— 5 66 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur ſ — — Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 8 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme V eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet d wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für zeichentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 59 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„ 3,=„ 4„=„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Wirſt Beides Du der Schuͤchternen verſagen, Und zuͤrnſt Du auch, daß ich ſie ſandte, mir? Doch nein! Du kannſt nicht zuͤrnen, nur vergeben, Edwina's Werth durch Deine Guͤte heben. Ein Stuͤndchen nur, im abendlichen Kreiſe, Geweiht der Muſen ſinnigem Verkehr, Erbittet ſich mein armer Schuͤtzling leiſe., Dein Herz verbuͤrgt mir freundliche Gewaͤhr. Du weinſt ſo gern in Deiner Freunde Klagen, Nur eignes Weh' kannſt Du mit Faſſung tragen. Was ein Gemuͤth, ſo rein, ſo unverſchuldet, Geſtaͤhlt durch ſeines Glaubens innre Kraft, Mit ſanftem Ernſt, mit ſtiller Wuͤrde duldet, Noch unentweiht von ird'ſcher Leidenſchaft: Das darf Edwina Dir nicht erſt enthuͤllen, Dir ward der Muth, das Gleiche zu erfuͤllen. 1 Und wie die Kunſt mit ihren Zauberbanden Umnebelnd oft des Weibesſinn umgiebt, Bis, ſtatt des Kranzes den die Grax'en wanden, Es nur des Ruhmes Lorbeerkronen liebt: Das darf Mathilden hier nicht erſt erſcheinen, Sie wußte Pflicht mit Neigung ſtets zu einen. Wie in des Unrechts dunklen Irrgewinden Uns oft ein einzig taͤuſchend Wort verliert, Bis unſer Fuß, den rechten Pfad zu finden,» uns zwiſchen rauhe Felſenklippen fuͤhrt: So druͤckte Wahrheit ſtets ihr reines Siegel Auf Deiner Worte ungetruͤbten Spiegel. Empfange denn, mit gaſtlich ſchoͤner Sitte, So hold als alles, was ſich je Dir naht, Die ich Dir ſende in der Deinen Mitte. Edwina iſt's, fuͤr die ich Schutz erbat! Von Dir beſchirmt, darf ſie den Eintritt wagen In eine Welt, der ſie ſich naht mit Zagen. xoooooooooo0000000000000000000000— 1. Die Novize. Als im Jahr 18. in einem gewiſſen Staate die Kloͤſter aufgehoben wurden, fanden ſich, wie bei jeder großen, in das allgemeine Intereſſe ein⸗ greifenden Begebenheit, mehrere Partheien. Wen das kraͤftige Gefuͤhl fuͤr Freiheit ſchon vorah⸗ nend die Bruſt hob, der triumphirte, daß dieſe Zwangmauern eines religiöſen Eifers endlich geſtuͤrzt wurden; wer es aber wußte, wie lieb ſelbſt dem Ungluͤcklichen das Plaͤtzen wird, wo er auch nur getrauert hat, und wie oft die, vom Schickſal oder den Menſchen Ausgeſtoßnen hier eine ſichre erfreuliche Zuflucht fanden, der bemit⸗ leidete wenigſtens die armen, ſchuͤchternen, los⸗ geloͤſten Glieder einer Welt, die wohl an ihrer Ruhe ruͤtteln, aber die Kluft nicht mehr ausfuͤl⸗ len konnte, welche ſich zwiſchen ihr und dieſen 1r Theil, 1 2 Vereinzelten aufgethan hatte.—— Es mag wohl manches Auge in den dunklen Zellen ge⸗ weint und getrauert haben, aber haͤtte es denn, außer denſelben, auch gewiß gelaͤchelt? Und wenn es denn nun ſo war, mußten denn die armen, verwoͤhnten, lichtſcheuen Augen ſo ploͤtzlich an das helle, blendende Tageslicht gezogen wer⸗ den? Es wiegen die Freuden der Welt ihre Stuͤrme nicht auf, und wer, ohne ihren Zauber gekannt zu haben, ſich von ihr ſchied, iſt wohl zu beklagen, wenn er den Banden ſuͤßer Ge⸗ wohnheit entriſſen, den Wogen einer ungewiſſen Zukunft, oft mit ſchon geſunkenem Lebensmuth, von Neuem uͤbergeben wird. Am Morgen des verhaͤngnißvollen Tages, der die Pforten der tiefſten Einſamkeit aufſchloß, begab ſich der Praͤſident Graf Malthen in Be⸗ gleitung ſeines Praͤſidial⸗Rathes und mehrerer No⸗ tarien nach dem Kloſter der Klariſſerinnen in B.g. Die Aufhebungsakte wurde vorgeleſen, den Non⸗ nen ihr Schickſal angekuͤndigt, und ihr allgemei⸗ nes Wehklagen mit einem ſarkaſtiſchen Laͤcheln heantwortet. Die Aebtiſſin, eine ehrwuͤrdige —— Frau, ſtand tief gebeugt im Kreiſe ihrer Unterge⸗ benen, und verſuchte mit gebrochner Stimme ſie zu troͤſten. Endlich wendete ſie ſich auch zu einem ſehr jungen Maͤdchen, in deſſen zarten Geſichtszuͤgen noch eine ſchoͤne Miſchung von hol⸗ der Kindesunſchuld und jungfraͤulicher Schuͤchtern⸗ heit erſchien; legte ihr ſanft die Hand aufs ge⸗ ſenkte Haupt, und ſagte mit beruhigenden Toͤnen: „Auch Du, meine gute Theophilie, wirſt nicht ganz verlaſſen ſeyn. Fuͤr's Erſte begleiteſt Du mich in meine neue Zuruͤckgezogenheit, und dann gelingt es mir wohl, Dir Freunde in der Welt zu erwecken, da man Dich aus dem Aſy⸗ le ſtoͤßt, wo Du allein ihrer entbehren konnteſt.“ Der Praͤſident heftete ſein dunkles forſchen⸗ des Auge auf die feine, blaſſe Geſtalt, die nicht wagte, das Ihrige vor ſo vielen fremden Blicken empor zu richten, und fragte mit einer artigen Wendung gegen die Aebtiſſin:„Auch eine zu⸗ kuͤnftige Braut des Himmels?“ „Ein Schuͤtzling deſſelben vielmehr, entgeg⸗ nete Jene bedeutend. Als zartes Kind ſchon nah⸗ men dieſe Mauern die Verwaiſte auf. Es koſte⸗ 1„ 4——— te ihr keine Ueberwindung, ſich einem Leben zu weihen, das ſeit ihrem dritten Jahre mit Banden der Gewohnheit ſie umſchlang. Die Welt lag vor ihr, wie ein fernes, unbekanntes Land, nach dem ſie ſich nicht ſehnen konnte, weil es ihr hier ſo wohl ging, und wir ſie alle ſo herzlich lieb hat⸗ ten.—— Jetzt moͤge es ihr zum Troſt gerei⸗ chen, daß wir mit ihr zugleich aus unſrer Frie⸗ densinſel vertrieben werden.“ Malthen heftete ſeine Augen noch ſinnender auf das Maͤdchen, welches vor dem pruͤfenden Blick immer ſchoͤner erroͤthete. Eine Art von Geiſterſchauer wehte ihm laͤngſt verblichne Bilder, namenloſe Geſtaltungen in farb⸗ und lichtloſem Chaos entgegen. Er wußte es beſtimmt, das Maͤdchen war ihm ganz fremd, und doch ging ſo mancherlei Bekanntes, lang Vergeßnes an ſeinem innern Sinn voruͤber, wenn er in die lieblichen Kinderzuͤge ſchaute. Er mußte ſie fragen, ob ſie denn gar keine Ver⸗ wandte habe. Sie konnte nicht antworten, ohne das ge⸗ ſenkte Auge furchtſam aufzuheben, und die rei⸗ 4 5 zende Verwirrung, mit der ſie es that, brachte ſelbſt den kalten, berechnenden Staatsmann außer Faſſung. „Keine! ſagte ſie mit bebender Stimme. In dieſem Kreiſe fand ich alles: Aeltern, Freun⸗ de und Verwandte.“ „Wenn nun aber bei Ihrem Austritt aus demſelben ein Freund Ihnen die Hand bödooͤte, den Sie fruͤher nicht zu beduͤrfen glaubten, wenn ſein Haus und ſeine Familie Sie als ein liebes Familienglied zu ſich einluͤde, wuͤrden Sie ihn zuruͤckweiſen?“ Statt aller Antwort beugte Theophilie ihr Haupt mit einer raſchen Bewegung auf die Hand der Aebtiſſin, und dieſe ſagte liebreich: „Ich verſtehe Dich, meine Tochter! Du fuͤrchteſt die Erſcheinungen einer, Dir noch frem⸗ den Welt. Du trennſt Dich ungern von mir, und wuͤnſcheſt, daß ich Dich vor einem Entſchluſ⸗ ſe bewahren moͤchte, von dem Du in Deiner Unſchuld ſelbſt ſchon ahneſt, daß er bedeutend fuͤr Dein ganzes Leben ſeyn wird. Aber— wie ſchwer es mir auch werden mag, die ſuͤßen Rech⸗ . 6 te, welche ich bisher uͤber Dich hatte, an Andre abzutreten, ſo gehoͤrt doch dieſe Entſagung nicht weniger zu den Opfern, welche die jetzige Zeit mir abdringt. Ich trete aus dieſen Mauern nur heraus, um mich in eine, wo moͤglich noch tie⸗ fere Einſamkeit zu vergraben. Begleiteſt Du mich dorthin, ſo wuͤrde Deine Liebe einen Roſenſchim⸗ mer uͤber meine letzten Tage werfen, aber wer wuͤrde nach meinem Tode ſich uneigennuͤtzig und edel der doppelt Verwaiſten annehmen?— Wahr⸗ lich ich zittre vor den Klippen, an denen Du Argloſe ſcheitern konnteſt, und ich muß ſorgen, waͤhrend dies Auge noch aus der Ferne uͤber Dich wachen kann, einen ſichern Port fuͤr Dich zu finden, darum— fuͤgte ſie ſich verbindlich an den Praͤſidenten wendend hinzu— erlauben Sie, Herr Graf, daß ich Ihr guͤtiges Anerbieten zum Vortheil meines Schuͤtzlings naͤher beleuchte. Sie ſind vermaͤhlt?“—— 3 „Gatte und Vater, erwiederte der Graf ſchnell: Meine aͤlteſte Tochter iſt ohngefaͤhr in dem Alter des Fraͤuleins.“ Die Aebtiſſin laͤchelte beifällis, und brach 7 die Unterhaltung mit dem Verſprechen ab, uͤber den Vorſchlag nachzudenken. Graf Malthen verließ das Kloſter mit ſehr widerſprechenden Empfindungen. Die zarte Grenz⸗ linie, welche die gebildete Frau zwiſchen ihm ſelbſt, und ſeinem verhaßten Geſchaͤft gezogen, beſchaͤm⸗ te ihn, der nur zu ſehr Parthei fuͤr dieſe Ein⸗ richtung des Staates genommen, und ſich mit einem geheimen Wohlbehagen zu dieſem widri⸗ gen Amt gedraͤngt hatte, mehr als der feine Weltmann es ſich ſelbſt eingeſtand. Er war ein heller Kopf, und laͤngſt mit ſich uͤber die Forderungen der chriſtlichen Religion im Reinen. Die Politik haͤtte keinen ſicherern Zuͤgel fuͤr das wilde, ungebaͤndigte, tauſendkoͤpfi⸗ ge Ungeheuer, das Volk, finden koͤnnen, als eben ſie. So lange Ihr noch die ſchoͤne Welt regier⸗ tet! rief er oft mit ſpoͤttiſchem Laͤcheln, auf je⸗ ne Zeit des Vielgoͤtterthums hindeutend, ſaß kein Reuter feſt auf dem beweglichen Hals des Thieres. Das Schuͤtteln eines ſeiner tauſend Koͤpfe warf ihn in den Sand, und es war wohl hohe Zeit, daß das Pabſt⸗ und Moͤnchsthum den 8. ſchnaubenden Gaul beſſer zuͤgelte. Aber nun iſt Feer beinah zu ſchlaͤfrig geworden, nun haͤngt er die Ohren, und wir duͤrfen die Zuͤgel immer ein wenig loſer halten, und ihn eine Freiheit wit⸗ tern laſſen, die ihm nie zu Theil wird, ſo lange wir das Equilibre zu halten verſtehen. Von der Hoͤhe der Politik alles anſchauend, war fuͤr ihn nichts um ſein ſelbſt willen, nichts 3 fuͤr einen noch hoͤheren Zweck da. Der Staat ſetzte alle Triebfedern in Bewegung, ſeine hoͤch⸗ ſte Potenz war das Ideal, in welches er ſich mit Luſt hineintraͤumte, und der einzige Punkt, wo er nicht Egoiſt zu ſeyn ſchien, ob er gleich die Idee, in dieſem vervollkommten Staat eine bloße Null abzugeben, eben ſo wenig ertragen haͤtte, als er es uͤberhaupt liebte, ſein gehaltvol⸗ les Ich irgend einem Du in der Welt nachge⸗ ſetzt zu wiſſen. Den feſten Blick auf das Gan⸗ ze gerichtet, beruͤhrte das Weh des Einzelnen ſelten ſein inneres Gefuͤhl, denn— ſagte er kalt: Der Staat wechſelt ſeine Buͤrger, er ſelbſt be⸗ ſteht ſchon ſeit Jahrhunderten; und ſo ſchritt ſein Fuß nicht unſicherer uͤber das, zur Erndte 9 reife Waitzenfeld des Landmanns, als uͤber die wohlgebahnte Heerſtraße, wenn der Weg über jenes ihn ſchneller zum Ziel fuͤhrte.. Bei dieſer Richtung ſeines geiſtigen Auges mußte es ihn ſeltſam uͤberraſchen, daß die leiſe Klage einer gebeugten Frau, und der Engelsblick eines zarten Kindes auf einmal die Eisrinde ge⸗ ſchmolzen hatten, welche Staatsklugheit und Er⸗ ziehung um ſein Gemuͤth bildeten. Der Vor⸗ ſchlag, Theophilien in ſein Haus aufzunehmen, war den Lippen des ſonſt ſo Vorſichtigen, zum erſtenmal ohne genaue Schaͤtzung der gegenſeiti⸗ gen Verhaͤltniſſe, entſchluͤpft. Er konnte ſich nicht leugnen, daß das holde Kind, welches einer in beſtaͤndigem Schatten aufgezognen Pflanze glich, hinter den ſchuͤtzenden Mauern des Kloſters tau⸗ ſendmal zarter und ſchonender beruͤhrt worden waͤre, als in der Welt, deren Stuͤrme den fei⸗ nen Koͤrper zu zerſtoͤren drohten; aber dennoch draͤngte es ihn mit Gewalt, die Argloſe in den Strudel hineinzuziehen, und waͤhrend er deutlich fuͤhlte, daß ſein Haus grade der unpaſſendſte. Aufenthalt fuͤr die kloͤſterliche Theophilie ſei, war 40. er doch ſichtlich bemuͤht, die Bebenklichkeiten ihs rer frommen Beſchuͤtzerin zu heben. „Wir zerſtoͤren die Kloͤſter nicht aus Grau⸗ „ſamkeit, beſchwichtigte er ſich ſelbſt, ſon⸗ „dern aus Klugheit. Dieſe gebietet uns, je⸗ „de gerechte Klage uͤber jene Maaßregel „abzuſtellen, und eine Waiſe, welcher der „Staat keine Penſion auswirft, muß von „einem treuen Buͤrger deſſelben, deſſen Ehre „mit der ſeinigen in Eins zuſammenfließt, „wohl aufgenommen werden, damit dieſe „eine Ungerechtigkeit nicht den Glanz des „Ganzen verdunkle!“ 3 9 Auch hier, wie in allem ſeinen Wollen. und Handeln, nach klarer Umſicht der Dinge, nach reiner Loͤſung der Aufgabe ſtrebend, fand er endlich den Weg, ſeine uͤberwallende, menſch⸗ liche Ruͤhrung mit der großen Hauptidee, welche ihn beſchaͤftigte, zu verbinden, und kaum ſchloſ⸗ ſen ſich die Pforten des Kloſters fuͤr ihn, ſo ſie⸗ len auch die Thore ſeiner innern Geiſterwelt wie⸗ der zu, die ein Zug in des Maͤdchens feinem 4 Geſicht eroͤffnet hatte. 2 1 2. 1— Ein Bild aus dem Leben der großen Welt.* Der Praͤſident, Graf Edmund von Malthen, war der Sohn eines, an dem kleinen Hofe ſei⸗ nes Fuͤrſten, ehemals vielgeltenden Mannes, des Staatsminiſters von Malthen. Durch beſondere Geiſtesgaben ausgezeichnet, beging das Gluͤck keie ne Ungerechtigkeit, indem es dieſen von Wuͤrde zu Wuͤrde, und endlich auch in den Grafenſtand erhob. Allein deſto grauſamer verfuhr es mit demjenigen, an deſſen Stelle er in das Miniſte⸗ rium eingeruͤckt war. Graf Dornburg, ein eben ſo treuer Freund der guten Sache, als ſeines ergrauten Fuͤrſten, und der gluͤcklichſte Mann im Staat, war das erſte Opfer, welches nach dem Tode ſeines edlen Beſchuͤtzers der Neuerungsſucht eines jungen Herrſchers unterlag, und wenn auch Malthen zu dieſem, das ganze Volk erſchuͤttern⸗ dem Sturz nicht grade mitwirkte, ſo iſt es doch gewiß, daß er ihn fuͤr die Befeſtigung ſeiner. Macht trefflich zu nutzen wußte. 1 12 * Von einem geiſtreichen Hofmeiſter erzogen, und einem weltklugen Vater gebildet, erregte Edmund alle die Erwartungen, welche ſein Ein⸗ tritt in die Welt rechtfertigte. Ueberzeugt, daß er zu einem großen Poſten beſtimmt ſei, wende⸗ te er die ganze Kraft ſeines Geiſtes an, ſich wuͤrdig dafuͤr auszubilden, und ſo blieb ihm nur wenig Zeit uͤbrig, um in die gewoͤhnlichen Feh⸗ ler junger Leute vom Stande zu verfallen. Man erſtaunte ſehr, als ſein Vater ihn bei Hofe vor⸗ ſtelltte, an dem bluͤhenden, geiſtreichen Juͤngling auch gar keine Lieblingsſchwachheit wahrzunehmen. Err ſpielte nicht, war kein leidenſchaftlicher Jaͤ⸗ ger, trank nur Wein mit Waſſer gemiſcht, und hielt ſich in beſcheidner Entfernung von den Da⸗ men. Wahrlich ſeine Maͤßigkeit in allen Arten von Genuͤſſen war beinahe zu groß, um ihn laͤn⸗ ger als einige Tage intereſſant zu erhalten; aber er hatte auch wieder Vorzuͤge, die ihm ſeinen Rang in der Geſellſchaft ſicherten, und waͤre er ein Diogenes geweſen. Sein Anzug uͤber⸗ traf an Eleganz alles, was der eigenſinnig⸗ ſte Geſchmack nur erſinnen konnte, ſeine Au⸗ 1 —ℳ 13 gen waren die ſprechendſten von der Welt und ſeine Sitten ſo fein und abgeſchliffen, daß ſelbſt ſeine Feinde— derer hat ein ſo vollkommner junger Mann immer— nicht recht wußten, ob ſie von ihm durchſchaut waren, oder nicht. Der Vater allein wußte, wie er mit dem neuen Grandiſon daran war, denn er zeichnete ihm im Geheim die Bahn vor, welche er gehn ſollte, und Edmund gefiel ſich ſo wohl in der Idee, einſt der Hauptpfeiler zu werden, auf dem die Groͤße ſeiner Familie ruhen ſollte, daß er am Ende ſelbſt glaubte, Herr jeder Leidenſchaft zu ſeyn, waͤhrend er nur ihre Aeußerungen beherr⸗ ſchen lernte. Seinen Vater achtete er unbeſchreib⸗ lich, weil er in ihm ſeinen Meiſter in der Po⸗ litik erkannte, und hochgeehrt durch die tieferen Blicke, welche dieſer ihn oft in ſeine Plaͤne thun ließ, unterwarf er ſich gewoͤhnlich unbedingt deſ⸗ ſen klugberechnetem Rathe, der auch unter jedem Verhaͤltniß ſich bisher immer noch bewaͤhrt hatte. Aber dennoch fand er, daß die Ruͤckſichten deſſel⸗ ben zu weit gingen, als er ihm im vier und zwanzigſten Jahre die Nothwendigkeit vorſtellte, 14— ſich mit der jungen Graͤfin Sternberg zu ver⸗ maͤhlen, welche, als die Tochter der Oberhofmei⸗ ſterin, eine fuͤr ihn beſonders vortheilhafte Par⸗ thie war. Conſtanze— ſo hieß die Vorgeſchlagene— war bei der Fuͤrſtin Mutter Hoffraͤulein geweſen, ſeit dem Regierungsantritt des jungen Fuͤrſten zu einer entfernten Verwandtin auf das Land ge⸗ reiſt, und kehrte erſt jetzt auf den Ruf ihrer Mutter in der Glorie ruͤhrender und dennoch ſtolzer Schoͤnheit zuruͤck. Der junge Malthen, welcher ſeine Juͤnglingsjahre auch entfernt von der Reſidenz verlebt hatte, wurde durch ihren Anblick uͤberraſcht, ergriffen und gereizt. Die kalte Ruhe in den regelmaͤßigen Geſichtszuͤgen, der ſichre Blick des himmelklaren Auges, die un⸗ bewegliche Gleichmaͤßigkeit ihres Betragens gegen alle die, welche ſich auszeichnend um ſie draͤng⸗ ten, gaben ihr ohngefaͤhr den naͤmlichen Ruf in der Frauenwelt, den Edmund ſich in der Maͤn⸗ nerwelt erworben hatte, und ſo war es wohl natuͤrlich, daß es Anfangs ſeiner Eitelkeit ſchmei⸗ chelte, in eine Art von Wettkampf mit ihr zu 1 1 treten. Allein als die ſchoͤne Statue ſich nach manchem vergeblichen Verſuch fuͤr ihn nicht be⸗ leben wollte, zog er ſich beleidigt von ihr zuruͤck, und vermied die Gelegenheit nicht, ihr ſeine Gleichgaͤltigkeit auf alle Art zu beweiſen. So ſtießen die Herzen ſich ſchon feindlich ab, als des Miniſters Vorſchlag die Haͤnde zu vereinigen ſtrebte, und nicht ohne geheimen Wi⸗ derwillen entſchloß Edmund ſich endlich, vor den Augen der Welt eine Bewerbung zu erneuern, welche Conſtanze fruͤher mit ſo viel Kaͤlte auf⸗ genommen hatte. Er warf dieſe Zweifel auch ſeinem Vater ein, allein jener laͤchelte ſchlau, und uͤbergab ihm einen Brief von der Mutter ſeiner beſtimmten Braut, worin dieſe von der Verbindung der jun⸗ gen Leute, als von einem bereits abgeſchloſſenen Contrakt ſprach. Nun ſahe er wohl, daß er nicht mehr zuruͤck konnte, denn einen Eclat macht nur ein Romanheld; aber es grollete ihn dennoch, daß der Vater uͤber ſeine Hand ſo gar ſtaats⸗ klug verfuͤgt hatte, und ſich raͤchend, uͤberließ er 16 1.—— ihm unn auch gaͤnzlich die Sorge, ihn der ſchoͤ⸗ nen Conſtanze naͤher zu bringen. Zum erſtenmale verwandelten ſich ihre Zuͤge, als er bei einer herbeigefuͤhrten Gelegenheit das Wort der Vereinigung ausſprach, aber nicht, um ſich freudig zu beleben, ſondern um erbleichend ſein Mitleid ſchon fruͤher anzuflehen, als ihre aͤngſtlich herausgeſtoßene Worte es konnten. Der beleidigte Edmund verwuͤnſchte die ihm aufgedrungene Liebhaberrolle, aber die Oberhof⸗ meiſterin warf ihm die aufmunterndſten Blicke zu, ſie war ſeine unverſoͤhnlichſte Feindin, wenn er zuruͤcktrat, und ſolchem Ungewitter trotzt kein Weltmann. Er wiederholte alſo ſeinen Antrag, und Conſtanze ſagte ihm, nachdem ſie mit ihrer Mutter geſprochen hatte: „Ich weiß, daß unſere Eltern uns keine an⸗ „dere Wahl laſſen, Graf! Sie koͤnnten dem „Schickſal ausweichen, wenn Sie wollten, „ich darf nicht. Moͤge der Himmel mich „nie an Ihrer Ruhe raͤchen.“ Malthen bebte bei dem prophetiſchen Tone, der ihm, bedeutſam durch die Widerſpruͤche des — 47 eignen Herzens geworden, nichts erfreuliches zu prophezeien ſchien. Er konnte nach ſeinen An⸗ ſichten eben ſo wenig zuruͤck, und bald wiegte auch die Gegenwart alle Beſorgniſſe ein. Seine junge Gemahlin betrug ſich ſo fein, ſo anſtaͤndig, daß er ſich mit ſeiner Wahl ver⸗ ſöhnen mußte, um ſo mehr, da er den Tag nach der Vermaͤhlung zum Hofmeiſter des jungen Erbprinzen ernannt ward, und alſo ſeine Er⸗ wartungen von den Vortheilen dieſer Verbindung beinahe uͤbertroffen wurden. Da das Herz uͤbrigens voͤllig dabei geſchwie⸗ gen hatte, ſo war es natuͤrlich, daß man auf eeinnem ſehr entfernten Fuß lebte, und daß dieſe Entfernung ſelbſt dann nicht aufhoͤrte, als die junge Graͤfin Mutter eines Sohnes ward, an den ſie alle die Zaͤrtlichkeit verſchwendete, die ſie ihrem Gemahl nicht gewaͤhren konnte. Alles ſchien nach dieſer kleinen Unterbrechung wieder in ſein altes Gleis ruͤcken zu wollen, als der ploͤtzli⸗ che Tod der Oberhofmeiſterin ein unvorhergeſehe⸗ nes von dem klugen Hofmann nicht geahnetes 1r Theil. 2. 18— Ereigniß herbeifuͤhrte, das ſeiner ganzen autande eine andere Wendung gab. 3. Die Scheidung. Wenig Wochen nach ihrer Entbindung trat enes Abends die Graͤfin, im dunkeln Reiſekleide, ihren Sohn auf dem Arm, in das Zimmer ihres Gemahls. Er ſah ſie uͤberraſcht an, ſie war bleich und zitterte heftig, doch ſuchte ſie ſich zu faſſen, und ſagte mit ziemlich feſtem Tone: „Wir ſind jetzt ein Jahr verheirathet, Graf! „Daß ich Sie nicht liebte, wußten Sie, als „man Ihnen meine Hand zuſagte, und den⸗ „noch nahmen Sie ſie an. Dies bewies „mir, daß Ihre Wuͤnſche auf etwas andres „als mein Herz gerichtet waren. Dieſes „Etwas iſt erfolgt! Sie ſtehen durch die „Verbindung mit meiner Mutter jetzt ſo feſt „am Hofe, daß es ihr, wenn ſie noch lebte, „nicht einmal gelingen wuͤrde, Sie dort zu „verdraͤngen. 4 —— 19 „Was alſo vor einem Jahre unerlaͤßli⸗ „che Bedingung ihrer Politik war, iſt Ih⸗ „nen nun ein unnuͤtzes Band, das blos ih⸗ „re Freiheit beſchraͤnkt.— Ich bin hier, es „zu loͤſen; aber auf keine gemeine, alltaͤgli⸗ „che Art! Ich verlaſſe dieſe Nacht mit Ih⸗ „rem Sohne, der zu jung iſt, um der Mut⸗ „terpflege ſchon entriſſen zu werden, die „Stadt. Sie bemerken erſt morgen meine „Flucht, laſſen mir nachſetzen, und, wenn „ich nicht zuruͤckkehre, den Scheidebrief un⸗ „terzeichnen. So ſind Sie gerechtfertigt, „und ich frei. Von Ihrem Sohn erhalten „Sie jährlich die beſtimmteſte Nachricht, „und wenn es zu Ihren Wuͤnſchen gehoͤrt, „ihn zu ſehn, ſo ſoll auch dies moͤglich ge⸗ „macht werden. Ich ſelbſt verſpreche, nie „Ihren Namen zu tragen; aber ihn auch „nie durch mein Betragen zu entweihen. Ich „will nun fern von der Welt der Erziehung „Ihres und meines Sohnes leben.“ Der Graf war ſelbſt uͤber die Kuͤhnheit die⸗ ſes Plans erblaßt, und verſuchte(zu ſeiner Ehre 2* 20„ ſei es geſagt) ihn ſo ſehr als moͤglich zu bekaͤm⸗ pfen. Aber Conſtanze laͤchelte wehmuͤthig, druͤck⸗ te ihr Kind an ihre Bruſt und— blieb feſt. Endlich ſchloß man den Vertrag, nicht ohne ge⸗ genſeitige Ruͤhrung, denn der kleine Emmo war ein Band zwiſchen den Eltern, das ſich ſo leicht nicht zerreißen ließ. Bis zum achten Jahre ſoll⸗ te die Graͤfin ihn behalten, und bis dahin, ihn nur mit ſeiner Waͤrterin alle Jahre, an einen verabredeten Ort ſchicken, damit der Vater ihn ſehen koͤnne, nach acht Jahren ihn aber gaͤnzlich der Erziehung deſſelben uͤberlaſſen. Malthen konnte den Morgen kaum erwar⸗ ten, um diejenige, welche er nicht zuruͤckzuhalten wagte, aufſuchen zu laſſen.— Es war etwas in der letzten Handlung ſeiner Gemahlin, das ihn wie aus einer andern Welt anſprach. Er hatte ſich nie die Muͤhe genommen, ſie in ihren Eigen⸗ thuͤmlichkeiten kennen zu lernen, und ſo war ihm der Zug von Originalitaͤt, der ſich ihm ſchon bei hundert andern Gelegenheiten haͤtte kund thun koͤnnen, an ihr voͤllig entgangen. Niie war es ihm noch eingefallen, daruͤber 21 nachzudenken, warum ihr Herz ſich ſtets von ihm abwendete, und jetzt beſchaͤftigte ihn die ganze Nacht hindurch die Frage: was ſie zu einem ſo ſonderbaren Schritt verleitet haben konnte, da ihr ganzes tadelloſes Leben nicht einen Moment ausſchloß, der ein ſolches Ende auch nur ahnen ließ. 3 Die verabredeten Maßregeln wurden getrof⸗ fen, und von einem geheimen Intereſſe an der ſeltſamen Frau geleitet, fuͤgte der Graf noch ei⸗ nige hinzu, die ihm ihr Wiederfinden gewiß hof⸗ fen ließen, und obwohl fruchtlos doch dazu dien⸗ ten, ſein Benehmen bei dem ſonderbaren Vorfall natuͤrlicher zu machen. Die Beſtuͤrzung von Conſtanzes Familie, und die Ueberraſchung des Hofes, uͤbertrafen noch bei weitem ſeine eigne Verwirrung. Indeß als die Entſlohene nach den dringendſten Vorla⸗ dungen nicht erſchien, ſaͤumte der Fuͤrſt nicht, ein Band zu loͤſen, das dem Gatten nur un⸗ ſichtbare Feſſeln anlegte. Nach Verlauf des erſten Jahres ſah der Graf einer Aufklaͤrung uͤber das Schickſal ſeiner 22 Gemahlin entgegen. Die Scheidungsakte in der Taſche, begab er ſich an den Ort, wo er, der Verabredung gemaͤß, ſein Kind wiederſehen ſollte. Er fand es wirklich, allein die Hoffnung, noch eine kleine Nebenabſicht zu erreichen, mußte er aufgeben. Conſtanze hatte ihre Leute gut ge⸗ waͤhlt, die Waͤrterin ließ ſich weder beſtechen noch ausfragen, und kaum dazu uͤberreden, ihrer Ge⸗ bieterin einen Brief nebſt den Papieren, welche ſie fur frei erklärten, einzuhaͤndigen. Nun war aber auch wieder aller Verkehr mit der Graͤfin auf ein ganzes Jahr abgebrochen, und was veraͤndert ſich nicht alles in einem ſol⸗ chen Zeitraume! Die waͤrmſten Empfindungen gehen oft im Sturm der Zeiten unter, wie ſollte eine bloße Exaltation, von Neugierde und Ueber⸗ raſchung erzeugt, laͤnger dauern? Der Graf wur⸗ de in wichtigen Auftraͤgen an andre Hoͤfe ver⸗ ſandt, und verſaͤumte daher die zwei naͤchſten Rendez-vous mit dem Kinde. Als er zuruͤck⸗ kehrte, fand er ſeinen Vater todt, die Stelle deſſelben, der er, als ein ſo junger Mann, ohne⸗ hin noch nicht gewachſen war, mit einem Ver⸗ wandten der neuen Oberhofmeiſterin beſetzt, und ſich ſelbſt aus ſeinem gewoͤhnlichen Geſchaͤftskrei⸗ ſe verdraͤngt.— Ereigniſſe genug, um die Erxin⸗ nerung an ſeine fruͤheren Privatverhaͤltniſſe aus ſeinem Gedaͤchtniß zu vertilgen. Zu ſtolz, um— bei wirklich ſeltenen Kennt⸗ niſſen— ſeine Exiſtenz am Hofe blos glaͤnzen⸗ den Verbindungen verdanken zu wollen, forderte er ſeine Entlaſſung, und ſuchte an einem jener groͤßeren Fuͤrſtenhoͤfe, wo man ihn beſonders eh⸗ rend, und ſeinen Werth anerkennend, aufgenom⸗ men hatte, Anſtellung. Der umſichtige, thaͤtige Geſchaͤftsmann hatte auch außer dem Kreiſe ſei⸗ nes fruͤheren Waltens einen Preis, doch gelang es ihm, unbeſchuͤtzt von einem ehemals ſo maͤch⸗ tigen Vater und einer vielgeltenden Schwieger⸗ mutter, in dieſem fremden Lande nicht ſo bald dem Throne ſeines Beherrſchers naͤher zu treten. Man ſcheute den klugen Kopf, und ließ ihn lie⸗ ber eine groͤßere Rolle in der Provinz, als eine kleinere an den Stufen des Thrones ſpielen. Er ſelbſt wußte ſich zu beſcheiden, den eignen Werth erkennend, der bald die Dunkelheit durchbrechen 24— mußte, und beſchloß nun einen Kreis haͤuslicher Gluͤckſeligkeit um ſich zu bilden, ohne zu ahnen, daß er ſelbſt nicht dazu geſchaffen war, ſie rein in ſich aufzunehmen. Stolz, ehrgeizig, ſelbſtſuͤch⸗ tig, trat er aus dem einen Wirkungskreis nur in den andern, um mit ſeinem Geiſte alles zu un⸗ terjochen, was ſich ihm nahte. Ohne die Frauen zu achten, deren Schwaͤchen er verſpottete, und die er nie in ihrem ſchoͤnſten Beruf, als Mutter und ſorgſam waltende Hausfrau, beobachtet hat⸗ te, wagte er es doch zum zweitenmal, ein Band zu knuͤpfen, das nie beglückend fuͤr ihn ausfallen konnte, da er ſich deſſen immer nur als Mittel zum Zweck bediente. 8 4. Die Kuͤnſtlerin. Clementine von Rittersberg beherrſchte ihren Kreis, durch Geiſt und hervorſtehende Talente, beinahe ſo despotiſch als der Graf den Seinigen. Sie war die Tochter eines Generals, und hatte, nebſt ihrer Mutter, ihn auf allen Reiſen beglei⸗ 1 1 — 25 tet, zu denen ſeine militairiſchen Verhaͤltniſſe ihn noͤthigten. Ueberall fand ſie Gelegenheit, fuͤr ih⸗ ren Geiſt eine Ausbeute des Schoͤnſten und Wiſ⸗ ſenwuͤrdigſten zu machen, und ihre wirklich aus⸗ gezeichneten Talente fuͤr Muſik und Mahlerei zu vervollkommnen. Dies verſchaffte ihr bald ei⸗ nen gewiſſen Ruf, der ihrer weiblichen Eitelkeit nur zu ſehr ſchmeichelte, um ſie auf halbem We⸗ ge ſtill ſtehen zu laſſen. Sie drang in dem Ge⸗ biete der Kunſt mehr und mehr vor, bis endlich der Name ihres, durch mehrere Kriegsthaten be⸗ ruͤhmten Vaters nur noch genannt wurde, wenn man von ſeiner geiſtreichen Tochter ſprach. Was nun freilich ihrem Streben den gluͤcklichſten Er⸗ folg ſicherte, war, daß zu ſo viel innern Reizen ſich auch bei Clementinen die aͤußern der Ju⸗ gend und Schoͤnheit geſellten. Dieſe ſeltne Ver⸗ einigung aller Vorzuͤge mußte ihr wohl die all⸗ gemeine Bewunderung ihrer Umgebungen gewin⸗ nen, da es beſonders uͤberraſchend iſt, ein jun⸗ ges, von der Natur begaͤnſtigtes Weſen nach et⸗ was beſſerm, als es ſchon beſitzt, ringen zu ſehn. Auch Malthen hoͤrte von dem Wunderfraͤn⸗ — kein ſprechen, und es verdroß ihn, daß man den Talenten einer Dame ſo ausgezeichnet huldigte, die am Ende doch nur mit ein paar erlernten Kunſtfertigkeiten prunkte, welche er ſelbſt zu er⸗ werben ſchon in fruͤheſter Jugend verſchmaͤht hat⸗ te. Aber er ließ ſich doch uͤberreden, ſie zu ſehn, und damit hatte die Kuͤnſtlerin ſchon viel ge⸗ wonnen; denn als er nicht ſie allein, ſondern auch den Kreis von Bewunderern um ſie herum erblickte, als er die Grazie und Anmuth ſah, mit der ſie, halbſpielend, jede, auch die ſchwierig⸗ ſte Aufgabe loͤſte, da ſchien es ihm, als ſei nur ſie die Sphinx, welche die Raͤthſel ſeiner Bruſt entziffern koͤnnte, und ergriffen von dieſer Idee, bot er ihr ſeine Hand, hoffend, es wuͤrde ihm gelingen, alle die Begeiſterung, mit der ſie bisher ihre eignen Gebilde. umfaßt hatte, auf ſich uͤber⸗ zutragen. Wirklich konnte er auch kaum einen ſuͤßeren Triumph wuͤnſchen, als ihm durch Clementinens Beſitz bereitet wurde. Zwei Monate blieben Pinſel und Pallette unberuͤhrt, und ihre ſchoͤne Stimme erhob ſich nur, um die Seligkeit befrie⸗ 4 — ———. — 27 digter Liebe, um die Treue, oder gar ihn ſelbſt, den theuern Gatten zu beſingen. Das Heer von Kuͤnſtlern und Kunſtkennern, welches die geiſtrei⸗ che Clementine bisher umſchwaͤrmt hatte, zog ſich troſtlos uͤber den Untergang eines ſo glaͤnzenden Sterns am Horizont der Kunſt zuruͤck, und der holde Stern ſelbſt rief des Tages wohl zehnmal: „jetzt iſt mir ein Leben aufgegangen!“— ohne die Trauerhymnen ſeiner bisherigen Freunde auch nur des Anhoͤrens zu wuͤrdigen. Naturlich, daß der Graf von dem noch neuen Gefuͤhl, geliebt zu werden, ſich hingeriſſen fand, ein Gleiches zu thun. Seeine Plaͤne blieben unausgearbeitet, ſeine Syſteme unvollendet und ſeine gelehrten Unterſu⸗ chungen fruchtlos, weil ſeine liebenswuͤrdige Gat⸗ tin, mit ihrer Zeiteintheilung, ihm alle Zeit raubte. Aber, nachdem die beiden Genies zwei volle Monate geſchwaͤrmt hatten, griff die Graͤfin wie⸗ der nach dem Pinſel, und der Graf nach der Feder, man nahm ſich zwar feſt vor, einander daruͤber nicht zu verſaͤumen, aber der eine Theil war, wenn der andere ſich ja ein Stuͤndchen zum Genuß abgemuͤßigt hatte, ſo uͤberhaͤuft mit Geſchaͤften, daß er ihm nur hoͤchſtens ein halbes Gehoͤr goͤnnte. Man uͤberlegte nun, ob die ver⸗ lorne Zeit wohl ſo viel Intereſſen an Vergnuͤgen eingebracht habe, als man hoffte, und die Folge von ſolchen Ueberlegungen war— daß man kei⸗ ne mehr verlor. Clementine, die ein neues Kunſtwerk ſchuf, war von ihrem Gegenſtande ſo ergriffen, daß ſie des Tages beinahe von nichts anderm ſprach, und des Nachts ſogar davon traͤumte. Jetzt bemerkte der Graf nun wohl„ daß die Leidenſchaft, welche er in ihr geweckt zu haben glaubte, nichts anders, als eine gewiſſe Empfaͤng⸗ lichkeit fuͤr das Neue war, und daß er an dem todten Bilde auf der Leinewand einen eben ſo ge⸗ faͤhrlichen Nebenbuhler habe, als mancher andre Ehemann an einem belebten; und die innere Be⸗ ſchaͤmung, welche dieſe Entdeckung mit ſich fuͤhr⸗ te, verhinderte ihn nun vollends, gerecht gegen ihren Kunſteifer zu ſeyn. So oft ſie ihn mit holden Blicken einlud, ihr Tagewerk zu betrach⸗ ——— 29 ten, oder wohl gar ſo hoͤflich war, ihn bei der Drapperie eines Gewandes um Rath zu fragen, wendete er ſich kalt von ihr ab, oder geißelte ſie mit der bitterſten Satyre, hob jeden Fehler, den er nur an dem Werke auffinden konnte, ſcho⸗ nungslos heraus, und reizte ihre Eigenliebe ſo lange, bis die arme gekraͤnkte Frau endlich in ihrem Gemahl den Feind ihrer Ruhe zu fuͤrch⸗ ten begann, und ſich ſo ſehr als moͤglich von ihm zuruͤckzog. Der Graf bemerkte dieſes Zuruͤckziehn, aber weit entfernt, es ſeinem eignen Betragen zuzu⸗ ſchreiben, glaubte er nur, mit ihren Talenten, die ihre ganze Zeit in Beſchlag nahmen, deswe⸗ gen grollen zu muͤſſen. Seine Eitelkeit ſchmei⸗ chelte ihm ſogar noch, ſie koͤnne ſich vielleicht, wenn er ſie in die traurige Alternative verſetzte, zwiſchen ihn und den Kuͤnſten zu waͤhlen, fuͤr ihn entſcheiden; und dann vernachlaͤſſigte er ſie ganz, ließ ſie ſelbſt in den Stunden allein, wo ſie ihn geſchaͤftlos auf ſeinem Zimmer wußte, 4 und affectirte eine Kaͤlte gegen ſie, die er, der reizenden Frau gegenuͤber, weit entfernt war, zu empfinden. Aber Clementine, zuruͤckgeſcheucht von dem einzigen Mann, den ſie ſich wenigſtens als Freund gern erhalten haͤtte, weil ihr reicher Geiſt faͤhig war, den Seinigen zu wuͤrdigen, fluͤchtete nur um ſo eifriger zu den Kuͤnſten, und da ſie bei ihren Arbeiten weder den Rath, noch die Be⸗ wunderung der Kenner entbehren konnte, ſo naͤ⸗ herte ſie ſich wieder ihren alten Freunden, die ſich mit Entzuͤcken um ſie draͤngten, und ſie mit dem ſo lange vermißten Nectar der Schmeichelei und des begeiſtertſten Lobes ſaͤttigten. Nun war ſie fuͤr ihren Gatten, fuͤr ihr Haus und die ſchoͤnen Hoffnungen, welche die Mutterwuͤrde gewaͤhrt, verloren! Taͤglich verſammelte ſie einen Zirkel um ſich, der aus den gebildetſten Maͤnnern aller Staͤnde beſtand. Jeder mußte die wuͤrdigſte Aus⸗ beute ſeines Geiſtes darin zum Beſten geben, und ſie war die Muſe, die Sappho, die mit ihrem Reiz und ihren eignen Talenten in verſchiednen Faͤchern den Kreis belebte und zuſammenhielt. Jeder Fremde, der irgend eine Kunſtfertigkeit — 31 als Empfehlung aufzuzeigen hatte, wurde gaſt⸗ frei darin aufgenommen, und jeder geizte nach dem Gluͤck, in dieſen zweiten Olymp, wo alle Grazien und Muſen walteten, in das Muſeum und des guten Geſchmacks, mit einem Wort in dieſes Paradies, wo zwar nicht Milch und Ho⸗ nig, aber doch aus dem Fuͤllhorn des graͤflichen Schatzes, Wein und Punſch in Menge floß, ein⸗ zugehn. So blieb es auch, nachdem die Graͤfin mit Entzuͤcken zwei Monate den Mutterfreuden ſchenkte; und der Graf gab, als ſie auch dieſe Probe ihres beſſern Gefuͤhls heldenmuͤthig beſtand, nun alle Hoffnung auf, ſie fuͤr die Pflichten der Gat⸗ tin und Mutter zu gewinnen, vertraute das kleine Maͤdchen, das ſie ihm geboren, einer tuͤchtigen Amme, und vergrub ſich in ſeine gelehrten Ar⸗ beiten. Mehrere Jahre ſchon hatte er das Rendez- vous mit ſeinem Erſtgebornen verſaͤumt. Theils war der Ort, wo er das Kind finden ſollte, zu entfernt von ſeinem jetzigen Aufenthalt, theils trafen die Epochen ſeiner Flitterwochen als Gat⸗ te und Vater grade in dieſe Zeit. 88 Jetzt ſiel es ihm ploͤtzlich ein, daß der achte Jahrstag, welcher ihm die Vollmacht gab, ſei⸗ nen Sohn mit ſich zu fuͤhren, nahe war, und da das Treiben in ſeinem Hauſe ihm ſo herzlich mißfiel, ſo dachte er mit einigem Intereſſe dar⸗ an, durch die Erziehung ſeines kleinen Emmo, die Leere, welche die Wiſſenſchaften in ſeinem Herzen ließen, gluͤcklich auszufuͤllen. Von neuen Hoffnungen beſeelt, reiſte er alſo, nachdem er ſeine Gemahlin auf den neuen Ankoͤmmling vor⸗ bereitet hate, nach dem Ort der Zuſammenkunft ab, und fand— ſtatt ſeinen Sohn, einen Brief von der Mutter deſſelben. 5. Der Brief. Dieſe Taͤuſchung beruͤhrte ſein Gemuͤth un⸗ freundlicher, als man wohl nach der Verſaͤum⸗ niß, welche er ſich ſo oft bei den alljaͤhrlichen Zuſammenkuͤnften zu ſchulden kommen ließ, glau⸗ ben moͤchte. Aber es trafen diesmal grade eine ſolche Menge kleiner Nebenumſtaͤnde zuſammen, 33 welche ihm die Idee, einen Sohn zu haben, recht lieb machten, und die ſo genau mit ſeinem Egoismus verwebt waren, daß er wirklich einen ſehr angenehmen Traum aufgeben mußte, als er die Unmoͤglichkeit vor ſich ſah, das Kind in ſei⸗ ne Gewalt zu bekommen. Er hatte ſeit einiger Zeit viel uͤber das Er⸗ ziehungsweſen gedacht und geſchrieben. Beſon⸗ ders uͤber das der Soͤhne. Ein alter Preofeſſor, dem er ſeine Aufſaͤtze vorlas, laͤchelte aber, und meinte: das Syſtem laͤſe ſich zwar ganz huͤbſch, er moͤchte es indeß nicht einmal bei den Kindern ſeines Todtfeindes anwenden. „Und ich werde Ihnen den Beweis, daß es ſich auch huͤbſch ausfuͤhrt, an meinem eig⸗ nen Sohne geben!“ erwiderte Malthen empfind⸗ lich, und entwarf ſich zehn Vorſchriften, nach de⸗ nen er ſeinen Emmo den Stufengang von dem achten bis zum achtzehnten Jahr hinaufleiten wollte. „Sie ſind Vater!“ ſagte der Profeſſor gut⸗ 1r Theil.. 3. 34 muͤthig.„Ich hoffe, Sie werden Ihr Kind keinem Syſtem aufopfern.“ „Nein! aber ich werde einen wohluͤberdachten Erziehungsplan darum nicht aufgeben, weil die Verwoͤhnung der menſchlichen Natur mir cinthe Hinderniſſe entgegenſetzt!“ So blieb es. Der Profeſſor dachte: laßt ihn nur das Kind erſt hier haben, und der Graf reiſte ab, um den Beweis ſeiner Behauptung zu fuͤhren. Gluͤcklicherweiſe hatte das Mutterherz beſſer fuͤr das Heil des geliebten Sohnes geſorgt, und, ſtatt ſeiner, folgenden Brief an den Zuſammen⸗ kunftsort abgeſendet. „Ihre Gleichguͤltigkeit, Herr Graf, gegen „das theure Weſen, das in Ihnen den Vater „ehrt, entbindet mich eines Verſprechens, „deſſen Loͤſung ich ſchon 7 Jahre entgegen⸗ „zitterte. Als ich damals, mein geliebtes „Kind im Arm, von Ihnen ſchied, glaubte ich nicht, einen Zeitpunkt zu erleben, der „mir noch ſo fern duͤnkte, ſonſt wuͤrde kein 2 — 35 „Opfer mir zu groß geweſen ſeyn, um eine „Trennung zu vermeiden, deren bloßer Ge⸗ „danke mir ſchon das Herz zerreißt. Aber den⸗ „noch bereitete ich mich auf ein Schickſal vor, „das ich leider ausſchließend als das Meine „anſehen muß, nach den ſchmerzlichen Er⸗ „fahrungen, welche ich ſeit kurzem machte. „Ich wollte meinen Emmo heut in Ihre „Vaterarme fuͤhren, und nur von Ihrer „Großmuth ein paar Monate des Jahres „erflehn, welche die ungluͤckliche Mutter, fuͤr „die Entbehrungen eines ganzen Lebens ſchad⸗ „los halten ſollten; da erfuhr ich, daß, nach⸗ „dem Sie zweimal den Jahrestag verſaͤumt „hatten, eine neue Verbindung Sie auch „den dritten vergeſſen ließ. Ich darf es „nicht laͤugnen, daß dieſes letzte Ereigniß „mir einige Freude verurſachte; denn nur „auf dieſe Art konnte ich hoffen, das geliebte „Kind noch laͤnger zu behalten. Ein Jahr „ſpaͤter, erwartete ich den Tag mit unaus⸗ „ſprechlicher Angſt, denn Ihre Gegenwart „an demſelben mußte mein Schickſal ent⸗ „ſcheiden. 3 „Sie erſchienen wieder nicht, und ſpaͤter „hin hoͤrte ich, daß Ihre junge Gemahlin „Sie gerade ein paar Tage fruͤher mit einer „Tochter beſchenkt hatte. Nun wurde der „ſchwankende Glaube zur Gewißheit! Sie „hatten im Taumel der Vaterfreude uͤber „den kleinen Ankoͤmmling, Ihren Erſtgebor⸗ „nen vergeſſen, und ich durfte ohne Verſuͤn⸗ „digung den Raub an Ihnen begehen, der „mein ganzes Leben mit neuen Freudenblu⸗ „men ſchmuͤckt. Mein Emmo iſt nur unter „dem warmen Hauch der zaͤrtlichſten Mut⸗ „terliebe gediehen. Sein weiches kindliches „Gemuͤth, jetzt auf einmal in einen fremden „Boden, und in ein kaͤlteres Clima ver⸗ „pflanzt, wuͤrde vergehen, wie ſchon ſo man⸗ „che holde Bluͤthe abfiel, die ein feindlicher „Nord traf. Laſſen Sie mich alſo das „Werk vollenden, das ich mit ſo gluͤcklichem „Erfolg begann! Wenden Sie mir nicht nein, daß eine Mutter hierzu nicht faͤhig — 37 „ſey. Eine Mutter kann alles, ſogar aus „ihrem weiblichen Charakter heraustreten, „um der Mentor ihres Sohnes zu werden. „Auch begehre ich nicht, mir ihn ganz zu⸗ „Zueignen, der der einzige Stern in meiner „dunklen Zukunft iſt. Nur bis in das Al⸗ „ter, wo der Juͤngling ohnedieß das aͤlter⸗ „liche Haus zu verlaſſen pflegt, wuͤnſche ich „mich ſeiner Gegenwart zu freuen, dann „ſey er dem weltklugen, kenntnißreichen Va⸗ „ter uͤbergeben, daß er ihn ſelbſt auf die „Bahn leite, welche er ihm vorzeichnet. „Gern trete ich alsdann in meine Grenzen „zuruͤck und ſonne mich an der Tugend und „dem Gluͤck meines Sohnes, waͤre es mir „auch nie mehr vergoͤnnt, ihn in meine „Arme zu ſchließen. Conſtanze. Auf des Grafen Geſicht ſammelten ſich bei Leſung dieſer Zeilen alle Wolken, welche das Mißlingen fruͤher entworfener Plaͤne vielleicht laͤngſt ſchon in ſeinem Herzen aufgethuͤrmt hatte. Er konnte ſich von ſeiner Lieblingsidee nicht oh⸗ ne bittern Unmuth trennen, und es erhoͤhte ſeine Unbehaglichkeit, daß Conſtanze in ihrer Entſchul⸗ digung einige Anſpielungen auf das Gluͤck ſeiner zweiten Ehe machte. An ſich war die Voraus⸗ ſetzung, daß Malthen dießmal ein, fuͤr ſein Herz guͤnſtigeres Loos gezogen habe, ſehr naruͤrlich, nur aus der Feder der Frau, welche es fruͤher verſchmaͤht hatte, dies Gluͤck uͤber ſein Haupt heraufzufuͤhren, floß ſie wie ein aͤtzendes Gift in die Seele des vielfach Getaͤuſchten. Allein, ſo ſehr er auch ſtrebte, ihre Spur aufzufinden, um ihr wenigſtens zu beweiſen, daß es in ſeiner Macht ſtaͤnde, ihr den Knaben zu entreißen, ſo undurchdringlich war doch der Schleier, der ihm ihren Aufenthalt verbarg, und ſo ungern er auch ſonſt fremden Maͤchten an⸗ heim ſtellte, was er durch eigne Kraft zu voll⸗ bringen hoffte, ſo mußte er doch der Zeit dieß⸗ mal eine kleine Rolle in dem Drama ſeines Le⸗ bens einraͤumen. Grollend mit ſich und der gan⸗ zen Welt reiſte er endlich, nach langen vergebli⸗ 3 chen Verſuchen, nach Hauſe, riß die kleine Le⸗ 6 39 ontine, ſein Toͤchterchen, vom Arm ihrer Waͤr⸗ terin, und rief: „Nun ſollſt Du, ein ſchwaches, gebrechli⸗ ches Weib, wenigſtens meinen Beweis fuͤhren!“ Das Kind ſchrie bei der raſchen Bewegung des Vaters, und ſtreckte beide Haͤnde nach der Waͤrterin aus. Da gab er es traurig zuruͤck, und ſagte finſter: „Ach, einen Mann, einen Fels im Unge⸗ witter kann ich doch nicht aus Dir ziehen, ar⸗ me Kleine!“ Dieſer Wunſch blieb ihm, wie ſo mancher Andre, unerfuͤllt, denn obgleich Clementine noch zweimal Mutter wurde, ſo konnte doch das Er⸗ ziehungsſyſtem des Grafen an den neuen An⸗ koͤmmlingen eben ſo wenig, als an Leontinen er⸗ probt werden, weil ſie mit dieſer eines Geſchlechts waren. 6. Leontine. Dieſe Idee wurde auch bald von einer andern verdraͤngt. Die Ereigniſſe am politiſchen Himmel fingen an ſo bedeutend zu werden, daß ein Mann, wie der Praͤſident, unmoͤglich unbeſchaͤftigt und unbenutzt bleiben konnte. In den Augenblicken einer allgemeinen Verwirrung ſteigt ein ruhiger, beſonnener und kluger Kopf im Preiſe. Man brauchte ihn bei verſchiedenen wichtigen Gelegen⸗ heiten, er wurde in mißlichen Auftraͤgen ver⸗ ſchickt, und ein Fremdling in ſeinem eignen Hauſe. Clementine gewoͤhnt, ihr Gluͤck nur im Ge⸗ biete der Kunſt zu finden, und laͤngſt von einer Neigung geheilt, die nur durch die Thaͤtigkeit ih⸗ rer Einbildungskraft eine Zeitlang unterhalten wurde, bemerkte, mit ihrer innern Welt beſchaͤf⸗ tigt, die Gaͤhrung der Aeußern nur ſehr wenig. Die Kinder erhielten, ſo bald ſie herange⸗ wachſen waren, eine franzoͤſiſche Gouvernante, und ſie ſelbſt mahlte, ſpielte, ſang und dichtete 41 ſo harmlos mit ihren geiſtreichen Freunden um die Wette, daß ſelbſt das Getoͤſe, welches die kleine Leontine, ein Ausbund von Wildheit, am andern Ende des Hauſes machte, ſie nur ſelten ſtoͤrte. Dieſe genoß als die Tochter einer genia⸗ len Frau, und der Liebling der Mademoiſelle St. Clair, einer ſo unbeſchraͤnkten Freiheit, daß ihr Charakter nicht verfehlte, ſich, wie das bei Na⸗ turmenſchen gewoͤhnlich geſchieht, bald ſehr be⸗ ſtimmt zu entwickeln. Mit einer unbeſchreibli⸗ chen Weichheit und Guͤte des Herzens verband ſie einen ſo eignen Starrſinn und Eigenwillen, wo es die Befriedigung irgend eines tollen und ungeregelten Einfalls betraf, daß kein Vernunft⸗ grund, und noch weniger eine entſchiedne Ver⸗ weigerung etwas dagegen vermochten. Ihr Gang bezeichnete ſo genau ihren Charakter, daß, wer ſie nur, entweder mit den befluͤgelten Fuͤßen der Attalante, oder mit dem Brauſen des Sturm⸗ winds einher fliegen ſah, das richtigſte Urtheil daruͤber faͤllen konnte. So lange ſie noch Kind war, nahm jeder von den Hausbedienten ſich in Acht, ihr mit irgend etwas Zerbrechlichem in den 42 1 Weg zu kommen; denn allemal gab es dann zu erſetzen, oder zu bezahlen. Aber hatte Einer ein Ungluͤck gehabt, oder einen Verluſt erlitten, ſo ſtand er gewiß mit ſeinem betruͤbten Geſicht auf ihrem Spiel⸗ oder Tummelplatz, und wartete ge⸗ duldig ſo lange, bis die Kleine, nachdem ſie wohl zehnmal vorbeigeſtuͤrmt war, endlich doch einen Blick aus ihren lachenden blauen Augen auf ihn warf, und dann, ploͤtzlich ſtillſtehend, die Frage hinzufuͤgte: Was fehlt dir? warum haſt du ge⸗ weint? 1 3 Nun begann die Erzaͤhlung, und das Ende davon war, daß Leontinchen fortbrauſte, ihre Spaarbuͤchſe ausleerte, oder, was noch ſchlimmer war, wenn der Huͤlfeſuchende gerade kein Geld, ſondern alte Leinwand zum Verband, vielleicht auch gar ein Halstuch, Band oder Haube bedurf⸗ te, ihren Waͤſchſchub durchſtoͤrte, alles unter ein⸗ ander warf, und gewoͤhnlich das beſte, was ſie eben ſinden konnte, herausriß, um das traurige Geſicht recht bald in ein lachendes zu verwandeln. Das war das Geheimniß, warum alle im ganzen Hanſe den kleinen Wildfang anbeteten, und ſeine —— tollſten Einfaͤlle mit einer Puͤnktlichkeit ausfuͤhr⸗ ten, die nur noch dazu diente, ihm eine Tugend mehr einzuimpfen,— den unbezwinglichſten Ei⸗ genſinn. So guͤnſtig indeß, als die ſaͤmmtliche Hausgenoſſenſchaft, beurtheilten die zahlreichen Beſuche der Mutter erſt dann das verzogene Tochterchen, als aus der feſt verſchloßnen Knos⸗ pe ſich die ſchoͤnſte, uͤppig gluͤhendſte Roſe entfal⸗ tete. Allein nun konnte man auch das Auge nicht mehr von dem reizenden Muͤdchen abwen⸗ den, das, von ſeinem harmloſen Geiſte, und ei⸗ ner ſteten, frohen Bewegung unterſtuͤtzt, ſchon zur bluͤhenden Jungfrau heranreifte, als noch laͤngſt die Ahnung einer hoͤhern Beſtimmung in ihm ſchlummerte. Jetzt ſiel es der Graͤfin, und Mademoiſelle St. Clair beinahe zugleich ein, daß etwas ge⸗ than werden muͤßte, um das, einem jungen her⸗ anwachſenden Maͤdchen ſo noͤthige Selbſtgefuͤhl in Leontinen zu wecken, aber nun war es zu ſpaͤt. Die gute St. Clair, welche ſonſt gar nicht uͤbel, nur ein wenig ſchwach war, hatte durch zu große Nachgiebigkeit alle Gewalt uͤber Leontinen ——— verioren, und mußte es ſich, bei der herzlichſten Liebe, die Jene fuͤr ſie empfand, doch gefallen laſſen, daß ſie mitten in der vortrefflichſten Er⸗ mahnung, ruhig und auſtaͤndig zu gehen, ihr zahmes Reh, unter ſchallendem Gelaͤchter, durch eine Reihe von Gemaͤchern jagte, im Lauf ein paar Stuͤhle umwarf, und endlich ganz außer Athem in dem Zimmer ihrer Mutter ankam, die ſie mit einer neuen Strafpredigt empfing, aber auch ſo bald als moͤglich wieder von ſich entfern⸗ te, befuͤrchtend, der Brauſewind moͤchte ihren Ge⸗ maͤlden zu nahe kommen, deren Verſchoͤnerung ihr mehr, als die Bildung ihrer Tochter, am Her⸗ zen lag. So konnte denn nun freilich nichts aus dem Maͤdchen werden, und es wurde auch nichts, bis der Vater einmal wieder zu einem laͤngern Auf⸗ enthalt nach Hauſe kam. Dieſer, obwohl nicht weniger intereſſant beſchaͤftigt, durch die Idee der Kloſteraufhebung, welche damals erſt in Anregung gebracht wurde, konnte doch nicht umhin, einen Blick auf das Innere ſeiner Familie zu werfen, und bei dieſer Gelegenheit mußte ſich ſein Ange — 45 natuͤrlich um ſo aufmerkſamer auf Leontinen hef⸗ ten, weil ſie, als die Aelteſte und Schoͤnſte ſeiner Toͤchter, am meiſten beachtet zu werden verdiente. Leicht war es ihm, ihren Charakter, der gleichſam nur von der Natur mit ein paar kuͤh⸗ nen Pinſelſtrichen entworfen war, aufzufaſſen, und die Fehler, welche ſeine Bildner in der Anla⸗ ge gemacht hatten, zu entdecken. Zum erſtenma⸗ le ſprach er mit Clementinen ein ernſtes, pruͤfen⸗ des Wort uͤber die Bildung ihrer Toͤchter, aber bald ſah er wohl, daß die Sorge, aus den Kin⸗ dern der geiſtreichſten Frau wenigſtens nicht ganz geiſtloſe Weſen zu bilden, ihm allein uͤberlaſſen blieb, denn ſeine Gemahlin fand, daß Leontine ein, durchaus nicht zu bearbeitender Stoff, und an ihren Schweſtern nur die ſchuͤchterne Zuruͤck⸗ haltung eines untergeordneten Geiſtes zu fin⸗ den ſei. Unwillig verließ er ſie, und ſtattete einen Beſuch bei Mademoiſelle ab, der ihm wenigſtens die Befriedigung gewaͤhrte, ſie ſelbſt nicht verdor⸗ ben, und die Kinder mit einigen erlernten Kennt⸗ niſſen ausgeſtattet zu ſehn, obwohl auch davon — 46 der Wildfang ſich nur den kleinſten Theil zu ei⸗ gen gemacht hatte. Indeß lag in den raſchen Antworten des Maͤdchens eine ſo reiche Quelle des ſprudelndſten Witzes, und in ihrer kleinſten Handlung eine ſo ſeltne Beſtimmtheit, daß man erſtaunte, den leichten Flug des Schmetterlings mit der Feſtigkeit des Diamants verbunden zu ſehn. Dieß war auch die Baſis, auf die der kluge Vater baute, denn er wußte, daß es gewiſ⸗ ſe Charaktere gaͤbe, welche, von natuͤrlicher Leb⸗ haftigkeit geleitet, ſchnell das Ungewoͤhnliche er⸗ greifen, und auch feſt daran halten, ſo lange man ihnen nur die Kraft zutraut, das Angefangene zu vollenden.. Er war bisher noch der Einzige, der ihren Muthwillen zuͤgeln konnte, weil ſeine oftmaligen Entfernungen vom Hauſe es ihr unmoͤglich mach⸗ ten, ihm irgend eine Schwaͤche abzulauſchen. Er unternahm es alſo auch ihren unſtaͤten Geiſt auf eine, ihr ganz ungewoͤhnliche Art zu firiren. Ernſt trat er vor ſie, nicht mit der ſanften Bieg⸗ ſamkeit, welche das Herz ſpielend gewinnt, und den Abſtand zwiſchen Befehlen und Gehorchen —— . 4 7 ſchonend mildert, nein! ſtolz wie ein Fuͤrſt, und ſtreng wie ein Richter. „Ich wuͤnſche, ſagte er,(und dieſes: ich „wuͤnſche! klang wie der donnerndſte Befehl,) „daß du die Lehren, welche ich dir geben „werde, wohl benutzeſt, und traue deinem „Verſtande zu, daß die Rolle dir laͤngſt ſchon „faͤſtig war, welche dir die ſtille Verachtung „aller deiner Hausgenoſſen zuzieht. Ein „junges Maͤdchen kann ſich nicht mehr ent⸗ „ehren, als wenn ſie in ihr Betragen die „Roheit eines unkultivirten Geiſtes uͤber⸗ „traͤgt, und ich kann meinen Wiedereintritt „in dieſes Haus nicht wuͤrdiger feiern, als „indem ich dir beweiſe, daß ich das Beßre „in dir herauszufinden wußte, und dir Gele⸗ „genheit gebe, es mit Huͤlfe deiner Lehrer „wuͤrdig auszubilden.“ Leontine erſchrack, und ſchlug die Augen nie⸗ der, eine gluͤhende Roͤthe der Beſchaͤmung faͤrbte ihre Wangen; aber dies Mittel ſteuerte ihren feſt eingewurzelten Leichtſinn doch nur auf kurze Zeit. Die erſten Tage lernte ſie eifrig; allein, da ih⸗ rem vortrefflichen Gedaͤchtniß, bei nur einigem guten Willen, ſich alles ſehr ſchnell einpraͤgte, ſo fand ſie weniger Schwierigkeiten zu uͤberwinden, als es ihrem raſchen Geiſt Beduͤrfniß war, und erſchlaffte bald wieder. Der Vater zuckte die Ach⸗ ſeln und ſann eben auf einen neuen Kunſtgriff, das verzogene Kind in ein Erzogenes umzuwan⸗ deln, als die Aufhebung des Clarenſtifts ihm Theophilien zufuͤhrte, und nun war auch auf einmal jeder Zweifel geloͤſt. Nur im Umgang mit der zarten, weichen Geſtalt, die durchſichtig, wie eine Criſtallglocke uͤber einer Engelsſeele zu haͤngen ſchien, konnte Loontinens allzu materielles Seyn und Handeln ſich ſo klaͤren und laͤutern, daß es ſich in die ſchoͤnſte Harmonie aufloͤſte. 7. Theophilia. Ungeduldig erwartete er eine gunſtige Ent⸗ ſcheidung von der Aebtiſſin, die ihm aber ſo we⸗ nig wurde, als irgend eine Aufklaͤrung üͤber Theo⸗ — 49 philiens Schickſal. Als er die wuͤrdige Frau noch einmal beſuchte, fand er ſie krank, und das Maͤdchen an Ihrer Seite, noch leiſer als vorher in ſeinem Thun und Treiben, noch blaͤſſer und auch noch weicher geſtimmt. Jetzt war es nicht Zeit, von einer Trennung zu ſprechen, das fuͤhl⸗ te der Praͤſident ſelbſt, aber er fuͤrchtete, daß der Schmerz um die theure Kranke ihre Seele vollends aufloͤſen wuͤrde, wie ein ferner Floͤten⸗ ton in den Luͤften verhallt, und darum ſendete er ſeinen Hausarzt zu der Leidenden, mit der dringenden Bitte, alles fuͤr die Erhaltung eines Lebens zu thun, an welches das ihrer holden Pflegerin ſo feſt geknuͤpft war. Mehrere Tage blieb er ohne Nachricht, die er, mit Geſchaͤften uͤberhaͤuft, auch wenig vermiß⸗ te. Doch als er eines Abends allein auf ſeinem Zimmer war, fiel die Erinnerung an die intereſ⸗ ſante Theophilia ihm ſchwer auf das Herz. Un⸗ ruhig ſprang er auf, und ergriff, ohne ſich ſelbſt klar bewußt zu ſeyn, den Huth, um fortzuſtuͤr⸗ men. Da oͤffnete ſich leiſe die Thuͤr, und ſein Arzt trat mit einer dichtverſchleierten Geſtalt her⸗ 1r Theil. 4 ein, in der ſein innerer Sinn ihn ſchnell das liebliche Pflegekind der Aebtiſſin ahnen ließ. Der Arzt ſchlug den Schleier der Verhuͤllten zuruͤck, und das liebe, bethraͤnte Geſicht der ſanften Theo⸗ philia uͤberzeugte ihn, daß er ſich nicht geirrt hat⸗ te. Froh uͤberraſcht, ergriff er die zitternde Hand der Schuͤchternen, und hieß ſie willkommen in ſeinem Hauſe unter ſeinem Schutz. „Dem ſoll ich dieſe zarte Blume, das koſt⸗ barſte Vermaͤchtniß der ſterbenden Heiligen beſonders empfehlen,“ ſagte der Doktor mit Rührung, und legte die be⸗ bende Hand des Maͤdchens in die des Gra⸗ fen.„Der edle Antheil, den Ihr großmuͤthiges Herz an der leidenden Frau zu nehmen ſchien, hat ihren ſchwankenden Entſchluß vollends be⸗ ſtimmt; und, Ihrer Achtung vor fremder Tugend gewiß, legt ſie dies Kleinod als einen Schatz in Ihre Haͤnde nieder, den ſie einſt unentweiht wieder fordern wird.“ Theophilia beugte bei dieſen Worten ihre Knie, und ihr bethraͤntes Haupt ſank, nicht auf 51 ſeine, aber auf ihre Hand herab, welche er noch immer feſthielt. Der Graf war in dieſem Augenblick von ei⸗ nem, dem Weltmann ganz neuem Gefuͤhl ergrif⸗ fen. Ohne je geſchwaͤrmt zu haben, fand er doch etwas hoͤchſt Anziehendes in ſeinem Verhaͤltniß zu der doppelt Verwaiſten. Mit einer ſuͤßen Be⸗ friedigung hob er die Kniende auf, beruͤhrte ihre Stirn mit ſeiner Lippe, und gelobte ihr alles, was ein zaͤrtlicher Vater ſeiner Tochter nur ge⸗ waͤhren kann: Schutz und Leitung fuͤr's Leben. Jetzt erhielt auch das ſtumme Kind Worte. Leiſe, aber mit dem ſchoͤnen vertrauendem Tone der Unſchuld, ſprach es das Gegengeluͤbde eines unbedingten Gehorſams und einer blinden Erge⸗ bung in den vaͤterlichen Willen aus; und durch dieſe Wahlverwandtſchaften gleichſam ermuthigt, hob es nun das truͤbe Geſichtchen zu ihm auf, und ließ ihn durch den Thraͤnenſchleier in den Himmel ſeiner ſchoͤnen frommen Augen ſehn. Der Graf erbebte. Eine Ahnung, ach eine ſchmerzliche Ahnung bemaͤchtigte ſich ſeiner, aber er hatte nicht den Muth, den Engel darum von 4* ſich zu ſtoßen, weil er ihm zu ſpaͤt erſchienen war. Der Arzt, ein ſtummer Beobachter der bei⸗ den bewegten Herzen, erinnerte: daß es der ſchuͤchternen, an weiblichen Umgang gewoͤhnten Theophilia erſt dann recht wohl in dieſem Hauſe werden wuͤrde, wenn ſie wieder, in ihren Kreis verſetzt, an den reizenden Toͤchtern der geiſtrei⸗ chen Graͤfin freundliche Geſchwiſter, wie an iht ſelbſt eine liebende Mutter, faͤnde. Dieſe Bemerkung, indem ſie den Praͤſiden⸗ ten aus ſeiner begeiſterten Stimmung zuruͤckrief, und an das, was jetzt das Schicklichſte ſey, er⸗ innerte, ſetzte ihn doch in einige Verlegenheit; denn ſeine Entfernung von Clementinen hatte ihm noch nicht erlaubt, ein Wort mit ihr uͤber Theophilien zu ſprechen, und— obwohl Herr in ſeinem Hauſe, fuͤrchtete er doch, die Befremdung ſeiner Gemahlin moͤchte keinen zu angenehmen Eindruck auf die, ohnehin furchtſame Theophilia machen. Er waͤhlte alſo nach augenblicklichem Nach⸗ ſinnen das Kuͤrzeſte, beklagte die Abweſenheit der — 53 Graͤfin, und fuͤhrte ſein holdes Adoptiv⸗Kind in das Zimmer der Mademoiselle St. Clair, welcher er ſie fuͤr den Augenblick nicht ohne eine franzoͤſiſche Erinnerung, die Kleine nicht durch zu viel Fragen in Verlegenheit zu ſetzen, uͤber⸗ gab, und dann Leontinen herzurief, die bei der Nachricht: ſie habe eine liebe Geſellſchafterin bekommen, jubelnd aus dem Nebenzimmer ge⸗ huͤpft kam, verwirrt vor der zarten Geſtalt ſtehn blieb, und ſie endlich neugierig betrachtete. Der Vater umarmte ſeine Tochter, fuͤhrte ſie Theo⸗ philien zu, und ſagte, ſich an dieſe wendend: „Hier, meine liebe junge Freundin, iſt das Schweſterherz, an das ich das Ihrige legen will, damit es im heitern Austauſch der Gefuͤhle ſei⸗ gen Schmerz und ſeine fruͤhe Vereinzelung ver⸗ geſſe. Und hier, an dem Buſen ihrer ſanften Geſpielin, wird meine gute Leontine hoffentlich lernen, daß das Leben nicht immer in einer jun⸗ gen Bruſt ſchaͤumen, ſondern auch durch weiße Maͤßigung ſich veredeln muß.“ Theophiliens Arme flogen aus einander, um die ſchöͤne, freundliche, neue Schweſter zu be⸗ —-—— gruͤſſen, und, ihr ſelbſt unbemerkt, glitt etwas, das ſie bisher ſehr feſt unter dem Schleier ver⸗ borgen gehalten hatte, auf die Erde herab: Der Graf, ein muͤſſiger Zuſchauer bei den Ergießun⸗ gen der jugendlichen Herzen, bemerkte nicht ſo⸗ bald dieſen kleinen Umſtand, als er auch ſchon das Fallende auffing, und, von Neugierde gereizt, ſorgfaͤltig betrachtete. Es war eine gruͤnſeidne Brieftaſche, mit ſchoͤner Stickerei und einem kuͤnſtlichen Schloß von Silber, das der Wißbegierde des Finders, wider ſeinen Willen, Grenzen ſetzte. Um ſo be⸗ reitwilliger uͤberreichte er ſie nun Theophilien in der Hoffnung, von ihr ein Wort der Aufklaͤrung zu hoͤ⸗ ren, aber ſie empfing ſie erroͤthend, dankte verwirrt, und huͤllte ihren lang herabhaͤngenden Nonnenſchleier ſo oft darum, daß man wohl ſah, es ſey ihr Ernſt mit der Aufbewahrung dieſes Geheimniſſes. Leon⸗ tine konnte nicht ſatt werden, ihre liebenswuͤrdi⸗ ge Freundin zu betrachten, denn grade auf die lebhafteſten und regelloſeſten Gemuͤther wirkt der Reiz der Sanftmuth und eines zarten Da⸗ hingebens, mit magiſcher Gewalt. Als ſie die — 5⁵ Thraͤnen ſah, welche noch immer unaufhaltſam den ſchoͤnen Augen Theophilia's entrollten, und die theils dem ſchnellen Verluſte ihrer hochver⸗ ehrten Pflegemutter, theils ihrer neuen Lage galten, that ſie, was jedem wahrhaft großmuͤthi⸗ gen Herzen natuͤrlich iſt, und man in der großen Welt, unter den Regeln des Wohlſtandes, erſt langſam verlernt; ſie ſchmiegte ſich mit doppelter, Liebe an ſie, vermiſchte ihre Thraͤnen mit den Ihrigen, und frug ihr unbemerkt ihren Schmerz ab. Dann aber eroͤffnete ſie, ihrer heitern Le⸗ bensanſicht gemaͤß, eine goldne Ausſicht nach der andern, vor den truͤben Blicken der Furchtſamen, die, in den ſtillen Mauern des Kloſters erzogen, ſich nie mit dem Gedanken vertraut machte, einſt auf dem ſtuͤrmiſchen Meere der Welt, allein, un⸗ ter lauter Fremden, ohne leitenden Kompas, ei⸗ nem Ziele zuzuſteuern, das ſie in ihrer dunklen Zelle, in den Armen ihrer ehrwuͤrdigen Pflege⸗ mutter ſchon erreicht zu haben glaubte. Waͤhrend nun die beiden kindlichen Gemuͤ⸗ ther ſo freundlich holde Worte wechſelten, be⸗ merkten ſie es kaum, daß Theophiliens erſter Be⸗ 56 kannter, der Praͤſident, ſich leiſe davon geſchli⸗ chen hatte; ja die Abweſenheit des Mannes, den ſie beide ſcheuten, wie man das Eingreifen eines hoͤheren Geiſtes in das Gewebe ſeines Schickſals ſcheut, loͤſte ſogar wohlthaͤtig die letz⸗ te Kette von der Bruſt der jungen Maͤdchen, die ſich nun alles, alles, auch ihre kleinen Ge⸗ heimniſſe vertrauten, und in wenig Minuten einen Zeitraum von vierzehn bis funfzehn Jah⸗ ren mit einander durchflogen. 8. 4 Pſyche. Der Graf war indeß fuͤr die Aufnahme ſei⸗ ner ſchoͤnen Pflegetochter nur um ſo thaͤtiger. Zwar wußte er nicht, ob es ihm gelingen wuͤrde, ſeine Muſe aus dem Olymp ſo ploͤtzlich in die wirkliche Welt zu verſetzen, aber je mehr ſie von Goͤttern und Halbgoͤttern umgeben war, je eher durfte er auf ein momentanes Eingehn in ſeine Wuͤnſche hoffen; denn die feinfuͤhlende Frau, welche ſo eben einen Strom erhabner Empfindun⸗ 8 —— 57 gen uͤber ihre Verehrer ausgoß, durfte doch, um alles in der Welt, keiner armen, heimathsloſen Waiſe ihren Schutz verſagen, ohne einen ſchnei⸗ denden Eingriff in ihr poetiſches Leben zu thun. Allein ſeine Erwartungen wurden zugleich getaͤuſcht und uͤbertroffen. Er fand Clementine allein, und in einer Beſchaͤftigung, die ihn ſchneller, als er hoſſte, an ſein Ziel fuͤhrte. Sie war eben begriffen, ein großes, allego⸗ riſches Gemaͤlde zu entwerfen, und ließ ſich durch ſeinen Eintritt wenig ſtoͤren. Er ſah ihr eine Weile zu, bat um die Erklaͤrung der Allegorie, und fand die Gruppe, welche ſie aufſtellen wollte, ſinnvoll und gut gewaͤhlt. Ein ſchoͤner Juͤngling lag auf einem Ruhebett mit einem Pfeil in der Bruſt. Ihm zur Seite ſtand der Genius des Todes, der mit der einen Hand den Pfeil aus der Wunde zu ziehen verſuchte, und mit der andern die zoͤgernde Pſyche abwehrte, welche ſich nur ungern von dem Sterbenden zu trennen ſchien, denn ſie druͤckte, waͤhrend ihr Fuß ſchon zur Flucht gehoben war, noch einen letzten Schei⸗ dekuß auf ſeine blaſſe Lipe. 1 au. T — Clementine erwartete keine Bewunderung ih⸗ rer Compoſition, denn der Graf hatte ſie ihr ſchon ſeit Jahren, bei aͤhnlichen Gelegenheiten, verweigert. Aber heut wirkte ſo vieles mit, ihr dieſen ungehofften Triumph zu bereiten. Der Wunſch, die Frau, welche ſeinen liebenswuͤrdi⸗ gen Schuͤtzling guͤtig aufnehmen ſollte, zu verbin⸗ den; die Darſtellung der Pſyche, welcher die leichte Aethergeſtalt der reizenden Theophilia ſo ſehr glich, und ſeine eigne Erweichung, durch die fruͤheren Scenen begruͤndet: alles dies mach⸗ te ihn duldſam gegen die Kuͤnſtlerſchwachheiten ſeiner Frau, ja er vergaß es ſogar in dieſem Augenblick, daß ſie es war, welche ſeiner Phan⸗ taſie ein ſo holdes Gebild vorſchob, und bewun⸗ derte laut die Schoͤpferin deſſelben, die nicht ein⸗ mal den ganzen Reichthum ihrer ſchoͤnen Dich⸗ tung vor ihm enthuͤllte, weil ſie nur Spott da⸗ fuͤr einzutauſchen waͤhnte. Ach die Saiten unſers innern Inſtruments werden immer von der Hand des Zufalls ge⸗ ſtimmt, und was ſich im Leben oft befreundet zu uns neigt, iſt nur das Echo einer viel lebhaf⸗ teren Empfindung, die ein anderes Ohngefaͤhr hervorbrachte. Die, Graͤfin fuͤhlte ſich durch das ſeltne Ein⸗ gehn ihres Gemahls in ihre Lieblingsideen ſo ge⸗ ſchmeichelt und uͤberraſcht, daß ſie einen pruͤfen⸗ den Blick auf ihn warf. Aber ſein Auge hing eben mit Begeiſterung an der aufgeſpannten Lein⸗ wand, wie ſollte nun nicht auch der letzte Zweifel der ſchoͤnen Gewißheit erliegen, er ſey durch den Werth der Compoſition fuͤr die Kunſt ſelbſt gewonnen! Offner ſprach ſie nun uͤber die Schwierigkeiten, die ſich ihr bei einem ſolchen Unternehmen entgegenthuͤrmten, und deren Groͤß⸗ te der Mangel eines wuͤrdigen Vorbilds fuͤr die Pſyche war. „Und wenn ich ſie Dir nun ſelbſt zufuͤhrte? ſo reizend, ſo aͤtheriſch, ſo lieblich als die phan⸗ taſiereichen Griechen ſie uns nur malen konnten! Wuͤrdeſt Du mir Dank wiſſen?“ frug er, von einem ploͤtzlichen Einfall ergriffen. Die Graͤfin heftete ihr großes durchdringen⸗ des Auge verwundert auf ihren Gemahl, dann erwiederte ſie verbindlich: 3 60—— „Ich wuͤrde mit noch nie uͤbertroffnem Fleiße an einem Verſuch arbeiten, fuͤr den ſogar mein Gemahl ſich in dem Grade intereſſirte, daß er die Himmliſchen herunter rief, um meiner Pſyche den hoͤchſten Reiz der Unſterblichkeit zu geben. Doch wenn ich Dich nun bei'm Wort naͤhme?“ „So wuͤrde ich es loͤſen!“ rief der Graf, und eilte froͤhlich, ein ſo herrliches Mittel, Theo⸗ philien bei Clementinen einzufuͤhren, gefunden zu haben, in Leontinens Gemach, wo er die beiden Maͤdchen noch plaudernd fand. Mit einem Blick uͤberſah er den Anzug der jungen Fremden, den er aber mehr Nonnenhaft als Piychenartig fand und darum ein paar fluͤch: tige Worte mit der St. Clair wechſelte, welche, ſogleich in ſeine Ideen eingehend, ſich anheiſchig machte, das Fraͤulein binnen wenig Minuten in die reizendſte Pſyche umzuwandeln. Theophilia erroͤthete bei dieſer franzoͤſtſchen Verhandlung, und ſagte dann mit einem ſchmerzlichen Ausdruck in eben derſelben Sprache: 1 Ah Mademoiselle! vous avez bien raison de me transformer en Psyche, puisque c' est le — 61 seul moyen de me réunir à celle qui vient de me quitter, il n'*y a que trois heures. Deer Praͤſident und die St. Clair ſahen ſich betroffen an. Jener erſtaunte uͤber ihre Kennt⸗ niß des Alterthums, dieſe uͤber den Geiſt, der in den franzoͤſiſchen Worten lag, und zwiſchen beiden inne ſtand der holde Gegenſtand ihrer Ueberraſchung. Theophilia, ſo beſcheiden und an⸗ ſpruchslos, daß man wohl ſah, ſie hatte die Ge⸗ legenheit, ihren Verſtand ſchimmern zu laſſen, we⸗ der geſucht, noch abſichtlich benutzt. Die St. Clair hielt Wort! Sie entfernte ſich auf einige Augenblicke mit Theophilien, und fuͤhrte ſie dann dem Grafen zur Piyche verſchoͤ⸗ nert wieder zu. Nur die Roſen der Beſchaͤmung, welche die leichte, ungewoͤhnte Tracht auf die Wangen der Unſchuldigen lockte, ſtoͤrten etwas den Eindruck, den das zarte, geiſtige Weſen, das wirklich nur die Seele eines andern Koͤrpers zu ſeyn ſchien, auf die Gegenwaͤrtigen machte. „O begleiten Sie mich, liebliche Pſyche! „zu der Frau, welche Ihnen kuͤnftig Mutter ſeyn wird!“ rief der Graf, ergriffen von dem reizenden Anblick, indem er Theophiliens Hand in die Seine ſchloß, um ſie Clementinen zuzu⸗ fuͤhren.„Und laſſen Sie es ſich nicht irren, daß „man Sie erſt entkoͤrpern mußte, ehe Sie zum „voͤlligen Mitglied unſrer Familie geweiht werden „konnten.“ Die Graͤfin war nach der Entfernung ihres Gemahls wie traͤumend vor der Staffelei ſitzen geblieben. Das ihr unbegreifliche Ablauſchen ih⸗ res, beinah unerfuͤllbaren Wunſches, dieſe ſeltne Theilnahme an ihrer neuen Schoͤpfung, und noch mehr, die faſt in Ruͤhrung uͤbergehende Milde in den ſonſt ſo kalten Zuͤgen des berech⸗ nenden Staatsmannes, alles befremdete und ver⸗ wirrte ſie in dem Grade, daß ſie gaͤnzlich des Verſprechens vergaß, mit dem er ſo eben von ihr geſchieden war. Doch auf einmal fiel ihr Auge herumirrend auf einen großen Spiegel, der vor ihr hing, und mit einem leiſen Schrei ſenkte ſie es zu Boden, denn ſo eben ſchwebte ihr die reizendſte — 623 Pſyche daraus entgegen, welche nur je ihren Pinſel begeiſtern konnte. Noch hoͤher ſtieg ihre Ueberraſchung, als die ſchoͤne Geſtalt ſich vor ihr niederließ, und, ohne ein Wort ſprechen zu koͤnnen, ihre Hand mit Kuͤſſen und Thraͤnen bedeckte. Endlich loͤſte der hereintretende Graf ihre Zweifel uͤber die geiſter⸗ aͤhnliche Erſcheinung, und Theophilia erregte, ſo⸗ wohl durch ihre ſeltſame Einfuͤhrung, als auch durch die leiſe, ſchwebende Haltung ihres grazien⸗ haften Wuchſes, das Intereſſe der, fuͤr alles Schoͤne enthuſiaſtiſchen Frau. Sie hoͤrte der Er⸗ zaͤhlung ihres Gemahls mit Aufmerkſamkeit zu, heftete ihr Auge pruͤfend und wohlgefaͤllig auf die lieblichen Formen der armen Verwaiſten, und beſtaͤtigte dann,(von den ſchuͤchternen niedergeſchla⸗ genen Blicken des holden Maͤdchens, und dem geheimen Wunſche beſtochen, das Vorbild zu ſo mancher intereſſanten Schoͤpfung, welche ſie ihrem Pinſel noch zu entlocken hoffte, nicht aus ihrer Naͤhe zu laſſen) die Verſicherung des Grafen, obwohl ſi ſie darunter viel weniger verſtand, als er, denn ihre eignen Kinder konnten ſich bei⸗ — 64 nahe keiner zaͤrtlicheren Mutterpflege ruͤhmen, als daß ſie bei Tiſche einen Blick auf ſie warf, und, im Fall ſie ſich ſchlecht hielten, einen Vor⸗ wurf mit einfließen ließ; ſonſt aber— fiel es ihnen nur nicht etwa ein, durch ihr kindiſches Geplauder den geiſtreichen Witzſtreit zu unterbre⸗ chen, in dem ſie gewoͤhnlich mit einem ihrer Gaͤ⸗ ſte begriffen war,— erhielt ſie ſich gern in einer behaglichen Harmloſigkeit uͤber das Schickſal ih⸗ rer Theuern, und fand das Geſchaͤft, die todte Leinwand mit goͤttergleichen Formen zu beleben, viel inteveſſanter, als das alltaͤgliche Zuſtutzen und Abrichten ſo unpoetiſcher Kindernaturen, als unglüuͤcklicherweiſe ihre drei Wildfaͤnge in ſich ver⸗ einigten. Indeß, Theophilia blieb doch nun im Hauſe, und das war dem Praͤſidenten, der noch nie ein aͤhnliches Geſchaͤft mit groͤßerem Eifer betrieben, und Leontinen, die an die Gegenwart ihrer Ge⸗ geknuͤpft hatte, fuͤr's Erſte genug. Der Graf ging, um uͤber die Begebenheiten dieſes Abends ernſter nachzudenken, auf ſein 1 ſpielin eine ganze Kette nie geahneter Freuden Zimmer, und ſein Toͤchterchen fuͤhrte ihre Pſy⸗ che mit ſchwirrendem Triumphgeſang auf das ihrige, um, bis zur Abendtafel geklingelt wurde, noch recht viele Freudenplaͤne fuͤr die Zukunft mit ihr zu entwerfen, und die Vergangenheit, ſo weit ihr leichter froͤhlicher Sinn ſie noch feſt⸗ hielt, in hellem Farbenglanze an ihr voruͤber zu fuͤhren. 9. Ruͤckerinnerungen. Theophilia hatte nur ein ſehr dunkles Bild ihres fruͤheren Seyns dagegen auszutauſchen. Wohl plauderten die gutmuͤthigen Nonnen dem freundlichen Kinde oft davon vor, wie man Abends einmal ploͤtzlich an der Glocke der Pfor⸗ te gezogen habe, und wie, als man geoͤffnet, ein Reiſewagen davor geſtanden, aus dem man eine todtkranke Frau von mittlerm Stande und ein kleines zartes Maͤdchen, das nicht uͤber zwei Jahre ſeyn konnte, gehoben haͤtte. Aber da hoͤr⸗ . ten auch ihre Nachrichten auf, denn dieſelbe 1r Theil. 5 66 Nacht ſtarb die Kranke, deren Verſtand ſchon bei ihrer Ankunft zerruͤttet ſchien, und ließ das Kind dem Kloſter als Erbſchaft zuruͤck. Die Aebtiſſin, eine ſehr edle Frau, druͤck⸗ te die kleine Waiſe geruͤhrt in ihre Arme, und gelobte ihr an dem offnen Grabe ihrer Waͤrterin, denn mehr ſchien die Todte ihr nicht geweſen zu ſeyn, die Liebe und zaͤrtliche Leitung einer Mut⸗ ter. Von nun an war Theophilia,(ſo nannte ſie ſie, einer fruͤh verlornen Jugendfreundin zur Erin⸗ nerung,) obwohl vom ganzen Kloſter geliebt, doch das ausſchließende Eigenthum ihrer Wohlthaͤte⸗ rin. Mit eiferſuͤchtiger Zaͤrtlichkeit hing das, in fruͤheren Jahren ſo oft getaͤuſchte Herz der groß⸗ muͤthigen Frau ſich an das zarte Kind, das mit ſeinen unſchuldigen Liebkoſungen und dem ſuͤßen Mutternamen alle Wunden zu heilen ſchien, welche das Schickſal ihr ſonſt ſchlug. So viele Pflichten ihr auch als Oberin des Kloſters oblagen, und ſo gern ſie auch bisher ein paar Stunden des Tages einem ernſten Ruͤck⸗ blick auf die Vergangenheit weihte, ſo war es 4* doch grade dieſe Zeit, welche ſie zu der Erziehung ihrer kleinen Pflegetochter ausſchließend beſtimm⸗ te, und dabei gewann das Kind in moraliſcher Hinſicht gar ſehr, denn die Aebtiſſin beſaß einen Schatz von Kenntniſſen, die ſie zum Theil einer ausgezeichneten Erziehung, zum Theil aber auch eifrigem Selbſtſtudium verdankte. Dieſe Vorzuͤge nun auch ihrem kleinen Lieb⸗ ling anzueignen, war— ob ſie Theophilien gleich aus Grundſatz wieder zum Kloſter beſtimmte, und bei jeder Gelegenheit auf ihren kuͤnftigen Beruf hinwirkte— doch einer ihrer heißeſten Wuͤnſche, deſſen Erfuͤllung ſie bei des Maͤdchens reichem Geiſte und leicht empfaͤnglichem Gemuͤth nicht lange entgegenſehn durfte. Sie hatte ſelbſt in fruͤherer Jugend einige Talente gepflegt, weil ſie den Genuß des Lebens verfeinern, und pfluͤck⸗ te erſt in ihrer einſamen Zelle die wahren Freu⸗ denbluͤthen davon. Erroͤthend geſtand ſie ſich nun, 8 daß auch ſie einſt gewaͤhnt habe: vorzuͤgliche Bildung ſei nur denen Beduͤrfniß, welche in Verkehr mit der großen Welt treten wollten, dem Einſamen aber eine Laſt, die ihn nur reizbarer 4. 3* 68— gegen ſein Verhaͤltniß, und verwoͤhnter fuͤr die einfachen Genuͤſſe deſſelben mache; denn nie hat⸗ te die Uebung ihrer Talente einen ſo großen Werth fuͤr ſie gehabt, als jetzt, wo ihr aus ih⸗ nen die reinſte, ſuͤßeſte Troͤſtung entquoll, und nie ihr Geiſt mehr Nahrung gefunden, als in einer Zuruͤckgezogenheit, die ihr wenigſtens des Tages einige Stunden ungeſtoͤrter Betrachtung darbot. Wie ſollte alſo die fromme, die aufgeklaͤrte Frau ihre, von der ganzen Welt gleichſam an ihr Mutterherz gelegte, Theophilia demſelben heiligen Beruf entgegenreifen ſehn, ohne ihr, als Schutzwehr gegen die Einwirkungen des Boͤ⸗ ſen, einen hellen, erleuchteten Verſtand, und ge⸗ gen die Langeweile ein paar Kunſtfertigkeiten an⸗ zueignen, die, verbunden mit dem Erſteren, weit entfernt, ſie mit ihrem Stande zu entzweien, nur dazu dienen ſollten, ſie recht innig und feſt in ſich ſelbſt zu machen. Vorzuͤglich beguͤnſtigte es ihre Erziehung, daß Theophilia nicht einmal die leiſeſte Ahnung da⸗ von hatte, wie man ſich Talente und Vorzuͤge, ** — 69 blos um damit zu glaͤnzen, erwerben koͤnne, und daher, durch die Uebung derſelben, in ihrer klei⸗ nen Zelle ſo befriedigt und belohnt wurde, als haͤtte ein Kennerheer ihr den lauteſten Beifall ge⸗ zollt. So entwickelte denn das zarte Kind ſich im⸗ mer geiſtiger, und da der Unterricht der Aebtiſ⸗ ſin mehr in einer Reihe aufgeſtellter Beiſpiele, als geregelten Schulwiſſenſchaften beſtand, ſo ent⸗ huͤllte ſich bei dieſen Verſtandesuͤbungen bald ei⸗ ne Tiefe des Gemuͤthes in dem jungen Maͤdchen, vor der ihre muͤtterliche Freundin gezittert haͤtte, wenn Theophilia fuͤr die Welt beſtimmt geweſen waͤre. Doch hier, wo nichts dieſe Regſamkeit naͤh⸗ ren konnte als die Religion, die wie eine ſtille Verheißung das reine Gemuͤth durchdringt, er⸗ fuͤllt und veredelt, hier wo jeder Tag ein ſchoͤner Nachhall des Geſtrigen, oder ein freundliches Morgen war, hier konnte die weiſe Bildnerin es immer mit anſehen, daß Theophiliens Geiſt, wie der Geiſt Gottes uͤber der Erde ſchwebte, und die ſchneeweißen Fittige aufwaͤrts ſchwang, als 70— wolle er nur ſo lange uͤber den Haͤuptern der Menſchen verweilen, bis er ſie geſegnet habe; hier durfte ſie keine rauhe Beruͤhrung fuͤr das zarte Kind fuͤrchten, deſſen Gefuͤhl wie die Sai⸗ ten einer Aeolsharfe lange nachklang, wenn ein Hauch es bewegt hatte. Aber wie oft bedeckt das Schickſal, gleich ei⸗ ner Schneelavine, den fuͤr uns geebneten Pfad, und der irrende Fuß muß einen andern ſuchen, an deſſen verborgnen Klippen er ſich blutig ſtoͤßt, und der ihn, nach langen, vergeblichen Schmer⸗ zen endlich doch, nur ſpaͤt, mit andern Wuͤn⸗ ſchen und andern Hoffnungen an das alte Ziel führt. Ein Regierungsbeſchluß, der vielleicht recht viele Herzen befreien und begluͤcken ſollte, riß die wohlthaͤtige Schutzmauer darnieder, hinter wel⸗ cher die zartſinnige Aebtiſſin ihre Theophilia zur Noli me tangere ausgebildet hatte, und waͤhrend dieſer ungefuͤrchtete Schlag die letzten Lebenskeime in der Bruſt der tugendhaften Nonne zerſtoͤrte, laſtete auch noch der geheime Selbſtvorwurf, die Erziehung ihres holden Pfleglings zu einſeitig, — 741 blos fuͤr das beſchauliche Leben, berechnet zu ha⸗ ben, auf ihrer Seele.— Jetzt da dieſe ſchoͤne innre Well, das wahre Vaterland Theophiliens nicht mehr das einzige Reich bleiben ſollte, in dem ſie waltete, ſuchte das Auge der frommen muͤtterlichen Freundin mit Sehnſucht nach einem Pfeiler, der die nun bald Verwaiſte ſtuͤtzen koͤnnte, und fand den Praͤſidenten, der ihr ſo großmuͤthig Schutz und Leitung fuͤr das, noch nicht funfzehnjaͤhrige Maͤd⸗ chen anbot, ja ſogar von ihren eignen, koͤrperli⸗ chen Leiden geruͤhrt, ihrem Arzt den Seinigen zugeſellte, um durch deſſen ſeltne Kunſt ihr flie⸗ hendes Leben aufzuhalten. Dieß gelang ihm nun zwar nicht, denn allzutief war die Wunde, wel⸗ che die Loͤſung aller, ihr theurer Bande dem kranken Herzen geſchlagen hatte; aber er konnte doch ihre Seele beruhigen, ihr ſo manchen edlen Zug von dem kuͤnftigen Beſchuͤtzer ihrer Theophi⸗ lia mittheilen, der die Sorge fuͤr das Wohl ih⸗ res geliebten Kindes milderte. Er war ein heite⸗ rer angenehmer Geſellſchafter, voll Lebensklugheit und warmen Eifer fuͤrs Rechte. Hatte nun auch 77 die Anatomie des Lebens ſeine Begeiſterung ein wenig gemaͤßigt, die Fluͤgel der Seele etwas be⸗ ſchnitten, ſo blieb ihm doch noch genug davon zuruͤck, um, durch die ſanften Bitten der ehrwuͤr⸗ digen Matrone und die furchtſam⸗flehenden Blik⸗ ke des Engels an ihrem Sterbebette gewonnen, mit Manneseifer fuͤr das Wohl und Heil der Verlaſſenen zu ſprechen. Er war der Einzige, in deſſen Gegenwart Theophilia aus den Haͤnden ih⸗ rer ſterbenden Mutter das letzte Erbtheil derſel⸗ ben, die ſchon erwaͤhnte gruͤne Brieftaſche em⸗ pfing, mit der Bedeutung: daß diejenige, welche ihr einſt den Schluͤſſel zu dem kuͤnſtlichen Schloß, das ſich daran befand, geben koͤnnte, ihr noch naͤher ſei, als ſie ſelbſt und ihr das ſchoͤnſte Ge⸗ heimniß vertrauen wuͤrde. Sollte indeß vor ih⸗ rem 26ſten Jahre oder ihrer Verheirathung die⸗ ſe Entdeckung nicht erfolgen, ſo ſei ihr erlaubt, das Schloß zu erbrechen und den Inhalt zu be⸗ nutzen. Bald darauf ſtarb die wuͤrdige Frau, und nachdem der Doktor der troſtloſen Theophilia ꝛwei Stunden bewilligt hatte, um, der dahin ge⸗ — 73 ſchiednen Pflegerin gegenuͤber, mit ihrem Schick⸗ ſal abzuſchließen; die ſchoͤne Vergangenheit wie eine verwelkte Blume, die ſie aus theuern Haͤn⸗ den empfing, und an deren Bluͤhen und Welken ſich tauſend ſchmerzlich ſuͤße Erinnerungen knuͤpf⸗ ten, hinter ſich zu legen, und die farbloſe Gegen⸗ wart mit einer noch dunkleren Zukunft zu ver⸗ binden— trat er wieder in ihre ſtille Zelle, warf den Schleier uͤber ſie, und fuͤhrte die Zagende, unter den freundlichſten Troͤſtungen, in das Haus des Praͤſidenten, wo er, mit dem Empfang ſeines holden Muͤndels ſehr zufrieden, ſie bald ganz den Eindruͤcken uͤberließ, die beſtuͤrmend auf das Gemuͤth der Tiefbewegten eindrangen, hoffend in⸗ deß, daß ſein Verhaͤltniß, als Hausarzt, ihn nicht ganz außer aller Beziehung mit ihr bringen wuͤr⸗ de, wenn auch ſie, mit ihren neuen Umgebungen befreundet, ſeiner vergaͤße. 10. Muthmaßungen. Wir verließen Theophilien, den milden Troͤ⸗ ſtungen einer aufkeimenden Freundſchaft hingege⸗ ben, in jener Art von Betaͤubung, die ſtille Ge⸗ muͤther immer beherrſcht, wenn eine Menge frem⸗ der Erſcheinungen der Außenwelt ſie ihrem in⸗ nern Heimathslande entfuͤhren. Sie ſchien den erſten Abend wie eine welke Blume ſich an den fuͤßen, liebkoſenden Troſtesworten Leontinens auf⸗ zurichten, aber als der Schlaf ſeine Bleigewichte an das bewegliche Zuͤngelchen der kleinen, lieben Schwaͤtzerin hing, als alles um die vielfach Be⸗ draͤngte ſich in tiefe Stille aufloͤſte, da erſchloß ſich ihr erſt die ganze Verlaſſenheit und Verein⸗ zelung ihres Weſens. Schaudernd vor der frem⸗ den Welt, der ſie verfallen war, irrte ihr Geiſt in dem Reiche der Moͤglichkeiten herum, welche die Pforten ihres verlornen Paradieſes wieder fuͤr ſie oͤffnen koͤnnten, aber auch dieſes ſtand karblos und herbſtlich vor dem verweinten Auge, — 75 das den Schutzgeiſt ihrer harmloſen Jugend ſter⸗ ben ſah. Wohl ſprach auch hier manche ſanfte Stim⸗ me an ihr Herz. Des Praͤſidenten edles Begin⸗ nen, die milde Aufnahme der ſchoͤnen, guͤtigen Graͤfin und Leontinens holdes Anſchmiegen, blie⸗ ben von ihr nicht ungewuͤrdigt, aber ſo ungeuͤbt ihr Auge auch noch fuͤr die kuͤnſtlichen Wendun⸗ gen eines, der Welt angehoͤrenden und von ihr gebildeten Charakters war, ſo fuͤhlte ſie doch ſchon jetzt, daß nichts an ihm ſie heimathlich anſprach, und wie ohnmoͤglich es ihr ſeyn wuͤrde, mit ih⸗ rem verwaiſten Herzen zu der Frau zu fluͤchten, deren erſte Bekanntſchaft ſie nicht einmal unter ihrer wahren Geſtalt gemacht hatte. Nur Leontinens reine, durch die erſten Momen⸗ te zarter Scheu vor der ſittſamen Gefaͤhrtin ge⸗ milderte Natur, war die Sonne, welche von jetzt an ihr truͤbes Daſeyn erleuchten ſollte, und auch dieſe ſchien ihr unter zu gehen, als ein geſunder, kraͤftiger Schlaf am Morgen des andern Tages die heitre Geſpielin zu neuem Muthwillen ges 76 ſtaͤrkt, und ganz ihrem neckenden Sobaldeeſt wiedergegeben hatte. Geſtern unterbrach die außerordentliche Er⸗ ſcheinung Theophiliens und die Gegenwart ihres Vaters, deſſen Naͤhe immer beengend auf ſie wirkte, den ganzen Kreislauf ihres Seyns; ſie war von den Eindruͤcken des Augenblicks be⸗ herrſcht wie alle lebhaften Charaktere, heut ſtrebte ſie durch erhoͤhtes Aufbrauſen das ihr neue, unbequeme Gefuhl innerer Befangenheit nieder zu kaͤmpfen, und, verſchuͤchtert durch die Ausbruͤche ſtuͤrmiſcher Luſt, floh die ſtille, kloͤ⸗ ſterliche Theophilia von Zimmer zu Zimmer, oh⸗ ne dem kleinen, neckenden Unhold entgehen zu koͤnnen, der es heut recht eigentlich auf dies neue Spielwerk abgeſehn zu haben ſchien. Ach haͤtte ſie nur geahnet, daß ihr Erſchei⸗ nen in dieſem Hauſe die Gemuͤther gewaltſam gegen einander aufregen und zum Kampf heraus⸗ fordern wuͤrde; daß ſie jetzt ſchon der Apfel ſei, den ein erzuͤrntes Geſchick zwiſchen die ſcheinbar gluͤcklichen Bewohner dieſer Mauern warf, ſie waͤre nicht allein aus der Kinderſtube, ſondern 77 aus der Welt gefluͤchtet, um den Bann zu loͤ⸗ ſen, der auf ihrem Eintritt in dieſelbe zu ruhen ſchien! Die Erſte, welche in feindliche Richtung ge⸗ gen ſie trat, war Mademoiſelle St. Clair, mit welcher die Graͤfin ſo eben wegen ihrer kleinen Pſyche geſprochen, und ſich ziemlich mißfaͤllig daruͤber geaͤußert hatte, daß Leontine, durch zu weit getriebne Nachſicht verſaͤumt, aller der Gra⸗ zie entbehrte, welche die junge Fremde, an deren Seite doch im Kloſter weder Gouvernante noch Tanzmeiſter geſtanden hatten, in jeder Bewegung enthuͤllte. Freilich urtheilte Clementine hier nur als Malerin, die ein ſcharfes Auge fuͤr die Schoͤn⸗ heitslinien des aͤußern Menſchen hatte, ſonſt wuͤrde die Mutter ſich bei dem Anblick der zar⸗ ten ſchneeweißen Geſtalt, die wie ein verhallen⸗ der Ton uͤber unſre Erde dahinſchwebte, Gluͤck gewuͤnſcht haben, daß ihre bluͤhende, in der Fuͤl⸗ le der Geſundheit prangende Tochter ſo feſt im Leben zu wurzeln ſchien, als wollte ſie kuͤnftige Geſchlechter an ſich voruͤbergehn ſehn. Indeß hatte ſie, was die leiſe Anmuth in Theophiliens 78 Bewegungen betraf, Recht; denn Leontine konnte nichts laut genug thun. Durch das ganze Haus hoͤrte man ihre klingende Stimme, und wenn auch die Windesſchnelle ihrer Bewegungen ihr oft den Reiz einer ſchwebenden Atalante verlieh, ſo glich doch das Geraͤuſch, welches gewoͤhnlich ihren Flug begleitete, mehr dem Brauſen losge⸗ laßner Orkane als dem leiſen Gefliſter liebkoſen⸗ der Weſte. Zudem brauchte die Kuͤnſtlerin jetzt keine Atalante, ſondern eine Pſyche, und es be⸗ leidigte ihren rein poetiſch⸗muͤtterlichen Stolz nicht wenig, den Vorwurf dazu außer dem Kreiſe ihrer Familie ſuchen zu muͤſſen. Die St. Clair fuͤhlte den Stachel, und das Wohlwollen, welches ſie im erſten Augenblick fuͤr ihre neue Schutzbefohlne gefaßt hatte, verwan⸗ delte ſich nur zu bald in einen geheimen Unwil⸗ len, den ſie zwar nicht wagte gegen den Schuͤtz⸗ ling des Praͤſidenten laut zu aͤußern, der aber ih⸗ ren weiblichen Scharfſinn anreizte, den Bewe⸗ gungsgruͤnden nachzuſpaͤhen, welche dem namen⸗ loſen Kloſterzoͤgling die Pforten des graͤflichen Palaſtes oͤffneten, und ſie wenigſtens in dem Ent⸗ ſchen Wendung gegen Leontinen, forderte ſie die⸗ 79 ſchluß beſtaͤrkten, durch ihre Einwirkung den Reiz der jungen Perſon nicht noch mehr zu erhoͤhen, die, kaum in das Haus getreten, auch ſchon in allen Verhaͤltniſſen deſſelben ſtoͤrend eingriff. Noch verſtimmt durch die Nachklaͤnge eines unangenehmen Geſpraͤchs, diente Theophiliens aͤngſtliche Scheu vor Leontinens Ungeſtuͤm nur dazu, ihr den Vorwurf einer achtloſen Erziehung noch greller entgegenzuſtellen, und was die Lieb⸗ liche nun auch that, ihren gereizten Unmuth zu verſoͤhnen, es konnte nicht fehlen, daß jedes Wort, womit jene die Muthwillige zur Ruhe verwies, ein ſpottender Anfall des Heiligſten und Liebſten wurde, was Theophilia in ihrem Herzen trug, das Andenken ihrer ehrwuͤrdigen Erzieherin. Aber das Maͤdchen verbarg unter ihrem Nonnenſchleier eine unerwartete Feſtigkeit, wo es den Angriff beſſerer Ueberzeugungen galt. Mit einem einzigen Blick des Unwillens aus ihren taubenfrommen Augen, hemmte die verletzte Theo⸗ philia den ſpottenden Wortſtrom, der ſich uͤber ihr Theuerſtes entweihend ergoß, und mit einer ra⸗ 80 1 ſe auf, ihr bei dem Anfang einer neuen Arbeit zu helfen, welcher Bitte die Dienſtfertige nie Er⸗ fuͤllung verſagte. Im Herausgehen ſprach Theophilia noch be⸗ deutſam zur betroffnen St. Clair: „Wir zogen mit verbundnen Augen unſer „Loos; es wuͤrdig tragen, iſt das Einzige, „was wir lernen koͤnnen.“ Was war das? frug ſich die Ueberraſchte nooch lange nach dem Verſchwinden der beiden Maͤdchen. Wie erhob ſich denn die anſpruchloſe, ſtille Theophilia ſo auf einmal zur Herrin unſers Willens? Mußte ich nicht ſchweigen, weil ein Blick es mir gebot, mußte Leontine nicht folgen, weil ein Wort es ihr hieß? Und was giebt die⸗ ſem furchtſamen fremden Kinde eine ſolche Ge⸗ walt? Etwa das Bewußtſeyn eines maͤchtigen Schutzes?—— Geliebte oder Tochter! rief ſie auf einmal, und rieb ſich die Haͤnde vor freudigem Schrecken uͤber den Blitzſtrahl, der ploͤtzlich ihren noch her⸗ umirrenden Muthmaßungen den Weg bahnte. Ja ſo iſt es! denn, um eine Geſellſchafterin fuͤr — 81 Leontinen im Hauſe einzufuͤhren, darf man die Unſterblichen nicht aus dem Olymp herabrufen. Dies Maͤdchen weiß nicht ganz, aber zur Haͤlfte ihre Rolle auswendig, drum fiel es ihr erſt zu⸗ letzt ein, uns ihr Uebergewicht fuͤhlen zu laſſen. Wahrlich, die Schuld macht unvorſichtig, Herr Graf, fuhr ſie triumphirend fort, ſonſt wuͤrden Sie nicht ſo krauſe Wege gehen, um Ih⸗ re Kontrebande einzuſchwaͤrzen; und die Graͤfin, ſie gleicht dem Amor mit der Binde, Pſychens Liebreiz ſoll ſie fangen. Die Eßglocke endete das Selbſtgeſpraͤch der Franzoͤſin und Theophiliens Unbehaglichkeit, denn kaum trat ſie mit Leontinen in den Speiſeſaal, ſo flogen ihr ſo viele freundliche, belobende Bli⸗ cke zu, daß ihre kloͤſterliche Scheu ſich bald in ein ſüßes Vertrauen und Glauben aufloͤſte, wel⸗ ches ihr auch in dieſem fremden Kreiſe einen an⸗ genehmen Platz anwies. Die Graͤfin, geſtern durch ihre ſchoͤnen For⸗ men und das Außerordentliche ihrer Erſcheinung angezogen, hatte heute ſchon ein halbes Dutzend ihrer Freunde auf den neuen Ankoͤmmling neu⸗ 1r Theil. 6 1† gierig gemacht, und begruͤßte ihn ſelbſt mit je⸗ nem holden Kuͤnſtlerenthuſiasmus, der von einem unbefangnen Gemuͤth, das ſeine Dauer noch nicht erprobt hat, ſo leicht fuͤr den Strahl von oben, der die Herzen mit dem heiligen Veſta Feuer, der Liebe und Freundſchaft durchgluͤht, gehalten wird. Mit gewinnender Freundlichkeit winkte ſie Theophilien in ihre Naͤhe, ſtrich ihr die Lo⸗ cken von der truͤben Stirn, und nannte ſie ihre kleine Pſyche. Des that dem armen verſcheuchten Kinde ſo wohl, daß es leuchtende, dankbare Blicke in der fremden Verſammlung ₰ unter die es nur ein paar Bekannte von geſtern zaͤhlte, umherwarf, und ſeine Bruſt ſich hob von der ermuthigenden Ueberzeugung, auch außer dem untergegangenen von der Lava der Aufklaͤrung verſchuͤtteten Tem⸗ pel ſeines Jugendgluͤcks noch Herzen, und ſo wohlwollende, guͤtige Herzen gefunden zu haben. Mit ſuͤßer Ueberraſchung hefteten ſich heute die Blicke des Praͤſidenten auf das liebe, anmu⸗ thig belebte Geſichtchen ſeiner Schutzbefohlnen. Wohl glich ſie auch jetzt noch einer Bluͤthe, in himmliſchen Gaͤrten gezogen, aber zart geroͤthet voon dem Strahl einer neuen Lebensſonne, die ihr außer den dunklen Mauern ihres bisherigen Schutzortes aufging. Gern wuͤrde er das ſinni⸗ ge Kind in ein Geſpraͤch verflochten haben, aber wie ſollte er der Schuͤchternen eine Antwort uͤber den ganzen Tiſch abgewinnen, und wie den neu⸗ gierig ſtechenden Blicken der Franzoͤſin entgehen, die, ihm ſchraͤg heruͤber ſitzend, ſich es zum beſondern Geſchaͤft machte, ſeine Mienen zu ſtu⸗ diren. Was hatte ſie denn auch zu gruͤbeln, die Unertraͤgliche, und welcher Daͤmon blitzte auf ein⸗ mal aus den ſonſt ſo leeren nichts ſagenden Au⸗ gen? Er mußte ſich ordentlich freuen, als die Tafel aufgehoben wurde, und die weiße Lilie in⸗ nig verſchlungen mit ſeiner bluͤhenden Roſe da⸗ vonhuͤpfte, denn ſonſt— er wußte nicht, was ihn noch ſonſt— außer der Politik ſo eifrig be⸗ ſchaͤftigt haͤtte.—— — 11. Der Kuß der Pſyche. Die Graͤfin hatte indeß nicht vergeſſen, bei welcher Gelegenheit ihr der Graf die zarte Ge⸗ ſtalt zufuͤhrte. Die ſchoͤne Dichtung, welche ihr kunſtgeuͤbter Pinſel auf die Leinwand uͤbertragen wollte, lag mit allen Nuͤaneirungen ſchon vor dem geiſtigen Auge der fuͤr das Schoͤne ſo em⸗ pfaͤnglichen Frau, und es bedurfte wohl keiner ſichtbaren Darſtellung der lieblichen Compoſition, um ſie in den reinſten Formen ihrem Pinſel ent⸗ bluͤhen zu laſſen. Aber ſie wuͤnſchte, da ihr Gemahl ſich ein⸗ mal ſo lebhaft fuͤr dieſes Unternehmen zu intereſ⸗ ſiren ſchien, ihm, dem ſie ein nicht ſo genaues Eingehn in das Werk ihrer Phantaſie zutraute, gern noch vor der Vollendung der Zeichnung, die vielleicht laͤnger als ſeine momentane Begeiſterung dauern konnte, ein recht anſchauliches Bild des Neals, das ſie in ihrem Innern trug, zu ent⸗ werfen; und ſo ward denn alles zu einer Sce⸗ 8⁵ ne vorbereitet, in welcher die ahnungsloſe Theo⸗ philia die Hauptrolle ſpielen ſollte. Clementine hatte unter dem leichten Kuͤnſt⸗ lerheer, das ſie umſchwaͤrmte, einen Freund ge⸗ funden, der alle Beduͤrfniſſe ihres fuͤr die Kunſt ergluͤhten Geiſtes befriedigte, ohne ihr Herz je von dem Wege der Pflicht abzuleiten. Edwin,— ſo nannte er ſich, ohne dieſem Namen je einen Andern beizufuͤgen,— war ein ernſter Mann von einigen vierzig Jahren, Bild⸗ hauer ſeiner Kunſt, und eine ſo dunkelgehaltne Figur, daß man im erſten Augenblick kaum die Schoͤnheit ſeiner Zuͤge durch die naͤchtliche Farbe ſeines Colorits hindurch ſchimmern ſah. Daß er ſeine Kunſt unter Italiens Meiſter⸗ werken ſtudirt hatte, und ein deutſcher Prarxiteles war, erhob ihn ſchon in die Claſſe derjenigen, welche freien Zutritt bei der Graͤfin ſuchen durf⸗ ten. Daß er aber auch, unter den Idealen, wel⸗ che ſeinen Himmel bevoͤlkerten, noch fuͤr etwas andres, fuͤr jedes Beſſere in der Bruſt des Men⸗ ſchen, gluͤhte, daß er mehrere Sprachen vollkom⸗ men inne hatte, und uͤber jeden Gegenſtand(nur 86 uͤber die Staatskunſt nicht, von der er gar nichts verſtand) Rede ſtehen konnte; dieß machte ſeinen Umgang bald der vorurtheilsfreien Clementine, die in ihrem Zirkel nie etwas anders, als die geiſtreiche Frau ſeyn wollte, vor allen Andern werth.. Ohne ſeinen Einfluß auf ihr Talent geltend oder bemerkbar zu machen, leitete er es doch an unſichtbaren Faͤden der Vollendung naͤher. Sei⸗ ne Geſpraͤche uͤber die bildenden Kuͤnſte enthielten eine Menge ſo feiner Aufklaͤrungen uͤber die Ge⸗a heimniſſe der Farbenmiſchung und Gruppirung, daß die Graͤfin oft mit frohem Triumph auf die Entdeckung dieſes oder jenes kleinen Kunſtgriffs kam, den Edwin bei ſeinen Arbeiten laͤngſt be⸗ nutzt hatte. Er ſelbſt freute ſich harmlos des bildſamſten Stoffes, den er je unter ſeinen Haͤn⸗ den gehabt, und gewoͤhnte ſich, von Clementinens Guͤte aufgemuntert, ſo ſehr an ihren Umgang, daß er nun ſchon ſeit Jahren ihr als bewaͤhrter Freund zur Seite ſtand, ohne die Luͤcke zu be⸗ merken, welche ſie als Gattin und Mutter in dem Kranz ihrer Tugenden ließ. 87 Seiner fruͤheren Verhaͤltniſſe, und wo er ſich vor den fuͤnf Jahren, welche er in der Graͤ⸗ fin Naͤhe verlebte, aufgehalten, erwaͤhnte er nie mit einem Wort. Nur zuweilen, und ſonſt mehr als jetzt, beſchlich ihn eine truͤbere Anſicht des Lebens, die aber ein erheiterndes Geſpraͤch uͤber die Kunſt leicht wieder verwiſchte. Ueberhaupt war ſein Charakter zwar ernſt, aber nicht rauh, und oft kindlich mild, wenn man ihn in ſeiner Werkſtatt unter den Engeln, Genien und Goͤt⸗ tern, welche ſeinem kunſtreichen Meißel entquol⸗ len, belauſchte. Die Aufmerkſamkeit des Praͤſidenten zog er nie auf ſich, denn alles, was in das Gebiet der Kunſt einſchlug, war deſſen innerm Sinn ent⸗ fremdet, und nie hatte er ſich, von Staatsge⸗ ſchaͤften bedraͤngt, Muͤhe gegeben, die Geſellſchaft ſeiner Frau zu ſichten, und das Beſſere davon heraus zu finden. Er traf nur zuweilen bei Ta⸗ fel mit ihm zuſammen, und da ͤberhorte er oft gefliſſentlich die gehaltreichen Worte Edwins, die keine ſeiner Lieblingsideen beruͤhrten, da je⸗ ner ſich nie in das Reich der Politik verirrte. 88— Indeß ſpielte er jetzt, bei der vorhabenden Ueberraſchung des Grafen, eine ſehr bedeutende Rolle. Clementine theilte ihm ihren Entwurf mit, er ſah die feine, zarte Theophilia, und er⸗ griff mit Begeiſternng einen Plan, der ſo ſehr in ſein Fach ſchlug, und, bei der Anpaſſung der Figuren, einen herrlichen Effekt verſprach.— Nur bat er, daß man mit der Ausfuͤhrung deſ⸗ ſelben noch eine kurze Zeit warten moͤge, bis ſein Sohn, den er in wenig Tagen von einer Kunſtreiſe aus Italien zuruͤck erwarte, die Rolle des ſterbenden Juͤnglings uͤbernehmen koͤnne. Daß er Vater ſey, erfuhr die Graͤfin heut zum erſtenmal. Erſtaunt frug ſie ihn, warum er ihr dieß bisher verſchwiegen habe? Verſchwiegen? antwortete er, nun eben ſo uͤberraſcht. Sie fragten nie darnach, gnaͤdige Graͤfin, und ich vergaß, es Ihnen zu ſagen, was erſt in dieſem Augenblick bedeutend fuͤr Sie wird, da mein Sohn in Ihre Gruppe fehlt. Sie belaͤchelte den leichten Sinn des Kunſt⸗ genoſſen, indeß uͤberhoͤrte ſie ja ſelbſt oft genug die Stimme der Natur, und ſo befremdete es 89 ſie weniger, daß ein Vater ſeines Sohnes ſich erſt erinnerte, da er ihn zu einem Kunſtgebilde brauchte. Wenige Tage nach dieſem Geſpraͤch meldete Edwin auch wirklich die Ankunft des Juͤnglings, und nun wurde die Darſtellung auf den naͤchſten Abend beſtimmt. Den Morgen vorher ließ die Graͤfin Theo⸗ philien enfen, theilte ihr unter Liebkoſungen ih⸗ ren Plan mit, zeigte ihr die Zeichnnng der Grup⸗ pe, in welcher ſie die Hauptfigur darſtellen ſollte, und gab der ſchon bereitſtehenden Jungfer einen Wink, dem uͤberraſchten Maͤdchen das leichte Ge⸗ wand, welches ſie erſt voͤllig zur Pſyche umfor⸗ men konnte, aͤberzuwerfen. Allein jetzt ſtieg fuͤr die, nur mit ihrer Lieblingsidee beſchaͤftigte Frau eine Wetterwolke herauf, die ſie von dorther wenigſtens nicht erwartet hatte. Theophilia hoͤrte zuerſt furchtſam ihren Vor⸗ ſchlag an, dann freute es ſie, der guͤtigen Graͤ⸗ fin, die ihr ſo herzlich wohl zu wollen ſchien, etwas zu Liebe thun zu koͤnnen, und endlich warf 4 ſie einen ſchuͤchternen Blick auf die Zeichnuung— 90.— Da faͤrbten ſich auf einmal ihre Lilienwan⸗ gen mit dem Inkarnat der Scham. Thraͤnen entſtuͤrzten ihren ſchoͤnen Augen, und mit dem baͤngſten, aber auch feſteſten Tone von der Welt, verſicherte ſie, es ſei ihr unmoͤglich, die Wuͤnſche der Graͤfin zu erfuͤllen. Dieſe war im erſten Momente uenncbe treten durch die runde Erklaͤrung des ſonſt ſo lei⸗ ſen, furchtſamen Kindes, aber ein einziger 1u auf die zarte, demuͤthige Geſtalt des jungen Maͤdchens, das die Haͤnde flehend zu ihr erhob, erinnerte ſie nun wohl, daß Theophilia nicht fa⸗ hig ſey, durch lihre Weigerung einen ſchon zur Vollendung gediehenen Plan umzuſtoßen. Laͤchelnd zog ſie ihr daher die gefalteten Haͤnde herab, ſtrich ihr die Locken von der ſchneeweißen Stirn, und ſagte noch freundlicher: „Was fuͤrchteſt Du doch, mein liebes Kind? Deine Rolle iſt die leichteſte, und das Ganze nur eine Kunſtausſtellung, die hoͤchſtens ein paar Minuten dauert. Ich wuͤnſche nur, dieſe Zeich⸗ nung einmal ins Große ausgefuͤhrt zu ſehn, da⸗ mit der Entwurf mir erleichtert wird. Auch hat — 91 mein Gemahl Dich mir ja ſelbſt als Pſyche vor⸗ geſtellt.“. 1 „Und dennoch, gnaͤdige Graͤfin! beſchwoͤre ich Sie, mir dieſe Aufgabe zu erlaſſen! Ich kann nicht, o gewiß nicht!“ 312 Iumt Clementine ſchuͤttelte den Kopf, ſie konnte nicht begreifen, warum ſie nicht wollte, denn uͤber die kleinen Einwuͤrfe der Schicklichkeit(die leichte Tracht und Stellung der Pſyche betreffend) ſah ihr, an jede Form(wenn es nur eine Re⸗ gelrechte war) gewoͤhntes Auge laͤngſt hinweg; und ſonſt gab es doch gar nichts, das eine ſolche Weigerung motiviren konnte. Sie verſuchte es noch einmal mit Sanftmuth, ihr den Grund derſelben abzufragen, aber Theophilia blickte nur halb und mit Abſcheu auf die Zeichnung, und wiederholte, durch die Guͤte der Graͤfin ermuthigt, immer ſchneller und beſtimmter ihre fruͤhere Er⸗ klaͤrung, ohne jedoch das Wort uͤber die Lippen zu bringen, das Clementinens Zweifel loͤſen konnte. Wie ſollte auch die ſittſame, kloͤſterliche Theo⸗ philia einen Namen fuͤr die Empfindungen haben, 92 welche der Anblick dieſes Bildes in ihrer Seele erweckte?— Stets in den ſtillen Kreiſen des Kloſterle⸗ bens ſich bewegend, hatte ihre edle Pflegemutter nicht einmal daran gedacht, ein Bild vor die Au⸗ gen ihrer Seele zu ſchieben, das die Welt uns taͤg⸗ lich bietet, ohne dadurch unſere Phantaſie merklich anzuregen. Unſer Verkehr mit dem andern Ge⸗ ſchlecht beginnt mit dem Vater und Bruder, geht dann in die zarteren Verhaͤltniſſe des geſelligen Begegnens und endlich in das ſuͤßere Entgegen⸗ kommen verwandter Herzen uͤber. Die Gewohn⸗ heit und der allmaͤhlige Stufengang unſerer Em⸗ pfindung erhalten bei dieſem Verkehr unſre Phan⸗ taſie ſo rein und unverletzt, als es Theophiliens Sinn nur ſeyn konnte, deren Auge jetzt zum er⸗ ſtenmal auf einer Gruppe ruhte, auf die nichts, nicht einmal die vaͤterlichen Liebkoſungen ſie vor⸗ bereitet hatte. Ohne ſich genau angeben zu koͤn⸗ nen, was ſie eigentlich dabei fremdartig anſprach, riefen doch tauſend Stimmen in ihr ein lautes Nein! und von zarter Jugend gewoͤhnt, dieſen innern Warnungen zu glauben, wiederholte ihre — 93 bebende Lippe, zwar furchtſam, weil ſie ihrer Wohlthaͤterin nur ungern etwas verweigerte, aber doch feſt, denn ſie vertraute ihrem Genius das Nein! was ihre Seele ihr zurief. Die Graͤfin wurde endlich ungeduldig, bei einem jungen Maͤdchen, das ihr beſonders um dieſes Zwecks willen zugefuͤhrt war, einen ſo lan⸗ gen Widerſtand zu ſinden, und ſtand ſchon auf dem Punkte, alle ferneren Einwuͤrfe mit einem beſtimmten Befehl zu entkraͤften, als zum Glaͤck Edwin, der ſchon lange erwartet war, hereintrat. Er uͤberſah mit einem Blick den Unmuth der Graͤfin und des jungen Maͤdchens Beſtuͤr⸗ zung, als deren Urſach er nothwendig die Zeich⸗ nung erkennen mußte, die vor der Erſteren auf dem Tiſch lag. Zum Ueberfluß weihte dieſe ihn noch mit einigen Worten in den Streit ein, und nun zeigte es ſich, daß der Mann, wie ſehr er ſich auch mit den Geheimniſſen der Kuͤnſte befreunde, doch nie ſo gaͤnzlich die Natur verleugnet, als die Frau, wenn ſie einmal die erſten Schran⸗ ken der zarten Weiblichkeit uͤberſchritten hat, und in das Gebiet des Mannes eingedrungen iſt. Er 1. ahnete ſogleich das Hinderniß, welches in Theo⸗ philiens Bruſt ſich den Wuͤnſchen der Graͤfin ent⸗ gegenſetzte, und wurde dadurch nur noch mehr fuͤr das liebliche Kind eingenommen, deſſen hol⸗ der Reiz ihn ſchon fruͤher angezogen hatte. Aber um dieſer zu weit getriebnen Zuruͤckhaltung wil⸗ len, den ganzen, wohlerſonnenen Plan aufzu⸗ geben, war eben ſo wenig ſein Wille, als der der Graͤfin. „Nun!“ ſagte er ablenkend.„Das wird meiner Tochter ſehr unangenehm ſeyn, die mei⸗ nem Sohn ſchon ſeine Rolle des ſterbenden Juͤng⸗ lings abgeſchwatzt hatte, und deren Figur, der ſei⸗ nigen vollkommen gleichend, ſich in der heroiſchen Tracht nicht uͤbel ausgenommen haͤtte.“ „Die Graͤfin ſtutzte, und warf einen errathen⸗ den Blick auf den Kuͤnſtler. Theophiliens Geſicht klaͤrte ſich wieder auf. Sie wagte die Frage nicht, die ihr auf den Lippen ſchwebte: ob denn nun gar kein Mann an der Gruppe Theil nehmen wuͤrde? aber ſie heftete ihr Auge ſeitwaͤrts auf die Skitze, und beantwortete ſich ihre Frage ſelbſt, da, wie es ihr ſchon bekannt war, die kleine Liddi, des 9⁵ Grafen Fuͤngſte Tochter, den Genius machen ſollte. Jetzt ging ſie ſchon etwas mehr in die Idee ein; fand es recht natuͤrlich, daß es ſich nach einem lebenden Gemaͤlde beſſer zeichne, als nach einem bloßen Entwurf, und willigte, nachdem ſie ſich durch ein paar Aeußerungen des Kuͤnſtlers recht ſicher geſtellt zu haben glaubte, nun ploͤtzlich, zur großen Freude der Graͤfin, in alles, was man von ihr forderte. 2* Der Abend erſchien! mehrere Kunſtkenner waren nebſt dem Grafen zu der Ausſtellung der Gruppe eingeladen, welche in einer Niſche, hin⸗ ter einem dichten Vorhang verborgen ſeyn ſollte. Die Graͤfin ſaß an der Staffelei, um die Zeich⸗ nung mit dem Aufrollen deſſelben zu beginnen, und Edwin war in ſeinem Verſteck damit beſchaͤf⸗ tigt, die Gruppe zu ordnen, der ſeine kunſtrei⸗ chen Haͤnde voͤllig das Anſehn eines, dem Mei⸗ ßel ſo eben erſt entbluͤhten Gebildes verliehen. Theophilia, ſo ſehr ſie ſich auch durch den freundlichen Zuſpruch des Kuͤnſtlers mit der gan⸗ zen Sache ausgeſoͤhnt hatte, war doch bei der Annaͤherung des entſcheidenden Moments ſo be⸗ 96 klommen, daß ihr Herz hoͤrbar klopfte, und ihr Athem ſtuͤrmiſch die Wange des Juͤnglings, uͤber den ſie ſich beugte, und deſſen Geſichtszuͤge ſie in dem magiſchen Halbdunkel, das ſie umgab, noch nicht genauer unterſcheiden konnte, beruͤhrte. Er war von ſeinem Vater wohl auf die dop⸗ pelte Rolle, die er, der ſittſamen Theophilia ge⸗ genuͤber, ſpielen ſollte, vorbereitet, allein er hat⸗ te die Taͤuſchung bitter getadelt, und ſich nur auf die Verſicherung, daß das ſchuͤchterne Fraͤu⸗ lein nie etwas davon erfahren wuͤrde, dazu her⸗ gegeben. Doch jetzt, wo das Engelsangeſicht des lieblichen Weſens ſich ſo arglos uͤber ihn beugle, wo ihre Lippe ſich der ſeinigen naͤherte, und ihr warmer Hauch ihn umſpielte, jetzt fuͤhlte er erſt das ganze Gewicht deſſen, was er uͤbernommen hatte, und die Wange des Sterbenden faͤrbte ſich mit dem Purpur eines neuen, in ſeine, durch manche truͤbe Erfahrung verdunkelte Seele her⸗ einbrechenden Morgenroths, von dem er nicht zu ſagen wußte, von wannen es kam, aber das nur mit dem letzten Schimmer ſeiner Tage zum ver⸗ loͤſchenden Abendroth werden konnte.— Es wur⸗ 97 de noch ſchlimmer! Der Genius des Todes be⸗ leuchtete mit ſeiner Fackel, ehe er ſie umkehrte, einen Augenblick die Gruppe, und Theophiliens Blick traf auf die vollkommenſten Zuͤge, die je in einem Geſicht vereinigt waren.— Da rollte der Vorhang auf! die Glanzfluthen kuͤnſtlich ver⸗ borgner Lichter umſtrahlten ſie, und betaͤubt ſenk⸗ te das erſchrockne Maͤdchen, nach der Vorſchrift Edwins, ihren Mund auf den Gluͤhenden des Juͤnglings. 4 Der Graͤfin entſank der Stift bei dem An⸗ blick des herrlichen Kunſtwerks, das ihres Pin⸗ ſels zu ſpotten ſchien, der, wie geuͤbt er auch war, doch nimmer der todten Leinwand jenes kraͤftige Leben einhauchen konnte, das die Grup⸗ pe vor ihr beſeelte. Der Praͤſident und die uͤbri⸗ ge Geſellſchaft brachen in ein lautes Ach! aus; Edwin aber, der ſein Verſteck verlaſſen hatte, beſchloß in dieſem Augenblick, mit der Graͤfin zu⸗ gleich um den Preis des Vorrrefflichſten zu ringen und dieſelbe Idee in weißem Marmor auszufuͤh⸗ ren. Doch, Clementinens Ueberraſchung raubte ihr nur den erſten Moment; im zweiten beſann ir Theil. 7 4 98 ſie ſich, daß das Bild nicht ſchon von Stein war, und eilte, die Umriſſe davon mit Kreide auf die Leinwand zu entwerfen. 2 Allein, ſo ſehr ſie auch ihre Hand befluͤgel⸗ te, um das Vergaͤngliche feſt zu halten, ein nei⸗ diſches Schickſal goͤnnte ihr den Lohn ihrer muͤh⸗ ſamen Vorbereitungen nicht, denn lange noch, ehe ſie ihrem Freunde Edwin das verabredete Zeichen zum Herunterlaſſen des Vorhangs zu geben ge⸗ ſonnen war, fing die Gruppe an beweglich zu werden, und endlich ſich ganz aufzuloͤſen. Pſy⸗ che, der unbequemen Stellung nicht gewoͤhnt, von unausſprechlicher Angſt befangen, und durch den heißen Athem des Juͤnglings betaͤubt, ſank end⸗ lich ohnmaͤchtig uͤber ihn hin. Dieſer, von der ſuͤßen Laſt kaum beruͤhrt, ſprang, ſich und al⸗ les um ihn her vergeſſend, auf, rief mit Toͤnen der Verzweiflung: Sie ſtirbt! Pſyche flieht! und druͤckte die Lebloſe ſtuͤrmiſch in ſeine Arme, an ſeine Bruſt. Der kleine Todesengel aber warf erſchrocken Pfeil und Fackel mitten unter die Ge⸗ ſellſchaft, und ſprang davon. Der Praͤſident erbebte! Erſt jetzt bemerkte * 99 er das Unſchickliche in Pſychens Stellung, da ſeine Angſt und das ſchoͤne, verblichne Pflegekind ihn, den Weltmann, einen tiefen Blick in die geheime Oekonomie ihres kloͤſterlichen— thun ließ. Es beleidigte und empoͤrte ihn, ſittſame ſchuͤchterne Maͤdchen in den Tuh ei⸗ nes Mannes zu ſehn, und mit einem finſtren Blick auf ſeine Gemahlin, deren Kunſtſinn ihn heut haͤrter als je verletzte, ſtuͤrzte er über das Ruhebette, um dem ihm noch Unbekannten die theure Beute zu entreißen. Ueberraſcht von dieſer Heftigkeit, gab der nur mit Theophilien Beſchaͤftigte, ohne Weige⸗ rung, der gebieteriſchen Forderung nach, und als mehrere ſich hinzudraͤngend einen engen Kreis um die ſchoͤne Ohnmaͤchtige ſchloſſen, enteilte er mit dem ſchmerzlichen Gefuͤhl, nun hier ganz ent⸗ behrlich zu ſeyn, dem Zimmer, und floh, nach⸗ dem er im Vorſaal ihr Erwachen abgewartet hat⸗ te, nach Hauſe. Auch die Kranke wurde bald weggebracht und der St. Clair uͤbergeben. Der Graf folgte ihr, ohne es ſelbſt zu bemerken, noch die Geſell⸗ 7* 1⁰⁰0 4 — ſchaft zu beruͤckſichtigen, und Clementine ſtand, finſter vor ſich hinſehend, ohne durch die ſchmei⸗ chelnden Lobſpruͤche oder nichtsſagenden Bedaue⸗ rungen der Anweſenden, uͤber das Mißlingen ih⸗ res Plans getroͤſtet zu werden. Sie hatte heut auf etwas mehr als dieß — auf den Dank und die Bewunderung ihres Gatten gerechnet. Dieſe Stoͤrung raubte ihr den wohlverdienten Triumph; war ſie wohl zu tadeln, wenn ſie erſt ihre untergegangenen Hoffnungen, und ſpaͤter Pſychens Loos beklagte? 12. Magnus. Der Juͤngling, an deſſen heißen Herzen die bewußtloſe Theophilia ſo eben gelegen hatte, druͤck⸗ te, als er das einfache Haus ſeines Vaters und die, mit Kunſtſchaͤtzen angefuͤllte Werkſtatt deſſel⸗ ben betrat, die noch heißere Stirn gedankenvoll an die kalte Wand; das Schickſal zum erſtenmal anklagend, welches ihn, den geliebten Vater, nicht unter den Millionaͤres, nicht unter den Großen — 101 des Hofs, ſondern nur in der beſcheidnen Huͤlle aͤchten Kaͤnſtlerwerthes finden ließ. Wenn er in Rom oder in Neapel vor den Meiſterwerken unſterblicher Kuͤnſtler ſtand, ruͤhm⸗ te er ſich ſtolz, der Sohn eines Mannes zu ſeyn, der ſo treu und wuͤrdig den Pfad verfolgte, wel⸗ che ſeine erhabnen Meiſtel ihm vorgezeichnet hat⸗ ten. Heut aber, dem Reizendſten, womit die Natur die Kunſt uͤberbieten konnte, gegenuͤber, warf er ſcheue und mißmuthige Blicke auf die Gebilde von Stein, deren blendende Weiße durch die Dunkelheit, die ihn umgab⸗ ſein Auge recht geiſterartig beruͤhrte. Sein Vater war ja ihr Schoͤpfer; und wie ſollte der arme Magnus, deſſen innere Groͤße nichts als ſein edler Name beurkundete, es wa⸗ gen, den Engel ſeinen Ahnen, und einem gan⸗ zen Kreiſe ſtiftsfaͤhiger Beſchuͤtzer abzutrotzen. Wie aber denn nun anders noch leben in dem kalten eiſigen Klima alltaͤglicher Geſchaͤfte, das ihr warmer Hauch nicht mehr durchgluͤhte. „O ihr armen Soͤhne des eisumſtarrten Nordens!“ rief er aus,„wenn ihr nur einmal 1⁰²— das Gott geſegnete Land betraͤtet, wo die Luͤfte, mit tauſend Wohlgeruͤchen gewuͤrzt, Euch die Wange in ſanfteren Schwingungen umſpielen! nimmer, o nimmer! wuͤrdet ihr euren Schnee⸗ gefilden je wieder zueilen! Ach man darf nur, wie ich, der Sonne ſo nahe geweſen ſeyn, um von ihr entfernt im ewigen Froſt zu erſtarren!“ Er ſchwieg, denn in dieſem Augenblick fuͤhl⸗ te er erſt einen Eisſtrom durch ſeine Adern rin⸗ nen, es ſchien ihm, als ginge ſo eben das Wun⸗ der, welches Galathea einſt in's Leben rief, auch mit ihm, nur im umgekehrten Verhaͤltniſſe vor. Er glaubte zu Stein zu werden. Da beruͤhrte ihn Pygmalions Hand! und der Bezauberung entriſſen, zog er ſeine erkaltete Stirn von der feuchten, erſtarrenden Naͤhe der Wand zuruͤck, um ſie ſchnell wieder an die Bruſt des befreunde ten Vaters zu lehnen, deſſen Lampe ſein, an die Dunkelheit gewoͤhntes Auge ſchmerzlich verwun⸗ dete. „Was iſt Dir, mein Sohn?“ frug Edwin mit ſorgloſer Ruhe.„Hat der Dampf der aus⸗ geloͤſchten Fackel auch Dich betaͤubt? Du kuͤh⸗ leſt mir die Bruſt ja mit Deiner eiſigen Stirn.“ „Thue ich das, mein Vater? nun wohl, ſo bringe der Sonne mich naͤher!“ ſo ſprach der Jungling in liebendem Wahnſinn, und Edwin, erſt jetzt die ſeltſame Stimmung deſſelben be⸗ merkend, ſchuͤttelte finſter das Haupt, und ge⸗ dachte der Nemeſis, die vielleicht an dem einzigen Sohn die ſtrafbare Taͤuſchung des jungen arg⸗ loſen Maͤdchens zu raͤchen gedenke. „Komm! ſekze Dich zu mir, lieber Mag⸗ nus!“ ſagte er nun beſchwichtigend„und erzaͤh⸗ le mir recht ordentlich, was Dich ſo ſchnell aus dem Hauſe des Grafen getrieben, und warum Du die Stirn Dir am kalten Stein erkuͤhl⸗ teſt?“ „O Vater! Du thateſt nicht wohl, das Fraͤulein zu taͤuſchen! das fiel mir ſo eben recht ſchwer auf das Herz. Sie hat den Irrthum entdeckt, und ſtraft nun den Frevler, der es ge⸗ wagt, die Grenzen, welche zarte Frauenſitte der Verwegenheit des Mannes ſetzte, zu uͤberſchrei⸗ ten, mit ewiger Sehnſucht!“ * 104 „Mit Ewiger?“ wiederholte Edwin mit zwei⸗ felndem Kopfſchuͤtteln.„O Magnusl haͤtteſt Du Zeit, ein Bruchſtuͤck aus meinem Leben zu hoͤ⸗ ren, Du wuͤrdeſt an die Schmmetterlingsgügei ei⸗ ner einzigen Minute nicht das Eentnergewicht der Ewigkeit haͤngen.— Ich ſehnte mich auch vor langer Zeit nach etwas, ich beſaß auch einmal recht viel, aber ich ſah, daß es nicht alles war, was ich bedurfte, obwohl meine kuͤhnſten Wuͤn⸗ ſche uͤberfluͤgelt wurden. Da warf ich es hin! und griff wieder nach dem Meißel. Der ſtillte die ewige Sehnſucht, und gab dem Verlangenden, was ihm noth that.— Komm, mein Sohn! hilf mir die Venus vollenden!“ „Die Venus? ſie ſoll die Flammen mir kuͤh⸗ len? und grade dieſe? Glaubſt Du, ich werde, wie heute fruͤh, in ſeelgem Schau'n mich verlie⸗ ren, und in der Bildung des fuͤhlloſen Stein's das Engelsbild, deſſen voller, warmer Lebens⸗ hauch mich umſpielte, vergeſſen?“ frug halb ſpottend der Juͤngling, und wandte ſich unmu⸗ thig von dem Vater, der ihm in ſtiller Betruͤb⸗ niß nachſah und dann recht unluſtig an ſeine Ar⸗ 10⁵ beit ging, weil der Kummer des hochgeliebten Sohnes ihm ſchwer auf dem Herzen lag. 13. Die Begegnung. Maguus aber ſtürmte fort, und weil das kleine, beſchraͤnkte Haus des beſcheidnen Kuͤnſt⸗ lers ihm nicht Raum genug bot fuͤr ſeinen un⸗ ermeßlichen Drang nach dem Weiten; ſo durch⸗ flog er die einſamen Straßen in wildem Treiben, und ſtand erſt vor dem ſtolzen, hoch uͤber alle Nebenhaͤuſer hervorragenden Gebaͤude ſtill, das ſeit wenig Stunden alle ſeine Wuͤnſche in ſich ſchloß, und ihm den Eingang in die einfache Wohnung des Vaters mehr erſchwerte, als alle Palaͤſte Rom's.— Er ſtand vor dem Hauſe des Grafen Malthen.— Die Fenſter waren alle dunkel, nur ein einziges matt erleuchtet. Darin mußte Theophilia wohnen, denn zuweilen ſchweb⸗ ten ein paar Schatten an den Scheiben hin, die er fuͤr ihre Pflegerinnen hielt. Das Licht ſchim⸗ merte ſo truͤbe zu ihm heruͤber, daß er es wohl 1⁰⁶ nur fuͤr das einſame Laͤmpchen eines Kranken⸗ zimmers halten konnte, und in dem uͤbrigen Theil des Hauſes war es ſo ſtill, ſo aͤngſtlich ſtill, wie es nur in der Naͤhe eines gefaͤhrlichen Kranken zu ſeyn pflegt. Was bedurfte es mehr, um ſeine Phantaſie bis zum Uebermaaß zu erhi⸗ tzen? 4 Seine ergluͤhte Einbildungskraft mahlte ihm Theophiliens Zuſtand als hoffnungslos, und die an der Decke ihres Gemachs hinziehenden Shhat⸗ ten, als Todesbothen. Haſtig, ſich ſelbſt und ſein Verhaͤltniß zu dem Fraͤulein vergeſſend, ſuͤrzte er der Thuͤr zu.— Da trat ihm eine maͤnnliche Figur, in einem Mantel dicht verhuͤllt, raſchen Schrittes entgegen. Magnus fuhr uͤberraſcht zuruͤck, und der Andre rief ihm, noch ehe er ihn ganz erreicht hatte, bittend zu: „O mein Herr, ehe Sie in dieſes nns ge⸗ „hen, beantworten Sie mir erſt einige Fragen, die ich, da Sie hier bekannt ſcheinen, wohl nicht „ „vergebens thun duͤrfte. Dies Gebaͤnde gehoͤrt „dem Praͤſident, Grafen Malthen.“ 1 Magnus erblaßte! es war, als wollte ſein Schutzgeiſt ihn vor ſeinem kuͤhnen Beginnen noch einmal den ganzen Abſtand zwiſchen ihm und dem Beſchuͤtzer ſeiner Pſyche bemerkbar machen. Ueber ſeine eisne Verwegenheit erſchrocken, trat er einige Schritte von der Thuͤr ab, und dem Unbekannten entgegen, deſſen Frage er mit ei⸗ nem ſchmerzlichen„Ja!“ beantwortete. „Der Praͤſident ſoll ein Mann von au⸗ ßerordentlichem Verſtande ſeyn;“ fuhr jener fort. 3 „Ich glaube, ja!“ erwiederte Magnus, mit ſich ſelbſt beſchaͤftigt. „eEr ſoll indeß ein gluͤcklicher Gatte und „Vater ſeyn, beſonders aber eine liebenswuͤrdige „Tochter haben?“ frug der Unbekannte von Neuem. „Und— o nur zu liebenswuͤrdig!“ rufte Magnus, der an die zarte Pſychengeſtalt dach⸗ te, die ſich uͤber ihn gebeugt hatte. „Hat der, ſo reich begluͤckte Vater keinen 108 „Sohn, der ſeine Tugenden und ſeinen großen „Namen erben koͤnnte?“ „Ich weiß nicht!“ verſetzte der Juͤngling ungeduldig. Es wurde ihm laͤſtig, durch eine Menge unintereſſanter Fragen in ſeiner Gedan⸗ kenfolge geſtoͤrt zu werden, und darum frug auch er nun, um den Stoͤrer los zu werden, halb un⸗ muthig: „Aber wer ſind denn Sie? mein Herr! der „Sie ſich ſo lebhaft fuͤr ein Haus zu intereſſiren „ſcheinen, in das Sie doch nicht einzutreten wa⸗ „gen? Gingen Sie aus, um Nachricht uͤber „die Familie des Grafen einzuziehen, ſo war „die finſtre Nachtwahl am wenigſten dazu ge⸗ „eignet, Ihre Wißbegierde zu befriedigen.“ „Sie antworten mir,“ erwiederte der Frem⸗ de, gutmuͤthig die Hand auf ſeinen Arm le⸗ gend,„was ich in Ihrem Falle wohl auch ge⸗ „antwortet haͤtte, und darum finde ich Ihren „Unmuth ſehr verzeihlich. Doch entſchuldigen „Sie mich, wenn ich noch nicht aufhoͤre, Ihre „Ungeduld zu pruͤfen. Es wird mir, der ich in „dieſer Stadt noch ganz unbekannt bin, ſehr 1 — 109 „ſchwer, ein Gaſthans aufzufinden. Wenn Sie „ſo gaͤtig waͤren, mich zu leiten. „Warum nicht?“ entgegnete, ſchon halb aus⸗ geſoͤhnt, der junge Mann.„Ob ich gleich hier ſo „fremd bin, als Sie es nur immer ſeyn koͤnnen. „Indeß ein ſolches Haus verraͤth ſich doch wohl „leicht durch ſein Zeichen. Ich helfe Ihnen we⸗ „nigſtens ſuchen.“ Beide gingen nun ſchweigend neben einan⸗ der, und bemuͤhten ſich, beim matten Schein ein⸗ zelner Laternen, die Gegend, in der ſie ſich befanden, und die Zeichen der Haͤuſer zu erken⸗ nen. Wirklich lohnte auch bald ein Hotel, mit ei⸗ nem recht gaſtlichen Anſehn, ihre Muͤhe, und Magnus wollte ſich jetzt entfernen, als der Frem⸗ de, ihn herzlich bei der Hand faſſend, mit ſanf⸗ ter Gewalt in ihn drang, ihm dieſen Abend, der ja doch ſchon durch ſeine Dazwiſchenkunft halb geſtort ſei, noch völlig zu ſchenken. Die freund liche Bitte, und der leiſe Wunſch, den Helden ſeines Abenteuers etwas naͤher kennen zu lernen, 110 entlockten dem, ohnehin Weichgeſtimmten ſchnell die Gewaͤhrung derſelben, und ſo folgten beide dem voraneilenden Kellner, der ſie in ein ge⸗ ſchmackvolles Zimmer geleitete, und dann ſich wieder entfernte, um die Tafel der Herren zu beſorgen. 3 Jetzt ſtanden ſie nun einander gegenuͤber! Gleich begierig, ſich kennen zu lernen, und gleich uͤberraſcht, ihre Erwartungen ſo ſehr uͤbertroffen zu finden. Der Fremde warf Mantel und Huth ab, und Magnus erroͤthete vor Freude, wie aus der naͤchtlichen Huͤlle ein ſo freundliches und ju⸗ gendliches Tagsgeſicht hervortrat, als ihm nur im⸗ mer ſelbſt die Natur verliehen hatte. Laͤchelnd ſchob jener die blonden Locken von ein paar hellen klaren Augenlichtern, denen man es recht anſehn konnte, daß ſie nicht an ir⸗ diſchem, ſondern himmliſchem Feuer entzuͤn⸗ det waren, ſo lieb und fromm leuchteten ſie unter den beſchattenden Wimpern hervor, um ihren Beſi⸗ tzer, den neuen Bekannten, anſchauen und pruͤfen zu helfen. Doch bald ſenkten ſie ſich, getroffen von der hohen ſtolzen Geſtalt des Juͤnglings, die — 111 nur einem von Natur und Gluͤck ausgezeichnet beguͤnſtigten Weſen angehoͤren konnte, faſt ſchuͤch⸗ tern zu Boden, waͤhrend der junge Mann ſelbſt ein paar Schritte befremdet zuruͤcktrat, denn die außergewoͤhnliche Tracht ſowohl, als Magnus aͤcht griechiſche Schoͤnheit verſetzte ihn gewaltſam in die Zeiten der Helenen. 3 Magnus bemerkte ſeine Ueberraſchung, und weit entfernt, auch nur den kleinſten Theil da⸗ von auf ſein eigentlichſtes Selbſt zu beziehen, errieth er ſogleich den zweiten Grund derſelben. Zum Ueberfluß fliel auch ſein Auge noch auf ei⸗ nen gegenuͤberhaͤngenden Spiegel, indem er die Fragmente ſeiner fruͤheren Verkleidung gewahrte. Aber es war ihm unmoͤglich, dem noch voͤl⸗ lig Unbekannten das Raͤthſel ſo zu loͤſen, wie es ſich nur allein deuten ließ, denn jede Saite der kleinen Begebenheit, die er beruͤhren konnte, hatte einen wunderſuͤßen Nachklang in ſeiner Bruſt, und die oberflaͤchlichſte Schilderung der Ereigniſſe des heutigen Abends wuͤrde gewiß alle Seeligkeiten und Wunden ſeines Herzens, vor 2 3 112— den ungeweihten Blicken eines Fremden, enthuͤllt haben. 2 Er ſchwieg alſo verlegen, und uͤberließ es demſelben, ſich uͤber ſein wunderſeltſames An⸗ ſehn mit ſich ſelbſt zu einigen.— Wirklich gelang es dem jungen Mann, auch bald Herr uͤber den erſten uͤberraſchenden Eindruck zu werden, und das Stillſchweigen auf eine ungezwungene Art zu unterbrechen. „Wohl trog mich meine Ahnung nicht, wenn ſie mir fuͤr dieſen Abend einen ſehr lieben Ge⸗ faͤhrten in Ihnen verſprach,“ ſagte er verbind⸗ lich.„Darum laſſen Sie uns aber auch unſre Bekanntſchaft, bei welcher der Zufall und jene innere Magie, die das Gleiche zu dem Gleichen zieht, ohnedieß eine Hauptrolle ſpielen, nicht auf die alltaͤgliche Weiſe, mit einem armſeligen Titel und Namenverzeichniß anfangen. Ich heiße fuͤr Sie: Emmo! ein abſolutes Weſen, eine Erdſcholle, die vom Continent des geſellſchaftlichen Verkehrs ſich losriß, und im großen Ozean des Lebens, des aͤchten Schaͤumenden, nicht des Convenzionel⸗ len, Ihnen aufſtoͤßt. Der Beherrſcher einer wuͤ⸗ 113 ſten Inſel, der alles zugleich in ſeinem großen Reiche iſt: Koͤnig und Unterthan, Staatsmini⸗ ſter und Amtsbote, Generalfeldmarſchall und Tam⸗ bour, befehlende und ausuͤbende Gewalt— mit einem Wort. Ich ſei fuͤr Sie nichts als ein Menſch, dem Gott das himmelanſtrebende An⸗ tlitz als ein Zeichen ſeiner hoͤhern Abkunft, und den in den Banden der Sinne befangnen Geiſt als das ſeiner Niedern verlieh. Sie ſollen mir dafuͤr, als Bruder des Staubes, herzlich gegruͤßt ſeyn, erfuͤhre ich auch noch weniger von Ihnen, als ich von mir kund that.“ 7 Magnus laͤchelte. Die Anrede des Juͤng⸗ lings hatte etwas ſo ruͤhrend komiſches und da⸗ bei Schonendes fuͤr ſein eignes Verhaͤltniß, daß er nicht umhin konnte, beifaͤllig in ſeine Idee einzugehen. Erheitert ſetzte er daher den Scherz fort, und erwaͤhnte ſeines Vornamens, Magnus, nun eben ſo fluͤchtig, als jener des Seinen. „Heißen Sie nicht auch Alerander?“ fiel jener lachend ein.„Wahrlich, die beiden Namen, Ihre Zuͤge und die fremdartige Tracht gehoͤren 1r Theil. 5 8 114— ſo genau zu einander, daß es mich beduͤnkt, mein mazedoniſcher Held ſtehe vor mir.“ 1 So ging es in einem Plaudern fort. Em⸗ mo war heiter, witzig und unbefangen. Die Welt hatte ihn noch gar nicht verletzt, und ſein froͤhlich harmloſer Sinn war von einer liebenden Mutter ſorgfaͤltig geyflegt worden. Magnus hatte tiefern Blick in's Leben ge⸗ than. Er beſtand ſchon manchen Kampf mit ſei⸗ nen beſchraͤnkten Verhaͤltniſſen, darum war er ſich mehr bewußt. Witzig konnte das, was er ſagte, nie genannt werden, aber ſinn⸗ und deu⸗ tungsvoll.— Die Freude beruͤhrte ſein Gemuͤth mit leiſerem Fluͤgel, doch ihre Accorde zitterten noch lange auf dem ſtillen Meer ſeiner Gedan⸗ ken nach. Der Schmerz ſchien ihm naͤher ver⸗ wandt, wenigſtens bewegte er ſich natuͤrlicher und zwangloſer in dem Elemente eines tiefen, weh⸗ muͤthigen Gefuͤhls, als in dem farbenreichen Spie⸗ le frohſinnigen Scherzes. Dennoch intereſſirte ſein neuer Bekannter ihn ungemein, und vielleicht darum noch mehr, weil eine geheime Unruhe ſich dieſem Intereſſe 145 beimiſchte. Emmo wollte fuͤr ihn allein in der Welt daſtehn, aber das dritte Wort leitete ihn ſchon wieder auf die Familie des Praͤſidenten, der er durchaus naͤher angehoͤren mußte oder wollte, da er ſich beſonders eifrig nach den Toͤch⸗ tern des Hauſes erkundigte. Magnus hatte in den wenigen Augenblicken, welche er unbeſchaͤftigt in dem Zimmer der Graͤ⸗ ſin zubrachte, nur ein kleines Maͤdchen(daſſel⸗ be, welches nachher den Genius des Todes dar⸗ ſtellte,) geſehen, und dieſes Kind zeichnete ſich ſo wenig aus, daß es unmoͤglich, auch abweſend, noch der Gegenſtand ſeiner immerwaͤhrenden Ge⸗ ſpraͤche werden konnte. Es mußte alſo nur die engelgleiche Theophilia ſeyn, die, durch ein Mißver⸗ ſtaͤndniß fuͤr ein Fraͤulein des Hauſes gehalten, Emmo's ſo lebhafte Theilnahme erregte, und dann war es wohl gar ſein Nebenbuhler, mit dem er jetzt ſo freundlich verkehrte. Das ſtoͤrte uͤbrigens den Frieden ſeines Innern nicht allzu⸗ ſehr. Die Vernunft hatte laͤngſt die Wellen je⸗ ner ungeſtuͤmen Wuͤnſche niedergekaͤmpft, und wenn auch der helle Spiegel ſeines klaren Ge⸗ 8 116— muͤths durch die neuen, fremden Eindruͤcke etwas getruͤbt war, ſo legte er doch, dieſem froͤhlichen Sonntagskinde des Gluͤcks gegenuͤber, eine leiſe Hoffnung nach der Andern, ſtill reſignirend, in die Hand ſeines Schickſals nieder, das nun ſchon fuͤr ihn kein andres, als ein dunkles, unſcheinba⸗ res Loos gezogen hatte. Erſt der zarte Schimmer des roſigen Lichtes in Oſten trennte die ſich Liebgewordenen, und auch für dieſe Minute des Scheidens hatte Em⸗ mo, der ſich uͤberhaupt in ſolchen kleinen Wag⸗ niſſen zu gefallen ſchien, einen neuen ſeltſamen Wunſch. Er wollte nicht wiſſen, wo er den, voon einem guͤtigen Geſchick ihm ſo liebreich zuge⸗ führten Freund aufzuſuchen habe, feſt uͤberzeugt, daß ſie, die ſich einmal erkannt und gewuͤrdigt hatten, ſich doch nie mehr verlieren koͤnnten. O ſchoͤner Glaube! der nur in dem Arka⸗ dien einer vorwurfsfreien, harmloſen, jugendlichen Seele geboren wird, und den wir erſt aufgeben lernen, wenn der Ehrgeiz, die Liebe, oder wie die Leidenſchaften alle heißen moͤgen, uns von der rechten Bahn verlocken. Wie duͤrfen wir auch — 117 denn wohl noch hoffen, den Gefaͤhrten einer tugendhaften Stunde, einer heiligen Begeiſterung fuͤr's Rechte, oder vielleicht gar unſerer ſchuldlos eindlichen Spiele, den wir auf der graden Heer⸗ ſtraße verließen, in den Kreuzwegen des Unrechts und der Leidenſchaften wieder zu finden? Nein! man mußte ſo gut, ſo unverdorben ſeyn, wie Emmo, und ſo gluͤcklich wie er, um ſo feſt an eine zweite Gunſt des Schickſals zu glauben. Nur ein Pfand ſollte Magnus aus ſeinen Haͤn⸗ den empfangen, das ihn oft, recht oft an dieſen Scelenbund mahnte, damit, wenn ſie ſich wieder⸗ faͤnden, ihre Herzen ja nicht gegen einander er⸗ kuͤhlt waͤren; und dieß war ein einfacher Gold⸗ reif, den Emmo vom Finger zog, um ihn dem Freunde anzuſtecken. Eine gleiche Gabe hoffte er: aus deſſen Haͤnden zu erhalten, aber Magnus, ſo eitles Gepraͤnge, als Ringe, Nadeln und Ket⸗ ten ſtets mit edlem Stolze verſchmaͤhend, ſtand in dieſem Augenblick dem Freunde verarmter ge⸗ genuͤber, als ihm wohl je getraͤumt. So gieb mir eine Locke nur, ein Blatt aus Deinem Taſchenbuch! bat jener ſchonend, dem 118— Suchenden die Wahl zu erleichtern. Doch ploͤtz⸗ lich klaͤrte ſich deſſen Geſicht auf. Das Hemd, von einer Nadel bei der Bruſt nur leicht zuſammengehalten, ward auseinander geſchlagen, und eine feine ſchwarze Schnur behend ge⸗ loͤſt, um ein Kreuz, mit Diamanten reich ver⸗ 8 ziert, aus ſeiner geheimnißvollen Staͤtte an's Tageslicht zu ziehen. Dieß reichte er mild dem ſehr beſtuͤrzten Emmo dar, und bat ihn, ſo lange dieſe Stunde Werth fuͤr ihn be⸗ halte, es an jenem Platz zu tragen, wo es, dem Herzen naͤher, durch ſeinen Druck ihn zu⸗ weilen mahnen koͤnnte an ſeinen unbekannten, treuen Freund. Ergluͤhend ſtand der Reichbeſchenkte vor dem beſcheidnen Geber, und kaͤmpfte mit ſich ſelbſt, ob er wohl ſolche Gabe fuͤr einen leichten Scherz zu nehmen ſich unterfangen duͤrfe. Da ſah er ſich allein, und in der Hand, die ausgeſtreckt noch war, das Kleinod von ſich abzuwehren, das Kreuz, vom Glanz der Lichter zauberiſch umfloſ⸗ ſen, den es, in tauſend hellen Strahlen brechend, nur noch ſchoͤner wiederge Jetzt ward's ihm unfreundlich zu Muthe. Er grollte mit ſich ſelbſt, und traͤumte, als die Natur ihr Recht auch an ihm uͤbte, von nichts als Brillianten, die, wenn er ſie beruͤhrte, wie Lichter ſchnell verloſchen, und in Geſtalt von klei⸗ nen Todenkoͤpfen ihn umſpielten. 44. Der Sturm. Theophiliens entfliehendes Leben war unter der ſorgſamen Pflege des herbeigerufenen Arztes und Leontinens bald wieder zuruͤckgekehrt. Der Praͤſident harrte in dem Nebenzimmer mit einem Intereſſe, das er bisher nur fuͤr ſein eignes Wohl und Wehe bewieſen hatte, auf die erſten Lebensſpuren des theuren Pflegekindes, und als deſſen melodiſche Stimme noch weicher als ſonſt, aber auch unendlich ruͤhrender durch die nur angelehnte Thuͤr drang, da vergaß der Welt⸗ mann, der ſich nie ein Vergehn gegen die Schick⸗ lichkeit zu ſchulden kommen ließ, alle Regeln und Formen, ſtuͤrzte in das Zimmer, und bemerkte 120 nicht eher, daß er eine Uebereilung begangen hat⸗ te, als in dem Moment, wo er das durchdrin⸗ gende Auge der St. Clair verwundert auf ſich ruhen, und Leontinen erſchrocken zuruͤckweichen fah. 1 Theophilia, noch voͤllig unbekannt mit den Regeln, welche die Welt vorſchreibt, und deren ſtrenge Beobachtung ſie Anſtand nennt, ohne ſich auf eine genauere Zergliederung dieſes Wortes einzulaſſen, ſah in der raſchen Bewegung des Praͤſidenten nichts, als eine, ihrem Gemuͤth wohl⸗ thuende Theilnahme, an die ſie zwar in ihrem Kloſter gewoͤhnt war, welche ſie aber außer ſei⸗ nen Mauern nicht mehr zu erregen hoffte. Ihre Lilien⸗Wangen faͤrbten ſich daher mit einer ſchoͤ⸗ nen, milden Roͤthe, und ihr ruhendes Haupt richtete ſich auf, um den guͤtigen Beſchuͤtzer dan⸗ kend anzulaͤcheln.— O haͤtte ſie es gewußt, wie ſchoͤn, wie unausſprechlich reizend ſie in die⸗ ſem Augenblick war, und was in dem Herzen des Mannes kaͤmofte, dem ſie ſich ſo vertraulich toͤchterlich hingab, ſie wuͤrde die rothſeidne Decke, welche man nur halb verhuͤllend uͤber ſie gebrei⸗ 3 4 — 121 tet hatte, auch verbergend uͤber den Purpur ih⸗ rer Wangen gezogen haben, den ſchon die leiſeſte Ahnung eines ſolchen Gefuͤhls in der Bruſt ei— nes Andern daruͤber ausgegoſſen haͤtte. Das leichte, ſchneeweiße Pſychengewand, die aufgeloͤſte Lockenfuͤlle, deren glaͤnzendes Braun die blendende Weiße ihres zart geformten Halſes nur noch erhoͤhte, dazu der Ausdruck einer krankhaf⸗ ten Eraltation, der jeder ihrer kleinſten Bewe⸗ gungen eine Lebhaftigkeit verlieh, welche ihrer lieblichen Geſtalt nur noch gefehlt zu haben ſchien, um ſie vollends unwiderſtehlich zu machen— al⸗ les vereinigte ſich heut, dem jungen verwaiſten Kinde eine Bedeutſamkeit in dem Hauſe des rei⸗ chen Grafen Malthen zu geben, die ſelbſt auf deſ⸗ ſen Umgebungen ſchon wirkten. Leontine, die argloſe Seele, hatte doch in ihrer Unſchuld ſogar bemerkt, daß eine verdoppelte Aufmerkſamkeit auf Theophilien ihr des Vaters Wohlwollen noch in einem hoͤhern Grade zuwenden koͤnne, und war, nebſt ihrer Gouvernante, weit eifriger als vorher um ſie beſchaͤftigt. Der Praͤſident, durch eben dieſe Umgebun⸗ 122 gen in dem Ausbruch ſeiner Gefühle geſtort, und dennoch von dem ſuͤßen Laͤcheln des holden Maͤd⸗ chens aufgemuntert, blieb einige Zeit verlegen an dem Sopha, auf dem ſie ruhte, ſitzen, dann ſuch⸗ te er ſie uͤber die Urſach ihrer Ohnmacht auszu⸗ in dem Geheimniß. Doch die ſchoͤne Kranke er⸗ forſchen.. „Ich weiß nicht, was mich auf einmal ſo betaͤubte, ſagte ſie entſchuldigend; aber ich glaube wohl, die mir ungewoͤhnte Stellung, der ploͤtzli⸗ che Glanz der Lichter, und die innere Angſt, wel⸗ che mich ſchon vor der Vorſtellung ergriff, batzen einigen Theil daran.“ Dieſe Worte erinnerten den Grafen wieder an das, was ſeine Schicklichkeitsbegriffe zuerſt bei der ganzen Gruppe beleidigt hatte, an die zu gro⸗ ße Annaͤherung des ſittſamen Maͤdchens an den fremden Juͤngling, und, nicht eigentlich delikat, fügte er daher in halbem Unmuth hinzu: „Vielleicht wurde auch Theophiliens Zartge⸗ fuͤhl durch das nicht ganz Schickliche der Gruppi⸗ rung, bis zur Ueberſpannung gereizt.“ Die St. Clair erblaßte, denn ſie war mit — 123 roͤthete nur leicht, uͤber den Wahn, in dem ihr Beſchuͤtzer ſtand, ohne ſich ſelbſt dadurch verletzt zu finden.. 4 „So iſt es nicht, mein guͤtiger Vater!“ entgegnete 2 ſanft.„Der Zoͤgling eines ehr⸗ wuͤrdigen Kloſters wuͤrde gewiß keine Rolle uͤber⸗ nommen haben, die ſein Zartgefuͤhl auch nur im Mindeſten beruͤhrt haͤtte. Die fremde Tracht des jugendlichen Griechen taͤuſchte auch Sie, wie al⸗ le, die nicht mit in dem Geheimniß waren; doch wir, wir wußten ſchon, daß unter der maͤnnli⸗ chen Huͤlle ein Frauenherz wie unter dieſer ſchlug.“ Zornſtrahlend ſprang Graf Malthen auf, doch ſich ſchnell beſinnend, welche uͤble Folgen ei⸗ ne uͤbereilte Entdeckung fuͤr die Getaͤuſchte haben koͤnne, begnuͤgte er ſich nur, einen zermalmenden Blick auf die beſtuͤrzte St. Clair zu werfen, und dann, die Unterhaltung wendend, ſie unter irgend einem ſchicklichen Vorwand zu verlaſſen.— Theophilia hatte wohl die heftige Bewegung ddes Praͤſidenten bemerkt, doch zu ſchwach, um lange daruͤber nachzudenken, ſenkten ſich ihre Wim⸗ 124 pern bald beſchattend auf die muͤden Augen, und ein ſuͤßer Schlaf beraubte ſie des ihr noch frem⸗ den Anblicks eines, in den Schlingen der Luͤge befangnen Gemuͤths. Der Graf enteilte indeß nur Theophiliens Zimmer, um, von ihr unbemerkt, die ganze Wuth geheimer Eiferſucht und gerechten Zornes uͤber die unwuͤrdige Taͤuſchung des unſchuldigen Kindes ausbrechen zu laſſen. Er ſtuͤrmte faſt das Zim⸗ mer ſeiner Gemahlin, und nie hatte ſie ſo harte . Worte, ſo eingreifenden Spott uͤber die Kunſt, die, um der Welt ein reizendes Ideal zu geben, erſt den Engel der holden Scham, der jede andre Tugend in der Bruſt der Frauen pflegt und ſchirmt, zerſtoͤren muͤſſe, vernommen. Daß er den Keim zu dem heutigen Ereigniß ſelbſt gelegt hatte, durch ſeine fruͤhere Einfuͤhrung des Maͤd⸗ chens als Pſyche, bedachte er, nach Art der Maͤn⸗ ner, wenig; denn im Eifer fuͤr die gute Sache, — war die Gruppirung der Figuren auf der leicht hingeworfnen Zeichnung ihm gaͤnzlich entgangen, zudem hatte er ſeiner Frau wirklich ein ſo ra⸗ ſches Aufgreifen ſeines Einfalls nicht zugetrant. Dieſe hingegen, erſtaunt, uͤber einen Scherz ſo hart verletzt zu werden, den nur des Maͤdchens Einfalt, wie ſie es nannte, ihr noͤthig, aber auch verzeihlich machte, fand es ihrerſeits unwuͤrdig, ſich gegen Beſchuldigungen zu vertheidigen, die nur ein erhitztes Gemuͤth ſo kunſtreich an einan⸗ der reihen konnte. Aber in ihrer Seele ſtieg zum erſtenmal ein Argwohn auf, der zwar ihr Herz nicht, doch aber ihren Stolz beleidigte. „Mich duͤnkt,“ ſagte ſie ſchneidend kalt, „ich habe das junge Maͤdchen vor andrer Un⸗ „bill zu bewahren, als vor einem Irrthum, „der, ſo lange es Dir nicht beliebt, ihn et⸗ „wa zu zerſtoͤren, weder verderbend, noch ent⸗ „weihend auf ihr weibliches Zartgefuͤhl wir⸗ „ken kann; drum waͤre es wohl zerathner ge⸗ „weſen, nicht erſt an's Licht zu ziehen, was „ſich ſcheu verbirgt.“ Der Graf fuͤhlte den Vorwurf, der in dieſen Worten lag; allein der Unmuth, welcher ihn bis in das Zimmer ſeiner Gemahlin verfolgt hatte, wurde dadurch nicht gemildert. Denn, das iſt ja eben das Eigenthuͤmliche der Worte, die nicht vom 126—. Herzen kommen, daß ſie auch den Pfad, der zu ihm leitet, verfehlen. Sie reizen den Verſtand zu einem moraliſchen Zweikampf, der oft auf noch weniger hinauslaͤuft als der phyſiſche, denn nach⸗ dem man ſich gehoͤrig geſchraubt, und mit ſpitzer Rede verwundet hat, geſteht man ſich endlich ein, daß der menſchliche Geiſt eine tauſendkoͤpfige Hyder iſt, deren Lebenskraft mit dem Angriff waͤchſt, und legt dem kleinen Marterwerkzeug der Zunge Schweigen auf, weil der fein zugeſpitzte Pfeil der Worte nun doch einmal den rechten un⸗ bewaffneten Punkt nicht treffen kann. Indeß geſchieht es wohl auch manchmal, daß er, klug berechnet, grade am empfindlichſten in un⸗ ſer innres Maſchinenwerk eindringt, aber dann iſt auch die ſchoͤne Harmonie des Ganzen in und außer uns auf immer geſtoͤrt. Nur das Herz koͤnnte ausgleichend dazwiſchen treten, denn wo es ſich warnend, vertrauend, in liebendem Selbſt⸗ vergeſſen aufſchließt, und in ſuͤße Toͤne uͤbergeht, da klingt die Saite in dem angeſprochnen Ge⸗ muͤth ſympathetiſch nach, und der Streit iſt ge⸗ ſchlichtet. Aber zu groß fuͤr die feinen, liſtigen 4 127 Streiche, mit denen der Witz und die Satyre ſich nur Durch neue Angriffe pariren, verſchmaͤht es jede Einmiſchung in fremde Streitkraͤfte So endete ſich denn auch das Geſpraͤch der beiden gegen einander aufgeregten Geiſter, ohne ſeinen mildernden Einfluß. Der Graf war betroffen, Clementinen ſo kalt auf eine Empfindung anſpielen zu hoͤren, die, in myſtiſch geheimnißvolles Dunkel gehuͤllt, in ſeiner Bruſt ruhte, und deren leiſeſte Ahnung ihm ſchon ein Frevel an der ſchneeweißen Taube, die ſich unter ſeinem Schutz gerettet hatte, zu ſeyn ſchien. Aber eben dieſe Kaͤlte machte ihn vertrauter mit ſich ſelbſt, und loͤſte noch vollends das lockre Band, welches ihr gegenſeitiges Intereſſe bisher noch um ſie ſchlang. Doch begriff er leicht, daß ein oöͤffentlicher Bruch fuͤr jetzt nur Theophiliens Eh⸗ re verletzen koͤnne, und ein geheimer die Schuld⸗ „loſe blos der Gewalt einer, um ihrentwillen be⸗ leidigten Frau uͤbergeben wuͤrde. Darum endete er dieſe Unterredung, zwar nicht ohne heftige Bewegung ſeines Innern, aber doch mit ſchein⸗ barer, aͤußerlicher Ruhe, verſprach Theophiliens 128— Irrthum nicht zu zerſtoͤren, verbat ſich jedoch al⸗ le mimiſchen Darſtellungen fuͤr die Zukunft, und entfernte ſich mit einem ſehr zweifelhaften Triumph, da die Graͤfin alle ſeine empfindlichſten Angriffe auf ihre Kunſt ſehr nachdruͤcklich, durch das an's Lichtziehen ſeiner geheimſten Gedanken, vergol⸗ ten hatte. Der Sturm war nun ausgebrochen. Die t Wellen thuͤrmten und baͤumten ſich alle gegen ein ſchwaches, gebrechliches Fahrzeug, das man aus ſichrer Bucht in das große, ſchaͤumende und ver⸗ ſchlingende Weltmeer geſtoßen hatte, und in dem ein zartes, liebliches Kind in ſuͤßer Unſchuld, als umſpielte ein holder Zephyr ſeine Wangen, und als ſchaukle die ſorgliche Mutter ſein kleines Bett, um den Liebling zur Ruhe zu bringen, harmlos ſchlummerte, von gaukelnden Traͤumen umſchwebt, die Ungewitter nicht ahnend, welche ſeine Gegen: wart uͤber dem Haupte ſeines Beſchuͤtzers herauf⸗ fuͤhren ſollte. 15. Der Fremde. Die geſtrigen Mißtoͤne wuͤrden gewiß auch den andern Tag noch nachgeklungen haben, wenn nicht ein neues Ereigniß, das mit Theophiliens unfall außer aller Beziehung ſtand, den Praͤſi⸗ denten wieder etwas mit ſeiner Gemahlin ver⸗ ſoͤhnt haͤtte. Der Graf weihte die erſten Mor⸗ genſtunden gern denjenigen Studien, welche außer ſeinem Geſchaͤftskreis lagen; darum hatte er das ſtrenge Geſetz gegeben, daß vor der zehnten Stun⸗ de kein ſtoͤrender Fußtritt ſeiner Thuͤr nahen duͤrfe. Die Diener des Hauſes, an die hoͤchſte Puͤnktlichkeit gewoͤhnt, weil ihr Herr ſelbſt nie dagegen fehlte, und man es auch gar nicht er⸗ lebte, daß irgend eine unvorhergeſehene Begeben⸗ heit die ſeit Jahren beſtehende Zeiteintheilung unterbrach, gingen bis zu der Minute, wo die Klingel des Gebieters erklang, nur auf den Ze⸗ hen an ſeiner Thuͤr voruͤber, und wieſen, ohne jemals daruͤber getadelt zu werden, unbarmherzig 1r Theil. 3 9 130 jeden ab, der vor dem Glockenſchlag Zehn Gehoͤr verlangte. Dabei dachten ſie nichts Schlimmes, denn nach dieſer Zeit waren ſie hoͤflich, dienſtfer⸗ tig und beſcheiden, aber man ging doch unbefrie⸗ digt von dannen, wenn man die Regel des Sau⸗ ſes nicht kannte. Ein gleiches Loos drohte auch, den Morgen nach der Vorſtellung des Tableau mouvant, ei⸗ nem jungen Manne, der ſchon um ſieben Uhr Eintritt und Meldung begehrte. Man ſagte ihm, was ſeit undenklicher Zeit jeder zu fruͤhe Gaſt hoͤren mußte, aber wunderbarerweiſe war er der Erſte, der ſich nicht abweiſen ließ, und durch ſei⸗ ne Einwendungen die Geduld des alten Jakob erſchoͤpfte, dem es einfiel ihm Geduld predigen zu wollen. Endlich trat Leontine, von ihrem niedli⸗ chen Reh begleitet, das ſie, ſo lange die Geſchwi⸗ ſter noch ſchliefen, gewoͤhnlich aus ſeinem kleinen Zwinger im Garten befreite, um mit dem alten lieben Spielgefaͤhrten ein Stuͤndchen zu vertaͤn⸗ deln, durch die Hinterthuͤr in das Haus. Sie ſtutzte bei dem unvermutheten Anblick eines ſau⸗ ber gekleideten Fremden, der, ſie nicht bemerkend, 131 eifrig auf den grauen Diener einrebete. Ihr Reh ſtutzte auch, aber doch noch raſcher in ſeinen Ent⸗ ſchluͤſſen als ſeine ſchoͤne Gebieterin, verfiel es ſchnell in den Zuſtand fruͤherer Wildheit, und ent⸗ floh wie der Blitz durch die halb geoͤffnete Thuͤr auf die Straße. Leontine that einen Schrei; dadurch wurde der junge Mann in dem Strom ſeiner Rede unterbrochen, und blickte ſeitwaͤrts nach der kleinen Stoͤrerin, die ſchon auf dem Punkt ſtand, ihrem Favorit auf dem Fuße zu folgen. „Mein Gott, Comteschen, was iſt denn?“ rief Jakob eilfertig.„Iſt der Favorit fortgelau⸗ „fen? Nun laſſen Sie nur, der lauft nicht weit, „kennt des alten Jakob Stimme.“ „Ja ſpring nur, ſpring! Dich hole ich ſchon ein!“ Mit dieſen Worten war der treue Diener ebenfalls zur Thuͤre hinaus, und Leontine ſtand verlegen und erroͤthend dem Fremden allein gegen⸗ uͤber, der ihre Geſtalt mit beſonderm Wohlge⸗ fallen zu betrachten ſchien. Sie wartete ſchuͤch⸗ tern, daß er ſie anreden ſollte, und fuͤrchtete auch 9* 132 wieder nach Art junger, halberwachſener Maͤd⸗ chen, in ein Geſpraͤch gezogen zu werden. Aber er ſchien uͤber ihren Anblick ſein ganzes Anliegen vergeſſen zu haben, und entſchuldigte ſich nur laͤ⸗ chelnd uͤber den Schreck, welchen er ihr durch ſei⸗ ne Gegenwart gemacht hatte. Darauf ließ ſich wohl noch antworten, und unterdeß kam Jakob mit dem kleinen Deſerteur zuruͤck. Liebkoſend und ſcheltend begruͤßte Leontinchen nun ihren Liebling, und wollte ſchon wieder davon eilen, als der Unbekannte ſich beſinnend ihre Hand ver⸗ traulich ergriff, und ſie bat, ſeine Fuͤrſprecherin bei dem Herrn Grafen zu werden.„Ich moͤchte ihn ſo gern jetzt ſehn 1“ ſetzte er dringend hin⸗ zu,„ich bringe ihm ſo viel, o mehr als alle die, welche, wie man mich verſichert, erſt um zehn Uhr kommen duͤrfen; ein volles, uͤbervolles Herz.“ Leontine heftete ihr blaues Auge freundlich auf den Juͤngling, der ihr mit ſeinem Ungeſtuͤm und den wohlgefaͤlligen Blicken, mit denen er ſie auch jetzt noch betrachtete, recht ſehr gefiel. Aber ſie zoͤgerte dennoch, des Vaters ſtrenges Verbot ſcheuend. — 133 Da wendete der Fremde ſich traurig gegen Jakob und ſagte ſeufzend: „So muß ich alſo wirklich gehn? Muß die unendliche Freude, die mich den heutigen Tag kaum erwarten ließ, wieder mit mir forttragen?“ „Nein, das ſollen Sie nicht unterbrach ihn Leontine jetzt haſtig.„Kommen Sie, mein Herr! ich fuͤhre Sie zu meinem Vater!“ Jakob ſchuͤttelte das greiſe Haupt, aber das Maͤdchen ging muthig voran, oͤffnete raſch, als haͤtte ſie ihrem eignen Enthuſiasmus nicht mehr recht getraut, die Thuͤr von dem Zimmer ihres Vaters, und ſtotterte, von ſeinem ernſten Blick zu Boden geſchmettert, nichts als die Worte: „Ein Fremder, lieber Vater!“— heraus, dann flog ſie, gleich ihrem Reh, das ihr kaum zu folgen vermochte, zu Jakob zuruͤck, um ihm zu ſagen, was er laͤngſt wußte, daß der Vater recht boͤſe ausgeſehn haͤtte. Das Unternehmen war freilich mißlich, benn noch nie hatte ein Sterblicher das Heiligthum der Muſen, das Studierzimmer ihres Vaters ſo fruh betreten; aber da ſie nun ſchon einmal uͤber 134 den Rubicon gegangen war, ſo haͤtte ſie fuͤglich ihrer kleinen weiblichen Neugierde nachgeben, und ein paar Minuten laͤnger dort verweilen koͤnnen. Sie haͤtte dann geſehn, wie der ſchoͤne blonde Juͤng⸗ ling erſt eine Zeit lang die hellen, durchdringenden Augen auf das ernſte, ſtrenge Geſicht des Grafen richtete, und dann geruͤhrt, erſchuͤttert und froh bewegt vor ihm niederkniete, den brennenden Mund auf ſeine Hand druͤckte, und endlich halb leiſe frug: „Denkt der gluͤckliche Vater einer ſo ſchoͤ⸗ nen Tochter wohl noch an Conſtanzens Verſpre⸗ chen? Der Sohn kommt, es zu loͤſen.“ Malthen hatte erwartend die ſtumme Scene mit angeſehn. Erſt die Worte des Juͤnglings zo⸗ gen einen Schleier von ſeinen Augen. Ueber⸗ raſcht und, er konnte es ſich nicht ableugnen, hocherfreut, ſtand er vor der jugendlich kraͤftigen Geſtalt, die auf einmal in ſo nahe Beziehung zu ihm trat, und deren vollkraͤftiges Leben die ſchon eingeſunkne Hoffnung, ſeinen Namen auf kuͤnfti⸗ ge Geſchlechter forterben zu ſehn, neu belebte. „Mein Sohn! mein Emmo!“ rief er, und breitete die Arme vaͤterlich liebend nach ihm aus. — 13⁵ Der Juͤngling ſtuͤrzte ſich hinein, er jauchzte den theuren Vaternamen, den ſeine edle Mutter wie ein koſtbares Kleinod in das weiche Kindesherz niedergelegt hatte, und an dem ſie heldenmuͤthig jedes ſchoͤne, große und gute Bild hing, das ſie dem Auge des geliebten Sohnes vorſchob. „Warum ſo ſpaͤt, mein Sohn?“ frug jetzt der Praͤſident vorwerfend.„Konnte die Leitung der Mutter Dir ſo ganz die vaͤterliche erſetzen? oder ſagte man Dir niemals, daß ich noch lebte? „Taͤglich, mein Vater! aber auch, daß der Sohn nicht halb vollendet vor ſeinen großen Va⸗ ter treten duͤrfe. Eine doppelte Erziehung ent⸗ wickelt den Menſchen ſelten guͤnſtig; doch dem Erzognen wird es leicht, ſich jede Art von Bil⸗ dung anzueignen.“ „Mein Sohn! Du gleicheſt Deiner Mutter ſehr. Haſt Du auch jene Feſtigkeit, welche ſie zu meinem Ungluͤck in ihren Neigungen beſaß? Du wuͤrdeſt in meinem Herzen ſehr dadurch ge⸗ winnen.“ Emmo hob das leuchtende Auge zu dem Va⸗ ter empor.„Meine Mutter iſt eine ſehr, ſehr 136 edle Frau! Ihre Seele iſt feſt wie ein Diamant, und weich und hell wie ein Thautropfen. So, ſagte ſie, muͤſſe auch der Mann ſeyn.“ „ Das Rechte thun, am Schoͤnen ſich erfreun, „Das Leben lieben, und den Tod nicht ſcheun.“ „Und wo iſt ſie jetzt— die Frau, die gegen alle gerecht war, nur gegen mich nicht?“ frug Malthen, truͤbe vor ſich hinſtarrend. Emmo zog ein fein zuſammengefaltetes Blatt hervor, blickte es einen Augenblick mit einem wehmuͤthig freundlichen Laͤcheln an, und uͤber⸗ reichte es dem Vater beſcheiden, indem er noch hinzufuͤgte, daß ſeine Mutter es ihm, im Fall ei⸗ ner ſolchen Frage, uͤbergeben habe. Der Praͤſident durchflog es begierig. Es enthielt nur wenige Worte, und war folgenden Inhalts: „Nach einem langen Schweigen gelangt, „wenn Sie anders meiner noch gedenken, „die erſte Kunde an Sie. Ich wendete die „Zeit, welche ich fuͤr Sie und die Welt ver⸗ „loren war, an die Erziehung Ihres und „meines Sohnes.“ „Dies iſt ein Band, das zwiſchen uns nie zerreißen kann. Ich habe mich gewoͤhnt, „den Namen des Vaters meines Kindes „nur mit Hochachtung und Liebe zu nen⸗ „nen, weil ich in dem Herzen des Juͤng⸗ „lings keinen Widerſpruch pflanzen wollte. „Er ſoll dem unbekannten Vater, dem ich „ihn bisher entzog, wie ſeine Mutter, die „nie von ſeiner Seite wich, lieben und eh— „ren. Er ſoll ohne Widerwillen aus ihren „Armen in die ſeines hochgeehrten Vaters „ubergehn, und dieſes Problem konnte nur „durch ein ſehr vorſichtiges Betragen, ven „meiner Seite, in Räckſicht Ihrer, geloͤſt „werden.—— Jetzt lege ich das reine, „unentweihte Gemuͤth meines Emmo in Ih⸗ „re Haͤnde, gehen Sie ſorgſam damit um! „Die Kaͤmpfe fruͤh gereizter Leidenſchaften, „die Entzweiung mit ſich ſelbſt, und die „unruhen heftiger Neigungen, ſind ihm „noch fremd. Ringen Sie nicht darnach, „ſeine Liebe vorzugsweiſe zu gewinnen, er „gehoͤrt Ihnen ſo gut als mir. Sie wuͤrden 138 ihn verlieren, wenn Sie mir ihn rauben „wollten, denn er iſt gewoͤhnt, von dem ab⸗ „weſenden Theil ſeiner Eltern mit der hoͤch⸗ „ſten Achtung ſprechen zu hoͤren. Fragen „Sie auch nicht, wo ſeine ungluͤckliche Mut⸗ „ter ihr veroͤdetes Daſeyn hinſchmachtet. „Sie wuͤrden das erſte Geheimniß zwiſchen „ſich und ihr ſtellen, denn er darf Ihnen nnicht antworten, und er wird es nicht, „weil er ein Mann, weil er Ihr Sohn iſt! Conſtanze.“ „Du laſeſt, was in dem Briefe ſtand?“ frug der Graf, einen Blick auf das ungeſiegelte Papier werfend. „Nein! mein Vater!“ erwiederte Emmo. „die Mutter verbot es mir beſtimmt.“ „Und doch fand ſie ein Siegel fuͤr uͤber⸗ fluͤſſig;“ bemerkte der puͤnktliche Geſchaͤftsmann, dem es unbegreiflich war, wie man auch nur ei⸗ ne Zeile unverſiegelt aus ſeinen Haͤnden geben koͤnne. 3 F Emmo erroͤthete. Es gab den erſten Miß⸗ ton in ſeinem Gemuͤth, daß der Vater den Wi⸗ — 139 len der Mutter nicht fuͤr das allerſtaͤrkſte Siegel anerkennen wollte, darum verſetzte er auch nicht ganz ohne beleidigten Stolz: „An des Sohnes Herzen ruht das Geheim⸗ niß der Mutter in ſichrem Schacht. Das Sie⸗ gel wuͤrde es vielleicht verwundet haben. Das wollte die Guͤtige vermeiden.“ Malthen ſtaunte. Die Erziehung ſeines Sohnes, von weiblicher Hand geleitet, uͤber⸗ traf alle Reſultate, die er ſich von ſeinem eig⸗ nen Syſtem verſprochen hatte. Ein wenig er⸗ centriſch ſchien ſie ihm wohl, fuͤr das gewoͤhn⸗ liche Leben nicht ganz berechnet, aber ſie kam doch dem Ideal ſeiner fruͤheren Traͤume naͤher, als jede andre, die er noch in der großen Welt, oder in Erziehungshaͤuſern beobachtet hatte. Der Juͤngling war frei, froͤhlich, muthig und treu. Und wie gelang es der Frau, die gar nicht dar⸗ nach ausſah, als werde ſie je die Grenzen ihres Geſchlechts uͤberſchreiten, ein ſo ſtrenges Erzie⸗ hungsſyſtem auszuarbeiten und durchzufuͤhren? Er horchte den jungen Menſchen uͤber den Gang ſeiner Studien aus. Es war ein ganz 3 140—— 2 gewoͤhnliches! uͤber ſeine Lehrer? er hatte gar keine gehabt, nur ein paar Hausfreunde und die Profeſſoren der Univerſitaͤt. Ueber die Ent⸗ behrungen, die man ihm aufgelegt, und die rit⸗ terlichen Uebungen, die man von ihm gefordert hat⸗ te? Von den Erſteren wußte er nichts, denn er war immer unausſprechlich gluͤcklich geweſen. Sei⸗ ne gute Mutter hatte in weicher Liebe alles hin⸗ gegeben, um ihm einen heitern Augenblick zu bereiten. Sein ganzes Leben war ein reicher Freudengarten geweſen, und geuͤbt, oder viel⸗ mehr verſucht hatte er ſeine Kraͤfte nur, weil der Ayfel auf dem Gipfel der Baͤume, und die Ausſicht auf der ſchroffſten Felsſpitze, ihm immer die Schoͤnſte und Lockendſte ſchien. Dieß alles erzaͤhlte er ſo harmlos und na⸗ tuͤrlich, daß man wohl ſah, er fand nichts Be⸗ ſonderes darin. Der Vater indeß, nun ſchon ein⸗ mal daran gewoͤhnt, mit dem Menſchen nicht ganz ruͤckſichtslos umzugehn, verſtrickte ihn in hundert Netze, um den Aufenthalt der Mutter, nach dem er nicht gradehin forſchen wollte, durch .— 141 umwege heraus zu bringen. Doch hier ſcheiter⸗ te ſeine Kunſt. Der junge Menſch ſpielte um ſein Geheimniß herum, als ſollte es jeden Au— genblick hervorbrechen, aber er verwahrte es den⸗ noch wie eine Mauer. Der Graf wußte nach ein paar Stunden genau, was ſein Sohn galt, doch nicht ein Wort von dem, was er verſchwei⸗ gen wollte. Jetzt kam aber die Reihe des Fragens an Emmo. Er wanſchte zu wiſſen, ob das liebliche Maͤdchen, das ihn hier eingefuͤhrt hatte, ſeine aͤlteſte Schweſter ſei, er war begierig, ſeine neue Mutter kennen zu lernen, und zwar ohne jeden lei⸗ ſen Anflug von Mektation. Er ſchien die Woͤr⸗ ter Stiefmutter und Stiefſchweſter, nie, oder doch in Beziehung, wie ſie oft ausgeſprochen werden, nicht gehoͤrt zu haben. Dieſe Schonung dankte der Praͤſident Conſtanzen, obgleich der Wahn, der ſich ſogar in den Worten ihres Soh⸗ nes ausſprach, daß er durch Clementinens Beſitz ſehr gluͤcklich ſei, ihm von Neuem wehe that. Indeß erinnerte ihn doch Emmo's Ungeduld, ſei⸗ ne Verwandten kennen zu lernen, an das, was „ 142 er dem Anſtand und der Achtung gegen ſeine Gemahlin ſchuldig war, und ſo eilte er denn, nicht ohne vaͤterlichen Stolz, den bluͤhenden Juͤngling in dem Muſeum der Graͤfin einzufuͤh⸗ ren. Dieſe hatte, nach dem geſtrigen Auftritt, nicht ſo bald die Erneuerung des Beſuchs ihres Gemahls erwartet, und ob wohl ihr innerliches, geiſtiges Leben durch ein ſolch aͤußerliches Miß⸗ verhaͤltniß nicht eben ſehr geſtoͤrt wurde, ſo liebte ſie doch den Frieden, der guͤnſtiger auf ihr Stre⸗ ben einwirkte, viel zu ſehr, um nicht die neue Mittelsperſon, welche ſich ihr in dem intereſſan⸗ ten Emmo darbot, herzlich willkommen zu hei⸗ ßen. Waͤre Conſtanze in dieſem Augenblick an der Seite ihres vielgeliebten Sohnes geweſen, ſie wuͤrde ihm keine holdere Aufnahme von ſeiner Stiefmutter gewuͤnſcht haben, als ihm wurde. Und niemals auch konnte ein Erſtaunen ſchmei⸗ chelhafter ſeyn, als das, womit der Juͤngling die ſchlanke, junoiſche Geſtalt betrachtete, deren Schoͤnheit, durch keinen Schmerz entweiht, noch mit all dem Reiz ausgeſchmuͤckt war, mit wel⸗ 14³ chem ihre Kunſt in ſo hohem Grade die Gebilde ihrer Phantaſie beſchenkte. Clementine beſaß das Talent, alles, was nicht in den naͤchſten Beziehungen zu ihr ſtand, unwiederſtehlich anzuziehen. Auch Theophilia ward, als ſie zum erſtenmal in ihre Naͤhe trat, von demſelben Zauber befangen, und Emmo's Intereſſe wurde noch durch die uͤbertroffne Er⸗ wartung um ein Großes erhoͤht. Die vollkommne Ausbildung irgend eines Talents leiht den Zuͤgen eine Art von Sinnigkeit, die beſonders ein ſchoͤnes weibliches Geſicht, lan⸗ ge uͤber die friſche Jugend hinaus, reizend macht. Die Gelehrſamkeit hingegen raubt den Formen alle Rundung, furcht die geglaͤttete Stirn, und entkoͤrpert die Geſtalt ſo ganz, daß durch jede Spalte des reizloſen Knochengerippes der ſchoͤne Geiſt durchblickt. Wo aber die Seele ſich in das Reich der Toͤne verliert, wo das Ohr nur vollendete Me⸗ lodieen in ſich aufnimmt, und die kunſtgeuͤbten Finger die Handhaben unſrer Gefuͤhle, die Doll⸗ metſcher jener innern Muſik ſind, die, wie ein 4 4 4— wohlgeſtimmtes Saitenſpiel, in jeder harmoniſchen Bruſt ruht, da muß auch ein ſtill heitres, in ſich ſelbſt begluͤcktes Gemuͤth wohnen, und der Schmelz der Farben, der Glanz des Auges, das etwas anders, als den gewoͤhnlichen Lebensver⸗ kehr ſucht, kann durch das Leben nicht abgenutzt werden. 3 4 Wem nun erſt das ſchoͤne Geheimniß des ſchaffenden Pinſels zu Theil ward, wer es ver⸗ ſteht, aus dem Schacht der Gedanken, gediegen und rein, das holde Bild hervorzuziehen, und der todten Leinwand bluͤhend, kraͤftig und lebens⸗ voll aufzudruͤcken, den ſollten doch wohl die Goͤt⸗ ter dafuͤr mit ewigem Reiz beſchenken, und nim⸗ mer die Rundung der eignen Formen in dem Beſtreben, Fremde in Einklang zu bringen, un⸗ tergehen laſſen. Noch ſtand Emmo huldigend, der ſchoͤnen geiſtreichen Mutter gegenuͤber, als Leontinens Lockenkoͤpfchen ſchalkhaft zur Thuͤre hereinguckte. Mit großer Aufmerkſamkeit hatte ſie von ihrem Fenſter aus die Straße bewacht, um ihren lie⸗ benswuͤrdigen Protege fortgehen zu ſehn. Denn — 145 erſtens konnte ſie nach der Laͤnge ſeines Beſuchs bei dem Vater, und dann aus der Veraͤnderung ſeiner Zuͤge, die ſie ſich vorhin ganz vortrefflich gemerkt hatte, leicht auf ſeinen Empfang ſchlie⸗ ßen, und folglich auch, ob ſie einen dummen oder klugen Streich gemacht. Aber ſie mochte ſich die Luchsaͤuglein noch ſo ſehr reiben, von allen aus dem Hauſe tretenden Perſonen glich auch nicht eine einzige dem huͤbſchen Fremden, und ihre Geduld, die heut zum erſtenmal die Probe beſtand, war doch beinahe erſchoͤpft, als Jakob mit einem Geſicht, auf dem ein großes Geheim⸗ niß geſchrieben ſtand, zu ihr trat, und ſo lange geheim that, bis das frohſinnige Maͤdchen, deſ⸗ ſen Bitten noch keiner im Hauſe widerſtand, (am wenigſten der alte, graue Diener des ſtren⸗ gen Gebieters, den die ſchoͤne Fruͤhlingswaͤr⸗ me ihres weichen Gefuͤhls ſchon ſo oft in dem Norden eines hohen Alters und ſchweren Dien⸗ ſtes wohlthaͤtig angeweht hatte) ihm ſeine Wun⸗ dererzaͤhlung ablockte. Wohl kam dem lieblichen Kinde der neue Bruder wie aus den Wolken gefallen, denn der ꝛr Thei. 10 146— wortkarge Vater, und die, in ihre Ideale ver⸗ ſunkene Mutter, ſprachen nie von dem Entfern⸗ en, Ungekannten, in ihrer Gegenwart. Aber Jakobs Erzaͤhlungen, denen ſie gern zuhoͤrte, weil ſie wie huͤbſche Maͤrchen klangen, die ſie, noch von ihrer zarteſten Kindheit her, liebte, hat⸗ ten ſie laͤngſt in das Schickſal ihres Sanles ein⸗ geweiht. 3n Die arme Conſtanze, wie ſie, mit dem En⸗ gelskinde auf dem Arm, aus dem Hauſe ſchied, in dem ſie ſich nie heimiſch fuͤhlte, weil der Gat⸗ te ihr fremd blieb, war ihr ein ruͤhrend wehmuͤ⸗ thig Bild, das ihr um ſo intereſſanter ward, jemehr der alte Mann, der die Grundzuͤge der vormals ſo geliebten Herrin im Strom der Zei⸗ ten verloren hatte, ſeine Erzaͤhlungen durch ſtete Albwechſelumg neu zu erhalten wußte. Daß aber der kleine Emmo auf dem Arm der Mutter groß, recht groß geworden war, und einmal ploͤtzlich in der Familie erſcheinen wuͤrde, hatten beide nicht bedacht, und nun ſtand er vor Leontinen, ſie mit freudeſtrahlenden Augen betrachtend, in ju⸗ gendlichem Glanze des Lebens. O wahrlich, die 1„ *— 147 ſchoͤn Gegenwart uͤbertraf weit die Maͤrchen der Vergangenheit. Erroͤthend hieß ſie den Bruder willkommen und ergluͤhend ſenkte der Strahl ei⸗ ner ſuͤßen, in ſolcher Fuͤlle noch nie gekannten Schweſterneigung ſich in ihr Herz. Da reichten, verſoͤhnt und befriedigt, die Eltern einander die Haͤnde; denn es ruͤhrte ſie doch, die reine Flamme einer ſchuldloſen Neigung aus den beiden Geſchwiſterherzen hervorbrechen zu ſehn, die fern von einander, und ſo verſchie⸗ denartig erzogen, mit einer einzigen Umarmung die Kluft uͤberſprang, die eingebildete Vorurtheile und Ungleichheit der Neigungen ſo oft zwiſchen Kinder zweier Muͤtter befeſtigen. 16. Der Morgenbeſuch. Theophilia laͤchelte dem Morgen, der der Malthenſchen Famillie ein neues Mitglied zufuͤhr⸗ te, recht holdſeelig entgegen. Das Gefuͤhl des Unwohlſeyns hatte ſie verlaſſen, und die Erin⸗ nerung an die liebevolle Sorglichkeit, mit der 10⁸ 148 alles um ſie her beſchaͤftigt geweſen, war ihr ge⸗ blieben, und hatte einen neuen Schimmer uͤber ihr fremdes, veroͤdetes Daſeyn geworfen. Zaͤrt⸗ lich umſchlang ſie Leontinen, die ihr den Morgen⸗ gruß brachte, und ihre feinen Lippen oͤffneten ſich zu ſcherzender Gegenrede, waͤhrend die ſanften Augen von einem muthwilligen Feuer ſtrahlten, das ſie den Blitzenden ihrer ſchalkhaften Freun⸗ din entwendet zu haben ſchienen. Ja! der Tag, an dem das ſeelige Gefuͤhl der Geneſung uns durchzuckt, iſt auch nach dem kleinſten Krankheitsfall immer ein Feſttag, deſſen erſte Hore uns feierlich wie einen jungen Koͤnig hegruͤßt. Der Sonne goldner Strahl, die freund⸗ liche Morgenbeleuchtung des Zimmers, die laͤ⸗ chelnden Geſichter unſrer Umgebungen, der leiſe⸗ re Ton ihrer Stimme, alles, alles ſcheint nur die Vorkehrung zu einem Huldigungsakt zu ſeyn, der den Hochbegluͤckten triumphirend in ein neues, verſchoͤnertes Daſeyn einfuͤhrt. So war auch in Theophiliens Bruſt ein Freudenfeuer aufgegangen, das ſeine hellen Strah⸗ len freilich nicht ganz der Wirklichkeit entlieh, .— 149 aber doch ihren Muth fuͤr das Verhaͤltniß, in welchem ſie ſich ſeit dem Tode ihrer theuern Pfle⸗ gemutter befand, ſehr erhoͤhte. Beifaͤllig hatte ſie Leontinens Erzaͤhlung ih⸗ res Abenteuers mit dem intereſſanten Fremden mit angehoͤrt, ohne auch nur im entfernteſten die ſpaͤtere Aufloͤſung des Knotens zu ahnen, denn obgleich Emmo ſchon mit allen Mitgliedern des Hauſes bekannt geworden war, ſo zog doch Theo⸗ philia in dieſem Augenblick das gewoͤhnliche Loos der Fremden bei Familienereigniſſen: ſie wurde ganz vergeſſen. Der Praͤſident, der Einzige viel⸗ leicht, der nicht ganz abſichtslos war, erwaͤhnte des ſchoͤnen Pflegekindes mit keinem Worte ge⸗ gen den bluͤhenden Sohn, um deſſen Aufmerk⸗ ſamkeit ſo wenig als moͤglich auf daſſelbe zu len⸗ ken, und die Uebrigen,(Clementinen ausgenom⸗ men, die es nicht fuͤr werth hielt, eines ſo un⸗ bedeutenden Weſens, als die ſtille Theophilia ihr immer erſcheinen mußte, mehr als voruͤbergehend zu gedenken,) gaben ſich ſo ausſchließend der Ge⸗ genwart hin, daß ihre Erinnerung ihnen nie das Bild der einſamen, auf ihrem Zimmer zuruͤckge⸗ 3—— laſſenen Theophilia vorſchob, die unterdeß in eif⸗ riger Unterhaltung mit der einzigen Freundin, die der Tod ihr entriſſen hatte, mit ihrer from⸗ men Aebtiſſin, begriffen war. Unter die letzten Wuͤnſche der ſterbenden Heiligen gehoͤrte auch der, ihrem geliebten Pfle⸗ gekinde, ſelbſt dann, wenn der Tod jedes ſicht⸗ bare Band zwiſchen ihnen geloͤſ't haͤtte, noch in geiſtig liebem Verkehr gegenwaͤrtig zu ſeyn. Sie wußte wohl, daß ein Gemuͤth, wie das weiche, fromme ihrer Theophilia, von der Welt haͤrter verletzt und ergriffen werden mußte, als jedes andre, und darum wollte ſie der Unbewachten das Geiſterreich ſo nahe an die gebrechlichen Eh⸗ rentempel der Welt ruͤcken, als es mit dem irdi⸗ ſchen Frieden des geliebten Kindes beſtehen konn⸗ te. Denn, wenn die Taube ſich nur uͤber den ſchmutzigen Dunſtkreis der Erde aufſchwingen kann, ſo bleibt ihr Gefieder immer rein und weiß wie Schnee. 3 Auch Theophilia ſollte taͤglich, eine Stunde wenigſtens ſich uͤber ihr Verhaͤltniß erheben, und ihr Herz oͤffnen vor den Lichtaugen der Ewigkeit — 151 und der verklaͤrten Freundin. Es ſollte die ſuͤße Gewohnheit zwiſchen den beiden verwandten See⸗ len nicht aufhoͤren, alles gemeinſchaftlich zu be⸗ rathen und zu beſprechen, was von den aͤußern Ereigniſſen ſich in dem jungen Gemuͤth wieder⸗ ſpiegelte. Und daß es der Fragenden nicht an Antwort fehle, hatte ſie ſie fruͤh gelehrt, ernſt uͤber die Gegenſtaͤnde nachzudenken, und die Lö⸗ ſung jeglichen Zweifels in ſich ſelbſt, in dem klaren Anſchauen der Verhaͤltniſſe, wie ſie eben lagen, zu finden. 3 Heut ſchrieb Thevphilia uͤber den geſtrigen Tag folgendes: „Ich weiß nicht, was um mich vorgeht, „liebe Mutter, aber etwas ganz Rechtes iſt „es nicht, das fuͤhle ich an den ſchwanken⸗ „den Bewegungen meiner Umgebungen. Die „Luft liegt ſchwer und beaͤngſtigend auf mir, „und mein Herz klopft, wenn ich an den ge⸗ „ſtrigen Abend zuruͤckdenke.— Das viele „Unbekannte, was jeder neue Tag mir zu⸗ „fuͤhrt, macht mich immer ſchauer. Ich ver⸗ „wechsle die Erſcheinungen in mir oft mit 1 „denen außer mir, und ſo glaube ich zu⸗ „weilen in den Geſichtszuͤgen meiner Haus⸗ „genoſſen zu leſen, was vielleicht nur auf „den Meinen geſchrieben ſteht. Es iſt ſo „vieles, das mich verwirrt, ohne mir grade „etwas anders, als unbeſtimmte Gefuͤhle zu „geben. So war die Scene von geſtern mir „in der Ausführung peinlicher, als ich es „je gefuͤrchtet haͤtte. Aber alle die Zuberei⸗ „tungen, die dem Ganzen eine Art von „Feierlichkeit gaben, der leichte griechiſche „Anzug, in dem ich mir ſelbſt entfremdet „ſchien, und beſonders die Gruppirung mit „dem, in Juͤnglingstracht gekleideten, jun⸗ „gen Maͤdchen, deſſen wunderbare Schoͤn⸗ „iheit mich wie Geiſterſchauer anwehte, der „mich zugleich magiſch zu ihm hinzog und „wieder aus ſeiner Naͤhe draͤngte; alles, al⸗ „les das wirkte betaͤubend auf meine Sin⸗ „ne. Ich erlag endlich der uͤbergroßen Span⸗ „nung, und man trug mich ohnmaͤchtig „fort. „Heut iſt der Anfall voruͤber! aber eine — 153 „leiſe, mir unerklaͤrbare Sehnſucht nach der „Tochter Edwins,(ſo heißt ja wohl ihr „Vater) iſt unvertilgbar in meiner Seele „zuruͤckgeblieben. Ich glaube, es ſpricht mich „aus den dunklen, begeiſterten Augen etwas „Heimathliches an. Sie ſuchen wohl auch „uͤber der Erde, was das Leben dem ſehnen⸗ „den Gemuͤth verſagte, oder entriß. Ward „es mir denn anders? o meine guͤtige Mut⸗ „ter! Steht denn der leitende Stern, zu „dem ich, wie der Schiffer, vertrauend und „hoffend aufblicke, wenn das ſchwankende „Fahrzeug der Richtung entbehrt, nicht auch „hoch und unerreichbar uͤber mir? Gehoͤre „ich wohl noch ganz dieſer Erde, da die Ein⸗ „zige, welche ſich heilige Rechte auf mich „erwarb, ſie nicht mehr bewohnt? „Ja! der Menſch kann einen großen „Schmerz ertragen, aber dann haben das „Leben, welches ihm ſo herbe Wunden „ſchlug, und der Himmel, der ſie ſchließt, „ſich in ſein Selbſt getheilt. Das Beßre „an ihm, das Herz voll Treue, zieht, vom 1⁵54— „Heimweh befangen, in das heilige Land, „wo ihm Loͤſung fuͤr jedes Raͤthſel in ſeiner „ Bruſt wird.——— So weit hatte ſie geſchrieben, als Leontine froͤhlich in das Zimmer geſtuͤrmt kam, um den geliebten Bruder, den ſie, im Uebermaaß der Freude, allen Bewohnern des Hauſes, wie ein koſtbares Kleinod vorzeigte, auch bei ihrer Freun⸗ din einzufuͤhren, ohne zu bedenken, daß er eben ſo wenig, als ſie, auf dieſe Bekanntſchaft vor⸗ bereitet waͤre. Theophilia, welche ſeitwaͤrts von der Thuͤre ſaß, richtete ſich bei dem geraͤuſchvol⸗ len Eintritt Leontinens auf, und trat erroͤthend einige Schritte zuruͤck, als ſie Emmo, der eben ſo uͤberraſcht vor ihr ſtand, bemerkte. Die Schwe⸗ ſter nickte den beiden Erſtaunten muthwillig laͤ⸗ chelnd zu, doch als ſie noch immer ſchwiegen, ſagte ſie ſcherzend: „Nun ja! wenn ich jetzt nicht waͤre! Ihr ſtaͤndet wohl noch ein Jahrhundert ſo vor ein⸗ ander, ohne mehr zu wiſſen, als daß Ihr beide huͤbſch ſeid; aber wie herzlich wenig iſt dieß, 6 — — 155 wenn man ſo viel erfahren kann. Rathe einmal, Theophilia, wer das iſt?“ Die Gefragte richtete den Blick mit lieblichem Erroͤthen auf Emmo, und lispelte dann in rei⸗ zender Verwirrung: „Wie kann ich das, gute Leontine?“ Bei dem erſten Ton ihrer klangvollen Stim⸗ me trat Emmo uͤberraſcht einige Schritte vor, doch, ſich ſchnell beſinnend, ergriff er zaͤrtlich Le⸗ ontinens Hand und ſagte bittend: „O laß uns den Scherz enden, meine ſehr lie⸗ be, frrundliche Schweſter! Stelle Deiner liebens⸗ wuͤrdigen Freundin den Gluͤcklichen vor, den ein Au genblick unendlich reich beſchenkte mit einem hoch⸗ verehrten Vater, und drei reizenden Schweſtern.— Leontine legte ſtill vertraulich das Locken⸗ koͤpfchen an ſeine Bruſt, und blickte laͤchelnd an ihm hinauf. Sie vergaß daruͤber voͤllig das Vorſtellen, doch Theophilia errieth beinahe, um was es ſich handelte! Der Name Schweſter! und der Ausdruck einer ſuͤßen Befriedigung in den Zuͤgen ihrer Freundin, ließ ſie leicht ein ver⸗ wandtſchaftliches Verhaͤltniß zwiſchen den Beiden 1 ahnen, und eine ſolche Erinnerung ruͤhrte ſie un⸗ beſchreiblich. Ihre Augen benetzten ſich ſanft bei dem Anblick; denn ſie hatte nie ihr Haupt an eine verwandte Bruſt ſchmiegen duͤrfen, und wie geliebt ſie auch in ihrem Kloſter wurde, es fehl⸗ te doch allen dieſen Empfindungen der warme Hauch der Natur. Das verwaiſte, das verlaßne Kind mußte danken, und immer danken fuͤr all die Großmuth, mit der man es pflegte. Nichts erſtand ſich von ſelbſt, jeder freundliche Blick, jedes guͤtige Laͤcheln war ein freiwilliges Geſchenk, das man der Kleinen, die nichts zu fordern hat⸗ te, machte, und alles nur eine Bedingung ihres Fleißes, ihrer Froͤmmigkeit und Ergebung. Wie ſehnte ſich nun das aufgeregte Gemuͤth Theophi⸗ liens nach einem ſo hold geſchwiſterlichen Ver⸗ haͤltniß, wo man ſich gegenſeitig fuͤr alle Liebe nicht dankt, ſondern nur doppelt wiederliebt, und wo die Natur ſtaͤrker als die Pflicht die Herzen verbindet, zu einem Schmerz und zu einer Freude. Das alles lag ihr gar truͤbe im Sinn, als Emmo, das Woͤlkchen auf der reinen Stirn er⸗ — 157 blickend, der Schweſter Plandereien unterbrach, und ſich mit Auszeichnung gegen Theophilien wandte. „Wohl moͤchte ich der lieben Schweſter ein wenig grollen, daß ſie dem Fremden ſo unvorbe⸗ reitet die Reichthuͤmer dieſes Hauſes entgegen⸗ fuͤhrt. Ein ſo vielfaͤltig beſtuͤrmtes Herz, wie das Meine, hat fuͤr die letzte Erſcheinung, und waͤre es auch die Schoͤnſte, immer nichts als ſtummes Erſtaunen.“ Theophilia hob das Auge mit einen feinen Laͤchen zu dem Sprechenden empor, und ſagte mit leiſer Auſpielung auf ihr Verhaͤltniß: „Fremd darf der Sohn des Hauſes, in dem man erſt ohnlaͤngſt die Fremde guͤtig aufnahm, ſich niemals nennen, und wohl gebuͤhrt es ſich, daß die gluͤckliche Schweſter erſt ihr Theil an dem geliebten Bruder nehme, ehe ſie ein neues Bild vor ſeine Augen fuͤhrt. f2 Leontine hoͤrte die zierliche Unterhaltung ei⸗ ne Weile ziemlich geduldig mit an, denn es be⸗ luſtigte ſie, die geheime Verlegenheit, welche ſich auf den beiden jugendlichen Geſichtern zu lagern ——j begann, mit der ruhigen Sorgloſigkeit ihres eig⸗ nen, argloſen Gemuͤths zu vergleichen. Ihr ko⸗ ſtete es nie Ueberwindung, eine neue Bekannt⸗ ſchaft zu machen, denn, weit entfernt, die Ein⸗ druͤcke aͤngſtlich zu berechnen, welche ſie ſelbſt bei andern zuruͤckließ, faßte ſie nur die Bilder, wel⸗ che von dieſem in ihre Seele ſielen, begierig auf, und da ihr Geiſt noch immer einem Verir⸗ Spiegel glich, der die aͤußeren Erſcheinungen ent⸗ weder ſchief oder verunſtaltet wiedergab, ſo ge⸗ brach es ihr nie an poſſenhaften Anſichten, mit denen es ihr leicht wurde, ſich in jedem Verhaͤlt⸗ niſſe natuͤrlich und ungezwungen zu benehmen. Denn nur das Ehrenwerthe, Geachtete floͤßt Scheu ein.— Doch als man auch nach den er⸗ ſten Hoͤflichkeitsbegruͤſſungen noch fortfuhr, ſich mit beſonders feinen und zierlichen Worten ab⸗ zufertigen, riß ihr ohnehin ſchwacher Geduldsfa⸗ den gaͤnzlich, und eifrig beider Haͤnde ergreifend, rief ſie mit komiſcher Heftigkeit:— „Seid Ihr nicht ſeltſam, Ihr Beide! Tappt da furchtſam im Dunklen herum, waͤhrend der helle Sonnenſchein Euch aus den freundlichen 159 Augen leuchtet! Das iſt Theophilia, meine liebe Freundin und Schweſter, die der Vater erſt vor einigen Wochen dem Kloſter entfuͤhrte; und folg⸗ lich auch die Deine, guter Emmo! wenn Du an⸗ ders bruͤderlich theilſt, was mir angehoͤrt. Und Du, mein ſchuͤchternes Schweſterchen, mußt dem Bruder Deiner Leontine ſchon die Haͤlfte Deiner Liebe zuwenden, wenn wir, als recht einige Ge⸗ ſchwiſter, innig und froh mit einander leben wollen.“ 3 Das half! Die vereinigten Haͤnde zitterten zwar noch ein wenig, aber man wußte doch nun, von was man ſprechen ſollte und gelangte auch ein Paar Schritte vorwaͤrts. Emmos Gemuͤth konnte zwar einen Augenblick durch den uner⸗ warteten Anblick eines ſo lieblichen Weſens, als Theophilia war, befangen werden, aber bald draͤng⸗ te es ihn, die unbequem beengende Huͤlle abzu⸗ werfen, und in ſeiner ganzen gefaͤlligen Geniali⸗ taͤt hervorzutreten. Theophilia, obwohl durch den voͤlligen Mangel an Weltkenntniß ein wenig un⸗ beholfener im leichten geſelligen Verkehr, fuͤhlte ſich doch durch Emmos Beiſpiel ermuntert, et⸗ 166 was von ihrer kloͤſterlichen Zuruͤckhaltung nachzu⸗ laſſen, und ſo verſtrich den Dreien der letzte Theil des Morgens recht froh und genußreich, ohne daß von den erſten peinlichen Minuten ein bemerkbarer Eindruck in ihren Gemuͤthern zuruͤck⸗ geblieben waͤre. 17. Raͤthſel. Als der Praͤſident bei der Mittagstafel ſei⸗ nen Sohn Theophilien mit einigen gleichguͤltig bezeichnenden Worten vorſtellen wollte, bemerkte er ſogleich an dem heimlich bekannten Anlaͤcheln der drei jugendlichen Geſichter, daß ſein ſchalkhaf⸗ tes Toͤchterchen ihm zuvorgekommen, und einen Plan zerſtoͤrt hatte, der, wie alles, was er unter⸗ nahm, ziemlich kuͤnſtlich berechnet war. Halb unwillig unterbrach er den Redeſtrom Leontinens, welche eben, der ſchuͤchternen Freun⸗ din Verlegenheit wenig beachtend, mit komiſch neckender Laune um die Verwirrung der beiden Fremdlinge herumtaͤndeln wollte, als eine neue⸗ 164 Erkennungſcene, die ihm und allen Anweſenden ein ſchwerer zu loͤſendes Raͤthſel aufgab, ſeine Aufmerkſamkeit von dem kleinen Naſeweis ab, und auf Emmo beinahe allein richtete, von dem er noch am erſten einige Aufklaͤrung hoffen durfte.* Die Graͤfin haͤtte wohl gewuͤnſcht, Edwin, der einen Haupttheil an der Taͤuſchung Theophi⸗ liens hatte, heute nicht unter die Augen ihres Gemahls zu bringen. Aber da ſeine Beſuche nichts weniger als regelmaͤßig, und nur nach Zeit und Muße berechnet waren, ſo konnte ſie ihn ſo gut bei Tafel erwarten, als nicht, und einer Zu⸗ ſammenkunft unmoͤglich begegnen, deren Unan⸗ genehmes der harmloſe Kuͤnſtler, der uͤberhaupt fuͤr die kleinen geſellſchaftlichen Reibungen ein minder ſcharfes Auge, als fuͤr irgend einen Man⸗ gel in ſeinen Gebilden hatte, durchaus nicht ah⸗ nete. Dieſesmal fand er ſich nun gerade um die Speiſeſtunde ein, und zwar beſonders Theophi⸗ liens wegen, welche die heftige Leidenſchaft des geliebten Sohnes ihm ſeit geſtern noch intereſ⸗ ſanter machte. Laͤngſt bereute er den unreifen 1r Theil. 11 3 —— 462. Einfall, den Jüngling, deſſen Herz er nur fuͤr die Kunſt zu ergluͤhen gedachte, dem ſchoͤnen Maͤd⸗ chen ſo nahe gebracht zu haben, aber nun geſell⸗ te ſich auch noch die Beſorgniß um ihr eignes Wohl, das durch die geſtrige Ohnmacht bedroht ſchien, hinzu, und draͤngte ihn maͤchtig nach dem Hauſe des Praͤſidenten. Er trat ſo eben in den Sreiſeſaal, als Emmo Theophilien vorgeſtellt wurde. Der Juͤngling ſtand mit dem Ruͤcken gegen ihn, doch Edwin naͤherte ſich der Graͤfin, welche jenen in's Geſpraͤch zog, und ganz unwillkuͤhrlich heftete ſich ſein Blick forſchend auf das neue Geſicht, von dem er im erſten Momente nicht wußte, wie es in dieſen Kreis gekommen war. Aber kaum hat⸗ te Emmos Auge nur kurze Zeit auf den dunklen Zuͤgen des Bildhauers verweilt, als er mit einem Ausruf des Entzuͤckens in ſeine Arme ſtuͤrzte, und ihn mit tauſend Liebkoſungen uͤberhaͤufte. Erſt als er die immer hoͤher ſteigende Verle⸗ genheit Edwins bemerkte, unterbrach er den Strom ſeiner Gefuͤhle, mit den zaͤrtlichen Worten: „und wo, mein theurer Edwin! ſchwaͤrmten Sie 163 ſo lange umher? Wußten Sie denn nicht, daß Ihre Gegenwart einem geliebten Daſeyn allein Licht und Glanz verleiht? muͤſſen Sie denn ewig der Kunſt mehr als uns angehoͤren?“ 3 Edwin legte erblaſſend den Finger auf den Mund des Sprechenden, und erwiederte mit er⸗ habner Stimme: „Nicht jede Frage hat eine eAntwor t in die⸗ ſem Leben, mein junger Freund! Darum aſſe Sie uns nur immer ſchweigen, weil die Whhe ſo wenig von dem Vielen, das in unſrer Bruſt ruht, ausſpricht.“ 4 Emmo oͤffnete ſchon die Lirpen, um vielleicht einen Einwurf zu machen, als Edwin ſi ch ſtolz erhob, und ihn mit einem einzigen gebietenden Blick in ſeine Schranken verwies. Der Praͤſi⸗ dent hatte die Scene ſtumm beobachtet, und die⸗ ſer Augenblick war es eben, welcher ihm das Naͤthſel aufgab. Wo nahm der Kuͤnſtler den Koͤ⸗ nigsblick her, der den Juͤngling zu Boden ſchmet⸗ terte? Wie kam er überhaupt in ſo nahe Ver⸗ bindung mit ihm, und welchem Leben mußte ſei⸗ ne Gegenwart erſt Licht und Glanz verleihen? 11*. 164. War es Conſtanzens? Da waͤre ja wohl gar der Faden zu dem Labyrinthe, in dem er ſich nie zurecht finden konnte, gefunden. Pruͤfend blickte er noch einmal auf den, bisher wenig beachteten Mann, aber nichts konnte ihm hier Aufſchluß geben. Edwin war unter der Zeit wieder ruhig ge⸗ worden. Die Flammen in den Augen erloſchen, und die ſtolze Geſtalt ſank in das Nichts des ge⸗ woͤhnlichen Alltagsmenſchen zuſammen. Nur ei⸗ ne ſchmerzliche Wehmuth in ſeinen Zuͤgen beur⸗ kundete die Bewegung, welche er gehabt hatte, wie die Saiten eines Inſtruments, noch lange nach einer gewaltſamen Erſchuͤtterung, nachzittern. Clementine, nicht weniger uͤberraſcht durch dieſes Zuſammentreffen, konnte, nach weiblicher Art, den Drang nach Aufklaͤrung ſchwerer unter⸗ druͤcken, als ihr Gemahl, da ſie in naͤherer Be⸗ ziehung mit dem Kuͤnſtler, auch waͤhrend eines fuͤnfjaͤhrigen Umgangs, ſchon ſo manches Geheim⸗ nißvolle an ihm bemerkt hatte, das durch ſeine myſtiſche Antwort, und Emmos Aeußerungen, ihr wieder mahnend vor die Seele trat. Indem 165 ſie nun groͤßere Rechte an das Vertraun des laͤngſt gepruͤften Freundes zu haben glaubte, als an das ihres Stiefſohnes, ſo wandte ſie ſich denn auch zuerſt an dieſen, und frug ihn, mit dem leichten Tone geſellſchaftlicher Theilnahme: „Der Sohn meines Gemahls war Ihnen al⸗ ſo ſchon bekannt, lieber Edwin?“ „Das wohl, erwiederte er gepreßt, doch nie⸗ mals unter dieſem Namen, gnaͤdige Graͤfin. Ich war eine Zeitlang, ehe ich mich firirte, ſein Zei⸗ chenlehrer.“ Dieſe Erklaͤrung war viel zu einfach fuͤr ei⸗ nen ſo kuͤnſtlichen Charakter als Clementinens. Sie laͤchelte gleichguͤltig und ließ das Geſpraͤch, welches nun kein Intereſſe mehr fuͤr ſie hatte, fallen. Man ging zu Tiſche! Emmo ſaß zwiſchen Theophilien und Leontinen, Edwin, grade her⸗ über, ſchweigend und truͤbe auf die drei jungen Perſonen hinblickend, die im leichten, neckenden Verkehr oft ſo laut wurden, daß die Graͤfin, die heut ſchlecht unterhalten ward, weil der Praͤ⸗ ſident und Edwin zieinlich ſchweigſam blieben, 166, oft recht ernſte, mißbilligende Büücke auf das fäsa iche Kleeblatt warf. 18. Fluche Die kloͤſterliche Schuͤchternheit, welche Theo⸗ philia bisher fuͤr jeden leichten Scherz, ja ſogar fuͤr die haͤufigen Witzfunken, die in dem Cirkel der Graͤfin aufflogen, unzugaͤnglich machte, wich nun zum erſtenmal der gemuͤthlich wohlthuenden Naͤhe des jungen, heitern Ankoͤmmlings. Ohne, wie ſeine Schweſter, das Laͤcherliche, als einen Gegenſtand der Beluſtigung, grade uͤberall her⸗ auszufinden, wußte er ſich doch in einer gewiſſen Unpartheilichkeit zwiſchen den verſchiedenartigen Eindruͤcken zu halten. Wie die Erſcheinungen der Außenwelt an ihm voruͤberſtreiften, ſo ſpie⸗ gelten ſie ſich in ſeinem Innern ab, doch ohne ſehr bleibende Eindruͤcke zu hinter laſſen. Man nenne das ja nicht etwa Oberflaͤchlichkeit; denn Emmo griff das Ernſte ſehr ernſt an. Aber ſei⸗ ne Mutter, die am Hofe er zogen war, und bei — 467 aller Originalitaͤt des Charakters, doch immer ei⸗ ne gewiſſe Vielſeitigkeit in ihre ſelbſt gewaͤhlte 6 Zuruͤckgezogenheit mitnahm, ſuchte ihm fruͤh eine richtige Schaͤtzung aller Ereigniſſe im Leben bei⸗ zubringen. Tauſend Beiſpiele, unzaͤhlige kleine Begebenheiten in ſeinem Kreiſe mußten ihr dazu 3 dienen, ihn auf den rechten Standpunkt zu ſtel⸗ len, von wo die Dinge, weder zu groß, noch zu gering in ſeine Augen fielen, und ſo war es ihe denn gelungen, ihn nicht allein, ſo lange er in ihrer Naͤhe lebte, in dem vollkommenſten Gefuͤhle des Gluͤcks zu erhalten, ſondern auch dem kuͤnfti⸗ gen Schmerz, der ihn bedrohte, den empfindli⸗ chen Stachel abzubrechen, welcher eine uͤberreizte, kraͤnkelnde Einbildungskraft, und ein zu phanta⸗ ſtereiches Verblenden uͤber die wahre Geſtalt des Schreckbildes, ihm oft leiht. Waͤre der zwanzigjaͤhrige Juͤngling ſich die⸗ ſer klaren Anſicht der Dinge rein bewußt gewe⸗ ſen, ſo haͤtte man ihn unter die Philoſophen zaͤhlen koͤnnen, und dann wuͤrde ſein Umgang ei⸗ nes großen Reizes enthehrt haben, aber er war nut das Werk der Philoſophie ſeiner Mutter, —— 168 und pfluͤckte oder theilte die Roſen der Freude ſo dornenlos mit, als er ſie ſelbſt aus der liebrei⸗ chen Hand empfing, welche, auf Koſten eigner Schmerzen, ſie vorher ſorgſam von jedem verle⸗ Benden Stachel befreit hatte. Leontinens ruͤckſichtsloſes Plaudern ſetzte ihn, ſogleich nach ſeiner Ankunft, in das rechte Ver⸗ haͤltniß zu allen Bewohnern des vaͤterlichen Hau⸗ ſes, denn man wird immer finden, daß junge, natuͤrliche und kraͤftige Charaktere den Pinſel ſichrer und tre ſet der fuͤhren, als jene Verfeiner⸗ ten, die alles pruͤfend erwaͤgen, und eine Art von Wiſſenſchaft aus der Menſchenkenntniß machen.— Sie maz es wohl auch ſeyn, aber nur, wenn ſie von dem Talent eines ſchnellen Auf⸗ faſſens unterſtuͤtzt iſt, ſonſt bringt ſie es mit allem Studium nicht ſo weit, als ein geſunder klarer Ueberblick in der erſten Minute. Der Vater, die Mutter, die juͤngeren Ge⸗ ſchwiſter, ja ſelbſt die Domeſtiken, waren ſchon an Emmos Augen voruͤber gefuͤhrt worden, nur Theophilia blieb unerwaͤhnt; denn fuͤr ein ſo fei⸗ — 169 nes Gemaͤlde, mit ſo unmerklich zarten Ueber⸗ gaͤngen, hatte ihre Phantaſie keine Farben. Er ſeln ſie— ſehn⸗ und dis⸗ er ſie geſehn hatte, erfreulich an, als garren er, und ſeine Mutt laͤngſt ſchon ein ſolches Wefen lieb g he gliche der Ton ihrer Stimme alte verklunge Toͤnen aus ſeiner Jugend. Das machte es il auch leichter, die Klippen der Fremdheit im m⸗ gang mit ihr zu uͤberſpringen, und in ihr er⸗ ſtes Weſen, das ſich ſonſt nur gegen die ihe ne Verſtorbene erſchloß, einzudringen. Theophilia, hoͤchſt uͤberraſcht, mit einem jun⸗ gen Mann ſo ſchnell auf den Punkt eines ge⸗ wiſſen Scherzverkehrs gelangt zu ſeyn, erroͤthete wohl in den Stunden des Alleinſeyns daruͤber, und ſchrieb ſich ein ernſteres Zuruͤckziehn vor, aber kaum faßte Emmo bruͤderlich ihre Hand, oder trieb ſie neckend durch alle Zimmer, ſo war die muͤhſam errungene Haltung verloren. Sie ließ ſich treiben, und erwiederte erſt furchtſam, nnnn·— 170 dann dreuſter, die Wißtzpfeile, welche zwiſchen ihr und den Geſchwiſtern hin und herflogen. Niemand beachtete dieſen harmloſen Verkehr ſchaͤrfer als der Praͤſident. Von ſeinem eignen, geheimen Intereſſe an der zarten Waiſe geleitet, hielt er es beinahe fuͤr unmoͤglich, ihr ſo nahe zu ſeyn, ohne fuͤr ſie zu ergluͤhn. Das leichte, argloſe Herumflattern ſeines Sohnes um die jun⸗ ge Fremde, ſchien ihm alſo mehr abſichtlich als nacürlich, und von dieſer Anſicht ausgehend, lag ſein Verſtand auf einer beſtaͤndigen Folter, um die Motiven zu all den tauſend muthwilligen Streichen, welche die drei jungen Leute mit ein⸗ ander ausuͤbten, zu ergruͤnden. Indeß entwickel⸗ te Emmos Umgang in Theophilien offenbar einen Geiſt des Frohſinnes, und der ſuͤßeſten Heiter⸗ keit, der ſie allerliebſt kleidete, und in ſeinen Au⸗ gen nur noch hinreißender machte; dem man aber das Unſchuldige, Ruͤckſichtsloſe, ſo ſehr an⸗ ſah, daß er, wenigſtens von ihrer Seite, noch ei⸗ nige Zeit ruhig zu ſeyn hoffte. Ueber das Raͤthſel mit Edwin wurde ihm eben ſo wenig Aufklaͤrung, obwohl des Sohnes — 171 Worte, bis zu einem gewiſſen Grade, den er nicht uͤberſchritt, ein aſes Daͤmmerlicht darder verbreiteten. Der Kuͤnſtler war fruͤher oft, ſehr öft, in dem Hauſe ſeiner Mutter geweſen uß hatt ei⸗ nigermaßen ſeinen Mentor abgegeben„ d ſo unendlicher Liebe, daß der Knabe an feſt, als an der theuren Mutter hing nem Sohn, erinnerte er ſich nie, ſprechen gehoͤrt zu haben, als von verſtorbenen, dagegen wurde ein kleines ſeine Tochter, die er nebſt einer Kamn aus Italien mitgebracht hatte, einige Jahre 8 ihm erzogen. Ploͤtzlich aber, als Edwin einmal verreiſt war, entfloh die Waͤrterin mit dem Kinde und alle Nachſuchungen blieben, zum groͤßten Schmerz der Mutter, fruchtlos. Seit dieſer Zeit ward Edwin unruhig, zuruͤckgezogen und ernſter. Er reiſte ab und zu, und blieb endlich ganz weg. Der Praͤſident ſchuͤttelte den Kopf. Das konnte auch ſehr naturlich zuſammenhaͤngen, wenn er ſich blos durch ſeine Kunſt im Hauſe beliebt gemacht hatte. Aber welches Daſeyn er⸗ 172 hielt durch ſeine Gegenwart erſt Licht und Glanz? Daruͤber ſchwieg Emmo wie das Grab, und er⸗ waͤhn aute auch Conſtanzens ſo wenig als moͤglich, uung auf Edwin. friedigt entließ er daher den Sohn, der, rrinnerung an der Kindheit ſchoͤne thig geworden, ſich anſchickte, en davon, ſeinen Freund Ed⸗ ails ein Diener ihm ein Bil⸗ Da es ihm in ſeiner jetzigen moͤlich war, ſich mit Leſen zu be⸗ ſteckte er es gedankenvoll zu ſich, demſelben Domeſtiken begleitet, nach 4 de Wohnung des Kuͤnſtlere. Als er auf den 5 Hausftur kam, ging eine Magd an ihm voruͤber, die, nachdem ſie einen Augenblick ſinnend ſtehen geblieben war, ihm nachrief: „Will der Herr zum Bildhauer?“ „Jal⸗ erwiederte Emmo, und fuͤgte zugleich die Frage,„ob er auch daheim ſei,“ hinzu. „Bis geſtern Abend!“ antwortete Jene. „Nun aber iſt er fortgereiſt, und obgleich ſeine Bilder noch oben ſtehn, ſo meinen wir doch, er kommt nicht wieder, und ſein Sohn auch nicht, denn er hat die Miethe bis auf den letzten Heller bezahlt, und ſeine ganzen Arbeiten verhandelt.“ Ueberraſcht ſtand Emmo vor dem erzaͤhlen⸗ den Maͤdchen. O war es denn moͤglich, daß der Freund ſeiner harmloſen Kindheit um ſeinetwil⸗ len floh? Das war ſehr hart, und truͤbte ihm den froͤhlichen Lebensmuth gewaltig. Schon war der Brief an die Mutter voll⸗ endet, der ihr das Wiederfinden des lang ver⸗ mißten Freundes verkuͤndete, und jetzt vertrieb ihn ſeine Gegenwart, jetzt— wo der Erfahrne noch einmal ſein Mentor werden konnte! Immer ſtand er noch unentſchloſſen auf der Treppe, als das Hausmaͤdchen, ſeinen Kampf be⸗ merkend, ihm gutmuͤthig vorſchlug, doch wenig⸗ ſtens die huͤbſchen Bilder anzuſehn, die ohnedies in ein paar Tagen abgeholt wuͤrden. Da ſein Gemuͤth eben nach einer mildern⸗ den Auskunft ſtrebte, ſo war ihm der Rath will⸗ kommen. Es iſt ſchon ein halbes Wiederſehn, wenn man das, womit unſre Freunde ſich zum letztenmal beſchaͤftigt haben, erblickt. — 174— Traurig folgte er alſo dem aufſchließenden Maͤdchen, und ſtand bald, nicht ohne leiſen Schau⸗ der, unter einem Kreiſe ſchoͤner, blendender Ge⸗* ſtalten und Gruppen, die ſein, nach lebendiger Anſchauung ſticbendes, Gefuͤhl in Anem Augen bic vereiſten. eeE Es waren Goͤtter und Halbgtter, deren Ge⸗ hicher in dem wohlgelungenen Ausdruck der ver⸗ ſteinten Zuͤge wiederzufinden war. Aber es ſchien ihm, als befaͤnde er ſich in dem verſunkenen Pompeja, wo ein, Jahrtauſende waͤhrender Stil⸗ leſtand die letzte, einfache Handlung ſeiner Be⸗ wohner auf die ſpaͤte Nachwelt uͤbertragen haͤtte.— Waͤre der ſinnreiche Schoͤpfer dieſer Gebilde ſelbſt mit ihm unter dem ſchweigſamen Kreiſe herum⸗ gewandelt, ſo wuͤrde er ſich gewiß der herrlichen Werke ſeines Meiſſels gefreut, und ſie bewundert haben, aber nun wurde es ihm froſtig und un⸗ heimlich in der kalten Geſellſchaft. Still wende⸗ te er ſich nach der Thuͤr, da ſagte der Diener, welcher unterdeß mit dem Maͤdchen geplaudert hatte: es befinde ſich noch in der Schlafſtuhe des Bildhauers eine Gruppe hinter einem Vor⸗ 175 hang, die er nicht habe mitnehmen koͤnnen, weil der Kaſten, den er in der Geſchwindigkeit dazu beſtellt haͤtte, nicht fertig geworden ſei, indeß wuͤrde er ſie bald nachholen laſſen. Beinahe haͤtte Emmo dieſen Anblick ver⸗ ſchmaͤht, ſo widrig wirkte das ſchon Geſehene auf ihn, doch das Ruͤhmen der Magd und des Do⸗ meſtiken Neugier uͤberwogen ſeine paſſive Gleich⸗ guͤltigkeit, und ſo ließ er ſich durch ein paar enge Stuben in das noch kleinere Schlafgemach des beſcheidenen Kuͤnſtlers fuͤhren. Alles ſtand noch hier, wie er es verlaſſen, und zeigte von den hoͤchſt einfachen Beduͤrfniſſen ſeines Bewohners. Nur dem Bett gegenuͤber verhuͤllte ein koſtbarer, gruͤnſeidner mit Gold durchwirkter Vorhang die Bildſaͤule, von der ihm das Maͤdchen geſagt hatte. Scheu, wie jeder gu⸗ te, unverdorbne Menſch, der in das Geheimniß eines Andern eingreifen ſoll, luͤftete er nur leiſe das ſeidne Gewebe, und erblaſſend, riß er es gaͤnzlich auf, als die wohlbekannten, theuren Zuͤ⸗ ge der Mutter ihn aus dem blendend weißen Marmor anlaͤchelten. Lange heftete ſich ſein Blick — 176— mit einer Art von lethargiſchem Erſtaunen auf die liebe, wohlgetroffene muͤtterliche Geſtalt, ohne daruͤber nachzudenken, wie ſie auf dieſe Stelle kam. Doch endlich weckte eine neue Ueberra⸗ ſchung ihn aus ſeiner Verſunkenheit. Conſtanze war als Mutter abgebildet. Ihr Auge ſank mit unbeſchreiblicher Zaͤrtlichkeit auf einen lieblichen Knaben herab, der ſich kindlich an ſie ſchmiegte. Aber das holde Bild des Kindes hatte keinen Zug von Aehnlichkeit mit ihm, es war ein ganz fremdes Geſicht, das beinahe dem ſchoͤnen, phan⸗ taſiereichen ſeines jungen unbekannten Freundes, Magnus, glich. 3 Sinnend und unwillig, ſtand der zaͤrtliche Sohn vor dem Bilde der Mutter, und ſpuͤhrte vergebens der Kuͤnſtlerlaune nach, welche ihn, das eigne Kind, von dem ſchoͤnſten Platz verdraͤngte, um dieſen einem Fremden einzuraͤumen. Es ſchien ihm ein Frevel an der tugendhaften Frau, die, immer treu im Leben, es auch ihm ſeyn mußte. Und wozu denn das Laͤcheln voll Muttergluͤck auf den unbekannten Knaben? Ein Mißgriff konnte es nicht ſeyn, denn wer die ſchoͤnen Zuͤge Con⸗ — 177 ſtanzens ſo wahr und lebendig auffing, mußte ſich uͤber die ihres Sohnes nicht ſo gewaltig irren. Es war alſo nichts als ein muthwilliger Ein⸗ fall des fuͤr ſeine Kunſt Begeiſterten, dem nur die Form heilig iſt. Conſtanzens Schoͤnheit war es wuͤrdig, unter ſeinem Meißel in neuem Reiz hervorzugehen, aber die goͤttergleiche Mutter muß⸗ te auch auf ein Goͤtterkind herabblicken, und das war Emmo in ſeiner Kindheit eben nicht. Wirk⸗ lich ſchien auch eine Art von Harmonie in den edlen Zuͤgen der beiden Geſtalten zu herrſchen, die wohl den Kuͤnſtler zu dieſem Frevel an der Wahrheit verleitet haben konnte. Aber wie dem auch ſei: es war ein ſchlimmer Streich von dem ſo hochverehrten Freunde, der nur dadurch wie⸗ der verſoͤhnt ward, wenn er ſich bewegen ließ, ihm die Gruppe immerhin auch um den hoͤchſten Preis zu verkaufen, damit die Luͤge wenigſtens nicht mehreren Augen offenbar werde. Daruͤber gab er denn der Magd ſeine Auf⸗ traͤge, und verließ das Haus, welches ihm ſo unangenehme Eindruͤcke bereitet hatte. Heut gewannen weder Leontinens Poſſen, 1r Theil. 12 4 178— noch Theophiliens holde Freundlichkeit ihm ein Laͤcheln ab. Es wirkte ſo vieles peinlich auf ihn, daß er, ſelbſt ſeine unguͤnſtige Stimmung bemer⸗ kend, ſich zeitiger aus der Geſellſchaft der Stief⸗ mutter, die ſonſt allen Beduͤrfniſſen ſeines Gei⸗ ſtes entſprach, zuruͤckzog, und den langen Abend mit Leſen zu kuͤrzen beſchloß. Da fiel ihm das Billet, welches er fruͤh em⸗ pfing, und bis jetzt vergaß, wieder ein. Gleich⸗ giltig zog er es hervor, um es mit ſteigendem Intereſſe zu durchfliegen, als Edwins Handſchrift ihm daraus entgegenleuchtete. „Nicht jede Frage— ſo ſchrieb der Kuͤnſt⸗ „ler— hat in dieſem Leben eine Antwort. „Sagte ich Dir nicht ſo, mein ſehr lieber, „junger Freund? Nun ſo frage denn auch „nicht mich, nicht das Schickſal, warum „Deine Ankunft mich ſo unerbittlich von „hier treibt. Es gehen in dem Geſchick des „Menſchen eine Menge kleiner Raͤderwerke, „die bei der leiſeſten Beruͤhrung ſtocken. „Darum muͤſſen wir ſie verhuͤllen in die „Nacht des Geheimniſſes und bedecken mit 179 „der ſtarken Metalldecke eines ewigen Schwei⸗ „gens. Aber das muß doch zwiſchen uns „klar ſeyn, daß nichts Boͤſes uns trennet, „denn was ſollte wohl aus Deiner Tu⸗ „gend werden, wenn der, welcher als „Freund Deiner harmloſen Jugend Dir „zur Seite ſtand, ihr untren erſchiene? „Haſt Du wohl ſchon einmal von Erin⸗ „nerungen gehoͤrt, die den beſſeren Menſchen „ſelbſt gleich inneren Vorwuͤrfen quaͤlen? „und die er fliehen muß, um ſich die rechte „Kraft zum Handeln aufzuſparen? „Nun ſieh, mein Emmo, das iſt es, „was uns trennt, und mir Deine Naͤhe ſo „peinlich macht. „Sie erinnert mich an mein verlorenes „Paradies. Sage der engelgleichen Frau, „die ich Dir nicht erſt nennen darf, daß ich der langen Saͤumniß mich anklage, und „von nun an ruhelos die Tochter ſuchen will, „die, von ihrer Hand gebildet, als ein ruͤhren⸗ „des Suͤhnopfer zwiſchen uns und dem Schick⸗ „ſal geſtanden haͤtte. Lebe wohl, o lebe 12 † 1 —————— 180 „wohl, mein junger Freund, und grolle „mir nicht. Ich verweilte, von dem Zau⸗ „ber der Kunſt gefeſſelt, ſchon zu lange „hier. Deine Ankunft mahnt mich an das „unerlaͤßliche.“ Edwin. Emmo legte das Blatt auf den Tiſch, und ſeine heiße Stirn darauf. Die Ereigniſſe des heu⸗ tigen Tages hatten ihn ſehr angegriffen. Das Wunderbare war nicht das Reich, in dem er ſich leicht bewegte, es ſchuͤchterte ihn vielmehr ein, und wurde ihm zuletzt peinlich. Zwar gefiel es ihm ſelbſt, vor einiger Zeit den Raͤthſelhaften gegen Magnus zu ſpielen, aber nur, weil die fremde Tracht und wunderbare Schoͤnheit des Juͤnglings den Sinn fuͤr das Ungewoͤhnliche erſt in ihm weckte. Auch wuͤnſch⸗ te er wirklich ſeinen Familiennamen bis zu dem Augenblick zu verbergen, wo er vor ſeinem Vater erſcheinen wuͤrde. Heut aber, wo das Naͤthſel ihm von Neuoem und vielleicht auf immer den vaͤterlichen Freund 181 koſtete, und die Steingruppen ihn gleichſam von allem Lebendigen auszuſchließen ſchienen, heut fehlte es ihm an der rechten Kraft, ſo vieles zu tragen, und zum erſtenmal durchwachte er die Nacht in dumpfem Hinbruͤten, ohne daß der freundliche Morgen ihn, wie er es ſo oft thut, erfreuliche Loͤſung brachte. 8½ 19. Das Wiederſehn. Die Graͤfin hatte ihrerſeits auch die ſchnelle, unvermuthete Abreiſe Edwins erfahren. Ohne aindeß an ſeine gaͤnzliche Entfernung zu glauben, kraͤnkte doch die Vernachlaͤſſigung der Freundes⸗ pflicht ihr fuͤr das Schickliche ſo empfaͤngliches Ge⸗ muͤth. 1 „Ohne Abſchied?“ ſagte ſie mehreremal ſtill vor ſich hin, als man ihr den Morgen nach Em⸗ mo's vergeblichem Beſuche in dem Hauſe des Kuͤnſtlers dieſe Nachricht brachte. Es ſchien ihr beinahe unmoͤglich. Wenigſtens wollte ſie die naͤ⸗ heren Umſtaͤnde dieſer ploͤtzlichen Entfernung wiſ⸗ ſen„und beſchloß daher, unter dem Vorwande, ſeine zuruͤckgelaſſenen Arbeiten zu ſehn, in Be⸗ 4 gleitung Leontinens und Theophiliens, welche Letz⸗ tere, außer den alten in Stein gehauenen Heili⸗ genbildern ihrer Kloſterkirche, noch nichts der Art erblickt hatte, nach ſeiner verlaſſenen Woh⸗ nung zu fahren. 1en Zu ſpaͤt fuͤr die Schauluſt, und grade im paſſendſten Moment, ihre Neugierde zu befriedi⸗ gen, betraten die Damen das kleine Haus, in dem es ſchon recht unheimlich ausſah, da leere und volle Kiſten, worin die Eigenthuͤmer ihre erkauften Kunſtſchaͤtze fortfuͤhrten, den Weg un⸗ angenehm verſperrten. Endlich drang man durch, aber das Schine ſte war ſchon weg, oder wurde eben eingepackt, und niemand wußte Clementinen mehr zu ſagen, als daß Edwin wahrſcheinlich an eine lange Ab⸗ weſenheit gedenke, da er das Quartier aufgege⸗ ben, und ſein ganzes Ameublement theils ver⸗ ſchenkt, theils verkauft habe.„Doch,“ fiel einer der Kaͤufer, ſich beſinnend, ein:„Das koͤnne Ihro Gnaden wohl beſſer von dem Sohn ſelbſt — 183 erfahren, der noch hier iſt, und im hinteren Zimmer eine Statue einpackt, die er dem Vater nachbringen ſoll.“ Die Graͤfin folgte hocherfreut der Weiſung, und die beiden Maͤdchen, deren Erwartungen in Ruͤckſicht der Kunſtwerke Edwins ganz getaͤuſcht wurden, hatten nichts beſſeres zu thun, als der Voraneilenden nach zu gehn. In dem Schlafzimmer des Kuͤnſtlers fan⸗ den ſie ſchon alle Vorkehrungen getroſſen, um die Gruppe, welche Emmo's Neugierde erregt hat⸗ te, und die jetzt, ihrem gewoͤhnlichen Platz ent⸗ ruͤckt, in der Mitte des Gemachs ſtand, in eine dabeiſtehende Kiſte zu packen, als Magnus, dem dies Bild beſonders theuer war, den Arbeitern noch einen Augenblick Einhalt gebot, und es mit einer Art von ſehnſuͤchtiger Trunkenheit be⸗ trachtete. 3 Die Graͤfin trat, von ihm ungeſehn, her⸗ ein, aber Theophilia, durch die wunderbare Aehnlichkeit der ſchoͤnen, begeiſterten Zuͤge des Bruders, mit denen ſeiner Schweſter, ergriffen, aͤußerte die fuͤße Ueberraſchung etwas laut gegen Leontinen, deren neckende Gegenantwort den 184— Juͤngling aus ſeinen Traͤumen erweckte. Verle⸗ gen und beſtuͤrzt, ſich beobachtet zu ſehn, blickte er zu den Damen auf, doch nur, um das Auge verwirrt zu Boden zu ſenken, denn auch er er⸗ kannte die zarte, von ihm ſo tief beleidigte, und doch ſo heiß geliebte Theophilia. Die Graͤfin unterbrach endlich das Schwei⸗ gen mit einigen Fragen nach ſeinem Vater, und der Bedeutung der ſchoͤnen Gruppe, vor der ſie ſtanden. „Es iſt meine Mutter!“ erwiederte Magnus weich, und heftete den Blick faſt truͤbe auf die theure, muͤtterliche Geſtalt. „Alſo Edwins Gattin?“ fuhr die Graͤfin in ihrem Examen fort. Der Juͤngling ergluͤhte, und oͤffnete ſchon die Lippen, um eine ſo zweideutige Frage gebuͤh⸗ rend zu beantworten, als er ploͤtzlich ſelbſt unge⸗ wiß zu werden ſchien, denn erſt eine lange Wei⸗ le nachher folgte die ganz einfache Beſtaͤtigung derſelben. „Wahrlich, ich ſah nie etwas Schoͤneres,“ fuhr Clementine bewundernd fort.„Welche Natur wuͤrde unter Edwins Meißel nicht zur hoͤchſten Poeſie. O ſeht nur, Kinder! Was der entzuͤck⸗ te Mutterblick nicht alles ſagt! Liebe, Stolz, Beſorgniß und Freude. Seht, den weichen, ge⸗ rundeten Arm, mit dem ſie den Knaben an ſich druͤckt, und welche Aehnlichkeit in den noch leiſe angedeuteten Zuͤgen des Kindes mit denen des gereiften Juͤnglings!“ Theophiliens Auge, von dem Zauber der Kunſt hingeriſſen, folgte der Schilderung Cle⸗ mentinens Zug fuͤr Zug. Jetzt erhob es ſich M auch, um die Gleichheit der beiden Geſichter zu erproben, und traf auf ein, mit dem Purpur innerer Beſchaͤmung übergoßnes Antlitz, aus dem zwei dunkle, von der Seeligkeit des Augenblicks leuchtende Sterne ihm entgegen blitzten. Sittſam heftete ſie nun den Blick auf das goͤttliche Kinderbild, ohne ihn noch einmal den Strahlen ſolcher Flammenblicke auszuſetzen. Magnus las in der ſtummen Bewegung der Befangnen etwas ganz anders, als ihm daraus 8½ entgegenblickte. Die Taͤuſchung, zu der ſein Va⸗ 186 ter ihn beredet, legte ſich wie ein dunkler Nebel⸗ ſchleier zwiſchen ſeine heißen Wuͤnſche und den holden Gegenſtand derſelben. „Wie gluͤht ihre Roſenwange vor Zorme uͤber den Frevel,“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Wie ver⸗ achtet ſie den elenden Kunſegriff, zu dem Du Dich wie ein gewoͤhnlicher Schauſpieler lieheſt, und wie peinlich iſt es ihr, den Strafbaren nur eines Blicks wuͤrdigen zu muͤſſen, deſſen erſtes Nahen ihren ſchuldloſen, engelreinen Wandel durch eine gemeine Taͤuſchung entweihte!“ Selbſt, daß Theoohiliens Augen ununterbro⸗ chen auf dem Knaben ruhten, und ihre Lippen ſich zuweilen leiſe bewegten, als wollte ſie dem lieblichen Kinde holde Worte zufluͤſtern, gab ihm keinen Troſt, denn was anders frug ſie ſein Bild, als ob die ſchoͤnen, unſchuldigen Zuͤge ſich auch ſchon zur Luͤge und Taͤuſchung herab⸗ gelaſſen haͤtten? Die Graͤfin wendete ſich nun von Neuem zu ihm, um zu erfahren, ob er ſeinem Vater nachgehen, und ob dieſer nicht wie⸗ derkommen werde. „Ich ſehe ihn nur noch einmal, und zwar 187 in wenig Tagen, um ihm dieſen Schatz hier zu uͤberantworten; dann ſcheiden ſich unſere Wege,“ erwiederte er mit einem ſchmerzlichen Blick auf Theophilien.„Mich treibt des Vaterlandes Druck, und jener innere Genius, dem wir nicht treulos werden duͤrfen, hinaus in's Weite.“ Die Graͤfin ſah wohlgefaͤllig an der ſchoͤnen, kraͤftigen Heldengeſtalt des jungen Mannes hin⸗ auf, der bei den Worten das Haupt ſtolz erhob, und mit den ſtrahlenden Augen die eng begraͤn⸗ zenden Waͤnde des kleinen Stuͤbchens zu uͤberfluͤ⸗ geln ſchien. Von einem entſchiednen Vorgefuͤhl ſeiner hohen Beſtimmung ergriffen, und ſich ſelbſt vergeſſend, rief ſie: „Aus dieſem Kampfe geht der Sieg hervor. Was Sie auch beginnen, junger Mann! es muß ſich glaͤnzend enden.“ Das beruͤhrte ihn wie der Spruch der Py⸗ thia. Entzuͤckt, entſuͤndigt, aller Banden frei, die Wohlſtand, Rang und Reichthum um den armen, niedrigen und gedruͤckten Erdenſohn ſchlangen, ſtuͤrzte er zu den Fuͤßen der Graͤfin, und ſprach begeiſtert: 188 „So weihen Sie mich denn zu des Ora⸗ kels edelſter Bedeutung, hohe Frau! Nur mit dem Schilde, oder auf ihm, kehr' ich wieder.“ Clementine, uͤberraſcht, geſchmeichelt durch den ungeahneten Tribut, und von dem Phanta⸗ ſiereichen der ganzen Scene hingeriſſen, legte ſeg⸗ nend die ſchoͤne Rechte auf das ſtolze, dunkle Lo⸗ ckenhaupt, und ein leichter Kuß ſtreifte auf der glaͤnzenden Stirn hin. Dann wendete ſie ſich, in dem Gefuͤhl, daß eine ſo erhabne Stimmung ſich nicht in die gewoͤhnlichen Accorde geſelliger Hoͤflichkeit aufloͤſen duͤrfe, ſtumm nach der Thuͤr, und eilte mit ihren beiden geruͤhrten und erſtaun⸗ ten Begleiterinnen nach dem Wagen. Leontine war die Erſte, welche den abgeriſ⸗ ſenen Faden des Geſpraͤchs wieder anknuͤpfte, um uͤber hundert Kleinigkeiten, welche ihr in der kurzen Zeit, die ſie muͤſſig dem Treiben der an⸗ dern zuſah, aufgefallen waren, Belehrung zu ſuchen. Die Begebenheiten des heutigen Mor⸗ gens hatten an ihrem Gemuͤth nur gleichſam vor⸗ uͤbergeſtreift. Nur die heroiſche Schlußſcene er⸗ griff es ſympathetiſch mit, weil Magnus ſie mit — 189 der ganzen Wahrheit ſeines kraͤftigen Geiſtes durch⸗ fuͤhrte. Eine wirklich unerkuͤnſtelte Bepeiſterung reißt immerhin, ſelbſt die ungleichartigſten Charaktere; aber lange zittert der Ton nur in gleichgeſtimm⸗ ten Seelen nach. Darum hatte auch Leontine laͤngſt ſchon Worte, als Theophiliens Bruſt ſich noch kaum durch ein paar Seufzer zu entladen wagte, und das harmloſe Auge des froͤhlichen Geſchoͤpfs ſah ſchon wieder recht gemuͤthlich und unbefangen in das Treiben der geſchaͤftigen, hin und her wogenden Menſchenmaſſe, als ein paar andere Augen ſich hinter dem ſchuͤtzenden Schleier fluͤchteten, um dort ungeſehn uͤberzugehn vor unendlichem Weh und unendlicher Ruͤhrung. Die Graͤfin ſprach wenig, denn gekraͤnkte und geſchmeichelte Eitelkeit kaͤmpften noch immer in ihr. Dabei ging der Schmerz uͤber des Freun⸗ des Verluſt unter.—— So ſind wir Menſchen! unſre ganze Freundſchaft und Liebe iſt nichts als der vergoldete Rahm unſers eignen Bildes, das wir in andern anbeten. Man wage es nur, die frevelnde Hand-nach 190 dem Heiligthum auszuſtrecken, ſogleich faͤllt die goldne Faſſung in Staub, und was wir dann noch mit kraͤftigem Nachdruck vertheidigen, iſt — unſere Eitelkeit! Als der Wagen vor dem Malthenſchen Hau⸗ ſe hielt, trat Emmo eben heraus, um in Ed⸗ wins Wohnung, wegen des Bildes, das er gern, ſo bald als moͤglich, ſein genannt haͤtte, zu ver⸗ kehren. Die Ankunft der Damen aͤnderte ſeinen Vorſatz. Er half ihnen aus dem Wagen, und frug beſcheiden nach dem Gegenſtand ihres heuti⸗ gen Morgenbeſuchs; worauf Leontinchen, herzlich froh uͤber das erlebte kleine Abenteuer einmal mit jemand, der noch gar nichts davon wußte, plaudern zu koͤnnen, ſich ſchon bereit machte, ihm eine recht genuͤgende Antwort zu geben, als die Graͤfin, fuͤrchtend, die Scene mit dem jungen Bildhauersſohn moͤchte in dem Munde des ſchel⸗ miſchen Maͤdchens nicht ganz ſo aͤſthetiſch wie⸗ der gegeben werden, als ſie durchgeſpielt war, den Strom ihrer Rede mit einem gebietenden Wink abſchnitt, und den allezeit gefaͤlligen Stief⸗ ſohn bat, mit ihr Muſik zu machen, um nur — —— 8 191 fuͤr's Erſte jede vertrauliche Mittheilung unter den Geſchwiſtern zu vermeiden. So blieb denn dem armen Kinde nichts uͤbrig, als gegen die St. Clair ſein Herz auszuſchuͤtten, die in der komi⸗ ſchen, durch eine vortreffliche Mimik unterſtuͤtzten Wiedererzaͤhlung der kleinen Begebenheit einen Genuß fand, dem ſie ſich um ſo williger hingab, da die ernſte, ihre Art zu ſeyn, beſchraͤnkende Theophilia an der ganzen Unterhaltung keinen Antheil zu nehmen ſchien, weil ſie, an einem andern Fenſter ſtehend, ſtill mit ſich abrechnete, und, immer nicht damit in's Reine kommend, die Rechnung wohl zehnmal auf's Neue anfing, bis ſie erſt merkte, daß es eine ungluͤckliche Eigen⸗ ſchaft der beiden, ſich ſo wunderbar gleichenden Geſchwiſter war, alles, was ſich ihrem Kreiſe nah'te, dem Gefuͤhl der Befangenheit, oder einer ſuͤßen Berauſchung zu unterwerfen, wie eine mit tauſend Wohlgeruͤchen uͤberfuͤllte Luft die Sinne umnebelt, oder wohl gar in verderblichen Schlum⸗ mer einwiegt.. 20. Entwuͤrfe. Nachdem die Graͤfin eine Stunde mit Em⸗ mo Muſik gemacht hatte, erzaͤhlte ſie ihm ihre kleine Begebenheit mit Magnus, zwar nur bei⸗ laͤufig, aber doch mit gehoͤriger Betonung alles deſſen, was ihren weiblichen Triumph erhoͤhen konnte. Sie haͤtte indeß die Sache auch vortra⸗ gen moͤgen, wie ſie wollte, der junge Mann wuͤrde nie etwas anders, als ſeinen Groll gehoͤrt haben. Ein Sohn Edwins ruͤhmte ſich alſo laut und ungeſtraft, Conſtanzen anzugehoͤren? Ihm glich der Knabe, auf welchen ſie Blicke voll Mutterzaͤrt⸗ lichkeit warf, die ihm allein gebuͤhrten? Und der Kuͤnſtler trieb den Frevel ſogar bis zur Taͤu⸗ ſchung des eignen Sohnes?— Da war es ja klar, was ihn feindlich aus ſeiner Naͤhe trieb, konnte er die Zuͤge der Mutter in den Seinigen wohl wiederfinden, ohne das Werk zu vernichten, das eine ſo elende Luͤge zur Schau trug. Er⸗ — 19³3 grimmt uͤber den Raub, den Freundes Hand an ihm veruͤbte, preßte er die Hand auf das, von Sturmeswogen bewegte Herz, als eine ſehr ſchmerz⸗ hafte Empfindung, auf der naͤmlichen Stelle, ihn an das letzte Abſchieds⸗Geſchenk ſeines unbekann⸗ ten Freundes, das brillantne Kreuz erinnerte. Erſchrocken, wie wenn eine Geiſtererſcheinung ihn an den Boden feſſelte, ſtand er nun vor der Graͤ⸗ fin, die ſeinem ſtummen Mienenſpiel ſchon eine Zeitlang neugierig und verwundert zugeſehn hat⸗ te, und frug mit unſichrer Stimme:„Nannten Sie den jungen Menſchen nicht Magnus?“ „Ja wohl!“ antwortete ſie,„aber warum——“ „Er iſt es!“ rief er ſchmerzlich, und ſtuͤrz⸗ te, ohne ſich uͤber den Grund ſeines Fortſtuͤr⸗ mens zu erklaͤren, zum Zimmer hinaus in Ed⸗ wins Wohnung, um— o er wußte es ſelbſt nicht! das Bild zu zerſtoͤren, den Luͤgner zu zuͤch⸗ tigen, den Getaͤuſchten aus dem Irrthum zu rei⸗ ßen, oder den Freund zu umarmen! Daß ihm nichts von allen dem zu thun uͤbrig bleiben wuͤrde, fiel dem leidenſchaftlich Er⸗ griffnen freilich nicht ein, und doch war es ſo. Magnus hatte, bald nach der Entfernung der Graͤfin, ſeine Geſchaͤfte beſchleunigt und den Ka⸗ ſten durch Traͤger fortbringen laſſen. Er ſelbſt V folgte ihm ſogleich nach, und war, nebſt ſeinem 1r Theil. 13 — koſtbaren Schatze, laͤngſt außer der Stadt, als Emmo, nach ein paar irrigen Angaben der Leute im Hauſe, noch Straße fuͤr Straße durchſtuͤrm⸗ te, um ſeine Spur aufzufinden. Alle Verſuche waren vergeblich, und ermuͤdet kehrte er endlich zuruͤck, um den erſten heftigen Wunſch, den ihm das Schickſal verſagte, ſchmerzlich zu betrauern. Wohl fuͤhrte ihm die Stille, welche immer einem großen Sturme zu folgen pflegt, ganz leiſe die Frage zu, ob ſein Herz, von den geliebten Zuͤgen der entfernten Mutter erfuͤllt, ihn nicht vielleicht ſelbſt uͤber die Aehnlichkeit des Bildes mit ihr, getaͤuſcht habe, und dann that er dem Kuͤnſtler großes Unrecht, aber der zaͤrtliche Antheil, den ſie ſtets an dem theuren Hausfreunde genommen, und ſo manches entfallene Wort, das er nach Kinderart in fruͤher Jugend begierig aufgefangen, ſchoben ihm nur neue Zweifel entgegen, die ihn immer unmuthiger machten, und die ganze Be⸗ gebenheit in einen ſo dichten Schleier huͤllten, als der nur geweſen war, welcher die Gruppe bisher jedem profanen Blick verbarg. Dieſer Vorfall beruͤhrte eine Nerve ſeines frohſinnigen Lebens ſo gewaltig, daß es faſt ſchien, als haͤtte die ganze kraͤftige Juͤnglingsnatur eine Erſchuͤtterung erlitten. Er wurde ernſt, mit ſich ſelbſt beſchaͤftigt, und in dem Maaße auch un⸗ empfaͤnglicher fuͤr Leontinens, oft gehaltloſe Scherze. Hier war die Graͤnze, wo er, die . 4 19⁵ Schweſter verſaͤumend, ſich mehr zu der ſtillen, ſinnigen Theophilia hinneigte. Mit ſeiner eignen getruͤbten Stimmung war auch ihr ein ſchoͤneres, gehaltvolleres Daſeyn, das Leben im Geiſte, aufgegangen, und wie in ihrem leiſen, zarten Gemuͤth ſich alles ſelbſt das Ge⸗ fuͤhl des Gluͤcks, nur unter dem dunklen Schleier einer erhoͤhten Wehmuth geſtaltete, ſo trug auch ihre ſanftere Stimme, ihr ſuͤßes, in ſich hinein Laͤcheln, und der im Glanz einer Thraͤne ſchwim⸗ mende Blick, das Gevraͤge einer ſehr erweichten Stimmung, die, zu einer Zeit, mit Emmos Be⸗ fangenheit erzeugt, einen ſtillſchweigenden Ver⸗ trag unter den beiden jungen Leuten ſchloß, ſich gegenſeitig zu ſchonen, und nur diejenigen Sai⸗ ten untereinander zu beruͤhren, deren Anklaͤnge keine unharmoniſchen Accorde bildeten. Leontine, unbekannt mit dem geheimen Ma⸗ ſchienenwerk, das die beiden Herzen zufaͤllig ein⸗ ander naͤher fuͤhrte, bemerkte doch, daß es ſie von dem Ihrigen entfernte, und ſchalt tuͤchtig auf die Traͤumer, welche ſie allein lachen und plaudern ließen, ohne ihr fuͤr die Muͤhe, ſie zu unterhalten, nur mit einem freundlichen Blick zu danken. Aber es blieb nicht beim Schalten! ſie ſetz⸗ te ſich ihr Koͤpfchen auf, den boͤſen Geiſt zu ban⸗ nen, der in beide gefahren war, und machte da⸗ bei einen ſo argen Laͤrm, daß nicht allein die St. 43* — Clair, ſondern jeder im Hauſe, der Augen und Ohren hatte, erfuhr, wovon Emmo und Theo⸗ philia allein nichts ahneten, daß ſie beide den Spleen haͤtten. Der Praͤſident ſah die Wolke laͤngſt kommen, und wandte, als Gegengift fuͤr die ſcheinbar er⸗ wachende Neigung des Sohnes zu Theophilien, ein Mittel an, das er, mit ſeiner gewoͤhnlichen Klugheit, fuͤr das Sicherſte hielt, einen jun⸗ gen Mann von ſeinem Gegenſtande abzuleiten. Er gab ihm Geſchaͤfte und weckte in dem leicht entzuͤndbaren Gemuͤth die Flamme des Ehrgei⸗ zes. Es gab einſt eine Zeit, wo ſein ſtolzer Va⸗ 1 ter, um ihn fuͤr ſeinen Plan auszubilden, ihn auch daran mahnte, daß er der einzige Sproͤß⸗ ling einer erhabenen Familie ſei, und durch ein Vertraun ehrte, das nur der Mann zum Mann haben ſoll, welches aber hier den Juͤngling in wenig Tagen zum denkenden, berechnenden Staats⸗ mann umformte. Er erinnerte ſich noch der un⸗ ermeßlichen Hoffnungen, welche damals die june Bruſt ſchwellten, und des reichen Erſatzes, den die Befriedigung ſeiner ehrgeizigen Wuͤnſche ihm fuͤr alle Opfer des widerſtrebenden Herzens bot. Daß die Zukunft ihm nicht Wort hielt, lag wohl nur in dem fruͤhen Tode des Vaters, in ſeiner aaufgeloͤſ'ten Verbindung mit dem Hauſe der Oberhofmeiſterin, und in ein paar Kleinigkeiten, — 197 die ſeinen Stolz, der noch groͤßer als ſein Ehr⸗ geiz war, zur unrechten Zeit aufregten. Die Vergeſſenheit, in die er hierauf am Hofe fiel, machten ſein Gefuͤhl noch bittrer, und ver⸗ leitete den immer thaͤtigen Geiſt des, damals noch jugendlichen Mannes, außer den Graͤnzen ſeines Vaterlandes einen Wirkungskreis zu ſuchen, den er bei der allgemeinen Erkaltung gegen ſeine Verdienſte in demſelben nicht mehr zu finden hoff⸗ te. Aber wann erreichte ein Ehrgeiziger noch ſein Ziel? Weit entfernt, ſich mit der Wuͤrdigung ſeines Talents auf dieſem Standtpunkt zu begnuͤ⸗ gen, ſtrebte er nach der Genugthuung, ſeinen ehemaligen Mitbuͤrgern durch mehrere Schriften, die gleich Meteoren am gelehrten Himmel erſchie⸗ nen, zu zeigen, welch' einen Mann ſie verloren hatten, und da der Schatz ſeines Geiſtes ſich durch wirkliche Gediegenheit auszeichnete, ſo konn⸗ te der wohlberechnete Erfolg auch nicht fehlen. Noch oft wurde er mit ehrender Anerkennung ſeiner feinen Staatsklugheit zur Mittelsperſon bei den wichtigſten Vertraͤgen zwiſchen dem Ho⸗ fe, dem er fruͤher angehoͤrte, und dem, welchem er ſich jetzt weihte, gewaͤhlt. Allein, noch immer ſah er in ſich den ein⸗ zigen Pfeiler, auf dem die Ehre ſeiner Familie beruhte, denn der Sohn, als Saͤugling den Einwirkungen des Vaters entzogen, und zwan⸗ zig Jahre von ihm entfernt gehalten, konnte den —. Bau ſtolzer in die Zukunft hinausgefuͤhrter Hoff⸗ nungen nicht ſehr unterſtuͤtzen. So nutzte ſich al⸗ ſo der hinaufſtrebende Gei s Praͤſidenten gleich⸗ ſam in ſich ſelbſt ab. Tie Flammen ungeheurer Wuͤnſche drohten zu erloͤſchen, weil ſein Tod oh⸗ nedieß die Graͤnze derſelben war, und der große Name Malthen ſchien noch eher untergehn zu wollen, als ſein letzter Sproͤßling. 1 Da trat der ſchoͤne, bluͤhende Sohn, voll Manneskraft vor ihn, und die Scheidewand ſank, welche ihn von ſeiner Zukunft trennte. An die Graͤnze des eigenen Daſeyns ſchloß ſich das Fort⸗ leben des wackeren Sohnes ehrenvoll an, und was fuͤr die Hand voll Jahre des Vaters ſich nicht lehnte, konnte doch vielleicht guͤnſtig auf kom⸗ mende Geſchlechter nachwirken. Nun ging ein neues, geſchaͤftiges Walten fuͤr ihn an, Emmo ſollte ſich dem diplomatiſchen Fache weihen, und ſeine erſten Schritte auf die⸗ ſem ſchluͤpfrigen Boden unter der Leitung ſeines vielerfahrnen Vaters thun. Lange ſchon trennte die ſchlaue Beguͤnſtigung eines maͤchtigen Nachbars die einzelnen Glieder des großen, deutſchen Staatskoͤrpers feindſelig von einander und band ſie an ein auswaͤrtiges Inte⸗ reſſe. Auch der kleine Hof— Malthens fruͤhe⸗ rer Aufenthaltsort— war durch ſchimmernde Vor⸗ theile fuͤr die feindliche Parthei gewonnen, und es galt jetzt ein ſehr gewandtes Spiel, um dieſen, ☛— — 199 immer nicht ganz unwichtigen Theil des deutſchen Reichs fuͤr die gute Sache ruͤckzugewinnen. Die Blicke deße Cabinets richteten ſich hier wieder mit vorzuͤgl chem Vertrauen auf den fuͤr ſolche Geſchaͤfte geeigneten beſonders Malthen, und dieſer, durchdrungen von der Nothwendigkeit jener Maaßregel, zoͤgerte nicht, den leiſe angedeuteten Wuͤnſchen ſeines Hofes entgegen zu kommen. Unter dem Vorwande, bei der feindlichen Richtung der beiden Staaten gegen einander nicht mehr mit Unpartheilichkeit ſeinen Pflichten ge⸗ nuͤgen zu koͤnnen, bat er um ſeine Entlaſſung, die ihm, nach einigen ſehr ehrenvollen Einwen⸗ dungen, auch ertheilt wurde, und nun es ihm gelungen war, die eine Haͤlfte ſeiner geheimen Abſichten zu erreichen, wurde es ihm nicht ſchwer, der Andern taͤglich naͤher zu ruͤcken. Entſchloſſen als Privatmann in der Reſi⸗ denz ſeines ehemaligen Landesherrn zu leben, be⸗ auftragte er ſeine dortigen Freunde, ihm ein, dieſem Verhaͤltniß entſprechendes Haus auf das Glaͤnzendſte einzurichten, und ſaͤumte nicht mit ſeiner Familie dahin aufzubrechen, wo eine neue Lebensſonne ſeine kuͤnſtlich verſchlungenen Pfade zu beleuchten verſprach. Emmo, in die geheime Motive dieſer Sen⸗ dung nicht ganz, aber doch genug eingeweiht, um fuͤr den ſchoͤnen Zweck derſelben begeiſtert zu werden, ſollte einſtweilen an der Seite des ſtaatskiugen Vaters der Geſchaͤfte harren, die 200 ſich bald haͤufen mußten, und nur fuͤr dieſe Zeit noch bangte der Praͤſident, in Hinſicht Theo⸗ philiens, deren zartes Hinneigen zu dem einzi⸗ gen Sohne er ſogar jetzt um ehrgeiziger Abſich⸗ ten willen ſcheute. Des Juͤnglings Hand gehoͤrte 8 andern, ihm jetzt noch unbekannten, aber doch von dem berechnenden Staatsmann nicht unge⸗ ahneten Zwecken, und des namenloſen Maͤdchens dicht verſchleiertes Schickſal durfte am wenigſten in das helle, wohluͤberſchaute und durchdachte Le⸗ bensgewebe des einzigen Malthen verflochten wer⸗ den, der des ſtolzen Vaters kuͤhnſte Plaͤne ſtuͤtzen ſollte. Ceementine hatte uͤbrigens den Faden nicht verloren, der des Grafen heftig ausgeſprochene Erbitterung ihr nach jener Darſtellung ſelbſt reichte. Zum Ueberfluß wuͤrde auch die Vollen⸗ dung des, ihrem Pinſel entlockten Kunſtwerks ſie wieder daran gemahnt haben. An ihm ſpann ihre, durch hingeworfne Aeu⸗ ßerungen der St. Clair noch mehr gereizte Phan⸗ taſie ſich immer lebhafter zu einem Argwohn hin, der, ohne ihr Herz zu beruͤhren, ihre Ei⸗ telkeit dennoch in doppelter Hinſicht verletzte. Je⸗ ner Augenblick, wo ſie ſich, hingeriſſen von der zarten Wuͤrdigung, mit der ihr Gatte zum er⸗ ſtenmal ein ihrer ſchaffenden Hand erbluͤhtes Kunſtgebild ehrte, in den ſuͤßen, ſchmeichelnden Traum einwiegte, es werde ihrem Werth noch 201 gelingen, ihn fuͤr ſich zu gewinnen, jener Augen⸗ blick der beſchaͤmendſten Taͤuſchung war die Gei⸗ ßel, welche die Eumenide uͤber dem Haupte der ſonſt ſo harmloſen Frau ſchwang. Theophilia mußte den Grafen naͤher angehen, denn eine ſo zarte Farbenhaltung, ein ſo leiſe ausgeſprochner Werth konnten das Intereſſe eines tiefdenkenden ernſten Geſchaͤftsmannes nicht ſo lange feſſeln, als es ihr, der glaͤnzenden, talentvollen, geiſtreichen Frau nicht einmal gegluͤckt war. Hat⸗ te alſo das Maͤdchen nicht beſondre Zauberkuͤnſte in Ruͤckhalt, ſo waren es Bande des Bluts, wel⸗ che dem namenloſen Kinde ein ſo entſchiednes Gewicht im Hauſe gaben, und dann— es groll⸗ te ſie, daß Theophiliens muthmaßliches Alter ſie grade an eine Untreue ihres Gemahls in jener Zeit glauben ließ, wo ſie ihn noch mit tauſend ſuͤßen Liebesbanden umſchlang. Auch ihr entging es ſo wenig, als der lau⸗ ernden St. Clair, mit welcher Aengſtlichkeit der Graf die wachſende Vertraulichkeit der jungen Leute beobachtete; denn wenn auch die unbekann⸗ te Theophilia ſelbſt in ihren Augen eine nicht ganz wuͤnſchenswerthe Parthie fuͤr Emmo war, ſo gab dieſe Neigung des geliebten Sohnes ihm doch auch das unzweideutigſte Mittel in die Haͤn⸗ de, den theuren Schuͤtzling auf einen Stand⸗ punkt zu ſtellen, wo weder Verlaͤumdung noch Mißdeutung ihm mehr zu nahe treten konnten. 202— Es war alſo nur die geheime Schuld, die ihn raſtlos ſtachelte, und zum Freudenſtoͤrer der jun⸗ gen Leute machte. Darum ihre fruͤhere Neutra⸗ litaͤt ganz verlaͤugnend beſchloß ſie jetzt das Ra⸗ cheſchwerdt gegen den Heuchler zu ergreifen, und den Bund zu beſchuͤtzen, dem er entgegenarbeitete. So, eins das andre bewachend, und jedes ſeine geheimen Zwecke verfolgend, des Mißtrau'ns Saamenkorn in tiefſter Bruſt verſchloſſen, ſtan⸗ den die Hauptperſonen einander gegenuͤber, als die kuͤnſtlich verſchlungnen Plaͤne des Praͤſidenten ihn und ſeine Familie auf einen neuen Schau⸗ platz riefen. Ob dieſer Boden dem wuchernden Unkraut gedeihlich, ob hinderlich ſei, muß erſt ein Blick in der Zukunft verhuͤllendes Dunkel uns deuten. Ende des erſten Theils.