Wilhelm Hauff's Mit des Dichters Leben von „* Guſtav Schwab. Neu durchgeſehen und ergänzt. Fünftes Bändchen. Vierte Geſammtausgabe. Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1846. Inhalt. Othello. Eine Novelle.. .* Phanthaſteen im Bremer Rathskeller ... 67 Othello. Eine Novelle. 2½ 1. Das Theater war gedrängt voll; ein neuangewor⸗ bener Sänger gab den Don Juan. Das Parterre wogte, von oben geſehen, wie die unruhige See, und 4 die Federn und Schleier der Damen tauchten wie ſchim⸗ mernde Fiſche aus den dunkeln Maſſen. Die Ranglogen waren reicher als je, denn mit dem Anfang der Win⸗ terſaiſon war eine kleine Trauer eingefallen und heute zum erſtenmal drangen wieder die ſchimmernden Farben der reichen Turbans, der wehenden Büſche, der bunten Shawls an das Licht hervor. Wie glänzend ſich aber auch der reiche Kranz von Damen um das Amphithea⸗ ter zog, das Diadem dieſes Kreiſes ſchien ein herrliches liebliches Bild zu ſein, das aus der, fürſtlichen Loge freundlich und hold die Welt um und unter ſich über⸗ ſchaute. Man war verſucht, zu wünſchen, dieſes ſchöne Kind möchte nicht ſo hoch geboren ſein, denn dieſe friſche Farbe, dieſe heitere Stirne, dieſe kindlichreinen, milden Augen, dieſer holde Mund war zur Liebe, nicht zur DVerehrung aus der Ferne geſchaffen. Und wunderbar, wie wenn Prinzeſſin Sophie dieſen frevelhaften Gedan⸗ 4 ken geahnet hätte— auch ihr Anzug entſprach dieſem Bilde einfacher, natürlicher Schönheit; ſie ſchien jeden Schmuck, den die Kunſt verleiht, dem ſtolzen Damen⸗ kreis überlaſſen zu haben. „Sehen Sie, wie lebendig, wie heiter ſie iſt,“ ſprach in einer der erſten Ranglogen ein fremder Herr zu dem ruſſiſchen Geſandten, der neben ihm ſtand, und beſchaute die Prinzeſſin durch das Opernglas;„wenn ſie lächelt, wenn ſie das ſprechende Auge ein klein wenig zudrückt und dann mit unbeſchreiblichem Reiz wieder aufſchlägt, wenn ſie mit der kleinen niedlichen Hand dazu agirt— man ſollte glauben, aus ſo weiter Ferne ihre witzigen Reden, ihre naiven Fragen vernehmen zu können.“ „Es iſt erſtaunlich!“ entgegnete der Geſandte. „Und dennoch ſollte dieſer Himmel von Freudigkeit nur Maske ſein? Sie ſollte fühlen, ſchmerzlich fühlen, ſie ſollte unglücklich lieben, und doch ſo blühend, ſo heiter ſein? Gnädige Frau,“ wandte ſich der Fremde — zu der Gemahlin des Geſandten,„geſtehen Sie, Sie wollen mich myſtificiren, weil ich einiges Intereſſe an dieſem Götterkinde genommen habe.“ „Mon Dieu! Baron,“ ſagte dieſe mit dem Kopfe wackelnd,„Sie glauben noch immer nicht? Auf Ehre, es iſt wahr, wie ich Ihnen ſagte; ſie liebt, ſie liebt unter ihrem Stande, ich weiß es von einer Dame, der nichts dergleichen entgeht. Und wie, meinen Sie, eine Prin⸗ zeſſin, die von Jugend auf zur Repräſentation erzogen iſt, werde nicht Tournüre genug haben, um ein ſo unſchickliches Verhältniß in den Augen der Welt zu ver⸗ bergen?“ 2— — 5 „Ich kann es nicht begreifen,“ flüſterte der Fremde, indem er wieder ſinnend nach ihr hin ſah;„ich kann es nicht faſſen; dieſe Heiterkeit, dieſer beinahe muth⸗ willige Scherz— und ſtille, unglückliche Liebe? Gnä⸗ dige Frau, ich kann es nicht begreifen!“ „Ja, warum ſoll ſie denn nicht munter ſein, Ba⸗ ron? Sie ahnet wohl nicht, daß Jemand etwas von ihrer meſchanten Aufführung weiß; der Amoroſo iſt in der Nähe—* „Iſt in der Nähe? O bitte, Madame! Zeigen Sie mir den Glücklichen, wer iſt er?“ „Was verlangen Sie! Das wäre ja gegen alle Dis⸗ kretion, die ich der Oberhofmarſchallin ſchuldig bin, mein Freund, daraus wird nichts. Sie können zwar in Warſchau wieder erzählen, was Sie hier geſehen und gehört haben, aber Namen? nein, Namen zu nennen in ſolchen Affairen iſt ſehr unſchicklich; mein Mann kann dergleichen nicht leiden.“ Die Ouvertüre war ihrem Ende nahe, die Töne brausten ſtärker aus dem Orcheſter herauf, die Blicke der Zuſchauer waren feſt auf den Vorhang gerichtet, um den neuen Don Juan bald zu ſehen; doch der Fremde in der Loge der ruſſiſchen Geſandtſchaft hatte kein Ohr für Mozarts Töne, kein Auge für das Stück, er ſah nur das liebliche, herrliche Kind, das ihm um ſo intereſſanter war, als dieſe ſchönen Augen, dieſe ſüßen, frreundlichen Lippen heimliche Liebe kennen ſollten. Ihre Umgebungen, einige ältere und jüngere Damen, hatten zu ſprechen aufgehört: ſie lauſchten auf die Muſik; Sophiens Augen gleiteten durch das gefüllte Haus, ſie 6 ſchienen etwas zu vermiſſen, zu ſuchen.„Ob ſie wohl nach dem Geliebten ihre Blicke ausſendet?“ dachte der Fremde; ob ſie die Reihen muſtert, ihn zu ſehen, ihn mit einem verſtohlenen Lächeln, mit einem leiſen Beu⸗ gen des Hauptes, mit einem jener tauſend Zeichen zu begrüßen, welche ſtille Liebe erfindet, womit ſie ihre Lieblinge beglückt, bezaubert?“ Eine ſchnelle, leichte Röthe flog jetzt über Sophiens Züge, ſie rückte den Stuhl mehr ſeitwärts, ſie ſah einigemal nach der Thüre ihrer Loge: die Thüre ging auf, ein großer, ſchöner, junger Mann trat ein und näherte ſich einer der ältern Damen, es war die Herzogin F., die Mutter der Prinzeſſin. Sophie ſpielte gleichgültig mit der Brille, die ſie in der Hand hielt, aber der Fremde war Kenner genug, um in ihrem Auge zu leſen, daß dieſer und kein Anderer der Glückliche ſei. Noch konnte er ſein Geſicht nicht ſehen; aber die Geſtalt, die Bewegungen des jungen Mannes hatten etwas Bekanntes für ihn; die Fürſtin zog ihre Tochter ins Geſpräch, ſie blickte freundlich auf, ſie ſchien etwas Pikantes erwidert zu haben, denn die Mutter lächelte, der junge Mann wandte ſich um, und—„mein Gott! Graf Zronievsky!“ rief der Fremde ſo laut, ſo ängſtlich, daß der Geſandte an ſeiner Seite heftig er⸗ ſchrak, und ſeine Gemahlin den Gaſt krampfhaft an der Hand faßte, und neben ſich auf den Stuhl niederriß. „Ums Himmels willen, was machen Sie für Skan⸗ dal!“ rief die erzürnte Dame;„die Leute ſchauen rechts und links nach uns her; wer wird denn ſo mörderiſch ſchreien? Es iſt nur gut, daß ſie da unten gerade eben 7 4 ſo mörderiſch gegeigt und trompetet haben, ſonſt hätte Jedermann Ihren Zronievsky hören müſſen. Was wol⸗ 5 len denn Sie nur von dem Grafen, Sie wiſſen ja doch, daß wir vermeiden, ihn zu kennen!“ „Kein Wort weiß ich,“ erwiderte der Fremde;„wie kann ich auch wiſſen, wen Sie kennen, und wen nicht, da ich erſt ſeit drei Stunden hier bin? Warum vermei⸗ den Sie es, ihn zu ſehen?“ „Nun, ſeine Verhältniſſe zu unſerer Regierung können Ihnen nicht unbekannt ſein,“ ſprach der Ge⸗ ſandte;„er iſt verwieſen, und es iſt mir höchſt fatal, daß er gerade hier, und immer nur hier ſein will. Er hat ſich unverſchämter Weiſe bei Hofe präſentiren laſ⸗ ſen, und ſo ſehe ich ihn auf jedem Schritt und Tritt, und doch wollen es die Verhältniſſe, daß ich ihn ignorire. überdies macht mir der fatale Menſch ſonſt noch genug zu ſchaffen; man will höheren Orts wiſſen, wovon er lebe, und ſo glänzend lebe, da doch ſeine Güter confis⸗ cirt ſind; und ich weiß es nicht heraus zu bringen. Sie kennen ihn, Baron?“ Der Fremde hatte dieſe Rede nur halb gehört; er ſah unverwandt nach der fürſtlichen Lage; er ſah, wie Zronieysky mit der Fürſtin und den andern Damen ſprach, wie nur ſein feuriges Auge hin und wieder nach Sophien hingleitete, wie ſie begierig dieſen Strahl auf⸗ fing und zurück gab. Der Vorhang flog auf, der Graf trat zurück und verſchwand aus der Loge; Leporello hub ſeine Klagen an. „ Sie kennen ihn, Baron 2“ flüſterte der Geſandte. „Wiſſen Sie mir Näheres über ſeinf Vexrhältuiſſe— . 8 „Jch habe mit ihm unter den polniſchen Lanciers gedient.“ „Iſt wahr; er hat in der franzöſiſchen Armee ge⸗ dient, ſahen Sie ſich oft? Kennen Sie ſeine Reſſourcen?“ „Ich habe ihn nur geſehen,“ warf der Fremdeleicht hin,„wenn es der Dienſt mit ſich brachte; ich weiß nichts von ihm, als daß er ein braver Soldat und ein ſehr unterrichteter Offizier iſt.“. Der Geſandte ſchwieg; ſei es, daß er dieſen Wor⸗ ten glaubte, fei es, daß er zu vorſichtig war, ſeinem Gaſt durch weitere Fragen Mißtrauen zu zeigen. Auch der Fremde bezeugte keine Luſt, das Geſpräch weiter fortzuſetzen; die Oper ſchien ihn ganz in Anſpruch zu nehmen; und dennoch war es ein ganz anderer Gegen⸗ ſtand, der ſeine Seele unabläſſig beſchäftigte.„Alſo hieher hat dich dein unglückliches Geſchick endlich getrie⸗ ben?“ ſagte er zu ſich,„armer Zronievsky! Als Knabe wollteſt du dem Kosciusko helfen, und dein Vaterland befreien, Freiheit und Kosciusko ſind verklungen und verſchwunden! Als Jüngling warſt du für den Ruhm der Waffen, für die Ehre der Adler, denen du folgteſt, begeiſtert, man hat ſie zerſchlagen; du hatteſt dein Herz ſo lange vor Liebe bewahrt, ſie findet dich endlich als Mann, und ſiehe— die Geliebte ſteht ſo furchtbar hoch, daß du vergeſſen oder untergehen mußt!“ Das Geſchick ſeines Freundes, denn dies war ihm Graf Zronievsky geweſen, ſtimmte den Fremden ernſt und trübe, er verſank in jenes Hinbrüten, das die Welt und, alle ihre Verhältniſſe vergißt, und der Geſandte mußte ihn, als der erſte Akt der Oper zu Ende war, 9 durch mehre Fragen aus ſeinem Sinnen aufwecken, das nicht einmal durch das Klatſchen und Bravorufen des Parterre's unterbrochen worden war. „Die Herzogin hat nach Ihnen gefragt,“ ſagte der Geſandte;„ſie behauptet, Ihre Familie zu kennen; kom⸗ men Sie, wiſchen Sie dieſen Ernſt, dieſe Melancholie von Ihrer Stirne; ich will Sie in die Loge führen und präſentiren.“ Der Fremde erröthete; ſein Herz pochte, er wußte ſelbſt nicht warum, erſt als er den Corridor mit dem Geſandten hinging, als er ſich der fürſtlichen Loge näherte, fühlte er, daß es die Freude ſei, was ſein Blut in Be⸗ wegung brachte, die Freude, jenem lieblichen Weſen nahe zu ſein, deſſen ſtille Liebe ihn ſo ſehr anzog. 2. Die Herzogin empfing den Fremden mit ausgezeich⸗ neter Güte. Sie ſelbſt präſentirte ihn der Prinzeſſin Sophie, und der Name Larun ſchien in den Ohren des ſchönen Kindes bekannt zu klingen; ſie erröthete flüchtig und ſagte, ſie glaube gehört zu haben, daß er früher in der franzöſiſchen Armee diente. Es war dem Baron nur zu gewiß, daß ihr Niemand anders als Zro⸗ nievsky dies geſagt haben konnte, es war ihm um ſo gewiſſer, als ihr Auge mit einer gewiſſen Theilnahme auf ihm, wie auf einem Bekannten ruhte, als ſie gerne die Rede an ihn zu richten ſchien. „Sie ſind fremd hier,“ ſagte die Herzogin,„Sie ſind keinen Tag in dieſen Mauern, Sie können alſo noch von Niemand beſtochen ſein; ich fordere Sie auf, ſeien 10 Sie Schiedsrichter; kann es nicht in der Natur geheim⸗ nißvolle Kräfte geben, die— die, wie ſoll ich mich nur ausdrücken, die, wenn wir ſie frevelhaft hervorrufen, uns Unheil bringen können?“ „Sie ſind nicht unparteiiſch, Mutter;“ rief die Prinzeſſin lebhaft,„Sie haben ſchon durch Ihre Frage, wie Sie ſie ſtellten, die Sinne des Barons gefangen genommen. Sagen Sie einmal, wenn zufällig im Zwi⸗ ſchenraum von vielen Jahren von einem Hauſe nach und nach ſechs Dachziegel gefallen wären und einige Leute getödtet hätten, würden Sie nicht mehr an dieſem Hauſe vorübergehen?“ „Warum nicht? es müßten nur in dieſen Ziegeln geheimnißvolle Kräfte liegen, welche—* „Wie muthwillig!“ unterbrach ihn die Herzogin; „Sie wollen mich mit meinen geheimnißvollen Kräften nach Hauſe ſchicken; aber nur Geduld; das Gleichniß das Sophie vorbrachte, paßt doch nicht ganz— ¹ „Nun, wir wollen gleich ſehen, wem der Baron Recht gibt,“ rief Jene;„die Sache iſt ſo: wir haben hier eine ſehr hübſche Oper, man gibt alles Mögliche, Altes und Neues durch einander, nur eines nicht, die ſchönſte, herrlichſte Oper, die ich kenne; auf fremdem Boden mußte ich ſie zum erſtenmal hören, das erſte, was ich that, als ich hieher kam, war, daß ich bat, man möchte ſie hier geben, und nie wird mir mein Wunſch er⸗ füllt! Und nicht etwa, weil ſie zu ſchwer iſt, nein, der Grund iſt eigentlich lächerlich.“. „Und wie heißt die Oper?“ fragte der Fremde. „Es iſt Othello!“ 11 „Othello? gewiß, ein herrliches Kunſtwerk; auch mich ſpricht ſelten eine Muſik ſo an wie dieſe, und ich fühle mich auf Tage lange feierlich, ich möchte ſagen heilig bewegt, wenn ich Desdemona's Schwanengeſang zur Harfe ſingen gehört habe.“ „Hoͤren Sie es? Er kommt von Petersburg, von Warſchau, von Berlin, Gott weiß woher,— ich habe ihn nie geſehen, und dennoch ſchätzt er Othello ſo hoch. Wir müſſen ihn einmal wieder ſehen. Und warum ſoll er nicht wieder gegeben werden? Wegen eines Mährchens, das heutzutage Niemand mehr glaubt.“ „Freveln Sie nicht,“ rief die Fürſtin,„es ſind mir Thatſachen bekannt, die mich ſchaudern machen, wenn ich nur daran denke; doch wir ſprechen unſerem Schieds⸗ richter in Räthſeln; ſtellen Sie ſich einmal vor, ob es nicht ſchrecklich wäre, wenn es jedesmal, ſo oft Othello gegeben würde, brennte.“ „Ach, wieder ein Gleichniß,“ fiel Sophie ein,„doch es iſt noch viel toller, das Mährchen ſelbſt!“ „Nein, es ſoll einmal brennen,“ fuhr die Mutter fort.„Othello wurde zuerſt als Drama nach Shakſpeare gegeben, ſchon vor fünfzig Jahren; die Sage ging, man weiß nicht woher und warum, daß, ſo oft Othello ge⸗ geben wurde, ein gewiſſes Evenement erfolgte; nun alſo unſer Brennen; es brannte jedesmal nach Othello. Man machte den Verſuch, man gab lange Zeit Othello nicht; es kam eine neue geiſtreiche Ueberſetzung auf, er wird gegeben— jener unglückliche Fall ereignete ſich wieder. Ich weiß noch wie heute, als Othello, zur Oper verwandelt, zum erſtenmal gegeben wurde; wir lachten 12 lange vorher, daß wir den unglücklichen Mohren um ſein Opfer gebracht haben, indem er jetzt muſikaliſch geworden— Desdemona war gefallen, wenige Tage nachher hatte der Schwarze auch ein weiteres Opfer. Der Fall trat nachher noch einmal ein, und darum hat man Othello nie wieder gegeben; es iſt thöricht aber wahr. Was ſagen Sie dazu, Baron? aber aufrichtig, was halten Sie von unſerem Streit?“ „Durchlaucht haben vollkommen Recht,“ antwortete Larun in einem Ton, der zwiſchen Ernſt und Ironie die Mitte hielt;„wenn Sie erlauben, werde ich durch ein Beiſpiel aus meinem eigenen Leben Ihre Behauptung beſtätigen. Ich hatte eine unverheirathete Tante, eine unangenehme, myſtiſche Perſon; wir Kinder hießen ſie nur die Federntante, weil ſie große ſchwarze Federn auf dem Hut zu tragen pflegte. Wie bei Ihrem Othello, ſo ging auch in unſerer Familie eine Sage, ſo oft die Federntante kam, mußte nachher Eines oder das Andere krank werden. Es wurde daruber geſcherzt und gelacht, aber die Krankheit ſtellte ſich immer ein, und wir waren den Spuk ſchon ſo gewöhut, daß, ſo oft die Federn⸗ tante zum Beſnch in den Hof fuhr, alle Zurüſtungen für die kommende Krankheit gemacht, und ſelbſt der Doktor geholt wurde.“ „Eine köſtliche Figur, Ihre Federntante,“ rief die Prinzeſſin lachend;„ich kann mir ſie denken, wie ſie den Kopf mit dem Federnhut aus dem Wagen ſtreckt, wie die Kinder laufen, als käme die Peſt, weil keines kran werden will, und wie ein Reitknecht zur Stadt ſprengen muß, um den Doktor zu holen, weil die Federntante 3 13 erſchienen ſei. Da hatten Sie ja wahrhaftig eine leben⸗ dige weiße Frau in Ihrer Familie!“ „Still von dieſen Dingen,“ unterbrach ſie die Für⸗ ſtin ernſt, beinahe unmuthig;„man ſollte nicht von Dingen ſo leicht hin reden, die man nicht läugnen kann, und deren Natur dennoch nie erklärt werden wird. So iſt nun einmal auch mein Othello,“ ſetzte ſie freundlich hinzu.„Und Sie werden ihn nicht zu ſehen bekommen, Baron, und müſſen Ihr Lieblingsſtück ſchon wo anders aufſuchen. „Und Sie ſollen ihn dennoch ſehen,“ flüſterte Sophie zu ihm hin,„ich muß mein Desdemonalied noch einmal hören, ſo recht ſehen und hören auf der Bühne, und ſollte ich ſelbſt darüber zum Opfer werden!“ „Sie ſelbſt?“ fragte der Fremde betroffen;„ich höͤre ja, der geſpenſtige Mohr ſoll nur brennen, nicht töd⸗ ten?“ „Ach, das war ja nur das Gleichniß der Mutter!“ flüſterte ſie noch viel leiſer,„die Sage iſt noch viel ſchauriger und viel gefährlicher.“ Der Kapellmeiſter pochte, die Introduktion des zweiten Akts begann, und der Fremde ſtand auf, die fürſtliche Loge zu verlaſſen. Die Herzogin hatte ihn gütig entlaſſen, aber vergebens ſah er ſich nach dem Ge⸗ ſandten um, er war wohl längſt in ſeine Loge zurückge⸗ kehrt. Unſchlüſſig, ob er rechts oder links gehen müſſe, ſtand er im Corridor, als eine warme Hand ſich in die ſeinige legte; er blickte auf, es war der Graf Zronievsky. 14 3. „So habe ich doch recht geſehen?“ rief der Graſ, „mein Major, mein tapferer Major! Wie lebt Alles wieder in mir auf! Ich werfe dieſe unglücklichen dreizehn Jahre von mir; ich bin der frohe Lancier wie ſonſt! Vive Poniatowsky, vive Vemp—“ „Um Gotteswillen, Graf!“ fiel ihm der Fremde in das Wort,„bedenken Sie, wo Sie ſind! Und warum dieſe Schatten heraufbeſchwören? Sie ſind hinab mit ihrer Zeit; laſſet die Todten ruhen!“ „Ruhen?“ entgegnete Jener;„das iſt ja gerade, was ich nicht kann; o daß ich unter jenen Todten wäre! Wie ſanft, wie geduldig wollte ich ruhen! Sie ſchlafen, meine tapfern Polen, und keine Stimme, wie mächtig ſie auch rufe, ſchreckt ſie auf. Warum darf ich allein nicht raſten?“ Ein düſteres, unſtetes Feuer brannte in den Augen des ſchönen Mannes, ſeine Lippen ſchloſſen ſich ſchmerz⸗ lich; ſein Freund betrachtete ihn mit beſorgter Theil⸗ nahme, er ſah hier nicht mehr den fröhlichen, helden⸗ müthigen Jüngling, wie er ihn an der Spitze des Regiments in den Tagen des Glückes geſehen; das zu⸗ trauliche, gewinnende Lächeln, das ihn ſonſt ſo angezo⸗ gen, war einem grämlichen, bittern Zuge gewichen, das Auge, das ſonſt voll ſtolzer Zuverſicht, voll frendi⸗ gen Muthes frei und offen um ſich blickte, ſchien miß⸗ trauiſch jeden Gegenſtand prüfen, durchbohren zu wollen, das matte Roth, das ſeine Wangen bedeckte, war nur der Abglanz jener Jugendblüte, die ihm in den Salons 15 von Paris den Namen des ſchönen Polen erworben hatte, und dennoch, auch nach dieſer großen Verände⸗ rung, welche Zeit und Unglück hervorgebracht hatten, mußte man geſtehen, daß Prinzeſſin Sophie ſehr zu ent⸗ ſchuldigen ſei. 8 „Sie ſehen mich an, Major?“ ſagte Jener nach eini⸗ gem Stillſchweigen,„Sie betrachten mich, als wollten Sie die alten Zeiten aus meinen Zügen herausfinden? Geben Sie ſich nicht vergebliche Mühe; es iſt ſo Manches anders geworden, ſollte nicht der Menſch mit dem Ge⸗ ſchick ſich ändern?“ „Ich finde Sie nicht ſehr verändert,“ erwiderte der Fremde,„ich erkannte Sie bei dem erſten Anblick wie⸗ der. Aber eines finde ich nicht mehr wie früher: aus dieſen Augen iſt ein gewiſſes Zutrauen verſchwunden, das mich ſonſt ſo oft beglückte. Alexander Zronievsky ſcheint mir nicht mehr zu trauen. Und doch,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„und dennoch war mein Geiſt immer bei ihm, ich weiß ſogar die tiefſten Gedanken ſeines Herzens.“ „Meines armen Herzens!“ entgegnete der Graf wehmüthig;„ich wüßte kaum, ob ich noch ein Herz habe, wenn es nicht manchmal vor Unmuth pochte! Welche Gedanken wollen Sie aufgeſpürt haben, als die unwan⸗ delbare Freundſchaft für Sie, Major! Schelten Sie nicht mein Auge, weil es nicht mehr froͤhlich iſt; ich habe mich in mich ſelbſt zurückgezogen, ich habe mein Ver⸗ trauen in meine Rechte gelegt, ihr Druck wird Ihnen ſagen, daß ich noch immer der Alte bin.“ „Ich danke; aber wie, ich ſollte mich nicht auf die 16 Gedanken Ihres Herzens verſtehen? Sie ſagen, es pocht nur vor Unmuth; was hat denn ein gewiſſes Fürſten⸗ kind gethan, daß Ihr Herz ſo gar unmuthig pocht?“ Der Graf erblaßte; er preßte des Fremden Hand feſt in der ſeinigen:„Um Gottes willen, ſchweigen Sie; nie mehr eine Silbe über dieſen Punkt! Ich weiß, ich verſtehe, was Sie meinen, ich will ſogar zugeben, daß Sie recht geſehen haben; der Teufel hat Ihre Augen ge⸗ macht, Major! Doch warum bitte ich einen Ehrenmann wie Sie, zu ſchweigen? Es hat noch keiner vom achten Regiment ſeinen Kameraden verrathen.“ „Sie haben Recht, und kein Wort mehr darüber; doch nur dies Eine noch; vom achten verrathet keiner den Kameraden, ob aber der gute Kamerad ſich ſelber nicht verräth?“ 4 „Kommen Sie hier in dieſe Treppe,“ flüſterte der Graf, denn es nahten ſich mehre Perſonen;„Jeſus Maria, ſollte außer Ihnen Jemand etwas ahnen?“ „Wenn Sie Vertrauenum Vertrauen geben werden, wohlan, ſo will ich beichten.“ 3„O foltern Sie mich nicht, Major! Ich will nachher ſagen, was Sie haben wollen, nur geſchwind, ob Je⸗ mand außer Ihnen—“ Der Major von Larun erzählte, er ſei heute in die⸗ ſer Stadt angekommen, ſeine Depeſchen ſeien bei dem Geſandten bald in Richtigkeit geweſen, man habe ihn in die Oper mitgenommen, und dort, wie er entzückt die Prinzeſſin aus der Ferne betrachtet, habe ihm die Geſandtin geſagt, daß Sophie in ein Verhältniß unter ihrem Stande verwickelt ſei.„Sie traten ein in die 17 fürſtliche Loge, ein Blick überzeugte mich, daß Niemand als Sie der Geliebte ſein könne.“ „Und die Geſandtin?“ rief der Graf mit zitternder Stimme. „Sie hat es beſtätigt. Wenn ich nicht irre, ſprach ſie auch von einer Oberhofmarſchallin, von welcher ſie die Nachricht habe.“ Der Graf ſchwieg einige Minuten vor ſich hinſtar⸗ rend; er ſchien mit ſich zu ringen, er blickte einigemale den Fremden ſcheu von der Seite an—„Major!“ ſprach er endlich mit klangloſer, matter Stimme;„kön⸗ nen Sie mir hundert Napoleon leihen?“ Der Major war überraſcht von dieſer Frage; er hatte erwartet, ſein Freund werde etwas Weniges über ſein Unglück jammern, wie bei dergleichen Scenen ge⸗ bräuchlich, er konnte ſich daher nicht gleich in dieſe Frage finden, und ſah den Grafen ſtaunend an. „Ich bin ein Flüchtling,“ fuhr dieſer fort;„ich glaubte endlich eine ſtille Stätte gefunden zu haben, wo ich ein klein wenig raſten könnte, da muß ich lieben, — muß geliebt werden, Major, wie geſtebt werden!“ Er hatte Thränen in den Augen, doch er bezwang ſich und fuhr mit feſter Stimme fort;„Es iſt eine ſonder⸗ bare Bitte, die ich hier nach ſo langem Wiederſehen an Sie thue, doch ich erröthe nicht, zu bitten. Kamerad, ge⸗ denken Sie des letzten ruhmvollen Tages im Norden, gedenken Sie des Tages von Moſaisk?“ „Ich gedenke!“ ſagte der Fremde, indem ſein Auge glänzte und ſeine Wangen ſich höher färbten. „Und gedenken Sie, wie die ruſſiſche Batterie an W. Hauffs Werke, V. 2 18 der Redoute auffuhr, wie ihre Kartätſchen in unſere Reihen ſausten und der Verräther Piolzky zum Rück⸗ zug blaſen ließ?“ „Ha!“ fiel der Fremde mit dröhnender Stimme ein, „und wie Sie ihn herabſchoſſen, Graf, daß er keine Ader mehr zuckte; wie die Huſaren rechts abſchwenkten, wie Sie Vorwärts! rieſen, Vorwärts, Lanciers vom achten! und die Kanonen in fünf Minuten unſer waren!“ „Gedenken Sie?“ flüſterte der Graf mit Wehmuth, „wohlan! ich commandire wieder vor der Front. Es gilt einen Kameraden herauszuhauen, werdet Ihr ihn retten? En avant, Major! vorwärts, tapferer Lan⸗ cier! wirſt Du ihn retten, Kamerad?“ „Ich will ihn retten!“ rief der Freund, und der Graf Zronievsky ſchlug ſeinen Arm um ihn, preßte ihn heftig an ſeine Bruſt und eilte dann von ihm weg, den Corridor entlang. 4. „„Gut, daß ich Sie treffe,“ rief der Graf Zronievsky, als er am nächſten Morgen dem Major auf der Straße begegnete,„ich wollte eben zu Ihnen, und Sie um eine kleine Gefälligkeit anſprechen—“ „Die ich Ihnen ſchon geſtern zuſagte,“ erwiderte Jener,„wollen Sie mich in mein Hotel begleiten? es liegt längſt für Sie bereit.“— „Um Gottes willen! jetzt nichts von Geld,“ fiel der Graf ein;„Sie tödten mich durch dieſe Proſa! ich bin göttlich gelaunt, ſelig, überirdiſch geſtimmt. O 3 19 Freund, ich habe es dem Engel geſagt, daß man uns bemerkt, ich habe ihr geſagt, daß ich fliehen werde, denn in ihrer Nähe zu ſein, ſie nicht zu ſprechen, nicht anzubeten, iſt mir unmöglich.“ „Und darf ich wiſſen, was ſie ſagte?“ „Sie iſt ruhig darüber, ſie iſt größer als dieſe ſchlech⸗ ten Menſchen.„Was iſt es auch?““ ſagte ſie,„man kann uns gewiß nichts Böſes nachſagen, und wenn man auch unſer Verhältniß entdeckte, ſo will ich mir gerne einmal einen dummen Streich vergeben laſſen; wo lebt ein Menſch, der nicht einmal einen beginge?““ „Eine geſunde Philoſophie,“ bemerkte der Major; „man kann nicht vernünftiger über ſolche Verhältniſſe denken; denn gerade die ſind meiſt am ſchlechteſten be⸗ rathen, die glauben, ſie konnen alle Menſchen blenden. Doch iſt mir noch eine Frage erlaubt? Wie es ſcheint, ſo ſehen Sie Ihre Dame allein? Denn was Sie mir erzählten, wurde ſchwerlich geſtern im Don Juan ver⸗ handelt.“ „Wir ſehen uns,“ flüſterte Jener,„ja, wir ſehen uns, aber wo, darf ich nicht ſagen, und ſo wahr ich lebe, das ſollen auch jene Menſchen nicht ausſpähen. Aber lange, ich ſehe es ſelbſt ein, lange Zeit kann es nicht mehr dauern. Drum bin ich immer auf dem Sprung, Kamerad, und Ihre Hülfe ſoll mich ret⸗ ten, wenn indeß meine Gelder nicht flüſſig werden.“ „„Doch gilt es morgen, ſo laßt uns heut noch ſchlür⸗ fen die Neige der köſtlichen Zeit 3““ ich will noch glück⸗ lich, ſelig ſein, weil es ja doch bald ein Ende haben muß. 4 ⸗ 20 „Und wozu kann ich Ihnen dienen?“ fragte der Major,„wennich nicht irre, wollten Sie mich aufſuchen.“ „Richtig, das war es, warum ich kommen wollte,“ entgegnete Jener nach einigem Nachſinnen.„Sophie weiß, daß Sie mein Freund ſind, ich habe ihr ſchonfrüher von Ihnen erzählt, hauptſächlich die Geſchichte von der Berezinabrücke, wo Sie mich zu ſich auf den Rappen nahmen. Sie hat geſtern mit Ihnen geſprochen und von Othello, nicht wahr? Die Fürſtin will nicht zugeben, daß er aufgeführt werde, wegen irgend eines Mährchens, das ich nicht mehr weiß.“— „Sie waren ſehr geheimnißvoll damit,“ unterbrach ihn der Freund,„und wie mir ſchien, wird es die Für⸗ ſtin auch nicht zugeben.“ „Und doch; ich habe ſie durch ein Wort dahin gebracht. Die Prinzeſſin bat und flehte, und das kann ich nun ein⸗ mal nicht ſehen; ohne daß ich ihr zu Hülfe komme; ich nahm alſo eine etwas ernſte Miene an und ſagte: ſon⸗ derbar iſt es doch, wenn ſo etwas ins Publikum kommt, iſt es wie der Wind in den Geſandtſchaften, und kam es einmal ſo weit, ſo darf man nicht dafür ſorgen, daß es in acht Tagen als Chronique scandaleuse an allen Höfen erzählt wird. Die Fürſtin gab mir Recht; ſie ſagte, wiewohl mit ſehr bekümmerter und verlegener Miene, zu, daß das Stück gegeben werden ſolle; doch als ſie wegging, rief ſie mir noch zu: ſie gebe das Spiel dennoch nicht verloren, denn wenn auch Othello ſchon auf dem Zettel ſtehe, laſſe ſie die Desdemona krank werden.“ „Das haben Sie gut gemacht!“ rief der Mlaie — — 21 lachend,„alſo die Furcht vor der Chronique scanda- leuse hat die Geſpenſterfurcht und das Grauen vor den Geheimniſſen der Natur überwunden?“ „Ja wohl, Sophie iſt außer ſich vor Freuden, daß ſie ihren Willen hat. Ich bin gerade auf dem Weg zum Regiſſeur der Oper; ich ſoll ihm vierhundert Thaler bringen, daß die Aufführung auch in pekuntärer Hin⸗ ſicht keiner Schwierigkeit unterworfen ſein möchte, und Sie müſſen mich zu ihm begleiten.“ „Aber wird es nicht auffallen, wenn Sie im Namen der Prinzeſſin dieſe Summe überbringen?“ „Dafür iſt geſorgt; wir bringen es als Kollekte von einigen Kunſtfreunden; ſtellen Sie einen Dilettan⸗ ten oder Enthuſiaſten vor, oder was in unſeren Kram paßt. Der Regiſſeur wohnt nicht weit von hier und iſt ein alter ehrlicher Kauz, den wir ſchon gewinnen wol⸗ len. Nur hier um die Ecke, Freund; Sehen Sie dort das kleine grüne Haus mit dem Erker?“ 5. Der Regiſſeur der Oper war ein kleiner, hagerer Mann, er war früher als Sänger berühmt geweſen und ruhte jetzt im Alter auf ſeinen Lorbeeren. Er em⸗ pfing die Freunde mit einer gewiſſen künſtleriſchen Ho⸗ heit und Würde, welche nur durch ſeine ſonderbare Klei⸗ dung etwas geſtört wurde; er trug nämlich eine ſchwarze Florentiner Mütze, welche er nur ablegte, wenn er zum Ausgehen die Perüke auf die Glatze ſetzte. Auffal⸗ lend ſtachen gegen dieſe bequeme Hauskleidung des Al⸗ 22 ten ein moderner, enge anliegender Frack und weite, faltenreiche Beinkleider ab; ſie zeigten, daß der Herr Regiſſeur trotz der ſechszig Jährchen, die er haben mochte, dennoch für die Eitelkeit der Welt nicht abgeſtorben ſei; an den Füßen trug er weite ausgetretene Pelzſchuhe, auf denen er künſtlich im Zimmer herumfuhr, ohne ſicht⸗ bar die Beine aufzuheben; den Freunden kam es vor, als fahre er auf Schlittſchuhen. „Iſt mir bereits angezeigt worden, der allerhöchſte Wunſch,“ ſagte der Regiſſeur, als ihn der Graf mit dem Zweck ihres Beſuches bekannt machte,„weiß be⸗ reits um die Sache; an mir ſoll es nicht fehlen, mein einziger Zweck iſt ja die allerhöchſten Ohren auf ergötz⸗ liche Weiſe zu delektiren, aber— aber ich werde denn doch ſubmiſſeſt wagen müſſen, einige Gegenvorſtellun⸗ gen zu exbibitiren.“ „Wie? Sie wollen dieſe Oper nicht geben?“ rief der Graf. „Gott ſoll mich behüten, das wäre ja ein offenba⸗ res Mordattentat auf die Allerhöchſte Familie! Nein! nein! wenn mein Wort in der Sache noch etwas gilt, wird dieſes unglückliche Stück nie gegeben.“ „Hätte ich doch nie gedacht,“ entgegnete der Graf, „daß ein Mann wie Sie von Pöbelwahn befangen wäre. Mit Staunen und Bewunderung vernahm ich ſchon in meiner früheſten Jugend in fernen Landen Ihren gefeier⸗ ten Namen! Sie wurden die Krone der Sänger genannt, ich brannte vor Begierde, dieſen Mann einmal zu ſehen. Ich bitte, verkleinern Sie dieſes ehrwürdige Wild nicht durch ſeinen Aberwitz.“ —. —— 23 Der Alte ſchien ſich geſchmeichelt zu fühlen, ein anmuthiges Lächeln zog über ſeine verwitterten Züge, er ſteckte die Hände in die Taſchen und fuhr auf ſeinen Pelzſchuhen einigemal im Zimmer auf und ab.„All⸗ zugütig, allzuviel Ehre!“ rief er;„ja, wir waren un⸗ ſerer Zeit Etwas, wir waren ein tüchtiger Tenor! jetzt hat es freilich ein Ende. Aberglaube, belieben Sie zu ſagen, ich würde mich ſchämen, irgend einem Aberglauben nachzuhängen; aber wo Thatſachen ſind, kann von Aberglauben nicht die Rede ſein.“ „Thatſachen?“ riefen die Freunde mit einer Stimme. „O ja, verehrte Meſſieurs, Thatſachen. Sie ſchei⸗ nen nicht aus hieſiger Stadt und Gegend zu ſein, da Sie ſolche nicht wiſſen?“ „Ich habe allerdings von einem ſolchen Mährchen gehört,“ ſagte der Major;„es ſoll, wenn ich nicht irre, jedesmal nach Othello brennen, und—“ „Brennen? daß mir Gott verzeih'; ich wollte lie⸗ ber, daß es allemal brennte; Feuer kann man doch lö⸗ ſchen, man hat Brandaſſekuranzen, man kann endlich noch ſolch einen Brandſchaden zur Noth ertragen; aber ſterben? nein, das iſt ein weit gefährlicherer Caſus.“ „Sterben? ſagen Sie, wer ſoll ſterben?“ „Nun, das iſt kein Geheimniß 1u erwiderte der Re⸗ giſſeur;„ſo oft Othello gegeben wird, muß acht Tage nachher Jemand aus der fürſtlichen Familie ſterben.“ Die Freunde fuhren erſchrocken von ihren Sitzen auf, denn der prophetiſche, richtende Ton, womit der Alte dies ſagte, hatte etwas Gräuliches an ſich; 24 1 doch ſogleich ſetzten Sie ſich wieder und brachen über ihren eigenen Schrecken in ein luſtiges Gelächter aus, das übrigens den Sänger nicht aus der Faſſung brachte. „Sie lachen?“ ſprach er;„ich muß es mir gefallen laſſen, wenn es Sie übrigens nicht genirt, will ich Sie die Theaterchronik inſpieiren laſſen, die ſeit hundert⸗ undzwanzig Jahren der jedesmalige Soufleur ſchreibt. ¹ „Die Theaterchronik her, Alter, laſſen Sie uns in⸗ ſpiciren,“ rief der Graf, dem die Sache Spaß zu ma⸗ chen ſchien, und der Regiſſeur rutſchte mit außerordent⸗ licher Schnelligkeit in ſeine Kammer und brachte einen in Leder und Meſſing gebundenen Folianten hervor. Er ſetzte eine große in Bein gefaßte Brille auf und blätterte in der Chrontk.„Bemerken Sie.“ ſagte er, „„wegen des Nachfolgenden, erſtlich: hier ſteht:„Anno 1740 den 8. December iſt die Aectrice Charlotte Fan⸗ vauerin in hieſigem Theater erſticktworden. Man führte das Trauerſpiel Othello, der Mohr von Venedig, von Shakſpeare auf. u¹ „Wie?“ unterbrach ihn der Major,„Anno 1740 ſollte man hier Shakſpeare's Othello gegeben haben? und doch war es, wenn ich nicht irre, Schröder, der zu⸗ erſt und viel ſpäter das erſte Shakſpeare'ſche Stück in Deutſchland aufführen ließ?" „Bitte um Vergebung,“ erwiderte der Alte.„Der Herzog ſah auf einer Reiſe durch England in London dieſen Othello geben, ließ ihn, weil er ihm außerordent⸗ lich gefiel, überſetzen und nachher hier öfter aufführen. Meine Chronik fährt aber alſo fort: „„Obgedachte Charlotte Fandauerin hat die Desde⸗ 3 4 25 mona gegeben und iſt durch die Bettdecke, womit ſie in dem Stücke ſelbſt getödtet werden ſoll, elendiglich umge⸗ kommen. Gott ſei ihrer armen Seele gnädig!““ Dieſen Mord erzählt man ſich hier folgendermaßen: die Fan⸗ dauer ſoll ſehr ſchön geweſen ſein; bei Hof ging es da⸗ mals unter dem Herzog Nepomuk ſehr laſeiv zu; die Fandauer wurde des Herzogs Geliebte. Sie aber ſoll ſich nicht blindlings und unvorſichtig ihm übergeben haben; ſie war abgeſchreckt durch das Beiſpiel ſo Vieler, die er nach einigen Monaten oder Jährchen verſtieß und elendiglich herumlaufen ließ. Sie ſoll alſo ein ſchreck⸗ liches Bündniß mit ihm gemacht und erſt, nachdem er es beſchworen, ſich ihm ergeben haben. Aber wie bei den Andern, ſo war es auch bei der Fandauer. Er hatte ſie bald ſatt und wollte ſie auf gelinde Art entfernen. Sie aber drohte ihm, das Bündniß das er mit ihr gemacht, drucken und in ganz Europa verbreiten zu laſſen, ſie zeigte ihm auch, daß ſie dieſe Schrift ſchon in vielen fremden Städten niedergelegt habe, wo ſie auf ihren erſten Wink verbreitet würde. „Der Herzog war ein grauſamer Herr und ſein Zorn kannte keine Grenzen. Er ſoll ihr auf verſchiede⸗ nen Wegen durch Gift haben beikommen wollen, aber ſie aß nichts, als was ſie ſelbſt gekocht hatte. Er gab daher einem Schauſpieler eine große Summe Geld und ließ den Othello aufführen. Sie werden ſich erin⸗ nern, daß in dem Shakſpeare'ſchen Trauerſpiel die Des⸗ demona von dem Mohren im Bette erſtickt wird. Der Acteur machte ſeine Sache nur allzu natürlich, denn die Fandanerin iſt nicht mehr erwacht.“ 26 Der Graf ſchauderte;„und dies ſoll wahr ſein? rief er aus. „Fragen Sie von älteren Perſonen in der Stadt, wen Sie wollen, Sie werden es überall ſo erzählen hören. Es wurde von Gerichten eine Unterſuchung gegen den Mörder anhängig gemacht, aber der Herzog ſchlug ſie nieder, nahm den Acteur vom Theater in ſeine Dienſte und erklärte, die Fandauerin habe durch Zufall der Schlag gerührt. Aber acht Tage darauf ſtarb ihm ſein einziges Söhnlein, ein Prinz von zwölf Jahren. 4 „Zufall!“ ſagte der Major. „Nennen Sie es immerhin ſo;“ perſetzte der Alte und blätterte weiter,„doch hören Sie, Othello w zwei Jahre lang nicht mehr gegeben, denn ee Erinnerung an jenen Mord mochte der Herzog dieſe Trauerſpiel nicht leiden. Aber nach zwei Jahren war er ſo ruchlos, es wieder aufführen zu laſſen. Hier ſteht's: den 28. Sept. 1742 Othello der Mohr von Venedig; und hier am Rande iſt bemerkt: Sonderbarlich! am 5. Oktober iſt Prinzeſſin Auguſte verſtorben, gerade auch acht Tage nach Othello, wie vor zwei Jahren der höchſtſelige Prinz Friedrich. Zufall, meine werthen Herren?“* „Allerdings, Zufall!“ riefen Jene. „Weiter! Den 6. Februar 1748. Othello der Mohr von Venedig. Ob es wohl wieder eintrifft? Sehen Sie her, meine Herren! Das hat der Soufleur hergeſchrie⸗ ben, bemerken Sie gefälligſt, es iſt dieſelbe Hand, die hier in margine bemerkt:„„Entſetzlich! die Fandau⸗ rin ſpukt wieder, Prinz Alexander den 14. plötzlich — 27 geſtorben, acht Tage nach Othello.““ Der Alte hielt inne und ſah ſeine Gäſte fragend an; ſie ſchwiegen, er blätterte weiter und las:„„Den 16. Januar 1775, zum Benefiz der Mlle. Koller: Othello, der Mohr von Venedig. Richtig wieder! Arme Prinzeſſin Eliſabeth, haſt du müſſen ſo ſchnell verſterben! † 24. Jan. 1775.44 „Poſſen““ unterbrach ihn der Major;„ich gebe zu, es iſt ſo: es ſoll einigemal der Eigenſinn des Zufalls es wirklich ſo gefügt haben; geben Sie mir aber nur einen vernünftigen Grund an zwiſchen Urſache und Wirkung, wenn Sie dieſe Höchſtſeligen am Othello verſterben laſſen wollen!“ „Herr!“ antwortete der alte Mann mit tiefem orte jenes großen Geiſtes, von dem auch dieſer un⸗ glückſelige Othello abſtammt: Es gibt viele Dinge zwi⸗ ſchen Himmel und Erde, wovo ſich die Philoſophen nichts träumen laſſen!“ „Ich kenne das,“ ſagte 18 Wrnf;„aber ich wette, Shakſpeare hätte nie dieſen Spruch von ſich gegeben, hätte er gewußt, wie viel Lächerlichkeit ſich ch hinter ihm verbirgt!“ „Es iſt möglich,“ erwiderte der Sager;„hören Sie aber weiter. Ich komme jetzt an ein etwas neueres Beiſpiel deſſen ich ich mich eran an den Herzog ſelbſt.“ „Wie,“ unterbrach ihn der Major;„eben jener, der die Actrice ermorden ließ?“ „Derſelbe; Othello war vielleicht zwanzig Jahre nicht mehr gegeben worden, da kamen, ich weiß es . heen,„das kann ich nicht; aber ich erinnere an die noch wie heute, fremde Herrſchaften zum Beſuch. Un⸗ ſer Schauſpiel gefiel ihnen, und ſonderbarer Weiſe wünſchte eine der fremden fürſtlichen Damen Othello zu ſehen. Der Herzog ging ungern daran, nicht aus Angſt vor den gräulichen Umſtänden, die dieſem Stück zu folgen pflegten, denn er war ein Freigeiſt und glaubte an nichts dergleichen; aber er war jetzt alt; die Sünden und Frevel ſeiner Jugend fielen ihm ſchwer aufs Herz, und er hatte Abſcheu vor dieſem Trauerſpiel. Aber ſei es, daß er der Dame nichts abſchlagen mochte, ſei es, daß er ſich vor dem Publikum ſchämte, das Stück mußte über Hals und Kopf einſtudirt werden, es wurde auf ſeinem Luſtſchloß gegeben. Sehen Sie, hier ſteht es: Othello, den 16. Oktober 1793 auf dem Luſtſchloß H.... aufgeführt.“ „Nun, Alter! und was folgte? geſchwind!“ riefen die Freunde ungeduldig. 5 „Acht Tage nachher, den 24. Okt. 1793, iſt der Herzog geſtorben.“ „Nicht möglich,“ ſagte der Major nach einigem Stillſchweigen;„laſſen Sie Ihre Chronik ſehen; wo ſteht denn etwas vom Herzog? Hier iſt nichts in mar- gine bemerkt. „Nein,“ ſagte der Alte, und brachte zwei Bücher herbei;“ aber hier ſeine Lebensgeſchichte ſeine Trauer⸗ rede, wollen Sie gefälligſt nachſehen?“ „Der Graf nahm ein kleines ſchwarzes Buch in die Hand und las!:„„Beſchreibung der ſolennen Beiſetzung des am 24. Oktober 1793 höͤchſtſelig verſtorbenen Her⸗ zogs und Herrn— Dummes Zeug“ rief er und ſprang 29 auf;„das könnte mich um den Verſtand bringen. Zu⸗ fall! Zufall! und nichts anders! Nun— und wiſſen Sie noch ein ſolches Hiſtörchen? „Ich könnte Ihnen noch einige aufführen,“ erwi⸗ derte der Alte mit Ruhe;„doch Sie langweilen ſich bei dieſer ſonderbaren Unterhaltung; nur aus der neueſten Zeit noch einen Fall. Roſſini ſchrieb ſeine herrliche Oper Othello, worin er, was man bezweifelt hatte, zeigte, daß er es verſtehe, auch die tieferen, tragiſchen Saiten der menſchlichen Bruſt anzuſchlagen. Er wurde hier höheren Orts nicht verlangt, daher wurde er auch nicht fürs Theater einſtudirt. Die Kapelle aber unternahm es, dieſe Oper für ſich zu ſtudiren, es wurden einige Scenen in Concerten aufgeführt, und dieſe weni⸗ gen Proben entzündeten im Publikum einen ſo raſchen Eifer für die Oper, daß man allgemein in Zeitungen, an Wirthstafeln, in Singthees und dergleichen von nichts als Othello ſprach, nichts als Othello verlangte. Von den grauenvollen Begebenheiten, die das Schau⸗ ſpiel Othello begleitet hatten, war gar nicht die Rede; es ſchien, man denke ſich unter der Oper einen ganz andern Othello. Endlich bekam der damalige Regiſſeur (ich war noch auf dem Theater und ſang den Othello), er bekam den Auftrag, ſage ich, die Oper in die Scene zu ſetzen. Das Haus war zum Erſticken voll, Hof und Adel war da, das Orcheſter ſtrengte ſich über⸗ menſchlich an, die Sängerinnen ließen nichts zu wün⸗ ſchen übrig, aber ich weiß nicht— uns alle wehte ein unheimlicher Geiſt an, als Desdemona ihr Lied zur Harfe ſpielte, als ſie ſich zum Schlafengehen rüſtete, als der Mörder, der abſcheuliche Mohr, ſich nahte. Es war daſſelbe Haus, es waren dieſelben Bretter, es war dieſelbe Scene, wie damals, wo ein liebliches Ge⸗ ſchöpf in derſelben Rolle ſo gräulich ihr Leben endete. Ich muß geſtehen, trotz der Teufelsnatur meines Othello befiel mich ein leichtes Zittern, als der Mord geſchah, ich blickte ängſtlich nach der fürſtlichen Loge, wo ſo viele blühende, kräftige Geſtalten auf unſer Spiel her⸗ überſahen.„„Wirſt du wohl durch die Töne, die deinen Tod begleiten, dich beſänftigen laſſen, blutdürſtiges Geſpenſt der Gemordeten?““ dachte ich. Es war ſo; fünf, ſechs Tage hörte man nichts von einer Krankheit im Schloſſe; man lachte, daß es nur der Einkleidung in eine Oper bedurfte, um jenen Geiſt gleichſam irre zu machen; der ſiebente Tag verging ruhig, am achten wurde Prinz Ferdinand auf der Jagd erſchoſſen.“ „Ich habe davon gehört,“ ſagte der Major,„aber es war Zufall; die Büchſe ſeines Nachbars ging los, und—“ „Sage ich denn, das Geſpenſt bringe die Höchſtſe⸗ ligen ſelbſt um, drücke ihnen eigenhändig die Kehle zu? Ich ſpreche ja nur von einem unerklärlichen, ge⸗ heimnißvollen Zuſammenhang.“ „Und haben Sie uns nicht noch zu guter Letzt ein Mährchen erzählt; wo ſteht denn geſchrieben, daß acht Tage vor jener Jagd Othello gegeben wurde?“ „Hier!“ erwiderte der Regiſſeur kaltblütig, indem er auf eine Stelle in ſeiner Chronik wies; der Graf las: Othello, Oper von Roſſini, den 12. März; und auf dem Rande ſtand dreimal unterſtrichen: den 20. fiel Prinz Ferdinand auf der Jagd.“ 341 Die Männer ſahen einander ſchweigend einige Augenblicke an; ſie ſchienen lächeln zu wollen, und doch hatte ſie der Ernſt des alten Mannes, das ſonder⸗ bare Zuſammentreffen jener furchtbaren Ereigniſſe tiefer ergriffen, als ſie ſich ſelbſt geſtehen mochten. Der Major blätterte in der Chronik, und pfiff vor ſich hin, der Graf ſchien über etwas nachzuſinnen, er hatte Stirne und Augen feſt in die Hand geſtützt. Endlich ſprang er auf;„und dies Alles kann Ihnen dennoch nicht helfen,“ rief er,„die Oper muß gegeben wer⸗ den. Der Hof, die Geſandten wiſſen es ſchon, man würde ſich blamiren, wollte man durch dieſe Zufälle ſich ſtören laſſen. Hier ſind vierhundert Thaler, mein Herr! Es ſind einige Freunde und Liebhaber der Kunſt, welche ſie Ihnen zuſtellen, um Ihren Othello recht glänzend auftreten zu laſſen. Kaufen Sie davon, was Sie wollen,“ ſetzte er lächelnd hinzu,„laſſen Sie Geiſterbanner, Beſchwörer kommen, kaufen Sie einen ganzen Hexenapparat, kurz, was nur immer nöthig iſt, um das Geſpenſt zu vertreiben— nur geben Sie uns Othello.“ „Meine Herren!“ ſagte der Alte,„es iſt möglich, daß ich in meiner Jugend ſelbſt über dergleichen gelacht und geſcherzt hätte; das Alter hat mich ruhiger gemacht, ich habe gelernt, daß es Dinge gibt, die man nicht geradehin verwerfen muß. Ich danke für Ihr Geſchenk, ich werde es auf eine würdige Weiſe anzuwenden wiſ⸗ ſen. Aber nur auf den ſtrengſten Befehl werde ich Othello geben laſſen. Ach Gott und Herr ¹“ rief er kläglich,„wenn ja der Fall wieder einträte, wenn das 32 liebe, herzige Kind, Prinzeſſin Sophie, des Teufels wäre!“. „Sein Sie ſtill,“ rief der Graf erblaſſend,„wahr⸗ haftig, Ihre wahnſinnigen Geſchichten ſind anſteckend, man könnte ſich am hellen Tage fürchten! Adieu! Vergeſſen Sie nicht, daß Othellv auf jeden Fall gege⸗ ben wird; machen Sie mir keine Kunſtgriffe mit Ka⸗ tarrh und Fieber, mit Krankwerdenlaſſen und ein⸗ getretenen Hinderniſſen. Beim Teufel, wenn Sie keine Desdemona hergeben, werde ich das Geſpenſt der Er⸗ würgten heraufrufen, daß es diesmal ſelbſt eine Gaſt⸗ rolle übernimmt.“ Der Alte kreuzigte ſich, und fuhr ungeduldig auf ſeinen Schuhen umher.„Welche Ruchloſigkeit,“ jam⸗ merte er,„wenn ſie nun erſchiene, wie der ſteinerne Gaſt? Laſſen Sie ſolche Reden, ich bitte Sie; wer weiß, wie nahe Jedem ſein eigenes Verderben iſt!“ Lachend ſtiegen die Beiden die Treppe hinab, und noch lange diente der muſikaliſche Prophet mit der florentiner Mütze und den Pelzſchlittſchuhen ihrem Witz zur Zielſcheibe. 6. Es gab Stunden, worin der Major ſich durchaus nicht in den Grafen, ſeinen alten Waffenbruder, finden konnte. War er ſonſt fröhlich, lebhaft, von Witz und Laune ſtrahlend, konnte er ſonſt die Geſellſchaft durch treffende Anekdoten, durch Erzählungen aus ſeinem Leben unterhalten, wußte er ſonſt Jeden, mochte er noch ſo gering ſein, auf eine ſinnige, feine Weiſe zu 3³ verbinden, ſo daß er der Liebling Aller, von Vielen angebetet wurde; ſo war er in andern Momenten gerade das Gegentheil. Er fing an, trocken und ſtumm zu werden, ſeine Augen ſenkten ſich, ſein Mund preßte ſich ein. Nach und nach ward er finſter, ſpielte mit ſei⸗ nen Fingern, antwortete mürriſch und ungeſtüm. Der Major hatte ihm ſchon abgemerkt, daß dies die Zeit war, wo er aus der Geſellſchaft entfernt werden müſſe, denn jetzt fehlten noch wenige Minuten, ſo zog er mit leicht aufgeregter Empfindlichkeit jedes unſchul⸗ dige Wort auf ſich, und fing an zu wüthen und zu raſen. Der Major war viel um ihn, er hatte aus früherer Zeit eine gewiſſe Gewalt und Herrſchaft über ihn, die er jetzt geltend machte, um ihn vor dieſen Ausbrüchen der Leidenſchaft in Geſellſchaft zu bewahren, deſto gräulicher brachen ſie in ſeinen Zimmern aus; er tobte, er fluchte in allen Sprachen, er klagte ſich an, er weinte.„Bin ich nicht ein elender, verworfener Menſch?“ ſprach er einſt in einem ſolchen Anfall;„meine Pflich⸗ ten mit Füßen zu treten, die treueſte Liebe von mir zu ſtoßen, ein Herz zu martern, das mir ſo innig an⸗ hängt! Leichtſinnig ſchweife ich in der Welt umher, habe mein Glück verſcherzt, weil ich in meinem Un⸗ ſinnz glaubte, ein Kosciusko zu ſein, und bin nichts als ein Schwachkopf, den man wegwarf. Und ſo viele Liebe, dieſe Aufopferung, dieſe Treue ſo zu vergelten!“ Der Major nahm zu allerlei Troſtmitteln ſeine Zuflucht.„Sie ſagen ja ſelbſt, daß die Prinzeſſin Sie zuerſt geliebt hat; konnte ſie je eine andere Liebe, eine W. Hauffs Werke, V. 3 34 andere Treue von Ihnen erwarten, als die, welche die Verhältniſſe erlauben?“ „Ha, woran mahnen Sie mich!“ rief der Unglück⸗ liche,„wie klagen mich Ihre Entſchuldigungen ſelbſt an! Auch ſie, auch ſie bethört! Wie kindlich, wie unſchul⸗ dig war ſie, als ich Verruchter kam, als ich ſie ſah mit dem lieblichen Schmelz der Unſchuld in den Augen, da fing mein Leichtſinn wieder an; ich vergaß alle guten Vorſätze, ich vergaß, wem ich allein gehören durfte; ich ſtürzte mich in einen Strudel von Luſt, ich begrub mein Gewiſſen in Vergeſſenheit!“ Er fing an zu wei⸗ nen, die Erinnerung ſchien ſeine Wuth zu beſänftigen. „Und konnte ich,“ flüſterte er,„konnte ich ſo von ihr gehen? Ich fühlte, ich ſah es an jeder ihrer Bewegun⸗ gen, ich las es in ihrem Auge, daß ſie mich liebte, ſollte ich fliehen, als ich ſah, wie dieſe Morgenröthe der Liebe in ihren Wangen aufging, wie der erſte, leuchtende Strahl des Verſtändniſſes aus ihrem Auge brach, auf mich niederfiel, mich aufzufordern ſchien, ihn zu er⸗ widern?“ „Ich beklage Sie,“ ſprach der Freund, und drückte ſeine Hand;„wo lebt ein Mann, der ſo ſüßer Verſu⸗ chung widerſtanden wäre?“ „Und als ich ihr ſagen durfte, wie ich ſie verehre, als ſie mir mit ſtolzer Freude geſtand, wie ſie mich liebe, als jenes traute, entzückende Spiel der Liebe begann, wo ein Blick, ein flüchtiger Druck der Hand mehr ſagt, als Worte auszudrücken vermögen, wo man Tage lang nur in der freudigen Erwartung eines Abends, einer Stunde, einer einſamen Minute lebte, wo man in der 35 Erinnerung dieſes ſeligen Augenblickes ſchwelgte, bis der Abend wieder erſchien, bis ich aus dem Taumelkelch ihrer ſüßen Augen aufs Neue Vergeſſenheit trank; wie reich wußte ſie zu geben, wie viel Liebe wußte ſie in ein Wort, in einen Blick zu legen; und ich ſollte fliehen?° „Und wer verlangt dies?“ ſagte der Freund gerührt. „Es wäre grauſam geweſen, eine ſo ſchöne Liebe, die alle Verhältniſſe zum Opfer brachte, zurück zu ſtoßen. Nur Vorſicht hätte ich gewünſcht; ich denke, noch iſt nicht Alles verloren!“ Er ſchien nicht darauf zu hören; ſeine Thränen ſtröm⸗ ten heftiger, ſein glänzendes Auge ſchien tiefer in die Vergangenheit zu tauchen.„Und als ſie mir mit holdem Erröthen ſagte, wie ich zu ihr gelangen könne, als ſie erlaubte, ihre fürſtliche Stirne zu küſſen, als der ſüße Mund, deſſen Wünſche einem Volk Befehle waren, mein gehörte, und die Hoheit einer Fürſtin unterging im trau⸗ lichen Flüſtern der Liebe— da, da ſollte ich ſie laſſen?“ „Wie glücklich ſind Sie! Gerade in dem Geheim⸗ niß dieſes Verhältniſſes muß ein eigener Reiz liegen; und warum wollen Sie dieſe Liebe ſo tief verdammen? Faſſen Sie ſich! Das Urtheil der Welt kann Ihnen gleichgültig ſein, wenn Sie glücklich ſind; denn im Gan⸗ zen trägt ja wahrhaftig dies Verhältniß nichts ſo Schwarzes, Schuldiges an ſich, wie Sie es ſelbſt ſich vor⸗ ſtellen!“ Der Graf hatte ihm zugehört; ſeine Augen rollten, ſeine Wangen färbten ſich dunkler, er knirſchte mit den Bihnen.„Nicht ſo mild müſſen Sie mich beurtheilen,“ 37 Zweifel, das, was das freudigſte Gefühl gibt, muß auch das traurigſte werden— Ehre, gekränkte Ehre.“ Der Graf lachte grimmig.„Laſſen Sie ſich die Thaler wieder geben, Kamerad, die Sie einem ſchlechten Pſychologen für ſeinen Unterricht gaben. Gekränkte Ehre! Alſo tiefer ſteigt Ihre Kunſt nicht hinab in die Seele? Die gekränkte Ehre fühlt ſich doch ſelbſt noch! es lebt doch ein Gefühl in des Gekränkten Bruſt, das ihn hoch erhebt über die Kränkung, er kann die Scharte auswetzen am Beleidiger; er hat noch die Möglichkeit, ſeine Ehre wieder fleckenlos und rein zu waſchen, aber tiefer, Herr Bruder,“ rief er, indem er die Hand des Majors krampfhaft faßte,„tiefer hinab in die Seele; welches Gefühl iſt noch ſchrecklicher?“ „Von einem habe ich gehört,“ erwiderte Jener, „das aber Männer wie wir nicht kennen— es heißt Selbſtverachtung.“. Der Graf erbleichte und zitterte, er ſtand ſchweigend auf und ſah den Freund lange an.„Getroffen, Kame⸗ rad!“ ſagte er,„das ſitzt noch tiefer. Männer wie wir pflegen es nicht zu kennen, es heißt Selbſtver⸗ achtung. Aber der Teufel legt auch gar feine Schlingen auf die Erde; ehe man ſich verſieht, iſt man gefangen. Kennen Sie die Qual des Wankelmuthes, Major?“ „Gottlob, ich habe ſie nie erfahren; mein Weg ging immer gerade aus aufs Ziel!“ „Gerade aus aufs Ziel? Wer auch ſo glücklich wäre! Erinnern Sie ſich noch des Morgens, als wir aus den Thoren von Warſchau ritten? Unſere Gefühle, unſere Sinne gehörten jenem großen Geiſte, der ſie ge⸗ ſagte er mit dumpfer Stimme,„ich verdiene es nicht. Ich bin ein Frevler, vor dem Sie zurückſchaudern ſoll⸗ ten. O— daß ich Vergeſſenheit erkaufen könnte, daß ich Jahre auslöſchen könnte aus meinem Gedächtniß! — Ich will vergeſſen, ich muß vergeſſen, ich werde wahnſinnig, wenn ich nicht vergeſſe; ſchaffen Sie Wein, Kamerad; ich will trinken, mich dürſtet, es wüthet eine Flamme in mir, ich will mein Gedächtniß, meine Schuld erſäufen!“ Der Major war ein beſonnener Mann; er dachte ziemlich ruhig über dieſe verzweiflungsvollen Ausbrüche der Reue und Selbſtanklage.„Er iſt leichtſinnig, ſo habe ich ihn von jeher gekannt,“ ſagte er zu ſich;„ſolche Menſchen kommeß leicht aus einem Extrem in das an⸗ dere. Er ſieht jetzt große Schuld in ſeiner Liebe, weil ſie der Geliebten in ihren Verhältniſſen ſchaden kann, und im nächſten Augenblick berauſcht ihn wieder die Wonne der Erinnerung.“ Der Wein kam, der Major goß ein; der Graf ſtürzte ſchnell einige Gläſer hinunter; er ging mit ſchnellen Schritten ſchweigend im Zimmer auf und nieder, blieb vor dem Freunde ſtehen, trank und ging wieder. Dieſer mochte ſeine ſtillen Empfindun⸗ gen nicht unterbrechen, er trank und beobachtete über das Glas hin aufmerkſam die Mienen, die Bewegungen ſeines Freundes. „Major!“ rief dieſer endlich, und warf ſich auf den Stuhl nieder;„welches Gefühl halten Sie für das ſchrecklichſte?“. Dieſer ſchlürfte bedächtig den Wein in kleinen Zü⸗ gen, er ſchien nachzuſinnen, und ſagte dann:„Ohne 38 fangen hielt; aber wem gehörten die Herzen der pol⸗ niſchen Lanciers? Unſere Trompeten ließen jene Arien aus den Krakauern ertönen, jene Geſänge, die uns als Knaben bis zur Wuth für das Vaterland begeiſtert hatten; dieſe wohlbekannten Klänge pochten wieder an die Pforte unſerer Bruſt; Kamerad, wem gehörten un⸗ ſere Herzen?“ 8Dem Vaterland!“ ſagte der Major gerührt;„ja, damals, damals war ich freilich wankelmüthig!“ „Wohl Ihnen, daß Sie es ſonſt nie waren; der Teufel weiß das recht hübſch zu machen; er läßt uns hier empfinden, glücklich werden, und dort ſpiegelt er noch höhere Wonne, noch größeres Glück uns vor!“ „Möglich; aber der Mann hat Kraft, dem treu zu bleiben, was er gewählt hat.“ „Das iſt es,“ rief der Graf, wie niedergedonnert durch dies eine Wort:„das iſt es, und daraus— die Selbſtverachtung; und warum beſſer ſcheinen, als ich bin? Kamerad, Sie ſind ein Mann von Ehre, fliehen Sie mich wie die Peſt, ich bin ein Ehrloſer, ein Ehr⸗ vergeſſener, Sie ſind ein Mann von Kraft, verachten Sie mich, ich muß mich ſelbſt verachten, wiſſen Sie, ich bin—“ „Halt, ruhig!“ unterbrach ihn der Freund,„es pochte an der Thüre,— herein!“ 7. „Bedaure, bedaure unendlich,“ ſprach der Regiſſeur der Oper und rutſchte mit tiefen Verbeugungen ins Zimmer, nich unterbreche Hochdieſelben?“ 39 „Was bringen Sie uns?“ erwiderte der Major, ſchneller gefaßt als der unglückliche Freund.„Setzen Sie ſich und verſchmähen Sie nicht unſern Wein; was führt Sie zu uns?“ „Die traurige Gewißheit, daß Othello doch gegeben wird. Es hilft nichts; alles Bitten iſt umſonſt. Ich will Ihnen nur geſtehen, ich ließ die Oper einüben, hatte aber unſere Prima Donna ſchon dahingebracht, daß ſie mir feierlich gelobte, heiſer zu werden; da führt der Satan geſtern Abend die Sängerin Fanutti in die Stadt; ſie kommt vom*e ner Theater, bittet die allerhöchſte Theaterdirektion um Gaſtrollen, und ſtellen Sie ſich vor, man ſagt ihr auf nächſten Sonntag Othello zu. Ich habe beinahe geweint, wie es mir angezeigt wurde; jetzt hilft kein Gott mehr dagegen, und doch habe ich ſchreckliche Ahnungen!“ „Alter Herr!“ rief der Graf, der indeſſen Zeit gehabt hatte, ſich zu ſammeln.„Geben Sie doch einmal Ihren Köhlerglauben auf: ich kann Sie verſichern, es ſoll keiner der allerhöchſten Perſonen ein Haar gekrümmt werden; ich gehe hinaus auf den Kirchhof, laſſe mir das Grab der erwürgten Desdemona zeigen, mache ihr meine Aufwartung, und bitte ſie, diesmal ein Auge zuzudrücken und mich zu erwürgen. Freilich hat ſie dann nur einen Grafen und kein fürſtliches Blut; doch einer meiner Vorfahren hat auch eine Krone getragen!“ „Freveln Sie nicht ſo ſchrecklich,“ entgegnete der Alte, wie leicht kann Sie das Unglück mit hinabziehen! Mit ſolchen Dingen iſt nicht zu ſcherzen. Überdies habe ich heute Nacht im Traum einen großen Trauerzug mit Fackeln geſehen, wie man Fürſten zu begraben pflegt.“ „Schreckliche Viſionen, guter Herr!“ lachte der Major.„Haben Sie vielleicht vorher ein Gläschen zu viel getrunken? Und was iſt natürlicher, als daß Sie ſolches Zeug träumen, da ſie den ganzen Tag mit Todes⸗ gedanken umgehen!“ Der Alte ließ ſich nicht aus ſeinem Ernſt heraus⸗ ſchwatzen.„Gerade Sie, verehrter Herr, ſollten nicht Spott damit treiben,“ ſagte er.„Ich habe Sie nie ge⸗ ſehen bis zu jener Stunde, wo Sie mich mit dem Herrn Grafen beſuchten, und doch gingen wir Beide heute Nacht mit einander dem Sarge nach, Sie weinten heftig.“ „Immer köſtlicher! wie lebhaft Sie träumen; darum mußte ich hieher kommen, um mit Ihnen, lieber Mann, im Traume ſpazieren zu gehen!“ „Brechen ab,“ erwiderte Jener,„was kommen muß, wird kommen, und wir würden vielleicht viel dar⸗ um geben, hätten wir Alles nur geträumt. Ich komme aber hauptſächlich zu Ihnen, um Sie zur Probe einzu⸗ laden, Sie haben ſich ſo generös gegen uns bewieſen, daß ich mir ein Vergnügen daraus mache, Ihnen unſer Perſonal, namentlich die neue Sängerin zu zeigen.“ Die Freunde nahmen freudig den Vorſchlag an. Der Graf ſchien wie immer ſeine Heftigkeit zu bereuen, und dieſe Zerſtreuung kam ihm erwünſcht; auf dem Major hatten jene Ausbrüche einer Selbſtanklage ſchwer und drückend gelegen; auch er nahm daher mit Dank dieſen Ausweg an, um einer näheren Erklärung ſeines Freundes, die er eher fürchtete als wünſchte, zuentfliehen. 41 8. Und wirklich ſchien auch ſeit jener Stunde der Graf dieſe Saite nicht mehr berühren zu wollen; er ſchien wohl hin und wieder düſter, ja die Augenblicke des tiefen Gra⸗ mes kehrten wieder, aber nicht mit ihnen das Geſtändniß. einer großen Schuld, das damals ſchon auf ſeinen Lip⸗ pen ſchwebte; er war verſchloſſener als ſonſt. Der Major ſah ihn ſogar einige Tage beinahe gar nicht; die Ge⸗ ſchäfte, die ihn in dieſe Stadt gerufen hatten, ließen ihm wenige Stunden übrig, und dieſe pflegte gerade der Graf dem Theater zu widmen; denn ſei es aus Luſt an der Sache ſelbſt, oder um im Sinne der Geliebten zu handeln, und ihre Lieblingsoper recht glänzend er⸗ ſcheinen zu laſſen, er war in jeder Probe gegenwärtig: ſein richtiger Takt, ſeine ausgebreiteten Reiſen, ſein feiner, in der Welt gebildeter Geſchſsack verbeſſerten unmerklich Manches, was dem Auge und Ohr ſelbſt eines ſo ſcharfen Kritikers, wie der Regiſſeur war, ent⸗ gangen wäre; und der alte Mann vergaß oft ſtunden⸗ lang die ſchwarzen Ahnungen, die ſeine Seele quälten, ſo ſehr wußte Graf Zronievsky ſein Intereſſe zu feſſeln. So war Othello zu einer Vollkommenheit fortge⸗ ſchritten, die man anfangs nicht für möglich gehalten hätte; die Oper war durch die ſonderbaren Umſtände, welche ihre Aufführung bisher verhindert hatten, nicht nur dem Publikum, ſondern ſelbſt den Sängern neu geworden; kein Wunder, daß ſie ihr Möglichſtes thaten, um ſo großen Erwartungen zu entſprechen; kein Wun⸗ deer, daß man mit freudiger Erwartung dem Tag ent⸗ gegen ſah, der den Mohren von Venedig auf die Bretter rufen ſollte. 4 Es kam aber noch zweierlei hinzu, das Intereſſe des Publikums zu feſſeln. Der Sängerin Fanutti war ein großer Ruf vorausgegangen; man war neugierig, wie ſie ſich vom Theater ausnehme, wie ſie Desdemona geben werde, eine Rolle, zu der man außer ſchönem Ge⸗ ſang auch ein höheres tragiſches Spiel verlangte. Hiezu kam das leiſe Gerücht von den ſonderbaren Vorfäl⸗ len, die jedesmal Othello begleitet hatten; die älteren Leute erzählten, die jüngeren ſprachen es nach, zwei⸗ felten, vergrößerten, ſo daß ein großer Theil des Publi⸗ kums glaubte, der Teufel ſelbſt werde eine Gaſtrolle im Othello übernehmen. Der Major von Larun hatte Gelegenheit, an manchen Orten übhr dieſe Dinge ſprechen zu hören; am auffallendſten war ihm, daß man bei Hof, wo er noch einige Abende zubrachte, kein Wort mehr über Othello ſprach; nur Prinzeſſin Sophie ſagte einmal flüchtig und lächelnd zu ihm:„Othello hätten wir denn doch herausgeſchlagen, Ihrer Krankheitstante, Baron, und der diplomatiſchen Drohung des Grafen haben wir es zu danken. Wie freue ich mich auf Sonntag, auf mein Desdemonaliedchen; wahrlich, wenn ich ein⸗ mal ſterbe, es ſoll mein Schwanengeſang werden.“ „Gibt es Ahnungen?“ dachte der Major bei dieſen flüchtig hingeworfenen Worten, die ihm unwillkürlich ſchwer und bedeutungsvoll klangen;„die Sage von der geſpenſtigen Desdemona, die Furcht des alten Regiſe ſeur, ſeine Träume vom Trauergeleite und dieſer 6 43 Schwanengeſang!“ Er ſah der holden, lieblichen Er⸗ ſcheinung nach, wie ſie froh und freundlich durch die Säle gleitete, wie ſie, gleich dem Mädchen aus der Fremde, Jedem eine ſchöne Gabe, ein Lächeln, oder ein freundliches Wort darreichte,— wenn der Zufall es wieder wollte, dachte er, wenn ſie ſtürbe! Er verlachte ſich im nächſten Augenblicke ſelbſt, er konnte nicht be⸗ greifen, wie ein ſolcher Gedanke in ſeine vorurtheils⸗ freie Seele kommen könne— er ſuchte mit Gewalt die⸗ ſes lächerliche Phantom aus ſeiner Erinnerung zu verdrängen,— umſonſt! dieſer Gedanke kehrte immer wieder, überraſchte ihn mitten unter den fremdartig⸗ ſten Reden und Gegenſtänden, und immer noch glaubte er, eine ſüße Stimme flüſtern zu hören:„Wenn ich ſterbe— ſei es mein Schwanengeſang!“ Der Sonntag kam, und mit ihm ein ſonderbarer Vorfall. Der Major war Nachmittags mit dem Gra⸗ fen und mehren Offizieren ausgeritten. Auf dem Heim⸗ weg überfiel ſie ein Regen, der ſie bis auf die Haut durchnäßte. Die Wohnung des Grafen lag dem Thore zunächſt, er bat daher den Major, ſich bei ihm umzu⸗ kleiden; einen Hut des Freundes auf dem Kopf, in einen ſeiner überröcke gehüllt, trat der Major aus dem Hauſe, um in ſeine eigene Wohnung zu eilen. Er mochte einige Straßen gegangen ſein, und immer war es ihm, als ſchleiche Jemand allen ſeinen Tritten nach. Er blieb ſtehen, ſah ſich um, und dicht hinter ihm ſtand ein hagerer, großer Mann in einem abgetragenen Rock. „Dies an Sie, Herr!“ ſagte er mit dumpfer Stimme und durchdringendem Blick, driäts dem Erſtaunten 44 ein kleines Billet in die Hand und ſprang um die nächſte Ecke. Der Major konnte nicht begreifen, woher ihm, in der völlig fremden Stadt, ſolche geheimnißvolle Botſchaft kommen ſollte? Er betrachtete das Billet von allen Seiten, es war ein feines, glänzendes Papier, in eine Schleife künſtlich zuſammengeſchlungen, mit einer ſchönen Camee geſiegelt. Keine Aufſchrift.„Viel⸗ leicht will man ſich einen Scherz mit dir machen,“ dachte er und öffnete es ſorglos auf der Straße, er las und wurde aufmerkſam, er las weiter und erblaßte, er ſteckte das Papier in die Taſche und eilte ſeiner Woh⸗ nung, ſeinem Zimmer zu. Es war ſchon Dämmerung geweſen auf der Straße, er glaubte nicht recht geleſen zu haben, er rief nach Licht. Aber auch beim hellen Schein der Kerzen blieben die unſeligen Worte feſt und drohend ſtehen: „Elender! Du kannſt Dein Weib, Deine kleinen Würmer im Elende ſchmachten laſſen, während Du vor der Welt in Glanz und Pracht auftrittſt? Was willſt Du in dieſer Stadt? Willſt Du ein ehrwürdiges Fürſtenhaus beſchimpfen, ſeine Tochter ſo unglücklich machen, als Du Dein Weib gemacht haſt? Fliehe! in⸗ der Stunde, wo Du dieſes lieſeſt, weiß Pr. Sph. das ſchändliche Geheimniß Deines Betrugs.“ Der Major war keinen Augenblick im Zweifel, daß dieſe Zeilen an den Grafen gerichtet, daß ſie durch Zu⸗ fall, vielleicht weil er in des Freundes Kleidern über die Straße gegangen, in ſeine Hände gerathen ſeien. Jetzt wurden ihm auf einmal jene Ausbrüche der Ver⸗ zweiflung klar; es war Reue, Selbſtverachtung, die in⸗ 45 einzelnen Momenten die glänzende Hülle durchbrachen, womit er ſein trügeriſches Spiel bedeckt hatte. Laruns Blicke fielen auf die Zeilen, die er noch immer in der Hand hielt, jene Chiffern Pr. Sph. konnten nichts Anders bedeuten, als den Namen des holden, jetzt ſo unglückſeligen Geſchöpfes, das jener gewiſſenloſe Ver⸗ räther in ſein Netz gezogen hatte. Der Major war ein Mann von kaltem, berechnendem Blick, von ſtar⸗ kem, conſequentem Geiſte; er hatte ſich ſelten oder nie von einem Gegenſtand überraſchen oder außer Faſ⸗ ſung ſetzen laſſen, aber in dieſem Augenblick war er nicht mehr Herr über ſich; Wuth, Grimm, Verach⸗ tung kämpften wechſelsweiſe in ſeiner Seele. Er ſuchte ſich zu bezwingen, die Sache von einem milderen Ge⸗ ſichtspunkt anzuſehen, den Grafen durch ſeinen Cha⸗ rakter, ſeinen grenzenloſen Leichtſinn zu entſchuldigen; aber der Gedanke an Sophie, der Blick auf„das Weib und die armen kleinen Würmer“ des Elenden, verjag⸗ ten jede mildernde Geſinnung, brausten wie ein Sturm durch ſeine Seele; ja, es gab Augenblicke, wo ſeine Hand krampfhaft nach der Wand hinzuckte, um die Piſtolen herunter zu reißen, und den ſchlechten Mann noch in dieſer Stunde zu züchtigen. Doch die Verach⸗ tung gegen ihn bewirkte, was mildere Stimmen in ſeiner Bruſt nicht bewirken konnten.„Er muß fort, nooch dieſe Stunde,“ rief er;„die Unglückliche, die er bethörte, darf um keinen Preis erfahren, welchem Elen⸗ den ſie ihre erſte Liebe ſchenkte. Sie ſoll ihn beweinen, vergeſſen; ihn verachten zu müſſen, könnte ſie tödten.“ Er warf dieſe Gedanken ſchnell aufs Papier, raffte eine große Summe, mehr als er entbehren konnte, zu⸗ ſammen, legte den unglücklichen Brief bei und ſchickte Alles durch ſeinen Diener an den Grafen. Es war die Stunde, in die Oper zu fahren; wie gerne hätte der Major heute keinen Menſchen mehr ge⸗ ſehen, und doch glaubte er es der Prinzeſſin ſchuldig zu ſein, ſie vor der gedrohten Warnung zu bewahren. Er ſann hin und her, wie er dies möglich machen könne; es blieb ihm nichts übrig, als ſie zu beſchwören, keinen Brief von fremden Händen anzunehmen. Er warf den Mantel um und wollte eben das Zimmer verlaſſen, als ſein Diener zurückkam, er hatte das Paket an den Gra⸗ fen noch in der Hand.„Seine Excellenz ſind ſo eben abgereist,“ ſagte er und legte das Paket auf den Tiſch. „Abgereist? rief der Major.„Nicht möglich!“ „Vor der Thüre iſt ſein Jäger, er hat einen Brief an Sie, ſoll ich ihn herein bringen 24 Der Major winkte, der Diener führte den Jäger herein, der ihm weinend einen Brief übergab. Er riß ihn auf.„Leben Sie wohl auf ewig! Der Brief, der, wie ich ſo eben erfahre, vor einer Stunde in Ihre Hände kam, wird meine Abreiſe sans Adieu entſchuldigen. Wird mein Kamerad von ſechs Feldzügen einer gelieb⸗ ten Dame den Schmerz erſparen, meinen Namen in allen Blättern aufrufen zu horen? Wird er die weni⸗ gen Poſten decken, die ich nicht mehr bezahlen kann?“ „Wann iſt Euer Herr abgereist?“ „Vor einer Viertelſtunde, Herr Major!u „Wußtet Ihr um ſeine Reiſe?“ „Nein, Herr Major! Ich glaube, Seine Excellenz 47 8 wußten es heute Nachmittag ſelbſt noch nicht; denn Sie wollten heute Abend ins Theater fahren. Um fünf Uhr ging der Herr Graf zu Fuß aus und ließ mich folgen. Da begegnete ihm an der reformirten Kirche ein gro⸗ ßer hagerer Mann, der bei ſeinem Anblick ſehr er⸗ ſchrak. Er ging auf meinen Herrn zu und fragte, ob er der Graf Zronievsky ſei? mein Herr bejahte es; darauf fragte er, ob er vor einer Viertelſtunde ein Bil⸗ let empfangen? Der Herr Graf verneinte es. Nun ſprach der fremde Mann eine Weile heimlich mit meinem Herrn; er muß ihm keine guten Nachrichten gegeben haben, denn der Herr Graf wurde blaß und zitterte; er kehrte um nach Hauſe, ſchickte den Kutſcher nach Poſtpferden, ich mußte ſchnell zwei Koffer packen; der Reiſewagen mußte vorfahren. Der Herr Graf verwies mich mit den Rechnungen und Allem an Sie und fuhr die Straße hinab zum Süderthor hinaus. Er nahm vorher noch Abſchied von mir, ich glaube für immer.“ Der Major hatte ſchweigend den Bericht des Jägers angehört; er befahl ihm, den nächſten Morgen wieder zu kommen, und fuhr ins Theater. Die Ouvertüre hatte ſchon begonnen, als er in die Loge trat, er warf ſich auf einen Stuhl nieder, von wo er die fürſtliche Loge beobachten konnte. In allem Schmuckihrer natür⸗ lichen Schönheit und Anmuth ſaß Prinzeſſin Sophie neben ihrer Mutter. Ihr Auge ſchien vor Freude zu ſtrahlen, eine heitere Ruhe lag auf ihrer Stirne, um den feingeſchnittenen Mund wehte ein holdes Lächeln, vielleicht der Nachklang eines heiteren Scherzes,— ſie hatte ja jetzt ihren Willen durchgeſetzt, Othello war es, 48 der den Saal und die Logen des Hauſes gefüllt hatte. Jetzt nahm ſie die Lorgnette vor das Auge, wie letzthin ſchien ſie eifrig im Hauſe nach etwas zu ſuchen— arg⸗ loſes Herz, du ſchlägſt vergebens dem Geliebten entge⸗ gen; deine liebevollen Blicke werden ihn nicht mehr fin⸗ den, dein Ohr lauſcht vergebens, ob nicht ſein Schritt im Corridor erſchallt, du beugſt umſonſt den ſchoͤnen Nacken zurück, die Thüre will ſich nicht öffnen, ſeine hohe, gebietende Geſtalt wird ſich dir nicht mehr nahen. Sie ſenkte das Glas; ein Wölkchen von getäuſch⸗ ter Erwartung und Trauer lagerte ſich unter den blon⸗ den Locken, die ſchönen Bogen der Brauen zogen ſich zuſammen und ließen ein kaum merkliches Fältchen des Unmuthes ſehen. Die feinen, ſeidenen Wimpern ſenk⸗ ten ſich wie eine durchſichtige Gardine herab, ſie ſchien zu ſinnen, ſie zeichnete mit der Lorgnette auf die Brü⸗ ſtung der Loge.— Sind es vielleicht ſeine Chiffern, die ſie in Gedanken verſunken vor ſich hinſchreibt? Wie bald wird ſie vielleicht dem Namen fluchen, der jetzt ihre Seele füllt! Dem Major traten unwillkürlich Thränen in die Augen, als er Sophie betrachtete.„Noch ahnet ſie nicht, was ihrer wartet,“ dachte er,„aber nie, nie ſoll ſie er⸗ fahren, wie elend der war, den ſie liebte.“ Der Ge⸗ danke an dieſen Elenden bemächtigte ſich ſeiner aufs Neue; er drückte die Augen zu, verfluchte die menſchliche Natur, die durch Leichtſinn und Schwäche aus einem erhabenen Geiſt, aus einem tapfern Mann einen ehr⸗ vergeſſenen treuloſen Betrüger machen könne. Der Major hat oft geſtanden, daß einer der ſchreck⸗ 49 lichſten Augenblicke in ſeinem Leben der geweſen ſei, wo er im erſten Zwiſchenakt Othello's in die fürſtliche Loge trat. Es war ihm zu Muth, als habe er ſelbſt an Sophien gefrevelt, als ſei er es, der ihr Herz bre⸗ chen müſſe. Der Gedanke war ihm unerträglich, ſie arg⸗ los, glücklich, erwartungsvoll vor ſich zu ſehen und doch zu wiſſen, welch namenloſes Unglück ihrer warte. Er trat ein; ihre Blicke begegneten ihm ſogleich, ſie hatte wohl oft nach der Thüre geſehen. Mit haſtiger Unge⸗ duld überſah ſie einen Prinzen und zwei Generale, die ſich ihr nahen wollten, ſie winkte dem Major heran; „Haben wir jetzt unſern Othello!“ ſagte ſie,„ſind Sie nicht auch glücklich, erwartungsvoll?— doch einen unſerer Othelloverſchworenen ſehe ich nicht,“ flüſterte ſie leiſer, indem ſie leicht erröthete;„der Graf iſt ſicher⸗ lich hinter den Couliſſen, um recht warmen Dank zu verdienen, wenn er alles recht ſchön machen läßt?“ „Verzeihen Euer Durchlaucht,“ erwiderte der Major, mühſam nach Faſſung ringend;„der Graf läßt ſich entſchuldigen, er iſt ſchnell auf einige Tage verreist.“ Sophie erbleichte.„Verreist, alſy nicht in der Oper? Wohin riefen ihn denn ſo ſchnell ſeine Geſchäfte? O, das iſt gewiß ein Scherz, den Sie Beide zuſammen machen,“ rief ſie,„glauben Sie denn, er werde nur ſo ſchnell weggehen, ohne ſich zu beurlauben? Nein, nein, das gibt irgend einen hübſchen Spaß. Jetzt weiß ich auch, woher mir ein gewiſſes Briefchen zukam.“ Der Maior erſchrak, daß er ſich an dem nächſten Stuhle halten mußte.„Ein Brieſchen?“ fragteer mit be⸗ bender Stimme, eine ſchreckliche Ahnung ſtieg in ihm auf. W. Hauffs Werke. V. 4 50 „Ja, ein zierliches Billetchen,“ ſagte ſie, und ließ neckend das Ende eines Papiers unter dem breiten Bra⸗ celet hervorſehen, das ihren ſchönen Arm umſchloß. „Ein Briefchen, das man recht geheimnißvoll mir zuge⸗ ſteckt hat. Ich ſehe es Ihnen in den Augen an, Sie ſind im Complot. Ich habe noch keine Gelegenheit ge⸗ funden, es zu öffnen, denn einen ſolchen Scherz muß man nicht öffentlich machen, aber ſobald ich in mein Bondoir komme—“ „Durchlaucht! Ich bitte um Gotteswillen, geben Sie mir das Billet,“ ſagte der Major von den ſchreck⸗ lichſten Qualen gefoltert,„es iſt gar nicht einmal an Sie, es iſt in ganz unrechte Hände gekommen.“ „So? um ſo beſſer, das gebe ich um keine Welt heraus, das ſoll mir Aufſchluß geben über die Geheim⸗ niſſe gewiſſer Leute; an eine Dame war es alſo auf jeden Fall; es iſt wirklich hübſch, daß es gerade in meine Hände kam.“ Der Major wollte noch einmal bitten, beſchwören, aber der Prinz fuhr mit ſeinem Kopf dazwiſchen, die beiden Generale fielen mit Fragen und Neuigkeiten her⸗ ein, er mußte ſich zurückziehen. Verfolgt von ſchreckli⸗ chen Qualen ging er zu ſeiner Loge zurück, er preßte ſeine Augen in die Hand, um die Unglückliche nicht zu ſehen, und immer wieder mußte er von Neuem hin⸗ ſchauen, mußte von Neuem die Qualen der Angſt, die Gewißheit des nahenden Unglücks mit ſeinen Blicken einſaugen. Die Diamanten am Schloſſe ihres Armbandes ſpiel⸗ ten in tauſend Lichtern, ihre Strahlen zuckten zu ihm 51 herüber, ſte drangen wie tauſend Pfeile in ſein Herz. „Welchen Jammer verſchließen jene Diamanten! Wenn ſie im einſamen Gemach dieſe Bänder öffnet, öffnet ſie nicht zugleich die Pforte eines grauenvollen Frevels? Ihr Puls ſchlägt an dieſe unſeligen Zeilen, wie ihr Herz für den Geliebten pocht; wird es nicht ſtille ſtehen, wenn das Siegel ſpringt, und das ahnungsloſe Auge auf eine furchtbare Kunde fällt?“ Desdemona ſtimmte ihre Harfe; ihre wehmüthigen Akkorde zogen flüſternd durch das Haus, ſie erhob ihre Stimme, ſie ſang— ihren Schwanenſang. Wie wun⸗ derbar, wie mächtig ergriffen dieſe melancholiſchen Klänge jedes Herz; ſo einfach, ſo kindlich dieſes Lied, und doch von ſo hohem tragiſchem Effekt! Man fühlt ſich bange und beengt, man ahnt, welch grauenvolles Schickſal ihrer warte, man glaubt den Mörder in der Ferne ſchleichen zu hören, man fühlt die unabwendbare Macht des Schickſals näher und näher kommen, es um⸗ rauſcht ſie, wie die Fittige des Todes. Sie ahnet es nicht; ſanft, arglos wie ein ſüßes Kind ſitzt ſie an der Harfe, nur die Schwermuth zittert in weichen Klängen aus ihrer Bruſt hervor, aus dieſem vollen, liebewar⸗ men Herzen, für das der Stahl ſchon gezückt iſt. Sie flüſtert Liebesgrüße in der Ferne nach ihm, der ſie zer⸗ malmen wird; ihre Sehnſucht ſcheint ihn in die Arme zu rufen, er wird kommen— ſie zu morden; ſie betet für ihn, Desdemona ſegnet ihn— der ihr den Fluch gibt. Der Major theilte ſeine Blicke zwiſchen der Sän⸗ gerin und Sophien. Sie lauſchte in Wehmuth verſunken 4 52 auf das Lieblingslied, eine Thräne hing in ihren Wim⸗ pern, ſie weinte unbewußt über ihr eigenes Geſchick⸗ die Akkorde der Harfe verſchwebten, Sophie ſah ſin⸗ nend, träumend vor ſich hin.„Wenn ich einſt ſterbe, ſoll es mein Schwanengeſung ſein;“ klang es in der Erinnerung des Majors.„Wahrlich, ſie hat wahr ge⸗ ſagt,“ ſprach er zu ſich,„es war der Schwanengeſang ihres Glückes.“ Othello trat auf. Sophiens Aufmerk⸗ ſamkeit war jetzt nicht mehr auf die Oper gerichtet, ſie ſah herab auf ihr Armband, ſie ſpielte mit dem Schloß; ein heiteres Lächeln verdrängte ihre Wehmuth, ihre Blicke ſtreiften nach der Loge des Majors herüber, er ſtrengte angſtvoll ſeine Blicke an,— Gott im Himmel, ſie ſchiebt das unglückſelige Papier hervor und verbirgt es in ihr Tuch— er glaubt zu ſehen, wie ſie heimlich das Siegel bricht,— verzweiflungsvoll ſtürzt er aus ſeiner Loge den Corridor entlang. Er weiß nicht warum, es treibt ihn mit unſichtbarer Gewalt der fürſtlichen Loge zu, er iſt nur noch einige Schritte entfernt,— da hört er ein Geräuſch in dem Haus, man kommt aus der Loge, Bedienten und Kammerfrauen eilen ängſtlich an ihm vorüber, eine ſchreckliche Ahnung ſagt ihm ſchon vorher, was es bedeute; er fragt, er erhält die Antwort:„Prinzeſſi in Sophie iſt plötzlich in Dhmic geſunken!“ 9. Düſter, zerriſſen in ſeinem Innern, ſaß einige Tage nach dieſem Vorfall der Major Larun in ſeinem Zim⸗ mer. Seine Stirne ruhte in der Hand, ſein Geſicht 5³ war bleich, ſeine Augen halb geſchloſſen, der ſonſt ſo ſtarke Mann zerdrückte manche Thräne, die ſich über ſeine Wimpern ſtehlen wollte. Er dachte an das ſchreck⸗ liche Geſchick, in deſſen innerſtes Gewebe ihn der Zufall geworfen; er ſah alle dieſe feinen Fäden, die, wenigen Augen außer ihm ſichtbar, ſo loſe ſich anknüpften; er ſah, wie ſie weiter geſponnen, wie ſie verknüpft und gedoppelt zu einem nur zu feſten Netz um ein zartes, unglückliches Herz ſich ſchlangen. Unbeſiegbare Bitter⸗ keit miſchte ſich in dieſe trüben Erinnerungen; ſein al⸗ ter Waffenfreund, ein ſo glänzendes Meteor am Hori⸗ zont der Ehre, ein ſo braver Soldat, und jetzt ein Elender, Ehrvergeſſener, der ohne nur entfernt einen andern Ausgang erwarten zu können, mit allen Kün⸗ ſten der Liebe die unbewachten Sinne eines kaum zur Jungfrau erblühten Kindes bethörte! In dieſe Gedan⸗ ken miſchte ſich das Bild dieſes ſo unendlich leidenden Engels, miſchte ſich die Angſt vor einer Scene, welcher er in der nächſten Stunde entgegen gehen ſollte. Eine angeſehene Dame, die Oberhofmeiſterin der Prinzeſſin Sophie, hatte ihn dieſen Nachmittag zu ſich rufen laſ⸗ ſen. Sie entdeckte ihm ohne Hehl, daß Sophie von einer ſchweren Krankheit befallen ſei, daß die Arzte wenig Hoffnung geben, denn ſie nennen ihre Krankheit einen Nervenſchlag. Sie ſagte ihm weiter, die Prin⸗ zeſſin habe ihr alles geſagt, ſie habe ihr kein Wort dieſes ſtrafbaren Verhältniſſes verſchwiegen. Sie wiſſe, daß in der Reſidenz nur ein Menſch lebe, der jenen Grafen Zronievsky näher gekannt habe, dies ſei der Baron von Larun. Mit einer Angſt, einem Verlangen⸗ 54 das an Verzweiflung grenze, dringe die Unglückliche darauf, mit ihm ohne Zeugen zu ſprechen. Die Ober⸗ hofmeiſterin wußte wohl, wie ſehr dies gegen die Vor⸗ ſchriften laufe, welche die Etikette ihr auferlegen, aber der Anblick des jammernden Kindes, das nur noch dies eine Geſchäft auf der Erde abmachen zu wollen ſchien, erhob ſie über die Schranken ihrer Verhältniſſe, ſie wagte es, dem Major den Vorſchlag zu machen, dieſen Abend unter ihrer Begleitung heimlich zu der Kranken zu gehen. Der Major hatte nicht nein geſagt. Er wußte, daß er ihr nichts Tröſtliches ſagen könne, er fühlte aber, wie in einem ſo tiefen Gram das Verlangen nach Mit⸗ theilung unüberwindlich werden müſſe. Aber was ſollte er ihr ſagen? Mußte er nicht be⸗ fürchten, von ihrem Anblick, von den trüben Erinne⸗ rungen der letzten Tage ſo beſtürmt zu werden, daß ſein lauter Schmerz ſie noch unglücklicher machte? Er war noch in dieſe Gedanken verſunken, als ihm gemeldet wurde, daß man ihn erwarte; die alte Oberhofmeiſterin hielt in ihrem Wagen vor dem Hauſe; er ſetzte ſich ſtill⸗ ſchweigend an ihre Seite. „Sie werden die Prinzeſſin ſehr ſchlecht finden” ſagte dieſe Dame mit Thränen,„ich gebe alle Hoffnung auf. Ich kann mir nicht denken, daß in der Unterredung mit Ihnen, Herr Baron, noch etwas Rettendes liegen könne. Werden Sie ihr keinen Troſt geben können, ſo verliſcht ſie uns wie eine Lampe, die kein Oel mehr hat, um ihre Flamme zu nähren; und wollten Sie ihr Troſt, Hoffnung geben, ſo ſind dieſe Gefühle in ihren Ver⸗ 5⁵ hältniſſen von ſo unnatürlicher Art, daß ich beinahe wünſchen müßte, Sie möge eher ſterben als ihrem Hauſe Schande machen.“ „Alſo werde ich ihr den Tod bringen müſſen,“ ſagte der Major bitter lächelnd;——„weiß man in der Familie um dieſe Geſchichten? Was denkt man von der Krankheit?“ „Wie ich Ihnen ſagte, Herr Baron; die Familie, der Hof und die Stadt weiß nichts anders, als daß ſie ſich erkältet haben muß; die thörichten Leute bringen . auch noch die fatale Oper ins Spiel, und laſſen ſie am Othello ſterben. Was wir Beide wiſſen, iſt ſonſt Nie⸗ mand bekannt; es gibt einige Damen, die dieſes Ver⸗ hältniß früher ahneten, aber nicht genau wußten.“ „Und doch fürchte ich,“ entgegnete der Major, indem er ſeinen durchdringenden Blick auf die Dame an ſeiner Seite heftete,„ich fürchte, ſie ſtirbt an einem ſehr ge⸗ wagten Bubenſtück. Man hat dieſes Verhältniß geah⸗ net, demſelben nachgeſpürt, es wurde zur Gewißheit; man ſuchte eine Trennung herbeizuführen, man ſpürte die Verhältniſſe des Grafen aus—“ „Glauben Sie?“ ſagte die Oberhofmeiſterin blaß und mit bebenden Lippen, indem ſie umſonſt verſuchte, den Blick des Majors auszuhalten. „Man forſchte dieſe Verhältniſſe aus,“ fuhr der Major fort;„man ſuchte ihn von hier wegzuſchrecken, indem man ihm drohte, der Prinzeſſin zu ſagen, daß er verheirathet ſei. Bis hieher war der Plan nicht übel; es gehörte einem ſolchen Elenden, daß man nicht gelin⸗ der mit ihm verfuhr. Aber man ging weiter; man wollte 56 auch die unglückliche Dame ſchnell von ihrer Liebe heilen, man machte ſie mit dem Geheimniß des Grafen bekannt, man glaubte, ſie werde alles über Nacht vergeſſen. Und hier war der Plan auf die Nerven eines Dragoners be⸗ rechnet, aber nicht auf das Herz dieſes zarten Kindes.“ „Ich muß bitten, zu bedenken,“ entgegnete die Oberhofmeiſterin, mit ihrer früheren Kälte, aber mit ſtechenden Blicken,—„daß dieſes zarte Kind eine Prinzeſſin des fürſtlichen Hauſes iſt, daß ſie erzogen wurde, um mit Anſtand über ſolche Mißverhältniſſe wegzuſehen. Sollte wirklich irgend ein ſolcher Plan vor⸗ handen geweſen ſein, ſo kann ich die Handelnden nicht tadeln, ſie haben wahrhaftig geſchickt operirt—“ „Sie haben ihren Zweck erreicht, ſie wird ſterben;“ unterbrach ſie der Major. „Ich hätte meinen Zweck erreicht? mein Herr, ich muß bitten— „Sie?“ ſagte Larun mit gleichgültiger Stimme; „von Ihnen, gnädige Frau, ſprach ich nicht, ich ſagte: ſie, die Handelnden, die Operirenden.“ Die alte Dame biß ſich in die Lippen und ſchwieg. Wenige Augenblicke nachher waren ſie an einer Seiten⸗ pforte des Palais angelangt. Ein alter Diener führte ſie durch ein Labyrinth von Corridors und Treppen. Endlich waren die Gänge breiter, die Beleuchtung auf elegantere Art angebracht, der Major bemerkte, daß ſie in den bewohnten Flugel des Schloſſes gelangt ſeien. Der Alte winkte in eine Seitenthüre. Der Weg ging jetzt durch mehre Gemächer, bis in einen Salon, der wohl zu den Appartements der Prinzeſſin gehören mochte, 57„ wo die Oberhofmeiſterin dem Major zuflüſterte, er möchte einſtweilen in einem Fauteuil ſich gedulden, bis ſie ihn rufen laſſe. Nach einer tödtlich langen Viertelſtunde erſchien ſie wieder. Sie ſagte ihm, daß nach dem ausdrücklichen Willen der Kranken er allein mit ihr ſein werde; ſie ſelbſt wolle ſich als Dame d'honneur an die Thüre ſetzen, wo ſie gewiß nichts hoͤren könne, wenn man nicht gar zu laut ſpreche. Übrigens dürfe er nicht länger als eine Viertelſtunde bleiben. Der Major trat ein. Das pracht⸗ volle Gemach mit ſeinen ſchimmernden Tapeten und goldenen Leiſten, die reiche Draperie der Gardinen, die bunten Farben des türkiſchen Fußteppichs thaten ſeinem Auge wehe, denn das Gemüth will ein leidendes Herz, einen kranken Körper nicht mit den Flittern der Hoheit umgeben ſehen. Und wie groß war der Contraſt zwi⸗ ſchen dieſem Glanz der Umgebung und dieſem zarten, lieblichen Kind, das in einem einfachen, weißen Gewand auf einer prachtvollen Ottomane lag. Der Eindruck, den ihre Züge, ihre Geſtalt, ihr ganzes Weſen zum erſtenmal auf ihn gemacht hatten, kehrte auch jetzt wieder in die Seele des Majors. Es war ihre einfache, ungeſchmückte Schönheit, ihre ſtille Größe, verborgen hinter dem Zauber kindlicher Lie⸗ benswürdigkeit, was ihn angezogen hatte. Wohl blen⸗ dete ihn damals der Glanz der friſchen, jugendlichen Farben, die lebhaft ſtrahlenden Augen, jenes gewin⸗ nende, huldvolle Lächeln, das ihre feinen, roſigen Lippen umſchwehte. Ein Nachtfroſt hatte dieſe Blüten abgeſtreift; aber gab ihr nicht dieſe durchſichtige Bläſſe, 58 dieſe ſtille Trauer in dem ſinnigen Auge, dieſer weh⸗ müthige Zug um den Mund, der nie mehr ſcherzte, eine noch erhabenere Schönheit, einen noch gefährli⸗ cheren Zauber? Der Major ſtand einige Schritte von ihr ſtille, und betrachtete ſie mit tiefer Rührung. Sie winkte ihm nach einem Tabouret, das zu ihren Füßen ſtand; ſie ſprach; ihre Stimme hatte zwar jenes helle Metall verloren, das ſonſt ihre heiteren Scherze, ihr fröhliches Lachen ertönen ließ, aber dieſe weichen, rüh⸗ renden Töne drangen tiefer.—„Es wäre thöricht von mir, Herr Baron,“ ſprach ſie,„wollte ich Sie lange in Ungewißheit laſſen, warum ich Sie rufen ließ. Ich weiß, daß der Graf Sie, als ſeinen beſten Freund, von einem Verhältniß unterrichtet hat, das nie hätte beſtehen ſollen.— Erinnern Sie ſich noch des Abends in Othello? Ich ſagte Ihnen von einem Billet, das ich bekommen habe, ich erinnere mich, daß Sie mir es wiederholt abforderten; warum haben Sie das gethan?“ „Warum? fragen Euer Durchlaucht, weil ich den Inhalt ahnete, zu wiſſen glaubte.“ „Alſo doch!“ rief ſie, und eine Thräne drang aus ihrem ſchönen Auge;„alſo doch! Ich hielt Sie, ſeit dem erſten Augenblick, wo ich Sie ſah, für einen Mann von Ehre; wenn Sie die Verhältniſſe des Grafen wuß⸗ ten, warum haben Sie ihn nicht bälder entfernt, warum mir nicht den Schmerz erſpart, ihn verachten zu müſſen?“ „Ich kann bei allem, was mir heilig iſt, bei mei⸗ ner Ehre ſchwören,“ entgegnete der Major,„daß ich 59 kaum eine Stunde, bevor ich zu Euer Durchlaucht in die Loge trat, dieſe Verhältniſſe durch ein Papier er⸗ fahren habe, das durch Zufall, ſtatt in des Grafen Hände, in die meinigen kam. Als ich den Grafen dar⸗ über zur Rede ſtellen wollte, hatte er ſchon Nachricht davon bekommen und war abgereist. Ich ahnete aus gewiſſen Winken, die jenes Briefchen enthielt, daß auch Sie nicht verſchont bleiben werden; umſonſt ver⸗ ſuchte ich das unglückliche Blättchen Euer Durchlaucht abzuſchwatzen.“ „Sie glauben alſo an dieſe Erfindung?“ fragte Sophie, indem ihre Thränen heftiger ſtrömten;„ach, es iſt ja nur ein Kunſtgriff gewiſſer Leute, die ihn von uns entfernen wollten. Leſen Sie dieſes Billet, es iſt daſſelbe, das ich erhielt; geſtehen Sie ſelbſt, es iſt Verleumdung!“ 1 Der Major las: „Der Graf v. Z. iſt verheirathet; ſeine Gemahlin lebt in Avignon; drei kleine Kinder weinen um ihren Vater.— Sollte eine erlauchte Dame ſo wenig Ehr⸗ gefühl, ſo wenig Mitleid beſitzen, ihn dieſen Banden noch länger zu entziehen?“ Es war dieſelbe Handſchrift, daſſelbe Siegel, wie jenes Billet, das er ſelbſt bekommen hatte. Er ſah noch immer in dieſe Zeilen; er wagte nicht aufzuſchauen, er wußte nicht zu antworten; denn ſeine ſtrengen Be⸗ griffe von Wahrheit erlaubten ihm nicht, gegen ſeine überzeugung zu ſprechen, das tiefe Mitleid mit ihrem Schmerz ließ ihn ihre Hoffnung nicht ſo grauſam nie⸗ derſchlagen. 60 „Sehen Sie,“ fuhr ſie fort, als er noch immer ſchwieg,„wie ich dieſes Briefchen arglos, neugierig erbrach, ſo überraſchten mich jene ſchrecklichen Worte Gemahlin, Vater wie eine Stimme des Gerichtes. Die Sinne ſchwanden mir; ich wurde recht krank und elend; aber ſo oft ich nur eine Stunde mich leichter fühle, ſteigt meine Hoffnung wieder; ich glaube, Zro⸗ nievsky kann doch nicht ſo gar ſchlecht geweſen ſein, er kann mich nicht ſo ſchrecklich betrogen haben. Lä⸗ cheln Sie doch, Major, ſeien Sie freundlich!— Ich erlaube Ihnen, Sie dürfen mich verſpotten, weil ich mich durch dieſe Zeilen ſo ganz außer Faſſung bringen ließ,— aber nicht wahr, Sie meinen ſelbſt, es iſt eine Lüge, es iſt Verleumdung?“ Der Major waͤr außer ſich; was ſollte er ihr ſagen? Sie hing ſo erwartungsvoll an ſeinen Lippen, es war, als ſollte ein Wort von ihm ſie ins Leben rufen— ihr Auge ſtrahlte wieder, jenes holde Lächeln erſchien wieder auf ihren lieblichen Zügen— ſie lauſchte, wie auf die Botſchaft eines guten Engels. Er antwortete nicht, er ſah finſter auf den Boden: da verſchwand allmählig die frohe Hoffnung aus ihren Zügen, das Auge ſenkte ſich, der kleine Mund preßte ſich ſchmerzlich zuſammen, das zarte Roth, das noch einmal ihre Wangen gefärbt hatte, floh; ſie ſenkte ihre Stirne in die ſchöne Hand, ſie verbarg ihre wei⸗ nenden Augen.. „Ich ſehe,“ ſagte ſie,„Sie ſind zu edel, nir mit Hoffnungen zu ſchmeicheln, die nach wenigen Tagen wieder verſchwinden müßten. Ich danke Ihnen, auch 61 für dieſe ſchreckliche Gewißheit. Sie iſt immer beſſer als das ungewiſſe Schweben zwiſchen Schmerz und Freude; und nun, mein Freund, nehmen Sie dort das Käſtchen, ſuchen Sie es ihm zuzuſtellen, es enthält Manches, was mir theuer war,— doch nein, laffen Sie es mir noch einige Tage, ich ſchicke es Ihnen, wenn ich es nicht mehr brauche.“ „Es iſt mir, als werde ich nicht mehr lange leben,“ fuhr ſie nach einigen Augenblicken fort;„ich bin gewiß nicht abergläubiſch, aber warum muß ich gerade nach dieſem fatalen Othello krank werden?“ „ Ich hätte nicht gedacht, daß dieſer Gedanke nur einen Augenblick Euer Durchlaucht Sorge machen könnte!“ ſagte der Major „Sie haben Recht, es iſt thöricht von mir; aber in der Nacht, als man mich krank aus der Oper brachte, träumte mir, ich werde ſterben. Eine ernſte, finſtere junge Dame kam mit einem Plümeau von rother Seide auf mich zu, deckte ihn über mich her und preßte ihn immer ſtärker auf mich, daß ich beinahe erſtickte. Dann kam plötzlich mein Großoheim, der Herzog Nepomuk, gerade ſo wie er gemalt in der Galerie hängt, und be⸗ freite mich von dem beengenden Druck und das Son⸗ derbarſte iſt—“ 3 „Nun?“ fragte der Baron lächelnd,„was fing denn der gemalte Herzog mit Desdemona an?“ ie Prinzeſſin ſtaunte:„Woher wiſſen Sie denn, daß 8 Dame Desdemona iſt? Ich beſchwöͤre Sie, woher wiſſen Sie dies.“ 4 Der Major ſchwieg einen Augenblick verlegen. 62 „Was iſt natürlicher,“ antwortete er dann,„als daß Sie von Desdemona träumten? Sie hatten ſie ja am Abende zuvor in einem rothen Bette verſcheiden ſehen.“ „Sonderbar, daß Sie auch gleich auf den Gedanken kamen! Das Sonderbarſte aber iſt, ich wachte auf, als der Herzog mich befreite, ich wachte in der That auf und ſah wie jene Dame mit dem Plümeau unter dem Arm langſam zur Thüre hinausging. Seit dieſer Nacht träume ich immer daſſelbe, immer beengender war ihr Druck, immer ſpäter kommt mir der Herzog zu Hülfe, aber immer ſehe ich ſie deutlich aus dem Zimmer ſchwe⸗ ben! Und als ich geſtern Abend mir die Harfe bringen ließ und mein liebes Desdemonaliedchen ſpielte, da— ſpotten Sie immer über mich!— da ging die Thüre auf und jene Dame ſah ins Zimmer und nickte mir zu.“ Sie hatte dieſes halb ſcherzend, halb in Ernſt er⸗ zählt; ſie wurde ernſter.„Nicht wahr, Major,“ ſagte ſie,„wenn ich ſterbe, gedenken Sie auch meiner? Das Andenken eines ſolchen Mannes iſt mir werth.“— „Prinzeſſin!“ rief der Major, indem er vergebens ſeine Wehmuth zu bezwingen ſuchte,„entfernen Sie doch dieſe Gedanken die unmöglich zu Ihrer Geneſung heil⸗ ſam ſein können!“ Die Oberhofmeiſterin erſchien in der Thüre und gab ein Zeichen, daß die Audienz zu Ende ſein müſſe. Sophie reichte dem Major die Hand zum Kuſſe, er hatte nie mit tieferen Empfindungen von Schmerz, Liebe und Ehr⸗ furcht die Hand eines Mädchens geküßt. Er hob ſein Auge noch einmal zu ihr auf, er begegnete ihren Blicken, die voll Wehmuth auf ihm ruhten. Die Oberhofmei⸗ 63 ſterin trat mit einer Amtsmiene näher; der Major ſtand auf; wie ſchwer wurde es ihm, mit kalten geſellſchaft⸗ lichen Formen ſich von einem Weſen zu trennen, das ihm in wenigen Minuten ſo theuer geworden war. „Ich hoffe,“ ſagte er,„Euer Durchlaucht bei der nächſten Cour ganz wieder hergeſtellt zu ſehen?“ „Sie hoffen, Major?“ entgegnete ſie ſchmerzlich lächelnd;„leben Sie wohl, ich habe zu hoffen aufge⸗ hört.“ 10. Die Reſidenz war einige Tage mit nichts Anderem, als der Krankheit der geliebten Prinzeſſin beſchäftigt; man ſagte ſie bald ſehr krank, bald gab man wieder Hoffnung; ein Schwanken, das für Alle, die ſie näher kannten, ſchrecklich war. An einem Morgen, ſehr frühe, brachte ein Diener dem Major ein Käſtchen. Ein Blick auf dieſes wohlbekannte Behältniß und auf die Trauer⸗ kleider des Dieners überzeugten ihn, daß die Prinzeſſin nicht mehr ſei. Es war ihm, als ſei dieſes liebliche Weſen ihm, ihm allein geſtorben. Er hatte viel ver⸗ loren auf der Erde, und doch hatte kein Verluſt ſo empfindlich, ſo tief ſeine Seele berührt als dieſer. Es war ihm, als habe er nur noch ein Geſchäft auf der Erde, das Vermächtniß der Verſtorbenen an ſei⸗ nen Ort zu befördern; er würde dieſe Stadt, die ſo drückende Erinnerungen für ihn hatte, ſogleich verlaſſen haben, hätte ihn nicht das Verlangen zurückgehalten, ihre ſterblichen Reſte beiſetzen zu ſehen. Als die feierli⸗ chen Klänge aller Glocken, als die Trauertöͤne der Muſik 64 und die langen Reihen der Fackelträger verkündeten, daß Sophie zu der Gruft ihrer Ahnen geführt werde, da verließ er zum erſtenmal wieder ſein Haus und ſchloß ſich dem Zuge an. Er hörte nicht auf das Geflüſter der Menſchen, die ſich über die Urſachen ihrer Krankheit, ihres Todes beſprachen; er hatte nur einen Gedanken, nur jener Augenblick, wo ihr Auge noch einmal auf ihm geruht, wo ſeine Lippen ihre Hand berührt hatten, ſtand vor ſeiner Seele. Man nahm die Inſignien ihrer hohen Geburt von dem Sarge, man ſenkte ſie langſam hinab zum Staube ihrer Ahnen. Die Menge verlor ſich, die Begleiter löſchten ihre Fackeln aus und verließen die Halle. Der Major warf noch einen Blick nach der Stelle, wo ſie verſchwunden war, und ging. Vor ihm ging mit unſicheren, ſchleppenden Schritten ein alter Mann, der heftig weinte. Als der Major an ſeiner Seite war, ſah Jener ſich um, es war der Regiſſeur der Oper. Der Alte trat näher zu ihm, ſah ihn lange an, ſchien ſich auf etwas zu beſinnen und ſprach dann: „Möchten Sie nicht, Herr Baron, wir hätten nur ge⸗ träumt, und jenes liebliche Kind, das man begraben hat, wäre noch am Leben?“ „Woran mahnen Sie mich!“ rief der Major mit unwillkürlichem Grauen;„ja, bei Gott, es iſt ſo, wie Sie träumten; ſie iſt begraben und wir Beide gehen neben einander von ihrem Grab.“ 3 „Drum ſoll der Menſch nie mit dem Schickſal ſcher⸗ zen,“ ſagte der Alte mit trübem Ernſt.„Iſt es heute nicht elf Tage, daß wir Othello gaben? Am achten iſt ſie geſtorben.“ 65 „Zufall, Zufall!“ rief der Major.„Wollen Sie Ihren Wahnſinn auch jetzt noch fortſetzen? Weiß ich doch nur zu gut, an was ſie ſtarb? Wohl hat ein Dolch ihre Seele wie Desdemona's Bruſt durchſtoßen; ein Elender, ſchwärzer als Ihr Othello, hat ihr Herz gebro⸗ chen: aber dennoch iſt es Aberglaube, Wahnſinn, wenn Sie dieſen Tod und Ihre Oper zuſammenreimen!“ „Unſer Streit macht ſie nicht wieder lebendig,“ ſagte der Alte mit Thränen.„Glauben Sie, was Sie wollen, Verehrter! ich werde, wie ich es weiß, in mei⸗ ner Opernchronik notiren. Es hat ſo kommen müſſen!“ „Nein!“ erwiderte der Major beinahe wüthend, „nein, es hat nicht ſo kommen müſſen; ein Wort von mir hätte ſie vielleicht gerettet. Bringen Sie mir um Gottes willen Ihren Othello nicht ins Spiel; es iſt Zu⸗ fall, Alter; ich will es haben, es iſt Zufall!“ „Es gibt, mit Ihrer Erlaubniß, keinen Zufall; es gibt nur Schickung. Doch ich habe die Ehre, mich zu empfehlen, denn hier iſt meine Behauſung. Glauben Sie übrigens, was Sie wollen,“ ſetzte der Alte hinzu, indem er die kalte Hand des Majors in der ſeinigen preßte,„das Faktum iſt da, ſie ſtarb— acht Tage nach Othello.“ W. Hauffs Werke, Vo Dhantaſieen Bremer Nathskeller, ein Herbſtgeſchenk für Freunde des Weines. Guter Wein iſt ein gutes, geſelliges Ding, und jeder Menſch kann ſich wohl einmal davon begeiſtern laſſen. Shakſpeare. Den zwölf Apoſteln im Rathskeller zu Vremen in dankbarer Erinnerung der Verfaſſer. Im Herhſt 1827. „Mit dem Menſchen iſt nicht auszukommen,“ ſag⸗ ten ſie, als ſie in meinem Gaſthof die Treppe hinab⸗ ſtiegen, und ich konnte es noch deutlich hören.„Jetzt will er wieder ſchlafen von neun Uhr an, und leben wie ein Murmelthier; wer hätte das gedacht vor vier Jahren!“ Sie hatten nicht Unrecht, die Freunde, daß ſie mich im Unmuth verließen. Gab es ja doch heute Abend eines der glänzendſten muſikaliſchen, tanzenden und deklami⸗ renden Butterbrode in der Stadt, und hatten ſie ſich nicht alle mögliche Mühe gegeben, mir, dem Landfrem⸗ den, einen angenehmen Abend dort zu verſchaffen? Aber es war wahrhaftig unmöglich; ich konnte nicht gehen. Warum ſollte ich einen tanzenden Thee beſuchen, wo ſie nicht tanzte, warum ein ſingendes Butterbrod, wo ich(ich wußte es zum voraus) hätte ſingen müſſen, ohne von ihr gehört zu werden; warum einen trauten Kreis von Freunden durch Trübſinn und finſteres We⸗ ſen ſtören, das ich nun heute nicht verbannen konnte? O Gott! ich wollte ja lieber, daß ſie mir auf der Treppe einige Sekunden fluchten, als daß ſie ſich von neun Uhr bis ein Uhr langweilten, wenn ſie nur mit meinem 72 Körper ſich unterhielten und bei der Seele umſonſt an⸗ fragten, die einige Straßen weiter auf Unſerer Lieben Frauen Kirchhof nachtwandelte. Aber das that mir wehe, daß mich die guten Geſel⸗ len für ein Murmelthier hielten, und dem Drang nach Schlafe zuſchrieben, was aus Freude am Wachen geſchah. O nur Du, ehrlicher Hermann, wußteſt es mehr zu würdigen! Hörte ich denn nicht, wie Du unten auf dem Domhof ſagteſt:„Schlaf iſt es nicht, denn ſeine Augen leuchten. Aber entweder hat er wieder zu viel oder zu wenig Wein getrunken, das heißt, er trinkt noch welchen und— alleine.“ Wer verlieh Dir denn dieſe prophetiſche Kraft? Oder konnteſt Du ahnen, daß meine Augen wacker wa⸗ ren, weil ſie heute Nacht alten Rheinwein ſchauen ſoll⸗ ten? Konnteſt Du wiſſen, daß ich gerade heute von dem Patent und Erlaubnißſchein, vom Rathe auf meine Perſon ausgeſtellt, Gebrauch machen werde, um die Roſe und Eure zwölf Apoſtel zu begrüßen? Und über⸗ dies war denn heute nicht mein Schalttag? Meines Erachtens iſt es keine üble Gewohnheit, die ich von meinem Großvater angenommen, nämlich hie und da Einſchnitte zu machen in den Baum des Jahres und ſinnend dabei zu verweilen, wenn der Menſch nur Neujahr und Oſtern, nur Chriſtfeſt oder Pfingſten feiert, ſo kommen ihm endlich dieſe Ruhepunkte in der Geſchichte ſeines Lebens ſo alltäglich vor, daß er darüber hinweg gleitet ohne Erinnerung. Und doch iſt es gut, wenn die Seele, ſonſt immer nach außen gerichtet, auch einmal auf ein paar Stunden einkehrt im eige⸗ 73 nen Gaſthof ihrer Bruſt, ſich bewirthet an der langen Table d'Hote der Erinnerung und nachher gewiſſenhaft die Rechnung ad notam ſchreibt, wie Frau Hurtig dem Ritter. Der Großvater nannte ſolche Tage ſeine Schalt⸗ tage; nicht daß er etwa ein Banket veranſtaltete mit ſeinen Freunden, oder den Tag luſtig und in Freuden lebte, in Saus und Braus; nein, er kehrte ein bei ſich, und ſeine Seele ſchmaußte in der Kammer; die ſie ſeit fünfundſiebzig Jahren kannte. Noch jetzt, da er längſt im kühlen Friedhof ruht, noch jetzt kann ich es ſeinem holländiſchen Horaz anſehen, welche Stellen er an ſol⸗ chen Tagen geleſen; noch jetzt, als wäre es geſtern ge⸗ ſchehen, ſehe ich ſein großes blaues Auge ſinnend auf den vergelbten Blättern ſeines Stammbuchs weilen; und wie deutlich ſehe ich, wie dieſes Auge nach und nach ſich füllt, wie eine Thräne in den grauen Wimpern zit⸗ tert, wie der gebietende Mund ſich zuſammenpreßt, wie der alte Herr langſam und zögernd die Feder ergreift und„einem ſeiner Brüder, der geſchieden,“ das ſchwarze Kreuz unter den Namen malt. „Der Herr hält ſeinen Schalttag,“ pflegten die Diener uns zuzuwiſpern, wenn wir Enkel laut und fröhlich wie gewöhnlich die Treppe hinanſtürmten;„der Großvater hält ſeinen Schalttag,“ flüſterten wir uns zu und glaubten nicht anders, als er beſcheere ſich ſelbſt den heiligen Chriſt, weil er ja doch Niemand habe, der ihm den Chriſtbaum anzünde. Und war es nicht ſo, wie wir in kindiſcher Einfalt glaubten? Zündete er nicht den Chriſtbaum ſeiner Erinnerung an, flammten nicht tanſend flimmernde Kerzen auf, die Lieblings⸗ 6 74 ſtunden eines langen Lebens, und ſchien er nicht, wenn er am Abend des Schalttags ſtill und ruhig im Seſſel ſaß, ſich kindlich zu freuen an den Gaben der Vergan⸗ genheit? Es war ſein Schalttag wieder eingetreten, als ſie ihn hinaustrugen. Ich mußte weinen, als ich dachte, daß der alte Mann ſeit langer Zeit zum erſtenmale wie⸗ der in die freie Luft komme. Sie führten ihn den Weg, auf dem ich ſo oft an ſeiner Seite gegangen war. Aber nicht lange, ſo beugten ſie über die ſchwarze Brücke und legten ihn tief in die Erde.„Nun hält er ſeinen rechten Schalttag,“ dachte ich;„aber wundern ſoll es mich doch, wie der alte Herr wieder da herauf kommen will, denn ſie haben doch viele Steine und Raſen auf ihn hinab geworfen.“ Er kam nicht wieder. Aber ſein Bild blieb in meinem Gedächtniß, und als ich herange⸗ wachſen war, gehörte es zu meinen liebſten Beſchäfti⸗ gungen, ſeine feine, offene Stirne, das klare Auge, den gebietenden und doch ſo freundlichen Mund mir vorzumalen. Mit ſeinem Bilde ſtiegen tauſend Erin⸗ nerungen auf, und ſeine Schalttage waren mir die Lieb⸗ lingsſtücke in der langen Bildergalerie. Und iſt denn heute nicht der erſte September, den auch ich mir zum Schalttag erwählte? Und ich ſollte Butterbrod verzehren in einer Geſellſchaft und allerlei Arien abſingen hören mit beigefügtem Applaus und Gezwitſcher? Nein! Heraus mit Dir, köſtliches Re⸗ cept, das kein Arzt der Erde ſo köſtlich miſcht! Hinab zu Dir, alte, wahrhaftige Apotheke, um„nach Vor⸗ ſchrift jedesmal einen Römer voll zu nehmen.“ 7⁵ Es ſchlug zehn Uhr, als ich die breiten Stufen des Nathskellers hinabſtieg; ich durfte hoffen, keinen Ze⸗ cher mehr zu finden, denn es war Werktag bei andern Leuten, und draußen heulte der Sturm, die Windfah⸗ nen ſtimmten ſonderbare Weiſen an, und der Regen rauſchte auf das Pflaſter des Domhofs. Aber der Raths⸗ diener maß mich mit fragenden Blicken vom Kopf bis zum Fuß, als ich ihm die Anweiſung auf einigen Wein darreichte. „So ſpät noch und heute, in dieſer Nacht?“ rief er. „Mir iſt es vor zwölf Uhr nie zu ſpät,“ entgeg⸗ nete ich,„und nachher iſt es wohl frühe genug am Tage.“ „Aber muß es denn—“ wollte er eben fragen, doch Sigill und Handſchrift ſeiner Obern fiel ihm wie⸗ der ins Auge, und ſchweigend, aber nicht ohne Zögern ſchritt er voraus durch die Hallen. Welch herzerquicken⸗ der Anblick, wenn ſein Windlicht über die lange Reihe der Fäſſer hinſtreifte, welch ſonderbare Formen und Schatten, wenn es an den Schwibbogen des Kellers zitterte und die Säulen im dunkeln Hintergrunde wie geſchäftige Küper um die Fäßer ſchwebten! Er wollte mir eines jener kleineren Gemächer aufſchließen, wo höchſtens ſechs bis acht Freunde, eng zuſammen gerückt, den Becher kreiſen laſſen können. Doch, mit trauten Geſellen liebe ich ein ſolches heimliches Plätzchen; der enge Raum drängt Mann an Mann, und die Töne, die hier nicht verhallen können, klingen traulicher; aber allein und einſam liebe ich freiere Räume, wo der 76 Gedanke, gleich den Athemzügen, ſich freier ausdehnt. Ich wählte einen alten gewölbten Saal, den größten in dieſen unterirdiſchen Räumen, zu meinem einſamen Gelage. „Erwarten Sie Geſellſchaft?“ fragte der Mann an meiner Seite. 3 „Ich bin allein.“ „Sie könnten ungebeten welche haben,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich ſcheun nach den Schatten umſah, die ſeine Lampe warf. „Wie meint Ihr das?" fragte ich verwundert. „Ich meinte nur ſo;“ antwortete er, indem er einige Kerzen anzündete und einen großen Römer vor mich hinſetzte.„Man ſpricht mancherlei vom erſten September. Der Herr Senator D. waren übrigens ſchon vor zwei Stunden da, und ich erwartete Sie nicht mehr.“ „Der Herr Senator D.? Warum? Fragte er nach mir?“ „Nein, er hieß mich nur die Proben herausneh⸗ men.“* „Welche Proben, mein Freund? „Nun, die von den Zwölfen und der Roſe;“ erwi⸗ derte der alte Mann, indem er anfing, einige niedliche Fläſchchen mit langen Papierſtreifen an den Hälſen hervor zu ziehen.. „Wie!“ rief ich,„man ſagte mir ja, ich könnte den Wein von den Fäſſern ſelbſt trinken.“ „Ja, aber nur im Beiſein eines Herrn vom Senat. Darum hieß mich der Herr Senator die Zungenpröb⸗ 77 chen herausnehmen, und ſo will ich ſie Ihnen einſchen⸗ ken, wenn's gefällig.“ „Nicht einen Tropfen,“ unterbrach ich ihn,„hier kein Glas voll; nein, das iſt der ächte Genuß, vom Faße zu trinken, und iſt es mir nicht mehr möglich, ſo will ich doch am Faße trinken. Kommt, Alter, neh⸗ met die Proben mit, ich will das Licht tragen.“ Ich ſtand ſchon einige Minuten und ſah dem wun⸗ derlichen Treiben des alten Dieners zu. Bald ſtand er ſtill, ſah auf mich und räuſperte ſich, als wollt' er ſprechen, bald nahm er die Proben vom Tiſch und packte ſie in ſeine weiten Taſchen, bald nahm er ſie zöͤgernd wieder heraus, um ſie auf den Tiſch zu ſetzen. Es ermüdete mich.„Nun, ſollen wir bald gehen?“ rief ich voll Sehnſucht nach dem Apoſtelkeller.„Wie lange wollt Ihr noch an Euren Gläschen hier aus⸗ und einpacken?“ Der ernſte Ton, in welchem ich dies ſagte, ſchien ihm Muth zu machen. Ziemlich beſtimmt antwortete er:„Es geht nicht,— nein! Heute geht es nicht mehr, Herr!“ Ich glaubte hierin einen jener gewöhnlichen Kniffe zu ſehen, womit Hausverwalter, Kaſtellane oder Kel⸗ lermeiſter dem Fremden Geld abzuzwacken ſuchen, drückte ihm ein hinlängliches Geldſtück in die Hand und nahm ihn beim Arm, ihn fortzuziehen. „Nein, ſo war es nicht gemeint,“ entgegnete er, indem er das Geldſtück zurückzuſchieben ſuchte;„ſo nicht, fremder Herr! Ich will es nur gerade heraus ſagen: mich bringt man nicht mehr in den Apoſtelkel⸗ 7 . 78 ler in dieſer Nacht, denn wir ſchreiben heute den erſten September.“ „Und welche Thorheit wollt Ihr daraus folgern?" „Nun, in Gottes Namen, Sie köͤnnen denken davon, was Sie wollen; es iſt dort nicht geheuer in dieſer Nacht, das macht, es iſt der Jahrestag der Roſe.“ Ich lachte, daß die Halle droöhnte.„Nein! In meinem Leben habe ich doch ſo manchen Spuk erzählen gehört, aber einen Weinſpuk nie! Schämt Ihr Euch nicht mit Euren weißen Haaren, noch ſolches Zeug zu ſchwatzen? Doch hier iſt nicht lange zu ſpaßen. Hier iſt die Vollmacht des Senats; im Keller darf ich trin⸗ ken heute Nacht, ohne nach Zeit und Raum zu fragen. Darum im Namen des Rathes heiß' ich Euch folgen. Schließt den Keller des Bacchus auf.“ Dies wirkte; unwillig, aber ohne etwas zu ent⸗ gegnen, nahm er die Kerzen und winkte mir zu folgen. Es ging zuerſt wieder durch den großen Keller, dann durch kleinere, bis der Weg in einen engern ſchmalen Gang zuſammenlief. Dumpf dröhnten unſere Schritte in dieſem Hohlweg, und unſere Athemzüge tönten, wenn ſie an den Mauern ſich brachen, wie fernes Ge⸗ flüſter. Endlich ſtanden wir vor einer Thüre, die Schlüſ⸗ ſel raſſelten, ſie gähnte ächzend auf, der Schein der Lichter fiel in das Gewölbe, mir gegenüber ſaß Freund Bacchus auf einem mächtigen Weinfaß. Erquickender Anblick! Sie hatten ihn nicht zart und fein dargeſtellt, die alten Bremer Künſtler, nicht zierlich als einen grie⸗ chiſchen Jüngling; ſie hatten ihn nicht alt und trun⸗ 79 ken ſich gedacht, mit gräßlichem Bauch, verdrehten Augen und hängender Zunge, wie ihn die gemein ge⸗ wordene Mythe hin und wieder gottesläſterlich abeon⸗ terfeit. Schmählicher Anthropomorphismus; blinde Thorheit des Menſchen! Weil einige ſeiner, im Dienſte ergrauten Prieſter alſo einhergehen, weil ihnen voll guten Muthes der Leib anſchwoll, die Naſe von dem brennenden Wiederſcheine der dunkelrothen Flut ſich färbte, das in ſtummer Wonne aufwärts gerichtete Auge ſtehen blieb,— ſo legten ſie dem Gott bei, was ſeine Diener ſchmückt! Anders die Männer von Bremen. Wie fröhlich und munter reitet der alte Knabe auf dem Faß! Das runde blühende Geſicht, die kleinen muntern Weinäug⸗ lein, die ſo klug und neckend herabſehen, der breite lächelnde Mund, der ſich an mancher Kanne ſchon ver⸗ ſuchte; der kurze kräftige Hals, das ganze Körperchen von behaglichem, gutem Leben ſtrotzend! Ganz beſon⸗ dere Kunſt hat aber der Meiſter, der Dich geſchaffen, auf Arme und Beinchen gelegt. Meint man nicht, Dein kräfliges Ärmlein werde ſich bewegen, Du wer⸗ deſt mit den runden Fingerchen ein Schnippchen ſchla⸗ gen, und der breite, lächelnde Mund werde ſich aufthun zu einem muntern Juheiſa, heiſa, he! Iſt man nicht verſucht, zu glauben, Du werdeſt im tollen Weinmuth die runden Knie bengen, den Waden anlegen, mit dem Ferſen ſtauchen und das alte Mutterfaß in Galopp ſetzen, daß alle Roſen, Apoſtel und andere gemeinere Fäſſer mit Huſſah und Halloh Dir nachjagen durch den Keller? 28s 228 15 80 „Herr des Himmels!“ rief der Rathsdiener, indem er ſich an mir feſtklammerte,„ſeht Ihr nicht, wie er die Augen verdreht und mit den Füßchen baumelt?“ „Alter, Ihr ſeid verrückt!“ ſagte ich, einen ſcheuen Blick nach dem hölzernen Weingott werfend;„es iſt der Schein der Kerzen, der an ihm hin und her flackert.“ Dennoch war mir wunderlich zu Muthe, ich folgte dem Alten aus dem Bacchuskeller. Und war es denn auch der Schein der Kerzen, war es auch Täuſchung, als ich mich umſah? Nickte er mir nicht mit dem runden Köpfchen, ſtreckte er mir nicht das eine ſeiner Beinchen nach und ſchüttelte und krümmte ſich vor heimlichem Lachen? Ich rannte unwillkürlich dem Alten nach und ſchloß mich dicht hinter ihm an. „Jetzt zu den zwölf Apoſteln,“ ſprach ich zu ihm, „wie ſollen uns dort die Proben munden!“ Er antwortete nichts; kopfſchüttelnd ging er weiter. Man ſteigt vom Keller einige Stufen aufwärts zum kleinen Kellerlein, zum unterirdiſchen Himmelsgewölbe, zum Sitz der Seligkeit, wo die Zwölfe hauſen. Was ſeid ihr, Trauergewölbe und Grüfte alter Königshäu⸗ ſer, gegen dieſe Katakomben! Pflanzet Särge neben Särge, rühmet auf ſchwarzem Marmor die Verdienſte des Mannes, der hier einer„fröhlichen Urſtänd“ ent⸗ gegen ſchläft, ſtellt einen ſchwatzhaften Cicerone an, in Trauermantel und florumhängtem Hute, laßt ihn die abſonderliche Herrlichkeit dieſes oder jenes Staubes rühmen, laßt ihn erzählen von den trefflichen Tu⸗ genden eines Prinzen, der in der Bataille ſo und ſo gefallen, von der holden Schönheit einer Fürſtin, auf 81 deren Sarge die jungfräuliche Myrte ſich um die kaum erblühte Roſenknospe ſchlingt— es wird euch an die Sterblichkeit mahnen, es wird euch vielleicht eine Thräne koſten; aber kann es euch alſo rühren, wie der Anblick die⸗ ſer Schlafkammer eines Jahrhunderts, dieſer Ruheſtätte eines herrlichen Geſchlechtes? Da liegen ſie in ihren dunkelbraunen Särgen, ſchmucklos, ohne Glanz und Flitter. Kein Marmor rühmt ihr ſtilles Verdienſt, ihre anſpruchloſe Tugend, ihren vortrefflichen Charakter; aber welcher Mann von einigem Gefühl für Tugenden dieſer Art fühlt ſich nicht innig bewegt, wenn der alte Rathsdiener, dieſer Aufwärter in den Katakomben, dieſer Küſter der unterirdiſchen Kirche, die Kerzen auf die Särge ſtellt, wenn dann das Licht auf die erhabenen Namen der großen Todten fällt! Wie regierende Häup⸗ ter führen auch ſie keine langen Titel und Zunamen; einfach und groß ſtehen die Namen auf ihren braunen Särgen geſchrieben. Dort Andreas, hier Johannes, in jener Ecke Judas, in dieſer Petrus. Wen rührt es nicht, wenn er dann hoͤrt: dort liegt der Edle von Nie⸗ renſtein, geboren 1718, hier der von Rüdesheim, ge⸗ boren 1726. Rechts Paulus, links Jakob, der gute Jakob! Und ihre Verdienſte? Ihr fraget? Seht ihr denn nicht, wie er eingießt in den grünen Römer, wie er das herrliche Blut des Apoſtels mir darreicht? Gleich dunkelrothem Golde blinkt es im Glaſe. Als ihn die Sonne aufzog auf den Hügeln von St. Johannes, da war er blond und helle, ein Jahrhundert hat ihn W. Hauſſs Werke, V. 6 82 gefärbt. Welche Würze des Geruches! Welche Namen leg ich dir bei, du lieblicher Duft, der aus dem Römer aufſteigt? Nehmet alle Blüten von den Bäumen, pflü⸗ cket alle Blumen in den Fluren, führt Indiens Gewürz herbei, beſprengt mit Ambra dieſe kühlen Keller, löſet den Bernſtein in bläuliche Wölkchen auf— miſchet aus ihnen alle die feinſten Düfte, wie die Biene ihren Honig aus den Blüten ſaugt, wie ſchlecht, wie gemein, wie unwürdig gegen die zarte Blume deines Kelches, mein Bingen und Laubenheim, gegen deine Düfte Johannes und Nierenſtein von 1718! „Ihr ſchüttelt den Kopf, Alter? Tadelt Ihr meine Freude an Euren alten Geſellen? Da, nimm dieſen Römer, alter Menſch, trink auf das Wohlſein dieſer Zwölfe! Komm, ſtoß an, ſie ſollen leben!“. „Gott ſoll mich bewahren, daß ich einen Tropfen trinke in dieſer Nacht,“ erwiderte er;„man ſoll mit dem Teufel kein Spiel treiben. Aber wenn Ihr ſie alle durchgekoſtet, wollen wir weiter gehen. Mir graut in dieſem Keller.“ „Gute Nacht denn, Ihr alten Herren vom Rheine, gute Nacht und herzlichen Dank für Euer Labſal. Und wenn ich Dir, mein ernſter feuriger Judas, wenn ich Dir, mein ſanfter lieblicher Andreas, Dir, mein Johan⸗ nes, dienen kann, ſo kommt, kommt zu mir.“ „Herr des Himmels!“ unterbrach mich der Alte und ſchlug die Thüre zu und drehte haſtig die Schlüſſel um.„Seid Ihr von den paar Tropfen ſchon betrun⸗ ken, daß Ihr den Teufel heraufſchwört? Wißt Ihr denn nicht, daß die Weingeiſter aufſtehen dieſe Nacht 8³ und einander beſuchen, wie immer am erſten Septem⸗ ber? Und ſollt' ich meinen Dienſt verlieren, ich laufe davon, wenn Ihr noch ſolche Worte ſprecht. Noch iſt es nicht zwölf Uhr, aber kann denn nicht alle Augenblick Einer aus dem Faß kriechen mit gräulichem Geſicht und uns zu Tode ſchrecken?“ „Alter, Du faſelſt! Doch ſei ruhig; ich will kein Wort mehr ſprechen, daß Deine Weingeſpenſter nicht wach werden. Doch jetzt führe mich zur Roſe.“ Wir gingen weiter, wir traten ein in das Gewölbe, in das Roſengärtlein von Bremen. Da lag ſie die alte Roſe, groß, ungeheuer mit einer Art von gebietender Hoheit. Welch ungeheures Faß! und jeder Römer ein Stück Goldes werth! Anno 1615! Wo ſind die Hände, die Dich pflanzten! Wo die Augen, die ſich an Deiner Blüte erfreuten, wo die fröhlichen Menſchen alle, die Dir zujauchzten, edle Traube, als man Dich abſchnitt auf den Hoͤhen des Rheingaus, als man Deine Hüllen abſtreifte und Du als goldener Born in die Kufe ſtröm⸗ teſt? Sie ſind dahin, wie die Wellen des Stromes, der an Deinem Rebenhügel hinabzog. Wo ſind ſie, jene alten Herren der Hanſa, jene würdigen Senatoren die⸗ ſer alten Stadt, die Dich pflückten, duftende Roſe, Dich verpflanzten in dieſe kühlen Räume zum Labſal ihrer Enkel? Gehet hinaus auf Angarii Friedhof, gehet hinauf zur Kirche Unſerer Lieben Frauen und gießet Wein auf ihre Grabſteine! Sie ſind hinunter, und zwei Jahrhunderte mit ihnen!— Nun auf Euer Wohlſein, alte Herren von Anno 1615 und auf das Wohl Eurer würdigen Enkel, die ſo gaſt⸗ 84 freundlich dem Fremdliug die Hand und dieſes Labſal boten! „So! Und jetzt gute Nacht, Frau Roſe!“ ſetzte der alte Diener freundlicher hinzu, indem er ſein Körbchen zuſammen räumte.„Jetzt gute Nacht und Gott befoh⸗ len; hier heraus, nicht dort um die Ecke, hier heraus geht der Weg aus dem Keller, werthgeſchätzter Herr. Kommt, ſtoßet Euch nicht hier an die Fäſſer, ich will Eunch leuchten.“ „Mit nichten, Alter,“ erwiderte ich,„jetzt geht das Leben erſt recht an. Das alles war nur der Vor⸗ ſchmack. Gib mir Zweiundzwanz'ger Ausſtich, ſo etwa zwei bis drei Flaſchen, in das große Gemach dort hinten. Ich hab' ihn grünen ſehen dieſen Wein und war dabei als ſie ihn kelterten; hab' ich das Alter bewundert, ſo muß ich meiner Zeit nicht minder ihr Recht anthun.“ Er ſtand da mit weitgeöffneten Augen, der Jammer⸗ menſch; er ſchien ſeinen Ohren nicht zu trauen.„Herr,“ ſprach er dann feierlich,„ſprechet nicht ſolch gottloſen Scherz. Heute Nacht wird nun und nimmermehr was daraus; ich bleibe um keine Seligkeit.“ „Und wer ſagt denn, daß Du bleiben ſollſt? Dort ſetze den Wein hinein und dann mache in Gottes Namen, daß Du fortkömmſt; ich will nun einmal dieſe Gedächt⸗ nißnacht hier feiern und habe mir Deinen Keller auser⸗ ſehen; Dich habe ich nicht vonnöthen.“ „Aber ich darf Euch nicht allein im Keller laſſen,“ entgegnete er;„ich weiß wohl, nehmt mir nicht ungütig, daß Ihr den Keller nicht beſtehlet, aber es iſt einmal gegen die Ordnung.“ 85⁵ „Nun, ſo ſchließe mich ein in jenes Gemach; hänge ein Schloß davor; ſo ſchwer als Du willſt, daß ich nimmer heraus kann, und morgen früh um ſechs Uhr kannſt Du mich aufwecken und Dein Schlafgeld holen.“ Der Mann des Kellers verſuchte noch mancherlei Einreden, doch umſonſt; er ſetzte endlich drei Flaſchen und neun Kerzen vor mich hin, wiſchte den Römer aus, ſchenkte den Zweiundzwanziger Ausſtich ein, und wünſchte mir, wie es ſchien, mit ſchwerem Herzen, gute Nacht. Richtig ſchloß er auch die Thüre zweimal ab und hängte, wie es mir ſchien, mehr aus zärtlicher Angſt für mich, als aus Vorliebe für ſeinen Keller noch ein Hängeſchloß vor. Eben ſchlug die Glocke halb Zwölf. Ich hörte ihn ein Gebet ſprechen und davon eilen. Seine Schritte hallten immer ferner und ferner im Gewölbe; doch als er oben das Außenthor des Kellers zuſchlug, hallte es wie Kanonendonner durch die Gänge und Hallen. So wäre ich denn allein mit dir, meine Seele, tief unten im Schooße der Erde. Oben auf der Erde ſchlafen ſie jetzt und träumen, und auch hier unten, rings um mich her, ſchlummern ſie in ihren Särgen, die Geiſter des Weines. Ob ſie wohl träumen, von ihrer kurzen Kindheit träumen und der fernen Berge, der Heimath gedenken, wo ſie groß wurden, und des Stromes, des alten Vaters Rhein, der ihnen allnächtlich freundlich ein Wiegenlied murmelte? Gedenket Ihr der wonnigen Tage, da die milde Mutter, die Sonne, Euch aus dem Schlummer küßte, da Ihr in klarer Frühlingsluft die Aeugelein öffnetet zum erſtenmal und hinabſchautet in das herrliche Rhein⸗ 86 gau? Und als der Mai einzog in ſein deutſches Para⸗ dies, gedenket Ihr noch, wie Euch die Mutter anthat mit grünem Kleidchen von Laubwerk und wie der alte Vater baß ſich deſſen freute, herauf lugte aus ſeinem grünen Bette und Euch zuwinkte und munter rauſchte am Lurlei? Und gedenkſt denn auch du der Roſentage deiner Jugend, o Seele, der ſanften Rebenhügel der Heimath, des blauen Stromes und der blühenden Thäler des Schwabenlandes? O Wonnezeit voll holder Träume! Wie reich biſt du behängt mit Bilderbüchern, Chriſt⸗ bäumen, Mutterliebe, Oſterwochen und Oſtereiern, mit Blumen und Vögeln, Armeen aus Blei und Papier und den erſten Höschen und Colletchen, in welche ſich deine kleine ſterbliche Hülle, ſtolz auf ihre Größe, kleiden ließ; und wie dich der ſelige Vater auf den Knieen ſchaukelte, und dir der Großvater gerne das lange Meer⸗ rohr mit dem goldenen Knopf abtrat, um es dir als Reitpferd zu leihen! 3 uUnd rücke mit dem nächſten Glaſe um einige Jahre vorwärts! Erinnerſt du dich des Morgens, als ſie dich hineinführten zu einem wohlbekannten Mann, deſſen Geſicht ſo blaß geworden war, deſſen Hand du weinend küßteſt, weinend ohne zu wiſſen warum? Denn konn⸗ teſt du glauben, daß die harten Männer, die ihn in einen Schrank legten und mit ſchwarzen Tüchern zudeck⸗ ten, konnteſt du glauben, daß ſie ihn nicht mehr zurück⸗ bringen würden? Sei ruhig, auch er ſchlummert nur ein Weilchen.— Und gedenkſt du des geheimnißvollen Freudelebens in Großvaters Bücherſaal? Ach, damals 87 kannteſt Du noch keine Bücher als den ſchnöden kleinen Broder, deinen ärgſten Feind, wußteſt nicht, daß jene Folianten noch zu etwas Anderem in Leder gebunden ſeien, als um Hütten und Ställe daraus zu erbauen für dich und dein Vieh! Gedenkſt du noch des Frevels, wie roh du mit der deutſchen Literatur in kleinerem Format umgingſt? Haſt du nicht deinem Bruder den Leſſing an den Kopf geworfen, wofür er dich freilich mit Sophiens Reiſen von Memel nach Sachſen erbärmlich zudeckte? Damals dachteſt du freilich nicht daran daß du einſt ſelbſt Bücher machen werdeſt! Tauchet auch ihr auf, aus dem Nebel verſchwun⸗ dener Jahre, ihr Mauern des alten Schloſſes. Wie oft dienten deine halbverfallenen Gänge, dein Keller, dein Zwinger, deine Verließe der fröhlichen Schaar zum Tummelplatz ihrer Spiele! Soldaten und Räu⸗ ber, Nomaden und Karavanen! Wie wohl war uns oft in der untergeordneten Rolle eines Koſacken, wäh⸗ rend andere— Generale, Platows, Blüchers, Napo⸗ leon und dergleichen vorſtellten und ſich prügelten? Ja, waren wir nicht zu Zeiten ſogar ein Pferd, dem Freunde zu gefallen? O Himmel, wie ſchön ließ es ſich dort ſpielen!: Wo ſind ſie hin, die Geſpielen deiner Kindheit, die Genoſſen jener goldenen Tage, wo kein Rang, kein Stand, kein Anſehen gilt? Grafen und Barone machen jetzt wohl die große Tour, oder dienen an Höfen als Kammerherren. Arme Teufel pilgern als Handwerks⸗ burſche durchs Reich, den ſchweren Bündel auf dem 88 Rücken, ohne Schuhe an den Füßen, haſchen nach Pfen⸗ nigen aus dem Kutſchenſchlag, die ſie mit dem vom Regen gebräunten Hut künſtlich aufzufaſſen wiſſen. Und die Liebe drückt ſie oft noch ſchwerer als das Bün⸗ del auf dem Rücken. Andere Kameraden, Seelen, die ſich in der Schule durch geordneten Fleiß in Humanio⸗ ribus hervorgethan, ſitzen jetzt ſchon auf einer Pfarre, im Schlaf⸗oder Chorrock bei der Frau Liebſten. Andere ſind Amtleute, wieder andere Apotheker, einige Referen⸗ däre und dergleichen, und nur wir beide, ausſchweifend aus dem gewöhnlichen Gang der Dinge, ſitzen hier im Bremer Rathskeller und thun uns gütlich im Weine. Und was ſind denn wir Abſonderliches geworden? Dok⸗ tor? Das kann jeder werden, der vernünftig genug iſt, eine Diſſertation zu ſchreiben. Doch ich trinke das vierte Glas, Seele. Das vierte! Fühlſt du nicht einen gewiſſen Nexus zwiſchen dem Wein und der Zunge? Zwiſchen der Zunge und dem Gaumen? Hier behaupte ich, iſt ein Scheideweg und daran ein Wegezeiger aufgeſtellt. Nämlich auf der einen Seite ſteht:„Weg nach dem Magen.“ Eine breite fahrbare Straße. Es geht ſo ſchnell, ſo glitſchend berg⸗ ab! Daher auch der gemeinere Stoff gewöhnlich dieſen Weg nimmt. Der andere Arm des Zeigers heißt:„In den Kopf.“ Dahin ziehen die Geiſter, die ſich ſchon im Faß lange genug bei dem ſchnöden gemeineren Stoff gelangweilt haben, und jetzt, da ſie freien Lauf nehmen koͤnnen, ſchielen ſie nach dem Wegezeiger rechts hinauf, während die Maſſe links hinabſtrömt, ſteigen ſie auf⸗ wärts und finden ſich im Wirthshaus zur Zirbeldrüſe 89 wieder zuſammen. Es ſind friedliche, verſtändige Leute, dieſe Geiſter. Sie erhellen dein Haus, o Seele, ſo lang ihrer vier oder fünf beiſammen ſind, nachher möchte ich wohl für nichts ſtehen, denn ſie raufen ſich dann und treiben allerhand Unfug im Gehirn. Wie ſchön iſt die vierte Lebensperiode, die wir mit dem vierten Glaſe beginnen wollen! du biſt vierzehn Jahre alt, o Seele! Aber was iſt mit dir vorgegan⸗ gen in der kurzen Zeit? Du ſpielſt keine Knabenſpiele mehr, Soldaten und alles dieſes Gezeuge liegt hinter dir, und du ſcheinſt mir viel zu leſen. Du biſt hinter Goethe und Schiller gerathen und verſchlingſt ſie, ohne alles zu verſtehen. Oder wie? Du verſtehſt jetzt ſchon alles? Du willſt meinen, du könnteſt Liebe verſtehen, weil du im letzten Sonntagselub Elvire hinter der Komode im Dunkeln geküßt und Emma's Zärtlichkeit zurückgewieſen haſt? Barbar! Ahneſt du nicht, daß dieſes dreizehnjährige Herz auch den Wer⸗ ther und ſogar etwas von Clauren geleſen haben kann, und Liebe für dich fühlt? Aber die Scene ändert ſich. Sei mir gegrüßt, du Felſenthal der Alb! du blauer Strom, an welchem ich drei lange Jahre hauste, die Jahre lebte, die den Knaben zum Jüngling machen. Sei mir gegrüßt, du klöſterliches Dach, du Kreuz⸗ gang mit den Bildern verſtorbener Äbte, du Kirche mit dem wundervollen Hochaltar, ihr Bilder alle in ſchönes Gold des Morgenrothes getaucht! Seid mir gegrüßt, ihr Schlöſſer auf den Felſen, ihr Höhlen, ihr Thäler, ihr grünen Wälder! Jene Thäler, jene Klo⸗ ſtermauern waren das enge Neſt, das uns aufzog, bis ———— 90 wir flügge waren, und ihrer rauhen Albluft danken wir es, daß wir nicht verweichlichten. Ich komme ans fünfte Glas, ins fünfte Sekulum unſeres Lebens. Ich ſchlürfe euch ein, liebliche Erin⸗ nerungen, wie ich dies Glas edeln Rheinweins ſchlürfe. Ihr duftet auf in herrlicher Schöne, Jahre meiner Ju⸗ gend, wie das Aroma aufſteigt aus dem Römer. Mein Auge wird wacker, o Seele, denn ſie ſind um mich, die Freunde meiner Jugend! Wie ſoll ich dich nennen, du hohes, rohes, edles, barbariſches, liebliches, unhar⸗ moniſches, geſangvolles, zurückſtoßendes und doch ſo mild erquickendes Leben der Burſchenjahre? Wie ſoll ich euch beſchreiben, ihr goldenen Stunden, ihr Feuer⸗ klänge der Bruderliebe? Welche Töne ſoll ich euch geben, um mich verſtändlich zu machen? Welche Farbe dir, du nie begriffenes Chaos! Ich ſoll dich beſchreiben? Nie! Deine lächerliche Außenſeite liegt offen, die ſieht der Laie, die kann man ihm beſchreiben, aber deinen innern, lieblichen Schmelz kennt nur der Bergmann, der ſingend mit ſeinen Brüdern hinabfuhr in die tiefe Schacht. Gold bringt er herauf, reines, lauteres Gold, viel oder wenig, gilt gleich viel. Aber dies iſt nicht ſeine ganze Ausbeute. Was er geſchaut, mag er dem Laien nicht beſchreiben, es wäre allzu ſonderbar und doch zu köſtlich für ſein Ohr. Es leben Geiſter in der Tiefe, die ſonſt kein Ohr erfaßt, kein Auge ſchaut. Muſik ertönt in jenen Hallen, die jedem nüchternen Ohr leer und bedeutungslos ertönt. Doch dem, der mitgefühlt und mitgeſungen, gibt ſie eine eigene Weihe, wenn er auch über das Loch in ſeiner Mütze 91 lächelt, das er als Symbolum zurückgebracht! Alter Großvater! Jetzt weiß ich, was du vornahmſt wenn „der Herr ſeinen Schalttag feierte.“ Auch du hatteſt deine trauten Geſellen ſeit den Tagen deiner Jugend, und das Waſſer ſtand dir in den grauen Wimpern, wenn du einen beiſetzteſt im Stammbuch. Sie leben! Wirf die Flaſche weg, Menſch, ſtich eine neue an zu neuer Freude. Das ſechste! Wer kann dich berechnen, o Liebe? Es ging uns, wie es ſo manchem Erdenſohn er⸗ geht. Wir laſen von Liebe und glaubten zu lieben. Das Wunderbarſte und doch Natürlichſte an der Sache war, daß die Perioden oder Grade dieſer Art Liebe ſich nach unſerer Lektüre richteten. Haben wir nicht Vergißmeinnicht und Ranunkeln gebrochen und des Doktors Tochter in G. verſchämt überreicht und uns einige Thränen ausgepreßt, weil wir laſen:„Das Schönſte ſucht er auf den Fluren, womit er ſeine Liebe ſchmückt?“—„Aus ſeinen Augen brechen Thränen?“ Haben wir nicht à la Wilhelm Meiſter geliebt, das heißt, wir wußten nicht mehr, war es Emeline oder Camilla, die Zarte, oder gar Ottilie? Haben nicht alle drei in zierlichen Schlafmützen hinter den Jalou⸗ ſien hervorgeſchaut, wenn wir Ständchen brachten im Winter, und die Guitarre weidlich ſchlugen, obgleich uns der Froſt die Finger krumm bog? Und nachher, als es ſich zeigte, wie ſie alle nur ſchnöde Koketten ſeien, haben wir da nicht die Liebe thörichter Weiſe verſchwo⸗ ren und uns vorgenommen, erſt dann zu heirathen, wenn die Schwaben klug werden, daß heißt im vierzigſten? 9² Wer kann dich berechnen, verſchwören, o Liebe? Du tauchſt nieder aus dem Auge der Geliebten und ſchlüpfſt durch unſer Auge verſtohlen in das Herz. Und dennoch ſo kalt konnteſt du bleiben, wenn ich meine Lieder ſang, wollteſt den Blick nicht erwidern, den ich ſo oft nach dir ausſandte? Ich möchte ein General ſein, nur daß ſie meinen Namen in der Zeitung läſe, daß es ihr bange würde, wenn ſie läſe:„Der General Hauff hat ſich in der letzten Schlacht bedeutend hervor⸗ gethan und acht Kugeln ins Herz bekommen,— woran er aber nicht geſtorben.“ Ich möchte ein Tambour ſein, nur daß ich vor ihrem Haus meinen Schmerz auslaſſen und fürchterlich trommeln könnte, und fährt ſie dann erſchrocken mit dem Köpfchen durchs Fenſter, ſo will ich gerade das Gegentheil ruſſiſcher Fellraßler machen und vom Fortiſſimo abwärts trommeln und piano und im leiſen Adagiowirbel ihr zuflüſtern:„Ich liebe dich.“ Ein berühmter Menſch möchte ich ſein, nur daß ſie von mir hörte und ſtolz zu ſich ſagte:„Der hat dich einſt geliebt.“ Aber leider reden die Leute nicht von mir, höchſtens wird man ihr morgen ſagen:„Geſtern Nacht iſt er auch wieder bis Mitternacht im Weinkeller gele⸗ gen!“ Und wenn ich vollends ein Schuſter oder Schnei⸗ der wäre! Doch dies iſt ein gemeiner Gedanke und deiner unwürdig, Adelgunde!— Jetzt wacht wohl keiner mehr, als der Höchſte und Niedrigſte dieſer Stadt, nämlich der Thurmwächter hoch oben auf der Domkirche und ich tiefgunten im Rathskeller. Wär' ich doch der auf dem Thurme! in jeder Stunde wollte ich das Sprachrohr anſetzen und 93 dir ein Lied hinabſingen ins Schlafkämmerlein; doch nein! das würde ja den ſüßen Engel aus ſeinem Schlum⸗ mer wecken, aus ſeinen holden, lieblichen Träumen. Doch hier unten hört mich Niemand, da will ich eines ſingen. Seele! komme ich mir denn nicht gerade vor, wie ein Soldat auf dem Poſten, dem das Heimweh recht ſchwer und tief im Herzen liegt? Und hat nicht einer meiner Freunde dies Lied gedichtet? Steh' ich in finſtrer Mitternacht So einſam auf der fernen Wacht, Dann denk' ich an mein fernes Lieb, Ob es mir treu und hold verblieb. Als ich zur Fahne fortgemüßt, Hat ſie ſo herzlich mich geküßt, Mit Bändern meinen Hut geſchmückt Und weinend mich ans Herz gedrückt. Sie liebt mich noch, ſie iſt mir gut, Drum bin ich froh und wohlgemuth, Mein Herz ſchlägt warm in kalter Nacht, Wenn es ans ferne Lieb gedacht. Jetzt bei der Lampe mildem Schein Gehſt Du wohl in dein Kämmerlein, Und ſchickſt Dein Nachtgebet zum Herrn Auch für den Liebſten in der Fern'. Doch wenn Du traurig biſt und weinſt, Mich von Gefahr umrungen meinſt, Sei ruhig; ſteh' in Gottes Hut, Er liebt ein treu Soldatenblut. Die Glocke ſchlägt, bald naht die Rund Und löst mich ab zu dieſer Stund: Schlaf wohl im ſtillen Kämmerlein Und denk' in Deinen Trämen mein! 94 Und denkt ſie auch wohl meiner in ihren Träumen? Die Glocken ſummten dumpf auf den Thürmen, ſie begleiteten meinen Geſang. Schon Mitternacht? Dieſe Stunde trägt eigenen geheimnißvollen Schauder in ſich; es iſt, als zittere die Erde leiſe, wenn ſich die ſchlum⸗ mernden Menſchen unter ihr auf die andere Seite le⸗ gen, die ſchwere Decke ſchütteln und den Nachbar im Kämmerlein nebenan fragen:„Iſts noch nicht Mor⸗ gen?“ Wie ſo ganz anders zittert der Ton dieſer Mit⸗ ternachtsglocke zu mir hernieder, als wenn er am Mit⸗ tag durch die hellen klaren Lüfte ſchallt. Horch! Ging da nicht im Keller eine Thüre? Sonderbar; wenn ich nicht ſo ganz allein hier unten wäre, wenn ich nicht wüßte, daß die Menſchen nur oben wandeln, ich würde glauben, es tönen Schritte durch dieſe Hallen.— Ha! es iſt ſo; es kommt näher, es taſtet an der Thüre hin und her; es faßt und ſchüttelt die Klinke; doch die Thüre iſt verſchloſſen und mit Riegeln verhängt; mich ſtört heute Nacht kein Sterblicher mehr.— Ha, was iſt das? die Thüre ſpringt auf! Entſetzen!— Vor der Thüre ſtanden zwei Männer und machten gegenſeitig Complimente über den Vortritt; der eine war ein langer, hagerer Mann, trug eine große, ſchwarze Lockenperüke, einen dunkelrothen Rock nach altfränkiſchem Schnitt, überall mit goldenen Treſſen und goldgeſponnenen Knöpfen beſetzt; ſeine ungeheuer langen und dünnen Beine ſtaken in dünnen Beinklei⸗ dern von ſchwarzem Sammt mit goldenen Schnallen 95⁵ am Knie; daran ſchloſſen ſich rothe Strümpfe, und auf den Schuhen trug er goldene Schnallen. Den De⸗ gen mit einem Griff von Porzellan hatte er durch die Hoſentaſche geſteckt; er ſchwenkte, wenn er ein Com⸗ pliment machte, einen dreiſpitzigen kleinen Hut von Seide, und die Lockenſchwänze ſeiner Perüke rauſchten dann wie Waſſerfälle über die Schultern herab. Der Mann hatte ein bleiches, abgehärmtes Geſicht, tieflie⸗ gende Augen und eine große feuerrothe Naſe. Ganz anders war der kleinere Geſelle anzuſchauen, dem jener den Vortritt gönnen wollte. Seine Haare waren feſt an den Kopf geklebt mit Eiweiß, und nur an den Sei⸗ ten waren ſie in zwei Rollen gleich Piſtolenhalftern ge⸗ wickelt; ein ellenlanger Zopf ſchlängelte ſich über ſei⸗ nen Rücken; er trug ein ſtahlgraues Röcklein, roth aufgeſchlagen, ſtak unten in großen Reiterſtiefeln und oben in einer reichgeſtickten Bratenweſte, die über ſein wohlgenährtes Bäuchlein bis auf die Knie herabfiel, und hatte einen ungeheuren Raufdegen umgeſchnallt. Er hatte etwas Gutmüthiges in ſeinem feiſten Geſicht, beſonders in den Auglein, die ihm wie einem Hummer hervorſtanden. Seine Manoeuvres führte er mit ei⸗ nem ungeheuren Filzhut aus, der auf zwei Seiten auf⸗ geklappt war. Ich hatte, nachdem ich mich von dem erſten Schre⸗ cken erholt, Zeit genug, dieſe Bemerkungen zu machen, denn die beiden Herren machten wohl mehre Minuten lang vor der Schwelle die zierlichſten Pas. Endlich riß der Lange auch den zweiten Flügel der Thüre auf, nahm den Kleinen unter dem Arm und führte ihn in mein 96 Gemach. Sie hingen ihre Hüte an die Wand, ſchnall⸗ ten die Degen ab und ſetzten ſich, ohne mich zu beach⸗ ten, ſtillſchweigend an den Tiſch.„Iſt denn heute Faſt⸗ nacht in Bremen?“ ſprach ich zu mir, indem ich über die ſonderbaren Gäſte nachdachte; und doch kam mir ihre ganze Erſcheinung ſo unheimlich vor, beſonders wußte ich mich in ihre ſtarren Blicke, in ihr Schwei⸗ gen nicht zu finden; ich wollte mir eben ein Herz faſ⸗ ſen und ſie anreden, als ein neues Geräuſch im Keller entſtand. Schritte tönten näher, die Thüre ging auf, und vier andere Herren, nach derſelben alten Mode wie die erſten gekleidet, traten ein. Mir fiel beſonders der eine auf, der wie ein Jäger gekleidet war, denn er trug Hetzpeitſche und Jagdhorn und ſchaute ungemein fröhlich um ſich. „Gott grüß Euch, Ihr Herren vom Rhein!“ ſprach der Lange im rothen Rocke im tiefen Baß, indem er aufſtand und ſich verbeugte.„Gott grüß Euch,“ quickte der Kleine dazu,„haben uns lange nicht geſehen, Herr Jakobus!“ „Friſch auf! Halloh und guten Morgen, Herr Matthäus,“ rief der Jäger dem Kleinen zu,„und auch guten Morgen, Herr Judas! Aber was iſt das? Wo ſind die Römer, wo Pfeifen und Tabak? Iſt der alte Mauereſel noch nicht wach aus ſeinem Sündenſchlaf?“ „Die Schlafmütze!“ erwiderte der Kleine.„Der ſchläferige Bengel! Droben liegt er noch in Unſer Lie⸗ ben Frauen Kirchhof, aber das Donnerwetter, ich will ihn heraus ſchellen!“ Dabei ergriff er eine große Glocke, die auf dem Tiſche ſtand, und klingelte und lachte in 97 grellen, ſchneidenden Tönen. Auch die drei andern Herren hatten Hüte, Stock und Degen in die Ecken geſtellt, ſich gegenſeitig gegrüßt und an den Tiſch ge⸗ ſetzt. Zwiſchen dem Jäger und dem rothen Judas ſaß einer, den ſie Andreas nannten. Es war ein überaus zierlicher und feiner Herr, auf ſeinen ſchönen, noch jugendlichen Zügen lag ein wehmüthiger Ernſt und um die zarten Lippen ſchwebte ein mildes Lächeln; er trug eine blonde Perüke mit vielen Locken, was mit ſeinen großen braunen Augen einen auffallenden, aber ange⸗ nehmen Contraſt bildete. Dem Jäger gegenüber ſaß ein großer wohlgemäſteter Mann, mit rothausgeſchla⸗ genem Geſicht und einer Purpurnaſe. Er hatte die Unterlippe weit herabhängen und trommelte mit den Fingern auf ſeinem dicken Bauch; ſie hießen ihn Phi⸗ lippus. Ein ſtarkknochiger Mann, faſt wie ein Krieger an⸗ zuſchauen, ſaß neben ihm; ein muthiges Feuer brannte in ſeinen dunkeln Augen, ein kräftiges Roth ſchmückte ſeine Wangen, und ein dichter Bart umſchattete den Mund. Er hieß Herr Petrus. Wie unter echten alten Trinkern, ſo wollte unter dieſen Gäſten das Geſpräch nicht recht fortgehen ohne Wein; da erſchien eine neue Geſtalt in der Thüre. Es war ein kleines, altes Männlein mit ſchlotternden Bei⸗ nen und grauem Haar; ſein Kopf ſah aus wie ein Tod⸗ tenkopf, über deneman eine dünne Haut geſpannt, und ſeine Augen lagen trübe in den tiefen Höhlen; er ſchleppte keuchend dinen großen Korb herbei und grüßte die Gäſte demüthig. W. Hauffs Werke⸗ V. 7 98 „Ha! ſiehe da, der alte Kellermeiſter Balthaſar,“ riefen die Gäſte ihm entgegen:„friſch heran, Alter, ſetz die Römer auf und bring uns Pfeifen! Wo ſteckſt du nur ſo lang? Es iſt längſt Zwölf vorüber.“ Der alte Mann gähnte einigemal etwas unanſtän⸗ dig und ſah überhaupt aus wie Einer, der zu lange geſchlafen.„Hätte beinahe den erſten September ver⸗ ſchlafen,“ krächzte er,„ich ſchlief ſo hart, und ſeitdem ſie den Kirchhof gepflaſtert haben, höre ich auch ziemlich ſchlecht. Wo ſind denn aber die andern Herren?“ fuhr er fort, indem er Pokale von wunderlicher Form und anſehnlicher Größe aus dem Korbe nahm und auf den Tiſch ſetzte.„Wo ſind denn die andern? Ihr ſeid erſt Eurer ſechs, und die alte Roſe fehlt auch noch.“ „Setze nur die Flaſchen her,“ rief Judas,„daß wir endlich was zu trinken bekommen; und dann gehe hin⸗ über, ſie liegen noch im Faß, poch' an mit Deinen dürren Knochen und heiße ſie aufſtehen, ſage, wir ſitzen ſchon Alle hier.“ Aber kaum hatte Herr Judas alſo geſprochen, als ein großes Geräuſch und Gelächter vor der Thüre ent⸗ ſtand.„Jungfer Roſe hoch, huſſa, hoch! und ihr Schatz, der Baechus hoch!“ hörte man von mehren Stimmen rufen. Die Thüre flog auf, die geſpenſtigen Geſellen am Tiſche ſprangen in die Höhe und ſchrieen:„Sie iſt s, ſie iſt's, Jungfer Roſe und Baechus und die Andern! Hollah! Jetzt geht das Freudenleben erſt recht an!“ und dabei ſtießen ſie die Römer zuſammen, lachten, und der Dicke ſchlug ſich auf den Bauch, und der blaſſe Kel⸗ lermeiſter warf die Mütze geſchickt zwiſchen den Beinen durch an die Decke und ſtimmte ein in das Jucheiſa, heiſa he! daß mir die Ohren gellten. Welch ein Anblick! Der hölzerne Bacchus, ſo auf dem Faß im Keller gerit⸗ ten, war herabgeſtiegen, nackt, wie er war; mit ſeinem breiten frundlichen Geſicht, mit den klaren Aeugelein grüßte er das Volk und trippelte auf kleinen Füßchen in das Zimmer; an ſeiner Hand führte er ganz ehrbar⸗ lich wie ſeine Braut eine alte Matrone von hoher Ge⸗ ſtalt und weidlicher Dicke. Noch weiß ich nicht bis dato, wie es möglich war, daß dies alles ſo geſchehen, aber damals war es mir ſogleich klar, daß dieſe Dame Nie⸗ mand anderes ſei, als die alte Roſe, das ungeheure Faß im Roſenkeller. Und wie hatte ſie ſich köſtlich aufgeputzt, die alte Rheinländerin! Sie mußte in der Jugend einmal recht ſchön geweſen ſein, denn wenn auch die Zeit einige Runzeln um Stirne und Mund gelegt hatte, wenn auch das friſche Roth der Jugend von ihren Wangen ver⸗ ſchwunden war, zwei Jahrhunderte konnten die edeln Züge des feinen Geſichtes nicht völlig verwiſchen. Ihre Augenbrauen waren grau geworden, und einige un⸗ ziemliche grau Barthaare wuchſen auf ihrem ſpitzigen Kinn; aber die Haare, die um die Stirne ſchoͤn geglättet lagen, waren nußbraun und nur etwas weniges mit Silbergrau gemiſcht. Auf dem Kopfe trug ſie eine ſchwarze Sammtmiütze, die ſich enge an die Schläfe an⸗ ſchloß; dazu hatte ſie ein Wamms vom feinſten ſchwar⸗ zen Tuche an, und das Mieder von rothem Sammt, das darunter hervorſchaute, war mit ſilbernen Haken und Ketten geſchnürt. Um den Hals trug ſie ein breites 1⁰⁰ Halsband von blitzenden Granaten, woran eine goldene Schaumünze befeſtigt; ein weiter faltenreicher Rock von braunem Tuch fiel um ihre wohlbeleibte Geſtalt, und ein kleines weißes Schürzchen mit feinen Spitzen beſetzt, wollte ſich recht ſchalkhaft ausnehmen. An der einen Seite hing ihr eine große Taſche von Leder, an der an⸗ dern ein Bündel gewaltiger Schlüſſel— kurz, ſie war eine ſo ehrbare Frau, als je eine Anno 1618 in Cöln oder Mainz über die Straße ging. Aber hinter der Frau Roſe kamen noch ſechs jubelnde Geſellen, die Dreiſpitzenhüte ſchwingend, die Perüken ſchief auf den Kopf geſetzt, mit weitſchößigen Röcken und langen, reich geſtickten Weſten angethan. Ehrbarlich und ſittſam führte unter dem allgemeinen Jubel Baechus ſeine Roſe oben an die Tafel; ſie ver⸗ beugte ſich mit großem Anſtand gegen die Geſellſchaft und ließ ſich nieder; an ihrer Seite nahm der hölzerne Bacchus Platz, und Balthaſar, der Kellermeiſter, hatte ihm ein tüchtiges Polſter untergeſchoben, weil er ſonſt gar klein und niedrig dageſeſſen hätte. Auch die andern ſechs Geſellen nahmen Platz, und ich merkte jetzt, daß es wohl die zwölf Apoſtel vom Rheine ſeien, die hier um die Tafel ſaßen, ſonſt aber im Apoſtelkeller in Bremen liegen. „Da wären wir ja,“ ſagte Petrus, nachdem der Jubel etwas nachgelaſſen,„da wären wir ja, wir junges munteres Volk von 1700, und alle wohlbehalten wie ſonſt. Nun auf gutes Wohlſein, Jungfer Roſe! Auch Sie hat gar nicht gealtert und iſt noch ſo ſtattlich und hübſch wie vor fünfzig Jahren. Gutes Wohlſein, Sie ſoll leben und Ihr Liebſter Herr Baechus daneben.“ 101 „Soll leben, die alte Roſe ſoll leben!“ riefen ſie und ſtießen an und tranken; Herr Bacchus aber, der aus einem großen ſilbernen Humpen trank, ſchluckte zwei Maas rheiniſch ohne viele Beſchwerden hinunter und er ward zuſehends dicker davon und größer, wie eine Schweinsblaſe, die man mit Luft füllt. „Mich gehorſamſt zu bedanken„ werthgeſchätzte Herrn Apoſtel und Vettern,“ antwortete Frau Roſalia, indem ſie ſich freundlich verneigte.„Seid Ihr noch immer ſolch ein loſer Schäcker, Herr Petrus? Ich weiß von keinem Schatz nicht, und Ihr müßt ein ſittſam Mäßdlein nicht ſo in Verlegenheit ſetzen.“ Sie ſchlug die Augen nieder, als ſie dies ſagte, und trank ein mächtiges Paßglas aus. „Schatz,“ erwiderte ihr Bacchus, indem er ſie aus ſeinen Auglein zärtlich anblickte und ihre Hand faßte; „Schatz, ziere Dich doch nicht ſo; Du weißt ja wohl, daß Dir mein Herz zugethan ſchon ſeit zweihundert Herbſten; und daß ich Dich noch heute vor allen andern liebe, ſoll ein feuriger Kuß auf Deine roſigen Lippen beweiſen.“ Er neigte ſich zärtlich gegen die Roſe.„Wenn nur das junge Volk hier nicht dabei wäre,“ flüſterte ſie be⸗ ſchämt, indem ſie ſich halb zu ihm neigte;— aber unter dem Jubeln und Jauchzen der Zwölfe hatte der Wein⸗ gott ſein Schürzenſtipendium nebſt Zinſen eingenommen. Dann leerte er ſeinen Humpen wieder und ward um zwei Fäuſte breiter und größer und hub an mit einer rauhen Weinſtimme zu ſingen: 10² Vor allen Schlöſſern dieſer Zeit Lob' ich ein Schloß zu Bremen, In ſeinen Hallen hoch und weit Darf ſich kein Kaiſer ſchämen; Gar ſeltſam iſt es ausſtaffirt, Mit ſchmuckem Hausrath ausgeziert, Doch hat daſelbſt vor allen Eine Jungfrau mir geſallen. Ihr Auge blinkt wie klarer Wein, Ihre Wangen ſind nicht bleiche, Wie prächtig ihre Kleider ſein, , Von lauter ſchwerem Zeuche; 3 Von Eichenholz iſt ihr Gewand, Von Birkenreifen ihre Band“, Das Mieder, das ſie zieret, Mit Eiſen iſt geſchnüret. Doch ach, man hat ihr Schlafkloſet Mit Riegeln wohl verſehen, Dort ſchlummert ſie im Roſenbett, Und ich muß draußen ſtehen; Drum poch ich an die Kammerthür: Steh auf mein Schatz, und komm herfür, Damit ich mit dir koſe, Mach auf, herzliebe Roſe. So ſteig ich jede Mitternacht Zu ihrer Kammer nieder; Nur einmal hat ſie aufgemacht, Jetzt will ſie nimmer wieder; Und ſeit ich einmal ſie geküßt, Mein Herz von Sehnſucht trunken iſt, Nur einmal, Roſamunde, Küß mich, daß es geſunde. „Ihr ſeid ein Schäcker, Herr Bacchus,“ ſagte Roſa, als er mit einem zärtlichen Triller geendet hatte.„Ihr wißt wohl, daß mich Bürgermeiſter und Rath unter 40³ gar ſtrenger Klauſur halten und nicht erlauben, daß ich mit jedwedem mich einlaſſe.“ „Aber mir könnteſt Du doch zuweilen das Kämmer⸗ lein öffnen, lieb Röschen!“ flüſterte Bacchus.„Mich gelüſtet nach der ſüßen Speiſe deines Mundes.“ „Ihr ſeid ein Schelm,“ rief ſie lachend,„Ihr ſeid ein Türke und habt es mit vielen zugleich; meinet Ihr, ich wiſſe nicht, wie Ihr mit der leichtfertigen Franzöſin ſcharmirt, mit dem Fräulein von Bordeaux, und mit dem Kreidengeſicht der Champagnierin; geht, geht, Ihr habt einen ſchlechten Charakter und verſtehet Euch nicht auf treue deutſche Minne.“ „Ja, das ſag ich auch!“ rief Judas, und fuhr mit der langen knöchernen Hand nach der Hand der Jungfer Roſe.„Das ſag ich auch; drum nehmt mich zu Eurem Galan, liebwertheſte Jungfer, und laſſet den kleinen, nackten Kerl ſeiner Franzöſin nachziehen.“ „Was?“ ſchrie der Hölzerne und trank im Zorn einige Maß Wein.„Was?“ Mit dem jungen Fant von 1726 willſt Du Dich abgeben, Röschen? Pfui, ſchäme Dich. Was mein nacktes Koſtüm betrifft, Herr Naſeweis, ſo kann ich eben ſo gut, wie Er, eine Perüke aufſetzen, einen Rock umhängen und einen Degen an die Seite ſtecken; aber ich trage mich ſo, weil ich Feuer iim Leibe habe, und mich nicht friert im Keller. Und was Sie da ſagt, Jungfer Roſe, mit den Franzöſinnen, ſo iſt das gänzlich erlogen. Beſucht habe ich ſie zuweilen, und mich an ihrem Geiſte erluſtirt, aber weiter gar nichts; Dir bin ich treu, liebſter Schatz, und Dir ge⸗ hört mein Herz.u 104 „Eine ſchoͤne Treue, Gott erbarm's!“ erwiderte die Dame.„Was höoͤrt man nur aus Spanien, wie Ihr es dort mit dem Frauenzimmer habt? Von der ſüßlichen Metze, der Xeres, will ich gar nichts ſagen, das iſt eine bekannte Geſchichte, aber wie iſt es denn mit der Jung⸗ fer Dentilla di Rota, und mit der von San Lucas? Und dann mit der Seüora Pimenes?“ „Alle Teufel, Ihr treibt die Eiferſucht auch gar zu weit,“ rief er ärgerlich;„man kann doch alte Verbin⸗ dungen nicht ganz aufgeben. Und was Seüora Rime⸗ nes betrifft, ſo ſeid Ihr ſehr ungerecht, ich beſuche ſie ja nur aus Freundſchaft für Euch, weil ſie Eure Ver⸗ wandte iſt.“ „Was macht Ihr da für Fabeln? Unſere Ver⸗ wandte?“ murmelten Roſe und die Zwölfe untereinan⸗ der.„Wie das?“ „Wißt Ihr denn nicht,“ fuhr er fort,„daß dieſe Senora eigentlich eine Rheinländerin iſt? Der ehr⸗ ſame Don Rimenes hat ſie heimgeführt als blutjunges Rebſtöcklein aus dem Rheingau nach ſeiner Heimath Spanien, und dort hat ſie ſich angeſiedelt und ſeinen Familiennamen angenommen. Noch jetzt, obgleich ſie den ſüßen, ſpaniſchen Charakter angenommen, noch jetzt hat ſie große Ähnlichkeit mit Euch, wie die Grundzüge des Geſichtes ſich in der Familie nicht ganz verlieren. Dieſelbe Farbe und jener ſüße Duft, jenes feine Aroma iſt ihr eigen und macht ſie zu Eurer würdigen Baſe, werthgeſchätzte Jungfer Roſe.“ „Sie ſoll leben, ſoll leben!“ riefen die Apoſtel und ſtießen an,„Baſe Pimenes in Hiſpanien ſoll leben!“ 10⁵ Jungfer Roſe mochte ihrem Galan nicht ganz trauen und ſtieß mit bitter ſüßer Miene an; doch ſchien ſie nicht ferner mit ihm hadern zu wollen, ſondern ſprach weiter: „Und auch Ihr, meine liebe Vettern vom Rhein, ſeid Ihr alle hier? Ja, da iſt mein zarter, feiner An⸗ dreas, mein muthiger Judas, mein feuriger Petrus. Guten Abend, Johannes, wiſche Dir den Schlaf fein aus den Aeuglein, Du ſiehſt noch ganz trübſelig aus; Bartholomäus, Du biſt unmäßig dick geworden und ſcheinſt träge zu ſein. Ha, mein munterer Paulus, und wie froͤhlich Jacobus um ſich ſchaute noch immer der Alte. Aber wie, Ihr ſeid ja zu Dreizehn am Tiſche, wer iſt denn der dort in fremder Kleidung, wer hat ihn hieher gebracht?“ Gott, wie erſchrak ich! Sie ſchauten Alle verwun⸗ dert auf mich und ſchienen mit meiner Anweſenheit nicht ganz zufrieden. Aber ich faßte mir ein Herz und ſagte: „Mich gehorſamſt der werthen Geſellſchaft zu empfehlen. Ich bin eigentlich nichts weiter als ein zum Doktor der Philoſophie graduirter Menſch und halte mich gegen⸗ wärtig hieſigen Orts in dem Wirthshauſe zur Stadt Frankfurt auf.“ „Wie wagſt Du es aber, hieher zu kommen in dieſer Stunde, graduirtes Menſchenkind?“ ſprach Petrus ſehr ernſt, indem er Blitze aus ſeinen Feueraugen auf mich ſprühte.„Du hätteſt wohl denken können, daß Du nicht in dieſe noble Societät gehörſt.“ „Herr Apoſtel,“ antwortete ich, und weiß noch heute nicht, woher ich den Muth bekam, wahrſcheinlich aus dem Wein;„Herr Apoſtel, das Du verbitte ich mir 40⁰6 fürs erſte, bis wir weiter bekannt ſind. Und was die noble Societät betrifft, in die ich gekommen ſein ſoll, ſo kam ſie zu mir, nicht ich zu ihr, denn ich ſitze ſchon ſeit drei Stunden in dieſem Gemach, Herr!“ „Was thut Ihr aber ſo ſpät noch im Rathskeller, Herr Doktor?“ fragte Baechus etwas ſanfter als der Apoſtel.„Um dieſe Zeit pflegt ſonſt das Erdenvolk zu ſchlafen.“ „Euer Exeellenz,“ erwiderte ich,„das hat ſeinen guten Grund. Ich bin ein portirter Freund des edeln Getränkes, das man hier unten verzapft, habe auch durch die Vergünſtigung eines wohledeln Senats die Permiſſion erhalten, denen Herrn Apoſteln und der Jungfrau Roſe meinen Beſuch abzuſtatten, was ich auch geziemendſt gethan.“ „Alſo Ihr trinkt gerne Rheinwein?“ fuhr Baechus fort;„nun das iſt eine gute Eigenſchaft und ſehr zu loben in dieſer Zeit, wo die Menſchen ſo kalt geworden ſind gegen dieſe goldene Quelle.“ „Ja, der Teufel hole ſie all!“ rief Judas.„Keiner will mehr einige Maas Rheinwein trinken, außer hier und da ſolch ein fahrender Doktor oder vacirender Ma⸗ giſter, und dieſe Hungerleider laſſen ſich ihn erſt noch aufwichſen.“ „Muß ganz gehorſamſt depreciren, Herr von Ju⸗ das,“ unterbrach ich den ſchrecklichen Rothrock.„Nur einige kleine Verſuche habe ich gethan mit Dero Reben⸗ blut von 1700 und etlichen Jahren, und den hat mir allerdings der wackere Bürgermeiſter einſchenken laſſen; was Sie aber hier ſehen, iſt etwas neuer und in baarer Münze von mir bezahlt.“ „Doktor, ereifert Euch nicht,“ ſagte Frau Roſe, „er meint's nicht ſo böſe, der Judas, und er ärgert ſich nur und mit Recht, daß die Zeiten ſo lau geworden.“ „Ja!“ rief Andreas, der feine, ſchöne Andreas; „Ich glaube, dieſes Geſchlecht fühlt, daß es keines edeln Trankes mehr werth iſt, drum ſollen ſie hier ein Geſöff von allerlei Schnapps und Syrup brauen, heißen es Chateau⸗Margaux, Silleri, St. Julien und ſonſt nach allerlei pompöſen Namen, und kredenzen es bei ihren Gaſtmahlen, und wenn ſie es ſaufen, bekommen ſie rothe Ringe um den Mund, dieweil der Wein gefärbt war, und Kopfweh den andern Tag, weil ſie ſchnöden Schnaps getrunken.“ „Ha, was war das für ein anderes Leben,“ führte Johannes die Rede fort,„als wir noch junge, blutjunge Geſellen waren, Anno 19 und 26. Auch Anno 50 ging es noch hoch her in dieſen ſchönen Hallen. Jeden Abend, es mochte die Sonne ſcheinen in hellem Frühling, oder ſchneien oder regnen im Winter, jeden Abend waren die Stübchen dort gefüllt mit frohen Gäſten. Hier, wo wir jetzt ſitzen, ſaß in Würde und Hoheit der Senat von Bremen, ſtattliche Perüken auf dem Haupt, die Wehre an der Seite, Muth im Herzen und Jeder einen Römer vor ſich. „Hier, hier, nicht oben auf der Erde, hier war ihr Rathhaus, hier die Halle des Senats; denn hier beim kühlen Weine beriethen ſie ſich über das Wohl der Stadt, über ihre Nachbarn und dergleichen. Wenn ſie 108 uneinig in der Meinung waren, ſo ſtritten ſie ſich nicht mit böſen Worten, ſondern tranken einander wacker zu, und wenn der Wein ihre Herzen erwärmt hatte, wenn er fröhlich durch ihre Adern hüpfte, da war der Beſchluß ſchnell zur Reife gediehen, ſie drückten ſich die Hände, ſie waren und blieben immer Freunde, weil ſie Freunde waren des edeln Weines. Am andern Morgen aber war ihnen ihr Wort heilig, und was ſie Abends aus⸗ gemacht im Keller, das führten ſie oben im Gerichts⸗ ſaal aus.“ „Schöne, alte Zeiten!“ rief Paulus.„Daher kommt es auch, daß noch heut zu Tage Jeder vom Rath ein eigenes Trinkbüchlein, eine jährliche Weinrechnung hat. Den Herren, die alle Abende hier ſaßen und tranken, war es nicht genehm, allemal in die Taſche zu fahren und ihr Geldſäcklein heraus zu kriegen. Aufs Kerbholz ließen ſie es ſchreiben, und am Neujahr ward Abrechnung ge⸗ halten, und es gibt einige wackere Herren, die noch jetzt oft Gebrauch davon machen, aber es ſind deren wenige.“ „Ja, ja, Kinder,“ ſprach die alte Roſe,„ſonſt war es anders, ſo vor fünfzig, hundert, zweihundert Jahren. Da brachten ſie Abends ihre Weiber und Mädchen mit in den Keller, und die ſchönen Bremer⸗ kinder tranken Rheinwein oder von unſerem Nachbar Moſeler, und waren weit und breit berühmt durch ihre blühenden Wangen, durch ihre purpurrothen Lippen, durch ihre herrlichen blitzenden Augen; jetzt trinken ſie allerlei miſerables Zeug, als Thee und dergleichen, was weit von hier bei den Chineſen wachſen ſoll und was zu meiner Zeit die Frauen tranken, wenn ſie ein 7 7 109 Hüſtlein oder ſonſtige Beſchwer hatten. Rheinwein, echten gerechten Rheinwein, können ſie gar nicht mehr vertragen; denkt Euch ums Himmels Willen, ſie gie⸗ ßen ſpaniſchen Süßen darunter, daß er ihnen munde; ſie ſagen, er ſei zu ſauer.“ Die Apoſtel ſchlugen ein großes Gelächter auf, in das ich unwillkürlich einſtimmen mußte, und Baechus lachte ſo gräßlich, daß ihn der alte Balthaſar halten mußte. „Ja, die guten alten Zeiten!“ rief der dicke Bar⸗ tholomäus.„Sonſt trank ein Bürger ſeine zwei Maas und es war als hätt er Waſſer getrunken, ſo nüchtern blieb er, jetzt wirft ſie ein Römer um. Sie ſind aus der übung gekommen.“ „Da trug ſich vor vielen Jahren eine ſchöne Ge⸗ ſchichte zu,“ ſagte Fräulein Roſe und lächelte vor ſich hin. „Erzähle, erzähle, Jungfer Roſe, die Geſchichte!“ baten alle; ſie aber trank bedeutend viel Wein, damit ſie eine glatte Kehle bekam, und hub an: 5 „Anno tauſend ſechshundert und einige zwanzig, dreißig Jahre war ein großer Krieg in deutſchen Lan⸗ den von wegen des Glaubens; die Einen wollten ſo und die Andern anders, und ſtatt, daß ſie bei einem Glaſe Wein die Sache vernünftig beſprochen hätten, ſchlugen ſie ſich die Schädel ein. Albrecht von Wallen⸗ ſtein, des Kaiſers Generalfeldmarſchall, hauste ſchreck⸗ lich in proteſtantiſchen Landen. Deß erbarmte ſich der Schweden König, Guſtav Adolph, und kam mit vieler Mannſchaft zu Roß und zu Fuß. Es wurden viele Ba⸗ 110 taillen geliefert, ſie hetzten ſich herum am Rhein und an der Donau, geſchah aber weiter nicht viel, weder vor⸗ noch rückwärts. Zu der Zeit war Bremen und die andern Hanſeſtädte neutral und wollten es mit kei⸗ ner Partei verderben. Dem Schweden lag aber daran, durch ihr Gebiet zu ziehen und ſich freundlich mit ihnen einzulaſſen, darum wollte er einen Geſandten an ſie ſchicken. Weil aber im Reich bekannt war, daß man in Bremen alles im Weinkeller verhandle und die Raths⸗ herren und Bürgermeiſter einen guten Schluck hätten, ſo fürchtete ſich der Schwedenkönig, ſie möchten ſeinem Geſandten gar ſehr zuſetzen mit Wein, daß er endlich betrunken würde und ſchlechte Bedingungen einginge für die Schweden. „Nun befand ſich aber im ſchwediſchen Lager ein Hauptmann vom gelben Regiment, der ganz erſchreck⸗ lich trinken konnte. Zwei, drei Maas zum Frühſtück war ihm ein Kleines, und oft hat er Abends zum Zu⸗ ſpitzen ein halb Imi getrunken und nachher gut ge⸗ ſchlafen. Als nun der König voll Beſorgniß war, ſie möchten im Bremer Rathskeller ſeinem Geſandten allzu ſehr zuſetzen, ſo erzählte ihm der Kanzler Oxenſtierna von dem Hauptmann, Gutekunſt hieß er, der ſo viel trinken könne. Deß freute ſich der König und ließ ihn vor ſich kommen. „Da brachten ſie einen kleinen, hageren Mann, der war ganz bleich im Geſicht, hatte aber eine große, kupferrothe Naſe und hellblaue Lippen, was ganz wunderlich anzuſehen war. Der König fragte ihn, wie viel er ſich wohl zu trinken getraue, wenn es recht 111 ernſtlich zuginge.„„O Herr und König, 4u antwor⸗ tete er,„„ſo ernſtlich bin ich noch nie daran gekommen, habe mich bis dato auch noch nicht geeicht; der Wein iſt nicht wohlfeil, und man kann täglich nicht über ſieben, acht Maas trinken, ohne in Schulden zu ge⸗ rathen.““—„„Nun, wie viel meinſt Du denn führen zu können?“« fragte der König weiter. Er aber ant⸗ wortete unerſchrocken:„„Wenn Euer Majeſtät bezah⸗ len wollen, möchte ich wohl einmal zwölf Mäschen trinken, mein Reitknecht, der Balthaſar Ohnegrund, kann es aber noch beſſer.““ Da ſchickte der König auch nach Balthaſar Ohnegrund, dem Knecht des Haupt⸗ mann Gutekunſt, und war der Herr ſchon blaß gewe⸗ ſen und mager, ſo war es der Diener noch mehr, der ganz aſchenfarb ausſah, als hätt' er ſein Lebenlang Waſſer getrunken. „Da ließ nun der König den Hauptmann und Ohnegrund, den Reitknecht, in ein Zelt ſetzen und ei⸗ nige Fäßlein alten Hochheimer und Nierenſteiner an⸗ fahren, und wollte haben, die Beiden ſollten ſich eichen laſſen. Sie tranken von Morgens elf Uhr bis Abends vier Uhr ein Imi Hochheimer und anderthalb Imi Nierenſteiner, und der König ging voll Verwunderung zu ihnen ins Zelt, um zu ſehen, wie es mit ihnen ſtehe. Die beiden Geſellen aber waren wohl auf, und der Hanuptmann ſagte:„„So, jetzt will ich einmal die De⸗ genkuppel abſchnallen, dann geht's beſſer;““ Ohne⸗ grund aber machte drei Knöpfe an ſeinem Koller auf. „Da entſatzten ſich alle, die dies ſahen, der König aber ſprach:„„Kann ich beſſere Geſandten finden nach 112 der fröhlichen Stadt Bremen als dieſe?““ Und alſo⸗ bald ließ er dem Hauptmann prächtige Kleider und Waffen geben, wie auch Ohnegrund, dem Reitknecht, denn dieſer ſollte den Schreiber des Geſandten vorſtel⸗ len. Der König und der Kanzler unterrichteten den Hauptmann, was er zu ſagen hätte bei der Unterhand⸗ lung und nahm Beiden das Verſprechen ab, daß ſie auf der ganzen Reiſe nur Waſſer trinken ſollten, da⸗ mit nachher das Treffen im Keller um ſo glorreicher würde; Gutekunſt aber, der Hauptmann, mußte ſeine rothe Naſe mit einer künſtlichen Salbe anſtreichen, auf daß ſie weiß ausſah, damit man nicht merke, welch ein Kunde er ſei. „Ganz elendiglich von vielem Waſſertrinken kamen die Beiden nach der Stadt Bremen, und nachdem ſie bei dem Bürgermeiſter geweſen, ſagte dieſer zum Se⸗ nat:„„O was hat uns der Schwede für zwei bleiche, magere Geſellen geſchickt; heute Abend wollen wir ſie in den Rathskeller führen und zudecken. Ich nehme den Geſandten auf mich ganz allein, und der Doktor Schnellpfeffer muß auf den Schreiber.““ So wurden ſie denn Abends nach der Betglocke feierlichſt in den Rathskeller geführt, der Bürgermeiſter führte Gute⸗ kunſten, den Hauptmann, der Doktor Schnellpfeffer⸗ was auch ein guter Trinker war, führte den Reitknecht am Arm, der, als Schreiber angethan, ſich recht züchtig⸗ lich geberdete; hinter ihnen gingen viele Rathsherren, die zur Verhandlung geladen waren. Hier in dieſem Gemach ſetzten ſie ſich um den Tiſch und verſpeisten zuerſt Haſenbraten und Schinken und Häringe, um 113 ſich zum Trinken zu rüſten. Daun wollte der Geſandte ganz ehrbar mit der Verhandlung anfangen, und ſein Schreiber zog Pergament und Feder aus der Taſche; aber der Bürgermeiſter ſprach:„„Mit nichten alſo, Ihr edlen Herren; ſo iſt es nicht Gebrauch in Bremen, daß man die Sache alſo trocken abmacht; wollen ein⸗ ander vorerſt auch zutrinken nach Sitte unſerer Väter und Großväter. u„„Kann eigentlich nicht viel ver⸗ tragen,““ antwortete der Hauptmann,„„dieweil es aber Seiner Magnificenz alſo gefällig, will ich ein Schlücklein zu mir nehmen.““ Nun tranken ſie ſich zu und hielten ein Geſpräch über Krieg und Frieden und über die Schlachten, ſo geliefert worden; die Raths⸗ herren aber, um den Fremden mit gutem Beiſpiel voranzugehen, tranken ſich weidlich zu und bekamen rothe Köpfe. Bei jeder neuen Flaſche entſchuldigten ſich die Fremden, wie ſie gar den Wein nicht gewohnt wären und er ihnen zu Kopfe ſteige; deß freute ſich der Bürgermeiſter, trank in ſeiner Herzensluſt ein Paßglas um das andere, ſo daß er nicht mehr recht wußte, was zu beginnen. Aber, wie es zu gehen pflegt in dieſem wunderbaren Zuſtande, er dachte: jetzt iſt er betrunken, der Geſandte, und auch dem Schreiber hat der Doktor tüchtig zugeſetzt; und ſprach daher:„„Nun wollen wir anfangen mit unſerem Geſchäft.““ Das waren die Fremden zufrieden, thaten, wie wenn ſie voll Wei⸗ nes wären und tranken auf ihrer Seite den Herren weidlich zu. „Da wurde nun geſprochen und getrunken, gehan⸗ delt und wieder getrunken, bis der Bürgermeiſter mit⸗ W. Hauffs Werke. V. 8 114 ten im Satz einſchlief und der Doktor Schnellpfeffer unter dem Tiſche lag. Da kamen denn die andern Rathsherren, und tranken den Fremden zu und führ⸗ ten die Verhandlung fort; aber trank der Hauptmann läſterlich, ſo machte es ſein Reitknecht noch ſchlimmer; fünf Küper mußten immer hin und herlaufen und ein⸗ ſchenken, denn der Wein verſchwand von dem Tiſch, als wäre er in den Sand gegoſſen worden. So geſchah es, daß die Gäſte nacheinander den ganzen Rath unter den Tiſch tranken, bis auf Einen. „Dieſer Eine war aber ein großer ſtarker Mann, mit Namen Walther, von welchem man Allerlei ſprach in Bremen, und wäre er nicht im Rath geſeſſen, man hätte ihn längſt böſer Künſte und Zauberei angeklagt. Herr Walther war ſeines Zeichens eigentlich ein Zir⸗ kelſchmied geweſen, hatte ſich aber hervorgethan in ſeiner Gilde, war unter die Altermänner gekommen und nachher in den Senat. Dieſer hielt aus bei den Gäſten, trank zweimal ſo viel als Beide, ſo daß ihnen ganz unheimlich wurde, denn er war ſo verſtändig, wie zuvor, während der Hauptmann ſchon trübe Augen bekam und glaubte, es gehe ihm ein Rad im Kopf her⸗ um. So oft der Senator Walther ein Paßglas getrun⸗ ken, fuhr er mit der Hand unter den Hut, und dem Reitknecht kam es vor, als ſähe er ein bläuliches Wölk⸗ chen, ganz fein wie Nebel aus ſeinem rabenſchwarzen Haar hervorſteigen. Er trank wacker drauf los, bis der Hauptmann Gutekunſt ſelig einſchlief und ſein Haupt ganz weich auf des Bürgermeiſters Bauch legte. „Da ſprach der Senator Walther mit ſonderbarem 115 Lächeln zu dem Schreiber des Geſandten:„„Lieber Geſelle, Du führſt einen mächtigen Zug, ich vermeine aber, daß Du mit dem Roßſtriegel beſſer fortkommſt, als mit der Feder.““ Da erſchrak der Schreiber und ſprach:„„Wie meinet Ihr dies, Herr! Ich will nicht hoffen, daß Ihr mir Hohn ſprechen wollt; beden⸗ ket, daß ich Seiner Majeſtät Geſandtſchaftsſchreiber bin.“¹ „„Hoho!““ rief der andere mit ſchrecklichem La⸗ chen,„„ſeit wann haben denn ordentliche Geſandt⸗ ſchaftsſchreiber ſolche Kittel an und führen ſolche Fe⸗ dern bei der Sitzung?““ Da ſah der Reitknecht auf ſein Kleid und bemerkte mit großem Schrecken, daß er ſeinen gewöhnlichen Stallkittel an habe; er ſah auf ſeine Hand, und ſiehe da, ſtatt der Feder hielt er eine ganz gemeine Kratzbürſte. Da entſatzte er ſich und ſah ſich verrathen und wußte nicht, wie ihm geſchah. Herr Walther aber lächelte ſeltſam und höhniſch und trank ihm einen Humpen von anderthalb Maas zu auf einen Zug, fuhr dann mit der Hand hinter die Ohren, und der Reitknecht ſah ganz deutlich, wie ein feiner Nebel aus ſeinem Kopf kam.„„Gott ſoll mich bewahren, Herr! daß ich fürder mit Euch trinke,““ rief er;„„Ihr ſeid ein Schwarzkünſtler, wie ich nun vermuthe, und könnt mehr als Brod eſſen.““ „„Darüber wäre noch vielerlei zu ſagen,““ ant⸗ wortete Walther ganz ruhig und freundlich;„„aber es würde Dir auch nicht viel helfen, werthgeſchätzter Stall⸗ knecht und Roßkamm, wenn Du mir fürder zuſetzteſt mit Trinken, mich trinkſt Du nicht unter den Tiſch, 116 wasmaßen ich einen kleinen Hahnen in mein Gehirn geſchraubt habe, durch welchen der Weindunſt wieder herausfährt. Schau zu!““ Dabei trank er ein großes Paßglas aus, wandte ſeinen Kopf herüber zu dem Reitknecht Ohnegrund, ſtrich ſein Haar zurück, und ſiehe da, in ſeinem Kopf ſteckte ein kleiner ſilberner Hahn, wie an einem Faß; da drehte er den Zapfen um und ein bläulicher Dunſt ſtrömte hervor, ſo daß ihm der Weingeiſt keine Beſchwerden machte in der Hirn⸗ kammer. „Da ſchlug der Reitknecht vor Verwunderung die Hände zuſammen und rief:„„Das iſt einmal eine ſchöne Erfindung, Herr Zauberer! Könnet Ihr mir nicht auch ſo ein Ding an den Kopf ſchrauben, um Geld und gute Worte?““„„Nein, das geht nicht,““ antwortete Jener bedächtig;„„da ſeid Ihr nicht erfahren genug in geheimer Wiſſenſchaft; aber ich habe Euch lieb ge⸗ wonnen wegen Eurer abſonderlichen Kunſt im Trinken, darum möchte ich Euch gerne dienen wo ich kann. Zum Beiſpiel, es iſt gegenwärtig die Stelle des Kellermeiſters vakant allhier. Balthaſar Ohnegrund, verlaß den Dienſt dieſer Schweden, wo es doch mehr Waſſer als Wein gibt, und diene dem wohledlen Rath dieſer Stadt: wenn wir auch einige Laſten Wein mehr brau⸗ chen des Jahrs, die Du heimlich ſaufeſt, das thut⸗ nichts, ein ſolcher Kapitalkerl hat uns längſt gefehlt; Balthaſar Ohnegrund, ich mach Dich morgen zum Kellermeiſter, wenn Du willſt. Willſt Du nicht, ſo iſt's auch gut; dann weiß aber morgen die ganze Stadt⸗ daß uns der Schwede einen Reitknecht als Schreiber 117 geſchickt.““ Dieſer Vorſchlag mundete dem Balthaſar wie edler Wein; er that einen Blick in dieſes unermeß⸗ liche Weinreich, ſchlug ſich auf den Magen und ſagte: „„Ich wills thun.““ Nachher machten ſie noch allerlei Punkte aus, wie es gehalten werden ſoll nach Ohne⸗ grunds zeitlichem Hinſcheiden mit ſeiner armen Seele. Er wurde Kellermeiſter, der Hauptmann Gutekunſt aber zog mit zweideutigen Bedingungen ab ins ſchwe⸗ diſche Lager, und als nachher die Kaiſerlichen in die Stadt kamen, war der Bürgermeiſter und Senat froh, daß ſie ſich mit dem Schweden nicht zu tief eingelaſſen, obgleich keiner recht wußte, wie es ſo gekommen war.“ So erzählte die Roſe. Die Apoſtel und ich dankten ihr und lachten ſehr über die beiden Geſandten; Pau⸗ lus aber fragte:„Und Balthaſar Ohnegrund, der wackere Kunde, was iſt aus ihm geworden? Blieb er Kellermeiſter?“ Die Roſe aber wandte ſich um mit Lächeln, deutete auf eine Ecke des Gemachs und ſagte: „Dort ſitzt er ja noch, wie vor zweihundert Jahren der wackere Zecher.“ Mir graute als ich hinſah. Eine bleiche abgehärmte Geſtalt ſaß in der Ecke, ſchluchzte und weinte ſehr und trank dazu ſehr viel Rheinwein. Aber es war Niemand anderes, als eben der Keller⸗ meiſter Balthaſar, der aus Unſer Lieben Frauen Kirch⸗ hof herabgekommen war, nachdem ihn Matthäus aus dem Schlaf geſchellt. „Nun, alter Valthaſar,“ rief ihm Jakobus zu. Du haſt alſo als Reitknecht gedient beim Hauptmann Gute⸗ kunſt und warſt ſogar Geſandtſchaftsſchreiber oder Se⸗ kretär, ehe du Kellermeiſter wurdeſt? Was machte denn 118 der Herr, ſo den Hahnen im Hirnkaſten hatte, für Bedingniſſe?“ „O Herr!“ ſtöhnte der alte Kellermeiſter aus tiefer Seele, und es war, als ob ihn der ewige Tod auf dem Fagott begleitete, ſo gräulich tönte es aus ſeiner Bruſt, „O Herr! fordert nicht von mir, daß ich es ſage.“ „Heraus damit!“ ſchrieen die Apoſtel.„Was wollte er mit dem Spiritusableiter? Der Weingeiſtſchröpfer, was wollte er?“ „Meine Seele.“ „Armer Kerl,“ ſagte Petrus ſehr ernſt.„Und um was wollte er Deine arme Seele?“ „Um Wein;“ murmelte er dumpf, und mir war es, als ob eine Stimme ohne Hoffnung ſpräche. „Rede deutlicher, Alter, wie hat er es gemacht mit Deiner Seele?“ Er ſchwieg lange; endlich ſprach er: „Warum dies erzählen, Ihr Herren? Es iſt grauſig, und Ihr verſteht doch nicht, was es heißt, eine Seele verlieren.“¹ „Wohl wahr,“ ſprach Paulus.„Wir ſind fröhliche Geiſter und ſchlummern im Weine, und freueu uns ewiger ungetrübter Herrlichkeit und Freude. Darum kann uns aber auch kein Grauen anwandeln, denn wer hat Macht über uns, daß er uns elend mache oder uns ſchrecke? Darum erzähle!“ „Aber es ſitzt ein Menſch am Tiſch, der kann es nicht vertragen,“ ſprach der Todte;„vor ihm darf ich es nicht ſagen.“ „Nur zu, immer zu,“ erwiderte ich, an allen Glie⸗ dern ſchaudernd,„ich kann eine hinlängliche Doſis 119 Schauerliches ertragen, und was iſt es am Ende, als daß Euch der Teufel geholt?“ „Herr, es wäre Euch beſſer, Ihr betetet,“ mur⸗ melte der Alte.„Aber Ihr wollt es ſo haben, ſo höret: Der Menſch, der in jener Nacht in dieſem Zimmer bei mir ſaß,— es war ein böſes Ding mit ihm— der hatte ſeine Seele dem Boöſen verhandelt, und es war dabei bedingt, daß er ſich loskaufen könnte durch eine andere Seele.„Schon viele hatte er auf dem Korn ge⸗ habt, aber allemal waren ſie ihm wieder entgangen. Mich faßte er beſſer. Ich war wild aufgewachſen ohne Unterricht, und das Leben im Kriege ließ mich nicht viel nachdenken. Wenn ich ſo über ein Schlachtfeld ritt, und der Mondſchein fiel herab, und Freund und Feind niedergemähet da lagen, da dachte ich: ſie ſind jetzt halt tort und leben nicht mehr. Von der Seele hielt ich nicht viel und von Himmel und Hölle noch weniger. Aber weil man nur ſo kurz lebt, wollt' ichs Leben recht ge⸗ nießen, und Wein und Spiel war mein Element. Das hatte mir der Höllenknecht abgemerkt und ſprach zu mir in jener Nacht:„„So zwanzig, dreißig Jahre zu leben in dieſem Kellerreich, in dieſem Weinhimmel zu trinken nach Herzensluſt, nicht wahr, Balthaſar, das müßt' ein Leben ſein?““„Ja, Herr,“ ſprach ich,„aber wie könnte ich dies verdienen?„„An was liegt Dir mehr,““ fuhr er fort,„„hier recht zu leben nach Her⸗ zensluſt auf der Erde, hier im Keller, oder an den Ge⸗ ſchichten, die ſich nachher begeben, wo man gar nicht weiß, ob man nur noch lebt und Wein trinkt?“u Ich that einen gräßlichen Schwur und ſagte:„Meine Ge⸗ 1²⁰ beine werden dahin fahren, wo die Gebeine meiner Geſellen liegen. Iſt der Menſch todt, ſo fühlt er nicht und denkt nicht. Hab' es an manchem Kameraden er⸗ lebt, dem die Kugel das Hirn zerſchmetterte, darum will ich leben und luſtig ſein.“ Er aber ſprach zu mir: „„Wenn du Verzicht leiſten willſt auf das, was nachher kömmt, ſo iſt es ein Leichtes, Dich hier zum Kellermei⸗ ſter zu machen; ſchreib nur Deinen Namen in dies Büch⸗ lein und thue einen recht tüchtigen Schwur dazu.““ „Was nachher mit mir geſchieht, das kümmert mich nicht,“ ſprach ich;„Kellermeiſter will ich hier ſein im⸗ merdar und ewiglich, ſo lang ich bin, und der Teufel, oder wer will, kann das Andere haben alles, wenn ſie mich einſt einſcharren.“ „Als ich ſo geſprochen, waren wir nicht mehr zu Zwei, ſondern ein Dritter ſaß neben mir und hielt mir das Büchlein hin zum Unterſchreiben. Der aber, der dies that, war nicht der Zirkelſchmied, ſondern ein An⸗ derer.“ „Wer war es denn? Sag an!“ riefen die Apoſtel ungeduldig. Die Augen des alten Kellermeiſters funkelten gräu⸗ lich und ſeine bleichen Lippen bebten. Er ſetzte mehre⸗ mal an, um zu ſprechen, aber ein Krampf ſchien ihm die Kehle zuzuſchnüren. Da blickte er auf einmal feſt und muthig in eine dunkle Ecke, trank ſein Glas aus und warf es an die Erde.„Was hilft alle Reue, alter Balthaſar!“ ſprach er, indem große Thränen in ſeinen Wimpern hingen.„Der bei mir ſaß— war der Teufel. ¹ Es war bei dieſen Worten unheimlich, bis zur Ver⸗ 4 4 A 121 zweiflung unheimlich in dem Gemach. Die Apoſtel ſchauten ernſt und ſchweigend in ihre Römer, Bacchus hatte das Geſicht in die Hände gedrückt, und die Roſe war bleich und ſtille. Kein Athemzug rührte ſich, man hörte nur, wie in dem Todtenkopf des Alten die Zähne ſchaudernd aneinander klapperten. „Mein Vater hatte mich gelehrt, meinen Namen zu ſchreiben, als ich noch ein kleiner, frommer Knabe war. Ich unterſchrieb ihn ins Buch, das mir der Andere mit ſeinen Krallen vorhielt. Von da an ging mir ein Leben auf in Saus und Braus. In ganz Bremen gab es keinen Mann ſo fröhlich als den Kellermeiſter Bal⸗ thaſar, und getrunken hab' ich, was der Keller Gutes und Köſtliches hatte. Zur Kirche ging ich nie, ſondern wenn ſie zuſammenläuteten, ſchritt ich hinab zum beſten Faß und ſchenkte mir ein nach Herzensluſt. Als ich alt wurde, kam oft ein Grauen über mich und es fröſtelte mir durch die Glieder, wenn ich ans Sterben dachte. Hatte zwar kein Weib, das um mich jammerte, aber auch keine Kinder, die mich tröſteten; da trank ich denn, wenn die Todesgedanken über mich kamen, bis ich von Sinnen war und ſchlief. So trieb ichs lange Jahre, mein Haar ward grau, meine Glieder ſchwach, und ich ſehnte mich, zu ſchlafen im Grabe. Da war mir eines Tages, als ſei ich erwacht und könne doch nicht recht erwachen. Die Augen wollten ſich nicht aufthun, die Finger waren ſteif, als ich mich aus dem Bette heben wollte, und die Beine lagen ſtarr wie ein Stück Holz. An mein Bett aber traten Leute, betaſteten mich und * ſprachen:„„Der alte Balthaſar iſt todt.““ 4 122 „Todt,“ dachte ich und erſchrak,„todt und nicht ſchlafen? Todt bin ich und denke? Mich erfaßte eine unnennbare Angſt, ich fühlte, wie mein Herz ſtille ſtand, und wie ſich doch etwas in mir regte und in ſich zuſammenzog und bange war. Das war mein Körper nicht, denn er lag ſteif und todt, was war es denn?“ „Deine Seele!“ ſprach Petrus dumpf.„Deine Seele!“ flüſterten die Andern ihm nach. „Da maßen ſie meine Länge und Breite, um die ſechs Brettlein fertig zu machen, und legten mich hin⸗ ein, und ein hartes Kiſſen von Hobelſpänen unter meinen Schädel, und nagelten die Bahre zu, und meine Seele wurde immer ängſtlicher, weil ſie nicht ſchlafen konnte. Dann hörte ich die Todtenglocke läuten auf der Domkirche, ſie hoben mich auf, und kein Auge weinte um mich. Sie trugen mich auf Unſer Lieben Frauen Kirchhof, dort hatten ſie mein Grab gegraben, noch höre ich die Seile ſchwirren, die ſie heraufzogen, als ich unten lag: dann warfen ſie Steine und Erde herab, und es ward ſtille um mich her. „Aber meine Seele zitterte heftiger, als es Abend wurde, als es zehn Uhr, elf Uhr ſchlug auf allen Glo⸗ cken. Wie wird es Dir gehen? dachte ich bei mir. Ich wußte noch ein Gebetlein aus alter Zeit, das wollte ich ſprechen, aber meine Lippen ſtanden ſtill.— Da ſchlug es zwölf Uhr und mit einem Ruck war die ſchwere Grabesdecke abgeriſſen, und auf meinen Sarg geſchah ein ſchrecklicher Schlag.“ Ein Schlag daß die Hallen dröhnten, ſprengte jetzt eben die Thüren des Gemaches auf, und eine große 123 weiße Geſtalt erſchien auf der Schwelle. Ich war durch Wein und die Schreckniſſe dieſer Nacht ſo exaltirt und außer mir ſelbſt gebracht, daß ich nicht aufſchrie, nicht aufſprang, wie wohl ſonſt geſchehen wäre, ſondern ge⸗ duldig das Schreckliche anſtarrte, das jetzt kommen ſollte. Mein erſter Gedanke war nämlich:„Jetzt kommt der Teufel.“ Habt Ihr je im Don Juan jenen bangen Moment geſchaut, wo Tritte dumpf und immer näher tönen, wo Leporello ſchreiend zurückkommt und die Statue des Gouverneurs, ihrem Streitroß auf dem Monument ent⸗ ſtiegen, zum Gaſtmahl köͤmmt? Rieſengroß mit abge⸗ meſſenem dröhnendem Schritt, ein ungeheures Schwert in der Hand, gepanzert aber ohne Helm, trat die Ge⸗ ſtalt ins Gemach. Sie war von Stein, das Geſicht ſteif und ſeelenlos. Aber dennoch that ſich der ſteinerne Mund auf und ſprach:„Gott grüß Euch, vielliebe Reben vom Rheine. Muß doch das ſchöne Nachbarskind beſu⸗ chen an ihrem Jahrestag. Gott grüß Euch, Jungfran Roſe. Darf ich auch Platz nehmen in Eurem Gelag⸗ gaden?“ Sie ſchauten Alle verwundert nach der rieſigen Statue. Frau Roſe aber brach das Stillſchweigen, ſchlug vor Freude die Hände zuſammen und ſchrie:„Ei, du meine Güte!'s iſt ja der ſteinerne Roland, ſo ſeit vielen hundert Jahren auf dem Domhofe in der lieben Stadt Bremen ſteht. Ci, das iſt ſchön, daß Ihr uns die Ehre anthut, Herr Ritter: Leget doch Schild und Schwert ab und machet es Euch bequem: wollet Ihr Euch nichtoben⸗ an ſetzen an meine Seite? O Gott, wie mich das freut!“ 124 Der hölzerne Weingott, ſo indeſſen wieder um ein Erkleckliches gewachſen, warf mürriſche Blicke bald auf den ſteinernen Roland, bald auf die naive Dame ſeines Herzens, die ihre Freude ſo laut und unverholen aus⸗ gelaſſen. Er murmelte etwas von ungebetenen Gäſten und ſtrampelte ungeduldig mit den Beinen. Aber Roſe drückte ihm unter dem Tiſche die Hand und beſchwich⸗ tigte ihn durch ſüße Blicke. Die Apoſtel waren näher zuſammengerückt und hatten dem ſteinernen Gaſt einen Stuhl neben dem alten Fräulein eingeräumt. Er legte Schwert und Schild in die Ecke und ſetzte ſich ziemlich ungelenk auf das Stühlchen, aber ach, dies war für ehrſame Bremer Stadtkinder und nicht für einen ſteiner⸗ nen Rieſen gemacht; es knackte, als er ſich ſetzt, morſch zuſammen, und ſo lang er war lag er im Gemach. „Schnöͤdes Geſchlecht, das ſolche Hütſchen zimmert, worauf zu meiner Zeit nicht einmal ein zartes Fräulein hätte ſitzen können, ohne mit dem Sitz durchzubrechen!“ ſagte der Heros und ſtand langſam auf; der Kellermei⸗ ſter Balthaſar aber rollte ein Halbeimerfaß herbei an den Tiſch und lud den Ritter ein, Platz zu nehmen. Es knackten nur ein paar Dauben, als er ſich ſetzte, aber das Faß hielt aus. Dann bot ihm der Kellermeiſter ein großes Römerglas mit Wein, er faßte es mit der breiten ſteinernen Fauſt, aber krach! war es entzwei, daß ihm der Wein über die Finger lief.„Ei, Ihr hättet auch die Handſchuhe von Stein füglich ablegen können,“ ſprach Balthaſar ärgerlich und kredenzte ihm einen ſilbernen Becher, ſo ein Maas hielt und in früherer Zeit Tummler genannt wurde. Der Ritter faßte ihn, 12⁵ drückte nur einige unbedeutende Buckeln in den Becher, ſperrte das ſteinerne Maul auf und goß den Wein hinab. „Wie mundet Euch der Wein?“ fragte Baecchus den Gaſt;„Ihr habt wohl lange keinen getrunken?“ „Er iſt gut, bei meinem Schwert! Sehr gut! Was iſt es für Gewächs?“ „Rother Ingelheimer, geſtrenger Herr!“ antwor⸗ tete der Kellermeiſter. Das ſteinerne Auge des Ritters bekam Leben und Glanz, als er dies hörte, die gemeiſelten Züge verſchö⸗ nerte ein ſanftes Lächeln, und vergnüglich ſchaute er in den Becher. „Ingelheim! Du ſüßer trauter Name!“ ſprach er.„Du edle Burg meines ritterlichen Kaiſers; ſo nennt 35 man alſo noch in dieſer Zeit Deinen Namen, und die* Reben blühen noch, die Karl einſt pflanzte in ſeinem Ingelheim? Weiß man denn auch von Roland noch etwas auf der Welt und von dem großen Karolus, ſei⸗ nem Meiſter?“ „Das müßt Ihr den Menſchen dort fragen,“ erwi⸗ derte Judas,„wir geben uns mit der Erde nicht mehr ab. Er nennt ſich Doktor und Magiſter und muß Euch Beſcheid geben können über ſein Geſchlecht.“ Der Rieſe richtete ſein Auge fragend auf mich, und ich antwortete:„Edler Paladin! Zwar iſt die Menſch⸗ heit in dieſer Zeit lau und ſchlecht geworden, iſt mit dem hohlen Schädel an die Gegenwart genagelt und blickt nicht vor⸗, nicht rückwärts; aber ſo elend ſind wir doch nicht geworden, daß wir nicht der großen, herrli⸗ chen Geſtalten gedächten, die einſt über unſere Vater⸗ 126 erde gingen und ihren Schatten werfen noch bis zu uns. Noch gibt es Herzen, die ſich hinüberretten in die Ver⸗ gangenheit, wenn die Gegenwart zu ſchaal und trübe wird, die höher ſchlagen bei dem Klang großer Namen und mit Achtung durch die Ruinen wandeln, wo einſt der große Kaiſer ſaß in ſeiner Zelle, wo ſeine Ritter um ihn ſtanden, wo Eginhart bedeutungsvolle Worte ſprach und die traute Emma dem treueſten ſeiner Pala⸗ dine den Becher kredenzte. Wo man den Namen Eures großen Kaiſers ausſpricht, da iſt auch Roland unver⸗ geſſen, und wie Ihr ihm nahe ſtandet im Leben, ſo enge ſeid Ihr mit ihm verbunden in Lied und Sage und in den Bildern der Erinnerung. Der letzte Ton Eures Hifthorns tönt noch immer aus dem Thal von Ronce⸗ val durch die Erde und wird tönen, bis er ſich in die Klänge der letzten Poſaune miſcht.“ „So haben wir nicht vergebens gelebt, alter Karl!“ ſprach der Ritter,„die Nachwelt feiert unſere Namen.“ „Ha!“ rief Johannes feurigen Muthes;„dieſe Menſchen wären auch werth, Waſſer aus dem Rhein zu ſaufen ſtatt des Rebenblutes ſeiner Hügel, wenn ſie den Namen des Mannes vergeſſen hätten, der zuerſt die Reben pflanzte im Rheingau. Auf, Ihr trauten Geſellen und Apoſtel, ſtoßet an, unſer herrlicher Stammvater lebe, es lebe Kaiſer Karl der Große!“ Die Römer klangen, aber Bachus ſprach:„Ja, es war eine ſchöne, herrliche Zeit, und ich freue mich ihrer wie vor tauſend Jahren. Wo jetzt die wunder⸗ vollen Weingärten ſtehen vom Ufer bis hinauf an die Rücken der Berge, und hinauf und hinab im Rheinthal 127 Traube an Traube ſich ſchlingt, da lag ſonſt wüſter, düſterer Wald. Da ſchaute einſt Kaiſer Karl aus ſeiner Burg in Ingelheim an den Bergen hin, er ſah, wie die Sonne ſchon im März ſo warm dieſen Hügel begieße und den Schnee hinabrolle in den Rhein, wie ſo frühe die Bäume ſich dort belauben und das junge Gras dem Frühling voraneile aus der Erde. Da erwachte in ihm der Gedanke, Wein zu pflanzen, wo ſonſt der Wald lag. „Und ein geſchäftiges Leben regte ſich im Rheingau bei Ingelheim, der Wald verſchwand, und die Erde war bereit, den Weinſtock aufzunehmen. Da ſchickte er Männer nach Ungarn und Spanien, nach Italia und Burgund, nach der Champagne und nach Lothringen, und ließ Reben herbeibringen und ſenkte die Reiſer in der Erde Schooß. „Da freute ſich mein Herz, daß er mein Reich aus⸗ breite im deutſchen Lande, und als dort die erſten Reben blühten, zog ich ein im Rheingau mit glänzendem Ge⸗ folge; wir lagerten auf den Hügeln und ſchafften in der Erde und ſchafften in den Lüften, und meine Diener breiteten die zarten Netze aus und fingen den Frühlings⸗ thau auf, daß er den Reben nicht ſchade; ſie ſtiegen hinauf und brachten warme Sonnenſtrahlen nieder, die ſie ſorgſam um die kleinen Beerlein goſſen, ſchöpften Waſſer im grünen Rhein und tränkten die zarten Wur⸗ zeln und Blätter. Und als im Herbſt das erſte zarte Kind des Rheingaues in der Wiege lag, da hielten wir ein großes Feſt und luden alle Elemente zur Feier ein. Und ſie brachten köſtliche Geſchenke und legten ſie dem Kindlein als Angebinde in die Wiege. Das Feuer legte 128 ſeine Hand auf des Kindes Augen und ſprach:„„Du ſollſt mein Zeichen an Dir tragen ewiglich; ein reines, mildes Feuer ſoll in Dir wohnen und Dich werth machen vor allen andern.““ Und die Luft in zartem, goldenem Gewande kam heran, legte ihre Hand auf des Kindes Haupt und ſprach:„Zart und licht ſei Deine Farbe, wie der goldene Saum des Morgens auf den Hügeln, wie das goldene Haar der ſchönen Frauen im Rheingau.“⸗ Und das Waſſer rauſchte heran in ſilbernen Kleidern, bückte ſich auf das Kind und ſprach:„„Ich will Dei⸗ nen Wurzeln immer nahe ſein, daß Dein Geſchlecht ewig grüne und blühe und ſich ausbreite, ſo weit mein Rheinſtrom reicht.““ Aber die Erde kam und küßte das Kindlein auf den Mund und wehte es an mit ſüßem Athem.„„Die Wohlgerüche meiner Kräuter,“« ſprach ſie,„vdie herrlichſten Düfte meiner Blumen habe ich für Dich geſammelt zum Angebinde. Die köſtlichſten Salben aus Ambra und Myrrhen werden gering ſein gegen Deine Düfte, und Deine lieblichſten Töchter wird man nach der Königin der Blumen heißen,— die Roſen.“* „So ſprachen die Elemente; wir aber jubelten über die herrlichen Gaben, ſchmückten das Kindlein mit fri⸗ ſchem Weinlaub und ſchickten es dem Kaiſer in die Burg. Und er erſtaunte über die Herrlichkeit des Reben⸗ kindes, hat es fortan gehegt und gepflegt und die Rebe am Rhein ſeinen herrlichſten Schätzen gleich geachtet.““ „Andreas!“ rief Jungfrau Roſe.„Lieber Vetter, Du haſt ſolch eine ſchöne zarte Stimme, willſt Du nicht fingen zum Ruhme des Rheingaues und ſeiner Weine?“ 129 „Wenn es Euch erheitert, edle Jungfrau, und Euch nicht Beſchwerde macht, edler Bachus, wie auch Euch nicht unangenehm iſt, mein Herr und Ritter Roland, ſo will ich eines ſingen.“ Und er ſang eine ſchoͤne Weiſe voll zarter Töne und Worte, klangvoll und zierlich ge⸗ füget, ſo daß man wohl merken konnte, es ſei ein Lied eines alten Meiſters von 1400 oder 1500. Verflogen ſind ſeine Worte aus meinem Gedächtniß, aber ſeine Weiſe möchte ich doch wohl finden, denn ſie war einfach und ſchön, und Petrus begleitete ihn mit einem ſonoren, herrlichen Sekund. Die Luſt des Geſanges ſchien über alle herabzukommen, denn als Andreas geendet, ſang Judas unaufgefordert ein Lied, und ihm folgten die Übrigen. Selbſt Roſe, ſo ſehr ſie ſich zierte, mußte ein Lied von 1615 ſingen, was ſie mit angenehmer, etwas zitternder Stimme vortrug. Mit dröhnendem Baß ſang Roland eine Kriegshymne der Franken, von welcher ich nur einige Worte verſtand, und endlich, als ſie alle ge⸗ ſungen, ſchauten ſie auf mich, und Roſe nickte mir zu, etwas zu ſingen. Da hub ich denn an: Am Rhein, am Rhein, da wachſen unſre Reben, Da wächst ein deutſcher Wein, Da wachſen ſie am Ufer hin und geben Uns dieſen Labewein. Sie lauſchten, als ſie dieſe Worte hoͤrten, ſie nickten ſich zu und rückten näher zuſammen; und die Entfern⸗ teren ſtreckten die Köpfe vor, als wollten ſie kein Wort verlieren. Muthiger erhob ich meine Stimme, lauter und immer lauter war mein Geſang, denn es wogte in mir wie Begeiſterung, vor ſolchem Publikum zu ſingen. W. Hauffs Werke. V. 9 13⁰ Die alte Roſe nickte den Takt mit dem Kopfe und ſummte den Chorus leiſe, leiſe mit, und Freude und Stolz blickte aus den Augen der Apoſtel. Und als ich geendet, drängten ſie ſich zu, drückten mir die Hände, und Andreas hauchte einen Kuß auf meine Lippen. „Doktor!“ rief Bachus,„Doktor, welch ein Lied! Wie geht einem da das Herz auf! Herzensdoktor, haſt Du das Lied gedichtet in Deinem eigenen graduirten Gehirn?“ „Nein, Euer Exeellenz! ſolch ein Meiſter des Ge⸗ ſanges bin ich nicht. Aber den, der es gedichtet, haben ſie längſt begraben; er hieß Matthias Claudius!“ „Sie haben— einen guten Mann begra⸗ ben,“ ſagte Paulus.„Wie klar und munter iſt dies Lied, ſo klar und helle wie echter Wein, ſo muthig und munter wie der Geiſt, der im Weine wohnet und gewürzt mit Scherz und Laune, die wie ein würziger Duft aus dem Römer ſteigen; der Mann hat gewiß verſtanden, welch gutes Ding es um ein Glas lautern Weines iſt.“ „Herr, er iſt lange todt, das weiß ich nicht, aber ein anderer großer Sterblicher hat geſagt:„„Guter Wein iſt ein gutes, geſelliges Ding, und jeder Menſch kann ſich wohl einmal von ihm begeiſtern laſſen!““ Und ich denke, der alte Matthias hat auch ſo gedacht unter guten Freunden, hätte ja ſonſt ſolch ein ſchönes Lied nicht machen können, das noch heute alle fröhli⸗ chen Menſchen ſingen, die im Rheingau wandeln oder edlen Rheinwein trinken.“ „Singen ſie das?“ rief Bacchus.„Nun ſeht, Dok⸗ tor, das freut mich, und ſo gar miſerabel muß Euer 4 4 — 13¹1 Geſchlecht doch nicht geworden ſein, wenn ſie ſo klare ſchöne Lieder haben und ſingen.“ „Ach, Herr!“ ſprach ich bekümmert.„Es gibt der überſchwänglichen gar viele, das ſind Pietiſten in der Poeſie, und wollen ſolch Lied gar nicht für ein Gedicht gelten laſſen, wie manchen Frömmlern das Vaterunſer nicht myſtiſch genug zum Beten iſt.“ „Es hat zu jeder Zeit Narren gegeben, Herr!“ er⸗ widerte mir Petrus.„Und jeder fegt am beſten vor ſeiner eigenen Thüre. Aber weil wir gerade bei Sei⸗ nem Geſchlecht ſind, erzähl’ Er uns voch, wie es auf der Erde ging im letzten Jahr?“ „Wenn es die Herren und Damen intereſſirt,“— ſprach ich zögernd. „Immer zu,“ rief Roland,„wegen meiner koͤnntet Ihr die letzten fünfhundert Jahre erzählen, denn auf meinem Domhof ſehe ich nichts als Cigarrenmacher, Weinbrauer, Pfarrer und alte Weiber.“ Auch die übri⸗ gen ſtimmten mit ein; ich hub alſo an: „Was zuerſt die deutſche Literatur betrifft—“ „Halt, manum de tabula!“ rief Paulus.„Was ſcheeren wir uns um Euer miſerables Geſchmier, um Eure kleinlichen, ekelhaften Gaſſenſtreite und Knei⸗ penraufereien, um Eure Poetaſter, Afterpropheten und—“* Ich erſchrak; wenn dieſen Leuten nicht einmal un⸗ ſere wunderherrliche, magnifike Literatur intereſſant war, was konnte ich ihnen denn ſagen? Ich beſann mich und fuhr fort:„Offenbar hat Joco im letzten Jahre, was das Thegter anbelangt—“ 2 13²2 „Theater? Geht mir weg!“ unterbrach Andreas. „Was ſollen wir von Euren Puppenſpielen, Mario⸗ nettenkomödien und ſonſtigen Thorheiten hören! Mei⸗ net Ihr etwa, uns komme viel darauf an, ob einer Eurer Luſtſpieldichter ausgepfiffen wurde oder nicht? Habt Ihr denn dermalen gar nichts Intereſſantes, nichts Welthiſtoriſches, das Ihr etwa erzählen könn⸗ tet? „Ach, daß Gott erbarm,“ erwiderte ich,„bei uns iſt die Welthiſtorie ausgegangen, wir haben in dieſem Fach nur noch den Bundestag in Frankfurt. Bei unſern Nachbarn höͤchſtens gibt es noch hin und wieder etwas; zum Beiſpiel in Frankreich haben die Jeſuiten wieder Macht gewonnen und das Scepter an ſich geriſſen, und in Rußland ſollte es eine Revolution geben.“ „Ihr verwechſelt die Namen, Freund!“ ſagte Ju⸗ das;„Ihr wolltet ſagen, in Rußland ſind die Jeſuiten wieder eingezogen, und in Frankreich ſollte es eine Revolution geben?“ „Mit nichten, Herr Judas von Iſcharioth,“ ant⸗ wortete ich,„ſo iſt es, wie ich geſagt.“ „Ei der tauſend!“ murmelten ſie nachdenklich,„das iſt ja ganz ſonderbar und verkehrt!“„Und,“ fragte Petrus,„Krieg gibt es nicht?“ „Ein klein wenig, wird aber bald vollends zu Ende ſein, in Griechenland gegen die Türken.“ „Hal das iſt ſchön,“ rief der Paladin und ſchlug mit der ſteinernen Fauſt auf den Tiſch.„Hat mich ſchon vor vielen Jahren geärgert, daß die Chriſtenheit ſo ſchnöde zuſchaute, wie der Muſelmann dies herrliche 1 433 Volk in Banden hielt; das iſt ſchön, wahrlich! Ihr lebet in einer ſchönen Zeit, und Euer Geſchlecht iſt ed⸗ ler, als ich dachte. Alſo die Ritter von Deutſchland und Frankreich, von Italien, Spanien und England ſind ausgezogen, wie einſt unter Richard Löwenherz, die Ungläubigen zu bekämpfen? Die Genueſer Flotte ſchifft im Archipel, die Tauſende der Streiter überzu⸗ ſetzen, die Oriflamme naht ſich Stambuls Küſten, und Hſterreichs Banner weht im erſten Reihen? Hal zu ſolchem Kampfe möchte ich ſelbſt noch einmal mein Roß beſteigen, mein gutes Schwert Durande ziehen und in mein Hifthorn ſtoßen, daß alle Helden, die da ſchlafen, aufſtünden aus den Gräbern und mit mir zögen in die Türkenſchlacht.“ „Edler Ritter,“ antwortete ich und erröthete vor meiner Zeit,„die Zeiten haben ſich geändert. Ihr würdet wahrſcheinlich als Demagoge verhaftet werden bei ſothanen Umſtänden und Verhältniſſen, denn weder Habsburgs Banner noch die Oriflamme, weder Eng⸗ lands Harfe noch Hiſpaniens Löwen ſieht man in jenen Gefechten.“ „Wer iſt es denn, der gegen den Halbmond ſchlägt, wenn es nicht dieſe ſind?“ „Die Griechen ſelbſt.“ „Die Griechen? Iſt es möglich?“ rief Johannes. „Und die andern Staaten, wo ſind denn dieſe be⸗ ſchäftigt?“ „Noch haben ſie Geſandte bei der Pforte.“ „Menſch, was ſagſt Du?“ ſprach Roland ſtarr vor Stannen.„Kann man es ignoriren, wenn ein 13⁴ Volk um ſeine Freiheit kämpft? Heilige Jungfrau, was iſt dies für eine Welt! Wahrlich, das möchte ei⸗ nen Stein erbarmen!“ Er quetſchte im Zorn, während er die letzten Worte ſprach, den ſilbernen Becher wie dünnes Zinn zuſammen, daß der Wein darin an die Decke ſpritzte, fuhr raſſelnd auf vom Tiſch, nahm ſeine Tartſche und ſein langes Schwert und ſchritt düſter mit dröhnenden Schritten aus dem Gemach. „Ei, was iſt der ſteinerne Roland für ein zorniger Kumpan!“ murmelte Roſe, nachdem er die Pforte klirrend zugeworfen, indem ſie etliche Weintropfen, die ſie benetzten, vom Buſentuch abſchüttelte.„Will der ſteinerne Narr auf ſeine alten Tage noch zu Felde ziehen! Wenn er ſich ſehen ließe, ſie ſteckten ihn gleich ohne Barmherzigkeit als Flügelmann unter die Bran⸗ denburger Grenadiere, denn die Größe hat er.“ „Jungfer Roſe,“ erwiderte ihr Petrus,„zornig iſt er, das iſt wahr, und er hätte können auf andere Weiſe davon gehen; aber bedenket, daß er einſt Furioso, wahnſinnnig, war und noch ganz andere Sachen ge⸗ than, als ſilberne Becher zerquetſcht und Frauenzim⸗ mer mit Wein beſudelt. Und genau beim Lichte beſehen, kann ich ihm ſeinen Unmuth auch nicht verdenken; war er doch auch einmal ein Menſch und dazu ein herrlicher Paladin des großen Kaiſers, ein tapferer Ritter, der, wenn es Karl gewollt hätte, allein gegen tauſend Mu⸗ ſelmanen zu Felde gezogen wäre. Da hat er ſich denn geſchämt und iſt unmuthig geworden.“ „Laßt ihn laufen, den ſteinernen Recken!“ rief Bac⸗ — 13⁵ chus,„hat mich genirt, der Burſche, hat mich genirt. Er paßt nicht unter uns, der Lümmel von zehn Schuh, er ſah immer höhniſch auf mich herab. Die ganze Freu⸗ digkeit und mein Vergnügen hätt' er geſtört. Wir wä⸗ ren nicht zum Tanzen gekommen, nur weil er mit ſei⸗ nen ſteifen, ſteinernen Beinen keinen tüchtigen Hopſer hätte riskiren können, ohne elend umzuſtülpen.“ „Ja tanzen, heiſa, tanzen!“ riefen die Apoſtel; „Balthaſar ſpiel auf, ſpiel auf!“ Judas ſtand auf, zog ungeheure Stülphandſchuhe an, die ihm beinahe bis zum Ellbogen reichten, trat zierlich an die Jungfrau heran und ſagte:„Chrenfeſte und allerſchönſte Junger Roſe, dürfte ich mir die ab⸗ ſonderliche Ehre ausbitten, mit Ihr den Erſten—“ „Manum de—“ unterbrach ihn Bacchus pathe⸗ tiſch.„Ich bin es, der den Ball arrangirt hat, und ich muß ihn eröffnen. Tanze Er, mit wem Er will, Meiſter Judas, mein Röschen tanzt mit mir. Nicht wahr, Schätzerl?“ 3 Sie machte erröthend einen Knix zur Bejahung, und die Apoſtel lachten den Judas aus und verhöhnten ihn. Mir aber winkte der Weingott heroiſch zu.„Ver⸗ ſteht Er Muſik, Doktor?“ fragte er. „Ein wenig.“ „Taktfeſt?“ „O ja, taktfeſt wohl.“ „Nun, ſo nehme er dies Fäßlein do, ſetze Er ſich neben Balthaſar Ohnegrund, unſeren Kellermeiſter 136 und Zinkeniſten, nehme Er dieſe hölzernen Küperhäm⸗ mer zur Hand und begleite Jenen mit der Trommel.“ Ich ſtaunte und bequemte mich. War aber ſchon meine Trommel etwas außergewöhnlich, ſo war Bal⸗ thaſars Inſtrument noch auffallender. Er hielt näm⸗ lich einen eiſernen Hahnen von einem achtfuderigen Faß an den Mund, wie ein Klarinett. Neben mich ſetzten ſich noch Bartholomäus und Jakobus mit un⸗ geheuern Weintrichtern, die ſie als Trompeten hand⸗ habten und warteten des Zeichens. Der Tiſch wurde auf die Seite gerückt, Roſe und Bacchus ſtellten ſich zum Tanze. Er winkte, und eine ſchreckliche, quickende, mißtönende Janitſcharenmuſik brach los, zu der ich im Sechsachteltakt auf mein Faß, als Tambour, aufſchle⸗ gelte. Der Hahn, den Balthaſar blies, tönte wie eine Nachtwächtertute und wechſelte nur zwiſchen zwei Tö⸗ nen, Grundton und abſcheulich hohem Falſet, die bei⸗ den Trichtertrompeter blieſen die Backen auf und lock⸗ ten aus ihren Inſtrumenten Angſt⸗ und Klagelaute ſo herzdurchſchneidend wie die Töne der Tritonen, wenn ſie die Meermuſcheln blaſen. Der Tanz, den die Beiden aufführten, mochte wohl vor ein paar hundert Jahren üblich geweſen ſein. Jungfer Roſe hatte mit beiden Händen ihren Rock er⸗ griffen und ſolchen an den Seiten weit ausgeſpannt, daß ſie anzuſehen war, wie ein großes weites Faß. Sie bewegte ſich nicht ſehr weit von der Selle, ſondern trippelte hin und her, indem ſie bald auf⸗, bald nieder⸗ tauchte und knixte. Lebendiger war dagegen ihr Tän⸗ zer, der wie ein Kreiſel um ſie herfuhr, allerlei kühne 1³7 Sprünge machte, mit den Fingern knallte und Heiſa, Juhel ſchrie. Wunderlich war es anzuſehen, wie das kleine Schürzlein der Jungfer Roſe, das ihm Baltha⸗ ſar umgethan, hin und her flatterte in der Luft, wie ſeine Beinchen umherbaumelten, wie ſein dickes Ge⸗ ſicht lächelte vor inniger Herzensluſt und Freude. Endlich ſchien er ermüdet, er winkte Judas und Paulus herbei und flüſterte ihnen etwas zu. Sie ban⸗ den ihm die Schürze ab, faßten ſolche an beiden Enden und zogen und zogen, ſo daß ſie plötzlich ſo groß wurde, wie ein Betttuch. Dann riefen ſie die Andern herbei, ſtellten ſie rings um das Tuch und ließen es anfaſſen. „Ha,“ dachte ich,„jetzt wird wahrſcheinlich der alte Balthaſar ein wenig geprellt, zu allgemeiner Ergötzung. Wenn nur das Gewölbe nicht ſo nieder wäre, da kann 4 er leicht den Schädel einſtoßen.“ Da kam Judas und der ſtarke Bartholomäus auf uns zu und faßten— mich; Balthaſar Ohnegsund lachte hämiſch; ich bebte, ich wehrte mich; es half nichts, Judas faßte mich feſt an der Kehle und drohte mich zu erwürgen, wenn ich mich ferner ſträube. Die Sinne wollten mir vergehen, als ſie mich unter allgemeinem Jauchzen und Geſchrei auf das Tuch legten; noch einmal raffte ich mich zu⸗ ſammen.„Nur nicht zu hoch, meine werthen Gönner, ich renne mir ſonſt das Hirn ein am Gewölbe,“ rief ich in der Angſt des Herzens, aber ſie lachten und überſchrieen mich. Jetzt fingen ſie an, das Tuch hin und her zu wiegen, Balthaſar blies den Trichter dazu. Jetzt ging es auf und abwärts, zuerſt drei, vier, fünf Schuh hoch, auf einmal ſchnellten ſie ſtärker, ich flog — 438 hinauf und— wie eine Wolke that ſich die Decke des Gewölbes auseinander, ich flog immer aufwärts zum Rathhausdach hinaus, höher, höher, als der Thurm der Domkirche.„Ha,“ dachte ich im Fliegen,„jetzt iſt es um Dich geſchehen! Wenn du jetzt wieder fällſt, brichſt du das Genick oder zum allerwenigſten ein paar Arme oder Beine! O Himmel, und ich weiß ja, was ſie von einem Mann mit gebrochenen Gliedmaßen denkt! Ade, ade! mein Leben, meine Liebe!“ Jetzt hatte ich den höchſten Punkt meines Steigens erreicht, und eben ſo pfeilſchnell fiel ich abwärts. Krach! Ging es durchs Rathhausdach und hinab durch die Decke des Gewölbes, aber ich fiel nicht auf das Tuch zurück, ſondern gerade auf einen Stuhl, mit dem ich rücklings über den Boden ſchlug. Ich lag einige Zeit betäubt vom Fall. Ein Schmerz am Kopfe und die Kälte des Bodens weckten mich endlich. Ich wußte anfangs nicht, war ich zu Hauſe aus dem Bette gefallen, oder lag ich ſonſt wo. Endlich beſann ich mich, daß ich irgendwo weit herabgeſtürzt ſei. Ich unterſuchte ängſtlich meine Glieder, es war nichts gebrochen, nur das Haupt that mir weh vom Fall. Ich raffte mich auf, ſah um mich. Da war ich in einem gewölbten Zimmer, der Tag ſchien matt durch ein Kellerloch herab, auf dem Tiſche ſprühte ein Licht in ſeinem letzten Leben, umher ſtanden Gläſer und Flaſchen, und rings um die Tafel vor jedem Stuhl ein kleines Fläſchchen mit langem Zettel am Halſe.— Ha, jetzt fiel mir nach und nach alles wieder ein. Ich war zu Bremen im Rathskeller; geſtern Nacht war ich 139 hereingegangen, hatte getrunken, hatte mich einſchlie⸗ ßen laſſen, da war—; voll Grauen ſchaute ich um mich, denn alle, alle Erinnerungen erwachten mit ei⸗ nemmal. Wenn der geſpenſtige Balthaſar noch in der Ecke ſäße, wenn die Weingeiſter noch um mich ſchweb⸗ ten! Ich wagte verſtohlene Blicke in die Ecken des dü⸗ ſteren Zimmers, es war leer. Oder wie? Hätte dies alles mir nur geträumt? Sinnend ging ich um die lange Tafel: die Probe⸗ fläſchchen ſtanden, wie jeder geſeſſen hatte. Obenan die Roſe, dann Judas, Jakobus,— Johannes, ſie alle an der Stelle, wo ich ſie leiblich geſchaut hatte dieſe Nacht.„Nein, ſo lebhaft träumt man nicht,“ ſprach ich zu mir.„Dies alles, was ich gehört, ge⸗ ſchaut, iſt wirklich geſchehen!“ Doch nicht lange hatte ich Zeit zu dieſen Reflexionen. Ich hörte Schlüſſel raſ⸗ ſeln an der Thüre, ſie ging langſam auf, und der alte Rathsdiener trat grüßend ein. „Sechs Uhr hat es eben geſchlagen,“ ſprach er. „Und wie Sie befohlen, bin ich da, Sie heraus zu laſ⸗ ſen. Nun,“ fuhr er fort, als ich mich ſchweigend an⸗ ſchickte, ihm zu folgen;„nun und wie haben Sie ge⸗ ſchlafen dieſe Nacht?“ „So gut es ſich auf einem Stuhl thun läßt, ziem⸗ lich gut.“ „Herr,“ rief er ängſtlich und betrachtete mich ge⸗ nauer.„Ihnen iſt etwas Unheimliches paſſirt dieſe Nacht. Sie ſehen ſo verſtoͤrt und bleich aus, und Ihre Stimme zittert!“ 14⁰ „Alter, was wird mir paſſirt ſein,“ erwiderte ich, mich zum Lachen zwingend.„Wenn ich bleich ausſehe und verſtört, ſo kömmt es vom langen Wachen, und weil ich nicht im Bette geſchlafen,—“ „Ich ſehe, was ich ſehe,“ ſagte er kopfſchüttelnd. „Und der Nachtwächter war heute frühe auch ſchon bei mir und erzählte, wie er am Kellerloch vorübergegan⸗ gen zwiſchen zwölf und ein Uhr, habe er allerlei Ge⸗ ſang und Gemurmel vieler Stimmen vernommen aus dem Keller.“ „Einbildungen, Poſſen! Ich habe ein wenig für mich geſungen zur Unterhaltung undvielleicht im Schlaf geſprochen, das iſt alles.“ „Diesmal Einen im Keller gelaſſen in ſolcher Nacht und von nun an nie wieder,“ murmelte er, indem er mich die Treppe hinauf begleitete.„Gott weiß, was der Herr Gräuliches hat hören und ſchauen müſſen! Wünſche gehorſamſt guten Morgen.“ „Doch hat daſelbſt vor allen Eine Jungfrau mir gefallen.“ Der Worte des fröhlichen Bacchus eingedenk und von Sehnſucht der Liebe getrieben, ging ich, nachdem ich einige Stunden geſchlummert, der Holden guten Morgen zu ſagen. Aber kalt und zurückhaltend empfing ſie mich, und als ich ihr innige Worte zuflüſterte, wandte ſie mir laut lachend den Rücken zu und ſprach: „Gehen Sie und ſchlafen Sie erſt fein aus, mein 141 Ich nahm den Hut und ging, denn ſo ſchnöde war ſie nie geweſen. Ein Freund, der in einer andern Ecke des Zimmers am Klavier geſeſſen, ging mir nach und ſagte, indem er wehmüthig meine Hand ergriff:„Her⸗ zensbruder, mit Deiner Liebe iſt es rein aus auf im⸗ merdar, ſchlage Dir nur gleich alle Gedanken aus dem Sinne.“ „So viel ungefähr konnte ich ſelbſt merken,“ ant⸗ wortete ich.„Der Teufel hole alle ſchönen Augen, je⸗ den roſigten Mund und den thörichten Glauben an das, was Blicke ſagen, was Mädchenblicke ausſprechen.“ „Tobe nicht ſo arg, ſie hören es oben,“ flüſterte er.„Aber ſag' mir um Gottes willen, iſt es denn wahr, daß Du heute die ganze Nacht im Weinkeller gelegen und getrunken haſt?“ „Nun ja und wen kümmert es denn?“ „Weiß der Himmel wie ſie es gleich erfahren hat, ſte hat den ganzen Morgen geweint und nachher ge⸗ ſagt, vor einem ſolchen Trunkenbold, der ganze Nächte beim Wein ſitze und aus ſchnöder Trinkluſt ganz allein trinke, ſolle ſie Gott behüten. Du ſeiſt ein ganz ge⸗ meiner Menſch, von dem ſie nichts mehr hören wolle.“ „So?“ erwiderte ich ganz gelaſſen und hatte ei⸗ niges Mitleiden mit mir ſelbſt.„Nun gut, geliebt hat ſie mich nie, ſonſt würde ſie auch mich darüber hö⸗ ren. Ich laſſe ſie ſchön grüßen. Lebe wohl.“ Ich rannte nach Hauſe und packte ſchnell zuſam⸗ men und fuhr noch denſelben Abend von dannen. Als ich an der Rolandſäule vorüber kam, grüßte ich den 142 alten Recken recht freundlich und zum Entſetzen mei⸗ nes Poſtillons nickte er mir mit dem ſteinernen Haupt einen Abſchiedsgruß. Dem alten Rathhaus und ſei⸗ nen Kellerhallen warf ich noch einen Kuß zu, drückte mich dann in die Ecke meines Wagens und ließ die Phantaſieen dieſer Nacht noch einmal vor meinem Auge vorüber gleiten. An die Beſitzer des Shakſpeare von Schlegel& Tieck. Vollständig in 4 Bänden = mit 40 Stahlstichen kann durch die Unterzeichnete, ſowie durch alle Buchhandlungen Deutſchlands bezogen werden: Nachträge u 3 Shakſpeare’s Werken, in der Ueberſetzung von Schlegel& Tieck. Vier Bände=— mit 40 Stahlſtichen. Preis des Ganzen: 1fl. 48 kr. oder 1 Rthlr. 6 Ngr. Da bei ſolch em Preiſe dieſer nothwendi⸗ gen Ergänzungen der Meiſterwerke Shak⸗ ſpeare's der Vorrath ſchnell erſchöpft ſein dürfte ſo bitten wir um gefällige Beſchleunigung der Beſtellungen. Scheiblte, Reeger& Sasttler in Stuttgart. * Herausgegeben von der „Gesellschaft zur Verbreitung guter und wohlfeiler Bücher“ erſchienen im Verlage von Scheible, Rieger& Sattler in Stuttgart nachſtehende ausgezeichnete Werke, welche durch alle Buchhandlungen bezogen werden können; Becquerel, M., populäre Naturlehre, mit be⸗ ſonderer Rückſicht auf die Chemie und verwandten Wiſſenſchaften. Aus dem Franzöſiſchen von Prof. G. Kißling. In 9 Theilen, mit einer Menge von Abbildungen. 2 fl. 42 ke. oder 1 Rthlr. 21 Ngr. —— Böttiger, Dr. K. W., Geſchichte des deutſchen Volkes und des deutſchen Landes für Schule und Haus und für Gebildeie überhaupt. Dritte, durch⸗ aus verbeſſerte Auflage in 8 Theilen mit dem Bild⸗ niſſe des Verfaſſers in Stahlſtich. 2 fl. oder 1 Rthlr. 10 Ngr. ———— Naturgeſchichte, populäre, der drei Reiche. Von F. S. Beudant, Milne⸗Edwards, A. von Juſſieu. Vollſtändig in Einem Prachtbande, mit mehr als tauſend getreuen Abbildungen. 4 fl. 12 kr. oder 2 Rthlr. 18 Ngr. — Nork, F., populäre Mythologie, oder Götterlehre aller Voͤlker. In 10 Theilen mit einer Menge von Abbildungen. 3 fl. ober 1 Rthlr. 27 Ngr. Dher 1 Sehre ue ſendes Woͤrterbuch des ſämmtlichen Wiſſens. Be⸗ arbeitet von Gelehrten, Künſtlern, Gewerbe⸗ und Handeltreibenden. In 18 Bänden. 7 fl. 12 kr. oder 4 ⅓ Rthlr. Daſſelbe Werk in Einem Prachtbande. 7 fl. 12 kr. oder 4 ½ Rthlr. —— * Volks⸗Converſations⸗Lexikon. Umfaſ⸗