schakal ſei herangekommen ihn zu zerreißen. Jetzt wurde er auch an den Beinen gefaßt, aber er fühlte, daß es nicht die Krallen eines Raubthiers ſeien, die ihn umfaßten, ſondern die Hände eines Mannes, der ſich ſorgſam mit ihm beſchäftigte und mit zwei und drei Andern ſprach.„Er lebt,“ flüſterten ſie,„aber er hält uns für Feinde.“ Endlich ſchlug Said die Augen auf und erblickte über ſich das Geſicht eines kleinen, dicken Mannes mit kleinen Augen und langem Bart. Dieſer ſprach ihm freundlich zu, half ihm ſich aufzurichten, reichte ihm Speiſe und Trank und erzählte ihm, während er ſich ſtärkte, er ſei ein Kaufmann aus Bagdad, heiße Kalum⸗Bek und handle mit Shawls und feinen Schleiern für die Frauen. Er habe eine Handelsreiſe gemacht, ſei jetzt auf der Rückkehr nach Hauſe begriffen und habe ihn elend und halbtodt im Sand liegen ſehen. Sein prachtvoller Anzug und die blitzenden Steine ſei⸗ 96 8 nes Dolches hätten ihn aufmerkſam gemacht; er habe Alles angewandt, ihn zu beleben, und es ſei ihm alſo gelungen. Der Jüngling dankte ihm für ſein Leben, denn er ſah wohl ein, daß er ohne die Dazwiſchenkunft dieſes Mannes elend hätte ſterben müſſen; und da er weder Mittel hatte, ſich ſelbſt fortzuhelfen, noch Wil⸗ lens war, zu Fuß und allein durch die Wüſte zu wan⸗ dern, ſo nahm er dankbar einen Sitz auf einem der ſchwer beladenen Kameele des Kaufmanns an und be⸗ ſchloß fürs Erſte, mit nach Bagdad zu ziehen, vielleicht könnte er dort ſich an eine Geſellſchaft, die nach Bal⸗ ſora reiſete, anſchließen. 3 Unterwegs erzählte der Kaufmann ſeinem Reiſege⸗ fährten Manches von dem trefflichen Beherrſcher der Gläubigen, Harun Al Raſchid. Er erzählte ihm von ſeiner Gerechtigkeitsliebe und ſeinem Scharfſinn, wie er die verwickeltſten Prozeſſe auf einfache und bewun⸗ dernswürdige Weiſe zu ſchlichten wiſſe; unter anderem führte er die Geſchichte von dem Seiler, die Geſchichte von dem Topf mit Oliven an, Geſchichten, die jedes Kind weiß, die aber Said ſehr bewunderte.„Unſer Herr, der Beherrſcher der Gläubigen,“ fuhr der Kauf⸗ mann fort,„unſer Herr iſt ein wunderbarer Mann. Wenn Ihr meinet, er ſchlafe, wie andere gemeine Leute, ſo täuſchet Ihr Euch ſehr. Zwei, drei Stun⸗ den in der Morgendämmerung iſt Alles. Ich muß das wiſſen, denn Meſſour, ſein erſter Kämmerer, iſt mein Vetter, und obgleich er ſo verſchwiegen iſt, wie das Grab, was die Geheimniſſe ſeines Herrn anbelangt, ſo läßt er doch der guten Verwandtſchaft zu lieb hin 97 und wieder einen Wink fallen, wenn er ſieht, daß einer aus Neugierde beinahe vom Verſtand kommen könnte. Statt nun wie andere Menſchen zu ſchlafen, ſchleicht der Kalif Nachts durch die Straßen von Bag⸗ dad, und ſelten verſtreicht eine Woche, worin er nicht auf ein Abenteuer ſtößt; denn Ihr müßt wiſſen, wie ja auch aus der Geſchichte mit dem Oliventopf erhellt, die ſo wahr iſt, als das Wort des Propheten, daß er nicht mit der Wache und zu Pferd in vollem Putz und mit hundert Fackelträgern ſeine Runde macht, wie er wohl thun könnte, wenn er wollte, ſondern angezogen, bald als Kaufmann, bald als Schiffer, bald als Sol⸗ dat, bald als Mufti geht er umher und ſchaut, ob Alles recht und in Ordnung ſei. „Daher kommt es aber auch, daß man in keiner Stadt Nachts ſo höflich gegen jeden Narren iſt, auf den man ſtößt, wie in Bagdad; denn es könnte eben ſo gut der Kalif wie ein ſchmutziger Araber aus der Wüſte ſein, und es wächst Holz genug, um allen Menſchen in und um Bagdad die Baſtonade zu geben.“, So ſprach der Kaufmann, und Said, ſo ſehr ihn hin und wieder die Sehnſucht nach ſeinem Vater quälte, freute ſich doch, Bagdad und den berühmten Harun Al Raſchid zu ſehen. Nach zehn Tagen kamen ſie in Bagdad an, und Said ſtaunte und bewunderte die Herrlichkeit dieſer Stadt, die damals gerade in ihrem höͤchſten Glanz war. Der Kaufmann lud ihn ein, mit in ſein Haus zu kommen, und Said nahm es gerne an; denn jetzt erſt unter dem Gewühl der Menſchen fiel es ihm ein, W. Hauffs Werke. XII. 7 98 baß hier wahrſcheinlich außer der Luft und dem Waſſer des Tigris und einem Nachtlager auf den Stufen einer Moſchee nichts umſonſt zu haben ſein werde. Den Tag nach ſeiner Ankunft, als er ſich eben an⸗ gekleidet hatte und ſich geſtand, daß er in dieſem pracht⸗ vollen kriegeriſchen Aufzug ſich in Bagdad wohl ſehen laſſen könne und vielleicht manchen Blick auf ſich ziehe, trat der Kaufmann in ſein Zimmer. Er betrachtete den ſchönen Jüngling mit ſchelmiſchem Lächeln, ſtrich ſich den Bart und ſprach dann:„Das iſt Alles recht ſchön, junger Herr! Aber was ſoll denn nun aus Euch wer⸗ den? Ihr ſeid, kommt es mir vor, ein großer Träu⸗ mer und denket nicht an den folgenden Tag; oder habt Ihr ſo viel Geld bei Euch, um dem Kleid gemäß zu leben, das Ihr traget?“ d „Lieber Herr Kalum⸗Bek,“ ſprach der Jüngling ver⸗ legen und erröthend,„Geld habe ich freilich nicht, aber vielleicht ſtrecket Ihr mir etwas vor, womit ich heimreiſen kann; mein Vater wird es gewiß richtig erſtatten.“ „Dein Vater, Burſche?“ rief der Kaufmann laut lachend.„Ich glaube die Sonne hat Dir das Hirn ver⸗ brannt. Meinſt Du, ich glaube Dir ſo auf’s Wort das ganze Mährchen, das Du mir in der Wüſte erzählteſt, daß Dein Vater ein reicher Mann in Balſora ſei, Du ſein einziger Sohn, und den Anfall der Araber, und Dein Leben in ihrer Horde und dies und jenes. Schon damals ärgerten mich Deine frechen Lügen und Deine Unverſchämtheit. Ich weiß, daß in Balſora alle rei⸗ chen Leute Kaufleute ſind, habe ſchon mit allen gehan⸗ delt und müßte von einem Benezar gehört haben, und * 44 99 wenn er nur ſechstauſend Tomans im Vermoͤgen hätte. Es iſt alſo entweder erlogen, daß Du aus Balſora biſt, oder Dein Vater iſt ein armer Schlucker, deſſen herge⸗ laufenem Jungen ich keine Kupfermünze leihen mag. Sodann der Überfall in der Wüſte! Wann hat man gehört, ſeit der weiſe Kalif Harun die Handelswege durch die Wüſte geſichert hat, daß es Räuber gewagt haben, eine Karavane zu plündern und ſogar Menſchen hinwegzuführen? Auch müßte es bekannt geworden ſein, aber auf meinem ganzen Weg, und auch hier in Bagdad, wo Menſchen aus allen Gegenden der Welt zuſammenkommen, hat man nichts davon geſprochen. Das iſt die zweite Lüge, junger, unverſchämter Menſch!“ Bleich vor Zorn und Unmuth wollte Said dem klei⸗ nen böſen Mann in die Rede fallen, jener aber ſchrie ſtärker als er, und focht dazu mit den Armen.„Und die dritte Lüge, Du frecher Lügner, iſt die Geſchichte im Lager Selims. Selims Name iſt wohlbekannt unter Allen, die jemals einen Araber geſehen haben, aber Selim iſt bekannt als der ſchrecklichſte und grauſamſte Räuber, und Du wagſt zu erzählen, Du habeſt ſeinen Sohn getödtet und ſeieſt nicht ſogleich in Stücke zer⸗ hauen worden; ja Du treibeſt die Frechheit ſo weit, daß Du das Unglaubliche ſagſt, Selim habe Dich gegen ſeine Horde beſchützt, in ſein eigenes Zelt aufgenom⸗ men und ohne Löſegeld entlaſſen, ſtatt daß er Dich aufgehängt hätte an den nächſten beſten Baum, er, der oft Reiſende gehängt hat, nur um zu ſehen, welche Geſichter ſie machen, wenn ſie aufgehängt ſind. O Du abſcheulicher Lügner!“ 1⁰⁰ „Und ich kann nichts weiter ſagen,“ rief der Jüng⸗ ling,„als daß Alles wahr iſt bei meiner Seele und beim Bart des Propheten!“ „Was! bei Deiner Seele willſt Du ſchwören?“ ſchrie der Kaufmann,„bei Deiner ſchwarzen, lügen⸗ haften Seele? Wer ſoll da glauben? Und beim Bart des Propheten, Du, der Du ſelbſt keinen Bart haſt? Wer ſoll da trauen?“ „Ich habe freilich keinen Zeugen,“ fuhr Said fort, „aber habt Ihr mich nicht gefeſſelt und elend gefunden?“ „Das beweist mir gar nichts,“ ſprach jener,„Du biſt gekleidet wie ein ſtattlicher Räuber, und leicht haſt Du Einen angefallen, der ſtärker war, als Du, und Dich beſiegte und band.“ „Den Einzelnen, oder ſogar zwei moͤchte ich ſehen,“ entgegnete Said,„die mich niederſtrecken und binden⸗ wenn ſie mir nicht von hinten eine Schlinge über den Kopf werfen. Ihr mögt in Eurem Bazar freilich nicht wiſſen, was ein Einzelner vermag, wenn er in den Waffen geübt iſt. Aber Ihr habt mir das Leben geret⸗ tet und ich danke Euch. Was wollt Ihr denn aber jetzt mit mir beginnen? Wenn Ihr nicch nicht unterſtützet, ſo muß ich betteln, und ich mag keinen Meinesgleichen um eine Gnade anflehen; an den Kalifen will ich mich wenden.“ „So?“ ſprach der Kaufmann höhniſch lächelnd. „An Niemand anders wollt Ihr Euch wenden, als an unſern allergnädigſten Herrn? Das heiße ich vornehm betteln! Ei, ei! Bedenket aber, junger, vornehmer Herr, daß der Weg zum Kalifen an meinem Vetter 401 Meſſour vorbeigeht, und daß es mich ein Wort koſtet, den Oberkämmerer darauf aufmerkſam zu machen, wie trefflich Ihr lügen könnet.— Aber mich dauert Deine Jugend, Said. Du kannſt Dich beſſern, es kann noch etwas aus Dir werden. Ich will Dich in mein Gewölb im Bazar nehmen, dort ſollſt Du mir ein Jahr lang dienen, und iſt dies vorbei, und willſt Du nicht bei mir bleiben, ſo zahle ich Dir Deinen Lohn aus und laſſe Dich gehen wohin Du willſt, nach Aleppo oder Medina, nach Stambul oder nach Balſora, meinetwegen zu den Ungläubigen. Bis Mittag gebe ich Dir Bedenkzeit; willſt Du, ſo iſt es gut, willſt Du nicht, ſo berechne ich Dir nach billigem Anſchlag die Reiſekoſten, die Du mir verurſachteſt, und den Platz auf dem Kameel, mache mich mit Deinen Kleidern und allem, was Du haſt, bezahlt, und werfe Dich auf die Straße; dann kannſt Du beim Kalifen oder beim Mufti, an der Moſchee oder im Bazar betteln.“ Mit dieſen Worten verließ der böͤſe Mann den un⸗ glücklichen Jüngling. Said blickte ihm voll Verachtung nach. Er war ſo empört über die Schlechtigkeit dieſes Menſchen, der ihn abſichtlich mitgenommen und in ſein Haus gelockt hatte, damit er ihn in ſeine Gewalt be⸗ käme. Er verſuchte, ob er nicht entfliehen könnte, aber ſein Zimmer war vergittert, und die Thüre verſchloſſen. Endlich, nachdem ſich ſein Sinn lange dagegen geſträubt hatte, beſchloß er fürs Erſte, den Vorſchlag des Kauf⸗ manns anzunehmen und ihm in ſeinem Gewölbe zu dienen. Er ſah ein, daß ihm nichts Beſſeres zu thun übrig bleibe; denn wenn er auch entfloh, ſo konnte er 10² ohne Geld doch nicht bis Balſora kommen. Aber er nahm ſich vor, ſobald als möglich den Kalifen ſelbſt um Schutz anzuflehen. Den folgenden Tag führte Kalum⸗Bek ſeinen neuen Diener in ſein Gewölbe im Bazar. Er zeigte Said alle Shawls und Schleier und andere Waaren, womit er handelte, und wies ihm ſeinen beſondern Dienſt an. Dieſer beſtand darin, daß Said, angekleidet wie ein Kaufmannsdiener, und nicht mehr im kriegeri⸗ ſchen Schmuck, in der einen Hand einen Shawl, in der andern einen prachtvollen Schleier, unter der Thüre des Gewölbes ſtand, die vorübergehenden Männer oder Frauen anrief, ſeine Waaren vorzeigte, ihren Preis nannte, und die Leute zum Kaufen einlud; und jetzt konnte ſich Said auch erklären, warum ihn Kalum⸗Bek zu dieſem Geſchäft beſtimmt habe. Er war ein kleiner häßlicher Alter, und wenn er ſelbſt unter dem Laden ſtand und anrief, ſo ſagte mancher Nachbar oder auch einer der Vorübergehendeu ein witziges Wort über ihn, oder die Knaben ſpotteten ſeiner, und die Frauen nann⸗ ten ihn eine Vogelſcheuche; aber Jedermann ſah gerne den jungen ſchlanken Said, der mit Anſtand die Kun⸗ den anrief und Shawl und Schleier geſchickt zu halten wußte. Als Kalum⸗Bek ſah, daß ſein Laden im Bazar an Kunden zunahm, ſeitdem Said unter der Thüre ſtand, wurde er freundlicher gegen den jungen Mann, ſpeiste ihn beſſer, als zuvor, und war darauf bedacht, ihn in ſeiner Kleidung immer ſchön und ſtattlich zu halten. Aber Said wurde durch ſolche Beweiſe der milderen 10³ Geſinnungen ſeines Herrn wenig gerührt und ſann den ganzen Tag und ſelbſt in ſeinen Träumen auf gute Art und Weiſe, um in ſeine Vaterſtadt zurückzukehren. Eines Tages war im Gewölbe vieles gekauft wor⸗ den, und alle Packknechte, welche die Waaren nach Hauſe trugen, waren ſchon verſandt, als eine Frau eintrat und noch Einiges kaufte. Sie hatte bald ge⸗ wählt und verlangte dann Jemand, der ihr gegen ein Trinkgeld die Waaren nach Hauſe trage.„In einer halben Stunde kann ich Euch alles ſchicken,“ antwor⸗ tete Kalum⸗Bek,„nur ſo lange müßt Ihr Euch ge⸗ dulden oder irgend einen anderen Packer nehmen.“ „Seid Ihr ein Kaufmann und wollet Euren Kun⸗ den fremde Packer mitgeben?“ rief die Frau. Kann nicht ein ſolcher Burſche im Gedräng mit meinem Pack davon laufen? Und an wen ſoll ich mich dann wen⸗ den? Nein, Eure Pflicht iſt es nach Marktrecht, mir meinen Pack nach Hauſe tragen zu laſſen, und an Euch kann und will ich mich halten.“ „Aber nur eine halbe Stunde wartet, werthe Fran!“ ſprach der Kaufmann, ſich immer ängſtlicher drehend.„Alle meine Packknechte ſind verſchickt—“ „Das iſt ein ſchlechtes Gewölbe, das nicht immer einige Knechte übrig hat;“ entgegnete das böſe Weib. „Aber dort ſteht ja noch ſolch ein junger Müßiggänger; komm, junger Burſche, nimm meinen Pack und trag' ihn mir nach.“ „Halt, halt!“ ſchrie Kalum⸗Bek.„Das iſt mein Aushängeſchild, mein Ausrufer, mein Magnet! Der darf die Schwelle nicht verlaſſen!“ 104 „Was da!“ erwiderte die alte Dame und ſteckte Said ohne weiteres ihren Pack unter den Arm.„Das iſt ein ſchlechter Kaufmann und elende Waaren, die ſich nicht ſelbſt loben, und erſt noch ſolch einen müßigen Bengel zum Schild brauchen. Geh, geh, Burſche, Du ſollſt heute ein Trinkgeld verdienen“ „So lauf im Namen Arimans und aller böſen Geiſter,“ murmelte Kalum⸗Bek ſeinem Magnet zu; „und ſiehe zu, daß Du bald wieder kommſt; die alte Hexe könnte mich ins Geſchrei bringen auf dem ganzen Bazar, wollte ich mich länger weigern.“ Said folgte der Frau, die leichteren Schrittes, als man ihrem Alter zutrauen ſollte, durch den Markt und die Straßen eilte. Sie ſtand endlich vor einem pracht⸗ vollen Hauſe ſtill, pochte an, die Flügelthüren ſprangen auf, und ſie ſtieg eine Marmortreppe hinan und winkte Said zu folgen. Sie gelangten endlich in einen hohen, weiten Saal, der mehr Pracht und Herrlichkeit ent⸗ hielt, als Said jemals geſchaut hatte. Dort ſetzte ſich die alte Frau erſchöpft auf ein Polſter, winkte dem jungen Mann, ſeinen Pack niederzulegen, reichte ihm ein kleines Silberſtück und hieß ihn gehen. Er war ſchon an der Thüre, als eine helle, feine Stimme„Said“ rief; verwundert, daß man ihn hier kenne, ſchaute er ſich um, und eine wunderſchöne Dame, umgeben von vielen Sklaven und Dienerinnen, ſaß ſtatt der Alten auf dem Polſter. Said, ganz ſtumm vor Verwunderung, kreuzte ſeine Arme und machte eine tiefe Verbeugung. „ Said, mein lieber Junge,“ ſprach die Dame,„ſo 10⁵ ſehr ich die Unfälle bedaure, die Dich nach Bagdad führten, ſo war doch dies der einzige, vom Schickſal beſtimmte Ort, wo ſich, wenn Du vor dem zwanzigſten Jahr Dein Vaterhaus verließeſt, Dein Schickſal löfen würde. Said, haſt Du noch Dein Pfeifchen?“ „Wohl hab ich es noch,“ rief er freudig, indem er die goldne Kette hervorzog;„und Ihr ſeid vielleicht die gütige Fee, die mir dieſes Angebinde gab, als ich geboren wurde?“ „Ich war die Freundin Deiner Mutter,“ antwor⸗ tete die Fee,„und bin auch Deine Freundin, ſo lange Du gut bleibſt, Ach! daß Dein Vater, der leichtſinnige Mann, meinen Rath befolgt hätte! Du würdeſt vielen Leiden entgangen ſein.“ „Nun, es hat wohl ſo kommen müſſen!“ erwiderte Said.„Aber gnädigſte Fee, laſſet einen tüchtigen Nordoſtwind an Euren Wolkenwagen ſpannen, nehmet mich auf und führet mich in ein Paar Minuten nach Balſora zu meinem Vater; ich will dann die ſechs Monate bis zu meinem zwanzigſten Jahre geduldig dort ausharren.“ Die Fee lächelte.„Du haſt eine gute Weiſe, mit uns zu ſprechen!“ antwortete ſie;„aber, armer Said, es iſt nicht möglich; ich vermag jetzt, wo Du außer Deinem Vaterhauſe biſt, nichts Wunderbares für Dich zu thun. Nicht einmal aus der Gewalt des elenden Kalum⸗Bek vermag ich Dich zu befreien. Er ſteht unter dem Schutz Deiner mächtigen Feindin.“ „Alſo nicht nur eine gütige Freundin habe ich?“ fragte Said,„auch eine Feindin? Nun, ich glaube 106 ihren Einfluß ſchon öfter erfahren zu haben. Aber mit Rath dürfet Ihr mich doch unterſtützen? Soll ich nicht zum Kalifen gehen und ihn um Schutz bitten? Er iſt ein weiſer Mann, er wird mich gegen Kalum⸗Bek be⸗ ſchützen.“ „Ja, Harun iſt ein weiſer Mann!“ erwiderte die Fee.„Aber leider iſt er auch nur ein Menſch. Er traut ſeinem Großkämmerer Meſſour ſo viel als ſich ſelbſt, und er hat Recht, denn er hat Meſſour erprobt und treu gefunden. Meſſour aber traut Deinem Freund Kalum⸗Bek auch wie ſich ſelbſt, und darin hat er Un⸗ recht, denn Kalum iſt ein ſchlechter Mann, wenn er ſchon Meſſours Verwandter iſt. Kalum iſt zugleich ein verſchlagener Kopf und hat, ſobald er hieher kam, ſeinem Vetter Großkämmerer eine Fabel über Dich er⸗ dichtet und angeheftet, und dieſer hat ſie wieder dem Kalifen erzählt, ſo daß Du, kämeſt Du auch jetzt gleich in den Palaſt Haruns, ſchlecht empfangen werden würdeſt, denn er traute Dir nicht. Aber es gibt andere Mittel und Wege, ſich ihm zu nahen, und es ſteht in den Sternen geſchrieben, daß Du ſeine Gnade erwerben ſollſt.“ 8 „Das iſt freilich ſchlimm,“ ſagte Said wehmüthig. „Da werde ich ſchon noch einige Zeit der Ladenhüter des elenden Kalum⸗Bek ſein müſſen. Aber eine Gnade, verehrte Fee, könnet Ihr mir doch gewähren. Ich bin zum Waffenwerk erzogen, und meine höchſte Freude iſt ein Kampfſpiel, wo recht tüchtig gefochten wird mit Lanze, Bogen und ſtumpfem Schwert. Nun halten die edelſten Jünglinge dieſer Stadt alle Wochen ein ſolches 107 Kampfſpiel. Aber nur Leute im höchſten Schmuck, und überdies nur freie Männer dürfen in die Schranken reiten, namentlich aber kein Diener aus dem Bazar. Wenn Ihr nun bewirken koͤnntet, daß ich alle Wochen ein Pferd, Kleider, Waffen haben könnte, und daß man mein Geſicht nicht ſo leicht erkennte—“ „Das iſt ein Wunſch, wie ihn ein edler, junger Mann wohl wagen darf,“ ſprach die Fee;„der Vater Deiner Mutter war der tapferſte Mann in Syrien, und ſein Geiſt ſcheint ſich auf Dich vererbt zu haben. Merke Dir dies Haus; Du ſollſt jede Woche hier ein Pferd und zwei berittene Knappen, ferner Waffen und Kleider finden, und ein Waſchwaſſer für Dein Geſicht, das Dich für alle Augen unkenntlich machen ſoll. Und nun, Said, lebe wohl! Harre aus und ſei klug und tugend⸗ haft! In ſechs Monaten wird Dein Pfeifchen tönen, und Zulima's Ohr wird für ſeine Töne offen ſein.“ Der Jüngling ſchied von ſeiner wunderbaren Be⸗ ſchützerin mit Dank und Verehrung; er merkte ſich das Haus und die Straße genau und ging dann wieder nach dem Bazar. Als Said in den Bazar zurückkehrte, kam er ge⸗ rade noch zu rechter Zeit, um ſeinen Herrn und Meiſter Kalum⸗Bek zu unterſtützen und zu retten. Ein großes Gedränge war um den Laden, Knaben tanzten um den Kaufmann her und verhöhnten ihn, und die Alten lachten. Er ſelbſt ſtand vor Wuth zitternd und in großer Verlegenheit vor dem Laden, in der einen Hand einen Shayl, in der andern den Schleier. Dieſe ſonderbare Scene kam aber von einem Vorfall her, der ſich nach 10⁰8 Saids Abweſenheit ereignet hatte. Kalum hatte ſich ſtatt ſeines ſchönen Dieners unter die Thüre geſtellt und ausgerufen, aber Niemand mochte bei dem alten, häßlichen Burſchen kaufen. Da gingen zwei Männer den Bazar herab und wollten für ihre Frauen Geſchenke kaufen. Sie waren ſuchend ſchon einigemal auf und niedergegangen, und eben jetzt ſah man ſie mit umher⸗ irrenden Blicken wieder herabgehen. Kalum⸗Bek, der dies bemerkte, wollte es ſich zu Nutzen machen und rief:„Hier, meine Herren, hier! Was ſuchet Ihr? Schöne Schleier, ſchöne Waare?“ „Guter Alter,“ erwiderte Einer,„Deine Waaren moͤgen recht gut ſein, aber unſere Frauen ſind wunder⸗ lich, und es iſt Sitte in der Stadt geworden, die Schleier bei Niemand zu kaufen, als bei dem ſchönen Ladendiener Said; wir gehen ſchon eine halbe Stunde umher, ihn zu ſuchen, und finden ihn nicht; aber kannſt Du uns ſagen, wo wir ihn etwa treffen, ſo kaufen wir Dir ein andermal ab.“ „Allahit Allah!“ rief Kalum⸗Bek freundlich grin⸗ ſend.„Euch hat der Prophet vor die rechte Thüre geführt. Zum ſchönen Ladendiener wollt Ihr, um Schleier zu kaufen? Nun, tretet nur ein, hier iſt ſein Gewölbe.“ Der eine dieſer Männer lachte über Kalums kleine und häßliche Geſtalt und ſeine Behauptung, daß er der ſchöne Ladendiener ſei; der andere aber glaubte, Kalum wolle ſich über ihn luſtig machen, blieb ihm nichts ſchuldig, ſondern ſchimpfte ihn weidlich. Dadurch kam Kalum⸗Bek außer ſich; er rief ſeine Nachbarn zu 1⁰⁹ Zeugen auf, daß man keinen andern Laden als den ſeinigen das Gewölbe des ſchönen Ladendieners nenne; aber die Nachbarn, welche ihn wegen des Zulaufs, den er ſeit einiger Zeit hatte, beneideten, wollten hievon nichts wiſſen und die beiden Männer gingen nun dem alten Lügner, wie ſie ihn nannten, ernſtlich zu Leib. Kalum vertheidigte ſich mehr durch Geſchrei und Schimpfworte, als durch ſeine Fauſt, und ſo lockte er eine Menge Menſchen vor ſein Gewölbe; die halbe Stadt kannte ihn als einen geizigen, gemeinen Filz, alle Umſtehenden gönnten ihm die Püffe, die er bekam, und ſchon packte ihn einer der beiden Männer am Bart, als eben dieſer Arm gefaßt und mit einem einzigen Ruck zu Boden geworfen wurde, ſo daß ſein Turban herab fiel, und ſeine Pantoffeln weit hinweg flogen. Die Menge, welche es wahrſcheinlich gerne geſehen hätte, wenn Kalum⸗Bek mißhandelt worden wäre, murrte laut, der Gefährte des Niedergeworfenen ſah ſich nach dem um, der es gewagt hatte, ſeinen Freund niederzuwerfen; als er aber einen hohen, kräftigen Jüngling mit blitzenden Augen und muthiger Miene vor ſich ſtehen ſah, wagte er es nicht, ihn anzugreifen, da überdies Kalum, dem ſeine Rettung wie ein Wun⸗ der erſchien, auf den jungen Mann deutete und ſchrie: „Nun was wollt Ihr denn mehr? Da ſteht er ja, Ihr Herren, das iſt Said, der ſchöne Ladendiener.“ Die Leute umher lachten, weil ſie wußten, daß Kalum⸗Bek vorhin Unrecht geſchehen war. Der niedergeworfene Mann ſtand beſchämt auf und hinkte mit ſeinem Ge⸗ 110 noſſen weiter, ohne weder Shawl noch Schleier zu kaufen. „O Du Stern aller Ladendiener, Du Krone des Bazar!“ rief Kalum, als er ſeinen Diener in den La⸗ den führte:„Wahrlich, das heiße ich zu rechter Zeit kommen, das nenne ich die Hand ins Mittel legen; lag doch der Burſche auf dem Boden, als ob er nie auf den Beinen geſtanden wäre, und ich— ich hätte keinen Barbier mehr gebraucht, um mir den Bart kämmen und ſalben zu laſſen, wenn Du nur zwei Minuten ſpäter kamſt; womit kann ich es Dir vergelten?“ Es war nur das ſchnelle Gefühl des Mitleids ge⸗ weſen, was Saids Hand und Herz regiert hatte; jetzt, als dieſes Gefühl ſich legte, reute es ihm faſt, daß er die gute Züchtigung dem boſen Mann erſpart hatte; ein Dutzend Barthaare weniger, dachte er, hätten ihn auf zwölf Tage ſanft und geſchmeidig gemacht; er ſuchte aber dennoch die günſtige Stimmung des Kaufmanns zu benutzen und erbat ſich von ihm zum Dank die Gunſt, alle Wochen einen Abend für ſich benützen zu dürfen zu einem Spaziergang, oder zu was es auch ſei. Kalum gab es zu; denn er wußte wohl, daß ſein ge⸗ zwungener Diener zu vernünftig ſei, um ohne Geld und gute Kleider zu entfliehen. Bald hatte Said erreicht, was er wollte. Am näch⸗ ſten Mittwoch, dem Tag, wo ſich die jungen Leute aus den vornehmſten Ständen auf einem öffentlichen Platz der Stadt verſammelten, um ihre kriegeriſchen übungen zu halten, ſagte er zu Kalum, er wolle dieſen Abend für ſich benützen, und als dieſer es erlaubt hatte, ging — 111 er in die Straße, wo die Fee wohnte, pochte an, und ſogleich ſprang die Pforte auf. Die Diener ſchienen auf ſeine Ankunft ſchon vorbereitet geweſen zu ſein, denn ohne ihn erſt nach ſeinem Begehren zu fragen, führten ſie ihn die Treppe hinan in ein ſchönes Gemach; dort reichten ſie ihm zuerſt das Waſchwaſſer, das ihn unkenntlich machen ſollte. Er benetzte ſein Geſicht da⸗ mit, ſchaute dann in einen Metallſpiegel und kannte ſich beinahe ſelbſt nicht mehr, denn er war jetzt von der Sonne gebräunt, trug einen ſchönen, ſchwarzen Bart und ſah zum mindeſten zehn Jahre älter aus, als er in der That zählte. Hierauf führten ſie ihn in ein zweites Gemach, wo er eine vollſtändige und prachtvolle Kleidung fand, an welcher ſich der Kalif von Bagdad ſelbſt nicht hätte ſchämen dürfen an dem Tag, wo er im vollen Glanze ſeiner Herrlichkeit ſein Heer muſterte. Außer einem Turban vom feinſten Gewebe mit einer Agraffe von Diamanten und hohen Reiherfedern, einem Kleid von ſchwerem rothem Seidenzeug mit ſilbernen Blumen durchwirkt, fand Said einen Bruſtpanzer von ſilbernen Ringen, der ſo fein gearbeitet war, daß er ſich nach jeder Bewegung des Körpers ſchmiegte, und doch zu⸗ gleich ſo feſt, daß ihn weder die Lanze, noch das Schwert durchdringen konnten. Eine Damaseenerklinge in reich verzierter Scheide mit einem Griff, deſſen Steine Said unſchätzbar däuchten, vollendete ſeinen kriegeriſchen Schmuck. Als er völlig gerüſtet wieder aus der Thüre trat, überreichte ihm einer der Diener ein ſeidenes Tuch und ſagte ihm, daß die Gebieterin des Hauſes ihm 112 dieſes Tuch ſchicke; wenn er damit ſein Geſicht abwiſche, ſo werde der Bart und die braune Farbe verſchwinden. In dem Hof des Hauſes ſtanden drei ſchöne Pferde; das ſchönſte beſtieg Said, die beiden andern ſeine Die⸗ ner, und dann trabte er freudig dem Platze zu, wo die Kampfſpiele gehalten werden ſollten. Durch den Glanz ſeiner Kleider und die Pracht ſeiner Waffen zog er Aller Augen auf ſich, und ein allgemeines Geflüſter des Stau⸗ nens entſtand, als er in den Ring, welchen die Menge um⸗ gab, eintritt. Es war eine glänzende Verſammlung der tapferſten und edelſten Jünglinge Bagdads; ſelbſt die Brüder des Kalifen ſah man ihre Roſſe tummeln und die Lanzen ſchwingen. Als Said heranritt, und Nie⸗ mand ihn zu kennen ſchien, ritt der Sohn des Groß⸗ weſſirs mit einigen Freunden auf ihn zu, grüßte ihn ehrerbietig, lud ihn ein, an ihren Spielen Theil zu nehmen, und fragte ihn nach ſeinem Namen und ſeinem Vaterland. Said gab vor, er heiße Almanſor und komme von Kairo, ſei auf einer Reiſe begriffen und habe von der Tapferkeit und Geſchicklichkeit der jungen Edeln von Bagdad ſo Vieles gehört, daß er nicht ge⸗ ſäumt habe, ſie zu ſehen und kennen zu lernen. Den jungen Leuten gefiel der Anſtand und das muthige Weſen Said⸗Almanſors; ſie ließen ihm eine Lanze reichen und ſeine Partie wählen, denn die ganze Ge⸗ ſellſchaft hatte ſich in zwei Partien getheilt, um ein⸗ zeln und in Schaaren gegen einander zu fechten. Aber hatte ſchon Saids Außeres die Aufmerkſam⸗ keit auf ihn gelenkt, ſo ſtaunte man jetzt noch mehr über ſeine ungewöhnliche Geſchicklichkeit und Behendig⸗ † 113³ keit. Sein Pferd war ſchneller als ein Vogel, und ſein Schwert ſchwirrte noch behender umher. Er warf die Lanze ſo leicht und genau ans Ziel, als wäre ſie ein Pfeil, den er von einem ſicheren Bogen abgeſchnellt hätte. Die Tapferſten ſeiner Gegenpartei beſiegte er, und am Schluß der Spiele war er ſo allgemein als Sie⸗ ger anerkannt, daß einer der Brüder des Kalifen und der Sohn des Großweſſir, die auf Saids Seite ge⸗ kämpft hatten, ihn baten, auch mit ihnen zu ſtreiten. Ali, der Bruder des Kalifen wurde von ihm beſiegt, aber der Sohn des Großweſſirs widerſtand ihm ſo tapfer, daß ſie es nach langem Kampf für beſſer hiel⸗ ten, die Entſcheidung für das nächſtemal aufzuſparen. Den Tag nach dieſen Spielen ſprach man in ganz Bagdad von Nichts als dem ſchönen, reichen und tapfern Fremdling; Alle, die ihn geſehen hatten, ja ſelbſt, die er beſiegt hatte, waren entzückt von ſeinen edlen Sitten, und ſogar vor ſeinen eigenen Ohren im Gewölbe Kalum⸗Beks wurde über ihn geſprochen; und man beklagte nur, daß Niemand wiſſe, wo er wohne. Das nächſtemal fand er im Hauſe der Fee ein noch ſchöneres Kleid, und noch köſtlicheren Waffenſchmuck. Diesmal hatte ſich halb Bagdad zugedrängt, ſelbſt der Kalif ſah von einem Balkon herab dem Schauſpiel zu; auch er bewunderte den Fremdling Almanſor und hing ihm, als die Spiele geendet hatten, eine große Denk⸗ münze von Gold an einer goldenen Kette um den Hals, um ihm ſeine Bewunderung zu bezeigen. Es konnte nicht anders kommen, als daß dieſor zweite, noch glän⸗ zendere Sieg den Neid der jungen Leute von Bnbat W. Hauffs Werke. XIl, 114 aufregte.„Ein Fremdling,“ ſprachen ſie unter einan⸗ der,„ſoll hierher kommen nach Bagdad, uns Ruhm, Ehre und Sieg zu entreißen? Er ſoll ſich an andern Orten damit brüſten können, daß unter der Blüte von Bagdads Jünglingen keiner geweſen ſei, der es entfernt hätte mit ihm aufnehmen können?“ So ſprachen ſie und beſchloſſen, beim nächſten Kampfſpiel, als wäre es durch Zufall geſchehen, zu fünf oder ſechs über ihn her⸗ zufallen. Said's ſcharfen Blicken entgingen dieſe Zeichen des Unmuths nicht; er ſah, wie ſie in der Ecke zuſammen ſtanden, flüſterten und mit boͤſen Mienen auf ihn deu⸗ teten; er ahnete, daß außer dem Bruder des Kalifen und dem Sohn des Großweſſir Keiner ſehr freundlich gegen ihn geſinnt ſein möchte, und dieſe ſelbſt wurden ihm durch ihre Fragen läſtig: wo ſie ihn aufſuchen könnten, womit er ſich beſchäftige, was ihm in Bag⸗ dad wohlgefallen habe, und dergleichen. Es war ein ſonderbaxer Zufall, daß derjenige der jungen Männer, welcher Said⸗Almanſor mit den grimmigſten Blicken betrachtete und am feindſeligſten gegen ihn geſinnt ſchien, Niemand anders war, als der Mann, den er vor einiger Zeit bei Kalum⸗Beks Bude niedergeworfen hatte, als er gerade im Begriff war, dem unglücklichen Kaufmann den Bart auszureißen. Dieſer Mann betrachtete ihn immer aufmerkſam und neidiſch, Said hatte ihn zwar ſchon einigemal beſiegt, aber dies war kein hinlänglicher Grund zu ſolcher Feind⸗ ſeligkeit, und Said fürchtete ſchon, jener möchte ihn an ſeinem Wuchs oder an der Stimme als Kalum⸗ *— 115 Beks Ladendiener erkannt haben, eine Entdeckung, die ihn dem Spott und der Rache dieſer Leute ausſetzen würde. Der Anſchlag, welchen ſeine Neider auf ihn gemacht hatten, ſcheiterte ſowohl an ſeiner Vorſicht und Tapferkeit, als auch an der Freundſchaft, wo⸗ mit ihm der Bruder des Kalifen und der Sohn des Großweſſir zugethan waren. Als dieſe ſahen, daß er von wenigſtens Sechs umringt ſei, die ihn vom Pferd zu reißen oder zu entwaffnen ſuchten, ſprengten ſie herbei, jagten den ganzen Trupp auseinander und drohten den jungen Leuten, welche ſo verrätheriſch ge⸗ handelt hatten, ſie aus der Kampfbahn zu ſtoßen. Mehr denn vier Monate hatte Said auf dieſe Weiſe zum Er⸗ ſtaunen Bagdads ſeine Tapferkeit erprobt, als er eines Abends beim Nachhauſegehen von dem Kampfplatz einige Stimmen vernahm, die ihm bekannt ſchienen. Vor ihm gingen vier Männer, die ſich langſamen Schrittes über etwas zu berathen ſchienen. Als Said leiſe näher trat, hörte er, daß ſie den Dialekt der Horde Selims in der Wüſte ſprechen, und ahnete, daß die vier Männer auf irgend eine Räuberei ausgingen. Sein erſtes Gefühl war, ſich von dieſen Vieren zurückzuziehen; als er aber bedachte, daß er irgend etwas Böſes ver⸗ hindern könnte, ſchlich er ſich noch näher herzu, dieſe Männer zu behorchen. „Der Thürſteher hat ausdrücklich geſagt, die Straße rechts vom Bazar,“ ſprach der Eine,„dort werde und müſſe er heute Nacht mit dem Großweſſir durch⸗ kommen.“ „Gut,“ antwortete ein Anderer.„Den Großweſſir 116 fürchte ich nicht; er iſt alt und wohl kein ſonderlicher Held, aber der Kalif ſoll ein gutes Schwert führen, und ich traue ihm nicht; es ſchleichen ihm gewiß zehn oder zwölf von der Leibwache nach.“ „Keine Seele,“ entgegnete ihm ein Dritter„Wenn man ihn je geſehen und erkannt hat bei Nacht, war er immer nur allein mit dem Weſſir oder mit dem Ober⸗ kämmerling. Heute Nacht muß er unſer ſein, aber es darf ihm kein Leid geſchehen.“ „Ich denke, das Beſte iſt,“ ſprach der Erſte,„wir werfen ihm eine Schlinge über den Kopf; tödten dür⸗ fen wir ihn nicht, denn für ſeinen Leichnam würden ſie ein geringes Löſegeld geben, und überdies wären wir nicht ſicher, es zu bekommen.“ „Alſo eine Stunde vor Mitternacht!“ ſagten ſie zuſammen und ſchieden, der Eine hier hin, der Andere dorthin. Said war über dieſen Anſchlag nicht wenig er⸗ ſchrocken. Er beſchloß, ſogleich zum Palaſt des Kalifen zu eilen und ihn von der Gefahr, die ihm drohte, zu unterrichten. Aber als er ſchon durch mehre Straßen gelaufen war, fielen ihm die Worte der Fee bei, die ihm geſagt hatte, wie ſchlecht er bei dem Kalifen an⸗ geſchrieben ſei: er bedachte, daß man vielleicht ſeine Angabe verlachen, oder als einen Verſuch, bei dem Be⸗ herrſcher von Bagdad ſich einzuſchmeicheln, anſehen könnte, und ſo hielt er ſeine Schritte an, und achtete es für das Beſte, ſich auf ſein gutes Schwert zu ver⸗ laſſen und den Kalifen perſönlich aus den Händen der Räuber zu retten. 4 117 Er ging daher nicht in Kalum⸗Beks Haus zurück, ſondern ſetzte ſich auf die Stufen einer Moſchee und wartete dort, bis die Nacht völlig angebrochen war; dann ging er am Bazar vorbei in jene Straße, welche die Räuber bezeichnet hatten, und verbarg ſich hinter dem Vorſprung eines Hauſes. Er mochte ungefähr eine Stunde dort geſtanden ſein, als er zwei Männer lang⸗ ſam die Straße herabkommen hörte; anfänglich glaubte er, es ſei der Kalif und ſein Großweſſir, aber einer der Männer klaſchte in die Hand, und ſogleich eilten zwei Andere ſehr leiſe die Straße herauf vom Bazar her. Sie flüſterten eine Weile und vertheilten ſich dann; drei verſteckten ſich nicht weit von ihm, und einer ging in der Straße auf und ab. Die Nacht war ſehr finſter, aber ſtille, und ſo mußte ſich Said auf ſein ſcharfes Ohr beinahe ganz allein verlaſſen Wieder war etwa eine halbe Stunde vergangen, als man gegen den Bazar hin Schritte vernahm. Der Räuber mochte ſie auch gehört haben; er ſchlich an Said vorüber dem Bazar zu. Die Schritte kamen nä⸗ her, und ſchon konnte Said einige dunkle Geſtalten erkennen, als der Räuber in die Hand klatſchte, und in demſelben ſtürzten die Drei aus dem Hinterhalt her⸗ vor. Die Angegriffenen mußten übrigens bewaffnet ſein, denn er vernahm den Klang von aneinander ge⸗ ſchlagenen Schwertern. Sogleich zog er ſeine Damas⸗ cenerklinge und ſtürzte mit dem Ruf:„Nieder mit den Feinden des großen Harun!“ auf die Räuber, ſtreckte mit dem erſten Hieb einen zu Boden und drang dann auf zwei andere ein, die ehen im Begriff waren, einen 118 Mann, um welchen ſie einen Strick geworfen hatten, zu entwaffnen. Er hieb blindlings auf den Strick ein, um ihn zu zerſchneiden, aber er traf dabei einen der Räuber ſo heftig über den Arm, daß er ihm die Hand abſchlug; der Räuber ſtürzte mit fürchterlichem Ge⸗ ſchrei auf die Knie. Jetzt wandte ſich der vierte, der mit einem andern Mann gefochten hatte, gegen Said, der noch mit dem dritten im Kampf war, aber der Mann, um welchen man die Schlinge geworfen hatte, ſah ſich nicht ſobald frei, als er ſeinen Dolch zog und ihn dem Angreifenden von der Seite in die Bruſt ſtieß. Als dies der noch Übergebliebene ſah, warf er ſeinen Säbel weg und floh. Said blieb nicht lange in Ungewißheit, wen er ge⸗ rettet hatte; denn der größere der beiden Männer trat zu ihm und ſprach:„Das Eine iſt ſo ſonderbar wie das Andere, dieſer Angriff auf mein Leben oder meine Freiheit, wie die unbegreifliche Hülfe und Rettung. Wie wußtet Ihr, wer ich bin? Habt Ihr von dem Anſchlag dieſer Menſchen gewußt?“ „Beherrſcher der Gläubigen,“ antwortete Gaid, „denn ich zweifle nicht, daß Du es biſt, ich ging heute Abend durch die Straße El Malek hinter einigen Män⸗ nern, deren fremden und geheimnißvollen Dialekt ich einſt gelernt habe. Sie ſprachen davon, Dich gefangen zu nehmen und den würdigen Mann, Deinen Weſſir, zu tödten. Weil es nun zu ſpät war, Dich zu warnen, beſchloß ich, an den Platz zu gehen, wo ſie Dir auf⸗ lauern wollten, um Dir beizuſtehen.“ „Danke Dir,“ ſprach Harun,„an dieſer Stätte — 119 iſt übrigens nicht gut weilen; nimm dieſen Ring und komm damit morgen in meinen Palaſt; wir wollen dann mehr über Dich und Deine Hülfe reden und ſehen, wie ich Dich am beſten belohnen kann. Komm, Weſſir, hier iſt nicht gut bleiben, ſie können wieder kommen.“. Er ſprach es und wollte den Großweſſir fortziehen, nachdem er dem Jüngling einen Ring an den Finger geſteckt hatte; dieſer aber bat ihn noch ein wenig zu verweilen, wandte ſich um und reichte dem überraſch⸗ ten Jüngling einen ſchweren Beutel:„Junger Mann,“ ſprach er,„mein Herr, der Kalif, kann Dich zu Allem machen, wozu er will, ſelbſt zu meinem Nachfolger, ich ſelbſt kann wenig thun, und was ich thun kann, geſchieht heute beſſer als morgen; drum nimm dieſen Beutel. Das ſoll meinen Dank übrigens nicht abkau⸗ fen. So oft Du irgend einen Wunſch haſt, komm ge⸗ troſt zu mir.“ Ganz trunken vor Glück eilte Said nach Hauſe. Aber hier wurde er übel empfangen; Kalum⸗Bek wurde über ſein langes Ausbleiben zuerſt unwillig und dann beſorgt, denn er dachte, er könnte leicht den ſchö⸗ nen Aushängeſchild ſeines Gewölbes verlieren. Er eu⸗ pfing ihn mit Schmähworten und tobte und raste wie ein Wahnſinniger. Aber Said, der einen Blick in den Beutel gethan und gefunden hatte, daß er lauter Gold⸗ ſtücke enthalte, bedachte, daß er jetzt nach ſeiner Hei⸗ math reiſen könne, auch ohne die Gnäde des Kalifen, die gewiß nicht geringer war, als der Dank ſeines Weſſirs, und ſo blieb er ihm kein Wort ſchuldig, ſon⸗ 12⁰0 dern erklärte ihm rund und deutlich, daß er keine Stunde länger bei ihm bleiben werde. Von Anfang erſchrak Kalum⸗Bek hierüber ſehr, dann aber lachte er höhniſch und ſprach:„Du Lump und Landläufer, Du ärmlicher Wicht! Wohin willſt Du denn Deine Zu⸗ flucht nehmen, wenn ich meine Hand von Dir abziehe? Wo willſt Du ein Mittageſſen bekommen, und wo ein Nachtlager?“ „Das ſoll Euch nicht bekümmern, Herr Kalum⸗ Bek,“ antwortete Said trotzig,„gehabt Euch wohl, mich ſohet Ihr nicht wieder!“. Er ſprach es und lief zur Thür hinaus, und Ka⸗ lum⸗Bek ſchaute ihm ſprachlos vor Stannen nach. Den andern Morgen aber, nachdem er ſich den Fall recht überlegt hatte, ſchickte er ſeine Packknechte aus und ließ überall nach dem Flüchtling ſpähen. Lange ſuchten ſie umſonſt, endlich aber kam einer zurück und ſagte, er habe Said, den Ladendiener, aus einer Moſchee kommen, und in eine Karavanſerei gehen ſehen. Er ſei aber ganz verändert, trage ein ſchönes Kleid, einen Dolch und Säbel, und einen prachtvollen Turban. Als Kalum⸗Bel dies hörte, ſchwur er und rief: „Beſtohlen hat er mich und ſich dafür gekleidet. O ich geſchlagener Mann!“ Dann lief er zum Aufſeher der Polizei, und da man wußte, daß er ein Verwandter von Meſſour, dem Oberkämmerling„ſei, ſo wurde es thm nicht ſchwer, einige Polizeidiener von ihm zu er⸗ langen, um Said zu verhaften. Said ſaß vor einer Karavanſerei und beſprach ſich ganz ruhig mit einem Kaufmann, den er da gefunden, über eine Reiſe nach 12¹ Balſora, ſeiner Vaterſtadt; da fielen plötzlich einige Männer über ihn her und banden ihm, trotz ſeiner Gegenwehr, die Hände auf den Rücken. Er fragte ſie, was ſie zu dieſer Gewaltthat berechtige, und ſie antworteten, es geſchehe im Namen der Polizei und ſeines rechtmäßigen Gebieters Kalum⸗Bek. Zugleich trat der kleine, häßliche Mann herzu, verhöhnte und verſpottete Said, griff in ſeine Taſche und zog zum Stannen der Umſtehenden und mit Triumphgeſchrei einen großen Beutel mit Gold heraus. „Sehet! Das alles hat er mir nach und nach ge⸗ ſtohlen, der ſchlechte Menſch!“ rief er, und die Leute ſahen mit Abſchen auf den Gefangenen und riefen: „Wie! Noch ſo jung, ſo ſchön, und doch ſo ſchlecht! Zum Gericht, zum Gericht, damit er die Baſtonade erhalte.“ So ſchleppten ſie ihn fort, und ein unge⸗ heurer Zug Menſchen aus allen Ständen ſchloß ſich an, ſie riefen:„Sehet, das iſt der ſchöne Ladendiener vom Bazar; er hat ſeinen Herrn beſtohlen und iſt entflohen; zweihundert Goldſtücke hat er geſtohlen.“ Der Aufſeher der Polizei empfing den Gefäangenen mit finſterer Miene; Said wollte ſprechen, aber der Beamte gebot ihm zu ſchweigen und verhörte nur den kleinen Kaufmann. Er zeigte ihm den Beutel und fragte ihn, ob ihm dieſes Gold geſtohlen worden ſei; Kalum⸗Bek beſchwor es; aber ſein Meineid verhalf ihm zwar zu dem Gold, doch nicht zu dem ſchönen La⸗ dendiener, der ihm tauſend Goldſtücke werth war, denn der Richter ſprach:„Nach einem Geſetz, das mein großmächtigſter Herr, der Kalif, erſt vor wenigen 12²2 Tagen geſchärft hat, wird jeder Diebſtahl, der hun⸗ dert Goldſtücke überſteigt und auf dem Bazar begangen wird, mit ewiger Verbannung auf eine wüſte Inſel beſtraft. Dieſer Dieb kommt gerade zu rechter Zeit, er macht die Zahl von zwanzig ſolcher Burſche voll; mor⸗ gen werden ſie auf eine Barke gepackt und in die See geführt!“ Said war in Verzweiflung; er beſchwor den Be⸗ amten, ihn anzuhören, ihn nur ein Wort mit dem Kalifen ſprechen zu laſſen; aber er fand keine Gnade, Kalum⸗Bek, der jetzt ſeinen Schwur bereute, ſprach ebenfalls für ihn, aber der Richter antwortete:„Du haſt Dein Gold und kannſt zufrieden ſein, gehe nach Hauſe und verhalte Dich ruhig, ſonſt ſtrafe ich Dich für jeden Widerſpruch um zehn Goldſtücke.“ Kalum ſchwieg beſtürzt, der Richter aber winkte und der un⸗ glückliche Said wurde abgeführt. Man hrachte ihn in ein finſteres und feuchtes Ge⸗ fängniß; neunzehn elende Menſchen lagen dort auf Stroh umher und empfingen ihn als ihren Leidens⸗ gefährten mit rohem Gelächter und Verwünſchungen gegen den Richter und den Kalifen. So ſchrecklich ſein Schickſal vor ihm lag, ſo fürchterlich der Gedanke war, auf eine wüſte Inſel verbannt zu werden, ſo fand er doch noch einigen Troſt darin, ſchon am fol⸗ genden Tag aus dieſem ſchrecklichen Gefängniß erlöst zu werden. Aber er täuſchte ſich ſehr, als er glaubte, ſein Zuſtand auf dem Schiff werde beſſer ſein. In den unterſten Raum, wo man nicht aufrecht ſtehen konnte, wurden die zwanzig Verbrecher hinabgewor⸗ 123 fen, und dort ſtießen und ſchlugen ſie ſich um die beſten Plätze. Die Anker wurden gelichtet, und Said weinte bit⸗ tere Thränen, als das Schiff, das ihn von ſeinem Vaterland entführen ſollte, ſich zu bewegen anfing. Nur einmal des Tages theilte man ihnen ein wenig Brod und Früchte und einen Trunk ſüßen Waſſers aus, und ſo dunkel war es in dem Schiffsraum, daß man immer Lichter herabbringen mußte, wenn die Gefangenen ſpeiſen ſollten. Beinahe alle zwei, drei Tage fand man einen Todten unter ihnen, ſo unge⸗ ſund war die Luft in dieſem Waſſerkerker, und Said wurde nur durch ſeine Jugend und ſeine feſte Geſund⸗ heit erhalten. Vierzehn Tage waren ſie ſchon auf dem Waſſer, als eines Tages die Wellen heftiger rauſchten, und ein ungewöhnliches Treiben und Rennen auf dem Schiffe entſtand. Said ahnete, daß ein Sturm im Anzuge ſei; es war ihm ſogar angenehm, denn er hoffte dann zu ſterben.. Heftiger wurde das Schiff hin und her geworfen, und endlich ſaß es mit ſchrecklichem Krachen feſt. Ge⸗ ſchrei und Geheul ſcholl von dem Verdeck herab und miſchte ſich mit dem Brauſen des Sturmes. Endlich wurde es wieder ſiille, aber zu gleicher Zeit entdeckte auch einer der Gefangenen, daß das Waſſer in das Schiff eindringe. Sie pochten an die Fallthüre nach oben, aber man antwortete ihnen nicht. Als daher das Waſſer immer heftiger eindrang, ſtemmten ſie ſich 12⁴4 mit vereinigten Kräften gegen die Thüre und ſpreng⸗ ten ſie auf. Sie ſtiegen die Treppe hinan, aber oben fanden ſie keinen Menſchen mehr. Die ganze Schiffsmannſchaft 3 hatte ſich in Böten gerettet. Jetzt geriethen die mei⸗ ſten Gefangenen in Verzweiflung; denn der Sturm wüthete immer heftiger, das Schiff krachte und ſenkte ſich. Noch einige Stunden ſaßen ſie auf dem Verdeck und hielten ihre letzte Mahlzeit von den Vorräthen, die ſie im Schiff gefunden, dann erneuerte ſich auf ein⸗ mal der Sturm, das Schiff wurde von der Klippe, worauf es feſt ſaß, hinweggeriſſen und brach zuſammen. Said hatte ſich am Maſt angeklammert und hielt ihn, als das Schiff geborſten war, noch immer feſt. Die Wellen warfen ihn hinaund her, aber er hielt ſich, mit den Füßen rudernd, immer wieder oben. So ſchwamm er in immerwährender Todesgefahr eine halbe Stunde, da fiel die Kette mit dem Pfeifchen wieder aus ſeinem Kleid, und noch einmal wollte er verſu⸗ chen, ob es nicht töne. Mit der einen Hand klammerte er ſich feſt, mit der andern ſetzte er es an ſeinen Mund, blies, ein heller, klarer Ton erſcholl, und augenblicklich legte ſich der Sturm, und die Wellen glätteten ſich, als hätte man Ol darauf ausgegoſſen. Kaum hatte er ſich mit leichterem Athem umgeſehen, ob er nicht irgendwo Land erſpähen könnte, als der Maſt unter ihm ſich auf eine ſonderbare Weiſe auszu⸗ dehnen und zu bewegen anfing, und zu ſeinem nicht geringen Schrecken nahm er wahr, daß er nicht mehr auf Holz, ſondern auf einem ungeheuren Delphin — 2— 25 reite; nach einigen Augenblicken aber kehrte ſeine Faſ⸗ ſung zurück, und da er ſah, daß der Delphin zwar ſchnell, aber ruhig und gelaſſen ſeine Bahn fort⸗ ſchwimme, ſchrieb er ſeine wunderbare Rettung dem ſilbernen Pfeifchen und der gütigen Fee zu und rief ſeinen feurigſten Dank in die Lüfte. Pfeilſchnell trug ihn ſein wunderbares Pferd durch die Wogen, und noch ehe es Abend wurde, ſah er Land und erkannte einen breiten Fluß, in welchen der Delphin auch ſogleich einbog. Strom aufwärts ging es langſamer, und um nicht verſchmachten zu müſſen, nahm Said, der ſich aus alten Zaubergeſchichten er⸗ innerte, wie man zaubern müſſe, das Pfeifchen her⸗ aus, pfiff laut und herzhaft und wünſchte ſich dann ein gutes Mahl. Sogleich hielt der Fiſch ſtille, und hervor aus dem Waſſer tauchte ein Tiſch, ſo wenig naß, als ob er acht Tage an der Sonne geſtanden wäre, und reich beſetzt mit köſtlichen Speiſen. Said griff weidlich zu, denn ſeine Koſt während ſeiner Ge⸗ fangenſchaft war ſchmal und elend geweſen, und als er ſich hinlänglich geſättigt hatte, ſagte er Dank; der Tiſch tauchte nieder, er aber ſtauchte den Delphin in die Seite und ſogleich ſchwamm dieſer weiter den Fluß hinauf. Die Sonne fing ſchon an zu ſinken, als Said in dunkler Ferne eine große Stadt erblickte, deren Mi⸗ narets ihm ÄAhnlichkeit mit denen von Bagdad zu haben ſchienen. Der Gedanke an Bagdad war ihm nicht ſehr angenehm, aber ſein Vertrauen auf die gü⸗ tige Fee war ſo groß, daß er feſt glaubte, ſie werde ihn ·. 126 nicht wieder in die Hände des ſchändlichen Kalum⸗Bek fallen laſſen. Zur Seite etwa eine Meile von der Stadt und nahe am Fluß erblickte er ein prachtvolles Landhaus, und zu ſeiner großen Verwunderung lenkte der Fiſch nach dieſem Hauſe hin. Auf dem Dach des Hauſes ſtanden mehre ſchön gekleidete Männer, und am Ufer ſah Said eine große Menge Diener, und alle ſchauten nach ihm und ſchlu⸗ gen vor Verwunderung die Hände zuſammen. An einer Marmortreppe, die vom Waſſer nach dem Luſt⸗ ſchloß hinaufführte, hielt der Delphin an, und kaum hatte Said einen Fuß auf die Treppe geſetzt, ſo war auch ſchon der Fiſch ſpurlos verſchwunden. Zugleich eilten einige Diener die Treppe hinab und baten im Namen ihres Herrn, zu ihm hinauf zu kommen, und boten ihm trockene Kleider an. Er kleidete ſich ſchnell um und folgte dann den Dienern auf das Dach, wo. er drei Männer fand, von welchen der größte und ſchönſte ihm freundlich und huldreich entgegen kam. „Wer biſt Du, wunderbarer Fremdling,“ ſprach er, „der Du die Fiſche des Meeres zähmſt und ſie links und rechts leiteſt, wie der beſte Reiter ſein Streitroß? Biſt Du ein Zauberer oder ein Menſch wie wir?“ „Herr!“ antwortete Said,„mir iſt es in den letzten Wochen ſchlecht ergangen, wenn Ihr aber Ver⸗ gnügen daran findet, ſo will ich Euch erzählen.“ Und nun hub er an und erzählte den drei Männern ſeine Geſchichte von dem Augenblick an, wo er ſeines Vaters Haus verlaſſen hatte, bis zu ſeiner wunderbaren Ret⸗ tung. Oft wurde er von ihnen mit Zeichen des Stau⸗ 127 nens und der Verwunderung unterbrochen; als er aber geendet hatte, ſprach der Herr des Hauſes, der ihn ſo freundlich empfangen hatte:„Ich traue Deinen Worten, Said! Aber Du erzählteſt uns, daß Du im Wettkampfe eine Kette gewonnen, und daß Dir der Kalif einen Ring geſchenkt; kannſt Du wohl dieſe uns zeigen?“ „Hier auf meinem Herzen habe ich beide ver⸗ wahrt,“ ſprach der Jüngling,„und nur mit meinem Leben hätte ich ſo theure Geſchenke hergegeben, denn ich achte es für die ruhmvollſte und ſchönſte That, daß ich den großen Kaliſen aus den Händen ſeiner Mörder befreite.“ Zugleich zog er Kette und Ring hervor und übergab beides den Männern. „Beim Bart des Propheten, er iſt's, es iſt mein Ring!“ rief der hohe ſchöne Mann.„Großweſſir, laß uns ihn umarmen, denn hier ſteht unſer Retter.“ Said war es wie ein Traum, als dieſe Zwei ihn um⸗ ſchlangen, aber alſobald warf er ſich nieder und ſprach: „Verzeihe, Beherrſcher der Gläubigen, daß ich ſo vor Dir geſprochen habe, denn Du biſt kein Anderer, als Harun Al Raſchid, der große Kalif von Bagdad.“ „Der bin ich, Dein Freund!“ antwortete Harun, „und von dieſer Stunde an ſollen ſich alle Deine trü⸗ ben Schickſale wenden. Folge mir nach Bagdad, bleibe in meiner Umgebung und ſei einer meiner vertrauteſten Beamten, denn wahrlich, Du haſt in jener Nacht ge⸗ zeigt, daß Dir Harun nicht gleichgültig ſei, und nicht jeden meiner treueſten Diener moͤchte ich auf gleiche Probe ſtellen! 4 128 Said dankte vem Kalifen; er verſprach ihm, auf immer bei ihm zu bleiben, wenn er zuvor eine Reiſe zu ſeinem Vater, der in großen Sorgen um ihn ſein müſſe, gemacht haben werde, und der Kalif fand dies gerecht und billig. Sie ſetzten ſich bald zu Pferd und kamen noch vor Sonnenuntergang in Bagdad an. Der Kalif ließ Said eine lange Reihe prachtvoll geſchmück⸗ ter Zimmer in ſeinem Palaſt anweiſen und verſprach ihm noch überdies, ein eigenes Haus für ihn erbauen zu laſſen. Auf die erſte Kunde von dieſem Ereigniß eilten die alten Waffenbrüder Saids, der Bruder des Kalifen und der Sohn des Großweſſirs, herbei. Sie umarmten ihn als Retter dieſer theuren Männer und baten ihn, er möchte ihr Freund werden. Aber ſprachlos wurden ſie vor Erſtaunen, als er ſagte:„Euer Freund bin ich längſt,“ als er die Kette, die er als Kampfpreis er⸗ halten, hervorzog und ſie an dieſes und jenes erinnerte. Sie hatten ihn immer nur ſchwärzlichbraun und mit langem Bart geſehen, und erſt als er erzählte, wie und warum er ſich entſtellt habe, als er zu ſeiner Rechtfertigung ſtumpfe Waffen herbeibringen ließ, mit ihnen focht und ihnen den Beweis gab, daß er Alman⸗ ſor der Tapfere ſei, erſt dann umarmten ſie ihn mit Jubel von Neuem und prieſen ſich glücklich, einen ſol⸗ chen Freund zu haben. Den folgenden Tag, als eben Said mit dem Groß⸗ weſſir bei Harun ſaß, trat Meſſour, der Oberkäm⸗ merer herein und ſprach:„Beherrſcher der Gläubigen, 129 ſo es anders ſein kann, möchte ich Dich um eine Gnade bitten.“ „Ich will zuvor hören,“ antwortete Harun. „Draußen ſteht mein lieber, leiblicher Vetter Ka⸗ lum⸗Bek, ein berühmter Kaufmann auf dem Bazar,“ ſprach er,„der hat einen ſonderbaren Handel mit einem Mann aus Balſora, deſſen Sohn bei Kalum⸗ Bek diente, nachher geſtohlen hat, dann entlaufen iſt, und Niemand weiß wohin.“ Nun will aber der Vater ſeinen Sohn von Kalum haben, und dieſer hat ihn doch nicht. Er wünſcht daher und bittet um die Gnade, Du möchteſt kraft Deiner großen Erleuchtung und Weisheit ſprechen zwiſchen dem Mann aus Aleppo und ihm.“ „Ich will richten,“ erwiderte der Kalif.„In einer halben Stunde möge Dein Herr Vetter mit ſeinem Gegner in den Gerichtsſaal treten.“ Als Meſſour dankend gegangen war, ſprach Harun: „Das iſt Niemand anders, als Dein Vater, Said, und da ich nun glücklicherweiſe alles, wie es iſt, erfahren habe, will ich richten wie Salomo. Du, Said, ver⸗ birgſt Dich hinter den Vorhang meines Thrones, bis ich Dich rufe, und Du, Großweſſir, läßt mir ſogleich den ſchlechten und voreiligen Polizeirichter holen. Ich werde ihn im Verhör brauchen.“ Sie thaten Beide, wie er befohlen. Saids Herz pochte ſtärker, als er ſeinen Vater bleich und abge⸗ härmt, mit wankenden Schritten in den Gerichtsſaal treten ſah, und Kalum⸗Beks feines, zuverſichtiges W. Hauffs Werke. TXll. 9 3 130 Lächeln, womit er zu ſeinem Vetter Oberkämmerer flüſterte, machte ihn ſo grimmig, daß er gerne hinter dem Vorhang hervor auf ihn losgeſtürzt wäre. Denn ſeine größten Leiden und Kümmerniſſe hatte er dieſem ſchlechten Menſchen zu danken. Es waren viele Menſchen im Saal, die den Kalifen Recht ſprechen hören wollten. Der Großweſſir gebot, nachdem der Herrſcher von Bagdad auf ſeinem Thron Platz genommen hatte, Stille und fragte, wer hier als Kläger vor ſeinem Herrn erſcheine. Kalum⸗Bek trat mit frecher Stirne vor und ſprach: „Vor einigen Tagen ſtand ich unter der Thüre meines Gewölbes im Bazar, als ein Ausrufer, einen Beutel in der Hand und dieſen Mann hier neben ſich, durch die Buden ſchritt und rief:„„Einen Beutel Gold dem, deer Auskunft geben kann über Said aus Balſora.“¹ Dieſer Said war in meinen Dienſten geweſen, und ich rief daher:„„Hierher, Freund! ich kann den Beutel verdienen.““ Dieſer Mann, der jetzt ſo feindlich gegen mich iſt, kam freundlich und fragte, was ich wüßte. Ich antwortete:„Ihr ſeid wohl Benezar, ſein Vater?“ und als er dies freudig bejahte, erzählte ich ihm, wie ich den jungen Menſchen in der Wüſte gefunden, ge⸗ rettet und gepflegt und nach Bagdad gebracht habe. In der Freude ſeines Herzens ſchenkte er mir den Beutel. Aber hört dieſen unſinnigen Menſchen, wie ich ihm nun weiter erzählte, daß ſein Sohn bei mir ge⸗ dient habe, daß er ſchlechte Streiche gemacht, geſtohlen Fabe und davon gegangen ſei, will er es nicht glauben, hadert ſchon ſeit einigen Tagen mit mir, fordert ſeinen 13¹ Sohn und ſein Geld zurück, und Beides kann ich nicht geben, denn das Geld gebührt mir für die Nachricht, die ich ihm gab, und ſeinen ungerathenen Burſchen kann ich nicht herbeiſchaffen. Jetzt ſprach auch Benezar. Er ſchilderte ſeinen Sohn, wie edel und tugendhaft er ſei, und daß er nie habe ſo ſchlecht ſein können, zu ſtehlen. Er forderte den Kalifen auf, ſtreng zu unterſuchen. „Ich hoffe,“ ſprach Harun,„Du haſt, wie es Pflicht iſt, den Diebſtahl angezeigt, Kalum⸗Bek?“ „Ei freilich!“ rief Jener lächelnd.„Vor den Poli⸗ zeirichter habe ich ihn geführt.“ „Man bringe den Polizeirichter!“ befahl der Kalif. Zum allgemeinen Erſtaunen erſchien dieſer ſogleich, wie durch Zauberei herbei gebracht. Der Kalif fragte ihn, ob er ſich dieſes Handels erinnere, und dieſer ge⸗ ſtand den Fall zu. „Haſt Du den jungen Mann verhört, hat er den Diebſtahl eingeſtanden?“ fragte Harun. „Nein, er war ſogar ſo verſtockt, daß er Niemand als Euch ſelbſt geſtehen wollte!“ erwiderte der Richter. „Aber ich erinnere mich nicht, ihn geſehen zu haben,“ ſagte der Kalif. „Ei warum auch! da müßte ich alle Tage einen ganzen Pack ſolches Geſindel zu Euch ſchicken, die Euch ſprechen wollen.“ „Du weißt, daß mein Ohr für Jeden offen iſt,“ antwortete Harun;„aber wahrſcheinlich waren die Be⸗ weiſe über den Diebſtahl ſo klar, daß es nicht nöthig war, den jungen Menſchen vor mein Angeſicht zu 132 bringen. Du hatteſt wohl Zeugen, daß das Geld, das Dir geſtohlen wurde, Dir gehörte, Kalum?“ „Zeugen?“ fragte dieſer erbleichend,„nein, Zeugen hatte ich nicht, und Ihr wiſſet ja, Beherrſcher der Gläubigen, daß ein Goldſtück ausſieht wie das andere. Woher konnte ich denn Zeugen nehmen, daß dieſe hundert Stücke in meiner Kaſſe fehlen?“ „An was erkannteſt Du denn, daß jene Summe gerade Dir gehöre?“ fragte der Kalif. „An dem Beutel, in welchem ſie war,“ erwiderte Kalum. „Haſt Du den Beutel hier?“ forſchte Jener weiter. „Hier iſt er,“ ſprach der Kaufmann, zog einen Beutel hervor und reichte ihn dem Großweſſir, damit er ihn dem Kalifen gebe. „Doch der Weſſir rief mit verſtelltem Erſtaunen: „Beim Bart des Propheten! der Beutel ſoll Dein ſein, Du Hund? Mein gehörte dieſer Beutel, und ich gab ihn mit hundert Goldſtücken gefuͤllt einem braven jun⸗ gen Mann, der mich aus einer großen Gefahr befreite.“ „Kannſt Du darauf ſchwören?“ fragte der Kalif. „So gewiß als ich einſt ins Paradies kommen will,“ antwortete der Weſſir,„denn: meine Tochter hat ihn ſelbſt verfertigt.“ „Eil ei!“ rief Harun,„ſo wurdeſt Du alſo falſch berichtet, Polizeirichter? Warum haſt Du denn ge⸗ glaubt, daß der Beutel dieſem Kaufmann gehöre?“ „Er hat geſchworen,“ antwortete der Polizeirichter furchtſam. „So haſt Du falſch geſchworen?“ donnerte der 43³3 Kalif den Kaufmann an, der erbleichend und zitternd vor ihm ſtand. „Allah, Allah!“ rief Jener. Ich will gewiß nichts gegen den Herrn Großweſſir ſagen, er iſt ein glaub⸗ würdiger Mann, aber ach! Der Beutel gehörte doch mein, und der nichtswürdige Said hat ihn geſtohlen. Tauſend Toman wollte ich geben, wenn er jetzt zur Stelle wäre.“ „Was haſt Du denn mit dieſem Said angefangen?“ fragte der Kalif.„Sag' an, wohin man ſchicken muß, damit er vor mir Bekenntniß ablege!“ „Ich habe ihn auf eine wüſte Inſel geſchickt,“ ſprach der Polizeirichter. „O Said! mein Sohn, mein Sohn!“ rief der un⸗ glückliche Vater und weinte.. „So hat er alſo das Verbrechen bekannt?“ fragte Harun.. Der Polizeirichter erbleichte. Er rollte ſeine Augen hin und her; und endlich ſprach er:„Wenn ich mich noch recht erinnern kann— ja.“² „Du weißt es alſo nicht gewiß 2“ fuhr der Kalif mit ſchrecklicher Stimme fort;„ſo wollen wir ihn ſelbſt fragen. Tritt hervor, Said, und Du, Kalum⸗ Bek, zahlſt vor allem tauſend Goldſtücke, weil er jetzt hier zur Stelle iſt.“ Kalum und der Polizeirichter glaubten ein Ge⸗ ſpenſt zu ſehen. Sie ſtürzten nieder und riefen: „Gnade! Gnade!“ Benezar, vor Freuden halb ohn⸗ mächtig, eilte in die Arme ſeines verlorenen Sohnes. Aber mit eiſerner Strenge fragte jetzt der Kalif: 13⁴ „Polizeirichter, hier ſteht Said, hat er eingeſtan⸗ den?“ „Nein, nein!“ heulte der Polizeirichter,„ich habe nur Kalums Zeugniß gehört, weil er ein angeſehener Mann iſt.“ „Habe ich Dich darum als Richter über Alle beſtellt, daß Du nur den Vornehmen höreſt?“ rief Harun Al Raſchid mit edlem Zorn.„Auf zehn Jahre verbanne ich Dich auf eine wüſte Inſel, mitten im Meere, da kannſt Du über Gerechtigkeit nachdenken, und Du, elender Menſch, der Du Sterbende erweckſt, nicht um ſie zu retten, ſondern um ſie zu Deinen Sklaven zu machen, Du zahlſt, wie ſchon geſagt, tauſend Tomans, weil Du ſie verſprochen, wenn Said käme, um für Dich zu zeugen.“ Kalum freute ſich, ſo wohlfeil aus dem böſen Han⸗ del zu kommen, und wollte eben dem gütigen Kalifen danken. Doch dieſer fuhr fort:„Für den falſchen Eid wegen der hundert Goldſtücke bekommſt Du hundert Hiebe auf die Fußſohlen. Ferner hat Said zu wählen, ob er Dein ganzes Gewölbe und Dich als Laſtträger nehmen will, oder ob er mit zehn Goldſtücken für jeden Tag, welchen er Dir diente, zufrieden iſt?“ „Laſſet den Elenden laufen, Kalif!“ rief der Jüng⸗ ling,„ich will nichts, das ihm gehörte.“ „Nein,“ antwortete Harun,„ich will, daß Du entſchädigt werdeſt. Ich wähle ſtatt Deiner die zehn Goldſtücke für den Tag, und Du magſt berechnen, wie viel Tage Du in ſeinen Klauen warſt. Jetzt fort mit dieſen Elenden.“ 13⁵ Sie wurden abgeführt, und der Kalif führte Said und Benezar in einen andern Saal, dort erzählte er ihm ſelbſt ſeine wunderbare Rettung durch Said und wurde nur zuweilen durch das Geheul Kalum⸗Beks unterbrochen, dem man ſo eben im Hof ſeine hundert vollwichtigen Goldſtücke auf die⸗Fußſohlen zählte. Der Kalif lud Benezar ein, mit Said bei ihm in Bagdad zu leben. Er ſagte es zu und reiste nur noch einmal nach Hauſe, um ſein großes Vermögen abzuho⸗ len. Said aber lebte in dem Palaſt, den ihm der dankbare Kalife erbaut hatte, wie ein Fürſt. Der Bruder des Kalifen und der Sohn des Großweſſirs waren ſeine Geſellſchafter, und es war in Bagdad zum Sprüchwort geworden: Ich möchte ſo gut und ſo glück⸗ lich ſein, als Said, der Sohn Benezars. „Bei ſolcher Unterhaltung käme mir kein Schlaf in die Augen, wenn ich auch zwei, drei und mehre Nächte wach bleiben müßte,“ ſagte der Zirkelſchmied, als der Jäger geendigt hatte.„Und oft ſchon habe ich dies bewährt gefunden. So war ich in früherer Zeit als Geſelle bei einem Glockengießer. Der Meiſter war ein reicher Mann und kein Geizhals. Aber eben darum wunderten wir uns nicht wenig, als wir einmal eine große Arbeit hatten, und er, ganz gegen ſeine Gewohn⸗ heit, ſo knickerig als möglich erſchien. Es wurde in die neue Kirche eine Glocke gegoſſen, und wir Jungen und Geſellen mußten die ganze Nacht am Heerd ſitzen und das Feuer hüten. Wir glaubten nicht anders, als der Meiſter werde ſein Mutterfäßchen anſtechen und uns 1³⁶ den beſten Wein vorſetzen. Aber nicht alſo. Er ließ nur alle Stunden einen Umtrunk thun und fing an von ſei⸗ ner Wanderſchaft, ſeinem Leben allerlei Geſchichten zu erzählen, dann kam es an den Obergeſellen, und ſo nach der Reihe, und Keiner von uns wurde ſchläfrig, denn begierig horchten wir Alle zu. Ehe wir uns deſſen ver⸗ ſahen, war es Tag. Da erkannten wir die Liſt des Meiſters, daß er uns durch Reden habe wach halten wollen. Denn als die Glocke fertig war, ſchonte er ſeinen Wein nicht und holte ein, was er weislich ia jener Nacht verſäumte. „Das war ein vernünftiger Mann,“ erwiderte der Student.„Für den Schlaf, das iſt gewiß, hilft nichts als Reden. Darum möchte ich dieſe Nacht nicht einſam bleiben, weil ich mich gegen elf Uhr hin des Schlafes nicht erwehren könnte.“ „Das haben auch die Bauersleute wohl bedacht,“ ſagte der Jäger.„Wenn die Frauen und Mädchen in den langen Winterabenden bei Licht ſpinnen, ſo blei⸗ ben ſie nicht einſam zu Hauſe, weil ſie da wohl mitten unter der Arbeit einſchliefen, ſon dern ſie kommen zu⸗ ſammen in den ſogenannten Lichtſtuben, ſetzen ſich in großer Geſellſchaft zur Arbeit und erzählen.“ 3 „Ja,“ fiel der Fuhrmann ein,„da geht es oft recht gräulich zu, daß man ſich ordentlich fürchten möchte, denn ſie erzählen von feurigen Geiſtern, die auf der Welt gehen, von Kobolden, die Nachts in den Kam⸗ mern poltern, und von Geſpenſtern, die Menſchen und Vieh ängſtigen.“ „Da haben ſie nun freilich nicht die beſte Unter⸗ 13³37 haltung,“ entgegnete der Student.„Mir, ich geſtehe es, iſt nichts ſo verhaßt, als Geſpenſtergeſchichten.“ „Ei, da denke ich gerade das Gegentheil,“ rief der Zirkelſchmied.„Mir iſt es recht behaglich bei einer rech⸗ ten Schauergeſchichte. Es iſt gerade wie beim Regen⸗ wetter, wenn man unter dem Dach ſchläft. Man hört die Tropfen tick, tack, tick, tack auf die Ziegel herunter rauſchen und fühlt ſich recht warm im Trockenen. So, wenn man bei Licht und in Geſellſchaft von Geſpenſtern hört, fühlt man ſich ſicher und behaglich.“ „Aber nachher?“ ſagte der Student.„Wenn Einer zugehört hat, der dem lächerlichen Glauben an Geſpen⸗ ſter ergeben iſt, wird er ſich nicht grauen, wenn er allein iſt und im Dunkeln? Wird er nicht an alles das Schauerliche denken, was er gehört? Ich kann mich noch heute über dieſe Geſpenſtergeſchichten ärgern, wenn ich an meine Kindheit denke. Ich war ein mun⸗ terer, aufgeweckter Junge und mochte vielleicht etwas unruhiger ſein, als meiner Amme lieb war. Da wußte ſie nun kein anderes Mittel, mich zum Schweigen zu bringen, als daß ſie mich fürchten machte. Sie erzählte mir allerlei ſchauerliche Geſchichten von Hexen und bö⸗ ſen Geiſtern, die im Hauſe ſpuken ſollten, und wenn eine Katze auf dem Boden ihr Weſen trieb, flüſterte ſie mir ängſtlich zu: Hörſt Du, Söhnchen? Jetzt geht er wieder Treppe auf, Treppe ab, der todte Mann. Er trägt ſeinen Kopf unter dem Arm, aber ſeine Augen glänzen doch wie Laternen, Krallen hat er ſtatt der Finger, und wenn er Einen im Dunkeln erwiſcht, dreht er ihm den Hals um,“ 138 Die Männer lachten über dieſe Geſchichten, aber der Student fuhr fort:„Ich war zu jung, als daß ich hätte einſehen können, dies Alles ſei unwahr und er⸗ funden. Ich fürchtete mich nicht vor dem größten Jagd⸗ hund, warf jeden meiner Geſpielen in den Sand; aber wenn ich ins Dunkle kam, drückte ich vor Angſt die Augen zu, denn ich glaubte, jetzt werde der todte Mann heranſchleichen. Es ging ſo weit, daß ich nicht mehr allein und ohne Licht aus der Thüre gehen wollte, wenn es dunkel war, und wie manchmal hat mich mein Vater nachher gezüchtigt, als er dieſe Unart bemerkte! Aber lange Zeit konnte ich dieſe kindiſche Furcht nicht los werden, und allein meine thörichte Amme trug die Schuld.“ „Ja, das iſt ein großer Fehler,“ bemerkte der Jä⸗ ger,„wenn man die kindlichen Gedanken mit ſolchem Aberwitz füllt. Ich kann Sie verſichern, daß ich brave, beherzte Männer gekannt habe, Jäger, die ſich ſonſt vor drei Feinden nicht fürchteten— wenn ſie Nachts im Wald aufs Wild lauern ſollten oder auf Wilddiebe, da gebrach es ihnen oft plötzlich an Muth; denn ſie ſahen einen Baum für ein ſchreckliches Geſpenſt, einen Buſch für eine Hexe, und ein paar Glühwürmer für die Augen eines Ungethüms an, das im Dunkeln auf ſie laure.“ „Und nicht nur für Kinder,“ entgegnete der Stu⸗ dent,„halte ich Unterhaltungen dieſer Art für höchſt ſchädlich und thöricht, ſondern auch für Jeden; denn welcher vernünftige Menſch wird ſich über das Treiben und Weſen von Dingen unterhalten, die eigentlich nur 1³⁹ im Hirn eines Thoren wirklich ſind? Dort ſpukt es, ſonſt nirgends. Doch am allerſchädlichſten ſind dieſe Geſchichten unter dem Landvolk. Dort glaubt man feſt und unabweichlich an Thorheiten dieſer Art, und dieſer Glaube wird in den Spinnſtuben und in der Schenke genährt, wo ſie ſich enge zuſammenſetzen und mit furchtſamer Stimme die allergräulichſten Geſchichten erzählen.“ „Ja, Herr!“ erwiderte der Fuhrmann,„Ihr mö⸗ get nicht Unrecht haben; ſchon manches Unglück iſt durch ſolche Geſchichten entſtanden, iſt ja doch ſogar meine eigene Schweſter dadurch elendiglich ums Leben ge⸗ kommen.“ „Wie das? An ſolchen Geſchichten?“ riefen die Männer erſtaunt.. „Ja wohl an ſolchen Geſchichten,“ ſprach jener weiter.„In dem Dorf, wo unſer Vater wohnte, iſt auch die Sitte, daß die Frauen und die Mädchen in den Winterabenden zum Spinnen ſich zuſammen⸗ ſetzen. Die jungen Burſche kommen dann auch und erzählen mancherlei. So kam es eines Abends, daß man von Geſpenſtern und Erſcheinungen ſprach, und die jungen Burſche erzählten von einem alten Krämer, der ſchon vor zehn Jahren geſtorben ſei, aber im Grab keine Ruhe finde. Jede Nacht werfe er die Erde von ſich ab, ſteige aus dem Grab, ſchleiche langſam und huſtend, wie er im Leben gethan, nach ſeinem Laden, und wäge dort Zucker und Kaffee ab, indem er vor ſich hin murmle: Drei Viertel, drei Viertel um Mitternacht Haben bei Tag ein Pfund gemacht. 140 Viele behaupteten ihn geſehen zu haben, und die Mäd⸗ chen und Weiber fingen an ſich zu fürchten. Meine Schweſter aber, ein Mädchen von ſechzehn Jahren, wollte klüger ſein als die Andern, und ſagte:„„Das glaube ich Alles nicht; wer einmal todt iſt, kommt nicht wieder!““ Sie ſagte es, aber leider ohne überzeugung, denn ſie hatte ſich oft ſchon gefürchtet. Da ſagte einer von den jungen Leuten:„„Wenn Du dies glaubſt, ſo wirſt Du Dich auch nicht vor ihm fürchten; ſein Grab iſt nur zwei Schritte von Käthchens, die letzthin geſtor⸗ ben. Wage es einmal, gehe hin auf den Kirchhof, brich von Käthchens Grab eine Blume und bringe ſie uns, ſo wollen wir glauben, daß Du Dich vor dem Krämer nicht fürchteſt!““ Meine Schweſter ſchämte ſich, von den Andern verlacht zu werden, darum ſagte ſie:„„Ol das iſt mir ein Leichtes; was wollt Ihr denn für eine Blume? ⸗ „„Es blüht im ganzen Dorf keine weiße Roſe, als dort; darum bring' uns einen Strauß von dieſen,““ antwortete eine ihrer Freundinnen. Sie ſtand auf und ging, und alle Männer lobten ihren Muth, aber die Frauen ſchüttelten den Kopf und ſagten:„„Wenn es nur gut abläuft!““ Meine Schweſter ging dem Kirch⸗ hof zu: der Mond ſchien hell, und ſie fing an zu ſchau⸗ dern, als es zwölf Uhr ſchlug und ſie die Kirchhofpforte öffnete. „Sie ſtieg über manchen Grabhügel hinweg, den ſie kannte, und ihr Herz wurde bange und immer banger, je näher ſie zu Käthchens weißen Roſen und zum Grab des geſpenſtigen Krämers kam. 141 „Jetzt war ſie da; zitternd kniete ſie nieder und knickte die Blumen ab. Da glaubte ſie ganz in der Nähe ein Geräuſch zu vernehmen; ſie ſah ſich um: zwei Schritte von ihr flog die Erde von einem Grab hinweg, und langſam richtet ſich eine Geſtalt daraus empor. Es war ein alter, bleicher Mann mit einer weißen Schlafmütze auf dem Kopf. Meine Schweſter erſchrak; ſie ſchaute noch einmal hin, um ſich zu überzeugen, ob ſie recht geſehen; als aber der im Grabe mit näſelnder Stimme anfing zu ſprechen:„„Guten Abend, Jungfer; woher ſo ſpät?““ da erfaßte ſie ein Grauen des Todes; ſie raffte ſich auf, ſprang über die Gräber hin nach jenem Hauſe, erzählte beinahe athemlos, was ſie geſe⸗ hen und wurde ſo ſchwach, daß man ſie nach Hauſe tragen mußte. Was nützte es uns, daß wir am andern Tage erfuhren, daß es der Todtengräber geweſen ſei, der dort ein Grab gemacht und zu meiner armen Schwe⸗ ſter geſprochen habe? Sie verfiel noch, ehe ſie dies er⸗ fahren konnte, in ein hitziges Fieber, an welchem ſie nach drei Tagen ſtarb. Die Roſen zu ihrem Todten⸗ kranz hatte ſie ſich ſelbſt gebrochen.“ 2 Der Fuhrmann ſchwieg, und eine Thräne hing in ſei⸗ nen Augen, die Andern aber ſahen theilnehmend auf ihn. „So hat das arme Kind auch an dieſem Köhler⸗ glauben ſterben müſſen,“ ſagte der junge Goldarbeiter; „mir fällt da eine Sage bei, die ich Euch wohl erzäh⸗ len möchte, und leider mit einem ſolchen Trauerfall zuſammenhängt.“ —— Das Wirthshaus im Speſſart Die Sage vom Hirſchgulden Das kalte Herz. Erſte Abtheilung. Saids Schickfale.