Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und G Jeſehedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 2 für wöchentlich 23 2Bücher: 4 4⁴ Bücher: 5 Bü Bücher: an Monat: 1 r—— Pf. 1 Nr. 50 50 Pf. 2 Mk.— Ff. 34 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Schweſter Traum...... 35 Mutterliebee....... 38 An die Freiheiit.... 490 1. Zur Feier des 18. Junius... 142 2. 8„ 1823.... 44 1 3.„„ 1824... 45 4.„„ 1824„... 47 Turnerluſt........ 48 1 Das Burſchenthum.. 8... 50 6 Trinklied....... 52 Soldatenmuth„.. Prinz Wilhelm... Soldatentreue„...... 59 Soldatenliebe....... Hans Huttens Ende„...... Entſchuldigung..... 64 Jeſuitenbeichte...... Regel für Kranke....... 70 Reiters Morgengeſag..... 54 N Schriftſteller. Lehre aus Erfahrung. Amor der Räuber... Stille Liebe... Troſt... 1... Sehnſucht.... 2 Ihr Auge.... Serenade. Die Freundinnen an der henni dehrian An Emilie„... Der Kranke..... Grabgeſang.. Aus dem Stammöuch smnes geandes Logogryph... Räthſel, drei..„ Charade... Die Sängerin, eine Novelle.. Wilhelm Hauff's Guſtan Schwab. W. Haufſ's Werke. 1. Leben Wilhelm Hauff ward zu Stuttgart, wo ſein Va⸗ ter, Auguſt Friedrich Hauff, damals als Regierungsſe⸗ kretär lebte, am 29. November 1802 geboren. Er war erſt vier Jahre alt, als ſein Vater die Sekretariats⸗ ſtelle bei dem königlichen Oberappellationstribunal er⸗ hielt, welches damals ſeinen Sitz in Tübingen hatte. Der Sohn folgte den Eltern in dieſe Stadt, wo ſein zwei Jahre älterer Bruder Hermann ſchon ſeit einigen Jahren im Hauſe ſeines mütterlichen Großvaters, des Obertribunalraths Elſäßer, erzogen wurde. Im Jahre 1808 zog die Familie wieder nach Stuttgart, wo der Vater zum Geheimen Sekretär beim Miniſterium der auswärtigen Angelegenheiten befördert worden war. Nach dem frühen Tode des Vaters(1809) blieb der äl⸗ tere Sohn im Hauſe des genannten Großvaters zu Tü⸗ bingen, Wilhelm aber bei der Mutter, die gleichfalls nach Tübingen gezogen war. Dieſe vortreffliche Frau, eine zurtliche und verſtändige Mutter, beaufſichtigte in ſittlicher Hinſicht die Erziehung des Knaben. Sie hatte einen wohlthätigen Einfluß auf ſein weiches, empfäng⸗ liches Gemüth; auch ſein Talent, zu erzählen, bildete ſich im häuslichen Kreiſe unter Mutter und Schweſtern frühe aus, ohne daß jedoch außerhalb des Hauſes Je⸗ mand etwas davon geahnet hätte. Vielmehr galt Wil⸗ helm Hauff von der Zeit an, wo man an den Geiſt des Kindes Anſprüche macht, zwar für einen liebenswürdigen, ſanften, aber keineswegs für einen talentvollen Knaben. Seine Laufbahn durch die Klaſſen der„Schola anato- licà“* zu Tübingen war durchaus nicht glänzend, und er verlor in dieſer Periode, beſonders durch die Verglei⸗ chung mit dem ältern Bruder, der Sprachentalent und Gedächtniß vor ihm voraus hatte. So kam es, daß, während jener ſeinen klaſſiſchen Schulſack ſchon beinahe gefüllt hatte, er mit ziemlich mittelmäßigen Kenntniſſen in die Kloſterſchule zu Blaubeuren aufgenommen wurde. Sehr bezeichnend für die Richtung, die ſein Geiſt ſchon frühe genommen hatte, erſcheint das Zeugniß, das der Rektor ſeiner Schule, ein ſehr eifriger Schulmann, der manchen trefflichen Lateiner gebildet hatte, und über⸗ haupt die Geiſtesgaben ſeiner Schüler in dieſer Beziehung herauszukennen und zu wecken wußte, unſerem Hauff in das ſogenannte Landexamen,— wo die zum Studium der Theologie beſtimmten Jünglinge, die in eines der niederen theologiſchen Landesſeminarien aufgenommen werden wollen, geprüft werden— an die Oberbehörde nach Stuttgart mitgab. In literis, beſonders in der lingua hebraica war Wilhelm ſehr mittelmäßig prädi⸗ zirt, dagegen machte der Rektor auf das überraßphende * Der für Nichttübinger unverſtändliche Name dieſer Schule kammt von ihrer Lage auf einem in der Stadt ſelbſt befindlichen Vporhügel des benachbarten Oeſterberges, den unſere lati⸗ niſirenden, oder vielmehr gräciſirenden Voreltern den Mons anatolicus nannten. Deklamir⸗Talent des Knaben aufmerkſam, damit der Arme doch auch etwas für ſich hätte, das ihn als der⸗ einſtigen geiſtigen Redner empfehle. Eine ſchöne Anlag 8 zur Mathematik und Muſik zeigte ſich erſt in den ſpi⸗ tern Jahren. Viel hatte jedoch zu jener Vernachläſſi⸗ gung der klaſſiſchen Studien eine zarte Conſtitution und periodiſche Kränklichkeit beigetragen, und erſt in dem felſigen Albthale von Blaubeuren, an dem in Schwa⸗ ben berühmten Blautopf(der ſehr romantiſch gelegenen tiefen Quelle des Blauflüßchens) fing ſein Körper mit der Entwicklung zu erſtarken an. Hat nun die gleichſam öffentliche Laufbahn des Knaben nichts Merkwürdiges, ſo iſt die freie Ausbildung ſeines Geiſtes deſto intereſ⸗ ſanter. Von früher Jugend an war eine rege Aufmerk⸗ ſamkeit auf Alles, ein glückliches Auffaſſungsvermögen, und die Gabe, das Aufgefaßte gut wieder zu erzählen, an demſelben auffallend, und wenn dieſes ſchöne Talent weniger gewürdigt und gepflegt wurde, als daſſelbe ver⸗ dient hätte, ſo trug zum Theil unſer Erziehungsſyſtem die Schuld, welches das poſitive Lernen, namentlich der alten Sprachen, zur Hauptſache macht. Eine unbegrenzte Wißbegierde, die ſich vorzüglich durch das Verſchlingen von Büchern jeder Art äußerte, theilte er mit dem älteren Bruder, deſſen Beiſpiel ihn wohl noch früher dazu verführt haben mag, als er von ſelbſt varauf gekommen wäre. Auffallend aber war ſchon. im zehnten und elften Jahre ſein Hang zu den Gebil⸗ den der Phantaſie. Während die meiſten Knaben in die⸗ ſem Alter ſich zur Geographie, Reiſebeſchreibungen, Technologie und dergleichen hingezogen fühlen, war ihm alles dies Nebenſache, und er ſchwelgte am liebſten in leichten Hiſtorienbüchern und Romanen. Mit ſehr vie⸗ ler Laune hat er ſpäter im erſten Bande ſeiner Memoi⸗ ren des Satan dieſe Neigung dargeſtellt, und uns ein komiſches Bild von ſeinem eigenen poetiſchen Treiben in der Schule unter fremdem Namen gegeben. Eine reiche Quelle eröffnete jenem Hange der große Bücher⸗ ſaal des alten Großvaters, eines gelehrten Inriſten. Dieſes Zimmer war überhaupt für die beiden Brüder recht eigentlich der Schauplatz ihrer Selbſtbildung. Es befanden ſich in ihm, außer juriſtiſchen, ſehr ſchätzbaren hiſtoriſchen Werken und den alten Klaſſikern, die deut⸗ ſchen Klaſſiker der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhun⸗ derts, und in ziemlicher Zahl die Romane von Smollet, Fielding, Goldſmith und Andern. Die neue Literatur wurde einzig und allein durch Goethe und Schiller re⸗ präſentirt. Alles dies war vor dem vierzehnten Jahr geleſen und wieder geleſen. Daß eine ſo wunderliche, ja gefährliche Selbſterziehung die Brüder nicht verdorben, iſt ein großes Glück zu nennen: daß ſie bei Wilhelm ſo ſchöne Früchte getragen, iſt ein Beweis für die geſunde Conſtitution ſeines Kopfes, macht aber jene Methode, die jugendlichen Gehirne mit Bildern zu ſchwängern, um nichts empfehlenswerther. Inzwiſchen war dieſe Leſeluſt nichts weniger als ein beſtändiges Vertieftſein in die Bücher; die Luſt zu ſpie⸗ len war vielleicht nie lebendiger in einer Kinderbruſt, aber auch ſie bezog ſich auf jene herrſchende Neigung. Zu den eigentlichen lärmenden Uebungsſpielen der Kna⸗ ben im Freien hatte Wilhelm nie große Luſt gehabt, aber ☛ dafür war wieder jenes geliebte Bücherzimmer der Tum⸗ melplatz, wo die Brüder häufig in mannigfaltigem Spiele darſtellten, was ſie geleſen oder geſehen hatten; denn jene langen Foliantenreihen waren reich an Bildern, grob und fein, gut und ſchlecht, aus allen Zeitaltern, und ſo bildete ſich in den Köpfen der Knaben eine frei⸗ lich ſehr lückenhafte Geſchichte in Bildern; namentlich aber prägte ſich ihnen das Mittelalter und die Zeit ſeines Uebergangs in die neuere Geſchichte gar lebhaft ein, weil dazu des Großvarers Folianten den meiſten Stoff boten, und jene Periode wurde dadurch in der Phantaſie der Brüder eine Art Lieblingsperiode. Sie, die Göͤtz und Egmont und Wallenſtein auswendig wußten, waren entzückt, in Hardleders„Urſachen des deutſchen Krieges“ die eiſernen Fürſten und Herren, die Lanzenknechte mit ungeheuren Hoſen und Partiſanen, die Belagerungen und Feldſchlachten, und alle jene lehrreichen Kupfer zu finden, wo z. B. links Kaiſer Karl bei Mühlberg mit dem Heere über die Elbe ſetzt, in der Mitte den Chur⸗ fürſten von Sachſen ſchlägt, und rechts der arme Fried⸗ rich vor dem beleidigten Kaiſer kniet. Auch die neueſte Geſchichte ging nicht leer aus; und hier waren die Geſpräche des Großvaters mit ſeinen Freunden, denen die Knaben unbemerkt hinter dem Ofen lauſchten, ein unſchätzbarer Commentar zu ihrem Mo⸗ niteur und ihrer einzigen hiſtoriſchen Quelle, dem ſchwä⸗ biſchen Merkur. Sie bauten Arſenale und Schanzen aus den beſtäubten Folianten für ihre papiernen Heere, ſchlugen Schlachten, haranguirten die Truppen, und in mancher Rede des kleinen Wilhelm würde, wenn ſie anfbehalten wäre, der Keim zu ſeinem eigenthümlichen Talente ſichtbar ſein. Wenn eine aus den„Acta pacis westphalicae“ gebaute Schanze zuſammenfiel, ſo wußte der vierzehnjährige Knabe, daß ſie das Schickſal des Gebäudes theile, das die Herren zu Münſter und Os⸗ nabrück gezimmert, und freute ſich darüber. Wenn die Armeen der feindlichen Brüder einander lange genug den Sieg ſtreitig gemacht hatten, entſchied denſelben oft ein ernſter Zweikampf zwiſchen den Heerführern ſelbſt, und überhaupt entſpann ſich oft zwiſchen den Brüdern ein leidenſchaftlicher Streit, nicht wegen des Eigenthums, ſondern über Vorzüge und Handhabung des Geiſtes in ihren kriegeriſchen Spielen. Auf dieſem Wege ſchuf ſich der jugendliche Geiſt aus den mannigfaltigen Bildern ein Bild der Natur und des Menſchen, deſſen Umriſſe immer beſtimmter und feſter wurden, er gewöhnte ſich frühe daran, jene Bil⸗ der mit Sicherheit im Geſpräche zu handhaben, und legte dadurch den Grund zu der Darſtellungsgabe, die ſpäter ſein Hauptverdienſt war. Jene aus Büchern er⸗ lernte, traditionelle Menſchen⸗ und Naturkenntniß brachte ihn beim Eintritt ins jugendliche Alter über manche Klippe hinweg, an welcher der jugendliche Geiſt ſo leicht zu ſcheitern Gefahr läuft. Unſere beiden größ⸗ ten Dichter wußte er auswendig, ehe er ſie verſtand, und als ſich ihm ſpäter das Verſtändniß öffnete, hatte er den erſten Eindruck ſchon weg, und konnte ſich nicht mehr enthuſiasmiren, und es iſt bekannt, auf welche Abwege dieſer jugendliche Enthuſiasmus für die größten Geiſter, ſo edel und ſchön er ſein mag, nicht ſelten führt. X 8 5 1 4 Ob aber nicht dieſer Bildungsgang auf der andern Seite auch nachtheilig auf das Talent des Jünglings wirkte— die Beantwortung dieſer Fragen überläßt der Biograph billig dem Ausſpruche der Kritik. Genug, der ſo früh⸗ zeitig auf eigenthümlichem Wege gebildete Jüngling ſah ſich, da ſein Glaubensbekenntniß über Gott und die Welt— es mochte vielleicht etwas leicht und leichtſinnig ſein— fertig war, ruhig in Literatur und Kunſt um, und war, als er die Univerſität bezog, vielleicht ein weit ſchlechterer Philolog als ſeine Kameraden, aber ein weit reiferer Menſch. Bis hieher reichen die Mittheilungen von Wilhelm Hauffs älterem Bruder, Doktor Hermann H auff, dem ich großentheils wörtlich nacherzählt habe. Ueber Wilhelms Untverſitätsleben ſchließen ſich dieſem Ge⸗ währsmanne die Berichte ſeiner Jugendfreunde an. Sie erzählen, daß ihr Freund auch anfangs noch in Tübin⸗ gen eine ſehr ſchwankende Geſundheit gehabt und ihnen oft bange gemacht habe, jedoch unerwartet ſchnell er⸗ ſtarkt, und zu völligem Wohlſein gekommen ſei. Nur großen körperlichen Anſtrengungen war er nie gewachſen, und zu den ritterlichen Fertigkeiten des Burſchenlebens zeigte er wenig Geſchick. Nichts deſto weniger nahm ſein Geiſt lebendigen Antheil an Allem, was jugendliche Gemüther in jener Periode begeiſtert, und er that ſich unter den Dichtern und Rednern der damals mit dem Zugeſtändniſſe der Behörden blühenden Burſchenſchaft hervor, ohne daß darum ſeine Altersgenoſſen den künf⸗ tigen Schriftſteller in ihm geahnt hätten. Den engern Kreis ſeiner Freunde ergötzte er durch ſeine glücklichen Einfälle, ſeine Geſprächigkeit und Munterkeit, ſeine Ertravaganz und dabei ſeine Beſonnenheit im Zuſtande burſchikoſer und geſelliger Exaltation. Obgleich jugend⸗ lich eitel, reizjbar und empfindlich, hörte er doch mit ſeinem Humor nicht, wie ſo viele Humoriſten an ſich ſelbſt auf, ſondern er war der Erſte, der ſeine eigenen kleinen Schwachheiten zu beſpötteln, und in ihrer Be⸗ harrlichkeit als Karrikatur an ſich ſelbſt darzuſtellen kein Bedenken trug. Zuweilen warf er ſeine Einfälle aufs Papier mit ſeltener Leichtigkeit und Gewandtheit, weder eigene noch fremde Schwäche ſcheuend. Ueberbleibſel ſolcher ſchriftſtelleriſchen Vorübungen, die aber ſeine Freunde keineswegs als ſolche erkannten, liegen vor mir in„Briefen eines auf der Univerſität zu Tübingen befindlichen Mädchens an eine gute Freundin in Stutt⸗ gart,“ und in einer„Phantaſie für den September 1850, vorgeleſen bei dem am 11. Februar 1825 in der Poſt zu Waldenbuch gefeierten Compagniefeſte.“ Beide Auf⸗ ſätze ſind zu flüchtig hingeworfen, und zu ſehr mit Per⸗ ſönlichkeiten angefüllt, als daß ſie unter ſeinen Werken einen Platz einnehmen könnten; aber doch finden ſich in ihnen ſchon alle Elemente ſeiner ſpäter vollkommener ausgebildeten Auffaſſungs⸗ und Darſtellungsweiſe des Menſchenlebens, und ſeines, bei großer Nachläſſigkeit im Einzelnen, doch im Ganzen ſo leichten, fließenden und gerundeten Styles. In dem letzten Aufſatze führt er ſeine beſten Freunde in einer Correſpondenz nach fünf⸗ undzwanzig Jahren, und ſich ſelbſt als armen, aber glücklichen Paſtor auf, der ſeinen Sohn„Wilhelm“ auf die Univerſität liefert. Von dieſem fingirten Filius be⸗ 11 richtet er hier an einen Freund:„Ueber Wilhelm ſchreibe ich Dir nichts, Du magſt ihn ſelbſt prüfen. Man will große Aehnlichkeit mit mir in ihm finden; Du kannſt ſelbſt darüber entſcheiden. Wahr iſt es, ſein luſtiger, leichter Sinn, der hie und da an die Grenzen von Leicht⸗ ſinn ſtreift, nöthigt mir oft ein Lächeln ab. Ich war einſt auch ſo, und Du, mein Freund, würdeſt wohl ſchwerlich in mir den wieder erkennnn, der Dir durch ſo manchen ſchlechten Spaßein Lächeln abzunöthigen ſuchte. Die Zeiten ändern ſich, und wir mit den Zeiten.“ Der Freund, den Hauff zum Profeſſor hat avanciren laſſen, erwidert:„Ich finde, daß er(der Sohn) Dir gleicht; auch P.. und N... fanden dies im erſten Augenblick, nur meint R...., er habe keine krumme Naſe, wie der Herr Vater, und ſehe auch nicht ſo naſeweis aus.“ So ſcherzte er gutmüthig über ſich und Andere, zeigte ſich dabei in allen Verhältniſſen als warmen und treuen Freund ſeiner Freunde, war immer fröhlich bei den be⸗ ſchränkten Umſtänden, und redlich darauf bedacht, ſeiner zärtlichen Mutter keine unnöthige Sorge zu den nöthi⸗ gen zu verurſachen. Was er produeirte, theilte er gerne mit. Es war inzwiſchen Weniges und ohne weitere Ab⸗ ſicht Niedergeſchriebenes, als ſich und ſeine nächſten Freunde zu erfreuen. In lyriſchen Gedichten, die mehr von der Gelegenheit als von der Stimmung eingegeben wurden, hatte er ſich frühe verſucht, und ſchon auf der Schule ſtrömten ihm, während der ältere Bruder latei⸗ niſche Verſe mit Leichtigkeit zimmerte, die deutſchen Verſe zu, die aber dem Lehrer wenig behagten. Von dem, was er zu Blaubeuren dichtete, zeichnet ſich das 12 Lied„der Kranke“ durch Ahnung frühen Todes aus. In Tühingen begeiſterten ihn die Freiheitsideen des neueſten Burſchenlebens. Eine Auswahl ſeiner lyriſchen Verſuche findet der Leſer in dieſer Sammlung. ₰ Nachdem Hauff, mehr der Mutter zu gefallen, als nach eigener Neigung, im Seminar zu Tübingen das Studium der Philologie, Philoſophie und Theologie in den Jahren 1820— 1824 abſolvirt hatte, fand er in dem Hauſe des damaligen Kriegsrathspräſidenten, jetzigen Kriegsminiſters, Freiherrn von Hügel zu Stutt⸗ gart, eine Anſtellung als Hauslehrer, und bekleidete dieſe Stelle, die ihm Zeit zum Beginnen ſeiner ſchrift⸗ ſtelleriſchen Laufbahn ließ, bis ins Jahr 1826. In die⸗ ſer liebenswürdigen Familie lernte er die Formen des höheren geſelligen Lebens in der Nähe kennen, der hei⸗ tere, natürliche Ton des Hauſes erlaubte ihm, manches ſchöne friſche Bild aus dem Leben ſelbſt aufzufaſſen, und ſolche lebendige Eindrücke blühten unmittelbar, nachdem er ſie empfangen hatte, als irgend eine anmuthige Schil⸗ derung in ſeinen Dichtungen wieder auf. Das erſte kleine Werk, mit welchem er öffentlich auftrat, iſt der„Mährchenalmanach auf das Jahr 1826 für Söhne und Töchter gebildeter Stände.“” Er erſchien für das Jahr 1826 bei Metzler, und iſt jetzt der Ge⸗ ſammtausgabe ſeiner Schriften einverleibt. Die meiſten H Leſer werden dieſe früheſte Schrift Hauffs hier zum er⸗ ſtenmale kennen lernen, denn ſie iſt nicht ſehr verbreitet, und für den Augenblick durch ſeine ſpätern, glänzenden Arbeiten verdunkelt worden. Jetzt, wo man Gelegen⸗ heit hat, die Leiſtungen ſeines Talentes mit einem ein⸗ 4 — 13 zigen Ueberblicke zu überſchauen, wird dieſe kleine Samm⸗ lung nach ihrem wahren Werthe gewürdigt werden, und ich glaube nicht zu viel zu ſagen, wenn ich behaupte, daß Hauffs eigentliches Dichtertalent in keiner ſpä⸗ tern Produktion ſich ſo rein, und von Fremdartigem und Zufälligem ſo ungetrübt ausgeſprochen hat; daß er nirgends der Poeſie mit denjenigen Mitteln, die ihm dazu verliehen waren, ſo auf die rechte Spurkgekommen, wie in dieſen Mährchen, deren urſprünglicher Stoff zwar größtentheils nicht ihm ſelbſt angehört, die jedoch mit ſo freiem Phantaſieſpiele behandelt, und dabei doch ſo ſchön abgerundet ſind, daß ſie auch in dieſer Beziehung unter ſeinen Werken obenan ſtehen. Unmittelbar auf dieſen erſten Mährchenalmanach folgen die„Mittheilungen aus den Memoiren des Satan“(Stuttg. 1826), ein mehr fragmentari⸗ ſches Werk, als jene künſtleriſch abgeſchloſſenen Mähr⸗ chen, das jedoch ebenfalls reich an den ſchönſten Proben jener hellen Phantaſie, jener glücklichen Auffaſſungs⸗ und Darſtellungsgabe iſt, die ſein Haupttalent ausmachte, und in dem ſich überdies der Scherz, ſoweit das äußer⸗ lich Lächerliche ſeinen Gegenſtand ausmacht, ſchon dich⸗ teriſcher zeigte. Die barocke Studentenwelt, von deren Anſchauung der junge Mann eben erſt herkam, gab ihm hier vielfache Gelegenheit, ſein Talent zu üben; auch ließ ſich hier die phantaſtiſche Idealität, mit welcher der Verfaſſer in den Mährchen ſo glücklich geweſen war, noch ohne Gefahr für die Poeſie mit der Realität verſchmel⸗ zen. Weniger gelang dem noch allzu unerfahrenen Jüng⸗ linge in jener Schrift die Perſiflage des übrigen geſelli⸗ gen Lebens, und einen ſehr ungründlichen Angriff auf Goethe und ſeinen Fauſt nahm der junge Mann, dem es nichts koſtete, Fehler, die er eingeſehen, auch einzu⸗ geſtehen, ſpäter, ſo viel er konnte, ſogar öffentlich zurück. Inzwiſchen iſt eben dieſe Scene, durch das Burleske der äußern Darſtellung, ſo eigenthümlich komiſch, daß ſie, obgleich der Verfaſſer ſelbſt ſie gewiſſermaßen verdammt hat, dem Publikum, deſſen Eigenthum ſie einmal iſt, doch nicht mehr entzogen werden durfte. Etwas anders iſt es mit verſchiedenen kleineren Ausbrüchen des jugend⸗ lichen Muthwillens in dieſem Werke und den folgenden. Solche hat der verewigte Verfaſſer zum Theile ſelbſt in den zweiten Auflagen mit richtigem Gefühl und erſtark⸗ tem ſittlichem Takte zu unterdrücken angefangen, und ich habe, als Ordner ſeiner Werke, das Geſchäft, das er ſelbſt einmal in dieſer Beziehung begonnen hatte, im Ein⸗ verſtändniſſe mit den vertrauteſten Freunden des Ver⸗ ewigten in ſeinem Sinne fortgeſetzt, und jene üppigen Ranken eines urſprünglich lautern, und in ſeinem Kerne geſunden Geiſtes im Intereſſe des Verſtorbenen eben ſo ſehr, als dem des Publikums mit aller Schonung des Weſentlichen auszuſchneiden keinen Anſtand genommen. Jene Satansmemoiren verſchafften dem Verfaſſer ſchnell einen ausgebreiteten Ruf, der Beifall ſetzte ſeine Feder in raſchere Bewegung, das geſellige Leben, das ſich vor ſeinen Blicken kürzlich in weiterer Ausdehnung eröffnet hatte, forderte ihn zu leichteren und bequeme⸗ ren Darſtellungen auf, die ſeiner Beobachtungsgabe und ſeinem ſeltenen Talente für den modernen Sty!l ſo leicht wurden. Was Wunder, daß er gus ſeiner idealen 15 Mährchen⸗ und Poſſenwelt in die realere des Converſa⸗ tionslebens überging, und auf einen Stoff zu denken an⸗ fing, der aus dieſem letztern unmittelbar gegriffen war? Die Ausführung ſeines Entſchluſſes erlitt jedoch un⸗ ter der Arbeit ſelbſt, theils durch das eigene Gefühl des Verfaſſers, theils durch den Fingerzeig einiger Freunde eine bedeutende Modifikation, und was vielleicht ur⸗ ſprünglich ein Originalroman hatte werden wollen, wurde eine Karrikatur der bekannten Manier von H. Clauren, und erſchien in dieſer Geſtalt unter dem Namen„der Mann im Monde.“ Die Geſchichte dieſes Romans gehört nicht in unſere kurze Biographie. Daß die Form mit vieler Leichtigkeit gehandhabt, die Erfindung voll Mannigfaltigkeit, die Entwickelung der Fabel raſch, die gewöhnlichen, ſtehenden Charaktere des modernen Ro⸗ mans mit Keckheit und Grazie ausgeführt ſind, wird auch der zugeben, der dieſes Produkt für keine Satire auf H. Clauren halten kann. Auch wirkten dieſe unläug⸗ baren Vorzüge auf das Publikum wie mit einem Zau⸗ berſchlage, und machten es ſehr nachſichtig in ſeinen kritiſchen und äſthetiſchen Anforderungen an dieſes merk⸗ würdige Buch, welches eine verkehrte und verwerfliche Manier mehr durch Uebertreibung, als durch Spott und Verhöhnung derſelben bekämpfen zu wollen ſchien. Wilhelm Hauff fühlte jedoch, was er ſich gegenüber von denjenigen ſchuldig war, die ernſtere Rechenſchaft von dem Schriftſteller fordern; er griff den Gegner in ſeiner durch Geſinnung und Ausdruck nicht minder, als durch beißenden Witz und echten Humor ausgezeichneten „Controverspredigt“ auf eine gründlichere und entſchie⸗ 16 denere Weiſe an; es war beinahe, als wollte er die Zweideutigkeit des erſten Angriffs durch den Ernſt des zweiten in Vergeſſenheit bringen. Doch greifen wir unſern Leſern mit keinem Urtheile vor. Sie finden beide Schriften in unſerer Sammlung zuſammengeſtellt. Der Ruhm, den Hauff bei dem großen Publikum durch ſeinen„Mann im Monde“ beſonders dadurch erhalten hatte, daß ihin die Schilderung des geſelligen Lebens und der Erzählerton des Tages in ſo hohem Grade gelungen war, führte ihn immer mehr den Dar⸗ ſtellungen der modernen Welt und dem igentlichen Converſationston in der Novelle und dem Romane zu. So entſtand der zweite Band ſeiner Satansmemoiren, und eine Reihe von Erzählungen, in welchen mehr oder weniger, mit Verbannung des Phantaſtiſchen, das neueſte Leben geſchildert wird. Die jüngſte dieſer Ar⸗ beiten,„das Bild des Kaiſers,“ iſt übrigens eine Er⸗ zählung, in welcher ſo viel hiſtoriſche und poetiſche Wahrheit zugleich enthalten, und die Darſtellung ſo ganz von der eigenthümlichen Grazie des Verfaſſers beſeelt iſt, daß man ſie gewiß unter die gelungenſten Hervorbringungen ſeines dichtenden Geiſtes zählen darf. Neben jener Richtung auf das rein Moderne ver⸗ folgte aber Wilhelm Hauff ſeit einiger Zeit auch eine andere Bahn, auf welche ihn ebenfalls der Zeitgeiſt leitete, in der er jedoch mit richtigem Gefühl ein Gegen⸗ mittel gegen die Verflüchtigung ſeines Talentes durch die immer wiederholte Darſtellung des conventionellen Lebens ſuchte; er betrat die, längſt von Walter Seott 17 angebahnte, und ſeitdem viel bewandelte Straße des hiſtoriſchen Romans. Sein„Lichtenſtein, romantiſche Sage aus der würtembergiſchen Geſchichte“ ward in unglaublich kur⸗ zer Zeit entworfen und ausgeführt. Er fand die gün⸗ ſtigſte Aufnahme in ganz Deutſchland, und verdiente ſie auch. Daß der anmuthige Stoff keine Sage, ſondern reine Erfindung des Verfaſſers iſt, die ſich wie Epheu hinaufrankt an dem alten Felſenſchlößchen Lichtenſtein, das kann in den Augen des poetiſchen Leſers kein Vor⸗ wurf ſein; die geſchickte Benützung der Zeitbegeben⸗ heiten, und das großentheils wohlgetroffene Coſtüme, das uns Schwaben beſonders anheimeln muß, bringen die aus den Scottiſchen Romanen ſo beliebte Täuſchung hervor, die macht, daß man nicht mehr weiß, was Hiſtorie und was Dichtung an der Erzählung iſt. Ueber⸗ haupt aber hat dieſer Roman bei allen Mängeln der Anlage und Charakterzeichnung und manchen Verſtößen gegen die Zeit, die er darſtellen will, doch ſo große Schönheiten im Einzelnen, es iſt der Keim zu ſo vielem Guten darin, daß dieſes Werk zu den ſchönſten Hoff⸗ nungen berechtigte, und wir in einem zweiten Romane dieſer Art gewiß ſchon etwas Vollkommenes erhalten haben würden, zumal, da er in dieſer zweiten Arbeit (über deren Entwurf er geſtorben iſt), wo er den Schau⸗ platz ſeiner Mähre in Tirol und deſſen neueſter Hel⸗ dengeſchichte aufſchlagen wollte, ſich immer mehr von dem verführeriſchen Jargon der höheren geſelligen Welt zu entfernen, und bei Volkscharakteren und kräftigen Naturen in die Lehre zu gehen entſchloſſen war. W. Hauff's Werke. J. Zu rühmen iſt auch, daß Hauff immer wieder zu ſeinen Mährchen zurückkehrte, und ſo mitten unter jenen vom Publikum ſo günſtig aufgenommenen Darſtellungen des geſelligen Lebens ſich zu den Gebilden einer freieren Phantaſie zurückſehnte. Als Früchte dieſer Sehnſucht ſind die beiden ſpätern Jahrgänge des Mährchenal⸗ manachs zu betrachten. Nach Vollendung ſeines Lichtenſteins verließ Hauff ſeine bisherigen Verhältniſſe. Der Ertrag ſeiner litera⸗ riſchen Arbeiten erlaubte ihm eine Reiſe durch Dentſch⸗ land und nach Frankreich. Seine Liebenswürdigkeit erwarb ihm auf dieſen Wanderungen allenthalben, beſonders in Dresden, Berlin und den Hanſeſtädten perſönliche Freunde unter allen Klaſſen der Geſellſchaft. Der Direktor Hitzig von Berlin, der edle Freund alles Schönen und Guten, hielt ſich im Herbſt 1826 Amtsgeſchäfte halber in Hamburg auf. Dort hörte er von Hauffs Anweſenheit, gewann Intereſſe für ihn durch das, was ihm berichtet wurde, und ſuchte Hauff im Gaſthofe, den jener bewohnte, auf. Dieſe Bekannt⸗ ſchaft trug iyre Früchte in Berlin, wohin Hauff bald ging, und Hitzig nach vollendeten Geſchäften zurück⸗ kehrte. Der Letztere bemühte ſich, dem jungen, liebens⸗ würdigen Würtemberger den Aufenthalt in der preußi⸗ ſchen Hauptſtadt ſo angenehm als möglich zu machen, namentlich dadurch, daß er ihn mit ausgezeichneten Männern in Verbindung brachte. Wie dankbar und mit rührender Liebe dies der heitere Hauff erkannte, geht * 19 aus den folgenden Zeilen, die er bei ſeinem Scheiden von Berlin dem Direktor Hitzig zurückließ, hervor: „Sehr verehrter Freund! Nehme ein Andrer Abſchied von einem theuren Mann, nur nicht der, dem das Herz überfließt! Als ich Sie zum erſtenmal in Hamburg ſah, rechnete ich Sie unter die, von welchen ich mich niemals löſe. Darum dieſes ſchriftliche Ade! und baldiges fröhliches Wieder⸗ ſehen. Meinen innigſten Dank für all Ihre unendliche Güte. Berlin.(ohne Datum.) Ihr Dr. Wilhelm Hauff.“. Bis an ſein Ende blieb er mit dem älteren Freunde in unausgeſetztem Briefwechſel. Dieſe Briefe gehen aber zu ſehr ins Einzelne über Spezialitäten, als daß der Empfänger nicht Bedenken tragen müßte, ſie zur Veröffentlichung mitzutheilen. Für die Poeſie trugen Wilhelms Reiſen, außer Wenigem, was Fragment geblieben iſt, und als ſolches von uns gegeben werden wird, nur eine zur vollen Reife der Frucht, in den„Phantaſien im Bremer Raths⸗ keller,“ mit welchen er noch im Herbſte 1827, wenige Wochen vor ſeinem Tode,„Freunden des Weins“ ein Geſchenk machte, und welche ſich, was Erfindung und Darſtellung betrifft, unſtreitig dem Beſten anreihen, was ans ſeiner Feder gefloſſen iſt. In das Vaterland zurückgekehrt, übernahm Hauff die Nedaktion des Morgenblattes, und verheirathete 20 ſich im Februar 1827 mit einer Couſine ſeines Namens, dem Gegenſtande längſt gehegter Jugendneigung. Seine Freunde erzählen heitere Geſchichten von dem Beſtreben des jungen Mannes, dieſe Liebe, die den Verhältniſſen nach den allergeradeſten Gang hätte nehmen müſſen, ins Gebiet des Phantaſtiſchen und ſelbſt der Intrigue hinüberzuziehen, ſo ſehr war ihm Romanenverwickelung auch im täglichen Leben Bedürfniß, und er ſuchte das Bäschen, zu deſſen Herzen und Hand ihm der Weg offen ſtand, heimlich wie ein Spartaner zu erobern. Dieſer Bund ſchien übrigens ſein Lebensglück dauerhaft zu begründen, und noch in demſelben Jahre beſchenkte ihn ſeine Frau mit einer Tochter. Aber die Freude fand ihn ſchon durch Unpäßlichkeit gedrückt. Trotz dieſer that er noch am Kranken⸗ und Sterbebette eines durch einen Sturz verunglückten theuern Freundes angeſtrengte Dienſte. Endlich beſchlich ein tückiſches Nervenfieber den Widerſtrebenden, der gewaltſam zur gewohnten und ihm ſo lieben Arbeit zurückkehren wollte. Wenige Stunden, erzählt uns ſein Bruder, bevor das Fieber ſeine Sinne in wilden Taumel riß, belebte die Freude zum letzten⸗ mal ſeine Züge bei der Kunde von der Seeſchlacht bei Navarin; das Ereigniß, das ſo viele Dichter zu politiſch⸗ poetiſchen Erzeugniſſen begeiſterte, konnte er nicht mehr beſingen, er konnte ſich nur darüber freuen; er nahm die Freude hinüber in des Fiebers Wahnſinn, und es war rührend zu hören, wie er, ſich für den Schlachtenboten nach Jenſeits haltend, mehr als einmal rief:„Laßt mich, ich muß hin, ich muß es Müller ſagen!“ denn kaum vor zwei Mongten hatte er in Stuttgart den Sänger — 21 der Griechenlieder perſönlich kennen gelernt, und ſeit wenigen Wochen ſeinen jähen Tod betrauert. Wilhelm Hauff entſchlief ſanft, indem er Gott „ſeinen unſterblichen Geiſt“ empfahl, am 18. Novem⸗ ber 1827. Die Theilnahme an ſeinem frühen Tode war allgemein, und ſie ſprach ſich in Stuttgart durch eine ſehr zahlreiche Begleitung zum Grabe laut und rührend aus. Seine Mitarbeiter in der Poeſie wetteiferten, ihn mit ihrem Nachrufe zu feiern. Carl Grüneiſen, ſein Vetter und Jugendfreund, hielt eine Rede in der Kirche, der Verfaſſer dieſes Lebensabriſſes ſprach einige Strophen am Grabe, und Ludwig Uhland griff einen edlen Akkord auf ſeiner lange verſtummten Leyer.* Die ſämmtlichen Freunde beſorgten durch den Bildhauer Wagner, einen ausgezeichneten Künſtler, Danneckers Schüler, die Büſte des Verewigten, die in jeder Hinſicht gelungen zu nen⸗ nen iſt. 2 Vom Verfaſſer neu durchgeſehen und ergänzt, Go⸗ maringen im Januar 1840. * Gedichte und Rede finden ſich in den nächſtfolgenden Blättern. 3 —— I. Im Namen der Freunde gedichtet und am Grabe geſprochen von G. Schwab. O heller Tage dunkles Ende, Tod! Den Schleier wirfſt du über viel Geſtalten, Die reich an Leben und von Jugend roth Vor dieſem Auge, das du ſchloſſeſt, wallten; Ach: was die Welt im Keim von Bildern bot, Das wußtz es ſchnell und glänzend zu entfalten, Das wandelt noch vor unſern Blicken her, Nur, der es ſchuf, der ſchauet es nicht mehr. Aus Luſt und Laune mußt er bald heraus, Und kurze Friſt ward ihm zum Ernſt gegeben; Die Liebe führt ihn in des Freundes Haus, Dem jäher Sturz zerſchmetterte das Leben, 23 Da ward vertraut er mit des Grabes Graus Und neue Bilder ſah er um ſich ſchweben; Den Blick verſenkt' er in den ſchwarzen Schlund: Laßt mich zum Freunde, ſprach ſein kranker Mund. Und Weib, und Kind, und Ruhm— beſcheeret kaum— Schon ſchwand's vor ihm, und immer ward er ſtummer; Vom Traum des Dichters ging's in Fiebertraum, 8 4* Vom bunten Fiebertraum in tiefen Schlummer, Und ſo, im Schlummer, in den engen Raum, In den er ſinkt zu ſeiner Freunde Kummer; Uns bleibt von ſeines Hauptes Jugendglanz Nichts, als der frühe, grüne Lorbeerkranz. Doch weinet ihr um den entfloh’nen Geiſt In hoffnungsloſer Trauer nicht, ihr Lieben! Uns iſt, was uns der Wahrheit Wort verheißt, Mit Flammenſchrift in unſre Bruſt geſchrieben: Die Kraft, die ſchöpferiſch den Schöpfer preist, Die denkt und dichtet, ſie kann nicht verſtieben; Sie ſchwindet nicht hinüber in das Nichts, Sie ſchaffet droben in dem Reich des Lichts. 4 2. Auf Wilhelm Hauffs frühes Hinſcheiden von L. Uhland. Dem jungen, friſchen, farbenhellen Leben, Dem reichen Frühling, dem kein Herbſt gegeben, Ihm laſſet uns zum Todtenopfer zollen Den abgeknickten Zweig— den blütevollen! Noch eben war von dieſes Frühlings Scheine Das Vaterland beglänzt.— Auf ſchroffem Steine, Dem man die Burg gebrochen, hob ſich neu Ein Wolkenſchloß, ein zauberhaft Gebäu. Doch in der Höhle, wo die ſtille Kraft Des Erdgeiſt's— räthſelhafte Formen ſchafft: Am Fackellicht der Phantaſie entfaltet, 3 Sah'n wir zu Heldenbildern ſie geſtaltet; 6 Und jeder Hall, in Spalt und Kluft verſteckt, Ward zum beſeelten Menſchenwort erweckt. Mit Heldenfahrten und mit Feſtestänzen, Mit Satirlarven und mit Blumenkränzen Umkleidete das Alterthum den Sarg, Der heiter die verglühte Aſche barg: So hat auch er, dem unſre Thräne thaut, Aus Lebensbildern ſich den Sarg erbaut. Die Aſche ruht— der Geiſt entfleugt auf Bahnen Des Lebens, deſſen Fülle wir nur ahnen, Wo auch die Kunſt ihr himmliſch Ziel erreicht Und vor dem Urbild jedes Bild erbleicht. 8 ——— —— 2- — II. Rede nach Wilhelm Hauffs Veerdigung am einundzwanzigſten November 1827 geſprochen von Hofkaplan Grüneiſen. Wir haben ſie vollbracht, die letzte und ſchwerſte Pflicht, die wir dem Bruder und Freunde ſchuldig wa⸗ ren. Noch ſträubt ſich unſer Gefühl vor dem Gedanken, daß es wahr ſei, was wir geſehen; und die Liebe, die ſeines heitern Lebens Fülle anſchauend mitgenoß, kann ſich noch immer nicht in den bittern Glauben finden, daß wir ihn verloren, daß er draußen liegt bei ſeinen und unſern Todten. Zwei Mütter weinen um ihren Sohn, Bruder und Schweſter um ihren Liebling; und, die vor wenigen Tagen erſt ihm den ſüßen Vaternamen geſchenkt, die Mutter ſeines Kindes blickt thränenlos zu dem Uner⸗ forſchlichen empor, der ſeinen Frieden in das erſchütterte Herz ihr ſenken wolle! Uns aber, ſeiner Jugend Ge⸗ noſſen und Freunde, ſoll bei der Rückkehr von dem Grabe des Theuren, unter den Gedanken des Todes, unter den Gefühlen der Trennung, das Bild ſeines Le⸗ bens zurückkehren. Die lieblichen Züge und klaren Far⸗ ben ſeiner kurzen und deßhalb nur um ſo geliebteren Erſcheinung ſollen in friſcher Kraft vor unſerm Geiſte ſich bewegen. Indem wir ſie feſthalten, wird ſich an dieſen Bildern unſer Glaube beleben und ſtärken, daß er uns nur entſchwunden, nicht verloren ſei; und in ſolcher Betrachtung wird uns die Stunde ſeines Todes der freundliche Schlüſſel werden, um die Bedeutung ſeines kurzen Lebens und ſchönen reichen Wirkens zu errathen. Wenn wir uns um den erſten Eindruck befragen, welchen bei jeder neuen Berührung der Heimgegangene auf uns hervorgebracht, welchen, ein Spiegel ſeines inneren Lebens, ſeine Schriften in jedem erzeugen müſ⸗ ſen: iſt es da nicht ſeine Heiterkeit, ſein reger Le⸗ bensmuth, die Würze alles Daſeins und Genuſſes, die muntere Laune, die jeder Erſcheinung, jedem Ereigniß die frohere Seite abgewann, und überall bei argloſen Herzen Anklang ſuchte und fand; der friſche Sinn, wo⸗ mit er Natur und Leben erfaßte, Natur und Leben wiedergab? In dieſem heitern Geiſt aber ruhte ein ſinnendes Gemüth, ohne welches er ſich ſelbſt und uns verflüchtigt worden wäre, aufmerkſamen Auges auf die Geſtalten ſeiner Umgebungen, wie auf die Regun⸗ — 27 gen der eigenen Bruſt; ein ſinnendes Gemüth, welches in Blumen und Menſchenaugen, in Thaten und Wor⸗ ten den hohen Sinn, die zarten Keime, die redliche Abſicht, wie den ſchlimmen Willen, die unreine Nei⸗ gung, den verſteckten Frevel las; welches mit der ge⸗ wohnten Lebendigkeit in Blick und Rede das Edle, Reine, Göttliche zu preiſen, zumal die heiligen Triebe ſeines Innern zu entfalten, aber auch mit ſchnellem treffen⸗ dem Witz das Verkehrte zu tadeln, das Gemeine und Giftige mit ernſter Rüge zu züchtigen verſtand. Sein Witz floß aus einem edlen Herzen, ſein Zorn ſprühte von einer für das Wahre, Schöne und Rechte begeiſter⸗ ten Zunge. Nie hat ſein Spott das Heilige dort oben berührt, nie des Herzens reine Gefühle, nie des Lebens zärtere Verhältniſſe befleckt. Denn Wohlwollen und Güte bezeichnen jeden ſeiner Schritte. Wer unter uns iſt von ihm gegangen und hätte ſich dieſer Güte nicht erfreut? Wer iſt ſeinem Leben näher geſtanden und hat ſich von der Liebe nicht überzeugen müſſen, welche, von einem tugendhaften Vater auf den frühe Verwaiſeten übergegangen, unter der aufopfernden Pflege einer raſtlos ſorgenden Mutter genährt, auf alle Kreiſe ſei⸗ nes Umgangs, auf alle Beziehungen ſeiner Thätigkeit ſich erſtreckte? Uns Allen und ſo Vielen nahe und ferne, denen Freund er geweſen im ſchönſten Sinne des Wor⸗ tes, unvergeßlich wird uns bleiben das treue, brüder⸗ liche Herz, das mit offener Liebe den Genoſſen einſt er⸗ klärte, ſein innerſtes Geſetz, ſein ganzes Weſen fordere, daß er ſich anſchließe, wo er Frohſinn, Heiterkeit und Herzlichkeit finde; das die Tage der Jugend, und vor⸗ nehmlich des akademiſchen Lebens in voller Hingebung an reine Geſelligkeit zubrachte; das ſeine Begeiſterung für die Wiſſenſchaft, ſeine Liebe zur Kunſt an die hei⸗ ligen Bande der Freundſchaft knüpfte, und in der Freundſchaft nur dann Genüge fand, wenn es ſich ganz, ohne Rückhalt, mit allen den kleinſten und größ⸗ ten Wünſchen, welche ſich in ihm bewegten, ja ſelbſt mit all den Mängeln, die es an ſich ſelbſt entdecken und belächeln zu müſſen glaubte, aufſchloß. Ungeſchwächt wird des Gatten Bild vor der Seele des liebenden Weibes ſtehen, deren Liebe ſein reines Jünglingsherz entflammte, nach deren frühem Beſitz er ſo ſehnend rang, für die er einen ſo freundlichen Heerd erbaut, und deren Leben er mit Geſangesgaben ſo reich ge⸗ ſchmückt und geehrt hatte! An jedem künftigen Mor⸗ gen wird unter Thränen ſeine Mutter, durch deren Bruſt ſo manches Schwert ſchon gedrungen iſt, die zarte Anhänglichkeit und das kindliche Vertrauen ſeg⸗ nen, womit ſie der Sohn immerdar, am glühendſten in ſeiner letzten Stunde umſchlang. Mit dieſem heitern Weſen, dieſem ſinnigen Geiſte, dieſer offenen, treuen Liebe, trat er der Welt entge⸗ gen, und ſein Leben ward glücklich, weil er mit glück⸗ lichem Sinn es nahm und bildete. O Wonnezeit voll holder Träume! rief er jüngſt beim Rückblick auf das Morgenroth ſeiner Kindheit.“ Eine Wonnezeit, ein Frühlingsmorgen war ſein ganzes Daſein auf der Erde. Innige Sorge der Mutter und der Geſchwiſter; reiche Liebe der Braut und Gattin; Beſitz wackerer Genoſſen, * Phantaſien im Bremer Rathskeller, 8. 4827. 29 treuer Freunde; Achtung aller Umgebungen, und für die Schöpfungen ſeines Geiſtes ein Beifall, der ſeine beſcheidenen Wünſche weit übertraf und ſeine Kraft zu neuen Anſtrengungen reizte! ein Beifall, wie er ſel⸗ ten einem der aufſtrebenden Jünger der Kunſt zu Theil geworden iſt; die Befreundung mit den ausgezeichnet⸗ ſten Geiſtern Deutſchlands, die er zum Theil unter ihrem Dache aufgeſucht, zum Theil an ſeinem Heerde aufge⸗ nommen; der Eintritt in einen ſeinen Neigungen und ſeiner wiſſenſchaftlichen Richtung ſo ganz entſprechenden Wirkungskreis, und die ſchönſten Hoffnungen häuslichen Glücks und einer ehrenvollen Laufbahn unter ſeinen Zeitgenoſſen; dies Alles war ihm aufgeblüht; mitten aus dieſem Garten ſeiner Freuden und Genüſſe, von die⸗ ſer Wiege großer Ahnungen und Entwürfe hat ihn der Tod hinweggenommen. Die heitere Lebensflamme iſt erloſchen. Vor wenigen Wochen hat er an dem Grabe eines Freundes geweint; drauf den andern zur Ruhe getragen; nicht ahnend, daß er ſich ſelbſt ſein Bett be⸗ ſtelle, daß zu dem Kranz der Ehre nun bald der Tod⸗ tenkranz um die bleiche Stirne ſich winden werde. Freunde! ſollte dieſes Leben voll Anmuth und Liebe todt, ſollte mit den lieben blauen Augen ſeines Antlitzes auch das Auge ſeines Geiſtes geſchloſſen ſein? Ihr habt es gehört, wie er, der Worte des Erlöſers eingedenk, in ſeines Vaters Hände ſeinen unſterblichen Geiſt befahl, wie ſeine Seele in den letzten Stunden ſeines Verweilens unter uns ſchon einer höheren Welt ange⸗ hörte, und mit dem demüthigen Gefühle, daß er Menſch geweſen, vor das Gericht der ewigen Liebe ſich ſtellte! Ihr dürft den Glauben, der die Bruſt des Sterbenden über den Kampf der Trennung emporhob, nicht von euch weiſen, wenn jemals euer Geiſt dem ſeinigen ſich befreundet anſchloß. In ſeinem Tode müſſet ihr mit hei⸗ ligen Zügen die Wahrheit geſchrieben leſen, daß es kei⸗ nen Tod gibt, und daß, wenn es einen Tod gäbe, Glaube und Liebe ihn überwinden! Ja! wir müſſen dieſem Tode, der ſo überraſchend hereinbrach, und unſere Gemüther erſchütterte, nicht nur ſeine drohende Außenſeite nehmen, ſondern auch die höhere Bedeutung deſſelben aufſuchen; wir müſſen, in⸗ dem wir durch ihn das Leben des Entſchwundenen zu enträthſeln beginnen, in die Führungen des geheimniß⸗ vollen Geiſtes, der die Geſchicke des Daſeins alle väter⸗ lich ordnet, mit chriſtlich weiſer Ergebung uns fügen lernen. War es nicht, als ob der Theure die Kürze ſei⸗ nes Bleibens unter uns voraus empfunden hätte, da er ſo ſchnell und ſo mit ganzer Seele die Freuden des Lebens hinnahm? als ob er mit einem vollen Zuge den Becher des harmloſen Genuſſes leeren wollte; als ob er auf der kleinen Strecke ſeiner Lebensbahn eine größere Liebe em⸗ pfangen und ſchenken müßte, als Andere nach mühſamer Reiſe durch die Welt ſich deren rühmen dürfen; als ob es ihm Bedürfniß wäre, deßhalb ſo frühe die Geliebte heim⸗ zuführen, im Kreiſe der Freunde goldene Feierſtunden hin⸗ zubringen, mit jener überall bewunderten Thätigkeit und Vielſeitigkeit dem Zuge ſeiner Kunſt zu folgen, mit ju⸗ gendlichem Feuer den verderbten Geſchmack der Zeit in die Schranken zu rufen, hier für das Panier wahrer Kunſt und ſittlicher Würde zu ſtreiten und ſeinem Na⸗ 31 men einen gewichtigen Klang auf deutſchen Lippen zu geben? War es nicht, als ob er im Gefühl des nahen Scheidens in den Kreis weniger Stunden und Tage den Werth und das Glück eines ganzen, langen Men⸗ ſchenlebens zu feſſeln ſuchte? Es iſt ihm geworden; ſein Leben iſt der ſchönſten Gedichte eines, die er uns geſun⸗ gen. Es ward ihm geſchenkt mit allen ſeinen Bildern und Träumen, Genüſſen und Wonnen von der ewigen Liebe! Es mußte, wenn es dieſe ungetrübte Klarheit vor unſern Blicken, dieſen vollen Werth für ihn ſelbſt behalten ſollte, ſchnell vorüber gehen, nach dem Geſetze der Natur, wornach die ſeltenſten und ſchönſten Blumen die Erſcheinung nur weniger Stunden ſind. Es mußte bewahrt werden das Herz, das noch keine Wunde gefühlt, der heitere Muth, den noch kein Sturm gebrochen hatte. Wir danken Dir, heiliger Gott, für dieſes Leben unſers Freundes. Wir ahnen und preiſen Deinen Rathſchluß bei ſeinem Tade. Droben im Vaterlande der Geiſter, über die Gegenſätze dieſes irdiſchen Lebens erhaben, dem höchſten und ewigen Berufe hingegeben, lebt er und ſieht lächelnd herab auf unſere Liebe, und Du trockneſt durch ſtilles Andenken an ihn die Thränen derer, die ſeinem Herzen die Nächſten ſind, und läſſeſt über der dunkeln Gegenwart die Wolken ſich zertheilen und gibſt Deinen Frieden der Wittwe, die, den verwai⸗ ſeten Liebling an ihr banges Herz drückend, von Dir allein, der Du die Liebe biſt und alles Lebens Quelle, ihren Troſt erfleht! Laßt uns denn hingehen mit einer ſtillen Trauer⸗ mit einer Ergebung, ſeiner Liebe und unſeres Glaubens werth! Und ſo oft wir künftig des Freundes gedenken, ſo oft an ſeinem Hügel die Sehnſucht nach ſeinem theu⸗ ren Anblick ſich heftiger in uns regt, laßt uns die Worte, die er ſelbſt“ am Grabe ſeines Vaters uns vorſprach, nie vergeſſen: Sei ruhig! Auch er ſchlummert nur ein Weilchen! Amen. e Phantaſien im Bremer Rathskeller. 8. 1827. Gedichte. W. Hauffs Werke. I. Der Schweſter Traum. Sie ſchläft.— Es iſt die letzte Nacht des Jahres Und wenn die Morgenglocken wieder tönen, Grüßt eine neue Zeit das holde Kind. Man ſagt in dieſer letzten Mitternacht Entſteigen ihren Gräbern manche Schatten, Die Seelen ſchweben von dem Himmel nieder, Die Heimath und die Freunde zu beſuchen. Auch ſie gedachte dieſer alten Sage, Als ſie im ſtillen, einſamen Gemach Die Ruhe ſuchte, und den ſchönen Augen Entſtrömten Thränen. Doch nicht kind'ſche Angſt Vor der geheimnißvollen Wiederkehr Geſchied'ner Geiſter trübte ihre Blicke; Nein, die Erinn'rung an geliebte Schatten, Die Wehmuth um ſo manches theure Grab Senkte ſich nieder in die ſtille Seele; Sie hat für ſie gebetet und geweint. Sie ſchlummert und es nahen die Verlornen; Die ſchönen Todten, ihrem ſtillen Lager, Die Schweſtern ihrer Jugend ſtehen auf Von einer Welt, wo keine Blüte ſtirbt. 4 Erkennſt du ſie? Du ſiehſt ſie nimmer wieder Als blühende, als irdiſche Geſtalten; Nicht wie ſie Blumen pflückten, Kränze banden, Nicht wie ſie um den trauten Winterherd Die ſchaurig ſchönen Mährchen dir erzählten, Nicht wie du ihnen unter Luſt und Scherz Zum Maientag die ſchönen Haare flochteſt:— Dies Alles blieb in ihrem frühen Grab. Sie nahen dir mit geiſterhaftem Schimmer, Umſtrahlt von heil'gem, überird'ſchem Glanz. Doch, ſind die Blütenkränze abgeſtreift, Iſt ihrer Jugend Schmuck im Sarg zerfallen, Sie bringen doch die alte Liebe mit, Und ſanfter, als in ihrer Erdenſchöne, Und weich und zärtlich wie der Lampe Licht, Das deine milden Züge ſtill umſchwebt, Sind ſie genaht, und deinem geiſt'gen Blick Begegnen grüßend ihre lichten Augen, Von Strahlen der Unſterblichkeit gefüllt. Sie ſegnen dich; von ihren heil'gen Lippen Ertönt es wie der Aeolsharfe Ton, Wenn lieblich flüſternd durch die feinen Saiten Der Hauch des Abends weht:„Geliebte Schweſter, Wir denken deiner und wir ſind dir nah', Und ſegnend ſchweben wir um deine Tritte, So oft dein Aug' im ſchönen Morgenroth, Im heitern Blau des Mittags ſich ergeht, Trifft uns dein Blick; ſiehſt du den Wölkchen nach, Die in dem Meer der Abendrothe ſegeln, Der mild und freundlich in dein Fenſter fällt, Dort ſchiffen wir; und auf des Mondes Strahl, Entſchweben wir von deinem ſtillen Lager Mit deinen Thränen nach der ſel'gen Höh.“ So flüſtern ſie und neigen ſich herab, Die Stirn der theuern Schlafenden zu küſſen Und dann beflügelt, eh' ſie ſchnell erwacht, Eh' ihre Augen die Erſcheinung haſchen, Im milden Strahl des Mondes aufzuſchweben Nach ſel'gen Höhn. Ja dort, wo anders fände Die Schweſterliebe ihre ew'ge Heimath? So ſtürmiſch nicht, nicht ſo voll hoher Worte, Die Bruderliebe, doch nicht minder tief, Gleicht ſie dem Bergſee, der in heil ger Stille Den Himmel und die friedlichen Geſtade Getreuer wiederſpiegelt, als der Bergſtrom Der Bild und Ufer in ſein Bett begräbt. Ja, tief und ſelig iſt die Schweſterliebe Und zärter, rührender erſcheint ſie kaum, Als wenn ſie über Gräbern noch ſich findet, Und Todte leben in der Schweſter Traum. Mutterliebe. Mutterliebe! Allerheiligſtes der Liebe! Ach! die Erdenſprache iſt ſo arm, O! vernähm' ich jener Engel Chöre, Hört' ich ihrer Töne heilig Klingen, Worte der Begeiſt'rung wollt ich ſingen: „Heilig, heilig iſt die Mutterliebe!“ Wie die Sonne geht ſie lieblich guf, Blickt herab den Blick voll ſüßen Frieden, Lächelt freundlich ihrer jungen Blüten— Und die Pflanze ſproßt zum Licht hinauf, Rauhe Stürme ziehen durch die Flur, Und die junge Pflanze bebet, Doch die Sonne blickt durch die Natur Und die junge Pflanze lebet, Neu erwärmt von ihrem Blick, und ſtrebet Höher noch zu ihrer Sonne auf. Mutterliebe! Du, du biſt die Sonne! O, wie leuchteſt du der Blüte doch ſo warm O, wie heilig iſt die Mutterwonne, Wenn das Kind umſchlingt der treue Arm! So am Abend, ſo am Morgen, Nie ermattet ſie, Wacht in Freuden, wacht in Sorgen Spät und früh. 39 Sie begießt mit Mutterthränen Ihrer Augen Luſt. Wärmet ſie mit ſtillem Sehnen An der treuen Bruſt. Süße Hoffnung ſchwellt die Mutterbruſt, Daß die Blüte werd' zur Knoſpe keimen, Früchte ſieht ſie in den ſüßen Träumen, Heil'ge, reine Mutterliebe, Daß ſich nie dein ſtiller Himmel trübe! Mutterliebe! Allerheiligſtes der Liebe! Dir ertönen jener Engel Chöre: Als der Herr zur Erde niederſtieg, Wollt' er an der Mutterlieb' erwarmen Und erwachte in der Mutter Armen. Sinket nieder, Schweſtern, Brüder, Fleht zu dem, der Mutterlieb' gekannt, Der ſie ſchuf, ſein reinſtes Seelenband, Fleht mit uns, ihr Geiſter unſrer Lieben, Tragt es aufwärts unſer kindlich Flehn, Tragt's hinauf zu jenen Sternenhöhn, Werft euch nieder vor des Vaters Thron, Fallet nieder vor der Mutter Sohn, Daß auf uns er ſeine Gnade ſenke, Und den ſüßen Troſt uns immer ſchenke— Das ſegensvolle Heiligthum der Liebe, Der Mutterliebe! An die Freiheit. Was mir ſo leiſe einſt die Bruſt durchbebte, Als ich zuerſt zum Jüngling war erwacht, Was ſich ſo hold in meine Träume webte, Ein lieblich Bild aus mancher Frühlingsnacht; Und was am Morgen klar noch in mir lebte, Was dann zur lichten Flamme angefacht, Mit kühner Ahnung meine Seele füllte— Es wären nur der Täuſchung Luftgebilde? Was ich geſchaut im großen Buch der Zeiten, Wenn ich der Völker Schickſal überlas, Was ich erkannt, wenn ich die Sternenweiten Der Schöpfung mit dem trunk'nen Auge maß, Was ich gefühlt bei meines Volkes Leiden, Wenn ſinnend ich am ſtillen Hügel ſaß— Ich fühlte es an meines Herzens Glühen, Es war kein Traumbild eitler Phantaſien! Du, ſtille Nacht, und du, o meine Laute! Nur euch, ihr Trauten, hab' ich es geſagt; Ertönt's noch einmal, was ich euch vertraute, Erzählt's dem Abendhauch, was ich geklagt, O ſagt's ihm, was ich fühlte, was ich ſchaute, Und was mein ahnend Herz zu hoffen wagt; O Freiheit, Freiheit, dich hab' ich geſungen, Und meiner Ahnung Lied hat dir geklungen! 41 Die müde Sonne iſt hinabgegangen, Der Abendſchein am Horizont zerrinnt, Doch du, o Freiheit, ſpielſt um meine Wangen, Stiegſt du hernieder mit dem Abendwind? Nach dir, nach dir ringt heißer mein Verlangen, Ich fühl's, du ſchwebſt um mich, ſo mild, ſo lind— O weile hier, wirf ab die Adlerflügel! Du ſchweigſt? Du meideſt ewig Deutſchlands Hügel? Wohl lange iſt's, ſeit du ſo gerne wohnteſt Bei unſern Ahnen in dem düſtern Hain: Dünkt Dir, wie gern du auf den Bergen thronteſt Vom eiſ'gen Belt bis an den alten Rhein? Mit Eichenkränzen deine Söhne lohnteſt? Das ſchöne Land ſoll ganz vergeſſen ſein? Noch denkſt du ſein; es wird dich wiederſehen, Wird auch dein Geiſt dann längſt mein Grab umwehen. 42 Zur Feier des 18. Junius. * 1. Seid mir gegrüßt im grünen Lindenhain, Seid mir gegrüßt, ihr meine deutſchen Brüder; Auf, ſammelt euch in feſtlich frohen Reih'n, Stimmt fröhlich an des Sieges Jubellieder, Daß heut der ſtolze Adler niederſank, Daß ſich mein Volk einlöste mit dem Schwerte Sein Heldenthum, der Freiheit Ruhm, die deutſche Erde, Trag's zu den Wolken, donnernder Geſang! Trübt auch die Wolke unſers Feſtes Glanz, Sind auch zerſchlagen ſchon des Siegs Altäre, Die jüngſt noch, in dem jungen Siegerkranz, Der Deutſche weihte ſeines Volkes Ehre: Mög' Argliſt auch und Trug mit finſt'rem Bann Dem Siegervolke noch die Zunge binden! Begeiſterung, des Jünglings Dank, ſoll's laut verkünden: „Wer dort gekämpft, fiel nicht für einen Wahn!“ Denn auferſtehen ſoll ein neu Geſchlecht, Wir fühlen Kraft in uns, uns dran zu wagen, Zu kämpfen für die Wahrheit und das Recht, Um deutſch zu ſein, wie in der Vorzeit Tagen! Ein hoher Sinn ſtieg auf aus blut'gem Streit, Es kehrt der bied're Geiſt der Väter wieder, Und ſtolzer ſtehn, in deutſcher Kraft und frei, o Brüder, Wir auf den Trümmern der vergang'nen Zeit! 43 Drum tretet muthig in die Kämpferbahn, Noch gilt es ja, das Ziel uns zu erringen! Fürs liebe Vaterland hinan, hinan! Doch nur von Innen kann das Werk gelingen, Und nicht durch Völkerzwiſt, durch Waffenruhm, Nein, unſer Weg geht durch Minerva's Hallen; Laßt uns vereint zum Ideal, zum Höchſten wallen, Erſchaffen uns ein echtes Bürgerthum! Ja, ſo entſteht ein freies Vaterland, O Bruderbund, dies haſt du dir erkoren! Hebt in die Lüfte auf die treue Hand, Dem Vaterlande ſei es feſt geſchworen! O ſchöne Saat! Der junge Stamm erblüht, Und ſchützend ragt er auf, wie Deutſchlands Eichen, Blüh', ſchöner Stamm, die Sonne kommt, die Schatten weichen, Und fern dahin die dunkle Wolke zieht. 1823. Ferne in der fremden Erde Ruhet ihr bei eurem Schwerte In des Todes ſichrer Hut: Heil'ger Frieden Lohnt euch Müden, Nach des Tages heißer Glut. Frankreichs Adler ſaht ihr fallen, Hörtet Siegesdonner ſchallen, Als der Tod das Auge brach: 4 Heil euch, Lieben, Träumet drüben Von der Freiheit goldnem Tag. Selig preiſ ich eure Looſe 3 In der Erde kühlem Schooße. 3 Ach, ihr ſaht der Freiheit Licht, Saht ſie ſteigen Ueber Leichen— Doch ſie ſinken ſaht ihr nicht. Fern von eurem Siegesthale Denken wir beim Todesmahle Innig eurer Siegerſchaar, Und wir gießen, Euch zu grüßen, Thränen auf den Feſtaltar. 45 III. 1824. So nah'ſt du wieder, holde Siegesfeier, Die unſre Bruſt mit ſüßen Träumen füllt, Die mit der Freude dichtgewebtem Schleier Das trübe Bild der Gegenwart verhüllt: Du nahſt— und alle Herzen ſchlagen freier, Geſang und Jubel tönet durchs Gefild, Und meiner Brüder frohe Blicke ſagen: „Es war mein Volk, das dieſe Schlacht geſchlagen!“ Es war mein Volk, und nicht die frohen Binden Von Eichlaub ſollten ſchmücken das Gelag; Wohl ſollten wir Zypreſſenkränze winden Um mancher Hoffnung frühen Sarkophag; Doch den Gefallnen laßt uns Kränze winden, Und einmal noch am frohen Siegestag, Weil rings um uns des Sieges Früchte welken, Laßt uns in der Erinnrung Träumen ſchwelgen. Drum grüß ich dich, du Feld, wo ſie gefallen, Wo froh ihr Aug' im Siegesdonner brach! Drum grüß ich euch in euren Wolkenhallen, Ihr Tapfern, die ihr tilgtet unſre Schmach! Euch, tapfern Sängern, euch, ihr Helden allen, Euch tönen unſre Liebesgrüße nach, Und euch, die ihr dem Auge ſchnell entſchwunden, Der jungen Freiheit kurze Frühlingsſtunden! 46 Und hätte man den Denkſtein euch zerſchlagen Und eure Kränze in den Staub gedrückt; Die Blumen haben in des Frühlings Tagen Der Helden Grab mit neuem Grün geſchmückt. So keimt auch unſre Hoffnung unter Klagen; Denn ob der Sturm ſie Blatt für Blatt zerpflückt, Neu ſproßt ſie aus dem Hügel eurer Leichen, Und Gott wird wachen über ihren Zweigen. 47 IV. 1824. Wo eine Glut die Herzen bindet, Wo Aug' dem Auge nur verkündet, Was Sehnſucht in dem Herzen ſpricht; Wo, wenn der Sturm die Form zerſpaltet, Die Gottheit in den Trümmern waltet, Kennt man der Liebe Trennung nicht. Heran, ihr Brüder! Nord und Süden, Ob euch des Herrſchers Wink geſchieden, Laßt uns ein Volk von Brüdern ſein; Schließt ja in Schönbunds weiten Auen Von allen Strömen, allen Gauen Ein Raſen unſre Brüder ein. Wohl iſt der Siegsgeſang verklungen, Ganz anders wird jetzt vorgeſungen, Ganz andre Weiſen ſpielt man vor; Doch tönt, von Wehmuth fortgetragen, Ein Ton noch aus den beſſern Tagen, Und ſchlägt an manch empfänglich Ohr. Hört ihr auf Frühlings leichten Schwingen Den alten Ton herüber klingen Von unſrer Brüder Schlachtgefild? Der Einklang iſt's von tauſend Tönen, Der mächtig in Germania's Söhnen Zu der Begeiſt'rung Wogen ſchwillt. Turnerluſt. Was zieht dort unten das Thal entlang? Eine Schaar im weißen Gewand;— Wie muthig brauſet der volle Geſang! Die Töne ſind mir bekannt. Sie ſingen von Freiheit und Vaterland, Ich kenne die Schaaren im weißen Gewand. Hurrah! Hurrah! Hurrah! Die Turner ziehen aus. Die Turner ziehen ins grünende Feld Hinaus zur männlichen Luſt; Daß Uebung kräftig die Glieder ſtählt, Mit Muth ſie füllet die Bruſt: 3 Drum ſchreiten die Turner das Thal entlang, Drum tönet ihr muthiger froher Geſang. Hurrah! Hurrah! Hurrah! Dnu fröhliche Turnerluſt! O ſieh, wie kühn ſich der Blick erhebt, Wenn der Arm den Gegner erfaßt! Und frei, wie der Aar durch die Lüfte ſchwebt, Fliegt auf der Turner am Maſt; Dort ſchaut er weit in die Thäler hinaus, Dort ruft er's froh in die Lüfte hinaus: Hurrah! Hurrah! Hurrah! Du fröhliche Turnerluſt! 49 Es iſt kein Graben zu tief, zu breit, Hinüber mit flüchtigem Fuß! Und trennt die Ufer der Strom ſo weit, Hinein in den toſenden Fluß! Er theilt mit dem Arm der Fluten Gewalt, Und aus den Wogen ſein Ruf noch ſchalt: Hurrah! Hurrah! Hurrah! Du fröhliche Turnerluſt! Er ſchwingt das Schwert in der ſtarken Hand, Zum Kampfe ſtählt er den Arm; O dürft er's ziehen für's Vaterland! Es wallt das Herz ihm ſo warm. Und ſollte ſie kommen, die herrliche Zeit, Sie fände den tapfern Turner bereit. Hurrah! Hurrah! Hurrah! Wie ging's dann muthig in Feind! So wirbt der Turner um Kraft und Muth Mit Frühroths freundlichem Strahl, Bis ſpät ſich ſenket der Sonne Glut Und Nacht ſich bettet im Thal; Und klingt der Abendglocken Klang, Dann ziehn wir nach Haus mit fröhlichem Sang: Hurrah! Hurrah! Hurrah! Du fröhliche Turnerluſt! W. Hauffs Werke, 1. 4 Hohe Pyramiden gn. 50 Das Burſchenthum. Wenn die Becher fröhlich kreiſen, Wenn in vollen Sangesweiſen Tönt ſo manches Helden Ruhm, Ja, da muß man dich auch ſingen, Muß auch dir die Becher ſchwingen, Dir, du altes Burſchenthum! Fragt Ihr, wo die Freiheit wohne? Auf Europa's weiter Zone Habt ihr nimmer ſie geſeh'n; Nur bei alter, treuer Sitte, In der Burſchen froher Mitte Mag ihr Tempel noch beſteh'n. Froh und frei, wie's unſre Alten Einſt zu ihrer Zeit gehalten, Leben wir, ſo lang es gilt; Freuen uns— mit leerer Taſche, Wenn uns nur aus voller Flaſche Klar der braune Nektar quillt. 2 Nicht in marmornen Trophäen Kann die ſpäte Nachwelt ſehen, Was wir Brüder hier gethan! Doch zum Denkſtein unſern Siegen Häufen wir aus leeren Krügen 51 Mit dem Humpen in der Linken Wollen wir dein Wohlſein trinken, Altes, frohes Burſchenthum: Mit dem Hieber in der Rechten Wollen wir dich kühn verfechten, Freies, tapfres Burſchenthum! 4. Trinklied. Wer ſeines Leibes Alter zählet Nach Nächten, die er froh durchwacht, Wer, ob ihm auch der Thaler fehlet, Sich um den Groſchen luſtig macht, Der findet in uns ſeine Leute, Der ſei uns brüderlich gegrüßt, Weil ihn, wie uns, der Gott der Freude In ſeine ſanften Arme ſchließt. Wenn von dem Tanze ſanft gewieget, Von Flötentönen ſanft berauſcht, Fein Liebchen ſich im Arme ſchmieget, Und Blick um Liebesblick ſich tauſcht; Da haben wir im Flug genoſſen Und ſchnell den Augenblick erhaſcht, Und Herz an Herzen feſtgeſchloſſen Der Lippen ſüßen Gruß genaſcht. Den Wein kannſt du mit Gold bezahlen, Doch iſt ſein Feuer bald verraucht, Wenn nicht der Gott in ſeine Strahlen, In ſeine Geiſterglut dich taucht; Uns, die wir ſeine Hymnen ſingen, Uns leuchtet ſeine Flamme vor, Und auf der Töne freien Schwingen Steigt unſer Geiſt zum Geiſt empor. 5³ Drum, die ihr frohe Freundesworte Zum würdigen Geſang erhebt, Euch grüß ich, wogende Akkorde, Daß ihr zu uns herniederſchwebt! Sie tauchen auf— ſie ſchweben nieder, Im Vollton rauſchet der Geſang, Und lieblich hallt in unſre Lieder Der vollen Gläſer Feierklang. So haben's immer wir gehalten Und bleiben fürder auch dabei, Und mag die Welt um uns veralten, Wir bleiben ewig jung und neu. Denn, wird einmal der Geiſt uns trüͤbe, Wir baden ihn im alten Wein, und ziehen mit Geſang und Liebe In unſern Freudenhimmel ein. 54 Neiters Margengeſang. (Nach einem ſchwäbiſchen Volksliobe.) Morgenroth, Leuchteſt mir zum frühen Tod? Bald wird die Trompete blaſen, Dann muß ich mein Leben laſſen, Ich und mancher Kamerad! Kaum gedacht, War der Luſt ein End gemacht. V Geſtern noch auf ſtolzen Roſſen, Heute durch die Bruſt geſchoſſen, Morgen in das kühle Grab! Ach, wie bald Schwindet Schönheit und Geſtalt! Thuſt du ſtolz mit deinen Wangen, Die mit Milch und Purpur prangen? Ach! die Roſen welken all'! * Darum ſtill, Füg' ich mich, wie Gott es will. Nun, ſo will ich wacker ſtreiten, Und ſollt' ich den Tod erleiden, Stirbt ein braver Reitersmann. 55⁵ Soldatenmuth. Soldatenmuth ſiegt überall, Im Frieden und im Krieg, Bei Flöten und Kanonenſchall Erkämpft er ſich den Sieg: Sei's um ein Küßchen mit der Maid, Sei's mit dem Feind um Blut, Da iſt er ſchnell zum Kampf bereit, Da ſiegt Soldatenmuth: Hurrah! Da ſiegt Soldatenmuth! Wenn ſich der Tanz im Wirbel ſchwingt Und Aug' in Auge blickt, Der Arm ſich um die Hüfte ſchlingt Und Hand in Hand ſich drückt, Da iſt die Maid in kurzer Friſt Dem ſchlanken Burſchen gut, Wer lange fragt, hat nie geküßt, Da ſiegt Soldatenmuth: Hurrah! 1 Da ſiegt Soldatenmuth! und wenn am heißen Sommertag Den Marſch die Hitze drückt, Und wenn das raſche Roß erlag Und müd zur Erd ſich bückt, 56 Hat der Soldat ſich aufgerafft, Er ſinget wohlgemuth, Wirbt durch Geſang ſich neue Kraft; So ſiegt Soldatenmuth: Hurrah! So ſiegt Soldatenmuth! Und wenn im Thal die Banner weh'n Und Heer an Heer ſich ſchließt, Und uns von den Batt'rienhöhn Kanonendonner grüßt: Da reißt uns durch den Waffenplan Des Kampfes wilde Glut, Da mit dem Schwert, Mann gegen Mann, Da ſiegt Soldatenmuth: Hurrah! Da ſiegt Soldatenmuth. Und wenn mein Stündlein kommen ſollt', So bin ich friſch zur Hand; Ich ſterb' ja nicht für eitles Gold, Ich fall' fürs Vaterland. Was ich geſollt, hab' ich gethan, Und hab's gelöst mit Blut: So lebt, ſo ſtirbt für ſeine Fahn', So ſiegt Soldatenmuth: Hurrah!. So ſiegt Soldatenmuth! ——ÿ 57 Prinz Wilhelm. Prinz Wilhelm, der edle Ritter, Ritt hinaus ins Schlachtgewitter, Ritt mit aus in blut gen Strauß; Denn als man die Trommel rührte Und nach Frankreich abmarſchirte, Blieb der Kronprinz nicht zu Haus. . 8 Durch des Rheines wilde Wogen Iſt er ſchnell hindurchgezogen, Ziehet weiter ohne Ruh. Auf die Feinde durch die Wälder, Durch die eisbedeckten Felder,* Auf die Feinde eilt er zu. Bei Brienne, im dunkeln Walde Unſer Jägerhorn erſchallte, Unſ'’re Trommeln wirbeln drein; In den Feind durch Sumpf und Graben Stürmt der Prinz mit ſeinen Schwaben, Daß der Sieg muß unſer ſein. Und bei Monterau's blut'ger Brücken, Als der Feind wollt ſchier erdrücken Unſ're kleine, treue Schaar, Hat er gegen Sturmsgewalten Ritterlich den Paß gehalten, Bis ſein Volk gerettet war. 58 An der Aube, am Marneſtrande, An der Seine weitem Lande Kennt man Wilhelm und ſein Schwert; Epinal auf blutigen Wegen, 5„ Troye's heißer Kugelregen Haben ſeinen Stamm bewährt. Ja, wo treue Schwaben ſtritten, War auch in des Kampfes Mitten Unſer Kronprinz ſtets dabei: Ja, ſo ſtritt im Schlachtgewitter Prinz Wilhelm der edle Ritter, Furchtlos, wie ſein Wort, und treu. Schlaget ein, ihr Kameraden! Wenn zum Krieg die Trommeln laden, Strömen freudig wir herbei; Denn als König zieht der Ritter Nun voraus ins Schlachtgewitter, Furchtlos, wie ſein Wort, und treu. 58 Soldatentreue. Wohl dem, der geſchworen Zur Fahne den Eid, Der ſich zum Schmuck erkoren Des Königs Waffenkleid! Sei Treue verrathen, Sei Ehre verbannt, Doch geh'n mit dem Soldaten Sie Beide Hand in Hand. Es grüßt ja zur Seite Sein Säbel ihm zu, Und ruft ihm aus der Scheide: „So treu wie Stahl ſeiſt du!“ Die Büchſe, ſie winket So freundlich und rein; So rein als wie ſie blinket, Soll ſeine Ehre ſein. Das tönt ihm ſo ſüße, Das ſchwellt ihm den Arm, Das macht, wie Liebchens Küſſe, Soldatenherz ſo warm! 60 Drum auf! Es ertönen Trompeten voll Muth! In Vaterlandesſöhnen Wallt treues Heldenblut! Die Welt mag zerreißen Die Schwüre wie Spreu; Ich weiß ein Wort wie Eiſen, Es heißt: Soldatentreul. — 61 Soldatenliebe. Steh' ich in finſtrer Mitternacht So einſam auf der fernen Wacht, So denk' ich an mein fernes Lieb, Ob mir's auch treu und hold verblieb? Als ich zur Fahne fort gemüßt, Hat ſie ſo herzlich mich geküßt, Mit Bändern meinen Hut geſchmückt Und weinend mich ans Herz gedrückt! Sie liebt mich noch, ſie iſt mir gut, Drum bin ich froh und wohlgemuth; Mein Herz ſchlägt warm in kalter Nacht Wenn es ans treue Lieb gedacht. Jetzt bei der Lampe mildem Schein Gehſt du wohl in dein Kämmerlein, Und ſchickſt dein Nachtgebet zum Herrn Auch für den Liebſten in der Fern! Doch, wenn du traurig biſt und weinſt, Mich von Gefahr umrungen meinſt; Sei ruhig, bin in Gottes Hut, Er liebt ein treu Soldatenblut. Die Glocke ſchlägt, bald naht die Rund’ Und löst mich ah zu dieſer Stund; Schlaf' wohl im ſtillen Kämmerlein Und denk in deinen Träumen mein. Hans Hutten’s Ende. Laut rufet Herr Ulrich, der Herzog, und ſagt: „Hans Hutten reite mit auf die Jagd, Im Schönbuch weiß ich ein Mutterſchwein, Wir ſchießen es für die Liebſte mein.“ Und im Forſt ſich der Herzog zum Junker wandt': „Hans Hutten, was flimmert an deiner Hand?“ „Herr Herzog, es iſt halt ein Ringelein, Ich hab es von meiner Herzliebſten fein.“ „Herr Hans, du biſt ja ein ſtattlicher Mann, Haſt gar auch ein güldenes Kettelein an.“ „Das hat mir mein herziger Schatz geſchenkt Zum Zeichen, daß ſie noch meiner gedenkt.“ Und der Herzog blicket ihn ſchrecklich an: „So? das hat alles dein Schatz gethan? Der Trauring iſt es von meinem Weib, Das Kettlein hing ich ihr ſelbſt um den Leib.“ 3 O Hutten, gib deinem Rappen den Sporn, Schon rollet des Herzogs Auge im Zorn! Flieh', Hutten! es iſt die höchſte Zeit, Schon reißt er das blinkende Schwert aus der Scheid! 63 „Dein Schwert raus, Buhler, mich dürſtet ſehr, Zu ſühnen mit Blut meines Bettes Ehr!“ Flugs, Junker, ein Stoßgebetlein ſprich, Wenn Ulrich haut, haut er fürchterlich. Es krachen die Rippen, es bricht das Herz; Ruhig wiſchet Ulrich das blutige Erz, Ruhig nimmt er des ledigen Pferdes Zaum, Und hänget die Leiche an den nächſten Baum. Es ſteht eine Eiche im Schönbuchwald, Gar breit in den Aeſten und hochgeſtalt; Zum Zeichen wird ſie Jahrhunderte ſtahn, Hier hing der Herzog den Junker dran. And wenn man den Herzog vom Lande jagt, Sein Nam bleibt ihm, ſein Schwert; er ſagt: „Mein Nam, er verdorret ja nimmermehr, Und gerächet hab' ich des Hauſes Ehr.“ Entſchuldigung. Kam einſt ein engliſcher Kapitan Zu Stambul in dem Hafen an, Der wollte nach der langen Fahrt Sich gütlich thun nach ſeiner Art Und in Stambuls krummen Gaſſen Vpor den Leuten ſich ſehen laſſen. Hatte auch weit und breit gehört, Wie die Türken ſo ſchöne Pferd', Reiche Geſchirr und Sättel haben; Wollte auch wie ein Türke traben, Und beſtellt auf Abends um Vier Ein recht feurig, arabiſch Thier, Ziehet ſich an im höchſten Staat, Rothem Rock mit Gold auf der Nath, Schwärzt den Bart um Wange und Maul Und ſteigt Punkt vier Uhr auf den Gaul. Drauf, als er reitet durch das Thor, Kam es den Türken komiſch vor, Hatten noch keinen Reiter geſeh'n Wie den engliſchen Kapitän: Die Knie hatt' er hinaufgezogen Und ſeinen Rücken krumm gebogen, Die Bruſt mit den Treſſen eingedrückt, Auch den Kopf tief herabgebückt; Saß zu Pferd wie ein armer Schneider. Doch der Schiffskapitän ritt weiter, W. Hauffs Werke. I. 65 Glaubte getroſt, die Türken lachen Aus lauter Bewund'rung in ihrer Sprachen. So ritt er bis zum großen Platz Da machte der Araber einen Satz und ſteigt; der engliſche Kapitän Ergreift des Arabers lange Mähn, Gibt ihm verzweiflungsvoll die Sporen Und ſchreit ihm auf Engliſch in die Ohren; Das Roß den Reiter nicht verſtand, Setzt wieder und wirft ihn in den Sand. Die Türken den Rothrock ſehr beklagen, Haben ihn auch zu Schiff getragen, Und ſeinem Dragoman, einem Scioten, Haben ſie hoch und ſtreng verboten, Er dürf's nimmer wieder leiden, Daß der Herr den Araber thät reiten. Als ſie verlaſſen den Kapitan Befiehlt er gleich dem Dragoman, Ihm auf Engliſch auszudeuten, Was er gehört von dieſen Leuten. Der Grieche ſpricht:„Es iſt nichts weiter, Sie glauben, Ihr ſeid ein ſchlechter Reiter, Wollen, Ihr ſollt in Stambuls Gaſſen Nimmer zu Pferd Euch ſehen laſſen.“ Deß hat ſich der Kapitän gegrämt Und vor den Türken ſehr geſchämt. Spricht zum Dragoman:„Geh hinein und ſage den Türken: es kommt vom Wein; Der Herr iſt ſonſt ein guter Reiter, Aber heut an der Tafel, leider, 66 Hat er nch Kemlich in Sekt betrunken, Da iſt er im Rauſche vom Pferd geſunken.“ Der Grieche ging zum Hafenthor Und trug den Türken die Sache vor. Doch dieſe hörten ihn ſchaudernd an: „Wir glaubten Gutes vom rothen Mann, Und dachten, er ſitze ſchlecht zu Pferd', Weil's ihn ſein Vater nicht beſſer gelehrt; Aber wie, von Wein betrunken, Iſt er im Rauſche vom Pferd geſunken? Pfui dem Giaur und ſeinem Glas, Allah thue ihm dies und das!“ Da ſprach ein alter Muſelmann: „Glaubt's nicht, Leute, höret mich an, Nicht, weil der Frank zu viel getrunken, Iſt er ſchmählich vom Roß geſunken. Hab' gleich gedacht, es wird ſo gehen, Als ich ihn habe reiten ſeh'n, Die Knie' hoch hinaufgezogen, Den Rücken krumm und ſchief gebogen, Die Bruſt mit Treſſen eingedrückt, Kopf und Nacken niedergebückt. Denk ich, wenn ſein Rößlein ſcheut, Ihn ſein Reiten gewiß gereut. Aber nein, ich will euch ſagen, Warum er wollte den Wein verklagen, Und ſtellte ſich lieber als Säufer gar Denn als ein ſchlechter Reiter dar; Das macht des Menſchen Eitelkeit, Die ihn zu Trug und Lug verleit t. 67 4 4 Will Mancher lieber ein Laſter haben, Hätt' er nur andere glänzende Gaben; Und Mancher lieber eine Sünd' geſteht, Eh' er eine Lächerlichkeit verräth; Ein Dritter will gar zur Hölle fahren, Um ſich ein falſch Erröthen zu ſparen. So auch der fränkiſche Kapitan, Schämt ſich und lügt uns lieber an, Will lieber Säufer ſich laſſen ſchelten, Als für einen ſchlechten Reiter gelten.“ Jeſuitenbeichte. 8 (Nach dem Franzöͤſiſchen.) Ich liebte zwanzig Mädchen nach der Reihe, Und jeder war mein ganzes Herz geweiht, Und jede ſchwur mir heute ew'ge Treue. Und brach ſchon morgen ihren heil'gen Eid Da ſchwur und flucht' ich, keinem Weib zu trauen. „Mein Sohn, wer flucht, der ſündiget. Allein Die Schuld liegt diesmal wirklich an den Frauen;. Du ſollſt verſöhnet und entſchuldigt ſein.“ Weil ich Beſtechung haßte wie die Hölle, Fand mein Miniſter mich zu ungeſchickt, Und einem feilen Kerl gab er die Stelle, Der ſich vor ſeinem Kammerdiener bückt; Da wünſchte ich Herrn C... zum Teufel. „Mein Sohn, welch rohe Leidenſchaft! Allein Bei kaltem Blut bereuſt du ohne Zweifel; Du ſollſt entſchuldigt und verſöhnet ſein.“ Mit ſchönen Worten, blendendem Verſprechen Hat ein bekannter Herr mich arm gemacht, Und um mich für die Tauſende zu rächen, Um die mich der Verräther hat gebracht, 69. Schalt ich Herrn V... einen Beutelſchneider. „Mein Sohn, das Wort war freilich grob. Allein Die Welt nennt ihn mit dieſem Namen, leider; Du ſollſt entſchuldigt und verſöhnet ſein.“ Das Sacrileg, ich will's geſtehen, nannte Ich ein Geſetz für Sklaven nur gemacht; Der Menſchheit Schmach unddes Jahrhunderts Schande, Und P..., ihn, der es ausgedacht, Schalt ich den Morder aller freien Seelen. „Mein Sohn, das war ein derber Schimpf. Allein Du irrteſt menſchlich, irren heißt nicht fehlen; Du ſollſt entſchuldigt und verſöhnet ſein.“ Und als ich dieſe arme Welt bedachte, Und ſah, wie Alles ſchief und irrig geht, Wie man die Tugend und das Recht verlachte, Und wie jetzt Trug und Laſter oben ſteht, Da— hielt ich Gott für einen leeren Namen. „Mein Sohn, du haſt dich ſchwer verfehlt. Allein Gott iſt barmherzig gegen Sünder, Amen; Du ſollſt entſchuldigt und verſöhnet ſein.“ Ich liebte Eintracht in Palaſt und Hütten, Doch als ich ſchleichend widerkehren ſah Die Zwietracht an der Hand der Jeſuiten, Da ſchwur ich ew'gen Haß Sankt Loyola, Und ew'gen Haß und Rache ſeinen Söhnen! „Mein Sohn, ich bin die Langmuth ſelbſt. Allein Das heißt fürwahr das Heiligſte verhöhnen; Vor uns und Gott kannſt du nicht ſchuldlos ſein!“ 7⁰ Regel für Kranke. Haſt du mit dem Apotheker Streit, Es dem Arzt zu klagen vermeid'; Haſt du über den Arzt zu klagen, Sollſt du's nicht dem Apotheker ſagen; Denn ſind ſie auch Feinde immerdar, So werden ſie Freund' am neuen Jahr, Berkünden: der hat dies geſagt, Und mir hat er von dir geklagt. Wirſt du nun krank in den erſten Wochen, Die Arznei ſie zuſammenkochen: „Recipe: Was er uns gethan, Rühren wir ihm jetzt doppelt an; Zwanzig Drachmen von ſeinen Klagen Mit Assa foetida für den Magen. Misceatur, detur, nebſt unſrem Groll, Alle Stunden zwei Löffel voll.“ Und ſtirbſt du nicht in der Blütezeit Ihrer neuen Herzinnigkeit, Laſſen ſie dich ſo lange liegen, Bis ſie ſelbſt wieder Händel kriegen. Merke: zweier Gegner Klagen Mußt du nicht hin und wieder tragen; Weißt nicht, ob, die geſchieden ſcheinen, Sich nachmals gegen dich vereinen. 71 Schriftſteller. Es iſt kein Autor ſo gering und klein, Der nicht dächt' etwas Recht's zu ſein; Und wär' er noch ſo ein armer Wicht, Geht er doch ſtolz und aufgericht t, Daß man glaubt, der leere Hut Noch zu dem Kleinen gehören thut. Auch kein Autor auf den andern baut; Denn ſei ein Paar noch ſo vertraut, Darfſt heut' den einen herunterſetzen, Willſt du den andern höher ſchätzen, Und morgen, auf des zweiten Köſten, Läßt ſich der erſte nennen den Beſten. Kehre aus Erfahrung. Hat dir ein Autor Geld gelieh'n, Und kommt und will den Wechſel zieh'n, Und kannſt doch nicht ſogleich bezahlen, Ihm auch keinen andern Trug vormalen, So ſprich getroſt:„Jetzt weiß ich ſchon, S war als die treffliche Recenſion, Wie Euer letztes Werk gelungen, Stund in den Literaturzeitungen; Waret gelobt über'’n Schellenkönig, 4 Und dennoch, däucht es mir, zu wenig. Aber könntet Ihr nicht noch borgen Einige Zeit?“—„Seid ohne Sorgen,“ Der Autor drauf ganz freundlich ſpricht, „Nach meinem Geld verlangt mich nicht; Bleibet mein Freund; 8“ hat kein’ Gefahr, Könnt mich bezahlen bis über's Jahr. ℳ Amor der Räuber. (Nach dem Italieniſchen.) Die Unſchuld ſaß in grüner Laube, Sie hielt ein Täubchen in dem Schooß; Und Amor kam: Gib mir die Taube, Ein Weilchen nur gib deine Taube. Die Unſchuld ließ ſie lächelnd los, Doch hielt ſie Täubchen an dem Band, Das ſich um Täubchens Flügel wand. Doch kaum hat er die weiße Taube, So ſchneidet er den Faden ab; Und höhniſch lachend mit dem Raube Entflieht der Räuber aus der Laube Und nimmer kehrt der loſe Knab': und als ihr Täubchen nimmer kam, Ward ſie dem Räuber ewig gram. 74 Stille Liebe. O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge Oft ſo entzückend mir entgegenſtrahlt, Was, wenn ich ſchnell mich ihrer Seite nahe, Die Wangen ihr mit hoher Röthe malt! Ahnt ſie, was meine Lippen ihr verſchweigen, Was meine Bruſt mit ſtiller Sehnſucht füllt? Hofft ich zu kühn? Iſt es der Strahl der Liebe, Der ſo entzückend ihrem Blick entquillt? Warum hat doch ihr Händchen ſo gezittert, Als ich ihr geſtern guten Abend bot, Und als ich ihr recht tief ins Auge ſchaute, Was machte ſie auf einmal doch ſo roth? Sie hat die Roſe, die ich ihr gegeben, So ſorgſam ins Gebetbuch eingelegt; F Warum wohl? da ſie ſonſt ſo gerne Roſen Am Buſen und am Sommerhütchen trägt./ Warum ſchwieg ſie auf einmal heute ſtille Und wußte nicht mehr, was ich ſie gefragt? Hat ſie gemerkt, was ich ihr gerne ſogte? Ich hab' ihr's doch mit keinem Wort geſagt. O hätt ich Muth! dürft' ich Luiſen ſagen, Was mich ſo ſtill, was mich ſo tief beglückt! O dürft' ich fragen, was aus ihrem Auge Oft ſo entzückend mir entgegen blickt! 1 25 Troſt. Die Mißgunſt lauſcht auf allen Wegen, Daß ſie der Liebe Glück verräth, Doch treue, zarte Liebe geht Auf tauſend unbewachten Stegen; Ein Druck der Hand, ein flücht'ger Blick, Sagt mir der Liebe ſüßes Glück. 3 ε Und zog ich auch in weite Ferne, Es zog mit mir mein ſtilles Glück, Denn ſchau ich nicht der Liebe Blick, So blick ich auf zum Abendſterne; Wie ihres Auges ſtille Glut Strahlt er ins Herz getroſten Muth. Und wallen meine Tage trüber Und dringt kein Troſt von ihr zu mir, Und dringt mein Sehnen nicht zu ihr, Kein Wort von ihr zu mir herüber; Mein ſtilles Glück iſt nicht getrübt, Ich weiß ja doch, daß ſie mich liebt. Drum klag' ich nicht in weiter Ferne, Weil Neid der Liebe Weg belauſcht, Wenn auch nicht Wort mit Wort ſich tauſcht, Mir ſtrahlt ein Troſt im Abendſterne; Aus ſeinen milden Strahlen quillt Mir meiner Liebe trautes Bild. — Sehnſucht. Die Sonne grüßt Tubinga's Höh'n, Der Berge Morgennebel fallen, Und leichte Frühlingslüfte weh'n, Im Thal die Heerdenglocken ſchallen, Des Neckars ſanfte Welle quillt An der Geſtade Rebenhügel, Es taucht die alte Burg ihr Bild In ſeinen ſilberreinen Spiegel. Wie wär' der Morgen doch ſo ſchön, Könnt' ich mit dir mich da ergeh'n! Und reger wogt's am Ufer hin, Wenn Mittag zu den Schatten ladet, Wenn ſich durch friſches Blättergrün Die Sonne in dem Strome badet; Der Hirte zieht den Linden zu, Der Winzer ſteigt vom Berge nieder, Und in des kühlen Strandes Ruh Erwachen ihre Kräfte wieder; Am Neckarſtrand ruht ich ſo gerne, Wär' nicht Luiſe in der Ferne. Der Abend ſenket ſeinen Strahl, Die Heerden ziehen von den Weiden, Und fernhin durch das holde Thal Die Döyfer zu der Ruhe läuten; 77 Da kommen Mädchen Hand in Hand Den Wieſenplan heraufgezogen; Es wölbt für ſie am grünen Strand Der Lindengang die hohen Bogen; Doch jenen Linden fehlt das eine, Ich wandle ohne ſie. alleine! Auf geht des Mondes Silberſtrahl, Er malt den Berg mit falbem Glanze, Er ruft die Geiſter in das Thal, Er leuchtet ihrem Reigentanze; Ihr Berge all von Duft umhüllt, Du Thal am Strome auf und nieder, Du wärſt ſo hold, du wärſt ſo mild Dir weiht ich meine frohſten Lieder— Du wärſt ſo ſchön im Abendſcheine Schlüg ſie ihr Aug hin in das meine. Ich weiß wo einen Bronnen Voll hellem Himmelsthau, Es glänzt der Strahl der Sonnen Aus ſeines Spiegels Blau; Er ladet klar und helle Zu ſüßer Wonne ein, Es winkt aus ſeiner Quelle Der Sonne milder Schein. Mir war, als ſollte drunten In ſeiner klaren Flut Das arme Herz geſunden Von ſeinem bangen Muth. Ich tauchte freudig nieder, Ins klare Blau hinab, Mein Herz das kam nicht wieder, Fand in dem Quell ſein Grab. Kennſt du den ſüßen Bronnen So klar und ſilberhell? Kennſt du den Strahl der Sonnen Aus ſeinem blauen Quell? Das iſt des Liebchens Auge, Ihr ſüßer Silberblick,— Aus ſeiner Tiefe tauche Ich nie zum Licht zurück. Serenade. . Wenn vom Berg mit leiſem Tritte Luna wandelt durch die Nacht, Eil' ich zu des Liebchens Hütte, Lauſche, ob die Holde wacht. Seh ich dort die Lampe glühen In dem ſtillen Kämmerlein, Möcht' ich, wie der Lampe milder Schein, Spielend um die zarten Wangen ziehen. Mit des Lichtes ſchönſten Strahlen Zög ich um mein liebes Kind, Farben wollt' ich um ſie malen, Wie ſie nur am Himmel ſind; Sänke Schlummer ihr aufs Auge, Löſchte ſie des Lämpchens Schein, Wär' ihr letzter, ſüßer Blick noch mein, Und ich ſtürbe ſanft in ihrem Hauche. Nimmer darf ich um ſie weben, Wie der Lampe milder Schein, Doch mein Lied darf zu ihr ſchweben, Darf der Liebe Bote ſein. Schwebt denn, Töne meiner Laute, Zu des Liebchens Kämmerlein, Wieget ſie in ſüße Träume ein, Und dann flüſtert:„Denke mein, du Traute!“ Die Freundinnen an der Freundin Hachzeittage. In deines Feſtes fröhliche Geſänge Miſcht ſich ein trauter Ton aus alter Zeit, Es lockt dich aus dem jubelnden Gedränge Zurück noch einmal zur Vergangenheit; Die Freundſchaft iſt's, es ſind der Schweſtern Tritte, Sie pochen ſchüchtern an der Pforte an, Sie nahen dir, ſie flüſtern ihre Bitte Und fragen freundlich: Denkſt du noch darane Denkſt du daran, wie wir uns einſt gefunden In unſrer Kindheit holder Blumenwelt? Es waren unſ'res Lebens Morgenſtunden, Vom Frühroth reiner Freuden ſchön erhellt; Der Schule Mühen, alle frohen Spiele Und aller Jubel von der Kindheit Bahn, Sie ſteigen auf in freudigem Gewühle Und fragen mit uns: Denkſt du noch daran? Denkſt Du daran, wie an der Kindheit Grenzen Uns eine ſchön're Freudenwelt empfing? Wie uns ein Leben, voll Geſang und Tänzen, Gefaßt in ſeinen wundervollen Ring? Und wie auch ernſte, deutungsvolle Tage Des Lebens Ernſt und Züge zeigten an? Es war der Jugend Frühlingstag; v ſage, Die Schweſtern bitten: Denkſt du noch daran 81 Wohl trittſt du jetzt in ernſter Frauen Kreiſe, Die Myrte ſchmückt zum letztenmal dein Haar, Du tändelſt nicht mehr nach der Mädchen Weiſe, Du nimmſt jetzt Abſchied von der Jungfraun Schaar: Doch blickſt du künftig ernſt in unſern Reigen, Schilt unſre Freuden dann nicht leeren Wahn;— Denn die Erinn'rung wird dir Bilder zeigen Und lächelnd ſagen: Denkſt du noch daran? Du denkſt daran: und zum Gedächtnißmale, Als eine reine jungfräuliche Zier Nimm von den Schweſtern die kryſtall'’ne Schale, Wir reichen ſie mit frommen Wünſchen dir. So werden wir in deinem Herzen leben, Denn ſiehſt du einmal dieſe Schale an, Dann wird dich die Erinnerung umſchweben Und freundlich ſagſt du:„Ja, ich denk daran.“ W. Hauffs Werke. I. 6 An Emitlie. Zum Garten ging ich früh hinaus, DOb ich vielleicht ein Sträuschen finde.? Nach manchem Blümchen ſchaut' ich aus, Ich wollt's für dich zum Angebinde; Umſonſt hatt' ich mich hinbemüht, Vergebens war mein freudig Hoffen; Das Veilchen war ſchon abgeblüht, Von andern Blümchen keines offen. Und trauernd ſpäht' ich her und hin, Da tönte zu mir leiſe, leiſe, Ein Flüſtern aus der Zweige Grün, Geſang nach ſel'ger Geiſter Weiſe; Und lieblich, wie des Morgens Licht Des Thales Nebelhüllen ſcheidet, Ein Röschen aus der Knospe bricht, Das ſeine Blätter ſchnell verbreitet. „Du ſuchſt ein Blümchen!“ ſpricht's zu mir, „So nimm mich hin mit meinen Zweigen, Bring' mich zum Angebinde ihr, Ich bin der wahren Freude Zeichen. Ob auch mein Glanz vergänglich ſei, Es treibt aus ihrem treuen Schooße Die Erde meine Knospen neu, Drum unvergänglich iſt die Roſe. 1 — —— 8³ „Und wie mein Leben ewig quillt Und Knosp' um Knospe ſich erſchließet, Wenn mich die Sonne ſanft und mild, Mit ihrem Feuerkuß begrüßet, So deine Freundin ewig blüht, Beſeelt vom Geiſte ihrer Lieben, Denn ob der Roſe Schmelz verglüht— Der Roſe Leben iſt geblieben.“ 84 Der Kranke. V Zitternd auf der Berge Säume Fällt der Sonne letzter Strahl, Eingewiegt in düſtre Träume 8 Blickt der Kranke in das Thal, Sieht der Wolken ſchnelles Jagen Durch das trübe Dämmerlicht— Ach, des Buſens ſtille Klagen Tragen ihn zur Heimath nicht! Und mit glänzendem Gefieder Zog die Schwalbe durch die Luft, Nach der Heimath zog ſie wieder, Wo ein milder Himmel ruft; Und er hört ihr fröhlich Singen, Sehnſucht füllt des Armen Blick, Ach, er ſah ſie auf ſich ſchwingen, Und ſein Kummer bleibt zurück. Schöner Fluß mit blauem Spiegel, Hörſt du ſeine Klagen nicht? Sag es ſeiner Heimath Hügel, Daß des Kranken Buſen bricht. Aber kalt rauſcht er vom Strande Und entrollt ins ſtille Thal, Schweiget in der Heimath Lande f Von des Kranken ſtiller Qual. Und der Arme ſtützt die Hände An das müde, trübe Haupt; Eins iſt noch, wohin ſich wende 8⁵ Der, dem aller Troſt geraubt; Schlägt das blaue Auge wieder Muthig auf zum Horizont, Immer ſtieg ja Troſt hernieder Dorther, wo die Liebe wohnt. Und es netzt die blaſſen Wangen Heil'ger Sehnſucht ſtiller Quell, Und es ſchweigt das Erdverlangen, Und das Auge wird ihm hell: Nach der ewigen Heimath Lande Strebt ſein Sehnen kühn hinauf, Sehnſucht ſprengt der Erde Bande, Pſyche ſchwingt zum Licht ſich auf. 86 Grabgeſang. Vor des Friedhofs dunkler Pforte Bleiben Leid und Schmerzen ſtehn, Dringen nicht zum heil'gen Orte, Wo die ſel'gen Geiſter gehn, Wo nach heißer Tage Glut Unſer Freund im Frieden ruht. Zu des Himmels Wolkenthoren Schwang die Seele ſich hinan, Fern von Schmerzen, neu geboren, Geht ſie auf— die Sternenbahn; Auch vor jenen heil’gen Höh'n Bleiben Leid und Schmerzen ſteh'n. Sehnſucht gießet ihre Zähren Auf den Hügel, wo er ruht; Doch ein Hauch aus jenen Sphären Füllt das Herz mit neuem Muth; Nicht zur Gruft hinab— hinan, Aufwärts ging des Freundes Bahn. Drum auf des Geſanges Schwingen Steigen wir zu ihm empor, Unſ're Trauertöne dringen Aufwärts zu der Sel'gen Chor, Tragen ihm in ſtille Ruh' Unſ re letzten Grüße zu. „ „/ã7 r — 87 Aus dem Stammbuche eines Freundes. Und wird dir einſt die Nachricht zugeſandt, Daß zu den Vätern ich verſammelt wäre, So trink und ſprich:„Ich hab' ihn auch gekannt,“ Mach hier ein Krenz— und gib mir eine Zähre. 3 Logogryph. Kennſt du das Wort, das Herzen mächtig bindet? Kennſt du der Liebe trauliches Symbol; Das feſte Band, das ſich um Freunde windet, Des Fürſten Heil, des Vaterlandes Wohl? An Stärke muß ihm Stahl und Eiſen weichen; Doch hat es einen mächt'gen ſtillen Feind; Streichſt du des hohen Wortes erſtes Zeichen, Haſt du die finſtre Macht, die ich gemeint. So lang die Welt ſteht, liegen dieſe beiden Im Kampf um höchſtes Leid und höchſte Luſt; Halt feſt am Ganzen, laß ſie nimmer ſtreiten In deiner ſtillen und zufriednen Bruſt. 88 näthſel. 1. Es iſt ein Wort dreideutig dem Germanen; Einſt war das erſte furchtbar ſeinen Ahnen; Der ſchwere Zeiger der Geſchichte rückt, Der Deutſche erbt das Scepter; ihr erblickt, Wie dem erwählten deutſchen Sohne Im zweiten die gewicht'ge Krone Der Biſchof auf die Stirne drückt. Es kreist im hoch gewölbten Saale Das dritte bei dem Krönungsmahle.. 3 2 Noch ſitzt auf halbverfall'nem Throne, Noch hält die längſt beſtritt'ne Krone Die alte Königin der Welt. Ob ſie wohl je vom Throne fällt? Vielleicht; doch liesſt du ſie von hinten, So wirſt du einen König finden, Der herrſcht, ſeitdem die Welt beſteht, Deß Reich nur mit der Welt vergeht; Sie ſchießt nicht ew'ge Donnerkeile, Doch ewig treffen ſeine Pfeile. —r Einſt hieß man mich die ſchönſte aller Frauen, Selbſt Könige entzweite meine Macht. Zehntauſend Krieger aus Europa'’s Gauen, Von Aſiens Landen ſchlugen manche Schlacht, Und eher nicht war ihres Kampfes Ziel, Als bis erſchlagen alle Heldenſöhne Und bis ein ſtolzes Königshaus zerfiel; Und dennoch pries man die unſel ge Schöne. Und wieder tönte jüngſt mein alter Namen, Doch bin ich häßlich und verlaſſen nun, Von Allen, die des Weges zu mir kamen, Will keiner lang an meiner Seite ruh'n; Nur Einer kam, der erſte, dem nicht graut, An meinem Heerd für immer ſtill zu liegen, Der lange mir ins blaſſe Antlitz ſchaut, Und bitter lacht ob meinen düſtern Zügen. „Ach, darum alſo,“ ſprach er,„läßt du feiern Dein unheilvoll Gedächtniß bis auf heut, Damit du reih'teſt zu den alten Freiern Auch einen Heros aus der neuen Zeit? Doch lockſt du mich mit keinem Erdentand, Denn Zeus zerſchlug dein Ilium in Scherben; Wohlan! auch meine Trojer deckt der Sand, So laß mich denn in deinen Armen ſterben.“ Charade. Der erſten Silb' entſtrömen Wein und Lieder, Und was du einſam denkſt, macht ſie bekannt; Oft geht ſie mit dem Zwang auch Hand in Hand, Schlägt ſelbſt in Feſſeln deine freien Glieder! Doch gibt das zweite Paar dir Hoffnung wieder, Sein Feuerathem weht von Land zu Land, Sprengt deines Kerkers feſtgethürmte Wand, Wirft deine Häſcher, deine Feſſeln nieder. 3 Scheint zwei mit eins ſich nimmer zu vertragen, So iſt das Ganze doch ein hohes Wort, Woran man nur den Widerſpruch getadelt; Doch hat ſein Widerſpruch manch großen Geiſt geadelt! Fürwahr! es ſtarb des letzten letzter Hord, Wär' es geſtorben jüngſt in unſern Tagen. — — — 8₰ — — ̈ —— 4 Vertrauliches Schreiben an Herrn W. A. Spöttlich, Vieebataillonschirurgen a. D. und Mauthbeamten in Tempelhof bei Berlin. Sie werden mich verbinden, verehrter Herr, wenn Sie dieſe Vorrede leſen, welche ich einer kleinen Samm⸗ lung von Novellen vordrucken laſſe. Ich ergreife nämlich dieſen Weg, Einiges mit Ihnen zu beſprechen, theils weil mir nach ſechs unbeantwortet gebliebenen Briefen das Porto bis Tempelhof zu theuer däuchte, theils aber auch, weil Sie vielleicht nicht begreifen, warum ich dieſe Novellen gerade ſo geſchrieben habe und nicht anders. Sie werden nämlich nach Ihrer bekannten Weiſe, wenn Sie„Novellen“ auf dem Titel leſen, die kleinen Augen noch ein wenig zudrücken, auf geheimnißvolle Weiſe lächeln und, ſollte er gerade zugegen ſein, Herrn Amtmann Kohlhaupt verſichern:„Ich kenne den Mann, es iſt alles erlogen, was er ſchreibt;“ und doch würden Sie ſich gerade bei dieſen Novellen ſehr irren. Die beſten und berühmteſten Novellendichter Lopez de Vega, Boc⸗ caz, Goethe, Calderon, Tieck, Scott, Cervantes und 8 auch ein Tempelhofer, haben freilich aus einem uner⸗ 1 I —õʒÿxyyy— 94 ſchöpflichen Schatz der Phantaſie ihre Dichtungen her⸗ vorgebracht, und die unverwelklichen Blumenſträuße, die ſie gebunden, waren nicht in Nachbars Garten ge⸗ pflückt, ſondern ſie ſtammten aus dem ewig grünenden Paradies der Poeſie, wozu nach der Sage, Feen ihren Lieblingen den unſichtbaren Schlüſſel in die Wiege legen. Daher kommt es auch, daß durch eine geheimnißvolle Kraft alles, was ſie gelogen haben, zur ſchönſten Wahr⸗ heit geworden iſt. Geringere Sterbliche, welchen jene magiſche Spring⸗ wurzel, die nicht nur die unſichtbaren Wege der Phan⸗ taſie erſchließt, ſondern auch die feſten und undurch⸗ dringlichen Pforten der menſchlichen Bruſt aufreißt, nicht zu Theil wurde, müſſen zu allerlei Nothbehelf ihre Zuflucht nehmen, wenn ſie— Nooellen ſchreiben wollen. Denn das eben iſt das Argerliche an der Sache, daß oft ihre Wahrheit als ſchlecht erfundene Lüge erſcheint, wäh⸗ rend die Dichtung jener Feenkinder für treue, unver⸗ fälſchte Wahrheit gilt. So bleibt oft uns geringen Burſchen nichts übrig, als nach einer Novelle zu ſpioniren. Kaffeehäuſer, Reſtaurationen, italieniſche Keller und dergleichen ſind für dieſen Zweck nicht ſehr zu empfehlen. Gewöhnlich trifft man dort nur Männer, und Sie wiſſen ſelbſt, wie ſchlecht die Reſtaurationsmenſchen erzählen. Dawird nur dieſes oder jenes Faktum ſchnell und flüchtig In⸗ geworfen; keine Nebenbemerkungen, nichts Maleriſches; ich möchte ſagen, ſie geben ihren Geſchichten kein Fleiſch, und wie oft habe ich mich geärgert, wenn man von einer Hiurichtung ſprach, und dieſer oder jener nur bei ordentlichen Erzählungen gebräuchlich, den armen Sünder, ſeinen Beichtvater, den rothen Mantel des Scharfrichters, ſein blinkendes Schwert ſieht, ja ſelbſt die Luft pfeifen hört, wenn ſein nerviger Arm den Streich führt. 5 Es gibt gewiſſe Weinſtuben, wo ſich ältere Herren verſammeln und nicht gern einen„Jungen“, einen „Fremden“ unter ſich ſehen. Dieſe pflegen ſchon beſſer zu erzählen; dadurch, daß ſie dieſen oder jenen Straßen⸗ raub, die geheimnißvolle, unerklärliche Flucht eines vornehmen Herrn, einen plötzlichen Sterbefall, wobei man„allerlei gemunkelt“ habe, ſchon fünfzigmal e zählten, haben ihre Geſchichten einen Schmuck, ein ſtattliches Kleid bekommen, und ſchreiten ehrbar fürder, während die Geſchichten der Reſtaurationsmenſchen wie Schatten hingleiten. Solche Herren haben auch eine Art von hiſtoriſcher Gründlichkeit, und es gereicht mir immer zu hoher Freude, wenn einer ſpricht:„Da bringen Sie mich auf einen ſonderbaren Vorfall,“ ſich noch eine halbe Flaſche geben läßt und dann anhebt:„In den ſiebeziger Jahrgängen lebte in meiner Vaterſtadt ein Cavalier von geheimnißvollem Weſen.“— Solche Herren trifft man allenthalben, und ſie werden von mehnen unſerer neueren Novelliſten ſtark benützt. Der bekannte„ss verſicherte mich, daß er einen ganzen Band ſeiner Novellen ſolchen alten Nachtfaltern verdanke, und erſt aus dieſem Geſtändniß konnte ich mir erklären, warum ſeine Novellen ſo ſteif und trocken waren; ſie kamen mir nachher alleſammt vor, wie alte, verwelkte hinwarf„geköpft“,„hingerichtet“, ſtatt daß man, wie 96 Junggeſellen, die ſich ihre Liebesabenteuer erzählen, welche ſämmtlich anfangen:„Zu meiner Zeit.“ Die ergiebigſte Quelle aber für Novelliſten unſerer Art ſind Frauen, die das Fünfundſechzigſte hinter ſich haben. Die Welt nennt Mediſance, was eigentlich nur eine treffliche Weiſe zu erzählen iſt; junge Mädchen von Sechszehn, Achtzehn pflegen mit ſolchen Frauen gut zu ſtehen und ſich wohl in Acht zu nehmen, daß ſie ihnen keine Blöße geben, die ſie in den Mund der alten No⸗ velliſtinnen bringen könnte; Frauen von Dreißig und ihre Hausfreunde gehen lieber eine Ecke weiter, um nicht ihren Geſichtskreis zu paſſiren, oder wenn ſie der Zufall mit der Jugendfreundin ihrer ſeligen Großmutter zu⸗ ſammenführt, pflegen ſie das gute Ausſehen der Alten zu preiſen und hören geduldig ein beißendes Lob der alten Zeiten an, das regelmäßig ein ſanftes Exordium, drei Theile über Hausweſen, Kleidung und Kinderzucht, eine Nutzanwendung nebſt einem frommen Amen ent⸗ hält. Solche ältere Frauen pflegen gegen jüngere Män⸗ ner, die ihnen einige Aufmerkſamkeit ſchenken, einen gewiſſen geheimnißvoll⸗zutraulichen Ton anzunehmen. Sie haben für junge Mädchen und ſchöne Frauen, die jetzt dieſelbe Stufe in der Geſellſchaft bekleiden, welche ſie einſt ſelbſt behauptet hatten, feine und bezeichnende Spitznamen, und erzählen den Herren, die ihnen ein Ohr leihen, allerlei„kurioſe“ Sachen von dem„Eich⸗ hörnlein und ſeiner Mutter,“ auch„wie es in dieſem oder jenem Hauſe zugeht,“„galante Abenteuer von jenem ältlichen, geſetzten Herrn, der nicht immer ſo ge⸗ weſen,“ und ſind ſie nur erſt in dem abenteuerlichen 97. Gebiet geheimer Hofgeſchichten und ſchlechter Ehen, ſo ſpinnen ſie mit zitternder Stimme, feinem Lächeln und den theuerſten Verſicherungen Geſchichten aus, die man (natürlich mit veränderten Namen) ſogleich in jeden Almanach könnte drucken laſſen.. Niemand weiß ſo trefflich wie ſie das Coſtüm, das Geſpräch, die Sitten„vor fünfzig Jahren“ wieder zu geben; ich glaubte einſt bei einer ſolchen Unterhaltung die Reifröcke rauſchen, die hohen Stelzſchuhe klappern, die franzöſiſchen Brocken ſchnurren zu hören; die ganze Erzählung roch nach Ambra und Puder, wie die alten Damen ſelbſt. Und ſo friſch und lebhaft iſt ihr Gedächt⸗ niß und Mienenſpiel, daß ich einmal, als mir eine dieſer Damen von einer längſt verſtorbenen Frau Miniſterin erzählte und ihren Gang und ihren ſchnarrenden Ton nachahmte, unwillkürlich mich erinnerte, daß ich dieſe Frau als Kind gekannt, daß ſie mir mit derſelben ſchnarrenden Stimme ein Zuckerbrod geſchenkt habe. Mehre Novellen, die ich aufgeſchrieben, beziehen ſich auf geheime Familiengeſchichten oder ſonderbare, aben⸗ teuerliche Vorfälle, deren wahre Urſachen wenig ins Publikum kamen, und ich kann verſichern, daß ich ſie alle, theils in Berlin, theils in Hannover, Caſſel⸗ Carlsruhe, ſelbſt in Dresden eben von ſolchen alten Frauen, den Chroniken ihrer Umgebung, gehört und oft wörtlich wieder erzählt habe. Nur ſo iſt es möglich, daß wir, auch ohne jenen Schlüſſel zum Feenreich, gegenwärtig in Deutſchland eine ſo bedeutende Menge Novellen zu Tage fördern. Die wundervolle Mährchenwelt findet kein empfängliches⸗ W. Hauffs Werke. I. 7 Publikum mehr, die lyriſche Poeſie ſcheint nur noch von wenigen geheiligten Lippen tönen zu wollen, und vom alten Drama ſind uns, ſagt man, nur die Dramatur⸗ gen geblieben. In einer ſolchen miſerablen Zeit, Ver⸗ ehrter, iſt die Novelle ein ganz bequemes Ding. Den Titel haben wir, wie eine Maske, von den großen No⸗ velliſten entlehnt, und Gott und ſeine lieben Kritiker mögen wiſſen, ob die nachſtehenden Geſchichten wirkliche und gerechte Novellen ſind. Ich habe, mein werther Herr, dies Alles geſagt, um Ihnen darzuthun, wie ich eigentlich dazu kam, Novellen zu ſchreiben, wie man beim Novellenſchreiben zu Werk gehe, und— daß alles getreue Wahrheit ſei, wenn auch keine poetiſche, was ich niedergeſchrieben. Sie wer⸗ den ſich noch der guten Frau von Welkerlohn erinnern, die immer ein Kleid von verblichenem gelbem Sammet trug, das nur eine weiche Fortſetzung ihrer harten, gelben Züge ſchien? Von ihr habe ich die Geſchichte, „Othello“ betitelt. Sie war viel zu diskret, um Namen und die Reſidenz zu nennen, wo dieſe ſonderbaren Sce⸗ nen vorfielen, aber wenn ich bedenke, daß ſie zur ſelben Zeit Hofdame in Scherau war, als Jean Paul dort lebte, ſo kann ich nicht anders glauben, als die Geſchichte ſei an jenem Hofe vorgefallen. Die zweite Novelle habe ich aus dem Mund der alten Gräfin Nelkenroth; man hält ſie allgemein für eine böſe Frau, aber ich kann verſichern, daß ich ſie über Joſephens Schickſal Thränen vergießen ſah. Man will zwar behaupten, daß ſie oft in Geſell⸗ ſchaften weinerliche Geſchichten erzähle, weil ihr vor zwanzig Jahren ein Maler verſicherte, ſie habe etwas 99 von einer Mater dolorosa; aber ſoviel iſt gewiß, daß ſie mehre Perſonen der Stücks gekannt haben will, und die Frau, bei welcher Herr v. Fröben in S. gewohnt hat, erzählte mir manche Sonderbarkeiten von ihm. Ich und viele Leute in S., welchen ich die Geſchichte wieder erzählte, gaben ſich vergebliche Mühe über Herrn v. Fröben und die Perſonen, mit welchen er in Berührung kam, etwas Näheres zu erfragen. Wir erfuhren nur, daß das Bild der Dame nach dem Gemälde in der Boiſſe⸗ ree'ſchen Gallerie von Strixner lithographirt worden ſei. In Oſtende, wo ich durch mehre Briefe nachforſchte, konnte ich nichts erfahren, als daß allerdings ein engli⸗ ſches Schiff, die Luna, Capitän Wardwood, im Auguſt Paſſagiere nach Portugal an Bord genommen habe, und daß ſich im Regiſter des Hafendirektors ein Don Pedro de Montanjo nebſt Nichte und Dienerſchaft befinde. Am Rhein, wo ich mich nach Herrn von Faldner und ſeiner Familie erkundigte, und erzählte, warum ich nachfrage, erklärte man mir Alles für Erfindung, denn es gäbe am ganzen Rhein hinab nur geſittete Landwirthe, die mit ihren Frauen wie die Engel im Himmel leben. Sie ſehen, ich habe keine Mühe geſcheut, die Ge⸗ ſchichten, die ich erzähle, ſo glaubwürdig als möglich zu machen. Es gibt freilich Leute, die mir dieſer hiſtoriſchen Wahrheit wegen gram ſind und behaupten, der echte Dichter müſſe keine Straße, keine Stadt, keine bekannten Namen und Gegenſtände nennen; Alles und Jedes müſſe rein erdichtet ſein, nicht durch äußern Schmuck, ſon⸗ dern von Innen Wahrheit gewinnen, und wie Maho⸗ meds Sarg, müſſe es in der ſchönen nehgn⸗ blauen Luft zwiſchen Himmel und Erde ſchweben. Andere halten es vielleicht auch für„eine rechtswidrige Täuſchung des Publikums,“ und können mich darüber belangen wollen, daß ich behaupte, dies und jenes habe ſich da und dort zugetragen, und ich könne doch keine ſtadtge⸗ richtliche Zeugniſſe beibringen. Aber iſt denn hier von echter Poeſie, von echten Dichtern die Rede? Man lege doch nie an die Erzählungen einiger alten Damen dieſen erhabenen Maßſtab! Goethe erzählte in Dichtung und Wahrheit, er habe in der Frankfurter Stadtmauer eine Thüre und einen wunderſchönen Garten geſehen. Noch heute laufen alle Fremde hin(ich ſelbſt war dort) und beſchauen die Mauer und wundern ſich, daß man nicht wenigſtens die Reparatur ſchauen könne, wenn gleich das Loch nur geträumt und nie in der Mauer war. Sol⸗ chen poetiſchen Frevel gegen ein geſetztes Publikum mag man einem Goethe vorrücken; armen Menſchen, ohne den Kammerherrnſchlüſſel der Poeſie, der die Mauern aufſchließt; wenn ſie auch keine Thüren haben, muß man ſolche Freiheiten zu gut halten. 4 Darum leſen Sie, perehrter Herr, dieſe Geſchichten, ſo abenteuerlich ſie ſein mögen, als reine, treue Wahr⸗ heit; es wird ſie weniger ärgern, als wenn Sie Dich⸗ tungen vor ſich zu haben meinten, und Ihr ſcharfes Auge ein wirres Gewebe unwahrſcheinlicher Lügen fände. 4* W. H. —-— 1. „Das iſt ein ſonderbarer Vorfall,“ ſagte der Com⸗ merzienrath Bolnau zu einem Bekannten, den er, auf der breiten Straße in Bers traf;„geſteht ſelbſt, wir leben in einer argen Zeit.“ „Ihr meint die Geſchichte im Norden?“ entgegnete der Bekannte.„Habt Ihr Handelsnachrichten, Com⸗ merzienrath? Hat Euch der Miniſter des Auswärtigen aus alter Freundſchaft etwas Näheres geſagt?“ „Ach, geht mir mit Politik und Staatspapieren; meinetwegen mag geſchehen, was da will. Nein, ich meine die Geſchichte mit der Bianetti.“ „Mit der Sängerin? Wie? Iſt ſie noch einmal engagirt? Man ſagte ja, der Kapellmeiſter habe ſich mit ihr überworfen—“ „Aber um Gotteswillen,“ rief der Commerzienrath und blieb ſtaunend ſtehen;„in welchen Spelunken trei⸗ bet Ihr Euch umher, daß Ihr nicht wiſſet, was ſich in der Stadt zuträgt? So wiſſet Ihr nicht, was der Bianetti arrivirte?“ „Kein Wort, auf Ehre; was iſt es denn mit ihr?“ „Nun, es iſt weiter nichts mit ihr, als daß ſie heute Nacht todt geſtochen worden iſt.“ Der Cemmerzienrath galt unter t ſeißen Bekannten für einen Spaßvogel, der, wenn er Morgens von elf bis Mittags ſeine Promenaden in der breiten Straße machte, die Leute gerne aufhielt und ihnen irgend etwas aus dem Stegreife aufband. Der Bekannte war daher nicht ſehr gerührt von dieſer Schreckensnachricht, ſon⸗ dern antwortete:„Weiter wiſſet Ihr alſo heute nichts, Bolnau? Ihr müßt doch nach gerade mit Eurem Witze zu Nande ſein, weil Ihr die Farben ſo ſtark auftraget. Wenn Ihr mich übrigens ein andermal wieder ſtellet in der breiten Straße, ſo beſinnt Euch auf etwas Vernünf⸗ tigeres, ſonſt bin ich genöthigt, einen Umweg zu machen, wenn ich von der Kanzlei nach Hanſe gehe.“ „Er glaubt's wieder nicht!“ rief der Spaziergänger. „Seht nur, er glaubt's wieder nicht! Wenn ich geſagt hätte, der Kaiſer von Marokko ſei erſtochen worden, ſo hättet Ihr die Nachricht mit Dank eingeſteckt und weiter getragen, weil ſich dort ſchon Ähnliches zugetragen hat. Aber wenn eine Sängerin hier in Bees todt geſtochen wird, da will keiner glauben, bis man den Leichenzug ſieht. Aber Freundchen, diesmal iſt's wahr, ſo wahr ich ein ehrlicher Mann bin.“ „Menſch! Bedenket was Ihr ſagt!“ rief der Freund mit Entſetzen.„Todt ſagtet Ihr? Die Bianetti todt geſtochen?“ „Todt war ſie vor einer Stunde noch nicht, aber ſie liegt in den letzten Zügen, ſo viel iſt gewiß.“ „Aber ſprechet doch ums Himmelswillen! Wie kann man denn eine Sängerin todt ſtechen? Leben wir denn in Italien? Für was iſt denn eine wohllöbliche Polizei da? Wie gingees denn zu? Todtgeſtochen!“ 103 „Schreiet doch nicht ſo mörderlich,“ erwiderte Bol⸗ nau beſänftigend;„die Leute fahren ſchon mit den Köpfen aus allen Fenſtern und ſchauen nach dem Straßenlärm. Ihr könnet ja sotta voce jammern, ſo viel ihr wollt. Wie es zuging? Ja ſehet, da liegt es eben; das weiß bis jetzt kein Menſch. Geſtern Nacht war das ſchöne Kind noch auf der Redoute, ſo liebenswürdig, ſo be⸗ zaubernd wie immer, und heute Nacht um zwölf Uhr wird der Medicinalrath Lange aus dem Bette geholt, Signora Bianetti liege im Sterben; ſie habe eine Stich⸗ wunde im Herzen. Die ganze Stadt ſpricht ſchon davon, aber natürlich das tollſte Zeug. Es ſind allerdings fatale Umſtände dabei, daß man nicht ins Reine kommen kann; ſo darf z. B. Niemand ins Haus, als der Arzt und die Leute, die ſie bedienen. Auch bei Hof weiß man es ſchon, und es kam ein Befehl, daß die Wache nicht am Hauſe vorbeiziehen dürfe; das ganze Bataillon mußte den Umweg über den Markt nehmen.“ „Was Ihr ſagt! Aber weiß man denn gar nicht wie es zuging? Hat man denn gar keine Spur?“ „Es iſt ſchwer, ſich aus den verſchiedenen Gerüchten auf das Wahre durchzuarbeiten. Die Bianetti, das muß man ihr laſſen, iſt eine ſehr anſtändige Perſon, der man auch nicht das Geringſte nachſagen kann. Nun, wie aber die Leute ſind, beſonders die Frauen, wenn man da von dem ordentlichen Lebenswandel des armen Mädchens ſpricht, zuckt man die Achſel und will von ihrem frähern Leben allerlei wiſſen. Von ihrem frühern Leben! Sie hat kaum ſiebzehn Jahre und iſt ſchon an⸗ derthalb Jahre hier? Was iſt das für ein früheres Leben.“ „Haltet Euch nicht ſo lange beim Eingang auf.“ unterbrach ihn der Bekannte,„ſondern kommt auf das Thema. Weiß man nicht, wer ſie erſtochen hat.“ „Nun, das ſage ich ja eben; da ſoll es nun wieder ein abgewieſener oder eiferſüchtiger Liebhaber ſein, der ſie umbrachte. Sonderbar ſind allerdings die Umſtände. Sie ſoll geſtern auf der Redoute mit einer Maske, die Niemand kannte, ziemlich lange allein geſprochen haben. Sie ging bald nachher weg, und einige Leute wollten geſehen haben, daß dieſelbe Maske zu ihr in den Wagen ſtieg. Weiter weiß Niemand etwas Gewiſſes; aber icht werde es bald erfahren, was an der Sache iſt.“ 1 „Ich weiß, Ihr habt ſo Eure eigenen Kanäle, und gewiß habt Ihr auch bei der Bianetti einen dienſtba⸗ ren Geiſt. Es gibt Leute, die Euch die Stadtchronik nennen.“ 5 „Zu viel Ehre, zu viel Ehre,“ lachte der Commer⸗ zienrath und ſchien ſich ein wenig geſchmeichelt zu fühlen. „Diesmal habe ich aber keinen andern Spion, als den Medieinalrath ſelbſt. Ihr müßt bemerkt haben, daß ich, ganz gegen meine Gewohnheit, nicht die ganze Straße hinauf und hinab wandle, ſondern mich immer zwiſchen der Carls⸗ und Friedrichsſtraße halte.“ „Wohl habe ich dies bemerkt, aber ich dachte, Ihr macht Fenſterparade vor der Staatsräthin Baruch.“ „Geht mir mit der Baruch! Wir haben ſeit drei Tagen gebrochen, meine Frau ſah das Verhältniß nicht gerne, weil jene ſo hoch ſpielt. Nein, der Medieinalrath Lange kommt alle Tage um zwölf Uhr durch die breite Straße, um ins Schloß zu gehen, und ich ſtehe hier auf dem 10⁵ Anſtand, um ihn ſogleich aufs Korn zu nehmen, wenn er um die Ecke kommt.“ „Da bleibe ich bei Euch,“ ſprach der Freund;„die 3 Geſchichte der Bianetti muß ich genauer hören. Ihr erlaubt es doch, Bolnau?“ „Wertheſter, genirt Euch ganz und gar nicht,“ entgegnete Jener;„ich weiß, Ihr ſpeiſet um zwölf Uhr, laſſet doch die Suppe nicht kalt werden. Ueberdies könnte Lange vor Euch nicht mit der Sprache recht heraus wollen; kommt lieber nach Tiſch ins Kaffeehaus, vort ſollet Ihr alles hören.— Machet übrigens, daß Ihr fort kommt, dort biegt er ſchon um die Ecke.“ 2. „Ich halte die Wunde nicht für abſolut tödtlich,“ ſprach der Medicinalrath Lange, nach den erſten Be⸗ grüßungen; nder Stoß ſcheint nicht ſicher geführt worden zu ſein. Sie iſt ſchon wieder ganz bei Beſinnung, und die Schwäche abgerechnet, die der große Blutver⸗ luſt verurſachte, iſt in dieſem Augenblicke wenigſtens keine Spur von Gefahr.“ „Das freut mich,“ erwiderte der Commerzienrath und ſchob vertranlich ſeinen Arm in den des Doktors; „ich begleite Ihn noch die paar Straßen bis ans Schloß; aber ſag’ Er mir doch ums Himmelswillen etwas Nähe⸗ res über dieſe Geſchichte; man kann ja gar nicht ins Klare kommen, wie ſich alles zugetragen.“ 2 „Ich kann Ihm ſchwören,“ antwortete Jener,„es liegt ein furchtbares Dunkel über der Sache. Ich war 106 kaum eingeſchlafen, ſo weckt mich mein Johann mit der Nachricht, man verlange mich zu einem ſehr gefähr⸗ lichen Kranken. Ich warf mich in die Kleider, renne hinaus, im Vorſaal ſteht ein Mädchen, bleich und zit⸗ ternd, und flüſtert ſv leiſe, daß ich es kaum höre, ich ſolle meinen Verbandzeug zu mir ſtecken. Schon das fällt mir auf; ich werfe mich in den Wagen, laſſe die bleiche Mamſell auf den Bock zu Johann ſitzen, daß ſie den Weg zeige, und fort geht es bis in den Lindenhof. Ich ſteige vor einem kleinen Hauſe ab und frage die Mamſell, wer denn der Kranke ſei?“ „Ich kann mir denken, wie Er ſtaunte“— „Wie ich ſtaunte, als ich hörte, es iſt Signora Bianetti! Ich kannte ſie zwar nur vom Theater, hatte„ ſie ſonſt kaum zwei⸗, dreimal geſehen, aber die geheim⸗ 2 nißvolle Art, wie ich zu ihr gerufen wurde, das Ver⸗ 4 bandzeug, das ich zu mir ſtecken ſollte, ich geſtehe Ihm, ich war ſehr geſpannt, was der Sängerin zugeſtoßen ſein ſollte. Es ging eine kurze Treppe hinan, eine ſchmale Hausflur entlang. Das Mädchen ging voran, ließ mich einige Augenblicke im Dunkeln warten und —öEöſͤſſſſſſſ—— kam mir dann ſchluchzend und noch bleicher als zuvor entgegen.„„Treten Sie ein, Herr Doktor,““ ſagte ſie, „ach! Sie werden zu ſpät kommen, ſie wird's nicht G überleben.““ Ich trat ein, es war ein ſchrecklicher 3 Anblick.“ 3 Der Medieinalrath ſchwieg, ſinnend und düſter, es ſchien ſich ein Bild vor ſeine Seele zu drängen, das er umſonſt abzuwehren ſuchte.„Nun, was ſah Er?“ rief ſein Begleiter, ungeduldig über dieſe Unterbrechung. 5 107 „Er wird mich doch nicht ſo zwiſchen Thüre und Angel ſtehen laſſen wollen?“ „Es iſt mir Manches in meinem Leben begegnet,“ fuhr der Doktor fort, nachdem er ſich geſammelt hatte, „Manches, wovor mir graute, Manches, das mich er⸗ ſchreckte, aber Nichts, was mir das Herz ſo in der Bruſt umdrehte, wie dieſer Anblick. In einem matt erleuch⸗ teten Zimmer lag ein bleiches, junges Weib auf dem Sopha, vor ihr kniete eine alte Magd und preßte ihr ein Tuch auf das Herz. Ich trat näher; weiß und ſtarr wie eine Büſte lag der Kopf der Sterbenden zurück, die ſchwarzen, herabfallenden Haare, die dunkeln Brauen und Wimpern der geſchloſſenen Augen bildeten einen ſchrecklichen Contraſt mit der glänzenden Bläſſe der Stirn, des Geſichtes, des ſchönen Halſes. Die weißen, faltenreichen Gewänder, die wohl zu ihrer Maske gehört hatten, waren von Blut überſtrömt, Blut auf dem Fußboden, und von dem Herzen ſchien der rothe Strahl auszugehen,— dies alles ſtellte ſich mir in einem Augen⸗ blick dar— es war Bianetti, die Sängerin.“ „O Gott, wie mich das rührt!“ ſprach der Com⸗ merzienrath bewegt, und zog ein langes, ſeidenes Tuch hervor, um ſich die Augen zu wiſchen.„Gerade ſo lag ſie noch letzten Sonntag vor acht Tagen in der Oper Othello da, als ſie die Desdemona ſpielte. Schon da⸗ mals war der Effekt ſo grauſam wahr und wahrhaft gräulich, daß man meinte, der Mohr habe ſie in der That erdolcht; und jetzt iſt es wirklich ſo weit mit ihr gekommen! Wie mich das rührt!“ Habe ich Ihm nicht jede übermäßige Rührung verboten?“ unterbrach ihn der Arzt.„Will Er mit Gewalt wieder ſeine Zufälle bekommen?“ „Er hat Recht,“ ſagte der Commerzienrath Bolnau und fuhr ſchnell mit dem Tuch in die Taſche;„Er hat Recht; meine Conſtitution taugt nicht für den Effekt. Erzähl’ Er nur weiter, ich werde die Tafelſcheiben am Kriegsminiſterio im Vorbeigehen zählen, das hilft gegen 6 ſolche Anfälle.“ „Zähl' er nur, und wenn es nichts hilft, ſo kann Er auch noch den oberen Stock des Palais mitnehmen. — Die alte Magd nahm das Tuch weg, und mit Er⸗ ſtaunen erblickte ich eine Wunde, wie von einem Meſ⸗ ſerſtich, die dem Herzen ſehr nahe war. Es war nicht Zeit, mich mit Fragen aufzuhalten, ſo viele derſelben mir auch auf der Zunge ſchwebten, ich unterſuchte die Wunde und legte den Verband um. Die Verwundete hatte während der ganzen Operation kein Zeichen von Leben gezeigt; nur, als ich die Wunde ſondirte, hatte ſie ſchmerzlich zuſammengezuckt. Ich ließ ſie ruhen und bewachte ihren Schlummer.“ „Aber das Mädchen und die alte Magd, hat Er denn dieſe nicht gefragt, woher die Wunde rühre?“ 5 „Ich will es Ihm nur geſtehen, Commerzienrath, weil Er mein alter Freund iſt; ja, als für die Kranke im Augenblicke nichts mehr zu thun war, habe ich ihnen rund genug erklärt, daß ich weiter keine Hand mehr an die Dame legen werde, wenn ſie mir nicht Alles beichten.“ 3 „Und was ſagten ſie? So ſprech’ Er doch!“ „Nach elf Uhr war die Säͤngerin nach Hauſe ge⸗ 10⁹ kommen, und zwar von einer großen männlichen Maske begleitet.— Ich mochte bei dieſer Nachricht die beiden Weiber etwas ſehr zweideutig angeſehen haben, denu. ſie fingen aufs Neue an zu weinen und betheuerten mir mit den außerordentlichſten Schwüren, ich ſolle doch nichts Schlechtes von ihrer Herrſchaft denken; es ſei die lange Zeit, ſeit ſie ihr dienen, nie nach vier Uhr Abends ein Mann über ihre Schwelle gekommen; das kleinere Mädchen, das wohl Romane mußte geleſen haben, wollte ſogar behaupten, Signora ſei ein Engel von Reinheit.“ „Das behaupte ich auch,“ ſagte der Commerzien⸗ rath, indem er gerührt die Scheiben des Palais, dem ſie ſich näherten, zu zählen anfing;„das ſage ich auch; der Bianetti kann man nichts Böſes nachſagen, ſie iſt ein liebes, frommes Kind, und was kann ſie denn dafür, 3 daß ſie ſchön iſt und ihr Leben durch Geſang friſten muß?“ „Glaub' Er mir,“ entgegnete Lange,„ein Arzt hat hierin einen untrüglichen pſychologiſchen Maßſtab. Einen Blick auf die engelreinen Züge des unglücklichen Mädchens überzeugte mich mehr von ihrer Tugend, als die Schwüre ihrer Zofen. Doch höre Er weiter: die Sängerin trat mit dem Fremden in dieſes Zimmer und hieß ihr Mädchen hinausgehen. Dieſe war vielleicht aus Neugierde, was wohl dieſer nächtliche Beſuch zu bedeuten habe, der Thüre nahe geblieben; ſie hörte einen heftigen Wortwechſel, der zwiſchen ihrer Dame und einer tiefen, hohlen Männerſtimme in franzöſiſcher Sprache geführt wurde; Signora ſei endlich in heftiges Weinen ausgebrochen, der Mann habe ſchrecklich ge⸗ flucht; plötzlich hörte ſie ihre Dame einen gellenden Schrei ausſtoßen, ſie kann ſich vor Angſt nicht mehr zurückhalten, reißt die Thüre auf, und in demſelben Augenblicke fährt die Maske an ihr vorbei und durch den Gang an die Treppe. Sie folgt ihm einige Schritte, vor der Treppe hört ſie ein Gepolter, er mußte hin⸗ untergeſtürzt ſein. Von unten dringt ein Achzen und Stöhnen herauf, wie das eines Sterbenden, aber es graut ihr, ſie wagt keinen Schritt weiter vorzugehen. Sie geht zurück in die Thüre— die Sängerin liegt in ihrem Blute, und ſchließt nach wenigen Augenblicken die Augen. Das Mädchen weiß ſich nicht zu rathen, ſie weckt die alte Magd, ihrer Herrſchaft einſtweilen bei⸗ zuſtehen, und ſpringt zu mir, um vielleicht Signora noch zu retten.“ „Und die Bianetti hat noch nichts geäußert? Hat Er ſie nicht befragt? „Ich ging ſogleich auf die Polizei und weckte den Direktor; er ließ noch um Mitternacht alle Gaſthöfe, alle Gaſſenkneipen, alle Winkel der Stadt durchſuchen, aus dem Thore iſt in jener Stunde Niemand paſſirt, und von jetzt an wird Jedermann ſtrenge unterſucht. Die Hausleute, die im oberen Stock wohnen, erfuhren die ganze Sache erſt, als die Polizei das Haus durch⸗ ſuchte; unbegreiflich war es, wie der Mörder entſprin⸗ gen konnte, da er durch ſeinen Fall hart beſchädigt ſein mußte, denn man fand viel Blut unten an der Treppe, und es iſt mir nicht unwahrſcheinlich, daß er ſich im Falle durch ſeinen eigenen Dolch verwundet hat. Es iſt 111 um ſo unbegreiflicher, wie er entkam, da die Hausthüre verſchloſſen war. Die Bianetti ſelbſt erwachte um zehn Uhr und gab dem Polizeidirektor zu Protokoll, daß ſie im ſtrengſten Sinne nicht wiſſe, auch nicht einmal ahne, wer die Maske ſein könne. Alle Ärzte und Chirurgen ſind verpflichtet, wenn ſie zu einem Patienten, der durch einen Fall oder eine Meſſerwunde lädirt iſt, gerufen werden, ſolches anzuzeigen, weil man vielleicht auf die⸗ ſem Wege dem Mörder auf die Spur kommen könnte. So ſtehen die Sachen. Ich bin aber überzeugt wie von meinem Leben, daß ein tiefes Geheimniß zu Grunde liegt, das die Sängerin nicht entdecken will; denn die Bianetti iſt nicht die Perſon, die ſich von einem ihr völlig unbekannten Manne nach Hauſe begleiten läßt. Das ſcheint auch ihr Mädchen, das beim Verhör zugegen war, zu ahnen. Denn als ſie ſah, daß Signora nichts wiſſen wolle, gab ſie nichts von dem Wortwechſel an, den ſie gehört hatte; mir aber warf ſie einen bittenden Blick zu, ſie nicht zu verrathen.„„Es iſt eine entſetzliche Geſchichte,““ ſagte ſie, als ſie mich nachher zur Treppe begleitete,„„aber keine Welt brächte mich dazu, etwas zu verrathen, was Signora nicht bekannt werden laſſen will.““ Sie geſtand mir noch Etwas, das izih auf die ganze Sache Licht verbreiten würde.“ „Nun, und darf ich dieſen Umſtand nicht auch wiſſen?“ fragte der Commerzienrath.„Er ſieht, wie ich geſpannt bin; ſpann Er ab, ſpann Er ab, um Gotteswillen, ich könnte ſonſt leicht meine Zufälle be⸗ kommen!“ „Höre Er, Bolnau, beſinn' Er ſich, lebt noch ein 112 Bolnau außer Ihm in dieſer Stadt? Erxiſtirt noch irgend ein anderer in der Welt, und wo, ſag' Er, wo?“ „Außer mir keine Seele in dieſer Stadt,“ antwortete Bolnau;„als ich vor acht Jahren hieher zog, freute es mich, daß ich nicht Schwarz, Weiß oder Braun, nicht Meier, Miller oder Bauer heiße, weil damit allerlei unangenehme Verwechslungen geſchehen. In Caſſel war ich der einzige Mann in meiner Familie, und ſonſt gibt es auf Gottes Erdboden keinen Bolnau mehr, als mei⸗ nen Sohn, den unglücklichen Muſiknarren; der iſt ver⸗ ſchollen, ſeit er nach Amerika ſegelte. Aber warum fragt Er nach meinem Namen, Doktor?“ „Nun, Er kann es nicht ſein, Commerzienrath, und Sein Sohn iſt in Amerika. Aber es iſt ſchon ein Viertel über zwölf Uhr, Prinzeß Sophie iſt krank, ich habe mich nur zu lang mit Euch verſchwatzt; lebt wohl, à revoir.“ „Nicht von der Stelle,“ rief Bolnau und hielt ihn feſt am Arm,„ſaget mir zuvor, was das Mädchen noch geſagt hat.“ „Nun ja, aber reinen Mund gehalten, Bolnau! Ihr letztes Wort, ehe ſie in jene tiefe Ohnmacht ſank, war— Bolnau.“ 1 3. Man hatte den Commerzienrath Bolnau noch nie ſo ernſt und düſter ſchleichen ſehen wie damals, als ihn der Doktor Lange vor dem Palais verließ. Sonſt war er munter und rüſtig einhergeſchritten, und wenn er mit dem freundlichſten Lächeln alle Mädchen und Frauen grüßte, mit den Männern viel lachte und ihnen allerlei * 113 Neues erzählte, ſo hätte man ihm noch keine ſechzig Jahre zugetraut. Er ſchien auch alle Urſache zu haben, fröhlich und guter Dinge zu ſein; er hatte ſich ein hüb⸗ ſches Vermögen zuſammenſpekulirt, hatte ſich, als es genug ſchien, mit ſeiner Frau in B. zur Ruhe geſetzt und lebte nun in Freude und Jubel Jahr aus Jahr ein. Er hatte einen einzigen Sohn gehabt, dieſer ſollte die Laufbahn des alten Herrn auch durchlaufen, und han⸗ deln und ſich umthun im Commerz, ſo wollte er es haben. Der Sohn aber lebte und webte nur im Reich der Töne, die Muſik war ihm Alles, der Handel und Com⸗ merz des Vaters war ihm zu gemein und niedrig. Der Vater hatte einen harten Sinn, der Sohn auch, der Vater brauste leicht auf, der Sohn auch, der Vater ſtellte gleich Alles auf die Spitze, der Sohn auch; kein Wunder, daß ſie nicht mit einander leben konnten. Und als der Sohn ſein zwanzigſtes Jahr zurückgelegt hatte, war der Vater fünfzig, da brach er auf, ſich zur Ruhe zu ſetzen und wollte dem Sohn den Handel geben. Es war auch bald Alles in Richtigkeit und Ruhe, denn in einer ſchönen Sommernacht war der Sohn nebſt einigen Klavierauszügen verſchwunden, kam auch richtig nach England und ſchrieb ganz freundſchaftlich, daß er nach Amerika gehen werde. Der Commerzienrath wünſchte ihm Glück auf den Weg und begab ſich nach B. Der Gedanke an den Muſiknarren, wie er ſeinen Sohn nannte, trübte ihm zwar manche Stunde, denn er hatte ihn erſucht, ſich nie mehr vor ihm ſehen zu laſſen, und es ſtand nicht zu erwarten, daß dieſer un⸗ gerufen wiederkehre; es wollte ihm zuweilen bedünken, W. Hauffs Werke, 1. 8 als habe er doch thöricht gethan, als er ihn durchaus im Commerz haben wollte; aber Zeit, Geſellſchaft und heitere Laune ließen dieſe trüben Gedanken nicht lange aufkommen; er lebte in Jubel und Freude, und wer ihn recht heiter ſehen wollte, durfte nur zwiſchen elf Uhr und Mittag durch die breite Straße wandeln. Sah er dort einen langen, hagern Mann, deſſen ſehr moderne Kleidung, deſſen Lorgnette und Reitpeitſche, deſſen be⸗ wegliche Manieren nicht mehr recht zu ſeinen grauen Haaren paſſen wollten— ſah er dieſen Mann nach allen Seiten grüßen, alle Augenblicke bei Dieſem oder Jenem ſtille ſtehen und ſchwatzen und mit den Armen fechten, ſo konnte er ſich darauf verlaſſen, es war der Commer⸗ zienrath Bolnau. Aber heute war dies Alles ganz anders. Hatte ihn ſchon zuvor die Ermordungsgeſchichte der Sängerin faſt zu ſehr afficirt, ſo war ihm das letzte Wort des Doktors in die Glieder geſchlagen.„Bolnau hatte die Bianetti noch geſagt, ehe ſie vom Bewußtſein kam. Seinen eige⸗ nen, ehrlichen Namen hatte ſie unter ſo verfänglichen Umſtänden ausgeſprochen!“ Seine Knie zitterten und wollten ihm die Dienſte verſagen; ſein Haupt ſenkte ſich auf die Bruſt, ſorgenvoll und gedankenſchwer. „Bolnau!“ dachte er,„königlicher Commerzienrath! Wenn ſie jetzt ſtürbe, dir Sängerin, wenn das Mädchen, dann ihr Geheimniß von ſich gäbe, und den Polizei⸗ direktor mit den näheren Umſtänden des Mo des und mit dem verhängnißvollen Worte bekannt machtel Was könnte dann nicht ein geſchickter Juriſt aus heen ein⸗ igen Wort argumentiren, beſonders wenn ihn die Eitel⸗ 11⁵ keit anfeuert, in einer ſolchen cause célèbre ſeinen Scharfſinn zu zeigen.“ Er lorgnettirte mit verzweif⸗ lungsvoller Miene das Zuchthaus, deſſen Giebel aus der Ferne ragte.„Dorthin, Bolnau, aus ganz beſon⸗ derer Gnade und Rückſicht auf mehrjährige Dienſte!“ Er athmete ſchwerer, er lüftete die Halsbinde, aber erſchreckt fuhr er zurück; war dies nicht der Ort, wo man das hänfene Halsband umknüpfte, war nicht dies die Stelle, wo das kalte Schwert durchging? Begegnete ihm ein Bekannter und nickte ihm zu, ſo dachte er:„Holla, der weiß ſchon um die Sache, und will mir zu verſtehen geben, daß er wohl unterrichtet ſei.“ Ging ein Anderer vorüber, ohne zu grüßen, ſo ſchien ihm Nichts gewiſſer, als daß man ihn nicht kennen wolle, ſich nicht mit dem Umgaeg eines Mörders beflecken wolle. Es fehlte wenig, ſo glaubte er ſelbſt, er ſei ſchuldig am Mord, und es war kein Wunder, daß er einen großen Bogen machte, um das Polizeibüreau zu vermeiden; denn konnte nicht der Direktor am Fenſter ſtehen, ihn erblicken und heraufrufen?„Wertheſter, be⸗ liebt es nicht, ein wenig heraufzuſpazieren, ich habe ein Wort mit Ihnen zu ſprechen!“ Verſpürt er nicht ſchon ein gewiſſes Zittern, fühlt er er nicht jetzt ſchon ſeine Züge ſich zu einem Armenſündergeſicht verziehen, nur weil man glauben könnte, er ſei der, den die Sängerin mit ihrem letzten Worte angeklagt. Und dann fiel ihm wieder ein, wie ſchädlich eine ſolche Gemüthsbewegung für ſeine Conſtitution ſei; ängſtlich ſuchte er nach Fenſterſcheiben, um ſich ruhig zu zählen, aber die Hiuſer und Straßen tanzten um ihn her, der Glockenthurm ſchien ſich höhniſch vor ihm zu neigen; ein wahnſinniges Grauen erfaßte ihn, er rannte durch die Straßen, bis er erſchöpft in ſeiner Behauſung nieder⸗ ſank, und ſeine erſte Frage war, als er wieder ein wenig zu ſich gekommen, ob nicht ein Polizeidiener nach ihm gefragt habe. K 4. Als gegen Abend der Medieinalrath Lange zu ſeiner Kranken kam, fand er ſie um Vieles beſſer, als er ſich gedacht hatte. Er ſetzte ſich an ihrem Bette nieder und beſprach ſich mit ihr über dieſen unglücklichen Vorfall. Sie hatte ihren Arm auf die Kiſſen geſtützt, in der zart geformten Hand lag ihr ſchöner Kopf. Ihr Geſicht war. noch ſehr bleich, aber ſelbſt die Erſchöpfung ihrer Kräfte ¹ ſchien ihr einen eigenthümlichen Reiz zu geben. Ihr 4 dunkles Auge hatte nichts von jenem Feuer, jenem Aus⸗ druck verloren, der den Doktor, obgleich er ein beväch⸗ tiger Mann und nicht mehr in den Jahren war, wo Phantaſie der Schönheit zu Hülfe kommt, ſchon früher von der Bühne aus angezogen hatte. Er mußte ſich ge⸗ ſtehen, daß er ſelten einen ſo ſchönen Kopf, ein ſo lieb⸗ liches Geſicht geſehen hatte; ihre Züge waren nichts weniger als regelmäßig, und dennoch übten ſie durch ihre Verbindung und Harmonie einen Zauber aus, für wel⸗ chen er lange keinen Grund wußte; doch dem pſycholo⸗ giſchen Blicke des Medieinalrathes blieb dieſer Grund nicht verborgen; es war jene Reinheit der Seele, jener Adel der Natur, was dieſe jungfräulichen Züge mit einem überraſchenden Glanz von Schönheit übergoß. — — 117 „Es ſcheint, Sie ſtudiren meine Züge, Doktor,“ ſprach die Sängerin lächelnd;„Sie ſitzen ſo ſtumm und ſinnend da, ſtarren mich an, und ſcheinen ganz zu vergeſſen, was ich fragte. Oder iſt es zu ſchrecklich, als daß ich es hören ſollte? Darf ich nicht erfahren, was die Stadt über mein Unglück ſagt?“ „Was wollen Sie alle die thörichten Vermuthungen hören, die müßige Menſchen erfinden und weiter ſagen? Ich habe eben darüber nachgedacht, wie rein ſich ihre Seele auf Ihren Zügen ſpiegle; Sie haben Frieden in ſich, was kümmert Sie das Urtheil der Menſchen?“ „Sie weichen mir aus,“ entgegnete ſie,„Sie wollen mir entſchlüpfen, indem Sie mir ſchöne Dinge ſagen⸗ Und mich ſollte das Urtheil der Menſchen nicht kümmern? Welches rechtliche Mädchen darf ſich ſo über die Geſell⸗ ſchaft, in welcher ſie lebt, hinwegſetzen, daß es ihr gleichgilt, was man von ihr ſpricht? Oder glauben Sie etwa,“ ſetzte ſie ernſter hinzu,„ich werde nichts darnach fragen, weil ich einem Stande angehöre, dem man nicht viel zutraut? Geſtehen Sie nur, Sie halten mich für recht leichtſinnig.“ „Nein, gewiß nicht; ich habe nur immer Schönes von Ihnen gehört, Mademoiſelle Bianetti, von Ihrem ſtillen, eingezogenen Leben, und daß Sie mit ſicherer Saltung in der Welt ſtehen, obgleich Sie ſo einſam und mancher Kabale ausgeſetzt ſind. Aber warum wollen Sie gerade wiſſen, was die Menſchen ſagen? Wenn ich nun als Arzt ſolche Nenigkeiten nicht für zuträglich hielt?“ „Bitte, Doktor, bitte, foltern Sie mich nicht ſo lange,“ rief ſie;„ſehen Sie, ich leſe in Ihren Augen, daß man nicht gut von mir ſpricht. Warum mich in Ungewißheit laſſen, die gefährlicher für die Ruhe iſt, als die Wahrheit ſelbſt?“ 8 Dieſen letzten Grund fand der Medicinalrath ſehr richtig; und konnte in ſeiner Abweſenheit nicht irgend eine geſchwätzige Frau ſich eindringen, und noch Ärgeres berichten, als er ſagen konnte?„Sie kennen die hie⸗ ſigen Leute,“ antwortete er,„B. iſt zwar ziemlich groß⸗ aber, du lieber Gott, bei einer Neuigkeit der Art zeigt es ſich, wie kleinſtädtiſch man iſt. Es iſt wahr, Sie ſind das Geſpräch der Stadt, dies kann Sie nicht wundern, und weil man nichts Beſtimmtes weiß, ſo— nun ſo macht man ſich allerhand ſeltſame Geſchichten. So ſoll z. B. die männliche Maske, die man auf der Redoute mit Ihnen ſprechen ſah, und die ohne Zweifel dieſelbe i*ſt, welche dieſe That beging, ein— „Nun, ſo reden Sie doch aus,“ bat die Sängerin in großer Spannung,„vollenden Sie!“ „Es ſoll ein früherer Liebhaber geweſen ſein, der Sie in— in einer andern Stadt geliebt hat und aus Eiferſucht umbringen wollte.“ „Von mir das! O, ich Unglückliche!“ rief ſie ſchmerzlich bewegt, und Thränen glänzten in ihren ſchönen Augen;„wie hart ſind doch die Menſchen ge⸗d gen ein ſo armes, armes Mädchen, das ohne Schutz und Hülfe iſt! Aber reden Sie aus, Doktor, ich bes ſchwöre Sie! Es iſt noch etwas Anderes zurück, das Sie mir nicht ſagten. In welcher Stadt ſagen die Leute, ſoll ich—“. 4 119 „Signora, ich hätte Ihnen mehr Kraft zugetraut,“ ſprach Lange, beſorgt über die Bewegung ſeiner Kran⸗ ken.„Wahrlich, ich bereue es, nur ſo viel geſagt zu haben; ich hätte es nie gethan, wenn ich nicht fürch⸗ tete, daß Andere mir unberufen zuvorkämen.“. Die Sängerin trocknete ſchnell ihre Thränen.„Ich will ruhig ſein,“ ſagte ſie wehmüthig lächelnd,„ruhig will ich ſein wie ein Kind; ich will fröhlich ſein, als hätten mir dieſe Menſchen, die mich jetzt verdammen, ein tauſendſtimmiges Bravo zugerufen. Nun erzählen Sie weiter, lieber, guter Doktor!“ „Nun, die Leute ſchwatzen dummes Zeug,“ fuhr Jener ärgerlich fort.„So ſoll, als Sie letzthin im Othello auftraten, in einer der erſten Ranglogen ein fremder Graf geweſen ſein; dieſer will Sie erkannt und vor etwa zwei Jahren in Paris in einem ſchlechten Hauſe geſehen haben.— Aber, mein Gott, Sie wer⸗ den immer bläſſer.— „Es iſt nichts, der Schein der Lampe fiel nur et⸗ was matter herüber; weiter, weiter!“ „Nun, dieſes Gerede blieb von Anfang nur in den erſten Zirkeln, nach und nach kam es aber ins Publi⸗ kum, und da dieſer Vorfall hinzukömmt, verbindet man beides und verſetzt das frühere Verhältniß zu Ihrem Mörder in jenes berüchtigte Haus in Paris.“ Auf den ausdrucksvollen Zügen der Kranken hatte während dieſer Rede die tiefſte Bläſſe mit flammender Röthe gewechſelt. Sie hatte ſich höher aufgerichtet, als ſolle ihr kein Wort dieſer ſchrecklichen Kunde ent⸗ gehen, ihr Auge haftete ſtarr und brennend auf dem 1²⁰ Mund des Arztes; ſie athmete kaum, ihr Herz ſchien ſtillzuſtehen.„Jetzt iſt's aus,“ rief ſie mit einem ſchmerz⸗ lichen Blick zum Himmel, indem Thränen ihrem Auge entſtürzten,„jetzt iſt es aus, wenn er dies hörte, ſo war es zu viel für ſeine Eiferſucht. Warum bin ich nicht geſtern geſtorben, ach! da hätte ich meinen guten Vater gehabt, und meine ſüße Mutter hätte mich ge⸗ tröſtet über den Hohn dieſer grauſam n Menſchen!“ Der Doktor ſtaunte über dieſe räthelhaften Worte, er wollte eben ein tröſtendes, beſänftigendes Wort zu ihr ſprechen, als die Thüre mit Geräuſch aufflog, und ein großer, junger Mann hereinfuhr. Sein Geſicht war auffallend ſchön, aber ein wilder Trotz verfinſterte ſeine Züge, ſein Auge rollte, ſein Haar hing verwil⸗ dert um die Stirne. Er hatte ein großes zuſammenge⸗ rolltes Notenblatt in der Fauſt, mit welchem er in der Luft herum fuhr und gleichſam agirte, ehe er Athem zum Sprechen fand. Bei ſeinem Anblick ſchrie die Sän⸗ gerin laut auf, der Doktor glaubte anfangs, aus Angſt, aber es war Freude, denn ein holdes Lächeln zog um ihren Mund, ihr Auge glänzte ihm durch Thränen ent⸗ gegen.„Carlo!“ rief ſie,„Carlo! Endlich kommſt Du nach mir zu ſehen!“ „Elende,“ rief der junge Mann, indem er maje⸗ ſtätiſch den Arm mit der langen Notenrolle nach ihr ausſtreckte.„Laß ab von Deinem Sreenengeſung⸗ ich komme— Dich zu richten!“ ⸗ „O Carlo!“ unterbrach ihn die Sängerin, und ihre Töne klangen ſchmelzend und ſüß wie die Klänge der Flöte.„Wie kannſt Du ſo zu Deiner Ginſeppa ſprechen!“ 121 Der junge Mann wollte mit tragiſchem Pathos antworten, aber der Doktor, dem dieſer Auftritt für ſeine Kranke zu angreifend ſchien, warf ſich dazwiſchen. „Wertheſter Herr Carlo,“ ſagte er, indem er ihm eine Priſe bot,„belteben S Sie zu bedenken, daß Mademoi⸗ ſelle in einem Zuſtand iſt, wo ſolche Scenen allzuſehr ihre ſchwachen Nerven afficiren!“ Jener ſchaute ihn groß an und wandte die Noten⸗ rolle gegen ihn:„Wer biſt Du, Erdenwurm?“ rief er mit tiefer, dröhnender Stimme.„Wer biſt Du, daß Du Dich zwiſchen mich ſtellſt und meinen Zorn?“ „Ich bin der Medicinalrath Lange,“ entgegnete dieſer und ſchlug die Doſe zu,„und in meinen Titeln befindet ſich nichts von einem Erdenwurme. Ich bin Herr und Meiſter, ſo lange Signora krank iſt, und ich ſage Ihnen im Guten, packen Sie ſich hinaus, oder moduliren Sie Ihr Presto assui zu einem anſtändigen Larghetto!“. „O, laſſen Sie ihn doch, Doktor,“ rief die Kranke ängſtlich,„laſſen Sie ihn doch, bringen Sie ihn nicht auf! Er iſt mein Freund, Carlo wird mir nichts Böſes thun, was ihm auch die ſchlechten Menſchen wieder von mir geſagt haben.“ „Ha! Du wagſt es noch zu ſpotten! Aber wiſſe, ein Blitzſtrahl hat die Thore Deines Geheimnißes geſprengt und hat die Nacht erhellt, in welcher ich wandelte. Alſo darum ſollte ich nicht wiſſen, was Du warſt, wo⸗ her Du kamſt? Darum verſchloſſeſt Du mir den Mund mit Deinen Küſſen, wenn ich nach Deinem Leben fragte? Ich Thor! Daß ich von einer Weiberſtimme mich be⸗ 122 zaubern ließ, und nicht bedachte, daß ſie nur Trug und Lug iſt! Nur im Geſang des Mannes wohnt Kraft und Wahrheit. Ciel! Wie konnte ich mich von den Roula⸗ den einer Dirne bethören laſſen!“ „O Carlo,“ flüſterte die Kranke,„wenn Du wüß⸗ teſt, wie Deine Worte mein Herz verwunden, wie Dein ſchrecklicher Verdacht noch tiefer dringt, als der Stahl des Mörders!“ 3 „Nicht wahr, Täubchen,“ ſchrie Jener mit ſchreckli⸗ chem Lachen,„Deine Amoroſi ſollten blind ſein, da wäre gut mit ihnen ſpielen? Der Pariſer muß doch ein wackerer Kerl ſein, daß er endlich doch noch das fromme Täubchen fand!“ „Jetzt aber wird es mir doch zu bunt, Herr,“ rief der Doktor und packte den Raſenden am Rock;„auf der Stelle marſchier Er ſich zu dem Zimmer hinaus, ſonſt werde ich die Hausleute rufen, daß ſie Ihn expe⸗ diren.“ „Ich gehe ſchon, Erdenwurm, ich gehe,“ ſchrie Jener und ſtieß den Medicinalrath zurück, daß er ganz bequem in einem Fauteuil niederſaß;„ja ich gehe, Giu⸗ ſeppa, um nimmer wiederzukehren. Lebe wohl, oder ſtirb lieber, Unglückliche, verbirg Deine Schmach unter der Erde. Aber jenſeits verbirg Deine Seele an einen Ort, wo ich Dir nie begegnen möge; ich würde der Seligkeit fluchen, wenn ich ſie mit Dir theilte, weil Du mich hier ſo ſchändlich um meine Liebe, um mein Leben betrogen.“ Er rief es, indem er noch etwas Weniges mit den Noten agirte, aber ſein wildes, rol⸗ lendes Auge ſchmolz in Thränen, als er den letzte — — 6 8 8 1 123 Blick auf die Geliebte warf, und ſchluchzend rannte er aus dem Zimmer. „Ihm nach, halten Sie ihn auf,“ rief die Sängerin, „führen Sie ihn zurück, es gilt meine Seligkeit!“ „Mit nichten, Werthgeſchätzte,“ entgegnete Doktor Lange, indem er ſich aus ſeinem Lehnſtuhl aufrichtete; „dieſe Scene darf nicht fortgeſpielt werden. Ich will Ihnen etwas Niederſchlagendes aufſchreiben, das ſie alle Stunden zwei Eßlöffel voll einnehmen werden.“ Die Unglückliche war in ihre Kiſſen zurückgeſunken und ihre Kräfte waren erſchöpft, ſie verlor das Bewußt⸗ ſein von Neuem. Der Doktor rief das Mädchen und ſuchte mit ihrer Hülfe die Kranke wieder ins Leben zurückzubringen, doch konnte er ſich nicht enthalten, während er die Eſſen⸗ zen einflößte, das Mädchen tüchtig auszuſchmälen.„Habe ich nicht befohlen, man ſolle Niemand, gar Niemand hereinlaſſen, und jetzt läßt man dieſen Wahnſinnigen zu, der Ihr braves Fräulein beinahe zum zweitenmale ums Leben brachte?“ „Ich habe gewiß ſonſt Niemand hereingelaſſen,“ ſprach die Zofe weinend;„aber ihn konnte ich doch nicht abweiſen; ſie ſchickte mich ja heute ſchon dreimal in ſein Haus, um ihn zu beſchwören, nur auf einen kleinen Augenblick zu kommen; ich mußte ja ſogar ſagen, ſie ſterbe und wolle ihn vor ihrem Tode nur noch ein ein⸗ zigesmal ſehen.“ „So? Und wer iſt denn dieſer— Die Kranke ſchlug die Augen auf. e5r ſaß bald den Doktor, bald das Mädchen an, ihre Blicke irrten ſuchend 124 durchs Zimmer.„Er iſt fort, er iſt auf ewig hin,“ flü⸗ ſterte ſie;„ach, lieber Doktor, gehen Sie zu Bolnau!“ „Aber, mein Gott, was wollen Sie nur von meinem unglücklichen Commerzienrath; er hat ſich über ihre Ge⸗ ſchichte ſchon genug alterirt, daß er zu Bette liegen muß; was kann denn er Ihnen helfen?“ „Ach, ich habe mich verſprochen,“ erwiderte ſie, „zu dem fremden Kapellmeiſter ſollen Sie gehen, er heißt Boloni und logirt im Hotel de Portugal.“ „Ich erinnere mich, von ihm gehört zu haben,“ ſprach der Doktor,„aber was ſoll ich bei dieſem thun?“ „Sagen Sie ihm, ich wolle ihm alles ſagen, er ſoll nur noch einmal kommen,— doch nein, ich kann es ihm nicht ſelbſt ſagen; Doktor, wenn Sie— ja ich habe Vertrauen zu Ihnen, ich will Ihnen alles ſagen, und dann ſagen Sie es wieder dem Unglücklichen, nicht wahr?“ „Ich ſtehe zu Befehl; was ich zu Ihrer Beruhigung thun kann, werde ich mit Freuden thun.“ „Nun, ſo kommen Sie morgen frühe, ich kann heute nicht mehr ſo viel ſprechen. Adieu, Herr Medicinalrath; doch noch ein Wort; Babette, gib dem Herrn Doktor ſein Tuch!“ Das Maädchen ſchloß einen Schrank auf und reichte dem Doktor ein Tuch von gelber Seide, das einen ſtar⸗ ken, angenehmen Geruch im Zimmer verbreitete. „Das Tuch gehört nicht mir,“ ſprach Jener,„Sie irren ſich, ich führe nur Schnupftücher von Leinwand.“ „Unmöglich!“ entgegnete das Mädchen;„wir fan⸗ den es heute Nacht am Boden, ins Haus gehört es nicht, und ſonſt war noch Niemand da als Sie.“ 125 Derr Doktor begegnete den Blicken der Sängerin, die erwartungsvoll auf ihm ruhten.„Könnte nicht die⸗ ſes Tuch jemand Anderem entfallen ſein?“ fragte er mit einem feſten Blick auf ſie. „Zeigen Sie her,“ erwiderte ſie ängſtlich,„daran hatte ich noch nicht gedacht.“ Sie unterſuchte das Tuch und fand in der Ecke einen verſchlungenen Namenszug; ſie erbleichte, ſie fing an zu zittern. „Es ſcheint, Sie kennen dieſes Tuch und die Perſon, die es verloren hat,“ fragte Lange weiter;„es könnte zu etwas führen; darf ich es nicht mit mir nehmen? Darf ich Gebrauch davon machen?“ Ginſeppa ſchien mit ſich zu kämpfen; bald reichte ſie ihm das Tuch, bald zog ſie es ängſtlich und krampf⸗ haft zurück.„Es ſei,“ ſagte ſie endlich;„und ſollte der Schreckliche noch einmal kommen und mein wundes Herz diesmal beſſer treffen, ich wage es; nehmen Sie Doktor. Ich will Ihnen morgen Erläuterungen zu dieſem Tuche geben.“ 5. Man kann ſich denken, wie ausſchließlich dieſe Vor⸗ fälle die Seele des Medicinalrath Lange beſchäftigten. Seine ſehr ausgebreitete Praxis war ihm jetzt eben ſo ſehr zur Laſt, als ſie ihm vorher Freude gemacht hatte; denn verhinderten ihn nicht die vielen Krankenbeſuche, die er vorher zu machen hatte, die Sängerin am andern Mor⸗ gen recht bald zu beſuchen, und jene Aufſchlüſſe und Erläu⸗ terungen zu vernehmen, denen ſein Herz ungeduldig ent⸗ gegen pochte? Doch zu etwas waren dieſe Beſuche in dreißig bis vierzig Häuſern gut, er konnte, wie er zu ſagen pflegte, hinhorchen, was man über die Bianetti ſage; vielleicht konnte er auch über ihren ſonderbaren Liebhaber, den Kapellmeiſter Boloni, eines oder das andere erfahren. de Portugal beſtellt haben, nur um ſeine herrliche Un⸗ Ueber die Sängerin zuckte man die Achſeln. Man urtheilte um ſo unfreundlicher über ſie, je ärgerlicher man darüber war, daß ſo lange nichts Offizielles und Sicheres über die Geſchichte ins Publikum komme. Ihre Neider— und welche ausgezeichnete Sängerin, wenn ſie dazu ſchön und Achtzehn alt iſt, hat deren nicht genug?— ihre Neider goͤnnten ihr alles und machten hämiſche Bemerkungen; die Gemäßigten ſagten: ſo iſt es mit ſolchem Volke; einer Deutſchen wäre dies auch nicht paſſirt. Ihre Freunde beklagten ſie, und fürchte⸗ ten für ihren Ruf beinahe noch mehr, als für ihre Geſundheit. Das arme Mädchen! dachte Lange, und beſchloß um ſo eifriger ihr zu dienen. Vom Kapellmeiſter wußte man wenig, weder Schlech⸗ tes noch Gutes. Er war vor etwa drei Vierteljahren nach B. gekommen, hatte ſich im Hotel de Portugal ein Dachſtübchen gemiethet und lebte ſehr eingezogen und mäßig. Er ſchien ſich von Geſangſtunden und muſikali⸗ ſchen Compoſitionen zu nähren. Alle wollten übrigens etwas Ueberſpanntes, Hochfahrendes an ihm bemerkt haben; die, welche ihn näher kennen gelernt hatten, fanden ihn ſehr intereſſant, und ſchon mancher Muſik⸗ freund ſoll ſich ein Couvert an der Abendtafel im Hotel terhaltung über die Muſik zu genießen. Aber auch dieſe kamen darin überein, daß es mit Boloni nicht ganz richtig ſei, denn er vernachläſſige, verachte ſogar den weiblichen Geſang, während er mit Entzücken von Män⸗ nerſtimmen, beſonders von Männerchören ſpreche. Er hatte übrigens keine näheren Bekannten, keinen Freund; von ſeinem Verhältniß zur Sängerin Bianetti ſchien Niemand etwas zu wiſſen. Den Commerzienrath Bolnau fand er noch immer unwohl und im Bette; er ſchien ſehr niedergeſchlagen und ſprach mit unſicherer, heiſerer Stimme allerlei Un⸗ ſinn über Dinge, die ſonſt gänzlich außer ſeinem Ge⸗ ſichtskreiſe lagen. Er hatte eine Sammlung berühmter Rechtsfälle um ſich her, in welcher er eifrig ſtudirte; die Frau Commerzienräthin behauptete, er habe die ganze Nacht darin geleſen und hie und da ſchrecklich gewinſelt und gejammert. Seine Lektüre betraf beſonders die unſchuldig Hingerichteten, und er äußerte gegen den Medieinalrath, es liege eigentlich für den Menſchenfreund ein großer Troſt in der Langſamkeit der deutſchen Juſtiz; denn es laſſe ſich erwarten, daß, wenn ein Prozeß zehn und mehre Jahre daure, die Unſchuld doch leichter an den Tag komme, als wenn man heute gefangen und morgen gehangen werde. Die Sängerin Bianetti, für welche der Doktor end⸗ lich ein Stündchen erübrigt hatte, war düſter und nieder⸗ geſchlagen, als ſei keine Hoffnung mehr für ſie auf Erden. Ihr Auge war trübe, ſie mußte viel geweint haben, die Wunde war über alle Erwartung gut; aber mit ihrem zunehmenden körperlichen Wohlbefinden ſchien die Ruhe und Geſundheit ihrer Seele zu ſchwinden.„Ich habe lange darüber nachgedacht,“ ſagte ſie,„und fand, daß Sie, lieber Doktor, doch auf höchſt ſonderbare Weiſen in mein Schickſal verwebt werden. Ich kannte Sie vor⸗ her nicht; ich geſtehe, ich wußte kaum, daß ein Medici⸗ nalrath Lange in B. eriſtire. Und jetzt, da ich mit einem Schlage ſo unglücklich geworden bin, ſendet mir Gott einen ſo theilnehmenden, väterlichen Freund zu.“ 4 „Mademoiſelle Bianetti,“ erwiderte Lange,„der Arzt hat an manchem Bette mehr zu thun, als nur den Puls an der Linken zu fühlen, Wunden zu verbinden und Mixturen zu verſchreiben. Glauben Sie mir, wenn man ſo allein bei einem Kranken ſitzt, wenn man den innern Puls der Seele unruhig pochen hört, wenn man Wunden verbinden möchte, die Niemand ſiehet, da wird auf wunderbare Weiſe der Arzt zum Freunde, und der ge⸗ heimnißvolle Zuſammenhang zwiſchen Körper und Seele ſcheint auch in dieſem Verhältniſſe auffallend zu wirken.“ „So iſt es,“ ſprach Giuſeppa, indem ſie zutraulich ſeine Hand faßte;„ſo iſt es, und auch meine Seele hat einen Arzt gefunden. Sie werden vielleicht viel für mich thun müſſen. Es möchte ſein, daß Sie ſogar vor den Gerichten in meinem Namen handeln müſſen: Wenn Sie einem armen Mädchen, das ſonſt gar keine Stütze hat, dieſes große Opfer bringen wollen, ſo will ich mich Ihnen entdecken.“ „ Ich will es thun,“ ſprach der freundliche Alte, indem er ihre Hand drückte. „Aber bedenken Sie es wohl; die Welt hat meinen Nuf angegriffen, ſie klagt mich an, ſis richtet, ſie ver⸗ 129 dammt mich. Wenn nun die Menſchen auch auf Sie „höhniſch deuten, daß Sie der verrufenen Sängerin, der ſchlechten Italienerin, ach! meiner ſich angenommen haben, werden Sie das ertragen können? „Ich will es;“ rief der Doktor mit Ernſt und Hef⸗ tigkeit.„Erzählen Sie!“ 4 6. „Mein Vater,“ erzählte die Sängerin,„war An⸗ tonio Bianetti, ein berühmter Violinſpieler, der Ihnen aus jüngeren Jahren nicht unbekannt ſein kann, denn ſein Ruf hatte durch die Conzerte, die er an Höfen und in großen Städten gab, ſich überall verbreitet. Ich kann mir ihn nur noch aus meiner früheſten Kindheit denken, wie er mir die Seala vorgeigte, die ich ſchon im dritten Jahre ſehr richtig nachſang. Meine Mutter war zu ihrer Zeit eine vorzügliche Sängerin geweſen und pflegte in den Conzerten des Vaters einige Arien und Canzonetten vorzutragen. Ich war vier Jahre alt, als mein Vater auf der Reiſe ſtarb und uns in Armuth zurückließ. Meine Mutter mußte ſich entſchließen, durch Singen uns fortzubringen. Sie heirathete nach einem Jahre einen Muſiker, der ihr von Anfang ſehr geſchmei⸗ chelt haben ſoll, nachher aber zeigte es ſich, daß er ſie nur geheirathet, um ihre Stimme zu benützen. Er wurde Muſikdirektor in einer kleinen Stadt im Elſaß, und da fing erſt unſer Leiden recht an. „Meine Mutter bekam noch drei Kinder und verlor ihre Stimme ſo ſehr, daß ſie beinahe keinen Ton mehr ſingen konnte. Dadurch war die groͤßte Geldauelle W. Hauffs Werke. I. 9 * A 13³⁰ meines Stiefvaters verſiegt, denn ſeine Conzerte waren nur durch meine Mutter glänzend und zahlreich geweſen. Er plagte ſie von jetzt an ſchrecklich; mir wollte er gar nicht mehr zu eſſen geben, bis er endlich auf ein Mittel verfiel, mich brauchbar zu machen. Er marterte mich ganze Tage lang und geigte mir die ſchwerſten Sachen von Mozart, Gluck, Roſſini und Spontini ein, die ich dann Sonntag Abends mit großem Applaus abſang; das arme Schepperl, ſo hatte man meinen Namen Ginſeppa verketzert, wurde eines jener unglücklichen Wunderkinder, denen die Natur ein ſchönes Talent zu ihrem größten Unglück gegeben hat; der Grauſame ließ mich alle Tage ſingen, er peitſchte mich, er gab mir Tage lang nichts zu eſſen, wenn ich nicht richtig into⸗ nirt hatte; die Mutter aber konnte meine Qualen nicht mehr lange ſehen, es war, als ob ihr Leben in ihren ſtillen Thränen dahin fließe; an einem ſchönen Frühlingsmorgen fanden wir ſie todt. Was ſoll ich Sie von meinen Marterjahren unterhalten, die jetzt an⸗ fingen? Ich war elf Jahre alt und ſollte die Haus⸗ haltung führen, die kleinen Geſchwiſter erziehen, und Sdabei noch ſingen lernen für die Corzerten O, es war eine Qual der Hölle! „Um dieſe Zeit kam oft ein Herr zu uns, der dem Vater immer einen Sack voll Fünffrankenſtücke mit⸗ brachte. Ich kann nicht ohne Grauen an ihn denken. Es war ein großer, hagerer Mann, von mittlerem Alter; er hatte kleine blinzelnde, graue Augen, die ihn durch ihren unangenehmen, ſtechenden Ausdruck vor allen Menſchen, die ich je geſehen, auszeichneten. 2 131 Mich ſchien er beſonders liebgewonnen zu haben. Er lobte, wenn er kam, meine Größe, meinen Anſtand, mein Geſicht, meinen Geſang. Er ſetzte mich auf ſeine Knie, obgleich mich ein unwillkürliches Grauen von ihm wegdrängte; er küßte mich trotz meines Schreiens, er ſagte wohlgefallig:„„Noch zwei— drei Jahr, dann biſt Du fertig, Schepperl!““ Und er und mein Stief⸗ vater brachen in ein wildes Lachen über dieſe Prophe⸗ zeihung aus. An meinem fünfzehnten Geburtsfeſt ſagte mein Stiefvater zu mir:„„Höre Schepperl, Du haſt nichts, Du biſt nichts, ich geb' Dir nichts, ich will nichts von Dir, habe auch hinlänglich genug an meinen drei übrigen Rangen; die Chriſtel(meine Schweſter) wird jetzt ſtatt Deiner das Wunderkind. Was Du haſt, Dein bischen Geſang, haſt Du von mir, damit wirſt Du Dich fortbringen. Der Onkel in Paris will Dich übrigens aus Gnade in ſein Haus aufnehmen.““ Der Onkel in Paris? rief ich ſtaunend, denn bisher wußte ich nichts von einem ſolchen.„„Ja, der Onkel in Paris,““ gab er zur Antwort,„„er kann alle Tage kommen.““ 3 „Sie können ſich denken, wie ich mich freute; es iſt jetzt drei Jahre her, aber noch heute iſt die Erinnerung an jene Stunden ſo lebhaft in mir, als wäre es geſtern geweſen. Das Glück, aus dem Hauſe meines Vaters zu kommen, das Glück, meinen Onkel zu ſehen, der ſich meiner erbarme, das Glück, nach Paris zu kommen, wo ich mir den Sitz den Putzes und der Seligkeit dachte, — ich war berauſcht von ſo vielem Glück; ſo oft ein Wagen fuhr, ſah ich hinaus, ob nicht der Onkel komme, 13³² mich in ſein Reich abzuholen. Endlich fuhr eines Abends ein Wagen vor unſerm Hauſe vor.„„Das iſt Dein Onkel,““ rief der Vater; ich flog hinab, breitete meine Arme aus nach meinem Erretter— grauſame Täu⸗ ſchung! Es war der Mann mit den Fünffrankenſtücken. „Ich war beinahe bewußtlos in jenen Augenblicken, aber dennoch vergeſſe ich die teufliſche Freude nie, die aus ſeinen grauen Augen blitzte, als er mich hoch auf⸗ gewachſen fand; moch imgter klingt mir ſeine krächzende Stimme in den Ohren:„„Jetzt biſt Du recht, mein Täubchen, jetzt will ich Dich einführen in die große Welt.““ Er faßte mich mit der Hand, mit der andern warf er einen Geldſack auf den Tiſch; der Sack fuhr auf, ein glänzender Regen von Silber⸗ und Goldſtücken rollte anf den Boden; meine drei kleinen Geſchwiſter und der Vater jubelten, rutſchten auf dem Boden umher und laſen die Stücke auf,— es war mein Kaufpreis. „Schon den folgenden Tag ging es nach Paris. Der hagere Mann(ich vermochte es nicht, ihn Onkel zu nennen) predigte mir beſtändig vor, welch glänzende Rolle ich in ſeinen Salons ſpielen werde. Ich konnte mich nicht freuen, eine Angſt, eine unerklärliche Bangig⸗ keit waren an die Stelle meiner Freude, meines Glückes getreten. Vor einem großen erleuchteten Hauſe hielt der Wagen; wir waren in Paris. Zehn bis zwölf ſchöne, allerliebſte Mädchen hüpften die breiten Trep⸗ pen herab uns entgegen. Sie herzten und küßten mich, und nannten mich Schweſter Guiſeppa; ich fragte den Hagern: Sind dies Ihre Töchter, mein Herr?„„Oui, mes bonnes enfants,““ rief er lachend, und die 52* ₰ 52* 13³ Mädchen und die zahlreiche Dienerſchaft ſtimmten ein mit einem rohen, ſchallenden Gelächter. „Schöne Kleider, prachtvolle Zimmer zerſtreuten mich. Ich wurde am folgenden Abend herrlich gekleidet; man führte mich in den Salon. Die zwölf Mädchen ſaßen im ſchönſten Putz an Spieltiſchen, auf Kanapees, am Flügel. Sie unterhielten ſich mit jungen und ältern Herren ſehr lebhaft. Als ich eintrat, brachen alle auf, gingen mir entgegen und betrachteten mich. Der Herr des Hauſes führte mich zum Flügel; ich mußte ſingen; allgemeiner Beifall wurde mir zu Theil. Man zog mich ins Geſpräch, meine ungebildeten, halb italieniſchen Ausdrücke galten für Naivetät; man bewunderte mich, ich erröthe heute noch, mit welchen Worten man mir dieſes ſagte. So ging es mehre Tage herrlich und in Freuden. Ich lebte ungenirt, ich hätte zufrieden leben können, wenn ich mich nicht höchſt unbehaglich, beinahe bänglich in dieſem Hauſe, in dieſer Geſellſchaft gefühlt hätte; in meiner naiven Unſchuld glaubte ich, ſo ſei nun einmal die große Welt, und man müſſe ſich in ihre Sitten fügen. Eines fiel mir jedoch auf, als ich an einem Abende zufällig an der Treppe vorbeiging, ſah ich, daß die Herren, die uns beſuchten, dem Portier Geld gaben, dafür blaue oder rothe Karten bekamen, und ſolche einem Bedienten vor dem Salon wieder über⸗ gaben. Ein junger Stutzer, der an mir vorüberkam, wies mir mit zärtlichen Blicken eine dieſer rothen Karten; ich weiß heute noch nicht, warum ich darüber erröthete. Aber hören Sie weiter, was ſich alsbald zutrug. „Sehen Sie, lieber Doktor, hier habe ich ein klei⸗ nes unſcheinbares Papier. Dieſem bin ich meine Rettung ſchuldig. Ich fand es eines Morgens unter dem Bröd⸗ chen meines Frühſtücks, ich weiß nicht, von welcher gütigen Hand es kam, aber möge der Himmel das Herz belohnen, das ſich meiner erbarmte. Es lautet: 8„„Mademoiſelle! „„Das Haus, welches Sie bewohnen, iſt ein Freu⸗ denhaus; die Damen, die Sie um ſich ſehen, ſind Freu⸗ denmädchen; ſollten wir uns in Giuſeppa geirrt haben? Wird ſie einen kurzen Schimmer von Glück mit langer Reue erkaufen wollen?“ „Es war ein ſchreckliches Licht, es drohte mich völlig zu blenden, denn es zerriß beinahe zu plötzlich meinen unſchuldigen Kinderſinn und den Traum von einer un⸗ beſorgten glücklichen Lage. Was war zu thun? Ich hatte in meinem Leben noch nicht gelernt, Entſchlüſſe zu faſſen. Der Mann, dem dieſes Haus gehörte, war mir ein fürchterlicher Zauberer, der jeden meiner Ge⸗ danken leſen könne, der jetzt ſchon darum wiſſen müſſe was ich erfahren. Und dennoch wollte ich lieber ſterben, als noch einen Augenblick hier verweilen.— Ich hatte ein Mädchen gerade über von unſerer Wohnung zuweilen italieniſch ſprechen hören; ich kannte ſie nicht,— aber kannte ich denn ſonſt Jemand in dieſer ungeheuren Stadt? Dieſe vaterländiſchen Klänge erweckten Zu⸗ trauen in mir; zu ihr wollte ich flüchten, ich wollte ſie auf den Knieen anflehen, mich zu retten. 8 „Es war ſieben Uhr frühe; ich war meiner länd⸗ lichen Gewohnheit treu geblieben, ſtand immer frühe auf und pflegte gleich nachher zu frühſtücken, und dies † H 135 rettete mich. Um dieſe Zeit ſchliefen noch alle, ſogar ein großer Theil der Domeſtiken. Nur der Portier war zu fürchten. Doch konnte er denken, daß Jemand aus dieſem Tempel der Herrlichkeit entfliehen werde? Ich wage es; ich warf mein ſchwarzes, unſcheinbares Mäntelchen um mich, eilte die Treppe hinab; meine Knie ſchwankten, als ich an der L Poge des Portiers vor⸗ beiging; er bemerkte mich nicht; drei Schritte, und ich war frei. „Rechts über die Straße hinüber wohnte das ita⸗ lieniſche Mädchen. Ich ſprang über die breite Straße, ich pochte am Haus, ein Diener öffnete. Ich fragte nach der Signora mit dem ſchwarzen Lockenköpfchen, die Italieniſch ſpreche. Der Diener lachte und ſagte, ich meine wohl die kleine Excellenza Seraphina;„„dieſelbe, dieſelbe,““ antwortete ich,„„führen Sie mich geſchwind zu ihr.¹“ Er ſchien anfangs Bedenken z8 tragen, weil es noch frühe am Tage ſei, doch meine Bitten überre⸗ deten ihn. Er führte mich in den zweiten Stock in ein Zimmer, hieß mich warten und rief dann eine Zofe, der Excellenza mich zu melden. Ich hatte mir gedacht, das hübſche italieniſche Mädchen werde meines Stan⸗ des ſein; ich ſchämte mich, einer höheren mich zu ent⸗ decken, aber man ließ mir keine Zeit, mich zu beſinnen; die Zofe erſchien, mich vor das Bett ihrer Gebieterin zu führen. Ja, ſie war es, es war die ſchöne junge Dame, die ich hatte Italieniſch ſprechen hören. Ich ſtürzte vor ihr nieder und flehte ſie um ihren Schutz an; ich mußte ihr meine ganze Geſchichte erzählen. Sie ſchien gerührt und verſprach mich zu retten. Sie ließ 136 den Diener, der mich heraufgeführt hatte, kommen, und legte ihm das ſtrengſte Stillſchweigen auf; dann wies ſie mir ein kleines Stübchen an, deſſen Fenſter in den Hof gingen, gab mir zu arbeiten und zu eſſen, und ſo lebte ich mehre Tage in Freude über meine Rettung, in Angſt über meine Zukunft.“ „Es war das Haus des Geſandten eines kleinen deutſchen Hofes, in welches ich aufgenommen war. Die Excellenza war ſeine Nichte, eine geborne Italienerin, die bei ihm in Paris erzogen worden war. Sie war ein gütiges, liebenswürdiges Geſchöpf, deſſen Wohlthaten ich nie vergeſſen werde. Sie kam alle Tage zu mir und tröſtete mich; ſie ſagte mir, daß der Geſandte durch ſeine Bedienten in dem Hauſe des argen Mannes nach⸗ geforſcht habe. Man ſei ſehr in Beſtürzung, ſuche es aber zu verbergen. Die Diener drüben flüſtern geheim⸗ nißvoll, es habe ſich eine Mamſell aus einem Fenſter des zweiten Stocks in den Kanal der Seine geſtürzt. Sonderbare Fügung! Mein Zimmer war ein Eckzimmer und ſah mit der einen Seite nach der Straße, die andere ging ſchroff hinab in einen Kanal. Ich erinnerte mich, an jenem⸗Morgen ein Fenſter dieſer Seite geöffnet zu haben; wahrſcheinlich war es offen geblieben, und ſo mochte man ſich mein Verſchwinden erklären. Signora Seraphina ſollte um dieſe Zeit nach Italien zurückkeh⸗ ren; ſie war ſo gütig, mich mitzunehmen. Ja, ſie that noch mehr für mich; ſie bewog ihre Eltern in Piacenza, daß ſie mich wie ihr Kind in ihr Haus aufnahmen; ſie ließ mein Talent ausbilden ihr habe ich Freiheit, Leben, Kunſt, oh! vielleicht mehr als ich weiß, zu danken. In 4. 137. 1 Piacenza lernte ich den Kapellmeiſter Boloni, der übri⸗ gens kein Italiener iſt, kennen; er ſchien mich zu lieben, aber er ſagte es mir nicht. Ich nahm bald nachher den Ruf an das hieſige Theater an. Man ſchätzte mich hier, f man hat mir ſonſt wohlgewollt, mein Leben und mein Ruf war unſträflich. Ach! ich habe in dieſer langen Zeit nie einen Mann bei mir geſehen, als— ich kann Ihnen dieſes ſchöne Verhältniß ohne Erröthen geſtehen— als Boloni, der mir bald hieher nachgereist war. Sie ha⸗ ben mein Leben jetzt gehört; ſagen Sie mir, habe ich Etwas gethan, um ſo bittere Strafe zu verdienen? Habe ich ſo Entſetzliches verſchuldet?“ 7. Als die Sängerin geendet hatte, ergriff der Medi⸗ einalrath lebhaft ihre Hand.„Ich wünſche mir Glück,“ ſagte er,„den wenigen Menſchen, die Sie auf Ihrem Lebensweg gefunden haben, beitreten zu können. Meine Kräfte ſind zwar zu ſchwach, um für Sie thun zu kön⸗ 1 nen, was die treffliche kleine Excellenza für Sie that, aber ich will ſuchen, Ihr trauriges Geſchick entwirren zu helfen; ich will den Brauſewind, Ihren Freund, zu verſöhnen ſuchen. Aber ſagen Sie mir nur, was iſt 4. 1 denn Herr Boloni eigentlich für ein Landsmann?“ 8„Da fragen Sie mich zu viel,“ erwiderte ſie aus⸗ 4 weichend;„ich weiß nur, daß er ein Deutſcher von Ge⸗ burt iſt und, wenn ich nicht irre, wegen Familienver⸗ hältniſſen vor mehren Jahren ſein Vaterland verließ. Er hielt ſich in England und Italien auf, und kam vor etwa drei Vierteljahren hieher.“ 138 „So, ſo; aber warum haben Sie ihm das, was Sie mir erzählen, nicht ſchon früher ſelbſt geſagt?“ Ginſeppa erröthete bei dieſer Frage; ſie ſchlug die Augen nieder und antwortete:„Sie ſind mein Arzt, mein väterlicher Freund; es iſt mir, wenn ich zu Ihnen ſpreche, als ſpräche ich als Kind zu meinem Vater.— Aber konnte ich denn dem jungen Manne von dieſen Dingen erzählen? Und ich kenne ja ſeine ſchreckliche Eiferſucht, ſeinen leichtgereizten Argwohn; ich habe es nie über mich vermocht, ihm zu ſagen, welchen Schlin⸗ gen ich entflohen war.“ „Ich ehre, ich bewundere Ihr Gefühl; Sie ſind ein gutes Kind; glauben Sie mir, es thut einem alten Manne wohl, auf ſolche decente Gefühle aus der alten Zeit zu ſtoßen; denn heutzutage gilt es für guten Ton, ſich über dergleichen wegzuſetzen. Aber noch haben Sie mir nicht Alles erzählt; der Abend auf der Redoute, jene ſchreckliche Nacht— „Es iſt wahr, ich muß Ihnen noch weiter ſagen Ich habe, ſo oft ich im Stillen über meine Rettung nachdachte, die Vorſehung geprieſen, daß man in jenem Hauſe glaubte, ich habe mich ſelbſt getödtet, denn es war mir nur zu gewiß, daß, wenn jener Schreckliche nur die entfernteſte Ahnung von meinem Leben habe, er kommen werde, ſein Opfer zurück zu holen oder es zu verderben; denn er mochte manches Fünffrankenſtück für mich bezahlt haben. Deßwegen habe ich, ſo lange ich in Piacenza war, manches ſchöne Anerbieten fürs Theater abgelehnt, weil ich mich ſcheute, öffentlich aufzutreten. Als ich aber etwa anderthalb Jahr dort war, brachte 2 139 mir eines Morgens Seraphina ein Pariſer Zeitungsblatt, worin der Tod des Chevalier de Planto angezeigt war.“ „Chevalier de Planto?“ unterbrach ſie der Arzt; „hieß ſo jener Mann, der Sie aus dem Hauſe Ihres Stiefvaters führte?“. „So hieß er. Ich war voll Freude, meine letzte Furcht war verſchwunden, und es ſtand nichts mehr im Wege, meinen Wohlthätern nicht mehr beſchwerlich zu fallen. Schon einige Wochen nachher kam ich nach B. Ich ging vorgeſtern Abend auf die Redoute, und ich will Ihnen nur geſtehen, daß ich recht freudig geſtimmt war. Boloni durfte nicht wiſſen, in welchem Koſtüm ich er⸗ ſcheinen würde, ich wollte ihn necken und dann über⸗ raſchen. Auf einmal, wie ich allein durch den Saal gehe, flüſterte eine Stimme in mein Ohr:„„Schepperl! was macht Dein Onkel?““ Ich war wie niedergedonnert; dieſen Namen hatte ich nicht mehr gehört, ſeit ich den Händen jenes Fürchterlichen entgangen war. Mein Onkel! Ich hatte ja keinen, und nur Einer hatte gelebt, der ſich vor der Welt dafür ausgab, der Cheva⸗ lier de Planto. Ich hatte kaum ſo viel Faſſung, zu er⸗ widern: Du irrſt Dich, Maske! Ich wollte hinweg⸗ eilen, mich unter dem Gewühl der Menge verbergen⸗ aber die Maske ſchob ihren Arm in den meinigen und hielt mich feſt.„„Schepperl!““ ſprach der Unbekannte, „nich rathe Dir, ruhig neben mir herzugehen, ſonſt werde ich den Leuten erzählen, in welcher Geſellſchaft Du Dich früher umhergetrieben.““ Ich war vernichtet, es wurde Nacht in meiner Seele; nur ein Gedanke war in mir lebhaft, die Furcht vor der Schande. Was konnte 140 ich armes, hülfloſes Mädchen machen, wenn dieſer Menſch, wer er auch ſein mochte, ſolche Dinge von mir ausſagte? Die Welt würde ihm geglaubt haben„ und Carlo, ach! Carlo wäre nicht der Letzte geweſen, der mich verdammt hätte. Ich folgte dem Mann an meiner Seite willenlos. Er flüſterte mir die ſchrecklichſten Dinge zu; meinen Onkel, wie er den Chevalier nannte, habe ich unglücklich gemacht, meinen Vater, meine Fantilie ins Verderben geſtürzt. Ich konnte es nicht mehr aus⸗ halten, ich riß mich los und rief nach meinem Wagen. Als ich mich aber auf der Treppe umſah, war dieſe ſchreckliche Geſtalt mir gefolgt.„„Ich fahre mit Dir nach Hauſe, Schepperl,““ ſprach er mit ſchrecklichem Lachen;„„ich habe noch ein paar Worte mit Dir zu reden.““ Die Sinne vergingen mir, ich fühlte, daß ich ohnmächtig wurde; ich wachte erſt wieder im Wagen auf, die Maske ſaß neben mir. Ich ſtieg aus und ging auf mein Zimmer, er folgte; er fing ſogleich wieder an zu reden; in der Todesangſt, ich möchte verrathen wer⸗ den, ſchickte ich Babette hinaus. „Was willſt Du hier, Clender!" rief ich voll Wuth, mich ſo beleidigt zu ſehen.„Was kannſt Du von mir Schlechtes ſagen? Ohne meinen Willen kam ich in jenes Haus; ich verließ es, als ich ſah, was dort meiner warte.“ „„Schepperl, mache keine Umſtände; es gibt nur zwei Wege, Dich zu retten. Entweder zahlſt Du auf der Stelle zehntauſend Franken, ſei es in Juwelen oder Gold, oder Du folgſt mir nach Paris; ſouſt weiß mor⸗ gen die ganze Stadt mehr von Dir, als Dir lieb iſt.“a V 141 † Ich war außer mir. Wer gibt Dir dieſes Recht, mir ſolche Zumuthungen zu machen? rief ich. Wohlan! ſage der Stadt, was Du willſt; aber auf der Stelle 5 verlaſſe dieſes Haus! Ich rufe die Nachbarn. „Ich hatte einige Schritte gegen das Fenſter gethan, er lief mir nach, packte meinen Arm.„„Wer mir das Recht gibt?““ ſprach er.„„Dein Vater, Täubchen, Dein Vater.““ Ein teufliſches Lachen tönte aus ſeinem Mund, der Schein der Kerze fiel auf ein paar graue, ſtechende Augen, die mir nur zu bekannt waren. In demſelben Moment war mir klar, wen ich vor mir hatte; ich wußte jetzt, daß ſein Tod nur ein Blendwerk war, das er zu irgend einem Zweck erfunden hatte; die Verzweiflung gab mir übernatürliche Kraft; ich rang mich los, ich wollte ihm ſeine Maske abreißen. Ich.* kenne Euch, Chevalier de Planto, rief ich, aber Ihr ſollt den Gerichten Rechenſchaft über mich geben müſſen. „„So weit ſind wir noch nicht, Täubchen,““ ſagte er, und in demſelben Augenblick fühlte ich ſein Eiſen in meiner Bruſt, ich glaubte zu ſterben.“— Der Doktor ſchauderte; es war heller Tag, und doch graute ihm, wie wenn man im Dunkeln von Ge⸗ ſpenſtern ſpricht. Er glaubte das heiſere Lachen dieſes 4 Teufels zu hören, er glaubte hinter den Gardinen des 35 Bettes die grauen, ſtechenden Augen dieſes Ungeheuers glänzen zu ſehen.„Sie glauben alſo,“ ſagte er nach einer Weile,„daß der Chevalier nicht todt iſt, daß es derſelbe iſt, der Sie ermorden wollte?“ 3 „Seine Stimme, ſein Auge überzeugten mich; das Tuch, das ich Ihnen geſtern gab, machte es mir zur 142 Gewißheit. Die Anfangslettern ſeines Namens ſind dort eingezeichnet.“ „Und geben Sie mir Vollmacht, für Sie zu han⸗ deln? Darf ich Alles, was Sie mir ſagten, ſelbſt vor Gericht angeben?“ „Ich habe keine Wahl, Alles! Aber nicht wahr, Doktor, Sie gehen zu Boloni und ſagen ihm, was ich Ihnen ſagte? Er wird Ihnen glauben, er kannte ja auch Seraphine.“ „Und darf ich nicht auch wiſſen,“ fuhr der Medi⸗ cinalrath fort,„wie der Geſandte hieß, in deſſen Haus Sie ſich verbargen?“ 8 „Warum nicht? Es war ein Baron Martinow?“ „Wie?“ rief Lange in freundiger Bewegung.„Der Baron Martinow? Iſt er nicht in... ſchen Dienſten?“ „Ja, kennen Sie ihn? Er war Geſandter des . ſchen Hofes in Paris und nachher in Petersburg.“ „O dann iſt es gut, ſehr gut,“ ſagte der Medici⸗ nalrath und rieb ſich freudig die Hände.„Ich kenne ihn, er iſt ſeit geſtern hier; er hat mich rufen laſſen; eer wohnt im Hotel de Portugal.“ Eine Thräne blinkte in dem Auge der Sängerin und von frommen Empfindungen ſchien ihr Herz be⸗ wegt.„So mußte ein Mann,“ ſagte ſie,„den ich viele hundert Meilen entfernt glaubte, hieher kommen, um die Wahrheit meiner Erzählung zu bekräftigen! Gehen Sie zu ihm; ach, daß auch Carlo zuhören könnte, wenn er Ihnen verſichert, daß ich die Wahrheit ſprach!“ „Er ſoll es, er ſoll mit mir, ich will es ſchon ma⸗ chen. Adien, gutes Kind; ſein Sie ganz ruhig, es muß — y— —y yy— 143 Ihnen noch gut gehen auf Erden, und nehmen Sie die Mirtur recht fleißig, alle Stunden zwei Löffel voll!“ So ſprach der Doktor und ging. Die Sängerin aber dankte ihm durch ihre freundlichen Blicke. Sie war ruhiger und heiter; es war, als habe ſie eine große Laſt mit ihrem Geheimniß hinweggewälzt; ſie ſah ver⸗ trauungsvoller in die Zukunft, denn ein gütiges Ge⸗ ſchick ſchien ſich des armen Mädchens zu erbarmen. 8. Der Baron Martinow, dem Lange früher einmal einen wichtigen Dienſt zu leiſten Gelegenheit gehabt hatte, nahm ihn freundlich auf, und gab ihm über die Sängerin Bianetti die genügendſten Aufſchlüſſe. Er beſtätigte nicht nur beinahe wörtlich ihre Erzählung, ſondern er brach auch in die lauteſten Lobeserhebungen ihres Charakters aus; ja er verſprach, wohin er in dieſer Stadt kommen würde, überall zu ihren Gunſten zu ſprechen und die Gerüchte zu widerlegen, die über ſie im Umlauf waren. Er hat auch Wort gehalten, denn hauptſächlich ſeinem Anſehen und der edelmüthi⸗ gen Art, womit er ſich der Italienerin annahm, ſchrie⸗ ben es ihre Freunde zu, daß die Geſinnungen des Pub⸗ likums über ſie in wenigen Tagen wie durch einen Zau⸗ berſchlag ſich änderten. Der Medieinalrath Lange aber ſtieg an jenem Tage, als er vom Geſandten kam, aus der Beletage des Hotel de Portugal noch einige Trep⸗ pen höher, in die Manſarden; in Nr. 54 ſollte der Kapellmeiſter wohnen. Er ſtand vor der Thüre ſtill, um Athem zu ſchöpfen, denn die ſteilen Treppen hatten 144 ihn angegriffen. Sonderbare Töne drangen aus dieſer Thüre in ſein Ohr. Es ſchien ein ſchwer Kranker darin zu ſein, denn er vernahm ein tiefes Stöhnen und Seufzen, das aus der tiefſten Bruſt aufzuſteigen ſchien. Dann klangen wieder ſchreckliche franzöſiſche und italie⸗ niſche Flüche dazwiſchen, wie wenn Ungeduld dem Jam⸗ mer Luft machen will, und ein heißeres Lachen der Ver⸗ zweiflung bildete wieder den Uebergang zu jenen tiefen Seufzern. Der Medieinalrath ſchauderte. Habe ich doch ſchon neulich etwas weniges Wahnſinn an dem Maeſtro verſpürt, dachte er, ſollte er vollends überge⸗ ſchnappt ſein, oder iſt er krank geworden aus Schmerz? Er hatte ſchon den Finger gekrümmt, um anzuklopfen, als ſein Blick noch einmal auf die Nummer der Thüre fiel; es war 53. Wie hatte er ſich doch ſo täuſchen können, faſt wäre er zu einem ganz fremden Menſchen eingetreten. Unwillig über ſich ſelbſt, ging er eine Thüre weiter; hier war 54; hier lautete es auch ganz anders. Eine tiefe ſchöne Männerſtimme ſang ein Lied, beglei⸗ tet von dem Pianoforte; der Medicinalrath trat ein, es war jener junge Mann, den er geſtern bei der Sän⸗ gerin geſehen. Im Zimmer lagen Notenblätter, Guitarre, Vio⸗ linen, Saiten und anderer Muſikbedarf umher, und mitten unter dieſen Trümmern ſtand der Kapellmeiſter in einem weiten, ſchwarzen Schlafrock, eine rothe Mütze auf dem Kopf und eine Notenrolle in der Hand. Der Doktor hat nachher geſtanden, es ſei ihm bei ſeinem Anblick Marius auf den Trümmern von Karthago ein⸗ gefallen. —— ——— 145 Der junge Mann ſchien ſich ſeiner von geſtern zu erinnern und empfing ihn beinahe finſter; doch war er ſo artig, einen Stoß Notenblätter mit einem Ruck von einem Seſſel auf den Boden zu werfen, um ſeinem Beſuch Platz anzubieten; er ſelbſt ſtieg mit großen Schritten im Zimmer umher und ſein fliegender Schlaf⸗ rock nahm geſchickt den Staub von Tiſchen und Büchern. Er ließ den Medicinalrath nicht zum Wort gelan⸗ zeß⸗ er überſchrie ihn.„Sie kommen von ihr?“ rief „Schämen ſich Ihre grauen Haare nicht, der Kup⸗ ler eines ſolchen Weibes zu werden? Ich will nichts mehr hören; ich habe mein Glück zu Grabe getragen, Sie ſehen, ich traure um meine Seligkeit; ich habe meinen ſchwarzen Schlafrock an, ſchon dies ſollte Ihnen, wenn Sie ſich entfernt auf Pſychologie verſtehen, ein Zeichen ſein, daß ich jene Perſon für mich als geſtorben anſehe. O Giuſeppe, Giuſeppe!“ „Wertheſter Herr Kapellmeiſter,“ unterbrach ihn der Doktor,„ſo hören Sie mich nur an—“ „Hören? Was wiſſen Sie von Hören? Lauſchen Sie, wenn Sie von Hören ſprechen; ich will prüfen, ob Du Gehör haſt, Alter! Siehe, das iſt das Weib,“ fuhr er fort, indem er den Flügel aufriß und Einiges ſpielte, das übrigens dem Doktor, der kein großer Muſikkenner war, vorkam wie andere Muſik auch: „Hören Sie dieſes Weiche, Schmelzende, Anſchmie⸗ gende? Aber bemerken Sie nicht in dieſen übergängen das unzuverläſſige, flüchtige, charakterloſe Weſen die⸗ ſer Geſchöpfe? Aber hören Sie weiter;“ ſprach er mit erhobener Stimme und glänzendem Auge, indem er die W. b. Hanſſ Werke. I. 10 146 weiten Aermel des Trauerſchlafrockes zurückſchüttelte, „wo Männer wirken, iſt Kraft und Wahrheit; hier kann nichts Unreines aufkommen, es ſind heilige, gött⸗ liche Laute!“ Er hämmerte mit großer Macht auf den Taſten umher, aber dem Doktor wollte es wieder bedün⸗ ken, als ſei dies nur ganz gewöhnliche Muſik. „Sie haben da eine ſonderbare Charakteriſtik der Menſchen,“ ſagte er,„da wir doch einmal ſo weit ſind, dürfte ich Sie bitten, Verehrter, daß Sie mir doch ein⸗ mal einen Medieinalrath auf dem Klavier vorſtellten?“ Der Muſiker ſah ihn verächtlich an.„Wie magſt Du nur mit einem ſchlechten, quickenden Cis herein⸗ fahren, Erdenwurm, wenn ich den herrlichen, ſtrahlen⸗ werfenden Akkord anſchlage!“ Die Antwort des Doktors wurde durch ein Klopfen an der Thür unterbrochen; eine kleine verwachſene Figur trat herein, machte eine Reverenz und ſprach:„Der kranke Herr auf Nro. 53 läßt den Herrn Kapellmeiſter hoͤflichſt erſuchen, doch nicht ſo gar erſchrecklich zu han⸗ tiren und zu haſeliren, was maßen derſelbe von gar ſchwacher Conſtitution und dem zeitlichen Hinſcheiden nahe iſt.“ „Ich laſſe dem Herrn meinen gehorſamſten Reſpekt vermelden,“ erwiderte der junge Mann,„und meinet⸗ wegen koͤnne er abfahren, wann es ihm gefällig. Es graut mir ohnedies alle Nacht vor ſeinem Jammern und Stöhnen, und das gräulichſte ſind mir ſeine gott⸗ loſen Flüche und ſein tolles Lachen. Meint vielleicht der Franzoſe, er ſei allein Herr im Hotel de Portugal? Genirt er mich, ſo genire ich ihn wieder.“ — — 147 „Aber verzeihen Euer Hochedelgeboren,“ ſagte der verwachſene Menſch,„er treibt's nicht mehr lange, woll⸗ ten Sie ihm nicht die letzten Augenblicke—“ „Iſt er ſo gar krank, der Herr?“ fragte der Medi⸗ cinalrath theilnehmend.„Was fehlt ihm? Wer behan⸗ delt ihn? Wer iſt er?“ „Wer er iſt, weiß ich gerade nicht; ich bin der Lohnlaquai, ich denke, er nennt ſich Lorier und iſt aus Frankreich; vorgeſtern war er noch wohl auf, aber etwas melancholiſch, denn er ging gar nicht aus, hatte auch keine Luſt, die Merkwürdigkeiten dieſer Stadt zu ſehen, aber am andern Morgen fand ich ihn ſchwer krank im Bette; es ſcheint er hat in der Nacht einen Schlagan⸗ fall bekommen. Aber um alle Welt will er keinen Arzt. Er flucht gräßlich, wenn ich frage, ob ich einen zu ihm führen ſolle. Er pflegt und verbindet ſich ſelbſt; ich glaube, er hat auch eine alte Schußwunde aus dem Krieg, die jetzt wieder anfgegangen iſt.“ Man hörte in dieſem Augenblicke den Kranken neben an mit heiſerer Stimme rufen und einige Verwünſchun⸗ gen ausſtoßen. Der Lohnlaquai ſchlug drei Kreuze und flog hinüber. Der Doktor verſuchte noch einmal, ob ſeine Reden bei dem verſtockten Liebhaber keinen Eingang fänden, und wirklich ſchien es diesmal zu gelingen. Er hatte eine Partitur in die Hand genommen, aus welcher er mit leiſer Stimme vor ſich hinſang; der Doktor benützte dieſe ruhigere Stimmung und fing an, ihm das Leben der Sängerin zu erzählen. Anfangs ſchien der Kapell⸗ meiſter nicht darauf zu achten, er las emſig in ſeiner Partitur und that, als ſei außer ihm Niemand im Zim⸗ mer; nach und nach aber wurde er aufmerkſamer, er hörte auf zu ſingen; bald hob ſich zuweilen ſein Auge über die Partitur und ſtreifte glühen über des Doktors Geſicht, dann ließ er das Notenheft ſinken und ſah den Erzähler feſt an; ſein Intereſſe ſchien mehr und mehr zu wachſen, ſeine Augen glänzten, er rückte näher, er faßte den Arm des Medieiners, und als dieſer ſeine Erzählung ſchloß, ſprang er in großer Bewegung auf, und rannte im Zimmrr auf und nieder.„Ja,“ rief er, ves liegt Wahrheit darin, ein Schein von Wahrheit, eine Wahrſcheinlichkeit; es iſt möglich, es könnte etwa ſo gewe⸗ ſen ſein; Teufel! könnte es nicht auch eine Lüge ſein?“ „Das heißt man, glaube ich, decrescendo in Ihrer werthen Kunſt, Herr Kapellmeiſter; aber warum denn bei dieſer Sache ſo von der Wahrheit bis zur Lüge her⸗ abſteigen? Wenn ich Ihnen nun einen Bürgen für die Wahrheit ſtellte? Maeſtro, wie dann?“ Boloni blieb ſiunend vor ihm ſtehen:„Ha! wer dieſes könnte, Medicinalrath, in Gold wollte ich Dich faſſen, ſchon dieſer Gedanke verdient, groß und könig⸗ lich belohnt zu werden. Ja! wer mir Bürge wäre!— Es iſt alles ſo finſter— verworrene Labyrinthe— kein Ausgang— kein leitendes Geſtirn!“ „Werthgeſchätzter Freund,“ unterbrach ihn der Doktor;„ich ertappe Sie hier auf einer Reminiscenz aus Schillers Räubern, ſo in der Cotta'ſchen Taſchen⸗ ausgabe ſtehet, wenn ich mich recht erinnere. Demun⸗ geachtet weiß ich einen ſolchen Bürgen, ein ſolches lei⸗ tendes Geſtirn.“ V 5 149 „Hal wer mir einen ſolchen gäbe!“ rief Jener.„Er ſei mein Freund, mein Engel, mein Gott,— ich will ihn anbeten!“ „Es iſt zwar in der angeführten Stelle von einem Schwert die Rede, womit man der Otternbrut eine brennende Wunde verſetzen will; nichts deſtv weniger aber will ich Sie überzeugen; jener Geſandte, der die arme Guiſeppa in ſeinem Hauſe aufnahm, logirt zu⸗ fällig hier im Hauſe auf Nr. 63 belieben Sie einen Frack anzuziehen und ein Halstuch umzuknüpfen, ſo werde ich Sie zu ihm führen; er hat mir verſprochen, Sie zu überzeugen.“ Der junge Mann drückte gerührt die Hand des Arz⸗ tes; doch auch jetzt noch konnte er ein gewiſſes erhabe⸗ nes Pathos nicht verbergen.„Ihr wart mein guter Engel,“ ſagte er:„wie vielen Dank bin ich für dieſen Wink Euch ſchuldig; ich fahre nur geſchwind in meinen Frack, und ſogleich folg' ich Euch zu dem Geſandten.“ 9. Die Ausſöhnung mit dem Geliebten ſchien beinahe noch von größerer Wirkung anf die Sängerin zu ſein, als die kunſtreichſten Tränklein ihres Arztes. Ihre Ge⸗ ſundheit beſſerte ſich in den nächſten Tagen zuſehends, und bald war ſie ſo weit hergeſtellt, daß ſie die Beſuche m theilnehmenden n Freunde außer dem Bette empfan⸗ nte. Dieſe Wendung ihres Zuſtandes mochte der Direktor der Polizei abgewartet haben, um die Sache weiter zu verfolgen. Er war ein umſichtiger Mann, —n—ö—ö 150 und der Ruf ſagte von ihm, daß ihm nicht leicht einer entgehe, auf den er einmal ſein Auge geworfen, ſollte er auch hundert und mehrere Meilen entfernt ſein. Von dem Medicinalrath war ihm die Geſchichte der Sängerin mit⸗ getheilt worden, er hatte ſodann mit dem Baron Marti⸗ now noch weitere Rückſprache genommen und Einiges er⸗ fahren, was ihm von großem Intereſſe ſchien. Der Ge⸗ ſandte hatte ihm neulich geſtanden, daß er von dem Vor⸗ fall mit der jungen Bianetti Gelegenheit genommen, das ruchloſe Leben des Chevalier de Planto höheren Orts zu berühren. Er hatte nicht verſäumt, hauptſächlich den Umſtand, daß jenes arme Kind eigentlich verkauft wurde, ins rechte Licht zu ſetzen. Jenes berüchtigte Haus wurde kurze Zeit darauf von der Polizei aufgehoben, und der Baron ſchien dies hauptſächlich den Schritten, die er in der Sache gethan, zuzuſchreiben. Auch er hatte von dem Tod des Chevaliers gehört, glaubte aber mit dem Po⸗ lizeidirektor, daß dies nur ein Kunſtgriff geweſen ſei, um ſein Gewerbe ſicherer fortzuſetzen; denn beide hegten keinen Zweifel, jener Mordverſnch an der Sängerin könne nur von dieſem ſchrecklichen Menſchen herrühren. Wie ſchwer war es aber, der Spur dieſes Mörders zu folgen; die Fremden die ſich damals zu B. aufhielten, waren, wie der Direktor verſicherte, alle unverdächtig; nur zwei Umſtände konnten zu Gewiſſerem führen; das Schnupftuch, welches ſich im Zimmer der Bianetti ge⸗ funden hatte, konnte, wenn man irgendwo ein ähnliches ſah, zur Entdeckung leiten; es war daher die genaueſte Beſchreibung davon in den Händen aller jener Näthe⸗ rinnen und Waſchfrauen, welche die Garderobe der V 15¹1 Fremden in B. zu beſorgen pflegten. Sodann glaubte der Direktor aus pſychologiſchen Gründen annehmen zu können, daß ein zweiter Verſuch auf das Leben der Sängerin bald folgen würde, im Falle ſich nämlich der Mörder noch in der Nähe aufhielte. Sobald daher die Sängerin wieder bei Kräften war, begleitete der Direktor der Polizei den Doktor Lange, ſo oft er ſie beſuchte; es wurden dort manche Maßre⸗ geln beſprochen, manche ſchienen gut, aber nicht wohl auszuführen, manche wurden geradehin verworfen. Ginſeppa ſelbſt kam endlich auf einen Gedanken, der den beiden Männern ſehr einleuchtete.„Der Doktor,“ ſagte ſie,„hat mir erlaubt, in der nächſten Woche wieder auszugehen; wenn er nichts dagegen hat, würde ich auf der letzten Redoute des Carnevals zuerſt wieder unter den Leuten erſcheinen; es hat etwas Anziehendes für mich, mich dort, wo mein Unglück eigentlich anfing, zum erſtenmal zu zeigen. Wenn wir dafür ſorgen, daß dies in Bees hinlänglich bekannt wird, und wenn der Che⸗ valier noch hier iſt, ſo bin ich wie von meinem Leben überzeugt, daß er unter irgend einer Maske ſich wieder in meine Nähe drängt. Er wird ſich zwar hüten, zu ſprechen, er wird durch nichts ſich verrathen, aber ſeine⸗ Anſchläge auf mein Leben wird er nicht ruhen laſſen, und ich will ihn aus Tauſenden erkennen. Seine Größe, ſeine Geſtalt, vor allem ſeine Augen werden mir ihn kenntlich machen. Was meinen Sie, meine Herren?“ Der Plan war nicht übel.„Ich wollte wetten,“ ſagte der Direktor,„wenn er erfährt, Sie kommen auf dieſen Ball, ſo bleibt er nicht aus; ſei es auch nur, 152 um den Gegenſtand ſeiner Rache wieder zu ſehen und ſeiner Wuth neue Nahrung zu geben. Ich denke übri⸗ gens, Sie ſollten keine Larve vors Geſicht nehmen, er wird Sie dann um ſo leichter erkennen, um ſo eher in Ihre Nähe, in ſeine Falle gehen; ich werde ein Paar tüchtige Burſche in Domino's ſtecken und ſie Ihnen zur Eskorte geben; auf ein Zeichen von Ihnen ſoll der alte Fuchs gefangen ſein.“ Babette, das Kammermädchen der Sängerin, war während dieſes Geſpräches ab⸗ und zugegangen; ſie hatte gehört, wie ihre Dame entſchloſſen ſei, den Mörder oder ſeine Gehülfen ausfindig zu machen, ſie glaubte es ſich ſelbſt ſchuldig zu ſein, nach Kräften zu dieſer Entdeckung beizutragen. Sie paßte daher den Direktor ab, faßte ſich ein Herz und ſagte, ſie habe ſchon neulich den Doktor auf einen Umſtand aufmerkſam gemacht, der zur Entdeckung führen könnte, er ſcheine aber nicht darauf zu achten. „Kein Umſtand iſt bei ſolchen Vorfällen gering, meine liebe Kleine,“ antwortete der Mann der Polizei; „wenn Sie irgend etwas wiſſen—“ „Ich glaube faſt, Signora iſt zu diskret und will nicht recht mit der Sprache heraus; als ſie den Stich bekam und in meinen Armen ohnmächtig wurde, war ihr letzter Seufzer— Bolnau.“ „Wie?“ rief der Direktor entrüſtet,„und das ver⸗ ſchwieg man mir bis jetzt? Einen ſo wichtigen Umſtand; haben Sie auch recht gehört, Bolnau?“ „Auf meine Ehre,“ ſagte die Kleine und legte die Hand betheuernd auf das Herz.„Bolnau, ſagte ſie, und 153 ſo ſchmerzlich, daß ich nicht anders glaube, als ſo heißt der Mörder; aber bitte, verrathen Sie mich nicht!“ Der Direktor hatte den Grundſatz, daß kein Menſch, er ſehe ſo ehrlich aus als er wolle, zu gut zu einem Verbrechen ſei. Der Commerzienrath Bolnau, und einen andern wußte er nicht in dieſer Stadt, war ihm zwar als ein geordneter Mann hekannt, aber— hatte man nicht Beiſpiele, daß gerade ſolche Leute, denen man vor der Welt nichts nachſagen konnte, der Juſtiz am meiſten zu ſchaffen machten? Konnte er nicht mit dieſem Che⸗ valier de Planto unter einer Decke ſpielen? Er ſetzte unter dieſen Betrachtungen ſeinen Weg weiter fort, er näherte ſich der breiten Straße, es fiel ihm bei, daß um dieſe Zeit der Commerzienrath ſich dort zu ergehen pflegte: er beſchloß, ihm ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Richtig, dort kam er die Straße herab, er grüßte rechts, er grüßte links, er ſprach alle Augen⸗ blicke mit einem Bekannten, er lächelte, wenn er weiter ging, vor ſich hin; er ſchien munter und guter Dinge zu ſein. Er mochte etwa noch fünfzig Schritte vom Direk⸗ tor entfernt ſein, als er dieſen anſichtig wurde; er er⸗ bleichte, er wandte um und wollte in eine Seitenſtraße ein⸗ biegen.„Ein verdächtiger, ſehr verdächtiger Umſtand!“ dachte der Direktor, lief ihm nach, rief ſeinen Namen und brachte ihn zum Stehen. Der Commerzienrath war ein Bild des Jammers; er brachte in hohlen Tönen ein„bon jour, bon jour“ hervor, er ſchien lächeln zu wollen, aber die Augen gingen ihm über, und ſein Ge⸗ ſicht verzog ſich krampfhaft; ſeine Knie zitterten, ſeine Zähne ſchlugen hörbar aneinander. 3 154 „Ei, ei, Sie machen ſich recht rar. Habe Sie ſchon ein paar Tage nicht an meinem Fenſter vorbeigehen ſehen; Sie ſcheinen nicht recht wohl zu ſein?“ ſetzte der Direktor mit einem ſtechenden Blick hinzu.„Sie ſind ſo blaß; fehlt Ihnen etwas?“ „Nein— es iſt nur ſo ein kleines Fröſteln— ich war wirklich einige Tage nicht wohl, aber Gottlob, es geht mir beſſer.“ 3 „So? Sie waren nicht wohl?“ fragte Jener weiter. „Das hätte ich kaum gedacht; ich glaubte Sie doch vor wenigen Tagen auf der Redoute recht munter zu ſehen.“ „Ja freilich; aber gleich den folgenden Tag mußte ich mich legen; ich bekam meine Zufälle wieder, aber ich bin jetzt ganz wieder hergeſtellt.“ „Nun, da werden Sie nicht verſäumen, die nächſte Redoute zu beſuchen; es iſt die letzte und ſoll ſehr brillant werden, ich hoffe Sie dort zu ſehen; bis dahin Adieu! Herr Commerzienrath.“ 10. „Werde nicht manquiren!“ rief der Commerzien⸗ rath Bolnau mit jammervollen Mienen nach.„Der hat Verdacht!“ ſprach er zu ſich.„Der weiß etwas von dem Worte der Sängerin. Zwar ſoll ſie wieder herge⸗ ſtellt ſein: aber kann nicht der Verdacht in dem Herzen dieſes Poliziſten um ſich freſſen? Kann er mich nicht aus Argwohn beobachten laſſen? Die geheime Polizei wird mich verfolgen; auf allen meinen Schritten und Tritten ſehe ich ſchlaue, fremde Geſichter. Ich darf nichts mehr reden, ſo wird es rapportirt, gedeutet; ich werde, o Gott im Himmel, ich werde ein unruhiger Kopf, ein gefährliches Indisidnum; und doch lebte ich ſtill und harmlos wie Wilhelm Tell im vierten Akt!“ So ſprach der unglückliche Bolnau hei fi. ſeine Angſt vermehrte ſich, als er über die verfängliche Frage wegen der nächſten Redoute nachdachte.„Er meint gewiß, ich werde mich nicht in die Nähe der Sängerin wagen, aus böſem Gewiſſen; aber ich muß hin, ich muß ihm dieſen Verdacht benehmen! Und doͤch— wird mich nicht in ihrer Nähe ein Zittern und Beben überfallen, gerade weil er glauben kann, ich werde aus Gewiſſens⸗ biſſen und Angſt zittern?“ Er quälte ſich ab mit dieſen Vorſtellungen, ſie beſchäftigten ihn Tagelang, er er⸗ innerte ſich, daß ein berühmter Schriftſteller in einer Schrift bewieſen habe, daß man Angſt vor der Angſt haben könne, und dies ſchien ihm ganz ſein Fall zu ſein. Aber er fühlte, daß er ſich ein Herz faſſen und der Gefahr entgegen gehen müſſe. Er ließ ſich vom Maskenverleiher den prachtvollen Anzug des Paſcha von Janina holen; er zog ihn alle Tage an und übte ſich vor einem großen Spiegel, recht unbefangen aus ſeiner Maske hervorzuſchauen. Er machte ſich aus ſeinem Schlafrocke eine Puppe und ſetzte ſie auf einen Seſſel; ſie ſtellte die Sängerin Bianetti vor. Er ging als Paſcha um ſie her, näherte ſich ihr und ſprach:„Es freut mich unendlich, Sie in ſo erwünſchtem Wohl⸗ befinden zu ſehen.“ Am dritten Toge konnte er ſeine Eektion ſchon ganz ohne Zittern ſagen, daher legte er ſich noch Schwereres auf. Er wollte recht artig und un⸗ hefangen ſein und ihr einen Teller mit Bonbons und Punſch offeriren. Er übte ſich mit einem Glas Waſſer, das er auf einen Teller ſetzte. Von Anfang klirrte es ſchrecklich in ſeiner zitternden Hand; aber auch dieſe Schwachheit überwand er, ja er konnte ganz luſtig dazu ſagen:„Verehrte, beliebt Ihnen nicht etwas Weniges Punſch und etliche Bonbons 2u Es ging trefflich; kein Sterblicher ſollte ihn beben ſehen. Ali Paſcha von Ja⸗ nina fühlte Muth in ſich, trotz ſeiner Angſt auf die Redoute zu gehen.. Der Medieinalrath Lange hatte es ſich nicht nehmen laſſen, die Geneſene zum erſtenmal wieder unter die Leute zu führen. Sie hatte es ihm gerne zugeſagt; hatte er doch durch ſeine treue Pflege, durch die väter⸗ liche Sorgfalt, womit er ſich ihrer angenommen, ein Recht auf ihre wärmſte Dankbarkeit gewonnen. So kam er mit ihr auf die Redoute und er ſchien ſich nicht wenig auf den Platz an der Seite des ſchönen, inter⸗ eſſanten Mädchens zu gut zu thun. Die Leute in B*** ſind ein ſonderbares Volk. In den erſten Tagen hatte man von den nobelſten Salons bis hinab in die Bier⸗ ſchenken von der Sängerin übles geſprochen; als aber Männer von Gewicht ſich ihrer annahmen, als an⸗ geſehene Damen ſich öffentlich für ſie erklärten, drehte ſich die Fahne nach dem Wind, und die Bexxer liefen, gerührt über das Schickſal des armen Kindes, in den Straßen umher und ſtarben bald vor Entzücken, daß ſie geneſen. Als ſie ineden Saal der Redoute trat, ſchien alles nur anf ſie, als die Königin des Feſtes, gewartet zu haben; man jubelte und jauchzte, man klatſchte in die Hände und rief Bravo! als hätte ſie eben die ſchwer⸗ V V 157 ſten Rouladen zu Stande gebracht. Auch dem Medi⸗ cinalrath fiel ſein Antheil am Beifall zu:„Sehet, der iſt's,“ riefen ſie,„das iſt ein geſchickter Mann, der hat ſie gerettet.“— Die Säugerin fühlte ſich freudig bewegt von dieſem Beifall der Menge; ja ſie hätte, berauſcht von dem Gemurmel der Glückwünſchenden, beinahe vergeſſen, daß ſie noch ein ernſterer Zweck in dieſen Saal geführt habe; aber die vier handfeſten Dominv's die ihren Schritten folgten, die Fragen des Doktors, ob ſie die grauen Augen des Chevaliers noch nicht anſichtig ge⸗ worden, erinnerten ſie immer wieder an ihr Vorhaben. Ihr ſelbſt und dem Doktor war es nicht entgangen, daß ein langer, hagerer Türke(man hieß in Birs ſein Koſtüm den Ali Baſſa), ſich immer in ihre Nähe dränge; und ſo oft der Strom der Masken ihn wegriß, immer war er ihnen wieder zur Seite. Die Sängerin ſtieß den Doktor an und winkte mit den Augen nach „dem Paſcha hin. Er erwiderte ihren Wink und ſagte: „Ich habe ihn ſchon lange bemerkt.“ Der Paſcha näherte ſich mit ungewiſſen Schritten; die Sängerin klammerte ſich feſter an Lange's Arm; er war jetzt ganz nahe, ſtarre, graue Auglein guckten aus der Maske und eine hohle Stimme ſprach zu ihr:„Es freut mich unendlich, werthgeſchätzte Mamſell, Sie in ſo erwünſchtem Wohl⸗ ſein zu ſehen.“ Die Sängerin wandte ſich erſchreckt ab und ſchien zu zittern; auch die Maske fuhr bei dieſem Anblick bebend zurück und verſchwand unter der Menge. „Iſt er es?“ rief der Medicinalrath.„Faſſen Sie ſich doch; es gilt hier, ruhig und mit Umſicht zu han⸗ deln; glauben Sie, er iſt es?“ „Noch weiß ich es nicht gewiß,“ entgegnete ſie; „aber ich glaube, ſeine Augen zu erkennen.“ ſung, recht genau auf dieſen Paſcha Acht zu geben, und ging mit der Dame weiter. Aber kaum hatte er einige Gänge durch den Saal gemacht, ſo erſchien der Türke wieder; doch hielt er ſich mehr in der Entfernung, als beobachtete er die Sängerin. Der Doktor trat mit ſeiner Dame an ein Büffet, um ihr auf den gehabten Schrecken eine Taſſe Thee zu verordnen; er ſah ſich um— auch hier wieder der Türke. Und ſiehe da, jetzt hatte er auf einem Tellerlein ein Glas Punſch und einige Bonbons; er nähert ſich der Sängerin, ſeine Augen funkeln, das Glas hüpft und klappert in ſeltſamen Klängen auf dem zitternden Teller; er iſt an ihrer Seite, er bietet ihr den Teller und ſagt: „Verehrte, beliebt Ihnen nicht etwas Weniges Punſch und etliche Bonbons?“ Die Sängerin ſah ihn ſtarr an, ſie erbleichte, ſie ſtieß den Teller zurück und rief:„Ha der Schreckliche! Er iſt's, er iſt's, er will mich ver⸗ giften!“ Der Paſcha von Janina ſtand ſtumm und regungs⸗ los, er ſchien jeden Gedanken an Vertheidigung aufzu⸗ geben; willenlos ließ er ſich von den vier haudfeſten Domino's hinwegführen. Beinahe in demſelben Augenblick wurde der Doktor heftig an ſeinem ſchwarzen Mantel gezogen; er ſah ſich um— jener kleine, verwachſene Lohnlakai aus dem Der Medicinalrath gab den vier Domino's die Wei⸗ 159 Hotel de Portugal ſtand vor ihm, bleich und von Schrecken entſtellt:„Um Gottes Barmherzigkeit willen, Herr Medicinalrath, kommen Sie doch gefälligſt mit mir auf Nr. 53, eben will der Teufel den franzöſiſchen Herrn holen.“ „Was ſchwatzt Er da?“ ſagte der Doktor unwillig und wollte ihn auf die Seite ſchieben, um dem Gefan⸗ genen auf die Polizeidirektion zu folgen.„Was geht es mich an, wenn ihn der Satan zu ſich nimmt?“ „Aber ich bitte Sie,“ rief der Kleine beinahe heu⸗ lend,„er kann vielleicht doch gerettet werden; Hoch⸗ ddieſelben ſind ja Stadtphyſikus allhier und verpflichtet, zu den Fremden in den Hotellern zu kommen.“ Der Medicinalrath unterdrückte einen Fluch, der ihm auf der Zunge ſchwebte; er ſah, daß er dieſem un⸗ angenehmen Gange nicht ausweichen könne, er winkte V den Kapellmeiſter Boloni herbei, übergab ihm die Sängerin, und eilte mit dem kleinen Menſchen nach dem Hotel de Portugal. * 11. Es war ſtill und öde in dieſem großen Gaſthof; MNiitternacht war beinahe ſchon vorüber, die Lampen in den Gängen und Treppen brannten düſter und trübe; es war dem Medicinalrath umheimlich zu Muth, als er zu dem einſamen Kranken hinanſtieg. Der Lakai ſchloß die Thüre auf, der Doktor trat ein, wäre aber beinahe wieder zurückgeſunken. Denn ein Weſen, das ſeit eini⸗ ggen Tagen unabläſſig ſeine Phantaſie im Wachen und im Schlafe beſchäftigt hatte, ſaß hier wirklich und ver⸗ körpert im Bette. Es war ein großer, hagerer, aͤltlicher Mann, er hatte eine ſpitzig aufſtehende, wollene Schlaf⸗ mütze tief in die Stirne gezogen, ſeine enge Bruſt, ſeine langen, dünnen Arme waren mit Flanell überkleidet; unter der Mütze ragte eine große, ſpitzige Naſe aus einem mageren, braungelben Geſicht hervor, das man ſchon todt und erſtorben geglaubt hätte, wären es nicht ein Paar graue, ſtechende Augen geweſen, die ihm noch⸗ etwas Leben und einen ſchrecklichen, grauenerregenden Ausdruck gaben. Seine langen, dünnen Finger, die mit den hagern Gelenken weit aus den ÄArmeln hervorragten, hatte er zuſammengekrümmt, er kratzte mit heiſerem, wahnſinnigen Lachen auf der Bettdecke. „Schaut! er kratzt ſich ſchon ſein Grab!“ flüſterte der kleine Menſch und weckte damit den Doktor aus ſei⸗ nem Hinſtarren auf den Kranken. So, gerade ſo hatte ſich dieſer den Chevalier von Planto gedacht; dieſes tückiſche, graue Auge, dieſe unheilverkündenden Züge, dieſe dürre, geſpenſterhafte Figur— es war hier Alles, was die Sängerin von jenem ſchrecklichen Manne geſagt hatte. Doch er beſann ſich: kam er denn nicht jetzt eben von der Verhaftung jenes Chevaliers? Konnte nicht ein anderer Mann auch graue Augen haben? War es zu verwundern, daß ein Kranker abgefallen und bleich war? Der Doktor lachte ſich ſelbſt aus, fuhr mit der Hand über die Stirne, als wolle er dieſe Gedanken hinwegwiſchen, und trat an das Bett.— Doch noch nie hatte er in ſo lan⸗ gen Jahren am Bette eines Kranken Grauen und Furcht gefühlt— hier, es war ihm unerklärlich, hier befiel ihn eine Beengung, ein Schauer, den er umſonſt abzuſchüt⸗ 161 teln ſuchte, und er fuhr unwillkürlich zurück, da er die feuchte, kalte Hand in der ſeinigen fühlte, als er lange umſonſt nach einem Puls ſuchte. „Der dumme Kerl,“ rief der Kranke mit heiſerer Sctimme, indem er bald Franzöſiſch, bald ſchlechtes Italieniſch und gebrochenes Deutſch untereinander warf, „der dumme kleine Kerl hat mir, glaube ich, einen Doktor gebracht.— Sie werden mir verzeihen, ich habe nie viel von Ihrer Kunſt gehalten. Das Einzige, was mich heilen kann, ſind die Bäder von Genua; ich habe dem böte ſchon befohlen, daß er mir Poſtpferde beſtellt; ich werde heute Nacht noch abfahren.“ „Freilich wird er abfahren,“ murmelte der kleine Menſch;„aber mit ſechs kohlſchwarzen Rappen, und nicht nach Genua, wo der ſelige Fiesko ertrunken, ſon⸗ dern dahin, wo Heulen und Zähnklappern.“ Der Doktor ſah, daß hier wenig mehr zu machen ſei; er glaubte die Vorzeichen des nahen Todes in den Augen, in den unruhigen Bewegungen des Kranken zu leſen, ſelbſt jene Sehnſucht zu reiſen und hinaus ins Weite zu kommen, war ſchon oft der Vorbote eines ſchnellen Endes geweſen. Er rieth ihm daher, ſich ruhig nieder zu legen und verſprach ihm einen kühlen Trank zu bereiten. Der Kranke lachte grimmig.„Liegen, ruhig liegen?“ antwortete er.„Wann ichliege, höre ich auf zu athmen! ich muß ſitzen, im Wagen muß ich ſitzen, fort, weit fort; — Was ſagt der kleine Menſch? Hat er die Pferde be⸗ . ſtellt? Kleiner Hund,haſt Du mein Gepäckin Ordnung?“ „Ach Herr und Vater!“ krächzte der Kleine,„jetzt W. Hauffs Werke. I. 11. denkt er an ſein Gepäck; ja, einen ſchweren Pack Sün⸗ den nimmt er mit, der Unmenſch. Es iſt nicht an den Himmel zu malen, was er geflucht und gottesläſterliche Reden geführt hat.“ Der Mediecinalrath faßte noch einmal die Hand des Kranken.„Faſſen Sie Vertrauen zu mir,“ ſagte er; „vielleicht kann Ihnen die Kunſt doch noch nützen; Ihr Diener ſagt mir, es ſei Ihnen eine Schwußwunde wieder aufgegangen; laſſen Sie mich unterſuchen.“ Murrend bequemte ſich der Kranke dazu, er deutete auf ſeine Bruſt. Der Arzt nahm einen ſchlechtgemachten Verband weg, er fand— eine Stichwunde nahe am Herzen.— Sonderbar! es war dieſelbe Größe, derſelbe Ort, wie die Wunde der Sängerin.“ „Das iſt eine friſche Wunde, ein Stich!“ rief der Doktor und ſah den Kranken mißtrauiſch an.„Woher haben Sie dieſe Wunde?“ „Sie glauben wohl, ich habe mich geſchlagen? Nein⸗ beim Teufel! Ich hatte ein Meſſer in der Bruſttaſche, fiel eine Treppe herab und habe mich ein wenig geritzt.“ „Ein wenig geritzt!“ dachte Lange.„Und doch wird er an dieſer Wunde ſterben.“ Er hatte indeſſen Limonade bereitet und bot ſie dem Kranken; dieſer führte ſie mit unſicherer Hand zum Munde, ſie ſchien ihn zu erquicken. Er war einige Mo⸗ mente ſtill und ruhig; doch, als er ſah, daß er einige Tropfen auf die Decke gegoſſen hatte, fing er an zu fluchen und verlangte ein Schnupftuch. Der Lakai flog zu einem Koffer, ſchloß auf und brachte ein Tuch heraus — der Doktor ſah hin, eine ſchreckliche Ahnung ſtieg in .* 163 ihm auf— er ſah wieder hin, es war dieſelbe Farbe, derſelbe Stoff, es war das Tuch, das man bei der Sän⸗ gerin gefunden. Der kleine Menſch wollte es dem Kran⸗ ken überreichen; er ſtieß es zurück.„Gehe zu allen Teufeln, Du Thier! Wie oft muß ich es ſagen, eau d'Heliotrope darauf!“ Der Diener holte eine kleine Flaſche hervor und beſprengte das Tuch; ein angeneh⸗ mer Geruch verbreitete ſich im Zimmer— es war daſ⸗ ſelbe Parfüm, das jenes gefundene Tuch an ſich getragen. Der Medicinalrath bebte an allen Gliedern; es war kein Zweifel mehr, er hatte hier den Mörder der Sän⸗ gerin Bianetti, den Chevalier de Planto vor ſich; es war ein Hülfloſer, ein Kranker, ein Sterbender, der hier im Bette ſaß; aber dem Doktor war es, als könne er alle Augenblicke aus dem Bette fahren und nach ſei⸗ ner Kehle greifen; er ergriff ſeinen Hut, es trieb ihn fort aus der Nähe des Schrecklichen. Der kleine Lakai packte ihn am Rock, als er ihn gehen ſah.„Ach, Wohledler!“ ſtöhnte er.„Sie wer⸗ den mich doch nicht bei ihm allein laſſen wollen? Ich halte es nicht aus, wenn er jetzt ſtürbe, und dann ſo⸗ gleich als flanellenes Geſpenſt mit der Zipfelmütze auf dem Schädel auf und ab ſpazirte! Um Gottes Barm⸗ herzigkeit willen, verlaſſen Sie mich nicht!“ Der Kranke grinste fürchterlich und lachte und fluchte unter einander; er ſchien dem Kleinen zu Hülfe kommen zu wollen, er ſtreckte ein langes, dürres Bein aus dem Bette, er krallte die dünnen Finger nach dem Doktor. Doch dieſer hielt es nicht mehr aus; der Wahn⸗ ſinn ſchien ihn anzuſtecken; er warf den Kleinen zurück 164 und floh aus dem Zimmer. Noch auf den unterſten Treppen hörte er das gräßliche Lachen des Mörders. 12. Am Morgen nach dieſer Nacht fuhr ein hübſcher Stadtwagen vor dem Hotel de Portugal vor. Es ſtie⸗ gen drei Perſonen, eine verſchleierte Dame und zwei ältliche Herren, heraus und ſtiegen die Treppe hinan. „Iſt der Herr Oberjuſtizreferendarius Pfälle ſchon oben?“ fragte der eine dieſer Herren den Kellner, der ſie hinaufführte. Dieſer bejahte, und der Herr fuhr fort:„Und doch iſt es eine ſonderbare Fügung des Schickſals, daß er die Treppe herabſtürzt und ſich ſelbſt den Dolch in die Bruſt ſtößt, daß er ſich ſelbſt verhin⸗ dert, zu entfliehen, daß gerade Sie, Lange, zu ihm be⸗ ſchieden werden!“ „Gewiß,“ ſagte die verſchleierte Dame,„finden Sie aber nicht auch ein eigentliches Verhängniß in dieſen Schnupftüchern? Das eine mußte er bei mir liegen laſſen, welcher Zufall! das andere muß er gerade in dem Augenblick verlangen, wo der Doktor noch bei ihm iſt.“ „Es mußte ſo gehen,“ erwiderte der zweite Herr, „man kann nichts ſagen, als es mußte ſo kommen. Aber in dieſem Strudel hätte ich beinahe etwas ver⸗ geſſen; ſagen Sie, was iſt denn mit dem Paſcha von Janina? Signora mußte ſich offenbar getäuſcht haben. Sie haben ihn wieder auf freien Fuß geſetzt? Wer war der arme Teufel?“ „Mit nichten und im Gegentheil,“ ſprach der erſtere⸗ 165 „ich habe mich überzeugt, daß es ein Mitſchuldiger des Chevalier iſt, dem ich ſchon lange auf der Spur bin. Ich habe ihn ſchon hieher bringen laſſen, er wird mit dem Mörder confrontirt werden.“. „Nicht möglich!“ rief die Dame,„ein Mitſchul⸗ diger?“ „Ja! ja!“ ſagte der Herr mit ſchlauem Lächeln, „ich weiß allerlei, wenn man mir es auch nicht angibt. Aber Gottlob, wir ſind oben, hier iſt ja gleich Nr. 53. Mademoiſelle, haben Sie die Güte, einſtweilen hier auf 54 einzutreten; der Kapellmeiſter hat es erlaubt und wird Sie nicht hinauswerfen; dafür wollte ich ſtehen. Wann das Verhör an Sie kommt, werde ich Sie rufen.“ Wir brauchen nicht erſt zu ſagen, daß dieſe drei Perſonen die Sängerin, der Doktor und der Direktor waren; ſie kamen, um den Chevalier de Planto eines Mordverſuchs anzuklagen. Der Direktor und der Medieinalrath traten ein; der Kranke ſaß noch eben ſo im Bette, wie ihn der Doktor in der Nacht geſehen; nur ſchienen beim Tageslicht ſeine Züge noch graſſer, der Ausdruck ſeiner Augen, die ſchon zu erſtarren an⸗ fingen, noch ſchauerlicher. Er ſah bald den Doktor, bald den Direktor mit ſeelenloſen Blicken an, dann ſchien er nachzuſinnen, was hier in ſeinem Zimmer vor⸗ gehe, denn der Referendarius Pfälle, ein kurzer, junger Mann mit rothen Wangen und kleinen Auglein hatte ſich einen Tiſch zurecht geſtellt, einen Stoß Papier vor ſich hingelegt; und hielt eine lange Schwanenfeder in der Rechten, um zu protokolliren. 5 3 166 „Béte, was wollen dieſe Herren?“ rief der Kranke mit ſchwacher Stimme dem kleinen Lakaien zu.„Du weißt ja, ich nehme keine Beſuche an.“ Der Direktor trat dicht vor ihn hin, ſah ihn feſt an und ſagte mit Nachdruck:„Chevalier de Planto!“ „Qui vive?“ ſchrie der Kranke, und fuhr mit der Rechten an die Schlafmütze, als wolle er militäriſch ſalutiren. 3 „Mein Herr, Sie ſind der Chevalier de Planto?“ fuhr Jener fort. Die grauen Augen fingen an zu glänzen, er warf ſtechende Blicke auf den Direktor und den Referendär, ſchüttelte mit höhniſcher Miene den Kopf und antwor⸗ tete:„der Chevalier iſt längſt todt.“ „So? Wer ſind denn Sie? Antworten Sie; ich frage im Namen des Königs.“ Der Kranke lachte;„Ich nenne mich Lorier; hôte, gib dem Herrn meine Päſſe!“ „Iſt nicht nöthig; kennen Sie dies Tuch, mein Herr?“ „Was werde ich es nicht kennen, Sie haben es da von meinem Stuhl weggenommen; wozu dieſe Fragen, wozu dieſe Scenen? Sie geniren mich, mein Herr!“ „Belieben Sie auf Ihre linke Hand zu ſchauen,“ ſagte der Direktor;„dort halten Sie ja Ihr Tuch; dieſes hier fand ſich im Hauſe einer gewiſſen Guiſeppa Bianetti.“ Der Kranke warf einen wüthenden Blick auf die Mähnner; er ballte ſeine Fauſt und knirſchte mit den Zähnen; er ſchwieg hartnäckig, obgleich der Direktor 4 ⸗ 167 ſeine Fragen wiederholte. Dieſer gab jetzt dem Doktor einen Wink; er ging hinaus und erſchien bald darauf mit der Sängerin, dem Kapellmeiſter Boloni und dem erſchen Geſandten in dem Zimmer. „Herr Baron von Martinow,“ wandte ſich der Direktor zu dieſem,„erkennen Sie dieſen Mann für denſelben, den Sie in Paris als Chevalier de Planto kannten?“ „Ich erkenne ihn für denſelben,“ antwortete der Baron,„und wiederhole meine Ausſagen über ihn, die ich früher zu Protokoll gab.“ „Guiſeppa Bianetti! erkennen Sie ihn für denſelben, der Sie aus dem Hauſe Ihres Stiefvaters führte, in ſein Haus nach Paris brachte, für denſelben, den Sie eines Mordverſuches beſchuldigen?“ Die Sängerin bebte bei dem Anblick des fürchter⸗ lichen Mannes; ſie wollte antworten, aber er ſelbſt erſparte ihr jedes Geſtändniß. Er richtete ſich hoͤher auf, ſeine wollene Mitze ſchien ſpitziger aufzuſtehen, ſeine Arme waren ſteif, er ſchien ſie mit Mühe zu be⸗ wegen, aber ſeine Finger krallten ſich krampfhaft auf und zu; ſeine Stimme ſchlich ſich nur noch leiſe und heiſer aus der Bruſt herauf, ſelbſt ſein Lachen und ſeine Flüche wurden beinahe zum Geflüſter.„Kommſt Du mich zu beſuchen, Schepperl?“ ſagte er.„Das iſt ſchön von Dir. Nicht wahr, Du weideſt Dich recht an meinem Anblick? Es iſt mir wahrhaftig leid, daß ich Dich nicht beſſer getroffen, ich hätte Dir dadurch den Schmerz erſpart, Deinen Oheim vor ſeiner Abreiſe von dieſen deutſchen Thieren verhöhnt zu ſehen.“ 168 „Was brauchen wir weiter Zeugniß?“ unterbrach ihn der Direktor.„Herr Referendarius Pfälle, ſchreiben Sie einen Verhaftsbefehl gegen—“ „Was thun Sie?“ rief der Doktor,„ſehen Sie denn nicht, daß ihm der Tod ſchon am Herzen iſt? Er treibt es keine Viertelſtunde mehr. Eilen Sie, wenn Sie noch etwas zu fragen haben.“ Der Direktor befahl dem Lakai, den Gerichtsdie⸗ nern zu rufen, ſie ſollen den Gefangenen herauf bringen; der Kranke ſank mehr und mehr zuſammen, ſein Auge ſchien ſtill zu ſtehen, es hatte nur eine Rich⸗ tung, nach der Sängerin, aber auch jetzt noch ſchien Wuth und Ingrimm daraus hervorzublitzen.„Schep⸗ perl,“ ſprach er wieder,„Du haſt mich unglücklich ge⸗ macht, darum verdienteſt Du den Tod; Du haſt Deinen Vater zu Grunde gerichtet, ſie haben ihn auf die Ga⸗ leere geſchickt, weil er Dich mir um Geld verkauft hat; eer hat mich beſchworen, Dich umzubringen; es thut mir leid, daß ich gezittert habe. Verflucht ſeien dieſe Hände, die nicht einmal mehr ſicher ſtoßen konnten!“ Seine gräulichen Verwünſchungen, die er über ſichund Giuſeppa ausſtieß, wurden durch eine neue Erſcheinung unterbrochen. Zwei Gerichtsdiener brachten einen Mann in türkiſcher Kleidung; es war der unglückliche Ali Paſcha 3 von Janina— der Turban bedeckte das jammervolle Haupt des Commerzienrath Bolnau. Alle erſtaunten über dieſen Anblick, beſonders ſchien der Kapellmeiſter ſehr betreten; er erblaßte und erröthete und wandte ſein Geſicht ab.„Monſieur de Planto,“ ſprach der Direktor,„kennen S dieſen Mann?“ Der Kranke 169 hatte die Augen geſchloſſen; er riß ſie mühſam auf und ſagte:„Gehet zu allen Teufeln, ich kenne ihn nicht.“ Der Türke ſah die Umſtehenden mit kummervoller Miene an.„Ich wußte wohl, daß es ſo kommen werde,“ ſprach er mit weinerlichem Tone,„es hat mir ſchon lange geahnet. Aber Mademoiſelle Bianetti, wie konn⸗ ten Sie doch einen unſchuldigen Mann ſo ins Unglück bringen?“ „Was iſt es denn mit dieſem Herrn?“ fragte die Sängerin.„Ich kenne ihn nicht. Herr Direktor, was hat denn dieſer gethan?“ „Signora,“ ſprach der Direktor mit tiefem Ernſt, „vor den Gerichten gilt keine Nachſicht oder irgend eine Schonung, Sie müſſen dieſen Herrn kennen; es iſt der Commerzienrath Bolnau. Ihr eigenes Kammermädchen hat eingeſtanden, daß Sie bei dem Morde ſeinen Na⸗ men ausgerufen haben.“ „Freilich!“ klagte der Paſcha.„Meinen Namen genannt unter ſo verfänglichen Umſtänden!“ Die Sängerin erſtaunte, eine tiefe Röthe flog über ihr ſchönes Geſicht, ſie ergriff in großer Bewegung den Kapellmeiſter bei der Hand:„Carlo,“ rief ſie,„jetzt gilt es zu ſprechen, ich kann es nicht verſchweigen; ja, Herr Direktor, ich werde dieſen theuern Namen genannt haben, aber ich meinte nicht jenen Herrn, ſondern—“ „Mich!“ rief der Kapellmeiſter und trat hervor. „Ich heiße, wenn es mein lieber Vater dort erlaubt, Karl Bolnau!“ 3 „Karl! Muſikant! Amerikaner!“ rief der Türke und umarmte ihn.„Das iſt das erſte geſcheite ort 170 in Deinem Leben, Du haſt mich aus einem großen Jammer befreit.“ „Wenn ſich die Sache ſo verhält,“ ſagte der Direk⸗ tor,„ſo ſind Sie frei, und wir haben in dieſer Sache nur mit gegenwärtigem Herrn Chevalier de Planto zu thun.“ Er wandte ſich um zu dem Bette; dort ſtand der Arzt und hielt die Hand des Mörders in der ſeini⸗ gen; er legte ſie ernſt und ruhig auf die Decke und drückte ihm die ſtarren Augen zu.„Direktor,“ ſagte er,„der macht es jetzt mit einem höhern Richter aus.“ Man verſtand ihn; ſie gingen aus dem Gemach des furchtbaren Todten und traten drüben bei dem Kapellmeiſter, dem glücklichen, wiedergefundeuen Sohne des Paſcha ein; die Sängerin verbarg ihr Geſicht an der Bruſt des Geliebten, ihre Thränen ſtrömten heftig, aber es waren die letzten, die ſie ihrem unglücklichen Schickſal weinte; denn der Paſcha ging lächelnd um das ſchöne Paar, er ſchien an einem großen Entſchluß zu arbeiten; er beſprach ſich heimlich mit dem Medici⸗ nalrath und trat von dieſem zu ſeinem Sohn und der Sängerin.„Liebſte Mademoiſelle,“ ſprach er,„ich habe Ihretwegen vieles ausgeſtanden, Sie haben mei⸗ nen Namen ſo verfänglich genannt, daß ich Sie bitte, ihn mit dem Ihrigen zu vertauſchen. Sie haben geſtern meinen Teller mit Punſch verſchmäht, werden Sie mich wieder zurückſtoßen, wenn ich Ihnen gegenwärti⸗ gen Herrn Karl Bolnau, meinen muſikaliſchen Sohn präſentire, mit der Bitte, ihn zu ehelichen?“ Sie ſagte nicht nein; ſie küßte mit Freudenthränen 4 ſeine Hand; der Kapellmeiſter ſchloß ſie mit Entzücken 171 3 in ſeine Arme und ſchien diesmal ſein erhabenes Pathos ganz vergeſſen zu haben. Der Commerzienrath aber faßte des Doktors Hand:„Lange, ſage Er, hätte ich denken können, daß es ſo kommen würde, als Er mir den Schrecken in alle Glieder jagte, als ich die Scheiben des Palais zählte, und Er mir ſagte: Ihr letztes Wort war Bolnau!“ „Nun, was will Er weiter!“ antwortete der Medi⸗ cinalrath lächelnd.„Es war doch gut, daß ich ihm damals es ſagte; wer weiß, ob alles ſo gekommen wäre ohne das letzte Wort der Sängerin.“ ffffffffff TianwuauuuuuuuuwwrwrEmrrrMRNVnx 9 10 11 12 13 14 15 16