Wilhelm Hauff's ſämmtliche Werke. Mit des Dichters Leben von Guſtav Schwab. Neu durchgeſehen und ergänzt. Zweites Bändchen. Vierte Geſammtausgabe. Stuttgart: Scheible, Rieger& Sattler. 1846. Die Dettlerin vom Pont des Arts. Eine Novelle. — ⸗ℳ⸗—ℳ—·ℳ/·z————⁴— * 1.. Wer im Jahr 1824 Abends hie und da in den Gaſt⸗ hof zum König von England in Stuttgart kam, oder Nachmittags zwiſchen zwei und drei Uhr in den Anlagen auf dem breiten Wege promenirte, muß ſich, wenn an⸗ ders ſein Gedächtniß nicht zu kurz iſt, noch einiger Ge⸗ ſtalten erinnern, die damals jedes Auge auf ſich zogen. Es waren nämlich zwei Männer, die ganz und gar nicht unter die gewöhnlichen Stuttgarter Trinkgäſte oder An⸗ lagenſpaziergänger paßten, ſondern eher auf den Prado zu Madrid, oder in ein Cafe zu Liſſabon oder Sevilla zu gehören ſchienen. Denket euch einen ältlichen, großen, hageren Mann mit ſchwärzlichgrauen Haaren, tiefen, brennenden Augen von dunkelbrauner Farbe, mit einer kühngebogenen Naſe und feinem, eingepreßtem Mund. Er geht langſam, ſtolz und aufrecht. Zu ſeinen ſchwarz⸗ ſeidenen Beinkleidern und Strümpfen, zu den großen Roſen auf den Schuhen und den breiten Schnallen am Kniegürtel, zu dem langen, dünnen Degen an der Seite, zu dem hohen, etwas zugeſpitzten Hut mit breitem Nande, ſchief an die Stirne gedrückt, wünſchet ihr, enn ench nur einigermaßen Phantaſie innewohnt, ein kurzes, geſchlitztes Wamms und einen ſpaniſchen Mantel 1 Fracks, den der Alte umgelegt hat 6 Und der Diener, der ihm eben ſo ſtolzen Schrittes folgt, erinnert er nicht durch das ſpitzbübiſche, dumm⸗ dreiſte Geſicht, durch die fremdartige, grelle Kleidung, durch das ungenirte Weſen, womit er um ſich ſchaut, Alles angafft und doch nichts bewundert, an jene Diener im ſpaniſchen Luſtſpiel, die ihrem Herrn wie ein Schatten treu, an Bildung tief unter ihm, an Stolz neben ihm, an Liſt und Schlauheit über ihm ſtehen? Unter dem Arm trägt er ſeines Gebieters Sonnenſchirm und Regen⸗ mantel, in der Hand eine ſilberne Büchſe mit Cigarren und eine Lunte. Wer blieb nicht ſtehen, wenn dieſe Beiden langſam durch die Promenade wandelten, um ihnen nachzuſehen? b Es war aber bekanntlich Niemand anders, als Don Pedro de San Montanjo Ligez, der Haushof⸗ meiſter des Prinzen von P., der ſich zu jener Zeit in Stuttgart aufhielt, und Diego, ſein Diener. Wie es oft zu gehen pflegt, daß nur ein kleines, geringes Ereigniß dazu gehört, einen Menſchen berühmt und auffallend zu machen, ſo geſchah dies auch mit dem jungen Fröben, der ſchon ſeit einem halben Jahr(o lange mochte er ſich wohl in Stuttgart aufhalten) alle Tage Schlag zwei Uhr durch das Schloßportal in die 3 Bneaeagen dreimal um den See und fünfmal den breiten Weg auf und nieder ging, an allen den glän⸗ zenden Eguipagen, ſchönen Fräulein, an einer Maſſe von Direktoren, Räthen und Lieutenants vorüberkam und von Niemand beachtet wurde, denn er ſah aus wie ein ganz gewöhnlicher Menſch von etwa achtu bis dreißig Jahren. Seitdem er aber eines N 1 4 im breiten Weg auf Don Pedro geſtoßen, ſolcher ihn gar freundlich gegrüßt, ſeinen Arm traulich in den ſei⸗ nigen geſchoben hatte und mit ihm einigemal, eifrig ſprechend, auf und ab ſpazirt war, ſeitdem betrachtete man ihn neugierig, ſogar mit einer gewiſſen Achtung; denn der ſtolze Spanier, der ſonſt mit Niemand ſprach, hatte ihn mit auffallender Aſtimation behandelt. 3 Die ſchönſten Fräulein fanden jetzt, daß er gar kein übles Geſicht habe, ja es liege ſogar etwas Intereſſan⸗ tes, überaus Anziehendes darin, was man in den An⸗ lagen eben nicht häufig ſehe; die Direktoren und allerlei Räthe fragten:„Wer der junge Mann wohl ſein könnte?“ und nur einige Lieutenants konnten Auskunft geben, daß er hie und da im Muſeum Beefſteaks ſpeiſe, ſeit einen halben Jahre in der Schloßſtraße wohne, und einen ſchönen Mecklenburger reite, ſo ihm eigen an⸗ gehörig. Sie ſetzten noch Vieles über die Vortrefflichkeit 8 4 dieſes Pferdes hinzu, wie es gebaut, von welcher Farbe, wie alt es ſei, was es wohl koſten könnte, und kamen ſo auf die Pferde überhaupt zu ſprechen, was ſehr lehr⸗ reich zu hören geweſen ſein ſoll. Den jungen Fröben aber ſah man ſeit dieſer Zeit öfter in Geſellſchaft Don Pedro's, und gewöhnlich fand er ſich Abends im König von England ein, wo er, etwas entfernt von andern Gäſten, bei dem Selkor ſaß und mit ihm ſprach. Diego aber ſtand hinter dem Stuhle ſeines Herrn und bediente Beide fleißig mit Peres und Cigarren. Niemand konnte eigentlich begreifen, wie die eiden Herren zuſammengekommen, oder welches In⸗ tereſſe an einander ſanden. Man rieth hin und her, liches 8 machte kühne Conjecturen, und am Ende hätte doch der junge Mann ſelbſt den beſten Aufſchluß darüber geben können, wenn ihn nur Einer gefragt hätte. 2. Und war es denn nicht die ſchöne Galerie der Brüder Boiſſerée und Bertram, wo ſie ſich zuerſt fanden und erkannten? Dieſe gaſtfreien Männer hatten dem jungen Manne erlaubt, ihre Bilder ſo oft zu beſuchen als er immer wollte; und er that dies, wenn er nur immer in der Mittagsſtunde, wo die Galerie geoͤffnet wurde, kommen konnte. Es mochte regnen oder ſchneien, das Wetter mochte zu den herrlichſten Ausflügen in die Gegend locken, er kam; er ſah oft recht krank aus und kam dennoch. Man würde aber unbilligerweiſe den Kunſtſinn des Herrn von Fröben zu hoch anſchlagen, wenn man etwa glaubte, er habe die herrlichen Bilder der alten Niederländer ſtudirt oder nachgezeichnet. Nein, er kam leiſe in die Thüre, grüßte ſchweigend und ging in ein entferntes Zimmer, vor ein Bild, das er lange betrachtete, und eben ſo ſtill verließ er wießer die Galerie. Die Eigenthümer dachten zu zart, als zaß ſie ihn über ſeine wunderliche Vorliebe für das Bily befragt hätten; aber auch ihnen mußte es natürlich aufgefallen ſein, denn oft, wenn er herausging, buf er nur ſchlecht die Thränen verbergen, die ihm im Auge quollen. Großen hiſtoriſchen oder bedeutenden Kunſtwerth hatte das Bildchen nicht. Es ſtellte cine Dame in halb venchan halb altdeutſcher Trocht vor. Ein freund⸗ ühendes Geſicht mit klaren, liebevollen Augen, 3 dies Bild hieher gekommen ſei?“ Man ſagte ihm, daß 8 9 mit feinem, zierlichem Mund und zartem, rundem Kinn trat ſehr lebendig aus dem Hintergrund hervor. Die ſchöne Stirne umzog reiches Haar und ein kleiner Hut, mit weißen, buſchigen Federn geſchmückt, der etwas ſchalkhaft zur Seite ſaß. Das Gewand, das nur den ſchönen, zierlichen Hals frei ließ, war mit ſchweren goldenen Ketten umhängt und zeugte eben ſo ſehr von der Sittſamkeit als dem hohen Stande der Dame. „Am Ende iſt er wohl in das Bild verliebt,“ dachte man,„wie Kalaf in das der Prinzeſſin Turandot, ob⸗ ſchon mit ungleich geringerer Hoffnung, denn das Bild iſt wohl dreihundert Jahre alt und das Original nicht mehr unter den Lebenden.“ 3 Nach einiger Zeit ſchien aber Fröben nicht mehr der einzige Anbeter des Bildes zu ſein. Der Prinz von P. hatte eines Tages mit ſeinem Gefolge die Galerie be⸗ ſucht. Don Pedro, der Haushofmeiſter, hatte die um⸗ herſchreitende Schaar der Zuſchauer verläſſen und beſah ſich die Gemälde, einſam von Zimmer zu Zimmer wan⸗ delnd; doch wie vom Blitz gerührt, mit einem Ausruf des Erſtaunens, war er vor dem Bild jener Dame ſtehen geblieben. Als der Prinz die Galerie verließ, ſuchte man den Haushofmeiſter lange vergebens. Endlich fand man ihn mit überſchlagenen Armen, die feurigen Augen halb zugedrückt, den Mund eingepreßt, in tiefer Be⸗ trachtung vor dem Bilde. Man erinnerte ihn, daß der Prinz bereits die Treppe hinabſteige, doch der alte Mann ſchien in dieſem Augen⸗ blicke nur für eines Sinn zu haben. Er fragte:„Wie 10 es von einem berühmten Meiſter vor mehren hundert Jahren gefertigt und durch Zufall in die Hände der jetzigen Eigenthümer gekommen ſei. „O Gott, nein!“ antwortete er,„das Bild iſt neu, nicht hundert Jahre alt; woher, ſagen Sie, woher? O ich beſchwöre Sie, wo kann ich ſie finden?“ Der Mann war alt und ſah zu ehrwürdig aus, als daß man dieſen Ausbruch des Gefühls hätte lächerlich finden können; doch als er dieſelbe Behauptung wieder hörte, daß das Bild alt und wahrſcheinlich von Lucas Cranach gemalt ſei, da ſchüttelte er bedenklich den Kopf. „Meine Herren,“ ſprach er, und legte betheurend die Hand aufs Herz,„meine Herren, Don Pedro de San Montanjo Ligez hält Sie für ehrenwerthe Leute. Sie ſind nicht Gemäldeverkäufer und wollen mir dies Bild nicht als alt verkaufen; ich darf durch Ihre Güte dieſe Bilder ſehen, und Sie genießen die Achtung dieſer Proyvinz. Aber es müßte mich Alles täuſchen oder— ich kenne die Dame, die jenes Bild vorſtellt.“ Mitt dieſen Worten ſchritt er, ehrerbietig grüßend, aus dem Zimmer. „Wahrhaftig!“ ſagte einer der Eigenthümer der Galerie,„wenn wir nicht ſo genau wüßten, von wem dieſes Bild gemalt iſt, wann und wie es in unſern Beſitz kam, und welche lange Reihe von Jahren es vorher in K. hing, man wäre verſucht, an dieſer Dame irre zu werden. Scheint nicht ſelbſt den jungen Fröben irgend eine Erinnerung beinahe täglich vor dieſes Bild zu trei⸗ ben, und dieſer alte Don, blitzte nicht ein jugendliches Fener aus ſeinen Augen, als er geſtand, daß er die — 11 Donna kenne, die hier gemalt iſt? Sonderbar, wie oft die Einbildung ganz vernünftigen Menſchen mitſpielt; und mich müßte Alles täuſchen, wenn der Spanier zum Letztenmal hier geweſen wäre.“ 3. Und es traf ein. Kaum war die Galerie am folgen⸗ den Vormittag geöffnet worden, trat auch ſchon Don Pedro de San Montanjo Ligez feſten, erhabenen Schrittes ein und ſtrich an der langen Bilderreihe vor⸗ über nach jenem Zimmer hin, wo die Dame mit dem Federhute aufgeſtellt war. Es verdroß ihn, daß der Platz vor dem Bilde ſchon beſetzt war, daß er es nicht allein und einſam, Zug für Zug muſtern konnte, wie er ſo gerne gethan hätte. Ein junger Mann ſtand da⸗ vor, blickte es lange an, trat an ein Fenſter, ſah hinaus nach dem Fluge der Wolken und trat dann wieder zu dem Bilde. Es verdroß den alten Herrn etwas; doch — er mußte ſich gedulden. Er machte ſich an andern Bildern zu ſchaffen, aber erfüllt von dem Gedanken an die Dame drehte er alle Augenblicke den Kopf um, um zu ſehen, ob der junge Herr noch immer nicht gewichen ſei, aber er ſtand wie eine Mauer, er ſchien in Betrachtung verſunken. Der Spanier huſtete, um ihn aus den langen Träumen zu wecken, Jener träumte fort; er ſcharrte etwas Weniges mit dem Fuß auf dem Boden, der junge Mann ſah ſich um, aber ſein ſchönes Auge ſtreifte flüchtig an dem alten Herrn vorüber und haftete dann von Neuem auf dem Gemälde. 12 „San Pedro! San Jago di Compoſtella!“ mur⸗ melte der Alte,„welch langweiliger, alberner Dilet⸗ tante!“ Unmuthig verließ er das Zimmer und die Ga⸗ lerie, denn er fühlte, heute ſei ihm ſchon aller Genuß benommen durch Verdruß und Aerger. Hätte er doch lieber gewartet! Den Tag nachher war die Galerie geſchloſſen, und ſo mußte er ſich achtundvierzig lange Stunden gedulden, bis er wieder zu dem Gemälde gehen konnte, das ihn in ſo hohem Grade intereſſirte. Noch ehe die Glocken der Stiftskirche völlig zwölf Uhr geſchla⸗ gen, ſtieg er mit anſtändiger Eile die Treppe hinan, hinein in die Galerie, dem wohlbekannten Zimmer zu, und getroffen! er war der erſte, war allein, konnte. einſam betrachten. Er ſchaute die Dame lange mit unverwandten Bli⸗ cken an, ſein Auge füllte nach und nach eine Thräne, er fuhr mit der Hand über die grauen Wimpern.„O Laura!“ flüſterte er leiſe. Da tönte ganz vernehmlich ein Seufzer an ſeine Ohren, er wandte ſich erſchrocken um, der junge Mann von vorgerſtern ſtand wieder hier und blickte auf das Bild. Verdrießlich, ſich unterbrochen zu ſehen, nickte er mit dem Haupt ein flüchtiges Com⸗ 2 pliment, der junge Mann dankte etwas freundlicher, aber nicht minder ſtolz als der Spanier. Auch diesmal wollte der Letztere den überflüſſigen Nachbar abwarten; aber vergeblich, er ſah zu ſeinem Schrecken, wie jener ſogar einen Stuhl nahm, ſich einige Schritte vor dem Gemälde niederſetzte, um es mit gehöriger Muße und equemlichkeit zu betrachten. „Der Geck,“ murmelte Don Pedro, nich glaube 13 gar, er will mein graues Haar verhöhnen.“ Er verließ⸗ noch unmuthiger als ehegeſtern das Gemach. Im Vorſaal ſtieß er auf einen Eigenthümer der Galerie; er ſagte ihm herzlichen Dank für den Genuß den ihm die Sammlung bereitete, konnte ſich aber nicht 4 enthalten, über den jungen Ruheſtörer ſich etwas zu eklagen.„Herr B.,“ ſagte er,„Sie haben vielleicht bemerkt, daß vorzüglich eines Ihrer Bilder mich anzog; es intereſſirt mich unendlich, es hat eine Bedeutung für mich, die— ich Ihnen nicht ausdrücken kann. Ich kam, ſo oft Sie es vergönnten, um das Bild zu ſehen, freute mich recht, es ungeſtört zu ſehen, weil doch gewöhnlich die Menge nicht lange dort verweilt, und— denken Sie ſich, da hat es mir ein junger, böſer Menſch abge⸗ lauſcht, und kömmt, ſo oft ich komme, und bleibt, mir zum Trotze bleibt er ſtundenlang vor dieſem Bilde, das ihn doch gar nichts angeht!“ Herr B. lächelte; denn recht wohl konnte er ſich denken, wer den alten Herrn geſtört haben mochte. „Das Letztere möchte ich denn doch nicht behaupten,“ aantwortete er;„das Bild ſcheint den jungen Manneben⸗ falls nahe anzugehen, denn es iſt nicht das erſtemal, daß er es ſo lange betrachtet.“ „Wie ſo? Wer iſt der Menſch?“ 4 8„Es iſt ein Herr von Fröben,“ fuhr Jener fort, der ſſcch ſeit fünf, ſechs Monaten hier aufhält, und ſeit er das erſtemal jenes Bild geſehen, eben jene Dame mit deem Federhut, das auch Sie beſuchen, kömmt er alle Kage regelmäßig zu dieſer Stunde, um das Bild zu. Petrachten. Sie ſehen alſo zum wenigſten, daß er 8* * Intereſſe an dem Bilde haben muß, da er es ſchon ſo lange beſucht.“ 4 „Herr! Sechs Monate?“ rief der Alte.„Nein, dem habe ich bitter Unrecht gethan in meinem Herzen, Gott mag es mir verzeihen! Ich glaube gar, ich habe ihn unhöflich behandelt im Unmuth. Und iſt ein Cava⸗ lier, ſagen Sie? Nein, man ſoll von Pedro de Ligez nicht ſagen können, daß er einen fremden Mann unhöf⸗ lich behandelte. Ich bitte, ſagen Sie ihm— doch laſ⸗ ſen Sie das, ich werde ihn wieder treffen und mit ihm ſprechen.“ 4. 4 Als er den andern Tag ſich wieder einfand und Frö⸗ ben ſchon vor dem Gemälde traf; trat er auch hinzu mit recht freundlichem Geſicht; als aber der junge Mann ehrerbietig auf die Seite wich, um dem alten Herrn den beſſern Platz einzuräumen, verbeugte ſich dieſer höflich grüßend und ſprach:„Wenn ich nicht irre, Seüor, ſo hab' ich Sie ſchon mehremale vor dieſem Gemälde verweilen ſehen.— Da geht es Ihnen wohl gleich mir; auch mir iſt dieſes Bild ſehr intereſſant, und ich kann es nie genug betrachten.“ Fröben war überraſcht durch dieſe Anrede; auch ihm waren die Beſuche des Alten vor dem Bilde aufgefallen, er hatte erfahren, wer Jener ſei, und nach der ſteifen, kalten Begrüßung von geſtern war er dieſer freundlichen Anrede nicht gewärtig.„Ich geſtehe, mein Herr!“ er⸗ widerte er nach einigem Zögern,„dieſes Bild zieht mich vor allen andern an; denn— weil— es liegt etwas „Es iſt wunderbar mit Kunſtwerken, beſonders mit während einem Einzelnen aus ſolch einem Bilde eine 15 in dieſem Gemälde, das für mich von Bedeutung iſt.“ — Der Alte ſah ihn fragend an, als genüge ihm dieſe Antwort nicht völlig, und Fröben fuhr gefaßter fort: Gemälden. Es gehen an einem Bilde oft Tauſende vorüber, finden die Zeichnung richtig, geben dem Co⸗ lorit ihren Beifall, aber es ſpricht ſie nicht tiefer an, tiefere Bedeutung aufgeht; er bleibt gefeſſelt ſtehen, kann ſich kaum losreißen von dem Anblick, er kehrt wie⸗ der und immer wieder, von neuem zu betrachten.“ „Sie können Recht haben,“ ſagte der Alte nachden⸗ kend, indem er auf das Gemälde ſchaute,„aber— ich denke, es ließe ſich dies nur von größeren Compoſitionen ſagen, von Gemälden, in welche der Maler eine tiefere Idee legte. Es gehen Viele vorüber, bis die Bedeutung endlich einem aufgeht, der dann den tiefen Sinn des Künſtlers bewundert. Aber ſollte man dies von ſolchen Köpfen behaupten können?“ 4“ Der junge Mann erröthete.„Und warum nicht?“* 4 fragte er lächelnd.„Die ſchönen Formen dieſes Geſich⸗ 3 tes, die edle Stirne, dieſes ſinnende Auge, dieſer holde Mund, hat ſie der Künſtler nicht mit tiefem Geiſte ge⸗ ſchaffen, liegt nicht etwas ſo Anziehendes in dieſen Zü⸗ gen, daß— 4 „ O bitte, bitte,“ unterbrach ihn der Alte gütig ab⸗ wehrend;„es war allerdings eine recht hübſche Perſon, die dem Künſtler geſeſſen; die Familie hat ſchöne Frauen.“ „Wie? welche Familie?“ rief der Jüngling er⸗ 16 ſtaunt; er zweifelte an dem geſunden Verſtand des Alten, und doch ſchienen ihn ſeine Worte aufs Höchſte zu ſpan⸗ nen.„Dies Bild iſt wohl reine Phantaſie, mein Herr, iſt zum wenigſten mehre hundert Jahre alt!“ „Alſo glauben Sie das Mährchen auch?“ flüſterte der Alte;„unter uns geſagt, diesmal wurde der Scharf⸗ blick der Eigenthümer doch getäuſcht; ich kenne ja die Dame.“ „Um Gotteswillen, Sie kennen ſie? wo iſt ſie jetzt? wie heißt ſie?“ ſprach Fröben heftig bewegt, indem er die Hand des Spaniers faßte. „Sage ich lieber, ich habe ſie gekannt,“ antwortete dieſer mit zitternder Stimme, indem er das feuchte Auge zu der Dame aufſchlug.„Ja, ich habe ſie gekannt, in Valencia vor zwanzig Jahren; eine lange Zeit! Es iſt Niemand anders, als Donna Laura Tortoſi.“ „Zwanzig Jahre!“ wiederholte der junge Mann traurig und niedergeſchlagen.„Zwanzig Jahre, nein, ſie iſt es micht!“ „Sie iſt es nicht?“ fuhr Don Pedro hitzig auf. „Nicht, ſagen Sie? So können Sie glauben, ein Maler habe dieſe Züge aus ſeinem Hirn zuſammengepinſelt? Doch ich will nicht ungerecht ſein; es war wohl ein tüchtiger Mann, der ſie malte, denn ſeine Farben ſind wahr und treu, treu und friſch, wie das blühende Leben. Aber glauben Sie, daß ein ſolcher Künſtler aus ſeiner Phantaſie nicht ein ganz anderes Bild erſchafft? Finden Sie nicht, ohne die Familie Tortoſi zu kennen, daß dieſe Dame offenbar Familienähnlichkeit haben müſſe, Fami⸗ lienzüge, beſtimmt und klar von der Natur ausgeſprochen, 17 Züge, wie man ſie nie in Gemälden der Phantaſie, ſon⸗ dern nur bei guten Porträts findet? Es iſt ein Porträt, ſag' ich Ihnen, Seüor, und bei Gott kein anderes, als das der Donna Laura, wie ich ſie vor zwanzig Jah⸗ ren geſehen in dem lieblichen Valencia.“ „Mein verehrter Herr,“ erwiderte ihm Fröben,„es gibt Ähnlichkeiten, täuſchende Ähnlichkeiten; man glaubt oft einen Freund ſprechend getroffen zu ſehen, nur in ſonderbarem, veralteten Coſtüm, und wenn man fragt, iſt es ſein Urahn aus dem dreißigjährigen Kriege, oder überdies gar noch ein Fremder. Ich gebe auch zu, daß dieſes Bild ſogenannte Familienzüge trage, daß es der liebenswürdigen Donna Laura gleiche, aber dieſes Bild, dieſes iſt alt, und ſoviel weiß man wenigſtens aus Re⸗ giſtern und Kirchenbüchern, daß es in der Magdalenen⸗ kirche zu Krer ſchon ſeit hundertundfünfzig Jahren hing, durch zufällige Stiftung, nicht auf Beſtellung in die Kirche kam, und nach allen Anzeigen von dem deutſchen Maler Lucas Cranach gefertigt wurde.“— „So hole der lebendige Satan meine Augen!“ rief Don Pedro ärgerlich, indem er aufſprang und ſeinen Hut nahm.„Ein Blendwerk der Hölle iſts; ſie will mich in meinen alten Tagen noch einmal durch dies Gemälde in Wehmuth und Gram verſenken.“ Thränen ſtanden dem alten Manne in den Augen, als er mit haſtigen, dröhnenden Schritten die Galerie verließ.. 5. Aber dennoch war er auch jetzt nicht zum letztenmal a geweſen. Froͤben und er ſahen ſich noch oft vor dem W. Hauffs Werke. 1I. 2 1 Bilde, und der Alte gewann den jungen Mann durch ſein beſcheidenes, aber beſtimmtes Urtheil, durch ſeine liebenswürdige Offenheit, durch ſein ganzes Weſen, das ſeine Erziehung, treffliche Kenntniſſe und einen für dieſe Jahre ſeltenen Takt verrieth, immer lieber. Der Alte war fremd in dieſer Stadt, er fühlte ſich einſam, den⸗ noch war er der Welt nicht ſo ſehr abgeſtorben, daß er nicht hin und wieder einen Menſchen hätte ſprechen mögen. So kam es, daß er ſich unvermerkt näher an den jungen Fröben anſchloß; zog ihn ja dieſer auch da⸗ durch ſo unbeſchreiblich an, daß er ein theures Gefühl mit ihm theilte, nämlich die Liebe zu jenem Bilde. So kam es, daß er den jungen Mann auf dem Spaziergang gerne begleitete, daß er ihn oft einlud, ihm Abends Geſellſchaft zu leiſten. Eines Abends, als der Speiſeſaal im König von England ungewöhnlich gefüllt war und rings um die Beiden fremde Gäſte ſaßen, ſo daß ſie ſich im traulichen Geſpräche gehindert fühl⸗ ten, ſprach Don Pedro zu ſeinem jungen Freund: „Seüor, wenn Ihr anders dieſen Abend nicht einer Dame verſprochen habt, vor ihxem Gitter mit der Laute zu er⸗ ſcheinen, oder wenn Such nicht ſonſt ein Verſprechen hindert, ſo möchte ich Euch einladen, eine Flaſche echten Pimenes mit mir auszuſtechen auf meinem Gemach.“ „Sie ehren mich unendlich,“ antwortete Fröben, „mich bindet kein Verſprechen, denn ich kenne hier keine Dame, auch iſt es hieſigen Orts nicht Sitte, Abends die Laute zu ſchlagen auf der Straße, oder ſich mit der Grliebten am Fenſter zu unterhalten. Mit Vergnügen werde ich Sie begleiten.“ 3 8 2 6 Ihr wißt, fügt ſich nicht alles wie zu Hauſe. Weicher 4 allerdings geht es ſich in meinem Saale zu Liſſabon, 19 „Gut; ſo geduldet Euch hier noch eine Minute, bis ich mit Diego die Einrichtung gematht; ich werde Euch rufen laſſen.“ 4 Der Alte hatte dieſe Einladung mit einer Art von Feierlichkeit geſprochen, die Fröben ſonderbar auffiel. Jetzt erſt entſann er ſich auch, daß er noch nie auf Don Pedro's Zimmer geweſen, denn immer hatten ſie ſich in dem allgemeinen Speiſeſaal des Gaſthofs getroffen. Doch aus allem zuſammen glaubte er ſchließen zu müſſen, daß es eine beſondere Höflichkeit ſei, die ihm der Spa⸗ nier durch dieſe Einführung bei ſich erzeigen wolle. Nach einer Viertelſtunde erſchien Diego mit zwei ſilber⸗ nen Armleuchtern, neigte ſich ehrerbietig vor dem jungen Mann und forderte ihn auf, ihm zu folgen. Fröben folgte ihm und bemerkte, als er durch den Saal ging, daß alle Trinkgäſte ihm neugierig nachſchauten und die Köpfe zuſammenſteckten. Im erſten Stock machte Diego eine Flügelthüre auf und winkte dem Gaſt einzutreten. Überraſcht blieb dieſer auf der Schwelle ſtehen. Sein alter Freund hatte den Frack abgelegt, ein ſchwarzes, geſchlitztes Wammsemit rothen Buffen an⸗ gezogen, und einen langen 3e goldenem Griff umgeſchnallt; ein dunkelrother⸗ tantillo fiel ihm über die Schultern. Feierlich ſchritt er ſeinem Gaſt entgegen, und ſtreckte ſeine dürre Hand aus den reichen Man⸗ ſchetten hervor, ihn zu begrüßen:„Seid mir herzlich willkommen, Don Fröbenio,“ ſprach er,„ſtoßet Euch nicht an dieſem prunkloſen Gemach; auf Reiſen, wie 7 20 und meine Divans ſind echt mauriſche Arbeit; doch ſetzet Euch immer zu mir auf dies ſchmale Ding, Sopha ge⸗ nannt, iſt doch der Wein des Herrn Schwaderer echt und gut; ſetzt Euch!“ Er führte unter dieſen Worten den jungen Mann zu einem Sopha; der Tiſch vor dieſem war mit Confi⸗ turen und Wein beſetzt; Diego ſchenkte ein und brachte Zündſtock und Cigarren. „Schon lange,“ hub dann Don Pedro an,„ſchon lange hätte ich gerne einmal ſo recht vertraulich zu Euch geſprochen, Don Fröbenio, wenn Ihr anders mein Vertrauen nicht gering achtet. Sehet, wenn wir uns oft zur Mittagsſtunde vor Laura's Bildniß trafen, da habe ich Euch, wenn Ihr ſo recht verſunken waret in Anſchauung, aufmerkſam betrachtet, und, vergebt mir, wenn meine alten Augen einen Diebſtahl an Euren Augen begingen, ich bemerkte, daß der Gegenſtand dieſes Gemäldes noch höheres Intereſſe für Euch haben müſſe, und eine tiefere Bedeutung, als Ihr mir bisher geſtanden.“ Fröben erröthete; der Alte ſah ihn ſo ſcharf und durchdringend an, als wollte er im innerſten Grund ſeiner Seele leſen.„Es iſt wahr,“ antwortete er, „dieſes Bild hat eine tiefe Bedeutung für mich, und Sie haben recht geſehen, wenn Sie glauben, es ſei nicht das Kunſtwerk, was mich intereſſire, ſondern der Gegenſtand des Gemäldes. Ach, es erinnert mich an den ſonderbarſten, aber glücklichſten Moment meines Lebens! Sie werden lächeln, wenn ich Ihnen ſage, daß ich einſt ein Mädchen ſah, das mit dieſem Bild täu⸗ p 21 ſchende Ähnlichkeit hatte, ich ſah ſie nur einmal und nie wieder, und darum gehört es zu meinem Glück, wenigſtens ihre holden Züge in dieſem Gemälde wieder aufzuſuchen.“ „O Gott! das iſt ja auch mein Fall!“ rief Don Pedro. „Doch lachen werden Sie,“ fuhr Fröben fort, „wenn ich geſtehe, daß ich nur von einem Theil des Geſichtes dieſer Dame ſprechen kann. Ich weiß nicht, iſt ſie blond oder braun, iſt ihre Stirn hoch oder nieder, iſt ihr Auge blau oder dunkel, ich weiß es nicht! Aber dieſe zierliche Naſe, dieſer liebliche Mund, dieſe zarten Wangen, dieſes weiche Kinn finde ich auf dem geliebten Bilde, wie ich es im Leben geſchaut!“ „Sonderbar!— und dieſe Formen, die ſich dem Gedächtniß weniger tief einzudrücken pflegen, als Auge, Stirn und Haar, dieſe ſollten, nachdem Ihr nur ein⸗ mal ſie geſehen, ſo lebhaft in Eurer Seele ſtehen?“ „O Don Pedro!“ ſprach der Jüngling bewegt, „einen Mund, den man einmal geküßt hat, einen ſolchen Mund vergißt man ſo leicht nicht wieder. Doch, ich will erzählen, wie es mir damit ergangen.“— „Halt ein, kein Wort!“ unterbrach ihn der Spa⸗ nier;„Ihr würdet mich für ſehr ſchlecht erzogen halten müſſen, wollte ich einem Cavalier ſein Geheimniß ent⸗ locken, ohne ihm das meine zuvor als Pfand gegeben zu haben. Ich will Euch erzählen von der Dame, die ich in jenem ſonderbaren Bild erkannte, und wenn Ihr mich dann Eures Vertrauens würdig achtet, ſo möget Ihr mir mit Eurer Geſchichte vergelten. Doch, Ihr trinket ja gar nicht! es iſt echter, ſpaniſcher Wein, und ihn müßt Ihr trinken, wenn Ihr mit mir Valencia beſuchen wollt“ Sie tranken von dem begeiſternden Eimenes und der Alte hub an. 6. „Seüor, ich bin in Granada geboren. Mein Vater commandirte ein Regiment, und er und meine Mutter ſtammten aus den älteſten Familien dieſes Königreichs. Ich wurde im Chriſtenthum und allen Wiſſenſchaften erzogen, die einen Edelmann zieren, und mein Vater beſtimmte mich, als ich zwanzig Jahre alt und gut gewachſen war, zum Soldaten. Aber er war ein Mann, ſtreng und ohne Rückſicht im Dienſte, und weil er die Zärtlichkeit meiner Mutter für mich kannte und fürch⸗ tete, ſie möchte ihn oft verhindern, mich meine Pflicht gehörig vollbringen zu machen, beſchloß er, mich zu einem andern Regiment zu ſchicken, und ſeine Wahl fiel auf Pampeluna, wo mein Oheim commandirte. Ich lernte dort den Dienſt ſorgfältig und genau, und brachte es in den folgenden zehn Jahren bis zum Kapi⸗ tän. Als ich Dreißig alt war, wurde mein Oheim nach Valencia verſetzt. Er hatte Einfluß und wußte zu be⸗ wirken, daß ich ihm ſchon nach einem halben Jahr als Adjutant folgen konnte. Als ich aber in Valencia an⸗ kam, hatte ſich in meines Oheims Hausweſen vieles geändert. Er war ſchon längſt, noch in Pampeluna, Wittwer geworden. In Valencia hatte er eine reiche 8 Wittwe kennen gelernt und ſie einige Wochen früher, V 23 als ich bei ihm eintraf, geheirathet. Sie können denken, wie ich überraſcht war, als er mir eine ältliche Dame vorſtellte und ſie ſeine Gemahlin nannte; meine über⸗ raſchung ſtieg aber und gewann an Freude, als er auch ein Mädchen, ſchön wie der Tag, herbeiführte, und ſie ſeine Tochter Laura, meine Couſine nannte. Ich hatte bis zu jenem Tag nicht geliebt, und meine Kameraden hatten mich oft deßhalb Pedro el pedro(den ſteinernen Pedro) genannt; aber dieſer Stein zerſchmolz wie Wachs von den feurigen Blicken Laura's. „Ihr habt ſie geſehen, Don Fröbenio, jenes Bild gibt ihre himmliſchen Züge wieder, wenn es anders einem irdiſchen Künſtler möglich iſt, die wundervollen Werke der Natur zu erreichen. Ach, gerade ſo trug ſie ihr Haar, ſo muthig wie auf jenem Gemälde, hatte ſie das Hütchen mit den wallenden Federn aufgeſetzt, und wenn ſie ihr dunkles Auge unter den langen Wimpern aufſchlug, ſo war es, als ob die Pforten des Himmels ſich öffneten und ein leuchtender Engel freundlich herab grüße. 1 „Meine Liebe, Senor, war eine freudige; ich konnte ja täglich um ſie ſein; jene Schranken, die in meinem Vaterlande gewöhnlich die Liebenden trennen und die Liebe ſchmerzlich, ängſtlich, gramvoll und ver⸗ ſchlagen machen, jene Schranken trennten uns nicht. Und wenn ich in die Zukunft ſah, wie lachend erſchien ſie mir! Mein Oheim liebte mich wie ſeinen Sohn; verſtand ich ſeine Winke recht, ſo ſchien es ihm nicht unangenehm, wenn ich mich um ſeine Tochter bewerbe; und von meinem Vater konnte ich kein Hinderniß er⸗ warten, denn Laura ſtammte aus edlem Blute und der Reichthum ihrer Mutter war bekannt. Wie mächtig meine Liebe war, könnt Ihr ſchon daraus ſehen, daß ich da liebte, wo es ſo gänzlich ohne Noth und Jammer abging. Denn gewöhnlich entſteht die Liebe aus der an⸗ genehmen Bemerkung, daß man der Geliebten vielleicht nicht mißfallen habe; wie Feuer unter den Dächern fortſchleicht und durch eine Mauer aufgehalten plötzlich verzehrend nieder in das Haus und praſſelnd auf zum Himmel ſchlägt, ſo die Liebe. Die kleine Neigung wächſt. Die unüberwindlich ſcheinenden Hinderniſſe ſpornen an; man glaubt eine Glut zu fühlen, die nur im Arme der Geliebten ſich abkühlen kann. Man ſpricht die Dame am Gitter, man ſchickt ihr Briefe durch die Zofe, man malt im Traume und Wachen ihr Bild, ihre Geſtalt ſo reizend ſich vor, denn bisher ſah man ſie nicht anders als im Schleier und der verhüllenden Mantilla. Endlich, ſei es durch Liſt oder Gewalt, fallen die Schranken. Man fliegt herbei, führt die Errungene zur Kirche und— beſieht ſich nachher den Schatz etwas genauer. Wie auf dem ſchönen Wieſengrund, der nur ein Teppich iſt über ein ſumpfig Moorland gedeckt, wenn du wie auf feſter Erde ausſchreiteſt, deine Füße einſinken und Quellen aus der Tiefe rieſeln: ſo hier. Alle Augenblicke zeigt ſich eine neue Laune bei der Dame, alle Tage lüftet ſie Schleier und Mantilla ihres Herzens freier, und am Ende ſtündeſt du lieber wieder an dem Gitter, Liebesklagen zu ſingen, um— nie wieder zu kehren.“ 25 7. „Bei Gott, Ihr ſeid ein ſcharfer Kritiker,“ erwi⸗ derte Fröben erröthend;„es liegt in dem, was Ihr ſaget, etwas Wahres, aber ganz ſo? Nein, da müßte ja jener Götterfunke, der zündend ins Herz ſchlägt, jener ſelige Augenblick, wo die Hälfte einer Minute zum Verſtändniß hinreicht, müßte lügen, und doch glaube ich an ſeine himmliſche Abkunft. O, iſt es mir denn beſſer ergangen?“ „Ich verſtehe, was Ihr ſagen wollt,“ ſprach Don Pedro;„jener Moment iſt himmliſch ſchön, aber er be⸗ ruht gar oft auf bitterer Täuſchung. Höret weiter. Mich reizten, mich hinderten keine Schranken, und den⸗ noch liebte ich ſo warm als irgend ein junger Cavalier in Spanien. Das einzige Hinderniß konnte Laura's Herz ſein, und— ihr Auge hatte mir ja ſchon oft geſtanden, daß es dem meinigen gerne begegne. Alle jene kleinen Beweiſe meiner Zärtlichkeit, wie man ſie in dieſem Zu⸗ ſtand gibt, nahm Donna Laura gütig auf, und nach einem Vierteljahre erlaubte ſie mir, ihr meine Liebe zu geſtehen. Die Eltern hatten die Sache längſt bemerkt; mein Oheim gab mir ſeine Einwilligung und ſagte, er habe für mich wegen guter Dienſte, die ich geleiſtet, beim König um ein Majorspatent nachgeſucht. Mit der Nachricht meines Steigens ſoll ich dem Vater meine Liebe geſtehen und ihn um Einwilligung bitten. Ich gelobte es; ach, warum habe ich's gethan! Sollte man nicht immer einen Dämon hinter ſich glauben, der uns das Glück wie ein ſchönes Spielzeug gibt, nur um es piudii zu zerſchlagen? 26 „Ich hatte bald nach der Gewißheit meines Glückes mit einem Hauptmann aus einem Schweizerregiment Bekanntſchaft gemacht, den ich lieb gewann und täglich in mein Haus führte. Es war ein ſchöner, blonder Jüng⸗ ling, mit klaren blauen Augen, von weißer Haut und rothen Wangen. Er hätte zu weich für einen Soldaten ausgeſehen, wenn nicht berühmte Waffenthaten, die er ausgeführt, in Aller Munde lebten. Um ſo gefährlicher war er für Frauen. Seine ganze Erſcheinung war ſo neu in dieſem Lande, wo die Sonne die Geſichter dunkel färbt, wo unter ſchwarzem Haar ſchwarze Augen blitzen; und wenn er von den Eisbergen, von dem ewigen Schnee ſeiner Heimath erzählte, ſo lauſchte man gerne auf ſeine Rede, und manche Dame mochte ſchon den Verſuch ge⸗ macht haben, das Eis ſeines Herzens zu ſchmelzen. „Eines Morgens kam ein Freund zu mir, der um meine Liebe zu Laura wußte, und gab mir in allerlei geheimnißvollen Reden zu verſtehen, ich möchte entweder auf der Hut ſein, oder ohne das Majorspatent meine Baſe heirathen, indem ſonſt noch Manches ſich ereignen könnte, was mir nicht angenehm wäre. Ich war betre⸗ ten, forſchte näher und erfuhr, daß Donna Laura bei einer verheiratheten Freundin hie und da mit einem Mann zuſammenkomme, der in einen Mantel verhüllt ins Haus ſchleiche. Ich entließ den Freund und dankte ihm. Ich glaubte nichts davon, aber ein Stachel von Eiferſucht und Mißtrauen war in mir zurückgeblieben. Ich dachte nach über Laura's Betragen gegen mich, ich fand es unverändert; ſie war hold, gütig gegen mich wie zuvor, ließ ſich die Hand, wohl auch den ſchönen 27 Mund küſſen— aber dabei blieb es auch; denn jetzt erſt fiel mir auf, wie kalt ſie bei meiner Umarmung war, ſie drückte mir die Hand nicht wieder, wenn ich ſie drückte, ſie gab mir keinen Kuß zurück.“ „Zweifel quälten mich; der Freund kam wieder, ſchürte durch beſtimmtere Nachrichten das Feuer mächtiger an, und ich beſchloß bei mir, die Schritte meiner Dame aufmerkſamer zu bewachen. Wir ſpeisten gewöhnlich zu⸗ ſammen, der Oheim, die Tante, meine ſchöne Baſe und ich. Am Abend des Tages, als mein Freund zum zwei⸗ tenmal mich gewarnt, fragte die Tante bei Tiſche ihre Toch⸗ ter, ob ſie ihr Geſellſchaft leiſten werde auf dem Balkon? „Sie antwortete, ſie habe ihrer Freundin einen Be⸗ ſuch zugeſagt. Unwillkürlich mochte ich ſie dabei ſchärfer angeſehen haben, denn ſie ſchlug die Augen nieder und erröthete. Sie ging eine Stunde, ehe die Nacht einbrach, zu jener Dame. Als es dunkel wurde, ſchlich ich mich an jenes Haus und hielt Wache; raſende Eiferſucht kam über mich, als ich die Straße herauf, nahe an die Häu⸗ ſer gedrückt, eine verhüllte Geſtalt ſchleichen ſah. Ich ſtellte mich vor die Hausthüre, die Geſtalt kam näher, wollte mich ſanft auf die Seite ſchieben. Aber ich faßte ſie am Gewand und ſprach: Senor, wer Ihr auch ſeid, in dieſem Augenblick glaube ich einen Mann von Ehre vor mir zu haben, und bei Eurer Ehre fordere ich Euch auf, ſteht mir Rede!. „Bei dem erſten Ton meiner Stimme ſah ich ihn zuſammenſchrecken; er beſann ſich eine kleine Weile und entgegnete daun:„„Was ſoll es 29² „Schwört mir bei Eurer Ehre, fuhr ich fort, daß 8* 28 Ihr nicht wegen Donna Laura de Tortoſi in dieſes Haus geht.“ „„Wer erkühnt ſich, mir über meine Schritte Re⸗ chenſchaft abzufordern?““ rief er mit dumpfer verſtellter Stimme. An ſeiner Ausſprache merkte ich, daß er ein Fremder ſei müſſe; eine düſtere Ahnung ging in meiner Seele auf.„Der Kapitän de San Montanio wagt es!“ antwortete ich und riß ihm ehe er ſich deſſen verſah, den Mantel vom Geſicht— es war mein Freund Tannen⸗ ſee, der Schweizer. „Er ſtand da, wie ein Verbrecher, keines Wortes mächtig. Aber ich hatte meinen Degen blank gezogen, und ſprachlos vor Wuth deutete ich ihm an, daſſelbe zu thun.„Ich habe keine Waffe bei mir, als einen Dolch,“ erwiderte er. Schon war ich Willens, ihm ohne Zögern den Degen in den Leib zu rennen; aber als er ſo regungs⸗ los auf Alles gefaßt vor mir ſtand, konnte ich das Schreck⸗ liche nicht vollbringen. Ich behielt noch ſo viel Faſſung, daß ich ihn beſtimmte, am andern Morgen vor dem Thor der Stadt mir Rechenſchaft zu geben. Die Thüre hielt ich beſetzt; er ſagte zu und ging. „Noch lange hielt ich Wache, bis endlich die Sänfte für Laura gebracht wurde, bis ich ſie einſteigen ſah; dann folgte ich ihr langſam nach Hauſe. Die Qualen der Eiferſucht ließen mich keinen Schlaf auf meinem Lager finden, und ſo hörte ich, wie ſich um Mitternacht Schritte meiner Thüre näherten. Man pochte an; ver⸗ wundert warf ich meinen Mantel um und ſchloß auf; es war die alte Dienerin Laura's, die mir einen Brief. übergab und eilends wieder davon ging. 5 29 „Seüor! Gott möge Euch vor einem ähnlichen h Brief in Gnaden bewahren! Sie geſtand mir, daß ſie den Schweizer längſt geliebt habe, als ſie mich noch gar nicht kannte; daß ſie aus Furcht vor dem Zorn ihrer Mutter, die alle Fremden haſſe, ihn immer zurückge⸗ halten, um ſie zu werben; daß ſie, von den Drohungen meiner Tante genöthigt, meine Anträge ſich habe ge⸗ fallen laſſen. Sie nahm alle Schuld auf ſich, ſie ſchwur mit den heiligſten Eiden, daß Tannenſee mir oft habe Alles geſtehen wollen und nur durch ihr Flehen, durch ihre Furcht, nachher ſtrenger verwahrt zu werden, ſich habe zurückhalten laſſen. Sie deutete mir ein ſchreck⸗ liches Geheimniß an, das die Ehre der Familie beflecken werde, wenn ich ihr und dem Hauptmann nicht zur Flucht verhelfe. Sie beſchwor mich, von meinem Streit abzuſtehen, denn wenn er falle, ſo bleibe ihr, ſeiner Gattin, nichts übrig, als ſich das Leben zu nehmen. Sie ſchloß damit, meine Großmuth anzurufen, ſie werde mich ewig achten, aber niemals lieben. „Ihr werdet geſtehen, daß ein ſolcher Brief gleich kaltem Waſſer alle Flammen der Liebe löſchen kann; er löſchte ſogar meinen Zorn. Aber vergeben konnte ich es meiner Ehre nicht, daß ich betrogen war, darum ſtellte ich mich zur beſtimmten Stunde auf dem Kampf⸗ platz ein. Der Kapitän mochte tief fühlen, wie ſehr er mich beleidigt; obgleich er ein beſſerer Fechter war als ich, vertheidigte er ſich nur, und nicht ſeine Schuld iſt es, daß ich meine Hand hier zwiſchen Daumen und Zeigefinger in ſeinen Degen rannte, ſo daß ich außer Stand war, weiter zu ſechten. Ich gab ihm, während * 30 ich verbunden wurde, Laura's Brief. Er las, er bat mich flehend, ihm zu vergeben, ich that es mit ſchwerem Herzen. „Die Geſchichte meiner Liebe iſt zu Ende, Don Fröbenio, denn fünf Tage darauf war Donna Laura mit dem Schweizer verſchwunden.“ „Und mit Ihrer Hülfe?“ fragte Fröben. „Ich half ſo gut es ging. Freilich war der Schmerz meiner Tante groß; aber in dieſen Umſtänden war es beſſer, ſie ſah ihre Tochter nie wieder, als daß Unehre über das Haus kam.“ „Edler Mann! Wie unendlich viel muß Sie dies gekoſtet haben! Wahrhaftig, es wareine harte Prüfung.“ „Das war es,“ antwortete der Alte mit düſterem Lächeln.„Anfangs glaubte ich, dieſe Wunde werde nie vernarben; die Zeit thut viel, mein Freund! Ich habe ſie nie wieder geſehen, nie von ihnen gehört, nur ein⸗ mal nannten die Zeitungen den Oberſt Tannenſee als einen tapfern Mann, der unter den Truppen Napo⸗ leons in der Schlacht von Brienne dem Feinde langen Widerſtand gethan habe. Ob es derſelbe iſt, ob Laura noch lebt, weiß ich nicht zu ſagen. „Als ich aber in dieſe Stadt kam, jene Galerie be⸗ ſuchte, und nach zwanzig langen Jahren meine Laura wieder erblickte, ganz ſo, wie ſie war in den Tagen ihrer Jugend, da brachen die alten Wunden wieder auf, und— nun Ihr wiſſet, daß ich ſie täglich beſuche.“ ₰Q * Mit umſtändlicher Gravität, wie es dem Haushor⸗ 31 meiſter eines P'esſchen Prinzen, einem Mann aus alteaſtiliſchem Geſchlechte geziemte, hatte Don Pedro de San Montanjo Ligez ſeine Geſchichte vorgetragen. Als er geendet, trank er einigen Peres, lüftete den Hut, ſtrich ſich über Stirne und Kinn und ſagte zu dem jungen Mann an ſeiner Seite:„Was ich wenigen Menſchen vertraut, habe ich Euch umſtändlich erzählt, Don Fröbenio, nicht um Euch zu locken, mir mit glei⸗ chem Vertrauen zu erwidern, obgleich Euer Geheimniß ſo ſicher in meiner Bruſt ruhte, als der Staub der Könige von Spanien im Escurial!— Obgleich ich geſpannt bin zu wiſſen, inwiefern Euch jene Dame intereſſirt;— aber Neugier ziemt dem Alter nicht, und damit gut.“ Fröben dankte dem Alten für ſeine Mittheilung. „Mit Vergnügen werde ich Ihnen meinen kleinen Roman zum Beſten geben,“ ſagte er lächelnd,„er betrifft keiner Dame Geheimniſſe und endet ſchon da, wo andere an⸗ fangen. Aber wenn Sie erlauben, werde ich morgen erzählen, denn für heute möchte es wohl zu ſpät ſein.“ „Ganz nach Eurer Bequemlichkeit,“ erwiderte der Don, ſeine Hand drückend.„Euer Vertrauen werde ich zu ehren wiſſen.“ So ſchieden ſie; der Spanier be⸗ gleitete den jungen Mann höflich bis an die Schwelle ſeines Vorſaals, und Diego leuchtete ihm bis auf die Straße. Naach ſeiner Gewohnheit ging Fröben den Tag nach⸗ her in die Galerie; er ſtand lange vor dem Bilde, und wirklich dachte er an dieſem Tage mehr an den Alten, denn an die gemalte Dame; aber er wartete über eine Stunde— der Alte kam nicht. Er ging mit dem Schlag 32 zwei Uhr in die Anlagen, ging langſamen Schrittes um den See, zog oft ſein Fernglas und ſchaute die lange Promenade hinab, aber die ehrwürdige Geſtalt ſeines alten Freundes wollte ſich nicht zeigen; umſonſt. ſchaute er nach den dünnen ſchwarzen Beinen, nach dem ſpitzen Hut, umſonſt nach Diego und den bunten Klei⸗ dern, mit Sonnenſchirm und Regenmantel, er war nicht zu ſehen.„Sollte er krank geworden ſein?“ fragte er ſich, und unwillkürlich ging er nach dem Schloßplatz hin, und nach dem Gaſthof zum König von England, um Don Pedro zu beſuchen. „Fort iſt die ganze Wirthſchaft, auf und davon;“ antwortete auf ſeine Frage der Oberkellner,„geſtern Abend noch bekam der Prinz Depeſchen, und heute Vormittag ſind ſeine Hoheit nebſt Gefolge in ſechs Wagen nach W'** abgereist; der Haushofmeiſter, er fuhr im zweiten, hat für Sie eine Karte hier gelaſſen.“ Begierig griff Fröben nach dieſem letzten Freundes⸗ zeichen. Es war nur Don Pedro de San Montanjo Ligez, Major Rio de S. A. etc. darauf zu leſen. Verdrießlich wollte Fröben dieſen kalten Abſchied ein⸗ ſtecken, da gewahrte er auf der Rückſeite noch einige Worte mit der Bleifeder geſchrieben, er las:„Lebt wohl, theurer Don Fröbenio; Eure Geſchichte müßt Ihr mir ſchuldig bleiben; grüßet und küſſet Donna Laura.“ Er lächelte über den Auftrag des alten Herrn, und doch, als er in den nächſten Tagen wieder vor dem Bilde ſtand, war er wehmüthiger als je, denn es war in ſeinem Leben eine Lücke entſtanden durch Don Pe⸗ dro's Abreiſe. Er hatte ſich ſo gerne mit dem guten Vlt⸗ 33 unterhalten, er hatte ſeit langer Zeit zum erſtenmal wieder in einem genaueren Verhältniß mit Menſchen gelebt, und deutlicher als je fühlte er jetzt, daß nur der Einſame, der Hoffnungsloſe ganz unglücklich iſt. Wäre das Bild nicht geweſen, das ihn mit ſeinem eigenthüm⸗ lichen Zauber zurückhielt, ſchon längſt hätte er Stutt⸗ gart verlaſſen, das ſonſt keine Reize für ihn hatte. Als ihm daher eines Tages die Herren Boiſſerée die treue Copie jenes lieben Bildes, ein lithographirtes Blatt, zeigten und ihn damit beſchenkten, nahm er es als einen Wink des Schickſals auf, verabſchiedete ſich von dem Urbild, packte die Copie ſorgfältig ein und verließ dieſe Stadt ſo ſtille als er ſie betreten hatte. 9. Sein Aufenthalt in Stuttgart hatte nur dem Bilde gegolten, das er in jener Galerie gefunden. Er war, als er die Hauptſtadt Würtembergs berührte, auf einer Reiſe nach dem Rhein begriffen, und dahin zog er nun weiter. Er geſtand ſich ſelbſt, daß ihn die letzten Monate beinahe allzuweich gemacht hatten. Er fühlte nicht ohne Beſchämung und leiſes Schaudern, daß ſein Trübſinn, ſein ganzes Dichten und Trachten ſchon nahe an Narr⸗ heit geſtreift hatten. Er war zwar unabhängig, hatte dieſes Jahr noch zu Reiſen beſtimmt, ohne ſich irgend einen feſten Plan, ein Ziel zu ſetzen und wollte dieſe lange Unterbrechung ſeiner Reiſe auf die angenehme Lage der Stadt, auf die herrlichen Umgebungen ſchieben. Aber hatte er denn wirklich jene Stadt ſo angenehm gefunden? Hatte er Menſchen aufgeſucht, kennen ge⸗ 8 W. Hauffs Werke. II. 3 8 lernt? Hatte er ſie nicht vielmehr gemieden, weil ſie ſeine Einſamkeit, die ihm ſo lieb geworden, ſtörten? Hatte er die herrlichen Umgebungen genoſſen?„Nein,“ ſagte er lächelnd zu ſich,„man wäre verſucht, an Zau⸗ berei zu glauben! Ich habe mich betragen wie ein Thor! Habe mich eingeſchloſſen in mein Zimmer, um zu leſen. Und habe ich denn wirklich geleſen? Stand nicht ihr Bild auf jeder Seite? Gingen meine Schritte weiter, als zu ihr, oder um einmal unter dem Gewühl der Menge auf⸗ und abzugehen? Iſt es nicht ſchon Raſerei, auf ſo langen Wegen einem Schatten nachzujagen, jedes Mädchengeſicht aufmerkſam zu betrachten, ob ich nicht den kleinen Mund der unbekannten Geliebten wieder erkenne?“ So ſchalt ſich der junge Mann, glaubte recht feſte Vorſätze zu faſſen und wie oft, wenn ſein Pferd lang⸗ ſamer bergan geſchritten war, vergaß er oben es anzu⸗ treiben; weil ſeine Seele auf andern Wegen ſchweifte; wie oft, wenn er Abends ſein Gepäck öffnete und ihm die Rolle in die Hände fiel, entfaltete er unwillkürlich das Bild der Geliebten, und vergaß, ſich zur Ruhe, zu legen. Aber die reizenden Gebirgsgegenden am Neckar, die herrlichen Fluren von Mannheim, Worms, Mainz verfehlten auch auf ihn den eigenthümlichen Eindruck nicht. Sie zerſtreuten ihn, ſie füllten ſeine Seele mit neuen, freundlichen Bildern. Und als er eines Morgens von Bingen aufbrach, ſtand nur ein Bild vor ſeinem Auge, ein Bild, das er noch heute erblicken ſollte, Frülen hatte mit einem Landsmann Vunnkteic und — 35⁵ England bereist, und aus dem Geſellſchafter war ihm nach und nach ein Freund erwachſen. Zwar mußte er, wenn er über ihre Freundſchaft nachdachte, ſich ſelbſt geſtehen, daß Üübereinſtimmung der Charaktere ſie nicht zuſammenführte; doch oft pflegt es ja zu geſchehen, daß gerade das Ungleiche ſich heißer liebt, als das ÄAhnliche. Der Baron von Faldner war etwas roh, ungebildet, ſelbſt jene Reiſe, das bewegte Leben zweier Hauptſtädte, wie Paris und London, hatte nur ſeine Außenſeite etwas abſchleifen und mildern können. Er war einer jener Menſchen, die, weil ſie durch fremde oder eigene Schuld, gewählte Lektüre, feinere, tiefere Kenntniſſe und die bildende Hand der Wiſſenſchaften verſchmähten, zur Überzeugung kamen, ſie ſeien praktiſche Menſchen, d. h. Leute, die in ſich ſelbſt alles tragen, um was ſich Andere, es zu erlernen, abmühen, die einen natürlichen Begriff von Ackerbau, Viehzucht, Wirthſchaft und der⸗ gleichen haben, und ſich nun für geborne Landwirthe, für praktiſche Haushälter anſehen, die auf dem natür⸗ lichſten Wege das zu erreichen glauben, was die Maſſe in Büchern ſucht. Dieſer Egoismus machte ihn glücklich, denn er ſah nicht, auf welchen ſchwachen Stützen ſein Wiſſen beruhte; noch glücklicher wäre er wohl geweſen, wenn dieſe Eigenliebe bei den Geſchäften ſtehen geblie⸗ ben wäre, aber er trug ſie mit ſich, wohin er ging, er⸗ theilte Rath, ohne welchen anzunehmen, hielt ſich, was man ihm nicht gerade nachſagte, für einen klugen Kopf, und ward durch dieſes alles ein unangenehmer Geſellſchafter und zu Hauſe vielleicht ein kleiner Tyrann, 4 36 aus dem einfachen Grunde, weil er klug war und immer Recht hatte. 8 „Ob er wohl ſein Sprüchwort noch an ſich hat,“ fragte ſich Fröben lächelnd,„das Unabwendbare:„„Das habe ich ja gleich geſagt!““ Wie oft, wenn er am wenigſten daran gedacht hatte, daß etwas gerade ſo geſchehen werde, wie oft faßte er mich da bei der Hand und rief: „„Freund Fröben, ſag an, habe ich es nicht ſchon vor vier Wochen geſagt, daß es ſo kommen würde? Warum habt Ihr mir nicht gefolgt?““ Und wenn ich ihm ſo ſonnenklar bewies, daß er zufällig gerade das Gegen⸗ theil behauptet habe, ſo ließ er ſich unter keiner Be⸗ dingung davon abbringen und grollte drei, vier Tage lang.“ Fröben hoffte, Erfahrung und die ſchöne Natur um ihn her werden ſeinen Freund weiſer gemacht haben. An einer der reizendſten Stellen des Rheinthals, in der Nähe von Kaub, lag ſein Gut, und je näher der Rei⸗ ſende herabkam, deſto freudiger ſchlug ſein Herz über alle dieſer Herrlichkeit der Berge und des majeſtätiſchen Fluſſes, um ſo öfter ſagte er zu ſich:„Nein! er muß ſich geändert haben; in dieſen Umgebungen kann man nur hingebend, nur freundlich und theilnehmend ſein, und im Genuß dieſer Ausſicht muß man vergeſſen, wenn man auch wirklich Recht hat, was bei ihm leider der ſeltene Fall iſt.“ 10. Gegen Abend langte er auf dem Gute an; er gab ſein Pferd vor dem Hauſe einem Diener, fragte nach 437 ſeinem Herrn, und wurde in den Garten gewieſen. Dort erkannte er ſchon von weitem Geſtalt und Stimme ſeines Freundes. Er ſchien in dieſem Augenblick mit einem alten Mann, der an einem Baume mit Graben beſchäftigt war, heftig zu ſtreiten.„Und wenn Ihr es auch hundert Jahre nach dem alten Schlendrian ge⸗ macht hat, ſtatt fünfzig, ſo muß der Baum doch ſo herausgenommen werden, wie ich ſagte. Nur friſch daran, Alter; es kömmt bei allem nur darauf an, daß man klug darüber nachdenkt.“ Der Arbeiter ſetzte ſeuf⸗ zend ſeine Mütze auf, betrachtete noch einmal mit wehmüthigem Blick den ſchönen Apfelbaum und ſtieß dann ſchnell, wie es ſchien unmuthig, den Spaten in die Erde, um zu graben. Der Baron pfiff ein Lied⸗ chen, wandte ſich um, und vor ihm ſtand ein Menſch, der ihn freundlich anlächelte und ihm die Hand ent⸗ gegenſtreckte. Er ſah ihn verwundert an.„Was ſteht zu Dienſt?“ fragte er kurz und ſchnell. „Kennſt Du mich nicht mehr, Faldner?“ erwiderte der Fremde.„Sollteſt Du bei Deiner Baumſchule London und Paris vergeſſen haben?“ „Iſts möglich, mein Fröben!“ rief Jener und eilte, den Freund zu umarmen.„Aber, mein Gott, wie haſt Du Dich verändert, Du biſt ſo bleich und mager; das kömmt von dem vielen Sitzen und Arbeiten; daß Du auch gar keinen Rath befolgſt, ich habe Dir ja doch immer geſagt, es tauge nicht für Dich.“ „Freund!“ entgegnete Fröben, den dieſer Empfang unwillkürlich an ſeine Gedanken unterwegs erinnerte: Freund, denke doch ein wenig nach; haſt Du mir nicht immer geſagt, ich tauge nicht zum Landwirth, nicht zum Forſtmann und dergleichen, und ich müßte eine juri⸗ diſche oder diplomatiſche Laufbahn einſchlagen?“ „Ach, Du guter Fröben!“ ſagte Jener zweideutig lächelnd,„ſo laborirſt Du noch immer an einem kurzen Gedächtniß? Sagte ich nicht ſchon damals—“ „Bitte, Du haſt Recht, ſtreiten wir nicht!“ unter⸗ brach ihn ſein Gaſt,„laß uns lieber Vernünftigeres reden, wie es Dir erging, ſeit wir uns nicht ſahen, wie Du lebſt?“ Der Baron ließ Wein in eine Laube ſetzen und er⸗ zählte von ſeinem Leben und Treiben. Seine Erzählung beſtand beinahe in nichts als in Klagen über ſchlechte Zeit und die Thorheit der Menſchen. Er gab nicht un⸗ deutlich zu verſtehen, daß er es in den wenigen Jahren, mit ſeinem hellen Kopfe und den Kenntniſſen, die er auf Reiſen geſammelt, in der Landwirthſchaft weit ge⸗ bracht habe. Aber bald hatten ihm ſeine Nachbarn un⸗ berufen Dies oder Jenes abgerathen, bald hatte er unbegreifliche Widerſpänſtigkeit unter ſeinen Arbeitern ſelbſt gefunden, die Alles beſſer wiſſen wollten als er, und in ihrer Berblendung ſich auf lange Erfahrung ſtützten. Kurz, er lebte, wie er geſtand, ein Leben voll ewiger Sorgen und Mühen, voll Hader und Zorn, und einige Prozeſſe wegen Grenzſtreitigkeiten verbitterten ihm noch die wenigen frohen Stunden, die ihm die Be⸗ ſorgung ſeines Gutes übrig ließ.„Armer Freund!“ dachte Fröben unter dieſer Erzählung;„ſo reiteſt du noch daſſelbe Steckenpferd, und es geht, wie der wildeſte Renner, mit Dir durch, ohne daß Du es zügeln kannſt.“ r V . Doch die Reihe, zu erzählen, kam auch an den Gaſt, und er konnte ſeinem Freunde in wenigen Worten ſa⸗ gen, daß er an einigen Höfen bei Geſandtſchaften ein⸗ getheilt geweſen ſei, daß er ſich überall ſchlecht unter⸗ halten, einen langen Urlaub genommen habe und jetzt wieder ein wenig in der Welt umherziehe. „Du Glücklicher!“ rief Faldner.„Wie beneide ich Dir Deine Verhältniſſe: heute hier, morgen dort; kennſt keine Feſſeln und kannſt reiſen, wohin und wie lange Du willſt. Es iſt etwas Schönes um das Reiſen! Ich wollte, ich könnte auch noch einmal ſo frei hinaus in die Welt!“ „Nun, was hindert Dich denn?“ rief Fröben lachend; „Deine große Wirthſchaft doch nicht? Die kannſt Du alle Tage einem Pächter geben, läßt Dein Pferd ſatteln und zieheſt mit mir!“ „Ach, das verſtehſt Du nicht, Beſter!“ erwiderte der Baron verlegen lächelnd.„Einmal, was die Wirth⸗ ſchaft betrifft, da kann ich keinen Tag abweſend ſein, ohne daß Alles quer geht, denn ich bin doch die Seele des Ganzen. Und dann— ich habe einen dummen Streich gemacht— doch laß das gut ſein; es geht einmal nicht mehr mit dem Reiſen.“ In dieſem Augenblicke kam ein Bedienter in die Laube, berichtete, daß die gnädige Frau zurückgekommen ſei und anfragen laſſe, wo man den Thee ſerviren ſolle. „Ich denke oben im Zimmer,“ ſagte er, leicht er⸗ röthend, und der Diener entfernte ſich. „Wie, Du biſt verheirathet?“ fragte Froͤben er⸗ ſtaunt.„Und das erfahre ich jetzt erſt! Nun, ich wünſche Glück. Aber ſage mir doch— ich hätte mir ja eher des Himmels Einfall träumen laſſen, als dieſe Neuigkeit; und ſeit wann?“ 3 „Seit ſechs Monaten,“ erwiderte der Baron klein⸗ laut und ohne ſeinen Gaſt anzuſehen;„doch wie kann Dich dies ſo in Erſtaunen ſetzen; Du kannſt Dir den⸗ ken, bei meiner großen Wirthſchaft, da ich Alles ſelbſt beſorge, ſo— ⸗ „Je nun! ich finde es ganz natürlich und ange⸗ meſſen; aber wenn ich zurückdenke, wie Du Dich früher über das Heirathen äußerteſt, da dachte ich nie daran, daß Dir je ein Mädchen recht ſein würde.“ „Nein, verzeihe!“ ſagte Faldner,„ich ſagte ja immer und ſchon damals— ⸗ „Nun ja, Du ſagteſt ja immer und ſchon damals,“ rief der junge Mann lächelnd,„und ſchon damals und immer ſagte ich, daß Du nach Deinen Prätenſionen keine finden würdeſt, denn dieſe gingen auf ein Ideal, das ich nicht haben möchte und wohl auch nicht zu finden war. Doch, noch einmal meinen herzlichen Glückwunſch. Da aber eine Dame im Hauſe iſt, die uns zum Thee ladet, ſo kann ich doch wahrlich nicht ſo in Reiſekleidern erſcheinen; gedulde Dich nur ein wenig, ich werde bald wieder bei Dir ſein. Auf Wiederſehen!“ Er verließ die Laube und der Baron ſah ihm mit trüben Blicken nach.„Er hat nicht Unrecht,“ flüſterte er. Dooch in demſelben Augenblicke trat eine hohe, weib⸗ liche Geſtalt in die Laube.„Wer ging ſo eben von Dir?“ fragte ſie ſchnell und haſtig.„Wer ſprach dies auf Wiederſehen?“. ) 1 4¹ Der Baron ſtand auf und ſah ſeine Frau verwun⸗ dert an; er bemerkte, wie die ſonſt ſo zarte Farbe ihrer Wangen in ein glühendes Roth übergegangen war. „Nein! das iſt nicht auszuhalten,“ rief er heftig;„Jo⸗ ſephe, wie oft muß ich Dir ſagen, daß Hufeland Leuten von Deiner Conſtitution jede allzu raſche Bewegung ſtreng unterſagt; wie Du jetzt glühſt! Du biſt gewiß wieder eine Strecke zu Fuß gegangen und haſt Dich er⸗ hitzt und gehſt jetzt gegen alle Vernuunft noch in den Garten hinab, wo es ſchon kühl iſt. Immer und ewig muß ich Dir Alles wiederholen, wie einem Kind; ſchäme Dich!“ „Ach, ich wollte Dich ja nur abholen,“ ſagte Jo⸗ ſephe mit zitternder Stimme:„werde nur nicht gleich ſo böſe; ich bin gewiß den ganzen Weg gefahren und bin auch gar nicht erhitzt. Sei doch gut.“ „Deine Wangen widerſprechen,“ fuhr er mürriſch fort.„Muß ich denn auch Dir immer predigen? Und den Shawl haſt Du auch nicht umgelegt, wie ich Dir ſagte, wenn Du Abends noch herab in den Garten gehſt; wozu werfe ich denn das Geld zum Fenſter hinaus für dergleichen Dinge, wenn man ſie nicht einmal brauchen mag? O Gott! ich möchte oft raſend werden. Auch nicht das Geringſte thuſt Du mir zu Gefallen; Dein ewiger Eigenſinn bringt mich noch um. O ich möchte oft— 1 „Bitte, verzeihe mir, Franz!“ bat ſie wehmüthig, indem ſie große Thränen im Auge zerdrückte;„ich habe Dich den ganzen Tag nicht geſehen und wollte Dich hier überraſchen; ach, ich dachte ja nicht mehr an das Tuch 42 und an den Abrnd. Vergib mir— willſt du Deinem 4 Weib vergeben?“ 3 „Iſt ja ſchon gut, laß mich doch in Ruhe; Du weißt, ich liebe ſolche Scenen nicht; und gar vollends Thränen! Gewöhne Dir doch um Gottes willen die fatale Weich⸗ lichkeit ab, über jeden Bettel zu weinen.— Wir haben einen Gaſt, Fröben, von dem ich Dir ſchon erzählte, er. reiste mit mir. Führe Dich vernünftig auf, Joſephe, hörſt Du? Laß es an nichts fehlen, daß ich nicht auch noch die Sorgen der Haushaltung auf mir haben muß. Im Salon wird der Thee getrunken.“ Er ging ſchweigend ihr voran die Allee entlang nach dem Schloſſe. Trübe folgte ihm Joſephe; eine Frage ſchwebte auf ihren Lippen, aber ſo gern ſie geſprochen hätte, ſie verſchloß dieſe Frage wieder tief in ihre Bruſt. 11. Als der Baron ſpät in der Nacht ſeinen Gaſt auf ſein Zimmer begleitete, konnte ſich dieſer nicht enthalten, ihm zu ſeiner Wahl Glück zu wünſchen.„Wahrhaftig, Franzla ſagte er, indem er ihm feurig die Hand drückte, „ein ſolches Weib hat Dir gefehlt. Du warſt ein Glücks⸗ kind von jeher, aber das hätte ich mir nicht träumen laſſen, daß Du bei Deinen ſonderbaren Maximen und Forderungen ein ſolch liebenswürdiges, herrliches Kind heimführen werdeſt.“ „Ja, ja, ich bin mit ihr zufrieden,“ erwiderte der Baron trocken, indem er ſeine Kerze heller aufſtörte; „man kann ja nicht Alles haben, an dieſen Gedanken ———— 1 1 1 43 muß man ſich freilich gewöhnen auf dieſer unvollkom⸗ — menen Welt.“ „Menſch! ich will nicht hoffen, daß Du undankbar gegen ſo vieles Schöne biſt. Ich habe viele Frauen ge⸗ ſehen, aber, weiß Gott, keine von ſolch untadelhafter Schönheit wie Dein Weib. Dieſe Augen! Welch rüh⸗ render Ausdruck! Glaubt man nicht liebliche Träume auf ihrer ſchönen Stirne zu leſen? Und dieſe zarte, ſchlanke Geſtalt! Und ich weiß nicht, ob ich ihren feinen Takt, ihr richtiges Urtheil, ihren gebildeten Geiſt nicht noch mehr bewundern ſoll.“ „Du biſt ja ganz bezaubert,“ lächelte Faldner;„doch von jeher haſt Du zuviel geleſen und weniger aufs Prak⸗ tiſche geſehen; ich ſagte es ja immer,— mit den Wei⸗ bern iſt es ein eigenes Ding,“ fuhr er ſeufzend fort, „glaube mir, in der Wirthſchaft iſt oft eine, die es ver⸗ ſteht und die Sache flink umtreibt, beſſer als ein ſoge⸗ nannter gebildeter Geiſt. Gute Nacht; ſei⸗ froh, daß Du noch frei biſt und— wähle nicht zu raſch.“ Unmuthig ſah ihm Froben nach, als er das Zimmer verlaſſen hatte.„Ich glaube, der Unmenſch iſt auch jetzt nicht mit ſeinem Looſe zufrieden; hat einen Engel ge⸗ wählt und ſchafft ſich durch ſeine lächerlichen Präten⸗ ſionen eine Hölle im Haus. Das arme Weib!“ Es war ihm nicht entgangen, wie ängſtlich ſie bei er ihr oft ein grimmiges Auge zeigte, wenn ſie nach i Begriffen einen Fehler begangen, wie er ihr oft mit der Hand winkte, die Lippen zuſammenbiß und ſtöhnte, wenn er glaubte von dem Gaſt nicht geſehen . Allem, was ſie that und ſagte, an ſeinen Blicken hing, de 44 zu werden. Und mit welcher Engelsgeduld trug ſie dies Alles! Sie hatte tiefen, wunderbaren Eindruck auf ihn gemacht. Das reiche, blonde Haar, das um eine freie Stirne fiel, ließ blaue Augen, rothe Wangen, vielleicht auch ein Näschen erwarten, das durch ſeine zierliche Keckheit Blondinen mehr als Brünetten ziert. Aber von all dem nichts. Unter den blonden Wimpern ruhte, wie das Mondlicht hinter dünnen Wolken, ein braunes Auge, das nicht durch Glut oder große Lebendigkeit, ſondern durch ein gewiſſes Etwas von ſinnender Schwer⸗ muth überraſchte, das Fröben bei ſchönen Frauen, ſo ſelten er es fand, ſo unendlich liebte. Ihre Naſe näherte ſich dem griechiſchen Stamm, die Wangen waren ge⸗ woöhnlich bleich, nur von einem leiſen Schatten von Roth unterlaufen, und das Einzige, was in ihrem Ge⸗ ſichte blühte, waren ſtatt der Roſen der Wangen die Lippen, bei deren Anblick man ſich des Gedankens an zarte, rothe Kirſchen nicht erwehren konnte. „Und dieſe herrliche Geſtalt,“ fuhr Fröben in ſeinen Gedanken weiter fort,„ſo zart, ſo hoch und wenn ſie durch das Zimmer geht, beinahe ſchwebend! Schwebend? Als ob ich nicht geſehen hätte, daß ſie recht ſchwer zu tragen hat, daß dieſe Lippen ſo manches Wort des Grams verſchließen, daß dieſe Augen nur auf die Ein⸗ ſamkeit warten, um über den rohen Gatten zu weinen! Nein, es iſt unmöglich,“ fuhr er nach einigem Sinnen fort,„ſie kann ihn nicht aus Liebe geheirathet haben. Die Welt, die hinter dieſem Auge liegt, iſt zu groß für Faldners Verſtand, das Herz ſeines Weibes zu zart fur den rohen Druck ihres Haustyrannen. Ich bedaure ſie!“ . — 45 Er war während dieſer Worte an einen Schrank ge⸗ treten, worin die Diener ſein Reiſegeräth niedergelegt hatten. Er ſchloß ihn auf, ſein erſter Blick fiel auf die wohlbekannte Rolle und er erröthete.„Bin ich Dir nicht ungetreu geweſen dieſen Abend?“ fragte er.„Hat nicht ein anderes Bild ſich in mein Herz geſchlichen? Ja, und ertappe ich mich nicht auf Reflexionen über das Weib meines Freundes, die mir nicht ziemen, die ihr auf jeden Fall nichts nützen können?“ Er entrollte das Bild der Geliebten und blieb betroffen ſtehen. Wie ein Gedanke, der bisher in ihm ſchlummerte und verworren träumte, erwachte es jetzt mit Einemmale in ihm, daß Frau von Faldner wunderbare Ähnlichkeit mit dieſem Bilde habe. Zwar waren ihre Haare, ihre Augen, ihre Stirne gänzlich verſchieden von denen des Bildes, aber überraſchende Ähnlichkeit glaubte er in Naſe, Mund uns Kinn, ja ſogar in der Haltung des zierlichen Hal⸗ ſes zu finden.„Und dieſe Stimme!“ rief er.„Klang mir dieſe Stimme nicht gleich anfangs ſo bekannt? Wie iſt mir denn? Wäre es möglich, daß die Gattin meines Freundes jenes Mädchen wäre, die ich nur einmal, nur halb geſehen und ewig liebe und, von jenem Augenblicke an, vergebens ſuche? Dieſe Geſtalt — ja auch ſie war groß, und als ich ihr den Mantel umſchlang, als ſie an meinem Herzen ruhte, fühlte ich eine feine, ſchlanke Taille. Und begegnete ich nicht heute Abend ſo oft ihrem Auge, das prüfend auf mir ruhte? Sollte auch ſie mich wieder erkennen? Doch— ich Thor! wie könnte Faldner bei ſeinem Mißtrauen, bei ſeinen 46 ſtreugen Grundſätzen über Adel und unbeſcholtenen Ruf eine— unbekannte Bettlerin geheirathet haben?“ Er ſah wieder prüfend auf das Bild herab, er glaubte in dieſem Augenblicke Gewißheit zu haben, im nächſten zweifelte er wieder. Er klagte ſein treuloſes Gedächtniß an. Hatte nicht dieſes Gemälde ſich ſo ganz mit ſeinen früheren Erinnerungen vermiſcht, daß er die Unbekannte ſich nicht mehr anders dachte, als wie dieſes Bild? Und nun, da er auf eine neue, auffallende Ähn⸗ lichkeit geſtoßen, ſtand er nicht vor einem Labyrinth von Zweifeln? Er warf das Gemälde auf die Seite und verbarg ſeine heiße Stirn in die Kiſſen ſeines Bettes. Er wünſchte ſich tiefen Schlaf herbei, damit er dieſen Zweifeln entgehe, daß ihm das wahre Bild mit ſiegender Kraft in ſeinen Träumen aufgehe. 12. Als Fröben am andern Morgen in den Salon trat, wo er frühſtücken ſollte, war ſein raſtloſer Freund ſchon ausgeritten, um eine Dammarbeit an der Grenze ſeines Gutes zu beſichtigen. Der Diener, der ihm dieſe Nach⸗ richt gab, ſetzte mit wichtiger Miene hinzu, daß ſein Herr wohl kaum vor Mittag zurückkommen dürfte, weil er noch ſeine neue Dampfmühle, einige Schläge im Wald, eine neue Gartenanlage, nebſt vielem Andern beſichtigen müſſe.„Und die gnädige Frau?“ fragte der Gaſt. „War ſchon vor einer Stunde im Garten, um Boh⸗ nen abzubrechen, und wird jetzt bald zum Frühſtück hier ſein.“. Fröhen ging im Saal umher und muſterte in Ge⸗ 47 danken den vergangenen Abend. Wie anders erſcheinen alle Bilder in der Morgenbeleuchtung, als ſie uns im Duft des Abends erſchienen! Auch mit den verworrenen Gedanken, die geſtern in ihm auf⸗ und abſchwebten, ging es ihm ſo; er lächelte über ſich ſelbſt über die Zweifel⸗ die ihm ſeine rege Phantaſie aufgeweckt hatte.„Der Baron,“ ſprach er zu ſich,„iſt am Ende doch ein guter Menſch; freilich viele Eigenheiten, einige Rohheit, die aber mehr im AÄußern liegt. Aber wer länger mit ihm umgeht, gewöhnt ſich daran, weiß ſich darein zu finden, Und Joſephe? wie vorſchnell man oft urtheilt! Wie oft glaubte ich rührenden Kummer, tiefe Seelenleiden, Re⸗. ſignation in den Augen, in den Mienen einer Frau zu leſen, ließ mich vom Teufel blenden, ſie recht zart trö⸗ ſten und aufrichten zu wollen, und am Ende lag der ganze Zauber in meiner Einbildung; es war dann, näher be⸗ trachtet, eine ganz gewöhnliche Frau, die mit den ſinnen⸗ den Augen, worin ich Wehmuth ſah, ängſtlich die Maſchen an ihrem Strickſtrumpf zählte, oder hinter der von Gram umwölkten Stirne bedachte, was ſie auf den Abend ko⸗ chen laſſen ſollte. Er verfolgte dieſe Gedanken, um ſich ſelbſt mit Ironie zu ſtrafen, um die zartere Empfindung, jene Nachklänge von geſtern, zu verdrängen, die ihm heute thöricht, überſpannt erſchienen. In dieſe Gedan⸗ ken verſunken, war er an den Spiegel getreten und hatte die Beſuchkarten überleſen, die dort angeſteckt waren. Da fiel ihm eineein die Hand, welche Faldners eigene Verlobung ankündigte. Er las die zierlich geſtochenen Worte.„Freiherr F. von Faldner mit ſeiner Braut Jo⸗ ſephe von Tannenſee.“ 48 „Von Tannenſee?“ Wie ein Blitz erleuchtete ihm dieſer Name jene dunkle Ahnlichkeit, die er zwiſchen der Gattin ſeines Freundes und ſeinem lieben Bilde gefun⸗ den.„Wie? Wäre ſie vielleicht die Tochter jener Laura, 1 die einſt mein guter Don Pedro geliebt? Welche Freude für ihn, wenn es ſo wäre, wenn ich ihm von der Ver⸗ lorenen Nachricht geben könnte. Fand er nicht in jenem wunderbaren Bilde die täuſchendſte Ähnlichkeit mit ſei⸗ ner Couſine? Kann nicht die Tochter der Mutter glei⸗ chen?“ Er verbarg die Karte ſchnell, als er die Thüre gehen hörte; er ſah ſich um und— Joſephe ſchwebte herein. War es das zierliche Morgenkleid, das ihre zarte Geſtalt umſchloß, war ihr die Beleuchtung des Tages günſtiger als das Kerzenlicht? Sie kam ihm in dieſem Augenblick noch unendlich reizender vor als geſtern. Ihre Locken flatterten noch kunſtlos um die Stirne, der friſche Mor⸗ gen hatte ein feines Roth auf ihre Wangen gehaucht, ſie lächelte zu ihrem Morgengruß ſo freundlich, und doch mußte er ſich ſchon in dieſem Augenblick einen Tho⸗ ren ſchelten, denn ihre Augen erſchienen ihm trübe und verweint. Sie lud ihn ein, ſich zu ihr zum Frühſtück zu ſetzen. Sie erzählte ihm, daß Faldner ſchon mit Tagesanbruch weggeritten ſei und ihr ſeine Entſchuldigung aufgetra⸗ gen habe; ſie beſchrieb die mancherlei Geſchäfte, die er heute vornehme und die ihn bis zu Mittag zurückhalten werden.„Er hat ein Leben voll Sorgen und Mühen,“ 3 49 ſagte ſie,„aber ich glaube, daß dieſe Geſchäftigkeit ihm zum Bedürfniß geworden iſt.“ „Und iſt dies nur in dieſen Tagen ſo?“ fragte Frö⸗ ben;„iſt jetzt gerade beſonders viel zu thun auf den Gütern?1 „Das nicht;“ erwiderte ſie,„es geht alles ſeinen gewöhnlichen Gang, er iſt ſo, ſeit ich ihn kenne. Er iſt raſtlos in ſeinen Arbeiten. Dieſen Frühling und Som⸗ mer verging kein Tag, an welchem er nicht auf dem Gute beſchäftigt geweſen wäre.“ „Da werden Sie ſich doch oft recht einſam fühlen,“ ſagte der junge Mann, ſo ganz allein auf dem Lande und Faldner den ganzen Tag entfernt.“ „Einſam?“ erwiderte ſie mit zitterndem Ton und beugte ſich nach einem Tiſchchen an der Seite, und Frö⸗ ben ſah im Spiegel, wie ihre Lippen ſchmerzlich zuckten. „Einſam? Nein! Beſucht ja doch die Erinnerung die Einſamen und—“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie zu lächeln ſuchte;„glauben Sie denn, die Hausfrau habe in einer ſo großen Wirthſchaft nicht auch recht viel zu thun und zu ſorgen? Da iſt man nicht einſam oder— man darf es nicht ſein.“ „Man darf es nicht ſein? Du Arme!“ dachte Frö⸗ ben,„verbietet dir dein Herz die Träume der Erinne⸗ rung, die dich in der Einſamkeit beſuchen, oder verbietet dir der harte Freund, einſam zu ſein?“ Es lag etwas im Ton, womit ſie jene Worte ſagte, das ihrem Lächeln zu widerſprechen ſchien. „Und doch,“ fuhr er fort, um ſeinen Empfindungen 6 und ihren Worten eine andere Richtung zu geben,„und 4 W. Hauffs Werke. II. 5* doch ſcheinen gerade die Frauen von der Natur aus⸗ drücklich zur Stille und Einſamkeit beſtimmt zu ſein; wenigſtens war bei jenen Völkern, die im Allgemeinen die herrlichſten Männer aufzuweiſen hatten, die Frau am meiſten auf ihr Frauengemach beſchränkt, ſo bei Römern und Griechen, ſo ſelbſt in unſerem Mittelalter.“ „Daß Sie dieſe Beiſpiele anführen könnten, hätte ich nicht gedacht;“ entgegnete Joſephe, indem ihr Auge wie prüfend auf ſeinen Zügen verweilte.„Glauben Sie mir, Fröben, jede Frau, auch die geringſte, merkt dem Mann, ehe ſie noch über ſeine Verhältniſſe unterrichtet iſt, recht bald an, ob er viel im Kreiſe der Frauen lebte oder nicht. Und unbeſtreitbar liegt in ſolchen Kreiſen etwas, das jenen feinen Takt, jenes zarte Gefühl ver⸗ leiht, immer im Geſpräch auszuwählen, was gerade für Frauen taugt, was uns am meiſten anſpricht; ein Grad der Bildung, der eigentlich keinem Manne fehlen ſollte. Sie werden mir dies um ſo weniger beſtreiten,“ ſetzte ſie hinzu,„als Sie offenbar einen Theil Ihrer Bildung meinem Geſchlecht verdanken.“ „Es liegt etwas Wahres darin,“ bemerkte der junge Mann,„und namentlich das letztere will ich zugeben, daß Frauen weniger auf meine Denkungsart, als auf die Art, das Gedachte auszudrücken, Einfluß hatten. Meine Verhältniſſe nöthigten mich in der letzten Zeit viel in der großen Welt, namentlich in Damenzirkeln, zu leben. Aber eben in dieſen Zirkeln wird mir erſt recht klar, wie wenig eigentlich die Frauen, oder um mich an⸗ ders auszudrücken, wie wenige Frauen in dieſes groß⸗ artige Leben und Treiben paſſen.“ 4. 51 „Und warum?“ „Ich will es ſagen, auch auf die Gefahr hin, daß Sie mir böſe werden. Es iſt ein ſchöner Zug der neueren Zeit, daß man in den größeren Zirkeln eingeſehen hat, daß das Spiel eigentlich nur eine Schulkrankheit oder ein modiſcher Deckmantel für Geiſtesarmuth ſei. Man hat daher Whiſt, Boſton, Faro und dergleichen den äl⸗ teren Herren und einigen Damen überlaſſen, die nun einmal die Converſation nicht machen können. In Frank⸗ reich freilich ſpielen in Geſellſchaft Herren von zwanzig bis dreißig Jahren; es ſind aber nur die armſeligen Wichte, die ſich nach einem engliſchen Dandy gebildet haben oder die ſelbſt fühlen, daß ihnen der Witz abgeht, den ſie im Geſpräch nothwendig haben müßten. Seit⸗ dem man nun, ſeien die Zirkel groß oder klein, die ſoge⸗ nannte Converſation macht, das heißt, ſich um das Kamin oder in Deutſchland um den Sopha pflanzt, Thee dazu trinkt und ungemein geiſtreiche Geſpräche führt, ſind die Frauen offenbar aus ihrem rechten Geleiſe ge⸗ kommen.“ „Bitte, Sie ſind doch gar zu ſtrenge, wie ſollten 8 denn—“ „Laſſen Sie mich ausreden;“ fuhr Fröben eifrig fort,„eine Dame der ſogenannten guten Geſellſchaft empfängt jede Woche Abendbeſuche bei ſich; ſechsmal in der Woche gibt ſie ſolche heim. In ſolchen Geſell⸗ ſchaften tanzt höchſtens das junge Volk einigemal, außer es wäre auf großen Bällen, die ſchon ſeltener vorkommen. Der übrige Kreis, Herren und Damen, unterhält ſich. Cs gibt nun ungemein gebildete, wirk⸗ 4 4 5²2 3 lich geiſtreiche Männer, die im Männerkreiſe ſtumm und langweilig, vor Damen ungemein witzig und ſprach⸗ ſelig ſind, und einen Reichthum ſocialer Bildung, all⸗ gemeiner Kenntniſſe entfalten, die Jeden ſtaunen machen. Es iſt nicht Eitelkeit, was dieſe Männer glänzend oder beredt macht, es iſt das Gefühl, daß das Intereſſantere ihres Wiſſens ſich mehr für Frauen, als für Männer eignet, die mehr ſyſtematiſch ſind, die ihre Forderungen höher ſpannen.“ „Gut, ich kann mir ſolche Männer denken, aber weiter.“ „Durch ſolche Männer bekommt das Geſpräch Geſtaltung, Hintergrund, Leben; Frauen, beſonders geiſtreiche Frauen, werden ſich unter ſich bei weitem nicht ſo lebendig unterhalten, als dies geſchieht, wenn auch nur ein Mann gleichſam als Zeuge und Schieds⸗ richter dabei ſitzt. Indem nun durch ſolche Männer allerlei Witziges, Intereſſantes auf die Bahn gebracht wird, werden die Frauen unnatürlich geſteigert. Um doch ein Wort mit zu ſprechen, um als geiſtreich, ge⸗ bildet zu erſcheinen, müſſen ſie Alles aufbieten, gleich⸗ ſam alle Hahnen ihres Geiſtes aufdrehen, um ihren reichlichen Antheil zu der allgemeinen Geſprächflut zu geben, in welcher ſich die Geſellſchaft badet. Doch, ver⸗ zeihen Sie, dieſer Fond iſt gewöhnlich bald erſchöpft; denken Sie ſich, einen ganzen Winter alle Abende geiſt⸗ reich ſein zu müſſen, welche Qual!“ „Aber nein, Sie machen es auch zu arg, Sie über⸗ treiben—“ 8 „Gewiß nicht; ich ſage nur, was ich geſehen, ſelbſt erlebt habe. Seit in neuerer Zeit ſolche Converſation 53 zur Mode geworden iſt, werden die Mädchen ganz an⸗ ders erzogen als früher; die armen Geſchöpfe! Was müſſen ſie jetzt nicht alles lernen vom zehnten bis ins fünfzehnte Jahr. Geſchichte, Geographie, Botanik, Phyſik, ja ſogenannte höhere Zeichenkunſt und Malerei, Äſthetik, Literaturgeſchichte, von Geſang, Muſik und Tanzen gar nichts zu erwähnen. Dieſe Fächer lernt der Mann gewöhnlich erſt nach ſeinem achtzehnten, zwan⸗ zigſten Jahre recht verſtehen; er lernt ſie nach und nach, alſo gründlicher; er lernt Manches durch ſich ſelbſt, weiß es alſo auch beſſer anzuwenden, und tritt er im Drei⸗ undzwanzigſten oder ſpäter noch in dieſe Kreiſe, ſo trägt er, wenn er nur halbwegs einige Lebensklugheit und Gewandheit hat, eine große Sicherheit in ſich ſelbſt. Aber das Mädchen? Ich bitte Sie! Wenn ein ſolches Unglückskind im fünfzehnten Jahre, vollgepropft mit den verſchiedenartigſten Kenntniſſen und Kunſtſtücken in die große Welt tritt, wie wunderlich muß ihm da alles zuerſt erſcheinen! Sie wird, obgleich ihr oft ihr einſames Zimmer lieber wäre, ohne Gnade in alle Zir⸗ kel mitgeſchleppt, muß glänzen, muß plaudern, muß die Kenntniſſe auskramen, und— wie bald wird ſie damit zu Ende ſein! Sie lächeln? Hören Sie weiter. Sie hat jetzt keine Zeit mehr, ihre Schulkenntniſſe zu erweitern; es werden bald noch höhere Anſprüche an ſie gemacht. Sie muß ſo gut wie die Aeltern über Kunſt⸗ gegenſtände, über Literatur mitſprechen können. Sie ſammelt alſo den Tag über alle möglichen Kunſtaus⸗ drücke, liest Journale, um ein Urtheil über das neueſte Bluch zu bekommen, und jeder Abend iſt eigentlich ein Examen, eine Schulprüfung für ſie, wo ſie das auf geſchickte Art anbringen muß, was ſie gelernt hat. Daß einem Mann von wahrer Bildung, von wahren Kennt⸗ niſſen vor ſolchem Geplauder, vor ſolcher Halbbildung graut, können Sie ſich denken; er wird dieſe Unſitte zuerſt lächerlich, nachher gefährlich finden; er wird dieſe Ueberbildung verfluchen, welche die Frauen aus ihrem ſtillen Kreiſe herausreißt und ſie zu Halbmännern macht, während die Männer Halbweiber werden, in⸗ dem ſie ſich gewöhnen, alles nach Frauenart zu beſpre⸗ chen und zu beklatſchen; er wird für edlere Frauen jene häusliche Stille zurückwünſchen, jene Einſamkeit, wo ſie zu Hauſe ſind und auf jeden Fall herrlicher brilliren, als in einem jener geiſtreichen Zirkel!“ „Es liegt etwas Wahres in dem, was Sie hier ſagten,“ erwiderte Frau von Faldner;„ganz kann ich nicht darüber urtheilen, weil ich nie das Glück oder das Unglück hatte, in jenen Zirkeln zu leben. Aber mir ſcheint auch dort, wie überall, das minder Gute nur aus der Uebertreibung hervorzugehen. Es iſt wahr, was Sie ſagen, daß uns Frauen ein engerer Kreis ange⸗ wieſen iſt, jene Häuslichkeit, die einmal unſen Beruf iſt. Wir werden ohne wahren Halt ſein, wir werden uns in ein unſicheres Feld begeben, wenn wir dieſen Kreis gänzlich verlaſſen. Aber wollen Sie uns die Freude einer geiſtreichen Unterhaltung mit Männern gänzlich rauben? Es iſt wahr, ſieben ſolche Abende in der Woche müſſen zum Unnatürlichen, zur Ueberbildung oder zur Erſchöpfung führen; aber ließe ſich denn hier nicht ein Mittelweg denken?“ 5⁵ „Ich habe mich vielleicht zu ſtark ausgedrückt, ich wollte—“ „Laſſen Sie auch mich ausreden,“ ſagte ſie, ihn ſanft zurückdrängend;„Sie ſagten ſelbſt, daß Frauen unter ſich ſeltener ein ſogenanntes geiſtreiches Geſpräch lange fortführen. Ich weiß nur allzuwohl, wie peinlich in einer Frauengeſellſchaft eine ſogenannte geiſtreiche Dame iſt, welcher alles frivol erſcheint, was nicht allgemein, nicht intereſſant iſt. Wir fühlen uns beengt und wollen am Ende mit unſerem bischen Wiſſen lieber vor einem Mann erröthen, als vor einer Frau. Gewöhnlich wird, wenn nur Frauen zuſammen ſind, oder Mädchen, die Wirthſchaft, das Hausweſen, die Nachbarſchaft, viel⸗ leicht auch Neuigkeiten, oder gar Moden abgehandelt; aber ſollen wir denn ganz auf dieſen Kreis beſchränkt ſein? Soll denn, was allgemein intereſſant und bil⸗ dend iſt, uns ganz fremd bleiben?“ „Gott! Sie verkennen mich, wollte ich denn dies ſagen?“ „Es iſt wahr,“ fuhr ſie eifriger fort,„es iſt wahr, die Männer beſitzen jene tiefe, geregeltere Bildung, jene geordnete Klarheit, die jede Halbbildung, oder gar den Schein von Wiſſen ausſchließt oder gering achtet. Aber wie gerne lauſchen wir Frauen auf ein Geſpräch der Männer, das an Gegenſtände grenzt, die uns nicht ſo ganz ferne liegen, zum Beiſpiel über ein intereſſantes Buch, das wir geleſen, über Bilder, die wir geſehen; wir lernen gewiß recht viel, wenn wir dabei zuhören oder gar mitſprechen dürfen; unſer Urtheil, das wir im Stillen machten, bildet ſich aus und wird richtiger, und 56 jeder gebildeten Fran muß eine ſolche Unterhaltung angenehm ſein. Auch glaube ich kaum, daß die Männer⸗ uns dies verargen werden, wenn wir nur,“ ſetzte ſie lächelnd hinzu,„nicht ſelbſt glänzen, den beſcheidenen Kreis nicht verlaſſen wollen, der uns einmal ange⸗ wieſen iſt.“ 3 14. Wie ſchön war ſie in dieſem Augenblick! Das Ge⸗ ſpräch hatte ihre Wangen mit höherem Roth übergoſſen, ihre Augen leuchteten, und das Lächeln, womit ſie ſchloß, hatte etwas ſo Zauberiſches, Gewinnendes an ſich, daß Fröben nicht wußte, ob er mehr die Schönheit dieſer Frau oder ihren Geiſt und die einfache, ſchöne Weiſe, ſich auszudrücken, bewundern ſollte. „Gewiß,“ ſagte er, in ihren Anblick verloren,„ge⸗ wiß, wir müßten ſehr ungerecht ſein, wenn wir ſolche zarte und gerechte Anſprüche nicht achten wollten; denn die Frau müßte ich für recht unglücklich halten, die bei einem gebildeten Geiſt, bei einer Freude an Lectüre und gebildeter Unterhaltung keine ſolchen Anklänge in ihrer Umgebung fände; wahrlich, ſo ganz auf ſich beſchränkt, müßte ſie ſich für ſehr unglücklich halten.“. Joſephe erröthete und eine düſtere Wolke zog über ihre ſchöne Stirne; ſie ſeufzte unwillkürlich, und mit Schrecken nahm Fröben wahr, daß ja eine ſolche Frau, wie er ſie eben beſchrieben, an ſeiner Seite ſitze. Ja, ohne es zu wollen, hatte ſie ihren eigenen Gram ver⸗ rathen. Denn konnte ihr roher Gatte jenen zarten For⸗ derungen entſprechen? Er, der in ſeiner Fran nur 57 ſeine erſte Schaffnerin ſah, der jedes Geiſtige, was dem Menſchen intereſſant oder wünſchenswerth dünkt, als. unpraktiſch gering ſchätzte, konnte er dieſe Anſpüche auf den Genuß einer gebildeten Unterhaltung befriedigen? War nicht zu befürchten, daß er ihr ſolche ſogar ge⸗ fliſſentlich entzog? Noch ehe Fröben ſo viel Faſſung gewonnen hatte, ſeinem Satz eine allgemeinere Wendung zu geben und das ganze Geſpräch von dieſem Gegenſtand abzuleiten, ſagte Joſephe, ohne ihn ſeinen Verſtoß fühlen zu laſſen: „Wir Frauen auf dem Lande genießen dieſe Freude freilich ſeltener; übrigens ſind wir dennoch nicht ſo allein, als es dem Fremden vielleicht ſcheinen moͤchte; man beſucht einander um ſo öfter; ſehen Sie nur, welche Maſſe von Beſuchen dort am Spiegel hängt.“ Fröben ſah hin und jene Karte fiel ihm bei.„Ach ja,“ ſagte er, indem er ſie hervorzog,„da habe ich vor⸗ hin einen kleinen Diebſtahl begangen; er zog ſie hervor und zeigte ſie.„Können Sie glauben, daß ich bis geſtern nicht einmal wußte, daß mein Freund verheirathet ſei? Und Ihren Namen erfuhr ich erſt vorhin durch dieſe Karte. Sie heißen Tannenſee?“ „Ja,“ antwortete ſie lächelnd,„und dieſen unbe⸗ rühmten Namen tauſchte ich gegen den ſchönen von Faldner um.“ „ unberühmt? Wenn Ihr Vater der Oberſt von Tannenſee war, ſo war Ihr Name wohl nicht unbe⸗ rühmt.“ Sie erröthete.„Ach, mein guter Vater!“ rief ſie. „Ja, man erzählte mir wohl von ihm, daß er für einen 58 braven Offizier des Kaiſers gegolten habe und— ſie haben ihn als General begraben. Ich habe ihn nicht gekannt; nur einmal, als er aus dem Feldzug zurück⸗ kam, ſah ich ihn und nachher nicht wieder.“ „Und war er nicht ein Schweizer?“ fragte Fröben weiter. Sie ſah ihn ſtaunend an.„Wenn ich nicht irre, ſagte mir meine Mutter, daß Verwandte von ihm in der Schweiz leben.“ „Und Ihre Mutter, heißt ſie nicht Laura und ſamt aus einem ſpaniſchen Geſchlecht?“ Siee erbleichte, ſie zitterte bei dieſen Worten.„Ja, ſie hieß Laura,“ antwortete ſie—„aber mein Gott, was wiſſen Sie denn von uns, woher?— Aus einem ſpaniſchen Geſchlechte?“ fuhr ſie gefaßter fort.„Nein, da irren Sie; meine Mutter ſprach Deutſch und war eine Deutſche.“ „Wie? So iſt Ihre Mutter todt?“ „Seit drei Jahren,“ erwiderte ſie wehmüthig..... „Oh, ſchelten Sie mich nicht, wenn ich weiter frage; hatte ſie nicht ſchwarze Haare, und, wie Sie, braune Augen? Hatte ſie nicht viele Ähnlichkeit mit Ihnen?“ „Sie kannten meine Mutter?“ rief ſie ängſtlich und zitterte heftiger. „Nein; aber hören Sie einen ſonderbaren Zufall,“ erwiderte Fröben;„es müßte mich Alles täuſchen, wenn ich nicht einen trefflichen Verwandten Ihrer Mutter kennen gelernt hätte.“ Und nun erzählte er ihr von Don Pedro. Er beſchrieb ihr, wie ſie ſich vor dem Bilde gefunden, er ließ die Kopie von ſeinem Zimmer bringen und zeigte ſie. Er ſagte ihr, wie ſie genauer bekannt geworden und wie ihm Don Pedro ſeine Geſchichte er⸗ zählte. Aber die letztere wiederholte er mit großer Scho⸗ nung; er datirte ſogar aus einem gewiſſen Zartgefühl jene Vorfälle und Laura's Flucht um ein ganzes Jahr zurück, und ſchloß endlich damit, daß er, wenn Joſephe ihre Mutter nicht eine Deutſche nennen würde, beſtimmt glaubte, Mutter Laura und jene Donna Laura Tortoſi des Spaniers, der Schweizerhauptmann Tannenſee und ihr Vater, der Oberſt, ſeien dieſelben Perſonen.“ Joſephe war nachdenklich geworden; ſinnend legte ſie die Stirne in die Hand; ſie ſchien ihm, als er geendet hatte, nicht ſogleich antworten zu können. „O zürnen Sie mir nicht,“ ſagte Fröben,„wenn ich mich hinreißen ließ, dem wunderlichen Spiel des Zufalls dieſe Deutung zu geben.“ „Oh, wie könnte ich denn Ihnen zürnen 24 ſagte ſie bewegt, und Thränen drängten ſich aus den ſchönen Augen.„Es iſt ja nur mein ſchweres Schickſal, das auch dieſes Dunkel wieder herbeiführt. Wie könnte ich auch wähnen, jemals ganz glücklich zu ſein?“ „Mein Gott, was habe ich gemacht!“ rief Fröben, als er ſah, wie ihre Thränen heftiger ſtrömten.„Es iſt ja Alles nur eine thörichte Vermuthung von mir. Ihre Mutter war ja eine Deutſche, Ihre Verwandten und Sie werden ja dies Alles beſſer wiſſen—“ 15. „Meine Verwandten?“ ſagte ſie unter Thränen. 60 „Ach, das iſt ja gerade mein Unglück, daß ich keine habe. Wie glücklich ſind die, welche auf viele Geſchlechter zu⸗ rückſehen können, die mit den Banden der Verwandt⸗ ſchaft an gute Menſchen gebunden ſind; wie angenehm ſind die Worte Oheim, Tante; ſie ſind gleichſam ein zweiter Vater, eine zweite Mutter, und welcher Zauber liegt vollends in dem Namen Bruder! Wahrlich, wenn ich fähig wäre, einen Menſchen zu beneiden, ich hätte oft dies oder jenes Mädchen beneidet, die einen Bruder hatte, es war ihr inniger, natürlichſter, zifeiht aſte Freund und Beſchützer.“ Fröben rückte ängſtlich hin und her; er hatte herr ohne es zu wollen, eine Saite in Joſephinens Bruſt getroffen, die ſchmerzlich nachklang; es ſtanden ihm Aufſchlüſſe bevor, vor welchem ihm unwillkürlich bangte. Er ſchwieg, als ſie ihre Thränen trocknete und fortfuhr: „Das Schickſal hat mich manchmal recht ſonderbar geprüft. Ich war das einzige Kind meiner Eltern und ſo entbehrte ich ſchon jene große Wohlthat, Geſchwiſter zu haben; wir wohnten unter fremden Menſchen, und ſo hatte ich auch keine Verwandte. Mein Vater ſchien mit den Seinigen in der Schweiz nicht im beſten Ein⸗ verſtändniß zu leben, denn meine Mutter erzählte mir oft, daß jene ihm grollen, weil er ſie geheirathet habe und nicht ein reiches Fräulein in der Schweiz, das man ihm aufdringen wollte. Auch meinen Vater ſah ich nur wenig; er war bei der Armee, und Sie wiſſen, wie un⸗ ruhig unter dem Kaiſer die Zeiten waren. So blieb mir nichts, als meine gute Mutter; und wahrlich, ſie er⸗ ſetzte mir alle Verwandte. Als ſie ſtarb, freilich, da 61 ſtand ich ſehr verlaſſen in der großen Welt; denn da war unter Millionen Niemand, zu dem ich hätte gehen und ſagen können: nun ſind ſie todt, die mich ernährten und beſchützten, ſeid ihr jetzt meine Eltern!“ „Und Ihre Mutter hieß alſo nicht Tortoſi,“ ſagte Fröben. „Ich nannte ſie nicht anders als Mutter, und nie hatte ſie über ihre früheren Verhältniſſe mit mir geſpro⸗ chen; ach! als ich größer wurde, war ſie ja immer ſo krank! Mein Vater nannte ſie nur Laura, und in den wenigen Papieren, die man nach ihrem Tode fand und mir übergab, wird ſie Laura von Tortheim genannt.“ „Ei nun!“ rief Fröben heiter,„das iſt ja ſo klar wie der Tag; Laura hieß Ihre Mutter, Tortheim iſt nichts anderes als Tortoſi, das die lieben Flüchtlinge veränderten, Tannenſee hieß jener Kapitän in Valeneia, er iſt Ihr Vater, der Oberſt Tannenſee, und noch mehr, ſagen Sie nicht ſelbſt, daß dieſes Bild Ihrer Mutter Laura vollkommen gleiche, und erkannte nicht mein werther Don Pedro in dem Urbild ſeine Donna Laura? Jetzt ſind Sie nicht mehr einſam, einen trefflichen Vetter haben Sie wenigſtens, Don Pedro de San Montanjo Ligez! Ach, wie wird ſich mein Freund über die berühmte Verwandtſchaft freuen!“ „O Sott, mein Mann!“ rief ſie ſchmerzlich und verhüllte das Geſicht in ihr Tuch: Unbegreiflich war es Fröben, wie ſie dies alles ſo ganz anders anſehen könne, als er; er ſah ja in dieſem allem nichts als die Freude Don Pedro's, eine Tochter ſeiner Laura zu finden. Er war reich, unverheirathet, 62 trug noch immer den alten Enthuſiasmus für ſeine ſchöne Couſine in ſich, alſo auch eine ſchöne Erbſchaft combinirte Fröben aus dieſem wunderbaren Verhältniß. Er ergriff Joſephens Hand, zog ſie herab von ihren Augen; ſie weinte heftig. „Oh, Sie kennen Faldner ſchlecht,“ ſagte ſie, „wenn Sie meinen, daß ihn dieſe Vermuthungen freu⸗ dig überraſchen werden! Sie kennen ſein Mißtrauen nicht. Alles ſoll ja nur ſeinen ganz gewöhnlichen Gang gehen, Alles recht ſchicklich und ordentlich ſein, und alles Außergewöhnliche haßt er aus tiefſter Seele. Ich mußte es ja,“ fuhr ſie nicht ohne Bitterkeit fort,„ich mußte es ja als eine Gnade anſehen, daß mich der reiche, angeſehene Mann heirathete, daß er mit den wenigen Dokumenten zufrieden war, die ich ihm über ine Familie geben konnte. Muß ich es denn,“ rief 1 weinend,„muß ich es denn nicht noch alle Tage hören, daß er mit den angeſehenſten Familien ſich hätte verbinden, daß er dieſes oder jenes reiche Fräulein hätte heirathen können? Sagt er es mir nicht ſo oft, als er mir zürnt, daß mein Adel neu ſei, daß man von dem Geſchlecht meiner Mutter gar nichts wiſſe, und daß ſogar einige Tannenſee in der Schweiz das von abgelegt haben und Kaufleute geworden ſeien?“ Jetzt erſt ging dem jungen Mann ein ſchreckliches Licht auf.„Alſo in ein Haus des Unglücks, in eine unglückſelige Ehe bin ich gekommen,“ ſprach er zu ſich. „Ach, nicht aus Liebe hat ſie ihn geheirathet, ſondern aus Noth, weil ſie allein ſtand; und Falduer, ſo kenne ich ihn, hat ſie genoͤmmen, weil ſie ſchön war, weil er 63 mit ihr glänzen konnte. Das unglückliche Weib! Und der Barbar macht ihr Borwürfe über ihr Unglück, läßt ſie ſogar fühlen, was ſie ihm verdanke?“ Ein gemiſch⸗ tes Gefühl von Unmuth über ſeinen Freund, von Mit⸗ leid und Achtung gegen die ſchöne, unglückliche Frau zog ihn zu ihr hin; er bemühte ſich, ihr Muth und Vertrauen einzuflößen.„Sehen Sie dies Alles als nicht geſagt an,“ flüſterte er,„ich ſehe; es macht Ihnen Kummer: was nützt es denn Faldner? Verſchweigen wir ihm die thörichten Muthmaßungen, die ich hatte, die ja ohnedies zu nichts führen können.“— Joſephe ſah ihn bei dieſen Worten groß an; ihre Thränen verlöſchten in den weit geöffneten Augen, und Fröben glaubte eine Art von Stolz in ihren Mienen zu leſen.„Mein Herr,“ ſagte ſie, und ihre Geſtalt ſchien ſich höher aufzurichten,„ich kann unmöglich glauben, daß, was Sie ſagten, Ihr Ernſt ſein kann; auf jeden Fall werden Sie wiſſen, daß die Gattin des Baron von Faldner kein Geheimniß mit Ihnen theilt, das nicht ihr Gatte wiſſen dürfte.“ Unter dieſen Worten hatte ſie das Theegeſchirr un⸗ ſanft von ſich gerückt, war aufgeſtanden und— nach einer kurzen Verbeugung verließ ſie den erſtaunten Gaſt. Fröben wollte ihr nach, wollte abbitten, was er ge⸗ than, wollte Alles auf einmal gut machen, aber ſie war ſchon in der Thüre verſchwunden, ehe er nur Faſſung genug hatte, ſich vom Sopha aufzuraffen. Unmuthig ging er hinab in den Garten; er wußte nicht, ſollte er ſich ſelbſt grollen oder der Empfindlichkeit der Dame, die ihm in dieſem Augenblick übergroß erſchien. Doch 64 wie es in ſolchen Fällen zu geſchehen pflegt, ſein auf⸗ geregtes Blut wallte nach und nach ruhiger, und ſein Geiſt gewann Raum, über ſich ſelbſt nachzuſinnen. Und hier fand er nun Manches, was Joſephen zur Entſchul⸗ digung diente.„Sie liebt ihn nicht,“ ſagte er zu ſich, „eer behandelt ſie vielleicht roh, zeigt ſich mehr als Herr, denn als Gatte. Sie wurde weich, als ich mit ihr über höhere Genüſſe des Lebens ſprach, ich ſah, wie ſie er⸗ ſchrak, als ſie ſich gegen mich verrathen hatte, als ſie aus⸗ ſprach, welcher Mangel ſelbſt mitten im äußern Glück ſie drücke. Und mußte ſie ſich nicht ängſtlich berührt fühlen, daß ſie dieſen Mangel einem Freunde ihres Gatten ver⸗ rieth? Und weiter, als ich ihr Alles, Alles ſagte, als ich mit einer gewiſſen Beſtimmtheit von ihrer Abſtam⸗ mung ſprach; als ich, vielleicht etwas unzart, Saiten berührte, die ſonſt Niemand bei ihr antaſtete, mußte ſie nicht dadurch ſchon außer ſich ſelbſt gerathen? Und als ſie vollends den Argwohn, die Zweifelſucht des Barons bedachte, wurde ſie nicht immer ängſtlicher, immer verlegener und ich,“ fuhr er fort, indem er ſich vor die Stirne ſchlug,„ich konnte ihr zumuthen, ein Geheimniß mit mir zu theilen, das ſie ihrem nächſten Freund, ihrem Gatten, nicht verrathen dürfte? Mußte ſie nicht fürchten, wenn ſie es verheimlichte, ganz in meiner Hand zu ſein? Mußte ihr nicht das ganze An⸗ erbieten ſonderbar, unzart vorkommen?“ Wie hoch, wie edel erſchien ihm jetzt erſt der Charakter dieſer Frau, wo nahm ſie bei dieſer Jugend, denn ſie konnte höch⸗ ſtens neunzehn zählen, ſolche Stärke, ſolche Umſicht, ſolche ungewöhnliche Bildung, ſolche feine geſelligen 65 Formen her? Er fühlte, vielleicht zum erſtenmal in ſeinem Leben, daß den Frauen etwas von Feinheit, Schlauheit, Kraft, Ueberwindung, kurz, daß ihnen ein Geheimniß inne wohne, dem der Mann, ſelbſt der ſtolze, gewichtige, nicht gewachſen ſei. 16. Der Baron von Faldner war zum Mittageſſen zu⸗ rückgekommen, und Joſephe hatte ihn mit der gewohn⸗ ten Anmuth, vielleicht ein wenig ernſter als gewöhn⸗ lich empfangen. Aber haſtig riß er ſich aus ihrer Um⸗ armung.„Iſt es nicht um toll zu werden, Fröben?“ rief er, ohne ſeine Frau weiter zu beachten. Mit hor⸗ renden Koſten laſſe ich mir eine Dampfmaſchine aus England kommen, laſſe ſie, auf die Gefahr hin, daß alles zu Grunde gehe, ausſchwärzen, Du kennſt ja die Ge⸗ ſetze hierüber. Und jetzt, da ich meine, im Trockenen zu ſein, da ich ſchon achtzig, ja hundert Procent berech⸗ nete, jetzt geht ſie nicht!“ „Franz!“ rief Joſephe erbleichend. „Sie geht nicht?“ rief ihr Fröben nach. „Sie geht nicht!“ wiederholte der unglückliche Land⸗ wirth.„Die Fugen greifen nicht ein, das Räderwerk ſteht, es muß irgend etwas verloren gegangen ſein. Ich ließ, wie Du weißt, Joſephe, ich ließ es mich ja Alles koſten, mit theurem Gelde ließ ich einen Mechanikus aus Mainz kommen; ich legte ihm die Zeichnung vor. „Nichts leichter, als dies“ ſagte der Hund,„und jetzt, da ich ihm A zu K, B zu B gebe, denn es iſt alles W. Hauffs Werke: II. 5 66 numerirt und beſchrieben, jetzt kann es kein Teufel zu⸗ ſammenſetzen iſt um raſend zu werden!“ Man ſe lich verſtimmt zu Tiſche. Der Baron verbiß ſeinen inneren Grimm über die fehlgeſchlagene Hoffnung und den wahrſcheinlichen Verluſt des Kapitals, er trank viel Wein und exaltirte ſich zu ſchlechten Scher⸗ zen. Joſephe war noch bleicher als gewöhnlich; ſie be⸗ ſorgte ſtill ihr Amt als Hausfrau, und nur Fröben wußte einigermaßen ihre Gefühle zu deuten, denn ſie vermied es, ihn anzuſehen. Ihm quoll der Biſſen im Munde; er ſah den Unmuth einer getäuſchten Hoffnung in den Mienen ſeines Freundes, er ſah den Muth, die Entſchloſſenheit und doch wieder die unverkennbare Angſt auf den Mienen der ſchönen Frau, es war ihm zuweilen, als ſei mit ihm erſt das Unglück über dieſes Haus her⸗ eingebrochen. Das Geſpräch ſchlich während der Tafel nur mühſam und ſtockend hin, doch als das Deſſert auf⸗ getragen war und die Diener auf Joſephens Wink ſich entfernt hatten, holte ſie einigemal mühſam Athem, ihre Wangen färbten ſich röther, und ſie ſprach: „Du haſt heute früh eine recht ſonderbare Unter⸗ haltung zwiſchen mir und Deinem Freunde verſäumt. Schon oft, wie Du weißt, klagten wir über Mangel an Verwandtſchaft von meiner Seite, jetzt ſcheint mir auf einmal ein neues Licht aufzugehen, denn er bringt! uns ja viele und angeſehene Verwandte ins Haus.“ Verwundert und fragend ſah Faldner ſeinen Freund an; dieſer war im erſten Augenblicke etwas betroffen, doch hier galt es mit Umſicht zu handeln. Wunderbar fühlte er in dieſem Augenblicke das Uebergewicht eines 67 Mannes von Welt über die niedere, beinahe rohe Den⸗ kungsart eines Baron Faldner, und nehr Gelaſſen⸗ heit, mit weiſer Benützung der Umſtande erzählte er die ſonderbare Geſchichte des Bildes und ſeiner Bekannt⸗ ſchaft mit Don Pedro. Gegen alle Erwartung wurde der Baron zuſehends heiterer während der Erzählung,„ei— ſonderbar,“ waren die einzigen Worte, die ihm hie und da entſchlüpf⸗ ten, und als Fröben geendet hatte, rief er:„Was iſt klarer als dies! Donna Laura Tortoſi und Laura von Tortheim, der Schweizer Kapitän Tannenſee und Dein Vater ſind dieſelben. Und reich ſagſt Du, lieber Frö⸗ ben, reich iſt der Haushofmeiſter? Begütert, unverhei⸗ rathet und hegt noch die alte Vorliebe für ſeine Dul⸗ einen von Valencia? Ei der Tauſend! Joſephchen, da könnte es ja noch eine reiche Erbſchaft von Piaſtern geben!“ Zoſſephe hatte wohl dieſe Außerung nicht erwartet; der Gaſt ſah ihr an, daß ſie dieſes gemeine Wort lieber ohne Zeugen gehört hätte; aber eine drückende Laſt ſchien ſich dennoch ihrem Buſen zu entladen, ſte drückte die Hand ihres Gatten, vielleicht nur, weil er ihr dies⸗ mal weniger Bitteres geſagt hatte als ſonſt, und ziemlich aufgeheitert ſagte ſie:„Mir ſelbſt ſcheint in dem ſon⸗ derbaren Zuſammentreffen unſeres Freundes mit dem Spanier eine eigene Fügung des Schickſals zu liegen; ja, ich glaube ſogar, daß es ſpaniſche Lieder waren, die hie und da meine Mutter, wenn ſie einſam war, zur Laute ſang. Ja vielleicht kömmt es eben daher, daß ich nſcht in Eurem Glanben erzogen wurde, obgleich mein 68 Vater, wie ich beſtimmt weiß, reformirten Glaubens war. Nun, das beſte iſt, unſer Freund ſchreibt an Don Pedro.“ „Ja, thu mir den Gefallen,“ ſagte Faldner; „ſchreibe an den alten Don, ſeine Laura habeſt Du nicht gefunden, aber offenbar ihre Tochter; es könnte doch zu etwas führen, Du verſtehſt mich ſchon; wem will er auch ſeinen Mammon vermachen, als Dir, Du Gold⸗ kind? Ich habe es ja immer geſagt, und auch zur Grä⸗ fin Landskron ſagt' ich es, als ich um Dich anhielt, wenn ſie auch nicht viel, eigentlich gar nichts hat, mit ihr kommt Segen in mein Haus. Und haben wir da nicht den Segen? Wie hoch, ſagteſt Du, daß Du den Spanier ſchätzeſt?“. 2 17. Der Baron hatte friſche Flaſchen befohlen, und Jo⸗ ſephe ſtand bei den letzten Worten auf und entfernte ſich. Unbegreiflich war Fröben, wie unzart ſein Freund mit dem holden, edlen Weſen verfuhr, er fühlte, wie ſie ſich vor ihm der Gemeinheit ihres Gatten ſchäme, er fühlte es und antwortete daher ziemlich unmuthig: „Was weiß ich; meinſt Du denn, ich frage die Leute, mit denen ich umgehe, wie ein Engländer: wie viel wiegſt Du?“ „Ach ich kenne ja Deine ſonderbaren Grillen über dieſen Punkt,“ lachte der Baron,„Dir iſt ein armſeli⸗ ger Geſelle, wenn er nur das ſogenannte Sentiment und Savoir vivre beſitzt, ſo gut als einer, der zwein al⸗ hunderttauſend Pfund Renten hat; aber ernſtlich⸗ mit — 69 dem Don müſſen wir ins Reine kommen, und ich rechne ganz auf Dich.“ „Ja doch; Du kannſt gänzlich auf mich rechnen. Aber wie war es denn mit der Gräfin Landskron? Du ſagteſt mir ja noch nicht einmal, wie Du Deine Frau kennen lernteſt.“ „Nun, das iſt eigentlich eine kurze Geſchichte,“ er⸗ widerte Faldner, indem er ſich und dem Freunde von Neuem Wein in das Glas goß;„Du kennſt meinen praktiſchen Sinn, meinen richtigen Takt in dergleichen Dingen. Es ſtand mir die Wahl frei unter den Töch⸗ tern des Landes; reiche, bemittelte, ſchöne, hübſche, Alles ſtand mir zu Gebot. Aber ich dachte: nicht Alles iſt Gold, was glänzt, und ſuchte mir eine tüchtige Hausfrau. So kam ich durch Zufall auch auf das Gut der Gräfin Landskron. Joſephe war damals noch als Fräulein von Tannenſee ihre Geſellſchaftsdame. Das emſige, geſchäftige Kind gefiel mir; Thee eingießen, Apfel ſchälen, Bohnen brechen, Blumen begießen, kurz Alles wußte ſie ſo zierlich und nett zu machen, daß ich dachte, dieſe oder keine wird eine gute Hausfrau wer⸗ den. Ich ſprach mit der Gräfin darüber. Zwar ſchreck⸗ ken mich anfangs die kurzgefaßten Nachrichten wieder ab, die mir die Landskron über Joſephens Verhält⸗ niſſe geben konnte. Sie ſagte mir, daß ſie Joſephens Mutter gekannt und nach ihrem Tode das Mädchen zu ſich genommen habe; Vermögen hatte ſie nicht, aber die Gräfin gab eine anſtändige Ausſtattung. Das Ko⸗ pulationszeugniß ihrer Eltern, ihr Taufſchein war richtig— nun, man iſt ja in der Liebe gewöhnlich ein Narr, und ſo nahm ich ſie zu mir.“ „Und biſt gewiß unendlich glücklich mit dieſem hol⸗ den Weſen?“ „Nun, nun, das geht ſo; praktiſch iſt ſie nun ein⸗ mal gar nicht, und ich muß ihr die dummen Bücher ordentlich confisciren, nur daß ich ſie an Haus und Garten gewöhne; denn wie will man am Ende hier auf dem Lande auskommen, wenn die Hausfrau ſich vor⸗ nehm in den Sopha ſetzt, Romane und Almanachs liest, empfindelt, wozu ſie ohnedies großen Hang hat, und weder Küche noch Garten beſorgt?“ „Aber mein Gott, dazu könnteſt Du ja Mägde halten?“ bemerkte Fröben, den der Wein und das Ge⸗ ſpräch noch wärmer und unmuthiger gemacht hatten. „Mägde?“ fragte Faldner lachend und ſah ihn groß an.„Mägde! Da ſieht man wieder den Theoretiker! Freund, davon verſtehſt Du nichts! Würden mir nicht die Mägde hinterrücks den halben Garten, die ſchönen Gemüſe, Obſt und Salat verkaufen? Und vollends in der Küche. Woher nur Holz und Butter genug nehmen, wenn alles den Mägden anvertraut iſt! Nein, die Frau⸗ muß da ſchalten und walten, und leider! bin ich da mit Joſephen ſchlecht gefahren; doch komm, ſtoß an; der Don ſoll Alles gut machen!“ Fröben, ſo ſehr ſein Herz, ſein zärterer wuur alles, was er hier ſah und hörte, verletzt wurde, wagte nichts entgegen zu reden. Er folgte dem Hausherrn, als dieſer aufſtand, hielt ſeine Umarmung geduldig aus⸗ und nahm ſogar, mehr, um Joſephen ſo bald nach die⸗ 71 ſem Vorfall nicht zu ſehen, als aus Freude an des Ba⸗ rons Geſellſchaft, ſeine Einladung an, ihn nach der neuen Dampfmühle zu begleiten. Die Pferde wurden vorgeführt, die Männer ſchwangen ſich auf, und ſchon 3 wollte Fröben um die Ecke biegen, als er noch einen Blick zurückwarf und Joſephens Geſtalt im Fenſter er⸗ blickte; ſie zog ihr Tuch von dem Auge, ſie blickte ihnen wehmüthig nach, ſie grüßte mit der zierlichen Hand, „Deine Frau winkt uns noch, um Abſchied zu nehmen;“ rief er Faldner zu; aber dieſer lachte ihn aus.„Was meinſt Du denn?“ ſagte er im Weiterreiten.„Glaubſt Du, ich habe ſie ſo zart und weich gewöhnt, daß wir auf einen Nachmittag mit Küſſen und Drücken, mit Grüßen und Schnupftuchwedeln Abſchied nehmen? Gott bewahre mich, dadurch verwöhnt man die Weiber, und, wenn es Dir einmal begegnet, daß Du heiratheſt, ſo mache es um Gotteswillen wie ich. Kein Wort von einer Reiſe oder einem Spazierritt vorher. Das Pferd wird vorgeführt—„„Wohin, mein Lieber?““ fragt ſie dann das erſte oder zweitemal. Keine Antwort, ſon⸗ dern die Handſchuhe angezogen.„„Aber wirſt Du mich denn ſo allein laſſen?““ fragt ſie dann weiter und ſtreichelt Dir die Wangen; Du nimmſt getroſt die Reitpeitſche und ſagſt: Ja, ich will heute Abend noch auf das Vorwerk, es iſt dies und das zu thun. Adje! und wenn ich bis neun Uhr nicht zu Hauſe bin, brauchſt Duſit der Suppe nicht zu warten. Sie erſchrickt, Du achteſt es nicht; ſie will nach, Du winkſt ihr mit der Reitgerte zurück; ſie ſtürzt ans Fenſter, hängt ſich und das Thränentüchlein heraus und Adje! und wedelt hin 72 und her mit dem weißen Fahnen. Laß wehen und achte nicht daruf. Drück dem Gaul die Sporen in den Leib und davon; ich kann Dir ſchwören, das ſetzt die Weiber in Reſpekt. Das drittemal fragte die meine nicht mehr, und Gottlob! das Gewinſel hat ein Ende!“ Der Baron hatte während dieſer trefflichen Rede in größter Gemüthsruhe eine Pfeife geſtopft, Feuer an⸗ geſchlagen und dampfte jetzt, indem er ſeine Felder und „Wälder überſchaute, ohne eine Antwort ſeines Gaſtes zu erwarten; aber dieſer preßte die Lippen zuſammen, und noch ſtärker preßte die Rede des rohen Mannes ſein volles Herz.„O Du Hund von einem Menſchen,“ ſprach er bei ſich,„ſchlechter noch als ein Hund, denn der Herr hat Dir ja Vernunft gegeben. Wie man ein Pferd zureitet oder einen Baum in beſſere Erde ſetzt, haſt Du gelernt, aber eine ſchöne Seele zu behandeln, ein liebendes Herz zu verſtehen liegt außer Deinen Grenzen. Wie ſie ihm nachſah, ſo voll Wehmuth, denn er hatte ja nicht von ihr Abſchied genommen, ſo voll Engelsgeduld, ſie hatte ihm ja ſeine rohen Worte ſchon wieder vergeben; mit einem Blick ſo voll von Liebe! Von Liebe? Kann ſie ihn denn lieben? Wird nicht ihr zarter Sinn tauſendmal von ihm beleidigt? Sieht ſie denn nicht, wie er ſeinem Jagdhund mehr Zärtlichkeit beweist als ihr? Oder wie?“ fuhr er in ſeinem Hinträumen fort,„ſollte ſie, weil ſie einmal ſein Weib geworden iſt, Zärtlichkeit für den fühlen, den ſie an Geiſt ſo weit überragt und den ſie dennoch— fürch⸗ tet? Oder ſollte es immer und ewig das Loos dieſer armen Weſen ſein, daß unter Hunderten nur eine 7³ wahrhaft lieben darf, daß die andern von der Natur zu einem herrlichen Gefäß zärtlicher, hoher Liebe ausge⸗ rüſtet, erwachſen, blühen, verwelken, ohne wahre Liebe zu kennen? Doch, dieſer Gedanke wäre mir noch er⸗ träglicher als der, daß ſie ihn wirklich lieben könnte! Nein, es kann, es darf nicht ſein!“ Unwillkürlich hatte er bei dem letzten Gedanken durch eine raſche Bewegung ſeinem Pferde die Sporen gegeben, es raffte ſich auf und flog dahin.„Ho, ho, Junge! Du willſt mit mir in die Wette reiten?“ rief ihm der Baron nach, und ſteckte die Pfeife bei.„Zweihundert Schritte gebe ich Dir vor und hole Dich dennoch ein.“ Kunſtgerecht be⸗ rechnete er dann den Zwiſchenraum, und als er dachte, Fröben habe die vorgegebenen Schritte zurückgelegt, ließ er ſein Pferd weit ausſtreichen und gelangte zu ſeinem nicht geringen Triumph in demſelben Moment mit dem Freunde vor der Dampfmühle an. 18. Der Mechanikus, ein beſcheidener Mann, der aber allgemein den Ruf großer Geſchicklichkeit genoß, empfing ſie an der Thüre.„Noch immer nicht weiter?“ fragte Faldner, indem ſein Geſicht ſich verfinſterte.„Wahr⸗ haftig, entweder iſt mein Correſpondent in London ein Schurke und verdient gehangen zu werden, oder Ihr, Meiſter Fröhlich, verſteht zwar Taſchenuhren zuſammen⸗ zudrechſeln, aber keine Dampfmühle aufzuſchlagen, wie Ihr mir vorſpiegelt.“ Der Mann ſchien tief gekränkt durch die Worte des Barons; eine hohe Röthe überflog ſein Geſicht, und 4 74 ein bitteres Wort ſchwebte auf ſeinen Lippen, aber er unterdrückte es und fuhr mit der Hand über ſein ſchlich⸗ tes Haar, als wollte er ſeinen innern Unmuth wie ſeine Haare glätten.„Halten zu Gnaden, Herr Baron,“ antwortete er;„wenn man mir Aufriß und Berechnung einer Maſchine vorlegt, und dazu Räderwerk und Schrauben ſo genau verzeichnet ſind, ſo will ich eine Maſchine zuſammenſetzen, wenn ich ſie auch nie zuvor geſehen. Aber dann muß ich freies Spiel haben und dann ſteh' ich auch dafür, daß Alles recht wird; aber ſo— „Nun, daß ich ſelbſt ein wenig mitgeholfen, meint Ihr? Darauf ſoll alſo Alles geſchoben werden? Ihr ſagt ſelbſt, daß Ihr in Eurem Leben noch keine ſolche Maſchine geſehen, und ich habe eine geſehen, zwei, drei, in Frankreich und England, und weiß recht gut, daß die größeren Räder in der Mitte des Cylinders eingreifen und die kleineren oben angebracht ſind—“ „Aber mein Gott, erlauben Eure Gnaden,“ ent⸗ gegnete der Künſtler ungeduldig,„dieſe Ihre Dampf⸗ mühle iſt nun einmal nach anderer Struktur, das kann man ja ſchon an der Zeichuung ſehen.“ „Zeichnung hin, Zeichnung her, Dampfmaſchinen ſind Dampfmaſchinen, und eine ſieht aus wie die an⸗ dere. Betrogen bin ich; von allen Seiten angeführt das Geld zum Fenſter hinausgeworfen!“ 4 Fröben hatte indeſſen die Zeichnungen zur Hand genommen und ſie durchgeſehen. Er fand, daß die Struktur dieſer Mühle ſehr einfach und ſchön, und wenn die bezeichneten Räder und Schrauben paßten, ſehr 2 275 leicht aufzuſchlagen ſei. Er hatte in früheren Zeiten Mathematik und Phyſik gründlich ſtudirt, er hatte zu⸗ gleich mit dem Freunde die berühmteſten Maſchinenwerke geſehen und kennen gelernt, kam aber, weil er ſich ſel⸗ ten darüber äußerte, bei dem Herrn von Faldner, der ſich mit ſeinen Kenntniſſen ungemein viel wußte, in den Verdacht, wenig oder nichts vom Maſchinenweſen zu verſtehen. Er wandte ſich nun, als Faldners Unmuth noch größer zu werden drohte, an den Mechanikus, fragte nach dieſen und jenen Stücken, die auf der Zeich⸗ nung angegeben waren, und als Jener ſie vorwies, als man ſah, wie richtig ſie ineinander paßten, ſagte er zu Faldner:„Ich wollte wetten, Du biſt durchaus nicht betrogen, denn ſo gut hier F und H in P paſſen,— Du ſiehſt, es ſind die Hauptzüge, wodurch die Stampf⸗ mühle mit der Olpreſſe in Verbindung geſetzt wird— ſo gut muß ſich auch das Üübrige fügen.“ „Ach, Sie hat unſer Herrgott hergeſandt,“ rief der Mechanikus freudig;„wie Sie dies doch gleich ſo weg⸗ bekamen! Ja, das F iſt der Hauptzug, H hier greift in das Stangenwerk ein, hier wird das Rad K befeſtigt.“ „Die Maſchine iſt ſehr einfach,“ fuhr Fröben fort, „und der ganze Irrthum meines Freundes kommt daher, daß er die Struktur größerer Werke vor Augen hat, die freilich anders ausſehen. Du wirſt Dich übrigens er⸗ innern, daß wir in Devonſhire bei Sir Henry Smith eine Olmühle ſahen, die beinahe ganz nach dieſem Plan gebaut war.“ Der Baron verbarg ſein Staunen hinter einem ironiſchen Lächeln, womit er bald den Freund, bald „ 76 den Mechanikus anſah.„Machet, was Ihr wollt,“ ſagte er gleichgültig,„ich gebe die ganze Geſchichte ver⸗ loren; vernünftiger wäre es geweſen, ich hätte einen engliſchen Mechaniker mitkommen laſſen. Verſuche im⸗ mer Dein Heil an dem heilloſen Schraubenwerk; ich denke, wenn ich Dich in einigen Stunden abhole, wirſt Du dieſes Maſchinen⸗Abe ſchon ſatt haben; denn darin, ich weiß es ja, biſt Du doch nur ein Abeſchütze.“ Pfei⸗ fend verließ er das Gebäude, ſetzte ſich auf und ritt in den Wald. Fröben aber ließ ſogleich wieder auseinanderlegen, was nach des Barons eigenmächtigem Plan bisher zu⸗ ſammengefügt war. Die Nummern wurden geordnet, und er wurde unter dieſem Geſchäſt nach und nach heiterer, denn es zerſtreute die düſteren Bilder in ſeiner Seele, und nicht ohne Lächeln bemerkte er, wie ihn der Mechanikus mit leuchtenden Blicken betrachtete, wie ihn ſeine Geſellen und Jungen gleich einem Altmeiſter ihrer Kunſt ehrfurchtsvoll anſahen. Freude und Leben war in die Werkſtätte gekommen, wo man dieſen Morgen nur die Befehle, die Flüche des Barons, die Bitten und Gegenreden des Meiſters gehört hatte; bald war alles in Ordnung gebracht, und als der Baron Abends aus dem Wald zurückkam, ſeinen Gaſt abzuholen, er⸗ ſtaunte er und ſchien ſich im erſten Augenblick nicht einmal über das ſichtbare Fortſchreiten des Werkes zu freuen. Er hatte erwartet, Alles in Beſtürzung und Confuſion zu treffen, aber der Mechanikus überreichte ihm lächelnd die Zeichnung, führte ihn an den Cylinder und zeigte ihm, indem er bald auf das Papier, bald 1 77 auf das Werk hindeutete, mit ſtolzer Freude, was ſie bis jetzt ſchon geleiſtet haben.„Wenn es ſo fortgeht,“ ſetzte der Mechanikus hinzu,„und wenn der fremde Herr dort uns auch morgen ſo trefflich an die Hand geht, ſo garantire ich, daß wir noch vor Sonntag fertig werden.“ „Tolles Zeug!“ war Alles, was der Baron ant⸗ wortete, indem er die Zeichnung zurückgab, und Frö⸗ ben war ungewiß, ob es Flüche oder Dankſagungen ſeien, was ſein Freund hin und wieder murmelte, als ſie zuſammen nach dem Schloß zurückritten. Der glückliche Fortgang des Maſchinenbaues, viel⸗ leicht auch die ſchimmernde Ausſicht auf Don Pedro's ſpaniſche Quadrupeln, hatte den Baron in den nächſten Tagen fröhlicher geſtimmt. Fröben hatte an den Spa⸗ nier nach W. geſchrieben, und ſein Gaſtfreund nahm ihm das Verſprechen ab, ſo lange bei ihm zu verweilen, bis aus W. eine Antwort angelangt ſei. Auch gegen Joſephe betrug er ſich etwas menſchlichet, und er hatte ihr, wahrſcheinlich mehr aus Rückſicht auf den Freund, als auf ſie, ſogar erlaubt, daß ſie ihre Haushaltungs⸗ geſchäfte abkürzen und Vormittags oder Abends, wenn ihn ſelbſt Geſchäfte abhielten, ſich von Fröben vorleſen laſſen oder Spaziergänge mit ihm machen dürfe. Und ſie lebte in dieſen wenigen Tagen zuſehends auf. Ihre Haltung wurde kräftiger, ihre Wangen röthete ein Schimmer von ſtillem Vergnügen, und in manchen Augenblicken, wenn ein holdes Lächeln um ihre Lippen zog, wenn jene feinen Grübchen in den Wangen erſchie⸗ nen, geſtand ſich Fröben, daß er ſelten eine ſchönere Frau geſehen habe; ja ihr Anblick verwirrte ihn oft ſo ganz, daß er ein geliebtes Bild ſeiner Träume verwirk⸗ licht glaubte, daß halbverſunkene Erinnerungen wieder in ihm auftauchten, daß ihm ſogar ihre Stimme, wenn ſie bewegt, gerührt war, ſo bekannt däuchte, als hätte er ſie hier nicht zum erſtenmal gehört. Seltener zog er in jenen Tagen das Bild hervor, das er ſonſt ſtunden⸗ lang betrachtet hatte, und wenn es ihm zufällig in die Hände fiel, wenn er es aufrollte, wenn er in das Auge der unbekannten Geliebten ſah, ſo fühlte er ſich be⸗ ſchämt, er glaubte, ihrem lebloſen Bilde dieſe Vernach⸗ läſſigung abbitten zu müſſen.„Doch,“ ſprach er dann zu ſich, als müßte er ſich entſchuldigen,„iſt es denn Un⸗ recht, der armen Freundin einige Tage ihres freudeloſen Lebens angenehmer zu machen? Und wie wenig gehört dazu, dieſes holde Weſen zu erfreuen, ſie glücklicher zu ſtimmen! Ein ſchönes Buch mit ihr zu leſen, mit ihr zu ſprechen, ſie auf einem Spaziergang an ihre Lieb⸗ lingsplätzchen zu begleiten— dies iſt ja alles, was ſie braucht, um heiter und froh zu ſein. Welchen Himmel könnte Faldner in ſeinem Hauſe haben, wenn er nur uweilen die eine oder andere dieſer kleinen Freuden 8 ihr theilte! 14 Der junge Mann fühlte ſich übrigens, ohne daß er es ſich ſelbſt recht geſtand, angenehm berührt, geſchmei⸗ chelt von Joſephens Anhänglichkeit an ihn. Schien ihr nicht jeder Morgen, jeder Abend ein neues Feſt zu ſein? Wenn er herabkam zum Frühſtück, hatte ſie ſchon alles zierlich und nett bereitet; bald wählte ſie den Saal, der eine herrliche Ausſicht auf den fernen Rhein öffnete, 79 bald die Terraſſe, von wo ſie das ländliche Gemälde der Arbeiter in den Feldern und an den Weinbergen vor ſich hatten, ſo nah, um alles, wie ein treues Tableau, zu betrachten, und doch ferne genug, um im ſtillen Genuß des Morgens nicht geſtört zu ſein, bald hatte ſie eine Laube im Garten ausgeſucht, wo die Welt ringsum von dichten Platanen abgeſchloſſen und nur der friſchen Morgenluft, oder dem Frühroth der Zu⸗ tritt geſtattet war. So erſchien ſie immer neu und überraſchend, und wenn der Freund herzutrat, wie freudig ſtand ſie auf, wie hold bot ſie ihm die Hand zum Gruß, wie lebhaft wußte ſie, wenn er noch ganz in ihren Anblick verſunken, ohne Worte war, das Geſpräch an⸗ zuknüpfen, dies und jenes zu erzählen, durch Laune und feine Beobachtung allem, was ſie ſagte, ein eigenes Gewand, einen eigenthümlichen Reiz zu geben! Und wenn ſie dann nachher ſchnell und emſig das Geräthe des Frühſtücks auf die Seite räumte, wenn er ſein Buch hervorzog, wenn ſie mit der Arbeit, die ſie ſelten bei Seite legte, ihm ſich gegenüber ſetzte underwartungs⸗ voll an ſeinen Lippen hing, da war es ihm oft, als müſſe er Alles, die ganze Welt vergeſſen und einen kleinen, kurzen, ſeligen Augenblick träumte er, er ſa ein glücklicher Gatte und ſitze hier an der Seite eines geliebten Weibes. 8— 20.. Es gereichte Joſephen in den Augen ihres Freundes zu keinem geringen Ruhm, daß ſie gerade jenen Dichter zu ihrem Liebling erwählt hatte, der auch ihn vor allen . 80 anzog. Zwar mußte er ihr oft bei Vorleſungen aus Jean Pauls herrlichen Dichtungen zu Hülfe kommen⸗ um dieſes oder jenes dunklere Gleichniß zu erklären; aber ſie faßte ſchnell, ihr natürlicher Takt und ihr zarter Sinn, der ſo ganz in dem Dichter lebte, ließ ſie Man⸗ ches errathen, ehe ihr noch der Freund Gewißheit ge⸗ geben hatte. „Es liegt doch,“ ſagte ſie eines Tages,„eine Welt voll Gedanken in dieſem Heſperus! Jede menſchliche Empfindung bei Freude und Schmerz, bei Liebe und Gram liegt zergliedert vor uns da; er weiß uns, indem wir den ſüßen Duft einer Blume einſaugen, ihre inner⸗ ſten Theile, ihre zarten Blätter, ihre feinſten Staub⸗ fäden zu beſchreiben, ohne daß er ſie zerſtört, entblät⸗ tert. Denn das, glaube ich, iſt ja das große, tiefe Geheimniß dieſes Meiſters, daß er jede tiefere Empfin⸗ dung nicht beſchreibt, ſondern andeutet, und doch wieder nicht flüchtig andeutet, ſondern wie durch das feine Mikroskop eines Gleichniſſes uns einen tiefen Blick in die Menſchenſeele thun läßt, wo Gedanke an Gedanke aufſteigt und das Auge, überraſcht, aber entzückt über die wundervolle Schöpfung, in eine Thräne übergeht.“ „Sie haben,“ erwiderte der Gaſtfreund,„wie es mir ſcheint, in dieſen Worten ſein Geheimniß wirklich ausgeſprochen. Mir iſt ſonſt, ich geſtehe es offen, nichts ſo in der innerſten Seele zuwider, als das ſichtbare Abmühen eines Autors, dem Leſer recht klar und deut⸗ lich zu machen, was ſein Held und ſeine Heldin, oder eine dritte, vierte Perſon da oder dort empfunden oder gedacht: Aber unſer Dichter! Wie herrlich ,wie eaſh 81 iſt auch hierin ſeine Erfindung; wir leben, wir denken, wir weinen unwillkürlich mit Victor, und Clotildens bleichere Wangen, ihre klageloſe Trauer trifft uns tiefer als jede Beſchreibung es ſagen kann, und im warmen, weichen Glück der Liebenden möchten wir ein Strahl der Abendſonne ſein, der in der Laube um ihre Umarmung ſpielt, jene Nachtigall, die ihnen die fromme Feier ihrer Seligkeit mit ihrer glockenhellen Stimme einläutete.“ „Es iſt ſonderbar,“ bemerkte Joſephe,„der Faden dieſes Romans, was man ſein Gerippe nennt, würde uns bei Andern nicht im mindeſten intereſſant, ja viel⸗ leicht ſogar geſucht, langweilig dünken. Sechs verlorene, vertauſchte, wiedergefundene Söhne, ſtatt daß 3. B Walter Scott gewöhnlich nur einen hat und ſogar der Verfaſſer des Walladmor in ſeiner Parydie mit zweien ſich begnügt; eine junge Dame, die zu ihrer Qual von ihrem Bruder geliebt wird, ſelbſt aber ſeinen Freund liebt; ein kleiner, ſimpler Hof in Duodez, ein Pfarr⸗ haus voll Ratten und Kinder, und ein Edelſitz, wo Un⸗ edle wohnen; denken Sie ſich dieſe gewöhnlichen Dinge in einer Reihenfolge, ſo haben Sie einen unſerer ge⸗ wöhnlicheren Romane von verlorenen Söhnen ꝛc. und nicht einmal einen rechten Jammer, um mich ſo aus⸗ zudrücken, als etwa Le Beau's Ermordung durch den Hofjunker, oder das tragiſche Ende des Lords im fünf⸗ ten Akt. Aber welch ein Leben, welch eine Welt wird aus dieſer Geſchichte, wenn ihr jenem Dichter ſeinen Blumenmantel umhängt! Welche geiſtreiche Luft, höher und reiner als jede irdiſche, kömmt uns aus der vereh⸗ W. Hauffs Werke. II. 6 8²2 renden Liebe Victors und Clotildens zu ihrem Lehrer Emannel, welche Wehmuth aus den Täuſchungen eines kalten Lebens, wenn Victor und jenes liebenswürdige Weſen ſich verkennen, nicht finden; welche Wonne end⸗ lich, wenn ihre Seelen unter dem nächtlichen, geſtirnten Himmel im Schmerz der Trennung ſich aufſchließen und überſtrömen in Liebe!“ „Ja,“ rief der junge Mann,„unſer Dichter iſt ein großer Muſiker. Er hat ein ausgeſpieltes, altes, längſt gehörtes Thema vor ſich; aber indem er den Gang des alten Liedchens beibehält, führt er die Ge⸗ danken auf eine Weiſe aus, die uns ſo überraſchend, ſo neu erſcheint, daß wir das Thema vergeſſen und nur auf die Wendungen horchen, in die er übergeht, in welchen er die Himmelsleiter der Töne, wie ein Engel auf⸗ und abgeht und uns einen geöffneten ſeligen Him⸗ mel im Traume zeigt, während wir vielleicht wie Jakob in der Wirklichkeit auf recht hartem Lager liegen. Dann iſt er bald weich wie eine Flöte, durchdringend, wie ein Hoboe, bald voll, rührend, wie das Waldhorn aus der Ferne, bald braust er daher wie mit den mäch⸗ tigſten tiefſten Bäſſen, majeſtätiſch, erhaben, bald nur ſanft liſpelnd, wie die Äolsharfe, oder in Wehmuth aufgelöst, wie die Töne der Harmonika.“ „Wie danke ich es ihm,“ ſagte Joſephe weich,„daß er verſöhnt, daß er die Wunden unſerer Wehmuth heilt! Es hätte ja in ſeiner Macht geſtanden, Clotilden unter⸗ gehen zu laſſen im Schmerz unerwiderter Liebe; vor ihrem Tode hätte ihr Victor noch zugerufen:„„Ich liebte Dich jg über Alles,““ und ſie wäre lächelnd eingeſchla⸗ — 8³ fen. Denken Sie ſich den ungeheuern Schmerz, die Bit⸗ terkeit gegen das Geſchick, wenn wir dieſe Menſchen ſo hätten untergehen ſehen, ohne Hoffnung, ohne Troſt! Aber es wäre ja nicht möglich geweſen; Victor hätte nicht ſo lange geliebt, hätte ſich an Joachime oder die Fürſtin hingegeben, denn ein Mann kann ja ohne erwi⸗ derte Liebe nicht lange lieben!“ „Glauben Sie das wirklich?“ erwiderte Fröben wehmüthig lächelnd.„O wie wenig müſſen Sie uns kennen, wie klein müſſen Sie von uns denken, wenn wir nicht einmal den Muth beſäßen, dieſes kurze Leben hindurch treu zu lieben, auch ohne geliebt zu werden!“ „Ich halte es bei Frauen für möglich,“ ſagte die ſchöne Frau;„Liebe ohne Gegenliebe iſt ein tiefes Un⸗ glück, und Frauen ſind ja mehr dazu gemacht, ſtille Lei⸗ den zu tragen ein Erdenleben lang, als Ihr. Der Mann würde einen ſolchen Gram von ſich werfen, oder der glühende Kummer müßte ihn verzehren!“ „Beides nicht— ich lebe ja noch und liebe,“ ſagte Fröben, zerſtreut vor ſich hinblickend. „Sie lieben!“ rief Joſephe, und mit ſo eigenem Ton, daß der junge Mann erſihtwefen aufblickte; ſie ſchlug die Augen nieder, als ihr ſein Blick begegnete; eine tiefe Röthe überflog ihr Geſicht und ging eben ſo ſchnell wieder in tiefe Bläſſe über. „Ja,“ ſagte er, indem es ihm mit Mühe gelang, es ſcherzhaft zu ſagen:„der Fall, den Sie ſetzten, iſt der meinige, und noch liebe ich, vielleicht ruhiger, aber nicht minder innig als am erſten Tag; ich liebe ſogar beinahe ohne Hoffnung, denn die Dame meines Herzens 84 weiß nicht um meine Liebe, und dennoch, wie Sie ſehen, hat mich der Kummer noch nicht getödtet.“ „Und darf man wiſſen,“ ſagte ſie zutraulich, aber wie es Fröben ſchien, mit zitternder Stimme,„darf man wiſſen, wer die Glückliche iſt?“ „Ach, ſehen Sie, das iſt gerade das Unglück, ich weiß ja nicht, wer ſie iſt, noch wo ſie ſich aufhält, und liebe dennoch; ja, Sie werden mich für einen zweiten Don Quixote halten, wenn ich geſtehe, daß ich ſie nur einigemal flüchtig ſah, mich nur noch einiger Partien ihres Geſichtes erinnern kann, und dennoch in der Welt umherſtreife, um ſie zu finden, weil es mir zu Hauſe keine Ruhe läßt.“ „Sonderbar,“ bemerkte Joſephe, indem ſie ihn nach⸗ denklich anſah,„ſonderbar; es iſt wahr, ich kann mir einen ſolchen Fall denken, aber dennoch machen Sie eine ſeltene Ausnahme, lieber Fröben; wiſſen Sie denn, ob Sie geliebt werden? Ob das Mädchen Ihnen treu iſt?“ „Nichts weiß ich von dieſem Allem,“ erwiderte er ernſt und mit verſchloſſenem Gram,„ich weiß nichts, als daß ich glücklich wäre, wenn ich jenes Weſen mein nen⸗ nen könnte, und weiß nur allzugut, daß ich vielleicht auf immer verzichten muß und nie ganz glücklich werde!“ Je ſeltener ſonſt der junge Mann über dieſe Gefühle ſich ausſprach, deſto mächtiger kamen in dieſem Augen⸗ blicke alle Schmerzen der Erinnerung an gramvolle Stunden, und eine Wehmuth über ihn, der er ſich nicht gewachſen fühlte. Er ſtand ſchnell auf und ging aus der Laube dem Schloſſe zu. Aber Joſephe ſah ihm mit Bli⸗ cken voll unendlicher Liebe nach, Thräne um än 1 ald wollte er die Tafel ſo oder anders geſtellt h löste ſich aus den zuckenden Wimpern, und erſt als ſie wie ein Quell auf ihre ſchöne Hand herabfielen, erweck⸗ ten ſie Joſephen aus ihren Träumen. Und beſchämt, als hätte ſie ſich bei einer geheimen Schuld belauſcht, erröthete ſie und preßte ihr Tuch vor dieſe verrätheri⸗ ſchen Augen. 21. Die Vorherſagung des alten Mechanikus war ein⸗ getroffen, den mit dem letzten Tage der Woche waren auch die Maſchinen der Dampfmühle fertig aufgeſtellt. Der Baron, ſo unmuthig er anfangs geweſen war, hatte in der Frende ſeines Herzens, als der erſte Verſuch glück⸗ lich gelungen war, den Alten und ſeine Geſellen reichlich beſchenkt entlaſſen und auf Sonntag alle ſeine Nachbarn in der Umgegend eingeladen, um mit einem kleinen Feſte ſeine Mühle einzuweihen. So glücklich und heiter er an dieſem Tage war, ſo fröhlich und jovial er ſeine zahl⸗ reichen Gäſte empfing, ſo entging es doch Fröbens be⸗ obachtenden Blicken nicht, daß er die arme Joſephe mit hunderterlei Aufträgen und Anordnungen plagte, daß ſie ihm nichts zu Dank machen konnte. Bald ſollte ſie in der Küche ſein, um das Geſinde anzutreiben und ſelbſt mitzuhelfen, bald beſſerte er dies oder jenes an ihrem Putz, bald wollte er vor Ungeduld verzweifeln, wenn ſie nicht ſchnell genug die Treppe herabflog, um mit ihm am Portal die Ankommenden zu empfangen, hald wollte er den Kaffee im Garten, bald im 4 rinken. Mit Engelsgeduld und einer Reſignation 86 dem Freunde unbegreiflich war, ertrug ſie alle dieſe Unbilden. Sie war überall, ſorgte für alles und wußte ſogar einen Augenblick zu finden, um den Gaſtfreund zu fragen, warum er gerade heute ſo trübe ſei, ihn auf⸗ zumuntern, an der allgemeinen Fröhlichkeit Theil zu nehmen.— Allgemein entzückte die Schönheit, die behende Auf⸗ merkſamkeit der Hausfrau; die Männer prieſen den Baron glücklich, einen ſolchen Schatz im Hauſe zu haben, und mehre der älteren Damen ſagten ihm unverholen ihre Bewunderung über die ſeltenen Talente zur Wirth⸗ ſchaft, über die Einſicht und Ordnung einer ſo jungen Frau.„Siehſt Du,“ flüſterte der Glückliche Fröben zu, „fiehſt Du, was eine Zucht, wie die meinige, Wunder wirkt? Ich bin im Ganzen heute recht zufrieden mit ihr, aber wenn ich nicht im Geheimen überall ſelbſt nachhülfe, wie ſtünde es dann um die wirthſchaftliche Ehre der Hausfrau! Aber es macht ſich, ich ſagte es ja immer, es macht ſich.“ Die allgemeine Fröhlichkeit und der Wein ſteigerten Faldner immer höher, und es war endlich hohe Zeit, die Tafel aufzuheben, denn er und einige Herren aus der Nrchbarſchaft erlaubten ſich ſchon Scherze und Anſpielungen, welche jedes zartere Ohr beleidigten. 3 Man fuhr nach der neuen Dampfmühle, man weihte ſie unter Scherz und Lachen förmlich ein, man ging wieder zurück und erſtaunte aufs Neue über die geſchmack⸗ vollen und doch ſo bequemen Anordnungen, welche 4 ſephe indeſſen im Garten getroffen hatte. Sie hatte vagt, nach ihrer eigenen Erfindung ſchnell eine g— gewag 87 geräumige Laube errichten zu laſſen; alle möglichen Erfriſchungen erwarteten dort die Gäſte, und ihr allge⸗ meines Lob bewirkte ein Wunder: der Baron wurde nicht einmal ungehalten, daß man junge Eſchen und Tannen aus ſeinem Wald zu der Laube verwendet, daß man ſeinen eigenen Plan, ein Zelt aus Brettern und Teppichen aufzuſchlagen, nicht befolgt hatte. Er küßte ſeine Frau auf die Stirne und dankte ihr für die ange⸗ nehme Ueberraſchung. Man ſetzte ſich in bunten Reihen umher. Die Män⸗ ner ſprachen den alten Weinen des Hausherrn fleißig zu, und bald hatte eine allgemeine Fröhlichkeit die Geſell⸗ ſchaft erfaßt. Man ſpielte witzige und geiſtreiche Spiele, und als die muthwillige Laune der Männer noch höher ſtieg, wurden ſogar Pfänderſpiele nicht verſchmäht. So kam es, daß bei ihrer Auslöſung auch Fröben ſein Pfand mit einer Strafe löſen ſollte, und Joſephe, welcher die Beſtimmung dieſer Strafe aufgelegt war, befahl ihm, eine wahre Geſchichte aus ſeinem Leben zu erzählen. Man gab ihrer Wahl allgemeinen Beifall, der Baron ſchlug vor Freuden über ſeine kluge Frau in die Hände, und als Fröben zaubderte und ſich beſann, rief er:„Nun ſoll ich etwas für Dich erzählen aus Deinem Leben? Etwa die pikante Geſchichte v on dem Mäd chen vom Pont des Arts?“ 4 Fröben erröthete und ſah ihn mißbilligend an; dher ddie Geſellſchaft, die hier vielleicht ein luſtiges Geheim⸗ niß ahnete, rief:„Die Geſchichte von dem Mädchen, die Geſchichte vom Pont des Arts!“ und vielleicht nur, um der Indiseretion ſeines Freundes zu entgehen, den 88 der Wein ſchon etwas über die gewöhnlichen Grenzen hinausgerückt hatte, bequemte er ſich zu erzählen; der Baron aber verſprach der Geſellſchaft ſobald der Erzähler von der genauen Wahrheit abweichen würde, wolle er Noten zu der Geſchichte Leben, denn er ſei ſelbſt dabei geweſen. 22 22 „Ich weiß nicht,“ hub Froͤben an, ob der Geſell⸗ ſchaft bekannt iſt, daß ich vor mehren Jahren mit unſerem Faldner reiste, namentlich in Paris mit ihm 6 einige Zeit zuſammen lebte, ja ein Haus mit ihm be⸗ . wohnte? Wir hatten ſo ziemlich gemeinſchaftliche Stu⸗ dien, beſuchten dieſelben Zirkel, machten gegenſeitig unſere früheren Bekannten mit dem Freunde bekannt und lebten auf dieſe Weiſe unzertrennlich. Wir hatten einen gemeinſchaftlichen Freund, den eben ſo liebens⸗ würdigen als gelehrten Doktor M., einen Landsmann, der in der Rue Taranne wohnte, die bekanntlich in die Rue St. Dominigque führt und auf dem linken Ufer der Seine liegt. Unſer gewöhnlicher Abendſpaziergang war durch die Champs eliſés über die ſchöne Brücke ins Marsfeld und von da durch Faubourg St. Germain in die Wohnung unſeres Freundes, wo wir oft noch bis tief in der Nacht vom Vaterlande, von Frankreich, von dem, was wir geſehen, von allem Möglichen plauderten. Wir wohnten, um dies noch hinzuzuſetzen, am Place des Victoires, ziemlich entfernt von der Rue Taranne, und wählten zum Rückweg gewöhnlich den Pont der Arts, um das Louvre zu durchſchneiden und uns einen 89 Umweg durch die Seitenſtraßen zu erſparen. Eines Abends, es mochte nach elf Uhr ſein— es hatte etwas geregnet und der Wind wehte beſonders in der Nähe des Fluſſes ſehr kalt und ſchneidend— gingen wir auch vom Quai Malaquais über den Pont des Arts dem Louvre zu. Der Pont des Arts iſt nur für Fußgänger zugänglich, und ſo kam es, daß um dieſe Zeit nicht mehr viel Leben um und auf der Brücke war. Wir gingen, die Mäntel feſter um uns ziehend„ſtillweigend über die Brücke; ſchon wollte ich die Brückenſtufen auf der an⸗ dern Seite hinabeilen, als ein überraſchender Anblick mich feſt hielt. „An die Brücke gelehnt, ſtand eine ſchlanke, ziem⸗ lich hohe weibliche Geſtalt. Ein ſchwarzes Hütchen war tief ins Geſicht geknüpft und zum überfluß noch mit einem grünen Schleier verſehen; ein ſchwarzer Mantel von Seide fiel um den Leib, und der Wind, der die Ge⸗ wänder in dieſem Augenblick feſter anſchmiegte, verrieth eine ungemein zarte, jugendliche Taille; aus dem Man⸗ tel ragte eine kleine Hand hervor, die einen Teller hielt; vor ihr aber ſtand ein kleines Laternchen, deſſen Licht unruhig flackerte, ſein Schein fiel auf einen zierlichen Fuß. Es wohnt vielleicht nirgends ſo ſehr als in jener Stadt das tiefſte Elend neben dem höchſten Glanz und Wohlleben, aber dennoch ſieht man verhältnißmäßig wenige Bettler. Sie drängen ſich ſelten unverſchämt herzu, und nie wird man ſehen, daß ſie dem Fremden nachlaufen, ihn mit Bitten verfolgen. Alte Männer oder Blinde ſitzen oder knieen an den Ecken der Straßen, den Hut ruhig vor ſich hinhaltend, und überlaſſen es 90 dem Vorübergehenden, ob er ihren bittenden Blick be⸗ achten will. „Am ſchauerlichſten, wenigſtens für mein Gefühl, waren immer jene verſchämten Bettler, die Nachts mit verhülltem Haupt, eine brennende Kerze vor ſich, re⸗ gungslos, faſt ſchon wie erſtorben in einer Ecke ſtehen; viele meiner Bekannten in Paris hatten mich verſichert, daß man darauf rechnen koͤnne, daß dies meiſtens Leute aus beſſeren Ständen ſeien, die durch Unglück ſo tief herabgekommen ſind, daß ſie entweder Arbeit ſuchen müſſen, oder ſind ſie zu verſchämt, vielleicht zu ſchwach, um für Brod zu arbeiten, ſo ergreifen ſie dieſen letzten Ausweg, ehe ſie, wie ſo viele Unglückliche, ihr Leben in der Seine der Vergeſſenheit übergeben. „Von dieſer Klaſſe der Bettelnden war die weibliche Geſtalt an dem Pont des Arts, deren Anblick mich un⸗ widerſtehlich feſſelte. Ich ſah ſie näher an; ihre Glieder ſchienen vor Froſt noch heftiger zu zittern, als das Flämmchen in der Laterne, aber ſie ſchwieg und ließ ihr Elend und den kalten Nachtwind für ſich reden. Ich ſuchte in der Taſche nach kleinem Gelde, aber es wollte ſich kein Sous, ſogar kein einzelner Frank finden. Ich wandte mich an Faldner und bat ihn um Münze; aber unmuthig, durch mein Zögern der ſchneidenden Kälte ausgeſetzt zu ſein, rief er mir in unſerer Sprache zu: „„So laß doch das Bettelvolk und ſpute Dich, daß wir zu Bette kommen, mich friert!““ Nur ein paar Sous, Beſter! bat ich; aber er packte mich am Mantel und wollte mich wegziehen. 4 1 „Da rief die Verhüllte mit zitternder, abe wohl⸗ 91 tönender Stimme und zu unſerer Verwunderung auf gut Deutſch:„„O meine Herren! ſein Sie barmher⸗ zig!““ Dieſe Stimme, dieſe Worte und unſere Sprache hatten etwas ſo Rührendes für mich, daß ich nochmals um einige Münze bat. Er lachte.„„Nun wohlan, da haſt Du ein paar Franken,““ ſagte er,„„verſuche Dein Heil mit der Jungfer, aber mich laß aus dem Zug tre⸗ ten.““ Er drückte mir das Geld in die Hand und ging lachend weiter. Ich war in dieſem Augenblick wirklich verlegen, was ich thun ſollte; ſie mußte ja gehört haben, was Faldner ſagte, und beleidigen mag ich am wenigſten einen Unglücklichen. Ich trat unſchlüſſig näher. Mein Kind, ſagte ich, Sie haben hier einen ſchlechten Stand⸗ punkt gewählt, hier werden heute Abend nicht mehr viele Menſchen vorübergehen. Sie antwortete nicht gleich.„„Wenn nur,““ flüſterte ſie nach einer Weile kaum hörbar,„„dieſe Wenigen Gefühl für Unglück ha⸗ ben!““ Dieſe Antwort überraſchte mich, ſie war ſo ungeſucht und doch ſo treffend. Die edle Haltung des Mädchens, der Ton, womit ſie jene Worte geſagt, ver⸗ riethen Bildung. Wir ſind Landsleute, fuhr ich fort, darf ich Sie nicht bitten, daß Sie mir ſagen, ob ich vielleicht mehr für Sie thun kann, als ſo im Vorüber⸗ gehen zu geſchehen pflegt?„„Wir ſind ſehr arm,““ antwortete ſie, wie mir ſchien, etwas muthiger,⸗„und meine Mutter iſt krank und ohne Hülfe.““ Ohne wei⸗ tere Überlegung, nur von dem unbeſtimmten Gefühl, daß mich das Mädchen ſehr anzog, getrieben, ſagte ich: Führen Sie mich zu ihr! Sie ſchwieg; der Vorſchlag chien ſie zu überraſchen. Halten Sie dieſes für nichts 5 3 1 92 anders, fuhr ich fort, als für meinen redlichen Willen, Ihnen zu helfen, wenn ich kann.„„So kommen Sie,“ a erwiderte die Verſchleierte, hob ihr Laternchen auf, löſchte es aus und verbarg es ſammt dem Teller unter dem Mantel.“— 23. „Wie?“ rief der Baron laut lachend, als Fröben ſchwieg,„weiter willſt Du nicht erzählen? Willſt es auch heute wieder machen, wie Du es mir ſchon damals machteſt? Nämlich bis hieher, meine Herren und Da⸗ men, hat er ganz nach reiner hiſtoriſcher Wahrheit er⸗ zählt. Er glaubte mich vielleicht weit weg, und ich ſtand keine zehn Schritte von der erbaulichen Samariterſeene unter dem Portal des Palais und ſah ihm zu; ob der Dialog wirklich ſo vor ſich gegangen, weiß ich nicht, denn der ſchändliche Wind verwehte die Worte, aber ich ſah, wie die Dame ihr Lämpchen auslöſchte und mit ihm zurück über die Brücke ging. Die Nacht war mir zu kalt, um ihm bei ſeinem galanten Abentener zu folgen, aber am Ende, ich wollte wetten, ſah er weder eine kranke Mama noch dergleichen, ſondern die Dame vom Pont des Arts hatte das alte Sirenenlied nur auf an⸗ dere Weiſe geſungen.“ 3 Er belachte ſeinen eigenen Witz, und die Männer ſtimmten ein in das rohe Gelächter, die Damen aber ſahen vor ſich nieder, und Joſephe ſchien mit den Wor⸗ ten ihres Gatten ſo unzufrieden, als mit der ſonder⸗ baren Erzählung ihres Freundes, denn bleich wie der Tod hielt ſie ihre Taſſe in den Händen, daß ſie klirrte⸗ * 8 93³ und ſandte dem jungen Manne nur einen Blick zu, für den er in dieſem Augenblick keine andere als eine tief beſchämende Deutung wußte.„Ich glaube zwar,“ ſprach er, mit ſtarker Stimme das Gelächter der Män⸗ ner unterbrechend,„mein Pfand gelöst zu haben, aber mein eigener Vortheil will, daß ich eine Deutung dieſes Vorfalls nicht zulaſſe, die mein Freund ihm unterzulegen ſcheint. Sie erlauben mir daher, daß ich fortfahre, und, bei meinem Leben,“ ſetzte er hinzu, indem er erröthete und ſein Auge höher leuchtete,„ich will Ihnen die reine Wahrheit ſagen. „Das Mädchen bog über die Brücke ein, woher ich gekommen war. Während ich ſchweigend mehr hinter als neben ihr ging, hatte ich Zeit, ſie zu betrachten. Ihre Geſtalt, ſo weit ſie der Mantel ſehen ließ, ihre ganze Haltung, beſonders aber ihre Stimme war ſehr jugendlich. Ihr Gang ſchnell, aber leicht und ſchwe⸗ bend. Sie hatte meinen Arm abgelehnt, als ich ihn zur Führung angeboten. Am Ende der Brücke bog ſie nach der Rue Mazarin ein. Iſt Ihre Mutter ſchon lange krank? fragte ich, indem ich wieder an ihre Seite trat und verſuchte, durch den Schleier etwas von ihren Zügen zu erſpähen.„„Seit zwei Jahren,““ antwortete ſie ſeufzend,„vaber ſeit acht Tagen iſt ſie recht elend ge⸗ worden.““— Waren Sie ſchon öfter an jenem Ort? „„Wo?“u“ fragte ſie. Auf der Brücke.„„Dieſen Abend zum erſtenmal,““ erwiderte ſie. Dann haben Sie ſich keinen guten Platz geſucht, andere Paſſagen ſind fre⸗ quenter.— Doch ſchon, indem ich dies ſagte, bereute ich, es geſagt zu haben, denn es mußte ſie ja verletzen. 2 * 94 Mit unterdrücktem Weinen flüſterte ſie:„„Ach, ich bin ja hier ſo unbekannt und— ich ſchämte mich, ſo ins Gedränge zu gehen.““ „Wie grenzenlos mußte das Elend ſein, das dieſes Geſchöpf zwang, zu betteln. Zwar wollten auch mir, ich geſtehe es, einigemal ſolche Gedanken kommen, wie ſie Faldner hatte, aber immer verſchwanden ſie wieder, weil ſie widerſinnig, unnatürlich waren; wenn ſie zu jener verworfenen Klaſſe von Mädchen gehörte, warum ſollte ſie ſich verhüllt an einen einſamen Ort ſtellen? Warum gefliſſentlich eine Geſtalt verbergen, die, ſo viel die Umriſſe flüchtig zeigten, gewiß zu den ſchöneren zu zählen war? Nein, es war gewiß wirkliches Elend und jene zarte Verſchämtheit vor unverſchuldeter Armuth da, die das Unglück ſo unbeſchreiblich rührend macht. „Hat Ihre Mutter einen Arzt? fragte ich wieder nach einiger Weile.„„Sie hatte einen; aber als wir keine Arznei mehr kaufen konnten; wollte er ſie ins Spital des Incurables bringen laſſen, und— das konnte ich nicht ertragen. Ach Gott, meine arme Mutter ins Spital!2 Wie viel tiefer Schmerz lag in den letzten Worten dieſes Mädchens! „Sie weinte, ſie führte ihr Tuch unter dem Schleier ans Auge, und Laterne und Teller, die ſie in der an⸗ dern Hand trug, verhinderten ſie, den Mantel zuſam⸗ men zu halten; der Wind wehte ihn weit auseinander und ich ſah, daß ich mich nicht betrogen hatte; ſie war von feiner, ſchlanker Taille, ſie trug ein einfaches, ſo viel mein flüchtiger Blick bemerkte, ſehr reinliches Kleid. Sie haſchte nach dem Mantel, und indem ich ihr behülf⸗ 95 2. lich war, ihn wieder umzulegen, fühlte ich ihre weiche, zarte Hand. „Wir waren ſchon durch die Straßen Mazarin, St. Germain, Ecole de Medeeine und von dort durch einige kleine Seitenſtraßen gegangen, als ſie auf einmal ſtehen blieb und klagte, ſie habe den Weg verfehlt. Ich fragte ſie, in welcher Gegend ſie wohne, und ſie gab St. Severin an. Ich war in Verlegenheit, denn dieſe Straße wußte ich ſelbſt nicht zu finden. Machte es Angſt oder Kälte, ich ſah ſie heftiger zittern. Ich ſah mich um; ich bemerkte noch Licht in einem Souterrain, wo Branntwein verkauft wurde, ich bat ſie, zu warten, ſtieg hinab und erkundigte mich. Man wies mich zu⸗ recht, und ich glaubte mich hinfinden zu können. Als ich herauf kam, hörte ich in der Nähe laut reden; ich ſah beim ſchwachen Schein einer Laterne, wie ſich das Mädchen heftig gegen zwei Männer wehrte, von denen der eine ihre Hand, der andere den Mantel gefaßt hatte; ſie lachten, ſie ſprachen ihr zu; ich ahnete, was vorging, ſprang herzu und riß dem einen die Hand weg, die er gefaßt hatte; ſprachlos, weinend klammerte ſie ſich feſt an meinen Arm. „Meine Herren, ſagte ich, Ihr ſehet, Ihr ſeid hier im Irrthum, Ihr werdet im Augenblick den Man⸗ tel von Mademoiſelle loslaſſen! „„Ach, Verzeihung mein Herr!““ erwiderte der, welcher ihren Mantel gefaßt hatte.„„Ich ſehe, Sie haben ältere Rechte auf Mademoiſelle!““ Und lachend zogen ſie weiter. „Wir gingen weiter; das arme Kind zitterte heftig, 96 ſie hielt noch immer meinen Arm feſt, ſie war nahe daran, niederzuſinken. „Nur Muthl ſagte ich zu ihr, St. Severin iſt nicht ferne, Sie werden bald zu Hauſe ſein. Sie ant⸗ wortete nicht, ſie weinte noch immer. Als wir in der Straße waren, die nach der Beſchreibung St. Severin ſein mußte, blieb ſie wieder ſtehen.„„Nein, Sie dürfen nicht weiter mit mir gehen, mein Herr!““ ſagte ſie. „„Es darf nicht ſein.““ Aber warum denn nicht, da Sie mich ſo weit mitgenommen haben; ich bitte, trauen Sie mir keine ſchlechten Abſichten zu! Ich hatte bei dieſen Worten, ohne es zu wiſſen, ihre Hand ergriffen und vielleicht gedrückt; ſie entzog ſie mir haſtig und ſagte:„„Vergeben Sie, daß ich die Unſchicklichkeit beging, Sie ſo weit mit zu führen; bitte, verlaſſen Sie mich jetzt!““ Ich fühlte, daß der Auftritt vorhin ſie tief verletzt hatte, daß er ihr vielleicht gegen mich ſelbſt Mißtrauen einflöste, und eben dies rührte mich unbe⸗ ſchreiblich; ich nahm das Silber, das mir Faldner ge⸗ geben, und wollte es ihr hinreichen; aber der Gedanke, wie wenig dieſe kleine Gabe ihr helfen könne, zog meine Hand zurück, und ich gab ihr das wenige Gold, das ich bei mir trug. „Ihre Hand zuckte, als ſie es nahm; ſie ſchien es für Silber zu halten, dankte mir aber mit zitternder, rührender Stimme und wollte gehen. „Noch ein Wort, ſagte ich und hielt ſie auf; ich hoffe, Ihre Mutter wird geſund werden, aber es könnte ihr doch noch an etwas gebrechen, und Sie, mein Kind, ſind nicht für ſolche Abendgänge, wie der heutige, ge⸗ 97 macht. Wollen Sie nicht heute über acht Tage um die⸗ ſelbe Zeit vor der Ecole de Medeeine ſein, daß ich mich nach Ihrer Mutter erkundigen kann? Sie ſchien un⸗ ſchlüſſig, endlich ſagte ſie:„„Ja.““ Und ſetzen Sie doch den Hut mit dem grünen Schleier wieder auf, daß ich Sie erkenne,“ fügte ich hinzu; ſie bejahte es, dankte noch einmal, ging eilend die Straße hin und war ſchnell in der Nacht verſchwunden.“. 24. „Als ich am Morgen nach dieſer Begebenheit er⸗ wachte, ſchien es mir, als hätte mir von dieſem allem nur geträumt. Aber Faldner, der bald herbeikam und mich nach ſeiner zarten Manier zu ſchrauben anfing, riß mich aus meinem Zweifel. Die Sache ſchien mir, ſo recht deutlich am Morgenlicht betrachtet, doch allzu fabelhaft, als daß ich ſie dem ungläubigen Freund hätte erzählen mögen. Man iſt in neuerer Zeit zu jenem Grad der Sittenverfeinerung gekommen, die ſchon ins Gebiet der Unſittlichkeit hinüberſtreift; man will in manchen Fällen lieber wild, etwas liederlich und ſchlecht erſchei⸗ nen, man gibt lieber eine Zweideutigkeit zu, nur um nicht als ein Thor, als ein Sonderling, als ein Menſch von ſchwachem Verſtand und beſchränkten Lebensan⸗ ſichten zu gelten. „Im Innern kränkte mich aber noch mehr, als Faldner's Schraubereien, eine Unruhe, ein Etwas, was ich nicht zu deuten wußte. Ich machte mir Vor⸗ würfe, daß ich nicht einmal ihr Geſicht geſehen hatte. W. Hauffs Werke, II. 7 98 3 Wozu, ſagte ich mir, wozu dieſe übertriebene Dis⸗ cretion? Wenn ich ein Paar Napoleons hingebe, ſo kann ich doch um die Gunſt bitten, den Schleier etwas zu lüften? Und doch, wenn ich mir das ganze Betra⸗ gen des Mädchens, das, ſo einfach es war, doch von Gemeinheit auch nicht im geringſten etwas an ſich hatte, zurückrief, wenn ich bedachte, wie mich ihre edle Haltung, der gebildete Ton ihrer Antworten anzog, ſo mußte ich mich, halb zu meinem Aerger, rechtfertigen. Es liegt etwas in der menſchlichen Stimme, das uns, ehe wir Züge und Auge, ehe wir den Stand der Spre⸗ chenden kennen, den Ton angibt, in welchem wir mit ihm ſprechen müſſen. Wie unendlich, nicht ſowohl in der Form als im Klang der Sprache, unterſcheidet ſich der Gebildete vom Ungebildeten, und des Mädchens Töne waren ſo weich und zart, ihre kurzen Antworten pft ſo aus der tiefſten Seele geſprochen. Den ganzen Tag konnte ich dieſe Gedanken nicht los werden, ſogar Abends, in eine glänzende Geſellſchaft von Damen be⸗ gleitete mich das arme Mädchen mit dem ſchwarzen Hütchen, dem grünen Schleier und dem unſcheinbaren Mantel. „In den nächſten Tagen ärgerte ich mich über meine Thorheit, welche ſchuld war, daß ich das Mädchen erſt nach acht Tagen wieder ſehen konnte; ich zählte die Stunden ab bis zum nächſten Freitag, und es war, als hätte jene Hauptſtadt der Welt, wie, ſie ihre Bewohner nennen, nichts Reizendes mehr in ſich, als die Bettlerin vom Pont des Arts. Endlich, endlich erſchien der Frei⸗ tag. Ich brauchte alle mögliche Liſt, um mich auf dieſen 99 Abend von Faldner und den übrigen Freunden los zu machen, und trat, als es dunkel wurde, meinen Weg an. Ich hatte über eine Stunde zu gehen, und Zeit genug über meinen Gang nachzudenken. Heute, ſagte ich zu mir, heute wirſt du ins Reine kommen, was du von dieſer Perſon zu denken haſt; du wirſt ihr anbieten, mit ihr zu gehen, nimmt ſie es an, ſo haſt du dich ſchon das erſtemal betrogen. Auch das Geſicht muß ſie heute zeigen. „Ich war ſo eilends gegangen, daß es noch nicht einmal zehn Uhr war, als ich auf dem Place del Ecole de Medicine anlangte, und— auf elf Uhr hatte ich ſie jg erſt beſtimmt. Ich trat noch in einen Cafe, durch⸗ blätterte gedankenlos eine Schaar von Zeitungen—; endlich ſchlug es elf Uhr. „Auf dem Platz waren wenige Menſchen, und ſo⸗ weit ich mein Auge anſtrengte, kein grüner Schleier zu ſehen. Ich hielt mich immer auf der Seite der Arzneiſchule, weil dort mehre Laternen brannten. Die Momente ſolchen Erwartens ſind peinlich. Wenn ſie an deinem Gold genug hätte und gar nicht käme? Wenn ſie deine Gutherzigkeit verlachte? dachte ich, als ich den Platz wohl ſchon zehnmal auf und abge⸗ gangen war. Es ſchlug halb zwölf, ſchon fing ich an über meine eigene Thorheit zu murren, da wehte im Schein einer Laterne etwa dreißig Schritte von mir, etwas Grünes; mein Herz pochte ungeſtümer, ich eilte hin— ſie war es. Guten Abend, ſagte ich, indem ich ihr die Hand bot, ſchön, daß Sie doch Wort halten; ſchon glaubte ich, Sie werden nicht mehr kommen. Sie 10⁰ verbeugte ſich, ohne meine Hand zu faſſen; und ging an meiner Seite hin; ſie ſchien ſehr gerührt:„„Mein Herr, mein edler Landsmann,““ ſprach ſie mit beweg⸗ ter Stimme,„nich mußte ja Wort halten, um Ihnen zu danken. Ich komme heute gewiß nicht, um Ihre Güte aufs Neue in Anſpruch zu nehmen. Ach, wie reich, wie freigebig haben Sie uns beſchenkt! Kann Sie der innige Dank einer Tochter, können die Gebete und Segenswünſche meiner kranken Mutter Sie ent⸗ ſchädigen?““ „Sprechen wir nicht davon, erwiderte ich. Wie geht es Ihrer Mutter?„„Ich glaube wieder Hoffnung ſchöpfen zu dürfen,““ antwortete ſie,„„der Arzt ſpricht zwar nichts Beſtimmtes aus, aber ſie ſelbſt fühlt ſich kräftiger. Oh, wie danke ich Ihnen! Von Ihrem Ge⸗ ſchenke konnte ich ihr wieder kräftige Speiſen bereiten, und glauben Sie mir, der Gedanke, daß es noch ſo gute Menſchen gibt, hat ſie beinahe ebenſo ſehr geſtärkt.““ „Was ſagte Ihre Mutter, als Sie zu Hauſe ka⸗ men?„„Sie war ſehr in Sorgen um mich, weil es ſchon ſo ſpät war,““ erwiderte ſie,„„ach, ſie hatte ſo ungern mir die Erlaubniß zu dieſem Gange gegeben, und malte ſich jetzt irgend ein Unglück vor, das mir be⸗ gegnet ſei. Ich erzählte ihr Alles, aber als ich mein Tuch öffnete, und die Gaben, die ich geſammelt hatte, hervorzog und Gold dabei war, Gold unter den Kupfer⸗ und Silberſtücken, da erſtaunte ſie, und—“ u ſie ſtockte und ſchien nicht weiter reden zu können; ich dachte mir, die Mutter habe ſie arger Dinge beſchul⸗ digt, und forſchte weiter, aber mit rührender Offenheit 101 geſtand ſie: die Mutter habe geſagt, der großmüthige Landsmann müſſe entweder ein tEngel oder ein Prinz geweſen ſein. „Weder das Eine noch das Andere, ſagte ich ihr. Aber wie weit haben Sie ausgereicht? Haben Sie noch Geld? „„O wir haben noch,““ erwiderte ſie muthig, wie es ſcheinen ſollte: aber mir entging nicht, daß ſie viel⸗ leicht unwillkürlich dabei ſeufzte. „Und was haben Sie noch? ſagte ich etwas be⸗ ſtimmter und dringender. „„Wir haben eine Rechnung in der Apotheke davon bezahlt und einen Monat am Hauszins, und der Mutter habe ich davon gekocht, es iſt aber immer noch übrig geblieben.““ „Wie ärmlich mußten ſie wohnen, wenn ſie von dieſem Gelde eine Apothekerrechnung, einen Monat Hauszins bezahlen, und acht Tage lang kochen konnten! „Ich will aber genau wiſſen, fuhr ich fort, was und wie viel Sie noch haben. „„Mein Herr!““ ſagte ſie, indem ſie beleidigt einen Schritt zurücktrat. „Mein gutes Kind, das verſtehen Sie nicht, erwi⸗ derte ich, indem ich ihr näher trat; oder Sie wollen es ſich aus übertriebenem Zartgefühl nicht geſtehen; ich frage Sie ernſtlich, wenn Sie mit den paar Franken zu Rande ſind, haben Sie Hülfe zu erwarten?— „„Nein,““ ſagte ſie ſchüchtern und weich;„keine!““ „Denken Sie an Ihre Mutter und verſchmähen Sie meine Hülfe nicht! Ich hatte ihr bei dieſen Worten 102 meine Hand geboten; ſie ergriff ſie haſtig, drückte ſie an ihr Herz und pries meine Güte. „Nun wohlan, ſo kommen Sie, fuhr ich fort, in⸗ dem ich ihren Arm in den meinigen legte; ich kam leider nicht gerade von Hauſe, als ich mich hieher be⸗ gab, und hatte mich nicht verſehen; Sie werden daher die Güte haben, mich einige Straßen zu begleiten bis in meine Wohnung, daß ich Ihnen für Ihre Mutter etwas mitgebe. Sie ließ ſich ſchweigend weiter führen, und ſo angenehm mir der Gedanke war, ſie noch ferner unterſtützen zu können, ſo war doch mein Gefühl bei⸗ nahe beleidigt, als ſie ſo ganz ohne Sträuben mitging; Nachts in die Wohnung eines Mannes; aber wie ganz anders kam es, als ich dachte. Wir mochten wohl etwa zwei⸗ oder dreihundert Schritte fortgegangen ſein, da ſtand ſie ſtille und entzog mir ihren Arm.„„Nein, es kann, es darf nicht ſein,““ rief ſie in Thränen ausbre⸗ chend. Was betrübt Sie auf einmal? fragte ich verwun⸗ dert, was darf nicht ſein? „„Nein, ich gehe nicht mit, ich darf nicht mit Ihnen gehen.““ 1 „Aber mein Gott, erwiderte ich, indem ich mich etwas aufgebracht ſtellte; Sie haben doch wahrhaftig ſehr wenig Vertrauen zumir; wenn nicht Ihre Mutter wäre, gewiß, ich ginge jetzt von Ihnen, denn Sie kränken mich. „Sie nahm meine Hand, ſie drückte ſie bewegt. „„Habe ich Sie denn beleidigt?““ rief ſie.„„O Gott weiß, das wollte ich nicht; verzeihen Sie einem armen unerfahrenen Mädchen; Sie ſind ſo großmüthig, und ich ſollte Sie beleidigen?““ 10³ 3 „Nun denn, ſo komm, ſagte ich, indem ich ſie iwei⸗ ter zog, es iſt keine Zeit zu verlieren, es iſt ſpät und der Weg iſt weit. Aber ſie blieb ſtehen, weinte und flüſterte:„„Nein, um keinen Preis gehe ich weiter.“* „Aber vor wem fürchten Sie ſich denn? Es kennt Sie ja kein Menſch, es ſieht Sie ja keine Seele; Sie können getroſt mit mir kommen. „„Ich bitte Sie um Gottes Willen, laſſen Sie mich! Nein, nein, es darf nicht ſein, dringen Sie nicht weiter in mich.““ Sie zitterte; ich fühlte wohl, wenn ich ihr die Noth der Mutter noch einmal recht dringend vor⸗ ſtellte, ſo ging ſie mit, aber die Angſt des Mädchens rührte mich tief. „Gut, ſo bleiben Sie hier, ſprach ich. Aber ſagen Sie mir, können Sie vielleicht arbeiten? „„O ja, mein Herr,““ erwiderte ſie, ihre Thränen trocknend. „Könnten Sie vielleicht meine feinere Wäſche be⸗ ſorgen? „„Nein,““ antwortete ſie ſehr beſtimmt.„„Dazu ſind wir nicht eingerichtet.“" „Hier iſt ein weißes Tuch, fuhr ich fort. Können Sie mir vielleicht ein halb Dutzend beſorgen und fertig machen? „Sie beſah das Tuch und ſagte:„„J Nit Vergnügen, und recht fein will ich es nähen!““ Zu meiner eigenen Beſchämung mußte ich jetzt dennoch Geld hervorziehen. obgleich ich es vorhin verläugnet hatte. 1 „Kaufen Sie ſechs ſolcher Tücher, fuhr ich fort, und können Sie wohl drei davon bis Sonntag Abend 104 fertig machen?“ Sie verſprach es; ich gab ihr noch ſetwas für die Mutter, und ſagte ihr, daß ich heute dar⸗ auf nicht eingerichtet ſei, aber Sonntag mehr thun könne. Sie dankte innig; es ſchien ſie zu freuen, daß ich ihr Arbeit gegeben, denn noch einmal plauderte ſie davon, wie ſchön ſie die Tücher machen wolle, ja wenn ich nicht irre, ſo fragte ſie mich ſogar, ob ſie nicht einen engliſchen Saum einnähen dürfe? Ich ſagte ihr alles zu, aber als ſie nun Abſchied nehmen wollte, hielt ich ſie noch feſt. Eines müſſen Sie mir übrigens noch zu gefallen thun, ſprach ich, Sie können es gewiß und leicht.“ „„Und was?“a fragte ſie.„„Wie gerne will ich Alles für Sie thun.““ 4 „Laſſen Sie mich dieſen neidiſchen Schleier aufheben, und Ihr Geſicht ſehen, daß ich doch eine Erinnerung an dieſen Abend habe. „Sie wich mir aus und hielt ihren Schleier feſter. „„Bitte, laſſen Sie das,““ erwiderte ſie, und ſchien ein wenig mit ſich ſelbſt zu kämpfen;„„Sie haben ja die ſchöne Erinnerung an Ihre Wohlthaten; die Mut⸗ ter hat mir ſtreng verboten, den Schleier zu lüften, und ich verſichere Sie,““ ſetzte ſie hinzu,„„ich bin häßlich wie die Nacht, Sie würden nur erſchrecken!““ „Aber dieſer Widerſtand reizte mich nur noch mehr; ein wirklich häßliches Mädchen, dachte ich, ſpricht nicht ſo von ihrer Häßlichkeit, ich wollte den Schleier faſſen, aber wie ein Aal war ſie entwiſcht;„„Dimanche à révoir!““ rief ſie, und eilte davon. Erſtaunt blickte ich ihr nach, etwa fünfzig Schritte von mir blieb ſie 10⁵ ſtehen, winkte mir mit meinem weißen Tuch, und rief mit ihrer ſilberhellen Stimme:„„Gute Nacht!““ 25. „In den nächſten Tagen beſchäftigte mich der Ge⸗ danke, welchem Stand das Mädchen wohl angehören könnte. Je lebhafter ich mir ihre gebildete Sprache, ihren zarten Sinn zurückrief, deſto höher ſteigerte ich ſie in meinen Gedanken.⸗Darüber wenigſtens mußte ſie mir Gewißheit geben, nahm ich mir vor, und beſchloß, mich nicht wieder ſo abſpeiſen zu laſſen, wie mit dem Schleier. Der Sonntag kam; Du wirſt Dich noch jenes Nachmittags erinnern, Faldner, wo wir mit den Feun⸗ den in Montmorency im Garten des großen Dichters ſaßen. Ihr wolltet ſpät in der Nacht zu Hauſe fahren und ich trieb immer zu einer frühen Rückfahrt, und als Ihr dennoch bliebet, da machte ich mich trotz Eures Scheltens davon. Freilich glaubteſt Du damals nicht, was ich vorgab, ich könnte die Nachtluft nicht vertragen, aber daß ich zu einem Rendez-vous mit der Bettlerin vom Pont des Arts eilte, konnteſt du auch nicht denken? Sie war diesmal die erſte auf dem Platz, und weil ſie mir die Tücher zu bringen hatte, war ſie ſchon bange geworden, ich könnte ſie verfehlt haben, und glauben, ſie werde nicht Wort halten. Mit beinahe kindiſcher Freude, und wie es mir ſchien, noch größerem Zutrauen als früher, plauderte ſie, indem ſie mir beim Schein einer Straßenlaterne die Tücher zeigte. „Sie ſchien es gerne zu hören, daß ich ihre feine . 106 Arbeit lobte.„„Sehen Sie, auch Ihren Namen habe ich hinein gezeichnet,““ ſagte ſie, indem ſie das zierliche E. v. F. in der Ecke vorwies. Dann wollte ſie mir eine Menge Silbergeld als Ueberſchuß zurückgeben, und nur meine beſtimmte Erklärung, daß ſie mich dadurch belei⸗ dige, konnte ſie bewegen, es als Arbeitslohn anzunehmen. „Ich beſtellte aufs Neue wieder Arbeit: weil ich ſah, daß dem zarten Sinn des Mädchens ein ſolcher Weg meiner Gaben mehr zuſagte, und diesmal waren es Jabots und Manchetten, die ich beſtellte. Ihre Mutter war nicht kränker geworden, konnte aber das Bett noch nicht verlaſſen; doch ſchon dieſer Mittelzuſtand erſchien ihr tröſtlich. Als die Mutter abgehandelt war, wagte ich es, ſie geradehin zu fragen, wie denn eigentlich ihre Verhältniſſe ſeien. „Die Geſchichte, die ſie mir in wenigen Worten preis⸗ gab, iſt in Frankreich ſo ahttäglich, daß ſie beinahe jedem Armen zum Aushängeſchild dienen muß. Ihr Vater war Offizier in der großen Armee geweſen, war nach der erſten Reſtauration der Bourbons auf halben Sold geſetzt worden, hatte nachher während der hundert Tage wieder Partei ergriffen und war bei Mont St. Jean mit den Garden gefallen; ſeine Wittwe verlor die Penſion und lebte von da an ärmlich und elend. In den zwei letzten Jahren friſteten ſie ihr Leben meiſt vom Verkauf ihrer geringen Habe, und waren jetzt eben an jenen äußerſten Grad des Elends gekommen, wo dem Armen nichts übrig bleibt, als aus der Welt zu gehen. „Ich fragte das Mädchen, ob ſie nicht ihr Verhält⸗ 4 niß hätte beſſern koͤnnen, wenn ſie etwa ihre Mutter auf andere Weiſe zu unterſtützen geſucht hätte. „„Sie meinen, wenn ich einen Dienſt genommen hätte?““ erwiderte ſie ohne alle Empfindlichkeit.„„Se⸗ hen Sie, das war nicht möglich. Vor der Krankheit der Mutter war ich viel zu jung, kaum vierzehn Jahre vorüber, und dann wurde ſie auf einmal ſo elend, daß ſie das Bett nicht verlaſſen konnte; da brauchte ſie alſo immer Jemand um ſich, und konnte ich denn ihre Pflege einer Fremden überlaſſen? Ja, wenn ſie geſund ge⸗ blieben wäre, da hätte ich mit Freuden alle unſere früheren Verhältniſſe verläugnet, wäre etwa in einen Putzladen gegangen, oder als Gouvernante in ein an⸗ ſtändiges Haus, denn ich habe Manches gelernt, mein Herr! Aber ſo ging es ja nicht!“⸗ „Auch diesmal bat ich vergebens, den Schleier zu lüften. Die Andeutungen, die ſie über ihr Alter gege⸗ ben, reizten mich, ich geſtehe es, nur noch mehr, das Geſicht dieſes Mädchens zu ſehen, die wenig über ſech⸗ zehn Jahre haben konnte; aber ſie bat mich ſo dringend, davon abzulaſſen, ihre Mutter habe ihr ſo triftige Gründe angegeben, daß es nimmer geſchehen könne. „Wir trafen uns von da an alle drei Tage. Ich hatte immer einige kleine Arbeiten für ſie, und pünktlich war ſie damit fertig. Je feſter ich in dem Betragen blieb, das ich einmal gegen ſie angenommen, je ſtrenger ich mich immer in den Grenzen des Anſtandes hielt, deſto zutrau⸗ licher und offener wurde das gute Mädchen. Sie geſtand mir, daß ſie die drei Tage über immer an den nächſten Abend denke. Und ging es mir denn anders? Tag und 108 Nacht beſchäftigte ich mich mit dieſem ſonderbaren Weſen, das mir durch ſeinen gebildeten Geiſt, durch ſein liebenswürdiges Zartgefühl, durch ſein eigenthümli⸗ ches Verhältniß zu mir immer intereſſanter wurde. „Der Frühling war indeſſen völlig heraufgekommen und die Zeit war da, die ich mit Faldner ſchon längſt zu einer Reiſe nach England feſtgeſetzt hatte. Mancher hält es vielleicht für thöricht, was ich ausſpreche, aber wahr iſt es, daß ich an dieſe Reiſe nur mit Widerwillen dachte; Paris an ſich hatte nichts Intereſſantes mehr für mich; aber jenes Mädchen hatte alle meine Sinne ſo gefangen genommen, daß ich einer längeren Tren⸗ nung nur mit Wehmuth entgegen ſah. Ausweichen konnte ich nicht, ohne mich lächerlich zu machen, denn es war ſonſt kein bündiger Grund vorhanden, die Reiſe aufzuſchieben; ich ſchämte mich ſogar vor mir ſelbſt, und ſtellte mir die ganze Thorheit meines Treibens vor; ich beſchloß die Abreiſe, aber gewiß hat ſich wohl keiner je ſo wenig auf England gefreut, als ich.“ 26. „Acht Tage zuvor ſagte ich es dem Mädchen, ſie erſchrak, ſie weinte. Ich bat ſie, ihre Mutter zu fragen, ob ich ſie nicht beſuchen dürfe, ſie ſagte es zu. Das nächſtemal aber brachte ſie mir ſehr betrübt die Ant⸗ wort, daß mich ihre Mutter bitten laſſe, dieſen Beſuch aufzugeben, der für ihren Gemüthszuſtand allzu angrei⸗ fend ſein würde. Ich hatte jenen Beſuch eigentlich nur darum nachgeſucht, um mein Mädchen bei Tag und ohne Schleier zu ſehen; ich verlangte dies alſo aufs Neue wieder; aber ſie bat mich, am Abend vor meiner Abreiſe noch einmal zu kommen, ſie wolle ihre Mutter ſo lange beſtürmen, bis ſie die Erlaubniß erhalte, den Schleier aufzuheben. Unvergeßlich wird mir immer dieſer Abend ſein. Sie kam und meine erſte Frage war, ob die Mutter es erlaubt habe; ſie ſagte ja, und hob von ſelbſt den Schleier auf. Der Mond ſchien helle, und zitternd, begierig blickte ich unter den Hut. Aber die Erlaubniß ſchien nur theilweiſe gegeben zu ſein, denn meine Schöne trug ſogenannte Venezianeraugen, die den obern Theil ihres Geſichtes verhüllten. Doch wie ſchön, wie reizend waren die Partien, welche frei waren! Eine feine, zierliche Naſe, ſchöngeformte, blühende Wangen, ein kleiner, lieblicher Mund, ein Kinn, wie aus Wachs geformt, und ein ſchlanker, blendendweißer Hals. Ueber die Augen konnte ich nicht recht ins Reine kommen, aber ſie ſchienen mir dunkel und feurig. „Sie erröthete, als ich ſie lange, entzückt betrach⸗ tete.„„Werden Sie mir nicht böſe,““ flüſterte ſie, „„daß ich dieſe Halbmaske vornahm; die Mutter wollte es von Anfang ganz abſchlagen, nachher geſtattete ſie es nur unter dieſer Bedingung; ich war ſelbſt recht ärgerlich darüber, aber ſie ſagte mir einige Gründe, die mir einleuchteten.““ „Und was ſind dieſe Gründe? fragte ich. „„Ach mein Herr!““ erwiderte ſie wehmüthig. „„Sie werden ewig in unſerem Herzen leben, aber Sie ſollen uns ganz vergeſſen; Sie ſollen mich nie, nie wiederſehen, oder wenn Sie mich auch ſehen, nicht er⸗ kennen.“¹ 110 „Und meinen Sie denn, ich werde Ihre ſchönen Züge nicht wieder erkennen, wenn ich auch Ihre Augen, Ihre Stirne nicht ſehen darf? „„Die Mutter meint,““ antwortete ſie,„„das ſei nicht wohl möglich; denn wenn man ein Geſicht nur zur Hälfte geſehen, ſei das Wiederkennen ſchwer.““ „Und warum ſoll ich Dich denn nicht wieder ſehen, nicht wieder erkennen? „Sie weinte bei dieſer Frage, ſie drückte meine Hand und ſagte:„„Es darf ja nicht ſein! Was kann Ihnen denn daran liegen, ein unglückliches Mädchen wieder zu erkennen; und— nein, die Mutter hat Recht; es iſt beſſer ſo.““. „Ich ſagte ihr, daß meine Reiſe nicht lange dauern werde; daß ich vielleicht ſchon nach zwei Monaten wie⸗ der in Paris ſein könne, daß ich ſie wieder zu ſehen hoffe. Sie weinte heftiger und verneinte es. Ich drang in ſie, mir zu ſagen, warum ſie glaube, ich werde ſie nicht mehr ſehen. „„Mir ahnt,““ erwiderte ſie,„„ich ſehe Sie heute zum letztenmal; ich glaube, meine Mutter wird nicht lange mehr leben, der Arzt ſagte es mir geſtern, und dann iſt ja alles vorbei! Und wenn ſie auch länger lebt, in London werden Sie ein ſo armes Geſchöpf, wie ich bin, lange vergeſſen.”““ „Ihr Schmerz machte mich unendlich weich; ich ſprach ihr Muth ein; ich gelobte ihr, ſie gewiß nicht zu vergeſſen; ich nahm ihr das Verſprechen ab, immer den erſten und fünfzehnten eines jeden Monats auf dieſen Platz zu kommen, damit ich ſie wieder finden könnte; 111 ſie ſagte es unter Thränen lächelnd zu, als ob ſie wenig Hoffnung hätte. Nun, ſo lebe wohl, auf Wiederſehen, ſagte ich, indem ich ſie in meine Arme ſchloß und einen kleinen, einfachen Ring an ihre Hand ſteckte, lebe wohl und denke an mich und vergiß nicht den erſten und fünfzehnten!“ „„Wie könnte ich Sie vergeſſen!““ rief ſie, indem ſie weinend zu mir aufblickte.„„Aber ich werde Sie nimmer wieder ſehen; Sie nehmen Abſchied auf immer.““ 3 „Ich konnte mich nicht enthalten, ihren ſchönen Mund zu küſſen; ſie erröthete, ließ es aber geduldig geſchehen; ich ſteckte ihr einen Treſorſchein in die kleine Hand, ſie ſah mich noch einmal recht aufmerkſam an und drückte ſich heftiger an mich. Auf Wiederſehen! ſprach ich, indem ſie ſich ſanft aus meinen Armen wand. Der letzte Moment des Abſchieds ſchien ihr Muth zu geben: ſie zog mich noch einmal an ihr Herz, ich fühlte einen heißen Kuß auf meinen Lippen.„„Auf immer! Lebe wohl auf immer!““ rief ſie ſchmerzlich, riß ſich los und eilte über den Platz hin. „Ich habe ſie nicht wieder geſehen! Nach einem Aufenthalt von drei Monaten kehrte ich von London nach Paris zurück; ich ging am fünfzehnten auf den Place de l'Ecole de Medieine, ich wartete über eine Stunde, mein Mädchen erſchien nicht. Nochoft am erſten und fünfzehnten wiederholte ich dieſe Gänge; wie oft ging ich durch die Straße St. Severin, blickte an den Häuſern hinauf, fragte auch wohl nach einer armen deutſchen Frau und ihrer Tochter, aber ich habe nie 1412 wieder etwas von ihnen erfahren, und das reizende Weſen hatte Recht, als ſie mir beim Abſchied zurief: Auf immer!“ 27. Der junge Mann hatte ſeine Erzählung mit einem Feuer vorgetragen, das ihr große Wahrheit verlieh und wenigſtens auf den weiblichen Theil der Geſellſchaft tiefen Eindruck zu machen ſchien. Joſephine weinte heftig und auch die andern Fräulein und Frauen wiſch⸗ ten ſich hin und wieder die Augen. Die Männer waren ernſter geworden und ſchienen mit großem Intereſſe zuzuhören, nur der Baron lächelte hin und wieder ſelt⸗ ſam, ſtieß bei dieſer oder jener Stelle ſeinen Nachbar an und flüſterte ihm ſeine Bemerkungen zu. Jetzt, als Fröben geſchloſſen hatte, brach er in lautes Gelächter aus:„Das heiße ich mir ſich gut aus der Affaire ziehen,“ rief er,„Ich hab es ja immer geſagt, mein Freund iſt ein Schlaukopf. Seht nur, wie er die Damen zu rühren wußte, der Schelm! Wahrhaftig, meine Frau heult, als habe ihr der Pfarrer die Abſolution verſagt. Das iſt köſtlich, auf Ehre! Dichtung und Wahrheit! Ja das haſt Du Deinem Goethe abgelauſcht, Dichtung und Wahrheit! es iſt ein herrlicher Spaß.“ Fröben fühlte ſich durch dieſe Worte aufs Neue ver⸗ letzt.„Ich ſagte Dir ſchon,“ erwiderte erunmuthig,„daß ich die Dichtung oder Erdichtung gänzlich bei Seite ließ und nur die Wahrheit ſagte; ich hoffe, Du wirſt es als ſolche anſehen.“ „Gott ſoll mich bewahren;“ lachte der Baron. 113 „Wahrheit, das Mädchen haſt Du Dir unterhalten, Beſter, das iſt die ganze Geſchichte, und aus Deinen Abendbeſuchen bei ihr haſt Du uns einen kleinen Ro⸗ man gemacht. Aber gut erzählt, gut erzählt, das laſſe ich gelten.“.. Der junge Mann erröthete vor Zorn; er ſah, wie Joſephe ihren Gatten ſtarr und ängſtlich anſah; er glaubte zu ſehen, daß auch ſie vielleicht ſeinen Arg⸗ wohn theile und ſchlecht von ihm denke; die Achtung dieſer Frau wenigſtens wollte er ſich durch dieſe gemei⸗ nen Scherze nicht nehmen laſſen.„Ich bitte, ſchweigen wir davon,“ rief er,„ich habe nie in meinem Leben Urſache gehabt, irgend etwas zu bemänteln oder zu entſtellen, kann es aber auch nicht dulden, wenn mir andere dieſes Geſchäft abnehmen wollen. Ich ſage Dir zum letztenmal, Faldner, daß ſich, auf mein Wort, Alles ſo verhält, wie ich es erzählte.“ „Nun, dann ſei es Gott geklagt,“ erwiderte Jener, indem er die Hände zuſammenſchlug.„Dann haſt Du aus lauter übertriebenem Edelſinn und theoretiſcher Zartheit ein paar hundert Franken an ein liſtiges Freudenmädchen weggeworfen, das Dich durch ein ge⸗ wöhnliches Hiſtörchen von Elend und kranker Mutter köderte; haſt nichts davon gehabt, als einen armſeligen Kuß! Armer Teufel! In Paris ſich von einer Metze ſo zum Narren halten zu laſſen.“ Noch mehr als die vorige Beſchuldigung reizte den jungen Mann dieſes ſpöttiſche Mitleid und das Geläch⸗ ter der Geſellſchaft auf, die auf ſeine Koſten den ſchlech⸗ ten Witz des Barons applaudirte. Er wollte eben, aufs W. Hauffs Werke. II. 4 8 114 Tiefſte gekränkt, die Geſellſchaft verlaſſen, als ein ſon⸗ derbarer, ſchrecklicher Aublick ihn zurückhielt. Joſephe war, bleich wie eine Leiche, langſam aufgeſtanden; ſie ſchien ihrem Gatten etwas erwidern zu wollen, aber in demſelben Moment ſank ſie ohnmächtig, wie todt zu⸗ ſammen. Beſtürzt ſprang man auf, alles rannte durch⸗ einander, die Frauen richteten die Ohnmächtige auf, die Männer fragten ſich verwirrt, wie dies denn ſo plötzlich gekommen ſei; Fröben hatte der Schrecken bei⸗ nahe ſelbſt ohnmächtig gemacht, und der Baron mur⸗ melte Flüche über die zarten Nerven der Weiber, ſchalt auf die grenzenloſe Decenz, auf die ängſtliche Beobach⸗ tung des Anſtandes, wovon man ohnmächtig werde, ſuchte bald die Geſellſchaft zu beruhigen, bald rannte er wieder zu ſeiner Frau; Alles ſprach, rieth, ſchrie zu⸗ ſammen und keiner hörte, keiner verſtand den Andern. Joſephe kam nach einigen Minuten wieder zu ſich; ſie verlangte nach ihrem Zimmer, man brachte ſie dahin, und die Mädchen und Frauen drängten ſich neugierig und geſchäftig nach; ſie gaben hunderterlei Mittel an, die wider die Ohnmacht zu gebrauchen; ſie erzählten, wie ihnen da und dort daſſelbe begegnet; ſie wurden darüber einig, daß die große Anſtrengung der Frau von⸗ Faldner, die vielen Sorgen und Geſchäfte an dieſem Tage dieſen Zufall nothwendig habe herbeiführen müſ⸗ ſen, und die Sorge, der Baron mochte ſich vielleicht blamiren, da er ohnedies ſchon recht unanſtändig ge⸗ weſen, habe die Sache noch beſchleunigt. Der Baron ſuchte indeſſen unter den Männern die vorige Ordnung wieder herzuſtellen. Er ließ fleißig ein⸗ 115 ſchenken, trank Dieſem oder Jenem tapfer zu, und ſuchte ſich und ſeine Gäſte mit allerlei Troſtgründen zu beruhigen.„Es kommt von nichts,“ rief er,„als von dem Unweſen der neuern Zeit; jede Frau von Stande hat heutzutage ſchwache Nerven, und wenn ſie die nicht hat, ſo gilt ſie nicht für vornehm; Ohnmächtigwerden gehört zum guten Ton; der Teufel hat dieſe verrückten Einrichtungen erfunden. Und auch daher kömmt es, daß man nichts mehr beim rechten Namen nennen darf. Alles ſoll ſo überaus zart, decent, fein, manierlich hergehen, daß man darüber aus der Haut fahren möchte. Da hat ſie ſich jetzt alterirt, daß ich einigen Scherz riskirte, was doch die Würze der Geſellſchaft iſt; daß ich über dergleichen zarte, feingefühlige Ge⸗ ſchichten nicht außer mir kam vor Rührung und Schmerz und mir einige praktiſche Conjekturen erlaubte. Wäs da! Unter Freunden muß dergleichen erlaubt ſein! Und ich hätte Dich für geſcheiter gehalten, Freund Fröben, als daß Du nur dergleichen übel nehmen könnteſt.“ Aber der, an den der Baron den letztern Theil ſei⸗ ner Rede richtete, war längſt nicht mehr unter den Gäſten; Fröben war auf ſein Zimmer gegangen im Un⸗ muth, im Groll auf ſich und die Welt. Noch konnte er ſich dieſen ſonderbaren Auftritt nicht ganz enträthſeln. Seine Seele, halb noch aufgeregt von dem Zorn über die Rohheit des Freundes, halb ergriffen von dem Schrecken über den Unfall der Freundin, war noch zu voll, zu ſtürmiſch bewegt, um ruhigeren Gedanken und der überlegung Raum zu geben.„Wird auch ſie mir nicht glauben,“ ſprach er kummervoll zu ſich,„wird auch ſie 116 den ſchnöden Worten ihres Gatten mehr Gewicht geben, als der einfachen ungeſchmückten Wahrheit, die ich er⸗ zählte? Was bedeuteten jene ſeltſamen Blicke, womit ſie mich während meiner Erzählung zuweilen anſah? Wie konnte ſie dieſe Begebenheit ſo tief ergreifen, daß ſie erbleichte, zitterte? Sollte es denn wirklich wahr ſein, daß ſie mir gut iſt, daß ſie innigen Antheil an mir nimmt, daß ſie verletzt wurde von dem Hohne des Freundes, der mich ſo tief in ihren Augen herabſetzen mußte? Und was wollte ſie denn, als ſie aufſtand, als ſie ſprechen wollte? Wollte ſie den unſchicklichen Reden Faldners Einhalt thun oder zori mich ſogar vertheidigen?“ Er war unter dieſen Worten heftig im Zimmer auf⸗ und abgegangen, ſein Blick fiel jetzt auf die Rolle, die jenes Bild enthielt, er rollte es auf, er ſah es bitter lächelnd an.„Und wie konnte ich mich auch von einem Gefühl der Beſchämung hinreißen laſſen, mein Herz Menſchen aufſchließen, die es doch nicht verſtehen, von Dingen zu reden, die ſolch überaus vornehmen Leuten ſo fremd ſind; das Schlechte, das Gemeine iſt ihnen ja lieber, ſcheint ihnen natürlicher als das Außerordentliche; wie konnte ich von deinen lieben Wangen, von deinen ſüßen Lippen zu dieſen Puppen ſprechen 2 O du armes, armes Kind, wie viel edler biſt du in deinem Elend als dieſe Fuchsjäger und ihr Gelichter, die wahren Jammer und verſchämte Armuth nur vom Hörenſagen kennen und jede Tugend, die ſich über das Gemeine erhebt, als Mährchen verlachen! Wo du jetzt auch ſein magſt? Und ob du des Freundes noch gedenkſt und jener Abende, die ihn ſo glücklich machten!“ 117 Seine Augen gingen über, als er das Bild betrach⸗ tete, als er bedachte, welch bitteres Unrecht die Men⸗ ſchen heute dieſem armen Weſen angethan. Er wollte ſeine Thränen unterdrücken, aber ſie ſtrömten nur noch heftiger. Es gab eine Stelle in der Bruſt des jungen Mannes, wohin, wie in ein tiefes Grab, ſich alle Weh⸗ muth, alle zurückgedrängten Thränen des Grames ſtill und auf lange verſammelten; aber Momente, wie die⸗ ſer, wo die Schmerzen der Erinnerung und ſeine Hoff⸗ nungsloſigkeit ſo ſchwer über ihn kamen, ſprengten die Decke dieſes Grabes und ließen den lang verhaltenen Kummer um ſo mächtiger überſtrömen, je mehr ſein ge⸗. brochener Muth in Wehmuth überging. 2 28. Fröben überdachte am andern Morgen die Vorfälle des geſtrigen Tages, und war mit ſich uneinig, ob er nicht lieber jetzt gleich ein Haus verlaſſen ſollte, wo ihn ein längerer Aufenthalt vielleicht noch öfter ſolchen Un⸗ annehmlichkeiten ausſetzte, als die Thür aufging und der Baron niedergeſchlagen und beſchämt hereintrat. „Du biſt geſtern Abend nicht zu Tiſch gekommen, Du haſt Dich heute noch nicht ſehen laſſen,“ hub er an, in⸗ dem er näher kam,„Du zürnſt mir; aber ſei vernünf⸗ tig und vergib mir; ſiehe, es ging mir wunderlich, ich hatte den Tag über zu viel Wein getrunken, war erhitzt und Du kennſt meine ſchwache Seite, da kann ich das Necken nicht laſſen. Ich bin geſtraft genug, daß der ſchöne Tag ſo elend endete, und daß mein Haus jetzt vier Wochen lang das Geſpräch der Umgegend ſein wird. 118 Verbittere mir nicht vollends das Leben und ſei mir wie⸗ der freundlich wie zuvor!“ „Laſſe lieber die ganze Geſchichte ruhen,“ entgegnete Fröben finſter, indem er ihm die Hand bot; nich liebe es nicht, über dergleichen mich noch weiter auszuſprechen; aber morgen will ich fort, weiter; hier bleibe ich nicht länger.“ „Sei doch kein Narr!“ rief Faldner, der dies nicht erwartet hatte und ernſtlich erſchrak.„Wegen einer ſolchen Seene gleich aufbrechen zu wollen! Ich ſagte es ja immer, daß Du ein ſolcher Hitzkopf biſt. Nein, daraus wird nichts; und haſt Du mir nicht verſprochen, zu warten, bis Briefe da ſind vom Don in W**? Nein, Du darfſt mir nicht ſchon wieder weggehen; und wegen der Geſellſchaft haſt Du Dich nicht zu ſchämen, ſie Alle, beſonders die Frauen, ſchalten mich tüchtig aus, ſie gaben Dir völlig Recht und ſagten, ich ſei an Allem ſchuld.“. 1 „Wie geht es Deiner Frau?“ fragte Fröben, um dieſen Erinnerungen auszuweichen. „Ganz hergeſtellt, es war nur ſo ein kleiner Schre⸗ cken, weil ſie fürchtete, wir werden ernſtlich an einander gerathen; ſie wartet mit dem Frühſtück auf Dich; komm jetzt mit herunter und ſei vernünftig und nimm Raiſon an. Ich muß ausreiten; nimm es mir nicht übel, die Mühle kömmt heute in Gang. Du biſt alſo wieder ganz wie zuvor?“ „Nun ja doch!“ ſagte der junge Mann ärgerlich. „Laß doch einmal die ganze Geſchichte ruhen.“ Er folgte mit ſonderbaren Gefühlen, die er ſelbſt nicht recht zu 119 deuten wußte, dem Baron, der vergnügt über die ſchnelle Verſöhnung ſeines Freundes ihm voraneilte, ſeiner Frau ſchnell berichtete, was er ausgerichtet habe, und dann das Schloß verließ, um ſeine Mühle in Gang zu bringen. Hatte ſich denn heute auf einmal alles ſo ganz an⸗ ders geſtaltet, oder war nur er ſelbſt anders geworden; Joſephens Züge, ihr ganzes Weſen ſchien Fröben ver⸗ ändert, als er bei ihr eintrat. Eine ſtille Wehmuth, eine weiche Trauer ſchien über ihr Antlitz ausgegoſſen, und doch war ihr Lächeln ſo hold, ſo traulich, als ſie ihn willkommen hieß⸗ Sie ſchrieb ihr geſtriges übel all⸗ zugroßer Anſtrengung zu und ſchien überhaupt von dem ganzen Vorfalle nicht gerne zu ſprechen. Aber Fröben, dem an der guten Meinung ſeiner Freundin ſo viel lag, konnte es nicht ertragen, daß ſie beinahe gefliſſentlich ſeine Erzählung gar nicht berührte:„Nein,“ rief er, „ich laſſe Sie nicht ſo entſchlüpfen, gnädige Frau! An dem Urtheil der Andern über mich lag mir wenig, was kümmert es mich, ob ſolche Alltagsmenſchen mich nach ihrem gemeinen Maßſtab meſſen! Aber wahrhaftig, es würde mich unendlich ſchmerzen, wenn auch Sie mich falſch beurtheilten, wenn auch Sie Gedanken Naum gä⸗ ben, die mich in Ihren Augen ſo tief herabſetzen müß⸗ ten, wenn auch Sie die Wahrheit jener Erzählung bezweifelten, die ich freilich ſolchen Ohren nie hätte preisgeben ſollen. O ich beſchwöre Sie, ſagen Sie recht aufrichtig, was Sie von von mir und jener Ge⸗ ſchichte denken?“ Sie ſah ihn lange an; ihr ſchönes, großes Ange 120 füllte ſich mit Thränen, ſie drückte ſeine Hand:„O Fröben, was ich davon denke?“ ſagte ſie.„Und wenn die ganze Welt an der Wahrheit zweifeln würde, ich wüßte dennoch gewiß, daß Sie wahr geſprochen! Sie wiſſen ja nicht, wie gut ich Sie kenne!“ Er erröthete freudig und küßte ihre Hand.„Wie gütig ſind Sie, daß Sie mich nicht verkennen. Und gewiß, ich habe alles, alles, genan nach der Wahrheit erzählt.“ „Und dieſes Mädchen,“ fuhr ſie fort,„iſt wohl die⸗ ſelbe, von welcher Sie mir letzthin ſagten? Erinnern Sie ſich nicht, als wir von Vietor und Clotilde ſprachen, daß Sie mir geſtanden, Sie lieben hoffnungslos? Iſt es dieſelbe?“ 1 „Sie iſt es,“ erwiderte er traurig;„nein, Sie wer⸗ den mich wegen dieſer Thorheit nicht auslachen; Sie fühlen zu tief, als daß Sie dies lächerlich finden könn⸗ ten. Ich weiß alles, was man dagegen ſagen kann, ich ſchalt mich ſelbſt oft genug einen Thoren, einen Phan⸗ taſten, der einem Schatten nachjage; ich weiß ja nicht einmal, ob ſie mich liebt—“ „Sie liebt Sie!“ rief Joſephe unwillkürlich aus 1 doch über ihre eigenen Worte erröthend ſetzte ſie hinzu: „Sie muß Sie lieben; glauben Sie denn, ſo viel Edel⸗ muth müſſe nicht tiefen Eindruck auf ein Mädchenherz von ſiebzehn Jahren machen, und in allen ihren Auße⸗ rungen, die Sie uns erzählten, liegt, es müßte mich alles trügen, oder es liegt gewiß ein bedeutender Grad von Liebe darin.“. Der junge Mann ſchien mit Entzücken auf ihre 121 Worte zu lauſchen.„Wie oft rief ich mir dies ſelbſt zu,“ ſprach er,„wenn ich ſo ganz ohne Troſt war und trau⸗ rig in die Vergangenheit blickte; aber wozu denn? Vielleicht nur um mich noch unglücklicher zu machen. Ich habe oft mit mir ſelbſt gekämpft, habe im Gewühl der Menſchen Zerſtreuung, im Drang der Geſchäfte Betäubung geſucht, es wollte mir nie gelingen. Immer ſchwebte mir jenes holde, unglückliche Weſen vor; mein einziger Wunſch war, ſie nur noch einmal zu ſehen. Es iſt noch jetzt mein Wunſch, ich darf es Ihnen geſtehen, denn Sie wiſſen mein Gefühl zu würdigen; auch dieſe Reiſe unternahm ich nur, weil meine Sehnſucht mich hinaus trieb, ſie zu ſuchen, ſie noch einmal zu ſehen. Und wie ich denn ſo recht über dieſen Wunſch nach⸗ denke, ſo finde ich mich ſogar oft auf dem Gedanken, ſie auf immer zu beſitzen!— Sie blicken weg, Joſephe? O ich verſtehe; Sie denken ein Geſchöpf, das ſo tief im Elend war, deſſen Verhältniſſe ſo zweideutig ſind, dürfe ich nie wählen; Sie denken an das Urtheil der Menſchen; an alles dies habe auch ich recht oft gedacht, aber ſo wahr ich lebe, wenn ich ſie ſo wiederfände, wie ich ſie verlaſſen, ich würde Niemand als mein Herz fragen. Würden Sie mich denn ſo ſtrenge beurtheilen, Joſephe?“ Sie antwortete ihm nicht; noch immer abgewandt, ihre Stirne in die Hand geſtützt, bot ſte ihm ein Buch hin und bat ihn vorzuleſen. Er ergriff es zögernd, er ſah ſie fragend an; es war das einzigemal, daß er ſich in ihr Betragen nicht recht zu finden wußte; aber ſie winkte ihm zu leſen und er folgte, wiewohl er gerne noch länger ſein Herz hätte ſprechen laſſen. Er las von 122 Anfang zerſtrent; aber nach und nach zog ihn der Gegenſtand an, entführte ſeine Gedanken mehr und mehr dem vorigen Geſpräch, und riß ihn endlich hin, ſo daß er im Fluß der Rede nicht bemerkte, wie die ſchöne Frau ihm ein Angeſicht voll Wehmuth zuwandte, daß ihre Blicke voll Zärtlichkeit an ihm hingen, daß ihr Auge ſich oft mit Thränen füllen wollte, die ſie nur mühſam wieder unterdrückte. Spät erſt endete er, und Joſephe hatte ſich ſo weit gefaßt, daß ſie mit Ruhe über das Geleſene ſprechen konnte, aber dennoch ſchien es dem jungen Mann, als ob ihre Stimme hie und da zittere, als ob die frühere gütige Vertranlichkeit, die ſie dem Freund ihres Gatten bewieſen, gewichen ſei; er hätte ſich unglücklich gefühlt, wenn nicht jener leuch⸗ tende Strahl eines wärmeren Gefühles, der aus ihrem Auge hervorbrach, ihn an ſeiner Beobachtung irre ge⸗ macht hätte. 29. Da der Baron erſt bis Abend zurückkehren wollte, Joſephe ſich aber nach dieſer Vorleſung in ihre Zimmer zurückgezogen hatte, ſo beſchloß Fröben, um dieſen quälenden Gedanken auf einige Stunden wenigſtens zu, entgehen, die heiße Mittagszeit vor der Tafel zu ver⸗ ſchlafen. In jener Laube, die ihm durch ſo manche f ſchöne Stunde, die er mit der liebenswürdigen Frau hier zugebracht, werth geworden war, legte er ſich auf die Moosbank und entſchlief bald. Seine Sorgen hatte er zurückgelaſſen, ſie folgten ihm nicht durch das Thor der Träume; nur liebliche Erinnerungen verſchmolzen 123 und miſchten ſich zu neuen reizenden Bildern; das Mädchen aus der St. Severinſtraße mit ihrer ſchmelzenden Stimme ſchwebte zu ihm her, und erzählte ihm von ihrer Mutter; er ſchalt ſie, daß ſie ſo lange auf ſich habe warten laſſen, da er doch ja den erſten und fünf⸗ zehnten gekommen ſei; er wollte ſie küſſen zur Strafe, ſie ſträubte ſich, er hob den Schleier auf, er hob das ſchöne Geſichtchen am Kinn empor, und ſiehe— es war Don Pedro, der ſich in des Mädchens Gewänder geſteckt hatte, und Diego, ſein Diener wollte ſich todt lachen üͤber den herrlichen Spaß.— Dann war er wieder mit einem kühnen Sprung der träumenden Phantaſie in Stuttgart, in jener Gemäldeſammlung. Man hatte ſie anders geordnet, er durchſuchte vergebens alle Säle nach dem theuren Bilde; es war nicht zu finden; er weinte, er fing an zu rufen und laut zu klagen; da kam der Galeriediener herbei und bat ihn, ſtille zu ſein, und die Bilder nicht zu wecken, die jetzt alle ſchlafen. Auf einmal ſah er in einer Ecke das Bild hängen, aber nicht als Bruſtbild wie früher, ſondern in Lebensgröße; es ſah ihn neckend, mit ſchelmiſchen Blicken an, es trat lebendig aus dem Rahmen und umarmte den Unglück⸗ lichen; er fühlte einen heißen, langen Kuß auf ſeinen Lippen. Wie es zu geſchehen pflegt, daß man im Traum zu erwachen glaubt, und träumend ſich ſagt, man habe ja nur geträumt, ſo ſchien es auch jetzt dem jungen Mann zu gehen. Er glaubte, von dem langen Kuß er⸗ weckt, die Augen zu öffnen, und ſiehe, auf ihn nieder⸗ gebeugt hatte ſich ein blühendes, roſiges Geſicht, das ihm bekannt ſchien. Vor Luſt des ſüßen Athems, der 424 liebewarmen Küſſe, die er einſog, ſchloß er wieder die Augen; er hörte ein Geräuſch, er ſchlug ſie noch einmal auf und ſah eine Geſtalt in ſchwarzem Mantel, ſchwar⸗ zem Hütchen mit grünem Schleier entſchweben, als ſie eben um eine Ecke biegen wollte, kehrte ſie ihm noch einmal das Geſicht zu; es waren die Züge des geliebten Mädchens, und neidiſch wie damals hatte ſie auch jetzt die Halbmaske vorgenommen.„Ach, es iſt ja doch nur ein Traum!“ ſagte er lächelnd zu ſich, indem er die Augen wieder ſchließen wollte; aber das Gefühl, erwacht zu ſein, das Säuſeln des Windes in den Blättern der Laube, das Plätſchern des Springbrunnens, war zu deutlich, als daß er davon nicht völlig wach und munter geworden wäre. Das ſonderbare, lebhafte Traumbild ſtand noch vor ſeiner Seele; er blickte nach der Ecke, wo ſie verſchwunden war; er ſah die Stelle an, wo ſie geſtanden, ſich über ihn hingebeugt hatte, er glaubte die Küſſe des geliebten Mädchens noch auf den Lippen zu fühlen.„So weit alſo iſt es mit dir gekommen,“ ſprach er erſchreckend zu ſich,„daß du ſogar im Wachen träumſt, daß du ſie bei geſunden Sinnen um dich ſiehſt! Zu welchem Wahnwitz ſoll dies noch führen? Nein, daß man ſo deutlich träumen könne, hätte ich nie geglaubt. Es iſt eine Krankheit des Gehirns, ein Fieber der Phan⸗ taſie, ja, es fehlt nicht viel, ſo moͤchte ich ſogar behaup⸗ ten, Traumbilder können Fußſtapfen hinterlaſſen; denn dieſe Tritte hier im Sande ſind nicht von meinem Fuß.“ Sein Blick fiel auf die Bank, wo er gelegen, er ſah ein zierlich gefaltetes Papier, und nahm es verwundert auf. Es war ohne Aufſchrift, es hatte ganz die Form 125 eines Billet doux; er zauderte einen Augenblick, ob er es öffnen dürfe; aber neugierig, wer ſich hier wohl in ſolcher Form ſchreiben könnte, entfaltete er das Papier — ein Ring fiel ihm entgegen. Er hielt ihn in der Hand und durchflog den Brief, er las:„Oft bin ich Dir nahe, Du mein edler Retter und Wohlthäter; ich umſchwebe Dich mit jener unendlichen Liebe, die meine Dankbarkeit anfachte, die ſelbſt mit meinem Leben nicht verglühen wird. Ich weiß, Dein großmüthiges Herz ſchlägt noch immer für mich, Du haſt Länder durchſtreift, um mich zu ſuchen, zu finden; doch umſonſt bemühſt Du Dich— vergiß ein ſo unglückliches Geſchöpf; was wollteſt Du auch mit mir? Wenn auch mein höchſtes Glück in dem Gedanken liegt, ganz Dir anzugehören, ſo kann es ja doch nimmermehr ſein! Auf immer! ſagte ich Dir ſchon damals, ja, auf immer liebe ich Dich, aber— das Schick⸗ ſal will, daß wir getrennt ſeien auf immer, daß nie an Deiner Seite, vielleicht nur in Deiner gütigen Erinne⸗ rung leben darf die Bettlerin vom Pont des Arts.“ Der junge Mann glaubte noch immer oder aufs Neue, zu träumen; er ſah ſich mißtrauiſch um, ob ſeine Phantaſie ihn denn ſo ganz verführt habe, daß er in einer Traumwelt lebe; aber alle Gegenſtände um ihn her, die wohlbekannte Laube, die Bank, die Bäume, das Schloß in der Ferne, alles ſtand noch wie zuvor, er ſah, er wachte, er träumte nicht. Und dieſe Zeilen waren alſo wirklich vorhanden, waren nicht ein Traumbild ſeiner Phantaſie?„Hat man vielleicht einen Scherz mit mir machen wollen?“ fragte er ſich dann;„ja gewiß; 126 es kömmt wohl alles von Joſephe; vielleicht war auch jene Erſcheinung nur eine Maske?“ Indem er das Pa⸗ pier zuſammenrollte, fühlte er den Ring, der in dem Briefchen verborgen geweſen, in ſeiner Hand. Neugierig zog er ihn hervor, betrachtete ihn und erblaßte. Nein, das wenigſtens war keine Täuſchung, es war derſelbe Ning, den er dem Mädchen in jener Nacht gegeben, als er auf immer von ihr Abſchied nahm. So ſehr er im erſten Augenblick verſucht war, hier an übernatürliche Dinge zu glauben, ſo erfüllte ihn doch der Gedanke, daß er ein Zeichen von dem geliebten Weſen habe, daß ſie ihm nahe ſei, mit ſo hohem Entzücken, daß er nicht mehr an die Worte des Briefes dachte, er zweifelte keinen Augenblick, daß er ſie finden werde, er drückte den Ring an die Lippen, er ſtürzte aus der Laube in den Garten, und ſeine Blicke ſtreiften auf allen Wegen, in allen Büſchen nach der theuren Geſtalt. Aber er ſpähte ver⸗ gebens; er fragte die Arbeiter im Garten, die Diener im Schloſſe, ob ſie keine Fremde geſehen haben; man hatte ſie nicht bemerkt. Beſtürzt, beinahe keiner Ueber⸗ legung fähig, kam er zu Tiſche; umſonſt forſchte Faldner nach dem Grund ſeiner verſtörten Blicke, umſonſt fragte ihn Joſephe, ob er denn vielleicht von geſtern her noch ſo trübe geſtimmt ſei.„Es iſt mir etwas begeg⸗ net,“ antwortete er,„das ich ein Wunder nennen müßte, wenn nicht meine Vernunft ſich gegen Aber⸗ glauben ſträubte.“ 30. 4 Dieſer ſonderbare Vorfall und die Worte des Brief⸗ 127 chens, das er wohl zehnmal des Tages überlas, hatten den jungen Mann ganz tiefſinnig gemacht. Er fing an nachzuſinnen, ob es denn möglich ſei, daß überirdiſche Weſen in das Leben der Sterblichen eingreifen können. Wie oft hatte er über jene Schwärmer gelacht, die an Erſcheinungen, an Boten aus einer andern Welt, an Schutzgeiſter, die den Menſchen umſchweben, wie an ein Evangelium glaubten. Wie oft hatte er ihnen ſogar die phyſiſche Unmöglichkeit dargethan, daß körperloſe Weſen dennoch ſichtbar erſcheinen, daß ſie dies oder jenes ver⸗ richten können. Aber was ihm ſelbſt begegnet war, wie ſollte er es deuten? Oft nahm er ſich vor, alles zu ver⸗ geſſen, gar nicht mehr daran zu denken, und im nächſten Augenblick quälte er ſich ab, ſeine Erinneruͤng recht lebhaft vor das Auge treten zu laſſen; deutlicher als je erſchienen dann wieder ihre Züge, er hatte ſie ja geſe⸗ hen, als ſie ſich an der Ecke noch einmal umwandte; er hatte den holden Mund, dieſe roſigen Wangen, dieſes Kinn, dieſen ſchlanken Hals wieder geſehen! Er holte jenes Bild herbei, er verglich Zug um Zug, er deckte die Hand auf Augen und Stirne der Dame, und es war das holde Geſichtchen, wie es unter der Halbmaske hervorſchaute! Er hatte ſich, weil Joſephe am nächſten Morgen im Hauſe allzu ſehr beſchäftigt war, um ihn zu unterhal⸗ ten, wieder in die Laube geſetzt. Er las, und während des Leſens beſchäftigte ihn immer der Gedanke, ob ſie ihm wohl wieder erſcheinen werde. Die Hitze des Mit⸗ tags wirkte betäubend auf ihn; mit Mühe ſuchte er ſich wach zu halten, er las eifriger und angeſtrengter, aber . 128 nach und nach ſank ſein Haupt zurück, das Buch entfiel ſeinen Händen, er ſchlief. Beinahe um dieſelbe Zeit wie geſtern erwachte er, aber keine Geſtalt mit grünem Schleier war weit und breit zu ſehen. Er lächelte über ſich ſelbſt, daß er ſie erwartet habe; er ſtand traurig und unzufrieden auf, um ins Schloß zu gehen, da erblickte er neben ſich ein weißes Tuch, das er ſich nicht erinnern konnte hingelegt zu haben; er ſah es an, es mußte wohl dennoch ihm gehören, denn in der Ecke war ſein Namenszug eingenäht.„Wie kommt dieſes Tuch hieher?“ rief er bewegt, als er bei genauerer Beſichtigung entdeckte, daß es eines jener Tücher ſei, die ihm das Mädchen hatte fertigen müſſen und die er wie Heiligthümer ſorgfältig verſchloß.„Soll dies aufs Neue ein Zeichen ſein?“ Er entfaltete das Tuch, und ſuchte, ob nicht vielleicht wieder einige Zeilen eingelegt ſeien. Es war leer; aber in einer andern Ecke des Tuches entdeckte er noch einige Lettern, die wie ſein Name eingenäht waren; zierlich und nett ſtanden dort die Worte: Auf immer!„Alſo dennoch hier gewe⸗ ſen!“ rief der junge Mann unmuthig.„Und ich konnte ihre liebliche Erſcheinung ſchnöderweiſe verſchlafen? Warum gibt ſie mir wohl ein neues Zeichen? Warum dieſe traurigen Worte wiederholen, die mich ſchon da⸗ mals und erſt geſtern wieder ſo unglücklich machten?“ Auch heute befragte er nach der Reihe die Domeſtiken, ob nicht eine fremde Perſon im Garten geweſen ſei. Sie werneinten es einſtimmig, und der alte Gärtner ſagte, ſeit drei Stunden ſei gar Niemand durch den Garten gegangen, als nur die gnädige Frau.„Und wie war ſie — angezogen?“ fragte Fröben, auf ſonderbare Weiſe über⸗ raſcht.„Ach Herr, da fragen Sie mich zu viel,“ ant⸗ wortete der Alte;„ſie iſt halt angezogen geweſen in vor⸗ nehmen Kleidern, aber wie, das weiß ich nicht zu be⸗ ſchreiben; als ſie vor mir vorbeiging, nickte ſie freund⸗ lich und ſagte:„„Guten Tag, Jakob!““ Der junge Mann führte den Alten bei Seite:„Ich beſchwöre Dich,“ flüſterte er;„trug ſie einen grünen Schleier? Hatte ſie nicht eine große, ſchwarze Brille auf?“ Der alte Gärtner ſah ihn mißtrauiſch und kopf⸗ ſchüttelnd an.„Eine ſchwarze Brille?“ fragte er.„Die gnädige Frau eine große, ſchwarze Brille? Ei du Herr Gott, wo denken Sie hin; ſie hat ſo ſcharfe, klare Angen wie eine Gemſe, und foll eine Brille auf der Naſe tra⸗ gen, mit Reſpekt zu melden, eine große, ſchwarze Brille, wie ſie die alten Weiber in der Kirche auf die Naſe klemmen, daß es feiner ſchnarrt, wenn ſie ſingen? Nein, gnädiger Herr, ſolche ſchlechte Gedanken müſſen Sie ſich aus dem Kopf ſchlagen, das iſt nichts; und nehmen Sie es nicht ungütig, aber eine Mütze ſollten Sie doch aufſetzen bei dieſer Hitze, es iſt von wegen des Sonuen⸗ ſtichs.“ So ſprach der Alte und ging kopfſchüttelnd weiter; den übrigen Dienſtboten aber deutete er mit ſehr verdächtiger Bewegung des Zeigefingers ans Hirn an, daß es mit dem jungen Herrn Gaſt hier oben nicht ganz richtig ſein müſſe. 31. Auch jetzt kam Froͤben zu keinem andern Reſultat, W. Hauffs Werke. II. 9 13³⁰ als daß das Betragen jenes Mädchens, das er ſo innig liebte, unbegreiflich ſei, und dieſes räthſelhafte Spiel mit ſeinem Schmerz, mit ſeiner Sehnſucht, beſchäftigte ihn ſo ganz ausſchließlich, daß ihm Vieles entging, was ihm ſonſt wohl hätte auffallen müſſen. Joſephe kam mit verweinten Augen zu Tiſche; der Baron war ver⸗ ſtimmt und einſilbig und ſchien ſeinen innern Unmuth, der ihm um die Stirne lag und deutlich aus den Augen ſprach, hie und da durch einen Fluch über die ſchlechte Küche und die noch ſchlechtere Haushaltung Luft machen zu müſſen. Die unglückliche Frau ließ Alles ſtill und geduldig über ſich ergehen; ſie ſchickte zuweilen, als wolle ſie Hülfe und Troſt ſuchen, einen flüchtigen Blick nach Fröben hinüber. Ach, ſie bemerkte nicht, wie ihr Gatte dieſe Blicke belauerte, wie ſeine Stirne ſich röther färbte, wenn er ihre Augen auf dieſem Wege traf. An Fröbens Auge und Ohr ging dies vorüber als etwas, an das er ſich ſchon gewöhnt hatte; er gab ſich nicht einmal die Mühe, Joſephe um die Urſache dieſes Aufbrauſens zu befragen. Es fiel ihm nicht auf, daß ſie zurückhaltender gegen ihn war in Beiſein Faldners; er ſchrieb es der gewöhnlichen Geſchäftigkeit ſeines Freundes zu, daß ihn dieſer in den nächſten Tagen nöthigte, mit ihm da und dorthin auf das Gut zu gehen und in Wald und Feld oft einen großen Theil des Tages mit Meſſungen und Berechnungen hinzubringen. Als er aber eines Morgens, als ihn Faldner ſchon geſtiefelt und geſpornt erwartete, eine kleine Unpäßlichkeit vorſchützte, um die⸗ ſen unangenehmen Feldbeſuchen zu entgehen, als er arglos hinwarf, daß er doch Joſephen auch einmal wie⸗ “ — 13¹ der vorleſen müſſe, da wollte es ihm doch auffallend dünken, daß der Baron unmuthig rief:„Nein, ſie ſoll mir nichts mehr leſen, gar nichts mehr. Es geht ohne⸗ dies ſeit einiger Zeit Alles conträr. Das könnte ich vollends brauchen, wenn ſie den ganzen Morgen mit Leſen zubrächte, und ſolche Romanideen im Kopfe trüge, wie ich ſchon welche habe ſpuken ſehen. Lies Dir in Gottes Namen ſelbſt vor, lieber Fröben, und nimm mir nicht übel, wenn ich mein Weib anders placire. Du gehſt in den Garten nach dem Frühſtück, Joſephe, es ſoll heute Gemüſe ausgeſtochen werden; nachher biſt Du ſo gütig und gehſt zu Paſtors, Du biſt dort ſeit lange einen Beſuch ſchuldig.“ Mit dieſen Worten nahm er ſeine Reitpeitſche vom Tiſche und ſchritt davon. „Was ſoll denn das? Was hat er denn heute?“ fragte Fröben ſtaunend die junge Frau, die kaum ihre Thränen zurückzuhalten vermochte. „O er iſt ſo ziemlich wie ſonſt,“ erwiderte ſie ohne aufzublicken.„Ihre Anweſenheit hat ihn einige Zeit⸗ lang aus dem gewöhnlichen Geleiſe gebracht; Sie ſehen, er iſt jetzt wieder wie zuvor.“ „Aber mein Gott,“ rief er unmuthig,„ſo ſchicken Sie doch eine Magd in den Garten!“ „Ich darf nicht,“ ſagte ſie beſtimmt,„ich muß ſelbſt zuſehen; er will es ja haben.“ „Und den Beſuch bei Paſtors— 24 „Muß ich machen, Sie haben es ja gehört, daß ich ihn machen muß; laſſen wir das, es iſt einmal ſo⸗ Aber Sie,“ fuhr Joſephe fort,„Sie, mein Freund, ſcheinen mir ſeit einigen Tagen verändert, gar nicht 132 mehr ſo munter, ſo zutraulich wie früher. Sollten Sie ſich vielleicht nicht mehr hier gefallen? Sollte mein Mann, ſollte vielleicht ich Urſache Ihrer Verſtimmung ſein?“— Fröben fühlte ſich verlegen; er war auf dem Punkt, der Freundin jene ſonderbaren Vorfälle im Garten zu geſtehen, aber der Gedanke, ſich vor der klugen, jungen Frau eine Blöße zu geben, hielt ihn zurück.„Sie wiſ⸗ ſen,“ ſagte er ausweichend,„daß ich in den letzten Ta⸗ gen Briefe aus Ssr bekam. Und wenn ich verſtimmt erſcheine, ſo tragen dieſe Briefe allein die Schuld.“ Sie ſah ihn zweifelhaft an; eine Antwort ſchien auf ihren Lippen zu ſchweben, aber wie wenn ſie den Nangel an Vertrauen in dem Blicke des jungen Man⸗ nes geleſen und ſich dadurch gekränkt gefühlt hätte, zuckten ihre ſchönen Lippen und drängten die Antwort zurück; ſie zog ſchweigend die Glocke, befahl ihrer Zofe, ihr Hut und Schirm zu bringen, und ging dann, ohne ihn zu dieſem Gang einzuladen, in den Garten an die Arbeit. Als der junge Mann einige Stunden nachher eben⸗ falls in den Garten hinabſtieg und nach Joſephe fragte, hieß es, ſie ſei zu Paſtors gegangen. Er eilte der Laube zu, er ſetzte ſich mit pochendem Herzen nieder. Heute hatte er ſich vorgenommen, nicht einzuſchlafen.„Ich will doch ſehen,“ ſagte er zu ſich,„ob dieſes Weſen, das mich ſo geheimnißvoll umſchwebt, noch ein drittes Zeichen für mich hat? Ich will mich wie zum Schlum⸗ mer niederlegen, und ſo wahr ich lebe, wenn es wieder erſcheint, will ich es haſchen und ſchauen, welcher Natur — 133 es ſei.“ Er las, bis der Mittag herangekommen war; dann legte er ſich nieder und ſchloß die Augen. Oft wollte ſich der Schlummer wirklich über ihn herabſeuken, aber Erwartung, Unruhe und ſein feſter Wille, der die Mohnkörner von ihm fern hielt, ließen ihn wach bleiben. Er mochte wohl eine halbe Stunde ſo gelegen haben, als die Zweige der Laube rauſchten. Er öffnete die Augen kaum ein wenig und ſah, wie zwei weiße Hände die Zweige behutſam theilten, vermuthlich um eine Aus⸗ ſicht auf den Schlummernden zu öffnen. Dann kniſter⸗ ten leiſe, leiſe Schritte im Sand. Er blickte verſtohlen nach dem Eingange der Laube, und ſein Herz wollte zerſpringen voll freudiger Ungeduld, als er ſein Mäd⸗ chen ſah im ſchwarzen Mantel und Hut, den grünen Schleier zurückgeſchlagen, die ſchwarzen Maskenaugen vor den oberen Theil des ſchönen Geſichtes gebunden. 32. Sie nahte auf den Zehenſpitzen. Er ſah, wie auf ihrem Geſicht ein höheres Roth aufſtieg, als ſie näher trat. Sie betrachtete den Schläfer lange; ſie ſeufzte tief und ſchien Thränen abzutrocknen. Dann trat ſie nahe heran; ſie beugte ſich über ihn herab, ihr Athem berührte ihn wie ein Himmelsbote, der die Nähe ihrer füßen Lippen anſagte, ſie ſenkte ſich tiefer und ihr Mund legte ſich auf den ſeinigen ſo ſanft, wie das Morgenroth ſich auf den Hügel ſenkt. Da hielt er ſich nicht länger; ſchnell ſchlang er ſei⸗ nen Arm um ihren Leib, und mit einem kurzen Angſt⸗ ſchrei ſank ſie in die Kniee. Er ſprang erſchrocken auf, 134 er glaubte ſie ohnmächtig, aber ſie war nur ſprachlos und zitterte heftig; er hob ſie auf, er zog ſie, erfüllt von der Wonne des Wiederſehens, an ſeiner Seite auf die Bank nieder, er bedeckte ihren Mund mit glühenden Küſſen, er drückte ſie feſt an ſich.„Oh, ſo habe ich Dich wieder, endlich, endlich wieder, Du geliebtes Weſen!“ rief er;„Du biſt kein Trugbild, Du lebſt, ich halte Dich in meinen Armen wie damals und liebe Dich wie damals und bin glücklich, ſelig, denn Du liebſt ja auch mich!“ Eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen, ſie ſprach nicht, ſie ſuchte vergebens ſich aus ſeinen Armen zu win⸗ den.„Nein, jetzt laſſe ich Dich nicht mehr,“ ſprach er, und Thränen, Thränen des Glücks hingen an ſeinen Wimpern;„jetzt halte ich Dich feſt und keine Welt darf Dich von mir reißen. Und komm, hinweg mit dieſer nei⸗ diſchen Maske, ganz will ich Dein ſchönes Antlitz ſchauen, ach, es lebte ja immer in meinen Träumen!“ Sie ſchien mit der letzten Kraft die Hand von der Halbmaske ab⸗ halten zu wollen, ſie athmete ſchwer, ſie rang mit ihm; aber die trunkene Luſt des jungen Mannes, nach ſo lan⸗ ger Entbehrung ſich ſo unausſprechlich glücklich zu wiſ⸗ ſen, gewährte ihm einen leichten Sieg. Er hielt die ihrige mit der einen Hand, zitternd ſtieß er mit der an⸗ dern den Hut zurück, band die Maske los und erblickte — die Gattin ſeines Freundes. „Joſephe!“ rief er, wie in einen Abgrund nieder⸗ geſchmettert, und ſeine Gedanken drehten ſich im Ringe. „Joſephe!“ Bleich, erſtarrt, thränenlos ſaß ſie neben ihm und ſagte wehmüthig lächelnd:„Ja, Joſephe.“ 13⁵ „Sie haben mich alſo getäuſcht?“ ſagte er bitter, indem alle Hoffnung, alle Seligkeit des vorigen Augen⸗ blicks an ihm vorüberflog.„O dieſes Poſſenſpiel konn⸗ ten Sie uns erſparen. Doch,“ fuhr er fort, indem ein Gedanke ihn durchblitzte,„um Gottes willen, wo ha⸗ ben Sie den Ring her; woher das Tuch?“ Sie erröthete von Neuem, ſie brach in Thränen aus, ſie verbarg ihr Haupt an ſeiner Bruſt.„Nein,“ rief er, „Antwort muß ich haben; es iſt mein Ring, das Tuch — ich beſchwöre Sie, wie kam Beides in Ihre Hände, woher haben Sie den Ring 24 „Von Dir!“ flüſterte ſie, indem ſie ſich beſchämt feſter an ihn drückte. 4 Da fiel ein Lichtſtrahl in Fröbens Seele; noch blen⸗ dete ihn dies zu helle Licht, aber er hob ſanft ihr Haupt in die Höhe und ſah ſie an mit Blicken voll Verwunde⸗ rung und Liebe.„Du biſt es? Träume ich denn wie⸗ der?“ ſprach er, nachdem er ſie lange angeblickt.„Sag⸗ teſt Du nicht, Du ſeieſt mein ſüßes Mädchen? O Gott, welcher Schleier lag denn auf meinen Augen? Ja, das ſind ja Deine holden Wangen, das iſt ja Dein rei⸗ zender Mund, der mich heute nicht zum erſtenmal küßte!“ Eine hohe Glut bedeckte ihre Wangen. Sie ſah ihn voll Wonne und Entzücken an.„Was wäre aus mir ge⸗ worden, ohne Dich, Du edler Mann,“ rief ſie, indem ſich in Thränen der Schimmer ihrer Augen brach.„Ich bringe Dir den Segen meiner guten Mutter, Du haſt ihre letzten Tage leicht gemacht und die Decke des Elends gelüftet, die ſo ſchwer auf ihrer kranken Bruſt lag. Oh! Wie kann ich Dir danken? Was würe ich geworden ohne Dich! Doch—“ fuhr ſie fort, indem ſie mit ihren Händen das Geſicht bedeckte,„was bin ich denn ge⸗ worden, das Weib eines Andern, Deines Freundes Weib!“ Er ſah, wie ein unendlicher Schmerz ihren Buſen hob und ſenkte, wie durch die zarten Finger ihre Thrä⸗ nen gleich Quellen herabrieſelten. Er fühlte, wie innig ſie ihn liebe, und kein Gedanke an einen Vorwurf, daß ſie einem Andern als ihm gehören könnte, kam in ſeine Seele.„Es iſt ſo,“ ſagte er traurig, indem er ſie feſter an ſich drückte, als könne er ſie dennoch nicht verlieren. „Es iſt ſo; wir wollen denken, es ſollte ſo ſein, es habe ſo kommen müſſen, weil wir vielleicht zu glücklich ge⸗ weſen wären. Doch in dieſem Moment biſt Du mein; denke, Du kommſt herüber über den Platz der Arznei⸗ ſchule und ich erwarte Dich: o komm, umarme mich ſo wie damals, ach! nur noch ein einzigesmal!“ In Erinnerung verloren hing ſie an ſeinem Hals; hinter ihren düſteren Blicken ſchien der Gedanke an die Wirklichkeit ſich zu verlieren; heller und heller, freund⸗ licher und immer freundlicher ſchien die Erinnerung aufzutauchen; ein holdes Lächeln zog um ihren Mund und ſenkte ſich auf ihren Wangen in zarte Grübchen. „Und kannteſt Du mich denn nicht?“ fragte ſie lächelnd. „Und Du kannteſt mich nicht?“ fragte er, ſie voll Zärt⸗ lichkeit betrachtend.„Ach!“ antwortete ſie,„ich hatte mir damals Deine Züge recht abgelauſcht und tief in mein Herz geſchrieben, aber wahrlich, ich hätte Dich nimmer erkannt. Es mochte wohl auch daher kommen, daß ich Dich nur immer bei Nacht ſah in den Mantel 4 4 137 eingewickelt, den Hut tief in der Stirne, und wie konnte ich auch denken— Freilich, als Du am erſten Abend Faldner zuriefſt: Auf Wiederſehen! da kam mir der Ton ſo bekannt vor, als hätte ich ihn ſchon gehört; aber ich lachte mich immer ſelbſt aus über die thörichten Vermuthungen. Nachher war es mir hie und da, als müßteſt Du der ſein, den ich meinte; doch zweifelte ich immer wieder; aber als Du am Sonntag nur erſt Pont des Arts genannt hatteſt, da ging auf einmal eine eigene Sonne auf Deinem Geſicht auf; Du ſchieneſt ganz in Erinnerung zu leben und mit den erſten Worten ward es mir klar, daß Du, Du es biſt! Aber freilich, mich konnteſt Du nicht wieder erkennen, nicht wahr, ich bin recht bleich geworden?“ 3 „Joſephe,“ erwiderte er;„wo waren meine Sinne, wo mein Auge, mein Ohr, daß ich Dich nicht erkannte? Gleich bei Deinem erſten Anblick flog ein freudiger Schreck durch meine Seele; Du glichſt ja ganz jenem Bilde, das ich, durch einen wahrhaften Kreislauf der Dinge, als Dir ähnlich gefunden und geliebt hatte; aber die Entdeckung über das Geſchlecht der Mutter führte mich in eine Irrbahn; ich ſah in Dir nur noch die ähnliche Tochter der ſchönen Laura, und oft, wäh⸗ rend ich neben Dir ſaß, ſtreifte mein Geiſt ferne, weit⸗ hin nach— Dir!“ „O Gott!“ rief Joſephe,„iſt es denn wahr, iſt es möglich? Kannſt Du mich denn noch lieben?“ „Ob ich es kann?— Aber darf ich denn 2 Gott im Himmel, Du heißt ja Frau von Faldner; ſage mir nur um des Himmels willen, wie fügte ſich dies Alles? 138 Wie haſt Du auch nicht ein einzigesmal mehr mich er⸗ warten mögen?“ 33. Sie ſtillte ihre Thränen, ſie faßte ſich mit Mühe, um zu ſprechen.„Siehe,“ ſagte ſie,„es war, als ob ein feindliches Geſchick Alles nur ſo geordnet hätte, um mich recht unglücklich zu machen. Als Du weg warſt, hatte ich keine Freude mehr. Jene Abende mit Dir waren mir ſo unendlich viel geweſen. Siehe, ſchon von dem erſten Moment an, als Du in der lieben Mutter⸗ ſprache Deinen Begleiter um Geld bateſt, von da an ſchlug mein Herz für Dich; und als Du mit ſo unend⸗ lichem Edelmuth, mit ſo viel Zartſinn für uns ſorgteſt, ach! da hätte ich Dich oft an mein Herz ſchließen und Dir geſtehen mögen, daß ich Dich wie ein höheres Ge⸗ ſchöpf anbete. Ich weiß nicht, was mir für Dich zu thun zu ſchwer geweſen wäre; und wie groß, wie edel haſt Du Dich gegen mich benommen! Du gingſt, ich weinte lange, denn ein ſchmerzliches Gefühl ſagte mir, daß es auf immer geſchieden ſei; acht Tage nachdem Du ab⸗ gereist warſt, ſtarb meine arme Mutter ſehr ſchnell. Was Du mir damals noch gegeben, reichte hin, meine Mutter zu beerdigen und ihr Andenken nicht in Unehre gerathen zu laſſen. Eine Dame, es war die Gräfin Landskron, die in unſerer Nachbarſchaft wohnte und von uns Armen hörte, ließ mich zu ſich kommen. Sie prüfte mich in Allem, ſie durchſchaute die Papiere mei⸗ ner Mutter, die ich ihr geben mußte, genau; ſie ſhien zufrieden und nahm mich als Geſellſchaftsfräulein an. 139 Wir reisten; ich will Dir nicht beſchreiben, wie mein Herz blutete, als ich dieſes Paris verlaſſen mußte; es fehlten nur noch vierzehn Tage, bis die Zeit um war, die Du zu Deiner Rückkehr beſtimmteſt; dann wäre ich am erſten auf den Platz gegangen, hätte Dich noch ein⸗ mal geſprochen, noch einmal von Dir Abſchied genom⸗ men! Es ſollte nicht ſo ſein. Als wir aus der St. Se⸗ verinſtraße über den wohlbekannten Platz der Ecole de Medeeine hinfuhren, da wollte mein Herz brechen, und ich ſagte zu mir: Auf immer!— Eduard! ich habe nie wieder von Dir gehört, Dein Name war mir unbe⸗ kannt, Du mußteſt ja die Bettlerin längſt vergeſſen haben; ich lebte von der Gnade fremder Leute, ich hatte manches Bittere zu tragen— ich trug es, es war ja nicht das Schmerzlichſte. Als aber die Gräfin in dieſe Gegend auf ihr Gut zog, als Faldner ſich um mich be⸗ warb, als ich merkte, daß ſie es gutmüthig für eine gute Verſorgung halte, vielleicht auch meiner überdrüſſig war— nun, ich war ja nur ein einzigesmal glücklich geweſen, konnte nimmer hoffen, es wieder zu werden. Das Übrige war ja ſo gleichgültig— da wurde ich ſeine Frau.“ „Armes Kind! an dieſen Faldner, warum denn ge⸗ rade Du mit ſo weicher Seele, mit ſo zartem Sinn, mit ſo viel gültigem Anſpruch auf ein zum mindeſten edleres Loos, warum gerade Du ſeine Frau? Doch es iſt ſo; Joſephe, ich kann, ich darf keinen Tag mehr hier ſein. Ich habe ihn bei Allem, was er Rohes haben mag, einſt Freund genannt, bin jetzt ſein Gaſtfreund, und wenn auch Alles nicht wäre, wir dürfen ja nicht —— 5 8 140 zuſammen glücklich ſein!“ Es lag ein unendlicher Schmerz in ſeinen Worten; er küßte die Augen der ſchönen Frau, nur um durch den Gram, der in ihnen wohnte, nicht noch weicher zu werden.„O nur noch einen Tag,“ flüſterte ſie zärtlich;„hab' Dich ja jetzt eben erſt gefunden, und Du denkſt ſchon zu entfliehen. Siehe, wenn Du weg biſt, da verſchließt ſich wieder die Thüre meines Glücks auf immer. Ich werde Hartes er⸗ tragen müſſen, und da muß ich doch ein wenig Erinne⸗ rung mir aufſparen, von der ich zehren kann in der endloſen Wüſte.“ „Höre, ich will Falduer Alles geſtehen,“ ſprach nach einigem Sinnen der junge Mann;„ich will es ihm Alles vormalen, daß es ihn ſelbſt rühren muß; er liebt Dich doch nicht, Du ihn nicht und biſt unglücklich; er ſoll Dich mir abtreten. Mein Haus liegt nicht ſo ſchön wie dieſes Schloß; meine Güter kannſt Du vom Belpedere auf dem Dache überſehen. Du verließeſt hier großen Wohlſtand, aber wenn Du einzögeſt in mein Haus, wollte ich Dir meine Hände als Teppich unterlegen, auf den Händen wollte ich Dich tragen, Du ſollteſt die Königin ſein in meinem Hauſe, und ich Dein erſter treuer Diener!“ 3 Sie blickte ſchmerzlich zum Himmel auf, ſie weinte heftiger.„Ach ja, wenn ich Deines Glaubens wäre, dann ginge es wohl, aber wir ſind ja gut katholiſch ge⸗ traut worden, und das ſcheidet nur der Tod! O du großer Gott, wie unglücklich machen oft dieſe Geſetze! Welch eine Seligkeit mit Dir, bei Dir zu ſein, immer für Dich zu ſorgen, an Deinen Blicken zu hängen, und 141 alle Tage Dir durch zärtliche Liebe ein Tauſendtheil von dem heimzugeben, was Dnu an meiner lieben Mutter und an mir gethan.“ „Alſo dennoch auf immer,“ erwiderte er traurig; „alſo nur noch morgen, und dann für immer ſcheiden?“ „Für immer!“ hauchte ſie kaum hörbar, indem ſie ihn feſter an ihre Lippen ſchloß. „Hier alſo findet man Dich, Du niederträchtige Metze!“ ſchrie in dieſem Augenblick ein Dritter, der neben dieſer Gruppe ſtand. Sie ſprangen erſchreckt auf. Zitternd vor Zorn, knirſchend vor Wuth, ſtand der Baron, in der einen Hand ein Papier, in der andern die Reitpeitſche haltend, die er eben aufhob, um ſie über den ſchönen Nacken der Unglücklichen herabſchwirren zu laſſen. Fröben fiel ihm in den Arm, entwand ihm mit Mühe die Peitſche und warf ſie weit hinweg.„Ich bitte Dich,“ ſagte er zu dem Wüthenden,„nur hier keine Scene; Deine Leute ſind im Garten, Du ſchändeſt Dich und Dein Haus durch einen ſolchen Auftritt.“ „Was?“ ſchrie Jener,„iſt mein Haus nicht ſchon genng geſchändet durch dieſe niederträchtige Perſon, durch dieſes Bettlerpack, das ich in meinem Haus hatte? Meinſt Du, ich kenne Deine Handſchrift nicht,“ fuhr er fort, indem er ihr das Papier hinſtreckte;„das iſt ja ein ſüßes Brieſchen an den Herrn Galan hier, an den Romanhelden. Alſo eine Dirne mußte ich heirathen, die Du unterhieltſt, und als Du ihrer ſatt wareſt, ſollte der ehrliche Faldner ſie zur gnädigen Frau machen; dann kommt man nach ſechs Monaten ſo zufällig zu Beſuch, um den Hörnern des Gemahls noch einige Enden ——4— 142 anzuſetzen. Das ſollſt Du mir bezahlen, Schandbube; aber dieſes Bettelweib mag immer wieder mit Teller und Laterne ſich am Pont des Arts aufſtellen oder von Deinem Sündenlohn leben. Meine Knechte ſollen ſie mit Hetzpeitſchen vom Hof jagen!“ 34. Der Mann von gediegener Bildung hat in ſolchen Momenten ein entſchiedenes übergewicht über den Rohen, der, von Wuth zur Unbeſonnenheit hingeriſſen, unſicher iſt, was er beginnen ſoll. Ein Blick auf Joſephe, die bleich, zitternd, ſprachlos auf der Moosbank ſaß, über⸗ zeugte Fröben, was hier zu thun ſei. Er bot ihr den Arm und führte ſie aus der Laube nach dem Schloſſe. Wüthend ſah ihnen der Baron nach; er war im Begriff, ſeine Knechte zuſammen zu rufen, um ſeine Drohung zu erfüllen; aber die Furcht, ſeine Schande noch größer zu machen, hielt ihn ab. Er rannte hinauf in den Saal, wo Joſephe auf dem Sopha lag, ihr weinendes Geſicht in den Kiſſen verbarg, wo Fröben wie gedankenlos am Fenſter ſtand und hinausſtarrte. Scheltend und fluchend rannte Jener in dem Saal umher; er verfluchte ſich, daß er ſein Leben an eine ſolche Dirne gehängt habe. „Es müßte keine Gerechtigkeit mehr im Lande ſein, wenn ich ſie mir nicht vom Halſe ſchaffte!“ rief er. „Sie hat Taufſchein und Alles fälſchlich angegeben; ſie hat ſich für ebenbürtig ausgegeben, die Bettlerin; die Ehe iſt null und nichtig!“ „Das wird allerdings das Vernünftigſte ſein,“ unter⸗ brach ihn Fröben;„es kommt nur darauf an, wie 143 Du es angreifſt, um Dich nicht noch mehr zu bla⸗ miren—“ „Ha, mein Herr!“ ſchrie der Baron in wildem Zorn,„Sie ſpotten noch über mich, nachdem Sie durch Ihre grenzenloſe Frechheit all dieſe Schande über mich brachten? Folgen Sie mir, zu unſerer Scheidung brauchen wir weiter keine Aſſiſen; die kann ſogleich ab⸗ gemacht werden. Folgen Sie!“ Joſephe, die dieſe Worte verſtand, ſprang auf; ſie warf ſich vor dem Wüthenden nieder, ſie beſchwor ihn, Alles nur über ſie ergehen zu laſſen; denn ſein Freund ſei ja ganz unſchuldig; ſie wies hin auf den Zettel in ſeiner Hand, den ſie erkannte: ſie ſchwor, daß Fröben erſt heute erfahren, wer ſie ſei. Aber der junge Mann ſelbſt unterbrach ihre Fürbitten, er hob ſie auf, und führte ſie zum Sopha zurück.„Ich bin gewohnt,“ ſagte er kaltblütig zum Baron,„bei ſolchen Gängen zuerſt meine Arrangements zu treffen, und Du wirſt wohlthun, es auch nicht zu unterlaſſen. Vor Allem geht Deine Frau jetzt aus dem Schloß, denn hier will ich ſie nicht mehr wiſſen, wenn ich nicht da bin, ſie vor Deinen Mißhandlungeu zu ſchützen.“ „Du handelſt ja hier wie in Deinem Eigenthum,“ erwiverte der Baron vor Zorn lachend;„doch Madame war ja ſchon vorher Dein Eigenthum, ich hätte es bei⸗ nahe vergeſſen; wohin ſoll denn der ſüße Engel gebracht werden? In ein Armenhaus, in ein Spital, oder an den nächſten beſten Zaun, um ihr Gewerbe fortzuſetzen?“ Fröben hörte nicht auf ihn; er wandte ſich zu Jo⸗ ſephe:„Wohnt die Gräfin noch in der Nähe?“ fragte 144 er ſie.„Glauben Sie wohl für die nächſten Tage einen Aufenthalt dort zu finden?“ „Ich will zu ihr gehen,“ flüſterte ſie. 4 1„Gut; Faldner wird die Gnade haben, Sie hinfah⸗ ren zu laſſen, dort erwarten Sie das Weitere, ob er ein⸗ ſieht, wie Unrecht er uns Beiden gethan, oder ob er darauf beharrt, ſich von Ihnen zu trennen.“ 35. Joſephe war zu der Gräfin abgefahren; der Freund hatte ihr gerathen, bei ihrer Ankunft nur einen Beſuch von einigen Tagen vorzugeben, indeſſen wolle er ihr über die Stimmung ſeines Freundes Nachricht geben, und wenn es möglich wäre, ihn bereden, ſich mit ihr zu verſöhnen.„Nein,“ rief ſie leidenſchaftlich, indem ſie von der Terraſſe an den Wagen hinabſtieg,„in dieſe Thüre kehre ich nie mehr zurück, auf ewig wende ich dieſen Mauern den Rücken. Glauben Sie, eine Frau vermag viel zu ertragen, ich habe lange dulden müſſen, und das Herz wollte mir oft zerſpringen, aber heute hat er mich zu tief beleidigt, als daß ich ihm vergeben könnte. Und ſollte ich wieder zurückkehren müſſen auf den Pont des Arts, die Menſchen um ein Paar Sous anzuflehen, ich will es lieber thun, als noch länger ſolche niedrige Behandlung von dieſem rohen Menſtgen mir gefallen laſſen. Mein Vater war ein tapferer Soldat und ein geachteter Offizier Frankreichs, ſeine Tochter darf ſich nicht bis zur Magd eines Faldners entwür⸗ digen.“ Der junge Mann hatte nach ihrer Abreiſe einige — 145 Briefe geſchrieben und war gerade mit Ordnen ſeines kleinen Gepäcks beſchäftigt, als Faldner in das Zimmer trat. Fröben ſah ihn verwundert an und erwartete neue Angriffe und Ausbrüche ſeines Zorns. Jener aber ſagte: „Ich glaube, je mehr ich dieſe unglücklichen Zeilen leſe, die ich heute Mittag auf Deinem Zimmer fand, immer mehr, daß Du eigentlich doch unſchuldig an der miſe⸗ rablen Hiſtorie biſt, nämlich, daß Du vorher nichts wußteſt und die Perſon nicht kannteſt; daß ich mein Weib in Deinen Armen traf, verzeihe ich Dir, denn jene Perſon hatte aufgehört mein zu ſein, als ſie den thörichten Brief an Dich ſchrieb.“ 3 „Es iſt mir wegen unſeres alten Verhältniſſes er⸗ wünſcht,“ antwortete Fröben,„wenn Du die Sache ſo anſiehſt, hauptſächlich auch, weil ich dadurch Gele⸗ genheit bekomme, vernünftig und ruhig mit Dir über Joſephe zu ſprechen. Fürs erſte mein heiliges Wort, daß zwiſchen ihr und mir bis heute Mittag nie, auch früher nicht, etwas vorging, was im geringſten ihrer Ehre nachtheilig wäre; daß ſie arm war, daß ſie ein⸗ mal genöthigt war, die Hülfe der Menſchen anzuru⸗ fen— ℳ 4 „Nein, ſag lieber, daß ſie bettelte,“ rief Faldner hitzig,„und Nachts auf den Straßen und Brücken der liederlichen Hauptſtadt umherzog, um Geldzu verdienen; ich hätte ja ſchon damals das Vergnügen ihrer nähern Bekanntſchaft haben können, ich war ja bei der rühren⸗ den Scene auf dem Pont des Arts. Nein, wenn ich Dir auch alles glaubte, ich bin dennoch beſchimpft; die Familie Faldner und eine Bettlerin!“ — W. Hauffs Werke. II. 40 „Ihr Vater und ihre Mutter waren von gutem Hauſe— ¹ „Fabeln, Dichtung! Daß ich mich ſo fangen ließ; eben ſo gut hätte ich die Kellnerin aus der Schenke heirathen können, wenn ſie ein Bierglas im Wappen führte und ein falſches Zeugniß ihrer Geburt brachte!“ „Das iſt in meinen Augen das Geringſte bei der Sache; die Hauptſache iſt, daß Du ſie gleich von An⸗ fang wie eine Magd behandelteſt und nicht wie Deine Frau; ſie könnte Dich nie lieben; Ihr paßt nicht für einander.“ „Das iſt das rechte Wort,“ entgegnete der Baron, „wir paſſen nicht zuſammen; der Freiherr von Faldner und eine Bettlerin können nie zuſammen paſſen. Und jetzt freut es mich erſt recht, daß ich meinem Kopf folgte und ſie ſo behandelte, die Dirne hat es nicht beſſer verdient. Ich hab' es ja gleich geſagt, ſie hat ſo etwas Gemeines an ſich.“ 3 Dieſe Rohheit empörte den jungen Mann, er wollte ihm etwas Bitteres entgegnen, aber er bezwang ſich, um Joſephen nützlich zu ſein. Er redete mit dem Baron ab, was hierin zu thun ſei, und ſie kamen dahin überein, daß ſie die ganze Sache vor die bürgerlichen Gerichte bringen und gegenſeitige Abneigung als Grund zur Trennung angeben ſollten. Freilich konnte bei ihren Glaubensverhältniſſen keiner der beiden Theile hoffen, in einer neuen Verbindung Troſt zu finden; aber Joſe⸗ phen, wenn ſie auch mit Schrecken in eine hülfloſe Zu⸗ kunft blickte, ſchien kein Loos ſo ſchwer, daß es nicht gegen die unwürdige Behandlung die ſie in Faldners 4 8 Hauſe erduldete, erträglich geſchienen hätte, und der Baron, wenn ihn auch in manchen einſamen Stunden Reue anwandelte, ſuchte Zerſtreuung in ſeinen Geſchäf⸗ ten und Troſt in dem Gedanken, daß ja Niemand ſeine Schande erfahren habe, eine Bettlerin von zweideutigem Charakter zur Frau von Faldner gemacht zu haben. 36. Einige Wochen nach dieſem Vorfall ging Fröben in Nainz, wohin er ſich, um doch in Joſephens Nähe zu ſein, zurückgezogen hatte, auf der Rheinbrücke Abends hin und wieder. Er gedachte der ſonderbaren Verkettung des Schickſals, er dachte an mancherlei Auswege, die ihn und die geliebte Frau vielleicht noch glücklich machen könnten; da fuhr ein Reiſewagen über die Brücke her, deſſen wunderlicher Bau die Aufmerkſamkeit des jungen Mannes ſchon von weitem auf ſich zog. Bald aber haftete ſein Auge nur noch an dem Bedienten, der auf dem Bock ſaß; dieſes braungelbe heitere Geſicht, das neugierig um ſich ſchaute, ſchien ihm eben ſo bekannt, als die grellen Farben der Livree. Als der Wagen, der ſich auf der Brücke nur im Schritt weiter bewegen durfte, näher herankam, bemerkte auch der Diener den jungen Mann und rief:„San Jago di Compoſtella! Das iſt er ja ſelbſt!“ Er riß das Wagenfenſter auf, das ihn von dem Innern des Wagens trennte, und ſprach eifrig hinein. Alſobald wurde auf der Seite des Wagens ein Fenſter niedergelaſſen und herausfuhr das wohlbekannte Geſicht Don Pedro's de San Montanjo Ligez. Der Wagen hielt; der junge Mann ſprang freu⸗ 148 dig herzu, um den Schlag zu öffnen und der alte Herr ſank in ſeine Arme.„Wo iſt ſie, wo habt Ihr ſie, die Tochter meiner Laura? O um der heiligen Jungfrau willen, habt Ihr ſie hier? Sagt an, junger Herr! Wo iſt ſie?“ Der junge Mann ſchwieg betreten; er führte den Alten auf der Brücke weiter und ſagte ihm dann, daß ſie nicht weit von dieſer Stadt ſich aufhalte, und morgen wolle er ihn zu ihr führen. Der Spanier hatte Freudenthränen im Auge.„Wie danke ich Euch für die Nachrichten, die Ihr mir ge⸗ geben!“ ſprach er.„Sobald ich Urlaub bekommen hatte, ſetzte ich mich mit Diego in den Wagen und ließ mich von W. bis hier täglich ſechs Meilen fahren, denn länger hielt ich es nicht aus. Und lebt ſie glücklich? Sieht ſie ihrer Mutter ähnlich, und was erzählt ſie von Laura Tortoſt?“ Fröben verſprach auf ſeinem Zimmer alle ſeine Fragen zu beantworten. Er ließ, nachdem ſich der Spanier ein wenig ausgeruht und umgekleidet hatte, Xeres bringen, ſchenkte ein, Diego reichte, wie damals, die Cigarren, und als Don Pedro recht bequem ſaß, fing der junge Mann ſeine Erzählung an. Mit ſteigendem Intereſſe hörte ihn der Spanier an; zu gro⸗ ßem Aergerniß Diego's ließ er ſeit zwanzig Jahren zum erſtenmal die Cigarre ausgehen, und als der junge Mann an jene empörende Scene zwiſchen Faldner und der unglücklichen Frau kam, da konnte er ſich nicht mehr halten; ſein altes, ſüdliches Blut kochte auf; er drückte den Hut tief in die Stirne, wickelte den linken Arm in den Mantel und rief mit hlitzenden Augen: 9 8 149 „Meinen langen Stoßdegen her, Diego, den mach, ich kalt, ſo wahr ich ein guter Chriſt und ſpaniſcher Edel⸗ mann bin; ich ſtech' ihn nieder und hätte er ein Crueifir vor der Bruſt, ich bring ihn um, ohne Abſolution und ohne alle Sakramente ſchick ich ihn zur Hölle, ſo thu⸗ ich. Bring mir mein Schwert, Diego!“ Aber Fröben zog den zitternden, vom Zorn erſchöpf⸗ ten Alten zu ſich nieder; er ſuchte ihm begreiflich zu machen, wie dies alles nicht nöthig ſei, denn Joſephe ſei ſchon aus der Gewalt des rohen Menſchen befreit und lebe getrennt von ihm. Er holte, um ihn noch mehr zu beſänftigen, jenes Bild herbei, und entfaltete es vor den ſtaunenden Blicken Pedro's. Entzückt betrach⸗ tete es der Don.„Ja, ſie iſt es,“ rief er, alles Uebrige vergeſſend,„meine arme, unglückliche Laura!“ Und weinend umarmte er den jungen Mann, nannte ihn ſeinen lieben Sohn und dankte ihm mit gebrochener Stimme für alles, was er an der unglücklichen Mutter und ihrer armen Tochter gethan. Am andern Morgen brach er mit Fröben nach dem Gut der Gräfin auf. Es war ein rührender Anblick, wie der alte Mann die ſchöne jugendliche Geſtalt Jo⸗ ſephens umſchlungen hielt, wie er ihre Züge aufmerkſam betrachtete, wie ſeine ſtrengen Züge immer weicher wurden, wie er ſie dann gerührt auf Auge und Mund küßte.„Ja, Du biſt Laura's Tochter!“ rief er.„Dein Vater hat Dir nichts gegeben, als ſein blondes Haar, aber das ſind ihre lieben Augen, das iſt ihr Mund, das ſind die ſchönen Züge der Tortoſi! Sei meine Tochter, liebes Kind; ich habe keine Verwandten und bin reich; 15⁰ durch Verwandtſchaft, mein Herz und einen zwanzig⸗ jährigen Gram gehörſt Du mir näher an, als irgend Jemand auf der Erde!“ Ihre Zlicke, die über ſeine Schultern weg auf Fröben fielen, ſchienen dieſe letztere Behauptung nicht gerade zu beſtätigen, aber ſie küßte gerührt ſeine Hand, und nannte ihn ihren Oheim, ihren zweiten Vater. Die Freude des Wiederſehens dauerte übrigens nur wenige Tage. Don Pedro erklärte ſehr beſtimmt, daß ihn ſeine Geſchäfte nach Portugal rufen und zugleich ſchien er gar nicht einzuſehen, was Joſephen abhalten könnte, ihm dahin zu folgen; er hegte zu ſtrenge Grund⸗ ſätze über die Artikel ſeiner Kirche, als daß er den Ge⸗ danken für möglich gehalten hätte, Fröben könne Joſephe, die getrennte Gattin eines Andern, zur Frau begehren. Es iſt uns nicht bekannt geworden, was die Liebenden über dieſen ſtzittigen Punkt verhandelten; nur ſoviel iſt gewiß, daß Fröben einigemal darauf hin⸗ deutete, ſie ſolle zum evangeliſchen Glauben zurück⸗ kehren, daß ſie jedoch, zwar mit unendlichem Schmerz, aber ſehr beſtimmt, dieſen Vorſchlag abwies. Oft ſoll ihr der junge Mann, in Verzweiflung über die heran⸗ nahende⸗Trennung, vorgeſchlagen haben, ſie ſolle Don Pedro ziehen laſſen, ſie ſolle für ſich leben, in Deutſch⸗ land bleiben, er wolle, wenn er nicht ihr Gatte werden könne, auf immer als Freund um ſie ſein. Aber auch dies lehnte ſie ab; ſie geſtand ihm offen, daß ſie ſich zu ſchwach fühle, ein ſolches Verhältniß mit Ehren hin⸗ auszuführen, und ſtolzer gemacht durch ihr Unglüc, bebte ſie zurück vor dem Gedanken an eine unwürdige 4— 151 Verbindung mit einem Mann, den ſie ſo hoch achtete, als ſie ihn liebte. Allein mit ſich geſtand ſie ſich wohl, daß ein noch edelmüthigerer Gedanke ihre Schritte lenke. „Sollte er,“ ſagte ſie zu ſich,„die Blüte des Lebens an ein unglückliches Geſchöpf verlieren, das ihm nur Freundin ſein darf? Soll er den hohen Genuß häus⸗ licher Freuden, das Glück, Kinder und Enkel um ſich zu verſammeln, wegen meiner aufgeben? Nein, er hat mich ſchon einmal verloren, und die Zeit wird auch jetzt ſeinen Schmerz lindern, er wird ein unglückliches Weſen vergeſſen, das ewiß an ihn denken, ihn lieben, für ihn beten wird.“ So ſchienen denn jene prophetiſchen Worte Joſe⸗ phens:„Auf immer““ in Erfüllung zu gehen. Don Pedro verließ mit ſeiner neuen Verwandtin das Gut der Gräfin, um durch Holland auf die See zu gehen. Froͤben, den vielleicht nur der Gedanke, Joſephen bald nach Portugal nachzufolgen, und dort ihr Freund zu ſein, aufrecht erhielt, geleitete die Geliebte auf der Reiſe durch Deutſchland und Holland; und ſo oft ſie ihn bat, durch längeres Begleiten die Tage der Tren⸗ nung nicht noch ſchwerer zu machen, bat er mit Thränen im Auge:„Nur bis ans Meer und dann auf immer!“ 37. Im Auguſt dieſes Jahres wurde in Oſtende ein engliſches Schiff klar, das nach Portugal Schiffsgut und Paſſagiere brachte. Es war ein ſchöner Morgen, die Nebel hatten ſich geſenkt und die Tage ſchienen für die Fahrt günſtig werden zu wollen. Es war um neun 152 Uhr Morgens, als ein Kanonenſchuß von dem Eng⸗ länder herüberſchallte, zum Zeichen, daß die Paſ⸗ ſagiere ſich an die Küſte begeben ſollen. Zu gleicher Zeit ruderte eine Schaluppe heran, und warf ihr Brett aus, um die Reiſenden einzunehmen. Vom Land her kamen viele Perſonen mit Gepäck, gingen über das Brett, und bald war die Schaluppe voll, und die erſte Ladung wurde an Bord’ gebracht. Che noch die Scha⸗ luppe zum zweitenmale anlegte, ſah man vier Perſo⸗ nen ſich dem Strande nähern, die ſich durch Gang, Haltung und Kleidung von den übrigen ärmlicheren Paſſagieren unterſchieden. Ein hoher, ältlicher Mann ging ſtolzen Schrittes voraus; er hatte einen breitge⸗ krämpten Hut auf, und den Mantel ſo kunſtreich und bequem um die Schultern geſchlagen, daß ein Schiffer, der ihn kommen ſah, ausrief:„Ich laß mich freſſen, wenn es kein Spanier iſt;“ hinter jenem kam ein jün⸗ gerer Herr, der eine ſchöne, ſchlankgebaute Dame führte. Der junge Herr war ſehr bleich, ſchien einen großen Kummer niederzukämpfen, um durch Zureden einen noch größeren bei der Dame zu beſchwichtigen. Ihr ſchönes Geſicht war um Auge und Stirne von heftigem Weinen geröthet, der Mund ſchmerzlich eingepreßt und die Wangen und untern Theile des Geſichtes ſehr bleich. Sie ging ſchwankend, auf den Arm des jungen Man⸗ nes geſtützt; ein Hütchen mit wallenden Strausfedern; ein wallendes Kleid von ſchwerem ſchwarzem Seiden⸗ zeug, um Hals und Buſen reiche Goldketten, ſchienen nicht zur Reiſe zu paſſen, und man konnte daher glau⸗ ben, daß ſie den jungen Mann an Bord begleite; „ — hinter Beiden ging ein Diener in bunten Kleidern; er trug einen großen Sonnenſchirm unter dem Arm und hatte ein ſpaniſches Netz über ſeine dunkeln Haare gezogen.. Als ſie ſo weit herabgekommen waren, wo der Sand von der vorigen Flut noch feucht war, an die Stelle, wo man das Brett nach der Schaluppe aus⸗ warf, blieben ſie ſtehen, und das ſchöne junge Paar ſah nach dem Schiff, dann ſahen ſie ſich an und die Dame legte ihr Haupt auf die Schulter des Mannes, daß die Strausfedern um ſein Geſicht ſpielten und ſeine ſtillen Thränen den Augen der Neugierigen verbargen. Der alte Herr ſtand nicht weit davon, wickelte ſich, finſter auf die See blickend, tief in ſeinen Mantel, und ein üge blinkte, man wußte nicht, ob von einer Thräne er dem Wiederſchein der glänzenden Wellen. Jetzt 3 im die Schaluppe plätſchernd ans Ufer; das Brett wurde usgeworfen und ein donnernder Schuß vom Schiffe chreckte das Paar aus ſeiner Umarmung. Der alte Herr trat heran, bot dem jungen Mann die Hand, ſchüttelte ſie kräftig und ſtieg dann ſchnell über das Brett, ſein Diener folgte, nachdem auch er dem Jüng⸗ Aing herzlich die Hand geboten. Jetzt umarmten ſich die lungen Leute noch einmal; er wandte ſich zuerſt los und 1 führte die Dame nach dem Brett.„Auf immer!“ flüſterte ſie mit wehmüthigem Lächeln.„Auf immer!“ antwor⸗ ete der junge Mann, indem er ſie bebend, mit Thrä⸗ nen anſah. Noch einen Händedruck und ſie wandte ſich, das Brett hinanzuſteigen. Schon ſtand ſie oben, der Oberbootsmann, ein breiter Engländer, wartete am Brett, ſtreckte ſeine breite Hand aus, um die ſchöne Dame zu empfangen, und hatte ſchon einige gutgemeinte Troſtgründe in Bereitſchaft. Da wandte ſie von dem unendlichen Meer ihr dunkles Auge noch einmal zurück nach dem jungen Mann. Ihre hohe, herrliche Geſtalt ſchwebte kühn auf dem ſchmalen Brett, ihr ſchlanker Hals war nach dem Land zurückgebogen, die ſchwan⸗ Hnden Federn des Hutes ſchienen hinüber zu grüßen. Er breitete die Arme aus, in ſeinen Zügen miſchte ſich die Seligkeit der Liebe mit dem Schmerz der Trennung. Da ſchien ſie ihrer ſelbſt nicht mehr mächtig zu ſein; ſie ſprang über das Brett und hinab auf das Land, und ehe der Bpotsmann die Hände vor Verwunderung zu⸗ ſammenſchlagen konnte, hing ſie ſchoiß an des jungen Mannes Hals, an ſeinen Lippen.„Nein, mhekann nicht über das Meer,“ rief ſie,„ich will bleiben; ich will Alles thun, was Du willſt, will dieſe Feſſeln eines 1 Glaubens von mir werfen, der mich hindert, meinem beſſern Gefühl zu folgen; Du biſt mein Vaterland, meine Familie, mein Alles; ich bleibe!“ 1„Joſephe, meine Joſephe!“ rief der junge Mann, indem er ſie mit ſtürmiſchem Entzücken an ſein Herz drückte.„Mein, mein auf immer? Ein Gott hat Dein Herz gelenkt, o ich wäre untergegangen unter der Qual dieſer Trennung!“ Sie hielten ſich noch umſchlungen, als der alte Herr mit haſtigen Schritten über Bord und das Brett herabſtieg und zu der Gruppe trat:„Kin⸗ der,“ ſagte er,„einmal Abſchied zu nehmen wäre ge⸗ nug geweſen; komm, Joſephe, es hilft ja doch zu nichts, ſie werden gleich zum drittenmale ſchießen. 4 „Laßt ſie mit Stückkugeln ſchießen, Don Pedro,“ rief der junge Mann mit freudig verklärten Zügen, ſie bleibt 3ie ſie bleibt bei mir.“ „Was höre ich?“ erwiderte Jener ſehr ernſt.„Ich will nicht hoffen, daß dies ſo iſt, wie der Cavalier ſagt; Du wirſt Deinem Verwandten folgen, Joſephe!“ „Nein!“ rief ſie muthig,„als ich dort oben auf dem Rand der Schaluppe ſtand und hinausſah auf dieſe Fluten, die mich von ihm trennen ſollten, da ſtand feſt in mir, was ich zu thun habe; meine Mutter hat mir den Weg gezeigt; ſie iſt einſt dem Manne ihres Her⸗ zens in die weite Welt gefolgt, hat Vater und Mutter verlaſſen aus Liebe; ich weiß, was auch ich zu thun habe; hier ſteht der, dem meine arme Mutter ihre letz⸗ ten ſüßen Stunden, dem ich Leben, Ehre, Alles ver⸗ danke, und ich ſollte ihn verlaſſen? Grüßet die Gräber meiner Ahnen in Valencia, Don Pedro, und ſaget ihnen, daß es noch Eine aus dem Stamm der Tortoſi gibt, der die Liebe höher gilt, als das Leben!“ Don Pedro wurde weich.„So folge Deinem Her⸗ zen, vielleicht es rathet Dir beſſer als ein alter Mann; ich weiß Dich zum mindeſten glücklich in den Armen dieſes edlen Mannes, und ſein hoher Sinn bürgt mir dafür, daß ihm unſere Ehre nicht minder hoch als die ſeine gilt. Aber Don Fröbenio, was werden Sie zu Ighren ſtolzen Verwandten ſagen, wenn Sie dieſes Kind mit muthigem Geſicht, indem er Jenem die eine Hand des Elends vorſtellen? Gott! Werden Sie auch den Muth haben, den Spott der Welt zu ertragen 2 „Fahre wohl, Don Pedro,“ ſagte der junge Mann 156 zum Abſchied bot und mit der andern die Geliebte um⸗ ſchlang; ſeid getroſt und verzaget nicht an mir. Ich werde ſie der Welt zeigen und wenn man mich fragt: Wer war ſie denn? So werde ich mit freudigem Stolz antworten: Es war die Bettlerin vom Pont des Arts!“ ffffffffff TianwuauuuuuuuuwwrwrEmrrrMRNVnx 9 10 11 12 13 14 15 16