deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ofltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 „2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..—— 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wschentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mr. 50 f. 2 Mk.— Pf. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ f ſtehen haben. Tante und Richte. Und: die dritte Frau. Zwei Erzaͤhlungen von Henriette Hanke, geb. Arndt. 115 Liegn. i b, bei Fohann Friedrich Kuhlmey. — 1832. Gluͤckſelig iſt, wer Liebe rein genießt, Weil doch zuletzt das Grab ſo Lieb' als Haß 4 verſchließt. Goͤthe. 64 Jur Zeit, wo der reiche Herbſt ſeine Frucht⸗ ſchaͤtze uͤber die Maͤrkte ausſchuͤttet, der Vogel⸗ ſang verſtummt iſt in den Gebuͤſchen, die ſich zu faͤrben beginnen, die Schwalben, geſchaͤftig zur Heimkehr, uͤber die leeren Felder ſtreifen, die Aſter verbluͤht, und der Sonnenſchein mit bleichem Lichte die Scene der Vergaͤnglichkeit aushellt:— um dieſe Zeit war es, als in der Fruͤhe eines heitern Morgens, ein niedliches Fuhrwerk eigener Art, durch die Straßen von B..... rollte, und vor der Linde, dem groͤß⸗ ten Gaſthofe der Stadt, anhielt. Es war ein gruͤner Korbwagen, von ungewoͤhnlicher Form, in Federn hangend, und mit einem Schirme von Wachstuch hoch beſpannt, der an beiden Seiten aufgezogen, eine reizende Einſicht ge⸗ währte. Den hintern Raum des Wagens 1* nahm, ſorglich geſtellt, Orangerie ein, rei⸗ fende Fruͤchte wiegten ſich in der ſchaukelnden Fahrt, zwiſchen bergenden Blaͤttern, und da⸗ neben ließen ſpaͤte Bluͤthen ihren berauſchenden Duft der Spur des Weges. Im Vordergrunde hatte Vertummnus feil. Da lagen Melonen, fein beſtrickt von der kuͤnſt⸗ lichen Natur, die vornehme Ananas, Reine Claude, ſanft angehaucht vom Athem des Morgens, Aprikoſen, wie gehaͤuftes Gold, Phirſiche, voll und roth, wie friſche Kinder⸗ wangen, und manch anderes ſuͤßes Labſal noch. In der Mitte des Wagens aber prangte eine holde Blume, die Roſe der Schoͤnheit!— Ein blondes Maͤdchen im vollen Reize der Ju⸗ gend, ſaß allein auf dem geraͤumigen Sitze. Kein nachbarliches Geſchwaͤtz, nur das Aroma der Umgebung, ſprach mit leiſer Betaͤubung das einſame ſchoͤne Kind an, welches jetzt mit truͤber Verwunderung die fremde, ſteaͤdtiſche Welt in das blaue Auge faßte. Ein ſchwarzes Band war die traurige Zierde des italiſchen Strehhuts, der dieſe deutſche Blondine halb ſchuͤtzte gegen Morgenluft und Sonne, halb verbarg vor neugierigen Blicken; der Burſche aber, der ſeiner ſchoͤnſten Ladung jetzt aus dem Wagen half, trug ein Blumenſtraͤuschen auf dem ſeinigen. Man nannte dieſen Wagen ſammt ſeinem Inhalte nur: die Gartenfuhre; ſie kam woͤ⸗ chentlich einmal zur Stadt, um den Überfluß eines herrſchaftlichen Gartens, einige Meilen von B..... entfernt, den kargen Mauern zu⸗ zufuͤhren, worin viel reiche, luͤſterne Leute leb⸗ ten. Die Jahreszeit fuͤllte den Wagen ſammt ſeinem Inhalte mit wechſelndem Vergnuͤgen fuͤr die Kaͤufer, und wechſelte auch den Kreis der⸗ ſelben, bis der Winter eine Pauſe machte, der die Gaͤrtnerey ſtatt in Duft in Farben, nur in ſtarrem Silber trieb. Doch fuͤr dieſe Blumen wollte Niemand etwas geben, als hoͤchſtens— einen Seufzer, unter dem das kalte Gebilde auf den klaren Scheiben zerſchmolz. Aber wenn der Fruͤhling wiederkehrte, und die Gartenfuhre aus Goldbrunn zum erſtenmale vor der Linde hielt: da erſchien ſie geſchmuͤckt von Auſſen mit 6 jungen Kraͤnzen, drinnen aber verbarg ſich das Koͤſtlichere, und die Einwohner der Stadt be⸗ gruͤßten die bluͤhende Botſchaft der beſſeren Zeit mit frohen Blicken und jauchzendem Zuruf. Dann eilten Blumenfreunde herbei, und kauf⸗ ten ſeltene Aurikel und Hyazinthen, die Nie⸗ mand ſo zu ziehen verſtand, wie der Hofgaͤrt⸗ ner in Goldbrunn; weshalb ſich denn Viele die Freude verſagten, ihres Wachsthums mit eige⸗ ner Muͤhe zu warten, und ſie fruͤher zu haben, nur, um ſie ſpaͤter deſto ſchoͤner zu beſitzen. Da ſtanden ſie gereihet die Pracht⸗Exemplare des Hyazinthenflors, in reinlichen Toͤpfen, und ihre Nahmen, den jede derſelben trug, waren es oft, welche die Kaͤufer den Werth der ge⸗ nannten Perſon mit der Vorzuͤglichkeit der Blume, die ſie repraͤſentirte, verwechſeln lie⸗ ßen. Da ſtand Gellert in der Farbe ſeiner frommen Gluth, Henriette Sonntag in roſiger Anmuth, Pastore fido, blau, wie die Treue ſeiner ſchaͤferlichen Zaͤrtlichkeit, der Koͤnig Da⸗ vid, hochgelb, wie das lodernde Feuer ſeiner Geſaͤnge, Louiſe von Preußen, veilchenblau, —4 —,— 7 die Lieblingsfarbe der Unvergeßlichen, welche nun des Himmels Krone, den Lohn ihrer Tu⸗ genden traͤgt— und endlich die weiße Dame, gleichfarbig, geiſterhaft ſchoͤn; doch im zarten Glockenſpiel ihrer Toͤne den Hauch des Lebens in purpurnem Schimmer verbergend. Die Goldbrunner Gaͤrten verſorgten ſofort im heißeren Sommer faſt bis gegen das Ende des Herbſtes, die Tafeln der Staͤdter von B..... mit kuͤhler Erquickung und ſaftigem Genuß; doch wenn die gilbende Blanche, die wuͤrzreiche Calville, ſchon waͤrmend gebettet, daß der Froſt ſie nicht beruͤhre, von den fuͤr⸗ ſorgenden Hausfrauen gekauft ward, dann kam die Gartenfuhre nicht lange mehr, und blieb aus, bis der milde Fruͤhling die eiſigen Thore des Winters aufſchloß, und die fallenden Flok⸗ ken der Kaͤlte in Bluͤthenthau verwandelte. Jetzt hielt, wie ſchon geſagt— der gruͤne Wagen vor der Linde in B..... Das junge Maͤdchen, welches mit dieſer Gelegenheit zur Stadt gekommen war, ſtand vor den offenen Thuͤren des Gaſthofs, und ſaͤuberte die ſchwarze 8 Huͤlle von gruͤnen Blaͤttchen, Staubfaͤden und anderem Anhange; dann ſchauete es auf dem Markte umher, deſſen unruhiger Verkehr leben⸗ dig ward, maß mit einem fluͤchtigen Blicke die Hoͤhe der Gebaͤude, den weiten Umfang des of⸗ fenen Platzes, gab dem Gaͤrtnerburſchen, der es gefahren, baare Belohnung fuͤr den geleiſte⸗ ten Dienſt, und Ordre, den netten Coffre gut zu verwahren, bis er abgeholt wuͤrde, und ging nun mit langſamen Schritten einer Sei⸗ tenſtraße zu.. Hier, wo faſt lauter Honoratioren wohn⸗ ten, war es noch ſo ſtill, daß der leichte Fuß der jungen Fremden auf dem Trottoir ertoͤnte; nur die erſten Strahlen der Sonne webten uͤber die Quadern, und weckten den Schatten dieſer ſchlanken Geſtalt, daß er ſie auf einem Gange begleite, der ihr ſchwer zu werden ſchien. Sie ſtand nunmehr am Ziele, und faßte mit der Hand, die ein wenig zitterte, nach dem meſ⸗ ſingnen Griffe einer Hausthuͤre, die unver⸗ ſchloſſen, ſich ohne Geraͤuſch oͤffnete. Betrof⸗ fen erblickte die Eintretende eine daran befe⸗ * ſtigte, aber ſchweigende Klingel, dicht mit Watte umhuͤllt. In der gewoͤlbten Halle die⸗ 3 ſes Flurs ſah es nach Reichthum aus; große, pomphafte Wagen, wie zur Schau aufgeſtellt, ließen jedoch auf einen etwas ſchwerfaͤlligen Ge⸗ brauch deſſelben ſchließen. Der letztere dieſer Wagen, welcher nahe der Treppe ſtand, war der ſchoͤnſte, und des Maͤdchens kunſtgewohntes Auge ward von einem ſehr gelungenen Gemaͤhlde darauf, angezogen. In der Blaͤue des ſuper⸗ feinen Lacks, dunkel und glaͤnzend, wie der Äther des Suͤdens, lenkte Phaeton die Son⸗ nenroſſe. Das Maͤdchen verweilte auf dem kleinen, ſchoͤnen Bilde eine Minute mit ſinnigem Blick, dann hob er ſich empor, und fuhr erſchrocken zuruͤk: denn im innern Raume des Wagens ſchlief ein Juͤngling; ſeine volle, ſchoͤne Hand ruhete am Rande der Polſter, und ein Ring an ſeinem Zeigefinger gab den Reflectionspunkt fuͤr des Maͤdchens ſtummes Anſchauen ab. Wenn es wahr iſt, daß die Phyſiognomie der Schlummernden den Zuſtand ihres Ge⸗ 4, 10— muͤths, das Geheimniß des Charakters offen⸗ bare, ſo konnte dieſer junge Mann niemals ei⸗ nes beſſeren Empfehlungsbriefes maͤchtig werden, als den der Schlaf mit weichen Zuͤgen in die Umriſſe ſeines offenen Geſichts ſchrieb. Eine heitere Sorgloſigkeit ſchien dieſe Augenlieder ge⸗ ſchloſſen zu haben, unter denen die Geſundheit bluͤhete, ein humoriſtiſches Laͤcheln, vielleicht ein luſtiger Traum! ſpielte um den halbgeoͤffne⸗ ten Mund, der ruhig athmete. Der Wellen⸗ ſchlag des Blutes bewegte in ſichtbarem Tacte die feine, weiße Weſte des Juͤnglings, der ſein Haupt voll uͤppiger, brauner Locken ganz un⸗ bekummert der Eleganz des Wagenfutters an⸗ geſchmiegt hatte. Eine bunte, ſeidene Troddel ſtreifte koſend an ſeine Stirne, auf der auch nicht ein einziges Faͤltchen des Kummers zu ſe⸗ hen war. Das Maͤdchen ſtand, leiſeathmend aus tiefer Bruſt, in den Anblick des Schlaͤfers verlohren, uͤber den es Phaetons Bild vergaß. Den Ring an ſeiner Hand, ein, fuͤr die Weib⸗ lichkeit ſtets bedeutſames Zeichen— haͤtte es gerne erkennen moͤgen; allein der Sonne ſchraͤ⸗ 11 ger Strahl, durch die Glasfenſter uͤber der hinteren Thuͤre des Hauſes dringend, verthei⸗ digte mit blitzender Waffe dies Pretium affec- tionis gegen die angeſtrengte Sehlraft der frem⸗ den Lauſcherinn. Jetzt regte ſich der dunging, als ahue er traͤumend die Naͤhe eines Engels— das Maͤd⸗ chen erroͤthete im Purpur lungfraͤulicher Schaam, und entfloh in ſchwebender Eile vor ſeinem Er⸗ wachen. Als es die oberſte Stufe der Stiege erreicht hatte, und das laute Klopfen des Her⸗ zens, und einen jaͤhen, ſtechenden Schmerz in demſelben, durch einen leiſen Druck der Hand auf dieſe verraͤtheriſche Stelle, beſchwichtigen wollte, trat eine aͤltliche Anzilla, die Figur ei⸗ nes niederlaͤndiſchen Gemaͤhldes— auf die Schwelle der Kuͤche. Zinoberroth von der Flamme des Heerdes, ſtarrte ſie der Fremden in das ſchoͤne, gluͤhende Geſicht, das der Wi⸗ derſchein von Veſtas heiliger Fackel erleuchtete. „Zu Wem wollen Sie denn, wenn ich fra⸗ gen darf?“ fragte die Dienſtbare, die hier viel zu duͤrfen ſchien; doch legte die vornehme An⸗ 12 muth im Weſen der Fremden, einen unwill⸗ kuͤhrlichen Ton der Achtung auf dieſe viſitato⸗ riſche Frage. „ Zu nneiner r Tante, der Frau Pupillenraͤ⸗ thinn Locke,“ antwortete das Maͤdchen mit ei⸗ ner Stimme, die noch in der ſtuͤrmiſchen Be⸗ wegung des Buſens bebte und wie gedaͤmpftes Silber klag. „Ach ſo!“ erwieberte Jene wwiſchen ver⸗ traulicher Freundlichkeit und der Scheu einer uͤbertroffenen Erwartung:„aus Goldbrunn alſo— das Fraͤulein Nichte! nun die Frau Raͤthinn ſchlafen noch— es iſt ja kaum ſieben Uhr! belieben Sie nur indeſſen, hier herein zu treten!“ Sie oͤffnete das Wohnzimmer; es war ſehr groß, doch verengt, und auf mannigfache Weiſe uͤberladen. Die Meublen waren neu und ſchoͤn, doch nicht ganz paſſend gewaͤhlt, und viel zu gedraͤngt. Jeder Winkel war voll von Sachen, jedes Raͤumlein benutzt, die Hoͤh⸗ lung des Ofens ſogar ein Depot von Buͤchern und allerlei kleiner Geraͤthſchaft. Die Fuͤlle des Beſitzes machte hier einen laſtenden Ein⸗ druck auf das Gemuͤth, in dem kein Beifall aufkommen konnte. Ein weibliches Gemaͤhlde in vergoldetem Rahmen, ward durch die Unbe⸗ deutenheit einiger Kupferſtiche ohne andern Werth, als den vielleicht die Vorliebe fuͤr die Landſchaften ihrer Gegenſtaͤnde darauf legen wollte, hervorgehoben. Es war ein Knieſtuͤck; das Portrait einer jungen Dame, und zwar ei⸗ nes von Denen, welchen man, ohne das Ori⸗ ginal zu kennen, die Ahnlichkeit anſieht, weil es vom Geiſte des Kuͤnſtlers in aͤchten Seelenzuͤ⸗ gen aufgefaßt iſt. Es war ein blaſſes, zartge⸗ bildetes Geſicht, nicht eben ſchoͤn. Mit gro⸗ ßen, dunklen Augen ſchauete es duͤſter in den Wuſt des Zimmers hinab, die gleichguͤltige Miene, melancholiſch ſchattirt, ſchien dieſes laͤ⸗ ſtigen Überfluſſes, dieſer zahlloſen Beduͤrfniſſe der Menſchen zu ſpotten; das Ganze hatte et⸗ was Leidendes, das durch ſeine Sanftheit an⸗ ſprach, und der Reiz einer ruhigen Geduld dar⸗ uͤber ausgegoſſen, waͤre vielleicht der hoͤchſte die⸗ ſes Bildes zu nennen geweſen. Ein verwelkter 14— ah. Das tend⸗ Midchen dand wie— vor blauen Tass fül ſich mit Locke trat ein. Eine k kl iune Frart⸗ ge⸗ gen funfzig Jahre etwa, aber von wohlerhalte⸗ nem Auſſern; nur gab die breite Mode der ge⸗ genwaͤrtigen Zeit, der auch der wattirte Schlaf⸗ rock nachkam, ihrer korpulenten Kuͤrze ein un⸗ foͤrmliches Verhaͤltniß. Das Nachthaͤubchen ſaß verſchoben, ſie trug in der einen Hand ein gewichtiges Schluͤſſelbund, in der andern einen Teller mit Kuchen, leicht wie Flaum, und lok⸗ ker wie Wolle. Das Maͤdchen eilte, fluͤchtig erbleichend, auf die Tante zu, ihr die Hand zu kuͤſſen, de⸗ ren keine dieſe zum Willkommen fuͤr die holde Nichte frei hatte. Es beugte ſich, bedraͤngt und demuthsvoll, auf die verſorgende, und der Wehmuth milder Thau enttraͤufelte dem Ver⸗ — 15 gißmeinnicht der Augen, und zrdoſtenwum auf die kalten Schluͤſſel. „Guten Morgen, Nichte! da biſt du ja nun!“ ſagte die Raͤthinn mit herzhaftem Gruße, einem Anfluge von Ruͤhrung wehrend:„was weinſt Du denn? iſt Dir Angſt? Du wirſt keine Noth bei mir haben, als die Du Dir ſelbſt machen moͤgteſt. Es it alles vergeben und vergeſſen.“ Das Maͤdchen hob die thraͤnenden Augen, ſtrahlend in Unſchuld, zu der Tante auf, da dieſe von Vergeben und Vergeſſen ſprach.„Ich bitte um Ihre Liebe, Tante! und will die Guͤte, womit Sie Sich meiner annehmen, zu verdie⸗ nen ſuchen!“ antwortete es nicht ohne Selbſt⸗ gefuͤhl, wenn auch noch immer ſehr bewegt. „Meine Liebe“— ſprach die Raͤthinn, und der Ton, den dieſe Worte anſchlugen, ſchwankte zwiſchen Abweiſung und Klage, zwi⸗ ſchen Bitterkeit und Schmerz:„die ruht im Grabe! Sieh, dort haͤngt meiner Agnes Bild! Sie iſt zum Sprechen getroffen. Geſtern vor zehn Monaten ſtarb ſie; es war ein harter 16— Schlag, aber unerwartet traf er mich nicht. Agnes war ja mein einziges Kind, und ich konnte erhalten un verſorgen! nur wo ein hungerndes Haͤuflein ſich um eine arme Mutter ſammelt, da gehet der Tod voruͤber, und ver⸗ fagt die Huͤ di er nehmend geben wuͤrde.“ Ein keiſer Schauer ſtrich uͤber die Glieder der Nichte. Mit der ſanften Hoheit einer reli⸗ gioͤſen Erhebung ſagte ſie:„er iſt doch nur ein Bothe Gottes! und ich kenne einen Spruch, der lautet: Wen der Vater im Himmel liebt, der hat einen kurzen Tag, und wenig Muͤhe!“— Ihre Thraͤnen ergoſſen ſich aufs Neue, ſie blickte nach der blaſſen Agnes hin, das Bild wankte hinter dem feuchten Schleier, und ſchien zu ſagen:„mir iſt wohl!“ Der Tante Herz aber war verſchloſſen fuͤr den Troſt des Frommen. Sie ſetzte den Kuchen nieder, und ſprach ablenkend:„noch weiß ich Deinen Nah⸗ men nicht einmak, Nichte! laß mich ihn doch erfahren!“ „Phoͤbe heiße ich!“ antwortete das Maͤd⸗ chen furchtſam. 17 „Phoͤbe?“ wiederholte die Tante ſcharf, und ein hoͤhniſches Laͤcheln flog um ihren Mund, da ſie hinzuſetzte:„mein Bruder— Dein Va⸗ ter, war doch in allen Dingen ſeltſam! ſein poetiſcher Geſchmack liebte das Ungereimte.— Eine chriſtliche Taufe und ein nytholsgſche Nahme!“— Phoͤbe fuͤhlte ſich tief von dieſer Auſſerung verletzt; ihre kindliche Verehrung hing ſchwaͤr⸗ meriſch an den vollendeten Eltern, vorzuͤglich an dem juͤngſtverlohrenen Vater, der ihr das Idol jeder Tugend und Trefflichkeit geweſen war. Die gekraͤnkte Empfindung fuͤr ihn, uͤberwand demnach die ſchaamhafte Scheu, ein natuͤrliches Geheimniß hier und jetzt zu of⸗ fenbaren, und hocherroͤthend erwiederte ſie: „ich bin zu meinem Nahmen gebohren! meine Mutter, da ſie mich unter ihrem treuen Herzen trug— verweilte oft im Kunſtſaale der Graͤfinn Mimoſa, vor einer Statue der jungfraͤulichen Goͤttinn, die ihr beſonders gefiel, und als ich zur Welt kam, trug ich das Zeichen der Nacht an meiner Stirne.“ Sie ſtrich die vollen, blonden Locken ſeitwaͤrts, und ein kleiner gluͤ⸗ hender Mond erſchien wie unter goldnem Ge⸗ woͤlke.— Die Raͤthinn ſtaunte ihre Nichte an. Sie nahm ſich indeß hoͤflich zuſammen, und ſagte: „nun ſo wuͤnſche ich, daß dieſer Neumond uns gutes Wetter bringen magl wir beduͤrfen es.— Du wirſt dich in meinem Hauſe in Manches finden muͤſſen, Phoͤbe, und ich will Dir vor⸗ erſt einige Regeln geben, waͤhrend wir fruͤh⸗ ſuͤken.“ Sie ſchellte, der Caffee ward ge— bracht. Die Raͤthinn ſchenkte ein, noͤthigte die Nichte zuzulangen, und redete inzwiſchen wei⸗ ter:„mein Mann— gehe ihm aus dem Wege, ſo viel Du kannſt. Er hat unholde Launen und wunderliche Eigenheiten; ich warne Dich vor ſeiner Hitze, die ihn anweht, man weiß nicht wie? Sein Sohn iſt ein Wildfang, ein jun⸗ ger Herr, der ſeine galanten Thorheiten treibt, wie die Andern, ein Referendarius, der ſeine Vortraͤge am liebſten im luſtigen Collegium gu⸗ ter Bruͤder und Conſorten macht. Laſſe Dich gar nicht mit ihm ein! hoͤrſt Du? man kann — 19 ihm gerade nicht boͤſe ſeyn; aber das iſt nur um ſo ſchlimmer.“ Phoͤbe nickte laͤchelnd, es ſah aus, als ge⸗ lobe ſie der Tante Gehorſam, auch deutete dieſe das anmuthige Neigen des Maͤdchens alſo; al⸗ lein Phoͤbe dachte an den Juͤngling im Wagen, der ihr ſehr liebenswuͤrdig vorgekommen war, und keiſe ſtieg der Wunſch in ihr auf, es moͤgte ihr Vetter geweſen ſeyn. „Er wird die bequeme Gelegenheit, eine haͤusliche Liebſchaft anzuſpinnen, eifrig zu be⸗ nuͤtzen ſuchen, ich zweifle nicht daran,“ fuhr die Tante fort:„aber weiſe waͤreſt Du, wenn Dich das nicht ruͤhrte. Wozu auch? Er wuͤrde Dich ein Weilchen lieben— und dann laſſen. Du aber haͤtteſt lange Qual: denn die Maͤnner ſind nur zu unſerer Pein und Plage geſchaffen.“ Phoͤbe laͤchelte noch einmal; der Pupillen⸗ rath Locke war der dritte Mann ihrer Tante. Sie wollte etwas ſagen; die Raͤthinn aber, als ob ſie wuͤßte, was in der Seele ihrer Nichte vorging, kam ihr zuvor, indem ſie mit einem Seufzer das hart ausgefallene Wort wieder auf⸗ nahm:„mein erſter Mann— der war die Leutſeligkeit ſelbſt! ein guter Wirth, von ſoli⸗ der Denkart, der niemals das, was er fuͤr ge⸗ ziemend hielt, aus den Augen ſetzte. Ich lebte wie im Schooße der Ruhe, nur ward mir manchmal die Zeit ein wenig lang, doch das laͤßt ſich ertragen, und iſt ein anſtaͤndiges Übel: denn es druͤckt die vornehmſten und reichſten Leute.— Der zweite hatte einen großen Ruf als Arzt, und mich in einer gefaͤhrlichen Krank⸗ heit, in die ich als Wittwe verfiel, mit ſo viel Gluͤck und Geſchick behandelt, daß ich ihm die begehrte Hand gab. Hinterher wuͤnſchte ich wohl zuweilen, er haͤtte mich ſterben laſſen: denn er war mir keine Stunde treu, und die Berechtigungen eines Doctors machen die Eifer⸗ ſucht ſeiner Frau zu einem ſchleichenden Fieber, unheilbarer Art. Der Berufsweg mag noch ſo oft ein Nebenweg ſeyn, er darf ihn dreiſt gehen, und die Frau muß ihn wohl gar noch ſchicken, wenn ſein Beſuch verlangt wird, wohin es im⸗ mer waͤre.— Der Tod, dem er ſo manche Leute entriſſen, machte ſeiner Wirkſamkeit und 2 — 21 meinem ſtillen ÄArger zeitig ein Ende, und ich wollte nun mein bischen Leben und Vermoͤgen in Zufriedenheit genießen. Da kam mein jetzi⸗ ger Mann— „Hier ging die Thuͤre auf, und dieſer Mann kam wirklich; ſeine perſoͤnliche Darſtel⸗ lung trat an die Stelle der Charakteriſtik, worin er ſeine Gattinn unterbrach. Der Pupillenrath Locke war eine ſtattliche Geſtalt von hervorra⸗ gender Laͤnge; er war bereits im vollen Anzuge, und fein gekleidet. Seine ausdrucksvollen Ge⸗ ſichtszuͤge, denen nachdenkende Erfahrung und amtliche Wuͤrde tief eingepraͤgt waren, heiter⸗ ten ſich bei ſeinem Eintritte zu einer angene men Freundlichkeit aus.„Ich hoͤre ſo eben,« begann er mit ſonorer Stimme—„guten Morgen, liebe Frau!“ er reichte ihr die Hand zu dem verſpaͤteten Morgengruſſe, in die ſie finſter ſehend die Spitzen ihrer runden Finger legte:—„daß unſere erwartete Hausgenoſſinn nunmehr angekommen ſey. So wollte ich denn eilen, Sie zu begruͤßen. Seyn Sie uns be⸗ ſtens willkommen, mein liebes Kind! ich hoffe, 22— Sie ſollen in dieſem Hauſe minder gewahr werden, was Sie verlohren haben. Als verei⸗ deter Pupillenrath bin ich zu dem Schutzfreunde der Waiſen beamtet, als der Gatte meiner lie⸗ ben Frau, fuͤhle ich mich berufen, Vaterſtelle an Ihnen zu vertreten, und als ein Verehrer der Schoͤnheit“— hier buͤckte ſich der ernſte Mann mit ſcherzhafter Galanterie, die ihm auſ⸗ ſerordentlich wohl ließ—„wird dieſe doppelte Pflicht der freie Drang meines Herzens!“ Die Raͤthinn laͤchelte mit bemerkendem Hohn, ſie blinzelte nach ihrem Gemahl hin, ihr Auge ſtach, und ihre Miene verzog ſich herbe. Phoͤbe aber vergalt mit dem lieblichſten Blicke dieſe gewinnende Zuſicherung, und in dankba⸗ ren Worten betheuerte ſie dem neuen Oheim, daß ſie ſeine Gewogenheit zu verdienen, bemuͤht ſeyn wolle. Nur das gehaltene Schweigen der Tante bei dieſer Scene, erregte ihr ein peinli⸗ ches Gefuͤhl, einen heimlichen Druck. Sie trat im Geiſte auf die Seite des Mannes, ihr Herz war ihm aufgegangen in ſchnellem Vertrauen, und nahm ſeine Parthie, unwiſſend der Anklage, 23 die das verdruͤßliche Verhaͤltniß dieſer Ehe ge⸗ gen ihn erheben koͤnnte. Sie begriff eben ſo raſch, daß er als Gatte dieſer Frau zu bedauern waͤre, und der ſtille Entſchluß, ihn durch die gefaͤlligſte Zuvorkommenheit ſchadlos zu halten, gegen die Unbill widerſinniger Launen, unter denen ſeine Ruhe leiden muͤßte— bildete im Nu eine Oppoſition gegen die Tante in ihrer weiblichen Seele. Nach einer kurzen Unterhaltung entfernte ſich der Pupillenrath, weil Geſchaͤfte ihn abrie⸗ fen, und kaum hatte er die Thuͤre hinter ſich zugezogen, als die bis dahin ſtumme Zunge ſei⸗ ner Frau ſich loͤſete. Sie ſprach:„ſein Pu⸗ pillenrath, womit er ſo groß thut, macht mich wirklich zu lachen: denn ich denke daran, wie oft die hochweiſe Majorennitaͤt ſich in großen oder kleinen Verlegenheiten befindet, denen die Frau abhelfen muß.— Unſer Geſchlecht iſt das wahre Pupillen⸗Collgium, wenn auch nur mit Sitz und Stimme auf dem Stuhle der Sorgen, und im Vereine der Verlegenheit und der Noth. Die Maͤnner genießen den Ruhm und haben das Recht, uns bleibt die Arbeit und das Nach⸗ ſehen. Mein Mann waͤre wohl im Stande, ſich um neun Pfennige, die in einer Vormund⸗ ſchafts⸗Rechnung fehlten, den Kopf zu zerbre⸗ chen, unterdeſſen habe ich vielleicht neunmal einer Waiſe Rath und Huͤlfe gegeben, der es an allem gebricht.“— „Wenn auch Phoͤbe empfand, daß die Tante in dem Geſagten ihre umſichtige Thaͤtig⸗ keit nicht allein, als Gegenſatz zu der amtlichen Pedanterie ihres Mannes, ſondern auch als eine Mahnung, wie huͤlfreich ſie ſich der armen Nichte angenommen— geltend machen wollen: ſo antwortete ſie doch ohne ſichtliche Empfindlich⸗ keit, mit ſanftem Entgegnen:„die Graͤfinn Mimoſa, wenn ſie noch lebte, wuͤrde ſagen: dies ſey auch ganz in der Ordnung. Die Frau fuͤhrte leiſe und liebend aus, was der Mann erſt lange denkend beſchließt. Sie aͤuſſerte zu⸗ weilen: das weibliche Verdienſt muͤſſe, gleich der muͤtterlichen Natur, die ja auch ein Femi⸗ . ninum ſey— nur in beſcheidener Stille ſchaffen und wirken, und ſich in ſeinen Schoͤpfungen 8 Hauch uͤber des Maͤdchens bluͤhende Wange, ihr inniger Ton ward leiſe, als verrathe er ein ſcheues Geheimniß:„mußte die edle Graͤfinn hinweg aus dem Leben, ohne ein anderes Ver⸗ mächtniß ihrer Geſinnung fuͤr uns niederlegen zu koͤnnen, als die Documente ihrer Großmuth, ihrer Guͤte, welche wir in treuer Erinnerung bewahrten: ſo war es dieſe irrdiſche Sorge vielleicht, die ihren ſchnellabgerufenen Geiſt beunruhigte, daß er noch einmal wiederkehrte in die verlaſſene Wohnung. Die Freundſchaft weckte den Schatten aus dem heiligen Schlafe des Todes, und nahm, nicht mehr tauglich fuͤr die Geſchaͤfte der Erde, den Geſchaͤftsfuͤhrer mit hinweg, ihm ihre Auftraͤge im Himmel zu geben.“— Phoͤbe ſchauerte in ſich zuſammen. Dann ſprach ſie gefaßt:„ſie ruhe nun in Frie⸗ den! der Vater ſchlummere ſanft— fuͤr mich wird Gott ſorgen. Er, der mich zur Waiſe machte, wird mein Vater ſeyn!“ Es lag etwas unbeſchreiblich Ruͤhrendes in der kindlichen Zuverſicht, womit Phoͤbe dieſe 2* Worte ſagte, und ihren verlaſſenen Schmerz dem Glauben an eine ewige Liebe unterwarf. A ber die Tante war vom Arger uͤber die fruͤheren Auſſerungen der Nichte geſchminkt, uͤber und uͤber roth geworden. Was Phoͤbe be⸗ geiſtert und hingeriſſen fuͤr den Gegenſtand des Geſpraͤchs, in voͤlliger Bergeſſenheit ihrer ab⸗ haͤngigen Lage ſprach, hatte jede Ruͤckſicht auf die Denkart der Tante ausgeſchloſſen, und ver⸗ ſagte gewiſſermaaßen das ſchuldige Anerkennen der großmuthigen Wohlthat, welche die Raͤ⸗ thinn der Tochter ihres Bruders zu erzeigen ge⸗ dachte, da ſie das Maͤdchen zu ſich nahm. Die Raͤthinn war nicht gewohnt, etwas Gutes um⸗ ſonſt zu thun, oder an Solchen, die es nicht zu wuͤrdigen wußten, wenn auch nur mit Wor⸗ ten, und als Phoͤbe ohne Hochſchaͤtzung von dem Gelde ſprach, ſich der Sorge fuͤr ihr Fort⸗ kommen weigernd, und dies einem hoͤhern Fuͤh⸗ rer uͤberlaſſend: fuͤhlte die Tante ſich in ihrem Goͤtzen gering geachtet, und von des Maͤdchens frommen Aufſchauen zuruͤckgeſetzt. Schnell überſchlug ſie in Gedanken den Betrag der Ko⸗ ſten fuͤr Phoͤbens Unterhalt, und warf ihn zu den verlohrenen Poſten der Jahres⸗Rechnung. Sie antwortete mit vorwurfsvoller Beſcheiden⸗ heit, hinter der ſich der Geldſtolz verſteckte, der Tante ſchlimmſter Fehler:—„Was Du da ſagſt, iſt mir groͤßtentheils zu hoch; mein or⸗ dinairer Verſtand faßt nur das Mittelmaͤßige. Wer die Mittel zur Wohlfahrt fuͤr ſich und Andere ergreifen und feſthalten will, hat alle Haͤnde voll zu thun, und kann ſich nicht mit ſolchen Subtilitaͤten befaſſen. Ich denke nur, Nichtchen, wenn Du wuͤßteſt, wie ſchwer ein Groſchen zu verdienen, Du wuͤrdeſt dem Gelde, was Du verachteſt, den vollen Werth und das rechte Gewicht geben. Dein Geſchick hat Dich bis auf dieſe Stunde vor Mangel bewahrt; aber man ſoll den Tag nicht vor dem Abend loben!“ Damit ging die Tante hinaus, einem Winke der Lenore,(ſo hieß die Anzilla,) zu folgen, die unter der Raͤthinn letzteren Worten in der Thuͤre erſchienen war. Der armen Phoͤbe war das Herz ſehr beklommen; die er⸗ ͤͤoͤoͤöͤſͤaͤͤͤ druͤckende Gewalt der Überhebung legte ſich la⸗ ſtend um ihre freie, frohe Seele.„Ich werde es hier nicht ertragen koͤnnen“— dachte ſie, und erleichterte den Centner der Angſt, der ſich auf ihre Bruſt gewaͤlzt, durch einen tief ausathmenden Seufzer. Sie trat ans Fenſter; der Himmel war ſo klar! ſo heiter! nur eine beglaͤnzte Wolke ſchwamm im blauen Meere des Äthers, uͤber der Gegend, wo Goldbrunn liegen mußte. Phoͤbe ſah mit troſtloſen Blik⸗ ken zu der Wolke auf, die ihr wie das zerriſ⸗ ſene Schoͤnfahrſegel von dem geſcheiterten Schifflein ihres Gluͤckes vorkam; ein Spiel der Luͤfte, flatterte es noch uͤber der verhaͤng⸗ nißvollen Stelle, wo ihre jugendlichen Freu⸗ den in einen bodenloſen Abgrund verſunken waren.— Die Tante kam zuruͤck, und wollte nun der Nichte das ihr beſtimmte Zimmer anweiſen. Phoͤbe fand das nette Gemach geraum genug fuͤr ihre ſtillen Wuͤnſche, ſich zuweilen in ru⸗ higem Selbſtgenuß hier erholen zu koͤnnen, wenn das Zuſammenleben mit fremdartigen 1. ☛ Naturen ſie zerſtreuet und abgemattet haͤtte. Der Hauch der Einſamkeit wehete kuͤhl und lind um ihre angſtheiße Wange. Der ſcharf⸗ ſichtigen Tante entging der zufriedene Beifall ihrer Nichte, obgleich Phoͤbe wenig davon re⸗ dete, nicht, und der Raͤthinn genuͤgte dieſe wortarme, aber aufrichtige Erkenntlichkeit, um ſich belohnt zu fuͤhlen. Sie warf die ſuchenden Augen umher, ob die kleine Einrichtung, worin mit ſchicklicher Ordnung fuͤr alles geſorgt war, noch durch etwas verbeſſert, oder vervoll⸗ ſtaͤndiget werden koͤnnte; allein die zaͤrtlich ge⸗ woͤhnte Phoͤbe bedurfte mehr fr ihr inneres, als fuͤr ihr aͤuſſeres Leben, und eine edle Sim⸗ plizitaͤt, die Grundlage des Geſchmacks, die Eigenthuͤmlichkeit hoͤherer Bildung und vor⸗ nehmer Sitte, bezeichnete das Weſen des Maͤdchens und ſeine Erziehung. Tante und Nichte verließen dieſe engen Raͤume befreundeter, als ſie hinein gekommen waren. „Die Tante iſt doch gefaͤllig gegen mich, und bedachtſam, daß mir nichts abgehen moͤge!“ dachte die verſoͤhnliche Phoͤbe, und nahm ſich vor, dieſer guten Eigenſchaften ein⸗ gedenk zu bleiben. „Phoͤbe iſt wirklich nicht vereitelt, und leichter befriediget, als ich fuͤrchtete!“ meynte die Tante ſtill fuͤr ſich, und ſchaͤmte ſich des ſchiefen Spiegels, den Niemand im Hauſe mogte, und der nun das holdeſte Bild mit luͤ⸗ genhafter Verzerrung entſtellen wuͤrde. Phoͤbe hatte hinein geblickt, ohne daß ein Mißfallen ihren ſchoͤnen Zuͤgen in Wahrheit geſchadet haͤtte. „Der Spiegel mag bleiben, als eine Probe, ob Phoͤbe in ſeinem Gebrauche ſich des Anſpruchs ihrer Eigenliebe, von der ihr ein wenig zu Gute gehalten werden duͤrfte— zu entaͤuſſern vermag!“ dachte ſie ferner, und die taͤuſchende Kunſt, welche im Innern des Men⸗ ſchen ihr verſteckendes Spiel treibt, machte aus dieſer pſychologiſchen Aufgabe eine Attrappe fuͤr den Geiz der Tante.— Der Morgen ging unter kleinen Anordnun⸗ gen ſchnell genug dahin; Phoͤbens Coffre ward . U .* geholt, ſie packte aus, und raͤumte ihre Sachen ein, dazwiſchen mußte uͤber dieſes oder jenes Ruͤckſprache genommen werden, und die Mit⸗ tagsſtunde laͤutete, ohne daß Phoͤbe das Vor⸗ ruͤcken der Zeit, die ſie nicht mit langer Weile gemeſſen, gewahr worden waͤre. An eine puͤnktliche Tages⸗Ordnung gewoͤhnt, unkundig der, welche in dieſem Haufe beobachtet wuͤrde, doch willig und aufmerkſam, ſich ſtreng darein zu fuͤgen, ſagte ſie Lenoren, daß dieſe ſie ab⸗ rufen moͤgte, wenn angerichtet wuͤrde; doch Lenore meynte, damit haͤtte es noch gute Wege. Mit einer Art von Kuͤchen⸗Ingrimm ſetzte ſie lachend hinzu:„die Ordnung unſeres Hau⸗ ſes beſteht darin, daß wir uns an gar keine kehren; wir halten offene Tafel fuͤr die Fliege, welche am Mittage ſummt, wie fuͤr die Motte, die ſich am Lichte, was auf dem Abendtiſche leuchtet, die Fluͤgel verſengt. Das Feuer muß den ganzen Tag uͤber brennen, und Speiſe und Trank fruͤh und ſpaͤt parat ſeyn. Da iſt die Kochkunſt eine Kunſt! ich will mich weiter nicht loben.“— 34— „Wie aber kommt das?“ fragte Phoͤbe, deren Sinn, fuͤr die Regel geuͤbt, mißfaͤllig den Gedanken aufnahm, in Zukunft keiner Richtſchnur fuͤr die Eintheilung ihrer Stunden mehr folgen zu koͤnnen. „Wie es kommt?“ antwortete Lenore: „das will ich Ihnen ſagen, Fraͤulein! weil der Herr nicht kommt, wenn es die rechte Zeit waͤre, oder der Herr Sohnl! welcher der ei⸗ gentliche Gebiether des Hauſes iſt. Gott ſey es geklagt! die Nacht iſt er wieder ausgeblieben, und das geſchieht nicht ſelten.“ Phoͤbe erroͤthete; hinter dieſem reizenden Vorhange von Purpur, der die jungfraͤulichſte Seele verhuͤllte, ſchlief der Juͤngling im Wa⸗ gen, harmlos, von Sonnenſtrahlen umfloſſen; doch der erſtickte Schall der Klingel toͤnte im Einklange zu dem boͤſen Leumund Lenorens, im Nachhall von dem Gedaͤchtniſſe des Maͤdchens. Die Raͤthinn ging geſchaͤftig hin und her, Phoͤbe kramte noch auf ihrem Stuͤbchen; aber mit dem Schlage Eins! kam der Pupillenrath, ſeine Frau rief nach der Suppe, als eben Alexis, 8 85 ſein Sohn, dem Vater auf dem Fuße folgte. Phoͤbe war ſchon da. Sie hatte die Stimme des Oheims auf der Treppe vernommen, und eilte dem Kommenden voraus. Die Tante nahm das Maͤdchen bei der Hand, und ſtellte es dem Stiefſohne vor:„meine Nichte, Phoͤbe Einſiedel, welche von nun an bei uns wohnen wird, und welche ich Dir zu freundſchaft⸗ lichem Wohlwollen empfehle.“ Die Raͤthinn betonte das Wort: freundſchaftlich! ſehr ſtark. Dieſe Praͤſentation geſchah mit einer ge⸗ wiſſen Manier verwandtſchaftlicher Hoͤflichkeit; allein dem gezwungenen Tone der Raͤthinn war anzumerken, daß ſie nur eine leere Form haͤus⸗ licher Convenienz damit erfuͤlle. Aber mit vol⸗ ler Seele, und in froͤhlicher Freiheit, ſicherte Alexis jenen kalten Worten den waͤrmſten Ge⸗ horſam zu. Er betrachtete das Maͤdchen mit entzuͤckten Blicken; nie verdankte er ſeiner Stiefmutter eine ſchoͤnere Gabe, als dieſe Ver⸗ wandtſchaft, von der er zuvor nie gehoͤrt hatte. Auch Phoͤbe wagte ſchuͤchtern, den jungen Vet⸗ ter auf die Vorſtellung anzuſehen, ob er viel⸗ 36— leicht ein Wuͤſtling waͤre, dem ein ſittliches Maͤdchen fern bleiben muͤſſe, wie nahe das Verhaͤltniß zu ihm auch immer ſeyn moͤgte. Das große, braune Auge des Juͤnglings war jedoch nicht der Spiegel roher Leidenſchaften. Offen und klar um ſich ſchauend, ließ es auf den Grund eines Gemuͤthes blicken, in deſſen reiner Tiefe kein Schlamm war.— Kein roͤth⸗ licher Kreis umſchrieb den Bezirk, wo die Opfer dem Bachus dargebracht, in wilden Flammen vergluͤht waͤren— kein truͤber Schleier, der Orgien verhuͤllte, denen er bei⸗ gewohnt haͤtte, lag uͤber dieſen hellen Sternen. In der Haltung des Alexis verſchmolz eine bur⸗ ſchikoſe Unbefangenheit, gehalten durch einen natuͤrlichen Anſtand, der ein angebohrener Adel der Sitten ſchien— mit unbewußtem Stolze, um ſeiner Erſcheinung das Gepraͤge der Furcht⸗ ſoſigkeit zu geben, welche als ein ſichtbarer Ab⸗ druck vom Rechte, die gute Meynung fuͤr ſich einnimmt, und die boͤſe niederhaͤlt. Phoͤbe ſchuͤttelte unmerklich den Kopf; der Better war gewiß ein guter Menſch! Sie haͤtte — ——— — mit ſo unumſtoͤßlicher Gewißheit darauf ſchwoͤ⸗ ven wollen, wie auf ihren eigenen Willen und Wandel. Etwas Feines und Hohes in ſeinen Weſen, was ſich vermaͤhlt in dem u vornehm! am beſten ausdruͤcken laͤßt, ſprach das Maͤdchen mit einer innigern Verwandtſchaft an, als die, worin eine ſtiefmuͤtterliche Laune der Natur den ſanften Ichor, der dieſe verlaſ⸗ ſene Blume faͤrbte, und das choleriſche Blut der Tante aus einer Quelle ableitete. Aber als Phoͤbens Blick, der Gluth des ſeinigen begegnend, verſchaͤmt zur Erde glitt, beruͤhrte er im Fallen Alexis Hand, und ſie er⸗ kannte den Ring, der ſie am fruͤhen Morgen nur geblendet hatte. Wenn der Blitz ſeiner Strahlen dort ihr Auge mit thraͤnender Blind⸗ heit ſchlug: ſo traf jetzt ein leiſer Stich ihr er⸗ ſchrockenes Herz. Amors Pfeil, den der kleine, befluͤgelte Gott von einer wunderſchoͤnen Camee zuͤckte, deren antike Koſtbarkeit noch durch eine Umfaſſung von großen, erleſenen Brillanten zu einem Juwel vom erſten Range erhoben wurde— hatte getroffen!— Solch ein Kleinod 38 deutete auf ſoliden Reichthum hin; aber auch auf einen ſoliden Geſchmack! ein lockerer Stu⸗ dent, ein leichtſinniger junger Mann uͤber⸗ haupe welcher der Themis ernſte Waage, die er einſt im Dienſte der ſtrengen Gerechtigkeit, mit dem Gleichgewichte der Vernunft und des Gewiſſens fuͤhren ſoll, noch mit ſchwanker Hand haͤlt, haͤtte laͤngſt dieſen raren Cupido den Mannichaͤern uͤberantwortet, um gemeine Freuden damit zu bezahlen. Diesmal leiſtete der Ring Buͤrgſchaft, nicht fuͤr die Treue eines Juͤnglings, ſondern fuͤr ſeine reelle Denkart.— Und immer wieder wendete ein magnetiſcher Zug Phoͤbens Blicke nach dem Ringe, deſſen Alexis ſchoͤngeformte Hand vollkommen wuͤrdig ſchien; er haͤtte, geſtand ſie ſich— einer fuͤrſt⸗ lichen wohl minder gut gelaſſen. Wie ſich das Licht im Reflex der Edelſteine flimmernd und farbig brach, ſo daß Amor auf Iris buntem Bogen zu ſchweben ſchien:— ſo ſpielte der Ahnung wunderbarer Strahl um Phoͤbens Bu⸗ ſen, den die Natur zu einem Thron der Liebe gebauet hatte. „Warum aber,“ erwog Phoͤbe ſtill und ſcharfſinnig:„ traͤgt der Sohn dies Prachtſtuͤck zur Schau, und nicht, was ihr paſſender ge⸗ ſchienen— der Vater? das geſetzte Alter fetzt gewoͤhnlich ſeinen Stolz und Schmuck in Dinge von baarem Werthe, da die Jugend ſich in der Verachtung theurer Zierden gefaͤllt, deren Geld⸗ betrag ſie fuͤr den Genuß des Lebens beſſer an⸗ zuwenden daͤchte.“— An der Hand des Pu⸗ pillenraths ſchnitt nur der Trauring mit ſchar⸗ fer Kante in den fleiſchigen Finger ein, tiefer noch in ſein Herz!— Man ſetzte ſich zu Tiſche. Vor dem Tel⸗ ker des Pupillenraths ſtand eine Flaſche Wein, und auf einen gebiethenden Wink von ihm, ward ſchnell ein Glas herbei gebracht, das bei dem Couvert fuͤr die Nichte vergeſſen worden war. Phoͤbe ſchob es abſeits. In ſtummer, gluͤhender Emſigkeit legte die Hausfrau vor; aber ihr Gemahl wehrte mit bittender Entſchuldigung der aufhaͤufenden Hand, daß ſie ihm nicht zu viel gaͤbe, weil er 40 des Appetits ermangele. Alexis ſeufzte, als er ſeine Portion anſah; er aß nur aus Gefaͤllig⸗ keit, die ihm ſchwer zu fallen ſchien, einige we⸗ nige Biſſen, und der ſtarke Reſt verkuͤhlte un⸗ genoſſen. Viel lieber haͤtte er ſich mit dem Oh⸗ renſchmauſe begnuͤgt, den ihm die ſuͤße Rede ſeiner Nachbarinn gab. Auch Phoͤbe war ſatt, ohne ſeit geſtern mehr wie ein paar Kruͤmchen Kuchen, zum Fruͤhſtuͤcke an dieſem Morgen, zu ſich genommen zu haben. Die Raͤthinn ließ es ſich ſchmecken, wenn auch der Anblick der vollen Teller und der verſchmaͤheten Speiſen ihr den Genuß des Leibgerichts verbitterte. Inzwiſchen ſah und merkte ſie ſogleich, ob es ihrem Manne an irgend etwas fehle? Sie reichte ihm Pfeffer und Salz, die entfallene Serviette, ein friſches Stuͤck Brodt u. ſ. w.; doch ſah dieſe kleine, frauliche Handlangerey, welche, wenn die Liebe ſich dazu verdingt, dem Mann in der Ehe das Leben ſo leicht macht, daß er flugs und froͤhlich den Bau des gemeinſamen Gluͤckes himmelhoch auffuͤhrt— nicht darnach aus, ſondern, als haͤtte die harte Frohne der Pflicht ſie abzutragen, und auf einen andern Lohn waͤre nicht zu rechnen. Der Pupillenrath war gerade im Begriffe, die Geſundheit der ſchoͤnen Tiſchgenofſinn zu trinken, als er abgerufen ward, weil Jemand, den er zu ſich beſchieden, ihn zu ſprechen wuͤnſchte, und weder warten, noch wiederkom⸗ men koͤnne. Er leerte alſo das gefuͤllte Glas raſch auf feine eigene Staͤrkung aus, und ging. Bald nachher kam Lenore, um dem jungen Herrn zu ſagen, daß ſein Vater nach ihm ver⸗ lange. So blieb denn Phoͤbe mit der Tante allein, und ihr, welche mit genießender Ge⸗ maͤchlichkeit ſich Zeit nahm, zur Geſellſchaft ſitzen.. 4 436 4 „Sieh!“ ſagte die Raͤthinn, und wies auf die Schuͤſſeln, denen nur ein wenig ent⸗ nommen war:„heute haͤtten wir wieder ein⸗ mal fuͤr die Katze gekocht!— Schade um das ſchoͤne Eſſen! ich hoffe, Nichte, Du wirſt künftig beſſeren Appetit haben; mindeſtens ſollſt Du Dir ihn nicht auf moderne Weiſe ver⸗ verderben, wie die luͤſternen Maͤnner.— Ich 42— will Dir erzaͤhlen, wo die Herren in der Stadt den Hunger laſſen, wenn Du es noch nicht wuͤßteſt. Da“— fuhr die Tante mit drolliger Declamation fort, und ließ, in ge⸗ haͤſſigem Arger ſchwelgend, Meſſer und Gabel derweilen ruhen:„gehen ſie fruͤh, wenn das Collegium, oder die Seſſion, der Hoͤrſaal, oder der Schreibtiſch ihrer wartet, vom Condi⸗ tor zum Reſtaurateur, und dann in das Wein⸗ haus, uͤberreizen ſich den Gaumen mit Lecke⸗ reyen, mit Suͤß und Sauer, mit ſtarken Ge⸗ traͤnken. Daheim aber brodelt die beſcheidene Hausmannskoſt an dem ewigen Feuer, was nicht ausgehen darf, und die arme Frau iſt wie in der Hoͤlle. Die Suppen werden Extract— das Eſſen vergart. Kommen ſie nun endlich zu dem verſpaͤteten Mittagsmahl, um die Zeit, wo die Kinder das Vesperbrodt verzehren, und eine gute Wirthinn tiſcht ihnen nahrhaftes Fleiſch und geſundes Gemuͤſe auf: ſo laͤcheln ſie nur mit hoͤhniſcher Gourmandiſe, und blaſen ſtolz in den unſchuldigen Dampf des Gericht⸗ leins, ſpottend, daß ſich die Frau den Kuͤchen⸗ zettel ſo leicht mache, was ſie wohl muß, wenn ſie erwaͤgt, was fuͤr ſchweres Geld ihren Mann das Fruͤhſtuͤck koſtet.— Der Geſchmack dieſer Herren will Schmorbraten in franzoͤſiſchem Gout, Beefſteaks und dergleichen; nichts kann ihnen pikant genug ſeyn! wird nun einmal das Zuͤnglein der Frau pikant, was man ihr nicht verdenken kann: ſo gehet der Laͤrmen los. Laß mich zufrieden! ruft der Mann mit ecklem Un⸗ muth aus: ich mag nicht eſſen! meine Ge⸗ ſchaͤfte haben mich abgeſpannt. Sorge nur, daß man mich nicht in der Sieſte ſtoͤhre!— Dahin geht er, um bis zum Abend zu ſchlafen, wo er wieder ſeinen Geſchaͤften nachgeht.— Wir kennen das!— Die Frau aber verſchluckt ihre bittern Thraͤnen, der Biſſen ſtarrt ihr im Munde— und die Kindlein draͤngen ſich ſcheu um die weinende Mutter, und fragen, was ihr und dem Vater fehle?— Sieh, mein Kind! dies iſt der Lauf der Welt! deshalb wende Dich nicht zu den Maͤnnern, denn wie ſelten wird Einer gefunden, der den Weg zur rechten Stunde in das Haus findet, worin er das Bei⸗ 44—— ſpiel der Puͤnktlichkeit geben ſoll! die Meiſten gehen ihren Launen und Luͤſten nach, und bin⸗ den ſich weder an die Zeit, noch an die Pflicht. O, wie manche Ehefrau, welche die Menſchen gluͤcklich preiſen, wenn ſie oͤffentlich am Arme eines ſtattlichen Mannes erſcheint, ſitzt in haͤus⸗ licher Stille einfam harrend, und ſinnt, wo der Herr Liebſte wohl bleiben moͤge, und weint den verlaſſenen Schmerz aus! indeß die vergeſ⸗ ſene Jungfrau, oder die Wittwe, deren Gott ſich angenommen— wenn ſie nur nicht darben duͤrfen— ſeelenvergnuͤgt in der ſchoͤnſten Ruhe leben, und auf Niemand zu warten brauchen, um zu thun, was ſie wollen. Das wuͤßte ich wohl: Agnes haͤtte mir nimmermehr heirathen ſollen!“— Die grelle Schilderung der Tante hatte Phoͤben doch ein Laͤcheln nach dem andern abge⸗ lockt. Sie konnte nicht umhin, zu glauben, daß, waͤre das Bild von der ſtaͤdtiſchen Sitte, oder vielmehr Unſitte der Maͤnner, auch in zu ſcharfen Umriſſen gezeichnet, und der Schat⸗ —— ten zu ſtark aufgetragen, ſeine Zuͤge doch Wahr⸗ heit enthalten koͤnnten. Als die kleine Sitzung nun aufgehoben war, bat Phoͤbe die Tante um einen Auftrag, der ſie beſchaͤftige, und die Raͤthinn wies ihre Nichte hierauf an, auf dem obern Saale zwei Schraͤnke voll gemahlten Porzellain vom Staube zu ſaͤubern und zu ordnen; dies Geſchaͤft erfor⸗ dere eine behutſame Hand und einen ſymmetri⸗ ſchen Sinn, und ſie ſelbſt habe bisher der noͤ⸗ thigen Zeit dazu ermangelt. Phoͤbe uͤbernahm es gern. Sie verſprach, ſich ſorglich vor Scha⸗ den in Acht zu nehmen. Die Tante reichte ihr die Schluͤſſel, und band ihr die eigene Haus⸗ ſchuͤrze vor. So ging denn Phoͤbe bald an das Werk. Als ſie die Schraͤnke oͤffnete, ſah ſie, dicht in einander geſchichtet, und in hochaufgethuͤrm⸗ ter Gefahr, die ihr anvertraueten Schaͤtze des Inhalts; aber auch hier ward der Blick durch eine Überladung beſchwert, die das Auge hin⸗ derte, auf den feinen Formen und Farben um⸗ herzuirren. Sacht und vorſſichtig ſonderte Phoͤbe die reichhaltige Laſt, welche die geraͤu⸗ mige Tiefe der beiden Schraͤnke trug, und nur wie ein ſingender Laut klang das Porzellain im leiſen, unvermeidlichen Anſtoß, kein ſchrillen⸗ der Ton, wie ihn Zerbrochenes hoͤren laͤßt, ſtoͤhrte das Maͤdchen in der Schauluſt, womit es die ſchwierige Arbeit foͤrderte. Da waren hetruriſche Vaſen, Potpurri⸗Toͤpfe, nur noch halb angefuͤllt, mit duͤrren Mumien der Natur; laͤngſt ſchon hatte der lebensvolle Duft dieſer Kraͤuter⸗ und Blumenblaͤtter ausgeathmet, und nur wenn eine wuͤhlende Hand ſie im raſchen Wirbel durch einander ruͤttelte, entquoll den untermiſchten Spezereyen noch ein ſchwacher, wuͤrzhafter Hauch. Ferner waren Tiſch⸗Auf⸗ ſaͤtze verſchiedener Art vorhanden, welche claſ⸗ ſiſche Scenen darſtellten, und eine große Menge kleiner Figuͤrchen, als womit man ſonſt die Simſe der Kamine zu ſchmuͤcken pflegte. Eine Maskerade von Liliputianern regte den Pup⸗ penſinn der kindlichen Phoͤbe an, und eine chi⸗ neſiſche Wachtparade machte ſie durch die Mi⸗ ſchung poſſirlicher Kleinheit, mit dem dienſtli⸗ — 47 chen Ernſte des Aufzugs, der durch die ſelt⸗ ſame Tracht komiſcher noch ward, ſtill fuͤr ſich lachen. Da es ihr endlich gelungen war, dies Durcheinander in Ordnung zu bringen, und fuͤr alles ſchicklichen Platz zu finden, freuete ſie der Anblick noch mehr; aber ſie verſparte ſich das Lob der Tante, bis der zweite Schrank aufgeraͤumt waͤre. Dieſer enthielt Caffee⸗ und Thee⸗Service in gehaͤuften Maſſen. Die Mah⸗ lerey hatte mit treu nachahmender Kunſt, den Blumenflor der Gaͤrten und Wieſen auf die⸗ ſen milchweißen Glanz hingeſtreut; ſelbſt der Schmetterling, die Roſe umgaukelnd, die Biene, ſammelnd ſuͤßen Duft, war nicht dar⸗ auf vergeſſen. Aber auch ſchoͤnere Blumen, die der Dichtkunſt, bluͤheten hier, und der giftige Wespenſtich des Neides blieb fern von dieſem Kranze fuͤr ein unſterbliches Verdienſt, und that einem Herzen, was den Dichter fromm verehrte, nicht wehe. Eine ſinnreiche Idee hatte Gellerts Fabeln und Erzaͤhlungen auf dem feinſten dieſer Service anſchaulich gemacht, und Phoͤbe, vertraut damit, verweilte erken⸗ nend und ergoͤtzt auf dieſer netten Gallerie mo⸗ raliſcher Gemaͤhlde. Hier verwandelte Venus die eiferſuͤchtige Chloris am Buſen des Geliebten in eine Taube; dort bot der grauſame Inkle die treue Yariko auf dem Sklavenmarkte zu Barbados aus, und die Schwaͤrze ihrer Haut deckt mit der Schande des Undanks ſein Herz— ein Baterherz!— Hier breitete der gefaͤllige Ehemann die Andrienne von gebluümtem Seidenſtoff uͤber das Lager der kranken Frau, und der junge Arzt wendet ſich ab, und laͤchelt mit ſchlauer Miene der wohlgetroffenen Wahl des Mittels, das eine wundergleiche Geneſung bewirkt.— Dort fliegt im Maͤhrchen von der Wittwe der hoͤlzerne Ste⸗ phan aus dem Fenſter, und die troſtloſe Gat⸗ tinn; welche ſich dem ſeligen Herrn nachſtuͤrzen wollen in das Grab, ſtoͤßt ſein leibhaftiges Ab⸗ bild nun mit eigener Hand aus dem oͤden Raume des Hauſes und Herzens, und der Goͤtze ihrer Trauer dient der ſchnellen Gluth, die ihn ver⸗ tilgt, zur Nahrung einer neuen Liebe. Hier — ——+ 49 erſcheinen Elmire und Selinde an Charons Na⸗ chen, und als der duͤſtere Faͤhrmann vor ihnen ſteht, und die Schoͤnen, welche im Reize der Jugend, dem holden Leben entfliehen, mit pruͤ⸗ fender Rede verſucht: reißt Elmire den Kranz aus dunklem Gelock, um ihn hinab zu ſchleu⸗ dern in den finſtern Strom, bei dem die Goͤt⸗ ter ſchwoͤren; doch die blonde Selinde laͤchelt in der Unſchuld ſicherer Ruhe, unbeſorgt, daß die jungfraͤuliche Myrthe ihrer Stirn entfallen werde.— Dort woͤlbte die Kirche im wun⸗ derbaren Traum ihre daͤmmernden Hallen, und der Erzäͤhler, verklart von dem Glanze hoͤherer Erkenntniß, womit ſein Schutzgeiſt ihn beruͤhrt, ſchien ſchwebenden Schrittes durch die Gemeine zu gehen, welche nur wie durch einen blaſſen Rebel ſichtbar war. Viele ſchoͤne, weiße Arme ſtreckten ſich hier und da nach ihm aus; aber ein Maͤdchen, im aͤrmlichen Gewande der Niedrigkeit, welches die reinſte Seele, das beſte Herz verbarg, weckte kuͤſſend den Traͤumer. Auch Phoͤbe erwachte aus tiefen Gedanken, worein das Anſchauen dieſer kleinen, uͤberaus Tante und Nichte. 3 gelungenen Bildchen ſie verſetzt hatte. Und waͤhrend ſie den Staub der Vergeſſenheit davon abwiſchte, um ſie in prangender Reinheit auf⸗ zuſtellen, und dabei die Nutzanwendung dieſer Lehren mit offenem Sinne fuͤr die Sprache der Moral auf ſich ſelbſt zog, verſchloß ſich das 1 Herz der Tante der warnenden Erfahrung, und verſtockte zu ſeiner eigenen Strafe. Die Raͤthinn blieb im Wohnzimmer, als Phoͤbe ſie verließ, und fing an zu naͤhen. Noch erregt von dem Geſpraͤche mit ihrer Nichte, 8 feine Plane einfädelnd in das Ohr der Nadel, und ſpitzfindig ihren Gedanken folgend, Stich vor Stich— traf ſie der zuruͤckkehrende Gemahl, und wechſelte einige gleichguͤltige Worte mit ſeiner Frau, welche den traͤgen Tauſch der Rede mit vorenthaltender Kargheit trieb, ſo daß dem Pupillenrath die Luſt verging, ihn fortzuſetzen. Verſcheucht von dieſer unfreund⸗ lichen Kaͤlte, wollte er gehen, da legte die Raͤ⸗ thinn ihre Arbeit hin und ſprach:„bleibe doch noch ein wenig! ich habe mit Dir zu ſprechen.“ — 51 Der Pupillenrath legte Hut und Stock aus der Hand, und ſtand anwartungsvoll was es geben wuͤrde. „Alexis“— hob die Raͤthinn im Tone des Berichts an, der ſich aber, waͤhrend ſie ſprach, in der Scala der Leidenſchaft ſteigerte: „iſt dieſe Nacht wieder ausgeblieben. Lenore hat noch einen Flocken Baumwolle gefunden, womit die Klingel umhuͤllt geweſen. Das geht ſo nicht laͤnger! mein Haus“— der Ac⸗ cent des Eigenthums gab jenem Worte einen ſtarken Nachdruck:„ſteht zur naͤchtlichen Zeit, wo das Auge des Geſetzes nicht mehr wach iſt, Jedem offen, der nur von meinem Habe und Gute zulangen will. Wenn die Hausgenoſſen aus⸗ und einſchleichen gleich dem Diebe in der Nacht, und den Schall der Klingel verſtopfen, daß ſie ihnen keinen boͤſen Ruf mache— ſo weiſen ſie dem Raubgeſindel nur die Wege, und helfen ihm auf die Schliche. Was hilft es mir, daß ich des Abends bete: ich liege und ſchlafe ganz in Frieden, denn der Herr ſchaffet, daß ich ſicher wohne?— Der Hausherr 3* und lauſche auf jedes Geraͤuſch, und horche, ob ſich auf der Treppe etwas regt, ob die Die⸗ len kniſtern. Und ſtellt ſich ſpaͤt der Schlum⸗ mer ein: ſo erquickt er mich nicht mehr, und Traͤume des Einbruchs aͤngſten mir die Seele. Deshalb erſuche ich Dich, den Alexis anderswo einzumiethen. e „Bete nicht, liebe Frau!“ antwortete der Pupillenrath, indem ein vorwurfsvoller Spott fur einen Augenblick ſein verfinſtertes Geſicht mit falſcher Freundlichkeit aushellte, wie wenn die Schlange des Blitzes aus einer verderben⸗ ſchwangeren Wolke hervorſchießt, und im Ver⸗ ſchwinden ein noch grauenderes Dunkel nach⸗ laͤßt:„denn“— fuhr er fort, und in der Stimme grollte ein ferner Donner:„der Glaube fehlt Dir! und nur er giebt der from⸗ men Bitte Erhoͤrung und Kraft!— Du em⸗ pfiehlſt Dich der Obhuth Gottes, traueſt aber nur Deiner eigenen. So buͤrdeſt Du die Si⸗ cherheit des Hauſes der Schnecke des Ohres ſchaffet mir doch keine Ruhe!— Da liege ich, 5* — 6* * ₰— auf, die nur langſam den Laut der Gefahr in die traͤumende Seele traͤgt, waͤhrend das ewige Auge, was nicht ſchlaͤft noch ſchlummert, ein Aufſehen hat uͤber die Seinen. So haſt Du auch kein Vertrauen zu den Menſchen, und ſetzeſt ſtets das Schlimmſte von ihnen vor⸗ aus.— Alexis iſt vergangene Nacht in guter Geſellſchaft geweſen, wovon ich Wiſſen hatte. Die Liedertafel feyerte ihr Stiftungsfeſt mit dem Geburtstage eines ihrer beſten Mitglieder. Alexis vermuthete, daß man im froͤhlichen Ge⸗ ſange die Buͤrgerſtunde nicht beachten wuͤrde, und hatte den Hausſchluͤſſel zu ſich geſteckt. Ich ſelbſt beſeitigte die Riegel an der Thuͤre, und machte die Klingel ſtumm, auf daß Du nicht beunruhiget werden ſollteſt. Die haͤmiſche Lenore mogte etwas von dieſen Vorkehrungen gemerkt haben; Alexis fand den Vorſaal ge⸗ ſperrt, und mußte im Wagen ſchlafen. Ich aber werde der malitioͤſen Zutraͤgerinn die Klat⸗ ſcherey legen, und ſie lehren, auf ihren Dienſt zu paſſen, und nicht auf Gelegenheiten, den Frieden ihrer Herrſchaft zu ſtoͤhren!“— Die Augen des Pupillenraths ſpruͤheten Funken des Zorns. „Dachte ich es doch!“ antwortete die Raͤ⸗ thinn gereizt, doch mit boshafter Kaͤlte:„daß Dein Sohn noch großes Recht haben wuͤrde! wann haͤtteſt Du jemals zugeſtanden, daß die⸗ ſer Unverbeſſerliche fehlte?— ich aber irre im⸗ mer. Die Ruͤge, welche Du Lenoren zuge⸗ dacht, muß ich mir jedoch durchaus verbitten. Sie thut nur ihre Schuldigkeit, wenn ſie mich auf einſchleichende Unordnungen aufmerkſam macht. Im Wagen campirte Alexis, ſagſt Du? nun, ich wette! er hat ſich den beſten dazu ausge⸗ ſucht: denn es iſt gar ein feines Herrlein! und der weiße, ſchoͤnbordirte Cachemir, womit der blaue ausgeſchlagen iſt, wird ihm kaum zur Matratze gut genug geweſen ſeyn.“— Auf der Stirne des Pupillenraths kreuzte es ſich im flammenden Zickzack, ein Moment ſchwuͤlen Schweigens noch— dann entrollten ihm die Worte, wie ſtrafende Wetterſchlaͤge. „Frau! willſt Du mich zum Auſſerſten brin⸗ gen? kann denn kein Tag vergehen ohne Streit △. 5⁵ und Zank, ohne Schelten und Schmollen? ſo wollte ich lieber nicht leben!— Im Grabe iſt Ruhe! das ſoll man mir einſt ſingen: denn auf Erden ward ſie mir nicht. Was ich Dir aber jetzt ſagen werde, dabei bleibt es, ſo wahr ich bin! nur mit mir verlaͤßt Alexis dieſes Haus, es waͤre denn, daß ein gebiethendes Ver⸗ haͤltniß ihn auſſerhalb des Ortes entfernte, be⸗ vor er amtlich verſorgt, ſeinen eigenen Heerd anbaut!“— „Du biſt in der That! das Muſter eines zaͤrtlichen Vaters!“ erwiederte die Raͤthinn heimtuͤckiſch, und legte einen giftigen Pfeil auf das Geſchoß ihrer Zunge:„ aber freilich,“ da⸗ mit zielte ſie auf das Herz ihres Mannes:„nur Kinder der Liebe bleiben Kinder der Schwach⸗ heit— das hoͤrte ich oft.“ Bei dieſer Rede ſeiner Frau beruͤhrten ſich die Extreme in den Empfindungen des Pupil⸗ lenraths. Doch das Bewußtſeyn des Recht⸗ ſchaffenen, geſchuͤtzt von einer himmliſchen Ae⸗ gide, wird von der Bosheit nicht zum Tode ge⸗ troffen, nur die Schuld iſt verwundbar!— Der Affect des Zornes verſchwand aus den Zü⸗ gen des beleidigten Mannes, des gekraͤnkten Vaters; die Spannung der Lineamente ließ nach, ein Laͤcheln der Empfindung, der Ruhe, ſchwebte um die grollende Lippe. Zwei Tro⸗ pfen nur, aus den unerforſchten Quellen des Gefuͤhls, drangen ihm in die Augen; aber ſie oͤſchten die ſchnellentbrannte Hitze. Er ſchlug den feuchten Blick zur Decke, und ſprach: „mein Gott! Du weißt es! Alexis ein Kind der Liebe!— Daß es ſo und doch auch an⸗ ders iſt, erhebt mich uͤber die Schwaͤche, welche Du mir vorwirfſt, und macht mich ſtark im Ertragen. Warum aber, ſage an! iſt Ale⸗ ris Dir ein Dorn im Auge, da Deine Tochter die Roſe meiner Freuden war, die ich im Her⸗ zen und auf den Haͤnden trug?— Uund liebte Agnes ihn nicht gleich einer leiblichen Schwe⸗ ſter? betrauerte er ihren Tod nicht mit bruͤder⸗ lichem Schmerze?— warum verfolgſt Du ihn, der—— mein Sohn iſt! mit ſchmaͤh⸗ ſuͤchtigem Haſſe? that er Dir je etwas zu * Leide?— Beſinne Dich, liebe Frau! doch A— A— — 57 Du wirſt es auch, und es war nur eine ſtief⸗ muͤtterliche Laune, die Dir ankam.“— Er reichte ihr, nach Agnes Bilde abgewandt, die Hand, und fetzte mit verſagender Stimme hinzu:„meine gute Agnes! ſieh die Mutter an! und Dein ſanfter Blick ſage ihr von dem Frieden, welcher hoͤher iſt, als alle Vernunft, der hienieden ſchon ſelig macht!“— Jetzt trat die Sonne hinter dem Verſteck eines grauen Gewoͤlks hervor, und ſtrahlte hel⸗ ler als zuvor. Der Widerſchein von der dun⸗ kelrothen Fenſter⸗Gardine mahlte eine Roſen⸗ Tapete an die Wand, ein lebendiges Licht er⸗ füͤltte das Zimmer, jeder Gegenſtand leuchtete. Die Raͤthinn war in heftiges Weinen ausge⸗ brochen, ſie ſchluchzte in ihr Taſchentuch, und wie ſie das Geſicht blinzelnd erhob, blendete ſte das Bild der Tochter in ſonniger Verklaͤrung, durch deren Glanz die geliebte Ähnlichkeit irr⸗ diſchtraut und kindlichtreu auf der erſchuͤtterten Mutter zu ruhen ſchien. Die Raͤthinn war nicht eben boͤſe, nur uͤbker Eigenheiten und ſeltſamer Widerſpruͤche voll! ein ganz entgegengeſetztes Urtheil uͤber ih⸗ ren Charakter wuͤrde dennoch vollkommen rich⸗ tig geweſen ſeyn, je nachdem es ſie von dieſer oder jener Seite aufgefaßt haͤtte. Die milde Weichheit, worein ſich plöͤtzlich in der Chemie der Gefuͤhle, deren verborgenes Flammenſpiel die geheimſten Stoffe der Seele zerſetzt, und wunderbare Erſcheinungen hervorbringt— der Starrſinn ihres Mannes aufgeloͤſet hatte, feine raͤthſelhafte Antwort auf ihren Vorwurf, der Gedanke an jede vaͤterliche Liebkoſung und Guͤte, die er ihrem verſtorbenen Kinde erwieſen, wel⸗ cher ſie laut an ihre Schuld mahnte: dies alles ergriff und zerſchmolz ihr Herz in Reue und Ruͤhrung. Der Pupillenrath, ſich des Zufalls bemei⸗ ſternd, der, ſeiner Rede dienſtbar, ihren Effect verſtaͤrkte, ſagte:„ſieh, liebe Frau! Sie ſpricht fuͤr mich: denn die Worte der Todten an uns ſind Lichtſtrahlen, womit ſie bald das Dunkel unſeres Geiſtes durchdringen, bald himmliſche Ahnungen in uns entzuͤnden.— O! wenn Du wuͤßteſt! doch beſſer, Du weißt — 59 nichts!— Ich denke, wir ſcheiden jetzt als gute Freunde?— Deine junge Verwandte iſt ein liebenswuͤrdiges Geſchoͤpf! dies noch zum Schluß, zum Friedensſchluß!“— Er reichte die dargebothene Rechte noch naͤ⸗ her ſeiner Frau, die herzlich einſchlug, mit der andern griff er nach dem Hute. Die Raͤthinn küͤßte ihren Mann, und eine Thraͤne rann von ihrer Wange auf die ſeinige. Dann ging er— und auch wir, liebe Leſer, gehen fuͤr ein Weil⸗ chen in die Vergangenheit zuruͤck. Die Raͤthinn Locke war die Tochter eines Groſſiſten, der ſein Gluͤck durch eine reiche Heirath am beſten zu befeſtigen dachte. Er überredete ſich, die Braut zu lieben, deren Vermoͤgen er ſuchte, er bauete die Plane ſeines Emporkommens in eine ſchwindelnde Hoͤhe, von wo der Sturz nur um ſo tiefer iſt.— Die junge Frau, im Reichthum erzogen, nach Geiſt und Gemuͤth verſaͤumt, und doch ſtolzer Anſpruͤche voll, brachte zwar ihrem Manne gefuͤllte Truhen und ſtrotzende Geldſaͤcke mit, aber auch ein leeres Herz, und einen Kopf, der des Beſten ermangelte, und deshalb nur um ſo mehr ein Koͤpfchen war.— Wer unter uns, liebe Leſerinnen, wuͤßte nicht, was dieſer Ausdruck in der Sprache der Maͤnner be⸗ deutet?— Sie wußte wenig oder nichts zu re⸗ den, und dieſer Fehler, ſcheinbar klein— legte den Grund zu großem Ungluͤck. Der jugendliche Ehemann empfand Lan⸗ geweile, ſo oft er aus dem Comtoir in die in⸗ neren Gemaͤcher ſeiner Wohnung trat. Er gaͤhnte in der einſchlaͤfernden Stille des Zuſam⸗ menſeyns mit ſeiner Frau, er vermißte ſtets et⸗ was, ob er auch taͤglich den Prunk ſeines Hau⸗ ſes haͤufte, und ſich mit Fuͤlle umgab. O ihr Armen! die ihr den Durſt nach Freude im aͤufſ⸗ ſern Überfluſſe zu ſtillen waͤhnt! ihr werdet ewig darben: denn der heilige Born, wo ſie lauter quillt, iſt nur in der Tiefe des Herzens zu ſinden, und ihr koͤnnt mit jedem Athemzuge ſchoͤpfen. Aber nur dem Weiſen rinnt er im Genuſſe der innern Zuruͤckgezogenheit; der — — —— 1* 2 —S — —.—— ———= Thor haſcht nach Auſſen, wo ſpottende Leere ihn verſchmachten laͤßt!— Von ſeinem faden, haͤuslichen Leben an das Geſchaͤfts⸗Intereſſe gewieſen, ließ der junge Großhaͤndker ſich in ſehr gewagte Unternehmun⸗ gen ein. Das Schwanken und Schweben zwi⸗ ſchen Furcht und Hoffnung, der Reiz der Ge⸗ fahr, erhielten ihn in einer Spannung, deren ſeine Regſamkeit bedurfte. Allein dieſe Spe⸗ kulationen mißlangen, er wollte ſich retten durch einen kuͤhnen Wurf, doch er fiel zu ſei⸗ nem Verderben aus. Nach einigen Jahren, in denen er nicht einmal wahrhaft froh geworden war, kam der Tag, an dem er Bonis cediren mußte. An dieſem ungluͤckſeligen Tage ward ſeine Frau von einer Tochter, obwohl etwas zu fruͤhzeitig, entbunden; der Schrecken trat als ein gewaktſamer Geburtshelfer ein, die Angſt kam der Hebamme zuvor. Bleich und ſtarr ſtand der verarmte Vater vor dem Wochenbette, welches die prahlende Hoffarth ſeiner Frau gleich dem Thronhimmel einer fuͤrſtlichen Mut⸗ ter hatte ſchmuͤcken laſſen. Er vermogte nicht, 62— das Kind zu ſehen, dem er das Daſeyn gege⸗ ben, daß es in ſchmachvoller Stunde zur Armuth gebohren wuͤrde, und deſſen erſter Blick in das Licht der Welt das Elend ſeiner Eltern ſahe. Dieſe anſcheinende Haͤrte war die weichſte Liebe; aber ſie verdichtete ſich zu einer Scheidewand zwiſchen Vater und Kind. Die Thraͤne des vaͤterlichen Segens, welche, als die heiligſte Libation der Natur, die Stirne eines Neugebohrenen benetzt, giebt ihn der Gottheit zu Eigen! hier fehlte ſie und ihre weihende Kraft, weil ihre warmen Quellen die Verzweif⸗ lung verſchloſſen hielt, und das Kindlein, ge⸗ mieden von dem trockenen Auge ſeines Vaters, verfiel den irrdiſchen Maͤchten, die vergoldete Wiege aber, worin es ſein erſtes Schickſal ver⸗ traͤumte, den Gerichten.— Der Tod erſparte mitleidig der Mutter eine Veraͤnderung ihrer Lage, uͤber die ſich zu erheben, es ihr an Seelengroͤße fehlte. Sie ſtarb an einem Milchfieber. Eine wohlhabende Frau nahm ſich des nachgelaſſenen Toͤchterchens an, bis der Vater wieder Brodt haͤtte; das 4 — 6³3 Haus und die oͤde, verſchuldete Pracht, welche es enthielt, blieb im Gewahrſam der Geſetze, und der Groſſiſt dankte nach ſeinem ſchnellen Falle dem Himmel und der Empfehlung eines Biedermannes die kleine Verſorgung als reiſen⸗ der Geſchaͤftsfuͤhrer eines Seidenfabrikanten. Er debitirte mit Gluͤck und mit Verſtand, der neue Wirkungskreis eroͤffnete ihm ein weites Feld, worauf er ſich zerſtreuete und Erfahrun⸗ gen ſammelte. Die Gelegenheit, Sorgen und Noth der Menſchen kennen zu lernen, den heißen Kampf des Erwerbs, und die Fehler, welche in der Anlage ihres Wohlſtandes gemacht wuͤrden, kehrten ihn ein beſonnenes Verfahren, und ſchaͤrften ſeine Einſicht, freilich zu ſpaͤt, um verlohrene Vortheile wieder zu gewinnen; doch noch fruͤhzeitig genug, die Zukunft beſſer zu benuͤtzen. Auf dieſen Reiſen geſchah es, daß ſein Geſchaͤftsweg ihn durch eine Landſtadt fuͤhrte, wo er auch einer Kaufmannswittwe ſeine Mu⸗ ſterkarten zu praͤſentiren hatte, welche ſeit laͤn⸗ 64— ger als zwanzig Jahren ihre Waaren aus der Manufaktur ſeines Prinzipals bezog, und in gutem Credit ſtand. Er trat in den Laden, und fand die Wittwe alternd und kraͤnklich hin⸗ ter der Caſſe ſitzen; ihre einzige Tochter, die Stuͤtze der ſchwachen Mutter, ein fehr huͤbſches Maͤdchen! ſtand ihr zur Seite. Der Kauf⸗ mann beugte ſich ehrerbietig vor der wackern Frau, und nannte die Firma, der er bedient war; damit war nun auch die Abſicht ſeines Kommens ausgeſprochen, und die Wittwe nahm ihn mit der ruͤckſichtvollen Achtung auf, welche ſie jenem Handlungshauſe ſchuldig zu ſeyn meynte. Auf einen Wink ihrer Mutter ſprang die Tochter, um Caffee zu beſtellen: denn es war um die ſchwarze Stunde, und die weibliche Gaſtfreundſchaft und haͤusliches Thun und Trei⸗ ben geſellte ſich zu dem Verkehr, und milderte den Ernſt der Geſchaͤfte. Herr Einſiedel blieb ein kanges Weilchen, er haͤtte vielleicht noch laͤnger raſten moͤgen, wenn ſeine Weiterreiſe ihm einen beliebigen Verzug geſtattet haͤtte. — 6⁵ Er hoͤrte die Klagen der Mutter uͤber den ſchwe⸗ ren Druck der Zeit, uͤber die Muͤhſeligkeiten des Alters, mit verbindlicher Geduld an, und merkte daneben, wie gewandt das Maͤdchen verkaufte, mit welch wohlgewaͤhlten Worten es die Schoͤnheit der Zeuge hervorzuheben, und ſich gleichjam des Kaͤufers zu bemaͤchtigen wußte. Nicht minder bewunderte er das ſpe⸗ kulative Genie der kleinen Kaufmaͤnninn in der Auswahl der neuen Muſter, wie die ſchoͤne Hand und ihre Normal⸗Schrift, welche die Schwaͤche der Mutter vertrat. Genug, das Maͤdchen gefiel ihm ſehr!— Allein dieſer fluͤchtige Eindruck verwiſchte ſich im raſchen Wechfel der Gegenſtaͤnde. Nach einem Jahre kam der Commiſſionair wieder in jene Stadt. Das Maͤdchen ſaß in Trauer hin⸗ ter der Caſſe, und las in einem Buche, was in ſchwarzen Corduan gebunden war; im La⸗ den war es ſtill und einſam, die Elle ruhete— die Mutter war todt. Als der Kaufmann auf die Schwelle des Gewoͤlbes trat, und das Maͤdchen die Augen erhob, in deren reizende 66— Munterkeit er voriges Jahr vielleicht ein wenig zu tief geblickt hatte— ſah er Thraͤnen, welche ſich waͤhrend des Leſens darin geſammelt, auf die Blaͤtter des offenen Buches niederrollen. Mit reger Theilnahme und doppeltem Intereſſe erkundigte er ſich nun, ob die liebenswuͤrdige Waiſe denn keinen maͤnnlichen Beiſtand haͤtte, und was ſie in Bezug auf die Handlung zu thun, oder zu laſſen gedaͤchte?— Das Maͤdchen erroͤthete bei dieſer Frage. „Ich weiß es ſelbſt noch nicht,“ lautete die Antwort:„meine bisherigen Rathgeber waren eigennuͤtzig.“— Jetzt erroͤthete der Kaufmann; er errieth, daß das Maͤdchen von Solchen bedraͤngt wuͤrde, die ſich zu poſſeſſioniren wuͤnſchten, und die huͤbſche Erbinn, welche fuͤr den Handel geboh⸗ ren ſchien, in den Kauf nehmen wollten.— Ein ſchneller Gedanke ging durch ſeine Seelez indem er jedoch, gewitziget durch die ſchwerem⸗ pfundenen Folgen der Unbeſonnenheit— Be⸗ dacht darauf nahm, daß die Ausfuͤhrung zwei⸗ felhaft waͤre, begnüuͤgte er ſich, das Maͤdchen 2— „. 9 * — 67 zu fragen: ob es wahrſcheinlich ſey, daß Haus und Handlung der ſeligen Mutter vor dem Ab⸗ laufe zweier Monate in andere Haͤnde kommen werde?— „Durchaus nicht,“ antwortete das Maͤd⸗ chen beſtimmt, und das feine, weibliche Ohr uͤberhoͤrte nicht die Beſchlagnahme einer leiſen Hoffnung im Tone dieſer Frage;„ich habe mir,« lautete die Antwort weiter:„ein hal⸗ bes Jahr Friſt geſetzt, bevor ich einen Entſchluß faſſe, und davon iſt erſt ein Drittheil ver⸗ laufen. 46 Der Kaufmann, hievon befriediget, ver⸗ ſchwieg jedoch ſeinen Plan, nach welchem er dieſe Handlungs⸗Gelegenheit ſeinem Prinzipal zu einem Etabliſſement fuͤr den erſten Commis vorſchlagen wollte, der, als ein verſprochener Braͤutigam mit einer jungen Perſon, die arm, und dem Prinzipal anverwandt war— ſich lange ſchon nach einer ſchicklichen Stelle umſah, wo er mit Unterſtuͤtzung deſſelben anſaͤßig wer⸗ den koͤnnte.— 68— Das Maͤdchen ging auf einen Augenblich in das kleine Comtoir, um einen Brief zu ho⸗ len; Einſiedel nahm das Buch in ſeine Hand, es war ein Geſangbuch. Sein Blick ſuchte die Spur der kindlichen Thraͤne, die er fallen ſah; ſie feuchtete folgenden Vers:„was iſt die weite Welt mir nun? ach! eine Trauerwuͤſte! mir iſt, als könnt ich nirgends ruhn, als ob ich mit Dir muͤßte! o Gott im Himmel Dul! wo find) ich Troſt und Ruh? es ſank in meiner Mutter Grab all meine Lebensluſt hinab!“— Das ruͤhrte ihn unbeſchreiblich. Er haͤtte das Maͤd⸗ chen an ſeine Bruſt nehmen moͤgen, um es zu troͤſten durch Liebe; er dachte, das innige Ge⸗ muͤth dieſer treuen Tochter muͤſſe auch dermal⸗ einſt dem Gatten zu Gute kommen. Herr Einſiedel beeilte nun ſeine Reiſe, und als er fuͤr kurze Zeit nach Hauſe kam, um die Reſultate derſelben darzulegen, machte er dem Prinzipal den Vortrag jener Sache, die er im Sinne hatte, und zwar ſo plauſible wie moͤg⸗ lich. Der Prinzipal hatte die Wittwe auſſer⸗ ordentlich geſchaͤtzt; das Gefuͤhl der Achtung *₰ 2 — 69 fuͤr die brave Frau, und der Gedanke, der Se⸗ gen der Redlichkeit werde auf dem Hauſe ruhen, worin ſie gelebt und geſtorben, machten ihn al⸗ ſobald willfaͤhrig, den Vorſchlag einzugehen. „Es iſt Schade,“ ſagte er, das Blut der Verwandtſchaft verlaͤugnend:„daß der Wen⸗ del ſchon verſagt iſt! er koͤnnte ſonſt die Toch⸗ ter der Wittwe heirathen, und die Kundſchaft zur Mitgift nehmen: denn wenn ein huͤbſches Kind, wie, man ſagt, das Maͤdchen ſey, mit der Elle figurirt, die Ladenhuͤther mit weißen Haͤnden ausbreitet, und die blitzenden Auglein daruͤber hinſpielen laͤßt: ſo werden die Kaͤufer herangewinkt, und die Leute ſehenden Auges verblendet.“ Der Commiſſionair ſeufzte; er hatte dieſe hinreißende Gewalt auch empfunden, und wollte den Beſitz des liebenswuͤrdigen Maͤdchens, das zwar in Verlegenheit, aber keine verlegene Waare war— mit dem vollen Preiſe ſeinss Herzens bezahlen. Einſiedel eroͤffnete nun ſeinem Prinzipal, daß er dies Maͤdchen gerne ſelbſt zur Gattinn 70— nehmen moͤgte, da es ihm den Forderungen zu entſprechen ſchiene, die er an eine zweite Wahl machen wuͤrde, und ſein Kind, verlaſſen und in fremden Haͤnden, einer Mutter beduͤrfte. Denn nie ſind Wittwer vaͤterlicher geſinnt, als wenn die Heirathsluſt ſich in ihnen regt.— Der Prinzipal ſann nach, wie dieſe Par⸗ thie ſich ins Werk ſtellen ließe, ohne daß er ei⸗ nen Commiſſionair verloͤhre, den er brauchbar fuͤr dies Fach gefunden, wie noch Keinen. Er hatte nun einmal die Idee liebgewonnen, ſich bei jener erloſchenen Firma einen Nahmen zu machen, und ſo gelang es dem Letzteren, ihn zu gewinnen, daß er ihm ein haͤusliches Gluͤck gruͤnden helfe, was auf anderen Fundamenten beruhen ſolle, als das erſtere, deſſen Einſturz ſein ſtolzes Hoffen zu einer Ruine gemacht, die unter ihrem Schutte ſeine Thorheit fuͤr immer begraben.— Kauf und Heirath kamen richtig zu Stande; doch Einſiedel mußte ſich einer harten Bedingung dabei fuͤgen. Er blieb verpflichtet, das Sommer⸗ Haltjahr hindurch die Provinz ——— zu bereiſen, worin der Prinzipal heimiſch war, nur der Winter goͤnnte ihm haͤusliche Raſt. Waͤhrend ſeiner Abweſenheit ſollte die junge Frau der Commandite eines Seidenwaaren⸗ Ausſchnitts vorſtehen, die der Prinzipal ihm am Orte uͤbergab, eben ſowohl, um den Er⸗ trag der Reiſe⸗Diaͤten durch die bewilligten Prozente zu vermehren, daß es ein Einkommen gaͤbe, was fuͤr den zu errichtenden Hausſtand hinreichend waͤre, als das geuͤbte Talent der kleinen Kaufmannsfrau fuͤr ſeinen Vortheil zu benuͤtzen, und die Fruͤchte ihrer Dankbarkeit zu genießen. So waltet der Geiſt der Spekula⸗ tion auch uͤber denen, als deren Schutzeiſt er erſcheint!— Das Geſtirn der Liebe ging nun füͤr den guten Einſiedel abermals auf; aber diesmal war es kein Unſtern.— Zu Anfange des Win⸗ ters war die Hochzeit, und das neue Ehepaar konnte ſich vollſtaͤndig einrichten, ehe der Fruͤh⸗ ling und mit ihm die erſte Trennung kaͤme. Einſiedel fuͤhlte ſich unausſprechlich gluͤcklich. Die gefaͤllige Anmuth ſeiner Frau, ihr ſanfter Sinn, ſo fromm und ſo heiter! erweiterten ihm die beſchraͤnkte Wohnung zu einem Himmel voll Freude! in ſtiller Luſt ſchwieg er, wann ſie redete; dieſe harmloſe Plauderey, welche den gewoͤhnlichen Vorfaͤllen des Lebens den warmen Glanz liebender Mittheilung gab, ergoͤtzte ihn, und befluͤgelte die Stunden ihres Zuſammen⸗ ſeyns. Mit uͤberzeugender Suada— ein Zweig angeſtammter Gewohnheit, die in den Garten der Ehe hinuͤber wucherte— pries ihr Lob die Vorzüge, deren ſie genoͤſſe, und wußte alles in ein Licht zu ſtellen, von wo die Zufrieden⸗ heit es beleuchtete; kleine Flecken und Maͤngel, wie ſie in dieſer unvollkommenen Welt nirgend fehlen, verbarg ſie mit ſchlauem Geſchick. Sie goͤnnte Andern Gutes und Schoͤnes, ſelbſt be⸗ gnügſam mit Wenigem. So tauſchte ſie Gluͤck um Gluͤck, und ihr Mann hatte das beſte Theil erwaͤhlt. 2.* Ob auch von jeher uͤber die Geſchwaͤtzigkeit der Frauen geſpottet worden, und wie oft ſie belaͤſtigend und ſchaͤdlich werden mag: ſo kann doch die Muſe der Beredſamkeit, wenn ſie ei⸗ ner verſtaͤndigen Frau hold iſt, mehr wie jede ihrer himmliſchen Schweſtern, zu einer ſegnen⸗ den Gottheit fuͤr den Mann werden.— O gluͤckſelige Maͤnner! die Ihr im Beſitze einer Frau ſeyd, der die Gabe perliehen iſt, huͤbſch zu erzaͤhlen, und deren Worte wie Perlen voll Klarheit, in denen ein innerer Farbenſtrahl ſich leiſe ſpiegelt, zu dem Schmucke Eures Lebens gereichen— haltet dies Kleinod werth, und faſſet es in das reine Gold der Achtung und der Treue: denn es wird ſelten gefunden! die Kunſt der Muſik iſt koͤſtlich, ein holder Geſang bezau⸗ bert die Seele; aber eine liebliche Rede voll Wohllaut ſtirbt nicht mit der Gelaͤufigkeit der Finger und dem Jugendreize der Stimme ab; ſie dauert, bis ihr letzter Hauch in Seufzern verhallt, wenn der Tod das tiefbeſaitete Werk⸗ zeug zertruͤmmert. Schoͤn iſt des Pinſels ſchoͤ⸗ pferiſches Talent! doch die weibliche Phantaſie mahlt in den Bildern redneriſcher Darſtellung oft ſchoͤner und kunſtreicher. Sie behaͤngt die gemeine Wand der Wirklichkeit mit intereſſan⸗ ten Schildereyen; craſſe Scenen verwiſcht ſie Tante und Nichte. 4 74— in milderndes Halbdunkel, die Zerrbilder gro⸗ ber Fehler geſtaltet ſie zur Laͤcherlichkeit, und regt die Lachluſt ſtatt des Abſcheues an, und die Kuͤchenſtuͤcke aus dem Niederlande der Er⸗ fahrung geben durch ihre komiſche Wahrheit dem Humor ein angenehmes Schaugericht! O! wie oft und beſchaͤmt dachte Einſiedel an den Wahn ſeiner erſten Che, daß man reich und pompoͤs eingerichtet ſeyn muͤſſe, um froͤh⸗ lich und guter Dinge zu leben! ein beſſeres Verſtaͤndniß war ihm aufgegangen. Was kuͤm⸗ merten ihn Silber und Gold, das ihn vormals mit traurigem Schimmer umgeben? die blü⸗ hende Lippe ſeines Weibes reichte ihm goldene Apfel in ſilberner Schaale. Er vermißte die koſtbare Floͤtenuhre nicht, die einſt ſeine ſchweigſame Gattinn mit Zaubertoͤnen in den Mittagsſchlaf lullte; die Stunden rauſchten ihm jetzt flugſchnell voruͤber, und die Harmo⸗ nie der ehelichen Eintracht verklang niemals, und ging gleich regelmaͤßig mit dem Uhrwerke der Haͤuslichkeit. — 75⁵ Sobald die junge Frau an dem Orte ihrer Beſtimmung war, wurde das Töchterchen erſter Ehe heim berufen. Es bangte der neuvermaͤhl⸗ ten Gattinn, die ihren Mann als ein Einzelwe⸗ ſen kennen und lieben gelernt hatte, vor dieſer Morgengabe, welche eine ſuͤße Taͤuſchung zer⸗ ſtoͤhrte— aber ſie ließ es ſich nicht merken. Die kleine Mariane war nun drei Jahre alt; ihr Vater, von ſeinem Geſchaͤfts⸗Verhaͤlt⸗ niß fern gehalten, hatte ſein Kind nicht wieder geſehen, ſeit er es von ſich gelaſſen, und ſo trat es als ein Fremdling uͤber die Schwelle der neuen Heimath. Der Anblick des Kindes er⸗ innerte den Vater an die ſchwerſte Stunde ſei⸗ nes Lebens, die Schauer der Vergangenheit ka⸗ men uͤber ihn, und erkaͤlteten ſeinen vaͤterlichen Gruß. Die Kleine ſchwieg verſtockt, und rüͤhrte und regte ſich nicht.„Gehe jetzt, mein Kind!“ ſprach der Vater:„und kuͤſſe Deine liebe Mutter!“« Das Kind ſchuͤttelte mit dem Kopfe, und blieb ſtumm.„Wie? Du willſt nicht?* fragte der leidenſchaftliche Ehemann ent⸗ rüſtet:„und warum nicht, unartiges Kind?“ 4* „Es iſt nur die Stiefmutter!“ ſtieß die die kleine Mariane ergluͤhend hervor, und wen⸗ dete dem muͤtterlichen Angeſicht den Ruͤcken. Die junge Frau erroͤthete.„Es wird ſich finden, Lieber!“ ſagte ſie beguͤtigend:„ich denke, unſere Kleine wird dies Wort in Zeiten verlernen.“— Dieſes Wort hatte jedoch einen Mißton angegeben, der ſich niemals im Einklange der Gemuͤther aufloͤſete. Weder die guͤtigſte Muͤt⸗ terlichkeit in dem Benehmen der jungen Frau gegen das Toͤchterchen, noch die verpoͤnendſte Strenge von Seiten des Vaters, weder Lieb⸗ koſung noch Strafe, konnten die kleine Ma⸗ riane dahin vermoͤgen, ihres Vaters Gattinn anders, als: Stiefmutter! zu nennen. Das that nicht gut. So oft die junge Frau dies hoͤrte, ging ein Stich der Kraͤnkung durch ihre Seele; ſo oft die Kleine dieſen gehaͤſſigen Nahmen ausſprach, fuͤhlte ſie ſich verwaiſet, und ein Trotz und Starrſinn, wie ihn nur die Liebe bricht und ſchmilzt, ſett ſich dem Be⸗ zen des Kindes an. f 77 Als die Schwalbe wiederkehrte, mußte der arme Einſiedel, den ſein Geſchick auch zu einem Zugvogel gemacht hatte, das Neſt der Heimath verlaſſen, und fort in die Weite. Seine Frau uͤbernahm den Vorſtand der oͤrtlichen Geſchaͤfte, denen ſie gewachſen war. Sie war an dieſem Platze ganz in ihrem Elemente. Der Zulauf, den ſie gewann, mehrte ſich von Tage zu Tage, was nicht bei Madame Einſiedel gekauft war, galt nicht im Cours des Geſchmacks. Den Prinzipal der Handlung verjuͤngte das Vergnuͤgen uͤber dieſe gelungene Spekula⸗ tion. Er machte ihr bedeutende Geſchenke, bat ſich mit ſeltener Scherzhaftigkeit zu Gevatter, und ermahnte die junge Frau, gegen ſein eige⸗ nes Intereſſe, ſich in ihrem vorruͤckenden Se⸗ gensſtande mehr zu ſchonen.— Aber die junge Frau war geſund und der Meynung, daß die Erfuͤllung der Pflicht unter allen Umſtaͤnden ein ſtaͤrkender Balſam ſey. Ihre umſichtige Thaͤ⸗ tigkeit ſorgte fuͤr alles, ſo weit das helle Auge reichte. Die kleine Mariane kam der Mutter nicht nahe, wenn dieſe das Kind nicht aus⸗ druͤcklich zu ſich rief. Nur wenn Madame Ein⸗ ſiedel des Abends die ſchwere Geldcaſſe auf dem Tiſche ausſchuͤttete, und zu zaͤhlen begann, ließ die Kleine ihr liebſtes Spielzeug, um ihr bei dem Ausſuchen der Muͤnzſorten zu helfen, die ſie genau kannte. Im Spaͤtherbſte kehrte Einſiedel auf Fluͤ⸗ geln der Sehnſucht zuruͤck. Seine Frau war bereits ſeit einigen Tagen unwohl, und er kam zur gluͤcklichſten Stunde.— Als Madame Ein⸗ ſiedek am Morgen nach der ſpaͤten Ankunft ihres Mannes erwachte, ſetzte ſie ſich im Bette auf, und ſprach mit Eraltation:„ich habe einen wunderbaren Traum gehabt, den muß ich Dir erzaͤhlen. Auf etwas Lieberes wuͤßte ich mich nicht zu beſinnen; aber hoͤrſt Du auch? So lange die ſelige Mutter todt iſt, hat mir noch nicht von ihr getraͤumt, wie ſehr ich mich auch darnach ſehnte; und heute!— Wir hielten In⸗ ventur, und ruͤſtig, wie in geſunder Zeit, ſtand meine Mutter, und maß Goldſtoff mit geſtick⸗ ten Blumen, die man nur gleich haͤtte abpflük⸗ ken moͤgen. Der Brocat rauſchte wie ein bli⸗ tzender Strohm durch ihre Hand, und der Lahn, womit er durchwirkt war, ich ſehe es noch! funkelte wie die liebe Sonne. Mutter! ſagte ich betroffen: welch ein großer Vorrath! das haͤtte ich nicht gedacht: denn Du mußt wiſſen, lieber Mann, daß dieſer theure Zeug, wovon in unſerer Gegend die Landleute Muͤtzen tragen, ſchwer in das Geld faͤllt, und auf das Puͤnkt⸗ chen gemeſſen wird. Darauf antwortete ſie mir: Gott giebt den Geiſt nicht nach dem Maaß!— und in meinen traͤumeriſchen Ge⸗ danken meynte ich, dieſe Stelle der heiligen Schrift waͤre unrichtig angewendet. Allein den Irrthum einer Mutter darf die Tochter nicht ruͤgen; ſo ſchwieg ich kindlich ſtill. Nun hieß ſie mich ein Licht anzuͤnden. Ich will Dir nur den Taufzettel ſiegeln— ſagte ſie, und ein Zittern der Wonne durchbebte mich, da ich des ungebohrenen Kindes gedachte. Das Siegellack traͤufte in purpurnen Tropfen nieder auf ein zierlich gebrochenes Papier; ſie druͤckte das ge⸗ wichtige Petſchaft von Eiſen darauf, und als ſie es hinweg nahm, war der Anker, das Sym⸗ bol der Kaufmannſchaft, an den ſich die Buch⸗ ſtaben unferer Firma lehnten, verſchwunden, und ein kleiner Altar, mit der winzigen, aber deutlich ausgedruͤckten Inſchrift: dem unbe⸗ kannten Gott! darauf ſichtbar. Dem Un⸗ bekannten? vief ich: o Mutter! ich kenne Ihn, den meine Seele weit uͤber Alles ſchaͤtzt und liebt!— Da laͤchelte die Mutter, und ſagte: dort ſchauſt Du Ihn von Angeſicht, in ew'ger Freud' und ſebgem Licht!— Und waͤhrend ſie ſprach, verklaͤrten ſich ihre Zuͤge, das Licht flackerte, und warf einen wunderbaren Schein, die Wellen des Goldſtoffs, der uͤber die Tafel rauſchend hinfloß, ſchimmerten, wie wenn Funken und Flaͤmmchen, unzaͤhlbar, wie das Heer der Sterne, auf dem Waſſer huͤpfen, ein blaſſer Glanz erfuͤllte das Gewoͤlbe. Da fiel es mir auf einmal ein, daß die Mutter geſtorben waͤre— ein Grauen froͤſtelte durch meine Glie⸗ der. Ich wollte den theuern Schatten umfan⸗ gen; allein ich ſtrebte nach einem weſenloſen — 81 Gluͤcke, und das Herz ſchlug mir ungeſtuͤm, da ich erwachte.“ „Das Traumbild iſt ſchoͤn! und gewiß von guter Vorbedeutung!“ erwiederte der Gatte: „doch liebſte Frau, wie magſt Du dazu kom⸗ men? es enthaͤlt, ſonderbar genug! eine reli⸗ gioͤſe Wahrheit, die Dir vielleicht nie bekannt geworden.— Als der Apoſtel Paulus nach Griechenland kam, fand er in Mitten der Stadt Athen einen Altar, mit der Inſchrift: dem unbekannten Gott! Eximenides, ein in großem Anſehen ſtehender Weltweiſe, hatte ihn errichten laſſen, da einſt eine furchtbare Peſt das herrliche Athen verheerte, und alle Opfer, den Goͤttern dargebracht, nichts helfen wollten. Ich weiß dies alles noch von der Schule her.— Das Herz des Apoſtels lodert in feuriger Be⸗ gier, auf dieſem Altar heilige Flammen zu entzuͤnden. Dieſer Gott iſt der meine! ruft er entzuͤckt und laut: kommt! brecht ab Eure Tempel und den Dienſt fabelhafter Gottheiten! ich will Euch den ewigen Sohn verkuͤndigen, in dem der Unerforſchliche ſich geoffenbaret hat!— Wenn Du mir einen Jungen bringſt, liebe Frau, ſoll er dieſem tiefſinnigen Traume zu Ehren, Paulus heißen!“ Dieſer Vorſatz trat in Kraft. Noch an demſelben Tage genaß Madame Einſiedel von einem engelſchoͤnen Knaben, der in der Taufe den Nahmen Paulus erhielt. Die Freude des Vaters war unbeſchreiblich. Gefuͤhle, in de⸗ nen ſein Herz ſchwoll, da er das Kind auf ſeine Arme nahm, und den kleinen Mund kuͤßte, waren ſo neu und wonnevoll fuͤr ihn, als em⸗ pfaͤnde er ſie zum erſtenmale; der Leiden herber Kelch war in die Schaale des Segens uͤberge⸗ floſſen, als die Natur ſie ihm an Marianens Wiege reichte, und ein bitteres Andenken miſchte ſich ſtets in jene Erinnerung. Der kleine Paul blieb das einzige Kind dieſer Ehe und der Abgott ſeiner Eltern, wie der Gegenſtand allgemeiner Liebe, wovon nur ſeine Schweſter eine Ausnahme machte. Ma⸗ riane war finſter und ſtrenge gegen das herzige Bruͤderchen, welches dieſen Kaltſinn, der zu ſchroff gegen die ſchmeichelnde Waͤrme abſtach, — 83 in der kein rauhes Luͤftchen der Laune es je be⸗ ruͤhrte, mit gleicher Abneigung vergalt. Die Mutter wuͤrde dieſe ſtiefgeſchwiſterliche Lieblo⸗ ſigkeit, die Mariane ſich zu Schulden kommen ließ, und welche den kleinen Paul das erſte Ge⸗ fuͤhl des Haſſes lehrte, mit minderer ⸗Gelaſſen⸗ heit ertragen haben, wenn der Vater ihren Verdruß hieruͤber nicht voͤllig getheilt haͤtte. Er war hart gegen die Tochter, und die Mutter nahm ſie ſelbſt zuweilen in Schutz, wenn hef⸗ tige Anfaͤlle des Zorns ihn manchmal zu weit gehen ließen. Aber die kleine Mariane huͤthete ſich ſorgfaͤltig wie eine alte Perſon, Fehler zu begehen, die dem gereizten Unwillen des Va⸗ ters ein willkommener Anlaß, ſich ſtuͤrmiſch zu entladen, geweſen waͤren. Sie nahm ſich mit fruͤhreifer Klugheit in Acht, um die Ruͤge nicht zu verdienen, welche ihm, ſo oft er ſie anredete, auf der Zunge ſchwebte. Die harmloſe Unbe⸗ ſonnenheit der Kinderjahre, den holden Trug unſchuldiger Taͤuſchungen, kannte die kleine Einſiedel nie!— Sie ahnete nicht, wie ein Kind, was ſich vergangen, in bereuenden Thraͤ⸗ nen die Kniee des Vaters umſchmiegt, und von dem Verzeihenden nur heißer geliebt wird! ſie hatte den verſoͤhnten Kuß von der Lippe einer Mutter nie gekoſtet! nur der Begriff einer werk⸗ thaͤtigen Gerechtigkeit galt ihr fuͤr das heilige Suͤhnopfer der Liebe, und den Spruch: gute Werke ſeyen ſchaͤdlich fuͤr die Seligkeit— haͤtte ſie nimmer verſtanden.— Die pecuniairen Verhaͤltniſſe des Herrn Einſiedel verbeſſerten ſich mit jedem Jahre. Er ward von ſeinen Reiſen dispenſirt, und dafuͤr mit heimiſchen Geſchaͤften uͤberhaͤuft, die ihm nebſt baarem Vortheil auch den gewaͤhrten, daß er der Erziehung ſeines Sohnes vorſtehen konnte. Das kleine Vermoͤgen, was er ſich ſauer erworben, war ihm im beſcheidenen Ge⸗ nuſſe deſſelben doppelt ſuͤß, da es ihm das Ver⸗ gnuͤgen uͤber die Erfuͤllung gemaͤßigter Wuͤnſche mit dem Bewußtſeyn der bezahlten Pflicht wuͤrzte. So verfloß die Zeit in erwerbſamer Thaͤtig⸗ keit und haͤuslichzufriedener Stille. Mariane hatte ſich zu einer vollbluͤhenden Jungfrau ent⸗ wickelt, und war recht huͤbſch geworden, ge⸗ ſchickt fuͤr den Hausſtand, ordnungsliebend und fleißig; aber von ſproͤdem Gemuͤth und ver⸗ ſchloſſenem Sinne, indeß Paul, ein genialer Knabe, hochfaͤhigen Geiſtes und offener Seele, den Studien oblag, und jede Kenntniß erfaßte, nur die nicht, welche die Klugheit des Gewinns lehrt. Kein Troͤpfchen merkantiliſches Blut floß in ſeinen Adern, und dies war von ſeiner Wiege an zu bemerken geweſen. Ein blinkendes Gold⸗ ſtuͤck, was man ihm zum Spiel gab, da die Waͤrterinn ihn noch trug, warf er fogleich hin⸗ weg, waͤhrend ein unſcheinbares Bildchen ihn lange ergoͤtzte. „Unſer Paul wird nicht reich werden, wenn er es kuͤnftig auch ſo macht!“ ſagte die Mutter, laͤchelnd zwar, doch mit einem leiſen Seufzer. „Wer weiß auch,“ antwortete der Vater: „Fortuna liebt ihre Verſchmaͤher— es koͤnnte dennoch ſeyn.“ Eine oͤffentliche Geld⸗Angelegenheit brachte den Stadt⸗Syndikus Gitterbrodt in Herrn Ein⸗ 86 — ſiedels Haus. Es war ein Hageſtolz, der ſei⸗ ner Claſſe in allen Eigenheiten des Junggeſellen⸗ Standes zugehoͤrte, ein hageres Maͤnnchen, von gilblichbrauner Geſichtsfarbe, wie ein Hl⸗ gemaͤhlde, das nachdunkelte; er war voll Com⸗ plimente, ſpruͤchwoͤrtlicher Redensarten und luſtiger Spaͤschen. Er wußte immer etwas Neues. Nie goͤnnte er ſich ein weißes Hals⸗ oder Schnupftuch, weil die Waͤſche Zeit und Geld koſtete— ſeine Kleider hatten eine Art G„ irrdiſcher Unſterblichkeit— wenn wir dieſes Wort waͤhlen duͤrften: denn ſie glaͤnzten in eriger Jugend und Neuheit, wie alt ſie immer waren. Ja, es ſchien, als ob die Motte ih⸗ ren Raub aus dem Pelzwerke Anderer dem ſei⸗ G nigen einfuͤtterte. Dieſe Unverwuͤſtlichkeit Deſ⸗ ſen, was er einmal beſaß, war ſein Stolz, und mit ſelbſtgefaͤlligem Laͤcheln ruͤhmte er ſich oft der Dauer ſeiner Sachen. Er nahm es gut auf, wenn man ihm ſagte, er ſey ein Arcaniſt der Sparſamkeit. Der ⸗Wunſch, fuͤr einen Mann von ſolidem Geſchmack zu gelten, und das Puͤnktchen der Ehre waren ſeine ſchwaͤchſten — 87 Seiten. Obgleich ein hoher Rath ihn einſtmals im Zorne zum Syndikus gemacht hatte: ſo wußte er doch mit ehrgeiziger Anmaaßung an ſeinen Befugniſſen feſtzuhalten, und auf ſeine Magiſtrats⸗Wuͤrde zu pochen. Man goͤnnte ihm die eitle Einbildung und die Leere der Nul⸗ litaͤt, und fand ihn dennoch oft genug brauch⸗ bar, wenn auch nur im negativen Sinne.— Als es einſt geſchah, daß eine Deputation ernannt wurde, die den Landesherrn um Erlaß einer Steuer angehen ſollte, womit die Stadt belegt war, und dieſer Vortrag, der tuͤchtige Maͤnner erforderte, weil er durch eine ſcharfſin⸗ nige Entwickelung der Gruͤnde, die das Geſuch fuͤr ſich hatte, durch die Kraft der Rede und die Faͤhigkeit der Repraͤſentation unterſtuͤtzt werden mußte— ein ſchwieriger war: fiel es einem Spoͤtter ein, den Syndikus dazu vorzu⸗ ſchlagen. Zum ſprachloſen Erſtaunen der Bei⸗ ſitzer nahm er den Aufruf an, obgleich das Herz im Leibe ihm davor zitterte und bebte.— Die Sache war nicht mehr zu aͤndern, und an einen Ruͤckſchritt nicht zu denken, ohne daß der Syn⸗ 88 dikus toͤdtlich beleidiget wuͤrde; ſo ſorgte man nur dafuͤr, den laͤcherlichen Mißgriff durch eine deſto ernſtere Auswahl der Üübrigen unſchaͤdlich zu machen. Die Schreiber, welche es wußten, wie der Syndikus Spaß fuͤr Ernſt genommen, ſangen des Abends vor ſeiner Thuͤre:„ja, wenn es um die Ehre nicht ſo was Großes wäre: Wer moͤgt' ein Deputirter ſeyn? ich nicht! ich auch nicht! nein!“ und hier und da toͤnte ein verſtecktes Lachen durch das ſpottende Echo des Chors.— Der Landesherr ließ die Geſandt⸗ ſchaft vor, und bewies ſich huldreich und gnaͤ⸗ dig gegen die Vaͤter der Stadt, welche er der aufgebuͤrdeten Laſt entnahm. Dieſe Erfahrung blieb dem Syndikus die ſchoͤnſte ſeines Lebens bis an das Ende. Er nahm einen gravitaͤtiſchen Gang, eine wichtige Miene an, und Wer, wenn er nach Jahren noch auf jene Geſchichte kam, nicht Zeit und Geduld hatte, machte Kehrt: denn in dieſem Stoffe war er unerſchoͤpflich.— Dies war der Mann, den ſein Alter nicht vor einer Thorheit 89 ſchuͤtzte, welche im Plane des weiſen Got⸗ tes lag! Das Geldgeſchaͤft, welches den Syndikus Gitterbrodt zu Herrn Einſiedel fuͤhrte, war nicht mit einemmale ausgeglichen; er kam wie⸗ der und wieder, und verweilte, gaſtlich aufge⸗ nommen, auch wohl ein Stuͤndchen. Endlich war alles abgemacht, und Einſiedel hatte Gele⸗ genheit gefunden, der Stadt einen Dienſt zu leiſten, und zugleich den Syndikus perſoͤnlich zu verpflichten. Er glaubte in einer lebhaften Anerkenntniß hievon die ÜUrſache zu finden, warum der Syndikus ihn und ſeine Familie in Perſon zum Mittags⸗Eſſen einladete, eine Hoͤflichkeit, womit er ſonſt eben nicht freige⸗ big war. Aber Herr Einſiedel wollte ſie den⸗ noch ablehnen, weil er den Tag darauf ſeine Reiſe zur Meſſe antraͤte, und daheim noch viel zu ordnen haͤtte; doch der Syndikus nahm keine Entſchuldigung an. So ging denn die Familie in pleno zu dem aſtgebothe, wobei Niemand weiter zugegen war. Das Haus des Syndi⸗ kus war nett wie ein Kaͤſtchen. Im Flur ſaß 90 ein alter Rathsdiener als Ordonnanz des ge⸗ ſtrengen Herrn, und ſtrich einem grauen Ka⸗ ter, den er auf dem Schooße hielt, das elek⸗ triſche Fell. Der Syndikus erſchien, und bewillkommte ſeine Gaͤſte mit wortreicher Foͤrmlichkeit, die nach der alten Schule ſchmeckte, dann fuͤhrte er Marianen die Treppe hinauf in das Speiſe⸗ zimmer. Die Mutter, der dieſe Ehre eigent⸗ lich gebuͤhrt haͤtte, laͤchelte ſeltſam hinterher. Der Wirth war unendlich geſchaͤftig. Er ſchloß bald dieſen Schrank, bald jenen Schub auf, um etwas Vergeſſenes hervorzulangen, und Mariane ſtand und warf verſtohlene Blicke in die Faͤcher voll Werth und Wuſt, oder nahm ganz ſacht die Zipfel des Gedecks in ihre Haͤnde, und ſah nach der Nummer des Tiſchzeugs.— Nach aufgehobener Tafel fuͤhrte der Syn⸗ dikus, unter dem Vorwande, ihr etwas zu zei⸗ gen, Marianen in ein Nebenzimmer, und es verging wohl eine Viertelſtunde, ehe ſie wie⸗ derkamen. — 91 Die Mutter warf einen fragenden Blick auf Marianen, ſie war verblaßt, und die Hand, womit ſie auf des Wirthes Bitte den Caffee einſchenkte, zitterte ein wenig; allein nicht lange, ſo hatte ſie Farbe und Faſſung wieder gewonnen, ſie unterhielt ſich ruhig, wie vorher, von gleichguͤltigen Dingen, und die Mutter glaubte, es waͤre dem Maͤdchen ein Schauer der Furcht und des Grauens im Al⸗ leinſeyn mit dem alten Junggeſellen angekom⸗ men.— Die Familie brach zeitig auf, da Herr Einſiedel noch viel zu beſorgen hatte, man trennte ſich mit Dankſagungen von beiden Seiten. Am andern Morgen, als der Vater fort war, und Frau und Tochter allein, naͤherte Mariane ſich ihrer Stiefmutter, und ſagte: der Syndikus Gitterbrodt haͤtte geſtern um ihre Hand angehalten, die ihm zu geben, ſie Wil⸗ lens waͤre.— Die Mutter erſtarrte. Sie ſprach:„den Syndikus Gitterbrodt wollteſt Du heirathen? O geh! wie koͤnnte ich das glauben!“ Ma⸗ dame Einſiedel lachte, und fuhr fort:„eine paſſende Verbindung, wahrhaftig! die einzige kleine Gleichheit, welche an ihr zu finden, iſt es gerade, worin ihr auffallendſtes Mißverhaͤlt⸗ niß beruht: in der Zahl der Jahre! Du biſt ſechzehn, er ſechzig Jahre alt.“ Mariane verzog keine Miene.„Das iſt mir eben recht!“ antwortete ſie mit kalter Ent⸗ ſchloſſenheit:„ich denke, mein Vater wird mich gewaͤhren laſſen. Der Syndikus iſt ein guter Wirth, er wird mir das Meinige zu Rathe halten; er iſt ein alter Mann, und ich hoffe, keine Kinder zu bekommen.“ „Das hoffſt Du?“ fragte die Mutter, die zu begreifen anfing, daß es Ernſt waͤre, in einem Tone, welcher der Vorklang einer hohen Stimmung war. „Ja!“ antwortete Mariane feſt, als be⸗ ſchwoͤre ſie es:„ich halte es fuͤr die groͤßte Plage, Kinder zu haben. Wenn ich eine Mut⸗ ter ſehe, die wie eine Gluckhenne ihr kleines Volk austreibt, und ſich nicht retten kann, weil die Kinder an ihr zerren und ziehen, und kein Wort aufkommen laſſen; wie ihr der Ap⸗ petit vergeht, weil ſie genug zu thun hat, die Schreihaͤlſe zu ſtopfen: da kann mir Angſt wer⸗ den vor ſolchem Gluͤcke.— Ich lobe mir ein ruhig Leben, und das werde ich bei dem Syn⸗ dikus fuͤhren koͤnnen.“ Madame Einſiedel heftete einen langen Blick, voll tiefen Mitleids, auf die Tochter ihres Mannes. Sie legte die Hand auf des Maͤdchens Bruſt und ſprach:„Du Arme! ſchlaͤgt denn kein jungfraͤuliches Herz unter die⸗ ſer Huͤlle? und haͤtte die Natur ſich geirrt, da ſie dieſen Buſen woͤlbte zu einer Grotte der Liebe, beſtimmt, ihre ſuͤßeſten Quellen zu ſteoͤhmen?— O Mariane! Du laͤſterſt Gott in ſeinem hoͤchſten Segen! Kinder ſind die groͤßte Freude auf Erden, und eine Mutter gaͤbe viel lieber und leichter das Leben hin, als Eines der Ihrigen.— Wenn wir ein jedes frevle Wort verantworten muͤſſen: ſo wolle Gott das, was Du eben ſagteſt, nicht gehoͤrt haben! Du koͤnnteſt Mutter werden, und Deine Kinder verliehren— dann daͤchteſt Du wohl einmal daran, daß Du Dich verſuͤndiget haͤtteſt. Ein einſames Alter, ein verlaſſenes Sterbe⸗ bette iſt bang' und ſtille! aber die frohe Muͤhe, in denen eine Mutter ihre Geduld erſchoͤpft, der wimmelnde Tumult um ſie her, iſt Geraͤuſch des Lebens und der Freude. In den Armen der Liebe kann es ſich nicht ſchwer ſterben!“— Sie trat im Geiſte an ihr Grab, ſahe Paulus kindliche Thraͤnen darauf fallen— trocknete die ihrigen, und ſprach, ſich ſammelnd, weiter: „was nun Deine Heirath anbetrifft: ſo wuͤnſchte ich nicht, daß der Freier ſie ſchon als entſchieden anſaͤhe: denn käͤme Dein Vater von der Meſſe, und theilte unter den Geſchenken, die er mitbringt, dem Syndikus etwa ein Koͤrb⸗ chen zu: ſo moͤgte er es uns wohl entgelten laſſen, daß wir die Zuthat beſorgten. Deshalb verſchone mich mit ſeinen Beſuchen.„bis wir wiſſen, was er ſich erholen werde.— Schon ſein Nahme koͤnnte Dich warnen! ein Gitter⸗ brodt wuͤrde Dein taͤgliches ſeyn, das Bis⸗ quit einer Gefangenen! und der goldene Kaͤfig, — 95 der Dich Deiner Freiheit beraubte, wuͤrde Dir zeitig genug zu enge werden.“ Mariane laͤchelte ein wenig boshaft, und ſagte:„der Nahme meines Vaters verneint es, daß ſolch eine Schlußfolge richtig waͤre. Er heißt Einſiedel, und unſer Haus iſt nichts deſto weniger eine Eremitage.— Ich will es darauf wagen mit dem Gitterbrodt.“ Madame Einſiedel empfand den Stich die⸗ ſer Antwort, der ihrer Gaſtfreundlichkeit galt, welche jedoch ihrem vorherrſchenden Hange zum Stillleben keinen Abbruch that. Nach acht Tagen, in denen Mariane mit der Mutter geſchmollt hatte, brachte man den Vater todtkrank von der Meſſe heim. Er hatte die Geſchaͤfte einem Fremden uͤbertragen muͤſſen, und ſich ſo ſehr nach Hauſe geſehnt, daß er ſich ſtark genug glaubte, die Reiſe aushalten zu koͤnnen. Allein ſie hatte die Krankheit ver⸗ ſchlimmert und ſeine Kraͤfte erſchoͤpft. Madame Einſiedel kam Tag und Nacht nicht von dem Bette ihres Mannes, ſie rang in flehender Angſt um dies geliebte Leben zu Gott, und der Engel des Herrn ſtaͤrkte ſie, da der herbe Kelch ihr nicht voruͤber gehen konnte. Auch Mariane pflegte den Vater getreu, wenn auch mit feſterer Hand und in minderen Qualen der Seele um die Gefahr, worin er ſchwebte. Da der Arzt zu zweifeln ſchien, wollte Mariane vor dem Abſcheiden des Vaters ihre Heirath in Richtigkeit bringen; ſo ſagte ſie ihm, daß der Syndikus Gitterbrodt ihrer be⸗ gehre, und ſie geneigt waͤre, ihn zu nehmen, wenn der Vater ihr ſeinen Segen dazu nicht vorenthalte. Schon war es Abend vor den Au⸗ gen des Vaters geworden, ſein Blick war nicht mehr klar, und die Freuden des Lebens, denen ſeine Tochter, als die Gattinn dieſes greiſigen Schwaͤchlings, wuͤrde entſagen muͤſſen, erſchie⸗ nen ihm nunmehr im verblaſſenden Glanze des Todes. So ſah er Eins, und auch dies nur daͤmmernd: daß Mariane verſorgt, und ſeine liebe Frau jeder Colliſion mit ihrer Stieftochter entnommen waͤre. Er ſagte, daß er ihr zwar ſeine Einwilligung nicht weigere, ſie aber er⸗ mahne, ſich wohl zu pruͤfen, da die Wahl ſehr ungleich ſey. Worauf Mariane ihn nochmals verſicherte: ſie haͤtte alles reiflich erwogen. Der ſchwache Vater gab denn zu, was er ohne⸗ dies nicht mehr hindern koͤnnen, und uͤberließ das Schickſal der Seinen Dem, der uns auch da fuͤhrt, wo wir irren! dann entſchlummerte er ſanft zu dem langen Schlafe, von dem wir zu einem helleren Tage erwachen. Seine Wittwe meynte ihrem Verluſte zu erliegen. Sie ſchwankte vor Schwaͤche und Seelenſchmerz, das Herz war ihr gebrochen, und heilte nicht mehr, bis die Erde jene tiefgeſchlagene Wunde kuͤhlte. Der Syndikus Gitterbrodt ging mit Ma⸗ rianens Vater zu Grabe, und nahm Leid ein. Man ſagte nun, die Stiefmutter haͤtte in al⸗ ler Eile dieſe Verbindung ins Werk geſetzt, um des Maͤdchens los zu werden, und der Vater ware in halber Bewußtloſigkeit dahin gebracht worden, in den Vorſchlag zu willigen, den er als ein vernuͤnftiger Mann bei geſunden Tagen gewiß verworfen haben wuͤrde. Tante und Nichte. ☛ Es lag etwas Wahres in dieſer Vorausſe⸗ tzung: denn nur, da er ſich einen Scheidenden fuͤhlte, erkannte Einſiedel in der Geneigtheit ſeiner Tochter, dieſen Mann zu chelichen, eine Schickung des Himmels, und fuͤgte ſich darein. Ob das gemeine Urtheil der edlen Stiefmutter Unrecht that, wiſſen unſere Leſer bereits. Der Prinzipal war ſchon ſeit einigen Jah⸗ ren todt, und nun, da die Hand, welche nach dem Willen des Erblaſſers das Geſchaͤft ſo treu als thaͤtig fortgeſetzt hatte, erſtarrt ruhete, fiel alles an fremde Menſchen, und groͤßtentheils auseinander. Madame Einſiedel zog ſich zu⸗ ruck, und widmete die trauernde Muße, die ihr jetzt uͤbrigte, ihrem Sohne. Der Gram, ein finſterer Geſelle einſamer Wittwentage, ward ihr ein ſanfter Freund, und geleitete ſie an das Ziel. Marianens Hochzeit ſollte nach Ablauf ei⸗ nes Vierteljahres dn)ſe haͤtte man es, der tiefen Trauer wegen, nicht fuͤr ſchicklich gehalten.„ 99 Das Erbe ihrer Mutter und ein Theil der beſten Sachen war Marianen doch aus der Cride, dem ſchmaͤhlichen Ende eines nur zu ſtolzen Anfangs— gerettet worden. Dies Erbtheil nun, ob auch durch einige verlohren gegangene Capitalien reduzirt, ergab noch im⸗ mer eine anſtaͤndige Mitgift, wenn auch der ſelige Einſiedel ſich in dem Anſchlage derſelben einſt ſtark getaͤuſcht hatte, und ſein Calcuͤl auf eine reiche Frau eben ſo falſch geweſen war, wie jede andere ſeiner damaligen Berechnungen. Vielleicht erwog der ſterbende Vater dieſen Vor⸗ theil ſeiner Tochter und den Umſtand, daß ſie einen wohlhabenden Mann heirathe, wie den Bedarf der Frau, die des Verſorgers entbehren wuͤrde, und des heranwachſenden Sohnes, der die Koſten ſeiner Studien beſtreiten muͤßte, da er Marianen in dem Teſtamente, welches er eine Stunde vor ſeinem Tode abfaſſen ließ, mit dem Pflichttheile ſeines Vermoͤgens abfand, was er gemeinſam mit der treufleißigen Gattinn ſich ſpaͤter erworben. Daß er es ſich voͤllig be⸗ wußt gethan, duͤrfte ſich aus Folgendem erge⸗ 5* 100— ben. Als der Notar und die Zeugen ſich ent⸗ fernten, ließ er ſeine Frau herein rufen. Sie beugte ſich weinend uͤber das Bett des Man⸗ nes, er aber ſagte ſchwachathmend:„ich habe fuͤr Dich und Paul geſorgt, nun kann ich ru⸗ hig ſterben! nur eine Schuld erſchwert mir das Scheiden— die vermag ich nicht zu tilgen.“ Die Thraͤnen der Frau ſtanden; ſie lauſchte geſpannt dem Geſtaͤndniſſe der bleichen Lippe. „Ich habe,“ fuhr der Sterbende in ſeiner Selbſtanklage fort:„Marianen nie geliebt. Gott weiß es! ich konnte mir nicht helfen. Der Daͤmon ihrer Geburtsſtunde hat ſich ihres Herzens bemaͤchtiget, und wehrte dem meini⸗ gen die Liebe! Sie wird arm, ob auch in der Fuͤlle des Reichthums durch das Leben gehen! ſo war es, da ſie zur Welt kam: ſo wird es bleiben. Um die Wiege prangte es golden, worin das Kind eines Bettlers:— denn dies war ich in jenem Augenblicke, und noch un⸗ gluͤcklicher als ein Solcher! lag, und mit ſei⸗ nem erſten leiſen Schrei zu Gott aufſchrie uͤber den Vater, der es im Irrſinne ſeiner Thorheit ——.. 101 wie ſpottend auf Seide gebettet hatte.— Die⸗ ſer erborgte Glanz ſchnitt mir tief in die blu⸗ tende Seele, und hoͤhnte mein vorwurfsvolles Gefuͤhl.— Verlaſſe Mariane nicht ganz, gute Frau! und waͤre es auch ein ſchlechter Dank, den ſie Dir gaͤbe: der Lohn bleibt doch nicht aus!“— Er empfing das mit tauſend Thraͤnen be⸗ ſiegelte Verſprechen, und nahm es hinuͤber in die Ewigkeit.— Wuͤrde dieſer Vater nun wohl im Stande geweſen feyn, das Unrecht, welches mahnend vor ihn trat, da ſein Geiſt ſich zur Heimkehr ruͤſtete, noch dadurch zu be⸗ kraͤftigen, daß er ſeine Tochter im Teſtamente zuruͤckſetzte? Nein! er fuͤhlte nur in jenen ern⸗ ſten Momenten, wo jede irrdiſche Taͤuſchung aufhoͤrt, daß der Mangel an Liebe ſich durch kein Geld aufwiegen laſſe. So blieb denn jene obige Erwaͤgung in Kraft, und Mariane auf das Pflichttheil beſchraͤnkt; ſterbend wollte der Vater ihr ein beſſeres goͤnnen: er vermachte ſie der liebenden Geduld, der treuen Geſinnung ſeiner Wittwe. Aber Mariane fand, daß der letzte Wille ihres Vaters ſeinem erſten Gefuͤhle gegen ſie entſprochen haͤtte. Sie legte der unſchuldigen Stiefmutter die Kraͤnkung zur Laſt, womit ſie ſich verkuͤrzt ſah; ſie warf einen Groll auf ihren Bruder, der ihr das Recht der Erbſchaft ge⸗ raubt hatte, Haß und Neid verdaͤmmten ihr Herz gegen den milden Strohm der Wehmuth, ſie mied das Andenken ihres Vaters, und wenn ein Zug aus ſeinem Leben, oder ſein dhaſes Todesbild ſie ruͤhrte: ſo ſagte ſie zu ſich ſelbſt: „mich aber hat er wie ein Stiefkind behan⸗ delt!“— Wenn Mariane auch den Syndikus weder achten noch lieben konnte: ſo gewaͤhrte ihr doch die demuͤthige Verliebtheit, womit er ſich ihren Launen unterwarf, eine angenehme Befriedi⸗ gung. Sie wuͤrde, dachte ſie, unabhaͤngig von verhaßten Banden, die Gebietherinn ihres Ehe⸗ herrn ſeyn, und nach haͤuslicher Gewalt luͤſtete ihrem ſelbſtſuͤchtigen Stolze. Aber freilich gab es auch Augenblicke, wo ſich die Braut des Braͤutigams ſchaͤmte.— Er kam alle Morgen, um ſich zu erkundigen, wie ſein ſuͤßes Kind geſchlafen? und verfehlte nie, ein zierliches Blumenſtraͤuschen mit zaͤrtlichem Handkuß zu uͤberreichen. Einſtmals empfing Mariane ihn mit den Worten:„es hat mir dieſe Nacht naͤrriſches Zeug von Ihnen ge⸗ traͤumt! Sie wuͤrden es nimmer errathen.“ Da war er auſſer ſich vor Entzuͤcken.„O mein holdes Engelchen,“ antwortete er:„Sie ſind allzuguͤtig! das waͤre doch wahrlich meine Schuldigkeit geweſen!“ Hier laͤchelte die Mut⸗ ter ſeit ihres Mannes Tode zum erſtenmale. Nur ſechs Jahre uͤberlebte Madame Ein⸗ ſiedel den beweinten Gatten; dann folgte ſie ihm, nachdem ſie ihren Sohn zu einem edlen, liebenswuͤrdigen Juͤnglinge heran reifen geſehen, und ſich an dem keimenden Genuſſe der reichen Saat, welche in ſein Gemuͤth, in ſeine Kraͤfte gelegt war, muͤtterlich erfreuet hatte. Mariane fuͤhrte einen zufriedenen Ehe⸗ ſtand, und verdankte es ihrer Conſequenz, daß ſie ſogar fuͤr eine gluͤckliche Frau galt. Si lebte gut und aus dem Vollen, kleidete ſich fein 104— und koſtbar, und ging und fuhr mit ihrem Manne in Geſellſchaft, oder wo es ſonſt ein Vergnuͤgen zu genießen gab. Seit ſie ein paar⸗ mal mit ſcharfem Verſtande und beißender Em⸗ pfindlichkeit Witzbolde von Metier abgefertiget hatte, war ihr Mann nicht mehr, wie ſonſt, der Gegenſtand des Geſpoͤttes. Man hatte Re⸗ ſpekt vor der jungen, huͤbſchen Frau, die ſchnell in Harniſch gerieth, wenn ein Angriff auf ih⸗ ren Gatten geſchah, den man wohl eher fuͤr ihren Großvater gehalten haͤtte. Waren Da⸗ men bei ihr: ſo hatte ſie fo viele ſchoͤne Sachen zu zeigen, daß ein Seitenblick auf das greiſen⸗ hafte Maͤnnlein, das in kindiſcher Eitelkeit ſeine Puppe damit ausputzte, den erregten Neid nicht immer verſoͤhnte.— Die traͤge Ruhe ihrer Lebensweiſe, nur unterbrochen durch Eſſen, Trinken und der Sorge dafuͤr, das Phlegma der Gefuͤhle, die kein Sturm der Leidenſchaft aufregte, hatte die Geſtalt Marianens, gedeihlich von Art, in ſolch einer Überfuͤlle entwickelt, daß die jugend⸗ liche Frau bei Weitem alter ſchien, als ſie war, 2½ 105 und ihr wohlgenaͤhrtes Ausſehen dem Begriffe einer behaglichen Lage vollkommen entſprach. Kein Flecken, auch der kleinſte nicht, haftete auf ihrer ehelichen Treue: nie war ein weibli⸗ ches Weſen weniger coquett. Sie verachtete die Maͤnner leiſe— ohne zu ahnen, daß ihr Gemahl es waͤre, welcher unbewußt ihrer Mey⸗ nung von ſeinem Geſchlecht geſchadet haͤtte— das Thun der Meiſten widerte ſie an, da ihr Geſchmack an der Maͤnnlichkeit uͤberhaupt nun einmal verdorben war. Nur ihres Gatten Schwaͤche und Einfalt erbarmte ſie, und ihre Seltſamkeit geſiel ſich darin, ihn zu uͤbertra⸗ gen. So war eine Reihe Jahre ohne irgend eine Stoͤhrung dieſes ruhigen Verhaͤltniſſes vor⸗ uͤber gegangen. Jetzt ſollte in der ſtaͤdtiſchen Verfaſſung eine neue Ordnung der Dinge ein⸗ gefuͤhrt werden, die bisher gar vielen Schwie⸗ rigkeiten unterlegen, welche noch nicht ganz be⸗ feitiget waren. Die feyerliche Rede dabei, ein critiſches Werk! fiel auf den Syndikus Gitter⸗ brodt, und wie ein Centner auf ſein Herz, da er niemals ein Demoſthenes geweſen, und ſeit 7 ſeiner Verheirathung insbeſondere mehr im Verſtummen, als im Wortfuͤhren geuͤbt war. Der Syndikus kam bleich wie ein Todter nach Hauſe, er ſank matt in einen Stuhl.„ Mariane erſchrack, ſie glaubte, er haͤtte einen Anfall vom Schlage. In weinerlicher Angſt erzaͤhlte er ſeiner Frau die Urſache dieſer Al⸗ teration, und ſetzte in einer ſeltenen Erleuch⸗ tung ſeiner Gedanken hinzu:„das iſt ein haͤ⸗ miſcher Streich vom Burgemeiſter! ſie wollen mich gerne los ſeyn, deshalb buͤrden ſie mir jetzt dieſe Ehre auf, die meiner Schwaͤche zu ſchwer iſt.“ Mariane ſuchte ihn zu beruhigen. Die hochweiſen Herren koͤnnten ſich dennoch geirrt haben— meynte ſie, feſt entſchloſſen, guten Rath zu ſchaffen, und kaͤme er ſie noch ſo theuer, daß ihr Mann die Rede halten koͤnnte. Dabei uͤberſchlug ſie doch die Summe, welche, wenn der Syndikus ſich ſeines Amtes wie der verſuchenden Pflicht begaͤbe, in dem jaͤhrlichen Einkommen fehl ginge, den Betrag der Pen⸗ ſion, auf die er Anſpruch machen duͤrfte, und 4 — 107 wie der Etat des Haushalts dann zu veraͤndern waͤre. Zwiſchendurch fragte Mariane ihren Mann:„aber auswendig lernen kannſt Du doch noch? Du ſagſt ja das lange Gedicht von der Quarterne, den Schulmeiſter Backel und den halben Blumauer ohne Anſtoß her.“ Und der Gedanke, der ihn retten ſollte aus dieſer Noth, war ihr mit der Einnanus an ſeine Memoria aufgegangen. „Ach mein Schatz!“ antwortete der Syn⸗ dikus kleinlaut:„das Gedaͤchtniß iſt mir ſeit einiger Zeit ſchwach geworden! am vorigen Sonntage kam ich aus dem Vater unſer in den Glauben, ohne daß ich es nur bald gemerkt haͤtte.“ Da ſeufzte ſeine Frau, und ſagte:„wenn Du mir nur die Hauptidee von dem Vortrage angeben koͤnnteſt, der“— „Lieber Gott!“ unterbrach der Syndikus in dem klaͤglichſten Tone ſeine Frau, und ſprach wie einſt der Kammerrath Hippeldanz:„ich habe gar keine Idee, wie dieſe Rede zu halten waͤre.— Die Angſt davor bringt mich n 4 108—— Marianens Mitleid mit dieſer Erbaͤrmlich⸗ keit und eigennuͤtziges Intereſſe brachten ſie zu einem raſchen Entſchluſſe.. Paul hatte ſich ganz kuͤrzlich von der Uni⸗ verſitaͤt aus, die er nun verlaſſen wollte, mit einem ſchriftlichen Auftrage an ſeine Halbſchwe⸗ ſter gewendet, der recht eigentlich fuͤr Mariane paßte; das wußte er noch, doch Niemand wei⸗ ter in jener Stadt, dem er dieſe Angelegenheit haͤtte vertrauen moͤgen. Das ganze elterliche Vermoͤgen Pauls ar⸗ beitete in jener Handlung, der ſein Vater ſo lange vorgeſtanden; allein es arbeitete nicht wie ſonſt, zu Gewinn und Segen, ſondern, ver⸗ nachlaͤßiget wie gaͤhrender Wein, zum Verder⸗ ben.— Die Wechfel waren ſchlecht gezahlt worden, dies, und andere ſchlimme Zeichen noch, hatten Marianens Bruder fuͤr ſein Ei⸗ genthum beſorgt gemacht. Jetzt wollte er gerne zweitauſend Thaler gelegt haben, um eine Reiſe nach Italien und Griechenland, die ſein lieb⸗ ſter Wunſch war, antreten zu koͤnnen. Er hatte, da er ſeiner freien Neigung folgen durfte, — 109 Kunſt und Alterthum zu ſeinem vorzuͤglichſten Studium gemacht, und hoffte einſt auf eine Profeſſur. So ſchrieb er denn an ſeine Schwe⸗ ſter, und bat ſie, ihn unter dem Siegel der Verſchwiegenheit wiſſen zu laſſen, wie es um jenes Haus ſtehe, und die Zahlung der genann⸗ ten Summe zu vermitteln. Wenn er einſt wiederkehre, und ſich als Privat⸗Docent an⸗ ſtellen laſſe, muͤſſe er Jahr fuͤr Jahr einen Ab⸗ ſchlag auf das Capital erhalten. Mariane war mit ihrem Plane fertig. Paul erhielt ein Gegenſchreiben von ihr, worin ſie ihm ſagte, ſeine Frage eigene ſich nur fuͤr eine muͤndliche Antwort, mit der ſie ihm entge⸗ gen kommen werde, wenn er ihr Tag und Stunde ſeiner Ruͤckkehr in die Vaterſtadt an⸗ geben wollte. Sie bezeichnete den Ort und Gaſthof, wo ſie ſich finden wuͤrden. Paul war hoͤchlich uͤberraſcht von dieſer guͤnſtigen Sin⸗ nesaͤnderung ſeiner Schweſter, ſein Herz wallte, die Tochter ſeines Vaters wiederzuſehen, er eilte fort. 110— Das helle Herbſtwetter war ploͤtzlich rauh und regnigt geworden, da er das Dorf erreichte, wo das Zuſammentreffen mit Marianen Statt haben ſollte. Sie war noch nicht da, Das Wirthshaus lag an der Straße, und man konnte den Wagen ſchon in großer Ferne erblik⸗ ken. Paul beſtellte, daß in dem Stuͤbchen, was man ihm geoͤffnet, eiligſt Feuer angemacht wuͤrde; er ſorgte dafuͤr, daß ſeine Schweſter, wenn ſie, durchſchauert von der feuchtkalten Luft, kaͤme, ein warmes Getränk faͤnde. So trat er vor die kleinen Fenſter, und mahlte ge⸗ dankenvoll hieroglyphiſche Schrift in den An⸗ hauch der Scheiben. Da hielt unten eine Equi⸗ page. Paul begriff nicht, wie er ſie nicht be⸗ merkt haͤtte, er ſtuͤrzte die Treppe hinab, und ob er ſich auch von Jemand abſeits gedraͤngt fuͤhlte, riß er dennoch den Schlag auf, und fah eine verſchleierte Dame das niedlichſte Fuͤß⸗ chen, als ob es zu jenem Wunderpantoffel paſſe, der fuͤr eine Probe der Schoͤnheit galt, auf den Tritt des Wagens ſetzen. Es glitt ein wenig, — und die Dame, vielleicht mehr der fremden Be⸗ = — 111 ruͤhrung wegen, als der Furcht vor dem Falle— hob haſtig den Schleier auf. Paul trat beſtuͤrzt zuruͤck, die Dame war ihm voͤllig fremd und ſehr haͤßlich. Der Jaͤger, welcher ſich des Eingriffs in ſeine dienſtliche Schuldig⸗ keit nicht hatte erwehren koͤnnen, ſah den Jüngling von der Seite an, der ſchaamroth uͤber ſeine Voreiligkeit geworden war, und half der Dame uͤber einige feuchte Stellen in das Haus. Die Wirthsleute, welche die angekom⸗ mene Herrſchaft fuͤr die Erwartete hielten, wieſen ſie in das erwaͤrmte Stuͤbchen, welches Paul inne hatte, waͤhrend dieſer nun wirklich ſeine Schweſter empfing. Er wollte die Fremde nicht aus dem Beſitze vertreiben, in den ein Irrthum ſie verſetzt, und nahm daneben vor⸗ lieb, in dem Schlafgemache der Großmutter vom Hauſe, wo ein gruͤnes Kacheloͤfchen ſchmaͤhlte, um die Wette mit der Alten, welche auf die Verwirrung ſchalt, und den benachthei⸗ ligten Gaͤſten ihren Schmollwinkel einraͤumte. Paul ſtand verduzt vor der kleinen, run⸗ den Frau, die den Bruder zuvorkommend um⸗ 112— armte, und in der er Marianen nicht wieder erkannt haͤtte.— Sie ſchauete, froh uͤber⸗ raſcht, an dem ſchlanken, hochgewachſenen Juͤngkinge empor; er maß den Umfang ihrer Corpulenz mit weiten Augen. Auf Pauls herz⸗ liche Frage: wie es ihr bisher ergangen ſey? antwortete ſeine Schweſter:„Gottlob! ich darf nicht klagen! mir geht nichts ab.“ „Das iſt anſchaulich,“ erwiederte der Bruder mit einem ſchalkhaften Laͤcheln:„Du ſtehſt aus, wie die geſegnete Mahlzeit!“ Nach einer kleinen, gegenſeitigen Einlei⸗ tung kam man auf die fragliche Geldſache. „Du thuſt mir leid, Paul,“ ſagte Mariane mit bedauernder Wichtigkeit, die ein Gefuͤhl der Furcht anregen ſollte:„daß meine Nach⸗ richt hieruͤber eine Hiobspoſt iſt: es ſtehet ſchlecht mit Gottſchalks.“(So hieß der Kauf⸗ mann, welcher Pauls Schuldner war.) „ Das waͤre hart fuͤr mich!“ verſetzte der junge Einſiedel betroffen; doch lag noch ein lei⸗ ſer, hoffnungsvoller Zweifel in dem Tone die⸗ ſer Antwort, wie in ihrer e — — 2 8 —, — 113 „Sie haben es darnach gemacht, man darf ſich nicht wundern,“ ſetzte Mariane, ihre Aus⸗ ſage zu motiviren, fort:„das war ein Auf⸗ wand! ein Großthun! dazu die jetzigen Con⸗ junkturen, die einen Kaufmann auch bei guter Wirthſchaft zu Grunde richten koͤnnen— man ſpricht ſtark vom Concurs— dann biſt Du um Dein huͤbſches Vermoͤgen, und mein armes Pflichttheil duͤrfte zuletzt noch eher auf den dritten Erben kommen.“ Paul hoͤrte an die⸗ ſem Worte ſeiner Schweſter, daß Mariane ſich nicht geaͤndert haͤtte. Die offene Thuͤre ſeines Herzens ſchnappte zu. „Und warſt Du ſo guͤtig,“ fragte er mit nicht ganz verhehltem Mißmuth:„etwas fuͤr meinen Wunſch zu thun?“— „Es wuͤrde mich nichts geholfen haben,“ antwortete Mariane:„daß Gottſchalks aufhoͤ⸗ ren zu zahlen, wird ſehr bald oͤffentlich erklaͤrt ſeyn.“ Paul runzelte die Stirne.„Ich werde ſelbſt mit Gottſchalk ſprechen!“ ſagte er kurz gefaßt:„wenn er ein ehrlicher Mann iſt, wo⸗ 114 fuͤr ich ihn doch gehalten: ſo werde ich erfahren, woran ich bin.“ „Damit Du aber ſiehſt,“ hob die Frau Schweſter, ihrem Zwecke naͤher ruͤckend, an: „daß ich nicht allein zur Wahrheit, ſondern auch zur Huͤlfe bereit bin, findeſt Du mich er⸗ boͤthig, Dir die Summe, ⸗welche Du bedarfſt, einſtweilen aus meinen Mitteln vorzuſchießen, und zwar ohne Zinſen, bis Du im Stande, mich mit Bequemlichkeit zu bezahlen. Dafuͤr ſollſt Du mir nur einen ganz kleinen Gefallen thun.“ Paul ſah ſeine Schweſter geruͤhrt an; das hatte er nicht von ihr erwartet.„Sprich!“ fagte er in dankbarer Ungeduld:„ich will Dir freudig zu Dienſten ſeyn, was Du auch von mir verlangen moͤgteſt.“ „Nun denn: ſo hoͤre!“ begann Mariane: „wir bekommen eine neue Staͤdte⸗Ordnung; ob ſie aber wirklich eine ſolche ſeyn werde, muß 1 ſich erſt durch die Erfolge zeigen. Es giebt je⸗ doch viel Mißvergnuͤgte in unſerm Ort, und eine Menge Partheyen, wobei ſich mit Klug⸗ 115 heit und allſeitiger Ruͤckſicht zu benehmen, fuͤr einen Betheiligten ſehr ſchwierig iſt. Da hat man nun meinem Manne die Rede bei der feyer⸗ lichen Einfuͤhrung zugeſchoben, und mit dieſer Rede hat es etwas auf ſich! mein guter Mann, der nachgerade ſchwachſinnig und vergeßlich zu werden anfaͤngt, bildet ſich ein, es waͤre ein Kunſtgriff, ihn vom Amte zu bringen, weil er ſein Unvermoͤgen dazu wohl fuͤhlen wuͤrde. Doch dieſer boshafte Streich ſoll Denen, die ihn uns zu ſpielen denken, nicht gelingen! ſo wollte ich Dich denn hiermit erſuchen, meinem Manne die Rede aufzuſetzen, daß er ſie nur auswendig lernen duͤrfte; doch bitte ich, mache es ſo kurz als moͤglich: denn ſein Gedaͤchtniß laͤßt nach.“ Paul erroͤthete, mehr fuͤr dieſe Zumu⸗ thung, als vor der Verlegenheit, ſie ablehnen zut muͤſſen.„Es betruͤbt mich ſehr,“ ſagte er mit niedergeſchlagenen Augen:„daß ich Dir hierin nicht zu Willen ſeyn kann! Du ſiehſt die Sache, nimm es mir nicht uͤbel, liebe Schwe⸗ ſter! wie eine Frau an— ich aber muß ſie von einem anderen Standpunkte aus beurtheilen. Es hieße die Stadt betruͤgen, in deren Mauern ich gebohren ward, und den erſten Gebrauch meiner Faͤhigkeiten zu einer Luͤge verwenden, wenn ich Deinen Wunſch erfuͤllen wollte. Ein öffentliches Amt in dieſer Zeit fordert Gei⸗ ſteskraͤfte, nicht das Maſchinenwerk eines Au⸗ tomaten. Unmoͤglich koͤnnte ich Begeiſterung fuͤr eine gute Sache zu einem Zwecke der Taͤu⸗ ſchung verkaufen, und waͤren alle Schaͤtze der Welt zum Preiſe dafuͤr geſetzt!— Warum wollteſt Du Deinem Manne, der ja ſchon ein Greis war, als ich noch ein Knabe, die Ruhe nicht goͤnnen, welche ihm ſo wohl thun wuͤrde? Es gereicht ſeinem Alter ſicherlich zur Ehre, da zuruͤckzutreten, wo er dem Vordraͤngen Ande⸗ rer, wie der treibenden Zeit ohnedies bald wei⸗ chen muͤßte.“ In ſteigenden Graden der Wuth, die ſie kaum verhielt, zitternd vor Zorn an allen Glie⸗ dern, hatte Mariane die Antwort ihres Bru⸗ ders angehoͤrt.„Das haͤtte ich vorher wiſſen koͤnnen!“ entgegnete ſie:„wenn mein Ge⸗ dächtniß nicht auch ſchon ſchwach waͤre, gut⸗ muͤthig ſchwach, als daß es mich gewarnt haͤtte, etwas Gutes— nur die kleinſte Gefaͤlligkeit von Dir zu erwarten!— Ich Thoͤrinn! die ich des Spruͤchwortes vergaß: was eine Neſſel wird, brennt bei Zeiten! glaube jedoch nicht, mein Bruͤderchen! daß Deine hochtoͤnenden Phraſen mich irre leiten werden! wir wiſſen, wo die Glocken haͤngen, die meinem Manne bei lebendigem Leibe zu Grabe laͤuten moͤgten. Breite es nun aus, um was ich Dich gebeten, und was Du mir aus lauter Wahrheitsliebe ab⸗ geſchlagen, auf daß Dir der Spaß vollkommen werde.— „Schweſterl« rief Paul empoͤrt, und eine zerſprungene Saite im Lautenſpiele des Herzens, worin die Harmonie der Liebe ſchlaͤft, hallte in dem Tone dieſes Wortes, womit er Marianen mahnen wollte, daß ſie Kinder eines Vaters waͤren. Aber hingeriſſen von leidenſchaftlicher Bos⸗ heit, hoͤrte ſie nicht, was er ſagte.„Deine koſtbare Begeiſterung,“ ſetzte ſie hinzu:„bleibt 118— alſe Dein, und einem wuͤrdigeren Falle vor⸗ behalten, wenn es nur nicht etwa der waͤre, welcher dem Hochmuthe folgt, wie in der Bi⸗ bel ſteht— und mein Geld, viel zu gering, als daß Du es beachten ſollteſt, bleibt mein! wir aber ſind geſchiedene Leute.“ Damit riß ſie haſtig den Mantel um, deſſen ſie ſich bereits entlediget hatte, rannte die kleine Stiege hinab, ohne daß Paul es zu hindern vermogte, und nach Art der zuͤgelloſen Hitze, welche den An⸗ ſtand ſo weit uͤberſpringt, daß ſie den Ärger austobt, gegen Wen es auch waͤre— ſchrie ſie dem Kutſcher zu:„umgekehrt! ich habe mich geirrt, es war mein Bruder nicht! ich fahre dieſen Augenblick nach Hauſe.“ Der Kutſcher ſtarrte die geſtrenge Frau an, er glaubte, ſie haͤtte den Verſtand verlohren; aber es half nichts, er mußte gehorchen. Paul ſtand betaͤubt.„Dies alſo waͤre mein Empfang auf heimiſchem Boden?“ ſagte er zu ſich ſelbſt in die ihn umgebende Stille, nachdem der boͤſe Geiſt des Gezaͤnks mit jaͤhem Geraͤuſch ausgefahren war:„kein Hlzweig — 119 gruͤnt darauf fuͤr mich! fort in die Vaterſtadt! wo ich nun ganz ein Fremdling bin. Und waͤre ich wirklich um das Erbe der Eltern gebracht: ſo will ich meine Stirne in den Staub ihrer Graͤber beugen, und mich in dem Vorſatze er⸗ heben, in meiner Armuth reich und immer red⸗ lich zu ſeyn!“— Es rauſchte daneben— Paul hatte laut geſprochen; er ſchaͤmte ſich ſeiner Zer⸗ ſtreuung, und beeilte ſich, den Gaſthof zu verlaſſen. In der Vorſtadt begegnete ihm eine Buͤr⸗ gersfrau, die einſt lange bei ſeinen Eltern in Dienſten geweſen. Sie erkannte den Liebling, wie ſehr er ſich auch veraͤndert hatte, ſie ſchrie freudig auf, und beſchwor den Sohn ihrer ver⸗ ehrten Brodtherrſchaft, bei ihr zu wohnen, da ſie ein eigenes Haus, und Platz genug haͤtte, den liebſten Gaſt, der je uͤber ihre Schwelle ge⸗ hen koͤnnte, zu beherbergen. Paul nahm es an; die Hand dieſer guten Frau, ſo frohgeſchaͤftig fuͤr ihn, gab ſeinem verſtimmten Gemuͤthe den reinen Klang wieder. Er ſagte ihr blos, daß er mit Marianen nicht im beſten Vernehmen ſtuͤnde, worauf ſie ant⸗ wortete:„geben Sie es nur in Zeiten auf, daß dies jemals der Fall ſeyn werde: denn der Gaͤrtner Stief zieht die Liebe ſchief! und bei der Frau Syndikus Gitterbrodt iſt ſie vollends ganz verkruͤppelt und verdorrt; von ihrem Her⸗ zen heißt es: wie es im Sommer duͤrre wird. Sela.“ Am näͤchſten Morgen ging Paul zu Gott⸗ ſchalks. Der Kaufmann verblich, als der Juͤngling, der einer ſeiner Hauptglaͤubiger war, vor ihn trat, und ihn beſcheiden gruͤßte: denn die verſtöhrte Miene des Mannes, die blaſſe Angſt in ſeinen Zuͤgen, dauerten ihn ſehr. Als Paul ſeinen Wunſch, das Reiſegeld, und zwar ſobald als moͤglich, gezahlt zu erhal— ten, ihm als die Abſicht ſeines Hierherkommens genannt hatte, trat ein Laͤcheln des Irrſinns auf Gottſchalks entfaͤrbte Lippen, wovor der Juͤngling erſchrack. Ohne die mindeſte Wei⸗ gerung jedoch, mit einer Gewißheit, die in verzweiflungsvoller Kaͤlte ihre Gewaͤhr ſtellt, verſprach er, daß die verlangte Summe binnen — — 121 vierzehn Tagen liegen ſolle, zu welcher Friſt Paul auch bereitwillig war. Er haͤtte es ſich und dem armen Gottſchalk gerne erſparen moͤ⸗ gen, ihn zu draͤngen, wenn er nicht ſelbſt durch ſein Vorhaben gedraͤngt geweſen waͤre. Be⸗ klommen verließ er dies wankende Haus. Die Wartezeit ging ſchneller hin, als er gedacht hatte. Seine Schweſter ſah er nicht mehr, der Zufall ſchonte ſein, daß er ſie nirgends traf. Er hoͤrte, daß ihr Mann krank waͤre, und ſei⸗ nen Abſchied vom Magiſtrate naͤhme. An ſeine Stelle ruͤckte ſogleich ein junger, talentvoller Mann, der mit fertiger Zunge, gleich einem feurigen Schwerdte, den Knoten vielfach ver⸗ ſchlungener Verhaͤltniſſe zerhieb, in denen ſein feiger Vorgaͤnger ſich befangen ſah. Schon waren einige Tage uͤber die bedun⸗ gene Zeit verſtrichen, und Paul kaͤmpfte mit ſich, was er thun ſollte— da kam bei einbre⸗ chender Nacht Gottſchalk haſtig und geheim, und zaͤhlte mit unſtaͤter Hand die Summe in Gold auf. Paul quittirte, und der Kaufmann Tante und Nichte. 6 fragte ihn, ob er nun abreiſen werde? die Frage klang, als ob Gottſchalk dies wuͤnſchte. „Ich habe,“ antwortete Paul:„mich eben heute zu einer Parthie verſprochen, von der wir fruͤheſtens erſt uͤbermorgen zuruͤck ſeyn koͤnnen; dann aber haͤlt mich hier nichts mehr auf.“ Doch Paul kehrte mit der kleinen Ge⸗ ſellſchaft ſeiner Schulfreunde um einen Tag ſpaͤ⸗ ter wieder; es war tiefer Abend, da man ſich trennte. Er durchſchritt zu Fuße das Endchen Weges bis in den Winkel der Stadt, wo das Haus ſeiner Wirthinn ſtand. Wie er ſo ſtille vor ſich hin eilte, ſchlug ein dumpfes Murmeln und Rauſchen, wie von der Woge des Meeres, an ſein Ohr. Er horchte, er bog um eine Ecke, und ſah in der Straße, worein das Inquiſi⸗ tions⸗Gebaͤude am Schluſſe derſelben einen lan⸗ gen, duͤſtern Schatten warf, eine ſchmale Men⸗ ſchengaſſe ſich bis an den Markt hinauf ziehen. „Was giebt es hier?“ fragte Paul, indem er einen Buͤrger leicht auf die Schulter klopfte. „Sie bringen den Kaufmann Gottſchalk in den Stock,“ antwortete der Mann: a ſie — 123 muͤſſen ihn gleich bringen: denn das Volk war⸗ tet ſchon eine Stunde und laͤnger. Man hat es nur wollen finſter werden laſſen— wie man mit vornehmen Spitzbuben immer noch Um⸗ ſtaͤnde macht.— Die Frau liegt ohne Beſin⸗ nung, da hat er gebeten, daß man ihn ſo lange bei ihr laſſen moͤgte, bis ſie zu ſich kaͤme.“ „Allmaͤchtiger Gott! rief Paul, und Entſetzen durchdrang ſein Herz:„was iſt denn vorgefallen, daß man ſo hart mit ihm ver⸗ fuͤhrt? „Eine ſaubere Geſchichte, mein junger Herr!“ verſetzte der Buͤrger:„und ihm wider⸗ faͤhrt nur ſein Recht. Der Rentmeiſter der Graͤfinn Mimoſa in Goldbrunn kommt vor ein paar Tagen in die Stadt, um dem Agenten der Graͤfinn zweitauſend Thaler in Golde, den Ertrag des letzteren Wollmarkts, abzugeben; der Agent iſt verreiſt, und der Rentmeiſter ſpricht einmal bei Gottſchalks vor, der ein gu⸗ ter Bekannter von ihm iſt. Wie Gottſchall hoͤrt, was der Rentmeiſter gewollt, ſucht er ihn unter einem glaubwuͤrdigen Vorwande zu 6* 124— beſchwatzen, daß er ihm das Geld da laͤßt. Wie nun aber der Rentmeiſter reitet, kommt ihm die Sache wie ein dummer Streich vor. Er hat nicht Ruhe noch Raſt, und wartet die Woche, welche er ausbleiben wuͤrde, wie er ge⸗ ſagt, nicht ab; allein er kommt dennoch zu ſpaͤt: denn bei Gottſchalks iſt unterdeſſen ver⸗ ſiegelt worden. Wie der Mann das ſieht, ſchlaͤgt er hin, und verfaͤllt in das boͤſe Weſen; er leidet zu Zeiten an Kraͤmpfen. Er liegt noch krank daheim, und—— doch ſtill! ſie kom⸗ men!“——— Paul bebte, indem er dachte, dies waͤre ſein Gold geweſen! mit dieſer Zahlung, deren Summe Gottſchalk nicht viel beſſer als raͤube⸗ riſcher Weiſe an ſich gebracht, hatte er die For⸗ derung des Juͤnglings gedeckt, den Rentmeiſter ungluͤcklich, und ſich ſelbſt elend gemacht!— Jetzt kam Gottſchalk, der angeſehene Kauf⸗ mann, daher, begleitet von ein paar Polizei⸗ Perſonen, welche in einiger Entfernung vor und neben ihm gingen. An ſeinem Arme ſchwankte ein junges Maͤdchen, Gottſchalks — 125 Tochter, Emmy, deren hellfarbiges Kleid durch das Dunkel des Abends und dieſes Schickſals leuchtete! kein Tuch, keine Huͤlle ſchuͤtzte die zarte Jungfrau vor der kalten Luft, als ob ſie nur eiligſt entflohen waͤre, ihrem Vater auf dieſem verhaͤngnißſchweren Gange das Geleit der kindlichen Treue zu geben. Sie ſchien nichts als ihr Ungluͤck zu fuͤhlen. 1 Langſam und lautlos bewegte der bange Zug ſich vorwaͤrts; der gaffende Poͤbel, unter dem auch eine Menge Leute waren, die den beſſeren Staͤnden zugehoͤrend, ſich einſt Gott⸗ ſchalks Freunde nannten, da es ihm noch wohl ging— folgte nach. Ein tiefer Kenner des menſchlichen Herzens ſagt:„in dem Ungluͤcke eines Menſchen liegt ſtets etwas, das ſeinen Freunden nicht mißfaͤllt.«— An der Thuͤre des Inquiſitions⸗Gebaͤudes entſtand ein Getuͤmmel, das Maͤdchen war ohn⸗ maͤchtig geworden. Paul vermogte nicht, hin⸗ durch zu dringen; endlich ſchaffte er ſich Bahn, und bat den Polizei⸗Beamten um die Erlaubniß, 126 ein paar Worte mit Gottſchalk reden zu duͤrfen; ſie wurde ihm verweigert. Die Gattinn des Inquiſitors, der hier wohnte, kam ſchleunigſt herbei, das Maͤdchen vor dem Andrange der Neugierde und einer ro⸗ hen Theilnahme zu retten. Ein paar Schergen hoben auf Befehl der reſolouten Frau die leb⸗ loſe Laſt auf ihre ſtarken Arme, und trugen ſie hinein, wo ſie an des Vaters Bruſt erwachte, und das Mitleid ihrer pflegte. Die eiſerne Pforte ward raſſelnd geſchloſſen, und das Volk zerſtreuete ſich befriediget, einen Mann des Gluͤckes erniedriget, und den Schmerz der Rei⸗ chen geſehen zu haben. Paul tappte nach ſeinem Quartier; dieſer Auftritt des Schreckens hatte eine geſpenſtiſche Blaͤſſe auf ſeinem Geſichte zuruͤckgelaſſen. Er ging kaͤmpfend mit ſich ſelbſt auf und nieder, ſeiner Muͤdigkeit nicht achtend. Die Wirthinn jammerte um den Verluſt von Pauks Vermoͤgen, den ſauern Schweiß ſei⸗ nes Vaters, ſie rechnete die Plage und Muͤhe ſeiner Mutter her, deren Fruͤchte fuͤr den Sohn ₰ 4 — — 127 nun verlohren waͤren, indeß dieſer jugendliche Creditor nur an die Noth ſeines Schuldners dachte. Das ruͤhrende Bild der Tochter, die in todter Ruhe dem Vater in die Wohnung der Schmach gefolgt war, wich und wankte nicht aus ſeiner Seele, und ſelbſt der ſpaͤte Schlaf regte ihn auf in dem Beſtreben, ſie in das Le⸗ ben zuruͤckzurufen. Sobald der Morgen tagte, mußte ſeine Wirthinn ihm ein Cabriolet beſtellen. Er klei⸗ dete ſich ſehr fein und ſorgfaͤltig, ſteckte die zweitauſend Thaler zu ſich, und fuhr davon, ohne uͤber das Ziel und den Zweck dieſer kleinen Reiſe nur ein Wort geaͤuſſert zu haben. Ge⸗ gen den Abend wollte er wiederkommen. Er fuhr geraden Weges nach Goldbrunn zur Graͤ⸗ finn Mimoſa. Als ſich die entzuͤckende Land⸗ ſchaft jener Gegend vor ſeinen Augen aufthat, da that ſich ihm auch das Herz auf. Dort la⸗ gen die beruͤhmten Gaͤrten von Goldbrunn! dort blitzte das ſtolze Schloß im Strahle des Mittags durch die Wipfel majeſtaͤtiſcher 128 Baͤume!— Eine ſchoͤne Statue des griechi⸗ ſchen Chronos, ſehr treffend als das Sinnbild der Zeit, zur Sonnenuhre benuͤtzt, in Mitten einer großen, runden Raſenflaͤche vor dem Schloſſe, ſtreckte ihren Schatten uͤber das hohe Gras, deſſen verbleichendes Gruͤn durch weiße Blumenkoͤrbe unterbrochen ward, die abgeblü⸗ hete Paͤonien umfaßten. Bei dem leiſeſten Saͤuſeln der Luft traͤufelte ein goldner Blaͤtter⸗ regen nieder— das herrliche Guth erſchien wirk⸗ lich als ein Born des Segens. Paul, noch im Anſchauen vertieft, traf auf den Haushofmeiſter, den er um die Gefaͤl⸗ ligkeit erſuchte, ihn bei der Herrinn zu melden, als einen jungen Mann, welcher der Frau Graͤ⸗ ſinn eine wichtige Mittheilung zu machen haͤtte. Der beſcheidene Ton des Juͤnglings, ſein An⸗ zug und Anſtand bewogen den alten Diener, der Bitte zu willfahren, die er nicht jedem Fremden gewaͤhrt haben wuͤrde. Es dauerte nicht lange: ſo kam er zuruͤck, und winkte, daß Paul ihm folgen moͤgte. Er oͤffnete die Fluͤ⸗ gelthuͤren, hieß den Juͤngling eintreten, zog ſie dann ſacht hinter ſich zu, und blieb wie eine befohlene Dienſtwache am aͤuſſerſten Rande der inneren Schwelle ſtehen. Die Graͤfinn ſaß am Schreibtiſche, worauf eine brennende Kerze ſtand, deren flackerndes Licht grell zu dem Sonnenſcheine abſtach, der gemildert durch den dichten Faltenwurf der Gardinen, auf dem Parquet ſpielte. Ihr lin⸗ ker Fuß ſah ein wenig unter dem ſeidenen Ge⸗ wande hervor, und ruhete auf einer ſchoͤnge⸗ ſtickten Roſe. In dem peinlichen Harren die⸗ ſer Minute irrte Pauls Blick auf dem bluͤhen⸗ den Teppich umher; da beruͤhrte er jene Stelle, und ſein Geſicht ward ſelbſt zur Roſe. Er kannte dieſes Fuͤßchen, in demſelben braͤunli⸗ chen Schuh, worin er es zum erſtenmale geſe⸗ hen, gar wohl! die Dame im Schleier war die Graͤfinn Mimoſa geweſen, und war es noch!— Ein Seufzer, den ihm die Erinnerung an jene bittere Scene entlockte, ſchluͤpfte uͤber ſeine Lippen. Die Graͤfinn hatte den leiſen Hauch, der die ehrfurchtsvolle Stille des Zimmers un⸗ terbrach, dennoch gehoͤrt. Sie legte die Feder 130— nieder, und ſtand ſchnell von ihrem Seſſel auf. Eine plaſtiſche Geſtalt, voll Ebenmaaß, An⸗ muth und Wuͤrde! Der Juͤngling beugte ſich tief, und erhob ſich dann im Selbſtgefuͤhle ſei⸗ ner Abſicht. Auf einen Wink der Graͤfinn ent⸗ fernte der Haushofmeiſter ſich, worauf ſie alſo begann:„wenn ich nicht irre, mein Herr, ſo ſah ich Sie juͤngſt in einem laͤndlichen Gaſthofe? ſtehet der Vortrag, den Sie mir zu machen, in irgend einer Beziehung mit jenem Zuſam⸗ mentreffen?“ „Durchaus nicht, gnaͤdigſte Frau!“ ant⸗ wortete Paul freimuͤthig:„ich habe erſt geſtern Rang und Nahmen der hohen Dame vernom⸗ men, welcher ich mich mit einer Fuͤrbitte zu nahen kam; aber es war mir ein glüͤckliches Zeichen, daß ich das Fuͤßchen“— ſein Blick ſank huldigend an den Boden hinab:—„vor dem ich ſie niederlegen wollte, ſchon kannte! unter tauſenden wuͤrde ich dies kindliche Fuͤßchen wieder erkennen, das wohl noch keinen Gebeug⸗ ten oder Flehenden von ſich geſtoßen hat!“— „— Die Graͤfinn erroͤthete; ihr unſchoͤnes Ge⸗ ſicht verlieblichte ſich, und jedes der tauſend Pockengruͤbchen, die es entſtellten, fuͤllte reiz⸗ voll die Schaam. Noch nie ſeit Evas Zeiten hat es eine Frau gegeben, welche einem naiven Lobe im Ernſte gezuͤrnt haͤtte! auch die weiſe Minerva nahm es uͤbel, daß ihr der Schoͤnheit Preis entging. Zudem ſah der Juͤngling treuherzig, und nicht wie ein Schmeichler aus, und wie hoch er die Wahrheit achte, hatte die Graͤſinn Gelegenheit zu erfahren gehabt.— Allein, weil vornehmer Stand und fraulicher Stolz ihren Rechten nicht gern etwas vergeben, und die Graͤfinn wohl fuͤhlen mogte, wie leicht dieſem kuͤhnen Fremd⸗ linge gegenuͤber, dies moͤglich waͤre:— ſo fragte ſie in einem Tone, deſſen gebiethende Strenge ihn in die Grenzen ſcheuer Achtung zu⸗ ruͤckweiſen ſollte:„wie heißen Sie? und was wuͤnſchen Sie von mir?“ Die Weiblichkeit mag es verantworten, daß dieſe Worte auf dem kurzen Wege vom Herzen zum Munde zu einer 132— Erkundigung des Wohlgefallens und der Guͤte wurden. „Mein Nahme iſt Paul Einſiedel!“ erwie⸗ derte er furchtlos:„zwar bin ich ein Eingeboh⸗ rener von B.... werde aber meine Vater⸗ ſtadt bald, und vielleicht fuͤr immer, verlaſſen; nur eine Angelegenheit haͤlt mich noch auf— ein Ungluͤck, in das ich mich ſeltſam verwebt ſehe.— Der Kaufmann Gottſchalk⸗——— Die Miene der Graͤfinn zuͤrnte.„Iſt ein Betruͤger, der ſeinen Fall, doch nicht das Gluͤck verdient hat, daß ein ſo offenes Geſicht, wie das Ihrige, mein Herr, ſich fuͤr ihn ver⸗ wende! es thut mir leid, daß Sie Sich keiner beſſeren Sache angenommen,“— unterbrarh ihn die Graͤfinn erregt. „Vielleicht iſt ſie doch nicht ganz ſo ſchlecht!“ antwortete Paul mit einem Laͤcheln der Großmuth, deren Gefuͤhl ihn jetzt aufrecht hielt, und ſeiner Tugend lohnte.„Wenn Ew. Gnaden mich anhoͤren wollten“— 82 „* 133 Ein ploͤtzliches Beſinnen ging uͤber das Ge⸗ ſicht der Graͤfinn, und hellte es aus.„So re⸗ den Sie!“ ſagte ſie erwartend. „Ich habe,“ nahm der Juͤngling das Wort:„eine nicht unbetraͤchtliche Forderung an Gottſchalk, wovon eine Abſchlag⸗Zahlung zu erheben, die ich zum Behuf einer großen Neiſe bedarf, ich nach B...... gekommen war.“ Die Graͤfinn nickte, als wuͤßte ſie dies ſchon. „Weit entfernt, ihn zu draͤngen,“ fuhr Paul fort:„warte ich ruhig die Friſt ab, welche er ſich ſelbſt zu dieſer Zahlung geſetzt, und als er ſie nun leiſtet, ahne ich nicht, aus welcher Quelle er die Moͤglichkeit ſchoͤpfte, mir zu ge⸗ nuͤgen. Mit einer Empfindung, die zu ſchil⸗ dern ich umſonſt verſuchen wuͤrde, ſehe ich ge⸗ ſtern Abend, da ich von einer kleinen Luſtpar⸗ thie zuruͤckkehre, den bedauernswuͤrdigen Mann gefaͤnglich einziehen; ſeine Tochter ſank an dem Eingange des Inquiſitions⸗Gebaͤudes zuſam⸗ men, und wurde in tiefer Ohnmacht, ſtarr und bleich wie eine Leiche, dem Vater nachgetragen. 134 So kange ich lebe, werde ich den Jammer die⸗ ſer Scene nicht vergeſſen! Auf meine Frage erfahre ich, daß zweitauſend Thaler, wahr⸗ ſcheinlich dieſelben, welche er mir gezahlt, und die ihm auf kurze Zeit zu uͤberlaſſen, er den Rentmeiſter Ew. Gnaden zu bewegen wußte— ihn dahin gebracht haben. Wahrſcheinlich dachte er ſich den Tag nicht ſo nahe, der ſein Ungluͤck oͤffentlich machen wuͤrde! er hoffte im Labyrinthe ſeiner Verlegenheiten auf einen Aus⸗ weg, wo er ihnen entſchluͤpfen koͤnnte; die naͤchſte Minute, welche ihm eine Rettung both, war ihm die einzige!— Ach meine gnaͤdigſte Graͤfinn! die Selbſtentfremdung, worin der Menſch den boͤſen Maͤchten anheim faͤllt, hat ihre Geheimniſſe, und die That mag wohl oft nur ein dunkler Spiegel ſeyn, in dem wir den Verſucher, doch nicht ihn ſelbſt ſehen! den Wil⸗ len, die Geſinnung kennt nur Gott allein!“— Die Graͤfinn ſchien erſchuͤttert; ſie legte die Hand auf die vergoldete Lehne des Stuhls, und dieſe Hand zitterte.„Seit ich dies wußte,“ fuhr Paul fort:„kam mir die 135 Summe in meinen Taſchen wie eine verborgene Mitſchuld vor, obzwar ich ſie nach dem Be⸗ griffe der Welt mit Recht beſaͤße.“ „Mir duͤnkt es anders, und das Gewiſſen nur iſt mein Geſetz. Ich bin daher bereit, dieſe zweitauſend Thaler zuruͤck, und meine Schuld⸗ forderung dem weitern Ermitteln dieſer Con⸗ curs⸗Sache anheim zu ſtellen— wenn Gott⸗ ſchalk dafuͤr frei ſeyn ſoll! er iſt, wenn auch ſeiner Haft entlaſſen, dennoch geſtraft und un⸗ luͤcklich genug!“— Die Augen der Graͤfinn glaͤnzten in Thraͤ⸗ nen. Sie athmete aus tiefer Bruſt, und ſprach mit verhaltener Stimme:„und dieſe Reiſe?“— „Dieſe Reiſe?“ erwiederte der Juͤngling, und ihre Zauber gingen ſchnell ſeiner Seele vor⸗ über, und ließen einen verklaͤrenden Abglanz auf ſeinen Zuͤgen, der hinter einer Wolke der Wehmuth verſchwand:„dieſe Reiſe,“ wieder⸗ holte er:„war mein liebſter Wunſch, mein ſehnſuͤchtigſtes Streben— der Traum eines Traums!— Eine Stunde vor meiner Gehurt 136— traͤumte meiner Mutter, ſie ſaͤhe auf dem Sie⸗ gel eines Taufzeugniſſes, was eine theure Todte mir geſchrieben, einen kleinen Altar mit der Inſchrift: dem unbekannten Gott! Sie wiſſen“— Blick und Gebehrde der Graͤfinn ſprachen die bezeichnete Erinnerung aus, und Jener fuhr fort:„deshalb ward ich Paulus genannt. Es zog mich nach Griechenland, es war mein Tag⸗ und Nachtgedanke, dieſen ge⸗ weiheten Boden einſt zu betreten. Ich widmete mich dem Studium der Alten, die ich mit gluͤ⸗ hender Begeiſterung liebte und ehrte. Nun wird freilich mein ganzer Lebensplan geaͤndert werden muͤſſen— aber wo ein Herz fuͤr Noth⸗ leidende athmet, da iſt auch milder Himmel, und ſchoͤner als die aͤlteſte Antike iſt der Anblick eines Geretteten, der ein neuer Menſch gewor⸗ den: denn Freude und Barmherzigkeit ſtellen Gottes Ebenbild am urſpruͤnglichſten her!— Paulus ſaß einſt gefangen im Lande der Helle⸗ nen, und es war ihm hart ergangen; da loͤſete ein Wunder ſeine Bande, die Erde bebte, ver⸗ ſchloſſene Thuͤren und Herzen ſprangen auf, 137 und frei ging er aus dem Kerker. O! duͤrfte ich meinem gefangenen Schuldner thun, wie dem Apoſtel damals geſchah:— ich waͤre dann in Griechenland geweſen!— Und hier, meine gnaͤdigſte Graͤfinn, iſt das Loͤſegeld!“ Er griff nach dem Golde. Die Graͤfinn Mimoſa legte ihre kleine Hand voll blitzender Ringe auf die linke Seite des Juͤnglings, wo er ſeinen Schatz verborgen hielt, und ſprach:„in dieſem Herzen hat der unbekannte Gott ſeinen ſchoͤnſten Altar! laſſen Sie Ihr Gold an ſeiner guten Stelle! Gott⸗ ſchalk ſoll ohne daſſelbe eine andere erhalten. Sie haben mich ſehr geruͤhrt!— aber der ge⸗ liebten Reiſe duͤrfen Sie nicht entſagen! und Ihr Wort bleibt mir zum Pfande, dies fordere, dies behalte ich mir, daß Sie bei Ihrer Heim⸗ kehr mir von Ihren Erfahrungen ſagen wollen!“ Paul ſank zu den Fuͤßen der Graͤſinn, und kuͤßte ihr Gewand; ein warmer Tropfen rollte von ihrer Wange, und ſalbte ſeinen Scheitel— die Weihe der Freundſchaft und der Tugend, deren heiliges Leben uͤber das Grab hinaus reicht!— Die Graͤfinn ſetzte ſich an den Schreibtiſch, und ſchrieb mit befluͤgelter Hand einige Zeilen an das Stadtgericht von B., dem ſie Buͤrgſchaft fuͤr Gottſchalk leiſtete. Sie ſie⸗ gelte den Brief, und verloͤſchte dann die noch brennende Kerze. Nun ſagte ſie dem Juͤng⸗ linge, ſie wolle fuͤr Gottſchalk ſorgen, und ihm ein Aſyl auf ihren Guͤthern goͤnnen, wo er ſeinen Prozeß, entfernt von dem Schauplatze ſeines ehemaligen Gluͤckes und mahnender Vor⸗ wuͤrfe, die ſichtbar vor ſeine Seele traͤten, in Ruhe abwarten koͤnnte. Eine Beſchaͤftigung fuͤr ihn, zur Übung ſeiner Kraͤfte, wuͤrde ſich finden laſſen, und da die Tochter ſich als ein gutes Kind gezeigt, wolle ſie dieſelbe unter ih⸗ ren Schutz nehmen. So werde denn morgen ein Wagen nach B... gehen, beſtimmt, die Familie des Kaufmanns abzuholen; kaͤme er aber leer zuruͤck: ſo wuͤrde ſie auf andere Weiſe ihr Herz, wohlthaͤtiger Wallungen voll, in Huͤlfe und Segen ergießen uͤber jenen brodtlo⸗ — 139 ſen Vater und die Seinen. Jetzt laͤutete die Tiſchglocke mit hellem Schalle. Die Graͤfinn ladete den Juͤngling, der in entzuͤcktem Danke verſtummt war, zum Eſſen ein; doch er dankte, und wie der Seligen Einer, die keines irrdi⸗ ſchen Genuſſes mehr beduͤrfen, ſprach er:„ich bin ſo ſatt! ich habe himmliſche Freude geko⸗ ſtet, und der Becher einer reinen Wonne, ſtaͤr⸗ kender als Wein— ſchwebt ſchon vor meiner Lippe; die Seele duͤrſtet mir darnach!“— Die Graͤfinn reichte ihm laͤchelnd die Hand, er druͤckte ſie an dieſe gluͤhende Lippe, und der Kuß brannte lange in ihren Empfindungen. Es war bereits ſpaͤt, da Paul mit dem Gefangenwaͤrter in das matterleuchtete Gemach trat, wo Gottſchalk dem truͤgeriſchen Schimmer nachdachte, der ihn in dieſen Abgrund von Elend gefuͤhrt. Er ſtarrte den Juͤngling un⸗ glaͤubig an, der ihm die Freiheit verkuͤndete, und von beſſeren Tagen der Zukunft ſprach. Da er aber endlich uͤberzeugt, dieſen ſchauerli⸗ chen Ort verließ, ſagte er zu Paul: ſo moͤge 140— ein Engel Ihnen einſt die Pforte der Selig⸗ keit oͤffnen, hier und dort!“— Nach zwei Jahren kehrte Paul aus Ita⸗ lien und Griechenland zuruͤck, und kam nach B.... wo er Nachrichten uͤber das Ergehen ſeiner Schweſter einzog, die unterdeſſen Wittwe geworden war, und einen beruͤhmten Arzt ge⸗ heirathet hatte. Er ging verſoͤhnlichen Sin⸗ nes, ſie zu beſuchen, wurde aber abgewieſen. Den alten Haß verſchmerzend, trat er den Weg nach Goldbrunn an, wo er einen beſſeren Empfang erwarten durfte. Die Graͤfinn hieß ihn freudig willkommen. Sie ſah leidend aus, und hatte merklich abgenommen; doch ſchien ihre wohlwollende Geſinnung fuͤr Paul keinen Abbruch durch die Zeit ihrer Trennung erlitten zu haben. Mit einem Intereſſe, das nicht minder dem Erzaͤhler, als ſeinen Erzaͤhlungen galt, lauſchte ſie der mahleriſchen Reiſebeſchrei⸗ bung, die Pauls warme Phantaſie vor ihr entwarf. „Und was wollen Sie nun beginnen, jun⸗ ger Mann?“ fragte die Graͤfinn, ſich von die⸗ ——— 2 — 141 ſem Bilderſtoffe abſeits, und zu dem unbeſchrie⸗ benen Blatte kuͤnftiger Zeit wendend:„ Sich anſtellen laſſen bei einer Univerſitaͤt, und mit tauſend Schwierigkeiten ringend, unter denen das heiße Herz verkuͤhlt, ehe der Lehrſtuhl Ih⸗ nen mit der Ehre auch das naͤhrende Brodt giebt, wovon der Menſch zwar nicht allein lebt, aber doch leben muß?— Ich wuͤßte ein Anderes! bleiben Sie bei mir! als der Ge⸗ noſſe meines Hauſes und meiner Muße, als mein Vertrauter, Bibliothekar und Almoſenier, als mein Geheimer Secretair! wenn das Kind denn einen Nahmen haben ſoll, der im Adreßkalender der Welt ſteht. Er iſt zwar gering, dieſer Titel, doch meine Freundſchaft ſchlage ich hoͤher an! und dieſe biethe ich Ihnen mit einem Leben voll Frieden und ſtiller Genuͤſſe des Wohlthuns und der Wiſſenſchaft! es ver⸗ ſteht ſich, daß ein jaͤhrlicher Gehalt Sie unab⸗ haͤngig mache.— Zwar bin ich Wittwe, und einſam— aber ein Blick in den Spiegel ſagt mir, warum ich es wagen darf, Ihre bluͤhende Geſtalt in ein ſo naͤherndes Verhaͤltniß zu mir 14⁴4²— zu ſetzen; der Pfeil der uͤblen Nachrede trifft nur die Bloͤßen der Schoͤnheit! dieſe narben⸗ volle Haut aber“—(die Graͤfinn deutete auf das ſanft erroͤthete Geſicht,)„ſchuͤtzt mich und Sie vor Wunden, meliht die Schmaͤhung ſchluͤge.“— Paul blieb in Goldbrunn; er haͤtte ja doch fortziehend den beſten Theil des Herzens, was der Graͤfinn mit all ſeinen Kraͤften huldigte, dort laſſen muͤſſen!— Als ſich ihm das Eldo⸗ rado dieſes Aufenthaltes und die ſchoͤne Seele der Graͤfinn allmaͤhlig ganz oͤffnete, und er den Reichthum ihrer Guͤte und ihrer Schaͤtze kennen kernte, der ihm das ſchwelgeriſche Gefuͤhl der Wohlthaͤtigkeit, veredelte Freuden und Kunſt⸗ genuß, in Mitten einer arkadiſchen Natur, ge⸗ waͤhrte: da empfand er erſt ſein Gluͤck! „Saturn regiert bei uns! wir leben wahr⸗ haftig in ſeinem Zeitalter!“ ſagte er einſt, da er mit der Graͤfinn an einem milden Fruͤhlings⸗ tage von einem Gange durch das Dorf zuruͤck⸗ kam, und bei der Sonnenuhre vorüͤber ging. Die Fußtapfen der Herrinn— um mit der —— ders, liebte er die Graͤfinn! die Magie des Um⸗ — 143 Schrift zu reden— trieften von Segen, wenn ſie einer Huͤtte naheten, worin die Armuth darbte, oder der Kummer weinte! Paul heirathete Gottſchalks Tochter, und ſeine Ehe war ſanft und friedſam, wie das Ge⸗ muͤth der Gattinn. Sie gebahr ihm ein Toͤch⸗ terlein, und an der Wiege dieſes Kindes ſtand er auf der hoͤchſten Sproſſe ſeiner Wuͤnſche. Es war eine Stille, eine feyernde Tempelſtille in ſeiner Seele, und jedes ſeiner Gefuͤhle opferte dem Hoͤchſten Dank, und bezahlte die Geluͤbde des Guten. Wie gerne er ſich auch mit ſeiner Schwe⸗ ſter haͤtte verſoͤhnen moͤgen: ſie vereitelte jeden Verſuch. Auch ſie war Mutter einer Tochter, und dann nach einigen Jahren abermals Wittwe geworden. Wenn je die Freundſchaft einen Sterblichen begluͤckte, innig und dauernd: ſo war es Paul, dem ſie die maͤngelvolle Erde zu einem Himmel ſchuf. Er liebte ſeine Frau als Gatte redlich und treu; aber nicht minder, wenn auch an⸗ 144— gangs hatte ſie ihm verwandelt. Er fuͤhlte ſich gekraͤnkt, wann ſie mit laͤchelnder Reſignation ſich haͤßlich nannte; ihm ſchien ſie engelhaft! und er bedauerte die Blinden, welche den Reiz dieſes zarten Gemuͤthes, den leuchtenden Strahl ihres Geiſtes nicht ſaͤhen. An ſeine Emmy band ihn das Herz, deſſen Pulſe in ihrem Kinde klopften, und die liebenswerthe Frau hing mit dankbarer Leidenſchaft an ihrem Manne, dem Retter ihres Vaters.— So waren Jahre in Traͤumen der Wirk⸗ lichkeit verfloſſen. Emmy ſtarb, und mit ih⸗ rem Leben, das, ein beſcheidenes Veilchen, nur im Schatten geduftet hatte, entſank die erſte Blume dem haͤuslichen Kranze, der bald ganz auseinander fallen ſollte. Die Graͤfinn Mimoſa hatte einſt eine ſehr geliebte Schweſter verlohren, deren Tod ihr eine unheilbare Wunde geſchlagen. Nie be⸗ ruͤhrte ein Wort der Graͤfinn jene blutende Stelle, welche in ſiebenfache Schleier der Ver⸗ ſchwiegenheit gehüllt war, und dennoch ſchien die leiſeſte Erinnerung daran ihr ſchon wehe zu — 145 thun. Die Sage fluͤſterte, jene unvergeſſene Todte waͤre in einem Badeorte verſtorben, und man vermuthete, es ſey der naͤhmliche, wohin die Graͤfinn alljaͤhrlich und ſtets zu derſelben Zeit reiſte, um dort einige Tage zuzubringen. Wie laut der Sprudel geſelliger Freuden in je⸗ nem empor gekommenen Bade auch toſete, die die Graͤfinn verhielt ſich ſtill daſelbſt; und wenn die ſchoͤne Welt dem Vergnuͤgen nachrannte: ſo ſchlich ſie, die dahin nicht gehoͤrte, einem Grabhuͤgel zu, der hinter einer Capelle bemoo⸗ ſete, wo ein kleiner Gottesacker fuͤr die Frem⸗ den war. Die Zeit, wo die Graͤfinn dieſe Wallfahrt vorzunehmen pflegte, war jetzt wiederum ge⸗ kommen. Sie befand ſich ſeit einigen Tagen nicht ganz wohl, und Einſiedel, beſorgt fuͤr die blaſſe Freundinn, ſtellte ihr vor, dieſe Reiſe, welche doch nicht geradezu nothwendig waͤre, ſo lange aufzuſchieben, bis ſie ſich erholt haben wuͤrde. Aber die Graͤfinn, ſonſt die Ge⸗ fäligkeit ſelbſt, wenn es darauf ankam, einem Wunſche ihres Guͤnſtlings zu genuͤgen, beharrete Tante und Nichte, 7 146— auf ihrem Vorſatze, und Jener zuͤrnte faſt ob dieſer eigenſinnigen Ausnahme, und mit Recht: denn die Graͤfinn ſah krank aus, und die Wet⸗ terglaͤſer waren tief gefallen. Als die Graͤfinn, um Abſchied zu nehmen, vor ihn trat, hielt er ihre Rechte feſt und lange, wie wenn er dieſe treue, milde Hand nimmer laſſen moͤgte!— ſie aber ſprach, indem ein ſeltſames Laͤcheln ihre bleichen Zuͤge uͤberflog: „nun, wir ſcheiden doch als gute Freunde? ich komme ja wieder, wunderlicher Menſch! waͤre es moͤglich, Sie zittern? O Einſiedel! Sie ſind wohl kraͤnker als ich? und kaͤme ich nicht zuruͤck, man kann die Faͤlle nicht wiſſen:— ſo hole ich Sie nach!“— Der Himmel blieb umwoͤlkt, wie die Seele des Freundes, ein ſchwuͤles Schweigen druͤckte in der Luft, wie in ſeiner Stimmung. An dem Abende vor der erwarteten Ruͤckkehr der Graͤfinn weilt Einſiedel in ihrem Arbeitszim⸗ mer, was den ſchoͤnſten Blick in die Ferne ge⸗ waͤhrte. Er ſitzt am offenen Fenſter, weit hin⸗ ſchauend, und der ſpielende Weſt blaͤht die — 147 grüͤne Seide der Gardinen, deren faltiger Hang ihn verbirgt, zu einem Segel der Hoffnung. Seine Gedanken gleiten auf dem Meere der Vergangenheit dahin, er uͤberlaͤßt ſich ihnen in tiefem Sinnen. So merkt er es kaum, daß der Mond hoͤher ſteigt, und die Tapeten mit hellem Fleiße und ſilbernen Faͤden uͤberwebt, daß der Garten des Fußteppichs in ſeinem blaſ⸗ ſen Glanze bluͤhe, und jede Blume in den ſchwebenden Strahlen hin und her wanke. Endlich erwacht er aus dieſem Selbſtvergeſſen, ſiehet um ſich, und leiſe, leiſe! die Thuͤre auf⸗ gehen. Die Graͤfinn tritt herein, ihr Gang iſt wie der eines Schattens, ihre Wange weiß wie Schnee— und dieſe Wahrnehmung maͤßigt die erſchrockene Freude des Freundes, der eine Üüberraſchung traͤumt, und ſich ſchweigend ver⸗ haͤlt, weil eine geheimnißvolle Gewalt ihm je⸗ den Laut verſagt. Sie gehet an den Schreib⸗ tiſch, der ſich unhoͤrbar oͤffnet, wuͤhlt aͤngſtlich in den geheimſten Faͤchern, als ob ſie etwas ſuchte, doch kein Papier knittert und rauſcht.— Jetzt ziehet ſie ein ſtarkes Brieſpaquet hervor, 7* 148— den Schluͤſſel ſacht ab, und ſchickt ſich an, das Zimmer zu verlaſſen. Da reißt der lauſchende Freund die Vorhaͤnge auf, und ruft:„theure Graͤfinn! wohin?“ Sie wendet ſich um, und winkt! ein Seufzer durchſaͤuſelt das Zimmer. Aber die Fuͤße verweigern ihm den Dienſt, ſeine Kniee zittern— er bewegt mit fliegen⸗ den Haͤnden den Glockenzug, der laͤngs dem Schreibtiſche niederhaͤngt. Ein Bedienter eilt herbei.„Wann kam die Graͤfinn?« fragt Ein⸗ ſiedel in bebender Haſt. „Welche Graͤfinn?“ fragte der Menſch, wie aus den Wolken gefallen. „Welche Frage!“ parodirte Einſiedel den Bedienten mit Zäͤhnklappen:„unſere gnaͤdige Frau! Sie war dieſen Augenblick hier.“ „Mein Herr und Heiland!“ antwortet der Menſch furchtſam:„das muß ihr Geiſt ge⸗ weſen ſeyn! es hat ſich nichts geregt, noch ge⸗ ruͤhrt im Schloſſe; auch erwarten wir ja die gaaͤdigſte Herrſchaft erſt morgen.“ Da uͤberlaͤuft den Freund ein kaltes Grauen, der Froſt rieſelt ihm durch die Glie⸗ der, und ſchuͤttelt hoͤrbar ſein Gebein. Der Bediente faßt ihn unter, und fuͤhrt ihn in den Fluͤgel, worin Einſiedel mit ſeiner Tochter wohnt. Als Phoͤbe uͤber den verſtoͤhrten An⸗ blick ihres Vaters erſchrickt, ſagt ihr der Be⸗ diente, wie er ihn gefunden, und daß derſelbe wahrſcheinlich zu kange im Zuge geſeſſen haͤtte. Der Kranke wird zu Bette gebracht, er redet leiſe, aber irre— und die abgebrochenen Worte ſind ſchauerlichen Inhalts: denn der Geheime⸗ Secretair, ſeiner Pflicht bis zum Tode getreu, faßt Schriften fuͤr die Graͤfinn ab, die ſie ihm dictirt; doch Niemand erfaͤhrt einen Zuſammen⸗ hang, und der Arzt, nach dem alsbald geſen⸗ det worden, erklaͤrt dieſen Zuſtand fuͤr ein hitzi⸗ ges Fieber. Nach zweimal vierundzwanzig Stunden leuchtete der Mond einem Ungluͤcks⸗ bothen in das Schloß, der die Schreckenskunde von dem Tode der Graͤfinn brachte. Der ihr der liebſte Freund geweſen, folgte ihr bald, und Phoͤbe, die arme Phoͤbe, ging einſam und 150— verlaſſen durch ihres Jammers tiefe Nacht, in der nur Thau von Thraͤnen auf die friſchen Graͤber ihrer Theureſten fiel!— Da die muthmaßlichen Erben der Graͤfinn weit entfernt waren: ſo nahm die Juſtiz⸗Di⸗ rektion, unter deren Bereich dieſe Guͤther ge⸗ hoͤrten, den Nachlaß in gerichtlichen Gewahr⸗ ſam. Die Dienerſchaft wurde bis auf Weite⸗ res entlaſſen, und nur der Haushofmeiſter, den man zur Aufſicht ſtellte, blieb. Eine pedan⸗ tiſche Haͤrte, die Anſicht eines hypochondriſchen Geſchaͤftsmannes, verſagte der Waiſe des Schloſſes das Gunſtrecht, darin wohnen zu bleiben, bis das Teſtament der Graͤfinn, worin ſie gewiß bedacht waͤre, eroͤffnet wuͤrde. Der Hofgaͤrtner, ein anſtaͤndiger Mann, both ihr ſein Haus an, und Phoͤbe wußte keine beſſere Zuflucht. Sie wandelte unter ihren Blumen, zwiſchen dem vertraulichen Gefluͤſter der Baͤume, die ſie durch alle Sommer ihres Lebens gruͤnen ſah, ſie durfte weinen, wo die Aſche ihrer El⸗ tern bluͤhete, und an der Bildſaͤule des Chro⸗ nos, dem Gotte vergaͤnglicher Stunden, die ihres Grames zaͤhlen!— Unter den vielen Staͤdtern, die das ſchoͤne Goldbrunn beſuchten, war auch, vielleicht nicht zufaͤllig— waͤhrend dieſer Zeit die Pupillenraͤ⸗ thinn Locke, deren dritter Verheirathung und einiger fruͤheren Vorgaͤnge wir ſpaͤter erwaͤhnen wollen. Der gehaßte Bruder ſchlief nun den tiefen Schlaf, aus dem kein Wort der Suͤhne mehr erweckt— zweimal hatte der Todesengel ihr Herz erſchuͤttert; ſo war es offen fuͤr den ruͤh⸗ renden Anblick der verwaiſeten Nichte, deren Schutzfreund ein fremder Mann, ein ſchlichter Gaͤrtner war. Die Raͤthinn ſchaͤmte ſich doch ein wenig, da ſie dies bedachte, und als ſie nebenher erwog, wie nuͤtzlich ihr das Maͤdchen werden koͤnne:— denn auch jedes ihrer beſſe⸗ ren Gefuͤhle hatte nun einmal einen Zuſatz von Spekulation:— ſo gab ſie ſich der ergriffenen Phoͤbe als Tante zu erkennen, und forderte das Maͤdchen auf, zu ihr zu ziehen. Phobe hatte keine Wahl. Sie konnte, nach ihrem Ermeſ⸗ ſen, dem Hofgaͤrtner und ſeiner Familie keine immerwaͤhrende Laſt aufbuͤrden, ihrer Tante aber in der Wirthſchaft zur Hand gehen. Nach einigen Wochen, die Raͤthinn beſtimmte ſelbſt, wann ihre Nichte kommen ſollte— verließ Phoͤbe mit unſaͤglichem Schmerze das Eden ih⸗ rer Kindheit und Jugend. Aber es verſank nicht hinter ihr! denn keine Schuld trieb ſie von dannen, und die Engel der Vorſehung lei⸗ teten ſie den Weg des Gluͤckes, und fuͤhrten das Dunkel vielfach verſchlungener Pfade herrlich hinaus!— Wir haben Phoͤbe ankommen geſehen, und uns mit ihren neuen Verhaͤltniſſen bekannt ge⸗ macht; ſo wollen wir noch einen Blick in das Schickſal der Raͤthinn zuruͤckwerfen. Es iſt bereits erzaͤhlt worden, daß die zweite Ehe der Tante dem Segen nicht entging, an dem ihr nichts gelegen war, und welcher ihr von allen Gaben Gottes die entbehrlichſte duͤnkte. Der heilige Trieb der Natur, zwang ſie zwar, ihr Kind zu lieben, und zu pflegen; aber ſie that es mit Unmuth; jede Arbeit, und Kinder — 153 erhalten die Thaͤtigkeit in Athem, und ein einzi⸗ ges Kind beſchaͤftiget am meiſten— war ihr laͤ⸗ ſtig, jede Sorge regte eine Klage um den Ver⸗ luſt ihrer Ruhe auf, wie ſie die traͤge Gewohn⸗ heit eines Lebens ohne Liebe, nannte.— Die kleine Agnes war ein engelhaftes Kind, und des Vaters Tochter; ſeufzend bemerkte die Mutter die Verjuͤngung ſeiner Neigungen in dem zarten Sproͤßlinge. Das Kind gab mit Luſt und vollen Haͤndchen, es laͤchelte, wenn es die liebſte Suͤſſigkeit, ſchon benetzt von der kuͤ⸗ ſternen Lippe, dem Munde entzog, und auf eine pruͤfende Bitte hinreichte. Als einſtmals Agnes drei Jahre alt, ihre Sparbuͤchſe in Ab⸗ weſenheit der Mutter leerte, und an Arme ver⸗ theilte, bekam ſie die erſten Schlaͤge, und die Raͤthinn weinte vor Verdruß. Agnes Vater ſtarb fruͤhzeitig, wie wir be⸗ reits erzaͤhlt— bedauert und beweint, nur nicht von ſeiner Wittwe.— Dieſe nahm einer gro⸗ ßen Schuldforderung wegen, das ſchoͤne Haus an, worin der Pupillenrath Locke mit ſeinem Sohne wohnte. Der Pupillenrath war ein 154 — Kinderfreund, er gewann die kleine Agnes aus⸗ nehmend lieb, die Mutter fuͤhlte ſich von dieſer Guͤte geſchmeichelt, und das Toͤchterchen ver⸗ mittelte in aller Unſchuld die dritte Heirath der⸗ ben. Wie feſt ſich auch die Raͤthinn vorgenom⸗ men hatte, ſich von keiner Schwaͤche des Her⸗ zens, wie bei ihrer zweiten Wahl, mehr einfan⸗ gen zu laſſen, was ſie nur als eine mittelbare Folge anſah, daß ihre ſtarke Geſundheit einmal gewankt haͤtte:— ſo verrieth ſie doch die muͤt⸗ terliche Eitelkeit an einen Entſchluß, gegen den ſie ſich geſichert hielt: denn wie viele Seiten hat das Herz, wo es gefaßt werden mag, wenn die Vorſehung den ſtolzen Traum ſeiner Veſte zer⸗ ſtoͤhren will, daß es ſich an eine hoͤhere Macht ergeben muß!— Der Pupillenrath war der liebreichſte Va⸗ ter, ſowohl ſeinem Sohne, als auch der Toch⸗ ter ſeiner Frau, die wie leibliche Geſchwiſter mit einander umgingen. Agnes haͤtte fuͤr den Stief⸗ vater ihr Leben gelaſſen, und jeden Schmerz, auch den bitterſten, mit ihrem Bruder getheilt. Gegen die Mutter lehnte ſie ſich auf, und be⸗ — — 155 herrſchte ihren ſtarren Willen, wie ſanft und ſchmiegſam Agnes kindliches Gemuͤth, wie un⸗ beugſam der Mutter Eigenſinn auch ſonſt war. Sie duldete nicht, daß der geliebte Vater nur mit einem Worte beleidiget, daß Alexis ange⸗ feindet wuͤrde, ſie war der gute Engel des Hau⸗ ſes; doch der Pupillenrath erkannte ſie auch da⸗ fuͤr. Er trug ſie im Herzen, wie auf den Haͤn⸗ den! er haͤtte ihr um alles in der Welt nichts abſchlagen koͤnnen. Jedes beſſere Bischen darbte ſein Mund, um es Agnes zu reichen, das Auge des Karpfen, wenn es auf ſein Theil traf, ging in der Geſellſchaft von Hand zu Hand, bis es an ſeinen Augapfel kam. Doch dieſe vaͤterliche Geſinnung fand bei ſeiner Gattinn keine Gegenſeitigkeit. Sie goͤnnte dem Alexis kaum die Luft, und keinen freundlichen Blick; ſie aͤrgerte ſich an dem fro⸗ hen Muthe, an den unſchuldigen Streichen des Knaben, an der Nachſicht des Vaters, an Ag⸗ nes liebender Entſchuldigung ſeiner Jugendfeh⸗ ler. Sie ſah ſich gezwungen, des Maͤdchens zu ſchonen, das zede Kraͤnkung des Bruders 156 doppelt litt, und jede Ruͤge, die ihn treffen ſollte, als einen Tadel fuͤr ſich ſelbſt empfand. Sie haßte ihn, dieſer Ruͤckſicht wegen, nur um ſo mehr, beſonders, ſeit ſie erfahren, daß Ale⸗ ris ein natuͤrlicher Sohn ihres Mannes waͤre. Sie forſchte, ſie verglich die Nachweiſungen, und was ſich ergab, ließ die Legitimitaͤt ihres Stiefſohns in zweifelhaftem Dunkel. Auch verſtand der Pupillenrath die ſchroffe Kunſt, ſich gegen Fragen unzugaͤnglich zu machen, die er nicht beantworten wollte. Alexis kam auf die Univerſitaͤt, und dann wieder zuruͤck in das elterliche Haus, um unter den Augen ſeines Vaters zu arbeiten. Das lie⸗ bevolle Verhaͤltniß der Geſchwiſter erneuerte ſich, und man ſprach ſchon hier und da daß es zu ei⸗ nem noch zaͤrtkicheren fuͤhren werde, welcher Vorausſetzung die Mutter ſtets mit Heftigkeit wiederſprach.„Gott ſoll mich behuͤthen,“ fagte die Raͤthinn, wann eine weitſichtige Freundinn Agnes und Alexis in der nkunft als ein Ehepaar erblickte:„daß ehdies jemals zugaͤbe! die libe⸗ rale Art, womit meine, onnes Sohn zu — 157 ſchalten und zu walten pflegt, waͤre mir ent⸗ ſetzlich, muͤßte ich ſie an meinem Eidam dulden. Gehet es nach meinem Willen: ſo bleibt Ag⸗ nes ledig; dann haͤtte ſie das beſte Theil r⸗ waͤhlt. Aber es ging nach Gottes Seh Freund Hain, ein unabweislicher Freier, fuͤhrte die holde Agnes heim. Wie ein Schmetterling, der die leichten Schwingen nur mit dem Staube von Blumen beladen, ſchwebte ihre Pſyche in lichte Raͤume auf.— Wenige Minuten vor ihrem Tode, zog ſie den Pupillenrath, der nicht von ihrem Bette wich, zu ſich nieder, und fluͤſterte:„verſprich mir Eins noch, mein Vater!“ „Alles, mein Kind! alles was Du wuͤn⸗ ſcheſt!“ antwortete Dieſer in Liebe und Schmerz. „Daß Du Dich nie von der Mutter ſchei⸗ den willſt!“ forderte die ſterbende Agnes. Der Pupillenrath verſprach es ihr. Sie zog ſeine Hand an ihre Lippen, und ihr letzter Hauch er⸗ loſch in einem Seufzer des Dankes. An der Leiche ihrer Tochter ſtand die Raͤ⸗ thinn ſtumm und ſtarr; es dauerte lange, ehe Thraͤnen ihre Bruſt erleichterten. Der gebro⸗ chene Trotz ihres Weſens, hatte auch dieſe lin⸗ dernden Quellen verſchuͤttet. Sie rechtete mit der Vorſehung, die ſich an dem einzigen Kinde vergriffen, ſie grollte mit Gott.„Fuͤr Wen habe ich nun erworben und geſpart?“ fragte ſie vorwurfsvoll das Verhaͤngniß, welches die Ant⸗ wort auf dieſe vermeſſene Frage, ein Weilchen noch verſchwieg. Agnes lag ſtill und bleich, und bedurfte nichts mehr auf Erden; ihr Laͤ⸗ cheln ſchien im Tode, wie im Leben, aller eitlen Sorgen ihrer Mutter zu ſpotten. Es war nun oͤde im Hauſe geworden, die bange Leere in dem Herzen der Mutter, konnten alle ihre Schaͤtze nicht ausfuͤllen; vielmehr ließ der Reichthum, welcher ſie umgab, die Raͤthinn oͤfterer empfinden, wie ſo arm an den beſten Freuden ſie waͤre. Agnes blieb der Schutzgeiſt des Friedens fort und fort; ihren Manen brachte der betruͤbte Vater ſo manches Opfer troͤſtender Geduld, weihete der Bruder das Gedaͤchtniß 159 zaͤrtlicher Achtung, welches der Mutter zu Gute kam, ſo oft ſie ungeſtuͤm und verbittert, einen Anfall von Zankſucht hatte.. Zwar hatte dieſer traurige Todesfall die Raͤthinn doch ein wenig milde gemacht, und zu Betrachtungen gefuͤhrt, die heilſam waren, es kamen Stunden, in denen ſie an die Worte ihrer Mutter dachte, welche ſich puͤnktlich erfuͤllt, ein Schauer der Furcht, daß es weiter noch geſche⸗ hen koͤnne, ſtrich uͤber ihre Nerven— und leiſe entſtand der Wunſch in ihrer Seele, ſich mit dem Bruder, oder eigentlich mit der Nemeſis zu verſoͤhnen; allein nach und nach gewannen jene Maximen, die ſich nun einmal der Herrſchaft uͤber ihre Denkweiſe bemaͤchtiget hatten, die un⸗ terdruͤckte Gewalt wieder. Sie ſtellten gegen den herben Verluſt der einzigen Tochter eine Sorgloſigkeit zum Erſatze auf, welche die Raͤ⸗ thinn uͤber alles ſchaͤtzte, und ſo oft der Gram ſie anſiel, ſchlug der Gedanke ihn zuruͤck, wie vielen Kummer ihr Agnes in der Folge bereiten koͤnnen, wenn ſie, wie es oft geſchehen, ſich ihren Wuͤnſchen, oder dem, was die Mutter 160 ihr als Gluͤck aufzwingen wollte, widerfetzt haͤtte. So goͤnnte ſie ihr und ſich das beſſere Theil: die Ruhe! In dieſer Epoche war es, als die Raͤthinn einſtmals, um das Grab ihrer Tochter mit den ſchoͤnſten Blumen zu ſchmuͤcken, auf die Garten⸗ fuhre aus Goldbrunn wartete, um die Vorhand zur Auswahl zu haben. Sogleich nahm ſie ei⸗ nen Roſenſtock in Beſchlag, der in verſpaͤteter Pracht bluͤhete, und in der Fuͤlle ſeiner Knos⸗ pen noch eine reiche Nachkommenſchaft verſprach. Der geforderte Preis dafuͤr, war etwas hoch, und die Raͤthinn wollte abdingen; allein der Gaͤrtnerburſche ſagte:„nein, Madame!l dieſer Roſenſtock iſt jetzt eine Seltenheit, und muß bezahlt werden. Wir haͤtten ihn uns ſelbſt be⸗ halten moͤgen, auf ein friſches Grab, das ge⸗ wiß jedem treuen Herzen in Goldbrunn, einen tuͤchtigen Riß gegeben. Unſer Herr Geheime⸗ Setretair Einſiedel iſt nun auch todt!“— Seine Schweſter verblaßte; ein jaͤher Stich verwundete ihr Gewiſſen.„Iſt auch todt?« —. 161 fragte ſie wie unglaͤubig, ſie wußte aus eigenem Gefuͤhl was dieſes Woͤrtleins einzige Sylbe ſage. „Ja,“ antwortete der junge Gaͤrtner gleich⸗ muͤthig:„er hat ſich wahrſcheinlich das Abſter⸗ ben der gnaͤdigſten Graͤfinn zu Gemuͤthe gezogen, und— die Leute reden wunderlich— ſie haͤtte ihn nachgeholt.— „Und ſeine Tochter?“ fragte die Raͤthinn noch immer ohne Farbe: denn der Schrecken uͤber dieſe Nachricht wirkte fort, und ein ſeg⸗ nender Gedanke arbeitete ſich durch die Haͤrten ihrer Seele.„Das gute Kind!“ erwiederte der Burſche mitleidig:„es iſt nun ganz verlaſſen, und begießt unſern Garten mit Thraͤnen. Es iſt wohl ſchwer, Niemand zu haben auf der Welt, und zu ſeyn, wie ein Rohr, das der Wind hin und her weht; aber Verwandte ſind auch nicht immer eine Stuͤtze. Und Gott ver⸗ ſaͤumet Keinen!« Die Raͤthinn erroͤthete uͤber den abſichtslo⸗ ſen Vorwurf, ſie erkundigte ſich genau nach al⸗ len Umſtaͤnden, und beſchloß, ſelbſt nach Gold⸗ brunn zu fahren, um die unbekannte Nichte in Lr. 162 Augenſchein zu nehmen. Die Erfolge ſind uns bekannt. Phoͤbe hatte ſich nun bei ihrer Fante eingerichtet, ſo gut es ihr moͤglich geweſen. Zwar konnte ſie ein tiefes Heimweh nach dem ſchoͤneren Vormals, nicht beſiegen; aber es ver⸗ ſchmolz mit der heiligen Sehnſucht nach ihren Todten, mit dem Gefuͤhle der erſten Liebe, die in ſeliger Wehmuth den Himmel ſucht, von dem ſie ſtammt.— Alexis Leidenſchaft fuͤr ſeine ſchoͤne Couſine, gluͤhete in den heißen Blicken, womit er ihrem ſtillen Wandel auf allen Spuren folgte. Aber Phoͤbe ſo verſchaͤmt als klug, hielt ſich ihm entfernt, weil die Augen der Tante ſich verfinſterten, ſo oft Alexis die ſeinigen leuchtend oͤffnete, dieſe bluͤhende Geſtalt anzuſtrahlen; aber nichts deſtoweniger entging ihr der kleinſte von den tauſend Beweiſen ſeiner innigen Zunei⸗ gung. Sie wußte ſich geliebt! ſie war nicht mehr verlaſſen in der Welt— und wie gern ver⸗ dankte ſie den Schutz der Theilnahme dem Her⸗ zen des Juͤnglings, voll Kraft, Feuer, und Edelmuth! Aber dennoch bebte ſie vor dem Augenblicke, wo Alexis ihr ſagen wuͤrde, was — 163 er fuͤr ſie empfaͤnde; ſie verſtand ihn ohne Worte, und dies ſtille Gluͤck haͤtte ihr genuͤgt.— Denn wie weit war Alexis noch von jenem Ziele entfernt, das ihm geſtattet haͤtte, ihr ſeine Wuͤnſche auf ihren Beſitz auszuſprechen! ihre Hand war arm, und abhaͤngig vom Dienſte der Pflicht, die Tante haͤtte der zweckloſen Liebeley gezuͤrnt, und Alexis verbannt, und um die ein⸗ zige Freude der liebenden Phoͤbe war es geſche⸗ hen. Sie dachte jetzt zuweilen daran, daß der ſchnelle Tod der Graͤfinn fuͤr ſie ein Ungluͤck ge⸗ weſen, deſſen Folgen ſie lebenslang empfinden wuͤrde— der Vater war, hinweggerafft aus ihren Armen, der Sorge fuͤr ſein Kind und ſeine Zu⸗ kunft uͤberhoben worden.— Jener Gram, der nichts auf Erden mehr achtet, gegen die Groͤße des Verluſtes, der mit dem Liebſten was man beſaß, auch den Werth aller Guͤther des Lebens, einſchließt in das Grab, und die Welt arm und unvermoͤgend er⸗ ſcheinen laͤßt, das kleinſte Gluͤck noch zu gewaͤh⸗ ren— war allmaͤhlich in jugendliche Traͤume uͤbergegangen, welche den Reiz der Hoffnung, und die Gluth des ſchoͤnſten Gefuͤhls, uͤber Phoͤ⸗ bens verduͤſtertes Gemuͤth ergoffen. Die Welt trat zuruͤck in ihre Rechte, und Phoͤbe fand wuͤnſchenswerth, was fruͤher ihr gleichguͤltig geweſen. Ihre Gedanken beſchaͤftigten ſich oft vergleichungsweiſe mit ihren vormaligen Ver⸗ haͤltniſſen, der grelle Wechſel ihrer Lage kam ihr wie ein Wunder vor, und der Geiſt des Vaters fluͤſterte in ihre Seele: haſt Du nicht des Wunderbaren, Wunderausgang oft geſe⸗ hen?“———— Dann harrete Phoͤbe in Geduld, wie alles kommen wuͤrde, und Wer da ſtill bleibt, und hofft, Dem hilft die Zeit! Und wie bald half ſie Dir, trauernde Phoͤbe!— Ein großes Jubelfeſt des aͤlteſten Patriciers der Stadt ſollte, mit einem glaͤnzen⸗ den Gaſtmahle gefeyert werden, wozu jedoch nur aͤltere Perſonen geladen waren. Die Raͤ⸗ thinn, nicht gleichguͤltig gegen aͤußere Ehren, fand keinen Grund zur Entſchuldigung weder in ſich ſelbſt noch in den Umſtaͤnden, davon wegzu⸗ bleiben, und nur ein Bedenken, daß Phoͤbe und Alexis dann einen ganzen, halben Tag, der in — 165 ſeiner finſtern Kuͤrze nur um ſo gefaͤhrlicher waͤre, allein ſeyn wuͤrden. Sie ſtiftete ihren Mann an, daß er ſeinem Sohne einen entfer⸗ nenden Auftrag gaͤbe, und glaubte ſich nun be⸗ ruhigen zu koͤnnen. Die gute Raͤthinn! wir zweifeln, daß ſie die Liebe kannte! Als der Staatswagen mit Phaetons Ge⸗ ſpann im Bilde, vom Hauſe rollte, deckte Phoͤbe das Tiſchchen zu Zweien, und zwar in ihrem kleinen Stuͤbchen, auf die Bitte Leno⸗ rens, welche in Abweſenheit der Herrſchaft, die Wohnzimmer einmal gruͤndlich aufraͤumen wollte, wozu es ihr an den ſpaͤten Wintermor⸗ gen an Zeit gebrach. Ein Gefuͤhl ehelicher Abge⸗ ſchloſſenheit von fremden Zeugen, beſchlich in dieſem engen Raume Phoͤbens Buſen. Sie konnte der verraͤtheriſchen Phantaſie nicht weh⸗ ren, daß ihr Alexis im Gegenuͤber dieſer ſchma⸗ len Tiſchbreite als kuͤnftiger Gemahl erſchien. Die traute Fuͤrſorge, das haͤusliche Walten fuͤr einen geliebten Mann, genußreicher als alle Freuden der Welt! bewegte ihr Gemuͤth in ſuͤſ⸗ ſer Ahnung. Aber Alexis ließ auf ſich warten, und immer ſtaͤrker ſchlug ihr Herz vor dieſen Stunden. Endlich trat er ein, ſein Angeſicht gluͤhete; er hatte brav gearbeitet, und ein Ge⸗ ſchaͤft mit eiſernem Fleiße bezwungen, das be⸗ rechnet war, ihm die Gunſt der Gelegenheit zu rauben. Die reizendſte Muße laͤchelte ihm nunmehr Lohn. Sein ganzes Weſen war noch in Aufregung, und Phoͤbens einſame Naͤhe nicht geeignet, den fluͤchtigen Tact des Blutes in ein langſameres Tempo zu verſetzen. Lenore trug alsbald die Suppe auf, welche Phoͤbe mit wankender Hand vorlegte— und Alexis holte ein Flaͤſchchen Thraͤnen Chriſti herbei, was, wie er ſagte, der Vater zu einem Freudenweine fuͤr die holde Haushuͤtherinn und ſeinen Stell⸗ vertreter beſtimmt haͤtte. Sobald Lenore den traͤgen Fuß zur Kuͤche gewendet, reichte Alexis die Hand, woran Amor zielte, Phoͤben zu, und ſprach:„o theure Phoͤbe! welch ein Goͤttermahl!“ Ein uͤberzeugendes Gefuͤhl ſchauerte aus den Finger⸗ ſpitzen der gedruͤckten Hand, tief in das Innere des Maͤdchens hinab. Laͤchelnd antwortete — 167 Phoͤbe:„es duͤrfte karg genug ausfallen, armer Vetter! wir haben Faſttag— da ſehen Sie!« ein Hecht ward aufgeſetzt. „Mein Leibgericht!“ entgegnete Alexis ſchwelgeriſch vergnuͤgt:„ich bin uͤberhaupt kein waͤhliger Eſſer, und werde einmal meiner kuͤnf⸗ tigen Frau den Kuͤchenzettel zu keinem kopfzer⸗ brechenden Studium machen.“ „Die Tante iſt anderer Meynung“— ver⸗ ſetzte Phoͤbe mit ſchelmiſcher Miene auf dieſes Selbſtlob. „Ich eſſe wenig,“ ſprach Alexis:„deshalb ſchwaͤrzt ſie mich an, und der Appetit mangelt mir nur, weil das Gerichtlein Gernegeſehn zur Vorkoſt auf ihrem Tiſche fehlt, wovon man ſich nie ſatt ißt.— Aber ich denke, daran wuͤrde mich ein holdes Weib nicht darben laſſen! Was meynen Sie, liebe, ſuͤſſe Phoͤbe?“ „Gewiß nicht!“« antwortete Phoͤbe leiſe, und beugte das roſige Geſicht auf die Schuͤſſel, um die Leber vom Hechte auf einen kleinen Tel⸗ ler zu legen, den ſie Alexis reichte.„Nun denn,“ ſagte er in froͤhlicher Extaſe, indem er ein Stuͤckchen von der Leber zum Munde fuͤhrke: „ſo will ich mich denn fuͤr den ſchuldigen Reim begeiſtern. Die Leber iſt vom Hecht, und nicht vom Crocodill; waͤr' ich heut Joſua, die Sonne ſtuͤnde ſtill!“— Er reichte den Teller zuruͤck. n „Das waͤre ſchoͤn!“ ſagte Phoͤbe, abſicht⸗ lich des Reimes Sinn flach faſſend:„denn nur zu bald wird uns ihr winterlicher Strahl enteilt ſeyn! Allein mit einem Verſe den ich machen ſollte, verſchonen Sie mich, lieber Alexis! es fließt keine poetiſche Ader in mir!« „Doch! doch!“ antwortete Alexis:„Ihr Seyn und Weſen, Phoͤbe, iſt Poeſie! wie die Roſe der ſchoͤnſte Gedanke der Natur, unbe⸗ wußt athmet ſie Begeiſternng aus— Odem des Himmels!“ Die Gluth, womit Alexis ſprach— und noch hatte kein Tropfen Wein ſeine Zunge be⸗ netzt— ſchlug Flammen an Phoͤbens Herz. „O ſtill, Vetter!“ bat ſie weich und be⸗ draͤngt:„wir wollen von etwas Anderem reden.“ 169 „Ich weiß nichts Anderes⸗— antwortete Alexis mit laͤchelnder Entſchloſſenheit, das Gluͤck dieſer Minuten feſt zu halten. Er fuͤhrte das volle Glas zum Munde:„auf Ihr Wohl, theure Phoͤbe!“ und langſam, mit genießendem Be⸗ dacht, leerte er es. Auch Phoͤbe ließ ein paar dieſer purpurnen Tropfen uͤber ihre ſuͤſſe Lippe gleiten. „Ein goͤttlicher Schmerz!“ ſprach Alexis: „die Freudenthraͤne des Menſchen iſt nur kaltes Waſſer dagegen.“ „Und doch muß es Wolluſt ſeyn, ſie zu wei⸗ nen!“ erwiederte Phoͤbe, und dieſer Gedanke benetzte ihr Auge ſchon jetzt, waͤhrend der heiße, bittere Strohm den es vergoſſen, in der Tiefe ihrer Erinnerung aufwallte. „Phoͤbe!“ ſprach der Juͤngling mit leiden⸗ ſchaftlichem Tone:„Gott weiß es! Sie kommen mir wie eine verbannte Muſe vor! welch eine aͤrmliche Umgebung! ich ſchaͤme mich in die Seele meiner Stiefmutter. Dieſe iſt die perſo⸗ niſizirte Proſa! ſie waͤre im Stande, den Gra⸗ zien Frießroͤcke gegen die Kaͤlte machen zu laſſen. Tante und Nichte. 8 170— Haben und haltenl dieſe beiden Woͤrter fuͤl⸗ len den ganzen Kreis ihrer Begriffe aus. Voll finſterer Vorurtheile, verbreitet ſie ein dunkles Unbehagen um ſich her, was unſer Leben duͤſter macht. Ein haͤusliches Nachtlicht waͤre gut ge⸗ nug geweſen, es nuͤtzlich und wachſam zu erhel⸗ len; doch die himmliſche Leuchte gehe in Frieden den ſtillen Sphaͤrengang, und ihr reiner Strahl winke zu ſeligen Hoͤhen!“ Phoͤbe erroͤthete, der kleine Mond ward ſichtbar— und ihr ſanfter Blick dankte dieſem Gleichniſſe. Sie entgegnete:„die Tante iſt meine Beſchuͤtzerinn, und mir ziemt die Pflicht, ihre Eigenheiten zu ertragen.“ „Dies wird mir entſetzlich ſchwer!“ erwie⸗ derte Alexis mit ſanguiniſcher Aufrichtigkeit, in⸗ dem er die Flaſche abermals oͤffnete:„und Ih⸗ nen, Holde! ſey es vertraut: ich bin ihr manch⸗ mal recht von Herzen— gram.“ „Das iſt aber Unrecht, Vetter! doch gewiß nicht ernſtlich gemeynt;“ ſagte Phoͤbe mit zu⸗ rechtweiſender Sanftmuth:„die Tante iſt beſſer als ihr Schein, und wenn man bedenkt, daß ſie nie eigentlich geliebt worden— von ihrer Geburt an, ja, da ich ſchließen darf, daß ſelbſt die ver⸗ ſtorbene Agnes ihrer Mutter nur den Tribut der Natur bezahlt, das freie Opfer kindlicher Hoch⸗ achtung jedoch dem Vater allein gewidmet habe: ſo iſt kaum mehr von ihr zu erwarten.— Wie herbe fließt das Blut der Rebe in dem Schatten des Nordens! doch voll Mildigkeit und Suͤſſe, ſtroͤhmt es Geiſt des Lebens und der Freude, das— ſie hob ihr Glas empor—„wo die ſuͤd⸗ liche Sonne am Boden des Veſuvs, ſein wallen⸗ des Feuer zu fluͤſſigem Rubin verklaͤrt!«“ „Es wird Ihnen leicht, mich zu uͤberzeu⸗ gen, meine theureſte Phoͤbe!“ ſagte der Juͤng⸗ ling entflammt. Er reichte dem Maͤdchen das gefuͤllte Glas zu, und ſprach:„nun die Stief⸗ mama ſoll leben! jede Unbill ſey vergeben!“ Phoͤbe klingte an, Alexis leerte ſein Glas wieder, ſetzte es dann abſeits, als waͤre es nun genug— und fragte wie im Scherze der Unwiſ⸗ ſenheit:„die Liebe macht alſo gut?— ein wenig Verbeſſerung thaͤte mir auch Noth!«—— 8* 172 Das Laͤcheln, womit Phoͤbe ihn anzublik⸗ ken wagte, ein redendes Lob! vertrat ihre Ant⸗ wort.„Man ſagt, ſie koͤnne auch verderben”— ſprach ſie nach einer Weile, und ſeufzte. „Dann waͤre es die rechte nicht,“ verſetzte Alexis:„ich wuͤrde mich einen Gott fuͤhlen, und meines Himmels werth, wenn— wenn— wenn“— verſtummend ſchlug er die funkelnden Blicke empor— Phoͤbe war einen Augenblick aufgeſtanden, um etwas herbei zu langen— er erſchrack vor dem ſchiefen, verzogenen Angeſichte im Spiegel, dem ſein Idol eben voruͤber ging, und welcher der Schoͤnheit reine Form in den Zuͤgen des Maͤdchens, wie in ſeinen eigenen luͤ⸗ genhaft entſtellte. Entruͤſtet fuhr er auf, der Liebe flehendleiſer Ton, ging uͤber in das Zuͤr⸗ nen der Leidenſchaft, ſeine Augen ſchleuderten Blitze nach dem unſchuldigen Verlaͤumder hin. Er ſprach:„nun, daß Ihre Tante, welche Sie, ſanfte, duldſame Taube, ſo eben warm verthei⸗ digten, mit Liebe Niemand verdirbt, ſieht man in dieſem Spiegel! er iſt ein Sinnbild der Seele meiner Stiefmutter, worin auch das Ideale als — 173 Zerrbild erſcheint.— Und dieſen Spiegel gab ſie Ihnen? den maledeyeten Luͤgner des Hau⸗ ſes, der ſonſt nirgend gelitten wird, den ſie ſo lange vor meiner ſtrafenden Hand verborgen hielt, daß er nun das lieblichſte Gebild der Na⸗ tur verunſtalte? und treulos im Dienſte der Wahrheit, ihr reizendes Zeugniß verfaͤlſche?— Bei ihr, meiner Goͤttinn! das dulde ich nicht!“ Und ehe Phoͤbe es hindern konnte, ſchlug er mit der ſilbernen Schwere des Meſſers den Spiegel entzwei, daß er in Scherben brach. „Gott! was machen Sie da, Vetter?“ rief Phoͤbe erſchrocken und zitternd, und wie vorwurfsvoll dieſer Ausruf auch klang: Alexis gewaltthaͤtiger Eifer fuͤr den reinen Strahl ihrer Schoͤnheit, den weder Todtes noch Lebendes ungeahndet truͤben oder brechen duͤrfte— ward doch als eine kuͤhne Schmeicheley von ihrem weiblichen Herzen, und alſo dankbar— em⸗ pfunden. Alexis ſchlang den Arm um ihren weichen Leib und ſprach:„hierher, in mein Auge ſiehe nun, Du banges, bebendes Weſen! 174— willſt Du Dein Engelsbild wahrhaft erblicken und treu!“— Phoͤbe leiſtete dieſer anziehenden Gewalt nur den ſchwachen Wiederſtand befangener Ge⸗ fuͤhle; wie lange hatte Phoͤbe einer liebenden Bruſt, das Plaͤtzchen der Heimath! entbehrt! und von dieſer, welche ſo heiß und heftig fuͤr ſie pochte, und in lebenswarmer Elaſtizitaͤt Ruhe fuͤr der Sehnſucht rege Wuͤnſche verſprach, ſollte ſie ſich wenden?— Aber Phoͤbe verſuchte es dennoch, und ſtrebte ſich ihm zu entwinden. „Phoͤbe!’ ſagte der Juͤngling mit trauriger Stimme:„ſo biſt Du mir nicht gut? und mein Ungeſtuͤm hat Dich vielleicht bekeidiget!— ich liebe Dich, uͤber alles in der Welt! goͤnne mir einen verzeihenden Blick fuͤr dies Geſtaͤndniß!— laß mich Dein Auge ſehen!“ Dieſes Auge ſtand voll Thraͤnen— Freu⸗ denthraͤnen! ſie troͤpfelten ſacht uͤber die Wange, welche das Wehen dieſes Augenblicks, ein Hauch aus Eden! in der Unſchuld heiligem Vlaß entfärbt hatte. Jetzt, in dieſem er. — 175 ihrer Verlaſſenheit; aber der einzige Freund, den ſie gefunden, er hielt ſie feſt, und eine in⸗ nere Stimme ſagte ihr: ihm duͤrfe ſie vertrauen! Er legte ſeine Finger unter ihr Kinn, zart und fein anzufuͤhlen, wie das Blatt der Roſe— und hob ihr das geſenkte Haupt empor.„Phoͤbe, Du weinſt?“ fragte er in Toͤnen der Liebe und Selbſtanklage; ſie laͤchelte zu ihm auf— er beugte ſich nieder— und ihre Lippen, ihre See⸗ len vermaͤhlte der erſte Kuß.— Lange ſtanden ſie, alles vergeſſend, nur nicht ſich ſelbſt! ſie fluͤſterten das Gluͤck der Ge⸗ genwart, Traͤume der Zukunft. Die Liebe wohnt uͤber der Zeit und dem Raume! fuͤr Phoͤbe und Alexis gab es kein Warten, keine Hinderniſſe mehr, ſie waren am Ziele ihres Hof⸗ fens. Der feurige Wein ward matt, Alexis verſchmaͤhete ihn, ſeitdem er Nektar gekoſtet! die kleine Tafel blieb gedeckt: denn Lenore hatte anders zu thun, als ſich um dieſes unterbrochene Tiſchfeſt zu bekummern. Der bleiche Mond ſtieg, ehe es voͤllig dunkel ward, uͤber die be⸗ ſchneieten Haͤuſer empor, und draͤngte ſeinen verſchwiegenen Strahl in dies zaͤrtliche Geheim⸗ niß, und vervielfaͤltigte in den blitzenden Truͤm⸗ mern des Spiegels, die Scene der Liebe. Da ging die Thuͤre auf, und der Pupillen⸗ rath trat ein. Gehuͤllt in des Stuͤbchens daͤm⸗ mernde Schatten, blieb ſeine Miene, wie die Urſache ſeines Erſcheinens ihnen vorerſt zweifel⸗ haft; aber um ſo erkennbarer vernahmen ſie eine ungewoͤhnliche Bewegung im Tone ſeiner Stim⸗ me, da er zu Alexis ſagte:„mein Sohn!l ich komme, Dich zu holen; folge mir ſogleich!« „Wohin, mein Vater?“ fragte Alexis be⸗ ſtuͤrzt, doch bereit, indem er ſeine Hand ergriff, ohne Phoͤbens Linke fahren zu laſſen. „Du wirſt es ſehen!“ antwortete der Pu⸗ pillenrath preſſirt.„Vater!“ hob Alexis an, und zog das weigernde Maͤdchen naͤher:„Du biſt ſo gut! biſt mein vertrauter, beſter Freund auf Erden, vor dem mein Herz ſtets offen war; auch koͤnnte ich mich keines Gluͤckes freuen, was Du nicht wuͤßteſt, oder billigteſt. Sieh! ich liebe, die theure Phoͤbe hier, welche Dein vaͤter⸗ licher Blick beſchaͤmt— ich moͤchte ſie einſt mein 177 nennen, vor der Welt, wie ſeit einer Stunde vor dem Auge Gottes, ſegne uns mein Vater! Vaterſegen bauet Haͤuſer— ſo lege Deine Hand auf unſern Bund, und zugleich den Grundſtein unſeres kuͤnftigen Hauſes, worin der Friede, und Verehrung fuͤr Dich, wohnen ſoll!« Der Pupillenrath antwortete geruͤhrt;„dieſe Stunde belohnt mich! wie gern,“ wendete er ſich zu Phoͤbe;„wuͤrde ich Dich, Du liebens⸗ wuͤrdiges Kind! Tochter nennen; aber Alexis Schickſal ſtehet nicht mehr in meiner Gewalt. Frage nicht, mein Sohn! die Zeit draͤngt— bald loͤſet ſich Dir dies Raͤthſel. Du aber, meine gute Phoͤbe, lebe wohl, und hoffe! ich bin von ganzem Herzen fuͤr Dich, und Eure Liebe, meine Kinder!“ Der Pupillenrath nahm Alexis mit ſich fort, und Phoͤbe blieb zuruͤck, kaum wiſſend, wie ihr geſchehen. Die Graͤfinn Mimoſa hatte einſt wie auch ihre Schweſter, jene Stillbetrauerte, unter die 178 Hofdamen der verwittweten Koͤniginn von***† gehoͤrt, und ganz beſondere Gnade vor ihren Augen gefunden; dieſer Vorzug ward jedoch beiden Schweſtern, und zwar gleichmaͤßig zu Theil. Ein altes Geſchlecht von mackelloſem Adel, erloſch mit dieſen letzten Sproͤßlingen, welche aus dem Verfall des Gluͤckes unter dem es fruͤher gebluͤht, und das in den Erſchuͤtterun⸗ gen der Zeit geſunken war, nur den edlen Nah⸗ men, und den Trieb der Ehre gerettet hatten. So wenig verſchieden die aͤuſſere Lage die⸗ ſer einmuͤthigen Geſchwiſter nun auch ſchien: ſo war ſie es dennoch ſehr, durch abweichende Richtungen der Gefuͤhle, durch andere Anſich⸗ ten, und endlich durch eine Laune der Natur. Die Ältere von Beiden, unſere Graͤfinn Mi⸗ moſa, wuͤrde wahrſcheinlich der entzuͤckenden Schoͤnheit ihrer Schweſter nichts nachgegeben haben, wenn nicht die Blattern ſie ſchon in zar⸗ ter Knospe zerſtoͤrt haͤtten. So war ihr nichts geblieben, als die hohe, junoniſche Geſtalt, und der unverwuͤſtliche Reiz des ſuperkleinen Fuͤß⸗— chens, was wir ſchon kennen.— Ob auch die — 179 Zeit jene tiefen Pockengruben ein wenig ver⸗ flachte: ſo bildete doch jede eine Kluft in Bezug auf die Ausgleichungen des Geſchicks, welches leider! bei unſerem Geſchlecht ſo oft von einer glatten Haut abhaͤngt, waͤre es auch die Haut einer Schlange.— Aurelie, die juͤngſte, ſich der ſiegenden Ge⸗ walt ihrer Anmuth bewußt, kannte keinen Wi⸗ derſtand fuͤr ihre Wuͤnſche; ganz Feuer, ganz Gefuͤhl wußte ſie zu ſchmelzen, faſt wie mit Zauber nahm ſie ein, und bemaͤchtigte ſich ihres Gegenſtandes. Der Zwang der hoͤfiſchen Eti⸗ quette war ihr verhaßt, die Langeweile, zu der ſie den groͤßten Theil ihrer Tage verurtheilt war, ohne die innere Unruhe regbar machen zu duͤrfen, druͤckte ſie feſſelhaft, der gemeſſene Schlag einer Uhre verurſachte ihr unbeſtimmte Pein, und eine innere Raſt⸗ und Ruheloſigkeit, oͤfters bei Men⸗ ſchen von kurzer Lebensdauer zu finden, welche die Geſchaͤfte der Erde in draͤngender Eile voll⸗ bringen, weil eine Ahnung ſie inſtinktmaͤßig treibt, ſchnell damit fertig zu werden— befluͤ⸗ 180 gelte ihr ganzes Weſen. Antonie, die aͤlteſte, hatte nichts mit jener unbegluͤckenden Eigenſchaft ihrer Schweſter gemein; ja! unbegluͤckt duͤrfte man ein Daſeyn wohl nennen, was durch den Drang einer quaͤlenden Fluͤchtigkeit ſich ſelbſt und ſeinen Freuden enteilt, noch ehe die Zeit es hinweg rafft.— Antonie handelte mit Bedacht; ihr Herz, eine fuͤhlende Vernunft! ſchlug unter den reinſten Geſetzen, und war der Sitz tiefer Empfindung, ein warmer Quell der Liebe. Die Entſtellung ihres Angeſichts hatte ihre Seele ver⸗ ſchoͤnert, doch jede eitle Hoffnung auf den Beſitz eines Mannes, den ſie ſeiner Zuneigung ver⸗ dankte, zerſtoͤhrt. Sie hielt ſich im Vergleiche mit den Reizen ihrer Schweſter, welche nicht der Neid, ſondern die Geſchwiſterliebe uͤber⸗ ſchaͤtzte, fuͤr viel haͤßlicher als ſie wirklich war, und dies Bewußtſeyn legte den Ausdruck einer fanften Reſignation in ihr Benehmen, und die Anſpruchsloſigkeit ihres Charakters, deren Wahr⸗ heit empfunden ward, machte ſie anziehend, zu⸗ weilen ſelbſt fuͤr die Bewunderer ihrer ſchoͤnen Schweſter. — 181 Doch wenn ein der Welt abſterbendes Ge⸗ fuͤhl, dieſen narbenvollen Buſen auch in veſta⸗ liſche Schleier huͤllte: ſo ſchwellte Sehnſucht ihn doch; die Kunſt eroͤffnete ihr ein weites Feld, und der Himmel ſeine ewigen Hallen. Die Natur hatte beiden Schweſtern ein aus⸗ gezeichnetes Genie fuͤr die Mahlerey gegeben. Sie zeichneten wunderſchoͤn, ſie mahlten in Hl, nur die Wahl ihrer Stoffe war abweichend.— Dies eminente Talent gewaͤhrte der alten Koͤni⸗ ginn Vergnuͤgen, und ſtolz darauf, daß es ſich in der Sonne ihrer Gunſt entfaltet haͤtte, be⸗ foͤrderte ſie es auf alle moͤgliche Weiſe. Aurelie hauchte die ganze Gluth ihrer Ge⸗ fuͤhle auf die Leinewand. Sie faßte im kuͤhnen Fluge der Begeiſterung tragiſche Momente auf; die Staͤrke der Leidenſchaft auszudruͤcken, ward ſie nicht muͤde— ſelbſt die Leidenſchaft der Na⸗ tur: denn Gewitter⸗ und Sturmſtuͤcke geriethen ihr vortrefflich.— Antoniens einfach hoher Geiſt hatte ſich auf das Studium der Antike gewendet. See⸗ lengroͤße zeichnete ſie am liebſten, ihre Gemaͤhlde 182 athmeten Ruhe, die Stille des Fleißes und ſei⸗ ner Vollendung. Man glaubte den Hain, in deſſen Baumſchlage ſie Meiſterinn war, rauſchen zu hoͤren, bewegt vom Odem der Goͤtter.— Dieſe Arbeiten wurden dann der Koͤniginn dar⸗ gebracht, welche ſtets geneigt war, die von An⸗ toniens Hand vorzuziehen. Sie wußte ſelbſt nicht, was Aureliens Gemaͤhlden auszuſetzen waͤre; aber ſie empfand einen geheimen Tadel, etwas, das ihr den reinen Genuß des Beifalls ſtoͤhrte. Als die Koͤniginn dies einſt verlautbarte, erroͤthete Aurelie, doch verbarg ſie die Kraͤnkung hinter einem Laͤcheln, womit ſie zu erwiedern wagte:„der Donner, Ew. Majeſtaͤt, der Donner wird es ſeyn, der fehlt.“— Die Oberhofmeiſterinn, eine wuͤrdige Frau, und den beiden Schweſtern muͤtterlich geſinnt, ſah hierauf Aurelien mit einem großen Blicke an, und antwortete:„mein Fraͤulein! der ſchla⸗ gende Effect waͤre wohl da; nur dieſer ewige Blitz des Verderbens, thut dem Auge Ew. Ma⸗ jeſtaͤt wehe, daß es die Schattenſeite Ih rer Bil⸗ der, ſucht.“ 183 Beide Schweſtern, wiewohl aus verſchiede⸗ nen Gruͤnden, weigerten ſich, ihre Arbeiten ei⸗ ner anderen Critik zu unterwerfen, als welche die Koͤniginn daruͤber ausſprach, und Aurelie wollte eher den Pinſel fallen laſſen, fuͤr immer, als daß ſie noch einen Lehrer gewoͤhnlicher Art annaͤhme; und da ließ die Koͤniginn doch lieber dieſen Wunſch fallen. Unter dem Corps Diplomatique in der Hauptſtadt, befand ſich auch ein junger Edel⸗ mann als Geſandſchafts⸗Attaché, der durch viele Vorzuͤge ausgezeichnet war. La Foë war ſein Nahme, man nannte ihn im Scherze den chineſiſchen Gott, weil jenes Volk den Stifter ſeiner aͤlteſten Religion, den es fuͤr einen Sohn des Regenbogens ausgiebt, unter dieſen Nah⸗ men verehrt. Sein Bild, das die Haͤnde unter dem Gewande verborgen haͤlt, iſt ganz mit Strahlen umgeben, und dieſe Allegorie wurde auf La Foë angewendet, den ſeine vielſeitigen Talente mit ſtrahlendem Ruhm bedeckten, waͤh⸗ rend er die ſchaffende Hand nur in verborgener Stille wirken ließ. 184— Der Zufall fuͤgte es, daß die Koͤniginn einſt ein Gemaͤhlde von La Foë ſah, wovon ſie entzuͤckt war; der Geſandte freuete ſich dieſes guͤnſtigen Eindrucks, und verſtaͤrkte ihn noch durch das Lob, welches er dieſem jungen Edel⸗ manne gab. So ruͤhmte er auch beilaͤufig an ſeinem Protegeé eine uͤberaus gluͤckliche Methode das Geheimniß der Kunſt, ohne Schulredenheit, welche erkaͤltend auf die Begeiſterung wirke, An⸗ dern mitzutheilen.— Die Koͤniginn gerieth auf den Einfall, La Foë wuͤrde ein geeigneter Lehrer fuͤr Aurelien ſeyn, und ſie faßte dieſe Meynung mit einem vertrauenden Vorurtheil fuͤr den jungen Mann. Der Geſandte ſollte ihn ſenden, und Aureliens Eigenſinn durch überra⸗ ſchung beſiegt werden. Aber Aurelie war ge⸗ horſam, ſobald ſie ihn, der ihr Meiſter werden follte! geſehen!— Er kam an beſtimmten Ta⸗ gen, er gab ihr Unterricht, dies Verhaͤltniß ſtand unter dem Schutze der Koͤniginn, und war von ſeinem Zwecke gleichſam ſanctionirt; ſo wagte Niemand, es mit einem Worte anzuta⸗ ſten. Ein Jahr war voruͤber, Aurelie hatte un⸗ 185 ter dieſer Zeit die Koͤniginn mit einigen ſehr ge⸗ lungenen Sachen beſchenkt, an denen ſie ſich Freude und Triumph erſah. Die Koͤniginn meynte nun, daß La Foë zu entbehren waͤre, ſie ſandte ihm eine fuͤrſtliche Belohnung; doch Aurelie hatte ein großes Bild in der Idee, was ſie noch unter ſeiner Leitung zu vollenden wuͤnſchte, und die Koͤniginn bewil⸗ ligte es, obgleich ſchweigend.— Um dieſe Zeit kam Graf Mimoſa an den Hof, und ſtellte ſich der koͤniglichen Wittwe vor, der er fruͤher ſchon bekannt geweſen. Er war ein ernſter Mann von gehaltenem Weſen, ein Vierziger, allein noch unvermaͤhlt. Die Koͤ⸗ niginn ſcherzte mit ihm daruͤber, ſie machte ihm den Vorwurf der Waͤhligkeit, und warf ſich zu ſeiner Eheprocuratorinn auf. Ein Augenblick der Verlegenheit, ein Wortſpiel, wobei der Graf nichts dachte, als ſich der Koͤniginn artig zu erweiſen, legte ſein Schickſal in ihre Haͤnde, und ſie ſaͤumte nicht, daruͤber zu verfuͤgen: denn der Graf war ein reicher Agnat, und auch Koͤniginnen miſchen ſich gern in Heiraths⸗Ange⸗ legenheiten. Ihr erſter Gedanke fuͤr ihn, fiel auf Antonie, die trotz ihrer Jugend, durch ihre Soliditaͤt durch die Wuͤrde ihres Betragens, ihr zur Gemahlinn eines Mannes von vorgeruͤckten Jahren, ſehr paſſend erſchien; aber ſie zweifelte, daß der Graf geneigt ſeyn wuͤrde, die Wohlge⸗ troffenheit dieſer Wahl anzuerkennen: denn Maͤnner reiferen Alters ſuchen, wenn ſie ſich nach einer Frau umſehen, der Schoͤnheit friſche Bluͤthe, waͤhrend der Juͤngling nicht ſelten an der Braut ſeines Herzens, nur den Reiz der Seele liebt. Die Koͤniginn wußte mit jener majeſtaͤti⸗ ſchen Feinheit, welche die Uebung lehrt, Wuͤn⸗ ſche oder Befehle durch leiſes Andeuten auszu⸗ ſprechen, den Grafen auf die beiden Schweſtern unter ihren Hoffraͤuleins aufmerkſam zu machen, und Aurelie verfehlte eines ſichtlichgefaͤlligen Ein⸗ drucks nicht, wie ſehr ſeit kurzer Zeit ſich ihr Aeuſſeres auch veraͤndert hatte. Ihre Bilder gewannen an Farbenſchmelz, doch ihre Wange blaßte ab und welkte, die Zuͤge ihres Pinſels beſeelten ſich, aber der Strahl ihres Auges — — 187 erloſch, ihre Kunſt naͤherte ſich der Vollendung, doch ihre Natur ſchien an einen Wendepunkt gekommen zu ſeyn. Antonie bemerkte es mit Kummer. Ach! ſie hatte lange ſchon Sorge um die geliebte Schwe⸗ ſter getragen, welche ſie tief in ihre Bruſt ver⸗ ſchloß. Sie kam ſich wie die einzige Sehende in einer mit Blindheit geſchlagenen Welt vor, und ſie ſah fuͤr Aurelien nur eine Gegenwart voll Angſt, eine Zukunft voll Schmerzen der Entſa⸗ gung: denn ſie wußte laͤngſt, daß Aurelie mit aller Leidenſchaftlichkeit ihres Herzens, welche die entſprechendſte Gegenſeitigkeit gefunden, den liebenswuͤrdigen La Foë liebe.— La Foë war arm, an eine Verbindung mit Aurelien, bei den Geſinnungen der Koͤniginn uͤber dieſen Punkt, nicht zu denken, dabei ſtand jeden Tag zu erwarten, daß er im Geleit des Geſandten, welcher ſeinen Platz tauſchte, ſehr bald die Reſidenz und zwar auf immer, verlaſſen wuͤrde. Als daher die Sage am Hofe herum fluͤſterte, Graf Mimoſa haͤtte ſein Auge auf die ſchoͤne Aurelie geworfen, glaubte Antonie, ſich 188— felbſt damit troͤſtend und taͤuſchend, dieſe Hei⸗ math koͤnnte wohl ein Gewaltmittel werden, das wunde Herz ihrer Schweſter zu heilen, und ſie in der Veraͤnderung wie in dem Glanze ihrer kuͤnftigen Lage, den Traum der Unmoglichkeit vergeſſen zu laſſen. Aurelie allein merkte nichts von dem Ver⸗ haͤngniſſe, was ſie ſo nahe bedrohete. Die Koͤniginn ward deutlich, und von einer Ohnmacht angewandelt, ſchwankte Aurelie in die Zimmer ihrer Schweſter, der ſie haͤnderingend geſtand, ſie waͤre bereits ſeit fuͤnf Monaten, die ange⸗ ge⸗ trauete Gattinn La Foé. Die Kirche wie die Natur hatten dieſer heimlichen Verbindung ihre Weihen gegeben, und Aurelie konnte nicht mehr zweifeln, daß ſie guter, oder in ihren Verh lt⸗ niſſen, vielmehr ſchlimmer Hoff Bei dieſem Geſtaͤndniß, was von Thraͤnen, und uͤberſpannten AÄuſſerungen beglei⸗ tet war, ſtockten Antoniens Pulſe. Sie erſtarrte und erſtaunte, uͤber dies geſchehene Ungluͤck, was nicht zu uͤberſehen war, uͤber die Moͤglich⸗ keit, daß ſolch ein gewagter Plan, Mittel zur * „ 1 — 189 Ausfuͤhrung gefunden haͤtte. Die Allmacht der Liebe liegt uͤber dem Begriff, nur ein Herz, was ihre Wunderkraft hebt, glaubt daran.— Antonie erſann keinen anderen Rath, ohne Eclat fuͤr ihre Schweſter zu handeln, als daß— ſie der Oberhofmeiſterinn, deren Zuverlaͤſſigkeit verbuͤrgt war, die Lage der Dinge aufrichtig ent⸗ deckte; auch war dies jedenfalls der beſte. Die Oberhofmeiſterinn richtete Aurelien im Geiſte der Humanitaͤt und Milde, und wehrte die Ent⸗ deckung dieſer uͤbereilten That, und ihre Folgen, ſo weit wie moͤglich— ab. Der Leibarzt ward ins Geheimniß gezogen, er dichtete Aurelien eine Krankheit an, der ihr uͤbles Ausſehen nicht widerſprach, er verordnete Ruhe im Genuſſe der Landluft, und ſpaͤterhin den Gebrauch eines Bades. So ward ſie ihres Hofdienſtes ent⸗ laſſen, und die Abſicht des Grafen, geſchickt gelenkt, wendete ſich auf ihre Schweſter. Antoniens Herz war frei, der Graf ſchaͤ⸗ tzenswerth, und in Betracht auf das, was er einer Gattinn biethen koͤnne, eine excellente Par⸗ thie; der Muth ihn auszuſchlagen, da ſie nur 190— eine kuͤhle Hochachtung fuͤr ihn empfand, war gebrochen mit ihren jungfraͤulichen Stolze, den die heimliche Ehe ihrer Schweſter, welche ihr nicht viel anders als ein Fehltritt vorkam, tief demuͤthigte. Sie reichte dem Grafen Mimoſa die begehrte Hand, entſchloſſen, ihm die treueſte, beſte Gattinn zu werden, und dies um ſo mehr, als ſie ſich nur pflichtmaͤßiger Antriebe dazu, bewußt war. Waͤhrend nun Antonie im Glanze des Hofes, mit traͤumender Seele, und gebeug⸗ ten Gefuͤhlen, alle Ehren einer Braut empfing, freuete Aurelie ſich wie eine Erloͤſete, die prun⸗ kende Laſt deſſelben mit dem Gallakleide abge⸗ ſtreift zu haben. Sie hielt ſich bei der Schwieger⸗ mutter des Leibarztes, einer alten Edelfrau auf, die ein einſames Landguth beſaß, und ſollte, wenn die Zeit heran kaͤme, ihre Entbin⸗ dung unter fremdem Nahmen in einem weitent⸗ fernten Badeorte abwarten, wozu alle Vorkeh⸗ rungen getroffen waren. La Fos, deſſen Abreiſe ſich noch immer verzoͤgert, hatte ſchriftlich verſprochen, dann Urlaub zu nehmen, und nach jenem Badeorte — 191 zu kommen. Er hielt Wort. Einige wenige Wochen draͤngten unendliche Wonnen in die kleine Spanne Zeit dieſes verſtohlenen Eheſtandes— aber Himmelsgluͤck wird nur mit dem Schmerze der Erde erkauft und bezahlt.— Aurelie gebahr einen Knaben, und ſtarb eine Stunde nach der Geburt. La Fos ſtreckte die Arme, welche eine Wiege des Entzuͤckens fuͤr den Neugebohrenen geworden waͤren, kraftlos, wie nach irgend einem Halt der Huͤlfe, in die Leere der Luft. Ihn voͤllig zu betaͤuben, kam eine Eſta⸗ fette, welche ihn ſchleunigſt abrief. Er wankte zum Pfarrer des Ortes, der Boden wich unter ſeinen Fuͤſſen, ſein Gang war tappend, wie im Dunkel. Die Sonne ſchien wie ſonſt, er hoͤrte die Menſchen gleichguͤltig reden, lachen— jeder Strahl, jeder Ton zerriß ſeine Seele. Da hoͤrte er ſeinen Nahmen rufen, und er war doch Incog⸗ nito. Ein junger, wohlgekleideter Mann, an deſſen Arme eine ſchoͤne, bluͤhende Frau hing, ſtand vor ihm, und hemmte ſeinen Weg.„La 192— Foë!“ rief der junge Mann:„kennſt Du mich gar nicht mehr?“ Wie aus weiter Ferne hoͤrte La Foë ſich nennen, eine Saite der Erinnerung ſchlug in dieſer Stimme leiſe an— aber zu ſchwach fuͤr den wilden Sturm ſeiner Gefuͤhle; er ſtarrte den Fremden an, ſchuͤttelte den Kopf, und wollte voruͤber. Die Verzweiflung iſt finſter! ſie ſiehet die naͤchſte Rettung nicht. „Mein Gott!“ rief der junge Mann und hielt ihn feſt:„was iſt Dir begegnet, La Foë? Dein Auge ſtiert— erkenne mich doch! ich bin ja Locke! Dein Freund, der Dir ſein Leben verdankt!“ Ein Laͤcheln des Irrſinns trat auf die kal⸗ ten Lippen des La Foë.„Vergilt es mir jetzt, und nimm das meine!“ ſagte er mit ſchneiden⸗ den Toͤnen:„Du leiſteteſt mir einen groͤßeren Dienſt.“— Da nahm der Freund den armen La Fos, der ſich willenlos wie ein Kind, gaͤn⸗ geln ließ, und fuͤhrte ihn in ein Zimmer des Gaſthofes, und fragte ihm ſein Ungluͤck ab. „Und Dein Kind lebt?“ fragte Locke nach der erſchuͤtternden Erzaͤhlung, mit heftiger Theil⸗ nahme. „Mein Kind lebt!“ antwortete La Foë: „und die Mutter iſt todt— und ich muß fort!“— Locke ſah ſeine Frau mit einem Blicke an, der ihr den Wunſch ſeines dankbaren Herzens ausdruͤckte, ſie erroͤthete, ihr Auge in Thraͤnen winkte ihm zu— er aber ſprach:„ſo gieb es uns, La Foë! die kleine Frau hier— zwar noch unerfahren in der Erfuͤllung muͤtterlicher Pflich⸗ ten— wird es ſchon pflegen!“— Da erkannte La Foë den Freund, und Gott, der ihn ſandte! Dieſer Freund nun war der Mann, den wir als den Pupillenrath Locke kennen gelernt haben, und jenes Kind war unſer Alexis! Locke, der damals eben angeſtellt worden war, und in den Honigmonaten ſeiner erſten Ehe lebte, hatte auf der Univerſitaͤt mit La Fos Bekanntſchaft gemacht, wo der gewandte Geiſt, die Ueberlegenheit deſſelben, ihm einſt bei einem Duelle, das wohl eher von Seiten des Gegners, Tante und Nichte. 9 194— der Heimtuͤcke eines meuchelmoͤrderiſchen Anfal⸗ les glich, das Leben erhalten. Dieſe große Verpflichtung machte ihn jetzt bereitwillig, dem edlen Retter vergelten zu wollen, und das un⸗ ſchuldige Herz der jungen Frau, was in heißem Mitleid wallte, dachte mit keiner Sylbe daran, daß die arge Welt, dies neugebohrene Kind, wenn ſie es von der Reiſe mitbraͤchte, welche ſie zu ihrer Erholung vorgenommen hatten, da das Weibchen vor der Hochzeit kraͤnklich geweſen war— kaum als ein angenommenes gelten laſ⸗ ſen wuͤrde.— Ob La Foẽ nur in der Apathie des Schmer⸗ zes, oder aus bewußten Gruͤnden verſchwieg, daß und Wem er ſein Kind uͤbergeben, duͤrfte ſchwer zu beſtimmen ſeyn. Genug,, der Geiſt⸗ liche, welcher es im Beiſeyn der jungen Eheleute taufte, die ſeine Pathen waren, ſo auch die Kammerfrau, die es von der Leiche ſeiner Mut⸗ ter hinweg trug, glaubten, der Vater naͤhme es ſelbſt mit ſich fort, was ihnen durch die gleich⸗ zeitige Abreiſe La Foés und ſeiner Freunde, wahrſcheinlich vorkam, die in einem Wagen — 195 fuhren, weil ihre Wege ſich erſt nach einigen Stationen ſchieden. Als man nun endlich an den Wendepunkt gekommen war, zog La Fos den Ring mit der Camee, ein Ehrengeſchenk fuͤr jenes Bild, was ihm die Gunſt der Koͤniginn erworben, und dem⸗ nach ſo verhaͤngnißvoll fuͤr ihn geworden war— vom Finger, und ſprach:„dieſer Amor war mein Schickſal! das Herz verblutet mir an ſeinem Pfeile— nimm ihn, Freund! zum Angedenken dieſer Stunde, und meines Un⸗ gluͤcks!«— Locke antwortete:„ich nehme ihn zwar, allein nur in Gewahrſam; dies Kleinod bleibe Deinem Sohne! vielleicht wenn ich nicht mehr bin, erkennſt Du ihn daran.“— Die Graͤfinn Mimoſa war untroͤſtlich uͤber den Tod ihrer Schweſter. Jahre vergingen, ehe ſie jene Seelenruhe wieder fand, worin die Stimmen des Grames ſchweigen. Das Gedaͤchtniß Aureliens ließ eine wunde Stelle in ihrem Gemuͤthe, ein Denkmal der 9* 196—— Trauer, was ihre geſchwiſterliche Liebe mit Blu⸗ men der Wehmuth ſchmuͤckte. Sie reiſte alljaͤhrlich in jenem Badeort, eine einſame Todtenfeyer zu begehen. Dort weilte ſie in melancholiſchen Betrachtungen an dem Grabe, das eng und ſtill des Daſeyns raſcheſten Strom in ein kaltes Bette einſchloß; die erſtarrte Welle des Lebens! wie Jean Paul den kleinen Huͤgel nennt, der uns begraͤbt. Die Graͤfinn Mimoſa war eine muſterhafte Gattinn, und ihr Gemahl ſehr begluͤckt, durch den Beſitz einer Frau, die er mit jedem Tage hoͤher ſchaͤtzen lernte. Aber dies Bewußtſeyn, wenn es auch ihr Pflichtgefuͤhl befriedigte: fuͤllte doch ihr Herz nicht aus; es gab Seiten, von denen es leer und ſehnend blieb. Das Weſen der Graͤfinn nahm, ohne daß ſie es wußte, etwas Leidendes an. Sie taͤuſchte ſich ſelbſt, indem ſie waͤhnte, der Gram um die verlohrene Schweſter, der Wunſch nach Kindern, die ihr die Vorſehung verſagte, zehre ihr heimlich Freude und Frohſinn von der Lippe hinweg, die ſich in leiſen Seufzern uͤbte; aber das innere ſ ——xmxm—— Bangen und Verlangen verſchwieg. Sie war immer gut und ſanft, doch nie recht heiter.— Der Graf lebte nicht lange; er ſtarb an den Folgen eines boͤſen Falles, und litt Monate hindurch. Seiner Gemahlinn hatte er das ſchoͤne Goldbrunn zum Wittthum ausgeſetzt, die uͤbrigen Erben ſeiner Guͤther waren ihm in jedem Sinne fern.— 4 Als er ſein Ende herannahen fuͤhlte, und die Standhaftigkeit der Graͤfinn in Thraͤnen hinfloß, die lindernd in ſeine brennenden Schmer⸗ zen traͤuften, bat er ſie, ihm einen Wunſch zu aͤuſſern, deſſen Erfuͤllung noch in ſeiner Macht ſtuͤnde: das wuͤrde ihm ſein Sterben verſuͤßen. Und großmuͤthig deutete er auf eine zweite Hei⸗ rath hin. Aber die Graͤfinn weinte nur ſtaͤrker und ſprach: nie wuͤrde ſie dieſen Nahmen, den Nahmen des edelſten Mannes! gegen einen anderen vertauſchen. Vielmehr wuͤnſche ſie, ihn auf eine Weiſe vererben zu duͤrfen, welche eine geheime Gebrochenheit ihres Herzens, die ihr einſt den friſchen Lebensmuth geknickt, mit dem Stolze der Achtung, die ihn feſthalte, verbin⸗ 198 den und aufrichten wuͤrde. Darauf erzaͤhlte ſie ihrem Gemahl die ungluͤckliche Begebenheit Aureliens, deren eigentliche Geſchichte ihm bis dahin verborgen geblieben war, und aͤuſſerte den Wunſch: wenn der Sohn ihrer Schweſter am Leben waͤre, und zu einem edlen Juͤnglinge her⸗ anwuͤchſe, ſie ihm einſt dies Guth und den Nahmen Mimoſa nachlaſſen duͤrfte. Der Graf, wenn auch an den Pforten des Todes, hoͤrte es doch gern, daß ſeine Gattinn ihm nur einen kindlichen Nachfolger geben wollte. Er ſetzte mit ſchwachen Haͤnden eine Schrift auf, und gab ihr muͤndliche Inſtruktionen ſie zu gebrau⸗ chen, dann ließ er noch eine gerichtliche Ausfer⸗ tigung in Betreff dieſer Angelegenheit ad depo- situm nehmen. Nach dem Tode des Grafen ging ſeine Wittwe an den Hof, wo ſie dem Landesherrn, in einer geheimen Audienz das Vermaͤchtniß des verſtorbenen Gemahls zu Fuͤſſen legte, und ihn bat, es zu bekraͤftigen. Der Monarch gewaͤh⸗ rend, ließ eine Urkunde aufnehmen, welche die Graͤfinn als ihr theureſtes Geheimniß ver⸗ — 199 wahrte— das einzige, was ſie vor ihrem Seecre⸗ tair— dem Freunde ihrer Seele, hatte. Die Begleitung der Graͤfinn in jenen Badeort, wo ihr Leben verſank, behauptete, ſie wuͤßte nicht, daß die Graͤfinn dieſe koſtbaren Docu⸗ mente jemals dem ungewiſſen Schickſale einer Reiſe ausgeſetzt haͤtte. Aber diesmal muͤſſe die Graͤfinn in einer Ahnung ihres Todes, dieſe Papiere ſelbſt einge⸗ packt haben: denn Niemand wiſſe darum, daß ſie mitgenommen worden waͤren.— Aus einer langen Agonie erwachend, habe die Graͤfinn verlangt, daß zwei der vornehm⸗ ſten Gerichtsperſonen des Ortes, geholt werden ſollten. Die Kammerfrau habe ein ſchweres Briefpaquet aus dem Koffre herbei langen, und ſich dann entfernen muͤſſen. Worauf die Kranke nach einer Stunde fanft und ſelig verſchie⸗ den ſey. La Fos, der die Staatskunſt, welcher er ſich gewidmet, mit nicht minderem Genie und 200— Gluͤck, als jede andere trieb, war im Laufe der Jahre ein beruͤhmter Mann geworden. Die Politik hatte ſeine Leidenſchaften abgekuͤhlt, und ihn das kleine Selbſt uͤber dem großen Intereſſe der Voͤlker vergeſſen laſſen; das Bild ſeines Grams verblich allmaͤhlich, waͤhrend die Sonne des Suͤdens ſein Geſicht bis zur Unkenntlichkeit braͤunte. Er hatte ſich laͤngſt in ſeine Heimath, die, obgleich er aus Frankreich abſtammte, ein deutſches Land war, zuruͤckgeſehnt; aber dieſer Wunſch unterlag Schwierigkeiten, die in feiner Stellung, der er nichts vergeben wollte, nur ſchwer und langſam zu heben waren. Endlich gelang es ihm, ſie zu beſeitigen. Der erbetene Abſchied konnte ihm nicht laͤnger verweigert wer⸗ den. Er ſtrebte fort. Seine Correſpondenten ſendeten ihm ein verſpaͤtetes Reſcript, wie der Datum ergab, vom Miniſterium des Vaterlandes entgegen, deſ⸗ ſen Inhalt ſeine Weiterreiſe beſchleunigte, und ihn gewiß machte, ein hoͤherer Ruf ſey fruͤher an ihn ergangen, weil ſeines Bleibens nicht mehr geweſen. 3 — 201 Es war zu Anfange des Chriſtmonats, als er in B...... anlangte. Die praͤchtige Reiſe⸗ kutſche hielt vor dem erſten Gaſthofe der Stadt. Eine Verſammlung der ganzen Dienerſchaft deſſelben ſtand an der Thuͤre, und theilte ihre Aufmerkſamkeit zwiſchen der Ankunft des vor⸗ nehmen Mannes, der von ſeinen eigenen Leuten bedient wurde, und einer Feſtlichkeit, welche in einem ſchoͤnen Gebaͤude, ſchraͤge uͤber dem Gaſthofe vorzugehen ſchien: denn Wagen an Wagen rollte vor jenes Haus, und der Troß des Poͤbels muſterte neugierig die ankommenden Gaͤſte. Jetzt entſtand ein kleiner Streit, Wer die Letzteren geweſen, und als La Foë den Flur entlang ging, hoͤrte er noch mit lauter Behaup⸗ tung ſagen:„nein! es war der Pupillenrath Locke, der große Mann mit der dicken Frau! ich werde ihn ja kennen!« Dieſer Nahme beruͤhrte die Feder ſeines Herzens, und machte es ſtaͤrker ſchlagen. Er erkundigte ſich nach dem Pupillenrath Locke, er hoͤrte den Nahmen ſeines Sohnes nennen, und die Bruſt wallte ihm in ahnungsvoller Freude. Er kaͤmpfte mit ſich, ob er den erſteren im Ge⸗ nuſſe dieſes Feſtes ſtoͤhren duͤrfte, zwei Stunden unterdruͤckte er das heftige Verlangen ſeiner Seele. Aber als die Erleuchtung von dem Salon druͤben, das Zimmer welches er mit raſchen Schritten maß, erhellte, und dies ſtrahlende Lichterſpiel ihm die Naͤhe des Freundes, im magiſchen Spiegel der Sehnſucht zeigte: da duͤnkte es ihm, er haͤtte eine Ewigkeit gewartet. Er ſchrieb ein Billet, ſandte es hinuͤber— und der Pupillenrath ſaͤumte nicht, dem uͤberraſchen⸗ den Rufe zu folgen. Es war um die achte Stunde, als die Tante nach Hauſe gefahren kam; doch noch immer war der Pupillenrath mit Alexis nicht heim. Phoͤbe, welche im Fieber der Erwartung fror und gluͤhete, konnte die Schleife von dem Mantel ihrer Tante kaum loͤſen, weil ihr die Hand zum oͤfteren verſagte.„Nun ſo moͤgte ich doch in aller Welt wiſſen,“ hob die Raͤthinn an, indeß ihr Phoͤbe das flimmernde Steinkreuz —A— — —ÿ——- 203 abband, und die Staatsrobe von pansée Sam⸗ met, preßhaft enge, nicht ohne Anſtrengung aufhaͤckelte:„wo mein Mann hingekommen iſt! Phoͤbe antwortete, er waͤre da geweſen, und haͤtte Alexis unverweilt abgeholt; wohin? dies ſey ihr unbekannt. „Das muß ein wichtiges Geſchaͤft ſeyn,“ ſagte die Raͤthinn, und ein kleines, aͤrgerliches Mißtrauen in die Geſchaͤftsmaͤßigkeit dieſer un⸗ ſchicklichen Abholung, blickte durch den Vor⸗ wurf:„was nicht warten kann, bis ſolch eine feſtliche Tafel aufgehoben iſt!— Sonſt laͤßt man doch Maͤnner im Amte, in Geſellſchaft in Ruhe, wenn es nicht die aͤuſſerſte Noth erfor⸗ dert, oder dann ſie wenigſtens wieder los!— Ich verſichere Dich, ſeitdem mein Mann den Stuhl ruͤckte, hat mir vor Neugierde— vor Unruhe, will ich vielmehr ſagen— kein Biſſen mehr geſchmeckt, wie koͤſtlich auch alles war. Nur verkuͤhlten die Speiſen, waͤhrend ſie herum⸗ gereicht wurden, weil manche Leute die uͤble Gewohnheit haben, ſo langſam zuzulangen. Andere fahren wohl zehnmal in die volle, ſchwere 204 Schuͤſſel, welche auf dem Arme des Serviren⸗ den ſchwankt, weil ſie reden, anſtatt zu ſehen. Dann iſt es kein Wunder, wenn das Eſſen kalt an die Letzten kommt— mir aber kann bruͤhſie⸗ dend heiß dabei werden.“ „Das Deſert war am ſchoͤnſten! in der Mitte, ſtand ein Ehrentempel, mit vielen kleinen Inſchriften geziert, allerliebſt anzuſehen.— Ich habe Dir auch etwas, mitgebracht.“ Sie öͤffnete den Pompadour.„Sieh hier, ein Vanil⸗ len⸗Toͤrtchen! das broͤckelt ſich nicht ſo leicht, und macht keine Flecke; darum ſteckte ich es ein. Und dieſes Bonbon— es ſieht ſo haͤuslich aus! das Maͤdchen hier, plaͤttet ein Herz. Wenn Du hier unten an dem Streifchen Papier zie⸗ heſt: ſo faͤhrt die emſige Kleine hin und her mit dem Platteiſen, das Herz wirft ordentlich Fal⸗ ten— und drunter ſtehen die Worte: ſorge nicht, ich werde Dich gar nicht verbrennen, nur die kleinſte Falte an Dir, moͤgte ich kennen!— Aber Phoͤbe, was haſt Du? die Augen ſtehen Dir voll Thraͤnen! ich merkte ſchon vorhin daß Du zitterſt. Sprich doch, was iſt vorgefallen? — 205 Nie hatte die Raͤthinn muͤtterlicher zu Phoͤ⸗ ben geredet. Wie die Erſtere ahnungslos das Verslein des Bonbons ſagte, war es Phoͤben, als fordere die Tante ſelbſt ihr Vertrauen, als duͤrfe keine Falte ihres Herzens das Geheimniß ihrer Liebe mehr verſtecken— und eine heiße Wallung des Gefuͤhls warf das Maͤdchen an die offene Bruſt der Tante, wo es Thraͤnen vergoß, wie ſie ſelten oder nie, an dieſer einſamen Stelle geweint worden waren. In dieſem Augenblicke trat Lenore ein, in jeder Hand eine Spiegelſcherbe.„Nun, wie iſt denn das zugegangen?“ ſagte ſie, die ſpitzen Fragmente vorzeigend:„der Spiegel in des Fraͤuleins Zimmer, iſt ja in Stuͤcken!“ Phoͤbe warf einen Blick auf die Scherben— ſie ſpiegelten den ſeligſten Moment ihres Lebens zuruͤck; die Tante aber der Meynung, Phoͤbe ſey in Angſt, weil ſie ſich dieſes Schadens ſchul⸗ dig wuͤßte, ſagte guͤtig, ja, faſt freudig:— „nun, laſſe es nur gut ſeyn, Phoͤbe! und beru⸗ hige Dich daruͤber; der Spiegel war ſchief, und es iſt mir eigentlich lieb, daß er entzwei iſt. 206— Er verzog die beſte Miene, darum wollen wir einmal Fuͤnfe gerade ſeyn laſſen. Ich bin nicht boͤſe!« „Das iſt brav!“ ſprach der Pupillenrath, der bei dieſen Worten ſeiner Frau eintrat:„denn ich bringe gute Nachricht.“ Ihm folgte Alexis mit leuchtenden Augen. Als ſich nun auf das Geheiß des Hausherrn Lenore, die lauernde Anklaͤgerinn, entfernt, und er dann mit eilenden Lippen erzaͤhlte, Alexis, nicht ſein Sohn hinfort, doch Weſſen? habe den Vater, und an dieſem Tage, ein dreifaches Gluͤck gefunden— und in aller Kuͤrze, deren er in ſo großer Aufregung faͤhig war, die Geſchichte der Vergangenheit und die Beſchluͤſſe der Zukunft enthuͤllte, wobei er Alexis und Phoͤ⸗ bens Haͤnde leiſe und laͤchelnd zuſammen fuͤgte: da ward die Raͤthinn ſprachlos vor Erſtaunen, und ſtand wie ein Bild von Stein; doch in jedem Pulſe Phoͤbens klopfte eine Seele— eine Seele entzuͤckter Freude! Sie durfte dem Juͤng⸗ linge, den ſie liebte, angehoͤren, er trug den Nahmen, der ihr der theureſte war auf Erden, 207 und in Goldbrunn, dieſem Born der Heimath, aus dem ſie allen Segen geſchoͤpft, der ihr je zu Theil geworden war, durfte ihr Leben hin⸗ rinnen, bis es ſich in das Meer der Ewigkeit ergoͤße! ihr geſtorbenes und beweintes Gluͤck erſtieg gleichſam aus ſeinem oͤden Grabe, und anbetungswuͤrdig erſchien ihr der kurze, dunkle Weg, den die Vorſehung ſie nur darum gefuͤhrt, daß ſie die Herrlichkeit Gottes ſaͤhe!— „Ich war Pupillenrath— ſagte Alexis edler Pflegevater, am Schluſſe ſeiner Rede, und ein feines Ohr wuͤrde in dieſem Punk⸗ tum, dem ein pauſirender Gedankenſtrich folgte, mehr das zufriedene Bewußtſeyn, wie wohl er jenen verwaiſeten Sohn des Ungluͤcks berathen haͤtte, als eine amtliche Geweſenheit, vernom⸗ men haben:„aber fuͤrder will ich nur Major domus Deines Hauſes ſeyn, Alexis! denn Du biſt müͤndig!“ Alexis umhalste den Vater, der es ihm, ſeiner dankbaren Verſicherung nach, ewig ſeyn wuͤrde— aber fuͤr die Faſſungskraft der Raͤthinn Majorinn, war dieſe Cataſtrophe zu uͤberſchwaͤnglich. 2908— Als das Fruͤhjahr wiederkehrte, und die Gartenfuhre aus Goldbrunn, mit Kraͤnzen ge⸗ ſchmuͤckt, zur Stadt kam, rollte Phoͤbe an Alexis Seite auf dies reizende Guth, um ſich dort trauen zu laſſen, und die bluͤhende Myrthe, das Symbol der Unſchuld und Braͤutlichkeit, beſchat⸗ tete den kleinen Mond auf ihrer Stirne, der unter dem Erroͤthen der Liebe zuweilen hervor⸗ trat.— Sie fuhren im Wagen mit Phaetons Bilde, doch ſchlief Alexis nicht, wie damals, als Phoͤbe ihn zuerſt ſah— und ihre Reiſe war ein Son⸗ nenflug durch alle Himmelsfernen der Hoffnung. Vielleicht wuͤrde Alexis nicht ganz der Gefahr entgangen ſeyn, welcher der Sohn des Phoͤbos unterlag:— denn er fuͤhlte ſich von leidenſchaft⸗ licher Gluth entflammt— haͤtte Phoͤbe nicht mit zarten Haͤnden die Zuͤgel gelenkt, daß ſie auf aͤtheriſcher Bahn blieben, und ſich nicht erd⸗ waͤrts naͤherten.—. Im zweiten Wagen fuhr der Pupillanmath mit ſeiner Frau, im dritten folgte La Fos, der nun den Reſt ſeines thatenvollen Lebens in Ruhe — — — 209 beſchließen, und ſich nicht mehr von feinem Sohne trennen wollte. Der Pupillenrath brachte den Feyerabend ſeines Tagewerks groͤßtentheils in Goldbrunn zu, und lebte der Freundſchaft und in Frieden. Auch ſeine Frau fand Gefallen an jenem Aufenhalte, und Gelegenheit, der graͤflichen Nichte durch die Practik ihrer Erfahrungen nuͤtzlich zu wer⸗ den: denn der Nutzen war nun einmal der Altar, auf dem ſie all ihr Denken und Sinnen ihr Straͤuben und Streben opferte.— Dem Alexis war ſie verſoͤhnt, ſeit er Mimoſa hieß; das Schickſal ihrer Ehe, hatte ſich mit dem ſeinigen freundlich gewendet, und die Raͤ⸗ thinn vor Jedem, den das Gluͤck beguͤnſtigte, Reſpekt. Sie gab den aͤuſſeren Erfolgen immer Recht, wie ſelten ſie auch Tugend und Verdienſt vor der Welt wuͤrdigen moͤgen. Allein, wenn der Aufſchluß eines Raͤthſels in Alexis Herkunft, welches ſie ſo lange mit eiferſuͤchtiger Scharfſinnigkeit zu loͤſen bemuͤhet geweſen, ihr zugleich uͤber ihres Mannes ver⸗ kannten Edelmuth— und uͤber ſo manches an⸗ 210 dere— noch, die Augen oͤffnete: ſo ging der glaͤnzende Aufgang der liebenswuͤrdigen Phoͤbe, aus tiefer Dunkelheit der Armuth, doch gaͤnz⸗ lich uͤber ihren Horizont. Als ſie einſt gegen ihren Mann einige Worte uͤber dieſen Gegenſtand fallen ließ, ſagte er:„geſtehe, liebe Frau, wie wenig die Groͤße Gottes von den kleinlichen Berechnungen der Menſchen gefaßt werde! Dieſe gleichen nur zu oft dem wimmelnden Geſchlecht der Ameiſe, die ſich tief in die Erde hineinwuͤhlt, Vorraͤthe häuft, das winzige Leben mit Muͤhen belaſtet, und deren ganze Arbeit ein Grab iſt! welches ein Hauch der Zeit bald genug ſpurlos verſchuͤttet.— Die Tugend nur und die Poeſie wohnt uͤber den Wolken, aber die Thorheit haͤlt den leichten Sitz der Gedanken fuͤr ein Luftſchloß, und ſich allein ſicher auf dem wankenden Boden der irrdiſchen Welt. Siehe! Dein Bruder verlohr ſein Ver⸗ moͤgen, er war bereit, ſeinen liebſten Wunſch der Idee des Rechts zu opfern, und die Vor⸗ ſicht belohnte ihn dafuͤr, daß er ein treffliches Weib gewann, und ein Leben fuͤhrte, um das 3 ‿ — 211 ihn Goͤtter haͤtten beneiden koͤnnen. Die Freund⸗ ſchaft ſelbſt winkte ihm an der Schwelle des Todes.— Phoͤbe“— „Ich haͤtte,“ unterbrach ihn ſeine Frau: „an der Stelle von Alexis Tante ihr ein ſchoͤnes Legat im Teſtamente vermacht. Daß dies ver⸗ ſaͤumt worden, war mein Aerger: denn daß alles ſo kommen wuͤrde, konnte ſie nicht wiſſen.“ „Gott wußte es!“ antwortete der Pupil⸗ lenrath mit glaͤubiger Ruhe:„Er giebt immer mehr, als wir bitten, oder verſtehen. Phoͤbe iſt jetzt Graͤfinn Mimoſa! die Selige liebte Dei⸗ nen Bruder; aber ihre Neigung war rein, wie ihre Seele. Sie konnte ihn zu nichts Hoͤherem erheben als zu ihrem Freunde, und ſeine Toch⸗ ter iſt durch eine wunderbare Verkettung von Umſtaͤnden ihre Nachfolgerinn geworden. Der Menſch, liebe Frau, ſollte weder richten noch rechnen: denn der ewige Geiſt dort Oben, ſpricht ſeiner That das Urtheil, und mißt Jedem ſein Loos nach den Geſetzen einer gerechten Ver⸗ geltung.“ Hier ſchwieg der Pupillenrath; ſein Auge ſchimmerte, und ſah vor ſich hin, als ver⸗ 212 weile es auf dieſer Betrachtung. Er blickte aber hinaus uͤber das nahe Ziel, und freuete ſich einer kuͤnftigen Welt. Die Raͤthinn ſeufzte. Sie erhob ſich fuͤr einen Augenblick zu der Anſicht ihres Mannes, und ſchauete in ein oͤdes Alter; eine einzige, freundliche Geſtalt, die verſoͤhnliche Aufnahme der verlaſſenen Phoͤbe, ging ihr zur Seite, doch viele Schatten verdunkelten den einſamen Weg. Allein kaum war dieſer Moment voruͤber, ſo ſank ſie in die beſchraͤnkte Sphaͤre zuruͤck, in der ſie ſich kluͤger hielt, wie die Kinder des Lichts. Sie machte Phoͤben, die eben hinzutrat, Vorwuͤrfe, uͤber eine Handlung der Milde, womit die junge Graͤfinn, edel wie ihr Vater, ſchnoͤden Undank vergolten hatte. Doch Phoͤbe laͤchelte wie ein ſegnender Engel, und der Pupillenrath wendete ſich ab, und ſprach leiſe fuͤr ſich hin:„Tante und Nichte!— Proſa und Poeſie!“ V 24 Die dritte Frau. Was liegt dem guten Menſchen naͤher als die Seinen? Schiller. Jn der Sonne— nicht in der, welche den Anfang dieſer Erzaͤhlung ſo milde beſcheint— ſondern in dem Weinhauſe, der Stadt 4**. welches dies erhabene Zeichen im Schilde fuͤhrte, ſaß eine kleine, frohe Geſellſchaft bei einem Abendſchmauſe. Wer die hellen Geſichter, die ſtrahlenden Augen der Herren dieſer Tafelrunde ſah, und die Sprache ihrer feurigen Zungen hoͤrte, haͤtte ſie wohl fuͤr Gaͤſte jener flammen⸗ den Welt halten moͤgen: denn die Freude hob ſie mit fluͤchtigen Schwingen hoch uͤber den truͤ⸗ ben Dunſtkreis der Erde empor. Der Sonnenwirth ſchien jedoch wenig geeig⸗ net, den Herrn der Sterne zu repraͤſentiren. Es war ein hagerer, triſter Mann, von unanſehn⸗ licher Geſtalt, und dumpfen, gleichguͤltigen Zuͤ⸗ gen. Die ſtechenden Blicke, der kleinen, fun⸗ kelnden Augen, hielt er beſtaͤndig an den Boden geheftet, als ſuche er die gute, alte Zeit, und moͤgte ſie wie mit Nadeln aus ihrem tiefen Grabe hervorwuͤhlen. Von ſlavoniſcher Abkunft, hatte er einſt Briſeis oder Briſeus geheißen; doch die Einwohner dieſer guten Stadt kuͤmmerten ſich nicht um die Claſſicitaͤt jener Nahmen, und hat⸗ ten ihn zu groͤßerer Bequemlichkeit Briſel ge⸗ firmelt, wobei es denn geblieben. Auch haͤtte ſich ſchwerlich irgend ein Vergleichungspunkt zwiſchen ihm und der ſchönen Freundinn des Achilles auffinden laſſen, und mit dem holden Bachus gewiß nur in ſo fern, als der alte Bri⸗ ſel den Dienſt des jugendlichen Gottes verſah. Obgleich eine lange Reihe von Jahren hin⸗ ter ihm lag: ſo waren die Hoͤhen des Lebens ihm im Sinne des Spruͤchworts— noch immer boͤh⸗ miſche Berge, und von ſeinem heimathlichen Sinne uͤbrigte ihm nur ein abſonderlicher Ge⸗ ſchmack an Faſanen, deren er in jedem Herbſte ſich einen Transport kommen ließ, und die ſpe⸗ culative Vorliebe fuͤr die Rebe aus Ungarn. Das Geſtirn dieſes Hauſes hatte manchem heilloſen Tage geleuchtet, und das Gold ſeiner Strahlen war mit dem Wohlſtande der Buͤrger verloren gegangen: denn der Krieg hatte jenen Ort hart mitgenommen. Damals ſah es in den Souterrains des Herrn Briſel traurig aus. Im Ausbruch des edelſten Weines, und verwuͤ⸗ ſtender Wuth, badeten die Franzoſen ſich die Fuͤße; ein dunkler Inſtinkt ſagte ihnen vielleicht, daß ſie dieſer Staͤrkung bald beduͤrften.— Ein muthwilliger Chaſſeur vergriff ſich ſogar an dem Bilde, das mit matter Indolenz auf Gute und Boͤſe niederſah, und mahlte dem Geſicht der Sonne einen martialiſchen Schnurrbart. Gern haͤtte Briſel dieſen laͤcherlichen Makel— ſeine Rechnung hatte ohnehin ſo manchen ſchwarzen Strich— herſtellen laſſen; aber das bloße Wort: Reſtauration war ihm in der Seele zuwider, weil ein neues Etabliſſement ſo hieß, das ſeiner Nahrung großen Schaden zufuͤgte. Briſel ſorgte wohl fuͤr einen guten Keller, doch mit Beef⸗ ſteaks und anderen Feinſchmeckereyen ließ er ſich nicht ein. Offene Tafel hielt er nur bei beſonde⸗ Die dritte Frau. 10 rer Veranlaſſung fuͤr einen geſchloſſenen Cirkel der Herren gedeckt, die, ſaͤmmtlich Maͤnner bei der Stadt, und ſeine guten Kunden waren. Einen Anlaß, dieſe ſeine Ausgewaͤhlten zu einem kleinen Gaſtmahle einzuladen, fand Briſel, wenn die leckern Voͤgel aus Boͤhmen angeflogen kamen, und ſolch ein Faſanenſchmaus war es eben, wel⸗ cher die vergnuͤgte Geſellſchaft, deren wir zuerſt erwaͤhnten, an einem ſpaͤtherbſtlichen Abende verſammelte. Die Gunſt des Zufalls erhoͤhete die Stimmung zur Freude, durch ein unerwar⸗ tetes Ereigniß, welches den Tonangeber bis in den dritten Himmel entzuͤckte. Als der Syndi⸗ kus Stahl um die anberaumte Stunde aus ſei⸗ nem Hauſe uͤber den Platz ging, ſah er an dem vornehmſten Gaſthofe einen Reiſewagen halten, deſſen Laternen einen Lichtſtreif uͤber das feuchte Steinpflaſter ſtreckten. 14 Er hoͤrte ſeinen Namen, ſeinen Titel deut⸗ lich nennen, und wie in dem Befehl zu einer Meldung. Die Stimme war ihm bekannt vor⸗ gekommen, wie der Klang einer Glocke, die fernher zum Gebaͤchtniſſe toͤnt, bewegte ſie ihm 219 das Herz im tiefſten Buſen.— Er trat an den Wagen, nannte ſich, fragte, Wer ihn zu ſpre⸗ chen wuͤnſche? und der liebſte Freund ſeiner Jugend ſtuͤrzte in freudiger Haſt von dem Tritt herab in ſeine Arme. Es war dies der Regierungs⸗ rath Otfried aus einer anderen Provinz. Ein Comiſſorium fuͤhrte ihn durch dieſe Stadt, und er mogte keine Minute verſaͤumen, die er der Freundſchaft goͤnnen durfte. Sie hielten ſich eng umſchloſſen, ein langes, amtliches, erfah⸗ rungsreiches Leben dehnte ſich zwiſchen ihnen aus; aber es war jetzt nur der ſchmale Raum, welcher eine ſelige Bruſt von der andern trennte. Der Syndikus ließ das Gepaͤck des Freun⸗ des nach ſeiner Wohnung bringen, und ging ſelbſt noch einen Augenblick dahin zuruͤck, um ſeine Frau von dem Gaſte in Kenntniß zu ſetzen, den er mit in die Sonne nehmen wuͤrde, und ſie, die den ganzen Tag uͤber an Kopfſchmerz gelit⸗ ten, zu bitten, daß ſie ſich zeitig zur Ruhe begaͤbe, und ja nicht etwa auf die Heimkehr der Naͤnner warte, die vielleicht erſt ſpaͤt erfolgen koͤnnte. 10* 220— Waͤhrend dieſes kurzen Verweilens hatte der Regierungsrath im Gaſthofe eine ſchnelle Toilette gemacht, von wo der Syndikus ihn nun abholte. Als ein Matador dieſer Geſell⸗ ſchaft konnte er es ſchon wagen, einen Fremden der ſein Freund war, darin einzufuͤhren. Dieſer kleine, froͤhliche Kreis zaͤhlte keine einzige Phili⸗ ſterſeele, die ſich durch ein unbekanntes Geſicht geſtoͤrt gefuͤhlt haͤtte. Lauter wackere, meiſtens geiſtvolle Maͤnner, welche im Staube der Ge⸗ ſchaͤfte nicht vertrocknet waren, daß der Quell des Vergnuͤgens der in des Herzens Tiefe fließt, ihnen verſiegt waͤre, und eben ſo faͤhig, ſich in der Freude zu berauſchen, wie im Wein. Vor allen ſchien der Geiſt der Freude den Syndikus zu beſeelen. Dieſer, ein Mann von vorgeruͤckten Jahren, und Emeritus bereits, zeigte in der Haltung ſeiner kraͤftigen Geſtalt, in dem regſamen Gebehrdenſpiel, in den lebhaften Mienen, keine Spur des Geweſenſeyns; vielmehr gehoͤrte er der Gegenwart noch ganz und gar. Aus ſeinen hellen, offenen Augen blitzte eine gutmuͤthige Flamme, das Geſicht deſſen friſche Farben ſich erhalten, ſtrahlte Ver⸗ gnuͤgen, und wo die Zuͤge ſich vertieften, ſchie⸗ nen ſie nur ein kleines, ruhiges Depot der Zu⸗ friedenheit zu ſeyn. Nur die grauen Loͤckchen der kurzgeſchnittenen Haare, ſahen wie eine Ironie des Alters aus. Er war ſehr gut mit Sorgfalt ſogar, doch einfach gekleidet; an den vollen weißen Haͤnden blinkten drei goldene Trauringe, die er zuweilen ſinnig betrachtete— und dann glaͤnzte ſein Blick. Wie ſo ganz anders ſein Freund! der Re⸗ gierungsrath, obwohl juͤnger, ſchien mindeſtens ein Decennium mehr zu haben. Seine hohe Geſtalt war ein wenig gebuͤckt, die Bruſt einge⸗ funken, als haͤtte ein ſchweres Schickſal oder die Laſt der Sorge ihn gebeugt, und der Glaube ihm gefehlt, der Berge des Kummers verſetzt.— Sein Auge, getruͤbt— vielleicht von der Reiſe— war ein Spiegel finſterer Erfahrung, und auf feiner Stirne hatten tiefe Furchen eingeſchnit⸗ ten; aber der troͤſtende Gedanke: der Menſch ſey geboren zu leiden, wie die Vogel ſchweben, emporzufliegen! ſchien nicht darin zu niſten. 222— Die antike Form des Geſichts war von tauſend feinen Faͤltchen der gilblichen Haut bedeckt, die wie der Vorhang einer Tragoͤdie, auch dienſt⸗ bar, eine luſtige Perſon, eine fluͤchtige Poſſe dar⸗ zuſtellen, durch welchen aber doch ein zerriſſenes Herz, und das Werk der Taͤuſchung blickt.— Ein ſarkaſtiſches Laͤcheln ſchwebte um ſeinen Mund, der harmloſe Scherz ſchien dieſer her⸗ ben Lippe laͤngſt entflohen— ſeine Worte ent⸗ hielten oft bitteres Salz, und dennoch noͤthigte dieſer Mann ein waͤrmeres Gefuͤhl, und das Intereſſe des Beifalls ab. Niemand ward durch ſeine Anweſenheit befangen, oder gehindert, ſich an die Freude hinzugeben; er miſchte ſich in den Kreis den die Unterhaltung durchlief, er verrieth nirgend ein Fremdſeyn, und zeigte ſich wie Einer, der um ſo mehr uͤberall zu Hauſe iſt, als ihm die wahre Heimath der Seele fehlt. Die Faſanen wurden aufgeſetzt, und nah⸗ men ſich in den farbigen Kragen, von zierlich ausgeſchnittenem Papier, ſtutzerhaft hoffaͤrtig aus. Ein geuͤbter Trancheur zerlegte die koͤſtli⸗ chen Braten, ſie wurden ſammt Zubehoͤr herum gereicht. „Senf! wuͤrde ich noch bitten”— rief der Regierungsrath, und zauderte zu eſſen. „Senf?“ wiederholte die Aufwaͤrterinn mit leiſem Befremden, als daͤchte ſie nicht recht ver⸗ ſtanden zu haben. „Senf?“ fragten die Andern in lauter Ver⸗ wunderung: „Senf zum Faſan? „Nun,“ erwiederte der Regierungsrath mit komiſchem Ernſt:„halten ſie dies dem Fremdling zu Gute!l ich glaubte nur, hier wuͤrde zu jedem Gericht Senf gegeſſen.“ Man lachte: denn zufaͤllig hatte es ſich bei den vorhergehenden Speiſen ſo getroffen. Jeder gab nun ſeinen Senf zu dieſem Einfalle. Das Geſpraͤch kam allmaͤhlig auf geiſtige Wuͤrzen, auf geſelligen Genuß. Man klagte, daß die Stimmung dazu immer mehr und mehr verloren gegangen ſey.„Ja, das iſt wahr,“ ſagte der Syndikus:„wir leben wie Inſulaner. Ein weites Meer conventioneller Ruͤckſichten iſt 1 zu umſchiffen, ehe wir einmal traulich zu einan⸗ der gelangen koͤnnen. Und das iſt nicht der Wille Gottes, der das Band gegenſeitiger Beduͤrfniſſe ſo eng, ſo feſt um die Menſchen geſchlungen, daß ſie einander nahe bleiben ſollen, in herzlicher Theilnahme. Kindlein! liebet Euch unter einander! mit dieſem Spruche des Lebens auf der heiligen Lippe, ſtarb der Juͤnger der Liebe; aber die Welt beherziget es nicht mehr. Bei dieſen Worten blickte der Syndikus mit einem kleinen Seufzer auf die drei goldnen Ringe nieder, welche als Glieder einer ewigen Kette das Geheimniß ſeines Gluͤckes einſchloſſen. „Aber der Sinn fuͤr die Geſelligkeit iſt doch ſehr cultivirt,“ fiel der Regierungsrath ein: „man kommt wenig mehr zu ſich ſelbſt: daher die Klage uͤber den Verfall der Zeit, uͤber den Untergang des ſchoͤnen, haͤuslichen Stilllebens, welches fruͤher ſo ſicher Wohlfahrt und Hausfrie⸗ den begruͤndete. Jetzt findet man es etwa nur in einem veralteten Familienroman, in einem Schauſpiel von Iffland, den man, wie Boͤrne von Richardſon ſagt— gaͤhnend verehrt. Das — 225 jetzige Geſchlecht iſt liberaler geworden.— Aber um auf das Vorige zu kommen: dieſer Ort iſt doch ziemlich groß, und ich ſollte meynen”⸗—— „An Gelegenheit zu geſellſchaftlichen Zu⸗ fammenkuͤnften fehlt es auch hier ganz und gar nicht,“ unterbrach ein einheimiſcher Herr die Vorausſetzung des fremden Gaſtes:„aber ſie haben ihren eigentlichen Zweck verloren. Das Spiel iſolirt durchaus, und dies iſt leider! an. der Tagesordnung. Es wird nirgends mehr geſprochen, es wird nur geſpielt.“ „Das heißt den Nagel auf den Kopf getrof⸗ fen,“ nickte der Syndikus, dem Manne der eben geredet zu.„Die Spielſucht, dieſe Krankheit der Zeit, daran unſere Freuden ſterben, iſt mir ein Graͤuel, beſonders an den Frauen. Das Streben nach Gewinn, die ſchlaue Kunſt der Intrigue, ein keckes Wagen, dieſe Eigenſchaf⸗ ten, welche das Spiel weckt und uͤbt, ſind es, die dem wahrſten Weſen der Weiblichkeit ſcha⸗ den. Und unſere Maͤdchen ſogar, haben keine andere Charte der Erkenntniß, als die franzoͤſi⸗ ſche. So kann ich einen Anblick nicht vergeſſen, 226—— der im verfloſſenen Fruͤhjahre meine ganze Seele empoͤrte. Ich war mit meiner Frau in den Garten des Kanzley-Direktors, geladen. Wir kamen etwas ſpaͤt, die Tochter vom Hauſe em⸗ pfing uns, Vater und Mutter ſaßen bereits im Pavillon bei der Parthie. Die huͤbſche Kleine hatte ein ſeidenes Schuͤrzchen mit Taſchen um, das ihr allerliebſt ließ, und ich verknuͤpfte ſtill erfreut, den Begriff wirthlicher Haͤuslichkeit mit dieſer Schuͤrzenſchleife. Aber oweh! aus der zierlichen Taſche lugte eine Reſerve⸗Karte hervor, und der Pikbube ſah mich grimmig an, als wuͤßte er, daß ich eine alte Pique auf ihn haͤtte.— Es war ein himmliſcher Tag, der ſich neigte. Ich ging in dem großen Garten umher, und ergoͤtzte mich an ſeiner Ordnung und Schoͤne. Das Herz ging mir weit auf— ich redete mit den Blumen, und ſog aus ihren Kelchen ſuͤße Luſt an dem Schoͤpfer aller Dinge.— Da komme ich an eine Laube, uͤppig begruͤnt, drinnen ſitzen vier junge Damen und— ſpielen. Ich gruͤße fluͤchtig, bleibe jedoch von ferne, aber auf mei⸗ nem Geſichte mogte ſich unwillkuͤhrlich ein vor⸗ — aA— — a — 227 wurfsvolles Befremden ausdruͤcken: denn die eine der Damen wendete ſich mit einem Honig⸗ blicke der Entſchuldigung nach mir um, und fprach: wir wollten auch gern den herrlichen Abend im Freien genießen. Und daneben ſang die Nachtigall ihr goͤttliches Gedicht, zu ſehn, ob es die Menſchen fuͤhlten— und die roͤthli⸗ chen Bluͤthen taumelten herab, und miſchten ſich unſchuldig in das Spiel. Eine junge, hectiſche Frau, von kaum zwanzig Jahren, ſaß dabei; der Tod blickte aus ihren Zuͤgen, aber mit blei⸗ chen Lippen und Haͤnden miſchte ſie emſig die Stiche und zaͤhlte Marken. Ach! und ihre Stunden waren doch gezaͤhlt!— Mit Grauen meynte ich fuͤr mich: daͤchteſt Du doch, Sterben iſt mein Gewinn! und ſchweigend ſchlich ich voruͤber. Nach drei Tagen ſchon hoͤrte ich, ſie waͤre geſtorben.“ Eine momentane Pauſe entſtand, der Ge⸗ danke des Todes ſchwebte ſtill und ernſt uͤber der froͤhlichen Geſellſchaft. Ein jovialiſcher Mann, der dem Syndikus gegenuͤber ſaß, brachte einen Toaſt aus, und dann eine aufregende 228 Reminiscenz vor. Er ſprach:„einſt war es an⸗ ders und beſſer. Als das Odeum noch florirte— nicht wahr mein alter Degen?“— Die Augen des guten Stahls blitzten.„Ach!“ rief er:„daran denke ich mit Entzuͤcken noch. Die Geſaͤnge der groͤßten Meiſter toͤnten an unſe⸗ rer Liedertafel, die erſten Sterne am Himmel der Dichtkunſt, erhellten jene Abende mit uͤber⸗ irrdiſchem Schimmer. Namen, wie Goͤthe, Schiller, Herder und Jean Paul, wurden mit Ehrfurcht genannt, ihre ſchoͤnſten Gedanken und Gefuͤhle ſchwebten auf jeder Lippe, und jedes Herz war ihres Geiſtes voll. Der Krieg zer⸗ ſtoͤrte dieſen Verein, und das Odeum wurde ein Lazareth; ſpaͤter ging es in Feuer auf; aber kein Phoͤnix der Poeſie hat ſich aus dieſen Flammen aufgeſchwungen.“— Ein Spoͤtter bemerkte:„der Geiſt der Dichtkunſt hingegen, ein aͤchter Äther! hat ſich verfluͤchtiget, und iſt zu Waſſer geworden. Es gehoͤrt heut zu Tage zum feinen Ton der Bildung, ein Schriftſteller zu ſeyn, und im Fache der hiſtoriſchen Novelle geleiſtet zu haben.“ „ 8 —— — 229 Der Syndikus ſah vor ſich hin, und ſprach: „nenne mir die Novelle nicht, Bruder! wenn ich bei Humor bleiben ſoll. Du weißt ja wohl warum.“ „Ich aber weiß es nicht,“ ſagte der Regie⸗ rungsrath wie mit dem Anrechte der alten Freundſchaft. „So will ich es Dir denn ſagen,“ antwor⸗ tete der Syndikus:„mein Stiefſohn und Nach⸗ folger im Amt, iſt ſolch ein eifriger Scribent. Er hat Talent— allein das iſt nur um ſo ſchlim⸗ mer. Tagelang durchwuͤhlt er das Archiv, um craſſe, criminaliſtiſche Stoffe aufzuſtoͤren, waͤh⸗ rend ich wuͤnſchte, er vergaͤße was ihm am Her⸗ zen liegt, und waͤre mit mir vergnuͤgt. Der finſtere Sinn jener fruͤheren Barbarey beſchleicht ſein Gemuͤth, und verduͤſtert ihm die Seele. Seine Muſe iſt unheimlich wie ein Geſpenſt ich aber lobe mir die milde Helle des Lebens, und einen Genius der das Licht liebt.“— Der getadelte Geſchmack des jungen Schrift⸗ ſtellers erregte durch eine natuͤrliche Ideen⸗Aſſo⸗ ciation eine verwandte Vorſtellung in Einem der 230— Herren, der alsbald ſtrebte, dieſe frohe Erinne⸗ rung mit dem Syndikus zu theilen, und ſprach: „weißt Du noch, Alterchen, wie wir den Wal⸗ lenſtein ſpielten?“ Der Syndikus laͤchelte zu dem Frager hinuͤber, und antwortete:„was ſollte ich nicht! das Andenken jener intereſſanten Epoche iſt mir unvergeßlich geblieben. Wir hat⸗ ten uns naͤmlich,“ ſo wendete der Syndikus ſeine Rede an die Übrigen:„als unter welchem wir ich mehrere Civiliſten, und beinahe das ganze Corps der juͤngeren Offiziere verſtehe, das ſehr geſcheute, liebenswerthe Leute zaͤhlte— das Drama in ſeinen drei Abtheilungen einſtudiert. Es ging wie am Schnuͤrchen. Um Aufſehen zu vermeiden, kamen wir draußen in der Tieſel⸗ muͤhle zuſammen. Die Natur war unſtr Schauplatz, und ſchoͤnere Perſpektiven haͤtte nicht leicht ein Theater aufzuweiſen. Das toſende Wehr machte den Kriegsſtrom anſchau⸗ lich, ein gemauertes Sommerhaus ſtellte den aſtrologiſchen Thurm vor, eine umgeſtuͤrzte Tonne das Faß, worauf der Pater ſteht und predigt. Wir waren gluͤckſelig dabei. Guter Gott! daß 2 * — 231 die kuͤnſtliche Begeiſterung in die wir uns ver⸗ ſetzten, vorbereitend fuͤr die naͤchſte Zukunft waͤre, ahneten wir wohl nicht. Ueber den Fuͤr⸗ ſten von Friedland kraͤht laͤngſt kein Hahn mehr— Mar und ſeine Pappenheimer fielen ei Jena, und der Capuziner liegt, wunder⸗ bar genug! in einem Kloſter begraben. Noch rauſchen die Waſſer der Muͤhle wie damals— die Raͤder brauſen,— und mit Wehmuth gehe ich voruͤber, und denke an den Umſchwung der menſchlichen Schickſale!“ Es war bereits Mitternacht, als die Geſell⸗ ſchaft aufbrach. Der Syndikus fuͤhrte den Gaſtfreund durch die ſtillen, naͤchtlich oͤden Stra⸗ ßen nach ſeinem Hauſe. Sie gingen ſchweigend. Jetzt waren ſie zur Stelle, der Syndikus zog den gewichtigen Schluͤſſel aus der Taſche des Mantels, und oͤffnete die große Thuͤre ohne Ge⸗ raͤuſch. Eine Laterne leuchtete von der hohen Woͤlbung des Flurs, und mit ſachtem Schritt ſtiegen die beiden Maͤnner die Treppe hinane Sie traten in das Wohnzimmer, und fanden eine angenehme Temperatur. Das Dienſtmaͤd⸗ A— ₰ * chen, welches auf die Ankunft des Hausherrn gewartet, entfernte ſich jetzt auf ſein Geheiß, nachdem es ein paar friſche Lichter angezuͤndet. Ein volſfäntiger Thee⸗Apparat ſtand zurecht, die gefuͤllte Kanne auf der warmen Stelle des Ofens. Ein tuͤrkiſcher Schlafrock hing uͤber den Polſtern des Sophas, und ein paar wollenweiche Pantoffeln, boten ſich bequem dar. „Du ſiehſt, Lieber,“ ſagte der Syndikus leiſe und mit behaglichem Laͤcheln:„es iſt fuͤr alles geſorgt, und meine gute Frau hat, trotz ihrer Maladie, daran gedacht, wie ſo gern ich ein Stuͤndchen noch mit Dir plaudern wuͤrde. Und wirklich ſehne ich mich herzlich darnach! mache Dir es alſo bequem, mein Freund! dann rauchen wir ein Pfeifchen zuſammen, wenn Du nicht etwa zu muͤde waͤreſt.“ Der Regierungsrath verſicherte, er fuͤhle ſich viel zu aufgeregt, um ſchlafen zu koͤnnen, und dieſer Vorſchlag komme ſeinem eigenen Wun⸗ ſche zuvor. B Er warf ſich in die Ecke des Sophas, u und nahm die Einrichtung des Zimmers in Augen⸗ — 233 ſchein, welche traulich anſprach. Athem der friedſamſten Stille wehete in dieſen Raͤumen. In der Vertiefung des mittleren Fenſters ſtand ein Naͤhtiſch, und an deſſen beiden Sei⸗ ten ein netter Armſtuhl von gleicher Form. Ein aufgeſchlagenes Buch, und eine Tabackspfeife die daran lehnte, ſo daß die Troddeln der ſeide⸗ nen Schnur ſich an die blendende Weiße der auf⸗ gehaͤuften Leinwand ſchmiegten, zeigte, Wer dieſen Sitz einnaͤhme, und den Fleiß der Gattinn vielleicht durch Vorleſen verſuͤſſe. Zwei Ge⸗ maͤhlde nur, aber von vorzuͤglicher Schoͤnheit, ſchmuͤckten die einfaͤrbige Tapete. Das eine ſtellte den blinden Floͤtenſpieler Duͤlon vor; das andere ein Harfenmaͤdchen, den Mund wie eine aufbrechende Roſe, halb geoͤffnet zum Liede oder Leide: denn der Blick voll Schmerz, womit die Saͤngerinn aufſchauete, ließ auch vermuthen, ſie hauche einen Seufzer der Klage aus, der durch ihre naͤchſten Umgebungen gerechtfertiget wuͤrde. Eine aͤltliche Frau, duͤrftig gekleidet, mit geſchloſſenen Augen und bleichen Zuͤgen, hielt ſich an das Inſtrument, und man ſah an 234— der huͤlfloſen Stellung, daß ſie blind, und dieſe Harfe ihre einzige Stuͤtze waͤre.— Dem Regie⸗ rungsrath fiel die ſinnreiche Wahl dieſer beiden Stuͤcke auf, ſie ſchienen ihm zuſammen zu gehoͤ⸗ ren; beſonders ruͤhrte ihn das zweite. Er ver⸗ tiefte ſich ſo ganz in dieſen Anblick, daß er die ſtille Muſik zu vernehmen glaubte, und ein Wohllaut des Gefuͤhls toͤnte durch ſein Herz. Durch die Glasthuͤre des Alkovens ſchimmerte das Mondlicht einer Aſtrallampe, die weißen Bettgardinen waren dicht zugezogen, und eine Colocaſie, welche unter dem Spiegel des Wohn⸗ zimmers ſtand, warf vergroͤßerte Schatten an den weißen Mouſſelin, ſo daß es ſchien, als weheten Palmenblaͤtter um dieſe Staͤtte der Ruhe.— Der Regierungsrath ſah mit duͤſterem Blick in das daͤmmernde Schlafgemach, als ſein Freund es ſacht oͤffnete, und die Vorhaͤnge leiſe luͤpfte, um nach der ſchlummernden Gattinn zu ſehen. „Sie ſchlaͤft! Gottlob! und athmet recht ſanft! ſagte der Syndikus mit verhaltener Stimme, und druͤckte die Thuͤre behutſam wieder zu.„Morgen — 235 wirſt Du meine gute Frau kennen lernen, heute war ſie ſehr leidend; aber dann muß man ſie nur um ſo mehr lieben. Die Geduld iſt eine ihrer ſchoͤnſten Tugenden, und dieſer lautloſe Schmerz, wobei ſie laͤchelt, dieſes ſtille Weh und Warten, bis daß es beſſer werde, uͤbt eine ruͤhrende Ge⸗ walt uͤber mich aus. O! wuͤßten doch die Wei⸗ ber alle oder immer, worin ihre eigentliche Staͤrke beſtehe! ſie wuͤrden die holde Sanftmuth ihres Geſchlechts in keinem Zuſtande verlaͤugnen!“ Der Regierungsrath ſtieß einen Seufzer aus, und preßte die Unterlippe, welche ſich bei dieſer Lobrede grollend verzogen hatte. Ein wohlwollen⸗ der Spott blickte aus ſeiner Miene, da er ſprach: „Du biſt hinſichtlich der Ehe, eine Art Sonn⸗ tagskind, und nur gute Geiſter ſind Dir erſchie⸗ nen! waͤhrend Werkeltags⸗Naturen das Getoͤſe eines Kobolds hoͤren, und das Geſpenſt des Hau⸗ ſes ſcheuen, was alle darin zu fuͤrchten macht.“*— „Von ſolchem Phantom,“ entgegnete der Syndikus zufrieden:„weiß ich, dem Himmel ſey es gedankt! nichts. Ich hoͤrte neulich ein Liedchen ſingen, das fing ſich an: ⸗drei Engel ſollen Dich 236 begleiten⸗— der Strom von Gedanken, den dieſe Strophe in mir erregte, ergoß ſich warm uͤber mein Herz; ich fuͤhlte meine Augen naß werden, und dachte:„dieſes ſelige Loos war Dir von der Vorſehung zugedacht, als ſie Deine Pilgerſchaft hienieden beſtimmte.“ Die Stim⸗ me wankte dem Syndikus, und ein tiefer Athemzug erſchoͤpfte die Fuͤlle ſeiner empfunde⸗ nen Gluͤckſeligkeit. „Du guter, gluͤcklicher Menſch!« ſagte der Regierungsrath ergriffen, und faßte die Hand des Freundes:„ich goͤnne Dir Dein Theil, wenn ich auch Deine Anſicht nicht zu theilen vermag, weil das Schickſal mich auf einen anderen Stand⸗ punkt ſtellte.— Sage mir nur jetzt, habe ich recht geho⁵ͤrt, daß Deine dritte Frau, Deine erſte Liebe geweſen? „So iſt es wirklich!e antwortete der Syn⸗ dikus:„ich habe die Wahrheit des Spruͤchworts erfahren:»alte Liebe roſtet nicht!«„Zumal an einem ſo aͤchten Stahle— entgegnete Otfried mit Laͤcheln. „Ich muß Dir meine Heirathsgeſchichte, von Anfang an erzaͤhlen,“ ſprach der Syndikus, in welchem die Luſt zur Mittheilung rege ward: „wuͤrde ich etwa zu lang und breit damit: ſo haͤtte mein Vortrag nur eine einſchlaͤfernde Wir⸗ kung, und dieſe duͤrfte a tempo ſeyn.“— Der Regierungsrath laͤchelte abermals, doch herbe, und ſein verdunkelter Blick ſtreifte im Zimmer umher. Er ſagte:„ſolch ein freund⸗ ſchaftliches Opiat kaͤme vielleicht zur rechten Stunde, wenn auch in einem anderen Sinne, als den Du meynſt.“ Der Syndikus ſetzte ſich zurecht, und be⸗ gann folgendermaßen:„meine Mutter war als ein huͤbſches Maͤdchen mit einem jungen Kauf⸗ mann verſprochen, den ſie ſehr lieb hatte. Deſ⸗ ſenungeachtet konnte ſie, nach ihrem eigenen Ge⸗ ſtaͤndniſſe, nie der muthwilligen Luſt widerſte⸗ hen, ihn vor Zeugen launenhaft zu quaͤlen. Eine gewiſſe Art ſeines Benehmens regte ſtets dieſen Trieb der Neckerey in ihr an. Der Brautſtand verzog ſich in die Laͤnge, und mit ihm ſo manche Wolke, welche den Himmel dieſer Liebe getruͤbt hatte. Endlich war jedes Hinderniß gehoben, die Hochzeit beſtimmt, und einige Zeit vorher ſollten die Ehepackten feſtgeſetzt werden. Der berufene Notar, ein jugendlicher Mann, und erſt vereidet, erſcheint, meine Mutter erſchrickt bei ſeinem Anblick, und fuͤhlt ſich wiederum ge⸗ reizt, dem Braͤutigam, als er ſeinzaͤrtliches Recht geltend machen will, nach ihrer Weiſe zu begeg⸗ nen. Allein die Langmuth des Liebenden iſt zu Ende, eine empfindliche Laune wandelt ihn ploͤtzlich an, und es entſteht ein kleiner Zwiſt, der ſo ernſtlich wird, daß die Braut in Thraͤnen ausbricht, ſich widerſpenſtig zeigt zu unterſchrei⸗ ben, und der Anwald unverrichteter Sache das Haus verlaſſen muß.“ „Lieber Gott! er kam nur wieder hinein, um ſeine eigene zu fuͤhren: denn aus jener Hei⸗ rath ward nichts, und meine Mutter die Frau des Notars.— Aber der harmloſe Frohſinn, der ihr die ſchoͤnſten Bluͤthen der Freude getra⸗ gen, ob auch mitunter einen kleinen uͤppigen Auswuchs des Muthwillens— war gebrochen fuͤr immer. Ein heimlicher Wurm der Reue 239 nagte ſtill an ihrem Herzen. Sie lebte zwar nicht ungluͤcklich mit meinem Vater; aber ſie fuͤhlte, daß ſie nur jenen Kaufmann, Hebron hieß er— geliebt haͤtte. Dieſer hatte in Verzweiflung uͤber den Sturz ſeiner ſchoͤnſten Hoffnung, auf deren Gipfelpunkt er ſich bereits glaubte, ſein Etabliſ⸗ ſement einem ungepruͤften Compagnon allein uͤber⸗ laſſen, und war in das Weite gegangen. Nach einigen Jahren kehrte er zuruͤck; aber ſein Gluͤck daheim war verſaͤumt. Er wollte ſich helfen, heirathete ohne Neigung eine reiche Frau, fallirte dennoch, und ſtarb zeitig in einer traurigen Lage. Seine Wittwe, kluͤglich darauf bedacht, ihr ein⸗ gebrachtes Vermoͤgen zu retten, uͤberlebte ihn nicht lange, und ein Toͤchterchen, die einzige Frucht dieſer mißrathenen Ehe, kam zu einem Banquier, der als Taufpathe der kleinen Hebron, die Vormundſchaft uͤbernommen hatte. Meine Mutter liebte dieſes zarte, ſchoͤne Kind, ich moͤgte ſagen— mit Leidenſchaft. Sie ließ es ſich zuweilen ausbitten, wenn mein Vater, wie oͤfters geſchah, verreiſt war. Dann letzte ſie ſich in der muͤtterlichſten Liebe fuͤr die kleine Waiſe, 240 und that damit, wie ſie ſich ſelbſt leiſe gegen mich ausdruͤckte— ihrem Gewiſſen eine Guͤte.“ „Doch dieſer verſoͤhnende Troſt ward mei⸗ ner armen Mutter gar bald entzogen. Der Banquier gab ſeine Wechſelgeſchaͤfte auf, und bezog ein Landgut, das er eigen beſaß.“ „Er hatte ſein Schaͤfchen ins Trockne gebracht, und wollte nun ein Schaafzuͤchtler en gros und in natura werden. Da jenes Gut ziemlich ent⸗ fernt von der Stadt war: ſo kam er nur zum Wollmarkt herein. Dann ſaß auch meine Mut⸗ ter in der Wolle: denn die kleine Pauline durfte bei uns wohnen. Nach einigen Jahren aber kaufte der Vormund eine weitentfernt gele⸗ gene Herrſchaft, und verſchwand ganz aus un⸗ ſerer Gegend. Nun erhielt meine Mutter alljaͤhr⸗ lich einen ſchriftlichen Gluͤckwunſch von Pauli⸗ nen Hebron, den eine nette Arbeit begleitete, welche von dem Wachsthum ihres Lieblings in Kraͤften der Geſchicklichkeit Zeugniß gab. Ein fruͤhreifer Geiſt ſprach aus dieſen kleinen, herz⸗ lichen Briefen, und ein Geſchmack urſprünglich ſo rein, daß ſeine kuͤnſtleriſche Laͤuterung kaum bemerkbar war, zeigte ſich in den Geſchenken Paulinens an meine Mutter. Dieſe hob ſie alle ſorgfaͤltig auf, und weidete ihr Auge oft an die⸗ ſer verborgenen Kunſtausſtellung, nahm aber nie etwas davon in Gebrauch.— Als ich, der einzige Sohn und Abkoͤmmling meiner Eltern, im Begriff war auf die Univerſitaͤt zu gehen, ſtarb mein Vater jaͤhlings. Die Mutter hat zu leben, wenn auch kein großes Vermoͤgen. Den Tag vor meiner Abreiſe, da ich mit ihr allein war, nahm ſie meine Hand zwiſchen die ihrigen und ſprach: mein Heinrich! ich habe Dir jetzt etwas an das Herz zu legen, und Du wuͤr⸗ deſt das meinige vollends brechen, wenn Du es gleichguͤltig aufnaͤhmeſt. Es iſt mein liebſter, mein einziger Wunſch noch auf dieſer Welt!— Du kannſt denken, Freund, daß ich brannte ihn zu wiſſen. Darauf entdeckte die Mutter mir, wie es ihr von jeher im Sinne gelegen, daß ich einſt Pauline Hebron heirathen moͤgte, wenn ich ſo weit waͤre. Mein Leben— ſo ſchloß ſie, und dabei traͤufelten haͤufige Thraͤnen uͤber ihre Wan⸗ gen: hatte eine kleine Schuld maͤdchenhaften Die dritte Frau. 11 Leichtſinns mir verbittert, die von großen Fol⸗ gen war: denn der arme Hebron ging in Kum⸗ mer und Elend unter; wollteſt Du aber die Suͤnde der Mutter ſuͤhnen, und dadurch ihren Tod verſuͤſſen: ſo wuͤrde mein Segen auf dich kommen!— Sie ſtand vor mir, die gute Mut⸗ ter, in tiefer Trauer, ich ſah die heiße, herbe Ouelle ihrer Schmerzen ſich ergießen— ihre blaſſen Lippen bebten als ſie dieſen Wunſch aus⸗ ſprach, und ich dachte an den Augenblick wo ſie verſtummt ſeyn wuͤrden fuͤr immer. So gab ich mein Verſprechen, ihn zu erfuͤllen. Darauf ſchloß ſie einen Schub auf, worin die Arbeiten Paulinens in glaͤnzender Neuheit ausgebreitet la⸗ gen. Sieh, mein Sohn! ſagte meine Mutter: dies waren die Blumen meiner Lebensfeſte, die goldenen Faͤden im Gewebe meines Schickſals. Nimm dies zur Erinnerung davon!— Sie reichte mir eine gehaͤckelte Geldboͤrſe. Es war ein glaͤnzendes Netz, der ſogenannte Stern eine ſilberne, ſchoͤngeſchwungene Muſchel, und um den obern Rand ſchlaͤngelten ſich Vergißmein⸗ nicht. Dann zog ſie eine blanke, goldne Schau⸗ — 243 muͤnze hervor, worauf die Worte aus dem Buch Tobia ſtanden: Gott gebe Dir Freude!— Der himmliſche Bote, der ſie gruͤßend ſagt, rei⸗ ſemaͤßig angethan, mit einem Stabe, als ſolle er auch mein Fuͤhrer ſeyn und mich troͤſten— war das bedeutſam ausgepraͤgte Bild dieſer klei⸗ nen Medaille, welche meine Mutter auf den Bo⸗ den der Muſchel fallen ließ, und viele Perlen ihrer ſegensreichen Liebe rollten nach.— Ich habe ſie noch,“ fuhr der Syndikus geſenkten Blickes fort:„und man ſoll ſie mir dereinſt mit in das Grab geben.“ „Wie den Obolus der Griechen, um die finſtere überfahrt damit zu bezahlen?“ fragte der Regierungsrath wohl weniger aus Kaͤlte als in dem unbewußten Drange, einer Ruͤhrung ſeines Freundes das Gleichgewicht zu halten: denn er hatte das Wanken der Stimme gehoͤrt.— „Nein!“ antwortete der Syndikus, und erhob das ſchimmernde Auge:„die Welle der Un⸗ ſterblichkeit rinnt frei! dieſer Goldſtaub ſoll mit der Hand zu Staube werden, die ihn treu be⸗ wahrt; löͤſete mir aber ein ſeliger Morgen die 11 244 Zunge: ſo wuͤrde ich dem Schatten meiner Mut⸗ ter ſagen: Gott hat mir Freude gegeben!“ Der Gaſt des Syndikus leerte die verkuͤhlte Taſſe Thee, waͤhrend dieſer ſich an der vollen Schale des Bewußtſeyns labte.— Nach einer kleinen Pauſe fuhr er in ſeiner Erzaͤhlung alſo fort:„wie mir die Univerſitaͤtsjahre verfloſſen, weißt Du. Die Braut, in der kindlichen Geſtalt eines En⸗ gels, worin ſie mir vorſchwebte, behuͤthete mein Herz, und nur ein paarmal gerieth es in eine leichte Bewegung. Ich kehrte heim, bereitete mich auf mein Examen vor, und war ſo gluͤck⸗ lich, es beſchleunigen zu koͤnnen.“ „Die Behoͤrde dieſer Stadt hatte zu jener Zeit eine Unzahl verwickelter Prozeſſe, und das ungluͤck, die Thaͤtigkeit ſeiner beſten Mitglieder verſchiedentlich gehemmt zu ſehen. Es wurde von Seiten des Magiſtrats an die Oberamts⸗ Regierung nach einem Huͤlfsarbeiter geſchrieben, und ein Freund meiner Mutter ſchlug mich dazu vor. So kam ich als Referendarius hierher, um fuͤr die Gerechtſame meiner Vaterſtadt die Feder zu fuͤhren. Ich wohnte bei meiner Mutter, und — 245 fand ſie nachdenklicher als ſonſt; es ſchien mir, daß ſie mich ſchweigend und forſchend betrachtete, um den rechten Moment fuͤr eine Eroͤffnung zu erlauſchen, die ihr ſichtlich auf den Lippen ſchwebte. Auch hatte ich mich nicht geirrt. Auf meine Frage nach Paulinen flog eine aͤngſtliche Roͤthe ihr Geſicht an.“ „Sie ſagte mir: Pauline haͤtte unlaͤngſt die Kinderpocken gehabt, und ſehr dabei gelitten. Ich ſchwieg— und meine Mutter ſetzte klein⸗ laut hinzu: ich hoffe aber, mein Sohn, Dein guter Vorſatz blieb nicht an einer glatten Haut hangen, welche auch in den ſchoͤnſten Farben die Huͤlle einer Schlange ſeyn kann.“— „Ueber dieſen Punkt ſtellte ich meine Mutter zufrieden, und machte mir wirklich wenig dar⸗ aus, auch uͤberhaupt nur eine geringe Vorſtel⸗ lung von dem Schaden, den jene Krankheit etwa angerichtet haͤtte. Daß ich entſchloſſen war, Pauline Hebvon zu heirathen, ſobald ich ein Amt haͤtte, war keine Wirkung meiner Sinne, ſon⸗ dern einzig nur aus meiner Seele hervorgegan⸗ gen. Ich ſah ein, daß ich das Opfer meines 246— freien Herzens der beſten Mutter ſchuldig waͤre. Aber ach! es war mir nicht vergoͤnnt, es leichten Muthes zu bringen.— Der Stadt⸗Kaͤmmerer war ohnlaͤngſt geſtorben, und es hatten ſich zu aller Menſchen Verwunderung, die ihn als einen Mann von erprobter Redlichkeit gekannt, bedeu⸗ tende Defekte ergeben. Das Rechnungsweſen ward in muſterhafter Ordnung und Richtigkeit befunden, nur große Summen in Papieren fehl⸗ ten und fanden ſich nicht, ob auch die Wittwe ſo lange weinend ſuchte, bis ihr das Augenlicht daruͤber erloſch. Sie verblindete, und in Ruͤck⸗ ſicht auf dies graͤnzenloſe Ungluͤck, und auch dar⸗ auf, daß die Schuld des Vaters nicht zu ermit⸗ teln war, und bei der ſtillen, ſparſamen Lebens⸗ weiſe dieſer Familie ein Geheimniß blieb, goͤnnte ihr der Magiſtrat die Amtswohnung noch, wel⸗ che der Kaͤmmerey gehoͤrte. Ich hatte in Sachen jener Unterſuchung einen Auftrag an die Wittwe, und war zu einem Geſchaͤft in dem Nachlaſſe ihres Mannes beordert, das mich oͤfterer uͤber dieſe Schwelle fuͤhren mußte. Scheu, hier nicht willkommen zu ſeyn, betrat ich ſie zum erſten⸗ male. Ich fand an der Wittwe des Kaͤmmerers eine mitleidswerthe Frau, welche noch betaͤubt von den Schlaͤgen des Schickſals die ſie betroffen, in jedem Sinne im tiefſten Dunkel tappte.“— „Die erwachſene Tochter war ein ſtilles, ſanftes Maͤdchen, das die Schwere dieſes Ver⸗ haͤngniſſes wohl zu fuͤhlen, aber gefaßter als die Mutter zu ertragen ſchien.“ „Ich ſprach von der Abſicht meines Kom⸗ mens, und wie ſacht ich auch auftrat, und die wunde Stelle anfaßte: ſie fing dennoch an zu bluten. Die Mutter brach in ſchmerzliche Kla⸗ gen aus, und eine gluͤhende Roͤthe welche ſich auf der feinen Wange der Tochter mahlte, zeigte mir, daß ſie wie auf Kohlen ſaͤße. Die guten Leutchen dauerten mich in der Seele, und ich wuͤnſchte mich ihrer annehmen zu koͤnnen. Wir wurden naͤher bekannt, und ich blieb, wenn die Zeit der Arbeit vorbei war, gar manches Stuͤnd⸗ chen bei ihnen. Die Mutter ſchlich ohne Raſt und Ruhe umher, und ward nicht muͤde. Sie betaſtete jedes Blaͤttchen, ſie griff in die leeren Winkel, und dieſes unſtaͤte Treiben ſchien ihr mechaniſch geworden zu ſeyn. Thereſe fluͤſterte mir eines Tages ſeufzend zu: wenn ich meine Mutter ſo ſehe, muß ich immer an das Lied denken: wie Viele gehn umher und ſuchen— und ſuchen doch das Rechte nicht.— Wenn die Mutter Beruhigung ſuchte, ſie haͤtte ſolche laͤngſt gefunden; daß ſie die Beweiſe fuͤr des ſeligen Vaters Ehre noch unablaͤſſig ſucht, ſieht mir wie verlorener Glauben aus, und daß iſts, was mich am meiſten ſchmerzt. Mir iſt es zweifellos gewiß, mein Vater ſey als ein grund⸗ ehrlicher Mann geſtorben, wenn ich auch nicht weiß, welchem Abgrunde von Bosheit ſein guter Nahme erlegen iſt. Aber ich will ſtille ſeyn und hoffen—— bei dieſen Worten uͤberwaͤltigte das Gefuͤhl dieſer harten Pruͤfung Thereſens duldſame Staͤrke, und ſie weinte; ihre Thraͤnen, und jene Äuſſerung ſprachen laut an mein Herz.“ „Mit Schrecken dachte ich jetzt zuweilen dar⸗ an, daß meine Hand verſagt waͤre. Ich liebte Thereſen, und dachte, ſie haͤtte mich unbedingt gluͤcklich machen muͤſſen.“— 9— 249 »Nun erkannte ich es fuͤr nothwendig, daß ich mich zuruͤckzoͤge; aber es war mir, als irrete ich in einer Wuͤſte umher, als umgaͤbe eine weite Ode die kleine dunkle Welt, worin mir das Licht der Liebe aufgegangen war.— Mußte ich doch einmal hin: ſo machte die Wittwe mir ruͤhrende Vorwuͤrfe, daß ich jetzt ſo ſelten kaͤme, und mir die Acten zu Hauſe holen ließe. Sie ſagte mir⸗ es waͤre immer helle um ſie geworden, weil ich ihr ſtets eine lichte Ausſicht mitgebracht. The⸗ reſe ſchwieg dazu; aber ſie kam mir traurig und blaß vor. Ein Auftrag der Mutter entfernte ſie, alsbald faßte die Wittwe meinen Rock an, um mich nahe zu wiſſen, fragte, ob außer mir noch Jemand im Zimmer waͤre, und ſagte mir ver⸗ traulich: Thereſe wuͤrde Braut werden mit dem Portrait⸗Mahler Sardino, der ſich eine Zeit⸗ lang hier aufgehalten, und ihre Tochter zufaͤllig haͤtte kennen lernen. Er ſey ein Mann in ſeinen beſten Jahren, habe huͤbſche Capitalien geſam⸗ melt, und als Wittwer nur einen einzigen Sohn, der ſich bereits auf Schulen befinde. Sie haͤtte Thereſen die Vortheile dieſer Parthie vorgeſtellt, 250— und wenn das Maͤdchen auch ſo viel juͤnger, um bequem Sardinos Tochter ſeyn zu koͤnnen: ſo erhalte die Kunſt doch jung, und die kummer⸗ vollen Erfahrungen der letzteren Zeit haͤtten Thereſen ernſt und aͤlteren Sinnes gemacht.— Arme Thereſe! ſo rief ich unwillkuͤhrlich aus ge⸗ preßter Bruſt. Arm? wiederholte die Mutter faſt beleidigt. Nein! da irren Sie, lieber Herr Stahl; meine Tochter erwirbt ſich reichen Lohn! und er wird ihr wuchern, und Saamen des Se⸗ gens tragen, tauſendfaͤltig!— Sardino will mich zu ſich nehmen, und in ſeiner fernen Hei⸗ math durch einen beruͤhmten Augenarzt operiren laſſen. Da hat ihm denn geſtern Thereſe Hoff⸗ nung auf das Jawort gegeben. Zwar— fuhr ſie heimlich zu plaudern fort: mogte es der guten, kindlichen Seele ſchwer ankommen, ihre Hand, die ich hielt, bebte in Eiſeskaͤlte, und der Puls ging ſo ſchwach, daß ich ihn kaum fuͤhlte; aber es war doch ihr freier Wille. Sie ſagte ſogar: ſie wuͤn⸗ ſche ſich fort von hier, hundert Meilen weit!⸗— „Ach Otfried! ich wußte nun genug. Ich eilte fort, ohne abzuwarten, daß Thereſe wie⸗ der kaͤme. Einen Monat lang vermied ich, ſie zu ſehen. Ich hoͤrte nur die ſtille Verlobung waͤre geweſen, und Sardino haͤtte die blinde Mutter gemahlt, und zum Sprechen getroffen. Das Bild kroͤnte ſeinen Ruf, und ward allgemein bewundert; ich aber ſah es nicht, es war ja im Rahmen ſeiner Umgebungen in mein Herz ge⸗ faßt.— Eines Morgens ſtehe ich am Fenſter, da koͤmmt das kleine Laufmaͤdchen der Kaͤmme⸗ rinn die Straße herauf geſprungen, ich hoͤre unſere Hausthuͤre klingeln— und athemlos bringt die Dirne mir ein verſiegeltes Billet. Es war von Thereſen— noch feucht, und in zit⸗ ternder Eile geſchrieben. Sie bat mich um einen baldigen Beſuch, weil ſie mir etwas Wichtiges zu entdecken haͤtte. Ich ſaͤumte keinen Augen⸗ blick. Guͤtiger Himmell ich fand Thereſen bleich, aber wie verklaͤrt, ein paar große Freudenthraͤnen hingen in ihren blauen Augen; die Mutter, ſicht⸗ lich aufgeregt, ſtand neben ihr. Lieber Herr Refe⸗ rendarius— empfing mich Thereſe: Sie haben ſo viel Theil an unſerem Kummer genommen, daß wir Ihnen nun auch unſer Gluͤck erzaͤhlen muͤſſen. Ich habe es kaum erwarten koͤnnen, bis dieſe Nacht voruͤber waͤre. Die Documente fuͤr meines Vaters Rechtfertigung ſind nun da.— Ich ſchrie faſt auf in froher Verwunde⸗ rung, und frage wie? und wos ſie ſich gefun⸗ en. Nun erfuhr ich von Thereſen und ihrer Mutter eine wirklich fabelhafte Begebenheit. Hoͤre, Freund!“ „Ich bin ganz Ohr!“ verſetzte der Regie⸗ rungsrath, und die Erzaͤhlung ſchien in der That ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln; er unterbrach den Syndikus mit keinem Laut, und nur ſein lebhaftes Mienenſpiel zeigte die ſteigenden Grade ſeiner Theilnahme an. „In dem obern Stockwerk jenes Hauſes— Du weißt es ſchon, daß dies ein Eigenthum der Kaͤmmerey war“— fuhr der Syndikus fort: „wohnte ein Canzelliſt, der einen bloͤdſinnigen Sohn von etwa vierzehn Jahren hatte. Der dumpfe, menſchliche Inſtinkt, der die Seele dieſes Geſchoͤpfes vertritt, laͤßt einen einzigen ſchwa⸗ chen Lichtſtrahl zu, den Kerker ſeines Daſeyns zu erhellen: einen Schimmer von Talent fuͤr die 233 Zeichenkunſt. Wo der Knabe ein Blaͤttchen Papier erblickt, faͤhrt er haſtig darauf zu, um es mit Dinte zu bemahlen. Der unnatuͤrliche Vater, ein Harpax, goͤnnt ihm aber die arme kleine Freude nicht, weil er keinen Bogen Papier vor dem Zeichner mehr ſicher hat, und der Fall ſchon vorgekommen iſt, daß ihm wichtige Hefte auf dieſe Weiſe verdorben worden ſind. So behilft ſich denn der elende Wurm ſo gut er kann, und kriecht gekrwuͤmmt umher, ob er irgend etwas ſinde. Tages zuvor, als man mir dies erzaͤhlte, geht der Canzelliſt mit ſeiner Frau in die Milch ſpazieren. Sie laſſen den Bloͤdling allein, nach⸗ dem die Mutter ihn in einen Stuhl mit einer kleinen Bruſtlehne, als worin man Kinder ſetzt, geklemmt, und duͤrftig genug verſehen hat. Eine Mappe voll Zeichnungen, wirr und wuͤſt, holt ſie ihm zum Zeitvertreibe herbei, und ſchließt dann ſorglos das Zimmer ab, bringt den Schluͤſ⸗ ſel Thereſen, und bittet dieſe, einmal nachzuſe⸗ hen, wie es um ihr Fritzchen ſtehe. Die milde Thereſe ſteht auch nicht lange an es zu thun. Doch ſchon vor der Thuͤre hoͤrt ſie ein ſchweres Stoͤhnen, wilde, krampfhafte Toͤne, und als ſie nun eintritt, ſitzt der Knabe bleich wie der Tod, mit brechenden Augen, und ſcheint, von inneren Kraͤmpfen befallen, ſeinem Ende nahe. Der zuckenden Hand iſt die Mappe entglitten, und ein Schutt Papiere, worauf Arabesken des Wahnſinns, wie Charaktere der ſchwarzen Kunſt, liegen weit umher verſtreut. Fuͤr Thereſen ent⸗ hielten ſie wirklich einen boͤſen Zauber, und er loͤſete ſich in jenem Augenblicke. Mit Entſetzen ſieht ſie das verſcheidende Kind, und zu ſeinen Fuͤſſen jene inhaltſchweren Papiere, welche ihrem Vater verloren gegangen.“— „So hat der bloͤdſinnige Knabe ſie dem Kaͤmmerer entwendet?“ fragte der Regierungs⸗ rath dringend. „Aller Wahrſcheinlichkeit nach,“ antwor⸗ tete der Syndikus, und fuhr fort:„Thereſens Vater, der ſich unwohl geklagt, hatte ſich in ſeinem Buͤreau zu einem Mittagsſchlaͤfchen zu⸗ recht geſetzt. Als nach mehreren Stunden die Seinen beſorgt werden, weil ſich da oben nichts regt noch ruͤhrt, wagt es Thereſe, ihn zu ſtoͤren. Sie findet die Thuͤre nur angelehnt, den Arbeits⸗ tiſch des Kaͤmmerers umgewuͤhlt, ihn ſelbſt auf einen Stuhl daran geſunken, ohne Bewußtſeyn, und wie vom Schlage geruͤhrt. So war er nach drei Tagen geſtorben.“ „Gewiß mag ihn der Schrecken uͤber jene vermißten Papiere gelaͤhmt, und Niemand an jene erbaͤrmliche Creatur gedacht haben,“ ſagte der Regierungsrath, und es war ſichtbar, daß dieſer Fall ſein Nachdenken beſchaͤftigte. „Der Finger des Verhaͤngniſſes,“ entgeg⸗ nete der Syndikus:„deckte aber jene dunkle Stelle auf, daß unverdiente Schmach vor dem Anden⸗ ken des Redlichen, und Denen die ſeinen Nah⸗ men fuͤhrten, genommen wuͤrde.— Nun will ich gerne dieſes Haus und dieſen Ort verlaſſen— ſagte Thereſe mit einem Tone, der mir an die Seele ging. Und die Mutter ſprach: ich murre nicht mehr, daß ich blind bin: denn ich habe Gott geſehen! Nacht war wohl zu meinen Fuͤſſen— —— ich kuͤßte die Hand der Tochter mit heißem Schmerze, umarmte die Wittwe, und ſtuͤrzte fort. Lange mogte ich im Freien umher geirrt ſeyn, da laͤutete die Mittagsglocke in der Stadt, und ich richtete meinen Schritt nun raſch heim⸗ waͤrts. Meine Mutter ſtand erhitzt im Flur, ſie hatte Boten nach mir ausgeſandt. Das war ſonſt ihre Weiſe nicht, wenn ich auch von Ge⸗ ſchaͤften aufgehalten, laͤnger als gewoͤhnlich aus⸗ blieb. Es mußte etwas vorgefallen ſeyn; aber ich war nicht in der Stimmung, mich darum zu kuͤmmern. Sie oͤffnete mir die Wohnſtube, wie traͤumend ſchritt ich uͤber die Schwelle. Ein junges Frauenzimmer ſtand am Fenſter, den Ruͤcken gegen die Thuͤre gekehrt; ach! und dieſer Ruͤcken war merklich verſchoben, und als das Maͤdchen ſich umwendete, war es Pauline Hebron, meine Zukuͤnftige— oder Geweſene. Ein blaſ⸗ ſes, halbvergeſſenes Bild der Vergangenheit, erſchien mir ihr Geſicht, das wie mit Pockennar⸗ ben beſaͤet war, um den Mund lief ſogar eine kleine Nath, und ihr erſtes Laͤcheln zerriß mir das Herz, und zog mir die Bruſt zuſammen. Als ich vor ihr ſtand, ergoß ſich eine dunkle Röthe uͤber die entſtellten, ſonſt ſo feinen, zar⸗ * 257 ten Zuͤgs, nur die Augen, freundliche Sterne! welche aus dem Nebel meiner Erinnerungen auf⸗ tauchten, ſtrahlten noch, aber wie uͤber ein ver⸗ wuͤſtetes Blumenfeld. Sie reichte mir die Hand, und auch dieſe bedeckten viele Gruͤbchen mehr, als die zu den Reizen einer ſchoͤnen Hand gezaͤhlt werden. Ich wußte nicht, wie mir geſchah; ich fuͤhlte nur meine Unfaͤhigkeit, mich als Braͤu⸗ tigam zu benehmen. Doch ſage ich Dir, Otfried! es war mir lieb, daß ich Paulinen damals ſo haͤßlich fand. So verzehrte ich mich gleichſam im Opfer meines Gluͤckes, das mit Thereſen dahin war fuͤr mich, auf immer. Pauline blieb einige Wochen bei uns, ihr Vormund war todt, ſie ſelbſt nun muͤndig, lebte bei einer Freun⸗ dinn, der jungen Frau des Prorektors Witt in B.. Ich durfte nicht zweifeln, ſie errieth meine Lage, aber mit der aͤuſſerſten Zartheit ſchonte ſie mich, und ehrte ſich ſelbſt dadurch. Mir war innerlich wohl in ihrer Naͤhe, und meine Mutter konnte den Augenblick nicht erwar⸗ ten, wo ich mich deren fuͤr Zeit des Lebens ver⸗ ſichern wuͤrde. Endlich entſchloß ich mich, mit I ihr daruͤber zu reden. Wir waren allein. Pau⸗ line merkte mit der Feinheit ihres Geſchlechts, was ich ihr zu ſagen haͤtte. Sie kam mir auf die edelſte Weiſe zuvor.“ „Lieber Heinrich, unterbrach ſie meinen ſtockenden Eingang: goͤnnen Sie mir das erſte Wort! Sie erſparen Sich dadurch das letzte. Dabei laͤchelte ſie ſchmerzhaft, und ſagte dann weiter: es iſt Ihrer Mutter Wunſch, daß wir— ich ſah, ſie ſuchte nach einem umſchreibenden Worte— uns angehoͤren ſollen. Ich habe nicht vergebens in mein Herz wie in meinen Spiegel geblickt, und ich kenne nun auch Sie!— Da ich kraͤnklich bin, und ſchwerlich auf eine lange Le⸗ bensdauer hoffen darf: ſo habe ich mein Teſtament zu dem erſten Acte meiner Volliaͤhrigkeit gemacht. Sie ſind mein Erbe, Heinrich! und nur ein kleines Legat an meine Freundinn, iſt die einzige Ausnahme der Unbedingtheit, worin dies feſtge⸗ ſtellt worden. Ich habe damit der dankbarſten Liebe fuͤr Ihre theure Mutter, und— laſſen Sie es mich hinzufuͤgen— mir ſelbſt genuͤgt. . 259 Einen Beweis, daß ich mir ein kleines Anrecht an Ihr Vertrauen, wie an Ihre Achtung erwor⸗ ben, wuͤrden Sie mir dadurch geben, wenn Sie jetzt ſtatt eines Antrags, wovon doch nur ein kindliches Gefuͤhl in Ihrem Herzen weiß, ſagten, daß Sie mich nicht lieben koͤnnen.— Freund! Du glaubſt nicht, wie dieſe Worte Pau⸗ linens, welche ſie mit heiligem Ernſte und zittern⸗ der Stimme ſprach, mich ruͤhrten!— O! davon wuͤßte wahrlich! mein Herz nichts! antwortete ich, und breitete meine Arme aus ſie zu umfaſſen, um ſie ewig zu halten. Pauline ſtand vor mir, als haͤtte ſie Fluͤgel, und wuͤrde nun, nachdem ſie mich mit Freiheit und Gluͤck geſegnet, in ihre Heimath zuruͤckſchweben. Aber, das merkte ich nachher: die Soͤhne der Menſchen ſollten einen weiblichen Engel niemals kuͤſſen— der himmliſche Stoff der Liebe, vertraͤgt die irrdiſche Flamme nicht. Pauline war unter meinem Kuſſe ein Maͤdchen geworden. Sie brach in Thraͤnen aus, und ihre entſagende Staͤrke ward von Ge⸗ fuͤhlen bezwungen, die mit herber Wehmuth gemiſcht waren.“ „Und Du heiratheteſt die kleine Schiefe wirk⸗ lich?“ fragte der Regierungsrath geſpannt und laͤchelnd. „Es war ſo arg nicht, Freund! wie es mir zu Anfangs geſchienen;“ antwortete der Syndi⸗ kus gutmuͤthig.„Sie kam mir ſpaͤter ſogar huͤbſch vor, und bei der blatternarbigen Nath um ihren Mund, dachte ich nur, daß mein Herz geheilt waͤre. Tugend iſt Schoͤnheit! ich beherzigte dies: denn meine Frau beſaß die liebenswuͤrdigſten Tugenden ihres Geſchlechts, und eine geiſtige Anmuth, ein ſtiller Seelenreiz umſchwebte ſie. Ich fuͤhrte ſie an den Traualtar, ſobald ich das hieſige Syndikat erhalten, und lebte ſehr gluͤck⸗ lich mit ihr, meine Mutter aber ſtarb bald nach unſerer Verbindung. Sie entſchlief in den Armen ihrer Schwiegertochter, und daß Pauline es waͤre, dies verklaͤrte ihren letzten Augenblick.“ „Wenn die ſchoͤnſte, die geliebteſte Frau— Du wirſt mir Recht geben, Otfried! ihrem Manne widerlich werden kann durch ein zudring⸗ liches Betragen, woruͤber die ſchuͤchternen Gra⸗ —— — 261 zien der Weiblichkeit erroͤthen: ſo gewinnt die haͤßlichſte durch jene leiſe Zuruͤckgezogenheit, die aus beſcheidener Selbſtachtung entſpringt, einen magnetiſchen Reiz. Der Werth ſolch einer Frau ſteigt dem Manne im Preiſe, je geringere An⸗ ſpruͤche ſie an ihn zu machen ſcheint. Meine Pauline ſetzte nimmer die zarteſten Ruͤckſichten dieſer Art gegen mich aus den Augen. Sie liebte mich unendlich; aber dieſe zaͤrtliche Em⸗ pfindung belaͤſtigte mich niemals. Sie war ſehr geſchickt und fleißig, ihre kleinen Kunſtſchoͤpfun⸗ gen machten ihr viele Freude, und leere Stun⸗ den kannte ſie gar nicht. So gingen uns Jahre voll Zufriedenheit hin. Jetzt war ihre Freun⸗ dinn Wittwe geworden. Sie ſchrieb den ſchoͤn⸗ ſten Brief, der aus der Feder einer Frau fließen kann; aber der, den meine Pauline zur Mel⸗ dung jenes traurigen Ereigniſſes von ihr erhielt, war ein Erguß des bitterſten Schmerzes: denn die Armſte ſah einer finſtern Zukunft entgegen, und es war auf keine Weiſe fuͤr ſie geſorgt. Meine Frau war ſo ergriffen uͤber die Schilde⸗ rung von dem Schickſale ihrer liebſten Freun⸗ 262 dinn, daß ſie mich mit Thraͤnen bat, wir moͤg⸗ ten ihre Paula zu uns nehmen. Sie hieß auch Pauline, und zu dem Unterſchiede beider Nah⸗ men, wie eines Vergleichs wegen, der ſich von ſelbſt ergab, nannten wir ſie zum Scherze: Paula de Witt, wie jene heroiſche Niederlaͤn⸗ derinn.“ „Meine Frau war damals kraͤnklich, und ich daher ohne Weigern bereit, ihren Wunſch zu erfuͤl⸗ len; die Huͤlfe meynte ich, waͤre dann gegenſeitig. Die Wittwe hatte allerley Bedenklichkeiten, den gutgemeynten Vorſchlag anzunehmen; aber ſie hielten nicht Stand, vor dem treuen Eifer der Freundſchaft. Sie kam nun hierher— wir hatten ja Raum genug im Hauſe.“ „Aha! ich ahne nun, wie alles gekom⸗ men,“ unterbrach der Regierungsrath den Er⸗ zaͤhler:„und dabei faͤllt mir unwillkuͤhrlich die Gellertſche Fabel ein: ein junges Weib, ſie hieß Liſette, lag einſtens an den Blattern blind— a. ſ. w.“. „Dein Ahnungsvermoͤgen, lieber Alter,“ entgegnete der Syndikus, und ein Laͤcheln be⸗ ——z ꝛ2— — 263 wußter Ruhe ſpielte um ſeinen Mund:„ſcheint ein wenig verwittert; hier wenigſtens leitet es Dich auf eine falſche Spur. Meine Frau hatte die Blattern laͤngſt ohne Schaden fuͤr ihr helles Auge uberſtanden, und der gluͤckliche, klare Blick welcher ihr eigen war, bewaͤhrte ſich auch in der Wahl ihrer Freundinn: denn dieſe Paula war ein ganz vortreffliches Weſen. Ein gebildeter Geiſt, ein tiefes Gemuͤth gaben ihrem Umgange dauerndes Intereſſe. Sie war von angenehmer Geſtalt, ſchmaͤchtig gewachſen, und ihren feinen Teint konnte man faſt durchſichtig nennen. Der Verluſt dieſer koͤrperlichen Vorzuͤge war bei mei⸗ ner Pauline noch bemerklicher neben ihrer Freun⸗ dinn; aber daß die gute Seele um ihrer Paula zu nuͤtzen, nichts ſchenete ſich ſelbſt zu ſchaden: dadurch gewann ſie nur noch mehr in meinem Herzen. Waͤre meine Pauline nicht gar ſo hin⸗ faͤllig geweſen, unſer Leben haͤtten Goͤtter benei⸗ den muͤſſen. Wie freuete ich mich in Geſchaͤften oder in Geſellſchaft auf die Abende, welche ich mit meinen beiden Frauen zubrachte! man nannte mich auch nur den Grafen von Gleichen.— Die 264— junge Wittwe hatte einen eigenthuͤmlichen Wohl⸗ laut in ihrer Stimme, ſie las zudem ſehr gut vor, und meine Frau liebte gemeinſame Lectuͤre uͤber alles. So war unſere haͤusliche Unterhal⸗ tung immer gewaͤhlt, immer genuͤgend, und ich bedauerte zuweilen jene armen Leute, welche große Eirkel, oder reichen Aufwand beduͤrften, um ein klein wenig vergnuͤgt zu ſeyn. Ich ſchoͤpfte wie ein Croͤſus ſtiller Freuden aus dem Vollen!— Wie es Thereſen ergehen moͤge, hatte ich nicht erfahren koͤnnen. Die Erinnerung an ſie war mir jedoch theuer geblieben, und jedem Blinden, der mich um ein Almoſen anſprach, gab ich doppelt. Dieſes milde Gefuͤhl entrichtete dem Mitleid einen Zoll, der weniger jener Gat⸗ tung von Elend, als dem Andenken meiner alten Liebe angehoͤrte. Das Haus, worin Thereſe gewohnt, behauptete ſeinen Platz auch in dem Raume meines Herzens, und nie ging ich vor⸗ uͤber, ohne der vergangenen Tag⸗ mit dem innern Geſtaͤndniß zu gedenken, daß ſie dennoch ſchoͤn geweſen waͤren. Dieſes dennoch! ſoll naͤhm⸗ lich ſo viol ſagen, als: trotz der truͤben Gegen⸗ — 265 wart, wie auch ohngeachtet, alles Gluͤckes, wel⸗ ches die Zukunft mir aufgeſpart hielt.— Aber, welch ein fluͤchtiger Traum iſt doch uͤberhaupt das Leben! der beſte Theil deſſelben war fuͤr mich dahin, obgleich das, was wir Alter nen⸗ nen, ein hoͤchſt relativer Begriff iſt. Wenn ich auch ſchon ein rundes Suͤmmchen Jahre zaͤhle: ſo werde ich doch hoffentlich jung ſterben. Der Baum des Lebens hat nicht mit meinem Lenze abgebluͤht, ſondern mir im Herbſte noch die Blume der Liebe getragen.“ Der Regie⸗ rungsrath ſeufzte aus tiefer, oͤder Bruſt: ihm waren alle ſeine Hoffnungen verweht. „Meine gute Frau,“ nahm der Syndikus das Wort wieder auf:„ward immer kraͤnker, ein ſchleichendes Bruſtfieber zehrte an ihren Kraͤften, und ich ſah mein Schickſal kommen. Paula uͤbernahm die Fuͤhrung des Hausweſens, und es ging leiſe und liebreich bei uns her. Pau⸗ line ſtickte einen Lichtſchirm fuͤr mich— es war ihre letzte Arbeit. Ach! ich ſehe es noch, wie ſie muͤde und matt mit unſtaͤter Hand die Nadel in das Seidengruͤn ſteckte, und den Tambourin Die dritte Fran. 12 266— von ſich ſchob, wobei ſie ſagte: es mag genug ſeyn! bin ich doch ſelbſt eine Ruine,(der Gegen⸗ ſtand ſtellte naͤhmlich die Truͤmmer einer alten Burg vor) die nun bald zuſammen faͤllt, und das Moos, was ich hier unvollendet laſſe, wird die Natur in lebendiger Friſche uͤber mein Grab ſticken.— Dieſe Worte betruͤbten mich; aber ſie trafen ein. Meine Frau ward nun ganz bett⸗ lagerich, und der Arzt gab wenig Hoffnung. Eines Abends ſaßen wir Beide an ihrem Bette; ich hatte geleſen, und Paula, welche die Nacht vorher gewacht, war dabei eingeſchlafen. Der Kopf ſank ihr ſchwer gegen die Lehne des Stuhls, und ich ſtand ſacht auf, und gab durch ein klei⸗ nes Polſter ihrer Haltung mehr Bequemlichkeit. Die Augen meiner Frau ruheten waͤhrend die⸗ ſem kleinen Intermezzo bedeutſam auf mir. Ich beugte mich nahe zu ihr hin, und ſie fluͤſterte: weißt Du, lieber Heinrich, was ich jetzt dachte? Du wuͤrdeſt mir eben ſo ein ſanftes Sargkiſſen unterſchieben, wenn ich hoffen duͤrfte, daß Paula kuͤnftig meine Stelle einnaͤhme. Es bliebe dann alles wie es geweſen, nur ich fehlte.— SGott! 267 ſagte ich: nur, ſprichſt Du? haͤtteſt Du es wohl um mich verdient, daß ich nicht fuͤhlte, es ſtuͤrbe mir mit Dir ein unerſetzliches, mein hoͤchſtes Gluͤck?— Sie druͤckte mir die Hand.“ „Ich werde Euch nicht verlohren ſeyn! ant⸗ wortete ſie mir mit dem Tone einer chriſtlichſche⸗ nen Hoffnung, und ſetzte hinzu: goͤnne mir aber den ſterblichen Troſt, daß ich aus meinen irrdi⸗ ſchen Umgebungen nicht ganz verſchwaͤnde, und fuͤr Dich und Paula beſtens geſorgt haͤtte. Ich war von Jugend auf mit meiner Freundinn ein Herz und eine Seele, ſie wuͤrde in meinem Geiſte fuͤr Dich geſinnt ſeyn, und handeln. Pauline iſt gut— ihr Geſchick aber waͤre traurig, wenn Du ihr eine Fremde vorzoͤgeſt.— Ich ſchwieg ſeufzend ſtill, und blickte nach der Wittwe hin⸗ uͤber. Sie athmete tief— und traͤumte wohl nicht, daß der Mann ihrer Zukunft ihr im Schlafe gegeben ſey.“ „Bald darauf weinten wir um die Theure; aber ihre Leiche laͤchelte noch friedſam und troͤ⸗ ſtend. Im Hauſe ging es lautlos zu, und bei⸗ laͤufig kann ich mich der Bemerkung nicht erweh⸗ 12* 268— ren, daß edle Menſchen immer ſtill betrauert werden. Es iſt als ob ein klagender, jammern⸗ der Schmerz, ſich nicht mit der Ahnung vertruͤge, daß ſolche Todte nur hingegangen ſind, den Lohn ihres tugendhaften Lebens zu empfangen. Paula hatte die letztere Zeit viel gelitten, und es war ihr auch anzuſehen. Ich fand ſie ſchreibend, unter Thraͤnen. Sie wollte ſich um ein anderes Unterkommen bemuͤhen, weil es ferner nicht mehr ſchicklich ſeyn duͤrfte, daß ſie bei mir bliebe. Ich ſagte ihr offen, daß ich dann den Verluſt meiner Frau doppelt empfinden muͤßte, und daß ſie mich einem Vorurtheil nicht aufopfern ſollte, welches um ihres begruͤndeten Rufes und meiner ſittlichen Ehre willen, unſer gegenſeiti⸗ ges Verhaͤltniß weſentlich nicht antaſten koͤnnte. Sie antwortete mir aus den Gedanken der Ma⸗ dame Necker: dem Manne ziemt es, der Meinung die Stirn zu bieten; das Weib muß ſich ihr unterwerfen.— Und ſelbſt den Schein zu mei⸗ den, iſt meinem Geſchlechte Pflicht. Ich bin es mir, ich bin es Ihnen ſchuldig, daß ich Sie verlaſſe.— Da ſagte ich ihr von Pauli⸗ —— —— — 269 nens letztem Wunſche, und meiner Abſicht, un⸗ ſerem Zuſammenleben kuͤnftig die Weihe der Ehe zu geben. Mein Herz blieb ruhig dabei, daß es den Tag nach Paulinens Begraͤbniſſe ge⸗ ſchah⸗ „Du haſt Dich jedesfalls mit Deiner zwei⸗ ten Heirath ſehr beeilt“— wendete der Regie⸗ rungsrath ein. „Und zwar nur aus Liebe fuͤr meine erſte Frau,“ entgegnete gelaſſen ſein Freund.„Kein leidenſchaftliches Gefuͤhl fuhr er fort:„als das der aufgeregteſten Wehmuth, draͤngte mich zu einer Wahl, die durch jahrelange Kenntniß von dem Charakter der Wittwe begruͤndet war, und daß ich mich ihrer verſicherte, geſchah, nicht daß ich meine gute Frau ſo unbegreiflich ſchnell vergeſſen haͤtte, ſondern, in einem Sinne, der ihr Gedaͤchtniß heilig hielt.“ „»Das ſind Sophiſtereyen, Freund!“ unter⸗ brach der Regierungsrath den Erzaͤhler noch ein⸗ mal:„heirathsluſtige Wittwer ermangeln nie einer Reſerve moraliſcher Gruͤnde, fuͤr die Eil⸗ 270 fertigkeit ihrer Progreſſen. Doch fahre nur fort! wir wollen hoͤren, wie es Di' weiter erging.“ „Nun, wirklich nicht uͤbel!“ verſetzte der Syndikus:„es blieb bei der alten Einrichtung, kein Stuhl ward von ſeiner Stelle geruͤckt, und der alte Friede zog auch nicht aus, und ließ ſich aufs Neue haͤuslich bei uns nieder. Ich nannte die Paula nun auch Pauline wie meine ſelige Frau, und dieſe war die geliebte wenn auch un⸗ ſichtbare Dritte in unſerm Bunde. Einige Jahre waren ſtill und froh verſchwunden, da entraffte mir der Tod auch dieſes Gluͤck, und nun erſt fuͤhlte ich ganz den oͤden Schmerz der Trennung. Beide Paulinen ſchliefen eng und ſchweſterlich neben einander, und in meiner trau⸗ rigen Seele war der Gedanke an ſie ſo zuſam⸗ men gefloſſen, wie eine doppelte Thraͤne. Es war mir nun, als erwachte ich aus einem langen Traume von Ruhe zu dem Bewußtſeyn fruͤherer Zeit. In der Tiefe meines Gemuͤths regte ſich etwas mir Unerklaͤrbares. Thereſens Geſtalt trat aus weiter Ferne zu mir her, ich empfand einen leiſen Zug der Sehnſucht, der Sympa⸗ thie— wie ſoll ich es nennen? wie wenn man eine liebe Naͤhe ahnt.— Zuweilen meynte ich, ſie reden zu hoͤren; doch nur der Gedanke ſprach mein wundes Herz an, ſie waͤre das einzige weib⸗ liche Weſen noch auf Erden, das Theil an mir naͤhme. Es war im Fruͤhling. Zu eben dieſer Jahreszeit hatte Thereſe einſt ihre Hand dem Mahler Sardino gegeben, und die Heimath ver⸗ laſſen, um dem Manne zu folgen. Seitdem hatte ſich mir in jede Nachtigallenſtimme ein An⸗ klang von dem Tone meiner damaligen Stim⸗ mung gemiſcht, und wenn die Knospen ſich oͤffneten, dann ſchwellte auch die Bluͤthe der Er⸗ innerung in meiner Bruſt. Eines Tages will ich nach dem Kirchhof. Ich hatte mir die dritte Grabſtelle neben meinen Verſtorbenen zueignen, und eine Raſenbank dahin machen laſſen, eine breitaͤſtige Linde bog ſich ſchattend druͤber hin— es war ein heimliches Plaͤtzchen. In Gedanken vertieft, die vielleicht, ob auch mir ſelbſt unbe⸗ wußt, meine Schritte leiteten, hatte ich den Weg bei Thereſens ehemaliger Wohnung voruͤber genommen, und ſtand jetzt vor dem einſamen * 272— Haͤuschen. Aber ich ſtand wie eine Bildſaͤule, und ſtarrte nach dem Fenſter. Es war daſſelbe, an welchem ſonſt Thereſe zu arbeiten pflegte. Ein Myrthenſtock, den ſie ſelbſt groß gezogen, ragte dann hoch neben ihr, und es war mir im⸗ mer ein liebes Bild, wenn ſie ſo blond! ſo bluͤ⸗ hend! unter dem Baume der Unſchuld und der Liebe ſaß. Eine weibliche Figur nach innen ge⸗ kehrt, und den Arm wie eine Kummerſaͤule untergeſtuͤtzt, nahm ſitzend jene Stelle ein, und die Blumen einer Kaiſerkrone wankten uͤber der tiefen, fraulichen Haube, welche mir die Umriſſe des Profils entzog. Jetzt trat ein Muͤtterchen aus dem Hintergrunde des Zimmers, und deu⸗ tete mit dem Zeigefinger nach Auſſen— und auf mich. Schnell drehete die Andere ſich um, der Strich der Haube flatterte bei der raſchen Bewegung zuruͤck, und ich ſah in Thereſens offe⸗ nes Geſicht, das in jenem Moment hoch erroͤ⸗ thete. Es war ein Blick in den Himmel meiner erſten Liebe!— Zitternd vor frohem Schreck betrat ich die Schwelle wieder, von der ich mich einſt mit hoffnungsloſem Beben gewendet. The⸗ 273 reſe reichte mir die Hand entgegen— es war alles wie damals und doch auch anders. Der Mahler Sardino war ſchon ſeit laͤngerer Zeit todt, und Thereſe bereits einige Wochen hier, um die Wittwe des Canzelliſten zu beſuchen, welche als Wirthinn dieſes Hauſes nun das un⸗ tere Stockwerk bewohnte, das einſt der Kaͤmme⸗ rer mit ſeiner Familie inne gehabt. Die Krankheit und der Tod meiner Frau hatte The⸗ reſen abgehalten, mich ihre Anweſenheit wiſſen zu laſſen, und erſt vor einer Stunde ſollte ſie, wie mir die geſchwaͤtzige Wittwe ſagte, laut gewor⸗ den ſeyn: ſo werde ich doch wohl abreiſen muͤſſen, ohne den Syndikus geſehen zu haben, und das haͤtte ich doch ſo gern!— Und warum hielten Sie mir ſpaͤter dieſe Freude vor, die mir troͤſtlich geweſen waͤre? fragte ich ſie faſt mit Vorwurf. Ich wollte Sie in Ihrem Schmerze nicht ſtoͤenr — gab ſie mir zur Antwort.“ „Nun, mit dem war es nun wohl vorbei? unterbrach der Regierungsrath die Erzaͤhlung, und ein ironiſches Laͤcheln gab dieſer theilnehmen⸗ den Frage einen ſpottiſchen Stich. „Du neidenswerther Menſch!“ ſetzte er dann ernſthaft und wie mit Staunen hinzu:„Du biſt wahrhaftig ein Kind an Gemuͤth wie an Gluͤck! kaum ſchmerzt Dich ein Verluſt: ſo wurzelt der Erſatz ſchon wieder in Deinem Leben, ſo wie ein friſcher Zahn den lockergewordenen abſeits draͤngt.— Madame Sardino ward alſo nun wohl bald zur Frau Syndikus Stahl? und Du bekannteſt: aller guten Dinge ſind Drei?⸗ „Schenke mir nur noch eine kleine Geduld, ich bin gleich zu Ende,“ entgegnete ſein Freund; doch die Gedankenfuͤlle, womit ihm dieſer Schluß die Bruſt bewegte, hinderte ihn, ſich kurz zu faſſen, und der Bericht deſſen was ſich noch bege⸗ ben, wurde ein warmer Erguß der Empfindung. Er ſprach:„welch ein wunderbares Weſen iſt es doch um die erſte Liebe! ſie iſt gleichſam die Transfiguration des ganzen Lebens; ein ſchoͤpfe⸗ riſches, goͤttliches Gefuͤhl: denn es beſeelt ſelbſt todte Gegenſtaͤnde, und verleiht ewige Jugend. Thereſe ſtand vor mir, und ich bemerkte nicht einmal, daß ſie aͤlter geworden waͤre. Sie hatte an ihrem Manne einen treuen Verſorger gehabt. — — — 275 Er lebte und webte in dem Reich der Farben;— aber er vergaß ſeines Verſprechens nicht, daß dem betruͤbten Herzen ihrer Mutter das Licht noch einmal gegeben wuͤrde. Seit Thereſe den Tag erlebt, wo die Operation gelang, und ſich im Stande ſah, das Alter ihrer Mutter gemaͤch⸗ lich machen zu koͤnnen hielt ſie jeden Seufzer um ein beſſeres Schickſal fuͤr Suͤnde. Sardino hatte ihr ein kleines, erworbenes Vermoͤgen hinter⸗ laſſen, das ſie mit ſeinem Sohne theilte. Die⸗ ſer Sohn, der die Rechte ſtudiert, war ſchon als Referendarius angeſtellt. Sein vaͤterliches Erbtheil war in den Univerſitaͤts⸗Jahren be⸗ traͤchtlich geſchmolzen, jetzt lebte er vom Reſt des Breiten, und den Zuſchuͤſſen, die ſich ſeine edle Stiefmutter abſparte. Er lag ihr ſehr am Herzen, weniger, daß der Juͤngling ihr Lieb⸗ ling geweſen waͤre, als daß ſie ihm zu vergelten dachte, was ſein Vater an ihr und ihrer Mutter gethan. Die Sorge fuͤr Sardinos Sohn erſchien ihr auch, nach einem uͤberſpannten Begriffe von dieſer Pflicht, als eine Schwierigkeit, ob ſie eine zweite Heirath eingehen duͤrfte?— Die 276— treue Seele! ich wußte jedoch ein Mittel, The⸗ reſens dankbares Herz hieruͤber zufrieden zu ſtel⸗ len. Ich ſagte ihr naͤhmlich, daß ich ſogar bereit ſeyn wuͤrde, dem jungen Sardino einſt mein Amt abzutreten. Er koͤnnte dann in unſerm Hauſe wohnen, und waͤre ſomit in den naͤchſten Bereich ihres muͤtterlichen Einfluſſes geſtellt.— Da ſchoſſen Thereſen Freudenthraͤnen in die Au⸗ gen, nur ein inniglicher Druck ihrer Hand ant⸗ wortete mir;— doch dieſe Hand war nun mein. Hatte meine erſte Frau mich durch engelhafte Guͤte, die zweite vorzugsweiſe durch ihren Geiſt begluͤckt: ſo verklaͤrt die Geliebte meiner Jugend mir den Abend des Lebens. Thereſe brachte die beiden Bilder dort mit, welche Sardino gemahlt. Sie waren mir uͤberaus lieb. Sitzen wir nun nach dem friedlichen Tage noch ein trauliches Stuͤndchen auf dem Sopha zuſammen, und der Mond ſcheint mit aufgehendem Schimmer an die Wand: ſo faͤngt die Floͤte des blinden Duͤlon an zu toͤnen. Das Leben ſchweigt— ein Hauch der Harmonie wird alles was ich hoͤre, was ich fuͤhle. Die Harfe klingt daneben, aber von einem Zion 277 her, wo die blinde Mutter nun das ewige Licht ſieht. Und Odem der Unſterblichkeit rauſcht durch meine Seele.“ Hier verſtummte der Syndikus; auch ſein Freund unterbrach mit keiner Syllbe die tiefe, feyernde Pauſe. Ein Seufzer, ein leiſes Stoͤh⸗ nen ſaͤuſelte aus dem Alkoven, und eine zarte, weiße Hand raffte an dem Faltenwurfe der Gar⸗ dine. Der Syndikus ſchlich ſo ſacht als moͤg⸗ lich uͤber die knarrende Diele, zu ſehen, ob ſei⸗ ner Frau etwas fehle? Er blieb ein Weilchen. Der Regierungsrath luͤftete die Weſte, als waͤre es ihm um die Bruſt zu heiß und enge, und trat ans Fenſter. Unheimlich ſauſete der Nachtwind gegen die Scheiben. Einzelne Sterne blinkten durch eilen⸗ des Gewoͤlk, die Uhre viertelte in ſchwankenden Klaͤngen. Jetzt kam der Syndikus zuruͤck, und ſagte aufathmend:„meine gute Frauduͤrſtete, und ich habe ihr zu trinken gereicht. Doch ſchlummert ſie ſchon wieder.„Dieſer fatale Kopfſchmerz laͤßt immer einen etwas fieberhaften Schlaf nach. 278— Morgen iſt ſie nur noch ein wenig matt— Du aber wirſt nun wohl des Wachens muͤde ſeyn.“ Der Regierungsrath verneinte jedoch die auffordernde Vorausſetzung ſeines Gaſtfreundes dadurch, daß er ſich auf ſeinen alten Platz im Sopha warf, und ſprach:„ſolche unbelauſchte Muße kommt uns vielleicht niemals wieder. Laß uns noch ein halbes Stuͤndchen daran wenden, und vernimm nun auch meine Beichte, welche recht eigentlich in das ſchweigende Dunkel der Nacht gehoͤrt. Ich werde mich der Kuͤrze beflei⸗ ßigen; allein ich denke, ein Auszug aus dem Roman meiner Eheſtandsgeſchichte ſoll Dir min⸗ deſtens keine Langeweile machen. Die Deinige iſt eine haͤusliche Idylle— meine hingegen ein wuͤſtes Phantaſieſtuͤck, worin der Teufel eine Rolle ſpielt.“ Der Syndikus blickte aufmerkſam in die flammenden Augen ſeines Freundes, und ſagte in mitleidiger, ahnungsvoller Furcht:„es wird Dich allzuſehr erregen, Otfried! wie gern ich auch etwas Naͤheres wiſſen moͤgte.“ ——nᷓᷓᷓ— ——;õ——’—— — 279 „Erregen?“ antwortete Jener, und lachte herbe:„das Schickſal, mußt Du wiſſen, hat mich durchaus nach dem Brownſchen Syſtem curirt, und das Honorar was ich dafuͤr bezahlt, war ſchwer!— Dieſe Mittheilung iſt nur ein kleines Hausmittel, und ich hoffe, daß es erleich⸗ ternd auf mich wirken werde.“ „Nun, ſo beginne denn!“ ſprach ſein Zu⸗ hoͤrer, und der Regierungsrath hob an: „Ich war, wie Du weißt, ein flotter Stu⸗ dent, und galt damals fuͤr einen Guͤnſtling For⸗ tunens. Zuweilen kam ich mir ſelbſt ſo vor. Mein vaͤterlicher Großoheim hatte meinen Wech⸗ ſel freigebig beſtimmt, und alles, wonach andere muͤhſam ſtreben mußten, fiel mir nur ſo zu. Aber ich ließ es wieder fallen— und das Gluͤck, wie ich ſpaͤter eingeſehen, will eigens bewahrt ſeyn. Als ich von Halle zuruͤckkehrte, empfing mein Großoheim mich mit offenen Armen. Er hatte den Plan zu meiner Carriere im Voraus gemacht, und dabei weder den Anſchlag ſeines Geldes, noch die beſte Meynung von meiner Faͤhigkeit mich empor zu ſchwingen, geſpart. 280 Auch ließ es ſich fuͤr Erſte gut an. Ich machte ein brillantes Examen, und erwarb vielverſpre⸗ chende Connerionen. Der Großoheim hielt mir ein Reitpferd, und ich courbettirte bei den Fenſtern huͤbſcher Maͤdchen voruͤber. Als der praͤſumtive Erbe meines reichen Großoheims war ich uͤberall willkommen, wo es mir gefallen haͤtte, eine Liebſchaft anzuſpinnen; aber ich hielt mich kluͤglich auſſer dem Garne. So waren Jahre verſtrichen, und ich ſtand nun am Aſſeſſor, als der Zufall, der ein ſchlauer Kuppler iſt— mich in eine vornehme, catholiſche Familie einfuͤhrte, die fuͤr eben ſo bigott als ſtolz bekannt war. Vielleicht ſchmeichelte die liberale Aufnahme wel⸗ che ich fand, mir nur um ſo mehr. Ich ſtand mit dem Sohne vom Hauſe auf freundſchaftli⸗ chem Fuß, ſeine Schweſter gefiel mir ſo ſehr, daß ich uͤber und uͤber verliebt, daran dachte, ihr meine Hand zu reichen. So tauſchten wir ge⸗ ſchwind genug, leichtſinnig das Wort aus, wel⸗ ches, nach einem menſchlichen Maaßſtabe, nicht wie das goͤttliche, einen Himmel und ein Para⸗ dies auf Erden— ſondern eine Hoͤlle ſchuf.— — 281 Jetzt erſt fiel mir ein, was wohl mein Groß⸗ oheim dazu ſagen wuͤrde?e „Ich ſollte es indeſſen zeitig erfahren. Er rief mich in ſein Cabinet, und ſprach zuerſt von meinen nahen Ausſichten, befoͤrdert zu werden. Endlich ſagte er: dann wirſt Du heirathen, Neffe! und Deine Wahl falle auf Wen ſie wolle, ich werde nichts dagegen haben. Eine Bedin⸗ gung ausgenommen, die Braut muß unſerer Confeſſion, und nicht aus adelichem Gebluͤt ſeyn. Bei dieſen Worten ſah mich der Groß⸗ oheim ſcharf an, ich fuͤhlte daß mir das Blut in die Wangen ſchoß, und mein Geſicht wie Feuer brannte. Und mit gewichtigem Tone ſetzte er hinzu: ich hoͤrte neulich ein Voͤgelchen ſingen, daß Du Dich in ſolch ein thoͤrigtes Verhaͤltniß eingelaſſen haͤtteſt; aber ich will glauben, es ſey ein Gimpel geweſen, der mir dies zugeraunt: denn Du begreifſt, Neffe, daß ich Dir mein Votum decisivum verſagen wuͤrde. Auch glaube ich es um Dich verdient zu haben, daß ich zu⸗ vor davon wuͤßte, und daß Du eine Warnung von mir nicht verachteteſt, welche kein Vorur⸗ 282— theil des Alters, ſondern das Ergebniß von Er⸗ fahrungen iſt, die ſich taͤglich erneuen. Mann und Frau ſollen in allen Dingen einmuͤthig ne⸗ ben einander wandeln, beſonders auf dem Gange zur Kirche; der kleinſte Scheideweg dahin trennt unmerklich auch die Herzen, und fuͤhrt zu kei⸗ nem Heil.“ „Der wackere alte Mann!“ fiel der Syndi⸗ kus ſeinem Freunde in die Rede:„ich hoffe, Bruͤderchen, Du wirſt ihm Gehoͤr gegeben haben.“ „Hoffe es nicht!“ antwortete der Regierungs⸗ rath mit heftiger Selbſtanklage:„hoffe uͤber⸗ haupt nichts mehr von mir. Der Übermuth des Gluͤcklichen ſtuͤrzte mich ins Verderben. Nachdem mein Großoheim alles verſucht, jenen uͤbereilten Schritt ruͤckgaͤngig zu machen, gab er mich auf. Er haͤndigte mir zuletzt noch eine anſehnliche Summe ein, wobei er mir ſagte, daß ich nun ſein Haus verſchonen moͤgte. Ich merkte, es waͤre ihm voller Ernſt damit.“ „Er hatte wie ein Vater an mir gehandelt, tauſend Wohlthaten uͤber mein Haupt gehaͤuft, — 2883 und nur einen Wunſch, und noch dazu um meines Gluͤckes willen, mir verſagt, und der Daͤmon des Widerſpruches reizte mich, daß ich ihn durch ſchnoͤden Undank kraͤnkte, und ſein vaͤterliches Gebot zu meiner eigenen Qual uͤber⸗ traͤte!”“—— Dem Syndikus entſchluͤpfte ein Seufzer, der dieſe ſchwere Verſchuldung und ihre Folgen erwog. „Ja ſeufze nur,“ ſagte der Regierungsrath: „es wird noch beſſer kommen.“ Er, ſelbſt tiefer Odem ſchoͤpfend, fuhr fort:„meine junge Frau brachte mir einen abgeſtorbenen Stammbaum, verblichene Ahnenbilder, und eine ganze Gallerie Madonnen in die neue Wohnung. Ich dachte vorhin daran, als Du erwaͤhnteſt, jene ſchoͤnen Gemaͤlde dort, waͤren eine Mitgift Deiner The⸗ reſe geweſen.— Ein Saͤulenheiliger im Zuſtande der Verzuͤckung, hing an der Wand, die Blicke meiner Frau beteten ihn an— ich aber fuͤhlte mich ohngeachtet der Zorn des edelſten Greiſes auf mir ruhete, und ich verbannt war von ſei⸗ nem Angeſichte, auf der Spitze irrdiſcher Wonne, 284— und wie in den dritten Himmel entruͤckt. An der Thuͤre unſeres Schlafgemachs war ein ſilber⸗ ner Weihkeſſel befeſtiget, auf dem der kleine Asmodi, wie in einer allerliebſten Erzaͤhlung von Wieland, ſeinen Platz nahm. Meine Frau ſtand fruͤh auf, putzte ſich niedlich, und ging jeden Morgen regelmaͤßig in die Meſſe. Dann aber hatte die fromme Übung ihr die Luſt zur Arbeit benommen. Sie zog hin und her, trieb dies und das, nur wenig Nuͤtzliches. Ein hal⸗ bes Jahr verflog, mit ihm der Rauſch befrie⸗ digter Leidenſchaft, worin ich im ſeligen Taumel mich den Gluͤcklichſten aller Sterblichen waͤhnte. Die Flittern der Ehe hatten ihren erſten Glanz verloren, ſie verblendeten mein Auge nicht mehr, obgleich ich damals noch nicht merkte, daß es nur leoniſche geweſen. Ich war nie ein ſon⸗ derlicher Kenner der AÄchtheit, und das Gold der Treue war noch nicht an ſeine Probe gekom⸗ men.— Meine Frau ſagte mir einſt: ſie haͤtte ihr Auge auf mich geworfen, wegen der Figur die ich geſpielt— und ich blieb zweifelhaft, ob ich dieſen Ausdruck buchſtaͤblich, oder nur in — 285 dem Sinne zu nehmen haͤtte, daß ihr das Anſe⸗ hen meiner Lage, und mein Benehmen darin gefallen. Von dieſer Zeit an, ſchien es mir aber doch, als ob meine Frau nur Maͤnner von hohem Wuchſe ihrer Aufmerkſamkeit werth hielte. Ich war nicht ganz frei von Eiferſucht, ohne zu ahnen, daß dieſes wuͤſte Gefuͤhl durch kleine Minauderien meiner Frau erregt wuͤrde, durch ein gewiſſes, coquettes Weſen, was ich jetzt erſt an ihr wahrnahm, doch fruͤher niemals. Meine Schwiegermutter miſchte ſich in unſere Wirthſchaft, und wollte ihr einen adeligen Zu⸗ ſchnitt geben, das aber ſtatuirte ich nicht, und es gab nun manche Scene. Mit dem Bruder meiner Frau hatte ich mich bald nach der Hoch⸗ zeit ernſtlich verzuͤrnt, und alle dieſe kleineren oder groͤßeren Mißhelligkeiten brachten mich auf die Idee, daß es gut fuͤr mich waͤre, wenn ich an ein anderes Regierungs⸗Collegium, und weit weg von der ganzen Sippſchaft kaͤme. Ein Er⸗ eigniß beſtimmte mich bald genug, die moͤglichſte Wirkſamkeit dafuͤr aufzubieten. Ich hoͤrte, mein Großoheim laͤge krank, wir hatten grade eine 286 kleine Geſellſchaft fuͤr den Abend gebeten. So wollte ich mich nun nicht verſtimmen. Den an⸗ dern Morgen gedachte ich hinzugehen, und zu riskiren, ob er meinen Beſuch annaͤhme. Am andern Tage aber war er todt, und ich vermag Dir nicht zu ſchildern, wie dieſe Nachricht mich erſchuͤtterte.“ „Ich kann es mir denken“— iagte der Syndikus leiſe.“ „Betaͤubt ſchlich ich umher,“ ſetzte Otfried ſeine Erzaͤhlung fort:„die Glocken gingen, und ſchlugen toͤnend an mein Gewiſſen. Der Exe⸗ cutor Teſtamenti ließ ſich bei mir melden. Er ſprach von den letzten Verfuͤgungen meines Groß⸗ oheims, worunter die ausdruͤcklich, daß Nie⸗ mand ſeiner Leiche folgen ſolle. Ach, ich wußte es wohl, er meynte nur mich!— Und eben deshalb ward es mir geſagt. Sein ganzes Ver⸗ moͤgen hatte er an milde Stiftungen vermacht; aber in jenen Augenblicken war es mir faſt gleich⸗ guͤltig. Er ward bei meiner Wohnung voruͤber nach ſeiner Ruheſtaͤtte getragen. Ich ſtand ſchwarz gekleidet, halb verſteckt, am Fenſter. 287 Da ragte das ſchimmernde Kreuz, da ſchwankte der Sarg die Straße herauf, meine Kniee wank⸗ ten auch, ich mußte mich halten, und der dunkle Schatten meiner Reue, daß der edle Greis mir unverſoͤhnt geſtorben waͤre, gab ihm das Geleit, und nahm tiefe Trauer ein. Meine Frau, welche an meiner Schulter lehnte, wartete nicht ab, bis der Zug voruͤber waͤre. Der duͤſtere Anblick, mein gramvolles Schweigen mogte ihr langwei⸗ lig ſeyn. Sie trat an das Inſtrument, und ſchlug ein Tanzſtuͤck an. Ein greller Mißlaut riß in dieſem Moment durch mein Inneres. Dort trugen ſie meinen zweiten Vater hin! Sie hatte mich ihm entfremdet, und ich fuͤhlte, ſie waͤre auch fremd in meinem Herzen, und kein Verſtaͤndniß der Seele gaͤbe es zwiſchen uns.“— „Ich ſtrebte nun fort, hielt aber dieſe Abſicht geheim, um mir ihr Gelingen zu ſichern. Es ging durch, und ich ward nach E..... verſetzt. Hier hoffte ich Ruhe zu finden; aber die Natter die ſie mir vergiften wuͤrde, hatte ich mit mir genommen. Ein innerer Drang mir ſelbſt zu 288— entfliehen, trieb mich, auſſer meinen uͤberhaͤuf⸗ ten Amtsgeſchaͤften, bald bei dieſem, bald bei jenem Steckenpferde Zuflucht zu ſuchen. Ich wußte es ſelbſt nicht, daß ich auf die wenigſt⸗ moͤglichſte Weiſe verheirathet zu ſeyn wuͤnſchte, obgleich mir ein Kind geboren war, ein ſuͤſſes kleines Maͤdchen, das mich manche Bitterkeit meines haͤuslichen Lebens haͤtte vergeſſen laſſen können. So ward ich denn ein leidenſchaftli⸗ cher Jaͤger, dann ein Blumiſt, endlich kam mich die koſtbare Bauluſt an. Aber mein Herz blutete immer leiſe fort, die Blume der Zu⸗ friedenheit war mir verkommen, und mein Gluͤck, auf keinen guten Grund gelegt, drohete den Einſturz. Der geſellige Hang meiner Frau ſetzte mich in ziemliche Verlegenheit, da mein eiferſuͤchtiges Befuͤrchten mich in der Wahl unſe⸗ res Umgangs penible machte. Ich dachte ein⸗ mal, wenn ſich ein ungefaͤhrlicher Hausfreund faͤnde— gerechter Gott! dieſer Gedanke hhts den Boͤſen beſchworen.“ „Es iſt, wie Dir bekannt ſeyn wird, ein beruͤhmtes Gymnaſium an jenem Orte. Einer 289 der dabei angeſtellten Lehrer in alten Spra⸗ chen, war ein getaufter Jude. Das Diplom zur Wuͤrde eines Doctors der Philologie lag ſchon ausgefertiget, wie man wiſſen wollte. Seinen infernaliſchen Nahmen laß mich Dir ver⸗ ſchweigen— er ſteht mit Feuerſchrift in mei⸗ nem Gedaͤchtniſſe, und ich wuͤrde mir die Lippe in hoͤlliſchen Schmerzen verbrennen, wenn ich ihn je wieder ausſpraͤche. Die Phyſiognomie des Doctors war aͤcht orientaliſch, von Geſtalt glich er dem griechiſchen Äſop. Tief ſteckte der Kopf zwiſchen den ungleichen Schultern, er trug ein ſpitzes Gebirg auf Bruſt und Ruͤcken. Aber da⸗ fuͤr war er auch ein hochbegabter Geiſt. Witz⸗ Humor, Kenntniſſe, ein treffliches Gedaͤchtniß, feiner Ton, das Talent nachahmender Darſtel⸗ lung: alles ſtand ihm zu Gebot, ſich der Unter⸗ haltung zu bemeiſtern. Die Weiber mogten ihn gern, trotz dem, daß es keiner Frau leicht ein⸗ gefallen waͤre, mit ihm anzubinden. Sie fuͤrch⸗ teten den Satyr, der ihm aus jeder Miene lauſchte, ihre Schwaͤchen zu erhaſchen. Eine komiſche Anekdote von ihm, die mir eben einfäͤllt, Die dritte Frau. 13 290— muß ich Dir doch beilaͤufig erzaͤhlen: denn das übrige liegt mir außer dem Spaße.— Er— naͤhmlich der Doctor— nannte ſich ſcherzweiſe einen Baccalauröus; einer der Schuͤler, der es gehoͤrt, ob aus Einfalt oder Schalkheit? gab ihm im ganzen Ernſte dieſe Benennung doch ſo, daß er fuͤr das erſte a ein u, und fuͤr das zweite ein e ſetzte. Er behielt fortan wenn auch hinter ſei⸗ nem Ruͤcken, dieſen Beinahmen. Ich war einſt in Bezug darauf, Ohrenzeuge einer laͤcherlichen Scene. Eine Judenfrau, welche mir nebenan wohnte, greinte und weinte, weil ihr Sohn, ein ſchwaͤchlicher Knabe, ſich Schaden gethan⸗ Sie ſaß auf der Bank vor dem Hauſe, und Klage und Antwort ward laut verhandelt. Der lieber Gott ſoll mir helfen! ſagte die juͤdiſche Mutter, mit einem prophetiſchen Blicke der Verzweiflung auf den armen Jungen, der bleich, doch harmlos vor ihr ſtand: Du wirſt nun kein Anſehen haben nie nicht, ein Kruͤpel iſt wie ein verachteter Baum; die Leute werden Raͤthſel auf Dir machen— kein Menſch wird ſich vor Dir fuͤrchten. O Mamme! unterbrach der — 291 Knabe troͤſtend das Weimern ſeiner Mutter: vor dem Herrn Buccelauréus fuͤrchten ſich doch Viele: denn er iſt ein gar ſcharfer Patron. Die Juͤdinn fuhr hitzig auf, als der Junge das ſagte. Sie ſchalt: unverſtaͤndiges Kind! wenn Du wirſt ſo gelehrt ſeyn, wie der Herr Buccelauröéus, kannſt Du auch ſo hoͤckrig ſeyn wie er; dann will ich nichts dawider haben.— Der Syndikus lachte, die kleine Epiſode ergötzte ihn; aber ſei⸗ nem Freunde verwiſchte ſchnell die kalte Hand der Erinnerung des Laͤchelns leiſen Zug. Er ſchoͤpfte tiefer Odem, als naͤhme er einen Anlauf ſeine Erzaͤhlung fortzuſetzen, und ſprach: dieſer Mann nun ward mir naͤher bekannt, und unſer taͤglicher Gaſt. Meiner Frau war er anfaͤnglich fatal, nur wider Willen mußte ſie uͤber ihn lachen. Aber ſie lachte doch! und dies allein, wuͤrde ich bei dem haͤufigen Verdruß, den ſie mir durch den Mißmuth der Langeweile, und durch zaͤnki⸗ ſche Launen verurſachte, ſchon fuͤr eine Wohl⸗ that erkannt haben. Er ſchien uͤberhaupt mein Alliirter gegen die Fehler meiner Frau zu ſeyn. Zuweilen vergoß ſie Thraͤnen der Bosheit, wenn 13*† 292— er ſie recht à Dessein damit aufzog und hohn⸗ neckte, dann aber verſtand er es auf wunderliche Art, ſie wieder gut zu machen.“ „Vergieb, daß ich Dich ſchon wieder ſtoͤre:“ unterbrach der Syndikus die Rede des Erzaͤhlers: „es wird doch hier nicht am Ende auf Goͤthes erfahrenes Wort hinauslaufen: doch Wem wenig dran gelegen ſcheinet, ob er reizt und ruͤhrt: Der beleidigt, Der— verfuͤhrt?“— „Du wendeſt richtig an, mein alter Dichter⸗ freund!“ nickte der Regierungsrath.„Aber viel⸗ leicht,“ fuhr er fort:„war ich nur allein Schuld, daß ein Betragen, welches fruͤher wohl nur das eines Verachteten war, der dem Reize nicht wi⸗ derſtehen konnte, uͤber die Schwaͤche des ſchoͤ⸗ nen Geſchlechts von deſſen Liebe er ſich ausge⸗ ſchloſſen fuͤhlte, ſpottend zu ſiegen, ſpaͤter die Richtung abſichtlicher Rache nahm.— In einem unſeligen Weinrauſche ließ ich mich geluͤſten, dem Doctor fuͤr ſeinen Einfluß auf meine haͤusliche Ruhe zu danken, und meine Frau ſeiner heilſa⸗ men Methode ferner zu empfehlen. Ich Thor! machte ihm mein Zutrauen beleidigend erklaͤrlich, 293 und vergaß ſelbſt nicht der Vorliebe meiner Frau fuͤr wohlgewachſene Maͤnner zu erwaͤhnen. So ſchwatzte ich aus, was ich nur immer gedacht hatte. Der Doctor erroͤthete tuͤckiſch; ſeine tie⸗ fen Augen loderten wie ein paar kleine Pechpfan⸗ nen, er fuhr mit der Hand uͤber die blauſchwarze Wolle des krauſen Haares, und mein künftiger Kopfſchmuck mogte die beſchloſſene Sache jener verderblichen Minute ſeyn.— Vor dem Laͤcheln womit er mich anſah, ward mir nuͤchtern zu Muthe; ich fuͤhlte, daß ich eine arge Unbeſon⸗ nenheit geſagt haͤtte. Indeß blieb alles wie es geweſen, der Doctor kam nach wie vor, und ich ging ſorglos meinen Neigungen nach. Ein Jahr verlief. Eines Abends komme ich aus mei⸗ ner kleinen Geſellſchaft, es war im Herbſt, wie zu jetziger Zeit, und ſtockfinſter. Ein Bekannter gehet neben mir, ein buͤrgerlicher Offizier von hoͤ⸗ herem Range, ein ſehr achtbarer Mann, den ich meinen guten Freund nennen durfte, wie man ſo ſpricht, ohne grade ſein Intimus zu ſeyn. Ein mattes Licht glomm hinter den Fen⸗ ſter⸗Vorhaͤngen meiner Wohnung, es winkte 294 mir durch die tiefe Dunkelheit, aber unheimlich. Wir ſtanden jetzt vor dem Quartier des Offiziers. Ihre Frau ſcheint auch noch wach zu ſeyn, ſagte er: womit vertreibt ſie ſich ſo ſpaͤt, und ſo allein die Zeit?— Dieſe gefaͤllige Muͤhe antwortete ich: hat der Doctor, ich nannte ihn— uͤber⸗ nommen, und ich finde ihn wohl noch. Sie leſen zuſammen, zanken ſich unterweilen— loͤſen Charaden— da faͤllt mir eben auch eine bei, unterbrach er mich mit bedeutſamen Tone, die will ich Ihnen aufgeben. Es iſt ein Wort von zwei Sylben; die erſte nennt einen kleinen Sul⸗ tan, der ſein Serail ohne Mauern und Waͤch⸗ ter haͤlt, die zweite einen halben Raubvogel das Ganze einen famoͤſen Miops.“— „Das iſt ſtark!“ konnte der Syndikus nicht umhin, einzuſchalten.„Auch wirkte es draſtiſch,“ antwortete der Andere mit unterdruͤckter Stimme, welche ſeine innere Erregung niederhielt.„Ich gerieth in Wuth, faßte den Offizier am Kragen, und riß ihm ein Stuͤck vom Mantel herunter. Das feine Tuch, der Sammet war wie Zunder in meiner gewaltſamen Hand. Was ich im — 295 Wahnſinn des Jaͤhzorns geſagt, weiß ich nicht mehr; aber es muß eine Ausforderung auf Tod und Leben geweſen ſeyn. Der Offizier, durch ſeine Kaltbluͤtigkeit mir uͤberlegen, ſchleuderte mich von ſich, und ſprach: gemach, mon ami! ich ſtehe zu Dienſt, jedoch bedingungsweiſe. Ha⸗ ben Sie binnen einem Monat, oder meinethal⸗ ben morgen ſchon, die Aufgabe geloͤſt, und ſich uͤberzeugt, ſie enthalte nur eine gemeine Ver⸗ laͤumdung: ſo ſchießen wir uns auf dieſem Man⸗ tel, den Sie nebſt meinem Ehrenworte zum Pfan⸗ de behalten moͤgen; finden Sie aber die Wahr⸗ heit in dem bittern Kerne der Raͤthſelnuß: ſo will ich mich begnuͤgen, daß Sie mir den Man⸗ tel ganz wieder ſchicken.— Was haͤtten Sie mit ſolch einen Jaun, wie dieſer Doctor, zu theilen? be weln Sie Ihr Verhaͤngniß, ſchnoͤde aus Trug d Liſt zuſammen geſponnen, wie einen gordiſhen Knoten, und damit gut. Ich hoͤrte die Thuͤre ins Schloß ſchnappen, mein Arm ſand wie gelaͤhmt, unter der Schwere des Mamteis, die Wucht der Moͤglichkeit, womit der wackere Offizier mein Herz belaſtet, beugte 296 mich zu Boden. Die kalte, oͤde Nacht war ein Bild meines innerſten Zuſtandes, und wie vom Fieber geſchuͤttelt, tappte ich nach Hauſe. Nach dreien Tagen ſendete ich den Mantel hergeſtellt an ſeinen Eigenthuͤmer— mein Gemuͤth aber war und blieb zerriſſen. Meine Frau, hoͤre nur! war wirklich treulos, und der Mann, an den ſie mich verrieth ein Remedium wider die Liebe! Dies ſchaͤrfte das Gefuͤhl der Schande, und damit haͤtte ich auch das groͤßte Ungluͤck aus⸗ geſprochen, was einem ehrliebenden Manne be⸗ gegnen kann. Die Beweiſe redeten, wo ſie in uͤberwieſener Schuld ſchwieg.“ „O Gebrechlichkeit! dein Nahme iſt Weib!“ ſagte der Syndikus, und der betruͤbte Accent, den er auf jenes unſichere, Wort legte, druͤckte den Wunſch aus, daß die Schwaͤche die⸗ ſes Geſchlechts, einem milden Urtheil der Ge⸗ danken, die ſich unter einander verklagen oder entſchuldigen, empfohlen ſeyn moͤgte. Sanfter konnte kein Vorwurf ſeyn; aber das biutende Herz des Freundes, dem die alten Wunden aufe gebrochen waren, fuͤhlte ihn doch. Der Regie⸗ rungsrath erwiederte hierauf wahrhaft edel:„ich weiß es wohl, daß ich mich uͤber jene heilloſe Erfahrung nicht beklagen ſollte, die groͤßtentheils die bittere Frucht meiner Thorheit war. Ich hatte mich in der Wahl meiner Liebe vergriffen, und ein Freundſchafts⸗Buͤndniß zu Schutz und Trutz mit dem boͤſen Princip geſchloſſen; ſo mußten die Folgen denn ertragen werden, dennoch fielen ſie mir hart. Es war nichts in mir, was mich haͤtte troͤſten koͤnnen, vielmehr machte eine Ver⸗ achtung der eigenen Handlungsweiſe meinen in⸗ neren Richter grauſam, ſogar im Ausſpruche des freien Willens. Ich ſagte mich ohne Schonung ihres Rufes von meiner Frau los, ſie mußte mich ſogleich verlaſſen. Die Scheidung konnte keine Schwierigkeiten haben. Was kuͤmmerte es mich, daß ſie als Catholikinn nicht wieder heirathen durfte? die Treuloſigkeit von Liebe und Pflicht, war ja ſchon ein Abfall von Gott!— Meiner Frau war ihr Glauben niemals die Reli⸗ gion des Herzens, ein weſentliches Beduͤrfniß des Gemuͤths geweſen; ſie zerbrach nur eine leere 298— Form, wenn ſie gegen ſeine kirchlichen Vorſchrif⸗ ten verſtieße.— Das Kind wollte ich mir behal⸗ ten! aber ſchreiend hing es ſich an den Rock der Mutter. So fahre hin! dachte ich, und das Vaterherz verſtockte in meiner Bruſt. Ich blieb allein in einer grauenvollen Hde, wie Berge thuͤrmten ſich ſinſtere Gedanken des Ungluͤcks um mich her. Ich verſchanzte mich hinter meinen Geſchaͤften, und ſah faſt nichts mehr von der Welt, als ihren ewigen Streit um das Recht des Beſitzes. Einige theilnehmende Goͤnner und Freunde von mir vermittelten ohne mein Zuthun, daß der Doctor fort kaͤme. Er ward als Pro⸗ feſſor bei der Univerſitaͤt zu***r angeſtellt, und heirathete richtig meine Frau. Man ſagt, er haͤtte ſie und die Kleine ſehr uͤbel behandelt. Aber keine Kirchenglocke laͤutete mehr zu Beichte und Buße fuͤr das abtruͤnnige Ehepaar, das ein lutheriſcher Geiſtlicher trauete. Der neue Bund ward ihnen des Geſetzes Erfuͤllung und ſie lebten ſich zu gegenſeitiger Strafe. Nie empfing ich eine Nachricht von meiner Tochter, und ich konnte mich nicht uͤberwinden, ſelbſt zu ſchrei⸗ -———V—ʒ—ÿ— ℳ———— —————— — 299 ben. Die Zeit milderte endlich jene craſſen Ein⸗ druͤcke, ohne ſie jemals ganz zu vertilgen. Eine feindliche Bitterkeit gegen die Menſchen, gegen die Weiber insbeſondere— blieb in mir zuruͤck. Ich belachte das Maͤhrchen von der Treue einer Frau wie einen bloͤden Wahn; ſtill, mein Freund! von dem, was die Erzaͤhlung Deiner Heiraths⸗ Geſchichten in mir gewirkt, ein andermal— jetzt laß mich enden. Gluͤcklich, das glaube mir nur, war ich nimmermehr. Alles Hoͤchſte fehlte mir, was das Leben ſchmuͤckt. Ich hatte keinen Halt, als an der armſeligen Schwaͤche des Stol⸗ zes, keines liebenden Weſens zu beduͤrfen; und ich ſchwebte einſam im weiten, oͤden Raume des Daſeyns. Die verknuͤpfende Kette war mir zer⸗ brochen, als ich den Trauring abſtreifte, der, eine zierliche goldne Schlange, mir nicht das Sinnbild der Ewigkeit, ſondern das der Falſch⸗ heit geweſen war. Ich vertilgte die Suͤnde nicht, als ich im wuͤthenden Grimme den kleinen Schlangenkopf zertrat, ſie folgte vielmehr als Selbſtverhaͤrtung meinen Ferſen, und ich fuͤhlte ihren ſtechenden Biß.“ 300 Der Syndikus ergriff Otfrieds Hand, druͤckte ſie mitleidsvoll, und ſprach:„warum aber ver⸗ gaßeſt Du mich ſo ganz und gar? Du haͤtteſt doch auf meine Theilnahme zaͤhlen koͤnnen.“ „Ich war irre an dem Facit der Freund⸗ ſchaft geworden,“ antwortete der Regierungsrath: „ſo daß ich nun in Summa die Rechnung auf⸗ gab; mit allen Freuden des Herzens hatte ich abgeſchloſſen— das Leben war mir eine leere Null. Darum arbeitete ich mich auch halb todt, um nur nicht zu dem Bewußtſeyn meiner ſelbſt zu kommen. Nur Verzweiflung war mein Ver⸗ dienſt. An die Vergangenheit mich zu erinnern, vermied ich, ſo weit es mir moͤglich. Der Ge⸗ danke an meine Tochter daͤmmerte wohl zuweilen in mir auf; aber ich mogte mir die Frage nicht deutlich machen, was wohl aus ihr geworden?— Sie ſtand als ein widerſtrebendes Kind vor mei⸗ ner Seele, ihr Bild blieb mir klein, und, wie von einem Nebel umfloſſen, ob auch in der ge⸗ heimſten Tiefe meines Gemuͤths die Sehnſucht wuchs, ſie einmal noch zu ſehen, ehe ich ſtuͤr⸗ be.— Man hatte mich in amtlicher Befoͤrde⸗ —— —— rung mehrmals uͤbergangen, es war mir gleich⸗ guͤltig. Die Leiter ehrgeiziger Wuͤnſche war ge⸗ ſtuͤrzt, da der Boden meiner Ruhe unter mir wich; ich that mich nur in Eifer und Fleiß her⸗ vor, nicht in dem Streben nach hoͤherem Gehalt, nach Rang und Wuͤrden, ich verſaͤumte die ver⸗ mittelnde Convenienz. So blieb ich Regierungs⸗ rath bis auf dieſe Stunde; doch mein inneres Le⸗ ben ſollte einen andern Standpunkt gewinnen. Hoͤre, was geſchah!— An demſelben Tage, wo das Commiſſorium mir uͤbertragen wurde, erhalte ich einen Brief von unbekannter Hand. Ich weiß es ſelbſt nicht, warum ich ſo lange bei den kleinen weiblichen Schriftzuͤgen der Adreſſe verweilte, warum ich zauderte, ihn zu erbrechen. Ach! ich brach mein Herz mit dieſem Siegel. Er war von meiner Tochter, die ſich, kaum konnte ich es fuͤr moͤglich halten! als Wittwe unterzeichnete. Wo waren die truͤben Jahre denn hingeſchwunden? der Nebel, unter dem ich ihre kindliche Geſtalt gedacht, hob ſich mit ihr empor, und legte ſich als Trauerflor um das jugendliche Haupt. Ich machte mir heftige Vorwuͤrfe, daß ich nichts 302 von ihrem Schickſal wuͤßte. Sie hatte mit ihrer Mutter die auch verwittwet war, in dem kleinen Staͤdtchen A......, an der Grenze von*** gelebt, in duͤrftigen Umſtaͤnden wie ich glaube. Meine Tochter befindet ſich noch dort, die Mut⸗ ter iſt ſeit kurzer Zeit todt. Sie gedachte der Verſtorbenen mit zaͤrtlicher Wehmuth. Des Mannes wie des Stiefvaters ward gar nicht erwaͤhnt. Ihr Ton gegen mich war fremd und furchtſam. Sie nannte mich: Herr Vater. Dennoch ruͤhrte mich trotz der fuͤhlbaren Scheu, worin er geſchrieben, der ſchmerzbewegte Inhalt dieſes Briefes unbeſchreiblich; hier und da waren die Buchſtaben verloͤſcht— es mogten Thraͤnen darauf gefallen ſeyn. Ich las die Schrift dieſer unſichtbaren Dinte im Lichte der Ahnung, und auch meine Augen wurden naß. Armes, un⸗ gluͤckliches Geſchoͤpf! mit herzruͤhrender Beſchei⸗ denheit trug mir meine Tochter die fragende Bitte vor: ob ich ihr erlauben wollte, mich einmal be⸗ ſuchen zu duͤrfen? Sie ſehnte ſich darnach, und kaͤme ſich ſo verlaſſen vor. Sie wuͤrde ſich gluͤck⸗ lich ſchaͤtzen, etwas zu meiner Pflege beitragen —ꝛ— —-Q—ę—ę—— — 303 zu koͤnnen; doch keinesweges ſollte meine haͤus⸗ liche Ruhe geſtoͤrt werden durch ſie. Einſame Stille nur waͤre das Element ihrer traurigen Seele, und die Hoffnung ſich durch Gehorſam, und treue Übung aller toͤchterlichen Pflichten, eines angeborenen Schutzes zu verſichern, deſſen ſie, eine Waiſe von fruͤheſter Kindheit an! ent⸗ behrt, allein nur im Stande, ihr gebeugtes Gemuͤth aufzurichten.“ „Dieſe Reſignation, zu welcher ein junges Herz nur unter dem Drucke ſchwerer Leiden er⸗ ſtarkt, ruͤhrte mich bis zu Thraͤnen. Und den⸗ noch tobte eine Empfindung von Freude in mir, als haͤtte ich einen Schatz gefunden, der mich aus tiefſter Armuth rettete. Ich fuͤhlte mich wieder durch ein feſtes Band an das Leben ge⸗ bunden. Ich ging alle Gemaͤcher meiner Woh⸗ nung durch, um zu ſehen, ob auch Platz genug waͤre, wenn meine Tochter mit ihren Sachen zu mir zoͤge; da war alles ſo weit! ich aber erfuͤllte jeden Winkel dieſer ſtillen Raͤume mit dem Ver⸗ gnuͤgen eines Vaters. Ich zog die beſtaͤubten Pfandbriefe hervor, und ſummirte genau wie 304 ein Geizhals das Capital und den Betrag der Renten. Meine Tochter konnte doch nach mei⸗ nem Tode ohne Sorgen leben, und ich dachte dabei ordentlich mit Freude an meinen letzten Augenblick. Meine Wirthſchafterinn, eine gute, alte Perſon, legte mir friſche Waͤſche hinz zum erſtenmal bemerkte ich, wie ſchlecht der Jabot geplaͤttet waͤre, wie commißmaͤßig das Halstuch geſtopft;— der Caffee ſchmeckte verpritzelt und getheilt— und das wenige Butterbrodt was ich dabei zu eſſen pflegte, war wie von einem Plump⸗ Pudding, und wie fuͤr einen großmaͤuligen Toͤl⸗ pel geſchnitten. Ich hoffte es kuͤnftig beſſer zu haben, wenn eine feinere Hand mich bediente, und ein zaͤrterer Sinn fuͤr mich Sorge truͤge. So ſchrieb ich denn an meine Tochter, daß ſie mir willkommen ſeyn, und daß ich ſie ſelbſt ab⸗ holen wuͤrde. Es ließe ſich mit meiner Ge⸗ ſchaͤftstour vereinigen. Und ſo bin ich denn wirklich auf gradem Wege——— Hier hielt der Syndikus nicht mehr an ſich. Sein lebhaftes Mitgefuͤhl hatte ihn lange ge⸗ draͤngt, den Freund zu unterbrechen. Er ſagte: „und Du ruͤckſt mit dieſer großen, frohen Nach⸗ richt ſo beilaͤufig, ſo zuletzt heraus, als haͤtte der Mann im Monde ein verſtoßenes Kind wie⸗ der gefunden? Biſt Du dieſes Gluͤckes auch wohl werth?— Sieh! wie die Vorſehung alles aus⸗ gleicht, und welcher Segen Deinen ſpaͤteren Tagen aufbehalten war! Die Mutter hatte Dich betrogen, die Tochter wird in tauſend Erweiſen der Liebe Dir Erſatz geben, fuͤr das darbende Dahin verfloſſener Jahre, fuͤr den Mangel ge⸗ raubter Ruhe. Sie wird kindlich jene große Schuld bezahlen, und Du haͤlſt Rechnung dann mit der Vergelterinn. Ich war dreimal ein gluͤcklicher Gatte; aber Vaterfreuden blieben mir verſagt, und ich goͤnne ſie Dir in ihrer vollſten, verguͤtendſten Staͤrke!“ „Es iſt aber noch nicht aller Tage Abend,“ ſeufzte der Regierungsrath:„und der hinkende Bote kommt bedenklich nach. Was koͤnnte ich wohl von einer Tochter erwarten, der ich nie Vater geweſen? die von ſolch einer Mutter erzo⸗ gen worden, welche mich ihr wohl als einen Haustyrann, als einen Wuͤtherich geſchildert 306 haben mogte: denn die Verſicherung, ſie ſey an Schweigen gewoͤhnt, und in Geduld geuͤbt, fand ich, wenn auch umſchrieben, zum oͤfteren in ihrem Briefe. Und ſollte jener Nichtswuͤrdige, deſſen vaͤterlicher Autoritaͤt ich meine Tochter gewiſſenlos uͤberlaſſen, ohne ſchaͤdlichen Ein⸗ fluß auf die Bildung ihres Charakters geblieben ſeyn?— Viel gutes duͤrfte ich nach all dieſen Erwaͤgungen, ſchwerlich hoffen. Wenn ich es Dir aufrichtig geſtehen ſoll— ich fuͤrchte mich, daß die alte Geſchichte meines Ärgers ſich mir erneuern koͤnnte, und ich fuͤhle mich nicht mehr ſtark genug, ihn zu ertragen. Iſt meine Toch⸗ ter haͤßlich: ſo habe ich einen Verdruß mehr—— „Sie hat jung einen Mann bekommen“— fiel hier der Syndikus ein. „Das beweiſt nichts,“ entgegnete der Regie⸗ rungsrath:„denn der Geſchmack iſt verſchieden, und oft genug behaͤngt Fortuna die Haͤßlichſten mit einem goldgeſtickten, oder kuͤnſtlichgefaͤrbten Schleier, der wunderbar optiſche Taͤuſchungen bewirkt.— Doch laß mich auf meine Voraus⸗ ſetzungen zuruͤckkommen. Iſt meine Tochter 307 huͤbſch: um ſo ſchlimmer; dann geht die Unruhe wieder los, und ich muß auf meine alten Tage ein Vater Zumio, ein Frauenwaͤchter werden, fuͤr welche Rolle ich doch verdorben bün wie Figura gezeigt.“ Der Syndikus lachte und ſprach:„ei ſo quaͤle Dich! der Spiegel Deiner Anſicht iſt miſan⸗ thropiſch geſchliffen; ich will Dir mein gutes Auge leihen. Und waͤre Deine Tochter haͤßlich wie die Nacht: Dir iſt ſie ein holder Aufgang nach einem finſtern Hinbruͤten, was eigentlich kein Leben zu nennen, nach einem langen Seelenſchlafe, voll wuͤſter Traͤume. Wie Thau aus der Mor⸗ genroͤthe, werden Freuden Dein vertrocknetes Gemuͤth erquicken— die heilige Schrift warnt vor dieſer Duͤrre. Und haͤtte Deine Tochter— Gott wolle es nicht! auch Fehler und Flecken in Menge: nimm ſie auf! nimm ſie dennoch auf! ein Herz voll Liebe iſt das einzig wahre Beſſe⸗ rungs⸗Inſtitut, und der ewige Stifter will, daß Allen geholfen werde.“ Der Regierungsrath ſah ſtarr vor ſich hin, als blicke er in das Meer der goͤttlichen Barm⸗ herzigkeit, ſeine Bruſt wallte— und die Rede des Freundes ſchien nicht ohne ruͤhrende Wirkung auf ihn geblieben zu ſeyn. Er ſprach:„waͤre nur der erſte Augenblick voruͤber! davor fuͤrchte ich mich.“ „Ich helfe Dir ihn uͤberſtehen, ich reiſe mit Dir, wenn Du willſt!“ ſagte der Syndikus entſchloſſen. „Ob ich will?“ erwiederte der Regierungs⸗ rath freudig, und ſprang auf:„Du leiſteſt mir den groͤßten Freundſchaftsdienſt dadurch.“ Die Maͤnner umarmten ſich, ihre Bewe⸗ gung ſtreifte an den Tiſch, und das eine Licht ſank verloͤſchend zuſammen; das andere zehrte nur noch ſchwach an den letzten Kraͤften.„Wir reiſen gemeinſam nicht zur Braut⸗ ſondern zur Tochterſchau,“ ſagte der Syndikus:„es bleibt dabei. Jetzt aber wollen wir nach Bethlehem. Sieh! die Lichter gehen ſchlafen, und es iſt recht kühl im Zimmer geworden.“ Er wickelte ſich ſchauernd in ſeinen Schlaf⸗ rock, zuͤndete den Wachsſtock an, und geleitete den Gaſt zur Ruhe. — 309 Als der Regierungsrath nach einem ununter⸗ brochenen Schlummer geſtaͤrkt erwachte, merkte er daß es ſpaͤt ſeyn muͤßte. Das Wetter hatte ſich beruhiget, die Stimmen des Windes ſchwie⸗ gen— Nur leichte Woͤlkchen, ſchwebten lang⸗ ſam uͤber die ausgehellte Blaͤue des Himmels, und ein herbſtlicher Sonnenſtrahl mahlte mit blaſſem Lichtſchein einen Cirkel an die Wand. Der Regierungsrath freuete ſich dieſer guͤnſtigen Zeichen fuͤr die Fortſetzung ſeiner Reiſe. Er ſtand auf, und kleidete ſich hurtig an. Waͤh⸗ rend dies geſchah, trat der Syndikus in vollem Anzuge, friſch und froh in das Gaſtſtuͤbchen. Er ſagte:„nun guten Morgen, mein alter Junge! wie haſt Du denn geſchlafen? ich kam eben Dich zu wecken: denn Du mußt wiſſen, der Tag iſt nicht mehr jung, und meine Frau wartet ſchon laͤngſt mit dem Fruͤhſtuͤck. Wir . find in der verwichenen Nacht nach alter Weiſe, und nicht wie die Philiſter zu Bette gegangen.“ „Ich lag und ſchlief ganz in Frieden,“ ant⸗ wortete der Regierungsrath, indem er ſich beeilte, das Werk der Toilette zu vollenden.„Du hatteſt 310— mir durch Dein freundſchaftliches Verſprechen, mich begleiten zu wollen, ein ganzes Heer von Sorgen in die Flucht geſchlagen, die ſonſt ihr Lager auf meinem Kopfkiſſen nehmen, und ſo durcheinander wirren, daß kein vernuͤnftiger Ge⸗ danke, viel weniger der leiſe, traͤge Schlaf auf⸗ kommen kann.— Ich hoffe, die liebe Frau wird Dir die Reiſe nicht etwa leid gemacht haben?“ Der Syndikus laͤchelte dieſer Frage in ſeli⸗ ger Freiheit.„Er entgegnete: meine Thereſe liebt mich— ſie iſt uͤberdies nicht minder klug als gut. Gruͤnde genug, mich niemals zu be⸗ ſchraͤnken, insbeſondere, wenn mein Wunſch und Wille zum Eintrag eines guten Vorſatzes an ſolchen Naͤhzwirn gebunden werden ſollte.“* Die Gattinn des Syndikus kam dem Freunde ihres Mannes entgegen, und reichte ihm mit jener Anmuth die Hand, welche auch dann noch an Frauen entzuͤckt, wenn ihnen der Reiz der Jugend verbluͤht iſt. Denn, was iſt wohl liebenswuͤrdiger, als Geiſt, Wohl⸗ wollen und Guͤte? die Grazie der Seele altert b . 311 nie. Sie ſtand nun vor ihm, deren Bild, waͤh⸗ rend ſie ahnungslos ſchlummerte, in wechſeln⸗ den Situationen an ihm voruͤber gegangen; der Traum ihres Lebens, ihrer Liebe umſchwebte ſie noch wie Morgenſchimmer, und verklaͤrte ihre feine Geſtalt, und die zarten Formen des Ge⸗ ſichts, dem die vom geſtrigen Kopfweh nachge⸗ laſſene Blaͤſſe nichts ſchadete, um anziehend zu ſeyn. Ihr beſeeltes Auge ruhete lange und theil⸗ nehmend auf dem Gaſte— der Syndikus mogte ſeiner Frau ſchon Einiges referirt haben. Der Regierungsrath ſah ihr haͤusliches Walten, und —— ein ſtiller Seufzer pries das Gluͤck ſeines Freun⸗ des. Ihre freundliche Bitte wollte ihn bewegen, daß er heute noch bleiben moͤgte; aber er mußte fort, und das Mittags⸗Eſſen abzuwarten, war die laͤngſte Raſt am Heerde der Freundſchaft, die er ſich goͤnnen durfte. Gegen die Tiſchzeit erſchien nun auch der Syndikus Sardino, und ward als Sohn des Hauſes vorgeſtellt. Ein junger, intereſſanter Mann, der ohne Anſpruch Aufmerkſamkeit er⸗ regte. Eine breite Narbe lief ihm von der Stirn bis an das Kinn, und in ſeinen Zügen lag etwas, das auf eine Wunde im Herzen deutete, die vielleicht noch tiefer gegangen, und weniger gluͤck⸗ lich geheilt waͤre.— Er ſchien der Welt entbeh⸗ ren zu koͤnnen, und mehr in der Heimath der Gedanken wohnhaft zu ſeyn. Er ſprach nicht viel, hoͤrte achtſam zu, aß wenig, und trank nur ein paar Glaͤſer Wein. Der duͤſtere Blick ſeiner großen ſchwarzen Augen war durchdrin⸗ gend auf den Regierungsrath geheftet— zuwei⸗ len verſank er fuͤr einige Momente in ein lau⸗ ſchendes Nachſinnen.„Gott ſtehe mir bei!“ fluͤſterte der Regierungsrath dem Syndikus zu: „Dein Herr College faßt mich ſcharf auf; ich ſigurire wohl naͤchſtens in einer Novelle?— Die⸗ ſer Gedanke beklemmt mir den Athem. Sage es ihm nur, daß er es gnaͤdig mit mir mache.“ Der Wagen fuhr nun vor, es ward raſch geruͤſtet: denn die Zeit draͤngte der Kuͤrze des Tages wahrzunehmen, Scheidend ließ der Re⸗ gierungsrath die Hoffnung zuruͤck, es waͤre moͤg⸗ lich, daß er auf der Retour dieſe Stadt wieder 313 beruͤhrte. Der Syndikus wollte mit Extrapoſt heimkehren..— Auch dieſen Abend brachten die beiden Freunde traulich plaudernd in dem Gaſthofe des Ortes zu, welcher die Station ihres Nachtquartiers war. Der Unterhaltung quellender Stoff hatte ſich nun ſeiner erſten vordringenden Stroͤmung entladen, und fing allmaͤhlig an, ruhiger zu fließen. Man fuͤhlte ein Beduͤrfniß, die verkuͤrzte Ruhe der vorigen Nacht nachzuholen, und die abgeſpann⸗ teſte Ermuͤdung breitete ihren weichſten Pfuͤhl uͤber die wulſtige Haͤrte dieſer Betten. Der folgende Tag war ſchoͤn, und voͤllig ſonnenwarm. Die Baͤume ſtanden zwar ent⸗ laubt, aber heiter, und wie in magiſchen Duft gehuͤllt. Hier und da loͤſete ſich von dem kahlen Gezweige ein letztes Blatt, das wie flatterndes Gold in der klaren Luft glaͤnzte. Herbſtliche Lichter ſtreiften anmuthig uͤber die abgemaͤheten Felder hin, und der Schatten der rollenden Raͤder ſchwand in dunkeln Umriſſen uͤber die Flaͤche der Landſtraße hinweg. Der Syndikus ſah aus dem Wagen, die raſche Flucht der Zeit Die dritte Frau. 14 314— erſchien ihm wie dieſe weſenloſe Eile, und er phi⸗ loſophirte ſtill fuͤr ſich. Sein Gefaͤhrte blickte tiefſinnig in die Ferne, jeder zuruͤckgelegte Mei⸗ lenſtein ſchien ihm auf das Herz zu fallen, er athmete immer gepreßter. Endlich neigte ſich der kurze Tag, die Schatten ſtreckten ſich in rie⸗ ſiger Laͤnge aus, die Gloͤckchen der Heerden laͤu⸗ teten heimwaͤrts.„Warum biſt Du ſo ſtumm?“ fragte der Syndikus ſeinen Freund, der ſchwei⸗ gend ſaß. „Ich dachte eben eines alten Liedes,“ er⸗ wiederte der Regierungsrath, und ſtrich mit der flachen Hand uͤber die vom Abendſtrahl geblendeten Augen:„die Sonne ſinkt in Thetis Purpurſchooß— und dabei verſenkte ich mich in die Vorſtellung, daß nach Ablauf einer Stunde meine Tochter in dieſem Armen ruhen koͤnnte. Und leicht moͤglich waͤre es, daß dann mein letzter Hoffnungsſtern unterginge, und zu Waſſer wuͤrde.“ „Mir ſcheints, Dir bangt vor der nahen Freude?“ fragte der Syndikus wieder, mit einem Anklange von Vorwurf in der Stimme. Hierauf antwortete der Regierungsrath: „in einer aͤngſtlicheren Erwartung war ich noch nie. Die Spannung, in der ich mich befinde, greift die feinſten Sehnen meines Herzens an. Ich wuͤnſche mich an das Ziel, und fuͤrchte es doch.“ „Weit kann es nicht mehr ſeyn,“ verſetzte der Syndikus, indem er ſeine Sehkraft an⸗ ſtrengte, die Perſpektive zu ſondiren:„ich erblicke dort am Saume des Horizonts zwei kleine Thuͤr⸗ me, und etwas entfernt davon, ein alleinſtehen⸗ des Gebaͤude, was ich fuͤr das Grenz⸗Zoll⸗Haus halte, die Ebene laͤßt jeden Gegenſtand genau unterſcheiden.“ Der Syndikus hatte richtig ge⸗ ſehen; aber der Weg verzog ſich, und es daͤm⸗ merte bereits, als das Staͤdtchen erreicht war. Wie ein kleiner, ſilberner Bogen blinkte der Neu⸗ mond uͤber einer verfallenen Kirche der Gothen, welche dicht am Eingange des Staͤdtchens ſtand; ein poetiſches Weichbild gleichſam, das der klein⸗ lichen, gewerkthaͤtigen Proſa die es beherrſchte, als ein Nachweiſer der Vergaͤnglichkeit zu ſpotten ſchien. 14* 316— Aber eine friedſame, abendliche Stille wal⸗ tete ringsum; aus manchen der niedern Fen⸗ ſter ſchimmerte ſchon ein Lichtlein in duͤrftiger Helle, und beleuchtete geſellige Gruppen der Haͤuslichkeit und des Fleißes. Der Syndikus ſagte:„die Einwohner dieſes Hrtchens ſchei⸗ nen mir, ein aͤchtes Myrmidonen⸗Geſchlecht! nur die Laſt eines Kornſackes zu tragen. Die ganze Gegend iſt Ackerland, und keinerley Indu⸗ ſtrie ſichtbar. Wie aber mag nur Deine Frau nach Kraͤhwinkel gekommen ſeyn? „Das iſt mir ſelbſt problematiſch,“ ant⸗ wortete der Regierungsrath:„wir werden es aber nun wohl bald erfahren.“ Der Kutſcher erkundigte ſich nach dem beſten Wirthshauſe, man nannte das Lamm.„Auch das klingt laͤndlich,“ ſprach der Regierungsrath halblaut, doch ſpoͤttiſch, um die Waͤrme, welche ihm jetzt ploͤtzlich an das Herz trat, als der Wa⸗ gen vor beſagter guter Weide hielt, kaͤltend von ſich abzuwehren.„Wir kehren in dem Sinn⸗ bilde der Geduld und Demuth ein!“ be⸗ merkte der Syndikus mit nachdruͤcklichem Tone. — Ein nettes Zimmer, reinlich und bequem, war ſogleich in Bereitſchaft; der Regierungsrath maß es mit ſtarken Schritten, waͤhrend ſein Freund die noͤthigen Beſtellungen uͤbernahm. „Du koͤnnteſt mir einen Gefallen erzeigen,“ ſagte der Regierungsrath ſichtbar bedraͤngt, als ſein Freund zuruͤckkehrte, und blieb vor ihm ſtehen. „Nun geſchwind, ſo nenne ihn!“ erwiederte Jener dienſtfertig:„ich daͤchte, die Minuten ſtuͤnden Dir ſo hoch im Cours dieſer Stunde, daß Du auch nicht eine halbe unnuͤtzer Weiſe, verlieren moͤgteſt.« „Wenn Du meine Tochter aufſuchteſt⸗— verſetzte der Regierungsrath beklommen: Hſie zuerſt ſaͤheſt— hier iſt ihre Adreſſe.“ Der Ge⸗ ſandte griff ſchon nach ſeiner Reiſemuͤtze. Er eilte fort; aber der Gedanke beſchlich ihn ſchnel⸗ ler noch, welche Nachricht er dem harrenden Vater wuͤrde bringen koͤnnen, und hemmte ſein freudiges Streben.„Bleibe aber um Gottes⸗ willen nicht lange,“ rief ihm der Regierungs⸗ rath nach:„und bedenke, wie ich Deiner Wie⸗ derkunft warten werde!e⸗ 318 Der Syndikus ward an das jenſeitige Ende des Staͤdtchens gewieſen, dort ſtehe abgelegen, und an einem Brunnen davor, kenntlich, das Haus, wo die Geſuchte wohnen ſollte. Er lief ſo hurtig, daß ihm faſt der Athem entging. Eine aͤltliche Frau, welche ihre Kruͤge am Brunnen fuͤllte, gab ihm naͤheren Beſcheid. Er fand das Haus offen, ſtieg keuchend aber leiſe eine kleine Treppe hinan, und ſtand nun unter fuͤhlbarem Herzklopfen vor der bezeichneten Thuͤre. Drin⸗ nen war es ſtill wie im Grabe— ein Seufzer ſaͤuſelte jetzt in ſein Ohr. Der Syndikus pochte ganz ſacht; allein die Hand hatte ihm verſagt, vielleicht gezittert— kein Ruf ertoͤnte. Dage⸗ gen vernahm er deutlich, daß es noch einmal ſeufzte. Ohne Weiteres wagte er es nun, die Thuͤre zu oͤffnen, und mit ihm ging ein Licht⸗ ſtrahl der Hoffnung und des Troſtes uͤber die dunkle Schwelle. Eine weibliche Geſtalt ſaß am Fenſter, in das der Abendſtern flimmerte; ſonſt war es beinahe finſter in dem Gemach, und nichts deutlich zu erkennen. Der Syndikus gruͤßte hoͤflich. Er nannte den Nahmen der 4 jungen, einſamen Wittwe, die Stimme, wo⸗ mit er dieſe Erkundigung einzog, wankte jedoch, im Sturme der innern Bewegung. „Mein Vater!“ rief die Frau mit einem Tone, der dem Syndikus durch Mark und Bein drang, ſprang auf, und der Verkannte fuͤhlte ſich im Nu von ein paar weichen Armen umhal⸗ ſet, und den Schlag eines fremden Herzens an dem ſeinen. Die Wittwe weinte laut an dieſer redlichen Bruſt. 1 „Mein gutes Kind!“ ſagte der Syndikus ſo geruͤhrt als verlegen, indem er ſich mit zarter Gewiſſenhaftigkeit huͤtete, Vortheil von dieſem kindlichen Irrthum zu ziehen:„ich bin Ihr Vater nicht; aber ein guter Freund von ihm den er ſendet, Sie von ſeiner Ankunft zu unterrich⸗ ten. Doch wollen Sie nicht vor allen Dingen ein Licht anzuͤnden? ich moͤgte Sie gern ſehen, und mir iſt wirklich ganz ſchwarz vor den Augen geworden.“— Die Wittwe ſtieß zuerſt einen erſchrockenen Schrei aus, ſie war nun verſtummt, und griff mit fliegenden Fingern abſeits nach dem chemiſchen Feuerzeuge. Das Hoͤlzchen ziſchte 320 auf, und die blaͤuliche Flamme des Schwefels beleuchtete ein geiſterbleiches Geſicht.— Der Syndikus wechſelte haſtig einige Worte der Verſtaͤndigung, es trieb ihn von hinnen— und die Wittwe verſprach, ihm auf dem Fuße zu folgen, wenn ſie ihren Anzug nur ein wenig geordnet haben wuͤrde, was doch in ſeinem Bei⸗ ſeyn nicht fuͤglich geſchehen koͤnnte. Der Regie⸗ rungsrath veraͤnderte die Farbe, als ſein Freund vor ihn trat, und ſich erſt ſchweigend einiger Auſſendinge entledigte.„Nun?“ fragte er mit einem ſchweren Odemzuge, und das kleine Woͤrt: lein hing an großem Gewicht. „Nun,“ antwortete der Syndikus leichthin: „ſo viel kann ich Dir ſagenr Sie iſt nicht uneben.“ „Uneben!“ wiederholte der Regierungs⸗ rath, und ſeine gewaltſam unterdruͤckte Empfin⸗ dung loderte in fliegender Hitze auf:„welch ein verdammt holpriger Ausdruck, wo es mir darauf ankommt, daß Du grade mit der Eyrache herausgehſt!“ „Ereifere Dich nicht!“ ſprach der Syndikus mit ſchalkhaft ruhiger Miene:„wie ſoll ich es anders ſagen? Deine Tochter iſt wirklich eine leidlich huͤbſche Frau, einige Uebelſtaͤnde abge⸗ rechnet, die Du an ihr wirſt ertragen muͤſſen. Sie hat eine Thraͤnenfiſtel.“ „Großer Gott! die Wirkung wohl von Kummer und Schmerz?« brach der Regierungs⸗ rath in ſchreckhaft gereiztem Gefuͤhl aus:„da bin ich aus dem Regen in die Traufe gekommen! das Klagen der Weiber iſt mir ſchon odioͤs.“ „Mit Klagen,“ entgegnete der Syndikus: „wird Dir die Frau Tochter nicht beſchwerlich fallen. Sie ſcheint ſtiller Art, und ſtockt in der Rede; das Herzchen mag ihr wohl gebro⸗ chen ſeyn.— Sieh ihr, wann ſie kommt, nur nicht gleich ſtarr ins Geſicht: das verbluͤfft die Stammler.“ „Stammler?« ſtammelte der Regierungs⸗ rath entſetzt:„nun, das fehlte noch! dieſes Un⸗ gluͤck brachte meine Tochter nicht mit auf die Welt, das Zuͤnglein war ihr gut geloͤſt, ſicher— lich iſt dieſer Fehler nur die Folge der Vernach⸗ 322 laͤßigung. Meine Haushaͤlterinn iſt taub, meine Tochter ſtottert— da mag der Teufel Dollmet⸗ ſcher ſeyn! eine eiſerne Geduld, eine eherne Lunge gehoͤrt dazu.“ „Die Deinige, mein Bruͤderchen,“ verſetzte der Syndikus, indem er ſich das Lachen verbei⸗ ßen mußte:„ſcheint dieſer Aufgabe vollkommen gewachſen.“ Der Regierungsrath hatte wie ein Donnerer geredet, und die ganze ſchwuͤle Waͤrme ſeiner Bruſt entladen. „Ich fuͤhle mich,“ ſagte er mit ſinkender Stimme:„von Deiner ungluͤckſeligen Relation ſo alterirt, daß mir die Faſſung fehlt, meine Tochter jetzt zu ſehen. Ich wuͤnſchte wohl, ſie kaͤme noch nicht.“ Der Syndikus lauſchte ſeitwaͤrts— er hatte ein leiſes Geraͤuſch zu vernehmen geglaubt, als nahe Jemand der Thuͤre. Mit ausgebreite⸗ ten Armen trat er vor ſeinen Freund, und ſprach:„nun ſo faſſe Dich denn— zur hoͤchſten Freude. Sie kommt— ſie iſt ſchon da!“ Und als er dies geſagt, trat die junge Wittwe ſchuͤch⸗ tern herein, und blieb ehrerbietig fern, ob der — 323 Vater ſich ihn naͤhern wuͤrde. Der Regierungs⸗ rath ſtand zitternd, er ging vorwaͤrts, und wagte jetzt erſt aufzuſehen. Aber er erblickte einen Engel! mit ſanften Mienen des Leidens und der Geduld. Das leibhafte Ebenbild ſeiner Gat⸗ tinn, ſuͤhnte die ſchoͤnere Tochter den verfuͤhreri⸗ ſchen Reiz der Mutter, und ſtellte das himmli⸗ ſche Gepraͤge der Unſchuld wieder her; die Schrift der Suͤnde war verwiſcht aus dieſen reinen Zuͤ⸗ gen, wie aus ſeiner Erinnerung.— Alle Re⸗ gungen der alten, dieſer neuen Liebe, ver⸗ gangenes Leid und die Wonne des gegenwaͤrtigen Augenblicks ſchmolzen ſeines Herzens Haͤrtigkeit in einer Thraͤne, die der Ertrag ſo gemiſchter Stoffe war. Die ganze Scheidekunſt ſeines Schickſals, laͤuterte in der verloͤſchten und wie⸗ der aufglimmenden Gluth der Gefuͤhle, ſein We⸗ ſen in dieſem einzigen Tropfen— dem Ectract des Entzuͤckens.. Die Wangen der Wittwe gluͤheten wie Roſen, vom raſchen Gange, von Furcht, und nun von Freude; ihre Augen ſchimmerten in dem Glanze des gluͤcklichen Geſtirns das ihrer 324— harmvollen Jugend nun aufzugehen ſchien.„Mein lieber Vater!“ ſagte ſie mit leiſer Scheu, als muͤſſe ſie dieſen zaͤrtlichen Nahmen erſt verſu⸗ chen— und druͤckte ſeine Hand an ihren Buſen voll tiefer Wallungen; ihre Stimme, weich und lispelnd wie ein ſilbernes Baͤchlein, doch eben ſo fließend— goß Wohllaut in ſein Ohr, und die frohe Überzeugung ihm in das Herz, daß der Freund zu groͤßerem Vergnuͤgen ihn nur ge⸗ taͤuſcht haͤtte. Er umfaßte ſie, und kuͤßte innig⸗ lich die ſchoͤnen Lippen der Tochter. Der Spyndikus trat an das kleine Fenſter, druͤckte die Stirne gegen die feuchten Scheiben, und ſeine Seele beugte ſich vor Dem, der dem ſterblichen Menſchen ſolche Momente gegeben hat, daß er ſich goͤttlich und ewig fuͤhle. Im Verlaufe dieſes Abends kam es nun zu naͤheren Eroͤrterungen, ſowohl hinſichtlich der Vergangenheit, als auch deſſen, was fuͤr die Zukunft beſchloſſen werden ſollte. Die junge Wittwe erzaͤhlte ihr harmvolles Geſchick, ob⸗ zwar ſie ihren Vater oder ſich ſelbſt zu ſchonen, — 3²25 viel davon verſchweigen mogte. Sie hatte einen natuͤrlichen Sohn des zweiten Mannes ihrer Mutter geheirathet der Privat⸗Docent an der⸗ ſelben Univerſitaͤt geweſen, wo ſein Vater Pro⸗ feſſor war. Die Art, wie ſie ſeiner erwaͤhnte, ließ vermuthen, daß ſie weniger ſeinen Tod, wie das Leben mit ihm bedauerte. Mutter und Toch⸗ ter waren in dem naͤhmlichen Jahre Wittwe ge⸗ worden. Der Bruder der Erſteren hatte ſeine militairiſche Laufbahn nicht weit verfolgt, und dann nach langem Warten den Poſten des hieſigen Grenz⸗Inſpektors erhalten. Zu ihm wollte die Schweſter ziehen, da ihr kein anderer Freund mehr lebte. Doch kaum hatte ſie ſich hier nieder⸗ gelaſſen: ſo ward der Inſpektor an jene unbe⸗ kannte Grenze verſetzt, wo nur Gedanken der Liebe frei paſſiren, und ſelbſt geprieſene Thaten der Gerechtigkeit einen ſchweren Impoſt geben.— Wie mag der Inſpektor, welcher ein ſchadenfro⸗ hes Vergnuͤgen in der chicaneuſen Strenge fand, womit er ſeine Pflicht erfuͤllte, wohl dort be⸗ ſtanden ſeyn?— Wir vermuthen, daß er ſein vermeyntes Verdienſt nicht einſchwaͤrzen koͤnnen. Mutter und Tochter jammerten uber dieſen Verluſt, die letzte Stuͤtze eines maͤnnlichen Schutzes war nun fuͤr ſie gebrochen. Aber die Mutter weinte nicht lange— ein jaͤhes Fieber raffte ſie dem Verſtorbenen nach. Nun ſtand die Tochter ganzallein, unter fremden Menſchen, ver⸗ laſſen von allem was ſie liebte. Ihr Blick voll Thraͤnen fiel auf friſche Graͤber der Ihrigen, die Erde ſchien ihr ein weiter Kirchhof nur, das jugendliche Herz ſelbſt war ihr geſtorben, die Welt leer. In dieſer tiefen, trauernden Hde ging ſie dem himmliſchen Vater um Troſt an, und der Gedanke kam ihr von Oben, ſich an ihren irrdiſchen zu wenden, obgleich er ſie, die Un⸗ ſchuldige! einſt verſtoßen. Wir wiſſen bereits daß es geſchehen, und welchen Erfolg es gehabt. Der Regierungsrath ergriff am Schluſſe des kurzen Auszugs den ſeine Tochter von ihrem Schickſale gab, ihre Hand, und hielt ſie feſt um⸗ ſchloſſen, als duͤrfe ſie nun gefaßt und ruhig ſeyn.. „Wir gehoͤren von nun an zuſammen,“ ſagte er mit halber Stimme und ganzem Herzen. 327 „Doch einen Monat wirſt Du liebes Kind, noch hier aushalten muͤſſen: denn fruͤher, ich mag es rechnen wie ich will, werden die Geſchaͤfte meiner Reiſe nicht zu beendigen ſeyn.“ „Einen Monat noch?“ fragte die Tochter betroffen; aber mit ergebenem Gehorſam ſetzte ſie hinzu:„nun ſo moͤge mich die Hoffnung hin⸗ halten. Ich hatte ſchon das meiſte von meinen Sachen gepackt, und hoffte, dieſe bange Einſam⸗ keit fruͤher verlaſſen zu koͤnnen. Die Abende verlaͤngern ſich, da wird es auch dunkel in mei⸗ ner Seele, und Schatten wandeln um mich her.“ „Mein liebes Kind,“ fiel hier der Syndikus ein:„Sie reiſen einſtweilen mit mir; morgen ſchon, wenn es angeht, und Sie mit Ihren Anſtalten fertig zu werden meynen. Meine gute Frau wird ſich herzlich Ihrer freuen. Der fried⸗ ſame Geiſt unſerer Haͤuslichkeit nimmt Sie in ſeinen Schutz, bis Ihr Vater bei ſeiner Ruͤckkehr Sie von uns abholt.“ Die junge Wittwe erroͤthete froh, ſie laͤchelte den Syndikus dankbar an, und verſprach, ſich bis morgen Mittag bereit zu halten. Bis 328 dahin mußte auch der Regierungsrath hier ver⸗ weilen, weil er ein wichtiges Schreiben von der Grenze aus zu expediren hatte. Und es blieb alſo bei dieſem Beſchluſſe. Am folgenden Mor⸗ gen als der Regierungsrath ſeine amtlichen An⸗ gelegenheiten vornahm, und der Syndikus gute Zeit hatte an alles zu denken, vermißte er ein paar Handſchuhe, die er geſtern in Haſt und Eile bei der Wittwe vergeſſen zu haben glaubte. Es war ihm ein willkommener Vorwand, zu ihr zu gehen. Er machte ſich auf den Weg, ſeinen Freund ungeſtoͤrt zu laſſen, der die Grenzbeam⸗ ten zu ſich citirt.„Ich koͤnnte der kleinen Frau ein wenig helfen,“ dachte er ſtill bei ſich:„ſie uͤbernimmt ſich wohl ſonſt.“ Die Wittwe em⸗ pfing ihn ſehr freundlich. Sie ſchien ſichtbar erheitert. Erhitzt von der Arbeit, die doch im Drange aͤuſſerer Nothwendigkeit, und eines in⸗ neren, ahnungsvollen Triebes gefoͤrdert wurde, ſtand ſie unter dem Gepaͤck, das der Wirth des Hauſes einſtweilen in Verwahrung nehmen ſollte. Das Weitere wuͤrde ſich finden— ſagte ſie, und ſeufzte dabei. Aber auch die Handſchuhe hatten ſich gefunden, und die Wittwe reichte ſie dem Eigenthuͤmer dar. Er nahm ſie, und ſah die ſorgfaͤltige Frau, welche haͤuslich geſchuͤrzt vor ihm ſtand, mit wohlwollenden Blicken an. Hin⸗ geriſſen von Vertrauen und Dank fuͤr dieſe lieb⸗ reiche Guͤte, welche ihr ſo gaͤnzlich neu war, neigte ſie ſich ihm zu, und er fuͤhlte, ſchnell, wie wenn ein heißes Luͤftchen ihn angeweht haͤtte, den Hauch eines Kuſſes auf ſeiner Wange. „Zwei Vaͤter fuͤr Einen!“ ſagte ſie:„o warum ſind Sie nicht mein Vater? wenn ich, unwiſſend, wie die Natur mich geſtellt, waͤhlen ſollen, ich wuͤrde Sie dafuͤr erkannt haben.“ In laͤchelnder Ruͤhrung antwortete der Syn⸗ dikus:„ſo haͤtte ich demnach meinem Freunde die beſten Segnungen der Kindesliebe weggeſtohlen? ſchon die heilige Schrift erwaͤhnt oͤfterer ſolch heiligen Betrug; aber ich waͤre ohne Schuld daran. Warum kam Ihr Vater nicht zuerſt, und ſendete mich? dem Zweifler iſt nichts beſchie⸗ den. Faſſen Sie jedoch mein gutes, ſchoͤnes Kind, die beſte Zuverſicht zu ihm! Ihr Vater iſt ein edler Mann, und ob er auch hart und —y— rauh ſcheinen mag, doch laͤßt ſich ihm vertrauen.“ „Ich moͤgte nicht an ſeinem Buſen ruhn“— antwortete die Wittwe:„warum faͤllt mir jene Strophe ein?— O! mißdeuten Sie dies offene, unbeſonnene Wort nicht! es draͤngte ſich mir gleichſam von ſelbſt auf.“ Der Syndikus ſprach hierauf:„die Kei⸗ me gewiſſer Vorurtheile, ich begreife es, ſind Ihrer zarten Kindheit ſchon gelegt, und Ihnen anerzogen worden; aber vergeſſen Sie auch nicht, mein Toͤchterchen! Ihr Vater hatte der Frau, die Ihre Mutter war, und deren Aſche in Frie⸗ den ruhen moͤge! Schweres zu verzeihen, und nicht der Geiz allein wie es heißt, ſondern auch, ein boͤſes Gewiſſen iſt die Wurzel alles Übels. Sie aber ſind muͤndig zu dieſem Urtheil.“ Die Tochter ſenkte das Auge, wie vor dem Vergehen ihrer Mutter nieder.„Wir wollen einen Schleier uͤber vergangene und vielleicht gebuͤßte Fehler ziehen,“ fuhr der Syndikus fort, und weil ſein poetiſcher Sinn nirgend einige Gedankenſchritte thun konnte, ohne eine dichte⸗ riſche Blume zu pfluͤcken, die in dem Fruͤhlings⸗ garten ſeines Gedaͤchtniſſes unverwelklich bluͤhe⸗ ten, ſetzte er hinzu:„uͤber unſerm Huͤgel ſchwin⸗ get die Vergeſſenheit den Stab, und der Schmaͤh⸗ ſſicht Stimme dringet nicht ins kuͤhle, dunkle Grab.“—— Aber der Wittwe war ſie ſchon in das treue, kindliche Herz gedrungen.„Ach!“ brach ſie ſchmerzlich in eine thraͤnende Klage aus:„wier ungluͤcklich ſind Kinder, deren Eltern nicht der Tod, ſondern der Haß, die Suͤnde trennte! das Leben iſt ihnen in ſeinem innigſten Zuſam⸗ menhange zerriſſen. Der Antheil des Mitleids, das Erbe der Waiſen— iſt ihnen geſchmaͤlert durch die Geringſchaͤtzung Anderer, durch die Selbſtverachtung der Schuld.— Sie bleiben heimathlos und Kinder der Irre, lebenslang!— Des Vaters Haͤrte, von der ich taͤglich hoͤrte, der Mutter Fehle, unter deren Folgen ich litt, und deren Strafe ich als ein ſchwaches Kind ſchon tragen half— ich mag nicht ſagen, noch koͤnnte ich es beſchreiben, welche Gefuͤhle mich um jedes Gluͤck der Jugend brachten, ſo daß ich oft zu Gott die kleinen Haͤnde wand, und ihn 332— anrief, er moͤgte mich ſterben laſſen, ehe ich groß wuͤrde.— Mein Stiefvater behandelte meine Mutter ſehr uͤbel, und ich zitterte vor ihm.“ Der Syndikus nickte hierbei und ſprach: „das iſt in der Ordnung, liebe Seele. Wenn eine Frau den Mann heirathet, der die Veran⸗ laſſung zu Treuloſigkeit und Trennung gegeben: ſo faͤllt ſie ihrem Strafengel anheim, und rich⸗ tet ſich ſelbſt. Die Nemeſis iſt die Goͤttinn ſolcher Ehen.“ Ein Purpur flog das holde Geſicht der Witt⸗ we an. Sie antwortete faſt aͤngſtlich:„die Liebe laͤßt ſich aber doch nicht zwingen, und die eigent⸗ liche, die innere Treue ſtehet auch nicht immer in unſerer Gewalt. Es iſt ſchon Leidens genug fuͤr das ſchwache Weſen der Weiblichkeit, wenn das Herz und die Pflicht mit einander ſtreiten.“ „Wir verſtehen uns wohl nicht?“ fragte der Syndikus, bemuͤht, den Sinn dieſer Antwort zu faſſen, und zugleich nach dem verlorenen Fa⸗ den des Geſpraͤchs haſchend. Er ſagte:„wenn man liebt, iſt man treu! dies iſt ein wahrhaf⸗ tiges Wort. Zwar weiß ich wohl, daß ſehr viele — 333 Frauen ihre Maͤnner nicht aus Liebe heirathen, und daß ihnen die Treue, das ſicherndſte Gefuͤhl! nur eine kalte Anſtandsregel iſt, die ſie ſchicklicher Weiſe befolgen, aber abſtreifen moͤgten, wie den laͤſtigen Zwang einer Kette, wenn es irgend ge⸗ ſchehen koͤnnte, ohne daß ſie ihren Ruf dabei wagten. Der gilt ihnen mehr wie die Ruhe, der Lohn bekaͤmpfter Gefuͤhle, die Krone der Selbſtbeherrſchung. Ich weiß ferner: daß jene Sympathie, jener Zauber der Natur außer dem Bereiche menſchlicher Willkuͤhr liegen;— doch davon war vorhin die Rede nicht. Es iſt ein großer Unterſchied zwiſchen Ungluͤck und Unrecht, zwiſchen Schmerz und Schuld— wie verwandt dieſe Begriffe zuweilen auch ſeyn koͤnnen— Sie wollten mir aber etwas von Ihrem fruͤhe⸗ ren Schickſal erzaͤhlen?⸗ Die Wittwe war durch dieſe Abſchweifung ganz aus dem Context gekommen. Sie ſam⸗ melte ihre Gedanken in einer Dornenleſe, und ſprach:„mein Stiefvater hatte einen natuͤrlichen Sohn, den er gleich nach ſeiner Verheirathung zu ſich nahm. Er ward die Geißel meiner Mut⸗ —— ter, die zuvor nichts von ihm gewußt, und machte ihr das Leben ſauer. Kein Tag verging ohne Exceſſe, und Zank und Streit deshalb. Sein Vater, der uͤber allen Ausdruck ſchwach gegen dieſen Liebling war, ließ ihm jedoch kein Haͤrchen kruͤmmen, und raͤchte jeden finſtern Blick, den meine Mutter ihm gab, an mir; ich Arme! mußte alles entgelten. Indem die ungluͤckliche Frau den heimlichen Haß einer Stief⸗ mutter fuͤhlte, empfand ſie zugleich den bittern Schmerz, ihr eigenes Kind in der Gewalt offen⸗ barer Tyranney zu ſehen. Sie konnte mir nicht helfen.— So waren Jahre hingegangen, die nichts in unſern haͤuslichen Verhaͤltniſſen geaͤn⸗ dert oder verbeſſert haͤtten. Um das Maaß her⸗ ber Erduldungen voll zu fuͤllen, verliebte ſich mein ſogenannter Bruder in die Idee, daß wir ein Ehepaar wuͤrden. Mir grauſte davor. Er quaͤlte mich mit ſeiner ſelbſtſuͤchtigen Leiden⸗ ſchaft, und verfolgte jeden meiner Schritte. Meine Mutter flehete mich an, ihm meine Hand zu geben, dies waͤre, meynte ſie, das einzige Mittel, wie der boͤſe Geiſt von Vater und Sohn 3³3⁵ gebannt werden koͤnnte. Ich opferte ihr endlich mein Herz— mein Gluͤck!“— „O mein Kind!“ ſagte der Syndikus be⸗ wegt:„in dieſem Bewußtſeyn ſchon liegt eine große Verheißung! einſt wird Ihnen des Segens gereifte Frucht zufallen. Sie wiſſen dann nicht wie? aber ſchmecken und ſehen werden Sie, wie freundlich der Herr Denen vergilt, die ſeine Gebote halten; und ſeine Gebote ſind nicht ſchwer!“ Der Syndikus druͤckte die Hand der jungen Frau und athmete tief. In ſeiner Bruſt wallte die Erndte ſeiner Freuden— ſie hatte ihm tauſendfaͤltig getragen; ſelbſt in denen, die des Todes Sichel gemaͤht, die dem Tage der Garben entgegen ſchliefen, fuͤhlte er ſich noch reich. Sein Auge glaͤnzte, die Wittwe ſah ihn glaͤubig an, und eine ſelige Hoffnung ſchauerte durch ihren Buſen. Sie ſetzte ihre Erzaͤhlung fort, wie folgt:„Wir wurden getraut; aber mein Mann trauete mir nicht, obzwar ich das Moͤglichſte that, ihn zufrieden zu ſtellen. Er hielt mich wie eine Gefangene. Eine grundloſe Eiferſucht marterte ihn, und verkuͤmmerte ihm 336 meinen Beſitz. Er mogte fuͤhlen, daß ein hin⸗ gebendes Herz, eine anhaͤngliche Seele, etwas anderes waͤre, als ein gewaltſam behauptetes Eigenthum. Ich wußte nicht mehr was ich thun oder laſſen ſollte. Endlich fand dieſer Daͤmon einen Gegenſtand. In unſerm Hauſe wohnte ein Student, ein ſtiller Menſch, der ruhig und ein⸗ gezogen lebte, und wie ein Traͤumer ausſah. Ich traf ihn zuweilen auf meinen Wegen; aber ich ahnete nicht, daß ihn ein ungluͤckliches Gefuͤhl fuͤr mich Ärmſte leitete, wo er mich einen Augen⸗ blick ſehen koͤnnte. Er ſchrieb und dichtete, ich fand einſt eine Zuſchrift der Theilnahme an eine Nahmenloſe, worin meine Lage mit tiefer Wahrheit aufgefaßt war. Ich las das Blatt mit Thraͤnen und warf es dann in die Flammen. Sein Inhalt war mir ein unverlierbarer Troſt. Ich wußte einen Freund, den meine Sclaverey ſchmerzte, der mich eines beſſeren Looſes werth, und hoch in ſeiner Achtung hielt. Aber nicht lange, ſo errieth mein Mann den Juͤngling, der mich ſchweigend liebte. Er verfolgte ihn von nun an, mit Angriffen jeder Art, er nannte —ÿÿ44ÿ——— — 337 ihn einen ſchriftſtelleriſchen Pinſel, ſo daß der Student es hoͤren mußte. Die ſchmaͤhende Rede kraͤnkte ſeine kindliche Piötaͤt, haͤtte er die Wahl dieſes Ausdrucks auf ſeine mahleriſche Feder be⸗ zogen, wuͤrde es ihm weniger empfindlich gewe⸗ ſen ſeyn: denn er ſelbſt hielt den Beleidiger un⸗ ter der Kritik. So aber forderte er ihn, zu be⸗ weiſen, daß er auch mit dem Degen umzugehen verſtuͤnde. Das Gefecht fiel jedoch trotz der be⸗ wieſenen Bravour ungluͤcklich fuͤr ihn aus, und eine tiefe Kopfwunde, die er durch einen Streich erhielt, der gegen das Duellrecht war, ſchien toͤdtlich zu ſeyn. Mein Mann entfernte ſich noch in derſelben Stunde. Sein Vater machte dieſem Unfall zu Gefallen eine ſchnelle Reiſe, und fuͤhrte den Sohn, daß er ihn der naͤchſten Verantwortung entzoͤge, uͤber Berg und Thal. Wir Frauen blieben zuruͤck, und ich durfte ihn pflegen, deſſen Blut fuͤr mich gefloſſen war! Das Leben war mir leid, waͤhrend das ſeine in Gefahr ſchwebte. Aber er genas! und in der Stunde die mir ſeine Rettung verbuͤrgte, gelobte ich, nie mehr zu klagen. Eine Freude hatte Die dritte Frau. 15 338 ich gekoſtet, war auch der Kelch den ich taͤglich leerte, mit Gallen und Wermuth gefuͤllt. Ich bat ihn, daß er ausziehen, mich meiden, und— meinem Schickſale uͤberlaſſen moͤgte. Er ver⸗ ſprach es mir, und hat Wort gehalten; ach!— nur zu ſehr!e Die Wittwe verſtummte im Schmerze vergeſſen worden zu ſeyn. „So haben Sie einander nicht wieder ge⸗ ſehen?« fragte der Syndikus, und unterdruͤckte ſeine Meynung, daß es gut geweſen waͤre. „Niemals!“ antwortete die Wittwe:„er verließ bald darauf die Univerſitaͤt, und nie habe ich von ihm gehoͤrt.“ „Es iſt noch nicht aller Tage Abend“— wagte der Syndikus zu entgegnen. Da ſchwebte ein trauriges Laͤcheln uͤber die ſchoͤnen Zuͤge der Wittwe, ihre Wange brannte wie Abendroth, und ſie ſprach:„dieſe Freude iſt mir wohl unter⸗ gegangen fuͤr immer, und die Kraft zur Hoff⸗ nung iſt mir gebrochen. Ich ſehne mich nur nach Schutz und Ruhe; aber einſam koͤnnte ich nicht ſeyn, weil ich mein Lebelang allein geweſen bin.“ Sie ſagte dieſe letzteren Worte mit leiſer Stim⸗ „ 339 me und funkelnden Thraͤnen in den Augen, und die fluͤchtige Gluth des Erroͤthens zerfloß in eine zarte Blaͤſſe. Der Syndikus ſah, wie gewalt⸗ ſam die Erinnerung an das uͤberſtandene Leid auf die junge Frau wirkte; er reichte ihr die Hand, und troͤſtete ſie mit einer beſſeren Zu⸗ kunft. Dann ging er in tiefen Gedanken nach dem Gaſthof zuruͤck. Die gemeinſame Reiſe begruͤndete das Ver⸗ trauen der jungen Wittwe zu dem Syndikus noch feſter. Sein innerer Frieden, ſeine ruhige Anſicht der Dinge theilte ſich ihr mit. Sie dachte daß dieſe weiſe Maͤßigung wohlthuend wirken, und jedes Gluͤck dauernd verbuͤrgen muͤſſe, und ein Stumpfſinn verbrauchter Kraͤfte haͤtte daran keinen Theil: denn der Mann von gereiften Jahren fuͤhlte wie ein Juͤngling noch. Sie kamen bei dunklem Abend in der Heimath an. Ein kalter Wind hatte ſich in den letzteren Stun⸗ den erhoben, der ſauſend uͤber die Felder ſtrich, und die kleinſte Hffnung des Wagens durch⸗ 15* fegte. Die Wittwe ſchauerte vor Froſt und Ban⸗ gen. Sie wickelte ſich feſter in die blaͤhende Huͤlle, es ward ihr ſeltſam zu Muthe, und das Herz pochte ihr ungeſtuͤm. Jetzt fuhren ſie die Straße herauf, im Hauſe des Syndikus ſchim⸗ merte Licht.„Dort winkt der Pharus uns in den Hafen!“ ſagte er freudig:„wir ſind im ſichern Port, und der Sturm mag nun raſen wie er will. Ich ſehe den Schatten meiner Frau am Fenſter, ſie wird nach meiner Ankunft ausſehen.“ Der Wagen hielt. Mit bloͤdem Zagen ſtieg die Wittwe die Treppe hinan, und der Syndi⸗ kus fuͤhrte ſie ſeiner Frau zu, und erklaͤrte mit wenig Worten die Umſtaͤnde, denen ſie dieſe Gaͤ⸗ ſtinn zu verdanken haͤtten; ſie reichten jedoch hin, ihr die beſte Aufnahme zu gewaͤhren. Die ſeltene, aber wahre hausfraͤuliche Kunſt, es allen Men⸗ ſchen ſogleich und innig wohl um ſich zu machen, verſtand die Frau des Syndikus vollkommen; ihr Herz war die Heimath der Menſchenliebe, und eine milde Zuflucht fuͤr Leidende. Sie errieth bald, daß die Tochter des Regierungsraths zu der Anzahl dieſer letzteren gehoͤre, und verſicherte die Wittwe, es waͤre noch Raum da, ſie auf⸗ zunehmen, fuͤr ſo lange, als es ihr bei ihnen gefallen werde. Und— es iſt noch Raum dal ſo wuͤrde es einſt im Himmel heißen, fuͤr Alle, die auf Erden bedraͤngt geweſen.— Da gingen der Wittwe die Augen uͤber, die ſich hier wie ſchon im Himmel fuͤhlte. Sie gedachte, wie ſo oft ihr das Herz in preſſender Enge geſchlagen, das ihr jetzt weit ward, und in unausſprechlicher Ahnung ſchwoll. Das kleine Nachtmahl war voruͤber, und die noͤthige Veranſtaltung zum Logis der Wittwe ohne Geraͤuſch getroffen. Die Hausfrau be⸗ merkte nunmehr daß ihr Mann wie die liebe Gaͤſtinn Ruhe beduͤrften, und alsbald ſchickte ſie ſich an, der Letzteren ſelbſt in das fuͤr ſie einge⸗ richtete Gemach zu leuchten. Es war im zwei⸗ ten Stock, tiefe, unbewohnte Stille waltete in dem raͤumlichen Vorſaal der die Suite dreier. Zimmer erblicken ließ. Ein greiſes Muͤtterchen in laͤndlicher Tracht, ſaß in einem Winkel und ſpann. Die Wittwe erſchrack, dieſer naͤchtliche 342— Fleiß machte fie zu fuͤrchten— ſie ſah hin, die Spinnerinn blieb unbeweglich. „Dies iſt die Parze unferes Hauſes,“ fagte die Frau des Syndikus lachend:„ihr Faden haͤlt ſchon lange, waͤhrend manch Verhaͤngniß der Familie zerriſſen iſt.“— Jetzt merkte die Witt⸗ we, daß es ein Bild von Holz waͤre. Sie traten in das erſte Zimmer. Ein widri⸗ ger Geruch, wie von der Heizung eines Ofens, der lange unbenuͤtzt geblieben, ließ ſich in leiſem Dunſte ſpuͤren. Die Hausfrau ſagte:„es riecht nach Nauch! daran iſt der contraire Wind Schuld, und es laͤßt ſich auch nicht aͤndern. Wenn Ihnen nur die Unbequemlichkeit nicht ſchadet!“ 1 Die Wittwe laͤchelte im uͤbermannenden Gefuͤhl der Muͤdigkeit. Sie hoffe gut zu ſchla⸗ fen, antwortete ſie, und waͤhrend ihre guͤtige Wirthinn noch anweſend war, zog ſie ſchon hier und da heimlich eine Nadel aus. Aber dieſe ſaͤumte noch immer, um jedem Bedarf ſeine Stelle anzuweiſen und zu zeigen, wie fuͤr alles geſorgt waͤre.„Hier iſt eine Commode zu Ihrem — 343 Gebrauch,“ ſagte ſie:„in dieſem Zimmer,(ſie oͤffnete das zweite,) findet Ihre Garderobe Platz, und der feine Bettſtaub kann nicht in die Falten der Kleider fliegen.“ Es war ein allerliebſtes Stuͤbchen, und die Wittwe ſah ſich wundernd darin um. Als erriethe ſie die Gedanken ihrer Gaͤſtinn, ſetzte die Hausfrau hinzu:„ich wuͤrde Sie, meine Liebe, hier einquartirt haben: denn dies Sopha iſt eine verſteckte Schlafſtelle, worauf es ſich herrlich ruht; aber die Nachbarſchaft meines Sohnes, der zwar verreiſt iſt, jedoch bald wie— derkehrt, wuͤrde vielleicht ſtoͤrend fuͤr Sie gewe⸗ ſen ſeyn, und dies beſtimmte mich, Ihnen die Eckſtube zu geben, obgleich ſie weniger huͤbſch iſt. Dieſer Schrank⸗— ſie deutete auf ein in die Wand gefuͤgtes Moͤbel der Art, worin ein meſſingner Schluͤſſel ſteckte:„iſt eine mas⸗ kirte Thuͤre, die in die Kanzelley der Muſen fuͤhrt, mit denen ſich die Goͤttinn der Gerechtig⸗ keit wie billig, vertragen muß. Es ſieht ein wenig wuͤſte drinnen aus, und ich darf wohl 344 nicht fuͤrchten, daß dieſer Schluͤſſel ſie verfuͤh⸗ ren moͤgte, ſich vergeblich nach Ordnung um⸗ zuſehen.“ Die Wittwe warf einen Seitenblick nach dem Schranke— der Schluͤſſel blinkte wie von Golde, und eine leiſe Lockung regte ſich in ihrem Herzen. Es duͤnkte ihr, die Worte der Haus⸗ frau haͤtten halb und halb wie ein Verbot gelau⸗ tet, und der tauſendſte Theil eines ſolchen, iſt als Reiz fuͤr die Neugier bei Evas Toͤchtern ganz genug.„Und nun noch eine Bitte!“ ſagte die Gattinn des Syndikus ſchon im Abgehen be⸗ griffen:„laſſen Sie doch ja die Lampe brennen. Man weiß nicht was vorfaͤllt, zumal in ſtuͤrmi⸗ ſchen Naͤchten.“ Darauf ließ ſie die Wittwe mit einem Kuſſe, und dem Wunſche wohl zu ruhen, allein. Dieſe fuͤhlte ſich ſchlaͤfrig und matt. Die Augen fielen ihr beinahe zu, waͤh⸗ rend ſie die Schleifen des Haͤubchens loͤſte. Sie ſah alles wie durch einen nebligen Flor, und Traͤume daͤmmerten noch im Wachen in ihr auf. Sie konnte es nicht erwarten, bis ſie voͤllig aus⸗ gekleidet waͤre, und legte ſich noch im halben Anzuge nieder. Bald darauf drang Geraͤuſch von Auſſen in die webende Stille des Schlum⸗ mers, Thuͤren wurden geoͤffnet, und Schritte in der ſchweigenden Ruhe des Hauſes hoͤrbar; aber die Wittwe, in der Gewalt des erſten Schla⸗ fes befangen, ward nicht davon erweckt. Ihre Pulſe gingen voll und fluͤchtig, und die Klappe des Herzens ſchlug ſtaͤrker noch. Nach einer Weile, im Zeitmaaße der Traum⸗ welt ein ganzes Leben vielleicht— wachte ſie auf, konnte aber nicht frei athmen: denn ein erſtickender Dampf fuͤllte das Zimmer. Im er⸗ ſten Schrecken befuͤrchtete ſie das glimmende Un⸗ gluͤck des Feuers. Sie ſprang eilends auf, ſah aber bald, daß der Qualm, der lange ſchon um⸗ hergezogen ſeyn mogte, aus einer Ritze des Ofens draͤnge, und von erſtickten Kohlen herruͤhre, denen der Blaſebalg des Windes friſchen Odem gab. Es leuchtete ihr jedoch ein, daß ſie ohne Gefahr ſich zu ſchaden, hier nicht aushalten koͤnne. So nahm ſie ein Kiſſen unter den Arm, 346— zuͤndete ein Licht an, die Lampe wollte verloͤ⸗ ſchen— und ging auf Socken in das andere Zimmer, ſich auf das elaſtiſche Sopha zu betten. Sie lag und lauſchte, hier war es viel heimlicher. Es kam ihr vor, als fluͤſtere es in ihrer Naͤhe— es ſind die Stimmen der Luft, dachte ſie, und horchte ſchaͤrfer wider Willen.„Johanna!“ rief es jetzt laut, mit Pathos, und einem Tone, der tief durch ihre Seele drang. Ein Froͤſteln rieſelte durch ihre Glieder: denn der Wind ſpricht nicht mit menſchlicher Zunge.„Wer ruft mich?“ fragte die Wittwe angſthaft leiſe, und ſchmiegte ſich furchtſam in ſich ſelbſt. Und: „Johanna!“ erſcholl es wieder und wieder, fal⸗ lend und ſteigend, im rhythmiſchen Ausdruck der Leidenſchaft, der Sehnſucht und des Schmerzes. Der Strom der Begeiſterung rauſchte deutlich in ihrer Naͤhe, ihr Nahme floß in ſchoͤnen Ver⸗ ſen— der Schall ſchien aus dem Schranke zu kommen. Die Wittwe hielt nicht laͤnger an ſich. Sie trauete ihren Sinnen kaum.„Allmaͤchti⸗ ger Gott! ich habe wohl das Fieber?“ ſagte ſie zaͤhnklappend, ſtand eiligſt auf, ordnete im un⸗ —, 347 bewußten Triebe weiblicher Sittſamkeit ihr Ge⸗ wand, und drehete den verhaͤngnißvollen Schluͤſ⸗ ſel ſo bebend, und daher ſo gewaltſam, daß er aus dem Schloſſe und klingend zu Boden fiel. Die Thuͤren ſprangen auf, und Johanna ſtand auf der Schwelle ihres Gluͤckes, dem Heilig⸗ thume ihres Herzens. An ſeinem Schreibtiſche ſaß Sardino, und ſah mit ſtraͤubendem Haar, das weſenloſe Bild ſeiner Liebe vor ſich erſcheinen, wie beſchworen in der Geiſterſtunde: denn drau⸗ ßen ſchlug es eben zwoͤlf Uhr. Johanna glich einem lieblichen Phantom. Das weiße Nacht⸗ gewand, worauf die blonden Flechten lang her⸗ abfielen, der entfaͤrbende Schein des Lichtes, lieh ihr ein aͤtheriſches Anſehen. „Sardino!“ ſagte die Wittwe, nachdem er ſie wie unglaͤubig und doch entzuͤckt angeſtarrt: „ſo finden wir uns doch noch einmal wieder? Sie laͤchelte wie eine Selige. Er ſtuͤrzte zu ihr hin, und betaſtete die geliebte Geſtalt, als fuͤrchte er, der holde Trug koͤnnte unter ſeiner Beruͤh⸗ rung verſchwinden. Aber unvermeynt hielt er 348— ſie warm und wirklich an ſeiner Bruſt. Er beugte ſich zu ihr nieder, Thraͤnen der Wonne und Wehmuth benetzten ſeine Narbe, und ihre Seelen floſſen in einander. In der untern Region des Hauſes hatte dem Syndikus nichts von dieſer Cataſtrophe ge⸗ traͤumt. Er fruͤhſtuͤckte wohlgemuth mit ſeiner Frau, als Sardino voͤllig gekleidet, in das Wohn⸗ zimmer trat. Sein Geſicht ſtrahlte Freude, den Eltern ward, als ob ſie in die liebe Sonne ſaͤhen. „Bon jour, Herr College!“ rief ihm der Syn⸗ dikus ſcherzhaft gelaunt entgegen:„ei! ſchon ſo ruͤſtig auf? ich dachte, Du wuͤrdeſt, muͤde von geſtern noch, das gelehrte Spruͤchwort: Aurora muses amica, heute in ſeiner zweiten Ausle⸗ gung: des Morgens ſchlaͤft ſichs am beſten— gelten laſſen.“ „Q Vater!“ antwortete Sardino:„ich habe in der verfloſſenen Nacht kein Auge zugethan, ein nie gehofftes Gluͤck hielt ſie mir offen.“ Hier⸗ auf erzaͤhlte er das Wiederfinden ſeiner Freun⸗ 4 — 349 dinn. Den Eltern daͤuchte, ſie vernaͤhmen einen angenehmen Traum. „Wie aber kam es,“ fragte der Syndikus dringend: denn der uͤberraſchende Bericht ver⸗ wirrte ihn froh, und die Kuͤrze der Erzaͤhlung hatte nur den Hauptpunkt beruͤhrt:„daß Du die Wittwe bei ihrem Nahmen riefeſt? „Ich hatte keine Ahnung von dieſer theuren Naͤhe,“ verſetzte Sardino:„und wollte, da ich mich aufgelegt fuͤhlte, noch ein Stuͤndchen an meinem neuen Drama: Johanna Seymour, arbeiten. So wußte ich auch nicht, daß ich laut dachte und dichtete, und nur die dritte Frau Heinrichs des Achten hatte ich im Sinne. Daß es zugleich eine Handlung fuͤr mich ſelbſt, und gleichſam der entſcheidendſte Act meines Lebens werden wuͤrde, haͤtte ich mir bei dem Entwurf des Dramas wohl nimmer vorgeſtellt. Johanna iſt nun frei! ihre Ketten loͤſete der Tod, und ich zoͤgere keinen Augenblick, Sie, geliebte Eltern, zu bitten, daß Sie meine Wahl der liebenswuͤrdigſten und beſten Frau, mit Aus⸗ nahme meiner verehrten Mutter— durch Ihre Billigung kroͤnen.“ „Du biſt nunmehr ſo flink, mein guter Sohn, als wir Dich ſonſt traͤges Herzens ſchal⸗ ten!“ erwiederte ihm der treue Pflegevater ſeelen⸗ vergnuͤgt. Und indem er im Staunen eines ergriffenen Gemuͤths die Haͤnde zuſammen ſchlug, ſetzte er hinzu:„guͤtiger Gott! da haͤtteſt Du mir abermals eine große Freude im Schlafe gege⸗ ben! nich ſehe nun, daß ich die Wittwe wie ein Prophet getroͤſtet habe. Wir willigen ohne Weiteres ein, nicht wahr, meine liebe Frau? Thereſe reichte dem gluͤcklichen Sardino mit einem ſchoͤnen geruͤhrten Blicke die muͤtterliche Hand. In dieſem Moment trat die braͤutliche Wittwe ein; ihr Geſicht bluͤhete wie eine Mor⸗ genroſe, und zeigte keine uͤbernaͤchtige Spur. Sie erroͤthete noch mehr, als ſie errieth, wovon hier die Rede geweſen waͤre.„Meine theure Lady Seymour“— redete ſie der Syndikus mit ſchalk⸗ hafter Begruͤßung an, waͤhrend Johanna mit niedergeſchlagenen Augen, und beſchaͤmtem Laͤ⸗ — 351 cheln vor ihm ſtand:„ich habe zu meinem Leid⸗ weſen vernommen, wie geſtoͤrt dieſe Nacht fuͤr Sie war. Sie dachten gewiß: ſein Geiſt iſt's, der mich ruft— doch Er, er war es ſelbſt!— Sie koͤnnen es getroſt mit dieſem Heinrich wa⸗ gen“— Sardino fuͤhrte den Nahmen auch— vich getraue mir, Buͤrgſchaft fuͤr ihn zu leiſten, und denke, Sie ſollen den Thron der Liebe in ſeinem Herzen behaupten.“ Thereſe umfaßte die junge Frau mit Waͤrme, und ſprach:„ſein Vater war ein vortrefflicher Ehemann. Wenn der Sohn ihm gleicht: ſo kann Ihnen Niemand aufrichtiger Gluͤck wuͤnſchen, als ich. Und eine treue Schwiegermutter ſollen Sie an mir haben l So verlobten ſich denn die Liebenden vor dem Angeſichte des wuͤrdigen Paares, das ihnen kei⸗ nen beſſeren Segen geben koͤnnen, als die Nach⸗ folge in den Fußtapfen ſeines eigenen Wandels und Wohlergehens auf Erden. Beinahe ein Monat war ſeitdem verrauſcht. Johanna hatte zum erſtenmale in ihrem Leben auf den Gang der Zeit nicht gemerkt, und fand, ſie waͤre zu ſchnell entflohen: denn das Gluͤck leiht ihr Fluͤgel, und in der traͤgen Saͤumniß des Kummers ſchleicht ſie wie eine Schnecke. Eines Tages, als die Frauen ein kleines Haushaltungs⸗Collegium in der Vorrathskam⸗ mer hielten, war der Syndikus mit Sardino ganz allein. Sie ſprachen uͤber kuͤnftige Ein⸗ richtungen, und wie es vor und nach der Hoch⸗ zeit gehalten werden ſollte. „Ich wundere mich doch,“ ſagte der Syndi⸗ kus:„daß wir noch keine Antwort von dem Re⸗ gierungsrath haben; doch denke ich, er kommt, ehe wir es uns verſehn, und ſpricht Ja und Amen in Perſon. Dann will ich ihm alles Ern⸗ ſtes zuſetzen, daß er ſein Amt niederlege, und hieher ziehe. Es wuͤrde ihm ſonſt gehen wie dem Tantalus, und er haͤtte die Frucht der vaͤterlichen Freude nur geſchaut, daß ein Anderer ihm dies Gluͤck von den Lippen wegzehrte. Und wie Je⸗ nem zur Strafe dafuͤr, daß er als Vater grau⸗ ſam gehandelt. Haͤtte ein Gott ſich nicht der armen Johanna angenommen, was wuͤrde wohl & † — 353 aus ihr geworden ſeyn?— Du aber, Sardino, nimm jetzt— wir ſind ſo unter uns— einen guten Rath von mir an! Du kaufeſt ihn wohl⸗ feil, nur um den Preis des Zutrauens zu mei⸗ ner Erfahrung; verſchmaͤht koͤnnte er Dich einſt theuer zu ſtehen kommen. Verabſchiede die duͤ⸗ ſtere Muſe, die finſtere Geſellinn Deiner Ein⸗ ſamkeit! die Liebe laͤchelt Dir jetzt in einem Geleit von heitern Stunden und tauſend kleinen Gluͤckſeligkeiten. Laſſe den Koͤnig Blaubart ſeine Weiber ſchlachten— Du ſingeſt das hohe Lied von der Einzigen. Der goldne Schluͤſſel des Geheimniſſes oͤffne Deiner Frau nur die Schaͤtze Deines Herzens, gluͤcklich, wenn ſie ſich in die⸗ ſem Beſitze reich, und in dem tiefſten Verſteck der Geſinnung nur den Edelſtein der Treue fin⸗ det. Was kuͤmmern Dich die Rebellionen vori⸗ ger Jahrhunderte? ſorge dagegen fuͤr den Frie⸗ den Deiner Ehe, und fuͤr eine gute haͤusliche Regierung. Warum wuͤhlſt Du die Graͤber der Todten, und den Staub der Archive auf, und ſtoͤrſt die Arbeit der Wuͤrmer und Motten, um eines Lorbeers willen, den Dir der Neid verkuͤm⸗ 354 mert?— Erwirb Dir die Buͤrgerkrone, Sar⸗ dino! die Thraͤnen der Unterdruͤckten, deren Recht Du als Anwald der Stadt beſchuͤtzteſt, flechten koͤſtliche Perlen hinein, und das Diadem der Tugend, was alle Kraͤnze des Ruhms aufwiegt, glänzt dort noch ſchoͤner, und verſetzt Dich un⸗ ter die Sterne. Veredle Dein Stillleben durch die goͤttliche Gabe der Poeſie; dieſe Dichtkunſt iſt rar; doch ſie verlohnt ſich: denn die Alltaͤg⸗ lichkeit ohne die Beleuchtung der Phantaſie, ohne das zauberiſche Spiel des Geiſtes, iſt eine leidige Proſa, und einem Theater bei Tage zu vergleichen, worauf ein langweiliges Familien⸗ ſtuͤck probirt wird. Halte mich jedoch nicht fuͤr einen ſo argen Philiſter, mein Sohn, daß ich die freiſinnige Übung eines an ſich ſchoͤnen Ta⸗ lents, Dir ohne den beſonderſten Grund wehren moͤgte, obwohl ich hinzuſetzen muß, es waͤre beſſer, jener weiſe Spruch, wuͤrde mehr beher⸗ ziget: Viele ſind berufen, doch Wenige ſind auserwaͤhlet.— Johannas Mutter— nun, Du weißt von ihr. Wir aber wiſſen nicht, was etwa von den angeſtammten Neigungen jener verwahrloſeten Frau ſich auf ihre Tochter vererbt haben koͤnnte. Laß mich ganz ausreden, mein Sohn! Johanna iſt gewiß gut und liebenswuͤr⸗ dig— allein, man ſagt: der Apfel faͤllt nicht weit vom Stamme; daher bewahre Deine kuͤnf⸗ tige Frau wie Deinen Augapfel. Widme ihr Deine Erholungsſtunden, die liebende Enge des Zuſammenlebens ſchuͤtzt vor dem Daͤmon, der ſich uͤberall eindraͤngt, wo er ein luͤckenhaftes Verhaͤltniß findet. Sollteſt Du, wenn Pega⸗ ſus ſich frei in die Luͤfte ſchwingt, Dir etwa ein Steckenpferd zulegen wollen: ſo halte es weislich im Zaum; doch am beſten waͤre es, Du warteteſt, bis ein kleiner Bube, mit Dir, dem Vater, um die Wette ritte.— Haſt Du mich verſtanden, Sardino? Du ſchweigſt, und Dein Blick ſtarrt nach der Thuͤre?“— Sardino ſah mit geweihtem Auge eine hehre Geſtalt langſam entſchweben, und er dachte:„Du fuͤllteſt mir die Bruſt mit Wonn⸗ und ſanftem Harme— o Muſe, lebe wohl!“ Er blieb ſtumm, und ein ernſtes Gefuͤhl beſchlich ihm die Seele. 356— Doch pruͤfte er den Rath des wackern Man⸗ nes, und befolgte ihn. Sardino ſchrieb keine Novelle mehr. Sein Nahme verſchwand aus dem Meßcathalog; aber die Engel, welche in der Regiſtratur des Himmels die Freuden der Sterblichen verzeichnen, trugen ihn mit leuchten⸗ den Zuͤgen zu Buche. Druckfehler in der Erzaͤhlung:„Tante und Nichte.“ Seite 24, Zeile 6 von Unten, lies: fuͤhrt, ſtatt fuͤhrte. 101, Zeile 9 von Oben, lies: mit hinuͤber, ſtatt hinuͤber. 188, Zeile 2 von Oben, lies: Heirath, ſtatt Heimath. 154, Zeile 4 von Oben, lies: derſelben, ſtatt derben. 188, Zeile 13 lies: des vor dem Nahmen: La Fos. 190, Zeile 2 lies: ihrem ſtatt ihren. 241, Zeile 8 von Oben, lies: hatte, ſtatt hat. 244, Zeile 8 von unten, lies: ihrer ſtatt ſeiner. 263, Zeile 8 von Unten, lies: nicht ſtatt nichts.„ — — 8 =. — ‿ O bei K. E. Opitz in Jauer. —— ——