————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Olkmann in Gießen, ſe Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen l. 1 Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſ 4 ahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 2 d d 1 bis Abends 8 Uhr offen. Fr Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von dem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 3 den angenommen. b 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 1 beträgt: 3 1 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bi Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 59 Pi. 2 Mt. 3 3— 15. wärtige Wonnenten haben für und Zurückſendun 1g der Bücher auf ihre eigenen Koſten und gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Wenn ein Fremder in die ungeheuren Säle trat, die zu dieſem Zwecke aufgebaut und prachtvoll dekorirt waren, wenn er die Tauſende von glänzenden und fröhlichen Masken überſchaute, das Lachen und Singen der Menge hörte, wie es die zahlreichen Fanfaren der Muſikchöre übertönte, da glaubte er wohl nicht in Würtemberg zu ſein, in dieſem ſtrengen, ernſten Würtemberg, ſtreng geworden durch einen eifrigen, oft ascetiſchen Prote⸗ ſtantismus, der Luſtbarkeiten dieſer Art als Ueber⸗ bleibſel einer andern Religionspartei haßte; ernſt, bei⸗ nahe finſter und trübe durch die bedenkliche Lage, durch Elend und Armuth, worein es die ſyſtematiſchen Kunſt⸗ griffe eines allgewaltigen Miniſters gebracht hatten. Der prachtvollſte dieſer Freudentage war wohl der zwölfte Februar, an welchem der Stifter und Erfinder dieſer Luſtbarkeiten und ſo vieles Andern, was nicht gerade zur Luſt reizte, der Jud Süß, Kabinetsminiſter und Finanzdirektor, ſeinen Geburtstag feierte. Der Heerzog hatte ihm Geſchenke aller Nai am Morgen dieſes Tages zugeſandt; das Angenehmſte aber für den Kabinetsminiſter war wohl ein Edikt, welches das Datum purpurrothen Federn, auf welchen er die ſchwarze Maske dieſes Freudentages trug, ein Edikt, das ihn auf ewig von aller Verantwortung wegen Vergangenheit und Zukunft freiſprach. Jene unzähligen Kreaturen jeden Standes, Glaubens und Alters, die er an die Stelle beſſerer Männer gepflanzt hatte, belagerten ſeine Trep⸗ pen und Vorzimmer, um ihm Glück zu wünſchen, und manchen ehrliebenden, biedern Beamten trieb an dieſem Tage die Furcht, durch Trotz ſeine Familie unglücklich zu machen, zum Handkuß in das Haus des Juden. Dieſelben Motive füllten auch Abends die Karne⸗ valſäle. Seinen Anhängern und Freunden war es ein Freudenfeſt, das ſie noch oft zu begehen gedachten; Mähnner, die ihn im Stillen haßten und öffentlich ver⸗ ehren mußten, hüllten ſich zähneknirſchend in ihre Do⸗ minos und zogen mit Weib und Kindern zu ber pracht⸗ vollen Verſammlung der Thorheit, überzeugt, daß ihre Namen gar wohl ins Regiſter eingetragen und die Lücken ſchwer geahndet würden; das Volk aber ſah dieſe Tage als Traumſtunden an, wo ſie im Nauſch der Sinne ihr drückendes Elend vergeſſen könnten; ſie berechneten nicht, daß die hohen Eintrittsgelder nur eine neue in⸗ direkte Steuer waren, die ſie dem Juden entrichteten. Der Glanzpunkt dieſes Abends war der Moment, als die Flügelthüren aufflogen, eine erwartungsvolle Stille über der Verſammlung lag, und endlich ein Mann von etwa vierzig Jahren, mit auffallenden, markirten Zügen, mit glänzenden, funkelnden Augen, die lebhaft und lauernd durch die Reihen liefen, in den Saal trat. Er trug einen weißen Domino, einen weißen Hut mit nachläſſig geſteckt hatte; es war nichts Prachtvolles an ihm, als ein ungewöhnlich großer Solitair, welcher am Hals die purpurrothe Bajute von Seidenflor, die über den Domino herabfiel, zuſammenhielt. Er führte eine ſchlanke, zartgebaute Dame, die in ein mit Gold und Steinen überladenes, orientaliſches Koſtüm gekleidet, Aller Augen auf ſich zog. „Der Herr Finanzdirektor, der Herr Miniſter,“ flüſterte die Menge, als er vornehm grüßend durch die Reihen ging, die ſich ihm willig öffneten; und als er in der Mitte des Hauptſaales angekommen war, be⸗ grüßten ihn Trompeten und Pauken, und ein nicht unbeträchtlicher Theil der Masken klatſchte ihm Beifall, während man Andere wie von einem unzüchtigen Schau⸗ ſpiele ſich abwenden ſah. Aber allgemein ſchien die Theilnahme, womit man die ſchöne Orientalin betrach⸗ tete, die mit dem Miniſter gekommen war. Seine Lebensweiſe war zu bekannt, als daß nicht die meiſten unter der Larve der reichgeſchmückten Dame eine ſeiner Freundinnen geahnet hätten, nur darüber ſchien man uneinig, welcher von dieſen ſolche Auszeichnung zu Theil geworden ſei; die eine ſchien zu klein für dieſe Figur, die andere zu korpulent für dieſe zierliche Taille, die dritte zu ſchwerfällig, um ſo leicht und beinahe ſchwe⸗ bend über den Boden zu gleiten, und einer vierten, bei welcher man endlich ſtille ſtehen wollte, konnte nicht dieſes glänzend ſchwarze Haar, das in reichen Locken um den ſtolzen Nacken fiel, nicht dieſes herrliche, dunkle Auge gehören, das man aus der Maske hervorleuchten fah. Die Menge pflegt, wenn ihre Neugier nicht ſogleich befriedigt wird, bei Gelegenheiten von ſo glänzender und rauſchender Art, wie dieſer Karneval war, nicht lange bei einem Gegenſtand ſtille zu ſtehen.„Wenn ſie die Maske abnimmt, wird man ja ſehen;“ ſprach man, ohne der Dame noch längere Aufmerkſamkeit zu ſchenken, als nöthig war, um zu bemerken, wie ſie zur Menuet antrat. Aber drei junge Männer, die müßig hinter den Reihen der Tanzenden ſtanden, ſchienen dieſe Erſcheinung noch immer unabläſſig zu verfolgen. „Wer ſie nur ſein mag!“ rief der eine ungeduldig. „Ich wollte gern dem verzweifelten Juden fünfzig Ein⸗ trittskarten abkaufen, wenn er mir ſagte, woher dieſes Mädchen kommt, das er wie eine Fürſtin in den Saal führte.“ „Herr Bruder!“ erwiderte der zweite, indem er unter dem Sprechen kein Auge von der Orientalin ab⸗ wandte:„Herr Bruder, Parole d'Honneur! Dieſe Widerſprüche kann ich nicht vereinigen, und wenn ich bei Carteſius ſelbſt die Logik, ſammt dem cogito, ergo sum, ſtudirt hätte; eine ſo ungewöhnlich feine Ge⸗ ſtalt, dieſe Haltung, dieſe nach den neueſten und vor⸗ nehmſten Regeln abgemeſſene Bewegung, dieſe Art, das Handgelenk rund und ſpielend zu bewegen, wie ich ſie nur in den bedeutendſten Zirkeln zu Wien und Paris ſah, dieſer Anſtand, womit ſie den Nacken trägt—⸗ „Gott verdamm' mich, Du haſt Recht, Herr Bru⸗ der,“ unterbrach ihn der dritte.„Dieſes alles und— mit Süß auf den Ball zu kommen! Nein, ein ſolcher Contraſt iſt mir in meinem Leben nicht vorgekommen!“ — 33„Aus unſerer Bekanntſchaft,“ fuhr der erſte fort, „aus unſern Kreiſen kann ſie nicht ſein; denn wenn es auch wahr iſt, was man flüſtert, daß ſchon mancher elende Kerl von einem Vater ſeine Tochter mit einer Bittſchrift zum Juden ſchickte, ſo laut läßt keiner ſeine Schande werden, daß er ſein leibliches Kind mit dieſer Mazette auf den Ball ſchickt!“ „Bitte Dich ums Himmelswillen, Herr Bruder, nicht ſo laut, er hat überall ſeine Spione, und uns iſt er ohnedies nicht grün; denk an Deine Familie, willſt Du Dich unglücklich machen? Aber wahr iſt's, es kann kein Mädchen aus beſſern Ständen ſein, und doch iſt ihr Weſen für eine Bürgerstochter zu anſtändig. Doch — halt, wer iſt der Sarazene, der dort auf uns zukommt? Die Farbe ſeines Turbans iſt ja dieſelbe, wie ihn die Charmante des Juden hat!“ Die jungen Männer wandten ſich um und ſahen einen ſchlanken, ſchöngewachſenen Mann, der, als Sarazene gekleidet, ſich durch die einfache Pracht ſeines Koſtüms, wie durch Gang und Haltung vor gemeineren Masken auszeichnete. Auch er ſchien die jungen Männer ins Auge gefaßt zu haben, denn er ging langſam an ſie heran und zögerte, an ihnen vorüber zu ſchreiten. „Was iſt Deine Parole?“ fragte der eine der jungen Männer, der in der Maske einen Freund zu erkennen glaubte.„Haſt Du nur Dein Allah zum Feldgeſchrei, oder weißt Du ſonſt ein Sprüchlein?“. A„Gaudeamus igitur, juvenes dum sumus,“ erwi⸗ derte der Sarazene, indem er ſtille ſtand. „Er iſt's, er iſt's,“ riefen zwei dieſer jungen Herrn, und ſchüttelten die Hand des Sarazenen. Gut, daß 8 wir die Parole gaben, ich hätte ſonſt kein Erkennungs⸗ zeichen für Dich gehabt, denn ich war meiner Sache ſo gewiß, Du ſeieſt als Bauer hier, daß ich mit dem Ka⸗ pitän eine Flaſche gewettet habe, Du müßteſt ein Bauer ſein!“ „Laßt uns ans Büffet treten,“ ſagte der zweite, „ich habe Dir hier Jemand vorzuſtellen, Bruder Guſtav, der ſich auf Deine Bekanntſchaft freut, und Du weißt, in Larven kennt man ſich ſchlecht.“ „Freund,“ erwiderte Guſtav,„ich nehme die Larve nicht ab, ich habe Gründe; ſo angenehm mir die Be⸗ kanntſchaft dieſes Herrn wäre, ſo muß ich ſie doch bis morgen verſparen.“ „Und wenn es nun Pinaſſa wäre, nach welchem Du ſo oft gefragt?“ antwortete Jener. „Pinaſſa? Mit dem Du Dich geſchlagen? Nein, das ändert die Sache, den will ich ſehen und begrüßen; aber— meine Maske nehme ich nur auf zwei Augen⸗ blicke und im fernſten Winkel des Speiſeſaals ab.“ „Wir ſind's zufrieden, Bruder Sarazene,“ ant⸗ wortete der Kapitän.„Aber laß uns nur erſt an die zweite Flaſche kommen, dann ſollſt Du auch die Gründe beichten, warum Du Dein Angeſicht nicht leuchten laſſen willſt vor den Freunden!ui 2.* In dem Speiſeſaal, welchen ſie wählten, waren nur wenige Menſchen, denn man verkaufte hier nur aus⸗ — ₰ geſuchte Weine, feine Früchte und warme Getränke, — 9 während die größeren Trinkſtuben, wo Landwein, Bier und derbere Speiſen zu haben waren, die größere Menge an ſich zogen. In einer Ecke des Zimmers war ein Tiſchchen leer, wo der Sarazene, wenn er dem übrigen Theil des Saales den Rücken kehrte, ohne Gefahr er⸗ kannt zu werden, die Maske abnehmen konnte. Sie wählten dieſen Platz, und als die vollen Römer vor ihnen ſtanden, legten die zwei jungen Krieger die Mas⸗ ken ab, und der Kapitän begann:„Herr Bruder, ich habe die Ehre, Dir den unvergleichlichen Cavalier Pi⸗ naſſa vorzuſtellen, den berühmteſten Fechter⸗ſeiner Zeit; denn es gelang ihm, durch eine unbeſiegliche Terz⸗ Quart⸗Terz, mich, bedenke, mich, den Senior des Ami⸗ ciſtenordens, in Leipzigs unvergeßlichem Roſenthal hors de combat zu machen. Er hat gleich mir die Muſen verlaſſen, hat geſungen:„Will mich Minerva nicht, ſo mag Bellona rathen,“ und hat den alten Hieber und ſein ungeheures Stichblatt, worauf er ſein Früh⸗ ſtück zu verzehren pflegte, mit dem Paradedegen eines herzoglich würtembergiſchen Lieutenants vertauſcht.“ „Der Tauſch iſt nicht übel, Herr von Pinaſſa, und mein Vaterland kann ſich dazu Glück wünſchen,“ ſagte der Sarazene, indem er ſich vor dem neuen Lieutenant verbeugte.„Wolltet ihr einmal in unſern Dienſt treten, ſo war dieſe Laufbahn die angenehmſte. Der Ciyiliſt hat zu dieſer Zeit wenig Ausſicht, wenn er nicht ein Amt für fünftauſend Gulden oder für ſein Gewiſſen und ehrlichen Namen beim Juden kaufen will. Doch dieſe dünnen Bretterwände haben Ohren— ſtille da⸗ von, es iſt doch nicht zu ändern. Wie anders ſind Eure ——. 10 Verhältniſſe! Der Herzog iſt ein tapferer Herr, dem ich einen Staat von zweimalhunderttauſend Kriegern gönnen möchte; für uns— iſt er zu groß. Der Krieg iſt ſein Vergnügen, ein Regiment im Waffenglanz ſeine Freude;, leider fällt für Andere ſelten eine müßige Stunde ab, und daher kommt es, daß dieſe Juden und Judenchriſten das Seepter führen. Er gilt für einen großen General, er hat mit Prinz Engen ſchöne Waffen⸗ thaten verrichtet, und ein ſchlanker, junger Mann, mit einer Narbe auf der Stirne, Muth in den Blicken, wie Ihr, Herr von Pinaſſa, iſt ihm jeder Zeit in ſeinem Heere willkommen.“ „Was der Sarazene altklug ſprechen kann über Juden und Chriſten!“ ſprach der Kapitän.„Doch öffne Dein Viſir und zeige Deine Farben, mein Ka⸗ merad foll nun auch wiſſen, mit wem er ſpricht: Das iſt der umſichtige, rechtskundige, fürtreffliche Herr Juris utriusque Doktor Lanbek, leiblicher Sohn des vberühmten Landſchaftsconſulenten Lanbek, welchem er als Aktuarius ſubſtituirt iſt; ein trefflicher Junge, Pa- role d' Heonneur, wenn er ſich nicht neuerer Zeit hin und wieder durch ſonderbare Melancholei proſtituirte, noch trefflicher, wenn ihm der Herr auch einen Sinn für das ſchöne Geſchlecht eingepflanzt hätte.“ Lanbek nahm bei dieſen Worten die Maske ab und zeigte dem neuen Bekannten ein erröthendes Geſicht von hoher Schönheit. Unter dem Turban ſtahlen ſich gelbe Locken hervor und umwallten kunſtlos und unge⸗ pudert die Stirne. Eine kühn gebogene Naſe und dunkle, tiefblaue Augen gaben ſeinem Geſicht ein Aus⸗ —* — 11 druck von unternehmender Kraft und einen tiefen Ernſt, der mit den weichen Haaren und ihrer ſanften Farbe in überraſchendem Widerſpruche war. Doch das Strenge dieſer Züge und dieſer Augen milderte ein angenehmer Zug um den Mund, als er antwortete:„Ich öffne mein Viſir und zeige Euch ein Geſicht, das Euch recht herzlich bei uns willkommen heißt. Ich trinke auf Euer Wohl dieſes Glas, dann aber werdet Ihr entſchuldigen, wenn ich aufbreche.“ „Pro pœna trinkſt Du zwei,“ rief der Kapitän mit komiſchem Pathos, indem er einen ungeheuren Haus⸗ ſchlüſſel aus der Taſche nahm und ihn als Seepter gegen den Sarazenen ſenkte.„Haſt Du ſo wenig Ehr⸗ furcht vor Deinem Senior, daß Du Dich erfrechſt, in loco Gläſer zu trinken, ohne daß ſie Dir ordentlich vom Präſes diktirt ſind? O tempora, o mores! Wo iſt Zucht und Sitte dieſer Füchſe hin? Pinaſſa! Zu un⸗ ſerer Zeit war es doch anders!“ Die jungen Männer lachten über dieſe klägliche Re⸗ miniscenz des ehemaligen Amiciſtenſeniors; der Kapitän aber faßte Landbeck ſchärfer ins Auge und ſagte:„Herr Bruder, nimm mirs nicht übel, aber in Dir ſteckte ſchon lang etwas wie ein Fieber, und heute Abend iſt die Kriſis; ich ſetze meine verlorene Flaſche, davon geht nichts ab, aber ich wette zehn neue; ſei ehrlich, Guſtav — Du warſt heute Abend ſchon als Bauer hier, und Dein Alter weiß nichts vom Sarazenen.“ Guſtav erröthete, reichte dem Freunde die Hand und winkte ihm ein Ja zu. „Alle Tauſend!“ rief der Kapitän.„Junge, was treibſt Du? Wer hätte das hinter dem ſtillen Aktuarius geſucht? Auf dem Karneval das Koſtüm zu ändern! Und ſo ängſtlich, ſo geheimnißvoll, ſo abgebrochen; willſt Du etwa dem Juden zu Leibe gehen?“ Der Gefragte erröthete noch tiefer und nahm ſchnell die Maske vor; ehe er noch antworten konnte, ſagte Reelzingen:„Herr Bruder, Du bringſt mich auf die rechte Fährte. Wo habt ihr Beide, Du und die Orien⸗ talin, die der Finanzdirektor führte, das Zeug zu euren Turbanen gekauft? Guſtav, Guſtav!“— ſetzte er, mit einem Finger drohend, hinzu.—„Du wohnſt dem Ju⸗ den gegenüber, ich wette, Du weißt, wer die ſtolze Donna iſt, die er führt.“ „Was weiß ich!“ murmelte Lanbek unter ſeiner Larve. „Nicht von der Stelle, bis Du es ſagſt,“ rief der Kapitän;„und wenn Du auf Deinem Trotz beharrſt, ſo ſchleiche ich mich an die Orientalin und flüſtere ihr ins Ohr, der Sarazene habe mich in ſein Geheimniß eingeweiht.“ „Das wirſt Du nicht thun, wenn ich Dich ernſtlich bitte, es zu unterlaſſen,“ erwiderte der junge Mann, wie es ſchien, ſehr ernſt;„wenn ich übrigens Vermu⸗ thungen trauen darf, ſo iſt es Lea Oppenheimer, des Mi⸗ niſters Schweſter. Und nun adien! Wenn Ihr mir im Saal begegnen ſolltet, kennt Ihr mich nicht, und Reel⸗ zingen, wenn mein Vater fragt—“ „So weiß ich nichts von Dir, verſteht ſich,“ erwi⸗ derte dieſer. Der Sarazene erhob ſich und ging. Die „ Freunde aber ſahen einander an, und Keiner ſchien zu 13 wiſſen, ob er recht gehört habe, oder wie er dies Alles deuten ſolle.„Hat denn der Jude eine Schweſter? fragte Pinaſſa.. „Man ſprach vor einiger Zeit davon, daß er eine Schweſter zu ſich genommen habe, doch hielt man ſie für noch ganz jung, weil ſie ſich nirgends ſehen läßt;“ erwiderte Reelzingen nachdenklich.„Und wie er erröthete, Herr Bruder, Du wirſt ſehen, da läßt einmal wieder der Satan einen vernünftigen Jungen einen dummen Streich machen.“ 3. Lanbek irrte, als er die Freunde verlaſſen hatte, in den Sälen umher; ſeine Blicke gleiteten unruhig über die Menge hin, ſein Geſicht glühte unter der Larve, und mühſam mußte er oft nach Athem ſuchen, ſo drückend war die Luft in dem Saale, und ſo ſchwer lag Erwar⸗ tung, Sehnſucht und Angſt auf ſeinem Herzen. Dichter und ſtürmiſcher drängte ſich die Menge, als er in die Mitte des zweiten Saales kam; mit Mühe ſchob er ſich noch eine Zeitlang durch, aber endlich riß ihn un⸗ willkürlich der Strom fort, der ſich nach einer Seite hin⸗ drängte, und ehe er ſich deſſen verſah, ſtand er an einem Spieltiſch, wo Süß mit einigen ſeiner Finanzräthe Karten ſpielte. Große Haufen Goldes lagen auf dem Tiſche, und die neugierige Menge beobachtete den be⸗ rühmteſten Mann ihres Landes und theilte ſich flüſternd und murmelnd Bemerkungen mit über die ungeheuern Summen, die er, ohne eine Miene zu verändern, hin⸗ gab oder gewann. Guſtav hatte den Gewaltigen noch nie ſo in der Nähe beobachtet, wie jetzt, da er, feſtgehalten durch die Menge, die wie eine Mauer um ihn ſtand, zum un⸗ willkürlichen Beobachter wurde. Er geſtand ſich, daß das Geſicht dieſes Mannes von Natur ſchön und edel geformt ſei, daß ſogar ſeine Stirne, ſein Auge durch die Gewohnheit, zu herrſchen, etwas Imponirendes bekommen haben; aber feindliche, abſtoßende Falten lagen zwiſchen den Augenbraunen da, wo ſich die freie Stirne an die ſchön geformte Naſe anſchließen wollte, das Bärtchen auf der Oberlippe konnte einen hämiſchen Zug um den Mund nicht verbergen; und wahrhaft gräulich ſchien dem jungen Mann ein heiſeres, gezwun⸗ genes Lachen, womit der jüdiſche Miniſter Gewinn oder Verluſt begleitete. Während die Herren, von der Menge umlagert, ſpielten, und auf irgend etwas zu warten ſchienen, trat ein Mann in der Kleidung eines Bauern aus der Stein⸗ lach aus den Reihen der Neugierigen, ein alter Hut auf dem Kopf, eine grobe blaue Jacke, eine rothe Weſte mit großen Knöpfen von Zinn, Beinkleider von gelbem Leder und ſchwarze Strümpfe machten ſein unſcheinba⸗, res Koſtüm aus; aber er trug eine ſehr feine, gutge⸗ malté Larve. Er ſtützte ſich nach Art der Landleute mit der Hand auf den fünf Fuß hohen Knotenſtock, legte ſein Kinn auf die Hand und ſprach in gut nachgeahmtem Dialekt des Steinlachthals:„Viel Geld habt Ihr da liegen, Herr! Und habt alles ſelbſt verdient?“ Der Miniſter ſah ſich um und bemühte ſich, über dieſe Maskenfreiheit zu lächeln. Vielleicht mochte ihm 15⁵ dieſe Gelegenheit erwünſcht kommen, um ſich ein po⸗ puläres Anſehen zu geben, denn er antwortete freund⸗ lich:„Guten Abend, Landsmann.“ „Euer Landsmann bin ich gerade nicht,“ erwiderte. der Bauer mit großer Ruhe;„ſo wie ich, tragen ſich gewöhtllich die Mauſche nicht.“ Ein unterdrücktes Lachen flog durch die Reihen der Zuſchauer. Der Miniſter ſchien es aber nicht zu bemerken, denn er fuhr ganz leutſelig fort: „Du biſt witzig, mein Freund.“ „Gott bewahr mich, daß ich Euer Freund ſei, Herr Süß,“ entgegnete der Bauer.„Wär ich Euer Freund, ſo ging ich wohl nicht in dem ſchlechten Rock und durch⸗ löcherten Hut; Ihr macht ja Eure Freunde reich.“ „Nun, dann muß ganz Würtemberg mein Freund ſein, denn ich mache es reich,“ ſagte Süß, und beglei⸗ tete ſeine Rede mit heiſerem, unangenehmem Lachen. „Ihr ſeid ein Allerweltsgoldmacher,“ entgegnete der Bauer.„Wie ſchön dieſe Dukaten ſind; wie viel Schweißtropfen armer Leute gehen wohl anf a ein E folches Goldſtück?“ „Du biſt ein kapitaler Kerl!“ rief Süß, ganz ruhig weiter ſpielend. Als der Bauer zu einer neuen Rede anſetzen wollte, zog eine neue Geſtalt die Aufmerkſamkeit auf ſich. Es war ein Mann, deſſen Koſtüm beinahe eben ſo war wie des Bauers, nur hatte er einen langen, ſpitzigen Bart am Kinn, und trng einen Treſſenrock. Der Bauer ſah ihn eine Zeitlang ſehr verwundert an, ſchüttelte ihm dann die Hand und rief:„Ei Hans! Wo kommſt 16 Du her, und ſo ſchmuck und ſtattlich! Gar nicht mehr wie unſer einer!“ „Das macht,“ erwiderte Hans, indem er aus einer ſilbernen Doſe ſchnupfte,„ich bin bei einem fürnehmen Herrn in Dienſt getreten.“ 4 „Wer iſt denn Dein Herr?“ fragte der Bauer. „Ein Schinder, aber ein fürnehmer. Meinſt Du, er ſchindet gemeines Vieh, Pferde, Hunde und der⸗ gleichen? Nein, ein Leuteſchinder iſt er, und noch über⸗ dies ein Kartenfabrikant.“* „Ein Kartenfabrikant?“ rief der Bauer. „Ja wohl, denn alle Karten im Lande muß man von ihm kaufen, er ſtempelt ſie. Er iſt aber auch ein Gerber.“ „Wie das?“ „Nun, alle Gerber im Lande müſſen die Häute ge⸗ gerbt von ihm kaufen. Er iſt aber auch ein Prägeſtock.“ „Wie! ein Prägeſtock?“ „Ja, er macht alles Geld, was im Lande iſt.“ „Das iſt erlogen,“ ſagte der Bauer,„Du willſt ſagen, er macht Alles zu Geld, was im Lande iſt; aber darum iſt er noch kein Prägeſtock. Es gibt nur einen Prägeſtock in Würtemberg, der dem Lande ſeinen Na⸗ menszug aufgedrückt hat.“ Die Menge hatte bisher nur ihren Beifall gemur⸗ melt, aber bei der letzten Anſpielung auf die Münze brach ſie in lautes Gelächter aus. Die Stirne des Ge⸗ waltigen verfinſterte ſich etwas, aber noch immer ſpielte er ruhig weiter. „Aber warum haſt Du Dir den Bart ſo ſpitzig 17 wachſen laſſen?“ fragte der Bauer weiter.„Das ſieht ja ganz jüdiſch aus.“ „Es iſt halt ſo Mode,“ erwiderte Hans,„ſeit die Juden Meiſter im Lande ſind; bald will ich vollends ganz jüdiſch werden.“ Als Hans dieſe letzten Worte ſprach, rief eine ver⸗ nehmliche Stimme aus dem dickſten Haufen:„Warte noch ein paar Wochen, Hans, dann kannſt Du gut katholiſch werden.“ Wem je der ſchreckliche Anblick wurde, wie in einer volkreichen Straße, durch Unvorſichtigkeit oder Bedacht entzündet, eine Tonne Pulvers aufſpringt, dem bot ſich kaum eine ſo ſeltſame Scene dar, als die, welche dieſe wenigen geheimnißvollen Worte hervorbrachten. Der Miniſter, bleich wie eine Leiche, ſpringt vom Seſſel auf, er wirft die Karten mit wüthendem Blick auf den Tiſch. „Wer ſagt dies? Greift ihn im Namen des Herzogs!“ ruft er und ſtürzt, wie von einer unſichtbaren Macht getrieben, auf die Menge. Seine Genoſſen, nicht we⸗ niger beſtürzt, aber beſonnener, ergreifen ſeinen Arut und ziehen ihn zurück, ſuchen ihn zu beſchwichtigen,— ſein dunkles Auge will ſich durch die Menge bohren, um den Gegenſtand ſeiner Wuth zu faſſen, die Masken murmeln unwillig und drängen ſich; doch als der ge⸗ fürchtete Mann ſeine Hand nach dem Bauer ausſtreckt, und ruft:„So ſollſt Du mir für ihn haften!“ da iſt er plötzlich von einer drohenden Menge umringt.„Mas⸗ kenfreiheit, Jude!“ hört man in dumpfen, gefährlichen Tönen; der Bauer und ſein Geſelle ſind in einem Augen⸗ blicke von ihm getrennt, verſchwunden, und ſo ſchnell W. Hauffs Werke. III. 2 als er vorhin umringt war, iſt er wieder verlaſſen, denn die Menge zerſtiebt, von geheimer Furcht gejagt, nach allen Seiten. Das Gedränge riß Guſtav Lanbek mit ſich hinweg; ſeine Gedanken verwirrten ſich, es war ihm noch nicht möglich, ſich klar vorzuſtellen, was dieſen ſeltſamen Auftritt verurſacht haben könnte. So ſtand er einige Augenblicke in ſeinen Gedanken verloren, als er plötz⸗ lich ſeine Hand von einer andern ergriffen fühlte; er ſah ſich um, die Orientalin ſtand vor ihm. 4. „Wo ſtammt die Roſe her auf Deinem Hut, Maske?“ fragte die Orientalin mit zitternder Stimme. Vom See Tiberias,“ war die Antwort des Sara⸗ zenen. „Schnell! Folgen Sie mir!“ rief die Dame und ſchlüpfte durchs Gedränge. Er folgte, mit Mühe ſich durch die Maſſen ſchiebend, und nur ihr Turban zeigte ihm hin und wieder den Weg; ſein Herz pochte lauter, ſein Ohr trug noch die letzten Laute dieſer ſüßen Stimme, und ſein Auge ſah keinen andern Gegenſtand mehr als ſie. In einer dunkleren Ecke des zweiten Saales hielt ſie an und wandte ſich um.„Guſtav, ich beſchwoͤre Sie, was iſt mit meinem Bruder vorgefallen? Die Menſchen flüſtern allenthalben ſeinen Namen; ich weiß nicht, was ſie ſagen, aber ich denke, es iſt nichts Gutes; hat er Streit gehabt? Ach, ich weiß wohl, dieſe Menſchen haſſen unſer Volk.“. Der junge Mann war in peinlicher Verlegenheit. 19 Sollte er mit einemmal den argloſen Wahn dieſes lie⸗ benswürdigen Geſchöpfes zerſtören? Sollte er ihr ſagen, daß auf ihrem Bruder der Fluch der Würtemberger ruhe, daß ſie für alle Menſchen beten und nur ihn aus dem Gebet ausſchließen, daß es zur Sitte geworden ſei, zu bitten: Herr erlöſe uns von dem übel und von dem Juden Süß!„Lea,“ antwortete er ſehr befangen,„Ihr Bruder wurde von einigen Masken im Spiel geſtört und hatte einen Wortwechſel, der vielleicht gerade an dieſem Ort auffiel; ängſtigen Sie ſich nicht.“ „Was bin ich doch für ein thörichtes Mädchen!“ ſagte ſie;„ich habe ſo ſchwere Träume, und dann bin ich den Tag über ſo traurig und niedergeſchlagen. Und ſo reizbar bin ich, daß mich Alles erſchreckt, daß ich immer gleich an meinen Bruder denke und glaube, es könnte ihm Unglück zugeſtoßen ſein.“ „Lea,“ flüſterte der junge Mann, um dieſe Gedanken zu zerſtreuen,„erinnerſt Du Dich, was Du verſprachſt, wenn wir uns auf dem Karneval träfen? Wollteſt Du mir nicht einmal eine einſame Stunde ſchenken, wo wir recht viel plaudern könnten?“ „Ich will,“ ſagte ſie nach einigem Zoͤgern;„Sara, meine Amme, ſteht am Ausgang und wird mich beglei⸗ ten. Doch wo?“ „Dafür iſt geſorgt,“ erwiderte er;„folge mir, ver⸗ liere mich nicht aus dem Auge; am Eingang rechts.“ Der erfinderiſche Sinn des jüdiſchen Miniſters hatte, als er das Karneval in Stuttgart arrangirte und dieſe Säle ſchnell aus Holz aufrichten ließ, dafür geſorgt, daß, wie in großen Häuſern und Schlöſſern, an dieſe 5 Säle auch kleinere Zimmer ſtoßen möchten, wo kleine Zirkel ein Abendeſſen verzehren konnten, ohne gerade im allgemeinen Speiſeſaal ihr Incognito abzulegen. Der Aktuarius hatte durch eine dritte Hand und hin⸗ längliche Bezahlung ſich den Schlüſſel zu einem dieſer Zimmer zu verſchaffen gewußt, eine kleine Kollation ſtand dort bereit, und Lea freute ſich über dieſe Artigkeit des jungen Chriſten, der ſein Möglichſtes gethan hatte, den Sinn einer in der Küche erfahrnen Dame zu befrie⸗ digen, obgleich das Zimmerchen, das nur einen Tiſch und wenige Stühle von leichtem Holz enthielt, wenig Bequemlichkeit bot. „Wie bin ich froh, endlich die läſtige Larve ablegen zu können!“ ſagte ſie, als ſie mit ihrer Amme eintrat; ſie ſah ſich nach einem Spiegel um, und als ſie nur leere Bretterwände erblickte, ſetzte ſie lächelnd hinzu:„Sie müſſen mir ſchon ſtatt eines Spiegels dienen, Guſtav, und ſagen, ob dieſe drängende Menge mir den Haar⸗ putz nicht verdorben hat?“ Entzückt und mit leuchtenden Blicken betrachtete der junge Mann das ſchöne Mädchen. Man konnte ihr Geſicht die Vollendung orientaliſcher Züge nennen. Dieſes Ebenmaß in den feingeſchnittenen Zügen, dieſe wundervollen dunkeln Augen, beſchattet von langen, ſeidenen Wimpern, dieſe kühngewölbten, glänzend ſchwarzen Brauen und die dunkeln Locken, die in ſo an⸗ genehmem Contraſt um die weiße Stirne und den ſchö⸗ nen Hals fielen, und den Vereinigungspunkt dieſer lieblichen Züge, zarte rothe Lippen und die zierlichſten weißen Zähne, noch mehr hervyrhoben. Der Turban, der 21 ſich durch ihre Locken ſchlang, die reichen Perlen, die den Hals umſpielten, das reizende und doch ſo züchtige Koſtüm einer türkiſchen Dame,— ſie wirkten, verbunden mit dieſen Zügen, eine ſolche Täuſchung, daß der junge Mann eine jener herrlichen Erſcheinungen zu ſehen glaubte, wie ſie Taſſo beſchreibt, wie ſie die ergriffene Phantaſie der Reiſenden bei ihrer Heimkehr malte. „Wahrlich,“ rief er,„Du gleichſt der Zauberin Ar⸗ mida, und ſo denke ich mir die Töchter Deines Stammes, als Ihr noch Kanaan bewohntet. So war Rebekka und die Tochter Jephtha's.“ „Wie oft ſchon habe ich dies geſagt,“ bemerkte Sara, „wenn ich mein Kind, meine Lea, in ihrer Pracht an⸗ blickte; die Poſchen und Reifröcke, die hohen Abſatzſchuhe und alle Modewaaren ſtehen ihr bei weitem nicht wie dieſe Tracht.“ „Du haſt Recht, gute Sara,“ erwiderte der junge Mann;„doch ſetze Dich hier an den Tiſch; Du haſt zu lange unter Chriſten gelebt, um vor dieſem Punſch und dieſem Backwerke zurückzuſchaudern; unterhalte Dich gut mit dieſen Dingen.“. Sara, welche den Sinn und die Weiſe des Nachbars kannte, ſträubte ſich nicht lange und erbarmte ſich über die Kunſtprodukte der Zuckerbäcker; der junge Mann aber ſetzte ſich einige Schritte von ihr neben die ſchöne Lea.„Und nun aufrichtig, Mädchen,“ ſagte er,„Du haſt Kummer, Du haſt geſtern kaum das Weinen unter⸗ drückt, und auch heute wieder iſt eine Wolke auf dieſer Stirne, die ich ſo gern zerſtreuen möchte. Oder glaubſt Dn etwa nicht, ungläubiges Kind, daß ich Dein Freund bin und gerne Alles thun möchte, um Dich aufzu⸗ heitern?“ „Ich weiß es ja, oh, ich ſehe es ja immer, und auch heute wieder,“ ſagte ſie, mühſam ihre Thränen be⸗ kämpfend,„und es macht mich ja ſo glücklich. Als Sie mich das erſtemal an unſerem Gartenzaun grüßten, als Sie nachher, es war anfangs Oktobers, mit mir über den Zaun hinüber ſprachen, und nachher und immer ſo freundlich und traulich waren, gar nicht wie andere Chriſten gegen uns, da wußte ich ja wohl, daß Sie es gut mit mir meinen, und— es iſt ja mein einziges, mein ſtilles Glück!“ Sie ſagte es, und einzelne Thränen ſtahlen ſich aus den ſchönen Augen, indem ſie ſich be⸗ mühte, ihn freundlich und lächelnd anzuſehen. Aber dennoch— 2“ fragte Guſtav. 4 „Aber dennoch bin ich nicht glücklich, nicht ganz glücklich. In Frankfurt hatte ich meine Geſpielinnen, hatte meine eigene Welt, wollte nichts von der übrigen. Ich dachte nicht nach über unſere Verhältniſſe, es kränkte mich nicht, daß uns die Chriſten nicht achteten; ich ſaß in meinem Stübchen unter Freunden, und wollte nichts von Allem, was draußen war. Mein Bruder ließ mich zu ſich nach Stuttgart bringen. Man ſagte mir, er ſei ein großer Herr geworden, er regiere ein Land, in ſei⸗ nem Hauſe ſei es herrlich und voll Freude, und die Chriſten leben mit ihm, wie wir unter uns; ich geſtehe, es freute mich, wenn meine Freundinnen meine Zukunft ſo glänzend ausmalten; welches Mädchen hätte ſich an meiner Stelle nicht gefreut?“ Thränen unterbrachen ſie aufs Neue, und der junge —— 23 Mann, voll Mitleid mit ihrem Kummer, fühlte, daß es beſſer ſei, ihre Thränen einige Augenblicke ſtrömen zu laſſen. Es gibt ein Gefühl in der menſchlichen Buuſt, das wehmüthiger macht, als jeder andere Kummer; ich möchte es Mitleiden mit uns ſelbſt heißen, es übermannt uns, wenn wir am Grabe zerſtörter Hoffnungen in die Tage zurückgehen, wo dieſe Hoffnungen noch blühten. wenn wir die fröhlichen Gedanken zurückrufen, mit welchen wir einer heiteren Zukunft entgegen gingen; wahrlich, dieſer bittere Contraſt hat wohl ſchon ſtärkere Herzen in Wehmuth aufgelöst, als das Herz der ſchö⸗ nen Jüdin. „Ich habe Alles anders gefunden,“ fuhr Lea nach einer Weile fort:„In meines Bruders Hauſe bin ich einſamer als in meiner Kindheit. Ich darf nicht kom⸗ men, wenn er Bälle und große Tafeln gibt. Die Muſik tönt in mein einſames Zimmer, man ſchickt mir Kuchen und ſüße Weine wie einem Kinde, das noch nicht alt genug iſt, um in Geſellſchaft zu gehen. Und wenn ich meinen Bruder bitte, mich doch auch einmal, nur in ſeinem Hauſe wenigſtens, Theil nehmen zu laſſen, ſo ſchlägt er es entweder ganz kalt ab, oder wenn er ge⸗ rade in ſonderbarer Laune war, erſchreckte er mich durch ſeine Antwort.“ „Was antwortete er denn?“ fragte der Jüngling geſpannt. „Er ſieht mich dann lange und ſeufzend an, ſeine Augen werden trüber, ſeine Züge düſter und melan⸗ choliſch, und er antwortet: Ich dürfe nicht auch ver⸗ loren gehen; ich ſolle unabläſſig zu dem Gott unſerer Väter beten, daß er mich fromm und rein erhalte, auf daß meine Seele ein reines Opfer werde für ſeine Seele.“ „Thörichter Aberglaube!“ rief der junge Mann unmuthig.„Darum ſollſt Du, armes Kind, allen Freu⸗ den des Lebens entſagen, damit er— 4 „Hat er ſich denn ſo arg verſündigt?“ fragte Lea, als ihr Freund, wie bei einer unbeſonnenen Rede ſchnell abbrach.„Was ſoll ich denn büßen? Solche hingewor⸗ fene Worte machen mich ſo unglücklich: es iſt mir, als ſchwebe irgend ein Unglück über meinem Bruder, auch ſei nicht alles Recht, was er thut. Niemand ſteht mir darüber Rede, auch Sara's Worte kann ich nicht deu⸗ ten, denn wenn ich ſie darüber befrage, weicht ſie aus oder nennt ihn geheimnißvoll den Rächer unſers Volkes.“ „Sie iſt nicht klug,“ erwiderte der junge Mann befangen;„Dein Bruder hat, wie es überall geht, eine mächtige Gegenpartei; manche ſeiner Finanzoperatio⸗ nen werden getadelt. Aber wegen ſeiner darfſt Du ruhig ſchlafen,“ ſetzte er bitter lachend hinzu,„der Herzog hat ihm heute einen Freibrief geſchenkt, der ihn vor jeder Gefahr und Verantwortung ſichert.“ „Oh, wie danke ich dies dem guten Herzog!“ ſagte ſie aufgeheitert, indem ſie die dunkeln Locken aus der weißen Stirne ſtrich. So hat er alſo gar Niemand zu fürchten? Die Chriſten können ihn nicht verfolgen?— Sie antworten nicht? Geſtehen Sie nur, Guſtav, Sie ſind meinem armen Bruder gram?“ „Deinem armen Bruder?— Wenn er arm wäre, könnte ich ihn vielleicht um ſeines Verſtandes willen ehren! Aber was geht uns Dein Bruder an,“ fuhr ——— 2⁵ Lanbek düſter lächelnd fort;„ich liebe Dich, und hätteſt Du alle böſen Engel zu Brüdern; aber Eines verſprich mir, Lea, die Hand darauf.“ Sie ſah ihn erwartungsvoll und zärtlich an, indem ſie ihre Hand in die ſeinige legte. „Bitte Deinen Bruder niemals wieder,“ fuhr er fort,„Dich zu ſeinen Zirkeln zuzulaſſeu. Mag er nun Gründe haben, welche er will, es iſt gut, wenn Du nicht dort biſt. So viel kann ich Dich verſichern,“ ſetzte er mit blitzenden Augen hinzu,„wenn ich wüßte, daß Du ein einzigesmal dort geweſen, kein Wort mehr würde ich mit Dir ſprechen!“ Befangen und mit Thränen im Auge wollte ſie eben um Aufſchluß über dieſes neue Räthſel bitten, als ein lauter Zank im Nebenzimmer die Liebenden auf⸗ ſtörte. Mehre Männer ſchienen mit der Polizei ſich zu ſtreiten, man hatte die Thüre des Kabinets geſprengt, und über dieſen Eingriff in die Rechte des Karnevals wurde ſchnell und mit Heftigkeit geſtritten. „Mein Gott! das iſt meines Vaters Stimme,“ rief der junge Lanbek;„ſchleiche Dich mit Sara in den Saal, Mädchen; nehmet den Schlüſſel dieſer Thüre zu Euch, vielleicht können wir ſpäter uns wieder ſehen.“ Er drückte der überraſchten Lea ſchnell einen Kuß auf die Stirne, nahm ſeine Maske vor, und noch ehe ſie ſich über dieſen ſchnellen Wechſel beſinnen konnte, war der Aktuarius ſchon aus der Thüre geſtürzt. Im Kor⸗ ridor, den er jetzt betrat, ſtand ſchon eine dichte Men⸗ ſchenmaſſe um die geöffnete Thüre des Nebenzimmers verſammelt. Deutlicher vernahm er die gewichtige, tiefe 26 Stimme ſeines Vaters; er ſtieß und drängte ſich wie ein Wüthender durch und kam endlich in das Gemach. Fünf alte Herren, die ihm als ehrenwerthe Männer und Freunde ſeines Vaters wohl bekannt waren, ſtanden um den alten Landſchaftsconſulenten Lanbek, die Einen zankten, die Andern ſuchten zu beruhigen. Es war da⸗ mals eine gefährliche Sache, mit der Polizei in Streit zu gerathen; ſie ſtand unter dem beſondern Schutz des jüdiſchen Miniſters, und man erzählte ſich mehre Bei⸗ ſpiele, daß biedere, ruhige Bürger und Beamte, vielleicht nur, weil ſie einem Diener dieſer geheimen Polizei wider⸗ ſprochen oder Gewaltthätigkeit verhindert hatten, mehre Wochen lang ins Gefängniß geworfen und nachher mit der kahlen Entſchuldigung, es ſei aus Verſehen ge⸗ ſchehen, entlaſſen worden waren. Doch der alte Lanbek ſchien keine Furcht vor dieſen Menſchen zu kennen; er beſtand darauf, daß die Häſcher das Zimmer ſogleich verlaſſen müßten, und es wäre vielleicht noch zu ſchlim⸗ meren Händeln als einem Wortwechſel gekommen, wenn nicht in dieſem Augenblick ein ganz anderer Gegenſtand die Aufmerkſamkeit des Anführers der Häſcher auf ſich gezogen hätte. Der junge Lanbek hatte ſich beinahe bis an die Seite ſeines Vaters vorgedrängt, bereit, wenn es zu Thätlichkeiten kommen ſollte, den alten Herrn kräftig zu unterſtütztn. Er hatte eben ſeine Maske feſter gebunden, damit ſie ihm im Handgemenge nicht ver⸗ loren gehen möchte, als ihn der Polizeidiener erblickte und mit lauter Stimme, indem er auf ihn deutete, rief: „Im Namen des Herzogs, dieſen greift, den Türken dort, der iſt der Rechte.“ 27 Die uͤberraſchung und ſechs Arme, die ſich plötzlich um ihn ſchlangen, machten ihn wehrlos. So nahe ſei⸗ nem Vater, der ihn hätte retten können, wagte er doch nicht, ſich auch nur durch einen Laut zu erkennen zu geben, weil er den Zorn ſeines Vaters noch mehr fürch⸗ tete, als die Gewalt des Inden. Die alten Herren waren ſtumm vor Staunen über dieſen Vorfall, der Anführer der Häſcher wurde, als er ſeinen Zweck erreicht hatte, artiger, und entſchuldigte ſich, worauf Jene kalt und abgemeſſen dankten. Willen⸗ los ließ ſich der junge Mann dahinführen. Die Menge, die ſich vor der Thüre verſammelt hatte, theilte ſich, aber Manche ſchauten ihm neugierig in die Augen, um zu errathen, wer es ſein möchte, den man hier mitten aus der öffentlichen Luſt herausriß. Guſtav hörte, als er weiter hingeführt wurde, einen ſchwachen Schrei; er ſah ſich um und beim ſchwachen Schein der Lampen glaubte er den Turban der ſchönen Orientalin geſehen zu haben. Schmerzlich bewegt ging er weiter, und erſt, als die kalte Winternacht ſchneidend auf ihn zuwehte, erwachte er aus ſeiner Betäubung und überſah nicht ohne Be⸗ ſorgniß die Folgen, die ſeine Gefangennehmung haben könnte. 5. Die Polizeidiener hatten den Sarazenen, wahr⸗ ſcheinlich aus Rückſicht auf ſeine feine und reiche Klei⸗ dung in das Offizierszimmer der Hauptwache gebracht. Der wachthabende Offizier wies ihm mit einer mürri⸗ riſchen Verbeugung eine Bank, die in der fernſten Ecke des Zimmers ſtand, zu ſeiner Schlafſtätte an, und er⸗ müdet von dem langen Umherirren auf dem Ball, fand ver junge Mann dieſes Lager nicht zu hart, um nicht bald einzuſchlafeun. Trommeln weckten ihn am nächſten Morgen; ſchlaf⸗ trunken ſah er ſich in dem öden Gemach um, blickte bald auf ſein hartes Lager, bald auf ſeine Kleidung, und nach einer geraumen Weile erſt konnte er ſich be⸗ ſinnen, wo er ſei, und wie er hiehergekommen. Er trat ans Fenſter, noch war alles ſtill auf dem Platze vor der Hauptwache, und nur die Compagnie, die gerade vor ſeinem Fenſter zur Ablöſung aufzog, unterbrach die Stille des trüben Februarmorgens. Indem die Trom⸗ meln auf der Straße ſchwiegen, hörte er von der Stifts⸗ kirche acht Uhr ſchlagen, und der Ton dieſer Glocke rief ihm alles Unangenehme und Beſorgliche ſeiner Lage zu⸗ rück.„Bald wird er nach dir fragen,“ dachte er,„und wie unangenehm wird es ihn überraſchen, wenn er hört, ich ſei in der Nacht nicht zu Hauſe gekommen!“ Im Hauſe des Landſchaftsconſulenten Lanbek ging alles einen ſo geordneten Gang, daß dieſes Ereigniß allerdings ſehr ſtörend erſcheinen mußte. Zu dieſer Stunde pflegte der alte Herr ſeit vielen Jahren ſein Frühſtück zu nehmen; mit dem erſten Glockenſchlag er⸗ ſchien dann, zugleich mit dem Diener, der den Kaffee auftrug, ſein Sohn; man beſprach ſich über Tages⸗ neuigkeiten, über den Gang der Geſchäfte, und zu jener Zeit ließ es der allgewaltige Miniſter nicht an Stoff zu ſolchen Geſprächen fehlen. Das Geſpräch war regel⸗ mäßig mit dem Frühſtück zu Ende; der Aktuarius küßte 29. dem Alten die Hand und ging dann, einen Tag wie den andern, ein Viertel vor neun Uhr nach ſeiner Kanzlei. Dieſe langjährige Sitte des Hauſes rief ſich Guſtav in dieſen Augenblicken zurück.„Jetzt wird Johann die Taſſen bringen,“ ſagte er zu ſich,„jetzt wird er erwar⸗ tungsvoll nach der Thüre ſehen, weil ich noch nicht ein⸗ getreten bin, jetzt wird er mich rufen laſſen; daß ich doch dem guten alten Herrn ſolchen Ärger bereiten mußte!“ Er warf unwillig ſeinen Turban weg, ſtützte die Stirne in die Hand, und beſchloß, den Offizier, ſo⸗ bald er wieder erſcheinen würde, um die Urſache ſeiner Werhaftung zu fragen. Die Trommeln ertönten wieder, die Abgelösten zo⸗ gen weiter, er hörte die Gewehre zuſammenſtellen und bald darauf trat ein Offizier in das halbdunkle Gemach. Er warf einen flüchtigen Blick nach ſeinem Gefangenen in der Ecke, legte Hut und Degen auf den Tiſch und ſetzte ſich nieder. Lanbek, der Jenen nicht zuerſt anreden mochte, bewegte ſich, um anzudeuten, daß er nicht mehr ſchlafe.„Bon jour, mein Herr,“ ſagte der Offizier, als er ihn ſah;„wollen Sie vielleicht mein Dejeuner mit mir theilen?“ Die Stimme ſchien Guſtav bekannt; er ſtand auf, trat höflich grüßend näher, und mit einem Ausruf des Staunens ſtanden ſich die beiden jungen Männer gegen⸗ über.„Parole d'Honneur, Herr Bruder!“ rief der Kapitän von Reelzingen,„Dich hätte ich hier nicht ge⸗ ſucht! Wie kömmſt Du in Arreſt? Weiß Gott, Blan⸗ kenberg hatte nicht Unrecht, als er prätendirte, Du werdeſt irgend etwas contra rationem riskiren.“ „Ich möoͤchte Dich fragen, Kapitän,“ entgegnete der junge Mann,„warum ich hier ſitze 2 Mir hat kein Menſch den Grund angegeben, warum man mich gefan⸗ gen nehme; Du haſt die Wache, Reelzingen; bitte Dich, Du mußt doch wiſſen—“. „Dieu me garde! Ich?“ rief der Kapitän lächelnd: „Meinſt Du, er habe mich mit ſeiner beſondern Aſti⸗ mation beehrt und in ſeine Confidence gezogen? Nein, Herr Bruder! Als ich ablöste, ſagte mir der Lieutenant von geſtern:„„Oben ſitzt Einer, den ſie vom Karneval auf ausdrücklichen Befehl hergebracht haben.““ Er pflegt es gewöhnlich ſo zu machen.“ „Wer pflegt es ſo zu machen?“ fragte Lanbek er⸗ blaſſend. 1 „Wer?“ erwiderte Jener leiſe flüſternd;„Dein Schwager in spe, der Jude.“ „Wie?“ fuhr Jener erröthend fort,„Du glaubſt, er ſelbſt? Ich hoffte bisher, es ſei vielleicht eine Ver⸗ wechslung vorgefallen! Du haſt wohl von dem Auftritte gehört, der, bald nachdem ich Euch verlaſſen hatte, mit dem Juden vorfiel, man rief etwas von Katholiſchwer⸗ den, und da fuhr der Finanzdirektor auf— „Was ſagſt Du?“ unterbrach ihn der Kapitän mit ernſter Miene, indem er näher zu dem Freund trat und ſeine Hand faßte.„Das war es alſo? Uns hat man es anders erzählt, wie ging es zu? Was hat man gerufen?“ Den Aktuarius befremdete der Ernſt, den er auf den Zügen des ſonſt ſo fröhlichen und ſorgloſen Freundes nicht wenig; er erzählte den Vorfall, wie er ihn mit an⸗ 31 geſehen hatte, und ſah, wie ſich die Neugierde des Freundes mehr und mehr ſteigerte, wie ſeine Blicke feu⸗ riger wurden; als er aber beſchrieb, wie Süß nach jenem geheimnißvollen Ausrufwüthend geworden, aufgeſprun⸗ gen ſei, da fühlte er die Hand des Kapitäns auf ſonder⸗ bare Weiſe in der ſeinigen zucken.„Was bewegt Dich ſo ſehr?“ fragte Guſtav befremdet.„Wie nimmſt Du nur an ſolchen Karnevalsſcherzen, die am Ende auf ir⸗ gend eine Thorheit hinauslaufen, ſolchen Antheil? Wenn ich nicht wüßte, daß Du evangeliſch biſt, ich glaubte, mein Bericht habe Dich beleidigt.“ „Herr Bruder,“ erwiderte der Kapitän, indem er ſeinen Ernſt hinter einem gleichgültigen Lächeln zu ver⸗ bergen ſuchte,„Du kennſt mich ja, mich intereſſirt Alles auf der Welt, und ich bin erſtaunlich neugierig; über⸗ dies iſt Manches ernſter, als man glaubt, und im Scherz liegt oft Bedeutung.“ 3 „Wie verſtehſt Du das?“ fragte der Aktuarius ver⸗ wundert.„Was macht Dich ſo nachdenklich? Haſt Du wieder Schulden? Kann ich Dir vielleicht mit etwas dienen? „Bruderherz,“ entgegnete der Soldat,„Du mußt in den letzten Wochen gewaltig verliebt geweſen ſein, ſonſtwäre Deinem klaren Blick Manches nicht entgangen, was ſelbſt an meinem leichten Sinn nicht vorüber⸗ ſchlüpfte. Sag' einmal, was ſpricht der Papa von ſol⸗ chen Zeiten? Siehſt Du den Oberſt von Röder nie bei ihm? Waren nicht am Freitag Abend die Prälaten in Eurem Hauſe?“ „Du ſprichſt in Räthſeln, Kapitän!“ antwortete der . 32. junge Mann ſtaunend.„Was ſoll mein Vater mit einem Oberſt von der Leibſchwadron und mit Prälaten?“ „Freund, mach es kurz!“ ſagte Reelzingen.„Halte mich in ſolchen Dingen nicht für leichtſinnig; ich will mich nicht in Euer Vertrauen eindrängen, aber ich kann Dir ſagen, daß ich dennoch ſchon ziemlich viel weiß, und — parole d'Honneur!“ ſetzte er hinzu,„ich denke dar⸗ über, wie es einem Edelmann und meinem Port d'Epee geziemt.“ „Was geht mich Dein alter Adelsbrief und Dein neues Port d'Epée an?“ erwiderte unmuthig der Aktuar; „und wie kömmſt Du dazu, Dich mit dieſen Dingen ge⸗ gen mich breit zu machen? Ich ſage Dir, daß ich von allem, was Du da ſo geheimnißvoll ſchwatzeſt, keine Silbe verſtehe, und kann Dir mein Wort darauf geben, und damit genug, Herr von Reelzingen!“ „O mon Dieu!“ rief Jener lächelnd;„Herr Bru⸗ der, wir ſind nicht mehr in Leipzig, dies Zimmer iſt nicht der göttliche Rathskeller, ſondern eine Wachſtube; wir ſind keine Muſen mehr, ſondern Du biſt herzoglicher Aktuar, und ich— Soldat; aber Freunde ſind wir noch in Noth und Tod, und darum ſei vernünftig und brauſe nicht mehr auf wie vorhin. Ich glaube Dir ja aufs Wort, daß Du nichts weißt, aber gut wäre es von Deinem Vater geweſen, wenn er Dich prävenirt hatte. Deine Amour mit der Jüdin iſt überdies jetzt ganz und gar nicht an der Zeit, wir Alle bitten Dich, laß Deine Charmante, mit der Du doch niemals eine vernünftige und ehrenvolle Liaiſon treffen kannſt—¹ „Was wißt Ihr denn von dieſem Verhältniß?“ un⸗ 33 terbrach ihn der junge Mann düſter und erbittert.„Ich dachte, ehe ich Euch hierüber um Rath gefragt, könn⸗ tet Ihr billigerweiſe mit Eurer Mahnung warten.“ Der feurige junge Soldat, um ſeinem Freunde zu nützen, wollte eben in derſelben Sprache etwas erwidern, als man an der Thüre pochte. Der Kapitän ſchloß auf, und einer ſeiner Sergeanten winkte ihm herauszutreten. Guſtav hörte ſie einige Worte wechſeln, und ſah den Freund bald darauf mit verſtörter Miene wieder zurück⸗ kehren:„Du bekömmſt einen ſonderbaren Beſuch,“ flü⸗ ſterte er ihm zu,„er wird gleich ſelbſt eintreten und ich darf nicht zugegen ſein.“ „Wer doch? Mein Vater?⸗ fragte Guſtav beſtürzt. „Er kömmt,“ ſagte der Kapitän, indem er eilends Hut und Degen vom Tiſche nahm,„der Jud Süß!“ 6. Vor der Thüre des Offizierszimmers hatten ſeine Diener dem Miniſter den ſpaniſchen Mantel abgenom⸗ men, und er trat jetzt ein, ſtattlich geſchmückt und vor⸗ nehm gekleidet, wie es einem Günſtling des Glücks und eines Herzogs in damaliger Zeit zukam. Er trug einen rothen Rock mit goldenen Troddeln und Quaſten beſetzt; die goldgeſtickten Aufſchläge ſeines Rocks gingen bis zum Ellbogen zurück, und die Weſte von Goldbrokat reichte herab bis an das Knie. Ein kurzer, breiter Degen mit reich beſetztem Griff hing an ſeiner Seite, ein mächtiger Stock unterſtützte ſeine Hand, und auf den reichen hell⸗ braunen Locken, die bis tief in den Nacken herabfielen, ſaß ein Hütchen von feinem ſchwarzem Wachstuch, mit W. Hauffs Werke, III. 3 Gold und weißen Federn verbrämt. Die Züge dieſes merkwürdigen Mannes waren, in der Nähe betrachtet, zwar etwas zu kühn geſchnitten, um ſchön und an⸗ muthig zu heißen, aber ſie waren edler als ſein Gewerbe und ungewöhnlich; ſein dunkelbraunes Ange, das frei und ſtolz um ſich blickte, konnte ſogar für ſchön gelten; die ganze Erſcheinung imponirte, und ſie hätte ſogar etwas Würdiges und Erhabenes gehabt, wäre es nicht ein hämiſcher, feindlicher Zug um die ſtolz aufgewor⸗ fenen Lippen geweſen, was dieſen Eindruck ſtörte und Manchen, der ihm begegnete, mit unheimlichem Grauen füllte. Der Kapitän ſtand feſt und aufgerichtet an der Thüre, den Hut in der einen, den Degengriff in der andern Hand, als der Miniſter Süß eintrat. Dieſer nahm ſein Hütchen ab, muſterte, auf ſeinen Stock ge⸗ ſtützt, den Soldaten mit ſcharfem Blick, und ſagte dann kurz mit leiſer Stimme:„Wie iſt der Name?“ „Hans von Reelzingen, Kapitän im zweiten Gre⸗ nadierbataillon, dritte Compagnie.“ „Man hat ſtudirt?“ fuhr der Iude etwas artiger fort. „Die Jurisprudenz in Leipzig,“ antwortete der Kapitän mit militäriſcher Kürze. „Wie lange dient der Herr Kapitän?“ „Ein Jahr und zwei Monate; zuerſt bei— 4 „Schon gut,“ unterbrach ihn der Miniſter mit einer gnädigen Bewegung der Hand;„können abtreten.“ Der Kapitän Reelzingen verbarg ſeinen Verdruß über das ſtolze Weſen des Emporkömmlings unter einer —.O. ã— 3⁵ tiefen Verbeugung und trat ab. Dem Aktuarius aber, obgleich er keine Menſchenfurcht kannte, pochte das Herz, als er nun mit dem Manne allein war, vor dem ein ganzes Land mit abergläubiſcher Furcht zitterte. Er erröthete unwillkürlich, als Jener ihn lange und prüfend anſah, und ihm Gelegenheit gab, auch ſeine Züge zu muſtern und hin und wieder etwas zu finden, das ihn an die ſchöne Lea erinnerte. Der Miniſter ſetzte ſich endlich in den Armſtuhl, den die Offiziere der Garni⸗ ſon zur Bequemlichkeit dieſes Zimmers geſtiftet hatten, und winkte dem Sarazenen herablaſſend, ſich auf einer Bank, die unfern ſtand, niederzulaſſen. „Junger Mann,“ ſprach er,„wenn Euch Eure eigene Ruhe und Wohlfahrt lieb iſt, ſo antwortet mir auf das, was ich Euch fragen werde, offen und ehrlich; denn Ihr köͤnnet leichtlich denken, daß es mir nicht ſchwer werden kann, Euch jeder Lüge, die Ihr waget, zu überweiſen.“ „Ich bin herzoglich würtembergiſcher Aktuar,“ er⸗ widerte der junge Mann,„und der Eid, den ich als Chriſt und Bürger— 4 „Laissez cela,“ fiel ihm der Jude ins Wort;„Ihr wäret nicht der erſte, der ſeinen Eid gebrochen. Wer waren geſtern, frag' ich, die beiden Masken, die ſich an meinem Tiſch zur Beluſtigung des Publikums unterhielten? Ihr wißt es, Ihr ſtandet zunächſt bei mir.“ „Das iſt mir nicht bekannt, Ew. Exeellenz,“ ſagte Guſtav mit feſter Stimme. „Nicht bekannt?“ rief der Miniſter.„Bedenket wohl, was Ihr geſagt, ich ſtehe hier als Euer Richtert habt Ihr keinen an der Stimme gekannt?“ „Keinen.“ 3 „Keinen?“ fuhr Jener heftiger fort.„Und Euren Vater ſolltet Ihr nicht an der Stimme kennen?“ „Meinen Vater!“ rief der junge Mann erblaſ⸗ ſend; doch beſonnen ſetzte er nach einer Weile hinzu: „Ihr irrt Euch, Herr Finanzdirektor, oder vielmehr, Ihr ſeid ſchlecht berichtet; mein Vater iſt ein ruhiger, geſetzter Mann, und ſein Charakter, ſein Amt, ſeine Jahre verbieten ihm, das Publikum auf einem Masken⸗ ball zu amüſiren.“ „Sie ſollten es ihm verbieten,“ erwiderte Jener mit blitzenden Augen,„und ich werde Mittel finden, es ihm zu verbieten. Ich weiß recht wohl, daß ich dieſen Herren von der Landſchaft ein Dorn im Auge bin, und zwar aus dem einzigen Grund, weil die Herren nicht rechnen können; verſtänden ſie das Einmaleins ſo gut wie ich, ſie würden ſehen, was dem Lande frommt. Noch iſt aber nicht aller Tage Abend, und ich will dieſen Rebellen zeigen, wer ſie ſind und wer ich bin!“ „Herr Finanzdirektor!“ rief der junge Mann mit der Röthe des Unmuthes auf den Wangen. „Herr Aktuarius?“ erwiderte Süß mit ſpöttiſchem Licheln. „Mein Vater iſt ein Ehrenmann,“ fuhr Guſtav fort, ohne ſich von der ſtolzen Miene des Gewaltigen einſchüchtern zu laſſen;„Sie ſprechen von Rebellen? Wie können Sie ſagen, daß mein Vater dem Herzog 37 nicht immer treu gedient hat? Wie können Sie wagen, ihn einen Rebellen zu ſchimpfen?“ „Wagen?“ lachte Süß.„Hier iſt von keiner Wag⸗ niß die Rede, Herr Aktuarius, aber Rebell iſt Jeder, der nur dem Land und nicht dem Herzog dient; er iſt des Herzogs Diener, aber er dient ihm ſchlecht; doch das ſoll nicht lange mehr ſo bleiben. Das mögt Ihr übrigens dem Herrn Landſchaftsconſulenten, Eurem Vater, ſagen, daß ich recht wohl weiß, was die beiden Masken wollten, und daß ſie es mit dem dritten abge⸗ kartet hatten; ich konnte ihn geſtern Nacht ſo gut wie Euch verhaften laſſen, und wenn ich es nicht that, ſo verdankt er dieſe Schonung nur Euch.“ „Mir?“ antwortete der junge Mann ſtaunend. „Mir? Und iſt dies etwa auch Schonung, daß ich, ohne ein Verbrechen begangen zu haben, dieſe Nacht in die⸗ ſem Zimmer zubringen durfte?“ „Nein!“ fuhr Jener gütig lächelnd fort,„dies war nur zur Abkühlung auf Euer Rendezvous veranſtaltet.“ Er weidete ſich einige Augenblicke an der Verlegenheit des Jünglings und fuhr dann fort:„Das gute Kind, wie hat ſie mich gefleht und auf den Knieen gebeten, Euch zu retten! Sie glaubte nicht anders, als Ihr ſeiet wegen irgend eines Kapitalverbrechens gefangen. Wie? Und habt Ihr mir gar nichts zu ſagen, Herr Lanbek?“ „Ihr kanntet mich nicht,“ erwiderte Guſtav,„und es iſt mir nun wohl begreiflich, warum Ihr ſo hart mit mir verfuhret; aber Lea's Charakter hätte Euch wohl dafür bürgen können, daß nichts Strafbares in dieſem Verhältniß liege.“ „Wirklich? Mort de ma vie!“ rief der Miniſſter. „Nichts Strafbares? Meinen Sie, wenn ich etwas Strafbares in dieſem Verhältniß ahnete, Sie hätten es mit einer Nacht auf der Wache abgebüßt? Bei den Gebeinen meiner Väter! Wenn ich— auf Neuffen oder Asberg gibt es Keller und Kaſematten, wo kein Mond und keine Sonne ſcheint, da hätte ich den Herrn Sara⸗ zenen ſitzen laſſen, bis er ſein Schwabenalter erreicht hätte. Oder meint Ihr etwa in Eurem chriſtlichen Hoch⸗ muth, einem Iſraeliten gelte die Ehre ſeiner Familie nicht eben ſo hoch, als einem Nazarener?“ Der junge Mann erſchrak vor dieſer Drohung, denn er bedachte, daß es dem Allgewaltigen ein Leichtes geweſen wäre, ihn ſpurlos von der Erde verſchwinden zu laſſen; aber ſein muthiger Sinn lehnte ſich auf gegen den Uebermuth dieſes Mannes, der ſeine Privat⸗ ſache zu einer öffentlichen machte, und zur Wahrung ſeines Hausrechtes mit den Feſtungen des Landes drohte. „Excellenz,“ ſagte er mit Blicken, vor welchen der Miniſter die Augen niederſchlug,„wie Sie über Ihre eigene Ehre denken, weiß ich nicht, doch ſcheint es mir nicht ſehr ehrenvoll zu ſein, ſolche Drohungen auszu⸗ ſtoßen. Mein Vater iſt zwar nur ein geringer Mann, in Vergleich mit einem ſo gewaltigen und hohen Herrn; aber der Landſchaftsconſulent Lanbek weiß, wo man in Deutſchland Gerechtigkeit findet. Wien iſt nicht ſo fern d von Stuttgart, und Euern Gnadenbrief von geſtern hat der Kaiſer nicht unterzeichnet; was aber die Ehre Eurer Schweſter betrifft, ſo kann ich Euch verſichern, daß ſie mir nicht minder theuer iſt, als meine eigene.“ 39 „Ihr habt hübſche Anlagen zu einem Landſchafts⸗ conſulenten,“ ſagte der Jude ruhig lächelnd;„übrigens im Vertrauen geſagt, auf den Kaiſer müßt Ihr nicht zu ſehr pochen; wegen eines würtembergiſchen Schrei⸗ bers fängt man in Wien mit uns keine Händel an. Aber Ihr gefallt mir, mein Schatz; ich habe Eure Arbeiten loben hören, und Köpfe wie der Eure kann man zu et⸗ was Beſſerem brauchen, als Akten zu heften und Fas⸗ cikel zu binden; Ihr ſeid Expeditionsrath mit ſechs⸗ hundert Gulden Beſoldung, und es freut mich, daß ich der erſte bin, der Euch hiezu gratulirt.“ Der junge Mann ſprang von ſeiner Bank auf und wollte reden, aber Überraſchung und Schrecken ſchloß ihm den Mund. Hundert Gedanken kreuzten ſich in ſeinem Kopf. Es war nicht die Freude, vier Stufen, durch welche man ſich ſonſt lange und mühevoll ſchleppte, nun in einem Augenblicke überſprungen zu haben, was ſeine Seele füllte; es war der ſchreckliche Gedanke, vor der Welt für einen Günſtling dieſes Mannes zu gelten, vor ſeinem Vater, vor allen guten Männern gebrand⸗ markt dazuſtehen. „Excellenz!“ ſprach er befangen.„Ich darf, ich kann dieſe Gnade nicht annehmen! Bedenken Sie, was wird man ſagen, ſo viele, ältere, verdiente Männer—“ „Was da! Ich habe Euch Platz gemacht,“ antwortete der Jude in befehlendem Ton,„ich habe Euch zum Rath ernannt und Ihr ſeid es. Keinen Dank, keine über⸗ große Delikateſſe, ich liebe das nicht.— Nun,“ fuhr er gütig, beinahe zärtlich fort,„und wie ſteht Ihr mit meiner Lea? Ihr habt mir ja das ſtille, blöde Kind ganz verzaubert. Fürchtet Euch nicht vor mir, junger Herr, ich bin nicht der Mann, der gerade ſo ſehr auf Reichthum ſieht; Eure Familie gehört unter die älteſten und angeſehenſten Bürgerfamilien, und das gilt mir in dieſem Fall ſo viel, oder mehr als Reichthum. Euer Vater wird Euch zwar nicht viel mitgeben, aber mit mir ſollt Ihr zufrieden ſein, fürſtlich will ich meine Lea ausſtatten.“ Die Felſenkeller von Neuffen und die tiefen Kaſe⸗ matten von Asberg wären in dieſem Augenblicke dem jungen Manne willkommener geweſen, als dieſe Ver⸗ ſicherung; er dachte an ſeinen ſtolzen Vater, an ſeine angeſehene Familie, und ſo groß war die Furcht vor Schande, ſo tief eingewurzelt damals noch die Vorur⸗ theile gegen jene unglücklichen Kinder Abrahams, daß ſie ſogar ſeine zärtlichen Gefühle für die ſchöne Tochter Iſraels in dieſem ſchrecklichen Augenblick übermannten. „Herr Miniſter!“ ſprach er zögernd,„Lea kann keinen wärmeren Freund als mich haben; aber ich fürchte, daß Sie dieſes Gefühl falſch deuten, mit einem andern verwechſeln, das— ich moͤchte nicht, daß Sie mich falſch verſtehen, und Lea wird Ihnen nie geſagt haben, daß ich jemals davon geſprochen hätte—“ Der ſtolze Mann erröthete, warf ſeine Lippen auf, drückte die Augen beinahe zu, und an ſeiner Stirne be⸗ gann eine Ader hoch anzuſchwellen.„Was iſt das?“ ſagte er ſtreng.„Wie ſoll ich dieſe Redensart deuten?“ „Herr Miniſter,“ erwiderte Guſtav gefaßter,„be⸗ denken Sie doch den Unterſchied der Religion.“ „Habt Ihr dieſen bedacht, Herr! als Ihr meiner 41 Schweſter dieſe Liebeleien in den Kopf ſetztet? Aber ich kann Euch darüber tröſten, Lea wird Euch in dieſer Hinſicht kein Hinderniß geben. Ihr ſchweigt?“ fuhr er heftiger fort;„ſoll ich mit Eurem Vater darüber reden, junger Menſch? War etwa meine Schweſter gut genug dazu, Eure müßigen Stunden auszufüllen, zur Gattin aber wollt Ihr ſie nicht? Wehe Euch, wenn Ihr ſo dächtet! Dich und Deinen ganzen Stamm würde ich ver⸗ derben! Euer Vater iſt geſtern eines ſchweren Ver⸗ brechens ſchuldig worden, es ſteht in meiner Hand, ihn zur Verantwortung zu ziehen; in Eure Hand lege ich nun das Schickſal Eures Vaters— entweder Ihr macht Eure Unvorſichtigkeit gegen mein Haus gut und hei⸗ rathet meine Schweſter, oder ich erkläre Euch öffentlich für einen Schurken und laſſe den Herrn Conſulenten in Ketten legen. Vier Wochen gebe ich Euch Bedenkzeit; mein Haus ſteht Euch offen, Ihr könnt Eure Braut beſuchen, ſo oft Ihr wollt; vier Wochen, verſteht Ihr mich? Jetzt ſeid Ihr frei, und morgen, Herr Expedi⸗ tionsrath, werdet Ihr Euer Amt antreten.“ Nach dieſen Worten verbeugte er ſich kurz und ver⸗ ließ ſtolzen Schrittes das Zimmer. Dem Kapitän, den er im Vorzimmer traf, befahl er, Kleider für den Herrn Expeditionsrath herbeiſchaffen zu laſſen und ihm ſeine Freiheit anzukündigen. Staunend über dieſen ganzen Vorfall, beſonders über die letzten Worte des Miniſters, trat Reelzingen in ſein Zimmer. Er fand den Freund bleich und ver⸗ ſtört, die Arme über die Bruſt gekreuzt, das Haupt kraftlos auf die Bruſt herabgeſunken.„Nun, ſag’ mir 42 ums Himmels willen,“ fing der Kapitän an, indem er vor Guſtav ſtehen blieb,„was wollte er bei Dir? Warum ließ er Dich verhaften? Was hat ſein Beſuch zu bedeuten?“ „Er kam, um mir zu gratuliren,“ antwortete er mit ſonderbarem Lächeln. „Zu gratuliren? Wozu? Daß Du eine Nacht auf der Wache zubrachteſt?“ „Nein, weil ich in dieſer Nacht Expeditionsrath ge⸗ worden bin.“ „Du?“ rief der Kapitän lachend.„Gottlob, daß Du ſo heiter biſt und ſcherzen kannſt; als ich hereintrat und Dich ſah, glaubte ich Dich nicht ſo ſpaßhaft zu finden; aber im Ernſt, Freund, was wollte der Jude?“ „ Ich ſagte es ja, und es iſt Ernſt; zum Rath hat er mich gemacht. Iſt das nicht ein ſchönes Avancement?“ Der Kapitän ſah ihn mit zweifelhaften Blicken lange an; endlich ſagte er gerührt:„Nein, Du kannſt nicht auch zum Schurken werden, Guſtav; Gott weiß, wie dies zuſammenhängen mag! Aber ſiehe, wenn ich Dich nicht ſo lange und ſo genau kennte— glaube mir, die Welt wird Dich hart beurtheilen. Doch nein, Du lächelſt, geſtehe, es iſt Alles Scherz. Expeditionsrath! Eben ſo gut könnteſt Du ſeine Schweſter heirathen.“ „Ei, das wird ja auch geſchehen,“ ſagte Lanbek düſter lächelnd;„in vier Wochen, meint mein Schwa⸗ ger, ſoll die Hochzeit ſein.“ „Tod und Hölle!“ fuhr der Kapitän auf,„mach mich nicht raſend mit dieſen Antworten. Wahrhaftig, mit ſolchen Dingen iſt nicht zu ſpaßen.“ 43 „Wer ſagt Dir denn, daß ich ſpaße?“ erwiderte Lanbek, indem er langſam aufſtand.„Es iſt Alles ſo wie ich ſagte, auf Ehre.“ Dem Kapitän ſchwamm eine Thräne im Auge, als er den Freund, den er geliebt hatte, alſo ſprechen hörte; doch nur einen Augenblick gab er dieſen weichern Em⸗ pfindungen nach, dann trat er heftig auf den Boden, ſetzte ſeinen Hut auf und rief:„So ſei der Tag ver⸗ flucht, an welchem ich Dich zum erſtenmal ſah und Bru⸗ der nannte. Geh, hilf Deinem Juden, dem armen Land das Fell vollends vom Leibe ziehen, ſchinde Dir auch ein Stück herunter und mache Dich reich. O Lanbek, Lanbek! Aber mein Port d'Epee, ja ein Jahr meines Lebens wollte ich verhandeln, um einem meiner Kame⸗ raden die Wache abzukaufen; ich ſelbſt will die Erekution cymmandiren, wenn man Dich und den Juden zum Galgen führt.“ „So hoch werde ich mich wohl nicht pouſſiren,“ er⸗ widerte Guſtav ruhig und ernſt;„aber meiner Leiche kannſt Du folgen, wenn ſie mich morgen um Mitter⸗ nacht neben der Kirchhofsmauer einſcharren.“ Der Kapitän ſah ihn erſchrocken an; er mochte tie⸗ fen Ernſt auf der Stirne des jungen Mannes leſen, denn er wiederholte dieſen Blick und begegnete Guſtavs Auge. „Willſt Du mich fünf Minuten lang anhören, Reel⸗ zingen?“ fragte er.„Du wirſt dann über die Uneigen⸗ nützigkeit dieſes Miniſters ſtaunen. Sonſt war doch der Preis einer Amtei zweitauſend, und ein Expeditions⸗ rath galt ſeine dreitauſend Gulden unter Brüdern; aber ich Glückskind bekomme ihn umſonſt, rein pour rien! 44 Denn das Glück meines Lebens, die Ruhe meiner Fa⸗ milie, der heitere Frieden meines Vaters— daß dieſe bei dem Handel verloren gehen, iſt ja gering zu achten. Doch höre.“ 3 Staunend vernahm der Kapitän dieſe Worte; auf⸗ merkſam ſetzte er ſich neben Guſtav nieder. Je höher der Glaube an ſeinen Freund während ſeiner Erzählung ſtieg, deſto ängſtlicher wurde er für ihn und ſeine Fa⸗ milie beſorgt. Er ſchloß ihn in ſeine Arme, er verſuchte es, ihm Troſt einzuſprechen, obgleich er ſelbſt an dieſe Troſtgründe nicht glaubte.„Der Jude iſt ein feiner Spieler,“ ſagte er,„Deine beſten Taroks hat er Dir ab⸗ gejagt und das Spiel ſcheint in ſeiner Hand zu liegen; aber— er könnte ſich verrechnet haben, wir wollen ſehen, wie er beſchlagen iſt, wenn wir— Spadi anſpielen.“ 7. Wir führen unſere Leſer aus dem Offizierszimmer der Hauptwache in Stuttgart nach dem Hauſe des Land⸗ ſchaftsconſulenten Lanbek. In einem weiten, geräumi⸗ gen Zimmer, deſſen Hausrath nicht überladen und prächtig, aber ſolid und ſtattlich iſt, finden wir einen ältlichen Mann von mehr als mittlerer Größe. Sein Geſicht und ſeine Geſtalt beweiſen, daß er, als er in den Fünfzigen ſtand, wohlbeleibt geweſen ſein mochte, jetzt, zehn Jahre ſpäter, hatten ſich Falten um Mund und Stirne gelegt, und der weite Schlafrock von feinem grünen Tuch, mit Pelz verbrämt, war für eine reich⸗ liche Fülle gefertigt und ſchlug jetzt weite Falten um den Leib; aber die röthlichen Wangen, die klaren grauen 45 Augen, der feſte Schritt, womit er im Zimmer auf⸗ und abging, ließen, noch ehe man ſeine volle, ſonore Stimme vernahm, ahnen, daß der alte Conſulent an Geiſt und Körper noch friſch und rüſtig ſei. In der Vertiefung des breiten Fenſters ſaßen zwei ſchöne Mädchen von achtzehn bis zwanzig Jahren, die dem Alten, ſo oft er ihnen den Rücken wandte, beſorg⸗ lich und ängſtlich nachſchauten, wohl auch unterein⸗ ander flüſterten, ſo lange ſie von ihm nicht geſehen wurden. Die eine war bemüht, des Vaters ungeheure Alongeperrüke in Ordnung zu bringen, und trotz dem Kummer, der aus ihren Blicken ſprach, ſchien ſie doch Freude an dem ſchönen Contraſt zu finden, welchen die ſchwarzen Locken dieſes Haargebäudes mit ihren zarten, weißen Händchen bildeten. Die dunkelblauen Augen der andern jungen Dame ſchienen mehr mit der Straße als mit der feinen Arbeit, an welcher ſie nähte, beſchäf⸗ tigt; doch waren ihre Züge zu ernſt, als daß man es müßiger Neugier hätte zuſchreiben dürfen. Sie hatten mehre Minuten lang geſchwiegen, denn die Mädchen waren viel zu ſtreng erzogen, als daß ſie den Vater, der ſeinen Gedanken nachhing, mit Fragen beläſtigt hätten; plötzlich ſprang die junge Nätherin auf, ließ ihre ſchöne Arbeit zu Boden fallen, beugte den ſchlanken Hals näher ans Fenſter und ſah geſpannt nach der Straße. Der Vater ſah dieſe Bewegungen, hielt ſeine Schritte an, blickte aufmerkſam nach ſeiner Tochter, und fragte nur mit Blicken; Käthchen, die jüngere Schweſter, vollendete ſchnell noch eine Stirn⸗ locke der Perrüke, ſetzte dann das Prachtwerk behutſam 46 auf eine Kommode und kam eben noch zeitig an, um mit Hedwig zu rufen:„Er iſt s, er hat heraufgeſehen, Vater; er geht ſehr ſchnell; ſieh doch, was er für einen ſonderbaren Rock anhat!“ „Das iſt Blankenbergs Jagdkleid;“ ſagte Hedwig leiſe zu ihrer Schweſter. „Geh doch, was weißt Du von Blankenbergs Garderobe?“ erwiderte die Jüngere, bedeutungsvoll lächelnd. „Er hat Guſtav ſchon oft in dieſem Kleid beſucht,“ antwortete ſie, indem eine dunkle Röthe über ihre Wangen flog. Die Ankunft Guſtays verhinderte ſeine jüngere Schweſter, Hedwig nach ihrer Gewohnheit noch länger zu quälen. Der Vater ſah noch ernſter aus, als vor⸗ hin, er hatte ſich in ſeinen Lehnſtuhl geſetzt, und die ſtrengen Augen auf die Thür geheftet; bang und ängſt⸗ lich pochte den Schweſtern das Herz, als jetzt die Thüre aufging und ihr Bruder hereintrat.— Nach dem erſten „guten Morgen“ trat für alle drei Parteien eine pein⸗ liche Pauſe ein; endlich trat der Sohn beſcheiden zum Vater.„Sie haben mich wohl dieſen Morgen vermißt, Vater?“ fragte er.„Es iſt allerdings ein ſeltener Fall in unſerm Hauſe, und Sie wurden vielleicht beſorgt um mich.“ „Das nicht,“ antwortete der Alte ſehr ernſt;„Du biſt alt genug, um nicht verloren zu gehen; aber zweier⸗ lei iſt mir aufgefallen, nämlich, daß man Dich nur eine Stunde auf dem Carneval ſah, und daß Du dieſe Nacht und ihre Luſtharkeiten ſo unregelmäßig lang bis 4 47 Morgens neun Uhr ausdehnſt; Du ſollteſt ſchon ſeit einer halben Stunde in Deiner Kanzlei ſein.“ „Ich bin heute dort entſchuldigt,“ ſagte Guſtav lächelnd;„ich habe auch ſeit heute früh ein Uhr ſo ſchrecklich geſchwärmt und ſo unordentlich gelebt, daß es kein Wunder iſt, wenn man ſo ſpät nach Hauſe kömmt; rathet einmal, ihr Mädchen, wo ich geweſen bin?“ Die Schweſtern ſahen ſich unwillig an, denn ſie befürchteten mit Recht, dieſer leichtfertige Ton möchte dem alten Herrn mißfallen.„Wie können wir dies wiſſen?“ erwiderte Hedwig.„Ich habe nie darnach ge⸗ fragt, wo Du Dich mit Deinen Kameraden umtreibſt; doch heute, Bruder, biſt Du mir ein Räthſel.“ „Und in einem Luſtſchloß bin ich geweſen,“ fuhr der junge Mann fort,„wo weder Ihr Beide, noch Papa jemals waren; Ihr errathet es doch nie— auf der Wache.“ „Auf der Wache!“ riefen die Schweſtern entſetzt. „Das iſt mir ſehr unangenehm, Guſtav,“ ſetzte der Landſchaftsconſulent hinzu; meines Wiſſens biſt Du der erſte Lanbek, den man auf die Wache ſetzte.“ „Mir iſt es doppelt unangenehm,“ antwortete ſein Sohn, indem er den Vater feſt anblickte,„weil es im Grunde eine Namensverwechslung zu ſein ſcheint; denn meines Wiſſens bin nicht ich jener Lanbek, der die Seene an dem Tiſch des Juden aufführte.“ Der Alte ſah ihn bleich und betroffen an.„Gehet ins Nebenzimmer, Mädchen!“ rief er, und als ſich die Schweſtern ſtaunend, aber ſchnell und gehorſam zurück⸗ 48 gezogen hatten, faßte er die Hand ſeines Sohnes, zog ihn auf einen Stuhl neben ſich nieder und fragte haſtig, aber mit leiſer Stimme:„Was iſt das? Woher weißt Du? Wer ſagte Dir davon?“ „Er ſelbſt,“ antwortete der Sohn. „Der Jude?“ fragte der Alte.„Wie iſt dies möglich?“ „Er war bei mir auf der Wache; ich ſehe, wie Sie ſtaunen, Vater, aber bereiten Sie ſich auf noch wun⸗ derlichere Dinge vor.“ Der junge Mann hielt es für das Beſte, ſeinem Vater ſo viel als möglich zu ent⸗ decken; er erzählte ihm alſo, wie aufgebracht der Mi⸗ niſter auf den Conſulenten und ſeine Partei ſei, wie der Sohn ihm widerſprochen, wie der Miniſter, ſtatt in heftigeren Zorn zu gerathen, ihn plötzlich zum Expedi⸗ tionsrath ernannt habe. Nur Lea's erwähnte er mit keiner Silbe, der Kapitän hatte ihm dies gerathen, und er Beſchloß, davon zu ſchweigen, bis er ſeine Maßregeln getroffen hätte oder die Entdeckung des unglücklichen Verhältniſſes unvermeidlich wäre. „Ich ſehe, was ich ſehe,“ ſprach der Conſulent nach einigem Nachdenken.„Meinſt Du, wenn er uns nicht gefürchtet hätte, er würde mich geſchont und Dich dafür ergriffen haben, um mich gleichſam durch ſeine Gnade zu beſchämen? Er hat mich gefürchtet, und er hat alle Urſache dazu. Ich bin ihm zu populär, und auch Du wirſt ihm nach und nach zu bekannt mit den hieſigen Bürgern, weil Du jetzt ſtatt meiner die Armenprozeſſe führſt. Der Erpeditionsrath iſt— eine Falle, die er uns Beiden legen wollte, der kluge Fuchs.“ 3 49 „Wie verſtehen Sie dies, Papa?“ fragte Guſtav, dem es leichter ums Herz wurde, ſeit er ahnete, wie ſein Vater die Sache aufnehme. „Sieh, Freund,“ ſprach der Alte zutraulicher, als er je gethan,„Du wirſt das Opfer dieſer Kabale; aber ſo wahr ich Dein Vater bin, Du ſollſt es nicht lange ſein. Dieſer Jude denkt aber alſo: verwehre ich Dir dieſe Stelle anzunehmen, weil Du dadurch in übeln Geruch kommen könnteſt, ſo macht er es zu ſeiner Ehrenſache, beklagt ſich beim Herrn und ergreift die einzige Gelegenheit, die ſich bot, mich zu zwingen, auch mein Amt aufzugeben. Er kennt mich, er weiß, daß er ſo wenig als der Herzog mich abſetzen kann, er weiß auch, wer der alte Lanbek iſt, nämlich— ſein Feind. Nehmen wir die Stelle an,“ kalkulirte er weiter,„ſo⸗ werden wir verdächtig bei Allen, die das Beſſere wollen. Der Vater, Conſulent der Landſchaft, würde man den⸗ ken, der Sohn— Erpeditionsrath; gekauft hat der Alte die Stelle nicht, und der Süß gibt bekanntlich nichts ohne großen Gewinn an Geld oder geheimen Ein⸗ fluß, folglich— ſind wir übergetreten zu dem Gewal⸗ tigen. So, glaubt er, werden die Leute urtheilen, und er hat es recht klug gemacht, aber er kennt mich nicht ganz; noch weiß ich, Gottlob! ein Mittel, uns das Vertrauen der Beſſeren zu erhalten, und Du— wirſt und bleibſt Expeditionsrath; ändern ſich die Verhält⸗ niſſe, ſo wirſt Du wieder Aktuarius, und die Menſchen erkennen dann Deine Unſchuld.“ „Aber Vater!“ ſagte der junge Mann zaudernd, „Ihr Ruf iſt felſenfeſt, aber der meinige? Wie W. Hauffs Werke. III. 4 lange wird es noch anſtehen, bis die Verhältniſſe ſich ändern!“ „Sohn!“ erwiderte der Alte nicht ohne Rührung. „Du ſiehſt, wie dieſes ſchöne Land bis in das innerſte Mark zerrüttet iſt; meinſt Du, es könne immer ſo fort⸗ gehen?— Glaub' mir, ehe der Frühling ins Land kommt, muß es anders werden; ſchlechter kann es nim⸗ mer werden, aber beſſer. Darum glaube mir und ver⸗ traue auf Gott!“ 8. Während der alte Lanbek noch ſo ſprach und ſei⸗ nem Sohn Muth einzureden ſuchte, wurde die Haus⸗ glocke heftig angezogen, und bald darauf trat ein Offi⸗ zier in das Zimmer, dem der Conſulent freundlich entgegen eilte. Wenn man das dunkelrothe Geſicht, die freien, muthigen Züge und das kleine, aber ſcharfblik⸗ kende Auge dieſes Mannes ſah, ſo konnte man die Sage von kühner Entſchloſſenheit und beinahe fabel⸗ hafter Tapferkeit, die er unter dem Herzog Alexander und dem Prinzen Eugenius bewieſen haben ſollte, glaublich finden. „Mein Sohn, der vormalige Aktuarius Lanbek,“ ſprach der Alte,„der Oberſt von Röder, den Du we⸗ nigſtens dem Namen nach kennen wirſt.“ „Wie ſollte ich nicht?“ erwiderte Guſtav, indem er ſich verbeugte:„wenn unſere Truppen von Malplaquet und Peterwardein erzählen, ſo hört man dieſen Namen zmmer unter die erſten und glänzendſten zählen.“ „Zu viel Ehre für einen alten Mann, der nur ſeine 51 Schuldigkeit gethan,“ antwortete der Oberſt.„Aber Conſulent, was ſagt Ihr dazu, daß der Jude jetzt auch uns ins Handwerk greift? Ich komme zu Euch eigent⸗ lich nur, um zu fragen: ſoll ich, oder ſoll ich nicht?“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte der Conſu⸗ lent ſtaunend;„Röder, nur jetzt keinen übereilten Streich!“ „Das iſt es eben!“ rief Jener auf den Boden ſtam⸗ pfend,„meine Ehre und die Ehre des ganzen Corps iſt gekränkt! einen meiner talentvollſten Offiziere ſollte ich nach Fug und Recht kaſſiren laſſen um dieſes Hun⸗ des willen, und thu' ich's, ſo bin ich bis morgen ſelbſt außer Dienſt.“ „Aber ſo ſprecht doch, Oberſt!“ ſagte der Alte, in⸗ dem er ſeinem Sohn winkte, Stühle zu ſetzen,„ſetzt Euch, Ihr ſeid noch in der erſten Hitze.“ „Mein Regiment hat geſtern und heute den Dienſt,“ fuhr Jener eifrig fort;„da bringt manmun geſtern Nacht von der Redoute weg einen Menſchen auf unſere Wache mit dem ausdrücklichen Befehl vom Juden, ihn wohl zu bewachen, aber keinen weitern Rapport abzuſtatten, heute früh zieht der Kapitän Reelzingen auf, findet einen Gefangenen im Offizierszimmer, von welchem nichts im Rapport ſteht, und denkt Euch— nach einer halben Stunde kömmt der Miniſter ſelbſt, ſchickt den Kapitän aus dem Zimmer, verhört auf unſerer Wache den Gefangenen insgeheim, entläßt ihn dann und be⸗ fiehlt dem Kapitän noch einmal, keinen Rapport ab⸗ zuſtatten und— nimmt ihm das Ehrenwort ab— er einem Offizier auf der Wache— nimmt ihm das Wort ab, den Namen des Gefangenen nicht zu nennen: dahin alſo iſt es gekommen, daß jeder Schreiber oder gar ein hergelaufener Jude uns commandirt? Nach Kriegs⸗ recht muß ich den Kapitän kaſſiren laſſen; meine Ehre fordert, daß ich es nicht dulde, denn ich hatte den Dienſt, und ich muß mich rühren, ſollte es mich auch meine Stelle koſten.“ Die beiden Lanbek hatten ſich während der heftigen Rede des Oberſten bedeutungsvolle Blicke zugeworfen. „Der Jude iſt liſtiger, als wir dachten,“ ſagte, als Jeuer geendet hatte, der Vater;„ alſo auch auf den Oberſt war es abgeſehen, auch für ihn war die Falle aufgeſtellt! Wer meint Ihr wohl, daß der Gefangene war? Da, ſeht ihn, mein leiblicher Sohn ſaß heute Nacht auf Eurer Wache!“ 3.„ Der Oberſt fuhr ſtaunend zurück, und ſo groß war der Unmuth über den Eingriff in ſeine militäriſchen Rechte, daß er ſich nicht enthalten konnte, einen unwil⸗ ligen, finſtern Blick auf den jungen Mann zu werfen. Als aber der alte Lanbek fortfuhr und ihm erzählte, wie er ſelbſt eigentlich die Urſache dieſes Vorfalls ge⸗ weſen, und wie alles Andere ſo ſonderbar gekommen ſei, als er ihm den argliſtigen Plan des Miniſters nä⸗ her auseinanderſetzte, da ſprang Herr von Röder von ſeinem Stuhl auf.„Wohlan, Alter!“ ſagte er mit be⸗ wegter Stimme zu dem Conſulenten,„daß er mich verfolgt und haßt, hat am Ende nichts zu bedeuten, und daran iſt nur der General Römchingen ſchuld, der mich nie leiden konnte; aber über Dir ſoll er den Hals brechen, oder ich will nicht ſelig werden! Herr Aktuarius! Die Stelle müßt Ihr annehmen, das iſt⸗ jetzt keine Frage mehr! Denn Euer Vater darf jetzt nicht von ſeinem Amt kommen, oder Verfaſſung und Religion ſtehen auf dem Spiel. Aber zum Herzog will ich gehen, will ſprechen, und ſollt es mich mein Leben koſten.“ „Das werdet ihr nicht thun, Oberſt!“ ſagte der Alte mit Nachdruck und Ernſt.„Leſet dieſen Brief, den man uns aus Würzburg ſchickt, und ſagt mir dann, ob Ihr noch waget, zum Herzog zu gehen und zu ſprechen.“ Der Oberſt nahm aus ſeiner Hand ein Schreiben und fing an zu leſen; doch je weiter er las, deſto beſtürzter wurden ſeine Züge, bis er ſtaunend, aber mit zornſprühenden Augen den Alten anblickte und die Arme ſinken ließ. „Vater!“ ſprach der junge Mann, der betroffen bald den Alten, bald den Oberſten betrachtete,„Va⸗ ter, Sie machen mich hier zum Zeugen eines Auftrit⸗ tes, bei welchem ich vielleicht beſſer nicht zugegen gewe⸗ ſen wäre. Ich ſoll aber gezwungener Weiſe eine Rolle übernehmen, die mir nicht zuſagt. Ich bin zum Expe⸗ ditignsrath ernannt, und weiß nicht warum; ich darf die Stelle nicht ablehnen, obgleich ſie mich vor der Welt zum Schurken macht, und weiß nicht warum; es gehen Dinge vor im Staat und in meines Vaters Hauſe, man verhehlt ſie mir, und ich weiß wieder nicht warum. Herr Oberſt von Röder, Sie überreden mich, eine Stelle nicht auszuſchlagen, die meines Vaters Namen beſchimpft; von Ihnen glaube ich Gründe verlangen zu können, warum ich es nicht thun ſoll?“ 54 „Gott weiß, er hat Recht!“ rief Röder, indem er den jungen Mann nachdenkend betrachtete.„Ich weiß auch nicht, Alter, warum Ihr ihm nicht längſt den Schlüſſel gegeben habt. Wenn Ihr ihm übrigens die Augen nicht öffnen wollt, ſo will ich ihm dieſen Dienſt thun, weil ich weiß, wie drückend es iſt, ein wichtiges Geheimniß halb zu errathen und halb zu ahnen.“ „Es ſei,“ ſagte der Vater,„ſetzet Euch wieder; wenn ich Dich, mein Sohn, bis jetzt nicht mit Dingen dieſer Art vertraut gemacht habe, ſo geſchah es nur aus Furcht, für einen allzuſtolzen Vater zu gelten, denn wir hatten uns das Wort gegeben, nur erprobten und ausgezeichneten Männern uns anzuvertrauen. Ich darf Dir nicht erſt ſagen, was in den drei Jahren, ſeit Alexander regiert, aus Württemberg geworden iſt. Man ſoll von einem Lanbek nicht ſagen koͤnnen, daß er gegen ſeinen Herrn gemurrt hätte, er iſt ein tapferer Mann und nach Prinz Eugenius vielleicht der erſte Feldherr unſerer Zeit, aber das Feldregiment taugt wohl im Lager und vor dem Feind, nicht ſo in der Kanzlei. Er ſieht die Regierung des Ländchens, wie er ſagt, etwas zu heldenmäßig an, das heißt, er ſieht darüber hinweg und läßt Andere dafür ſorgen.“. „Dieſes Ländchen!“ rief der Oberſt bitter.„Dieſes ſchöne Württemberg! Es heißt wohl, ein alter Spruch, daß, wenn man auch ſich alle Mühe gäbe, dieſes Land doch nicht könne zu Grunde gerichtet werden; aber nous verrons! Wenn es ſo fortgeht, wenn man es durch Verkauf der Amter, durch Verhöhnung der beſ⸗ ſeren, durch Erhebung der niederträchtigſten Burſche —— — 5⁵ gefliſſentlich verderbt, wenn man ſeine Kräfte bis aufs Mark ausſaugt—“ 3 „Kurz, mein Freund,“ fuhr der Alte fort,„es kann nicht ſo fortgehen. Nach und nach kann es nicht beſſer werden, denn ſchon jetzt ſitzen bei uns in der Landſchaft fünf Schurken, die nicht einmal der Gott⸗ ſeibeiuns für ſich repräſentiren ließe, alle Amter ſind verkauft oder für Süß'ſche Kreaturen käuflich, alſo kann es nur ſchlechter werden. Aber es ſind zwei Par⸗ teien, di ſagen:„„Es muß anders werden.““ Die eine Partei iſt Süß, der ſchnöde Jude, der General Rönchingen, der feinſte von dieſen Burſchen, Hall⸗ wachs, Dein neuer Kollege, Metz und noch Einige von der Landſchaft. Wir wiſſen, was ſie wollen, und es iſt nichts Geringeres, als die Stände und den Landtag völlig aufzuheben.“ „Und, Gott ſei's geklagt,“ ſagte Herr von Röder, „den Herzog haben ſie von ſeiner edelmüthigen Seite gepackt, er iſt mit Allem zufrieden. Das Land ſei auf⸗ gebracht über die Stände, ſagen ſie ihm, man murre über die Landſchaft, und nun hat er ſich entſchloſſen, das Inſtitut wie ein Corps Invaliden aufzulöſen, dem Lande die jährlichen Koſten der Stände edelmüthig zu ſchenken und allein zu regieren.“ „Wie? Verſtehe ich recht?“ rief der junge Lanbek. „Alſo unſern letzten Schutz gegen den übeln Willen oder gegen die unrichtige Anſicht eines Herrn will man uns rauben? Auf die Verfaſſung iſt es abgeſehen? Doſh das iſt nicht möglich, Alerander hat es ja be⸗ ſchmoren, und mit welchen Mitteln will er dies wagen? Meinen Sie wirklich, Herr Oberſt, der würtembergi⸗ ſche Soldat werde ſeine eigenen Rechte unterdrücken?“ „Hier ſind die Hunde,“ erwiderte der Oberſt, indem er auf den Brief zeigte,„die man bei dieſem Treibjagen hetzen will.“ „Nur ruhig,“ ſprach der Landſchaftsconſulent, „höre mich ganz. Der Herzog iſt aufs Abſcheulichſte ge⸗ täuſcht; er glaubt feſt, daß es ihm nur ein Wort koſte, ſo werden die Stände nicht mehr ſein, und alle Herzen werden ihm zufliegen. So haben es der Jude und Römchingen ihm vorgeſchwatzt; aber ſie kennen uns beſſer und wiſſen, daß Gewalt zu einem ſolchen Schritt gehört. Hier iſt ein Brief an den Erzbiſchof von Würz⸗ burg, den der General Römchingen geſchrieben: man wolle zum Beſten des Landes einige Aenderungen vor⸗ nehmen, man könne ſich aber auf die Truppen im Lande nicht verlaſſen, daher ſolle der Biſchof bewirken, daß die Truppen des fränkiſchen Kreiſes an einem beſtimm⸗ ten Tag an unſerer Grenze ſeien. Auch an einige Reichsſtände in Oberſchwaben hat er ähnliche Schreiben erlaſſen.“ „Und im Namen des Herzogs?“ fragte der junge Mann. „Nein, ſie laſſen ihn nur ſo durchblicken, aber eine andere Lockſpeiſe haben ſie dem Biſchof hingeworfen; man ſagt nicht umſonſt, daß unſer alter Reformator Brenz ſeit einigen Nächten aus ſeinem Grabaufſtehe 74 die Kanzel beſteige— katholiſchwollen ſie uns machen. Du ſtaunſt? Du willſt nicht glauben? Auch ich daute daß ſie es nicht aus Religioſität thun wollen, ſondern 3 - 1 57 entweder ſoll es den Biſchof und die Oberſchwaben enger für die Sache verbinden, oder meinen ſie dem Herzog gefällig zu ſein, wenn ſie in vierundzwanzig Stunden den Glauben reformiren, wie ſie das alte Recht reformiren wollen.“ 8 „Es kann, es darf nicht ſein!“ rief der junge Mann. „Die Grundpfeiler unſeres Glückes und unſerer Zu⸗ friedenheit mit einem Schlag umſtürzen? Es iſt nicht möglich, der Herzog kann es nicht dulden.“ „Er weiß und denkt nicht, daß ſie dies Alles vor⸗ haben,“ ſagte der Oberſt;„ſein Ruhm iſt ihm zu theuer, als daß er ihn auf dieſe Weiſe beflecken möchte; aber wenn es geſchehen iſt, ohne daß die Schuld auf ihn fällt, dann, fürchte ich, wird er das Alte nicht wieder herſtellen. Zu welchem Zweck, glaubt Ihr denn, habe der Jude dem Herzog das Edikt von geſtern ab⸗ geſchwatzt, worin er für Vergangenheit und Zukunft von aller Verantwortlichkeit freigeſprochen wird? Das ſoll ihn ſchützen in dem kaum denkbaren Fall, wenn der Herzog über die treuen und ergebenen Herren Räthe erbost würde, die ihm die unumſchränkte Macht zu Füßen legen und in der Stiftskirche einen Krummſtab aufpflanzen. „Und gegen dieſen wollt Ihr kämpfen?“ fragte Guſtav beſorgt und zweifelhaft. „Kämpfen oder zuſammen untergehen,“ ſprach der Alte.„Wer mit uns verbunden iſt, mußt Du jetzt nicht wiſſen, es genüge Dir zu erfahren, daß es die trefflich⸗ ſten des Adels und die wackerſten der Bürger ſind. Wir wollten den Kaiſer um Schutz anflehen, aber die Um⸗ ſtände ſind ungünſtig, die Zeit iſt zu kurz, um durch alle Umwege zu ihm zu gelangen, und überdies hat der Herzog einen gewaltigen Stein im Brett ſeit den letzten Kriegen; man würde uns abweiſen. Uns bleibt nichts übrig als— „Wir müſſen,“ rief der Oberſt muthig und ent⸗ ſchloſſen,„das Prävenire müſſen wir ſpielen; St. Jo⸗ ſeph, den neunzehnten März, haben ſie ſich zum Ziel geſteckt; aber einige Tage zuvor müſſen wir die Feinde des Landes gefangen nehmen, die treuen Truppen nach Stuttgart ziehen, das Landvolk zu unſerer Hülfe auf⸗ rufen, und wenn es gelungen iſt, dem Herzog von neuem huldigen und ihm zeigen, an welchem furchtbaren Ab⸗ grund er und wir geſtanden. Und dann— er iſt ein tapferer Soldat und ein Mann von Ehre, dann wird er erröthen vor der Schande, zu welcher ihn jene Elen⸗ den verführen wollten.“ 1 „Aber der Herzog,“ fragte der junge Mann,„wo ſoll er ſein und bleiben, während Ihr dieſe furchtbare Gegenmine auffliegen laſſet?“ „Das iſt es ja gerade, was uns zur Eile zwingt,“ erwiderte der Oberſt;„ſie haben ihn überredet, im nächſten Monate die Feſtungen Kehl und Philippsburg zu bereiſen, und hinter ſeinem Rücken wollen ſie refor⸗ miren. Den elften will er abreiſen; ſchon ſind die Ad⸗ jutanten ernannt, die ihn begleiten ſollen, und, wenn ich es ſagen darf, mit ſolchem Gepränge, und ſo viel und laut wird von dieſer Reiſe geſprochen, daß ich fürchte, die ganze Fahrt iſt nur Maske und der Herzog wird nicht über die Grenze gehen.“ 59 „Du kennſt jetzt unſere Plane,“ ſprach der alte Herr zu ſeinem Sohn;„ſei klug und vorſichtig. Ein Wort zuviel kann alles verrathen. Darum, wie es unter uns gebräuchlich iſt, lege Deine Hand in die Deines Vaters und dieſes tapfern Mannes und ſchwöre uns, zu ſchweigen.“ „Ich ſchwöre,“ ſagte Lanbek mit feſter Stimme, aber bleich und mit ſtarren Augen; und ſein Vater und der Oberſt zogen ihn an ihre Bruſt und begrüßten ihn als einen der Ihrigen. 9. Ein drückender, trüber Nebel lag über Stuttgart und gab den Bergen umher und der Stadt ein trau⸗ riges, ödes Anſehen; gerade ſo lag auch ein trüber, ängſtlicher Ernſt auf den Geſichtern, die man auf den Straßen ſah, und es war, als hätte ein Unglück, das man nicht vergeſſen konnte, oder ein neuer Schlag, den man fürchtete, alle Herzen wie die ſonſt ſo lieblichen Berge umflort und in Trauer gehüllt. Am Abend eines ſolchen Tages ſchlich der junge Lanbek durch die feuchten Gänge des Gartens. Sein Geſicht war bleich, ſein Auge trübe, ſein Mund heftig zuſammengepreßt, ſeine hohe Geſtalt trug er nicht mehr ſo leicht und aufge⸗ richtet wie zuvor, und es ſchien, als ſei er in den letzten acht Tagen um eben ſo viele Jahre älter geworden. Was er vorausgeſehen hatte, war eingetroffen; Niemand, der die Lanbek auch nur dem Rufe nach kannte, konnte die ſchnelle Erhebung des jungen Mannes begreifen oder rechtfertigen. Die Günſtlinge und Kreaturen des mäch⸗ tigen Juden traten ihm mit jener läſtigen Traulichkeit, mit jener rohen Freude entgegen, wie etwa Diebe und falſche Spieler einem neuen Genoſſen ihrer Schlechtig⸗ keit beweiſen, und des jungen Lanbeks Gefühl bei ſolchen neuen, werthen Bekanntſchaften läßt ſich am beſten mit den unangenehmen und wehmüthigen Em⸗ pfindungen eines Mannes vergleichen, den das Unglück in einen Kerker mit dem Auswurf der Menſchen warf, und der ſich von Räubern und gemeinen Weibern als Ihresgleichen begrüßen laſſen muß. Die gnädigen Blicke, die ihm der Miniſter hin und wieder öffentlich, beinahe zum Hohn, zuwarf, bezeichneten ihn als einen neuen Günſtling. Jetzt erſt ſah er, wie viele gute Menſchen ihm ſonſt wohlgewollt hatten; denn ſo manches bekannte Geſicht, das ſonſt dem Sohne des alten Lanbek einen„guten Tag“ zugelächelt hatte, er⸗ ſchien jetzt finſter, und ſelbſt wackere Bürgersleute und jene biederen, ehrlichen Weingärtner, die ſich bei ihm und dem Alten ſo oft Raths erholt hatten, wandten jetzt die Augen ab und gingen vorüber, ohne den Hut zu rücken.. Der Gedanke an Lea erhöhte noch ſein Unglück. Er wußte genau, wie unglücklich ſein alter Vater, er ſelbſt und die Seinigen werden könnten, wenn der verzwei⸗ felte Schlag, den ſie führen wollten, mißlang; und doch, ſo groß der Frevel war, den jener fürchterliche Mann auf ſich geladen hatte, dennoch graute ihm, wenn er ſich die Folgen überlegte, die ſein Sturz nach ſich ziehen würde. Was ſollte aus der armen Lea werden, wenn der Bruder vielleicht Monate lang ge⸗ 61 fangen ſaß? Konnte der Herzog, ein ſo ſtreuger Herr, Vergehungen und Pläne, wie die des Juden, vergeben, ſelbſt wenn er ihm durch jenes Edikt Strafloſigkeit zu⸗ geſichert hatte? Und dann durchzuckte ihn wieder die Erinnerung an jene ſchreckliche Drohung, die Süß gegen ihn aus⸗ geſtoßen, als er das Verhältniß des jungen Mannes zu ſeiner Schweſter berührte. Alle Angſt vor ſeinem alten Vater, vor der Schande, die eine ſolche Verbin⸗ dung, wenn ſie auch nur beſprochen würde, brächte, kam über ihn. Es gab Augenblicke, wo er ſeine Thor⸗ heit, mit der ſchönen Jüdin auch nur ein Wort gewech⸗ ſelt zu haben, verwünſchte, wo er entſchloſſen war, den Garten zu verlaſſen, ſie nie wieder zu ſehen, ſeinem Vater alles zu ſagen, ehe es zu ſpät wäre; aber wenn er ſich dann das ſchöne Oval ihres Hauptes, die reinen, unſchuldigen und doch ſo intereſſanten Züge und jenes Auge dachte, das ſo gerne und mit ſo unnennbarem Ausdruck auf ſeinen eigenen Zügen ruhte, da war es, ich weiß nicht ob Eitelkeit, Thorheit, Liebe oder gar der Einfluß jenes wunderbaren Zaubers, der ſich, aus Rahels Tagen, unter den Töchtern Iſraels erhalten haben ſoll— es zog ihn ein unwiderſtehliches Etwas nach jener Seite hin, wo ihn, ſeit die Dämmerung des erſten Märzabends finſterer geworden war, die ſchöne Lea erwartete. „Endlich, endlich!“ ſagte Lea mit Thränen, indem ſie ihre weiße Hand durch die Staketen bot, welche die beiden Gärten trennten.„Wenn nicht der Frühling indeß hätte kommen müſſen, wahrhaftig, ich hätte gedacht, es ſei ſchon ein Vierteljahr vorüber. Ich bin recht ungehalten; wozu denn auch in den Garten gehen bei dieſer ſchlimmen Jahrszeit, wenn Ihr frei und offen durch die Hausthüre kommen dürft? Wiſſet nur, Herr Nachbar, ich bin ſehr unzufrieden.“ „Lea,“ erwiderte er, indem er die ſchöne Hand an ſeine Lippen zog,„verkenne mich nicht, Mädchen! Ich konnte wahrhaftig nicht kommen, Kind! Zu Dir durfte ich nicht kommen, und in die Zirkel Deines Bruders gehe ich nicht; und wenn ich wüßte, daß Du ein ein⸗ zigesmal da warſt, würde ich Dich nicht mehr ſprechen.“ Trotz der Dunkelheit glaubte der junge Mann dennoch eine hohe Röthe auf Lea's Wangen aufſteigen zu ſehen. Er ſah ſie zweifelhaft an; ſie ſchlug die Augen nie⸗ der und antwortete:„Du haſt Recht, ich darf nicht in die Zirkel meines Bruders gehen.“ „So biſt Du da geweſen? Ja, Du biſt dort ge⸗ weſen!“ rief Lanbek unmuthig.„Geſtehe nur, ich kann jetzt doch ſchon alles in Deinen Augen leſen.“ „Höre mich an,“ erwiderte ſie, indem ſie bewegt ſeine Hand drückte,„die Amme hat Dir geſagt, was nach dem Karneval vorging, und wie ich ihn bat und flehte, Dich frei zu laſſen. Seit jener Zeit hat ſich ſein Betragen ganz geändert; er iſt freundlicher, behandelt mich, wie wenn ich auf einmal um fünf Jahre älter geworden wäre, und läßt mich zuweilen ſogar mit ſich ausfahren. Vor einigen Tagen befahl er mir, mich ſo ſchön als möglich anzukleiden, legte mir ein ſchönes Halsband in die Hand, und Abends führte er mich di 3 Treppe herab in ſeine eigenen Zimmer. Da waren nült 63 Wenige, die ich kannte, die meiſten Herren und Damen waren mir fremd. Man ſpielte und tanzte, und von Anfang gefiel es mir ſehr wohl, nachher freilich nicht, denn— „Denn?“ fragte Lanbek geſpannt. „Kurz, es gefiel mir nicht und ich werde nicht mehr hingehen.“ „Ich wollte, Du wäreſt nie dort geweſen,“ ſagte der junge Mann. „Ach, konnte ich denn wiſſen, daß die Geſellſchaft nicht für mich paſſen würde?“ erwiderte Lea traurig. „Und überdies ſagte mein Bruder ausdrücklich, es werde meinen Herrn Bräutigam freuen, wenn ich auch unter die Leute komme.“ „Wen hat er geſagt, wen werde es freuen?“ rief Lanbek. „Nun Dich,“ antwortete Lea;„überhaupt, Lan⸗ bek, ich weiß gar nicht, wie ich Dich verſtehen ſoll; Du biſt ſo kalt, ſo geſpannt; gerade jetzt, da wir offen und ohne Hinderniß reden können, biſt Du ſo ängſtlich, beinahe ſtumm; ſtatt ins Haus zu uns zu kommen, beſtellſt Du mich heimlich in den Garten, ich weiß doch nicht, vor wem man ſich ſo ſehr zu fürchten hat, wenn man einmal in einem ſolchen Verhältniß ſteht?“ „In welchem Verhältniß?“ fragte Lanbek. „Nun, wie fragſt Du doch wieder ſo ſonderbar! Du haſt bei meinem Bruder um mich angehalten, und er ſagte Dir zu, im Fall ich wollte und der Herzog durch ein Reſeript das Hinderniß wegen der Religion zwiſchen uns aufhobe. Ich bin nur froh, daß Du nicht * „Schandbube!“ rief der alte Mann, indem er ſeine Hand um den Arm ſeines Sohnes ſchlang und ihn hin⸗ wegzog.„Geh auf Dein Zimmer; ich will ein Wort mit Dir ſprechen; und Sie, Jungfer Süßin, daß Sie ſich nimmer einfallen läßt, mit dem Sohne eines ehr⸗ lichen Chriſten, mit meinem Sohn ein Wort zu ſprechen, und wäre Ihr Bruder König von Jeruſalem, es würde meinem Hauſe dennoch keine Ehre ſein.“ Mit ſchwankenden, unſichern Schritten führte er ſeinen Sohn hinweg. Lea weinte laut, aber der Miniſter lachte höhniſch. „Parole d'honneur!“ rief er.„Das war eine ſchöne Scene; vergeſſen Sie übrigens nicht, Herr Ex⸗ peditionsrath, daß Sie nur noch vierzehn Tage Friſt zu Ihrer Werbung haben; bis dahin und von dort an werde ich mein Wort halten.“ . 10. Die an Furcht grenzende Achtung des jungen Lan⸗ bek hieß ihn geduldig und ohne Murren dem Vater folgen, und langjährige Erfahrungen über den Cha⸗ rakter des Alten verboten ihm in dieſem Augenblick, wo der Schein ſo auffallend gegen ihn war, ſich zu entſchuldigen. Der Landſchaftsconſulent warf ſich in ſeinem Zimmer in einen Armſeſſel und verhüllte ſein Geſicht. Beſorgt und ängſtlich ſtand Guſtav neben ihm und wagte nicht zu reden; aber die beiden ſchönen Schweſtern des jungen Mannes flogen herbei, als ſie die Schwäche des Vaters ſahen, fragten zärtlich, was ihm fehle, ſuchten ſeine Hände vom Geſicht herabzuziehen 67 und benetzten ſie mit ihren Thränen.—„Das iſt der Bube,“ rief er nach einiger Zeit, indem ſein Zorn über ſeine körperliche Schwäche ſiegte;„der iſt es, der das Haus Eures Vaters, unſern alten guten Namen, Euch, Ihr unſchuldigen Kinder, mit Elend, Schmach und Schande bedeckte; der Judas, der Vatermörder— denn heute hat er den Nagel in meinen Sarg geſchlagen.“ „Vater! Um Gottes willen! Guſtav!“ riefen die Mädchen bebend, indem ſie ihren bleichen Bruder ſcheu anblickten und ſich an den alten Lanbek ſchmiegten. „Ich weiß,“ ſagte der unglückliche junge Mann, nich weiß, daß der Schein gegen mich— „Willſt Du ſchweigen,“ fuhr der Conſulent mit glühenden Augen und einer drohenden Geberde auf. „Schein? Meinſt Du, Du könneſt meine alten Augen auch wieder blenden, wie damals nach dem Karneval? Nicht wahr, es wäre weit bequemer, wenn ſich dieſe beiden Augen ſchon ganz geſchloſſen, wenn ſie den alten Lanbek ſo tief verſcharrt hätten, daß keine Kunde von der Schande ſeines Namens mehr zu ihm dringt. Aber verrechnet haſt Du Dich, Elender! Enterben will ich Dich; hier ſtehen meine lieben Kinder, Du aber ſollſt ausgeſtoßen ſein, meines ehrlichen Namens beraubt, verflucht—⸗ „Vater!“ riefen ſeine drei Kinder mit einer Stimme; die Töchter ſtürzten ſich auf ihn, und zum erſtenmal wagte es Hedwig, ihre Lippen auf die gehei⸗ ligten Lippen des Vaters zu legen, indem ſie ihm den zum Fluch geöffneten Mund mit Küſſen verſchloß. Die Jüngere hatte ſich unwillkürlich vor Guſtay geſtellt, 64 Katholik biſt, da wäre es nicht möglich, aber ihr Pro⸗ teſtanten habt ja kein kirchliches Oberhaupt und ſeid doch eigentlich ſo gut Ketzer wie wir Juden.“ „Lea! Um Gottes willen, frevle nicht!“ rief der junge Mann mit Entſetzen.„Wer hat Dir dieſe Dinge geſagt? O Gott, wie ſoll ich Dir dieſen furchtbaren Irrthum benehmen?“ „Ach, geh' doch!“ erwiderte Lea.„Daß ich es wagte, mein verhaßtes Volk neben Euch zu ſtellen, bringt Dich auf. Aber ſei nicht bange; mein Bruder, ſagen die Leute, kann alles, er wird uns gewiß helfen, denn was er ſagt, iſt dem Herzog recht. Doch eine Bitte habe ich, Guſtav: willſt Du mich nicht bei den Deinigen einführen? Du haſt zwei liebenswürdige Schweſtern; ich habe ſie ſchon einigemal vom Fenſter aus geſehen; wie freut es mich, einſt ſo nahe mit ihnen verbunden zu ſein! Bitte, laß mich ſie kennen lernen.“ Der unglückliche junge Mann war unfähig, auch nur ein Wort zu erwidern; ſeine Gedanken, ſein Herz wollten ſtille ſtehen. Er blickte wie Einer, der durch einen plötzlichen Schrecken aller Sinne beraubt iſt, mit weiten, trockenen Augen nach dem Mädchen hin, das, wenn auch nicht in dieſem Augenblick, doch bald vielleicht, noch unglücklicher werden mußte als er, und das jetzt lächelnd, träumend, ſorglos wie ein Kind an einem furchtbaren Abgrund ſich Blumen zu ſeinem Kranze pflückte. „Was fehlt Dir, Guſtav?“ ſprach ſie ängſtlich, als er noch immer ſchwieg.„Deine Hand zittert in der meinigen; biſt Du krank? Du biſt ſo verändert.“ Doch — noch ehe er antworten konnte, ſprach eine tiefe 65 Stimme neben Lea:„Bon soir, Herr Erpeditions⸗ rath; Sie unterhalten ſich hier im Dunkeln mit Dero Braut? Es iſt ein kühler Abend; warum ſpazieren Sie nicht lieber herauf ins warme Zimmer? Sie wiſſen ja, daß mein Haus Ihnen jederzeit offen ſteht.“ „Mit wem ſprichſt Du hier, Guſtav?“ ſagte der alte Lanbek, der beinahe in demſelben Augenblick heran⸗ trat.„Deine Schweſtern behaupten, Du unterhalteſt Dich hier unten mit einem Frauenzimmer.“ „Es iſt der Miniſter,“ antwortete Guſtav beinahe athemlas. „Gehorſamer Diener,“ ſprach der Alte trocken; nich habe zwar nicht das Vergnügen, Ew. Excellenz zu ſehen in dieſer Dunkelheit, aber ich nehme Gelegenheit, meinen gehorſamſten Dank von wegen der Erhebung meines Sohnes abzuſtatten; bin auch ſehr charmirt, daß Sie ſo treue Nachbarſchaft mit meinem Guſtav halten.“ „Man irrt ſich,“ erwiderte Süß, heißer lachend, „wenn man glaubt, ich bemühe mich, mit dem Herrn Sohn im Dunkeln über den Zaun herüber zu parliren, ich kam nur, um meine Schweſter abzuholen, weil es etwas kühles Wetter iſt und die Nachtluft ihr ſchaden könnte.“ „Mit Ihrer Schweſter?“" ſagte der Alte ſtreng. „Burſche, wie ſoll ich das verſtehen, ſprich!“ „Echauffiren ſich doch der Herr Landſchaftsconſulent nicht ſo ſehr!“ erwiderte der Jude.„Jugend hat nicht Tugend, und er macht ja nur meiner Lea in allen CEhren die Cour.“ W. Hauffs Werke. III, „Schandbube!“ rief der alte Mann, indem er ſeine Hand um den Arm ſeines Sohnes ſchlang und ihn hin⸗ wegzog.„Geh auf Dein Zimmer; ich will ein Wort mit Dir ſprechen; und Sie, Jungfer Süßin, daß Sie ſich nimmer einfallen läßt, mit dem Sohne eines ehr⸗ lichen Chriſten, mit meinem Sohn ein Wort zu ſprechen, und wäre Ihr Bruder König von Jeruſalem, es würde meinem Hauſe dennoch keine Ehre ſein.“ Mit ſchwankenden, unſichern Schritten führte er ſeinen Sohn hinweg. Lea weinte laut, aber der Miniſter lachte höhniſch. „Parole d'honneur!“ rief er.„Das war eine ſchöne Scene; vergeſſen Sie übrigens nicht, Herr Ex⸗ peditionsrath, daß Sie nur noch vierzehn Tage Friſt zu Ihrer Werbung haben; bis dahin und von dort an werde ich mein Wort halten.“ 4 10. Die an Furcht grenzende Achtung des jungen Lan⸗ bek hieß ihn geduldig und ohne Murren dem Vater folgen, und langjährige Erfahrungen über den Cha⸗ rakter des Alten verboten ihm in dieſem Augenblick, wo der Schein ſo auffallend gegen ihn war, ſich zu entſchuldigen. Der Landſchaftsconſulent warf ſich in ſeinem Zimmer in einen Armſeſſel und verhüllte ſein Geſicht. Beſorgt und ängſtlich ſtand Guſtav neben ihm und wagte nicht zu reden; aber die beiden ſchönen Schweſtern des jungen Mannes flogen herbei, als ſie die Schwäche des Vaters ſahen, fragten zärtlich, was ihmfehle, ſuchten ſeine Hände vom Geſicht herabzuziehen 67 und benetzten ſie mit ihren Thränen.—„Das iſt der Bube,“ rief er nach einiger Zeit, indem ſein Zorn über ſeine körperliche Schwäche ſiegte;„der iſt es, der das Haus Eures Vaters, unſern alten guten Namen, Euch, Ihr unſchuldigen Kinder, mit Elend, Schmach und Schande bedeckte; der Judas, der Vatermörder— denn heute hat er den Nagel in meinen Sarg geſchlagen.“ „Vater! Um Gottes willen! Guſtav!“ riefen die Mädchen bebend, indem ſie ihren bleichen Bruder ſcheu anblickten und ſich an den alten Lanbek ſchmiegten. „Ich weiß,“ ſagte der unglückliche junge Mann, „ich weiß, daß der Schein gegen mich— „Willſt Du ſchweigen,“ fuhr der Conſulent mit glühenden Augen und einer drohenden Geberde auf. „Schein? Meinſt Du, Du könneſt meine alten Augen auch wieder blenden, wie damals nach dem Karneval? Nicht wahr, es wäre weit bequemer, wenn ſich dieſe beiden Augen ſchon ganz geſchloſſen, wenn ſie den alten Lanbek ſo tief verſcharrt hätten, daß keine Kunde von der Schande ſeines Namens mehr zu ihm dringt. Aber verrechnet haſt Du Dich, Elender! Enterben will ich Dich; hier ſtehen meine lieben Kinder, Du aber ſollſt ausgeſtoßen ſein, meines ehrlichen Namens beraubt, verflucht— „Vater!“ riefen ſeine drei Kinder mit einer Stimme; die Töchter ſtürzten ſich auf ihn, und zum erſtenmal wagte es Hedwig, ihre Lippen auf die gehei⸗ ligten Lippen des Vaters zu legen, indem ſie ihm den zum Fluch geöffneten Mund mit Küſſen verſchloß. Die Jüngere hatte ſich unwillkürlich vor Guſtay geſtellt, 68 ſeine Hand ergriffen, als wolle ſie ihn vertheidigen, der junge Mann aber riß ſich kräftig los; nie ſo, als in dieſem Augenblick glich ſein Geſicht, ſein drohendes Auge den Zügen ſeines Vaters, und die beengte Bruſt weit vorwerfend, ſprach er:„Ich habe Alles ertragen, was möglicherweiſe ein Sohn von ſeinem Vater ertra⸗ gen darf, ich habe aber noch andere Pflichten, meine eigene Ehre muß ich wahren, und wäre es mein eigener Vater, der ſie antaſtet. Es hätte Ihnen genügen kön⸗ nen, wenn ich bei Allem, was mir heilig iſt, verſichere, daß ich nicht das bin, wofür Sie mich halten. Wenn Sie keinen Glauben mehr an mich haben, wenn Sie mich aufgeben, dann bleibt nichts mehr übrig. Lebet wohl— ich will Euch nur noch eine Schande machen.“ „Du bleibſt!“ rief ihm der Alte, mehr ängſtlich, als befehlend nach.„Meinſt Du, dies ſei der Weg, einen gekränkten Vater zu verſöhnen? Haſt Du ſo ſehr Eile, mir voranzugehen, und einen Weg einzuſchlagen, wo ich Dich nie mehr träfe? Denn ich habe redlich und nach meinem Gewiſſen gelebt, Dich aber und Deine Abſicht verſtand ich wohl.“ „Aber Vater,“ ſprach ſeine jüngſte Tochter mit ſanf⸗ ter Stimme,„wir hatten ja alle Guſtav immer ſo lieb, und Sie ſelbſt ſagten ſo oft, wie tüchtig er ſei, was kann er denn ſo Schreckliches verbrochen haben, daß Sie ſo hart mit ihm verfahren?“ „Das verſtehſt Du nicht, oder ja, Du kannſt es verſtehen: des Juden Schweſter liebt er, und mit ihr und ſeinem Herrn Schwager Süß hat er ſich am Gar⸗ 4 69 tenzaun unterhalten. Jetzt ſprich! Kannſt Du Dich entſchuldigen? O ich Thor, der ich mir einbildete, man habe ihn, um mir eine Falle zu legen, erhoben und angeſtellt! Seine jüdiſche Charmante hat ihn zum Ex⸗ peditionsrath gemacht!“ „Der Vater will mich nicht verſtehen,“ ſprach der junge Mann, mit Thränen in den Augen,„darum will ich zu Euch ſprechen. Euch, liebe Schweſtern, will ich redlich erzählen, wie die Umſtände ſich verhalten, und ich glaube nicht, daß Ihr mich verdammen werdet.“ Die Mädchen ſetzten ſich traurig nieder, der Alte ſtützte: ſeine gefurchte Stirne auf die Hand und horchte auf⸗ merkſam zu. Guſtav erzählte anfangs erröthend und dann oft von Wehmuth unterbrochen, wie er Lea kennen gelernt habe, wie gut und kindlich ſie geweſen ſei, wie gerne ſie mit ihm geſprochen habe, weil ſie ſonſt Nie⸗ mand hatte, mit dem ſie ſprechen konnte. Er wieder⸗ holte dann das Geſpräch mit dem jüdiſchen Miniſter und deſſen argliſtige Anträge; er verſicherte, daß er nie dem Gedanken an eine Verbindung mit Lea Raum ge⸗ geben habe, und daß er dieſen Abend dem Miniſter es ſelbſt geſagt haben würde, wäre nicht der Vater ſo plötz⸗ lich dazwiſchen gekommen. „Du haſt ſehr gefehlt, Guſtav,“ ſagte Hedwig, ſeine ältere Schweſter, ein ruhiges und vernünftiges Mädchen. „Da Du nie, auch nur entfernt, an eine Verbindung mit dieſem Mädchen denken konnteſt, ſo war es Deine Pflicht, als redlicher Mann, Dich gar nicht mit ihr ein⸗ zulaſſen. Auch darin haſt Du ſehr gefehlt, daß Du nicht⸗ gleich damals ſchon Deinem Vater alles anvertraut haſt; 70 aber ſo haſt Du jetzt Deine ganze Familie unglücklich und zum Geſpött der Leute gemacht; denn meinſt Du, der Süß werde nicht halten, was er gedroht? Ach, er wird ſich an Papa, an Dir, an uns Allen rächen.“ „Geh, bitte den Vater um Verzeihung!“ ſprach das ſchöne Käthchen weinend.„Du mußt ihm nicht noch Vorwürfe machen, Hedwig, er iſt unglücklich genug. Komm, Guſtav,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſeine Hand ergriff und ihn zu dem Vater führte,„bitte, daß er Dir vergibt; ja, wir werden recht unglücklich werden, der böſe Mann wird uns verderben, wie er das Land verdorben hat, aber dann laſſet doch wenigſtens Frieden unter uns ſein. Wenn wir uns noch haben, ſo haben wir viel, wenn er uns alles Übrige nimmt.“ Der Alte blickte ſeinen Sohn lange, doch nicht un⸗ willig an.„Du haſt gehandelt wie ein eitler junger Menſch, und die Aufmerkſamkeit, die Dir dieſe Jüdin ſchenkte, hat Dich verblendet. Du haſt, ich fühle es für Dich, vielleicht ſchon ſeit geraumer Zeit, gewiß aber dieſen Abend dafür gebüßt. Katharine hat Recht; ich will Dir nicht länger grollen; wir müſſen uns jetzt gegen einen furchtbareren Feind waffnen. Glaubſt Du, daß er Wort halten wird, mit den vierzehn Tagen Friſt, die er Dir nachrief?“ „Ich glaube und hoffe es,“ antwortete der junge Mann.„uUm jene Zeit muß ſich mehr entſcheiden, als nur das Schickſal unſres Hauſes,“ fuhr der Alte fort; „Römchingen und Süß— oder wir; wer verliert, be⸗ zahlt die Zeche. Jetzt gelobe mir aber, Guſtav, die Jüdin nie mehr, weder im Garten noch ſonſt wo auf⸗ 71 zuſuchen, und unter dieſer Bedingung will ich Deine Thorheit verzeihen.“ Guſtav verſprach es mit bebenden Lippen und verließ dann das Zimmer, um ſeine Bewegung zu verbergen. Noch lange und mit unendlicher Wehmuth dachte er über das unglückliche Geſchöpf nach, deſſen Herz ihm gehörte und das er nicht lieben durfte. Er theilte zwar alle ſtrengen religiöſen Anſichten ſeiner Zeit, aber er ſchauderte über dem Fluch, der einen heimathloſen Menſchenſtamm bis ins tauſendſte Glied verfolgte und Jeden mit ins Verderben zu ziehen ſchien, der ſich auch den Edelſten unter ihnen auf die natürlichſte Weiſe nä⸗ herte. Er fand zwar keine Entſchuldigung für ſich und ſeine verbotene Neigung zu einem Mädchen, das nicht auch ſeinen Glauben theilte, aber er gewann einigen Troſt, indem er ſein eigenes Schickſal einer höheren Fügung unterordnete. Sein Vater und die Schweſtern unterhielten ſich noch lange über ihn und dieſe Vorfälle, und die Erinnerung an ſo manche ſchöne Tugend des jungen Mannes ver⸗ ſöhnte nach und nach den Alten, ſo daß er ſelbſt das Geheimhalten jener Vorſchläge des Miniſters einiger⸗ maßen entſchuldigte. Als aber ſpät Abends die beiden Schweſtern allein waren, ſagte Käthchen:„Wahr iſt es doch, Guſtav hat zwar gefehlt, aber an ſeiner Stelle hätte jeder Andere auch gefehlt. Ich habe ſie einmal am Fenſter und einmal im Garten geſehen; ſo ſchön und anmuthig ſah ich in meinem ganzen Leben nichts. Was ſind alle Geſichter in Stuttgart, was iſt ſelbſt die ſchöne Marie, von der man ſo viel Wunder macht, gegen dieſes herrliche Geſicht! Nein, Hedwig, ich hätte mich ſelber in ſie verlieben können.“ „Wie magſt Du nur ſo thöricht ſchwatzen!“ erwiderte Hedwig unwillig.„Mag ſie ſein wie ſie will, ſie iſt und bleibt doch nur eine Jüdin.“ 11. Nicht die unglückliche Liebe ihres Bruders allein war es, was in den folgenden Tagen die ſchönen Töch⸗ ter des Landſchaftsconſulenten Lanbek ängſtigte; nein, es war das ſonderbare und drückende Verhältniß, das zwiſchen Vater und Sohn zu herrſchen ſchien, was den vier ſchönen, blauen Augen im Stillen ſo manche Thräne koſtete. Man konnte nicht ſagen, daß ſie ſich finſter angeblickt, mürriſch gefragt oder kalt geantwortet hät⸗ ten; aber dennoch ſah man ihnen Beiden an, daß Gram und Sorgen ſie beſchäftigten; und die Mädchen wurden immer wieder in ihren Vermuthungen über den Grund dieſes Grämens irre geleitet, wenn ſie zuweilen den alten Mann und ſeinen Sohn in einer Fenſterniſche beiſammen ſtehen und zutraulicher, aber auch ernſter als je zuſammen flüſtern ſahen. Endlich wurden ſie ſo⸗ gar für drei Abende in der Woche förmlich aus dem großen Familienzimmer, das Winters Allen zum Aufent⸗ halt diente, verwieſen, und was ihres Wiſſens nie ge⸗ ſchehen war, Papa's kleines Bibliothekzimmer wurde ihnen für ſolche Abende beſonders geheizt, und ihnen die Erlaubniß gegeben, ſich an den trefflichen Juriſten und Philoſophen zu amüſiren. Freilich bedachten bei ſolchem Exil weder Vater noch 73 Sohn, daß man von der Bibliothek im obern Stock in das Studirzimmer, von dieſem in das Gaſtzimmer und von dem Gaſtzimmer in die ſogenannte Rumpelkammer kommen könne, von welcher eine viereckige Offnung, mit einem kleinen Deckel verſehen, in das Wohnzimmer hinab ging, um Luft oder Wärme in dieſes Gemach zu leiten; ſie bedachten auch nicht, daß weibliche Neugier wohl noch ſtärkere Schranken durchbrochen haben würde, als dieſe, die zwiſchen jener Kammer und der Bibliothek lagen. Einige Abende hatte übrigens doch noch ein mächti⸗ geres Gefühl als Neugierde die Mädchen in der Biblio⸗ thek zurückgehalten, nämlich Furcht. Hedwig behaup⸗ tete, ſchon öfters oben in jener Kammer Fußtritte und ein ſchreckliches Stöhnen gehört zu haben, und dem ſchönen Käthchen graute, dort hinzugehen, weil jenes Gemach nur eine dünne Wand aus Holz und Backſteinen von den Zimmern des gefürchteten Juden Süß trennte. Eines Abends jedoch, als man die Mädchen ſchon längſt weggeſchickt hatte, ſah Käthchen, die ſich bis auf die Mitte der Treppe hinabgeſchlichen hatte, drei Männer bei ihrem Vater eintreten, die ihre Neugierde aufs Höchſte trieben. Der erſte, der ſich langſam und ſchnaubend die untere Treppe heraufſchob und auf der Hausflur einige Minuten ſtehen blieb, um Athem zu ſammeln, war niemand Geringeres, als der lutheriſche Prälat Klinger. Seine ſchneeweiße Perrüke, ſeine Prälatenkette, die gerade auf dem Magen ruhte, und ſeine alten, verwitterten Züge flößten dem Mädchen ungemeine Ehrfurcht ein; ihm folgte haſtigen Schrittes der Oberſt und Stallmeiſter von Röder, ein Mann, 74 den mam für ſehr klug und tapfer, aber zugleich auch in ſeinen Sitten für ſehr unheilig hielt, und über den dritten hätte ſie beinahe laut aufgelacht, es war der fröhliche Kapitän Reelzingen, der ſo drollige Geſchich⸗ ten und Schnurren zu erzählen wußte, und ſie ſchon auf manchem Ball beinahe zum Lachen gebracht hatte. Heute hatte er ſein Geſicht in ganz ehrbare Falten ge⸗ legt und ſah gerade aus wie damals, als er ihr auf parole d'honneur ſchwur, daß er ſie vraiment liebe. Sie ſah ihm lächelnd nach, bis ſein ungeheurer Degen in der Thüre verſchwunden war, und eilte dann in das Bibliothekzimmer, wo ſie die blonde Hedwig traf, welche die Augen feſt zugeſchloſſen hatte, um nicht über ein Geſpenſt zu erſchrecken, wenn etwa zufällig eines in der Bibliothek auf⸗ und abwandelte.„Hente müſſen wir hinunter gucken!“ erklärte Käthchen.„Und komm nur jetzt gleich mit; denke Dir, die Leute kommen hier zuſammen wie beim Karneval. Haſt Du je ſonſt den Prälaten Klinger und den Kapitän Reelzingen in einem Zimmer geſehen, und dazu den Oberſt Röder und—“" ſetzte ſie hinzu, als die Schweſter zauderte— „ich müßte mich ſehr irren, wenn ich nicht, als die Thüre einmal aufging, auch Blankenberg geſehen hätte.“ Dieſer letzte Name entſchied; Käthchen nahm das Licht und ging mit pochendem Herzen voran, Hedwig folgte ihr, ſo nahe als möglich an die muthigere Schwe⸗ ſter gedrängt, und als Jene die verhängnißvolle Kam⸗ merthüre aufſchloß, hielt ſie ſich an ihrem Kleide. Die Offnung war gerade über dem Ofen des Wohnzimmers, das einen Stock tiefer lag, angebracht, und Käthchen — 7⁵ konnte, als ſie die Klappe aufzog, ſelbſt wenn ſie ſich auf die Knie legte und den Kopf tief herabbeugte, doch nicht mehr als vier oder fünf der verſammelten Männer ſehen; auch Hedwig beugte ſich jetzt herab und verſuchte es, noch tiefer zu blicken, als ihre Schweſter, aber ver⸗ drießlich ſtand ſie wieder auf und ſagte:„Nichts als den breiten Rücken des Prälaten, einige Perrüken und die Uniform des Oberſten kann ich ſehen; weißt Du denn gewiß, daß Blankenberg zugegen iſt?“ „Sicher!“ erwiderte Käthchen, ſchalkhaft lächelnd. „Doch laß uns horchen, was ſie ſprechen; vielleicht kennſt Du Deinen Liebhaher an der Stimme.“ Sie ſetzten ſich auf den Fußboden neben der Off⸗ nung und lauſchten; die angenehme Wärme, die von dem Ofen heraufdrang, und ihre Neugierde ließen ſie eine Zeitlang die empfindlichſte Kälte der Märznacht vergeſſen; endlich richtete ſich Hedwig unmuthig auf. „Meinſt Du, wir werden klug werden aus dieſem Ge⸗ plauder, wovon man nur die Hälfte verſteht? Sie ſchwatzen wieder, wie immer, vom Wohl des Landes, vom Herzog, von Süß, von Allem; was geht das uns an! Komm! Es iſt gar ſchaurig hier und kalt. Mäd⸗ chen, ſo ſteh' doch auf!“ Aber Käthchen winkte ihr zu ſchweigen; man hörte jetzt eben den Oberſt Röder mit beſtimmter und ver⸗ nehmlicher Stimme etwas vorleſen, die tiefe Stille umher unterbrach nur zuweilen ein ſchnell verrauſchen⸗ des Murmeln des Unwillens. Jetzt ſprach der alte Lanbek; Käthchens fröhliche Züge gingen nach und nach in Staunen und Angſt über; endlich als die Männer 76 unten wieder laut, aber beifällig zuſammen ſprachen und die Gläſer anſtießen, flog eine hohe Röthe über das ſchöne Geſicht des Mädchens, ihre Augen leuchteten, als ſie vorſichtig die Klappe ſchloß, die Lampe ergriff und mit ihrer Schweſter den Rückweg einſchlug. „Haſt Du was verſtanden?“ fragte Hedwig.„Du ſchienſt auf einmal ſo aufmerkſam; was haben ſie denn beſonders geſprochen?“ „Ich weiß nicht alles, ich kann nicht alles ſagen,“ erwiderte Käthchen nachdenkend;„mir iſt's, als hätte mir alles geträumt. Höre— aber ſchweig! Es könnte uns Alle unglücklich machen. Das ſind gefährliche Men⸗ ſchen in Vaters Zimmer unten. Mir graut, wenn ich daran denke, was daraus entſtehen kann.“ „So ſprich doch, einfältiges Kind! Ich bin zwei Jahre älter als Du, und Du ſollſt keine Geheimniſſe vor mir haben.“ „Denke Dir,“ fuhr Käthchen mit leiſer Stimme fort, „der Süß will uns katholiſch machen und die Landſchaft umſtürzen; da verlöre der Vater und alle Andern ver⸗ lören ihre Stellen!“ „Katholiſch rief Hedwig mit Entſetzen.„Da müßten wir ja Nonnen werden, wenn wir ledig blieben? Nein, das iſt abſcheulich!“ „Ach, warum nicht gar,“ erwiderte Käthchen, lä⸗ chelnd über den Jammer ihrer Schweſter, da müßte es viele Nonnen geben, wenn alle, die keine Männer bekommen, ins Kloſter gingen; aber ſei ruhig, es kommt nicht ſo weit. In drei Tagen, ſagte Röder, werde der Herzog verreiſen, und während er in Philippsburg iſt, 4 79 friedlichen Straßen anſehen, daß es einſt der Schauplatz ſo drückender Beſorgniſſe war? Wie beruhigt über den Gang der Dinge ſind die Enkel derer, die in jenem ver⸗ hängnißvollen März jede Stunde für das Schickſal ihrer Familien, für die alten Rechte ihres Landes, ſelbſt für ihren Glauben zittern mußten! Wer den übermüthigen Süß in ſeiner Karoſſe, mit ſechs Pferden beſpannt, durch die„reiche Vorſtadt“ fahren ſah, wie er ſtolz lächelnd auf die bleichen, feind⸗ lichen Geſichter herabblickte, die ihm überall begegneten; wer den ſchrecklichen Hallwachs, ſeinen innigen Freund und Rathgeber, neben ihm ſah, und bedachte, wie viele verderbliche Pläne dieſer Mann erſonnen, wie viele unerhörte Monopole er eingeführt habe und wie er immer neue zu erfinden trachte; wer das unbegrenzte Vertrauen kannte, das der Herzog in dieſe Menſchen ſetzte, der mußte wohl an der Möglichkeit der Rettung verzweifeln. Dazu kamen noch die ſonderbaren und widerſpre⸗ chenden Gerüchte, die im Umlauf waren. Die Einen ſag⸗ ten, der Herzog ſei nach Philippsburg und Kehl gereist⸗ habe aber das Regiment nicht an den Geheimenrath, ſondern das Siegel dem Juden Süß gegeben; Andere widerſprachen und behaupteten, man habe den Herzog an einem Fenſter des Ludwigsburger Schloſſes geſehen, auch ſeien ſeine Pferde noch dort und er ſei nicht abge⸗ reist. In einem Dorf an der öſterreichiſchen Grenze im Oberland ſollten die Katholiken plötzlich über die pro⸗ teſtantiſchen Einwohner hergefallen ſein, und als Letztere den Kampfplatz behaupteten, ſei eine Compagnie Kreis⸗ truppen über die Grenze herein ins Dorf gerückt. Am ſonderbarſten klang das Gerücht, das ſich überdies noch beſtätigte, der Oberfinanzrath Hallwachs habe ein koſt⸗ bares Meßgewand beim Hofſticker beſtellt, und ihm befohlen, es bis zum achzehnten März fertig zu machen, und wenn er mit fünfzig Geſellen arbeiten müßte; bringe er es nicht fertig, ſo werde er eingeſetzt. Ein lutheriſcher Geiſtlicher, den man mit Namen nannte, ſoll den Kin⸗ vern in der Schule Kreuzchen, aus Holz geſchnitzt, geſchenkt haben, mit den Worten:„Nur wenn Ihr dieſe in Händen haltet, könnet Ihr recht beten.“ End⸗ lich erzählte man ſich als etwas Verbürgtes, der Jude habe zum Herzog über der Tafel geſagt:„Ihre Stände, Durchlaucht, ſind eigentlich⸗Widerſtände; aber ſie ſtehen ſchon ſo lange, daß ſie müde und matt ſind.“ Karl Alexander habe ihm lächelnd zur Antwort gegeben: „G'est vrai; allons donc leur donner des chaises, et une fois assis, ils ne se leveront plus.“ Auch jene Männer, die entſchloſſen waren, dem drohenden Ver⸗ derben zuvorzukommen, hörten dieſe Gerüchte. Aber ſie waren dabei kalt und ruhig; wußten ſie ja doch, Wür⸗ temberg ſtehe eine ſolche Veränderung bevor, daß es entweder erleichtert, oder ſo tief ins Unglück geſtürzt werden würde, daß der Jammer des Einzelnen davor verſtummen müßte. Man erzählt ſich, ſie haben alles, was dazu gehört, einem mächtigen und bösartigen Feind mit Hülfe des Landvolks zu begegnen, vorbereitet ge⸗ habt, und wenn ihr Unternehmen gelingen follte n verdankten ſie es nur den wenigen hellſtrahlenden Namen einiger Männer aus der Landſchaft; denn an dieſe war 81 man in Württemberg gewöhnt, das Intereſſe des Lau⸗ des zu ketten.’ Es war ſpät Abends den elften März, als der Landſchaftsconſulent Lanbek mit ſeinem Sohne und dem Kapitän Reelzingen in ſeiner Wohnſtube beim Weine ſaß. Die beiden Lanbek waren ernſt und düſter, der Kapitän aber konnte auch jetzt ſeinen fröhlichen Lebens⸗ muth nicht verbergen, denn er theilte ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit und ſein Geſpräch zwiſchen der Fenſterniſche, wo die beiden Schweſtern Guſtavs ſaßen, und zwiſchen den beiden Männern an ſeiner Seite. Hedwig ſah bleich und ſtill vor ſich hin auf ihre Nadeln, aber auf Käth⸗ chens Geſichtchen lag eine höhere Röthe als gewöhnlich, und alle Augenblicke zeigte ſie die weißen Zähne und die ſchönen Grübchen in ihren Wangen, denn der Ka⸗ pitän wußte wieder wunderſchöne Späße und Geſchichten. „Wie iſt Euer Pferd, Kapitän?“ fragte der alte Lanbek. „Mein Fuchs iſt ein beſſerer Infanteriſt als ich ſelbſt,“ erwiderte er.„Wenn ich die ſechs erſten Stun⸗ den Trab und bergauf Schritt reite, ſo kann ich die nächſten ſechs bequem Galopp reiten. Er hat nur ei⸗ nen Fehler, den, daß er noch nicht bezahlt iſt, und macht mir durch dieſe Untugend oft großen Jammer.“ „Ihr könnt,“ fuhr der Alte fort,„wenn Ihr von der Galgenſteige an ſcharf Trab reitet, zwiſchen elf und zwölf Ludwigsburg paſſiren; um vier Uhr müßt Ihr in Heilbronn ſein, und dort laßt Ihr die Pferde ruhen; zwiſchen acht und zehn Uhr ſeid Ihr morgen in Ohringen.“ W. Hauffs Werke. III. 6 „Aber, Vater,“ fiel Guſtav ein,„wäre es nicht rathſamer, gegen Heidelberg zu reiten? Ich wollte darauf wetten, wir ſind gegen Ohringen hin nicht mehr ſicher. Bedenken Sie, daß der Deutſchorden dort tief herein ſich erſtreckt, daß ſie in Mergentheim gewiß von dem Biſchof in Würzburg unterrichtet ſind, daß— 4 „Daß,“ fuhr der Vater fort,„Ihr auf der Straße nach Heidelberg dielmehr auffallet, und daß Ihr, wenn Ihr etwa die Gegend nicht mehr rein fändet, eine letzte Zuflucht bei meinem alten Herrn und Gönner, dem Herzog in Neuſtadt, habt, der Euch gewiß in den er⸗ ſten Tagen nicht herausgibt. Iſt dann Karl Alexan⸗ der zufrieden mit dem, was wir hier gethan, ſo kön⸗ net Ihr immer zurückkehren; wo nicht, ſo gehet Ihr, wwie ſchon geſagt, weiter nach Frankfurt.“ „Gott! Daß ich Euch in einer ſolchen Kriſis zurück⸗ laſſen ſoll!“ rief Guſtav mit Thränen.„Daß ich viel⸗ leicht an Eurem Unglück ſchuldig bin; daß alles ſchlecht gehen kann, wenn Süß meine Flucht erfährt und ſich an Ihnen, Vater, raͤcht! Nein, ich kann, ich darf nicht gehen!“ „Nein, Vater,“ fiel Hedwig ein, indem ſie noch bleicher als zuvor herbeieilte und ihres Vaters Hand ergriff,„er darf uns nicht verlaſſen; oh, Ihr habt ſchreckliche Dinge vor, ich weiß es wohl, Ihr wollt eine Verſchwörung gegen die mächtigen Menſchen ma⸗ chen. Laſſen Sie ab davon, Vater; Süß und die uaneg werden Ihnen verzeihen; ach, mich tödtet die Angſt!”“ „Geh'’ Mädchen,“ ſprach Käthchen, die auch heran⸗ getreten war;„was Männer thun und was unſer Va⸗ ter thut, geht uns nichts an. Aber warum ſoll denn gerade jetzt Guſtav ſo ſchnell hinweg? Er könnte uns Allen ſo nützlich ſein.“ „Weil ich keine Jüdin zur Tochter mag,“ ſagte der Alte ſtreng,„darum ſoll er fort. Weil ich ein Brief⸗ chen ſeiner Charmanten aufgefangen und mit Proteſt an den Juden geſchickt habe, und weil dieſer jetzt wü⸗ thet und Euren Bruder mit Gewalt zum Schwager haben oder auf Neuffen ſetzen will, darum ſoll und muß er ihm jetzt aus dem Wege gehen. Doch, ich wollte Dir in dieſer Stunde nicht wehe thun, Guſtav; wir ſcheiden als Freunde, und alles Andere ſoll vergeſſen ſein; wer weiß, wann und wo wir uns wieder ſehen!“ Indem der Alte die letzten Worte ſprach und ſei⸗ nem Sohn die Hand reichte, wurde ſchnell und heftig an der Thüre gepocht, und ehe noch Jemand antwor⸗ tete, trat plötzlich eine Geſtalt in einen Mantel gehüllt ein.„Was ſoll dies?“ fuhr der alte Lanbek auf.„Wer drängt ſich ſo bei Nacht in mein Haus, wer ſind Sie?“ „Blankenberg!“ rief Hedwig, als Jener den Man⸗ tel abwarf, und trat ſchnell und erröthend einige Schritte vor. „Verzeihung, Herr Conſulent,“ ſprach der junge Mann eilend,„die Noth muß mich entſchuldigen. Gu⸗ ſtav, Du mußt im Augenblicke fort; der Lieutenant Pinaſſa ſchrieb mir ſo eben, daß er Dich auf Befehl des General Römchingen heute Nacht zwiſchen elf und zwölf Uhr aufheben müſſe. Der ehrliche Junge möchte Dich nicht gern im Neſt treffen.“ „Dank, Dank,“ erwiderte der Alte, indem er Blan⸗ I I kenberg die Hand drückte.„Trinket aus, Kinder, und macht den Abſchied ſchnell; hier, mein lieber Reelzin⸗ gen,“ fuhr er fort, und drückte dem überraſchten Ka⸗ pitän einen großen Beutel in die Hand;„man kann nicht wiſſen, ob ſich Euer Weg nicht theilt. Sie ſind ſo edelmüthig, meinen Sohn zu begleiten— „Und mit Geld wollen Sie dies lohnen?“ unter⸗ brach ihn der Kapitän unmuthig.„Parole d'honneur, Herr! ich begleite meinen Bruder, weil wir alte Ami⸗ ciſten ſind, und nicht wegen Ihrer Spießen. Da ſoll mich doch—“ „Reelzingen,“ ſagte Käthchen mit ihrer ſüßen Stimme,„Ihr verſteht doch gar keinen Scherz; es ſind lauter Kupfermünzen, und ich habe dem Vater den Beutel gegeben, Euch in April zu ſchicken.“ „Ich verſtehe,“ flüſterte der Kapitän, indem er er⸗ röthend dem ſchönen Mädchen die Hand küßte;„ich will Euch dafür etwas Schönes von Frankfurt mit⸗ bringen.“ „Bringet mir,“ antwortete ſie, indem ſie die Thrä⸗ nen nicht mehr zurückhalten konnte,„nur unſern Gu⸗ ſtav wohlbehalten zurück, und,“ ſetzte ſie durch Thrä⸗ nen lächelnd hinzu,„machet mir keine tollen Streiche, die Euch verrathen könnten.“ „Die Pferde ſind vor dem Seethor,“ ſprach der Alte zu Reelzingen und ſeinem Sohn.„Ihr dürft nicht das Thor ſelbſt paſſiren; denn die erſte Runde iſt ſchon vorüber. Begleiten Sie meinen Sohn, Herr von Blan⸗ kenberg, durch die Gärten und bringen Sie mir Nach⸗ richt, wie ſie fortgekommen ſind.“ 8⁵ Der junge Lanbek umarmte Vater und Geſchwiſter, die Schweſtern folgten ihm und ſeinen Freunden wei⸗ nend bis unter die Gartenthüre, und als nachher Hed⸗ wig ihre jüngere Schweſter bitter tadelte, weil ſie erlaubt habe, daß der Kapitän ſie auf den Mund küſſe, ant⸗ wortete Jene:„Du haſt gefehlt, nicht ich, daß Du es unterlaſſen haſt; ſolche Höflichkeit waren wir einem Manne ſchuldig, der für unſern Bruder ſo viel thut.“ „Ei,“ erwiderte Hedwig erröthend,„Blankenberg hat ihn eigentlich doch auch gerettet.“ 13. Die beiden jungen Männer ritten ſchweigend durch die finſtere Nacht hin. Kein Stern war am Himmel, und der Wind heulte um die Berge.„Hu! Siehſt Du dort?“ flüſterte Reelzingen, als ſie an dem eiſernen Galgen vorbeiritten, den einſt(1597) Herzog Friederich dem Alchymiſten Honauer aus dem Metall errichten ließ, das er in Gold zu verwandeln verſprochen hatte. „Schau, dieſe ungeheure Menge Raben, es iſt, als witterten ſie eine neue Beute.“ Sein Freund blickte ſchweigend hinauf, ſchlug aber plötzlich wieder die Augen nieder, denn ihm war, als ſähe er Lea's feine, liebliche Geſtalt klagend unter dem Galgen ſitzen.„Feſt genug iſt dieſe Schandſäule aus Eiſen,“ fuhr der Kapitän fort, um alle Schurken im Lande zu tragen; aber wollte man das Gold mit auf⸗ hängen, das ſie eingeſackt haben, würde ſelbſt dieſer Galgen, wie ein morſcher Stab zuſammenbrechen! Wie dieſe Raben ſchaurige Melodien ſingen! Doch wie?— Dieu nous garde, Camerade! Gib Deinem Roß die Sporen, wahrhaftig, dort ſitzt ein Geſpenſt am Galgen!“ Es war, als ob die Pferde ſelbſt dieſen Ort des Schreckens fürchteten, denn auf dieſen Ruf jagten ſie mit Sturmeseile den Berg hinan und waren uicht mehr ruhig, bis man das Gekreiſch der Raben nicht mehr hörte. Es liegt eine kleine Brücke zwiſchen Stuttgart und Ludwigsburg, von welcher das Volk viel Schauerliches. zu erzählen weiß; ſo viel iſt gewiß, daß ſchon Unerklär⸗ liches dort vorgefallen iſt, und daß mancher Mann ſein Gebet ſpricht, wenn er Nachts allein über dieſe Stelle reitet. Die Sage berichtet, daß der Sohn des Conſulenten und ſein Freund, der muntere Kapitän, glücklich und in kurzer Zeit bis an jene Brücke gekommen ſeien; dort aber ſeien ihre Pferde nicht mehr von der Stelle gegan⸗ gen und haben geſchnaubt und gezittert. Die jungen Leute ſpornten und gebrauchten ihre Peitſchen, als eine alte, zitternde Stimme rief:„Gebt einem alten Mann doch ein Almoſen!“ „Wer wird bei Nacht und Nebel den Beutel ziehen? Zurück Alter, von der Brücke weg, unſere Pferde ſcheuen vor Euch, zurück ſag' ich, oder Ihr ſollt meine Peitſche fühlen!“ „Nicht ſo raſch, junges Blut! Nicht ſo raſch ſagte der Alte, deſſen dunkle Geſtalt ſie jetzt auf dem Brückengeländer ſitzen ſahen.„Eile mit Weile! Kom⸗ met noch früh genug, gebet einem alten Mann ein Almoſen!“ 87 „Jetzt iſt meine Geduld zu Ende,“ rief der Kapi⸗ tän und ſchwang ſeine Peitſche in der Luft.„Ich zähle drei, wenn Du nicht weg biſt, hau' ich zu.“ Der Alte hüſtelte und kicherte; Guſtav kam es vor, als wachſe ſeine dunkle Geſtalt ins Unendliche und— ein langer Arm ſtreckte einen großen Hut heran, und zum drittenmal aber drohend und mit furchtbarer Stimme krächzte der Mann von der Brücke:„Einem alten Mann gib ein Almoſen! Es wird Dir Glück bringen, und reite nicht ſo ſchnell; vor zwölf Uhr darfſt Du nicht dort ſein.“ Reelzingen ließ kraftlos und zitternd ſeinen Arm ſinken; er geſtand nachher, daß ihn eine kalte Hand angefaßt habe. Guſtav aber zog mit pochendem Herzen die Boͤrſe und warf ein Silberſtück in den großen Hut. „Wie viel Uhr iſt’s, Alter?“ fragte er. „Weiß keine Stund' als zwölf Uhr,“ ſprach die Ge⸗ ſtalt, die wieder auf dem Geländer zuſammenkauerte, mit dumpfer Stimme.„Dank Dir, ſollſt Glück haben; reit zu!“ Er ſagte es und ſtürzte rücklings mit einem dumpfen Fall in den Sumpf, über den die Brücke führte. Entſetzt gab Reelzingen ſeinem Pferde die Spo⸗ ren, daß es ſich hoch aufbäumte und dann in zwei Sprüngen über die Brücke ſetzte. Guſtav aber hielt er⸗ ſchrocken ſein Pferd an, ſtieg ab und blickte über das Geländer der Brücke. Es rührte ſich nichts.„Alter!“ rief er hinab,„haſt Du Schaden genommen? Kann ich Dir helfen?“— Keine Antwort, und alles war ſtill unten wie im Grabe. Jetzt faßte auch den jungen Lan⸗ bek eine unerklärliche Angſt; er fühlte, als er aufſtieg, 88 wie ſein Pferd zitterte; er wagte es nicht, ſich noch einmal nach dem grauenvollen Orte umzuſehen, als er ſeinem Freund nachjagte. „Das iſt das zweitemal, daß er mir begegnet iſt,“ flüſterte Reelzingen tief aufathmend, als Lanbek wieder an ſeiner Seite war. „Wer?“ fragte dieſer betroffen. „Der Teufel,“ antwortete der Kapitän. Lanbek gab ihm keine Antwort auf die ſonderbare Rede, und ſie jagten weiter durch die Nacht hin. In Zuffenhauſen ſchlug es Viertel vor zwölf Uhr, als ſie durchritten; in den meiſten Häuſern brannten noch die Kerzen, und da und dort hörte man geiſtliche Lieder aus den Stuben. Der Nachtwächter ſtieß eben ins Horn und rief die Stunde; der Kapitän hielt an und fragte ihn, was die ſpäten Geſänge und Gebete zu be⸗ deuten haben. „Ach Herr! Das iſt eine arge Nacht,“ antwortete dieſer,„es hat ein Mann an vielen Häuſern gepocht und befohlen, die Leute ſollen die ganze Nacht bis zwölf Uhr beten.“ „Wer iſt der Mann?“ fragte Lanbek ſtaunend. „Alte Leute, Herr, die ihn geſehen haben, ver⸗ ſichern, es ſei unſer alter Pfarrer geweſen; Gott hab' ihn ſelig, er iſt ſeit zwanzig Jahren todt; aber es war ja nichts Unchriſtliches, was er verlangte, darum beten und ſingen ſie in den Lichtkarzſtuben und ſpinnen dazu.“ „Dieſe Nacht kann mich noch wahnſinnig machen,“ rief der Kapitän, indem ſie wegritten.„Guſtav, ich glaube, heute Nacht geht er leibhaftig auf der Erde 89 8 um; ich denke, es wäre gerade jetzt die beſte Zeit, den alten Burſchen zu eitiren, wenn man etwa ſchnell Oberſt werden oder zweimalhunderttauſend ſpaniſche Quadrupel haben möchte.“ 3 „Thor!“ antwortete der Freund.„Der, den Du meinſt, hat mit dem Gebet nichts gemein.“ Es war, als ob ihre Pferde nur zum Schein die Beine aufhöben, denn jede Viertelſtunde, die ſie zurück⸗ legten, ſchien zu einer neuen anzuwachſen. Noch immer wollte Ludwigsburg nicht erſcheinen und die Nacht war ſo finſter, daß ſie auch an der Gegend nicht erkennen konnten, ob ſie fehlgeritten oder ob ſie der Stadt ſchon nahe ſeien. Endlich, nachdem ſie etwa wieder eine halbe Stunde geritten ſein mochten, ſahen ſie in der Entfernung von etwa tauſend Schritten Lichter ſchim⸗ mern, fanden aber auch zugleich ihren Weg durch vier Pferde verſperrt, die an einen Reiſewagen geſpannt, quer über die Landſtraße ſtanden. „Führ' deine Pferde hinweg, Fuhrmann!“ rief der Kapitän,„oder meine Peitſche wird ſie bald wegge⸗ trieben haben; warum verſperrſt Du den Weg?“ „Gemach, ihr Herren, ſoll gleich geſchehen,“ ant⸗ wortete ein Mann, der von dem Wagen ſtieg. Aber die Zeit, die er dazu brauchte, die herabgefallenen Zügel aufzunehmen und zu ordnen, dauerte dem raſchen Sol⸗ Laten zu lange, er verſuchte über die ſchlaff liegenden Stränge des vorderſten Geſpanns wegzuſetzen, und forderte ſeinen Freund auf, ein Gleiches zu thun; doch wie es in ſolchen Fällen blinder Eile zu geſchehen pflegt, in demſelben Augenblick zog der Mann am Wagen die . 90 Zügel an, und das Pferd des Kapitäns blieb mit einem Fuß in den ſtraff aufgerichteten Strängen hängen. Lanbek ſprang ab, um dem Freund zu helfen, der Kutſcher lief bedauernd herzu, und eben war der Fuß des unbezahlten Roſſes frei, als man einige Reiter in aller Eile von der Stadt herbeijagen hörte. Der erſte mochte einen Vorſprung von fünfhundert Schritten, aber kein gutes Pferd haben, denn der Kapitän unter⸗ ſchied deutlich, daß es kurzen Paradegalopp ging, die Tritte der nachfolgenden Pferde ſchlugen zwar minder kräftig auf, waren aber flüchtiger.„Platz— allons! — Platz!“ rief der erſte Reiter; aber in demſelben Augenblick hörten auch die beiden jungen Männer eine bekannte Stimme, die mit dem wildeſten Ausdruck rief: „Halt, Inde! oder ich ſchieß Dich mitten durch den Leib.“ Unter dem Volke in Würtemberg hört man zuweilen noch einen Reim, der dieſen merkwürdigen Moment bezeichnet, er heißt: 4 „Da ſprach der Herr von Röder; Halt oder ſtirb entweder!⸗ Und der alte Oberſt war es auch, der in dieſem Augen⸗ blick ſeinen Begleitern weit voran, eine Piſtole in der Hand, anſprengte, den erſten Reiter wüthend am Arm packte und ſchrie:„Wohinaus, Jude? Warum ſo ſchnell zu Roß, als ich Dir nachrief zu warten?“ „Mäßigt Euch, Herr Oberſt,“ erwiderte der erſte mit ſtolzem Ton, in welchem aber doch einige Angſt durchzitterte;„ich gehe nach Stuttgart, der Frau Her⸗ 91 zogin Durchlaucht zu ſagen, was in dieſem Augenblick für Maßregeln—“ „Das iſt auch mein Weg, Herr! erwiderte der Oberſt mit furchtbarer Stimme; und keinen Augenblick geht Ihr von meiner Seite, ſonſt werde ich mit meiner Piſtole Beſchlag auf Euch legen. Platz da, wer ſteht hier im Weg?“ „Der Kapitän von Reelzingen von der erſten Com⸗ pagnie und der Expeditionsrath Lanbek.“ „Guten Abend, meine Herrn!“ fuhr Röder fort. „Habt Ihr geladene Piſtolen, Kapitän?“ „Ja, mein Herr Oberſt,“ war die Antwort des Soldaten, indem er ſie aus den Halftern losmachte. „Ich commandire Euch, in welchem Auftrag Ihr jetzt auch ſein möget, auf der linken Seite des Herrn Miniſters Süß zu reiten. Bei Eurem Dienſt und Eurer Ehre als Edelmann, ſobald er Miene macht zu entflie⸗ hen, jagt ihm eine Kugel nach. Die Verantwortung nehme ich auf mich.“ „Herr Expeditionsrath,“ rief Süß,„ich nehme Euch zum Zeugen, daß mir hier ſchändliche Gewalt geſchieht. Oberſt Röder, ich warne Sie noch einmal; dieſer Auf⸗ tritt ſoll gerächt werden!“ „Aber Herr von Röder,“ flüſterte Guſtav;„ums Himmelswillen, übereilen Sie nichts, bedenken Sie, was daraus entſtehen kann. Bedenken Sie,“ ſetzte er lauter hinzu,„den furchtbaren Zorn des Herzogs.“ „Der Herzog iſt todt,“ ſagte Röder laut genug, daß es Alle hören konnten. „Karl Alexander todt?“ rief der Kapitän, auf den 92² alle Begebenheiten dieſer Nacht mit einemmal in ſchreck⸗ lichen Erinnerungen hereinſtürzten. „Hat man ſichere Nachricht? Gott! Welch' ein Fall!“ ſagte Guſtav beſorgt.„War er in Kehl?“ „Er iſt in Ludwigsburg vor einer Viertelſtunde ſchnell und plöͤtzlich geſtorben. Drum iſt es unſere Pflicht, dieſen Herrn da, der ſich mit der Regierung ſehr ſtark beſchäftigte, ſchnell an das verwaiste Staats⸗ ruder zu bringen.“ „Wie, in Ludwigsburg, ſagt Ihr,“ rief Lanbek, „und ſchnell geſtorben? O ewige Vorſicht!“ „In dieſem Ludwigsburg hier, ſagte Röder weh⸗ müthig,„und im Bette am Schlag geſtorben. Friede mit ſeiner Aſche! Er war ein tapferer Herr. Aber jetzt weiter, Ihr Freunde, daß die Nachricht nicht vor uns nach Stuttgart kömmt!“ „Meine Herren,“ rief Süß mit einer Stimme, die Zorn und Angſt beinahe erſtickte.„Noch bin ich Mi⸗ niſter, und erinnere Sie an das Edikt des Herzogs, das mich von aller Verantwortung freiſpricht; ich ſage Ihnen, es kann Ihnen Allen ſchlimm gehen, wenn Sie ſich mit Herrn von Röder verbinden. Im Namen des Herzogs und ſeines Erben befehle ich Ihnen, von mir abzulaſſen.“ „Jetzt hat Dein Reich ein Ende, Jude!“ rief der Kapitän, lachte wild, riß ihm den Zaum aus der Hand und ſchlug ſein Pferd mit der langen Peitſche auf den Rücken; der Oberſt ritt an der rechten Seite, ſeine Piſtole in der Hand: der Zug ſetzte ſich in Galopp, und Guſtay folgte halb träumend durch das ſingende Dorf, f 93³ an dem alten Mann, der heiſer lachend wieder auf der Brücke ſaß, und an dem Galgen vorüber, wo die Raben krächzten und mit den Flügeln ſchlugen. Erſt hier, als er einen ſcheuen Blick nach der Richtſtätte warf, fiel ihm mit ängſtlicher Ahnung Lea und ihr unglückliches Schickſal bei. 14. Als die Stuttgarter am Morgen nach dieſer ver⸗ hängnißvollen Nacht erwachten, wurden ſie von zwei beinahe ganz unglaublichen Nachrichten überraſcht. Der Herzog ſei, ſtatt außer Landes verreist zu ſein, in dieſer Nacht zu Ludwigsburg ſchnell geſtorben. Er war ein geſunder, kräftiger Mann geweſen, dem Mancher, der ihn geſehen, wohl noch zwanzig bis dreißig Jahre gegeben hätte. Die Klagen um ſeinen Tod verſtummten beinahe vor der Freude über eine andere Nachricht, der Jude Süß ſei mit mehren der höchſten Hofherren im Ludwigsburger Schloß geweſen, als der Herzog ſo plötzlich ſtarb; er habe ſich alſobald, nachdem er die Leiche geſehen, aufs Pferd geſchwungen und ſei halb wahnſinnig Stuttgart zu geritten; Herr von Röder aber, ein Mann, mit dem ſich nicht ſpaßen laſſe, habe ihn eingeholt und bewacht nach Stuttgart geführt. Man lachte über die ſonderbare Verblendung des Ju⸗ den; als er nämlich von der Frau Herzogin, welcher er noch in der Nacht aufgewartet hatte, um zu condoliren, heraustrat und eine Eskorte nach Haus verlangte, weil er wichtige Akten holen müſſe, ſchloß ſich ein Lieute⸗ nant mit ſechs Mann an ihn an. Am Ende des Corri⸗ dors machte ihm ein Hauptmann das Complimeut und folgte mit zwölf Mann; Jener meinte zwar lächelnd, „es ſei zu viel Ehre,“ als er aber an Lanbeks Haus um die Ecke bog, und vier Schildwachen vor ſeinem Palais bemerkte, als er oben an der Treppe Bajonette blitzen ſah, und Lea bleich, verſtört und weinend ihm entgegen ſtürzte, da merkte er, welche Stunde geſchlagen habe, und rief:„Ciel, je suis perdu!“ Obgleich das Teſtament des verſtorbenen Herzogs im Fall ſeines Todes eine Adminiſtration beſtellt hatte, welche ſeinen Miniſtern angenehmer geweſen wäre, ſo übernahm doch Herzog Rudolf von Neuſtadt, trotz ſeines hohen Alters als der nächſte Agnat, die Admini⸗ ſtration, und das Land fühlte ſich erleichtert und zu⸗ frieden dabei. Er ließ, außer anerkannt ſchlechten Menſchen, jeden in der Würde, in der er unter der vorigen Regierung ſtand, und es war dies wirklich eine Art von Gnadenakt, wenn man bedenkt, daß früher zwei Drittheile aller Aemter im Lande gekauft worden waren. Nur Einer war nicht zufrieden mit dem Amt, das ihm der Herzog Adminiſtrator mit den huldreichſten Ausdrücken beſtätigt hatte; es war der junge Lanbek. Er wurde nicht nur als Expeditionsrath aufs Neue er⸗ nannt, ſondern, als der alte Röder, im Feuer der Freundſchaft für den Landſchaftsconſulenten, deſſen Sohn als einen klugen Kopf und trefflichen Juriſten ſchilderte, wählte ihn der Herzog ſogar in die Com⸗ miſſion, die den Prozeß gegen den Juden Süß zu führen hatte. Der alte Lanbek fühlte ſich dadurch nicht wenig geehrt und nannte ſeinen Sohn mehremale den Stolz 95 und die Stütze ſeines Alters: aber Guſtav machte dieſe Wahl unausſprechlich unglücklich. Nicht als ob er nicht, wie jeder andere Bürger, den Mann verdammt hätte, der das Land in ſo tiefes Elend geſtürzt; nicht als ob es gegen ſein Gewiſſen geweſen wäre, Verbrechen ans Licht zu ziehen, die man ſo künſtlich verborgen hatte; aber Lea, es war ja ihr Bruder, den er richten ſollte, und der Gedanke war es, der ihm dieſes Geſchäft zum Abſcheu machte. Kleine Seelen ſättigen ſich gerne an Rache, und Manchem wäre es eine innige Freude ge⸗ weſen, einen Mann, der noch vor kurzem ſo hoch ſtand, jetzt in der tiefſten Kaſematte der Feſtung zu beſuchen, mit herriſcher Stimme ihn von ſeinem Lager aufzu⸗ jagen und ihn zu martern und zu peinigen. Dieſer Mann hatte ſich noch überdies gegen Guſtav perſönlich verfehlt, er hatte ihn mit dem empörendſten übermuth behandelt, ihm ſogar mit demſelben Gefängniß gedroht, in welchem er jetzt ſelbſt, bange um künftige Freiheit, vielleicht ſelbſt um ſein Leben, ſchmachtete. Aber das Herz des jungen Mannes war zu groß, als daß es hätte freudig pochen ſollen, als er zum erſtenmal als Richter in den Kerker des Mannes trat, der jetzt entblößt von aller irdiſchen Herrlichkeit, angethan mit zerlumpten Kleidern, bleich, verwildert ſich langſam aus ſeinen raſſelnden Ketten aufrichtete. Erinnerte ihn doch jetzt noch dieſes Geſicht an die Züge eines unglücklichen, ge⸗ liebten Weſens; und er konnte ſich kaum der Thränen enthalten, als nach dem Schluſſe des Verhörs der Ge⸗ fangene ſprach:„Herr Lanbek, es gibt ein unglückliches, unſchuldiges Mädchen, das wir Beide kennen; als man 96 in meinem Hauſe verſiegelte, haben ſie die rohen Men⸗ ſchen auf die Straße geſtoßen— ſie war ja eine Jüdin und verdiente alſo kein Mitleid.— Mir, Herr, iſt kein Pfennig geblieben, womit ich ihr Leben friſten könnte; ich weiß nicht, wo ſie iſt— wenn Sie etwas von ihr hören ſollten— ſie hat nichts als das Kleid, das ſie trug, als man ſie von der Schwelle ſtieß— geben Sie ihr aus Barmherzigkeit ein Almoſen.“ Der junge Mann ließ ſeinen Thränen freien Lauf, als er allein den Berg von Hohenneuffen herabſtieg; er erfuhr zwar nachher, daß ihn der Jude belogen habe, daß er, obgleich man über 500,000 Gulden in Gold und Juwelen in ſeinem Hauſe fand, doch beinahe 100,000 in Frankfurt in ſichern Händen habe, und Guſtay konnte leicht einſehen, daß ihn Süß durch dieſe Vorſtellungen von Elend nur habe weich ſtimmen wollen; aber dennoch konnte er den Gedanken nicht entfernen, daß Lea verlaſſen und unglücklich ſei, und dieſer Gedanke wurde immer peinlicher, als er trotz ſeiner Nachforſchungen keine Spur von ihr entdecken konnte. Der Frühling, Sommer und Herbſt waren vorüber⸗ gegangen, und noch immer dauerte der Prozeß. Es waren Dinge zur Sprache gekommen, wovor ſelbſt den kälteſten Richtern graute; aber obgleich der junge Lan⸗ bek der Commiſſion mit edlem Unwillen vorſtellte, daß noch vier andere Männer nicht minder ſchuldig ſeien als Süß, ſo ſchien man doch nur gegen dieſen ernſtlich verfahren zu wollen, weil ihn der allge ineine Haß als den Schuldigſten bezeichnete. 97 Es war an einem trüben Oktoberabend;— der alte Conſulent war ſeit einigen Tagen verreist, und ſein Sohn arbeitete im Bibliothekzimmer an einem neuen Verhör,— als ſeine jüngere Schweſter, jetzt die glückliche Braut des Kapitän Reelzingen, ernſter als gewöhnlich zu ihm eintrat. Sie ſprach anfangs Gleichgültiges, ſchien aber nur mit Mühe eine Thräne unterdrücken zu können, die endlich wirklich in dem ſanften Auge glänzte, als ſie fragte, ob er ihr nicht zürnen werde, wenn ſie eine bekannte Perſou zu ihm führe? Er ſah ſie ſtaunend und verwundert an, doch noch ehe er eine Antwort zu geben vermochte, eilte Käthchen weinend aus dem Zimmer und trat bald dar⸗ auf mit einem verſchleierten Mädchen wieder ein. Noch ehe die trübe Kerze ihre Umriſſe deutlich zeigte, noch ehe ſie den Schleier zurückſchlug, ſagte ihm ſein ahnen⸗ des Herz, wen er vor ſich habe; erröthend ſprang er auf, aber ſchon hatte die Unglückliche ſich vor ihm niederge⸗ worfen, den Schleier zurückgeſchlagen, und Lea war es, welche die einſt ſo geliebten Angen düſter und bittend zu ihm aufſchlug und die bleichen, magern Hände in einander gerungen, flehend nach ihm hinſtreckte.„Barm⸗ herzigkeit!“ rief ſie:„Nur nicht ſterben laſſen Sie ihn; man ſagt, er müſſe ſterben; ſeine einzige Hoffnung ruht noch auf Ihnen. Wo ſoll ich Worte nehmen, Ihr großmüthiges Herz zu erweichen? Welche Sprache ſoll ich erdenken, an ein Ohr zu ſprechen, das mich einſt ſo wohl verſtand?“— Thränen ließen ſie nicht weiter reden, und auch Käthchen weinte bitterlich. Voll von Schmerz und Ueberraſchung faßte Guſtav ihre kalten W. Hauffs Werke. III. 7 6 98 Hände und richtete ſie auf; er ſah ſie an— wie ſchmerz⸗ lich war ihm ihr Anblick! Ihre Wangen waren bleich und eingefallen, die ſchönen Augen lagen tief, und der Mund, der ſonſt nur zum Lächeln geſchaffen ſchien, zeigte, daß er jenes ſüße Lächeln längſt nicht mehr kenne. Das ſchwarze Haar, das um die weiße Stirne hing, und das bleiche Geſicht vollendeten das Geſpenſtige ihres Anblicks. „Lea! Unglückliche Lea!“ rief der junge Mann. „Wie lange haben Sie ſich verborgen gehalten und Ihren Freunden den letzten Troſt geraubt, zu wiſſen, ob es Ihnen an nichts gebricht, ob die Freunde etwas für Sie thun können?“ „Ach! Das iſt es nicht, um was ich Ihre edelmüthige Schweſter gebeten habe, mich hieher zu führen,“ ſagte ſie ſchmerzlich lächelnd.„Warum ſoll es mir denn nicht gut gehen? Ich habe alle meine Hoffnungen und Träume längſt begraben, ich pflanzte die Erinnerungen als Blumen auf das Grab, und begieße dieſe Blumen mit meinen Thränen. Nein! Sie waren immer ſo groß⸗ müthig gegen Unglückliche, geben Sie mir nur den Troſt, daß mein Bruder nicht ſterben muß. Ach! es iſt ſo bitter zu ſterben, und was nützt ſein Tod dieſem Lande? „Lea,“ antwortete der junge Mann verlegen,„ge⸗ wiß, es iſt bis jetzt noch nicht die Rede davon geweſen, und ich glaube auch nicht— Sie dürfen ſich tröſten— es wird nicht ſo weit kommen.“ „Es wird, und in Ihrer Hand liegt ſein Schickſal,“ flüſterte ſie;„er hat es mir geſagt, ich habe ihn ge⸗ ſprochen:„„Wenn nur der Brief nicht wäre, der Brief 99 kann mich verderben.“n O Guſtav! Halten Sie ihn Jahre lang, auf immer im Gefängniß, was liegt an ihm, wenn er in Ketten ſitzt? Nurnicht ſterben; Guſtav, ſein Sie edelmüthig— vergeſſen Sie den Brief, um den Niemand weiß als Sie— mit jener ſchwachen Kerze dort können Sie das Leben eines Menſchen retten.“ „Bruder,“ ſagte Katharine näher tretend, indem ſie ſeine Hand faßte,„thu' es, Dein Gewiſſen kann nicht gefährdet werden, denn er iſt ja auf immer un⸗ ſchädlich gemacht; verbrenne den Brief, er kann ſich ja verloren haben.“ Der junge Mann ſah die weinenden Mädchen an; ein unabweisbares Gefühl kämpfte in ihm, er ſchwankte einen Augenblick, und Lea, die dieſen Kampf in ſeinen Mienen las, faßte ſeine Hand, drückte ſie ſtürmiſch an ihr Herz, zog ſie zärtlich an ihre Lippe.„Er will!“ rief ſie entzückt.„Oh, ich wußte es wohl, er iſt edel; er will ſich nicht, wie die Andern, an dem Unglücklichen rächen, der ihn einſt beleidigt hat, er läßt ihn nicht ſterben, belaſtet mit Sünden, er läßt ihn leben und fromm und weiſe werden. Wie gütig biſt Du, o Gott, daß du noch deiner Engel einen geſendet haſt auf dieſe öde Erde, der mit der offenen Hand der Barmherzigkeit ſegnet, und nicht mit dem flammenden Schwert der Rache den Verbrecher zerſchmettert!“ „Nein— nein— es iſt nicht möglich!“ ſprach Lanbek mit tiefem Schmerz.„Sieh, Lea, mein Leben möchte ich hingeben, um Deine Ruhe zu erkaufen, aber meine Ehre! Meinen guten Namen! Es iſt nicht möglich! Sie wiſſen um dieſen Brief, Einige haben ihn 100 geleſen und— morgen ſoll ich ihn vortragen. Käth⸗ chen! Sprich, ich beſchwöre Dich, kann, darfich es thun?“ 3 Käthchen weinte, und eine leiſe Bewegung ihres Hauptes ſchien anzudeuten, daß es auch ihr unmöglich ſcheine. Lea aber hatte ihm mit ſtarren Blicken zuge⸗ hört; üher die bleichen Wangen ergoß ſich die Röthe der Angſt, ſie beugte ſich vor, als könne ſie die ſchreck⸗ liche Verneinung nicht recht vernehmen; ſie ſah, als ſich Guſtav auf ſeine Schweſter berief, mit einem Blick voll ſchmerzlicher Zuverſicht nach dieſer hin, ſie ſtreckte die Hand krampfhaft aus, wie ein Ertrinkender, der nach dem ſchwachen Zweig am Ufer die Hand ausſtreckt— vergebens. „So muß er ſterben,“ ſagte ſie nach einer Weile leiſe,„und Du— Du brichſt ihm den Stab? Das war es alſo, warum ich lebte— und liebte? Es iſt ein ſonderbares Räthſel, das Leben! Hätte ich dies gedacht, als ich noch ein fröhliches Kind war? Hätte ich gedacht, daß wir ſo untergehen müßten?“ 4 „Armes, unglückliches Mädchen!“ ſprach Käthchen und ſchloß ſie in ihre Arme.„Ach, gewiß, er kann nicht anders handeln, ich ſehe es ſelbſt ein; und wenn es Dich tröſten kann, komm zu mir, ſo oft Du willſt, Du ſollſt gewiß treue Theilnahme finden— „Lea,“ unterbrach ſie ihr Bruder,„wenn wir etwas für Sie thun können; Sie ſind an Wohlſtand gewöhnt — dieſes Kleid hier ſagt mir, daß Sie in Noth ſind.“ „Komm, Lea,“ fuhr Käthchen fort,„wir ſind bei⸗ nahe von derſelben Größe, nimm von meinen Tüchern, 101 von meinen Kleidern, Du machſt mir Freude, wenn Du es thun willſt.“ „Das Vermögen Ihres Bruders, das er außer Landes beſitzt,“ ſagte Guſtav,„ſoll und muß für Sie gerettet werden, Sie haben die nächſten Anſprüche, und ich will gewiß das Meinige thun.“ „Guter Guſtav,“ unterbrach ſie ihn, indem ſie ſich zu einem Lächeln zwang;„laſſen wir das; die Leute ſa⸗ gen, daß er ſein Vermögen den Armen dieſes Landes entzogen habe. Da hatte er Unrecht, und es wäre beſſer, er hätte dieſes Land nie geſehen; aber ebenſo unrecht wäre es von mir, von dieſem Golde Gebrauch zu machen, das ihm den Tod bringen wird. Aber von Dir, liebes, ſchönes Mädchen, nehme ich ein Tuch an, weil es jetzt ſo kalt wird. Ich hoͤre, Du biſt Braut; ſei doch recht glücklich! Möchten dies die letzten Thränen ſein, die jetzt in Deinen Wimpern hängen; und wenn Du weinen mußt, ſo ſei es nur fremdes Unglück, um das Dein ſchönes Herz trauert.“ „Lea,“ ſagte der junge Mann mit tiefem Schmerz, ſich kann Dich nicht ſo hinweglaſſen; es iſt die trügeri⸗ ſche Ruhe der Verzweiflung, die aus Dir ſpricht. Beſuche doch meine Schweſter; ſage, wo Du wohnſt.— Ach, wenn Du Mangel litteſt!— Scheide nicht im Groll von mir, Lea! Gott weiß, daß ich nicht anders konnte!“ „Und auch ich weiß es, Guſtav, und war ein thö⸗ richtes Mädchen, Dich auf dieſe gefährliche Probe zu ſtellen; unſer Unglück iſt ſo groß, daß eine kleine Hülfe mit Deiner Chre, mit Deiner Ruhe zu theuer erkauft wäre. Lebet wohl! Ich brauche wenig, vielleicht bald 102 gar nichts mehr, und ſollte ich etwas nöthig haben, ſo bin ich nicht zu ſtolz, zu dieſer Freundin zu kommen, der einzigen, die mir das Unglück erworben hat.“„ „Und vergibſt Du?“ ſagte Guſtav mit Thränen. „Ich habe nichts zu vergeben,“ erwiderte ſie, in⸗ dem ſie ihm mit mehr Faſſung, als die beiden Geſchwi⸗ ſter erhalten hatten, die Hand bot.„Lebe wohl, Freund! Ich gehe, meine Blumen zu begießen. Möge der Gott meiner Väter Dich ſo glücklich machen, als es Dein reiches Herz verdient!“ Sie ſagte es, warf noch einen Blick voll Liebe auf ihn und ging, von Käthchen begleitet. Der junge Mann blickte ihr wehmüthig nach; es war ihm, als hätte dieſe Stunde einen mächtigen Ein⸗ fluß auf ſein Leben, aber er ahnete auch, daß er das unglückliche Mädchen zum letztenmal geſehen habe. 15. Es würde unſere Leſer ermüden, wollten wir ſie von dem Prozeß des Juden Süß noch länger unter⸗ halten. Es ging damals wie ein Lauffener durch alle Länder und wird da und dort noch heute erwähnt, daß am vierten Februar 1738 die Württemberger ihren Finanzminiſter wegen allzugewagter Finanzoperationen aufgehängt haben. Sie hingen ihn an einem ungeheu⸗ ren Galgen von Eiſen in einem eiſernen Käfig auf. Im Dekret des Herzog Adminiſtrators heißt es:„Ihme zu wohlverdienter Straff, jedermänniglich aber zum ab⸗ ſcheulichen Exempel.“ Beides, die Art, wie dieſer un⸗ glückliche Mann mit Württemberg verfahren konnte, und ſeine Strafe ſind gleich auffallend und unbegreif⸗ 10⁰³ lich zu einer Zeit, wo man ſchon längſt die Anfänge der Civiliſation und Aufklärung hinter ſich gelaſſen, wo die Blüte der franzöſiſchen Literatur mit unwider⸗ ſtehlicher Gewalt den gebildeteren Theil Europa's auf⸗ wärts riß. Man wäre verſucht, das damalige Württemberg der ſchmählichſten Barbarei anzuklagen, wenn nicht ein Umſtand einträte, den Männer, die zu jener Zeit gelebt haben, oft wiederholen, und der, wenn er auch nicht die That rechtfertigt, doch ihre Nothwendigkeit darzu⸗ thun ſcheint.„Er mußte,“ ſagen ſie,„nicht ſowohl für ſeine eigenen ſchweren Verbrechen, als für die Schand⸗ thaten und Pläne mächtiger Männer am Galgen ſter⸗ ben.“ Verwandtſchaften, Anſehen, heimliche Verſpre⸗ chungen retteten die Andern, den Juden konnte und mochte Niemand retten, und ſo ſchrieb man, wie ſich der alte Landſchaftsconſulent Lanbek ausdrückte,„was die übrigen verzehrt hatten, auf ſeine Zeche.“ Es ſind ſeitdem neunzig Jahre verfloſſen, und wir wiſſen nicht, ob damals der ſchmähliche Tod dieſes Mannes die Ge⸗ müther über alles Frühere beruhigte und befriedigte. Ein Edikt des Adminiſtrators wenigſtens ſcheint es nicht ganz zu beweiſen, denn er ſah ſich genöthigt, zu verordnen:„daß die Unterthanen alle widrigen Nach⸗ reden und ungleichen Urtheile über den hochſeligen Herrn, bei Strafe und Ahndung, vermeiden, und den⸗ ſelben im ſchuldigſt⸗reſpektuöſeſten Andenken halten ſollen.“ Der alte Lanbek that das Letztere auch ohne dies Edikt, denn ſo oft der Name Karl Alexanders genannt 104 wurde, lüftete er mit beſorgter Miene ſein Mützchen und ſagte:„Gott habe ihn ſelig!“ Er folgte auch dem hochſeligen Herrn noch unter der Vormundſchaft Ru⸗ dolphs von Neuſtadt. Man ſagt, ſein Sohn habe nie wieder gelächelt, und ſelbſt Schwager Reelzingen konnte ihm mit den herrlichſten Späßen keine heitere Miene abgewinnen. Noch Anno 93 ſah man ihn als einen hohen, magern Greis an einem Stock über die Straße ſchreiten; ſeine Miene war ernſt und düſter, aber ſein Auge konnte zuweilen weich und theilnehmend ſein. Er hat nie geheirathet, und die Sage ging damals, daß er nur einmal, und ein unglückliches Mädchen ge⸗ liebt habe, das ihren Tod im Neckar freiwillig fand. Männer, die ihn gekannt haben, verſichern, daß er, ge⸗ wöhnlich kalt und verſchloſſen, dennoch ſehr intereſſant in der Unterhaltung geweſen ſei, wenn man ihn auf gewiſſe metaphyſiſche Unterſuchungen brachte, mit wel⸗ chen er ſich in ſeinem hohen Alter hauptſächlich beſchäf⸗ tigte. Er ſtarb, betrauert von Vielen, die ihn und ſein Schickſal kannten, und beweint von den Armen und Unglücklichen. Mein Großvater pflegte von ihm zu ſagen:„Es war einer von jenen Menſchen, die, wenn ſie einmal recht unglücklich geweſen ſind, ſich nicht mehr an das Glück gewöhnen mögen.“ Die letzten Ritter von Marienburg. Eine Novelle. 1. „Guten Morgen, Neffe der Muſen!“ rief mit mun⸗ terem Ton der junge Rempen einem Bekannten zu, dem er am Markt begegnete.„Ihre Augen leuchten, Ihre Mienen drücken eine gewiſſe Behaglichkeit aus, und ich wollte wetten, Sie haben heute ſchon gedichtet.“ „Wie man wlll, beſter Stallmeiſter,“ entgegnete Jener,„in Reimen zwar nicht, aber an meinem neuen Roman habe ich ein paar Kapitel geſchrieben.“ „Wie, an einem neuen Roman? Das iſt göttlich, auf Ehre! Aber bitte Sie, warum ſo geheim mit ſol⸗ chen Dingen, ſo verſchloſſen gegen die nächſten Bekann⸗ ten und Freunde? Sonſt ließen Sie doch hin und wieder ein Wörtchen fallen über Anordnung und Charaktere; laſen mir und Andern einige Strophen; wie kömmt es denn, daß dies Alles nun vorüber iſt?“ „War es Euch denn wirklich intereſſant?“ fragte der Dichter nicht ohne wohlgefälliges Lächeln.„Ich muß geſtehen, mir ſelbſt kommt, wenn ich etwas nie⸗ dergeſchrieben habe, alles ſo leer, ſo gemein, ſo lang⸗ weilig vor, daß ich mich ennuyrte, wenn ich es nur in den Reviſionsbogen wieder durchlas; da dachte ich denn, es könnte Euch auch ſo gehen—“ „Uns! Gewiß, es machte uns immer Vergnügen!“ 108 „Gut, laſſen Sie uns dort bei dem Italiener ein⸗ treten und etwas trinken, dabei will ich Ihnen den Plan meines neuen—“ „Wie!“ rief der Freund des Dichters lachend.„So frühe ſchon am Tage in die Reſtauration? Sind wir denn Leute aus einer neumodiſchen Novelle, daß wir gleich Anfangs, des Tages nämlich, in einem Wirths⸗ haus ſitzen müſſen, als ob es außer der Kirche und der Weinſtube kein öffentliches Leben mehr geben könnte!“ „Wie kommen Sie nur auf dieſe Vergleichung!“ entgegnete Jener.„Wie oft waren wir Morgens bei Primaveſi!“ „Es ging mir nur ſo durch den Kopf, ſprach der Stallmeiſter;„geſtehen Sie ſelbſt, ſeit Tieck mit Mar⸗ low und Green im Wirthshaus zuſammen kam, glauben ſie Alle, es könne keinen ſchicklicheren Ort geben, um eine Novelle anzufangen; erinnern Sie ſich nur an die Almanache des letzten Jahres; doch Sie ſelbſt ſind ja ſolch ein Stück von einem Poeten, und wenn Sie durch⸗ aus heute mit dem Italiener anfangen wollen, ſo mögen Sie Ihren Willen haben.“ „Sie werden erwartet, Herr Doktor Zundler,“ ſagte der Italiener, als die beiden Männer in den Keller traten,„der Buchhändler Kaper ſitzt ſchon ſeit einer Viertelſtunde im Eckſtübchen und fragte oft nach Ihnen.“ Der Stallmeiſter machte Miene ſich entfernen zu wollen, Doktor Zundler aber faßte haſtig ſeine Hand. „Bleiben Sie immer,“ rief er,„kommen Sie mit zu dem Buchhändler, er wird wohl von meinem neuen Roman gehört haben und mir Verlag anbieten; da kön⸗ 109 nen Sie einmal ſehen, wie unſer Einer Geſchäfte macht, habe ich ja ſelbſt ſchon oft Ihren Pferdeeinkäufen bei⸗ gewohnt.“ Der Stallmeiſter folgte; in einer Ecke ſah er einen kleinen, bleichen Mann, der haſtig an einem Rippchen zehrte, und ſo oft er einen Biß gethan, Lippen und Finger ableckte; er erinnerte ſich, dieſe Figur hie und da durch die Straßen ſchleichen geſehen zu haben, und hatte den Mann immer für einen Krämer gehalten; jetzt wurde ihm dieſer als Buchhändler Kaper vorgeſtellt. Zur Verwunderung des Stallmeiſters ſprach er nicht zuerſt den Dichter, ſondern ihn ſelbſt an:„Herr Stall⸗ meiſter,“ ſprach er, ſchon lange habe ich mich geſehnt, Ihre werthe Bekanntſchaft zu machen. Wenn Sie oft an meinem Gewölbe vorbeiritten, ritten, ich darf ſagen, wie ein Gott, da ſagte ich immer zu meinem Buchhalter, und auf Ehre es iſt wahr, Winkelmann, ſagte ich(Sie kennen ihn ja, Herr Doktor), Winkelmann, es fehlt uns ſchon lange an einem tüchtigen Pferde⸗ und Berei⸗ terbuch. Der Pferdealmanach erſcheint ſchon lange nicht mehr, und was letzthin der Herr Baptiſt bei den Kunſt⸗ reitern geſchrieben, iſt auch mehr für Dilettanten, ob⸗ gleich die Vignette ſchön iſt, Sie haben ja den Menſchen perſönlich geſehen, Herr Doktor; nun, ſagte ich, ein ſolches Buch zu ſchreiben, wäre der Herr Stallmeiſter von Rempen ganz der Mann. Etwa fürs Erſte achtzehn bis zwanzig Bogen, ſtatt der Kupfer nehmen wir Litho⸗ graphien—“ „Bemühen Sie ſich nicht,“ erwiderte der junge Nempen, mit Mühe das Lachen unterdrückend.„Ich 110 bin zum Büchermachen verdorben; es geht mir nicht von der Hand, und überdies, Herr Kaper, bei unſe⸗ rem Metier, gerade bei unſerem muß der Jüngere ſich beſcheiden. Da kömmt es auf Erfahrung an.“ „Und ich dächte, Sie hätten Verlag genug,“ ſagte der Doktor, wie es ſchien, etwas ärgerlich, von dem Buchhändler nicht gleich beachtet worden zu ſein. „O ja, Herr Doktor, Verlag genug, was man ſo verlegene Bücher nennt; ich könnte Deutſchland in allen Monaten, die ein R haben, mit Krebſen verſehen, Sie wiſſen ja ſelbſt.“ „Ich will nicht hoffen,“ rief der Dichter hoch errö⸗ thend,„daß Sie damit etwa mein griechiſches Epos meinen—“ „Mit nichten, gewiß nicht, wir haben doch hundert etwa abgeſetzt und die Koſten ſo ziemlich gedeckt, und der Herr Doktor werden mir nicht übel nehmen, wenn ich ſage, es war eine frühe Arbeit, eine Jugendarbeit, hat doch auch Schiller nicht gleich mit dem Tell ange⸗ fangen, ſondern zuerſt die Räuber geſchrieben, und überdies noch die erſte Ausgabe bei Schwan und Göz, wo Franz Moor noch in den Thurm kömmt, die gar nicht ſo gut iſt als die zweite; aber ſeit man Ihre vor⸗ treffliche Novelle in der Amathuſia für 1827, ſeit man Ihre Recenſionen und Kritiken, und die Sonette vor vier Wochen geleſen hat, läßt ſich Großes erwarten.“ Der Dichter ſchien beruhigt.„Ich habe Sie immer für einen Mann von geſundem Urtheil gehalten, Herr Kaper,“ ſprach er mit gütigem Lächeln;„haben Sie vielleicht ſchon von meinem neuen Roman gehört?“ 111 „Ich habe, ich habe,“ erwiderte der Buchhändler mit ſchlauer Miene;„und wo, rathen Sie, wo ich da⸗ von gehört habe? Sie errathen nicht? Warum kom⸗ men denn der Herr Doktor ſo gerne in meine Gewölbe? Etwa wegen meiner Leihbibliothek, auf welche Sie im⸗ mer zu ſchimpfen belieben, oder wegen des Vis-à-Vis?“ „Wie!“ rief der junge Mann und drückte die Hand des Buchhändlers.„Hätte etwa Eliſe—“ „Eliſe Wicklow, meinen Sie?“ fragte der Stall⸗ meiſter, etwas näher rückend. „Ja, meine Herren! Fräulein Wicklow,“ fuhr Herr Kaper, vertraulich flüſternd fort,„doch nicht zu laut, wenn ich bitten darf; denn ſo eben hat ſich der Ober⸗ juſtizreferendär Palvi dorthin gepflanzt in ſeine täg⸗ liche Ecke—⸗ „Welcher iſt es?“ fragte der Stallmeiſter, ſich um⸗ kehrend.„Ich hörte mancherlei von dieſem Menſchen, ſonderbares Gerede von den Einen und hohes Lob von Andern; der junge Mann, der ſo düſter in ſein Glas ſieht, iſt Palvi?“ „Es iſt nicht viel an ihm,“ bemerkte der Dichter. „Auf der Univerſität— ich war noch ein Jahr mit ihm in Göttingen,— war er ſo eine Art von Poeta⸗ ſter; einmal las ich ein paar gute Gedanken von ihm, die er zu einem Feſt gemacht hatte; hier treibt er ein elendes, wüſtes Leben und kömmt ſelten in gute Ge⸗ ſellſchaft.“ „Aber gerade wegen Fräulein Wicklow dürfen wir vor ihm nicht zu laut werden,“ flüſterte der Buchhänd⸗ ler.„Ich weiß, er kam, als er noch auf Schulen war, zuweilen hinüber ins Haus, und wie mir meine Tochter ſagte, ſoll einmal ein Verhältniß zwiſchen den beiden Leutchen— „Wie?“ rief der Stallmeiſter geſpannt. „Poſſen!“ entgegnete der Dichter, indem er auf ſei⸗ nen eleganten Anzug einen Blick herabwarf.„Er ſieht aus wie ein Landſtreicher; bringen Sie mir Eliſe auch nicht in Gedanken mit dieſem Menſchen zuſammen. Ich weiß, ſie liebt die Poeſie; alles Erhabene, Schöne ge⸗ fällt ihr, und ſagen Sie aufrichtig, hat ſie von meinem Roman geſprochen?“ „Sie hat, und wie! Sie iſt ein beleſenes Frauen⸗ zimmer, das muß man ihr laſſen; keine in der ganzen Stadt iſt ſo delikat in der Auswahl ihrer Lektüre. So kommt es, daß ſie immer in einer Art von Verbindung mit mir ſteht, und wenn ich etwas Neues habe, bringe ich es gleich hinüber, denn ich ſelbſt habe es in meinen alten Tagen gerne, wenn ein ſo ſchönes Kind„„lieber Herr Kaper““ zu mir ſagt und gütig und freundlich iſt. Es war letzten Sonntag, daß ich ihr den Roman, die letzten Ritter von Marienburg, brachte, noch unaufge⸗ ſchnitten, ich hatte ihn ſelbſt noch nicht geleſen. Sie hatte eine kindiſche Freude und ſprach recht freundlich und viel. Und wie wir ſo plaudern, komme ich auch auf Ihre Novelle, welche ſie ungemein lobte und Styl und Erfin⸗ dung pries. Und ſo ſagte ſie denn, ob ich auch ſchon ge⸗ hört, daß Sie einen neuen Roman ſchreiben?“ „Ja,“ fiel der Dichter feurig ein,„und einen Ro⸗ man ſchreibe, Kaper, wie Deutſchland, Europa noch keinen beſitzt.“ 113 „Hiſtoriſch doch?“ fragte der Buchhändler zwei⸗ felhaft. „Hiſtoriſch, rein geſchichtlich, aber dies unter uns!“ „Hiſtoriſch, das möchte ich auch rathen,“ ſprach der Verleger, eine große Priſe nehmend.„Das iſt gegen⸗ wärtig die Hauptſache. Wenn man es ſo bedenkt, es iſt doch eine ſonderbare Sache um den deutſchen Buch⸗ handel. Ich war Commis in Leipzig, als Wilhelm Mei⸗ ſter zuerſt erſchien. Werther und Siegwart waren Mode geweſen, hatten Nachahmung gefunden lange Zeit. Aber mein Principal ſagte:„„Er wird ſehen, Kaper(damals ſprach man noch per Er mit den Subjekten), Er wird ſehen, über kurz oder lang geſchieht eine Veränderung.“a So war's auch, wir gaben anfänglich nicht viel um den Wilhelm Meiſter, es ſchien uns ein gar konfuſes Buch; aber ſiehe da, man ſchrieb allenthalben nach dieſem Mu⸗ ſter, und Mancher hat ſich ein ſchönes Stück Geld da⸗ mit gemacht. Wieder eine Weile, ich hatte meine eigene Handlung etablirt, lag mir oft das Wort meines alten Prinzipals im Sinn: Alles im Buchhandeliſt nur Mode. Wer eine neue angibt, iſt Meiſter. Wie ich mich auf et⸗ was Neues beſinne und einen Menſchen ſuche, der etwas Tüchtiges ſchreiben thäte,— da haben wir's, kömmt Fouqué mit den Helden und Altdeutſchen, und alles machte nach. Und jetzt hat der Walter Scott wieder eine neue Mode gemacht. Ich möͤchte mir die Haare ausraufen, daß ich keine Taſchenausgabe machte, und nichts bleibt übrig, als etwa deutſche hiſtoriſche Romane, die gehen noch.“ „Fürwahr!“ bemerkte der Stallmeiſter lächelnd,„ſo W. Hauffs Werke. III. 8 ⸗ 114— habe ich bisher ohne T Brille geleſen, und der deutſche Parnaß iſt in ganz andern Händen, als ich dachte. Nicht um das Intereſſe der Literatur ſcheint es ſich zu handeln, ſondern um das Intereſſe der Verkäufer?“ „Iſt alles ſo ganz genau verknüpft,“ antwortete Herr Kaper mit großer Ruhe,„hängt alles ſo feſt zu⸗ ſammen, daß es ſich um den Namen nicht handelt! Deutſche Literatur! Was iſt ſie denn anders, als was man alljährlich zweimal in ⸗ Leipzig kauft und verkauft? Je weniger Krebſe, deſto beſſer das Buch, pflegen wir zu ſagen im Buchhandel.“ „Aber der Ruhm?“ fragte der junge Rempen. „Der Ruhm? Herr, was nützt mich Ruhm ohne Geld? Gebe ich eine Sammlung gelehrter⸗ Reiſen mit Kupfern heraus, die mich ſchwer Geld koſketen, ſo hat zwar meine Firma den Ruhm, das Buch Serlegt zu ha⸗ ben. Aber wer kauft's, wer nimmt’'s, wer liest das Ding? Sechs Bibliotheken und ein paar Bücherſamm⸗ ler, das iſt alles, und wer geprellt iſt, bin ich. Nein, Herr von Rempen! Eine vergriffene Auflage gon einem Roman, eine Meſſe von höchſtens dreißig Krebſen, das iſt Ruhm, der ächte, nämlich Ruhm mit Geld.“ „Das iſt alſo ungefähr wie Thee mit Rum, es ſchmeckt beſſer,“ erwiderte der Stallmeiſter;„aber ich meinte den ſchriftſtelleriſchen Ruhm.“ „ nun, das iſt etwas anderes,“ antwortete er, „den haben die Herrn neben dem Honorar umſonſe Und den weiß man ſich zu machen, ſehen Sie— „ Doch die Forſchungen des Herrn Kaper wurden hier auf eine unangenehme Weiſe durch einen Lärm unter⸗ brochen, der im Laden des Italieners entſtand. Neu⸗ gierig ſah man nach der Thüre, welche durch ein Glasfenſter einen überblick über den unteren Theil des Gewölbes gewährte. Ein ältlicher und zwei jüngere Herren ſchienen in heftigem Streit begriffen; jeder ſprach, jeder focht mit den Händen; der eine ſtürzte end⸗ lich mit hochgerötheten Wangen aus dem Laden, die beiden andern, noch keuchend vom Wortkampf, traten in das Gewölbe, wo die Freunde ſaßen. „Herr Rath! Was iſt mit Ihnen vorgefallen!“ rief Dr. Zundler beim Anblick des älteren Mannes, der, ein gedrucktes Blatt in der Hand zerknitternd, athem⸗ los auf einen Stuhl ſank.„Haben Sie denn nicht gele⸗ ſen, Dr. Zundler?“ antwortete für den älteren der jün⸗ gere Mann, der unmuthig und dröhnenden Schrittes im Zimmer auf und abging,„nicht geleſen, wie wir blamirt ſind, nicht geleſen, daß man uns alle zuſammen hier eine poetiſche Badegeſellſchaft, eine Bänkelſänger⸗ bande nennt?“ „Tod und Teufel!“ fuhr der Doktor aßfe„Wer wagt es, dieſe Sprache zu führen? Wer wagt, die er⸗ ſten Geiſter der Nation auf dieſe Art zu benennen? Ich will nicht von mir ſagen; was habe ich viel gethan, um auf einigen Ruhm Anſpruch machen zu können? Aber was für andere Männer finden ſich hier! Sind es 116. nicht die ſchönſten Zierden der Nation? So jung Sie ſind, Profeſſor, ſind denn nicht alle Blätten voll Ihres Lobes wegen Ihrer Trauerſpiele, und unſer Rath—⸗ „Aber büßen ſollen ſie es mir, büßen,“ rief der letztere,„ſo wahr ich lebe, und Zundler, Sie müſſen mithelfen und alle, die ins Freitagskränzchen kommen. Hab ich es mir darum ſauer werden laſſen zwanzig Jahre lang, daß man jetzt über mich herfällt, und wegen nichts, als wegen der Recenſion über den dummen Ro⸗ man:„Die letzten Ritter von Marienburg“ ſonſt wegen nichts!“ „Die letzten Ritter von Marienburg,“ fragte der Buchhändler, der als Mann vom Fäche mitſprechen zu müſſen glaubte;„mich gehorſamſt zu empfehlen, Herr Rath, aber iſt es nicht bei Wenz in Leipzig erſchienen 3 Bände Octav, Preis 4 Thaler netto?“ „Und ich will nun einmal dieſe Schule nicht aufkom⸗ men laſſen,“ fuhr der Erboste fort, ohne auf Herrn Kaper zu hören;„woher kömmt es, daß man keine Verſe mehr leſen will, daß man die Lyrik verachtet, ſei ſie auch noch ſo duftig und gefeilt, daß man über die tiefſinnigſten Sonette weggeht, wie über Lückenbüßer, woher, als von dieſen Neuerungen?“ „Aber ſo zeigen Sie doch, ich bitte,“ flüſterte der Doktor, das zerknitterte Papier faſſend;„iſt es denn wirklich ſo arg, ſo niederſchlagend? „Leſen Sie immer,“ erwiderte der Rath gefaßter, „leſen Sie meinetwegen laut, es iſt doch in Jedermanns Händen; die Herren ſind ja ohnehin Zeugen meines Schmerzes geweſen, und mögen auch Zeuge ſein, wie 117 man Redakteur und Mitarbeiter eines der geleſenſten Blätter behandelt!“ Der junge Mann entrollte das Blatt.„Wie? In den Blättern für literariſche Unterhaltung? Nein, das hätte ich mir nicht träumen laſſen; die waren ja ſonſt immer ſo nachbarlich, ſo freundlich mit uns! Iſt es die Kritik, die anfängt: Ehe wir noch dieſes Buch— „Eben dieſe, nur zu!“ „Die letzten Ritter von Marienburg, hiſtoriſcher Roman von Hüon. 3 Bände. Leipzig. Fr. Wenz. „Ehe wir noch dieſes Buch in die Hände bekamen, laſen wir in den Blättern für belletriſtiſches Vergnügen eine Kritik, welche uns beinahe den Muth benahm, die⸗ ſen dreibändigen hiſtoriſchen Roman nur zu durchblät⸗ tern. Man kann zwar gewöhnlich auf das Urtheil dieſer Blätter nicht viel halten. Es ſind ſo wenige Männer von Gehalt dabei beſchäftigt, daß der wiſſenſchaftlich Gebildete von dieſen Urtheilen ſich nie beſtimmen laſſen kann; doch machte dieſe Kritik eine Ausnahme. Es iſt nämlich eine Seltenheit, daß die Blätter für belletriſti⸗ ſches Vergnügen etwas durchaus tadeln; ſelten iſt ihnen etwas ſchlecht genug; aber diesmal hieben ſie ſo unbarm⸗ herzig und gräulich ein, daß wir im erſten Augenblick, auf die kritiſche Ehrlichkeit ſolcher Leute trauend, glaubten, dieſer Roman müſſe die tiefſte Saite der Schlechtigkeit be⸗ rührt haben. Doch zu einet guten Stunde entſchloſſen wir uns, nachzuſehen, wie tief man es in der deutſchen Lite⸗ ratur dermalen gebracht habe. Wir laſen. Aber welch ein Geiſt wehte uns aus dieſen Blättern an! Welch . 118 mächtiges, erhabenes Gebäude ſtieg vor unſern Blicken auf; ein Gebäude in ſo hohem, erhabenem Styl, wie die Marienburg ſelbſt; wir fühlten uns fortgeriſſen, verſetzt in ihre Hallen; der letzte Großcomthur und ſeine Ritter traten uns lebend entgegen, und noch ein⸗ mal ertönte jene alte Veſte vom Waffenſpiel und den kräftigen Stimmen ihrer tapfern Bewohner. Wir wol⸗ len den Dichter nicht tadeln, daß ein Hauch von Me⸗ lancholie über ſeinem Gemälde ſchwebt, der keine laute Freude, kein behagliches Vergnügen geſtattet. Wo ein ſo großartiges Schickſal waltet, wo ein ganzes, großes Geſchlecht untergeht, da muß ja wohl auch die zarte Liebe, die nur einen Frühling blühte, mit zu Grabe gehen. In dieſem außerordentlichen Buche iſt ein Geiſt unter uns getreten, ſo originell, ſo groß, ſo frei, daß er keine Vergleichung zuläßt. Er nennt ſich Hüon, zwar ein angenommener Name, aber gut gewählt; denn der Verfaſſer ſcheint uns nicht minder würdig, von Oberon mit Horn und Becher beſchenkt zu werden, als jener tapfere Paladin Karls des Großen. Mit Vergnügen müſſen einen ſolchen Jünger Meiſter wie Goethe und Tieck willkommen heißen, und unſere Zeit darf ſich glücklich preiſen, einen Mann wie dieſen ge⸗ boren zu haben. 3 „Aber mit tiefer Indignation müſſen wir hiebei einer Clique von Menſchen gedenken, die dieſe edle Blume ſchon in ihrem Keim in den Staub drücken wollte. Freilich iſt er euch zu groß, zu erhaben, ihr kleinen belletriſtiſchen Seelen; möge immer dieſe poe⸗ tiſche Badegeſellſchaft in ihrem lauen Verſewaſſer auf⸗ 119 und niedertauchen, nur beſpritze ſie nicht mit ihrem Schlammwaſſer den Wanderer, der am Ufer geht und ſich verachtend abwendet. Ein Glück iſt es übrigens, daß man anfängt, in der guten Geſellſchaft auf reinere Melodien zu horchen, daß man dieſe Bänkelſänger dem Straßenpöbel überläßt. 190. Für den Stallmeiſter war es ein intereſſantes Schau⸗ ſpiel, die Geſichter der Zuhörer zu muſtern, während der Dichter mit ſchnarrendem Tone dieſe Kritik ablas. Der Buchhändler, der ihm zunächſt ſaß, verſteckte ſchlecht ſeine Nengierde und eine gewiſſe Behaglichkeit hinter einer unmuthigen Miene. Vielleicht hatte ihm der Hof⸗ rath einmal ein Verlagswerk ſchlecht recenſirt, oder der Theaterdichter hatte ihm nichts zum Verlegen gege⸗ ben, oder irgend einer der„Badegeſellſchaft“ hatte ihn beleidigt. Er dachte, wie ſo viele kleine Seelen im ähn⸗ lichen Falle:„Gottlob, es iſt dafür geſorgt, daß die Recenſenten ſich immer ſelbſt wieder recenſiren.“ Der Rath hatte den Mund auf den Stockknopf gepreßt und ſeine Augen irrten auf dem Boden; der Theater⸗ dichter zwang ſich zu einer Art von vornehmer Ruhe, die ihm vorhin völlig gefehlt hatte. Sein„Ohe!“ oder „Ei!“ das er hin und wieder mit einem kurzen Lachen herauspreßte, klang unnatürlich. Am merkwürdigſten war dem jungen Rempen ein ſtiller Zuhörer, der ſchein⸗ bar ohne Theilnahme in der Ecke ſaß, der Referendär Palvi. Als der Doktor zu leſen anhub, lauſchte er mit niedergeſchlagenen Augen, dann ergoß ſich plötz⸗ lich eine brennende Röthe über ſeine Stirne und Wan⸗ 1²⁰ gen. Sie verſchwand eben ſo ſchnell als der glänzende Blick ſeiner großen Augen, den er auf den Leſenden warf, und wer dieſen Blick, dieſes flüchtige Erröthen nicht geſehen, konnte vor und nachher glauben, er ſchenke weder dieſen Literatoren noch der Urſache ihres Aufbrauſens einige Aufmerkſamkeit. „Nun, was ſagen Sie dazu?“ fragte der Theater⸗ dichter, nachdem Dr. Zundler geendet hatte,„Sie ſind ja auch mit gemeint, denn zahlreiche Stanzen, Sonette, Triolette und Kritiken finden ſich von Ihrer Arbeit in den Blättern fürs belletriſtiſche Vergnügen.“ „Schweigen kann man nicht!“ rief der Doktor entrüſtet.„Ja, wir ſtehen Alle für Einen, und Alle, die ins Freitagskränzchen kommen, müſſen beleidigt ſein, müſſen ſich rächen. Ich habe in Berlin einen Bekannten, in den Geſellſchafter laſſ' ich es rücken durch die dritte Hand, oder vielleicht nimmt es Dr. Saphir in die Schnellpoſt auf, ich kenn“ ihn noch von Wien.“ „In meinen Theaterkritiken mache ich Ausfälle,“ ſuhr der Theaterdichter fort.„Ah! wenn nur Marien⸗ burg nicht preußiſch wäre, ich wollte mich rächen, wollte, ohl aber ſo könnte man alles für Anzüglichkeit nehmen. Und gegen die Blätter für literariſche Unter⸗ haltung kann ich nicht ſchimpfen, ich habe noch drei Trauerſpiele dort liegen, die noch nicht recenfirt ſind. Aber wo ein Loch offen iſt, will ich einen Ausfall machen!“ „Ich will untergehen,“ ſagte der Rath pathetiſch, indem er ſeinen Wein bezahlte und den Hut ergriff, „fallen will ich, oder ſiegreich hervorſchreiten aus dieſem 121 Kampf. Die ganze Lyrik iſt in mir beleidigt, auch alle Romantiker, denn wir haben auch Romanzen gemacht, und dieſe Hermaphroditen von Geſchichte und Dich⸗ tung, dieſe Novellenproſaiker, die Seott⸗Tieckianer, dieſe— genug, ich werde ſie ſtürzen; und damit guten Morgen!“ Als dieſer Rath nach ſeinem dixi mit vorgeſchobenen Knieen aus dem Zimmer ging, war er zwar nicht anzu⸗ ſehen wie ein Ritter, der zum Turnier ſchreitet, der Profeſſor aber und der Doktor Zundler folgten ihm in ſchweigender Majeſtät; ſie ſchienen als ſeine Knappen oder Pagen Schild und Lanze dem neuen Orlando furioſo nachzutragen. ½ 3. Bei dem Stallmeiſter hatte dieſe Scene, nachdem das Komiſche, was ſie enthielt, bald verflogen war, einen ſtörenden, unangenehmen Eindruck hinterlaſſen. Er hatte ſich mit der ſchönen Literatur von jeher gerade nur ſo viel befaßt, als ihm nöthig ſchien, um nicht für ungebildet zu gelten; und auch hier war er mehr ſeiner Neigung, als dem herrſchenden Geſchmacke gefolgt. Er wußte wohl, daß man ihn bemitleiden würde, wollte er öffentlich geſtehen, daß er Smollets Peregrine Pickle für den beſten Roman und einige ſangbare Lieder von Kleiſt für die angenehmſten Gedichte halte; er behielt dieſes Geheimniß für ſich, brummte, wenn er Morgens ausritt, ſein Liedchen, ohne zu wiſſen, welcher Klaſſe der Lyrik es angehöre, und las, wenn er ſich einmal ein literariſches Feſt bereiten wollte, ausgeſuchte Scenen 1²² im Peregrine Pickle. Ein paar Almanache, ein paar ſchöngeiſtige Zeitſchriften durchflog er, um, wenn er darüber gefragt wurde, nicht erröthen zu müſſen. So kam es, daß er vor Schriftſtellern oder Leuten,„die etwas drucken ließen,“ große Ehrfurcht hatte; denn ſeine Seele war zu ehrlich, um ohne Gründe von Men⸗ ſchen ſchlecht zu denken, deren Beſchäftigung ihm ſo fremd war, als der Hippogryph ſeinen Ställen. Um ſo verletzender wirkte auf ihn der Anblick dieſer erbosten Literatoren.„Man tadelt es an Schauſpielern,“ ſprach er zu ſich,„daß ſie außerhalb des Theaters oft roh und ungebildet ſich zeigen, daß ſie Tadel, auch den gerechten, nicht ertragen wollen, und öffentlich darüber ſchimpfen und ſchelten. Aber zeigten ſich denn dieſe Leute beſſer? Iſt es nicht an ſich ſchon fatal, ſeinen Unmuth über ſeine Beſchimpfung zu äußern? Muß man das Wirths⸗ haus zum Schauplatz ſeiner Wuth machen und ſich ſo weit vergeſſen, daß man wie ein Betrunkener ſich ge⸗ berdet? Und wie ſchön ließen dieſe Leute ſich in die Karten ſehen! Alſo weil ſie beleidigt ſind(vielleicht mit Recht), wollen ſie wieder beleidigen, wollen ihre Privatſache zu einer öffentlichen machen? Das alſo ſind die Leiter der Bildung, das die feinfühlenden Dichter, die, wie Freund Zundler ſagt, Inſtrumente ſind, die nie einen Mißton von ſich geben?“ Nicht ohne Kummer dachte er dabei an ein Weſen, das ihm vor allen theuer war. Der Buchhändler hatte nicht mit Unrecht geäußert, daß Eliſe Wicklow ein ſehr beleſenes Frauenzimmer ſei. Nach Rempens Anſichten über die Stellung und den Werth der Frauen ſchien ſie 123 ihm beinahe zu gelehrt, in Stunden des Unmuths nannte er es wohl gar überbildet. Er hatte es Niemand, kaum ſich ſelbſt geſtanden, daß ſie ſeine ſtillen Huldi⸗ gungen nicht unbemerkt ließ, daß ſie ihm manchen gü⸗ tigen Blick ſchenkte, aus dem er vieles deuten konnte. Er war zu beſcheiden, um zu glauben, daß dieſes lie⸗ benswürdige Geſchöpf ihn lieben könnte, und dennoch verletzte ihn ihr ungleiches, zweifelhaftes Betragen. Es war eine gewiſſe Koketterie des Geiſtes, die das liebens⸗ würdige Mädchen in ſeinen Augen entſtellte. Wenn er zuweilen in freundlichem Geplauder mit ihr war, wenn ſie ſo traulich, ſo natürlich ihm von ihrem Hausweſen, ihren Blumen, ihren Vergnügungen erzählte, wenn er ſich ganz ſelig fühlte, daß ſie ſo lange, ſo gerne zu ihm ſpreche, ſo führte gewiß ein feindlicher Dämon einen jener Literatoren oder Dichter herbei, deren dieſe gute Stadt zwei Dutzende zählte, und Eliſe war wie ausgetauſcht. Ihre ſchönen Augen ſchimmerten dann vor Vergnügen, ihr ſchlanker Hals bog ſich vor, und ohne auf eine Frage des guten Stallmeiſters zu achten, ohne ſeine Antwort abzuwarten, befand man ſich mit Blitzesſchnelle in einem kritiſchen oder literariſchen Ge⸗ plänkel, wo Rempen zwar die ungemeine Beleſenheit, das ſchnelle Urtheil, den glänzenden Witz ſeiner Dame bewundern, ſie ſelbſt aber bedauern mußte, daß ſie dieſer Art von Geſpräch, dieſem geſuchten Vergnügen ſicht⸗ barer entgegnen kann, als es ſich für ein Mädchen von achtzehn Jahren ſchickte.. „Und an dieſes Volk, an dieſen literariſchen Pöbel, wirft ſie ihre glänzendſten Gedanken, ihre zarteſten 124 Empfindungen, wirft ſie Blicke und Worte weg, die einen Andern als dieſe gedruckten Seelen überglücklich machen würden! Und fühlen ſie es denn? Sind ſie da⸗ durch geehrt, entzückt? Nur mit ihnen ſpricht ſie über das, was ſie geleſen, als ob ſonſt Niemand leſen könnte, nur ihnen zeigt ſie, was ſie gefühlt, als ob gerade dieſe Versmacher und Recenſenten die gefühl⸗ vollſten Leute wären, und ein ſo ſchönes, liebenswür⸗ diges Weſen zu würdigen verſtänden. Nein, dieſe Thoren ſehen es überdies noch als einen ſchuldigen Tribut, als eine geringe Anerkennung ihrer eminenten Verdienſte an, wenn die Krone aller Mädchen mit ihnen ſchwatzt wie mit Ihresgleichen, während andere wackere Leute in der Ferne ſtehen. Und dieſe Menſchen, die ſich heute ſo niedrig geberdeten, bilden ihren Hofſtaat, dies ſind die genialen Männer, mit welchen ſie ſo gerne ſpricht!“ Dieſe Gedanken beſchäftigten ihn den ganzen Tag. Sein Stallperſonal konnte ſich heute gar nicht in ihn fin⸗ den. Der gutmüthige, milde Herr war zu einem rauhen, mürriſchen Gebieter geworden. Die Stallknechte klagten es ſich beim Füttern; acht Pferde hatte er hinausgejagt durch Dick und Dünn, und jedes hatte einen andern Fehler gehabt. Die Bereiter hatte er zum erſtenmal ſtreng getadelt, und als es Abend wurde, war man im Stall darüber einig, dem Stallmeiſter von Rempen müſſe etwas Außerordentliches begegnet ſein, vielleicht ſei er ſogar in Ungnade gefallen. Man bedauerte ihn, denn ſein leutſeliges Weſen hatte ihn zum Liebling ſeiner Untergebenen gemacht. Und wahrlich, der Abend dieſes Tages war nicht 125 dazu gemacht, dieſe düſteren Gedanken zu zerſtreuen. Der Geheimerath von Rempen, ſein Oheim, gab alle vierzehn Tage einen großen Club, in welchem er, das Unmögliche möglich zu machen, die getrennteſten Ex⸗ treme zu vereinigen ſuchte. Dieſer Club hatte ſich früher in drei verſchiedene Abtheilungen getrennt. Es war in jener Stadt eine literariſche Societät, deren Mitglied der alte Rempen war; ſie verſammelte ſich, um zu leſen, zu recenſiren, gelehrt zu ſprechen; an einem andern Tage war großer, umwechſelnder Singthee, an einem dritten Abend Tanzunterhaltung. Tria juncta in uno, drei Köpfe unter einem Hut, ſagte der alte Rempen, und lud ſie Alle zuſammen ein. Der bunteſte Wechſel ſchien ihm die intereſſanteſte Unterhaltung, und darum preßte er wie ein Seelenverkäufer Literatoren, Soldaten, Juſtizleute, leſe⸗, geſang⸗ und tanzluſtige Damen und packte ſie in ſeinen Salon zuſammen, zu Thee und Butterbrod, in der feſten überzeugung, die wahre Springwurzel der Unterhaltung gefunden zu haben. Für ſeinen Neffen aber vereinigten ſich Himmel und Fegfeuer in dieſem Club. Er hörte Eliſen ſingen; ſeine nahe Verwandtſchaft zu dem alten Rempen, der keinen Sohn hatte, machte es ihm möglich, wie ein Kind des Hauſes, nicht wie ein Gaſt aufzutreten, und mit Eliſen ungeſtört zu tanzen und zu plaudern. Aber ſeine Höllenqualen begannen, wenn er den Oheim, umgeben von einem Kreiſe älterer und jüngerer Herren, mit wichtiger Miene etwas erklären ſah; wenn er end⸗ lich ein Buch aus der Taſche zog, durchblätterte, es im Kreiſe umher zeigte und die Herren vor Freude ſtöhn⸗ 126 ten:—„Ah— etwas Neues, ſchon geleſen?— gött⸗ lich— vorleſen, bitte vorleſen,— Profeſſor am beſten leſen,— in den Saal und leſen.“—„Leſen, vorleſen!“ tönte es dann von dem Munde älterer Damen und jener Herren, die nicht tanzen wollten, und Eliſe— nahm mit einer kurzen Verbeugung Abſchied, drängte ſich in den literariſchen Kreis, wurde als Königin des guten Geſchmacks begrüßt, hatte gewöhnlich das Buch ſchon geleſen, ſtimmte für die Vorleſung und war für den armen Stallmeiſter auf den ganzen Abend verloren. Mit dieſen trüben Erinnerungen gelangte er an das Haus ſeines Oheims. Er war eben im Begriff einzu⸗ treten, als das Geſpräch zweier Männer, die ſich dieſem Hauſe näherten, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich zog. So viel der matte Schein einer fernen Laterne errathen ließ, war der eine ein ältlicher, dürftig gekleideter Mann, der andere jünger, höher und feſtlich gekleidet. „Brüderchen!“ ſprach der Ältere mit einem Accent, der nicht dieſer Gegend angehörte.„Brüderchen, bleib' mir aus dem fatalen Haus! So oft Ihr wieder heraus⸗ kommt, ſeit Ihr zwei, drei Tage ein geſchlagener Mann. Laßt die Burſche dort oben in Gott’'s Namen auf Stel⸗ zen gehen und Unſinn ſchwatzen, bleibet aber nur Ihr hinweg,'s iſt noch Euer Tod!“ „Ich muß ſie ſehen, Alter!“ ſprach der Jüngere, „ich muß ſie hͤren. Es gehört zu meinem Glück, ſie geſehen zu haben.“ „Ihr ſeid ein Narr!“ erwiderte der Andere;„ſie mag Euch nicht, ſie will Euch nicht. Ihr ſeid ein armer Teufel und gehört nicht in dieſe Soeietät. Aber faſſen 127 kann ich Euch nicht!'s gehört ein Wort dazu, nur ein Wörtchen, ein bischen von einem Geſtändniß, und Ihr könnt vielleicht glücklich ſein. Geh fort, geh fort; ſcher⸗ wenze in der nobeln Welt, werde ein Schuft wie Alle, und vergiß den armen alten Bunker, lebe wohl, will nichts mehr von Dir.“ Er wollte unmuthig weggehen, aber der junge Mann hielt ihn auf.„Sei vernünftig,“ bat er:„willſt auch Du mich noch elend machen? Thu es immer, laß mich liegen wie einen Hund, wenn Du es über Dein Herz vermagſt. Ich bin ja ohnedies unglücklich genug.“ „Jammere nur nicht ſo!“ ſprach der Alte gerührt. „Geh hinauf, wenn Du es nicht laſſen kannſt. Aber bleibe nicht da, wenn ſie vorleſen. Du ärgerſt Dich! Komm zu mir!“ „Ich komme,“ erwiderte der Jüngere nach einigem Nachſinnen.„Um zehn Uhr will ich kommen. Wohin?“ „Heute in den Entenzapfen; im Rosmarin iſt heil⸗ loſes Volk, Schneider und Schuſter und die Affen und Bären aus den Druckereien, es iſt heute Montag. Aber Brüderchen im Entenzapfen iſt Cerevis, man trinkt es in Augsburg nicht beſſer.“ Ein Wagen mit hellglänzenden Laternen rollte in dieſem Augenblick auf das Haus zu, der junge Mann ſagte eilig zu, und der Alte ſchlich langſam die Straße hin. Der Stallmeiſter konnte ſich kaum von ſeinem Erſtaunen erholen. Wer konnte aus ſo ſonderbarer Geſellſchaft in den Tanzſaal ſeines Oheims kommen? Noch ſonderbarer ſchien es ihm, daß man dieſen glän⸗ zenden Club, der alle geiſtreiche und noble Welt der 128 Stadt vereinigte, verlaſſen wollte, um in dem Enten⸗ zapfen Bier zu trinken, in einer Winkelkneipe, die er kaum dreimal von ſeinen Stallknechten hatte rühmen gehört. Er ſetzte dem ſonderbaren Gaſt, der flüchtig die Treppe hinaneilte, nach, er holte ihn im hellerleuch⸗ teten Corridor ein, er ging an ihm vorüber, ſah ſich um, und erblickte das düſtere Auge und die markirten Züge des Referendärs Palvi. Verworrene Gedanken flogen vor ſeiner Seele vor⸗ über, als er ihn erkannte; ſeine Worte:„Ich muß ſie ſehen,“ der Wink des Buchhändlers, Palvi ſei früher in einem Verhältniß zu Eliſen geſtanden, Staunen über die ſonderbaren Reden mit dem Alten, wunderliche Sagen, die er früher über dieſen Palvi vernommen, alle dieſe Gedanken wollten auf einmalzur Klarheit dringen, und machten, daß er ſich vornahm, über eines wenig⸗ ſtens ſich dieſen Abend Gewißheit zu verſchaffen, über ſein Verhältniß zu Eliſen. 4. Der größte Theil der Geſellſchaft hatte ſich ſchon verſammelt, als die jungen Männer eintraten. Des Stallmeiſters ſcharfes Auge durchirrte den Damenkreis, der an den Wänden hin ſich ausbreitete; er fand endlich Eliſen an einem fernen Fenſter im Geſpräch mit ſeiner Tante; aber ihr ſchönes Geſicht hatte nicht den Aus⸗ druck von Heiterkeit und Laune, die er ſonſt ſo gerne ſah, ſie lächelte nicht, ſie ſchien verſtimmt. Es koſtete ihn einige künſtlich angeknüpfte Geſpräche, einige Neuig⸗ 129 keiten vom Hofe, im Vorübergehen erzählt, um ſich an jenes Fenſter durchzuwinden. Die Tante ſprach ſo eifrig, Eliſe hörte ſo aufmerk⸗ ſam zu, daß er endlich die herabhängende Hand der Tante erfaſſen und ehrerbietig küſſen mußte, um ſich bemerklich zu machen. Eliſens Wangen glühten, als ſie ihn erblickte, und die Tante rief ſtaunend:„Wie gerufen, Julius! ich ſprach ſo eben mit dem Fräulein von Dir, Du kannſt Dir etwas darauf einbilden, ſo gut wird es Dir nicht alle Tage.“ „Und was war der Inhalt Ihres Geſpräches, wenn man fragen darf?“ „Deine Klagen von letzthin,“ erwiderte die Tante lachend.„Dein Kummer, daß Dich das Fräulein mitten in der Rede ſtehen gelaſſen habe, um mit irgend einem eminenten Dichter zu verkehren. Doch am beſten machſt Du dies mit Fräulein Eliſe ſelbſt aus,“ ſetzte ſie hinzu und ging weiter. Eliſe ſchien ſich wirklich einer kleinen Schuld be⸗ wußt, denn ſie ſchlug die Augen nieder und zögerte zu ſprechen; als aber Rempen bei ſeinem unmuthigen Schweigen verharrte, ſagte ſie halb lächelnd, halb ver⸗ legen:„Ich geſtehe, es war nicht artig, und ſicher würde ich es mir gegen einen Fremden nicht erlaubt haben; aber daß Sie mir dergleichen übel nehmen, da Sie meine Weiſe doch kennen— „So ſtünde ich Ihnen denn näher, als jene gelehr⸗ ten und berühmten Herren?“ erwiderte er, freudig bewegt.„Darf es ſogar als ein Zeichen Ihres Zutrauens W. Hauffs Werke, III. 2 13⁰ nehmen, wenn Sie mich ſo plötzlich verlaſſen, um zu Jenen zu ſprechen?“ „Sie ſind zu ſchnell, Herr Stallmeiſter!“ ſagte ſie. „Ich meinte nur, weil Sie meine Eltern kennen, und ich viel zu Ihrer Tante komme, müſſe man die Con⸗ venienz nicht ſo genau berechnen. Und muß man denn im Leben Alles ſo ängſtlich bemeſſen?“ Sie bemerkte dies halb zerſtreut, und es entging Rempen nicht, daß ihr Auge eine andere Richtung ge⸗ nommen habe, als zu ihrer Rede paſſe; er verfolgte dieſen Blick und traf auf Palvi, der mit einem ältlichen Herrn ſprach und zugleich ſeine Blicke brennend und düſter auf Eliſen heftete. Ein tiefer Athemzug ſtahl ſich aus ihrer Bruſt, als ſie ihre Augen, die weder zärtlich noch freudig glänzten, von ihm abwandte. Sie erröthete, als ſie gewahrte, wie ihr Nachbar die Richtung ihrer Blicke bemerkt habe, und halb verlegen, halb zerſtreut flüſterte ſie:„Wie kömmt doch er hieher zu Ihrem Onkel?“ Der Stallmeiſter war ſ boshaft, ſie zu fragen, wen ſie denn meine. „Den Referendär Palvi,“ antwortete ſie leichthin, als wollte ſie ihre vorige Frage verbeſſern,„er iſt viel⸗ leicht mit Ihrem Hauſe bekannt?“ „Ich kenn' ihn nicht,“ erwiderte der Stallmeiſter etwas ernſt;„doch warum ſollte er nicht hier ſein? Kennen Sie ihn vielleicht? Man ſagt, es ſei ein Manu von ſchönen Talenten, der—“ „Wie freut es mich, Dich wieder geſund zu ſehen, Klotilde!“ rief ſeine Nachbarin und hüpfte auf ein 131 Mädchen zu, das ſechs Schritte von ihr entfernt ſtand; verblüfft, als hätte er einen dummen Streich begangen, ſtand der Stallmeiſter und ſah ihr nach. Man hatte indeſſen um Ruhe und Stille gebeten; ein Fräulein von kleiner Geſtalt, aber gewaltiger Stimme wollte ſich hören laſſen und ſtellte ſich zu dieſem Zweck auf ein gepolſtertes Fußbänkchen hinter ein elegantes Notenpult. Die Männer ſetzten ſich Stühle hinter die Frauen, die Frauen machten erwartungsvolle Mienen, und es war ſo tiefe Stille in dem großen Zimmer, daß man nur die Bedienten hin und wieder„iſt's gefällig“ brummen hörte, wenn ſie Thee anboten. Beim erſten Takt, den man zur Begleitung des kleinen Fräuleins auf dem Flügel anſchlug, entwich der junge Rempen in ein Nebenzimmer, um ungeſtört ſeinen Gedanken nach⸗ zuhängen; er zog weiter, wandelte einigemal im Salon auf und ab, bog dann in die nächſte Thüre, dem Ende der Enfilade zu. Im letzten Zimmer ſaß ein Mann in einem Sopha, der die Stirn in die Hand gelegt hatte. Bei Rempens Nähertreten wendete er den Kopf, und den Stallmeiſter hatte ſeine ſchnelle Ahnung nicht be⸗ trogen, es war Palvi. „Auch Sie ſcheinen die Muſik nicht in der Nähe zu lieben,“ ſagte Julius, indem er ſich zu ihm auf das Ruhebett ſetzte;„kaum bis hierher dringen die zärteren Töne.“. „Es geht mir damit wie mit dem Geruch ſtarkduf⸗ tender Blumen,“ erwiderte Palvi, mit angenehmer Stimme.„Mit dieſen Düften in einem verſchloſſenen Zimmer zu ſein, macht mich krank und traurig; aber 13² im Freien, ſo aus der Ferne, athme ich ihren Balſam mit Wolluſt ein, ich unterſcheide und errathe dann jede einzelne Nüance, ich möchte ſagen, jede Schattirung, jeden Ton, jeden Übergang des Geruches.“ „Sie haben Recht, jede Muſik gewinnt durch Ent⸗ fernung,“ bemerkte Rempen;„aber das Jammervollſte iſt mir, Jemand ſingen ſehen zu müſſen. Beſonders ängſtigt mich die kleine Perſon, die jetzt eben etwas vorträgt. Sie iſt nett, beinahe zierlich gebaut, aber alle Gliederchen en miniature. Nun ſtellt man ſie immer auf ein Fußbänkchen, damit ſie geſehen wird. Hinter ihr ſteht der Muſikdirektor mit der Violine. Von Anfang macht es ſich ganz gut. Der Direktor ſpielt piano und verzieht höchſtens den Mund links und rechts nach dem Strich ſeines Fiedelbogens, nach und nach kömmt er ins Feuer;„„Forte, piu forte,““ flüſtert er und wackelt mit dem Kopf; jetzt fängt auch die Kleine an ſich zu heben; anfänglich wiegt ſie ſich auf den Zehen und bewegt die Ellbogen, als nähme ſie einen kleinen Anlauf zum Fliegen; doch crescendo mit des Muſikers Perpendikularbewegungen ſchreiten ihre Geberden vor, ſie weht und rudert mit den Armen; ſie hebt und ſenkt ſich, bis ſie im höchſten Ton auf den Zehenſpitzen aus⸗ hält und— wie leicht kann da die Fußbank umſchla⸗ gen!“ Der Referendär lächelte flüchtig.„Beinahe noch verſchiedener, als beim Lachen, geberden ſich die Men⸗ ſchen, wenn ſie ſingen,“ ſagte er.„Haben Sie nie in einer evangeliſchen Kirche die Mienen der Weiber unter dem Geſang betrachtet? Betrachten Sie ein zartes, . 1³³ ſchwärmeriſches Kind von ſechzehn Jahren, das mit rundgewölbten Lippen, Frieden und Andacht in den Zügen, die zarten Wimpern über die feuchten Augen herabgeſenkt, ihren Schöpfer lobt. Sie können aus den vielen Hunderten ihre Stimme nicht herausfinden, und doch ſind Sie überzeugt, ſie müſſe weich, leiſe, melo⸗ diſch ſein. Setzen Sie neben das Kind zwei ältliche Frauen, die Eine wohlbeleibt, mit gutgenährten Wan⸗ gen und Doppelkinn, die Augen gerade vor ſich hin⸗ ſtarrend, die Andere etwas vergelbt, mit runzlichen, dürren Zügen und ſpitzigem Kinn, auf die gebogene Naſe eine Brille geklemmt— und Sie werden errathen können, daß die Dicke einen hübſchen Baßton murmelnd ſingt, die Andere in die höchſten Naſentöne und Triller hinaufſteigt.“ „Sie ſcheinen genau zu beobachten,“ antwortete lachend der Stallmeiſter.„Es fehlt nur noch, daß Sie die dicke Frau mit dem murmelnden Baßton für die Mutter der Kleinen, die ſpitzige aber für ihre ledige Tante ausgeben, eine alte Jungfer, die nicht ſowohl von unſerem Herrgott als von den Nachbarinnen gehört ſein will. Was ſagen Sie aber zu der ſonderbaren Ge⸗ wohnheit der Prima Donna unſerer Oper? In den tiefen Tönen iſt ihr hübſches Geſicht ernſthaft, beinahe melancholiſch; wenn ſie aber aufſteigt, klärt es ſich auf, und hat ſie nur erſt die oberen doppeltgeſtrichenen hinter ſich, ſo ſchließt ſie die Augen wie zu einem ſeligen Traum, ſie lächelt freundlich und hold, und lächelt, bis ſie wie⸗ der abwärts geht. Gleichgültig iſt ihr dabei, was ſie für Worte ſingt. Sie könnte in den tiefſten Tönen:„„Ich 13⁴ liebe dich, meines Herzens Wonne,““ ſingen und unge⸗ mein ernſthaft dabei ausſehen, und könnte eben ſo leicht: „„Ich ſterbe, Verräther!““ in den höchſten Rouladen ſchreien, und ganz hold und anmuthig dazu lächeln. Wie erklären Sie dies?“ „Es iſt nicht ſchwer zu erklären,“ entgegnete Palvi nach einigem Nachſinnen;„die tiefen Töne fallen ihr etwas ſchwer; ſie muß drücken, etwa wie man einen großen Biſſen hinabwürgt, und unmöglich kann ſie das mit heiterem Geſicht; mit den hohen Tönen geht es aber wohl folgendermaßen zu: als ſie noch jung war und die höheren Töne ſich erſt in ihrer echten Kraft bildeten, mochte ſie einen Lehrmeiſter haben, der ihr unerbittlich alle Tage die Scala bis oben hinauf vorgeigte. Für einen klaren höchſten Ton bekam ſie wohl ein Stück Ku⸗ chen, ein Tuch oder ſonſt dergleichen etwas; je höher ſie es nun brachte, deſto freudiger ſtrahlte ihr Geſicht vor Vergnügen über ihre eigenen Töne, und ſo mochte ſie ſich angewöhnt haben, mit der freundlichſten Miene zu ſingen:„„Ich verzweifle!““ In dieſem Augenblick ertönte eine reine, volle Frau⸗ enſtimme in ſo ſchmelzenden, ſüßen Tönen, daß die bei⸗ den Männer unwillkürlich ihre Rede unterbrachen und lauſchten. Eine leichte Röthe flog über Rempens Geſicht, denn er erkannte dieſe Stimme. Sein Auge begegnete dem dunkeln Auge Palvi's, das wohl eine Weile prüfend auf ſeinen Zügen verweilt haben mochte. „Kennen Sie die Stimme?“ fragte Rempen etwas befangen. „Ich kenne ſie,“ erwiderte Jener und ſtand auf. 13⁵ „Und wollen Sie ſich den Genuß vermindern und näher treten?“ „Ich möchte wohl auch die Worte des Textes hören,“ entſchuldigte ſich Jener nicht ohne Verlegenheit. Der Stallmeiſter folgte ihm; Palvi ſchwebte ſchnel⸗ len, aber leiſen Schrittes über den Boden hin und ſetzte ſich unweit des Zimmers nieder, wo Eliſe ſang, auf ein Banquet, indem er Rempen durch einen ſtummen Wink einlud, ſich neben ihm zu ſetzen. Sie lauſchten; es war die bekannte Melodie einer jener alten franzöſiſchen Romanzen, die, indem ſie durch ihren ungekünſtelten Wohllaut dem Ohre ſchmeicheln, in muthigen Tönen das Herz erheben; aber ein deutſcher Text war unter⸗ legt, Worte, von welchen die Sängerin ſelbſt wunder⸗ bar ergriffen ſchien, denn ſie trug ſie mit einem Feuer vor, das ihre Zuhörer mit erfaßte. Der junge Rempen fühlte ſein Herz von Liebe zu der Sängerin, wie von dem hohen Schwung ihres Ge⸗ ſanges mächtiger gehoben; aber mit Verwunderung und Neugierde ſah er die tiefe Bewegung, die ſich auf den Zügen ſeines Nachbars ausdrückte. Seine Augen ſtrahl⸗ ten, ſein Haupt hatte ſich muthig und ſtolz aufgerichtet, und um Wangen und Stirne wogte eine dunkle Röthe auf und ab, jene Röthe, die ein erfülltes, von irgend einer mächtigen Freude überraſchtes Herz verräth. Mit gekrümmtem Rücken, auf den Zehenſpitzen ſchlich jetzt der Oheim Rempen heran. Schon von wei⸗ tem drückte er ſeinem Neffen durch beredtes Mienen⸗ ſpiel ſeinen Beifall über den herrlichen Geſang aus, und als er nahe genug war, flüſterte er:„Heute ſingt ſie A 136 wider wie die Paſta, voll Glut, voll Glut; und der ſchöne Text, den ſie untergelegt hat!— er iſt aus einem neuen Roman, die letzten Ritter von Marienburg.“ Der junge Mann winkte ſeinem Oheim ungeduldig, ſtille zu ſein; der Alte ſchlich weiter zu einer andern Gruppe, und die Beiden lauſchten wieder ann geſtott. bis der Geſang geendet war. 5. Rauſchender Beifall füllte nun das Gemach, man drängte ſich um die Sängerin, und auch Rempen folgte ſeinem Herzen, das ihn zu Eliſen zog. Aber ſchon war ſie von einem halben Dutzend jener Literatoren umla⸗ gert, die ihn immer verdrängten.„Welch ein herrliches Lied!“ hörte er den Doktor Zundler ſagen,„welche Kraft, welche Fülle von Muth, und wie zart gehalten!“ Doch dem Stallmeiſter entging nicht, daß der Hofrath, der ebenfalls bei der Gruppe ſtand, den jungen Doktor durch einen freundſchaftlichen Rippenſtoß aufmerkſam darauf zu machen ſchien, daß er etwas Ungeſchicktes geſagt habe. Er erſchrak, erröthete und fragte in be⸗ fangener Verlegenheit, woher das Eraulsin das ſchöne Lied habe? „Es iſt aus den letzten Rittern von Marienburg, von Hüon.“ Ein Gemurmel des Staunens und Beifalls lief durch die dichten Maſſen, als man dieſen Titel hörte. „Wie, ein neuer Roman?— Ahl derſelbe, welchen die Blätter fürs belletriſtiſche Vergnügen ſo tüchtig ausg— Sie ſind ja da, leiſe, leiſe.—— Wo kann man den Roman ſehen?“= So wogte das Geſpräch und Geflüſter V V 137 auf und ab, bis der Wirth des Hauſes mit triumphi⸗ rendem Lächeln ein Damenkörbchen an ſeidenen Bändern in die Höhe hielt, es öffnete und ein Buch hervorzog. Er ſchlug den Titel auf, er zeigte ihn der geſpannten Geſellſchaft, und mit freudigem Staunen las man in großen gothiſchen Lettern:„Die letzten Ritter von Ma⸗ rienburg.“—„Vorleſen, bitte, vorleſen,“ tönte es jetzt von dreißig, vierzig ſchönen Lippen, und ſelbſt die jungen Männer, die ſonſt dieſe Unterhaltung weniger liebten, ſtimmten für die Vorleſung. Aber eine nicht geringe Schwierigkeit fand ſich jetzt in der Wahl des Vorleſers; denn jene Literatoren, die ſonſt in dieſem Zirkel dieſes Amt bekleidet hatten, ſtemmten ſich heute beſtimmt dagegen; der eine war erhitzt, der andere hatte Katarrh, der dritte war heiſer, und allen war die Un⸗ luſt anzuſehen, daß nicht ihre eigenen Produkte, ſondern fremde Geſchichten vorgeleſen werden ſollten. „Ich wüßte keinen beſſeren vorzuſchlagen,“ ſagte endlich ein Kriminalpräſident von großem Gewicht, „als dort meinen Referendär Palvi; wenigſtens zeugen ſeine Referate von ſehr guter Lunge und geſchmeidiger Kehle.“ Indem der Kriminalpräſident ſeinen eigenen Witz belachte und im Chorus ſechs Inriſten pflichtge⸗ mäß mit einſtimmten, verbeugte ſich der junge Mann, an welchen die Rede ging, während eine flüchtige Röthe über ſein Geſicht zog, und zur Verwunderung der Ge⸗ ſellſchaft, die ihn ſehr wenig kannte, ergriff er das Buch und die Taſche und fragte beſcheiden, welcher von den Damen Beides gehöre? Dem Stallmeiſter, der hinter ihm ſtand, hatte dies 138 längſt ſein ſcharfes Auge geſagt. Eliſe war flüchtig er⸗ röthet, als der Onkel den Beutel emporgehoben und das Buch daraus hervorgeholt hatte. Als aber Palvi anfragte, als er mit ſeinem dunkeln Auge den Kreis der Damen überſtreifte und bei ihr ſtille ſtand, da goß ſich ein dunkler Karmin über Stirne, Wangen und den ſchönen Hals des Fräuleins; ſie ſchien überraſcht, ver⸗ legen, und als jene Röthe eben ſo ſchnell verflog, ſchien ſie ſogar ängſtlich zu ſein.„Das Buch gehört mir, Herr von Palvi,“ ſagte ſie ſchnell und mit einem kur⸗ zen Blick auf ihn. „Und werden Sie erlauben, daß daraus vorgeleſen wird? Daß ich daraus vorleſe?“ fragte er weiter. „Ich habe hier nichts zu beſtimmen,“ erwiderte ſie, ohne aufzuſehen,„doch das Buch ſteht zu Dienſten.“ „Nun dann nicht geſäumt!“ rief der Oheim.„Seſ⸗ ſel in den Kreis und ruhig ſich geſetzt, und andächtig zugehört, denn ich denke, wir werden einen ganz ange⸗ nehmen Genuß haben.“ Man that nach ſeinem Vorſchlag; in buntem Kreis ſetzte ſich die zahlreiche Geſellſchaft, und ſei es, daß man auch hier Fräulein Eliſe als literariſche Königin anſah, oder war es eine ſonderbare Fügung des Zufalls, der Vorleſer kam ſo gerade ihr gegenüber zu ſitzen, daß, ſo oft ſie die Augen aufhob, dieſe ſchönen Augen auf ihn fallen mußten. „Aber, Freunde,“ bemerkte die Dame von Hauſe, „dieſer Roman hat, ſo viel ich weiß, drei Bände; wol⸗ len wir ſie alle anhören, ſo kommt unſere junge Welt heute nicht mehr zum Tanzen, und wir Andern nicht 13³9 zum Spiel; ich denke, man wählt die ſchönſten Stel⸗ len aͤus.“ „Wer aber ſoll ſie wählen?“ fiel ihr Gatte ein. „Das Ding iſt nagelneu, Niemand hat es geleſen; doch Fräulein Wicklow wird uns helfen können. Können Sie nicht ſchöne Stellen andeuten, und uns den Faden des übrigen geben?“ Man bat ſo allgemein, ſo dringend, daß Eliſe nach einigem Zögern nachgab.„Der Roman,“ ſagte ſie, „ſpielt, wenn ich mir die Jahrszahl richtig gemerkt habe, in den Jahren 1455 bis 1456 in und um Marienburg in Oſtpreußen. Der deutſche Orden iſt von ſeinen frü⸗ heren, einfachen und reinen Sitten abgekommen; dies und innerer Zwieſpalt, wie Neid und Anfeindungen von allen Seiten her, drohen einen baldigen Umſturz der Dinge herbeizuführen, wie denn auch durch den Verrath böhmiſcher Ordensſoldaten, gegen Ende des dritten Theils, Marienburg für den Orden auf immer verloren geht. Auf dieſem geſchichtlichen Hintergrund iſt aber die intereſſante Geſchichte eines Verhältniſſes zwiſchen einem jungen deutſchen Ritter und einem Edel⸗ fräulein aufgetragen. Sie iſt die Tochter der Kaſtellans von Marienburg, eines geheimen und furchtbaren Fein⸗ des des Ordens, der, anſcheinend dem Deutſchmeiſter befreundet, nur dazu in Marienburg lebt, um jede Blöße des Ordens den Polen zu verrathen. Der Ro⸗ man beginnt in der Ordenskirche, wo die Ritter und viele Bewohner der Marienburg und der Umgegend bei einem feierlichen Hochamte verſammelt ſind, um den Tag zu feiern, an welchem vor vielen Jahren der erſte 140 Comthur mit ſeinem Convent in dieſer Burg einzog. Der letzte Meiſter, Ulrich von Elrichshauſen, ein Mann, der ſich dem nahenden Verderben noch entgegenſtemmen will, hält eine eindringliche Rede an die Ordensglie⸗ der. Der Gottesdienſt endet mit einer feierlichen latei⸗ niſchen Hymne. Indem zwei der jüngſten Ritter, nach der Sitte bei ſolchen Gelegenheiten, den vornehmſten fremden Beſuchern das Geleite bis in den Vorhof geben, bemerkt der eine von ihnen, daß der andere im Vorbei⸗ ſtreifen ein kleines Päckchen in die Hand einer verſchleier⸗ ten Dame gedrückt habe. Die Kirche iſt leer, und im zweiten Kapitel fragt nun der erſtere den zweiten um die Bedeutung deſſen, was er geſehen. Er iſt ſein Waffen⸗ bruder, ein Bündniß, das nach der Sitte der Zeit feſter als irgend ein Freundſchaftsband galt, und Elrichshau⸗ ſen, der Neffe des Meiſters, der Held des Romans, ge⸗ ſteht ihm endlich ſein Verhältniß zu der Dame, erzählt ihm von ſeinem Leben, ſeinen troſtloſen Ausſichten. „Der Freund rathet ab, Kuno aber verſchmäht jede Warnung, und bittet jenen, er möchte ihn an dieſem Abend zu einer Zuſammenkunft mit der Geliebten be⸗ gleiten. Dieſe Zuſammenkunft in einem verfallenen Theil des älteren Schloſſes iſt ſo ſchauerlich ſchön, daß ich möchte, ſie würde ganz geleſen.“ Palvi las. Wer je ein Buch, das er ſonſt nicht kannte, in Geſellſchaft vorgeleſen, der weiß, daß etwas Beunruhigendes in dem Gedanken liegt, daß man mit gehaltener Sicherheit auf einem Felſenpfade gehen ſoll, den man noch nie betreten. Dieſes beängſtigende Ge⸗ fühl wächst, wenn es ein Geſpräch iſt, das man vor⸗ 141 trägt. Man kann den Athem, den Rhythmus, den Ausdruck der Empfindung nicht richtig abmeſſen und ver⸗ theilen, man weiß nicht, ob jetzt die höchſte Höhe der Luſt ausgedrückt iſt, ob jetzt der Dichter die tiefſte Saite der Wehmuth berührt habe, ob er nicht noch tiefere Ak⸗ korde anſchlagen werde; und der Zuhörer pflegt dieſe Unſicherheit ſtörend mit zu empfinden. Aber wunderbar las dieſer junge Mann, den ein zufälliger Scherz ſeines Vorgeſetzten zum Vorleſer geſtempelt hatte. Es war, als leſe er nicht mit den Augen, ſondern mit der Seele ohne dieſes Organ, als ſpreche er etwas längſt Gedach⸗ tes, eine Erinnerung aus, als kenne er den Inhalt, den Geiſt dieſer Blätter, und ſein Gedächtniß habe das Buch nurwegender zufälligen Wortſtellung vonnöthen. Wenn das, was er las, nicht durch Inhalt und Form ſo groß⸗ artig, dieſes Geſpräch zweier Liebenden ſo neu, ſo be⸗ deutungsvoll geweſen wäre, dieſe Art, Etwas vorzutra⸗ gen hätte zur Bewunderung hinreißen müſſen. Wir fürchten zu ermüden, wollten wir den Gang der Gefühle im Geſpräche dieſer Liebenden verfolgen. Wir bemerken nur, daß der jüngere Theil dieſer Geſell⸗ ſchaft mächtig davon ergriffen wurde, daß Fräulein Eliſe, die anfangs den Vorleſer mit ſcheuen ſtaunenden Blicken angeſehen hatte, in tiefer Rührung die Augen ſenkte und kaum ſo viel Faſſung fand, ihre Erzählung weiter fortzuſetzen. „Die Liebenden,“ ſagte ſie,„ſo wenig Troſt im Schluß dieſer Scene lag, ſind zufrieden an dem Gedan⸗ ken an die Gegenwart. Je dunkler aber die Zukunft vor ihnen liegt, deſto angenehmer dünkt es ihnen, die Ge⸗ 142 genwart mit ſchönen Träumen auszufüllen. Der Deutſchmeiſter bekommt die Nachricht, daß der Kaiſer, von den Einflüſterungen Polens halb beſiegt, dem Or⸗ den zürne, ihm namentlich innere Zügelloſigkeit vor⸗ werfe. Der Meiſter verſammelt daher ein Kapitel, wo er die Ritter anredet. Dieſe Stelle iſt eine der trefflich⸗ ſten im Buche, denn der Verfaſſer befriedigt hier auf wunderbare Weiſe zwei Intereſſen. Indem der Meiſter die Verhältniſſe des Ordens bis auf die zarteſten Nüancen aufdeckt und berechnet, bekommt der Leſer nicht nur ein ſchönes Bild von dem einſichtsvollen, um⸗ ſichtigen Ulrich von Elrichshauſen, von der erhabenen Würde eines Nachfolgers ſo großer Meiſter, von der gebietenden Stellung eines Herrſchers auf Marienburg, ſondern er bekommt auch auf ungezwungene und na⸗ türliche Weiſe eine überſicht über die hiſtoriſche Baſis des Romans. Der Meiſter ſchärft die Haus⸗ und Sittengeſetze und ſchließt mit einer furchtbaren Dro⸗ hung für den Uebertreter. „Der Held des Romans, voll ſchönen Glaubens an alles Edle und Reine, ſieht in ſeiner Freundſchaft für Wanda, ſo heißt das Fräulein, kein Unrecht. Er ſetzt, begleitet von ſeinem Freunde, die nächtlichen Zuſam⸗ menkünfte fort. In eine derſelben iſt ein wunderſchönes Mährchen eingewoben, eine Sage, die man auch mir in meiner Kindheit oft erzählt haben muß, denn ſie klang mir wie alte Erinnerungen.“ Sie hielt inne; mit einem Blick voll Liebe und Wehmuth fragte Palvi, ob er das Mährchen leſen ſolle? Sie nickte ein kurzes ja, und er las. Der junge 14³ Rempen hatte während des Mährchens ſein Auge feſt auf Eliſen gerichtet. Er bemerkte, daß ſie anfangs heiter zuhörte, mit einem Geſicht, wie man eine bekannte Lieblingsmelodie hört und die kommenden Wendungen zum Voraus errathet; nach und nach wurde ſie auf⸗ merkſamer; es kamen einige ſonderbare Reime vor, die Palvi ſo raſch und mit ſo eigenem, ſingendem Tone vortrug, daß ſie dadurch tief ergriffen ſchien; Erinne⸗ rungen ſchienen in ihr auf⸗ und niederzutauchen, ſie preßte die Lippen zuſammen, als unterdrücke ſie einen inneren Schmerz; er ſah, wie ſie bleich und immer bläſſer wurde, er ſah ſie endlich ihrer Nachbarin etwas zuflüſtern, ſie ſtanden Beide auf, aber eben ſo ſchnell ſank Eliſe wieder kraftlos auf ihren Stuhl zurück. Die Beſtürzung der Geſellſchaft war allgemein. Die Damen ſprangen herzu, um zu helfen, aber ſei es, daß, wie es oft zu geſchehen pflegt, gerade das unan⸗ genehme Gefühl dieſer ſtörenden, geräuſchvollen Hülfe ſie wieder emporraffte, oder war es wirklich nur etwas Vorübergehendes, ein kleiner Schwindel, der ſie befiel, ſie ſtand beinahe in demſelben Moment wieder aufrecht, bleich, aber lächelnd, und konnte ſich bei der Geſell⸗ ſchaft entſchuldigen, dieſe Störung veranlaßt zu haben. An Erzählen und Vorleſen war übrigens nach die⸗ ſem Vorfall heute Abend nicht wohl wieder zu denken, und man nahm mit Vergnügen den Vorſchlag an, ſich am übernächſten Nachmittage in einem öffentlichen Gartenſalon zu verſammeln und die Ritter von Marien⸗ burg gemeinſchaftlich zu genießen. 144 6. Der Stallmeiſter fühlte ſich von dieſer Scene auf mehr als eine Weiſe ergriffen; er konnte zwar Palvi nichts vorwerfen, er hatte zwei Worte mit Eliſen, und dieſe öffentlich geſprochen; es war, wenn er ſelbſt auch wirkliche Rechte auf das Fräulein gehabt hätte, kein Grund zur Eiferſucht da, denn ſie ſchien Jenen ſogar zu ſcheuen, zu fliehen; aber dennoch lag etwas ſo Räth⸗ ſelhaftes in Palvi's Betragen, etwas ſo ſchmerzlich Rüh⸗ rendes in ſeinen Mienen, und doch wieder in ſeinem ganzen Weſen eine ſo gehaltene Würde, daß Rempen ſich vornahm, was es ihn auch koſten möge, Aufſchluß über ihn zu ſuchen. Der Oheim war bemüht, die frü⸗ here Ordnung und Freude herzuſtellen. Spieltiſche wurden aufgetragen, und aus dem Salon lud eine Vio⸗ line und die lockenden Akkorde einer Harfe die junge Welt zum Tanzen ein. Mit bewachenden Blicken folgte der Stallmeiſter Palvi, der, noch immer das Buch in der Hand haltend, gedankenvoll umherging. In einer Vertiefung des Fenſters ſaß Eliſe. Eben ging eine Freundin von ihr weg, und Rempen nahm wahr, wie ſich Palvi ihr zö⸗ gernd nahte, wie er ihr mit einer tiefen Verbeugung das Buch überreichte. Schnell trat auch er hinzu, und nur die breite, dunkelrothe Gardine trennte ihn von den Beiden. „Eliſe,“ hörte er den jungen Mann ſagen,„ſeit zehn Monaten zum erſtenmal wird es mir möglich, ſo nahe zu ſtehen, nur eine Bitte habe ich—“ 145 2 „Schweigen Sie,“ ſagte ſie in leiſen, aber leiden⸗ ſchaftlichen Tönen; nich will nichts hören, nichts ſpre⸗ chen, ich habe Ihnen ſchon einmal geſagt, ich ver⸗ achte Sie.“ „Nur das Wa rum möchte ich wiſſen,“ bat er bei⸗ nahe weinend; nur ein Woͤrtchen, vielleicht möchten Sie mich doch verkennen.“ ¹ „Ich kenne Sie zu gut,“ erwiderte ſie unmuthig, „einen ſo niedrigen, gemeinen Menſchen kann ich nur verabſcheuen.“ „Gemein, niedrig?“ rief er bitter.„Und dennoch ſchwöre ich, daß ich Ihnen Achtung abzwingen will; dieſen gemeinen, niedrigen Mann ſollen Sie ſchätzen müſſen! Wiſſen Sie, ich bin—“ „Daß Sie ein recht elender Menſch ſind, weiß ich lange; darum bitte ich, entfernen Sie ſich; dieſen Zirkel werde ich aber nie mehr beſuchen, wenn es Ihnen noch einmal einfallen ſollte, mich anzureden.“ Bei dieſen Worten ſtand ſie raſch auf und entfernte ſich mit einer kurzen Verbeugung gegen den unglückli⸗ chen jungen Mann. So wichtig dieſe Worte, ſo bedeutungsvoll dieſe Scene war, konnte ſie doch dem Stallmeiſter kein deut⸗ licheres Licht geben. Palvi durfte wagen, ſie mit„Eliſe“ anzureden, ſie behauptete ihn ganz zu kennen, ſie ſprach ſo heftig ihre Gefühle aus, daß ihren Haß nothwendig Liebe geboren haben mußte.— Er ſah Palvi, nachdem er noch eine Weile in der Vertiefung des Fenſters ver⸗ weilt hatte, nach der Thüre des Vorſaals gehen. Er W. Hauffs Werke. III. 40 folgte ihm dahin, wie zufällig nahm er zugleich mit Jenem ſeinen Mantel um. „Auch Sie ſcheinen kein Freund des Tanzes zu ſein,“ redete er den Referendär an. „Ich habe es längſt aufgegeben,“ antwortete er, „aber Sie, Sie ein Glücklicher, und nicht tanzen?“ „Ein Glücklicher?“ erwiderte der Stallmeiſter freundlich.„Davon möchte ich mir doch noch eine nä⸗ here Definition erbitten. Üüberhaupt, hier wird mir ſo langweilig zu Muthe, und zu Hauſe geht mir die Tanzmuſik im Kopfe herum; gehen wir, wenn Sie nichts Beſſeres vorhaben, nicht irgend wohin zuſammen?“ Palvi ſchien in einiger Verlegenheit zu ſein.„Ich weiß nicht, was mir Ihre Geſellſchaft ſo wünſchens⸗ werth macht,“ antwortete er;„ich möchte die Hälfte der Nacht mit Ihnen verplaudern, und dennoch, werden Sie es glauben?— ich rechnete darauf, früh die Ge⸗ ſellſchaft zu verlaſſen, und habe einem Freunde den übrigen Theil des Abends zugeſagt.“ „Wohlan!“ fuhr der Stallmeiſter fort.„Wenn Sie nichts gar zu Wichtiges zu beſprechen haben, ſo folge ich Ihnen dahin.u Der junge Mann erröthete;„das Haus iſt abge⸗ legen,“ ſagte er,„und für ſolche Gäſte nicht ganz paſſend.“ „Und wenn es der Entenzapfen wäre,“ rief Rem⸗ pen;„es ſoll ja vortreffliches Cerevis dort geben.“ Mit einer Miſchung von Staunen und Freude blickte ihn der Referendär an, doch ehe er noch fragen konnte, ſprach Rempen weiter:„Verzeihen Sie meiner — 147 Neugierde, die diesmal die Diskretion überwog. Der Zufall machte mich zum Zeugen, als ein wunderlicher alter Herr Sie einlud, und ſchon damals wünſchte ich, mit von der Partie zu ſein, um ſo mehr,“ ſetzte er ver⸗ bindlich hinzu,„da ich dieſen Abend ſo manchen poink de réunion zwiſchen uns fand.“ „Gut, ſo folgen Sie mir.— Sie werden ein Ori⸗ ginal kennen lernen, das aber mehr unſere Aufmerk⸗ ſamkeit verdient, als die ſchwachen Copien dort oben, die doch immer für Originale gelten möchten, ja ſich ſelbſt dafür halten. Ich meine jene Poeten und Lite⸗ ratoren, die uns heute Morgen ein ſo wunderbares Schauſpiel gegeben haben.“ „In ſeiner Art dieſen Abend ein nicht minder ſon⸗ derbares,“ entgegnete Rempen;„oder ſollte Ihnen entgangen ſein, wie ungezogen ſie ſich benahmen, als man verlangte, dieſer Roman ſollte vorgeleſen werden; ſchien es nicht, als wollten ſie durch ſtilles, höhniſches Lächeln, durch ihre kalte Entſchuldigung, zum Vorleſen nicht bei Stimme zu ſein, durch ſo manche Zeichen ihres Mißfallens der Geſellſchaft die Überzeugung aufdrin⸗ gen, als ſei das Buch ſchlecht und unwürdig? Man kann nicht verlangen, daß ſie ſich— wollen ſie einmal ungeſittet ſein— im Keller eines Italieners Feſſeln anlegen; ſie bezahlen dort und ihre Rede iſt frei; aber in einer Geſellſchaft wie dieſe mußten ſie ſich den Ge⸗ ſetzen des Anſtandes fügen.“ „Ich wollte Vieles wetten,“ bemerkte Palvi,„der Mann, zu dem ich Sie jetzt führe, ob er gleich in ſeinen Gewohnheiten und Sitten wenig geſellſchaftliche Bil⸗ 148 dung verräth, würde ſich weniger unſchicklich benommen haben.“ „Und wer iſt er denn?“ fragte der Stallmeiſter. „Er gehört einem Schlag von Leuten an, die man in unſern Ländern jetzt weniger, oder nicht ſo auffal⸗ lend und originell ſieht, als früher, ein ſogenannter württembergiſcher Magiſter. Bitte zum Voraus, glau⸗ ben Sie nicht, daß in dieſem Begriffe etwas Lächerliches liege, denn eine nicht geringe Zahl würdiger, ge⸗ lehrter Männer unſerer Zeit gehören dieſem Stande an. Es gab in früherer Zeit, ob jetzt noch, weiß ich nicht, in jenem Lande eine Pflanzſchule für tiefe Ge⸗ lehrſamkeit. Es gingen Philologen, Philoſophen, Aſtronomen, Mathematiker in Menge daraus hervor; zum Beiſpiel ein Kepler, ein Schelling, Hegel und dergleichen. Vor zwanzig Jahren ſoll man allenthalben in Deutſchland Leute aus dieſer Schule geſehen haben; den Titel Magiſter bekommen ſie als Geleitsbrief mit. Sie waren gewöhnlich mit tiefen Kenntniſſen ausge⸗ rüſtet, aber vernachläſſigt in äußern Formen, in Sprache und Ausdruck ſonderbar, und ſpielten eine um ſo auffallendere Figur, als ſie gewöhnlich ihrer Stel⸗ lung nach, als Lehrer an Univerſitäten, als Erzieher in brillanten Häuſern, in der Geſellſchaft durch ihr Außeres den Rang nicht ausfüllten, den ihnen ihre Gelehrſamkeit gab. Eine ſolche Figur aus alter Zeit iſt mein Freund. Er ging ſchon vor dreißig Jahren aus ſeinem Vaterlande, hat aber weder in Curland, noch in Sachſen ſeine Eigenheiten abgelegt. Er lebt hier, abgeſchieden von der Welt, in einem Dachſtübchen; 1 149 ich halte ihn für einen der tiefſten Denker des Zeitalters, dabei iſt er ein liebenswürdiger Dichter, und dennoch iſt ſein Name gänzlich unbekannt. Die gelehrteſten Re⸗ cenſionen in den Leipziger und Haller Blättern ſind von ſeiner Hand; manche Entdeckung, mancher tiefgedachte Satz, womitjetzt die neuen Philoſophen ihre Werke auf⸗ putzen, ſind von ihm, er hat ſie ſpielend hingeworfen.“ „Alſo ein literariſcher Eremit,“ rief Rempen aus, indem er, nicht ohne kleinen Schauder, an der Seite des Referendärs durch enge, ſchmutzige Gäßchen ging. „Eine Nachteule der Minerva in beſter Form 2 „Wenn es heutzutage wieder einen Diogenes geben könnte,“ erwiderte Jener,„ich glaube, er müßte im Koſtüm meines Magiſters erſcheinen. Dieſes ehrliche, kluge, ein wenig ernſte Geſicht, die kunſtlos um den Kopf hängenden Haare, das verſchoſſene Hütchen, der abgetragene Rock, den er mit keinem andern vertauſchen mag, die ſonderbare, beinahe zärtliche Neigung zu einer alten, ſchwarzgerauchten Pfeife, dazu ein dunkelbraunes Meerrohr mit ſilbernem Knopfe, und dieſe ganze Ge⸗ ſtalt in der düſteren, ſchwärzlichen Spelunke, in welche wir eben treten wollen— nehmen Sie dies alles zu⸗ ſammen, und Sie. werden finden, das Urbild eines modernen eyniſchen Philoſophen iſt fertig, nur würde er einen Alexander nicht um ein wenig Sonne, ſondern um ein bischen Feuer für ſeine Pfeife bitten.“ Durch einen Vorplatz, wo das trübe Licht einer ſchmutzigen Laterne einen zweifelhaften Schein auf Kornſäcke und umgeſtürzte Bierfäßchen warf, traten jetzt die beiden jungen Männer in das größere Schenk⸗ 15⁰0 zimmer des Entenzapfen. Der Wirth, dick und ange⸗ ſchwollen von dem Koſten ſeines eigenen Getränkes, ſchlief in einem Lehnſeſſel hinter dem Ofen; einige ab⸗ geriſſene Geſtalten ſpielten bei einem Stümpchen Licht mit ſchmutzigen Karten und ſahen die Vorübergehenden mit matten, ſchläfrigen Augen an. Palvi ging vorüber in ein zweites, kleineres Gemach, das für beſſere Gäſte eingerichtet ſchien. Derſelbe Alte, den Rempen dieſen Abend flüchtig geſehen, ſaß dort allein hinter einer Kanne Bier. Auf den Tiſch hatte er mit Kreide einen mathematiſchen Satz gemalt. Er ſchaute, die Stirne in die Hand geſtützt, aufmerkſam auf ſeine Berechnung nieder, und nur große Tabaks⸗ wolken, die er hin und wieder ausſtieß, zeigten, daß er lebe und athme. Erſt auf den Abendgruß ſeines jungen Freundes richtete er ſich auf und zeigte ein ernſtes, gleichgültiges Geſicht, dem nur das glänzende, unge⸗ gemein intereſſante Auge einiges Leben verlieh. Die Gegenwart eines Fremden ſchien ihm unange⸗ nehm aufzufallen. Kurz abgebrochen, indem er haſtig mit dem Rockärmel die Figuren von dem Tiſche ab⸗ wiſchte, ſagte er:„Seid lange ausgeblieben.“ „Dafür bringe ich aber einen ſeltenen Gaſt mit,“ erwiderte der junge Mann,„der das Entenbier ver⸗ ſuchen will.“ „Literator?“ fragte der Alte etwas mürriſch. „Wo denkſt Du hin, Magiſter; ein hieſiger Litera⸗ tor und der Entenzapfen! Nein er iſt nicht von dieſen, ſondern heißt Herr von Rempen und iſt Stallmeiſter.“ „Da haben der Herr die ächte Quelle gefunden,“ 151 ſprach der Alte freundlich und mit einer Herzlichkeit, die ihn ſogar angenehm machte.„Der Entenzapfen hat ſolid Getränke. Setzet Euch, da bringt die Kell⸗ nerin ſchon die Kannen.“ Der Stallmeiſter erſchrak vor der großen Kanne, die ihm das niedliche Kellermädchen mit den rothen Lippen kredenzte; aber die Neugierde nach dem Magiſter, der Drang, von Palvi nähere Aufſchlüſſe über Eliſens Betragen zu erhalten, milderten ſeinen Schauder vor dem Entenzapfen. „Es hat einen eigenen Reiz für mich,“ ſagte er, um die Anrede des Alten zu erwidern,„ſo aus einer glän⸗ zenden Geſellſchaft, wo alles voll Glanz und Putz, voll Berechnung und eitlen Benehmens iſt, mich in die Ein⸗ ſamkeit einer ſolchen Schenke zu begeben. Man wird ſo leicht verführt, jenes ſchimmernde Weſen für wahres Leben, für ein Ideal der Geſellſchaft zu nehmen, und nur ein plötzlicher, recht greller Tauſch kann von dieſem Wahne retten, beſonders wenn man das Glück hat, Männer zu finden, die zu vernünftigem Geſpräch be⸗ reitwillig ſind.“ „Ich kann mir's denken aus früherer Zeit,“ ent⸗ gegnete der Alte mit ironiſchem Lächeln.„Nun hat man wieder anſtändig geſchnattert und gezwitſchert, Thee getrunken und göttlichem Geſange gelauſcht, und als man gar äſthetiſch zu werden, vorzuleſen anfing, ſeid Ihr aus Angſt davongelaufen?“ „Nein,“ antwortete Rempen,„ſo lange geleſen wurde, blieben wir.“ „Wie?“ rief der Magiſter.„Und Ihr habt es über Euch vermocht, Herr Referendär, allerlei roſenfarbene Poeſie anzuhören?“ „Man las die letzten Ritter von Marienburg“ be⸗ lehrte ihn der Stallmeiſter. „Ei der Tauſend!“ ſagte der Alte, mit einem ſon⸗ derbaren Seitenblick auf Palvi,„konnte man doch ſolche Speiſe vertragen, ohne den äſthetiſchen Gaumen und Magen zu verderben? Hat ſich denn die Welt gedreht, oder waren unſre hieſigen Schöngeiſter nicht zuge⸗ zogen?“„ „Doch, ſie waren dabei,“ erwiderte Rempen,„ſie wagten es nicht, ſich dagegen zu ſetzen, obgleich der Zorn aus ihren Augen ſprühte, denn noch dieſen Mor⸗ gen hatten ſie ſich bündig und deutlich erklärt.“ Und nun erzählte er den Auftritt im Keller des Italieners mit einer Geläufigkeit, über welche er ſich ſelbſt wun⸗ dern mußte. Mehrmals wurde er von einem ſchnellen, kurzen Lachen des Alten unterbrochen, als er aber mit dem furchtbaren Bündniſſe des literariſchen Trios en⸗ dete, brach der alte Mann in ſo herzliches Gelächter aus, daß der Wirth zum Entenzapfen mit einem tiefen Geſtöhne erwachte und ſich im Seſſel umwälzte. „Der Herr Stallmeiſter erzählen gut,“ ſprach dann der Magiſter, indem er Thränen, die das Lachen hervor⸗ gelockt hatte, verwiſchte.„Ich kenne ſie, dieſe Burſche, dieſen Chorus von Halbwiſſern. Sie ſind geachteter beim Stadtpublikum und auf dem Landſitze, als der wahre Gelehrte, ſie ſind die Vornehmen unter den Muſenſöhnen und machen ungebeten die Honneurs auf dem Parnaß, als wären ſie Prinzen des Hauſes oder 15³ zum mindeſten Kammerjunker; um ſo weniger können. ſie es verſchmerzen, wenn ihre Blöße aufgedeckt und ihre Schande ans Licht geſtellt wird. Sie fühlen ihr Nichts, ſie ſehen es einander ab, aber ſie wollen es ſich nicht merken laſſen.“ „Am ſonderbarſten und unerklärlichſten ſcheint mir ihre Wuth gegen das, was man jetzt hiſtoriſchen Roman nennt,“ bemerkte der Stallmeiſter.„Ich bin zu wenig im Getriebe der Literatur bewandert, um es mir er⸗ klären zu können.“ „Danken Sie Gott,“ erwiderte der Alte,„daß Sie ein heiteres, rüſtiges Handwerk erlernt haben und von dieſem unſeligen, peinlichen Treiben nichts wiſſen. Kommt mir doch dieſe ſchöne Literatur jetzt vor wie ſcharfer Eſſig. Mit gehöriger Zuthat vom Oel des Lebens, Philoſophie, iſt ſie die Würze eurer Tage; aber koſtet ſie geſondert, ſo iſt ſie ſcharf, abſtoßend. Betrachtet ſie genau, etwa durch ein tüchtiges Glas, ſo ſehet Ihr das Acidum aufgelöst in eine Welt von kleinen Würmern, die ſich wälzen und einander anfallen, über einander wegkriechen.“ „Pfui! aber Ihr Verhältniß zum hiſtoriſchen Ro⸗ man?“ „Sie geberden ſich,“ antwortete Bunker,„als ob ſie gegen irgend eine Erſcheinung des Zeitgeiſtes an⸗ kämpfen könnten, wie Pygmäen gegen einen Rieſen. Als ob nicht ſchon die Ilias ſo gut hiſtoriſch geweſen wäre, als irgend ein Roman des Verfaſſers von Waver⸗ ley. Und iſt nicht Don Quixote der erſte aller hiſtori⸗ ſchen Romane? Doch nehmen Sie nähere Beiſpiele bei 154 uns. Spricht ſich nicht in Wilhelm Meiſter das Ele⸗ ment eines hiſtoriſchen Romans geheimnißvoll aus? Müſſen wir nicht den Begebenheiten, in die der Held verwickelt iſt, eine gewiſſe Zeitgeſchichte unwillkürlich unterlegen? Müſſen wir nicht das Lager des Prinzen als eine nothwendige hiſtoriſche Dekoration damaliger Zeit anſehen? Und die Unterhaltungen deutſcher Aus⸗ gewanderten, ſind ſie nicht eine hiſtoriſche Novelle? Wir betraten alſo zum mindeſten keinen neuen Boden, kein neues, zweifelhaftes Gebiet.“ „Und welch kleiner Schritt,“ bemerkte Palvi;„welch natürlicher Uebergang iſt vom hiſtoriſchen Drama, wie wir es bei Göthe finden, zum modernen, geſchichtlichen Romane. Sie ſind ihm ſchon um Vieles näher, als die hiſtoriſchen Schauſpiele Shakſpeare’s. Wie im Romane ſprechen dort die Helden nicht großartige Gefühle aus. Sie halten nicht gedehnte Reden, ſondern ihre Reden erzählen von den ſchlummernden Entſchlüſſen ihrer Seele, und wir erblicken in einer einzelnen Wendung Motive, ahnen Handlungen, die ſich nachher verwirk⸗ lichen.“ „Die Völker ſcheinen ſich in unſern Tagen zu ſchei⸗ den und ſcharf abzugrenzen. Doch dieſe Scheidung iſt nur ſcheinbar, denn die Menſchheit iſt durch ſo viele Erfindungen ſich näher gerückt worden. Wir gehören mehr und mehr der Welt an. Wir ſprechen von ent⸗ fernten Polarländern oder von Amerika mit einer Be⸗ ſtimmtheit, einem Gefühle der Nähe, wie unſre Groß⸗ väter von Frankreich ſprachen. Wir ſind jetzt erſt Europäer geworden. Darum iſt uns nichts mehr fremd. 15⁵ was in dieſem alten Welttheile geſchieht. Der Unter⸗ ſchied der Sprache hat aufgehört, denn Dank ſei es unſern gewandten Ueberſetzern, es iſt, als ob Scott und Irwing in Frankfurt oder Leipzig lebten.“ „Gewiß!“ fiel Rempen ein,„auch in der Geſell⸗ ſchaft ſind ſich die verſchiedenartigſten Elemente näher getreten. Unſere jungen Männer erzählen jetzt von einer Reiſe nach London oder Rom mit mehr Beſcheidenheit oder Gleichgültigkeit als ſonſt einer von einer Reiſe an einen zwanzig Meilen entfernten Hof erzählte. Aber iſt uns durch alles dies, da wir in einer ſo breiten Gegenwart leben, die Geſchichte nicht vielmehr fern, als nahe gerückt?“ „Ich gebe zu,“ ſagte der Alte,„das ernſte Studium der Hiſtorie, aber nicht das rein menſchliche Intereſſe daran. Die Geſchichte war ſonſt die Geſchichte der Könige, und an ihre oft unbedeutende Perſon knüpfte ſich das Leben unſterblicher Männer. Die neuere Zeit, ſo große Veränderungen um uns her, haben uns an⸗ ders denken gelehrt. Es iſt die Geſchichte der Meinun⸗ gen, es ſind die Schickſale gewiſſer Prinzipien, die wir kennen lernen möchten. Ihr Kampf erſcheint in jedem Zeitalter mehr oder minder und unter der verſchieden⸗ ſten Geſtalt, und dieſer Kampf der Meinung iſt es, was jeder Periode ihr Intereſſe gibt, er iſt es, der, dem Romane zum Grunde gelegt, unſere Theilnahme auf unbeſchreibliche Weiſe anzieht.“ „Ich ahne, daß Sie Recht haben,“ erwiderte der Stallmeiſter.„Gleichwohl kann ich dieſe Idee meinen bisherigen Anſichten noch nicht recht anpaſſen. Denn 156 wie vertragen ſich zum Beiſpiel mit dieſer welthiſtori⸗ ſchen Anſicht jene ſonderbaren Figuren Walter Scotts, die bald als rohe Hochländer, bald als Räuber, als Fiſcher in die Geſchichte unmittelbar eingreifen und ſo anziehend erſcheinen?“ „Das iſt es ja gerade, was ich ſagte,“ antwortete der Magiſter.„Wir ahnen in der Geſchichte des Landes und des Volkes, die uns Profeſſoren auf Kathedern vor⸗ tragen, daß es nicht immer die Könige und ihre Mini⸗ ſter waren, die Großes, Wunderbares, Unerwartetes herbeiführten. Da oder dort hat die Tradition den Schat⸗ ten, den Namen eines Mannes aufbehalten, von dem die Sage geht, er habe großen und geheimnißvollen An⸗ theil an wichtigen Ereigniſſen gehabt. Solche Schatten ſolche fabelhafte Weſen ſchafft die Phantaſie des Dich⸗ ters zu etwas Wirklichem um. In den Mund eines ſol⸗ chen Menſchen, in ſein und ſeiner Verbündeten geheim⸗ nißvolles Treiben legt er die Idee, legt er den Keim zu Thaten und Geſchichten, die man im Handbuch nur als geſchehen nachliest, vergebens nach ihren Urſachen forſchend. Indem ſolche Figuren die Ideen perſönlich vorſtellen, bereiten ſie dem Leſer hohen Genuß, und oft ein um ſo romantiſcheres Intereſſe, je unſcheinbarer ſie durch Bildung und die Stellung in der bürgerlichen Ge⸗ ſellſchaft anfänglich erſcheinen. „Und ſo hielten Sie es für möglich, daß auch die deutſche Geſchichte intereſſante Stoffe für hiſtoriſche Romane bieten könnte?“ fragte Rempen.„Mir ſchien ſie immer zu zerriſſen, zu flach, zu wenig romantiſch und großartig.“ 157 „Das letztere glaube ich nicht,“ erwiderte Palvi. „Und muß denn gerade der Hintergrund, das hiſtoriſche Factum, das Erhabene ſein? Iſt es nicht der Zweck des Romans, Charaktere in ihren verſchiedenen Nüan⸗ cen, Menſchen in ihren wechſelſeitigen Beziehungen zu ſchildern? Und kann ſich nicht ein großartigerer Charak⸗ ter in einer That, einem Zwiſte erproben, der für die allgemeine Geſchichte von geringer Bedeutung iſt? Oder glauben Sie, weil Tieck in die Cevennen flüchtete, um einen hiſtoriſchen Hintergrund zu holen, er habe damit ſagen wollen, unſere Geſchichte biete keinen Stoff, der ſeines hohen Genius würdig wäre?“ „Dieſe Ritter von Marienburg,“ nahm der Alte das Wort,„beſchäftigen ſich mit keinem großartigen hiſtoriſchen Ereigniſſe. Schon fünfzig Jahre, ehe das Unglück des Ordens in Oſtpreußen wirklich hereinbricht, gewahrt man, daß er ſich nie mehr zu ſeinem alten Glanze erheben, daß früher oder ſpäter die Elemente ſelbſt, die ſeine Größe beförderten, ſeinen Sturz berei⸗ ten werden. Er fällt, denn er hat ſeinen Beruf erfüllt. Aber an die geſchichtliche Figur des Großmeiſters, an die Thäler der Nogat, an die Mauern der erhabenen Burg weiß jener Hüon Fäden anzuknüpfen, woraus er ein erhabenes Gewebe ſchafft. Ich möchte ſagen, er baut aus den Trümmern jenes geſtrandeten Schiffes eine Hütte, worin ſich bequem wohnen läßt.“ „Nun verſtehe ich Sie,“ rief der Stallmeiſter,„und weil ſie dieſen Standpunkt nicht erreichten, weil ſie dieſe höhere Anſicht nicht erfaſſen mögen, kämpften jene Leutchen gegen dieſen hiſtoriſchen Roman. Es iſt Brod⸗ 158 neid, ſie wollen ihn nicht aufkommen laſſen, weil er die Kunden an ſich ziehen könnte.“ „Hat er nicht Recht, der Herr Stallmeiſter?“ wandte ſich der Magiſter lächelnd an ſeinen Nachbar. „Sie ſchimpfen alle auf einander und zuſammen auf jedes Größere, dieſe Kleinmeiſter. Mich freut es nur, daß mein Doktor Zundler auch bei der furchtbaren Frei⸗ tags⸗Trias iſt.⸗ „Ihr Doktor Zundler?“ fragte Rempen befremdet. „Kennen Sie ihn?“ 4 „Ob ich ihn kenne?“ erwiderte der Alte lachend. „Der Herr Stallmeiſter macht keinen ſchlimmen Gebrauch davon,“ ſagte Palvi zu dem Magiſter,„und zu größerem Verſtändniß der Poeſie iſt es ihm nützlich, wenn er es weiß. Biſt Du es zufrieden, Albert?“ „Es ſei; aber der Herr Stallmeiſter wird diskret ſein,“ antwortete der Alte. „Was werde ich erfahren?⸗ fragte Rempen.„Wie geheimnißvoll werden Sie auf einmal?“ „Sie kennen den Doktor Zundler, einen der erſten Lyriker dieſer Stadt,“ ſprach Palvi;„ſein Ruhm war früher gerade nicht ſo groß, doch etwa ſeit einem halben Jahre regt er die Flügel mächtig. Hier ſitzt der Däda⸗ lus, der ſie ihm gemacht hat. u „Wie ſoll ich dies verſtehen?“ erwiderte der Stall⸗ meiſter. „Unſer Magiſter hier iſt ein ſonderbarer Kauz,“ fuhr Jener fort;„einer ſeiner bedeutendſten Fehler iſt Angſtlichkeit, ſonderbar verſchwiſtert mit Gleichgültig⸗ keit. Er hätte es weit bringen können auf dem deut⸗ 159 ſchen Parnaß, aber er war zu ängſtlich, um etwas dru⸗ cken zu laſſen. Doch wie vermöͤchte ein dichteriſcher Genius von dieſem Hinderniſſe ſich beſiegen zu laſſen? Er dichtete fort, für ſich.“ „Ich machte Verſe,“ fiel der Alte gleichgültig ein. „Du haſt gedichtet!“ ſagte Palvt.„Aber ſeine be⸗ ſten Arbeiten, ſeine gründlichſten Forſchungen hat er um acht Groſchen den Bogen in Journale verzettelt, weil er ſich ſcheute, ſeinen Namen auf ein Titelblatt zu ſetzen. Und von den glühendſten Poeſien ſeiner Jugend fand ich die einzigen Spuren in halbverbrannten Fidi⸗ bus. In meinen Augen biſt Du entſchuldigt, guter Ma⸗ giſter! durch Deine Erziehung und die Art und Weiſe Deines Vaterlandes. Wer hat ſich dort zu Deiner Zeit um einen Geiſt, wie der Deine war, bekümmert? Was hat man für einen Mann gethan, der nicht in die vier Cardinaltugenden, in die vier Himmelsgegenden der Brodwiſſenſchaft, in die vier Fakultäten paßte? Haben ſie ja ſogar Schiller zwingen wollen, Pflaſter zu ſtreichen, und Wieland floh das Land der Abderiten, weil es dort keinen Raum für ihn gab, als den Poſten eines Stadt⸗ ſchreibers, den er freilich ſo ſchlecht als möglich ausge⸗ füllt haben mochte.“ „Menſch, nichts Bitteres gegen mein ſchönes Vater⸗ land,“ ſagte der Alte mit ſehr ernſtem Blick.„Es war die Wiege großer Männer.“ „Du ſagſt es,“ erwiderte Palvi,„die Wiege, aber nicht das Grab. Und dieſer Umſtand mag ſeine eigenen Urſachen haben. Zum mindeſten findet man in Odeſſa wie am Miſſiſippi, in Polen und in Rio⸗Janeiro, und 160 überdies noch auf den Kathedern aller bekannten Univer⸗ ſitäten Deine Landsleute. Doktor Zundler nun, um von dieſem zu reden, hatte das Glück, eines Tages eine Wohnung zu beziehen, in deren Giebel unſer Magiſter ein Freilogis bewohnt, weil er den Knaben des Haus⸗ herrn zum Gelehrten bilden ſoll. Doktor Zundler hat, um ſich zum Dichter zu bilden, viel geleſen, und hat den großen Menſchenkennern bald abgemerkt, daß ſie auf Originale Jagd machen. Er ſtellt ſich daher alle Tage zwei Stunden mit ſeinem Glas unter das Fenſter und ſtellt Betrachtungen über die Menſchen an, wie der ſelige Hofmann in Vetters Eckfenſter, nur, behauptet man mit verſchiedenem Erfolg. Denn der ſelige Kam⸗ mergerichtsrath guckte durch das Kaleidoſkop, das ihm eine Fee geſchenkt, der Doktor Zundler aber durch ein ganz gewöhnliches Opernglas. Da ſah er einigemal den Magiſter und— nun, Bunkerchen, erzähle.“ Ein behagliches Lächeln verbreitete ſich über das Geſicht des Alten; er trank in längeren Zügen aus ſei⸗ nem Glas und erzählte dann:„Eines Tages ſagte mir meine Aufwärterin, daß ſich der wunderſchöne reiche Herr in der Beletage nach mir erkundigt habe, wer ich wäre, was ich treibe und dergleichen. Bald darauf kam ein ſchön geputzter Herr in mein Stübchen, beguckte mich von allen Seiten, fragte mich allerlei und wun⸗ derte ſich ungemein, daß ich ein Gelehrter ſei. Er hatte mich, meiner Phyſiognomie nach, für einen unglückli⸗ chen Muſiker gehalten. Sein Staunen wuchs, als er einige poetiſche Verſuche, die am Boden lagen, aufnahm und las. Er wollte nicht glauben, daß ſie von mir her⸗ 1641 rühren, und nahm ſie endlich aus reinem Intereſſe, wie er ſagte, mit. Den folgenden Tag ſchickte er mir ein paar Flaſchen Wein. Es freute mich, ich hatte gehört, daß er reich ſei; ich bin arm und trank den Wein. Als ich die erſte Flaſche hinunter hatte und warm war, ging die Thür auf und mein Doktorchen trat herein. Ein Wort gab das andere; man kam auf Poeſie, ich machte wenig daraus, er viel; er ſchwatzte mir etwas vor von einer Erbſchaft, die er gewinnen könne von ſeinem Oheim, einem portirten Verehrer der Muſen. Seine bisherigen Verſuche haben aber nur den Unwillen des Erblaſſers erregt. So machte ſich von ſelbſt, daß ich ihm meinen ganzen Kram von Poeſien anbot; mich ſelbſt amüſirten dieſe Verſe nur, ſo lang ich ſie entwarf und ausarbeitete; ob ſie das Publikum leſe, ob es mich da⸗ bei nenne, war ja ſo gleichgültig! Im Scherz ging ich einen Akkord ein, daß ich ihm auch eine Novelle und ſpäter einen Roman ſchriebe. Er gibt mir dafür Wein, Knaſter, zuweilen Geld, und ich habe das Bequeme, daß Niemand, weder in Lob noch Tadel, meinen Na⸗ men nennt, was mir unausſtehlich iſt, und daß ich mich mit keinem Journalredakteur, mit keinem Buchhändler, keinem Recenſenten herumbeißen muß.“ „ Iſt dies nicht köſtlich, Stallmeiſter?“ fragte Palvi lachend.„Was halten Sie von dieſem trefflichen Lyri⸗ ker, von dieſem Zunder, der ohne fremden Stahl und Stein kein Feuer gibt?“ „Iſt es möglich!“ rief der junge Rempen ſtaunend aus.„Iſt eine ſolche lächerliche Niederträchtigkeit je⸗ mals erhört worden! Und dieſen Menſchen konnte auch W. Hauffs Werke, III. 11 162 ich für einen Dichter halten, konnte den Genius bewnn⸗ dern, der auf einmal über ihn gekommen? Und auch ſie, auch ſie,“ fuhr er in Gedanken verſunken fort, „auch ſie ehrt und achtet ihn darum, zeichnet ihn aus, ſpricht mit ihm über ſeine neueſten Werke! Es iſt um raſend zu werden!“ Palvi ſah den jungen Mann bei dieſen Worten theilnehmend, beinahe gerührt an; er ſchien mit Mühe eine tiefe Wehmuth zu bekämpfen, aber der Alte fuhr fort:„Solch belletriſtiſches Ungeziefer, das ſich vom Marke Anderer mäſtet, hätte ich ſchon längſt gern in der Nähe geſchaut, und ſo ſtudirte ich dieſen Hohlkopf. Wenn allerlei Mittel von Außen her einen Dichter ma⸗ chen könnten, er müßte es längſt ſein. Denken Sie ſich, er trägt, wenn er ſich zum Dichten niederſetzt, einen Schlafrock, deſſen Unterfutter aus einem Schlaf⸗ rock gefertigt iſt, den einſt Wieland trug. Hofmanns Dintengefäß hat er in Berlin erſtanden, von einem Sattler in Weimar aber den ledernen Überzug eines Fauteuil, in welchem Göthe oft geſeſſen. Mit dieſem hat er ſeinen Stuhl beſchlagen laſſen, und ſo will er ſeine Phantaſie gleichſam a posteriori erwärmen. Auch liegt auf ſeinem Tiſch eine heilige Feder, Schiller ſoll damit geſchrieben haben. Er hat gehört, daß ſolche Dich⸗ ter gern trinken, darum geht er Morgens ins Weinhaus und zwingt ſich zu einer Flaſche Rheinwein; Abends aber, wenn er ſchon ganz dumm und ſchläfrig iſt, trinkt er ſchwar⸗ zen Kaffe mit Rum und liegt dann in ſchrecklichen Ge⸗ burtsſchmerzen und iſt gewärtig, irgend eine neue Maria Stuart oder Jungfrau von Orleans hervorzubringen.“ 16³ 7. Während der Magiſter Bunker alſo ſprach, ſchlug es elf Uhr, und nicht ſobald hatte er den erſten dum⸗ pfen Ton der Glocke vernommen, als er haſtig ſein Glas austrank, einige Groſchen auf den Tiſch legte, dem erſtaunten Stallmeiſter mit einer gewiſſen freundlichen Rührung die Hand bot, und ſie ihm und Palvi herzlich drückte. Dann aber rannte er ſo eilends aus dem En⸗ tenzapfen, daß Rempen nicht einmal ſein freundliches „Gute Nacht“ erwidern konnte. „Sie ſtaunen,“ ſprach der Referendär,„daß uns der ſonderbare Menſch ſo plötzlich und verwirrt verläßt? Er wohnt bei einem ſtrengen Mann, der immer fünf Minuten nach elf Uhr die Hausthüre ſchließt. Weil nun der arme Magiſter eigentlich als Almoſen ſein Freilogis genießt, darf er keinen Hausſchluſſel führen, wie Leute die ordentlich bezahlen, und ſo jagt er, wie ein Geſpenſt, das mit dem Hahnenſchrei in ſein Grab entweicht.“ „Iſt dieſer Menſch glücklich oder unglücklich zu nen⸗ nen?“ fragte Rempen nicht ohne Bewegung. „Ich denke glücklich,“ erwiderte Palvi ſehr ernß „wer wenig hofft, hat nichts zu fürchten; er iſt ruhig; die Zeit mildert ja alles, und für die Erinnerung iſt er kalt geworden.“ „Hat er je geliebt?“ „Er hat geliebt, die Tochter jenes Hauſes in Kur⸗ land, wo er Erzieher war. Er muß ſehr liebenswür⸗ dig geweſen ſein, denn die junge Gräfin ſtarb nachher 164 aus Kummer. Er ſelbſt aber brachte zwei Jahre tiefer Schwermuth in einem Irrenhauſe zu.“ „Gott, welch ein Schickſal!“ rief der junge Mann gerührt.„Wer hätte dies ahnen können? Er hat uns eine ſo heitere Außenſeite gezeigt!“ „Wozu ſoll er ſeinen Schmerz zur Schau tragen?“ entgegnete Palvi.„Er gehört nur ſein, und er ver⸗ ſchließt ihn mit den Trümmern beſſerer Tage in ſeiner. Bruſt. Ich denke, es iſt dies die einzige Art, wie Män⸗ ner leiden müſſen.“ „Es müßte mich alles täuſchen,“ ſagte Rempen nach einer Pauſe,„oder auch Sie lieben nicht glück⸗ lich. Nennen Sie mich nicht unbeſcheiden. Sie haben mir zu viel Intereſſe eingeflößt, als daß nicht meine wärmſte Theilnahme bei dieſer Frage wäre.“ Der Referendär ſah ihn überraſcht, doch nicht ge⸗ rade verwundert an; ſein ernſtes, dunkles Auge ſchien die Züge des Fragenden noch einmal zu prüfen.„Es gibt wenige Menſchen,“ antwortete er,„die dieſe Frage an mich gerichtet hätten. Doch an Ihnen freut mich gerade dieſe Offenheit. Ich weiß, Sie meinen Eliſe Wicklow; ich liebe ſie.“ „Und werden wieder geliebt?“ fragte Rempen er⸗ röthend. „Ich zweifle, doch möchte ich von Ihnen nicht ver⸗ kannt werden, darum will ich Ihnen die kurze Geſchichte dieſer Liebe geben. Meine Eltern, ſie ſind beide todt, lebten in dieſer Stadt. Unſer Haus war mit den Wick⸗ lows ſehr befreundet, denn mein und Eliſens Groß⸗ vater ſind aus demſelben Lande hier eingewandert. Ich 16⁵ bin um ſo viel älter denn Eliſe, daß uns unſere Kin⸗ derſpiele nicht zuſammenführten. Wohl aber durfte ich, als auch meine Mutter ſtarb, das Haus hin und wie⸗ der beſuchen, und ich faßte in einem noch ſehr jungen Herzen eine glühende Neigung für das ſchöne Kind, Nach den erſten Jahren meines Univerſitätslebens kam ich hieher. Sie war herrlich herangeblüht und geſtand mir, daß ſie mir recht gut ſei. Eliſe war damals fünf⸗ zehn Jahre alt. Ich kam in rohe Geſellſchaften. Mein Vermögen und mein Stipendium reichten nur das er⸗ ſtemal hin, meine Schulden zu decken. Das zweitemal drückte mich eine bei weitem geringere Verlegenheit bei weitem unangenehmer, weil ich keinen Rath wußte. Sie hatte es erfahren, und durch fremde Hand wurden meine Schulden getilgt. Mädchen in guten Ständen, in einem ſoliden Hauſe aufgewachſen, wiſſen nicht, wie leicht ein armer Teufel in ſolche Verlegenheit kömmt. Sie ſchmälte mich in den Ferien und hielt mich für ei⸗ nen ſchlechten Menſchen. Ich verſprach Fleiß und ſoli⸗ des Leben. Das Unglück eines meiner Freunde, der einen Andern erſchoß, riß mich mit fort und wieder ins Elend. Auch da hat ſie mir wieder geholfen und mich zu Ehren gebracht. Bei ſo vielen Wohlthaten konnte mich vor mir ſelbſt nur der Gedanke entſchuldigen, daß es die Hand der Geliebten ſei, die mich gerettet, daß ich dieſe Hand einſt auf immer in die meinige legen werde. „Ich raffte mich zuſammen, und bald darauf gelang es mir durch Fleiß, hier angeſtellt zu werden. Meine Stellung zu Eliſen war aber eine ganz andere gewor⸗ 166 den. Der alte Wicklow hatte erfahren, wie mich ſeine Tochter unterſtützt hatte, und verbot mir ſchon beim erſten Beſuch ſein Haus, aus dem einfachen Grunde, weil ich arm und leichtſinnig ſei. „Eliſe ſelbſt lebte in großen, glänzenden Zirkeln, wo ich keinen Zutritt hatte, verkehrte mit allerlei ſchönen Geiſtern und galt für die Krone der jungen Damen. Ich konnte ſie höchſtens in öffentlichen Gärten, auf Bällen und Concerten, im Theater ſehen. Und nur ihr freundlicher Blick konnte mich für ſo viel Ent⸗ ſagung tröſten, konnte mich von dem beinahe Unbe⸗ greiflichen überzeugen, daß dieſes allgemein angebetete Geſchöpf— mich liebe.“ Der Stallmeiſter ſuchte vergebens ſeine Bewegung zu verbergen. Eine hohe Röthe lag auf ſeinem Geſicht, und ſein Auge hing voll Erwartung an den Lippen Palvi's. „Beruhigen Sie ſich,“ ſagte dieſer, als er den un⸗ angenehmen Eindruck bemerkte, den ſeine Erzählung auf den jungen Mann machte.„Fürchten Sie nichts, ich werde bald zu Ende ſein. Ich war glücklich und zu⸗ frieden; ich kannte ihre Vorliebe für Poeſie, und die Liebe ermuthigte mich, einen Verſuch zu wagen, der mich ihr noch werther machen ſollte. Ich ſtrengte alle meine Kräfte an, um ſie mit etwas Gelungenem zu überraſchen. Da brachte man mir eines Tages einen Brief. Ich erkannte ihre Züge, ich riß ihn auf und— ſie ſchrieb mit kurzen, aber heftigen Worten, daß ſie ſich auf ewig von mir losſage, daß ſie mich in tiefer Seele verachte; warum? werde mir mein eigenes Gewiſſen 167 ſagen. Ich verſuchte mancherlei Wege, um mich ihr zu nahen, mein Gewiſſen ſprach mich von irgend einem Fehler gegen die Geliebte frei, darum wollte ich mir Gewißheit über das Warum verſchaffen. Sie wich überall aus, und noch heute— heute Abend in jenem Zirkel hat ſie alle meine Hoffnungen zertrümmert.“ In dem edelmüthigen Herzen des jungen Rempen ſiegte Mitleiden über jedes andere Gefühl. Er faßte die Hand des unglücklichen, ihm ſo intereſſanten Man⸗ nes; er gelobte ihm, bei Eliſen für ihn zu ſprechen, ſie um die Urſache ihres Betragens zu befragen. Aber Jener erwiderte mit dem Stolze, den unver⸗ diente Kränkung gibt:„Vertrauen iſt die erſte Bedin⸗ gung der Liebe. Wo Vertrauen fehlt, da war nie Liebe, oder ſie iſt jedem Zufalle ausgeſetzt. Ich habe Eliſe auf immer verloren, ſelbſt wenn ſie mich wieder lieben würde.“ „Und in dieſem Zuſtand wollen Sie hier fortleben?“ fragte Rempen, ſeine Hand ergreifend.„Wollen Eliſen ſehen und dabei immer fühlen, daß Sie verachtet ſind?“ „Nein, gewiß nicht““ erwiderte Jener mit düſtrem Lächeln;„mein Geſchäft in dieſer Stadt iſt zu Ende. Es bleibt mir nur noch übrig, die Geliebte vor Men⸗ ſchen zu warnen, die ihrer nicht werth ſind. Dieſen literariſchen Pöbel, der ihr ſo unendlich werth ſcheint, will ich noch vor ihren Augen entlarven; und ich glaube ihr damit nützlich zu ſein, denn die Stellung, die Eliſe jetzt eingenommen, würde ſie ſpäter nimmer glücklich machen. Sie ſelbſt werden mir dazu helfen, mein Freund; ſchlagen Sie ein; wir wollen unſere Penelope von die⸗ ſen Freiern erretten.“. 168 „Wohlan!“ rief der Stallmeiſter, indem er aufbrach, „vielleicht findet ſich morgen ſchon Gelegenheit, wenn uns die letzten Ritter von Marienburg verſammeln; aber dann,“ ſetzte er entſchloſſen hinzu,„noch einen Verſuch, um auch Sie glücklich zu machen!“ 8. Der ſchöne Frühlingstag und die Furcht für unge⸗ bildet zu gelten, wenigſtens durch ihr Nichterſcheinen geringes Intereſſe an der ſchönen Literatur zu verra⸗ then, vereiniste den größten Theil des Rempenſchen Clubs in dem Gartenſaal, den man zum Sammelplatz beſtimmt hatte. Der junge Rempen war zu Pferd her⸗ ausgekommen, geraume Zeit vor den übrigen Gäſten; gedankenvoll ſetzte er ſich auf den Altan des Hauſes und ſchaute in den Fluß hinab. Wie ſo gern hätte er ſich ſchon heute am frühen Morgen Gewißheit verſchafft, wakum Eliſe ſo plötzlich mit Palvi gebrochen, auf eine Weiſe gebrochen, die nothwendig, er geſtand es ſich mit Schmerz, auf den Charakter des jungen Mannes einen düſtern Schatten werfen mußte. Oft verwünſchte er den geſtrigen Tag, und daß er dieſen Menſchen kennen ge⸗ lernt habe, nur um ihn unausſprechlich zu achten, und vielleicht morgen zu verlieren, zu— bedauern; denn verachten? nein, es konnte keinen Fall geben, der ihm dieſen Mann hätte verächtlich machen können. War es denn möglich, daß eine ſo großartige Seele etwas Ge⸗ meinem, Niedrigem ſich hingeben konnte?„Er iſt arm,“ ſagte der gutmüthige Rempen zu ſich,„er muß dürftig ſein, denn ſeine Stelle kann ihn nicht ernähren; viel⸗ 169 leicht hat er wieder Schulden gemacht, ſie hat es erfah⸗ ren, und deutet als Leichtſinn, was vielleicht Noth iſt? Aber kann, ſelbſt wenn es Leichtſinn wäre, dieſer den Geliebten in ihren Augen verächtlich, elend machen?“ Wie ergrimmte er in ſeiner Gedankenfolge über jene⸗ Schranken, welche das Herkommen und die„gute Sitte“ um vornehme Häuſer und ihre Töchter gezogen, wie unnatürlich erſchien es ihm, daß der Geliebte die Zür⸗ nende nicht in ihrem Hauſe, auf dem Wege, überall befragen, vielleicht verſöhnen konnte, daß vielleicht ein kleines, aber ſichtbares Ausweichen, eine ſcharfe und laut geſprochene Rede dazu gehörte, ihn, nach den Sit⸗ ten der Geſellſchaft, auf immer von ſich zu entfernen! Oder wie? Sollte ſie ihn vielleicht nie geliebt haben?“ ſetzte er getröſteter hinzu.—„Es wäre möglich, daß ihm dieſe Gewißheit weniger ſchmerzlich wäre, als ihr Haß; aber— darf ſie ihn deßwegen haſſen?“„. Ein großer Zug von Damen und Herren hatte während dieſer Gedanken des jungen Rempen den Berg erſtiegen, und war jetzt in den Gartenſaal getreten. Noch fehlte Eliſe, aber man konnte nur um ſo ungezwungener ihren Geſchmack und ihre Beleſenheit bewundern. Auch Palvi wurde gebührendes Lob ge⸗ ſpendet; man hatte ſelten mit dieſer Gewandtheit, mit dieſem Ausdruck Etwas vorleſen gehört, und die Be⸗ wunderung ſtieg, als man ſich ſagte, daß er wahrſchein⸗ lich dieſen Roman nicht zuvor geleſen habe. Eliſe kam mit Onkel und Tante Rempen angefahren, und Julius vergaß ſo ganz ſeine vorigen Gedanken, ſeine Vorſätze, daß er vor Freude erröthend herbeiſprang, ſie aus dem 170 Wagen zu heben, daß er halb unbewußt ihre Hand drückte und dies erſt erkannte, als er dieſen Druck erwidert fühlte. Alle jene düſtern Bilder, die auf dem Altan vor ſeiner Seele vorübergezogen, verſchwanden vor dem Glanz ihrer Schönheit. Er hatte ſie nie ſo reizend, ſo wundervoll geſehen, wenigſtens ſo huldreich war ſie nie gegen ihn geweſen. Den Grund davon geſtand ihm in einer Ecke des Saals die Tante. Er hatte den Zirkel geſtern Abend ſo bald verlaſſen, daß Eliſe glaubte, ſie habe ihn gekränkt. Dieſer Gedanke erfüllte ihn jetzt ſo ganz, daß er in ihre Nähe eilte, daß er mit ihr ſprach und ſcherzte, und erſt durch die wiederholte Mahnung ſeines Onkels darauf aufmerk⸗ ſam gemacht werden konnte, daß die Geſellſchaft ſich bereits im Kreiſe geſetzt habe und die Erzählung des Fräuleins Wicklow erwarte. „Mein Unfall,“ ſprach ſie mit leichtem Errothen, „hat mich geſtern, wenn ich nicht irre, gerade bei der Zuſammenkunft der Ritter mit dem Fräulein getroffen. Des Fräuleins Vater, der nicht nur von außen, ſon⸗ dern auch im Innern dem Bund durch Zwiſchenträgerei und Uneinigkeit zu ſchaden ſucht, hat überall Spione. Erwünſcht iſt ihm, daß ihm einer die Anzeige von jenem nächtlichen Rendezvous macht. Er denkt keinen Augen⸗ blick daran, daß es ſeine Tochter ſein könnte, ſondern ſchleicht ſich mit Knechten in jene Ruinen und üher⸗ fällt zuerſt den Freund; die Dame und ihre Amme, die immer zugegen war, entfliehen; es kommt zum Gefecht, die Knechte werden in die Flucht geſchlagen, und auch der Alte zieht ſich zurück, doch nicht ohne ſich 171 vorher mit einem Zeichen von ſeinem Gegner verſehen zu haben. „Den andern Tag verſammelt der Großmeiſter ein Kapitel. Er entdeckt den Rittern dieſen Vorfall und beſchwört die Schuldigen, ſich zu nennen. Sie ſchweigen. Noch einmal fordert er ſie vergebens auf und zeigt dann der Verſammlung eine goldene Kette, woran ein Sie⸗ gelring befeſtigt iſt. Das Wappen wird erkannt, und der Freund ſieht ſich genöthigt, zu geſtehen. Er über⸗ ſieht mit klarem Blick ſeine Lage; die geſchärften Geſetze müſſen ihn ſchuldig ſprechen, darum iſt für ihn keine Rettung. Doch glaubt er, da er ſelbſt verloren iſt, ſeinen Freund retten zu können. Er geſteht, in den Ruinen mit einer Dame geſprochen zu haben. Der Meiſter iſt tief ergriffen von dieſem Geſtändniß; es iſt ein tapferer, junger Mann, den das Urtheil trifft, er wurde von Vielen geliebt. Peinlich iſt die Lage des Helden ſelbſt, und treffend die Beſchreibung; wie die Furcht vor Entehrung, die Hoffnung, der Freund könne gerettet werden, ihn bald zur Entdeckung an⸗ treiben, bald davon zurückhalten. Das Urtheil der Ritter wird geſammelt. Es lautet:„„Entehrender Ausſchluß aus dem Orden.““ Jetzt aber erzählt der Meiſter, daß noch ein zweiter Johanniter dieſen Fehl⸗ tritt getheilt habe; er verſpricht, die Strafe in Entlaſ⸗ ſung zu mildern, wenn der Schuldige den Mitſchuldigen entdecke. Jener ſchweigt und verrathet ihn nicht. Da ſtürzt der Neffe des Meiſters hervor und bekennt ſeine ganze Schuld. Dieſe Scene, der Schmerz des alten Ulrich von Elrichshauſen und der Wettſtreit der Freunde, 172 von welchen Jeder der Schuldige ſein will, iſt ſo tref⸗ fend, daß man ſie hören muß.“ Jetzt ſah man ſich nach dem Vorleſer um. Doktor Zundler ſprang nach dem Buch, das auf dem Tiſche lag, um zu leſen, und hatte ſich ſchon mit freundlichem, zuverſichtlichem Lächeln Eliſen genähert, als der alte Rempen plötzlich aus den dichten Reihen der Männer Palvi herbeiführte.„Nein, nein,“ ſagte er,„hier ſteht der Mann, der uns geſtern gezeigt hat, wie gut er einen Roman vorleſe; ich denke, beſter Doktor, Ihre Stimme paßt mehr zum Leichten, Lyriſchen.“ Mit ſpöttiſchem, halb verlegenem Lächeln reichte der Doktor das Buch hin, und Palvi las, wenn es möglich war, noch ſchöner, als am geſtrigen Abend. Dieſe erhabene und ſo un⸗ glückliche Freundſchaft, die Ceremonien ihrer Ausſtoßung aus dem Orden, ihre letzten Worte, als ſie das Schloß verlaſſen, lockten in manches Auge Thränen der Weh⸗ muth, und Eliſe ſelbſt ſchien ſo gerührt, daß Palvi mehre Kapitel weiter las, um ihr Faſſung zu geben. Unſern Leſern iſt dieſer Roman zu bekannt, als daß wir nicht beſorgen müßten, ſie durch längere Auseinander⸗ ſetzung zu ermüden. Jene intereſſanten Abtheilungen, wo die beiden verſtoßenen Ritter an den romantiſchen Ufern der Nogat umherſtreifen, jene glücklichen Schil⸗ derungen eines ſchönen Landes, die Nachrichten über die alten Preußen, in deren Mitte der Orden zwei Jahrhunderte zuvor den Samen der Cultur getragen hatte; ihre alterthümlichen Gebräuche, die unverkenn⸗ baren Spuren heidniſcher Sitten, auf ſonderbare Weiſe mit chriſtlichem Ritus vermiſcht, dies Alles, getragen 173 und veredelt von der tiefen Melancholie Kunv's, von ſeines Freundes Seelenſtärke und heiterm, unverzagtem Muth, ſpannte die Zuhörer und riß ſie hin. Eliſe hatte ſich bald wieder ſo weit gefaßt, daß ſie mit Ruhe weiter erzählen konnte. Sie erzählte, wie die beiden Vertriebenen die Verrätherei des Ordenskaſtellans entdecken, der die Polen heimlich nach Marienburg rief; wie ſie unter Gefahr und Beſchwerden ſich durch die aufrühreriſchen Preußen nach Marienburg durchſchla⸗ gen, den Meiſter warnen und verborgen auf Gelegenheit harren, dem Orden zu nützen. Mit großer Begeiſterung las Palvi jene Schlachtſcenen, worin der Meiſter, bei einem Ausfall auf die Polen, von ſeinem Neffen gerettet wird, wo der Freund die heilige Fahne des Ordens, der ihn verſtoßen, aus dem dichteſten Haufen der Feinde zurückbringt, und dieſe erhabene That mit einer tödt⸗ lichen Wunde zahlt. Tiefe Rührung brachte jene Scene hervor, wo der Sterbende ſeinem Freund ſo manches Räthſelhafte in ſeinem Betragen auflöst, und ihm ge⸗ ſteht, daß auch er ſelbſt Wanda aufs Innigſte geliebt habe. Der Schmerz um den Sterbenden bewegt Kuno zu dem romantiſchen Entſchluß, ſeiner Liebe auf immer zu entſagen, beſonders da ein Verdacht in ihm keimt, daß ſie ihn weniger geliebt, als den Freund. Die nächt⸗ liche Beſtattung des edeln Menſchen, die Wiederauf⸗ nahme Kuno's in den Orden waren von ergreifender Wirkung, nicht minder rührend Wanda's Verſuche, den Geliebten noch einmal zu ſprechen, und als ſie ſich ver⸗ geſſen glaubt, ihr ſchnelles Hinwelken. Der Kaſtellan iſt von dem Czirwenka, dem Haupt⸗ 174 mann der boöhmiſchen Beſatzung, der deſſen Geſtändniß fürchtet, ſelbſt getödtet worden; verlaſſen, verwaist, auch von der Liebe verlaſſen, will Wanda nur ſo lange noch in der Nähe des Geliebten weilen, bis der Früh⸗ ling heraufkommt; doch nicht nur dieſe zarte Blume, auch der Orden trägt den Tod im Herzen, und Beide ſollten den letzten Frühling in Marienburg ſehen. Der Großmeiſter Ulrich von Elrichshauſen kann ſich mit ſeinen Rittern nicht mehr gegen den Aufſtand der Preußen und gegen ſeine eigenen Söldner halten. Er will den Orden nach Deutſchland führen und bedingt ſich von den Verräthern freien Abzug. Schon ſind die Pferde gerüſtet, der Zug will aufbrechen, und die Ritter nehmen mit blutenden Herzen von den Hallen dieſer Burg Abſchied. Und als Alle noch einmal ihr Theuer⸗ ſtes muſtern, was ſie verlaſſen ſollen, kann Kuno dem letzten Ruf der Geliebten nicht widerſtehen; er will zu ihr und— findet ſie ſterbend. Sie ſchien nur noch ſo viel Leben in ſich zu tragen, um ihn von ihrer Treue, ihrer Liebe zu verſichern. Indeſſen hat Czirwenka die Thore geöffnet. Sechshundert Polen ziehen ein, und, ſtatt dem Orden freien Abzug zu gönnen, wird der Großmeiſter vom Pferde geriſſen, verſpottet und ver⸗ höhnt. Kuno verläßt die ſterbende Geliebte, um ihm beizuſpringen; ein heftiges Gefecht entſpinnt ſich in den Höfen; einem großen Theil der Ritter, den Meiſter in der Mitte, gelingt es, zu entkommen, aber Kuno, mit ſechs andern tapfern Ordensbrüdern, welche die Fah⸗ nenwache bildeten, werden von den Übrigen abgeſchnit⸗ ten; kämpfend ziehen ſie ſich über die breiten Stufen bis 175 in den großen Rempter zurück, wo ſonſt die Ordens⸗ fahne ſtand. Der Entſchluß, ſie lebend nicht zu über⸗ geben, beſeelt ſie, ſie pflanzen das Panier an ſeinem alten Standpunkt auf und umgeben es. Lange gelingt es ihnen, das Siegeszeichen ſo vieler Schlachten zu verthei⸗ digen. Aber die Polen dringen immer heftiger ein; über⸗ macht und Verrath ſiegen, und über die Fahne gebrei⸗ tet ſterben die letzten Ritter von Marienburg. Es entſtand eine Pauſe, als Palvi geendet hatte; es ſchien Niemand zuerſt jene Stille ſtören zu wollen, die unter Zwei oder Drei heilig und rührend, in größe⸗ ren Geſellſchaften peinigend iſt. Doch je erhabener das Gefühl iſt, welches zu einer ſolchen Ruhe zwingt, deſto ängſtlicher ſind die Menſchen, mit etwas Gemeinem dieſe Nachklänge tieferer Empfindungen zu unterbrechen, Sie rennen dann auf allen Vieren durch die Speiſe⸗ kammer ihrer Erinnerung, um etwas Feines, Einge⸗ machtes, Candirtes vorzuſetzen, ſtatt ihre friſchen na⸗ türlichen Gefühle ſprechen zu laſſen. 2 „Dieſer ganze Roman,“ lispelte endlich eine Dame, deren Bläſſe und feuchte Augen auf zarte Nerven ſchließen ließen,„kommt mir vor, wie jener Ausſpruch Jean Pauls:„„Wie manche ſtille Bruſt iſt nichts, als der geſunkene Sarg eines erblaßten, geliebten Bildes.“ℳ Dieſer Hüon liebt gewiß unglücklich, und darum ge⸗ fällt er ſich in dieſem tragiſchen Geſchick.“ „Gerade dies kommt mir überaus komiſch vor,“ bemerkte der Hofrath, dem Neid und Verdruß um die Naſenflügel ſpielten;„dieſer Menſch hat zu wenig Tiefe, zu wenig Empfindung, um die Wehmuth, das 176 „Unglück zu zeichnen; doch ich habe mich an einem andern Ort hinlänglich darüber ausgeſprochen. Gewiß, es iſt ſo, wie ich ſage. Es ſteht ja gedruckt, mein Ur⸗ theil,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich vornehm in den Stuhl zurücklehnte. „Doch glaube ich, auch gegen ein gedrucktes findet noch Appellation ſtatt,“ ſagte der junge Rempen mit gleichgültiger Miene. „Wie ſo?“ rief der Hofrath erroͤthend. Rempen war etwas betroffen, aber die muntern Augen ſeines Oheims, der hinter dem Stuhl des Hof⸗ raths ſtand, winkten ihm, fortzufahren.„Ich meine, ich habe ſo etwas geleſen, das Ihr Urtheil, beſter Hof⸗ rath, völlig umſtieß,“ entgegnete er;„übrigens iſt ein gedrucktes Urtheil immer nur das Urtheil eines Einzel⸗ nen, und dem Einzelnen muß erlaubt ſein, dagegen zu ſtreiten. Ich zum Beiſpiel finde dieſen Roman beſſer, als Sie ihn gemacht haben. Auch glaube ich, Tiefe des Gefühls müſſe dem abgehen, der dies in den letzten Rittern von Marienburg nicht findet.“ Der Oheim hatte ſolches wohl nicht geahnet, denn er und die ganze Geſellſchaft ſchienen erſtaunt über die Kühnheit des Stallmeiſters. „Solche hiſtoriſche Romane,“ nahm der Profeſſor das Wort,„ſind nur Fabrikarbeiten. Die Form iſt gegeben, und wie leicht, wie ſicher läßt ſich dieſe Form von Jedem handhaben! Nehmen Sie irgend einen Lap⸗ pen der Welthiſtorie, zerreißen ihn in kleine Fetzen und kleiden die hergebrachten Perſonen von A bis Z darein, ſo haben Sie einen hiſtoriſchen Roman. Die weitere 177 Entwickelung iſt leicht, beſonders wenn man es ſich ſo leicht macht, wie dieſer Hüon und nur genugſam Flos⸗ keln eingeſtreut ſind; wenn das Thränentuch häufig als Panier aufgepflanzt wird, ſo kann der Eindruck nicht verfehlt werden.“ „Und doch däucht mir,“ erwiderte Palvi,„es iſt bei weitem ſchwerer, einen Roman zu dichten, der den Forderungen einer wahren vernünftigen und billigen Kritik entſpricht, als ein Drama zu ſchreiben.“ „Und was nennen Sie denn eine vernünftige und billige Kritik, Herr Referendarius?“ fragte Doktor Zundler mit ungemein klugem und ſpöttiſchem Geſicht. „Man muß ein Buch,“ erwiderte Palvi mit großer Ruhe,„man muß beſonders ein Gedicht zuerſt nach den Empfindungen beurtheilen, die es in uns hervorruft, denn auf Gefühl iſt ja ein ſolches Werk berechnet; es ſoll angenehm unterhalten, durch den Wechſel freudiger und wehmüthiger Scenen befriedigen. Und dann erſt, wenn unſer Herz darüber entſchieden hat, daß das Buch ein ſolches ſei, das unſere Gefühle erhoben, befriedigt hat, dann erſt erlaube man dem Verſtand, ſein Urtheil darüber zu fällen, und ihm bleibt es übrig, nachzuweiſen, was in Anordnung oder Styl gefehlt iſt.“ „Da müßte man am Ende alle Herzen abſtimmen laſſen,“ ſagte der Hofrath mitleidig lächelnd,„müßte umherfragen: hat's gefallen oder nicht? ehe man ein öffentliches Urtheil fällt. Aber dem iſt nicht ſo; unſere Journale waren es von jeher, denen zu loben oder zu verdammen zuſtand, und der gebildete, geläuterte Ge⸗ ſchmack iſt es, der dort richtet.“ W. Hauffs Werke, III. 42 „Ueberhaupt dächte ich,“ ſetzte Doktor Zundler mit zärtlichem Seitenblick auf Eliſen hinzu,„man kann über Dinge dieſer Art in Geſellſchaft eine gebildete Dame mit Vergnügen hören, wie ſchon Göthe im Taſſo ſagt, aber ein öffentliches Urtheil müſſen nur Leute vom Fach fällen, und nur Leute vom Fach können da⸗ gegen opponiren.“ „Und halten Sie ſich etwa für einen Mann vom Fach?“ fragte Palvi mit großem Nachdruck. Der Doktor verbarg ſeinen Unmuth über dieſe Frage nur mühſam hinter einem lächelnden Geſicht. „Ich denke, die Welt zählt mich zu Deutſchlands Dichtern,“ ſagte er. „Die Welt,“ antwortete der Referendär,„die be⸗ trogene Welt, aber nicht ich; ſo wenig als ich meinen Dekopiſten für ein Genie halte.“ Ddie Geſellſchaft fiel aus ihrer Spannung in eine ſonderbare Bewegung. Die Damen ſahen unmuthig auf Palvi, ein Theil der Männer lachte über des Doktors auffallenden Mangel an Faſſung, ein anderer Theil mißbilligte laut ſolche Reden in einer guten Geſellſchaft. „Herr von Palvi,“ rief endlich Jundler bebend, man wußte nicht, ob vor Wuth oder Schrecken,„wie ſoll ich Ihre ſonderbaren Reden verſtehen?“ „Ja, ja, Doktor,“ ſagte der Stallmeiſter laut lachend,„auch mit meiner Bewunderung hat es ein Ende; man ſagt, Sie haben ſich Ihre Gedichte und ſonſtigen ſchönen Sachen machen laſſen.“ „Machen laſſen?“ fragte der Chorns der Litera⸗ toren mit Beſtürzung. 179 „Hat ſie machen laſſen?“ rief die Geſellſchaft. „Wer wagt dies zu ſagen?“ ſchrie der Doktor, in⸗ dem er bleich und athemlos aufſprang.. „Nun, leider Derjenige ſelbſt, der ſie Ihnen ver⸗ fertigt hat,“ antwortete Rempen mit großer Ruhe, „der Magiſter Bunker; er logirt oben in Ihrem Hauſe.“ Der entlarvte Dichter verſuchte noch einige Worte zu ſprechen; er war anzuſehen, wie der Kopf eines Enthaupteten; die Augen drehen ſich noch, die Lippen ſcheinen Worte zu ſprechen, aber der Geiſt iſt entflohen, der dieſen Organen Leben gab. Eilig drängte er ſich dann durch den Kreis, ſtürzte nach ſeinem Hut und verließ den Saal und die vor Verwunderung verſtummte Geſellſchaft. „Iſt es denn wahr?“ ſprach endlich die von Angſt und Sorge erbleichte Eliſe, indem ſie den Stallnteiſter ſehr ernſt anſah. „Gewiß, mein Fräulein!“ erwiderte dieſer lächelnd. „Ich würde der Geſellſchaft dieſe Scene erſpart haben, aber ich war zu tief über die freche Stirne erbittert, womit dieſer Menſch mich und Sie alle hinterging. Doch hören Sie von dem wunderlichen Mann, der ihm alles dichtete.“ Man ſetzte ſich ſchweigend, und Rempen erzählte; während ſeiner Erzählung ſchlich ſich der Redakteur der Blätter für belletriſtiſches Vergnügen aus dem Saal, ihm folgten ſeine Genoſſen, beſchämt und ergrimmt über ſich, den Doktor und die ganze Welt. Der Geſell⸗ ſchaft aber gereichte die Erzählung des Stallmeiſters zu nicht geringem Vergnügen. Die gute Stimmung 180 war wieder hergeſtellt, der Punſch, den der alte Rem⸗ pen als Nachſatz von geſtern gab; löste die Zungen, man fühlte ſich weniger beengt, ſeit die öffentlichen Schiedsrichter hinweggegangen waren; man ſprach all⸗ gemein das Lob des vorgeleſenen Romans aus. Auch ſiee Toaſts wurden nicht vergeſſen, und als Julius von Rempen die Geſundheit aller wahrhaften Dichter und ihrer gründlichen Kritiker ausgebracht hatte, wagte es Eliſe mit glänzenden Augen, aber tief erröthenden Wangen die Geſellſchaft aufzufordern, auf das Wohl des neuen Hüon und der letzten Ritter von Marien⸗ burg zu trinken. 9. Eliſe hatte dem Stallmeiſter, als er beim Nach⸗ hauſefahren neben dem Wagen ritt, erlaubt, ſie den andern Tag zu beſuchen; er kam, er fand ſie allein und gütiger gegen ihn geſinnt als je. Sie neckte ihn über ſeine Eingriffe in die literariſche Welt und rieth ihm, nie etwas drucken zu laſſen, denn er habe alle Recen⸗ ſenten gegen ſich aufgebracht. „Und ſind denn nicht auch Sie mir einige Minuten gram geweſen,“ fragte er lächelnd,„weil es einer Ihrer Freier war, den ich entlarvte?“ „Einer meiner Freier?“ fragte ſie hocherröthend. „Zundler? Sie irren ſich.“ „O, Sie ſchenkten ihm oft ein geneigtes Ohr,“ fuhr er fort,„verabſchiedeten mich oft mitten im Geſpräch, um auf die Worte dieſes großen Dichters zu lauſchen!“ „Gewiß nicht, Rempen!“ antwortete ſie verlegen. ——-—— 181 „Und Einer meiner Freier, ſagten Sie, als ob ich deren viele hätte!“ „Ich kenne wenigſtens einige,“ erwiderte er mit lauerndem Blick. „Und wen?“ „Zum Beiſpiel Palvi.“. „Palvi!“ rief ſie erbleichend.„Was wollen Sie mit Palvi? Ich kenne ihn nicht.“ „Eliſe,“ erwiderte der Stallmeiſter ſehr ernſt,„Sie kennen ihn. Der Zufall ließ mich vorgeſtern hören, Sie ihm ſelbſt ſagten, wie gut Sie ihn kennen. lieben ihn.“ 3. „Nimmermehr!“ rief ſie mit glühendem Geſicht. „Er iſt ein Abſcheulicher! Glauben Sie, ich werde einen Elenden lieben, der— mein Kammermädchen anbetet?“ „Eliſe! Palvi?“ „Ja, ich geſtehe es,“ flüſterte ſie, in Thränen aus⸗ brechend,„Ihnen geſtehe ich es, es gab eine Zeit, wo ich für dieſen Menſchen Alles hätte thun können. Ich kannte ihn noch aus meiner Kindheit und auch ſpäter, er war mir werth. Aber hören Sie: Schon oft hatte mir mein eingebildetes Kammermädchen von einem ſchönen Herrn erzählt, der ſie immer anrede, ihr von Liebe vorſchwatze, und dem ſie recht herzlich zugethan ſei. Eines Tages ſtand ſie dort am Fenſter; auf einmal ſchlägt ſie die Hände zuſammen vor Freude, bittet mich, ans Fenſter zu treten und ruft:„„Sehen Sie, der vort in der Thüre des Buchladens ſteht, der iſt der ſchöne Herr.““ Sie macht mir Platz, ich trete arglos hin, und aus dem Laden tritt in dieſem Augenblick—“ 182 „Wie, doch nicht Palvi?“ rief der Stallmeiſter, ergrimmt über das ſchlechte Betragen eines Mannes, den er geachtet hatte. „Er ſelbſt,“ flüſterte Eliſe und drückte ihre wei⸗ nenden Augen in ihr Tuch. Der Stallmeiſter überließ das unglückliche Mädchen einige Minuten der Erinnerung an einen tiefen Kum⸗ mer, hatte er ja doch ſelbſt dieſe Pauſe nöthig, um ſich zu ſammeln. Liebe, Mitleiden, ſo viele andere Em⸗ pfindungen ſtürmten auf ihn ein, riſſen ihn hin, Eli⸗ ſens Hand zu ergreifen und ſie an ſeine brennenden Lippen zu ziehen. Erſchreckt, überraſcht blickte ſie ihn an; doch ſchien ein günſtiges Gefühl für ihn ihren ſtra⸗ fenden Blick zu mildern. G „Und darf ein Mann,“ ſprach er bewegt,„zu Ihnen von Liebe reden, nachdem Sie ſo Bitteres von uns er⸗ fahren? Darf er ſagen, er würde treu ſein bis in den Tod, wenn Sie mir nur einen Theil jener Liebe ſchen⸗ ken könnten, die Jener ganz beſaß?“ „Julius, was fällt Ihnen ein?“ rief ſie mit beben⸗ den Lippen, doch ohne ihm ihre Hand zu entziehen. „Wozu—“ „Eliſe,“ fuhr er fort,„ich kann einem ſo großen und ſchönen Herzen, wie das Ihrige iſt, wenig Troſt geben; aber die Zeit mildert, und kann nicht treue und aufmerkſame Liebe ſelbſt ſchönere Vorzüge erſetzen?“ Sie wollte antworten, ſie erröthete und ſchwieg, aber ihren Blick voll Liebe und Wehmuth durfte er günſtig für ſich deuten; er ſchloß ſie in ſeine Arme und küßte ihren ſchönen Mund. 18³ „Aber mein Gott, Rempen,“ ſagte ſie, indem ſie ſich ſanft von ihm loszumachen ſuchte,„was machen Sie doch?“ „Ich habe Dich ja längſt geliebt,“ fuhr er fort, „hatte nur einen Wunſch, ich glaubte Dein Herz nicht mehr frei und zögerte; jetzt, da ich weiß, daß nur Gram, aber keine fremde Liebe in dieſem Herzen wohnt, jetzt mußte ich dieſes läſtige Geheimniß von mir werfen. Aber wie?— zürnen Sie mir vielleicht über alles dieſes?“ „Julius!“ rief ſie erſchreckt von dem wehmüthigen Ton, womit er die letzten Worte ſagte. Dieſer Name, ſo ſanft und wohlwollend ausgeſprochen, ihr ängſtlicher zärtlicher Blick ſagten ihm mehr als alle Worte.„Und darf ich mit dem Vater reden, Eliſe? Darf ich?“ ſetzte er hinzu. Sie erröthete und erbleichte eben ſo ſchnell wieder, ſie ſah ihn eine kleine Weile prüfend an, eine Thräne trat in ihre ſchönen Augen, aber um ihren Mund zog ein flüchtiges, feines Lächeln; ſie drückte ſeine Hand; eine kleine Bewegung des Hauptes und die hohe Röthe, die wieder über ihre Wangen ging, ſagten ja, und ſchnell, wie vom Wind hinweggetragen, war ſie in ein anderes Zimmer entſchlüpft. Der Stallmeiſter war in jeder Hinſicht eine ſo gute und anſtändige Partie, daß der alte Wicklow, alsder Geheimerath von Rempen für ſeinen Neffen warb, keinen Anſtand nahm, ſeine Zuſage zu geben. Der junge Mann ſelbſt war ſo von ſeinem ſüßen Glück erfüllt, daß er lange nicht an die Begebenheiten dachte, die dieſem wichtigen Schritt Worangegangen waren. Endlich er⸗ innerte ihn ein Zufall an Palvi; ſo unangenehm dieſe 484 Erinnerung war, ſo fühlte er doch als Mann und als künftiger Gatte Eliſens, daß er dieſem Menſchen, mochte er ſich auch wirklich ſchlecht gezeigt haben, Erklärung ſchuldig ſei. Und wie bebte ſeine Hand, als er ihm in wenigen Zeilen ſagte, daß Eliſens Widerwille unüber⸗ windlich ſei, daß er ihn verſichern könne, daß ſie nie⸗ mals einen Mann mehr lieben werde, welchen ſie auf⸗ zugeben nicht Unrecht gehabt, daß er ſelbſt verſuchen wolle, Palvi's Stelle bei ihr zu erſetzen. Ja, ſeine Hand, ſein Herz bebte, als er dieſe Buchſtaben nieder⸗ ſchrieb; es konnte ihn nicht beruhigen, daß er ſich ins Gedächtniß recht lebhaft zurückrief, wie niedrig und elend dieſer Menſch an einer ſo zarten, heiligen Liebe, wie ſie Eliſe gab, gefrevelt habe. Die edeln Züge, das Auge dieſes Mannes ſtanden vor ihm; ſein ſo hoher und liebenswürdiger Geiſt, ſo fein in Urtheil und Be⸗ nehmen, und dennoch ſo wenig ſittliche Würde? Die Erinnerung an jenen Abend, wo ſich ihm dieſer Mann ſo ernſt und doch ſo herzlich genähert hatte, wo er ihm ſein inneres Leben aufſchloß, und ein verarmtes Herz bei ſolchem Reichthum der Gedanken, eine tief ver⸗ wundete Seele bei ſolcher Geſundheit des Geiſtes zeigte, machte ihn ſo wehmüthig, daß er nahe daran war, die kaum geſchriebenen Zeilen zu zerreißen; aber der Ge⸗ danke an Eliſe, die Vermuthung, daß dieſer Palvi ſo ſchöne Empfindung, ſo tiefe Rührung nur geheuchelt haben müſſe, erkälteten ſchnell ſeine warme Theilnahme. Entſchloſſen ſchickte er den Brief ab, und doch däuchte es ihm, als er ſeinen Boten verſchwinden ſah, er habe einen Todespfeil auf ein edles Herz entſendet. 18⁵ 10. Der alte Herr von Rempen erinnerte ſich mehrer Fälle, wo die feierliche Verlobung gräflicher, ſogar fürſtlicher Paare gleich den andern oder dritten Tag, nachdem die Werbung angenommen worden, vor ſich gegangen war. Er ſtand daher um ſo weniger an, ſei⸗ nen Neffen und Eliſens Vater zu gleicher Eilfertigkeit zu treiben, als er ſelbſt gleich nach dieſer Scene, wobei, ſeiner Meinung nach, ſein Segen nothwendig war, auf mehre Wochen auf das Land gehen wollte. So kam es, daß ſich der Stallmeiſter durch den verhängnißvol⸗ len Zug der Umſtände in die ruhige Bucht eines ſchö⸗ nen, häuslichen Glückes verſetzt ſah, als er ſich kaum noch auf hoher See glaubte oder wenigſtens von Klip⸗ pen träumte, an welchen ſeine Hoffnung auf immer ſcheitern konnte. Am Morgen jenes feſtlichen Tages, der zu ſeiner Verlobung angeſetzt war, brachte ihm ein Knabe einen Brief; die Hand die ihn überſchrieben, war ihm unbekannt. Er öffnete, und fand den Namen des Magiſter Bunker unterzeichnet. So unangenehm auch die Erinnerungen ſein mochten, mit welchen dieſer Name in Verbindung ſtand, ſo machte doch das Anden⸗ ken an dieſen alten Mann und die wenigen rührenden Worte des Briefes tiefen Eindruck auf ihn. Er bat, der Stallmeiſter möchte dem Knaben zu ihm folgen. Er habe ihm nothwendig etwas zu eröffnen und ſei ſelbſt zu ſchwach und angegriffen, als daß er über die Straße gehen könnte. Rempen fürchtete anfangs ein Zuſam⸗ mentreffen mit Palvi. Als aber der Knabe auf ſeine Frage, ob Herr von Palvi bei dem Alten ſei, antwor⸗ 186 tete:„Ach nein! der iſt ganz ſchnell weggereist, und kommt nimmer wieder, und der alte Herr Magiſter hat geweint wie ein Kind,“ nahm er eilends ſeinen Hut und folgte. Der Knabe führte ihn durch mehre Seitenſtraßen in einen abgelegenen Theil der Stadt, wo arme Leute und Handwerker wohnten, bis vor ein kleines, aber reinliches Haus. Dort ſtieg er eine Treppe hinan und öffnete dem Stallmeiſter eine Thüre. Es war ein Zim⸗ mer voll Verwirrung und Unordnung, in das ſie traten. Papiere und Bücher lagen am Boden zerſtreut, und die Trümmer einer Guitarre miſchten ſich mit ausge⸗ leerten Flaſchen und alten Schuhen. Auf den Stühlen lagen Kleidungsſtücke, auf dem ſchlechten Kanapee aber ſaß, den Kopf in die Hand geſtützt, ein Mann, in wel⸗ chem Rempen den Alten erkannte. Beim Geräuſch, das ihr Eintritt verurſachte, wandte er den Kopf um und hatte Thränen in den alten Augen. „Vergeben Sie mir!“ ſagte er, indem er mit Mühe ſich aufraffte.„Meine Füße trugen mich nicht mehr zu Ihnen, und meine Hand zittert— ich mußte meine Botſchaft mündlich geben.“ „Was iſt vorgegangen!“ rief der junge Mann be⸗ ſtürzt.„Sie ſind krank, Sie weinen, um wen? Und von wem eine ſo feierliche Botſchaft?“ Der Alte trocknete ſich die Augen.„Er hat viel auf Sie gehalten,“ ſprach er,„noch geſtern und vor⸗ geſtern hat er immer von Ihnen geſprochen, und innig bedauert, daß er Sie ſo ſpät erſt kennen gelernt hat. Sie hätten können herzliche Freunde werden, denn Sie 187 ſind keiner von den ſchuftigen Geſellen, die er verab⸗ ſcheute.“ „Mein Gott, Sie ſprechen von Palvi? Wo iſt er?“ „Möge ihn ein gütiger Arm vor den Wellen des Fluſſes bewahrt haben!“ erwiderte der Alte ſehr ernſt; „doch, nicht wahr, junger Mann, es gehört größere Kraft dazu, einen Kummer zu tragen, als ſich von ihm zerbrechen zu laſſen? Nicht wahr? Ich glaube es we⸗ nigſtens, und er iſt eine kräftige Seele, er kann nicht zum Selbſtmörder werden.“ Rempen verhüllte ſein Geſicht, er konnte den tiefen Gram des Alten nicht länger ſehen. Aber dieſer zog ihm ängſtlich die Hand von den Augen.„O leſen Sie doch,“ ſagte er;„leſen Sie genau, prüfen Sie jedes Wort, nicht wahr, es ſteht nichts darin, daß er ſich tödten wolle?“ Rempen nahm das Blatt; es war in wenigen Wor⸗ ten ein kurzer, aber ergreifender Abſchied an den Alten. Er müſſe ihn und dieſe Stadt verlaſſen, ſchrieb er. Als Grund gab er nur flüchtig ſein unglückliches Ver⸗ hältniß zu Eliſen an, von welchem der Alte völlig un⸗ terrichtet ſchien. Rempen ſuchte den Alten zu tröſten; es ſei ſo na⸗ türlich, ſagte er, daß Palvi ſich zerſtreuen wolle, daß er vielleicht nur eine kleine Reiſe mache.— Aber der Alte ſchüttelte mit bitterem Lächeln den Kopf.„Er kommt nicht wieder, und ach! ich habe keine Freude und keinen Freund mehr! Er hat alle ſeine kleinen Rechnungen bezahlt, und mir,“ ſetzte er wei⸗ nend hinzu,„mir hat er ſeine Bücher und alles hinter⸗ ——õny— 188 laſſen.— Doch mein Auftrag. Sie ſehen, wie ſehr er Sie ſchätzte, hier iſt ein Paket mit Büchern an Sie, die Adreſſe ſchrieb er noch heute Morgen, und in ei⸗ nem kleinen Zettelchen, das er darauf gelegt hat, bit⸗ tet er mich, Sie bei Allem, was heilig ſei, zu verſichern, daß er kein ſchlechter Menſch geweſen ſei, daß er Sie liebe und in Ihrem Glück ſein eigenes finde.“ Indem der Magiſter noch dieſe Worte ſprach, hörte man ein Geräuſch auf der Treppe, eilende Schritte nahten dem Zimmer, die Thüre ging auf, und ein Zei⸗ tungsblatt in der Hand ſtürzte der Buchhändler Kaper in das Zimmer.„Wo iſt er?“ rief er erhitzt und athem⸗ los.„Wo iſt der große und unvergleichliche Hüon, unſer Scott, unſer letzter Ritter! Wo iſt Blüte und Kern unſerer Literatur? Ich meine den Herrn Referen⸗ där von Palvi, der hier logirt, wenn ich nicht irre,“ ſetzte er hinzu, als er den Geſuchten nicht im Zimmer fand. „Er iſt verreist,“ antwortete der Alte. „Himmel! komme ich zu ſpät?“ fuhr Kaper fort, „wiſſen Sie nicht, hat Hüon ſchon einen Verleger zum nächſten Hiſtoriſchen? Daß wir es erſt heute erfahren müſſen— Eil eil gratulire, Herr Stallmeiſter, zu meiner ſchönen Nachbarin— aber wer hätte das ge⸗ dacht, daß wir den göttlichen Hüon in den eigenen Mauern hätten, und daß es dieſer Herr von Palvi wäre!“ „Wie!“ rief der Stallmeiſter, indem er den Alten ſtaunend anblickte.—„Er wäre Hüon?“ „Da ſteht's, da ſteht's gedruckt im Converſations⸗ blatt,“ ſchrie der Buchhändler, ſeine Zeitung dem jun⸗ gen Rempen überreichend. 189 „Hüon,“ ſagte der Alte,„er war Hüon. Wohl hat er den Ungläubigen die Backenzähne ausgezogen und vergebens kämpften ſie gegen meinen edlen, jugend⸗ lichen Paladin; aber ſein Geſchick wollte, er ſollte Hüon ohne Rezia ſein.“ Noch einmal öffnete ſich die Thüre und ſpie, wie das Thor im Löwengarten des König Franz, zwei Leo⸗ parden auf einmal aus. Es waren der Hofrath und der dramatiſche Profeſſor, die hereinſtürzten.„Wo iſt er?“ riefen ſie.„Vergeſſen ſei alle Fehde! Wir hatten ja einen ganz Andern im Verdacht, der Autor dieſes Romans zu ſein. Darum, gewiß nur darum haben wir ihn gehauen. Ins Freitagskränzchen ſoll er kom⸗ men, Mitarbeiter ſoll er werden am belletriſtiſchen Vergnügen! Den Zundler ſoll er uns erſetzen, der treffliche Hüon.“ So ſchrieen ſie durcheinander, aber mit Hohn und Verachtung blickte ſie der Alte an.„Ihr findet ihn nicht mehr,“ ſagte er.„Er iſt hinweg für immer.“ „Hat er etwa einen Ruf bekommen?“ rief der Pro⸗ feſſor. „Ha!“ rief ihm der Hofrath nach,„das iſt ja wohl Zundlers räthſelhafter Magiſter. Herrlicher Fund! Wir zahlen zehn Thaler per Bogen, Werthgeſchätzter. Arbeiten Sie mit an unſerem Blatt, was Sie wollen. Gedichte, Novellen, Recenſionen, Kunſtgefühle, wir nehmen Alles auf!“. „Zurück!“ entgegnete der alte Mann mit mehr Hoheit, als ihm Rempen zugetraut hatte.„Ich habe einen Freund verloren, eine große ſchöne Seele, und 190 bin nicht geſonnen, ihn mit Euch und Euern Thalern zu erſetzen. Dort am Boden liegen Palvi's Papiere— theilt Euch in ſeinen poetiſchen Nachlaß.“ Er ſprach es, nahm den Stallmeiſter unter den Arm und verließ mit ihm langſam das Zimmer. Kaper, der Hofrath und der Profeſſor ſtürzten wie Drachen auf den Boden und über die Papiere her, und mitten in ſeinem Kummer mußte der Stallmeiſter lächeln, als ihm der Alte auf der Treppe entdeckte, jene werden nur Fragmente von juriſtiſchen Relationen und unbe⸗ deutende Kriminalakten finden. Als aber der Alte an der Thüre des Hauſes, mühſam und auf ſeinen Stab geſtützt, an den Häuſern herſchleichen wollte, ergriff Rempen ſeinen Arm von Neuem und führte ihn trotz ſeiner Widerrede bis zu ſeiner Wohnung. Dort ſetzte ſich der Magiſter auf einen Stein, um Kräfte zu ge⸗ winnen, denn ſein Stübchen lag fünf Stockwerke hoch. 11. Eliſe ſaß zu derſelben Stunde vor der Toilette. Gedankenvoll ſah ſie vor ſich hin, indem das Kammer⸗ mädchen ihre Haare ordnete. Vielleicht hatte der täg⸗ liche Anblick dieſer Zofe den Stachel entheiligter Liebe nur immer noch tiefer in das Herz gedrückt; und den⸗ noch vermochte ſie es nicht über ſich, dieſes Mädchen wegzuſchicken. Es war der Stolz einer erhabenen Seele, was ſie von dieſem Schritt abhielt, der vielleicht auch von ihren Eltern getadelt worden wäre, denn das Mädchen diente treu und geſchickt. Doch ſo tief dieſe Wunde ſein mochte, Eliſe ſuchte in dieſem Augenblick 191 ihren Schmerz zu übertäuben. Wenn nach den Geſetzen der Natur das Weſen in uns zu derſelben Zeit ver⸗ ſchiedentlich beſchäftigt ſein könnte, wenn es möglich wäre, in dem nämlichen Moment in dem Herzen ſo ganz anders zu fühlen, als man oben, hinter den Au⸗ gen denkt, ſo müßte Eliſens Seele in dieſer Stunde nach verſchiedenen Richtungen ſich getheilt haben. Im Hintergrund ihres Herzens flüſterten tiefe, wehmüthige Töne die Erinnerung einer ſchönen Zeit, ſie ſangen in klagenden Weiſen jene Tage, wo Eliſe auf der erſten Stufe der Jugend das Auge des Geliebten verſtand. In volleren Akkorden rauſchten dieſe Erinnerungen, als ſie von Stunden ſeliger Liebe, von Trennung und der Wonne des Wiederfindens ſprachen.„Verloren, verloren durch ſeine eigene Schuld!“ weinte dann ihre Seele.„Untergegangen ein ſo großer, ſchöner Geiſt, in Leichtſinn und Niedrigkeit!“ Doch dieſe Gefühle ſchlichen nur gleich Schatten vorbei. Sie ſuchte mit aller Gewalt des Geiſtes den Blick von dieſen Erinne⸗ rungen abzuwenden, ſie dachte an das ruhige, klare Weſen ihres zukünftigen Gatten. Sein beſcheidenes und doch ſo würdiges Betragen, ſeine reine Herzens⸗ güte. Sie rief ſich dies Alles hervor, ja ſie verſuchte zu lächeln, um freundlichere Gefühle dadurch zu erringen, aber— es gelang ihr, ruhig, doch nicht heiter zu werden. Der Putz war vollendet, ſie richtete ſich vor dem hohen Spiegel auf, und die Freude an ihrer eigenen hübſchen Geſtalt verdrängte auf Augenblicke jene düſte⸗ ren, wehmüthigen Bilder.„Nein, und wenn er noch ſo proper angethan wäre,“ ſagte in dieſem Augenblick 192 das Kammermädchen,„mich ſoll er nicht mehr anreden dürfen!“— „Ich habe Dir geſagt, Du ſollſt nicht mehr von ſolchen Dingen reden,“ rief Eliſe, mit der Röthe des Unmuthes auf den Wangen. „Ach Gott! gnädiges Fräulein, ich will ja auch gar nichts mehr von dem ſchlechten Menſchen wiſſen, aber ich ſagte nur ſo, weil er wieder in Herrn Kapers Laden ſteht.“ Eliſe zitterte, ſie wollte von dem Spiegel hinweg⸗ eilen, aber unwiderſtehlich zog es ſie an das Fenſter. Sie warf einen Blick hinüber, und unter jener Thüre ſtand Zundler. „Wie!“ rief ſie, kaum ihrer Worte mächtig, der Zofe zu,„iſt es denn dieſer?“ „J, freilich! aber werden Sie mir nur nicht böſe!“ „Und dieſer auch, den Du damals meinteſt?“ fuhr ſie mit bebenden Lippen fort. „Wer denn anders?“ entgegnete Jene ruhig;„aber ich weiß jetzt, er iſt ein ſchlechter Menſch, und jetzt weiß ich auch, wie er heißt, Doktor Zundler.“ „Geh, geh, bringe die Kleider weg,“ flüſterte Eliſe, indem ſie ihr glühendes Geſicht halb bewußtlos in die Kiſſen des Sophas drückte; das Mädchen eilte erſchrocken hinweg, und die unglückliche Braut war mit ihrem Gram allein. Welche Gefühle ſtürmten auf ſie ein! Beſchämung, Liebe, Unmuth über ſich ſelbſt. Sie ſprang auf; ein Gang durch das Zimmer machte ſie muthiger. Sie wollte Rempen alles geſtehen, ſie war einen Augenblick überzeugt, er werde ſo edel ſein, zurückzu⸗ 195 treten, Palvi werde leicht zu verſoͤhnen ſein. Aber die Stadt wußte, daß heute ihre Verlobung ſei. Ihr Vater hat dem Geliebten ſogar das Haus verboten, würde er jemals einwilligen, ſie glücklich zu machen? Nein!— Scham vor der Welt, Reue, Angſt, warfen ſie nieder. Bleich, erſchöpft und zitternd fand ſie der Stallmeiſter, als er bald darauf ernſter, als zu dieſem fröhlichen Tag ſich ſchickte, in Eliſens Zimmer trat.. „Ich muß Ihnen eine ſonderbare Nachricht geben,“ ſagte er bewegt, indem er ſich zu ihr ſetzte, und beſchäf⸗ tigt mit ſeinen Gedanken, ihre Verwirrung nicht be⸗ merkte.„Palvi iſt weggereist, und zwar auf immer.“ „Er iſt todt!“ rief ſie.„Gewiß, ſchnell, ſagen Sie es nur heraus, er hat ſich getödtet!“ „Nein,“ erwiderte Rempen,„er hat mir einen Brief zurückgelaſſen, worin er Sie und mich zum letz⸗ tenmal begrüßt. Er iſt nach Frankreich gegangen. Dorthin lautet auch ſein Paß, wie mir ſo eben mein Onkel erzählte.“ Eliſe ſchwieg. Sie fühlte, daß ſie in dieſem Augen⸗ blick erſt ihn ganz verloren habe; aber ſie hatte Kraft genug, jeden Laut des Kummers zu unterdrücken. „Doch was Sie noch mehr befremden wird,“ fuhr er fort,„jenen Roman, den Sie uns letzthin erzählt haben, hat uns der Autor ſelbſt vorgeleſen.“ „Palvi!“ rief ſte in ſo eignem Ton, daß der Stall⸗ meiſter erſchrak.„Er wäre— „Hüon, der Autor der letzten Ritter von Marien⸗ burg. Er ſteht ſchon in öffentlichen Blättern, und hier ſchickt er mir und Ihnen dieſes Werk.“ Der Stall⸗ W. Hauffs Werke, III. 13 194 meiſter öffnete ein Paket und gab Eliſen die Bücher. Sie öffnete eines derſelben. Ihr Blick fiel auf das Mährchen, woraus Palvi mit ſo ſonderbarem Aecent einige Worte geleſen, und jetzt erſt ſtieg eine längſt verbleichte Erinnerung in ihr auf. Es war ein Mährchen, das Paloi's Vater den Kindern ſo oft erzählt hatte. Eine große Thräne ſchwamm in ihrem ſchönen Auge und fiel herab auf dieſe Zeilen. In dieſem Augenblick öffneten ſich die Flügelthüren. Mit feierlichem Geſicht und überladen mit ſeinen Or⸗ den, trat der Geheimerath von Rempen herein. Mit Anſtand trat er vor das Fräulein, ihr den Arm zu bieten.„Die Familien ſind im Salon verſammelt,“ ſprach er.„Iſt es gefällig, die Ringe zu wechſeln? Doch wie! Sind Sie ſo ſehr in unſere Literatur ver⸗ liebt, daß Sie ſogar gerade vor der Verlobung Leſe⸗ ſtunden mit meinem Neffen halten? Was leſen Sie denn, wenn man fragen darf?“ Mit einem ſchmerzlichen Lächeln ſtand Eliſe auf und nahm ſeinen Arm.„Etwas Altes in neuer Form,“ erwiderte ſie, ein Mährchen von untergegangener Liebe!“ „Eil ei!“ ſetzte der Oheim lächelnd und mit dem Finger drohend hinzu.„Etwas ſolches vor der Ver⸗ lobung; und wie heißt denn der Titel?“ fragte er⸗ indem er ſie in den Saal führte. „Die letzten Ritter von Marienburg.“ . — 5— Des Verfaſſers eigene Kritik über vor- ſtehende Nonelle. W. Hauff lieferte im Literaturblatt des Morgen⸗ blatts(Jahrgang 1827 Nr. 92 u. ff.) als letzte durch ſeinen Tod unterbrochene Arbeit eine Recenſion der Taſchenbücher auf 1828. In derſelben fällt er über die in dieſem Bändchen enthaltene Novelle folgendes Ur⸗ theil: Die letzten Ritter von Marienburg, Novelle v. W. Hauff. Auch wieder einmal eine Novelle, doch Gottlob keine hiſtoriſche, wie wir beim erſten Anblick geargwohnt hatten. Lieber wäre es uns geweſen, wenn Herr Hauff ſeinen Stoff, wie es im erſten Kapitel ge⸗ ſchieht, durchaus zu einer Satire der hiſtoriſchen Romane, nicht aber zu einer ziemlich unnöthigen Be⸗ lobung derſelben benützt hätte. Auch iſt es nicht ſehr beſcheiden, daß der Herr Verfaſſer den Roman, die letzten Ritter von Marienburg, ſo oft als trefflich und unvergleichbar ſchildert, da er doch ſelbſt es iſt, der die Skizze davon entworfen hat. Die letzten Partien der Novelle ſind abgeriſſener und eilender, als die erſten, und verfehlen dadurch den 196 Charakter der beſonnenen Ruhe und Rundung, den die Novelle haben ſoll. Herr Hauff ſcheint ſich zwar dies⸗ mal in Hinſicht auf Sprache und Anordnung mehr Mühe gegeben zu haben, als im vorjährigen Frauen⸗ taſchenbuch; aber auch hier ſind die Figuren nur ſkiz⸗ zirt, flüchtig angedeutet, und gelangen ſomit nicht zu ächterm, färbigerm Leben. Das Motiv, aus welchem Fräulein Eliſe den Dichter Palvi aufgibt, iſt, wenn ein natürliches, doch jedenfalls kein poetiſches.