Wilhelm Hauff's 4 ſämmtliche Werke. Mit des Dichters Leben von Guſtav Schwab. Neu durchgeſehen und ergänzt. Viertes Bändchen. Vierte Geſammtausgabe. Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1846. Das Bild des Kaiſers. Eine Novelle. 1. In dem Cabriolet des Eilwagens, der zweimal in der Woche von Frankfurt nach Stuttgart geht, reisten vor einigen Jahren an einem der ſchönſten Tage des Septembers zwei junge Männer. Der eine von ihnen war erſt eine Station hinter Darmſtadt eingeſtiegen und hatte dem frühern Paſſagier ſchon beim erſten An⸗ blick durch ſein ſchmuckes Außere und den freundlichen Gruß, womit er ſich neben ihn ſetzte, die Furcht, der Zufall möchte ihm eine unangenehme Nachbarſchaft geben, völlig benommen. Der Fortgang der Reiſe be⸗ wies, daß er nicht unrichtig geurtheilt hatte, wenn er ſeinen Reiſegefährten für einen wohlgezogenen, anſtän⸗ digen Mann hielt. Was er ſprach, war, wenn nicht gerade heiter, doch offen und verſtändig; nicht ſelten ſogar überraſchten den Reiſenden leicht hingeworfene Außerungen, Gedanken ſeines Nachbars, die von ſeiner Bildung, geſellſchaftlicher Erfahrung und einer Bele⸗ ſenheit zeugten, die er denn doch hinter dem etwas groben Jagdrock und der unſcheinbaren Ledermütze nicht geſucht hätte. Überhaupt däuchte es dieſem Reiſenden, er müſſe, je mehr er im Süden vordrang, deſto öfter 1 6 und nicht ohne Beſchämung dem Lande und den Bewoh⸗ nern Vorurtheile abbitten, die man in der Ferne vom Hörenſagen, beſonders in einem Alter von vierund⸗ zwanzig Jahren, ſo leicht annimmt. Wie anders war ihm dieſes Land im Brandenbur⸗ giſchen geſchildert worden! Manche Reiſende hatten zwar dieſe Bergſtraße, dieſes Neckarthal gelobt, doch erſchien dann ihre Beſchreibung matt und klein gegen die Wunder der Schweiz, zu welcher ſie auf dieſer Straße geeilt waren. Über die Bewohner war aber in. ſeiner Heimath nur eine Stimme. Hier, bald hinter Darmſtadt, fangen die Schwaben an, erzählte man dem jungen Reiſenden in Berlin, mit einem mitleidigen Blick auf die Karte, mit einem noch mitleidigeren auf ihn, der dieſe Länder beſuchen wolle. Da geht alles ge⸗ ſellſchaftliche Leben, alle Bildung aus; ein rohes, un⸗ geſittetes Volk, das nicht einmal gutes Deutſch ſprechen kann. Und leider nicht nur die unterſten Klaſſen leiden an dieſem Mangel, auch die beſſeren Stände haben einen Anſtrich von eingeſchränktem, ungalantem Weſen, und reden ſo elendes Deutſch, daß ſie vor Fremden, um nicht erröthen zu müſſen, Franzöſiſch ſprechen;— Das war der Reiſepfennig, den man ihm nach Schwa⸗ ben mitgab, und in dem jungen und romantiſchen Kopf des jungen Brandenburgers hatten dieſe Sagen ſich endlich während der ſchönen Muße, die ihm die Sand⸗ kunſtſtraßen und die ſchnapſenden Poſtillons ſeines Vaterlandes gönnten, ſo ſonderbar geſtaltet, daß er ſich ſelbſt wie einer jener wohlerzogenen, jungen Herren in einem Seottiſchen Roman erſchien, die von den weh⸗ —2- 7 müthigen Erinnerungen an die feinſten Zirkel, an Theater und alle Genüſſe der großen Welt erfüllt, von 5 London aus reiſen, um das Hochland und ſeine barbariſchen Bewohner zu beſuchen. Doch als die herrliche Welt jener Berge voll Obſt und Wein und jene geſegneten Thäler ſich vor ſeinen Blicken aufthaten, als die ſchönen Dörfer mit ihren rothen Dächern, mit ihren reinlichen, fröhlichen Men⸗ ſchen, ſeinem erſtaunten Auge ſich zeigten, als da und dort zwiſchen prachtvollen Buchenwäldern eine alte Burg und ein Schloß mit ſchimmernden Fenſtern auf⸗ tauchte, da ſiel er beinahe in das andere Extrem; er ſtrömte über von Lob und Bewunderung und bemitlei⸗ dete die arme flache Mark, ihren kahlen Sandboden, ihre mageren Tannen und ihre bleichen Bewohner, von welchen vielleicht Tauſende aus dem Leben gingen, ohne nur eine jener üppigen Trauben geſehen zu haben, die hier in unendlicher Fülle durch das grüne Laub ſchim⸗ merten, und ein ſchwacher Troſt für ſeinen Patriotis⸗ mus war, daß die Natur ſeine Landsleute durch hoͤhere Einſicht, eine wohllautendere Sprache und feinere Bil⸗ dung in etwas wenigſtens entſchädigt habe. Der junge Mann an ſeiner Seite ſchien übrigens, obgleich man ſeiner Sprache den ſüdlichen Accent an⸗ fühlte, die Geſetze des Anſtandes nicht minder gut zu verſtehen, als der Brandenburger; zum mindeſten ver⸗ rieth keine ſeiner Fragen Neugierde, über deſſen Stand, Vaterland und Reiſezweck etwas zu erfahren, er benahm ſich zuvorkommend, aber würdig, ſchien geneigter zu antworten, als zu fragen, und übernahm es, ohne ſich 8 dadurch beläſtigt zu fühlen, den Fremden über Namen und Geſchichte der Burgen und Städte, die ihm auf⸗ fielen, zu unterrichten. So ruhig und kalt übrigens der junge Manni im Jagdkleid über dieſe Dinge Aufſchluß gab, ſo waren es doch zwei Punkte, über welche er wärmer und länger ſprach. Einmal, als ſein Nebenſitzer über die gute Geſellſchaft in Schwaben einige ſeiner ſonderbaren Begriffe preisgab, ſah ihn der Grüne mit Verwunde⸗ rung an, fragte ihn auch, ob er vielleicht auf einem andern Wege ſchon früher in Schwaben geweſen ſei, und als Jener es verneinte, erwiderte er: „Ich weiß, man macht ſich hin und wieder, be⸗ ſonders in Norddeutſchland, ſonderbare Begriffe von uns. Ob mit Recht, mögen Sie ſelbſt entſcheiden, wenn Sie einige Zeit in unſerer Mitte verweilt haben. Doch möchte ich Ihnen rathen, zuvor etwas unbefan⸗ gener die mögliche Quelle ſolcher Urtheile zu betrachten. Ich gebe zu, daß eine gewiſſe nachtheilige Anſicht über mein Vaterland ſeit Jahrhunderten beſteht; zum min⸗ deſten ſind die Schwabenſtreiche nicht erſt in unſeren Tagen bekannt geworden. Doch ſcheint ein großer Theil 8 dieſer aberwitzigen Dinge aus einer gewiſſen Eiferſucht der Volksſtämme hervorzugehen, und aus der Klein⸗ ſtädterei, die von jeher in unſerm lieben Deutſchland herrſchte. In Schwaben zum Beiſpiel erzählt man alle jene Sonderbarkeiten, die Andere uns aufbürden, von den Öſterreichern; daß aber dieſes Vorurtheil ſelbſt in neueren Zeiten, ſelbſt durch die Fortſchritte der Cultur und das regere geſellige Leben nicht geſchwächt wurde, —— o— 9 hat zwei wichtige Gründe, die größere Schuld aber liegt nicht auf der Seite von Süddeutſchland.“ „Bitte!“ rief der brandenburgiſche Reiſende etwas ungläubig,„ich ſollte doch nicht denken—“ „Man beurtheilt unſere Sitten nach meinen Lands⸗ leuten, die man in Norddeutſchland ſieht. Wenn nun dieſe auch die vernünftigſten Menſchen wären, es wür⸗ den ihnen doch zwei Mängel anhängen, die ſie in Ihren Augen in Nachtheil ſetzen. Einmal die Sprache— u „Bitte!“ erwiderte ſein Gefährte verbindlich.„Nicht Alle, Sie zum Beiſpiel drücken ſich allerliebſt aus.“ „Ich drücke mich aus, wie ich denke, und ſo macht es ein guter Theil meiner Landsleute auch; weil wir aber die Diphtongen anders ausſprechen, als Ihr, die Endſilben entweder nach unſerer alterthümlichen Form ändern, oder im Sprechen übereilen, klingt Euch unſere Sprache auffallend, hart, beinahe gemein. Die meiſten Schwaben, die Sie bei ſich ſehen, ſind junge Männer, die von der Univerſität kommen und die Anſtalten in Nord⸗ deutſchland beſuchen, oder Kaufleute, die ihr Handels⸗ weg dahin führt. Dieſen Menſchen legen nun Ihre Landsleute durchaus ihren eigenen Maßſtab an und thun ſehr Unrecht daran. In Ihrem Lande wird den äußeren Formen und dem Benehmen des Knaben und des Jünglings einige Aufmerkſamkeit geſchenkt, er wird ſehr bald in die geſelligen Kreiſe gezogen; bei uns findet dies vielleicht erſt um acht oder zehn Jahre ſpäter ſtatt.“ „Nun das iſt es ja gerade, was ich ſagte,“ entgeg⸗ hete Jener;„dieſe Formen gewinnt keiner durch ſich ſelbſt, und dies iſt alſo ein Fehler Ihrer Erziehung—“ 40 „Vorausgeſetzt, daß jene Formen wirklich ſo treff⸗ lich, daß ſie das ſind, was dem zukünftigen Bürger eines Staates vor allem als nützlich und nothwendig einzuimpfen iſt.“ 5 „Das ſoll es ja nicht; aber ſo auf dem Wege mit⸗ nehmen kann er ſie doch wohl,“ meinte der Fremde. „Wenn er ſie nur ſo mitnimmt, verliert er ſie auch gelegentlich,“ erwiderte der Schwabe.„Doch das iſt nicht der Punkt, wovon wir ſprechen. Ich behaupte nur, man hat in Norddeutſchland Unrecht, unſere Sit⸗ ten und unſere Geſellſchaft nach Leuten zu beurtheilen, die der Geſellſchaft eigentlich noch nicht angehört hatten, die vielleicht in die Welt geſchickt wurden, um ihre Sitten abzuſchleifen. Oder wollten Sie nach einig3en jungen Gelehrten, die gerade aus der Studirſtube zu Ihnen kamen und ſich vielleicht ungeſchickt in Sprache und Manieren zeigten, die Landsleute dieſer Menſchen beurtheilen?“ „Gewiß nicht, aber geſtehen Sie ſelbſt, man hört doch ſelbſt von der guten Geſellſchaft in Schwaben ſo ſonderbare Gerüchte, von ihren Sitten und Gebräuchen, von ihren Frauen und Mädchen.“ „Vielleicht kaum ſo ſonderbar,“ verſetzte der Jäger lächelnd,„als man bei uns von den Sitten Ihrer Damen 4 hört; denn unſere Mädchen ſtellen ſich die norddeut⸗ 3 ſchen Damen gewiß immer mit irgend einem gelehrten Buch in der Hand vor. Die zweite Quelle des Irrthums über mein Vaterland ſind aber Ihre reiſenden Lands⸗ leute und die eigenthümlichen Verhältniſſe unſeres Fa⸗ milienlebens. In Norddeutſchland fällt es nicht ſchwer, 11 in Familienkreiſen Zutritt zu bekommen, durch einen Bekannten zehn zu erwerben. In Schwaben iſt es an⸗ ders: man iſt heiter, geſellig unter ſich, der Fremde wird als etwas Fremdes angeſtaunt, aber eher vermie⸗ den als eingeladen, doch werden Sie für dieſe ſchein⸗ bare Kälte immer eine Entſchädigung finden. Ihre Landsleute öffnen die Thür, aber ſelten das Herz; meine Schwaben ſind vorſichtiger, aber ſie ſchließen ſich an den, welchen ſie liebgewonnen, mit einer Herzlichkeit an, die Sie bei künſtlichen verfeinerten Sitten umſonſt ſuchen.“ „Und alſo liegt eine zweite Quelle unſerer Vor⸗ urtheile,“ fragte der Fremde,„darin, daß meine Lands⸗ lente eigentlich gar nicht in Ihren Kreiſen einheimiſch wurden?“ „Gewiß!“ ſagte der Nachbar.„Lernen Sie, wenn Ihnen das Glück wohl will, in die Kreiſe unſerer beſ⸗ ſern Stände zu kommen, lernen Sie uns näher kennen, laſſen Sie ſich nicht durch Ihre eigenen Anſichten über Leben und Sitten durchaus leiten, und Sie werden ein gutes, herzliches Völkchen finden, gebildet genug, um, wenn man nur die rechte Saite anſchlägt, ſich mit dem Gebildetſten zu meſſen; vernünftig genug, um die Gren⸗ zen guter Sitten feſt zu halten und das Lächerliche der Unſitte zu belächeln.“ Der Fremde aus der Mark lächelte.„Er liebt ſein Land,“ dachte er,„und er vertheidigt es mit Wärme, 4 weil er es nicht ſinken laſſen will, oder Beſſeres nie geſehen hat.“ Er entſchuldigte bei ſich die warme Ver⸗ theidigung des Schwaben, aber dennoch konnte er es * - 12 ſich nicht verſagen, einen kleinen Triumph über Jenen zu feiern. Er machte ihn mit der Geläufigkeit der Zunge und jener Uebung, über ein Nichts ſchnell und Vieles zu ſprechen,— die man im Norden unſeres Vaterlan⸗ des häufiger als im Süden treffen ſoll— auf andere große Vorzüge aufmerkſam, welche die nördlichen Pro⸗ vinzen Deutſchlands vor den ſüdlichen voraus haben. Er zählte immer zwanzig Schriftſteller und Dichter ſeiner Heimath gegen einen im Süden, und der Schwabe konnte endlich dem Schwall ſeiner Beredſamkeit nur dadurch Einhalt thun, daß er, als ſie um eine Ecke der Landſtraße bogen, auf die erhabenen Ruinen von Heidel⸗ berg hinwies; der Fremde betrachtete ſie ſtaunend und mit Entzücken. Ihre röthlichen Steinmaſſen waren von der ſinkenden Herbſtſonne noch höher geröthet, und der Abend ließ die Bäume und Geſträuche, die in den ver⸗ fallenen Mauern wachſen, im dunkelſten wundervollſten Grün erſcheinen. Durch die hohen, offenen Fenſterbo⸗ gen blickte der ſchwärzliche Wald hervor, den Gipfel des Berges umzog jener duftige Schleier, welcher allen Gegenſtänden ſo eigenen geheimnißvollen Reiz verleiht, und von oben herab ſpiegelten ſich die röthlichen Abend⸗ wölkchen und der dunkelblaue Himmel in den Fluten der Neckars. „Und haben Sie ſolche Poeſie in der Mark?“ fragte der Jäger mit gutmüthigem Lächeln. ₰ Der Fremde ſchien es nicht zu hören; unverwandt hin gen ſeine Blicke an dieſem reizenden Schauſpiel; er mochte fühlen, daß es ſich an ſolchen Stellen über Poeſie nicht gut ſtreiten laſſe. . 13 Nach dieſem Vorfall kehrte übrigens auf dem Ge⸗ ſicht des Jägers die vorige Ruhe und Unbefangenheit zurück; er ſtritt über keinen Gegenſtand, ſchien ſogar über manche Dinge ſich behutſam auszudrücken. Als aber das Geſpräch unter den beiden Reiſenden, da die hereinbrechende Nacht ihre Aufmerkſamkeit auf die Gegend hemmte, auf einige neuere Ereigniſſe und auf Politik kam, ſchien es dem jungen Mann aus der Mark, obgleich er die Züge ſeines Nachbars nicht mehr gut unterſcheiden konnte, ſein Athem gehe ſchneller, ſeine Rede werde wärmer, kurz, man habe einen Punkt der Unterredung getroffen, welcher für den Schwaben von hohem Intereſſe ſei. Man ſprach von der Geſtalt und der inneren Kraft Deutſchlands. Mit einer gewiſſen Erbitterung zog jener eine Parallele zwiſchen Jetzt und Sonſt, die nicht gerade zum Vortheil der neueren Zeit ausfiel. Der Fremde, deſſen Grundſätze im Ganzen nicht mit dieſen Anſichten übereinſtimmen mochten, gab ihm dennoch, nicht ohne einiges Selbſtgefühl, die letz⸗ ten Sätze zu. Unglücklicher Weiſe fing er ſeinen Satz: „Ich bin ein Preuße“ an, und reizte dadurch un⸗ willkürlich den Unmuth des jungen Mannes noch mehr auf. Denn dieſer vergaß nun jede Rückſicht der Klug⸗ heit; mit einer Beredſamkeit, die an jedem andern Orte dienlich geweſen wäre, ſuchte er ſeine Meinung durch⸗ zuführen und nichts war ihm zu hoch, das er nicht mit ſeinem eigenen Maßſtab gemeſſen hätte. Der Preuß L. der ſolche Leute nur vom Hörenſagen und unter dem gefährlichen Namen„Köpeniker“ kannte, erſchrak über dieſe Außerungen. Konnte nicht der Poſtillon, konnte 1. Hauffs Werke⸗ IV⸗ 2 22 . 14. nicht ain Paſſagier im Bauche des Wagens dieſe Reden vernommen haben! Spandau, Köpenik, Jülich und alle möglichen feſten Plätze ſchwebten vor ſeiner auf⸗ geregten Phantaſie, und das beſte Mittel, ſeinen Nach⸗ bar zum Stillſchweigen zu bringen, ſchien ihm, wenn er ſich in die Ecke drückte und ſich ſchlafend ſtellte. 2. Als die beiden Reiſenden am Morgen nach dieſer gefährlichen Nacht erwachten, ſahen ſie in geringer Entfernung die Thürme von Heilbronn aus dem Nebel tauchen.„Hier endet meine Fahrt,“ ſagte der Herr im grünen Rock, indem er auf die Stadt deutete,„und Ihnen danke ich es,“ ſetzte er mit einem freundlichen Blick auf ſeinen Nachbar Linzu⸗„daß ich diesmal dieſen Wagen ungern verlaſſe. Wie angenehm wäre mir noch ein Tag in ihrer Geſellſchaft vergangen!“ „Dies iſt mein Loos ſchon ſeit vierzehn Tagen ge⸗ weſen,“ erwiderte der Brandenburger.„Der enge Raum macht nachbarlich; Menſchen, welche vielleicht in einer größern Stadt, ſelbſt wenn ſie Zimmernachbarn geweſen wären, Jahre lang unter ſich kein Wort ge⸗ wechſelt hätten, treten ſich nahe durch den ſo natürli⸗ chen Drang nach Mittheilung. Der Platz an meiner Seite wechſelte öfter, als in einer Schlacht, doch darf ich mir Glück wünſchen, Sie wenigſtens ſo lange zu meinem Nachbar gehabt zu haben, denn ſo bin ich auf die angenehmſte Weiſe inhr Vaterland eingeführt worden. 4 „Werden Sie lätger in Württemberg verweilen?“ —,— —,— „Ich beſuche Verwandte meiner Mutter,“ erwiderte der Fremde;„je nachdem ſie und die Reſidenz mir ge⸗ fallen, werde ich länger oder kürzer verweilen.“ „Wir werden uns ſchwerlich wieder ſehen,“ ſagte der Grüne,„ich wüßte wenigſtnes nicht, was mich nach Stuttgart treiben ſollte. Vergeſſen Sie aber nie, was ich Ihnen über den Charakter meiner Landsleute ſagte. Können Sie nach ihrer Denkungsart, nach ihren Sitten ſich ein wenig richten, ſo werden Sie überall geſucht und willkommen ſein. Unſern Damen ſind Sie dann als Fremder nur um ſo intereſſanter und unſern Män⸗ nern— nun da kömmt es immer auf den Zirkel an, in welchem Sie leben; nur müſſen Sie,“ ſetzte er mit einem Lächeln hinzu, das zwiſchen Ironie und gutmü⸗ thiger Freundlichkeit ſchwebte,„nie zu deutlich und fühlbar machen——* „Nun?“ rief der Fremde erwartungsvoll, als Jener innehielt, „Daß Sie kein Deutſcher, ſondern ein Preuße ſind.“ Das ſchmetternde Horn des Poſtillons und das Raſ⸗ ſeln des ſchweren Wagens auf dem Steinweg übertönte die Antwort des Fremden. Den Paſſagiren ward in dieſer Stadt eine kleine Raſt vergönnt, und der Fremnge wollte ſeinen Nachbar im Eilwagen noch einmal zum Frühſtück einladen. Doch ſchon unter der Thüre des Poſthauſes überreichte dieſem ein alter Reitknecht mehre Briefe; er riß den einen haſtig, erröthend auf, und ſein Reiſegefährte b. te im Vorübergehen, daß ner Dame ſei. Der Fremde trat etwas verſtimmt in dem Wirthshan e 1 1416 ſah den Jäger angelegentlich mit ſeinem Diener ſprechen und bald darauf führte man zwei ſchöne Pferde vor. In demſelben Augenblick trat der grüne Herr eilends in den Saal, ſeine Augen ſuchten und fanden den Reiſegefähr⸗ ten, er trat zu ihm, doch nur um ſchnell aber herzlich von ihm Abſchied zu nehmen; und ſo konnte ihn der Brandenburger zu ſeinem großen Verdruß nicht ein⸗ mal nach dem Haus und der Familie Käthchens von Heilbronn fragen, eine Frage, die er ſich unter ſei⸗ nen Reiſenotizen aufgezeichnet und doppelt unterſtrichen hatte. Doch der Anblick des Jägers, wie er ſich ſo leicht in den Sattel des ſchönen, ſtolzen Pferdes ſchwang, wie er ſo majeſtätiſch über den Markt hinſprengte, ſöhnten ihn mit der beinahe unhöflichen Haſt aus, womit Jener von ihm Abſchied genommen hatte. Er geſtand ſich, ſelten eine ſo wohlgebaute Geſtalt mit einem ſo ſchönen, ausdrucksvollen Geſicht vereint geſehen zu haben. „Wer war dieſer Herr im grünen Kleid?“ fragte er den Kellner, der am andern Fenſter dem Reiter nachblickte. „Mit dem Namen kann ich nicht dienen,“ antwor⸗ tete Jener;„ich weiß nur, daß man ihn„„Herr Ba⸗ ron““ nennt, daß ſein Vater einige Stunden von hier am Neckar Güter hat, und daß ſie ſehr reich ſein ſol⸗ len; in die Stadt kömmt er ſelten.“ Nicht ganz zufrieden mit dieſer Erklärung, ſetzte ſich der junge Mann wieder in den Wagen. Sein Va⸗ ter, der früher einmal in dieſem Lande geweſen war, hatte ihm ſo viel Sonderbares von ſchwäbiſchen Baro⸗ nen erzählt, daß er in ſeinem liebenswürdigen und ge⸗ 2*8 e⸗ wandten Reiſegefährten keinen ſolchen vermuthet hätte. Sein neuer Nachbar, der ihm gleich in der erſten Vier⸗ telſtunde vertraute, daß er ein Hopfenhändler aus Baiern ſei, machte ihm den Verluſt, den er erlitten, nur um ſo fühlbarer, und da er am Hopfenbau wenig Unterhaltung fand, beſchäftigte er ſich damit, über den Charakter des jungen Mannes, der ihn verlaſſen hatte, nachzudenken, und dann noch einmal alle Erwartungen und Hoffnungen zu durchlaufen, die er ſich von ſeinen Verwandten, zu welchen er reiste, gemacht hatte. Von dem Oheim verſprach er ſich für ſeine Unterhaltung wenig; er mußte nach ſeiner Berechnung ein vorgerück⸗ ter Sechziger ſein; mürriſch, ungeſellig und eigenſinnig hatte ihn ſein Vater ſchon vor fünfundzwanzig Jahren gekannt, und ſolche Eigenſchaften pflegen ſich im Alter nicht zu verbeſſern. Deſto mehr verſprach ſich der junge Mann von Fräulein Anna, ſeiner Couſine. Von einem ſeiner Freunde, der längere Zeit in Schwaben gelebt hatte, war ſie ihm als Zierde dieſes Landes genannt worden. Ein angenehmes, trauliches Verhältniß von fünf bis ſechs Wochen ſchien ihm ganz wünſchenswerth, und ſo eifrig war ſeine Berechnung der Mittel, die ihm zu Gebot ſtanden, ſich liebenswürdig zu zeigen, ſo ge⸗ wiß war er ſich des Eindrucks bewußt, den ſeine Per⸗ ſon, ſein Weſen unfehlbar machen müſſe, für ſo leicht zu erobern hielt er das Herz eines Fräuleins in Schwa⸗ ben, daß ihm nicht einmal der Gedanke kam, die ſchöne Couſine Anna könne ſich vielleicht ſchon verſehen haben. Er ließ ſich, in der Reſidenz angekommen, ſogleich nach dem Hauſe führen, wo ſein Onkel ſonſt gewohnt hatte, 1 18 Aber mit dem Donnerworte Ward ihm aufgethan; Die Du ſucheſt— wohnen ſchon ſeit langer Zeit auf einem Landgut; ſie werden auch im nächſten Winter nicht zurückkehren, und ſelbſt dies Haus gehört ihnen nicht mehr eigen. Der Reiſende aus Brandenburg war ſchnell ent⸗ ſchloſſen. Er benützte dieſen Tag, um ſich die freund⸗ liche Stadt zu betrachten, und eilte dann denſelben Weg, welchen er hergekommen war, zurück, nach dem untern Neckarthal, wo der Landſitz ſeines Oheims lag. Je näher er dieſer reizenden Gegend kam, deſto angenehmer war es ihm, daß er einige Wochen auf dem Lande zubringen ſollte. Er wußte aus eigener Erfah⸗ rung, daß man auf dem Lande, abgeſchnitten von den Zerſtreuungen der Stadt und jener Formen enthoben, die man dort für ſchön und nothwendig, hier für über⸗ flüſſig und läſtig hält, ſchnell bekannt und befreundet wird, daß man ſich, auf eine kleine Geſellſchaft be⸗ ſchränkt, ſchneller nahe rückt.— Etwa eine Stunde von dem Gut bog der Weg von der Hauptſtraße ab. Der Kutſcher, den er gemiethet hatte, deutete auf einen Fußpfad, der in den Wald lief; der Fahrweg wende ſich um den ganzen Berg her, ſagte er, doch auf dieſem Pfad könne man zu Fuß in bei weitem kürzerer Zeit zum Schloß Thierberg hinaufgelangen. Der junge Mann ſtieg aus; er war bisher auf einem Bergrücken gefahren, ſah nun eine mäßige, mit Wald bewachſene Anhöhe vor ſich, und ſchloß, weil er gehört hatte, das Schloß ſeines Oheims liege im Neckarthal, man müſſe ⸗ 19 von dieſer Höhe eine weite Ausſicht in das Thal genie⸗ ßen. Er ließ den Wagen weiter fahren und ſtieg den Seitenpfad hinan. Ein Wald von prachtvollen Buchen nahm ihn auf. Nie hatte er dieſen Baum ſo kräftig, ſo majeſtätiſch geſehen, zwiſchendurch erblickte er hie und da Eichen und ſchöne Eſchen und zu ſeiner nicht geringen Verwunderung Waldkirſchbäume von unge⸗ wöhnlicher Höhe. Nach und nach wurde ihm das Stei⸗ gen ſchwerer; der Berg ſchien ſich auf einmal ſteiler zu erheben und er war oft verſucht, die unbequeme Ele⸗ ganz zu verwünſchen, in welche ihn ſein Berliner Schnei⸗ der gekleidet hatte. Endlich hatte er den Gipfel erreicht, aber noch öffnete ſich keine Ausſicht. Die Bäume ſchie⸗ nen dichter zu werden, je mehr ſich der Pfad wieder ſenkte, und als ſich, um ſeine Ungeduld zu vermehren, der kleine Pfad in zwei noch kleinere theilte, die nach verſchiedenen Richtungen liefen, ſchmälte er auf den Kutſcher und auf ſeine eigene Thorheit, die ihn verlei⸗ tet hatten, in einem fremden Wald ſich zu verirren. Er ſchlug endlich den Weg rechts ein und ſah, nachdem er einige hundert Schritte gegangen war, zu ſeiner großen Freude ein buntes Kleid durch das Laub ſchimmern. Er verdoppelte ſeine Schritte und war nicht wenig betroffen, als er plötzlich vor einer jungen Dame ſtand, die im Schatten einer alten Eiche auf einer Bank ſaß. Sie hatte ein Buch in der Hand, von welchem ſie als ſein Schritt in den abgefallenen Blättern rauſchte, langſam und ruhig ihre ſchönen Augen erhob; doch auch ſie ſchien betroffen, als es ein junger, ſtädtiſch gekleideter Herr war, den ſie in dieſer Einſamkeit vor 20 ſich ſah; ſie errothete flüchtig, aber ſie ſenkte ihren Blick nicht, der fragend an dem unerwarteten Beſuch hing. Der junge Mann verbeugte ſich einigemal, ehe er recht wußte, was er ſagen ſollte.„Iſt wohl das ſchöne Mädchen Couſine Anna?“ war alles, was er in dieſem Augenblick zu denken und ſich zu fragen ver⸗ mochte, und erſt als er ſich dieſe Frage ſchnell bejaht hatte, trat er näher zu der jungen Dame, die indeſſen ihr Buch ſchloß und von ihrem Bänkchen aufſtand. „Bitte um Vergebung,“ ſagte er,„wenn ich Sie ge⸗ ſtört haben ſollte; ich fürchte, von dem Wege abgekom⸗ men zu ſein. Kann ich hier nach dem Schloß des Herrn von Thierberg kommen?“ „Auf dieſem Fußpfad nicht wohl, wenn Sie hier nicht bekannt ſind,“ erwiderte ſie mit einer klangvollen Stimme;„Sie haben oben einen Fußpfad links gelaſſen, der nach dem Schloß führt.“ Sie verbeugte ſich nach dieſen Worten, und der junge Mann ging ſeinen Weg zurück; doch kaum hatte er einige Schritte gemacht, ſo zog ihn ein unwiderſtehliches Gefühl zurück. Das ſchöne Mädchen ſtand noch einmal von ihrem Sitz auf, als ſie ihn zurückkehren ſah, doch diesmal ſchien Beſtürzung ihre Wangen zu färben, und eine gewiſſe Ängſtlichkeit blickte aus ihren großen Augen. Auf die Gefahr hin, für unbeſcheiden zu gelten, fragte der Reiſende, ob er vielleicht die Ehre gehabt habe, mit Fräulein von Thierberg zu ſprechen? „Ich heiße ſo⸗“ antwortete ſie etwas befangen. „Eh bien, ma chere cousine!“ ſagte er lächelnd, — — — 4 21. indem er ſich artig verbeugte;„ſo habe ich das Ver⸗ gnügen, Ihnen Ihren Vetter Rantow vorzuſtellen.“ „Wie, Vetter Albert!“ rief ſie freudig.„So haben Sie endlich doch Wort gehalten? Wie wird ſich der Vater freuen! Und was macht Onkel und die liebe Tante, und wie ſind Sie gereist?“ So drängte ſich eine Frage nach der andern über die ſchönen Lippen, und Vetter Rantow fand, verloren in ſein Glück, eine ſchöne Muhme zu beſitzen, keine Worte, alle nach der Reihe zu beantworten. Wie reizend, wie naiv klang ihm die Sprache! Er konnte nicht ſagen, daß ſie gegen irgend eine Regel des Styls geſündigt hätte, und doch däuchte es ihm, es ſeien ganz andere Worte, ganz andere Töne, als die er in ſeinem Vaterland gehört hatte. Er fühlte, er ſei zu ſchnell gereist, als daß er allmählig auf dieſen Contraſt vorbereitet worden wäre. „Dies iſt mein Lieblingsſpaziergang,“ ſagte ſie, indem ſie langſam neben ihm herging.„Zwar iſt der Weg im Thal noch angenehmer, der Neckar macht ſchöne Windungen, alte Burgen ſchmücken die Höhen— und die unſrige ſpielt dabei nicht die ſchlechteſte Rolle, wenigſtens was das Alterthum betrifft— Dörfer und ſogar ein Städtchen ſieht man Thal auf und ab; aber der Rückweg ins Schloß hinauf iſt dann ſo ſteil und mühſam, und auf der Straße gehen mir zu viel Leute. Der Wald hier liegt nicht höher als das Schloß, in einem halben Stündchen geht man herüber und iſt dann ſo köſtlich einſam, als ſäße man in ſeinem Boudoir bei verſchloſſenen Thüren.“ „Bis dann der Zufall einen Vetter aus Preußen 22 hereinwehen muß, der die köſtliche Einſamkeit ſtört,“ unterbrach ſie Rantow. „Im Ganzen genommen,“ fuhr ſie fort,„iſt es im Schloß gerade auch nicht geräuſchvoll. Es iſt ſo einſam als irgend ein bezaubertes Schloß in Tauſend und eine Nacht. Außer der Dienerſchaft und im hintern Flügel dem Amtmann, den man nie zu ſehen bekömmt, ſind wir, der Vater und ich, die einzigen Bewohner; ja die Einſamkeit im Schloß iſt oft ſo ſchrecklich und traurig, daß ich mich lieber in die Waldeinſamkeit flüchte, wo das Rauſchen der Bäume und der Geſang der Vögel doch noch einiges Leben verkünden.“ 3. Ueberraſcht ſtand der junge Mann ſtille, als ſie aus dem dichten Holz durch eine Wendung des Weges auf einmal dem Schloß gegenüberſtanden. Die Bewohner des ſüdlichen Deutſchlands ſind von Jugend auf an Anblicke dieſer Art gewöhnt. Man trifft in Franken und Schwaben ſelten ein Thal von der Länge einiger Stun⸗ den, in welches nicht eine Burg oder zum mindeſten ein gebrochener Thurm und ein halbes Thor herabſchauten. Die natürliche Beſchaffenheit des Landes, die vielen Berge und kleinen Flüſſe, überdies die eigenthümliche Verfaſſung des zahlreichen Landadels begünſtigten oder nöthigten in früherer Zeit zu dieſen befeſtigten Woh⸗ nungen. Aber der Norden unſeres Vaterlandes trägt weniger Spuren dieſer alten Zeit; die weiten Ebenen boten keine ſo natürliche Befeſtigung, wie die Felſen und Gebirgsausläufer des Süden, und hatte auch hier 23 und dort eine ſolche Feſte im platten Land geſtanden, ſo war ſie nur deſto ſchneller dem Verfall und der Zer⸗ ſtörung preisgegeben. Die Nachbarn theilten ſich brü⸗ derlich in die theuren Steine, und ihr Gedächtniß ver⸗ wehte der Wind, der über die Ebene hinſtrich. Darum war es dem jungen Mann aus der Mark ein ſo über⸗ raſchender Anblick, ſich in ſolcher Nähe einer dieſer alterthümlichen Burgen gegenüber zu ſehen, um ſo überraſchender, da er durch dieſe düſteren, tiefen Thore als Gaſt einziehen, in jenem alterthümlichen Gemäuer wohnen ſollte. Doch bald erfüllte kein anderer Gedanke mehr als der maleriſche Anblick, der ſich ihm darbot, ſeine Seele. Der alte ſchwärzlichgraue Wartthurm war auf der Mittagsſeite von oben bis in den Graben hinab mit einem Mantel von Epheu umhängt. Aus den Ritzen der Mauer ſproßten Zweige und grüne Ranken, und um das Thor zog ſich ein breites Rebengeländer, deſſen zarte Blätter und Faſern ſich mit ſanfter Gewalt um die roſtigen Angeln und Ketten der Zugbrücke geſchlun⸗ gen hatten. Zur rechten Seite des Schloſſes hinderte der dunkle Wald die Ausſicht, aber links, an den hohen Mauern vorüber, tauchte das Auge hinab in die Tiefe des ſchönen fruchtbaren Neckarthals, ſchweifte hinauf⸗ den Fluß entlang, zu Dörfern und Weilern und weit über die Weinberge hin nach fernen blauen Gebirgen. „Das iſt unſer Thierberg!“ ſagte das Fräulein; „es ſcheint, die Gegend habe einigen Reiz für Sie, Vetter, und ich möchte Ihnen wahrlich rathen, recht oft aus dem Fenſter zu ſehen, um vor unſerer Einſamkeit und dieſem häßlichen alten Gemäuer nicht zu erſchrecken!“ 7 24 „Ein häßliches Gemäuer nennen Sie dieſe alte Burg?“ rief der Gaſt.„Kann man etwas Roman⸗ tiſcheres ſehen, als dieſe Thürme mit Epheu bewachſen, dieſen Thorweg mit den alten Wappen, dieſe Zug⸗ brücke, dieſe Wälle und Graben? Glaubt man nicht das Schloß von Bradwardine oder irgend ein anderes aus Scottiſchen Romanen zu ſehen? Erwartet man nicht, ein Sickingen, ein Gös werde uns jetzt eben aus dem Thore entgegentreten— „Für diesmal höchſtens ein Thierberg,“ erwiderte das Fräulein lachend,„und auch von dieſen ſpukt nur noch einer in den fatalen Mauern. Dergleichen Thürme und Zinnen liebe ich ungemein in einem Roman oder in Kupfer geſtochen, aber zwiſchen dieſen Mauern zu wohnen, ſo einſam, und Winters, wenn der Wind um dieſe Thürme heult und das Auge nichts Grünes mehr ſieht, als jenen Eppich dort am Thurm— Vetter! mich friert ſchon jetzt wieder, wenn ich nur daran denke. Doch kommt, Herr Ritter, das Burgfräulein will Euch ſelbſt einführen.“ Der düſtere, ſchattenreiche Hof, in welchen ſie tra⸗ ten, kühlte etwas die warme Begeiſterung des Gaſtes. Er ſah ſich flüchtig um, als ſie hindurchgingen, und bemerkte, daß der Platz für ein Tournier denn doch nicht groß genug geweſen ſein müſſe, erſchrak vor einem halb zerſtörten Thurm, deſſen Rudera drohend über die Mauer hereinhingen, erſtaunte über den ſchar⸗ fen Zahn der Zeit, der in die dicke Mauer mächtige Riſſe genagt und dem Auge eine freie Ausſicht in das Thal hinab geöffnet hatte, und gab in ſeinem Herzen 2⁵ ſchon auf den ausgetretenen Stufen der Wendeltreppe, wo ein heftiger Zugwind durch ſchlecht verwahrte Fen⸗ ſter blies, der Bemerkung ſeiner Couſine über die Wohnlichkeit des Hauſes vollkommen Beifall. Sechs bis acht Hunde begrüßten in einer großen, mit Back⸗ ſteinen gepflaſterten Halle das Fräulein mit freundlichem Klaffen und Wedeln, und ein gefeſſelter Raubvogel, der in einer Ecke auf der Stange ſaß, ſtieß ein unan⸗ genehmes Geſchrei aus und ſchwenkte die Flügel.„Das iſt nun unſere Antichambre, unſer Hofgeſinde,“ ſagte Anna, indem ſie lächelnd auf die Thiere zeigte;„ver⸗ wünſchte Prinzen und Prinzeſſinnen, die Sie entzaubern können. Doch laſſen Sie uns jetzt eintreten,“ ſetzte ſie nach einer Weile ernſter hinzu,„in dieſem Zimmer iſt der Vater.“ Sie öffnete eine hohe, ſchwere Flügelthüre, und durch das altfränkiſch ausſtaffirte Gemach fiel der Blick des Jünglings auf einen alten Mann, der in einer tiefen Fenſterwolbung ſaß, wie es ſchien, in ein Zei⸗ tungsblatt vertieft. Bei dem Gruß ſeiner Tochter ſah er ſich um, und als er den Fremden erblickte und Anna ſeinen Namen nannte, ſtand er auf und ging ihm lang⸗ ſam aber feſten Schrittes entgegen. Mit Bewunderung ſah ſein Neffe die hohe, gebietende Geſtalt, die ihn unwillkürlich an jenen Wartthurm dieſer Burg erin⸗ nerte, den ſo viele Jahre nicht einzuſtürzen vermochten, und deſſen Alter nur der Epheu anzeigte, der ſich an ihm emporgeſchlungen hatte. Zwar hatte die Zeit in dieſe fünfundſechzigjährige Stirne Furchen gegraben, um die Schläfe fielen dünne graue Haare und der Bart 26 und die Augenbraunen waren ſilberweiß geworden, aber das Auge leuchtete noch ungetrübt, und der Nacken trug den Kopf noch ſo aufrecht, wie in jugendlicher Kraft, und die Hand gab einen beinahe kräftigeren Druck, als der Neffe zu erwidern vermochte. „Biſt willkommen in Schwaben,“ ſagte er mit tiefer, kräftiger Stimme;„'s war ein vernünftiger Einfall meiner Frau Schweſter, daß ſie Dich heraus ſchickte. Mach Dir's bequem; ſetz' Dich zu mir ans Fenſter, und Du, Anna, bringe Wein.“ So war der Empfang auf Thierberg. So herzlich und offen er aber auch ſein mochte, ſo konnte doch der junge Mann mehre Stunden lang ein gewiſſes unbe⸗ hagliches Gefühl nicht verdrängen. Er hatte ſich den Oheim ganz anders gedacht. Er glaubte, nach der Be⸗ ſchreibung, die ihm ſein Vater gemacht hatte, einen rauhen, aber fröhlichen alten Landjunker zu finden, der ſeine Haſen hetzt, mit Laune die Händel ſeiner Bauern ſchlichtet, von ſeinen Kleppern gerne erzählt und zuweilen mit ſeinen Freunden und Nachbarn ein Glas über Durſt trinkt. Er bedachte nicht, wie fünf⸗ undzwanzig Jahre und eine ſo verhängnißvolle Zeit, wie die, welche dazwiſchen lag, auf dieſen Mann ge⸗ wirkt haben konnten. Das ruhige, ernſte Auge des Oheims, das prüfend auf ſeinen Zügen zu ruhen ſchien, die ungeſuchten, aber gründlichen Fragen, womit er den Neffen über ſein bisheriges Leben und Treiben ins Gebet nahm, das ironiſche Lächeln, das hie und da bei einer Aeußerung des jungen Mannes um ſeinen Mund blitzte, dies alles, und das ganze gewichtige 27 Weſen des Alten imponirte ihm auf eine Weiſe, die ihm höchſt unbequem war. Er konnte ſich kein Herz faſſen, den Oheim eben ſo traulich zu behandeln, wie Jener ihn, er kam ſich vor wie ein angehender Staatsdiener, dem ein Miniſter Audienz gibt, und es war dies zu ſeinem nicht geringen Verdruß das zweitemal, daß er ſich über die Landiunker in Schwaben getäuſcht ſah.— Auch ſeine Baſe erſchien ihm ganz anders, als er ſie ſich gedacht hatte. Er fand zwar alle jene liebenswürdige Natürlichkeit, jenes unbefangene, ungeſuchte Weſen, was man ihm an den Töͤchtern dieſes Landes gerühmt hatte, aber dieſe Unbefangenheit ſchien nicht aus Un⸗ wiſſenheit, ſondern aus einem feinen, ſichern Takt her⸗ vorzugehen, und was ſie ſprach, zeugte von einem ſo vortrefflich gebildeten Geiſt, daß ihre Natürlichkeit nur darin zu beſtehen ſchien, daß ſie alles Geiſtreiche, ſei es witzig oder erhaben, wie etwas Natürliches, An⸗ geborftes vorbrachte, daß es nie als etwas Erlerntes, als etwas Geſuchtes erſchien. Am ärgerlichſten war es ihm, daß ſie ihn ſchon nach den erſten Stunden zu durchſchauen ſchien. Die ausgeſuchten Artigkeiten, die er ihr ſagte, zog ſie ins Komiſche, den feineren Com⸗ plimenten wich ſie auf unbegreifliche Art aus; wollte er ihr nur den zarten, in Berlin gebildeten jungen Mann zeigen, ſo nannte ſie ihn gewiß immer Herr von Rantow. Und dennoch mußte er ſich geſtehen, daß er nie ſo viel Harmonie der Bewegung, der Miene, der Geſtalt und der Stimme geſehen habe. Ihr ganzes Weſen erſchien ihm wie das Hauskleid, das ſie jetzt eben trug. Es war einfach und von beſcheidenen Farben, 4 — 28 und deunoch kleidete es ihre feine, ſchlanke Geſtalt mit jener geſchmackvollen Eleganz, die auch dem anſpruch⸗ loſeſten Gewand einen geheimnißvollen Zauber verleiht. Ein Toilettengeheimniß, worüber, ſo viel der junge Mann ſich erinnerte, noch nie ein Modejournal Auf⸗ ſchluß gab, und das ihm mehr das Zeichen und Symbol einer harmoniſchen Seele, als die Folge einer ſorgfäl⸗ tigen Erziehung zu ſein ſchien. Dieſelbe Übereinſtimmung glaubte er zwiſchen dem alten Herrn und dem Gemache zu finden, in welches er zuerſt geführt worden war. Es war der verblichene Glanz eines früheren Jahrhunderts, was ihm von den Wänden und Hausgeräthen entgegen blickte. Die ſchwe⸗ ren, gewirkten Tapeten, mit Leiſten befeſtigt, die einſt vergoldet waren und deren Farbe jetzt ins Dunkelbraune ſpielte; die breiten Armſtühle, mit ausgeſchweiften, zier⸗ lich geſchnitzten Beinen, die Polſter, mit reller inben künſtlich ausgenäht, mit Papageyen, Blumentöpfen und den Bildern längſt begrabener Schooßhündchen ge⸗ ziert. Wie manchen Wintertag mochten ſeine Ahnfrauen über dieſer mühſamen Arbeit geſeſſen ſein, die ihnen viel⸗ leicht einſt für das Vollendetſte galt, was der menſchliche Geſchmack je erſonnen, und die jetzt ihrem Urenkel ge⸗ ſchmacklos, ſchwerfällig, und hätten ſich nicht ſo ehr⸗ würdige Erinnerungen daran geknüpft, beinahe lächerlich erſchien. Und doch kam ihm dies alles, der ehrwürdigen Geſtalt ſeines Oheims gegenüber, wie durch Alterthum und langjährige Gewohnheit geheiligt vor. Er ſah, man ſei in Thierberg erhaben über den Wechſel der Mode, und wenn er hinzufügte, was ihm ſein Vater ——— 29 über die mancherlei Unglücksfälle und die mißlichen Umſtände, worin ſich der Oheim befand, geſagt hatte, ſo fühlte er ſich beſchämt, daß er dieſe Umgebungen nur einen Augenblick habe grotesk finden können. Er fühlte, daß er unverſchuldeter Armuth, wenn ſie ſich in ſo ernſtem und würdigem Gewande zeige, ſeine Achtung nicht verſagen könne. Ja, vor dieſen Wänden, dieſem Geräthe, und vor dem unſcheinbaren, groben Hausrock des Oheims erſchien er ſich ſelbſt, wenn er ſeinen Blick auf ſeine modiſche und höchſt unbequeme Tracht warf, wie ein Thor, beherrſcht von einem Phantom, das ein Weiſer lächelnd an ſich vorüber gleiten läßt. Dies waren die Eindrücke, welche der erſte Abend in Thierberg auf die Seele des jungen Rantow machte. So ernſt ſie aber am Ende auch ſein mochten, ſo konnte er doch ein Lächeln nicht unterdrücken, als mit dem Schlage acht Uhr, den die alte Schloßuhr zögernd und zitternd angab, eine Fluͤgelthüre am Ende des Zim⸗ mers aufſprang, ein kleiner Kerl in einem verſchoſſenen, bordirten Rock, der ihm weit um den Leib hing, herein⸗ trat, ſich dreimal verbeugte und dann feierlich ſprach: „Le souper est servir.“ „S'il vous plait,“ ſagte der Alte mit ernſthaftem Geſicht und einer Verbeugung zu ſeinem Neffen, reichte ſeinen Arm der ſchonen Anna und ging langſamen Schrittes dem Speiſezimmer zu. 4. Mit den Flügelthüren des Speiſeſaales und dem erſten Blick, den er hinein warf, hatte ſich übrigens dem W. Hauffs Werke. IV. 3 30 Gaſt aus Brandenburg ein weites Feld der Erinnerung geöffnet. Von dieſem gemalten Plafond, der die Er⸗ ſchaffung der Welt vorſtellte, von dem ſchweren Kron⸗ leuchter, den der Engel Gabriel als Sonne aus den Wolken herabhängen ließ, von den gelben Gardinen von ſchwerer Seide hatte ihm ſeine Mutter oft geſpro⸗ chen, wenn ſie von ihrem väterlichen Schloß in Schwa⸗ ben und von dem ungemeinen Glanz erzählte, welcher einſt durch ihre hochſelige Frau Großmutter, die Toch⸗ ter eines reichen Miniſters, in die Familie und in die ſchöneren Appartements zu Thierberg gekommen ſei. Schon ſeine Mutter hatte in ihrer Kindheit dieſe Prachtſtücke mit großer Ehrfurcht vor ihrem Alterthum betrachtet, und ſeit dieſer Zeit hatten ſie zum mindeſten dreißig bis vierzig Jahre geſehen. „Das iſt der Familienſaal,“ ſagte während der Tafel der alte Thierberg, als er die neugierigen Blicke ſah, womit ſein Neffe dieſes Gemach muſterte.„Vor Zeiten ſoll man es die Laube genannt haben, und meiſe Ahnherren pflegten hier zu trinken. Mein Groß⸗ vater ſelig ließ es aber alſo einrichten und ſchmücken. Er war ein Mann von vielem Geſchmack und hatte in ſeiner Jugend mehre Jahre am Hof Ludwigs XIV. zugebracht. Auch meine Frau Großmutter war eine prächtige Dame, und ſie Beide haben das Innere des Schloſſes auf dieſe Art eingetheilt und dekorirt.“ „Am Hofe Ludwigs XIV.!“ rief der junge Mann mit Staunen.„Das iſt eine ſchöne Zeit her; wie man⸗ cherlei Gäſte mag dieſer Saal ſeit jener Zeit geſehen haben!“ 31 „Viele Menſchen und wunderbare Zeiten,“ erwi⸗ derte der alte Herr.„Ja, es ging einſt glänzend zu auf Thierberg, und unſere Gäſte befanden ſich bei uns nicht ſchlimmer als bei jedem Fürſten des Reichs. Man konnte kein fröhlicheres Lachen finden, als das auf dieſen Schlöſſern, ſo lange unſere Ritterſchaft noch blühte. Da galt noch unſer Anſehen, unſere Stimme. Man war ein Edelmann ſo gut als der König von Frank⸗ reich, und ein Freiherr war ein freier Mann, der nichts über ſich kannte, als ſeinen gnädigen Herrn, den Kaiſer, und Gott; jetzt—“ „Vater!“ unterbrach ihn Anna, als ſie ſah, wie die Ader auf ſeiner Stirne anſchwoll, und wie eine dunkle Röthe, ein Vorbote nahenden Sturmes, auf ſeinen Wangen aufzog.„Vater!“ rief ſie mit zärtlichen Tönen, indem ſie ſeine Hand ergriff;„nichts mehr über dies Thema. Sie wiſſen, wie es Sie immer an⸗ greift!“ „Thörichtes Mädchen!“ erwiderte der alte Herr, halb unwillig, halb gerührt von der bittenden Stimme ſeiner ſchönen Tochter;„warum ſollte ein Mann nicht ſtark genug ſein, nach Jahren von dem zu ſprechen, was er zu dulden und zu tragen ſtark genug war? Der Vetter kennt nur unſere Verhältniſſe, wie ſie jetzt ſind. Er iſt geboren zu einer Zeit, wo dieſe Stürme gerade am heftigſten wütheten, und aufgewachſen in einem Lande, wo die Ordnung der Dinge längſt ſchon anders war. Er kann ſich alſo nicht ſo recht denken, was die Vorfahren ſeiner Mutter waren, und deßhalb will ich ihn belehren.“ 32 Der Freiherr nahm mit dieſen Worten ſein großes Glas, auf deſſen Deckel die Wappenſchilde ſeines Hau⸗ ſes, aus Silber getrieben, angebracht waren, und trank, um Kraft zu ſeiner Belehrung zu ſammeln, einen langen, tüchtigen Zug. Doch Fräulein Anna ſah an ihm vorüber den Gaſt mit beſorglichen, bittenden Blicken an. Er verſtand dieſen Wink und ſuchte den Oheim von dieſer Materie abzubringen. „Es iſt wahr,“ fiel er ein, noch ehe Jener das Glas wieder auf den Tiſch geſetzt hatte, in Preußen ſind die Verhältniſſe anders geweſen. Aber ſagen Sie ſelbſt, kann man ein Land in Europa finden, das meinem Vaterlande gliche? Ich gebe zu, daß andere Länder an Flächeninhalt, an Seelenzahl uns bei weitem über⸗ wiegen, aber nirgends trifft man auf ſo kleinem Raum eine ſo kräftige, durch innere Tugend imponirende Macht: es iſt das Sparta der neuen Zeit. Und nicht ein glück⸗ licher Boden oder ein milder Himmel bewirkten ſo Großes; ſondern der Genius großer Männer hat ein Preußen geſchaffen, weil ſie es verſtanden, die ſchlum⸗ mernden Kräfte zu wecken, und dem Volke ſelbſt zeig⸗ ten, welche Stellung es einnehmen müſſe; weil ſie Preußen geworden ſind, iſt auch ein Preußen er⸗ ſtanden.“ Der alte Herr hatte ſeinem Neffen ruhig zugehört, bei den letzten Worten aber zog ſich ſein Geſicht zu ſolcher Ironie zuſammen, daß der Brandenburger er⸗ röthete.„Der Sohn meines Nachbars, des Generals von Willi, würde ſagen, wenn er Dich hörte:„„O Deutſchland, Deutſchland, da ſieht man, wie dein 33 Elend aus deiner eigenen Zerſplitterung hervorgeht! Sie wollen nicht mehr Griechen, ſondern Platäer, Ko⸗ rinther, Athener, Thebaner und gar— Spartaner heißen!““ Ich wünſche nur,“ ſetzte er lächelnd hinzu, „daß die Spartaner nicht zum zweitenmal einen Epa⸗ minondas im Felde finden mögen. Die Schlacht bei Leuktra war kein Meiſterſtück der Kriegskunſt unſerer modernen Spartaner.“ „Unſer Unglück bei Jena,“ ſagte der junge Mann verdrießlich, kann inan weder dem Volke noch dem Kö⸗ nige zuſchreiben, und ich glaube, wir haben uns an Napoleon hinlänglich gerächt; wir haben nicht nur Deutſchland wieder frei gemacht, ſondern ihn ſelbſt entthront.“ „So? Das ſeid Ihr geweſen?“ fragte der Oheim. „Gott weiß, ich that bis jetzt ſehr Unrecht, daß ich dieſes Ereigniß der halben Million Soldaten zuſchrieb, die man aus ganz Europa gegen ihn zuſammenhetzte. Warſt Du vielleicht ſelbſt dabei, Neffe? Du kannſt wahrſcheinlich als Augenzeuge reden?“ Der Neffe errothete und ſchickte einen ängſtlichen Blick nach Anna, die ihr Lächeln kaum unterdrücken konnte.„Ich war damals noch auf der Schule,“ ant⸗ wortete er,„und es hat mich nachher oft geärgert, daß ich nicht dabei war. Ich gebe zu, daß die Andern auch mitgeholfen haben, aber in allen Schlachten waren es nur die Preußen, die entſchieden haben; denken Sie nur an Waterloo.“ 4 „Sei überzeugt, ich denke daran,“ erwiderte der alte Herr mit großem Ernſte,„und denke mit Vergnü⸗ 34 gen daran. Wenn Einer ein Feind jenes Mannes iſt, ſo bin ich es; denn er hat uns und Alles unglücklich ge⸗ macht, und das alte ſchöne Reich umgekehrt wie einen Handſchuh. Aber das mit Deinen Landsleuten weißt Du denn doch nicht recht. Ich glaube ſchwerlich, daß Enre jungen Soldaten, wenn ſie auch wirklich ſo be⸗ geiſtert waren, wie man ſagte, ſo viele Stöße auf ihr Centrum ausgehalten hätten, als am achtzehnten Juni jene Engländer, die ſchon in allen Welttheilen gedient hatten.“ „Nicht die Jahre ſind es,“ ſagte Jener,„die in ſol⸗ chen Augenblicken Kraft geben, ſondern das Selbſtbe⸗ wußtſein, der Stolz einer Nation und Begeiſterung des Soldaten für ſeine Sache; und die hat der Preuße vollauf.“ „Ich habe in meiner Jugend auch ein Paar Jahre gedient,“ entgegnete der Oheim;„Anno 85 bei den Kreistruppen. Damals waren die Soldaten noch nicht begeiſtert, darum kenne ich das Ding nicht. Nächſtens wird mich aber mein Nachbar, der General, beſuchen, mit dieſem mußt Du darüber ſpechen.“ „Wie dem auch ſei,“ fuhr der Gaſt fort,„es freut mich innig, daß Sie über den Hauptpunkt, über den Unwillen gegen die Franzoſen und im Haß gegen die⸗ ſen Corſen mit mir übereinſtimmen. Bei uns zu Hauſe behauptet man, daß er in Süddeutſchland leider noch immer als eine Art Heros angeſehen, und es iſt lächer⸗ lich zu ſagen, von Vielen ſogar als ein Beglücker der Menſchheit verehrt werde.“ „Sprich nicht zu laut, Freund,“ erwiderte der alte Herr,„wenn Du es nicht mit dieſer jungen Dame hier 3⁵ gänzlich verderben willſt. Sie iſt gewaltig nap oleo⸗ niſch geſinnt.“ „Sie werden darum nicht ſchlechter von mir denken,“ ſagte Anna hocherröthend,„weil ich einen Mann nicht geradehin verdammen mag, deſſen unverzeihlicher Feh⸗ ler der iſt, daß er ein großer Menſch war.“ „Großer Menſch!“ rief der Alte mit blitzenden Augen,„den Teufel auch, großer Menſch! Was heißt das? Daß er den rechten Augenblick erſpähte, um wie ein Dieb eine Krone zu ſtehlen? Daß er mit ſeinen Bajonetten ein treffliches Reich über den Haufen warf, ſeine herrliche natürliche Form zertrümmerte, ohne et⸗ was Beſſeres an die Stelle zu ſetzen! Großer Menſch!“ „Sie ſprechen ſo, weil—“ „Anna, Anna!“ fiel er ſeiner Tochter in die Rede. „Meinſt Du, ich ſpreche nur darum ſo, weil er uns elend machte? Weil er dieſes Thal und den Wald mir entriß, weil er dieſe Menſchen, die mir und meinen Ahnen als ihren Herren dienten, an einen Andern ver⸗ ſchenkte? Weil die ungebetenen Gäſte, die er uns ſchickte, das Bischen aufzehrten oder einſteckten, was mir noch geblieben war? Es iſt wahr, an jenem Tage, wo man ein fremdes Siegel über das alte Wappen der Thierberge klebte, wo man mein Vieh zählte und ſchätzte, meine Wein⸗ berge nachdem Schuh ausmaß, meine Wälder lichtete und die erſte Steuer von mir eintrieb, an jenem Tage ſah ich nur mich und den Fall meines Hauſes; aber ging es der ganzen Reichsritterſchaft beſſer, mußten wir nicht ſogar erleben, daß ein Mann von der Inſel Corſika erklärte, es gebe keinen deutſchen Kaiſer und kein Deutſchland mehr?“ „Gott ſei es geklagt!“ ſagte der junge Rantow, vund uns wahrhaftig hat er es nicht beſſer gemacht.“ „Ihr, gerade Ihr ſeid ſelbſt Schuld daran,“ fuhr der alte Herr immer heftiger fort.„Ihr hattet Euch längſt losgeſagt vom Reich, hattet kein Herz mehr für das Allgemeine, wolltet einen eigenen Namen haben und thatet Euch viel darauf zu gut. Ihr ſahet es viel⸗ leicht ſogar gern, daß man uns Schaft für Schaft ent⸗ zwei brach, weil man uns fürchtete, ſo lange die übrigen Speere ein Band umſchlang. Habt Ihr nicht geſehen, wie weit es kam, als man in Sparta jeden Griechen einen Fremden nannte? Verdammt war dieſes Jahrhun⸗ dert der Selbſtſucht und Zwietracht, verdammt dieſe Welt von Thoren, welche Eigenliebe und Herrſchſucht Größe nennt!“ „Aber lieber Vater—“ wollte das Fräulein beſänf⸗ tigend einfallen, doch der alte Herr war bei ſeinen letz⸗ ten Worten ſchnell aufgeſtanden, und der kleine Menſch in der thierbergiſchen Livree eilte auf ſeinen Wink mit zwei Kerzen herbei. „Gute Nacht,“ wandte er ſich noch einmal zu t fer nem Neffen;„ſtoße Dich nicht daran, wenn Du mich zuweilen heftig ſiehſt;'s iſt ſo meine Natur. Schlafet wohl, Kinder!“ ſetzte er ruhiger hinzu,„wenn die Ge⸗ genwart ſchlecht iſt, muß man von beſſeren Zeiten träu⸗ men.“ Anna küßte ihm gerührt die Hand, und die er⸗ habene Geſtalt des alten Herrn ſchritt langſam der Thüre zu. Rantow war ſo betroffen von allem, was er gehört und geſehen, daß es ihm ſogar entging, welche komiſche Figur der Diener machte, det ſeinem Herrn 37 zu Bette leuchtete. Die weite Staatslivree, die er trug, hing beinahe bis zum Boden herab, und die langen bordirten Aufſchläge bedeckten völlig die Hände, welche die ſilbernen Leuchter trugen. Er war anzuſehen wie ein großer Pilgrim, der einen Calvarienberg hinan auf den Knieen rutſcht. Um ſo erhabener war der Contraſt des Mannes, der ihm folgte; er erſchien, als er durch den altfränkiſchen Saal unter den Familiengemälden ſeiner Ahnen vorbei ſchritt, wie ein wandelndes Bild der guten alten Zeit. Als der alte Herr das Gemach verlaſſen hatte, ſtand das Fräulein mit einer Verbeugung gegen ihren Gaſt auf und trat in ein Fenſter. Der junge Mann fühlte an ihrem Schweigen, daß er dieſen Abend Saiten be⸗ rührt haben müſſe, die man anzutaſten ſonſt vielleicht ſorgfältig vermied. Sie blickte hinaus in die Nacht und Rantow an ihre Seite; er hatte oft erprobt, wie ſich Mißverſtändniſſe leichter löſen, wenn man ſie in einen Scherz kehrt, als wenn man mit Ernſt oder Weh⸗ muth darüber ſpricht. Mit ſolch einem Scherz wollte er Anna verſöhnen; doch als er zu ihr ans Fenſter trat, war der Anblick, der ſich ihm darbot, ſo überraſchend, daß kein heiteres Wort über ſeine Lippen ſchlüpfen konnte. Das tiefe, ſchwärzliche und doch ſo reine Blau, das nur ein ſüdlicher Himmel im Mondlicht zeigt, hatte er noch nie geſehen. Über Wald und Weinberge herab goß der Mond ſeltſame Streiflichter und im Thal ſchimmerten ſeinen Glanz nur die zitternden Wellen des Neckars und die Spitze des dunkeln Kirchthurms zurück. Der falbe Schein dieſes Lichtes der Nacht hatte Anna's 38 Züge gebleicht und in ihren ſchönen Augen ſchwamm eine Thräne. Jetzt erſt, als alles ſo ſtill und lautlos war, vernahm man aus der Ferne die gehaltenen Töne einer Flöte, und dieſe Klänge verbanden ſich ſo ſanft mit dem milden Schimmer des Mondes, daß man zu glauben verſucht war, es ſeien ſeine Strahlen, die ſo melodiſch ſich auf die Erde niederſenkten. Ein ſeliges Lächeln zog über Anna's Geſicht; ihr glänzender Blick hing an einer Waldſpitze, die weit in das Thal vor⸗ ſprang und ihre tieferen Athemzüge ſchienen der Flöte zu antworten. „Wie prachtvoll iſt ſelbſt die Nacht in Ihrem Thal!“ ſprach nach einer Weile der Gaſt.„Wie ſchön wölbt ſich der Himmel darüber hin, und der Mond ſcheint nur für dieſen ſtillen Winkel der Erde geſchaffen zu ſein.“ Anna öffnete das hohe Bogenfenſter.„Wie warm und mild es noch draußen iſt!“ ſagte ſie, indem ſie freund⸗ lich in das Thal hinabſchaute.„Kein Lüftchen weht.“ „Aber die Bäume neigen ſich doch her und hin,“ erwiderte er,„ſie rauſchen, gewiß vom Wind bewegt.“ „Kein Lüftchen weht!“ wiederholte ſie, und hielt ihr weißes Tuch hinaus.„Sehen Sie, nicht einmal die⸗ ſes leichte Tuch bewegt ſich. Und kennen Sie denn nicht die alte Sage von den Bäumen? Nicht der Nachtwind iſt es, der ihre Blätter bewegt, ſie flüſtern jetzt und erzählen ſich, und wer nur ihre Sprache verſtünde, könnte manches Geheimniß erfahren.“ „Vielleicht könnte man dann auch erfahren, wer der Flbtenſpieler iſt,“ ſagte der Vetter, indem er Anna ſchärfer anſah; denn ſchon war er ſo eiferſüchtig auf 39 ſeine ſchöne Baſe geworden, daß ihm die ſüßen Töne vom Wald her und ihr Tuch, das ſie noch immer aus dem Fenſter hielt, in Wechſelwirkung zu ſtehen ſchienen. „Das kann ich Ihnen auch ohne die Bäume verra⸗ then,“ erwiderte ſie lächelnd, indem ſie das Tuch zurück⸗ nahm.„Das iſt ein munterer Jägerburſche, der ſeinem Mädchen einen guten Abend ſpielt.“ „Dazu iſt aber die Entfernung doch beinahe zu groß,“ fuhr er fort,„manche Töne werden nicht ganz deutlich.“ „Im Dorf unten hört man es beſſer als hier oben,“ ſagte ſie gleichgültig und ſchloß das Fenſter;„überdies ſagt ja das Sprüchwort: das Ohr der Liebe hört noch weiter als das des Argwohns.“ „Schön geſagt,“ rief der junge Mann,„doch das Auge des Argwohns ſieht weiter, als das der Liebe.“ „Sie haben Recht,“ entgegnete ſie;„aber nur bei Tag, nicht bei Nacht.“ Dieſe, wie es ſchien, ganz abſichtlos geſagten Worte überraſchten den jungen Mann ſo ſehr, daß er beſchämt die Augen niederſchlug. Er warf ſich ſeine Thorheit vor, daß er nur einen Augenblick glauben konnte, es ſei ein Liebhaber dieſes argloſen Kindes, der dort im Walde muſicire. 3 „Und nun gute Nacht, Vetter,“ fuhr Anna fort, indem ſie eine Kerze ergriff.„Träumen Sie etwas recht Schönes, man ſagt ja, der erſte Traum in einem Hauſe werde wahr. Hans! leuchte dem Herrn Baron ins rechte Thurmzimmer! Und dies noch, ſetzte ſie auf Fran⸗ zöſiſch hinzu, als der Diener näher trat;„vermeiden 40 Sie mit meinem Vater über Dinge zu ſprechen, die ihn ſo tief berühren. Er iſt ſehr heftig, doch gilt ſein Zorn nie der Perſon, ſondern der Meinung. Es war meine Schuld, daß ich Sie nicht zuvor unterrichtet habe, mor⸗ gen will ich nähere Inſtruktionen ertheilen.— Gute Nacht!“ Sinnend über dieſes ſonderbare und doch ſo liebens⸗ würdige Weſen folgte der Gaſt dem Diener, und die dumpfhallenden Gänge und Wendeltreppen, das viel⸗ eckige, in wunderlichen Spitzbogen gewölbte Gemach, das alterthümliche Gardinenbette, ſo manche Gegen⸗ ſtände, die er ſonſt ſo aufmerkſam betrachtet hätte, blieben diesmal ohne Eindruck auf ſeine Seele, die nur eifrig beſchäftigt war, den Charakter und das Benehmen Anna's zu prüfen und zu muſtern. 5. Als der Gaſt am folgenden Morgen nach einer ſorg⸗ fältigen Toilette hinab ging, um mit ſeinen Verwandten zu frühſtücken, konnte er ſich anfänglich in dem alten Gemänuer nicht zurecht finden. Ein Diener, auf welchen er ſtieß, führte ihn dem Saal zu, und an den Gängen und Treppen, die er durchwandern mußte, bemerkte er erſt, was ihm geſtern nicht aufgefallen war, daß er im entlegenſten Theil dieſer Burg geſchlafen habe. Auf ſein Befragen geſtand ihm der Diener, daß ſein Gemach das einzige ſei, das man auf jener Seite noch bewohnen könne, und außer dem Wohnzimmer mit den gewirkten Tapeten, dem Schlafzimmer des alten Herrn, dem Saal, dem kleinen Zimmerchen in einem andern Thurm, wo 41 Fräulein Anna wohne, ſei nur noch das ungeheure Be⸗ dientenzimmer, das früher zu einer Küche gedient habe, und die Wohnung des Amtmanns einigermaßen bewohn⸗ bar; die übrigen Gemächer ſeien entweder ſchon halb eingeſtürzt, oder werden zu Fruchtböden und dergleichen benützt. Der ſtolze Sinn des Oheims und die fröhliche Anmuth ſeiner Tochter ſtanden in ſonderbarem Wider⸗ ſpruch mit dieſen den Mauern und verfallenen Trep⸗ pen, mit dieſen ſprechenden Bildern einer vornehmen Dürftigkeit. Der junge Mann war, wenn nicht an Pracht, doch an eine gewiſſe reinliche Eleganz in ſeiner Umgebung ſelbſt an den Treppen und Wänden gewöhnt, und er konnte daher nicht umhin, ſeine Verwandten, die in ſo großer augenſcheinlicher Entbehrung lebten, für ſehr unglücklich zu halten. Das romantiſche Intereſſe, das der erſte Anblick dieſer Burg für ihn gehabt hatte, verſchwand vor dieſer traurigen Wirklichkeit, und wenn er ſich dachte, wie die Mauerriſſe und Spalten, durch welche jetzt nur die warme Morgenſonne herein fiel, den Stürmen des Winters freien Durchgang laſſen mußten, war ihm Anna's Furcht vor dieſer Jahrszeit wohl erklärlich. „Und ein ſo zartes Weſen dieſen rauhen Stürmen ausgeſetzt,“ ſagte er zu ſich, ein ſo reicher und gebilde⸗ ter Geiſt ohne Umgang, vielleicht ohne Lektüre, einen ganzen Winter lang in dieſen Mauern vom Schnee und .Wetter gefangen gehalten, einſam bei dem ernſten, feier⸗ lichen, alten Mann! Und dieſer ehrwürdige Alte, der einſt beſſere Tage geſehen, durch die Ungunſt der Zeit in unverſchuldete Dürftigkeit und Entbehrung verſetzt!“ 42 Von ſo gutmüthiger Natur war das Herz des jungen Mannes, daß er vor der Thüre des Saales halb und halb den Entſchluß faßte, um die ſchöne Anna zu freien, ſie in die Mark zu führen, oder wenn ihm das Leben in Schwaben beſſer gefallen ſollte, mit ihr in die Reſi⸗ denz zu ziehen und für den Sommer Thierberg wieder in Stand ſetzen zu laſſen. Der Alte empfing ihn mit einem herzlichen Morgen⸗ gruß und derben Händedruck, und Anna erſchien ihm heute noch freundlicher und zutraulicher als geſtern. Das Tagewerk der Knechte wurde in ſeiner Gegenwart angeordnet und mit Wonne ſah er Anna eine Geſchäf⸗ tigkeit im Hausweſen entfalten, die er der feingebildeten jungen Dame nicht zugetraut hätte. Auch über ihre eigenen Geſchäfte ſprachen die Bewohner des Schloſſes. Der Alte wollte Vormittags mit ſeinem Verwalter rechnen, Anna den Gaſt unterhalten und einen Spa⸗ ziergang mit ihm ins Thal hinab machen. Nach Tiſch wollte ſie bei einigen Damen in der Nachbarſchaft Be⸗ ſuche abſtatten, der Alte das Stück Wald, dus ihm noch eigen gehörte, muſtern und Albert ſollte ihn begleiten. Der Abend ſollte ſie Alle zum Spiel vereinigen. So angenehm dem jungen Mann die Ausſicht war, einen ganzen Vormittag mit der ſchönen Couſine zu verleben, ſo erſchreckte ihn doch ein ſo langer Waldſpaziergang mit dem ernſten Onkel, der alle Augenblicke die ſonder⸗ barſten, vielſeitigſten Kenntniſſe verrieth, und in ſo hohem Alter noch ein Wortgedächtniß hatte, vor welchem Jenem graute.„Wie, wenn er dich den ganzen Nach⸗ mittag ausfragte, was du gelernt haſt!“ ſagte er zu 43 ſich.„Wie ſchnöde wird es dann an den Tag kommen, welche Lehrſtühle und Säle in Berlin du nicht beſucht, und wie ſchnell wird er ahnen, welche du beſucht haſt.“ Einiger Troſt für ihn war ſeine geläufige Zunge und ein wenig Diſputirkunſt, das Einzige, was ihm von ſeinem Hofmeiſter übrig geblieben war. Doch wie einen zum Galgen Verdammten das Henkermahl noch erfreut, das ihm der Nachrichter zu⸗ und anrichten muß, ſo richtete ſich ſeine geängſtigte Seele an der ſchönen Gegenwart auf. Und welcher Himmel ging ihm erſt auf, als der Onkel, nachdem er ſchon Hut und Stock ergriffen hatte, ſich noch einmal zu ſeinem Neffen wandte.„Noch etwas!“ ſagte er zu ihm.„So lange Thierberg ſteht, iſt es Sitte, daß die nächſten Ver⸗ wandten gleicher Linie mit Du unter ſich reden; ich denke, Du wirſt mit Anna keine Ausnahme machen, weil Du hundert Meilen nordlicher geboren biſt.“. Anna lächelte und ſchien es ganz in der Ordnung zu finden, aber mit freudeglühenden Wangen ſagte der junge Mann zu; dankbar blickte er dem alten Oheim nach, der ihm in dieſem Augenblick wie ein Bote der Liebe erſchien. Leider vergaß er dabei, daß dieſes Du nicht das ſüße, heimliche Du der Liebe ſei, und daß ein ſo nahes Verhältniß zwar der Freundſchaft förder⸗ lich, für die entſtehende Liebe aber ein Hinderniß ſein könnte. „Und Du wollteſt mir geſtern Abend noch Inſtruk⸗ tionen geben,“ ſagte er, indem er ſich in das Fenſter zu dem Fräulein ſetzte.„Es iſt mir angenehm, wenn Du mir recht viel vom Onkel ſagſt, ich habe ihn mir durchaus anders gedacht, und daher kam nun wohl geſtern Abend mein Mißgriff."¹ „Wie haſt Du Dir ihn denn gedacht?“ fragte Anna. „Nun, ich ſetzte mir aus dem, was Mutter und Vater erzählten, ein Bild zuſammen, das nun freilich nicht paßt. Seit mein Vater Kammerjunker an Eurem Hofe war und nachher die Mutter nach Preußen heim⸗ führte, mögen es doch etwa dreißig Jahre ſein. Damals war wohl Onkel etwa fünf⸗ bis ſechsunddreißig Jahre alt, und man nannte ihn noch immer den Junker, denn der Großvater Thierberg lebte noch. Mein Vater be⸗ ſchreibt ihn nun gar komiſch, wenn er auf ihn zu ſprechen kommt. Er war hier im Schloß aufgewachſen, unter der Aufſicht ſeines Herrn Papa und ſeiner Frau Mama. „Die guten Großeltern könnte ich malen. Sie müßten in den geblümten und ausgenähten Fauteuils ſitzen, aufrecht und anſtändig friſirt; die Großmama in einem blauſeidenen Reifrock, der Großpapa in einem ver⸗ ſchoſſenen Hofkleid. Sie ſind die regierende Familie in ihrem Land, der Amtmann und der Paſtor ihr Hof⸗ ſtaat. Der Erbprinz lernte hier nicht viel mehr, als ſich anſtändig verbeugen, die Hand küſſen, reiten und jagen, und die Prinzeſſinnen ſollen ihn an Bildung weit über⸗ troffen haben. Die zwei Jahre Garniſonsleben bei den Reichstruppen hatten ihn nicht gerade verfeinert, und ſo ſoll er immer zur größten Luſt der Verwandten ge⸗ dient haben, wenn er um die Zeit, da man alljährlich die Remontepferde von Leipzig brachte, in die Reſidenz kam. Meine Mutter wurde damals bei Onkel Wernau erzogen und mein Vater kam täglich in das Haus. 45 Wenn dann Dein Vater im Herbſt zu Beſuch kam, verhehlte er nicht, daß er nur gekommen ſei, um die ſchönen Remontepferde zu betrachten, zog den ganzen Tag bei Bereitern und in Ställen umher, freute ſich, mit ſeiner großen Pferdekenntniß glänzen zu können, und unterhielt Abends die glänzende Geſellſchaft bei Wernau's durch ſein ſonderbares Weſen, das zwar nie linkiſch oder unanſtändig, aber im höchſten Grad naiv, ungezwungen und komiſch war. Mein Vater ſagte oft: „„Er war ein Bild der guten alten Zeit, nicht jener ſteifen Zeit, wo man den Hofton und die Reifröcke in jedem Winkel des Landes affektirte, ſondern einer viel früheren. Er war das Muſter eines ſchwäbiſchen Land⸗ junkers.““ Der junge Mann hielt inne in ſeiner Beſchreibung, als er ſah, daß ſeine Zuhörerin lächelte.„Du findeſt vielleicht dieſe Züge unwahr,“ ſagte er,„weil ſie auf heute nicht mehr paſſen, und doch verſichere ich—“ „Mir fiel nur,“ erwiderte ſie,„als Du dies Bild eines ſchwäbiſchen Landjunkers nannteſt, jenes Buch ein, das beinahe mit denſelben Zügen einen Landjunker in— Pommern ſchildert. Du verſetzeſt nun dieſes Bild in mein Vaterland, in dieſes Schloß ſogar; ſonderbar iſt es übrigens, daß beinahe kein Zug mehr zutrifft. In dem gutgemalten Bild eines Jünglings muß man ſogar die Züge des Greiſen wieder erkennen, doch hier—⸗ „Das wollte ich ja eben ſagen; ich fand den Onkel ſo ganz und durchaus anders, daß ich ſelbſt nicht be⸗ greifen konnte, wie er einſt jener muntere, naive Junge habe ſein können.“ W. Hauffs Werke. IVo 4 46 „Ich ſpreche ungern mit Mäunern über Männer, ich meine, es paſſe nicht für Mädchen,“ nahm Anna das Wort;„über meinen Vater vollends habe ich nie — beinahe nie geſprochen,“ ſetzte ſie erröthend hin⸗ zu,„doch mit Dir will ich eine Ausnahme machen. Ich kenne zwar den Vater nicht anders, als wie er jetzt iſt, es iſt möglich, daß er vor dreißig Jahren etwas anders war, aber bedenke, Vetter Albert, durch welche Schule er ging! Alles, alles, was ihm einſt lieb und werth war, hat dieſe furchtbare Zeit niedergewühlt. Oder meinſt Du, jene Verhältniſſe, ſo ſonderbar und unna⸗ türlich ſie vielleicht erſcheinen, ſeien ihm nicht theuer geweſen? Wie oft, wenn die alten Herren von der vor⸗ maligen Reichsritterſchaft im Saal waren und ſich be⸗ ſprachen über die gute alte Zeit, wie oft hätte ich da weinen mögen aus Mitleid mit den Greiſen, die ſich nun ſo ſchwer in dieſe neuen Geſtaltungen finden!“ „Aber ging es ganz Europa beſſer? Denke an Spa⸗ nien, Frankreich, Italien, Polen und das ganze Deutſch⸗ land,“ erwiderte der Gaſt. „Ich weiß,“ was Du ſagen willſt,“ fuhr ſie eifrig fort;„man ſoll über dem Unglück und der Umwühlung eines Welttheils ſo kleine Schmerzen vergeſſen; aber wahrlich, ſo weit ſind wir Menſchen noch nicht. Auf dieſen Standpunkt erhebe ſich wer kann, und ich meine, er wird auch in ſeiner Großherzigkeit wenig Troſt, weder für ſich noch für das Allgemeine finden. Und ich möchte überdies noch behaupten, daß unter allen, die überall gelitten haben, vielleicht gerade dieſe Ritterſchaft nicht am wenigſten litt. Andere Wunden, die man nur dem 47 Vermögen ſchlägt, heilen mit der Zeit, doch wo, nicht durch Revolution, ſondern im Namen geſetzlicher Ge⸗ walt, ſo alte, lang gewöhnte Bande zerſprengt, und Formen, die auf ewig gegründet ſchienen, zertrümmert werden, das eine Stück hierhin, das andere dorthin geriſſen— werden die theuerſten Intereſſen in innerſter Seele verwundet. Wenn ſo die alten Hauptleute und Räthe der Ritterſchaft, einige Comthure und deutſche Ritter um die Tafel ſitzen, ſo glaubt man oft Geſpen⸗ ſter, Schatten aus einer andern Welt zu ſehen. Doch wenn man dann bedenkt, daß dies alles, was ſie einſt erfreute, ſo lange vor ihnen zu Grabe ging, und dieſe Titel von der jungen Welt nicht mehr verſtanden wer⸗ den, ſo kann man mit ihnen recht traurig werden.“ „Es iſt wahr,“ bemerkte der Gaſt,„und man muß gerecht ſein; ſie wurden von früher Jugend in der Achtung und im ritterlichen Eifer für jene alten Formen erzogen, glänzten vielleicht eben im erſten Schimmer einer neuen Amtswürde, als das Unglück hereinbrach und alles auflöste; und wie ſchwer iſt es, alten Ge⸗ wohnheiten zu entſagen, alte Vorurtheile abzulegen!“ „Um ſo ſchwerer,“ ſetzte Anna hinzu,„wenn man ein Recht und geſetzliche Anſprüche darauf zu haben glaubt. Hätte man jene Bande ſanft gelöst, man würde ſich nach und nach gewöhnt haben; ſo aber war es das Werk eines Augenblicks. Vermögen, Anſehen und Würden gingen zugleich verloren und Mancher wurde gefliſſentlich gekränkt. So wurde der Unmuth über die Veränderungen zur Erbitterung. Der Vater hat oft erzählt, wie ſie ihm an einem Tage alle Familien⸗ 48 wappen von den Wänden geriſſen, das Vieh geſchätzt, Pferde weggeführt, die Braupfannen verſiegelt und für Staatseigenthum erklärt haben; die Mutter war krank, der Vater außer ſich gebracht durch höhniſche Behand⸗ lung der neuen Beamten, und um das Unglück voll⸗ kommen zu machen, legten ſie fünfundſiebenzig Fran⸗ zoſen in dieſes Schloß, die nicht plündern, aber ungeſtraft ſtehlen durften, und wenn ſie weiter zogen, nur eben ſo viel neuen Gäſten Platz machten.“ „Wahrhaftig!“ rief Albert.„Ein ſolches Schick⸗ ſal hätte wohl auch den froͤhlichſten Junker ernſt ma⸗ chen müſſen!“ „Wie es ging, weiß ich nicht, nur ſo viel nahm ich mir aus Geſprächen ab, daß er ſeit jener Zeit ganz verändert ſei. Er hielt ſich meiſtens zu Hauſe, las viel und ſtudirte Manches. Er gilt jetzt in der Gegend für einen Mann, der viel weiß, und muß in manchen Fäl⸗ len Rath geben. Doch um auf die Inſtruktionen zu kommen, die ich Dir ertheilen wollte, ſo kannſt Du ſie aus dem, was ich Dir erzählte, ſelbſt abnehmen. Berühre nie die frühern politiſchen Verhältniſſe, wenn Du ihn nicht wehmüthig machen willſt, ſprich nie von dem Kaiſer— u „Von welchem Kaiſer?“ unterbrach ſie der Vetter. „Nun, von Napoleon, wollte ich ſagen; er ſieht ihn als den Urheber aller ſeiner Leiden an, und wenn etwa der General in dieſen Tagen kommen ſollte, laß Dich in keinen politiſchen Diskurs ein; ſie ſind ſchon ſo heftig an einander gerathen.“ „Wer iſt denn der General?“ fragte Albert.„Hat 49 nicht Dein Vater mich geſtern aufgefordert, mit ihm über die neuere Kriegszucht zu ſprechen?“ „Der General Willi iſt unſer Nachbar,“ erwiderte Anna,„und wohnt eine halbe Stunde von hier, den Neckar abwärts. Er gehört ſo ſehr der neueren Zeit an, als der Vater der alten, und ich kann ihm ſeine Art zu denken eben ſo wenig verargen, als meinem Vater. Er machte in den früheren Feldzügen eine ſehr ſchnelle Caxriere, und der Kaiſer ſelbſt ſoll ihn im Feldzuge von 1809 beredet haben, unſern Dienſt zu verlaſſen und in die Garde zu treten. Er war mit in Rußland, wurde bei Chalons gefangen und zog ſich nachher gänzlich zu⸗ rück. Hier hat er nun ein Gut gekauft, iſt ein ſehr vermöglicher Mann und lebt im Stillen ſeinen Erin⸗ nerungen. Du kannſt Dir denken, daß ein Mann, der in ſolchen Verhältniſſen ſeine ſchönſten Jahre lebte, wohl auch noch heute von der Sache, für welche er einſt focht, eingenommen iſt; er iſt, was man ſo nennt, ein eigenſinniger Napoleoniſt, und hat wenigſtens ſo gut als irgend einer Grund dazu.“. „Wenn er ein Franzoſe wäre,“ entgegnete Albert, „dann möchte es ihm hingehen. Aber für einen Deut⸗ ſchen ſchickt es ſich doch wahrhaft nicht. Es war keine Sache, für welche er focht, ſondern ein Phantom.“ „Streiten wir nicht darüber,“ fiel ihm Anna ins Wort.„Ich bin überzeugt, wenn Du dieſen liebens⸗ würdigen, edlen Mann kennen lernſt, wirſt Du ihm ſeinen Enthuſiasmus vergeben.“ „Wie alt iſt er denn?“ fragte Jener befangen. „Ein guter Fünfziger,“ erwiderte Anna lächelnd. 50 „Mir aber ſcheint er, wie geſagt, für ſeine Geſinnun⸗ gen ein ſo gutes Recht zu haben als der Vater. Wurde ja doch auch, was ihm groß und erhaben däuchte, zer⸗ ſtört und verhöhnt, und Du weißt, daß dies nicht der Weg iſt, die Menſchen mit dem Neueren auszuſöhnen. Die beiden Herren haben große Zuneigung zu einan⸗ der gefaßt, obgleich ſie in ihren Meinungen ſo ſchroff einander gegenüber ſtehen. Oft kömmt es unter ihnen zu ſo heftigem Streit, daß ich immer einmal einen wirk⸗ lichen Bruch der nachbarlichen Verhältniſſe vorausſehe. Ich glaube, wenn mehr Damen zugegen wären, würde es nie ſo weit kommen, aber leider hat auch der Gene⸗ ral vor einigen Jahren ſeine Frau verloren. Sie war eine treffliche Frau, und meine Mutter ſchätzte ſie ſehr; der Vater konnte es ihr aber nie vergeben, daß ſie eine Buürgerliche war, und ſeine Schweſter, die jetzt eben bei ihm iſt, pflegt immer nur auf kurze Zeit einzu⸗ kehren.“ Der alte Thierberg, der in dieſem Augenblick von ſeinem Amtmann zurückkam, unterbrach dieſes Geſpräch, das der junge Mann noch lange hätte fortſetzen mögen; denn Baſe Anna erſchien ihm, wenn ſie lebhaft ſprach, wenn ihre Augen während ihrer Rede immer heller glänzten, und ihre zarten Züge jede ihrer Empfindun⸗ gen abſpiegelten, immer reizender, liebenswürdiger zu werden, und er glaubte aus dem Vergnügen, das ihr die Unterhaltung mit ihm zu gewähren ſchien, nicht mit Unrecht einen günſtigen Schluß für ſich ziehen zu dürfen. 6. Von allen ſeinen früheren reichsfreiherrlichen Rech⸗ ten war dem alten Thierberg nur die Ernennung, oder wie man es dort nannte, die Präſentation des Schul⸗ meiſters übrig geblieben, und er verwünſchte auch die⸗ ſen letzten Reſt ehemaliger Größe und Gewalt, als er Nachmittags zwei Schulamtskandidaten mit dem Thier⸗ berger Prediger ins Schloß treten ſah. Er hieß ſeinen Neffen allein in den Wald vorausgehen und verſprach bald zu folgen. Der junge Mann wanderte langſam jenen Weg hinan, welchen ihn Anna zuerſt geführt hatte. Oft ſtand er ſtille und ſah zurück auf dieſe al⸗ terthümliche Burg, und gerne verweilte ſein Auge auf jenem Thurm, in deſſen Zimmerchen Anna wohnte. Wie liebte er dieſes klare, ruhige, natürliche Weſen, gepaart mit ſo viel Anſtand und mit ſo feiner Bildung! Er konnte ſich auf nichts Ähnliches beſinnen. Oft woll⸗ ten zwar in ſeiner Erinnerung die Damen der Mark dieſem Schwabenkind den Vorrang ſtreitig machen. Es däuchte dem jungen Mann, er habe elegantere For⸗ men geſehen, gewandter, zierlicher ſprechen gehört, er rief ſich jede einzelne Schönheit, die ihn ſonſt bezau⸗ berte, zurück, aber er bekannte, daß es gerade dieſe Unbefangenheit, dieſe Ruhe ſei, was ihm ſo überra⸗ ſchend, ſo neu, ſo liebenswürdig erſchien.„Sie iſt zu. verſtändig, zu ruhig, zu klar, um jemals recht lieben zu können,“ fuhr er in ſeinen Gedanken fort,„aber ſchätzen wird ſie mich, ſie wird Intereſſe an mir finden. Und gerade dieſe Klarheit, dieſe Art, über das Leben 5²2 3 zu denken, muß ihr andere, beſſere Verhältniſſe längſt wuͤnſchenswerth gemacht haben. Bequeme, elegante Wohnung, eine geſchmackvolle Garderobe, Wagen, Pferde, Bediente, eine ausgeſuchte Bibliothek, das ſind die Dinge, welche in einem ſolchen kalten Herzen die Liebe erſetzen; ſo unbefangen ſie iſt, ſo weiß ſie doch in ihrer Unbefangenheit die Dame recht wohl zu ſpie⸗ len, und wirklich— es muß ihr als Frau von Rantow allerliebſt ſtehen!“ Der junge Mann war unter dieſen Träumen einer ſchönen Zukunft auf einer Höhe angelangt, wo er einen Theil des reizenden Neckarthales überſchauen konnte. Vorwärts zu ſeiner Linken gewahrte er eine Waldſpitze, die weit vorſprang und ihm die Ausſicht auf den an⸗ dern Theil des Thales verdeckte. Er verglich ſie mit der Lage des Schloſſes, und fand, es müſſe dieſelbe Bergſpitze ſein, von welcher geſtern jene ſüßen Floͤten⸗ klänge herüber tönten. Von dort aus, hatte ihm Anna geſagt, könne man einen weiten, freien Blick über das ganze Thal genießen, und raſch beſchloß er, nicht erſt den Oheim abzuwarten, ſondern im Genuß einer herr⸗ lichen Ausſicht auf jener Waldecke ſeinen Gedanken nachzuhängen. Er hatte ſich die Richtung gut gemerkt, und nicht lange, ſo trat er auf dieſen reizenden Platz heraus. Das Thal ſchwenkte ſich in einem ſchönen Bo⸗ gen an Thierberg vorüber um dieſe Bergecke. Rechts und bei weitem näher, als Albert gedacht hat, lag die Burg, durch eine breite Waldſchlucht von dieſer Stelle getrennt. Man konnte mit einem guten Fernglas deut⸗ lich in die Fenſter von Thierberg ſehen, und der junge —˖—ÿ—ÿ—ͦ—ᷣ—x—ꝛ—:——— 53 Mann ergoͤtzte ſich eine Zeitlang an den Zügen des Paſtors und ſeines Oheims, die in eifrigem Geſpräch an der Fenſterbrüſtung ſtanden. Auch Anna'’s Thurm⸗ fenſter war geöffnet, aber ſtatt ihrer holden Züge ſah man nur einen kleinen Orangenbaum, den ſie an die Sonne geſtellt hatte. In der Mitte des Thales zog in kleineren Bogen der Neckar hin, viele freundliche Halb⸗ inſeln bildend, und in kleinerer Entfernung entseckte das Auge des jungen Mannes ein neues Schloß, in deſſen Fenſtern ſich die Mittagsſonne ſpiegelte. Es war in gefälligem, italieniſchem Styl aufgebaut, die Säu⸗ len und der Balkon, ſchlank und zierlich, machten ei⸗ nen ſonderbaren Contraſt mit den dunklen ſchweren Mauern des Thierbergs zu ſeiner Rechten, und wie dieſe Burg auf der Nordſeite des Gebirges auf einem ſteilen Waldberg hing, ſo ruhte jenes ſchöne Luſtſchloß auf der Südſeite gegenüber an einem ſanften Rebhügel, deſſen zeinlich und nett angelegte Geländer und Spa⸗ liere ich bis an den Fluß herabzogen. Albert war in diefen reizenden Anblick verſunken und dachte nach über neſen Gegenſatz, welchen die beiden Schlöſſer, wie Bil⸗ jer der alten und neuen Zeit hervorbrachten, als feſte Männertritte hinter ihm durch das Gebüſch rauſchten und ihn aus ſeinen Betrachtungen weckten. Er wandte ſich um, und war vielleicht nicht weniger erſtaunt, als der Mann, der jetzt durch die letzten Büſche brach und vor ihm ſtand.— Es war ſein Gefährte vom Eilwa⸗ gen. Er hatte eine Jagdtaſche übergeworfen, trug eine Büchſe unter dem Arm, und zwei große Windhunde ſtürzten hinter ihm aus dem Gebüſch. 54 „Wie, iſt es möglich!“ rief der Jäger, und blieb verwunderungsvoll ſtehen.„Ich hätte mir noch eher einfallen laſſen, hier auf einen Adler, denn auf Sie zu ſtoßen!“ „Sie ſehen, ich benütze Ihren Rath,“ erwiderte der junge Mann, nich durchſpüre jeden Winkel Ihres Lan⸗ des nach ſchönen Ausſichten—“ „Aber wie kommen Sie hieher?“ fuhr Jener fort, indem er ihn aufmerkſamer betrachtete.„Und Sie ſind auch nicht auf der Reiſe, wie ich ſehe. Haben Sie ſich in der Nähe eingemiethet?“ Albert deutete lächelnd auf die alte Burg hinüber. „Dort— und geſtehen Sie,“ ſagte er,„ich hätte kei⸗ nen ſchöneren Punkt wählen können.“ „In Thierberg?“ rief der Jäger mit ſteigendem Erſtaunen, indem er auf einen Augenblick leicht errö⸗ thete.„Wie, iſt es möglich, in Thierberg? Oder ſind vielleicht gar Thierbergs die Verwandten, die—“ „Die ich in der Stadt beſuchen wollte und hur auf ihrem Landſitz traf. Ich ſegne übrigens dieſen Geſchmack meines Oheims,“ ſetzte Albert mit einer Verbeugum hinzu,„da er mich aufs Neue in die Nähe meines ange nehmen Reiſegeſellſchafters führte.“ „So wären Sie vielleicht ein Rantow aus Preußen?“ fragte der Jäger aufs Neue. „Allerdings,“ antwortete der Gefragte.„Aber wie folgern Sie dies? Sind Sie vielleicht mit meinem Oheim bekannt?“ „Ich beſuche ihn zuweilen,“ ſagte Jener mit einem langen Seitenblick auf das alte Schloß.„Ich bin gerne 5⁵ dort; doch beinahe hätte ich das Glück gehabt, Ihre Bekanntſchaft noch früher zu machen. Ich reiste vor einem Jahr in Ihre Heimath, und auf den Fall, daß mich meine Straße über Fehrbellin geführt hätte, war ich mit einem Brief an Ihre Eltern verſehen, mit einem Brief von Ihrem Oheim ſelbſt.— Aber habe ich zu viel geſagt, wenn ich von den Reizen unſeres Neckar⸗ thales ſprach? Finden Sie nicht Alles hier vereinigt, was man immer für das Auge wünſchen kann?“ „Ich dachte ſchon vorhin darüber nach,“ verſetzte Rantow.„Wie verſchieden iſt der Charakter dieſer beiden Berge zur Seite des Thales! Hier dieſer dunkle Wald, mit Schluchten und Felſenriſſen, durch welche ſich Bäche herabgießen, die alte Burg, halb Ruine, auf dieſe jäh abbrechende Wand hinausgerückt. Jen⸗ ſeits die ſanften, wellenförmigen Rebhügel, mit bläu⸗ lichrother Erde und dem ſanften Grün des Weinſtocks. Und dieſe Contraſte durch das lieblichſte Thal, durch den Fluß vereinigt, der bald hierhin, bald dorthin zu den Bergen ſich wendet. Wahrhaftig, es müßte nichts Angenehmeres ſein, als auf einer dieſer grünen Halb⸗ inſeln ein einſames Idyllenleben zu führen!“ „Ja,“ entgegnete der Jäger lächelnd,„wenn der Fluß nicht in jedem Jahre austräte, und Damon, die Hütte und— ſeine Daphne zu entführen drohte! Aber waren Sie ſchon unten im Thal?“ „Noch nicht, und wenn etwa Ihr Weg hinabführt, werde ich Sie gerne begleiten.“ Der Jäger lockte ſeine Hunde und ſchlug dann einen Seitenpfad ein, der in die Tiefe führte. Rantow, der 56 hinter ihm ging, bewunderte den ſchlanken Bau, den kräftigen Schritt und die gewandten Bewegungen des jungen Mannes. Er war einigemal verſucht zu fragen, wer er ſei, wo er wohne. Aber es lag etwas ſo Be⸗ ſtimmtes, Überwiegendes in ſeinem ganzen Weſen, daß er dieſe Frage immer wieder auf eine bequemere Zeit verſchob. Im Thalwandte ſich der Jäger ſtromabwärts. Kinder und Alte, die ihnen begegneten, grüßten ihn überall freundlich und zutraulich. Manche blieben wohl auch ſtehen und ſchauten ihm nach. Oft ſtand er ſtille und machte den Fremden auf jeden ſchönen Punkt aufmerkſam, erzählte ihm von der Lebensart der Leute, von ihren Sitten und ländlichen Feſten. Der Weg bog jetzt um den Berg, und plötzlich ſtanden ſie dem neuen Schloß gegenüber, das Albert von der Höhe herab geſehen hatte.„Welch herrliches Gebäude!“ rief er,„wie maleriſch liegt es in dieſen Weinbergen! Wem gehört dieſes Schloß?“ „Meinem Vater,“ erwiderte der Jäger freundlich. „Ich denke, Sie ſetzen mit mir über und verſuchen den Wein, der auf dieſen Hügeln wächst.“ Gerne folgte der junge Mann dieſer einfachen Ein⸗ ladung. Sie gingen ans Ufer, wo der Jäger einen Kahn losband. Er ließ ſeinen Gaſt einſteigen und ru⸗ derte ihn leicht und kräftig über den Fluß. Auf rein⸗ lichen, mit feinem Kies beſtreuten Wegen, durch hohe Spaliere von Wein gingen ſie dem Schloſſe zu, deſſen einfach ſchöne Formen in der Nähe noch deutlicher und angenehmer hervortraten, als aus der Ferne betrach⸗ tet. Unter dem ſchattigen Portal, das vier Säulen 57 bildeten, ſaß ein Mann, der aufmerkſam in einem Buche las. Als die jungen Männer näher kamen, ſtand er auf und ging ihnen einige Schritte entgegen. Er war groß, aufrecht und hager, und etwa zwiſchen fünf⸗ zig und ſechzig Jahre alt. Ein ſchwarzes, blitzendes Auge, eine kühn gebogene Naſe, die dunkelbraune Ge⸗. ſichtsfarbe und eine hohe, gebietende Stirne, wie ſeine ganze Haltung, gaben ihm etwas Auffallendes, Über⸗ raſchendes. Er trug einen einfachen militäriſchen Ober⸗ rock, ein rothes Band im Knopfloch, und noch ehe er ihm vorgeſtellt wurde, wußte der junge Rantow aus dieſem allem, daß es der General Willi ſei, vor welchem er ſtand. Ihn ſelbſt ſtellte der junge Willi als Vetter der Thierbergs und als ſeinen Reiſegefährten vor. Der General hatte eine tiefe, aber angenehme Stimme; er antwortete:„Mein Sohn hat mir von Ihnen geſagt. Ihre Mutter kenne ich wohl, habe ſie früher in der Reſidenz geſehen. Als wir nach Schleſien marſchirten, wurde ich nach Berlin geſchickt. Ich blieb vier Wochen bei der Feldpoſt dort, und ritt während dieſer Zeit mehremale nach Fehrbellin hinüber, Ihre Eltern zu beſuchen.“ 4 „Wahrhaftig,“ rief der junge Mann.„Ich erin⸗ nere mich, mehre franzöſiſche und deutſche Offiziere da⸗ mals in unſerm Haus geſehen zu haben. Es müßte mich alles täuſchen, Herr General, oder ich kann mich noch Ihrer erinnern. Ihre Uniform war grün und ſchwarz, und einen großen grünen Buſch trugen Sie auf dem Hut. Sie ritten einen großen Rappen.“ „Ach ja, die alte Leda!“ ſagte der General.„Sie 58 hat treu ausgehalten bis an die Berezina. Dort liegt ſie zwanzig Schritte von der Brücke im Sumpf. Es war ein gutes Thier, und in der Garde nannte man ſie le diable noir.— Grüne Büſche ſagen Sie?— Richtig, ich diente damals unter den ſchwarzen Jägern von Württemberg. Ein braves Corps, bei Gott! Wie haben ſich dieſe Leute bei Linz geſchlagen!“ „War es damals,“ bemerkte Rantow,„als Mar⸗ ſchall Vandamme, den Gott verdamme, äußerte: ces bougres-là se battent comme nous?“ „Sie haben da eine ſonderbare überſetzung des Namens Vandamme, doch— ach! Sie ſind ein Preuße, gut, ich gebe zu, der General Vandamme war verhaßt, beſonders in der ſüddeutſchen Armee. Er wußte es auch recht gut; ſeine Bewunderung über die Bravour jener Soldaten hätte er vielleicht artiger, aber nie mit mehr Wahrheit ausdrücken können.“ Sie waren unter dieſen Worten bis unter das Portal des Hauſes getreten. Ein Buch lag dort aufgeſchlagen, der junge Willi ſah es lächelnd an und ſagte:„Zum ſechstenmal, mein Vater?“ „Zum ſechstenmal,“ erwiderte Jener, indem auch durch ſeine ernſten Züge ein leichtes Lächeln ging.„Sie ſehen, Herr von Rantow, man zieht oft die Kinder nur dazu auf, daß ſie ihre Eltern nachher wieder auf⸗ ziehen. So kann er es nicht recht leiden, daß ich gewiſſe Bücher oft leſe. Und doch iſt es ein guter Grundſatz, nicht vielerlei Bücher, aber wenige gute öfter zu leſen.“ „Sie haben Recht,“ erwiderte Rantow.„Und darf 59 ich wiſſen, welches Buch Sie zum ſechstenmal leſen?“ Der General bot es ihm ſchweigend. „Ahl die ſchöne Fabel von 1812,“ rief Albert,„der Feldzug des Grafen Segur! Nun, ein Gedicht wie die⸗ ſes darf man immer wieder leſen, beſonders wenn man, wie Sie, den Gegenſtand kennen gelernt hat.“ „Sie nennen es Gedicht?“ fragte der General. „Da Sie nicht aus Erfahrung ſprechen können, iſt wohl General Gourgaud Ihr Gewährsmann. Aber ich kann Sie verſichern, in dieſem Buche iſt ſo furchtbare Wahr⸗ heit, ſo traurige Gewißheit, daß man das Wenige, was Dichtung iſt, darüber vergeſſen kann. Die Figuren in dieſem Gemälde leben, man ſieht ihren ſchwankenden Marſch über die Eisfelder, man ſieht brave Kameraden im Schnee verſcheiden, man ſieht ein Rieſenwerk, jene große kampfgeübte Armee, durch die Ungunſt des Schick⸗ ſals in viele tauſend traurige Trümmer zerſchlagen. Aber ich liebe es, unter dieſen Trümmern zu wandeln, ich liebe es, an jene traurigen, über das Eis hin⸗ ſchwankenden Männer mich anzuſchließen, denn ich habe ihr Glück und— ihr Unglück getheilt.“ „Ich bewundere nur Deine Geduld, Vater,“ er⸗ widerte der Sohn;„Du kannſt dieſe franzöſiſchen Ti⸗ raden, die, wenn man ſie in nüchternes Deutſch auflöst, beinahe lächerlich erſcheinen, leſen und immer wieder leſen! Ich erinnere mich aus dieſem berühmten Buch einer ſolchen Stelle, die im Augenblick das Gefühl be⸗ ſticht, nachher, mich wenigſtens, lächeln machte. Die Armee hat ſich in größter Unordnung hinter Wilna zu⸗ rückgezogen. Die Ruſſen ſind auf den Ferſen. Eine⸗ 60 Zeitlang imponirt ihnen noch die Nachhut des Heeres, aber bald löst ſich auch dieſe auf, und die erſten der Ruſſen, indem ſie einen Hohlweg heraufdringen, miſchen ſich ſchon mit den letzten der Franzoſen. Segur ſchließt ſeine Periode mit den Worten:„„Ach! Es gibt keine franzöſiſche Armee mehr!““—„„Doch es gibt noch eine,““ fährt er fort;„„Ney lebt noch; er reißt dem Nächſten das Gewehr aus der Hand,“« u. ſ. w. Kurz, der edle Marſchall thut in übertriebenem Eifer noch einige Schüſſe auf den Feind und repräſentirt gleichſam in ſich ſelbſt die halbe Million Soldaten, die Napoleon gegen Rußland ins Feld führte. Iſt dies nicht mehr als dichteriſch, iſt dies nicht lächerlich überſtiegen?“ „Ich erinnere mich noch recht wohl jenes Moments, und ſo grauſam unſer Schickſal, ſo gedrängt unſer Rückzug war, ſo ließ er uns doch ſeinige Augenblicke frei, dieſem Krieger und ſeiner wahrhaft antiken Größe un⸗ ſere Bewunderung zu zollen. Wenn Du bedenkſt, wie es von großer Wichtigkeit war, daß er mit wenigen Tapfern jenes Defilée eine Zeitlang gegen den Feind behauptete, daß er und die Seinen allerdings in dieſem Augenblick noch die einzigen wirklichen Combattanten waren, die den Ruſſen die Spitze boten, ſo wird Dich jener Ausdruck weniger befremden; ich wenigſtens danke es Segur, daß er auch jenem erhabenen Moment einen Denkſtein ſetzte.“ 1 „Alſo iſt jene Scene wahr?“ fragte Rantow. „Gewiß! Und eine ſchöne großartige Idee liegt darin, daß man weiß, wer von der großen Armee zuletzt gegen die Ruſſen ſchlug, daß es Ney war, welchen 61 der hohe Ruhm, der ihm ſogar aus dieſem Rückzug ſproßte, die Handgriffe des gemeinen Soldaten nicht vergeſſen ließ. Er war, wie Hannibal, der letzte beim Rückzug.“ „Was ſagen Sie aber über Jenen, welcher der erſte in der Armee und der erſte beim Rückzug war?“ be⸗ merkte Rantow.„Ich glaube, zwanzig Jahre früher hätte er jeden Schritt mit ſeinen Garden vertheidigt—⸗ „Und zwanzig Jahre ſpäter vielleicht auch,“ fiel ihm der General ins Wort,„und wäre vielleicht als Greis eines ſchönen Todes mit ſeinen Garden geſtorben. Anno 13, werden Sie aber wohl wiſſen, war er Kaiſer eines Landes, von welchem er, ohne Nachricht, ohne Hülfe, auf ſo viele hundert Meilen getrennt war. Was hielt ihn bei der Armee, nachdem unſer Unglück ent⸗ ſchieden war? Glauben Sie nicht, daß er etwas Ähn⸗ liches, wie den Abfall Ihres York, geahnt hat. Mußte er nicht in Frankreich friſche Mannſchaft holen?“ „Warum zog er gegen Aſten zu Feld, der neue Ale⸗ rander,“ ſagte Rantow ſpöttiſch lächelnd,„wenn er ahnte, daß das Preußenvolk in ſeinem Rücken nur darauf laure, ihm den Todesſtreich zu geben? War dies die gerühmte Klugheit des erſten Mannes des Jahrhun⸗ derts?“ „Glauben Sie, junger Mann,“ erwiderte der Ge⸗ neral,„der Kaiſer war erhaben über einen ſolchen Ver⸗ dacht. Er wußte, daß Ihr König ein Mann von Chre ſei, der ihn im Rücken nicht überfallen werde; er wußte auch, daß Preußen zu klug ſei, um à la Don Quixote die große Armee allein anzugreifen.“ W. Hauffs Werke, IV. 5 62 „Preußen war nicht ſchuldig,“ rief der junge Mann erröthend.„Man weiß, wie Bonaparte ſelbſt ſeine Friedensbündniſſe gehalten hat; man war nicht ſchul⸗ dig, zu warten, bis es dem großen Mann gefällig ſei, die Kriegserklärung anzunehmen. Der Gefeſſelte hat das Recht, in jedem günſtigen Augenblick ſeine Feſſeln zu zerreißen, und ſollte er auch den damit zertrümmern müſſen, der ſie ihm anlegte.“ „Nun, Vater,“ ſetzte der junge Willi hinzu,„das iſt es ja, was ich ſchon lange ſagte, wenn ich den Auf⸗ ſtand des ganzen Deutſchlands in Schutz nahm. Wer gab den Franzoſen das Recht, uns in Ketten und Bande zu ſchlagen? Unſere Thorheit und ihre Macht! Wer gab uns das Recht, ihnen das Schwert zu entwinden und die Spitze gegen ſie ſelbſt zu wenden? Ihre Thor⸗ heit und unſere Macht.“ „Ich gebe zu,“ antwortete der General mit Ruhe, „daß man im Volk, vielleicht auch unter Politikern, alſo ſpricht und ſprechen darf. Niemals aber darf der Soldat dieſe Sprache führen, um eine ſchlechte That zu beſchönigen. Es gibt manche glänzende Verräthereien in der Geſchichte; die Zeiten, wo ſie begangen wurden, waren vielleicht mit der Gegenwart ſo ſehr beſchäftigt, daß man die Verräther geprieſen hat; aber die Nach⸗ welt, welche die Gegenſtände in hellerem Lichte ſieht, hat immer gerecht gerichtet und manchen glänzenden Na⸗ men ins ſchwarze Regiſter geſchrieben. Auchdie Sache des Kaiſers wird die Nachwelt führen. So viel iſt aber gewiß, daß zu allen Zeiten, wo es Soldaten gibt, einer, der ſeine Fahne verläßt, immer für einen Schurken gelten wird.“ 63 „Ich gebe dies zu,“ erwiderte Rantow,„nur ſehe ich nicht ein, wie dies den übereilten Zug nach Ruß⸗ land entſchuldigen könnte.“ „Meinen Sie denn, der Zuſtand Preußens ſei uns ſo unbekannt geweſen?“ fragte der General.„Man wußte ſo ziemlich, wie es dort ausſah. Ich war von Mainz bis Smolensk im Gefolge des Kaiſers und na⸗ mentlich in deutſchen Provinzen oft an ſeiner Seite, weil ich die Gegenden kannte, und manchmal in ſeinem Namen Fragen an die Einwohner thun mußte. In den preußiſchen Stammprovinzen fiel ihm und uns allen die Haltung und das Anſehen der jungen Leute auf. Das ganze Land ſchien von Beurlaubten angefüllt, und doch waren es immer nur die jungen Männer, die hier geboren und erzogen waren. Die Haare waren ihnen militäriſch verſchnitten, ihre Haltung war aufgerichtet, geregelt; ſie ſtanden ſelten wie faule, müßige Gaffer da, wenn der Kaiſer und ſein Gefolge vorüberzog. Nein, ſie machten Front, wenn ſie ihn ſahen, die Füße ſtanden eingewurzelt, der linke Arm ſtraff angezogen und an die Seite gedrückt, das Auge hatte die regelrechte Richtung und die rechte Hand machte ihren Soldaten⸗ gruß. Eswaren dies keine Bauernburſche mehr, ſondern Soldaten, und der Kaiſer wußte wenigſtens, daß nicht die ganze preußiſche Armee mit ihm ziehe.“ „Er ließ einen gefährlichen, beleidigten Feind in ſeinem Rücken,“ bemerkte Rantow. „Ein gefährlicher Feind, Herr von Rantow, iſt etwa eine beleidigte Schlange, aber nicht eine Armee, nicht Männer von Ehrgefühl. Das preußiſche Heer hatte ſich mit der großen Armee vereinigt, und ſobald dies geſchehen war, ſtand ſie unter dem Oberbefehl des er⸗ ſten Kriegers dieſer Armee; in dieſer Eigenſchaft hatten wir weder von ihnen noch von den Zurückgebliebenen etwas zu fürchten; die Untergebenen band ihr Eid an ihre Fahnen, und die Generale, die Repräſentanten die⸗ ſer Fahnen, band ihre Ehre. Wenn Sie die Sache aus dieſem natürlichen Geſichtspunkt betrachten wollen, ſo werden Sie am Betragen des Kaiſers bei Beginn jenes unglücklichen Feldzuges nichts übereiltes oder Unkluges finden.“ „Das preußiſche Heer, das gezwungen mit aus⸗ rückte,“ erwiderte der junge Mann,„gehörte nicht die⸗ ſem Kaiſer der Franzoſen, ſondern ſeinem rechtmäßigen König, und in demſelben Augenblick, als dieſer ſie ihrer Pflichten gegen jenen erſten Krieger entband—“ „Konnten ſie gegen uns ſelbſt die Waffen richten,“ fiel der General ein;„da haben Sie vollkommen Recht; ſie konnten ihre Quarrées bilden, uns den Gehorſam weigern, und, im Fall des Zwanges, Feuer auf unſere Colonnen geben, ſie konnten ſich im Angeſicht der Armee mit den Ruſſen vereinigen, ſie durften dies alles thun—“ „Nun ja— das war es ja eben, was ich meinte—“ „Nein, Herr! Das war es nicht,“ fuhr jener eif⸗ rig fort.„Nur erſt, verſtehen Sie wohl, nur dann erſt, wann ihr König ſie ihres Eides entband, konn⸗ ten ſie den Gehorſam verweigern, ſie mußten es ſogar auch auf die Gefahr hin, zu Grunde zu gehen. So lange dies nicht der Fall war, handelten ſie, wenn ſie feindlich auftraten, als Verräther, an ihrer Ehre und 6⁵ ſogar an ihrem König; denn die Ehre des Königs, der die Befehlshaber gewählt hatte, bürgte gleichſam für ihr Betragen.“ „Nun, wenn ich auch dies von den Befehlshabern zugebe,“ erwiderte Rantow,„ſo hat wenigſtens die Armee immerhin ihre Pflicht gethan.“ „In dieſem Fall nimmermehr!“ rief der General. „Wenn der Chef keinen Befehl ſeines Herrn vorweiſen kann, um ſeine Schritte zu entſchuldigen, und dennoch ſeine Schuldigkeit nicht thut, oder ſogar zum Verräther wird, und zum Verräther, nicht für ſich allein, ſondern mit einem ganzen Corps, ſo hat jeder Offizier, jeder Soldat hat das Recht, ihn vor der Front vom Pferde zu ſchießen!“ „Ei, Vater!“— rief der junge Willi. „Mein Gott, dies denn doch nicht,“ rief zugleich der Fremde;„einen General en Chef vom Pferd zu ſchießen!“ „Und wenn man es unterlaſſen hat,“ fuhr Jener mit blitzenden Augen fort,„ſo hat man ſeine Pflicht verſäumt. Aber ich kenne noch recht wohl jene ſchänd⸗ liche Zeit und die Motive, die damals die Handlungen der Menſchen lenkten; Wölfe und Tiger waren ſie ge⸗ worden, die menſchliche Natur hatte man ausgezogen, Treue, Ehre, Glauben, Alles verloren, und für Herois⸗ mus galt damals, was ſonſt für eine Schandthat gegol⸗ ten hätte!“ „Nun, etwas Herrliches und Erhabenes, was ſich damals offenbarte, werden Sie doch nicht läugnen kön⸗ nen,“ ſprach der Märker;„der allgemeine Enthuſias⸗ * 8 66 mus, womit das ganze Volk aufſtand, war doch wirk⸗ lich erhaben, ergreifend!“ „Das ganze Volk?— Aufſtand?“ rief der General bitter lachend.„Da müßte Deutſchland erſt auferſtehen, ehe die Deutſchen aufſtünden. Es war bei Manchem ein ſchöner, aber unkluger Eifer, bei Einigen Haß, bei Vielen übermuth, bei den Meiſten war es Sache der Mode; und Sie vergeſſen, daß Öſterreich, Baiern, Württemberg, daß Schwaben und Franken nicht, was Sie ſagen, aufſtanden, und denn doch auch zu Deutſch⸗ land gehörten. Und Ihre Enthuſiaſten ſelbſt! Vor die⸗ ſen wären wir gewiß nie aus Sachſen gewichen!“ „Wenn es ihnen auch an jenen gerühmten Eigen⸗ ſchaften eines alten, gedienten Soldaten gebrach, wahr⸗ haftig, ihr Wille war ſchön, ihre Thaten groß, und ihre Einheit, ihre Aufopferung erſetzte Vieles—⸗ „Einheit? Aufopferung? Wir nahmen, es war ſchon auf franzöſiſchem Boden, einmal ein ſolches In⸗ dividuum gefangen. Es war ein junger, ſchön geputzter Mann. Der Kaiſer hatte von dieſen Volontairs ſprechen gehört, man hatte ihm ihre Kleidung, ihre Haltung über⸗ aus komiſch beſchrieben; er ließ daher den Gefangenen vor⸗ treten. Als dieſer den Kaiſer erblickte, gerieth er3in augen⸗ ſcheinliche Verwirrung, dachte nicht mehr daran, daß er ſelbſt Soldat geworden ſei und gegen den größten Krie⸗ ger zu Feld ziehe, ſondern er nahm ſeinen Tſchako am Schild, riß ihn nach gewöhnlicher, bürgerlicher Weiſe vom Kopf, daß der ſchöne Federbuſch elendiglich in den Koth hing, und kratzte mit dem Fuß hinten aus. Der Kaiſer ließ ihn durch mich fragen, ob er unter den deut⸗ 67 ſchen Freiwilligen diene? Jener aber verbeugte ſich noch einmal und ſagte:„„Ich bin vom Frankfurter Corps der Rache.““ Der Kaiſer konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, und als er weiter ritt, wandte er ſich noch einmal um. Der Sohn der Rache ſtand noch immer ganz verblüfft unter einem Haufen von Franzo⸗ ſen, und jetzt erſt ſchien er aus dem Traum zu erwachen, er mochte ſich auf die ſchöne Zeile zurückwünſchen. Der arme Teufel ſah aus, als wäre er ein Volontaire malgré lui, als hätte er nur ſeinem Schatz zu gefallen ſich in dem Corps der Rache einſchreiben laſſen. Und dieſer Rächer kehrte nicht mehr hinter den Ladentiſch ſeines Vaters heim. Ich ſah ihn ſechs Tage nachher, ohne Beine, ſterbend wieder, ſeine eigenen Landsleute hatten ihn in unſern Reihen getödtet. Und von ſolchen Menſchen verlangen Sie Einheit, Aufopferung 2* Der Preuße hatte dem General unmuthig zugehört; es kam ihm vor, als liege in den Zügen dieſes Mannes Spott und Verachtung einer Sache, die er immer als etwas Ungeheures, Welthiſtoriſches, Großartiges zu betrachten gewöhnt geweſen war. Der junge Willi ſah dieſe unangenehmen Gefühle, die mit der Ehrfurcht vor dem General in Rantows Bruſt zu kämpfen ſchienen. Er nahm daher ſchnell das Wort und ſagte:„Du warſt damals auf feindlicher Partei, lieber Vater, Du ſahſt alles in einem andern Lichte, und ich zweifle, ob nicht Eure jungen Conſcribirten ſich auf ähnliche Weiſe be⸗ nommen hätten. Aber wahr bleibt es immer und jedem unbefangenen Auge noch jetzt ſichtbar, daß damals ein erhabener, ungewöhnlicher Geiſt unter dem Volke, 8 68 hauptſäͤchlich im Norden wehte; die Mittelſtände vor⸗ züglich haben gezeigt, daß ſie einer bewunderungswür⸗ digen Kraftäußerung fähig ſeien, und darauf, ſo ſchlecht auch die Zeiten ſind, kann man noch immer einige Hoff⸗ nung gründen.“ 4 Rantow ſah den jungen Mann bei den letzten Wor⸗ ten befremdet an, als wüßte er ſich dieſen Satz nicht zu erklären; doch erfreut, ſeine eigenen Geſinnungen wieder⸗ holt zu hören, wandte er ſich wieder an den General. „Er hat Recht,“ ſagte er,„auf feindlicher Seite konnten Sie das rührende Bild dieſer Aufopferung nicht ſo genau kennen lernen. Aber die großen Worte unſerer Redner, die feurigen, aufrufenden Lieder unſerer Sänger, die be⸗ geiſternde Aufopferung unſerer Frauen, ſie gaben, ver⸗ bunden mit dem Muth, der frommen Kraft und der gott⸗ geweihten Hingebung unſerer Jünglinge und Männer, Scenen, die eben ſo erhaben als unvereßlich ſind.“ „Und wofür denn dieſes Alles?“ fragte der alte Sol⸗ dat,„wozu ſo große Aufopferungen, was hat man da⸗ mit erreicht und errungen? Ließ ſich dies alles nicht vorausſehen?“ „Und was haben denn Sie, Herr General, auf jener Seite erreicht und errungen? Das iſt einmal das Schick⸗ ſal alles menſchlichen Lebens und Treibens, daß man kämpft, ſich hingibt, aufopfert, um am Ende Nichts, oder wenig zu erreichen. Zwanzig Jahre haben Sie jenem Manne geweiht, jenem Eigenſüchtigen, der nur ſich und immer nur ſich bedachte. Jetzt liegt er auf einem öden Felſen, ſeine Genoſſen ſind zerſtreut, aufgerieben— was, was haben denn Sie gewonnen?“ —— 69 „Ein Endchen rothes Band und die Erinnerung,“ antwortete er lächelnd, indem er mit einer Thräne im Auge auf ſeine Bruſt herabſah. Es lag etwas ſo Er⸗ greifendes, Erhabenes in dem Weſen des Mannes, als er dieſe Worte ſprach, daß Rantow, erröthend, als hätte er eine Thorheit geſagt, ſeine Augen von ihm abwandte und betreten den Sohn anſah. Doch dieſer ſchien nicht auf das Geſpräch zu merken, er blickte un⸗ verwandt und eifrig auf ein kleines Gebüſch am Fluß, von welchem man eben das Plätſchern eines Ruders vernahm; jetzt theilten ſich die Zweige der Weiden, und ein ſchöner Mädchenkopf bog ſich lächelnd daraus hervor. 7. „Unſere ſchöne Nachbarin!“ rief der General freund⸗ lich und eilte auf ſie zu, ihr die Hand zu bieten; die jungen Männer folgten, und mittelſt ſeiner trefflichen Lorgnette entdeckte Rantow zu ſeinem nicht geringen Vergnügen, daß es Anna ſei, die hier ſo plötzlich, gleich einer Najade, aus dem Fluß auftauchte. Der General küßte ſie auf die Stirne und bot ihr dann den Arm, ſie grüßte ſeinen Sohn kurz und freundlich, fragte flüchtig nach des Generals Schweſter und verweilte dann mit einem Ausdruck der Verwunderung auf ihrem Gaſt. „Du hier, Vetter Albert?“ rief ſie, indem ſie ihm die Hand bot.„Nun das muß ich geſtehen, für ſo klug hätte ich Dich nicht gehalten, Deinen ſchönen Verſtand in Ehren, daß Du ſogleich die angenehmſte Geſellſchaft in der ganzen Gegend auffinden würdeſt; welcher Zau⸗ berer hat denn Dich hieher gebracht?“ 7⁰ „Mein Sohn,“ ſagte der General,„hatte das Glück, Ihren Vetter auf ſeiner kleinen Reiſe kennen zu lernen, und fand ihn jenſeits in Ihrem Forſt— „Und lud mich ein, ihn hieher zu begleiten,“ fuhr Rantow fort,„wo ich ſchon wieder wie geſtern das Unglück hatte, zu ſtreiten und immer heftiger zu wider⸗ ſprechen. Du lächelſt, Anna? Aber es iſt, als brächte es hier das Klima ſo mit ſich; zu Hauſe bin ich der friedfertigſte Kerl von der Welt, habe vielleicht in zwei Jahren nicht ſo viel disputirt, als hier in zwei Tagen, und wie käme ich vollends mit Herren, wie der Herr General oder mein Onkel, in Streit?“ „Iſt es möglich?“ fragte der General,„mit Herrn von Thierberg, mit Ihrem Vater, Ännchen, kommt er in Streit? Ich dachte doch, da Sie mit mir in poli⸗ tiſchen Anſichten ſo gar nicht übereinſtimmen, Sie müß⸗ ten von Ihres Oheims Grundſätzen eingenommen ſein.“ „Nun, ſo ganz unmöglich iſt eine dritte oder vierte Meinung doch nicht,“ bemerkte der junge Willi lächelnd; „ich bin gewiß nicht von Ihrem politiſchen Glaubens⸗ bekenntniß, und glaube, daß ſich mit der Welt jetzt et⸗ was machen ließe, wenn Ihr nicht fünfzehn Jahre frü⸗ her mit Feuer und Schwert reformirt und die Menſchen eingeſchüchtert hättet; aber mit Herrn von Thierberg lebe ich deßwegen doch in ewigem Kampf, und wir Beide haben unſere gegenſeitige Bekehrung längſt aufgegeben.“ „Demagogen ſtreiten gegen alle Welt,“ erwiderte ihm Anna lächelnd und doch wie es ſchien, ein wenig unmuthig.„Sie ſind ein Incurable in dieſem Spital der Menſchheit; haben Sie je gehört, daß ein ſolcher 71 politiſcher Ritter von la Mancha, ſolch ein irrender Weltverbeſſerer, von Grund aus kurirt worden wäre?“ „Ich ſehe, Sie wollen den Krieg auf mein Land ſpielen,“ ſagte Robert,„Sie wollen, wie immer, meine Anſichten zur Zielſcheibe Ihres liebenswürdigen Witzes machen, und doch ſoll es Ihnen nicht gelingen, mich aus der Faſſung zu bringen, heute wenigſtens gewiß nicht. Sie kennen wohl die ſchönen Eigenſchaften Ihrer Fräulein Couſine noch nicht ganz, Rantow? Nehmen Sie ſich um Gotteswillen in Acht, ihr zu trauen!“ „Freund,“ entgegnete Rantow,„in dieſem Süd⸗ deutſchland finde ich mich ſelbſt nicht mehr; es iſt alles ganz anders, man denkt, man ſpricht anders, als ich gewöhnt bin, und ſo mag ich mir ſelbſt kein Urtheil mehr zutrauen, am wenigſten über Anna.“ „General!“ rief Anna,„Sie führen nachher hoffent⸗ lich meine Vertheidigung gegen Ihren Herrn Sohn?“ „Nun merken Sie auf, Rantow!“ ſprach der junge Willi;„daß dieſes Fräulein die ſchönſte im ganzen Neckarthal, von Heidelberg bis Tübingen iſt, behaupten nicht nur alle reiſenden Studenten, ſondern auch ſie ſelbſt weiß es nur allzu gut und hat ſich ganz darnach eingerichtet; ſie iſt aber dabei ſo ſpröde wie Leandra im eben angeführten Don Quixote. Nach ihren politiſchen Anſichten, denn ſie iſt gewaltig politiſch, iſt ſie ein Amphibion. Sie hält es bald mit dem Alten, bald mit der neuen Zeit. Sie iſt gewaltig ſtolz, daß ſie vierund⸗ ſechzig Ahnen hat, auf ihrem Stammſchloß lebt, und daß ſchon Anno 950 ein Thierberg einen Acker gekauft hat. Auf der andern Seite iſt ſie durch und durch na⸗ 72 poleoniſch. Sie hat den erſten Lügner ſeiner Zeit, den Moniteur, öfter geleſen, als die Bibel, trägt ein Stückchen Zeug, das Montholon meinem Vater ſchickte, und das angeblich von Napoleons letztem Lager ſtammt, in einem Ring, ſingt nichts als kaiſerliche Lieder von Beranger und Delavigne, und kurz— ſie liebt eben jenen Mann mit Enthuſiasmus, der den Glanz ihrer vierundſechzig Ahnen in den Staub geworfen hat.“ „Sind Sie nun zu Ende?“ fragte Anna, ruhig lächelnd, indem ſie ihren Ring an die Lippen zog. „Weißt Du aber auch, Vetter, daß er den ärgſten An⸗ klagepunkt, das ſchwärzeſte Verbrechen in ſeinen Augen, aus Edelmuth— Nämlich das, daß ich kein ſogenanntes deut ches Mädchen bin, daß ich nicht jetzt ſchon in meinem Kämmerlein mich im Spinnen übe, wie es einer deutſchen Maid frommt, und keine Lorbeerkränze für die Stirne der künftigen Sieger flechte. Weißt Du denn auch, wer dieſer Herr iſt? Das iſt ein Glied eines ungeheuren, unſichtbaren Bundes, der nächſtens das Oberſte zu unterſt kehren wird; nun, bei Euch ſoll es noch mehrere ſolcher Staatsmänner geben. Aber, Herr von Willi, wie iſt mir doch, iſt es denn wahr, was man mir letzthin erzählte, daß unter Euren geheimen Geſetzen eines ausdrücklich gegen junge Damen von Adel gerichtet ſei und alſo laute:„„Wenn ein biderber deutſcher Ritter um eine Jungfrau freit, die ehemals der adeligen Kaſte angehörte, und ſolche aus thörichtem Hochmuth ihre Hand verſagt, ſoll ihr Name öffentlich bekannt gemacht und ſie ſelbſt für wahnſinnig erklärt werden.“* 73 Das Pathos, womit Anna dieſe Worte vorbrachte, war ſo komiſch, daß der General und Rantow unwill⸗ kürlich in Lachen ausbrachen; der junge Willi aber er⸗ röthete, und unmuthig entgegnete er:„Wie mögen Sie ſich nur immer über Dinge luſtig machen, die Ihnen ſo ferne liegen, daß Eie auch nicht das Geringſte davon fühlen können? Ich gebe zu, daß es Ihnen in Ihrem Stande, in Ihren Verhältniſſen recht angenehm und behaglich ſcheinen mag, weil Sie freiere Formen und natürlichere Sitten nicht kennen, keine Ahnung davon haben. Warum aber mit Spott Gefühle verfolgen, die wenigſtens in der Männerbruſt mächtig und erhaben wirken, und zu allem Schönen und Guten begeiſtern?“ „Wie ungezogen!“ erwiderte Anna.„Sie haben mit Spott begonnen, und meine Ahnen und den Kaiſer der Franzoſen ſchlecht behandelt, und nehmen es nun empfindlich auf, wenn man über die Herrn Demagogen und ihre Träume ſcherzt! Wahrlich, wenn nicht Ihr Vater ein ſo braver Mann und mein getreueſter An⸗ hänger wäre, Sie ſollten es entgelten müſſen. Doch zur Strafe will ich Sie über das Gedicht examiniren, das Sie mir für meinen Vater verſprochen haben.“ Sie nahm bei dieſen Worten Roberts Arm und ging mit ihm den Baumgang hin, und Albert Rantow hätte in dieſem Augenblick viel darum gegeben, an der Stelle des jungen Willi neben ihr gehen zu dürfen, denn nie hatte ihm ihr Auge ſo ſchön, ihre Stimme ſo klang⸗ voll und rührend gedäucht, als in dieſem Augenblick. „Sie iſt ein ſonderbares, aber treffliches Kind,“ ſagte der General, indem er ihr lächelnd nachblickte. „Wenn ſie ihm doch alle ſeine Schwärmereien aus dem Kopfe reden könnte! Aber ſo wird er nie glücklich wer⸗ den; denken Sie, Rantow! Er hat oft Stunden, wo es ihm lächerlich, ja thöricht erſcheint, daß er in meinem bequemen Schloß wohnt, und Nachbar Jörge und Michel, die doch auch„„deutſche Männer““ ſind, nur mit einer ſchlechten Hütte ſich begnügen müſſen. Das iſt eine ſonderbare Jugend, das nennen ſie jetzt Frei⸗ heitsſinn! Und doch iſt er ſonſt ein ſo wackerer und vernünftiger Junge.“ „Ein liebenswürdiger, trefflicher Menſch,“ bemerkte Albert, indem er oft unruhige Blicke nach jenen Bäu⸗ men ſtreifen ließ, unter welchen Willi und Anna wan⸗ delten.„Ich darf Ihnen ſagen, daß ich über ſeine Gewandtheit, über die feinen geſellſchaftlichen Formen ſtaunte, die er ſo unbefangen entwickelt; er muß viel und lange in guten Zirkeln gelebt haben; und dennoch ſo ſonderbare, ſpießbürgerliche Pläne!“ 4 „Er war in London, Paris und Rom,“ ſagte der General gleichgültig,„und er lebte dort unter meinen Freunden. Ich glaube, Lafayette und Foy haben mir ihn verzogen.“ „Wie! Lafayette, Foy, hat er dieſe geſehen?“ fragte Rantow ſtaunend. „Er war täglich in der Umgebung beider Männer, und ſie fanden an dem Jungen mehr, als ich erwarten konnta. Da hörte er nun die Amerikaner und die Herren von der linken Seite; und weil er manche der exaltirte⸗ ſten Schreier als meine alten Freunde kannte, glaubte er in ſeinem jugendlichen Eifer, es müſſe alles wahr — 75 ſein, was ſie ſchwatzen, und fand ſich am Ende geſchickt, ſelbſt mit zu reformiren. Da iſt er nun mit allen un⸗ ruhigen Köpfen in dieſem ruhigen Deutſchland bekannt. Keine Woche vergeht, ohne daß er einen jener deut⸗ ſchen Radikalreformer, mit langen Haaren, Stutzbärt⸗ chen, Beilſtöcken und ſonderbaren Röcken in meinen Hof bringt; ſie nennen ihn Bruder, und ſind ſo wunderliche Leute, daß ſie alle Briefe an meinen Robert mit einem „vdeutſchen Gruß zuvor““ anfangen.“ „Ich kenne dieſe Leute,“ erwiderte Albert mit weg⸗ werfender Miene;„ſie zeigen ſich auch bei uns zu Hauſe. Aber wie kann nur ein Mann von ſo glänzenden An⸗ lagen für ein anſtändigeres Leben und für die gute Ge⸗ ſellſchaft, wie Robert, mit ſo gemeinen Menſchen um⸗ gehen, die im Bier ihr höchſtes Glück finden, rauchend durch die Straßen gehen, in gemeinen Schenken umher⸗ liegen, und alles Noble, Feine gering achten?“ „Gemein, lieber Herr von Rantow, habe ich ſie noch nie gefunden,“ erwiderte der General lächelnd, „was ich unter gemein verſtehe; daß ſie rauchen, macht ſie höchſtens für einen Nichtraucher unangenehm, daß ſie Bier trinken, geſchieht wohl aus Armuth, denn meinen Wein haben ſie nicht verachtet, und von der bonne societée denken ſie gerade wie ich; ſie langweil⸗ ten ſich dort, und finden das Steife gezwungen und das Gezierte lächerlich. Sonſt fand ich ſie unterrichtet, ver⸗ nünftig, und nur in ihrer Kleidung und in ihren Träu⸗ mereien dachte ich mit Anna an Don Quixrote und fand es komiſch, daß ſie ſich berufen glauben, die Welt zu erlöſen von allem übel.“ Der junge Mann, verbeugte ſich ſtillſchweigend gegen den General, als wolle er ihm dadurch ſeinen Beifall zu erkennen geben, bei ſich ſelbſt aber dachte er: Ich laſſe mich aufknüpfen, wenn er nicht ſelbſt raucht, und lieber Stettiner und Joſty als Franzwein trinkt; doch einem alten Soldaten kann man es verzeihen, wenn er roh und unhöflich iſt. Er ſah ſich zugleich wieder nach Anna um; das Geſpräch ſchien von beiden Seiten mit großem Intereſſe geführt zu werden, die Gegenwart des Generals verhinderte ihn, von ſeiner Lorgnette Ge⸗ brauch zu machen, und doch war ſie ihm nie ſo nöthig geweſen als in dieſem Augenblick, denn er glaubte ge⸗ ſehen zu haben, wie der junge Willi Anna's Hand er⸗ griff und— an ſeine Lippen führte. Der General mochte die Unruhe und Zerſtreuung des jungen Mannes bemer⸗ ken; er ging mit Rantow dem Baumgang zu, und als Anna ſie herankommen ſah, ging ſie ihnen mit Willi entgegen. Des Generals Schweſter, eine würdige Dame, welcher Anna's Beſuch galt, kam in dieſem Augenblick herzu, und da in ihrer Gegenwart nichts Politiſches, das zum Streit führen konnte, abgehandelt werden durfte, ſo zog es die Geſellſchaft vor, ihrer Einladung zu folgen, und unter der Halle des Schloſſes den Wein des Generals und die ſchönen Früchte ſeiner Gärten zu koſten. Man beſchloß, daß der General und ſein Sohn morgen den Beſuch auf Thierberg erwidern ſollten, und ſo ſchieden die beiden Willi, als ihre Gäſte in den Kahn ſtiegen, mit Ehrfurcht von Anna, mit der Herzlichkeit alter Freunde von Rantow. —— —— 77 8. Der Gaſt aus der Mark, obgleich er in jedem Da⸗ menkreis ſeiner Heimath mit jener Sicherheit aufgetreten war, welche man ſich durch Erziehung und gehöriges Selbſtvertrauen erwirbt, obgleich er ſich in Berlin man⸗ ches ſchwierigen Sieges hatte rühmen können, fühlte ſich doch nie in ſeinem Leben ſo befangen, als an jenem Abend, wo er mit Anna am Neckar hin nach Thierberg zurückkehrte. Tauſend Zweifel plagten und quälten ihn, und jetzt erſt, als ihm der letzte Blick, den Anna dem jungen Willi zugeworfen hatte, zu feurig für bloße Achtung, zu zögernd für gute Nachbarſchaft geſchienen hatte, jetzt erſt fühlte er, wie mächtig ſchon in ihm die Neigung zu ſeiner ſchönen Baſe geworden ſei. Zwar, wenn er ſeine eigene Geſtalt, ſein ausdrucksvolles Ge⸗ ſicht, ſein ſprechendes Auge, ſeine gewählte und reiche Sprache, ſeine eleganten Formen, die Sicherheit und Gewandtheit ſeines Geiſtes, kurz, wenn er alle ſeine Vorzüge mit Robert Willi's Eigenſchaften maß, ſo glaubte er ſich doch ohne Anmaßung tröſten zu können; fehlte doch Jenem, wenn er ſich auch gut auszudrücken vermochte, jener unnachahmliche Tonfall der Sprache; fehlte ihm, wenn man ihm auch Anſtand und Würde nicht ſtreitig machen konnte, jene letzte Vollendung und Feinheit eines modiſchen Wundervogels(Incroyabilis Linn.), jenes unnachahmliche Genie des Geſchmackes, das angeboren ſein muß; es fehlte ihm, ſo ſchloß der Berliner mit heimlichem Lächeln bei ſich ſelbſt, jenes Je ne sais quois, das den Geſchöpfen Gottes das Siegel W. Hauffs Werke. IV.. 6 der Veredlung und Vollendung aufdrückt, und auch den gewöhnlichſten Menſchen zu einem homme comme il faut macht! Aber Anna iſt hier auf dem Lande, iſt in Schwaben aufgewachſen, fuhr er fort, ſie könnte, ehe ſie mich ſah, mit Robert Willi—„Anna, eine Frage,“ ſprach er ängſtlich zu ihr, nachdem ſie eine geraume Weile ſtill fortgewandelt waren,„und nimm doch dieſe Frage nicht übel auf! Liebſt Du dieſen jungen Willi? Stehſt Du mit ihm in einem Verhältniß?⸗ Das Fräulein von Thierberg erröthete leicht über dieſe Frage; und dieſe Röthe konnte eben ſo gut der Frage, als dem Gegenſtand gelten, den er berührte. „Wie kommſt Du auf dieſen Einfall, Vetter?“ erwi⸗ derte ſie.„Und meinſt Du denn, wenn ich auch das⸗ Glück haben ſollte, dieſen Willi zu lieben, was mir übrigens noch nie in den Sinn kam, ich würde etwa Dich zum Vertrauten in meinen Herzensangelegenheit wählen, weil ich Dich ſchon ſeit zwei Tagen kenne? Mein Gott, Vetter,“ ſetzte ſie ſchalkhaft lächelnd hinzu, „was ſeid Ihr doch für närriſche Leute in Preußen!“ „Ich will mich ja durchaus nicht in Dein Geheim⸗ niß drängen, hochedle und geſtrenge Dame,“ ſagte er, „aber meinſt Du denn, Dein langes und, wie es ſchien, intereſſantes Geſpräch mit ihm ſollte mir nicht aufge⸗ fallen ſein? Meinſt Du, ich glaube, Ihr habt nur von Verſen geſprochen?“ „Wenn ich nun ſagte, wir haben nur von Verſen geſprochen,“ entgegnete ſie eifrig,„ſo müßteſt Du zes doch glauben. Leuten, die gerne Arges denken, fällt Alles auf. Diesmal hat ſich Dein Scharfſinn nicht 79 betrogen; das übrige Geſpräch drehte ſich auch noch um etwas anderes als Verſe, um ein Geheimniß, ein gar wichtiges Geheimniß.“— „Alſo doch?“— rief der junge Mann, mit un⸗ gläubiger Miene.„Siehſt Du, alſo doch?“ „Doch,“ antwortete ſie lächelnd,„und weil Du ſo artig biſt, will ich Dich auch mit ins Geheimniß ziehen, vielleicht kannſt Du behülflich ſein; er rieth mir ſelbſt, es Dir zu entdecken.“ „Wie?“ entgegnete er bitter.„Meinſt Du, ich ſei nur deßhalb nach Schwaben gekommen, um Herrn von Willi's Liebesboten an meine Baſe zu machen? Da kennſt Du mich wahrhaftig ſchlecht; eher ſage ich Dei⸗ nem Vater die ganze Geſchichte, und ich glaube nicht, daß er ſich einen ſolchen Tugendbünder, einen ſolchen Weltverbeſſerer und Demagogen zum Schwiegerſohn wählen wird.“ Anna war verwundert ſtehen geblieben, als ſie die⸗ ſen heftigen Ausbruch ſeiner Leidenſchaft vernahm. „Habe die Gnade, und höre zuvor, um was man Dich bitten wird,“ ſagte ſie, und wie es ſchien, nicht ohne Empfindlichkeit;„ſo viel weiß ich aber, daß, wäre ich ein junger Herr, und überdies ein Berliner, ich mich gegen Damen ganz anders betragen würde.“ Beſtürzt wollte Albert etwas zur Entſchuldigung erwidern, aber mit freundlicherer Miene und gütigeren Blicken fuhr ſie fort:„Du weißt, und haſt es heute ſelbſt gehört, wie ſehr der General ſeinen Napoleon liebt und verehrt. Nun iſt nächſtens ſein Geburtstag, der zufällig auf einen berühmten Schlachttag des Kaiſers fällt, und da 80 will ihn ſein Sohn mit etwas Napoleoniſchem erfreuen. Er hat ſich durch einen Bekannten in Berlin eine Kopie jenes berühmten Bildes von David verſchafft, das Bonaparte zu Pferd noch als Conſul vorſtellt. Es iſt kein übler Gedanke, denn ſo nimmt er ſich am Beſten aus, er iſt noch jung, mager, und das intereſſante, feurige Geſicht unter dem Hut mit der dreifarbigen Feder, iſt maleriſcher, eignet ſich mehr für die Darſtel⸗ lung eines Helden, als wie er nachher abgebildet wird. Und dieſes Bild des Kaiſers iſt unſer Geheimniß.“ „Aber was ſoll ich hiebei thun?“ fragte Albert, der wieder freier athmete, da kein anderes, gefürchtetes Geſtändniß ihn bedrohte. „Höre weiter; dieſes Bild wird in dieſen Tagen ankommen, und zwar nicht bei Generals, ſondern bei uns. In meinem eigenen Zimmer wird es bis am Vor⸗ abend des Geburtstages bleiben, und dann müſſen wir Beide dafür ſorgen, daß der General, während das Bild hinübergeſchafft wird, nicht zu Hauſe, oder we⸗ nigſtens ſo beſchäftigt ſei, daß er nichts bemerkt. Wäh⸗ rend der Nacht wird dann das Bild im Salon aufge⸗ hängt und bekränzt, und wenn dann Morgens der gute Willi zum Frühſtück in den Salon tritt, iſt es ſein Held, der ihn an dieſem feierlichen Tage zuerſt begrüßt!“ „Gut ausgedacht,“ erwiderte Rantow lächelnd, „und wenn es nur nicht dieſer Held wäre, wollte ich noch ſo gerne meine Hülfe anbieten, doch— auch ſo werde ich mitſpielen. Haſt ja Du mich darum gebeten!“ Sein Ton war ſo zärtlich, als er dies ſagte, daß ihn Anna überraſcht anſah. Er bemerkte es und fuhr, in⸗ 81 dem er ihren Arm näher an ſeine Bruſt zog, fort:„Du kannſt ja ganz über mich gebieten, Anna, ach! daß Du immer über mich gebieten möchteſt! Wie freut es mich, daß Du nicht ſchon liebſt, nicht ſchon verſagt biſt! Darf ich bei dem Onkel um Dich werben?“ In Anna ſchien es zu kämpfen, ob ſie bei dieſen Worten wie über eine Thorheit lächeln, oder erzürnt weinen ſolle, wenigſtens wechſelte auf ſonderbare Weiſe die Farbe ihres ſchönen Geſichtes mit Röthe und Bläſſe. Sie zog ihren Arm ſchnell aus ſeiner Hand and ſagte: „So viel kann ich Dir ſagen, Vetter, daß uns hier in Schwaben nichts unerträglicher iſt, als Empfindſamkeit und Koketterie, und daß wir Diejenigen für Thoren halten, die nach zwei Tagen ſchon Bündniſſe für die Ewigkeit ſchließen wollen.“ „Anna!“ fiel ihr der junge Mann mit bittender Geberde ins Wort.„Glaubſt Du nicht an die Allge⸗ walt der Liebe? Wenn auch ihre Dauer unſterblich iſt, ſo iſt doch ihr Anfang das Werk eines Augenblicks, und ich—“ „Kein Wort mehr, Albert,“ rief ſie unmuthig. „Wenn ich nicht Alles dem Vater ſagen und ihn um Schutz gegen Deine Thorheit anrufen ſoll! Das wäre Dir wohl bequem,“ fuhr ſie gefaßter und lächelnd fort, „um Deine Langeweile in Thierberg zu vertreiben, einen kleinen Roman zu ſpielen? Spiele ihn in Gottes Namen, wenn Du nichts Beſſeres zu thun weißt, mich wirſt Du vielleicht trefflich damit unterhalten, nur ver⸗ lange nicht, daß ich die zweite Rolle darin übernehme.“ „O Anna!“ ſprach er ſeufzend.„Verdiene ich dieſen Spott? Ich meine es ſo redlich, ſo treu! Das Loos, das ich Dir bieten kann, iſt nicht glänzend, aber es iſt doch ſo, daß Du vielleicht zufrieden, glücklich ſein könnteſt.“ „Werde nur nicht tragiſch,“ erwiderte ſie.„Alles höre ich lieber, wie ſolchen Pathos. Spott verdienſt Du auf jeden Fall, und zum mindeſten kann er Dich heilen. Komm, ſei vernünftig; begleite mich recht artig und wie es ſich ziemt nach Hauſe. Aber ſei überzeugt, wenn noch ein einziges Wort dieſer Art über Deine Lippen kömmt, ſo beſchäme ich Dich vor dem nächſten beſten Bauer und rufe ihn heran, und wenn Du im Schloß oben dieſe Thorheiten fortſetzeſt, ſo werde ich nie mehr mit Dir allein ſein.“ Der Ton, womit ſie dieſes aus⸗ ſprach, klang zwar beſtimmt, muthig und befehlend, doch ſchien ihr ſchalkhaftes Auge und ihr lächelnder Mund dem ſtrengen Befehl zu widerſprechen, und Rantow, den dieſe widerſprechenden Zeichen verwirrten, begnügte ſich zu ſchweigen, zu ſeufzen, mit Blicken zu ſprechen, und einen erneuerten Kampf auf einen glück⸗ licheren Moment zu verſchieben. Mit großer Beſonnen⸗ heit und Ruhe knüpfte ſie ein Geſpräch über den Gene⸗ ral an, und ſo gelangten ſie, weniger verſtimmt, als man hätte denken ſollen, nach Thierberg. Der Alte ließ ſich ihre Ausflüge erzählen, und ſchien nicht unzufrieden, daß Albert dieſe neue Bekanntſchaft gemacht habe.„Es ſind wackere Leute, dieſe Willis, und das ganze Thal hat ihnen Wohlthaten zu danken. Es ſoll wenige hohe Offiziere von der Bildung und den ausgezeichneten „Kenntniſſen des Generals geben, und den jungen habe 8³ ich ſelbſt ſchon auf dem Korn gehabt und gefunden, daß er tiefe, gründliche Kenntniſſe hat, und mit Eifer Studien treibt, die man heutzutage unter der jüngern Generation ſelten findet. Ein kluges, gewandtes, feu⸗ riges Bürſchchen; aber, aber— dieſe verſchrobenen, überſpannten Anſichten. Ich glaube, er würde mich in meinem eigenen Hauſe anfallen, wollte ich ſagen, daß das Bauernpack immer Bauernpack bleibe, und wenn man ſie auch noch ſo frei von Laſten, noch ſo gelahrt machte, daß die Bürgerlichen bei ihrem Leiſt bleiben, und nicht an der erhabenen Figur des Staates künſteln und pinſeln und meißeln ſollen. Aber das kommt nur daher, weil der alte Thor unter ſeinem Stande gehei⸗ rathet hat, da will nun der Junge den Fehler gut machen, indem er die Vettern und Baſen und das ganze Verwandſchaftsgeſindel ſeiner hochſeligen Frau Mutter, ſpießbürgerlichen Angedenkens, recht hoch ſtellt!“ „Aber, Vater,“ bemerkte Anna,„daß er es aus dieſem Grunde thut, kannſt Du doch nicht behaupten. Ich gebe zu, er ſtellt uns alle insgeſammt etwas tief und die Andern an unſere Seite; aber er iſt ein Enthu⸗ ſiaſt, und hat von Freiheit und Volksleben Begriffe, die ſich nie ausführen laſſen.“ „Lehre mich die Menſchen nicht kennen, Kind!“ ſagte der Alte lächelnd.„Eitelkeit iſt der Grundtext in Jedem, die Variationen mögen heißen, wie ſie wollen; aber was ſagſt Du zu dem Vater, Neffe 2 u „Bei uns würde man ihn ſteinigen, wollte er öͤffent⸗ lich ausſprechen, was ich heute habe hören müſſen. Ja, in einer Geſellſchaft von Preußen ſollte er einmal ſolch 5» 7 ein Wort ſagen, ich glaube, man würde weder ſein Alter noch ſeinen Stand berückſichtigen. Sein ganzes Geſpräch iſt ein Triumphgeſang der Vergangenheit und ein Fluch der Gegenwart. Ich glaube, er hält es für die größte Sünde, daß wir das ſchmähliche Joch abge⸗ ſchüttelt und die übrigen, vielleicht gegen ihren Willen, mitbefreit haben. Eine Schande, daß ein deutſcher Mann etwas Solches nur denken kann. Aber bei nächſter Gelegenheit will ich ihm ſagen, wie ſehr ich vom Grund des Herzens ſeinen Kaiſer und alle Franzoſen hafſe.“ „Das hat er von mir ſchon oft gehört,“ erwiderte Herr von Thierberg;„mehr denn zwanzigmal; ich haſſe ſie alle, alleſammt wie die Hölle!“ „Alle, Vater, alle?“ fragte Anna mit Bedeutung. „Nein, Du haſt Recht, Kind! Einen nehme ich aus, den ich täglich loben und preiſen möchte. Hätte er nicht ſo verzweifelt gut Franzoͤſiſch geſprochen, ich hätte geglaubt, es ſei ein Engel vom Himmel. Leider war und blieb er nur ein Franzoſe.“ „Und wer iſt denn dieſer Eines den Sie ſo feierlich ausnehmen?“ fragte Albert. „Siehe, das iſt eine wunderliche Geſchichte,“ fuhr der Oheim fort.„Doch ich will ſie Dir erzählen, es iſt ein ſchönes Stück. Ich machte im Jahr 1800 eine Reiſe nach Italien mit meiner ſeligen Frau. Ehe wir uns deffen verſahen, brach der Krieg aus, und da wir ver⸗ nahmen, daß Moreau gegen Deutſchland ziehe, beſchloß ich, meine Frau bei einer befreundeten Familie in Rom zurückzulaſſen und allein, um deſto ſchneller reiſen zu können, nach Schwaben heimzukehren. Ich wählte, 8⁵ theils weil ich dort am wenigſten auf Franzoſen zuſtoßen hoffte, theils weil einer meiner Vettern die Beſatzung in der kleinen Feſtung Bard commandirte, theils der Neu⸗ heit der Gegend wegen die Straße über den großen Bernhard, der bald nachher durch den übergang des Conſuls Bonaparte ſo berühmt wurde. Dort am Fuß des Berges, auf der Schweizerſeite, überfielen mich fünf zerlumpte Kerls von der franzöſiſchen Armee, die ich hier freilich nicht vermuthen konnte. Ich zeige ihnen meinen Paß, aber es half nichts, ſie riſſen mich und meinen Reitknecht, den alten Hans, den Du noch hier ſiehſt, vom Pferd, zogen uns Rock und Stiefel aus, nahmen mir Uhr und Börſe, und eben wollten ſie auch meinen Mantelſack unterſuchen, als eine ſchreckliche Stimme hinter uns Halt gebot. „Die Räuber ſahen ſich um und ließen, wie vom Donner gerührt, die Arme ſinken, denn es war ein fran⸗ zöſiſcher Offizier, der hinter uns zu Pferd hielt, und ſie hielten, man muß ſelbſt dem Teufel Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſen, ſtrenge Mannszucht.„„Wer ſind Sie, mein Herr?““ fragte er, nachdem er abgeſtiegen war. Ich erzählte ihm kurz meine Verhältniſſe und den Zweck meiner Reiſe. Er nahm meinen Paß, ſah ihn durch und fragte mich, ob ich ſolchen den Soldaten gezeigt habe. Als ich es bejahte, wandte er ſich an die Burſche, die noch immer kerzengerade und verlegen da ſtanden: „„Seid Ihr Soldaten? Seid Ihr Franzoſen?“u“ rief er zürnend und ſah, trotz ſeinem ſchlechten Oberrock ſehr vornehm aus.„„Auf der Stelle kleidet Ihr dieſen Herrn und ſeinen Diener an, ordnet ſein Gepäck und 86 geht dann, wohin Ihr beordert ſeid.““ Noch nie bin ich ſo ſchnell bedient worden. Ein junger Kerl wollte mir gegen meinen Willen die Stiefeln anziehen, und bat mich mit Thränen im Auge, es zu erlauben. Sol⸗ chen Gehorſam habe ich nie in der Reichsarmee geſehen. Ich ſagte es auch dem Offizier, der ſich, nachdem wir fertig waren, zu mir ins Gras ſetzte und für ſeine Lands⸗ leute Vergebung und Entſchuldigung erbat. Ich ſagte ihm, daß dieſer ganze Vorfall durch jenen ſchönen An⸗ blick von Disciplin aufgewogen werde. Ehe ich mich deſſen verſah, waren wir in ein tiefes Geſpräch über die Zeitereigniſſe und namentlich über das Schickſal des Adels verwickelt. Ich ſtritt lebhaft für unſern alten Reichsadel, aber kurz und beſtimmt, und ſo artig als möglich, wußte er meine beſten Gründe zu widerlegen. Ich merkte wohl aus allem, und er geſtand es auch offen, daß er ein Ci- devant ſei. Er geſtand auch zu, daß eine Republik in neueren Zeiten etwas Schwieriges, beinahe Unnatürliches ſei, daß Inſtitute wie der Adel nützlich, ja gewiſſermaßen nothwendig ſeien, behauptete aber, daß der Adel überall von Neuem geboren werden, und nur aus kriegeriſchem Verdienſt und Ruhm hervorgehen müſſe.“ „Wie?“ fiel ihm Rantow ins Wort,„ſo allgemein dachte man ſchon damals in jener Armee an das, was nachher jener ſogenannte Kaiſer wirklich ausführte? Das iſt wunderbar!“—„Auch mir ſind nachmals,“ erzählte der alte Thierberg,„da Napoleon die Ehren⸗ legion und Dotationen ſchöpfte, oft die Worte meines guten Kapitäns eingefallen. Dieſen gewann ich in einer Stunde, die wir zuſammen ſprachen, ſo lieb, 87 86 als wäre er kein Franzoſe, als wären wir langjährige Freunde. Endlich mahnte ihn die Feldmuſik eines ferne heranziehenden Regiments zum Aufbruch. Ich ſchenkte ihm meine ſilberne Feldflaſche, die er erſt nach langem Streit und endlich lachend annahm; mir gab er dafür eine kleine Ausgabe des Tacitus und eine von den bunten Federn auf ſeinem Hut, womit ſich damals die republika⸗ niſchen Offiziere ſchmückten. Die Bajonette des Regi⸗ ments blitzten über den nächſten Hügel herab, und die Muſiker begannen eben ihr„„Allons enfants,““ als er aufs Pferd ſtieg; er gab mir noch einige Verhaltungsre⸗ geln, drückte mir lächelnd die Hand, und unter dem „„Marchons, ça ira!““ ſetzte er den Berg hinan. Noch heute ſteht dieſer liebenswürdige, intereſſante junge Mann vor meinen Augen, wie er den Fuß der Alpe hinan⸗ ritt, der Wind in ſeinem Mantel, in ſeinen Federn wehte, und er grüßend noch einmal ſein geiſtreiches Geſicht nach mir umwandte. Damals, aber nur einen Augenblick lang, und ich weiß heute noch nicht warum, ſchlug mein Herz für dieſe Franzoſen, und ſo lange ich die Muſik hören konnte, ſang ich das Allons enfants und das Marchons ca ira mit. Nachher freilich ſchämte ich mich meiner Schwäche, haßte dieſes Volk nach wie vorher, und nur mein Retter in der Noth, mein Kapitän ſteht in meinem dankbaren Gedächtniß.“ „Allerdings ein wunderbarer Fall,“ ſagte Rantow, als der Alte nicht ohne tiefe Rührung geendet hatte; „artige und honette Leute gab es zwar immer unter dieſen Truppen, aber die gute Disciplin war ungleich ſeltener. Ich hätte mögen den Schrecken jener fünf Sol⸗ daten ſehen.“ — —— 888 . 1 „Nun Hans,“ ſagte Anna zu dem Diener, der auf⸗ merkſam und geſpannt zuhorchte,„Du haſt ſie ja ge⸗ ſehen.“ „Ich ſag' Ihnen, gnädiges Fräulein, wie aus Stein gemeißelt ſtanden ſie vor dem Kapitän und ſchämten ſich, und Augen hat er auf ſie dar gemacht, wie der Lind⸗ — wurm auf den Ritter Sanct Georg. Als die Franzoſen nachher zu uns herauskamen, bin ich oft halbe Tage lang an der Landſtraße von Heidelberg geſtanden, und habe ſie Regiment für Regiment defiliren laſſen, aber der Kapitän war nie dabei; der iſt wohl ſchon lange todt.“ „Ehre und Segen mit ſeinem Andenken, wo er auch ſein möge,“ ſprach der alte Thierberg.„Iſt er geſtor⸗ ben, ſo hat er doch alles, was nachher in der Welt Un⸗ gerechtes und Frevelhaftes geſchah, nicht mehr mitma⸗ chen müſſen. Vielleicht hat er ſich auch vom Dienſt zurückgezogen, als der Dictator ſich zum Kaiſer machte, denn mein braver Kapitän, der ſo nobel dachte, kann kein Freund des übermüthigen Corſen geweſen ſein.“ Anna lächelte, aber ſie mochte das Lieblingsthema ihres alten Vaters, die Geſchichte„vom beſten Franzo⸗ ſen“ nicht durch eine Apologie jenes geoßen Sohnes einer kleinen Inſel ſtören. 9. Man hatte ſich heute früher getrennt als geſtern, und Albert, den der Schlaf noch nicht beſuchen wollte, ſtand unter dem Bogenfenſter ſeines alterthümlichen Zimmers und ſchaute in das Thal hinab. Er dachte 1 .. 9 nach über alle Worte ſeiner ſchönen Couſine, er fand ſo viel Stoff, ſie anzuklagen und ſich zu bedauern, daß er das erſtemal in ſeinem Leben im Ernſte ſich ſelbſt ſehr ſchwermüthig erſchien. Dieſes Einemal, nach ſo vielen flatterhaften und flüchtigen Geſchichten, war er ſich recht klar und deut⸗ lich bewußt, ernſtlich zu lieben; niemals zuvor hatte er einem Gedanken an ein häusliches Verhältniß, an das Glück der Ehe Raum gegeben, und nur erſt dieſem fröhlichen, unbefangenen Geſchöpf war es gelungen, ſeine Anſichten über ſeine Zukunft ernſter, ſeine Gefühle würdiger zu machen. Er wunderte ſich, gerade da zurück⸗ gewieſen zu werden, wo er es wirklich redlich meinte, es befremdete ihn, gerade in jenen Augen als flüchtig und kokett zu erſcheinen, die ihn ſo unwiderſtehlich an⸗ gezogen, gefeſſelt hatten; er ſchämte ſich, daß bei die⸗ ſem natürlichen Kind ſeine ſonſt überall anerkannten Vorzüge ohne Wirknng bleiben ſollten; er ſah darin ein böſes Vorzeichen, denn ſeine bisherige Erfahrung hatte ihn gelehrt, daß die Überraſchung, daß der erſte Eindruck entſcheiden müſſe. Aus dieſen Gedanken weckte ihn eine Flöte, die wie am geſtrigen Abend ſüße Toͤne vom Walde herüberhauchte. Aufs Neue erwachte in ihm der Gedanke, daß dieſe Se⸗ renade wohl Anna gelten könnte. Er ſah ſchärfer nach dem Wald hinüber, und, er irrte ſich nicht, es war jene Waldecke, die er heute beſucht hatte, woher die Töne kamen. Schnell warf er ſeinen Mantel über, eilte hinab, und bat den alten Hans, ihm das Thor zu öffnen; er gab vor, auf einem Platz im Wald, unweit des Schloſ⸗ ſes, ein Taſchenbuch zurückgelaſſen zu haben, dem der Nachtthau ſchaden könnte. Die Flötenklänge, die immer weicher und ſchmelzender wurden, dienten ihm zum Führer nach jener Waldecke; immer eifriger drang er durch das Gebüſch, denn er hatte einen Blick nach der Burg hinübergeworfen und geſehen, daß ein weißes Tuch von Anna's Fenſter wehte. Schon ſah er die Um⸗ riſſe des Flötenſpielers, ſchon rief er:„Halt, Freund Muſikus, ich werde die zweite Stimme ſpielen!“ da ſchlug dicht neben ihm ein Hund an, und als ererſchreckt auf die Seite ſprang, ſtürzte er über die Wurzeln einer alten Eiche unſanft zur Erde. Als er ſich nach einer Weile wieder aufgerichtet hatte, und auf den Platz zutrat, wo der Mann mit der Flöͤte geſeſſen hatte, fand er weder von ihm noch von dem Hund eine Spur, wohl aber hoͤrte ertief unten am Berg die Büſche rauſchen und das Geſträuch knacken. Be⸗ ſchämt wandte er ſich ab und ſah nach dem Schloß hin⸗ über. Ein heller Schein war an Anna's Fenſter, aber es war kein Tuch, wie er geglaubt hatte, ſondern der Mond, der in den Gläſern ſich ſpiegelte. Er warf ſich ſeine Unbeſonnenheit, ſeine Haſt und Eile, ſein Miß⸗ trauen, ſeine Eiferſucht vor. Er ſuchte für das Entwei⸗ chen des Flötenſpielers die gewöhnlichen und proſaiſchen Gründe auf, er wollte Anna unſchuldig finden, und dennoch wurde er nicht ruhig. So ſtand er in dem Anblick der vom Mondlicht übergoſſenen Burg da, als er plötzlich mit einem Schrei des Schreckens auffuhr, denn eine kalte Hand berührte die ſeinige; er ſah ſich um, eine dunkle Geſtalt ſtand 91 vor ihm. Ehe er noch fragen, ſich nur faſſen konnte, fühlte er, daß man ein Papier in ſeine Hand gedrückt habe, und zugleich ſtürzte ſich dieſes geheimnißvolle We⸗ ſen in den Wald, doch war es nicht ſo ätheriſcher Natur, daß es nicht im Forteilen das Geſträuch zerknickt und Zweige abgeſtoßen hätte. Albert wurde es ganz unheim⸗ lich an dieſem Ort. Sein aufgeregtes Blut, die tiefe Stille der Nacht, das ſchaurige Dunkel der Buchen, und gegenüber die altergraue Burg, ihre Fenſter am Monde ſo ſonderbar beleuchtet, daß er geheimnißvolle Schatten in den hohen Gemächern hin⸗ und herſchleichen ſah— es war ihm ſo bange, daß er ſchnell ſeinen Weg zurückeilte, daß er im Wald laut auftrat, nur um ſeh ſelbſt in dieſer unheimlichen Stille zu hören. Die Laterne des alten Hans warf ihm ein tröſtli⸗ ches Licht aus dem Thor entgegen. Eilends ließ er den Alten mit der Lampe voran nach ſeinem Zimmer gehen, er entrollte das Papier und erſchrak vor einem fremden Unglück, denn die wenigen Zeilen lauteten: „Dein Brief traf mich erſt heute, die Antwort ein andermal. S. Z. N. und noch drei Andere wurden heute frühe verhaftet und nach der Feſtung geführt. Ich weiß nicht, ob Du Dich ſchuldig fühlſt, aber vernünftig wäre es, wenn Du Dich auf die Beine machteſt. In Deiner Lage kann es nicht ſchaden. Ich ſchicke dieſe Zeilen an den gewöhnlichen Platz; Gott gebe, daß ſie Dich treffen. Was Du auch thun wirſt, Robert, ſei diskret und nenne mich nie.“ Wer der unglückliche Flötenſpieler geweſen ſei, ſah jetzt Albert deutlich; doch zu großmüthig, um aus die⸗ 92 ſer Verwechſelung einen Vortheil ziehen zu wollen, faßte er raſch den Entſchluß, den jungen Willi zu retten. Aber fremd und unbekannt in dieſer Gegend, däuchte es ihm unmöglich, dies allein auszuführen. Er ſchickte ſchnell den alten Hans nach dem Thurm, wo Anna wohnte, er ließ ſie dringend bitten, ihm nur auf zwei Minuten in einer ſehr wichtigen Sache Gehoͤr zu geben. Er folgte dem Alten bis an die Thüre des Saales, und dort blieb er in dem großen weiten Gemach allein, um ſeine Couſine zu erwarten. Zu jeder andern Zeit hätte der Anblick, der ſich ihm hier darbot, mächtig auf ſeine Seele wirken müſſen. Ein ungewiſſes Licht ſchimmerte durch die Fenſter und fiel auf die Gemälde ſeiner Ahnen. Ihre Geſtalten ſchienen lebendiger hervorzutreten, ihre Geſichter waren bleicher als ſonſt, und die ausgeſtreckte Hand einer längſt verſtorbenen Frau von Thierberg ſchien ſich zu bewegen. Dazu rauſchten die Bäume und mur⸗ melte der Fluß auf ſo eigene Weiſe, daß man glauben konnte, dieſes Geräuſch gehe von den Gewändern der Verſtorbenen aus. In dieſen Augenblicken aber hatte er nur ein Ohr für die immer leiſer ſchallenden Tritte des alten Dieners; ſein Auge hing erwartungsvoll an der Thüre, ſein Herz pochte unruhig einer Gewißheit entgegen, die keine er⸗ freuliche ſein konnte. Bald tönten die Schritte wieder den Corridor herauf; er ſtrengte ſein Ohr an, ob er nicht auch den leichten Tritt ſeiner Baſe vernehme, die Thüre öffnete ſich, und ſie erſchien mit Hans und ihrem Mädchen, er ſah ihrer Kleidung und ihren Augen an, daß ſie noch nicht ge⸗ 1 —— 93 ſchlummert hatte. Noch ehe er ſie fragen konnte, reichte er ihr ſchnell das Billet und ſagte franzöſiſch in wenigen Worten, wie er es erhalten habe. Eine hohe Röthe flammte über das ſchöne Geſicht, ſo lange er ſprach, ſie wagte es nicht, die zarten Augenlider aufzuſchlagen, doch kaum hatte ſie einen Blick auf die Zeilen geworfen, ſo erbleichte ſie, ſah ihn mit großen Augen erſchrocken an, und zitterte ſo heftig, daß ſie ſich an dem Tiſch halten mußte. „Ich muß ſogleich hinübereilen,“ ſagte er näher tre⸗ tend,„und nur darum habe ich Dich rufen laſſen, daß Du mir ein Mittel angebeſt, wie ich durch den Fluß komme. Ich möchte bei den Domeſtiken nicht gerne Auf⸗ ſehen erregen. „Zu Pferd, ſchnell zu Pferd,“ rief ſie haſtig, indem ſie bebend ſeine Hand ergriff;„ſchwimm hinüber, und dann ſchnell nach Neckareck.“ „Aber bei Nacht?“ erwiderte er zaudernd.„Ich kenne die Stellen nicht, wo man durchkommen kann, der Fluß iſt tief und reißend.“ „Führe mir des Vaters Pferd heraus, Hans!“ wandte ſie ſich an den erſchrockenen Diener.„Schnell, Du begleiteſt mich, ich will ſelbſt hinüber!“ „Führe es heraus, Alter, aber für mich!“ fiel Ran⸗ tow unmuthig ein.„Wie magſt Du mich ſo verkennen, Anna? Du wirſt mir den Weg zu einer Stelle zeigen, wo ich durch den Neckar kommen kann.“ „Nein, ſo geht es nicht!“ ſagte ſie beinahe weinend und ſank auf einen Stuhl nieder.„Du wirſt nicht hin⸗ W. Hauffs Werke. IV. 7 ——— 94 überkommen. Führe ihn durchs Dorf hinab, Haus, mach unſern Kahn los und ſchiffe den Vetter hinüber, Du mußt zu Fuß hinüber, Albert, in einer halben Stunde kannſt Du dort ſein. O Gott! Ich habe es ja ſchon lange geahnt, daß es ſo kommen würde! Sag' ihm, er ſoll nicht zögern, ich wolle ihn überall lieber wiſſen, als in einem Kerker!“ Der junge Mann drückte ihr ſchweigend die Hand und winkte dem Alten, zu gehen. Nie zuvor hätte er ſich für fähig gehalten, ſo ſchönen Hoffnungen ſo ſchnell zu entſagen, aber der Gedanke an die ſchöne, kummer⸗ volle Anna, die er bis jetzt nur lächelnd geſehen hatte, ſpornte ihn zu immer ſchnelleren Schritten. Und ſo mäch⸗ tig iſt in einem Herzen, das die Selbſtſucht noch nicht ganz umſponnen hat, das Gefühl, in einem entſcheiden⸗ den Moment Hülfe oder Rettung zu geben, daß er in dieſem Augenblick in dem jungen Willi nur einen Un⸗ glücklichen und nicht Anna's Geliebten ſah. 83 . bat den Gaſt, ſich ruhig niederzuſetzen, aber dennoch konnte Albert dieſem Gebot nicht völlig Folge leiſten, denn als ſie ungefähr die Mitte des Neckars erreicht hatten, hoͤrte man deutlich den Hufſchlag von Pferden und das Rollen eines Wagens von der Landſtraße hex die ſich jenſeits dem Ufer näherte. Er richtete ſich auf, trotz dem Schelten des Alten und dem unruhigen Schau⸗ keln des Kahns, und ſah im Schein einiger Laternen einen Wagen mit vier Pferden, von einigen, wie es Am Ufer ſchloß der Alte ſchnell den Kahn los und ſchien, bewaffneten Reitern begleitet, vorüberfahren. „ Iſt dies eine Hauptſtroße,“ fragte er den alten Hans. 95⁵ „Kann dies vielleicht ein Poſtwagen ſein, der dort fährt?“ „Hab' hier noch nie einen geſehen,“ erwiderte Jener mürriſch;„und um einen Poſtwagen zu ſehen, möchte ich kein kaltes Bad im Neckar wagen.“ „Schnell! Wo geht man nach Neckareck, nach dem Gut des Generals?“ fragte Albert, welcher beſorgte, er möchte zu ſpät gekommen ſein.„Spute Dich, Alter!“ „So laſſen Sie mich doch den Kahn erſt wieder an⸗ ſchließen!“ ſagte Hans.„Doch, wenn Sie Eile haben, nur hier links immer die Straße fort, ſie führt gerade auf das Schloß zu; ich will ſchon nachkommen.“ Der junge Rantow lief mehr als er ging; der Alte keuchte mühſam hinter ihm her, aber ſo oft er ihn er⸗ reicht hatte, lief Jener wieder ſchneller, als würde er verfolgt. Endlich ſah er das Schloß mit ſeinen weißen Säulen durch die Nacht ſchimmern; es fiel ihm ängſt⸗ lich auf, daß viele Fenſter erleuchtet waren, und als er näher kam, ſah er deutlich Menſchen an den Fenſtern hin und her laufen. Der Schrecken dieſer Nacht und die ungewöhnlich ſchnelle Bewegung hatten ſeine Kräfte beinahe erſchöpft, aber dieſer beunruhigende Anblick trieb ihn zu noch raſcherem Laufen, in wenigen Minu⸗ ten langte er an dem Schloß an, aber er mußte ſich an die Pforte lehnen und nach Athem ſuchen, ehe er eintrat. Der erſte, dem er an der erleuchteten Treppe be⸗ gegnete, war der Gardiſt, ein alter, franzöſiſcher Kriegs⸗ gefährte des Generals, der jetzt mehr den Haushof⸗ meiſter als den Diener ſpielte. Er ſchien bleicher als 96 ſonſt und ſchlich trübſelig die Treppe herab.„Wo iſt Euer junger Herr?“ rief Albert haſtig.„Führt mich ſchnell zu ihm.“ 3 „Sacre bleu!“ antwortete der Gardiſt erſtaunt, als er den jungen Mann erkannte.„Weiß es Fräulein Anna ſchon? O la pauvre enfant!“ „Wo iſt Robert?“ rief Rantow drängender. „Il est prisonnier!“ erwiderte er traurig.„Auf die Feſtung gebracht comme ennemi de la patrie, comme démocrate; vier Dragons de la gensd'ar- merie haben ihn escortirt. O mein armer Monſieur Robert!“ „Führet mich zum General!“ ſagte Rantow, als er dieſe Nachricht hörte. „Monsieur le Général est sorti.“ „Wohin?“ rief der junge Mann, unwillig dar⸗ über, daß er jedes Wort dem alten Soldaten abfragen mußte. „Mit ſeinem Sohn à la capitale, zu fragen, was Monsieur de Willi verſchuldet.“. Als Rantow ſah, daß hier nichts mehr zu thun ſei, ſuchte er einen andern Bedienten auf und ließ ſich die näheren Umſtände der Verhaftung erzählen. Er hörte, daß ſpät Abends, in Roberts Abweſenheit, ein Commiſ⸗ ſär angekommen ſei, der nach einer kurzen Rückſprache mit dem General die Papiere des jungen Willi unter⸗ ſucht und theilweiſe verſiegelt habe. Darauf ſei Robert nach Hauſe gekommen und habe ſich gutwillig darein ergeben, dem Commiſſär zu folgen; er habe ſeinem Va⸗ ter das Wort darauf gegeben, daß man ihn unſchuldig V 97 finden werde; das letztere hatte der General einem Be⸗ dienten befohlen, am nächſten Morgen dem Herrn von Thierberg und ſeiner Familie zu ſagen; er habe ſich dann zu Pferd geſetzt und ſei, nur von einem Bedien⸗ ten begleitet, vom Schloß weggeritten. Der junge Willi ſelbſt hatte weder nach Thierberg noch ſonſt wo⸗ hin Aufträge zurückgelaſſen. So viel erfuhr Albert, und dieſe Nachrichten wa⸗ ren nicht dazu geeignet, ihn auf dem Rückweg freudiger zu ſtimmen. Er konnte auf den Troſt, welchen Robert ſeinem Vater gegeben, keine große Hoffnung bauen, und vor allem war ihm vor dem Augenblicke bange, wo er die ſchmerzliche Kunde der trauernden Anna bringen ſollte. 10. Es waren ſeit jener traurigen Nacht mehre Wochen verſtrichen; ſie däuchten der armen Anna eben ſo viele Monate. Das Laub der Bäume fing ſchon an, ſich zu bräunen, der Herbſt mit ſeinem fröhlichen Gefolge war in das Thal eingezogen, Geſang und Jubel ſchallte von den Rebhügeln, ſchallte antwortend aus dem Fluß herauf, welcher Kähne, mit Trauben ſchwer belaſtet, abwärts trug. Als würde einem verwegenen, in dieſen Bergen eingedrungenen Feind ein Gefecht geliefert, ſo krachte Büchſen⸗ und Piſtolenfeuer aus den Weinber⸗ gen; doch nicht das Wuthgeſchrei zurückgeworfener Kolonnen, ſondern das Jauchzen einer freudeberauſch⸗ ten Menge ſtieg auf, wenn die Gewehre recht laut knallten, oder wenn die vorſpringenden Ecken der Berg⸗ 98 reihen die tiefere Stimme eines Pfundböllers zehnfach nachriefen. Mit verſchiedenen Empfindungen ſahen die Bewoh⸗ ner des Schloſſes Thierberg dieſem fröhlichen Treiben von einer alterthümlichen Terraſſe des Schloſſes zu. Der junge Rantow blickte unverwandt und mit glän⸗ den Augen auf dieſes Schauſpiel, das ihm eben ſo neu als anziehend erſchien. Er hatte in ſeiner Heimath, im Kreiſe vertrauter Freunde oft bemerkt, wie der Wein, dieſe Himmelsgabe, die Wangen freundlicher färbte, die Zungen löste, und zu traulichem Geſpräch, wohl auch zum Geſang, ſelbſt die Ernſteren fortriß; doch nie hatte er gedacht, daß eine noch rauſchendere Freude, ein höherer Jubel mit der Bereitung des fröhlichen Trankes ſich verbinden könnte. Wie poetiſch däuchte ihm dieſes lebhafte Gemälde! Welch friſche, natürliche Bilder zeigte ihm ſein Opernglas! Dieſe Gruppen hatte der Zufall geordnet, und doch ſchienen ſie ihm reizender, als was die Kunſt je erfunden.„Siehe,“ ſagte er zu Anna, die, den ſchönen Kopf auf den Arm geſtützt, ihm gegenüber ſaß und zuweilen einen ernſten Blick über das Thal hingleiten ließ;„ſiehe, dort gegen⸗ über jenen Alten mit den ſilbergrauen Haaren; wie viele ſolche Herbſte mag er ſchon geſehen haben! Wahr⸗ lich, ich könnte an der Gruppe um ihn her ſeine Le⸗ bensgeſchichte ſtudiren. Der blonde Knabe, der ihm eben die große Traube brachte, iſt wohl ſein Enkel; den jungen Burſchen, der mit der Pritſche die Mädchen neckt und durch ſeine Scherze von der Arbeit abhält, indem er ſie anzutreiben ſcheint, halte ich für ſeinen 99 jüngern Sohn; ſiehe, jenes Mädchen hat ſeinen Schlag derb erwidert, ſie iſt wohl das Liebchen des muntern Burſchen, denn ſie lachen Alle und verſpolten ihn. Die⸗ ſer gebräunte, breite Mann von vierzig, der ſo eben den ungeheuern, mit Trauben gefüllten Korb auf ſeine Schultern hob, iſt wohl der ältere Sohn und des blon⸗ den Knaben Vater. So haſt Du die vier Altersſtufen, die ſie wohl Alle ohne viel Anderung durchlaufen mögen.“ „Gewiß, ohne viele Anderung und ohne viel Ver⸗ gnügen,“ bemerkte der alte Herr von Thierberg, der gleichgültig hinblickte; das ewige Einerlei ſeit vielen hundert Jahren. Der Kleine dort wird jetzt bald in die Schule getrieben und von ſeinem Schulmeiſter täglich geprügelt, gerade wie vor Zeiten ſein Großvater. Der junge Burſche wird bald Soldat, oder auf ein Paar Jahre Knecht in der Stadt. Kömmt er dann nach Hauſe, und der Vater iſt todt, ſo bekommt er ſein klei⸗ nes Stückchen Erbe und glaubt heirathen zu müſſen, und hat er vier Kinder, ſo werden ſie, wenn auch er einſt ſtirbt, das armſelige Erbe unter ſich theilen, und gerade viermal ärmer ſein, als er. So treibt es ſich herauf und herab; zu dem Pulver, das ſie heute ver⸗ ſchießen, haben ſie ein gaͤnzes Jahr geſpart, um doch auch einen Tag zu haben, an welchem ſie ſich betäuben können; und das nennen ſie luſtig ſein! Das nennen die Städter ein Feſt, ein maleriſches Volksvergnügen.“ „Nein! Sie ſehen es zu düſter an, Oheim!“ ent⸗ gegnete der Gaſt.„Mir ſcheint, ich geſtehe es, eine wundervolle Poeſie in dieſem Treiben zu liegen. Dieſe Menſchen ſind ſo behende, ſo lebendig, ſo regſam. —— Stellen Sie einmal meine Märker hieher, wie unbehol⸗ fen und ungeſchickt ſie ſich benehmen würden! Ich ſchäme mich heute noch der Unerfahrenheit, die ich letzt⸗ hin zeigte; ich nahm in einem Ihrer Weinberge einem hübſchen Mädchen das gebogene Meſſer ab und ver⸗ ſprach, ſie zu unterſtützen; als ich die erſte Traube ab⸗ geſchnitten hatte und ſie in das Körbchen legte, be⸗ trachtete das Mädchen nur den Stiel der Traube und ſagte lächelnd:„„Er hat wohl noch nicht oft Trauben geſchnitten;““ und ſiehe, ich hatte, ſtatt ſchief zu ſchnei⸗ den, gerade geſchnitten. Nein! mir ſcheint dieſe Wein⸗ leſe ein fortdauernder Feſttag der Natur, eine liebliche, verkörperte Poeſie.“ „Ppeſie?“ erwiderte Anna, indem ſie einen trüben, wehmüthigen Blick auf die Berge gegenüber warf. „Eine Poeſie, die mir das Herz durchſchneidet. Mir erſcheint dieſes fröhliche Treiben wie ein Bild des Le⸗ bens. Unter langem Jammer und Ungemach ein Tag der Freude, der durch ſeine hellen, freundlichen Strah⸗ len das öde Dunkel umher nur noch deutlicher zeigt, aber nicht aufhellt! Oh, kennteſt Du erſt das Leben dieſer Armen näher! Wenn Du ſie beim erſten Erwachen des Frühlings ſehen könnteſt! Jeder Winter verwüſtet ihre ſteilen Gärten; der Schnee löst ſie auf und reißt ihre beſte, fruchtbarſte Erde mit ſich hinab. Aber raſt⸗ los zieht Jung und Alt heraus. Die Erde, die ihnen das Waſſer nahm, tragen ſie wieder hinauf, und legen ſie ſorglich um ihre Reben her. Vom früheſten Morgen, in der Glut des Mittagz, bis am ſpäten Abend ſteigen ſie, ſchwer beladen, die ſteilen engen Treppen hinan⸗ 101 Welche Freude, wenn dann der Weinſtock ſchön ſteht, aber wie bitter iſt zugleich ihre Sorge, denn der kleinſte Froſt kann ihre zarte Pflanze vernichten. Und fällt nun der böſe Thau oder eine kalte Nacht, wie ſchauerlich iſt dann ihr Geſchäft anzuſehen. Alle, ſelbſt die kleinſten Kinder, ſtrömen noch vor Tag in den Weinberg. Dort legen ſie alte Stücke von Kleidern und Tüchern neben die Rebſtöcke und brennen ſie an, daß der qualmende Rauch die zarte Pflanze ſchützen möchte. Wie arme Seelen, ins Fegfeuer verbannt, ſchleichen ſie um die kleinen, zuckenden Feuer und durch die Schleier, die der Rauch um ſie zieht. Die Kleinen rennen umher, ſie können noch nicht berechnen, welches Unglück ſie ſehen, aber die Männer und Weiber wiſſen es wohl; es iſt eine kühle Morgenſtunde, die das Werk langer, müh⸗ ſamer Wochen zerſtört und ſie ohne Rettung noch tiefer in die Armuth ſenkt.“ 3 „Wahrhaftig! Du biſt krank, Anna!“ ſagte der alte Herr, indem er lächelnd zu ihr trat und doch nicht ohne leiſe Beſorglichkeit, ſeine Hand auf ihre ſchöne Stirne legte.„Du warſt ja doch ſonſt ſo fröhlich im Herbſt, gabſt ſolchen böſen Gedankon niemals Raum und freuteſt Dich mit den Fröhlichen. Biſt Du krank?“ Anna erröthete und ſuchte fröhlicher zu ſcheinen, als ſie es war.„Krank bin ich nicht, lieber Vater,“ erwiderte ſie,„aber ich bin doch alt genug, um ſoge⸗ nannte Herbſtgedanken haben zu dürfen. Man kann doch nicht immer fröhlich ſein, und— mein Gott!“ rief ſie, indem ſie erröthend aufſprang—„iſt er es nicht?— ſeht dort!— 2 — õõ m—— 40² „Willi?“ rief Rantow verwundert und wandte ſich nach der Seite, wohin Anna deutete. „Wer denn?“ ſagte der Alte, indem er bald ſeine zitternde und verwirrte Tochter, bald ſeinen Gaſt an⸗ ſah.„Wie kömmſt Du nur auf Willi? Wer ſoll denn kommen? So ſprechet doch!“ Aber in dieſem Augenblick trat auch ſchon der, dem Anna's Ausruf gegolten hatte, herein, es war der alte Gardiſt. Er war noch nicht ganz auf die Terraſſe ge⸗ treten, als ſchon Anna, jede andere Rückſicht vergeſſend, zu ihm hinflog, ſeine Hand ergriff und eine Frage aus⸗ ſprechen wollte, zu welcher ihr der Athem fehlte. Der alte Soldat zog lächelnd ſeine Hand zurück, grüßte mit militäriſchem Anſtand und berichtete in Form eines militäriſchen Rapports,„daß der General noch dieſen Abend zu Hauſe eintreffen und—“ „ Iſt er frei?“ unterbrach ihn Anna. „— und ſeinen Sohn mitbringen werde, der auf ſein Ehrenwort und die Kaution, die der Herr General geſtellt habe, aus der Haft entlaſſen worden ſei.“ In Anna's Augen drängten ſich Thränen, ſie zit⸗ terte heftig und ſetzte ſich nieder; der alte Thierberg, durch dieſen Anblick überraſcht, preßte die Lippen zu-⸗ ſammen und blickte ſeine Tochter unwillig an, und Albert, der in den Zügen ſeines Oheims las, daß Jener ein Geheimniß ahne, deſſen Theilnehmerer bis jetzt allein geweſen war, fühlte ſich befangen; er fürchtete für Anna, und erſt in dieſem Augenblicke wurde es ihm deutlich, daß es für ihn ſelbſt beſſer geweſen wäre, ſich nie in dieſe Angelegenheit zu miſchen.„Ich laſſe dem Herrn V —, ,2 103 General danken und Glück wünſchen,“ ſagte nach einer peinlichen Pauſe Herr von Thierberg zu dem Grena⸗ dier und winkte ihm zu gehen.„Wünſche nur,“ fuhr er fort, indem er auf der Terraſſe mit heftigen Schrit⸗ ten auf⸗ und abging,„wünſche nur, daß die paar Wochen Gefängniß eine gute Wirkung auf den Herrn Weltſtürmer gehabt haben mögen! Ein paar Monate hätten nicht ſchaden konnen, wäre es auch nur geweſen, um das heiße Blut abzukühlen und die vorſchnelle Zunge zu feſſeln. Aber das Alles iſt das Erbtheil ſeiner hoch⸗ weiſen Frau Mamma! Ein junger Mann von unbe⸗ flecktem Adel hätte ſich ſo weit nicht verirrt; aber das gewinnt man bei ſolchen Heirathen; weil ſie ſah, daß man in unſeren Zirkeln ihre Abkunft nicht vergeſſen habe, hat ſie ihrem Sohn ſolche tolle, republikaniſche Ideen eingeprägt und ihn zu einem Thoren, wo nicht zu einem verderblichen Menſchen gemacht.“ Dieſe und, andere Worte ſtieß er ſchnell und heftig aus, und plötzlich blieb er vor ſeiner Tochter ſtehen, ſah ſie mit grimmigen Blicken an und ſagte dann:„Ich glaube jetzt in der That, daß Du kränker biſt, als ich dachte; geh auf Dein Zimmer!— Ich werde mit dem Vetter dieſen Abend allein ſpeiſen; geh!“ Das arme Kind ging hinweg, ohne ein Wort zu ſa⸗ gen; ſie mochte die Natur ihres Vaters kennen und wiſſen, daß jeder Widerſpruch ſeinen Zorn ſteigere, ſie mochte auch fühlen, was in dieſem Augenblick in ſeiner Seele vorgehe, wo ſie zu wenig Macht über ſich beſaß, um ihr Geheimniß zu verbergen. Als ſie weggegangen war, ſchritt der Alte wieder eine 1⁰0⁴ Zeitlang ſchweigend hin und her; dann trat er zu ſei⸗ nem Neffen und fragte mit bewegter Stimme:„Was ſagſt Du zu dem Auftritt, den wir da geſehen haben? Meinſt Du wirklich, es wäre möglich?“ „Ich kann Sie nicht verſtehen, lieber Oheim.“ „Nicht verſtehen, Junge? So ſoll ich es denn ſelbſt in den Mund nehmen? Wiſſe— ich habe entdeckt, daß Annn den— den von drüben— nun, daß ſie den Sohn des Generals liebt. Zum Teufel, Junge! Du er⸗⸗ widerſt nichts? Wie magſt Du ſo— ſo gleichgültig ausſehen, wenn von der Ehre Deiner Familie die Rede iſt? 2 Rede!“ „Ich kann nichts hierin ſehen,“ entgegnete der junge, Mann trotzig,„was etwa der Thierberg'ſchen Ehre zu nahe treten könnte. Der alte Willi iſt von Adel, iſt ein berühmter General, iſt reich— „Alſo abkaufen ſollen wir uns unſere Ehre laſſen, abhandeln?— Burſche, wenn Du nicht mein Neffe wäreſt— Gott ſtrafe mich, aber ich kenne mich ſelbſt nicht, wenn ich in Wuth bin.— Reich? Siehe für ſo ſchlecht und niederträchtig halte ich mein Kind ſelbſt nicht, daß es daran gedacht haben ſollte. Sieh' Dich um— ſo weit Du ſehen kannſt, war einſt alles— alles mein; ichhabe nichts mehr, als dieſe verfallenen Thürme und eine Hufe Landes, wie der gemeinſte Bauer, aber auch dies ſoll dieſe Nacht noch hinfahren, in den Schuld⸗ thurm ſoll man mich werfen, mich auspfänden, mein altes Wappen entzwei ſchlagen, wenn ich je zugebe— „Oheim!“ fiel ihm der Neffe erbleichend ins Wuent „bedenken Sie ſich zuvor, ehe Sie einen ſolchen Frevel 10⁵ ausſprechen! Was kann dieſer junge Mann dafür, daß ſein Vater reich iſt? Beträgt er ſich denn aufgeblaſen? Macht er Anſprüche auf ſeinen Reichthum? Ich ſagte es ja vorhin nur ſo in der übereilung.“ „Nein, das thun ſie nicht, die Willis,“ antwortete nach einer Pauſe der Alte.„Das iſt noch ihre gute Seite. Aber das macht ihn nicht beſſer. Seine Grund⸗ ſätze ſind es, die ich haſſe; er iſt mein bitterſter Feind!“ „Wie wäre dies möglich?“ erwiderte Rantow beruhi⸗ gend.„Wie könnte er Ihr perſönlicher Feind ſein!“ „Was perſönlicher Feind!“ rief Thierberg heftiger. „Solche Feindſchaft kenne ich nicht, und mein Feind müßte ein Anderer ſein, als dieſer Knabe; aber ein Tod⸗ feind bin ich all dieſem Weſen, dieſen Neuerungen, die⸗ ſem Deutſchthum, Bürgerthum, Kosmopolitismus, und welche Namen ſie dem Unſinn geben mögen, und deſſen treueſter Anhänger eben dieſer junge Menſch da iſt. Das ganze erſte Viertel des neunzehnten Jahrhun⸗ derts hatte den verdammten Geſchmack dieſes Unweſens und man wird ſehen, wohin es im jetzigen kömmt, wenn dieſe Menſchen und ihre Geſinnungen um ſich greifen; aber, ſo wahr Gott lebt, man ſoll von dem letzten Thierberg nicht ſagen können, daß er in ſeinen alten Tagen einem dieſer Weltverbeſſerer die Hand zur Un⸗ terſtützung gereicht hätte!“ „Aber, Oheim,“ fiel Albert ein, dem es in dieſem entſcheidenden Augenblick keine Sünde däuchte, gegen ſeine eigene uͤberzeugung zu ſprechen,„gibt es denn in dieſem Jahrhundert auch nur eine Familie, die nicht, wenn man ſie einzeln durchginge, die verſchiedenſten 106 Geſinnungen in ſich ſchlöſſe? Wird denn der einzelne Mann dadurch ſchlechter, daß er eine andere Meinung hat, als wir? Iſt nicht Proteſtant und Katholik in den Augen des Vernünftigen gleich viel werth? Denkt nicht der General ſelbſt ganz verſchieden von ſeinem Sohn?“ „Laß mir den Glauben aus dem Spiel, Neffe!“ entgegnete Jener.„Darüber zu richten, geht weder Dich noch mich an. Aber dieſer General vollends, der meinen Todfeind als Schutzpatron anbetet, und dieſen Bona⸗ parte für den heiligen Georg hält, der den Lindwurm des veralteten Jahrhunderts tödtete; dieſen in mei⸗ ner Familie! Es würde mich tödten!“ „Aber wiſſen Sie denn, ob auch der junge Willi Ihre Tochter liebt? Hat denn Anna irgend etwas ge⸗ ſtanden?“ Der Alte ſah ſeinen Neffen bei dieſer Frage lange und erſchrocken an; dann fuhr er nach einigem Nach⸗ ſinnen gefaßter fort.„Nein! Einer ſolchen Schmach halte ich ſie nicht fähig, meinſt du, meine Tochter werde ſich in einen ſolchen— Menſchen verlieben, ohne daß er ſie zuvor mit tauſend Künſten dazu verlockte? Nein! Dazu iſt ſie mir noch immer zu gut; aber— ich will mir Gewißheit verſchaffen!“ Er ſprach es, und noch ehe ihn Rantow aufhalten konnte, eilte der alte Mann hinweg, um ſeine Tochter zu Rede zu ſtellen. Düſter ſchaute ihm der Gaſt aus der Mark nach.„Wahrlich, wenn die Aktien ſo ſtehen, werde ich weder Brautführer noch Hochzeitsgaſt in Thier⸗ berg ſein,“ ſprach er;„der Alte müßte ſich denn durch 107 ein Wunder in einen Demagogen, oder der Demagoge in einen rechtgläubigen Verehrer der alten Reichsritter⸗ ſchaft verwandeln.“ 11. Es hatte dem General Willi nicht geringe Mühe gekoſtet, von ſeinem Sohn das Unglück einer längeren Gefangenſchaft abzuwenden. Sein Anſehen war zwar in der Hauptſtadt jenes Landes, welchem ſein Gut an⸗ gehörte, durch den Wechſel der Verhältniſſe und Mei⸗ nungen nicht geſunken; manverehrte in ihm einen Mann von hohem Verdienſt, militäriſcher Umſicht und Tapfer⸗ keit, und es gab Manche, die ihn wegen ſeiner treuen und ausdauernden Anhänglichkeit an jenen Mann, der einſt das Schickſal Europa's in der Rechten getragen, bewunderten; es gab Viele, die ihm, wenn ſie auch dieſe Bewunderung nicht theilten, doch wegen der Beharr⸗ lichkeit und Charakterſtärke, die er in den Tagen des Unglücks entfaltet hatte, wohlwollten. Dennoch mußte er ſein ganzes Anſehen aufbieten, manche Thüre öffnen, um ſeinem Sohn, auf dem der Verdacht, mit Ver⸗ dächtigen in Verbindung zu ſtehen, laſtete, nützen zu können. Der General war ein Mann von zu großem Rechts⸗ gefühl, als daß er, wenn er ſeinen Sohn ſchuldig glaubte, dieſe Schritte für ihn gethan hätte. Aber es genügte ihm an der einfachen Verſicherung ſeines Soh⸗ nes.„Ich theile,“ hatte er ihm geſagt, als er ver⸗ haftet wurde,„ich theile im Allgemeinen die Geſin⸗ nungen jener Männer, die man jetzt zur Unterſuchung —— 108 zieht, aber— ich theile weder ihre Plane, noch die Anſichten, die ſie über die Mittel zum Zweck haben. Ich habe nur gedacht, nie gehandelt, habe mir ſelbſt gelebt, nicht mit Andern, und Beſchuldigungen, welche Andere treffen mögen, werden nie auf mich kommen.“ So war es denn gelungen, den jungen Willi auf ſo lange frei zu machen, als nicht ſtärkere Beweiſe, die gegen ihn vorgebracht würden, ſeine Anweſenheit vor den Gerichten nothwendig machten, eine Schonung, die er nur der Fürſprache ſeines Vaters und dem Ver⸗ trauen verdankte, das man in die Bürgſchaft des Ge⸗ nerals Willii ſetzte. Sie konnten ſich Beide wohl denken, welches Auf⸗ ſehen dieſer Vorfall in der Umgegend von Neckareck gemacht haben mußte; hätten ſie in einer Stadt ge⸗ wohnt, ſo würden ſie ſich wohl damit begnügt haben, ihren Bekannten von ihrer Rückkunft Nachricht zu geben, aber die Sitte auf dem Land fordert größere Auf⸗ merkſamkeit für gute Nachbarn; man mußte fünf oder ſechs Familien im Umkreis von drei Stunden beſuchen, mußte ihre Neugierde über dieſen Vorfall umſtändlich befriedigen; kurz, man mußte ſich zeigen, wie man ſich etwa nach einer überſtandenen Krankheit bei den Be⸗ kannten wieder zeigt und für ihre Theilnahme Dank ſagt. Als aber der General mit ſeinem Sohn am dritten Tag nach ihrer Rückkehr nach Thierberg auf⸗ brach, war es noch ein anderer Grund, als Höflichkeit gegen gute Nachbarn, was ſie dorthin zog. Der junge Willi mochte in den einſamen Wochen ſeiner Gefan⸗ genſchaft Zeit gefunden haben, über ſein Leben und 109 Treiben nachzudenken; er mochte gefunden haben, daß ihn jene politiſchen Träume, welchen er nachgehängt hatte, nicht befriedigen könnten, daß es ein höheres, reineres Intereſſe gebe, wodurch ſein Leben Bedeu⸗ tung und Gehalt, ſeine Seele Ruhe und Zufriedenheit gewänne. Der General lächelte, als ihm Robert ſein Ver⸗ hältniß zu Anna entdeckte und die Wünſche auszuſpre⸗ chen wagte, die ſich mit dem Gedanken an die Geliebte verbanden. Er lächelte und geſtand ſeinem Sohn, daß er längſt dieſes Verhältniß geahnet, daß er gewünſcht habe, das unruhige Treiben des jungen Mannes möchte eine feſtere Richtung annehmen.„Ich kenne Dich,“ ſagte er ihm,„wäreſt Du zu jener Zeit jung geweſen, wo wir in Europa umherzogen, um Krieg zu führen, ſo hätte Deine Phantaſie mit aller Kraft die großar⸗ tigen Bilder des Krieges ergriffen, ich hätte Dir den erſten Raum geöffnet, Du ſelbſt hätteſt dann Deine Laufbahn gemacht. Daß Du in dieſen ſtillen Feier⸗ tagen des Jahrhunderts nicht dienen willſt, kann ich Dir nicht übel nehmen. Des Umherſchweifens in der Welt biſt Du ſatt, das Leben in den Salons genügt Dir nicht, ſo bleibe bei mir; beſorge an meiner Statt meine Güter, ich kann dabei nur gewinnen; ich gewinne Zeit für mich und meine Erinnerungen, gewinne Dich, und—“ ſetzte er mit einem freundlichen Händedruck hinzu,„wenn Du anders Deiner Sache gewiß biſt, ge⸗ winne ich Anna.“ Sie beſprachen dieſes Kapitel auch auf dem Weg nach Thierberg wieder, und Robert gab ſeinem Vater W. Hauffs Werke, IV. 8 1¹⁰ Vollmacht, bei dem Alten um Anna für ihn zu werben. Sie verhehlten ſich nicht, daß eine nicht unbedeutende Schwierigkeit im Charakter des alten Thierberg liegen könne. Ihre Geſinnungen hatten ſo oft die ſeinigen beinahe feindlich durchkreuzt. Man hatte ſich wegen Meinungen ſo oft gezankt, man war oft unzufrieden, beinahe verſtimmt auseinander gegangen. Aber ſie tröſteten ſich damit, daß er doch nie perſönliche Abnei⸗ gung gezeigt habe, und die Vortheile, die für Thierberg aus dieſer Verbindung hervorgingen, erſchienen ſo be⸗ deutend, daß der General, als ſie über die Zugbrücke ritten, ſich ſchon im Geiſte als Vater der ſchönen Anna zu ſehen glaubte, und vertrauungsvoll auf das thierber⸗ giſche Wappen über dem alten Portal zeigte.„Muth gewinnt, führen ſie als Symbol im Wappen,“ flüſterte er ſeinem Sohn zu„Das fügt ſich trefflich, denn weißt Du noch, was der Wahlſpruch Deiner Ahnen war?“ „Der Will'’ iſt ſtark!“ rief der junge Willi, freudig erröthend.„Muth gewinnt— und der Will iſt ſtark!“ Im Schloßhof empfing Rantow die Angekommenen. Er entſchuldigte ſeinen Oheim mit einem kleinen gich⸗ tiſchen Anfall, der ihn verhindere, die ſteile Treppe herabzuſteigen und ſeinen Gäſten entgegen zu gehen. Er ſagte dies ſchnell und nicht ohne einige Verlegenheit, die er hinter einem Schwall von Glückwünſchen für Robert Willi zu verbergen ſuchte. Nach den Verhält⸗ niſſen, die gegenwärtig in den alten Mauern von Thier⸗ berg herrſchten, konnte nicht leicht etwas ſtörender wirken als dieſer Beſuch. Man hatte zwar den Vetter —— 111 aus der Mark nicht mit in das Geheimniß gezogen. Der Vater ſchien es zu bereuen, daß er ſich nur ſo weit gegen ſeinen Neffen ausgeſprochen habe, und Anna hatte mit ihm ſeit einigen Tagen nie über Willi ge⸗ ſprochen, ſei es auf ein Verbot ihres Vaters, ſei es aus Argwohn, er mochte dem Alten ihr Geheimniß verrathen haben. Seit jenem Abend jedoch, wo die Rückkehr Roberts angekündigt worden war, herrſchte eine Span⸗ nung, die um ſo drückender wurde, da die Geſellſchaft zwar aus dreierlei Parteien, aber— nur aus drei Per⸗ ſonen beſtand. Anna ſprach wenig, hielt ſich meiſt auf ihrem Zim⸗ mer auf, wohin Albert noch niemals eingeladen worden war. Der Alte war mürriſch, aufbrauſender als ſonſt gegen ſeine Diener, gegen ſeinen Gaſt herzlich, wie zuvor, aber ernſter und einſilbiger; gegen ſeine Toch⸗ ter kalt und gleichgültig. Er trank, trotz der bittenden Blicke, die Anna zuweilen nach ihm hinzuſenden wagte, mehr Wein als gewöhnlich, ſchimpfte dann auf die ganze Welt, verſchlief den Nachmittag und ließ ſich Abends den Amtmann holen, um ein Spiel mit ihm zu machen. Dann ſetzte ſich Anna mit ihrer Arbeit in ein Fenſter, ließ ſich von dem Vetter etwas vorleſen, aber Thränen, die hin und wieder auf ihre Hand herabfſielen, zeigten dem jungen Mann, wie wenig ihr Geiſt mit dem beſchäftigt ſei, was er eben las. Der Anfall von Gicht, der über den Alten kam, machte die Sache wo möglich noch ſchlimmer. Man ſah, wie er alle Kraft aufbot, ſeine Schmerzen zu unterdrücken, nur um der natürlichen Hülfe ſeiner Tochter weniger zu bedürfen, 112 und wenn Fälle eintraten, wo er dieſe Hülfe nicht ab⸗ weiſen konnte, wenn das ſchöne Kind bleich und mit Thränen im Auge vor ihm kniete, um ſeine Beine in warme Tücher zu hüllen, da wandte er ſich ab, pfiff irgend ein altes Liedchen, nanunte ſich einen Mann, der bald in die Grube fahren müſſe, und fand es ſchön, daß doch ein Enkel der Thierberge zugegen ſein werde, wenn man den Letzten dieſes Namens beiſetze. Rantow wußte zwar, daß ſein Oheim das Gaſtrecht gegen ſeine Nachbarn nicht verletzen werde, aber dieſe letzten Tage fielen ihm ſchwer auf die Seele, als er die Fremden die Treppe hinan führte, und er ſah voraus, daß die beiden Willis gewiß nichts dazu beitragen wür⸗ den, die Verſtimmung aufzulöſen. Der Empfang war übrigens herzlicher, als er ſich gedacht hatte. Es gibt eine gewiſſe höfliche Freundlich⸗ keit, die man ſich angewöhnen kann, ohne ſich deſſen bewußt zu werden. Beſonders auffallend erſcheint dieſe Eigenſchaft, wenn ſich Männer begrüßen, von welchen wir wiſſen, daß ſie keiner Heuchelei fähig ſind, und die dennoch, ſei es durch Meinungen, ſei es durch Ver⸗ hältniſſe, ſich feindlich gegenüber ſtehen. So ſchien es auch der alte Thierberg nicht über ſich vermögen zu können, ſein gewohntes:„Ah! ſchön! ſchön! Freut mich, Platz genommen!“ diesmal mit einem kälteren und förmlicheren Gruß zu vertauſchen, und die fünfhun⸗ dertjährige Gaſtfreundſchaft dieſer Burg ſchien die un⸗ willkommenen Gäſte in ihre ſchützenden Arme zu ſchließen. Ein Blick von Anna hatte dem jungen Willi geſagt, was hier vorgegangen ſei. Er fand ſie blaß, ihre Stimme 113 nicht ſo feſt wie ſonſt; es lag Kummer um den holden Mund, und ihre Augen ſchienen weicher geworden zu ſein. Er pries im Stillen ihren richtigen Takt, daß ſie mehr zu dem General ſprach, als zu ihm, denn er hätte, von dieſem Anblick ergriffen, nicht Faſſung genug gehabt, Gleichgültiges mit ihr zu reden. Rantow, der einen . ganz andern Auftritt erwartet hatte, wunderte ſich, daß auch in dieſem„ehrlichen Schwaben,“ wo ihm ſonſt Alles ſo offen und ehrlich däuchte, vier Menſchen, die ſich ſo nahe ſtanden, ein ſo falſches Spiel unter ſich ſpielen könnten, ihre Gedanken, ihre Leidenſchaften unter einer ſo ruhigen Hülle zu verdecken wüßten. Er ſah ſtaunend bald den jungen Willi und den alten Thierberg an, die ganz ruhig und abgemeſſen ſich über die Ereigniſſe der letzten Woche beſprachen. Bald hörte er auf das Geſpräch zwiſchen dem General und der Geliebten ſeines Sohnes, die daſſelbe Thema, nur mit Veränderungen, abhandelten, wobei übrigens Anna eine ſolche Ruhe an den Tag legte, daß ſie nie haſtig fragte, von nichts mehr, als ſchicklich, ergriffen war. Der General wandte ſich im Geſpräch und ging mit ihr langſam im Saal auf und ab. Er ſtellte ſich endlich, wie zufällig, in einen tiefen Fenſterbogen, und Albert entging es nicht, daß er ſich dort ſchnell zu dem ſchoͤnen Mädchen herabbückte, ihr etwas zuflüſterte, was eine tiefe Röthe auf ihre Wangen jagte. Sie ſchien erſchrocken, ſie faßte ſeine Hand, ſie ſprach leiſe heftig zu ihm, aber er lächelte, ſchien ſie zu beruhigen, zu tröſten, und ſo ſtolz und zuverſichtlich war ſeine Stirne, waren ſeine Züge, als müßte er in dieſem Augenblick ſeine Divi⸗ 114 ſton ins Feuer führen, um den ſchwankenden Sieg zu entſcheiden. Der Gaſt aus der Mark ahnete, daß dort in jenem Fenſterbogen ein Entſchluß gefaßt oder mitgetheilt worden ſei, der auf Anna's Schickſal ſich beziehe, und das Herz pochte ihm, wenn er an den eiſernen Trotz ſeines Oheims dachte. Die Diener hatten indeſſen Wein herbeigebracht, man ſetzte ſich in eines der weiten Fenſter, und wenn nur die Gemüther der fünf Men⸗ ſchen, die um den kleinen Tiſch ſaßen, weniger befan⸗ gen waren, der ſchöne Tag, der Anblick des herrlichen Thales, das vor ihnen lag, hätte ſie zu immer höherer Freude ſtimmen müſſen. Der General, dem es peinlich ſein awchtt. daß das Geſpräch nach und nach zu ſtocken anfing, bat Anna um ein Lied, und ein Wink ihres Vaters bekräftigte dieſe Bitte. Man brachte ihre Guitarre herbei, der junge Willi ſtimmte die Saiten; aber waren es die Worte des Generals, war es der Anblick ihres Vaters, war es die lang erſehnte Nähe des Geliebten, was ſie verwirrte, ſie erröthete und geſtand, daß ſie in dieſem Augenblick kein paſſendes Lied zu ſingen wüßte. Man ſchlug vor, man verwarf, bis Rantow beifiel, wie man einſt in Berlin eine berühmte ſchöne Sängerin von einer ähnlichen Verlegenheit befreite. Er ſchnitt kleine Zettel und ließ Jeden ein Lied aufſchreiben. Dann fal⸗ tete er die Papiere geſchickt und zierlich zuſammen, ſchüttelte ſie als Looſe durcheinander und ließ die Sän⸗ gerin eines wählen. Sie wählte, ſie eröffnete das Loos und erröthete 115 ſichtbar, indem ſie den General beſorgt anblickte. „Das hat Niemand anders als Sie geſchrieben,“ ſagte ſie.„Warum denn gerade dieſes Lied? Es iſt nicht immer politiſch, ein politiſches Lied zu ſingen!“ „Wenn es nun aber mein Lieblingslied iſt!“ erwi⸗ derte Willi.„Ich appellire an Ihren Vater; ſtand nicht die Wahl durchaus frei?“ „Gewiß,“ antwortete der Alte,„Du ſingſt Anna; und wenn das Lied Politik enthalten ſollte— nun, erdichtete Politik kann man ja immer noch ertragen.“ Sie nickte ſchweigend Gehorſam zu. Aber von jenem Augenblick an, wo ſie mit einem kurzen, jedoch kräfti⸗ gen Vorſpiel den Geſang anhob, ſchien auf ihren lieb⸗ lichen Zügen eine Art von Begeiſterung aufzugehen. Eine zarte Röthe ſpielte auf ihren Wangen, ihre Augen glänzten, und um den ſchönen Mund, der die Tone ſo voll und rund hervorſtrömen ließ, ſpielte anfangs ein Lächeln, das mehr und mehr in Wehmuth überging. Es war eine franzöſiſche Ode, aus welcher ſie einige Stellen vortrug. Die Melodie, bald heiter ermunternd, bald erhaben und triumphirend, bald ernſt und getra⸗ gen, ſchmiegte ſich an das wechſelnde Versmaß und den Gedankengang der Strophen, und ſo ſüß war ihre Stimme, ſo ausdrucksvoll ihr Vortrag, ſo hinreißend ihr ganzes Weſen, das mit dem Geſang ſich zu ver⸗ ſchmelzen ſchien, daß die Männer, wenn ſie gleich über den Gegenſtand die verſchiedenſten Geſinnungen heg⸗ ten, doch von dem Strom der Töne mit fortgeriſſen wurden. Wie erhaben war ihr Vortrag, als ſie ſang: 416 Cachez oe lambeau trioolore! G'est sa voix; il aborde, et la France est à lui. Ernſt, beinahe traurig, doch nicht ohne Triunnph fuhr ſie fort: II la joue, il la perd; l'Europe est satisfaite Et Taigle, qui, tombant aux pieds du Léopard, Change en grand capitaine un héros de hasard, Illustre aussi vingt rois, dont la gloiro muette N'eüt jamais retenti chez la postérité; Et d'une part dans sa défaite, Il fait à chacun d'eux une immortalité.* Als ſie geendet hatte, legte ſie die Guitarre nieder und ging, während die Männer noch in verlegener Stille ſaßen, ſchnell hinweg. „Il la joue, il la perd,“ ſprach der alte Thierberg lachend.„Eine große Wahrheit! Und dieſer Dichter, wer er auch ſein mag, konnte jenen Mann nicht beſſer ſchildern; ſeine ganze Größe beſtand ja nur darin, daß er das Rouge et noir ſo hoch als möglich ſpielte, und der alte Satz, daß der kaltblütigſte Spieler endlich gewinnt, beſtätigte ſich an ihm. Der Leopard hat doch die Bank geſprengt, und Wellington wird es eben darum keinen Kummer machen, wenn man ihn Héros de hasard nennt.“ „Wie lächerlich ſind ſolche Hyperbeln!“ rief Ran⸗ tow,„als ob zwanzig Könige ihren Nachruhm, ihre Unſterblichkeit dieſem Sommerkönig zu verdanken hät⸗ ten! Was uns betrifft wenigſtens, ſo wird man einge⸗ * Sept Messéniennes nouvelles par C. Delavigne. I. Le départ. 117 ſtehen müſſen, daß der Ruhm der preußiſchen Waffen älter iſt, als der des ſogenannten Siegers von Italien⸗ und nicht erſt von der großen Nation geadelt werden mußte.“ „Und dennoch,“ erwiderte der General mit großer Ruhe,„dennoch wird man einſt nicht ſagen, es war Bonaparte, der zur Zeit dieſes oder jenes Königs lebte — man wird ſagen, Herr von Rantow, ſie waren Zeit⸗ genoſſen Napoleons. Doch was den Obergeneral des engliſchen Heeres in der Bataille von Mont St. Jean betrifft, ſo möchte es die Frage ſein, ob ihm der Titel Héros de hasard ſehr angenehm iſt; ſo vieliſt wenigſtens gewiß, daß er jene Schlacht nicht gewonnen, ſondern nur— nicht verloren hat.“ „Es iſt ein Glück für die Welt,“ bemerkte Thierberg lächelnd,„daß man Ihren Satz umkehren kann, und daß er dann noch höhere Wahrheit enthält; Ihr Herr und Meiſter hat jene Schlacht zwar nicht gewonnen, aber deſto gewiſſer verloren.“ „Er hat ſie verloren,“ antwortete der General; „was die Welt damit verlor, will ich nicht ausſprechen; aber jene Strophe, womit Anna ihren Geſang ſchloß, drückte aus, wer noch am Abend jenes unglücklichen Tages, als Cäſar und ſein Glück von der Übermacht zer⸗ ſchmettert wurden, als meine braven Kameraden auf Mont St. Jean den letzten Athem aushauchten— der Größere war.“ „Der Größere! Und dies können Sie noch fragen, General?“ entgegnete heftig der junge Mann aus der Mark.„Als die Strahlen der Abendröthe über jenes 118 denkwürdige Feld ſtreiften, beleuchtend die Schande Frankreichs und ſein verwirrtes Heer, als blutend, aber unbeſiegt, das engliſche Heer jene Hügel deckte und Deutſchlands Völker ſtolzen Schrittes in die Ebene her⸗ abſtiegen, um den Kampf ſiegend zu entſcheiden— den⸗ ken Sie ſich, ich bitte, jenen erhabenen Moment, und ſagen Sie mir, wer da der Größere war?“ „Der Gott des Zufalls,“ erwiderte der General. „Mächtiger war er wenigſtens, als jener alte Held, der auch noch an ſeinem letzten Schlachttage zeigte, welche mächtige Kluft zwiſchen dem Genie und roher, wohl⸗ genährter thieriſcher Kraft befeſtigt ſei. Er iſt gefallen, nicht, weil ihm England oder Deutſchland gewachſen war, ſondern weil er früher oder ſpäter fallen mußte, weil er einen Vertilgungskrieg gegen ſich ſelbſt führte, der ſeine Kräfte aufrieb; oder können Sie mir beweiſen, daß an jenem Tage von Waterloo das Genie des eng⸗ liſchen Feldherrn oder gar Ihres Blüchers ihn beſiegte?“ „Seien wir gerecht,“ nahm der junge Willi das Wort;„geben wir zu, daß ihm keiner ſeiner militäri⸗ ſchen Gegner gewachſen war, ſo beweist dies noch im⸗ mer nicht für jene innere Größe, für jene moraliſche Erhabenheit, welche die Mitwelt mit ſich fortreißt, ihr Jahrhundert bildet, und Segen noch auf die ſpäte Nachwelt bringt. Napoleon war ein großer Soldat,— aber kein großer Menſch.“ „Sohn!“ erwiderte der General,„wie tannſt Du in irgend einem Fach des Wiſſens groß, größer als ſonſt ein Mann des Jahrhunderts werden, ohne ein gro⸗ ßer Menſch zu ſein? Die Maſchine iſt es nicht, nicht 4 7 119 dieſer Körver iſt es, was ſie groß macht, es iſt der Geiſt. Jene veralteten Formen Europa's, von klugen Män⸗ nern vor tauſend Jahren ausgedacht, ſtürzten zuſam⸗ men, weil es Formen waren, die der Geiſt verlaſſen hatte; ſie brachen ein vor den Blitzen ſeines Genies, ſie hatten das Schickſal jener Leichname, die in Grüf⸗ ten eingeſchloſſen, in ihren fürſtlichen Leichenprunk ge⸗ hüllt, Jahrhunderte überdauern, weil ſie die Kerkerluft ihres Grabes nicht vermodern läßt. Berühre ſie mit le⸗ bendiger Hand, hauche ſie an mit freiem Odem und— ſie zerfallen in Aſche!“ „Dies beweist nicht gegen mich,“ ſagte Willi. „Und wo iſt denn das große und feſte Reich, das der große Mann gründete?“ unterbrach ihn Thierberg; „Sie vergleichen unſere ſchönen, alten Inſtitutionen, Gott möge es Ihnen verzeihen, mit einem Leichnam, aber was war denn jener eorſiſche Kaiſerthron, was ſein Staatsgebäude, als ein Kartenhaus?“ „Ich habe nie geſagt, daß Napoleon der Mann war, einen großen Staat zu gründen,“ antwortete der alte Willi;„Frankreich war unter ihm ein Lager, deſ⸗ ſen erſte Poſten die Rheinbundſtaaten bildeten. Er hätte vielleicht ein Ende genommen, das ſeiner oder Frank⸗ reichs unwürdig geweſen wäre, wenn er einige Jahre in beſtändiger Ruhe und in Frieden regiert hätte.“ „So war alſo das Ende, welches er nahm, ſeiner würdig?“ fragte Rantow lächelnd. „Nicht der Platz, auf welchem wir ſtehen,“ verſetzte der General nicht ohne Wehmuth,„nicht der Raum, ſei er groß oder klein, gibt uns Würde oder Schmach. 1²⁰ Wir ſind es, die uns und unſere Poſten adeln oder ſchän⸗ den. Die Welt hat gelacht und gehöhnt, als man den größten Geiſt des Jahrhunderts auf eine öde Inſel ver⸗ bannte. Dort, an der höchſten Felſenſpitze, haben ſie den alten Adler angeſchloſſen, wo er nur in die Sonne, auf den weiten Ocean und in einige treue Herzen ſah. Aber man hat nicht bedacht, wie vielen Stoff zum Lachen man der Nachwelt gebe; es war nicht Strafe, was ihn dorthin verbannte;—werin Europa konnte ihn ſtrafen?— Es war— Furcht. So mußte es kommen, daß man in ihm noch immer den Gefürchteten ſah; und manche Herzen, die ſich von ihm abgewendet hat⸗ ten, fingen an, ihn wieder zu lieben; pflegt doch das Unglück die Menſchen zu verſöhnen und— es war ja nichts an ſeine Stelle getreten, was ihn hätte vergeſſen machen können.“ „Glauben Sie etwa, Herr Nachbar,“ ſagte Thier⸗ berg,„es hätte wieder ein ſolcher Attila auftreten müſ⸗ ſen, nur um die Zeitungsſchreiber zu unterhalten? Ver⸗ geſſen wird man wohl jenen Namen noch lange nicht, aber— man wird ihn verdammen.“ „Mancher hat ein perſönliches Recht dazu, und ich kann ihn darum nur beklagen, nicht entſchuldigen, daß ſein Gang über die Erde nicht die gebahnte Straße ging. Aber man wird auch mit andern Gefühlen ſich ſeiner erinnern. Die Großen der Erde ſcheinen zwar nicht viel von ihm gelernt zu haben, deſto mehr vielleicht die Kleinen. Er hat ſich ſeine Bahn ſo erhaben aufge⸗ riſſen als Alexander, er hat ſie verfolgt wie Cäſar, man hat ihm gedankt wie dem Hannibal, auf jenem Felſen 121 hat er gelebt wie Seneca, und ſeine letzten Tage wa⸗ ren eines Sokrates würdig.“ „In dieſem Punkt werden wir nimmer einig,“ er⸗ widerte der alte Thierberg;„was mich betrifft, ſo kömmt er mir vor, als habe er ſeine Laufbahn eröffnet wie ein Avanturier, habe ſie verfolgt wie ein Räuber, habe mit ſeinem Raub verfahren wie ein verzweifelter Spie⸗ ler, und habe geendet wie ein— Komödiant!“ „Wir ſind noch nicht ſeine Nachwelt,“ bemerkte Robert Willi.„Erſt wenn alle Parteien, die perſönli⸗ ches Intereſſe ausſprachen, von der Erde verſchwunden ſind, dann erſt wird man mit klarem Auge richten. Mein Held iſt er nicht, aber in ſeinen italieniſchen Feldzügen erſcheint er wie ein Weſen höherer Art, und dies wenig⸗ ſtens werden auch Sie zugeben, Herr von Thierberg.“ „Es iſt möglich,“ verſetzte der Alte;„er hat da⸗ mals mein Staunen, meine Bewunderung erregt; aber wie ſchnell wurde ich von meiner Vorliebe geheilt! Wenn er damals den Bourbons den Thron zurückgege⸗ ben hätte— die Macht hatte er dazu— ſo wäre er mir wie ein Engel erſchienen.“ „Dies war wegen ſeiner Armee, die anders dachte, unmöglich,“ antwortete der General. „Sie erinnern ſich,“ fuhr der Alte fort,„daß ich Ihnen öfter von einem franzöſiſchen Kapitän erzählte, der mich in der Schweiz aus großer Verlegenheit rettete; — der einzige Franzoſe, den ich achte, und für den ich noch jetzt alles thun könnte. Mit dieſem ſprach ich damals auch über dieſen Punkt. Ich ſagte ihm, daß Frankreich ohne Rettung vexloren gehe, wenn es in der ewigen, 1²2² ſich immer von Neuem gebärenden Revolution fortfahre. Nur ein König an der Spitze könne es retten.— Er gab es zu; er ſagte mir, daß die Bourbons eine große Partei in Paris hätten und daß mein Gedanke vielleicht erfüllt würde. Ich fragte ihn, wie der Conſul Bona⸗ parte, der damals an der Spitze ſtand, darüber dächte. „„Er äußert ſich nicht,““ erwiderte mir der Kapitän, „vaber wenn ich ihn recht verſtehe,““ ſetzte er lächelnd hinzu,„„ſo wird Frankreich bald nur einen Meiſter haben.““ Ich deutete dieſes Wort meines neuen Freun⸗ des damals auf die Zurückkunft der Bourbons, leider iſt es an Bonaparte ſelbſt in Erfüllung gegangen.“ Der junge Willi war ſchon zu Anfang dieſer Rede aufgeſtanden; er hatte Anna's Vater die Geſchichte von ſeinem Kapitän ſchon einige Dutzendmal erzählen gehört, und ſein Blut wallte in dieſem Augenblick noch zu un⸗ ruhig, als daß er ſie von Neuem anhören mochte; er ging mit zögernden Schritten im Saal auf und nieder; als aber der alte Thierberg im Geſpräch mit dem Ge⸗ neral auf die jetzigen Verhältuiſſe Frankreichs einging, ein Punkt, über den ſie niemals in Streit geriethen, geſellte ſich auch Rantow zu dem jungen Willi. Er ließ ſich von ihm die Geſchichte der letzten Wochen noch ein⸗ mal wiederholen, führte ihn unbemerkt in das nächſte Zimmer und dann auf die breite Hausflur. Dort hielt er ploͤtzlich inne und flüſterte dem erſtaunten jungen Mann ins Ohr:„Sie dürfen vor mir kein Geheimniß mehr haben; Anna hat mir alles entdeckt und auf mei⸗ nen Beiſtand können Sie ſich verlaſſen.“ Noch einen Augenblick zweifelte Robert, weil ihm dieſe Nachricht 128 zu neu und unerwartet kam; als aber Rantow ins Ein⸗ zelne einging und ihm erzählte, was in jener Schre⸗ ckensnacht vorgefallen ſei, als er ihm entdeckte, wie un⸗ günſtig gegenwärtig die Verhältniſſe ſeien, da ſtand Jener nicht länger an, die Hülfe, die ihm geboten wurde, anzunehmen; er bat Albert, ihm, wenn es möglich wäre, Gelegenheit zu verſchaffen, mit Anna zu ſprechen. Der Gaſt aus der Mark dachte einige Augenblicke nach, ob er dies möglich machen könnte; Anna hatte ihn zwar ſelbſt nie auf ihr Boudoir im Thurm einge⸗ laden, aber er hoffte in ſolcher Begleitung nicht unwill⸗ kommen zu ſein; das Einzige, was ihn hätte abhalten können, war die Furcht vor dem Zorn ſeines Oheims, im Fall dieſe Zuſammenkunft entdeckt würde; aber die Luſt, wo er nicht ſelbſt die Rolle übernehmen konnte, wenigſtens die Intrigue zu unterſtützen, Wht⸗ über jede Bedenklichkeit; er winkte dem jungen Willi, ihm zu folgen. Der Gang nach Anna's Thurm war ihm be⸗ kannt. Nach der Lage ihrer Fenſter mußte ihr Gemach noch zwei Stockwerke höher liegen, als der Saal. Sie ſtiegen eine enge, ſteile Treppe von Holz hinan, die unter jedem Tritte, ſo behutſam ſie auch ſtiegen, ächzte. Zum nicht geringen Schrecken begegnete ihnen auf dem erſten Stock der alte Hans, der ſie verwundert anſah. Albert winkte ſeinem Gefährten, nur immer voranzu⸗ gehen; er ſelbſt nahm, ohne in ſeiner Beſtürzung zu bedenken, ob es klug ſein möchte, den alten Diener auf die Seite:„Hans!“ ſagte er,„wenn Du deinem Herrn ein Wort—„Oh,“ erwiderte jener ſchlau lächelnd, „da hat es gute Wege, ſo wenig als in jener Nacht, da 124 Sie mich beinahe in den Neckar warfen, ich bin ſo ſtill wie ein todter Hund.“ Beruhigt folgte Rantow dem Liebhaber; ſie hatten bald das Ende der Treppe erreicht und ſtanden nun auf einer Art von Vorſaal; die Reinlich⸗ keit und Zierlichkeit, die hier herrſchte, ließ ahnen, daß man ſich nicht mehr weit von Anna's Gemach befinde. Zwei Thüren gingen auf dieſen Vorplatz; ſie wählten auf gutes Glück die nächſte, pochten an— keine Antwort. Sie pochten wieder; jetzt that ſich die zweite Thüre auf, und Anna erſchien auf der Schwelle. Sie erröthete, als ſie die beiden jungen Männer ſah, doch, als habe dieſer Beſuch nichts Auffallendes an ſich, lud ſie dieſelben durch einen freundlichen Wink ein, näher zu treten.„Ihr kommt wohl, um die ſchöne Ausſicht von meinem Thurm zu betrachten?“ ſagte ſie. „Jetzt erſt fällt mir bei,„daß Du nie hier warſt, Albert, aber ſo ganz bin ich an dieſen herrlichen Anblick gewöhnt, daß es mir nicht einmal einfiel, Dich hieher einzuladen.“ 12. Das Gemach war klein, die Geräthe gehörten einer früheren Zeit an, aber dennoch war alles ſo freundlich und geſchmackvoll geordnet, daß Rantow, nachdem er die Ausſicht geprüft, die nächſten Umgebungen gemuſtert, und alles recht genau angeſehen hatte, dieſes Zimmer für das ſchönſte im Schloß erklärte. Nur eine breite Kiſte, von ſchlechtem Holz zuſammengezimmert, die auf einer Komode ſtand, ſchien ihm nicht mit den übrigen Geräthſchaften zu harmoniren. So ungerne er die bei⸗ 125 den Liebenden, die, anſcheinend in die Ausſicht auf das Thal hinab vertieft, eifrig zuſammenflüſterten, ſtören mochte, ſo war doch ſeine Neugierde, zu wiſſen, was der geheimnißvolle Schrank verberge, zu groß, als daß er nicht ſeine Baſe darüber befragt hätte. „Bald hätte ich das Beſte vergeſſen!“ rief ſie aus: „Das Bild für Ihren Vater iſt heute angekommen, Ro⸗ bert; ich habe es hieher geſtellt, weil mein Vater nie hieher kommt, und weil ich es doch auch betrachten wollte.“ Sie rückte unter dieſen Worten den Deckel des Schranks, Willi half ihn herabnehmen, und das Bild eines Rei⸗ ters, der auf einem wilden Pferd eine Anhöhe hinan⸗ ſprengt, wurde ſichtbar. „Vonaparte!“ rief Rantow, als ihm die kühnen geiſtvollen Züge aus der Leinwand entgegenſprangen. „Erkennſt Du ihn?“ fragte Anna lächelnd.„Das war der Sieger von Italien!“ „Ich hätte nicht geglaubt, daß die Kopie ſo gut gelingen könnte,“ bemerkte Willi;„aber wahrlich, David war ein großer Maler. Wie edel iſt dieſe Geſtalt gehalten, wie glücklich der Einfall, dieſen hochſtreben⸗ den Mann nicht in der gebietenden Stellung eines Obergenerals, ſondern in einer Kraftäußerung aufzu⸗ faſſen, die einen mächtigen Willen, und doch eine ſo erhabene Ruhe in ſich ſchließt.“ „Ich kenne das Original,“ ſagte Rantow,„es iſt in der Galerie zu Berlin aufgeſtellt, und ich finde dieſe Kopie trefflich; für Liebhaber des Gegenſtandes, wor⸗ unter ich nicht gehöre, gewinnt dieſes Gemälde um ſo W. Hauffs Werke. IV. 9 „ 426 höheres Intereſſe, als die Idee dazu von Napoleon ſelbſt ausging. Man ſagt, David habe ihn malen wollen als Helden, den Degen in der Hand, auf dem Schlachtfelde; Bonaparte aber erwiderte die merk⸗ würdigen Worte:„„Nein! Mit dem Degen gewinnt man keine Schlachten; ich willruhig gemalt ſein— auf einem wilden Pferde.““ „Dank Dir für dieſe Anekdote,“ erwiderte Anna⸗ „ſie macht mir das Bild um ſo lieber, und, nicht wahr, Robert,“ ſetzte ſie hinzu—„auch Dein Vater ſoll durch ſeine Originalität nur noch mehr erfreut werden.“ „Anna!“ unterbrach die Beſchauenden eine dumpfe, wohlbekannte Stimme. Sie ſahen ſich um, der alte Thierberg, auf ſeinen Diener geſtützt, ſtand mit hoch⸗ rothem, zürnendem Geſicht und zitternd vor ihnen; der General, welcher ſeitwärts ſtand, ſchien verlegen und ängſtlich. Aber ſo ſchnell war dieſer Schreck, ſo groß die Furcht Anna's vor ihrem Vater und ſo furcht⸗ bar ſein Anblick, daß ſie zu ſchwanken anfing, und hätte der General ſie nicht unterſtützt, ſie wäre in die Kniee geſunken. „Sind das die gerühmten Sitten Ihres Herrn Sohnes,“ wandte ſich der Alte bitter lachend zu dem General, indem er bald den Sohn, bald den Vater an⸗ ſah;„heißt das, wie Sie mir vorzumalen ſuchten, ſich in den zarteſten Grenzen des Anſtandes halten? Herr! Wie kommen Sie dazu, mit meiner Tochter allein auf ihrem Zimmer zu ſein?“ „Onkel— rief Rantow, um ihn zu belehren. 127 „Schweig, Burſche!“ antwortete ihm der zürnende Alte, indem er immer den jungen Willi mit glühenden Blicken anſah. „Ich denke,“ erwiderte dieſer ruhig und mit ſtol⸗ zer Faſſung,„die Erziehung Ihrer Tochter und Anna's Sitten müßten Ihnen Vürge ſein, daß ein Mann, ſelbſt wenn er allein käme, ſie beſuchen dürfte, voraus⸗ geſetzt, ſie will ihn empfangen, und über den letzteren Punkt ſteht nach allen Geſetzen der guten Sitte der jungen Dame ſelbſt, nicht aber Ihnen, Herr von Thier⸗ berg, die Entſcheidung zu.“ Dieſe Worte ſchienen ſeinen Eifer noch mehr zu entflammen, er athmete tief auf, aber in dieſem Au⸗ genblick trat ſein Neffe muthig dazwiſchen und redete ihn auf eine Weiſe an, die, wie ihn ſein kurzer Aufent⸗ halt bei den Thierbergs gelehrt hatte, die Wirkung nicht verfehlen konnte.„Herr von Thierberg,“ rief er beſtimmt und mit ernſter Miene,„Sie haben mir vor⸗ hin zu ſchweigen geboten, ich werde aber nicht ſchwei⸗ gen, wenn man meiner Chre zu nahe tritt. Ich bin es geweſen, der Herrn von Willi hieher führte, ich bin es geweſen, der ihn hier unterhielt, und er hat mich hieher begleitet, weil ich ihn darum gebeten habe.“ „Du warſt zugegen?“ fragte der Oheim mit etwas gemilderter Stimme.„Aber was Teufel geht Dich das Zimmer meiner Tochter an? Was hatteſt Du hier zu ſuchen?“ 3 Mit einer theatraliſchen Wendung und ſprechender Miene wandte ſich der Neffe gegen die Hinterwand des 128 Zimmers, deutete mit dem ausgeſtreckten Arm hin und ſprach:„Hier ſteht, was ich ſuchte.“ Der Alte trat mit ſchnelleren Schritten, als ſeine Krankheit erlaubte, näher. Er betrachtete das Bild und blieb mit einem Ausruf des Erſtaunens ſtehen; ſeine trotzige Miene klärte ſich auf, ſeine Stirn entfaltete ſich, ſein blitzendes Auge ſchimmerte nur noch von Rüh⸗ rung und Freude.„Gott im Himmel,“ rief er aus, indem er das Mützchen abnahm, das er beſtändig trug. „Wer hat mir das gethan, woher, woher habt Ihr ihn? Wer hat ihn meinen Gedanken nachgebildet, wer hat mir dieſe Züge, dieſe Augen hier, hier aus meinem Herzen herausgeſtohlen?“ Ddie Männer ſahen ſich ſtaunend an; betreten rich⸗ tete ſich Anna auf und trat näher, denn ſie beſorgte, ihr alter Vater rede irre.„Wer hat dies Bild hieher geſtellt?“ fragte er nach einer Pauſe, indem er ſich umwandte, und alle ſahen Thränen in ſeinen Augen glänzen. „Ich, mein Vater,“ ſagte Anna zögernd. „O Du gutes Kind,“ fuhr er fort, indem er ſie in ſeine Arme ſchloß,„wie Unrecht habe ich Dir vorhin gethan! Als ich in dieſes Zimmer trat, glaubte ich, Du habeſt mich tief gekränkt und doch haſt Du mich ſo un⸗ endlich erfreut!— Kennſt Du ihn, Hans?“ wandte er ſich an ſeinen Diener.„Kennſt Du ihn nicht wieder?“ „Gott ſtraf mich, er iſt's!“ erwiderte der Reitknecht. „Solche ſchreckliche Augen machte er gegen die fünf Buſchklepper, die uns auszogen, o das war ein braver Herr!“ 129 Die, welche den Herrn und ſeinen Diener ſo ſpre⸗ chen hörten, konnten ſich von ihrem Staunen kaum er⸗ holen, ſie ſahen ſich lächelnd an, als ahneten ſie eine ſonderbare Fügung des Geſchicks, als ſei ein ſchweres Gewitter ſegnend über ihnen hinweggezogen. Der Ge⸗ neral aber, der bald Anna, bald das Bild mit blitzen⸗ den Augen betrachtet hatte, trat näher heran und fragte den alten Thierberg, wen er denn in dieſem Bilde wie⸗ der erkenne? „Das iſt derſelbe treffliche Kapitän,“ antwortete er,„der mich am Fuß des St. Bernhard aus der Ge⸗ walt ruchloſer Soldaten errettete. Wie? Er iſt derſelbe, von welchem ich Ihnen ſo oft erzählte; das Muſter eines braven Mannes, eines gebildeten und klugen Soldaten.“ „Nun, ſo bitte ich Sie,“ fuhr der General mit inniger Rührung fort, indem auch ihm eine Thräne im Auge ſchwamm,„ich bitte Sie im Namen dieſes Mannes, den ich auch kannte, Sie mögen ihm ver⸗ geben, wenn er nachher anders handelte, als Sie da⸗ mals dachten!“ „Wie? Sie haben ihn gekannt?“ rief der Alte dringend, indem er die Hand des Generals faßte.„Wer war er, wie heißt er, lebt er noch?“ „Er iſt todt— ſeinen Namen kannte die Welt— er iſt—“ „Nun?“ drängte der Alte den General, dem die Stimme zu brechen ſchien.„Wer? Doch nicht- „Dieſer Mann,“ rief der General mit einem feuri⸗ 3 130 gen Blick auf das Gemälde,„dieſer Mann war— Napoleon Bonaparte, der Kaiſer der Franzoſen.“ Der Alte ſetzte ſeine Mütze auf; er drückte die Augen zu und in ſeinem Geſichte kämpfte Unmuth mit Rüh⸗ rung. Doch als er nach einer Weile das Bild wieder anſah, ſchien er es nicht über ſich zu vermögen, dem ſtolzen Reiter gram zu werden.„Du alſo?“ ſprach er zu ihm,„Du warſt dieſer— kühne Mann? Das war alſo Deine Meinung? Du haſt mir mein Kleid, mei⸗ nen Hut und meine Börſe zurückgegeben, um mir nach⸗ her mein Alles zu rauben?“ „Vater,“ ſagte Anna ſchmeichelnd,„wie glücklich waren Sie aber dennoch! Der erſte Mann des Jahr⸗ hunderts hat ſo traulich zu Ihnen geſprochen.“ „Ja, das haben wir,“ erwiderte der Alte lächelnd' und nicht ohne Stolz,„recht freundlich haben wir uns unterhalten, ich und er, und er ſchien Gefallen an mir zu finden. Ich habe nicht gehört, daß der erſte Conſul ſich je gegen einen ſo offen ausgeſprochen hätte, wie damals gegen mich.„„Frankreich wird nicht mehr lange ohne König ſein,““ waren ſeine eigenen Worte; Du haſt es erfüllt, kleiner Schelm!— Ha! Und gerade ſo ſah er aus, ſo warf er noch einmal den ſtolzen Kopf herüber, als er ſein Roß den Berg hinantrieb und die Feldmuſik des Regimentes herüberklang. General Willi⸗ — es war doch ein großer Geiſt!“ „Gewiß!“ ſagte der General freudig gerührt, in⸗ dem er dem Alten die Hand drückte.„Aber, wie kam nur dies Bild hieher zu Ihnen, Anna?“ 13141 „Darf ich es verſchweigen, Robert?⸗ antwortete ſie.„Nein, er hat es ja doch ſchon geſehen. Ihr Sohn wollte Sie an Ihrem Geburtstage damit überraſchen, und ich erlaubte, daß das Bild einſtweilen hier aufge⸗ ſtellt würde.“ Der alte Thierberg hatte aufmerkſam zugehört; er ſchien überraſcht und ging auf den jungen Willi zu, dem er ſeine Hand bot.„Junger Mann,“ ſagte er, „ich habe Ihnen vorhin bitter Unrecht gethan, ich ſehe jetzt, daß Sie ein ſchönerer Zweck auf dieſes Zimmer führte, als ich anfangs dachte; werden Sie mir meine übereilten Worte, meine Hitze vergeben?“ Robert erröthete.„Gewiß, Herr von Thierberg,“ antwortete er,„und wenn Sie noch zehnmal heftiger geweſen wären, ſo konnten Sie mich zwar kränken, aber niemals beleidigen; es iſt hier nichts zu vergeben.“ „Wirklich?“ erwiderte der alte Herr ſehr freund⸗ lich.„Und, wenn ich fragen darf— wo haben Sie das Bild gekauft? Könnte man nicht ſich auch ein Exem⸗ plar verſchaffen? Ich möchte doch den grand Capitaine, meinen Kapitän in meinem Zimmer haben.“ „Wie ich meinen Vater kenne,“ ſagte der junge Mann,„ſo wird er dieſes Bild vielleicht noch lieber in Ihrem Hauſe, als in dem ſeinigen ſehen. Ich bitte, erlauben Sie, daß ich es dort aufhänge.“ „Sie machen mir ein großes Geſchenk, lieber Ro⸗ bert,“ ſagte Thierberg„Wohin iſt es mit unſern Ge⸗ ſinnungen gekommen? Ich glaube, wir denken im Grund gleich über dieſen Bonaparte, und doch ſind 1³3² Sie es, der mir ihn anbietet, und mir macht es Freude, ihn anzunehmen. Ich habe wenige Bilder, aber einige alte, gute; ſuchen Sie ſich etwas aus, nehmen Sie dafür aus meinem Schloß, was Sie wollen.“ „Halt!“ rief der General.„Bei dieſem Handel bin ich auch betheiligt; ich kenne den unglücklichen Ge⸗ ſchmack meines Sohnes und weiß, wie wenig er auf alte Bilder hält; wollen Sie ihm nicht ein jüngeres dafür geben? Thierberg, vor dieſem Bilde, das nun auch für Sie von Bedeutung iſt, wiederhole ich nun meine Werbung: Ihre Anna um dieſen Napoleon.“ Der alte Herr war betreten, er warf verlegene Blicke auf die Umſtehenden; endlich haftete ſein Auge auf Davids Gemälde.„Du haſt viel verſchuldet,“ ſprach er,„Europa's alte Ordnung haſt Du umge⸗ worfen, und nun nach Deinem Tode willſt Du Dich in meine Haushaltung miſchen?“ „Herr Baron!“ ſagte der alte Hans mit gerührter Stimme,„nehmen Sie es einem alten Diener nicht ungnädig auf, aber wiſſen Sie noch, was Sie zu dem braven Kapitän ſagten, und was Sie mir oft erzählt haben? Monſieur, haben Sie geſagt, wenn Sie einſt durch Schwaben kommen und in unſere Gegend, ſo vergeſſen Sie nicht auf Thierberg einzuſprechen, daß Sie mich nicht zu Ihrem ewigen Schuldner machen.“ Herr von Thierberg aber ſtrich ſich nachdenklich mit der Hand über die Stirne, warf noch einen zögernden Blick auf das Bild, und führte dann Anna zu Robert Willi.„Nimm ſie hin!“ ſagte er feſt und ernſt.„Ich 133 habe es nicht thun wollen, aber vielleicht war es gut, daß dies alles ſo kommen mußte; nimm ſie hin!“ Mit großer Rührung umarmte der General den alten Mann, und indem Robert überraſcht und ſelig ſeine Braut, wir wiſſen nicht ob zum erſtenmal, an ſeine Lippen drückte, ſchüttelte der Gaſt aus der Mark, um nicht ganz theilnahmlos zu erſcheinen, dem alten Diener herzlich die Hand. Albert hat nachher erzählt, daß er in jenem feierlichen Augenblick, trotz ſeines in⸗ neren Widerſtrebens, gut napoleoniſch geſinnt geweſen ſei, und zum erſtenmal in ſeinem Leben jene Macht und überlegenheit gefühlt und anerkannt habe, die jener große Geiſt auf die Gemüther zu üben pflegte. Er erzählte auch, daß der alte Thierberg jenen ſon⸗ derbaren Tauſch niemals bereut habe; er fand in ſeinem Schwiegerſohne Eigenſchaften, die er ihm nie zugetraut hatte, und als er ihn bei der Verwaltung der Güter ſeines Vaters mit Rath und That unterſtützte, lebte er im Glücke ſeiner Kinder die Tage ſeiner eigenen Ju⸗ gend wieder. Von der Hochzeit des jungen Paares ſprach der Gaſt aus der Mark nicht gerne, man ſah ihm an, daß er lieber ſelbſt mit der liebenswürdigen Anna vor den Altar getreten wäre. Einen Zug aber aus dieſem glän⸗ zenden Tag pflegte er bei Wiederholung dieſer Geſchichte nie zu vergeſſen, vielleicht nur um jene ſchwärmeriſchen Anhänger Napoleons und ſeinen neubekehrten Oheim ins Komiſche zu ziehen. Der alte Gardiſt des Generals, erzählte er, habe alle Domeſtiken und einige junge Burſchen zum Viyatſchreien abgerichtet, und die ſchoͤne 134 Braut mit ins Geheimniß gezogen; er habe ſeine Leute unter die Thüren des großen Saales im Schloſſe Thierberg geſtellt, und als nun mancher Toaſt ausge⸗ bracht war, ſei auch Anna mit dem Kelchglas aufge⸗ ſtanden, und habe mit ihrer ſüßen Stimme„dem Bild des Kaiſers“ die Ehre eines Toaſts gegeben. Da wurde der Jubel rauſchend, die Gäſte ſtießen an, Hans und der Gardiſt ſchwangen zum Zeichen ihre Mützen, und wohl aus fünfzig Kehlen ſchallte ein jauchzendes:„Vive PEmpereur!“ In demſelben Verlage iſt erſchienen und kann durch alle Buchhandlungen bezogen werden: Swift's humoriſtiſche Werke. 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