deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † . 6 8„1 1 von. 4 e,. 3 A SEduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeiß. und eſebedingungen. Leihbibliothek 1 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſ pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ —+ den angenommen. 7 1 3 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme J binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; ſt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 4. Bllchor V s Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Nt. 50 Pf. 2 Mk. Ff. Auswärtige Ahonnenten haben für Hin⸗ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefah lund Zurückſ endung rr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Graf Malthens edelmuͤthige Ruͤckkehr nach ſei⸗ nem Vaterlande, zu der Zeit nahe drohender Un⸗ gewitter, wurde, wie es ſich erwarten ließ, von ſeinem Fuͤrſten dankbar anerkannt, obgleich die ſchwerdtzuͤngige Welt mehr lauernde als geruͤhrte Blicke auf ein Unternehmen warf, von dem man zwar noch nicht wußte, was es ſagen wollte, das aber unter den jetzigen Umſtaͤnden, und von einem Manne ausgefuͤhrt, der gewiß nicht wuͤn⸗ ſchen konnte, in ſo ſtuͤrmiſchen Zeiten muͤſſig zu bleiben, viel von ſeiner Einfachheit verlor. Am tiefſten drang ein alter bewaͤhrter Staats⸗ mann,(derſelbe Graf Dornburg, welcher ſchon 2r Theil. 1 2 2 einmal einem Malthen weichen mußte) in ſeine Plaͤne ein, und beſchloß— zur guten Sache hin⸗ geneigt— ſie moͤglichſt zu unterſtuͤtzen, wenn er die Motive eben ſo rein faͤnde, als den zu errei⸗ chenden Zweck. Ihn als erſten Miniſter, und in der Gunſt des Hofes wieder zu finden, uͤberraſchte den, mit jeder Einrichtung deſſelben wohlbekannten Praͤſi⸗ denten keinesweges, aber deſtomehr, ihm ſich mit biedrer Waͤrme entgegenkomten, ſeine tief ver⸗ borgnen Abſichten leiſe an's Licht ziehen, und beguͤnſtigen zu ſehen. Wir wiſſen, daß Dornburg grade zu der Zeit vom Schauplatze trat, als Mal⸗ then, zum Mann gereift, unter der Leitung ſeines erfahrnen Vaters die erſten Schritte dar⸗ auf verſuchte. Er hatte ihn alſo nie geſehn, und nur verworrene Geruͤchte von ihm und ſei⸗ nem tiefen Fall vom Gipfel des Gluͤcks vernom⸗ men.— In wie fern der Name Malthen in das Gewebe der Intrigue, welche ihn ſtuͤrzte, mit ver⸗ flochten war, wußte er nicht, wohl aber war es ihm klar, daß der Beiſtand dieſes— jetzt wieder 4 *½ ſehr bedeutenden Mannes ihm von großem Nu⸗ tzen ſeyn konnte. Darum ſtudierte er mit Ernſt den Charakter deſſelben, und da die Schickſale, welche gleich guten und boͤſen Geſtirnen uͤber un⸗ ſern Haͤuptern hinziehen, Jenem oft die entſchie⸗ dendſte Richtung geben, ſo wies der ſchlaue Malthen auch keine glaubliche Aufklaͤrung uͤber dieſe von ſich. Wohl war uͤber dem erbleichten Scheitel des wuͤrdigen Greiſes Fer manche Wetterwolke dahin gezogen, und ein Blitz ſogar hatte das Vater⸗ herz auf ſeiner wundſten Stelle getroffen, aber gebrochen war es doch nicht, nur auf immer je⸗ der niedern Erdenſorge abgewandt, dem Ehrgeiz erſtorben, und fuͤr das Rechte ergluͤht!. Hoch beguͤnſtigt von ſeinem fuͤrſtlichen Freun⸗ de bluͤhte in fruͤhen, gluͤcklicheren Zeiten ſein Wohlſtand taͤglich mehr auf, Als Schmuck des Hauſes ſtand ihm eine zaͤrtliche Gattin zur Sei⸗ te, unter deren milder Pflege zwei hoffnungsvolle Soͤhne,(der Eine zum Mann gereift, der Andere noch im zarten Knabenalter) herrlich gediehen wa⸗ ren. Da ſtuͤrzte der Tod des geliebten Fuͤrſten 1 ½ 4 den unſichern Grund, auf dem ſo viel menſchll⸗ ches Gluͤck erbauet war, darnieder, und mit ihm die Hoffnungen des frohbewegten Vaterher⸗ zens. 6 Der neue Herr wurde bei ſeinem Regie⸗ rungsantritt in ein Netz von Schmeicheleien und Intriguen verwickelt, dem er nicht fruͤher entkam, als nach Verbannung der edelſten Stuͤz⸗ zen ſeines Thrones. Dornburgs Urtheil war peſprochen, und ob⸗ wohl noch kraftvoll und thaͤtig genug, um die Zuͤgel ſeines Geſchaͤfts ſich ſo leicht nicht entwin⸗ den zu laſſen, wurde er doch ein Stein des An⸗ ſtoßes fuͤr die reiche Phantaſie ſeines jugendli⸗ chen Gebieters, der im Erſchaffen einer neuen Welt ſich beſſer gefiel, als im Stuͤtzen der Al⸗ ten. Auch durfte der oft mißbilligende Zeuge ſo mancher Jugendthorheit nicht zugleich der, ſeine kuͤhnen Entwuͤrfe zum Wohl des ihm anvertrau⸗ ten Staats ſeyn, ſo duͤnkte es ihn, der noch im⸗ mer mit einer Art von kindiſcher Scheu das Schuͤt⸗ teln des, um ſeines Vaters willen geehrten Haup⸗ — —. — 5 tes fuͤrchtete, und der ſich mit ſeinen raſchen Schritten, die gleichwohl eher zum Ziel fuͤhr⸗ ten, wie er glaubte, dem beſonnenen, wei⸗ ſen Miniſter gegenuͤber, ſelbſt allzu jung vor⸗ kam. Eine ſolche Bemerkung bricht aber dem, der ſie veranlaßt, immer den Stab, und was die eigne Schwaͤche des Fuͤrſten noch nicht wagte, half ihm bald ein vorſichtig genaͤhrter Verdacht, den Dornburgs Feinde in das Gewand der un⸗ umſtoͤßlichſten Gewißheit zu kleiden wußten, kraͤf⸗ tig vollbringen. Der ehrenwerthe Staatsmann ward auf nicht ehrenvolle Art ſeiner Dienſte ent⸗ laſſen, und da es ihm mitten in der Criſis des Regentenfiebers ſeines jungen Fuͤrſten nicht gluͤck⸗ te, ſich von dem angeſchuldigten Verbrechen zu reinigen, ſo eilte er tiefgekraͤnkt mit ſeiner ge⸗ beugten Familie auf ein Landgut, das, obwohl nicht betraͤchtlich, doch fuͤr ihn jetzt den unſchaͤtz⸗ baren Werth hatte, dem Auge der Welt verbor⸗ gen, und weit— weit entfernt von der Reſi⸗ benz zu liegen. Wenn das Gefuͤhl der Unſchuld uͤber eignes 6 Mißgeſchick troͤſten kann, ſo verletzt es unſer Herz doch mit geſchaͤrftem Stachel, wenn der drohende Abgrund ſich nicht fuͤr uns allein, ſon⸗ dern auch fuͤr unſre Theuerſten oͤffnet. Auch Dornburg wuͤrde den Wermuthskelch mit heiterm Blick geleert haben, haͤtte er ihn nicht mit ſei⸗ nem geliebten Sohne theilen muͤſſen, der, als gluͤcklich Verlobter einer angebeteten Braut, erſt dann aus ſeinen Liebestraͤumen durch die, ihn umbrauſenden Stuͤrme geweckt wurde, als jede Hoffnung ihres Beſitzes ihm auf immer unter⸗ ging. Zwar trug man dem jungen Manne, den Niemand fuͤrchtete, weil er mehr in dem Reiche der Kunſt, als in dem, der Politik lebte, hoͤflich Verzeihung und Vergeſſen der Verſchuldung ſei⸗ nes Vaters an, aber feindſelig kalt, mehr noch als jener mit den Menſchen zerfallen, wandte er ſich von dem gleisneriſchen Anerbieten, und folg⸗ te dem edlen Verbannten in ſeine tiefe Abgeſchie⸗ denheit.— Hatte die Kunſt ihn fruͤher mit ſuͤ⸗ ßen Banden gefeſſelt, ſo umſchlang ſie ihn jetzt mit Liebesarmen, und es fuͤhlend, wie ſein ſtilles —— — —— 7 Entſagen, und die vernichteten Wuͤnſche eines gan⸗ zen liebeleeren Lebens, des Vaters truͤbe Stirn noch mehr fuͤrchtend, beſchloß er endlich noch einmal die Zuͤgel ſeines Schickſals zu ergreifen, und auf Italiens kunſtgeweihtem Boden ſich ein neues, ach, den fruͤheren Glanzfluthen ſeiner hochbegluͤck⸗ ten Zukunft ganz entfremdetes Loos zu bilden. Nicht eignes Wollen allein trieb ihn damals von der Seite der hochgeliebten Eltern; feindliche und freundliche Maͤchte hatten ſich in ſeinen Willen getheilt, und wenn es ſchien, als haͤtten ſeine Wuͤnſche einen Bund mit der Nothwendigkeit geſchloſſen, ſo war es nur, weil es ihn unaus⸗ ſprechlich aͤngſtete, dem edlen Vater gegenuͤber, ein Geheimniß zu bewahren, das das Gluͤck und die Aual ſeines Lebens ausmachte. So ſchied denn der ſtille Sohn, ohne nur einmal das wunde, zerrißne Herz dem vaͤterlichen Freunde erſchloſſen zu haben, aus den Armen einer geliebten Familie, auf ſcheinbar kurze Trennung. Er druͤckte dadurch einen neuen Stachel in das ſchmerzbewegte Gemuͤth der trauernden Eltern, denen das ſchoͤne Land, welches uns ſo treu die Namen ſeiner untergegangenen Helden aufbewahrt, den hoffnungsvollen Sohn nicht wiedergab— ja, ihnen den herben Verluſt nicht einmal mit dem Nachruhm lohnte, den das ausgezeichnete Talent des jungen Mannes, fuͤr die bildenden Kuͤnſte, ihm gewiß ſpaͤter erworben haͤtte. Eine dunkle Sage nur, und ſpaͤter das Zu⸗ ruͤckkehren des einzigen Dieners, welcher ihn be⸗ gleitet, beurkundeten ſeinen, durch ein Duell her⸗ beigefuͤhrten Tod, und lenkten die volle Aufmerk⸗ ſamkeit der tiefgebeugten Eltern auf den, ihnen nur noch einzig Uebriggebliebnen, der, als bluͤ⸗ hender Knabe alle, durch den fruͤhen Tod ſei⸗ nes Bruders getaͤuſchten Hoffnungen neu zu be⸗ leben verſprach. Nach dieſem letzten Schlage ſchien das Schick⸗ ſal ſeine Dornenkraͤnze nach und nach wieder von dem wunden Haupt des Grafen abzuheben. Er gewoͤhnte ſich an den kleineren Wirkungskreis, bildete den zweiten Sohn mit doppelter Sorgfalt und ward uͤber deſſen entſchiednen Hang zum Kriegsdienſt bald durch ein recht glaͤnzendes Avan⸗ eement getroͤſtet. Endlich waren es auch die Ver⸗ 9 dienſte des liebenswuͤrdigen Major Dornburg, welche den Fuͤrſten daran erinnerten, daß ſein edler Vater noch in ungerechter Verbannung le⸗ be, obgleich der Verdacht, welcher fruͤher ſein reines Handeln befleckte, ſchon laͤngſt in gehalt⸗ loſes Nichts ſich aufgeloͤſ't hatte. Auch an dem, zum ernſten Manne gereiften Fuͤrſten, waren die Jahre nicht im leichten, taͤn⸗ delnden Flug dahin geflattert, ſie druͤckten mit ihren zentnerſchweren Erfahrungen das ſtolze Haupt des feurigen Herrſchers oft darnieder, und noch oͤfter mahnten ſie ihn an ſeine alten treuen Naͤthe, die er gegen junge neuerungsluſtige Feuer⸗ koͤpfe umgetauſcht hatte. Jetzt war zwar nach ſo einſchuͤchterndem Beiſpiel niemand mehr am Ho⸗ fe, der bei ſeinen raſchen Gewaltſtreichen den Kopf geſchuͤttelt haͤtte, aber auch niemand, der mit milderndem Sinn zwiſchen ihm und ſeinem Volke ſtand, und mit der Gewohnheit behagli⸗ chen Banden die Augen deſſelben umſchlang, daß es nur ſaͤhe, was es ſehen durfte, um nicht aus dem Gleichgewicht zu kommen. Sich end⸗ lich, von flammendem Ehrgeiz getrieben, dem 40— 4 fremden Herrſcher in die Arme werfend, fuͤhlte er um ſo mehr, wie nothwendig es ſei, die fin⸗ ſtern, mißbilligenden Blicke ſeines verkauften Polkes auf einen erfreulichen Gegenſtand zu rich⸗ ten, und wer konnte das anders ſeyn, als der allgemein geliebte und geachtete Dornburg? Ge⸗ wann er ihn fuͤr ſeine Wuͤnſche, ſo herrſchte er uͤber die Meinung des Landes, und ſo wurde der, in tiefer Einſamkeit begrabene Greis auf einma! wieder der gefeierte Held des Tages. Die Frage: warum Dornburg an der Gren⸗ ze eines hinſinkenden Lebens es nicht wuͤrdiger achtete, der liebgewordenen Abgezogenheit treu zu bleiben, beantwortet das einzige Wort: Vater. Er kannte die Vorurtheile, welche oft auf das Lebensgluͤck trefflicher Soͤhne, geſunkner Familien, einwirkten, und ſah, trotz der Ehrenzeichen, wel⸗ che auf der Bruſt ſeines Juͤngſtgebornen prang⸗ ten, doch immer noch ein drohendes Geſpenſt im Hintergrunde, das entweder ſeinem Liebesgluͤck, oder gar ſeinem Leben dereinſt hindernd entgegen⸗ traͤte. Ihm ein ehrenvolleres Daſeyn zu bereiten, ——— ſcheute er kein Opfer, alſo auch die Ketten einer vergaͤnglichen Hofgunſt nicht. Eins nur blieb un⸗ erſchuͤtterlicher Vorſatz in ihm, ſich nie beguͤnſti⸗ gend zu dem auswaͤrtigen Buͤndniß hinzuneigen, und ohne oͤffentlich dagegen zu kaͤmpfen, doch als Deutſcher in Wort und That, das Wohl des ge⸗ druͤckten Deutſchlands in treuem Herzen zu be⸗ wahren. Wohl fuͤhlte er als Einzelner ſich bald zu ſchwach gegen die erbaͤrmlichen Sophiſtereien geſchmeichelter Eitelkeit anzukaͤmpfen, aber um ſo willkommner war ihm ein Gehuͤlfe von Malthens Klugheit und weit ausſehender Politik. Schnell hatte ſein Scharfblick die geheime Abſicht deſſel⸗ ben ergruͤndet, und es galt nur noch, wer der Erſte ſeyn ſollte, der dem Andern Vertrauen entgegenbraͤchte. Da löſ'te das zauberſuͤße Laͤcheln Leontinens auf einmal die ſchwierige Aufgabe. Major Dornburg war ein ſchoͤner Mann von ſechs und dreißig Jahren, voll heitrer Jovia⸗ litaͤt, und mit all der liebenswuͤrdigen Regſam⸗ keit ausgeſtattet, die ihm limmer, auch in den * unbewachteſten Augenblicken, das Intereſſe ſeiner 12— naͤchſten Umgebungen erhielt. Er ſah dem Leben ſehr keck in die Augen, aber nicht wie ein uͤber⸗ muͤthiger Juͤngling, der es ausgekoſtet zu haben glaubt, wenn er ein paar Stunden darin ver⸗ ſchwelgt hat, ſondern wie ein froͤhlicher, muthi⸗ ger Steuermann, der das Element, dem er ſich vertraut, genau kennt, und den Himmel uͤber ſich mit ſeinen leuchtenden Sternen zum Leiter auf unbekannter Fahrt waͤhlt. Leontinens bluͤhende Schoͤnheit entzuͤckte ihn wie alle, die ihren glaͤnzenden Eintritt in die Ge⸗ ſellſchaft feierten. Ihre holde Natuͤrlichkeit, durch die zarte Scheu, welche ſich zum erſtenmal bei dem Anblick einer ſo großen Verſammlung ihrer bemaͤchtigte, wohlthaͤtig gemildert, brach dennoch bei tauſend Gelegenheiten ſo reizend hervor, und lockte ihn, der ſich hinter dem Bollwerk allgemei⸗ ner Hoͤflichkeit ihr genaͤhert hatte, ſo gewandt aus ſeiner Verſchanzung, daß Er— und grade Er unter ſo vielen ihr am meiſten in heiterem ſpielendem Verkehr gegenuͤber ſtand. Die Plaͤne des Praͤſidenten hatten daran eben keinen Theil, denn ſowie ſein Vater, ohne Ruͤckſichten auf die — 13 Stimme des Herzens, uͤber ſeine Hand verfuͤgte, ſo wuͤrde er in aͤhnlichem Fall auch mit ſeiner Tochter geſchaltet haben. Aber zufaͤlliger Weiſe fuͤhrte das Intereſſe beide Vaͤter ihnen beinahe zu gleicher Zeit die Idee einer Annaͤherung zu, und da Major Dornburg der freie, ſelbſtſtaͤndige Mann unmoͤglich als das blinde Werkzeug der vaͤterlichen Abſichten betrachtet werden konnte, ſo war es na⸗ tuͤrlich, daß die ganze Einmiſchung des Praͤſiden⸗ ten dießmal in nichts Anderm beſtehen durfte, als daß er ſich inniger an das Haus des Mini⸗ ſters anſchloß, den juͤngern Dornburg ſichtlich aus⸗ zeichnete, und wohlgefaͤllig zuſah, wenn Leonti⸗ nens neckender Frohſinn den wachſamen Kriegs⸗ helden immer von einer neuen ſchwach vertheidig⸗ ten Seite anfiel, bis ſie ihm in muthwilliger Schelmerei das ganze Netz uͤbergeworfen hatte, ohne zu ahnen, daß auch ſie ſelbſt, der buntfar⸗ bige Schmetterling, in gleiche Schlingen gefal⸗ len war. 22. Die Namenloſe. An Theophilien ſtreifte der Blick des Ma⸗ jors zuweilen mit einem gewiſſen neugierigen Er⸗ ſtaunen voruͤber, aber im Ganzen vermochte das zarte, weiße Engelskind, das ſich immer mehr zu vergeiſtigen ſchien, je weniger ſeine Umgebungen Sinn fuͤr das ſtille, geheime Walten deſſelben hatten, den raſchen Krieger nicht dauernd zu in⸗ tereſſiren. Es war nur die außerordentliche Ab⸗ weichung von Leontinens Art zu ſeyn, die ihn an ihrer Buſenfreundin befremdete, und eine— oft recht auffaͤllige Aehnlichkeit in den jugendlichen Zuͤgen Theophiliens mit dem gealteten, doch nicht Entſtellten ſeiner eignen Mutter. Er ſprach auch einmal gelegentlich davon in dem Hauſe ſeiner Aeltern, deren Aufmerkſamkeit natuͤrlich durch die⸗ ſe Bemerkung auf das ſchoͤne blaſſe Pflegekind des Grafen Malthen geleitet wurde; von dem man, ob es gleich, ſeiner ungewiſſen Abkunft we⸗ gen, noch nicht bei Hofe vorgeſtellt war, und nur 15 in Privatgeſellſchaften zuweilen erſchien, doch ſchon mancherlei gefabelt hatte. Es war Theophilien nie aufgefallen, daß ſie einen Namen entbehrte, und ihre fruͤheren Ver⸗ haͤltniſſe hatten ſie dieſen Mangel auch grade nicht ſehr empfinden laſſen. Bei ihrem Eintritt in das Haus des Praͤſidenten nannte man ſie, zur Auszeichnung von der graͤflichen Familie, das Fraͤulein! und jeder wußte was er damit ſagen wollte. Aber hier, wo Niemand etwas anders von ihr gehoͤrt hatte, als daß ſie die Pflegetoch⸗ ter des Grafen Malthen ſei, verlangte man durchaus eine naͤhere Bezeichnung. Des Praͤſidenten Umſichtigkeit war zwar die⸗ ſes Mißverhaͤltniß nicht entgangen, und er hatte gethan was er konnte, um ihm zu begegnen, in⸗ dem er Theophilien aufmerkſam machte, und leiſe darauf hindeutete, die gruͤne Brieftaſche, welche er einſt in ihren Haͤnden bemerkt habe, koͤnne wohl ihre Verlegenheit am leichteſten hieruͤber heben. Sie ſenkte bei dieſer Erinnerung das Haupt wehmuͤthig zu Boden, und geſtand, ihr fehle der 16 Schluͤſſel zu dem kuͤnſtlichen Schloß derſelben, der damals nicht bei der Waͤrterin gefunden worden ſei. Die Aebtiſſin habe daher vermuthet, daß ſie ohne Be⸗ willigung ihrer Aeltern in die Haͤnde der Klo⸗ ſterfrauen gekommen waͤre, und ihr deswegen be⸗ fohlen, die Brieftaſche vor ihrer Volljaͤhrigkeit nicht gewaltſam zu oͤffnen, da der Mangel des Schluͤſſels ſie vielleicht grade auf eine Entdeckung ihrer Aeltern leiten koͤnne. „Und wuͤrde denn die Aufklaͤrung, welche dies fatale Schloß, das vielleicht ein Druck der Hand ſprengen koͤnnte, gewiß in ſich ſchließt, Sie nicht viel ſichrer an das Ziel fuͤhren?“ frug Malthen laͤchelnd. „Sichrer wohl nicht, doch fruͤher,“ erwie⸗ derte Theophilia beſcheiden verbeſſernd.„Aber dann waͤre die Frucht gezeitigt, und ich wuͤßte um einige Jahr eher“—(ſie ſtockte und ihr Auge ſenkte ſich truͤbe zu Boden)—„daß ich niemand auf Erden mehr angehoͤre.“ „O Theophilia!“ rief der Praͤſident uͤber⸗ wallend, und zog das ſchuͤchterne Maͤdchen an ſich, „gehoͤren Sie denn nicht mir an? Sind Sie 17 nicht das theure Vermaͤchtniß einer edlen Frau, die wohl pruͤfte, welchen Haͤnden ſie ihr Kleinod anvertraute?“ „Nun denn, ſo iſt ja ein Name fuͤr mich gefunden!“(antwortete Theophilia muthig, das Haupt erhebend)„Ich heiße der Schuͤtzling ei⸗ ner edeln Familie, das Erbtheil meiner ehrwuͤr⸗ digen Pflegemutter, und ohne Sie beide eine wuͤſte Inſel, die— weil ſie herrenlos iſt, auch namenlos bleiben muß. Laſſen Sie mich dieſen Namen ſo lange behalten, bis mein Wahrer mir vielleicht mehr raubt als giebt.“ Der Praͤſident wurde durch dieſe Abweichung nicht ganz beruhigt, denn die Schwaͤrmerei be⸗ hielt in ſeinem Kopfe nie uͤber zwei Minuten Raum gegen die klare, reine, vernuͤnftige Anſicht der Dinge. Der Brieftaſche durfte er ſich nun freilich nicht ohne Widerrechtlichkeit, gegen Theo⸗ philiens Willen bemaͤchtigen, aber aus den paar Worten, welche die Ruͤhrung in den Mund des Maͤdchens gelegt hatte, dachte er doch einen In⸗ terims⸗Namen zuſammen zu ſetzen, der ihm we⸗ nigſtens die Muͤhe einer Umſchreibung in dem r Theil. 2 18 neuen Wohnort erſparte, und halb ſcherzend, halb ernſthaft ſtellte er ſie ſchon heut als Fraͤulein Ei⸗ land ſeiner erſtaunten Familie vor. Clementine warf ihm einen ihrer vielſagend⸗ ſten Blicke zu, und meinte ſpottend: Nichts ſei natuͤrlicher, als daß ihm jedes Vorrecht des Ent⸗ deckers in Hinſicht Theophiliens zugeſtanden wuͤr⸗ . als auch das, des Namengebers. Moͤge nur der zweite Columbus ſein Koͤnigthum laͤnger be⸗ haupten als der Erſte, fuͤgte ſie mit einem leich⸗ ten Seitenblick auf Emmo hinzu, der auf einmal in ein Glutmeer getaucht ſchien. Der Praͤſident vergaß vor Schrecken uͤber — die letzte Bemerkung die Herausforderung ſeiner Frau, und verfolgte mit innrer Angſt die Bewe⸗ 1 gungen des Juͤnglings, der allerdings durch er⸗ hoͤhte Verlegenheit der Mutter Worte nur zu ſehr beſtaͤtigte. 23. Emmo's Erroͤthen. Nur drei Stunden waren ſeit dem Geſpraͤch des Praͤſidenten mit Theophilien verfloſſen, und 19 ſchon hatte der Zufall einen Schickſalsknoten da⸗ raus geſchuͤrzt, den erſt des Maͤdchens truͤbſte Minute zu loͤſen vermochte. Ach wie inhaltſchwer iſt oft ein verrinnen⸗ des Sandkorn fuͤr uns, und wir gebieten mit keckem Muthe uͤber Millionen ſolcher Zeittheil⸗ chen, ohne ihres Gewichts uns bewußt zu wer⸗ den. Ihr ſtillen— ihr gedruͤckten Frauen! tragt ihr noch immer ſo ſchwer an dem Koͤrnlein, das mit eurem Ja verrann? Ihr ernſten, einſamen Jungfrauen! warum richtet der getruͤbte Blick ſich ſo aͤngſtlich auf Euer Stundenglas? Er will den Felſen ſuchen, auf dem Ihr euer Nein ein⸗ grubet, das Euch zu einem langen, liebe⸗ und freudenleeren Daſeyn verdammt.— Ihr Juͤng⸗ linge, ihr Maͤnner und Greiſe, wuͤrde Eure Uhr wohl noch die Stunde halten, wenn ihr alle die kleinen Kieſelſtaͤubchen hinaus wuͤrfet, die ſich gleich Bleigewichten an Eure Ruhe hingen? Auch an Theophiliens Herz hing ſich der Moment, wo der Graf ſie— wenn auch noch ſo zart, an ihre Namenloſigkeit mahnte, mit all der Gewalt, welche ihr tiefes Gefuͤhl uͤberhaupt jedem aͤußern 2* 29 nicht ganz alltaͤglichen Eindruck auf ihr Gemuͤth geſtattete. Sie war nicht gluͤcklich in ihrem Ver⸗ haͤltniß zu der Familie, obgleich ihr keiner Sinn nichts von dem gefaͤhrlichen Spiel ahnete, das die Leidenſchaften der Hauptperſonen mit ihr trie⸗ ben. Der herzloſe Ton des Praͤſidenten, der nur im Verkehr mit ihr in zartere Anklaͤnge ver⸗ ſchmolz, gewann ihm ihr Vertrauen nicht. Sein ſtechender Blick, ſeine Wortkargheit gewoͤhnten ſie, ihn, gleich allen uͤbrigen Hausgenoſſen, zu fuͤrchten; und Clementinens Art zu ſeyn, war ih⸗ rem leiſen Zartgefuͤhl allzu ſehr entfremdet, um ihr die Kluft uͤberſteigen zu helfen, die ſich nach jener Abendvorſtellung zwiſchen ihr und der ge⸗ reizten Frau aufgethan hatte. Sie wußte nicht, warum man ihr den Schutz beneidete, den der Herr des Hauſes ihr gewaͤhr⸗ te, aber ſie fuͤhlte an der aͤngſtlichen Vorſicht, mit der er ſich in andrer Gegenwart zwiſchen den bei⸗ den gefaͤhrlichſten Klippen— einer vorzuͤglichen Auszeichnung und einer abſichtlichen Vernachlaͤſ⸗ ſigung hindurch zu winden ſuchte; an dem ſpot⸗ tenden Zug um den ſchoͤnen Mund der Graͤfin, und— ſchmerzlicher als ſonſt, an den hoͤhnenden Bemerkungen der St. Clair, welche ſeit ihrem Eintritt auf einmal ihre ganze Nullitaͤt gegen ein geſchaͤftiges Einmiſchen in die Stimmung je⸗ des einzelnen Mitgliedes der Familie, umgetauſcht hatte, daß es ſo war. Die Veraͤnderung ihres bisherigen Aufenthalts und die bald nachher er⸗ folgte Erinnerung an ihr gaͤnzlich vereinzeltes, ſo⸗ gar namenloſes Verhaͤltniß, verwundete alſo ihr ſchon verletztes Gemuͤth um ſo empfindlicher, je⸗ mehr ſie ſich bei dem, uͤberall mangelnden Inte⸗ reſſe fuͤr ihre kleinen Eigenthuͤmlichkeiten, gewoͤhnt hatte, durch Wort und Haltung keinen der tiefen Eindruͤcke zu verrathen, womit die aͤußere Welt ſo oft ihre Innere verdunkelte. Das Zimmer verlaſſend, ſpann ſie, auf dem kurzen Weg zu dem Ihrigen, eine Menge Faͤden weiter, von denen nicht ein Einziger ſie an den erſehnten Ausgang des Labyrinthes fuͤhrte, wohl aber alle ein dichtes Netz um ſie woben, das ihr Verſtand vergebens zu durchdringen ſtrebte. Sie zog die Brieftaſche, welche noch ſeit dem verhaͤngnißvollen Abend ihres Eintritts in das Malthenſche Haus, mit dem theuren— ach ſo oft in ſtillen Stunden beweinten Nonnenſchleier umwickelt war, aus ihrer emblematiſchen Huͤlle, warf nachdenkende, pruͤfende Blicke auf das klei⸗ ne Schloß, das wirklich kaum dem leiſeſten Druck zu widerſtehen ſchien, und wies den Gedanken, der ſich ihrer in einem augenblicklichen Drange nach Aufklaͤrung bemaͤchtigt hatte, unwillig von ſich. „O meine Mutter!“ rief ſie erſchrocken. „Was wuͤrdeſt du ſagen, wenn du dein Kind in dieſer Minute der Schwachheit belauſcht haͤtteſt? —— Und dennoch— warum zerſtoͤrte man den einzigen Zufluchtsort, wo Theophilia des ſchoͤn⸗ ſten— des edelſten Namens nicht entbehrte? Des Einzigen auf den ſie ſtolz ſeyn koͤnnte! dei⸗ ne Tochter,— dein geliebter Zoͤgling bedurfte kei⸗ nes Andern.“ Sie ſank bei dieſen Worten an dem Tiſch⸗ chen, vor dem ſie ſtand, nieder, und legte ihr Haupt gedankenvoll auf den Gegenſtand des Ge⸗ heimniſſes— die theure, und doch ſo ſehr ge⸗ fuͤrchtete Brieftaſche. 23 „Und welchen Namen entbehrt denn Theo⸗ philia hier?“ fliſterte eine leiſe, ſchoͤne aber bekann⸗ te Stimme, dicht an ihrem Ohr. Die Erſchrock⸗ ne ſprang auf, und fand ſich in den ſanft um⸗ ſchlingenden Armen Emmo's. „O Theophilia! was fehlt Ihnen, meine fuͤße Schweſter? was macht es Sie bereuen, daß die Mauern ſanken, die bisher der Welt einen Theil ihrer edelſten Bewohner entzogen? Ein Name? — Welchen wuͤrden dann die Natur und Deine Freunde Dir nicht geben? Du holdes, guͤtiges Weſen!“ Theophilia erroͤthete und wand ſich ſanft aus den Armen des Juͤnglings. Aber dennoch thaten ſeine milden Worte ihr wohl. Ihre Augen fͤll⸗ ten ſich mit Thraͤnen, und dies bemerkend legte ſie beſchirmend die kleine, zarte Hand daruͤber. Emmo war ahnungslos, wie er es oft that, in ihr Zimmer getreten. Ihre heftige Bewegung war ihm aufgefallen, und leiſe, um ſie nicht zu erſchrecken, ſchlich er hinter ſie, die in tiefer Er⸗ ſchuͤtterung die ſchmerzlichſten Fragen an ihr Schickſal richtete. Noch regte ſich in ſeinem 24 offnen, argloſen Gemuͤthe nichts andres, als herz⸗ liches, achtungsvolles Wohlwollen gegen das Maͤd⸗ chen, welches beinahe in der Beziehung einer Schweſter zu ihm ſtand, aber jetzt— als er ſie in ſeinen Armen auffing, und er die zarte, rei⸗ zende Geſtalt nicht vor ſich ſah, ſondern an ſei⸗ nem Herzen fuͤhlte, als ihr reiner Athem ihn um⸗ faͤchelte, und ſie ſich nicht ſchweſterlich, ſondern maͤdchenhaft ſcheu von ihm loswand, jetzt war das Loos uͤber ſein ganzes— von nun an nur ihr geweihtes Leben geworfen. Er ſah das ſchoͤ⸗ ne, mit der feinen Hand halb verdeckte Oval des lieblichſten Geſichts, mit leuchtenden Augen, und als die zarten Finger, welche gleich einer Binde den getruͤbten Augenhimmel vor ſeinen Blicken verhuͤllten, nun endlich herabſanken, da ſchlang die Liebe, die junge, zarte, heilige Liebe eines noch unentweihten, kraͤftigen Gemuͤths, eine zweite um die heitre Stirn des Juͤnglings. Theophilia antwortete, aber die ſchmelzenden Toͤne ihrer Stimme fielen ſchon nicht mehr in das theilnehmende Bruderherz; nein! ſie wurden mit der Begeiſterung erwachender Leidenſchaft von — 25 ihren Lippen geſogen und auf den Fluͤgeln ſeiner Phantaſie emporgetragen. Das erhoͤhte ihre Verwirrung, und ohne gra⸗ de mehr als eine leiſe, weibliche Ahnung von ſei⸗ nen Empfindungen zu haben, nahm ſie ſich doch vollkommen maͤdchenhaft dabei. Sie erroͤthete, verwickelte ſich in ausweichende Antworten, ſchwieg verlegen und ſuchte endlich das Geſpraͤch von dieſem Gegenſtand abzulenken. Emmo begriff eigentlich nicht viel von dem ganzen Handel, denn der Vater huͤtete ſich wohl, des Maͤdchens zu oft gegen ſeinen Sohn zu er⸗ waͤhnen, aber ſo viel ging doch aus ihren Wor⸗ ten hervor, daß ſie ſich nicht gluͤcklich in dieſen Umgebungen fuͤhlte. Da war der Roman fertig! die begluͤckte, lachende Theophilia haͤtte ihn vielleicht noch lange ruhig gelaſſen, die Ungluͤckliche, Weinende ent⸗ zuͤndete auf einmal in ſeinem Herzen alle Brenn⸗ materialien, welche eine einſame Erziehung, und der, oft durch fruͤhere Erinnerungen getruͤbte Sinn ſeiner— auch nicht luͤcklichen Mutter, dort niedergelegt hatten. 8 26 „An der Freude gehe leicht voruͤber, mein Sohn!“ hatte ſie oft geſagt.„Ein von Won⸗ ne glaͤnzendes Auge, ein vor innrer Luſt zum Laͤ⸗ cheln geoͤffneter Mund werden Dir ſchnell das ſchoͤne Geheimniß des Gluͤcks verrathen, was, gleich einer aufgehenden Sonne, ſein helles Mor⸗ genroth voranſendet auf die bluͤhende Wange. Aber wo ein waͤßrigter, truͤber Nebelſchleier den Himmel des Auges verhuͤllt, wo die geſchloßne Lippe ſich nur oͤffnet, um unbemerkt einen Seuf⸗ zer auszuhauchen, oder, wo das im Innern ge⸗ ſprochene Wort nicht klagend ſondern unbewußt der ſtillen Behauſung entſchluͤpft, wo das ſchoͤne Morgenroth, und die noch ſchoͤnere Sonne hinter dem dunklen Gewoͤlk einer nicht heitern Jugend voruͤberzieht: da, mein Emmo, ſtehe ſtill! halte aus, und draͤnge dich liebend und troͤſtend an das zerriſſene Herz, bis es Dir den innern Schatz aufthut, und Du den koſtbaren Perlenſchmuck in eine bluͤhende Roſenkrone umwandeln kannſt.“ Das war es, was Emmo zu Theophilien hinzog und mit dem entrinnenden Sandkorn nicht mit verrann, ſondern erſt leichte und dann 27 immer ſchwerere Gewichte an die jungen Herzen hing, die beide nicht wußten, was es mit der Be⸗ deutſamkeit jener Stunde ſagen wollte, bis Cle⸗ mentinens leicht hinſtreifender Blick in Emmo's Bruſt zuerſt das ſuͤße Geheimniß enthuͤllte. 24. Blicke in die Untiefen eines Welt⸗ charakters. Ihre Worte ſollten des Unheils noch mehr ausſaͤen, ob ſie gleich fuͤr den Augenblick von dem, an welchen ſie gerichtet waren, nicht gehoͤ⸗ rig beachtet wurden. Aber es lag in des Praͤſi⸗ denten Charakter jener gaͤhrende Feuerſtoff, der nicht ſogleich in Flammen auflodert, die, an den Außenwaͤnden des Gebaͤudes hinlenkend, es in Rauch und Dampf huͤllen, waͤhrend das Innere noch unverſehrt dem Brauſen und Knackern des losgeriſſenen Elementes trotzt; ſondern der, gleich einem unterirdiſchen Feuer, erſt alle phosphoriſche Beſtandtheile der Erde in Glut aufloͤſt, ehe er zerſtoͤrend nach außen ſtrebt, und die ruhigen Be⸗ 28 wohner der bluͤhenden Erde mit einem Flammen⸗ meer uͤbergießt. Was Emmo's Ergluͤhen ihm verrathen, konn⸗ te nach den Begriffen, die er von der vaͤterlichen Gewalt hatte, ihm nur die Erreichung ſeiner Zwecke erſchweren, denſelben aber nie hinder⸗ lich ſeyn. Zudem hatte ein Blick auf Theophi⸗ lien, die waͤhrend der verfaͤnglichen Worte Cle⸗ mentinens, nach ihrer gewoͤhnlichen ſtillen Art, beinah ganz theilnahmlos daſtand, und Emmo's Verlegenheit durchaus gar nicht bemerkte,— na⸗ tuͤrlich! weil ſie, wenn von ihr geſprochen wurde, die Augen immer furchtſam zu Boden ſenkte— ihn uͤberzeugt, daß des Maͤdchens Gemuͤth we⸗ nigſtens noch gar keinen gefaͤhrlichen Eindruck aufgenommen habe. Daruͤber beruhigt, wendete er nun ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf den Gift⸗ tropfen, den Clementine in ſein Herz werfen wollte, und ſie wurde ihm, eben um ihres fata⸗ len Scharfblicks willen, verhaßter als je. Theophilia— er konnte es ſich nicht mehr verbergen— war ihm theuer. Nicht als ein Weſen deſſen Liebe er mit tauſend Opfern erringen woll⸗ .29 ke, nicht als eine Gottheit die ſeine Gedanken und ſeinen Willen durch die Gewalt ihrer Reize un⸗ terjochte; ſondern als ſein Geſchoͤpf, als das erſte weibliche Weſen, das ihn nicht kalt zuruͤckſtieß, wie Conſtanze, und nicht uͤber einem ſinnigen Kunſtgebilde vernachlaͤſſigte, wie Clementine. Ihm hatten die Frauen ſich nie unter einer, ihr Geſchlecht ehrenden und das Herz des Man⸗ nes leiſe gewinnenden Geſtalt gezeigt. Verkannte er auch den Werth ſeiner erſten Gattin nicht, ſo war es doch nur ein abſoluter Werth, kein ſich relativ auf ihn Ausſprechender, und je mehr er ſie achtete, je tiefer mußte es ihn verletzen, von ihr nur als ein Hinderniß ihres Gluͤcks angeſehn zu werden. Clementinen war es aufbehalten ge⸗ weſen, dieſes— durch beleidigte Eitelkeit und zuruͤckgedraͤngte Empfindung verſteinerte Herz zu erweichen, und ſich ſelbſt einen reichen, nimmer verſiegenden Quell hohen Ehrgluͤcks daraus zu bilden, haͤtte ſie es nicht verſchmaͤht den Roſen, welche die erſten ſeligen Flitterwochen ihr reichten, die ſtolzen Lorbeerkraͤnze eines kalten unweiblichen Ruhms aufzuopfern. 30 Nur die in Liebe ihm ganz hingegebene, aͤcht weibliche Frau konnte ſich die Herrſchaft uͤber ein ſo ungeſelliges, finſtres Gemuͤth ganz zu eigen machen, und ein ſolches zartgehaltenes, in den leiſeſten Farbenton verſchmelzendes Weſen trat ihm erſt in ſeinem 46ſten Jahre in der beſcheid⸗ nen Theophilia entgegen. Haͤtte auch nicht ein, ihn ſelbſt unbegreiflicher Anklang aus fernen Zei⸗ ten ſie ihm werth gemacht, ihre Sanftmuth, ihr, ſogar keinen geiſtigen Widerſtand leiſtendes, bieg⸗ ſames Gemuͤth, ihre ehrfurchtsvolle Scheu vor ſeinen hoͤheren Einſichten, ihr unbedingtes Aner⸗ kennen ſeiner Herrſchaft uͤber ihren Willen, ihr holdes Laͤcheln, mit dem ſie jedes guͤtige Wort ihm lohnte: alles dies, was gleich einem fuͤſſi⸗ gen Koͤrper die minder poroͤſeſten Theile ſeines fe⸗ ſten Ich's durchdrang, haͤtte das Wunder hervor⸗ bringen muͤſſen, an das Clementine ſelbſt nur in ihren ſchwaͤchſten Stunden glaubte, weil es ihre Eitelkeit beleidigte, ein— ſich ſo geiſtig unterge⸗ ordnetes Weſen einen Preis erringen zu ſehen, nach dem ſie wenigſtens ein paar Tage nach den Flitterwochen noch geſtrebt zu haben glaubte. 31 Allein mit dieſem erſten Geſtaͤndniß, was Graf Malthen ſich von ſeinen Empfindungen ab⸗ legte, ſtieg nur ſeine Beſorgniß, daß irgend je⸗ mand außer ihm ſie ahnen moͤchte, und je lauter zum erſtenmal die Natur in ihm ſprach, je kuͤnſt⸗ licher berechnet wurden ſeine Plaͤne, um zuerſt Clementinen, und durch dieſe die Welt zu taͤu⸗ ſchen. Er war ein Freigeiſt, aber nicht im Punkte der Ehre. Die Rolle des Grandiſon, welche er einſt an dieſem Hofe zu ſpielen begon⸗ nen, war ihm zu intereſſant, um ſie nicht auch jetzt durchfuͤhren zu wollen, und— wie vertrug ſich damit Theophiliens, in tiefes Dunkel gehuͤll⸗ te Exiſtenz, der hoͤhnende Spott ſeiner Gemah⸗ lin und der St. Clair ungefeſſelte Zunge? Er wußte wohl, was mit einem Schlage der Ver⸗ laͤumdung Triumphlied verſtummen und ihn in den Nimbus einer großen edlen That huͤllen konn⸗ te, aber der Preis war zu koſtbar, um ihn an etwas anders als die letzte Rettung zu ſetzen. Leichter war es, ſich gegen Clementinen ſelbſt das Anſehn zu geben, als habe die Aebtiſſin ihm vor ihrem Tode den Schluͤſſel zu Theophiliens — 32 Geheimniß anvertraut, und als fordre die Ehre hoher Perſonen, welche darein verwickelt waͤren, noch einige Zeit ein tiefes Schweigen daruͤber. Dann ſtand er dem Maͤdchen wenigſtens vor ſei⸗ ner gefaͤhrlichſten Feindin in dem ehrenden Ver⸗ haͤltniß eines Vormundes gegenuͤber, und alle ferneren Schritte, die er eigenmaͤchtig oder ge⸗ zwungen in Hinſicht deſſelben that, wurden auf Rechnung ſeiner empfangnen Vollmacht geſetzt. Hoͤchſt zufrieden mit dem getroffenen Aus⸗ wege, beſchloß er die naͤchſte Gelegenheit zur Aus⸗ fuͤhrung ſeiner kleinen Liſt— wie er es nann⸗ te— zu benutzen. Hatte er doch alles gewon⸗ nen, wenn der Schein gerettet war, denn wie es ſich noch mit Theophilien geſtalten wuͤrde, lag außer dem Kreiſe jedes Plans. Ihre engelreine Unſchuld, ihr dem Aether verwandtes heiliges We⸗ ſen, durfte durch keine ſtraͤfliche Abſicht entweiht werden. Sie mußte ungeſtoͤrt die Lichtbahn ver⸗ folgen, welcher ſie angehoͤrte, und nichts begehrte er, als ſie vor jeder andern irrdiſchen Flamme zu ſchirmen, damit es ihm noch lange, vielleicht auf immer vergoͤnnt ſei, an ihrem klaren, dem reinen 33 Elemente gleich, mit keinem fremden Beſtandtheil gemiſchten Sinn, ſich zu erquicken. Was dann noch wurde, wenn ſie, niemand angehoͤrend, nur in dem Zauberkreiſe, den ſeine Liebe um ſie zog, ihr Bluͤthendaſeyn verhauchte, wagte er kaum zu denken, aber es war die herrlichſte Loͤſung der ſuͤßeſten Aufgabe ſeines Lebens. 25. Clemenrine. Wir kommen nicht leichter in Gefahr, ver⸗ kehrte oder unzureichende Maaßregeln zu ergrei⸗ fen, als wenn irgend ein heftiger Wunſch ſich mit in unſer Spiel miſcht. Haͤtte ein Freund dem Praͤſidenten die Ge⸗ ſchichte ſeines Herzens als einen ganz fremden Fall vorgelegt, er wuͤrde ſelbſt uͤber den wunder⸗ lichen Einfall gelaͤchelt haben, die ſchaͤrfſinnige Graͤfin Malthen noch jetzt— nach Verlauf meh⸗ rerer Jahre von einem, bis dieſe Stunde ſorgſam verhehlten und nun ohne beſondere Veranlaſſung an's Licht gezogenen Abkommen mit der Aebtiſſin, 2r Theil. 3 34 uͤberzeugen zu wollen. Allein in ſeiner eig⸗ nen Sache entbehrte er auf einmal des rich⸗ tigen Maaßſtabes, mit dem es ihm bisher ſo leicht wurde, fremde Handlungen zu meſſen, und je leichter es ihm duͤnkte, mit ſeiner Klugheit uͤber die Meinungen Andrer zu herrſchen, je we⸗ niger fiel es ihm ein, ſich mit großer Genauigkeit aller in fruͤheren Zeiten uͤber Theophilien geſpro⸗ chenen Worte zu entſinnen, und ſeine jetzigen Eroͤffnungen mit denſelben in Einklang zu brin⸗ gen. Daß aber Clementine ſogar ein naͤheres In⸗ tereſſe dabei haben koͤnne, ſein Maͤhrchen nicht zu glauben, haͤtte er nur vermuthen koͤnnen, wenn er dem Gange ihrer Empfindungen vom erſten Tage an mit geſteigerter Aufmerkſamkeit gefolgt waͤre. Ein Intereſſe, das die ungeliebte Fran dem zum Theil vielfach angeſprochenen Geſchaͤfts⸗ mann ſelten abgewann. Der zarteren Eiferſucht, d. h. des beſcheide⸗ nen Mißtrau'ns in ihren eignen Werth unfaͤ⸗ hig, konnte ihr Sinn eigentlich nie auf der Moͤg⸗ lichkeit, Theophilien als Nebenbuhlerin zu fuͤrch⸗ 3⁵ ten, ruhen. Sie fuͤhlte ſich nicht geliebt, aber nur, weil Graf Malthens Gemuͤth unempyfaͤng⸗ lich fuͤr jede zartere Empfindung war. Was eine Frau uͤber ihn vermoͤgen konnte, haͤtte ihr gelin⸗ gen muͤſſen, die durch Schoͤnheit, Geiſt und Ju⸗ gend ſein Herz beſtuͤrmte. Jede andre Gewalt war ihr fremd, und daher des unbedeutenden Maͤdchens kuͤhrender Zauber fuͤr ſie eine Hyrogli⸗ phenſchrift, an deren hoͤhere Bedeutung ſie nicht glaubte, weil ſie uͤberhaupt nichts anerkannte, was ihr Geiſt nicht faßte. Aber an eine, ihren Gemahl herabwuͤrdigende Verirrung, in der Zeit, wo er ſie mit einer Leidenſchaft taͤuſchte, die ihm nur den hohen Preis ihres Beſitzes erringen ſoll⸗ te, glaubte ſie, weil ihr oͤfterer Verkehr mit Maͤnnern ihr die roheren Seiten dieſes Geſchlechts, ſelbſt in den Augenblicken hoher Weihe oft genug enthuͤllt hatte. Nur in dem beſchaͤmenden Ver⸗ haͤltniß des Vaters ſtand der, uͤber menſchliche Schwaͤchen ſo ſtolz abſprechende Mann, dem un⸗ bekannten Kinde gegen uͤber; das deuteten die tauſend Ruͤckſichten an, mit denen der Praͤſident das Maͤdchen den rechtmaͤßigen Kindern gleich⸗ 3*† 36— zuſtellen ſuchte, das verrieth die heftige Aufre⸗ gung ſeines Innern, als ihr Kunſtſinn es ge⸗ wagt hatte, den graͤflichen Abkoͤmmling dem Bild⸗ hauerſohn zur Seite zu ſtellen; das ſprach deut⸗ licher als jede andere Wahrnehmung eine leiſe an⸗ gedeutete, ihrem Kennerauge nicht entgehende Aehnlichkeit mit Emmo aus. Dieſe letztere war ihr der gultigſte Zeuge fuͤr die Beſtaͤtigung ihrer Vermuthung, und es empoͤrte ſie bei weitem mehr, daß ihr Gemahl ſie auf eine ſo gemeine, alltaͤg⸗ liche Art zu uͤberliſten gedachte, als daß er ſie einmal taͤuſchen konnte. Haͤtte er ihr Theophi⸗ lien mit offenem Vertrauen als die Frucht einer fruͤheren Verirrung zugefuͤhrt, ſie wuͤrde eine küͤnſtliche Erhabenheit darin geſucht haben, das Maͤdchen mit Wohlthaten zu uͤberſchuͤtten. Aber ſo, den Betrug fortſetzend, vom Nimbus eines unſtraͤflichen Wandels umſtrahlt, ihr gegenuͤber zu ſtehen, und ſie um den ſuͤßeſten Triumph ho⸗ hen Frauenwerthes neben gebengtem Mannesſtol⸗ ze zu bringen— dieſen Frevel konnte und wollte ſie dem Heuchler nie verzeihen. Was von dieſen, ſchon fruͤher angedeuteten — — 37 Empfindungen in ihr noch nicht reif war, vollen⸗ dete ihre Stellung zu der neuen Welt, deren Schauplat ſie jetzt betrat. Wie ein in Weingeiſt aufbewahrter Koͤrper in Jahrhunderten noch ſeine jugendliche Friſche und erſte Geſtalt behaͤlt, ſo bleibt auch irgend ei⸗ ne Erinnerung, wenn ſie durch keine zweite, drit⸗ te verdraͤngt wird, nur in das Grab der Zeit, nicht der Vergeſſenheit verſunken, und es wird dem menſchlichen Geiſt leicht, ſie nach vielen Jahren noch friſch und neu, wie etwas geſtern Erlebtes hervorzurufen. So ging es auch den Bewohnern der Reſidenz, welche ehedem den Praͤ⸗ ſidenten zu ihrem Mithuͤrger gezaͤhlt hatte. Sein haͤusliches Leben war ihrem geiſtigen Auge in ſo weiter Ferne gaͤnzlich entruͤckt; deſto ſchneller trat bei deſſen Erſcheinen das Bild ſeiner erſten Ehe mit Conſtanzen wieder in aller Deutlichkeit vor ihre Seele. Man hatte ſchon damals mancherlei Vermuthungen uͤber das ſeltſame Verſchwinden dieſer Frau Raum gegeben. Es ſchien vielen unbegreiflich, und die wuͤrdevolle Haltung, mit der die Grafin jederzeit den Stachel der Verlaͤum⸗ 38 dung abzuſtumpfen wußte, ſchien das Naͤthſel nur zu ſeinem Nachtheil zu loͤſen. Dazu kam, daß es dem Praͤſidenten immer fatal war, irgend einem andern Einfluß nachzu⸗ geben, und daher die Behauptung ſeiner gaͤnzlichen Unwiſſenheit uͤber Conſtanzens Motive zur Flucht, ihm eine große Ueberwindung koſtete. Es vor den, ſeine Ehe trennenden Maͤchten unumwunden abzulegen, konnte er nun wohl nicht unterlaſſen, aber„ eben ſo wenig ſich den gehei⸗ men Triumph verſagen, in den kleineren Zirkeln ſeiner Bekannten oft durch bedeutende Minen, und ein wichtiges Laͤcheln es zu widerlegen. Man glaubte alſo ſchon in jener Zeit nicht vollkommen an ſeine Unſchuld in Beziehung auf Conſtanzens Flucht, und begruͤßte Clementinen, die wie eine hohe, den Kleinlichkeiten des geſellſchaftlichen Ver⸗ kehrs gaͤnzlich entfremdete Erſcheinung in den neuen Kreis trat, mit neugierigem Erſtaunen. Niemand wußte ſie zu faſſen, darum verſuchte man jeden erlaubten Kunſtgriff, ſie ſich naͤher zu ruͤcken, denn an die Moͤglichkeit, ſich zu ihr hinaufzuſchwingen, dachte Keiner. Endlich be⸗ 39 merkten einige alte Damen, die viel von der fruͤh⸗ heren Zeit ſprachen, doch ein wenig Neugierde an ihr, etwas von dem Schickſal ihrer Vorgaͤn⸗ gerin zu erfahren, und nun hatte man ein Netz aͤber das Haupt der klugen Frau geworfen. Je mehr man die Begebenheiten der Vergangenheit in myſtiſches Dunkel huͤllte, je mehr wurde ihr Intereſſe gereizt, und waͤhrend die ſtolze Clemen⸗ tine mit den Plaudereien der alten Damen ein ſchlaues Spiel zu treiben waͤhnte, ſpielten dieſe recht eigentlich mit einem Geheimniß, das ih⸗ nen den Vogel Phoͤnir in die Haͤnde lieferte. Auf einmal wendete ſich aber das Blatt! Man ſahe Theophilien in einem Privatzirkel, und wollte bemerken, daß der Graf, welcher bei ihrer Vorſtellung den Familiennamen verſchluckte, doch mit ſichtlicher Anſtrengung das furchtſame Maͤd⸗ chen in der Geſellſchaft zu haben ſuchte. Eben ſo wenig entging es den, auf dieſes Haus nun einmal ſchaͤrfer gerichteten Blicken der Meiſten, daß Graͤfin Clementine nichts that, die Bemuͤ⸗ hungen ihres Gemahls zu unterſtuͤtzen.— Ein herrlicher Zunder, um das Feuer einer brennen⸗ den Neugier in aller Herzen zu entzuͤnden! 40 Jetzt war das Fragen an den Damen, aber die Graͤfin hatte nicht Luſt zu antworten. Erſt war es ihr laͤſtig, viel uͤber einen ſo unbedeuten⸗ den Gegenſtand zu ſprechen, dann verſuchte ſie mit einigen erklaͤrenden Worten den Inquiſitorinnen zu entſchluͤpfen. Aus dieſer kurzen Abfertigung zog man aber ein neues Reſultat, und da Clementine wirklich etwas gereizt gegen Theophilien war„ ſo konnte es nicht fehlen, daß ſie mit einiger Ungeduld die Unbeſcheidnen zuruͤckwies. Nun ſchwieg man freilich mit hoͤflicher Schonung von der ganzen Sache, bemuͤhte ſich aber unter der Hand, dem — durch der Graͤfin Wortkargheit noch intereſ⸗ ſanter gewordnen Geheimniß nachzuſpaͤhen, be⸗ nutzte dazu ein paar Winke der gefaͤlligeren St. Clair, und—— ſiehe da! in vier Wochen war man ſo weit, als die Graͤfin in Jahren. Geliebte oder Tochter? fluͤſterte man ſich unter dem Siegel der Verſchwiegenheit zu, und brann⸗ te doch vor Begierde, die ſtolze Frau recht bald mit dieſem Produkt gemeinſamen Scharfſinns zu uͤberraſchen. Aber jeder wußte, was in ſolchen — 41 Faͤllen die Schonung gebietet, ſo begnuͤgte man ſich dann, Clementinen nach und nach errathen zu laſſen, daß ihr Schweigen nur den Commen⸗ tar zu ihrem Schweigen gegeben habe; und voll inn'rer Erbitterung uͤber die Klippe, an der ihre Klugheit geſcheitert war, wandte ſie eben die Pfeile verwundender Rede gegen ihren Gemahl, als dieſer noch hoffte, ihren Argwohn mit einem ſchnell ausgeſonnenen Maͤhrchen einzuſchlaͤfern. Er hatte wohl auf ein unglaͤubiges Kopf⸗ ſchuͤtteln, auf ein paar Einwuͤrfe gerechnet, aber als er auf dem kalten Geſicht der ſonſt ſo beweg⸗ lichen Frau nichts als einen leichten Anflug von Spott las, als ihre, ſonſt von ſprudelndem Witz uͤberfließende Lippe nicht einmal eine alltaͤgliche Antwort fuͤr ſeine vertrauliche Eroͤffnung hatte, da fuͤhlte er wohl, daß der Mann, welcher nicht mehr in dem Herzen ſeiner Frau herrſcht, ſein Reich uͤber ihren Verſtand auf immer verloren hat. Glaube, Liebe! Vertrauen! dieſe drei Ge⸗ nien einer gluͤcklichen Ehe waren ſchon laͤngſt aus der ſeinen entflohen, wie durfte er noch hoffen, daß die ſtolze Clementine eine Rechtfertigung auch 42— nur wuͤnſchen wuͤrde, die ihn ſo hoch uͤber ihren kleinlichen Verdacht ſtellte. Er hatte nichts er⸗ reicht, das fuͤhlte er mit geheimer Beſchaͤmung; die Graͤfin hatte endlich den verletzbarſten Punkt an ihm aufgefunden, das fuͤhlte ſie mit geheimen Triumph. 26. Zwiſchenvorfaͤlle. Der Krieg, welcher lange, wie eine Gewit⸗ terſchwere Wolke, am politiſchen Himmel drohte, war unterdeß ausgebrochen. Das zerſtuͤckelte Land hatte ſich in zwei gro⸗ ße Partheien getheilt, von denen die Eine gegen das fremde Joch kaͤmpfte, die Andre es beſchuͤtz⸗ te oder vertheidigte. Noch war das Uebergewicht auf der Seite der Letzteren, aber ſo glaͤnzend auch ihre Siege waren, dennoch trug ſie den Keim einer baldigen energiſchen Umwandelung ſchon in ſich. Wenn dort ganze Schaaren edler Helden⸗ zuͤnglinge auszogen, um dem erſchuͤtterten Vater⸗ lande Frieden, Ruhe und der Freiheit edle Blu⸗ — 43 me zu erringen, ſo folgte man hier nur dem rauhen Geſetz einer eiſernen Nothwendigkeit mit Widerſtreben, und nicht ſelten blutete das Herz der Sieger fuͤr fremde Sache, mehr uͤber den Untergang ſo vieler edlen Streiter fuͤr des Vater⸗ landes Heil, als alle Wunden, welche der große Kampf fuͤr Freiheit und Recht den Anfangsbeſieg⸗ ten ſchlug. Auch Emmo gluͤhte fuͤr den ſchoͤnen Beruf, dem ſich in dieſer Zeit hochherziger Entſchluſſe ſo Viele mit Begeiſterung weihten, auch er— den die ſtillgenaͤhrte Flamme fuͤr die zarte Theophilia nur empfaͤnglicher fuͤr jene ritterliche Treue mach⸗ te, mit der ein ſtolzes Heer Freiwilliger die Bluͤ⸗ the vollkraͤftiger Jugend auf des Vaterlandes Al⸗ tar opferte— auch er drang in ſeinen Vater, deſſen Hinneigung auf die Seite der Verbuͤndeten ihm immer klarer wurde, ihn nicht laͤnger zuruͤck⸗ zuhalten; aber Graf Malthen war nicht an die⸗ ſen Hof gegangen, um durch einen uͤbereilten Ei⸗ fer dem großen Intereſſe zu ſchaden. Der Fuͤrſt des Landes war noch lange nicht gewonnen fuͤr die gute Sache, obwohl er zu wanken begann, 44—— und mit ſcharfen Blicken der Richtung des ſuͤd⸗ lichen Geſtirns folgte, das noch immer in ſtolzer Neutralitaͤt die Wage hielt. Gelang es den bei⸗ den, nun in feſter Vereinigung wirkenden Poli⸗ tikern: Dornburg und Malthen, den Schein der Abſichtlichkeit von ſich zu entfernen, ſo konnte in kurzem das erfreuliche Werk einer gaͤnzlichen Umſtimmung vollendet ſeyn. Was galt dagegen die Flamme eines, nach Thaten durſtenden Juͤng⸗ lingsherzens? Emmo mußte an der Keite alltaͤglicher Geſchaͤfte ziehen, waͤhrend Major Dornburg zum erſtenmal im Kampfe gegen ſeine Pflicht ſich nur mit Unmuth aus dem Zauber⸗ kreiſe, welchen Leontinens Reiz um ihn gezogen hatte, entfernte, nun einen Feind beſiegen zu helfen, fuͤr deſſen Triumph er gern ſein letztes Herzblut verſpritzt haͤtte. Nicht fuͤr den im Stil⸗ len Gehaßten zu kaͤmpfen, ſchien ihm des Sie⸗ ges werth, und ohne innere Erwaͤrmung, ohne Vertrauen in die Gerechtigkeit der Parthei, wel⸗ cher das Syſtem ſeines Fuͤrſten ihn weihte, folg⸗ te er maſchienenmäͤßig dem Ruf der Drommete. 45 Die Stadt wurde immer einſamer, die Er⸗ wartung taͤglich geſpannter, und jemehr aller Bli⸗ cke ſich auf das große Ganze hinrichteten, je we⸗ niger ſchien man grade jetzt Luſt zu haben, dem Lichtſtrahl nachzuſchleichen, welchen Theophiliens geheimnißvolle Gegenwart uͤber das eheliche Ver⸗ haͤltniß des Grafen Malthen warf. Und dennoch war es grade jetzt, wo das ſchwankende Lebens⸗ ſchiff des Maͤdchens einer gefaͤhrlichen Klippe ent⸗ gegengetrieben wurde. 27. Die Kunſtausſtellung. Der Fuͤrſt war ein leidenſchaftlicher Verehrer der Kuͤnſte. In keiner Hinſicht hatte ſich ſein Einfluß ſo glaͤnzend ausgeſprochen, als in der Bildung des Kunſtſinns ſeiner Unterthanen. Die Gottheit, der ein Regent huldigt, wird immer fuͤr die Zeit ſeiner Regierung National⸗Gottheit. Nach der vorzuͤglichſten Bereicherung der oͤffentli⸗ chen Gallerien wurden bald von den reichen Hoͤf⸗ lingen eine Menge herrlicher Privatſammlungen angelegt, denn mit nichts konnte man den Fuͤr⸗ ſten ſichrer in ſein Haus locken, mit nichts ihm feiner ſchmeicheln, als mit dem ſtummen Bekennt⸗ niß einer gleichen Leidenſchaft. Clementine konnte wirklich in Hinſicht ihres Kunſtgenius den Tauſch der groͤßeren gewerbtrei⸗ benden Provinzialſtadt gegen die kleinere, aber mit Kunſtſchaͤtzen uͤberladene Reſidenz wohl zufrie⸗ den ſeyn. Mit kluger Berechnung hielt ſie zwar fuͤr's Erſte den groͤßten Theil ihrer Meiſterwerke zu⸗ ruͤck, um nach und nach bei beſondern Veranlaſ⸗ ſungen damit hervorzutreten, allein der Fuͤrſt— ſchon durch den glaͤnzenden Ruf ihres Talentes auf ſie als Kuͤnſtlerin vorbereitet, ſaͤumte den⸗ noch nicht, in ihr die Zierde ſeines Hofes wuͤr⸗ digend anzuerkennen, und ſie bei jeder Gelegen⸗ heit ehrend hervorzuziehen. Wie viel Theil die ſchoͤne, ſtolze Junogeſtalt, und der anmuthige Reiz der wohlerhaltenen Zuͤge an dieſer Schaͤ⸗ tzung hatten, ſchien ihm ſelbſt nicht klar zu ſeyn, obgleich die Graͤfin ſich ihres Triumphes nur zu bald bewußt wurde. — 47 Kaum in ihrem neuen Wohnort einheimiſch geworden, bildete ſie auch hier eine Art von en⸗ germ Ausſchuß fuͤr die Geweihten der Kunſt, un⸗ ter denen ſich nicht ſelten ihr feurigſter Verehrer, der Fuͤrſt ſelbſt einfand. Bei einer ſolchen ge⸗ nialen Sitzung wurde von Einigen die Idee in Anregung gebracht, zur Bildung des guten Ge⸗ ſchmacks und vorzuͤglich zur Aufmunterung in⸗ aͤndiſcher Kuͤnſtler eine alljaͤhrige Kunſtausſtel⸗ lung im fuͤrſtlichen Reſidenzſchloß anzuordnen. Alles ſtimmte mit Jubel in einen Vorſchlag, welcher jedem der Anweſenden einen ſuͤßen Tri⸗ umph bereitete, und der Fuͤrſt— einſtimmig zum Praͤſes des kunſtrichterlichen Vehmgerichts er⸗ nannt, begäͤnſtigte ſelbſt einen Entwurf, deſſen Idee ihm ſchon lange vorgeſchwebt hatte. Um fuͤr das Erſtemal nicht allzulange auf die Ausfuͤhrung deſſelben warten zu muͤſſen, wur⸗ de bekannt gemacht, daß man bereit ſei, die letzt vollendeten Werke in⸗ und auslaͤndiſcher Kuͤnſtler darinnen aufzunehmen. 4 (eementine warf einen pruͤfenden Blick auf ihre bisher verborgen gehaltenen Schaͤtze und mit 48— innerer Selbſtbefriedigung ruhte er auf dem Werk, das ihr grade die unangenehmſten Erinnerungen bot: dem Kuß der Pſyche. Sie konnte es ſich nicht ableugnen, dieſen Glanz der Farben, dieſe— der Natur ſelbſt abgelauſchte Darſtellung, dieſe richtige Zeichnung mußten den Preis uͤber alles Fruͤhergeſchaffne da⸗ von tragen, und ohne den Unwillen ihres Ge⸗ mahls zu ſcheuen, der ihr Beginnen fuͤr nichts anders, als eine neue Anreizung anſehen muß⸗ te, beſtimmte ſie— des Beifalls gewiß— gra⸗ de dieſes Gemaͤlde zur Ausſtellung, wozu wohl auch die Gewißheit ſie ermuthigte, niemand wer⸗ de Theophiliens Antheil daran ahnen, da die be⸗ leidigte Frau ſich wohl gehuͤtet hatte, die Zuͤge des— ihrem Gemuͤth ohnedieß nicht befreunde⸗ ten Weſens noch durch ihre Meiſterhand zu ver⸗ ewigen. Endlich nahte der große Tag geſchmeichelter Erwartung. In bunter Menge wogte alles in den fuͤrſtlichen Saͤlen durcheinander. Auch die Graͤfin, und unter ihrem Schutz Leontine und Theovhilia, betraten das Heiligthum der Kunſt. 49 Die Letztere, wie immer in holder Einfachheit, des Reizes ſich ſogar nicht bewußt, den das ſchneeige Gewand und die zierlichen Flechten des reichen Haupthaars ihr liehen, ſog begierig den ihr noch ſelten in ſolcher Fuͤlle gebotenen Genuß ein, als ſie endlich mit ſteigender Verlegenheit die auf ſich gerichteten Blicke vieler Anweſenden bemerkte. Man draͤngte ſich um das Bild der Graͤfin, ſchien es mit etwas zu vergleichen, ſah dann wieder auf die zarte Pſychengeſtalt des von innerer Angſt beklommnen und erbleichten Maͤdchens, und gab ſich durch Mienen und Geberden ſein Erſtaunen zu erkennen. Clementinen ſelbſt entging dieſe Sonderbar⸗ keit nicht, und ſie wollte eben nach Eroͤrterung ſpaͤhen, als der Fuͤrſt ſich Theophilien mit zarter Achtung nahte, ihr den Arm bot, und ſie er⸗ ſuchte, mit ihm in das naͤchſte Zimmer zu gehen, um Zeugin zu ſeyn, wie ein unſterblicher Kuͤnſt⸗ ler mit ſinniger Deutung ihren aͤtheriſchen Reiz der Nachwelt aufbewahrt habe. Cgheophilia erbebte. Sie mußte an einen ob⸗ waltenden Irrthum glauben, aber es aͤngſtete ſie 2r Theil. 4 50 ſchon, die Aufmerkſamkeit ſo vieler Perſonen auf ſich zu ziehen. Erroͤthend und mit pochendem Herzen uͤberließ ſie ſich der Leitung des Fuͤrſten. Da trat Emmo mit leuchtenden Blicken aus der Thuͤr, in welche die Schuͤchterne eben eingehen wollte, und waͤhrend ſeinen uͤberfließenden Lippen, durch des Fuͤrſten unerwartete Naͤhe ploͤtzlich ge⸗ ſchloſſen, nur der entzuͤckende Ausruf:„O Theo⸗ philia!“ entſchluͤpfte, lag in ſeinen ſtrahlenden Augen und den freudegeroͤtheten Wangen der deut⸗ lichſte Commentar der Empfindungen, zu welchen er ſich hier zum erſtenmal mit innigem Selbſtbe⸗ wußtſeyn bekannte. Die Annaͤherung des Fuͤrſten bahnte eine lange Straße bis zu dem Gegenſtand der allge⸗ meinen Bewunderung. Das neugierige Staunen der Menge richtete ſich nun vorerſt auf die be⸗ ſcheidne Fremde an ſeiner Seite, die er ſo ach⸗ tungsvoll, als waͤre es zu einem Triumph, durch die Reihen fuͤhrte, dann thaten Blicke und Wor⸗ te die Ueberraſchung kund, welche ein ſeltſames Spiel des Zufalls durch Theophiliens Erſcheinung derſelben hier bereitete, und wie die Ehrfurcht vor dem Beherrſcher alle Hinderniſſe beſeitigte, ſo draͤngte die Neugierde hinter ihm alles zu ei⸗ nem großen Zuge zuſammen, was der heutigen Luſt ſich erfreute. Dadurch wurde Theophilia von allem abgeſchnitten, was ihr ſonſt noch im Leben Schutz gewaͤhrte, und zum erſtenmal ganz allein auf ſich ſelbſt verwieſen wirkte die ihr bevorſte⸗ hende Ueberraſchung ſtaͤrker auf ihre zarte Or⸗ ganiſation, als die Umſtaͤnde es erwarten lie⸗ ßen. Der Fuͤrſt ſtand mit ihr vor dem Schoͤnſten, was dem Meißel eines zweiten Prariteles entbluͤh⸗ te, vor der herrlichſten Wiederholung des bewun⸗ derten Gemaͤldes der Graͤfin, nur mit jenem un- beſtrittenen Vorzug, daß beide Hauptfiguren nach dem Leben ropirt, meiſterhaft getroffen waren, und daß der blendende Glanz des weißen Mar⸗ mors der ganzen Gruppe erſt jene geheime geiſti⸗ ge Magie verlieh, welche, dieſe Erſcheinung aus dem gewoͤhnlichen Kreiſe der Sinnenwelt ruͤckend, ſie an die nur mit leiſem Schauer geahnete Ge⸗ ſtaltungen eines inneren Lebens reihte. Noch fruͤ⸗ her, als ihr eignes Bild, erkannte Theophilia das, 4* 52 ihrem innern Sinn ſo innig Befreundete, dem ſte, wie es ihr jetzt im Glanz des Tages er⸗ ſchien, den ſuͤßen Namen— Magnus nicht mehr verweigern konnte, und, ergriffen von der Ge⸗ walt dieſer Entdeckung, ſank ſie mit einem leiſen, auf der blaſſen Lippe erſterbenden Laute in die Arme des Fuͤrſten, der— hingeriſſen von der Aehnlichkeit der beiden Lilienweißen Geſtalten— erſchrocken ausrief: „Pſyche ſtirbt!“ Pſyche ſtirbt! hallte es dumpf von jeder Lip⸗ pe wieder, und—— Pſyche ſtirbt! toͤnte es aus der geaͤngſteten Bruſt Emmo's, der— die Menge mit Herkules⸗ kraͤften theilend— verzweiflungsvoll zu ihren Fuͤ⸗ ßen niederſank, und ihre erkaltete Lilienhand an leinen heißen Lippen erwaͤrmte. Welch eine Gruppe! die Blicke der Ver⸗ ſammlung ruhten mit ſtillem Wohlgefallen auf dem ſchönen Paare, deſſen Zuͤge jetzt eben eine wunderbare Harmonie verriethen. Der Fuͤrſt ſelbſt betrachtete laͤchelnd die reizende Erſcheinung, welche an Lebendigkeit und Kraft des Ausdrucks ““ 53 jenes Kunſtgebild weit hinter ſich ließ, und von der Idee ergriffen, Theophilia ſey wohl gar Em⸗ mo's Verlobte, da dieſer nicht zoͤgerte, ſein Ge⸗ fuͤhl fuͤr ſie ſo laut auszuſprechen, legte er mit ritterlicher Galanterie das wieder auflebende Maͤb⸗ chen in des Juͤnglings Arme, und ſagte laͤchelnd: Pſyche erwacht an Amors Herzen! Wie ein Blitz durchzuckte dieſe zarte Wuͤrdl⸗ gung eines fremden Gefuͤhls alle Umſtehenden. Es war gleichſam das froͤhliche Ende eines unter ihren Augen gegebenen Schauſpiels, und ohne Verabredung— ja von vielen ſogar unbewußt, löͤſ'te ſich ein lautes: Bravo! es lebe der Fuͤrſt! von allen Zungen. Clementine hatte bei dieſer ganzen, ſehr raſch durchgeſpielten Scene eine ſtumme, betrof⸗ fene Zuſchauerin abgegeben. Der erſte Blick auf die herrliche Steingruppe mahnte ſie an ihren verſchwundenen Freund. Daruͤber entging ihr — die etwas ſpaͤter hinzutrat— Theophiliens Ohn⸗ macht. Emmo's angſtvoller Ausruf weckte ſie zwar aus ihren Traͤumen, aber nur, um ſie vor Erſtaunen ſelbſt zu verſteinern, und nun erfolgte 54 des Fuͤrſten raſche Handlung, die zu wiederrufen ſie ſich als Stiefmutter des jungen Mannes nicht befugt glaubte. Alles, was ihr in dieſem Mo⸗ ment uͤbrig blieb, war: die betaͤubte Theophilia aus den, ſie im Wonnerauſch umſchlingenden Armen Emmo's zu entreißen, und ſie der Obſor⸗ ge Leontinens zu uͤbergeben, die ihre Theilnahme mit der ihr gewoͤhnlichen Lebhaftigkeit bei einem Ereigniß ausdruͤckte, welches ſchon lange voraus geahnet zu haben, ihr den ſuͤßeſten Triumph be⸗ reitete. Niemand war aber durch dieſe ploͤtzliche Ver⸗ lobung hoͤher begluͤckt, als Emmo, der erſt in dieſem Augenblick zu fuͤhlen glaubte, worauf ſein zartes, inniges Intereſſe an der lieblichen Pflege⸗ ſchweſter ſchon laͤngſt hindeutete. Sie war nun ſein! Vor den Augen der ganzen Reſidenz hat⸗ te der Fuͤrſt ſelbſt ſie ihm uͤbergeben, und— was er dunkel fuͤrchtete— des Vaters Einſpruch — konnte ſie ihm nicht mehr rauben. Mit ei⸗ ner gewiſſen Begierde, ſein Verhaͤltniß zu dem geliebten Maͤdchen der ganzen Welt kund zu thun, und es dadurch recht feſt zu ſtellen, draͤngte er ——— ſich an die— am Arm der Schweſter hinaus⸗ wankende Theophilia, und leitete ſie, die nicht widerſtreben konnte, in ſeeliger Wonne verſtum⸗ mend, an den bereitſtehenden Wagen. Kaum in ihrem Zimmer angekommen, uͤber⸗ legte Clementine lange, auf welche Art dem Gra⸗ fen dieſer, ſeine ganzen Abſichten zerſtoͤrender Vorfall bekannt zu machen ſey. Eigentlich konn⸗ te der fein angelegteſte Plan nicht beſſer in ihre Haͤnde arbeiten, denn nun mußte es ſich endlich zeigen, wie weit ihr Gemahl die Verſtellungs⸗ kunſt uͤbte, nun konnte er nur mit einem be⸗ ſchaͤmenden Geſtaͤndniß, oder mit dem Opfer ſeiner liebſten Wuͤnſche entkommen, und einen ſo vollſtaͤndigen Triumph hatte ſie ſich nie ge⸗ traͤumt. Theophilia, die Heldin des ſo eben aufge⸗ fuͤhrten Drama's, ahnete am wenigſten den gan⸗ zen Umfang der Gefahr, in der ihr Schickſal ſchwebte. Weder des Fuͤrſten deutungsvolle Wor⸗ te, noch Emmo's Ausrufungen waren zu ihren Ohren gedrungen. Nichts hatte ſie erſchreckt als die Beſchaͤmung, in einer, ihr Zartgefuͤhl belei⸗ 56 digenden Stellung, den Augen des Publikums Preis gegeben zu ſeyn; und nichts ſie mit groͤßerm Unwillen erfuͤllt, als daß irgend ein Kuͤnſtler es gewagt hatte, jenen Moment, uͤber dem noch immer, in Hinſicht des ihr werth gewordenen Magnus, ein geheimnißvolles Dunkel ſchwebte, in ſo treuer Wahrheit der Welt zu uͤbergeben. Was ihre Kindesunſchuld ihr bisher ſchonend verbarg—(den wohlgemeinten Betrug Edwins,) hatte ein Blick auf das ſchoͤne Juͤnglingsantlitz des Sterbenden, und eine ſchnelle Vergleichung der ihr theuer gewordenen Zuͤge des edlen Mag⸗ nus ihrem ſchon befangenen Herzen ploͤtzlich kund gethan, und waͤhrend Leontine mit liebender Vorſorge die Erſchuͤtterte vor jeder zudringlichen Frage ſchuͤtzte, ſchlug die Flamme einer wunder⸗ bar genaͤhrten Neigung deſto tiefer Wurzel in der Bruſt des in ſtillem Sinnen verlornen Maͤdchens. Sie wußte es jetzt, daß ſie ihn liebte— unaus⸗ ſprechlich— ewig! den Juͤngling, an deſſen hei⸗ ßem Herzen ſie in jener Minute ſuͤßer Betaͤubung als Pſyche geruht hatte, ſie wußte es, daß ſie ſeine Seele mit jenem Scheidekuß in ſich auf⸗ — nahm, und laͤchelte beſeeligt in ſich hinein, wie ein traͤumendes Kind; waͤhrend Leontine froͤhlich in das Nebenzimmer eilte, um dem gluͤcklichen Emmo die erfreuliche Kunde des Laͤchelns der Geliebten zu bringen. 28. Die Werbung. Clementine, die Bedachtſamſte der Frauen, wenn es einen geſchickten Ruͤckzug galt, ließ ſich krank anſagen, um nicht die Erſte zu ſeyn, welche ihrem Gemahl, der heute von einer klei⸗ nen Reiſe zuruͤckkehren ſollte, nach jener uner⸗ freulichen Begebenheit unter die Augen traͤte. Dagegen konnte der ungeduldige Emmo kaum des Vaters Wiederkehr erwarten, um ihm ſeine Gefuͤhle fuͤr Theophilien, nebſt des Fuͤrſten oͤffent⸗ licher Anerkennung derſelben bekannt zu machen. Der Schlag traf unerwartet, aber eben darum deſto heftiger auf das Haupt des betroffenen Staatsmannes, der, ſeinem begluͤckten Sohn ge⸗ genuͤber, alle Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt verlor. 58 Nicht Emmo's Leidenſchaft— er wuͤrde ihr ein Felſenherz entgegengeſetzt haben— erſchuͤtter⸗ te ihn ſo, ſondern des Fuͤrſten Einmiſchung! Sie brach den Stab uͤber ſeine geheimen Wuͤn⸗ ſche. Seiner Verwendung durfte er Theophilien nicht abſchlagen, wenn nicht an dem heftig auf⸗ brauſenden Sinn des ſchnell gereizten Beherr⸗ ſchers der ganze ſchon ſo weit gediehene Plan ſeines Hofes ſcheitern ſollte.— Er war vernich⸗ tet und uͤberhaͤufte den erſchrocknen Juͤngling mit den haͤrteſten Drohungen, wenn er nicht ſelbſt eine ſo voreilig geaͤußerte Neigung gegen den Fuͤrſten ableugne. „Das kann ich nicht, mein Vater!“ er⸗ klaͤrte Emmo dagegen mit edler Zuverſicht!„Mei⸗ ne Liebe wuͤrde ich Ihren Wuͤnſchen opfern, aber nicht Theophiliens Ehre. Sie lag in meinen Ar⸗ men, und ihr Herz ſprach ſich in jenem Augen⸗ blick ſuͤßer Hingebung eben ſo deutlich, als mei⸗ ne Leidenſchaft aus. Sie iſt mir oͤffentlich ver⸗ lobt, und Sie, theurer Vater, koͤnnen nichts, als unſern Bund ſegnen.“ V „Ihm fluchen!“ rief der Graf(das Geſicht verhuͤllend) und warf ſich erſchoͤpft in ein Sopha. Emmo ſtuͤrzte erblaſſend zu ſeinen Fuͤßen und— wunderbarer Weiſe durchzuckte ihn jetzt mit Bli⸗ tzesſchnelle der naͤmliche Argwohn, den die Welt und Clementine hegte. „Vater! um Gottes willen!“ rief er,„darf ich an Theophilien nicht denken, ohne ein heiliges Band der Verwandtſchaft zu verletzen?“— Da war er ausgeſprochen, der ungluͤckſeelige Verdacht, der ſeit Jahren ſchon um die argloſe⸗ ſten Handlungen des Praͤſidenten herumſpielte, und dem eine dunkle Ahnung ihn ſchon ſo lange entgegenarbeiten ließ! Der eigne Sohn ſtieß den Pfeil in die Bruſt des Vaters, welche ſelbſt Cle⸗ mentinens abgeſendete Bolzen nicht treffen konn⸗ ten. Es giebt— wer leugnet es?— Augenblicke in unſerm Leben, die wie eine große Erderſchuͤt⸗ terung alles ſchon vorhandene unnſtuͤrzen und gleichgam eine neue Welt aus den Truͤmmern des Alten entſtehen laſſen. Das kecke, rohe Be⸗ ruͤhren der zarteſten Saite unſers Gefuͤhls, bringt 60— zuweilen dieſe Gaͤhrung hervor, oft auch nur das laute Ausſprechen eines Wortes, das wir laͤngſt im Stillen gedacht und gefuͤrchtet haben.“ So wirkte auch Emmo's kuͤhne Frage auf den erſchuͤtterten Malthen. Zorngluͤhend ſprang er auf und rief:„Unſinniger! was wagſt Du zu denken? Jetzt wirſt Du mit ihr getraut und muͤßteſt Du im naͤchſten Augenblick wieder von ihr geſchieden werden!“ Emmo ſchauderte. So war es nicht, wie er die Geliebte erringen wollte. Sein weicher Sinn empoͤrte ſich gegen alle Gewaltthaten, ſein klares wohlgeordnetes Gemuͤth wurde durch die Leidenſchaftlichkeit dieſer Scene ohnedies ſchon aus ſich ſelbſt herausgeriſſen, und in eine fremd⸗ artige Spannung verſetzt, wie ſollte eine ſo gaͤnz⸗ liche Umwaͤlzung aller Anſichten ihn nicht unbe⸗ kannte Schreckniſſe ahnen laſſen, die zu beſiegen er ſich ſelbſt in voller Mannskraft nicht entſchloſ⸗ ſen genug fuͤhlte. Haͤtte der Praͤſident jetzt ſei⸗ nen Vortheil genutzt, er wuͤrde in dieſer Minute innern Grauens, alles,— ſelbſt den Widerruf gegen den Fuͤrſten von ihm erpreßt haben, denn 61 waͤhrend ein offnes, treues, kraͤftiges Gemuͤth ſich mit Feſtigkeit jeder ſichtbaren Gefahr entge⸗ genſtemmt, tritt es verſchuͤchtert in die enggezoge⸗ nen Graͤnzen der Nothwendigkeit zuruͤck, wenn die Geiſterſchauer unbekannter Einwirkungen es umwehen. Aber die ungezaͤhmte— meiſt nur aus ſtaatsklugen Abſichten gefeſſelte Leidenſchaft⸗ lichkeit ſeines Charakters erlaubte ihm nicht des Sohnes Stimmung genauer zu erforſchen. Es war ihm genug an dem ploͤtzlichen Widerſpruch, den er— nicht von dieſem, ſondern von ſeinem ganzen Schickſal in der Perſon des Fuͤrſten er⸗ litt, und nicht ferner wollte er von einer Sache ſprechen hoͤren, die ein ſo zweifelhaftes Licht auf ſeinen Charakter warf. Er hatte daher ſchon lange im Zorn das Zimmer verlaſſen, als Emmo noch immer nachſann, ob er eine ſolche Einwil⸗ ligung nicht lieber zuruͤckgeben ſolle. Den andern Morgen war die Oberflaͤche des ſturmbewegten Meeres wieder geglaͤttet. Der Praͤſident hatte alles gewonnen, denn die lange truͤbe Nacht, welche zwiſchen Emmo's Geſtaͤnd⸗ niſſen und ſeinen zu ergreifenden Maßregeln lag, 62 gewaͤhrte ihm Zeit zu einem Stoff, aus dem klu⸗ ge Haͤnde alles bereiten koͤnnen. Heiterer als ſonſt— denn es galt einen ſiegreichen Kampf der Liſt gegen ein unabwend⸗ bar ſcheinendes Geſchick— begab er ſich zum Fuͤrſten, den er um eine Privataudienz erſuchen ließ. Laͤchelnd, und mit nicht ganz gutem Gewiſ⸗ ſen wurde er von dieſem empfangen, der nur we⸗ nige Augenblicke einſamen Nachdenkens bedurfte, um das Mißliche eines Eingriffs in die Rechte des Vaters zu fuͤhlen. Wozu ſein reger Kunſt⸗ ſinn und der Zauber einer fuͤr das Schoͤne ſchnell entflammten Phantaſie, ihn verlockt hatten, das ſtand jetzt als ein recht unfuͤrſtliches Spiel vor dem nuͤchtern gewordnen Auge ſeines Geiſtes. Die Gruͤnde, welche Graf Malthen gegen die Verbin⸗ dung des hoffnungsvollen Erben ſeines Stammes mit einem ganz unbekannten Maͤdchen haben koͤnnte, fielen heut bei ihm ſo ſchwer in's Ge⸗ wicht, als geſtern des Juͤnglings Verzweiflung. Gleichwohl darf ein Fuͤrſt wohl ſich— aber nie der Welt eingeſtehen, daß er dem magiſchen Lich⸗ — 63 te einer zu lebhaft colorirenden Phantafie mehr getraut habe, als der reinen Helle des unbeſto⸗ chenen ernſtpruͤfenden Verſtandes. Waͤhrend er alſo ſehr geneigt war, dem Praͤſidenten einige Unzufriedenheit mit ſeiner Allerhoͤchſten Einmi⸗ ſchung zu verzeihen, war er doch nichts deſto we⸗ niger feſt entſchloſſen, gaͤlte es auch beſondrer Hebel, um das unbekannte Kind in einen ſtolzen Familienkreis einzuſchwaͤrzen, ſeiner geſtrigen ſymboliſchen Handlung das Siegel aufzudruͤcken. Ein Fuͤrſt ſieht nie etwas anders als com⸗ ponirte Geſichtszuͤge, weil Jeder, der auch noch den Menſchen bis in das Vorzimmer mitgebracht haͤtte, dort Muße genug findet, ihn wie ein un⸗ zierliches Kleidungsſtuͤck gegen den Gallarock des immerwaͤhrenden Sonnenſcheins auf dem Geſicht eines Hoͤflings umzutauſchen; daher moͤchte der Bildner eines kuͤnftigen Herrſchers wohl Lavaters Kunſt minder eifrig betreiben, als die ungleich Wichtigere, ſeinen Blick fuͤr jegliche pſychologiſche . Wahrnehmung zu ſchaͤrfen. Der Hofdienſt druͤckt mit der Zeit jedem Geſicht den gleichen Stempel auf, aber die Seele— wenn auch Fuͤrſtengunſt 64 immerhin ihr allgemeiner Strebepunkt bleibt— verirrt ſich doch ſo mannichfach in den kuͤnſtlich verſchlungenen Pfaden, die, je naͤher dem Ziele, je ſchneller davon ableiten, daß ein Pſycholog auf dem Thron der Langenweile nimmer anheim fiele. Die heitre, geglaͤttete Stirn des Praͤſidenten war es alſo nicht, die des Fuͤrſten geheime Un⸗ ruhe beſchwichtigte, wohl aber der gleichmaͤßige, nicht beeilende Uebergang, mit welchem Graf Malthen nach einem anhaltenden Geſchaͤftsvor⸗ trag endlich auf ſeine Privatangelegenheiten kam. Theophilia war— nach deſſen Erklaͤrung— ſchon laͤngſt ein fuͤr den geliebten Sohn aufgeſyar⸗ ter Schatz, da gewiſſe Umſtaͤnde ihn auch von ih⸗ rer Seite auf die Spur einer hohen Geburt lei⸗ teten, aber das Verbot ihrer fruͤheren Beſchuͤtze⸗ rin, der Aebtiſſin, geſtatte nicht den Schleier vor ihrer Volljaͤhrigkeit zu luͤften, und es leuchte ein, daß— ſo liebenswuͤrdig das ſchoͤne Kind auch ſey — es dem Erben eines großen Namens doch we⸗ nigſtens irgend eine Gewißheit uͤber ſeine Her⸗ kunft entgegen bringen muͤſſe. Darum habe er als Vater es fuͤr unerlaͤßlich erachtet, das 65 tiefſte Geheimniß uͤber ſeine Plaͤne zu beobachten, und—— Der Fuͤrſt war zu klug, um dieſen Satz nicht nach ſeiner eigenen Ueberzeugung auszufuͤllen. Guͤtig kam er den leiſe angedeuteten Wuͤnſchen des Praͤſidenten durch das Erbieten entgegen, das junge Maͤdchen bis zu der Auffindung ſeiner wahren Eltern durch Ertheilung eines Interims⸗ namens und Standes, ſowohl der Vorſtellung am Hofe, als auch der Verbindung eines Mal⸗ then's wuͤrdig zu machen. Daß dieſe denn nicht eher als nach Theophiliens ein und zwanzigſtem Jahre, worauf der Fuͤrſt ihre Volljaͤhrigkeit feſt⸗ ſetzte, ſtattfinden durfte, war eine Entſcheidung, die alle Theile befriedigen mußte; wenn Theophi⸗ lia nur bei der erſten Vorſtellung als Braut des jungen Grafen Malthen auftrat. Jetzt, dem Gefuͤhl peinigender Ungewißheit entnommen, erhob das Intereſſe beider hethero⸗ gener Geiſter ſich ſogar bis zu einem lebhaften Forſchungstrieb nach dem Namen des unbekann⸗ en Kuͤnſtlers, dem es gegluͤckt war, Pſychens hoͤchſten Reiz in der Geſtalt der zarten Theophi⸗ 2r Theil. 5 lia dem trunknen Auge der Kunſtwelt aufzu⸗ ſchließen. Dem Praͤſidenten wurde es zwar nicht ſchwer, Edwins kunſtgeuͤbten Meißel und ſeinen ſchnell auffaſſenden Genius in dem Meiſterwerk zu erkennen; allein weder er, noch der Fuͤrſt konnten begreifen, was den weltberuͤhmten Kuͤnſt⸗ ler zu der ſeltſamen Grille verleitet haben moͤch⸗ te, ſein gelungenſtes Werk zu verlaͤugnen. Gleich⸗ wohl lag dies außer allem Zweifel, wenn man den Worten des herbeigerufenen Haushofmeiſters glaubte, der eine genaue Schilderung aller— beinahe in's Kleinliche uͤbergehenden Vorſichts⸗ maßregeln machte, welche die— das Kunſtgebild an den Ort der Ausſtellung hin und wieder fort befoͤrdernden Traͤger angewandt hatten. Bei dieſer Gelegenheit mußte dem Grafen natuͤrlich Clementine einfallen, und— er konnte nicht laͤugnen, der unzweideutige Triumph, den er in Kurzem uͤber ſie und die Welt davon zu tragen gewiß war, troͤſtete ihn maͤchtig uͤber den Gewaltſchritt, welchen er heute in Theophiliens ** Schickſal zu thun genoͤthigt war. Ein Herz, das ſich Jahre lang mit dem Be⸗ 67 wußtſeyn angekuͤnſtelter Erhabenheit naͤhrte, und ſich daran genuͤgen ließ, umfaßt nie mehr etwas, außer dieſem einzigen Idol, mit ſo treuer, kraͤftiger Liebe, daß es nicht im Kampf mit die⸗ ſem Rieſen untergehen muͤßte. Was auch in Theophiliens braͤutlichem Ver⸗ haͤltniß zu Emmo, ihn tief verletzte, das Gluͤck, allein unfehlbar unter ſo vielen Irrenden zu ſte⸗ hen, uͤberbot alle Schaͤtze, welche ihm in der ſtil⸗ len Bruſt des Maͤdchens verloren gingen. 29. Der Siegesbothe. Graf Malthen betrat kaum die Schwelle ſei⸗ nes Hauſes, ſo flog Emmo ſchon mit freudeſtrah⸗ lenden Augen dem ſehnſuchtsvoll Erwarteten entgegen. Wie? ſind die truͤben Sterne dieſer, in pei⸗ nigender Unruhe durchwachten Nacht alle ſchon untergegangen? kannte der liebegluͤhende Juͤngling, aauf deſſen erbleichter Lippe geſtern ſchon das Scheidewort des Gluͤckes: Entſagung, ſchwebte, 5* 68 heut keine andre Sorge, als des Vaters boͤſen Geiſt noch einmal zu wecken?—— Aber nein! er draͤngt ſich freudezitternd an das Ohr des, wie gewoͤhnlich finſter vor ſich Hin⸗ ſtarrenden und fluͤſtert ihm mit zwei Worten ein Geheimniß zu, das ſchneller als der Schoͤpfungs⸗ ruf: Es werde Licht! die dunklen Furchen von feiner Stirn ſcheuchte. „Wo! wo!“ rief der Praͤſident, des innern Freudenſturmes kaum maͤchtig, und eilte dem ant⸗ wortenden Sohne voran auf deſſen Zimmer, denn dort ſollte ja der ſchoͤnen Verheißung Beglaubi⸗ gung ſeiner harren. „Die erſte Blume aus unſerm Siegeskranz bringe ich dem Freunde der guten Sache!“ rief der Regierungsrath v. Sirden dem Eintretenden froͤhlich entgegen und eine dankbare Umarmung lohnte ihn dafuͤr. Er war als Courier von dem Hofe, welchem der Praͤſident noch ſeine geheimen Dienſte weih⸗ te, mit den erſten ſeegensvollen Bluͤthen eines neu und feſtgeſchloßnen Bundes an dieſen geſen⸗ det, um ſeinem Geſchaͤft Nachdruck zu geben. — — 69 Der Stern in Suͤden hatte ſich endlich gleich ei⸗ ner ſeegenbringenden Sonne zu den Dioscuren geneigt, und was die vereinzelten Strahlen nicht zu ſchmelzen vermochten, loͤſte die Glut der Ver⸗ einigten in Nichts auf. Der erſte Sieg floß wie eine frohe Verheißung von den Lippen des Be⸗ geiſterten, und der Vollendung ſeiner kuͤhnen Plaͤne nunmehr gewiß, ſtand Malthen mit ein paar leuchtenden Feldherrn⸗-Augen vor dem Er⸗ zaͤhlenden, denn was auch die Heldenſchaar noch fuͤrder ſich erſtreben mochte, in ſeiner Staats⸗ kunſt lag der Keim eines neuen— herrlichen Sieges uͤber Millionen, die dem großen, allgemei⸗ nen Intereſſe wieder gewonnen wurden. Heiter durchflog er die Verhaltungs⸗Befeh⸗ le, die Sirden ihm von ſeinem Hofe uͤberreichte. Sie ſtimmten in allen Theilen mit dem ſchon eingeleiteten Gang des Geſchaͤfts uͤberein, und kaum war der willkommene Bothe fort, ſo eilte er im Verein mit Dornburgs thaͤtigem Eifer die Siegesnachrichten in unverſtelltem Glanze, doch ohne die Quelle ahnen zu laſſen, von der ſie ausgingen, unter dem— fuͤr die gerechte Sache 70 brennendem Volke auszuſtreun. So erreichten ſie das Ohr des Fuͤrſten faſt zugleich mit den Un⸗ heil verkuͤndenden, welche von dem feindlichen, ihm befreundeten Heere einliefen und halfen den, ohnehin ſchon ſchwankenden Grund, auf welchen ſeine Treue ſich noch ſtuͤtzte, vollends untergraben. Es liegt außer dem Bereich dieſer Blaͤtter, mit hiſtoriſcher Genauigkeit alle die Jrrgewinde zu verfolgen, durch welche Graf Malthens ſchlaue Politik, unter des redlichen Dornburgs weiſer Mitwirkung, den, nur zu lange falſchen Maͤch⸗ ten verfallnen Fuͤrſten endlich dem ſchoͤnſten, heilbringendſten Bundesverein zufuͤhrten. Es ſei uns genug zu wiſſen, daß wenige Wochen ſpaͤter die, fuͤr ein fremdes Intereſſe fechtenden Truppen ſich kampfluſtig an das Bun⸗ desheer anſchloſſen, und daß kein Aufruf mit mehr Begeiſterung aufgenommen wurde, als der, fuͤr den edlen Kampf der Freiheit neue Streiter zu werben. Auch Emmo, obwohl an das Va⸗ terhaus mit ſuͤßen Banden gefeſſelt, ſprach jetzt noch einmal, und dringender als je, ſeine fruͤher angedeuteten Wuͤnſche aus, denn des Vaters hef⸗ — 74 tig geaͤußerter Widerwillen gegen eine Verbindung mit Theophilien, warf einen dunkeln Schatten auf den erſten Wonnetraum ſeines Lebens. Die ſtille Gewalt, welche das Maͤdchen uͤber ſein Herz uͤbte, war kein Reich von dieſer Welt; das fuͤhlte er immer klarer. Es kamen ihm Au⸗ genblicke eines ſo innigen Verſtehens ihres leiſen Seelenlebens, daß er ſie eigner zu beſitzen glaubte im Entſagen, als im Gewinnen ihrer Hand. Er ſcheute ſich, die weißen Engelsfittige mit unrei⸗ nen Banden zu feſſeln, und wie auch ſeine Liebe ſich im Anſchauen ihres Liliendaſeyns noch ver⸗ klaͤren wuͤrde, des Vaters feindliches Gegenſtre⸗ ben raubte dem Bunde doch die hoͤhere Weihe. So wollte er denn die richtenden Schickſals⸗ maͤchte noch einmal befragen, ehe er ihren Sinn zu deuten wagte. In heißer Schlacht— ſo meinte er— mͤſe es ſich kund thun, ob Theophiliens Stern ſich zu dem Seinen neigen duͤrfe, und diesmal verſagte Graf Malthen der erneuerten Bitte die Erfuͤl⸗ lung nicht. Des Sohnes Enrfesrung zachh das Schau 72 ſpiel, welches er naͤchſtens dem Hofe zu geben ge⸗ dachte, erſt vollends zu einem Schattenſpiel, denn— ohne eine ſo furchtbare Entſcheidung vorauszuſetzen, als Emmo von dieſem Feldzug er⸗ wartete, ließ die Entfernung, vielleicht gar die wankende Treue der Verlobten, doch eine weit mildere Auskunft hoffen. Sorgſam verbarg er ihm daher die Vorbe⸗ reitungen, welche ganz im Geheim zu Theophi⸗ liens Vorſtellung bei Hofe und ihrer oͤffentlichen Verlobung getroffen wurden, und beſchloß, daß der naͤchſt darauf folgende Tag ihn ſchon vom Goͤttermal begluͤckter Liebe abrufen ſollte. Bis dahin buͤrgte des Maͤdchens zarte Schuͤch⸗ ternheit und Emmo's feſter Entſchluß, die Frucht nicht zu zeitigen, ihm mehr als der eignen Bli⸗ cke ſtrengſte Wache fuͤr jede zu fruͤhe Annaͤherung. Wer buͤrgte ihm aber fuͤr Leontinens Plau⸗ dermaͤulchen, das nur ſo lange hoͤchſtens geſchloſ⸗ ſen blieb, als die fieberhafte Glut auf Theophi⸗ liens zarten Wangen Zeugin eines noch unbe⸗ kaͤmpften innern Sturms war, dann aber den leichten Damm durchbrechend in ungemeſſenen ᷣ — 73 Stroͤmen ſich uͤber der Freundin und des Bruders Gluͤck ergoß? Es machte ſie wenig irre, daß Je⸗ ne ihr erſt verwundert, dann erbleichend zuhoͤrte, war doch nun das Raͤthſel auf einmal gelöͤſt, das mit den Beiden ſie ſchon laͤngſt geneckt hat⸗ te. War es ihr doch ſchon eine vielerprobte Er⸗ fahrung, daß die Freude, welche ihre Wangen mit Roſenglut uͤbergoß, gleich einem ſanften Bluͤ⸗ thenregen, ſich auf der lieblichen Pflegeſchweſter Zuͤge niederſenkte, und daß kein Wort— kein Seufzer der beengten Bruſt des uͤberraſchten, ge⸗ aͤngſteten Maͤdchens entſchluͤpfte, lag wohl nur in der ſchnell erlernten Kunſt vereinzelter Weſen, den innern Reichthum der Gefuͤhle, welchen nie⸗ mand als ein Mutter⸗ oder Schweſterherz zu wuͤrdigen vermag, ſtill in ſich zu verſchließen. 30. Die Vorſtellung. Es gehoͤrten nur wenige Stunden dazu, um die beſcheidne Theophilia von der Nichtigkeit ih⸗ rer, durch Leontinen aufgeregten Beſorgniß zu 74 uͤberzengen. Emmo's mehr als bruͤderliche Nei⸗ gung, wenn ſie daran glauben mußte, erſchien ihr als eine voruͤbergehende Verirrung ſeines wei⸗ chen, von allen im Hauſe, außer ihr, mehr oder weniger mißverſtandnen Gefuͤhls, welche nie die Billigung des ſtolzen Vaters erhalten konnte. Sie— die verwaiſte, unbekannte, namenloſe Theophilia, fuͤhlte ihre gaͤnzliche Verlaſſenheit zu tief, um ſich je dem einzigen Erben eines großen und geehrten Namens anders, als in der be⸗ ſcheidenen Wuͤrde ſtillen weiblichen Werthes ge⸗ genuͤber zu ſtellen. Des Fuͤrſten maͤchtiger Einfluß leuchtete ihr, die ſich nie von der Treibhauswaͤrme fluͤchtiger Hofgunſt emporgezogen fuͤhlte, um ſo weniger ein, da ſie von dem ganzen, durch Leontinens kraͤfti⸗ ge Farbengebung ſichtbar verſchoͤnerten Ereigniß im Ausſtellungsſaal, keine andere Erinnerung aufbewahrte, als die, welche ihr Herz ewig jeder fremden Liebe unzugaͤnglich machte. Nur vorſich⸗ tiger wich ſie daher jedem traulichen Verkehr mit dem bruͤderlichen Freunde aus, der ohnehin von ſeinem kraͤftigen Entſchluß unterſtuͤtzt dem Um⸗ 75 gang mit ihr eher das Siegel ſcheuer Ehrerbie⸗ tung, als hoſſender Liebe aufdruͤckte. So nahte, ungeahnet von allen Bewohnern des Hauſes, der feſtliche Tag, deſſen Hauptmo⸗ ment, je naͤher er ruͤckte, ſich immer ſchwerer an das bewegte Herz des Praͤſidenten hing. Am Morgen deſſelben Tages trat Graf Mal⸗ then mit erkuͤnſtelter Ruhe in das ſtille Gemach Theophiliens. Er wußte wohl, daß der heutige Akt nur ein Blendwerk war, mit dem er die Verlaͤumder einſchuͤchtern und des Fuͤrſten Unfehl⸗ barkeit retten wollte, aber, wie der Schauſpieler oft von der Wahrheit ſeines eigenen Spiels er⸗ griffen, in leiſen Herzenstoͤnen den gewaltig ge⸗ ſchwungenen Akkorden einer erſchuͤtternden Dich⸗ tung nachweint, ſo bebte auch ſein Inneres vor dem— ſich ihm oft wieder aufdraͤngenden Ge⸗ danken, das Schickſal koͤnne ein Band, was er heut ſelbſt in argliſtiger Taͤuſchung um die beiden ahnungsloſen Herzen ſchlaͤnge, doch einſt feſter ziehen.— Theophilia hatte eben gebetet. Sie trat ihm in ſtiller Klarheit, die feinen Haͤnde noch 76— andaͤchtig gefaſtet, entgegen; nicht forſchend nach dem Grund ſeines fruͤhen Beſuchs, aber ernſt geſammelt und freundlich ergeben, ſeinen Willen wohl zu vernehmen und puͤnktlich zu vollziehen. „Ich bringe meinem liebenswuͤrdigen Schuͤtz⸗ ling frohe Kunde,“ ſagte er nach einigen einlei— tenden Worten.„Der Fuͤrſt, beſtochen von Pſy⸗ chens Liebreiz, wuͤnſcht ſie nicht allein als ſchoͤne Fabel im Reiche der Dichtung herrſchen zu ſe⸗ hen, er will, daß ſie auch an ſeinem Hofe die zweite Heimath finde und dazu fehlte Theophilien bisher nur ein Vorzug, den ſie mit weniger Strenge und etwas mehr Neugierde ſich vielleicht ſelbſt ſchon anzueignen faͤhig waͤre. Aber der Fuͤrſt ehrt die Gewiſſenhaftigkeit des frommen Kloſterzoͤglings, und giebt ihm, was er ſonſt noch lange entbehren wuͤrde: Einen Namen!“ Dabei uͤberreichte er der Ueberraſchten ein großes zuſammengebogenes Blatt mit fuͤrſtlichem Siegel. Erblaſſend, als ahne ſie jetzt die ganze Fuͤlle ihres Ungluͤcks, trat Theophilia zuruck. Es war ihr unmoͤglich die Haͤnde zum Empfang des in⸗ 4 2 — 77 haltſchweren Papiers und die Lippen zum erwar⸗ teten Dank zu oͤffnen. Sie richtete nur die ſanften Augen flehend auf den in ſie Dringenden. Graf Malthen, ewig fremd in dem geheim⸗ nißvollen Reich der Gefuͤhle, begriff dies Zoͤgern nicht, und legte das Blatt etwas gereizt auf ei⸗ nen Nebentiſch, mit Unmuth hinzufuͤgend: So wenig Dank verdient ſich der Bothe erfreulicher Nachricht? „Des Dankes unendliche Fuͤlle,“ preßte Theo⸗ philia endlich hervor,„doch ſcheint es mir, als wuͤrde die unbedeutende Waiſe durch den fabel⸗ haften Namen nicht an einem Hof heimiſch, wo die Wahrheit allein Zutritt haben ſollte! O ſchuͤtzen Sie mich vor dem brennenden Lichtſtrahl, der meine Dunkelheit zwar einen Augenblick er⸗ hellen, aber nicht immer beleuchten kann!“ bat ſie mit flehend empor gehobenen Haͤnden. Malthen heftete erſchuͤttert ſeine Blicke auf die ruͤhrende Geſtalt, die, aller irrdiſchen Hoheit ſich begebend, das unſcheinbore Loos, welches ihr das Schickſal zugeworfen, jetzt noch einmal mit beſcheidnem Sinn zu ziehen bereit war. 33 78 „Nein!“ rief er, ſich ſelbſt ſtark machend. „Nein, Theophilia 1 Sie haben kein Recht einen Vortheil auszuſchlagen, der Sie in die Welt, und ihre, von ihnen noch ungekannte Freuden ein⸗ fuͤhrt, und den ich, Ihr Vormund fuͤr Sie, an⸗ nehme. Sie ſind ein Glied meiner Familie, Sie werden es durch dieſen Namen noch mehr, und ich benachrichtige Sie blos, daß der Fuͤrſt den heutigen Tag zu Ihrer Vorſtellung bei Hofe be⸗ ſtimmt hat. In wenig Augenblicken bringt Ihr Maͤdchen alles, was Pſychens Reiz erhoͤhen kann. Benutzen Sie dieſe, ſich an Ihr neues Verhaͤlt⸗ niß zur Welt zu gewoͤhnen.“ Mit dieſen Worten ſich entfernend, ließ er die Beſtuͤrzte in einem Zuſtand der Betaͤubung zuruͤck, der ſie ſelbſt fuͤr den Anblick des glaͤn⸗ zendſten, wohlgewaͤhlteſten Putzes unempfindlich machte. Auch wir verlaſſen die, von ſo neuen Empfin⸗ dungen Beſtuͤrmte, um dem Grafen auf einem zweiten Morgenbeſuch zu folgen. Der Triumph, den er heut uͤber eine unge⸗ liebte, aber dennoch genug geachtete Frau, um — 79 ihr Urtheil zu ſcheuen, uͤber ſeine Gemahlin, da⸗ von zu tragen gedachte, bot ſeiner Eitelkeit eine zu ſuͤße Nahrung, um ihn auf den Moment der Vorſtellung zu verſparen. Graͤfin Clementine wußte wohl voa Theophi⸗ liens heutiger Einfuͤhrung bei Hofe. Ihr Stolz, durch dieſe oͤffentliche Beurkundung der Vorliebe ihres Gemahls, fuͤr den Gegenſtand laut geaͤu⸗ ßerter Zweifel, auf das tiefſte gekraͤnkt, kaͤmpfte eben einen ſchweren Kampf mit ihrer gereizten Empfindlichkeit. Sie fuͤhlte, daß ein gefaͤlliges Mitwirken bei dieſem Erhebungsakt der Waiſe, von ihrer Seite, wie mit einem Zauberſchlage al⸗ le entfremdenden Vermuthungen in Hinſicht des Grafen niederſchlagen mußte. Sie erkannte die Rolle, welche ihr zu ſpielen oblag, um ſich ſelbſt vor dem Ridicule zu ſchuͤtzen, mit ihrer gewoͤhn⸗ lich klaren Anſicht der Dinge; aber es koſtete ſie viel, ihr innres Widerſtreben, gegen dieſen offen⸗ baren Gewaltſtreich ihres Gemahls, zu uͤberwin⸗ den; und noch war ſie mit ſich ſelbſt nicht ganz einig, als Graf Malthen mit dem feinen, ironi⸗ ſchen Laͤcheln, dem Vorbothen des ſicherſten Tri⸗ 80 umphes, zu ihr eintrat:„Erlaube mir, liebe Cle⸗ mentine,“ ſagte er, im Tone hoͤflicher Mitthei⸗ lung,„daß ich an dem Tage, der Theophilien, die⸗ ſem jungen, meinem Herzen ſo nahe verwandten Weſen, einen Namen giebt, noch einmal Deine muͤtterliche Gnade fuͤr ſie anflehe. Da aber der Interimsname, Eiland, mit welchem ich ſie ein⸗ mal fuͤr den Mangel ihres Wirklichen zu entſchaͤ⸗ digen wuͤnſchte, nachdem Sr. Durchlaucht ſie mit einem Schoͤneren zu beehren geruhten, nicht mehr fuͤr ſie paßt, und ich auch beſchloſſen habe, ihr in den Augen der Welt, wie laͤngſt im Geheimen, ein wahrer Vater zu ſeyn, ſo hoffe ich, Du wirſt es genehmigen, daß die Hand meines einzigen Sohnes den Mangel der Blutsverwandtſchaft aus⸗ gleiche, und den ehrenvollen, noch von keiner un⸗ würdigen That befleckten Namen, Malthen, auf ſie vererbe.“ Er hatte geendigt und richtete ſeinen durch⸗ bohrenden Blick auf Clementinen; aber kein Laut entſchluͤpfte ihr zur Gegenantwort. Sie war ver⸗ ſteinert, denn ſie fand ſich in dieſem Moment wirklich uͤberliſtet, und was ſeine ſtechenden, ſie 841 tiefbeſchaͤmenden Worte nicht ausdruͤckten, las ſie nur zu deutlich in den, zum feinſten Spott ver⸗ zognen Lippen, in der horchenden vorgebognen Ge⸗ ſtalt, und auf der drohend gefurchten Stirn. Sie fuͤhlte es, daß er ſich an ihrer Beſchaͤ⸗ mung weidete, ſie erſchrack ſelbſt vor der Bloͤße, die ſie ſich gegeben hatte, aber es war ihr un⸗ moͤglich dieſe, von Augenblick zu Augenblick im⸗ mer peinlichere Stille zu unterbrechen. „Nun,“ frug der Graf immer noch ſpottend, „hat die gewandte Kuͤnſtlerin dießmal keine Wor⸗ te fuͤr das ſchoͤne Bild haͤuslicher Gluͤckſeligkeit, an dem ich beinahe ſo lange mahlte, als ſie ſelbſt an dem Kuß der Pſyche?“ Dieß wirkte wie ein elektriſcher Schlag auf die Verſteinerte. Der Augenblick, der ihr eine of⸗ fenbare Ungerechtigkeit ihres Gemahls zuruͤckrief, war auch der, welcher ihr jene Gewandtheit der Sprache zuruͤckgab, an die der Graf ſie ſo eben mahnte. „Warum ſollte ich zoͤgern,“ ſagte ſie mit ſcharfer Betonung,„meine Einwilligung zu einer Verbindung zu geben, die Dir in der Welt ſo 2r Theil. 6 —— außerordentliche Vortheile ſichert. Es hat Dir ſtets gefallen, Deine Hausgenoſſen durch uͤberra⸗ ſchende, von der Folgereihe losgeriſſene Handlun⸗ gen in Erſtaunen zu ſetzen, und die Umſtaͤnde, welche Dir bald aus den Wolken eine Tochter, hald aus einem noch unentdeckten Lande einen Sohn zufuͤhren, haben, ich muß es geſtehen, Deinen Hang zum Frapanten ganz außerordent⸗ lich unterſtützt. Ich wuͤnſche nur, daß Deine Theatercoups bei der oͤffentlichen Vorſtellung ein eben ſo gutwilliges Auditorium finden moͤgen, als bei der erſten Probe.“ Der Praͤſident knirſchte innerlich, denn auf dieſen Tauſch der Waffen war er nicht vorberei⸗ tet. Eben wollte er das verletzende Spiel raſch hin und wieder fliegender Witzpfeile aufgeben, und ſeiner Gemahlin in der ganzen Furchtbarkeit lang gereizten, ſchwer bekämpften Zorns entgegen⸗ treten, als Theophiliens liebliche Erſcheinung, im ſtillen Glanz erhoͤhten Reizes, Clementinen den Ausbruch eines Elements erſparte, dos nach den erſten Momenten aufgedrungener Ruhe von ſelbſt wieder in die alten Graͤnzen zuruͤcktrat. 83 Beſcheiden wie immer, und noch furchtſa⸗ mer als bei ihrem erſten Nahen in Pſychens Ge⸗ ſtalt, beugte die Geſchmuͤckte ein Knie vor der Frau, welcher ſie einſt naͤher zu ſtehen gehofft hatte. Laͤchelnd unter Thraͤnen hob ſie ihr Engelsantlitz empor, als waͤre der Name, der ſie heut ihrer Verborgenheit zum zweitenmale enkfuͤhrte, das letzte Glied in der Kette aller bisher empfangenen Wohlthaten. Wem haͤtte in dieſem Augenblick der Zauber ſich nicht erſchloſſen, mit welchem dies wunderba⸗ re Kind uͤber das Reich der Gefuͤhle herrſchte? Graf Malthen ſenkte wie damals, als der Him⸗ mel ihres Auges ſich ihm zum erſtenmal aufthat, den Blick zu Boden. Er beneidete dem gluͤckli⸗ chen Emmo ſelbſt die Taͤuſchung einer ſeeligen Stunde, und Clementine, durch einen gegenuͤber⸗ haͤngenden Spiegel von dieſer ploͤtzlichen Bewe⸗ gung unterrichtet, ſprach in einem einzigen Blick die ganze Wichtigkeit der ſo eben gemachten Ent⸗ deckung aus; dann hob ſie mit beifaͤlligem Laͤcheln die Dankende auf, und wuͤnſchte ihr nicht ohne 6* 3 Waͤrme Gluͤck zu einem Ereigniß, das vielleich nur als erſtes Morgenroth ſchoͤnerer Tage ihren Lebensweg beleuchte. Theophilia erblaßte. Die muͤhſam bekaͤmpften Ahnungen, welche die Feier dieſes Tages, gleich feindlichen Eumeniden umkreiſten, hoben wieder drohend ihr Haupt. Dennoch war es in der kurzen Zeit des momentanen Alleinſeyns ſchon zu dem ernſten Entſchluß in ihr gekommen, dem Willen ihres großmuͤthigen Beſchuͤtzers jedes Opfer, ſelbſt das, ihrer leis angeregten Herzenswuͤnſche, mit freudiger Ergebung zu bringen. Auch der Graͤfin war es in dieſem Augen⸗ blick vollkommner Ernſt mit dem freundlichen Gluͤckwunſch. Vielleicht jetzt eben noch mehr, da ſte mitten in dem Triumphzug ihres Gatten den Feind gewahrte, der ihre Beſchaͤmung an ihm raͤchen konnte. Auch verfiel ſie, als Kuͤnſtlerin von einer Leidenſchaft beherrſcht, nie dem Reich der An⸗ dern ſo gaͤnzlich, daß jene nicht immer ſiegend hervorgetreten waͤre. Dem Schoͤnen fuͤhlte ſie ſich ſtets verwandt, und was mit der Sinne — 8⁵ Zauber ſie umſtrickte, bedurfte keines Fuͤrſpre⸗ chers in ihrem Herzen. Die zarte Geſtalt im einfachen Hauskleide, mit dem beſcheidnen Nonnenblick, war ihr wohl ehemals nur wie ein anſpruchloſes Schneegloͤck⸗ chen vorgekommen, das mit ſeinem hellen Schim⸗ mer auf dem noch jugendlich gruͤnen Wieſentep⸗ pich leiſe zu bitten ſchien: Zertritt mich nicht! Aber heut, in dem reich verzierten Atlasge⸗ wand, deſſen blendende Weiße, vereint mit dem Lichtglanz koſtbarer Perlen, die dunkle Umſchat⸗ tung des ſeidnen Haares und die zart erbluͤhen⸗ den Roſen auf Wangen und Kinn, ſiegender hervorhob— heut war es eine koͤnigliche Lilie, die am hohen Stengel ihr ſchoͤnes Haupt nur zur Erde beugt, um uns einen tieferen Blick in ihren duftreichen Kelch zu geſtatten. An ihrer Schoͤne weidete ſich das Auge der Kuͤnſtlerin, wie an dem uͤberraſchenden Anblick eines herrli⸗ chen Gemaͤldes, und hatte auch jetzt ein neuer Argwohn ſie auf die richtigere Spur geleitet, ſo 36 trat doch Emmo's Braut immer in ein ganz an⸗ deres ehrenvolleres Verhaͤltniß zu ihr. Leontinens jubelnder Eintritt— ſie hatte eben die Wundermaͤhr vernommen— endete die Spannung dieſer Scene. Neidlos freute ſie ſich, daß nun kein Hofball mehr ſtoͤrend zwiſchen ih⸗ ren Verkehr mit der lieben ſinnigen Freundin traͤte, und als ſie das runde, bluͤhende Geſicht⸗ chen mit faſt kindlicher Innigkeit an das zarte Oval Theophiliens draͤngte, war es als duͤrften die zwei Roſen nie getrennt werden, weil nur ſo Eine der Andern Reiz erhoͤhe. Der Praͤſident trieb zum Ende. Einen Triumph hatte er nun ſchon dahin, und ſein Herz war dadurch nicht erleichtert worden. Die er fuͤr das Auge des Hofes geſchmuͤckt, ſchien es nur fuͤr ihn, und zu ſeiner Qual! Es draͤngte ihn, ſich an den erſtaunten Blicken der verleum⸗ denden Hofwelt zu laben, und als die Fluͤgelthuͤ⸗ ren ſich nun vor ihm aufthaten, als er die Zun⸗ gen ſeiner Großthat, und unter ihnen den ah⸗ nungsloſen, durch Theophiliens Gegenwart ſtill entzückten Emmo erſchaute, war es ihm wieder, 87 als muͤßte er dem, im Eintreten begriffnen Fuͤr⸗ ſten entgegenſtuͤrzen, und ihn beſchwoͤren, doch ja an dem lockern Gebaͤude ſeiner Ruhe nicht fer⸗ ner zu ruͤtteln. Endlich wurde die Scene belebt. Der Ge⸗ bieter ſtand mit ſtolzem Neigen in dem Kreis gebuͤckter Hoͤflinge, und ſendete das Feuer⸗Auge ſuchend im weiten Saal herum. Es konnte auf Theophilien nicht treffen, denn dieſe hatte ſich ſchuͤchtern vor den kecken, neugierigen Augenpfei⸗ len, mit denen man den Grund ihrer befremden⸗ den Gegenwart zu durchdringen meinte, hinter Clementinens hohe Junogeſtalt zuruͤckgezogen; aber es begegnete den finſter vor ſich hinſtarrenden des Praͤſidenten, und mahnte ihn an des begonnenen Werkes Vollendung. „Wo iſt—“ frug der Fuͤrſt halb leiſe den ehrerbietig Nahenden— aber in dieſem Augen⸗ blick trat die Liebliche auf einen Wink ihres Be⸗ ſchuͤtzers hervor, und neigte ſich mit der ſeelen⸗ vollen Anmuth tiefgefuͤhlter Ehrfurcht vor dem Ueberraſchten. „Willkommen, Fraͤulein von Lilien, in un⸗ 88— ſerm Kreiſe!“ begruͤßte er ſie laͤchelnd, ihre zit⸗ ternde Hand ermuthigend in die Seine ſchlie⸗ ßend.„Sie gehoͤren uns jetzt in mehr als ei⸗ ner Beziehung an, da Graf Malthen— ihr wuͤr⸗ diger Pflegevater— einen Theil Ihres Schickſals in meine Haͤnde niederlegte. Wiſſen Sie aber auch, mein Fraͤulein, wie ich ſchon einmal dies ehren⸗ de Vorrecht an einen Andern abtrat?“ Csheophilia erblaßte. Emmo draͤngte ſich oh⸗ ne Wink einige Schritte vor, und Graf Mal⸗ then, um das Unerlaͤßliche nicht ganz ohne ſein Zuthun geſchehen zu laſſen, reichte ihm guͤtig die Hand und fuͤhrte den— ſein Gluͤck nun Ahnen⸗ den zu der bebenden Geliebten, mit geſchmeidi⸗ gem Ton, ſich zum Fuͤrſten wendend:„Dieſer Andre ſei denn mein Sohn! Wenn ich mich freudig einen Augenblick meines vollen Unrechts auf dies theure Kind begab, ſo geſchah es nur in der feſten Ueberzeugung, Ew. Durchlaucht wuͤrden daruͤber ganz nach meinem laͤngſt genaͤhr⸗ ten Wunſch verfuͤgen.“ Emmo ſank berauſcht zu den Fuͤßen der ent⸗ geiſterten Braut. Der Fuͤrſt legte die erkaltete 89 Lilien⸗Hand in die liebewarme des Entzuͤckten, und der bis jetzt verſteinerte Hof begriff nun, daß es hohe Zeit ſei, die Gratulation abzuſtatten. Floß auch dieſe heut nicht ſo wortreich, als ſonſt, uͤber die erſtarrten Lippen, ſo betaͤubte das Ge⸗ raͤuſch zahlloſer Atlasſchleppen, und ſcharrender Verbeugungen doch ſo vollkommen die Helden des Dramas, daß der einzige Moment, an dem Theo⸗ philiens ſtille Ergebung zu ſcheitern drohte, von allen— ſelbſt dem gluͤcklichen Emmo unbemerkt, voruͤber floh. Die Cour war geendigt. Theophilia lag in den Armen der jubelnden Freundin und gelobte, von ſo unendlicher Guͤte zu Boden gedruͤckt, ſich ſelbſt das Einzige, was die hohe Schuld der Dankbarkeit tilgen konnte: Emmo's Gluͤck und ſeine ewige Taͤuſchung uͤber ihr Herz, die das weinende Auge an Leontinens Buſen verbarg, richtete das— von einem heldenmuͤthigen Ent⸗ ſchluß Glaͤnzende zum Himmel empor, und die⸗ ſer eine Blick ſtillen Geloͤbniſſes ſchied das zagen⸗ de, furchtſame Kind auf immer von der braͤutli⸗ chen— hoͤheren Pflichten geweihten Jungfrau. 31. Die Helden des Tages. Theophiliens Eintritt in die Welt ſchien von den glaͤnzendſten Erſcheinungen begleitet zu ſeyn. Wenig Stunden nach der Cour erregte ein beſondres Brauſen und Durcheinanderreden des Volkes, Leontinens Aufmerkſamkeit. Sie trat an'’s Fenſter, ſchickte die Falkenaugen in die Fer⸗ ne, und rief auf einmal befremdet:„Sieh doch! Theophilia! was dort ſo glaͤnzend ſich aus Staub und Gewuͤhl entwickelt. Sind das nicht wehen⸗ de Federbuͤſche?“ Die Freundin folgte der Richtung, konnte aber, da der Menſchenſtrom ſich eben in eine andere Straße, dem fuͤrſtlichen Schloß zu, ergoß, die Lichtpunkte nicht mehr aus dem Chaos her⸗ ausſinden. Man wollte ſich wieder nach dem vorhin unterbrochnen Geſpraͤch wenden, doch eine ſeltſame Unruhe lieh der Zunge Fluͤgel. Die Worte flogen ſo kraus und unbeachtet hin und wieder, daß Leontine, am Schnellſten fuͤr alles 91 Komiſche empfaͤnglich, laut auflachend Theophi⸗ lien den Mund zuhielt und von Neuem ans Fenſter tretend, ſich ganz dem Eindruck von Au⸗ ßen hingab. Die Scene hatte ſich unterdeß ver⸗ aͤndert, das Volk ſchien irgend Jemand zum Fuͤr⸗ ſten begleitet zu haben, denn um alle Straßen⸗ ecken bog ein ruͤckkehrender, plaudernder Men⸗ ſchenhaufen. Hier und da blieb ein, von in⸗ nerm Drang berufener Wortfuͤhrer ſtehen, und ſogleich war er von einem froͤhlich aufhorchenden Auditorium umringt; aber um was es ſich ei⸗ gentlich handelte, konnten die beiden niedlichen Maͤdchenkoͤpfe doch nicht herausgruͤbeln. Da ſprengte ploͤtzlich ein ſtrahlender Reuter um die fatale Ecke, die vorhin aller weiblichen Neugierde ein Ziel ſetzte, und flog mit bekann⸗ tem Gruß an den Damen voruͤber. Leontine ergluͤhte im Purpurſchein ungeahneter Ueberra⸗ ſchung, und Emmo oͤffnete ſtuͤrmiſch die Thuͤr, wie weiland Alexander rufend:„Sie haben mir alles weggeſiegt; was wird mir nun noch uͤbrig bleiben?“ „Noch mancher Kampf, mein Freund!“ 9² ſprach Theophilia mit truͤber Vorahnung und reichte ihm, des eignen Kampfes eingedenk, die ſchoͤne Rechte. Emmo blickte in ihr ſtilles Auge, zog ſie ſanft umſchlingend naͤher, und erwiederte beſaͤnf⸗ tigt:„Soll ſo hoher Preis mir ohne Kampf zu Theil werden? Zudem hat der Vater, deſſen Mund ſich heut ſo gluͤckverheißend oͤffnete, dem Seegen unſers Bundes ein ernſtes Wort hinzu⸗ gefuͤgt. Nicht eher als nach Ihrer Muͤndigſpre⸗ chung, meine Theophilia, darf ich den Myrthen⸗ zweig in Ihre Locken flechten. So laſſen Sie mich denn vorher ein Lorbeerreis erringen, damit ich der bekraͤnzten Stirn nicht ſo ſchmucklos ge⸗ genuͤber ſtehe.“ „O tauſcht jetzt die Worte nicht ſo zierlich!“ rief ungeduldig Leontine, des Bruders Hand mit Heftigkeit erfaſſend.„Sage uns lieber ganz ein⸗ fach, was es giebt, und warum———“ „Major Dornburg ſo eben wie ein Blitz an dem gefaͤhrlichen Fenſter voruͤberflog?“ neckte Emmo die Erroͤthende firirend. „ Nun, die Schlacht bei Leipzig iſt gewonnen und er fowohl als ein anderer junger Held, deſſen Namen noch nicht ausgekommen iſt, wurden vom Felde der Ehre, wo ſie ſich Ruhm erkaͤmpften, hierher geſendet, um die erſten Lorbeeren zu uͤberbringen.“ Ein Freudenſtrom ergoß ſich uͤber Leontinens Lippen, ein Blick der Weihe aus Theophiliens frommen Augen gab dem Himmel, was des Him⸗ mels iſt. Ploͤtzlich unterbrach eine neue Kunde das, auf den Wellen der Freude dahin ſchwebende Ge⸗ ſpraͤch. Der Fuͤrſt wollte die frohe Botſchaft in den Ueberbringern feiern. Der Diener zahllos Heer flog kaͤuchend durch die froh belebten Straßen, um alles, was die Reſidenz nur Schoͤnes in ſich vereinigte, zum Schmuck des heutigen Balles auf⸗ zubieten. Klirrend ſchloſſen ſich die Fenſter, aus denen noch vor Kurzem manch reizender Stern geleuch⸗ tet hatte, und geſchaͤftig ſtuͤrzten die Zofen, durch des Sieges Trommete nur ungern aus ih⸗ rem dolce farniente aufgeſchaͤucht, der Gardero⸗ be zu, um dort mit aͤcht patriotiſchem Eifer das 94 Glaͤnzendſte zur Augenweide der gefeierten Hel⸗ den dieſes Abends auszuſuchen. Auch an die Familie Malthen war die gaſt⸗ liche Ladung ergangen, doch mit dem Separat⸗ Artickel, daß Leontine und Theophilia ein Stuͤnd⸗ chen fruͤher in des Fuͤrſten Cabinet beſchieden wurden. Was ſie dort ſollten, war eine Aufgabe, die Emmo, durch eine kleine eiferſuͤchtige Laune auf die richtige Spur geleitet, gar bald loͤſte, in die aber nur Leontinens, vor ſuͤßen Ahnungen be⸗ klommenes Gemuͤth einging. Theophilia wendete ſich in geheimer Angſt ſtraͤubend davon ab, und entzuͤckte dadurch den, ſie ſorglich beobachtenden Verlobten. 32. Der Liebe Gluͤck und Schmerz. Leiſes, nur hier und da laut werdendes Fluͤ⸗ ſtern unterbrach zuweilen das ſtille Gedankenſpiel einiger hundert, zu dem glaͤnzenden Hofball ge⸗ ladnen Gaͤſte, die ſich in dem, mit duftenden Orangenbaͤumen und ſchwebenden Kraͤnzen feſtlich 95 autsgeſchmuͤckten Saal verſammelt hatten, und alle mit gleichen Erwartungen, mehr oder minder geduldig nach der unerbittlich verſchloßnen Thuͤr zu den fuͤrſtlichen Gemaͤchern blickten. Durch dieſe ſollten die gefeierren Helden des Tages an der Hand des Fuͤrſten hereintreten, und an die⸗ ſer ein Kranz junger Lenzesblumen ſie empfan⸗ gen, uͤber den hinaus ihre Blicke unmoͤglich ſchweifen konnten, ohne ſich an allen Grazien zu verſuͤndigen. Mitten in dieſem Kranz ſchoͤner Frauen, ſtanden zwei Roſen zu einem Strauß vereinigt, zwei Schweſterroſen, deren blendender und zarter Farbenglanz alles uͤberbot, was Kunſt und Na⸗ tur an dieſem Abend zur Schau legten. Leontine und Theophilia waren es, welche des Fuͤrſten, fuͤr alles Schoͤne ſchnell empfaͤnglicher Sinn zu Koͤniginnen des heutigen Feſtes erkohren hatte. Sie ſollten die jugendliche Stirn der Helden mit Lorbeeren umwinden, und dabei einige Wor⸗ te der Weihe ſprechen, die aus des Fuͤrſten eig⸗ ner Feder gefloſſen, ihnen erſt in ſeinem Cabinet mitgetheilt waren. Nicht zufaͤllig, ſondern weil beide ihres We⸗ ſens innerſte Bedeutung richtig erfaßt hatten, war auch ihr Putz das aͤußre Bild des innern Seyns. Schon in die Roſenglut der Liebe und Freu⸗ de getaucht, bedurfte es kaum des leichten Roſen⸗ gewoͤlks, in das Leontinens Reiz ſich huͤllte, kaum des uͤppigen Kranzes herrlicher Centifolien im dunkellockigen Haar, um ſie als Koͤnigin der Blu⸗ men der Ehre wuͤrdig zu finden, die ihr heut vor Allen zu Theil wurde. Anders als die Gluͤckliche, der in dem wie⸗ derkehrenden Geliebten eine neue Freudenſonne aufging, mußte die Braut des, nun bald ſchei⸗ denden Verlobten dem heutigen Abend ſich an⸗ paſſen, das fuͤhlte Theophilia mit zarter Wuͤrdi⸗ gung des beſtehenden Verhaͤltniſſes, und goͤnnte nur einigen weißen Roſen den beſcheidnen Platz im griechiſch geordneten Haar, waͤhrend, dem Ae⸗ ther gleich, ein weißes Zephirgewebe die leichte Seraphsgeſtalt umſchwebte. So geſellte ſie in deutungsvollem Reiz ſich 97 zur bluͤhenden Schweſter, ohne von ihrem blen⸗ denden Glanz uͤberſtrahlt zu werden. Die Erwartung malte ſich auf den ſchwei⸗ genden Geſichtern der Theilnehmer des Feſtes, und die Langeweile drohte ſich dazu zu geſellen, als ein eintretender Kammerherr den, alle Ge⸗ duld erſchoͤpfenden, Bericht erſtattete, daß Se. Durchlaucht ſchon lange mit den Herren und ſei⸗ nem Miniſter eingeſchloſſen ſei.— Nichts war natuͤrlicher, als daß man nun nicht eher tanzte, bis das Schlachtfeld noch einmal genommen war, und niemand hatte es bei dieſer truͤben Vorausſetzung ſchlimmer, als der arme Lorbeerkranz in Leontinens niedlichen Haͤnden. Unmuthig uͤber die Zoͤgerung ſtreiften die Roſenfingerchen ſo oft an dem Heldenſchmuck herunter, daß er zur Dornenkrone zu werden drohte, wenn nicht ploͤtzlich die Fluͤgelthuͤren ſich aufgethan, und der Fuͤrſt in der Mitte der Ge⸗ feierten, gefolgt von Graf Dornburg, ſeinem Mi⸗ niſter, hereingetreten waͤre. Gehoben von dem ZJauber einer, ſo eben be⸗ ginnenden rauſchenden Inſtrumentalmuſik, begei⸗ 2r Theil. 7 — ſtert von der Siegesfreude, die aus allen Bli⸗ cken wiederſtrahlte, und ſanft bewegt von den Ahnungsſchauern des eignen Herzens, ſchwebten die beiden Engelsgeſtalten den Ankoͤmmlingen entgegen. Doch nur Leontine vermochte es, die Stirn des Einen der Suͤßuͤberraſchten zu kraͤnzen, Theophiliens zitternden Haͤnden entſank der Lor⸗ beer, und uͤber ihre bleichen Lippen ſtahl ſich nichts, als der im tiefſten Herzen ſo lange ver⸗ ſchloßne Name:„Magnus!“ „Pſyche!“ toͤnte es aus der befreundeten Bruſt des zweiten, noch von allen Anweſenden wie ein ſchoͤnes Raͤthſel angeſtaunten Heldenjuͤng⸗ lings; aber nicht ſchuͤchtern und zaghaft, ſondern laut, wie ein Freudenhymnos, und vor ihr auf den Knien lag der Beſeeligte, dem dieſer Augen⸗ blick ſuͤßer Selbſtvergeſſenheit das ſchoͤnſte Ge⸗ heimniß erſchloß. Der Fuͤrſt ſtand betroffen, Major Dornburg erſchrocken, wegen des Freundes Uebereilung, und 1 Emmo wie ein zuckender Blitz an der Seite ſei⸗ ner Braut. 99 Beguͤtigend trat der greiſe Miniſter zwiſchen die Verlegenen, und ſagte laͤchelnd, als ſei das al⸗ les ſo in der Ordnung: „Ja wohl, mein junger Held, mag es Sie uͤberraſchen und erfreuen, hier das liebliche Ur⸗ bild der herrlichen Pſyche wieder zu finden, mit der ein fremder Kuͤnſtler mich erſt kuͤrzlich be⸗ ſchenkte, und vor der ich Sie heut ſchon mehre⸗ remale, in traͤumendes Wohlbehagen verſenkt, ſte⸗ hen fand. Aber nun benutze auch Fraͤulein von Lilien dieſen Moment, wo der junge Krieger ſich vor ihrer Schoͤnheit beugt, den Helden mit Lor⸗ beeren zu kraͤnzen.“ „Wohl moͤgen die holden Repraͤſentantinnen ihres dankbaren Vaterlandes eilen, die gemeinſa⸗ me Schuld fuͤr uns abzutragen,“ ſagte der Fuͤrſt verbindlich.„Die Schoͤnheit muß die Sieger kroͤnen, doch lohnen ſoll ſie nur der Fuͤrſt. Ma⸗ jor Graf von Dornburg! ich freue mich, daß Sie dieſem Kreiſe nicht allein als willkommener Siegesbothe, ſondern auch als Sohn eines edlen Mannes angehoͤren, der laͤngſt ſchon hohe Rechte an Unſern Dank und Unſre Schaͤtzung hatte. 7* 100 Ich ehre gern den wuͤrdigen Vater in dem tapfern Sohn, und wuͤnſche, daß dieſer Orden, Herr Obriſt, Ihnen einen ſo vollguͤltigen Beweis mei⸗ ner Zufriedenheit mit Ihren geleiſteten Dienſten gaͤbe, als ich mir bewußt bin, ſie nie zu vergeſſen.“ „Auch Sie, mein junger wackrer Kriegs⸗ held,“ fuhr der Fuͤrſt mit einem gnadenvollen Blick auf den freudeſtrahlenden Magnus fort, „auch Sie beduͤrften keiner weitern Empfehlung, als daß Obriſt Dornburg Sie zu ſeinem Freund und Begleiter erwaͤhlte. Doch frent es mich, es ruͤhrend anzuerkennen, daß auch ohne dieſe beiden Vorzuͤge Ihr tapfres Vordringen auf der Bahn des Ruhms Sie der Auszeichnung werth macht, mit der Ihr Fuͤrſt Sie willig ehrt. Em⸗ pfangen Sie, Major Edwin, zum Lohne Ihres tapfern Streitens dieſen Orden nebſt dem Range, welchen ich Ihnen ſo eben verliehen habe.“ Ergluͤhend beugten die Ueberraſchten ſich vor dem Huldreichen, und mit vaͤterlichem Stolz em⸗ pfing der Greis die Gluͤckwuͤnſche des Hofes. Was der edle Miniſter zu erreichen ſtrebte, und worin ſein Fuͤrſt ihn herrlich unterſtuͤtzte: — 401 (Ablenkung der Aufmerkſamkeit von dem eigent⸗ lichen Gegenſtand der allgemeinen Neugierde, Theophiliens Verhaͤltniß zu Magnus,) gelang vollkommen. Beide gewannen Zeit ſich zu faſſen, und Emmo Ruhe genug, den unangenehmen Ein⸗ druck, welchen dis vorgeangangene Scene in ihm zu⸗ ruͤckgelaſſen hatte, mit einer fruͤheren Erin nerung zu verſchmelzen, die bei dem erſten Blick auf das ſchoͤne, geiſtreiche Geſicht des jungen Kriegers in ihm aufgedaͤmmert war. Magnus hatte Theophilia ihn mit dem Aus⸗ druck eines fuͤßen Erſtaunens genannt. An die⸗ ſen Namen knuͤpften ſich zwei Erinnerungen, die er nie mehr von einander trennen konnte, ſeit das Raͤthſel mit der Statuͤe ſeiner Mutter zuerſt ſtoͤrend ſein innres Saitenſpiel beruͤhrt hatte. Magnus hieß jener unbekannte Juͤngling, deſſen phantaſiereiche Erſcheinung ihm bei dem Eintritt in die Welt mit dem erſten Liebespfand entgegenkam; denſelben Namen trug aber auch der, welcher mit kecker Zuverſicht ſein theuerſtes Heiligthum, die hochverehrte Mutter herabwuͤr⸗ den Freund aufgeben lerne? Der Kampf war 102 digte, indem er es wagte, ſich ihren Sohn zu nennen. Und nun— o welche neue Naͤthſel ga⸗ ben ihm Theophiliens bleiche Schmerzenszuͤge, und die Flammenblicke auf, mit denen Magnus ſie bis in den Hintergrund des Saales verfolgte, wohin die Schuͤchterne ſich zuruͤckgezogen hatte. Wie ſollte er dieſe drei Beziehungen in ſich ver⸗ einen, und den Freund jener naͤchtlichen Stunde noch lieb behalten? Wie ſie ſo gaͤnzlich von ein⸗ ander ſcheiden, daß er den Friedensſtoͤrer haſſen, fuͤr ſein wohlwollendes Gemuͤth zu groß, um ihn ſo bald geſchlichtet zu ſehen. Truͤben Sin⸗ nes, mit ſich ſelbſt grollend, zog er ſich bei den erſten einladenden Toͤnen einer brillanten Polo⸗ naiſe in eine Fenſtervertiefung zuruͤck, waͤhrend die beiden Gefeierten von einem Geiſte beſeelt den holden Koͤniginnen des Feſtes zueilten, und mit ihnen den Ball eroͤffneten. So hatte denn ein freundliches Geſchick diejenigen zum zwei⸗ tenmal vereinigt, welche ſeit ihrem erſten Na⸗ hen ſich ewig ſuchen mußten. Theophiliens Hand ruhte in der Wonnezitternden des gluͤcklichen ——— 103 Magnus, und waͤhrend er, auf Worte ſinnend, die der Heißgeliebten ſein ganzes Gluͤck malen ſollten, den guͤnſtigen Augenblick verlor, bebte die Zagende dem Schwerſten entgegen, der ihr geaͤng⸗ ſtetes Herz treffen konnte. Lautlos umkreiſten ſie den Saal, die nur eines Wortes bedurft haͤtten, um wie zwei kriſtallhelle Thautropfen in einan⸗ der zu fließen. Wie karg iſt die Zeit, wenn zwei ſehnende Herzen mit ihr handeln! Magnus fuͤhlte mit ſteigendem Weh die verrinnende Minutenzahl, und konnte der gepreßten Bruſt keines von all' den begeiſterten Worten entlocken, mit denen er ſonſt die ferne Geliebte in Kampf und Sieg wie eine Schutzheilige anrief. Ach ſie war ſeinen in⸗ nerſten Herzensgedanken ſo ganz vertraut, und jetzt ſtand ſie in unnennbarem Reiz vollendeter Schoͤnheit wie ein unerreichbares Ideal vor ihm, dem er in uͤbermuͤthigen Juͤnglingstraͤumen wohl entgegengeſtrebt hatte, das aber, je naͤher er ihm trat, ſich immer mehr in leichten Nebelduft auf⸗ loͤſte. Wie hatte das Gluͤck, indem es ihm ſeine 104 Kraͤnze bot, ihn doch ſo beſcheiden, in dem tiefen Gefühl ſeiner Unwuͤrdigkeit, der Einzigen gegen⸗ uͤbergeſtellt, die auf Engelsfittigen ſeinem ſehnen⸗ den Verlangen zu entſchweben ſchien? Wirklich ſtrebte Theophilia auch, ihrer eignen Bewegung mißtrauend, ſich ſeinen furchtſam flehenden Bli⸗ cken ſo ſehr als moͤglich zu entziehen. Aber der bebenden Hand konnte ſie doch nicht verbieten, den Kampf zu verrathen, der ihre Neigung auf ewig von ihrer Pflicht ſchied. Da wagte er es endlich mit leiſen Toͤnen zu fragen: 1 8 „9 Theophilia! iſt der Lorbeer, mit dem eine Engelshand meine Stien heut umwand, denn wirklich der einzige Lohn, mit dem man mich hier abfertigt? Es ſprachen theure Lippen mei⸗ nen Namen, blieb das Herz ſtumm?“ Ergluͤhend mit ſtockenden Herzensſchlaͤgen antwortete ſie: „Schweigen iſt nicht ſtumm ſeyn. Sprechen darf es nur fuͤr den Verlobten.“ Mit einem Ausruf des Entſetzens ſtarrte Magnus die Erblaſſende an. Zuckende Blitze fie 105 len aus ſeinen brennenden Augen auf das, vor unendlichem Weh faſt zuſammenſinkende Maͤdchen, und beurkundete den innern Sturm ſeiner Ge⸗ fuͤhle. Schweigend geleitete er ſie zu einem Stuhl. Es war ihm unmöͤglich, ſie zu verlaſſen, denn ſein Schickſal ſchien noch nicht vollendet zu ſeyn, ehe ſie den Namen des Gluͤcklichen ausgeſprochen hatte, der— o Gott! er faßte es nicht, wie er. den Namen nur anhoͤren konnte, der ihm ſeinen Himmel raubte. „Und ſoll ich denn ſo ganz ohne Gegenkampf verloren geben,“ frug er mit matten Schmerzens⸗ toͤnen,„was der arme, hoffnungsloſe Kuͤnſtlers⸗ ſohn mit flammender Sehnſucht ſchon umfaßte? Darf ich mein Schickſal nicht zur Frage ziehen, warum es mir in ſchwindelnder Hoͤhe ſo lange ein glaͤnzendes Kleinod vorhielt, bis es mich aus den beſcheidnen Lebenskreiſen in fremde Bahnen verlockt hatte?— Und nun— wo iſt der Preis, nach dem ich rang?“. „In der wohlgeſtaͤhlten Kraft zu neuem Rin⸗ gen,“ erwiderte Theophilia mit ſinnigem Ernſt. 106 „Der Himmel ſtellt das Ziel nicht auf die Son⸗ nenhoͤhe unſers Lebens.“ „Und dennoch wird es nur das Eine blei⸗ ben, ob auch in Wolken ſich ſein Glanz ver⸗ huͤllt,“ fiel Magnus raſch ein.„Entriſſen ſind Sie mir, das fuͤhle ich mit Entſetzen, doch — Theophilia! noch koͤnnen Sie in meinen Jam⸗ mer Einklag bringen, mit einem Wort, das je⸗ den Zweifel ſchlichtet— War jener Augenblick, der meinem Leben die hoͤhere Weihe gab, bedeut⸗ ſam nur fuͤr mich?“ Erblaſſend ſenkte die Befragte das Lilienhaupt, denn wie auch ihr reiner Sinn, gleich einer Him⸗ melstaube, den Bund ſchuͤtzend umſchwebte, welchen Dankbarkeit geſchloſſen, die zarte, jung⸗ fraͤuliche Neigung, gekeimt im Heiligthum des ſchuldloſen Herzens, genaͤhrt durch wunderbare Einmiſchung unbekannter Kraͤfte, aber eben dar⸗ um in ihrem glaͤubigen Gemuͤth zu ſelbſtſtaͤndiger Kraft erwachſen, weil nur der innre Bau ſie ſtuͤtzte, draͤngte zum erſtenmal mit Gewalt ſich auf die zoͤgernde Lippe. „Nichts geht bedeutungslos an uns voruͤber,“ — 107 ſprach ſie endlich mit ſanft bewegter Stimme. „Doch giebt es wohl Lebensmomente, in denen das Ungewoͤhnliche, Fremdartige uns ſo nahe tritt, daß wir, aus den alltaͤglichen Kreiſen geruͤckt, dem Gefuͤhl der Ueberraſchung uns zu lebhaft hingeben, um nicht auch ſpaͤter die Erinnerung daran von allem bisher Erlebten auszuſcheiden. Aber eben darum,“ fuͤgte ſie wehmuͤthig hinzu, „muͤſſen es auch Feſttagsminuten in unſerm Le⸗ ben bleiben, die nichts gemein mit dem gewoͤhn⸗ lichen Werkeltagstreiben haben.“ „So iſt denn mein Feſttagsdaſeyn mit die⸗ ſem Tanz fuͤr immer geſchloſſen,“ erwiderte Mag⸗ nus ſchmerzlich.„Und wer— o Theophilia! wer wird ſein Leben mit dem Kleinod ſchmuͤcken, das ich in allzuuͤbermuͤthigem Jugendtraum noch zu erringen hoffte?“ „Denkt Magnus noch an Emmo?“ hoͤrte er ploͤtzlich eine ſchoͤne Stimme hinter ſich fragen, und von Freundesarmen ſanft umſchlungen, blick⸗ te er zuerſt betroffen, dann, wie aus einem tie⸗ fen Traum erwachend, in die lieben unvergeßnen Zuͤge des heitern Gefaͤhrten einer froͤhlich ſinni⸗ gen Nachtſtunde. „Mein Emmo!“ rief er mit einer Innigkeit des Gefuͤhls, die noch zur Haͤlfte jenem ſchmerz⸗ und wonnevollen Wiederfinden der nun auf im⸗ mer verlornen Geliebten angehoͤrte.„O habe ich Dich denn nun wieder, hat Dein Glauben uns doch nicht getaͤuſcht? Wir konnten uns ja nicht verlieren auf der großen Bahn des Lebens, wir gehoͤrten uns ja von allen Zeiten her. Sieh Dei⸗ nen Ring! Ich betrachtete ihn nie, ohne mich der Stunde in Voraus zu freuen, die uns beide wieder zuſammenfuͤhren wuͤrde.“ Emmo, durch die lichten Sonnenblicke in des Freundes erheitertem Antlitz getaͤuſcht, und den leiſen Verdacht, der ſich in ſein treues, arg⸗ wohnloſes Gemuͤth eingeſchlichen, gern nieder⸗ kaͤmpfend, gab ſich willig dem Freudenrauſch hin, in den Magnus lebhaftes Auffaſſen der Vergan⸗ genheit ihn verſtrickte. Er erinnerte ihn ſcher⸗ zend an ſeine fruͤhere Namenloſigkeit, und verſi⸗ cherte ihn, ernſter werdend, daß ſein Liebespfand, welches ſo oft wie ein guter Geiſt zu ihm geſpro⸗ —,— 209 chen, auch der Verraͤther ſeines Namens gewor⸗ den ſei. un „Einſt nannte man in meiner Gegenwart“ fuhr er in truͤber Ruͤckerinnerung fort,„den Sohn meines hochverehrten Freundes Edwin. Eine zu⸗ faͤllige Beruͤhrung der Stelle, wo Dein koſtbares Freundſchaftspfand ruhte, mahnte mich an Dich, und ſchnell— ein Blitz erhellte mir das Dun⸗ kel— ſtandſt Du als jener hohe Juͤngling vor mir, den man zu mahlen umſonſt nach Farben ſuchte. Sieh, ſo errieth ich Dich. Doch mich haſt Du wohl ſchwerlich aufgefunden, obwohl meine ſonderbaren Fragen nach der Familie des Grafen Malthen Dich ein wenig auf die Spur leiten konnten. Erkenne nun den Erſtgebornen dieſes Hauſes in mir, und begruͤſſe— mein Gluͤck recht nachzufuͤhlen— in einer, Dir auch nicht ganz Unbekannten, die hochgeliebte Braut meines Herzens.“ Bei dieſen Worten ſtarrte Magnus ihn mit der Angſt eines Verbrechers an. Immer bleicher werdend, folgte er der Richtung, welche Emmo's Blick nahmen, und als dieſe liebend, ſuͤß ver⸗ 110— traulich auf Theophilien ruhten, welche die Ih⸗ rigen mit ſanfter Trauer ſenkte, da wurde ihm das ſchreckliche Geheimniß, um das ſein ahnen⸗ des Herz ſchon einige Momente herumgeſpielt hat⸗ te, zur ſchrecklichen Gewißheit. Krampfhaft druͤck⸗ te er die befreundete Hand, beugte ſich tief— ach mit einem ewigen Lebewohl im Herzen vor Theophilien, und ſtuͤrzte, jede Bitte des nachei⸗ lenden Freundes verſchmaͤhend, in das Gewuͤhl der Tanzenden, aus dem er endlich ganz ver⸗ ſchwand. Emmo kehrte, durch Magnus ungeſtuͤme Flucht auf das tiefſte verletzt, zu Theophilien zu⸗ ruͤck, aber er las in den zerſtoͤrten Zuͤgen des bleichen Maͤdchens nichts als die Beſtaͤtigung der nun erneuerten Ueberzeugung, daß hier ein, ſei⸗ ner Ruhe gefaͤhrliches Geheimniß obwalte, und als die Geaͤngſtete ihn mit leiſen Schmerzenstöͤ⸗ nen anflehte, ſie nach Hauſe zu begleiten, weil das ihr noch ungewohnte Gewuͤhl ihr heftige Kopfſchmerzen verurſache, ergab er ſich ihren Bitten ſo ſtill reſignirend, als habe er ſchon alle 111 Rechte auf dies geliebte Weſen an den gluͤcklichen Freund abgetreten. Waͤhrend die dunkle Wolke, die uͤber Thes philiens Eintritt in die Welt ſchwebte, in den heißeſten Schmerzensthraͤnen aus ihren ſanften Augen ſich ergoß, laͤchelte aus Leontinens hellſtrah⸗ lenden die Liebe ſo anmuthig in das Herz des zweiten, von ihren ſchoͤnen Haͤnden gekroͤnten Helden, daß es ihn, der laͤngſt mit dem ſuͤßen Geheimniß ihres und ſeines Herzens vertraut war, faſt duͤnkte, als wuͤrde der heutige Abend die gefaͤhrlichſte Klippe fuͤr ſein Syſtem werden. Ein heitrer Lebensmuth und leidenſchaftliches Verfolgen ſeiner kriegeriſchen Laufbahn, hatten des Obriſten Herz vor den Untiefen einer hefti⸗ gen Neigung ſo lange bewahrt, bis es, der Thor⸗ heit entwachſen, ſich ſtark genug waͤhnte, gegen die Liebe, wie gegen jede andre Schwachheit in die Schranken zu treten. Nur Leontinens ne⸗ ckendem Genius, ihren ſchelmiſchen Augen und ihrer ewig heitern Laune, konnte es gelingen, dies bewaffnete Herz zu uͤberliſten, weil es die Liebe unter ſo argloſer Maske noch nie vermu⸗ 1¹² thet hatte. Allein, kaum entdeckte er die Gefahr, ſo zog ſein beſchaͤmter Stolz ſich hinter ein neues Bollwerk zuruͤck. Dem lieblichſten der Maͤdchen, der Tochter eines geehrten und reichen Mannes, der mit ſeinem Vater zugleich an dem Wohl des Vaterlandes arbeitete, gegenuͤber, kalt zu bleiben, war ja nie ſein Wille geweſen, aber den Nektar⸗ becher der Liebe nicht wie ein Trunkner hinun⸗ ter zu ſtuͤrzen, ſondern ihn tropfenweiſe mit dem behaglichen Bewußtſeyn, er koͤnne ſich be⸗ rauſchen, wenn er wolle, auszunippen, das war der Triumph, nach dem er rang. Zur Haͤlfte war ſein Werk ihm ſchon gelun⸗ gen. Ein Blick auf die ſchoͤne, wolkenloſe Stirn, in das helle, lachende Auge des geliebten Maͤd⸗ chens uͤberzeugte ihn, daß er den Frieden in ih⸗ rer jungen Bruſt noch nicht zerſtoͤrt, und doch die Liebe darneben aufgepflanzt habe. Ihr Herz war unter ſeinen freundlich ſinnigen Geſpraͤchen angenehm bewegt; doch ihr reizender Muthwille taͤndelte noch ſo unbefangen, wie ehedem um ihn herum. Auch bei ſeinem nochmaligen Scheiden ſollte Leontinens heitrer Lebensſinn, den er ſich 113 als ein koſtbares Kleinod auf kuͤnftige Zeiten be⸗ wahren wollte, nicht getruͤbt werden, und den⸗ noch ihr Herz nach und nach das Seine verſte⸗ hen lernen, ſich ohne Worte zu ihm wenden, und wenn der große Kampf um Freiheit und Vaterland geendet ſey, ohne Liebesſchmerz und Leiden, die er bis in den Tod haßte, ohne Em⸗ pfindſamkeit und Ziererei, die er mit den Bley⸗ gewichten verglich, welche man den Todten auf dem Meer anhaͤngt, um ſie ſchneller in ihr gro⸗ ßes Grab hinabzuziehen, ihn durch ihren Beſitz begluͤcken, ohne ihm noch eine truͤbe Stunde ge⸗ koſtet, oder eine erlebt zu haben. Das Problem war bis jetzt ziemlich gut ge⸗ loͤßt worden, aber nun haͤtte er Luſt gehabt, das ſtolze Gebaͤude ſeiner bildenden Liebe ſelbſt im eignen Unmuth wieder einzureißen, denn er war ein Mann, und die Leidenſchaft, mit der er bis heut nur geſpielt hatte, drohte, bei dem Wiederanblick des immer ſchoͤner aufbluͤhenden Maͤdchens, ihn und alle ſeine Syſteme zu unterjochen. Sie wur⸗ de ſo eigenwillig und verkehrt, als nur je die Liebe in der Bruſt eines Mannes ſich geſtalten 2r Theil. 8 114 kann. Nur die Erinnerung deſſen, was er ge⸗ wollt, blieb ihm noch, und ſo pries er dem Va⸗ ter, der ſich heut in ſein Geheimniß gedraͤngt hatte, laut ſein Syſtem, waͤhrend er es innerlich ver⸗ wuͤnſchte, und ruͤhmte die Heiterkeit, welche aus den klaren Augen ſtrahlte, aus denen er ſo gern ein paar Thraͤnen zagender Liebe gepumpt haͤtte. „Du biſt ein Thor mit Deinen Syſtemen,“ rief der Miniſter ungeduldig, bei jedem neuen Vorzug, den er ihm davon bemerkbar machte, „und offenbar um zehn Jahr zu ſpaͤt an die Liebe gerathen. Wer in der Naͤhe ſeiner Geliebten ei⸗ nen Erziehungsplan entwirft,(und waͤre es auch ein Peſtalozziſcher,) dem hat das Leben ſchon die Schattenſeite zugekehrt, und er mag ſich vorſe⸗ hen, daß die Sonne ihm nicht ewig untergeht. Willſt Du das Glas ſo lange am Munde halten, bis der Champagner verraucht iſt? Was ſoll die kuͤnſtliche Gasbeleuchtung zu dem erſten hellen Sonnenglanz der Liebe? Sage ihr jetzt, was Du fuͤr ſie fuͤhlſt, verſichre Dich ihres Herzens, locke den friſchen, erquickenden Himmelsthau aus 115 den lieben Augen, lege den Trennungsſchmerz in die ruhige Bruſt, damit die Seeligkeit des Wieder⸗ ſehens einſt dahin einziehe, und ihr Herz bis da⸗ hin etwas zu verarbeiten habe.“ „Und wenn es umſonſt arbeitet, wenn die Seeligkeit des Wiederſehens nicht darin einzoͤge?“ „Dann, mein Sohn,“ ſagte der Greis mit zitternder Stimme,„moͤge ſie an das Herz der trauernden Eltern fluͤchten, und ihnen ein ſchoͤ⸗ nes Vermaͤchtniß des Geſchiednen ſeyn. Aber glaube mir, mein Freund, auch dann gilt Dein Syſtem nichts. Leontine liebt Dich. Sie weiß nur noch nicht, welche Geſtalt ſie ihrer Liebe ge⸗ ben ſoll. Sie haͤngt an der Gegenwart, ſie iſt darin gluͤcklich, weil Deine Naͤhe ſie ihr vergol⸗ det. Ihre ahnende Seele harrt von Minute zu Minute des Wortes, das ein langes, ſeeliges Jetzt uͤber die Zukunft hinausbreiten ſoll, und ſie wird, wenn Du heut ſchweigſt, morgen un⸗ ruhiger erwachen, als wenn Du wenigſtens den gweifel an Deinem Herzen von dem Ihrigen naͤhmeſt. Die Sorge um das Leben des kaͤmpfen⸗ den Geliebten iſt ein ſuͤßes Vorrecht, das die Braut 8 82 4116— ſich ſo wenig rauben laͤßt, als die Freude an ſeiner Liebe, den Stolz auf ſeine Trene.“ Der Obriſt ſchuͤttelte unglaͤubig den Kopf, aber die Worte: Leontine liebt Dich, hallten in ſeinem Herzen angenehm nach. Er naͤherte ſich ihr wieder, und ſah das holde Laͤcheln, das ſeine Gegenwart auf ihre Lippe gezaubert hatte. Nun wollte er wenigſtens den Verſuch machen, ob ſein Vater Recht habe. Er ſprach von Mor⸗ gen. Sie laͤchelte fort. Er meinte: es bleibe ihm noch mancher harte Kampf uͤbrig. Nun leg⸗ te ſie das Stirnchen in ein paar krauſe Falten und ſagte: ‚Der Krieg iſt fuͤr uns alle ein rechter Freu⸗ denſtoͤrer.“ „Nun kommt's!“ dachte er, und wollte eben einen neuen Sturm auf ihr Herz wagen, als ſie betruͤbt den Nachſatz hinzufügte: „Denn er entfuͤhrt uns nun auch meinen lieben Bruder Emmo!“ „Alſo nur ſchweſterliche Liebe!“ dachte er ge⸗ taͤuſcht, und zuͤrnte der Harmloſigkeit, die jetzt zu ſeiner Qual durch nichts zu erſchuͤttern war. 117 Er wollte noch einige Verſuche mit ihrem Her⸗ zen machen, aber ein dumpfes Geruͤcht, das ſich beinahe zu gleicher Zeit von Magnus Verſchwin⸗ den und Theophiliens ploͤtzlichem Unwohlſeyn im Saal verbreitete, weckte ihn mit leiſem Vorwurf, den Freund ſo gaͤnzlich außer Acht gelaſſen zu haben, aus ſeinen Liebestraͤumen. Er eilte nach Hauſe, um ihn aufzuſuchen, und Leontine ver⸗ ließ, voll lebhafter Beſorgniß um die geliebte Pfle⸗ geſchweſter, den Ballſaal fruͤher als der Obriſt zu⸗ ruͤckkehrte, um ſeine Eltern wegen Magnus zu beruhigen, an deſſen Geſchick ſie den lebhafteſten Antheil nahmen. 33. Nachtraͤge. Magnus hatte, als Emmo's Ankunft in dem Hauſe des Praͤſidenten die ſchnelle Entfernung ſeines Vaters veranlaßt, ſehr feſt uͤber ſeine Zu⸗ kunft entſchieden. Cyheophiliens Bild leuchtete ihm wie die Fa⸗ ckel des Ruhms auf ſeiner gewaͤhlten Heldenlauf⸗ 118 bahn vorfn, und der Vater, obwohl er wußte, daß noch etwas andres als die Liebe den ehrgei⸗ zigen Juͤngling zum Ziel trieb, fand doch auch dieſes Etwas zu genau mit ſeiner Natur ver⸗ webt, um nicht ziemlich bereitwillig in ſeine Ab⸗ ſicht einzugehen.— „Geh', wohin Dich Dein Geiſt treibt!“ ſag⸗ te er, ſich ſtolz erhebend.„Aber fuͤhre es wuͤr⸗ dig aus. Deine Geliebte, ſie heiße nun Theo⸗ philia, oder Ruhm, oder ein ehrenvoller Tod, iſt immer Dein Lohn. Wir koͤnnten uns aber wohl einmal auf unſrer verſchiednen Laufbahn aus dem Geſicht verlieren, vielleicht gar fuͤr's ganze Le⸗ ben! Darum nimm hier in Voraus Dein Erb⸗ theil.“ Dies Kaͤſtehen enthaͤlt einen Talisman, der Dich in dem Augenblick, wo Du alles erworben haſt, was den Menſchen uͤber den Menſchen er⸗ hebt: Ehre, Ruhm, Erfahrung, Weisheit und Maͤßigung gegen die Vorurtheile einer gewiſſen Caſte, die oft um eines, von ihren Voreltern errungenen Vorrechts willen, dem Minderbegab⸗ ten unerwartete Hinderniſſe in den Weg legt, 119 ſchuͤtzen ſoll. Ich bedurfte ſeiner nicht, denn in dem freundlichen Gebiete der Kunſt widerfaͤhrt je⸗ dem ſein Recht; darum blieb er ſeit meinem vier und zwanzigſten Jahre verſiegelt. Aber Du, der Du es wagſt, Dich in die Reihen, aus denen ich fruͤher ſchon freiwillig ſchied, zu ſtellen, Du koͤnnteſt doch wohl zuweilen mit allem Eifer fuͤr Deine Pflichten unbemerkt unter die Menge ge⸗ ſtoßen werden, und dann erlaube ich Dir dieſes Siegel zu loͤſen, und Dir das ganz anzueignen, was Dir allein noch zum großen Manne fehlt. Aber merke wohl auf! nur wenn der große Menſch in Dir vollendet iſt, und er iſt es, wenn Du ahnſt, welche Vorrechte dieſe Papiere enthalten, und Du doch recht lange es vergißt, ſie geltend zu machen.“ „Mein Vater!“ unteſbrach ihn Magnus er⸗ röthend,„wenn aber dieſe Vorrechte mich ſchon jetzt des hoͤchſten Gluͤck's des Lebens wuͤrdig machten? „Ich verſtehe Dich, mein Lieber! obwohl ich dieſen Einwurf nicht erwartete. Du giebſt es auf, ein großer Menſch zu werden, da Theophi⸗ lia ſich um leichtern Preis erkaufen laͤßt?“ 120— „O mein Vater! welcher Gedanke!— doch wenn ich jetzt ausgehe, um ſie mir zu erkaͤmpfen, und ein Andrer——— „Entriſſe Dir den Siegespreis? Nun wer weiß denn, ob Du am Ende des großen Kam⸗ pfes noch daſſelbe Ziel im Auge haſt? Und wenn es ſo iſt, willſt Du dem Himmel denn keine Rolle in Deinem Lebensdrama geben? Er und — vielleicht auch Dein Vater werden die Braut Dir bewahren, Du geh' und erringe ſie Dir.“ Magnus hatte noch manchen Wunſch, den der Vater, der ihm ſo gern die erſten Schritte in das thatenreiche Leben erleichtern wollte, mit zuvorkommender Guͤte befriedigte. So uͤbergab er ihm auch am letzten Abend vor ſeiner Abreiſe einen, bisher nie bei ihm ge⸗ ahneten Schatz an Gold, der dem geruͤhrten Sohn mehr Schmerz als Freude machte, da er aus der Groͤße deſſelben auf die gaͤnzliche Be⸗ ſchraͤnkung aller Lebensbeduͤrfniſſe des ohnehin ſo anſpruchsloſen Vaters— ſchloß. Aber laͤchelnd fuͤhrte jener ihn in ſeine Werkſtatt, vor ein an⸗ gefangenes Meiſterwerk, mit der Frage: — 121 „Glaubſt Du, daß der Lohn fuͤr dieſes, mei⸗ ne einfachen Beduͤrfniſſe nicht befriedigen koͤnnte? Und wenn ſie nicht einfach waͤren, warum haͤtte ich mit vier und zwanzig Jahren den Talisman, welchen ich Dir uͤbergab, ſchon verſiegelt?“ Magnus reiſ'te den andern Tag nach der Hauptſtadt, wo er ſich bei dem Gouverneur mel⸗ dete. Betroffen von dem freien, erhabnen An⸗ ſtand des jungen Mannes, ſchien dieſer uͤberraſcht, in ſeinem Vater nur den Kuͤnſtler Edwin nennen zu hoͤren. Doch einmal fuͤr ihn gewonnen, that er die zweite Frage nach militaͤriſchen Vorkenntniſſen mit vollem Vertrauen auf eine recht genuͤgende Antwort. „Da meine Wahl allein durch innern Beruf geleitet werden ſollte, ſo fand es mein Vater fuͤr noͤthig, mir Vorkenntniſſe in jedem Fach an⸗ zueignen,“ erwiderte Magnus beſcheiden. „Alſo wieder eine Allerweltserziehung?“ rief der Gouverneur ungeduldig.„Nehmen Sie es nicht uͤbel, junger Mann! Ich bin darin ein wenig mißtrauiſch geworden. Was der zehnjaͤh⸗ 122— rige Knabe am liebſten treibt, iſt ſein innerer Beruf. Davon muß ihn kein Nebenſtudium ab⸗ 1 locken. Leidet man doch nicht, daß der Baum, welcher himmelan ſtreben ſoll, nahe bei der Wur⸗ zel ſchon Zweige treibe, und dem Stamme dadurch die beſten Saͤfte entziehe. Das Ziel im Auge, trete der Juͤngling in die Rennbahn, und ruͤſte ſich mit allem aus, was ſeinen Lauf beſchleunigen kann, und— das iſt im Kriegsdienſt nicht mehr ſo wenig. Er fordert jetzt nicht blos, wie ſonſt, koͤrperliche Kraft und trotzigen Muth, ſondern ei⸗ nen hellen Ueberblick aller Zweige des Wiſſens, tiefes Studium der Geſchichte aller Zeiten, und ſchnelles Auffaſſen und Ordnen neuer Ideen. Den Diplomatiker, Juriſten, Weltumſeegler oder Arzt begleitet ſeine Bibliothek. Zu ihr fluͤchtet er in zweifelhaften Faͤllen. Der Krieger aber muß den Kern alles Wiſſenswuͤrdigen in ſich tra⸗ gen, und wie im Felde jeden Augenblick zum Schlagen, auch zum geiſtigen Kampfſpiel bereit ſeyn. —— Seit wenn that Ihr Beruf ſich kund?“ Magnus zoͤgerte mit ſeiner Antwort, denn er wußte ſelbſt die Zeit nicht anzugeben, wo das 123 Gefuͤhl einer hoͤhern Beſtimmung in ihm aufge⸗ flammt war. Die Liebe hatte es nicht entzuͤn⸗ det, aber ſie und des Vaterlandes tiefer Fall riſ⸗ ſen ihn ploͤtzlich aus jedem Zweifel, wo das Hoͤch⸗ ſte zu erringen ſei. Er liebte das rohe Krieger⸗ leben nicht, noch minder ſtrebte er nach einer Freiheit, die— ſeit er denken konnte— ihm in weit groͤßerm Maaße zu Theil wurde. Aber er weihte ſich ihm von hoher Begeiſterung fuͤr das Ziel ergriffen, das er ſich im kuͤhnen Juͤnglings⸗ uͤbermuth in ſchwindelnder Hoͤhe geſtellt hatte, und fuͤrchtete daher durch ſeine Antwort ein neues Mißverſtehen herbeizufuͤhren:„Wenn der Be⸗ ruf ſich ausſpricht, Ew. Excellenz, mag wahr⸗ lich der Berufne ſo wenig angeben, als Ra⸗ phael, Correggio den Augenblick beſtimmen koͤn⸗ nen, der ſie zu großen Meiſtern ſtempelte. Der iſt es doch wohl nicht, wo ſie zum erſtenmal den Zeichenſtift ergriffen?“ Laͤchelnd reichte der Gouverneur ihm die Hand, und endete das Geſpraͤch mit der Frage, ob er ſich zum Examen tuͤchtig fuͤhle? Ein feſtes Ja! war ſeine Antwort, und als 124— er bald darauf mit glaͤnzendem Erfolg die Pruͤ⸗ fung beſtand, hatte er mit dem erſten Grade im Dienſt auch mehrere Stufen im Wohlwollen ſeiner Vorgeſetzten erſtiegen. Ein— alle Fittige des Geiſtes laͤhmender Frieden lag noch mit eiſernem Gewicht auf dem gedruͤckten Vaterlande. Aber ſchon begann ſo manche Veredlung des alten Stammes die herr⸗ lichſten Bluͤthen einer freien Zukunft zu verkuͤn⸗ den. Die Ahnung des Beſſern lag in jeder Bruſt, aber das Beßre ſelbſt war eine Blume, die erſt auf Moskaus Aſchenhuͤgel gedeihen konnte. Magnus erfaßte dieſen Moment, um ſeinen Arm dem, ſeiner Wiedergeburt ſich nahenden Va⸗ terlande darzubieten. Mit ſtuͤrmiſcher Freude flog er einem Kampfe zu, der außer dem lockenden Siegeskranz auch noch den herrlichſten Einklang aller erfreulichen Gaben der ſeegnenden Goͤtter: Friede, Freiheit und Erſtarken in ſich ſelbſt zum Lohn mit ſich fuͤhrte, und obwohl zu ohnmaͤchtig als Einzelner das Gluͤck der Schlachten zu be⸗ ſtimmen, fehlte es ihm doch ſelbſt in der ungluͤck⸗ 4 — 125 lichſten Periode des großen Freiheitskrieges nicht an Gelegenheit ſich ehrenvoll auszuzeichnen. Mit ſeinem Vater blieb er nach einer kur⸗ zen Unterbrechung beinahe immer in ſchriftlichem Verkehr, und als ſpaͤter alle Fuͤrſten Deutſchlands ſich gegen den Feind ihrer Ruhe vereinigten, wuͤnſchte dieſer den geliebten Sohn unter den Fahnen des uns Bekannten zu ſehen, der ihm in mancher Beziehung vorzuͤglich werth war. So wurde Magnus in die Naͤhe des allge⸗ mein geachteten Major, Graf von Dornburg ver⸗ ſetzt, und, von ſeinem Vater, der dieſen genau zu kennen ſchien, beſonders an ihn verwieſen, ſtreb⸗ te der feurige junge Kriegsheld mit mehr als ge⸗ woͤhnlichem Eifer nach dem Gluͤck, von ihm aus⸗ zeichnend bemerkt zu werden. Wer haͤtte aber auch die ſtolze Koͤnigsgeſtalt mit dem leuchtenden Adlerblick und dem ſinnigen Laͤcheln um den ſchoͤnen Mund wohl je uͤberſe⸗ hen? Graf Dornburg konnte nicht raſten, bis er dem neuen Meteor ſeinen Namen abgefragt hat⸗ te, und als er ihn hoͤrte, verwandelte das heitre 126 Geſicht des jovialen Kriegers ſich in ein ſehr ernſtes. „Sie heißen Edwin, mein lieber junger Freund?“ ſagte er uͤberraſcht.„Der Name iſt mir lieb, und ich wuͤnſchte nicht, ihn ſo fuͤr gar nichts an einen Fremden verſchwendet zu ſehen. Darum freut es mich, daß Ihre Geſtalt mich ſo ſehr als Ihr Name anſpricht, und es wird mir, ſeit ich Sie ſehe, leicht, o wie ſehr leicht, in Ih⸗ nen einen recht tuͤchtigen Waffengefaͤhrten will⸗ kommen zu heißen.“— Magnus ſchlug mit offnem Vertrauen in die dargebotne Rechte. Es war ihm ſehr wohl in der Naͤhe und unter dem pruͤfenden Auge ſeines neuen Freundes, ja es ſchien ihm beinahe, als ſei er das leuchtende Vorbild, dem er nachſtreben muͤſſe, um ſich bald ſeinen Heldenweg zu bahnen. Von jetzt an begegneten die beiden befreun⸗ deten Naturen ſich oft auf einem Pfade, und ein Zufall fuͤhrte ihre Herzen noch inniger zu⸗ ſammen. Man ſcherzte einſt im Kreiſe mehrerer Waffenbruͤder uͤber Taufnamen, und ihre oft ge⸗ 127 ringe Uebereinkunft mit dem Charakter des Be⸗ ſitzers.. 1 „Ich z. B.“ ſagte ein freundlicher Juͤngling mit den ſanfteſten Augen von der Welt.„Ich bin ſchon in der Wiege zu Carthagos groͤßtem Helden geſtempelt, und wer es bezweifelt, daß ich den Krieg allein ausmache, hat es mit Hannibal dem Zweiten zu thun.“ Man lachte, und jeder nannte nun ſcherzend ſeinen Taufnamen, bis auf den Major und Mag⸗ nus, die ſich nicht in das Geſpraͤch gemiſcht hatten. „Doch nicht immer vertheilt der Zufall ſei⸗ ne ſchoͤnſten Heldennamen ungerecht,“ ſagte ein aͤlterer Krieger, Dornburgs Freund.„So ſcheint hier unſer Major recht eigentlich zum Alerander geboren, und wer ihn im Felde uͤberall voranſtuͤr⸗ men ſah wie ich, der muͤßte ihm ſelbſt dieſen Namen geben, wenn er ihn nicht ſchon beſaͤße.“ „Und ich muͤßte mich zu ihm geſellen, wie ich es in jeder Gefahr ſo gern moͤchte,“ fuͤgte Ed⸗ wins Sohn hinzu,„denn Alexander Magnus ge⸗ dhoöoͤrt wie Julius Caͤſar zu einander.“ 128 Da ſprang der Major froͤhlich auf, und druͤck⸗ te den Juͤngling in ſeine Arme.„Muͤſſen Sie denn alle theure Namen in ſich vereinen? So heißt mein verehrter Vater, und Edwin, ein laͤngſt verſtorbener Bruder.“ „Wie freue ich mich nun des ſchoͤnen Na⸗ mens, der mich zu Großem beruft!“ ſagte Mag⸗ nus erheitert.„Immer wußte ich nicht, warum mein einfacher Vater den unbedeutenden Knaben mit ſo erhabnem Namen geehrt hat, der nur hohen Geſchlechtern und vielverdienten Kriegern gebuͤhrt. Doch beſchloß ich ſchon fruͤh, ihn wie meinen koſtbarſten Schmuck werth zu halten, und mit ihm um den Preis der Groͤße zu ringen.“ „Mein braver, herzlich geliebter junger Freund!“ rief der Major, die ganze Geſellſchaft um ſich herum vergeſſend.„Nicht des Kriegs⸗ gluͤcks bedarf es allein, um das Große in Dir zu bewaͤhren. Ergreife den Hirtenſtab oder Scepter, den Meißel oder das Schwert! von dieſem leuch⸗ tenden Augenpaar regiert, fuͤhren ſie Dich alle auf die Bahn des Ruhms. Was wir durch Muͤ⸗ 129 he und Fleiß uns langſam erringen, dazu berief die Natur Dich in edler Formen Bedeutung.“ „O mein theures, wuͤrdiges Vorbild!“ un⸗ terbrach der ergluͤhende Magnus den, von ahnen⸗ dem Geiſte Ergriffnen.„Was Ihr Wort mir verkuͤndet, kann ich nur an Ihrer Seite begruͤn⸗ den. Laſſen Sie mich in Ihnen den Fuͤhrer, den Mentor ehren!“ Seit dieſem Tage verſchmolz die innigſte und achtungsvollſte Freundſchaft jeden Unterſchied an Stand und Jahren zwiſchen den beiden ver⸗ wandten Seelen. 34. Fortſetzung. So unzertrennlich Alexander und Magnus auch waren, ſo ungetheilt blieben doch ihre Ge⸗ heimniſſe, wozu wohl von beiden Seiten die Ver⸗ ſchiedenheit des Alters mitwirken mochte. Immer ſteht das Herz im Nachtheil zum Verſtande, und je gereifter der Menſch in mannichfaltiger Erfah⸗ rung das Leben umfaßt, je zweifelhafter wird er uͤber die Stimme, welche er dieſem zugeſtehen r Theil. 9 130 darf. Er, der tauſend Verirrungen des Verſtan⸗ des willig eingeſtaͤnde, verhuͤllt die zarteſte recht⸗ maͤßigſte Herzensneigung in den Schleier des al⸗ lerſtrengſten Geheimniſſes. Leontinens lieblicher Name blieb ein gehei⸗ ligtes Eigenthum des aͤlteren Freundes, und Theophiliens Pſychengeſtalt weihte nur mit un⸗ ſichtbarem Seelenkuß den aufſtrebenden Juͤngling zu muthiger Verfolgung des herrlichen Zieles. So kam es, daß Magnus nie etwas von der Veraͤnderung erfuhr, die in des Praͤſidenten Le⸗ benskreis fiel. Auch Edwin nannte den gelieb⸗ ten Namen ſelten in ſeinen Briefen, und nur— um irgend einer aufſteigenden Befuͤrchtung ſeines Sohnes zu begegnen. Wirklich blieb auch Emmo's Neigung fuͤr Theophilien den eifrigſten Forſchungen Edwins ſo lange verborgen, bis jeder Einſpruch zu ſpaͤt ſchien. Wohl hatte eine leiſe Ahnung der Moͤg⸗ lichkeit eines ſolchen Falls zuweilen das beſorgte Vaterherz klopfen gemacht, doch eine Erinnerung an das kalte, ſtolze Gemuͤth des Grafen Malthen verbannte ſchnell die aufkeimende Befuͤrchtung. 131 Weit entfernt, und in ſeine Kunſt allzuſehr vertieft, um die feindſeeligen Vermuthungen ei⸗ nes muͤſſigen und verlaͤumderiſchen Theezirkels zu beachten, hielt er doch das arme, unbedeutende Maͤdchen, Leontinens Geſpielin, das Rang⸗ und Namenlos in dem Kreiſe einer Rang⸗ und Na⸗ menſtolzen Familie ſich bewegte, keinesweges da⸗ zu geeignet, als die Gemahlin des einzigen hoff⸗ nungsvollen Sohnes dieſes großen und reichen Hauſes zu glaͤnzen. Emmo ſelbſt haͤtte ihm ſei⸗ ne Herzensneigung geſtehen koͤnnen, und er wuͤr⸗ de noch an keine Gefahr fuͤr ſeinen Magnus ge⸗ glaubt haben, denn der Praͤſident hatte gar nicht das Anſehen, als werde er das Herz ſeines Soh⸗ nes befragen. Theophilia ſchien ihm, arm und anſpruchlos wie ſie war, nicht einmal fuͤr den blo⸗ ßen Kuͤnſtlersſohn zu hoch zu ſtehen, und nur ih⸗ re ſtiftsfaͤhigen Umgebungen, die Verwoͤhnung, ſich immer in hoͤheren Kreiſen zu bewegen, er⸗ weckten in ihm die Furcht, es koͤnne dem einfach buͤrgerlichen Jungling doch wohl etwas ſchwer werden, den Nimbus zu durchdringen, der ſie umgab. — 9* 132 Dieſer einzigen Ruͤckſicht alſpo, war Edwin bereit, ſeine liebgewordne Dunkelheit zum Opfer zu bringen, und dieſe war fuͤr ihn, der Emmo's Naͤhe mied, und ſeine Beobachtungen nur aus der Ferne anſtellen konnte, noch ſo weit hinaus⸗ geſchoben, daß Magnus erſt den Feldzug gluͤck⸗ lich beendigen ſollte, ehe ſeine Hand den naͤchtli⸗ chen Schleier zuruͤckzog, der ihm den hoͤheren Standpunkt verbarg, auf welchen das Schickſal ihn geſtellt hatte. Zwar draͤngte es ihn oft, wenn er des her⸗ anbluͤhenden Sohnes kuͤhne Jugendtraͤume die ganze Erde uͤberfluͤgeln ſah, ihm einen weitern Spielraum, als die engbegraͤnzten Verhaͤltniſſe des unbedeutenden Kuͤnſtlersſohnes zu geben, aber eine Erinnerung an die jugendliche Heldengeſtalt verwies ihm das eitle Streben. „Was hindurch will, macht ſich Bahn,“ ſagte er dann laͤchelnd.„Wie ſollte es doch kom⸗ men, daß du deine Huͤlle nicht abſtreifteſt, und als herrlicher Schmetterling den feſſelnden Ban⸗ den entſchluͤpfteſt, ob ich ſie dir gleich nicht loͤſe?“ Ein Wort konnte die Schleier alle luͤften, in — 133 welche er ſein fruͤheres Handeln huͤllte, aber er mußte dann auch das zarteſte Geheimniß einer edlen, noch immer ſehr geliebten Frau an das Licht ziehen, und ſie ſelbſt mit einer Entdeckung uͤberraſchen, von der er ſpaͤter die Frucht des rein⸗ ſten Entzuͤckens zu aͤrndten hoffte. Wie ſollte er alſo nicht zoͤgern, das folgenrei⸗ che Wort zu ſprechen, und es gleichſam an eine Be⸗ dingung knuͤpfen, die das Liebesgluͤck ſeines Mag⸗ nus vielleicht gefaͤhrdete? Um indeß die erkohrne Braut des geliebten Sohnes nicht ganz den Einwirkungen neuer Ein⸗ druͤcke hinzugeben, wagte er es durch Ausſtellung ſeines gelungenſten Kunſtwerks eine ſtumme Sprache an ihr Herz zu richten. Der Augen⸗ blick, der in Magnus Gemuͤth den Funken einer flammenden Leidenſchaft entzuͤndet hatte, mußte auch das ihrige getroffen haben. Es galt alſo nur eine genaue Beobachtung des Eindrucks, welchen eine ſo treue Darſtellung dieſes Moments auf ſie machen wuͤrde, und um dieſe keinem Fremden zu uͤberlaſſen, uͤberwand er zum erſten⸗ mal ſeit langen Jahren ſein innres Widerſtreben, 134— und betrat den Ort, in dem tauſend ſeelige und ſchmerzliche Erinnerungen gleich Harpyen ſein, ohnedies wundes Herz anfielen. Er war einer der vielen kunſtliebenden Frem⸗ den, welche an dem Tage der Ausſtellung die Re⸗ ſidenz fuͤllten, aber ſeine Seele fuͤllte damals et⸗ was Hoͤheres als die Kunſt. Jahrelang hatte ſich ſein verarmtes Herz, ohne an einem theuren ver⸗ wandten zu klopfen, beholfen, jetzt— ſo nahe der Befriedigung des muͤhſam zuruͤckgedraͤngten Wunſches, war er ein Anderer, unkenntlich fuͤr ſich ſelbſt und alle diejenigen geworden, die das ſtille, in ſich zuruͤckgezogne Seyn des, nur fuͤr ſeine Kunſt feurig Erglühten mit der peinlichen Ungeduld, die ihn raſtlos umhertrieb, dem aͤngſt⸗ lichen Spaͤhen nach bekannten lieben Zuͤgen, und dem ſorgſamen Bemuͤhen, ſich ſelbſt da zu ver⸗ bergen, wo keine Entdeckung ihm drohte, vergli⸗ chen haͤtten. Kein Wunder alſo, daß ihm, dem vielfach Beſtuͤrmten, der Zweck ſeines Hierſeyns beinahe ganz verloren ging. Er ſahe Theophilien bei dem Anblick ſeines 135 Kunſtwerks ohnmaͤchtig in des Fuͤrſten Arme ſin⸗ ken und errieth mit freudiger Ueberraſchung ein Gefuͤhl, das alle Umſtehenden anders deuteten. Allein kaum erſchien Emmo auf dem Schauplatz, ſo zog er ſich aͤngſtlich zuruck, weil er des Juͤng⸗ lings raſches Ausſprechen ſeiner innern Gefuͤhle ſchon einmal erprobt hatte, und daher nichts ſo ſehr fuͤrchtete, als hier von ihm aufgefunden zu werden. Er hatte alſo nur geſehen, was er zu ſehen wuͤnſchte, und reiſte den andern Tag, nach⸗ dem er ſeinen Theuerſten wenigſtens eine geheime Huldigung, durch Ueberſendung der geſtern ſo vor⸗ zuͤglich bewunderten Gruppe, dargebracht hatte, befriedigt von Dannen. Dieſesmal wagte er ſogar Theophiliens in beſtimmteren Ausdruͤcken gegen ſeinen Sohn zu erwaͤhnen, und dadurch eine Hoffnung in des Juͤnglings Herzen zu entflammen, ohne die er ſchwerlich die Kuͤhnheit gehabt haͤtte, ſein erſtes Zuſammentreffen mit ihr zu einer Erklaͤrung zu benutzen. Mit welcher feurigen Ungeduld flog der Gluͤck⸗ liche jetzt zu Kampf und Sieg, da er den ſchoͤ⸗ nen Traum ſeines Herzens ſich immer mehr ge⸗ ſtalten und verwirklichen ſah. Nach Endigung dieſes Krieges hatte der Vater ihn zu ſich beru⸗ fen, dann ſollte ſein Schickſal entſchieden wer⸗ den. Kein Wunder alſo, daß er mit ſtuͤrmender Hand an dem Vorhang riß, der es ihm noch verhuͤllte. Die Schlacht bei Leipzig wurde geliefert. Sie ſollte das Voͤlkerloos entſcheiden, und nichts wurde an Muth, Kraftanſtrengung und Begeiſte⸗ rung geſpart, um die Tage des 16ten und 18ten Oktober unvergeßlich zu machen. Um in dieſem Kampf ſich auszuzeichnen, mußte man es einer Heldenſchaar zuvorthun und niemand machte die⸗ ſen Ruhm dem tapfern Major Dornburg und ſeinem jungen Freunde Magnus ſtreitig. Ein Herz, das die Liebe begeiſtert, iſt auch der aufopferndſten Freundſchaft faͤhig. Magnus wich nicht von Dornburgs Seite, machte ihm mit der Blitzesſchnelle ſeiner Waffen Bahn in der Feinde dicht umdraͤngenden Reihen, und bewach⸗ te wie der Paradiesvogel mit dem feurigen Schwerdt den Weg zu ſeinem Herzen, auf das 137 manch' feindlicher Stahl zielte. Was dem, an der Spitze ſeiner Treuen muthig Vordringenden als tollkuͤhnes Wagniß das Leben gekoſtet haͤtte, wurde durch des Heldenjuͤnglings Unterſtuͤtzung ihm zum unverwelklichen Lorbeerkranz. Auf dem Schlachtfelde noch umarmte er den jungen Helden, und als ihm zum Lohn fuͤr ſei⸗ ne ausgezeichnete Bravheit das ehrenvolle Amt eines Siegesboten bei ſeinem Fuͤrſten uͤbertragen wurde, bat er, beſcheiden die Haͤlfte des Verdien⸗ ſtes dem herrlichen Beiſtand des tapfern Magnus zuſchreibend, um deſſen Begleitung. Dieſe wurde ihm, nach ſo ruͤhmlichem Zeng⸗ niß, um ſo weniger verweigert, als jeder der an⸗ weſenden Offiziers dem Urtheil des Majors eh⸗ rend beipflichtete. Kaum dem Fuͤrſten vorgeſtellt, brannte der edle Alexander nach einer andern Freudenſcene, die ihn in den Armen ſeiner ehrwuͤrdigen Eltern erwartete, und Magnus, der Gefaͤhrte ſeines Ruhms, mußte auch jetzt ſeinen Freudenrauſch theilen. Nicht immer— oder vielmehr ſelten iſt es 138 erfreulich, der einzige fremde Theilnehmer der er⸗ ſten frohen Herzensergießung einer gluͤcklichen Fa⸗ milie zu ſeyn. Nichts giebt uns einen ſo deutli⸗ lichen Begriff unſerer Nullitaͤt in den Augen An: drer, nichts weiſt uns einen ſo demuͤthigen Platz unter den Gluͤcklichen an, und nichts laͤßt uns endlich die Qualen des Tantalus ſo ſchmerzlich nachempfinden, als ein ſolches Familienfeſt, in das wir mit unſerm uͤbervollen Herzen gern freudig hineinſtuͤrmen moͤchten, und das uns, trotz aller Hoͤflichkeit der Mitſpielenden, doch nur als ſtummer, unbeachteter Zuſchauer zulaͤßt. Auch Magnus theilte einige Augenblicke das peinliche Loos der Fremden, als die greiſen Eltern ſich jubelnd um die erſte Umarmung ihres Ein⸗ zigen ſtritten; aber ein ſuͤßer Vorſchmack des, nun auch nicht mehr fernen Wiederſehns ſeines trefflichen Vaters, und der ruͤhrende Anblick des ſilberlockigen Greiſes, mit der Roͤthe der Freude auf den gefurchten Wangen, der ehrwuͤrdigen Mutter ſeines Freundes, deren Entzuͤcken bald in ſuͤße Thraͤnen ſich aufloͤſte, und der jovialen Lau⸗ ne Alexanders, der mit einer Art von trotziger 139 Luſtigkeit gegen ſeine eigne Erweichung kaͤmpfte, entſchaͤdigten ihn reichlich fuͤr die Paſſivitaͤt des Augenblicks. Zeitiger, als er es erwartete, wurde auch er in den Kreis der Liebe gezogen. Graf Dornburg hatte nicht unterlaſſen, des Freundes oft in ſeinen Briefen zu gedenken, und als er ihn nun als Schutzgeiſt ſeines Lebens und ſeines Ruhms den dankbaren Eltern auffuͤhrte, bedurfte es kaum des Eindrucks ſeiner herzgewinnenden Perſoͤnlichkeit, um ihm die Arme derer zu oͤffnen, die nach ei⸗ ner Stunde ſchon nicht mehr wußten, wenn ſie angefangen ihn zu lieben. Der Hofball, welcher die Helden und den Sieg feiern ſollte, entriß ſie dem hoͤheren Genuß traulicher Mittheilungen; indeß es draͤngte den gluͤcklichen Vater heut ſelbſt, ſich an der Seite ſeines ruhmbekraͤnzten Sohnes zu zeigen und Alexander zuͤrnte der ſchoͤnen Veranlaſſung, aus Leontinens freudeglaͤnzenden Augen erſt ſeinen wahren Ritterdank zu empfangen, noch minder. Nur Magnus, ſonderbar befangen von der Idee ſeines erſten Eintritts in einen Zirkel, der fuͤr 140 Juͤnglinge ſeines Standes ſich ſelten oͤffnet, folg⸗ te mit innerm Widerſtreben dem, zur Eil ermah⸗ nenden Freunde. Welche Ueberraſchung ihm dort bluͤhte, wel⸗ cher gluͤhende Schmerz ihm dort alle langgepfleg⸗ ten Hoffnungsbluͤthen verſengte, wiſſen wir ſchon. Es bleibt uns nur noch uͤbrig, den Fortſtuͤrmen⸗ den auf ſeinem kurzen Leidenswege zu begleiten. Ohne Fuͤhrer in den zur Feier des Sieges hell erleuchteten volksbelebten Straßen, irrte er, der einzig Getaͤuſchte, Verarmte, zweck⸗ und ru⸗ helos herum. Sie war ihm ſo unwiederbringlich entriſſen, da Emmo dieſe zarte Lilie in ſeinen Freudenkranz flocht, daß ſelbſt die Ahnung ihrer erwiedernden Neigung nicht einen Funken ſeiner todten, aus⸗ geloͤſchten Hoffnungen wieder beleben konnte. So lange ſie nur einem Fremden gehoͤrte, ſo lange der Guͤckliche noch namenlos war, miſchte ſich in ſeinen Schmerz auch die leiſe Hoffnung des Wie⸗ dergewinnens des verlornen Gutes. Aber dem Freunde, der auf ſeiner Bruſt das einzige oft bang vermißte Andenken an die nie gekannte — 441 Mutter trug, durfte er ſte nicht mit dem Pfeil der Verraͤtherei durchbohren. Ihn ſchuͤtzte das Amulet ſogar vor dem leiſeſten Anflug von Un⸗ muth in der ſtarken Seele des Freundes. Nur ſich, nur ſein Geſchick, und wohl auch in innerſter Herzenstiefe den Vater anklagend, der ſich und ihn ſo herb getaͤuſcht, kam er endlich, in dunkler Fiebergluth gluͤhend, im Hotel des Mi⸗ niſters an, wo ſein erſchrockner Diener der er⸗ ſchoͤpften Natur durch ſchweigenden Beiſtand zu Huͤlfe kam, und an dem Bett ſeines, von wilden Phantaſien gepeinigten Herren einige angſtvolle Stunden, bis zur Ankunft des Obriſten, durch⸗ wachte. Des juͤngeren Dornburg Beſtuͤrzung glich der Heftigkeit ſeiner Selbſtvorwuͤrfe, den theuren Kriegsgefaͤhrten uͤber Leontinens verfuͤhreriſcher Syrenenſtimme ſo gaͤnzlich vergeſſen zu haben. Nur der troͤſtende Zuſpruch des Hofmedikus, den er ſogleich vom Ball citirte, konnte ihn ſo weit uͤber den Zuſtand des Kranken beruhigen, daß er im Stande war, die beſorgten Eltern ſelbſt von dem Vorfall und dem nothwendigen Zuruͤck⸗ bleiben des Freundes zu benachrichtigen. 142 Den uͤbrigen Theil der Nacht verwachte er an der Seite des leidenden Magnus, und als das roſige Licht der Morgenroͤthe ſo viele Sanft⸗ ſchlummernde ſanft erweckte, druͤckte er, zur Ab⸗ reiſe geruͤſtet, den ſchmerzlichen Abſchiedskuß auf die brennende Lippe des bewußtloſen Freundes. 36. Liebes⸗ und Leidenskaͤmpfe. Auch Theophiliens innres Saitenſpiel hatten die gewaltſamen Accorde unausſprechlicher Won⸗ ne und tiefen Leids geſprengt. Sie lag, einer geknickten Lilie gleich, daheim in den Armen die⸗ nender Frauen, waͤhrend Emmo, ſeiner innren Angſt kaum Meiſter, mit flehenden Blicken den Beiſtand der St. Clair anrief, die, eingedenk ihres geheimen Widerwillens gegen den Schuͤtz⸗ ling des Hauſes, ſich jetzt ein wenig koſtbar machte. Endlich folgte ſie dem Bittenden grade zu rechter Zeit, um ſeinem bewegten Gemuͤth eine freilich duͤrftige Aufklaͤrung des raͤthſelhaften Er⸗ eigniſſes auf dem Ball zu geben. 14³ Die zarte Organiſation Theophiliens konnte den gewaltſamen Einwirkungen des verfloßnen Tages nicht laͤnger widerſtehen. Ein heftiges Fie⸗ ber raubte ihr die Kraft, ſich ferner zu beherr⸗ ſchen, und wie ein anſchwellender Strom brau⸗ ſend den kuͤnſtlichen Damm durchbricht, ent⸗ ſtroͤnte der theure, ſo lange verſchwiegne Na⸗ me, Magnus, unaufhaltſam den purpurgluͤhenden Lippen. Emmo lag verzweifelt zu des Bettes Fuͤßen, denn was ihm hier unterging, konnte ſelbſt die Rettung der Geliebten nicht wieder aus der Aſche hervorrufen. Da trat die St. Clair, gleich einem leuch⸗ tenden Pharos in ſtuͤrmiſcher Nacht, an ſeine Seite. Sie wußte ja um die Taͤuſchung, welche Edwin und die Graͤfin ſich einſt gegen das un⸗ ſchuldige Maͤdchen erlaubte, und bot nun— nicht grade in der Abſicht, Arges zu verhuͤten, doch aus natuͤrlicher Geſchwaͤtzigkeit, in der Er⸗ zaͤhlung der kleinen Begebenheit die wahrſchein⸗ lichſte, ach, und guͤnſtigſte Loͤſung des Raͤthſels von Theophiliens jetzigem Zuſtande dar. 144 Erſt heut vermuthlich hatte ein Zufall ihr die Wahrheit erſchloſſen, oder vielleicht auch fruͤ⸗ her, das bewies ihr zagender Ausruf: Magnus! — als ſie den Strafbaren wieder erblickte, der ein ſo frevelndes Spiel mit ihrer kloͤſterlichen Schuͤchternheit getrieben hatte. Auch ihm mußte dies Wiederbegegnen peinlich und beſchaͤmend ſeyn, darum floh er bei einer nochmaligen Hinweiſung auf die Tiefbeleidigte ſchuldbewußt; waͤhrend ihr empoͤrtes ſittliches Gefuͤhl eine ſo zerſtoͤrende Gewalt uͤber ihr zartes Nervenſyſtem ausuͤbte. Dem Unbefangnen konnte dieſe Aufklaͤrung wohl ſchwerlich genuͤgen; aber das ſehnende Herz des Liebenden, das aͤngſtlich nach Entſchuldigung ſuchte, hing ſich doch mit vertrauendem Glau⸗ ben daran, und als ein herbeigerufener Arzt durch beruhigende Tropfen die aufgeregte Natur beſaͤnftigte, geſellte ſich der Name Emmo! ſo weich und klagend zu den Wehaccorden in ihrer Bruſt, daß er mit ſeiner Muſik noch vollends jeden aufgeſtiegnen Zweifel einwiegte. Leontinens heißerſehnte Nuͤckkehr, des Arz⸗ tes dringend ausgeſprochener Wunſch, der Leiden⸗ — 145 den Ruhe zu geben, und endlich ſeines Vaters peinigende Gegenwart,(denn er, dem von der Begebenheit auf dem Ball nichts als der erſte Ausruf, Magnus! bekannt war, weil man ihn ſogleich an einen Spieltiſch kettete, verwickelte die St. Clair und alle Umſtehenden in eine ſol⸗ che Menge verfaͤnglicher Fragen, daß ihre verwirr⸗⸗ ten und unbefriedigenden Antworten nur dazu beitrugen, das Dunkel zu vermehren,) veranlaß⸗ ten endlich Emmo, ſich zuruͤckzuziehen. Theophiliens leicht verletzliche Natur erlag wahrſcheinlich nur dem letzten Eindruck, weil die uͤberraſchenden Ereigniſſe des Tages und der ſtille Kampf mit ihrem Herzen ihre Erſchoͤpfung vor⸗ bereitete. Dieſe waltete denn auch noch vor, und entmuthigte den Arzt, als der erſte gefaͤhrliche Ausbruch des Fiebers durch ſeine Kunſt gehemmt war. Die Heftigkeit der Krankheit brach ſich in wenig Tagen, aber das erfreuende, belebende Gefuͤhl der Geneſung wollte in das, einem ſtil⸗ len Seelenſchmerz geweihte Daſeyn der Leiden⸗ den nicht mehr einziehen. Sich ſelbſt und ihr Verhaͤltniß zu Emmo 2r Theil. 10 44.— 146— ſchnell wieder erfaſſend, war ihr Leben unter den Augen ſeiner Familie eine ununterbrochne Kette leiſer Opferungen, mit denen ſie den Zoll der Dankbarkeit entrichtete. Nur dem Verlobten angehoͤrend, nur ihm ſich weihend in Wort und That, legte ſie eine Innigkeit in die kleinſten Beziehungen auf ihn, die ſelbſt den ſcharfen Menſchenkenner Malthen oft in eine Art von eiferſuͤchtiger Unruhe verſetz⸗ te, wie ſollte ſie den vertrauenden Emmo nicht taͤuſchen, der in dem Laͤcheln der ſchoͤnen Lippen die Beglaubigung aller der ſuͤßen Hoffnungen las, zu denen ihr braͤutliches Verhaͤltniß ihn berech⸗ tigte. Die unbeſchreibliche Großmuth ihres Her⸗ zeus lehrte ſie ſchnell den Weg finden, der alle Klippen fuͤr Emmo's Gluͤck umging, das ja doch wohl die einzige Bedingung ihres Strebens ſeyn mußte, da ihr erſter Beſchuͤtzer in dieſem Hauſe ſie mit ihrer heißen Dankbarkeit ſelbſt an den liebenden Sohn verwieſen hatte. Ihn mußte ſie begluͤcken, ſein Leben mit allen Seeligkeiten ver⸗ ſchoͤnern, welche ihr untergingen, das war nicht 147 Herzenswahl, aber ſchnell geloͤſ'tes Problem ihres Beruf's auf Erden, und was eine weibliche See⸗ le nur erſt in ihren ſtillen Pflichtenkreis aufge⸗ nommen hat, ringt ſie den ſtuͤrmenden Wogen widerſprechender Gefuͤhle ab, und muͤßte ſie ſelbſt mit dem erkaͤmpften Kleinod verſinken. Ein ſtilles Reich hatte indeß Magnus ſich in ihrem Opferleben aufbehalten, und je ernſter ſie es zu beſchraͤnken ſtrebte, je ſchwaͤcher ward die Kraft zum Widerſtand. Wenn die ſeegnende Nacht ihre weiche Hand auf die Augenlieder aller derer legte, die in ih⸗ rem zerriſſenen Herzen nicht leſen durften, be⸗ gann das wahre Geiſt⸗ und Koͤrperzerſtoͤrende See⸗ lenleben der Armen. Jetzt trat Magnus, der heißgeliebte Magnus, in alle fruͤheren Rechte. Sie ſahe ihn bald ſtrahlend vom Siegesglanz den hellerleuchteten Saal betreten, bald in furcht⸗ barer Schlacht die unbedeckte Bruſt dem feindli⸗ chen Stahl Preis geben. Dann riß auch ſie die ſeidne Decke von der ihrigen, und freute ſich, wenn die erkuͤhlende Nachtluft ſie wie ein kalter, ſchneidender Dolch 10* 148 durchzuckte, denn nun war ſie ja, gleich ihm, dem Tode geweiht, und traͤumte, wie ein from⸗ mes Kind, von den Engeln, die das fliehende Leben ihr von der Lippe kuͤßten. 1 Der Morgen, der mit ſeinem erquickenden Strahl ſonſt allen Kranken neue Kraͤfte und fri⸗* ſche Lebensluſt zufuͤhrt, erweckte die Seelige nur aus dem tiefen lethargiſchen Schlummer zu neuen Kaͤmpfen. Mit Schrecken ſahe ſie ſich getaͤuſcht, in das oͤde Leben zuruͤckgeworfen, und fuͤhlte doch den ſtechenden Schmerz auf der Bruſt, der ſie an die Wahrheit ihres Traumes glauben ließ. Das Fieber brach von Neuem aus, ihre Sinne verwirrten ſich, und der Arzt ſann vergebens, warum grade der Morgen alle Symptome zerſtoͤ⸗ render Aufreibungen mit ſich fuͤhre? Emmo erlag faſt der taͤglich wiederkehrenden Sorge um die dahinwelkende Geliebte, als ein freundlicher Schutzgeiſt ſich ihm nahte, an deſſen mildem, erfreuendem Einfluß ſich ſein gebeugter innrer Sinn wieder muthig zu kraͤftigem Han⸗ deln aufrichtete. Wer zweifelt, daß es das treue Mutterherz — 149 war, welches dem vielfach Bedraͤngten zu Huͤlfe eilte? 36.. 5 Die Krankenpflegerin. Es war Conſtanze, die guͤtige Mutter, wel⸗ che des Sohnes Gluͤck und jetzt ſein Schmerz aus ihrer Verborgenheit gelockt hatte. Immer war ſie, ſo weit ſchriftliche Nachrich⸗ ten den muͤndlichen Verkehr erſetzen koͤnnen, die milde Leiterin ſeiner Schritte in dem, ihm noch fremden vaͤterlichen Hauſe geweſen, ja es ſchien, als haͤtte ſeine Entfernung von ihr ſie um nichts, als ſeine liebe Gegenwart betrogen, ſo maͤchtig wußte ſie auch noch aus der Ferne auf ſein Den⸗ ken und Handeln zu wirken. Sie war genau den Gefuͤhlen gefolgt, welche ſich nach und nach fuͤr Theophilien in ſeinem Herzen entwickelten, und es freute ſie, daß keine ſtuͤrmiſche Leidenſchaft, ſondern ein ſanftes, inniges Wohlbehagen ihn zu dem Maͤdchen hinzog, deſſen zarter Sinn ihr fuͤr das Gluͤck ihres Emmo buͤrgte. Allein ſie kann⸗ 150— te den Praͤſidenten, und fuͤrchtete große Schwie⸗ rigkeiten, ja wohl das gaͤnzliche Scheitern ihrer Hoffnungen. Um ſo mehr wurde ſie nun uͤber⸗ raſcht, als ſie in einem Briefe ihres Sohnes zugleich die Nachricht ſeiner oͤffentlichen Verlo⸗ bung mit Theophilien, und eine ziemlich verwirr⸗ te Erzaͤhlnng der Begebenheiten auf dem Ball erhielt. Ein paar ſpaͤtere Zeilen ſchilderten ihr Emmo's Sorge um das Leben der theuren Braut, deren Krankheit er als eine Folge der Erſchuͤtte⸗ rung auf dem Ball angeben mußte. Jetzt war es beſchloſſen, was zu denken ſie bisher kaum wagte. Emmo's Ruhe machte eine genauere Kenntniß des Maͤdchens noͤthig, uͤber deſ⸗ ſen Charakter die letzte Begebenheit einen Schleier des Geheimniſſes geworfen hatte, den ſie luͤften mußte, ſollte es ihr auch die ſchmerzlichſte Ueber⸗ windung koſten. Unter dem einfachen Namen einer Madame Oswald, begruͤßte Conſtanze den Ort, der einſt Zeuge ihrer truͤbſten Stunden an der Seite eines ungeliebten Gemahls und ihrer Schoͤnſten, als gluͤckliche Braut des Einzigen, von dem ihr Herz 151 ſich noch nicht entwoͤhnen konnte, war. Sie waͤhlte ihre Wohnung in einem beſcheidnen Buͤr⸗ gerhauſe, drei Stock hoch, grade dem Gebaͤude gegenuͤber, deſſen Bal⸗Etage der Praͤſident mit ſeiner Familie bewohnte. Ihre Ankunft, die nichts pomphaftes hatte, wurde von Niemand bemerkt, aber ihr Herz poch⸗ te vor ſehnender ͤngeduld nach dem geliebten Sohn, dem ſie kein Zeichen zu geben hatte, weil ſie den Gebrauch des Hauſes zu wenig kann⸗ te, um ihre Botin, das einzige Maͤdchen, wel⸗ ches ſie begleitete, auch vielleicht unrecht anzu⸗ weiſen. Endlich wurde es ihr nach zwei Tagen ſehn⸗ lichen Harrens moͤglich, einem der Diener ein Billet an Emmo zuzuſtellen, das um ſo unbe⸗ fangener uͤbergeben wurde, als man, durch den ſtrengen Gebieter an große Puͤnktlichkeit gewoͤhnt, ſich wohl in Acht nahm, die Geſchaͤfte des Va⸗ ters und Sohnes zu verwechſeln. Wer ſchildert das Entzuͤcken des ſo froh Ueber⸗ raſchten, und wer ſeine Ungeduld bis zum Abend? (denn an einer fruͤheren Vereinigung hinderte ihn das beſtimmte Verbot ſeiner geliebten Mut⸗ ter, die alles Aufſehen vermeidev wollte.) Die Spuren inn'rer Befriedigung auf der, jetzt ge⸗ woͤhnlich bewoͤlkten Stirn des lieben Freundes, fielen ſogar Theophilien auf, und Leontine, die ihr heitres Auge nur zu gern auf erfreulichen Gegenſtaͤnden ruhen ließ, meinte: ſein Laͤcheln gliche der Taube, welche nach der großen Suͤnd⸗ fluth(von Thraͤnen naͤmlich,) mit dem Oehlblatt wiederkehre. „0, moͤchteſt Du Recht haben, liebe Pro⸗ phetin!“ ſeufzte Emmo, und zog die Hand der Kranken an ſeine Lippen. Sie hatte Recht! denn Conſtanze war der Friedensengel, der wenigſtens fuͤr den Augenblick jeden innern Streit ſchlichtete. Emmo fluͤchtete am Abend mit ſeinem lang verhaltnen Schmerz, und dem heißen ſehnenden Herzen, in ihre Arme. Nie hatte er die gelieb⸗ te muͤtterliche Freundin ſo vermißt, nie das pein⸗ liche Verhaͤltniß ſeines Hauſes, das ihn immer eines Theils der theuren Eltern beraubte, ſo drü⸗ ckend empfunden. — 153 Jetzt hatte das liebende Mutterherz endlich das Geheimniß entdeckt, ihn fuͤr ſo lange, lange Entfernung ſchadlos zu haͤlten. Mit Entzuͤcken uͤberließ er ſich den Einwirkungen einer zwanglo⸗ ſen, vertraulichen und ungekuͤnſtelten Herzenser⸗ gießung, die ihn den Vorzug vor jeder, auch der offenſten ſchriftlichen Mittheilung ſchnell em⸗ pfinden ließ. Immer glaubte er, der geliebten Nutter in ſeinen Briefen von jedem aufſteigen⸗ den Gedanken, von der kleinſten Bewegung ſei⸗ nes Gemuͤthes Rechenſchaft gegeben zu ha⸗ ben, und es fand ſich nun, daß ſie noch gar nichts von der innern Welt wußte, in der er erſt lebte, ſeit die Aeußre, durch die Trennung von der treuen Bildnerin ſeiner Jugend, einen Theil ihres Reizes fuͤr ihn verloren hatte. Sie ließ ſich die Begebenheit mit Theophilien und den Gang ihrer Krankheit noch einmal ſchildern. Es lag ſo viel Dunkles und— fuͤr die Ruhe ihres Sohnes Gefaͤhrliches darin, daß ſie nicht begriff, wie Emmo ſo leicht uͤber den eigentlichen Grund aller dieſer Verwirrungen hinwegſehen konnte; 154— aber ſie ſcheute es eben ſo ſehr, dem argloſen Eemuͤth ſeine Unbefangenheit zu rauben. Sehen und pruͤfen mußte ſie das Weſen, in deſſen Haͤnde ſie das Kleinod ihres Lebens nie⸗ derlegen ſollte, und zwar bald, recht bald, ehe ſein Herz ſich mit dem ſchoͤnen Vertrauen, an das ſie und ihre Umgebungen es gewoͤhnt hat⸗ ten, unaufloͤslich an daſſelbe knuͤpfte. Sie ſann noch uͤber die Moͤglichkeit, ſich, ohne Gefahr entdeckt zu werden, in dem Kran⸗ kenzimmer einzufuͤhren, nach; als Emmo's Er⸗ zaͤhlung von den heftigen Morgenfiebern, die durch eine hoͤchſt unruhige Nacht erzeugt wuͤrden, ſie auf den Gedanken leitete, ihn zu fragen, ob, bei der nun ſchon einige Wochen dauernden Krank⸗ heit Theophiliens, das Geſchaͤft des Nachtwachens immer noch den Leuten des Hauſes allein uͤber⸗ laſſen bliebe? Emmo blickte errathend auf. „Wie, theure Mutter! Du wollteſt—“ rief er nun erſchrocken aus. „Das einzige Mittel ergreifen, die Braut meines Sohnes ohne Gefahr fuͤr ihre Geſund⸗ — 155 heit ſchon jetzt kennen zu lernen. Findeſt Du das nicht natuͤrlich?“ 35 „Und das Haus— die Naͤhe meines Va⸗ ters! o Mutter! haſt Du auch bedacht——“ Sie laͤchelte wehmuͤthig, und ſagte mit wei⸗ cher Stimme: „Mein guter Sohn! giebt es wohl etwas, das ein Mutterherz bedenkt, wenn es ſich um das Theuerſte handelt, das ihm aus dem großen Schiffbruch noch uͤbrig blieb? Ich werde, Deinem Vater um einige Schritte naͤher, nicht ſchwerere Stunden verleben, als fern von ihm, den nur mein Schickſal mich zu verlaſſen zwang, nicht ſeine Schuld. Ich bitte Dich, mir Eingang zu verſchaffen. Mich draͤngt's, die neue Tochter zu begruͤſſen.“ Emmo's Wuͤnſche ſtimmten nur zu ſehr mit dem Plane ſeiner Mutter uͤberein, um ſie lange in Zweifel uͤber die Ausfuͤhrbarkeit deſ⸗ ſelben zu laſſen. Nichts machte ihn lluͤck⸗ licher, als die geliebte Braut eine ganze Nacht unter der ſchuͤtzenden Obhut derjenigen zu wiſſen, deren liebende Theilnahme erſt ſeinen Bund zu heiligen ſchien. Es iſt ein zweites Erkennen, ein zweites Lieben, wenn diejenigen, deren Urtheil wir zu ehren gewoͤhnt ſind, nun auch kennen und lie⸗ ben, was uns theuer iſt. Ddie Gelegenheit, ſeine Familie, und beſon⸗ ders die Kranke auf ſeine Wuͤnſche vorzuberei⸗ ten, fand ſich ſehr bald. Er erzaͤhlte ganz unge⸗ zwungen von einer armen Predigerwitwe, die hier in der Nachbarſchaft wohne, und in großen Haͤuſern Bekanntſchaft ſuche, um, entweder durch Arbeit, oder(was eigentlich ihr Fach ſei,) durch allerlei Huͤlfsleiſtungen um Kranke, Nachtwachen u. dergl.) ihr Brod zu verdienen. „Ich machte zufaͤllig ihre Bekanntſchaft,“ ſchloß er,„und dachte gleich, wie ich das ſanfte, wohlwollende Geſicht ſahe, daß ſie uns, und be⸗ ſonders mir, große Dienſte leiſten koͤnnte. Im⸗ mer ſchmerzte es mich, meine geliebte Theophi⸗ lia, am Abend, nach der ſorgſamſten Pflege, der Aufſicht eines oder des andern Hausmaͤdchens zu uͤberlaſſen, das vielleicht, von des Tages Arbeit ermuͤdet, ſtatt zu wachen, an ihrer Seite ſuͤßer ſchlummert, als unſre theure Kranke ſelbſt. Die⸗ 157 ſe Beſorgniß iſt nun von mir genommen. Wenn es Ihnen, meine Liebe, nicht zuwider iſt, ſo ma⸗ chen wir heute den erſten Verſuch mit der braven Frau.“ Dagegen konnte natuͤrlich niemand, ſelbſt Theophilia, nichts einzuwenden haben, und ſo fuͤhrte denn Emmo mit Herzklopfen die geliebte Mutter am Abend in das dunkle Krankenzimmer. Alles hatte ſich, bis auf Leontinen, daraus entfernt, die nicht ſchlafen gehen wollte, bevor ſie nicht die fremde Frau, deren Pflege ſie dieſe Nacht das Wohl ihrer ſchweſterlichen Freundin anvertrauen ſollte, geſehen hatte. Ihr Aeußeres wirkte auf Conſtanze ſehr an⸗ genehm. Das ſchoͤne, bluͤhende Geſicht, das von einer geheimen Unruhe gemilderte Feuer der ſtrah⸗ lenden Augen, und beſonders die halbleiſen Toͤ⸗ ne, mit welchen ſie ſie liebreich willkommen hieß, und ihr alle, zu Theophiliens Pflege gehoͤrigem Vorſichtsmaaßregeln bekannt machte, dann der lieben Kranken noch eine gute Nacht zufluͤſterte, und endlich dem Bruder freundlich zunickend, den Boden kaum beruͤhrend, in das Nebenzimmer 158 ſchwebte: alles das unnachahmliche Ganze, was Leontinen allein angehoͤrte, machte einen unbe⸗ ſchreiblichen Eindruck auf die ungluͤckliche Frau, der das Schickſal ein Gluͤck verſagt hatte, das der beguͤnſtigte Malthen dreifach beſaß, eine hol⸗ de, liebliche Tochter! Sie war jetzt mit ihrem Sohne und Theo⸗ philien allein, und naͤherte ſich leiſe dem Bett, um ihren Platz einzunehmen, als die Letztere mit der ſuͤßen klangvollen Stimme, welche ihr ſchon im Geſpraͤch mit ihren Untergebenen alle Herzen gewann, ſich zu ihr wendend, ihr fuͤr die Gefaͤl⸗ ligkeit dankte, die ſie ihr dieſe Nacht erweiſen wollte. Es waren ganz einfache Worte, denn ſie glaubte mit einer bezahlten Waͤrterin zu ſprechen, aber dennoch ſtuͤrzte der erſte Ton ihrer geſang⸗ reichen Stimme, das erſte guͤtige Laͤcheln von den feinen Lippen, das ganze kunſtreiche Gebaͤude von Conſtanzens Beſonnenheit um. Erſchrocken trat ſie einige Schritte zuruͤck, dann wieder vor. Ihr Auge bemuͤhte ſich umſonſt, das ſie umgebende Halbdunkel zu durchdringen, um die ſchoͤnen wei⸗ 1 — 459 chen Zuͤge des erblaßten Engels beſſer zu unter⸗ ſcheiden, dann heftete ſie wieder unruhig ihre Blicke auf Emmo, der aͤngſtlich— eine Entdek⸗ kung ſcheuend— auf der andern Seite des Betts ſtand. Seine Verwirrung bemerkend, ſammelte ſie indeß ihre Sinne zu einer leiſen Gegenantwort fuͤr die Kranke, die ſchon befremdet durch die Verlegenheit ihrer Pflegerin neugierig auf ſie blickte, und endete auf dieſe Art einen peinlichen Moment, der alle drei in einer gewiſſen Span⸗ nung erhielt. Auf einen Wink von ihr, verließ Emmo das Zimmer, und da ihr Auge nach und nach an die Dunkelheit, wie ſie ſelbſt an ihr ſeltſames Verhaͤltniß ſich gewoͤhnten, ſo enthuͤllten ſich auch immer mehr die feinen, durch die verlaͤngerte Krankheit noch geiſtiger gewordnen Zuͤge des theuren Maͤdchens, in deren Naͤhe ein bekann⸗ ter, ein ahnender Geiſt ſie umwehte. Auf Theophilien ſchien ihre Gegenwart eine zerſtreuende Wirkung hervorzubringen. Sie blieb lange wach, hing ihren verderblichen Traͤumen 469— nicht nach, und wendete, weil die ſanften milden Zuͤge der hohen blaſſen Frau ſie anſprachen, ſie ic ganz gegen ſie. 3 Nach einigen Stunden, in denen Eonſeanze vorſichtig jede Bewegung beobachtet hatte, verfiel ſie in einen ruhigen Schlaf, der ihrer Pflegerin Zeit gewaͤhrte, ſich noch voͤllig mit ihr, und den kleinen Eigenthuͤmlichkeiten, welche ihren ſtillen Reiz erhoͤhten, bekannt zu machen. Wohl errieth ſie nun den geheimen Zauber, der ihren Sohn an die ſchoͤne weiße Himmels⸗ blume gelockt hatte. Fuͤhlte ſie doch ſelbſt etwas Aehnliches, mit keinem andern, gewoͤhnlichen Wohlwollen Vergleichbares, fuͤr die holde Tochter, welche Emmo ihr ſchenkte. Sie konnte die Ver⸗ ſchiedenheit ihrer Empfindungen ſehr leicht nach dem Eindruck, den fruͤher Leontinens Gegenwart auf ſie gemacht hatte, beurtheilen, und ſann lan⸗ ge uͤber die geheime Sympathie nach, welche ſich in den Gemuͤthern bald fuͤr dieſen, bald fuͤr je⸗ nen Gegenſtand kund thut. Leontine war vielleicht ſchoͤner als Theophi⸗ lia, denn was uͤbertrifft den friſchen, hellen Far⸗ 161 benglanz, mit dem die Natur im Lenze die braͤut⸗ liche Erde ſchmauͤckt? was den Roſenſtrahl, den die aufgehende Sonne der Jugend, der Liebe und des Gluͤcks auf die Wangen der Jungfrau wirft? Wie bleich, wie farblos erſchien, neben dieſer uͤp⸗ pigen Roſe, die zarte, beinahe entkoͤrperte Theo⸗ philia, und dennoch fuͤhlte Conſtanze ſich bei dem Anblick der Erſteren nur angenehm bewegt, nur in erfreuliche Stimmung verſetzt, waͤhrend die er⸗ ſten Laute von der Kranken Lippen ſchon in ih⸗ rer innerſten Seele nachklangen, und die ganze, in milden Reiz auf ihr Lager hingegoßne Geſtalt ihr ein unendliches Weh im Buſen erweckte. Sie moͤchte— nicht die Sanftſchlummernde, aber etwas in ſich, eine Wunde, die der Anblick derſelben wieder aufreißt, beweinen, und ſie be⸗ greift es nicht, warum alle Bilder einer ſchreckli⸗ chen Vergangenheit wie Geiſter um das Bett des fremden Maͤdchens ſtehen. 1 Die Genien einer ſtillen Nachtſtunde um⸗ flattern den Gluͤcklichen wie laͤchelnde Engel, die in reinem Spiegel ihm die froͤhlichen Bilder ſei⸗ nes Gluͤcks zuruͤckſtrahlen, den Ungluͤcklichen aber 2r Theil.. 11 162— wie lichtſcheue Nachtvoͤgel, deren gleichtoͤnender Jammerruf ihm dieſelbe Leidensgeſchichte tauſend⸗ mal wiederholt. Endlich bricht der Morgen an. Theophilia erwacht, aber ruhig und ohne Fieber, denn keine wilden Traͤume ſtoͤrten ihren Schlaf. Sie laͤ⸗ chelt und ergreift dankbar die bebende Hand Con⸗ ſtanzens. „Sie haben mir Ruhe gebracht, liebe Os⸗ wald,“ ſagte ſie erheitert.„Ich bin Ihnen ſehr vielen Dank ſchuldig. Geiviß, ich werde hent ei⸗ nen guten Tag haben. Aber morgen—“ ihr Auge verdunkelte ſich ſichtbar. „und warum nicht auch morgen? mein theures Fraͤulein,“ rief Conſtanze mit ſuͤßer Freude,„ich ſtaͤrke mich heut durch einige Stun⸗ den Schlaf, und kehre, wenn Sie es mir erlau⸗ ben, des Abends wieder, mit neuen Kraͤften an Ihr Lager zuruͤck.“ „Nein, gewiß nicht! Ich werde es nicht dulden, daß Sie eine zweite Nacht ſchlaflos an dem Bett einer Fremden zubringen. Sol⸗ che Opfer,“ fuͤgte ſie leiſer hinzu,„muß man ſich 163 für die geliebten Weſen aufſparen, die naͤhere Rechte auf uns haben.“ Conſtanze erbebte. Wer hatte dem Maͤdchen dieſe deutungsvollen Worte eingefloͤßt? ach ſie zerriſſen ihr Herz, und lockten wider ihren Wil⸗ len einen Strom von Thraͤnen aus ihren Augen. Theophilia hielt noch immer die Hand der Weinenden, die ſie lebhaft zu intereſſiren begann. Wie ungluͤcklich, wie verlaſſen mußte ſie ſeyn, daß ſo einfache Worte ſie ſo ſchmerzlich verwun⸗ deten? das erinnerte ſie an ihr eignes verwai⸗ ſtes Leben, und benetzte ihre Augen mit ſanfte⸗ ren, aber nicht weniger herben Thraͤnen. „Sind Sie nicht Mutter?“ frug ſie nach einer Pauſe mit noch milderen Toͤnen. SConſtanze erſchrack uͤber die Weichheit ihrer Stimme, denn ſie fuͤrchtete, ihre Ruͤhrung moͤch⸗ te einen zu tiefen, der Geſundheit ſchaͤdlichen Eindruck auf die theure Kranke machen, darum erwiederte ſie mit erkuͤnſtelter Heiterkeit:„Ja, mein Fraͤulein, und eine ſehr gluͤckliche Mutter.“ Theophilia ſchuͤttelte ſanft den Kopf. Es ſchien ihr wunderbar, daß man bei eignen Kin⸗ 11 ⁸ 164 dern ſich noch ſo zaͤrtlich fuͤr ein fremdes Weſen intereſſiren koͤnne. Sie kam nun wieder auf den Gedanken, daß ſie ſehr arm ſeyn muͤßte, zuruͤck, und ſagte ablenkend:„Wenn Sie mir die dritte Nacht wieder Ihre guͤtige Pflege ſchenken wol⸗ len, ſo werde ich Ihnen ſehr dankbar ſeyn. Auch wenn ich geſund, und—“ ſie zoͤgerte einen Augenblick—„verheirathet bin, wird es mir ſehr angenehm ſeyn, wenn Sie der Unerfahrenen zu⸗ weilen— recht oft mit Ihrem guͤtigen Rath bei⸗ ſtehen.“ Conſtanze bemerkte die Wendung ſehr wohl, welche Theophiliens Muthmaßungen genommen hatten. Aber ſie war damit nicht unzufrieden, denn die Richtung, welche ihre erſte Unterhaltung mit der liebenswuͤrdigen Kranken genommen, ließ ſie ſehr ernſtlich fuͤr die Folgenden fuͤrchten, wenn nicht ein Zufall die beiderſeitige Ruͤhrung ab⸗ leitete. Bei ihrer Entfernung, unter dem Vorwand haͤuslicher Geſchaͤfte, ſtand ihr Entſchluß feſt, die kommende Nacht wieder zu wachen. 2. — — 165 1 37. Das Kreuz. Kaum hatten ein paar Stunden Schlaf Conſtanzens Kraͤfte wieder geſtarkt, ſo erſchien auch Emmo mit freudeſtrahlenden Augen, um der theuren Mutter zu verkuͤnden, daß Theophi⸗ lia ſich ganz ohne Fieber und viel ruhiger als ſonſt nach ihrem Erwachen befinde. Sein frommer Kinderglaube an die Wun⸗ derkraft der holden Mutterpflege hatte ihn alſo doch nicht betrogen. Diejenige, in deren Armen er ſonſt fuͤr jeden Schmerz Linderung gefunden, be⸗ waͤhrte ſich auch jetzt noch als ſchuͤtzender Genius ſeines Gluͤcks. Sie nahm die ſchwerſte Sorge von ihm, und ließ ihn endlich eine ungetruͤbte Zukunft hoffen. Dieß alles ſagte er ihr mit dem ſchoͤnen Ei⸗ fer kindlich dankbarer Liebe, der ſonſt wohl den Augen der zaͤrtlichen Mutter ſuͤße Freudenthraͤ⸗ nen entlockte; heut aber kaum faͤhig war, ſie auf Augenblicke den Traͤumereien zu entreißen, die ſie unausgeſetzt beſchaͤftigten. 166 Dieß machte Emmo beſtuͤrzt; denn noch ge⸗ ſtern hatten Zeit und Entfernung ihre Gewalt nicht uͤber das treue Mutterherz ausgeuͤbt, noch geſtern fand er in ihr die aufmerkſamſte, theilneh⸗ mendſte Vertraute ſeiner geheimſten Gedanken, und heut— o Gott! was prophezeite ihm der truͤbe Ernſt auf der muͤtterlichen Stirn? Hatte Theophilia ihr Herz nicht in dem Grade gewonnen, als er es erwartete, als es aus⸗ ſchließlich zur Bedingung ſeines Gluͤcks gehoͤrte? Er zitterte, ſie darnach zu fragen, und brach in die ſtuͤrmiſchſte Freude aus, als ſeine Mutter, den aufſteigenden Zweifel ihm von der Stirn leſend, ihn mit der Verſicherung uͤberraſchte, daß Theo⸗ philia ein Engel ſei, und daß eben der ſtille Lieb⸗ reiz, der uͤber ihr ganzes Weſen ausgegoſſen waͤ⸗ re, ſie in eine, ihr unbegreifliche Wehmuth ver⸗ ſetzt habe. „Wie kam es nur,“ fuͤgte ſie nachſinnend hinzu,„daß Du mir nie etwas von der auffaͤl⸗ ligen Aehnlichkeit unſrer Stimme ſagteſt? Mich ergriff dieſes Spiel der Natur wenigſtens ſo hef⸗ tig, daß ich lange Zeit bedurfte, um mich daran — 167 zu gewoͤhnen. Heut aber, wo ich laut ſpreche, ſcheint es mir immer, als muͤßte ich vor meinen eignen Toͤnen erſchrecken.“ Emmo heftete nende Blicke auf ſeine Mutter. Das, das war es alſo, was ihn vom erſten Augenblick zu Theophilien hingezogen hat⸗ te? Die geliebte Stimme der Mutter begruͤßte ihn hier, in dem fremden Leben mit den wohlbe⸗ kannten Toͤnen, und er hatte ſie nicht erkannt? Sehr deutlich erinnerte er ſich noch des erſten Eindrucks, den das zarte, ſchlanke Maͤdchen, mit den feinen Zuͤgen und den großen ſeelenvollen Augen, die ſich nur langſam gegen ihn erhoben, auf ihn machte. Es war kein Fremder, nein! ein beinahe um ſeiner Bekanntheit Willen uͤber⸗ raſchender. Er wußte zuerſt nicht, wo er aͤhnli⸗ che Züge, nur aͤlter oder verjuͤngter ſchon geſehen hatte! aber paͤterhin gewoͤhnte er ſich an ihren Anblick, der Ton der Stimme wurde der ihrige, und bald war es nicht mehr die Aehnlichkeit, es war ſie ſelbſt, die ihn mit dem Zauber ihrer An⸗ muth umſtrickte. So war ihm denn bis jetzt dunkel geblieben, 168 was der Mutter richtiges Gefuͤhl ſchnell ergrif⸗ fen. Sich ſelbſt, und ſeine lange Zerſtreuung belaͤchelnd, geſtand er nun die Wahrheit ihrer Be⸗ merkung zu, ohne een heftigen Eindruck zu begreifen, den dieſe Wi erholung der Natur auf das Gemuͤth der vorurtheilsfreien Muttet machte. Damit beſchwor er aber den truͤben Gei nicht, der Conſtanzen jetzt beſtaͤndig umwehte. Sie wachte, trotz den flehenden Gegenvorſtellun⸗ gen ihres Sohnes, und Theophiliens Einwendun⸗ gen, wieder die naͤchſte Nacht bei der liebenswuͤr⸗ digen Kranken, und hatte die Freude, durch die Sorgfalt, mit der ſie jeder Erkaͤltung zuvorkam, und durch die Achtung, welche ihre Gegenwart dem jungen Maͤdchen einfloͤßte, jedem heftigen Anfall zu begegnen, und auf dieſe Art die, am Tage raſch vorſchreitende Geneſung durch keine naͤchtliche Verſaͤumniß zu ſtoͤren. Eben ſo behutſam wich ſie jedem ſeelener⸗ ſchuͤtternden Geſpraͤch aus, das ſich zwiſchen den beiden Weſen, deren Intereſſe fuͤr einander jeden Augenblick geſteigert wurde, nur zu leicht ent⸗ —— —— 169 7 ſpann, und entfernte ſich auch mit jedem anbre⸗ chenden Morgen ſo vorſichtig, daß Leontine ſie in ihren Geſpraͤchen mit Emmo ſcherzweiſe den Nachtvogel nannte, und ſich vornahm, einmal mit ihr zu wachen, um das Gluͤck ihrer Unter⸗ haltung zu genießen. Waͤhrend die liebe Pfle⸗ gerin ihre Sorgfalt bis zur Erſchoͤpfung der eig⸗ nen Kraͤfte trieb, fuͤhrte ein ſonderbares Aben⸗ theuer ihr in einem zweiten— freilich nur See⸗ lenkranken— ein neues Werk der Erbarmung zu. Stete Beſchaͤftigung mit dem Zweck ihres Hierſeyns und Entfernung von aller Neugier, ließ ſte nie zu einer, wenn auch nur gleichguͤltigen Frage nach ihren Hausnachbaren kommen. Da ſie des Tages nie ausging, ſo hatte ſie auch bis zur dritten Nachtwache noch niemand, der dazu zu rechnen war, begegnet. Aber jetzt fand ſie zu ihrem Erſtaunen, bei ihrer Ruͤckkehr am Morgen, eine dichverhuͤllte Geſtalt an der Thuͤr ihrer harren, die hinter ihr die Treppe hinaufſtieg, und im zweiten Stock nach einem hoͤflichen Morgengruß ſich verlor. Das naͤchſte Mal wiederholte ſich dieſelbe Er⸗ 170 ſcheinung, nur ſchien der Verhuͤllte ſich auf eine Anrede vorbereitet zu haben, die er aber, ſichtlich durch ihren, jedes Abentheuer zuruͤckweiſenden Ernſt eingeſchuͤchtert, unterdruͤckte. Ein drittes Mal hatte ſie ihr Maͤdchen ihrer harren laſſen, dieß ſchien die Abſicht des Frem⸗ den zu durchkreuzen, denn er blieb, beide Haͤnde vor die Stirn gedruͤckt, an der Hausthuͤr ſtehen, und gruͤßte ſie nicht, wie fruͤher. Allein, kaum hatte ſie einige Stunden dem Schlaf geweiht, ſo meldete ihr Maͤdchen einen Herrn Wilibald, der auf das Dringendſte um eine Minute Gehoͤr bitte. Conſtanze bebte erſchrocken zuruͤck, denn ei⸗ ne dunkle Idee, der Praͤſident koͤnne ſie entdeckt, und mit einem falſchen Namen bekleitet haben, durchzuckte ſie. Allein es blieb ihr keine Zeit zu ferneren Muthmaßungen, denn dem Maͤdchen „beinahe auf dem Fuße folgte ein ſchoͤner, hoher, junger Mann, mit einem Anſtand, der ſich un⸗ gern unter das beſchaͤmende Verhaͤltniß zu beu⸗ gen ſchien, einer Madame Oswald als Bitten⸗ der gegenuͤber zu ſtehen. Wenigſtens faͤrbte das 171 Gefuͤhl tiefer Demuͤthigung ſeine blaſſen Leidens⸗ zuͤge mit einem dunklen Purpur. Conſtanzens Ernſt milderte ſich bei dieſem Anblick ſogleich in ein leidſeeliges Laͤcheln. Sie trat ihm einen Schritt naͤher, und ſagte mit ſanf⸗ ter Entſchuldigung in Blick und Ton: „Mein Herr! ich bin hier ſo fremd noch, daß es mir ſcheint, Sie irrten ſich in der Per⸗ ſon”ë— Der Unbekannte blickte betroffen zur Er⸗ de, dann wieder mit Erſtaunen auf die edle, ſtolze Geſtalt, welche ihm mit dem feinſten Welt⸗ anſtand entgegengetreten war, und ſagte mit un⸗ gewiſſer Stimme: „Ja wohl, irrte ich mich— denn Sie ſind nicht, was Sie ſcheinen!“ Conſtanze laͤchelte.„Und was wuͤrden Sie der zu ſagen haben, welche ich ſcheine?“ Er blickte aͤngſtlich umher, und als er das Maͤdchen nicht mehr im Zimmer ſah, beugte er mit anmuthiger Ritterlichkeit ein Knie, und ſagte mit gedaͤmpfter Stimme: „Ich wuͤrde Sie um eine Wohlthat anſleben, die nur Sie— ach niemand ſonſt auf Erden mir 172 gewaͤhren kann: um Nachricht von Fraͤulein von Lilien!“ Wie von einem Lichtſtrahl getroffen, bebte Conſtanze zuruͤck, und ohne ſich ſelbſt von den Folgen einer Voreiligkeit, die ihr eignes Geheim⸗ niß auf das Spiel ſetzte, Rechenſchaft zu geben, rief ſie mit einem durchdringenden Blick auf den Bittenden: „Sie ſind Magnus!“ Dieſe Worte, welche Conſtanze, kaum aus⸗ geſprochen, ſchon wieder bereute, weil ſie ein ge⸗ faͤhrliches Licht auf ihr eignes Verhaͤltniß zu Em⸗ mo warfen, der doch allein dieſen Namen, in Beziehung auf ſeine Braut, gegen ſie im Geſpraͤch beruͤhrt hatte, brachten eine ganz entgegengeſetzte Wirkung auf den Fremden hervor. Mit leuchtenden Augen ſprang er auf 2 und drang mit dem ſchoͤnen Ungeſtuͤm der Freude auf ſie ein. „Wie, Sie wiſſen— Theophilia nannte Ihnen meinen Namen?— O Gott! vielleicht entriß ihr die Phantaſie ein Geheimniß—— Conſtanze erroͤthete fuͤr ihre junge Freundin, * und eilte, ihm den Irrthum zu benehmen, al⸗ lein ſie wußte ſelbſt nicht, wie ſie, ohne Emmo's Namen zu nennen, ihre Kenntniß des Seinigen motiviren ſollte. Endlich ſagte ſie zoͤgernd:„Ich hoͤrte von den beiden Siegesbothen ſprechen, und den Ball, welcher ihnen zur Feier gegeben wur⸗ de, als Grund von des Fraͤuleins Unwohlſeyn anfuͤhren. Der Eine dieſer jungen Helden muß⸗ te ploͤtzlichen Erkrankens wegen zuruͤckbleiben, und auf Ihrem Geſicht, mein Herr, ſehe ich Spu⸗ ren kuͤrzlich uͤberſtandnen koͤrperlichen Leidens.— Zudem— glauben Sie denn,“ fuͤgte ſie mit einer artigen Wendung hinzu,„daß die Heldennatur ſich nicht auf den erſten Blick ver⸗ raͤth?“— Magnus,(denn er war es) ſchwieg unbe⸗ friedigt. Er wußte, daß man ihm ausweichen wollte, und war zu gebildet, um da tiefer zu dringen, wo man ſich vor ihm verhuͤllte. Aber die Taͤuſchung, in Madame Oswald eine Andre zu finden, als er erwartete, die Be⸗ ſchaͤmung, ſich und ſein theuerſtes Geheimniß an eine Frau verrathen zu haben, die wahrſcheinlich in ganz andern Verbindungen mit der Malthen⸗ ſchen Familie ſtand, als er vermuthete, mahlte ſich ſo deutlich in ſeinen ſprechenden Zuͤgen, daß Conſtanze— auf eine ihr unbegreifliche Art er⸗ weicht gegen den Friedensſtoͤrer ihres Sohnes— ihm mit einnehmender Guͤte die gewuͤnſchten Nach⸗ richten von dem Geſundheitszuſtand der Kranken ertheilte. „Dieß, mein Herr,“ fuhr ſie nun mit Wuͤr⸗ de fort,„iſt, wie ich hoffe, Ihre einzige Bitte an mich, und ich glaubte, ſie ohne Verletzung meiner Pflichten gegen die achtungswerthe Fa⸗ milie, mit der ich verkehre, erfuͤllen zu koͤnnen.“ Magnus ergluͤhte, und betheurend die Hand auf das Herz legend, erwiederte er feſt: „Ja, edle Frau! Dieß war die Einzige. Ich erwarte keine guͤnſtigere Wendung meines Schick⸗ ſals mehr. Mein Loos ſtiller Entſagung iſt ſchon gezogen, und ich eile morgen mit dem einzigen Troſt, der mich begleiten darf, und den ich Ih⸗ rer Guͤte unendlich verdanke, zu meiner Pflicht zuruͤck. Leben Sie wohl, und vergeſſen Sie, — 175 wenn es moͤglich iſt, ein Ereigniß, das ich her⸗ beifuͤhren mußte, um ruhig zu werden.“ Er wendete ſich langſam, als wuͤrde es ihm ſchwer, aus Conſtanzens troͤſtender Naͤhe zu ſcheiden, nach der Thuͤr, als dieſe mit Geraͤuſch aufſprang, und Emmo, deſſen gewoͤhnliche Be⸗ ſuchſtunde unterdeß herangeruͤckt war, unbefangen herein trat. Beide Juͤnglinge prallten vor dem, gegen⸗ ſeitig unerwarteten Anblick zuruͤck, doch Emmo, durch Magnus Gegenwart ſchnell wieder an das erinnert, was Theophilien Gefahr bringen konn⸗ te, ſagte mit ſanftem Vorwurfe: „9 Magnus, willſt Du noch einmal den Frieden des Engels ſtoͤren?“ „Stoͤren?“ frug Jener erſtaunt.„Wie? Du weißt, daß ich ihn ſtoͤren koͤnnte, und der Deine blieb ungeſtoͤrt? Emmo! waͤre es nicht Liebe, die Dich zu Theophiliens Verlobten mach⸗ te 24 „Wer zweifelt daran!“ rief der junge Mal⸗ then mit zornfunkelnden Augen, denn dieſer Mo⸗ 176 ment hatte ihn ploͤtzlich uͤber Magnus Leidenſchaft aufgeklaͤrt. „Ich!“ erwiederte Dieſer kalt,„denn Du ahneſt, was Theophilia mir iſt, und— ich lebe noch.“ Mit Blitzesſchnelle flog Emmo's Handſchuh zu Magnus Fuͤßen, doch ein Blick auf die todten⸗ bleiche Mutter, die umſonſt ſtrebte, den raſchen Worten der Juͤnglinge ein Beguͤtigendes einzu⸗ ſchieben, entwaffnete ſeinen Zorn ſogleich wieder. Mit ſanfter Trauer ſagte er, die ſeidne Schnur, woran das Pfand ihrer Freundſchaft, das Kreuz, befeſtigt war, aufloͤſend: „Erſt laß uns unſre Liebespfaͤnder zuruͤck⸗ geben.“ Magnus zog den Ring langſam, das Ge⸗ wicht dieſes Moments, den ſeine Unvorſichtigkeit herbei gefuͤhrt hatte, fuͤhlend, vom Finger. Doch als Eimo das Kreuz ihm hinreichte, ſtuͤrzte Conſtanze, aus ihrer toͤdtlichen Erſtarrung zuruͤck⸗ kehrend, mit einem Schrei des Entſetzens zwi⸗ ſchen ſie. 177 „Ungluͤckliche! was habt Ihr mit dieſem Kreuz?“ rief ſie außer ſich. Beide vergaßen vor Schrecken uͤber Conſtan⸗ zens Beſtuͤrzung ihren Streit, und Emmo wies ſtumm auf Magnus. „Woher?“ frug Jene mit verſtaͤrkter Angſt. „Von Edwin! meinem Vater,“ antwortete Magnus betroffen, indem ſein Blick pruͤfend auf der ſonderbar bewegten Frau ruhte.— Doch auf einmal, als haͤtte ein Nebel ihn bisher geblendet, ſtuͤrzte er mit dem Entzuͤckensruf:„O Mutter, jetzt erkenne ich Dich!“ zu ihren Fuͤßen. Con⸗ ſtanze ſtarrte, immer bleicher werdend, auf ihn hin, dann ſagte ſie leiſer und immer leiſer:„Nen⸗ ne mir den Tag Deiner Geburt.“ „O zweifle nicht! ich bin der Deine,“ fleh⸗ te Magnus, ſie mit leuchtenden Augen betrach⸗ tend.„Dieſe Zuͤge, in welchen ich laͤngſt die Mut⸗ ter ehrte, taͤuſchen mich nicht. Den 26ten July werd' ich—“ „Mein Sohn! mein theurer Sohn, ich glau⸗ be Dir!“ rief Conſtanze, mit erſterbendem Schmerzenslaut in ſeine Arme ſinkend. 2r Theil. 12 178 „Bruder!“ toͤnte es leiſe aus Emmo's angſt⸗ bewegter Bruſt nach. 38. Nachholungen. Magnus blieb nach der Entfernung ſeines Freundes Dornburg der liebenden Pflege der vor⸗ trefflichen Mutter deſſelben uͤberlaſſen, und be⸗ waͤhrte durch eine bewunderungswuͤrdig ſchnelle Geneſung ſowohl die Wirkſamkeit derſelben, als ſeine ſtarke, kraͤftige Natur. Bald war er wie⸗ der waffenfaͤhig, und ſeine guͤtigen Wirthe er⸗ warteten jetzt taͤglich, ihn ſeiner Beſtimmung zu⸗ eilen zu ſehen. Aber zum Erſtenmal uͤberhoͤrte der junge Held den Ruf der Ehre und Pfiicht, weil das Geruͤcht von Theophiliens Krankheit ihn feſt an den Ort bannte, wo ſie litt. Nicht ohne geheimes Entzuͤcken ahnete er den Grund ihrer Leiden, nicht ohne ſtrengen Selbſt⸗ vorwurf verzoͤgerte er ſeine Abreiſe von Tage zu Tage. Aber immer beunruhigender wurden die Nachrichten von der theuren Kranken, und Ale⸗ 179 xanders freundſchaftliche Fuͤrſorge hatte ihm, den er nicht ſo bald geneſen zu ſehen hoffte, einen unbeſtimmten Urlaub ausgewirkt. Verſuchung ge⸗ nug, um den ungleichen Kampf fuͤr ſeine Wuͤn⸗ ſche zu entſcheiden. Nur ein Auge, das oft pruͤfend auf der jun⸗ gen Heldengeſtalt ruhte, als wollte es ſie unedler Saͤumniß anklagen, beſtrafte ihn bitter fuͤr ſein Zoͤgern. Es war das Durchringende des greiſen Miniſters. Jene Scene im fuͤrſtlichen Saal hatte an dem, welcher ſie zu entſchuldigen ſtrebte, einen aufmerkſamen Beobachter gehabt. Was ihr folg⸗ te, war nicht dazu geeignet, die Erinnerung daran zu verloͤſchen. Magnus nannte in Stuͤr⸗ men wilder Phantaſie ſo oft Theophiliens, Em⸗ mo's und Edwins Namen, er brachte ſie in ſo genaue Verbindung mit ſeinem eignen Schickſal, daß ihm kein Zweifel mehr uͤber das Geheimniß ſeines jungen Freundes blieb. Aber der Miniſter ehrte Theophiliens braͤut⸗ liches Verhaͤltniß zu dem jungen Malthen, und es verletzte ſchon ſein zartes Gefuͤhl fuͤr das Rech⸗ 12* 180 te, daß der Stoͤrer deſſelben, wenn auch immer beſcheiden entſagend, noch in ſeinem Hauſe weilte. Er begriff nicht, wie der tapfre Krieger ſo unmaͤnnlich einer Neigung nachhaͤngen koͤnne, die zu bekaͤmpfen, ihm Pflicht und Ehre gebot, und bemuͤhte ſich daher, mit gutgemeintem Eifer ſeine Entfernung zu bewirken. Allein Magnus, wie alle ſtarke Naturen, grade am tuͤchtigſten auf dem Punkt geruͤſtet, wo man ihn angreifen wollte, und durch die uͤbertriebenſten Nachrichten von Theophiliens Ge⸗ fahr, auf das Aeußerſte geſpannt, ſah in den ſanften Mahnungen an die Lorbeerkraͤnze, die ihm im ehrenvollen Kampf gruͤnten, nichts als das unlautre Streben ſeiner los zu werden, und ſuchte eine Auskunft, ſeinen unerſchuͤtterlichen Entſchluß, die Stadt vor Theophiliens Geneſung nicht zu verlaſſen, mit der ſchnellen Entfernung aus des Miniſters Hauſe zu vereinen. Sein Diener wurde ausgeſendet, ihm in der Naͤhe des Malthenſchen Hotels eine Wohnung zu miethen, in welche er unter dem erborgten 181 Namen: Wilibald, zog, nachdem er vorher alle Anſtalten zur Abreiſe getroffen, und auch ſeine guͤtigen Wirthe in dem Glauben daran, gelaſſen hatte. So war er denn nun der Geliebten endlich ſo nahe, als man es, durch eine Straßenbreite getrennt, nur ſeyn kann. Mit truͤber Sehnſucht blickte er auf das dicht verhangne Fenſter des Krankenzimmers, zaͤhlte die Beſuche des Arztes, und bemuͤhte ſich, aus den paar heitern oder be⸗ woͤlkten Geſichtern, die ſich zuweilen den andern Fenſtern naͤherten, ein Urtheil uͤber die theure Kranke zu leſen. Aber Nachrichten wurden ihm hier noch we⸗ niger als in des Miniſters Hauſe, wo das be⸗ freundete Verhaͤltniß der beiden Familien ihm wenigſtens Eine taͤglich zukommen ließ. Wie Simſon in den Banden der Delila, er⸗ lag jetzt der ſtarke, thatenluſtige Held einer Lei⸗ denſchaft, der er ſchon zu viel von ſeinem beſſern Selbſt geopfert hatte, um ſie erfolglos aufzuge⸗ ben. Sein Zimmer wurde ſein Gefaͤngniß,(denn 182 die Furcht, von irgend jemand aus des Miniſters Kreiſen erkannt zu werden, erlaubte ihm nicht, auszugehen,) das Haus gegenuͤber ſeine Folter, denn keine auffaͤllige Begebenheit, nicht einmal das Aufrollen eines Vorhanges, ließ ihn zu der kleinſten Muthmaßung uͤber den Zuſtand der Lei⸗ denden gelangen. So von Langeweile, Ungeduld und Beſchaͤ⸗ mung uͤber die demuͤthige Rolle, die er ſelbſt in ſeinen eignen Augen ſpielte, umhergeworfen, er⸗ wartete er mit Sehnſucht eine rettende Auskunft, denn ſo geſchaͤftig auch immer ſeine Phantaſie war, ihm neue Bilder vorzuſchieben, er konnte ſich ein brennendes Verlangen nach kriegeriſcher Thaͤtigkeit und ſeinem treuen edlen Freund Ale⸗ xander doch nicht ferner ableugnen. Endlich ſchien ein freundlicher Stern ihm das Ende ſeiner Irrfahrt zu verkuͤnden. Durch ſeinen unbeſchaͤftigten Zuſtand beinahe immer am Fenſter gehalten, bemerkte er das Treiben der Os⸗ wald, ihr ſpaͤtes Hinuͤberſchleichen in das theure Haus, unter Begleitung eines vorleuchtenden Maͤdchens, ihr Zuruͤckkommen am andern Mor⸗ 183 gen, und verſchaffte ſich bald, mit Huͤlfe einiger Worte, die ſein Diener dem Maͤdchen abgefragt hatte, eine ziemlich klare Anſicht ihres ſeynſollen⸗ den Verhaͤltniſſes zu der Familie. Er baute darauf einen abentheuerlichen Plan, der nur in dem entzuͤn⸗ deten Gehirn eines, zu laͤſtiger Einſamkeit ver⸗ dammten Seelenkranken ausgebruͤtet werden konn⸗ te, und erwartete, in ſeinen Mantel dicht ver⸗ huͤllt, weil er vor ſeiner Entwuͤrdigung ſelbſt er⸗ roͤthete, die Ruͤckkehrende am Eingang des Hau⸗ ſes. Aber ein Blick auf die hohe, ernſte Frau, die bei ſeinem Anblick einen leiſen Anflug von Furcht verrieth, entwaffnete ſeine Kuͤhnheit. Er hoffte auf morgen, und ſchwieg. Auch ein zweites Mal ſiegte das Gefuͤhl inn⸗ rer Beſchaͤmung, bis er ſich durch alle Anſtal⸗ ten zur Abreiſe, im Fall Theophilia außer Ge⸗ fahr ſei, zu einem dritten Verſuche ermuthigt hatte.. Wie dieſer endete, wiſſen wir, und leicht wird uns jetzt aus der finſtern, gereizten und le⸗ bensmüden Stimmung des mit ſich ſelbſt Zerfall⸗ 484 nen, klar, wie er ſo trotzigen Muthes den Freund beleidigen und die Hand zum Kampf bie⸗ ten konnte. 39. Magnus Kindheitstraum. Conſtanze ſtand betaͤubt, als muͤſſe ſie die feindlichen Partheien trennen, zwiſchen ihren bei⸗ den Soͤhnen. Eine tiefe, ernſte Stille folgte den inhaltſchweren Worten, welche ihren Lippen ent⸗ ſtroͤmt waren. Magnus betrachtete mit dem entzuͤckenden Bewußtſeyn, ein koſtbares Kleinod gefunden zu haben, die ſchoͤnen, edlen Zuͤge der Frau, welche er zum erſtenmal im Leben Mutter nannte. Ehr⸗ furchtsvoll auf ein Knie geſunken, huldigte er ſchon der Theuren, deren erſter Anblick ſich mit ſuͤßer Gewalt in ſein Herz gedraͤngt hatte, als Emmo, noch im Streit mit ſich ſelbſt, den Licht⸗ ſtrahl von ſich wies, den jene Entdeckung in Ed⸗ wins verlaßner Wohnung auf die heutige Bege⸗ benheit warf.* 185 Conſtanze lag in den Armen ihres neugefun⸗ denen Sohnes, und er breitete umſonſt die Sei⸗ nen nach ihr aus. Ihr Herz erkannte ihn an, es pruͤfte und zweifelte nicht, und ihr fehlte ſogar der Beweis, den ihm ein Zufall zugeworfen hatte. Sie wei⸗ dete ſich mit ſuͤßem Entzuͤcken an der ſtolzen Hel⸗ dengeſtalt, die ſich vor ihr mit kindlicher Huldi⸗ gung beugte, und bemerkte es kaum, daß noch ein Sohn, den die zaͤrtlichſte Mutterliebe ver⸗ woͤhnt hatte, den unausſprechlichen Verluſt an ihrem Buſen beweinen wollte. Ach der neue, wiedergefundne, Edwins Sohn, war ſo ſehr im Ruͤckſtand, ſie hatte ja vier und zwanzig Jahre verloren, ohne ihn zu kennen und zu lieben, ja ohne nur zu ahnen, daß er noch lebte, wie ſoll⸗ te ſie nicht in dieſe einzige Minute des Wieder⸗ findens den unermeßlichen Schatz einer Liebe aus⸗ gießen, die ſie von dem Fruͤhverſtorbnen nur auf den Lebenden doppelt uͤbertrug? Magnus fuͤhlte ſein Gluͤck mit heiligem Schauer, aber mitten in dem Freudenrauſche auch den zweiten Raub, den er an dem zar⸗ ten Herzen ſeines Emmo beging. Der Stolz edler Naturen wird durch das Gluͤck gebeugt. Demuͤthig ſtand er vor dem Einſamen und breitete die Arme aus. „O nimm ſie hin, Bruder!“ rief er, ſich in Liebe und Großmuth aufloͤſend.„Ich habe kei⸗ nen Theil an Theophilien! theile nur die Mutter und Deine Liebe mit mir!“ Das loͤſte den Zwieſpalt in Emmo's Ge⸗ muͤth in ſanfte Harmonie auf! er ſtuͤrzte mit ſeinem wunden Herzen an Magnus Bruſt, und Conſtanze zog die Vereinigten ſeelig weinend in ihre Umarmung. Aber ſie ſanft wieder von ſich draͤngend, ergriff ſie mit Wuͤrde die Haͤnde der beiden Juͤnglinge, und ſagte ernſt: „Meine theuren Soͤhne! ihr ſeid Bruͤder, das ſagt mir die ahnende Stimme meines Her⸗ zens, obwohl ich Deinen Tod, mein theurer Mag⸗ nus, ſchon in den ſchmerzlichſten Momenten mei⸗ nes Lebens beweinte. Vielleicht fand Dein Vater, deſſen geheimen Grund zu dieſer Taͤuſchung ich wohl errathe, es fuͤr nothwendig, mir auch in ſpaͤteren Zeiten Deinen Beſitz vorzuenthalten; 187 doch eines muß zwiſchen uns klar ſeyn, wenn auch das Ganze Euch noch dunkel bleibt, daß Ihr Beide, in Stand und Geburt einander gleich, nicht erroͤthen duͤrft, Euch zu der Mutter zu be⸗ kennen, welche, obwohl zweimal verheirathet, doch in ſchmerzlicher Vereinzelung zwiſchen Euch ſteht.“ Sie wuͤnſchte nun zu wiſſen, wo ihr Sohn ſeine Jugend verlebt hatte, nicht, weil ſie dadurch eine Beſtaͤtigung ihrer Ueberzeugung zu finden hoffte, denn wie koͤnnte ein Mutterherz ſich uͤber die große Frage irren, ob der, dem ſie ſchon ei⸗ ne Thorheit verzieh, ehe er ihr mehr als fremd war, ihr Sohn ſei? aber weil es ſie aͤngſtete, daß er ſchon ſo lange gelebt hatte, ohne von ih⸗ rer Liebe zu zaͤhren; weil es ihr Beduͤrfniß war, recht bald die lange Dunkelheit aufzuhellen, wel⸗ che ihr den theuren Erſtgebornen verhuͤllte. Magnus ſann einen Augenblick nach, von wo er denn eigentlich beginnen ſollte, und wel⸗ ches Bild ſich ſeiner fruͤhſten Erinnerung zuerſt eingepraͤgt haben moͤchte; dann ſchien er von ſuͤ⸗ ßen Nachklaͤngen der Vergangenheit freundlich 188 eingewiegt mit geſchloßnen Augen ſeinen Kind⸗ heitstraum noch einmal zu wiederholen, worauf er endlich ſprach: „Entbehrte ich auch ſeit meiner zarteſten Kindheit die Mutter, ſo theilten doch zwei edle weibliche Weſen ſich muͤtterlich in meine Erzie⸗ hung. Die Eine war Olympia, die Frau, und die Andre Euphraſia, die vermaͤhlte Tochter des Maler Goldony.—“ Hier zog Conſtanze den Erzaͤhlenden noch einmal an ihr Herz, denn nun war es ja ganz unumſtoͤßlich gewiß, daß er ihr naͤher angehoͤr⸗ te. Dieſe Namen waren ihr aus den Mitthei⸗ lungen Edwins vertraute Anklaͤnge einer laͤngſt entſchwundenen ſchoͤnen Zeit. Sie konnten ihr kein Phantom fuͤr Wahrheit geben, und es ſetzte ſie nur in Erſtaunen, daß Emmo's Erzaͤhlun⸗ gen von ſeinem Freunde Magnus ihn nicht fruͤ⸗ her auf den Namen von deſſen beruͤhmtem Vater geleitet hatten. Allein er war erſt nach dem Ball zu einer naͤheren Mittheilung uͤber Mag⸗ nus gelangt, und nichts ſo ſehr ſcheuend, als ei⸗ ne Erinnerung an jenes nicht aufgeklaͤrte Dun⸗ 189 kel in Theophiliens Herzen, ſprach er uͤberhaupt ſo wenig als moͤglich uͤber den ſeltſamen Juͤng⸗ ling, den er ſich unter einem andern Namen als dem edlen, ſeiner ganzen Haltung ſo genau Ent⸗ ſprechenden: Magnus, denken konnte. Dieſer fuhr fort: „In das Haus dieſer liebenswurdigen Kuͤnſt⸗ lerfamilie muß ich noch vor dem erſten Erwachen meines Geiſtes gekommen ſeyn, denn nie erin⸗ nere ich mich eines andern Zuſtandes, als des ſehr Erfreulichen in dem Kreiſe der edelſten Men⸗ ſchen. Euphraſia, obgleich verheirathet, war kin⸗ derlos. Dennoch fiel es ihr nie ein, mich uͤber mein fremdes Verhaͤltniß zu ihr einen Augenblick zu taͤuſchen. Ich nannte die beiden Frauen, von welchen ich gleich liebreich unterrichtet und gepflegt wurde, Olympia und Euphraſia; die Maͤnner, die ſich in meine fruͤhere Erziehung gar nicht miſchten, Ma⸗ theo und Jeranimo. Spaͤter wurde unſer Kreis noch durch den theuren Appelles, Goldonys Sohn, und ſeine ſchoͤne Frau vergroͤßert. Dieſer ſchien mich noch lieber als die Andern zu haben, denn er ſprach zum erſtenmal von meinem Vater —õ—y 190— mit mir,(den ich erſt einmal in fruͤher Kindheit geſehen hatte,) und bemaͤchtigte ſich meiner mit einer Art von eiferſuͤchtiger Liebe. Er wurde mein 4 Lehrer, und nie ward ein Unterricht mit ſo flam⸗ mender Begeiſterung gegeben und empfangen, als dieſer. Doch kurze Zeit nach Appelles Ankunft ſollte mir ein neues Gluͤck bereitet werden. Mein Vater erſchien, ganz unvorhergeſehen, wieder in unſrer Mitte, und obwohl ſein truͤber Ernſt, ſein ſtilles, leiſes Handeln mich erſt in ſeiner Naͤhe 1 einſchuͤchterten, ſo gewann ich doch bald Zutrauen 1 zu ihm, da ich die, faſt an Verehrung graͤnzen⸗ de Liebe ſah, welche alle gegen ihn zeigten. Er 1 ſagte mir auch bald, was ihn ſo beugte: Eine 1 Tochter, ein liebliches Kind von zwei Jahren war ihm durch die Abſcheulichkeit einer Frau—“ V Conſtanze ſank, ihr Geſicht verhuͤllend, in b einen Seſſel. Magnus ſchwieg einen Augenblick, V dann fuhr er voll zarter Beruͤckſichtigung des muͤtterlichen Schmerzes fort: „Seit dieſer Zeit ſah ich meinen edlen Vater oft wieder, und an meinem funfzehnten Geburts⸗ —— 191 tag erlaubte er mir ſogar, ihn mit meinem gelieb⸗ ten Lehrer Appelles zu beſuchen. Dieß war der Moment, wo ich Dich, theure Mutter, zum Er⸗ ſtenmal ſahe.“ „Mich!“ rief Conſtanze erſtaunt. „Ja, Dich, meine liebe, guͤtige Mutter, oder vielmehr Dein Dir ganz gleiches Bild, und ich muß mich ſelbſt ſchelten, die theuren, meinem Herzen ſo tief eingepraͤgten Zuͤge heut ſo gaͤnz⸗ lich außer Acht gelaſſen zu haben, daß ich erſt Deines Zurufs bedurfte, um mein Gluͤck zu ah⸗ nen.“ Emmo ſeufzte, denn er erinnerte ſich beſchaͤmt jenes eiferſuͤchtigen Unwillens, mit dem er einſt die Statuͤe der geliebten Mutter in Edwins Schlaf⸗ zimmer bemerkt, und das, von ihr geliebkoſte fremde Kind als einen frevelnden Eingriff in ſei⸗ ne Rechte betrachtet hatte. Jetzt wurde ihm vie⸗ les klar, obwohl der innre Kampf noch nicht ge— ſchlichtet ſeyn konnte. Magnus fuhr nach einer kleinen Pauſe fort: „Mein Vater ließ mich am Morgen meines Geburtstages in ſein Cabinet rufen, wo ich ihn, geruͤhrter als je, vor einem koſtbaren, reich durch⸗ wirk⸗en Vorhang, in tiefes ſchmerzliches Sinnen verloren, fand. Kaum bemerkte er meinen Ein⸗ tritt, ſo breitete er mir ſtumm ſeine Arme ent⸗ gegen, druͤckte mich feſt an ſich, und uͤftete waͤh⸗ rend dieſer Zeit langſam den Vorhang, der mir die lebensgroße, in weißen Marmor gehauene Statuͤe einer ſchoͤnen Frau, mit einem zarten Kinde, das ſich innig in ihre Arme ſchmiegte, enthuͤllte. Staunend und entzuͤckt— ich hielt es fuͤr das letzte Produkt der unſterblichen Kunſt meines Vaters,— ſtand ich vor dem herrlichen Werke, und ob wohl noch ſehr jung und uner⸗ fahren, hatte mein Auge ſich doch, durch das taͤg⸗ liche Anſchauen der vollendetſten Meiſterwerke in der Malerei, ſo geſchaͤrft, daß ich mir ein Urtheil erlauben zu duͤrfen glaubte. Allein mein Vater ſchuͤttelte bei dem lauten Ausbruch meiner Be⸗ wunderung nur wehmuͤthig das Haupt, und ſag⸗ te dann mit milder Freundlichkeit: Nein, mein Sohn! als Kunſtwerk ſollſt Du dieſe Gruppe nicht bewundern! fuͤr uns beide hat ſie eine hoͤhere Bedeutung. 193 Er zog mich darauf zu einem der Statuͤe gegenuͤber befindlichen Ruheſitze, und ehrte mich mit jenem edlen Vertrauen, das ſelbſt in der jun⸗ gen Bruſt des funfzehnjaͤhrigen Knaben ſchon, neben der Flamme einer hoͤheren Begeiſterung, das tiefe Gefuͤhl der Verpflichtung eines unve⸗⸗* bruͤchlichen Schweigens uͤber dieſe Mittheilungen b weckte. Ich errathe nun wohl jetzt, daß er mir wahrſcheinlich noch die Haͤlfte ſeines Geheimniſe⸗ ſes verbarg, denn ich erfuhr nur, daß Du gelieb⸗ te Mutter in jener herrlichen Frau, und ich in dem Kinde dargeſtellt waren; daß Du, bald nach meiner Geburt zu einer Reiſe gezwungen, mich fuͤr todt hielteſt, und mein Vater dieſen Glauben nicht zerſtoͤrt habe, weil er ſelbſt, durch ſeine Ge⸗ ſchaͤfte zu einer langen Entfernung genoͤthigt, Dich erſt mit mir nach meiner vollen Ausbildung ha⸗ be uͤberraſchen wollen.“ Conſtanze ſchuͤttelte mißbilligend das Haupt. „O uͤber die Maͤnner!“ rief ſie dann:„Es iſt ein uͤbermuͤthiges Geſchlecht! Es ſetzt ein Menſchen⸗ alter daran, um die letzte Minute deſſelben mit er Theil. 13 — allen Freudenſtrahlen zu beleuchten, die es den Jahren, welche ihr vorangingen, entzog!“ „Sonderbar“— ſiel Magnus ein.„Die Unhaltbarkeit dieſes, mir angegebnen Grundes ſiel mir damals ſchon auf, denn ich drang mit kindli⸗ chem Ungeſtuͤm in meinen Vater, mich nicht laͤnger des Gluͤcks zu berauben, welches er mich erſt in weiter Ferne hoffen ließ. Aber er ſchuͤt⸗ telte verneinend den Kopf, und ſagte: „Deine Mutter iſt eine ſehr edle, aber auch ſehr ungluͤcklice Frau! Es war ihr beſondres Schickſal, daß die, welche ſie liebten, oder ihr we⸗ nigſtens nicht uͤbel wollten, ihr die herbſten Wun⸗ den ſchlagen mußten. Darum muͤſſen wir die⸗ ſem ſchoͤnen Herzen endlich Ruhe goͤnnen, und es nicht eher in Bewegung ſetzen, bis es ſich harm⸗ los des ſichern Beſitzes freuen darf;— wenn die⸗ ſer Augenblick endlich eintritt, wird Dein Vater, der, gleich Dir, jenem Zeitpunkt entgegen ſeufzt, gewiß nicht ſaͤumen, und bis dahin, mein Sohn, beweiſe Deine jugendliche Tuͤchtigkeit durch un⸗ verbruͤchliches Schweigen uͤber dieſen Gegenſtand, gegen mich und Andre.“— 195 „Dieß war das letzte Wort meines theuren Vaters uͤber ein Geheimniß, deſſen Aufklaͤrung ich durch keinen Verſuch von meiner Seite zeiti⸗ gen durfte. Das Kreuz, welches heut die ſchoͤn⸗ ſte Entdeckung herbeifuͤhrte, blieb mir das einzi⸗ ge Pfand dieſer Stunde.“ „Noch zwei Jahre weilte ich in dem Kreiſe meiner edlen Erzieher, dann fuͤhrte mein Vater mich auf die hohe Schule zu H.... und be⸗ ſtimmte mir ſpaͤter einige Zeit zum Reiſen unter der Leitung meines guͤtigen Lehrers Appelles.“ „Ohne mir in der Wahl meiner Studien Zwang anzuthun, bemerkte ich doch bald an ber Richtung meiner Reiſe nach dem Kunſtlande Ita⸗ lien, und an den haͤufigen Empfehlungen an die beruͤhmteſten bildenden Kuͤnſtler daſelbſt, womit mein Vater mich ausgeſtattet hatte, daß er es gern ſehen wuͤrde, wenn ich mich fuͤr ſein Fach entſchiede. Aber— ob wohl ich nicht ganz ohne Talent mich dazu vorbereitete, trieb dennoch ein unuͤberwindlicher innerer Drang mich aus den be⸗ ſcheidnen Kreiſen aͤchter Kunſtbeſtrebungen in das Gebiet wiſſenſchaftlicher Forſchungen. Mit * 13* 196— brennendem Ehrgeiz verfolgte ich den Lichtſtrahl, der mich auf andern Bahnen, als die, welche mein Vater ſich ſchon gebrochen hatte, zum Ruhm fuͤhren ſollte.— Nur ein Ereigniß—— er ſtockte erroͤthend— und Begeiſterung fuͤr die Rettung des erkrankten Vaterlandes, eroͤffnete mir ploͤtzlich die Augen uͤber den Beruf, der, durch meine bisheri⸗ gen Umgebungen auf keine Art angeregt, gleich⸗ ſam wie ein ungeloͤſtes Raͤthſel ſo lange in mei⸗ ner Bruſt ſchlummerte, bis unſre bedeutende Zeit⸗ periode und— mein Herz mir den Schlüſſel da⸗ zu gab.“ r Magnus ſchwieg in dem Augenblick, wo Conſtanze mit geſpannter Erwartung der Fortſe⸗ tzung ſeiner Erzaͤhlung harrte, allein Emmo, den zarten Sinn dieſes Verſtummens wohl errathend, lehnte ſein Haupt mit ſanfter Trauer an die Bruſt des Neugefundnen, und eilte dann mit ge⸗ preßtem Herzen und mühſam bekaͤmpfter Unruhe in Theophiliens Krankenzimmer zuruͤck. Seine Abſicht erreichte er vollkommen. Die Metalldecke eines tiefen Schweigens, welche bis⸗ her Magnus Herzensgeheimniß verdeckte, zer⸗ 197 ſchmolz unter dem warmen Hauch muͤtterlicher Zaͤrtlichkeit. Eine Stunde des hoͤchſten, kindlichſten Ver⸗ trauens entſchaͤdigte Conſtanze fuͤr mehr als zwanzigjaͤhrige Entbehrung, belaſtete aber auch ihr wundes Herz mit einer Reihe noch nie ge⸗ kannter Sorgen. 1 Theophilia, die zarte Lenzesbluͤthe, war alſo der Zwietrachtsapfel, den ein boͤſes Geſchick zwi⸗ ſchen ihre Soͤhne geworfen hatte? und waͤhrend ſie ſelbſt von unbeſiegbarem Zauber ſich an das Lager des bleichen Engels gefeſſelt fuͤhlte, theilte ſie nur das unabaͤnderliche Loos ihrer Kinder, die nicht von ihr laſſen konnten. Schaudernd ſtand ſie vor dem Abgrund, der ihr Muttergluͤck zu verſchlingen drohte, denn ob⸗ gleich Magnus mit edler Entſagung ſich jedes fer⸗ neren Anſpruchs beſchied, ſo war doch ſie die Einzige von Allen, die Theophiliens aͤngſtlich ver⸗ borgenes Geheimniß zu ahnen begann. Leiſe daͤmmerte unter Magnus Mittheilungen die Ueber⸗ zeugung in ihr auf, Emmo taͤuſche ſich uͤber die wahren Empfindungen ſeiner Braut, und es blieb 198 ihr nur mit dem einfachen Sinn und Treiben des Maͤdchens unvereinbar, wie es ſo kuͤnſtlich an der Verhuͤllung eines Gefuͤhls arbeiten koͤnne, deſſen zu ſpaͤte Entdeckung Emmo's Frieden weit tiefer aals jetzt verletzen mußte? Mit ſich ſelbſt uneinig, ob es ihr erlaubt ſei, das zweifelhafte Gluͤck des einen Sohnes auf Koſten des Andern zu gruͤnden, war ſie nicht minder feſt entſchloſſen, ſich ſelbſt um jeden Preis Gewißheit uͤber Theophiliens Herz zu verſchaffen. An Gelegenheit hierzu konnte es ihr ſelbſt bei der Geneſenden nicht fehlen, denn wie die, noch dicht verſchloßne, Roſenknospe unter dem Wehen koſender Fruͤhlingsluͤfte ſich allmaͤhlig er⸗ ſchließt, und ihren duftreichen Kelch den ſchmei⸗ chelnden Zephirs eroͤffnet, ſo hatte Theophiliens ſtilles Gemuͤth ſich der lieben naͤchtlichen Pflege⸗ rin, um deren ganzes mildes Walten der Zauber eines unendlichen Seelenreizes floß, nach und nach erſchloſſen. Wie ein leidendes Kind ſo gern das Auge der liebenden Mutter ſucht, um aus dem reinen Spiegel die Wiederholung des eignen Schmerzes, 199 aber auch den ſuͤßen Troſt fuͤr denſelben, zu le⸗ ſen, ſo wendete auch Theophilia gern ihr bleiches Leidensgeſicht gegen das liebe, befreundete ihrer Oswald, die ſie laͤngſt nicht mehr, ohne grade ei⸗ nes Andern belehrt worden zu ſeyn, zu der Rei⸗ he bezahlter Krankenwaͤrterinnen rechnete. Al⸗ lein jene naͤchtlichen Beſuche, welche fuͤr beide Theile ſo viel Reiz hatten, konnten nicht immer dauern. Die Kranke genas, unter dem Einfluſſe lie⸗ bender Pflege, taͤglich ſichtlicher. Sie nahm nun ſelbſt das Opfer des naͤchtlichen Schlummers von ihrer lieben Oswald nicht mehr an, und bat da⸗ fuͤr deſto dringender um taͤgliche Beſuche, ohne das Hinderniß zu ahnen, welches ſich hier ihren Wuͤnſchen entgegenſetzte. Auch Emmo war ſeit Kurzem in ein tiefes⸗ trauerndes Schweigen verſenkt. Er erklaͤrte ſich wider alle Erwartung feſt entſchloſſen, nun mit Naͤchſten zum verbuͤndeten Heere abzugehen, und begruͤndete dadurch einigermaßen ſeine ganz ver⸗ aͤnderte ungleiche Stimmung. Der Praͤfident— welcher ſeit jenem Ereig⸗ dem, immer ernſter werdenden Freiheitskampf ent⸗ 200 niß auf dem Ball nicht ganz ruhiger, ſondern, in das Chaos der Begebenheiten, tiefer blickender Zuſchauer geweſen war— ſetzte dieſem Entſchluß um ſo weniger Hinderniſſe entgegen, als er mit Huͤlfe des jungen Kriegers, deſſen verlaͤngerter Aufenthalt in der Reſidenz ihm nicht unbekannt geblieben war, das Scheinbuͤndniß nach Emmo's Entfernung recht natuͤrlich zu loͤſen hoffte. Conſtanze kannte und billigte die Abſicht ih⸗ res Sohnes; aber nicht allein, ſondern unter der Leitung ſeines aͤltern Bruders Magnus, ſollte er gegengehen. Sie wuͤnſchte die Soͤhne hinweg vom Schauplatz ihres Wirkens, und beſchloß erſt dann, wenn ihr Einfluß ſie nicht mehr ſtoͤren koͤnne, die Sonde an Theophiliens Herz zu legen. So begegneten ſich aller Wuͤnſche, ſelbſt die Kranke gab ſich furchtſam der Hoffnung hin, es werde ihr, entfernt von dem Verlobten und unbe⸗ obachtet von ihm, leichter werden, das widerſtre⸗ bende Herz zu beſiegen, und Magnus?— ach er ſehnte ſich mehr als je die ſturmbewegte, todt⸗ wunde Bruſt dem feindlichen Stahl darzubieten, 201 denn die Braut ſeines Bruders durfte hoͤchſtens dem Munde des Sterbenden den Scheidekuß vom Leben aufdruͤcken. 40. Der Abendbeſuch. Emmo war fort! Auf Theophiliens Lilien⸗ wangen erbluͤhte das erſte, zarte Roth der Gene⸗ ſung. Sie begann wieder ihre Lieblingsbeſchaͤfti⸗ gungen, gab ſich mit ſanfter Heiterkeit den Scher⸗ zen Leontinens hin, und warf ſehnſuͤchtige Blicke nach dem lieben Fenſter ihrer Oswald, die, wie ein freundliches Phantaſiegebilde, mit ihrer Krank⸗ heit entwichen war. Taͤglich fuͤhlte ſie die Entbehrung ſchmerzli⸗ cher, ſich des milden, verſtaͤndigen Zuſpruchs ihrer naͤchtlichen Freundin beraubt zu ſehen, und oft ſprach ſie daruͤber mit Leontinen, welche vor Neu⸗ gier brannte, die ſonderbare Frau, deren Erſchei⸗ nung in der Mitternachtsſtunde ihrer lebhaft cho⸗ lorirenden Phantaſie reichen Stoff gab, einmal bei heller Tagesbeleuchtung zu erſchauen. Allein, beider angeregtes Intereſſe konnte den Schleier nicht luͤften, der das ganze Leben und Treiben der Geheimnißvollen in tiefes Dunkel huͤllte.. ic Verlaſſen hatte ſie ihre Wohnung noch nicht, das bewieſen die oͤftern muͤndlichen Antworten, welche ſie den, von den beiden Maͤdchen abgeſen⸗ deten Dienern des Hauſes ſtets verneinend ertheilte, wenn ihr Auftrag einer Einladung galt; aber nur ſelten war ſie am Fenſter, und nie auf der Straße ſichtbar. Einige Zeilen von Theophilien, die ihr mit der ganzen Innigkeit ihres dankbaren Gemuͤth's den Wunſch ausdruͤckten, nicht voͤllig auf das Gluͤck ihres Umganges Verzicht leiſten zu duͤrfen, be⸗ antwortete ſie gar nicht, und zerſtoͤrte, durch dieſe offenbare Vernachlaͤſſigung gewoͤhnlich geſelliger Formen, viel von dem lebhaften Intereſſe, mit dem Leontine bisher Theophiliens Erzaͤhlungen von ihr, wie Wundermaͤhrchen gelauſcht hatte. Die Zeit und neue Anregungen von Außen, bleichten endlich ganz die Farben, und bald ge⸗ dachte die Muthwillige des Nachtvogels nur noch in neckender Laune gegen ihre ſinnige Freundin, 7 um ſie wegen ihrer allzu lebhaften Einbildungs⸗ kraft, die von dienenden Engeln und huͤlfreichen Feen traͤumte, wenn gewoͤhnliche Krankenwaͤrte⸗ rinnen ihr bezahlte Liebesdienſte erwieſen, ein wenig aufzuziehen. Aber Theophilia, wie immer, wenn ein un⸗ heiliger Scherz das Kleinod ihres innerſten Glau⸗ bens verletzend beruͤhrte, zog nur, gleich der Sinn⸗ pflanze, ſich ſchweigend in ſich ſelbſt zuruͤck, und arbeitete in der ſtillen Werkſtaͤtte ihres Gemuͤths deſto verſchoͤnender an dem Gebilde ihrer, freilich noch nicht ganz beruhigten Phantaſie, je entwei⸗ hender Leontinens Scherzworte, und der Graͤfin vornehm nicht achtendes Laͤcheln daruͤber hinſtreif⸗ ten. So kam es denn, daß Conſtanzens befrem⸗ dende Erſcheinung im graͤflichen Hauſe von allen Bewohnern deſſelben, außer der Einzigen, wel⸗ cher ſie galt, beinahe ganz vergeſſen war, und ſie es nun ſicher wagen konnte, wieder fuͤr Theo⸗ philien aus ihrer Dunkelheit hervorzutreten. Die Hoffeſtlichkeiten, welche mit jenem Ball zu Ehren des Sieges bei Leipzig eroͤffnet wurden, und jetzt noch in ununterbrochener Folgenreihe 2⁰4 fortdauerten, entbehrten nur kurze Zeit ihre lieb⸗ lichſte Zierde, die reizende Leontine. Sie wuͤrde wohl gern noch laͤnger ſich ihnen zu Gunſten der kranken Freundin entzogen ha⸗ ben, allein Graͤſin Clementine, ihrem Gemahl ſtets entgegen wirkend, der, ſo lange Emmo noch in der Reſidenz weilte, mit ein wenig zu ſichtba⸗ rer Wachſamkeit jedes Alleinſeyn des jungen Brautdaares zu verhuͤthen ſtrebte, fand nichts unnoͤthiger, als eine ſo weit getriebne Vorſorge, da die St. Clair,(von der ſie freilich wußte, daß ſie keine zu eifrige Pflegerin war,) und Em⸗ mo's Geſellſchaft Theophilien hinlaͤnglich fuͤr die kurze Abweſenheit Leontinens entſchaͤdigten. Auch jetzt, nach deſſen Entfernung, blieb man der ein⸗ mal angenommenen Gewohnheit treu. Theophi⸗ lia wie ſchon fruͤher von der St. Clair verlaſ⸗ ſen, ſand ſich zum Erſtenmal ſeit ihrer Krank⸗ heit ganz allein, und die Sehnſucht nach ihrer lieben Oswald brach zugleich mit einer geheimen Furcht vor der allzu großen Thitigkeit ihrer Phan⸗ taſte hervor. Das Haupt gedankenvoll an das verſchloßne ——— 205 Fenſter gelehnt, mit den Haͤnden leiſe auf den Saiten einer Guitarre herumirrend, ſchien das ar⸗ me einſame Kind den freundlichen Zuſoruch der eben ſo einſamen Nachbarin recht ſehr zu beduͤrfen. Da oͤffnete ſich leiſe die Thuͤr ihres Zimmers, und Madame Oswald trat mit anmuthigem Gruſ⸗ ſe vor die ſuͤß Ueberraſchte. Nit einem lauten Freudenausruf, und einer ihr ſonſt nicht eigenthuͤmlichen Lebhaftigkeit, flog Theophilia in die Arme der Langentbehrten. „O wie— wie ſoll ich Ihnen danken!“ rief ſie froͤhlich,„und wie Sie ſchelten, daß Sie mich, deren leiſeſte Bewegung Ihrer aͤngſtlichen Sorgfalt am Krankenbett nicht entging, nun ganz verlaſſen, wo ich erſt des freundlichen Zuſpruchs meiner Freunde recht beduͤrfte.“ Conſtanze druͤckte, ſtatt der Antwort, das ge⸗ liebte Maͤdchen noch einmal zaͤrtlich an ihre Bruſt, und bemuͤhte ſich das allzu lebhaft begon⸗ nene Geſpraͤch wieder in den leichten Gang ge⸗ wöoͤhnlich geſelliger Mittheilungen zuruͤckzufuͤhren. Allein dieſer Verſuch gluͤckte ihr weder bei ſich ſelbſt, noch bei Theophilien. So innig vertraut ſie ſich auch bei dem mat⸗ ten Schein der Nachtlampe mit den lieben Zuͤ⸗ gen ihrer jungen Freundin gemacht zu haben glaubte, ſo unbegreiflich heftig wirkte doch jetzt bei hellem Kerzenſchimmer der Anblick Theophi⸗ liens auf ſie. Umſonſt ſuchte ſie der zarten Engelsgeſtalt gegenuͤber nach alltaͤglichen Worten, die feinen, durch die verlaͤngerte Krankheit noch mehr vergei⸗ ſtigten Zuͤge des Maͤdchens ſprachen wie bekann⸗ te, laͤngſt verhallte Stimmen an ihr Herz. Sie wollte ihre Betroffenheit vor den Blik⸗ ken der Argloſen verbergen, aber nicht einmal die erſten Begruͤſſungen trugen das Gepraͤge blos ge⸗ ſelligen Beduͤrfniſſes, wie ſie ſich es feſt vorge⸗ nommen hatte; es waren die Ausbruͤche heißer Quellen, die, lange unter der verhaͤrteten Erdrin⸗ de dahin gefloſſen, ſich jetzt gewaltſam Bahn ma⸗ chend, hervorſtuͤrzten. „Ich habe Sie ſo herzlich lieb gewonnen, mein holdes theures Fraͤulein,“ ſprach ſie mit liebkoſender Stimme, und druͤckte Theophiliens Hand an ihr Herz,„oder vielmehr, ich glaubte — — 1 4 3 — 297 Sie erſt ſeit unſerer naͤchtlichen Bekanntſchaft fehr herzlich zu lieben, nun ich aber wieder vor Ihnen ſtehe, ſcheint es mir, wie ſchon damals, als haͤtte es keinen Augenblick in meinem Leben gegeben, wo ich Sie nicht lieben mußte.“ Theophilia neigte mit ſanfter Scheu ihr ſchoͤ⸗ nes Haupt auf die feine, zarte Hand Conſtan⸗ zens, welche, ihr ganzes Scheinverhaͤltniß zu der Pflegetochter des Grafen Malthen vergeſſend, dieſe ſtille Huldigung ohne Ziererei, mit der an⸗ muthsvollen Wuͤrde empfing, die gewoͤhnte Ach⸗ tungsbeweiſe nicht von ſich weiſt. Dieß verwirrte indeß Theophiliens Urtheil uͤber ihre liebenswuͤrdige Pflegerin keines Weges. Sie hatte ſich in ihren Gedanken mehr mit dem Geiſt derſelben befreundet, als mit ihrer Perſon, und dieſer ſtand vor ihrer idealiſirenden Phanta⸗ ſie immer ſo wuͤrdig und hoch erhaben uͤber die gewoͤhnlichen Formen des Lebens, daß auch jetzt nur ihr Geiſt den ihrigen, wie den laͤngſt geſuch⸗ ten Vertrauten ihres innerſten Sieges begruͤßte. Mit der ganzen Fuͤlle ihres tiefen, ſeit dem Tode ihrer theuren Pflegemutter, oft verletzten, 208— beinahe immer zuruͤckgedraͤngten Gefuͤhls, gab ſie ſich dem Zauber eines innigen, wortloſen Verſte⸗ hens hin, und Conſtanze, die nie einen ſolchen Schatz von hingebender Liebe und kindlichem Ver⸗ trauen in dem Maͤdchen, das Emmo ihr immer ſtill und reſignirend, oft ſogar wortkarg geſchildert hatte, ahnete, wurde dadurch um ſo ſichrer auf die ſchon gefuͤrchtete Vermuthung geleitet, daß Theophilia in dem Verhaͤltniß zu dieſem nicht gluͤcklich ſei, ihre Hand mehr wie ein willenloſes, ſeinem gebietenden Schickſal untergeordnetes We⸗ ſen, als aus freier Neigung zum Opfer braͤchte, und jetzt erſt in ihrer Naͤhe,(die ſie in keiner Verbindung mit der graͤflichen Familie ruͤhmte,) ſich ihrer innern Kraft, aber auch ihres ganzen Ungluͤcks bewußt wuͤrde. . Zitternd, vor der Beſtaͤtigung einer Wahr⸗ nehmung, die ihr Mutterherz immer tief verletzen mußte, falle ſie auch zu Gunſten des ihr eben ſo theuren Neugefundnen aus, richtete ſie das Auge noch einmal auf die holde Geſtalt, deren Blicke voll Kindesunſchuld an ihr hingen, und ſie zu fragen ſchienen, warum ſie, ihrem argloſen Ver⸗ — 209 erauen gegenuͤber, ein ſo ernſtes, beinahe finſtres Schweigen beobachte? Als wollte ſie nur ſchnell den beaͤngſtigenden Zweifel loͤſen, der den heitern Gang ihres Geſpraͤchs ſtoͤrte, wendete ſie ſich nun ploͤtzlich mit der Frage an Theophilia:„Und wie ertraͤgt dies arme Herz den Krieg, der es von ſeiner wahren Heimath, dem Herzen des Verlobten trennt?“ Ein dunkler Schatten lagerte ſich auf Theo⸗ philiens offne Stirn. Indeß ſich ſelbſt begrei⸗ fend, geſtand ſie, des Freundes Naͤhe oft ſehr zu vermiſſen. Von nun an ſchwebte jedoch das Geſpraͤch auf minder leichten Wogen dahin. Conſtanzens richtiger Sinn wurde durch das Ausweichende dieſer Antwort nicht mehr getaͤuſcht, aber durch irgend einen truͤben Gedanken ſichtlich umflort, und Theophilia, an ihr braͤutliches Verhaͤltniß ge⸗ mahnt, konnte den finſtern Geiſt nicht bannen, der ſich zwiſchen die beiden befreundeten Herzen draͤngte. Da legte Conſtanze, des Augenblicks Ver⸗ ſtimmung zu beſchwoͤren, die Guitarre in ihren 2r Theil. 14 Accorden folgende Verſe: Kennſt Du das Land, wohin das Herz ſich fluͤchtet, Wenn ihm auf Erden manches Weh geſchieht? Dann hat Dein Blick das Dunkel ſchon gelichtet, Was Deine truͤbe Gegenwart umzieht. Kennſt Du es wohl? dahin, dahin, Sollſt Du mit Deinem wunden Herzen zieh'n. Kennſt Du das Reich ſtill waltender Gefuͤhle? Es ruht allein in Deiner eignen Bruſt. Du ſuchſt umſonſt es in der Welt Gewuͤhlez Es herrſcht und ſchaltet in Dir unbewußt. Kennſt Du es wohl? dahin, dahin, Magſt Du in Deinen Weiheſtunden zieh'n, Kennſt Du den Quell, aus dem die Perlen fließen, Wenn, armes Kind! Du leidend Troſt begehrſt? Du kannſt aus ihm die Hoffnungsſaat begießen, Wenn Du der Freude Sonnenlicht enthehrſt. Kennſt Du ihn wohl? er quillt, er quillt Im Auge Dir, von Thraͤnen angefuͤllt. Arm, und degleitete ſich mit innigen vollen, in leiſen Schwingungen nach und nach verhallenden b 211 Und als haͤtten dieſe Worte, vereinigt mit der Toͤne ſuͤßer Gewalt, Theophiliens Augen wirk⸗ lich in einen unverſiegbaren Thraͤnenquell ver⸗ wandelt, ſank ſie, bethaut von ſtroͤmenden Perlen, an die Bruſt ihrer Oswald, und frug, nachdem ſie ſich recht herzlich ausgeweint, wie uͤber die Verwandlung Ihres ganzen Seyn's erſtaunt: „Wie iſt es mir denn ſo wunderbar wohl und heimiſch in Ihrer Naͤhe, meine theure Oswald, und wie kam es nur, daß Ihre Gegenwart ſchon in meiner Krankheit eine ganz beruhigende Kraft uͤber mich uͤbte? Ihr Anblick ſchließt das Herz mir unwillkuͤhrlich auf. Seit ich den friedlichen Aufent⸗ halt meiner Kindheit verließ, mußte ich oft den Vorwurf hoͤren, es fehle mir jene Leichtigkeit des Umgangs, der in der fremdartigſten Erſcheinung bald den verwandten Stoff herausgefunden hat. Aber dießmal iſt mein innrer Sinn mir weit vorangeeilt. Was ich ſo lang' entbehrte, glaubte ich ſchon in der erſten Stunde unſers Verkehrs gefunden zu haben.“ „Und was, mein liebes, zartes Kind, ent⸗ 14* behrten Sie denn hier, im Kreiſe Ihrer Lieben?“ frug Conſtanze mit Innigkeit. „Nichts, was die vollkommenſte Guͤte der fremden, heimathsloſen Waiſe geben koͤnnte!“ verſicherte Theovhilia eifrig.„Und doch etwas, das mir vielleicht nur darum fruͤh entriſſen wur⸗ de, damit recht viele großmuͤthige Herzen in mei⸗ ne Dankbarkeit ſich theilen ſollen: eine Mutter!“ Conſtanze erbebte unwillkuͤhrlich, doch ſchnell ſich faſſend, ſchlang ihr Arm ſich um den Nacken des ſanft bewegten Maͤdchens, und mit wehmuͤthiger Ruͤckerinnerung ſprach ſie: „So gehoͤren wir denn wirklich zuſammen, mein armes Kind, denn ich ſuche ſeit lange—— Plöͤtzlich ſich ſelbſt unterbrechend fuͤgte ſie haſtig hinzu:. „Sie nannten ſich ſelbſt eine heimathsloſe Waiſe. Waͤren Ihr Vaterland und Ihre El⸗ tern Ihnen unbekannt, und haͤtten Sie kein Zeichen-—“ Statt jeder berichtigenden Antwort ging Theo⸗ philia zu ihrem Schreibtiſch, um das einzige Erb⸗ theil ihrer muthmaßlichen Eltern zum erſtenmal 213 freiwillig einer fremden Beſchauung darzubie⸗ ten. Conſtanze war ihr in unruhiger Erwartung gefolgt. Die gruͤne Brieftaſche ruhte, von dem argloſen Maͤdchen ihr freundlich hingereicht, in ih⸗ ren zitternden Haͤnden. Da flog die Thuͤr raſch auf, und mit einem Schrei des Entſetzens ſtuͤrzte Conſtanze an dem Eintretenden voruͤber, aus dem Zimmer. Graf Malthen— denn er war es, der, ei⸗ ner leichten Unpaͤßlichkeit wegen, die Aſſemblee fruͤher, als ſeine Familie verlaſſen, und ſich auf eine Unterhaltung mit der lieblichen Pflegetochter vorbereitet hatte— ſtand, von innerm Grauen be⸗ fangen, doch ohne in der raſch voruͤbereilenden Erſcheinung der todenbleichen Frau auch nur ei⸗ nen bekannten Zug zu entdecken, vor Theophilien, die ſelbſt, uͤber Conſtanzens Schreckensruf erblei⸗ chend, ſich muͤhſam zu faſſen ſuchte. „Was war das, wer iſt die Frau?“ dieſe Fragen draͤngten ſich zuerſt uͤber ſeine Lippen. Die Erſchrockne berichtete ihm ſo viel von Madame Oswald, als ihr richtiger Takt ihr uͤber eine 4 214— Erſcheinung in ihrem Leben zu ſagen erlaubte, deren Raͤthſel ſie ſelbſt noch nie geloͤſ't hatte. „Und was erſchreckte ſie in meiner Per⸗ ſon?“ frug der Erſtaunte, noch immer nicht mit ſich ſelbſt einig, ob das Treiben einer bloßen Krankenwaͤrterin wohl ſeiner Beachtung wuͤrdig ſey? Theophilia konnte daruͤber keine Aufklaͤrung geben, aber es fiel ihr ſo eben beklemmend auf das Herz, daß die Enteilende, von ſeltſamer Furcht befangen, ſogar das theuerſte Kleinod ihres ver⸗ waiſ'ten Lebens, die geliebte Brieftaſche mit ſich genommen hatte. Sie wuͤrde ihrem verehrten Beſchuͤtzer gewiß dieſen neuen Grund zur Unruhe nicht verſchwiegen haben, haͤtte ſie nicht mit Recht einige mißbilligende Aeußerungen uͤber ihr zu vor⸗ eiliges Vertrauen gegen eine, ihr ſcheinbar unter⸗ geordnete fremde Frau gefuͤrchtet. Ablenkend frug ſie daher mit furchtſamer Seimme nach ſei⸗ nen Befehlen. „Befehle, mein liebliches Kind,“ ſagte der Graf, ſich wieder ſammelnd,„habe ich nicht fuͤr Sie, aber wohl moͤchte ich den Abend, der mir 215 fuͤr ernſte Studien verloren, und dem laͤſtigen Zwange der Geſellſchaft abgewonnen iſt, gern der einſamen Theophilia weihen. Zuͤrnt mir dar⸗ uͤber die Tochter meines Herzens?“ Verlegen ſenkte die Ueberraſchte das ſchoͤne Auge zu Boden. Sie fuͤhlte ſich in der Naͤhe des Grafen nie ganz frei von jener aͤngſtlichen Befangenheit, die ſchon ihr erſtes Erſcheinen an der Seite der Aebtiſſin bezeichnete, und ſie gra⸗ de in den Augen des Mannes, der viel durch die beſtimmtere Handlungsweiſe zweier Frauen verletzt worden war, ſo unwiderſtehlich reizend machte. Ermuthigend zog er ſie neben ſich auf das Sopha, und, ſich bald mit Intereſſe nach ihrer Geſundheit und ihren jetzigen Beſchaͤftigungen er⸗ kundigend, ſuchte er ſich nach und nach in ihr Vertrauen hineinzuſprechen. „So meine ich denn,“ fuhr er, nach einigen unabſichtlich ſcheinenden Aeußerungen uͤber ihre Kraͤnklichkeit, fort:„ich ſei der Einzige geweſen, der auf dem Ball den wahren Grund von Theo⸗ philiens ſuͤßem Schrecken errieth. Edwin hatte 216 nie eine Tochter, und Magnus, ſein Sohn, ſpiel⸗ te den Betrug zu meiſterhaft, um nicht nach Jahren noch Erinnerungen zu erregen, die 77 1 Ergluͤhend verbarg Theophilia bei dieſer un⸗ zarten Erwaͤhnung ihr Geſicht in die Kiſſen des Sopha's; aber der Praͤſident hatte ſeinen Zweck vor Augen, ſanft zog er die Widerſtrebende in ſeine Arme und fuhr fort: „Waͤre meine junge Freundin offner gegen den erſten Freund ihres Herzens geweſen, ſo wuͤrde ihr ein ſchwerer Kampf erſpart worden ſeyn. Emmo iſt gut und unverdorben, aber er ver⸗ ſtand wohl auch ſein Herz noch nicht ganz, als ich ihm des Fürſten Wunſch, Sie ihm zu ver⸗ maͤhlen, kund that.“ „Des Fuͤrſten!“ ſtammelte Theophilia er⸗ blaſſend.„Nicht der Ihrige, nicht der ſeine?“ „Er wurde der Unſre, nachdem jene Sce⸗ ne in der Ausſtellung, durch Ihre Ohnmacht und des Gebieters Uebereilung, herbeigefuͤhrt ward.“. Es bedurfte einiger Eroͤrterungen, um der Betroffnen die Bedeutſamkeit jenes Moment's, in Hinſicht auf Emmo, begreiflich zu machen. Sie wußte nur eines Eindrucks ſich dabei zu erinnern, und dieſer ſtand jetzt wieder wie ein hellleuchten⸗ der Comet vor ihrer Seele. Furchtſam, ach es brach ja ein leiſer Hoffnungsſchimmer in die Nacht ihres veroͤdeten Daſeyns, richtete ſie den fragenden Blick auf Malthen, und lispelte: „So koſtete es vielleicht Ihnen und dem bruͤderlich mir zugethanen Freunde ein Opfer, mich zu einem Gluͤck zu erheben, das die unbe⸗ deutende namenloſe Waiſe niemals hoffen durf⸗ te?“ „Ein Opfer?“ rief Graf Malthen, ſich ſelbſt vergeſſend,„o mir das Schwerſte! Doch Emmo gewoͤhnt ſich leicht und ſchnell an das, was er fuͤr ſeines Lebens ſchoͤne Beſtimmung haͤlt.“ Erbebend vor der Naͤhe des Abgrundes, in welchen die Großmuth ihres eignen Herzens ſie taumeln ließ, entriß ſich Theophilia den Armen des Grafen. Das Gefuͤhl tiefer Beſchaͤmung, dem Man⸗ 4 218 'ne gegenuͤber, der ſein Opfer ſelbſt das Schwer⸗ ſte nannte, und Emmo's weichem Gemuͤth allein das leichtere Tragen aufgedrungner Feſſeln zu⸗ ſchrieb, goß einen Purpurſtrom uͤber ihre Wan⸗ gen. Ihr jungfraͤulicher Stolz, unheilbar verletzt, ließ ſie einen Augenblick ihre natuͤrliche Schuͤch⸗ ternheit uͤberwinden, indem ſie mit Unwillen ſagte: „Mich lehrte man in meinem Kloſter die hohe Schuld der Dankbarkeit, mit jedem Opfer, auch dem Schwerſten zahlen. Darum— nicht weil der Fuͤrſt ein grauſames Spiel mit meinem Herzen trieb— wurde ich die Braut des edlen Sohnes meines Wohlthaͤters, wie ich ſeine Sela: vin geworden waͤre, haͤtte ich ſein Gluͤck nur da⸗ durch gruͤnden koͤnnen. Doch nun es deſſen nicht bedarf, erlauben Sie——— Der Ring, mit welchem Emmo ſie vor ſei⸗ nem Scheiden zur Verlobten geweiht hatte, zit⸗ terte in ihren Haͤnden. Graf Malthen laͤchelte, und zog die Bewezte mit ſanft beruhigenden Worten wieder an ſeine Seite. „Wir haben uns wahrlich mißverſtanden,“ — 219 fuhr er mildernd fort,„und Theophilia darf, wenn ſie mit ihrem lieben Herzen keinen beſſern Gebrauch machen kann, oder— es nicht vorzieht, die ſuͤße Schuld der Dankbarkeit an den— wel⸗ chen ſie guͤtig ihren Wohlthaͤter nennt, durch treues Aushalten an ſeiner Seite ſelbſt abzutra⸗ gen, das Band nicht loͤſen, welches— einmal um des Sohnes Herz geſchlungen, ohne ſchmerz⸗ lichen Kampf nicht wieder zerriſſen werden duͤrf⸗ te. Meine Abſicht habe ich nun wohl, trotz Ih⸗ res Mißverſtehens, erreicht, liebe Theoehilia. Sie wiſſen jetzt, daß Sie noch einmal waͤhlen koͤnnen, und daß— wie Sie auch waͤhlen, ich der Ritter Ihrer Meinung bin. Nun gute Nacht, mein liebes, holdes Kind! traͤumen Sie von guten Engeln, die immer Schoͤnheit und Unſchuld umſchweben.“ Theophiliens innre Bewegung ließ ſie die letzten Worte des Scheidenden kaum vernehmen. Ein wogendes Meer widerſprechender Gefuͤhle flu⸗ thete in ihr ab und auf.. Magnus Name, erſt leiſe in der Tiefe ih⸗ res Herzens verhallend, dann wie ein liebliches 220 Gebilde vor ihrem geiſtigen Auge auftauchend, draͤngte ſich ihr unbewußt uͤber die Lippen. Es brach ein Tag in ihrer umnachteten See⸗ le an, der mit ſeinem Roſenſchimmer ihr ganzes Daſeyn uͤbergoß. Ende des zweiten Theiles. —%oedzerrnnkcrkrdocohddoroocedoo— In derſelben Beklagshandlung ſind folgende ſchoͤngeiſtige Schriften erſchienen: Abentheuer in der Sierra Morena, aus den Papieren des Grafen v.** Mit Kupfern 1 Thaler 12 Groſchen. Alpenwanderer, der vom Verfaſſer des Mazarino. 2 Bde. Mit Kupf. 3 Thlr. 12 Gr. Affmina, die ſchoͤne Sirkaſſierin, vom Verfaſſer des Mazarino. 2 Theile. Mit Kupf. 2 Thlr. Angebinde fuͤr die Bekenner des moſaiſchen Glaubens, (eine vorzuͤgliche Auswahl Anecdoten von Muͤch⸗ ler) geh. 8 Gr. Argwohn der beſtrafte. Luſtſpiel in 1 Akt. 8 Gr. Bellamo's letzter Abend meines Lebens, von C. G. Cramer. Mit Kupf. 1 Thlr. 12 Gr. Cervantes Portrait, Luſtſpiel in 3 Akten. 12 Gr. Chezy, Helm von, Erzählungen und Novellen. 2 Theile. 3 Thlr. Sunningham, Allan, ſchottiſche Erzaͤhlungen, uͤberſ. von W. A. Lindau. 2 Theile. 1 Thlr. 18 Gr. Doriforths einfache Geſchichte. Aus dem Engliſchen, ein Roman. 1 Thlr. 12 Gr. Fhemann, der, und der Hageſtolz, oder welcher Le⸗ bensweg iſt der Beſte? Komiſcher Roman, frei aus dem Engliſchen. 2 Theile. 2 Thlr. 8 Gr. Eichenblaͤtter. 8 Gr. Erneſtine, eine ſchwediſche Novelle. 8 Gr. Erzaͤhlungen, drei, Eugen und Roſalie, die Graͤfin von Santerre, Dorgeville, vom Verfaſſer der Heliodora. 1 Thlr. Eugenia und Mathilde, oder Denkwuͤrdigkeiten der Familie des Grafen von Sterel, von der Verf⸗ faſſerin der Adele von Senages. Ein Gemaͤlde nach dem Leben uͤberſetzt von Mutzenbecher. 2 Bde. 2 Thlr. 6 Gr. Fall, ber, der Schweiz. Ein Trauerſp. in 5 Aufz. 12 Gr. Frauen, die genialiſchen, oder Geheimniſſe liebender Herzen. Nach dem Engl. von C. v. St. 2 Thle. 2 Thlr. 16 Gr. Freundſchaftsbruch, der. Ein Trauerſp. in 5 Aufz. 12 Gr. Fruͤhlingsblumen, Erzaͤhlungen. 1 Thlr. 12 Gr. Galt, die Erben, ein Familiengemaͤlde. Aus dem Engliſchen. 1 Thlr. 8 Gr. — das Gewiſſen, oder die Ruͤckkehr ins Vaterhaus. 2 Thyle. 2 Thlr. 16 Gr. Gebhardts kleiner Beitrag fuͤr die Buͤhne; enthaltend die Ruͤckkunft der Soͤhne. Der Sturm oder die Geretteten. Der Leibkoſak. Die Fuchsprelle. Die heirathsluſtige Familie. 1 Thlr. 12 Gr. Graf, der letzte von Gowrin. 2 Thle. 2 Thlr. 8 Gr. Guiskardo der Dichter, oder das Ideal. Neue Auf⸗ lage. Mit 1 Kupf. 1 Thlr. 6 Gr. Hexenfahrten und Teufelskuͤnſte aus dem geheimen Archiv der Walpurgisnaͤchte auf dem Blocksberg. Mit Kupf. 20 Gr. Hoͤhle, die, des Todes. Aus dem Franzoͤſiſchen von C. Fr. Schlegel. Mit Kupf. 16 Gr. 38 Hopfenkeim, Herr von. Eine Faſtnachtspoſſe in 4 Aufzuͤgen von G. Reinbeck. 16 Gr. Hulda, oder das ſchoͤne Waſſerfraͤulein. Vom Verf. des Rinaldo Rinaldini. Mit Kupf. 1 Thlr. 12 Gr. Iſter, J., romantiſche Erzaͤhlungen des Tages und dder Vorzeit. Mit Kupfern. 12 Gr. Irrmy, Waſyington, die Handſchrift Dieterich Knik⸗ kerbokers. 12 Gr.. Kaffka, Polyhimnia. 2 Bde. 1 Thlr. 12 Gr. — J. L. Miniaturen. 2 Bde. 1 Thlr. 8 Gr. Kleingkeiten, dramatiſche, oder drei kleine Luſtſpiele fur Liebhabertheater. 1 Thlr. Langbeins humoriſtiſche Erzaͤhlungen. 16 Gr. Lucindora, die Zauberin; vom Verfaſſer des Rinaldo. 1 Thlr. 12 Gr. Ludovico di Parma. Ein dramatiſches Gemaͤlde mit Muſik. 18 Gr. Maͤnnerliebe, Frauenherz. Eine Geſchichte nach dem Engliſchen der Mrs. Ogie frei bearbeitet. 1 Thlr. 8 Gr. —,porsn— ——:————