——⸗.eV———- * —-----— 30 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. „2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 7„—„ 7.—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Buücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ⸗————— 1. —— — 5 EdwinJa. —.f— Ein Gemaͤlde auf geſchichtlichen Hintergrund von Charlotte Baselich. Dritter Theil. O weh' der Luͤge! ſie befreiet nicht Wie jedes andre wahrgeſprochne Wort Die Bruſt, ſie macht uns nicht getroſt, fie aͤngſtigt Den, der ſie heimlich ſchmiedet, und ſie kehrt, Gewendet und verſagend, ſich zuruͤck Und trifft den Schuͤtzen. Goͤthe. — Leipzig, 1827. Rein'ſche Buchhandlung. — OoOOOcoecocooocooccooooooooon— 41. Das Billet. Als Theophilia am Morgen einer von den Glanz⸗ fluthen neuerweckter Hoffnung uͤberſtrahlten Nacht zu Madame Oswald ſchickte, und ſie ſchrift⸗ lich um die Zuruͤckgabe des von ihr geſtern in unerklaͤrlicher Beſtuͤrzung mitgenommenen Klei⸗ nodes bat, erhielt ſie ihr Billet unerbrochen mit dem Bedeuten zuruͤck: Madame Oswald ſei noch dieſe Nacht abgereiſet, und habe nicht die kleinſte Nachricht uͤber ihren kuͤnftigen Aufenthalt zuruͤck⸗ gelaſſen. Wer ſchildert das Todesſchrecken des beraub⸗ ten Maͤdchens? Erloſchen waren die Lichtſtroͤ⸗ me, welche in ihr verdunkeltes Daſeyn drangen! eine tiefe Nacht umgab und verhuͤllte ihre Zu⸗ r Theil. 1 2 kunft, und—(was ſie an ſich ſelbſt befremdete,) der unerſetzliche Verluſt eines Unterpfandes, von dem ſie allein einiges Licht uͤber ihre Geburt zu erhalten hoffte, ließ ſie faſt kalt neben der, ihr innerſtes Gefuͤhl verletzenden Taͤuſchung einer Frau, welcher ſie ſich mit dem ganzen herzinni⸗ gen Glauben ihres argloſen Gemuͤthes hingegeben hatte. Erblaſſend, in ſich ſelbſt vernichtet, und dennoch mit der Andacht einer reinen Seele das umgeſtuͤrzte Heiligthum getaͤuſchten Herzensglau⸗ bens ehrend, vermochte ſie mit keinem Wort die Grauſame anzuklagen, welche ſich nur in das Allerheiligſte ihres Gemuͤthes draͤngte, um die Flamme ſchoͤner Begeiſterung mit frevelnder Hand zu verloͤſchen. Sie fuͤhlte den erſtarrenden Froſt, der alle Bluͤthen ihrer innern Welt abſtreifte, und bemuͤhte ſich vergebens, ihr verwoͤhntes Herz an dieſe kalte Region zu gewoͤhnen. Es giebt in der Lebensepoche jedes einzelnen nicht ganz materiellen Menſchen ſolche Eistro⸗ pfen, die zerſtoͤrend und erkaͤltend auf die ver⸗ wundbarſten Stellen ſeines erwaͤrmten Innern 8 3 fallen. Die produktive Kraft des Gemuͤthes wird dadurch immer in ihrem gleichmaͤßigen Wirken unterbrochen; denn waͤhrend alle Gefuͤhle in dem milden Klima ſanfter Herzenswaͤrme wuchernd ge⸗ deihen, bleibt das Eine, es heiße nun Liebe, Freundſchaft oder Achtung, immer iſt es das Schooßkind unſers Herzens, unter ſeiner eiſigen Decke zuruͤck, und arbeitet ſich wohl nie wieder zu ſelbſtſtaͤndiger Kraft empor. Leontine, nicht ſehr aufmerkſam auf unaus⸗ geſprochne Gemuͤthsbewegungen, und durch eine neue Siegesnachricht ein wenig mit ſich ſelbſt, oder vielmehr mit dem kaͤmpfenden Wahlverwand⸗ ten ihres Herzens, beſchaͤftigt, legte nicht allzuviel Gewicht auf das ſtille Weh, welches Theophiliens ſanftes Auge verſchleierte. Sie war an etwas Unverſtandnes in der Bruſt der ſinnigen Freun⸗ din gewoͤhnt, und trug das, was ihrem brauſen⸗ den Muthwillen anfaͤnglich laͤſtig zu werden droh⸗ te, ſeit einiger Zeit mit bewunderungswuͤrdiger Geduld. Vielleicht, weil denn doch zuweilen, trotz Graf Dornburgs Syſtem, ein ſympatheti⸗ ſcher Klagelaut durch die ruhige Bruſt hinzog. 1* Allein der Praͤſident warf errathende Blicke auf das liebe, bewoͤlkte Auge und die ganze ge⸗ beugte Engelsgeſtalt, auf der ſeine geſtrigen Wor⸗ te centnerſchwer zu laſten ſchienen. Ihm war es ein ungeloͤſſtes Raͤthſel, warum— wenn ſei⸗ ne Muthmaaßungen in Hinſicht Emmo's wirklich eintrafen— ſie das Lilienhaupt nicht ſtolz erhob, warum ihr ſchoͤnes Auge nicht Freude ſtrahlte, und die feinen Lippen ſich nicht in dem ſeeligſten Laͤcheln verklaͤrten, denn, was ſie ſo tief darnie⸗ der druͤckte, hatte er ja von ihr genommen; die Bahn, auf der ſie ihre Freiheit wieder gewinnen konnte, war ihr ja eroͤffnet; aber—(ſo troͤſtete er ſich,) in dieſem kindlich zaghaften Gemuth muß ſich ja alles wie Demuth geſtalten, und nur, indem es ſein Schickſal zum Mitleid be⸗ wegt, kann es daſſelbe entwaffnen. Wiie immer, wenn es das Verfolgen einer Idee galt, ganz verſenkt in ſeinen Gegenſtand, und ſeit Theophiliens Verlobung mit Emmo bei weitem unbefangner im Verkehr mit der liebli⸗ chen Pflegetochter, ſelbſt in Clementinens Gegen⸗ wart, war er heut, wo wieder ein Kuͤnſtlerheer „ an ſeiner Tafel ſchwelgte, beinahe fuͤr alles, au⸗ ßer dem leiſe verhallenden Ton von Theophiliens Stimme, unempfaͤnglich, und ſo entging ihm zwar nicht ganz, aber doch zum Theil, jener Zug bittern Spottes, der ſich erſt heut wieder recht ſichtlich um den feinen Mund der Graͤfin gelagert hatte. Sie verfolgte jede ſeiner Bewe⸗ gungen, ſprach mit Angelegentlichkeit von dem nahe bevorſtehenden Ende des Krieges, flocht ſcherzhafte Anſpielungen auf Theophiliens braͤutli⸗ ches Verhaͤltniß mit ein, und laͤchelte ſo trium⸗ phirend bei jedem Worte, welches ſie an ihren Gemahl richtete, daß er, minder beſchaͤftigt mit der Löſung ſeiner Aufgabe, gewiß ſchon jetzt den Feind entdeckt haͤtte, der ihm in Siegesuͤbermuth den Handſchuh hinwarf. Als er nach Tiſche in ſein Zimmer trat, fand er auf ſeinem Buͤreau ein kleines, zuſam⸗ mengebogenes, von einer ihm gaͤnzlich fremden Damenhand uͤberſchriebenes Billet, deſſen Sie⸗ gel nichts als eine einfache Hyrogliphe bezeichnete. Es gleichguͤltig erbrechend, uͤberflog er den Inhalt, dann wiederholte er die Lectuͤre mit ge⸗ * ſpannter Aufmerkſamkeit. Eine Zorneswolke nach der andern lagerte ſich auf ſeiner gefurchten Stirn, bis er endlich, ſeiner innern Bewegung nicht mehr maͤchtig, das Papier in Stuͤcken riß, und heftig an der Klingelſchnur zog. Der ſtuͤrmiſche Glockenlaut verſammelte in einem Augenblick die ganze Dienerſchaft um ihn, aber die Frage, wer das Billet uͤberbracht habe, wußte niemand zu beantworten, als der alte Ja⸗ kob, der es kurz vor Tiſche aus den Haͤnden der Graͤfin mit dem Auftrag empfangen hatte, es auf das Büreau ihres Gemahls, zu den andern angekommenen Briefen zu legen. Graf Malthen ſtand, wie aus einem tiefen Traume erwachend, vor dem grauen Diener. Das war es alſo, was heut Clementinens Scherz ſo ſcharfe Stacheln verlieh, was ihr Ge⸗ ſicht ſo verklaͤrte? denn nichts leuchtete ihm mehr ein, als daß ſie jenes Billet, welches ihrer ver⸗ leumderiſchen Muthmaßung nur allzugut diente, mit ſchmieden half, oder— wenigſtens doch fruͤ⸗ her las, als es in ſeine Haͤnde gelangte, und zornentgluͤht entließ er ſeine Leute, um in der tiefen Stille einer den Rachegoͤttinnen geweihten Stunde, das ganze Gewebe weiblicher Tuͤcke zu durchſchauen, und ſich zu einem Entſchluß zu er⸗ muthigen, der, wie er auch durch bes zarten Kindes Bedenklichkeiten hinausgeſchoben, doch mit einem Hauch das Phantom vernichten muß⸗ te, von dem geſchreckt er ſich bis zum Aeußer⸗ ſten hatte treiben laſſen. Das Billet enthielt Folgendes: „Theophilia kann und darf nie Emmo’s „Gattin werden. Von dieſer Verbindlichkeit ſpricht „keine irdiſche Gewalt, kein eigner Wille, wohl „aber ein trauriges Geheimniß ſie frei, das auf „der Geburt dieſer beiden nahverwandten Weſen „ruht. Heben Sie den Schleier nicht, der den „Augen der Welt noch verbirgt, was zu ſeiner „Zeit doch hervortreten muß, und loͤſen Sie „freiwillig, was ohne Verbrechen nie gebunden „bleiben kann.“ r Kein Schlag konnte den Grafen unvorherge⸗ ſehner treffen, als dieſer myſtiſche Orakelſpruch, mit dem man ſeines wohlgelegten Planes zu ſpot⸗ ten ſchien, und keiner war von ſeinen Feinden ſchlechter berechnet, meinte er, denn es koſtete ihm, bei dem vollen Gefuͤhl ſeiner Unſchuld, ja nur ein keckes Zerhauen des Knotens, mit dem man ihn binden wollte. Conſtanze?— einen Augenblick ſtreifte ſein Gedanke an ihr voruͤber, aber die kalte Frau hatte ſich nicht von ihm geſchieden, um einem Liebesabentheuer entgegen zu gehen. Auch deute⸗ ten alle Nachrichten, welche er Emmo, der bis in ſein achtzehntes Jahr unter ihrer alleinigen Leitung geſtanden, nach und nach abzufragen wußte, auf die ſtrengſte Zuruͤckgezogenheit hin, in der ſie mit ihrem Sohne gelebt hatte.— Es war alſo nichts, als die elendeſte Kabale, von Clementinen angeſtiftet, oder wenigſtens beguͤn⸗ ſtigt, um ſeine Abſichten zu durchkreuzen, ein ungewiſſes Licht auf ſein Verhaͤltniß zu Theophi⸗ lien zu werfen, und vielleicht gar die Arme ſei⸗ nes Schutzes zu berauben, den er ihr, wenn dieſe Verleumdung auch nur die kleinſte Gewalt uͤber ihn uͤbte, nicht mehr oͤffentlich gewaͤhren konnte. Dieſer letzte Verdacht, dem er um ſo mehr Glauben beimaß, als er die, oft deutlich ausge⸗ ſprochne Abneigung der Graͤfin gegen ſeinen Schuͤtz⸗ ling kannte, lieh ſeinem raſchgefaßten, ihm als Schutzwehr gegen die Macht der Verleumdung aufgedrungenen Entſchluß noch vollends die Far⸗ be edler Vorſorge fuͤr Theophiliens Sicherheit, und ohne des Kampfes zu gedenken, den es viel⸗ leicht dem holden Maͤdchen koſten konnte, ihr Geheimniß ſo ploͤtzlich unvorbereitet an das Licht ziehen zu ſehen, begab er ſich mit feſtem Schritt in das Zimmer ſeiner Gemahlin, um ſich fuͤr das Erſte nach dem Gang eines Billets an ihn, durch ihre Haͤnde zu erkundigen. Clementine behauptete erroͤthend, es von ih⸗ rem Maͤdchen, das die Aufſchrift mißverſtanden, erhalten, und ſogleich dem Diener des Grafen uͤbergeben zu haben, doch die ſichtliche Befangen⸗ heit der ſonſt ſo beſonnenen Frau leitete ihren Gemahl von ſeinen erſten Vermuthungen nicht ab, und als er darauf zu einem neuen Erxamen des erſt neu in Dienſt getretnen Hausmaͤdchens ſchreiten wollte, unterbrach die Graͤfin ſeine Verſuche, der Wahrheit auf die Spur zu kommen, 10— mit der ſtolzen Kuͤhnheit, welche das Bewußt⸗ ſeyn noch groͤßerer Strafbarkeit gegenuͤber zu ſte⸗ hen, denen immer leicht, welche ihr Unrecht nur mit fremder Schuld aufzuwaͤgen gewoͤhnt ſind. Sie erklaͤrte das Billet als ein an ſie gerichte⸗ tes empfangen, ſchnell erbrochen, und nicht eher den Irrthum bemerkt zu haben, bis das ſonder⸗ bare Geheimniß, deſſen darin erwaͤhnt wurde, ſie an ihren Gemahl erinnert, und ſie geeilt ha⸗ be, ihm die Zuſchrift ſogleich einzuhaͤndigen. Des Praͤſidenten Blicke ruhten mit finſterm Nachdenken auf Clementinen, dann— ſein un⸗ heildrohendes Stillſchweigen unterbrechend— befahl er dem noch anweſenden Maͤdchen, das Fraͤulein herzubeſcheiden, und ſich an ſeine Gemahlin wen⸗ dend, fuͤgte er kalt hinzu: „Ich wuͤnſche Sie zur Zeugin eines Aktes der Gerechtigkeit zu machen, der, wie ich hoffe, noch in dieſer Stunde ein Geheimniß enthuͤllen ſoll, welches meine unſchuldige Pflegebefohlne, was ich auch that, wie hoch ich ſie auch zu ſtel⸗ len ſuchte, um ſie der Verleumdung zu entruͤ⸗ —, H 11 cken, ganz unverdient dem niedrigſten Zweifel aus⸗ ſetzt.“ Ehe die Graͤfin noch ihr Erſtaunen aus⸗ druͤcken konnte, trat Theophilia beſcheiden in das Zimmer, nach den Befehlen ihres Beſchuͤtzers zu fragen. „Mein holdes Kind!“ ſagte der Graf, ſie ermuthigend bei der Hand faſſend.„Das Schick⸗ „ſal vergoͤnnt Ihnen kein laͤngeres Zoͤgern, und „wie gern ich auch noch bis zu Ihrer Volljaͤhrig⸗ „keit das Geheimniß geehrt haͤtte, welches der „Welt und Ihnen ſelbſt Ihren wahren Namen „und Stand ſehr wahrſcheinlich verbirgt, ſo ha⸗ „be ich doch jetzt entſchiedne Gruͤnde, die Eroͤff⸗ „nung der gruͤnen Brieftaſche nicht allein von „Ihnen zu erbitten, ſondern, Ihrer und meiner „Ehre wegen, von Ihnen zu fordern.“ Bei dieſen Worten, welche die arme, be⸗ kaubte Theophilia nur zu empfindlich an ihren Verluſt erinnerten, benetzten ihre Augen ſich ſanft, und leiſe, mehr ihren Mißgriff in Bezug auf ihre theure Oswald beklagend, als den augen⸗ 12— blicklichen Mangel des gewuͤnſchten Beweiſes th rer Abſtammung, ſagte ſie: „O Gott! ich beſitze ſie nicht mehr!“ Clementine warf einen langen, ſpottenden Blick auf ihren Gemahl, und frug mit einem Laͤcheln des Triumphes: „Wie, mein Kind, ſo leichtſinnig gabſt Du hin, was Dir vielleicht einen Fuͤrſtennamen ver⸗ „barg?“ Ergluͤhend beugte die Beſchaͤmte ſich noch tie⸗ fer unter dem Gefuͤhl des gerechten, und doch ſo gar nicht ihren wahren Verluſt bezeichnenden Vor⸗ wurfs. „O nicht dieſen beweine ich in dem verlor⸗ nen Kleinod,“ ſagte ſie endlich mit ſanfter Klage; „aber die Mutter! in deren Arme ich ſo gern flüchtete, und muͤßte ich ſie auf der niedrigſten Stufe menſchlicher Groͤße ſuchen!“ Graf Malthen ergriff ihre Hand, und ſie freundlich zu ſich ziehend, ſagte er mit Jronie in Blick und Ton: „Mein armes Kind! Daß Ihr Herz ſich nur nach einer Mutter ſehnt, lohnt mich ſuͤß füͤr 13 meine Vaterſorgen.— Doch ſeit wann ließen Sie das ſonſt ſo werthgehaltne Kleinod aus Ih⸗ rer Gewahrſam?“ . Erroͤthend— ach es wurde ihr unbeſchreib⸗ lich ſchwer, ihres Verkehr's mit der lieben Oswald gegen Diejenigen zu gedenken, von denen ihr innrer Takt ihr ſagte, ſie wuͤrden nichts von jenem zarten Aetherduft, der ihn umgab, verſtehen— theilte ſie ihren Pflegeeltern nun das Verhaͤltniß mit, in welchem ſie zu ihrer Pflegerin geſtanden, und wie ſie ihr eben das theure Unterpfand ge⸗ ſtern zur Anſicht hingereicht, als der ploͤtzliche Eintritt des Praͤſidenten dieſelbe aus dem Zim⸗ mer verſcheucht habe. Heut aber ſei ſie ploͤtzlich fortgereiſt, und nichts ſei gewiſſer, als daß ſie in unbegreiflicher Vergeſſenheit die Veieaſce mit ſich genommen. Graf Malthen hoͤrte dieſem Vericht mit ſtei⸗ gendem Argwohn zu. Seinem geuͤbten Scharfblick konnte das Abſichtliche in dem Betragen der ſeyn⸗ ſollenden Krankenpflegerin nicht entgehen. Wie, wenn dieſe Frau, ein Werkzeug niedrer Kabale, ſich nur darum in das Herz des argloſen Kindes 14 geſchlichen haͤtte, um ihm ein Geheimniß abzu⸗ lauſchen, das, ihm einmal entriſſen, des Maͤd⸗ chens Abſtammung und ſeine eigne Unſchuld in ein ewiges Dunkel huͤllte? Seinen Verdacht noch peinlicher zu machen, warf Clementine jetzt mit kaltem Laͤcheln die feind⸗ liche Bemerkung hin: die Brieftaſche ſei zu ſehr gelegner Zeit verloren gegangen, und Theophilia, immer beaͤngſteter durch die inquiſitoriſchen Fra⸗ gen, mit denen man ſie quaͤlte, hatte zuletzt kei⸗. ne andre Antwort mehr, als eine nochmalige Er⸗ zaͤhlung des Vorgefallnen. Bei dieſem Wieder⸗ holen der Begebenheit trat indeß ein Umſtand her⸗ vor, welcher den Praͤſidenten nur noch in ſeiner vorgefaßten Meinung befeſtigte: Die Oswald hatte ihre Frage nach Theophi⸗ liens Geburt ſo ploͤtzlich, ſo unvorbereitet gethan, und zugleich vorausgeſetzt, ſie muͤſſe irgend ein Zeugniß davon beſitzen, ja ſie war ihr— mit lauernder Argliſt, meinte der Graf, zum Schreibtiſch gefolgt, und hatte ſeinen Eintritt wahrſcheinlich nur klug benutzt, um ſich zu ent⸗ * — 15 fernen, oder ihn vielleicht bei ihrer verraͤtheriſchen Abſicht gefuͤrchtet?—— 1 Es war nicht anders! Er war betrogen, und auf eine ſo gemeine, handgreifliche Art, daß er, wenn Emmo nicht ſchon den Rhein paſſirt haͤtte, ihn am liebſten zuruͤckgerufen, und ſo⸗ gleich, trotz des Unkenrufes der unbekannten Mut⸗ ter, mit der nun wirklich auf immer Verwaiſten vermaͤhlt, und ſeine Verleumder gedemuͤthigt ha⸗ ben wuͤrde. „Iſt das Examen nun geendigt?“ frug Cle⸗ mentine, ſein finſtres Hinbruͤten unterbrechend, „und darf Theophilia ſich entfernen?“ Ein Wink bejahte es, und erloͤſte die Ge⸗ veinigte von einem Verhoͤr, das ihr heilgſtes Gefuͤhl zu unzart verletzte, um ihr den gehab⸗ ten Verluſt nicht noch tauſendmal unerſetzlicher zu machen. Kaum war ſie fort, ſo wendete ſich die Graͤ⸗ fin mit ſarkaſtiſchem Laͤcheln gegen ihren Ge⸗ mahl:* „Ich ehre Deine Combinationen, Deine Politik übt ſich an den kleinen haͤuslichen Bege⸗ 16— benheiten, um in den großen Weltereigniſſen de⸗ ſto ſiegender hervorzutreten, aber von mir, die Dir zu nahe ſteht, um geblendet zu werden, ver⸗ lange nicht, daß ich das gutmuͤthige Publikum ſpiele, und da glaube, wo ich hinter die Couliſ⸗ ſen ſchaue.“ „Nun wohlan,“ rief der Praͤſident der Ent⸗ eilenden nach.„Du wirſt ſchauen und glauben, daran ſetze ich, was die Ehre mir gebietet, und die Verleumdung zerſchmettert.“ 42. Reiſegeſpraͤche. Magnus und Emmo langten in dem Augen⸗ blick einer entſcheidenden Schlacht bei dem Heere an. Ihre gemeinſchaftliche Reiſe, die Kenntniß ihres bruͤderlichen Verhaͤltniſſes, jene geheime, von Ihnen damals noch unverſtandne Sympathie, welche die beiden reinen Juͤnglingsherzen ſchon fruͤher an einander knuͤpfte, und endlich der Zau⸗ ber einer gleichen Neigung fuͤr einen Gegenſtand großmuͤthiger Entſagung, von beiden aufgegeben, 17 und darum nur um ſo heißer geliebt: hatten das Band der innigſten Freundſchaft um ihre jugend⸗ lichen Seelen geſchlungen. Beiden war, bis zu dem Augenblick ihres Findens, das Gluͤck, in einem verwandten, be⸗ freundeten Bruderherzen zu leſen, und ſich ihm wieder mit vertraulicher Harmloſigkeit zu erſchlie⸗ ßen, gaͤnzlich fremd geblieben, ja Emmo, der durch den alleinigen Genuß der muͤtterlichen Zaͤrt⸗ lichkeit ſo ſehr im Vortheil ſtand, fuͤhlte wohl gar einige Unruhe bei der Entdeckung, welche die Liebe der verehrten Mutter zu theilen drohte. Aber, als er an der Seite des jugendlichen Heros dem Kampfe fuͤr Ehre und Freiheit zueilte, als jeder Schritt in das Weite eine beengende Feſ⸗ ſel nach der andern ſprengte, und die, von tau⸗ ſend Beſorgniſſen, Ruͤckſichten und Zweifeln ein⸗ geſchnuͤrte Bruſt der Juͤnglinge ſich dehnte, um die friſche, freie Himmelsluft einzuathmen, da hoͤrten ſie auf, Nebenbuhler bei Mutter und Ge⸗ liebte zu ſeyn, und wurden Bruͤder, herzinnig ſich zugethane Bruͤder, deren Seelen ſich in ein⸗ ander rankten, deren Blicke mit dem ſchoͤnen 6r Theil. 2 „in den ſeine eigne Leidenſchaft fuͤr die Kunſt 18 Vertrauen verwandter Gefuͤhle auf einander ruh⸗ ten, und die, wie ſie aus einem Lebensquell ge⸗ trunken, nun auch fuͤrder alles Leid und Weh des Lebens aus einer Schaale zu trinken ent⸗ ſchloſſen waren. Sie wußten nicht viel von der ſeltſamen Verkettung ihres Schickſals, denn Con⸗ ſtanze hatte ihre beſcheiden ausgeſprochnen Wuͤn⸗ ſche nach Aufklaͤrung, alle an Edwin gewieſen; allein, ſie ahneten in dieſem den Eckſtein deſſel⸗ ben, und Emmo beſonders erinnerte ſich jetzt ſeiner ſchnellen Entfernung aus dem Orte, wo er ihm, Tag's zuvor, erſt mit ſo herzlicher Freu⸗ de begegnet hatte. „Aber warum fuͤhrte er Dich auch uns nicht „zu?“ unterbrach er mit Unmuth ſeine Gedan⸗ kenreihe.„Wir lebten ſo einſam, und mit wel⸗ „cher Liebe, mit weelchem Jubel haͤtte ich den will⸗ „kommnen Spielgefaͤhrten, gleichviel, ob in mei⸗ „nem Bruder, oder in Edwin's Sohn begruͤßt!“ „Laß uns daruͤber mit dem Vater nicht rech⸗ ten,“ erwiderte Magnus.„Er wollte mich viel⸗ „leicht nicht aus dem Kreiſe heraustreten laſſen, —— 19 „ihn hineingezogen, oder er hatte irgend jemand „in der Familie unſrer Mutter zu fuͤrchten.— „Genug— ich durchbrach dennoch die Bahn. „und mein Vater wird ſie auch durchbrechen, „denn ſo kann es nun jetzt wohl nicht mehr „bleiben. Er iſt uns die Loͤſung des Raͤthſels „ſchuldig—„) 2 „Und er wird ſie Euch geben, ihr wackern Juͤnglinge!“ rief eine bekannte Stimme hinter ihnen. Beide hielten erſtaunt die Pferde an, welche, unter dem eifrigen Geſpraͤch ihrer Rei⸗ ter, ohnedieß ſchon langſamer fortgeſchritten wa⸗ ren. Ein dritter Reiſegefaͤhrte hatte ſich, ohne von den Bruͤdern bemerkt zu werden, hinzuge⸗ funden, und mit einem Sprunge waren jetzt alle drei von den Pferden, um ſich deſto freudiger zu begruͤſſen. Edwin,(niemand zweifelt, daß er es war, der, wie aus den Wolken zur Beantwortung ſo vieler fuͤr ihn bereit liegenden Fragen herabgefal⸗ len, an ihrer Seite ſtand,) druͤckte, mit einem ganz eignen Ausdruck von innerer Befriedigung, 2 K 20 die Juͤnglinge in ſeine Arme, und ſchalt dabei den Sohn, daß er dem Ruhm ſo viel Zeit ließ, andre Haͤupter zu kroͤnen. Eine dunkle Roͤthe der Beſchaͤmung lagerte ſich auf die Wange des Geſtraften, und Emmo— den, noch zwiſchen ihnen unausgeſprochenen Grund von Magnus verlaͤngertem Aufenthalt in der Re⸗ ſidenz wohl errathend— unterbrach des Vaters Vorwurf durch eine ſchnelle, in gedraͤngter Kuͤrze mitgetheilte Erzaͤhlung der letzten Ereigniſſe. „Ich weiß, ich weiß,“ ſagte Edwin laͤchelnd; „wuͤrde ich denn jetzt wohl ſo eilig Eure Schrit⸗ „te verfolgt haben, wenn ich nicht mehr, als des „Wiederſehens fluͤchtigen Genuß mit Euch zu „feiern haͤtte? Aber laßt uns alle Eroͤrterungen „bis zu gelegener Zeit aufſchieben, und nur das, „was eben Noth thut, Eure Zweifel zu berichti⸗ „gen, beantworten.“ „Dein, vorhin ausgeſprochner Vorwurf trifft „mich ſo ganz unrecht nicht, mein Emmo! denn, „mit ſo weiſen Sophismen ich auch mein Schwei⸗ „gen uͤber das Daſeyn dieſes Sohnes vor mir „ſelbſt rechtfertigte, immer war es ein Frevel an 21 „dem heiligen Beſitzthum Eurer edlen Mutter, „der ich bei ſo ſchmerzlichen Erfahrungen die „Quelle ſuͤßer Troͤſtungen muthwillig verſchloß. „Aber der geheimnißvolle Schleier, welcher unſre „Verbindung uͤberhaupt bedecken mußte, hatte „Dich, mein theurer Sohn, ſchon bei Deinem „erſten Laͤcheln eingehuͤllt. Nicht meine Grille, „ſondern unerlaͤßliche Nothwendigkeit, erpreßte „Deiner armen Mutter die erſten Thraͤnen uͤber „Deinen fruͤhen Tod, und als das Schickſal „ſpaͤter einen unuͤberſteiglichen Damm zwiſchen „unſre Herzen draͤngte, ſegnete ich das Geheim⸗ „niß, dem ich wenigſtens die ungetheilte Vorſorge „fuͤr Dein Leben dankte. Ein holder Knabe— „ach nicht mein Sohn— doch der ihrige, fuͤllte „mit ſeinen unſchuldigen Spielen ihr, nur ihm „geweihtes Daſeyn aus, und mit einer Art von „eiferſuͤchtigem Groll zog ich immer engre Kreiſe „um das Deinige, bis meine Wiedervereinigung „mit der geliebten Gattin, mich Dir, mein Em⸗ „mo, naͤher brachte. Jetzt war wohl der einzige „Zeitpunkt, wo alles mich zur Enthuͤllung meines „Geheimniſſes berief, und ihn verloren zu haben, 22 „laſtete mit ſchwerem Vorwurf Jahre lang auf „mir. Aber es iſt peinlicher als man glaubt, ſich „von einem langen Schweigen loszuſagen. Es niſt ein Eigenthumsrecht, das wir aufgeben, und „die Frage, ob wir durch dieſe Mittheilung auch „wirklich dem Andern reine Freuden gewinnen, „immer noch unbeantwortet. „Conſtanzens Stirn war, ſeit jener Zeit „tiefer und ſchmerzlicher Erſchuͤtterungen, zum erſtenmal unbewoͤlkt. Sie laͤchelte dem Leben „wieder, und erfreute ſich oft der wohlthuenden „Stille ihres Schickſals, nach ſo langen, peinli⸗ „chen Kaͤmpfen aller Gefuͤhle. „Glaubt Ihr, meine jungen Freunde, auch V„au eine zarte Schonung des kaum beruhigten „Herzens, wenn es einen ſtuͤrmiſchen Freudenak⸗ „xkkord gilt? Ich uͤbte ſie, indem ich Dein Daſeyn, b„mein Sohn, auch dann noch verſchwieg, als ich „fuͤr Conſtanzen nur noch eine Erhoͤhung des „Entzuͤckens zu fuͤrchten hatte, um ſo mehr, da „ihre Geſundheit jetzt der ſorgfaͤltigſten Schonung „bedurfte. Spaͤterhin hatte ſich unſer Kreis um nein geliebtes Weſen vermehrt, und faſt zu glei⸗ 23 „cher Zeit trafen von Olimpia einige Nachrichten „uͤber Dich ein, die mich beunruhigten. Du „warſt bedeutend krank geweſen, und litteſt noch „immer empfindlich an den Nachwehen dieſes An⸗ „fall's. Man fuͤrchtete fuͤr Dein Leben, und nun „hielt ich es fuͤr Pflicht, mein Schweigen noch „ſo lange zu beobachten, bis der Himmel Dich „mir zum zweitenmal geſchenkt haben wuͤrde, „denn Deine theure Mutter ſollte Dich ohne „Furcht und Zittern, wie eine Bundesakte mit „ihrem verſoͤhnten Geſchick von mir empfangen. „Zu dieſem Zweck arbeitete ich auch bald nach Dei⸗ „ner voͤlligen Geneſung mit beſeeligendem Fleiß „an jener Gruppe, welche Dir zum erſtenmal die „Zuͤge Deiner edlen Mutter vergegenwaͤrtigten. „Ach ſie ſtand ſchon, der ſchoͤnſten Ueberra⸗ „ſchung geweiht, vollendet in ihrem Verſteck, als „der Irrwahn einer Ungluͤcklichen, der ich einſt „die Erhaltung meines Lebens verdankte, uns von „Neuem in einen Abgrund des Ungluͤcks ſtuͤrzte. „Du erinnerſt Dich aus Deiner fruͤhern Jugend „noch eines reitzenden Kindes, mein Emmo, das, „als meine Tochter an Deiner Seite erzogen 8 — —— 24 „wurde. Nur zwei Jahre wurde uns das Gluͤck „ſeines Beſitzes gegoͤnnt, dann verſchwand es mit „ſeiner Aufſeherin. Alle Nachforſchungen waren „vergebens, und der Schmerz Eurer armen Mut⸗ „ter kannte keine Graͤnzen. Ihr Gemüth, durch fruͤheres Ungluͤck nur allzu ſehr daran gewoͤhnt, „die Quelle jedes neuen Unfall's in ſich ſelbſt zu „ſuchen, ließ ſie in jenem Ereigniß nur den Zorn „des Himmels uͤber eine Verbindung ſehen, die „ſie einſt gegen den Willen ihrer Mutter ſchloß, „und ohne noch ferner die Stimme ihres und „meines Herzens zu hoͤren, verbannte ſie mich „auf ſo lange aus ihrer Naͤhe, bis es mir ge⸗ „gluͤckt ſeyn wuͤrde, unſre Edwinna wieder aufzu⸗ „finden. Ich ſage Euch nichts, meine jungen „Freunde, uͤber das innre Leiden, welches ſo vie⸗ „le Jahre mein Leben truͤbte, nur fuͤge ich hin⸗ zu, daß es, von jetzt an, feſter Entſchluß bei mir „wurde, die bedauernswuͤrdige Mutter uͤber Dei⸗ „ne Geburt mein Sohn nicht eher aufzuklaͤren, „bis Deine Erziehung vollendet und Dein Schick⸗ „ſal begruͤndet ſei. Wie heftig der Verluſt eines „Kindes ihr Herz zerriß, hatte ich erfahren, auch, 25 „wie geſchaͤftig ihre Phantaſie war, ſich ſelbſt zu „peinigen. Ihr ein ungetraͤumtes Gluͤck noch vor⸗ „enthalten, hieß, ſie an den Klippen, an welchen „es ſcheitern konnte, gefahrlos voruͤberfuͤhren, „und wenn nicht jetzt ein Zufall——“ „O nicht dieſer!“ riefen Magnus und Em⸗ mo zugleich,„der Genius unſrer Tugend!“ „Ohne ihn war einer von uns der verabſcheu⸗ „ungswuͤrdigſte Sterbliche,“ fuͤgte Magnus hin⸗ zu. „Wie ſo?“ fragte Edwin erſtaunt. Beide erzaͤhlten, der Vater erbebte. End⸗ lich ſagte er wehmuͤthig, jene truͤben Bilder einer troſtloſen Zukunft langſam vor ſeinem innern Seelenauge aufrollend: „O vergebt mir, Kinder! Wenn der cwe⸗ „che Menſch mit ſeinen Entwuͤrfen, welche, wie „er, Geſchoͤpfe des Augenblicks ſind, die Vorſe⸗ „hung Gottes nachahmen, und die Ergebniſſe „mehrerer Jahrzehende in der Gewalt haben will, „ſo ſtraft ihn allemal das Unerhoͤrteſte, das Un⸗ „natuͤrlichſte, fuͤr ſeine kecken Eingriffe in die Welt⸗ „ordnung.— Doch ich bedachte nicht, ihr theu⸗ 26— „ren Juͤnglinge,“ ſetzte er, ſich ermannend, hin⸗ zu,„daß manches in meinen Mittheilungen ein „truͤbes, entſtellendes Licht auf das Leben Eurer „ungluͤcklichen, tugendhaften Mutter wirft. Eure „Blicke ruhen fragend auf meinen Lippen, aber die „Löſung auch dieſes Naͤthſels begleitet Dich, mein „Sohn Magnus, ſchon ſeit Deinem Abgang zur „Armee, auf jedem Deiner Schritte. Jenes Kaͤſt⸗ „chen, das ich Dir damals ſcheidend anvertraute, „enthaͤlt alles, was Euch einen tiefern Blick in „unſer ſchmerzlich verſchlungenes Schickſal ge⸗ „waͤhren kann. Ich darf Euch auf der Bahn „zum Siege nicht ferner aufhalten, denn der „Feind ſteht geruͤſtet, und Dein Freund Dorn⸗ „burg, mein Sohn, hat ſein ritterliches Wort „gegeben, daß Du nicht ſaͤumen wuͤrdeſt ihn ſchla⸗ „gen zu helfen. Fort alſo! Ihr Juͤnglinge! „laßt Euch das Herz von der truͤben Vergangen⸗ „heit nicht beengen! Ihr geht ja ſchuldlos und „bruͤderlich vereint dem Kampf entgegen.“ Bei dieſen Worten wendete Edwin, der ſich unterdeß in den Sattel geſchwungen hatte, den von dem fruͤheren raſchen Ritt noch dampfenden 27 Renner, und war, einen Kreuzweg verfolgend, in wenig Momenten aus den Augen der uͤber des ſtillwaltenden Kuͤnſtlers ploͤtzlich ritterliche Um⸗ wandlung ſich betroffen Anblickenden. Als ſie beide am Abend in den Gaſthof ei⸗ nes freundlichen Landſtaͤdtchens traten, und, ein Zimmer verlangend, den Kellner geſchaͤftig vor ihnen hereilen ſahen, dachten ſie ſtill laͤchelnd der Vergangenheit, welche ſie auf aͤhnliche Weiſe einander zufuͤhrte, und deren Naͤthſel ſie heut in traulicher Abendſtunde zu loͤſen hofften. „Sonderbar!“ ſagte Emmo endlich, ſich mit behaglicher Ruhe des ungewohnten Waffenſchmu⸗ ckes entledigend,„wir ſind, wie damals, einan⸗ „der noch fremd, wir ahnen wohl, daß es mit „unſerm Verkehr eine hochwichtige Bedeutung „habe, aber wir haben dennoch die Rollen ge⸗ n„tauſcht. Nicht ich bin es heut, der ſich darin „gefaͤllt, dem unbekannten Fremdling Raͤthſel naufzugeben; Du, mein ſinniger Freund, nahmſt „die weggeworfne Huͤlle, und ſchmiegteſt Dich „ſo geſchickt in ihre Falten, daß ich, ſcherzhaft „genug, vor meiner eignen Verkleidung ſtehe, und 28— „Dich ernſtlich frage: wer biſt Du denn eigent⸗ „lich?“ Magnus warf einen duͤſtern Blick auf ſein Schwerdt, und erwiderte truͤbe: „Noch vor wenig Tagen wuͤrde ich Dir viel⸗ „leicht geantwortet haben: zu was dieſer gute „Freund mich macht. Doch heut ſind alle fruů⸗ „heren Erinnerungen in mir wach geworden, „heut ſah ich meinen Vater anders, als in ſei⸗ nner Werkſtatt; heut ahne ich der fruͤheren Re⸗ „de tiefverborgenen Sinn. Heut fuͤhle ich es „deutlich, was die Mutter ſagte: ich bin Dir „gleich geboren!“ „Und daran zweifelte Conſtanzens Sohn, mein Bruder? rief Emmo, ſich an ſeine Bruſt werfend. „ nun ich es einmal uͤber mich vermocht habe, die Mutter mit Dir zu theilen, nun iſt es mir Beduͤrfniß, Dich recht hoch zu ſtellen, denn mei⸗ ne edle Mutter konnte Gemeinem ſich nicht ver⸗ maͤhlen. Geſchwind loͤſe die Siegel, welche uns das theuerſte Geheimniß verbergen.“ Magnus zog das kleine Kaͤſtchen von Eben⸗ 29 holz aus ſeinem Mantelſack, reichte es dem Bru⸗ der hin, und bat ihn, es zu oͤffnen. Ein Heft von Edwins Hand an ſeinen Sohn Magnus uͤberſchrieben, und obenaufliegend, ließ die Bruͤder ſchnell in ihm den Gegenſtand ihres Forſchens errathen. Emmo, minder angeregt als ſein Freund, den ein unausſprechliches Weh im tief innerſten Herzen jede neue Helle, die wie ein Blitz auf ſein entſagendes Loos fiel, ſchauen ließ, uͤber⸗ nahm freiwillig das Vorleſeamt, und begann mit einigen Worten, welche Edwin ſeiner Mittheilung vorausgeſchickt hatte. 43. Die Familienpapiere. Edwin an Magnus. „Mein theurer Sohn! indem ich dieſem „Kaͤſtchen alles anvertraue, was ich entbehren, nja verachten lernte, und Du auf andrer Lebens⸗ „bahn vielleicht dereinſt ſehnſuchtsvoll wuͤnſchen „ikkoͤnnteſt: die Dokumente einer hohen Ge⸗ 30— „burt und eines großen, unbefleckten Namens, „fuͤhle ich die Verpflichtung in mir, Dir die „Schickſale mitzutheilen, welche mich zu einem „moraliſchen Tode fuͤr die Meinen, und zur Be⸗ „tretung eines, ganz außer meiner Bahn liegen⸗ „den Pfades zwangen. „Was das Leben mir rauben konnte, hat „es mir geraubt; was die Kunſt mit ihren troͤ⸗ „ſtenden Verwandten, der Begeiſterung und dem „Fleiß, dem aus ſeiner Welt, aus ſeinen begluͤ⸗ „ckenden Kreiſen Geſtoßnen, werden konnte, iſt „ſie mir geworden. Deine arme Mutter zog, un⸗ „getroͤſtet von ihr, das ungluͤcklichere Loos. Ihr „weihe, wenn Du ſie kennen wirſt, Dein zarte⸗ „ſtes Mitleid, Deine ſchoͤnſten Wallungen kind⸗ „licher Gefuͤhle, denn ich bin es, der ſo lange „eigennuͤtzig fuͤr ſich allein behielt, was ihr ver⸗ „dunkeltes Daſeyn mit einer neuen Freudenſonne „erleuchten konnte.“ „Warum ich auch jetzt noch dieſe Blaͤtter „Dir ſelbſt unbewußt in Deine Hand lege, war⸗ „um ich es Deiner Beſcheidenheit uͤberlaſſe, Dir „die Geheimniſſe Deiner Eltern zu enthuͤllen, — — 31 npder noch lange verborgen zu halten, wirſt Du „— zum Manne gereift, aus eigner Kraft zu „hoher Wirkſamkeit erbluͤht— mir wohl am erſten „verzeihen. Ich wollte Dich des ſchoͤnſten aller „Gefuͤhle nicht berauben, des ſtolzen Selbſtbe⸗ „wußtſeyns, von Deinen Voreltern nichts Beſ⸗ „ſeres empfangen zu haben, als Du Dir ſelbſt „durch eigne Kraft und kuͤhnes Vorwaͤrtsſtreben nerrungen haſt.“. „Bei Dir, mein Magnus! konnte ich es „wagen, die Stuͤtzen wegzuwerfen. Du dankſt „mir's einſt, wenn Du zum Baum erſtarkt, „Dich Deines Stammes wuͤrdig gezeigt, und oh⸗ yne von ihm gehoben zu ſeyn, Deinen hohen „Standpunkt erreicht haſt.“ „So vorbereitet auf das truͤbe Geſchick Dei⸗ „ner Eltern, wird es Dich nicht tiefer beugen, „als es dem Manne ziemt. Du wirſt mit Ent⸗ uͤcken Deine edle Mutter begruͤſſen„ und dieje⸗ „nige, welche mit ſo unerſchuͤtterlicher Feſtigkeit Au lieben verſtand, fuͤr ein langes, entſagendes „Leben, nur von einigen Freudenblitzen aufge⸗ 32 „hellt, durch die Flamme Deiner kindlichen Lie⸗ „be und Bewunderung entſchaͤdigen.“ „Doch mache ich es Dir zur Pflicht, daß „Du vorſichtig mit dem Herzen Deiner Mutter „umgeheſt und Deinen wahren Namen und Stand „nicht eher annimmſt bis Du, wenn ich alsdann „noch lebe, meine Erlaubniß dazu geholt, oder, „im Fall meines Todes, Deinen edlen Freund „und Verwandten, Graf Alexander von Dorn⸗ „burg, zu Rathe gezogen haſt.“ —yPcſcheee— Mirttheilungen aus Edwin's 3 Leben. Die graͤflich Sternberg'ſche Familie war durch ihre Verbindungen am Hofe die Geltendſte und Ausgebreitetſte. Immer zaͤhlten die Fuͤrſten die⸗ ſes Reiches einen oder mehrere dieſes Namens unter die naͤchſten Umgebungen ihres Thrones, und entfernt von dem Mittelpunkt der Macht und Groͤße leben, war fuͤr einen Sternberg ſo viel als verbannt ſeyn. Selbſt die Frauen und Toͤchter dieſes Hauſes bekleideten fortwaͤhrend die hoͤchſten weiblichen Ehrenſtellen am Hofe der Fuͤrſtinnen, und blieben durch den Einfluß ih⸗ rer Eltern immer die beſten Parthieen des Lan⸗ des. Conſtanze war die Tochter des letzten Stern⸗ berg aus dieſer Linie, waͤhrend mit ihrer Mut⸗ ter,(auch einer Sternberg,) die zweite Linie erloſch. 3r Theil. 3 34 Da ſie ungluͤcklicherweiſe keine Geſchwiſter hatte, ſo concentrirte ſich muͤtterliche Liebe und Ehrgeiz,(denn der Vater war fruͤhzeitig geſtor⸗ ben,) ganz allein auf das junge Maͤdchen, das ſchoͤn und ſtolz wie— eine Sternberg, der Mutter Wuͤnſche herrlich zu erfuͤllen verſprach. Sie wurde Hoffraͤulein bei der regierenden Fuͤrſtin, und waͤhrend dieſer Zeit von den beſten Familien nachgeſucht, deren Antraͤge aber von der ruhigen Bruſt Conſtanzens wie Pfeile vor ehrnem Schilde abprallten. Ihre Mutter war das wohl zufrieden, denn ſie hatte ſie fuͤr den Sohn des bedeutendſten Mannes im Staat, des Staatsminiſter, Grafen von Dornburg beſtimmt, der aber von ſeinen Reiſen noch nicht zuruͤckgekehrt, durch ſein Au⸗ ßenbleiben die muͤtterliche Geduld eben ſo ſehr auf die Folter ſpannte, als er ſeinen Vortheil bei der jungen Graͤfin dadurch verſaͤumte. Derſelbe Stolz, der ein Erbtheil ihrer Fa⸗ milie ſchien, machte ihr die Idee unertraͤglich, ei⸗ nem Manne aufgeſpart zu werden, der nur er⸗ ſcheinen durfte, um ſie— die ſich in ihrer Un⸗ — 3⁵ erreichbarkeit ſo wohl geſiel, zu beſitzen. Beinahe wuͤrde ſie, um nur dem verhaßten Dornburg auszuweichen, ihre Hand leichtern Kaufes dahin⸗ gegeben haben, wenn der Mutter feſter Wille ſich dem Ihrigen nicht entgegengeſetzt haͤtte. So beſchloß ſie wenigſtens, ihn bei ſeiner An⸗ kunft recht trocken, recht feindleaug kalt zu be⸗ gruͤſſen. Die Fuͤrſtin, eine bejahrte Frau, liebte das Landleben, und noch mehr die unſchuldigen Spie⸗ le ihrer Hoffraͤuleins, die, den ganzen Winter in die engen Grenzen der Etikette gebannt, ſich ſchon Wochenlang auf die laͤndlichen Genuͤſſe freuten, welche die guͤtige Fuͤrſtin ihnen auf ih⸗ rem Luſtſchloß bereitete. Hier brachte der junge Morgen ihnen nur die ſchuldloſen Freuden der Natur; wozu ſollte der glaͤnzende Schmuck, der ſteife Putz des Ho⸗ fes? Sie vertauſchten ihn jubelnd, bald mit der idealiſchen Tracht der Nimpfen der Calypſo, bald mit den leichten Gewaͤndern arkadiſcher Schaͤferin⸗ nen. Heut nannten ſie das rings umher mit Waſſer umgebene Luſtſchloß Ithaea, morgen Ar⸗ 36 kadien, und ſo ſehr ſich durch oͤftere Wiederho⸗ lung dieſe Genuͤſſe auch abnutzten, nimmer verlor doch die froͤhliche Jugend den Geſchmack an den lieblichen Feenbildern, welche ein ſolches Heraus⸗ treten aus dem gewoͤhnlichen Gleiſe vor ihre Phantaſie fuͤhrte. Nur etwas Andres haͤtte man gern gehabt, ein kraͤftigeres Spiel, das nicht nach dem All⸗ taͤglichen ſchmeckte, und doch dem Lieblingsgenuß der jungen Damen, ſich in die Wundermaͤrchen vergangner Zeiten hineinzuſpielen, ſchmeichelte. Conſtanze wurde zu Rathe gezogen, dieſelbe Conſtanze, deren ganzer weiblicher Stolz ſich ge⸗ gen die Abſicht ihrer Mutter auf den jungen Doryburg empoͤrte; deren Herz um des Einzigen Willen, deſſen Namen ſie nicht ohne Unmuth nennen hoͤrte, ſich gegen das ganze Geſchlecht verhaͤrtete. Was war alſo natuͤrlicher, als daß ſie im Geiſt ihrer vorgefaßten Meinung auch ei⸗ nen Rath gab, der in Schoͤnlautern wenigſtens noch nicht erhoͤrt war. „Wir wollen Amazonen ſeyn,“ rief ſie, vor Freude uͤber ihren gluͤcklichen Einfall ergluͤhend, — 37 und alles ſtimmte jubelnd in den herrlichen Vor⸗ ſchlag ein, die Fuͤrſtin aber laͤchelte, als die Idee vor ſie gelangte, und ſagte ſcherzend; „Ich fuͤrchte, das Spiel koſtet mir alle mei⸗ ne Hoffraͤuleins.“ Es koſtete ſie nichts, gar nichts, als Con⸗ ſtanzens Frieden, und von deſſen Entweichen er⸗ fuhr ſie nicht eher etwas, bis der Trauerflor uͤber das ganze Schickſal der Armen geworfen war. Die Maͤdchen freuten ſich alle kindiſch auf ihre herrliche Amazonentracht, und auf die Rol⸗ le, welche ſie ihren Verehrern gegenuͤber darin ſpielen wollten, es war aber niemand Ernſt da⸗ mit, als Conſtanzen, die am Morgen des dazu beſtimmten Tages den ſtaͤhlernen Panzer auf eine ſtaͤhlerne Bruſt zog, und die blonden Locken recht trotzig mit dem ehrnen Helm bedeckte. Es lag in der Art, wie ſie ihre Toilette machte, et⸗ was ſo Herausforderndes, daß man gar nicht mehr zweifeln konnte, ſie legte es auf die Wiederge⸗ winnung ihrer weiblichen Rechte an. Der gan⸗ ze Tag war zu kleinen kriegeriſchen Spielen und einem harmloſen Herumſchwaͤrmen in dem gro⸗ ßen ſchoͤnen Park, der an das Luſtſchloß der Fuͤrſtin graͤnzte, beſtimmt. Neckend ſchoſſen die lachenden Maͤdchen ihre Pfeile auf die, zum Scheine fliehenden Juͤnglinge ab, und jubelnd nahm ein oder der andre Trupp einen der Gut⸗ willigſten, der den Scherz nicht verderben wollte, gefangen, um ihn der Fuͤrſtin in Triumph zu uͤberliefern. Aber Conſtanze ſpielte nicht mit, es war ihr mehr um das ſtolze Gefuͤhl, einmal den Maͤnnern in ihrer rechten, wahren Eigen⸗ thuͤmlichkeit zu erſcheinen, als um den ſcherzhaf⸗ ten Angriff zu thun. Siee fiog mit ihrem Geſchoß durch alle Kruͤm⸗ mungen des Parks, und blieb endlich erſchrocken vor einem jungen Mann ſtehen, der in feiner Jaͤgertracht hinter einem Baum lauſchte, und den Hahn grade auf ſie geſpannt hatte. Erblaſſend warf er das Geſchuͤtz weg, und lag zu ihren Fuͤßen. 4 „Um Gotteswillen, Fraͤulein!“ rief er, noch halb außer ſich,„was fuͤhrt Sie hier in dieſe „entfernte Gegend des Park's? Ein Augen⸗ „blick ſpaͤter, und ich war der allerungluͤcklichſte „Menſch.“ 3 Conſtanze laͤchelte. Sie erinnerte ſich ſchnell, daß eine Amazone nicht erſchrecken duͤrfe, und ſagte mit einem Ton, der zwiſchen Scherz und Ernſt ſchwankte:„Sie wuͤrden mir nur zuvorge⸗ „kommen ſeyn, mein Herr, denn ungeſtraft tritt „man keiner Amazone in den Weg.“ Dabei legte ſie ihren Pfeil an, aber der Fremde, erſt jetzt die ſonderbare Tracht des Maͤd⸗ chens bemerkend, legte, in den Scherz eingehend, die Hand auf das Herz, trat einige Schritte zu⸗ ruͤck, und rief ihr mit kuͤhnen, feurigen Blicken zu: „Nur zu, ſchoͤne Amazone! Da iſt der „Punkt, den noch kein Pfeil getroffen. Wohl „verdient er unter ſo edlem Geſchoß zu verblu⸗ „pten.“⸗ Conſtanze zielte mit geuͤbter Hand auf den Baum, unter welchem der Fremde ſtand, und fort flog der Pfeil zu dem bezeichneten Ort, wo er in der Rinde ſtecken blieb. Der Unbekannte 40— wendete ſich hocherfreut, zog ihn heraus und rief, ihn hoch in die Luft ſchwenkend: Das iſt meine Beute, ſchoͤne, reizende Hel⸗ din! Damit es Dich aber nicht reut, mich ver⸗ ſchont zu haben, ſo erfahre, daß der Pfeil, der Deinen blitzenden Augen entflog, als Du dieſen abſendeteſt, den rechten Punkt, wenn auch nicht Dein rechtes Ziel, dennoch getroffen hat. Da wird die Wunde ewig bluten, wenn Du ſie nicht heilſt. Conſtanze erroͤthete. So weit hatte ſie es nicht treiben wollen, aber ſie kam, ohne es ſelbſt zu wiſſen, noch weiter, denn der Neckereien der Freundinnen gedenkend, wenn ihr, der Anfuͤhre⸗ rin der Amazonenſchaar, ein Pfeil fehlte, konnte ſie die Waffe durchaus nicht in feindlichen Haͤn⸗ den laſſen. Sie forderte dieſelbe erſt gebietend, als ein mit Unrecht angemaßtes Eigenthum zu⸗ ruͤck, aber der Fremde ſchůttelte das dunkle Lo⸗ ckenhaupt, legte den Finger bedeutend auf den Punkt, wo er verwundet zu ſeyn behauptete, und ſagte, ſtatt aller Antwort, nichts als die zwei Sylben:„Er traf!“ 1— 41 Unſre Amazone wurde immer verlegner. Sie hoͤrte jetzt ſogar die Stimmen ihrer Gefaͤhrtinnen in der Naͤhe, und zitterte vor nichts ſo ſehr, als in bittender Stellung dem uͤbermuͤthigen Fremd⸗ ling, der den fatalen Pfeil immer hoch in der Luft hielt, gegenuͤber angetroffen zu werden. Aber um der Gefahr zu entrinnen, mußte ſie nun wirklich Friedensvorſchlaͤge thun. Sie bot ihm mit leiſer Stimme, denn die Andern ſollten ſie nicht ſprechen hoͤren, ein Pfand fuͤr die Auslie⸗ ferung der Waffe an. Er laͤchelte; aber auf ein⸗ mal lag er zu ihren Fuͤßen. Der Uebermuth war aus ſeinen Blicken verſchwunden, ſein Auge hef⸗ tete ſich ffehend auf das Ihre, und den Pfeil ihr hinreichend, ſagte er mit den ſanfteſten Toͤ⸗ nen:. „O laſſen Sie mir das Geſchoß! Nicht als „Andenken an dieſe Stunde, denn ich werde ſie „nie vergeſſen, dafuͤr buͤrgt der Pfeil, der, Ih⸗ ynen ſelbſt unbewußt, dieſes noch nie beſiegte „„Herz traf; aber als ein Beſitzthum, das Sie „wermiſſen, deſſen Verluſt Sie zuweilen an den „ 42——— „ungluͤcklichen Schuͤtzen erinnert, der ihn nun „ewig in der Bruſt mit herumtraͤgt.“ Conſtanze gluͤhte. Sie fuͤhlte, daß aus den ſanften, bittenden Augen des Juͤngling's ein zweiter Pfeil ihr eignes Herz getroffen hatte; auch naͤherten die Stimmen ſich immer mehr. Aber haben mußte ſie ihre Waffe um jeden Preis, und wunderbar! ſeit er ſie ihr ſo flehend dar⸗ reichte, ſeit er ihrer Großmuth allein vertraute, fehlte es ihr an dem noͤthigen Muth, ſich ihres Eigenthums zu bemaͤchtigen. Da ſann ſie eben, was ſie ihm wohl zur Loͤſung des Pfandes bie⸗ ten ſollte, als bei dem Herunterbeugen zu dem Knieenden, ein brillantnes Kreuz, das die Fuͤr⸗ ſtin ihr erſt vor einigen Tagen umgehangen hat⸗ te, ſich aus ſeiner, durch den Panzer beengten Behauſung hervordraͤngte, und an der langen, ſchwarzen Schnur, die es feſthielt, uͤber dem glatten Stahl des Harniſch herabrollte. Den Werth der Gabe nicht berechnend, nur froh, ir⸗ gend eine gluͤckliche Auskunft gefunden zu haben, warf die Erroͤthende jetzt den koſtbaren Schmuck zu den Fuͤßen des Erſtaunten, ergriff den Pfeil 43 und flog, wie von Sturmeswogen getrieben, aus der gefaͤhrlichen Naͤhe des Zauberers, der auf einmal das ſteinerne Herz in ein Warmes, Po⸗ chendes und Liebendes verwandelt hatte. Die Maͤdchen hatten am Abend ihre Pfeile alle verſchoſſen, und ihre Ritter trugen ſie tri⸗ umphirend als Siegeszeichen zwiſchen den Knopf⸗ loͤchern. Nur Conſtanzens Koͤcher war noch voll, nur von ihr hatte keiner der Anweſenden eine Trophaͤe aufzuweiſen. Alle prieſen laut ihr Gluͤck, und ſpotteten im Geheim uͤber ihre Unverletzbar⸗ keit. Sie uͤberhob ſich aber diesmal nicht gegen die Maͤdchen, ſondern erroͤthete bei ihren Lobprei⸗ fungen, und ſeufzte bei den Liebkoſungen der Juͤrſtin, denn ſie wußte allein, wie viel ſie die⸗ ſer Tag koſtete, und wie viel ſchwaͤcher, als alle ihre Freundinnen ſie geweſen war. Als ſie endlich in ihr einſames Zimmer trat, ſchickte ſie ihre Dienerin weg, um noch einmal allein zu uͤberlegen, wie groß die Unbe⸗ ſonnenheit ſei, die ſie begangen hatte. Ein Frem⸗ der, deſſen Stand und Namen ſie nicht wußte, der vielleicht tief unter ihr war, empfing ein Pfand 44 aus ihren Haͤnden, mit dem er jeden Augenblick gegen ſie auftreten, und ihre Ehre vernichten konnte. Sie gluͤhte vor Schaam, und brennen⸗ de Thraͤnen rollten ihre Wange herab. Mit Schauder warf ſie den Harniſch, der ihr Herz gegen den Pfeil der Liebe nicht einmal ſo gut, als taͤglich der leichte Gace ſchuͤtzte, von ſich; aber die Unvorſichtigkeit war begangen, von ſeiner Großmuth allein, von der Großmuth des Frem⸗ den mußte ſie die Schonung ihrer Ehre erwar⸗ ten; darum durfte ſie den morgenden Tag nicht voruͤbergehen laſſen, ohne ihn zu ſprechen. Mit Entſetzen dachte ſie an dieſes Wiederſehen, das ihren Stolz demuͤthigte. Aber ſo aͤngſtlich ſie heut Nachmittag war, den Pfeil in ſeinen Haͤnden zu wiſſen, ſo unmoͤg⸗ lich ſchien es ihr jetzt, das Kreuz, nach dem die Fuͤrſtin ja taͤglich fragen konnte, ihm auch nur einen Tag noch zu laſſen. Zwar war ſein An⸗ ſtand fuͤrſtlich, ſeine Kleidung außerordentlich fein und zierlich, aber dann war es beinahe noch ſchlimmer. Sie konnte ihm in den Saͤaͤlen und Prunkgemäͤchern der Fuͤrſtin begegnen, er konnte — 45 auf das Geheimniß, das er mit ihr theilte, po⸗ chen, und ſich auf eine demuͤthigende Weiſe in ihre Naͤhe draͤngen, er konnte— o Gott! ſie zitterte bei dem Gedanken! ſich ihr gar heimlich naͤhern wollen, und wenn ſie ihn ſtolz in ſei⸗ ne Graͤnzen verwieſe, ſie an die ſchwaͤchſte Stun⸗ de ihres Lebens erinnern. Wahrlich, Conſtanze, die nachßer ſo ungluͤck⸗ liche Conſtanze, erinnert ſich nie eine ſo ſchreckli⸗ che Nacht durchwacht zu haben. Sie ſtand am Morgen erſchoͤpft von ihrem Lager auf, und hef⸗ tete einen ſchmerzlichen Blick auf ihren Spiegel, der ihr nur zu treu die Verwuͤſtungen darſtellte, welche ein paar, durch die Qualen geheimer Selbſtvorwuͤrfe verlaͤngerte Stunden auf dem bluͤhendſten Geſicht zuruͤcklaſſen. „Unſre Amazone iſt krank,“ ſagte die Fuͤr⸗ ſtin, und ſtrich ihr laͤchelnd uͤber die Wangen. „Was ſehlt Dir?“ frugen die Maͤdchen. Sie erſchrack bei jeder erneuten Frage; aber den Fremden mußte ſie wieder ſehen, das ſagte ſie ſich heut ſo beſtimmt als geſtern. Dennoch fuͤrchtete ſie nur auf die Seite des Park's einzu⸗ 46— lenken, wo ſie ihn geſtern getroffen hatte. In un⸗ endlicher Qual verlebte ſie auch dieſen Tag. Sie ging ihn nicht aufſuchen, aber die Nacht behielt die Natur und Jugendkraft ihr Recht. Sie ſchlief ſanft und ſuͤß bis an den hellen Morgen. Dieß belebte ihren Muth wieder. Sie fand, nachdem ſie die Sache noch einmal betrachtete, daß ſie ſich alles zu ſchwarz ausmalte. Es konnte wohl ſo ſeyn, aber es war nicht; denn der junge Mann ſah gar nicht wie ein Boͤſewicht aus. Das Kreuz mußte ſie zwar wieder haben, aber nicht, weil er es gegen ſie gebrauchen, ſondern weil er ſie ſelbſt um ihres eignen Leichtſinn's willen verachten koͤnnte. Man ſieht, der geſunde kraͤftige Schlaf war ein gewaltiger Fuͤrſprecher des Fremden in ihrem Herzen. Sie entſchloß ſich heut bei dem Mor⸗ genſpatziergang recht muthig den Ort, wo ſie ihn kniend verlaſſen hatte, aufzuſuchen, und es fiel ihr gar nicht ein, daß er ja nicht an die Stelle gebannt war. Mit pochendem Herzen trat ſie ihre Wanderung an. 3 Wer zweifelt, daß der Pfeil ſchon getroffen hatte! Ohne eine Verabredung mit ihm, ohne zu 47 wiſſen, ob ſeine Verhaͤltniſſe ihm iͤberhaupt ein laͤngeres Verweilen in dem fuͤrſtlichen Park ge⸗ ſtatteten, ohne ihn ſogar zu der naͤmlichen Stun⸗ de aufzuſuchen, wußte ſie dennoch, daß ſie ihn an dem Ort, wo ſie ihn verließ, wieder finden wuͤrde, und— ſie taͤuſchte ſich nicht. Der Un⸗ bekannte hatte beinahe einen aͤhnlichen Kampf be⸗ ſtanden, denn die Koſtbarkeit des Kreuzes erlaub⸗ te ſeiner Delikateſſe nicht, es von einer ganz Frem⸗ den anzunehmen, und ſo viel er auch dem Foͤr⸗ ſter, deſſen Bekanntſchaft er gemacht hatte, die junge Perſon beſchrieb, welche er nur geſehn zu haben vorgab, da der Park dieſen Tag grade von Amazonen wimmelte, ſo war ihr Name doch nicht auszumitteln. Endlich half ein Jaͤgerbur⸗ ſche ihm darauf: „Iſt es die Schoͤnſte, ſo kann es keine an⸗ ndre, als die junge Graͤfin Sternberg, die Tochter „der Oberhofmeiſterin, ſeyn.“ Der Unbekannte hatte nur Eine geſehn, aber er ſchwor darauf, daß es die Schoͤnſte ſei, und ſein Herz pochte ungeſtuͤm bei dem Namen, der ihm ſchon oft zum Ueberdruß genannt wurde. 7 48 „ wenn ſie es waͤre!“ rief er ſehnſuchts⸗ voll, und druͤckte das Kreuz an ſeine Lippen, an ſeine beſeeligte Bruſt.— „Kommt die Fuͤrſtin bisweilen in dieſen „Theil des Park's?“ frug er den Foͤrſter. Dieſer verneinte es. Er wußte ſich nicht zu . beſinnen, daß das, vom Schloſſe ſo weit entfernt liegende Waldplaͤtzchen jemals dieſe Ehre gehabt haͤtte. Nun war ſein Plan fertig. Er bat, daß man ihm eine kleine, leichte Huͤtte dort an den Baum befeſtigte, weil er gern den Park aufneh⸗ men und zeichnen wollte, beſonders aber die Par⸗ thieen in dieſer Gegend. Dazu waren die guten Leute bereit, um ſo mehr, da eine Hand voll Geld, welche er dem Jaͤgerburſchen hinwarf, alles fuͤr ihn gewann. Er verließ den Park nun nicht mehr, denn. wiederſehen mußte er ſie ja, die mit einem Blick den ganzen Kreislauf ſeiner Wuͤnſche, Hoffnun⸗ gen und Gedanken auf einen elnzigen Punkt, auf ſich ſelbſt geheftet hatte. Sie ließ ihn den ganzen folgenden Tag um⸗ ſonſt harren. Er durchſpaͤhte mit Sehnſucht die 49 ganze Gegend um ſeine Huͤtte herum, und wei⸗ ter durfte er ſich nicht wagen, aus Furcht ent⸗ deckt zu werden. Mit dem feſten Entſchluß, morgen unter irgend einer Verkleidung ſogar bis in das Luſt⸗ ſchloß zu dringen, um ſie zu ſehen, warf er ſich am Abend auf ſein duftendes Movslager, und traͤumte bis an den Morgen von ihr, die immer noch nicht kommen wollte, und die ſo eben, hoch⸗ erroͤthend, aus dem Dickicht trat, um ihm den er⸗ ſten Morgengruß zu bringen. Heut deckte kein Stahl ihre Bruſt; aber ein feſter Entſchluß, ihre Schwachheit von vorge⸗ ſtern wieder gut zu machen, und ihr von neuem erwachter Stolz, waffneten ſie ſtaͤrker gegen die gefaͤhrlichen Liebespfeile, welche der Juͤngling aus ſeinen Augen und aus ſeinen Worten gegen ihr Herz abſendete, als alles Erz. Sie forderte das Kreuz nicht wieder, aber ſie uͤberzeugte ihn durch die Kaͤlte, mit der ſie ſein Entzuͤcken, ſie wieder zu ſehen, beantworte⸗ te, daß weder die Liebe, noch irgend ein feines Gefuͤhl der Achtung, fondern nur die Großmuth, ar Theil. 4 50 welche jeden kleinen Dienſt gern dreifach belohnt, einigen Theil an dem Geſchenk hatten. Da loͤſte der Fremde ſtolz das Kleinod von der ſeidnen Schnur, die er zuruͤck behielt, und reichte es ihr kalt. „Ich habe Ihre Nuͤckkehr ſehnlichſt ge⸗ wuͤnſcht, meine Gnaͤdige,“ fuͤgte er ſchneidend hinzu,„um Ihnen dieſen Schmuck, den Sie ge⸗ wiß ſchon ſchmerzlich vermißten, wieder zuzuſtel⸗ len. Ich war ſo gluͤcklich, ihn im Graſe zu finden.“ Conſtanze ergluͤhte, ſie empfing das Kreuz mit zitternden Haͤnden; aber ſie verlor in dieſem Augenblick alle muͤhſam errungene Faſſung, denn, ſo ſehr ſie vorher fuͤrchtete, ihm als unbeſonnen und leichtſinnig zu erſcheinen, ſo uͤberraſcht war ſie jetzt durch die Kaͤlte, mit der er ihr dieß ſo lang erbetne Pfand zuruͤckſtellte. Indeß hatte ſie doch nun was ſie wollte! das Kreuz ruhte in ihrer Hand, und kein Zeuge ihrer Schwaͤche in der Seinigen. Sie wuͤrde ihn jetzt verlaſſen haben, wenn ihr Herz ſie nicht uͤberredet haͤtte, es ſei unſchicklich, blos um der Zuruͤcknahme eines Geſchenks willen, das ſie 51 freiwillig gegeben hatte, hierher gekommen zu ſeyn. So blieb ſie alſo noch einige Augenblicke, ſprach mit ihm uͤber die reizenden Anlagen des Parks, und ließ ſich einige Zeichnungen zeigen, die er geſtern wirklich davon entworfen hatte. Seine Antworten waren erſt gepreßt, dann freier, und endlich entwickelte er ſo viel Geiſt dabei, daß ſie ihn um die Leichtigkeit beneidete, mit welcher er ſich ihr gegenuͤber auszudruͤcken verſtand. Sie war weit entfernt, ſich einer ſolchen Ruhe zu freuen. Das peinliche Gefuͤhl, ihm in einem min⸗ der vortheilhaften Lichte als vorgeſtern zu erſchei⸗ nen, raubte ihr beinahe alle Beſonnenheit, ſie wurde immer verlegener, und hoͤrte nicht ein Wort mehr von all den ſchoͤnen Dingen, die er uͤber die Kunſt ſagte. Endlich machte ſie Anſtalt ſich zu entfernen. Er hielt ſie nicht, aber er uͤber⸗ reichte ihr mit weggewandten Blicken ein Blatt aus ſeinem Porto⸗Foeuille, und ſagte leiſe, als ſcheue er ſich, ihr beſſeres Gefuͤhl zu erwecken: „Wenn es Ihnen in einer recht truͤben Stun⸗ „de einmal Beduͤrfniß iſt, ſich an die Großmuͤ⸗ „thigſte Ihres Lebens zu erinnern, wo Sie, ein 4* 52 „Engel, vor dem gluͤcklichſten Menſchen ſtanden, „ſo werfen Sie einen Blick auf dieſe Zeichnung.“ Conſtanze erblaßte. Ihr Auge fuͤllte ſich mit Thraͤnen, ſie wendete ſich raſch gegen ihn, um ihn zum Zeugen ihrer Ruͤhrung, ihres uͤberſtroͤ⸗ menden Herzens zu machen, aber er legte haſtig die Hand vor die Augen, und rief ſchmerzlich: „O nein! nein! ich will nichts mehr der „Gunſt des Augenblicks verdanken!“ und ent⸗ fernte ſich langſam in das Gebuͤſch. Mit ſtarrem Blick ſah Conſtanze ihm nach, dann brach der langverhaltne Schmerz uͤber ihre heutige Demuͤthigung hervor. Sie warf das Kreuz, das noch vor einer Stunde ſo ſehnlich zuruͤckgewuͤnſchte Kreuz, un⸗ willig von ſich, zog ein Blatt aus ihrem Ta⸗ ſchenbuch, und ſchrieb ſchnell einige Zeilen mit Bleiſtift darauf, welche der Fremde wohl ſchwer⸗ lich empfangen haben wuͤrde, wenn das Intereſſe, das er wider Willen an der ſchoͤnen Unbekann⸗ ten nahm, ihm erlaubt haͤtte, ſich weiter, als aus ihrem Geſichtskreis zu entfernen. Aber ſo be⸗ merkte er ihre raſche Handlung mit dem Juwel, 53 ſah das weiße Blatt mit ihrer Schrift dahin flattern, und konnte den Augenblick ihrer Ent⸗ fernung kaum erwarten, um— das fuͤhlte er an dem unruhigen Schlag ſeines Herzens— Leben oder Tod aus den geliebten Schriftzuͤgen zu ſaugen. Sie verließ endlich langſam, mit geſenktem Haupt den Platz, und der junge Mann jagte dem Winde die theuren Worte ab, welche kein Sturm aus ſeinem Herzen verwehen konnte. Sie ſagten ihm Folgendes: „Sie haben mich mißverſtanden, oder viel⸗ „mehr, ich mißverſtand mich ſelbſt, als ich glaub⸗ „te, meine Ruhe wuͤrde mit der Zuruͤckgabe des „einzigen Beweiſes meiner Schwachheit, der in „Ihren Haͤnden ruhte, wiederkehren. Behalten „Sie ihn jetzt! Sie verdanken ihn zum zweiten⸗ „mal nicht der Gunſt des Augenblicks, ſondern „dem Vorgefuͤhl eines langen, ewigen Schmer⸗ „zes. Aber ein tiefes, ewiges Schweigen muß „auch dieſen Schmerz bedecken, ſonſt wuͤrde ich „das Blatt, welches mir die großmuͤthigſte Stun⸗ 54 „de meines Lebens zuruͤckrufen ſoll, nie anblik⸗ „ken, ohne uͤber meine Schwaͤchſte zu erroͤthen.“ 3 Conſtanze. Mit freudetrunknem Blick durchflog der Gluͤckliche die wenigen Zeilen, welche die See⸗ ligkeit ſeiner Zukunft verbuͤrgten, denn es war ja eine Sternberg, die ſie ſchrieb, das ſagte ihm nicht nur der unterzeichnete Vorname, ſondern auch der Jaͤgerburſche, der ihr begegnet war. Und er— o er durfte ja nur am Hofe erſchei⸗ nen, um die, ihm ſchon ſeit Jahren zugedachte Hand des ſchoͤnen geliebten Maͤdchens zu empfangen. „Nein!“ rief er,„nicht ſchweigen, jauch⸗ zen will ich, meine Geliebte! daß Dein Herz mir ſchon fruͤher gehoͤrte, ehe unſre Eltern den Contrakt mit einander abſchließen, der uns eben ſo wohl vernichten als beſeeligen koͤnnte.“ Er verließ nun die Huͤtte, um in das naͤch⸗ ſte Dorf zuruͤckzueilen, wo ſein Reiſewagen, und die, ſeiner ſchon laͤngſt mit banger Beſorgniß har⸗ renden Diener ihn erwarteten. Er hatte ſie vor drei Tagen verlaſſen, weil ein leichter Schaden am Rade ſeine Abreiſe von hier um einige 55⁵ Stunden verzoͤgerte, und war mit der Flinte in das fuͤrſtliche Revier gerathen. Dort, dem Foͤr⸗ ſter begegnend, hatte er ſich ſogleich mit ihm ver⸗ ſeaͤndigt, und die Erlaubniß erhalten, in dieſem entfernten Theil des Parks, wohin die froͤhlichen Schloßbewohner ſich beinahe nie verirrten, ein Wild zu ſchießen. Jetzt wurde er wieder Graf Edwin von Dornburg, der von ſeinen Reiſen, die ſich an ei⸗ nen mehrjaͤhrigen Aufenthalt auf Schulen und Univerſitaͤt, wie gewoͤhnlich bei jungen Leuten von Stande, anſchloſſen, zu den geliebten, lange nicht geſehenen Eltern zuruͤckkehrte. Es wird noͤthig, zur Entſchuldigung ſeiner ſpaͤteren Handlungsweiſe, die ihn, den Sohn des hoͤchſtgeſtellteſten Staatsmannes am Hofe ſeines Fuͤrſten, des, mit Gnaden uͤberhaͤuften Freundes deſſelben, ſo weit ab von der Bahn des Glanzes und der Ehre, welche er zu durchlaufen hatte, in den Raum einer, nur durch ſeinen Fleiß geſchmuͤck⸗ ten Werkſtatt fuͤhrte, einige Blicke auf die Rich⸗ tung ſeiner fruͤheren Erziehung und den Freund zu werfen, der, wie ſein Geſchick ihm zur Seite 56 ſtand, und ſeine Neigungen umwandelnd, auch ſeine Zukunft wunderbar umgeſtaltete. Edwin wurde als Knabe einem geachteten Erziehungsinſtitut anvertraut. Mit neugierigem Auge ſeine Mitſchuͤler betrachtend, weilte es bald auf einem holden Raphaelskopf, der unter den uͤbrigen, zum Theil alltaͤglichen oder verkuͤnſtelten Kindergeſichtern ſo iſolirt, aber auch ſo wunder⸗ herrlich hervorleuchtete, daß er, mit all ſeinen Sinnen ſich gleichſam in ihn hineinſchauend, von dem, ihn einfuͤhrenden Schuldirektor dreimal ver⸗ gebens gefragt wurde, wie er heiße. Endlich drang die wiederholte Frage doch zu ſeinem Ohr, und er antwortete in der Art, wie er gewoͤhnt war, ſich nennen zu hoͤren: 1 „Graf Edwin von Dornburg.“ Der Schuldirektor laͤchelte, und ſagte liebevoll: „Alſo Edwin heißt unſer kleiner Lern⸗ und Spielgenoſſe? Merkt es Euch, Kinder! und Du, ſei uns willkommen in unſerm Kreiſe, mein kleiner Freund. Damit Dir aber ſo wohl wie al⸗ len hier werde, ſollſt Du auch die Namen Dei⸗ ner Gefaͤhrten jetzt von mir hoͤren. Dieſer da, 57 auf dem Dein Auge wie auf etwas recht Be⸗ kanntem ruht, heißt Appelles.“ „Appelles?“ rief Edwin, und ſeine Arme oͤffneten ſich ihm ſelbſt unbewußt. Der Knabe lag an ſeinem Herzen, und die Reihe bedeutungs⸗ loſer Vornamen, welche er nun noch hoͤrte, war fuͤr ihn verloren. Es waͤhrte einige Monate, ehe er alle Ge⸗ faͤhrten dem Namen nach kannte, und mehr als dieſen erfuhr er von Keinem, da es ein Geſetz der Anſtalt war, Verhaͤltniſſe und Stand der Eltern nie mit einem Wort zu beruͤhren. Nur Appelles,(der Sohn eines geachteten Malers, der ſeine Kunſt mit Leidenſchaft um⸗ faßte,) gehoͤrte ihm an mit ſeinen ganzen kleinen Geheimniſſen, mit der begeiſterten Liebe fuͤr ſei⸗ nen edlen Vater, mit der hohen Ehrfurcht fuͤr deſſen herrliche Kunſt, mit ſeinem ganzen engels⸗ klaren Sinn. Was die Natur und der einfach edle Ton in dem vaͤterlichen Hauſe dieſem weichen Gemuͤth gegeben hatten, eignete er ſich bald nach Kinder⸗ art an. 58— Der kleine Graf genoß hier keines Vorrech⸗ tes, wie haͤtte er nicht felbſt vergeſſen ſollen, daß Titel uͤberhaupt Vorrechte geben? Appelles ſprach ſchoͤn und bilderreich. Seine Worte malten beſ⸗ ſer, als die noch ſchwache Hand, darum entzuͤn⸗ dete ſich auch Edwins Begeiſterung fuͤr die Kunſt mehr an der Flamme ſeiner Beredtſamkeit, als an den ſtuͤmperhaften Verſuchen des Anfaͤngers. Er ließ ſich viel von den Gemaͤlden ſeines Va⸗ ters erzaͤhlen, und vergaß daruͤber die kindiſche Eitelkeit, in den kleinen Proben ſeines Fleißes, mit denen er ſeine guͤtigen Eltern zuweilen be⸗ ſchenkte, ſchon Goͤtterfunken hohen Genies zu ſe⸗ hen. Das Ziel, nach dem beide ſtrebten, ſtand unverruͤckt vor ihren Augen, dieß bewahrte ſie vor Uebermuth und Traͤgheit. So blieben ſie, bei recht lobenswerthem Fleiß, einfach, kindlich und der Kunſt mit Begeiſterung ergeben. Der Anſtalt entwachſen, verließen beide Juͤng⸗ linge ſie zu gleicher Zeit, um die hohe Schule zu beziehen. Nun waͤre es fuͤr Edwin an der Zeit geweſen, ſeinen Rang und Zunamen wieder an⸗ zunehmen, aber— ſonderbar! er war ihm unter — 59 der langen Unterrichtszeit ganz gleichguͤltig, ja beinahe laͤſtig geworden, denn er unterſchied ihn von ſeinem Buſenfreund, Appelles Goldony. In froͤhlicher Schwaͤrmerei warf er ihn alſo von ſich, und nannte ſich Edwin, ohne ſich je in eine Er⸗ klaͤrung einzulaſſen, ob dieß blos ſein Vorna⸗ me ſei. Die Kunſt, der beide in einem Ort, der ih⸗ nen tauſend Gelegenheiten dazu bot, jeden freien Augenblick weihten, iſolirte ſie bald ſo gaͤnzlich, daß ſelbſt die Verſuchung zuruͤcktrat. Es iſt etwas Herrliches um eine recht war⸗ me Begeiſterung fuͤr irgend ein Talent, in unbe⸗ wachten Juͤnglingsherzen. Das iſt der Engel mit dem feurigen Schwert, der die Pforten ihres Jugendparadieſes bewacht! Fort und fort ſtrebt der gaͤhrende Feuerſtoff in dem Juͤngling nach Entwickelung. Gebt ihm ein einzigesmal volle Befriedigung, und der Goͤtterfunken iſt erloſchen. Wer erreicht hat, ſtrebt nicht mehr! Aber die Kunſt wird nimmer erreicht. Sie ſtreut auf jeden Schritr ihrer Zoͤglinge holde Blumen und Fruͤch⸗ te, doch der naͤchſte ſchon verheißt noch beſſere * 60 Spende, bis endlich ſie ſelbſt mit ihrer goldnen Krone wie eine ſchoͤne Verheißung am Ziel der— nimmer beendigten Bahn ſteht. Doch uͤber dem Jagen nach dem erſehnten Ziel, entflieht das junge Herz der Verſuchung, die es nicht errei⸗ chen; der Pedanterie, die es nicht beſchweren und der Suͤnde, die es nicht beflecken kann. Es wird ein Tempel, deſſen Allerheiligſtes noch keine fre⸗ velnde Hand beruͤhrte, und bewahrt das reine Veſtafeuer der Unſchuld gegen alle Stuͤrme der Leidenſchaften. Nachdem die Studienjahre der Juͤnglinge beendigt waren, beſchloſſen ſie eine Reiſe in das heilige Land der Kunſt, doch nur, nachdem ein halbjaͤhriger Aufenthalt bei Appelles Vater ihnen gleichſam die Weihe dazu gegeben hatte. Welch' eine Familie lernte Edwin da kennen! Matheo Goldony, noch im funfzigſten Jahre ei⸗ ner der ſchoͤnſten Maͤnner, hatte ſich in den fort⸗ geſetzten Studien der Alten in einem ſolchen Grade idealiſirt, daß er unter ſeinen Zeitgenoſ⸗ ſen wie ein, nach mehreren Jahrhunderten wie⸗ dererwachter Grieche daſtand. Die Geſchichte 61 aller Zeiten war an ſeinem beobachtenden Geiſt voruͤbergegangen, darum hatten die kleinlichen Sorgen des alltaͤglichen Lebens ihn noch nicht von ſeiner Hoͤhe herabgezogen. Was die Gegen⸗ wart forderte, bot ſein reiches, vielſeitig ausge⸗ bildetes Talent ihm ohne große Kraftanſtrengung dar, und was er der Nachwelt weihte, waren unbezahlbare Werke der phantaſiereichſten Kunſt. Seine Beduͤrfniſſe blieben ſelbſt bei ſteigendem Wohlſtand immer gleich einfach, vielleicht mehr aus Stolz als Beſcheidenheit, denn er behaupte⸗ te, der Republikanismus eines freien Weltbuͤr⸗ gers muͤſſe ſchon mit der Unabhaͤngigkeit von aͤu⸗ ßern Zufaͤlligkeiten beginnen, und damit endigen, ihn unter allen Regierungsformen frei wie den letzten der Griechen zu erhalten. Seine Frau, Olimpia, von ihm wahrſcheinlich erſt ſo getauft, war ihm mit leidenſchaftlicher Zuneigung ergeben, und ſo innig in den Geiſt ſeiner Schoͤpfungen eingeweiht, daß ſie in dem kleinen Kunſtverein ganz unbeſtritten das ehrenvolle Richteramt verwal⸗ tete. Euphraſia, ſeine Tochter, an einen jungen Maler verheirathet, der unter des Vaters Leitung ſich zur Vollendung aufſchwang, war ſeit ihrer Kindheit ſchon der Kunſt geweiht, doch hatte ſie ihre zarte Weiblichkeit von der Bahn abgelei⸗ tet, die Vater und Gatte mit Eifer verfolgten. Sie malte in miniatuͤr, und da ſie damit ein au⸗ ßerordentliches Talent fuͤr das Portraitiren ver⸗ band, ſo wurden ihre vielgeſuchten Arbeiten bald die reichſte Goldquelle fuͤr den kleinen Familienſchatz, von dem man einmuͤthig und friedlich die allge⸗ meinen Ausgaben beſtritt. In dieſen Tempel des ſtillhaͤuslichen und doch ſo ſinnigen Familienlebens fuͤhrte Apvelles ſeinen jungen Freund. Da lernte er die tauſend Freudenquellen erſt kennen, die dem Mittelſtand, der mit der Bildung des Hoͤchſten zugleich die ein⸗ fachen Beduͤrfniſſe des Seinigen verbindet, nim⸗ mer verſiegen; da begriff er, warum der aͤchte Kuͤnſtler zu allen Zeiten furchtlos und ſtolz vor den Herren der Erde ſtand. Sein Reich iſt nicht von dieſer Welt, und wenn es ſelbſt dem Ueber⸗ muth gelaͤnge, die Mitwelt gegen ſeinen Werth zu verblenden, ihm bleibt der ſichre Schatz, den er in die Hand der Zukunft niederlegte. 63 Dieß halbe Jahr bewaͤhrte Edwins Beruf fuͤr die Kunſt. Er ergab ſich ihr mit Leidenſchaft, und betrat kaum Rom's geheiligten Boden, als er auch ſchon die Werkſtaͤtte aller Kuͤnſtler von Bedeutung ſtuͤrmte. Aber waͤhrend Appelles mit edler Feſtigkeit der, ihm von ſeinem Vater vor⸗ gezeichneten Bahn treu blieb, zog ein geheimer Trieb, freilich erſt durch die unuͤbertrefflichen Meiſterwerke der aͤlteren Bildhauerkunſt, welche er hier erblickte, geweckt, Edwin mit unwider⸗ ſtehlicher Gewalt zu dieſer hin. Erſt ſeine Zeit in beide Kuͤnſte, die Male⸗ rei und Sculptur theilend, gehoͤrte er bald nur der Letzteren an, und wie ein zuͤndender Blitz fiel das Urtheil eines geſchaͤtzten Meiſters uͤber ſeine erſten Verſuche: Er koͤnne durch ſein Ta⸗ lent die untergegangne Herrlichkeit der Zeiten des Prariteles wieder uͤber ſein Jahrhundert herauf⸗ fuͤhren, in die gluͤhende Seele des Juͤnglings. Da weckte ein Ruf des Miniſters von Dorn⸗ burg, ſeines Vaters, ihn aus dem ſchoͤnen Traum, dem er mit ſtrafbarer Schwaͤrmerei nur zu lange nachgehangen hatte. Er ſollte zuruͤck, um die 64— ſchoͤne, reiche Tochter der Oberhofmeiſterin, Graͤ⸗ fin von Sternberg, zu heirathen. Wie erſchracken beide Juͤnglinge uͤber die Menge von Titeln, wel⸗ che ſich hier in dem kleinen Raum einer einzi⸗ gen Zeile zuſammendraͤngten, denn die eiſerne Scheidewand der Convenienz thuͤrmte ſich rieſen⸗ hoch zwiſchen ihr froͤhlich begeiſtertes Kuͤnſtlerleben. Aber Edwin ehrte ſeinen edlen Vater kindlich, er war vernuͤnftig genug, den Abweg, auf den ſei⸗ ne Entfernung aus dem vaͤterlichen Hauſe ihn geleitet hatte, nicht fuͤr die einzige rechte Bahn zu halten, und ſo verließ er Rom und den Freund ſeines Herzens mit dem feſten Entſchluß, den Muſen zwar immer ein ſtilles Heiligthum in ſeinem Innern aufzubewahren; doch des Va⸗ ters Wuͤnſche zur erſten Richtſchnur ſeiner Hand⸗ lungen zu waͤhlen. Ach! ehe er noch in den Armen ſeiner El⸗ tern lag, ehe ſein Fuß die ungewohnte Hofbahn betrat, hatte ſein Schickſal ſchon uͤber ihn ent⸗ ſchieden, und das Opfer, welches er dem Wil⸗ len ſeines Vaters zu bringen glaubte, in den heißeſten Wunſch ſeines Herzens verwandelt! Die bluͤhende Schoͤnheit der Braut, welche hier— o entzuckender Gedanke, nur ſeiner An⸗ kunft harrte, um alle Seeligkeiten der erſten Lie⸗ be uͤber ihn auszugießen, draͤngte alle Ideale der Kunſt in den Hintergrund zuruͤck. Der kalte Stein, vor dem er ſo oft in bewundernder Lie⸗ be geſtanden, er hatte ſich fuͤr ihn belebt. Ga⸗ lathea laͤchelte ihm aus jeder Marmorſtatuͤe, de⸗ ren er in der Erinnerung gedachte, entgegen, und tauſendmal wiederholte er Schillers unnach⸗ ahmliche Dichtung: Da lebte mir der Baum, die Roſe, Mir ſang der Quellen Silberfall, Es fuͤhlte ſelbſt das Seelenloſe Von meines Lebens Wiederhall! mit der ſchoͤnen Begeiſterung, welche uns Jugend, Unſchuld und der vollkommne Einklang aller Ge⸗ fuͤhle, mit dem, was die Welt uns bietet, nur einmal geben. 3 Das erſte Wort eines vertraulichen Herzens⸗ erguſſes zwiſchen Vater und Sohn, war eine Lobpreiſung der ſchoͤnen Sternberg, und das zwei⸗ 3r Theil. 5 66 te: Edwins ſtuͤrmiſche Frage, ob man nicht heut 4) noch nach Schoͤnlautern fahren, und ſich der Fuͤrſtin vorſtellen laſſen koͤnnte? Das ging nicht, denn der Fuͤrſt durfte nicht uͤbergangen werden. Dazu gab es noch manche Vorbereitungen, und morgen, erſt morgen ſollte der Sehnſuͤchtige die Geliebte wiederſehen! Troſtlos maaß er die Zeit an ſeiner Ungeduld, und die erſtaunten Eltern fanden die Leidenſchaft ihres Sohnes fuͤr eine ganz unbekannte Perſon doch ein wenig uͤbertrie⸗ ben. Indeß keine der, einmal bei Hofe ziemli⸗ chen Foͤrmlichkeiten durfte uͤbergangen werden, und ſo gelangte man zwar langſam, aber ſichrer an ſein Ziel, da ein hoͤchſt gnaͤdiger Empfang des Fuͤrſten, ein Laͤcheln des Erbprinzen, und noch tauſend wichtige Kleinigkeiten dem jungen Mann vorgearbeitet hatten. Die Fuͤrſtin empfing ihn und ſeinen Vater ſehr huldvoll, umgeben von ihren Hoffraͤuleins, deren ſchoͤnſte Zierde, Conſtanze, bei ſeinem An⸗ blick erblaßte, und bei Nennung ſeines Namens ergluͤhte. War es moͤglich! trieb der kleine, neckende 67 Gott ein grauſames Spiel mit ihr? Der einzi⸗ ge Mann, gegen den ſie ihr Herz mit doppeltem Panzer bedecken wollte, hatte mit einem einzigen Pfeil aus ſeinen dunklen Augen, den Weg durch Stahl und Eiſen zu ihrer Beuſt gefunden? Sie wollte ſich es ableugnen, ſie wollte die Seeligkeit, die in ihr aufwogte, mit allen Sophiſtereien, de⸗ ren ſie ſich noch aus ihrer Amazonenzeit erinner⸗ te, darniederkaͤmpfen— umſonſt! ſein triumphi⸗ render Blick, der, ſie mochte ſich wenden wie ſie wollte, doch immer nur auf ſie gerichtet war, ſagte ihr nur zu gut, daß er ihre Schwachheit zu benutzen wiſſen, und ſie, ohne Ruͤckſicht auf ihre fruͤheren Plaͤne, als eine gewiſſe Beute da⸗ von zu fuͤhren gedenke. Es war wirklich nicht anders. Vater und Sohn fuhren bei der Oberhofmeiſterin, ihrer Mut⸗ ter, vor. Der Erſtere mahnte ſogleich an das getroffne Uebereinkommen, und die ſtolze Graͤfin Sternberg zoͤgerte nicht, dem Sohn des erſten Guͤnſtlings die Hand ihrer Tochter noch einmal perſoͤnlich zu bewilligen. Er empfing dieſe Gunſt in Gegenwart Con⸗ 5 X ſtanzens, die wenigſtens mit einem ſuͤßſauren Geſicht dazu ſchwieg, und verrieth mit keinem Wort ſein fruͤheres Abentheuer mit der Gelieb⸗ ten; aber als man den Gluͤcklichen mit ihr allein ließ, zog er die Halbwiderſtrebende in ſeine Ar⸗ me, druͤckte das erſte Zeichen ihrer Gunſt, das Kreuz, und dann erſt die theure Braut an ſeine Lippen, und nannte ſie mit den ſuͤßeſten Namen, welche die Liebe, die zaͤrtlichſte Vergoͤtterung nur erſinnen konnte. Conſtanze war gluͤcklich, ſie wurde es immer mehr, denn der Stolz in ihrer Bruſt wurde zur ſchoͤnſten, maͤdchenhafteſten Liebe, und jemehr die Seeligen ſich im ſuͤßen Koſen, in den Beweiſen ihrer Zaͤrtlichkeit uͤberboten, je hoͤher ſtieg ihr Gluͤck. „O wuͤrdeſt Du mich denn auch nicht ver⸗ „geſſen haben, wenn ich nicht Dornburg, ſon⸗ „dern ein gewoͤhnlicher Jaͤger geweſen waͤre?“ frug er einſt mit eiferſuͤchtelnder Aengſtlichkeit. „Vergeſſen? Nein— nein, Edwin! aber „ein gemeiner Jaͤger konnteſt Du ja gar nicht „ſeyn. Haͤtte dieſes ſtolze Herz Dich denn ſonſt 69 „geliebt? Aber Du! Wuͤrdeſt Du denn auch „die Dir beſtimmte Braut um meinetwillen aus⸗ „geſchlagen haben, waͤrſt Du mir treu geblieben, „wenn Du mich auch nie wiedergeſehen haͤtteſt?“ „Ewig! Eine Welt wuͤrde ich um Deinet⸗ „willen ausgeſchlagen haben, und waͤrſt Du die „Tochter des geringſten von des Fuͤrſten Unter⸗ „thanen geweſen! Es giebt nur einen Fall“— fuͤgte er zoͤgernd hinzu—„wo ich Deinem Be⸗ „ſitz entſagen wuͤrde. „Und dieſer Eine iſt?“ frug Conſtanze ge⸗ ſpannt. „Eine Unwahrſcheinlichkeit nur“”“— erwider⸗ te Dornburg beruhigend.„Wenn mein Vater „z. B., deſſen Einfluß ich jetzt dieſe theure Hand „verdanke, ploͤtzlich, ehe wir verheirathet waͤren, „von ſeiner politiſchen Hoͤhe herabgeſtuͤrzt wuͤrde; „wenn irgend eine, meinen edlen Vater betreffen⸗ „de Beſchuldigung uns entehrte, dann— meine „Conſtanze, wuͤrden ſelbſt dies Zauberlaͤcheln und „alle Liebespfeile, die Du aus deinen Himmels⸗ „augen auf mich abſendeteſt, mich nicht abhalten, „Dich auf ewig zu fliehen.“ — Conſtanze erbebte vor ahnendem Schauer. Sie legte ihr Haupt an die Bruſt des Geliebten, aber die Ruhe war aus ihrem Herzen entflohen. Wie vergaͤnglich war Hofgunſt. Sie zitterte zum erſtenmal, ihr etwas, das Theuerſte auf Erden, zu verdanken, und verſuchte es noch oft, ihn von dieſer ihr unertraͤglichen Idee abzubringen. Aber er blieb unerſchuͤtterlich. „Conſtanze,“ ſagte er,„hat das Ungluͤck „noch nicht gekannt, ſoll ſie an meiner Seite „ſeinen erſten Schlaͤgen ausgeſetzt ſeyn?“ Waͤhrend die jungen Leute von einer Gefahr ſchwaͤrmten, an die ſie beide nicht glaubten, zog das Gewitter uͤber dem Haupt der Dornburg'ſchen Familie ſich zuſammen; aber Edwin's Vater ver⸗ barg den ihm drohenden Schlag vor dem Sohn, weil er ſein Gluͤck aus dem Schiffbruch zu retten hoffte. Der alte Fuͤrſt, ſeit langer Zeit kraͤnklich, hatte die Regentſchaft noch bei ſeinem Leben dem jungen, feurigen Erbprinzen abgetreten, und da⸗ durch ihm, der kein Freund der alten gepruͤften Raͤthe ſeines Vaters war, volle Zeit gegeben, 1 ⁸ 71 mit ſeinen juͤngeren Favoriten die Mittel vorzu⸗ bereiten, welche man bei ſeinem nicht fernen Re⸗ gierungsantritt zum Verderben mehrerer verdien⸗ ten Staatsmaͤnner anzuwenden gedachte. Zur Ehre des Prinzen ſei es indeß geſagt, daß er ſich nur willig taͤuſchen ließ, und ſpaͤter weit entfernt war, grade diejenigen vorzuͤglich zu be⸗ guͤnſtigen, die ſeinen geheimſten Wuͤnſchen allzu bereitwillig entgegengekommen waren. Die Oberhofmeiſterin hatte dem Spiel ſchein⸗ bar ruhig zugeſehen, und ſobald die Kraͤnklichkeit des Fuͤrſten zunahm, nur unmerklich dieſes und jenes Hinderniß zwiſchen die nahe Vermaͤhlung des jungen Paares geſchoben. Endlich erfolgte der Schlag, auf den das ganze Land ſchon laͤngſt gefaßt war, der Fuͤrſt verſchied, und Conſtanze ging mit der fuͤrſtlichen Witwe nach Schoͤnlau⸗ tern, wo diesmal die Freude kein Feſt feierte, aber die Liebe aus der armen Huͤtte im Park den Wohnplatz des ſeeligſten und reinſten Entzuͤ⸗ ckens ſchuf. Edwin kam jeden Tag dorthin, und ſah die Braut ſeines Herzens wenigſtens eilt halbes Stuͤndchen frei von dem druͤckenden Cere⸗ 72 moniel des Hofes, waͤhrend ihre Mutter mit Argusaugen die Bewegungen deſſelben beobachte⸗ te, welche der Dornburgſchen Familie Ungluͤck drohten. Lange durfte ſie nicht harren. Die Feinde des Miniſters waren geſchaͤftig, und ihre Kund⸗ ſchafter gut. Eines Tages trat ſie mit unheilbringendem Geſicht in das Zimmer ihrer Tochter. „Weißt Du ſchon von Dornburgs?“ frug ſie nachdenkend. „Und was, was ſoll ich wiſſen?“ rief Con⸗ ſtanze erblaſſend. „Sie ſind in Ungnade. Morgen erhaͤlt der „Miniſter ſeine Entlaſſung, mit dem Befehl, „ſich auf ſeine Guͤter zuruͤckzuziehen. Das heißt „ſo viel als Verbannung.“ „Und Edwin?“ fluͤſterte Conſtanze geiſter⸗ bleich. „Wird ſich ohne Connexionen, und bei ſei⸗ „nem gaͤnzlichen Mangel an Strebekraft ſchwer⸗ „lich pouſſiren,“ erwiderte die Mutter kalt. „Und wir— 7 .— 73 „Nun, wir heben das Schattenbild von Ver⸗ „bindung, das noch zwiſchen uns beſtand, jetzt „ganz auf. Das iſt in der Ordnung. Ich wuß⸗ „te laͤngſt, wie es kommen wuͤrde, und bat dar⸗ „um die Fuͤrſtin, die, bei ihrer Reiſe nach Schoͤn⸗ lautern, Dich zuruͤcklaſſen wollte, ſehr angele⸗ „gentlich um Deine Begleitung, denn ſo machte „Deine Entfernung ſchon ein Band vergeſſen, das „jetzt ohnehin ſich ſelbſt aufloͤſ't. Der Fuͤrſt liebt „die Leute nicht, man muß ſich nicht mit ihnen „alliiren.“ Mit dieſen Worten entfernte ſich die Ober⸗ hofmeiſterin; wer aber beſchreibt den Zuſtand der armen, aus ihrem Himmel gefallnen Conſtanze? „Geſtuͤrzt!“ rief ſie, die Haͤnde ringend, und zitterte mehr vor Edwin's Grundſaͤtzen, als vor dem Widerſpruch' ihrer Mutter.„Und mor⸗ „gen ſchon, morgen?— heut weiß er noch nichts, „heut wird er mir harmlos entgegentreten, mich „liebkoſend fragen, warum ich ſo truͤbe ausſehe? „und morgen!— Ein Gedanke durchbebte ſie, wuͤrdig ihrer unausſprechlichen Liehe, aber gewagt, wie nur 74— die Angſt vor dem zerſtoͤrenden Morgen ihn ihr eingeben konnte. Sie ſchrieb an den Geiſtlichen des benachbar⸗ ten Dorfes, und beſchwor ihn, ſogleich in den Park an einen bezeichneten Ort zu kommen. Dort⸗ hin ging ſie, begleitet von ihrer treuen Kammer⸗ frau, ihr reiches Schmuckkaͤſtchen unter dem Arm. Der Pfarrer ließ nicht lange auf ſich warten. Sie gewann keine Zeit, den Muth, welchen die Verzweiflung ihr einfloͤßte, an der ruhigeren Beſonnenheit ſcheitern zu ſehen, und empfing ihn daher mit einer Entſchloſſenheit, die dem einfa⸗ chen Landbewohner mehr imponirte, als die Ge⸗ walt ihrer Worte. „Ich bin die Graͤfin Sternberg, Hoffraͤulein „der verwitweten Fuͤrſtin und Braut des jungen „Grafen Dornburg,“ redete ſie ihn an.„Un⸗ „ſrer Vereinigung ſteht nichts als die Hoftrauer „im Wege, und auch dieſe wuͤrden wir geduldig „abwarten, da wir ja doch der vollen Einwilli⸗ „gung unſrer Eltern gewiß ſind, wenn nicht der „Fuͤrſt auf den grauſamen Einfall gekommen waͤ⸗ „re, grade morgen meinen Geliebten in einer — ———ͦ—ᷣ—ÿ—ÿ—x—ꝛO—ÿ—XOUO⁊pC—ꝛ— —— ———ͦ—ᷣ—ÿ—ÿ—x—ꝛO—ÿ—XOUO⁊pC—ꝛ— 75⁵ „Geſandſchaftsreiſe zu verſchicken. Wir wiſſen „nun nicht, wenn er zuruͤckkehrt, ja, meine „Mutter fuͤrchtet ſelbſt, daß irgend ein Feind „am Hofe unſere Verbindung aus andern Urſa⸗ „ſchen hindern koͤnnte. Darum hat ſie mir auf⸗ „getragen, Sie zu bitten, uns noch heut, vor „unſrer Trennung zu trauen. Sie will, um „ihren Einfluß nicht zu verlieren, nichts mit „dieſer Sache zu ſchaffen haben, aber ſie hat „mir erlaubt, mit Ihnen deßwegen zu ſpre⸗ „chen.“ Der Pfarrer ſchuͤttelte den Kopf. Conſtanze bemerkte den Zweiſel, und reichte ihm ihre blitzenden Juwelen, mit den Worten, hin.„Fuͤrchten Sie nicht, daß man das Ge⸗ „hheimniß zu voreilig entdecke. Wir ſtehen dem „Throne zu nahe, um nicht den Augenblick vor⸗ „ſichtig abzuwarten, wo es ohne Nachtheil fuͤr „uns und Sie geſchehen kann.— Aber ſelbſt „wenn ein Zufall unſre Hoffnungen taͤuſchte, „und Sie verloͤren Ihre Pfarre, ſo ſichert die⸗ „ſer Schmuck Sie vor jedem Verluſt. Auch zwei⸗ „feln Sie wohl nicht, daß wir den Mann, der 76 „unſer Gluͤck auch nur um eine Stunde foͤr⸗ „derte, wie unſern guten Genius betrachten „wuͤrden.“ Der Geiſtliche ſchuͤttelte noch immer das greiſe Haupt, obwohl er viel von der berorſtehen⸗ den Verbindung der jungen Graͤfin mit dem Gra⸗ fen Dornburg gehoͤrt hatte. Endlich ergab er ſich, wenn Conſtanze ihm die Einwilligung der Mutter wenigſtens ſchriftlich braͤchte. Dieſe, nicht mehr als billige Forderung drohte das ganze phantaſtiſche Gebaͤude der Gluͤck⸗ ſeeligkeit umzuſtoßen, welches Conſtanze in ſee⸗ liger Liebesſchwaͤrmerei ſchon bis in die Wolken aufgethuͤrmt hatte. Sie war weder leichtſinnig, noch zur Intrigue geneigt, obwohl ihr raſcher Entſchluß beinahe fuͤr das Eine, und die Ge⸗ wandtheit, welche ſie in dem Geſchaͤft mit dem Geiſtlichen bewies, fuͤr das Andre zeugten. Aber ihre Mutter hatte ihr nie eine ſo heftige Nei⸗ gung eingefloͤßt, um ſie uͤber ihre Fehler zu ver⸗ blenden, denen ſie frůh eine Art von Staatsklug⸗ heit entgegenſetzen lernte, die ihrem Verſtande hundert Huͤlfsquellen in ſich ſelbſt verlieh, wel⸗ — 77 che andre ihres Geſchlechtes entbehren. Der Stolz ihrer Familie miſchte ſich in ihr, mit dem edlen Selbſtgefuͤhl wirklicher Sittenreinheit und aͤchten Frauenwerthes. Das heiße Herz, bis zu Ed⸗ win's Erſcheinung ein Veſuv, der von innen brennend, von außen beinahe unerſteiglich war, gab dieſem, bisher noch ungeregelten Stolz erſt die wahre Richtung. Ihre Liebe zu dem einfach edlen Edwin wurde jetzt ihr hoͤchſter Triumph, und, ſich nicht von der oͤffentlichen Meinung be⸗ herrſchen zu laſſen, wo es ihr heiligſtes Intereſſe galt, war ihr eben ſo ſehr Verſtandes⸗ als Her⸗ zensſache. Ihre Mutter hatte ihre Liebe wie ein Spiel betrachtet, das zu enden in ihrer Macht ſtand; dieß reizte ihren Widerſpruchsgeiſt, der ſich in einer ſo untergeordneten Rolle nicht ge⸗ fiel, und gewoͤhnt, ihre kleinen Freuden nur à la derobée zu genießen, war es ihr leichter, den vorliegenden Plan mit dem Pfarrer zu entwerfen und durchzufuͤhren, als ihr ſonſt grader, offner Charakter es vermuthen ließ. Aber nun trat die Forderung des gewiſſenhaften Geiſtlichen ihr auf einmal ſtoͤrend entgegen. Ein Band knuͤpfen, 78 das die Mutter ſelbſt um die jungen Herzen ge⸗ ſchlungen hatte, ſchien ihr weder ſtrafbar noch unheilbringend fuͤr ihr Ehegluͤck, aber ihr eine Einwilligung unter irgend einer andern Form, als der Rechten zu entlocken, war eine Verſüͤndi⸗ gung, zu der nur, nach langem Kampf, die Er⸗ innerung an das ſchreckliche Morgen ſie endlich bewegen konnte. „Ich habe eine Bitte, meine Mutter!“ ſagte ſie bei ihrer Ruͤckkehr mit bebenden Lippen zur Oberhofmeiſterin. „Nun?“ erwiderte jene eſteut, Conſtan⸗ zen ſchon mit etwas anderm beſchaͤftigt zu fin⸗ den. „Ich habe dem braven Pfarrer in Berg⸗ „horſt, der eine ſo große Familie, und ſehr gerin⸗ „ge Einkuͤnfte hat, unter der Hand ein Geſchenk „machen laſſen. Nun hat er aber erfahren, „wem er daſſelbe verdankt, und kommt zu mir „heruͤber, um mir fuͤr meine Guͤte zu danken, „wie er es nennt; aber ohne ſie anzunehmen. „Der Mann hat noch ſo kleinliche Begriffe, daß „er glaubt, ich koͤnne nichts ohne Ihre Erlaubniß —·Q—·—·—QCOB—:ne 79 „wegſchenken, ich habe ihm alſo im Park, wo „ich ihn antraf, verlaſſen, und bitte Sie nur, „mein Geſchenk mit ein Paar Worten zu be⸗ „kraͤftigen. Etwa nur: Alles was meine Toch⸗ „ter thut, iſt mit meiner Bewilligung, damit „doch der wunderliche Mann ſieht, daß ich Recht „habe!“ Die Oberhofmeiſterin laͤchelte und ſchrieb oh⸗ ne Zoͤgern die Beſtaͤtigungsakte, und mit ihr— Conſtanzens Urtheil. Die Ungluͤckliche hatte waͤhrend dieſem Ge⸗ ſchaͤft todtenbleich ihrer Mutter gegenuͤber geſtan⸗ den. Zum erſtenmal regte ſich in ihrem Herzen eine ſo unausſprechliche Zaͤrtlichkeit fuͤr dieſelbe, daß es ihr ſogar moͤglich ſchien, das Element ih⸗ res Lebens, ihle Liebe, dem Gehorſam aufzu⸗ opfern. Aber die ahnungsloſe Frau las heut ſo we⸗ nig als ſonſt in dem Herzen ihrer Tochter. Sie verfolgte nur ihren Plan, und zerſtoͤrte durch die kalte beſonnene Klugheit, mit der ſie ihre inner⸗ ſten Gedanken zu verſchleiern wußte, bald wieder den ſchoͤnen Kampf, der dem Geliebten den Sieg ſtreitig machte. Mit Haſtigkeit griff Conſtanze, als ſcheute ſie ihre eigne Erweichung, nach dem Papier, druͤck⸗ te der getaͤuſchten Mutter Hand mit hervordraͤn⸗ genden Thraͤnen an ihre Lippen, und flog mit ungeduldiger Eil ihrem Schickſal entgegen. Ja wohl, ihrem Schickſal! denn was der Luͤge folgt, iſt immer die bittre Frucht des Un⸗ rechts. Ergluͤhend von dem raſchen Gang, betrat ſie die Waldhuͤtte, wo Dornburg ihrer ſchon harrte.- Schoͤner war ſie nie geweſen, nie hinreißen⸗ der, als grade heut, wo die vielen Opfer, die ſie dem Geliebten brachte, ſie noch mehr gegen ihn erweichten. Edwin betrachtete ſie mit Entzuͤcken, er konn⸗ te, ſo vieler bezaubernden Anmuth gegenuͤber, die Klage nicht unterdruͤcken, daß des Fuͤrſten Tod ſein Gluͤck auf ſo lange, unbeſtimmte Zeit hin⸗ ausſchoͤbe! Darauf hatte Conſtanze nur gewartet. Sie lehnte ſich mit der ganzen Innigkeit ihres — durch den Gedanken an morgen leidenſchaft⸗ — lich angeregten Gefuͤhls in ſeine Arme, und frug: 81 „Und warum das, mein Edwin! Hindert „uns die Hoftrauer wirklich an unſerem Gluͤck? „Ich bin Dein! unſre Eltern haben unſern Bund „geſeegnet. Was ſtoͤrt uns, daß wir nicht noch „heut—“ „Heut!— 9 Himmel! heut?“ rief Ed⸗ win uͤberraſcht von der Naͤhe ſeines Geſchicks. „Ja, heut noch, mein Geliebter! ſagte Con⸗ „ſtanze geruͤhrt, und ſank in ſeine Arme. Heut „noch ſoll, wenn Du mich liebſt, unſer Bund „von Prieſters Hand geſeegnet werden. Auch ich „finde dieſe Verzoͤgerung druͤckend, um ſo mehr, „da die Fuͤrſtin bald nach der Reſidenz zuruͤck⸗ „kehrt. Dann ſehen wir uns nur mit Zwang. Ich „moͤchte aber gern hier auf derſelben Stelle, wo „ich den Pfeil auf Dich abdruͤckte, ganz die Dei⸗ „ne werden, mein Edwin! Willigſt Du ein?“ Dornburg erbebte vor innerer Ahnung. Es ergriff ihn wunderbar befremdend, daß Conſtan⸗ ze ihm dieſen Vorſchlag machte, aber wo haͤtte er den Muth hergenommen, der Syrenenſtimme des bittenden Maͤdchens, und ſeinem eignen Herzen zu widerſtehen? War es doch ſeine verlobte Braut, gr Theil. 6 82 die ohne des Fuͤrſten Tod vielleicht laͤngſt ihm ver⸗ maͤhlt, in der Fuͤlle ihrer Liebe nur das Mittel gefunden hatte, das Band, welches Convenienz zu knuͤpfen bereit war, einige Tage fruͤher aus freier Gunſt zu ſchuͤrzen; war er doch entſchloſ⸗ ſen, ſie einer Welt abzutrotzen, warum ſollte er in den Scherz nicht eingehen, von dem er ſelbſt noch nicht recht wußte, ob er ſich in Ernſt ver⸗ wandeln koͤnne? Da trat ploͤtzlich der greiſe Pfarrer, dem unterdeß das Maͤdchen die ſchriftliche Einwilli⸗ gung der Oberhofmeiſterin entgegengebracht hatte, mit der Agende in die Huͤtte, und Edwin ſtuͤrz⸗ te wonneberauſcht zu Conſtanzens Fuͤßen. „So iſt es denn wahr, meine Geliebte! rief er.„Was ich nicht zu hoffen wagte, macht „Deine Liebe moͤglich! Nun ſo hoͤre denn noch „vorher den Schwur, daß ich, um dieſer Beſchleu⸗ „nigung meines Gluͤck's willen, Dich noch tau⸗ „ſendmal mehr lieben werde!“ „Verſprich mir,“ ſagte Conſtanze gepreßt, „daß Du alle Vorſichtsmaaßregeln, welche zur Geheimhaltung unſres Bundes, ſo lange es deſ⸗ ————ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—;⏑—ᷣ———ÿ—ꝛ—ꝛñF=õ/— — 83 ſen bedarf, unerlaͤßlich ſind, gebrauchen, und be⸗ ſonders— meine Mutter ſchonen willſt—“ fluͤ⸗ ſterte ſie ihm leiſe zu. Er gelobte es mit Entzuͤcken, denn die Naͤhe ihres Beſitzes hatte ihn berauſcht. Grade ſo, ohne Schmuck, ohne glaͤnzende Hoffeſte, unter der Woͤl⸗ bung des tiefblauen, goldgeſaͤumten Abendhimmels, umrauſcht von den Zweigen uralter Eichen, deren leiſes Gefluͤſter ihm Zeugniß von der Wahrheit ſeines idealiſchen Traumes gab, grade ſo die Braut ſeines Herzens heimzufuͤhren, hatte er auf Roma's Hoͤhen oft mit dem Freunde ge⸗ ſchwaͤrmt, und— ſeit er die Ketten ſeines Ran⸗ ges und Standes wieder aufnahm— nicht mehr gehofft. Wie ſollte er jetzt von ſich weiſen, was ſo ganz das Cholorit ſeiner innern Welt trug? Er ſprach mit Begeiſterung dem Geweihten der Kirche den Schwur ewiger Treue und Liebe nach, und ward Conſtanzens Gatte. Den andern Morgen brach das Ungewitter los. Der edle Miniſter hielt ſeine Entlaſſung in den zitternden Haͤnden; Edwin erſtarrte, als ſein Vater ihm den Cabinetsbefehl hinreichte. 6* 84 „O Du unausſprechlich, Du unendlich groß⸗ muͤthige Seele!“ rief er, und ſtuͤrzte nach Schoͤn⸗ lautern. Die Oberhofmeiſterin ließ ſich entſchuldigen, Conſtanze war nicht ſichtbar. Er ging zur Wald⸗ huͤtte, der Zeugin ſeines geſtrigen Gluͤcks. Jetzt wußte er, warum das edle Maͤdchen ſo geeilt hat⸗ te, ihn an ſich zu binden. Er kuͤßte den Raſen, den ihr Fuß betreten, und wartete ſo bis zum Abend. Conſtanze kam endlich, ihre Herzen ergoſſen ſich in Schmerz und Freude. Der Sturz ſeines Vaters hatte ihn gluͤcklicher gemacht, denn er wußte jetzt, wie ſehr Conſtanze ihn liebte; aber dennoch ſtahl eine leiſe Beſorgniß vor der Zukunft ſich in ſeinen Freudenrauſch. Conſtanze verbarg ihm nicht mehr, daß ihre Mutter in die⸗ ſe ſchon geſchloſſene Verbindung nie einwilligen wuͤrde, weil dieß ſogleich ihre Ungnade nach ſich zöͤge. Edwin rief erſchrocken: „O Conſtanze! welch Ungluͤcksloos zogſt Du Dir!“ 85 „Ich zog mein Loos ſchon damals, als ich „mein Geſchoß gegen Dich verſuchte, theurer „Edwin!“ erwiederte ſie zaͤrtlich,„und alles, „was Dir jetzt uͤbrig bleibt, iſt, es freundlich „mit mir zu theilen. Ich bin Dein! Was die „Ehre auch dem Verlobten geboten haͤtte, dem „Gatten verbietet ſie jedes Opfer, das ihn von „ſeiner Gattin trennt. Edwin ſenkte das Auge finſter zu Boden. „Mein Vater,“ ſagte er endlich ernſt,„geht „auf ein, von der Reſidenz weit entferntes Gut. „Dort wird er nicht gluͤcklich ſeyn, denn er iſt „keinen ſo beſchraͤnkten Wirkungskreis gewohnt. „Meine Mutter iſt am Hofe erzogen, ſie kennt „und liebt das Landleben nicht. Ich allein habe „in mir, was mich uͤberall gluͤcklich machen muß: „ich liebe die Kunſt. Wenn ich meinen edlen, „verbannten Vater begleitete, ſo wuͤrde er an „dem Paradieſe, das ich um ihn erbluͤhen ließe, „an dem ſtillen Familiengluͤck, das ſein Erſtge⸗ „borner ihm gewaͤhrte, wieder geſunden. Aber „Du, meine Conſtanze! die Du den Muth hat⸗ „teſt, Dich mit einem Verbannten zu verbinden 86 „— denn mit meinem Vater bin ich es auch— „haſt Du nun auch den, mir in dies Paradies „des haͤuslichen Gluͤcks zu folgen?“ „Nein, Edwin, den habe ich nicht!“ ant⸗ wortete Conſtanze feſt,„weil die Rachegeiſter der „beleidigten Mutter mich bis dorthin verfolgen „wuͤrden. Ich gab Dir alles, was mein war, „mich ſelbſt, aber die Mutter opfre ich Dir nicht. „Die Hofgunſt iſt das Element, in dem ſie lebt. „Glaubſt Du, daß man ſie nicht im Bunde mit „uns waͤhnen wuͤrde? Wie hart ſie mich auch „von ſich ſtieße, niemand wuͤrde ihr glauben, „daß die Unterſchrift, welche ich von ihr dem „Pfarrer brachte, und auf die er ſich berufen „wuͤrde, ihr unbewußt entlockt ſey. Ihr taͤnde „— als mit den Feinden des Fuͤrſten verbunden „— ein gleiches Schickſal bevor, und, um es ſo „muthig wie Dein edler Vater zu tragen, müßte „ſie ſeine Seelengroͤße beſitzen.“ Edwin fuͤhlte die Wahrheit ihrer Worte, aber ſie koſteten ihm ſeinen Frieden. Er kaͤmpf⸗ te und rang jetzt zwiſchen zwei Pflichten, die nicht zu vereinen waren. Es empoͤrte ihn, an — 87 einem Hofe laͤnger fort zu leben, der ihn in ſei⸗ nem Vater ſo tief gekraͤnkt hatte; er wuͤnſchte den Gebeugten in ſeine Zuruͤckgezogenheit zu be⸗ gleiten, aber Conſtanze ſtand wie ein Cherub vor ſeiner Himmelspforte; er konnte nicht hinein, ohne der heißgeliebten Gattin zu entſagen. So kaͤmpfte er Tagelang, und ſelten— denn Conſtanze war jetzt in die Reſidenz zuruͤck⸗ gekehrt— lohnte ein troͤſtendes Wort der Geliebten ihm dieſe ſtillen Opfer. Ein paar Zeilen von Conſtanzen, mit flie⸗ gender Eil geſchrieben, endeten indeß dies peinli⸗ che Schwanken, ohne ihm grade einen erfreuli⸗ cheren Ausweg zu zeigen. „Meine Mutter,“ ſo ſchrieb ſie,„will nicht, „daß ich an einem Orte mit Dir lebe. Sie fuͤrch⸗ „tet mein Herz und Deinen Ungeſtuͤm— O Ed⸗ „win! wie wenig kennt ſie Dich, dem ſie doch „in gluͤcklicheren Tagen ihr Theuerſtes anvertrau⸗ „en wollte!— Sie hat daher beſchloſſen, mich „bis zu der Zeit, wo Du den Hof verlaſſen wirſt, „auf ein entferntes Gut, unter die Obhut einer, „mir noch ganz unbekannten Tante zu ſchicken. 88 „Waͤre es nun nicht beſſer, Du kaͤmeſt durch „Deine Entfernung der Meinigen zuvor? Ich „fuͤrchte die Moͤglichkeit, uns bei meiner Ver⸗ „wandten zu ſehen, moͤchte noch ſchwerer herbei⸗ „zufuͤhren ſeyn, als hier, wo Du wenigſtens un⸗ „ter dem Vorwand kleiner Reiſen mich zuweilen „aufſuchen koͤnnteſt. Gehe alſo, mein Edwin! „wohin Dein Herz Dich ohnehin ruft, ich wer⸗ „de hier uͤber unſer Gluͤck wachen. Zweifelſt Du „an meiner Treue, ſo wiederhole Dir recht oft „meinen Namen: Conſtanze. Edwin, ſeiner Ungewißheit entriſſen, loͤſ'te nun alle Bande, die ihn bisher, wie ſchimpfliche Ketten den Freigebornen, an den Hof feſſelten, und kehrte bald darauf unter fremdem Namen in Conſtanzens Naͤhe zuruͤck. Es gelang ihm, ſie zu ſehen, zu ſprechen; aber dieſe Feſttagsaugenblicke in ſeinem Leben wa⸗ ren nicht ungetruͤbt, denn die hochgeliebte Gat⸗ tin machte ihm eine Entdeckung, die ihn wie⸗ der bitter an die ſchoͤnen Traͤume vergangner Ta⸗ — 89 ge mahnten. Wie konnte er jetzt ſo ſeelig ſeyn, wenn der Schlag, der ſein ganzes Gluͤck zer⸗ truͤmmerte, ein paar Monate ſpaͤter fiel. Sie war dann oͤffentlich ſein, die er, umnachtet von einem dunklen Geheimniß, jetzt kaum zu ſe— hen wagte, und die Hoffnung, welche ſie ihm nun zagend kund that, durfte triumphirend in ſein begluͤcktes Vaterherz einziehen. Man wurde noch nicht einig uͤber die Art, wie man dies neue Geheimniß bedecken ſollte, aber Conſtanze, jetzt weniger muthig, bedurfte oͤfter der troͤſtenden Naͤhe ihres Gatten. Dieß ließ ſie nach und nach die Vorſichtsmaaßregeln vergeſſen, welche der wachſamen Mutter allein ein ſo gefaͤhrliches Geheimniß verhuͤllen konnten, und bald entdeckte die ſtolze Frau mit Beben, was alle ihre kuͤhnen Plaͤne fuͤr die Zukunft zer⸗ truͤmmerte. Conſtanze erblaßte bei den richterlichen Fra⸗ gen der Mutter, aber in ſich ſelbſt uͤber die Rechtmaͤßigkeit ihrer Handlung beruhigt, gab ſie ihr mit beſcheidner Feſtigkeit alle die Aufſchluͤſſe, welche die gebeugte Frau nur bedurfte, um ſich 90 einige Stunden der ganzen Troſtloſigkeit eines in ſeinen liebſten Hoffnungen getaͤuſchten Gemuͤths zu uͤberlaſſen. Doch nur einige Stunden. Dann war die gewandte Hofdame mit einem Plane fertig, der die Mutter ſo ziemlich beruhigte. Sie ließ Edwin und ihre Tochter rufen, ſchloß ſich mit ihnen ein, und legte ihnen denſel⸗ ben vor. Beide konnten ihn nicht mißbilligen, ob er gleich noch auf einige Zeit ihre Vereinigung hinausſchob. „Ich muß es wohl zufrieden ſeyn“— ſagte ſie nach einigem Zoͤgern,—„daß der Betrug, „der ohne mein Wiſſen begonnen ward, jetzt „unter meinen Augen vollendet werde. Ich ver⸗ „lange alſo jetzt nichts Unmoͤgliches, nichts Wi⸗ „dernatuͤrliches von denen, welche mir den na⸗ „tuͤrlichſſen Gehorſam verſagten. Ich wuͤnſche „nur, daß meine Ehre geſchont werde.“ „Eine Reiſe in ein entferntes Bad, die mei⸗ „ne, nicht Conſtanzens Geſundheit noͤthig macht, „wird mich nach einiger Zeit veranlaſſen, auf meh⸗ „rere Wochen Urlaub zu nehmen. Ich werde mit 91 „ihr wirklich abreiſen; aber nur, um die wenige „Dienerſchaft, welche ich mitnehme, unter dem „Vorwande, mir Quartier zu machen, voranzu⸗ ſenden. In einem Landſtaͤdtchen, das ich Ih⸗ „nen, Graf Dornburg, naͤher bezeichnen werde, „treffen wir Sie.— Es faͤllt mir dort ploͤtzlich „ein, daß eine Verwandte von uns in der „Naͤhe wohnt. Ich beſchließe, ſie zu beſu⸗ „chen, aber weil meine Pferde zu ermuͤdet ſind, „mit Poſtpferden. Mein Kutſcher alſo, der Letz⸗ „te, der mich verrathen koͤnnte, bleibt bei den „Pferden, und nur Conſtanzens Kammerfrau „begleitet uns. Nachdem wir einige Poſtſtatio⸗ „nen hinter uns haben, wird Conſtanze Mada⸗ „me Oswald und Sie, der Sie unſrer Spur „treu gefolgt ſind, ihr Gatte. Unter dieſem „Namen wird ſie entbunden, waͤhrend ich ſchnell „zuruͤckeile, und meinen Leuten erzaͤhle, daß die „Verwandte Conſtanzen nicht von ſich gelaſſen „habe. Ich gehe nun wirklich in das Bad, wo⸗ „hin meine Tochter mir ſpaͤter folgt; Sie aber, „Graf! uͤbergeben das Kind der Kammerfrau, „deren Treue Sie wohl erprobt haben, und die 9²2 „zur einzigen Bedienung meiner Tochter bei „ihr bleibt. Sie wird es ſicher an den Ort brin⸗ „gen, wohin meine Vorſicht es einſtweilen ver⸗ „bergen muß, damit es unſer Geheimniß nicht „verrathe.“ Edwin ſtand wie ein drohendes Gewitter mit gefurchter Stirn bei dieſer ganzen Verhandlung. Sein grader, edler Sinn empoͤrte ſich gegen das Gewebe von Intrigue, mit dem man die recht⸗ maͤßigſte Verbindung von der Welt umſpann; aber Conſtanzens bittende Blicke ſtrebten ihn zu beruhigen. Sanft ergab ſie ſich dem Vorſchlag der Mutter, und hob dabei den einzigen Grund, warum man ſich einer ſolcher Mummerei unter⸗ werfen muͤſſe, mit beſonderem Nachdruck hervor. „Alles, was Sie uͤber uns verfuͤgen, meine „theure Mutter!“ ſagte ſie beguͤtigend,„iſt, wie „ich weiß, nur unumgaͤngliche Vorſichtsmaaßregel „gegen die Ungnade des Fuͤrſten, der wir Sie nicht „ausſetzen duͤrfen.—“ „Wenn meine Tochter von dieſer Wahrheit „durchdrungen iſt,“ erwiderte die Oberhofmeiſte⸗ rin,„ſo wird ſie ihren Gemahl zu einem eben 93 „ſo nothwendigen Opfer vermoͤgen, das ich als „Buͤßung und unerlaͤßliche Bedingung zur Ret⸗ „tung unſrer Ehre von ihm fordern muß. Ein⸗ „mal gelingt es mir vielleicht, Euer Verhaͤltniß „den Augen der Welt zu entziehen, doch die „Fortſetzung dieſer geheimen Verbindung wuͤrde „uns fruͤh oder ſpaͤt dem Spott und der Verleum⸗ „dung Preis geben. Es iſt alſo noͤthig, daß „Dornburg, durch irgend eine Reiſe von bedeu⸗ „tender Laͤnge, die Aufmerkſamkeit von ſich ab⸗ „lenkt, und es mir allein uͤberlaͤßt, die Verban⸗ „nung ſeines Vaters durch meinen Einfluß auf⸗ „zuheben.“ Dieſe Forderung war natuͤrlich und, nach den Anſichten der Mutter, auch gerecht. Den⸗ noch traf ſie das junge Paar wie ein Blitz aus heitern Hoͤhen. Conſtanze ſchmiegte ſich mit ahnendem Herz⸗ klopfen an die Bruſt des theuren Mannes, den ſie durch kein beguͤtigendes Wort zu dieſem zwei⸗ ten Opfer zu vermoͤgen wagte, und Edwin be⸗ kaͤmpfte mit allen Gruͤnden, die beleidigter Stolz und heiße Liebe fuͤr das Weib ſeiner Wahl ihm 94 eingaben, die Idee einer ſo langen Trennung. Aber Graͤfin Sternberg war weit von jener muͤt⸗ terlichen Schwaͤche entfernt, die ſich durch das Herz allein beſiegen laͤßt. In den zarteſten Be⸗ ſtandtheilen ihres Stolzes verletzt, fuͤhlte ſie we⸗ niger Erweichung bei der unbedingten Hingebung ihrer Tochter, als Begierde, ſich dieſes Vortheils zur Erreichung ihres Zweckes, der Trennung der Liebenden, zu bedienen, und obwohl es gewiß in ihrem Plan lag, durch ihren Einfluß zur Be⸗ gnadigung des Miniſters eifrig mitzuwirken, ſo ſtand doch der Entſchluß, im Fall des Nichtge⸗ lingens deſſelben, der Wiedervereinigung der Ge⸗ trennten ſo viel Hinderniſſe als moͤglich in den Weg zu legen, eben ſo feſt bei ihr. Auch Edwin befreundete ſich nach und nach mit dem Gedanken einer neuen Kunſtreiſe, die ſeinem reichen Gemuͤth die herrlichſten Quellen zu Genuͤſſen, wie er ſie auf ſeiner fruͤheren Reiſe nach Italien ſchaͤtzen gelernt hatte, er⸗ oͤfnete. Mehr den freien Regionen der Kunſt, als den politiſchen Verhaͤltniſſen ſeines Standes angehoͤrend, hatte die Liebe ihn nur gleichſam — 95 bei den Schmetterlingsfluͤgeln erhaſcht. So lange ſie ihm in dem romantiſchen Gewande einer lieb⸗ lichen Dichtung entgegentrat, gab er ſich mit in⸗ nigem Behagen dem Zauber hin, der ſein gan⸗ zes Leben, ſelbſt die Gebilde ſeiner Kunſt mit ei⸗ nem Farbenglanz uͤbergoß, welcher alle Tinten, deren er ſich bis jetzt bedient hatte, farblos ver⸗ bleichen ließ; aber als der Kerzenſchein der Con⸗ venienz mit ſeinem unechten Schimmer ſich dazu⸗ geſellte; als die Bande eines druͤckenden Geheim⸗ niſſes, von dem er nicht wußte, warum er es bewahren ſollte, da er das Gluͤck, am Hofe zu vegetiren, nicht genug wuͤrdigte, ihm den freien Sinn gewaltſam einſchnuͤrte: da wurde dieſe Liebe, in der er fruͤher geſchwelgt hatte, ihm ei⸗ ne fremde Potenz, gegen die ſein freies Urtheil; ſein kraͤftiges Wollen, ja, ich moͤchte ſagen: ſeine ganze innre Geiſtesrichtung ſich auflehnte. Ach es drang ſich ſelbſt der zartfuͤhlenden Conſtanze bald auf, daß ſeine Natur zu vollen⸗ det in ſich ſelbſt war, um die Liebe als Beſtand⸗ theil derſelben in ſich aufzunehmen. In ihm weckte ſie keine fremde Kraft; ihn bildete ſie 96 nicht um; ſie ſtand nur als laͤchelnder Genius ihm zur Seite, und beleuchtete mit ihrer wun⸗ derbaren Glorie die Bahn, welche ſein hoher Kunſtſinn ihm ſchon fruͤher vorgezeichnet hatte. Wie ſo ganz anders gehoͤrte Conſtanze ihrem Ed⸗ win! ihre helle, freudenreiche Jugend lag wie ein bedeutungsloſer Traum hinter dem einzi⸗ gen Augenblick, der ſie zu einem neuen Leben wiedergeboren. Was ſie fruͤher geweſen, gewollt und gewuͤnſcht, hatte die Leidenſchaft fuͤr den ein⸗ zigen Gegenſtand ſo rein zu Aſche verbrannt, daß ſie gelaͤchelt haben wuͤrde, wenn man ihr ein Bild jener vergangnen Tage vor die Seele geruͤckt haͤtte. Alles was ſie jetzt war, ging aus ihrer Liebe hervor, und was ſie um ihrentwillen duldete, erſchien ihr als eine ſo natuͤrliche Folge des einen Gefuͤhls, von dem ſie nicht laſſen konn⸗ te, weil es der Puls ihres Lebens war, daß man nie eine Klage uͤber ihr Mißgeſchick von ihr hoͤr⸗ te, obgleich alle Umſtaͤnde ſich vereinigten, dies allzu lebhafte Hingeben an der ungluͤcklichen Frau zu raͤchen. Die Begebenheit, auf welche die Oberhof⸗ 97 meiſterin ſich ſo ſyſtematiſch vorbereitet hatte, er⸗ folgte ganz nach den Wuͤnſchen der berechnenden Hofdame. Conſtanzens ernſtwuͤrdige Haltung, die ſie, im Bewußtſeyn ihrer rechtmaͤßigen Ver⸗ bindung mit Dornburg, bis zum letzten Augen⸗ blick beibehielt, entfernte auch den leiſeſten Ver⸗ dacht von ihr. Die einzige Mitwiſſerin des Ge⸗ heimniſſes war dieſelbe, welche fruͤher Zeugin ihrer Verbindung mit Edwin geweſen war, und allen Theilen treu ergeben. Nur ihr Gatte, deſ⸗ ſen Mannesſtolz durch alle dieſe aͤngſtlichen Vor⸗ bereitungen, die einer Verbindung mit ſeiner Fa⸗ milie unwuͤrdig waren, im Tiefinnerſten verletzt wurde, ſtand abwechſelnd durch Conſtanzens ſanft⸗ beruhigende Bitten erweicht, und durch der Mut⸗ ter beleidigendes Walten erbittert, wie ein dro⸗ hender Comet zwiſchen den Frauen, die von Mi⸗ nute zu Minute einen Ausbruch ſeines Unmuthes fuͤrchteten. Aber Edwin ſchwieg, trotz aller dro⸗ henden Wolken, die ſein ſonſt ſo heitres Auge verfinſterten, denn in ſeinem Innerſten hatte ſich ein feſter Entſchluß gebildet, zu deſſen Aus⸗ fuͤhrung er alles ſtill vorbereitete. 8r Theik. 7 98— Conſtanze wurde Mutter! Ein ſchoͤner Kna⸗ be erfuͤllte durch ſein Geſchlecht auch noch den letzten Wunſch des tieferſchuͤtterten Vaters. „So hat ihn mir die Natur allein gegeben,“ ſprach Edwin leiſe, als er das Kind ſeegnend in ſeine Arme ſchloß, und leicht war die Kammer⸗ frau dahin zu bringen, Conſtanzen, die ſehr krank war, das theure Kind wenigſtens noch ſo lange zu laſſen, bis die dazu beſtellte Amme, welche erſt benachrichtigt werden mußte, ſelbſt ankam, es zu holen. Nachmittag, als ein ſanfter Schlummer die muͤden Augen der Woͤchnerin bedeckte, entfernte Edwin auch die Kammerfrau, mit der Bitte, ſich die kurze Zeit der, ihr ſo nothwendigen Ruhe zu uͤberlaſſen. Waͤhrend dieſes Alleinſeyns wur⸗ de der Austauſch vorgenommen, den er laͤngſt ſchon feſt beſchloſſen hatte. Eine in dem Staͤdt⸗ chen als hoͤchſt rechtlich bekannte Buͤrgersfrau, ließ ſich willig finden, die Pflege des neugebor⸗ nen Kindes zu uͤbernehmen, und brachte, um den bluͤhenden, lebensvollen Liebling zu erſetzen, ein, im Krankenhosvital verſchiednes, geſtern erſt 99 gebornes Kind mit. Schnell und leicht wurde die Umkleidung vollbracht, und kaum war die Frau mit dem Kleinen fort, ſo trat Edwin ſchein⸗ bar beſtuͤrzt vor das Bett der Kammerfrau, mit der Nachricht, daß das Kind, waͤhrend eines(wie es ſchien) ruhigen Schlummers, ploͤtzlich geſtor⸗ ben ſei. Was er gefuͤrchtet hatte, geſchahe. Die Kam⸗ merfrau ließ ſich ſchwer taͤuſchen, ſie unterſuchte und pruͤfte genau, bemerkte die Unaͤhnlichkeit der kleinen Leiche mit dem koͤrperlich ſo wohlgebilde⸗ ten und kraͤftigen Sohn der Graͤfin, und haͤtte ihre Unterſuchungen gewiß noch weiter fortge⸗ ſetzt, wenn nicht Dornburgs feſte Erklaͤrung: das Kind ſolle und muͤſſe fuͤr ſeine Gemahlin und Schwiegermutter todt ſeyn, begleitet von einem ſehr reichen Geſchenk, das ihre Zukunft ſicherte, ihr Schweigen aufgelegt haͤtte. Conſtanze ertrug ſtillgefaßt die ihr nach und nach beigebrachte Todesnachricht, denn auch ſie hatte, nicht ohne geheime Beſorgniß um die ge⸗ ringere Pflege des kleinen Neugebornen, das Schick⸗ ſal des geliebten Kindes in die Haͤnde der ſtolzen * 7 100— Mutter gelegt, und nur der Wunſch, ſie, die durch ihre Fuͤrſprache allein etwas fuͤr die Familie ihres Gatten thun konnte, zu ſchonen, bewahrte ſie bisher vor jedem Wiederruf des gegebenen Verſprechens. Nun war er ja geborgen, der theure Erſtge⸗ borne ihrer thraͤnenvollen Ehe, und nichts hin⸗ derte ſie in tiefer Einſamkeit, zwar entfernt von dem Gegenſtand ihrer zaͤrtlichſten Neigung, doch nur ihm geweiht, einer guͤnſtigeren Zukunft ent⸗ gegen zu harren. Bald nach ihrer Geneſung begab ſich Con⸗ ſtanze, der Verabredung gemaͤß, in das Bad zu ihrer Mutter, und Edwin verließ, grollend mit ſeinem Schickſal, der Gattin zuͤrnend, die ſeine wiederholten Bitten, die Ketten der mütterlichen Deſpotie endlich zu zerreißen, und ihm auf die Guͤter, in die Arme ſeiner theuren Eltern zu fol⸗ gen, zum zweitenmal heldenmuͤthig widerſtanden hatte, ſein Vaterland, nachdem er die gemeſſen⸗ ſten Befehle fuͤr die Verpflegung ſeines kleinen Magnus hinterließ, fuͤr deſſen weitere Erziehung er ſich einen ſchoͤnen Plan entwarf. 104 Da, wo die erſte Ahnung eines hoͤheren Seelenlebens in weiſe beſchraͤnkten Verhaͤltniſſen ihm aufgegangen war; wo das Engelsgluͤck einer herrlichen Kuͤnſtler⸗Familie ihm den Reiz ſtill haͤuslichen Wirkens recht anſchaulich machte: da ſollte ohne Kenntniß eines Standes, der ihn vor dem herben Schickſal, als Fuͤndling, fremder Pfle⸗ ge anheim zu fallen, doch nicht bewahren konn⸗ te, rein menſchlich, zum Menſchen erzogen wer⸗ den. Olimpia und Euphraſia ſollten ſeine erſten Schritte leiten, und Appelles ihn in das ſchoͤne, ſtille Reich der Kunſt einfuͤhren; ſo war es in Edwins Gemuͤth zum Beſchluß geworden, und ſo ſollte es ſelbſt durchgefuͤhrt werden, wenn ſei⸗ ne Verbindung mit Conſtanzen oͤffentlich erklaͤrt wuͤrde. Magnus wird nun ahnen, warum Edwin ſich ſpaͤter ſo ſchwer von einem Geheimniß tren⸗ nen konnte, deſſen Entdeckung vielleicht das Scheitern ſeines ſchoͤnen Entwurf's herbeigefuͤhrt haͤtte. Conſtanze, deren feſte Haltung zwiſchen Mutter und Gatten, Edwin's Mißtrauen in ih⸗ te volle, ungetheilte Zuneigung erregte, konnte 102 durch die zaͤrtlichſten Briefe, durch die genauſte Schilderung ihres einſamen, nur ihm allein ge⸗ weihten Lebens bei einer bejahrten Tante, zu der ſie ſich, trotz der Mutter Gebot, gleich nach ihrer Ruͤckkehr aus dem Bade begeben hatte, doch den Saamen des Zweifels nicht aus ſeinem Herzen bannen. Er liebte ſie graͤnzenlos; aber er, dem der Hof nicht Element war, theilte ihre Anſich⸗ ten nicht. Er ſetzte, bei der Sorge fuͤr der Mut⸗ ter Wohl, eigne Anhaͤnglichkeit an die Freuden der Welt voraus, und glaubte der Frau, welche erſt ſeinen kuͤhnſten Wuͤnſchen zuvorgekommen war, und ſich dann ſeinen gerechteſten Forderun⸗ gen widerſetzte, keine vollkommne, ungetheilte Herrſchaft in ſeinem Herzen einraͤumen zu duͤr⸗ fen. Das Bild der hingebenden, alles opfernden Liebe war aus ſeiner Erinnerung gewichen, und das der Verſagenden, die Klugheit allein zu Ra⸗ the Ziehenden war geblieben. Mit dieſem wunden, unbefriedigten Herzen, trat er in den gehaltvollen, ſtill beſeeligten Kreis der Kuͤnſtlerfamilie. Hier, wo ein Kind nur noch zur Verſchoͤnerung und Erhebung des ge⸗ — 103 meinſchaftlichen Lebensprinzips gefehlt hatte, brei⸗ teten ſich alle Arme dem Sohn des einſamen verbannten Edwin entgegen, und— was noch ſchlimmer war— die einfachen, edlen Menſchen druͤckten durch ihr Erſtaunen und ihre uͤbel ver⸗ borgne Mißbilligung des ganzen Verhaͤltniſſes ih⸗ res Freundes zur Familie der Oberhofmeiſterin, einen Stachel mehr in ſein zerrißnes Herz. Er ſah jetzt nicht bloß Euphraſias Kunſtleiſtungen, ſondern auch ihre zaͤrtliche, hingebende Liebe ge⸗ gen ihren Gatten; er ſah Olimpia's zarte Be⸗ ruͤckſichtigung der Lieblingsneigungen ihres Schwie⸗ gerſohnes, und der Gedanke: So ſollte auch dein Verhaͤltniß geſtaltet ſeyn! ſo koͤnnte es ſelbſt jetzt noch ſich bilden, wenn Conſtanze einfacher, zaͤrtlicher und weniger ſtolz waͤre, peinigte ihn, ſo oft er ſich ihm entwand, immer auf's Neue wieder. Er mußte endlich fort, ſeinem Appelles nach, der, noch in Rom verweilend, und von des Freundes Schickſal genau unterrichtet, ihn ſehn⸗ ſuchtsvoll erwartete. Als die beiden Herzenver⸗ bundnen ſich nun wieder begruͤßten, und Edwin 104 des langen ſchmerzlichen Traumes gedachte, den er waͤhrend ſeiner Trennung von dem Jugend⸗ freunde gehabt hatte, da gemahnte es ihn, als ſolle er die dunklen Fittige, die ſein Erwachen ſelbſt noch verſchleierten, abwerfen, und, der al⸗ ten, traulichen Gegenwart gehoͤrend, nichts lieben als die Kunſt und ſeinen Freund. Aber auch dieſer hatte unterdeß gelebt und geliebt. Die ſchoͤne Tochter eines reichen und geſchaͤtzten Bildhauers feſſelte ihm mit Zauber⸗ ketten an Rom. Sie hatte, ſo weit die aͤngſtli⸗ che Wachſamkeit ihrer Eltern es erlaubte, ihm einige Zeichen der Neigung gegeben; allein die ſeltſame Grille des Vaters, ſeine Tochter nur an einen Italiener und Bildhauer zu verheirathen, zerſtoͤrte alle ſeine Hoffnungen, denn Appelles gehoͤrte ſeiner Kunſt mit ganzer Seele an, und wuͤrde ſein Vaterland am Rhein, trotz aller Be⸗ geiſterung, welche er fuͤr die geheiligten Ufer der Tiber empfand, doch nie mit jenen vertauſcht haben. Edwin's Ankunft loͤſte den ſtillen Gram, dem er ſich faſt muthlos hingegeben, in vertrau⸗ 105 ensvolles Hoffen auf. Sein Talent fuͤr die Sculptur mußte ihm Eingang in dem Hauſe des Vaters ſeiner Geliebten ſchaffen, und ſeine Ueberredungskraft Fiorinen fuͤr ihn gewinnen. So hoffte er; allein der Plan war zu kuͤhn, und nicht auf die Verſchiedenheit ihrer Verhaͤlt⸗ niſſe berechnet. Graf Dornburg war nicht mehr der freie, gluͤckliche Edwin, der in leichtem Ju⸗ genduͤbermuth alles thun zu duͤrfen glaubte, was der innre Richter in der froͤhlichen Juͤnglings⸗ bruſt nicht verdammte; er war auch nicht mehr ſo unbeobachtet als ſonſt. Conſtanzens Mutter hatte, wie es ſchien, ſeine Leute in Eid und Pflicht genommen, denn uͤberall fand er ſich von Aufpaſſern umſtellt, die vielleicht nur dazu beru⸗ fen waren, ſeine ſchuldloſeſten Handlungen zu mißdeuten. Wie damals, als er noch ſorg⸗ und arglos die Welt durchzog, hob die Begeiſterung fuͤr die Kunſt ihre maͤchtige Schwingen in ihm; aber ſein Stand und das Bewußtſeyn nichts un⸗ bemerkt thun zu koͤnnen, druͤckten ſie gewaltſam darnieder. Wie eine Mumie in die engen Huͤl⸗ len der Convenienz eingeſchnuͤrt, warf er die 106 Blicke voll Sehnſucht auf ſeinen gluͤcklichen Freund, der, auf der ſelbſt gewaͤhlten Bahn ruͤ⸗ ſtig weiter fortſchreitend, Edwin's tauſend Be⸗ ruͤckſichtigungen unglaͤubig belaͤchelte, und von ſeinen Hoffnungen auf deſſen Mitwirkung eben ſo wenig ließ, als dieſer ſelbſt ſie in ihm zu naͤh⸗ ren wagte. Wie damals wollte Edwin, um ſei⸗ nem unbefriedigten Daſeyn Gehalt zu geben, in die Werkſtaͤtte der Künſtler dringen, und unter ihren Augen ſein Talent vervollkommnen; aber wo er zu lernen kam, buͤckte man ſich vor ihm und wo er endlich einen Meiſter fand, der ſtol⸗ zer auf den Stammbaum eines beruͤhmten Kuͤnſt⸗ lernamens, als auf die Pergamente der Reichs⸗ ritterſchaft blickte, da trat ihm eine ſchoͤne Toch⸗ ter als ſtoͤrendes Hinderniß entgegen, denn was wuͤrden die Spione ſeiner Schwiegermutter alles nach Hauſe geſchrieben haben, wenn er zu gan⸗ zen Tagen die gefaͤhrlichen Mauern nicht verlaſſen haͤtte? Man fuͤge nun noch hinzu, daß Graf Dornburg ſich nie ſo ganz des Umgang's mit Reiſenden ſeines Standes entſchlagen konnte, und er dabei mit ſeiner ſonderbaren Neigung fuͤr ** — 107 die praktiſche Ausuͤbung einer Kunſt, deren Er⸗ zeugniſſe man im Vatican mit erkuͤnſtelter oder wirklicher Begeiſterung bewunderte, in die aber keine ungeweihte Hand hineinpfuſchert, wie in die Malerei, oft grell genug anſtieß.— Kurz, je heller alle dieſe Mißverhaͤltniſſe von ihm be⸗ leuchtet wurden, je lauter mahnte eine geheime Stimme der Sehnſucht ihn an jenes wohlthaͤti⸗ ge Dunkel, das, grade hier in einem Staate, der alle politiſche Wichtigkeit verloren, und ſich nur ein ewiges Reich des Schoͤnen, dem alle Zei⸗ ten huldigten, geſichert hatte, ihm unentbehrlich fuͤr ſeine Neigung erſchien. Aber wie— ohne Conſtanzen zu verlieren, ohne ſie in das Geheimniß zu ziehen— ſollte er einen Stand von ſich werfen und einen Namen, an den bisher alle Nachrichten aus der theuren Heimath gerichtet waren? Conſtanzens Briefe, die, ſeiner geliebten Eltern— ach konnte er le⸗ ben, und auf ſie Verzicht leiſten? Aber das Schickſal, in geheimem Etdesſtänd⸗ niß mit dem Beduͤrfniß ſeines, nach Vollendung ringenden Talentes, uͤbernahm, wie ſo oft in 108 Edwin's Lebensdrama, eine Rolle. Es warf ihn eigenmaͤchtig aus dem glaͤnzenden Kerker hoͤherer Weltſitte, in das wogende Meer der, ſo oft von ihm beneideten Volksklaſſe. Er handelte ſchon ſeit einigen Tagen um ein herrliches Original von Raphael, das ihm nie⸗ mand als der junge Herzog von Villa Campa ſtreitig machte, der, ohne innern Kunſtſinn, doch ſeine, von einem kunſtliebenden Vater vortrefflich ausgeſchmuͤckte Bildergallerie damit zu bereichern ſtrebte. Erſt hatte der Anblick des Gemaͤldes nur unbeſtimmte Wuͤnſche in ihm erregt; doch als er den Grafen Dornburg darum handeln ſah, ver⸗ droß es ihn, daß man gleichſam unter ſeinen Au⸗ gen es wagte, des Vaterlandes Schoͤnen ſeine oh⸗ nedieß ſchon verringerten Kunſtſchaͤtze immer mehr zu berauben, und er ſteigerte, mit Hitze ſich ſelbſt uͤberbietend, den Preis des Bildes ſo ungeheuer, daß Edwin, ſeine Abſicht bemerkend, und von ei⸗ ner geheimen Schadenfreude geſtachelt, alles an⸗ wendete, ſich das Privatintereſſe des Beſitzers zu erwerben, welches ihm auch in ſolchem Grade ge⸗ lang, daß jener ihm das Meiſterwerk endlich auf 109 beſondern Contrakt, in Ruͤckſicht ſeines hervor⸗ ſtechenden Kunſtenthuſiasmus, um einen bedeu⸗ tend geringeren Preis uͤberließ. Die Umſtaͤnde, welche dieſen Kauf begleite⸗ ten, konnten nicht lange geheim bleiben, und der Herzog beſchloß knirſchend vor Wuth, den tuͤcki⸗ ſchen Streich an dem verhaßten Deutſchen zu raͤ⸗ chen. Leicht waͤre es ihm geweſen, den Dolch ei⸗ nes Banditen fuͤr den Ahnungsloſen zu dingen, aber es ſchmeichelte ſeiner Rache, ihn wiſſen zu laſſen, von wem und wofuͤr er geſtraft werden ſollte, und ſo waͤhlte er das, bei ſeiner koͤrperli⸗ chen Gewandheit nicht minder ſichre Mittel eines Zweikampfs, lauerte dem Grafen in einem bluͤ⸗ henden Orangenwaͤldchen, in das er ſich oft ge⸗ gen die Glut des Tages fluͤchtete, auf, und for⸗ derte den Unvorbereiteten, der kaum Zeit ge⸗ wann, ſich gegen die Allgewalt ſeiner Waffen zu vertheidigen. Gereizt durch die Tuͤcke ſeines Anfall's widerſtand Edwin der Einladung keinen Augenblick, erlag aber ſeiner Gewandheit beinahe eben ſo ſchnell, da weder die Waffen noch das 110⁰ Fechtertalent des Angegriffnen, den Seinigen an⸗ gemeſſen waren.— Im Blute ſchwimmend, dem gewiſſen Tode anheim gefallen, verließ ihn der Herzog, und mit ihm auf mehrere Tage der letzte Funken einer Beſinnung, zu der er nur durch die Bemuͤhun⸗ gen eines Wundarztes und die ſorgſame Huͤlfs⸗ leiſtung einer armen alten Bettlerin momentan zuruͤckkehrte. In einem ſolchen Augenblick heftete er ſeine erloſchnen Augen mit einer Art von Wohlbeha⸗ gen auf die gutmuͤthigen Zuͤge des Mannes, von deſſen Eifer er zwar keine Rettung, aber doch die Erfuͤllung ſeines heißeſten Wunſches, ſeiner Conſtanze, noch ſterbend, Kunde von ſich zu ge⸗ ben, hoffte. Mit ſchwacher Stimme frug er, ob ſeine Wunde toͤdtlich ſei, und als der Wund⸗ arzt mit truͤbem Blick das Haupt zu Boden ſenk⸗ te, bat er um Bleiſtift und Papier, ſchrieb darauf mit zitternder Hand einige Worte, welche ein ernſter Ruͤckblick auf ſeinen vergeblichen Kampf gegen das Schickſal ihm eingab, huͤllte den Ring, den er einſt in ſuͤßem Wahn unwandelbaren — 111 Gluͤcks, aus Conſtanzens Haͤnden vor dem Trau⸗ altar empfing, hinein, und beſchwor den theil⸗ nehmenden Arzt bei allem was ihm werth und heilig ſei, dies Paͤktchen, ſobald er todt ſei, an die Adreſſe zu ſenden. Dieſer verſprach es, ge⸗ ruͤhrt von der ſichtlichen Todesgefahr ſeines Kran⸗ ken, und verließ ihn mit einem ewigen Lebewohl, denn jeden Rettungsverſuch ſchien die Todesſchwaͤ⸗ che des Schwerverwundeten unmoͤglich zu machen. Wirklich verſank Edwin auch bald in eine neue Betaͤubung, waͤhrend welcher er nur ſich ſelbſt unbewußt noch Zeichen eines Lebens gab, das die wohlthaͤtige Hand ſeiner duͤrftigen Pfle⸗ gerin durch heilſame Kraͤuter, mit welchen ſie ſeine Wunde verband, zu friſten ſtrebte. Was ihre ſeltſame Theilnahme an einem Un⸗ bekannten ſie ſo heiß wuͤnſchen ließ, gelang wirk⸗ lich wider alle Erwartung, unterſtuͤtzt von der noch ungeſchwaͤchten Jugendkraft des Kranken. Er genaß langſam, aber nur das Vermiſſen ſeines Trauringes konnte ihm eine Handlung in ſein Gedaͤchtniß zuruͤckrufen, welche die einzige Beſonnene in ſeinem ganzen wirren Traumleben 112— geweſen war. Wer ſchildert ſeine Betroffenheit und ſeinen Schmerz, als eine kurze Erzaͤhlung Jalanthens(ſo hieß ſeine Pflegerin) ihm eine ſonderbare Intrigue entdeckte, deren Spiel er waͤhrend ſeiner Bewußtloſigkeit geweſen war? Die ſeltſame Alte, zu ſehr Italienerin, um nicht die aufgeregte Rachſucht eines maͤchtigen und reichen Herzogs fuͤr ihren armen Verfolgten ſelbſt dann noch zu fuͤrchten, wenn ſein Leben kaum deſſen moͤrderiſchem Stahl entronnen war, hatte bald nach des Wundarztes Entfernung fuͤr gut gefunden, ihm die Nachricht des Todes ſei⸗ nes Patienten zu bringen, worauf dieſer nicht ſaͤumte, das ihm anvertraute Liebespfand nach Deutſchland abzuſenden, wodurch er, wie Ja⸗ lanthe glaubte, ihrem Schuͤtzling den wichtigſten Dienſt leiſtete, den er nur von einem ganz Un⸗ bekannten hoffen konnte. Umſonſt verſuchte es Edwin, in ſeiner er⸗ ſten Beſtuͤrzung ihr begreiflich zu machen, daß ſie mit dieſer einzigen unbedachtſamen Handlung ihn unſaͤglich elend gemacht, von Gattin und El⸗ tern auf immer geſchieden und zu einem einſa⸗ — 113 men duͤrftigen Leben verdammt hatte. Nichts wollte ihr einleuchten! Der Herzog— ſo erklaͤrte ſie ihm— habe ſelbſt in einem Anfall von großmuͤthiger Regung ſeinen Wundarzt zu ihm geſendet— vielleicht auch nur um ſich ſeines Todes gewiß zu verſi⸗ chern. Nur durch dieſe kleine Abweichung von der Wahrheit ſei alſo das Leben des Kranken vor deſſen Nachſtellungen bewahrt, und wenn ſeine Gattin ihn wirklich liebe: ſo wuͤrde die ungehoff⸗ te Wiederkehr des Todtgeglaubten ſie um ſo nest begluͤcken. Edwin ſchwieg, denn dieſer armſeelige Troſt hatte ihm ein Eden von ungeahneten Genuͤſſen eroͤffnet. Aber dennoch ſchauderte er vor dem Gefühl ſeines eignen Lebens wie vor einer Gei⸗ ſtererſcheinung zuruͤck. Er nannte nichts mehr ſein. Das Weib ſeines Herzens; der theuren Eltern liebender Antheil; das Beſitzthum, welches ihm bisher Unabhaͤngigkeit ſicherte, und ſelbſt der Rang, auf den er noch vor Kurzem ſo wenig Werth legte: alles riß ein Augenblick von ſeinem todtwunden Herzen, und er ſtand aͤrmer, als der 3r Theil. 8 Aermſte unter den Lebenden, ſich ſelbſt erſtorben auf der ſchoͤnen Erde, von der kein Sandkorn ihm mehr gehoͤrte.— Aber den Freund! ſeinen Appelles hatte die Todesbothſchaft vielleicht noch nicht erreicht? ihn durfte er ſehen, ihm ſich vertrauen, und kaum hatte Jalanthe eine fluͤchtige Bezeichnung ſeiner Wohnung von ihm erhalten, als ſie auch ſchon in gutmuͤthiger Geſchaͤftigkeit, die gern wieder ver⸗ beſſert, was ſie fruͤher verdarb, zu ihm eilte, und den Treuen, bei der Freudenbothſchaft Hochauf⸗ jauchzenden, in Edwin's Arme fuͤhrte. Der Kranke lag an der Bruſt des Freun⸗ des, hoͤrte von dieſem, daß ſein Diener bereits mit ſeinem Koffer, und allem, was er beſaß, da⸗ von gereiſt war, und wurde von demſelben, der ſeine Lage gar nicht troſtlos, ſondern im Gegen⸗ theil recht genialiſch verwandelt fand, an ſeinen — oft geaͤußerten Wunſch: einige Jahre ganz harmlos der Kunſt weihen zu duͤrfen, erinnert. Edwin mußte es ſelbſt belaͤcheln, wie ſinnreich der Liebende ſein Herzensintereſſe mit dem der Freund⸗ ſchaft zu verbinden wußte; aber ſo verarmt als * —— —— 115 er in dieſem fremden Lande war, blieb ihm faſt keine andere Wahl, da ſein, der Oberhofmeiſte⸗ rin geleiſtetes Verſprechen ihm jeden perſoͤnlichen Widerruf der, ſchon im Kreiſe der Seinen, an⸗ gelangten Todesnachricht unmoͤglich machte, und ein Schriftlicher ihm nur die alten Feſſeln ange⸗ legt haͤtte, ohne ihn dem endlichen Beſitz der ge⸗ liebten Gattin darum naͤher zu ruͤcken. Es blieb alſo beſchloſſen, die Wunde, welche ſein Tod den Herzen ſeiner Lieben geſchlagen hatte, ausbluten zu laſſen, und erſt dann wieder in ihrer Mitte als Wiedererſtandner zu erſcheinen, wenn viel⸗ leicht guͤnſtigere Umſtaͤnde eine Umwaͤlzung der Meinungen oder der Verhaͤltniſſe herbeigefuͤhrt haͤtten. So ſchied er denn, nachdem ſeine Wunden geheilt waren, aus der armſeeligen Wohnung der guten Jalanthe, deren freundlich ſorgſamer Pfle⸗ ge er ein neues Daſeyn verdankte, und ließ ſich von Appelles unter dem einfachen Namen: Ed⸗ wino, zu dem Vater ſeiner Fioriva fuͤhren. Die Beweiſe ſeines Bildnertalentes, welche er bald ablegte, machten den enthuſiaſtiſchen 8 K 116 Kuͤnſtler zu ſeinem waͤrmſten Freunde, und das erſte, ſelbſt begonnene und vollendete Werk dieſer Art wurde ihm, wie er es erwartete, mit dem erwuͤnſchten Antrag, ſein Schwiegerſohn zu wer⸗ den, belohnt. Es war eine Bellona, welche der erſten ent⸗ zuͤckenden Erſcheinung ſeiner Conſtanze ſo voll⸗ kommen glich, daß er einen Treubruch zu begehen glaubte, wenn er ihr theures Bild einem Kaͤufer verabfolgen ließ. Sie gruͤndete indeß ſeinen Ruf, denn als dieſelben Engelszuͤge ſich bald in einem Madonnenkopf, bald in einer Magdalene, in der Venus wie in der Juͤngſten der Grazien wieder⸗ holten, wurden ſie bald ein Mittel, Edwin's Ar⸗ beiten von denen ſeines Meiſters zu unterſchei⸗ den, und nur der Begeiſterung fuͤr immer neue Geſtaltung des, in ſeiner Seele taͤglich mit neuen Reizen auftauchenden Bildes verdankte er jenes ſchnelle Hinaufſchwingen uͤber die Graͤnzen, wel⸗ che die Kunſt ſeinem Meiſter ſogar geſteckt hatte. Daß er die Gunſt, mit welcher dieſer ihn ſchon bei ſeiner erſten Arbeit beſchenkte, zum — 117 Vortheil ſeines Freundes benutße, bedarf wohl keiner Erwaͤhnung. Ficoorina war liebenswuͤrdig und weiblich zart, Appelles, durch Edwino oͤfter in das Haus gezo⸗ gen, wurde ihr immer theurer, und der Vater, ein wenig gereizt durch des letzteren Erklaͤrung: daß eine fruͤhere Wahl ihn des, ihm dargebotnen Gluͤckes unwuͤrdig mache, warf nun von ſelbſt den Blick auf den jungen Maler, der wenigſtens das Verdienſt vor Jenem voraus hatte, den Werth einer Verbindung mit ſeinem Hauſe uͤber alles zu ſchaͤtzen.—— Kurz! die Traktaten ka⸗ men zu Stande. Appelles verſprach, ſo lange der Vater lebte, Fiorinen nicht aus Rom zu fuͤhren, und dieſer entſagte der Grille, nur einem Kunſt⸗ genoſſen ſeine Tochter geben zu wollen. Edwino verließ den Tag nach der Vereini⸗ gung der beiden Liebenden das Haus des Mei⸗ ſters, und arbeitete nun mit reich belohntem Fleiß fuͤr ſein eignes Intereſſe. Aus der Heimath war ihm in dieſer Zeit nur ſelten Kunde geworden, doch die Eine, wel⸗ che er erhielt, beruhigte und troͤſtete ihn. Con⸗ 118— ſtanze war ſeit Jahren nicht mehr in der Reſi⸗ denz erſchienen, ſie weihte ihre ganze Sorgfalt und treuen Pflege einer alternden Tante, die ih⸗ rer nicht mehr entbehren konnte. Dieß war genug, um Edwino's Gemuͤth mit einer ſtillen Begeiſterung fuͤr ſeinen geheimen Zweck: die Ruͤckkehr zu der ſo edel um ihn Trauernden, zu erfuͤllen. Von nun an wollte er nichts mehr hoͤren, da er wohl wußte, wie das jetzige Verhaͤltniß, unter welchem er den wenigen Reiſenden aus ſeiner Gegend entgegen trat, ihm nicht erlaubte, auf wahrhafte und ausfuͤhrliche Nachrichten zu dringen, und Oberflaͤchliche oder Entſtellte ihn leicht in ſeinen Anſichten verwirren und ihm die beſte Kraft zum Handeln laͤhmen konnten. Aber mit Jalanthen,(die ſeit ſeiner wieder⸗ erlangten Unabhaͤngigkeit, als Haushaͤlterin bei ihm lebte,) zaͤhlte er oft den kleinen Schatz, wel⸗ chen ſein Fleiß aufgehaͤuft hatte, mit leuchtenden Augen durch, denn jetzt, nach vierjaͤhriger Ent⸗ fernung von Conſtanzen, von ſeinem Magnus und den theuren Eltern, wollte ſeine Sehnſucht — 119 kein Ziel mehr finden auf der, ſeit drei Jahren betretnen Kuͤnſtlerbahn. Nach dem geliebten Va⸗ terland, zu Gattin, Sohn und Eltern zog es ihn unaufhaltſam hin, und feſt entſchloſſen, wenn Conſtanzens Mutter ihm neue Hinderniſſe entgegenſetzte, ſeine Rechte als Gatte vor dem Fuͤrſten geltend zu machen, trat er endlich, mit dem ſuͤßen Kinderglauben an ein fortwaͤhrendes Beſtehen der alten Verhaͤltniſſe, ſeine Ruͤckreiſe an. Er war ein Thor! denn ſelbſt in dem vaͤ⸗ terlichen Hauſe war die Wunde vernarbt, und ſein zum bluͤhenden Juͤngling gereifter Bruder erfuͤllte alle die ſchoͤnen Hoffnungen, welche ein ungluͤckliches Geſchick in ihm zerſtoͤrte. Conſtan⸗ ze aber— ach er hatte ſie ſich ſelbſt verloren! ein ſtrafbares Vertrauen nicht allein in ihr Herz, ſondern auch in die, ſie leitenden Umſtaͤnde, ver⸗ blendeten ihn, ſo lange die Kunſt ihm noch, wie eine ſproͤde Geliebte, ihre ſuͤßeſten Geheimniſſe zuruͤckhielt, und nun er geſaͤttigt und befriedigt zu dem hoͤheren Beſitzthum zuruͤckkehrte, das er unbewacht und ſchutzlos der Willkuͤhr fremder Maͤchte anheim ſtellte, nun war er wenigſtens 120 gerecht genug, den Verluſt an ſich ſelbſt zu raͤ⸗ chen. 3 Nicht getheilt zwiſchen Mutter und Gatten, wie Edwin es damals in ſeiner Unzufriedenheit waͤhnte, ſondern nur zwiſchen Kindespflicht und dem, ihrem Geſchick abgezwungnen Gemahl, glich das treue Herz der ungluͤcklichen Frau ei⸗ nem wogenden Meere, das, von Felſen zuruͤckge⸗ worfen, in raſtloſem Kampf mit ſich ſelbſt, nim⸗ mer zur ſpiegelhellen Flaͤche ſich glaͤttet. Sie lebte jetzt ſo entfernt von der Welt, daß die Oberhofmeiſterin, welche ihr ganz ange⸗ hoͤrte, ſelten Zeit gewinnen konnte, ſie in ihrer Einſamkeit aufzuſuchen; auch war Conſtanzens zweifelhaftes Loos wenig geeignet, der Mutter In⸗ tereſſe zu erregen. Abſicht und Plan ſcheiterten an der geſchloßnen Verbindung ihrer Tochter, und die fruͤher gehegte Hoffnung, die Dornburgſche Familie wieder bei dem Fuͤrſten in Gnaden zu ſetzen, ſchwand bei einem Blick auf die beſtehen⸗ den Verhaͤltniſſe, wie ein Phantom. Nicht ihre offenbaren Feinde ſtanden jetzt am Ruder des Staates, ſondern ein ernſter, gediege⸗ 121 ner Geſchaͤftsmann, der dem Erbprinzen ſchon werth, in dieſer Zeit der niedrigſten Kabale ſich ziemlich unſeitig zu erhalten wußte, und nicht eher die allerhoͤchſte Aufmerkſamkeit zu feſſeln ſuchte, bis das Feld rein, und der Sieg ohne Blutvergießen zu erringen war. Der Fuͤrſt haßte den gewoͤhnlichen Gang der Dinge, und that am ungernſten, was man von ihm erwartete. Dornburg hinderte den ra⸗ ſchen Fortgang ſeines Regierungsgeſchaͤftes, darum mußte er fallen; aber die, welche ſeinen Sturz herbeifuͤhrten, hofften ſich auf den Truͤmmern ſeines Gluͤcks zu erheben, dieß mußte ihnen nicht gelingen, wenn der Fuͤrſt anders den Verdacht von ſich abwenden wollte: er ſei das Spiel ſei⸗ ner Guͤnſtlinge geweſen. So fiel denn ſein Au⸗ ge durch eine ſehr natuͤrliche Richtung auf den damaligen Praͤſidenten von Malthen, deſſen aner⸗ kanntes Verdienſt, verbunden mit mehr Gewand⸗ heit, ſich jeder beſtehenden Form anzuſchmiegen, einen wuͤrdigen Nachfolger des geachteten Dorn⸗ burg, und ein leichter zu handhabendes Werkzeug in den Haͤnden des Miniſters hoffen ließ. 122— Der neue Stern ging auf, und an der rei⸗ nen Klarheit ſeines Lichtes ſah man wohl, daß er nicht ſobald verloͤſchen wuͤrde. Geſchwind draͤngten ſich eine Menge kleiner Geſtirne um ihn her, denen er wohlthaͤtig ſeinen Schimmer lieh. Nur die Oberhofmeiſterin, deren Haus mit der Einzigen verloſch, die ihre Hand an einen Verbannten verſchwendet hatte, blickte mit innrer Troſtloſigkeit auf das ſchnelle Emporſteigen des Guͤnſtlings. Auch Malthen hatte einen hoffnungsvollen Sohn; auch er wuͤrde eine Verbindung mit dem einzigen Sproͤßling der reichen und geachteten Fa⸗ milie Sternberg fuͤr ein Gluͤck gehalten haben; er ſchien ſich ſogar mit bedeutenden Winken deß⸗ wegen der Oberhofmeiſterin zu naͤhern, und— dieſe mußte ſich zuruͤckziehen, ihre Tochter vom Hofe entfernt halten, und auf immer einer Aus⸗ ſicht entſagen, die ihrem geiſtigen Auge, ſo lange ſie Mutter war, ſtets als die Lachendſte erſchien. Wer wollte ihren Unmuth deßwegen tadeln, und wer ſie verdammen, daß ein Ereigniß, wel⸗ ches Conſtanzen der Verzweiflung hingab, ſie in eine Art von Freudentaumel verſetzte? Bis jetzt hatten die Briefe Edwin's immer wie freundliche Sonnenblicke in das truͤbe ver⸗ dunkelte Daſeyn Conſtanzens geleuchtet. Sie lebte nur in ihnen, maaß nach ihrer Waͤrme den Grad ihrer eignen Herzenstemperatur, und vege⸗ tirte, die wenigen Tage, welche ihr Kunde aus der Ferne brachten, ausgenommen, ſtill ergeben an der Seite ihrer Tante hin. Da brach auf einmal ganz unvorbereitet, wie in dunkler Nacht, die Flamme einer verzaͤhrenden Feuersbrunſt, die Schreckensbotſchaft uͤber ihr ohnedieß veroͤdetes Daſeyn herein. Ein Brief von Edwin's Wund⸗ arzt, Ring und Schrift des geliebten Gatten ent⸗ haltend, benachrichtigten ſie zwar gutmuͤthig ſcho⸗ nend, aber nicht minder vernichtend, von dem Ereigniß, das ihrem Gemahl das Leben gekoſtet. Conſtanzens Beſinnung ſchwand, ihre Tan⸗ te, laͤngſt die Vertraute ihres dunklen Geſchicks, hielt mit der Kraft ihrer großen Seele das erſtor⸗ bene Leben der darnieder geſchmetterten Frau auf⸗ 124— recht, aber mehr als ein kaltes, troſtloſes Daſeyn konnte ſie ihr nicht geben. Die Oberhofmeiſterin, von dieſem Angenblick wieder zaͤrtlich und aufmerkſam gegen ihre Toch⸗ ter, reiſte ab und zu, ohne dem ernſten, ver⸗ ſchloßnen Gemuͤth der Ungluͤcklichen eine unbe⸗ waffnete Seite abzugewinnen. „Ich heiße Conſtanze!“ war ihre Antwort auf jeden ſchwachen Verſuch, hinter der, mit Trauerfloͤren verhuͤllten Gegenwart das Licht ei⸗ ner heitern Zukunft heraufdaͤmmern zu laſſen, und— ihre ſchon zur Ausfuͤhrung gereiften Ent⸗ wuͤrfe muͤhſam in ſich zuruͤckdraͤngend, ſchwieg die kluge Mutter. Es war ihr auch fuͤr den Anfang genug, daß das Unmoͤgliche wieder erreichbar ſei, und den geheimen Wuͤnſchen des Miniſters beifaͤllig entgegenkommend, waren die Traktaten unter den beiden Intereſſenten ſchon laͤngſt geſchloſſen, als Conſtanze noch verzweifelnde Fragen an ihr Schickſal that, und der junge Malthen ſich auf ſeinen Reiſen zu der Rolle, die er in Kurzem —— 125 auf dem kleinen Hoftheater ſpielen ſollte, beſſer als fruͤher Edwin, vorbereitete. Die Oberhofmeiſterin rechnete bei ihrem Plan auf etwas, das ihren Wuͤnſchen allerdings ein großes Uebergewicht in dem reinen Herzen ihrer Tochter geben mußte. Dieſe hatte das, was ſie Gluͤck ihres Lebens nannte, nur auf dem Wege einer ſtrafbaren Taͤuſchung erlangt, ſie konnte die Nemeſis, welche ſeit dieſem Augen⸗ blick ihren Schritten folgte, nicht verkennen, und mußte, nach ihrer Anſicht der Dinge, gewiß bald darauf hingeleitet werden, daß ſie ihrer gekraͤnk⸗ ten Mutter Erſatz fuͤr die muthwillige Zerſtoͤrung ihrer ſchoͤnſten Lebenshoffnungen ſchuldig ſei. Auf dieſen Moment wartete die erfahrne Frau, und er blieb, nachdem Conſtanze zwei Jahre der tief⸗ ſten Trauer um den verlornen Gatten geweiht hatte, und ihre Tante ploͤtzlich ſtarb, nicht aus. Sie fuͤhlte, daß ihre Pflicht ſie an das Mutter⸗ herz zuruͤckfuͤhren muͤſſe, und brachte ihren Bit⸗ ten das erſte Opfer, als ſie den ſtillen, liebgewor⸗ denen Schauplatz ihrer Thraͤnen, gegen den, ihr 126— innerſtes Gemuͤth verletzenden Aufenthalt in der Reſidenz vertauſchte. Der junge Malthen war ſchon dort, als die bedauernswuͤrdige Conſtanze in dem Glanz einer ruͤhrenden und neuen Schoͤnheit dort auftrat. Ahnungslos ging ſie an ihm voruͤber, und zog ſich erſt dann von ihm kalt zuruͤck, als ſie eine Abſicht bei ihm zu fuͤrchten begann. Jetzt hatte ihn indeß ſein Vater noch nicht in das Geheim⸗ niß eingeweiht, und es war ſeinem Stolz genug, Conſtanzens Abneigung zu bemerken, um ſie auf⸗ zugeben; doch dieſer Gang war den Eltern zu langſam, die gern ſchnell ihr Intereſſe verbunden haͤtten. Malthen beſchloß, ſeinen Sohn, den er noch nie zugaͤnglich fuͤr einen ehrgeizigen Plan gefunden hatte, auf die Vortheile dieſer Parthie aufmerkſam zu machen, und nun naͤherte ſich dieſer wieder der Graͤfin. Aber ſeine Bewerbun⸗ gen zeigten ſo deutlich, daß er nur von der Ehr⸗ ſucht geleitet wurde, daß Conſtanze ihn zu ach⸗ ten aufhoͤrte. Nun ſprach die Oberhofmeiſterin mit ihr. — 127 Sie ſetzte ihr auseinander, wie noͤthig es ſei, dieſen ehrgeizigen, emporſtrebenden Guͤnſtling an ihr Intereſſe zu binden, und forderte endlich als Lohn fuͤr alle fruͤheren Sorgen, welche der Toch⸗ ter Ungehorſam ihrem Leben bereitet, das unbe⸗ dingte Eingehen in dieſen Plan. Conſtanze, zum Tode geaͤngſtet, ſah kein Entkommen, denn Gatte und Kind waren ihr entriſſen, und die Idee, den jungen Grafen von ihrer fruͤheren Verheirathung zu unterrichten, machte die Ober⸗ hofmeiſterin laͤcheln. „So wirbt er um die Witwe!“ erwiderte ſie ſpottend;„denn Du ſiehſt wohl, er will nicht „Dich, er will die Tochter der Oberhofmeiſte⸗ „rin! das Mittel zu der Hofmeiſterſtelle bei dem „kleinen Erbprinzen, wozu mein Einfluß ihm „nuͤtzlich werden kann.“ Das half! was hundert Frauen zuruͤckge⸗ ſchreckt haͤtte, beſtimmte Conſtanzen. So konn⸗ te ſie ihre Mutter verbinden, und dennoch dem verſtorbnen Gatten die Treue halten, die ſie ihm taͤglich gelobte; ſein Reich konnte fort und fort in ihrem ſtillen Gemuͤch beſtehen, ohne dem Ge⸗ 128 mahl, der nichts als ihren Einfluß wollte, etwas zu entziehen. Warnend trat ſie noch einmal als ſein guter Engel vor den ihr Beſtimmten; aber als er auch dann ihre Hand noch begehrte, verweigerte ſie ihm dieſelbe nicht mehr. Mit ſich abgeſchloſſen, gab ſie ihrem Gemahl alles, was er von ihr zu fordern ſchien. Vollkommne Ergebung in ſeinen Willen, die feinſte Beachtung des Schicklichen, und eine Strenge in ihren Sitten, die ſelbſt der ſpitzeſte Pfeil der Verleumdung nicht anzutaſten wagte.— Doch, je naͤher ſie ihm ſtand, je mehr ſtieg auch ihre Achtung fuͤr den Mann, dem ſie weder einen ſo hohen Geiſt noch eine ſo ſtrenge Gewiſ⸗ ſenhaftigkeit zugetraut hatte, und nun wurde es ihr unausſprechlich peinlich, ihm fuͤr die achtungs⸗ volle Zuneigung, welche er ihr taͤglich mehr be⸗ wies, kaum etwas Beſſeres als Taͤuſchung zu geben. In dieſer Zeit war es, wo Edwino den va⸗ terlaͤndiſchen Boden mit unnennbaren Gefuͤhlen des Wohl und Wehes wieder betrat. Das erſte 4129 entzuͤckungsvolle Wiederſehen hatte er ſchon da⸗ hin. Ein fluͤchtiger Beſuch bei der werthen Fa⸗ milie Goldony, hatte ihn ſeinen Sohn, ein En⸗ gelskind, das ſeine Phantaſie ſchon durch die herr⸗ lichſten Formen begeiſterte, von den liebendſten Haͤnden gepflegt und erzogen, wieder finden laſ⸗ ſen.— Wohl ſtieg hier der Gedanke, der Geliebten in einem ſeeligen Augenblick alles Verlorne wieder zuzufuͤhren, in ihm auf; aber die Klugheit rieth ihm, erſt das Feld zu ſondiren, und das einſame Leben der Witwe nicht auf einmal mit zu viel Freudenſtrahlen zu erhellen. Das Band der Freundſchaft, welches ihn an die edlen Erzieher ſeines Sohnes knuͤpfte, machte es ihm indeß zur Pflicht, ſie uͤber nichts in ſeinem Leben im Dunkel zu laſſen. Der ehr⸗ wuͤrdige Matheo ſchuͤttelte zuͤrnend die greiſen Locken. Ihm war unter einer fremden Regie⸗ rung, und entfernt von dem Lande lebend, wo⸗ Edwin’s zaͤrtlichſtes Intereſſe ihn hinzog, keine Kunde von Conſtanzens Verheirathung geworden, aber ſeine ſtrafenden Worte, ſein wehmuͤthiger ar Theil. 9 130* Ernſt, womit er des Hoffenden allzuhochgeſtieg⸗ ne Erwartungen zu maͤßigen ſuchte, gaben die⸗ ſem das erſte bange Vorgefuͤhl ſeiuran Khn dro⸗ henden Verluſtes. „Wir ſollen mit dem Pfeil, den uns das „Schickſal entgegenwirft, nicht ſpielen!/ ſagte Matheo noch zu dem ſcheidenden Freunde,„es „iſt kein gewoͤhnlicher Pfeil, ſondern ein Ver⸗ „gifteter, der unſer innerſtes Herzblut verdirbt, wenn wir uns an ihm verletzen.. AEhein druͤckte brennend die Haude des weiſen Srratde daß die en Jalauthe, die e ihn begei tete, unaufhoͤrlich auf den deutſchen Himmel ſchalt, der ihres Herrn Laune verdarb. Um durch die Begleitung der alten Italiene⸗ vin nicht Aufſehen zu erregen, ließ er ſie in ei⸗ nem kleinen Landſtaͤdtchen, unweit der Grenze des Fuͤrſtenthums zuruͤck, und eilte nun mit der Ungeduld einer, von tauſend Befuͤrchtungen ge⸗ ſteigerten Sehnſucht der Reſidenz zu. Ach er durfte ſie nicht erſt betreten, um die ſchreckliche Nachricht einzuziehen. Conſtanze war vermaͤhlt ——ꝛ—ꝛ——— — 131 an den Sohn des fuͤrſtlichen Guͤnſtliings. Mehr durfte er nicht erfahren, um das ganze Maaß ſei⸗ ner Schuld und des Ungluͤcks ſeiner verlornen Gattin zu uͤberſehen. Kein Vorwurf kam uͤber ſeine Lippen, aber ein laͤhmender Seelenſchmerz betaͤubte ihn mehrere Tage ſo ſehr, daß er ei⸗ gentlich nichts zu fuͤhlen glaubte. Endlich rang der troſtloſe Gedanke, fuͤr die Seinen auf immer todt zu bleiben, ſich kraͤftig hervor, denn nur ſo konnte er, deſſen Liebe ſo unendliches Weh uͤber Conſtanzens Leben gebracht hatte, ſie von dem Gefähl des ſchretklichſtene Fre⸗ vels detten. 3 1 „Der ſeit Jahren aus dem Reiche der Jchene den ſchied, durfte jetzt nicht wie ein irrender Geiſt in den neuen Pflichtenkreis der Gattin ei⸗ nes Andern treten, um ſie, der Gegenwart ab⸗ hold, mit ſchmerzlichem Sehnen, auf eine unter⸗ gegangne Vergangenheit blicken zu laſſen.. Nein! Edwin war der Großmuth nicht un⸗ wuͤrdig, mit der Conſtanze einſt ihr glaͤnzendes Loos an ſein Verdunkeltes knuͤpfte! er wußte ihr das Opfer zu vergelten, und legte ſtill, nur ſich 9* 132— anklagend, die Urkunden ſeines Standes und alle Hoffnungen eines wieder gewonnenen Lebens hinter ſich, und blieb der Kuͤnſtler Edwino, fuͤr jetzt und fuͤr alle Zeiten. Dennoch trieb es ihn mit heißer Sehnſucht in die Naͤhe ſeiner Ver⸗ wandten. Auf das Gut ſeines Vaters ſchlich er ſich unter mancherlei Verkleidungen. Er war un⸗ bemerkter Zeuge des ſtillen Gluͤcks, das dieſer ſich durch weiſe Cultur ſeiner Unterthanen; durch Leitung ſeines juͤngſten Sohnes Alexander, der nun ſein Einziger war, und auf dem Punkt ſtand, die militaͤriſche Laufbahn zu erwaͤhlen, und durch den innigſten Seelenaustauſch mit ſei⸗ ner güͤtigen, ſanften Gemahlin, zu bilden wuß⸗ te. Er dachte ſich die Verwirrung, welche in die⸗ ſem wohlgeordneten Lebensplan durch ſein ploͤtz⸗ liches Dazwiſchentreten entſtehen muͤßte,(denn fuͤr ein Amt hatte ihn ſeine Kunſt gaͤnzlich ver⸗ dorben, das Fach eines privatiſirenden Gelehrten aber, wuͤrde vielleicht den Wuͤnſchen ſeines Va⸗ ters nicht entſprochen haben.) So wandte er denn um ſo entſchloſſener ſeine Schritte nach —,— — 133 dem zweiten Vaterland, das ihm jenſeits der Alpen ſein verlornes Paradies erſetzen ſollte. Er kam nach wenigen inhaltſchweren Tagen kalt und abgeſchloſſen zu Jalanthen zuruͤck, die ſeiner mit Ungeduld geharrt hatte. Dieſe treue Seele, dieſe, ihrem Cultus und ihm gleich lei⸗ denſchaftlich ergebne Frau konnte ſich uͤber die traurige Wendung ſeines Schickſals nicht troͤſten. Der leiſe Vorwurf ihrer Voreiligkeit, der, obwohl unausgeſprochen in Edwin's Erzaͤhlung lag, grub ſich mit nagender Reue in ihr Herz. Dies un⸗ bequeme Gefuͤhl von ſich auf Andre zu waͤlzen, beſchuldigte ſie bald Conſtanzen der ſtrafbarſten Treuloſigkeit, bald Edwin einer Lauheit der Em⸗ pfindungen, die ihm fremd, und doch jener Kuͤnſt⸗ kerſorgloſigkeit, die ihn in all' das Jrrſal gefuͤhrt hatte, ſo aͤhnlich war, daß er ſich allmaͤhlig ge⸗ woͤhnte, ſich fuͤr den einzigen Schuldigen zu hal⸗ ten, und ſeine arme Jalanthe beſchwor, nur ſich und ihm den Frieden wiederzugeben. Von jetzt an war die Kunſt Edwin's einzi⸗ ge Gefaͤhrtin. Er goͤnnte ſich kein Raſten auf der Bahn der Vollendung, und gelangte durch 134 dies ernſte Verfolgen ſeines Zweckes zu einer Be⸗ ruͤhmtheit, die ſogar ſeinen Namen in den Krei⸗ ſen der Seinen wiederhallen ließ, ohne daß man die nahe Beziehung, in welcher er zu ihnen ſtand, nur im Entfernteſten geahnet haͤtte. Eine neue Reiſe, welche Signor Edwino, (ſo wurde er, ſeines italieniſchen Aufenthaltes we⸗ gen, allgemein genannt,) einige Jahre ſpaͤter nach Deutſchland machte, um ein Kunſtwerk, das er fuͤr einen Großen dieſes Landes verfer⸗ tigt hatte, an Ort und Stelle zu bringen, ver⸗ ſchaffte ihm eine ſo bedeutende Menge Beſtellun⸗ gen, daß er beſchloß, ſich ohnweit eines großen Marmorbruchs auf einige Zeit niederzulaſſen. Seine treue Jalanthe, die ihm immer unentbehr⸗ licher wurde, war ihm auf dieſe Nachricht bald nachgereiſ't, und hatte durch ihr aͤcht welſches Anſehen viel dazu beigetragen, ihren Herrn in den Augen aller Nachbaren zum Italiener zu ſtempeln. Einſt—(ach Edwin kann dieſes Einſt ſich nie erinnern, ohne einen neuen Lebensſtrom durch ſeine Adern rinnen zu fuͤhlen)— einſt empfing V V ———ʒ—ÿ—ÿ—ÿ—ͦ—:ꝛ—F—ꝛ—ꝛBꝛ—— ———— 8⸗ er einen Brief, in Begleitung einer zuſammen⸗ gerollten Zeichnung.— Die Addreſſe ſchon mach⸗ te ihn erbeben, denn dieſe zierliche, feine Da⸗ menſchrift gehoͤrte Conſtanzen, ihr allein an. Ein fluͤchtiger Blick auf die Zeichnung raubte ihm jeden Zweifel, und verſetzte ihn in einen Rauſch des Entzuͤckens, der ihn im erſten Augen⸗ blick ſogar unfaͤhig machte, ſein ganzes Gluͤck zu uͤberſehen. In der Zeichnung erkannte er ſeine Eigne, die er einſt, in dem ſeeligen Beginnen ſeiner Liebe, von der intereſſanten Gruppe, als Conſtanze ihm als Amazone gegenuͤber ſtand, und er ihr knie⸗ end den Pfeil uͤberreichte, entworfen hatte; und in dem Bilde, welches derſelben beigefuͤgt war, fand er eine zarte Schilderung dieſer Scene, in wiefern ſie ſich zur Darſtellung eignete, mit der Bitte, dieſes intereſſante Phantaſiegebilde durch ſeine Meiſterhand zu verewigen. 3 Der Umſtand, daß Conſtanze in italieniſcher Sprache geſchrieben, und ſich C. Oswald unter⸗ zeichnet hatte, weckte ihn endlich aus ſeinem Freudentaumel, um ihn an das, was Noth 136 that, zu mahnen. Sie wollte nicht erkannt ſeyn, das lag in ihrer Namensveraͤnderung; ſie wohnte in ſeiner Naͤhe, und ahnete nicht, an wen ſie. ſchrieb, das war ohngefaͤhr die Summa der Aufgaben, die ſein Verſtand zu loͤſen ſuchte. Um Zeit zu gewinnen, ließ er Jalanthen ein paar antwortende Zeilen, ſo gut es gehen wollte, kopiren, ſendete dieſe auf die Poſt an die Addreſſe, und eilte, von einer ſuͤßen Unruhe ge⸗ trieben, in die naͤchſten Umgebungen des Land⸗ ſitzes, deſſen Bewohnerin Lankäande nach ihrer Angabe, war.— In einer wild romantiſchen Gegend lehnte ein reizendes kleines Dorf, nur aus wenigen Ge⸗ baͤuden beſtehend, von denen das zierlichere, ob⸗ wohl auch ganz laͤndliche von einer Madame Os⸗ wald bewohnt wurde, an den Nuͤcken eines ho⸗ hen, mit dunklen Nadelhoͤlzern bepflanzten Ber⸗ ges. Dorthin war ſie, wie die Landleute den Fragenden gern berichteten, nach dem Tode ihres Mannes, mit einem bildſchoͤnen Knaben, den ſie ihren Sohn nannte, und deſſen Erziehung ſie ſich ganz widmete, gezogen. Sie war guͤtig u8* — q̃— 137 herablaſſend gegen alle ihre Nachbaren, dieß er⸗ warb ihr die allgemeine Liebe derſelben, aber ſie ſchien ſelbſt keine Theilnahme zu begehren, denn Niemand hatte ſie noch von ihren fruͤheren Verhaͤltniſſen ſprechen gehoͤrt. Conſtanze war Witwe und lebte entfernt von der Welt! ſte hatte ihre glaͤnzenden Titel abgelegt, um durch nichts mehr an ſie erinnert zu werden. Nicht der Tod ihres zweiten Ge⸗ mahls, ſondern Edwin's Verluſt hatte ihr die unheilbarſte Wunde geſchlagen, darauf deutete ihr Auftrag an den Kuͤnſtler Edwino hin. 3 Mit dieſem Reſultat ſeiner eingezognen Nach⸗ richten ſchloß der Gluͤckliche ſich in ſeine Werk⸗ ſtatt ein, begann, ſuͤßtraͤumend wie ein ſeeliges Kind vom herrlichen Lachen, die lange muͤhſame Arbeit, und ſah es unter dem Meißel ſich woͤl⸗ ben und ruͤnden, und glaͤtten und bilden zur ſchoͤn⸗ ſten Geſtaltung der lieblichen Formen. „Galathea!“ rief er wonnetrunken, als Conſtanzens Engelsgeſtalt in der Fuͤlle des Ju⸗ gendreizes, wie ſie vor ſeinem innern Sinn — noch immer auftauchte, vollendet vor ihm ſtand⸗ 138, Auch Du wirſt Dich fuͤr Pygmalion beleben! auch Du wirſt ihm angehoͤren, und er wird Dich mit doppelt heißer Liebe umfangen, als das Weib ſeines Herzens, und als das Herr⸗ lichſte, was ſeinem Meißel noch entquoll! Von nun an beſeelte ein reges Jugendleben den ſo ernſten, in ſich verſchloßnen Kuͤnſtler. Er goͤnnte ſich kaum die nothwendigſte Erholung, und unterbrach ſeine Arbeit doch wieder zu mehreren Tagen, um Streifzuͤge in die romantiſche Ge⸗ birgsgegend zu machen, von denen er jedoch kei⸗ ne andre Ausbeute, als ein geheimnißvolles Schweigen und ein ſeeliges Laͤcheln mitbrachte. Jalanthe, fuͤr die zum erſtenmal Edwin's Werkſtatt, wie ſein Mund, verſchloſſen war, fing ſchon wieder an, auf den deutſchen Himmel und die grauenhafte Gegend zu ſchelten, die, mit einan⸗ der verbunden, nichts als den Sinn verduͤſtern, das Herz verſchließen koͤnnten; aber Edwin verſi⸗ cherte ſie mit leuchtenden Augen, daß ſein Sinn nie ſo aufgehellt, ſein Herz nie ſo uͤberfließend von Wonne geweſen ſei. Und dennoch lagerte ſich einige Augenblicke nach dieſer feurigen Erklaä-⸗ * —— ——ᷣ——— — rung ein wehmuͤthiger, faſt leidender Ernſt auf die Stirn des Kuͤnſtlers, der, je naͤher er ſei⸗ nem heißerſehnten Ziel eee je hoffnungaloſar wurde. Es war ihm gnnoen, waͤhrend Conſtanzens Morgenſchlummer, ſogar in den Garten derſel⸗ ben zu gelangen. In der Abſicht, zur Aufſtel⸗ lung ſeines Kunſtwerks den paſſendſten Platz aus⸗ zuwaͤhlen, war er bis in einen daran graͤnzen⸗ den kleinen Park gedrungen, deſſen Anordnung ihn mit Entzuͤcken und Wehmuth durchbebte. Da ſtand die majeſtaͤtiſche Eiche, an welche Ed⸗ win ſich einſt lehnte, als er das roͤdtliche Geſchoß auf die reizende Amazone richtete, und dort die von Baumzweigen leicht gezimmerte Huͤtte, in der er ihre Ankunft taͤglich erwartete, und— in we cher endlich das unheilbringende Band, aus; Luͤge und Taͤuſchung gewoben, zwei Herzen um⸗ ſchlang, die das Schickſal zu trennen beſchloſſen. Hier war der Platz, wo Conſtanze mit Huͤlfe der Kunſt ſich die untergegangne Wirklichkeit zu⸗ ruͤckzaubern wollte; hier mußte ſie ihn wiederfin⸗ den! und die ernſte Frage: ob der Lebende auch 140 in das ſchoͤne Beſitzthum des Geſtorbnen, in ih⸗ rem Herzen treten duͤrfe? ob die Zeit auch ſcho⸗ mend genug an ihm voruͤbergegangen ſei, um ihr in dem verlornen Gatten auch den ehemaligen Gegenſtand ihrer heißen Liebe zuruͤckzugeben, pei⸗ nigte ihn unendlich, je naͤher er dem Augenblick der Entſcheidung tre. Wenige Tage vor Aufſtellung der Gruppe, kaahte ſich Edwin wieder demſelben Platz im Park, als ein bluͤhender, goldgelockter Knabe an dem Fuß des Baumes harmlos mit Blumen ſpielte, waͤhrend eine Waͤrterin, mit weiblicher Ar⸗ heit beſchaͤftigt, ihm zur Seite ſaß. Betroffen wollte der Kuͤnſtler entfliehen, aber der Kleine reichte ihm laͤchelnd die Blumen, und ſagte: 2 „Komm nur immer her, Du gute dann! „ich ſchenke Dir Blumen, und Marie giebt Dir 74½ 42! Das Maͤdchen war ſcheu aufgeſprungen, und druͤckte den Knaben feſt an ſich. Edwin beru⸗ higte ſie durch eine Erzaͤhlung ſeiner romantiſchen von den ſchoͤnen rothen Beeren, die ſie pfluͤck⸗ 141 Wanderungen in das Gebirge, bei welchen er zufaͤllig hier hereingerathen ſei, liebkoſte den Knaben und frug nach der Beſitzerin. Marie hatte keine andre Antwort fuͤr ihn, als die, welche ihm jeder Nachbar Conſtanzens geben konnte; aber der Kleine ſagte: „Warte ein wenig! Mutter kommt gleich.“ „Nein!“ ſiel Marie aͤngſtlich ein,„warten duͤrfen Sie nicht, denn auf dieſem Platz darf meine Gebieterin niemand finden, und es wuͤrde ſie nur betruͤben, einen Fremden hier zu ſehen. Ich ſelbſt wurde blos aus Liebe zu dem Kind ungehorſam, das nirgends ſo gern ſpielt.“ Edwin folgte gern der Weiſung, und ent⸗ fernte ſich ſo eilig, daß er bald das Doͤrſchen hinter ſich hatte; aber dem Eindruck, welchen das Kind, Conſtanzens Sohn, auf ihn gemacht hatte, konnte er nicht entfliehen. Er fuͤhlte zum Er⸗ ſtenmal klar und unleugbar, daß die Seeligkeit vergangner Tage fuͤr ihn verloren war. Conſtanze war Mutter, und nicht ſein Sohn, ſondern der, ihres zweiten Gemahls war der Gegenſtand ihrer zaͤrtlichſten Sorge. Ihm wid⸗ mete ſie ihr Leben, und um ſeinetwillen mußte ſie der Welt noch angehoͤren. Die Stelle in dem Mutterherzen, die er in ſuͤßen Traͤumen ſeinem Magnus beſtimmt hatte, war ausgefuͤllt, und nicht wie eine zaͤrtliche Mutter, die alle ihre Kinder mit gleicher Liebe umfaͤngt, konnte ſie ihr Herz zwiſchen dem Liebling, der an ihrer Bruſt zum Leben erwacht war, und dem kleinen Fremdling theilen, der ihr noch keine Mutterſor⸗ ge und keine Freudenthraͤne gekoſtet hatte. Ed⸗ win's Sohn, der Erſtgeborne einer, aus Liebe geſchloßnen Ehe, durfte ſein geheimnißvolles Dun⸗ kel noch nicht verlaſſen, waͤhrend der kleine Mal⸗ then, der Sohn eines ungeliebten Gemahls, ſich im hellen Strahl ihrer Mutterliebe ſonnte. Re Dieſer ungluͤckliche Vergleich, der Edwins Gemuͤth mit einer geheimen Eiferſucht gegen den holden Knaben erfuͤllte, entſchied den Streit, in welchen er ſchon laͤngſt mit ſich ſelbſt uͤber die Nothwendigkeit gerathen war: ob es nicht Pflicht ſei, den kleinen Magnus der tiefen Verborgenheit, in welcher er erzogen wurde, zu entreißen, um ihn ſeiner Mutter zu ſchenken. Das Kind blieb — 143 in den Haͤnden ſeiner edlen Pflegeaͤltern, und ESdwin bereitete alles zur eberraſchung der ge⸗ liebten Gattin vor. Ein Blick auf Conſtanzens Schickſal dürfte, obwohl er ihrem wiedergefundnen Gatten erſt ſpaͤter gewaͤhrt ward, hier um ſo mehr an ſeinem Platz ſeyn, als die Geiſtes⸗ und Hel zensrichtung dieſer intereſſanten Frau viel dazu beitraͤgt, der nachfolgenden Scene Kolorit und Waͤrme zu geben. Zartſinnig und edel, wie Conſtanze ſich im⸗ mer gegen ihren Gemahl, den Grafen von Mal⸗ then, zeigte, entging ihr doch eine gewiſſe Herz⸗ loſigkeit, eine kalt berechnende Politik nicht, mir der er fortfuhr, ſein Verhaͤltniß zu ihr, ſelbſt dann noch in den Graͤnzen kalter Hoͤflichkeit zu halten, als der einzige Moment erſchienen war, der ihm ihr Herz gewinnen konnte. Sie wurde Mutter, und die Geburt thres Sohnes machte ſie vor Beſchaͤmung ergluͤhen, daß ſie der Vater deſſelben nicht liebte. Sie er⸗ innerte ſich mit erneutem Schmerz an die pein⸗ lich ſuͤßen Augenblicke, die ſie fruͤher in den Ar⸗ men eines, uͤber Alles geliebten Gatten erlebt 144— hatte, und die kalte, farbloſe Gegenwart ſank 3 mit ihren alltaͤglichen Beziehungen, wie ein, vom Vulkan üͤberſchuͤttetes Land in eine Tiefe, aus der es nie wieder emporſteigen konnte. „Er wird die Seeligkeit, ſo geliebt zu wer⸗ den, nie kennen lernen!“ ſagte ſie truͤbe vor ſich hin,„denn ich werde ſie ihm nicht geben, und eine Andre darf ſie ihm auch nicht gewaͤhren, da ich den einzigen Platz einnehme, der die Pfor⸗ te zu dieſem, von ihm noch ungekannten Freu⸗ dentempel verſchließt.“ Dieſe Vorſtellung fuͤhrte Andre herbei. Die Oberhofmeiſterin, der ſie das Opfer ihres Seelen⸗ friedens ſchuldig zu ſeyn glaubte, um fruͤheres Unrecht abzubuͤßen, ſtarb ploͤtzlich, und hinter⸗ ließ ihr ein Vermoͤgen, das, ſelbſt wenn ſie, wie es ihr Wille war, es mit ihrem Gemahl theilte, ſie voͤllig unabhaͤngig von jeder Lebensſorge machte. So ſtand endlich, nach ernſter Pruͤfung des beſtehenden Verhaͤltniſſes, ein wunderbarer Plan fertig, der ihm Freiheit und ihr Frieden mit ſich ſelbſt geben ſollte. Sie wollte nicht wie eine Strafbare fliehen und dadurch das innre Achtungsgefühl zerſtören, das zwiſchen ihm und der Mutter ſeines Soh⸗ nes immer beſtehen mußte, ſondern mit ſeiner Bewilligung einen Platz verlaſſen, den ſe nicht ausfuͤllen konnte. IZitternd traf ſie die Htem. Vauberanmngeh, und trat dann, mit ihrem Emmo auf dem Arm, in ſein Zimmer, um ihm ihren Plcaa anseinan⸗ der zu ſetzen. 5: u Sie hatte ihre Zeit gut gewaͤhle Die ein⸗ ſame Abendſtunde, das Frappante des Vorſchla⸗ ges und die Wuͤrde, welche ihre reine Abſicht ihr verlieh, imponirten den Grafen ſo lahr⸗ daßß er ſie gewaͤhren ließ. Sie warf ſich in ihren bereit frhenden Wa⸗ gen, und nahm ſchon auf der naͤchſten Station den, ihr theuer gewordnen Namen einer Madame Oswald an, ſich fuͤr die Wittwe eines wohlha⸗ benden Kaufmanns ausgebend, die ein Gut im Gebirge zu kaufen wuͤnſche. Ihre ſtille Trauer, und der Engel an ihrer Seite gewannen ihr alle Herzen. Ueberall ver⸗ 3r Theil. 10 ſuchte man ſie zu feſſeln; aber nur ein reizendes Doͤrfchen, das wie eine friedliche Colonie ſich an dem Fuß hoher Berge dahin ſchlaͤngelte, und deſſen Beſitzer es veraͤußern wollte, lockte ſi nnſi e, 44 ch dort anzuſiedeln. Nachdem ſie ſich in den Beſi 6 t des kleinen Gutes geſetzt hatte, weihte ſie ihr Leben ganz der Pflege ihres ſuͤßen Emmo, und der Fortbildung derjenigen Talente, welche ſie einſt bel der Erzie⸗ hung ihres Sohnes zu beduͤrfen glaubte. Sie wurde immer ruhiger und feſter in ſich ſelbſt. Was die Liebe fuͤr den verlornen Gatten aus dieſer ſtarken Seele gebildet Pane, ging nach ſeinem Tode nicht unter. Die einzige Schuld, deren ſie 8 in ihrem rreinen Leben bewußt war, hatte ihren Stolz ge⸗ brochen, und zu der ſtillen Wuͤrde des Ungluͤcks die beſcheidne Demuth der Buͤßerin gefuͤgt. Die Entſchloſſenheit, mit der ſie ſich von der Welt, und allen, ihrer Jugend, ihrem Stande und Reichthum angemeſſenen Freuden ſchied, hatte ihr wieder Achtung vor ihrer eignen Tugend ge⸗ geben; und dieſe dem einzigen Weſen, das ſie V 147 noch ihr eigen nannte, wie einen fleckenloſen Spiegel zu vererben, war ein Strebepunkt, der, in dem Verſuch ſich ihm zu naͤhern, ſchon ihren Sinn zu himmliſcher Klarheit laͤuterte. So war ſie durch eigne Kraft denn endlich dahin gelangt, wo kein Erdengluͤck ſie mehr her⸗ abziehen konnte, und ungetruͤbt ruhte ihr heitres Auge auf den letzten, aalſchwnen Worten ih⸗ res Edwin: „Was das Schickſal uns verweigert, weiß pes uns auch zu entreißen, wenn wir dennoch „mit ihm um das geliebte Erdengut in Kampf „zu treten wagen,“ die ihre begeiſterte Liebe, in den erſten Wochen ihrer Trauer, jedem ſie um⸗ gebenden Gegenſtand aufzupraͤgen wußte. Da nahte ihr Geſchick noch einmal in der holden Geſtalt der Verſoͤhnung, und entwand ihr ſanft das Steuerruder. Die tiefe Abgeſchiedenheit, in welchen Na⸗ dame Oswald lebte, konnte ſie doch nicht ſo ganz von allem Verkehr mit den ihr Zunaͤchſtſtehenden abſchneiden, daß nicht der Beſuch des ſehr gebil⸗ deten Pfarrers und einiger wohlhabenden Nach⸗ 10* 148— barsfamilien, ihr einfoͤrmiges Leben zuweien un⸗ terbrochen haͤtte. biri Auf dieſem Wege blieb ſie noch immer in ei⸗ nigem Zuſammenhange mit der Welt, folglich auch nicht ganz unbekannt mit den Tagesneuig⸗ keiten; und als ſie gelegentlich einmal die Idee hinwarf: es fehle ihr nur an einem wirklich ge⸗ nialiſchen Kuͤnſtler, um eine Gruppe, die den ſchoͤnſten Theil ihres kleinen engliſchen Gartens ſchmücken ſollte, in Marmor zu hauen, zieſen ſagleic mehrere Stimmen: „Nun zu einer guͤnſtigeren Stunde konnte Iieſe Wunſch nicht ausgeſprochen werden, da wir grade den erſten Meiſter in dieſem Fach uns ſo nahe haben! Signor Edwino wird in allen offentlichen Blaͤttern gefeiert, und befindet ſich nur auf kurze Zeit in unſerm Marmorbruch, um ſich paſſende Bloͤcke zu neuen Meiſerberten aus⸗ zuwaͤhlen.. Conſtanze erblaßte, denn vetaaztcd die traiſche Tandan dem theuerſten Namen auf Erden ei⸗ nen fremden Aeccent beimiſchte, ſo war es doch — 449 nichts deſto weniger derſelbe, welcher ihr Herz ſo oft pochen machte. Verwirrt, und in dem ruhi⸗ gen Lauf des Geſpraͤchs geſtoͤrt, ſenkte ſie das Auge, um den geſpannten Blicken ihrer Umgebun⸗ gen zu entgehen, und wagte erſt dann eine Fra⸗ ge nach dem welſchen Meiſter, als ſie dem zit⸗ ternden Ton ihrer Stimme einige Feſtigkeit ge⸗ bieten konnte. Was man noch ſonſt von ihm wußte, war nicht viel. Ernſt und wortkarg, nahm er nur ſchriftliche Beſtellungen an, um jedes Mißver⸗ ſtaͤndniß zu verhuͤthen, wahrſcheinlich weil er der deutſchen Sprache nicht maͤchtig genug war, um dem raſchen Strom der Rede genau zu folgen. Auch in den Gegenſtaͤnden, welchen er ſeine Kunſt weihte, waͤhlte er ſehr. Alltaͤgliche wur⸗ den verworfen, oder durch ungeheure Preiſe un⸗ bezahlbar gemacht; Intereſſantere mit Genialitaͤt ausgefuͤhrt; doch am erfreulichſten waren ihm ſol⸗ che Auftraͤge, die ſeiner ganzen, uͤberreichen Phan⸗ taſie vollen Spielraum gaben, indem man alles ſeiner eignen Compoſition uͤberließ. Conſtanze hatte ſich ſchon laͤngſt wieder ge⸗ 150 ſammelt, denn von allem, was man uͤber Signor Edwino ſagte, mahnte auch nicht der fernſte An⸗ klang ſie an den theuren dahingeſchiednen Freund. Die Kunſt, der Edwin ſich damals mit vie⸗ lem Gluͤck ergab, war die Malerei; und wie ſoll⸗ te es denn dem deutſchen Grafen einfallen, die ſeltſame Rolle eines italieniſchen Bildhauers mit ſo taͤuſchender Treue zu ſpielen, daß er ſeine eig⸗ ne Mutterſprache nicht einmal zu verſtehen vor⸗ gaͤbe? 1 8 19 Laͤchelnd erwiederte ſie daher: einen ſo gro⸗ ßen Spielraum koͤnne ſie bei ihrem Auftrage der Phantaſie des Kuͤnſtlers nun ſchon nicht geben, da ſie ſchon eine Zeichnung beſitze, nach der die Gruppe gebildet werden ſolle, die ſte in ihrem Garten aufzuſtellen wuͤnſche; jedoch wolle ſie ſelbſt an ihn ſchreiben, und bitte daher nur noch um ſeine Adreſſe, damit ſie ihn auf ſeiner Irr⸗ fahrt nicht verfehle. Man nannte ihr eine bedeutende Stadt, wo er ſich ſeit einigen Monaten, ganz in ihrer Naͤ⸗ he aufhalte, und ſendete ihr noch denſelben Tag mehrere Kunſtzeichnungen und Journale, in de⸗ 4 151 nen man den eminenten Verdienſten des neuen Praxiteles huldigte. Conſtanze ſchrieb an ihn; denn ihr war es nach allem, was ſie von ihm hoͤrte, ganz außer Zweifel, daß dieſer Signor Edwino der einzige ſei, dem ſie des Werkes herrlichſte Vollendung, wie ſie ſie im Herzen trug, vertrauen duͤrfe. Was Dornburgs Stift einſt in der Stunde hoher Begeiſterung in leichter Skizze auf das Pa⸗ pier warf: das Bild ihres erſten Begegnens im Park von Schoͤnlautern, es ſollte in edlen For⸗ men hoher Bedeutung noch oft zu ihrem beweg⸗ ten Gemuͤth ſprechen. Darum goß ſie mit Flam⸗ menzuͤgen den Strom ihres langverhaltnen Ge⸗ fuͤhls, in Italiens reicher Dichterſprache auf das Papier, und erroͤthete tauſendmal uͤber die Leben⸗ digkeit ihrer ſchriftlichen Darſtellungen, welche die beigefuͤgte Skizze, von der auch nur auf kur⸗ ze Zeit ſich zu trennen, ihr ein ſchweres Opfer ſchien, beinahe unnoͤthig machte. Aber ſie wollte den unbekannten Kuͤnſtler fuͤr das Werk beſon⸗ ders intereſſiren, ſie wollte von dem Fremden ein treues Bild ihres untergegangenen Paradieſes ha⸗ 0 152—— ben, und mußte daher ihr ganzes zartes Ge⸗ heimniß, nur in den Schleier der Anonimitaͤt gehuͤllt, der deiceiühen des Unbekannten Preis ſpban— Eine kurze— beinahe zu abgemeßne Ant⸗ wort von zwei Zeilen, nannte ihr den Termin, binnen welchem das Kunſtwerk abgeliefert werden koͤnnte, und zwar in ſo wunderlich krauſen Zuͤ⸗ gen, als habe ein aͤgyptiſcher Magier dem Ita⸗ liener ſeine Hyrogliphenſchrift mitgetheilt. An dieſen Moment ſuͤßer und ſchmerzlicher Ruͤckerinnerungen, ſchloß ſich eine recht lange Zeit ſtillen und zaghaften Erwartens, welche die Einſame dadurch zu kürzen verſuchte, daß ſie ei⸗ nem, mit hohen Baͤumen beſchatteten Platz in ihrem Garten die moͤglichſte Aehnlichkeit mit der Waldparthie in Schoͤnlautern, an die ihre ſeelig⸗ ſten Erinnerungen ſich knuͤpften, zu geben bemuͤht war. Selbſt die Hutte wurde nicht vergeſſen, deren Anblick ſie ſtill an ihre Schuld und an ihr verlornes Gluͤck mahnte, und erſt, als die liebe, bekannte Welt mit ihren tauſend zarten Anklangen ſie wieder umgab, als das leiſe Rau⸗ 15⁵53 ſchen der Blaͤtter, vom Abendwinde bewegt, ih⸗ res Edwins Liebesgruß aus andern Welten zu ihr heruͤberwehte, wurde ihr recht innig wohl, unter den ſtummen Bildern einer Zeit, der ſie nun endlich nach ſo langen Kaͤmpfen ganz ge⸗ hoͤren durfte. Eines Morgens eilte ſie, wie gewoͤhnlich in den Stunden die ihr kleiner Emmo nicht in An⸗ ſpruch nahm, dem Orte zu, welchen, nach des Kuͤnſtlers Zuſicherung. nun bald die mit gehei⸗ mer Unruhe erwartete Gruppe ſchmuͤcken ſollte. Ein blendendweißer Schein, der ſich durch das dichte Gebuͤſch ſtahl, machte ihr Herz vor freudigem Schrecken pochen. Sie ſtuͤrzte vor⸗ waͤrts, hielt an, ſchoͤ fte Athem, eilte wieder, und ſtand zoͤgernd, von dem Glanz des weißen Marmor geblendet, vor dem herrlichſten, dem treu⸗ ſten Abbild jenes Moments, der ihr ſtolzes Amazo⸗ nenleben ſo ploͤtzlich, ſo ohne allen Uebergang von ihrem ferneren Sein, trennte. So ſtand es denn wirklich in lebendiger, kraͤftiger Ausfuͤhrung vor ihr, was außer ihr nur noch ein Herz bewegt 154 hatte? und in ſo beaͤngſtigender, herzzerſchneidender Wahrheit, daß ſie die Augen vor den beiden Truggeſtalten, die nicht Edwin und nicht Con⸗ ſtanze, und doch wieder ſie beide mit allen ihren kleinen Eigenthuͤmlichkeiten ſo ganz waren, bede⸗ cken mußte.. Sie oͤffnete ſie wieder, um— o Gott! war es Taͤuſchung der Sinne, Zauberei, oder die ſeeligſte Ueberraſchung?— daſſelbe Kreuz zwiſchen den beiden wohlbekannten Geſtalten liegen zu ſe⸗ hen, welches einſt das Schickſal ihres Lebens entſchieden hatte. Es blitzte ihr mit ſeiner rei⸗ chen Brillantfaſſung ſo bekannt aus dem thauig⸗ ten Graſe entgegen, als haͤtte ſeit damals keine liebende Hand es aufgehoben, und keine muͤhſame Nachbildung den Schauplatz ihres Gluͤcks aus Schoͤnlautern nach Thalgrund verſetzt. Schwindelnd, ſich ſelbſt mißtrauend, beugte ſie ſich nach dem Kleinod, und mit einem Schrei des Entzuͤckens ſank ſie an dem Fußgeſtell nie⸗ der, als ein kleines Blaͤttchen Papier mit Edwin's Schriftzuͤgen ihr entgegen leuchtete. — 15⁵⁵ „Er lebt“ rief ſie, die ſtarren Blicke auf die vor ihren Augen verſchwimmenden Zeilen rich⸗ tend, und ſelbſt die Wonne, welche mit dieſem Gedanken in ihr Herz einzog, truͤbte ſchon die peinliche Ruͤckerinnerung an ihr fruͤheres Verhaͤlt⸗ niß zu Malthen. Die Freude toͤdtete ſie nicht, denn der Schmerz, beſtaͤndiger Gefaͤhrte ihres verfehlten Lebens, rang mit dieſer um den Preis, und gab der Ueberraſchten bald Faſſung genug, Edwins Zuſchrift zu leſen. „Conſtanze!“ ſo ſchrieb er.„Was das „Schickſal uns entreißt, kann es uns auch wie⸗ „dergeben. Aber dann iſt es gewoͤhnlich zu ſpaͤt. „Die Wunde hat ſich geſchloſſen, die Luͤcke iſt aus⸗ „efuͤllt, und der Wiedererſtandne ſchlaͤgt vielleicht „neue, ſchmerzliche Wunden durch ſein Wieder⸗ neindraͤngen in den ehemals behaupteten Platz. „Darum bin ich fuͤr die Welt ein Andrer ge⸗ „worden, und will es auch fuͤr Dich ſeyn, wenn „Deine Ruhe nur einen Augenblick dadurch ge⸗ „faͤhrdet wird. Kann es aber ſeyn, daß Edwin „fuͤr Dich zu einem neuen, unendlich ſchoͤnen „Leben erſteht, ſo zoͤgre nicht, ihn durch irgend ein 1³6 „Zeichen, das Du dem Kreuz beifuͤgſt, an Dei⸗ „ne Seite zu rufen.“. Erbleichend lehnte Conſtanze das ſorgenſchwe⸗ re Haupt an den kalten Marmor, denn in ihrer Hand lag zum zweitenmal die ſchwere Entſchei⸗ dung eines zwiefachen Kampfes. Wie damals der Mutter, gehoͤrte ſie jetzt ihrem Sohn, wie dem todtgeglaubten, langbe⸗ weinten Gatten, dem geachteten Vater ihres Kin⸗ des, den ſie wahrlich nicht um ihres eignen Le⸗ bensgluͤckes willen verließ. Er war, wie ſie es gewuͤnſcht hatte, von ihr geſchieden, aber noch ſchlang das Band einer zweiten Ehe ſich nicht um ſein Herz, und ſo lange— dieß war das endliche Reſultat ihres peinlichen Pflichtenkampfes— durf⸗ te auch ſie das Gluͤck nicht einziehen laſſen in ihr, der Entſagung geweihtes Leben.—— Doch — er war ihr vielleicht ſo nahe, er ſah ihrer Entſcheidung mit Ungeduld entgegen, er hoffte—. und— ſie mußte ihn fliehen. Die Qual dieſes Augenblickes war zu groß, um ihr nicht zu erliegen. Ein Strom ſchmerzlicher Thraͤnen entlud das vielfach beſtuͤrmte Gemuͤth der Geaͤngſteten, und — 157 ein leiſes Rauſchen in den Zweigen verrieth ihr die Gegenwart des Einzihen, der ihre innre Welt belebte.— Er lag zu ihren Fuͤßen, er laͤchelte mit den treuen lieben Augen zu ihr auf, und vergeſſen war der Kampf, dem das Herz unterliegen ſoll⸗ te. Sie lag in ſeinen Armen, lauſchte dem Ton ſeiner Stimme, und antwortete, nicht was zur Auffklaͤrung ihres Verhaͤltniſſes unerlaͤßlich war, ſondern was das Entzuͤcken dieſer Minute ihr eingab. Ein paar gluͤckliche, froͤhliche Kinder, ſaßen ſie auf dem Fußgeſtell jenes Denkmals, das ſie zum zweitenmal vereinigte, und bemerkten den Flug der Zeit nicht, die nur ſie mit ihrem Fluͤgel nicht beruͤhrte, waͤhrend Conſtanzens Dienerſchaft, die geliebte Herrin ſchon mehrere Stunden ver⸗ miſſend, ſich auf verſchiedne einſame Spaziergaͤn⸗ ge zerſtreute, um ihre Spur aufzufinden. Dieß weckte die Harmloſen aus ihren freundlichen Traͤumen. Conſtanze, ſich ſelbſt und ihrem Ver⸗ haͤltniß wiedergegeben, drang auf Edwin's Ent⸗ fernung, und eilte, zu bewegt, um grade jetzt 158 ruhige Zeugin des Erſtaunens ihrer Leute uͤber das neuangekommene Kunſtwerk zu ſeyn, dieſen, mit dem Vorgeben eines langen Spazierganges, entgegen. Die Ereigniſſe dißfs Morgens noch aumai mit ſtiller Sammlung pruͤfend, draͤngte das Re⸗ ſultat ihrer fruͤheren Selbſtberathungen ſich wie⸗ der mit ſiegender Gewalt hervor. Sdie wußte noch nichts von Edwin's Schickſa⸗ len in Italien; er konnte nur durch öͤffentliche Nach⸗ richten von den Ihrigen waͤhrend dieſer unheilvol⸗ len Zeit unterrichtet ſeyn. Wie ſollte ſie, ehe dies tiefe Dunkel zwiſchen Beiden gelichtet war, an eine Wiedervereinigung denken, und wie uͤber⸗ haupt ſich ſelbſt wuͤrdig aus dieſem Kampf neu⸗ aufgeregter Gefuͤhle retten, wenn ſie ihn noch ein⸗ mal wiederſah, fuͤr den kein Nein uͤber die zoͤ⸗ gernde Lippe wollte? 5 Aus dieſen ſtreitenden Empfindungen ging ende lich folgender Briefwechſel hervor. — 159 Conſtanze an Edwin. Ob Du fuͤr mich ein Andrer werden ſollſt? fraͤgſt Du, mein Edwin! Und bin ich denn nicht auch eine Andre fuͤr Dich? Was hat die Gemahlin eines Malthen, die Mutter ſeines Sohnes mit dem Kuͤnſtler Edwino zu ſchaffen, der wie ein Vogel Phoͤnir aus der Aſche eines deutſchen Grafen entſtanden ſtete Zuͤrnſt Du der Treuloſen?— Aber turdeſt Du Dir nicht ſelbſt untreu? legteſt Du nicht die kalte Hand des Todes zwiſchen das warme Leben unſrer Liebe? Giebt es denn wirklich noch ein Band zwiſchen uns, das ein ſolcher Frevel an der Natur nicht zerriſſen haͤtte?— oder waͤ⸗ reſt Du unſchuldig? Edwin! es giebt Untiefen, die kein Senkblei ergruͤndet. Nicht das ſchaͤu⸗ mende Meer, nicht die leicht zu ſprengende Rin⸗ de eines Vulkans bedeckt ſie; wohl aber die Hand, welche Du ſo oft betheuernd auf Dein Herz legteſt. 3 Ich vertraute mich und mein ganzes Lebens⸗ gluͤck dieſem unſichern Element. Es hat mich in 160. den Abgrund gezogen, ſoll ich glauben, daß Du nichts dabei verſchuldet? Laß uns, ehe wir wei⸗ ter gehen, beſonnen ſtillſtehen, und vruͤfend er⸗ waͤgen, ob unſre Sterne ſich auch wieder zu ein⸗ ander neigen duͤrfen. Was ich ſeit dem Augen⸗ blick unſers Scheidens gedacht, gelitten und er⸗ kaͤmpft habe? dieſe Blaͤtter werden Dir es ſagen, und Du wirſt dann entſcheiden, ob Conſtanze Dir wieder angehoͤren darf. Bis dahin— kein Wiederſehen! Mele in us Tonſtanze. Edwin an Conſtanze⸗ Bedurfte es denn erſt dieſer Blaͤtter, Du engelgleiches Weib! um mich zu uͤberzeugen, daß ich der einzige Treuloſe in unſerm Bunde war? Und dennoch— wie habe ich Dein reines Bild ſo friſch und klar in meinem Innern getragen; wie gehoͤrte ich in dieſer Zeit meines Abfall's ſo ganz und innig Dir allein, wie traͤumte ich ſo ſeelig von dem Entzuͤcken unſers Wiederſehens! aber treulos war ich, und— bin es noch immer 161 denn aus Italiens Werkſtaͤtten folgte mir eine Geliebte nach Deutſchland, und haſt Du nicht den Muth, in ſuͤßer Eintracht mit ihr meine Huldigungen zu theilen, ſo zieht wohl noch man⸗ ches Woͤlkchen uͤber unſern heitern Himmel da⸗ hin, denn ich ſtehe zwiſchen Euch beiden herrli⸗ chen Frauen nicht wie ein Sultan, der ſich fuͤr Eine entſcheidet, ſondern wie ein gluͤcklicher Menſch, den Liebe und Kunſt zugleich mit ihren Myrthen⸗ und Lorbeerkraͤnzen ſchmuͤcken. Haſt Du ſie nun errathen, die Geliebte, die all dies Weh uͤber Dein Leben gebracht? O zuͤrne ihr nicht! ſie iſt dennoch die Hohe, die Goͤtterverwandte, und was die Liebe mit dem farbenreichen Pinſel der Phantaſie begeiſtert auftraͤgt, nimmt ſie, eine ſchuͤtzende Gottheir, an ihr Mutterherz, und pflegt und geſtaltet es, bis das Bild in uns zum herr⸗ lichen Zeugniß außer uns werde, von unſerm in⸗ nigen Verſenken in das Ewiggeliebte. Was ich verſchuldet, erſtrebt und— verlo⸗ ren habe, werden beifolgende Auszuͤge aus mei⸗ nem Tagebuch Dir enthuͤllen; was ich wiederge⸗ winnen darf, laͤßt Dein Herz mich hoffen, denn 3r Theil. 11 162 ob auch ſchon das Schickſal aus dem Gewebe der Taͤuſchung, mit dem ich Dich umſtrickte, ein un⸗ gluͤckliches Eheband wob, ſo hat doch Dein aͤcht weiblich zarter Sinn es in dem Augenblick ge⸗ löſt, wo Dein beſſeres Gefuͤhl Dich den Werth des Mannes kennen lehrte, dem Du keine Liebe gewaͤhren konnteſt, und keine Pflicht bindet Dich mehr an den ungeliebten Vater eines Kindes, das von nun an mir nur Conſtanzens Sohn iſt. Habe ich Dich nun verſoͤhnt? darf Edwin jenen Schwur, den er in prieſterliche Hand einſt niederlegte, noch einmal wiederholen? Pruͤfe, entſcheide und richte! aber wenn es ſeyn kann, laß mir meinen einfachen Stand und Namen! Erroͤthe nicht, mich einer Kunſt ergeben zu wiſ⸗ ſen, die meinem Daſeyn Gehalt und Werth giebt. Nimm mich, wenn es nicht anders ſeyn kann, als den Lehrer Deines Sohnes in Dein Haus! vertraue mir die Erziehung Deines Kin⸗ des, und es ſoll eine neue ſchoͤne Welt fuͤr uns eebluͤhen, die keine entzogne Fuͤrſtengunſt und kei⸗ ne ehrſuͤchtigen Plaͤne ferner ſtoͤren koͤnnen. Edwin. — —— 163 Conſtanze an Edwin. Wohl gabſt Du mir in Deiner Kunſt eine gefaͤhrliche Nebenbuhlerin, mein Freund! Sie eoͤſte nicht allein das Band unſrer Ehe, ſondern — ich fuͤrchte, ſie war ſelbſt in der ſchoͤnen Zeit unſrer rechtmaͤßigen, durch den Seegen der Mut⸗ ter geheiligten Liebe, ſchon die Feindin, welche mein Bild oft in Deinem Herzen verdraͤngte. Ich war Dein, mit allem Wuͤnſchen und Hoffen dieſes ſtuͤrmiſch bewegten Gemuͤthes; Du theil⸗ teſt das Reich Deiner Gefuͤhle, und zogſt ſcharfe Graͤnzen um daſſelbe, bis Deine Entfernung von mir, Dir den Uebertritt zu dem Einzigen, was immer in Dir herrſchte:(Deine Liebe zur Kunſt,) erlei chterte. Ich zuͤrne Dir darum nicht, mein Edwin! aber ich verſage Dir Deinen Wunſch, mir wie⸗ der anzugehoͤren, um ſo ruhiger, denn anders iſt es auch in meinem Herzen ſeitdem geworden, und ich darf dem, welcher gewohnt iſt, darin allein zu walten, nicht verbergen, daß ich, den ungeliebten Gatten aufgehend, theuren Pflichten 11* 164 anheimfiel, welche das Recht der Vergangenheit beſtreiten, und mich dem Gedanken, es koͤnne Dir wieder gelingen, Dich der Alleinherrſchaft zu bemaͤchtigen, abhold machen. Dem Todten durfte ich ein trauerndes An⸗ denken weihen, ihm im ſtillen Heiligthum mei⸗ nes Gemuͤthes den Platz aufbewahren, den kein Andrer nach ihm einnehmen wird; aber der Le⸗ bende fordert mehr, als den ſanften Geiſterver⸗ kehr, der mir Frieden gab, und meinem Sohn die Mutter erhielt. Edwin! ich entzog dieſem Kinde den Vater! muß ich es nicht doppelt lie⸗ ben, um dieſes Raubes willen? Es wuͤrde mir nicht ſchwer geworden ſeyn, an Malthens Seite mein ernſtes Pflichtendaſeyn fortzuſetzen, denn ich hatte keine Zukunft, als die, welche mir in der ſchoͤnen Entwickelung meines Sohnes erbluͤh⸗ te; aber er— dem ich nicht geben konnte, was das Herz des Mannes wenigſtens einmal im Le⸗ ben von ſeinem Schickſal verlangt, er mußte ei⸗ ne Freiheit, welche er fruͤher dem Ehrgeiz opfer⸗ te, nicht auf immer verloren haben. Das be⸗ ſtimmte meinen Entſchluß. — 165 Emmo war das einzige Gut, welches ich meiner unbegluͤckten Ehe verdankte; es vor jeder Beeintraͤchtigung zu bewahren, iſt nicht nur in⸗ niger Herzenswunſch, ſondern auch Pflicht, da ſeine Entfernung von dem Einfluß des Vaters ihm leicht auch ſein Herz koſten koͤnnte. Dein Wunſch, als der Lehrer meines Sohnes in mei⸗ ner Naͤhe zu bleiben, ſpricht ſchon die Unmoͤg⸗ lichkeit unſrer Wiedervereinigung aus. Wie duͤrf⸗ te Edwino, der gefeierte Kuͤnſtler ſich auf einem einſamen Landſitze einſchließen, ohne den hohen Anforderungen, welche die Welt an ihn macht, zu genuͤgen. Wuͤrde man Dir es vergeben, daß Du eine herrliche Laufbahn verließeſt, um der Er⸗ zieher eines vierjaͤhrigen Knaben zu werden, und wuͤrde man nicht erſtaunt die Blicke auf mich richten, die ſo Unziemliches gefordert? Wuͤrde unſer zarteſtes Geheimniß nicht bald, dem rohen Urtheil der Menge ausgeſetzt, ein Gegenſtand der Entweihung meines Rufes ſeyn? Nein, mein Edwin! mein theurer Gatte! — o laß mich Dich noch einmal ſo nennen!— wir muͤſſen geſchieden bleiben, auf dieſen Traum 166— von Augenblicken, der uns noch an das Leben feſſelt; aber verlieren wollen wir uns in dem weiten Raum der Gedanken nicht mehr. Ich weiß Dich jetzt lebend, und will mich wieder ge⸗ woͤhnen, mit dem hingebenden Vertrauen wan⸗ delloſer Freundſchaft mein Herz in das Deinige zu ergießen. Deine Briefe— jetzt der Gegen⸗ ſtand geheimer Unruhe— werden bald, wie laͤngſterſehnte Bothen aus der Ferne, mit heit⸗ rer Ruhe von mir empfangen, und beantwortet werden. Biſt Du es zufrieden, mein theurer Freund? oder ſoll Conſtanze ihre beſſere Ueberzeugung ver⸗ leugnen, um, mit ſich ſelbſt uneinig, ſich Deinen Wuͤnſchen zu einigen? Conſtanze. Edwin an Conſtanze. Du ſcheideſt Dich zum zweitenmal von mir, meine Conſtanze! Damals war es eine Mutter, die Du nicht verletzen wollteſt, jetzt ein Kind, das Du nicht beeintraͤchtigen darfſt, und den⸗ 167 noch warſt Du zu allen Zeiten mein, mit all⸗ Deinem Wuͤnſchen und Hoffen? Soll ich Dir glauben, oder taͤuſchteſt Du Dich vielleicht ſelbſt? Ich liebe die Kunſt, wie der Mann ſein Amt, ſeine Pflicht, ſein Geſchaͤft lieben ſoll; ich bleibe ihr treu, denn ſie erſchließt mir taͤglich eines ihrer ſuͤßeſten Geheimniſſe, aber ſie Dir vorgezogen habe ich nie; denn als ich Dich ver⸗ laſſen mußte, waͤhlte ich nicht freiwillig mein Exil, und als ich, dem Tode geweiht, nur durch ein Wunder gerettet wurde, hatte ſich in meinem Schickſal noch nichts geaͤndert, das mich zur Ruͤckkehr berufen haͤtte. Ich fuͤllte alſo nur die druͤckend ſchweren Tage unſrer, von Dir ſelbſt geforderten Trennung mit ihren Leiſtungen aus, und gehoͤrte ihr erſt ganz, als Du— einem Andern gehoͤrteſt. Du hatteſt den Muth mein Weib zu wer⸗ den. O, warum hatte ich nicht den Groͤßern, Dich oͤffentlich die Meine zu nennen? denn— was auch die kindliche Pflicht Dir auflegte, un⸗ ſer Lebensgluͤck durften wir einem Vorurtheil doch nicht opfern. 168 Das Laͤcheln oder Zuͤrnen eines Fuͤrſten iſt kein Donnerkeil, den Jupiter vom Himmel ſchleu⸗ dert, um eine Mutter zu vernichten. Wir waͤ⸗ ren tugendhaft und gluͤcklich geweſen, und Deine Mutter wuͤrde in unſrer Mitte ſich das ſchoͤne Geheimniß, ohne Bäſenaunſ zu leben, erſchloſ⸗ ſen haben. Doch— das verſchuldete ich! Dir wärde erſt die Schuld meiner zweiten Verweiſung aus Deiner Naͤhe anheimfallen. Du biſt meine Gattin! Ich ehrte ſchweigend Dein Verhaͤltniß zu einem Andern, durch meine Schuld herbeige⸗ fuͤhrt; aber nun ich Dich wieder frei— frei aus eigner Wahl weiß, nun mache ich meine Anſpruͤ⸗ che geltend. Dein Sohn iſt ein Malthen! glaubſt Du, daß ſein ſtolzer Vater ihn Dir uͤber ſeine Kindheit hinauslaſſen wird? und dann— o Conſtanze! iſt denn das Leben ſo endlos lang, daß wir der Zeit ruhig anheimſtellen koͤnnen, was uns jetzt ſchon begluͤcken duͤrfte? Weiſe mich nicht wieder in die kalte Ferne, meine Freundin! ich wuͤrde ihr ſo muthig nicht mehr entgegenge⸗ hen, als fruͤher, wo ich kein Gluͤck mehr in der 169 Heimath zu hoffen hatte. Wuͤßteſt Du nur, wie wohl, wie entzuͤckend wohl mir der Gedanke thut, Dich hier allein, alles Glanzes und Flitters Deines Standes entaͤußert, zu finden, denn nur ſo kann Edwin Dir und der Kunſt in ſchoͤner Eintracht leben. Du gehſt in meine Idee, als Lehrer Deines Sohnes in Deinem Hauſe Eingang zu ſuchen, nicht ein, und Du haſt Recht, weil die Recht⸗ maͤßigkeit unſrer Verbindung keiner neuen Ver⸗ huͤllung bedarf. Du hatteſt ſchon fruͤher Gruͤn⸗ de, Deinen Namen und Stand abzulegen, ich wuͤnſche Beide nie wieder aufzunehmen. So ſind wir einander zum zweitenmal gleichgeſtellt, und nie⸗ mand kann es ſonderbar finden, daß die Witwe Oswald dem Kuͤnſtler Edwin ſich vermaͤhlt. Soll Dein Sohn die kurze Zeit, welche er noch bei uns lebt, uͤber unſer wahres Verhaͤltniß getaͤuſcht wer⸗ den, ſo laß mich ihm Freund und Lehrer heißen, und uͤberhaupt den Kreis unſres Umganges ſo eng als moͤglich ziehen. Ich unterwerfe mich jeder Anordnung, die Du zur Schonung Deines Nu⸗ fes, zum Wohl Deines Kindes triffſt; aber kei⸗ 170 ne Bedenklichkeit, wie zart ſie auch ſei, wird mich abhalten, Dich wieder mein zu nennen. Edwin. Conſtanze an Edwin. Du willſt es! nun wohl, ſo ſei es! Doch erſt der Tag, welcher mich wirklich von dem zwei⸗ ten Gemahl ſcheidet, ſei zweiter Hochzeitstag, ſei der unſrer Wiedervereinigung. Bis dahin— kein Wiederſehen. Conſtanze. Edwin faltete ſtill das letzte Billet von Con⸗ ſtanzen zuſammen. Er konnte ihre zarte Beruͤck⸗ ſichtigung des Vaters ihres Sohnes nicht mißbilli⸗ gen, aber— ſein ſchoͤner Lebensplan wurde da⸗ durch auf lange, vielleicht auf immer hinausge⸗ ſchoben. Malthen war, ſo erfuhr er zufaͤllig, eben erſt von ſeinen Reiſen zuruͤckgekehrt, und bei Hofe ſo kalt aufgenommen worden, daß er— wie man vermuthete— nach einem andern Wir⸗ 3 171 kungskreis ſtrebte. Von einer moͤglichen Ver⸗ maͤhlung ſprach niemand. Da uͤbermannte ein finſtrer Geiſt den— vom Friedensport noch einmal zuruͤckgeſchleuderten Edwin. Er ließ Jalanthen zuruͤck, und wurde der Schatten desjenigen, der, verflochten in ſtaatsklu⸗ ge Plane, ſchon ſeit Jahren keine Nachfrage nach ſeinem Kinde gethan hatte. Endlich betrat Malthen wieklich eine andre Laufbahn. Er verließ den Hof ſeines Fuͤrſten, und wurde in der Hauptſtadt eines andern Lan⸗ des als Praͤſident angeſtellt. Hier flochten ihm, der nie den Muſen huldigte, grade ſie ihre duf⸗ tendſten Kraͤnze, und Edwin kehrte nach einem Jahr gluͤcklich und begluͤckend in Conſtanzens Ar⸗ me zuruͤck, denn ihre Bedingung war erfuͤllt. Malthens Vermaͤhluͤng mit der ſchoͤnen genialen Clementine von Rittersberg ſollte in wenig Ta⸗ gen vollzogen werden. So hatte er es denn endlich erſtrebt, errun⸗ gen! das Gluͤck des haͤuslich ſtillen Friedens, des ungeſtoͤrten Beſitzes ſeiner Conſtanze! Der Prediger, Freund ſeiner Gattin, und von ihr in das Geheimniß gezogen, ſprach ſeeg⸗ nende Worte der Weihe uͤber die Neuvereinigten, und Edwin zog mit Ialanthen hochbeſeeligt in das einſame Haus der Gattin, waͤhrend der kleine Emmo ſich mit unendlicher Liebe an ſeinen neuen Freund und Lehrer hing. Die Italienerin folgte Edwin nicht ganz freu⸗ digen Muthes in ſein neues Verhaͤltniß. Sie war dem unverheiratheten, in ſeine Ideale verſunknen Kuͤnſtler ein Schatz, den er, ſeit er ihn gefunden, nicht mehr miſſen konnte, darum ſtellte er die einzige Vertraute ſeines Ge⸗ heimniſſes, die ihm blindlingsergebene Lebensret⸗ terin, ſich ſelbſt gegenuͤber, auf einen viel hoͤheren Standpunkt, als ihr gebuͤhrte. Er duldete ihr Mißfallen an dem deutſchen Himmel mit ſcho⸗ neender Nachſicht, unterſtuͤtzte, ſo viel es moͤglich war, die Befriedigung ihrer ſchwaͤrmeriſchen Froͤm⸗ migkeit, und erlaubte ſich, durch ſeinen Aufent⸗ halt in Italien an deren Aeußerung gewoͤhnt, nie die kleinſte Beeintraͤchtigung ihrer religioͤſen Uebungen. Dadurch war er ihr Abgott gewor⸗ den, und je laͤnger ſie um ihn lebte, je mehr ſie —— — 173 ſein ſtilles Eingehen in ihre Wuͤnſche und Ge⸗ wohnheiten kennen lernte, je eiſerner ſetzte ſich auch in ihrem Kopf die Hoffnung feſt, es werde immer ſo mit ihm bleiben, und er wohl gar— was der Gipfelpunkt ihrer geheimen Wuͤnſche war— zu ihrem alleinſeeligmachenden Glauben übertre⸗ ten. Edwin, zu duldſam, und durch ſeinen langen Aufenthalt in Italien an dergleichen gewoͤhnt, ließ ſie, ſeiner ſelbſt gewiß, ruhig ihr Bekehrungs⸗ werk beginnen und fortſetzen, bis ſeine Verbin⸗ dung mit Conſtanzen, und ſeine Niederlaſſung in einer gaͤnzlich proteſtantiſchen Gegend, ſie ploͤtzlich aus ihrem Wahne riß, und zugleich von dem Platz draͤngte, den ſie bisher unbeſtritten ihm gegenuͤber, nicht untergeben, behauptet hatte. Conſtanze, die umſichtige, ſich ſelbſt klare Frau, bemerkte und fuͤrchtete ſchnell den Einfluß, welchen Jalanthens Naͤhe auf ihr Lebensgluͤck haben koͤnnte, und bat Edwin, ihr lieber in ihrem Vaterlande ein, ihrer Lage angemeſſenes Loos zu bilden, als ſie in ein Haus einzufuͤhren, wo andre Gewohnhei⸗ ten und Sitten ihr den Zwang der Dienſtbarkeit auflegen mußten; aber Edwin, durch den hefti⸗ 174— gen Ausbruch von Jalanthens Verzweiflung bei dem erſten Vorſchlag einer Trennung erſchreckt und aͤberwaͤltigt, endete damit, ihr Verhaͤltniß ſo unabhaͤngig wie moͤglich von fremder Willkuͤhr zu machen, indem er Conſtanzen dahin vermoch⸗ te, ihr ein Zimmer ihres Hauſes ohne beſtimm⸗ te Beſchaͤftigung zu uͤbergeben. Dieſer Zug von Schwachheit in Edwin's Charakter, welcher ihn hinderte, beſtimmter zu handeln, weil er undankbar erſcheinen konnte, bildete den erſten Mißton in ſeiner Ehe. Con⸗ ſtanze fuͤhlte mit geheimen Mißbehagen, daß ihr Gatte noch einer andern Macht, als der Kunſt unnd Liebe verfallen war, und der aͤgliche Anblick Jalanthens, die nur gebrochen Deutſch ſprach, ſich voͤllig italieniſch trug, abſchreckend haͤßlich war, und ihrem Cultus mit ſo großer Strenge huldigte, als ihre Umgebungen im Widerſpruch mit demſelben ſtanden, weckte ihr jedesmal eine unangenehme Empfindung, um ſo mehr, da ſie in der raſchen Handlung der Italienerin, wel⸗ che Edwin's Tod verbreitete, den eigentlichen Quell ihres ganzen ſpaͤteren Ungluͤcks zu ſehen glaubte, ohne ſich uͤberzeugen zu koͤnnen, daß ihr Beiſtand allein das Leben des theuren Gatten geret⸗ tet hatte. Nur ungern geſtattete ſie ihr die kleinſte Einmiſchung in die Geſchaͤfte des Hauſes, und mit einer, von Edwin ſelbſt oft gemißbilligten Aengſtlichkeit huͤthete ſie den kleinen Emmo vor der Naͤhe Jalanthens, die ihrerſeits nicht auf⸗ hoͤrte, ſich gegen ihren Herren uͤber eine Behand⸗ lung zu beklagen, die ſo weit entfernt von derje⸗ nigen war, welche ihr Beſchuͤtzer ihr ſtets ange⸗ deihen ließ. Edwin ſtand vermittelnd zwiſchen beiden Frauen. Conſtanzens Widerwillen gegen die Ita⸗ lienerin ſchien ihm ein Vorurtheil, das er ſcho⸗ nen, aber nicht theilen duͤrfe. Was ihr an ſei— ner Lebensretterin zuwider war, ihre ſuͤdlichen Zuͤge, die fremde Tracht, und das, was ſie Bi⸗ gotterie nannte, daran hatte ſein Auge ſich laͤngſt gewoͤhnt; das, woruͤber aber Jalanthe ſich be⸗ klagte, war mehr als Vorurtheil, es war offen⸗ bare Beeintraͤchtigung ihres bisherigen Verhaͤlt⸗ niſſes zu ihm, es draͤngte ſich feindlich zwiſchen ihre leidenſchaftliche Anhaͤnglichkeit an ſeine Per⸗ 176 ſon und drohte ihm, deſſen Vertrauen ſie ſo lan⸗ ge ausſchließend beſeſſen, in einen unangenehmen Widerſpruch zwiſchen ſeine fruͤheren Gewohnhei⸗ ten und der Achtung, welche er den Wuͤnſchen ſeiner Frau ſchuldig war, zu ſetzen. Auf kurze Zeit wurde zwar dieſe mißbehag⸗ liche Empfindung durch ein Ereigniß in den Hin⸗ tergrund gedraͤngt, das ſein und Conſtanzens haͤusliches Gluͤck unendlich erhoͤhte: die geliebte Gattin wurde Mutter einer Tochter; aber bald war eben dies theure Kind der Gegenſtand neuer Kraͤnkungen fuͤr beide Theile. Der Augenblick, wo die kleine Edwina ge⸗ boren wurde, ſchien Jalanthen aus einem Zu⸗ ſtand der Apathie zu wecken, ſo außerordentlich unterſchied ihre fruͤhere Paſſivitaͤt ſich von ihrer jetzigen Thaͤtigkeit. Mit einer Heftigkeit, als haͤtte ſie dieſen Zeitpunkt nur erwartet, um alle die Zuneigung, welche ſie fluͤher ihrem Herren weihte, auf das kleine Weſen, das ſie ausſchließ⸗ lich als ſeine Tochter betrachtete, uͤberzutragen, bemaͤchtigte ſie ſich der Pflege und Wartung des Kindes. Was die zaͤrtliche Mutter auch that, — 477 um ſich den Liebling ihres Herzens ganz anzu⸗ eignen, wie liebend ſie auch jede Bewegung ihrer vergoͤtterten Edwinna bewachte, immer traf ihre Vorſorge mit der Jalanthens zuſam⸗ men, die nicht mehr von der Wiege des Kindes wich. Sie hatte auf einmal ihren Beruf in die⸗ ſem Hauſe gefunden, und hielt daran mit eiſer⸗ ner Feſtigkeit. Um dieſe Zeit, und ſchon fruͤher hatte Ed⸗ win oft mit dem Entſchluß gekaͤmpft, ſeinen Sohn Magnus der theuren ungekannten Mut⸗ ter endlich zuzufuͤhren; allein dieſe ſelbſt verzo⸗ gerte durch manche argloſe, und doch, wie ihn duͤnkte, bedeutſame Aeußerung, die Ausfuͤhrung deſſelben. So gluͤcklich ſie in dem Beſitz der hol⸗ den Tochter ihres Edwin war, ſo mit den Fuͤ⸗ gungen der Vorſehung zufrieden, zeigte ſie ſich doch immer bei der, von ihrem Gatten oft ab⸗ ſichtlich herbeigefuͤhrten, Erinnerung an den fruͤ⸗ hen Tod ihres Erſtgebornen, an den ſie um ſo feſter glaubte, als die Kammerfrau, welche da⸗ mals einige Ahnung von dem Leben des Kindes 3r Theil. 12 178— haben konnte, bald nachher ploͤtzlich geſtorben war.— 1 a8, „Wie haͤtte ich mich vor Partheilichkeit zwi⸗ ſchen ihm und Malthens Sohn bewahrt?“ rief ſie dann mit leuchtenden Augen, und ſank in Ed⸗ win's Arme.„Zwar dann wuͤrde meine Hand „nie einem Andern zu Theil geworden ſeyn, aber „wenn ich die Umſtaͤnde, wie ſie jetzt ſich gebil⸗ „det haben, mit der Idee verbinde, daß unſer „Sohn noch lebte, ſo ſcheint es mir, als duͤrfe „meinem jetzigen Gluͤck nichts mehr hinzugethan „werden.“— Edwin ſchwieg mit einem beinahe eiferſuͤch⸗ tigen Seitenblick auf den kleinen Emmo, der in ſorgloſer Ruhe zu den Fuͤßen ſeines theuren Leh⸗ rers, den er taͤglich mehr lieb gewann, ſpielte; aber in ſeiner Seele bildete ſich nun der feſte Entſchluß, Conſtanzen das ſchoͤne Pfand ihrer erſten Liebe nicht eher als nach Emmo's Entfer⸗ nung, die im achten Jahre erfolgen mußte, zu⸗ zufuͤhren. Fuͤr dieſen entzuͤckenden Augenblick entwarf er ſich eine neue herrliche Ueberraſchungs⸗ ſcene, und arbeitete ſeitdem in jeder unbeobach⸗ 179 teten Stunde an einer Statuͤe Conſtanzens mit ihrem Sohn Magnus auf dem Mutterarm. So flohen getheilt in Ehe⸗ und Vatergluͤck dem ſtill befriedigten Kuͤnſtler einige ſeelige Jah⸗ re dahin. Nichts ſtoͤrte den Einklang ſeines lie⸗ benden Verkehrs mit der theuren Frau, die an ſeiner Beuſt, umgaukelt von ihren lieblichen Kin⸗ dern, erſt nach und nach zum vollen Gefuͤhl und Bewußtſeyn ihres Gluͤcks gelangte, als ein kleiner Schatten, der erſt wie ein leichtes Woͤlkchen ne⸗ ben der Sonne ihres beſeeligten Ehelebens ſtand, ſich langſam breitete und, ploͤttzlich rieſengroß wer⸗ dend, den vorher ſo heitern Himmel mit tiefem Dunkel umnachtete. Jalanthe— o warum kann Edwin, der bis jetzt mit muͤhſam erkaͤmpfter Unpartheilichkeit ihr Verdienſt um ihn erhob, nun nicht wenigſtens uͤber die Ungluͤckliche ſchweigen, die— zum zwei⸗ tenmal der boͤſe Engel ſeines ehelichen Friedens— ihn unerbittlich mit ſich fortriß! Sie hatte ſich mit der ganzen Heftigkeit ih⸗ res ſuͤdlichen Temperaments dem Kinde zugewen⸗ det, das Edwins Namen trug und der ihr ver⸗ 180 haßten deutſchen Frau wenigſtens nicht ſo ganz gehoͤrte als der kleine Emmo. Da ſie aus der Pflege Edwinna's ihr einziges Geſchaͤft machte und Conſtanze ihr endlich darin, wiewohl un⸗ gern, nachgebend, ſich in ihre haͤuslichen und muͤtterlichen Pflichten theilte, ſo konnte es nicht fehlen, daß die Kleine die frappanten Zuͤge ihrer Waͤrterin bald beſſer kannte, und lieber hatte, als die der ſeltner geſehenen Mutter. Dieſe Vor⸗ liebe des Kindes fuͤr Jalanthen wuchs, je mehr es bemerkte, daß dieſe nie einen ſeiner kleinen Wuͤnſche unbefriedigt ließ, waͤhrend Conſtanze, um den kindiſchen Eigenſinn zu ſteuern, das traurige Amt des Verweigerns beinahe allein uͤber⸗ nehmen mußte. Endlich— es war an Edwinens zweitem Jahrestage— brach die kleine Eiferſuͤchte⸗ lei der Mutter mit ihrem gerechten Unwillen uͤber Jalanthens ſichtliches Entgegenwirken bei der Er⸗ ziehung des Kindes, zugleich los. Dieſe hatte der Kleinen eine von der Mut⸗ ter verbotne Leckerei beinahe in demſelben Augen⸗ blick bewilligt, und als jene darauf das Kind ihr vom Arm genommen, mit uͤbelverhehltem Tri⸗ —— 181 umpf ſich ihm gegenuͤber geſtellt und es ſo lange gelockt, bis es mit lautem Geſchrei von der Mut⸗ ter weg und zu Jalanthen verlangte. Noch ganz aufgeregt von dieſer kleinen Be⸗ gebenheit, ſuchte Conſtanze ihren Gatten in ei⸗ nem Bosket ihres Gartens auf, wo ſie ihn wirk⸗ lich fand, und ſich uͤber die Anmaßung Jalan⸗ thens ſchmerzlich beklagte. Dießmal wollte ſich die gekraͤnkte Mutter nicht mit den ſo oft er⸗ ſchoͤfften Troſtgruͤnden Edwins begnuͤgen, ſie drang auf Entfernung der Italienerin, und er⸗ bot ſich, die, ihr nun einmal unangenehme Frau uͤberall, nur nicht in ihrer Naͤhe, in eine Lage zu verſetzen, die ihr nichts zu wuͤnſchen uͤbrig ließe. b Edwin erſchrak, denn er wußte wohl, daß Jalanthe ſchon einmal einen ſolchen Vorſchlag mit Leidenſchaft von ſich gewieſen hatte, auch be⸗ griff er, ſich in den hohen Grad von Conſtan⸗ zens Unwillen nicht hinein denken koͤnnend, dieß⸗ mal am wenigſten, warum die treue Waͤrterin ſeiner Tochter darum verbannt werden ſollte, weil dieſe ihr zu ſehr zugethan ſei. 182 Allein ſeine Gattin, ohne ſich auf die klei⸗ nen Fatalitaͤten der Gegenwart einzulaſſen„roll⸗ te vielleicht mit nur zu genauer Charakterkennt⸗ niß der Italienerin ein Gemaͤhlde vor ſeinen Au⸗ gen auf, das ihn wirklich manchen harien Sturm fuͤr die Zukunft ahnen ließ. „Jalanthe“ ſagte ſie,„bemaͤchtigt ſich jetzt ſpielend des Herzens unſerer Tochter, um der⸗ einſt, wenn ſie ſie ganz gewonnen, vielleicht nicht einmal aus boͤſer Abſicht, aber doch aus Argliſtiger gegen mich, die ſie anfeindet, weil ich die Stoͤrerin ihres bequemen Verhaͤltniſſes zu Dir bin, ihr Gemuͤth ihrem Glauben zuzuwen⸗ den. Schon jetzt beginnt dieſe leidenſchaftliche Frau ihr verderbliches Werk in der Seele des ſchuldloſen Kindes, und bald wird die Mutter Edwinnen nur als gefuͤrchtete Freudenſtoͤrerin er⸗ ſcheinen, der man das verbergen muß, was ſie vielleicht ſtrafen oder entziehen koͤnnte. Sollen wir aus zu peinlicher Ruͤckſicht unſre Tochter ſol⸗ cher Gefahr ausſetzen, und ſie nicht lieber bald von einem Einfluß entwoͤhnen, der ſpaͤter gewiß verderblich fuͤr ſie wird?“ 183 Dieſe letzte Frage an ſeine beſſere Ueberzeu⸗ gung konnte Edwin nicht verneinen, und ſo ſchwer es ihm wurde, hier einen entſcheidenden Schritt zu thun, ſo vollkommen uͤbereinſtimmend war er doch mit den Beſorgniſſen ſeiner Gattin, daß er ihr die Entfernung Jalanthens gewiß verſprach. Ein kleines Geraͤuſch, das hier ihr Geſpraͤch unterbrach, ließ Beide einen unberufe⸗ nen Zuhoͤrer fuͤrchten, da ſie indeß bei oberflaͤchli⸗ cher Nachſuchung keinen Solchen entdeckten, und Jalanthe bei ihrem endlichen Eintritt in das Haus wegen Unwohlſeyn zu Bett liegend ange⸗ troffen wurde, ſo ſchwieg jede Beſorgniß. Dieſe kraͤnkelte von der Zeit an beinahe ununterbrochen. Ihre Geſichtszuͤge verfielen taͤg⸗ lich mehr, und nichts war bei einem ſolchen An⸗ blick leichter, als Conſtanzen uͤber ihre Befuͤrch⸗ tungen zu beruhigen, und ſie eine mildere Aus⸗ kunft, als beſtimmte Verbannung hoffen zu laſſen. Wochen vergingen ſeit jenem Geſpraͤche. Conſtanze ſtand, uneingedenk ihres fruͤheren Un⸗ willens, pflegend an Jalanthens Lager, waͤhrend Edwin, ſeinen Geſchaͤften als Kuͤnſtler hingege⸗ 184— ben, kleine Reiſen zu dem Marmorbruch machte, auf deren Einer die geliebte Gattin ihn auf ſein dringendes Bitten begleitete, da die Italienerin ſich ſeit einigen Tagen außer dem Bett befand. Emmo ſollte das Vergnuͤgen der Eltern thei⸗ len, doch Edwinna blieb nach einigen Ueberlegun⸗ gen derſelben, ob es wohl gerathen ſei, ein ſo zartes Kind auf einer Reiſe, die wenig Bequem⸗ lichkeiten darbot, mitzunehmen, unter der Auf⸗ ſicht Jalanthens und eines Kindermaͤdchens zuruͤck. Ach die Natur hatte in dieſer wilden Ge— gend allen Reichthum an Erhabenheit erſchoͤpft, und es gehoͤrte zu Edwin's Feſttagsgenuͤſſen, die theure Frau auf die Stellen zu fuͤhren, wo er fruͤher, ungeſellig und allein, ſeiner hoffnungslo⸗ ſen Sehnſucht gelebt hatte. Zwei Tage des Gluͤcks rangen die Bedau⸗ ernswuͤrdigen ihrem Schickſal noch ab, dann ver⸗ ſank ihr Paradies auf immer, denn als ſie ah⸗ nungslos und voll Sehnſucht nach ihrem kleinen Liebling in das oͤde, verlaßne Haus zuruͤckkehrten, wurden ſie von den wenigen Domeſtiken, welche die Reiſe nicht mitgemacht hatten, eben ſo er⸗ — 185 ſtaunt nach Jalanthen und der Kleinen gefragt, als ein Todesſchrecken ſie durchbebte, dieſe Frage an ſich thun zu hoͤren. Dieſe war mit Edwinnen bald nach der Ent⸗ fernung ihrer Herrſchaft ſpatzieren gegangen; doch kurze Zeit darauf mit der Nachricht zuruͤckgekehrt: ihr Herr habe einen Boten geſchickt, durch den er ihr befohlen, Ackerpferde zu nehmen, und nebſt dem Kinde an einen beſtimmten Ort zu kommen, wo die Familie ſie erwarten, und zu der Luſtrei⸗ ſe mitnehmen wolle. Niemand fand darin et⸗ was ſonderbares, denn alle waren Zeuge des Kummers geweſen, mit dem die zaͤrtliche Mutter ſich zum erſtenmal von ihrem Liebling ſchied, und kaum war eine Stunde verfloſſen, ſo ſaß Jalan⸗ the, mit dem Noͤthigſten fuͤr ſich und das Kind auf einige Tage verſehen, ihren kleinen Pflegling an der Seite, im Wagen. Als man an den Ort des vorgegebenen Rendez-vous gelangt war, ſtieg Jene mit Ed⸗ winnen aus, ließ ihre Sachen in das Wirthshaus ſchaffen, und ſagte dem Knecht, welcher ſie fuhr: ſie wuͤrde ihre Herrſchaft, die wahrſcheinlich ſpa⸗ 186 tzieren gegangen ſei, hier erwarten, worauf dieſer arglos umkehrte, ohne gegen den Amtmann jenes ihm unbedeutend ſcheinenden Umſtandes Erwaͤh⸗ nung zu thun. Dieß waren die Nachrichten, welche die troſtloſen Eltern uͤber einen Vorfall einſammel⸗ ten, der ihre ſuͤßeſten Hoffnungen vernichtete. Die erſten Momente gehoͤrten der ſorgfaͤltigſten Pruͤfung aller, zu Jalanthens Flucht behuͤlflichen Gegenſtaͤnde, woraus ſich denn ergab, daß außer einiger Kinderwaͤſche nur noch eine gruͤnſeidne geſtickte Brieftaſche mit einem kuͤnſtlichen Schloß, zu dem Edwin den Schluͤſſel bei ſich trug, fehlte. Dieſes ſehr werthe Geſchenk Conſtanzens aus den fruͤhſten Zeiten ihres Brautſtandes, hat⸗ te ihr Gemahl auf allen ſeinen Reiſen bei ſich getragen, denn es enthielt nicht allein das wohl⸗ getroffne Bild ſeiner Gattin, ſondern auch die wichtigſten Papiere in Original, welche dies Kaͤſt⸗ chen nur in der Abſchrift enthaͤlt: Edwins Trau⸗ ſchein und Magnus, ſo wie auch ſpaͤter Edwinna's Taufzeugniß. In Italien war dieſe Brieftaſche zugleich die Bewahrerin ſeines ganzen kleinen — 187 Vermoͤgens geweſen, und Jalanthe kannte ſie da⸗ her nur in Beziehung auf dieſen letzten Zweck. Wahrſcheinlich hatte ſie geglaubt, dieſen Schatz noch darin zu finden, und ſich derſelben vor ih⸗ rer Abreiſe zu Gunſten des Kindes bemaͤchtigt. 2 Ohne in dieſem Augenblick etwas von Con⸗ ſtanzens Herzzerreißendem Schmerz zu ſagen, iſt es genug, Edwin auf ſeiner raſtloſen Verfol⸗ gungsreiſe der Strafbaren zu begleiten. In dem von jenem Knecht angedeuteten Wirthshauſe war Jalanthe nur ſo lange geblieben, um ein Fruͤhſtuͤck einzunehmen, dann war ſie, unter dem Vorwand ihrer Herrſchaft entgegen zu gehen, mit dem Kinde und einem ſehr kleinen Paͤcktchen fortgegangen. Daß ſie nicht zuruͤckkehrte, war niemand aufgefallen, denn ſie konnte ja diejeni⸗ gen, welche ſie aufſuchte, gefunden haben, und die Frage, ob ſie auf der Landſtraße geblieben, oder einen von den drei Kreuzwegen, welche nach entgegengeſetzten Richtungen fuͤhrten, eingeſchla⸗ gen haben, wußte eben ſo wenig jemand zu be⸗ antworten, denn ſie konnte unmoͤglich lange zu 188 Fuß fortgewandert ſeyn, da ihre Geſundheit ihr eine ſolche Anſtrengung nicht erlaubte. Aber welcher Wagen hatte ſie weiter ge⸗ bracht, und welche Spur ſollte Edwin verfolgen, um ſie nicht, waͤhrend er der Einen nachjagte, auf der Andern deſto ſichrer entfliehen zu laſſen? Weder die Poſt, noch irgend ein Miethswagen hatte ihre Reiſe befoͤrdert, das ergab ſich aus den genauſten Erkundigungen, welche der Vinaſtet⸗ Vater uͤberall anſtellte. Edwinna ſchien mit ihrer grauſamen Entfuͤh⸗ rerin in den Abgrund der Erde verſenkt, ſonſt wuͤrde von den vielen Verſuchen, ſie zu finden, doch einer gegluͤckt ſeyn? Monate waren verfloſſen. Edwin hatte, von immer neuen Hoffnungen geaͤfft, die Gegend von Thalgrund zwanzig Meilen in die Runde mit ei⸗ ner Gewiſſenhaftigkeit durchforſcht, die ihm end⸗ lich die troſtloſe Ueberzeugung gab, Jalanthe ſei laͤngſt mit ihrem Raub in Italien, dem Lande, wohin ihr Sehnen ſie unaufhoͤrlich zog, ange⸗ kommen, und Conſtanzen hieruͤber ſeine Muth⸗ maßungen ſchriftlich mittheilend, erhielt er bald. folgende Antwort von ihr. Conſtanze an Edwin. „Mein Edwin! was das Schickſal uns ver⸗ „weigert, weiß es uns auch zu entreißen, wenn „wir dennoch mit ihm um das geliebte Erden⸗ „gut in Kampf zu treten wagen.“ Sind das nicht die Worte, mit welchen Du in verhaͤngniß⸗ voller Stunde fuͤr dieſes Leben von mir zu ſchei⸗ den glaubteſt, und empfing ich ſie nicht wie ei⸗ nen zermalmenden Goͤtterſpruch aus Deinen zit⸗ ternden Haͤnden, als troſtloſe Wittwe? Mein Freund! was in ſo ernſter Stunde zu uns ſpricht, ſollen wir in gluͤcklicheren Zeiten nicht deuten und wenden, darum— o zuͤrne mir nicht, wenn ich dieſe geknickte Hoffnungsbluͤthe als eine neue Mahnung des noch nicht verſoͤhnten Himmels betrachte. Ich habe lange und ſchwer fuͤr die Beharrlichkeit gebuͤßt, mit der ich Dich der ver⸗ weigernden Hand meines Geſchicks abrang. Der Eifer, Dich unaufloͤßlich an mich zu feſſeln, ließ 190 mich vergeſſen, daß zur reinen Abſicht ſich die reine That geſellen muß, und daß zwei Herzen, welche Luͤge und Taͤuſchung zu ewigem Bunde einte, nie harmlos an einander klopfen duͤrften. Drei gluͤckliche, wonnereiche Jahre in Dei⸗ naen Armen verlebt, mein Gatte, ſchienen mir die freundlichen Buͤrgen einer aufgehellten Zukunft, eines verſoͤhnten Schickſals; doch ich ward ſchreck⸗ lich aus meinen ſuͤßen Traͤumen geweckt! Unſer Kind, unſer armes liebes Kind ſoll die Schuld ſeiner Mutter bezahlen, und Diejenige, welche nicht zoͤgerte, die Urheberin ihrer eignen Tage durch ſtrafbare Taͤuſchung zu beleidigen, darf mit dem Himmel nicht rechten, daß er ihr auf immer das Gluͤck entzieht, aus dem ſchuldloſen Munde einer guten Tochter Worte der Liebe und des Gehorſams zu vernehmen.— Oder waͤre es noch moͤglich?— duͤrfte ich mein Kind nicht ganz verloren geben?— wollte Gott mich vielleicht nur pruͤfen, ob ich mein Herz auch recht geduldig und ergeben zum Opfer bringen wuͤrde?— O Edwin! Du ahneſt, was ich will! Du ahneſt, was jetzt Noth thut, um uns nicht ſelbſt jeder — 191 Moͤglichkeit zu berauben, das theure Kind wieder zu finden. Wir muͤſſen ſo lange getrennt blei⸗ ben, bis der Engel von Neuem in unſere Mitte tritt, als ſichtbares Zeichen des verzeihenden Him⸗ mels. Zuͤrne mir nicht ob der Kluft, die ich zum zweitenmal zwiſchen uns befeſtige, ſondern ſage mir lieber: Koͤnnten wir beiden verlaßnen, einſamen Eltern dann noch gluͤcklich ſeyn, wenn wir unſrer Vereinigung jede Hoffnung, die ge⸗ liebte Tochter der fremden, feindlichen Gewalt, welche ſie jetzt beherrſcht, zu entreißen, zum Opfer braͤchten? Nein, nein Edwin! Du mußt wieder frei und ungebunden, wie ehemals, die Welt durch⸗ ſtreifen koͤnnen, Du mußt Italien zu Deiner Heimath machen, damit Du wenigſtens eine Luft mit unſrer armen Edwinna athmeſt, und vielleicht doch, durch Zufall oder des Himmels Fuͤgung, den Schlupfwinkel entdeckſt, wo die Grauſame ihren Raub verbarg, denn ſeit Deiner Entfernung hat das Auffinden eines kleinen Zettels von ihrer Hand mich nur zu genau belehrt, daß allein die entſetzlicſſe Rachſucht ſie zu dem ungeheuren 192— Verbrechen verleitete. Sie war ungeahnete Zuhoͤ⸗ rerin unſers Geſpraͤchs im Garten, und faßte ſchon damals den Entſchluß, der mich fuͤr die, ihr beſtimmte Verbannung aus unſerm Hauſe recht empfindlich beſtrafen ſollte. Es iſt gar nicht zu zweifeln, daß Jalanthe mit dem theuren Kin⸗ de ihrem Vaterlande zueilte; denn wo ſollte ſie ihren Frevel beſſer verbergen koͤnnen? Darum mein geliebter Freund reiſe dorthin, ſuche die Tochter und bewahre Deiner ungluͤcklichen einſa⸗ men Conſtanze ein liebendes Andenken. Der Ort, wo ich des haͤuslichen Gluͤcks hoͤch⸗ ſte Fuͤlle genoß, wird von jetzt an veroͤdet ſtehen, denn ich kann mich nicht entſchließen, noch fer⸗ ner da zu weilen, wo tauſend Erinnerungen mein blutendes Herz zerreißen. Wo ich mich indeß niederlaſſe, ſollſt Du ſogleich erfahren, damit ich Deine Briefe unter der Adreſſe Madame Os⸗ wald erhalte. Kehrſt Du nach fruchtloſem Su⸗ chen in meine Naͤhe zuruͤck, ſo ſteht das Haus Deiner Freundin Dir jederzeit offen, doch den Gatten begruͤſſe ich erſt an der Hand unſrer wie⸗ der gewonnenen Tochter. Emmo, der mir bei —. 4193 ſeines Vaters Gleichguͤltigkeit wohl nicht entriſ⸗ ſen werden wird, ſoll, da die Umſtaͤnde ſich ein— mal ſo geſtalten, unſer wirkliches Verhaͤltniß nur dann erfahren, wenn es Dir gelingt, den Zauber zu loͤſen, der uns trennt. O Edwin! vergieb mir den neuen Schmerz, den ich Dir bereite, allein nur ſo koͤnnen wir die verlorne Tochter wieder gewinnen, und iſt ſte uns auf immer entriſſen?— ſo giebt es ja doch fuͤr uns kein Gluͤck und keinen Frieden mehr. Ueber dem Grabhuͤgel eines todten Kindes duͤr⸗ fen die Thraͤnen der Eltern ſich miſchen, das Entfuͤhrte reißt ſie gewaltſam aus einander, und zieht ſie ſich nach. 3 Conſtanze. Lange ſtand Edwin beraͤubt, erſtarrt, die Augen verzweifelt auf die Zeilen gerichtet, die ihn von neuem aus dem ſtillen Friedensport, den er gefunden zu haben meinte, in die Welt ſtie⸗ ßen. Moͤge Conſtanze, die vielleicht durch den Kraftaufwand, welche ihr heroiſches Opfer ſie ko⸗ ſtete, etwas uͤber ſeine Bitterkeit getroͤſtet wurde, es nie erfahren, wie unausſprechlich elend ſie ih⸗ 3r Theil. 13 194 ren Gatten durch dieſe Forderung machte. Er fuͤgte ſich ſtill ihren Wuͤnſchen, nach einigen ver⸗ geblichen Verſuchen, ſie von der Grauſamkeit ih⸗ res Vorſatzes zu uͤberzeugen, und ergriff mit ge⸗ beugtem Sinn und tief verletztem Gemuͤth von neuem den Wanderſtab. 1 Von nun an beginnt ein neuer Abſchnitt in Edwin's Leben. Er durchſtreifte Italien in jeder Richtung, aber ſo genau er auch bei den naͤch⸗ ſten und fernſten Bekannten Jalanthens nach Kunde von ihr forſchte, ſie blieb ſpurlos von der Erde fuͤr ihn verſchwunden, und nachdem er ein Jahr auf Welſchlands Boden geweilt, begann er ſeine Nachforſchungen von Neuem in Deutſch⸗ land.. Nach jedem ſolchen vergeblichen Verſuch, eilte er zu Conſtanzen zuruͤck, die ihn mit nn⸗ verhehlter Freude empfing, aber zugleich mit der Feſtigkeit, welche er ſchon fruͤher an ihr kannte und ehrte, ihrem, einmal gefaßten Entſchluß treu blieb., So gelangte der, nirgends heimiſche Kuͤnſt⸗ ler auch nach B. g., wo erſt eine Menge Beſtel⸗ — 195 lungen, und dann der kuͤnſtleriſche Verkehr mit der geiſtvollen Graͤfin Malthen, ihn laͤnger feſſel⸗ te, als er ſich eigentlich ſelbſt verzeihen konnte. Die unerwartete Erſcheinung ſeines geliebten Pflege⸗ ſohnes und Zoͤglings, Emmo, in dem Hauſe des Grafen Malthen, weckte ihn endlich aus dem Schlummer, in den das Wohlgefallen an der ta⸗ lentvollen, genealiſchen Frau ihn gewiegt hatte. Edwin darf nicht raſten, waͤhrend ſeine un⸗ gluͤckliche Gattin noch immer von ſeinen Nach⸗ ſuchungen die Tochter erwartet; er darf den Himmel, der ihn jeden Augenblick mit dem theu⸗ ren Friedenspfand begluͤcken kann, nicht durch muͤ⸗ ßiges Harren gegen ſich und die Seinigen erzuͤr⸗ nen, und ſo enteilt er denn nochmals allen Ban⸗ den, welche Kunſt und Geſelligkeit hier um ihn ſchlangen. Er geht, mein Sohn! um Deine Schwe⸗ ſter zu ſuchen! 4 48*½ Hier endete das Manuſcript Edwins. Beide Juͤnglinge feierten durch ein momentanes Schwei⸗ gen die Stunde, welche ſie uͤber das Geſchick ih⸗ rer edlen Eltern aufgeklaͤrt hatte. Dann ſanken ſie einander bruͤderlich in die Arme, und gelob⸗ ten ſich und den theuren Urhebern ihrer Tage die aufopferndſte Freundſchaft, die unerſchuͤtter⸗ lichſte Treue. „Und jetzt ſprich, mein Freund, mein „Bruder!“ rief Emmo in ſchoͤner Begeiſte⸗ rung,„was iſt es mit Theophilien? Du liebſt „ſie, das wurde mir laͤngſt klar, aber wie liebſt „Du dieſe Himmelstaube? iſt ſie vielleicht noch „mehr Element Deines Lebens geworden, als „des Meinigen? kannſt Du Dir ohne ſie nicht „Gluͤck, nicht Ruhe, nicht Sieg denken?“ Magnus legte reſignirend die Hand auf das wunde Herz, dann ſprach er leiſe, als duͤrfe The⸗ ophiliens Verlobter kein Wort von dem Geſtaͤnd⸗ niß vernehmen, das er ſeinem Bruder that: „Einſt ſuchte ich Gluͤck, Ruhm und Sieg „nur um ihrentwillen; doch jetzt ſuche ich et⸗ Iwas Andres, und das— mein Emmo!“ ſetzte — 197 er mit leuchtenden Augen hinzu,„wird mir ge⸗ „wiß ohne ſie.“ 3 Emmo ſchuͤttelte ſanft verneinend das Haunt Dann frug er mit ungewiſſer Stimme: „Und Theophilia?“— Er verſtummte. Die Frage, ob ſie Magnus Liebe erwidre, wollte nicht uͤber ſeine Lippen, aber ſeine aͤngſtlich auf dem Bruder ruhenden Augen vollendeten ſie. Magnus zog Emmo's Hand an ſein Herz, und erwiederte mit Trobnntige Selbſtverleug⸗ nung: „Mir gab Theophilia kein Zeichen ihrer Huld, Dich waͤhlte ſie zum kuͤnftigen Gatten, mein Emmo! Darin liegt der Ausſpruch, vor dem jedet Andre weichen muß. Laß uns nicht gruͤbeln, nicht ſinnen, wer den andern an Großmuth uͤber⸗ bietet, mein edler Bruder! unſre Aufgabe wur⸗ de uns von hoͤhern Maͤchten ſchon zugetheilt, ſie rein zu loͤſen, iſt unſer einziges Geſchaͤft: Du, den Engel begluͤckend, ich, ihm entſagend. Nun aber nichts mehr davon, wenn Du mich liebſt! Die Nacht iſt bald voruͤber, ſchon daͤmmert in 198 Oſten ein leiſes, zartes Roth, wir muͤſſen zur Neiſe uns durch kurzen Schlaf ſtaͤrken. Emmo, des Aelteren Willen ehrend, folgte, ſich ſtill entkleidend, der Mahnung, und bald ſenkte ein jugendlich kraͤftiger Schlaf ſich auf die beiden bewegten Juͤnglingsherzen, deren ſtuͤrmi⸗ ſcher Schlag noch lange das innre Weh beur⸗ kundete, welches das letzte Geſpraͤch in ihnen aufgeregt. 44. Fortſetzung aus Edwin's Leben. Es wird, nachdem der Vorhang von Edwin's und Conſtanzens Schickſalen vor unſerm geiſti⸗ gen Auge aufgerollt iſt, nothwendig, noch eini⸗ ge Blicke zuruͤck zu thun. So ſehr es bei des Kuͤnſtlers wanderndem Leben moͤglich war, blieb ſeine Gattin durch ſchriftliche Nachrichten immer in der genaueſten Seelenverbindung mit ihm. Nur in der Zeit, wo er, des ewigen Herumir⸗ rens muͤde, ſich in Clementinens geiſtreichem Um⸗ gang wohl gefallend, eine Art von bleibender Wohnſtaͤtte in ihrer Naͤhe aufſchlug, wurden ſei⸗ ne Mittheilungen ſeltner, und hoͤrten endlich ganz auf, weil ein Gefuͤhl geheimer Beſchaͤmung ihm ſein muͤßiges Weilen in der Naͤhe eines Mannes vorwarf, der in ſo genauer Beziehung mit ſei⸗ nem verfehlten Lebensgluͤck ſtand. Indeß Ebwin war, wie tief er auch ſein Familienungluͤck fuͤhlte, doch zu ſehr harmloſer Kuͤnſtler, ſein Streben nach dem Gipfel der Kunſt war ein, ſeinem Herzensin⸗ tereſſe zu Hetherogenes, um nicht durch jenes, oft unbemerkt, von dieſem abgelenkt zu werden. Seine populaͤre Erziehung ſchon hatte ihn zu ſehr gewoͤhnt, den Menſchen von ſeinen Schickſalen zu ſcheiden, als daß er nicht bald in Malthens Naͤhe alles vergeſſen haͤtte, was ihn eigentlich feindlich ihm gegenuͤberſtellte, um blos an ihm und ſeinem Hauſe zu ſchaͤtzen, was ihm eben zu⸗ ſagte: die gaſtfreie Aufnahme, und Clementi⸗ nens Begeiſterung fuͤr eine der Seinigen ver⸗ wandte Kunſt. Daß Malthen dadurch nicht in gleichem Grade begluͤckt wurde, that ihm leid; indeß ſuch⸗ te er den Grund davon mehr in des Praͤſidenten 200 ſtolzen, ungeſelligem Charakter, der ſein Fach: die Politik, wie er das Seine bearbeitete, und ließ ihn meiſt unbeachtet gehen. Das erſte Weſen, welches, außer der gene⸗ alen Graͤfin, ſeine beſondre Aufmerkſamkeit in die⸗ ſem Hauſe erregte, war die zarte kloͤſterliche Theo⸗ philia. Sie wurde ihm von Clementinen, die des jungen Maͤdchens Schickſale damals noch gar keiner Beachtung werth fand, ganz oberflaͤch⸗ lich, als ein, durch die Saͤculariſtrung der Kloͤſter, ihres Zufluchtsortes beraubtes Fraͤulein vorge⸗ ſtellt, und als er ſie das zweite Mal ſahe, fand er ſich fogar ſchon genoͤthigt, das unſchuldige arg⸗ loſe Kind zu uͤberliſten; und grade die Art von Taͤuſchung, welche er ſich gegen daſſelbe erlaubte, ſtand in ſo genauer Beziehung mit ſeinem uner⸗ ſetzlichen Verluſt, daß die arme Theophilia ihm ſchon dadurch unvergeßlich wurde. Haͤtte er da⸗ mals nur einen Augenblick Zeit gehabt, unter den Mitteln zu waͤhlen, nimmer wuͤrde er durch das Vorgeben, eine Tochter zu beſitzen, die eigne, blutende Wunde ſo unvorſichtig beruͤhrt haben, und noch bittrer haͤtte er ſein Stratagem bereut, —— als Magnus, bei dem erſten Sehen ſchon, fuͤr die holde Pſyche entbrannte, wenn nicht eben die ſehr einfachen Verhaͤltniſſe des gaͤnzlich verwaiſten Maͤdchens ihm die moͤgliche Ausſicht eroͤffnet haͤt⸗ ten, des Sohnes erſte Neigung mit ſchoͤner Er⸗ — fuͤllung zu kroͤnen. Gern wuͤrde er jetzt noch recht viel pruͤfende Blicke auf die Erkohrne ſeines Magnus gewor⸗ fen haben, allein Emmo's Ankunft, die er, ſeit einiger Zeit außer ſchriftlichem Verkehr mit Con⸗ ſtanzen, nicht ſo ſchnell geahnet hatte, und deſ⸗ ſen offnes Darthun ſeiner naͤheren Bekanntſchaft mit ihm, ließ ihn eine Entdeckung fuͤrchten, die Conſtanzens Geheimniß leicht den rohen Beruͤh⸗ rungen der Neugier preis gab. So trieb es ihn denn unaufhaltſam fort, und nur der Wunſch, des Sohnes Geliebte nicht ganz aus den Augen zu verlieren, ließ ihn noch zuweilen in ihre Naͤ⸗ he zuruͤckkehren. 3 Allein auch dieſe Abſicht vereitelte bald des Grafen veraͤnderter Wohnort. Wie haͤtte Edwin ohne den ſchmerzlichſten Kampf die Stadt betre⸗ ten koͤnnen, wo alle Erinnerungen an das Weh 262 vergangner Tage in ihm wach wurden? Hier war er der gluͤcklichſte Verlobte und der bedaue⸗ rungswuͤrdigſte Gatte geweſen; hier war er einſt Zeuge der Demuͤthigung ſeines edlen Vaters, und jetzt durfte er deſſen Triumph nicht mit ihm fei⸗ ern; hier wohnten die theuren Eltern noch, an deren Bruſt er ſo gern ſein ſtillgetragnes Leid ausgeweint haͤtte, und hier— ach nur hier konnte er ſeine Beobachtungen nicht fortſetzen. Dennoch vermochte er es wenigſtens einmal 1 uͤber ſich, bei Gelegenheit der Kunſtausſtellung eine leiſe Frage an Theophiliens Herz zu thun, die er ſich freilich richtiger als alle uͤbrigen Zu⸗ ſchauer, welche mit dem zarten Saitenſpiel in der Bruſt des ſchuͤchternen Maͤdchens noch un⸗ bekannt waren, beantwortete, und nun uͤberließ er des Sohnes ferneres Liebesgluͤck um ſo ſorglo⸗ ſer der Zeit, als er die Moͤglichkeit, der ſtolze Graf Malthen koͤnne das unbekannte Pflegekind dem einzigen Erben ſeines Namens aufgeſpart haben, nicht im Entfernteſten traͤumte. Monate waren ſeit ſeinem kurzen Aufenthalt in der Re⸗ 203 ſidenz verfloſſen, als folgende Zeilen von Conſtan⸗ zens Hand ihn ploͤtzlich dorthin zuruͤckriefen: Conſtanze an Edwin. O Edwin! wirſt Du denn nie aufhoͤren, mit dem Herzen Deines Weibes zu ſpielen? Muß nach vier und zwanzig Jahren erſt ein Zufall, ein von Dir ganz unberechnetes Geſchick, mich von dem entzuͤckenden Geheimniß benachrichtigen, das Du mir bisher lieblos verbargſt?— Ja lieblos! Edwin! denn der Sohn, welchen Du mir vorenthielteſt, mit dem Du Dein Leben al⸗ lein ſchmuͤckteſt, war kein kraͤnkelndes, mißrath⸗ nes, geiſtesarmes Geſchoͤpf, vor deſſen Anblick die tiefgebeugte Mutter zuruͤckbeben muͤßte; es iſt ein jugendlicher Heros, voll ritterlichen Werthes, aus deſſen Augen der Strahl der Gottheit leuch⸗ tet, aus deſſen erhabnen Zuͤgen mich der Geiſt unſrer edlen Geſchlechter anſpricht, und deſſen Seele ſo rein wie ein Thautropfen in die Mei⸗ nige, voll laͤngſt genaͤhrter Liebe und Dankbar⸗ keit, uͤberfioß. O Edwin! fuͤhlſt Du, was in dem Vorwurf liegt? Er iſt zum Manne gereift, 204 der erſte Lorbeer ſchmuͤckte ſeine jugendliche Stirn, und ich durfte meines Erſtgebornen mich erſt jetzt freuen? Sprich nicht, daß Du mir damit alle Sor⸗ gen und Thraͤnen, welche eine Mutter oft ſchon an der Wiege eines geliebten Kindes vergießt, erſparteſt. Eine Mutter laͤßt ſich von dem ihr zugetheilten Maaß von Sorgen und Thraͤnen ſo wenig etwas abdingen, als von ihren Freu⸗ den, und darin liegt der große Mißgriff, den ihr Maͤnner begeht. Ihr kennt blos Vater⸗ freudenz; nur eine Mutter weiß das Leid, welches die Liebe ihr bereitet, in Demuth und Geduld, wie einen Genuß hinzunehmen. Aber ſo war es auch nicht! Du ſaheſt mei⸗ ne Thraͤnen um Edwinna's Verluſt fließen, Du hatteſt das Mittel ſie zu mildern in Deiner Ge⸗ walt, und ließeſt die einſame, verlaßne Mutter dennoch ungetroͤſtet? Doch, ich will nicht An⸗ klage auf Anklage haͤufen; ich will Dich ſehen und ſprechen, um aus Deinen Erzaͤhlungen die Luͤcke zu ergaͤnzen, welche ſich in meinem Leben findet. In wenig Tagen gehen meine Soͤhne zum Heer ab. Bis dahin wuͤnſche ich Deine Erſcheinung, denn es aͤngſtet mich, vor den theuren Juͤnglingen in dem zweifelhaften Licht, das unſer raͤthſelhaftes Verhaͤltniß auf mich wirft, dazuſtehen. Dein Familiennamen iſt ein Geheimniß, das zu entdecken nur Du ein Recht haſt, und an ihn iſt die Ehre Conſtan⸗ zens unantaſtbar geknuͤpft. Iſt es Dir alſo moͤg⸗ lich, den dunklen Standpunkt, auf dem Du jetzt ſtehſt, endlich aufzugeben, ſo bringe dem Gluͤck Deines Sohnes, der Achtung Emmo's und mir das Opfer. Soll aber der Name Edwin noch foͤrderhin Dein Einziger bleiben, ſo erlaube mir wenigſtens, Deinen edlen greiſen Vater, in deſſen Naͤhe ich nicht ohne die heißeſte Sehnſucht, ſei⸗ nen Vaterſeegen zu empfangen, leben kann, den bluͤhenden Enkel den wuͤrdigen Erben eines Na⸗ mens zuzufuͤhren, den wir unſerm Sohne ſchul⸗ dig ſind. So lange es nur mich galt, mochteſt Du Deine Verborgenheit immer beibehalten; doch Magnus Schickſal darf auf kein ſo zweifel⸗ haftes Spiel geſetzt werden. Er iſt Offizier und Freund ſeines Oheim's, dazu machte ihn ſeine 206— eigne Ritterlichkeit; er kann auf dem Stand⸗ punkt, den er erwaͤhlte, Hohes und Großes erreichen, dazu muß ein ausgezeichneter Na⸗ me, und zwar der, des Guͤnſtlinges ſeines Fuͤrſten ihm helfen. Dieß alles muͤſſen wir naͤher mit unſern Soͤhnen beſprechen, und darum eile, mein Freund! 3 in die Arme Deiner n Conſtanze. Sie iſt eine Sternberg! laͤchelte Edwin vor ſich hin, als er den Brief geleſen hatte; aber er wuͤrdigte doch die Gruͤnde, welche ihn zur Eil antrieben. Dennoch haͤtte er vielleicht ſein eigent⸗ liches Ziel, die beiden Juͤnglinge zu ſehen, ver⸗ fehlt, wenn nicht ohnweit der Reſidenz, als er aus einem Seitenweg in die große Heerſtraße ein⸗ lenkte, zwei Reiter an ihm voruͤbergeſprengt waͤren, die er alſobald fuͤr die Geſuchten erkannte, ihnen nacheilend ſich zu ihnen geſellte, und, wie wir wiſſen, mit wenigen Worten ſie auf den Auf⸗ ſchluß verwies, den Magnus bei ſich fuͤhrte. Sie —— 207 verlaffend, vollendete er ſeine Reiſe zu Conſtan⸗ zen, welche zu verſoͤhnen ihm leicht wurde, da Magnus vortreffliche Erziehung und liebenswuͤr⸗ dige Perſoͤnlichkeit ſehr zu Gunſten ſeiner vaͤter⸗ lichen Grille ſprachen. Allein, als im Laufe des Geſpraͤchs Theophiliens Verhaͤltniß zu Emmo in Anregung kam, lagerte ſich eine dunkle Wolke auf die Stirn des Getaͤuſchten, der es nimmer glauben wollte, daß er ſich in ihrer, bei der Kunſtausſtellung ſo deutlich ausgeſprochnen Nei⸗ gung fuͤr Magnus geirrt haben ſollte. Seine Bitten waren es denn auch, welche Conſtanzen vermochten, noch laͤnger in ihrer pein⸗ lichen Lage, dem Malthenſchen Hauſe gegenuͤber, zu verharren, um Theophilien auszuforſchen, waͤh⸗ rend Edwin alles zu ſeiner Widereinfuͤhrung in den Kreis theurer Verwandten vorzubereiten ver⸗ ſprach. Um jedoch die Aufmerkſamkeit der Mal⸗ thenſchen Familie nicht auf ſeine ihr bekannte Perſon zu lenken, beſchloß er, das Werk ſeiner Wiederbelebung nach langem Todtenſchlummer, erſt langſam von der Ferne her, zu beginnen, und ſich nicht eher mit Conſtanzen zu vereinen, bis ſeine Eltern, auf ſein Leben vorbereitet, ſich willig erklaͤrt haͤtten, ihn in ſeine aufgegehnen Sohnesrechte wieder einzuſetzen. 8 So ſchied denn der einfache Kuͤnſtler noch einmal unter dem beſcheidnen, aber in der Kunſt⸗ welt hochgefeierten Namen: Edwin! von der theuren Frau und den ſehnſuͤchtig geliebten El⸗ tern, deren Umarmung er mit ahnendem Entzuͤ⸗ cken nach ſo langer Irrfahrt entgegenſahe, um den letzten Akt in ſeinem Lebensdrama auszuar⸗ beiten.. Ach warum, wenn wir an dem Bilde un⸗ ſrer Zukunft malen, vergeſſen wir ſo ganz die dunk⸗ len Schatten, welche unſer Geſchick hineingraͤbt? Wir entwerfen mit ſchwacher Hand nur die Con⸗ touren der Zeichnung; aber der Griffel des Ewi⸗ gen aͤzt ſie mit unverloͤſchlichen Zuͤgen in unſer Leben, und wir ſtehen dann uͤberraſcht, daß aus dem fluͤchtigen Entwurf ein ſo wohl ſchantixtrs 3 dunkelgehaltnes Bild wurde. — 45. Der Oheim. Kaum waren die beiden Juͤnglinge bei dem Heer angelangt, ſo flog auch ſchon Magnus in die Arme ſeines hochverehrten Freundes, des Obri⸗ ſten von Dornburg, den er nach der erlangten Kenntniß des verwandſchaftlichen Bandes, wel⸗ ches ihn an den theuren Oheim knuͤpfte, nur noch freudiger begruͤßte. Unwillkuͤhrlich draͤngte es ihn, den Ahnungsloſen mit der, wenn er ihn anders richtig wuͤrdigte, gewiß auch ihm er⸗ freulichen Kunde zu uͤberraſchen; aber ſo vieles, das noch ungeloͤſ't in der Zeiten Schooß ſchlum⸗ merte, wuͤrde ſeine Erzaͤhlung zur Fabel entſtellt, und die Geheimniſſe Derjenigen unbeſcheiden an das Licht gezogen haben, welchen er ehrfurchts⸗ volles Schweigen bis zu dem Augenblicke ſchul⸗ dig war, an dem ſie ſelbſt ihn davon entbinden wuͤrden. Aber ein Andrer war Magnus doch fuͤr ſei⸗ nen Alexander geworden, das bemerkte jener in 3r Theil. 14 der erſten Stunde des Wiederſehens. Stand er ſchon ſonſt hoͤher, als ſein Name, ſo war es doch nur die Hoheit des innern Menſchen, wel⸗ che ſich unwillkuͤhrlich in ihm beurkundete; be⸗ ſcheiden trat er uͤberall zuruͤck, wo der Rang ſein Vorrecht geltend machte, und ſelbſt Dorn⸗ burgs auszeichnende Freundſchaft gab ihm nie den Muth, ſich ihm gleichzuſtellen. Immer empfing er des Freundes guͤtiges Entgegenkommen als ei⸗ ne Gunſt, die er mit der Hingebung ſeines gan⸗ zen Selbſt, mit der ehrerbietigſten Scheu erwie⸗ derte. Doch jetzt trug alles, bis auf ſeine erſten Begruͤſſungen, den Charakter der innern Frei⸗ heit, welche das einzige Wort: gleichgeboren ihm gab. Offen, wie der Mann den Mann, umfing Magnus den geliebten Oheim, ergoß ſein Herz in traulicher Mittheilung uͤber die letzt verlebten Tage, von denen es ihm wohl wehe that, ihm viel verſchweigen zu muͤſſen; aber dann ſpielte bei einer ſolchen Luͤcke in ſeiner Erzaͤhlung ein verheißendes Laͤcheln um ſeine Lippen, als freue er ſich der Stunde, welche alle Raͤthſel loͤſen wuͤr⸗ 2411 de. Trat er dann wohl, ſeines fruͤheren Verhaͤlt⸗ niſſes eingedenk, zuweilen ehrerbietig in die alten Grenzen zuruͤck, ſo war es offenbar eine Rolle, die ihn nicht mehr kleidete, und welche Alexan⸗ der, der, im Gedraͤnge des Lebens, des Stol⸗ zes laͤſtige Huͤlle laͤngſt abgeſtreift hatte, ſelbſt bemüht war, ſeinem jungen Freunde abzugewoͤh⸗ nen. Aber raͤthſelhaft blieb ihm doch ſo manches in des Juͤnglings Treiben, beſonders in Bezug auf den jungen Malthen, deſſen Jener nie zu⸗ vor gegen ihn erwaͤhnt hatte, und an den er ſich gleichwohl ſo innig ſchloß, daß dieſe Unzertrenn⸗ lichkeit der beiden Juͤnglinge ihnen bald unter ih⸗ ren Kammeraden die Namen: Oreſt und Pyla⸗ des, aneignete. Waͤre Magnus nicht auch ihm mit vermehr⸗ ter Waͤrme entgegengekommen, er wuͤrde dem neuen Ankoͤmmling, der ſich ſo keck des Herzens ſeines Freundes bemaͤchtigte, gegrollt haben; aber Leontinens Bruder durfte manchen Raub an ihm begehen, den er willig verſchmerzte. Hatte er doch nun eine guͤnſtige Gelegenheit gefunden, den ſuͦ⸗ 44* 212 ßen Namen recht oft ausſprechen zu hoͤren, und, nach Ueberwindung einer kleinen Scheu, auch ſelbſt auszuſprechen. Sich alſo mit jovialer Hei⸗ terkeit dem Dioscurenpaar anſchließen, fing er ſchon an, ſich an das Ungewoͤhnliche zu gewoͤh⸗ nen, als ein Brief des todtgeglaubten Bruders gleich einem Lichtſtrahl das Dunkel erhellte. Edwin an Alexander. Nicht ein ewiger, ſondern ein irrdiſcher Schlummer, ein Schlummer der Vergeſſenheit, bedeckte bisher den Namen des Erſtgebgenen Dei⸗ nes Hauſes. Willig entſagt er auch ferner jedem Wiedereintritt in den geliebten Familienkreis, ſo gern er— ach nur einmal an Eurer Bruſt, Ihr Theuren! den langen, unverſiegenden Schmerz ausweinte, der an ſeinem vereinzelten Leben nagt. Aber die Wunde, welche ſeine Entfernung Euch ſchlug, iſt wohl laͤngſt geſchloſſen, die Luͤcke aus⸗ gefuͤllt? Er wuͤrde ein Fremder in Eurer Mitte ſeyn, und da nicht mehr wurzeln, wo das Schick⸗ ſal ihn vor vier und zwanzig langen Jahren ausriß? 213 —— So nehmt denn, ſtatt des veralteten Bau⸗ mes, das friſche kraͤftige Reis, welches ich Euch ſende! verpflanzt es in Euren Garten, freut Euch ſeiner herrlichen Bluͤthen, und laßt es zum Oehlzweig zwiſchen Euch und mir werden. Alerander, den ich Euch ſende, beſitzeſt Du ſchon! Es iſt Magnus! Fuͤhre den Enkel un⸗ ſern Eltern zu, wenn er Dir wuͤrdig genug er⸗ ſcheint, Deinen Namen zu fuͤhren. Die Doku⸗ mente, welche er bei ſich traͤgt, heben jeden Zwei⸗ fel uͤber ſeine Abſtammung. Doch ſchweige, ehe Du handelſt! Edwin. Wie vom Blitz getroffen, ſtand Dornburg, nach fluͤchtiger Durchſicht des verhaͤngnißvollen Schreibens. Haͤtte die Aehnlichkeit der Schrift⸗ zuͤge, mit fruͤher vorgefundnen Briefkonzepten ſeines Bruders, und der Worte Vollgewicht, ihn nicht ſchon außer Zweifel uͤber die Echtheit dieſer Zeilen geſetzt; eine augenblickliche Erinnerung an die wunderbare Sympathie, welche ihn zu Mag⸗ nus hinzog, an eine deutlich ausgeſprochne Fa⸗ milienaͤhnlichkeit, die er nur fruͤher nicht beach⸗ tet: wuͤrden jeden Zweifel uͤberboten haben. „Magnus!“ rief er uͤberlaut, als koͤnnte der Entfernte ihn hoͤren,„wo biſt Du, mein „geliebter Neffe, daß ich Dich aufnehme mit ei⸗ „nem Bruderkuß in unſre Familie!“ und fort ſtuͤrzte er in des Freundes Wohnung, den Juͤng⸗ ling an ſich reißend, und in maͤnnlicher Ruͤhrung verſtummend, in ſeiner Umarmung. „Mein theurer Oheim! mein edler Alexan⸗ der!“ rief Magnus jetzt in ahnender Freude, und umſchlang ihn feſt, als wollte er ihn nim⸗ mermehr laſſen.„Du weißt es nun ſchon, wie „nahe ich Dir bin, und welch heiliges Recht ich „an Deine Freundſchaft habe. O was es mich „koſtete, ſo lange zu ſchweigen.“ „Und warum ſchwiegſt Du, mein lieber, lieber „Neffe. Haͤtte ich Dir denn nicht geglaubt? waͤre „es mir denn nicht wie Schuppen von den Augen „gefallen? Gleichſt Du nicht meinem edlen Vater, „und heißeſt Du nicht wie er und mein Bruder? „Aber wo iſt er, o ſage, wo iſt Dein Vater?“ „Wo er jetzt weilt, mein theurer Oheim! 215 „das kann ich Dir nicht ſagen, und er will es „Dich, wenn es nicht in ſeinem Briefe ſteht, „auch vielleicht nicht eher wiſſen laſſen, bis er „durch mich unter der mir angewieſenen Adreſ⸗ „ſe erfaͤhrt, wie Du die Nachricht aufgenom⸗ „men.“ „Und warum zweifelt mein Bruder an mir?“ ſagte Dornburg traurig,„da er weiß, wie ich „als Knabe ihn liebte, und in Dir ſchon laͤngſt „den Freund begruͤßte?“ „Suche den Grund dieſes Zweifels nur in ſeinem Ungluͤck, mein edler Oheim!“ erwiederte Magnus, und zog das Manuſcript ſeines Vaters hervor.„Lies dieſe Zeilen! ſie werden Dir Mo⸗ mente in dem Leben meiner Eltern enthuͤllen, die den Muth anſtaunen laſſen, den ſie ihrem Ungluͤck entgegenſetzten. Laß mich Dich jetzt ver⸗ laſſen! hier in meinem Zimmer ahnet Dich nie⸗ mand, wenn ich abweſend bin, und ich wuͤnſche, daß Du der Leidensgeſchichte meiner Eltern eine ſtoͤrungsloſe Stunde weiheſt.“ Dornburg ergriff begierig den Aufſchluß, der ſich ihm bot, aber er trat in eine unbekannte 246 Welt ein. Laͤngſt waren die Namen der Stern⸗ bergs am Hofe und in ſeiner Familie verklungen, denn niemand ahnete dort, welche hochwichtige Bedeutung es mit dieſen Namen hatte. Erſt bei der Abſetzung ſeines edlen Vaters knuͤpfte eine ferne Knabenerinnerung ſich an die Erzaͤhlung Edwin’s und der Name: Malthen fuͤhrte ihn vollends in den Kreis ein, der ihn immer be⸗ kannter anſprach. IJetzt hatte er geendet. Sein Herz war uͤber⸗ voll, es mußte ſich ergießen; aber er war noch allein. Die Stille des Zimmers aͤngſtete ihn, da ſeine Freude ſo gern laut geworden waͤre, und doch war es ihm unmoͤglich, ſeinen Magnus unter Fremden, als Fremder zu begruͤſſen. Da ergriff er die Feder, und ſchrieb ſeinem greiſen Vater. Alexander an den Miniſter, Graf von Dornburg. Mein hochverehrter Vater! wenn Sie dieſe Zeilen leſen, ſteigt eine laͤngſt verſunkne Welt 217 der Erinnerung vor Ihnen auf. Sie ahnen noch nichts, noch gar nichts von dem Glück, das ich Ihnen nicht ſchreiben, ſondern von hieraus laut zurufen moͤchte, und wieder wuͤnſchte ich, daß Sie und meine edle Mutter ſchon eine ganz leiſe Ahnung davon haͤtten, denn die Freude iſt ver⸗ derblich wie der Schreck, wenn ſie ſo aus den Wolken faͤllt, wie hier. Meine lieben, ehrwuͤrdigen Eltern! haben Sie ſich nie den Jammer ausgemahlt, wenn ich, der einzige Erbe ihres Namens, in dieſem heili⸗ gen Kriege das Loos ſo vieler, die nicht wieder⸗ kehren, zoͤge? Benetzt ſich Ihr Auge vielleicht ſchon bei dem Gedanken?— Doch trocknen Sie die Thraͤnen! freuen Sie ſich des Gluͤckes!— Sie haben der Soͤhne zwei. Der Laͤngſtbewein⸗ te lebt, er iſt bereit, in Ihre Vaterarme zu ſin⸗ ken, und ich fuͤhre Ihnen in dem edlen Mag⸗ nus, der damals ſchon Ihr Herz gewann, und den man nie vergißt, hat man ihn einmal geſe⸗ hen, Ihren Enkel, den Sohn meines Bruders Edwin, zu. Das beigefuͤgte Manuſcript wird Sie uͤber 218 alles aufflaͤren, ſo wie der Brief Edwin's, den ich hier ebenfalls beilege. Was nun zu thun ſei, wo wir den Bruder habhaft werden, das muͤſſen wir der Zeit anheimſtellen, die ja wohl nicht laͤn⸗ ger verborgen halten kann, was die Huͤlle ab⸗ geworfen hat. Segnen Sie Ihre Soͤhne, Ed⸗ win und Alerxander. „O ſeegnen Sie auch Ihren Enkel Mag⸗ nus!“ rief jener, der ſchon lange hinter dem Stuhl des Emſigſchreibenden geſtanden hatte. Alexander reichte ihm die Feder, und der gluͤckliche Enkel richtete die erſten Zeilen der Lie⸗ be und Ehrfurcht an ſeine Großeltern, waͤhrend Emmo, der mit Magnus gekommen war, in den Armen Aleranders lag, der in ihm den Bruder ſeines Neffen froͤhlich begruͤßte, und, nun erſt den geheimen Grund jener unzertrennlichen Freund⸗ ſchaft der Juͤnglinge ahnend, ihnen die kleine Eiferſuͤchtelei herzlich abbat, mit der er ihren Her⸗ zensbund bewacht. Das Packet an den Miniſter Dornburg ging 249 noch denſelben Abend mit einem Courier ab. Die Wuͤrfel lagen! alles konnte ſich freudig loͤſen, aber———. Das Schickſal ſchweigt uns bisweilen ganz, und dann iſt es am furchtbarſten. Es ſammelt in ſtillem, geheimnißvollem Walten alle Wolken uͤber ein Haupt, das in vertrauensvoller Sicher⸗ heit ſeinen Bund mit ihm geſchloſſen zu haben meint, und ſchmettert es mit einem Schlage dar⸗ nieder. 46. Die Tochter. Edwin hatte ſich nach ſeiner letzten Zuſam⸗ menkunft mit Conſtanzen, und nachdem ſein Brief an Alexander abgegangen, auf das Land⸗ gut derſelben zuruͤckgezogen, wo er durch Mag⸗ nus zu erfahren hoffte, wie der ferne Bruder ihn, den Todtgeglaubten, in dem neuen Leben aufnaͤhme. Wochen vergingen ihm, ohne die lei⸗ ſeſte Kunde von Gattin und Sohn. Beides war 220— in der Ordnung, denn die Erſtere mußte die Krankenpflegerin erſt im Malthenſchen Hauſe vergeſſen machen, ehe ſie als Freundin des braͤut⸗ lichen Maͤdchens dort auftrat; und ein Brief hatte in ſo ſtuͤrmiſchen Kriegszeiten wohl ſo man⸗ chen Umweg zu machen, ehe er an die Behoͤrde gelangte. Aber Edwin, den die Ahnungen des Wiederſehens der Seinen, wie die Balſamduͤfte heimiſcher Luͤfte anwehten, konnte vor Ungeduld nicht mehr ausdauern in dem oͤden Hauſe, und taͤglich ging er den fernen Lieben, die ihm kein Zeichen gaben, entgegen, und taͤglich kehrte er ſtiller und in ſich verſchloßner zuruͤck. Aber einmal entdeckte er doch einen dunklen Punkt auf der fern hinziehenden Heerſtraße. Er beeilte ſeine Schritte, der Punkt wurde groͤßer, es war ein Wagen!— wen konnte er bringen? er zitterte vor hoffender Ungeduld, denn, wenn Conſtanze jetzt wiederkam, ſo trennte ſie ſich wohl nicht mehr von ihm? das hatte ſie nicht aus⸗ geſprochen, aber es lag in ihrer Sorge, ihr Ver⸗ haͤltniß zu ihm oͤffentlich zu machen. Jetzt rollte der Wagen an ihm voruͤber! Con⸗ — 221 ſtanze rief: Halt! breitete ihm beide Arme ent⸗ gegen, und lag an ſeiner Bruſt. „Jetzt bin ich Dein, ganz Dein, mein theu⸗ „rer, geliebter Gatte!“ rief ſie zaͤrtlich.„Nun „tragen wir den letzten Sturm gemeinſchaftlich; „denn die wir ſuchten, iſt gefunden.“ „Gefunden!“ rief Edwin, ſie ſtuͤrmiſch um⸗ armend.„Edwina gefunden? und Du in Thraͤ⸗ „nen? o Conſtanze, ſollen wir der Freude denn nimmermehr ein heitres Auge bieten?“ Conſtanze laͤchelte wehmuͤthig, dann reichte ſie ihm die Hand, und ſagte truͤbe: „Du ſprichſt es aus, mein Freund! uns „erſcheint das hoͤchſte Gluͤck nur unter dem truͤ⸗ „ben Nebelſchleier des tiefſten Leid's.“ „Wie?“ rief Edwin erblaſſend,„ſprich es „aus, was Dich beugt, und in der Ungewißheit niZweifellicht mich tauſendmal mehr aͤngſtet. Iſt „unſre Tochter ungluͤcklich, unwiſſend, ſchlecht „erzogen, oder gar—— boͤſe?“ „Sie iſt ein Engel der Schoͤnheit und Guͤ⸗ „te, und ihr Ungluͤck kannte ſie noch nicht, denn „ſie iſt die— Braut des einen Bruders, und „— liebt den Andern.“ „Theophilia!“ rief Edwin mit dem ganzen Wehlaut der Verzweiflung.„O Magnus!“ Conſtanze legte erſchrocken ihr Haupt an die Bruſt des Gatten. Sein unausſprechlicher Jam⸗ mer, nach dem hellen Freudenakkord, mit dem er erſt die entzuͤckende Nachricht begruͤßte, aͤngſtete ſie mehr, als ihr eigner Schmerz. „Mein theurer Gatte! mein Edwin! faſſe Muth!“ bat ſie ihn,„noch iſt ja nicht alles ver⸗ „loren! Theophilia iſt zu zart, zu rein, um den „Tauſch ihres Schickſals allzu bitter zu fuͤhlen, „und auch Magnus wird den Kampf beſtehen, „wie ein Held. Gab er doch laͤngſt verloren, „was ihm nicht beſtimmt war. Nur Emmo“— „Nicht Emmo!“ fiel Edwin klagend ein. „Sein weicher Sinn, ſein kindliches Gemuͤth, werden ſich ſchnell an das gewoͤhnen, was das Schickſal ihm fuͤr ſeine Liebestraͤume bietet, aber Magnus!— in deſſen Bruſt ich die Flamme ge⸗ naͤhrt, bis ſie zum heiligen Veſtafeuer wurde, an dem ſein Heldenmuth und alle ſchoͤne Thaten ſich 223 entzuͤndeten, die ihm den Lorbeer um die jugend⸗ liche Stirn wanden, Magnus! den ich mit die⸗ ſer Liebe vom brauſenden Juͤngling zum Mann erzog! in ſeiner Bruſt verloͤſcht das Feuer nur mit ſeinem Leben. Ihn haben wir verloren.“ „Das wolle Gott nicht!“ ſprach Conſtanze erſchuͤttert, und beide gingen tiefbewegt und ſchweigend dem Hauſe zu, wo erſt die bang ge⸗ ſchloßne Lippe ſich oͤffnete, und Edwin den gan⸗ zen Verlauf der Sache, den wir ſchon kennen, erfuhr. Am Schluß der Erzaͤhlung legte Con⸗ ſtanze die von Theophilien ſo ſchmerzlich vermiß⸗ te gruͤne Brieftaſche in Edwin's Hand, und ſagte: „Hier iſt denn auch das Pfand, an welchem wir unſer verlornes Kind zu erkennen hofften. Es iſt noch uneroͤffnet, wie Jalanthe es Dir ge⸗ raubt, denn Du verwahrſt den Schluͤſſel dazu, und unbegreiflicher Weiſe hat niemand von den Vormuͤndern der armen Entfuͤhrten es gewagt, ein Schloß zu oͤffnen, das der leichteſten Gewalt gewichen waͤre. Laß uns jetzt einen Blick hin⸗ 224 einthun, ob auch wirklich keine entweihende Hand den Inhalt beruͤhrte?“ Edwin ging den kleinen Schluͤſſel zu holen, und waͤhrend der Zeit hielt Conſtanze die Brief⸗ taſche in den Haͤnden, drehte ſie auf allen Sei⸗ ten herum, und verſuchte beſonders den reich ge⸗ ſtickten Ueberſchlag zu luͤften, um zu ſehen, ob das Schloß wirklich noch unverſehrt, und ſein Widerſtand kraͤftig genug ſei, um der Neugierde, welche grade nicht Gewalt brauchen will, aber gern auf Schleifwegen zu einem Geheimniß ge⸗ langte, Trotz zu bieten. Da fiel bei einem aber⸗ maligen Herumwenden ploͤtzlich ein zuſammenge⸗ faltetes Papier auf ihren Schooß, das folgen⸗ des, von einer recht ſaubern Damenhand, Ge⸗ ſchriebenes enthielt: „Da ich glaube, irgend eine, wenn auch noch „ſo unvollſtaͤndige Mittheilung aller der Umſtaͤn⸗ „de, welche bei der Aufnahme meines lieben Pfle⸗ „gekindes Theophilia im Kloſter, und in meine „muͤtterlichen Arme, Statt gefunden haben, „koͤnnte ihr einſt, bei Eroͤffnung der, bis zu ih⸗ „rem 24ſten Jahre verſchloßnen Brieftaſche nuͤtz⸗ — 4 225 „lich ſeyn; ſo will ich mit Vergnuͤgen meine Er⸗ ninnerung auf einer Nacht ruhen laſſen, die „mein einſames Leben mit dem milden, erfreuli⸗ „chen Sonnenlicht kindlicher und mittergicher „Zaͤrtlichkeit erhellte. „Wir hatten uns alle zur Ruhe begeben, „als in der Nacht des 13ten Juny des Jahres „17.. ploͤtzlich an der Kloſterglocke gezogen „wurde. Man meldete mir, nach gehoͤriger Pruů⸗ „fung der Perſon, welche Einlaß begehrte: es „ſei eine alte, ſehr leidende Frau, die im heftig⸗ „ſten Fieber ſich befinde, und ein kleines, wei⸗ n„nendes Kind, welche beide in einem ordinairen „Reiſewagen angekommen, und wahrſcheinlich „ihre Zuflucht hierher naͤhmen, weil die Kranke „nicht weiter gebracht werden koͤnne. „Sogleich oͤffneten ſich unſere Pforten fuͤr „die arme Reiſende. Sie wurde in die Kranken⸗ „zelle gebracht, und, nachdem ſie, mit innrer „Angſt jede Erquickung ausſchlagend, nun nach neinem Beichtvater gerufen, begab ich mich in „das anſtoßende Gemach, um, waͤhrend ſie beich⸗ „ztete, mich mit dem kleinen Weſen zu beſchaͤfti⸗ 31 Theil. 15 226 „gen, das einige Nonnen huͤlfreich in ihren Schutz „genommen hatten. Die Kleine weinte noch im⸗ „mer bitterlich, und ich verſuchte es umſonſt ihr „ihren Namen abzufragen.— Endlich, nachdem „ſie ein wenig Suppe genoſſen, entſchlief ſie er⸗ „mattet in meinen Armen, und ich begab mich „nun zu der Kranken. „Nie werden die, vom Tode ſchon krampf⸗ „haft verzognen Zuͤge der Sterbenden,(denn als „eine Solche mußte ich ſie betrachten,) aus mei⸗ „nem Gedaͤchtniß kommen! Ihr Geiſt war im „Fliehen zu ſchwach, die Bilder einer vielleicht „ſchrecklichen Vergangenheit feſtzuhalten, und das „Einzige, was ſich aus dem Chaos ihrer wirren „Gedanken noch herausfinden ließ, war eine, in „italieniſcher Sprache, mit Todesangſt ausge⸗ „ſprochne, flehende Bitte an uns, das Kind, wel⸗ „ches ſie mitgebracht, im Kloſter zu behalten, es „in dem roͤmiſch⸗katholiſchen Glauben zu erziehen, „und einſt unſerm Beruf zu weihen, da es eine „ſehr boͤſe Mutter habe, und gewiß ewig verlo⸗ „ren ginge, wenn es ihren Haͤnden wieder an⸗ „heim fiele. Bei dieſen Worten zog ſie aus ihrem „Buſen die Brieftaſche, deren ſilbernes Schloß un⸗ „ſerm Drang nach Aufflaͤrung Graͤnzen ſetzte.“ „Dieſe uͤbergab ſie mir mit der deutlich und „feſt ausgeſprochnen Bedingung, ſie nicht eher zu „öffnen, oder der Kleinen zu uͤbergeben, bis eſe „ihr 24ſtes Jahr errich Habe. „Ich verſuchte es nun, durch einzelne Fra⸗ „gen, noch etwas Naͤheres uͤber des Kindes „Schickſal zu erfahren, allein ihre Sinne ver⸗ „wirrten ſich immer mehr, und einige Stunden „darauf verſchied ſie. „Sehr erſchuͤttert durch die Begebenheit die⸗ „ſer Nacht ſtrebte ich auf alle Art nach dem „kleinſten Lichtſchimmer, der uns daruͤber aufklaͤ⸗ „ren konnte; aber der Kutſcher, welcher die „Sterbende gebracht, war vom Kloſter aus „wahrſcheinlich ſogleich wieder zuruͤck gefahren, „und die wenige Waͤſche, welche dieſe ſowohl fuͤr „ſich als das Kind in einem Packet bei ſich hat⸗ „te, war entweder gar nicht gezeichnet, oder der „Namen ſorgfaͤltig herausgetrennt. Eben ſo we⸗ „nig konnten wir die ſonderbaren Namen ver⸗ 453* 228— „ſtehen, mit denen das liebe Kind bei ſeinem „Erwachen ſeine muthmaßliche Waͤrterin, oder „ſich ſelbſt nannte. „Die Kleine ſprach uͤberhaupt das Deutſche „ſehr mangelhaft und mit fremdem Arcent, da⸗ „gegen wußte es ſich auf italieniſch faſt ſo gut „auszudruͤcken, als es ſich von einem ſo zarten „etwa zweijaͤhrigen Kinde erwarten ließ, was uns „auf die gewiſſe Vermuthung leitete, daß ſein „Vaterland Italien, und die Verſtorbne blos von „ihrer Krankheit in Deutſchland uͤbereilt worden „ſei. Noch mehr beſtaͤtigte uns dieß der Eifer, „mit welchem ſie die Gebraͤuche unſrer Kirche „uͤbte, und ſogar des Kindes Beruf im Voraus „fuͤr das Kloſterleben beſtimmte. „Allein dieß waren alles Vermuthungen, „und die gruͤne Brieftaſche konnte uns Gewiß⸗ „heit geben. „Nachdem ich mich lange ernſthaft mit „Gott und mit mir ſelbſt berathen, ob ich nicht „dennoch meinem, der Sterbenden gegebnen Ver⸗ „ſprechen untren werden, und das Schloß oͤffnen „ſolle, fielen mir ihre Worte: Das Kind habe 229 „eine ſehr boͤſe Mutter, ſchwer auf das Herz. „Von einem Vater hatte ſie nichts geſagt, er „war vielleicht ſchon todt, und ich genoͤthigt, „wenn ich den Namen derſelben erfuͤhre, dieß „von Gott mir geſendete Kleinod vielleicht pro⸗ „fanen Haͤnden wieder zu uͤberantworten. Das „Kind bedurfte der Mutterliebe, und einer guten „Erziehung. Ihm beides im weiteſten Umfang „des Wortes zu gewaͤhren, gelobte ich mir, dem „unſchuldigen kleinen Engel und Gott. Daß ich „es zu keinem Geluͤbde bewegen wollte, ehe es „die geheimnißvolle Brieftaſche geoͤffnet, war „eben ſo feſter Beſchluß bei mir, und ſo glaubte „ich ſogar, etwas von den wahrſcheinlichen Mo⸗ „tiven der Verſtorbnen, bei ihrer Anordnung, zu „ahnen, die ihre kleine Pflegetochter erſt dann „der Mutter zufuͤhren wollte, wenn ihr Verſtand „und Willen gereift, ihre Religionsmeinungen „feſtgeſtellt, und ihr Gemuͤth uͤberhaupt durch „gute Beiſpiele gegen die Einwirkungen einer feh⸗ „lerhaften Mutter geſtaͤhlt waͤre. „Die jetzt erfolgte Kloſteraufhebung fuͤhrte „indeß eine neue Veranlaſſung herbei, mich in 230— „meinem Vorſatz, das iſte Jahr Theophiliens „(denn ſo nannte ich die Kleine) abzuwarten, „wankend zu machen. Es iſt nicht mehr der nſtille Kloſterberuf, dem mein holdes Pflegekind „ſo ſchoͤn entgegenreifte, es iſt eine fremde, ſtuͤr⸗ „miſche Welt, der ich mein Liebſtes ohne meinen „Schutz anvertrauen muß, und nun wuͤrde es „wohl der rechte Zeitpunkt ſein, ſie lieber den „Haͤnden ihrer, vielleicht gebeſſerten Mutter, als „denen eines Mannes zu uͤbergeben, der, trotz „der zarteſten Theilnahme an unſerm Wohl, „doch immer ein Fremder fuͤr uns iſt. Aber die⸗ „ſe Mutter wohnt wahrſcheinlich in Italien, wie „ſollte ich das ſchuͤchterne Kind gefahrlos in ihre „Arme fuͤhren? Um wie viel leichter kann der „Freund, welcher ſich hier ſo edelmuͤthig zu ih⸗ „rem Schutz erbietet, durch ſeine Verbindungen, „ſeinen Reichthum und vor allem, durch das In⸗ „tereſſe, welches Theophilia, nach kurzem Aufent⸗ „halt in ſeinem Hauſe, ihm einfloͤßen muß, zur „Auffindung ihrer Familie mitwirken? Wie, „wenn ich hier den Wohlthaͤter ausſchluͤge, und „die arme Verlaßne keine Mutter mehr haͤtte? „Es bleibt alſo dabei, und Gott moͤge mir ver⸗ „zeihen, wenn ich irrte; die Brieftaſche wird „zwar meiner Pflegetochter anvertraut, doch nicht „eher als in ihrem ein und zwanzigſten Jahre, „oder den Tag vor ihrer Verheirathung eroͤffnet. „Dieß ſind die Nachrichten, welche ich de⸗ „nen, die mich einſt vielleicht tadeln koͤnnten, „daß ich nicht fruͤher die Wolke zertheilte, wel⸗ „che den Namen und Stand meiner Pflegebe⸗ „befohlnen einhuͤllt, ſchuldig war, Gott hat dies „holde Kind ſelbſt in meine Haͤnde geliefert, ich „habe es zu ſeiner Ehre erzogen, und wenn es „ſelbſt nie ſeine wirklichen Eltern wiederfinden „ſollte, ſo hat es darum nicht an den Beſitzthuͤ⸗ „mern gedarbt, die gluͤcklichen Kindern im Schoo⸗ „ße ihrer Familie zu Theil werden; es iſt von „einem zaͤrtlichen Mutterherzen bis zum letzten „Hauch geliebt worden, und hat eben ſo viel „Freundinnen und Verwandte gefunden, als es „Schweſtern in unſerm Kloſter gab; auch jetzt „laſſe ich es nicht ſchutzlos zuruͤck, ſondern uͤber⸗ „gebe es einem edlen vaͤterlichen Freund und deſ⸗ „ſen geachteter Familie, mit ſo viel Muth und 232—— „Wertrauen, als nur immer die gerechte Sache „uns einfloͤßen kann.. Maria Celeſtine, Aebtiſſin des Klarenkloſters in B... Conſtanze uͤberreichte ihrem ruͤckkehrenden Gat⸗ ten mit thraͤnenſchweren Augen die Aufſchluͤſſe, welche ſie ſo eben uͤber das fruͤhere Schickſal ihrer geliebten Tochter erhalten, und dieſer ſenkte weh⸗ müthig das Haupt, als er die Schilderung von Jalanthens letzten Augenblicken geleſen, dann umſchlang er Conſtanzen mit Innigkeit, und frug leiſe:— 1 „Haſt Du ihr vergeben? mein theures Weibl· Sie blickte zu Boden und erwiederte mit truͤber Stirn: „Sie hat ihren Wunſch erreicht, Theophilia iſt Katholikin.“ „Das iſt ſie!“ verſetzte Edwin feſt.„Doch ihr Glaube wie der unſrige lehrt uns Duldung —— und Liebe. Haſt Du ihrer ſchon verzeihend gedacht, die, wohl mehr noch von Fanatismus als Rache geleitet, unſer geliebtes Kind den wuͤrdigſten Haͤn⸗ den anvertraute, welche außer den Unſern es nur empfangen konnten?“ „Soll ich,“ fiel hier Conſtanze ein,„den Wahn loben, der zu allen Zeiten die heiligſten Famili⸗ enbande zerriß, um ein einzelnes Individuum ei⸗ nem andern Glauben zuzufuͤhren? Der finſtre Nebel iſt endlich zerſtreut, der den Katholizismus allein beguͤnſtigte. Der Unaufgeklaͤrteſte ſogar glaubt, daß wir nicht mehr ausgeſchloſſen ſind von dem allgemeinen Heil, warum widerſteht der Aufgeklaͤrteſte dieſer Kirche, ſelbſt dem geheimen Zuge nicht, Glieder unſres Glaubens zu dem Sei⸗ nigen hinuͤberzuziehen?“ Edwin ſagte ſchonend: „Der beßre Chriſt, nicht der Aufgeklaͤrtere, (denn die Religion hat gleiche Geheimniſſe fuͤr alle ihre Glaͤubigen) laͤßt jeden ſtill gewaͤhren; doch wenn er ſich recht innig wohl in ſeiner Ueber⸗ zeugung fuͤhlt, ſo uͤberraſcht ihn jezuweilen der 234 leiſe Wunſch, auch Andre auf den wohlbekanuten Pfad zuzuleiten. „Der wohlbekannte Pfad,“ erwiderte Conſtan⸗ ze ernſt,„iſt immer der, den unſre Eltern gingen. Nichts Verantwortliches, nichts Unnatuͤrliches iſt dabei, wenn der junge Chriſt in demuͤthiger Er⸗ gebung zu dem Glauben ſchwoͤrt, den er die Sei⸗ nen taͤglich uͤben ſah.— Doch ſage ſelbſt, wie hart es Dich beruͤhren wuͤrde, wenn die, fuͤr de⸗ ren Heil wir ſeit ſo vielen Jahren beteten, nun uͤber unſern Jerthum weinte, und vielleicht ihre Eltern mit minderem Entzuͤcken begruͤßte, da ſie nicht glaubensverwandt ihr ſind? „Nicht doch, Conſtanze!“ fiel Edwin ihr raſch ein.„Der Tempel der Gnade hat viele Pforten, und mehr denn tauſend Wege fuͤhren zu ihm. Welcher iſt der Rechte? nicht der, wel⸗ cher unſrer kluͤgelnden Vernunft der kuͤrzere duͤnkt, ſondern der, den ein glaͤubiges Gemuͤth zuerſt er⸗ waͤhlt. Gleich bittenden Kindern draͤngen wir uns um den allliebenden Vater. Jeder hofft auf ſeine Weiſe den Guͤtigen fuͤr ſich zu gewinnen, und er allein kennt aller Weiſe, und ſeegnet —— 235 ſie alle, wohl wiſſend, daß der Dank, der ihm, hier ſtehend, dort kniebeugend dargebracht wird, gleich heiß, gleich innig iſt. Darum, meine Freundin, laß dieß das letzte Geſpraͤch zwiſchen uns uͤber einen Gegenſtand ſeyn, der von jetzt an unſer heiligſtes Intereſſe in Anſpruch nimmt. Theophilia, unſer theures wiedergefundnes Kind, darf keinen Zwieſpalt in unſern Meinungen ah⸗ nen, und noch weniger in ſich den Gegenſtand einer getaͤuſchten Hoffnung ſehen.“ . So endigte das Geſpraͤch der armen Eltern, die ſich uͤber ihr verlornes Kind nicht harmlos freuen konnten, weil ſie nicht wußten, welches Andre ſie noch verlieren wuͤrden. 47. Der Sohn. Der greiſe Miniſter hielt die Kunde von dem verlornen Sohn in den freudezitternden Haͤn⸗ den, ſein Auge richtete ſich dankbar und ſeegnend nach oben, waͤhrend, von der Allgewalt ihrer Empfindungen zu Boden gezogen, die edle Mut⸗ 236 ter Edwins dem Himmel knieend ihr Dankopfer darbrachte. Beider Entzuͤcken war ſtumm, denn die Freude uͤber das Leben des theuren Sohnes hatte ihren Tribut ſchon dahin genommen. Jetzt durchbebte ihr Herz eine heiligere Luſt. Edwin war im Kampf mit ſeinem Geſchick tugendhaft und edel, ja faſt kindlich gut geblieben; nur die un⸗ ſchuldigſte aller Leidenſchaften, die Kunſt, hatte ihn dem Kreiſe entfremdet, dem er angehoͤrte, und der Augenblick, wo der im Leiden gereifte Sohn in die vaͤterlichen Hallen wieder eintrat, war ein von jeder Schuld Gereinigter: das fuͤhl⸗ ten die ſtill begluͤckten Eltern jetzt mit heiliger Ruͤhrung, und warteten mit freudiger Zuverſicht der Gaben, die ihnen der Himmel verheißen. Sie durften nicht lange harren. Auch Ed⸗ win hatte, wenig Tage nach Conſtanzens Ruͤckkehr, durch Magnus einen Brief von ſeinem Bruder erhalten, der ihn beſchwor, an das Vaterherz zu eilen, da die Nachricht ſeines Lebens gewiß ſchon in den Haͤnden ſeiner Eltern ſei. Zitternd vor Freude machte er nun die noͤ⸗ thigen Vorbereitungen zur Reiſe, und der andre 8 237. Morgen traf die Sehnlicherwarteten ſchon auf dem Wege nach der Reſidenz. „Wie gluͤcklich koͤnnten wir jetzt ſeyn!“ un⸗ terbrachen beide Gatten faſt zugleich ihr Still⸗ ſchweigen. Ach, ſie hatten an zwei verſchiednen Bildern gemalt, und fuͤhlten mit tiefem Schmerz, daß ein Schatten ſie beide verdunkle. Edwin ſchwelgte in dem ſeeligen Vorgefuͤhl des Wieder⸗ ſehens ſeiner theuren ehrwuͤrdigen Eltern. Er ſah ſich mit Wonne, ja mit einem geheimen Stolz der Familie wiedergegeben, welche, nach tie⸗ fer Kraͤnkung wieder ehrenvoll in den fruͤheren Wirkungskreis eingeſetzt, nur der Ruͤckkehr des jener Cataſtrophe als Opfer gefallnen Sohnes bedurfte, um mit ſuͤßem Triumph zu ſagen: wir haben nichts verloren! Aber wenn er des bluͤ⸗ henden Enkels gedachte, den er dem edlen Groß⸗ vater als Suͤhnopfer fuͤr ſeinen langen Grabes⸗ ſchlummer bieten wollte, ſo verfinſterte ſich ſein Himmel, dichte Wolken umlagerten ſeine Freu⸗ denſonne, und drohten einen Trauerſchleier uͤber ihren hellen Glanz zu werfen. Conſtanze mal⸗ te an dem Entzuͤcken der erſten Umarmung ih⸗ 238 rer wiedergefundnen Tochter, ſie erinnerte ſich mit ruͤhrender Genauigkeit jedes freundlichen Wortes, welches Theophilia ihr, der fremden Frau, im ſuͤßen Vorahnen ihres verwandſchaft⸗ lichen Verhaͤltniſſes, geſchenkt hatte. Sie rech⸗ nete ſich, ihrer eignen Hinneigung zu dem ſchoͤ⸗ nen blaſſen Kinde, ihrer Liebenswuͤrdigkeit, nichts von der zarten Freundſchaft zu, welche dieſe ihr ſchon in der erſten Nacht weihte, um nur der heiligen Stimme der Natur ihr volles Recht ein⸗ zuraͤumen. Sie dachte ſich die Freude der ehr⸗ wuͤrdigen Eltern, ihres Gatten, wenn ſie ihnen in Ermangelung des verheißnen Enkels nun we⸗ nigſtens die verloren geglaubte Enkelin in Derje⸗ nigen zufuͤhren wuͤrde, an welcher ſie nicht vor⸗ uͤbergegangen ſeyn konnten, ohne ſie lieb zu ge⸗ winnen. Aber— Magnus? Ein kalter Schauer durchrieſelte ſie, wenn ſie an ihn und das tiefe Leid dachte, das mit der wiedergefundnen Schwe⸗ ſter in ſein Herz einziehen wuͤrde.„Ihn haben wir verloren!“ ſo ſagte Edwin, der ſein innres Seelenleben wohl beſſer als ſie kennen mußte, und an dieſen einen Gedanken, ſchwer genug, um — 239 ein Mutterherz zu Boden zu ziehen, hing ſich noch die zweite Sorge um ihres geliebten Emmo Frieden, der wohl naͤhere Hoffnungen als Mag⸗ nus zu beweinen hatte, und um der Tochter zart beſaitetes Gemuͤth, das bei den ſtuͤrmiſchen Freuden⸗ und Wehaccorden, welche ihr Schickſal nun bald darauf ſpielen ſollte, zu brechen drohte. Dieß waren die Daͤmpfer, welche Edwins und Conſtanzens Freudenſturm maͤßigten, ſonſt wuͤrde dieſe erſte Reiſe, welche ſie ſeit Edwinna's Verluſt gemeinſchaftlich machten, ihnen unaus⸗ ſprechlichen Genuß gewaͤhrt haben. Beide fuͤhlten nach ihrer langen Trennung das vollkommenſte Vertrauen ehelicher Freundſchaft wieder in ſich er⸗ 5 Conſtanze, feſt beſtimmt und abgeſchloſ⸗ ſen mit ſich ſelbſt, fand dennoch in Edwins ſanf⸗ ter Beredſamkeit, in deſſen heitern Lebensanſich⸗ ten, die zum Theil Kinder der Ideale waren, mit denen er auch ſeine truͤbſten Stunden aus⸗ ſchmuͤckte, einen immer neuen Zauber, der ſeine Gewalt uͤber ihren ſproͤderen Sinn uͤbte. Sie hatte ihn damals von ſich gewieſen, als Edwin⸗ na's Wiedergewinn nur von dieſem Opfer zu hof⸗ 240 fen war, aber nun ſie ihr Geluͤbde geloͤſ't, fuͤhl⸗ te ſie auch, wie tief verſchuldet ſie dem edlen Gat⸗ ten blieb, der ohne Erkaltung, ohne Klage bei⸗ nahe ſein einſames Loos getragen, und dennoch ihr Andenken in treuem Herzen verwahrt hatte. Und Edwin?— nun wie leicht iſt ein ſo froh⸗ muͤthiger, beſcheidner Sinn zu befriedigen! Ihm war Conſtanze immer ſein Schickſal geweſen, ob er ihr gleich nur getheilte Huldigungen dar⸗ brachte. Aber das eben machte ihn ſo duldſam gegen ihre kleinen Schroffheiten. Ohne Bitter⸗ keit gedachte er der einſamen Frau, die, weil ein Ruder brach, ihr Lebensſchiff von Neuem dem Winde preis gab, und ihn, den muthigen u⸗ ermann, ſogar von ſeinem Platz draͤngte. ie hatte ja des Troſtes noch weniger, als er in ſei⸗ ner Kunſt, und haͤtte ſie ſich nie wieder mit ihm vereint, er wuͤrde doch nur ſie, nicht ſich beklagt haben, denn er haͤtte ſich laͤngſt mit ſeinem Standpunkt in der Welt befreundet, waͤh⸗ rend er wohl fuͤhlte, daß Conſtanze ſeit jenem Ereigniß von Neuem in feindliche Richtung gegen dieſelbe getreten war. Sie haßte Jalanthen, er war bald nach den erſten Aufwallungen wieder 241 zu einer Art von Unpartheilichkeit gegen ſie uͤber⸗ gangen, und es bedurfte nicht erſt der Schilde⸗ rung ihrer letzten Lebensmomente, um ihn, wie gegen alle, die ihm wehe gethan hatten, auch gegen ſie zu erweichen. Dieſer milde Geiſt war es denn auch, der die Wiedervereinigten auf dieſer Reiſe beſeelte, und immer feſter zu gleicher Freude und gleichem Schmerz verband, je naͤher ſie dem Ziel derſelben kamen.* Der Miniſter hatte, um in den Tagen der Erwartung jede moͤgliche Stoͤrung zu umgehen, ſich krank anſagen laſſen. Sein Hausarzt ſchuͤtz⸗ te ihn vor laͤſtigen Beſuchen, und ſelbſt ein neues Siegesfeſt, das heut von ſeinem Fuͤrſten auf wunderbar ſinnige Art gefeiert wurde, verlockte den ſtillbegluͤckten Greis nicht aus den zum Em⸗ pfang des Sohnes ausgeſchmuͤckten Gemaͤchern in das Geraͤuſch der Welt. Er hatte einen herrli⸗ cheren Sieg zu feiern, denn ihm gab das Grab das einzige Opfer wieder, welches er beweinte, waͤhrend Tauſende von jugendlichen Opfern den ör Theil. 16 242— Altar mit Blut beſpritzten, an dem die Fuͤrſten ihren Triumph feierten. So kam es denn, daß kein fremdes Auge des Wiederſehens erſte Freude verkuͤmmerte. Edwin wagte es trotz des Bruders freundlicher Ermuthigung nicht, an dem Hotel ſeines Vaters abzuſteigen. Ein Zufall konnte die Nachrichten verſpaͤtet, und ihn zu fruͤh hierher beſchieden haben. So wurden die harrenden Eltern dann erſt durch folgende Zeilen auf die große Stunde vorbereitet: 4 Edwin an ſeine Eltern. Meine theuren, ehrwuͤrdigen Eltern! Darf ein Sohn, den es unausſprechlich verlangt, am elterlichen Buſen auszuruhen von allen Stuͤr⸗ men, die ſein Lebensſchiff bedrohten, darf er mit Weib und Kind unter den vaͤterlichen Hallen Schutz ſuchen gegen die Wogen, die es auch jetzt noch umbrauſen? oder ſoll er noch ferner todt fuͤr Sie, fuͤr die Welt, nur nicht fuͤr ſeinen ewi⸗ gen Schmerz um ſeine getaͤuſchten Hoffnungen 243 ſeyn? O ſprechen Sie das Wort der Gnade und des Troſtes fuͤr Ihren ſchwer gepruͤften Sohn. Edwin. 2. „Komm, mein lieber, theurer, verlorner „Sohn! komm an das Herz Deines Vaters, „Deiner Mutter, die Dich ſeegnen!“ Dieſe Worte von der bebenden Hand des edlen Greiſes geſchrieben, endeten Edwins Zwei⸗ fel. Er flog mit Conſtanzen in die Arme der hochbegluͤckten Eltern, und dieſe Wonneſtunde war wenigſtens rein von jeder Beimiſchung des Wehes, an welches die Leidensgepruͤften ſchon ſo gewoͤhnt waren. Stunden entflohen pfeilſhnell unter dem froͤhlich berauſchenden Geſpraͤch der Vereinigten. Kein Wort beruͤhrte die Gegenwart, in der man ſchwelgte, jede Frage gehoͤrte der Vergangenheit, welche alle truͤbe Erinnerungen weckte, und den⸗ noch war man ſo gluͤcklich, dennoch vergaß ſelbſt Edwin, daß ſeine Freude noch eines Zuwachſes faͤhig ſei. 4 Nur Conſtanze bewahrte in ihrem treuen, 46* 244 ſehnenden Mutterherzen den hoͤheren Genuß, der ihr noch bluͤhte, und gern wuͤrde ſie in die ge⸗ genſeitigen Mittheilungen der drei Gluͤcklichen ei⸗ ne Frage nach Theophilien eingeſchaltet haben, haͤtte ſie nicht gefuͤrchtet, dadurch die Ueberra⸗ ſchung der Großeltern zu ſchmaͤlern, und, ohne ſich ſelbſt klar zu ſeyn, wie es ihr gelingen wuͤr⸗ de, die Tochter mit ihrem Gluͤck bekannt zu ma⸗ chen, folgte ſie doch, waͤhrend die liebenden El⸗ tern den theuren Wiedergefundnen umſtanden, um in ſeinen, durch den ſuͤdlichen Himmel ge⸗ braͤunten, und von der Anſtrengung, welcher ſei⸗ ne Kunſt ihn ausſetzte, fruͤh gefurchten Zuͤgen, in ſeiner, von dem Druck des Schickſals gebeug⸗ ten Haltung, die Geſchichte ſeiner Leiden, Auf⸗ opferungen und Entbehrungen zu leſen, ſtill dem Zuge ihres Herzens, das unter den Won⸗ neſchauern des ſeeligen Wiederfindens zu brechen drohte. 1 48. Die Muctrer. Theophilia hatte, ſeit jenem Abendgeſpraͤch mit dem Praͤſidenten, die erſte Ahnung davon erhalten, daß ihr Schickſal irgend einer erfreu⸗ lichen Wendung faͤhig waͤre, und dieſer ſuͤße Troſt, der ſich erſt leiſe und furchtſam, dann im⸗ mer ſiegender aus ihrer Bruſt hervorarbeitete, wurde der Pharos, der die Nacht ihrer Zweifel erleuchtete. Des Praͤſidenten Loͤſungswort von Emmo's Hand wirkte in ihrem ſtillen Gemuͤth immer begluͤckender nach. Sie wußte zwar nicht, wie alle Umſtaͤnde ſich ſo erfreulich geſtalten ſoll⸗ ten, daß ſie den Muth erhielte, die Bande zu oͤſen, welche, das fuͤhlte ſie erſt jetzt, da ihre Bruſt freier athmete, gleich druͤckenden Feſſeln ſie umſchlangen, aber ſie traute den Worten ihres Pflegevaters, die ihr beizuſtehen verſprachen, und den ſie nun nicht mehr durch eine Verweigerung zu beleidigen fuͤrchtete. „Emme gewoͤhnt ſich leicht an das, was er 246 fuͤr ſeines Lebens Beſtimmung erkennt!“ Dieſe Worte hallten unaufhoͤrlich in ihrem Innern wie⸗ der. So liebte auch er ſie vielleicht nur bruͤder⸗ lich, wie ſie in ſchuldlos ſchweſterlicher Neigung ihm zugethan war, und nur des Fuͤrſten ſonder⸗ barer Mißverſtand hatte ſie, gegen die geheimen Wuͤnſche des Vaters, dem einzigen Sohn zur Braut aufgedrungen? So war ihr Entſagen wohl gar die hohe Schuld der Dankbarkeit, wel⸗ che ſie abzutragen hatte, und ſie, die Namenloſe, ſeit dem Verluſt des letzten Leitſterns, zu dem Dunkel ihrer Abſtammung, auf ſich allein Ver⸗ wieſene, durfte noch einſt des theuren Magnus Fragen an ihr Herz gnuͤgender beantworten? Wie eine junge Roſe unter dem Thau des Himmels, erbluͤhte Theophiliens Schoͤnheit, un⸗ ter ſo ſuͤßen Hoffnungen, zu engelgleicher Verklaͤ⸗ rung. Selbſt Clementine ahnte etwas von den Wundern, welche die Liebe in des ſtillen Maͤd⸗ chens Bruſt bewirkte, aber ſie ſchob alles auf die nahe Beendigung des Krieges, der allein noch zwiſchen ſie und den Geliebten zu treten ſchien. Nur der Proͤſident, welcher das Feuer angeſchuͤrt — — 247 hatte, ſah ſchaͤrfer, und eine Wolke lagerte ſich nach der Andern auf ſeine Stirn, denn was er damals ſo ſtaatsklug eingeleitet, die Loͤſung des Knotens, den er ſelbſt geſchuͤrzt, mußte, wenn die unbekannten Eltern ſich nicht unter Kurzem fanden, der Rettung ſeiner Ehre, vor den Augen Clementinens und der Welt, unaufhaltbar zum Opfer gebracht werden, ſo hatte er es ſich gelobt, in dieſem Sinn hatte er ſelbſt den Fuͤrſten auf eine fruͤhere Verbindung des jungen Paares, vor Theophiliens Volljaͤhrigkeit vorbereitet, und ſich, als ſcheute er den Widerſpruch ſeines eignen in⸗ nerſten Gefuͤhl's, das ſich gegen ſo gewaltſame Maaßregeln auflehnte, alle Ruͤckwege abgeſchnitten. So kleideten, Du armes, hoffendes Kind, Deine Wangen ſich doch umſonſt in die Farbe der Freude und Geſundheit, und ſie mußten doch erbleichen vor der unerlaͤßlichen Nothwendigkeit, denn der Zerſtoͤrer Deines Friedens, der Gegen⸗ ſtand des Schreckens, ſelbſt fuͤr den Praͤſidenten, naͤherte ſich auf befluͤgeltem Roß den Mauern der Stadt, um ſie zu neuer Siegesfreude aufzufor⸗ dern! 88 248 Schlachten auf Schlachten waren geſchlagen, ſeit Magnus und Emmo ſich dem Heer ange⸗ ſchloſſen hatten; der Rhein war laͤngſt uͤberſchrit⸗ ten; faſt ohne Widerſtand war man in dem franzoͤſiſchen Gebiet vorgedrungen, weil Haß und Erbitterung gegen den Gewalthaber, der, ſeine Ehre zu retten, ſich nicht ſcheute, ſein eignes Volk zu vernichten, und es feindlich zur Schlacht⸗ 7 bank zu fuͤhren, dießmal den Stolz der großen Nation uͤberboten. Doch der Feind war noch nicht aufgerieben, und waͤhrend die Verbuͤndeten ſchon die Tage bis zur Einnahme von Paris zaͤhlten, ſammelte ſich ein neues Heer zum Widerſtand. Die Schlacht bei Brienne, in der es einen verzwei⸗ felten Kampf galt, wurde indeß eine der ſchoͤn⸗ ſten Blumen im Siegeskranz unſrer Helden, und dieſen erſten Sieg auf Frankreichs Boden ſeinem Fuͤrſten zu melden, wurde der junge Graf Mal⸗ then, der an Magnus Seite das erſte wuͤrdige Probeſtuͤck ſeines Muthes abgelegt hatte, als Cou⸗ rier abgeſchickt. Gleich den Dioscuren, waren die Juͤnglinge 249 unzertrennlich von einander in Kampf und Ge⸗ fahr. Oreſt und Pylades nannten ſie ſcherzend ih⸗ re Waffengefaͤhrten, die ihr bruͤderliches Verhaͤlt⸗ niß nicht kannten, Caſtor und Pollur nannten ſie ſich ſelbſt, in ſchoͤner Beziehung auf die Mut⸗ ter, welche ſie theilten. Kein Wort war ſeit jener verhaͤngnißvollen Nacht, die den Juͤnglingen das Schickſal ihrer Cuern enthuͤllte, uͤber Magnus Lippen gekommen, das Theophiliens Verhaͤltniß zu Emmo beruͤhrte, aber den Tod in heißer Schlacht mehr ſuchend, als fliehend, hatte er ſchon mehreremal ſeine Bruſt dem feindlichen Stahl, der auf Emmo ge⸗ richtet war, Preis gegeben, und immer nur hat⸗ te ein Wunder den jungen Helden vor augen⸗ blicklicher Vernichtung geſchuͤtzt. Jetzt blickte der bruͤderliche Freund dem Gluͤcklichen mit freundli⸗ cher Ergebung nach. Er ging ja zu Theophilien, er ſollte, im kriegeriſchen Schmuck doppelt ſchoͤn, aus ihren theuren Haͤnden den Siegeskranz em⸗ pfangen, wie er in einem einzigen ſeeligen Mo⸗ ment. Aber ſie durfte dem frendeſtrahlenden 2⁵50 Blick, der Worte eiligem Flug nicht Einhalt thun, denn der in Entzuͤcken aufgeloͤſ't zu ihren Fuͤßen lag, war nicht der ungluͤckliche entſagende Mag⸗ nus, es war ihr Verlobter, der beneidenswerthe Emmo. Ach, ſo innig der Bruder ihn auch bei'm Scheiden umſchlang, ſo feſt er ihm auch gelobte, das Herz der Brant bei dieſem Wiederſehen noch einmal genau zu pruͤfen, nichts konnte den ſte⸗ chenden Schmerz in ſeiner Bruſt mildern, ob⸗ wohl er mit geduldigem Laͤcheln des Freundes Be⸗ theuerungen anhoͤrte, und ihn dringend bat, ſei⸗ ner ganz zu vergeſſen. Er war dem Tode ge⸗ weiht, das fuͤhlte er an der Unmoͤglichkeit, Herr uͤber ſein innres Weh zu werden. Emmo kam in der Nacht in D.. an, wurde ſogleich vor den Fuͤrſten gefuͤhrt, und ver⸗ ſetzte ihn durch die Depeſchen, welche er mitbrach⸗ te ſowohl, als die feurigen muͤndlichen Ergaͤnzun⸗ gen des jungen Helden in die heiterſte Laune. Selbſt daß der Sohn des von ihm ſehr werth⸗ gehaltnen Malthen der Ueberbringer ſo frendiger Bothſchaft war, erhoͤhte noch ſein Wohlgefal⸗ X 251 len an der willkommnen Miſſion; denn laͤngſt ſchon wuͤnſchte er den uneigennuͤtzigen Staats⸗ mann, der ihm ſo wichtige Dienſte geleiſtet hat⸗ te, ohne eigentlich dem Staat verpflichtet zu ſeyn, eine ehrende Belohnung zu ertheilen. Jetzt war die Gelegenheit dazu ganz ungezwungen herbeige⸗ fuͤhrt, und Emmo erhielt den geheimnißvollen Befehl, im fuͤrſtlichen Schloſſe zu wohnen, und ſich bis zum Morgen unſichtbar vor ſeinem Va⸗ ter zu erhalten. Kaum hatte der Praͤſident ſih dem erſten Mor⸗ genſchlummer entwunden, ſo ſtand auch ſchon ein fuͤrſtlicher Diener in ſeinem Vorzimmer, um ihn ſo ſchnell als moͤglich zu Sr. Durchlaucht zu ru⸗ fen, und kaum war er dort eingetreten, ſo kam ihm Dieſer auch mit der herrlichen Siegesnach⸗ richt entgegen. „Und wer iſt der Bothe, und wie belohnen wir ihn? dazu, mein lieber Praͤſident, 3 ind Sie eigentlich herberufen!“ Der eigne, halb neckende Ton des Fuͤrſten ließ den Praͤſidenten nicht lange in Zweifel, daß dieſe Frage ihn naͤher anginge, und ſchon dachte 25²— er wieder an Dornburg, den, mit Leontinens ſchoͤner Hand zu belohnen, er durchaus nicht an⸗ geſtanden haͤtte, als aus einem Nebenzimmer, deſſen Thuͤr heftig aufgeriſſen wurde, ihm der geliebte, ach jetzt ſo unwillkommne Sohn im Wonnerauſch des erſten Wiederſehens entgegen⸗ ſtuͤrzte. „Was macht“— Theophilia? wollte er fra⸗ gen, aber ein Blick auf des Fuͤrſten beſchraͤnkende Gegenwart laͤhmte ſeine Zunge. Dieſer nickte ihm indeß laͤchelnd zu, als verſtaͤnde er ihn voll⸗ kommen, und trat an das Fenſter, um Vater und Sohn Raum zum mittheilenden Geſpraͤch zu laſſen. Nach einer kurzen gepflognen Unterhaltung wendete ſich der Praͤſident mit der ehrerbietigſten Frage an den Fuͤrſten, ob es ihm jetzt erlaubt ſey, den Sohn ſeiner Familie vorzuſtellen? aber ganz gegen des Vaters Erwartung, und zu Em⸗ mo's nicht kleiner Beſtuͤrzung erklaͤrte der Fuͤrſt: der junge Mann ſei im Dienſte des Staates ge⸗ kommen, er muͤſſe im verſammelten Staatsrath ſeine Depeſchen niederlegen, und dann ſo lange ſein Gefangner bleiben, bis ein Plaͤnchen, das er fuͤr den heutigen Abend habe, ihm gelungen ſei. 8 Den Praͤſidenten aber fuͤhrte er zu gehei⸗ mem Geſpraͤch in ſein Cabinet. Graf Malthen trat nach zweiſtuͤndiger Be⸗ rathung mit dem Gebieter todtenbleich aus dem fuͤrſtlichen Schloß. Sein Gang entbehrte der ſonſt an ihm gewoͤhnlichen wuͤrdigen Haltung, ſeine Augen ſtarrten finſter zu Boden. In ſei⸗ nem Hotel angekommen, gab er mit ſchwanken⸗ der Stimme Befehl zu einem großen Feſt, das heut Abend gefeiert werden ſollte, und nur, erſt bei Tiſche, wo er Theophilien anzublicken ſich ſorgfaͤltig huͤthete, aber dagegen leuchtende Flammenblicke voll geheimen Triumphes auf Cle⸗ mentinen warf, gewann ſeine Haltung erſt wie⸗ der ſo viel Feſtigkeit, daß er nachher ſogar Leon⸗ tinen, und mithin auch ihrer Geſpielin, ob er ſie gleich nicht nannte, den Befehl ertheilen konn⸗ te, fuͤr dieſen Abend das Schoͤnſte aus ihrer Gar⸗ derobe zu waͤhlen. Der verhaͤngnißvolle Abend brach, herein. 254 Carroſſen fuͤllten die Straßen, in welcher das ſtrahlend erleuchtete Hotel des Grafen Malthen, wie ein feuerſpruͤhender Meteor von Wundern erzaͤhlte, welche heut ſich darin begeben ſollten. Niemand hatte verſagt, als der greiſe Mi⸗ niſter, deſſen zunehmende Kraͤnklichkeit ihn ſchon laͤngſt von dergleichen Abendfeſten ausſchloß. Alles harrte voll Neugier der Dinge, die da kommen ſollten, denn daß der Fuͤrſt ſeinen Sie⸗ gesbothen nicht ſelbſt feierte, daß man durchaus nicht erfahren konnte, wer es ſei, und daß der Conſiſtorialrath Cleve heut eine Stunde mit dem Fuͤrſten conferirt und ſodann ſeiner Haushaͤlterin geheimnißvoll befohlen hatte, das ſchoͤnſte Weiß⸗ zeug fuͤr den heutigen Abend zurecht zu legen, das waren alles Raͤthſel, deren Loͤſung man ver⸗ wundert harrte. Wenig Augenblicke vor dem Beginnen des Feſtes trat der Praͤſident ganz uͤberraſchend in das Ankleidezimmer der geſchmuͤckten Maͤdchen, und ſagte, ohne Leontinen zu beachten, nachdruͤck⸗ lich zu ihrer Pflegeſchweſter. „Theophilia! der Fuͤrſt hat Ihnen eine ſon⸗ 255 derbare Ueberraſchung zugedacht. Ich konnte Sie davor nicht ſchuͤtzen, ſo gern ich auch mit meinem Leben alles Weh aus den Ihrigen nehmen woll⸗ te. Meine Ehre— eine Verleumdung— deren Sinn Ihre engelreine Unſchuld nicht einmal faſe ſen kann, alles, was dem Mann von Ehre theuer iſt, noͤthigen mich, Ihr Geſchick ruhig ſeinen Gang gehen zu laſſen. Wenn meine Theil⸗ nahme je Ihren Dank verdiente, wenn mein Schutz Ihnen ferner werden ſoll, ſo weigern Sie ſich nicht, das zu thun, was man von Ih⸗ nen verlangt.“ Die Betroffne hoͤrte ihn ſtumm und erblei⸗ chend an. Sie ahnete etwas Schreckliches, aber einen Namen dafuͤr hatte ſie nicht; auch wollte der Praͤſident keine Antwort, er hatte ſie ſchon verlaſſen, ehe ſie dazu faͤhig war, und nur Leon⸗ tinens Umarmungen, ihre zaͤrtlichen Bitten, ver⸗ mochten die Bebende zu dem Widerſtand, wel⸗ chen ſie ihren entfliehenden Lebensgeiſtern leiſtete. Schoͤn, aber bleich wie ein Marmorbild, betrat Theophilia den angefuͤllten Geſellſchafts⸗ ſaal. Sie wagte das Auge nicht aufzuſchlagen, aus Furcht auf den Gegenſtand, der ſie heut zu einer peinlichen Rolle zwingen wollte, zu treffen, und erſt, als ſie uͤberall bekannte Geſichter, und nirgends den Fuͤrſten erblickte, faßte ihr geaͤng⸗ ſtetes Herz wieder Muth und Hoffnung. Aber das Gefuͤrchtete mußte dennoch geſchehen, denn ſchon rauſchten die Flüͤgelthuͤren auf, der Fuͤrſt, und an ſeiner Seite der, nach dem Wiederſehen ſeiner Theuren, ganz ungeduldige Emmo, traten herein. Ehrerbietig zog alles ſich zuruͤck, nur der Fuͤrſt blieb in der Mitte des Saales vor dem erroͤthen⸗ den Juͤngling ſtehen, waͤhrend Graf Malthen als Wirth und bei dieſer Scene Mitſpielender, aus dem Kreis ſeiner Gaͤſte ehrfurchtsvoll hervorgetre⸗ ten war. Mit verbindlichem Ton ſagte der Gebieter: „Mein junger Held! Vieles und Ehrendes iſt mir von Ihrer Tapferkeit, von Ihrem ruͤhm⸗ lichen Streben ſich den Thaten eines ganzen, fuͤr das Hoͤchſte, die Freiheit! begeiſterten Heeres, anzuſchließen, gemeldet worden, und ich erkenne darin nur des wuͤrdigen Vaters edlen Sohn. Dank Ihnen, daß die frohe Bothſchaft, welche 257 Sie mir heut gebracht, mich endlich in den Stand ſetzt, in Ihnen den nneigennuͤtzigen Freund mei⸗ nes Staates, Ihren wuͤrdigen Vater zu beloh⸗ nen. Dieſer Orden, Herr Hauptmann, und die Braut Ihres Herzens, Fraͤulein von Lilien, wel⸗ che ich, kraft dieſes Handſchreibens, mit der Herrſchaft Lilienſtein dotire, moͤgen das Band ſeyn, welches Sie und Ihre ganze Familie von heut an feſter an meinen Staat bindet, und zu⸗ gleich bezeugen, wie gern ich meine Schulden abtrage! 3 Bei dieſen Worten hatte er den erſtaunten, ja beinahe unter der Laſt ſo großer Gnadenbezeu⸗ gungen erliegenden Emmo auf Theophilien zu⸗ gefuͤhrt. Beide ſtanden einen Augenblick erſtarrt einander gegenuͤber. Theophilia hoffte, mit dem zitternden Dank fuͤr ſolche Gnade ihre Aufgabe erſchoͤfft zu haben, und Emmo konnte, der Geliebten im Angeſicht, die er kraͤnkelnd verlaſ⸗ ſen hatte, und jetzt im Glanz neuerbluͤhter Schoͤn⸗ heit vor ſich ſah, keine Worte finden. Aber ei⸗ ne neue Ueberraſchung ſtand ihnen bevor. Der Fuͤrſt winkte dem dankenden Praͤſidenten laͤchelnd 3r Theil.. 17 2⁵8—— zu, und dieſer ergriff mit eiskalter Hand die bei⸗ den Lebenswarmen des Bigearn und ſagte mit bebender Stimme: „Euer Durchlaucht haben meinen Sohn ſ uͤberreich mit Gaben zu uͤberſchuͤtten geruht, daß ich, der Vater, arm neben ihm erſcheinen wuͤrde, haͤtte ich dem hochbegluͤckten Sohn nicht einen Preis zu bieten, den ich wohl fuͤr die ſchoͤnere Zeit des Friedens aufſparen wollte, welchen er ſich aber heut ſchon verdient hat. Konunt⸗ meine Kinder!“ Und fort zog er ſie in das angraͤnzende Zimmer. Clementine und die Geſellſchaft folgten ahnenden Geiſtes nach. Da erblich die Graͤfin, und die Gaͤſte erſtarrten; denn das Siegesfeſt des Volkes wurde das ihres Gemahls; an der Thuͤr ſchwebte dem beſtuͤrzten Paare des Praͤſi⸗ denten juͤngſte Tochter, Lidde, mit der bluͤhenden Mirthenkrone auf ſilbernem Teller entgegen, und in der Mitte des Zimmers ſtand der Conſiſtorial⸗ Rath Cleve mit der Agende. Jetzt begriffen Theophilia und Emmo erſt, was man mit ihnen vorhatte, und mit einem 259 Schrei des Entſetzens ſtuͤrzte die Erbleichende zu den Fuͤßen des Fuͤrſten. Da riß der Praͤſident ſie auf, rief:„danken Sie dem edlen Fuͤrſten durch Ihr Gluͤck!“ und fluͤſterte dem, erſchrocken ſich hinzudraͤngenden Emmo und ihr in Todes⸗ angſt zu:„Keine Schwierigkeiten! wenn Ihr mich ehrt!“ Nun ſank Theophiliens erkaltete Rechte in Emmo's Hand. Sie hatte kein Hinderniß als ihr Herz, und daß ſie dieß der Dankbarkeit zum Opfer bringen mußte, fuͤhlte ſie jetzt beſtimmt. Leontine, ſchnell begreifend, was ihres Amtes war, flocht mit ſchalkhafter nur muͤhſam vom Ausbruch zuruͤckgehaltner Freude den Kranz in der Freundin braͤutliche Locken, und Emmo, von dem ungeduldigen Fuͤrſten gedraͤngt, behielt keine Zeit, des Verſprechens zu gedenken, das er dem fernen, trauernden Bruder gethan. Er folgte mechaniſch der Weiſung des Vaters, auf deſſen gefurchter Stirn er ſchon den ſtillen Vorwurf ſeines Saͤumens las, und fuͤhrte die bebende Braut zum Altar. Die Trauung begann. Da toͤnte aus dem Vorzimmer ein aͤngſtli⸗ 17* 260 ches: Halt! Die Thuͤr flog auf, der Prieſter ſtockte und herein ſchwebte eine hohe, in dichte Schleier verhuͤllte, weiathe eſa die gebietend den Arm hob, und mit dem Ton des hoͤchſten Jammers ausrief: „Um Gotteswillen Halt! ſie iſt ſeine Schweſter!“ Ein dumpfes Murmeln erhob ſich. Emmo ſtand erſtarrt, und Theophilia ſtuͤrzte ſchaudernd von ihrem Platz. 1 Aber der Miniſter, dem in dieſem Augen⸗ blick der ganze Lohn ſeines vergeblichen Kampfes verloren ging,(das ſah er an dem triumphiren⸗ den Hohnlaͤcheln Clementinens, und an den tuͤk⸗ kiſchen Blicken der Uebrigen,) ſtuͤrzte auf die Frau zu, welche eben Theophiliens Hand ergrei⸗ fen wollte, und donnerte ihr ein fürchterliches Halt! nach. Dieſe wendete ſich langſam von der ſtaunenden Verſammlung ab, gegen ihn al⸗ lein, luͤftete den Schleier ein wenig, und ſagte: „Sie iſt meine Tochter!“ „Conſtanze!“ rief der Praͤſident erblaſſend, und trat betroffen zuruͤck. . 264 „Ja, ich bin Conſtanze!“ ſagte die bewegte Mutter, nun ſich ganz gegen die Verſammlung wendend. Nachdem ich dies theure Kind ſechzehn Jahre als unwiederbringlich verloren beweinte, und mein Gemahl Graf Edwin von Dornburg umſonſt die Welt durchreiſte, um es mir wieder zuzufuͤhren, finde ich es hier unter dem groß⸗ muͤthigen Schutze des edlen Mannes, den ich fliehen mußte, weil mein Herz der fruͤheren Wahl unverbruͤchlich treu blieb. Empfangen Sie Herr Graf meinen heißeſten Dank fuͤr die un⸗ ausſprechliche Fuͤlle der Guͤte, mit der Sie mein armes verwaiſtes Kind uͤberſchuͤtteten, und auch Sie theure Graͤfin moͤge das Gluͤck Ihrer eignen herrlichen Tochter fuͤr die großmuͤthige Aufnah⸗ me lohnen, welche Sie der Schutzloſen gewaͤhr⸗ ten.— Euer Durchlaucht, fuͤgte ſie, ſich vor dem erſtaunten Fuͤrſten tief verneigend hinzu, werden der Enkelin des Miniſter, Grafen von Dornburg und der Schweſter eines Malthen die Gnade nicht entziehen, welche, gleich einer Sonne, ihr unbekanntes, namenloſes Daſeyn uͤberglaͤnzte.“ 262. Nach dieſen Worten wendete ſich Conſtanze mit Wuͤrde, und verließ an der Hand ihrer Tochter den Saal. „Edwinna!“ rief Emmo, jetzt aus ſeiner Betaͤubung erwachend, und ſtuͤrzte den Enteilen⸗ den nach. 8 Der Praͤſident ſtand betroffen, aber innerlich befriedigt in der Mitte des ihn umdraͤngenden Hofes. Niemand wollte ſich jetzt des fruͤher aufgeregten Verdachtes erinnern, jeder hatte ſei⸗ ner edlen Aufnahme der Verwaiſten ſchon im Stillen einen Kranz gewunden, und ſelbſt Cle⸗ mentine, ihrer tiefen Verſchuldung gegen den, nun glaͤnzend Gerechtfertigten gedenkend, nahte ſich dem Gemahl mit zweideutigem Laͤcheln, in⸗ dem ſie ihn verſicherte: ſeit kurzer Zeit ſei der Zweifel ſchon oft in ihr aufgedaͤmmert, ob nicht das Raͤthſel von Theophiliens Geburt ſich auf dieſe Art loͤſen wuͤrde; und wenn ihr Gemahl ſie heut nicht in gleicher Unwiſſenheit als alle andere Ueberraſchten uͤber den Gegenſtand dieſer Feier gelaſſen haͤtte, ſo wuͤrde ſie vielleicht durch 263 ein warnendes Wort ihn von der Ausfuͤhrung ſeines Vorhabens zuruͤckgehalten haben. Der Fuͤrſt machte ein verlegenes Geſicht, denn ein Siegesfeſt ohne den Helden des Tages war wie die Roſe ohne Geruch, und der Hofpre⸗ diger, es wohl bemerkend, daß es nun nichts mehr zu trauen gab in dieſer hochgebornen Geſellſchaft, verſchwand ſo eilfertig, als waͤre er der einzige Stein des Anſtoßes fuͤr die, ſich ſammelnden Ge⸗ muͤther. Wirklich kehrte auch nach und nach Rundung und Farbe auf die langegezognen, erblichnen Ge⸗ ſichter zuruͤck. Der Praͤſident begriff, daß ihm keine vollkommenere Loͤſung des Knotens erſchei⸗ nen konnte, obwohl er mit geheimer Sehnſucht dem lieblichen Pflegekinde nachblickte, deſſen an⸗ muthiger Reiz(das wurde ihm nun klar,) nur darum, vom erſten Sehen an, ihn ſo beſtrickte, weil aus den weichen Kindeszuͤgen ein Anklang von Conſtanzens Schoͤnheit, der er in laͤngſt ver⸗ klungnen Tagen ſeine erſten Huldigungen dar⸗ brachte, ihn anſprach. Die Graͤfin fand, daß nach dem verfehlten Zweck des heutigen Feſtes R 264— nur eine recht heitre, in ſich begruͤndete Haltung das Ridicule von ihrem Hauſe abwenden, und vielleicht gar auf alle diejenigen werfen konnte, welche allzu willig auf der Verleumdung Unken⸗ ruf gehoͤrt hatten, und war die Liebenswuͤrdigkeit ſelbſt gegen ihre Gaͤſte. Dieſe blieben, obwohl der Fuͤrſt ſich zei⸗ tig entfernte, noch fuͤr ein paar langweili⸗ ge Stunden bei einander, und als die froͤhliche Tanzmuſik die jugendliche Welt in ihre eigentli⸗ che Sphaͤre zuruͤckfuͤhrte, erheiterte ſich auch Le⸗ ontinens getruͤbtes Auge, das noch immer voll Wehmuth an der Thuͤr hing, durch welche die liebe ſchweſterliche Freundin in dem Augenblick entſchwunden war, wo ſie mit neuen Banden der Verwandtſchaft ſie an ihr Haus zu feſſeln hoffte. Als am andern Morgen der Trauteppich hin⸗ weggeraͤumt wurde, fand man unter einem umge⸗ ſchlagnen Zipfel deſſelben die Schenkungsakte der Herrſchaft Lilienſtein, welche Theophiliens zittern⸗ den Haͤnden entglitten war. — 265 49. Die Enkelin. Es waͤhrte lange, ehe das erſchrockne Maͤd⸗ chen in den Armen und an der Bruſt der zaͤrtli⸗ chen Mutter zu dem beſtimmten Gefuͤhl ſeiner ſelbſt erwachte. Mit Entzuͤcken wuͤrde Theophi⸗ lia oder Edwinna, wie wir ſie jetzt nennen wol⸗ len, zu allen Zeiten die theure, wiedergefundne Mutter begruͤßt haben, doch heut, wo ſie als ſchirmender Engel zwiſchen einen Bund trat, den ihr Herz nicht ſchloß, heut waren ihre Empfin⸗ dungen des Dankes und der Freude zu einer Hoͤ⸗ he geſtiegen, welche Conſtanzen fuͤr das Leben die⸗ ſes zarten Weſens zittern ließ. Nur mit Muͤhe gelang es ihrem freundlich milden Zuſpruch, ihr Gemuͤth waͤhrend des kur⸗ zen Weges bis zum Dornburgſchen Hauſe ſo zu⸗ beruhigen, daß es fuͤr die neuen Ueberraſchungen, welche es heut noch beſtuͤrmen ſollten, empfaͤng⸗ lich wurde, obgleich an ein eigentliches Vorberei⸗ ten, wie ihre Mutter es doch fuͤr noͤthig fand, 266 nicht zu denken war, da der Wagen nur zu ſchnell ſeinem Ziele zurollte. Conſtanze hatte, wie wir wiſſen, das lebhaf⸗ te Geſpraͤch der liebenden Eltern mit dem wieder⸗ geſchenkten Sohn benutzt, um ſich unbemerkt zu entfernen, und die Tochter aufzuſuchen, welcher ihr Herz ſeit dem erſten Erkennen entgegenſchlug. Schon damals, als Edwinna mit argloſem Vertrauen die gruͤne Brieftaſche in ihre Haͤnde niederlegte, wuͤrde gewiß die entzuͤckendſte Entdek⸗ kung das holde Maͤdchen dafuͤr gelohnt haben, wenn nicht der eben ſo unerwartete als uner⸗ wuͤnſchte Eintritt des Praͤſidenten ſie ploͤtzlich von hinnen getrieben haͤtte. Erſt als ſie, noch immer bebend vor Schreck und ſuͤßer ungeahne⸗ ter Ueberraſchung, auf ihrem Zimmer angelangt war, bemerkte ſie, daß das Kleinod ihrer Tochter noch immer in ihren Haͤnden ruhte. Aber nun machte auch der erſte Rauſch der Freude der Ueberlegung Platz. Sie fand das Schloß noch unverſehrt und entbehrte ſelbſt den Schluͤſſel da⸗ zu. Wie ſollte ſie ihre Tochter wiederfordern, wenn ſie nicht den Namen ihres Gatten nennen, 267 ſich ſelbſt in dem Malthenſchen Hauſe vor ihrem ehemaligen Gemahl als Graͤfin Dornburg ein⸗ fuͤhren, oder wenigſtens durch den Beſitz des Schluͤſſels ihr Anrecht an dies geliebte Kind gel⸗ tend machen konnte? Sollte ſie aber heimlich das ſchoͤnſte, rechtmaͤßigſte Verhaͤltniß zu ihrer Tochter feiern, und in ihre engelreine Bruſt das erſte Geheimniß niederlegen, was natuͤrlich ihre ganze Stellung zu den geehrten Pflegeeltern ver⸗ aͤnderte? Nein! die unausſprechliche Sehnſucht nach dem Tochterherzen da druͤben mußte nieder⸗ gekaͤmpft werden, und damit Edwin deſto mehr eilte, ſich den, ihm gebuͤhrenden Stand und Na⸗ men wieder anzueignen, mußte ſie ſelbſt zu ihm eilen und ihm die Wonne, welche ſie durchſchauer⸗ te, mittheilen. So dachte ſie eine Stunde nach ihrem Scheiden von Edwinnen, und ihr Maͤdchen war ſchon nach Miethspferden abgeſendet, da fiel ihr erſt die Verlobung der Schweſter mit dem einen Bruder, die von ihr heut erſt deutlich erkannte Neigung derſelben zu dem Andern, ein, und der ſuͤße Freudenkelch ward zum Wermuthsbecher. 268 Emmo!— Magnus!— ſeufzte ſie, und das Mutterherz drohte unter dem Weh, das dieſe Namen darauf laſteten, zu brechen. Noch blieb zwar ihre Reiſeplan derſelbe, aber ſie konnte nicht aus der Naͤhe ihres Kindes ſcheiden, ohne durch ein warnendes Wort an den Praͤſidenten es we⸗ nigſtens vor einer Verbindung zu ſchuͤtzen, in der, ihre Kinder nur zu denken, wie ein Frevel an ihr Herz ſchlug. Das Billet, worin ſie den Praͤſidenten ſogar recht ſehr auf ſich hingeleitet zu haben glaubte, wurde dem kleinen Sohn ihrer Wirthin zur Uebergabe anvertraut, und wir wiſſen, wie er ſich gegen ein erſt neu in Dienſt getretenes Maͤdchen dieſes Geſchaͤftes entledigt, und zu welchen Ir⸗ rungen die veraͤnderte Handſchrift und das myſti⸗ ſche Dunkel, worein die Warnungen Conſtanzens gehuͤllt waren, Anlaß gaben. Der Wagen, welcher die Reiſenden in die Reſidenz gebracht hatte, ſtand noch vor dem Dornburgſchen Hotel, als Conſtanze im ſchwar⸗ zen Reiſekleide, in Schawl und Schleier gehuͤllt, ſich eben nach einem Diener des Hauſes um⸗ 269 ſah, der ſie den kurzen Weg bis zu ihrer Toch⸗ ter begleiten ſollte, und nichts konnte ihrer Ver⸗ legenheit willkommner ſeyn, als die Auskunft, welche ſich ihr hier ganz ungeſucht darbot. Sie warf ſich in den Wagen, wies den Kutſcher an, und uͤberließ ſich recht eigentlich dem guten Gluͤck, wie es ſie weiter leiten wuͤrde. Die Nothwen⸗ digkeit, ſich ſchon heut perſoͤnlich der Malthenſchen Familie vorzuſtellen, erſchien ihr immer als der letzte Ausweg, dem ſie gleichwohl jetzt muthiger entgegenging, da ſie ſich als Graͤfin Dornburg einfuͤhren durfte, unendlich gluͤcklicher haͤtte es ſie aber gemacht, wenn Edwinna in dem wohlbekann⸗ ten, traulichen Zimmer ſie allein empfangen, und an ihr Mutterherz geflogen waͤre. Dieſe Hoffnung ging ihr unter, als das weit⸗ hin ſtrahlende Haus des Praͤſidenten ein glaͤnzen⸗ des Feſt verkuͤndete. So war die Tochter wohl heut fuͤr ſie unerreichbar, und es weiſer gehan⸗ delt, wenn ſie den morgenden Tag abwartete? Aber ihre muͤtterliche Sehnſucht ſtraͤubte ſich da⸗ gegen, und ein Wagen, der faſt zu gleicher Zeit mit dem ihrigen vor der hell erleuchteten Pforte 270— hielt, machte es ihr unmoͤglich, ſo bald umzukeh⸗ ren. Mit Erſtaunen, und einem geheimen Angſt⸗ gefuͤhl hefteten ſich ihre Augen auf den ſun⸗ ſteigenden. Es war der Conſiſtorial⸗Rath i vollem Ornate. Nun galt es kein Zoͤgern. Im Augenblis war ſie an ſeiner Seite. „Wie? Herr Conſiſtorial⸗Rath! iſt hie je⸗ mand zum Tode krank?“ frug ſie, ſich an ihn draͤngend. „Dem widerſprechen dieſe wogenden Glan⸗ fluthen!“ erwiederte Jener ausweichend, auf die hellerleuchteten Fenſter zeigend. „und was kann ſich denn ſonſt hier ereig⸗ nen?“ nahm Conſtanze noch einmal das Wort. „Eine Hochzeit etwa?“— „Koͤnnte ſeyn!“ bekraͤftigte der geiſtliche Herr, mit wichtiger, geheimnißvoller Miene. „Und wer?“ bat ſie mit furchtſamer Stim⸗ me,„wenn ich ſo unbeſcheiden ſeyn darf.“ „Steht nicht in meiner Macht,“ entſchul⸗ digte ſich der Geheimnißvolle, und Conſtanze ... 274 draͤngte ſich unter die reich gekleidete Dienerſchaft in das Vorzimmer. „Nur hier herein, Herr Conſiſtorial⸗ Nath!“ rief ein Kammerdiener, und oͤffnete die Thuͤr, welche in das Trauzimmer fuͤhrte.„Die Herr⸗ ſchaften kommen gleich.“ Conſtanze draͤngte ſich, ohne zu wiſſen, was ſie wollte, nach; aber an der Thuͤr hielt der Do⸗ meſtik ſie zuruͤck, und frug mit einer Art ver⸗ traulicher Herablaſſung: „Sie ſind wohl die Frau Ausgeberin des geiſtlichen Herrn dort, und wollen die Trauung mit anſehen?“ „Ach ja!“ bat Conſtanze, froh einen Aus⸗ weg gefunden zu haben. Der Menſch oͤffnete gutmuͤthig; ein wenig die Thuͤr. Die Entgegengeſetzte flog in demſelben Augenblick auf, und was nun erfolgte, wiſſen wir.—. Der Wagen hielt vor dem Hauſe des Mi⸗ niſters, in dem nur ein Zimmer recht hell er⸗ leuchtet, aber mit lauter Gluͤcklichen erfuͤllt war. Conſtanze trat, ihre Tochter, die noch keine 8 272 Frage zu thun wagte, an der Hand, in das Zim⸗ mer. Edwin, der die Entfernung ſeiner Gattin bemerkt, und den fragenden Eltern die wahr⸗ ſcheinliche Urſach davon mitgetheilt hatte, ſtuͤrz⸗ te auf das, noch immer braͤutlich geſchmuͤckte Maͤd⸗ chen zu. „O meine Tochter! mein liebes theures wie⸗ dergefundnes Kind! meine Edwinna!“ rief er, ſie an ſein Herz ziehend. Dieſe lag, von der Gewalt ihrer Empfindua⸗ gen beſiegt, ohnmaͤchtig in den Armen ihres Va⸗ ters, den ſie noch nicht erkannt hatte. Erſchuͤttert trat der ehrwuͤrdige Großvater hinzu, waͤhrend ſeine Gemahlin das erblichne En⸗ kelkind liebend an ihre Bruſt druͤckte. „Gott ſeegne Deinen Eintritt in unſern Fa⸗ milienkreis!“ ſagte der edle Miniſter mit hoher Ruͤhrung, und nahm das Sammtkaͤppchen von den Silberlocken.„Du warſt mir laͤngſt ſchon werth, als Du noch fremd und namenlos, ein liebliches Veilchen neben der roſig bluͤhenden Freun⸗ din, aller Herzen gewannſt. Jetzt blicken die Au⸗ gen Deiner Großeltern mit Seegen und Frenude 1 273 auf Dich, ihre theure Enkelin, die mit einem ſchoͤnen Fruͤhlingshauch ihre kalten Wintertage er⸗ waͤrmen wird.“ Edwinna lebte wieder, auf. Ein leiſes Mor⸗ genroth faͤrbte ihre Alabaſterwangen, und Con⸗ ſtanze hielt es jetzt fuͤr nothwendig, ihre Tochter erſt langſam auf die vielen ſchmerzlichen und ſuͤ⸗ ßen Eindruͤcke vorzubereiten, die ſie erwarteten. Sie leitete ſie daher in ein Nebenzimmer, und harrte dort geduldig des Erwachens ihrer Lebens⸗ geiſter. Erſtaunt blickte Ebwinna um ſich. Endlich heftete ſich ihr Auge voll kindlichen Vertrauens auf Conſtanzen, in der ſie noch nicht die Mutter, wohl aber die freundlich liebe Pflegerin an ihrem Krankenlager wiedererkannte. 9 meine Oswald!“ rief ſie zaͤrtlich.„Welh ein Traum hat mich geaͤngſtet! und warum blie⸗ ben Sie ſo lange? wie kommt es, daß Sie nun bei mir ſind?“ Erſchrocken faß öte ſie jetzt ihre Hand.„Gott, bin iſh denn Emmo's Gattin?“ „Nein! nein, mein liebes Kind!“ ſagte die⸗ 3r Theil⸗ 4 18 ——— 274— ſe mit ſanften Zuredungen:„Du biſt frei, und in den Armen Deiner gluͤcklichen Mutter!“ „Meiner Mutter?“ rief Edwinna ſich auf⸗ richtend, und beide Arme um ſie ſchlingend.„Ja, ſo war es! Du trateſt wie mein Schutzengel zu mir, und entfuͤhrteſt mich den quaͤlenden Ban⸗ den. Aber— lag ich nicht ſchon an der Bruſt meines Vaters?“ „Mein liebes, liebes Kind! erwarte es ru⸗ hig! Du wirſt alle ſehen, auch Emmo, Deinen Bruder.“ Und nun erzaͤhlte die vorſichtige Mutter ihr leiſe, wie man ein theures Kind in den Schlum⸗ mer ſpricht, was ihr fuͤr jetzt zu wiſſen frommte. Es waren nur ferne Andeutungen aus der Geſchichte ihrer Eltern, aber Edwinna begriff doch zuletzt, daß die ſchon laͤngſt von ihr hoch⸗ verehrte Mutter Emmo's auch die ihrige ſei. Als ſie aber in Edwin(den Namen hatte Con⸗ ſtanze bis zuletzt aufgeſpart,) ihren Vater, und in dieſem wieder den aͤlteſten Sohn des Miniſters von Dornburg, nennen hoͤrte, da ſtahl ſich ihr unbewußt der Name:„Magnus“ uͤber die Lippen. 275 Die Mutter ſchwieg, und ihre Augen hefte⸗ ten ſich mit dem Ausdruck des tiefſten Mitleidens auf die Arme, deren goldnen Hoffnungstraum ein Wort zerſtoͤren ſollte. 1 „Er iſt Edwin's Sohn?“ frug ſchwer auf⸗ athmend das geaͤngſtete Maͤdchen. R „Unſer Erſtgeborner!“ lispelte Conſtanze, und die Roſen, welche die Freude auf Ebwinna's Wangen gemahlt hatte, erblichen unter dem To⸗ desurtheil ihrer Liebe. Lange ſchwieg ſie. Die feinen Haͤnde falte⸗ ten ſich zum Gebet. Kein Wogen der Bruſt, kein Seufzer verkuͤndigte den Kampf, den ſie im Innern zu beſtehen hatte. Sie opferte nur in einem kindlich demüthigen Herzensruf Gott auf, was er ihr in einer Geſtalt nahm, um es ihr un⸗ ter der Andern doppelt zu geben. Dann verklaͤrten ſich ihre Zuͤge, um ihre Lippen ſpielte ein ſeeliges Laͤcheln, und, ſich aufrichtend, ſagte ſie ſanft er⸗ heitert: „Was fordert mein Schickſal noch von mir? daß ich es den ſeegnenden Genien dieſer Stun⸗ de zum Opfer bringe?“ 18* „Was es fordert?“ erwiederte Conſtanze, in truͤbem Sinnen verloren.„Ein gebrochnes Herz, um die Schuld Deiner Eltern zu bezahlen, die es einſt gegen Dich bewaffneten, und ſtilles Entſagen, um das Gluͤck zu verſoͤhnen, welchem wir einige ſonnenhelle Momente abrangen. O, mein Kind! die Zeit uͤbt eine fuͤrchterliche Ge⸗ rechtigkeit! Mit ſchuͤtzendem Fluͤgel ſchwebt ſie uͤber der Saat des Boͤſen und Guten. Alles treibt, gedeiht und ſproßt unter ihrem Schatten, aber erſt kommende Geſchlechter pfluͤcken die ver⸗ gifteten oder heilſamen Fruͤchte davon. Die Mut⸗ ter koſtet Dich einen hohen Preis, Du argloſe Taube, und doch kannſt Du Dich von 64 nun und nimmermehr losſagen.“ A „ und will ich es denn? o meine geliebte Mutter! moͤchte ich denn um jeden Preis der Welt die vergangne oͤde Leere meines Daſeyns zuruͤckerkaufen?“ rief Edwinna mit leuchtenden Augen.„Fuͤhre mich jetzt zu meinem Vater, theure Mutter!“ Conſtanze druͤckte ihre Tochter mit einer 277 Art von eiferſuͤchtiger Bewundernng an ihr Herz. So gut, ſo engelsgut war ſie geworden, oh⸗ ne ihre Mitwirkung? faſt haͤtte ſie Jalanthen angeklagt, daß ſie ihr ſo gar nichts zu verbeſſern uͤbrig gelaſſen. Als ſie Beide wieder in das Familienzim⸗ mer traten, ging ihnen Edwin ſehr bewegt entge⸗ gen. Er fuͤhlte den tiefen, unheilbaren Schmerz ſeines Magnus im Voraus, und frug daher nur Conſtanzen leiſe: 1 „Weiß ſie es ſchon?“ „Sie weiß alles,“ erwiederte dieſe, und legte die ſanft weinende Tochter in des Vaters Arme. 1 Edwinna lehnte ihr Haupt kindlich an ſeine Bruſt, und ſagte leiſe: „Mir giebt der Himmel ſo viel, ſo unaus⸗ ſprechlich viel, daß mein Herz vor Wonne bre⸗ chen wuͤrde, wenn er ihm nicht auch etwas raubte.“ Nun umarmten und liebkoſten die guͤtigen Großeltern ihre Enkelin, waͤhrend Emmo, der 278 am tiefſten verletzte Emmo, ſein inniges Leid an dem Buſen der Mutter ausweinte, die er, nach der Kenntniß ihrer Verhaͤltniſſe zur Dorn⸗ burgſchen Familie, freilich nirgends anders ſuchen konnte. Kaum bemerkte ihn Lvne ſo reichte ſie ihm erroͤthend die Hand: „Mein Bruder!“ lispelte ſie.„Wir verſtan⸗ den wohl beide unſer Herz nicht? denn wir ge⸗ hoͤrten uns ja laͤngſt in ſchoͤner geſchwiſterlicher Neigung an, und wollen nun treu und feſt an einander halten.“ Emmo wendete ſich wehmuͤthig ab. Obwohl ſeine Neigung fuͤr Edwinna wirklich mehr dem zarten Anſchmiegen verwandter Naturen, als dem Sturm leidenſchaftlicher Liebesflammen geglichen hatte, ſo war doch dieſe ſeine erſte und einzige Liebe geweſen, und der Gedanke einer ſolchen Trennung ihm tauſendmal ſchmerzlicher, als haͤt⸗ te er ſie in großmuͤthiger Entſagung ſeinem Mag⸗ nus hingegeben. n Der heutige Abend blieb einer ſanfttrauern⸗ den Freude geweiht. Die Herzen der Mutter und Tochter floſſen in ſuͤßſchmerzlichen Mitthei⸗ lungen zuſammen; Emmo, der dieſe Nacht noch zum Heere zuruͤckgehen, und ſich heut bei dem Fuͤrſten beurlauben mußte, ſchied zeitig aus dem Kreiſe der Seinen, und Edwin verſank, ſeit dem Anblick der holden Tochter, von ſonderba⸗ rer Angſt befangen, immer in tieferes Nachden⸗ ken. Das Schickſal des geliebten Sohnes, den er allein ganz kannte, lag ſchwer auf ſeiner Seele. 50. Der Staats⸗ und Finanzminiſter. Den andern Morgen begab ſich der greiſe Miniſter zu ſeinem Fuͤrſten, und bat ihn, nach einem zweiſtuͤndigen Geſpraͤch, in welchem er ihm die Geſchichte ſeiner Kinder kuͤrzlich mitge⸗ theilt hatte, um ſeine Entlaſſung und die Erlaub⸗ niß, die theuren Wiedergefundnen ihrem Landes⸗ herrn vorſtellen zu duͤrfen.— Der Fuͤrſt hoͤrte dieſe Erzaͤhlung nicht ganz ruhig an. Was Dornburg ſchonend umging, ergaͤnzte ſein Gewiſſen: daß die ungerechte Ver⸗ weiſung des edlen Staatsmannes der Hauptquell alles Ungluͤcks war, welches uͤber dies bedauerungs⸗ wuͤrdige Paar hereinbrach; und— ſein fruͤheres Unrecht zu verguͤten, bot er Edwin einen, ſeiner Neigung angemeſſenen Poſten im Staate an, waͤhrend er zugleich die, an Edwinnen geſtern ge⸗ machte Schenkung der Herrſchaft Lilienſtein auch unter dieſen Umſtaͤnden beſtaͤtigte. Allein der edle Miniſter wies im Geiſt ſeiner Kinder jeden Erſatz ab, und wiederholte nur ſeine Bitte um die Erlaubniß, ſich mit den Seinen auf ſeine Guͤter zuruͤckziehen zu duͤrfen. Dieſer gerechte Wunſch konnte bei den ho⸗ hen Jahren des ehrwuͤrdigen Greiſes keine Schwie⸗ rigkeiten finden, obwohl der Fuͤrſt deren Einige entgegenſetzte. Der andre Tag wurde zur Vor⸗ ſtellung der Familie Dornburg, und unbich zur Abſchiedsaudienz beſtimmt. Dieſes Geſchaͤft beendigt, fuhr der Mirißer bei dem Praͤſidenten vor, in deſſen Familie, ſeit Emmos geſtriger Ruͤckkehr, das Naͤthſel jenes Ereigniſſes voͤllig geloͤſt war. Es galt alſo nur — 281 die Frage: ob Malthen es erlauben wolle, daß ſein Sohn und deſſen Gemahlin ihm und der Groͤfin ihren dankſagenden Beſuch machen duͤrf⸗ ten? und da beiden Partheien daran gelegen war, ihr Verhaͤltniß ſo fein und anſtaͤndig zu einander zu ſtellen, als man es mit den gegen⸗ ſeitig geheimen Abſichten auf die Verbindung Ale⸗ randers und Leontinens nur wuͤnſchen konnte, ſo wurde der Nachmittag dem herzlichſten Verei⸗ nigungsfeſt beider Familien geweiht. Clementinens gereizte Stimmung gegen ihren Gemahl war der genuͤgenden Loͤſung des Knotens gewichen. Sie erroͤthete uͤber die Leichtigkeit, mit welcher ſie einem Verdacht Raum gegeben hatte, den zu unterdruͤcken, oder wenigſtens zu ignori⸗ ren, ihr, der klugen Frau, beſſer angeſtanden haͤt⸗ te. Sie mußte es ſich geſtehen, daß die ehren⸗ volle Rechtfertigung ihres Gatten ihr, der Welt gegenuͤber, einen ſuͤßeren Triumph bereitete, als ſeine Schuld es nur immer haͤtte thun koͤnnen, endlich kam auch der Praͤſident, durch die Ereigniſſe des geſtrigen Abends in eine beſonders milde, heitre Stimmung verſetzt, ihren Wuͤnſchen auf halbem 282 Wege entgegen. Beide hatten noch vor dem Er⸗ ſcheinen der Familie Dornburg eine lange Unter⸗ redung mit einander, die zwar nicht mit Thraͤ⸗ nen, Schwuͤren und Betheuerungen endete, aber doch eine foͤrmliche Verſoͤhnung und ein ſehr an⸗ ſtaͤndiges Verhaͤltniß unter ihnen herbeifuͤhrte. Eine ſonderbare Ueberraſchung gewaͤhrte Cle⸗ mentinen die Erſcheinung des genialen Kuͤnſtler Edwin, unter dem Namen Dornburg, und nicht ohne neugieriges Intereſſe betrachtete ſie die Frau, welche ſie ſchon einmal mit kuͤnſtleriſchem Enthu⸗ ſiasmus im Bilde bewundert hatte, ohne zu ah⸗ nen, in welchen genauen Beziehungen dieſelbe zu dem eignen Gemahl und der unbeachteten Pflege⸗ tochter ſtand. Auch Magnus, des von ihr, mit hohem Orakelſpruch zu ſeiner kriegeriſchen Lauf⸗ bahn Geweihten, wurde gedacht, und Edwinna verbarg ihr erbleichendes Geſicht an Leontinens ſchweſterlichem Buſen, ihr in dieſer unwillkuͤhr⸗ lichen Bewegung das ſo lange verborgne Ge⸗ heimniß ihres Herzens enthuͤllend. Wenig Tage nach der Vorſtellung verließen alle Mitglieder der Familie Dornburg die Reſi⸗ — 283 denz, und begaben ſich auf ein herrliches, aber ſehr einſames Landgut, wo der Miniſter hinfort mit ſeinen Kindern zu leben beſchloß. An demſelben Tage erhielt der Praͤſident von Malthen ein großes fuͤrſtliches Handſchreiben mit der Adreſſe: G An den Staats⸗ und Finanzminiſter Herren Grafen von Malthen. 54. Pſychens Scheidekuß. Einige Wochen ſpaͤter finden wir Edwinna mit ihren Eltern wieder auf der Reiſe. Die fluͤchtigen Roſſe, welche in raſtloſem Jagen vor⸗ waͤrts eilen, bilden einen traurigen Contraſt mit . der lautloſen Stille, welche in dem Wagen un⸗ ter drei Menſchen herrſcht, die ſich unausſprechlich lieben. Das ſchoͤne Land, jenſeit des Rhein's, wohin ſie eilen, wird— das fuͤhlen ſie alle un⸗ ausgeſprochen— das Grab ihres Gluͤcks und ihres Friedens, denn Magnus, der edle Magnus, wartet dort nur auf den letzten Liebesgruß der 284 Schweſter, um alle Hoffnungen, allen Stolz ſeiner gebeugten Eltern mit ſich hinabzuziehen. Die Schlacht bei Brienne hatte den Siegern große Vortheile bereitet, doch den Beſiegten noch nicht ganz vernichtet. Der Feind benutzte die Eil, mit der man die Fruͤchte deſſelben erndten wollte, um ſich einen guͤnſtigeren Ruͤckzug zu verſchaffen; und von neuen Streitkraͤften unterſtuͤtzt, griff er eine Colonne bei Champeauvent an, welche er vernichtete. Ein andres Corps,(daſſelbe, unter welchem Magnus, Emmo und ſein edler Oheim Alexander dienten,) haͤt⸗ tabei Montmirail beinahe ein gleiches Loos gehabt. Den Tag vor dieſer Affaire geſellte ſich Em⸗ mo, der von ſeiner Courierreiſe wieder zuruͤckge⸗ kehrt war, zum Heer, und man kann denken, mit welchem geſpannten Intereſſe er von Alerxan⸗ dern, mit welcher ahnenden Ungeduld er von Magnus empfangen wurde. Er brachte Briefe von allen ſeinen Lieben mit, und ſelbſt Edwinna hatte mit zitternder Hand einige beruhigende Zeilen an ihren un⸗ gluͤcklichen Bruder geſchrieben, aber als er in das ohnehin getruͤbte Auge des, mit ſeinen Gefuͤhlen 283 kaͤmpfenden Magnus ſchaute, als er die aͤngſtli⸗ che Spannung bemerkte, mit welcher dieſer auf ſeine Mittheilungen harrte, da zoͤgerte er immer mehr, den Namen auszuſprechen, der das Herz des Bruders unheilbar verwunden mußte. Schon wußten Alexander und Magnus, daß es dem letzteren jetzt erlaubt ſei, den ehrenvollen Namen Dornburg und das Familienwappen öͤf⸗ fentlich zu fuͤhren, ſchon zweimal hatte Emmo des greiſen Miniſters Entzuͤcken bei dem Wieder⸗ ſehn ſeines Erſtgebornen und deſſen Familie ge⸗ ſchildert, aber Edwinna's Namen war noch nicht uͤber ſeine Lippen gekommen, denn, wie eine Geiſtererſcheinung fuͤrchtete er den eignen Verluſt in dem des Bruders noch einmal wiederholt zu ſehen. Da konnte Magnus die unausſprechliche Sehn⸗ ſucht nicht mehr bezwingen. Er lehnte ſein Haupt an Emmo's Bruſt, und frug leiſe: „Und Theophilia?“ „Sie gehoͤrt in unſern Kreis,“ ſagte dieſer mit ſanfter Trauer, ihn an ſich druͤckend,„und wir gehoͤren fuͤr immerdar zuſammen, denn— —— wir haben ſie beide verloren.“ 286 „Verloren!“ rief Magnus mit einem Wehruf der Verzweiflung.„Auch Du, Bruder! Auch Du w⸗ „Auch ich, mein armer, lieber Freund! und dennoch haben wir ſie ſchoͤner gewonnen. Wir duͤrfen nun ohne Opfer uns neidlos ihres Beſi⸗ tzes erfreuen, denn ſie iſt—“ „Todt!“ rief Magnus, und barg ſein blei⸗ ches Geſicht an Emmo's Herzen. „Das nicht! aber unſre— Schweſter!“ Ein entſetzlicher Wehlaut, der aus Magnus tiefinnerſter Bruſt ſich hervordraͤngte, verkuͤndigte den Schlag, der ſein Herz unheilbar getroffen hatte. Er ſchwieg, trotz dem troͤſtenden Zuſpruch ſeiner beiden Freunde, und ſtand nach einer Wei⸗ le ſtumm auf, um ſie zu verlaſſen; aber in die⸗ ſem Augenblick durfte er mit ſeinem ausgeſpro⸗ chenen Jammer nicht allein bleiben. Alexander und Emmo zogen den Widerſtrebenden von Neu⸗ em an ihre Seite, und der Letztere gab ihm, um ſeinen Schmerz abzuleiten, die Briefe der Eltern, zuletzt Edwinna's Schreiben, bei deſ⸗ ſen Anblick eine hohe Roͤthe die Todtenblaͤſſe — ——y—— — 2 8. 7 verdraͤngte, welche ſeit der Verkuͤndigung ſeines Schickſals ihn von den Lebenden zu ſcheiden ſchien. Folgendes war der Inhalt der wenigen Zeilen. Edwinna an ihren Bruder Magnus. „Nichts geht bedeutungslos an uns voruͤber!“ ſo ſagte ich Dir einſt, mein edler Bruder Mag⸗ nus! und der ſuͤße Einklang unſrer Seelen, der ſeit dem erſten Nahen ſchon zwei Herzen mit e i⸗ nem Weh und ei ner Frende durchbebte, ſoll⸗ te ein Irrthum der Natur, und nicht vielmehr ihre Stimme ſeyn? Dich mußte die kloͤſterliche Theophilia ja lieben, weil ſeit den fruͤhſten Ta⸗ gen ihrer Kindheit kein verwandtes Herz an dem ihrigen geſchlagen hatte! Du mußt ihr ewig theuer bleiben, weil ihr Auge in Deinen Zuͤ⸗ gen zuerſt die der verehrten Eltern liebgewann. Laß uns das heilige Band, was die Natur um unſre Seelen ſchlang, eh' wir die Faͤden noch er⸗ kannten, aus denen es gewoben war, darum nicht minder hoch und werth halten, weil nicht eigne Wahl, nicht Leidenſchaft den Knoten ſchuͤrzte. 288 Mich hatte mein Bund mit Emmo doch fuͤr Dich verloren, und mit heil'gem Schauer durch⸗ bebt mich jetzt der Gedanke, daß ich Euch beiden, ihr herrlichen Bruͤder, nun in ungetruͤbter ſchwe⸗ ſterlicher Neigung angehoͤren darf. Edwinna. Magnus reichte, nachdem ſein Auge einige Zeit auf den theuren Schriftzuͤgen geruht hatte, dem Bruder Magnus mit dem, in ſanfter Er⸗ weichung geſprochnen Wort:„Ungläͤcksgefäͤhrte!“ die Hand, ſtand auf, bat die Freunde, ihn einige Stunden ſich ſelbſt zu uͤberlaſſen, und ging hin⸗ aus, um in der kalten, ſternenhellen Februarnacht die brennende Wunde zu kuͤhlen, welche das Schickſal ihm geſchlagen. um ihn zu zerſtreuen, ſtellte am andern Morgen Alexander dem Chef des Regiments und ſeinen Kriegsgefaͤhrten den ritterlichen Freund als ſeinen Neffen, Graf Magnus von Dornburg vor, und Emmo ruͤhmte ſich ſtolz der nahen Ver⸗ wandtſchaft mit dem theuren Waffengefaͤhrten: aber nichts vermochte ſein gebeugtes Gemuͤth wie⸗ — 289 der aufzurichten, als der Klang der Trommete, welche ihn zu einem leichtern Kampf, als dem ewig erneuerten mit ſeinem Herzen rief. Wie ein Donnergott, der ſeine Blitze um ſich her ſchleudert, ſtand er, bald des Bruders Bruſt vertheidigend, bald Alexanders Waffen un⸗ terſtuͤtzend, um ſo furchtbarer in der Mitte ſei⸗ ner Feinde, da er, als haͤtte er tauſend Leben zu verſchwenden, nicht eine Bewegung machte, die ſeiner eignen Sicherheit galt. Lange war die⸗ ſe Blitzesſchnelle ſeiner Waffen ihm Schutz ge⸗ gen jede Verletzung; doch endlich fielen die Strei⸗ che dichter und dichter von Feindeshand, bis deren Einer die unbeſchuͤtzte Heldenbruſt traf. Magnus ſank in dem Augenblick vom Pfer⸗ de, als Emmo ſich zu ihm durchgeſchlagen hatte. Mit einem Ausruf des Entſetzens ſah er die herrliche Geſtalt vor ſeinen Augen verſinken, und — das iſt das Loos des Schoͤnen auf der Erde!— er behielt keine Zeit, dem Freunde rettend zu Huͤlfe zu eilen. Fortgeriſſen von der Seite deſſen, dem er im Leben und Tod angehoͤren wollte, vorwaͤrts gedraͤngt von denen, welchen auch kein Weilen ge⸗ sr Theil. 19 — 290 ſtattet war, blieb dem Ungluͤcklichen keine andre Wahl, als durch verdoppelte Schlaͤge des Bru⸗ ders Tod zu raͤchen. Es war Abend. Die kaͤmpfenden Truppen hatten ſich weiter hingezogen, und das Schlacht⸗ feld bot, vom Monde beleuchtet, den fuͤrchter⸗ lichſten Anblick der Zerſtoͤrung dar. In einen dunklen Mantel gehuͤllt, nahte ein Buͤrger des nahen Staͤdtchens Montmirail ſich dem offnen Grabe ſo vieler Tauſenden. Es war eine edle, ſchoͤne Geſtalt, in nicht ganz jugendlichem Alter. Seine Zuͤge trugen das Gepraͤge ſtiller Begeiſterung fuͤr etwas, das au⸗ ßer dem Streben gewoͤhnlicher Menſchen lag. Obwohl, wie es ſchien, ein franzoͤſiſcher Buͤr⸗ ger, war er doch eifrig bemuͤht, diejenigen unter den Gefallnen, welche der Bundesarmee ange⸗ hoͤrten, herauszufinden, ihnen, wenn ſie noch lebten, aus einer Feldflaſche, die er bei ſich trug, und an dem nahen Bach immer wieder fuͤllte, Erquickung zu gewaͤhren, und diejenigen Wun⸗ den, welche er fuͤr minder gefaͤhrlich hielt, mit feinem weißen Leinenzeug zu verbinden. So ge⸗ 291 langte er, helfend, troͤſtend, erqnickend zu immer neuen Gegenſtaͤnden des Mitleids, bis der Mond ſeinen bleichen Schimmer auf ein noch bleicheres und ſchoͤneres Geſicht warf, aus dem in des Unbekannten Seele ein ganzes Heer ſuͤßer und wehmuͤthiger Erinnerungen ſich draͤngte. „O, biſt Du denn Magnus? Du armer Da⸗ hingeſchiedner? oder gab es auf Erden noch ein ſo herrliches Weſen, das Dir glich?“ So ſprach der Fremde, dem Gefallnen die tiefe Bruſtwunde unterſuchend, und mit einer Aengſtlichkeit, die ein viel naͤheres Intereſſe ah⸗ nen ließ, auch der entfernteſten Lebensſpur nach⸗ forſchend. Da ſprengten mit Sturmſchritt zwei Reiter einher, die ſchon von Weitem dem Huͤlf⸗ reichen ein donnerndes: Halt ein! zuriefen, nicht zweifelnd, es ſei hier auf eine Pluͤnderung der geliebten Leiche abgeſehen. Aber der Unbekannte richtete ſich nur einen Augenblick gegen die An⸗ kommenden, in welchen er deutſche Offiziers er⸗ kannte, auf, und fuhr dann mit erneutem Eifer in ſeinen Belebungsverſuchen fort. Kaum hatten beide ſich genaͤhert, ſo warfen ſie ſich vom Pfer⸗ de, und ſtuͤrzten mit dem vom tiefſten Schmerz erpreßten Ausruf: „O Magnus!“ an der Seite des Todten nieder. Bei dieſer ſchrecklichen Beſtaͤtigung ſeiner Vermuthung ſank der Unbekannte mit einem 49* 292 Jammerruf uͤber die theure Geſtalt hin, die nach jahrelanger Trennung ihm unvergeßlich, auch jetzt noch mit ihren erſtorbnen Zuͤgen, Worte der Lie⸗ be zu ihm zu ſprechen ſchien. Die beiden Offiziers ſetzten, ohne ſein Trei⸗ ben ſehr zu beachten, in eignen Schmerz verſun⸗ ken, die Rettungsverſuche fort, welche Jener be⸗ gonnen hatte. Nichts ſchien ihnen natuͤrlicher, als daß die ganze Welt in eine Klage um den herrlichen Juͤngling ausbrach, und erſt, als der Fremde mit einem Schrei des Entzuͤckens auf⸗ ſprang, die kalte Hand des Geliebten mit Kuͤſſen und Thraͤnen benetzte, und ihre Huͤlfleiſtungen mit einem Eifer unterſtuͤtzte, den unmoͤglich ein bloßes Intereſſe der Menſchenliebe einfloͤßen konn⸗ te, erſt dann richteten ſie ihre Augen auf einen Moment von dem theuren Todten, auf den Un⸗ bekannten, den ſie ſich nie beſannen, geſehen zu haben, und der doch ſo lebhaft ihren Schmerz theilte. Allein ein leiſer Seufzer des Schwer⸗ verwundeten zog wieder all' ihr Streben auf ſich. „Er lebt! Magnus! o theurer Bruder, Du lebſt!“ Mit dieſem Wonneruf begruͤßten die Gluͤckli⸗ chen den langſam in's Daſeyn Zuruͤckkehrenden, und der Fremde rief den Freunden nur noch zu: des ſchwachen Lebensfunkens in der todtwunden Bruſt des Juͤnglings zu ſchonen, er wuͤrde ſchnell — 293 mit einer Trage zuruͤck ſeyn. Dann warf er ſich auf eines der Pferde, und flog in Gallop davon. Betroffen ſahen Alexander und Emmo ſich an, denn ſie waren es, die den geliebten Todten aufzuſuchen eilten, um wenigſtens noch einmal in den theuren Zuͤgen die Geſchichte ihres uner⸗ ſetzlichen Verluſtes zu leſen; aber Magnus gab immer deutlichere Zeichen des Lebens. Sein ir⸗ rer Blick ruhte mit Erſtaunen auf den lieben⸗ bekannten Geſichtern der Seinen, und als er aus des Fremden zuruͤckgelaßner Feldflaſche einige kuͤhle Tropfen auf ſeinen Lippen fuͤhlte, konnte er ſogar die Namen: Theophilia! Emmo! mit leiſer Stimme hervorhauchen. Eben als die beiden Freunde die verlegne Frage aufwarfen, wohin man nun den Verwun⸗ deten wohl zu bringen habe? erſchien der unbe⸗ kannte Helfer von Neuem mit mehreren Maͤn⸗ nern, die eine Trage mit Betten brachten, und in Begleitung eines ihm gleichgekleideten Buͤr⸗ gers, der, als er den Verwundeten anſichtig wur⸗ de, ſogleich in den ſchmerzlichen Ausruf:„O mein theurer Sohn, Magnus!“ ausbrach. „Wie, mein Herr! Sie kennten meinen Neffen?“ rief Alexander erſtaunt.“ „Ob ich ihn kennte?“ antwortete Jener, und blickte den erſten Fremden mit Verwunde⸗ rung an. — 294— „Sagteſt Du ihnen nicht ſchon—“ „Nichts ſagte ich, und nichts will ich ſpre⸗ chen, bis Magnus in den Haͤnden der Frauen iſt!“ fiel dieſer ungeduldig ein. Bei dieſen Worten hob er ſanft den Kopf des Todtſchwachen, ſein Begleiter half nach, und in wenig Augenblicken lag der Kranke auf einem ſchneeweißen Bett, mit dem es leicht war, ihn auf die Trage zu foͤrdern. Jetzt bewegte ſich der Zug langſam vorwaͤrts. Die beiden Fremden gingen den Maͤnnern zur Seite, und ermahnten ſie unaufhoͤrlich, ja recht vorſichtig und langſam zu gehen. Alerxander und Emmo folgten erſtaunt. Sie waren jetzt ſchon wieder faͤhig, auf die Dinge um ſich her zu ach⸗ ten, und begriffen immer weniger, wer die huͤlf⸗ reichen Schutzengel hier in einem fremden Lande ſeyn konnten, die unter tauſend Todten grade den Einen, welchen ihr Herz vor Allem zu ret⸗ ten wuͤnſchte, herauswaͤhlten, und ſich mit der zarteſten Sorgfalt ſeiner annahmen. Ihr Erſtaunen ſollte noch hoͤher ſteigen, als in dem Staͤdtchen ſelbſt, und vor einem einfa⸗ chen Buͤrgerhauſe angekommen, zwei ſehr ſauber gekleidete Frauen, die Eine davon juͤnger und ſchoͤner, die Andre ſichtlich erſchuͤtterter, dem Lei⸗ denden entgegenkamen, und die Letztere ihn mit — — 295 auͤberſtroͤmenden Augen ihren theuren Magnus nannte. Doch jetzt war noch keine Zeit zum Fragen, niemand achtete auf die beiden Offiziers, welche ſtumme Beobachter abgaben, ohne den Lauf der Begebenheit hemmen zu wollen. Der Verwundete wurde in ein kleines, ſau⸗ ber eingerichtetes, und ſogar ſinnig ausgeſchmuͤcktes Stuͤbchen gebracht. Ein durchwaͤrmtes Bett ſtand fuͤr ihn bereit, und der Eine der Fremden eilte fort, um den Wundarzt zu holen. Bis zu dem Augenblick, wo dieſer erſchien, und das Urtheil des geliebten Kranken ſprach, war alles in ſo aͤngſtlicher Spannung, daß man, nach dem Ausdruck des Leidens und der Sorge auf jedem Geſicht, leicht die ſechs Umſtehenden haͤtte fuͤr eine Familie halten koͤnnen; doch als dieſer die Wunde zwar ſehr gefaͤhrlich, und die Abſpan⸗ nung des jungen Kriegers zu groß fand, um be⸗ ſtimmte Hoffnung zu geben, nichts deſto weniger aber die Moͤglichkeit einer Rettung nicht ganz ab⸗ leugnete, da loͤſten ſich alle Zungen zum freudi⸗ gen Dank gegen Gott, und Alexander wagte es endlich nach dem Namen der edlen Familie zu fragen, die ſeines Neffen ſich ſo großmuͤthig an⸗ nahm? „Wenn der theure Kranke hier Magnus Edwin heißt,“ ſagte der erſte Fremde,„ſo duͤrf⸗ 296— te deſſen Verwandten der Name Goldony nicht ganz unbekannt ſeyn?“ „Appelles!“ rief Emmo, und treitete ihnn die Arme entgegen. Alerander druͤckte den edlen Pflegevater ſeines Magnus: Jeronimo an ſeine Bruſt; die Frauen, Euphraſia und Fiorina knie⸗ ten ſtill weinend an dem Schmerzenslager ihres Lieblings. Matheo, der edle Altvater der vortrefflichen Malerfamilie, ruhte ſchon laͤngſt an der Seite ſei⸗ ner Olimpia. Appelles war in ſeine Fußtapfen getreten, nur gab er durch ſeinen langen Aufenthalt in Italien ſeiner Kunſt mehr Umfang. Man ſuch⸗ te ihn weit und breit, ſelbſt uͤber den Rhein hin⸗ uͤber, und endlich erging der Ruf an ihn, ein Deckengemaͤlde in einer neu aufgefuͤhrten Kirche zu Montmirail zu uͤbernehmen. Da ſein Schwa⸗ ger Jeronimo ſich ohnedieß in das Geſchaͤft mit ihm theilte, ſo begleiteten die beiden Frauen ih⸗ re Gatten auf einer Reiſe, die, der langen Dauer wegen, ohnehin einer foͤrmlichen Niederlaſſung in dem freundlichen Staͤdtchen glich. Die in der Naͤhe vorgefallne Schlacht er⸗ weckte das innigſte Mitgefuͤhl der Malerfamilie, beſonders fuͤr ihre armen Landsleute, und ſo kam es, daß Appelles, indem er der leidenden Menſch⸗ 297 heit uͤberhaupt einen Dienſt erweiſen wollte, der Schutzengel ſeines jungen Freundes wurde. Mit dem offenſten Vertrauen tauſchten die beiden Krieger alle in der Familie Edwin's ſeit⸗ dem vorgefallne Ereigniſſe gegen dieſe Mitthei⸗ lungen aus, und in kurzem belebte wirklich ein Geiſt der Liebe, Theilnahme und Sorge den gan⸗ zen kleinen Kreis. Alexander und Emmo mußten zum Heer zuruͤck, Appelles uͤbernahm es, die ſchreckliche Neuigkeit ſeinem Freunde Edwin mitzutheilen, und auf ſeinen Ruf ſehen wir die ungluͤcklichen Eltern mit ihrer noch tiefer gebeugten Tochter dem Ort zueilen, wo Magnus, der Stolz, das Gluͤck ſeiner Familie, an einer tieferen Wunde, als die der Feind ihm ſchlug, ſich langſam ver⸗ blutete. „Sie kommen!“ fluͤſterte Appelles nach ei⸗ nem, troſtlos am Bett des Todtkranken verlebten Tage, ſeiner Schweſter zu, und dieſe ging mit ihm dem Freunde entgegen. Welch ein Wiederſehen! ſtumm lag Edwin in den Armen ſeines Appelles, laut weinte Con⸗ ſtanze an der Bruſt der Erzieherin ihres ſterben⸗ den Sohnes, und Edwinna ſank an der Schwel⸗ le des Hauſes, welches ihr Theuerſtes auf Erden barg, ohnmaͤchtig nieder. Magnus hatte an der Bewegung im Hauſe, 298 an der Vereinſamung ſeines Krankenlagers, da nur Fiorina ihm zur Seite blieb, etwas von dem geahnet, was er ſeit mehreren Tagen ſchon mit Ungeduld erwartete. Es ſchien, als ſtaͤnde es in ſeiner Macht, die fliehende Lebenskraft noch ſo lange zu feſſeln, bis ſeine Lieben aus der Fer⸗ ne herbeigeeilt waͤren, um ihn zum ernſten Ueber⸗ gang einzuſeegnen. „Zoͤgert nicht!“ ſagte er matt,„fuͤrchtet nicht, daß die Freude mich toͤdte, der Schmerz laͤßt ſich ſein Amt nicht nehmen; aber gewaͤhrt mir von den Wonnen dieſes Lebens noch ſo viel Ihr koͤnnt. Theophilia!“ Ach ſie waren ſchon alle in ſeiner Naͤhe, und der Engel, den er rief, kniete mit namenlo⸗ ſem Schmerz ringend an ſeinem Bette. Laͤchelnd, freudetrunken, ruhte ſein Blick auf den Engelszuͤgen der Geliebten, dann wende⸗ te er ſich zum Vater, und ſagte mit ſanftem Vor⸗ wurf:. .„Du verhießeſt ſie mir einſt, und auch die Mutter. Ich danke Dir, daß Du ſie mir Bei⸗ de noch zufuͤhrſt, ehe—“ „Mein guter Sohn!“ fiel Edwin tief be⸗ wegt ein.„Manches verheißt uns dieſes Leben, das erſt ein Andres uns gewaͤhrt. Wir aber bringen Dir hier ſchon Thraͤnen, Liebe und Troſt.“ — 299 „Thraͤnen wohl,“ ſagte Magnus wehmuͤ⸗ thig,„und auch Troſt, doch— Liebe duͤrft Ihr mir nicht bringen, denn—“ ſein Auge ruhte lange auf Edwinna—„ſie darf mir keine ge⸗ ben.“ Pluͤtzlich, als ergriffe ihn ein Gedanke, faßte er des Maͤdchens Hand, und ſagte haſtig: „Verſprich mir Eins! Theophilia!“ Sie beugte ſich ſanft uͤber ihn hin, und lis⸗ pelte:„Was, mein Magnus, ſoll ich Dir gelo⸗ ben?“ Bei dieſen Worten ſchien ſein Blick ſich noch einmal zu beſeelen: Ja! ja, ſo ſollſt Du mich nennen! Den Deinigen, Dein ewiges Beſitzthum bin ich, ſeit Pſychens Kuß mich zu einem ſo herrlichen Tod weihte. Verſprich mir, mich nie mit dem Na⸗ men zu nennen, der mich toͤdtet, und— ſcheide ſo von mir, wie Du mich damals im Leben be⸗ gruͤßteſt.“ Edwinna konnte nicht ſprechen. Sie winkte ihm unter Thraͤnenſtroͤmen Bejahung zu, und nachdem der eintretende Wundarzt Ruhe geboten, entfernte ſich alles, außer der trauernden Mutter, von dem Bette des Kranken. Doch nicht lange, ſo nahm ſeine Unruhe zu. Er rief ſo laut, als ſeine zerrißne Bruſt es ge⸗ ſtattete, nach Theophilien, und wurde erſt wieder 300 ruhig, als ſie, uͤber ihn hingebeugt, ihm ſuͤße Worte der Liebe zufluͤſterte. Aber es war die Ruhe des Todes, die ſich auf ſeine muͤden Augen herabſenkte. „Pſyche!“ ſprach er leiſe. Edwinna's bleiche Lippen druͤckten den Schei⸗ dekuß auf die Seinen. 52. Sch l u ß. Der Friede war wiedergekehrt. Leontinens Locken ſchmuͤckte der braͤutliche Kranz. Sie heil⸗ te mit ihren ſuͤßen Taͤndeleien die blutende Wun⸗ de ihres Aleranders um Magnus Verluſt. Emmo traͤgt ſchwerer an dem Schmerz um den geliebten Bruder, da kein theures Weib an ſeiner Seite ihn den Werth eines vereinſamten Daſeyns fuͤhlen laͤßt, und Edwinna's Anblick, ihr ſtiller, tiefer Gram um den, welchen ſie nie zu nennen wagt, ihm oft den heißen Wunſch er⸗ weckt, des Gluͤcklichen Loos zu theilen, der nun wirklich ganz eigen beſitzt, was er auf ewig ver⸗ lor. Er theilt ſich, ſo ſehr es ſeine ſtaatsbuͤrger⸗ lichen Pflichten erlauben, zwiſchen dem, durch das Gelingen aller ſeiner Entwuͤrfe hochbeguͤnſtigten, doch nicht begluͤckten Vater, und der tief trauern⸗ 301 den Mutter, die an den Graͤbern ihrer Theuer⸗ ſten,(denn auch das greiſe Elternpaar folgte dem bluͤhenden Enkel bald nach,) ihre letzten Hoffnun⸗ gen und Wuͤnſche niederlegte. Edwin fuͤhlt es wohl, daß ſein Schmerz um Magnus der Unvergaͤnglichſte und Tiefſte ſeyn muß, denn er hat ihn am laͤngſten gekannt, ihm hatten die herrlichen Bluͤthen ſeines Geiſtes ſich erſchloſſen, und ihn verklagten die ſtillen Thraͤ⸗ nen Conſtanzens, daß er ihr ſo lange ein Gluͤck vorenthielt, welches, gleich der ſcheidenden Abend⸗ ſonne, erſt dann ſeine goldnen Strahlen auf ihr dunkles Leben warf, als es unterging, um einer andern Welt zu leuchten. Nur Edwinna, im Leiden groß, traͤgt ihren Schmerz mit der Verklaͤrung, welche ihr from⸗ mes, reines, gottergebnes Gemuͤth jedem Erden⸗ weh wie jeder Erdenfreude als Siegel aufdruͤckt. Sie hat an Magnus Grabe ihren trauernden Eltern das Verſprechen abgefordert, ſie nie zu ei⸗ ner Verbindung zu uͤberreden, und weiht— oh⸗ ne Geweihte des Himmels zu ſeyn— in kloͤſterli⸗ cher Abgeſchiedenheit, ihnen ein Leben, das, ſelbſt ſeines ſchoͤnſten Gehalts entbehrend, doch noch reich genug iſt, das ihrige mit herrlichen Gaben zu ſchmuͤcken. 4 Der Orden der Klariſſerinnen iſt unterge⸗ gangen; doch in denſelben Mauern weiht ein, — 302 nicht minder Ehrwuͤtdiger ſich der Bildung ju⸗ gendlicher Seelen. Dort, aus dem langen ſchrecklichen Traume, den Edwinna in den glaͤnzendſten Lebensverhaͤlt⸗ niſſen, von den Zauberbildern der Welt umgau⸗ kelt, doch nicht geblendet, traͤumte, noch einſt zu erwachen, iſt die leiſe genaͤhrte Hoffnung, die ihr fuͤr kommende Tage bluͤht, und wer die ſuͤße, dauernde Gewalt der erſten Eindruͤcke kennt, wird ihr Loos nicht mehr beklagenswerth finden. ———— —yr—rä-—4.—. ffffffffffffffnſſſ 13 15 16 17 18