. 1. Leihbibliothek 1173 deutſcher, engliſcher und ufranz öſiſcher Literatur Gduurh Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ¹ Leih- und Aeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Miigübe per Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr 39 Abends 8 dier offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlr. Die Zeit eines Tages iſt zu 21 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 15 Aondement, Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſl . perr trhentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 4 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 4 d 3 ansmärtige Wonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſ endung 4 der ucer auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 1 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der 8 3 6 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ Three oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſe 3 r Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 r. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird 8 beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — —— —ꝛzr—— — — Der Colibri und DHie KRuine. Zwei Erzählungen von Henriette Hanke, geb. Arndt. —õ— Liegnitz, bei Johann Friedrich Kuhlmey. 3 1835. Der Colibri. —y—’ Welch bleinen Lohn für langes Kummerleben! Petrarca. In Greifswerda war es heute wie Sonntag. Dieſes reizende Oertchen, an einem ſchiffbaren Strom gelegen, ſchien die Inſel der Glücklichen, worauf ein apanagirter Fürſt, der außer dem Jo⸗ hanniterkreuz kein drͤckenderes trug, in Freude und Friede regierte. Der Vogel Greif hielt mit verſchlingender Geberde und taubem Anruf Wache über dem Portale der ländlichen Reſidenz, und manches wandelnde Geſchlecht der Menſchen war dort aus⸗ und eingegangen, ſeit dieſe ehernen Schwingen ausgebreitet wurden für den Flug der Zeit.— Wenn, nach Einigen, dies fabelhafte Geſchöpf der Alten in ſeinem Mythos von den Cherubim abgeleitet wird: ſo hatte es hier ſeine geeignete Stelle; denn hinter der Himmelspforte, ⸗ hütete, ſtand der Thron des kleinen Erden⸗ 6 gottes auf Liebe gegründet, und die Geiſter ſei⸗ ner Nähe führten ein ſeliges Leben im Chor. Der alternde Fürſt liebte die Muſik und das Theater mit einer Leidenſchaft, die ihn beherrſchte wie verjüngte, und der ſeine übrigen einfachen Bedürfniſſe durchaus untergeordnet waren. Der Seſ enthielt eine ſtehende Bühne, auf welcher von Ifflands häuslichen Scenen an, der drama⸗ urgiſche Geſchmack gewechſelt hatte; nur der ihres Protektors an dieſem Vergnügen war ſich ſtets gleich geblieben. Ein mimiſches Talent galt dem Fürſten für Verdienſt, eine ſchöne Stimme dünkte ihm ein Vorzug, dem jede Huldigung ge⸗ bühre. Die fürſtliche Capelle war berühmt. Er ſparte keinen Aufwand für dieſen Lieblingszweck, und die reichen Einkünfte ſeiner Apanage und Präbende floſſen zumeiſt den goldnen Wellen der Töne zu, und in den goldnen Wein, den die Ton⸗ künſtler tranken. Dieſe Neigungen hatten den Fülſten, der von ſchwächlicher Conſtitution und einer ſanften Natur war, ſehr weich geſtimmt, und ſeine ein⸗ asora Humanität zu der zuteſten Reizbarkeit — verfeinert. Die ideale Welt, der er mit Sinn. und Seele angehörte, hatte ihn der wirklichen entfremdet, worin er, da ihm die Gabe der Re⸗ präſentation verſagt war, nur eine druͤckende Rolle geſpielt haben würde. So, durch ſeine äſthetiſche Ausbildung auf einen cosmopolitiſchen Standpunkt geſtellt, war der Blick dieſes guten Fürſten über odeanr ſeines Standes er⸗ haben. Die Kunſt war ihm allein die Sphäre, in der ſeine Sterne ſchimmerten und Unſterblich⸗ keit wohnte. Er ſelbſt ward angebetet von den Seinen, und dieſer Bereich ſchloß einen weiten Umkreis ein. Die Schönheit des Aufenthaltes, der liberale Hof, welcher den ſeltnen Verein zwangloſen Umgangs und geiſtreicher Unterhal⸗ tungen gewährte„ohne den Genuß der Einſam⸗ keit zu ſt ſtören, oder das perſönliche Recht, womit ein Jeder über ſich und ſeine Zeit verfüge, zu be⸗ einträchtigen, hatte viele Anſiedler hierher gezo⸗ gen, und Greifswerda war allmaͤhlich eine ade⸗ lige Colonie geworden. Eine Menge ſtattlicher Gebäude umringte geſellig, ob auch in ſchicklicher Diſtanz, das fürſtliche Schloß, manche Villa 8 prangte zwiſchen Gärten und Baumgruppen her⸗ vor. Auf einem großen runden Platze ſtand ein coloſſaler Petrus unter dem Baldachin falbender Linden; in ernſter Gediegenheit, ein heiliger Schirmvogt gleichſam, dieſes den Muſen geweih⸗ ten Gebiets. Kein Werkeltreiben war in dieſem vornehmen Bezirk zu erblicken, kein plebejes Ge⸗ räuſch unterbrach die feyernde Morgenſtille der Stunde, worin unſere Erzählung beginnt; ſelbſt die greiſe Pomona, welche ſonſt unter dem Schutze des Apoſtels Früchte feil bot, hatte heute den kleinen Markt ausgeſetzt und gönnte ſich und dem himmliſchen Legaten einmal Ruhe. Der erlauchte Ortsherr beging ſein Wiegen⸗ feſt und die Natur ſchien freundlich dazu. Am Horizont, der im leuchtendſten Celöſte herbſtli⸗ cher Färbung mit den bläſſeren Bergen der Ferne und den Nebeln des Waſſers verſchmolz, war kein Wölkchen zu ſehen; der Fluß flimmerte in Silbergalla und rollte ſonnenprächtig ſeine Wo⸗ gen. Am dieſſeitigen Ufer, wie an den Faden der Fluth gereiht, zogen ſich die Hütten und Häu⸗ ſer der Schiffer hin, deren viele hier heimiſch 9 waren. Sie hatten aus dankbarer Achtung für den Fürſten zu Ehren dieſes Tages, dem Stand⸗ bild des Heiligen, der ihnen durch ſeine Abkunft berufsverwandt war, eine ſeidne meergrüne Fahne, worauf ein gutgemeynter aber mißglück⸗ ter Segenswunſch zu leſen, in den Arm gegeben und ſelbige windkundig gerichtet. Ein ſanfter Aeol blies aus Oſten, die abgeweheten Blätter blitzten wie goldne Funken in den Lüften, und der canoniſche Fahnenjunker ſalutirte unaufhör⸗ lich gegen das Schloß. In einer der anſehnlichſten Privatwohnun⸗ gen, dem Hauſe der verwittweten Generalinn, Gräfinn Dohna, ſaß dieſe Dame und wand feine ſpaniſche Wolle von einer kleinen Winde, die aus Ebenholz geformt mit Elfenbein und Perl⸗ mutter ausgelegt war. Würde umſchwebte die alte ſtille Geſtalt, welche zurückgebogen in einen Armſeſſel, deſſen Lehne mit kleinen vergoldeten Engelsköpfen geziert war, ſchon von den Genien der Ewigkeit getragen ſchien. Die vornehme ſchneebleiche Hand, glänzend in der weißeſten Zärte und im einfachen Schmuck eines Siegelrin⸗ ges, deſſen Carniol von langem abnützendem Ge⸗ brauch ein wenig entfärbt und auch im Stich des Wappens nicht mehr ganz kenntlich war— wik⸗ kelte langſam das Geſpinnſt ab und legte es weich um den ſchwellenden Knäuel. Und wie die Rol⸗ len der Winde ſich leiſe bewegten, glich die Ge⸗ neralinn einer Parze, welche achtlos der Zeit, über dem Wandel der Sterblichen, in ſinnendem Ernſt ihr ewiges Geſchäft fördert und mit erha⸗ bener Ruhe die Fäden menſchlicher Schickſale ſchlingt. In dem geiſterblaſſen Angeſicht mogte einſt der Schönheit Lenz geblüht haben, in den tiefen Furchen der Züge lag eine verſchüttete Welt— der Ausdruck von begrabenem Leid, von Stille, gab dieſer Phyſiognomie etwas Rühren⸗ des; die Augen der Matrone, geſegnet durch eine ſeltne Klarheit, blickten wie Sterne über einer Winterflur, in tiefer Anſchauung wahrſcheinlich in ein anderes Verhängniß als das, welches ſich ſo ſanft und ſichtlich löſete. In dem räumlichen Zimmer herrſchte jene Ordnung, die ein ödes Gefühl erregt, indem ſie haͤusliches Walten und den Begriff der Gemäch⸗ lichkeit ausſchließt. Das ſeidne Sopha zeigte in ſeinen ſtraffen Polſtern keinen Eindruck einer Lieblingsſtelle; das moderne Schlummerkiſſen, wie ein verſchobenes Quadrat in die rechte Ecke geſtülpt, lockte zwar hervorſchwellend, nurSchade! daß die Wahl der Stickerinn auf eine Datura ge⸗ fallen war, deren betäubendes Gift ſelbſt im Bilde— von einem muͤden Haupte bisher ge⸗ ſcheuet worden zu ſeyn ſchien. Der blumenreiche Teppich prangte weit hinaus in das Parquet, auf dieſen Roſen friſch, als ob eben von der Nadel erblüht, ruhete gewiß ſelten ein Fuß. An der tapezirten Wand hing eine Reihenfolge brauner Kupferſtiche, Kriegsſcenen chronologiſch geord⸗ net. Das Schlachten⸗Getümmel der Phantaſie ſtach ſeltſam ab gegen das Schweigen der Umge⸗ bung. Dieſe meiſterhaften Darſtellungen ſchloſ⸗ ſen recht ſchicklich einen Helden ein: den ſeligen General, wie an der innen laufenden Feder des militairiſchen Hutes zu erkennen, der ihm bei⸗ gegeben war. Mit entblößtem Haupte und ſieg⸗ reicher Miene ſchien er wie auf dem Champ de Bataille zu ſtehen; der Mund, friedlich ver⸗ 4 ſtummt für das Commando, war noch ein wenig geöffnet, die Hand lag feſt am Degen der Ehre, und die Herbſtſonne webte im Farbenſchimmer ſeiner Orden. Dicht an dieſes Portrait und von derſelben Form und Größe, wie ein eheliches Doppelbild im gleichen Rahmen der Verhältniſſe— ſchloß ſich das Knieſtück eines Mädchens, in erſter Ju⸗ gendblüthe gemahlt. Es hielt einen Kranz em⸗ por wie zu einem Lorbeer für den ehrwürdigen Nachbar— in dem Lächeln dieſer Lippen und einer ganzen Wunderſüßigkeit lag die Poeſie ſolch einer Huldigung; die Beugung des zarten Halſes, als fiel es ihm ſchwer die Krone der Schönheit zu tragen, wog einen Triumph auf, dem es ſich neigte. Doch der General wendete ſich abwärts dieſem holden Blick und ſchauete leutſelig auf ſeine Wittwe nieder. Unter dem breiten Pfeilerſpiegel ſchlug eine Stutzenuhr lange Stunden. Die Zeit, eine allegoriſche Fi⸗ gur, fußte auf dieſem Prachtwerk, und der maſ⸗ ſive Ernſt im Ausdruck der kleinen goldnen Miene, die ſtarre Schwere der Flügel machten ſie gleich⸗ 8* ſam zu einer Ironie ihres Sinnbilds. Am zwei⸗ ten Fenſter, dem zunächſt unter deſſen bergenden Bogen die Gräfinn Dohna ſaß, ſtand ein Mäd⸗ chen von zartem Wuchs und blickte ſinnig, wäh⸗ rend es in unbewußtem Gedankenſpiel einen Nah⸗ menszug an den dünnen Hauch der Scheiben zeichnete, in den offnen Platz hinaus, wo Sanct Peter das Schifferfähnlein ſchwenkte. Das ſtille Kind ſchien jedoch keinen Sinn für dieſes komi⸗ ſche Schauſpiel zu haben, ſondern wie in den Traum eines Melodrama verſenkt zu ſeyn: denn vom Schloſſe herüber wehete die Morgenluft Töne wie vom Stimmen muſikaliſcher Inſtru⸗ mente, und der Fluß rauſchte im dumpfen Uni⸗ ſono dazu. Die Sonne war nun höher gekommen und goß einen vollen Blendſtrom über den Geſichts⸗ kreis des Mädchens aus. Die Glorie des Heili⸗ gen ſchimmerte, das Zimmer war mit heiterm Licht erfüllt, und ſelbſt ein Löckchen der Matrone wagte ſich wie unter klöſterlichen Schleiern her⸗ vor und glänzte ſilbern in der hellen Freiheit. Der Faden der Vicogne haftete in einer 13 14— Schlinge; die Generalinn hielt an, erhob den Blick und ſprach:»dort liegt etwas, Iſolde!⸗ Sie fixirte blinzelnd eine Stelle am Boden und deutete mit dem Finger darauf hin. Das Maͤd⸗ chen dieſes Nahmens wendete ſich um— wir ſe⸗ hen dabei in ein intereſſantes Geſicht von ſchwarz⸗ braunen Augen beſeelt— bückte ſich an den Re⸗ flectionspunkt und hob einen ſchmalen Gegen⸗ ſtand auf.»Ein Strohhalm!“ ſagte Iſolde, ver⸗ wundert, daß dieſer Angehörige der Niedrigkeit ſich hierher verirrt: ⸗wir werden einen Gaſt be⸗ kommen.⸗ „Da ſey Gott für!« antwortete die Genera⸗ linn mit einem tiefen Athemzuge.„Wer würde es anders ſeyn als Ritter Sauſewind? um Ruhe und Regel aber iſt's alsdann gethan. Man wird ganz ſchwach von ſeiner Gegenwart.⸗ „Wenn Alexander von der Oper gehoͤrt,«ent⸗ gegnete das Fräulein:„ſo glaube ich ſelbſt, daß er nicht fern ſey.⸗ Die Generalinn ließ die Haͤnde in den Schooß ſinken und ſeufzte. Sie ſprach:»ja, ja! ich fürchte ſehr, der Fürſt hat ihm davon geſagt. — — 15 Er mag den Wildfang leiden und gönnt ihm gerne ein Vergnügen. Doch auf Weſſen Koſten? auf meine: denn er beraubt mich des Einzigen, was ich noch auf der Welt genieße, der Stille!⸗ „Der Lieutenant hat aber doch ein gutes kindliches Herz⸗— verſetzte Iſolde mit bangem Antheil an der Matrone, und einem Tone, der die Unbilden dieſer Einquartirung eben nicht hoch anſchlug. „Dies iſt zu wenig, Iſolde, um ein mütter⸗ liches vor Angſt und Sorge zu ſchützen,⸗ erwie⸗ derte hierauf die Generalinn:»Er macht mir nichts deſtawenider viel Kummer. Sein Leicht⸗ ſinn— Hier trat der Kennnerdiener ein und mel⸗ dete eine junge Dirne vom Ufer, die auf der Bitte beſtehe, der Frau Generalinn vorgelaſſen zu wer⸗ den.„Nun ſo mag ſie kommen,“ bewilligte ſeine Herrſchaft und heftete den Blick nach der Thuͤre, durch welche bald darauf ein allerliebſtes Mäd⸗ chen eintrat. Das Geſicht, voll und friſch wie eine Roſenknospe, ward vom Incarnat der Ver⸗ legenheit höher noch gefärbt, ein ſcheuer Blick 16— der brennenden Augen, ſo blau und blitzend wie der Himmel im Sommer flog nach Iſolden hin, und ein beklommener Seufzer von den Lippen der Supplicantinn, ſäuſelte hörbar in das Lau⸗ ſchen der Erwartung. „Was bringſt Du mir, mein Kind?« fragte die Generalinn mit gütigem Tone:„tritt doch näher!« Vor dieſer klaren Stimme ſchwand jeder Schatten vo Furcht in des Mädchens Seele. Es gehorchte dem Befehl, küßte der Generalinn die Hand und ſprach:„mein Vater, der Fiſch⸗ und Faͤhrmeiſter Balthaſar, läßt ſeinen unterthäni⸗ gen Reſpect vermelden, und ſchickt der Frau Excellenzen eine Goldſchleie. Er ſagte: dies wäre ein zartes Fleiſch für einen alten Magen, und der Nahme des Fiſches hätte nebenher einen ſchicklichen Klang für die Tafel einer reichen und vornehmen Dame.⸗ Bei dieſen Worten zog des Fiſchers Tochter ein bläuliches Netz unter der Schürze hervor. Die Generalinn glaubte hierinn eine An⸗ ſpielung auf ihre Generoſität zu verſtehen. Sie 17 betrachtete mit einem milden Lächeln die nied⸗ liche Botinn und ihren Auftrag. Das Mädchen ſah aus wie ein Idyll, der Fiſch zappelte kräftig und ſchillerte ſo pompös, als wäre er aus einem Feenteiche gezogen, das Netz ſogar war von Filet. „Ich weiß Deinem Vater Dank dafür,«⸗ ſagte die Matrone:„»Iſolda! klingle doch und bezahle die artige Kleine! Sie gab der jungen Geſell⸗ ſchafterinn einen Wink. Dieſe Rede von der Zahlung hätte das Mägd⸗ lein vom Ufer beinahe übel genommen. Es trat einen Schritt zurück und ſprach: behüte! mein Vater ſendet ſeinen Fang der Frau Excellenzen nur aus gutem Herzen. Umſt onſt mögte ich ihn freilich nicht gebracht haben— aber—“ das hübſche Kind ſchlug die Augen tief nieder. „Nun ſo ſprich, und nenne mir Dein Be⸗ gehren,“ ſagte die Generalinn ermuthigend und nicht ohne beunruhigte Neugier. Iſolda, ſchon im Gehen begriffen, faßte wieder Fuß, und das Mädchen mit finſterer Aufmerkſamkeit ins dunkle Auge. Sie athmete während dieſer Audienz⸗ Scene ſchwer und leiſe. 18 „Ich habe eine Klage zu führen, der die Frau Excellenz abhelfen könnte—⸗ begann das I Jüng⸗ ferchen und ſtockte abermals. »Eine Klage?“ wiederholte die Genera⸗ linn befremdet; doch das Wort hallte mit ver⸗ trautem Ton tief in ihr Inneres hinab und dort durch einen langen Zeitraum durch ein ödes Herz. »Ja, ja!« ſagte die Kleine mit einem pfifft⸗ gen Lächeln und nickte wichtig dazu:»über einen feinen Hecht, der aber wohl ſchwerlich das Lei⸗ den Chriſti im Kopfe hat.⸗— Fiſoldas Wange entbrannte; eine ſchwache Röthe färbte die bleichen Züge der Generalinn. Sie ſprach mit Autorität:„rede frei heraus und nicht im Sprüchwort; ich liebe das nicht. Was iſts, worüber Du Dich beſchwerſt und dem ich abhelfen könnte?⸗ Das Maädchen war ſichtlich erſchrocken; der kecke Muth des begonnenen Vortrags wollte ent⸗ fliehen— doch dieſer plötzlichen Verſchüchterung ſtand ein Trotz entgegen, der auch die Blödeſten erkühnt. Des Fiſchers Töchterchen antwortete daher unverzagt:„ich muß es nun ordentlich aus⸗ 19 ſagen. Wenn mein Vater des Abends müde von dem ſchweren Dienſt bei der Fähre ein wenig ausruht und die Bootsleute ſich nach allen Win⸗ den zerſtreuet haben, ſo geſchieht es zuweilen, daß ich einen Fremden mit dem kleinen Kahne über den Fluß holen muß. Ich bin ein Kind des Waſſers, habe rüſtige Arme und weiß mit dem Ruder Beſcheid. So geſchah es öfters, daß ich den Eidam der Frau Excellenzen überſetzte.“ „Meinen Eidam?« fragte die Generalinn entſetzt, und fügte, ſich ſelbſt wie das Alter und die Bildung der vor ihr ſtehenden Clientin vergeſ⸗ ſend hinzu: Mädchen! um Gott! ſo fährſt Du ein weiblicher Charon! abgeſchiedne Seelen über den Fluß?« Die Schifferinn erglühete beſchämt ob ihres Irrthums und ſprach:»nein, nein! wie iſt mir denn? den Enkel der Frau Excellenzen wollte ich ſagen. Aber eine abgeſchiedene Seele— der Himmel weiß es! das war er nicht; ich habe die meinige jedesmal Gott befohlen: denn es war nicht viel beſſer, als führe ich den Sturm ſtroman.⸗ 20 Die Generalinn horchte beſtürzt.„Und was hätte mein Enkel Dir denn zu Leide gethan?⸗ fragte ſie verhörend; ein ſtrenger Blick auf das Mädchen gerichtet, forderte Wahrheit. Dieſes entgegnete:„nun, zu Leide grade nichts; allein zu Liebe— das hat auch ſein Schlimmes. Sehen Sie nur, Frau Excellen⸗ zen,“ fuhr die Kleine dreiſter in dem Bewußtſeyn der Vertraulichkeit fort, durch welche ſie beleidi⸗ get zu ſeyn vorgab und jetzt wirklich beleidig⸗ te—:»der Lieutnant ließ mir nicht Luft, kuͤßte mich, da ich mich nicht wehren konnte: denn Un⸗ ſereins hat ſein Leben doch auch lieb!— und trieb lauter gefährliche Poſſen, mitten auf den Wellen. Wenn ich ihn ſchalt und warnte: dann ſagte er mir vorwitzig: er ſey kein Jude und könne ſchwimmen im ſchlimmſten Falle. Dann weinte ich bitterlich und ſprach: es ſey doch auch nicht chriſtlich, ein armes Mädchen ſo zu ängſten. Und nun ſchmeichelte er ſo lange, bis ich wieder gut war und zuletzt lachen mußte. Bald nannte er mich die Jungfrau am See, eine kleine trotz⸗ köpfige Undine; er weiß unzählige Schnurren 21 und kannte mehr Nahmen als im Calender ſte⸗ hen. So hieß er mich auch ſeine Hulda, die Do⸗ naunymphe— oder er ſchwor gar, ich ſey die Pathe des göttlichen Nelſon, eine geborene Waſ⸗ ſerheldinn, weil ich Nelly heiße, eigentlich Pe⸗ tronelle. Das wollte der Vater haben, des Schutzpatrons wegen.⸗ „Mein Gott! Du wirſt doch Spaß verſte⸗ hen, Mädchen!« warf Iſolde mit zürnender Miene und zitternder Stimme der Erzählung ein. „Ja, ich wohl, gnädiges Fräulein,“ ver⸗ theidigte ſich Nelly:»aber mein Vater nicht. Ach! und mein Vater, mit Erlaubniß zu ſagen: der kann entſetzlich grob ſeyn. Nun fürchte ich mich, es könnte etwas ſetzen: denn der Vater hat geſchworen, er mache den Lieutnant einmal pu⸗ delnaß und laſſe ihn ablaufen. Und da dachte ich, es wäre beſſer, wenn die Frau Excellenzen ihm bei Gelegenheit tüchtig den Kopf wüſche, ſo käme er doch leichter davon. Klägerin ſah mit naſſen Augen vorbittend zu der Großmutter des Inculpaten auf.. Die Generalinn ſchien bereit zu der Wie⸗ — eheẽ 22 dertaufe mit dem Exorcismus. Sie ſprach:»ſey außer Furcht, mein Kind! ich werde dafür ſor⸗ gen, daß mein Enkelſohn Dich künftig unge⸗ kränkt laſſe. Doch war dieſe Schutzverſicherung nicht ohne einen leiſen Anklang von beleidigtem Stolz. Nelly ſtutzte. Ein Mädchenohr hört fein, zumal in Lie⸗ besſachen. Sie ſagte mit beklommener Stimme: ſo iſt es gut, denn heirathen wird er mich doch nicht, wenn er es mir auch zehnmal verſprochen.“ „Verſprochen?« ſtieß Iſolda faſt mit ei⸗ nem leiſen Schrei hervor. „Nun ja, ſo quandsweiſe—“ beſtätigte Nelly: vich weiß es wohl; indeſſen wollte ich es doch lieber der Frau Excellenzen geſagt haben.—⸗ Ein Lächeln umſchlich bei dieſem naiven Zweifel die ſchweigenden Lippen der Matrone; es lag viel Adel in dieſem Lächeln. Sie maß mit einem weitſchauenden Blick wie aus Ahnen⸗ ferne die Verhältniſſe der kleinen Einfalt, welche vor ihr ſtand, für die Größe dieſes denkbaren Anſpruchs, und in der edlen Miene drückte ſich 23 ein herabſehendes Verzeihen aus, womit ſie die Kurzſichtigkeit der Jugend bemitleidete. Schon war das Mädchen entlaſſen, da beſann die Ge⸗ neralinn ſich und ſprach:„warte noch ein wenig Kleine.“ Sie ſetzte ſich an den Schreibtiſch. Iſolda entzündete chemiſch eine Kerze, deren flackernder Schein ſeltſam gegen die herbſtliche Morgenbeleuchtung abſtach— Nelly ſtand wie auf glühenden Kohlen. Die Generalinn hatte nun geſchrieben, das Blatt kniſterte als die ge⸗ uͤbte Hand es brach. Sie ſiegelte und drückte den Petſchierring mit ſolch angeſtrengter Kraft in den ſchmelzenden Purpur des Lacks, als dächte ſte damit die kleine Grafenkrone unauslöſchlich dem wächſernen Herzen einzuprägen, das für jeden flachen Eindruck empfänglich, die Wappen ſei⸗ nes Ranges und Standes nicht immer anſchau⸗ lich genug bewahrte. Sie reichte das Billet dem harrenden Mädchen und ſprach:„Hier, mein Kind! iſt ein Geleitsbrief für Dich; ich hoffe, er wird Dich in Zukunft ſicher ſtellen. Bei der naͤch⸗ ſten Ueberfahrt giebſt Du ihn meinem Enkel, noch ehe er einen Fuß in den Kahn ſetzt. Grüße Dei⸗ 24 nen Vater von mir. Er ſollte Dich mit dieſem Geſchäft verſchonen; es bringt Dich in Gefahr. Ich werde einmal ſelbſt mit ihm ſprechen.« Nelly entfernte ſich. Sie ſchien an dem leichten Blättchen wie an einem ſchweren Vor⸗ wurfe zu tragen. FJſolda folgte ihr in ſtillem Unmuth. Kaum üͤber die Schwelle geſchritten, kehrte ſie zurück, einen Brief in ihrer Hand, den ſie der Generalinn mit den Worten übergab: vein Hoflakay wartet draußen— ich eile nur, daß des Fiſchers Tochter endlich abgefertiget werde.⸗ Die Generalinn öffnete und las, ihr Auge lief unruhig die Zeilen hin und her.— Sie erhob ſich dann, um eine mündliche Antwort ſelbſt zu ertheilen. Als dies geſchehen war, bewegte ſie den Griff des Glockenbandes, und der klin⸗ gende Befehl hallte laut durch den gewölbten Vorſaal. Fräulein Iſolde, das Pflegekind der Grä⸗ finn Dohna, kam dem Dienſteifer ihrer Leute zuvor, und brachte eine kleine Taſſe Brühe, da⸗ bei ein Biſſen Weißbrodt lag, etwa grade groß genug zum Imbiß eines mäßigen Vogels. 25 „Du gutes Kind!« ſagte die Generalinn: „Dir galt mein Ruf wohl nicht, und am wenig⸗ ſten dem Frühſtück; ſtelle die Taſſe nur hin, ich habe keinen Appetit, obzwar ich meine ſchwachen Kräfte ſtärken mögte, für den Tag, der ſich un⸗ ruhig genug anfängt. Die Cannoniſſinn ſchreibt mirx«— ſie winkte dem eintretenden Bedienten zurück—»und erſucht mich im Namen ihres Bruders um eine kleine Gefälligkeit. Eine junge Künſtlerin, welche krank geweſen und von B.... aus durch geheime Protection hierher empfohlen worden, ſoll in einem ſtilleren Aufent⸗ halt, als den das Schloß in dieſen Tagen bietet, geſchont und in der Wahl meines Hauſes zu ihror Aufnahme— nach der verbindlichen Sprache vieſer Zeilen— geehrt werden. Der Fürſt, wie ſeine Schweſter, bitten um ein Gaſtſtübchen für ihre fremde Philomele, auf kurze Zeit. Ich kann es nicht abſchlagen, wie ungern ich es auch ge⸗ währe. Der General⸗Staabs⸗Chirurgus hat ſich im Auftrage des Arztes, der das Mädchen be⸗ handelt, dafür verwendet—.« Die Matrone ſtockte zerſtreut, und indem ſie die Winde mit Der Colibri. 2 .— ——— 26 dem Knäuel abſeits ſchob, war der Faden ihrer Mittheilung wie abgeriſſen.— Iſolde fragte, welche Zimmer die Gene⸗ ralinn für dieſen gaſtlichen Zweck beſtimme? Die Generalinn antwortete mit unwilligem Blick:„welche? ich halte mich an das Wort der Bitte und gebe nur eins, das grüne, mit dem Cabinet. Ich bin zu alt und zu wenig kunſtver⸗ ſtändig, um einer Theater⸗Prinzeſſin mehr ein⸗ zuräumen.“ Die Stimme, welche dieſen Aus⸗ ſpruch ſcharf und entſcheidend abgab, war gereizt und milderte ſich in zitterndem Schmerz, da ſie hinzufügte:„der Fürſt ſchont die Sängerinn— allein ſchont er mich? und vom Zartgefühl der Cannoniſſinn hätte ich auch ein Anderes als dieſe Zumuthung erwartet. Sie bürdet in ihren Wün⸗ ſchen meiner Schwäche Schweres auf.⸗ „»Nun die paar Tage,“ tröſtete Iſolde:„ge⸗ hen ſchnell hin; länger wird es ja wohl nicht dauern. Wir dürften zudem unſere Gäſtinn nicht ſehr gewahr werden: denn ſie wird ohnfehl⸗ bar bei Hofe ſingen und ſeyn.⸗ Die Generalinn ſah noch einmal in das Re⸗ — 27 quiſitions⸗Blatt, ſchüttelte wie in Gedanken den Kopf und ſprach:»Sie kommt Nachmittags erſt, ſteigt im Schloſſe ab, um eine Soloprobe einiger Nummern ihrer Parthie zu halten, und fährt dann gegen Abend bei mir vor, ihr Logis in Beſitz zu nehmen, und ſogleich zur Toilette zu ſchreiten. Die Sache kommt mir bei alledem wunderlich vor.⸗ „Nun, ſo muß ich wohl Anſtalten teeffen, antwortete Iſolde preſſirt:»das Gartenzimmer alſo? ich habe doch recht verſtanden?« Die Ge⸗ neralinn in den Schluß des hoͤfiſchen Briefes ver⸗ tieft, ohne ihn zu verlautbaren— zögerte einige Secunden, ehe ſie ſprach:„es bleibt dabei, Iſolde. Der kleine hintere Balcon mit der Aus⸗ ſicht auf den Fluß— die Lauben der Tapete— Nachtigallen wohnen gern am Waſſer und im Schatten. Mancher Wohllaut ſchläft in dieſen ſtillen Mauern. Es war das Zimmer meiner Tochter——————« »Der Mutter?« fragte Iſolde freudigleiſe, mit einem Sonnenblicke in dem trübſeligen Geſicht. 2* Die Generalinn hatte kein Ohr für dieſe Frage. Sie hob das Auge wehmuthsvoll zu dem Portrait der jungen Dame auf— es ſchaute in ſtummer Liebenswürdigkeit abwärts.—„Eine ſüſſe Stimme“— ſetzte die Generalinn hinzu, die ihrige erlöſchte in Sehnſucht, das alte Herz ſchlug einen heißen Schlag jenes Frühlings nach, und dieſer Ton der Vergangenheit rührte an die ergriffene Seele der Matrone. Iſolde ſah traurig, daß der Geiſt, dem der gefaßte Sinn dieſer würdigen Dame je zuweilen unterlag, die Aeolsharfe der Erinnerung bewege. Sie reichte die Taſſe nochmals dar mit der Bitte, die Suppe nicht ganz verkühlen zu laſſen. Die Generalinn ſchöpfte einige Tropfen dieſer Kraftbrühe, ſeufzte tiefer dabei und ſprach: ves dringt nicht, Iſolde. Alles iſt in Ordnung, und eine halbe Stunde genügt, das, was noch nöthig wäre, einzurichten. Setze Dich, mein Kind! ich habe Nöthiges mit Dir zu reden.⸗ Iſolde ſchien von Angſt und Ahnung hin⸗ weggedrängt, nur widerſtrebend zu bleiben. — ——jÿͤͤͤn 29 »Der General⸗Staabs⸗Chirurgus,⸗ hob die Generalinn zögernd an:„ſein Wunſch wird Dir kein Geheimniß mehr ſein— hat ſich an die Can⸗ noniſſinn gewendet, um ihre Fürſprache bei Dir und mir. Er will ſein Schickſal entſchieden wiſſen.« Ein triſter Blick des Fräuleins ſpottete die⸗ ſer Ungeduld.„Das hätte er längſt gekonnt— ich kann es nicht theilen,« ſagte Iſolde faſt gleich⸗ gültig. »Und warum denn nicht, mein Kind?« fragte die Generalinn freundlich.„»Weil ich ihn nicht liebe⸗— antwortete Iſolde kurz, doch leiſe.— „Dieſer Grund,« entgegnete die Generalinn nach einer minutenlangen Pauſe:„fordert wie⸗ der einen andern: denn wenn ein hübſcher, arti⸗ ger, intereſſanter Mann, von tadelloſem Rufe und preiswerthen Verhältniſſen ſich um ein Mäd⸗ chen bewirbt, das ihn ohne Weiteres ausſchlägt: ſo muß ihm ein nahmhaftes Hinderniß Füigge ſtehen.⸗ Iſolde athmete gebunden.„Ich habe es im Blick. Die Generalinn ſprach:„was hätteſt Du an dieſem Manne auszuſetzen?⸗ Das Fräulein erwiederte raſch:»er iſt mir zu höflich, zu ſervil, überall zu bedacht— eine lebendige Form— Damit ſchien nur eine längere Reihenfolge von Mißfälligkeiten abge⸗ brochen. „Wäre es möglich?“ verſetzte die Generalinn in lächelndem Erſtaunen:»zu höflich? ach geh'“, Iſolde! Du ſcherzeſt. Dieſer Fehler gäbe ſich in der Ehe, und noch keine Gattinn hätte ſich jemals darüber zu beklagen gehabt. In jedem Bräutigam ſteckt ein Baſcha. Wo habe ich doch einmal geleſen—? Die Matrone ſann nach: „ein Vater will des Sohnes vergötternde Leiden⸗ ſchaft für ſeinen Gegenſtand herabſtimmen und ihn auf die unausbleibliche Verwandlung ſeiner Anſichten hinweiſen. Er ſagt daher zu dem Un⸗ gläubigen: was ſuche ich nach Vergleichen? ſieh — dort dies Bild, mein Sohn! ein Sonnentempel und die kleine dunkle, arabiſche Hütte daneben: genannt— wahrhaftig!“ ſagte ſie mit Flehen —y ———ͤͤ — 31 der Tempel iſt die Geliebte, das Hüttchen die Frau. Der Gedanke gefiel mir, es iſt Wahrheit darin.⸗ „»O!“« ſagte Iſolde, und ihre Augen ſtrahl⸗ ten bei dieſer Vorſtellung:„möge mein Leben immerhin eine kleine dunkle Hütte ſeyn, wenn nur Zufriedenheit darin wohnt. Die wahre Liebe verbirgt ſich gern.⸗ Die Generalinn ſah Iſolden aufmerkſam an und ſchwieg eine Weile. Dann ſprach ſie: snun ſo thäte Dir wohl der leiſe Verdacht Un⸗ recht, mein Mädchen, daß dieſer Antrag dir nicht genehm, weil er von keinem Edelmanne kommt? oder, daß der Beruf des Freyers Dir zuwi⸗ der ſey?—— „Himmliſcher Vater!“ antwortete Iſolde: „welche Anſprüche könnte ich machen? ich, ein Geſchöpf der Güte und fremder Wohlthat! hätte ich den Staabs⸗Chirurgus lieben können: die Sonde, womit er dieſe Wunde unterſuchte, welche ihn uns näher bekannt machte⸗— ſie zeigte auf eine friſche rothe Narbe am Knöchel 8 der zarten Hand—»wäre mir Amors Pfeil geweſen.⸗ „Das denke ich auch,⸗ ſagte die Generalinn beruhiget.»So bleibt uns vor jetzt nur die Sorge, den Bewerber ſo bald und ſo ſchonend, als möglich, davon in Kenntniß zu ſetzen, daß er ſich vergeblich bemühen würde. Freilich, fatal bleibt dieſer Refus immer, nicht minder für uns, wie für ihn. Der Fürſt ſelbſt intereſſirt ſich für dieſe Abſicht ſeines Günſtlings— und die Can⸗ noniſſinn— nun ſie wird es gehörig übel neh⸗ men: denn die höchſten Herrſchaften laſſen nicht von der regierenden Forderung, auch über die Herzen der Menſchen zu gebieten. Willens⸗ freiheit iſt ihnen ein ariſtocratiſches Verbrechen, und gehorſam ſoll ſich das ganze Lebensglück Derer, die ſie ſolcher Gnade würdigen, an ein oberflächliches Urtheil, an einen Wink ihrer Laune knüpfen. Du wirſt daher meinen Wunſch nicht mit ſolcher Anmaßung verwechſeln, daß ich Dich gern verſorgt ſehen mögte. Sieh, liebe Iſolde, ich bin ſo alt— jeder Tag mir noch geſchenkt, iſt eine Nachſicht des Todes. Deine Jugend — 33 war arm an Freuden— mein Abend iſt einſam. Du kennſt das Leben nur von der düſtern Seite, die es dem Alter zuwendet, ehe dieſes zur Ruhe geht. Ich wünſchte Dich glücklich zu wiſſen, wie es Dein treues Herz verdient.⸗ Thränen, langverhaltene, ſtürzten aus Iſol⸗ dens Augen. Sie zog die Hand der Verſorgerinn an ihren Mund, deſſen heiße Lippen im Krampf der Rührung zuckten, und ſprach: ⸗nein, ich hei⸗ rathe nicht; ich bin recht glücklich ſo— und meine Pflicht iſt meine Liebe.⸗ Die Generalinn ſtreichelte die naſſe Wange der weinenden Iſolde. Sie antwortete bewegt: „Du biſt ein gutes Kind! aber auch eine ſo ſchöne Tugend, wie die Dankbarkeit, hat ihr Aeußer⸗ ſtes. Wenn ich nun ſterbe— und dieſer Fall liegt nahe— was ſoll aus Dir werden?⸗ „Dann,“ ſagte Iſolde mit gebrochener Stimme:»dann— pflege ich Ihr Grab, bleibe hier und lebe ganz ſtill.-⸗— „»Du— ein Mädchen?« fragte die Gene⸗ ralinn mit weichem Tadel:„das würde ſich ſchik⸗ ken! ich müßte Dich denn dem Hofe empfehlen. Nein, Iſolde! weihe dieſe Seele, ſo gränzen⸗ loſer Hingebung, jedes Opfers fähig, einem wür⸗ digen Manne!l und pflanze die Blume der Glück⸗ ſeligkeit in ſein Haus. Mich aber laſſe ſchlafen. Die Natur ſorgt ſchon für den Frühlingstraum meines Schlummers und für ein Tröpfchen Thau, das an der öden Zeitloſe hängt.⸗ Iſolde ſchwieg lange; das wallende Herz mußte erſt auszittern, ehe ſie aus tiefſtem Grunde ſprach:»als die Mutter ſterbend war und ich an ihrem Lager zagte: da ſchaute ſie mich mit einem Blicke an, der in mein Innerſtes drang, und ſagte mit leiſen Lippen: mögteſt du, daß ich länger noch lebte? Dieſe Frage zerriß mir das Gemüth; ich ſah ſtumm zum Himmel auf. So ſetze mein Leben fort, redete die Selige weiter, ſo ſchwach, daß ich es kaum vernehmen konnte: in Liebe für meine Mutter. Sie iſt mein theuer⸗ ſtes Vermächtniß an dich. Der Liebe verlohnt es ſich, auch der unerwiederten, und die Treue, dieſer göttliche Schimmer, ſteht als ein Engel an unſerm Sterbebett. Es war in der Nacht, ach! ich vergeſſe es wohl nie— ich wachte allein: 35 denn der Doctor, der dageblieben, ſchlief in beſter Ruhe. Die Lampe brannte dämmernd, doch ein blaſſer Mondſtrahl wankte um die Gardine und glänzte am Boden. Sieh, Iſolde! ſagte ſie, ſtarrte hin und ihre Miene verklärte ſich: hier ſteht er hell und klar und winkt mir. Der Tod iſt nicht dunkel, wenn wir treu geweſen im Le⸗ ben.— Mich kam ein Grauen an; furchtſam ſagte ich: Mutter, es iſt nur der Mond, der ſcheint. Sie aber lächelte, wie Jemand, der es beſſer weiß, und wisperte ſacht. Auch ich betete, und gelobte mir, feſt an dieſem heiligen letzten Wort zu halten.« Die Generalinn hatte dieſer Rede mit gro⸗ ßer Erſchütterung zugehört; ihr ehrwürdiges Geſicht war noch bleicher geworden, ein trüber Schleier legte ſich um ihren Blick. Sie faltete die Hände und ſprach:„Gott!« es war ein be⸗ bender Laut, worin ein verworrenes Geheimniß zu dem Allwiſſenden ſeufzte:»Du wirſt es einſt auflöſen.— Iſolde!“ fuhr ſie nach einer Pauſe der Sammlung fort:„ich ſegne Dich, mein her⸗ ziges Mädchen! wähle frei! eine Heirath ohne 36 Liebe iſt doch, recht betrachtet, die ſchlimmſte Verlaſſenheit.⸗— Iſolde lächelte erlöſt. Sie erhob das Auge mit verweinten Spuren, es ſtreifte nach dem Fenſter, alsbald erſchrak das Mädchen heftig und rief:»ach! da kommt er ſchon—— ⸗ »Wer denn? der Staabs⸗Chirurgus?⸗ fragte die Generalinn mit Alteration; doch r Iſolde war ſchon aus der Thür verſchwunden, durch welche bald darauf nicht der Gefürchtete, ſondern ein ſchlanker Uhlanen⸗Offizier eintrat. »Guten Morgen, Großmama!« ſagte er ſo tönend und freudig, daß der ſonore Gruß von„. den klöſterlichen Wänden widerhallte. Er ſchleu⸗ derte die militairiſchen Abzeichen auf ein Forte⸗ piano, die Reſonanz ſang dieſem klingenden Wurfgeſchütz eine leiſe Scala nach— und im Nu hatte er jeden Ton dieſer ſtillen Umgebung geweckt, ſogar einen ſchwachen Schrei der Wehr aus dem Munde der Matrone, als er ſie mit ſtarken Armen umfing und kräftig an ſich preßte. »Alexander!“ ſagte die Generalinn tiefath⸗ mend, als hätte der Würgengel ſie losgelaſſen: 37 »wie ungeſtüm! Du wirſt mich noch einmal erdrücken. Ich wünſche Dir eine Braut von Erz, um ſolchen Angriff auszuhalten.⸗ »„Nein, nein!« antwortete der moderne Macedonier:„die Standhaftigkeit liebe ich an dem zarten Geſchlecht eben nicht; ich werde ſchon ſanft und ſacht verfahren mit dem Mägdlein, was ich mir erwähle. Du aber, Großmama, biſt doch wirklich allzu unkörperlich.— Eben ſo gut wollte ich einen Hauch, einen Schatten um⸗ armen, eine bloße Seele; ich fühlte nichts, als die wollige Feine Deines Kleides, und doch habe ich Dir weh gethan.⸗ „Eine verwelkte Senſitiva⸗— ſetzte die Ge⸗ neralinn wie ſpottend dieſer Schwäche hinzu: „das Alter macht mürbe, ehe das Bischen Staub vollends zuſammenſinkt.⸗ „Wo iſt Iſolde?« fragte der Lieutnant ab⸗ lenkend: denn Todesbetrachtungen in dieſem Sinne waren ihm ein Gräuel:„mir däucht, ich hätte ſie am Fenſter erblickt.⸗ „Du kommſt früh,« verſetzte die Generalinn, ohne ſeine Erkundigung zu beachten:„allein?⸗ 38 „Mit dem General⸗Staabs⸗Chirurgus,“ ſagte der Enkel:»wir fuhren die Landſtraße, und deshalb bei Mond⸗ und Sternenſchein aus.“ Er gähnte. „Du liebſt dieſen Weg nicht?« fragte die Großmutter mit Beziehung. „Wie keinen Umweg⸗— antwortete Alexan⸗ der beſtimmt: der ebenſte iſt mir verhaßt. Mein Schritt iſt auf gut ſoldatiſch, gradaus. Wenn ich von der Höhe des Meyerberges die Chauſſee überſehe, dieſes endloſe Krümmen und Drehen: ſo kommen mir dieſe glatten Windungen wie das Bild einer Rieſenſchlange vor, die langſam, aber — ſicher an das Ziel ſchleicht“— Die Generalinn lächelte zweideutig und ſprach: ja, das muß wahr ſeyn: Du biſt ſehr progreſſiv— und den Fehler der Klugheit könnte ſelbſt Dein Feind Dir nicht vorwerfen.⸗ Der Offizier ſtutzte; dem ironiſchen Tone dieſer Belobung war es abzuhören, daß ſie einen ſchweren Vorwurf anklinge. Er ſagte ohne Wei⸗ teres:»Großmama— Du biſt verſtimmt! was werde ich nur wieder einmal gemacht haben?“ ——— 39 Und ohne die Antwort abzuwarten, ſuchte er Harmonie. Er ſetzte ſich an das Inſtrument, und vielleicht war es ein lyriſcher Einfall ſeines Gewiſſens, was ihn aus dem Regiſter ſeiner Sünden, wie ſeiner Lieder, folgende Nummer vorziehen ließ. Er ſang: „Es ſchiffte ein Maͤgdlein uͤber den See— Ihr werdet es freilich nicht kennen. Doch daß meiner Heldinn ihr Recht geſcheh: Will ich— Bianka ſie nennen. Das Schifflein glitt ſanft auf den Fluthen dahin, Und May war's, und Alles war heiter; Geſtimmt zur Freude war jeglicher Sinn: Was will unſre Schifferinn weiter? Allein, ein Maͤdchen will immer noch was— Ein Sturm, meynt ſie, waͤre wohl beſſer; So kaͤme doch etwas luſtiger Spaß Und Tanz in das ſtille Gewaͤſſer. Geſagt, geſchehn! aus Suͤden daher Kam ein Sturm mit gewaltigen Schwingen; Das Schifflein tanzte die Kreuz und die Quer, Als ſollten's die Fluthen verſchlingen. ——ͤͤͤ—— 40 Nun ruft ſie aͤngſtlich zum Himmel auf, Nicht tanzen! ruft ſie, und weinet: Wer nimmt denn alles ſo ernſtlich auf, So war es gewiß nicht gemeynet! O laß mich, o Himmel! nicht untergehn! Bei der Sonne gelob' ich's da droben: Sie ſoll mich nimmermehr tanzen ſehn— Man kann’'s nicht feſter geloben. Schon zuͤrnten leiſer und leiſer die Wellen, Das Schifflein gewinnet den ruhigen Lauf, Der dunkelnde Himmel faͤngt an ſich zu hellen, Die Sonne geht unter, der Mond geht auf. Der Sturm verſchwand, man kam an den Port, Bei einem gar froͤhlichen Staͤdtchen; Da tanzten an einem offenen Ort Die Fiſcherbuben und Maͤdchen. Und als Bianka ſo ſinnig da ſtand, Da konnten die Fuͤßchen kaum ruhen; Es tanzten auf ihre eigene Hand Die Zehen geheim in den Schuhen. Sie aber ſtand in ſich gekehrt und ſtumm, 9 Und will in den Tanz ſich miſchen; 41 Und ſieht nach dem Meere verdrießlich ſich um— Doch endlich ſpringt ſie dazwiſchen. Und fliegt hinauf die luſtigen Reih'n, Es weh'n die ſchmuͤckenden Kraͤnze, Von oben der praͤchtige Maymondſchein Beleuchtet die fliegenden Taͤnze. Da ruft eine Stimme vom Himmel: o weh! Bianka! du haſt dich verlohren— Gedenk' an den faͤhrlichen Tanz auf dem See: Was haſt du der Sonne geſchworen? Bianka! du haſt dein Geluͤbde verletzt.— Was, ſagt ſie: was hab' ich verbrochen? Die Sonne iſt in Amerika jetzt, Und dem Mond hab’ ich gar nichts verſprochenl⸗ Bei dem Aushall des Schluſſes trat Iſolde ein; es war, als wäre ſie heute dazu beſtimmt, von den drei Sylben des letzten verhängnißvollen Wortes betroffen zu werden. Während ſie die Generalinn in dem Sermon einer tüchtigen Strafpredigt begriffen glaubte, ſang zu ihrem nicht geringen Erſtaunen der Enkel die Perſona⸗ lien luſtig und guter Dinge ab. Iſolde wollte ihren Ohren nicht trauen. Die Generalinn war mittlerweile im Zimmer auf und ab gegangen, leiſen Schrittes, wie wenn ein Geiſt hin und her weht. Der Geſang, deſſen harmloſe Weiſe den Kampf ihrer ernſten Gefühle gleichſam parodirte, hatte lange genug gedauert, um trotz ſeines an⸗ muthigen Vortrags, ihre Geduld zu ermüden. Und mit einer, an der Matrone ungewöhnlichen Indignation ſprach ſie, als der Lieutnant nun haſtig aufſtand, Iſolde zu begrüßen:„Du kommſt, raſeſt und reiſſeſt in mich hinein, ſetzeſt Dich dann hin, ſpielſt und ſingſt, nicht fragend, ob Du mir ſo oder anders das Herz abdrückſt. Alexander! ich muß es nur ſagen: ich bin Dir böſe. Du haſt keine Aufmerkſamkeit für die alte, ſtille Großmutter mehr, und für ihre treuen Wünſche und Warnungen. Dein Sinn iſt er⸗ füllt mit Sturm, Tanz, wilden Freuden und leichtſinnigen Wortbrüchigkeiten—⸗ Der Kammerdiener erſchien, und bat Ihro Excellenz, einen fraglichen Gegenſtand in Betreff des Gaſtzimmers höchſtſelbſt in Augenſchein zu 43 nehmen. Die Generalinn verſchwand im Fluſſe ihrer Rede. Der Lieutnant ſtand wie ein verſteinerter Kriegsgott; Iſolde glich einer ſchlanken Salz⸗ ſäule, aber ſchimmernd in Unſchuld. „»Was war das?« fragte Alexander: „Sturm? ich glaube, die Großmutter rechnet es mir zum Fehler an, daß ſich der Wind erhebt. Wortbrüchigkeiten? nun, ich habe ja mein Ver⸗ ſprechen gehalten, ich bin nun hier.⸗ Iſolde lächelte ein wenig bitter, mit abge⸗ wendetem Geſicht. „Sage mir, liebe Iſolde,⸗ fuhr der Lieut⸗ nant fort und drängte das Mädchen zutraulich: warum zürnt die Großmutter mir ſo hart? erſt vor ein paar Tagen ſendete ſie mir das Paquet voll gütiger Beweiſe ihrer Gunſt, den wattirten Schlafrock, worin ich ſo bequem moraliſche Fa⸗ beln ſchreiben könnte, wie der ſelige Gellert.— Und heute verſagt ſie mir den Mantel der chriſt⸗ lichen Liebe, der doch luftig genug iſt, und läßt mich froſtig vor den verſchloſſenen Herzensthüren ſtehen!“— „So wiſſen Sie es denn,“ antwortete Iſolde, doch gönnte ſie ihm nur den halben Blick:„Nelly, des Fiſchers Tochter, hat Sie verklagt.« Des Lieutnants Geſicht ward wie ein Nord⸗ ſchein. Er ſagte:„Nelly? ei, ſeht doch! du kleiner Satan, das ſollſt du mir büßen.⸗ »O büßen Sie ſelbſt!« verſetzte Iſolde ſchmerzlich, und wendete ihm das ſanfte Auge voll Licht der Selbſterleuchtung zu: ves iſt fre⸗ velhaft, ein armes, einfaches Mädchen derge⸗ ſtalt zu verwirren.⸗ »Was habe ich denn aber gethan? frägt der Ulahn!«— ſagte der Beſchuldigte frank und frei:»wenn ſolch ein nichtsſagender Scherz Sünde iſt: ſo hänge ich noch heute meinen Waf⸗ fenrock an den Nagel, krieche in die Karthauſe und ſchlinge meinen Arm um das Kreuz.⸗ „So ſchifft man ſicher durch des Lebens Wo⸗ gen“— erwiederte das Fräulein und ſeufzte. „O docire nicht!« bat der junge Offizier: „Du glaubſt nicht, wie ſehr ein frommer Sinn⸗ ſpruch den ſchönſten Mund entſtellt.⸗ — 45 „»Mein Mund iſt nicht ſchön⸗— antwortete Iſolde, und eine kleine Empfindlichkeit zur Ehre des Erlöſers, warf die feinen Lippen auf:„aber aufrichtig. Einen nichtsſagenden Scherz nennen Sie jene Badinage? das Mädchen äuſ⸗ ſerte doch, Sie hätten vom Heirathen geredet.⸗ „»Die Kleine iſt toll!« entgegnete Alexander in einem Anfluge von Hitze:„ich habe nicht daran gedacht. Einen Kuß aus Neckerey, wo⸗ bei ich ihren ſchlanken Leib umfing, weil das Ruder ſchwankte und der Nachen gaukelte— das iſt es alles. Einmal⸗— fügte er mit fal⸗ lendem Tone hinzu:»hatte ich ein paar Gläſer Champagner im Kopfe— der Fürſt war ein ſo gütiger Gaſtgeber geweſen, die Geiſter des Muth⸗ willens hüpften wie ſilberne Funken um den tan⸗ zenden Kahn, der Mond ſchien aus dem Waſſer— da mag ich leichtlich Unſinn geſprochen haben; aber eben ſo gut hätte ich mich der Meerfey ver⸗ lobt, und Nelly mußte merken, daß ich ein wenig betrunken war.⸗. »Sehen Sie wohl,« ſagte Iſolde:„etwas iſt alſo doch daran! Der Rauſch der Liebe und 46— des Weins mag ſchwer zu unterſcheiden ſeyn, an ſolch einem Abend, und für ein eitles Ding, das blind für ſich eingenommen iſt.⸗— Der Lieutnant lächelte.„Nelly hat nicht das Glück gehabt, meiner theureſten Freundin zu gefallen?“« fragte er ſchlau. Das Fräulein erröthete und ſprach:„ſie kam mir dreiſt vor— ja, ich läugne es nicht— und coquett. Die kecke Anklage⸗— hier zit⸗ terte Iſoldens Stimme:„verdroß mich. Und irre ich nicht: ſo war es weniger darauf abge⸗ ſehen, ſich vor einem zärtlichen Verhältniſſe zu ſchützen, als dieſes unter die Autorität der groß⸗ mütterlichen Mitwiſſenſchaft zu ſtellen. Nelly vertraute ſich und Sie der Generalinn; aber horchte mehr noch hin.“ Alexander erwiederte hierauf mit einem liſtigen Blicke:„Iſolde bemerkt fein— in Wahrheit! fein und mädchenhaft. Nelly iſt ſicher vor mir. Der Coloß zu Rhodus ſtand nicht kälter, regungsloſer— als ich von nun an den Nachen des Mägdleins gleiten laſſen werde, von einem Ufer zu dem andern.⸗ 47 „Welch ein rieſenhaftes Bild für einen klei⸗ nen, kurzen Vorſatz!« ſpottete Iſolde mit einem Lächeln, halb prüfend, halb ungläubig. „Nein, nein!« ſprach der junge Offizier ge⸗ reizt: kein Mann verträgt, daß ein Kuß, dieſer Blüthenſtaub von Amors Flügeln, vor dem Sitze einer Matrone abgeſchüttelt werde, wo ſcharf gefegt wird, und alles in öder Reinheit glänzen muß, wie der winterliche Schnee. Und ein ko⸗ ſendes Wörtchen, ausgeplaudert vor Gericht, zer⸗ fällt in den Buchſtaben des Geſetzes, der die Liebe tödtet.« Iſolde glaubte ihm jetzt.„O Alexander!⸗ ſagte ſie innig:„ſo machen Sie die Ruhe eines Mädchens nicht mehr zum Spiele einer flüchtigen Weinlaune! und dann noch eine Bitte—: nen⸗ nen Sie mich künftig Sie.⸗ Dieſe Bitten, ihre Verbindung— es war etwas darin, was ſeltſam an das Herz des Jüng⸗ lings rührte. „Nimmermehr!“« antwortete er, und Iſolde fragte ſich ſelbſt: ob betheuernd oder weigernd? als der Lieutnant, indem er die erſte Forderung 48— auf ſich beruhen ließ, foölgendermaßen ſprach: oich will Dich vielmehr zwingen, mir dies Du zurückzugeben. Sind wir nicht wie Geſchwiſter aufgewachſen? Wer könnte das Mindeſte da⸗ gegen haben? Dein eigener Wille etwa? ſo biſt Du mir wohl auch nicht mehr gut?« Er faßte ihren weichen Arm. Sie entzog ihn langſam ſeinen umſchlingenden Händen, bis ihr Puls am Handgelenk unter ſeinen drückenden Fingern klopfte. »Die Ader,“« ſagte er:„ſchlägt voll und treu— Dein Herz hingegen, fürchte ich, ſtockt in einem trägen Aber auf der Zunge. Nenne es mir, Iſolde! nur laß mich alsdann Dein Auge wieder freundlich ſehen, und verlange nicht, daß ich Dir jemals fremd begegnen ſoll.⸗ Von Iſoldens ſchönen Wimpern ſloſſen Thränen. Sie achtete deren nicht und ſprach mit wankender Stimme:»mein Blut gäbe ich dafür, daß Sie in Eintracht wären— ich meyne es redlich; aber alles kann ich doch nicht ſchlich⸗ ten⸗— »Dein Blut?« fragte der Offizier; da —— —..—y—— 49 (O[O——— färbte dieſer Ichor purpurn die jungfräulichen 6 Wangen. Alexander preßte ſeinen heißen Mund auf die zarte Stelle, welche die Arterie bedeckte, und rief mit bezwungenem Gefühl:„o Du ſüßes Leben! dies reine Opfer— das vergeſſe ich Dir nie. Ich will von nun an ſanft ſeyn, wie ein Lamm, und mich auch ein bischen ſcheren laſſen— die warmen Socken tragen, weil die Großmutter es fürſorglich wünſcht, und mich in Watte und Willfährigkeit geſchmeidigen.— Doch ſage mir, mein trautes Mädchen, warum die Gute mir ſolch einen unſäglichen Wollpackt auf den Hals* geſchickt hat? Sie konnte es compendiöſer ein⸗ B richten. Eine gedrungene Geldbörſe, zum Bei⸗ ſpiel, auf die ich ſtark gerechnet, enthält viel 3 Wärmemittel.“ Ein Gedankenblitz erhellte das Wölkchen* auf Iſoldens ſphäriſcher Stirn. Sie ſprach— haſtig und glühend:»warten Sie, Alexander,— einen Augenblick. Sie entſchlüpfte behende durch die Mittelthüre in das anſtoßende Cabinet, und kam bald darauf athemlos, wie kurz der Gang auch geweſen, wieder. In ihrer Hand Der Colibri. 3 —— ———— V 50 flimmerte ein ſilbernes Netz von blauen Flam⸗ men durchſchoſſen, und dieſe Hand zitterte ſo ſehr, als ob ſie den Drachen trüge, der da Gold bringt. Und doch glänzte die Gabe ſo fromm! unter den gelben Münzen dicht geſchart, blickte die himmliſche Maria ſammt ihrem Kindlein irrdiſchtreu von manchem blanken Randducaten. Geſenkten Hauptes, mit der Miene einer armen Sünderin beklommen und doch ſchuldlos, hielt ihm Iſolde die Börſe hin und ſtammelte: „da habe ich recht was Dummes gemacht! ich beſorgte das Gepäck, und das Wichtigſte ward vergeſſen. Nehmen Sie nur geſchwind! neh⸗ men Sie; aber danken Sie der Großmama nicht erſt. Sie kann es wirklich nicht gut leiden.⸗ Der Lieutnant entfärbte ſich. Ein tiefer Ernſt, ein Fremdling in dieſem fröhlichen Ge⸗ ſicht— ſammelte ſich in ſeinen Zügen, und ein paar noch ſeltnere Tropfen quollen in dem offnen Auge. Er ſprach:»wohl, Iſolde! ich nehme, was Du mir bieteſt; aber unter einer Bedingung.⸗ „»Welche?“ fragte das Mädchen mit bangem Dringen. 51 „Du giebſt die Hand mir mit⸗— antwor⸗ tete er und hielt ſie feſt. Erblaſſend ſtarrte ihn Iſolde an; die kleine Rechte zuckte, die Börſe ſchütterte dabei in einem leiſen Goldgeklingel, doch der Athem des Mäd⸗ chens ſchwieg, das überraſchte Herz ſtand ſtille, in Wonne und Schreck. „O Jſolde!« ſagte der Lieutnant:»Du ziehſt ſie zurück? Du zweifelſt, daß ich es redlich meyne? das thut mir wehe. Sey doch mein, theure Seele! es ſoll Dich nicht gereuen, ſo wahr mir Gott helfe! Du wirſt mein guter Engel ſeyn, und mich leiten und lieben wie Keine. Du warſt mein Schutzgeiſt von je; was hindert's, daß ich Dich mir auf ewig ſichere?— Dein Blut wollteſt Du vergießen, zur Sühne für mich, und dies zu einer Stunde, wo tauſend andere Mädchen in böslicher Wallung geweſen wären und nichts verſpritzt hätten, als ein wenig Gift— Deine Spaarcaſſe bieteſt Du meinem vergeu⸗ denden Wunſche: Du liebſt mich wahrhaftig, Iſolde! läugne es nicht— Du kannſt nicht lügen.⸗ 3* —y 52 Iſolde weinte, aber ſie wußte es nicht. Er nahm ſie an ſein Herz, kein Wort kam über ihre Lippen, die ſein Kuß verſchloß. Der nahende Schritt der Generalinn ſtörte die Gruppe der Liebe. Zerſtreut von mancherley Anordnungen, die ben nöthig geweſen waren, trat die Matrone ein, und ahnete wohl ſchwerlich, daß die Spanne Zeit, worin ſie das Zimmer verlaſſen, ein himmelwei⸗ tes Verhältniß zu dem engſten Bunde umgeſtal⸗ tet hätte. Iſolde ſtand am Fenſter, mit Gluth begoſſen, halb von der dunkelrothen Gardine verhüllt, die, ſonnig angeleuchtet, einen ſchaam⸗ haft verklärenden Schein über die holde Geſtalt warf. Der Ulahn neſtelte an den Schnüren der Uniform, und verbarg den ſüſſen Kuß, den er genommen, hinter einem ſauern Geſicht. Das Herz ſchlug ihm mächtig gegen die goldnen Ma⸗ donnen der Bruſttaſche, doch die Königinn ſeines Himmels thronte ſingulair im innern unendli⸗ chen Raume des Gefühls. Bei dem Anblicke der ſtummen Beiden, die da ausſahen, als ob ſie ſich gezankt hätten, fiel 53 der Generalinn ihr Unmuth über den Enkelſohn und die Veranlaſſung dazu ein. Sie ſagte be⸗ gütiget:„wundere Dich nur nicht, Alexander, wenn Du heute keinen ſo freundlichen Empfang findeſt, als ſonſt. Auch Iſolden— ich ſehe Euch nicht im beſten Vernehmen mit einander— kannſt Du es nicht verdenken, daß ſie an ſich hält. Ein Mann, der ein Mädchen, ob auch niedrigen Standes, zum Zeitvertreibe narrt und neckt, bringt das ganze Geſchlecht gegen ſich auf. Ich meyne des Fiſchers Tochter— Du wirſt mich ſchon verſtehen. Wozu ſollen dieſe Poſſen füh⸗ ren? ich tadle ſolch unziemlichen Spaß. Und Iſolde denkt zu reell, um Dir das gut zu heißen, wenn ſie auch ſonſt beſtändig Deinen Anwald macht, und ſinnreich im Vertheidigen Deiner loſen Streiche iſt. Du haſt es Dir ſelbſt zuzu⸗ ſchreiben, wenn dieſe Gunſt verſcherzt wäre.— »Ich fürchte nicht ſo ganz— liebe Groß⸗ mama,“ antwortete der Offizier kleinlaut, als ob er den ſittenrichterlichen Urtheilsſpruch demü⸗ thiglich hinnähme. Und dabei ſah der Schalk mit einem verſtohlnen Blicke zu Iſolden hinüber. 54— »„Doch damit Du ſiehſt,« fuhr er fort, ſich der Generalinn nähernd:„daß es mein entſchie⸗ denſter Ernſt ſey, mich zu beſſern: ſo will ich—⸗ Iſolde ward unruhig in ihrem Verſteck, und ſtrebte ihm zuzuwinken, daß er ſchweigen mög⸗ te—:»heirathen!« platzte Alexander heraus. „Ich ſähe es nicht ungern, entgegnete die Generalinn:„und bin ſogar der Meynung, es wäre das Beſte für Dich. Wer aber mag Dir trauen?— Der Eheſtand iſt ein Port, und Du ſchiffſt noch mit tauſend Segeln auf offner See. Mein Gott!“ ſetzte die Matrone, wie ärgerlich auf ſich ſelbſt, hinzu:„ich bringe die odiöſe Schifffahrt heute doch gar nicht mehr aus den Gedanken.“ „»Wirf Deinen Groll über Bord, und ver⸗ ſenke ihn in das Meer, wo es am tiefſten iſt!⸗ rief der Jüngling, und machte Miene, die Groß⸗ mutter zu umfangen, welche erſchrocken zurücke trat und ſich vor dem Stürmer zu retten ſuchte. „Ich gebe Dir mein Wort,“ verſicherte der Lieut⸗ nant:„Du lobſt mich, meiner Wahl wegen.⸗ „Es wäre die Frage,“ ſeußzte die Gene⸗ 55 ralinn:„unſer Geſchmack iſt doch allzuſehr ver⸗ ſchieden.⸗ »Diesmal nicht,⸗ ſchmeichelte der Enkel: „Alles, was Du an einem Mädchen ſchätzeſt, ver⸗ einiget ſich in meiner Auserwählten.⸗ »Nun ſo laß doch hören!« ſagte die Ma⸗ trone, und lächelte im Voraus, ihn ſeines Irr⸗ thums überweiſen zu können. Iſolde wollte fort, beſcheiden mit fliehenden Schritten ihrem Lobe zu enteilen, wie ſüß es ihr auch von den Lippen des Geliebten gelautet haͤtte; doch die Generalinn ſprach:„warte und weile noch, mein Kind! da habe ich vorhin in der Con⸗ fuſion, die plötzlich auf mich eindrang, eine große Verwirrung angerichtet; hilf mir zurecht!« Sie löſte die zuſammengezogene Wolle von den Wal⸗ zen der kleinen Winde, und reichte ſie dem Mäd⸗ chen hin. Während nun Iſolde mit zagen Händen die verſchlungenen Fäden lüpfte, ſchürzte ſich unauflöslich in einem leichten Räthſelknoten das Gebind, daran ihre Liebe ihr Leben hing. „Sie iſt,« fing Alexander mit heller Stimme an, weil Iſolde im Feuer ſeiner Begeiſterung aushalten mußte:„vor allen Dingen— ein Engel.“ »Alles Uebrige,« fiel ihm die Großmutter ins Wort:»könnteſt Du Dir nun erſparen; allein ich meyne, Dein Seraph wird irrdiſche Mängel haben, und wenn es hoch kommt, ein ganz gutes Geſchöpf ſeyn. Sprich daher natür⸗ licher, wenn ich Dir glauben ſoll.« „Nun denn,« fuhr der Lieutnant in Extaſe fort:»ſo will ich mein Glück niedriger noch als menſchlich vergleichen, und doch ſoll es an kei⸗ nem Vorzug verlieren. Sie iſt wie ein Bien⸗ chen, emſig und einſam, ſchwärmt niemals, und die heilige Regel, das ſittliche Maß, wonach ſie in der häuslichen Zelle einen Himmel voll Süſſig⸗ keit und Stille baut, iſt ihr eingeboren. Das Herbeſte wird zu Heil und Honig auf dieſen Blumenlippen.« Ein dankbares Lächeln umſchlich die geprie⸗ ſenen; die Generalinn aber hatte ſichtlich ein wenig Wermuth auf den ihrigen. Doch der Lob⸗ redner ließ ſich nicht ſtören. 7 I »Und taubenfromm iſt meine Holde!« ſprach er weiter:„wen könnte dieſe Sanftmuth nicht entwaffnen? Urach den Wilden ſogar, dächte ich. Du kennſt den grauſen Ritterroman, Groß⸗ mama. Ein Militair, Du giebſt mir recht, braucht ſolch ein zahmes Weibchen, das ihn in hitzigen Faͤllen der Wehr entnimmt. Dabei denke nicht, ſie ſey blöde und biegſam, zur Un⸗ zeit: o nein! ſie hat Charakter!« Die Generalinn nickte beifällig und ſprach: „der thäte Dir Noth, mein Söhnchen! denn Dir ſelbſt mangelt es zuweilen an Conſequenz.⸗ „Und eine Erziehung hat ſie genoſſen,⸗ fuhr er fort, ohne etwas auf dieſe Replik zu erwie⸗ dern,»ein Beiſpiel: ſo vortrefflich— Groß⸗ mama, auf meine Ehre! Du kannſt es nicht beſſer geben.⸗ Die Generalinn, durch dieſe Beziehung auf ſich ſelbſt in das Gefühl ihrer Würde verſetzt, entgegnete:»wenn, wie ich zu glauben anfange, an der ganzen Sache etwas Wahres iſt: ſo würde die Erfahrung ſich beſtätigen, daß ein ſolides Mädchen oftmals beſtimmt ſcheint, der gute Genius eines Mannes zu werden, der, gleich Dir, nicht feſt gegen die Gewalt wüſter Geiſter iſt. Leute Deines Schlages, die alles leicht nehmen, auch das Wichtigſte: die Frau! haben das meiſte Glück im Heirathen; doch fürchte ich nur, der hinkende Bote kommt nach. Du haſt mir noch nichts von den äuſſern Verhältniſſen Deiner Schönen geſagt, und ich ſcheue mich faſt, darnach zu fragen. Daß ſie arm ſey, ſetze ich voraus, denn ein Real⸗Beſitz war nie Dein Wunſch noch Streben.⸗ »Ich freue mich,« antwortete der Enkel, indem er der Großmutter die Hand küßte:„daß Du mir das Zeugniß der Uneigennützigkeit giebſt. Doch arm iſt meine Geliebte nicht. Sie hat eine gütige Pflegemutter zu beerben, die für wohlhabend gilt.« Er lächelte die Generalinn liſtig an. „Ach!“ ſagte dieſe:»darauf iſt wenig Ver⸗ laß— man kennt das ſchon. Was die Menſchen in der Schätzung des perſönlichen Werthes ein⸗ ander vorenthalten, das legen ſie dem zufälligen bei. Und zuletzt iſt ein hungriger Erbe da, ein — — 59 Herr von Habenichts, welcher der verdienten Waiſe die kleine Ausſteuer zu Waſſer macht.⸗ Der Lieutnant ſtutzte, lauſchend auf das nächſte Wort— doch die Matrone hatte ohne alle Ahnung geſprochen und fuhr nun fort:»wie aber ſieht es um die Abkunft des Mädchens aus? ich beſorge mit Grund: nicht weit her; denn Deine Neigungen waren immer volksthümlich.⸗ Ein lauter Seufzer Iſoldens brachte den Jüngling aus dem Gleichgewicht der Beſonnen⸗ heit, und dieſe Frage ſeiner Großmutter zu beant⸗ worten, ward ihm ſchwer. Iſolde war das angenommene Pflegekind ſeiner Stiefmutter geweſen, ehe ſie das der Ge⸗ neralinn ward, und um ihre Wiege ſchwebte ein Dunkel, das aufzuhellen ſchwerlich von einem irrdiſchen Tage zu hoffen ſtand, weil es unter den finſtern Geheimniſſen des Todes ruhete. Alexander ließ der Liebe Strahl darauf fallen. Er ſagte daher mit Pathos, gemiſcht aus Scherz und Empfindung, weil es ihm im Ernſt nicht in Sinn kam, die Billigung der Großmutter zu bezweifeln—:„Die ich liebe, hat ein edles 60 Gemüth, eine vornehme Seele, und Du, Du gewiß! rechneſt ihr ſchöne Gedanken für Ah⸗ nen an.« „Ich weiß genug⸗— ſagte die Generalinn mit unterdrückter Stimme, und ſtand auf. „Dieſe Sprache,“ fuhr ſie fort:„wenn ich nicht irre, iſt aus Cabale und Liebe? und Deine Luiſe, oder wie ſie ſonſt heißen mag— iſt auch wohl nur eines Geigers Tochter? da gäbe es wieder ein bürgerliches Trauerſpiel, und der Wurm ſpielt auch eine Rolle darin, nähmlich, der mir am Herzen nagt. Du hörſt,“ ſetzte die Matrone mit einem ſchneidenden Lächeln hinzu: ich habe auch ein theatraliſches Gedächtniß. Daraus würde nichts, ſo weit ich es zu hindern vermag. Nein, Alexander! Du biſt ein Graf Dohna. O! warum weckteſt Du den alten Schmerz? ich wollte, ich läge im Grabe.-— Unter dieſen Worten nahete Iſolde, legte die Wolle eben auf den nächſten Tiſch, zupfte im Voruͤbergehen den Freund krampfhaft leiſe, er wendete ſich um, ihr Auge, in Thraͤnen gebro⸗ chen, bat ihn abzubrechen— dann wankte ſie 61 hinaus, ſich auszuweinen, und alle ihre Hoff⸗ nungen blieben zurück. Der junge Graf ſtand beſtürzt; es fing an, ihm einzuleuchten, die Großmutter könne trotz ihrer Liebe für Iſolden, trotz aller Rechtfer⸗ tigungen der ſeinigen, gegen dieſe Verbindung ſeyn. Der Nahme des theuren Mädchens trat auf ſeine Lippen, er wollte wiſſen, woran er wäre. Da trat der Kammerdiener ein, der ſchon zum zweitenmale als Deus ex machina einer Scene der Verlegenheit erſcheint, und meldete: bei dem Wegrücken der Möbeln habe ſich durch 4⸗ den Drücker einer verborgenen Feder in der Ta⸗ petenwand, ein geheimes Schubfach voll Briefe vorgefunden. Die Generalinn folgte ihm auf dem Fuße. Bei Siſche ſaßen die drei Perſonen ziemlich ſtumm zuſammen. Die Matrone ſchmälerte heute die winzige Portion, deren ihr Alter in gewohnter Mäßigkeit bedurfte, ſo daß es ſchien, ſie wolle blos vorkoſten; Iſolde, geſaͤt⸗ tiget von Gefühl, berührte die Speiſen kaum— nur Alexander bekämpfte ſeinen Gram durch Eſſen, und trank auch tiefbetrübt dazu; und freundlich ſah die Großmutter, wie es ihm ſchmeckte. Sobald die Tafel aufgehoben war, und die Generalinn dem Gange der täglichen Ordnung nach, ſich in ihren Armſtuhl ſetzte, eine kleine Mittagsruhe zu halten, die bei der Aufregung ihres Gemüths heute nur dem Scheine nach mög⸗ lich war— ging Iſolde in den Garten am Hauſe hinab, wo Alexander ihres Kommens wartete. Sie hatte ſich nunmehr gefaßt, und bat den Jüngling, gelaſſen anzuhören, was ſie ihm ſagen werde und müſſe. 3 Mit jener rührenden Offenheit der Reſigna⸗ tion, die nichts verſchweigt, weil ſie alles auf⸗ giebt, entdeckte Iſolde ihm, daß ſie ihn von Kindheit an geliebt, daß ſie ihn ewig lieben werde. Hierauf wollte er ſie leidenſchaftlich in ſeine Arme ſchließen; Iſolde aber trat erröthend zurück und weigerte ſich ſeinem Kuß. Sie ſprach: nicht alſo, mein Freund! dieſen Morgen über⸗ raſchte mich mein Herz, ich habe einen Moment an dem Ihrigen geruht— dies darf nicht wieder 4 * 2 —ꝭ—C—C—⸗—⸗—⸗—- geſchehen. Ich werde keinem Manne angehören, ich heirathe nie— und wenn ich Ihnen theuer bin: o ſo ſtören Sie unſer friedliches Verhältniß nicht! es iſt das einzige Glück, deſſen ich genie⸗ ßen darf.« Der junge Graf beſtürmte das geliebte Mäd⸗ chen mit heftigen Einwendungen. Iſolde wider⸗ legte ſie ſanft. Er behauptete: ſeine Großmut⸗ ter, wenn ihr ſein Wohl angelegen ſey, könne ihn mit keiner beſſern Frau jemals verſorgt wiſ⸗ ſen, und ſchon der Umſtand, daß ſie ſelbſt Iſolde bilden helfen, werde den fehlenden Stammbaum erſetzen. Iſolde aber machte ihn aufmerkſam, wie wenig Grund fuͤr dieſe Hoffnung in der wunderlichen Härte liege, womit die Generalinn dieſem Kinde ihrer Sorgfalt, dem Troſt und der Freude ihres öden Alters, nicht erlaubt, wenn auch nicht gradezu verſagt— ſie bei einem müt⸗ terlichen Nahmen zu nennen. Ausgeſprochener aber noch ſey das Urtheil der Matrone, welches die Werbung ihres Enkels treffen würde, in dem Schweigen zu dem ſeltſamen Mißverhältniß, daß Alexander Iſolden duze, ohne gleiche Ver⸗ 64— traulichkeit von Seiten des Mädchens. Er möge dies nur ſelbſt uͤberlegen, um einer abſchlägigen Antwort gewiß zu ſeyn, und dieſe Demüthigung ſolle er ihr doch um Gotteswillen erſparen. Der Lieutnant ſprach:»bedenke, daß alte Leute ihre Eigenheiten haben, und daß man mei⸗ ner Großmutter, bei einem Ruͤckblick auf ihre Erfahrungen, die allerbeſonderſten nachſehen muß. Du aber biſt, Iſolde, und bleibſt meine Braut, wenn anders Dein liebes Herz Ja und Amen dazu ſagt. Ich gebe, was ich, da es mir wie Schuppen von den Augen fiel, für mein Glück erkannt, nicht auf, ohne den letzten Ver⸗ ſuch, geſchweige den erſten— und noch in dieſer Stunde rede ich mit unſerer Excellenzmama.⸗ „Himmel!« rief Iſolde beſtürzt:„wie äng⸗ ſten Sie mich doch, Alexander! nur heute nicht, ich beſchwöre Sie darum! es iſt kein guter Tag. Können Sie den Spruch, der Ihre hoffende Zu⸗ neigung für mich Arme als eine Thorheit erklärt und auf ein kleines geſchwiſterliches Anrecht be⸗ ſchränkt, nicht erwarten: o! ſo kommt er Ihnen morgen noch früh genug.⸗ / 7 — 65 „Wohlan!“ antwortete Graf Dohna, un⸗ fähig, der Inſtändigkeit dieſer Bitte zu wider⸗ ſtehen:»es ſey, bis morgen alſo, weil Du es willſt; ohngeachtet ich nicht abſehe, was der kurze Aufſchub Dir frommen mag. Dieſe Nacht kann nichts herbeiführen, was unſer Verhältniß ändert, und der Generalinn dürfte mit der Sonne ſchwerlich ein neuer Sinn aufgehn. Und weiter, das ſage ich Dir, wird nicht vertagt.⸗ „Dieſe Zweifel,“ erwiederte Iſolde ſchmerz⸗ lich: ich wollte, mein Freund! ich wüßte nichts davon. Wer wahrhaft liebt, glaubt Wunder. Die Nacht an ſich iſt ein heiliges Geheimniß. Wenn ihre Globen glänzen, wie der Sand am Meer, ſollte nicht ein Glücksſtern für ein paar gute Menſchen, die ſich angehören, unter ihnen ſchimmern? Der den großen Weltenwagen da Oben lenkt, kann er nicht auch ein kleines Herz hienieden lenken, welches ſeine Laufbahn bald vollendet hat, daß es ſich unſern Wünſchen zum frohen Ziele lege?“ 1 „Du ſchwärmſt, mein holdes Mädchen,“ ſagte der Ulahn und lächelte; aber ich liebe 66 das. Nun, der Himmel verleihe der Groß⸗ mutter einen göttlichen Traum, eine Eingebung im Schlafe, daß wir uns nehmen dürfen.⸗ Sie ſtanden Beide an einer Stelle des Gar⸗ tens, welche die Ausſicht auf den Fluß gewährte, der vor ihren Augen braußte. Am jenſeitigen Ufer rollte donnernd ein Wagen mit einem Poſt⸗ zug auf die Schiffbrücke; die Pferde wurden ent⸗ ſpannt, das Stampfen ihrer Hufen, der laute Zuruf der Matroſen, hallte herüber durch das Getöſe der Wellen. Unter tactmäßigen Schlä⸗ gen der Ruderer ſpritzte in weiten Bögen der Schaum des Waſſers auf, die Kiele zogen ſil⸗ berne Furchen, und die Fähre ſchwamm näher und näher. Neben ein paar Männern ſtand eine Dame von zarter Geſtalt und bog ſich über das Geländer. Sie war ſorgſam verhüllt, und ein langer grüner Schleier flatterte wie ein Wimpel der Hoffnung von ihrem Hute. „Es wird die fremde Sängerinn ſeyn,⸗ ſagte Iſolde zu dem Jüngling, der ſchweigend mit ſchauendem Blick die Fahrt begleitete:„laſſen Sie uns gehen, Lieber.⸗ Sie gingen. Unruhe, die Vorläuferinn ungewohnter Gaſtlichkeit, erfuͤllte das ſonſt ſo ſtile Haus. Die Generalinn war wach, ſah aber auffallend bleich aus, und klagte ſich unwohl. Herbſtlich klar und kalt dämmerte bereits der Abend heran; ſchon flammten im Schloſſe hier und da Kerzen, deren feſtlicher Schein ſich mit dem bleichen Zwielicht der Fenſter miſchte. Der General⸗Staabs⸗Chirurgus Lanzin, ſeines Nahmens wegen bei Hofe nur der Ritter Lanze⸗ lot genannt— begleitete, courmäßig angethan, die junge Dame zu dem für ſie bereiteten Privat⸗ logis. Er führte die Fremde, welche ſchwach und ſchwankenden Schrittes ſchien, mit Sorg⸗ falt die Treppe hinan, ein Bedienter leuchtete vor, der Lieutnant Dohna machte nach dem Wil⸗ len ſeiner Großmutter die Honneurs vom Hauſe. Iſolde ließ ſich nicht ſehen. Nicht lange, ſo ließ der Staabs⸗Chirurgus ſich bei der Generalinn melden. Er kam, die Gäſtinn, als deren Charge 'Affaires er ſich berufen zeigte, zu entſchuldigen, daß ſie nicht ſogleich der Pflicht, ihrer gütigen 67—⸗ Wirthin aufzuwarten, nachkommen könne. Von der Probe erſchöpft, da die jugendlichen Kräfte von Krankheit hingerafft, noch nicht völlig geho⸗ ben wären, wolle ſie ſich erſt ein wenig erholen, und bitte dann nach beendigter Toilette um die Erlaubniß, ſich Ihrer Excellenz im Coſtüm der Oper vorſtellen zu dürfen.— Es lag im Tone dieſer Anmeldung, daß die Generalinn damit ein Vergnügen empfangen ſolle. Aber ein bitteres Lächeln flog die matten Züge der Matrone an, daß ihr der Kelch voll Herbe, etwas Schauſpielartiges zu ſehen und zu hören, nicht vorübergehen ſolle. Von ſeinen eigenen Angelegenheiten ſchwieg der Ritter— vielleicht war ihm auch Alexanders Gegenwart im Wege. Die Leute der Generalinn horchten mit Neugier und wunderndem Intereſſe auf das leiſe Regen und Rühren im Gaſtzimmer; das Mädchen, welches die Prima Donna bediente, war ihnen die Gehülfinn einer Fee, und mit Eile und Ehrfurcht reichten ſie die geforderten Bedürf⸗ niſſe dar.— „ —„. 69 Selbſt Iſolde empfand etwas Magiſches bei dem Gedanken, daß die junge Fremde ſich in der obern Etage für dieſen Zweck ankleide. Alles Theatraliſche, bis auf die Verwandlungen der Garderobe, iſt mit einer Art Geheimniß ver⸗ webt.— Es dunkelte tiefer, der Mond ſtieg empor, von Sanct Petrus Lindendom glänzte falbes Licht, und das Fähnlein rauſchte düſter im Winde. Der Wagen fuhr abermals vor; doch jetzt holte ein fürſtlicher Lakay die Sängerinn ab. Sie ließ ihn vornehm ein Weilchen auf ſich warten. Dann entſtand ein Flüſtern im Var⸗ ſaal, der Kammerdiener kündete flüchtig den Be⸗ ſuch der Dame, empfing die ſeidene Hülle, welche ſie draußen von ihren Schultern gleiten ließ, auf ſeinen Arm, und herein trat ein reizendes Weſen als Roſine, mit allem Zauber der Darſtellung geſchmuͤckt, worin Kunſt und Geſchmack zu einem einfachlieblichen Bilde verſchmolzen. Sie dankte der Generalinn in einigen Worten, denen der reinſte Sprachton eine Silberfolie unterlegte. Die Matrone, ganz in dieſen holden Anblick ver⸗ — 70— loren, vermogte kaum ſich zu einer höflichen Ant⸗ wort zu faſſen, wie der Augenblick ſie heiſchte. Auch Iſolde ſtand ſtumm; ein Schauer des Wohlgefallens beſtrich ihre Nerven. Sie glaubte, nie etwas Liebenswürdigeres geſehen zu haben. Es war jedoch ſichtlich, daß dieſe gedrückte Blume erſt wieder aufzuleben beginne. Um die ſchönen Augen lag noch Bläſſe und Tiefe, die Roſen der Schminke täuſchten Geſundheit auf die zarten Wangen, indeß ein Gefühl von Angegriffenheit dieſer liederreichen Stimme etwas Leidvolles gab, das nur um ſo rührender zum Herzen drang. Als nun der Conve nienz in einem kurzen, ſchwerfälligen Geſpräch genügt war, das in der Befangenheit Derer, die es führten, nicht zur Converſation erleichtert ward— entfernte ſich die junge Unbekannte nach Hofe. Die Gene⸗ ralinn folgte mit träumenden Blicken dem Schat⸗ ten ihres Wagens durch das mondliche Helldun⸗ kel, bis er vor dem Schloſſe hielt, das nun in voller Erleuchtung prangte. Dann ſagte ſie: „»Schade! daß dieſes anmuthige Geſchöpf ſolchem 71 Looſe verfallen iſt!— Dieſe ſüſſe Stimme be⸗ wegte mich ſehr— man hört es ihr an, wie ſchön ſie ſingen mag.⸗ Hier erwachte Iſolde aus tiefen Gedanken. Sie ſprach:»ſolchem Looſe? giebt es ein nei⸗ denswertheres, als jedes Auge, jedes Ohr zu entzücken? hätte ich die Wahl zwiſchen der erſten Krone des Erdballs und dieſem Kranze: ich be⸗ gehrte nur ſein.“ „Was muß ich vernehmen!⸗ rief die Gene⸗ ralinn:„thörigtes Mädchen! iſt das Dein Ernſt? ſprach dies meine häusliche Iſolde? Du, ſonſt ſo beſcheiden, ſo weiblich geſinnt? die Sän⸗ gerinn hat Dich verblendet!⸗ „Bezaubert nur⸗— entgegnete Iſolde frei⸗ müthig.„Ol ich denke es mir über allen Aus⸗ druck herrlich, im Beſitz ſolcher Gaben zu ſeyn. Ich mußte an das Mährchen von der Königs⸗ tochter denken, dei der eine Elfinn Pathe geſtan⸗ den, die ihr die wunderbare Eigenſchaft verlie⸗ hen, daß ſie bei jedem Wort der Rede Perlen verſtreue.— Der Genius des Wohllauts wohnt in dieſer Seele, wenn irgendwo— man fühlt — — gleichſam Harmonie. Ich hätte meine Arme um das fremde Mädchen ſchlingen mögen und bitten: laß mich, die nichts hat als ein treues Herz, ein wenig Liebe von dir ſammeln!⸗ »Iſolde!« ſagte die Generalinn in Erſtau⸗ nen:»ich kenne Dich nicht mehr; welch ein Geiſt ſpricht aus Dir? Die nichts hat— klagſt Dul weißt Du denn, was ich für Dich zu thun geſonnen bin?⸗ * Dies war freilich die große Frage und ein banger Zweifel für Iſolde; doch die ehrwürdige Frau wußte auch nicht, daß der erſte Kuß vom Munde des Geliebten dieſe ſchüchternen Lippen heute entſiegelt hatte. Sie ſprach: jede Reprä⸗ ſentation, die öffentliche zumal— wird nur durch Selbſtverläugnung möglich, und die Kunſt des Geſanges iſt zum Oefteren eine verderbliche, welche in Weichheit auflöſt, da der Menſch doch ſtark ſeyn muß, um die Aengſte der Welt zu überwinden.“ Sie ſeufzte. „Dann wäre es die rechte nicht«— er⸗ wiederte Iſolde:„die wahre Kunſt denke ich mir göttlich, und was vom Himmel ſtammt, — — 73 kann nur mit Kraft ansrüiſten zu irrdiſchen Siegen.⸗ Iſolde ward abgerufen, die Generalinn blieb mit ihrer Verwunderung über dieſe Sprache ihrer wortkargen Pflegetochter allein. In Mitten des Vorſaals, unter dem Schim⸗ mer der Lampe, ſtand des Fährmeiſters Tochter, erhitzt und ein wenig verſtört, wie es ſchien. Tropfen glänzten auf ihrer Kleidung, als käme ſie ſo eben von einer Arbeit mit den Wellen des Fluſſes.. Bei dem Anblick des Mädchens erwachten eiferſüchtige Gefühle in Iſolde, und mit den Worten:„mein Gott! was willſt Du denn ſchon wieder?⸗ ſprach ſich der ganze Unmuth über den Auftritt am Morgen aus, und der berechtigte Anſpruch an eine Liebe, in deren Beſitz die kleine Schifferinn ſich dünkte. „Gnädiges Fräulein!“ antwortete Nelly leiſe und athemlos:„diesmal komme ich nicht von mir ſelbſt.“ Sie blickte ſcheu um ſich, winkte Iſolden geheimnißvoll näher heran, und flüſterte ihr einen langen Bericht zu, worauf Iſolde nach⸗ Der Colibri. 4 8 1 n 3 4 74 ſinnend bei ſich zu Rathe ging, und dann das Mädchen mit einer Antwort, ſacht gegeben, gü⸗ tiger entließ, als ſie es aufgenommen. Die Oper hatte nun im Schloſſe begonnen; trotz der ziemlichen Entfernung klangen die Becken des Barbiers von Sevilla über den Platz, und ein gedämpfter Ton jener lärmenden Inſtrumen⸗ tal⸗Muſik erreichte noch den ſtillen Sitz der Ma⸗ trone. Wie rauſchend da drüben: hier verfloß der Abend lautloſer als je. Der Tag war viel⸗ fach aufregend geweſen, und die Generalinn hatte ſich ſeit langer Zeit nicht ſo matt gefühlt. Sie verlangte daher zeitig zu Bette, und Iſolde geleitete ſie in ihr Schlafgemach. Schweigend verrrichtete dieſe kindliche Pflegerinn alle die klei⸗ nen Dienſtleiſtungen, deren die Schwäche der alten Dame bedurfte, und welche ſonſt einer Kammerfrau zugekommen wären. Als Iſolde ihr die Nachthaube band, und nicht mit dem Knüpfen der Schleife fertig werden konnte, ſagte die Generalinn:»wie Dein Herz ſchlägt, Iſolde! es fliegt nur ſo— fehlt Dir etwas?⸗ Iſolde verneinte. Sie hullte die Matrone in die weiche — 75 Decke, wie man einem Kinde thut, und rückte das Tiſchchen mit allerley Bedarf in den Bereich des Pavillons. „Vergiß mir auch meinen Cooper nicht!“ ſagte die Generalinn, und ſetzte hinzu:»Er iſt mein Traumgott, und manche Nacht, wo ich nicht ſchlafen konnte, und Alles in mir wach ward, was beſſer ruhen bliebe— ich mich dann unter nervöſem Fröſteln hin und her warf, habe ich mich müde geleſen. Verſetzt in ſeine warme Zone, hörte ich das Rauſchen der Lebensbäume und heiliger Quellen, aus denen ich den Troſt der Täuſchung ſchöpfte. Und in glühender Sehn⸗ ſucht gedachte ich der Strophe: dort träufeln lohnend ihre Kühle die Palmen Edens über mich!⸗ Die Romane des Amerikaners lagen jedoch ſchon da. Nun ließ Iſolde die altmodiſche Ta⸗ ſchenuhr der Generalinn repetiren: es war erſt Neun. Sie zog das Werk auf, und hing die Uhr in ein Gehäuſe von Bronze. Jetzt küßte ſie der Matrone die Hand zur guten Nacht, und wollte gehen. Die Generalinn hielt das Midchen feſt und 4* ———y— keine Stunden mehr.⸗ 76 nicht wohl? auch ſiehſt Du bleich aus— bleibe noch ein wenig bei mir!« Iſolde beruhigte dieſe mütterliche Beſorgniß, und gehorchte. Sie ver⸗ hielt ſich ſtill. Die Generalinn lauſchte aus den Kiſſen hervor, ſah mit ſtarren Blicken, vor denen der Schlaf ſchon leiſe ausſtieg und ſeine magi⸗ ſchen Kreiſe zog— nach der Servante, als ob ſie den rückenden Weiſer beobachtete, und ſprach: »das Uhrgehäuſe ſieht doch grade aus, wie die Pforte eines Kirchhofs; es dürfte nur noch druͤ⸗ ber ſtehen: Eingang zur Ruhe. Allein, da— da ſteht das Herz der Zeit ſtill, und es ſchlagen Bald genug wiegte der leiſe Schwung des Pendels, das Säuſeln der Athemzüge Iſoldens, dieſe und ähnliche Gedanken ein. Die Gene⸗ ralinn verſtummte, und der Schlummer, ein wohlthätiger Genius der Kummervollen, breitete ſeine dunkeln Schwingen über die müden Augen⸗ lieder der Matrone. Aber die Fackel in der Hand ſeines Bruders iſt noch nicht verlöſcht, wobei wir den Schickſalsgang der Generalinn beleuchten ſprach:„Du zitterſt, Iſolde! gewiß biſt Du 77 wollen. Wir laden unſere Leſer ein, uns am Faden der Geſchichte in dies Labyrinth zu folgen; den Ausgang hoffen wir zu finden. Die Generalinn hatte als ein Edelfräulein von alter, aber armer Familie, ihre Kindheit und erſte Jugend in dem Hauſe eines Verwandten, und zwar unter hartem Druck verlebt. Dieſer rauhe Wohlthäter bekleidete ein Staatsamt und dieſe Waiſe; doch beides bedürftig genug. Es fanden Verhältniſſe Statt, die ſeine Wirkſam⸗ keit in Beziehung zu dem Militair ſetzten, das eine Zeitlang in jener Hauptſtadt ſeiner Beſtim⸗ mung wartete. So geſchah es denn, daß Fräu⸗ lein Friedericke(ſo hieß die Generalinn) dem Ad⸗ jutanten des Regiments ihr Herz ſchenkte, deſſen Oberſten ſie ſpäter ihre Hand gab. Von einer Weigerung, dieſen würdigen Offizier zu heira⸗ then, konnte in ihrer Lage nicht die Rede ſeyn; auf ihre Neigung ward keine Rückſicht genom⸗ men. Der Oberſt, Graf Dohna, ein ſtattlicher Mann, in den ſogenannten beſten Jahren— galt für reich, ſein Stammbaum war in vielen Zweigen weit verbreitet— der Adiutant, ein Bürgerlicher, Himmely geheißen, hatte keinen rothen Heller im Vermögen, nur ein tapferes rothes Blut, es für die Geliebte einzuſetzen, um den Preis ſeiner Wünſche zu gewinnen. Doch Gefühle der Subordination auch im Dienſt der Minne— ſchloſſen ihm den Mund, als der Oberſt das Glück hatte, die Braut heimzuführen. Der Oberſt empfing lachend die Gratulation ſeiner Offiziere. Er bemerkte es nicht einmal, daß der Adjutant finſter dazu ſchwieg. Die junge Gräfinn fühlte ſich unſäglich elend. Sie nahm, ihrer Jugend ungeachtet, keine Notiz von all den Herrlichkeiten, die ihr Erſatz ſeyn ſollten fuͤr ein geopfertes Glück, und der erſtorbene Leib einer Leiche kann nicht kälter den Schmuck empfangen, unter dem er prangen ſoll, als ſie die koſtbaren Geſchenke des Oberſten empfing und trug. Daſſelbe Geſchick, nicht minder über Töchter edler Herkunft, wie über das Kind des ärmſten Eigners verhängt, ließ ſie 79 die Abhängigkeit des weiblichen Geſchlechts als ſclaviſch empfinden. Sie konnte den Gemahl nicht lieben, und eben ſo wenig eine Leidenſchaft unterdrücken, deren Gegenſtand ihr durch das Unrecht, welches ſie ihm, ob auch gezwungen, zufügen müſſen, und die Art, wie er es ertrug, nur um ſo theurer geworden war. Der arme Adijutant ſchonte die Gräfinn ſo viel als möglich; aber die Liebe und der Huſten, wie irgend Jemand ſagt— laſſen ſich nicht ver⸗ bergen. Er ſah bleich aus; berief ſeine Pflicht ihn zu dem Oberſten: ſo war es, als ſtuͤnde er bei dem Rapport auf glühenden Kohlen, als brenne der Boden unter ſeinen Füſſen. Die Flitterwochen, denen jedoch kein ein⸗ ziges Flämmchen von jenem Goldglanz zärtlicher Täuſchung anhing, welche den erſten Tagen der Ehe dieſe Benennung gegeben— waren kaum vergangen, als das Regiment Ordre erhielt, ſei⸗ nes nahen Aufbruchs gewärtig zu ſeyn. Der Oberſt traf ſeine Dispoſitionen: denn es war Krieg, und ein Theil der Armee rückte dem Feind entgegen. Er verfügte, ſeine Frau ſolle auf einem Landgute wohnen, das ihm gehörte, und dort den Sommer über bleiben, oder ſo lange es ihr gefalle und Ruhe in jener Gegend ſey. Eine Couſine, eine jener disponiblen Geſell⸗ ſchafterinnen, die keine Heimath haben, außer in fremdem Hauſe, und deshalb nur den Be⸗ dürfniſſen nachleben, ſich zu amüſiren— ward der Aermſten als Ehrendame zugeordnet. Eines Tages, als der Oberſt zu ungewöhn⸗ licher Stunde ausgeritten war, ſeine Frau aber im Zimmer des Gemahls ein kleines Felleiſen packte, wobei ſie knieete, trat der Adjutant mit einer Extra⸗Meldung ein. Sie konnte ſich nicht raſch genug aus dieſer demüthigen Stellung auf⸗ raffen. Erblaſſend ſtammelte er einige Worte, die unbeantwortet blieben. Da ſcholl von der Straße herauf— die Hauptwache war in der Nähe— ein Signal in dieſen peinlichen Mo⸗ ment. Der Adjutant fuhr zuſammen— es erſchütterte dieſer Ton die zarte Geſtalt der jun⸗ gen Dame. Sie waren allein— und von einem vertraulichen Gefühl vormaliger Zeiten — — 81 überraſcht, rief ſie:„geht es etwa fort? Him⸗ mely, ſagen Sie!« Daß die Gräfinn ihn in der Selbſtvergeſſen⸗ heit einer augenblicklichen Verwirrung bei ſei⸗ nem Nahmen nannte, brachte den armen Him⸗ mely aus aller Faſſung. Aufflammend im Wunſch zu ſterben, wendete er ſich ab und ſagte dumpf: so! ginge es doch zum Ende!« Und dieſe Worte waren in derſelben Ver⸗ zweiflung geſprochen, womit ein jugendlichzch Held des dreißigjährigen Krieges, Max Pic. colomini, nach dichteriſcher Eingebung ruft: blaſ't! blaſ't! o wären es die ſchwediſchen Hörner, und ging's von hier grad in's Feld des Todes⸗—: denn Liebe und Schmerz drücken durch alle Epochen der Welt ſich in gleicher Stimmung aus. Der Adiutant verbeugte ſich— der Ab⸗ ſchied war kurz, und doch auf ewig. Noch ein⸗ mal ſah er die Unvergeßliche an, ihr Geſicht war mit tauſend Thränen begoſſen. Durch dieſen trüben Schleier ſtrahlte der Liebe letzter Blick ihm tief in die zerriſſene Seele, dann leuchtete ihm der Stern des Lebens nicht mehr. Nachdem das Regiment ausmarſchirt war, begab ſich die Gräfinn Dohna, begleitet von jener Couſine des Oberſten, nach ihrer Solitüde. Das Landgut war verſäumt, aber ſchön gelegen, der Park eine reizende Wildniß. In dem Schatten dieſer Einſamkeit verbarg die junge Frau den traurigen Glanz ihres Glückes, froh, daß ihn Niemand ſähe. Die Couſine war anderer Meynung. Dieſer ländliche Aufenthalt, die einförmige Weiſe, in der die Gräfinn ſich einrichtete, däuchte ihr un⸗ erträglich. Sie hatte ſich auf Milchſpeiſen ge⸗ freut, die ſie vorzüglich liebte, ward aber ſehr bald deren ſatt. Das Vergnügen, einen ge⸗ backenen Reis zu eſſen, füllte doch nur einen kleinen Theil der unendlichen langen Weile aus, die ſie empfand; ihr Geſchmack änderte ſich da⸗ her und nahm eine piquante Richtung. Die täglichen Spaziergänge ermüdeten ſie ohne In⸗ tereſſe; eine Faſanerie im engliſchen Garten, der die Gutsfrau einige Theilnahme angedeihen 5 4 83 ließ, hätte der Couſine individualiſirt und gebra⸗ ten mehr Genuß gewährt. Der öde Bilderſaal im Schloſſe war jedenfalls kein Salon, und ſeit Olims Zeiten ſtanden die Spieltiſche, ohne für den Zweck der Unterhaltung benützt worden zu ſeyn. So konnte die Couſine, an Triſet und Lhombre gewöhnt, nicht umhin, eine Karte für ſich zu miſchen. Sie ſchrieb an ihre verheira⸗ thete Schweſter heimlich folgenden Brief. »Herzlich geliebte Schweſter! Das ſage ich Dir: hier bleibe ich nicht länger, es komme nun auch wie es wolle. Ich bin wie auf eine wüſte Inſel verſchlagen, wo man unter Wurzeln und Kräutern watet, und ein ſolches Leben halte der Kukuk aus. Freilich geht mir grade nichts ab, als Geſellſchaft; aber Wer kann die entbehren? die Gräfinn iſt ſchwermüthig, vielleicht ſchwan⸗ ger— unter uns geſagt, ich glaube, der Couſin hat ſich mit dieſer Heirath belämmert. Indeß mögte ich ihn doch nicht gern vor den Kopf ſtoßen, er hat manchmal einen guten Gedanken— und ſo wollte ich die Sache ſo fein als möglich ein⸗ fädeln. Schreibe mir daher, Du ſeyſt ſehr —— —————— —— krank— ich laſſe Dir unter allen denkbaren Uebeln die Wahl. Du ſehnteſt Dich nach mir— richte es nur recht klaͤglich ein. Die Gräfinn wird mich ſchon fahren laſſen, und an Ort und Stelle können wir mit Geſchick vermeiden, daß der Kutſcher Lunten rieche. Ich will Dir auch um die Gardinen in der blauen Stube Filet⸗ Franzen ſtricken und Troddeln klöppeln. Ich habe wieder hübſche Muſter gelernt und bringe auch neue Haubenſchnitte mit. Mein rechter Fuß, der, wie Du weißt, immer etwas wandel⸗ kar iſt, und jetzt zumal von dem vielen Laufen alle Abend— die Gräfinn kriegt es nicht ſatt, und ich glaube, wenn es auf ſie ankäme, ſie ginge der Sonne nach— war ſtark geſchwollen, ſetzt ſich aber ſchon ein wenig; der linke hält ſich noch, womit ich lebenslang verharre, als Deine getreue Schweſter.“ Die Antwort erfolgte wie gewünſcht. Die Geſellſchafterinn ſchrie zu Gott um die Gefahr der Schweſter, klagte möglichſt laut ein Geſchick an, durch welches ſie der ſeligen Ruhe des Land⸗ lebens entriſſen würde, und die Gräfinn, arglos, jeder Verſtellung unfähig, glaubte den falſchen Thränen der Couſine. Aber ſi athmete freier auf, der Laſt dieſes Umgangs entlediget zu ſeyn. Sie war nun einſam mit ihrem Gram, und hing ungeſtört leidenſchaftlichen Träumereyen nach. Vergeſſend der Welt und ihrer Verhältniſſe, wenn ihr Blick nicht etwa auf den Trauring fiel— leidend und doch glücklich, lebte ſie faſt nur in der Idee. Stundenlang ſaß ſie ohne alle Beſchäftigung in einer Muſchelgrotte auf der Inſel des Baſſins, ihrem Lieblingsplätzchen, und ſtarrte, verſenkt in tiefe Gefühle der ver⸗ lohrenen Liebe, nach dem Spiegel des Waſſers, oder heftete den dunklen Blick an die bemooste Wand, um deren bleichen Zierrath der Mond⸗ ſtrahl geiſterheimlich webte. Die Graͤfinn em⸗ pfand weder Furcht noch Kühle, nur ihr Herz den kranken Theil ihres Weſens. Ach! und unter dieſem Herzen voll Weh und Sehnſucht keimte ein Leben, welches dieſe Gefühle als treu⸗ los verdammte, und das Recht des Gatten wie des Vaters in Anſpruch nahm. Der ſogenannte Thiergärtner auf dem Gute * des Oberſten war ein Mann von vorgerückten Jahren und einer rohen Außenſeite, Logau ge⸗ heißen; doch keinesweges eine poetiſche Natur. Er war verpflichtet, den Park in Aufſicht und Ordnung zu halten; doch wartete er andere Functionen angelegentlicher ab, als ſeinen eigentlichen Beruf. Ein artiges Häuschen unter den Eiben und Erlen des Dickigts war ſeine Wohnung, die Sorge für eine naheſtehende Vo⸗ libre, darin ein kleiner Springbrunnen plät⸗ ſcherte, eine Obliegenheit, die er mit Neigung erfüllte; außerdem ging Herr Logau— nicht minder ein unabläßiger Angler— mit waid⸗ männiſcher Luſt der Jägerey nach. Die junge Frau des Thiergärtners, welche recht füglich ſeine Tochter ſeyn können, eine ſanfte, ſtille Geſtalt, war bereits zum drittenmale guter Hoff⸗ nung, der einzigen, die das Schickſal dieſer Ehe ihr zu gönnen ſchien. Sie verſah anſtatt des ſtets abweſenden Mannes ſeine Pflichten. Nicht viel geſelliger, als die heilige Genoveva, und eben ſo bleich, fuͤtterte ſie eine alte blinde Hirſch⸗ kuh, die allein übrig geblieben war von dem aus⸗ — 37 geſtorbenen Rothwild des Thiergartens, und gleich einer ewigen Jüdinn ihres Geſchlechts lebensmatt und müde unter den Trauerweiden des Parks wandelte. Die blaſſe Frau, über deren jugendliche Züge ein ſchwermüthiger Reiz gegoſſen ſchien, das ärmliche Kindlein auf ihrem Schooße, die Hinde, der Gruppe treulich ange⸗ ſchmiegt: gab ein anſchauliches Bild jener claſſi⸗ ſchen Hiſtorie. Ein leiſer magnetiſcher Zug führte die Gräfinn Dohna auf ihren einſamen Spazier⸗ gängen öfterer an dem Hauſe des Thiergärtners vorüber, und ſie verweilte immer ein wenig bei ſeiner Frau. Die Kinder waren häßlich und glichen dem Vater; dennoch verweilte das Auge der Mutter mit dem Sonnenblick der Liebe auf ihnen. Einſtmals war die Gräfinn Zeuginn einer Scene, worin Logau die Aermſte eines leichten Verſehens wegen, hart anließ und ihr rauh und übel begegnete. Die Frau blieb ge⸗ laſſen, nur eine verſtohlne Thräne ſchlich über die farbloſe Wange. Sie ſchlug das kummer⸗ volle Auge durch die Wipfel der Bäume zu dem Blau des Himmels auf, als ſuche ſie das Auge Gottes, daß es ihr Leiden ſähe. Ein Schauer ging durch das Gemüth der Gräfinn. Sie nahm ſich vor, die Frau näher kennen zu lernen, und es geſchah. Bei nächſter Gelegenheit fragte ſie, wie es ihr nur möglich ſey, ſolchen Unglimpf ſo duld⸗ ſam zu ertragen, da dieſer Mann es für ein un⸗ verdientes Glück halten müßte, eine Gattin ihrer Art zu beſitzen; ja, wie ſie ihn nur überhaupt habe wählen können?— Die Gräfinn vergaß in theil⸗ nehmender Mißbilligung an ſich ſelbſt zu denken. Frau Logau lächelte trübe und ſprach: »wählen? ach gnädigſte Frau! ein armes ver⸗ laſſenes Mädchen hat keine Wahl. Ich bin in der Familie des Paſtors von Steinkirch erzogen, eine vater⸗ und mutterloſe Waiſe, die der brave Geiſtliche von der Straße in ſein Haus aufge— nommen. Es kam wenig ein in der dürftigen Pfarre, und doch ein Kind übers andere. Der Paſtor war heftigen Temperaments, ſeine Frau lind und leidſam von Worten und Werken, ſchwieg, wenn die Hitze ihn übermannte. Er ſah es dann um ſo eher ein, daß er ihr Unrecht 89 gethan, und vergütete die Wehthat. Sie ſagte: thue einmal desgleichen, Marie. Eine Frau muß ſchweigen können, wenn der Mann auf die Stimme des Gewiſſens hören ſoll. Ich darf nie vergeſſen, daß er der Vater meiner Kinder iſt, wenn er auch einmal vergäße, welche Bürde ich mit Schmerzen trage. Eine Mutter, eine wer⸗ dende Mutter zumal— iſt eine Gebenedeiete des Herrn. Das Herz muß ſtill ſeyn in Gott, unter dem er eine Seele ins Leben ruft. Der kurze Augenblick der Kränkung vergeht; aber die Folgen bleiben ewig; haſt du der Verſuchung widerſtanden: ſo ſchläft ein Engel in deinem Schooße, der dir in ſpäteren Tagen dient.⸗ Die Gräfinn ſtand ſtumm, erglühend. Sie ſchämte ſich vor der frommen Kraft dieſer Frau und ihrer einfachen Lehre. „Wie war es aber mit der Heirath?“ fragte ſie nach einer Pauſe. „Ich nahm den Logau nicht gern⸗— ant⸗ wortete ſeine Frau ſeufzend:»allein, aus meiner Neigung für einen Andern konnte ſchwerlich etwas werden. Denke nur, Marie, es ſey des 90—— Himmels Wille nicht geweſen, tröſtete mich die Pfarrerinn. Sie ſagte mir ihren Spruch, den ich mir ins Herz geſchrieben: bei Pflicht und Fleiß ſich Gott ergeben, ein ewig Glück in Hoff⸗ nung ſehn: dies iſt der Weg zu Ruh' und Le⸗ ben—— hier wankte die Stimme der Erzäh⸗ lerin, ihre Augen floſſen über, und eine ſympa⸗ thetiſche Quelle in denen der Gräfinn fing an zu tröpfeln.»So bin ich denn,“ fuhr Frau Logau in bekämpfter Rührung fort:„dieſen Weg ge⸗ troſt gegangen, bis hierher, und ich hoffe, der Höchſte wird wohl weiter helfen. Und wenn ich ruhig ertrage, was ich nicht ändern kann: ſo kommt dies auch von Gott.⸗ Wie beneidete die Gräfinn der armen Frau dieſen Frieden der Ergebung! Sie ſollte ihn um einen andern Preis gewinnen. Der Oberſt, geſchickter den Degen als die Feder zu führen, hatte ſeiner jungen Gattinn nur ſelten geſchrieben, und ſolch ein karger, kur⸗ zer Brief glich mehr einem militairiſchen Bulle⸗ tin, als der Schreibart eines Ehemannes an die geliebte Frau. Eines Abends, bei dem Begin⸗ — 91 nen der Erndte, ging die Gräfinn einſam, wie gewöhnlich, am Rain der Landſtraße ſpazieren. Sie ließ gedankenvoll die Halme einer Waizen⸗ breite durch ihre Finger gleiten, das Getraide lag in Garben, die Mäher und Binderinnen waren heim, nur ein einziger Schnitter ſchwang noch die blinkende Senſe. Der Gedanke eines Schlachtfelds und des Todes, wie die glänzen⸗ den Reihen vor ihm ſinken, ſtieg düſter vor der Seele der Gräfinn auf. Sie lenkte ihren Blick abwärts, und ſah einen Soldaten, der ein Pferd führte, langſam von ferne daher kommen. Der Gräfinn ſchlug das Herz in ängſtlicher Ahnung. Sie trat unter einen wilden Apfelbaum am Wege, und wartete ſein. Der letzte Strahl des Tages erloſch und dunkel ward es vor den Augen der Dame, als der Soldat mit ſeiner Roſinante näher kam, und die Gräſinn den Reitknecht und das Roß des Adjutanten erkannte. Der arme Himmely war gefallen.— Sein treuer Burſche hatte als Invalide den Abſchied und das gleich⸗ falls verwundete Pferd zum Erbe erhalten. Damit konnte er nun nach ſeiner Heimath zie⸗ hen. Der Oberſt gab ihm einen ſchriftlichen Auftrag an ſeine Frau. Er machte ihr Mel⸗ dung von dem blutigen Treffen, darin der Adju⸗ tant in tollkühner Tapferkeit ſein Ende gefun⸗ den, und erſuchte ſie, wie um eine gleichgültige Höflichkeit, dem Reitknecht und ſeinem Pferde Raſt und gute Pflege zu vergönnen. Der Soldat erzählte mit gebrochnen Tönen, das NRoß ſtand daneben, und wendete, wie im Verſtändniß dieſer traurigen Mittheilung, die großen Augen voll thieriſcher Melancholie auf die bebende Geſtalt der Dame, der es in mancher Courbette huldigen müſſen. Die Gräfinn behielt dieſe Hinterlaſſenen ſo lange als möglich. Ihre Liebe war nun zur Ruhe— aber die Kräfte dieſes regen Gemüths in langer leidenſchaftlicher Uebung auf einen Punkt gerichtet, ließen ihn nur in das Grab ſin⸗ ken, um ein Näherrecht an die verödete Stelle zu haben. und das Kind füllte ihre ganze Seele mit Erſatz. Die Gräfinn ward Mutter einer Tochter Der kleine Abgott verſchlang jeden Gedanken — —— 93 eines Opfers, die Gräfinn hatte keines mehr ge⸗ bracht, noch eines zu bringen.— Der Krieg nahm ein glorreiches Ende und heimwärts ſchlug der ſanfte Friedensmarſch. Geſchmückt mit ehrenvollen Narben kehrte der Oberſt als General mit und zu den Seinen zu⸗ rück, und die kleine Julie lallte ihm den Vater⸗ nahmen entgegen. Er hatte viele Stufen väter⸗ licher Glückſeligkeit überſprungen, während er die Leiter des Ruhmes hinangeſtiegen, und die männliche Freude, womit der alternde Held ſein wunderſchönes Kind an die Bruſt, bedeckt mit Orden, drückte, doch dieſe Liebkoſung kürzte, weil wichtige Geſchäfte ſeine Zeit forderten, ge⸗ nügte der exaltirten Erwartung ſeiner Gattinn nicht. Die Generalinn war abermals guter Hoff⸗ nung, doch dabei in einer Stimmung bleibenden Mißmuths, als womit ſich häufig Mütter gegen die Segnung der Natur ſträuben. Die Vorſtel⸗ lung widerte ſie an, daß ihre Julie fortan den Aleinbeſitz kindlicher Rechte theilen ſollte. Sie hatte die fire Idee, daß ihr Gemahl kühl gegen 94— das ſüſſe Engelskind ſey: ein Gedanke, der die Vorliebe der Mutter bis zum Eigenſinn der Lei⸗ denſchaft überſpannte und in Glut erhielt. Der General warbeſorgt bei den kränklichen Launen ſeiner Frau, er ſchonte ihrer, ſich ſelbſt verläugnend, dies gab ihm ein zarteres Inter⸗ eſſe— wenn wir dieſen Ausdruck ſtatthaft halten dürfen— für den unſichtbaren Gegen⸗ ſtand all dieſer Verſtörung. Der General hatte den Dienſt quittirt, und ſo hinderte ihn nichts, ſeine Frau auf das Gut zu begleiten, wo ſie ihre Wochen halten wollte. Es war wieder um die Zeit der Erndte, als die Generalinn ganz allein— ihr Gemahl war auf einige Tage verreiſt— einen Spaziergang in das Feld machte. Es war ſchon ziemlich ſpät, der Abend aber göttlich ſchön. Der Mond ſtieg über die ſtille goldne Fläche empor; die Luft, duftend und dämmernd, fächelte milde. Die Generalinn ging in tiefem Sinnen, wie in einem wachen Traume, gleich einer Nachtwandlerinn weiter und weiter, ohne ſich ihres Weges bewußt zu ſeyn. Da ſchlug der Laut einer kleinen dumpfen Trommel, die ein wunderlicher Bube auf offner Straße wirbelte, an ihr Ohr, und unter dem Apfelbaum regte es ſich wimmelnd und dunkel. Die Generalinn bemerkte entſetzt, daß ſich dort eine Horde Zigeuner gelagert hatte. Sie wollte umkehren, ihre Füße waren wie gelähmt; doch ehe ſie den Schritt wenden konnte, ſchoß ein braunes Weib pfeilſchnell auf ſie zu, und for⸗ derte ihr eine Gabe ab. Die Generalinn zitterte am ganzen Leibe. Sie hatte kein Geld bei ſich, und verſagte daher mit ſcheuer Stimme. Furcht und Angſt gaben ihr die Miene des Grauens. Die ſchwarzen Augen der Zigeunerinn blitzten unheimlich. Sie gebrauchte die Waffe ihres Stammes und ſprach gebietend:»ſuche nur! Du wirſt doch Dein Lebelang ſuchen müſſen!⸗ Dieſe Drohung fuhr wie ein Dolch in das Herz der Generalinn; es war ihr in dieſem fürchter⸗ lichen Augenblicke, als hätte ſie das Liebſte auf der Welt ſchon verlohren und würde es nimmer⸗ mehr finden. Sie glaubte umzuſinken; doch mit Stolz erhob ſie ſich und ſprach:»ſchweig, Elende! und laſſe mich in Frieden. Wiſſe! Du 96 ſprichſt mit der Frau des Ortsherrn. Behalte Deine Weiſſagung für Dich; ich mag mein Schickſal nicht kennen.⸗ Die Zigeunerinn ſchlug eine höhniſche Lache auf und rief mit frecher Ueberlegenheit:»Elende Du ſelbſt, meine Dame. Willſt Du mir nichts zufließen laſſen, als Schimpf und ſchnöde Rede, — willſt Du Dein Schickſal nicht kennen: wohlan! denke an mich— ſo wirſt Du Dein eigen Blut auch nicht kennen.— Die Generalinn kam halbtodt nach Haufe. Am andern Morgen zog die Horde bei dem Schloſſe vorüber, der Bube mit der Trommel ooran, einen grünen ſchwanken Zweig auf ſeiner. Mütze. Die Zigeuner hatten, ihr boshaftes Müthchen zu kühlen, die Bäume der Gegend ſehr beſchädiget, und die edelſte Blume dieſes Bodens gebrochen. Die Generalinn konnte den gehabten Schrecken nicht verwinden; wo ſie ging und ſtand, dachte ſie dem Sinne jener räthſel⸗ haften Worte nach. Sie vermied von nun an die Stelle, welche einem finſtern Geiſte der Erfahrung Raum über ſie zu geben ſchien. — 97 Nach der Geburt eines Mädchens trat ein heftiges Kindbetterinnenfieber ein, und die Vi⸗ ſionen der Wöchnerinn zeigten, wie ſtark der Ein⸗ druck jener Scene geweſen ſey. Sie ſah allnächt⸗ lich das braune Weib an der Wiege ihres Kindes; es wurde ausgetauſcht, fortgeſchleppt, in Kna⸗ benkleider geſteckt, dann mußte es die ſchwere Trommel ſchlagen, und jeder Schlägel fiel zer⸗ malmend auf das Mutterherz. Sie irrte wie Ceres über die ganze Erde, und fand ſich in der Hölle brennender Seelenqual und Fieber⸗ gluth. Endlich legte ſich die Gewalt der Krankheit; in dem verdunkelten Zimmer herrſchte die aller⸗ leiſeſte Ruhe, ſo daß der Flügelſchlag einer Mücke zu hören war. Frau Logau, vor einem Monat erſt entbunden, ſaß und ſtillte das Kind der Ge⸗ neraͤlinn. Die Mutter ließ es ſich reichen. Es war nicht hübſch, und mit einem Nervenfröſteln der mütterlichen Eitelkeit dachte ſie, es könne doch wohl verwechſelt ſeyn.— Wie die Gene⸗ ralinn ſich auch erholte: ſie erſtarkte nie zu der Liebe für dieſes Kind, welche Julie genoß; doch Der Colibri. 5 ihr Gemahl hatte eine übergroße Zärtlichkeit für das Kleine.. Jahre gingen hin. Seit dem letzten Wochen⸗ bett war der Generalinn eine Schwermuth ver⸗ blieben, die Charakter geworden. Die Aerzte meynten, eine Ortsveränderung würde wohlthä⸗ tig auf ihr Gemüth wirken, und der Zufall bot ſich helfend dar zu dieſem Mittel. In Greifswerda, dem Schauplatze unſerer Erzählung, lebte dem General ein alter Freund und Verwandter gleichen Nahmens, von einer Nebenlinie der Grafen Dohna. Dieſer alte Edelmann, ein Attaché des Hofes, beſaß allda ein ſchönes Haus. Er hatte einen einzigen Sohn, der auf Reiſen war, und als der Verlobte einer reichen Erbinn einſt die Güter der Braut über⸗ nehmen ſollte. Der General machte mit den Seinen eine Reiſe nach jenem Luſtort, und Graf Dohna ihm den Vorſchlag, ſein Haus zu kaufen, daß es in befreundete Hände käme; doch mit dem Beding, darin wohnen zu duͤrfen bis an ſein Ende. Sie wurden einig. Das Gut des Generals, ihm 99 längſt feil, ging um einen civilen Preis an einen Nachbar über. Nach den Honneurs des Empfangs, die der alte Graf, ein Veteran der Etiquette, ſich nicht nehmen ließ, wurden ihm ſelbſt die letzten Ehren erwieſen, und er begnügte ſich mit einer engeren Wohnung, als die er ſich ausbedungen hatte. Der General überlebte ihn nicht lange. Es ſchien, als ob er ſeine Gattinn nur hier einge⸗ führt und die zarten Töchter der Protection des Fürſten empfohlen hätte, um dann zu ſterben. Seine Wittwe genoß größter Auszeichnung vom Hofe. Sie zog jedoch ein häusliches Stillleben den Zerſtreuungen vor, die das Schloß darbot, und zu denen ihr Rang und die Achtung der erlauchten Perſonen ſie berechtigten. Julie und Elfriede, die beiden Comteſſen, wuchſen heran. Die Erſtere, ſchön, leuchtend und laut wie der Tag; die Letztere, ſtill, beſchei⸗ den, ohne irgend einen Reiz, der da blendet. Nur ein paar nächtliche Augen und ein Blick, ſanft wie Mondſchein, rührten leiſe, wo die ſie⸗ gende Schönheit ihrer Schweſter alle Gefühle der 5* Bewunderung in Anſpruch nahm. Julie entfal⸗ tete ſich unter dem heißen Sonnenſtrahl der müt⸗ terlichen Liebe, in jener tropiſchen Wärme, die brennende Farben giebt; Elfriede dagegen glich einem Blümchen im Hauche des Nordens. Wie ein Stiefkind fremd und fern gehalten, küßte ſie nur zuweilen das Kleid der Mutter, leiſe und heimlich, daß ſie es nicht merke. Ihrer Schwe⸗ ſter ward jeder Vorzug zu Theil; Frieda em⸗ pfand die geringſte Gerechtigkeit ſchon als eine außerordentliche Güte. In jenem liebenswür⸗ digen Uebermuthe, den ſtets erfüllte Wünſche aneignen, kannte Julie keine andere Beſchrän⸗ kung, als die in der Knospe ihrer Leidenſchaft⸗ lichkeit lag. Elfriede hatte keinen Willen, kei⸗ nen Wunſch, als den, das Angeſicht der Mutter einmal freundlich auf ſich gewendet zu ſehen. Julie, der Liebling des Fürſten und ſeiner Angehörigen, wohnte jeder theatraliſchen Vor⸗ ſtellung, ſogar den Proben bei; ihre junge Seele war voll von romantiſchem Wuſt, und ihre Ge⸗ fühle reiften vor der Zeit im Treibhauſe der Kunſt. Schon als Kind führte ſie kleine Stücke — 101 für ſich auf. Bald war ſie eine Nonne, die ein Ritter entführte, bald eine Prinzeſſinn, die mit dem Pagen ihres Vaters entfloh: immer aber war die Idee der Freiheit und eines Opfers, das ſie der Liebe brächte, vorherrſchend in ihren Dar⸗ ſtellungen. O Mutter! Du ſtehſt mit entzück⸗ tem Auge, bewundernd die kleine vollendete Actrize, und zitterſt nicht?— Nur einen einzigen Widerſtand, in Bezug auf Julien, hatte die Generalinn mit Conſe⸗ quenz geleiſtet: den, daß ihre Tochter— von der jüngſten war die Rede gar nicht— der Hof⸗ bühne perſönlich angehören dürfte. Der Fürſt wagte nicht, gegen das Vorurtheil der würdigen Frau deshalb in ſie zu dringen, die Rollen des Repertoirs waren beſetzt— Julie ſtand noch allein mit einem Herzen, das vor Begierde brannte, ſich auf gleiche Weiſe zu verſuchen, be⸗ rauſcht von jedem Reiz der Täuſchung, den der Vorhang deckt. Doch bald genug ſchien ſie dieſe glühende Neigung gegen einen beſcheidenern Wunſch aufzugeben. In dem Hauſe des Hofcaplans wohnte ſeit einiger Zeit ein junger Mann unter dem Nah⸗ men Palm. Dieſer Fremde, das Geheimniß ſeiner Zurückhaltung erregte Intereſſe, obzwar er ſelbſt keines Menſchen Theilnahme anzuſpre⸗ chen ſchien. Niemand wußte, von wannen er kam, und weß Geiſtes Kind er ſey. Man ver⸗ muthete, er müſſe dem Fürſten empfohlen oder ihm bekannt ſeyn: denn öfters luſtwandelte der durchlauchtige Herr mit dieſem titelloſen Palm in den Gängen des Schloßgartens, und ihr ver⸗ trauliches Geſpräch wollte kein Ende nehmen. Bei Tafel erſchien er nie; doch in jedem Schau⸗ ſpiel, in jeder Oper lehnte er an einer Säule des Parterre, ganz Auge und Ohr. Es geſchah auch zuweilen, daß er in Mitten der Aufführung ſich ſchnell entfernte— und der Fürſt ließ ihn alle Wege gewähren. Die bedeutende Geſtalt des jungen Mannes machte ſich ſelbſt in der ſimplen Form geltend, unter welcher er hier jede Diſtinc⸗ tion ablehnte; dieſes edle bleiche Geſicht mit duͤſter glimmenden Augen, konnte die vornehme Abkunft eines höheren Geiſtes nicht verläugnen. Es lag etwas in ſeinen Zügen, in dem Tieffinn 103 ſeines Blickes, was auf eine große Seele wie auf ein ungemeines Schickſal ſchließen ließ, und Ahnungen des Mitleids und der Achtung weckte. Der Hofcaplan ſchwieg durchaus uͤber die Ver⸗ hältniſſe dieſes Schutzverwandten ſeines Hauſes, und hatte für alle zudringliche Fragen nur die eine Antwort: Herr Palm ſey kränklich, und liebe es, in Stille der Natur und ſeinen Studien zu leben, bis er ſeiner anderweitigen Beſtim⸗ mung folgen werde. Julie, voll Enthuſiasmus für alles Unge⸗ wöhnliche, fand die intereſſante Seite an dem Fremden bald herans. Ihr Blick war einſtmals dem ſeinen in einem Lächeln begegnet: deſſen konnte ſich kein Einwohner von Greifswerda weiter rühmen. Eine bemooſete Klippe am Ufer des Fluſſes, war ſein Lieblingsſitz, wo er laut las, ungehört im Geräuſch der Brandung. Julie, welche mit einem zarteren Antheil, als dem bloßer jugendlicher Neugierde, ſeinen Spu⸗ ren nachging, fand dort ein Buch, was er liegen laſſen. Es war ein Drama von Shakespear, in der Sprache des Dichters. 104 Von nun an wünſchte Julie engliſch zu ler⸗ nen. Sie wiederholte dieſen Wunſch ſo oft, ſie äuſſerte ihn ſelbſt in Gegenwart des Fürſten, daß die gütige Durchlaucht kein Bedenken trug, zu erwiedern: dazu ſey jetzt Gelegenheit am Ort— Herr Palm— ein Wink an den Hofcaplan ver⸗ ſprach, ſich für dieſes Verlangen zu verwenden, und Julie erröthete in freudiger Hoffnung. Nach einigen Tagen erfolgte die Erklärung: Herr Palm ſey mit Vergnügen zu dem gewünſchten Unterricht erbötig, wenn er ihn im Hauſe des Hofcaplans ertheilen dürfte. Die Generalinn fand darin eine Unſchicklichkeit; Julie aber meynte: man müſſe, da der fremde Sprach⸗ meiſter jeden Familien⸗Umgang zu vermeiden ſcheine, dieſe Lehrſtunde als eine beſondere Ge⸗ fälligkeit anſehen, und die Nichte des Geiſtlichen könne ja zugegen ſeyn. Sie ſetzte, wie immer, ihren Willen gegen den der Mutter durch. Das Haus des Hofcaplans hatte eine wun⸗ derſchöne Lage dicht am Strome, auf einem hohen Damm, der reizende Fernpunkte darbot. Er war ein vortrefflicher Redner, die Poeſie der 105 Umgebung blieb nicht ohne Einflüſſe auf ſeine Ausarbeitungen, jeder Vortrag ward zu einer Uferpredigt. Wenn er bei ſpäter Zeit ſtudierte, dann warf das nächtliche Licht einen langen ein⸗ ſamen Strahl, wie die Fackel eines Leucht⸗ thurms, über die dunkle Fluth, die Schiffe zogen ſtill vorüber, und die Matroſen blickten ehrfurchtsvoll zu ihm auf: in der Geſtalt dieſes frommen Denkers ſchwebte ihnen der Geiſt Got⸗ tes ſichtbar über den Wäſſern. Julie befand ſich nun täglich mit ihrem Lehrer wie in der Einſamkeit einer wüſten Inſel. Die Nichte ging ab und zu, der Hofraplan konnte nur ſelten gegenwärtig ſeyn. Gewohn⸗ heit lullte endlich den Scrupel ein, daß dies Ver⸗ hältniß nicht eben ganz in der Ordnung wäre— nur die Wellen murrten darüber. Julie lebte und webte in dieſem Unterricht. Sie lag beſtändig über den Büchern, ihr Blick hing an der Uhr ſehnſuchtsvoll, ob die Stunde ſchlüge— nichts hätte ſie abgehalten, auch nur eine Minute zu verſäumen. Die Hofcaplaney war der Magnet ihrer Gedanken. —— 1⁰6— „Das Mädchen ergreift Alles mit Leiden⸗ ſchaft, ſagte die Generalinn zu der Schweſter des Fürſten, und hüllte ihr mütterliches Lob in eine Klage:»es iſt erſtaunlich, welche Fort⸗ ſchritte Julie binnen dieſer kurzen Zeit gemacht hat. Auch das Franzöſiſche treibt ſie mit Herrn Palm, was mir noch lieber iſt: denn es iſt die Sprache der Welt, jetzt zumal. Mit wem aber wird Julie jemals engliſch reden?— Ach! die Menſchen verſtehen Einem nicht, und wenn man göttlich ſpräche.“-— Julie äuſſerte jetzt zuweilen Grundſätze, die ihre Mutter befremdeten. Dieſe hatte Rouſ⸗ ſeau's Schriften bei ihrer Tochter gefunden; aber dennoch fürchtete ſie nicht, daß Herr Palm der Comteß Dohna ein zweiter Saint Preux werden könnte.— Ein Jahr war ſeitdem verlaufen, als eines Tages der Hofcaplan die Generalinn unter einem Vorwand beſuchte. Das Geſpräch kam ſehr bald auf den Genoſſen ſeines Hauſes, auf den Unter⸗ richt, den Julie von dieſem Palm erhielte, und die Mutter rühmte den Lerneifer ihrer Tochter — 107 und Juliens Sinn für dieſe wiſſenſchaftliche Beſchäftigung. Der Hofcaplan wagte es, ob auch möglichſt zart, doch mit würdigem Ernſt, die Generalinn aufmerkſam zu machen, daß dieſe Kenntniſſe nicht ohne einige Gefahr erworben würden. Herr Palm ſey ein Mann, eben ſo intereſſant als unglücklich, und beide Eigenſchaften Brenn⸗ ſtoff fuͤr ein junges empfängliches Herz. Die Generalinn erglühte. Sie ſprach: vich hoffe, daß meine Tochter weiß, was ſie ſich ſelbſt ſchuldig iſt.⸗ Der Geiſtliche zuckte die Achſeln.»Es iſt ein ſchöner Fehler der Jugend,“ lautete ſeine Antwort:»daß ſie das Eigene nicht kennt, und Rückſichten zu nehmen vergißt. Nach meiner Erfahrung übt kein Gefühl über ein ſo ſchönes, tiefes Gemüth, wie das der Comteß, mehr Macht, als Mitleid und Bewunderung, und in eben dem Maaße, je geringer der Anſpruch daran zu ſeyn ſcheint. Ich habe dieſe Meynung zu verlaut⸗ baren, für meine Pflicht gehalten, und ich wünſchte, Ew. Excellenz erinnerten ſich, daß 108 ich es gethan, und zwar aus wahrhafter Erge⸗ benheit.⸗ „Unmöglich⸗— entgegnete die Generalinn, ihre Stimme ſchwankte zwiſchen Zorn und Zwei⸗ fel:»ein ſo obſcurer Menſch—«⸗ Die Liebe hat ihr eigenes Licht⸗— ſagte der Warner und lächelte.„Sie verleiht Glanz, und ein Helldunkel, was um ihren Gegenſtand ſchwebt, wie er auch Andern ſcheine— iſt ihr geheimnißvolles Element.-⸗ Somit verließ er Juliens Mutter. Die Generalinn würde in ihrer Aufregung unbeſonnen genug geweſen ſeyn, mit Julien ſo⸗ gleich in einer Weiſe zu reden, dem Zuruf an den Schwindelnden zu vergleichen, der an einem Ab⸗ grund wandelt— wenn nicht ein unvermutheter Beſuch ſie daran verhindert und für jetzt und bun. gere Zeit zerſtreuet hätte. Jener junge Graf Dohna, deſſen Vater der Beſitzer des Hauſes geweſen, welches die Gene⸗ ralinn bewohnte, war längſt von ſeinen Reiſen durch das ſüdliche Europa zurückgekehrt, hatte geheirathet, und der Liebe höchſtes Glück mit b 109 dem Schmerze gebüßt, die Gattin in der Blüthe ihres Lebens zu verlieren. Sie ſtarb, als ſie nach ein paar unglücklichen Niederkünften, von denen ihr nichts geblieben, als das Weh der Erinnerung, einen geſunden Sohn gebohren hatte. Es war der Troſtloſigkeit des Grafen nicht gegönnt, ohne kränkende Gefühle anderer Art um ſein verlohrenes Glück zu trauern. Sein Zuſtand war getheilt in Groll und Gram. Die Verſtorbene hatte ihm mit ihrer Hand ein großes Vermögen gegeben, das aber durch den Aufſtand alter Familien⸗Anſprüche beeinträchtiget war. Mehrere wichtige Prozeſſe ſchwebten, als die Seele der Gräfinn ſich von dem Streit der Erde aufſchwang, und eine Erbinn des Himmelreichs ward. Graf Dohna hatte Pflichten für ſeinen Sohn, er durfte ihm daher kein Recht vergeben, noch ſich den Anſtrengungen entziehen, in denen ihn die Hartnäckigkeit ſeiner Gegner erhielt. Aber theils weich geſtimmt, theils verbittert und ſteigend erregt, empfand er das Bedürfniß, ſich zu zerſtreuen, und das empörte Gemüth durch mildernde Eindrücke zu ſänftigen. So wollte 110 er das Haus, den Garten wiederſehen, worin er harmlos als Knabe geſpielt, und an dem Grabe ſeines Vaters der Tugenden des Entſchlafenen gedenken, unter denen die zufriedene Fügſamkeit in jede Schickung einen vornehmen Rang be⸗ hauptet hatte. Der Graf fand die Aufnahme bei der Gene⸗ ralinn, wie dieſe kleine weibliche Familie ſelbſt, ſo weit über ſeine Erwartung, Julien ſo ſchön, daß er länger in Greifswerda verweilte, als er anfaͤnglich willens geweſen war. Die Gene⸗ ralinn gab nicht zu, daß ihr Anverwandter im Gaſthof logire. Juliens liebenswürdige Heiter⸗ keit, die ſanfte Anſprache ihrer Schweſter, der theilnehmende Ernſt der Mutter, die Heimath⸗ lichkeit der Umgebung: alles dies wirkte wohl⸗ thätig auf ſeine wunde gereizte Stimmung. Er gab einen Tag um den andern zu, zurück verſetzt in das Paradies ſeiner Kindheit, wo er den Tod und die ſaure Mühe des Beſitzes nicht gekannt hatte.— Der Garten war unverändert: denn die Generalinn beliebte neue Anlagen nicht— die alten Bäume ſtanden noch, und im Winkel — 111 an der Mauer war ſogar das Schilderhaus mit dem Grenadier noch ſichtbar, welches der junge Dohna einſt mit Röthel hingezeichnet, um einen ſeltnen Erdbeerſtrauch zu bewachen. Seitdem hatte manches Jahr Blüthe und Frucht verjüngt, der Soldat ſchulterte noch immer, und Graf Dohna belächelte gerührt das Spiel der kindi⸗ ſchen Einbildungskraft. Doch keine Wache ſtand vor ſeinem Herzen, als ſich die ſüſſe Julie tief hineinſchlich. Ihre holde Geſtalt, umwebt vom Zauber der Jugend, regte leidenſchaftliche Ge⸗ fühle in ihm an. Er vergaß ſeines gehabten Verluſtes, wie deſſen, der ihn noch treffen könne, über dem Wunſche, das ſchöne Mädchen zu ge⸗ winnen; und ehe der Graf abreiſte, hatte er eine lange geheime Unterredung mit der Generalinn. Graf Dohna war ein Mann von Charakter und Welt. Ein ſolcher macht die Tiefe ſeiner Empfindungen fremden Blicken nicht anſchaulich, und den Stand ſeiner Finanzen nie zum Stoffe des Geſprächs. Der Verdruß ſeiner Prozeſſe war daher nicht zur Sprache gekommen, und die Generalinn wußte nichts davon. 11²2 Als der Gaſt fort war, eilte Julie ihrer Lec⸗ tion zu. Die Wiederkehr aus der Lernſtunde verzögerte ſich länger als gewöhnlich, und bei dem Anblick ihrer Tochter gedachte die Generalinn der Warnung des Geiſtlichen. Juliens Wange glü⸗ hete, ihre Augen ſchimmerten, die ſchöne Wim⸗ per war noch feucht. »Julie,“ ſagte die Generalinn piquant: ich ſehe, der Unterricht exaltirt Dich— es iſt Zeit, daß er aufhöre. Du haſt jetzt Beſonnenheit nöthig.— Graf Dohna hat mir ſeine achtungs⸗ werthe Abſicht auf Dich eröffnet— ich denke, der Artikel iſt wichtig genug, um eine Sprach⸗ übung daruͤber aufzugeben. Eine künftige Frau ſollte vor allen Dingen ſchweigen lernen— ich werde morgenden Tages Herrn Palm ein Dou⸗ ceur ſenden. Julie erbleichte; dieſer Augenblick zerriß den feſteſten Faden der Kindesliebe. Sie ant⸗ wortete mit Indignation:»ich heirathe den Gra⸗ fen nicht— und werde eben ſo wenig zugeſte⸗ hen, daß mein edler Lehrer ſolch eine Kränkung erfahre. Mein Herz traͤgt ihm ſeinen Lohn ab.⸗ 11³ Es gab eine Scene; die Generalinn vergaß, was eine Mutter nie vergeſſen ſollte. Sie ſagte: daß ſie um ein zärtliches Verhältniß zwiſchen Julien und dieſem Abentheurer wiſſe, und daß ſie ihre mütterliche Gewalt brauchen werde, eine ſo unwürdige Beziehung aufzulöſen, es koſte auch was es wolle. Sie ſprach mit ſchneidender Ver⸗ achtung von dieſem Palm, und erklärte ſich ſogar Willens, den Fürſten um ſeine Entfernung an⸗ zugehen. Die Wünſche des Grafen nahm die Generalinn dagegen in Schutz, und zwar ſo, als ob die Verbindung mit ihrer Tochter eine beſchloſſene Sache wäre. Je mehr die Gene⸗ ralinn ihre Schwäche fühlte, womit ſie Juliens Eigenwillen zeitlebens nachgegeben: deſto härter und tyranniſcher war der Ton, in dem ſie jetzt Gehorſam von ihr forderte, ohne zu bedenken, daß die Liebe frei und keine Sclavinn der Pflicht ſey— und die Ehe dem Menſchenrechte an⸗ gehört. Die Pſychologen mögen es uns erläutern: warum Mütter, die das Opfer des Herzens ſelbſt gebracht, es nichtsdeſtoweniger ihren Kindern 114 zumuthen, und ſich der Liebe ihrer Töchter, der Liebe, die doch das ganze Glück des Lebens umfaßt— mit einer Art von Haß entgegen⸗ ſtellen?— Duldung jugendlicher Gefühle, wei⸗ ſes Verhalten in Wahl und Neigung ihres Kin⸗ des, wird in der Regel nur eine Mutter an den Tag legen, die ſanfteren Gemüths, dem leiden⸗ ſchaftlicher Schmerz erſpart blieb, ihre Tochter durch eine ſtrengere Erziehung zur Selbſtſtändig⸗ keit führt. Julie lächelte mit blaſſem Munde— die Generalinn hätte ſich ihrer Thränen eher freuen mögen. Mit dem Unterricht war es vorbei. Der Baum der Erkenntniß blühete Julien hinfort nicht mehr; aber er hatte bereits die Früchte der Zukunft getragen. Seit längerer Zeit war es ein Lieblings⸗ Gedanke des Fürſten, Romeo und Julie auf die Bühne zu bringen, nur waren die Umſtände die⸗ ſem Wunſche bisher entgegen geweſen. Der erlauchte Direkteur hatte einſt in guter Stunde der Generalinn die Bewilligung abgewonnen, daß ihre Tochter, die dieſen Nahmen fuͤhrte, und 115 durch Jugend, Schönheit und einen Anſtrich von Schwärmerey eine geeignete Repräſentantinn der Heldinn wäre, dieſe Rolle übernehmen dürfe. Die Generalinn gab, wenn auch aus⸗ nahmsweiſe— ihre Zuſtimmung um ſo geneig⸗ ter, als ſie glaubte, es werde bei den vorwalten⸗ den Schwierigkeiten nicht zu der Tragödie kom⸗ men. Ueberdies ſchien Juliens Luſt am Theater erloſchen. Sie meynte daher, nichts mit dieſem Verſprechen zu wagen; doch gegen ihr Erwarten löſete es der Fürſt zur ungelegenſten Zeit ein. In dem ſchwülen Schmollen, welches jener Unterredung folgte, erſchien Se. Durchlaucht perſönlich bei der Generalinn, und mahnte dieſe an ihr gütiges Wort. Er erzählte mit unbefan⸗ gener Freude, wie es ihm nun endlich gelungen ſey, jedes Hinderniß der Aufführung zu beſiegen, und daß ſogar Herr Palm, ein Mann von genia⸗ len Fähigkeiten, ſich ſeiner Bitte füge, und den Romeo geben wolle. Die Generalinn erröthete vor Unmuth. Ein höfliches Lächeln ſpielte in dem bittern Zug um ihren Mund, als ſie ſagte:»ja, ja! dieſer Herr — — 116 —— Palm ſcheint eminentes Talent zu einem Verfüh⸗ rer zu haben“— eine Replik, die der gutmü⸗ thige Fürſt nur für einen Mißgriff des Ausdrucks nahm. Die ganze Seele der Generalinn wider⸗ ſtrebte dieſer Vorſtellung. Sie durfte Julien jedoch nicht compromittiren— ein Verbot, dem eine Dame von Rang unter allen Umſtänden Folge leiſtet. Sie ſelbſt machte ihre Tochter mit der Aufforderung des Fürſten bekannt, und gute Miene zum böſen Spiel: denn Durchlaucht hat⸗ ten beiläufig erwähnt, das Stück müſſe beſchleu⸗ niget werden, da Palm Unſtalten zu ſeiner Ab⸗ reiſe treffe. »„Ich habe zugeſagt für Dich,« ſetzte die Generalinn hinzu:„unſerm Fürſten die Freude nicht zu verderben; aber Einmal nur— hörſt Du, Julie? ſo wahr mir Gott helfe! Einmal und nicht wieder trittſt Du auf.⸗ »Einmal nur⸗— antwortete Julie leiſe: das ſchwöre auch ich!« „Dann erlaube ich Dir,« ſprach die Mutter in einem Tone, den ihr Zerwürfniß unſicher machte zwiſchen Scherz und Hohn: die deut⸗ — 117 ſche Hausfrau zu ſpielen; es iſt eine dankbare Rolle.⸗ Juliens Blick funkelte. Sie hielt ſich von ihrer Mutter verſpottet.»Nur das Fremde iſt mein Genre«— ſagte ſie mit feſter Stimme. Die Gefühle der Tochter bildeten die entſchie⸗ denſte Oppoſition gegen jede, ſelbſt beſſere Mey⸗ nung der Mutter. Indeß war die Generalinn doch nun ein wenig beruhiget. Sie hoffte alles von der nahen Abreiſe des Unheilſtifters, und zählte die Tage bis zu dem Trauerſpiel. Julie befand ſich in ſichtlicher Spannung, ihre Mutter gab dies der ungewohnten Aufregung Schuld. Elfriedens ſtilles Geſicht drückte ängſtliche Beſorgniſſe um ihre Schweſter aus. Sie umſchlich die Mutter, und ſchien etwas auf dem Herzen zu haben; doch die herbe Kälte der Generalinn raubte dem ſchüchternen Kinde den Muth, was es fürch⸗ tete, zu offenbaren. Der Tag der Aufführung kam. Ein Ge⸗ rücht, von den Proben ausgehend, verkündete, daß Julie bezaubernd agire, und einen beſſeren 118— Romeo vielleicht kein berühmtes Theater auf⸗ weiſen könne. Die Generalinn ſchwankte zwi⸗ ſchen dem Verlangen, einen mütterlichen Tri⸗ umph zu feyern, und der Abneigung, jenen ver⸗ haßten Gegenſtand zu ſehen, und zu hören, wie Julie unter den Berechtigungen ihrer Aufgabe die Leidenſchaft ausſpräche, welche der Dichter ſo hinreißend dargeſtellt hat. Die Eitelkeit der Mutter ſiegte. Es waren viel Gäſte am Hofe; der Fürſt wollte den längſterſehnten Kunſtgenuß mit ſeinen Freunden theilen. Das Stück ward vortrefflich gegeben. Julie entzückte, Romeo bemächtigte ſich aller Herzen, die Verklärung der Liebe lieh dieſen Geſtalten himmliſchen Glanz, und als der Vorhang herabrauſchte, athmete in jeder Bruſt ein höheres Gefühl. Nur die Generalinn hatte in dieſen Stun⸗ den äſthetiſch gelitten. Sie ahnete die Verzweif⸗ lung einer Mutter, die ihr Kind alſo verlöre. Die Wahrheit in Juliens Spiel verſetzte die Generalinn in eine quälende Illuſion. Dieſer traumähnliche Schmerz und ein betäubendes Kopfweh, durch dieſe Angriffe erregt, ließen ſie — —r— — 119 unempfindlich gegen Aeuſſerungen des Beifalls und der Bewunderung ſeyn. Jede weitere Ein⸗ ladung ablehnend, fuhr ſie mit ihrer Tochter nach Hauſe, froh, daß Julie willig dazu wäre. „Ich bin müde zum Sterben,“ ſagte Julie, blinzelnd mit trunknen Augen:„und werde ſo⸗ gleich ſchlafen gehen. Gute Nacht, meine Mut⸗ ter!« Sie umfaßte und küßte die Mutter. Die Generalinn drückte ihre Tochter an ſich und ſprach:„Dein Mund brennt heiß, mein Kind! das Schauſpiel hat Dich krank gemacht, wie mich. Der Kopf hämmert mir, und das Herz ſchlägt ſtärker noch, in krampfhafter Angſt. Ich fürchte, Dein Schlaftrunk hat meinen Schlaf für lange Zeit verdorben— ich werde bei Dir wachen laſſen.⸗ Julie lehnte es heftig ab. Sie küßte ihrer Mutter die Hand. Eine verſöhnende Innigkeit legte in die kleine Scene die Rührung des Ab⸗ ſchieds; doch die Mutter wähnte, ſie hätte ihr Liebſtes nun wiedergefunden. Es war noch früh, als die Generalinn aus einem febriliſchen Schlummer erwachte. Elfriede ſtand ſchon vor dem Bett der Mutter mit ver⸗ ſtörtem Anblick. Die Generalinn erſchrak vor der geſpenſtiſchen Bläſſe ihrer Tochter, und dachte, die Gardine werfe einen ſo entfärbenden Schein. Sie raffte die grüne Seide haſtig zu⸗ rück; aber das Mädchen blieb todtenbleich und zitterte an allen Gliedern. Julie war fort in der verwichnen Nacht. Ein kleiner Zettel von ihrer Hand enthielt ein Lebewohl, das den Ihrigen keine Hoffnung ließ. Die Motive dieſer Flucht blieben unenthüllt,— wir aber ziehen einen Vorhang über den Schmerz der Mutter, ver⸗ zagend, daß unſere Feder ihn zu ſchildern ver⸗ mögte.— 4 Die Natur iſt wohlthätig, indem ſie bei ungeheuern Erfahrungen den Menſchen unfähig macht, ſein Schickſal zu empfinden. Welche Milde liegt dennoch in der gänzlichen Kraftloſig⸗ keit eines gebrochenen Herzens! wenn unſer Wehe den höchſten Grad erreicht, dann läßt es in dumpfer Schwäche nach, und wir fühlen nichts mehr als Ohnmacht. Drei Tage waren ſeitdem vergangen. Die V— 12¹1 Generalinn wankte mit müden, ſchleppenden Schritten umher, ihr Blick ſtarrte bald in dieſe, bald in jene Ecke. Elfriede hielt ſich unter Got⸗ tes Beiſtand aufrecht, zur Stütze der unglück⸗ lichen Mutter. Der Hofcaplan kam gleich am erſten Mor⸗ gen; Elfriede hatte in Seelenängſten zu ihm geſendet. Vermutheter Weiſe war Palm mit Julien entflohen, und zwar, wie ſich aus dem Bericht des Geiſtlichen ergab, nach einem völlig vorbereiteten Plane. Der Hof, der ganze Ort gerieth bei dieſem Ereigniß in theilnehmende Bewegung. Der Fürſt hatte mehreremale in dem verödeten Hauſe an⸗ fragen laſſen; doch die Dame deſſelben war außer Stande, ihn zu empfangen. Jetzt trat er ſelbſt ein, und wer hätte wagen mögen, Se. Durch⸗ laucht abzuweiſen? Er fand die Generalinn in jener ſtummen Faſſung, die erſchutternder wie lauter Jammer auf das Beileid wirkt, doch ihre Geſtalt in der kurzen Zeit, daß er ſie nicht geſe: 1 hen, um zwei Decennien gealtert. „Der Gram iſt ſtolz, er beugt den Eigner Der Colibri. 6 tief!« Auch der Fürſt beugte ſich vor dieſer Mut⸗ ter, welche ihm in der Größe ihres Unglücks recht ehrwürdig erſchien. Er zeigte ſich höchlich beſtürzt, und verſicherte bedenklich zu ſeyn, ob ſein Ver⸗ gnügen etwa in irgend einer urſächlichen Verbin⸗ dung zu dem Kummer der Generalinn ſtünde?— Darüber beruhigte ihn die arme Mutter. Sie leitete das Geſchehene von früherer Zeit ab, wo jener Abſcheuliche einſame Gewalt über ihr uner⸗ fahrenes Kind geübt, und es zu einem Schritte verlockt hätte, der Julien, wohin es auch ſey, nur ins Verderben führen könne. Sie klagte den Hofcaplan an, daß er nicht achtſamer gewe⸗ ſen, und doch hatte ſeine Warnung keinen an⸗ dern als einen beleidigenden Eindruck zur Folge gehabt. Der Fürſt ſprach hierauf:„da Palm die Pflicht der Ehre wie der Gaſtfreundſchaft gebro⸗ chen: ſo bricht er damit zugleich das Siegel mei⸗ nes Mundes, und ich bin Ihnen Auskunft ſchul⸗ dig uͤber das Schickſal eines Mannes, der ſich ſolchergeſtalt in ihre Familie eingedrängt hat, zu keinem erfreulicheren Zwecke, als Sie eines 123 theuren Mitgliedes derſelben zu berauben.— Dieſer Palm iſt urſprünglich ein Franzoſe von hoher Geburt. Bei ſeines Vaters Bruder in England erzogen, kehrte er während der Gräuel der Revolution in ſein Vaterland zurück, um die Seinigen über den Canal zu retten; kam aber nur zurecht, um ihr Gefängniß zu theilen, und ſich ſelbſt in die Hände ihrer Henker zu liefern. Ein Zufall entzog ihn dem Beil der Guillotine; aber er verachtete das Leben, was Vater, Mut⸗ ter, Geſchwiſter und Verwandten, wie tauſend andere Schlachtopfer unſchuldig hingeben müſſen. Er kam hierher, mit krankem Herzen, todeswund, von einem meiner Freunde an mich empfohlen. Die Geſellſchaft eckelte ihn an; es iſt billig⸗— ſetzte der Fürſt mit einem trüben menſchlichen Lächeln hinzu:„daß einem dem Schaffot Ver⸗ fallenen die Ketten abgenommen werden.— Ich entband den armen Francois jedes Zwanges, und hielt das Haus des Hofcaplans für ein Aſyl, wo er ungeſtört Muth ſammeln könne, ein Da⸗ ſeyn zu ertragen, das ſolche Erinnerungen ent⸗ hält. Unbegreiflich iſt es mir daher, wie dieſer 6* — — „ — —— 124 Mann, den ich für den Reiz der Liebe ertödtet wähnte, ſich einer Handlung ſchuldig machen können, welche nur durch die üppigſte Leiden⸗ ſchaft entſchuldiget werden mag.— Freilich, V das Mitleid iſt verführeriſch, und Fräulein Julie war unausſprechlich gütig——* V Die Generalinn zuckte mit der Hand nach der linken Seite— der Fürſt hielt inne. Sie ſprach mit Bezug auf die Geſchichte des Entfüh⸗ rers:„darum alſo konnte Julie den Gedanken aushalten, daß ihrer Mutter Herz ſich verblute, dies Herz, das nur für meines Kindes Glück ſchlug!« Die Generalinn hob bei dieſen Worten ihre Augen auf, dann geſenkt verweilten ſie lange auf dem Bildniß des Gemahls. Der gleichmü⸗ tige Blick des Portraits, der Gedanke, wie anders der General dazu ausſehen würde, wenn er dies erlebt hätte, regte den tiefſten Schmersz ſeiner Wittwe auf. Es liegt etwas in der todten Ruhe eines Bildes von Farben oder Stein, was V dem Menſchen bei dem craſſen Wechſel ſeines Schickſals, die fühlloſe Stetigkeit der Materie als ein Glück erſcheinen läßt. 125 „O wohl Dir, daß Du ſchläfſt!« ſagte die Generalinn in brechenden Tönen:»Deine Wun⸗ den empfingſt Du mit Ehre— dieſe wäre Dir tödtlich geweſen. Du hatteſt nur Freude an Deinem Kinde: ich weine die blutigen Thränen der Schmach allein!«— Und zum erſtenmale ergoß ſich die tröſtende Quelle, die der ſtarre Schmerz verſchließt, heiß und bitterlich. Der Fürſt ſchwieg ergriffen. Thränen flie⸗ ßen ſelten in fürſtlicher Gegenwart— und dieſer Zeuge kannte die ſtarke Seele der Frau, die dem Gefühl ihres mütterlichen Leidens erlag. Er verſprach mit reger Theilnahme, das Möglichſte aufzubieten, um den Flüchtlingen auf die Spur zu kommen; doch die Generalinn ſagte:»Julie iſt mir nun doch verlohren, ob ſie ſich auch wie⸗ derfände.⸗ Der Fürſt äuſſerte hierauf, ſinnend, wel⸗ chen Weg ſie genommen haben könnten: Palm ſey entſchloſſen geweſen— es müſſe denn dieſe Idee ſpäter von ihm aufgegeben worden ſeyn— nach Amerika zu gehen, woſelbſt ein zweiter Bruder ſeines Vaters in den Freiſtaaten lebe. Die Generalinn, als ſie das hörte, zitterte in ſich zuſammen; das Weltmeer legte ſich zwi⸗ ſchen ihre letzte Hoffnung. Alle Bemühungen, die Entflohenen zu erfor⸗ ſchen, waren vergebens; Julie blieb ſpurlos ver⸗ ſchwunden. Der Fürſt, den Harm der Gene⸗ ralinn zu ehren, entſagte eine Zeitlang ſeinem liebſten Vergnügen und ſogar der Muſik; es war, als ob der Hof Trauer hätte. Endlich ging der Vorhang des Theaters auf, die Inſtru⸗ mente rauſchten wieder— doch der Mutter Haus blieb öde, und wie die Zeit auch hin⸗ rauſchte, ſie weckte keinen Ton der Freuda mehr in dieſer Bruſt. Die Generalinn dachte jetzt oft an den frommen Glauben der Frau Logau. Juliens Leidenſchaftlichkeit, in den Elementen des Le⸗ bens ihr mitgetheilt, war die Strafe ihrer Mut⸗ ter geworden, während Elfriede mit jenem ſanf⸗ ten Sinne, den ſie in der erſten Nahrung geſogen, ruhig, engelmild, zu ihrem einzigen Troſte diente. Die Güte und Treue dieſes hintangeſetzten Kin⸗ des zermalmte die Seele der Generalinn, wo — 127 Juliens Undankbarkeit ihr Herz zerriſſen hatte. Elfriede verließ ihre Mutter keinen Augenblick. Sie lebte nur für ihre kindliche Pflicht, und ein erheiterter Blick der Mutter war der Sonnen⸗ ſchein ihrer trüben Jugend. Die Zeit zog einen Schleier über jenen Tag des Schreckens und ſeine Folgen. Die Gene⸗ ralinn hatte ſich von aller Welt zurückgezogen, und lebte los und ledig jeder Verbindlichkeit der Convenienz, in faſt klöſterlicher Abgeſchiedenheit. Nur für die Eindrücke der Natur war ihr gram⸗ verſchloßner Sinn noch geöffnet, und die anmu⸗ thige Ländlichkeit des Ortes, ſeine reizende Lage, der Schatten geſtorbner Freuden, der dieſe Woh⸗ nung umſchwebte, hielt ſie hier feſt. Die Schwe⸗ ſter des Fürſten beſuchte ſie zuweilen, es geſchah, wenn auch ſelten, daß die Generalinn ein Stünd⸗ chen ihrer eignen Wahl auf dem Schloſſe zu⸗ brachte; ein Band gegenſeitiger Achtung fand Statt, ohne daß die Generalinn ſich angezogen fühlte, die Annehmlichkeiten des Hofes zu thei⸗ len. Sie ſaß oft allein in ihrem Garten, unter dem Ueberhang einer Akazie, auf einer Bank, wo ſie den Fluß in ſeinem majeſtätiſchen Bogen vor Augen hatte. Dieſes Plätzchen liebte die Generalinn ganz vorzüglich. Das Grollen der Wogen wiegte den Groll ihrer Erinnerung in philoſophiſche Ruhe, die raſtloſe Eile der Wellen war ihr ein tröſtendes Bild von der Flüchtigkeit des menſchlichen Lebens, und wenn der Wind in die Segel der Schiffe blies, die auf der blauen Tiefe fernhin ſchwebten, dann ſchwellten Seuf⸗ zer der Sehnſucht ihr Herz. Traurig ſah die Generalinn ihnen nach und dachte:„ſie kehren voch heim, früher oder ſpäter— o Julie! brächte eines derſelben Dich mir zurück! ich netzte den Fuß, Dich um ſo früher zu begrüßen⸗— und bei dieſer Vorſtellung benetzten ſich ſchon ihre Augen—„Deine Schuld ſänke hinter Dir in den tiefen Grund hinab, ich ſchlöße Dich an meine Bruſt und vergäße alles, und wüßte nichts, als daß eine Mutter ihr Kind nie ver⸗ geſſen kann.“ Doch die Schiffe zogen hin, ſie kehrten aus der Ferne: der Mutter Sehnen ward nicht geſtillt. Elfriede war, wie ſchon geſagt, das einzige — 129 Glück ihrer Mutter, ohne ſich jemals dieſes Vor⸗ zugs zu überheben, den die Entweichung ihrer Schweſter ihr eingeräumt hatte. Sie fühlte, daß ihre Mutter auch darin geſchont werden müſſe, und maßte ſich ihrer nunmehrigen Stel⸗ lung nicht eingreifend an, ſondern eignete ſich die Verdoppelung ihrer Pflichten zu, wie ein Gunſtrecht, von dem man nur leiſe Beſitz zu neh⸗ men wagt. Es lag etwas ungemein Vergüten⸗ des in der ſtillen Seele dieſes Mädchens, und dieſe linde Friedlichkeit beſchwichtigte den Kampf der Gefühle, unter dem die Generalinn litt. Dieſe war wohl zu wund, um die Zartheit in dem Benehmen ihrer Tochter nicht zu empfinden, wenn auch ſelbſt dieſes achtſame Berühren ihr nur Schmerzen verurſachte. Sie erkannte jetzt den ganzen Werth dieſes Kindes, und auch ihr langes Unrecht gegen daſſelbe. Sie ſah nicht minder ein, daß jede Vergötterung unausbleib⸗ lich zur Einſicht menſchlicher Schwachheit führt, und daß auch die Liebe einer Mutter weiſe ſeyn müſſe. Irrthümlich kam die Generalinn faſt dahin, die Kälte für eine Schutzmauer gegen 6 1 3 — An—— 130 beugende Erfahrungen zu halten. Sie ſah ja erſchüttert, wie edel und ausdauernd Elfriede vergalt, und weinte heimlich manche Thräne der Reue um beide Töchter. O ihr Zurückge⸗ ſetzten! harret geduldig: denn es kommt ein Tag, der ſeinen hellen Strahl in jedes Dunkel der Verkennung fallen läßt. Dann werden die Letzten die Erſten ſeyn, wo von himmliſchem Lohn die Rede iſt!— Ein paar Jahre nach jener unglücklichen Cataſtrophe kam Graf Dohna abermals nach Greifswerda. Er bewarb ſich um den erledigten Landraths⸗Poſten daſelbſt, und erhielt ihn auch. Seine Umſtände hatten ſich binnen dieſer Zeit ſehr verändert. Mit den Prozeſſen war der größte Theil des Vermögens ſeiner Frau verloh⸗ ren gegangen, der Reſt, ein kleines Gut, be⸗ ſchäftigte den Grafen nicht durchaus, er wünſchte ſich gemeinnützig zu machen, und ſeine Renten anſtändig zu vermehren, und ſo wurden ſeine finſtern Rückblicke durch die Ausſicht, welche ſich ihm plötzlich eröffnete, ausgehellt. Doch keine glückliche Veränderung kommt allein, ſondern V b —————ÿ—ÿ—ÿ—ꝛ—XBX—;———˖—ͥ——— 131 im Geleit mehrerer frohen Ergebniſſe: die Freude iſt ſtets eine geſellige Erſcheinung. Bei dem erſten Wiederſehen der Generalinn benahm ſich Graf Dohna wie ein Mann, deſſen urbanes Gefühl die Aufrichtigkeit feiner Theil⸗ nahme auch ſchweigend auszudrücken weiß. Mit Kränkungen jeglicher Art vertraut, war der Glaube an die Menſchen ihm tiefer noch als ſein Glücksſtand geſunken; er wußte daher ein nie⸗ dergeſchlagenes Gemüth durch ſeine zarteſte Ach⸗ tung zu erheben. Die Generalinn wußte es dem Himmel Dank, der ihn hierher geführt: denn ſie ſchätzte und liebte den Grafen. So bot ſie ihm zu einem höchſten Beweiſe ihres günſtigen Vorbegriffs, die zweite Etage ihres Hauſes zur Wohnung an, da doch das landräthliche Büreau die Clauſur deſſelben einer gewiſſermaßen öffent⸗ lichen Unruhe ausſetzte, und erfreut fand ſich der neue Landrath in der alten Heimath wieder. Die anſpruchsloſe Liebenswürdigkeit Elfrie⸗ dens, ihr unvergleichliches Weſen und Walten als Tochter, die mütterliche Anmuth, womit ſie den Sohn des Grafen an ihre Schritte feſſelte, —yſ— 132 erlöſchte in dieſem bald genug ein glänzenderes Bild, und das Andenken an manche bittere Er⸗ fahrung. Es ward ihm innigſt wohl in ihrer Nähe. Er trauete ihr beſcheidnen Sinn zu, ein Loos, wie er es ihr bieten konnte, mit ihm zu theilen, ſo wie die Kraft der Selbſtverläugnung, deren eine redliche Stiefmutter bedarf. Elfriede reichte ihm mit Neigung die begehrte Hand, die Generalinn ſegnete dieſe Wahl, und ſie bildeten fortan nur eine Familie. Dieſe glückliche Ehe, welche in den Verhaͤlt⸗ niſſen der jungen Gräfinn wenig änderte, und ihr erlaubte, die Stütze ihrer Mutter vor wie nach bleiben zu dürfen, verſagte jedoch dieſer treuen Tochter die Freude, ein eigenes Kind zu haben. Elfriede ward kränklich, und ihr Gemahl ängſtete ſich ſtill um die Möglichkeit, dieſe uner⸗ ſetzliche Gattin einzubüßen. Was ſind die Be⸗ fürchtungen der Menſchen? Ihm, nicht ihr war ein früheres Grab beſtimmt.— Auf das Dringen des Leibarztes ging die Gräfinn in ein weit entlegnes Bad, obgleich es ihr ſchwer fiel, ſich auf längere Zeit von den Ihri⸗ — — 13³ gen zu trennen, indem die Generalinn nicht zu bewegen war, Greifswerda zu verlaſſen, und ſich in einen Strudel fremder Menſchen zu begeben, und den Landrath ein Zuſammendrang wichtiger Geſchäfte in der Kreisverwaltung abhielt, ſeine Frau zu begleiten. Er verſprach ihr die mög⸗ lichſte Sorgfalt für die verehrte Schwiegermut⸗ ter zu tragen. Nach drei Monaten kehrte El⸗ friede ſichtlich geſtärkt zurück; doch nicht allein. Sie brachte ein kleines Mädchen mit, was ſie an Kindesſtatt aufgenommen. Graf Dohna, der ſeiner Frau bis auf die Hälfte des Weges ent⸗ gegen reiſte, wehrte ihr dieſe Milde nicht und ließ ſie gewähren, was auch Elfriede zutrauens⸗ voll vorausgeſetzt hatte. Nur was ihre Mutter dazu ſagen würde: darüber war die junge Gräfinn ungewiß; und ſie wußte nicht, warum dieſe Frage ihr von Anfang an zweifelhaft, ja ſogar ein wenig peinlich geweſen war. Vielleicht daß Elfriede, die nie beſondere Liebe für Kinder an ihrer Mutter bemerkt, hingegen oftmals ge⸗ ſehen, wie ſtörend der wilde Bube Alexander ihrer ſtillen Sinnigkeit geworden, fürchtete, die 134 Generalinn mögte die Annahme der kleinen Iſolde als eine Unruhe und Verantwortlichkeit mißbilligen, die der Familie erſpart bleiben kön⸗ nen, und wobei die ſchwaͤchliche Geſundheit ihrer Tochter hätte erwogen werden müſſen. Genug, die Landräthinn, ſo einfach ſonſt und unverkün⸗ ſtelt in all ihrem Thun, ſann darauf, den Ein⸗ tritt ihres Schützlings zu einer kleinen Scene der Ueberraſchung für ihre Mutter zu machen. Die kleine Iſolde war nicht ſchön; aber ein höchſt intereſſantes Kind. Ein feiner Bau, dunkle Augen, mit einem Blick voll Tiefſinn, Locken von lichter Bräune, die ein blaſſes Geſichtchen be⸗ ſchatteten, worauf Unſchuld und Melancholie ſich in den zarteſten Zügen verliefen, eine reine reizende Sprache, in den halben Tönen einer Bitte oder Klage modulikt: dies gab dem klei⸗ nen Weſen etwas ſo innig Bedeutendes, daß es Gefühle der Rührung wie des Wohlwollens un⸗ verweigerlich in Anſpruch nahm. Sobald Elfriede ihre Mutter in dem Wohn⸗ zimmer derſelben begrüßt, erſchien Iſolde, ein ſchönes Mundglas in der kleinen Hand, mit dem V 135 frommen Spruche:„wenn Du erkenneteſt die Gabe Gottes!“« welches ſie der Gene⸗ ralinn mit einem ſchüchternen Handkuſſe über⸗ reichte. „»Wer biſt Du, Kleine?⸗ fragte dieſe be⸗ fremdet, und blickte bald auf das Kind, bald auf das Glas. „Eine Schauſpielerinn, antwortete Iſ olde mit blöder Stimme. „Was iſt das, Elfriede?« fragte die Mutter erſtaunt. „Nein, nein! Du kleine Einfalt,« fiel die Landräthinn ein:»Deine Mutter war eine Actrize: Du aber ſollſt es nicht werden. Des⸗ halb,“ ſetzte ſie halblaut hinzu: nahm ich das Kind zu mir, weil es mich dauerte.“ „Ich habe doch mitgeſpielt!« ſagte Iſolde mit Bewußtſeyn:»in den Soldaten war ich das Kind der Wittwe Felden, ein kleiner Junge. Sie riefen Bravo im Parterre, ach fürchterlich! und klatſchten ſehr— da ſchämte ich mich und weinte.“ 4 Die Generalinn lächelte, das Herz that ihr 136 weh; über Elfriedens Wangen, von einer ſchoͤ⸗ nen Wallung gefärbt, rollten Thränen. Die Landräthinn hatte in jenem auslaͤndi⸗ ſchen Bade das früher beſtellte Logis in einem Hauſe gefunden, das als eines der ſchönſten und größten des Ortes, eine große Anzahl von Fami⸗ lien unter ſeinem Dach vereinte. Elfrieden zu⸗ nächſt und zwar im Erdgeſchoß, wohnte eine Schauſpielerinn mit den Ihrigen. Wir nennen die Frau vorerſt, weil ſie als der Srillant der Geſellſchaft, die ſich während der Saiſon hier aufhielt, den höchſten Gehalt empfing, den die Direktion zahlte, und den Werth in ſich faßte, die Verſorgerinn ihrer Angehörigen zu ſeyn, der Mann hingegen, im Hauſe wie auf dem Theater, nur in einer Nebenrolle figurirte. Nichtsdeſto⸗ weniger machte er mit gehäſſiger Anmaßung ſich geltend, und der liebenswürdigen Frau das aufreibende Berufsleben ſchwer und ſauer. Madame Sommny— ſo hieß die Schauſpie⸗ lerinn— hatte zwei allerliebſte Mädchen, Zwil⸗ linge, Iſolde und Emmy. Eine Mutter der Künſtlerinn, ſelbſt noch recht rüſtig, ſtand der 137 Pflege dieſer Kinder und dem wirthſchaftlichen Fache dieſes ambulanten Haushalts vor. Die Landräthinn, in ihrer beſchaulichen Stille, intereſſirte ſich für dieſe theatraliſche Welt in einer Nußſchale, ihrem Zimmer ne⸗ benan. Sie bedauerte die Anſtrengungen der Actrize, ſie bemitleidete die armen Kinderchen, die doch dabei verſäumt werden müßten. Wenn 4 die Mutter im tragiſchen Kothurn auf und nieder ging, und ihre Rolle einübte, ſaßen die Kleinen im hohen Graſe vor dem Hauſe und ſpielten harmlos mit Blumen. Dann weilte Elfriedens Blick mit Wehmuth auf ihnen. Sie dachte: noch freueten dieſe Unſchuldigen ſich der Natur; doch einſt, zu dem Looſe ihrer Abkunft beſtimmt, würden ihre natürlichſten Gefühle ſchweigen müſ⸗ ſen, und die Kunſt ſie nach Brodt gehen heißen. Der Wunſch, ein Kind zu beſitzen, ließ in Elfriedens Glück, in ihrem Herzen ſelbſt eine ſchmerzliche Lücke; hier war die Segnung, welche ſie vergebens vom Himmel erflehte, einer Mutter doppelt zugetheilt, die dieſem heiligen Beruf nicht leben konnte, und der die kleine Doublette vielleicht nicht wenig zur Laſt war. Doch zu ihrer größten Verwunderung ſollte ſie bei nähe⸗ rer Bekanntſchaft erfahren, daß es ſich anders damit verhielte. Die Landräthinn war oftmals unfreiwillig Ohrenzeuginn eines Gezänks, wobei Herr Sommny ſich gleich dem Richard Wanderer gehabte, nur weniger gemüthlich— und mit energiſchen Eitaten um ſich warf. Der Sanft⸗ muth nach, womit Madame die rohen Aeuſſe⸗ rungen ihres Mannes hinnahm, vermuthete Elfriede, er müſſe ein Recht zu dieſen Vorwür⸗ fen haben.— Eines Tages, nach einem hefti⸗ gen Auftritt zwiſchen den Eheleuten, trat die Mutter der Schauſpielerinn in die Nebenthüre, die Landräthinn um eine kleine Gefälligkeit zu bitten, und ſagte, gegen die Wand winkend, mit dem Gleichmuthe der Gewohnheit und eines geveſtigten Nervenſyſtems:„ſie führen den häus⸗ lichen Zwiſt da drinnen öfterer auf, als eben nöthig wäre.— Ja, wo keine Gelegenheit zu Streit iſt, da ſchafft man ſich welche an, und keine kinderloſe Ehe darf auch nicht immer als 139 ein Unglück angeſehen werden. Es giebt etwas um die Kinderchen. Der Schwiegerſohn mögte ihrer gern los ſeyn, und meine arme Tochter weigert ſich.⸗ 1 „»Los? ſeiner Kinder?« fragte Elfriede ſo erſtaunt als empört. „»Nun ſeine Kinder ſind es nicht, ant⸗ wortete Jene:»ohngeachtet ich dem Sommny, der ein unausſtehlicher Menſch iſt, damit nicht helfen will.⸗ Die Landräthinn erröthete und ſchwieg. „Doch meiner Tochter gehören ſie auch nicht,⸗ fuhr die Mutter beſorgt für die Ehre derſelben fort:»ſie ſind fremdes Eigenthum, und nur gleichſam aufgehobene Pfänder der Freund⸗ ſchaft.⸗ »Und Madame Sommny entäuſſert ſich ihrer nicht?« fragte Elfriede mit ſteigender Achtung, und indem ein Gedanke in ihr aufſtieg. „Nein,« entgegnete die Mutter:»ſie ließe ſich wohl eher von dem Manne ſcheiden. Sehen Sie, gnädige Frau, das war ſo. Geſchmeichelt von dem Intereſſe ihrer Zuhörerinn, begann die Alte zu erzählen.»Die Heirath meiner Tochter war, ſo zu ſagen, ein Genieſtreich— und durch⸗ aus gegen meinen Willen. Was wollte ich aber machen? die Liebe iſt nicht allein blind, ſondern auch taub: ſie hört auf keine Warnung. Wir waren damals in⸗— die Mutter nannte eine Seeſtadt.„In ihrer erſten Entbindung kam meine Tochter mit Zwillingen nieder, und die Kinderchen waren ſo ſchwächlich, daß ihr bloßer Anblick erbarmte. Meine Tochter marterte ſich unſäglich ab mit der Pflege der armen Würmer. Sie iſt die Stärkſte auch nicht, das tragiſche Fachh greift an— und wo könnte eine Schauſpielerinn ſich halten? Sie mag Wöchnerinn ſeyn oder nicht: der Tag fordert ſein Recht. Der Regiſ⸗ ſeur mußte Geduld haben, das Repertoir ward oft geändert, meine Tochter war zweimal auf dem Theater ohnmächtig geworden, und für der⸗ gleichen Schauſpiel werden die Logen nicht ge⸗ miethet. In dieſer Angſt kam uns eine ſonder⸗ bare Fügung zu Hülfe. Neben uns wohnte ein fremder Herr mit ſeiner Frau, die ich dem An⸗ 141 ſehen nach für ſeine Tochter gehalten. Die Dame war engelſchön, blutjung, und ſchon ein Mütterchen in Hoffnung— der Mann ſchien bedeutend älter zu ſeyn, und ſah, ich will nicht ſagen verlebt, aber doch ein wenig erloſchen aus. Doch war er das Licht ihrer Augen— ſolch eine Liebe! man hat gar keinen Begriff davon.— Die Fremden lebten ſehr eingezogen, und war⸗ teten nur einen Zeitpunkt ab, um über See zu gehen. Sie hatten häufig das Theater beſucht, meine Tochter von dorther kennen gelernt, und es war ein freundſchaftlicher Umgang zwiſchen den beiden Frauen entſtanden. Einſt nun kommt die Dame zu meiner Tochter, da ſitzt ſie und reiht Perlen an Schnüre, und tauſendfältig rollen ihre Thränen dazwiſchen: denn unſere Zwillinge ſchwebten zwiſchen Leben und Sterben, und den folgenden Abend ſollte eine große Tragödie ge⸗ geben werden. Das dauerte nun dieſe Engels⸗ ſeele und ſie ſpricht: ich trete für Sie ein, Ma⸗ dame Sommnyl laſſen Sie mich den Regiſſeur ſprechen. Geſagt, gethan. Sehen Sie, die Fremde ſpielte, als wäre ſie auf den Brettern groß geworden, Jedermaͤnniglich erſtaunte. Zwei Monate hindurch vertrat ſie meine Tochter, indeß dieſe ihre Gage unverkürzt bezog. Sie konnte nun ihre Kindlein ruhig begraben, den erſten Schmerz ausſchluchzen und ein Bischen Kräfte ſammeln. Die fremde Gaſtſpielerinn, von der Niemand zuvor gehört, fand ungeſtümen Beifall. Man warf ihr Kränze zu, machte Verſe— denn ihr Talent war für eine Privatperſon außeror⸗ dentlich, und ihr Edelmuth blieb auch nicht ver⸗ ſchwiegen.— Doch war ihr dies wohl ſchwerlich an der Wiege geſungen worden: denn die Dame, wie ihr Gemahl, ſchienen vornehmer Abkunft zu. ſeyn. Man hat ſo einen Blick dafür, wenn man viel unter Menſchen lebt.⸗ Die Landräthinn fragte mit itternder Stimme nach ihrem Nahmen; die Mutter der Madame Sommny nannte einen unbekannten. „Es iſt jedoch ein elend jämmerlich Ding um der Menſchen Gunſt!« mit dieſer alltäglichen Bemerkung ſetzte die redſelige Frau ihre Erzäh⸗ lung fort:„die gute Dame mußte ſich nun ſelbſt inne halten— meine Tochter war jetzt im Stande „ —— —xqxxAò‧òòVV” 143 zu dem Debut; aber ſie fand die ehemalige Stim⸗ mung unter den Zuſchauern nicht mehr.⸗ „Ich bitte um Entſchuldigung, daß ich Sie nochmals unterbreche,“ ſagte Elfriede in hörbarer Spannung:»können Sie ſich wohl noch erin⸗ nern, welche Tragödie es war, in der jene Dame zuerſt auftrat?⸗ „Dächte ich doch,⸗ antwortete die Frau mit ſinnender Miene:„es wäre Emilia Galotti ge⸗ weſen. Unſer Eins vergißt, was geſtern geſpielt worden. Oder war es Romeo und Julie?— Nein! ich wollte ſchwören, daß es Emilia Ga⸗ lotti war.⸗ Die Landräthinn ſtieß einen Seufzer über dies treuloſe Gedächtniß aus; und die Frau, welche dieſen zweifelhaften Umſtand für unerheb⸗ lich halten mogte, kam auf gewiſſe Reminiscen⸗ zen zurück, die ihr gegenwärtig geblieben, und deren Vortrag ſie mit Wärme folgendermaßen fortführte.„Hat das Publikum in Betreff ſeiner Lieblinge einmal Einſchub angenommen: ſo iſt es mit ihnen vorbei, und ſie haben für immer das Nachſehen. Die Direktion kündigte meiner Tochter unter einem nichtigen Vorwand, der fremden Dame wurden unter der Hand hohe Anträge gemacht, die ſie mit Stolz abwies. So war ihre Gütigkeit zum Schaden meiner Tochter geweſen!— Einige Zeit darauf ward auch ſie von Zwillingen entbunden— es war ein geſeg⸗ netes Jahr. Jetzt kamen Briefe, es mußte eine wichtige Bewandniß mit ihnen haben, der fremde Herr ſtrebte fort, und die zarte Frau befand ſich in ängſtlicher Unruhe: der Arzt hatte erklärt, die ſchwachen Kinderchen würden die Reiſe zu Waſſer nicht aushalten. Sie mußte meiner Tochter mehr von ihren Verhältniſſen entdeckt haben: denn dieſe erbot ſich, die Kleinen da zu behalten, und ihrer treu zu pflegen. Der fremde Herr ließ eine anſehnliche Summe als Alimente zurück, die er zu erneuern verſprach, wenn er in zwei Jahren nicht zurückkehrte, ſeine Kinder abzuholen. Die⸗ ſer Betrag half nun den Meinigen aus großer Verlegenheit. Aber dieſen Abſchied will ich nicht vergeſſen!— eine Mutter ſcheidet doch ſchwer——“¹ die Frau ſtockte und trocknete ſich die Augen. — 145 »O Julie!“ dachte Elfriede, ihr Herz ſchlug mächtig; ſie hatte ihre Kinder verlaſſen müſſen, troſtlos, wie ſie die Mutter verließ! „Und haben Sie ſeitdem keine Nachricht von den Eltern Ihrer Pfleglinge erhalten?« fragte die Landräthinn, und ihr Athem ſtockte bei der Frage. »Keine!« antwortete die Mutter der Schau⸗ ſpielerinn mit völlig abgeſchloſſener Hoffnung. „Wir können nicht anders glauben, als daß ihnen ein Unglück zugeſtoßen ſey. Das Geld iſt nun verzehrt, und die Kinder, ein freſſendes Capital, ſind uns geblieben. Da kann man es dem Sommny auch nicht grade verdenken, wenn er manchmal murrt. Aber bitte, gnädige Frau, ſagen Sie meiner Tochter nichts hievon, was ich Ihnen erzählt habe.⸗ Welche Wichtigkeit lag für Elfrieden in dieſer zufälligen Mittheilung! ſie zweifelte nicht, die vornehme Gaſtſpielerinn wäre Julie gewe⸗ ſen; ihre Kinder lebten in der Nähe, der Gnade eines rohen Menſchen, wie dieſer Sommny, und von ſeiner Scheelſucht mit feindſeligem Blicke Der Colibri. 7 146—— angeſehen. Bei dieſem Gedanken blutete der Landräthinn das Herz, und zagte in Zweifeln: denn es hatte keine andere Gewißheit, als welche auf einigen Combinationen und dem einfachen Gefühle beruhete, welches ihr ſagte, dieſe Um⸗ ſtände paßten zu dem Geſchick ihrer Schweſter. Konnte dies jedoch nicht auch anders ſeyn?— Nachdem Elfriede mit ſich ſelbſt zu Rathe gegangen, machte ſie der Schauſpielerinn den Vorſchlag, ihr Eines dieſer lieblichen Kinder zu überlaſſen. Madame Sommny hatte die Landräthinn unter dem Gedränge von Hausgenoſſen mit einer ſo zarten Aufmerkſamkeit ausgezeichnet, welche dieſe, ſeit ihr der Aufſchluß jener Geſchichte ge⸗ worden, weniger den nachbarlichen Näherungen als der intereſſanten Ahnung zuſchrieb, vermit⸗ telſt derer ſie in ihr die Schweſter ihrer Freundin erkannte. Durch die ewig häuslichen Mißhelli keiten auf einen Punkt gebracht, der dieſem Ve langen Elfriedens günſtig war, ging die Schau⸗ ſpielerinn unter der Bedingung darauf ein, daß die Gräfinn Dohna es ſich gefallen laſſen wolle, — 147 das Kind als eine anvertrauete Pflicht, und nicht als ein übernommenes Recht zu betrach⸗ ten, weil früher oder ſpäter ein näheres daran geltend gemacht werden könnte. Die Landräthinn ſtellte ſich damit zufrieden und es anheim, welche von beiden Pfleglingen ihr zufallen ſolle. Hier aber zeigte ſich ein Kampf in der mütterlichen Stellvertreterinn.»Ich kann nicht entſcheiden oder wählen, ſagte Madame Sommny in ſchmerzlicher Unſchlüſſigkeit. »Nun, ſo laſſe das Loos entſcheiden!« ſchlug ihre Mutter vor, und machte ſogleich Anſtalt dazu. Madame Sommny wendete ſich ab, als die beiden Unſchuldigen an den verhängnißvollen Griff nach dem Looſe ihrer Zukunft gingen, und V wir wiſſen, wie es Iſolden auf das Lieblichſte gefallen ſey. Nach reiflichem Ueberlegen beſchloß die Landräthinn, ihrer Mutter zu verſchweigen, waoss ſie hinſichtlich Juliens muthmaßte. Die SESeneralinn— dies ſah ihre Tochter wohl ein— durfte kein Wort von jener Schauſpielergeſchichte erfahren, wenn ihr unterdrücktes Gemüth nicht 5. 7* aufgeregt, und die Reſignation nicht gewagt werden ſollte, welche einen traurigen Frieden über dies öde Leben verbreitete. Elfriede durfte die ſchwer errungene Ruhe ihrer Mutter nicht auf ein ungewiſſes Vielleicht ſetzen, und eben ſo wenig in die Aufnahme des fremden Kindes irgend einen Zwieſpalt der Empfindung bringen. Aber dem Gemahl eröffnete ſie, nach liebender Frauen Weiſe, was ihr Herz erfüllte, und er billigte es der Klugheit ſeiner Gattinn, daß ſie geheim halten wolle, was nun einmal nicht zu beweiſen möglich war. Ihm ſelbſt ſchien es nicht ſo ganz wahrſcheinlich, daß jene Fremden Palm und Iulie geweſen ſeyen. Sein Verſtand zog die Folgerungen; das Herz hat aber eine andere Logik, und in einem feinen weiblichen Gefühl tauſendmal die richtigere. Die Introduction der kleinen Iſolde war nun vorüber, und die Generalinn ſah mit Wohl⸗ wollen das Kind zu jeder Zeit und Stunde um ſich. Alexander kam jetzt aus dem elterlichen Hauſe, einem Grundſatze ſeines Vaters zufolge, nach welchem Knaben nicht frühzeitig genug in ———— — 149 die Schule der Welt geſchickt werden können. Die Kleine, an geringe Anſprüche gewöhnt, füllte zwar die Lücke nur mit Stille aus; aber ſie beſchäftigte doch die Sorgfalt der Mutter nicht minder wie ihr Nachdenken. Es gab einen rührenden Anblick, den kind⸗ lichen Dienſteifer der zarten Iſolde für die Gene⸗ ralinn zu ſehen, als fühlte die Kleine, daß die Liebe, welche ſchuldloſen Seelen ſonſt wie eine Gabe der Götter zufällt, hier erworben wer⸗ den müſſe. Sie lauſchte der ſchweigſamen Dame jeden Wink, jeden Wunſch an den Augen ab, und ſaß am liebſten zu ihren Füßen. Die Generalinn hielt nicht Stand gegen dieſe zärtliche Anhänglichkeit. Sie fühlte ſich davon überwältiget, und etwas Aehnliches jener Schwachheit, als welche ſie einſt für Julien ge⸗ habt. Doch eingedenk ihrer Erniedrigung durch dieſe vorgezogene Tochter, wehrte ſie ſich gegen die hinreißende Liebe dieſes Kindes, und ſchob einen ſtarken Riegel vor ihr Herz. Sie fürch⸗ tete, ſich noch einmal ſelbſt zu verlieren. So durfte, ihrem ausdrücklichen Verſagen nach, Iſolde die Generalinn auch nicht Großmutter nennen, wie natürlich dies auch zu dem Verhält⸗ niß des Kindes geſtimmt hätte. Elfriede ſeufzte heimlich über dieſe Härte und Strenge ihrer Mut⸗ ter, welche doch nichts anderes war, als die weich⸗ herzige Furcht, mit dieſem Nahmen auch der Schwäche, die gewöhnlich auf ihm laſtet, nach⸗ zugeben. Als ob die Stimme der Liebe ſich in der fremdeſten Benennung verläugnete! ihr Klang rührt in jeder Form an das Herz.— Ein Briefwechſel war zwiſchen der Land⸗ räthinn und Madame Sommny verabredet wor⸗ den, der von Seiten der Erſteren auch pünktlich begonnen und fortgeſetzt wurde, zuerſt ſäumige Erwiederung, und bald genug gar keine mehr fand. Die Schauſpielerinn hatte ein entferntes Engagement angenommen, dies dann quittirt, um noch weiter zu gehen. So wußte die Land⸗ räthinn ihren Aufenthalt gar nicht mehr, und mußte erſt eine Anzeige davon erwarten, und da dieſe nicht erfolgte, ſo glaubte Elfriede: Ma⸗ dame Sommny wäre geſtorben. Vielleicht liebte die Landräthinn ihr Pflegekind nur um ſo mehr, 151 als der Beſitz deſſelben ihr auf keine Weiſe ver⸗ ſichert war. Eben ſo wenig konnte ihr mütter⸗ liches Gefühl für Iſolde je zu der Gewißheit kommen, ob es auf einem Naturrecht, oder nur auf die Gunſt der Gelegenheit gegründet wäre; aber nichtsdeſtoweniger ruhete es tief in dem treuen Herzen der trefflichen Frau. Graf Dohna ſtarb in der beſten Kraft ſeines Lebens, und ward neben ſeinen Vater auf dem Friedhofe zu Greifswerda beſtattet. Das Haus der Generalinn nahm ſeine vormalige Abge⸗ ſchloſſenheit wieder ein. Iſolde war beinahe erwachſen, als die Landräthinn, nach einem kränklichen, nur der Pflicht geweiheten Daſeyn, ihrer Mutter zur letzten Ruhe voranging, und dieſer die Sorge für das Kind ihres Herzens allein überließ. Sie nahm das Geheimniß ihrer Vermuthung mit in das Grab. An Elfriedens Sarge fühlte die Generalinn den Unterſchied in der Trauer einer Mutter. Wie ſanft war der Schmerz dieſes Verluſtes gegen die Erfahrung, welche ihr Julien entriſſen. Sie durfte der Hingeſchiedenen nachweinen: Julie 22 152 hatte ſich der Nachſicht ihrer Mutter als unwerth gezeigt. Der ehrwürdige Schall des Geläutes, der den Hingang einer Stillen im Lande verkün⸗ dete, bewegte das Mutterherz in Wehmuth; aber ſeine Schläge ſtockten einſt, als das Gerücht von Juliens Flucht von Ohr zu Ohr lief. Jeder Mund, auch der Leumund, war des Lobes der Verewigten voll; doch auch die Beſten und Bil⸗ ligſten hatten ihre Schweſter tadeln müſſen. Um beide Töchter richtig zu würdigen, war Elfrieden die Ehre des Sterbens geworden; Julie, die lebend geſchieden, hatte ihrem Gedächtniß ein Andenken kränkender Schmach hinterlaſſen. O! der Tod der Liebe iſt nicht ſchwer! ein Leben in Entfremdung oder Haß iſt viel ſchwerer. Jetzt wäre die Generalinn fürchterlich ein⸗ ſam geweſen, hätte Iſolde ihr nicht kindlich zur Seite geſtanden. Auch Alexander hielt die Großmutter werth, und ſtürmte oft in den Kloſterfrieden ihres Hauſes.— Wir wiſſen unſere Leſer mit den Verhältniſſen deſſelben vertraut, und ſind nunmehr unſerer Erzäh⸗ 8 —— 153 lung bis auf den Punkt gefolgt, wo ſich das Weitere ergeben ſoll. Es war um die eilfte Stunde. Die Muſik im Schloſſe hatte aufgehört, die Fenſter des Speiſeſaals, voll der hohen Verſammlung, ſchimmerten, und die übrigen Anwohner von Greifswerda genoſſen ſchon der Wohlthat des Schlafs, und mancher Arme auf hartem Pfühl ſchwelgte an der Göttertafel der Traͤume. Iſolde ſtand am äuſſerſten Ende des Gar⸗ tens, gegen die nächtliche Kühle verwahrt und doch durchſchauert. Das Pförtchen nach Auſſen war geöffnet. Sie lauſchte auf den Fluß hin. Es war einſam um das Ufer, jeder Wellenſchlag tönte, das Rauſchen eines Blattes ließ ſich ver⸗ nehmen. Der Mond ſchwamm auf dem Waſſer, die Sterne funkelten in die feuchte Tiefe nieder, und die Nacht goß ihr heiligſtilles Licht über die Schatten der Erde aus. Doch Iſolde war nicht ruhig, ihr Herz ſchlug ängſtlich vor der kommenden Minute. Wie ſollte —yy—— 154— ſie, ein ſchwaches ſchüchternes Mädchen, auf die⸗ ſem ſpäten Wachtpoſten ſich nun gegen eine An⸗ näherung vertheidigen, die ihr bange machte? Nur der Gedanke an die Generalinn, die ſich jetzt ſchwerlich etwas von dieſem Vorgange träumen ließ, ermuthigte ſie, und ſelbſt das Bild des Ge⸗ liebten und ſeiner Nähe mußte der Erwartung zurückſtehen, die Iſolden hier feſthielt. Jetzt ein Geräuſch, ein Ruder plätſcherte— Iſolde fuhr zuſammen und wickelte den Mantel enger um die klopfende Bruſt. Sie ſtrengte das ſchöne, ſcharfe Auge an, richtig! ein Kahn zog die leuchtende Furche und glitt langſam daher. Der Mond trat hinter einem lichten Wölkchen hervor und ſchien auf das Fahrzeug, die Schif⸗ ferinn erglänzte: Iſolde erkannte Nelly. In des Kahnes Mitte ragte aufrecht ſtehend eine hohe Geſtalt, von einem weiten weißen Mantel um⸗ floſſen, deſſen Helle ſich auf dem dunkeln Ge⸗ wäſſer grauenhaft ausnahm, als ob ein Geiſt aus den Fluthen geſtiegen wäre. Der Nachen legte an, Iſolde wagte in unſäglicher Beklom⸗ menheit einige Schritte vor, Nelly ſprang erhitzt — — 155 und athemlos herbei und flüſterte dem Fräulein etwas zu, worauf ſie ſich eiligſt wieder entfernte. Nach einem kurzen, peinlichen Harren trat jener Paſſagier im weißen Mantel in den Eingang des Gartens, und ſtand nun— das Schickſal in Perſon— vor der bebenden Iſolde. Der Fremde war ein alternder Mann von grandioſer Haltung und ſtark gebräuntem Ge⸗ ſicht. Er nahm die Reiſemütze ab, und die ge⸗ bleichten Locken bedeckten noch in Fuͤlle den Scheitel: der Kummer ſchien dem Geſchäft der Zeit in ihrer Färbung vorgegriffen zu haben. Iſolde, von einer wunderſamen Regung bewegt, ſchauete ihn mit einem Blick des Mitleids an. Es war ihr, als ob ſie mit dieſer Erſcheinung eines vergeſſenen Gegenſtandes anſichtig würde, deſſen ſie ſich nun wieder erinnerte. Ihre Seele grüßte ihn vertraut; doch um alles in der Welt hätte ihr Mund keine Sylbe vorbringen können. Der Fremde faßte die junge Dame, welche ihm hier dies ſeltſame Rendezvous gab, ins Auge, ein Dritter würde bemerkt haben, er wolle ſie lieber in ſeine Arme faſſen— aber Iſolde ſah — ————— —— ——— 1—— —— 156— es nicht, und gläubig blickte ſie zu ihm auf. „Mein Fräulein, begann er, und es dünkte Iſolde, ſeine Stimme wankte—:»„wie ſoll ich Ihnen für die Güte danken, daß Sie ſich der Ruhe berauben, Ihre zarte Weiblichkeit der Nachtluft ausſetzen oder irgend einem nachthei⸗ ligen Angriff, um—— ⸗ Der Muth des ſchwachen Geſchlechts wächſt an dem Abnehmen des ſtärkeren.»„Danken Sie mir nicht, mein Herr, antwortete Iſolde ge⸗ faßter:»es iſt die Beruhigung einer mir ſehr theuren Perſon, welche mich keine ſchädliche Möglichkeit ſcheuen läßt, und mich allein Ihrem Wunſche willfährig machte. Sie bringen Nach⸗ richt aus Amerika? wie ich von Balthaſars Toch⸗ ter erfahren. O ſagen Sie! lebt Julie, Gräfinn Dohna noch? und— glücklich?«— Ein Moment dumpfen Schweigens erfolgte. Der Fremde ſeufzte. „Dieſe Frage, erwiederte er:»giebt mir zu verſtehen, Juliens Verhältniß zu einem Manne, dem ſie ſich mit gänzlicher Hingebung anvertrauete, ſey hier nicht anerkannt worden. — 157 Jener Unglückliche, dem dieſer Engel lebte und ſtarb— bin ich ſelbſt!« Iſolde wich zurück.„Allmächtiger Gott! ſagte ſie erſchrocken:„der Vicomte— Herr Palm—— Der Franzoſe neigte das Haupt und ſprach: „laſſen wir Titel und Nahmen, mein Kind! es iſt ſchwer genug, ein Menſch zu ſeyn, und gleich⸗ bedeutend, welche dieſer zufälligen Laſten man trägt. Ich habe den Rang meiner Väter ver⸗ geſſen; aber das ſchmählich vergoſſene Blut der Meinigen dringt noch immer an dieſes alte Herz. Der Elende glaubt ſich frei jeder Pflicht, und ſogar im Recht gegen die Natur, wenn er ihre tiefſten Schmerzen empfunden. Es dürfte alſo übermenſchliche Kraft erfordern, einen Engel von ſich zu ſtoßen, der ſich ihm in ſolcher Oede zugeſellt, und von der Schuld erlöſt, an Gott und der Menſchheit zu verzweifeln. Alles Glück, was ich Juliens Mutter geraubt, habe ich der Tochter wieder erſtattet, und dieſes Zeugniß iſt gewißlich wahr!« Es lag eine Zuverſicht in dem 4 158 Tone dieſer Rede, die erſchütternd auf Iſolde wirkte. „»Die arme Generalinn!“« ſagte ſie:„es iſt ſonach beſſer, daß ſie nichts von Ihrem Hierſeyn erfährt, Herr Palm— wenn Sie denn ſo wollen. Jede Alteration iſt für dieſe morſche, mühſam zuſammengehaltene Kraft zu fürchten.⸗ Palm trat auf Iſolde zu. Er ergriff ihre Hand, ehe ſie es hindern konnte, und der Druck der ſeinigen drang dem Mädchen durch Mark und Bein. Er ſagte:„ſo hinfällig iſt die edle Frau?— Mein gutes Kind, mögten Sie doch geneigt ſeyn, mir einen Gefallen zu erzeigen! Himmel! welch ein armſeliges Wort wählte ich da, um die überſchwängliche Wohlthat anzu⸗ deuten, die ich von Ihnen begehre!⸗ „Worin könnte ich Ihnen dienen?« fragte Iſolde wohlwollend:»ſprechen Sie doch! was ich irgend vermag, ſoll geſchehen.⸗ »Die Generalinn⸗— hob Palm an, und ſein Ton verrieth inneren Kampf:„ſchläft jetzt wohl, nicht wahr?— Was ich auch vorhin ge⸗ ſagt, das ihr zugefügte Leid zu beſchönigen: ihr 159 Andenken zürnte mir, wenn nicht Schlimmeres noch, darüber war keine Täuſchung möglich. Das Bild der beleidigten Mutter drängte ſich zwiſchen mein Glück im Beſitz ihres Kindes; ich hielt nichts ſicher, was mir am Herzen lag. Jede harte Erfahrung prägte ſich meinem Bewußtſeyn zu Strafe aus: denn die Nemeſis bezahlt mit gleicher Münze. Wo eine gebückte Alte mir be⸗ gegnete, da dachte ich an die würdige Frau, die ich ſo tief gebeugt, und gab der Wiederhall den Nahmen Julie zurück: ſo war es mir, als riefe ihr die Mutter aus der Ferne. Als Julie nun todt war und meine Verhältniſſe ſich löſen ließen, trieb es mich über das Meer, eine Beſtätigung nachzuſuchen, die mir vor allem wichtig war, und dann hierher. Die Generalinn lebte und war geſund! mit welcher Freude hörte ich das im Fährhauſe. So hatte der Gram um die Verloh⸗ rene ſie nicht getödtet, noch an ihrem Leben ge⸗ zehrt. Sie würde zu verſöhnen ſeyn, ſagte mir mein Glaube. Doch ehe ich um dieſen Segen ringe, laſſen Sie, mein gütiges Kind, gewähren — EA ——ꝭ—᷑—ꝛ—x—x——-J———————˖—— 5 —— Sie mir dieſe Bitte! laſſen Sie— mich die Schlafende ſehen!« Iſolde entſetzte fich vor dieſer Zumuthung. Sie entgegnete:„die Frau Generalinn hat einen leiſen Schlummer, es könnte ihr Tod ſeyn, wenn ſie zu dem Anblick ihres—«Iſolde ſtockte— »— ärgſten Feindes erwachte, ſagen Sie es nur heraus!« ſprach Palm und lächelte ſchmerzhaft. Dann fuhr er dringend fort: „bitte, mein beſtes Mädchen! Sie verſagen dem Armen ſchwerlich eine Gabe, gönnen Sie dem Bedürftigſten von Allen dieſen kleinen Troſt. Im Schlafe iſt Beſchwichtigung— ich werde Muth ſchöpfen, dem Zuge meines Herzens zu folgen, habe ich die Züge, vielleicht vertieft vom Griffel herzdringender Kränkung, vorerſt beſänf⸗ tiget geſehen, und die Augen geſchloſſen, welche ſo heiße Thränen über mich geweint.⸗ Iſolde fühlte ſich bezwungen. Es lag etwas in dieſem Verlangen, was über ihre Unſchlüſſig⸗ keit ſiegte, und ſie beſtimmte, ihm zu gehorſa⸗ men, obgleich ſie es für gewagt und unſtatthaft fand.— „ — 161 Schweigend gingen Beide in das Haus. Palm dämpfte den Schritt, nur der Mantel raſchelte ein wenig; Iſoldens Fuß berührte den Boden kaum. Sieſchlich behutſam voran. Jetzt waren ſie an der Thüre des Schlafzimmers, die ſtand offen, zur Fürſorge, wenn der alten Dame etwas zuſtieße. Die Generalinn ſchlief ſanft und tief, ihr Athem ſäuſelte hörbar. Sie lag, die Haͤnde gefaltet, ſo weit ſeitwärts, daß die Gardine des Bettes ihre Nachthaube ſtreifte, und die grüne Falte mit ihrem ſeidnen Blaß dies farbloſe Geſicht noch bleicher erſcheinen ließ. Ein friedſam geiſtiges Lächeln, wie es Geſtor⸗ bene verklärt, war in der ernſten Miene, und der Carniol des Siegelringes blinkte im Däm⸗ merlicht der Schirmlampe. Palm blieb auf der Schwelle, und Iſolde deckte ſeine Stellung. Sie hörte ihr Herz ſchla⸗ gen. Er blickte ſtarr auf das Schlummerbild, welches ſeinem Gefühl etwas Heiliges hatte, ſeine Lippen zuckten, vielleicht im Verſuch eines Gebets, er beugte ſein Knie an dieſem Altar der Ruhe. Jetzt regt ſich die Matrone und redete — im Traum:„meine Julie! weiche nicht vor mir— ſieh! ich bin gut⸗— die Stimme erloſch in einem Seufzer. Iſolde zog ſich leiſe zurück und ihren Gefährten mit ſich fort. Im Vorſaal brannte Licht, der Gäſte we⸗ gen, die zurück erwartet wurden; das Wohn⸗ zimmer aber war nur durch einen zweifelhaften Mondſchein erhellt. Hier ließ Palm den Man⸗ tel fallen und jede Hülle des Geheimniſſes. Er ſelbſt fiel Iſolden um den Hals und ſprach faſt ſchluchzend:„mein Kind, mein theures Kind! ſo wiſſe es denn: Du biſt meine Tochter, Iſolde! Sey ſtark, mein Herz! du haſt Todesängſte aus⸗ gehalten, jetzt wolle mir vor Freude nicht bre⸗ chen!« Der ſtarke Mann wankte und weinte in den Armen des zitternden Mädchens. . Iſolde wußte nicht, wie ihr geſchah. Sie konnte den Zuſammenhang dieſer Angabe nicht 2 faſſen. Der Vater aber überzeugte ſie, und ent⸗ wickelte hierauf, was unſere Leſer ſchon wiſſen. ⸗Was hat es mich gekoſtet,« ſchloß Palm ſeine Erzählung:„Zeit, Mühe, Geld, zu erforſchen, daß meine Kinder leben. Fremde Quittungen 163 über große Summen, die wir geſendet, hatten uns getäuſcht, die Zwillinge der Sommny's wãä⸗ ren geſtorben, womit nicht die angenommenen, ſondern die leiblichen gemeynt waren. Und wäh⸗ rend der verlohrenen Jahre führte ein wunder⸗ bares Walten der Vorſehung Dich in dieſes Haus, zu Deinen Verwandten, daß Du die Freude, die Pflegerinn der verlaſſenen Mutter würdeſt. Wo aber werde ich Emmy finden?⸗ Iſolde, im Entzücken jener Vorſtellung, uͤberhörte dieſe väterliche Frage; auch rollte der Wagen der Sängerinn vor, und unterbrach für eine Weile dies Zwiegeſpräch. Palm horchte zerſtreut auf das Geräuſch ihrer Ankunft, und ſchwieg lange. Endlich, da alles wieder ſtill geworden war, trat er an ein Fenſter, und zog Fſolde innig an ſich.»Welch eine ſchöne Nacht!⸗ ſagte er begeiſtert:„wie klar, wie kühl, für jede dunkle Erinnerung, für jede brennende Wun⸗ de!— Dort, ein wenig vom Monde beſtreift, neben dem finſtern Gebüſch des Parks, kommt die Hofcaplaney zum Vorſchein, über dieſen gel⸗ ben Raſen iſt Juliens Fuß ſo oft geſchwebt— 164—— hier ſteht der alte Petrus noch, der mit ſeinen klangloſen Schlüſſeln uns den Himmel öffnete: denn er war Zeuge unſeres Bundes. Alles un⸗ verrückt, ſo wie ſonſt— nur der Menſch wankt im Wechſel der Geſchicke, und muß der Noth⸗ wendigkeit weichen.⸗ 4. Iſolde ſchmiegte ihr Köpfchen an ſeine Schulter, und ließ ſich von ihrer Mutter erzäh⸗ len. Ein Schatten kam hurtig über den Platz auf das Haus zu. Iſolde ſah nur einen Augen⸗ blick lang, wie er ſich drohend ſtreckte, dann hörte ſie die Thüre eben nicht geiſterhaft öffnen und Alexanders Gang auf der Treppe. Sie eilte hinaus. Er glühete.„Ich hoffe,⸗ ſagte er mit barſcher Stimme, voll eiferſüchtiger Furchtſam⸗ keit: vein Blendwerk der Hölle hat mich geäfft, Iſolde. Ich ſah Dich in eines Mannes Arm, ihm zugeneigt auf eine Weiſe, die mein Blut ſieden machte. Es kann nicht weit von Zwölfe ſeyn— ſo war es vielleicht die Spiegelfechterey eines böſen Geiſtes, ein Phantaſieſtück in Hoff: manns Manier: denn Dein Buhle ſchien ſchwärz⸗ lich wie der Teufel.«⸗ 4 — 165 „Gott behüte und bewahre!“ ſagte Iſolde, von dieſer Wildheit geängſtet:„ſprich leiſe, Lie⸗ ber! und verhalte Dich ſacht, daß wir den Schlaf nicht ſtören. Du haſt ganz recht geſehen— welch ein Blick, Alexander! höre doch nur erſt— der Mann war mein Vater.⸗ „Dein— Vater?« ſtammelte der Ulahn: und der wäre wie ein Mondſtein vom Himmel gefallen? ich bin doch nicht betrunken?— Nein! dieſe Wände ſtehen wahrhaft feſt, es flimmert mir nicht vor den Augen, ich erkenne alles ganz wohl: das iſt Dein ſüſſer, ſchöner Mund, der mir ſo etwas vorlügt. Oder wüchſe der Wein des Für⸗ ſten vielleicht am Spalier eines Irrenhauſes?⸗ Iſolde theilte ihm in Eile und Kürze mit, was ihn ihrer Ausſage wie ſeiner ſelbſt gewiß machte.»„Nun bitte ich Dich noch⸗— ſetzte ſie hinzu:»nimm den Vater mit zu Dir hinauf, und logire ihn bis morgen. Wir wollen jedes Geräuſch vermeiden, bevor der Tag laut wird: denn die Nacht iſt Niemands Freund. Gott wird dann wohl weiter helfen.⸗ Alexander wollte nun auf der Stelle ſein — ſchnödes Urtheil gut und die Bekanntſchaft des Oheims machen;; aber Iſolde drängte ihn abſeits. Er ſchloß das Mädchen leidenſchaftlich in ſeine Arme, und fragte mit zärtlichem Spott:»ſo biſt Du nun wirklich meine Couſine und ſogar eine kleine Vicomteſſe von Geblüt?⸗ Iſolde nickte. „Und die Generalinn,“ ſprach ſie:„darf ich jetzt mit vollem Rechte Großmutter nennen, ich mag nun Deine Frau werden oder nicht.« „»O in dieſer Alternative iſt Gleichgültig⸗ keit,« ſagte Alexander empfindlich. Da gab Iſolde ihm ſtatt der Antwort mit ſanften Lippen einen Kuß zurück, und er fuͤhlte ihre Liebe und ſein Glück. Ehe Palm den Bitten ſeiner Tochter nach⸗ gab, und ſich in das Gaſtſtübchen des unbekann⸗ ten Neffen zur Ruhe verfügte, ſagte er:„eines Vermächtniſſes will ich mich entledigen.- Er nahm aus der Bruſttaſche des Mantels ein läng⸗ lich rundes Etui von äuſſerſt feingeflochtenem Baſt, woraus er einen Gegenſtand zog, den er in Iſoldens Hand legte. Es war ein Vögelchen, ein Colibri.„Sieh, mein Kind!« begann der — 167 Vater:»dieſer kleine Südländer war der Lieb⸗ ling Deiner Mutter; er pickte noch auf ihre Stirn, da ſie verſchied, und trank ſich an dem kalten Honigthau dieſer erbleichenden Blume ſelbſt den Tod: denn er ſtarb am ſelben Tage.“⸗— Iſolde drückte das zarte Gefieder an ihre Wange, und erſchauerte unter dieſer Berührung. Sie fühlte ein körperliches Mittel zwiſchen dem Geiſte der Mutter und ihrer kindlichen Sehnſucht. „Wir wollen ihm ein warmes Neſtchen ge⸗ ben“— ſagte ſie leiſe mit bewegter Stimme, und brütete im Inſtinkt der Ahnung über einem Gedanken.. Auf der zierlichen Garnwinde der Gene⸗ ralinn war eine offene Schale von Elfenbein be⸗ feſtiget, den Knäuel hineinzulegen; drin war abgegangener Flaum der Vicogne beſeitiget, und auf dieſes lockere Lager verſetzte Iſolde den klei⸗ nen Leichnam. Dann ging der Vater, ein wenig auszuruhen: denn er war ſehr erſchöpft. Seine Tochter aber blieb wach. Sie ſchwang die reine Seele in betender Inbeunſt auf, und flehete Verſöhnung. Gott erhört, die ihn in Wahrheit anrufen, und der ewige Mittler neigt ſich der Liebe zu, die ihn ſucht! Er erlöſet von jedem Uebel immerdar, und ſeine Wunderkraft wirkt fort und fort in Denen, die an ſeine Hülfe glau⸗ ben, und mit vertrauender Zuverſicht heilig dar⸗ auf hoffen. Der Morgen nach dieſer verhängnißvollen Nacht erwachte ſchön und heiter. Ein Schimmer von roſiger Helle— noch war die Sonne nicht ſo hoch— erfüllte das Zimmer, wie ein holdes Verkünden dem Licht der Erſcheinung voraus⸗ geht. Iſolde ordnete mit unſtäten Fingern den Apparat zum Frühſtück, da trat die Generalinn aus ihrem Schlafgemach. Sie ſah auffallend bleich aus, doch freundlich wie verklärt. „Welch ein herrlicher Tag wird das werden!⸗ ſagte ſie nach dem empfangenen und erwiederten Morgengruß, und ſchauete ſinnend hinaus in die blaue Höhe, an der ſich purpurne Fahnen ent⸗ falteten, als wolle der Himmel heute einen — 169 Triumph feyern. Und Iſolde dachte:„wenn Du wahr ſprächeſt!« In Gedanken vertieft, ſchmä⸗ lerte die Generalinn ſelbſt ihr gewöhnlich kleines Maß von Genuß, und als Iſolde beſorgt nach der Urſache fragte, antwortete die Matrone: »Wer Nectar gekoſtet, verſchmäht Caffee und Kuchen. Ich habe einen wunderbaren Traum gehabt, den muß ich Dir erzählen, Iſolde. Tau⸗ ſend Erinnerungen waren geſtern durch meine Seele gezogen, alles Ferne trat zu mir heran, es war mir, als hätte eine unſichtbare Hand den tiefſten Verſchluß meines Herzens geöffnet, und fremde Gefühle nähmen es in Beſitz. So war es vielleicht nur eine Gedankenfolge dieſer Auf⸗ regungen, daß mir träumte, ich ruhe auf meinem Lager und eine dunkle Geſtalt ſtünde neben mir. Sie winkte, ich folgte ihr. Wie leicht waren meine Glieder! jede Schwere, jede Müdigkeit daraus verſchwunden— ſo wird es uns ſeyn, wenn wir dieſen Erdenleib abgelegt haben.— Ich fand mich in einer himmliſchen Gegend. Berge leuchteten in unbeſchreiblichem Glanz, ein orientaliſcher Hain kränzte Wieſen, die der Der Colibri. 8 — 170— Frühling reizend beſäet hatte. So blüht keine irrdiſche Roſe!— Der Aether war ein farbiges Meer, prächtige Vögel ſpielten wie fliegende Sdelſteine in den Lüften, und ſchneeweiße Täub⸗ lein girrten am Boden. Meine Augen waren trunken, und ſuchten einen ſchattigen Ruhe⸗ punkt. Da trat Julie— ich habe ſie leibhaf⸗ tig geſehen, Iſolde— unter den Palmen her⸗ vor. Seltſam! daß ich mir meine Tochter, die doch jetzt eine Frau von vorgerückten Jahren wäre, nie anders habe denken können, als in ihrer erſten Blüthe. Auch hier war ſie jugend⸗ lich ſchön, nur eine leiſe, ich mögte ſagen, eine göttliche Traurigkeit war über ihr liebes Geſicht verbreitet. In ihrem Blick, als ſie mich erkannte, war eine bittende Sehnſucht, und ihre Arme hoben ſich———* „O Iſolde!“ fuhr die Generalinn nach einer Pauſe mit wankender Stimme fort:„da habe ich gefühlt, daß unſere Trennung nur ein Traum war. Ich empfand die nahe Wiedervereinigung mit meinem Kinde, ich empfinde ſie noch, und will dieſen Troſt feſthalten. Ich war mir däm⸗ — 171 mernd eines langen Zeitraums bewußt, der zwi⸗ ſchen uns läge, und hier war es ein kleines, grü⸗ nes Feld, und meine Thränen hingen wie Thau an dieſen ſeligen Blumen.— Nein, Mutter⸗ liebe iſt unvergänglich. Ich glaubte mich zu ver⸗ ſteinern gegen ihr Andenken, ich nahm den Haß zu Hülfe, und vergaß, daß der Menſchen Thun ja auch nur Gottes Werk iſt, und unter ſeiner heiligen Zulaſſung zu unſerm Beſten geſchieht. Wenn wir das nie vergäßen, dann wären wir fähig, unſern Schuldigern zu vergeben, wie wir bitten, daß uns vergeben werde. Iſolde, wie hieß doch der Vers, den Du jüngſt laut ſagteſt?⸗ Iſolde, welche in tiefer Ergriffenheit die Rede der Generalinn angehört hatte, ſprach die Götheſchen Strophen:„der Haß iſt eine läſt'ge Bürde! er ſenkt das Herz tief in die Bruſt hinab, und legt ſich wie ein Grabſtein ſchwer auf alle Freuden.— Doch überwiegt das Leben alles, wenn die Liebe in ſeiner Schale liegt!“— „Ja,“ ſagte die Generalinn, indem ſie ſich in ihren Armſeſſel niederließ:„das iſt ſo wahr als ſchön. Seit mir träumte, ich ſähe den Him⸗ 8* 172— mel offen, erſcheint mir alles in einem andern Lichte. Es nimmt mich Wunder, daß ich ſo ſchwer getragen, da ich es leichter haben können. Ein Fels iſt von meiner Bruſt gerollt, der Stein gewaͤlzt von der Thür meines Herzens, und die gemarterte und geſtorbene Liebe geht als ewiges Leben, wie ein Gott aus ſeinem Grabe hervor. Ich bin wie von einem Seelentode auferſtanden, und habe nun Friede mit der Welt. Auch Dem, der mich unter allen Menſchen am meiſten ge⸗ kränkt, ſelbſt ihm verzeihe ich!— Bei dieſen Worten ſtrahlte die Herbſtſonne in das Zimmer und webte auf Juliens Bilde. Die Generalinn hatte ſich die kleine Garnwinde näher gerückt, ihre tägliche Arbeit zu beginnen. Die Vicogne glänzte wie ſilbernes Haar, in der elfenbeinernen Schale ſchillerte es bunt wie Smaragd, Saphir und Rubin, und ein paar winzige Corallenäuglein blickten todt und ſanft in das blaſſe Angeſicht der Matrone.„»Was iſt das?« fragte ſie befremdet, und ſtarrte hin. Da trat Iſolde ſchwanken Schrittes heran, hob das Vögelchen aus der Wolle, legte es in den Schooß —— 547 — 173 der Generalinn und ſprach:„ein kleiner geflü⸗ gelter Bote aus Amerika, der, obgleich ver⸗ ſtummt, viel von Julien zu erzählen wüßte.⸗ „Gott!“« rief die Generalinn beſtürzt:„wie kommſt Du zu dem Colibri? Von Julien? ſprich! o halte mir keine Sylbe, die ſie beträfe, nur um die Dauer einer Secunde vor!⸗ „So hätten Sie Kraft,« fuhr Iſolde mit unterdrückter Stimme fort:»„Jemand zu ſehen, der Ihnen ihren letzten Gruß brächte? Juliens Tochter, oder— ihren Gemahl?⸗ „Ihren letzten Gruß!« wiederholte die Ge⸗ neralinn, und eine erſchütternde Bewegung ward ſichtbar an der alten Frau.„Der Allwiſſende weiß es,“ ſetzte ſie hinzu:„er wäre meine erſte Freude ſeit langen leidensvollen Jahren. Julie hätte doch im Tode mein gedacht. Ihre Toch⸗ ter? ob ich ſie ſehen will? wenn Du einſt Mutter ſeyn wirſt, Iſolde, dann denke dieſer Frage. Juliens Gemahl?—— nun er würde mich ſtark genug finden, das hoffe ich zu Gott— ſeinen Anblick auszuhalten.⸗ Iſolde verließ das Zimmer, und kam bald 6 —— —. —— * darauf mit Palm wieder. Sie eilte auf die Generalinn zu, umſchlang ihre Kniee und rief zwiſchen Schluchzen und Jauchzen:»hier iſt Juliens Kind, geliebte Großmutter, das an Deinem Herzen aufwuchs, und dort ſteht mein Vater!“ z Die Generalinn wandelte doch eine kleine ohnmächtige Schwäche an. Sie lehnte erblei⸗ chend, als hätte der Todesengel ſie berührt, im Armſeſſel, und ihre erloſchenen Augen hingen an dem Vicomte, der wie der Zöllner, geſenkten Hauptes, von ferne ſtand. Seine alternde Ge⸗ ſtalt, die weißen Locken, dabei etwas Würdiges in ſeinem Anſehen, rührte die Matrone und regte ihr Mitleid an. Das war nicht das Bild eines Verführers, wie es ihr vorgeſchwebt; und mit dieſem Manne, der ſchon mehr ein Greis ſchien, konnte ſie einer jugendlichen Verirrung wegen nicht rechten. Eine Minute verging ſſchwer und ſchweigend; während dieſem leiſen Schritt der Zeit näherte ſich die Generalinn jener Stärke an, die ſie vor weniger als einer Viertel⸗ ſtunde als ihr eigenſtes Gefühl ausgeſprochen. — —————;— ——õ—— —— — 175 Sie reichte Palm mit abgewendetem Geſicht die Hand. Er ſtürzte zu ihren Füßen, und bedeckte dieſe mütterliche Hand mit männlichen Thränen. »„Julie hat Sie geliebt!« ſagte die Gene⸗ ralinn mit ſchwacher Stimme:„wenn meine Tochter glücklich geweſen, dann iſt der Jammer ihrer Mutter vergeben und vergeſſen.⸗ In der Verſöhnung offenbart die Gottheit ihr ſeligſtes Geheimniß. Kein ſchönerer Tag war in dieſem Hauſe noch gelebt worden, und eine außerordentliche Freude löſte ſeine Regel auf; die Liebe iſt alles Geſetzes Erfüllung. Die Generalinn ſaß und horchte, und hörte ſich nicht ſatt, da Palm von ſeiner entſchlafenen Gattinn, von ihrem häuslichen Glück in einſamer Befrie⸗ digung erzählte. Julie war ihr aufs Neue ge⸗ ſchenkt, ob ſie auch geſtorben war. Der Auf⸗ ſchluß hinſichtlich Iſoldens, zeigte ſich von min⸗ derer Wirkung auf die Großmutter, als ihre Enkelinn dies erwartet hatte. Schwerlich konnte dieſe Entdeckung die Zärtlichkeit der Matrone für das Mädchen erhöhen, nur etwa unter eine verwandtſchaftliche Berechtigung ſtellen, und vor 176—— 2* jetzt ging alles Denken und Sinnen der Gene⸗ ralinn in dem Durſte auf, von Ihm, der die Quelle ihrer Leiden war, Troſt zu ſchöpfen, um das Mutterherz zu erquicken.— Eine Scene anderer Art hemmte jetzt den Einfluß dieſer ge⸗ waltſamen Rührung. Alexander trat ein. »Guten Morgen, liebe Großmutter!« ſagte er friſch und froh: snicht wahr, dieſer Wunſch iſt Dir ſchon erfüllt? gewähre nun auch den meinigen. Sieh'! hier iſt meine Erwählte!⸗ Er umfaßte Iſolde, und hob im ſteten Drange einer Kraftäuſſerung das Mädchen ein wenig in die Höhe. Die Generalinn öffnete die Augen weit. Sie ließ das Paradies einer wundervollen Na⸗ tur, darin Julie gelebt, fallen, und den Waſſer⸗ fall dazu, in deſſen Nähe das Landhaus des Vicomte gelegen, um den Begriff einer Mög⸗ lichkeit zu faſſen, die über ihren Horizont war. „Iſolde?« fragte ſie mit Staunen und zögernd:„davon habe ich ja noch gar nichts gemerkt.⸗ »Ich ſelbſt habe es geſtern erſt gemerkt,⸗ — ⁴177 antwortete Alexander liſtig:„und zwar an einer ganz kleinen Lüge, daß ich ſie wahrhaft liebte.⸗ Iſolde erröthete und blinzelte ihm ein Ver⸗ bot zu. 5 Die Generalinn ſchüttelte wie ungläubig den Kopf.»Wie iſt's mit Dir, Iſolde?⸗ fragte Sie hierauf:„Du ſchlägſt den Wildfang aus? und läſſeſt ihn fahren— zu Kahne mit der kleinen Schifferinn?⸗ „Nein, liebe Großmutter,“ erwiederte Iſolde mit dem vollen Ausdruck der Liebe:„ich ſchlage ein; mein Herz, mein treuer Wille ſoll künftig ſein Steuermann ſeyn. Auch wird er es mir zu Gefallen thun, und von nun an die Landſtraße kommen.⸗ „Ein Luftſchiff wäre mir zu dieſem Zweck ſchon das Liebſte⸗— entgegnete der raſche Ulahn, und die Meinung ſchwankte, ob er da⸗ mit ſeine Sehnſucht andeuten oder ein Verſpre⸗ chen umgehen wollen, auf das er ſich nicht ein⸗ zulaſſen ſchien. „»Du biſt ein Windflügel, mein Sohn,⸗ ant⸗ wortete die Matrone mit einem Lächeln zärtlicher 178 Bekümmerniß:„und könnteſt leichtlich aus Deinen Himmeln fallen. Für Leute Deines Schlages iſt Zögern Zuverläſſigkeit. Iſolde, Du wirſt ihn kurz halten müſſen.— Doch, Alexander, hier ſitzt der Vater, noch haſt Du ihn nicht gefragt. Ihm gebührt das Wort um die Braut.⸗ „O mit dem Oheim bin ich bereits richtig,⸗ verſicherte der Neffe, und reichte dem Vicomte cordial die Hand:»er giebt mir die Tochter. Ein Soldat wirbt ſchnell.⸗ „Nun ſo gebe Euch Gott langes Glück!⸗ ſagte die Generalinn gerührt. „Ich empfange hier nur,“ ſprach Palm: „unverdiente Freude überfüllt mein Herz.. Aber auch das Herz der Matrone ſchwellte zu ſehr. Dieſe flüchtige Verlobung hatte ihre Kraft vollends erſchöpft. Sie bedurfte der Er⸗ holung, um ihre Lebensgeiſter zu ſammeln, und bat, daß man ſie vor jetzt allein laſſen möge. Palm ging nach dem Schloſſe, ſich dem Fürſten vorzuſtellen; die Liebenden gingen in den Garten. Sie hatten ſich noch tauſend — — — 179 Dinge zu ſagen, und Nachmittags ſchon mußte Alexander fort. Der Fürſt machte ſeinen gewöhnlichen Mor⸗ genſpaziergang, als der Vicomte ihm gemeldet ward. Er kam daher, ſein Schritt rauſchte langſam durch den Blätterſchutt des Herbſtes. Dieſer ſtolze Nacken war doch nun ein wenig gebückt, und er verbeugte ſich tief. Der Fürſt ſtand betroffen; es war ihm, als ſähe er einen Geiſt. Er ſchauete trüben Blickes in den Spie⸗ gel der Vergangenheit, und erkannte zum erſten⸗ male, wie alt er ſelbſt geworden wäre. „Das dachte ich nicht,⸗ ſagte er:„daß wir einander hienieden noch einmal begegnen wür⸗ den. Romeo, der ſich unſerm Andenken ſelbſt getödtet, iſt ſeinem Grabe entſtiegen.⸗ Dieſer Vorwurf war der einzige, deſſen der wohlwollende Herr gegen einen Mann fähig war, der ſo ſichtlich das Gepräge ſchwerer Erfahrungen trug. Palm überließ ſich der Gnade des fürſt⸗ lichen Urtheils, führte ſeine Entſchuldigung mit wenig Worten und nur ſchlüßlich an: die Gene⸗ ralinn ſey ihm verſöhnt. Dies reichte hin, die —— 8. 180 gutmüthige Durchlaucht der Laſt zu entheben, ſich zürnend gegen ihn behaupten zu müſſen. Der Fürſt, daran gewöhnt, nur einen äſtheti⸗ ſchen Maßſtab an leidenſchaftliche Verirrungen zu legen, hatte jenen Schritt im Stillen weit minder ſtrenge gerichtet, als die Welt. Der Vicomte war ihm einſt ein Gegenſtand des tief⸗ ſten Mitleids und perſönlicher Schätzung gewe⸗ ſen. Er hatte den Umgang dieſes Mannes ge⸗ liebt, der ſich rar machte, und das Vertrauen eines Unglücklichen, der jeder Theilnahme aus⸗ wich, der ſtarr und abgeſchloſſen allen Freuden nur in ſich ſelbſt lebte, ihm zarter geſchmeichelt, als die ſervile Hingebung Derer, welche ihm nichts zu entdecken wußten, als die Wünſche ſeiner Gunſt. Jetzt ſtand dieſer Mann nun vor ihm. In dem Fürſten erwachten verjährte Er⸗ innerungen, zu denen ſich ein neues Intereſſe geſellte, dieſes ſchönen Herzens würdig. Wäh⸗ rend dem Geſpräch gingen ſie mit einander auf und nieder, wie vor zwanzig Jahren. „Ja,“ ſagte der Fürſt, und ein geheimniß⸗ volles Lächeln umſpielte ſeine Lippe:„es war — ☛‿ — ☛, 181 wohl nicht hübſch von Ihnen, Vicomte, daß Sie uns damals die herrlichſte Zierde von Greifs⸗ werda, die Blume unſerer weiblichen Jugend, an Schönheit und Talent, entwendeten; aber— auch was beweint ward, kommt zurück! ſagt irgendwo ein geiſtlicher Dichter. Jede Natur ſindet ihren Herbſt; doch ein neuer Frühling bringt die verſchwundenen Blüthen wieder.— Sie erſcheinen mir wie gerufen, wenn dies als möglich anzunehmen wäre. Wiſſen Sie ſchon, Ihre Tochter iſt hier, und im Hauſe der Gene⸗ ralinn?⸗ „Ich weiße— antwortete Palm:„Gott hat mir überſchwänglich mehr gegeben, als ich zu hoffen wagte; ich ſuchte Schmerz an Grä⸗ bern, und habe Freude in den Armen der Leben⸗ digen gefunden. „Sie wiſſen alſo?« fragte der Fürſt in Extaſe:„nicht wahr? ein engliſches Weſen! welche Geſtalt! welche Stimme! Sie gleicht ihrer Mutter. Wir waren geſtern alle bezau⸗ bert. Ich mußte viel an die holde Julie denken, und jetzt ſehe ich, daß es eine Ahnung geweſen. — Der gefälligſte Zufall führt Sie hierher, Vicomte. Wie aber nahm die Generalinn dieſe Ueberra⸗ ſchung auf?« Palm ſtarrte den Fuͤrſten an.»Geſtern?« fragte er fremd:„die Generalinn? nun, ſie liebte das Mädchen ſchon; das Alter findet nichts wunderbar mehr, was ſich ihm auch be⸗ geben mag.⸗ Der Fuͤrſt nickte beifällig und ſprach:„ich muß Ihnen aber doch nun mittheilen, wie ich dazu gekommen bin, den Vermittler in dieſer difficilen Sache zu machen; ich miſche mich ſonſt nie in Familien⸗Angelegenheiten. Es war im verfloſſenen Frühjahr, als ich eines Morgens am grünen Gitterthore dort einen Menſchen erblickte, der ein ziemlich vagues Anſehen hatte. Ich frage ihn, was er hier zu ſuchen habe? und er antwor⸗ tet mir in gebildeter Sprache, nennt ſich einen Schauſpieler, Nahmens Sommny, und ſpricht meine Kunſtliebe für ſein Fach um ein Viaticum an. Auch wolle und könne er mir ein Geheimniß entdecken, was für eine achtungswürdige Dame hieſigen Ortes von größter Wichtigkeit wäre. Ich — 183 erlaube ihm zu reden. Da erzählt der Menſch mir eine fabelhafte Geſchichte, in Bezug auf Sie und die Ihrigen, Vicomte. Eine Tochter von Ihnen ſey für das Theater, doch fein und gut erzogen worden, aus einer fürſorgenden Hand in die andere, und zuletzt nach B...... gegan⸗ gen, um ſich dort als Sängerinn zu engagiren. Von einer zweiten— als hätten Sie bei Ihrer Ueberfahrt nach Amerika die Töchter dutzendweiſe am Strande verſtreut, und dieſer Vagabund ſie aufgeleſen— faſelte er Unſinn, den ich nicht verſtand. Dieſe ſolle von ſeiner geſchiedenen Frau an eine ausländiſche Edelmama, eine Schwiegertochter unſerer Generalinn, verkauft worden ſeyn. Die Generalinn hatte ja aber nie einen Sohn; das iſt alſo ſchon eine Lüge. Seine erſtere Ausſage enthielt jedoch ſo viele ſpecielle Data, daß ich nicht umhin konnte, ſie wahrſcheinlich zu finden. Ich notirte davon, was mir brauchbar ſchien, entfernte ſodann den Schauſpieler mit einem Geſchenk, und forſchte nach. Unter dem Nahmen Emmy Sommer— dieſe kleine Umſchreibung konnte mich nicht irren— lebte Ihre Tochter in B...„ und ob auch nach Verdienſt gefeyert, doch nicht ganz glücklich. Eine Familie, der ſich das liebe Kind angeſchloſſen, um ſeine Jugend unter eine freund⸗ liche Aufſicht vor zudringlichen Verehrern ſicher zu ſtellen, machte ſchnöden Mißbrauch von die⸗ ſem Vertrauen. Man quaͤlte das arme Mädchen mit habſüchtigen Ränken, mit Anſchlägen der verwerflichſten Art. Emmy hatte ſich mit Ab⸗ neigung gegen die Oeffentlichkeit des Talents erklärt, das für ihre zarte Conſtitution überfor⸗ dert würde. Sie hatte ferner den Wunſch aus⸗ geſprochen, in ländlicher Zurückgezogenheit nur wie die Nachtigall ſingen zu dürfen, begeiſtert von der Natur. Sie können denken, daß Emmy mit Freuden einwilligte, als ich ihr durch einen bevollmächtigten Freund meinen Schutz anbieten ließ, und ein ſtilles Plätzchen zur Uebung der himmliſchen Stimme. Greiſswerda hat auch ſeinen Helicon.⸗ Der Fürſt lächelte mit Selbſtbewußtſeyn und fuhr fort:„reich würde ſie hier nicht werden, aber ruhig; die Genügſamkeit iſt unſere Schatz⸗ — — 185 kammer, und dieſe, wie wir claſſiſch wiſſen, hat überall genug.— Das verwandtſchaftliche Ge⸗ heimniß bewahrte ich annoch; wußte ich doch nicht, wie die Generalinn zur Aufnahme ihrer Enkelinn geſinnt ſeyn würde, die als Sängerinn aufträte. Verhaltner Aerger und die Folgen einer Erkältung nach heißen Stunden, verur⸗ ſachte Ihrer Emmy eine ſchwere Krankheit, an der ſie lange darnieder lag. Die Angegriffen⸗ heit, an der ſie noch leidet, gab uns den Vor⸗ wand, ſie der Generalinn nahe zu bringen; auf einen ſo ſchnellen Erfolg hätte ich jedoch nicht gerechnet..— Der Vicomte ſtand wie eine Bildſäule. Sein bräunliches Geſicht hatte während dieſer Rede die Farbe gewechſelt, bald bleichgelb, bald dunkelroth, gleich dem Laube des Herbſtes; aber in ſeinem Auge glänzte ein Sonnenſtrahl des Entzückens, wie der Aufgang einer ſchöne⸗ ren Zeit. Er hob die Hände zum Himmel auf, und ſprach mit gerührter Stimme:„du ewiger Schirm! ſo habe ich dieſe Nacht unter einem Dache mit meinem Kinde geſchlafen, ohne es zu wiſſen! Mein Fürſt, wie ſoll ich danken? ich finde hier zum zweitenmale, was mein ver⸗ ödetes Herz beſeligt!« Er machte eine Bewe⸗ gung, als wolle er ein Knie beugen. Jetzt kam die Reihe des Erſtaunens an den Fürſten; eine gegenſeitige Erklärung erfolgte, zum Preiſe Deſſen, der wohl tauſend Wege ſeiner Führungen zu finden weiß, wo die Ver⸗ nunft nicht einen ſieht. Dann ging Palm in jugendlicher Geſchwin⸗ digkeit nach Hauſe: denn er ſehnte ſich, ſeine Emmy zu ſehen, das Ebenbild der Verſtorbenen, wie der Fürſt ihm geſagt, und ſie erkennen zu kaſſen, von den Andern. Palm blieb mit ſeinen Töchtern im Hauſe der Generalinn wohnen. Er wollte Greifswerda nicht mehr verlaſſen. In der Hofcaplaney war jenes Zimmer zu entübrigen, welches einſt das ſeinige geweſen. Seinem Wunſch ward die Ver⸗ günſtigung, daß er ſich auch jetzt als ein ſtiller Inhaber deſſelben betrachten dürfe. Hier ver⸗ lebte der Vicomte manche Stunde allein: denn eine gänzliche Einſamkeit war ihm zuweilen Bedürfniß. Der Schlüſſel öffnete ihm die Pforte der Erinnerung. Die alten Möbeln waren wiederum zu ſeinem Gebrauch; auf die⸗ ſem Stuhl hatte Julie geſeſſen, an dieſen Tiſch ihren ſchönen Arm geſtützt, wenn ſie ſinnig ſei⸗ nem Vortrage horchte. Hier ſtand der kleine Bücherſchrank noch, der den größten Geiſt ſeines Zeitalters faßte, und abermals ſtellte der Vi⸗ comte ſeinen Shakespear darin auf; es lagen Bandzeichen von Julien zwiſchen den Seiten, die er heilig bewahrte. Am Spiegel ſteckte eine welke Blume noch, die einſt an ihrem Buſen gedüftet— die Liebe, welche auch den Leichnam eines Blümchens beſeelt, hauchte ihr jenen leben⸗ digen Odem wieder ein. Der Winter feſſelte den Fluß; rauchend athmete der Froſt über der ſchimmernden Eis⸗ bahn, ſilberne Wälder ſtarrten an den Scheiben, die ſein Blick durchirrte; aber es hinderte ihn nicht, das Herz in dieſem Raume zu erwärmen. Er fand ſich hier zurecht, wenn das Labyrinth der menſchlichen Schickſale ſein Gemüth befan⸗ gen hatte. b Der Ritter Lanzelot kam ſeit der Cata⸗ ſtrophe unſerer Erzählung ſelten mehr nach Greifswerda. Ein junger Edelmann, ein At⸗ taché des Hofes, der, ein muſikaliſches Genie vom erſten Range, an jenem Opernabend den Barbier von Sevilla geſpielt hatte, bewarb ſich einige Zeit darauf um die Hand der ſchönen Roſine. Die Generalinn ſagte lächelnd, als Emmy ihr mit ſüßem Zagen ihre Neigung ge⸗ ſtand:»etwas Chirurgiſches— das war in den Sternen geſchrieben— ſollte nun ſchon in unſere Familie kommen— und ſo gebe der Himmel, das der Geliebte Dir ein Heilkünſtler im höchſten Sinne werden möge!⸗ Fſoldens Hochzeit war nach Ablauf eines Jahres angeſetzt, und es blieb unabänderlich bei dieſem Beſchluß, ob auch Alexander ſtuͤrmiſch dagegen ankämpfte. Diesmal beſiegte ihn das Gefühl einer zunehmenden Schwäche, und die Stärke der kindlichen Liebe: die Generalinn fühlte ſich. Wenn ſie in ihrem Armſtuhle ſaß, 9 F 1 — — 189 und das Auge, jetzt von einem dünnen Flor über⸗ webt, auf das Vögelchen gerichtet hielt, dann ſchien ihr das Spiel ſeiner Farben ein Regen⸗ Zogen der Verſöhnung nach einer Sündfluth von Thränen; ihr Gedanke ſchwebte auf den kleinen Flügeln, die der Tod geſenkt, in das Land ſeiner Heimath, wo Julie begraben lag. Die Grän⸗ zen der Erde rückten zuſammen, die Zeit, auch die längſte, die dem Menſchen vergönnt iſt, war ja nur eine Spanne, und alles Irrdiſche ein flüchtiger Traum. Ihr wenangener Leben trat in wechſelnden Bildern vor das Gedächt⸗ niß, und zerrann, wie die Vorſtet ungen Deſſen, der da einſchläft. Alles war vori die ver⸗ kümmerte Jugend, die unglückliche ebe, die ſo lange ſchon unter tieferen Schmezen ruhete— die unendliche Sehnſucht, welchen Ruhe ge⸗ worden. Manche Geſtalten nur in atten grell, oder im mildeſten Lichte der Remin cenz unter dieſem Verdämmern auf. Unter aa erſteren ragte die Zigeunerinn hervor. Wo ürchterlich hatte das Weib wahrgeſagt! die eralinn er⸗ ſchauerte bei dieſem Andenken. an etzteren gehörte die gute Logau, deren eheliche Kette der Tod zeitig löſete; doch lebte ſie in wackern Kin⸗ dern fort. Vielleicht dachte die Generalinn jener Frau, wenn ſie ihren Enkeltöchtern unter den Regeln für die Zukunft der Ehe auch die Lehre gab:„befleißiget Euch vor allen Dingen des Gleichmuths, und einer ſtillen Seele. Das Gemüth des Weibes ſey heilig, eine unſichtbare Kirche! gebet nie einem zerſtörenden Grame oder leidenſchaftlicher Heftigkeit Raum: denn Ihr ſollt Mütter werden, liebe Kinder. In die⸗ ſer Beſtimmung liegt etwas Göttliches. Dann theilet Eure Liebe gleichmäßig, oder doch Euren Segen. Die Vorſehung iſt gerecht. Das Quentlein, was Ihr dem einen Kinde vorent⸗ haltet, fällt als ein Centnergewicht des Kum⸗ mers um des andere auf Euer eigenes Herz zu⸗ rück.- De Generalinn ſeufzte ſchwer. Nelly Balthaſar ſaß im Frühlingsſonnen⸗ ſchein am Ufer und ſtrickte Netze. Sie zog die Schlingen ampfhaft enge, wobei ſie bedachte, wie bald man ſich in ſeiner eigenen Liſt fangen könne; das Herzchen war ihr ſelbſt ein wenig — 191 zugeſchnürt. Sie rudert nicht mehr auf dem ungetreuen Element. Wenn der Mond mit ſeinem ſtillen Licht über dem rauſchenden Waſſer ſchimmert, dann ſitzt Nelly am liebſten allein, und ſchaut tiefſinnig den Wellen nach. Sie ſummt ein Liedchen, das, welches Inhalts es auch ſey, in ſeinem Gefühl ſagt oder ſingt: „fließe, fließe, lieber Fluß, nimmer werd' ich froh——⸗ Der Colibri ſitzt noch immer in der ſpani⸗ ſchen Wolle, während ſeine Pſyche vielleicht in dem Paradieſe einer neuen Welt ſchwebt, und den Honig ätheriſcher Blumen koſtet. Seit einiger Zeit ſteht die kleine Winde ſtille: denn die Parze hat den Lebensfaden der würdigen Generalinn abgeſchnitten. —:—́-— — —2: Ruine. Wenig kann das Glück uns geben: Denn ein Traum iſt unſer Leben, Und die Träume ſelbſt ſind Traum! Calderon. In einer fruchtbaren Gegend von Norddeutſch⸗ land, eingeſchloſſen in eine Gebirgskette, lag ein kleines Rittergut, Struenſee geheißen, wie der däniſche Miniſter, und bewohnt ſeit manchem Jahr von ſeiner Beſitzerinn, einem alten Fräu⸗ lein, Roſamunde von der Golz. Ein ſtiller heim⸗ licher Bergfriede webte um das graue Schloß und um ſeine Umgebungen. Es lag auf einer kleinen teraſſenförmigen Anhöhe, die wie der Wohnſitz der Frommen, ewig grünte. Nirgend war hier eine Sicherheits⸗Maßregel zu erblicken, die auf ängſtlichen Gewahrſam ſchließen ließ. Kein Wall⸗ graben zog ſich düſter um dieſe alterthümlichen Mauern; ein klares Bächlein lief hurtig unter ihnen hin, darin ſpielte die Forelle. Blumen⸗ gellände dienten ſtatt der Palliſaden, und nur die 9* Dornen der wilden Roſe, die an allen Hecken blühete, ſtarrten dem Angriff entgegen. Rieſen⸗ hafte Bäume, die Wache des Schloſſes, die in keinem Sturme noch gewankt, ſchlangen die ſtar⸗ ken Arme in einander, und bildeten gaſtlich ein offnes Thor für Jeden, der da käme. Auch ſchien dieſes unberühmte Dörfchen ſichtbar unter höhe⸗ rem Schutze zu ſtohen. Die göttliche Ceres, als ihr ſegnender Schritt über die Erde ging, hatte dieſen Fluren ihre volleſten Fruchtkörner einge⸗ ſtreut. Die Erndten ſchütteten goldnen Reich⸗ thum in die Scheuern, ohne daß die älteſten Inſaſſen des Ortes ſich eines Mißwachſes erin⸗ nern können; die gelbe Hagelwolke zog vorüber, wenn die reifen Aehren ſich ſchwer und ſchüch⸗ tern dem Gewitter beugten, und das Brodt, deſſen hier Niemand ermangelte, war weiß und ſchmackhaft, wie fremde Semmel. Vor den Häuſern der armen Fröhner ſogar prangte ein reinliches Gärtchen voll Primeln und Lack, daß die Arbeit nicht ohne Anmuth wäre. Die kleinen dunklen Fenſter, von der beſonnten Rebe enger noch umſponnen, ließen tiefe Blicke in das Glück 197 der Beſchränkung zu, und der ideale Wunſch Heinrichs des Vierten, daß jeder ſeiner Unter⸗ thanen ſonntäglich ein Huhn im Topfe hätte, ging unter der Regierung dieſes beſcheidenen Landfräuleins in Erfüllung.. Die Lage des Gutes, reizend aber iſolirt, beguͤnſtigte das Stillleben ſeiner Herrinn. Nur in der Diſtanz einer Meile waren die adelichen Höfe der Nachbarſchaft von Struenſee zu finden, und obgleich Fräulein Roſamunde in freundlicher Beziehung zu dieſen Edelleuten ſtand: ſo fand doch kein eigentlich geſelliger Umgang zwi⸗ ſchen ihnen Statt. Dieſe jungfräuliche Dame hatte die Natur zur liebſten und innigſten Freundinn. Roſamundens Gemüth, ſanfter und ſehnſüchtiger Art, war im zarteſten Ver⸗ ſtändniß ihrer Stimmen, die einer vom Geräuſch der Welt betäubten Seele niemals deutlich wer⸗ den. Ungern gab ſie daher ihre ſtille Gewohnheit auf, ſich vom hohlen höflichen Schalle nichts⸗ ſagender Worte betäuben zu laſſen, und kehrte froh wieder zu ſich ſelbſt zurück. Und wie die Einſamkeit blöde macht: ſo war eine kleine weib⸗ 198 liche Schwäche Schuld, daß Roſamunde ſich ſo viel als möglich der Geſellſchaft entzog. Sie hinkte ein wenig, und ſchämte ſich dieſes Gebre⸗ chens. In dem Gange ihres häuslichen Lebens fiel es Niemand mehr auf; doch ſo oft ſie unter andere Menſchen trat, ward ſie ſich mit leiſem Schmerz jenes Fehltritts bewußt, durch den ſie zu dieſem Schaden gekommen. Erglühend ver⸗ barg ſie alsdann den kleinen verkürzten Fuß wie ein Kennzeichen des Böſen, während mancher niedliche Huf in ſeidnen Schuhen, keck neben ihr Poſto faßte. Der Hausſtand des Fräuleins von der Golz war ſehr einfach. Ein alter Bedienter, ſeiner Herrſchaft in treuer Ehrfurcht ergeben, eine Kammerfrau, der zugleich das Amt der Schlüſ⸗ ſel anvertraut war, ein Lieblingshund Roſa⸗ mundens, von beſonderer Schönheit, die jedoch dem ſchleichenden Alter zu weichen begann, um⸗ gaben zunächſt ihre Perſon. Seit einiger Zeit machte dem zottigen Ami den Rang des Günſt⸗ lings mit beſſerem Recht ein junges Mädchen ſtreitig, das als die nachgelaſſene Tochter eines — 199 Predigers von dem Fräulein, das Pathe bei dieſem lieben Kinde geweſen, aufgenommen wor⸗ den war. Philippine Maͤrz, ſo hieß die holde Waiſe— glich minder dem Veilchen, das der Monat ihres Nahmens bringt, als einer zwiſchen Schnee und Roſen ſchwellenden Apfelblüthenknospe. Sie war das Bild der Geſundheit und der Jugend. Der Tod des Vaters hatte das arme Kind zwar erſchüttert und tief geſchmerzt; aber dem Ge⸗ müth, das der Schöpfer zu einer Freudenquelle geſchaffen, verſiegen die Thränen der Traurigkeit bald. So war jene trübe Erfahrung nur ein Frühlingsſchauer geweſen, und Philippine lebke im Schloſſe zu Struenſee ſo heiter, wie in der Pfarre ihrer Heimath. Roſamunde liebte das junge Mädchen herzlich, das die tägliche Wohl⸗ that durch tauſend kleine Gefälligkeiten, durch liebenswürdige Eigenſchaften und leichten Sinn vergalt: denn Schwermuth iſt überall ein ſchwe⸗ cer Vorwurf, und die Guͤte des Gebers wird gehoben, wenn, der ihrer genießt, ſie nicht mit Seufzern erwägt. A * —— 200 Paſtor März war in der Ueberzeugung ruhig entſchlafen, daß die gnädige Pathe ſich ſeines Töchterleins annehmen werde. Nach dem Be⸗ gräbniß des Geiſtlichen und den Anordnungen der Erbnahme ward Philippine im Kirchenwagen abgeholt. Sie trat weinend vor ihre künftige Beſchützerinn, und das Fräulein ward von die⸗ ſem Anblick gerührt. Eine ſchwarze Binde mit tiefem Einſchnitt bedeckte bangſam die lichte Stirne und das helle blonde Haar; unaufhalt⸗ ſam floſſen ihre Thränen, in jedem Wangen⸗ grübchen hing ein Tropfen, und das Vorder⸗ blatt des Creppkleides war wie mit Perlen ge⸗ ſtickt, welche die finſtere Wolle gierig einſog, deren Geſpinnſt die Parze zuſchneidet. »„Betrübe Dich nicht gar ſo ſehr,« ſagte Roſamunde mit leidſamer Stimme, und Ami knurrte ſanft dazu—„es iſt in der Ordnung, daß die Eltern den Kindern vorangehen; ich ward noch früher zur Waiſe. Das Leben hat viel Scheidewege und ſchmerzliche Trennun⸗ gen«— ein tiefer zitternder Athemzug hemmte hier den Lauf der Erfahrung in des Fräuleins 201 Rede:„doch am Ende finden wir uns Alle wie⸗ der zuſammen. Sey nur getroſt, liebe Philip⸗ pine, Du wirſt ſchon heimiſch hier werden, ich hoffe es. Beſchäftigung zerſtreut, es wird ſich wohl etwas für Dich zu thun finden. Pflege mir meine Blumen, Dein Vater hatte eine ge⸗ ſegnete Hand dazu— ich hätte ihn um ſeine Aurikeln und Senker beneiden können. Die Hyazinthe, welche ich zu meinem letzteren Ge⸗ burtstage von ihm erhielt, war ein Prachterem⸗ plar, das ſeines Gleichen ſuchte. Auf dem Täfel⸗ chen mit grünem Rande ſtand: La Pensée. Sie hatte uͤber dreißig Glocken— lieber Gott! und ihm iſt nun zur Ruhe eingeläutet.⸗ Philippine ſchluchzte. Nach einer ſchonen⸗ den Pauſe fuhr das Fräulein ablenkend fort: „hinſichtlich Deiner Stellung hier im Hauſe, nimm einen Wink von mir an. Mein Erbe— Du weißt,« erklärte Roſamunde, und ein ſelt⸗ ſames Lächeln milderte den ernſten Ausdruck ihres Geſichts, ſo daß ſie der Möglichkeit eines Mißverſtändniſſes zu ſpotten ſchien:„damit iſt nicht etwa der Prätendent an meinen Nachlaß 2* gemeint, ſondern der Bediente, welcher ſo heißt, ſteht zu Deinen Dienſten; doch es wäre freund⸗ lich von Dir, wenn Du ihm eher einen Gang erſparteſt: denn er wird alt, und es will nicht mehr ſo recht fort mit ihm. Von meiner Baby kannſt Du Vieles lernen, nur Eines wünſchte ich nicht: den Widerſpruch, den ſie ſich in ihrem Eheſtande angewöhnt hat. Ich ertrage dieſen kleinen Fehler, ihrer großen Tugenden wegen, mit Geduld: denn wo iſt ein Menſch ohne Schwachheit?— Und endlich empfehle ich Dir den Amil ſolch ein armer Hund will doch auch als ein Geſchöpf Gottes behandelt ſeyn. Nun aber gehe, mein Kind, hinauf in Dein Zimmer, und richte Dich ein. Man muß in allen Dingen zuerſt mit ſich ſelbſt fertig werden.⸗ Frau Baby, welche ein Jahr jünger als ihre jungfräuliche Gebieterinn, die Practik der ehe⸗ lichen Schule voraus hatte, deren Curſus ſie in Kürze durchgemacht und ſich nicht wenig damit wußte— ſchlich dem Mädchen nach, um wo es nöthig wäre, mit Rath und That behülflich zu ſeyn. Philippine aber, der in dieſer Stunde An An — 203 das Herz ſchwer war, ließ alles liegen. Sie ſtand läſſig am Fenſter, und ſchauete mit naſſen Augen über die Berge, dahinter der kleine Hügel ihres Vaters lag.»Meine Philippine,“ ſagte Frau Baby: denn ſie hatte das Mädchen mütterlich lieb und ein Verdienſt um ſeine milde Aufnahme: „was blickſt Du ſo traurig hinaus? Man muß auf das Nächſte ſehen. Es wird beſſer gehen, als Du denkſt. Unſer Fräulein iſt gut, eine wahre Seele. Freilich, einige altjüngferliche Schrollen ſind zu berückſichtigen, kleine Eigen⸗ heiten, in die ein junges Mädchen ſich fügen muß, zur Vorübung, weil die Maͤnner doch auch ihre Launen haben. Eine Fliege, die zur Unzeit brummt, macht den Eheherrn zuweilen rappel⸗ köpfiſch, da muß eine Frau dem Frieden nach⸗ jagen, und ſtumm ſeyn können, wenn Zeit und Klugheit es erfordern. Ich kann es, Gott ſey Dank!“ Philippine lächelte dieſes Selbſtruhms und gedachte der Warnung des Fräuleins.»Nun aber,“ ſetzte Frau Baby ſchlüßlich hinzu:„darf ich Dich nun nicht mehr Du nennen. Die Kinder⸗ * tage ſind vorbei, und die Leute dächten, ich wüßte nicht, was ſich ſchickte.⸗ Philippine wollte zwar dagegen proteſtiren; Frau Baby aber blieb mit eigenthümlicher Feſtig⸗ keit bei ihrem Vorſatz. Aeuſſere Ruhe giebt nicht ſelten innere; ſo wie es ja ſchon weſentlich hilft, eine Aufregung zu beſänftigen, daß man den Schein annimmt, ſie ſey vorüber. Philippine fühlte ſich hier ſehr bald getröſtet, dann ſogar glücklich. In größter Einförmigkeit verſtrich die Zeit. Wer einen Tag in Struenſee gelebt, wußte das Jahr auswendig, mit Ausnahme einiger Wochen, in denen ein Be⸗ ſuch Epoche machte, den Roſamunde jährlich von einer Jugendfreundinn erhielt. Mit dieſem Be⸗ ſuche, der faſt immer in die Zeit der Kornblüthe traf, kam Leben und Regſaſukeitat in das todte Schloß. Frau von Sorgue, die Gattinn eines vor⸗ nehmen Staatsbeamten, nannte den Aufenthalt im Gebirge ihre Saturnalien, weil, wie die Dame mit einem ſchmerzlichen Lächeln in dem feinen und ſchönen Geſicht bemerkte: bei dieſem 2⁰0⁵ römiſchen Feſt die Sclaven völlige Freiheit ge⸗ noſſen hätten.— Aber doch ging etwas von den Anſprüchen der Welt unwillkührlich in die ein⸗ fachen Verhältniſſe dieſer ländlichen Stille über. Frau von Sorgue brachte ihre Tochter mit, das liebſte, das einzige Glück der Mutter. Nina, ihr Vater nannte ſie Ninon— war ein reizendes Weſen. Hier, als Kind gewiegt, an der Amme Bruſt ſchon von dieſen reinen Lüften geliebkoſet, behielt Struenſee den Zauber der früheſten Ein⸗ druͤcke, und dieſe Gärten, Grotten und Bäche, die einſamen Alpen voll weidender Lämmer, das wunderbare Grauen der Berge, die grüne Tiefe der Thäler, waren und blieben Nina's Paradies. Sie flatterte wie eine Libelle von Blume zu Blume, oder horchte auf dem kühlen Sitz eines Quellenrandes, wo es ſich lieblich von der Hitze des Tages ausruhete, einem anziehenden Mähr⸗ chen, welches Frau Baby hübſch zu erzählen wußte, und deſſen Geiſt der ſparſame Verſtand der Haushälterinn zuletzt immer in irgend einer ſeichten Erziehungs⸗Moral verwäſſerte. Doch Nina löſte ſich nichtsdeſtoweniger in Vergnügen dabei auf; der Phosphorus der kindlichen Phan⸗ taſie übergoß ihr Gebiet mit blauem Feuer, und ſie ſah Ritter, Rieſen und Zwerge, ja, die ganze romantiſche Population der Feenwelt im Mond⸗ ſchein ſpielen. Indeſſen erſchöpften Fräulein Roſamunde und Frau von Sorgue den Stoff ihrer verkrau⸗ lichen Geſpräche nie. Erſtere fühlte, daß auf dem Grunde der Seele ihrer Freundinn etwas Trübes ruhe, was dieſe dunkle Anſicht gebe, worin ſich ihr das Leben ſpiegelte. Auch Roſa⸗ mundens Gemüth war keinesweges oberflächlich; aber klar: ein Himmel in der Tiefe. Beide waren in einer Koſtſchule erzogen worden. Angelika, nachmals Frau von Sorgue— ſchön wie ein Engel, das Kind vermögender Eltern, unter den glücklichſten Aſpekten für die Zukunft, voll Heiterkeit und Hoffnung. Roſa⸗ munde, eine arme Waiſe, ohne Reiz, ohne Ta⸗ lent, nur der Liebe fähig, die alles erſetzt, was das Glück verſagt. Die zärtlichſte Freundſchaft verknuͤpfte beide Mädchen ſchon in früheſter Ju⸗ gend. Ein Oheim des Fräuleins von der Golz, — 207 der Herr auf Struenſee, bezahlte die Penſion für ſein Mündel;z zu ihm ward Roſamunde berufen, als ſie die Anſtalt verließ. Angelika ging als ein Stern der Schönheit in dem Hauſe ihrer Eltern auf, und verbreitete eine Zeitlang Glanz über ihre heimiſchen Ver⸗ hältniſſe. Sie ward zeitig die Braut eines Man⸗ nes, der ſeine Carrière kaum verfehlen konnte, und dieſer brillanten Parthie wegen ſehr benei⸗ det. Angelika ſchrieb leidenſchaftliche Briefe voll Triumph in das Schloß im Gebirge, wo ein Herz im ſtillen Schmerz der Liebe ſchlug.— Roſa⸗ munde las dieſe Zeugniſſe, daß ſolch ein Glück auf Erden möglich ſey, mit einer Theilnahme, die ein wenig ungläubig war, was nicht aus Neid entſprang, ſondern aus der heiligen Scheu, mit dieſem Begriff einer Seligkeit vorzugreifen, die ſie zu überirrdiſch hielt für die ſterblichen Wünſche der Menſchen. Als nach einigen Jahren der Oheim todt, und ſein Sohn, der Erbe von Struenſee, in alle Welt gegangen war, obgleich Niemand zu ſagen wußte, weshalb er ſeinem Eigenthum den Rücken 208— gewendet, um das Weite zu ſuchen— blieb Roſamunde allein auf dem Gut, wie auf einem jungfräulichen Wittwenſitz zurück, und verwal⸗ tete die Einkünfte deſſelben. Sie that dies mit größter Ordnung und Gewiſſenhaftigkeit. Es gab Leute, welche dieſe löblichen Eigenſchaften ſchnöde mit Geiz verwechſelten, weil das Frãäu⸗ lein auf das Kleinſte ſah, und ſo ganz ohne luxu⸗ riöſe Bedürfniſſe war. Auch konnte ſelbſt das günſtigſte Urtheil Roſamunden nicht frei ſpre⸗ chen, von ſichtlicher Liebe zum Gelde, und einer großen Freude am Sammeln; doch konnte Keiner ſagen, ihr Herz ſey hart und irgend einer Noth verſchloſſen, und ſelbſt die Feinde der Gerechtig⸗ keit mußten ihre Milde rühmen. Die Freundinnen hatten ſich lange nicht ge⸗ ſehen, als Angelika zum erſtenmale nach Struen⸗ ſee kam; ihre erhöhte Gemüthsſtimmung war tief abgeſpannt, und die zartorganiſirte Roſa⸗ munde hörte ſogar eine zerriſſene Saite, eine leiſe Disharmonie heraus, obgleich Frau von Sorgue eine Dame vom feinſten Ton war. Sie klagte zwar über den Zwang ihrer geſelligen 209 Verhaͤltniſſe, über die Geſchaͤfte ihres Mannes, die ihn verſtimmten, über manche Familien⸗Un⸗ annehmlichkeiten, die ſich nicht beſeitigen ließen; doch Roſamunde merkte eben daran, daß alle dieſe Urſachen es nicht wären, wodurch das Glück ihrer Freundinn weſentlich geſtört würde. Sie ehrte jedoch dieſe Verſchwiegenheit, die nicht laut werden konnte mit ihrem Kummer, oder wollte; hatte ſie doch auch ein Geheimniß, was ihr wie eine Binde vom Herzen geriſſen worden wäre, worunter es dann aufs Neue geblutet.— Wie Vieles Beide einander auch mittheilten, ſie fühlten, daß ſie ein Mehreres zu ſagen hätten; doch dieſer Vorbehalt war wohl eher eine Schutz⸗ mauer als eine Scheidewand der Freundſchaft, die ſo oft einſtürzt im überſchüttenden Ver⸗ trauen. War die Zeit dieſes jährlich wiederholten Beſuchs nun um, und kam der Tag der Abreiſe, dann gab es eine ſchmerzliche Trennung. Der Winter dehnte ſich in kalter Länge zwiſchen ihrer letzten Umarmung und dem nächſten Wiederſehen aus. Sie umſchloſſen ſich um ſo wärmer und 210— inniger. Nina zerfloß am Halſe der Frau Baby in Thräͤnen, und dieſe packte zum Troſte des anhänglichen Lieblings in den Wagen auf, was er nur faſſen konnte. Sie entwickelte bei dieſer Gelegenheit einen eigenen Sinn zur Benutzung der Räumlichkeit— wir wiſſen nicht, ob Doctor Gall ihn entdeckt. Blumen, Spielſachen, Ho⸗ nigwaben, Butterlämmchen in grünen Blättern, ein lebendiges mit rothem Bande, ein armes Schlachtopfer kindiſcher Zuneigung und Laune: alles wurde an ſchicklicher Stelle untergebracht, und Frau von Sorgue, trotz ihrer ätheriſchen Geſtalt, hatte Mühe, Platz zu finden. So ſchwankte die ſchwerbeladene Kutſche unter dem Morgengeläute der Heerden der Straße zu, be⸗ gleitet von der Schalmey des Hirten, von Blicken der Liebe: denn Roſamunde und Alles, was Au⸗ gen hatte im Bereich ihrer Nähe, ſah dem Wagen nach, ſo lange als möglich. Im Schloſſe aber war es nun weit und öde, die verklungenen Stunden des Vergnügens hallten in dem ſtillen Raume nach; der Tag ging wieder ſeinen ein⸗ förmigen Gang, der Abend auch, und die Nacht / — 211 hüllte nur die träumeriſche Gewohnheit dieſes Daſeyns etwas tiefer ein. Unweit dem Schloſſe von Struenſee, auf einer mäßigen Höhe, ſtanden die Trümmer eines ritterlichen Caſtells als der intereſſanteſte Pro⸗ ſpekt der ganzen romantiſchen Gegend. So oft die Sonne den Schatten der Ruine verlängert ins Thal ſtreckte, ging Fräulein Roſamunde, auf ihren Stockſchirm geſtützt, dieſen Weg, und nur der treue Ami durfte den einſamen Genuß dieſes Spaziergangs mit ihr theilen. Oben angelangt, ſetzte ſie ſich auf einen bemooſeten Stein, wie zu einer Pilgerruhe gelegen, ſpannte das ſeidene Dach über ihrem Haupte aus, und ließ nun das Auge auf der entzückenden Ausſicht ſchweifen. Der Hund ſaß auf dem Saume ihres Kleides, und blinzelte, geblendet von dem Schim⸗ mer der Natur. Ausgebreitet lag der Teppich der Welt zu Roſamundens Füßen, von der ſie nichts weiter als Reiz dieſes Anblicks begebrte. So wartete ſie bis die Sonne untergeganen war, dann— eine ausathmende Pauſe noch, ein ſtiller Abendſegenſpruch— und Roſamunde 212— * ging nach Hauſe, allein wie ſie gekommen, un⸗ ermüdet von der Wiederholung dieſes Schau⸗ ſpiels.— Wir machen auch einen kleinen Rück⸗ weg in dieſer Geſchichte, und erzählen Dir, liebe Leſerinn, warum dem Fräulein jenes Plätzchen ſo heilig war, daß es ſich Angeſichts dieſer ver⸗ fallenen Mauern erbauete, und die Seele in der Erinnerung eines längſt verſchwundenen Augen⸗ blicks geweiht und gehoben fühlte. Roſamundens Oheim hatte einen Sohn, Oswald mit Nahmen. Der junge Edelmann war einnehmend von Geſtalt und Sitte, der Stolz und die Freude ſeines Vaters, der dem glühenden Wunſche des Jünglings nach der Vollendung ſeiner adelichen Studien der dama⸗ ligen Zeit, eine große Reiſe nicht weigern konnte, an der Oswalds ganzes Herz zu hängen ſchien. Aber nach der glücklichen Wiederkunft ſollte auch die Hoffnung des Vaters in Erfüllung gehen, Oswald das Gut übernehmen und dann— hei⸗ rathen. Der alte Herr hatte ſo ſein Plänchen im Stillen. Er zeigte dem Sohne die Briefe der Nichte, aus denen ein ſanftes Herz, ein un⸗ — 213 verbildeter Sinn ſprach. Oswald faßte ein gün⸗ ſtiges Vorurtheil für die Couſine. Nun kam Roſamunde nach Struenſee, um immer dort zu bleiben. Sie war nicht hübſch, kaum inter⸗ eſſant— was die Mehrzahl der Männer ſo nennt; nur ein Lächeln der Zufriedenheit blühete auf ihren Lippen. Und wie das Bewußtſeyn ihrer ſelbſt den ſtärkſten Zauber der Schönheit entkräftet: ſo gab das beſcheidene Wiſſen, dieſer Vorzug ſey ihr nicht geworden, Roſamundens anſpruchloſer Geſtalt einen gefälligen Reiz. Oswald fand ſein Mühmchen ſtill und blöde, der Vater ſeufzte, daß die jungen Leute ſich nicht recht finden wollten; aber er hoffte in Geduld, es fände ſich doch wohl mit der Zeit. Während der Abweſenheit des Sohnes, die über zwei Jahre dauerte, wurzelte der Wunſch noch tiefer, Roſamunde mögte ſeine Schwiegertochter wer⸗ den. Sie hatte nur für die Erheiterung des Oheims gelebt, er dachte mit Kummer an ihr zurückgeſetztes Loos, wenn Oswald eine Andere zur Gattinn nähme. Einige Zeit vor der Zurückkunft des Sohnes * ————ſſ“ ——————=„— “ ward der alte Herr von der Golz kränklich; es ſchien ihm etwas auf dem Herzen zu liegen, was er ſelbſt Roſamunden nicht vertrauen mogte. Endlich kam Oswald. Seine Stirn war nicht mehr ſo offen und heiter wie ſonſt, ein ſchwer⸗ müthiger Ernſt ſprach aus ſeiner Miene; doch der Mund war ihm verſchloſſen, mehr, als billig von Jemand zu erwarten, der viel Erfahrungen geſammelt hat. Die Gedanken weilten ihm in der Ferne, er war faſt beſtändig zerſtreut. Eines Tages, als Vater und Sohn allein waren, und der Erſtere von den Urſachen ſeines Uebelbefin⸗ dens ſprach, ſagte er:„ich hatte eine Alteration, deinetwegen, Oswald. Ein Gerücht kam mir zu Ohren, Du hätteſt in dem Bade zu*** ſtark geſpielt, Dich in wüſte Schlägereyen verwickelt, mit einem getauften Juden unziemlicher Weiſe für einen Cavalier in Umgang eingelaſſen, und deſſen Tochter wäre nun heimlich Deine Braut.⸗ Oswald lächelte ſeltſam zu dieſer Rede ſei⸗ nes Vaters. Er ſah ihn an, mit einem Tiefſinn im Blick, woraus der Alte Troſt ſchöpfte, es mögte dies alles eine ſchnöde Lüge ſeyn. Und ſo 215 ſetzte er muthiger hinzu:„ſage mir kein Wort! genug, ich habe es nicht geglaubt. Kannte ich doch Deinen Abſcheu gegen alles Hazardiren, Dein Vorurtheil gegen die hebräiſchen Rene⸗ gaten— Deine beſonnene Ruhe—— aber der erſte Schrecken hatte mir gleichſam den letzten Druck gegeben. Freilich,⸗ fuhr er mit Reſigna⸗ tion fort, was den Sohn mehr noch rührte als das väterliche Zutrauen:„hätte ich ſehr ge⸗ wünſcht, Roſamunde würde Deine Liebe: denn ein beſſeres Mädchen giebt es ſchwerlich, und ſolch eine Engelſeele müßte die Ehe zu einem Himmel auf Erden machen; aber das Glück will nicht aufgedrungen ſeyn. Du wirſt das gute Kind deshalb nicht verſtoßen.⸗ 3 Der weit ausathmende Seufzer, den Os⸗ wald gegen dieſe harte Wendung ausſtieß, räumte Roſamunden alle Rechte ein, welche ſeines Vaters Gunſt ihr gönnen mogte; nur, meinte er, ſein Herz nicht. Indeſſen änderte die Folgezeit dies Urtheil. Mit leiſer Innigkeit zog Noſamunde ihn an, er merkte es nicht einmal. Die Heimath mit ihren 216 kleinen trauten Freuden umſpann ihn, und was ſich in ihn regte, war Gefühl ihres Zaubers. Das Schloß war wohl ſtill und todt; aber wie beſeelt erſchien ihm jeder Gegenſtand! die alten Linden blühten— in ihrem ſüſſen Dufte ſtröm⸗ ten Erinnerungen aus, die ſeine Bruſt ſchwell⸗ ten, der Einfluß einer liebenswürdigen Nähe geſellte ſich dazu, und verdrängte daraus eine fremde Welt und eine ferne Hoffnung. Jetzt ward der alte Herr von der Golz be⸗ denklich krank, und litt lange. Sein Zuſtand forderte die ganze Geiſtesgegenwart des Sohnes. Roſamunde pflegte ſein mit zarter Liebe, und damit zugleich einen Keim zärtlicher Zuneigung in Oswald, der tiefer wurzelte, als er ſelbſt es ahnete. Gern hätte er nun den Segen ſeines Vaters ſich erbeten zu dieſer Verbindung; aber ein gegebenes Verſprechen hielt mit eiſernem Arm ihn davon ab. Seine Wünſche hatten ſich verwandelt; allein die Pflicht beſteht. Oswald hatte wirklich in jenem Badeorte, den man ſeinem Vater als eine Schule der Ver⸗ führung für den Sohn genannt, eine Bekannt⸗ — 217 *†% ſchaft gemacht, die ihm verhängnißvoll geworden. Die Frequenz dieſes reizenden Aufenkhalts lockte den jungen Edelmann, der ſich auf die ſeltene Kunſt zu reiſen verſtand, welche auch das Ver⸗ weilen am rechten Orte in ſich ſchließt— hier zu raſten. Die Gegend war ſo ſchön, die Geſell⸗ ſchaft ſo reichhaltig an Genuß, daß er ſobald nicht fort konnte. Eines Abends, als Oswald mehr zu pſychologiſcher Ausbeute als anderer ſich in den Kampf des Spielzimmers wagte, war er Zeuge, wie ein ältlicher Mann, den er öfterer ſchon geſehen, ohne ihn zu beachten, und der trotz ſeiner unbedeutenden Perſönlichkeit durch eine noble Ruhe des Betragens hervorragte, eine gröbliche Beleidigung erlitt. Der kleine Hagere benahm ſich vortrefflich, aber eben dieſe weiſe Mäßigung erhitzte den Streit; die Gegenpar⸗ they des Braunrocks verſtärkte ſich, und man ließ dieſen modernen Socrates unter einer Rotte raſender Rolande einen Gifttropfen nach dem andern ſchlürfen. Dies empörte den jungen Edelmann, und er konnte nicht unthätig dabei bleiben; ſo nahm Die Ruine. 10 218 fremde Mann hielt ſich an ſeiner Seite. Draußen er ſich des fremden Mannes mit einer Energie an, die ihm Recht verſchaffte. Zwar hätte der tapfere Anwald ſich bei einem Haar für ihn ſchla⸗ gen müſſen, aber dieſes blutige Verfechten wurde durch das Einſe reiten einer neutralen Macht noch friedlich beigelegt. Oswald hatte im Lär⸗ men des Zankes neben ſich Worte fallen hören, die es ihm übel deuteten, daß er ſo viel Aufhe⸗ bens um einen Manichäer mache; es galt ihm in dieſem Augenblicke gleich, und wenn er ſich eines Muhamedaners angenommen: der Menſch war in ihm aufgefordert zu dieſem Beiſtand. Schon zu lange für den Drang der Spieler hatte dieſe Epiſode gedauert. Man ließ den Braunrock los, für den das Blatt ſich gewendet, und ſeinen Schützer dazu. Schwüle Stille la⸗ gerte ſich nun wieder um den grünen Tiſch, auf dem ein Häufchen Goldes verlockend blinkte, und der eintönige Ruf des Banquiers theilte wie„das gemüthlos blinde Elemente Verder⸗ ben zu, ſelbſt Denen, die gewannen. Oswald trat aus dem Saal ins Freie, der war es wirklich wie im Bade; die matte Atmo⸗ ſphäre dünſtete Schwefel aus. Ein fernes Wet⸗ terleuchten zuckte grell durch das blaſſe Mond⸗ licht des drückendheißen Abends, die Luſtwan⸗ delnden ſchlichen laß und müde hin und her, und der melodiſche Hall der Muſik tönte gedämpft durch den Druck der Luft. Der junge Edelmann, dem doch bei jener Scene warm geworden, trocknete ſich den Schweiß von der Stirne, eine Reſtauration war in der Nähe, er ſchritt darauf zu und for⸗ derte ein Glas Eis. »Jetzt nicht,« ſagte der Braunrock mit der Superiorität der Theilnahme, und legte ſeine magere Hand auf den Arm des Jünglings:„die jähe Abkühlung könnte Ihnen ſchaden, ich weiß ein beſſeres Labſal. Kommen Siel⸗ Oswald gehorchte unwillkührlich; ein ge⸗ heimer magnetiſcher Zug hieß ihn dem fremden Manne folgen. Sie traten in ein kleines Haus, und der Braune öffnete ein Zimmer zu ebener Erde. Ein Diener, ſchlicht gekleidet wie ſein Herr und eben ſo einfärbig, als hätte der Orden 10*. 4 5 der Capueiner dieſer Uniform den Farbenton ge⸗ geben— brachte Licht und entfernte ſich ſodann. „Mein Herr,“ begann der Unbekannte und athmete tief:„Sie haben mich zu Ihrem ewigen 6 Schuldner verpflichtet. Womit könnte ich quitt werden? Ihr edles Benehmen iſt Ihnen hoch angeſchrieben; doch nur das Herz vermag zu bezahlen, und die Dankbarkeit iſt ſein Gedächt⸗ niß: laſſen Sie uns Freunde ſeyn, vortrefflicher junger Mann!⸗ Oswald erröthete und ſprach:»dieſer ver⸗ drüßliche Handel iſt nicht der Rede werth, und zur Freundſchaft— kennen wir einander zu we⸗ nig.⸗ Es lag ein ſpröder Stolz in dieſer Ant⸗ B wort, die ſowohl den Dank wie die Perſon abwies, die ihn mit ſolcher Wärme gab. „Ich ſage Ihnen,« erwiederte der Fremde, indem der Strahl eines Lächelns ſein Geſicht wohlwollend erhellte:„wir kennen einander genug. Sie wiſſen, daß ich mir ſelbſt gebieten kann— das ſind oft die größten Leute nicht im Stande— und zur Freundſchaft taugt keine ohnmächtige Seele. Und ich weiß, daß Sie — 221 keiner ſchnöden Meinung dienen, und keine Un⸗ bill dulden, wo ſie einem Andern wiederfährt. Ihre edle Hitze hat mir ſehr gefallen. Ein Jüng⸗ ling darf nicht kalt ſeyn wie ein Markſtein, der fremdes und eigenes Intereſſe abgränzt.— Und nun noch eine Nebenſache: ich bin der Juwelier Dunkel aus M.— doch gebe ich von nun an mein Geſchäft auf.⸗ Dies Letztere ſagte der Alte mit Accent. Oswald nannte ſeinen Nahmen auch, und Herr Dunkel ſchien ihn mit Vergnügen zu erfah⸗ ren. Er machte nun mit zuthulicher Gaſtfreund⸗ lichkeit den Wirth, holte wunderſchöne Früchte herbei, und ein Fläſchchen Lacrymae Christi. Oswald nahm einen Pfirſich, wie für den Mund eines Prahlers, erquickte ſich an dem zarten Fleiſch dieſer Frucht, wie an dem ſüſſen Blut der Traube, während Herr Dunkel mit einem kleinen goldnen Meſſer die königliche Ananas entkrönte, und ſie vornehm und zierlich für den Genuß zurecht machte.»Eigener Zuwachs, mein Herr von der Golz,“ ſagte er, als Oswald dieſen Früchten Ehre wiederfahren ließ:„auf meinem —— 222 Grund und Boden gezogen. Ich bin in Wahr⸗ heit ein glücklicher Mann, geſegnet auf jede Weiſe; andere Thränen als ſolche, werden bei mir nicht verſchluckt, Gott ſey Dank! und Bit⸗ terkeit bekäme Niemand zu koſten, als wen etwa nach dieſem Mandelkern gelüſtete.“ Dabei klopfte er mit dem umgekehrten Meſſer an den anſehnlichen Stein des Pfirſichs. Der Alte ſagte dies nicht mit der Ruhmredigkeit eines Großſprechers, ſondern in dem demüthig frohen Ausdruck einer erkenntlichen Seele; aber der Schatz des Glückes verlangt einen verſchloſſenen Mund— und Lob und Preis der Geſegneten kann nicht leiſe genug tönen, ſoll es den ſchla⸗ fenden Feind nicht wecken!— Das Gefühl, welches der Menſch erregt, der ſich in höheren Jahren für glücklich hält: denn in der Jugend giebt die Liebe auch dem mangelhafteſten Schick⸗ ſal eine Fülle von Seligkeit und läßt das Herz überſtrömen— iſt jedenfalls der Hochachtung verwandt. Oswald blickte den Günſtling der Fortuna darauf an, und mußte ſich geſtehen, daß vor dieſer liberalen Göttinn kein Anſehen — 223 der Perſon gelte; und wenn die Umgebungen als ſtumme Zeugen für die Wahrheit ſeines Wor⸗ tes zu betrachten wären: ſo beſtünde ſein Wohl⸗ ſtand nur in einem Fond von Zufriedenheit. Nach einem angenehm verplauderten Stünd⸗ chen trennten ſie ſich freundlich. Der Alte leuch⸗ tete ſeinem Gaſt ſelbſt bis an die Thüre, und bei dem flackernden Scheine des Lichtes, das gegen die gewitterſinſtere Nacht hinaus den Umriß der Geſtalten ſichtbar machte, erkannte ein Vorüber⸗ gehender den jungen Edelmann und den, der ihn entließ. „Wo kommen Sie her, Golz?“ fragte der Offizier, der zu Oswalds näheren Bekannten gehörte, halb verächtlich:„von dem getauften Juden? das müſſen Sie künſtlich angeſtellt haben: denn die Entrée iſt nicht leicht. Diefer ſogenannte Herr Dunkel lebt hier in obscuro, und verſteht es, ſich unzugänglich zu machen. Er ſoll ſehr reich ſeyn, einen Millionair nennt man ihn, wenn dieſer Ruf nicht etwa das Mährchen von der Tonne iſt.— Mir ſteckt nur ein Dio⸗ genes darin, der ſich in eitler Selbſtgenügſam⸗ keit gefällt, und ich dachte ſchon, Sie wollten etwa philoſophiſche Stunde bei ihm nehmen.⸗ Dieſer Ton, der ſcherzhaft ſeyn ſollte, aber ſchneidend war, riß wie ein Mißlaut durch Os⸗ walds erheiterte Stimmung. Er mogte die Juden nicht leiden, und über der getauften Welt dieſer ſeiner Antagoniſten ging die Sonne ſeiner Gunſt gar nicht auf. Die Nachricht von dem Reich⸗ thum des Juweliers war ihm aus einem andern Grunde eben ſo widrig. Er hatte in humaner Uneigennützigkeit das Wort des Bekränkten ge⸗ führt; aber das Ende vom Liede würde ſeyn, fürchtete er, daß ihm dieſe Menſchen, überall unfähig, an reine Motive zu glauben, den Text unterlegen würden:„ſeyd umſchlungen, Millio⸗ nen! dieſen Kuß⸗— nun er hatte den alten Dunkel herzlich geküßt. Oswald erwähnte kurz und kalt, wie er mit dem Juwelier in Berüh⸗ rung gekommen, und wünſchte dann dem Geleits⸗ mann, der ihn in ſeinen Gefühlen geirrt, eine gute Nacht.. Am folgenden Morgen ſuchte ihn der alte neue Freund in ſeinem Logis auf. Er kam mit 225 einem Vorſchlage. Oswald, der von ſeiner nahen Heimkehr geredet, ſollte mit ihm über M. gehen, und als ein lieber Gaſt ihm und den Seinen im Hauſe des Juweliers bleiben, ſo lange er wollte und könnte.— Wir können es uns nur aus dem Widerſpiel der menſchlichen Neigungen erklären, daß der junge Edelmann ſich nach einigem Zögern dazu bereden ließ. Am dritten Tage ging die Reiſe fort. Oswald fühlte ſich von der Unterhaltung ſeines Geſellſchafters mehr und mehr angeſprochen, ſo daß er darüber vergaß, auf Außendinge zu merken. Mehrere Nachtquartiere waren vorüber, da ſagte der alte Dunkel, und ſein tiefes Auge leuchtete auf wie ein Flämmchen:„heute ſchla⸗ fen wir daheim in meinem Hauſe!« Er ſprach den Tag über weniger als ſonſt. Sein Blick ſchweifte vergnügt und ſinnig über die abgemä⸗ heten Felder, er betrachtete den Weg mit einem Intereſſe, welches ihn vom Gange des Geſprächs abzog, und wie raſch auch die Poſtpferde gingen: ſeine Seele eilte voraus. egen den Abend ſtieg ein blaſſes Amphi⸗ e † 4 8 theater am Horizonte auf, das Aetherblau der Berge verdämmerte in waldigen Maſſen, die Thürme von M. ragten in der Ferne. Jetzt machte die Straße eine Wendung, ſie ließen die ſchöne Stadt links liegen. Der Abend lagerte ſeine Schatten, geiſterhaft war jeder Baum um⸗ webt, und die Kerzen am Himmel fingen an zu glimmen. Der Wagen ſlog je näher dem Ziele, der Juwelier ſprach kein Wort mehr. Am Ende feiner unabſehlichen Allee wölbte ſich der Bogen einer Ehrenpforte, und als die Equipage darun⸗ ter hinrollte, tönte ein Böller mit weitem Hall in die thauenden Lüfte. Aus der dunklen Fläche ſtiegen Leuchtkugeln auf, ſo kühn und kunſtmä⸗ ßig, als hätte ein Jongleur ſie geworfen; über die Ebene ſcholl traumhaft leiſe Muſik. Ein illuminirtes Landhaus ward ſichtbar, auf deſſen plattem Dache ein kleiner Telegraph angebracht war. Das Wort„Willkommen!« funkelte in Brillantfeuer den Reiſenden entgegen. „Wie ſie mir mein grünes Gewölbe da ſpie⸗ len laſſen!« ſagte der alte Dunkel bewegt, und drückte ſeinem Gefährten die Hand.„So oft — 227 ich von einer Abweſenheit wiederkehre, denke ich mit Wehmuth, wie man nur etwas Beſſeres finden mag, als die Heimath. Aber ſo iſt der Menſch! das Glück ruht in ſeinem Beſitz, und er ſucht es in der öden Weite.⸗ Dieſe Worte ergriffen Oswald im Inner⸗ ſten. Er fühlte ihren Vorwurf als den ſeinen, er ſehnte ſich an ein verwandtes Herz und fand ſich allein, ja am Ende wohl gar myſtificirt. Schon bereuete er es, der Einladung dieſes Mannes gefolgt zu ſeyn. Der Wagen bog um die Ecke des Landhauſes und hielt vor einer mit Blumen beſetzten Freitreppe, zwiſchen denen bunte Lampen flimmerten. Auf der oberſten Stufe ſtand ein Mädchen, und hinter demſelben eine kleine, mumienartige Frauengeſtalt. Aber das ſchöne Kind hätte dieſes feenhaften Schim⸗ mers und dieſer Folie nicht bedurft. »Mein Vater!“ rief das Mädchen mit ſüſſer frohlockender Stimme, hüpfte die ſteinerne Stiege hinab, und hing am Halſe des Juweliers. „Meine Tochter Sara,“ ſagte der Alte nach ein paar kraͤftigen Küſſen auf dieſen zarten Mund, ; zu ſeinem Freunde gewendet,„und dies meine Schwiegermutter, Frau von Meyer. Ich ſelbſt bin der Baron Dunkel, doch hoffe ich, ſoll dieſe kleine Aufklärung nichts in unſerm Verhältniß ändern, Herr von der Golz.⸗ Oswald ward den Damen nun vorgeſtellt. Der freie Platz wimmelte von Landleuten, die dem Gutsherrn ein Vivat zu bringen kamen. Der Baron theilte gütige Worte unter ſie aus und das Verſprechen, ſie ſollten morgen, es traf an einem Sonntag— das Feſt ſeiner Ankunft mit Spiel und Tanz feyern, und beſtens bewirthet werden, worauf ſie ſich fröhlich in Hoffnung entfernten. Dann ward es abendſtill um die Villa, und der kleine häusliche Kreis zog ſich nach Innen zurück. Als Oswald ſich zur Ruhe begab, blieb er mit ſehr gemiſchten Empfindungen allein. Die Täuſchung, welche der Baron ſich gegen ihn erlaubt, ob er ſie auch mit Tauſenden getheilt, verdroß den Jüngling, und er meinte, der alte Herr hätte eine Ausnahme mit ihm machen, oder doch ſein Incognito früher aufheben ſollen. Er fühlte den Augenblick, den der Baron dazu ge⸗ ——— — — 229 wählt, als unſchicklich: denn Verwunderung iſt an ſich ſchon Fremdheit, und macht einem ſchö⸗ nen Mädchen gegenüber noch fremder und blöde, und die Standeserhöhung des Wirthes an der Schwelle des Hauſes, demüthiget auf gewiſſe Weiſe den Gaſt. Und ein Jude war dieſer Baron! ein getaufter obendrein. Die Neuheit ſeines Adels wie ſeines Glaubens war Os⸗ walds chriſtlichem und ariſtokratiſchem Vorur⸗ theil gleich widrig. Kein Zweifel, es könnte auch anders ſeyn, kam in ſeine Seele. Er ſam⸗ melte alle Beweiſe der orientaliſchen Abkunft ſeiner Gaſtfreunde, um es ſich ſelbſt zu beweiſen, ein leiſes Gefühl der Abneigung hätte Recht, was ihn hinderte, ſich einem anziehenden Ein⸗ druck hinzugeben. Die Phyſiognomie des Ba⸗ rons, der Nahme ſeiner Schwiegermutter: Frau von Meyer; der ſeiner Tochter Sara wollte ſchon weniger beſagen, und hätte vielmehr als Gegen⸗ beweis zeugen dürfen: denn in der Regel wird der iſraelitiſche Nahme nur mit einem romanti⸗ ſchen vertauſcht.— Im Hauſe herrſchte Prunk, man ſpeiſte auf Silber, die Bedienten gingen reich galonirt. Oswald erinnerte ſich mit einem voornehm abſondernden Gefühl der einfachen Ver⸗ hältniſſe in ſeines Vaters Schloß, der glanzloſen Lioree, die der alleinige Erbe trug. In den Sälen der Villa prangten köſtliche Gemälde. Der ganze Olymp zeigte ſich hier dem entzückten Auge, und ſeine Götter, die zarten Gedichte der Schönheit und Genialität, hatte ein Hauch auf die Leinwand ſchöpferiſch beſeelt. Wenn nun der Betrachtende, hingeriſſen von dieſer An⸗ ſchauung mit Sinn und Sehnſucht, ein Heide war: ſo ließ daneben ein Blick in die patriarcha⸗ liſche Vorwelt ihn bedauern, daß er um Jahr⸗ tauſende zu ſpät geboren wäre; der Verfall der Tempel und jener rührenden Sitteneinfalt ſchien ihm ein verlorener Himmel. Der warme Odem Aſiens wehete um dieſe Geſtalten und entzündete Begeiſterung für die Kunſt und ihre Ideale. Man ſah, der Baron war ein Kenner, und wollte es ſeyn. Oswalds Vater hingegen ach⸗ tete es für ſeinen höchſten Ruhm, den Herrn Chriſtum zu verehren. Nur Gegenſtände der Kreuzespoeſie in roher Verklärung ſchmückten — 231 die Wände ſeiner Wohnung, heraldiſche Zierra⸗ then waren über den Thüren angebracht und öff⸗ neten dem Wappenkundigen das Feld, und der Stammbaum dieſer Familie, abgeſtorben bis auf den letzten Zweig, der noch einſam grünte, brei⸗ tete traurig ſein vergangenes Geſchlecht in den ſtillen Zimmern des Schloſſes Struenſee aus. Ddies alles dort erfüllte nun zwar mit bangſamer Hochachtung; aber der junge Edelmann dachte unter Empfindungen daran, woneben die heitern Reize der Villa des Baron Dunkel, den er für einen Aufkömmling hielt, der originell ſeyn mögte, und doch nur auf eine feinere Weiſe üppig war, ihren Glanz einbüßten. Selbſt Roſamundens erinnerte er ſich inniger, ihr an⸗ ſpruchsloſes Bild hatte eine religiöſe Heiligkeit für ihn, eben jetzt, wo das jüdiſche Fräulein eine liebenswürdige Gegenwart auf ihn wirk⸗ ſam machte.. Der Baron fuͤhrte ſeinen jungen Freund in den reizenden Anlagen dieſes Landſitzes um⸗ her, und ſprach:»Ihnen, lieber Golz, bin ich eine Erklärung ſchuldig, hinſichtlich meiner Ob⸗ — 232— ſcurität. Es giebt wirklich einen Juwelier Dunkel in M., der mir dem Gleichnamigen jährlich ſeine Firma leiht, zu Nutz und From⸗ men eines Lieblingsgeſchäftes von mir. Sie müſſen wiſſen, Freund, ich bin ein Naturfor⸗ ſcher, ſo auf meine eigene Hand. Kein Diplom ruft mich zum Ehrenmitgliede einer gelehrten Geſellſchaft; ich bin mit meiner Wiſſenſchaft allein, und dieſe Doctrin macht mich höchſtens zum Doctor eines Herzens, das ſich nur zu oft krank fühlte an der Verderbniß ſeines Nächſten, und einſam mitten in der Welt. Der Menſch iſt mein Studium. Nach Allem, was ich erlebt, blieb das Herz mir immer ein Räthſel. Nur zuweilen ſiel ein Strahl wie von Oben herab in dieſen Abgrund, wohin keine Leiter der Erfah⸗ rung reichet— es gelüſtete mich, ſo tief als möglich einzudringen, und alle Kräfte meines Gei⸗ ſtes an dieſe Aufgabe zu ſetzen. Manchmal ver⸗ lohnte ein Silberblick dieſer tieffinnigen Mühe; aber nicht ſelten war er auch ſchnell verſchüttet, und nur wenig Gediegenes förderte ich zu Tage. Ich ſah nun, wie wunderbar Haß und Liebe ſich 23³ durchdringen, Gemeines ſich mit Edlem ver⸗ miſcht, und der lichtvolle Diamant der reinſten Tugend unter erdigen Theilen ſich bildet, oder wohl gar dem Reich der Unterirdiſchen abge⸗ kämpft werden muß.— Es machte mich recht traurig, wenn ich wahrnahm, wie der Durſt einer unſterblichen Seele, die nur Aether trinken ſollte, ſich aus trüber Quelle ſtillt, wie neben hochherziger Großmuth ein kleinlicher Neid be⸗ ſtehen mag, wie wenig der Menſch das Glück erträgt, wie er dem erfüllten Wunſche, auch dem ſehnlichſten, ſich abwendet, und endlich, wie chemiſch⸗ſcharf Vorurtheile die Stöffe der menſchlichen Glückſeligkeit ſcheiden und auf⸗ löſen.“ „Und vermehrten dieſe Reſultate die Ih⸗ rige?« fragte Oswald mit einem Anklang von Vorwurf in ſeinem Ton. „Nein,“ antwortete der Baron: aber ſie lehrten mich, keinen Werth auf außerweſentliche Dinge ſetzen, an einen weiſen Gott glauben, milde urtheilen, und keinen Bürger der Zeitlich⸗ keit für unfehlbar halten.⸗ 234— Oswald ſchwieg, und der Baron fuhr nach einer kleinen Pauſe fort:„ich beſuchte daher gern die Bäder, dieſe Sammelplätze aller Krankheiten Leibes und der Seele, wo jeder für ſeine Erho⸗ lung lebt, ausgenommen die Stereotypen des Ortes. Wie manche unſichtbare Schrift in pſy⸗ chologiſchen Chiffern erſcheint dort, eingetaucht in warmes Naß! man lieſt Wunder.— Hier gewann ich in den beſonderſten Bekanntſchaften einen allgemeinen Blick, hier lernte ich Menſchen kennen. Glauben Sie wohl, daß ich den Unter⸗ ſchied heraus fühlte, womit man mich behandelte, als den, für welchen ich mich gab?— Kein Ju⸗ welier, und wäre er ſteinreich, und die perſoni⸗ ficirte Realität— nur der Kaufmann von Ve⸗ nedig etwa— wird nach einem andern Gewichte höher geſchaͤtzt, wie der ärmſte Baron. Die Meinung iſt überall ein Despot, und die Ge⸗ ſchichte vom Hute, dem der Tell vorüber ging, iſt der Typus ihrer Tyranney für alle Zeiten. Es ſind nicht Alle frei, die ihrer Ketten ſpotten.⸗ „Es mag intereſſant ſeyn,“ erwiederte det junge Edelmann auf dieſe lange Rede:„den 8 — 23⁵ Charakter der Menſchen in ſeiner geheimſten Werkſtätte zu belauſchen, und die Empfindun⸗ gen zu zergliedern, aus denen er beſteht; ich aber könnte es nicht. Es gehört anatomiſche Kälte dazu, und ein Abtödten der eigenen Gefühle.“ Der Baron drückte dem Jüngling mit Wärme die Hand. „Ich lebe lieber mit den Andern,“ fuhr Os⸗ wald fort:„und freue mich des Guten, wo ich es antreffe, unbekümmert, aus welchen Elemen⸗ ten es hervorgegangen. Das ſüſſeſte Glück iſt ja doch nur Unbewußtheit ſeines Gegentheils. Und was hilft am Ende der aufgehäufte Schatz, der kein Herz bereichert? ein kleiner Error in der Berechnung— und irren bleibt menſchlich— und das Facit ergiebt einen falſchen Schluß.“ Der Baron lächelte. Er glaubte richtig calculirt zu haben. Oswald fühlte ſich doch von dieſem Aufent⸗ halte ſtärker angezogen, als er es ſich geſtehen mogte. Ein Tag nach dem andern ward zuge⸗ geben und die Herbſtſonne zog immer kürzere Kreiſe, wie im Fluge war wieder ein Abend da, 236— und die Abreiſe für den nächſten Morgen ward nochmals verſchoben. Sein Benehmen gegen die holde Sara war daher fortgehend abſchteds⸗ weich und vollherzig. „Die Schwalben ziehen⸗— ſagte der Baron: „ſobald Golz uns verlaſſen, gehen wir auch in die Stadt zurück⸗— und ein tiefer Seufzer flog aus Sara's Buſen auf, der dem Zugvogel galt, der ſich darin ein Neſt gebaut. Sara ward ſtiller, ihre Stimme klang traurig, wie eine Scheide⸗ ſtunde. Sie drängte das ganze Herz in jede Kleinigkeit, die für den Gaſt geſchah, ihr Blick, ſtets auf ihn geheftet, war ein naſſes Lebewohl, und ſenkte ſich nur, um ſchwere Thränen zu ver⸗ bergen. Der Baron ſcherzte im Beiſeyn Sara's über den alten Nahmen ſeiner Tochter.„Sie ſollte nach meinem Wunſche Sittah heißen,⸗ ſagte er:»aber der Geiſtliche, der ſie taufte, war hart⸗ hörig; vielleicht war ihm auch jener Nahme noch nicht vorgekommen, und ſo nannte er ſie wie die Gattinn des Patriarchen. Wenige poetiſche Seelen etwa mögten dabei an Miß Sara Samp⸗ — 237 ſon denken— den meiſten ruft dieſer Nahme die greiſe Mutter zurück, der die Kinder der Ver⸗ heißung wie Thau aus der Morgenröthe geboren wurden. Und ſo iſt mein armes Mädchen in früheſter Jugend ſchon wie eine Ahnfrau zu be⸗ trachten, welche in dieſem Nahmen lebenslang einen leiſen Spott der Vergangenheit trägt.⸗ Bei dieſen Worten ihres Vaters blühete eine reizende Morgenröthe auf Sara's Wangen, und der Thau eines ſchaamhaften Gefühls hing an der ſeidnen Wimper über dieſer Himmels⸗ blume. Oswalds Auge, in dieſen Anblick ver⸗ lohren, ſah nicht die Geſegnete des alten Teſta⸗ ments, noch die Taufe des neuen Bundes, die ihn mit ſiedender Wallung begoß; nur ein ſchönes menſchliches Bild ſchwebte ihm vor: ein Sohn der Zukunft an dieſer jungfräulichen Bruſt. In einer der nächſten Nächte träumte ihm, ſein Vater trete bleich und traurig an ſein Lager und winke. Nun war ſein Entſchluß zur Ab⸗ reiſe unwiderruflich gefaßt. Der Baron ging noch einmal mit Oswald ſpazieren, ein inniges 238 Geſpräch waltete zwiſchen ihnen. Sie ſtanden an einem Mooshüttchen, blaſſe Sonnenlichter ſpielten über den engliſchen Garten, hier und da rieſelte ein Blatt nieder und glänzte wie ein Leichnam, der ſich verklärt— und die letzten Fäden, die der Sommer ſpann, flatterten davon. „Nun wird es öde bei uns werden,“ ſagte der Alte:„die Natur ſtirbt vollends abz wenn mir nur mein beſtes Glück nicht etwa auch ge⸗ ſtorben wäre: die Lebensfreude meines Kindes. Sara liebt Sie, Freund.“ Dieſe Behauptung, ſo väterlich gradezu ausgeſprochen, beſtürzte den Jüngling.»Ich fürchte nicht, antwortete er:„daß Fräulein Sara meine Anerkenntniß ihrer Liebenswürdig⸗ keit und Güte mit dem kleinſten Schmerz bezah⸗ len wird.« »Nit dem kleinſten nicht, entgegnete ihr Vater und lächelte düſter:„wohl aber mit dem größten. Sie fürchten es nicht? die⸗ ſer Ausdruck ſagt mir, wie wenig für meiner Tochter Liebe und für meinen Wunſch zu hof⸗ fen ſteht.⸗ 239 Die Liebe will ſich nur ihrem Gegenſtande zu erkennen geben; die Erklärung, welche ein Dritter fordert, ſchadet immer dem Drange dieſes Gefühls und verdrängt es nicht ſelten ganz und gar. Oswald ſagte nun dem Baron: daß ſein Vater eine Verbindung zwiſchen ihm und einem vortrefflichen Mädchen innigſt wünſche. Er wolle nun heim und ſein Herz prüfen. Sara werde den flüchtigen Eindruck, den ihr zeitheri⸗ ges Zuſammenleben auf ihr jugendliches Gemüth gemacht, bald verſchmerzen und den würdigeren Mann finden. Der Alte ſah ſtill zu Boden. Oswald war⸗ tete ſeiner Antwort, und der Baron ſprach: »Sie, mein junger Freund, ſagten einſt: an einem kleinen Irrthum zeige ſich manchmal die ſpeculative Weisheit der Menſchenkenntniß als nichtig. Dies iſt mein Fall. Die Summe meiner väterlichen Hoffnungen läuft in eine traurige Nullität aus. Ein Liebender kann das goldne Kettchen nie ganz verläugnen, daran das Bild der Dame ſeines Herzens hängt; aber das Pflicht⸗ 240— gefühl trägt ſein Band wie einen verſteckten Or⸗ den. So wagte ich die Ruhe meines Kindes und habe ſie verlohren— ich bin ein armer Mann.⸗ Dieſe Klage erſchütterte den Jüngling, ſo daß er faſt wankend geworden wäre.»Wir wollen die Zeit gewähren laſſen⸗— ſagte der Baron nach einer Pauſe der Sammlung:„doch Eins könnten Sie mir verſprechen; wenn Sie in einem Jahre wiederkämen, Ihr Schickſal möge ſich nun geſtalten wie es wolle. Hat Sara Sie vergeſſen, iſt Ihre Hand vergeben, dann bleibt unſer Wiederſehen ein Geheimniß, das wir unter dieſem Mooſe begraben: denn hier in dieſem Hüttchen treffen wir uns.⸗— Dies verſprach der junge Edelmann. Da⸗ gegen gelobte ihm Sara's Vater, ſeiner Tochter nichts davon zu ſagen. Oswald wollte morgen Abſchied nehmen, wie für immer. Es geſchah mit bitterm Schmerz.— Wir wiſſen bereits, wie Oswald nach Struenſee zu⸗ rückkehrte. Er brachte, was er mitgenommen, die reinen Sitten, das wackere Herz wieder nach Hauſe, und nebenher den Gewinn mancher — 241 Intelligenz; nur etwas hatte er verlohren: die Uebereinſtimmung mit ſich ſelbſt. Indeſſen be⸗ ſchwichtigte die linde Stille der Heimath dieſe inneren Aufregungen allmählich, Gefühle, die ihm, wie er dachte, fremd bleiben müßten, pul⸗ ſirten ſchwächer, er ward ſich der Verhältniſſe und Pflichten bewußt, die ihm nun oblägen, und vergaß jener Dunkelheiten, in denen ihm von einem andern Glück geträumt. Der Vater entſchlief in Frieden, er hatte die wachſende Zuneigung ſeiner Kinder geſehen. Nachdem der alte Herr von der Golz todt war, zweifelte wohl Niemand in und um Struenſee, daß Oswald und Roſamunde ein Paar werden würden. Wenn innige Freundſchaft die Ehe der Seelen iſt: ſo waren ſie es jetzt ſchon. Das Gütchen war im trefflichſten Zuſtande, ein junger Beamter bewirthſchaftete es, deſſen Mutter, die achtbare Wittwe eines Oberförſters, im Schloſſe wohnte, und eine Art von Ehrenaufſicht über das Fräulein führte. Dieſer tüchtige Oekonom ſteckte den Edelmann mit ſeinem Enthuſiasmus für den Landbau an. Oswald hatte die Welt Die Ruine, 11 — —-J————— 242 genugſam kennen gelernt, um ihrer zu entbeh⸗ ren; die reizende Scholle dieſes Beſitzthums dehnte ſich zu einem Arkadien für ihn aus, weit genug für die ſtrebſamen Wünſche ſeiner Bruſt. Er dachte mit Ruhe daran, in Roſamunden ein treues Herz, eine zuverläſſige Gattinn zu be⸗ ſitzen, welche die ſanften Freuden der Natur und das Andenken ſeines Vaters mit ihm theilen würde. Kein Hinderniß ſtand dieſer Verbin⸗ dung entgegen, als etwa die Denkſaͤule des Ver⸗ ſprechens zur Herbſtreiſe. Noch hatte er das Wort der Erklärung gegen das Fräulein nicht ausgeſprochen; es verſtand ſich gleichſam von ſelbſt.— Doch warum vermag der Menſch ſei⸗ nen Himmel hienieden nicht zu faſſen?— An einem ſtillen Sommerabend ſaßen Beide unter den Linden vor dem Schloſſe. Die Oberför⸗ ſterinn ging ab und zu. Da zog ein reiſender Muſikant die Straße herauf, er trug ein fremd⸗ artiges Inſtrument; an ſeiner Seite ging eine junge Frauensperſon, vielleicht ſeine Tochter, die ſichtlich erſchöpft eine Harfe ſchleppte. Es ward ihnen ein Platz angewieſen, nicht weit von 243 dem Sitze der Herrſchaft, und ſie ſchickten ſich an, etwas zu ſpielen. Das Mädchen ſtimmte, der Alte brummte unverſtändliche Vorwuͤrfe da⸗ zwiſchen. Oswald blickte mitleidig in das wüſte Geſicht der Harfeniſtinn, es ſchien ihm bekannt; auch ihr grämlicher Begleiter däuchte ihm nicht ganz fremd. Jetzt rauſchte ein voller Griff durch die Saiten, ſie ſangen ein Lied, deſſen Ton durch Oswalds Seele hallte und eine ſchlafende Erin⸗ nerung weckte. Er hatte den Alten und das Mädchen in jenem Badeorte geſehen und gehört. Wie durch einen unſichtbaren Ruck aus der Tiefe gehoben, ſtand die Vergangenheit deutlich, aber lautlos da, die Geſtalt des alten Dunkel trat ernſt wie ein Vorwurf im Dämmer des lauen Abends zu ihm hin, und ſeine Sara, ein klares Bild des Mondes, ſchauete lieb und ſanft aus dem Laubgegitter der Lindenzweige. Oswald horchte zerſtreut dem Geſange— der böſe Feind von Roſamundens Ruhe hatte dieſe Spielleute hergeſendet.. Dies war die Sonnenwende für den Sinn des Freundes und für ihrer Liebe kurzes Glück. 11* Oswald war von dieſer Zeit an unruhig und ab⸗ weſend im Geiſt. Der Beamte fand das Inter⸗ eſſe des Gutsherrn an ihren gemeinſamen Planen erkaltet, das Fräulein hätte über eine weſentli⸗ chere Indifferenz zu klagen gehabt; aber Roſa⸗ munde ſchwieg. Dieſes ſtille Verhalten rührte den Edelmann, und es gab Augenblicke, in denen er die bewußte Halbheit ſeines Benehmens mit voller Innigkeit ergänzte. Indeſſen war das Fräulein doch zweifelhaft an ihm geworden. Von einer Vollziehung ihrer Heirath— von einer Heirath überhaupt war die Rede nicht, und man fing an in der Nachbarſchaft, den Herrn auf Struenſee leiſe mit dieſer Säumniß aufzu⸗ ziehen. Es kam ein Brief von Frau von Sorgue, der Roſamunden auf die Unſchicklichkeit aufmerk⸗ ſam machte, in dieſem Verhältniß auszudauern. Sie ſolle zu ihr kommen, den Winter über dort bleiben und die Erklärung des Vetters unter dem Schutze geſelligen Anſtandes abwarten. Roſamunde ſah wohl ein, daß ihre Freundinn Recht hätte; doch dachte ſie mit Grauen daran, ihre Einſamkeit und die Nähe des Geliebten zu 245 verlaſſen. Unter dieſem gegenſeitigen Schwan⸗ ken war der Herbſt vorgerückt. Oswald war ſeit einiger Zeit ſtill, doch regſam beſchäftiget gewe⸗ ſen. Er hatte geſchrieben, ſeine Papiere geord⸗ net, mit dem Beamten lange geheime Unter⸗ redungen gehabt, und kleine Reiſen unternom⸗ men. Eines Tages bat er das Fräulein um einen Spaziergang nach der Ruine. Es lag eine tiefere Bedeutung in ſeinem Ton, als die Bitte, nach jener Höhe mit ihm zu luſtwandeln, zu fordern ſchien. Roſamundens Herz klopfte in einer faſt verlernten Hoffnung auf. Seine Augen waren zärtlich auf ſie gerichtet— ein Frühlingsblick für das Fräulein. Als die Sonne ſich neigte, gingen Beide den gewohnten Weg, und der ſpäteren Kühle wegen warm verwahrt. Neben ihnen hin fuhr langſam der Reiſewagen aus dem Schloſſe der Straße zu. Roſamunde bemerkte es, ohne darauf zu achten. Oswald ging ja an ihrer Seite, ſein Arm lag in dem ihrigen, er hielt ihre Hand— in ſolchem Verein läßt die Liebe die ganze Welt fahren, ohne ſich zu kümmern. Scheinbar natürlich lenkte ihr Geſpräch ſich auf die Geſchichte eines Freundes, in der Oswald ſeine Bekanntſchaft mit dem Baron Dunkel und deſſen, was in Folge davon geſchehen, unter fremdem Nahmen erzählte. Roſamunde horchte gefällig, doch ein wenig zerſtreut auf dieſen Vortrag. Sie wünſchte, er möate zu Ende ſeyn. Was gingen ſie die Reiſe⸗ Abentheuer eines Unbekannten an? Oswald hatte andere Dinge zu reden, die ihr und ihm näher am Herzen lagen. Sie war ſo dringend von dieſer Erwartung erfüllt, daß ſie nicht merkte, welche Aehnlichkeit die geſchilderten Verhältniſſe mit denen ihres Freundes hätten. „Und was ward nun aus der armen Sara?⸗ fragte Roſamunde, als Oswald bei der Cata⸗ ſtrophe ſeiner Trennung von ihr ſtockte. „Das ſoll ich noch erfahren« antwortete er mit beklommner Stimme:„es betrifft die Frage meines Schickſals, Du Beſte. O Roſa⸗ mundel ich liebe Dich, ich liebe Dich wahr⸗ haft, und mein Herz ſagt mir, Du werdeſt mich glücklich machen; aber zuvor muß ich wiſſen, 247 daß Sara mich vergaß, daß ihr Vater nicht mit Kummer mein gedenkt. Darum gehe ich jetzt, bald, ſogleich— doch auf eine Weile nur, ich komme hoffentlich wieder, um Dich nie mehr zu verlaſſen.⸗ Im Entzücken und Schrecken war Roſa⸗ munde erblaßt.„Und wenn Sara Dich nicht vergeſſen hätte? wenn der Baron Dich väterlich feſthielte, wie dann?« fragte ſie ängſtlich. »Dann,“ erwiederte Oswald:„wird Roſa⸗ munde ſtärker ſeyn und in der ſtillen Seele Kraft tragen, meinen zeitlichen Beſitz gegen eine Be⸗ ruhigung aufzugeben, welche ewig währt, wie meine Liebe zu ihr. Auf dieſen Fall iſt hier eine Schenkungsakte über das Gut. Du biſt ſeine Herrinn, die Erbinn meines Vaters. Bleibe hier, Roſamunde! daß meine Unterthanen eine Mutter haben, daß ich weiß, wo ich Dich auf⸗ ſuchen darf; verſprich es mir!⸗ Roſamunde nickte unter Thränen. Sie erkannte in dieſem Verlangen ſein Vertrauen, den Wunſch ſeines Gedenkens, ein Verſprechen 248— ſeiner Wiederkehr.„Hier will ich leben und ſterben⸗— ſagte ſie mit erſticktem Schmerze. Er ſchloß ſie feſt in ſeine Arme und bedeckte ihren Mund mit heißen Küſſen. In dieſer flüch⸗ tigen Minute ruhete eine himmelvolle Ewigkeit für Roſamunde. Ein Augenblick der Liebe, und gehörte er auch nur ihrem Weh, wiegt das ganze Leben der Gluͤcklichen und alle ihre Freuden auf. Sie vernahm ſein wiederholtes Lebewohl nur wie im fernſten Echo des Bewußtſeyns. Oswald lief eilends den Berg hinab, ſtieg in den Wa⸗ gen, und war im Nu den thraͤnenden Blicken der Braut entzogen. Die Sonne ging unter— Roſamunde ſtand noch lange und ſah träumend und troſtlos ihrem letzten Verſchwinden nach. Dann ging ſie ein⸗ ſam mit wankendem Schritt nach dem Schloſſe zurück, und trug die Schenkungsakte in der zit⸗ ternden Hand. Oswald kam nicht wieder.— Roſamunde handelte in ſeinem Geiſte, und als ob ſie der Rückkehr ihres Freundes jeden Tag gewärtig ge⸗ weſen wäre. Sie betrachtete ſich als ſeine Stell⸗ — 249 vertreterinn, und ſorgte und ſann, doch nur für ihn, daß er ſich freuen möge, wann er komme. Wie ſo oft im Leben ward dieſer treue Wille ver⸗ kannt. Man glaubte, das Fräulein verkehre das Mittel zum Zweck, und ſpare aus Neigung. Die wohlthätige Milde, womit Roſamunde ſich jeder Noth annahm, entkräftete dieſes Urtheil nicht. Weil ihr eigener Bedarf ſo gering war, weil ſie jedes koſtbaren Wunſches ermangelte und mit nützlicher Genauigkeit auf das Kleinſte achtete, hielt man ſie für geizig. So hob ſich das Gut: denn das Auge der Herrin hilft zum Gedeihen. Jedes Plätzchen ward urbar gemacht, die Früchte der Obſtgärten, die Wolle der Heerden veredelte ſich von Jahr zu Jahr; Kiſten und Käſten füllten ſich im Schloſſe, und Roſamundens Herz ging nicht leer dabei aus. Der Blick auf eine einſtige Befriedigung gab auch der längſten, der einſam⸗ ſten Stunde ahnenden Genuß; ihr Gefühl war ein ſtilles Hoffen, ein beſtändiges Warten. Die Zeit ſchlich mit der Gewohnheit ſehnſüchtiger Geduld dahin. Wenn überhaupt das Warten auf fernes Glück jeder unvollendeten Beſtim⸗ 250— mung eigen iſt: ſo darf dies insbeſondere als der weſentliche Zuſtand alternder Mädchen ange⸗ nommen werden; wogegen man in der juͤngſten Frau eine Abgeſchloſſenheit der Erwartung fin⸗ det, was auch der Blödeſten ein ſelbſtſtändiges Anſehen giebt. Ob nun Roſamunde auch durch das erhöhete Gefühl für den Einen Gegenſtand, der die Seele ihres Lebens und Strebens war, bewahrt blieb, in die alltägliche Sphäre ihres Geſchlechts zu verſinken: ſo kann ſich doch Nie⸗ mand dem Einfluſſe ſeiner Verhältniſſe ganz entziehen. In dieſer tiefen Einſamkeit, in der immerwährenden Beſchäftigung mit dem idealen Bilde ihrer Gedanken, ward Roſamunde zwar ihres Himmels fähig, hörte aber auf, tauglich für die Welt zu ſeyn. Kleine Sonderbarkeiten ſind dem natürlich, der ſich iſolirt, und ein An⸗ flug von Aberglauben wird ſtets entſtehen, wo die Hoffnung auf ein ungewiſſes Vielleicht ge⸗ richtet iſt.— Wir wiſſen nun, warum Roſamunde faſt täglich, ſo lange die Jahreszeit und Witterung es erlaubte, nach der Ruine ging, und am lieb⸗ 251 ſten allein. Hier erneuerte ſich ihr die Scene des Abſchieds aus alter Zeit, hier verjüngte ſich ihre Empfindung. Die Natur in ihrer heiligen Ste⸗ tigkeit entſprach dieſen treuen Gefühlen. Roſa⸗ mundens Herz, ob es auch älter geworden, hatte ſich ſo wenig geändert wie die Sonne, wenn ihr herbſtlicher Schein kein Frühlingsſtrahl mehr iſt. Die Vorſtellung, daß ſie ihren Freund einmal an dieſer Stelle wiederfinden würde, war ihr eine fixe Idee. So oft ſie um die Ecke des Caſtells bog, klopfte ihr Herz nicht allein vom Gange, ſondern in dem leiſen Grauen der Ahnung, Os⸗ wald werde da ſitzen, und ihr die Arme entgegen breiten. Sie ſchlug das Auge ſchüchtern auf; aber da war keine geliebte Geſtalt zu ſehen. Nur der Epheu, das Grün der Mauer rankte ſich um den Verfall, und die Abendröthe glühte an der grauen Steinmaſſe. An einem wunderſchönen Sonnabend vor Pfingſten ging das Fräulein einſam, wie immer, nach der Höhe, ſogar der treue Ami war diesmal eines kleinen Schadens wegen, den er genom⸗ men, unter Philippinens Obhut geblieben. Der 252 Abend war göttlich milde. Auf den Bergen duf⸗ tete der Thimian und die Camille, die Holzun⸗ gen athmeten lebendigen Odem; in der ſum⸗ menden Luft miſchte ſich die ſingende und zwit⸗ ſchernde Weiſe des Gevögels, Blüthen taumelten wie trunken von den Bäumen, und die Vergiß⸗ meinnicht am Bache, berauſcht von Wonne, ſchauten mit feuchten blauen Augen in den off⸗ nen Himmel der Natur. Eine ſchneeweiße Taube zuckte durch den klaren Aether, als ein Sinnbild des morgenden Feſtes ſchwebte ſie Roſamunden vor. In dieſer Frühlingsfeyer war dem Fräulein das Herz weit aufgegangen. Dieſe lauen lieblichen Lüfte, ein Element der Sehnſucht für Alles was da lebte— löſeten Roſa- mundens Weſen in einer ſo tiefen Wehmuth auf, wie ſie nie empfunden. Sie dachte an ihr eige⸗ nes gläubiges Warten auf den Geiſt der Liebe, und das wache Leben der Freude rings umher erregte ihr den traurigen Wunſch, ſie mögte nun, müde vom langen vergeblichen Hoffen, ſchlafen gehen, um die Erfüllung zu träumen. »Ich gehe noch immer den alten Weg,⸗ ſagte ——— 258 ſie leiſe zu ſich ſelbſt: und Er, deſſen Zuge ich folge zu der Stelle, wo er mir entſchwand, wil⸗ lenlos, wie ein Schatten ſeinem Lichte— er iſt gewiß längſt ſchon todt; die magnetiſche Kraft aber wirkt noch fort in meiner Seele. Wie kann ich denken, er lebe und liebe mich noch? ach! er hat mich wohl nie geliebt. Es war ein Traum— und ich muß denken, das Glück, was er mir wirk⸗ lich gewährt haben würde, wäre zu groß geweſen für dieſe Welt.“ Bei dieſen Gedanken trocknete das Fräulein ſich die Augen, in welche das Blendlicht der untergehenden Sonne durch den Glanz quellen⸗ der Thränen ſtrömte. Plötzlich horchte Roſa⸗ munde auf. Sie glaubte den melodiſchen Hauch einer Flöte zu vernehmen, der wie ein Sphären⸗ ton auf dieſe ſanfte Klage Antwort gäbe. Mit zagen Schritten ſtieg ſie vollends empor, und ſuchte den Schauer, der über ihre Nerven ſtrich, durch den kälteren Spott zu bezwingen, wie täuſchbar ſie an dieſem Orte ſey. Aber— als ſie ſich dem wankenden Throne der Veſte näherte, welche die ſchöne Ausſicht beherrſchte, hatte eine 254 wirkliche Erſcheinung ihn bereits eingenommen, und ſcheu bebte das Fräulein vor dem Uſurpator zurück. Ein Jungling ſaß auf dem Vorſprung der Mauer, den maleriſchen Kopf zurück gebo⸗ gen, und in eine Laube von Eppich gedrückt, das die offne Stirn, wie für den Lorbeer gewölbt, wild und regellos umkränzte. Seine Füſſe ruhe⸗ ten gekreuzt und läſſig auf einem Ränzchen von blankem Wachstuch; es ſchien dies nicht ganz zufällig und alles Habſelige ihm niedrig zu ſeyn. Die weiße Hand hielt eine Flöte von Ebenholz mit ſilbernen Klappen wie den Scepter über eine geheimnißvolle Welt— man hätte den Jüng⸗ ling für den König der ſchwarzen Inſeln halten können. Aus einer Mappe, die an zierlichen Bändern auf ſeiner Bruſt hing, guckte ein Sträußchen Haideblüthe hervor. Um ſeinen Mund lag ein weiches entzücktes Lächeln, der begeiſterte Blick ſchweifte ſtrahlend über dem Panorama hin, und der ganze Wunderreiz dieſer herrlichen Gegend, der unermeßliche Himmel glimmend in Abendglut, ſpiegelte ſich ſchöner in der Tiefe eines großen dunkeln Auges. Das 2⁵⁵ intereſſante Bild, was ſolchergeſtalt der Anblick des Jünglings gab, war wie in Purpur getaucht und von der ſinkenden Sonne beleuchtet. Jetzt ſang er im reinſten Tenor:„o legt mich nicht ins dunkle Grab, nicht unter die grüne Erde hinab! Soll ich begraben ſeyn, lieg' ich ins tiefe Gras hinein. In Gras und Blumen lieg' ich gern, wenn eine Flöte tönt von fern, und wenn hoch obenhin die hellen Frühlings⸗ wolken ziehn.“ Und zwiſchen dieſen Strophen ſetzte er die Flöte an die Lippen, und blies mit dem göttlichen Schaffen der Kunſt, dem Holze eine Seele der Sehnſucht ein. Die Töne hallten abwärts von der ſtillen Höhe, ſacht ſeufzte das Echo ihnen nach, und unten im Thal tönte das Geläut der Heerden tief und leiſe in die Früh⸗ lingsruhe des unſterblichen Dichters. Ein unendliches Heimweh beſchlich das Fräulein. Wie befangen Roſamundens Ge⸗ fühl auch war: ihren Augen entſtürzten Thrä⸗ nen, und ſie vermogte nicht, ſich zu bergen. Der Sänger verſtummte alsbald, da er die Nähe einer fremden Zeuginn gewahrte— er ſchien 256 jedoch nicht überraſcht, als Roſamunde nun her⸗ vor trat. Indem er aufzuſtehen ſuchte, ward eine gewiſſe Anſtrengung ſichtbar in der Art, wie er ſich bewegte, und Züge eines unterdrückten Schmerzes verdrängten den ſeligen Ausdruck des Geſichts, und gaben ſeiner Miene etwas Be⸗ wußtes.„Verzeihen Sie, meine Dame,“ redete er das Fräͤulein an:„daß ich ohne Erlaubniß der Grundherrſchaft, die ich zweifelsohne vor mir ſehe, es mir hier wohl ſeyn ließ, und mehr noch muß ich um Entſchuldigung bitten, wenn ich ſchwerfällig ſcheine, mich Ihnen ehrerbietig zu zeigen; ich habe mir mit einem Sprunge über den Bach den Fuß vertreten, und bemerke ſo eben, daß ich kaum im Stande bin, wie es ſchick⸗ lich wäre für mich, zu ſtehen.« Bei dieſen Wor⸗ ten zuckte ein verbiſſenes Weh auf der Lippe des Jünglings, und er ſank auf ſeinen Sitz zurück. „O thun Sie ſich meinetwegen keinen Zwang an!« antwortete Roſamunde mit reger Theil⸗ nahme: denn der erwähnte Unfall betraf ja die leidende Stelle ihrer Perſönlichkeit, und ſo viel Selbſtſucht miſcht ſich ſtets in das Mitleid, daß — 257 die Menſchen für diejenigen Uebel das meiſte Be⸗ dauern haben, welche ſie aus eigener Erfahrung kennen.„Solch ein Fehltritt,⸗ fuhr Roſamunde fort: kann manchmal von langen ſchlimmen Folgen ſeyn. Sie haben ſich vermuthlich eine Flechſe ausgedehnt. Meine Leute wiſſen damit Beſcheid— wenn ſie nur glücklich den Berg herab wären, und ich Sie im Schloſſe hätte!— Wen habe ich denn das Vergnügen kennen zu lernen?⸗ Der Jüngling ſprach: ich heiße Lind.⸗ „Welchen Standes, wenn man ſo frey ſeyn darf?« fragte Roſamunde noch einmal. „Ich bin ein reiſender— Theologe⸗— ſtieß der fremde junge Mann raſch heraus, und damit die vorgefaßte Meinung des Fräuleins um, daß dieſer Stand zu der Extravaganz einer Fußreiſe zu ſtabil wäre. „Theologe? ein reiſender?⸗ wiederholte Roſamunde mit verwundertem Accent, und ſuchte ſchnell aus dem Schatze geſammelter Menſchenkenntniß einen Zehrpfennig richtigen Begriffs, der dieſem vagirenden Apoſtel weiter 258— hülfe.„Ein Solcher,“ ſetzte ſie hinzu:„fände meines Erachtens zur Pfingſtzeit Herberge auf allen Kanzeln; die heiligen Ferien ſind ſonſt in der Regel keine Vacanz für die Geiſtlichkeit. Ich hätte Sie eher für einen Künſtler gehalten.⸗ Der Jüngling läͤchelte wie geſchmeichelt. Er hatte während dieſer Reden einen Verſuch gemacht, ſtärker aufzutreten, es ging mühſam, aber es ging. »„Kommen Sie, Herr Lind!⸗ ſagte das Fräulein gütig:„Verzug iſt hier gewagt; das Fußblatt könnte anſchwellen und entzündlich werden. Nein, nein! geſtatten Sie nur, daß ich Ihnen ein wenig unter die Arme greife; da⸗ für leiten Sie in Zukunft nach Ihrem Beruf die Geſtrauchelten zum Heil.⸗ Lind mußte es ſich trotz allem Sträuben ge⸗ fallen laſſen, daß Roſamunde ihn unterſtützte. Sie that es mit zartem Anſtand. Doch mit jedem Schritte vermehrte ſich der Schmerz und der Bedarf dieſer Hülfleiſtung. Der Jüngling wankte zuweilen unter dieſer Pein, die er kräftig zu ertragen ſtrebte; was er trug, bewegte ſich —. 259 mit ihm, und die Haideblüthe ſtreifte an die Hand ſeiner Fuͤhrerinn.»„Gewiß,“ ſagte das Fräulein:„bewahren Sie in dieſen hübſchen Blümchen das Angedenken an eine werthe Stel⸗ le—: ich hätte ſonſt geglaubt, dieſe Mappe enthielte nur Sammlungen der critiſchen Wäl⸗ der. Sie ſehen,« fuhr Roſamunde mit einem anſpruchsloſen Lächeln fort:»hinter den Ber⸗ gen wohnen auch Leute, die ſich für theologiſche Schriftſteller intereſſiren, und Herder iſt mir von Allen der liebſte. Den verehre ich hoch und ſeine Werke ſind in meinem Beſitz.⸗ Das Fräulein, dieſe beſcheidenſte Seele von der Welt, war fern davon, hiebei mit gelehrter Beleſenheit zu prunken; es ſollte dieſe Aeuſſe⸗ rung dem armen Lind, der immer einſylbiger ward, nur einige Anſprache für ſeinen Geiſt ver⸗ heißen, in dem Aufenthalte, den er wahrſchein⸗ lich ſobald nicht würde verlaſſen können. Lind kam nicht zur Antwort: denn Philip⸗ pine, der das Fräulein zu lange ausgeblieben, kam ihnen entgegen, nicht wenig erſtaunt, Roſa⸗ munde im Geleit eines Fremden zu finden, der 260 im umgekehrten Verhältniß, obſchon jugendlich ſtark, doch ihren ſchwachen Kraͤften zur Laſt zu fallen ſchien. Es war, als ob man eine pilgernde Gruppe aus dem Lande der Hinkenden ſähe.— Das rüſtige Mädchen ſprang hinzu, faßte den jungen Mann unter, und ſo hielt, halb in der Schwebe, der Candidat ſeinen Einzug im Schloſſe zu Struenſee. Hier angelangt, flog Bläſſe über ſein Geſicht, und ein langes Ver⸗ ſtummen ängſtete das Fräulein mit der Beſorg⸗ niß, daß der Gaſt auf das Aeuſſerſte erſchöpft und vor Schmerz keines Wortes mächtig ſey. Alle Hülfe wurde nun aufgeboten. Erbe unter⸗ ſuchte verſtändig den beſchädigten Fuß, Frau Baby machte Umſchläge; wäre ein Lahmer im Himmel denkbar: er könnte beſſer nicht gepflegt werden. Auch ermunterte ſich der Jüngling bald. Seine Augen verweilten mit ſinnigem Betrachten auf jedem Gegenſtande, der ihn um⸗ gab, als wolle er dies Wohnzimmer mit ſeiner altväteriſchen Heimlichkeit der Phantaſie einprä⸗ gen, um es nächſtens zu zeichnen. So ſprach er den erſten Abend hindurch wenig. Am folgenden 261 Morgen hatte ſich die Geſchwulſt um Vieles ge⸗ geben, der Schmerz auch, nur im Gehen war er gehindert, und der ſervile Wundarzt erklärte: der Patient werde den kranken Fuß lange ſcho⸗ nen müſſen.— Fräulein Roſamunde fuhr in die Kirche, der das Gut eingepfarrt war, Philippinens Heimath gehörte einer andern Herrſchaft an— und machte vorher noch einen kleinen Beſuch bei ihrem Gaſt, um ſich perſönlich von ſeinem Befinden zu über⸗ zeugen. Der Jüngling ſaß am offnen Fenſter, ſeine Wange blühete wieder, erfriſcht von einem Luftbade, das mit aromatiſchen Kräutern durch⸗ würzt war. Von den Bergen herüber tönte leiſe der Hall des Geläuts, hehre Ruhe athmete in dieſer Morgenſtille. Roſamunde freute ſich ſeines Ausſehens, bedauerte aber zugleich, daß er durch ein ſo widriges Hinderniß abgehalten werde, der kirch⸗ lichen Feyer des ſchönen Feſtes beizuwohnen. Lind lächelte und ſprach:„ich denke deshalb doch nicht, der Wirkſamkeit des heiligen Geiſtes ver⸗ luſtig zu gehen, der nicht in den engen Raum der Kirche eingeſchloſſen iſt. Pfingſten dauert länger als dieſe Glocken klingen.⸗ Das Fräulein ſah ihn auf das Verſtändniß dieſer Worte an, und erwiederte nach einer klei⸗ nen Pauſe:»es mag wohl im Weſen des Weibes liegen, daß es Alles, auch das Geiſtigſte, viel inniger annimmt. Der Mann denkt und fühlt anders. Er duldet nirgend Beſchränkung, nicht einmal die der Zeit. Sein Gedanke hat einen höheren Schwung, er vermag das Weltganze wie das Reich Gottes zu umfaſſen. Wir tragen, was uns ſelig macht auf Erden wie im Himmel, nur im Gemüth. So könnte ich zum Beiſpiel die Kirche nicht miſſen. In der Natur ſpricht mich der Schöpfer an, ich empfinde ſeine Allmacht, ſeine unendliche Güte; doch in dem engen Raume der Kirche, wie Sie ſagen, fühle ich, ſie ſey die Wohnung des Herrn. Wenn ich zum Abend⸗ mahle gehe, das ſogenannte Gebet nun vorüber iſt, Sie wiſſen ſchon, was ich darunter verſtehe, eine Vorleſung aus den Büchern des alten Teſta⸗ ments nebſt einer kurzen Erläuterung— Die⸗ jenigen, welche nicht Theil nehmen an dem hei⸗ 263 ligen Genuß, nun fortgehen, die Orgel ſanft anhebt, der Küſter die Thüren ſchließt, damit keine Störung eintrete, und in dieſer herzrühren⸗ den Stille die Handlung beginnt, während die Sonne hell an das Bild der Gnade ſcheint: dann rieſeln Schauer der Nähe Jeſu durch meine Seele— und kaum könnte ich anderswo mit ſolcher Hingebung des Andenkens an a Ihn, Com⸗ munion halten.⸗ „Gott behüte mich,⸗ antwortete hierauf der Candidat ſehr ernſt: daß ich die Beſtimmung der Kirche verkennen oder jemals herabſetzen wolle, nur ausdehnen mögte ich ſie. So iſt mir der kleine Bau von Holz oder Stein ein Heiligthum, worin ein frommes Herz wie das Ihrige, mein gnädiges Fräulein, ſeinen Tempeldienſt hält.— Nur die unſichtbare Kirche der Geſinnung, kein Münſter, kein Dom, und wäre es die ſchwin⸗ delnde Pracht der Petrikuppel— iſt es, wo ich im Geiſt und in der Wahrheit anbete.⸗ Erbe öffnete die Thüre und meldete: der Wagen ſey zu Befehl. Es war hohe geit zum Aufbruch. 264 Lind blieb allein. Eine tiefe Feyertagsſtille herrſchte im Schloſſe, jedes Geräuſch ſchwieg. Ihm ward die Zeit nicht lang. Er hing mit frohen Blicken an der häuslichen Schwalbe, welche, unbekümmert um das dritte Gebot, ihr lehmernes Gebäude mauerte; ſie folgte dem In⸗ ſtinkte der Natur— auch ihr war geheißen, ſo zu thun. Das Geſumme der arbeitenden Bienen um den Lindenbehang des Fenſters wiegte ihn in ein träumeriſches Selbſtvergeſſen. Roſamunde und ihre Begleitung kam ziem⸗ lich ſpät nach Hauſe; die Kirche hatte unge⸗ wöhnlich gedauert. Während der Mahlzeit, wo der Gaſt anweſend ſeyn konnte, dem man es be⸗ quem gemacht, erzählte Roſamunde, welche in dem Candidaten theologiſches Intereſſe für die⸗ ſen Gegenſtand vorcusſetzte, ihm das Thema der Predigt und die Eintheilung. Lind hörte aufmerkſam zu, und jetzt ſagte Philippine, in der das Urtheil der drängenden Jugend ſich mit einer kleinen Intoleranz, einem Erbtheil ihrer Erziehung, miſchte—: ach! der gute Senior, mit ſeinem trägen Salm, konnte — 265 heute wieder gar kein Ende finden. Als er Amen ſagte— welch ein allerliebſtes Wort! erwachte die Gemeine aus einem langen Schlafe; der Klingelbeutel wird ſehr ſparſam ausgefallen ſeyn: denn Alles nickte. Ich ſelbſt war wie betäubt, von dem ſtarken Blumendufte, glaube ich; Jedermänniglich hielt ein Sträußchen in den Händen.⸗ Ein linder Vorwurf in des Fräuleins Blick ſtrafte das Mädchen leiſe, was ſeines Herzens Meinung laut werden ließ. Roſamunde ent⸗ ſchuldigte den gedehnten Vortrag des Geiſtlichen mit ſeiner Alterſchwäche. Sie ſprach:„ich will doch zuletzt lieber die einfache Rede eines redli⸗ chen Dogmatikers beherzigen, als den rhetori⸗ ſchen Klingklang der Neuerer anhören, die, leider! mit ſich ſelbſt im Zweifel ſind, und daher Andere nicht gewiß machen können in Sachen der Seele und Seligkeit. Phraſen mag ich nirgend gern; doch religiöſe liebe ich nun vollends nicht.⸗— »„Sollte denn aber,« entgegnete Lind:„der ächte Glaube durchaus einer ſtrengen Form be⸗ Die Ruine. 12 266 dürfen und die Freiheit des Gedankens ausſchlie⸗ ßen? jene Begeiſterung, wie ſie das Pfingſtfeſt ſchildert, der feurige Strahl einer Zunge, welche die göttliche Gabe der Sprache in Segnungen theilt, entzündet mehr, als ein ſchwaches Kirchen⸗ licht, das im Verglimmen iſt.« Das Fräulein ſchwieg und ſah den Jüng⸗ ling nachdenkend an. Philippine aber ſprach: „mein ſeliger Vater ſagte oft, daß die jungen Theologen der heutigen Zeit alles zu poetiſch nähmen, das gäbe ſich jedoch im Amte. Ein komiſcher Vorfall, der ſich drüben in Lorzendorf ereignete, es werden etwa zwei Jahre ſeyn— könnte zum Beweiſe dienen. Als die Stelle erle⸗ diget war, predigte ein junger Geiſtlicher, der, obgleich vocirt, ſich doch eifrig um dieſe beſſere Verſorgung bemühete, an Himmelfahrt Probe. Er mogte die Jungfrau von Orleans in Gedan⸗ ken haben; aber er vergaß, daß die Landleute Schillers Trauerſpiele nicht leſen. So beginnt er, da das Lied ſchweigt: wie wird mir? und haͤlt inne, um den Eindruck dieſer erhebenden Frage zu verſtärken. Doch ehe er hinzuſetzen 267 kann: leichte Wolken u. ſ. w., ruft's in den Bänken: ach Gott! dem Herrn Paſtor wird ſchlimm— es entſteht ein ängſtliches Getüm⸗ mel, der Kirchvater ſpringt nach Lebensgeiſt und cölniſchem Waſſer, und der Redner, der nicht zu Worte kommen kann, ſteht wie mit Blut be⸗ goſſen. Er ſelbſt erzählte es uns, und mein Vater ſagte lachend: künftighin werden Sie gewiß Anſtand nehmen, an ſolcher Stelle einen Dichter zu citiren.⸗ Lind lächelte, aber luſtig ſchien ihm die kleine Geſchichte nicht. Er erwiederte:„und wenn dem erhabenen Genius die würdigſte ge⸗ bührt: warum nicht dieſe? es iſt traurig, daß Ihr guter Vater recht hatte, liebes Fräulein; daß die Poeſie den meiſten Theologen als ein fremdartiges Element erſcheint, während dieſes himmliſche Princip ihr Leben und Sterben durch⸗ dringen ſollte. Darum verſtehen ſich ſo wenig Geiſtliche auf den Geiſt ihres Berufs, was an ihren Früchten zu erkennen. Die Seele des Seelſorgers ſollte beflügelt ſeyn zum Auf⸗ ſchwunge über den niedern Kreis alltäglicher 12 268 Kümmerniſſe, Taubenſinn der Liebe und Fried⸗ ſamkeit aus ſeinen Lehren athmen: und wie feſt klebt in der Regel der Dünkel dieſes Standes an irrdiſchem Leim, an todten Satzungen! in Mitten der evangeliſchen Synode könnte es zu⸗ weilen heißen: der Geier iſt los.— Wo aber der Geiſt hernieder fährt, den das heutige Feſt feyert, da bewegt ſich die Stätte, das Herz im Buſen wird erſchüttert und ein treuerer Verband ſchließt den Menſchen inniger an ſeine Brüder. Davon hört man in unſern Kirchen ſelten; es bleibt bei der beſtehenden Weiſe des Vortrags, nichts brauſt— die Zuhörer ſchlummern ſanft. Ich gebe zu, daß eine ländliche Gemeine am Her⸗ gebrachten hängt, daß ihre Religioſität theilweiſe daran geknüpft ſeyn mag; aber es iſt doch nur ein dumpfes Gefühl der Frömmigkeit, womit ſie das göttliche Wort verehren, kein aufgeſchloſſener Sinn für das heiligſte Intereſſe der Menſchheit, und es käme darauf an, ob dieſer Sinn nicht zu wecken wäre. Aber denen dieſer hochwichtige Verſuch obläge, fehlt es nur zu oft an der wah⸗ 269 ren Prieſterweihe, und dieſe ertheilt kein Gene⸗ ral⸗Superintendent, kein Biſchof.⸗ „Ach,“ ſagte Roſamunde betrübt:„ich höre es wohl, Sie, lieber junger Mann, tragen noch das Ideal einer religiöſen Verfaſſung in ihrer Seele; aber die Welt liegt im Argen und auch der Geiſtliche bleibt ein Menſch. Dann zweifle ich auch, ob der moraliſche Zuſtand unſerer Land⸗ leute einer philoſophiſch⸗chriſtlichen Ausbildung fähig ſeyn dürfte. Die einfache Lehre des Evan⸗ geliums reicht hin zu ihrem Frieden.⸗ „Gott!« antwortete Lind heiß:»Sie miß⸗ verſtehen mich, gnädiges Fräulein. Dieſe Ein⸗ falt des Glaubens meine ich eben; ich haſſe allen Bombaſt, wo es das Weſentliche gilt. Deshalb zürne ich manchem kirchlichen Gebrauch, der die Andacht mehr hindert als fördert, und die An⸗ maaßung der Geiſtlichen, die ſich von Würde und Heiligkeit umfloſſen dünken, wenn ſie im Ornat einher ſchreiten, empört mich. Sie mei⸗ nen damit, dem alten Adam einen neuen Men⸗ ſchen angezogen zu haben; allein, nicht jeder ſchwarze Rock iſt ein Bußgewand oder ein Feyer⸗ 8 2 270 kleid. Es wird eine Zeit kommen⸗— hier ward der Blick des Jünglings leuchtend wie der eines Sehers:»wo es anders ſeyn dürfte. Dann for⸗ dert der zunehmende Tag, deſſen Morgenröthe ein Blutſchein war, ein klares Auge, ein waches Herz, und vor ſolchem Lichte erbleicht der abgenützte Glanz dieſer Ornamente. Dann bricht der Luther künftiger Jahrhunderte an der äuſſern Schale der Religion; in höherer Reife für die Wahrheit des Chriſtenthums löſet ſich eine Hülſe nach der andern von dieſer Him⸗ melsfrucht; doch der Kern wird bleiben: denn darin iſt göttliche Kraft und Trieb des ewigen Lebens.⸗ Roſamundens Augen hatten, während Lind alſo begeiſtert ſprach, auf dem Stammbaum der Familie von der Golz geruht. Jetzt erhob ſie den Blick von den erblaßten Nahmenszügen der Altvordern zu dem glühenden Geſicht des Jüng⸗ lings, und ſagte:„wer mögte gegen dieſe ſchöne gläubige Idee etwas einwenden wollen? nur ſo viel ſage ich: es reift keine Vollkommenheit unter dem Monde! und unſer Herrgott wird bis an 271 den jüngſten Tag mit den Seinen Geduld haben müſſen.“ Eine lange Pauſe erfolgte hierauf, und daß die Wendung des Geſprächs nicht zu ſchroff erſcheine, fragte das Fräulein den Gaſt: ob er ſein Examen ſchon zurückgelegt habe? „Noch nicht,“ antwortete Lind:»aber ich bereite mich dazu vor.⸗ Roſamunde konnte ein trübes Lächeln nicht ganz unterdrücken. Sie wollte fragen, wo er Exegeſe und Kirchengeſchichte ſtudirt? doch Phi⸗ lippine kam ihr mit den Worten zuvor:„ſo darf man wohl nicht darauf hoffen, Sie predigen zu hören, wenn Sie eine Zeitlang in unſerer Ge⸗ gend blieben?« Die Frage des Mädchens lau⸗ tete halb neugierig, halb ſpöttiſch; es war, als ob der liſtige Wunſch herausklänge, die Fähig⸗ keiten des Candidaten mit ſeinen Aeuſſerungen zu vergleichen, welche Philippine, als die Toch⸗ ter eines Predigers, mindeſtens für abſprechend hielt. „Warum nicht?« erwiederte Lind unange⸗ fochten.„Dieſe meine Tiſchrede war ſchon ein 272 Pröbchen Controverſe. Vergebung, meine Da⸗ men, wenn ich die Ruhe, welche die Tafel heiſcht und der heilige Tag, durch meine Aufregung ge⸗ ſtört hätte!« Unterhaltungen dieſer Art wiederholten ſich jedoch, ob auch Lind vermied, ſie herbei zu füh⸗ ren. Es that Roſamunden wohl, über die innig⸗ ſten Intereſſen der Seele ein vertrautes Wort reden zu können, an dem Drange der Mitthei⸗ lung, womit ſie darauf einging, fühlte ſie, wie ſehr ſolch ein Austauſch der Gedanken ihr bisher gemangelt hätte. Wenn ſie über Dieſes und Fenes nachdachte, was ihr im Munde des Jüng⸗ lings paradox vorgekommen war: ſo fand ſie ſich doch zuletzt im Verſtändniß ſeiner Meinung. So gewann Roſamunde ihn mit jedem Tage lieber; dagegen blieb Philippine ihm fremd, und ein Hinneigen des Mädchens zu dem jungen Manne wäre doch, wie unſere Leſerinnen meinen könn⸗ ten, eine natürlichere Folge dieſes längeren Bei⸗ ſammenſeyns geweſen: denn Lind blieb vier volle Wochen daſelbſt. »Ein Theologe iſt der nicht,« ſagte Philip⸗ 27³ pine oftmals pfiffig zu Frau Baby, wenn ſie eine ſtumme Zeuginn ſeiner Geſpräche mit dem Fräulein geweſen war:»die kenne ich beſſer. Und um ein Amt für ihn dürfte es dermaleinſt mißlich ausſehen, wenn er nicht etwa als Schloß⸗ prediger hier angeſtellt wird, worauf er ſtark zu ambiren ſcheint.— Unſer Fräulein wird nicht ſatt, ihn anzuhören.⸗ Doch, ob auch Lind durch ſeine kühne Sprache über die Verhältniſſe eines Standes, dem er ſelbſt angehören wollte, Vorurtheile an⸗ griff, in denen Philippine geboren und erzogen war, ob er auch durch manchen freimüthigen Tadel das kindliche Herz verletzte, was ſeinen Todten und deſſen amtliche Würde heilig hielt: ſo war es doch nicht dieſe wackere Fehde gegen die Unbilden proteſtantiſcher Hierarchie, was Philip⸗ pinen im Umgange mit ihm ſtählte— die ſpa⸗ niſche Ximene des Cid liebte und ehelichte den tapferen Ritter, der ihren Vater getödtet, und die Tochter des Don Diego war dennoch muſter⸗ haft— eben ſo wenig hielt ein eiferſüchtiger Neid auf die Gunſt des Fräuleins ihm die ihrige 274 vor, Philippine hätte vielmehr daran denken kön⸗ nen, dieſe Gunſt zu größerem Gewinn einſt mit ihm zu theilen: ein Anderes war es, was ihre Unbefangenheit ſchützte. Lind dachte zu ernſt und edel, um die Ruhe eines heiteren Mädchens zum Zeitvertreibe einer müſſigen Weile zu machen, oder ſich in dem Verſuch zu verſündigen, wie weit er des Eindrucks auf ein unſchuldiges Herz mächtig ſey. So begegnete er Philippinen freundlich, doch fern. Er ſtand, wenn auch mit einem vertretenen Fuſſe, gleichſam auf dem Sprunge, und blieb dieſer Stellung ſich bewußt. Philippine bemerkte ihn heimlich und mädchen⸗ haft. Mit kälterem Urtheil, als dies ſonſt bei ähnlichen Beobachtungen abgegeben wird, ſagte ſie zu ihrer Vertrauten, der Frau Baby:»Lind ſcheint nur für die Wahrheit zu glühen; aber ich täuſche mich ſchwerlich, wenn ich vermuthe: er ſey mit ſich ſelbſt im Irrthum. Ich habe ſo meine eigenen Gedanken. Am Ende⸗— ſetzte ſie ſpöt⸗ tiſch hinzu: viſt er gar in Fräulein Roſamunde verliebt.⸗ „Das wäre entſetzlich!« fuhr Frau Baby 275 mit aller Entrüſtung ehrbarlicher Altklugheit auf: ⸗nein, Kind, das iſt nicht möglich. Er hat nur ſchuldigen Regard für unſere Dame, die ihn mit Güte überhäuft.⸗ Philippine ſchüttelte den ſchlauen Kopf und ſagte liſtig:»ich weiß, was ich weiß. Als ich ihm geſtern die Zeitungen bringen will und mich nach ihm umſehe, ſitzt er unter der großen Ka⸗ ſtanie im Garten, und zeichnet tief ſinnend Figu⸗ ren in den feuchten Sand. Er merkte nicht, daß ich neben ihm ſtand, wie er denn überhaupt wenig auf mich achtet— und ſo konnte ich den Nahmenszug: Ninon, ganz deutlich leſen. Nun war dieſe Ninon eine Perſon,⸗ fuhr das Mädchen in belehrendem Tone fort:„die noch im höchſten Alter ſo liebenswürdig geweſen ſeyn ſoll, daß ſie in ihrem achtzigſten Jahre eine Lei⸗ denſchaft erregte, die ſehr unglücklich endete. Mein Vater hat mir davon erzählt.“ Zuverläſſi⸗ ger wußte Philippine ſich nicht auszudrücken, da ſie Glauben für ſich in Anſpruch nahm. „Im achtzigſten Jahre! man dächte!⸗ ſagte Frau Baby, und obgleich weiſe wie Neſtors — 276 Wittwe, wenn nähmlich dieſer Ehrwürdige eine Erbinn ſeiner gereiften Einſicht zurückgelaſſen— doch durch dies fabelhafte Beiſpiel, was ſie als res facti annahm, jugendlich erheitert. Gegen dieſe Ehrenſtufe der Bejahrtheit ſchwebte ſie ja gleichſam noch im Flügelkleide, wo ein Schwung der Phantaſie über den Ernſt der Realität hinaus an ſeiner Stelle iſt. »Ich kann es mir recht gut denken,« ſprach Philippine weiter:„warum dem Herrn Lind grade dieſe berühmte Ninon eingefallen. Er fühlt ſich wie jener feurige Franzoſe, der ſich eine Kugel durch den Kopf jagte, in gleichen Flam⸗ men für einen ältlichen Gegenſtand. Und wun⸗ dern darf man ſich eben nicht darüber: denn Fräulein Roſamunde horcht ihm jedes Wort von den Lippen, das ſchmeichelt ihm. Er iſt ein Schwärmer, und die zerplatzen einmal: vor Aerger oder— Hochmuth.⸗ »Hochmuth?« fragte Frau Baby mit er⸗ neuerter Autorität:»nein, Pinchen, da geſchieht ihm zu viel. Von Stolz und Aufgeblaſenheit weiß ſeine Seele nichts. Er muß meinem Her⸗ — 277 zenskinde ein Hühnchen zertreten haben.— Ich bin ihm gut, ſeines leutſeligen Betragens wegen; und daß er nicht um Sie herum faſelt, das ge⸗ fällt mir über die Maaßen. Es geht mir ſonder⸗ bar mit dieſem Lind; wollte ich doch darauf ſchwören, ich hätte ihn zuvor ſchon gekannt, ſo )indut däucht mir ſeine Miene und der Ton ſeiner Stimme. Ein Menſch ähnelt jedoch dem andern, und ich muß es noch ausfinden, an wen unſer Gaſt mich erinnere.⸗— Als in täglicher Zugabe, wie einſt, wo Oswald von der Golz auf der Villa des Baron Dunkel verweilte— die Zeit des Bleibens zu einem Monat angelaufen war, erklärte Lind, er müſſe nun fort. Sein Fuß, längſt geheilt, wäre einer früheren Abreiſe nicht hinderlich geweſen, wenn Roſamundens gütiger Wunſch und ſein eigenes Wohlgefallen an dieſem gaſtfreundlichen Orte ihn nicht gehalten hätte. Als Tag und Stunde der Trennung nun beſtimmt war, ging das Fräulein ängſtlich umher, und ſchien, in Gedanken vertieft, auf etwas Wichtiges Bedacht zu nehmen. Mit geheimnißvollem Wink beſchied e„. 278— Roſamunde den Jüngling in ein entferntes Ge⸗ wölbe, das ſorglicher als jedes andere Gemach im Schloſſe verwahrt und mit eiſernen Kiſten und eichnen Truhen vielverſprechend angefüllt war, was auf einen gediegenen Inhalt, ſowohl der verſchloſſenen Zeugen als der beabſichtigten Mittheilung, ſchließen ließ.— Sie ſagte, da er erſchien:„ich habe mit Ihnen allein zu reden, Herr Lind, und hier wird uns Niemand ſtören.⸗ Sie ſchnappte die Thüre ab und ſetzte ſich ihm. »Da Sie nun morgen dies Haus verlaſ⸗ ſen⸗— begann das Fräulein und hielt mit be⸗ wegter Stimme einen Augenblick inne—:„ſo liegt mir noch eine Frage ob, und ich mögte Sie mit einer Bitte beläſtigen.⸗— „»O gnädiges Fräulein!« rief der junge Mann:„Sie geben mir eine Freude damit auf den Weg. Mein Blut und Leben iſt zu ihrem Dienſt.⸗ Roſamunde belächelte dankbar dieſen Affeet der Bereitwilligkeit und ſprach:„Sie ſind viel gereiſt, mein junger Freund, waren Sie wohl jemals in der Gegend von M. 2⸗ 279 Lind ſah mit betroffnem Blick das Fraͤulein auf dieſe Frage an.»Dort iſt meine Heimath,⸗ antwortete er, indem eine frohe Röthe ſeine Wangen überzog. „Ihre Heimath?⸗ wiederholte Roſamunde: „o Gott! warum erfahre ich das erſt jetzt! Sie erwähnten deſſen nie. So kennen Sie wohl auch einen gewiſſen Baron Dunkel?⸗ „Ihn nicht, aber ſeine Familie,“ entgegnete der Jüngling geſenkten Auges. „Seine Tochter,“ hob Roſamunde abermals und in einem Seufzer an:»ſoll ein ſchönes, lie⸗ bes Mädchen ſeyn. Die gute Roſamunde ver⸗ gaß im Stillſtand ihrer eigenen Verhältniſſe, daß die Zeit für Andere fortrücke und das Schick⸗ ſal umgeſtalte; vielleicht ſcheuete ſie es auch mit nicht minderer Treue als Eigenſinn, ſich jene Sara als Oswalds Gattinn zu denken. Eine flüchtige Verwunderung war ſichtbar in den Zügen des jungen Mannes, und hemmte ſeine Antwort. Dann, als ob ein Licht ihm aufgehe, ſagte er mit verklärter Miene:»Sara, geborne Baroneſſe Dunkel, iſt die vortrefflichſte 280— Frau— und eine zärtliche Mutter⸗—— und wie er dieſe Worte ſprach, erhöhete ſich die Farbe ſeiner Wangen und ſein Auge glänzte. Aber Roſamundens Augen füllten ſich bei dieſem be⸗ geiſterten Lobe mit Thränen; ihre ſtille tiefe Seele wallte im alten Schmerz auf. Sie ver⸗ mochte es nicht, nach Sara's Gemahl zu fragen. Sie fühlte ſich in dieſem Moment auf's Neue von ihm verlaſſen. In banger Demuth, die ſich gänzlich ent⸗ äuſſert und nicht für ſich begehrt, weil ſie der letzten Hoffnung ſich begiebt, ſagte ſie:„zwei⸗ felsohne iſt der Gemahl dieſer preiswürdigen Frau, die ich mehr noch eine beneidenswerthe nennen mögte— Roſamunde ſah nicht, wie traurig hier der Jüngling lächelte—„ein guter Freund von mir, und mein Verwandter. Der Nahme ſchon macht Ihnen dieſe Ausſage ge⸗ wiß, er müßte den ſeinen denn verändert haben, ſo wie er ſich des Erbtheils ſeiner Väͤtzr abgethan.⸗ Lind ſchwieg dazu, und das Fräulein fuhr fort:»Ihm gehört dies Gut, deſſen Eigenthü⸗ 281 merinn ich heiße und auch wäre, wenn ich von der Schenkung, die in einer drangſeligen Stunde geſchah, Gebrauch machen und ſeine Kinder ihres angeſtammten Erbes berauben mögte. Dafür wolle mich Gott bewahren! nein, ich habe nur an Statt meines Vetters hier gewaltet und ge⸗ wirkt, zum Segen, wie ich hoffe. Der äuſſere läßt ſich nachweiſen. Dieſe Kiſten ſind voll Gold und Silber, jene Truhen angefüllt von häusli⸗ chem Vorrath, und manch feines Webe Lein⸗ wand, daran ich ſelbſt geſponnen, liegt innen. Und in meinem Herzen ruht der Schatz des guten Bewußtſeyns, daß ich jeden Pfennig zum Thaler ihm zu ſchlagen bemüht geweſen bin. Ich habe geſpart für den ſchwelgeriſchen Augenblick, wo ich ihm dies Alles zeigen würde. Der wird nun aber nicht kommen. Was ſoll ich weiter ſor⸗ gen? ich wünſche vielmehr einzugehen in des Himmels Freude.⸗ Sie weinte.— Lind ſah den rollenden Fall ihrer Thränen, und dieſe Treue rührte ihn un⸗ ausſprechlich. Ein leiſes Gefühl ſagte ihm: daß die Treue einer Liebe, die das höchſte Glück ge⸗ 1 1 282 kannt, in Weh und Wonne ruhe— die unbe⸗ friedigte aber ſich in raſtloſer Thätigkeit erſchopfe. Sie würde des verdienten Lohnes nicht entbeh⸗ ren, dachte er, mit Ueberzeugung und mit Vorſatz. Es giebt Momente, in denen der Menſch nach Maaßgabe des ihm einwohnenden Geiſtes ſich einen Gott fühlt. Lind ſchwebte mit jener Kraft, die ein Hauch der Allmacht iſt, über dem Waſſertropfen dieſer Thräne, und ſein Gedanke baute göttlich ſchaffend ein kleines Paradies, dieſe reine Seele zu beglücken. Roſamunde trocknete ihr benetztes Angeſicht und ſprach gefaßt: lhören Sie nun meine Bitte. Ich wünſche ſowohl meinetwegen wie um Ihrent⸗ willen— daß Sie von hier aus graden Weges nach M. reiſen, und auf meine Koſten, wie ſich das von ſelbſt verſteht; Sie grüßen meinen Vet⸗ ter von mir, und ſagen ihm— ſagen ihm, wie Sie mich gefunden. Hat er einen Sohn: o! ſo ſende er ihn in ſein Eigenthum, und es ſoll von mir und allen Herzen, die hier ſchlagen, nicht heißen: die Seinen nahmen ihn nicht auf. Auch eine Tochter dieſer glücklichen Sara würde, 283 wenn ſie anhero käme, wie mein leibliches Kind gehalten ſeyn. Wie viel enthält dies Schloß, was ein fleißiges Mädchen freuen könnte!⸗ Hier lächelte der Jüngling wieder, wie über die traumhafte Idee einer Aeltermutter, im Geiſte und nach den Sitten ihrer Zeit. „Die Antwort aber,« fuhr das Fräulein fort und faßte mit ſanftem Drücken die Hand des jungen Mannes:„die bringen Sie mir zurück? nicht wahr, lieber Lind? und ſo hätte mein Leben doch eine Stunde, die des langen Harrens ſich verlohnen würde. Seinen liebſten Wunſch ſahen Sie zerrinnen, und was die Quelle meines Stre⸗ bens war, hat ſich in Nichts aufgelöſt.⸗ „Ich bringe Ihnen Nachricht,⸗ betheuerte der Jüngling:„und hemmt der Tod mich in dieſer Pflicht: wird doch mein Geiſt frei genug zu der verſprochnen Botſchaft ſeyn.⸗ „Nein, nein! beileibe nicht!« wehrte das Fräulein: ⸗nur mit Grauen höre ich das. Sie verkehren mir auf dieſe Weiſe meine Hoffnung in Furcht. Wie raſch doch die Jugend iſt, ein vermeſſenes Wort zum Pfande ihrer Zuſicherun⸗ gen einzuſetzen, wo der ſimple gute Wille aus⸗ reicht. Ich glaube Ihnen, guter Lind, und hoffe zu Gott, Sie kommen geſund nach Struen⸗ ſee wieder. Dies würde mir nebenher auch zum Beweiſe dienen, daß Ihnen, trotz des kleinen Leidens, wohl bei uns geweſen. Still, ſtill! Sie ſind ein herrlicher Menſch, und ich habe Sie unſäglich lieb gewonnen. Ein jugendlicher Mund, darauf der Schönheit friſche Roſe prangt, dürfte, bei aller Aufrichtigkeit des Gemüths, Ihnen dies nicht ſagen; ich, die alternde Roſamunde, darf es getroſt, ohne daß ich denken müßte, Sie könnten den Ausdruck eines müt⸗ terlichen Wohlwollens mißverſtehen. O wären Sie mein Sohn!⸗. Ein heiliges Erröthen ergoß ſich, als ſie ſo ſprach, über ihre milden Züge. Lind betrachtete ſeine Freundinn mit Ehrfurcht und Entzücken. Er geſtand ſich, daß eine keuſche weibliche Seele das Schönſte ſey, was dieſe Erde trägt, und von unvergänglichem Reiz, wie eine Lieblich⸗ keit des Himmels. Der Tempel der Veſta hat ein ewiges Licht— und der zarte Wider⸗ 285⁵ ſchein davon glühete auf Roſamundens blaſſer Wange. Lind beugte ſein Knie vor dem Geſchlecht der Mütter. Es ſchürte die reine Flamme ſeines Herzens, daß dies einſam verblühete Weſen noch angeweht würde von einem Anfluge der Schaam, und ſein Glaube an den reinen Geiſt dieſer Re⸗ gung, an das Fortleben der Liebe war ſo groß, daß er meinte: eine jungfräuliche Leiche würde noch erröthen, wenn ein beſchämendes Bild an ihr vorüber ginge. „Und weil ich Sie nun überzeugt zu haben glaube,⸗ fuhr das Fräulein fort:»daß ich es gut mit Ihnen meine: ſo erlauben Sie mir, daß ich in Betreff Ihrer ſelbſt aufrichtig mit Ihnen um⸗ gehe. Sie haben mir Ihre innerſten Geſinnun⸗ gen enthüllt, und ich weiß dies Vertrauen zu ſchätzen. Aber, lieber Lind, ich bin nichtsdeſto⸗ weniger, daß ich Ihre Anſichten theile und billige, um Sie bekuͤmmert. Dieſer Idealismus wird Sie unglücklich machen. Wären Sie beſtimmt, in einer Wüſte, wie der heilige Antonius, den Fiſchen am Bache zu predigen: ſo würden wir Wunder Ihrer Beredſamkeit ſehen, wie der Ascet ſie ſah. Aber die Zuhörer dieſer Zeit ſind nicht ſtumm, wie die Jenes. Sie werden verketzert werden, fürchte ich. Was Sie hier in aller Wärme geäuſſert, von dem päpſtlichen Gebahren unſerer Geiſtlichen, deren Mancher als ein ein⸗ ſchläfernder Mohnkopf nur Schlummerkörner ſtreut, ſtatt Saamen des ewigen Lebens— von einem künftigen Luther— von dem Kerne des Chriſtenthums: könnte wie giftiges Unkraut auf⸗ gehen. Das Conſiſtorium hat in dieſem Punkte ein leiſes Ohr, und die Frömmler ſind mächtig. Es iſt, als hätten wir eine kleine heilige Inqui⸗ ſition an dieſen Stillen im Lande. So kommt es uns ſpaniſch vor, aber nicht unerhört, daß, wenn ein argloſer Mann ein freies Wort der Wahrheit ſpricht, er bei Nacht und Nebel auf⸗ gehoben wird. Ach Gott! ich mache mir pein⸗ liche Gedanken. Deshalb iſt es gut, mein jun⸗ ger Freund, Sie entgehen vor jetzt einer mögli⸗ chen Ahndung, es verblutet ſich indeß. Nehmen Sie hier dies Reiſegeld; es iſt mein, und kein Groſchen dabei, durch den mein Vetter bethei⸗ 287 liget würde. Ein Legat von meinem ſeligen Oheim ſetzt mich in den Stand, über ein huͤbſches Sümmchen zu verfügen, und ich will es zu Gun⸗ ſten derer, die meinem Herzen lieb und theuer ſind. Ja, es wird nur auf die Nachricht ankom⸗ men, die Sie mir bringen, ſo— mein Entſchluß iſt gefaßt. Gut giebt Muth, pflegt man zu ſagen, und obwohl es Ihnen daran nicht zu feh⸗ len ſcheint, ſo mögte ich doch, daß Sie auf lebens⸗ lang aller bedenklichen Rückſichten überhoben wä⸗ ren. Sie haͤtten dann am Altar der Natur ein Pfingſt⸗Offertorium empfangen, das bis an das Ende Ihrer Tage reichte.- Roſamunde reichte ihm das Geld. Der Jüngling ſtand naſſen Blickes. Er faßte nach der ſchweren Goldbörſe; aber nur um die Hand, die ſie ihm bot, drückend abzuwenden. Dennoch ging ſein dankbares Gefühl in einem ſanften Schauer durch Roſamundens Nerven. Mit der Verſicherung, daß er noch wohl verſehen ſey, ſchlug er das Geld feſt aus, und bat nur um des Fräuleins Segen. Roſamunde genügte im frömmſten Ernſt dieſer geiſtlichen Idee. Lind al 2886 ließ ſich auf ein Knie nieder, ihre Hände lagen unter ſtummen Wünſchen leiſe zitternd auf ſeiner Stirne, und ihre Thränen ſalbten ihm den Schei⸗ tel, zur Weihe ſeiner Sendung. Wie uneigennützig Lind ſich nun auch ge⸗ zeigt, da er das gaſtfreundliche Schloß von Struenſee verließ: er hatte dennoch den beſten Schatz der Herrin mitgenommen. Des Fräu⸗ leins Ruhe war dahin. Roſamunde ſaß ſo tief⸗ trauernd und gramſtill, als wäre nun alles aus. Das Uhrwerk des häuslichen Getriebes hatte kein Gewicht mehr für ſie, mogte es gehen wie es wollte. Frau Baby und Philippine wechſelten Blicke einverſtändlicher Bemerkungen mit einan⸗ der, daß dieſer Fremdling ihnen den Antheil einer Gebieterinn entzogen, welche ſichtlich zer⸗ riſſenen Herzens kein Intereſſe fürder an dem Weben und Walten der Ihrigen nahm. Em⸗ pfindlich über dieſen Eingriff in ihr Näherrecht, warf Philippine den ſchönen Mund ſogar ein wenig auf; die ſchlaue Baby aber kämpfte die Kränkung des älteren Anſpruchs nieder, und ſprach am andern Morgen:„welch göttliches — 289 Wetter! es iſt dem Herrn Lind zu gönnen. Er wird nun ſchon ein Stückchen landeinwärts hin⸗ ter ſich haben. Ein prächtiger Menſch! man mußte ihm gut ſeyn!⸗ Roſamunde lächelte trübſelig und antwor⸗ tete: ich mache mir Vorwürfe ſeinetwegen, Baby.⸗ „»Nun bei dem höchſten Gott,“ entgegnete Frau Baby mit einem Tone, worin, da ihr Herz voll davon war, ein Unmaß von des Fräuleins Güte für den wildfremden Jüngling überfloß: das haben gnädige Fräulein nicht nöthig. Sie hätten ihn am liebſten die Sonne zuneigen mö⸗ gen, wenn dieſe nur eben zu handhaben wäre.⸗ „Und doch,« verſetzte Roſamunde:„habe ich ihn in ein finſteres Geſchick verwickelt; in meinem Auftrage iſt er nach M. gegangen. Er kennt die Familie des Baron Dunkel——.⸗ „»Da helfe ihm der Himmell« ſagte die Ver⸗ traute aufrichtig beſtürzt:„iſt er einmal in dieſe Judenhöhle gerathen, ſo kommt er nimmermehr wieder heraus. Wir kennen das. Es wird dann gehen, wie in dem Liede, wo es heißt: der Herr Die Ruine. 13 er ſchickt den Jockel raus, der ſollt' den Hafer ſchneiden, der Jockel ſchnitt den Hafer nicht und kam auch nicht zu Hauſe.⸗ „Was ſchwatzeſt Du doch!« rief das Fräu⸗ lein entrüſtet, und dieſe ärgerliche Rüge war eigentlich nichts als Angſt, daß Frau Baby wahr reden könnte.„Eine Nachfrage,⸗ fuhr Roſamunde fort:»wo mein guter Vetter geblieben, wäre längſt meine Pflicht geweſen. Gott weiß es, warum ich ſie unterlaſſen. Man könnte denken, ich haͤtte mir ſein Gut ungeſtört zueignen wollen, aber glaube mir Baby, ich wollte nur ſein Beſtes.« Und indem die Dame von Struenſee mit allen Stimmen des Bewußt⸗ ſeyns dieſe Verſicherung gab, fühlte ſie das Be⸗ dürfniß, ſich die beklommene Bruſt frei zu ſprechen. Roſamunde hoffte nicht mehr— und nur der Hoffende ſchweigt. „So iſt,⸗ fuhr ſie gepreßt fort:»eine Raruhe, eine Bangigkeit uͤber mich gekommen, die ich Dir nicht zu ſchildern wuͤßte. Wie aus einem langen, langen Schlafe erwacht, habe ich die ſchönſte Hälfte meines Lebens verträumt. Und wie Träu⸗ — 291 mende ſich abmatten in fruchtloſen Mühen, häu⸗ fen, was unter ihren Händen zerrinnt, und an⸗ halten in Phantomen: ſo habe ich es gethan. Ich finde mich nun allein, es iſt Abend um mich geworden, und der Freund, welcher mir der Nä⸗ heſte ſein ſollte, iſt verſchwunden von meiner Seite. Darf es Dich wundern, wenn ein leiſer Ruf in die Ferne ſeinen geliebten Namen nennt? — Was wird aus Euch und allen unſern Getreuen, wenn ich meine Augen ſchließe?« Frau Baby trocknete die ihrigen und ſprach: „der Herr von der Golz war aber doch kein kleines Kind, das ſich verläuft, ſo daß man Boten nach ihm ausſenden müßte.⸗ »„Wenn auch!« behauptete das Fräulein: ich ſage Dir Baby, es gereuet mich ſehr, daß ich es nicht früher gethan, und ich habe ſeit Pfing⸗ ſten keinen ruhigen Tag mehr gehabt. Schon nach dem erſten Jahre hätte ich ihm ſchreiben ſol⸗ len: aber ich war zu ſchuͤchtern dazu. So habe ich mir denn zu dem jungen Manne ein Herz gefaßt; doch ſeitdem er fort iſt, befinde ich mich in ſolcher Spannung, daneben all' meine Kraft 2 13* nachläßt. Habe nur ein wenig Geduld mit mir, gute Baby.⸗ Dieſe offne Erklärung und Bitte rührte die Untergebene, welche in dem Fräulein ein Muſter von Langmuth und Geduld verehrte. Frau Baby wie auch Philippine hofften, die träge Gewohn⸗ heit und der leiſe Pendelſchwung eintöniger Stunden würde dieſe regen und reuigen Gefühle wieder einlullen; aber ſie fanden bald Veranlaſ⸗ ſung, jene veränderte Gemüthsſtimmung des Fräuleins nur für den Vorklang einer Begeben⸗ heit zu halten, die Roſamundens ſtille Seele ſtär⸗ ker noch erſchüttern ſollte. Frau von Sorgue war nun ſeit zwei Jahren nicht mehr in Struenſee geweſen, und ihr letz⸗ teres Schreiben von nicht viel ſpäterem Datum. Roſamunde bekümmert um das Ergehen ihrer Freundinn, nahm ſich zwar vor, die ausbleibenden Nachrichten einzuziehen; allein ein Brief, ſowohl geſendet als empfangen, machte in dem häus⸗ lichen Leben des guten Fräuleins Epoche und es dauerte lange, ehe der Entſchluß dazu zur Reife kam. So lange Lind anweſend im Schloſſe, blieb — 298 es unterlaſſen; doch als er nun fort war, und die Leere, die ſein Weggang ließ, da tauſend kleine Freuden ihm folgten— den öden Raum weiter als ſonſt aus einander rückte, dachte Ro⸗ ſamunde mit Ernſt daran, Frau von Sorgue und ihre Tochter zu ſich einzuladen. Indem ſie nun ſolcher Weiſe eine fühlbare Lücke auszufüllen meinte, ward die Ordnung ihrer Zeit gänzlich aus allen Fugen gehoben. Am dritten Abend nach Linds Abreiſe ſprengte ein Eilbote auf den Hof, der Depeſchen aus der Veſtung B. überbrachte. Bei dem Worte: Veſtung, erzitterte Roſamunde wie in einem dämmernden Begriffe von Gefahr. Die Adreſſe des Briefpaquets war von einer feinen Hand, und mit Beben brach die des Fräuleins ein Siegel um das andere. Die Unterſchrift des oben aufliegenden Blattes, wonach Roſamunde zuerſt ſah, war:»Nina, doch der kleine Name ganz zerfloſſen, ſo daß er kaum zu leſen war, die Schriftzüge des Briefleins hier und da ver⸗ löſcht, und die Dinte wie mit Thränen verdünnt. Die alte Liebe für Angelika, die Freundſchaft — ÿͦᷣᷣ ihrer Jugend, drängte ſich in den flimmernden Blick, womit Roſamunde ſpähete, ob die Mut⸗ ter des armen Kindes etwa todt ſey? aber Frau von Sorgue lebte noch, wenn auch ſehr krank, und ihrer nahen Auflöſung gewärtig. Dieſes Blättchen enthielt die rührende Schilderung ihrer Leiden und den letzten Wunſch der Sterbenden, daß Fräulein von der Golz unverzüglich nach B. kommen möchte. Nur in abgebrochenen Sätzen that ſich das brechende Herz der armen Nina kund; aber Roſamunde erkannte deſſenungeach⸗ tet, daß Angelikas Tochter ihr Jugendglück als ganz zertrümmert anſähe. Die Beilage, aus mehreren Briefen beſtehend, welche Frau von Sorgue ſämmtlich früher geſchrieben aber nicht ab⸗ geſchickt hätte, würden ihre Freundin von dem Ver⸗ hängniß dieſer Familie in Kenntniß ſetzen. Sie, (die Tochter,) vermöchte es nicht, und die Be⸗ drängniß ihrer Zeit wie ihres Herzens, erlaube ihr nur den ſchwachen Ausdruck ihres Elends und der Hochachtung womit ſie ſich nenne, u. ſ. w. Seeit der Mond das kleine Plätzchen beſchien, wo dieſe Hiobspoſt einging, hatte er keiner gro⸗ 29⁵ ßeren Alteration geleuchtet. Die ſtille ſtete Welt des Fräuleins drehete ſich in ihren Angeln und öffnete einen Wirrwar betäubender Gedanken das Thor der Seele. Hätte der höchſte Wille dem Lindenbaum, der über ihrem Haupte rauſch⸗ te, Befehl ertheilt, von ſeiner Stelle zu rücken: er würde ſich nicht tiefer wurzeln gefühlt haben in dieſem Boden, als Roſamunde, da ſie die Heimath verlaſſen ſollte. Sie verſammelte den geheimen Rath ihrer Leute und ſprach: ich muß nun fort.— Eine Verbannte nach Botany⸗ Bai könnte dieſe Worte ſchmerzlicher nicht ſpre⸗ chen.»Mein Erbe nur,⸗ fuhr das Fräulein fort: begleitet mich, Du, Baby bleibſt hier, ſo nöthig ich Dich auch hätte; ich kann das Kind dort—⸗ auf Philippine deutend,— doch nicht allein laſſen.⸗ Nun erließ Roſamunde ihre Inſtructionen und ſetzte hinzu:„morgen in grauender Frühe ſey der Wagen bereit. Baby gehe nur gleich daran, meine Wäſche und Kleider zu packen, und lege auch etwas Trauerſachen dazu. Freilich— brauchbar wird wenig mehr davon ſeyn; es iſt 4 4 1 3 4 5 4 296 lange her, daß ich Leid getragen.“ Sie ſeufzte ſchwer.»Doch der Harm iſt eine alte Mode, die immer wieder aufkommt, und den ſeidnen Flor — Crepp wäre zu tief— wenn er grau geworden, könnte man vielleicht färben laſſen.⸗ Frau Baby that wie ihr geheißen. Sie wühlte und wählte in der Garderobe des Fräu⸗ leins, ſcheuchte den feinen Staub aus ſeinem verjährten Lager auf, und manche Motte, die eine ungeſtörte Anſiedlerin bisher, in dieſſem Staat wirklich in der Wolle ſaß, und mit dem Zahn der Zeit um die Wette nagte. Philippine half ihr bei dieſem weiblichen Geſchäft. Sie ſelbſt ſo einfach, daß ſie ſich gegen die Eleganz einer jungen Dame von Geſchmack nur wie ein Idyll gegen den Pomp dichteriſcher Gala ver⸗ hielt— lächelte doch überhebend während dieſer Muſterung. Der alte Erbe verjüngte ſich indeſſen alz Stallmeiſter. Er behandelte die erforderlichen Anſtalten ſo ſchleunig und wichtig, wie es ſolch eine Reiſe⸗Jubelfeier in aller Eil erheiſchte: denn ſeit Olims Zeiten war keine Dame des 2 297 Schloſſes, die Feldmark von Struenſee zu einem längern Ausbleiben paſſirt.— Aber als Roſamunde erſchöpft von gering⸗ fügigen Befehlen, in denen das Licht ihrer Be⸗ ſonnenheit, auf tauſend kleine Reflexen fiel— ſich nun niederſetzte, um geſammelten Geiſtes die Briefe ihrer Angelika zu leſen: wie weit ent⸗ rückt dieſen kleinlichen Dingen, ward ſie von der Groͤße des Unglücks der bedauernswerthen Freun⸗ dinn!— Der Gemahl der Frau von Sorgue, ein Staatsmann von Einfluß, wie unſere Leſer be⸗ reits wiſſen— hattte ſich in ehrſüchtigen Planen verfangen, und war gröblicher Vergehungen über⸗ wieſen worden. Seine Feinde, wirkſam ihm zu ſchaden, ſtürzten ihn gänzlich. Es ward kurz Prozedere mit ihm gemacht, und der Angeſchul⸗ digte zu lebenslänglichem Feſtungs⸗Arreſt ver⸗ urtheilt..4 Das ſtarke Herz dieſes Mannes brach bei ſeinem Fall. Die Seinen begleiteten ihn an den Ort der Strafe, der ihn nur ausliefern ſollte an das Grab, hinter deſſen kleinem grünen Wall die Gefangenen der Erde frei werden. Frau von ———— 4— —’——·— 8 3 2 3— 4 298 Sorgue, von ſchwächlicher Geſundheit, konnte die Schwere dieſes Schickſals kaum noch tragen; aber ſie hielt ſich mit dem Außerſten ihrer Kräfte aufrecht, ſo lange als möglich. Nur wenn ihr Auge auf Nina fiel, die aller gewohnten Vorzüge beraubt, nun nichts mehr war, als ein armes ſchönes ſchuldloſes Mädchen, und des Lebens Mai, der nur einmal blüht und nicht wieder, hier vertrauern ſollte: da ſank ihr der Muth, ſie werde als Mutter der Tochter beſtes Beiſpiel ſeyn kön⸗ nen, wie eine edle weibliche Seele ſich in Leiden bewähre, und ihr Blick mit Thränen belaſtet, fiel in einen Abgrund von Troſtloſigkeit. Die Briefe, welche Fräulein Roſamunde jetzt mit verhaltenen Seufzern las, beſchrieben nun ausführlich den ganzen Hergang dieſer Ca⸗ taſtrophe, die Frau von Sorgue in unbeſtimmter Furcht längſt geahnt. Es hatte ihrem Aufmer⸗ ken nicht entgehen können, daß ihr Gemahl ſich in geheime Entwürfe verwickelt, die nimmermehr ein gutes Ende hoffen ließen. Sie ſchilderte den veränderten Standpunkt ihrer Verhältniſſe und ſchrieb unter anderm: als dieſe entſetzliche Ah⸗ 299 nung immer tiefer in mir dunkelte, und was ich in meiner ſchwülen Ehe wie ein ſchweres Wetter herannahen ſehen, nun als Nacht einbrach: da verlor die Welt, in der ich gelebt, ihren Schein, und der Blitz des Verderbens, der nicht allein das Haupt des Vaters traf, ſondern auch mich und mein armes Kind zerſchmetterte, ließ mich erken⸗ nen, wie verblendet Der fey, der ſich auf ſein Glück und ſeines Glückes Freunde verlaſſe. Da war Keiner unter ihnen, der den Beruf der Theilnahme anerkennen mögen, und das geheiligte Recht des Unglücks. Unſere Bekannten flohen wie Schatten ohne eine mitfühlende Seele an den Wänden hin, unſerm Hauſe vorüber; ich hatte keinen Troſt, keinen Freund, als das höchſte Weſen. Wie arm⸗ ſelig denken dieſe Menſchen! ob auch tiefgebeugt, fühle ich mich ſtolz genug, ſie zu verachten. Du aber meine Roſamunde, das wußte ich gewiß, würdeſt mich nicht verlaſſen haben; ich kenne Dein treues Herz, in das ich meinen Jammer niederlege. Mein Mann hatte ſeit ſeiner kurzen Haft ganz graues Haar bekommen. Seine Ge⸗ ſtalt war abgefallen, ſeine hagere Wange todten⸗ 300 bleich geworden. Als wir auf jener traurigſten Reiſe meines Lebens uns B. näherten, und der Werke anſichtig wurden, ſagte er mit einem Lächeln, das mir durch das Herz ſchnitt: da ſind ja ſchon die Catakomben— und in Wahrheit! er glich einem lebendigen Bewohner dieſer Grüfte, nur ſein Athem durfte verlöſchen. Ach Roſamunde! und dies geſchah nur zu bald. Nach einiger Zeit ward mein Mann bettlägerig, ich mußte den Veſtungs⸗Prediger zu ihm rufen laſ⸗ ſen—— hier war eine Lücke, und das nächſt⸗ folgende Blatt leer. Weiter leſend ſah Roſamunde, der Gemahl der Frau von Sorgue wäre geſtorben. Seine Wittwe, erſchüttert von dieſen letzten Vorfällen, hatte ſich nach ſeinem Tode außer Stande gefühlt, von der ihr nun zuſtehenden Freiheit Gebrauch zu machen. Angelika konnte nicht mehr fort, und wünſchte damals ſchon, Roſamunde, nach der ſie ſich unbeſchreiblich ſehnte, möchte ſich entſchlie⸗ ßen, zu ihr zu kommen. Seitdem nun hatte ſich laut Ninas Bericht, dieſer kränkliche Zuſtand ſehr verſchlimmert. — 301 Die Aufſätze der Mutter gegen ihren Schluß, zeigten deutliche Spuren eines zerrüt⸗ teten Gemüths, zerrinnender Gedanken und jener Schwäche, die alles Irrdiſche endet und nur einer Kraft noch bedarf: der zum Sterben. Roſamunde konnte vor Wehmuth das Leſen dieſer Blätter kaum ſchließen. Sie ward um ſo mehr von dieſem Vertrauen ergriffen, welches ein feſtes Gemüth in ausſtrömender Fülle heißer Schmerzen öffnete, als Frau von Sorgue, eine Schülerinn der Welt, ſonſt eines aufrichtigen Ver⸗ trauens nicht fähig geweſen, dieſer Wohlthat, die der Menſch ſich ſelbſt erweiſt, wenn er den Troſt der Theilnahme bedarf. Eine ſympathe⸗ tiſche Regung des Mitleids ſagte dem Fräulein, daß Angelika die ganze Schwärze ihrer Erfah⸗ rungen noch nicht ausgegoſſen habe auf dies Papier.— Die Zöglinge der Klugheit, zurück⸗ haltend noch in ihren tiefſten Bewegungen, haben mit der Innigkeit einer Natur von Grund der Wahrheit, eine ſtille Oberfläche gemein. Roſamunde that die ganze Nacht kein Auge zu. Als der Morgenſtern erblaßte, hielt die 30² Reiſekutſche vor dem Schloſſe. Die ſcheidende Herrinn, von ihren Leuten umgeben, ſagte Allen thränend Lebewohl. Die Ruine, von der kom⸗ menden Sonne angeſtrahlt, ſchien verklärt, und wankte in Roſamundens Blicke— jedes Gräschen, jeder Halm weinte funkelnden Thau. Ein friſcher Hauch wehete über die Berge, die wie Altäre brannten; Roſamunde opferte noch ſtill am Hei⸗ ligthum der Heimath, dann zog ſie Frau Baby ſacht zu ſich heran, und ſprach:»gehe nur an meiner Statt auch täglich nach dem Caſtell, gute Baby! wenn Er etwa käme—⸗ „Wer, gnädiges Fräulein!⸗ fragte Frau Baby fremd:„Herr Lind! Der kommt ſobald wohl noch nicht wieder.⸗ Da ſchüttelte das Fräulein den Kopf und wendete ſich ſeufzend ab. Die Pferde zogen muthig an, und das Schloß ſammt ſeiner grünen Garde, der ſubalterne Kreis, das fragende Ge⸗ ſicht ſeiner Hauptmännin, der Geiſt des Wieder⸗ ſpruchs— verſchwand. Am Gränzſtein des Gutes wandelte Roſamunden eine Ohnmacht an; es war ihr ſo ſchüchtern und bänglich zu Muthe, — 3⁰03 als ginge es nun unter die Wilden der neuen Welt. Der zweite Tag fand das Fräulein um vieles zuverſichtlicher. Nur als mit der ſinken⸗ den Sonne die Veſtung ſichtbar ward, als die Gewehre der Soldaten auf den Wällen blank wie Nadeln blinkten, da ſank Roſamunden der Muth, und der Gedanke an das Schickſal ihrer Freundinn bohrte dieſe Bajonette in ihr Herz. Der Wagen raſſelte über die Zugbruͤcke und mit beklommenen Gefühlen fuhr Roſamunde unter dem dunkeln Gewölbe der Thore ein. Was ſie erblickte war ihr neu. Eine ſcheue furcht⸗ ſame Achtung ließ das Freifräulein dieſe mili⸗ tairiſche Sicherheit anſtaunen. Der Todesengel ſchlief in tiefem Schatten an dem Geſchütz, doch die Schildwacht, welche zwiſchen Kanonen und Mörſern auf und nieder ging, pfiff harmlos die Weiſe des alten Liedes: „freut Euch des Lebens!« Neben den aufge⸗ thürmten Kugeln ſpielten Kinder mit Bohnen, die ſie in kleine Gräben warfen und lachten in unſchuldiger Luſt, Angeſichts dieſer tödtenden Werkzeuge. Es dämmerte bereits, draußen 304 wurde die Trommel zum Schluß der Veſtung, drinnen Roſamundes Herz in ſtärkeren Schlägen gerührt zum Beſchluß der Reiſe, als der Wagen vor dem bezeichneten Hauſe hielt. Betäubt vom Fahren auf dem unge⸗ wohnten Steinpflaſter, und im Gefühl fortrücken⸗ der Bewegung, taumelte das Fraͤulein mit Hülfe des Bedienten über die fremde Schwelle. Nina kam die Treppe herab und preßte ſchweigend die Erwartete an ein ſchon gepreßtes Herz. Roſa⸗ munde konnte im Düſter des verbauten Hauſes, im tiefen Abenddämmer das kummerblaſſe Ge⸗ ſicht des Mädchens nicht ſehen; aber ſie hörte an der matten Stimme den Nachhall vieler tauſend Seufzer, ſie fühlte in der ſtummen Umarmung den lauten Schmerz, den eine Regung der Freude ſtärker hervorrief. „Meine Nina, ſagte Roſamunde bedraͤngt von Wehmuth: wie finden wir uns wieder? iſt es denn wirklich vorbei mit der Mutter? ſo lange der Menſch athmet, ſoll man ja hoffen.⸗ Don dieſem Troſte ergriffen, beugte Nina ſich über die Schulter des Fräuleins, und ein — 30⁵ heißer kindlicher Tropfen benetzte Roſamundens luftkühle Wange.»Ach!⸗« ſagte ſie und die Kraft einer verzagenden Seele drängte ſich in dieſen Wunſch:»wollte Gott, es wäre noch an Beſ⸗ ſerung zu glauben! könnte ich die Mutter damit retten, ich würde willig und mit Freuden mein ganzes Leben hier zubringen.⸗ „Du beſtes Kind!“ antwortete Roſamunde gerührt, aber ein wenig ungläubig; nicht an die Verſicherung der Tochter, ſondern an dem unab⸗ wendbaren Verluſte der Mutter. Sie wollte nur den eignen Augen trauen und meinte bei ſich ſelbſt, Ninas thränenvolle ſähen die Ge⸗ ſahr doppelt. So ſagte ſie:„für heute iſt es wohl zu ſpät, daß ich die Kranke ſpräche?⸗ „Nein, nein!« erwiederte Nina:„die Mut⸗ ter ſehnt ſich all zu ſehr darnach.“ Unter dieſem Geſpräch hatten ſie die letzten Stufen erſtiegen und Nina öffnete zuvörderſt eine Thüre des ſchma⸗ len Vorſaals, die werthe Gäſtinn in das ihrer Auf⸗ nahme geeignete Stübchen einzuführen. Roſamunde an weite hohe Räume gewöhnt, fand ſich ſeltſam von dem kleinen Gemach, mit 306— nahen Wänden beengt, die niedere Balkendecke drückte ihr Gefühl, und das einzige Fenſter von einem Vorbau finſterer Häuſer verdunkelt, be⸗ nahm minder ihrem Blick, als ihren Athemzügen die Freiheit. Sie ordnete ein wenig ihren Anzug, denn auch den Zerrüttungen der Krankheit gegen⸗ über, will Jede unſeres Geſchlechts anſtändig erſcheinen, ja, ſo eine Dame mit Bewußtſeyn ſtirbt, ſchmückt ſie ſich ſelbſt vor dem Tode noch, wie kalt dieſer Verächter aller Reize den Putz der Eitelkeit auch abſtreift. Im Krankenzimmer war es noch ſchlimmer. Die ſchwüle Bettwärme, durchathmet von mediciniſchem Dunſt, die trüben Lichtſtreifen der Lampe, die gleich dem Lebens⸗ docht der hier im Verlöſchen war, nur ſchwach glomm, eine Uhr, die hörbar zu raſch ging, wie im verpflüchtigten Ablaufen der letzten Stunde— die verhüllte Nähe der Freundinn, das Bangen der fremden Umgebung; dies alles machte Roſa⸗ munden unſäglich beklommen und unfähig ſich zu äußern. Sie ſchlich leiſen Schrittes näher und näher. Aber als Nina die Gardine nun ſacht zurück ſchob, und das Leidensbild da lag, 307 mit bleichen Zügen, den verwiſchten Spuren eines ſchönen Vormals, und nur noch kenntlich an dem rührenden Lächeln der Freundſchaft; da überwältigte das Weh dieſes Anblicks die gefaßte Roſamunde. Sie ſank auf einen Stuhl und weinte ſehr. „Mache es mit nicht ſchwer, liebe Roſa⸗ munde!« bat Frau von Sorgue, klar in ihrer Stimmung, wie im Ton der Sprache:»ich hoffe von Deinem Beſuch große Erleichterung für mein Scheiden.⸗ Sie reichte bei dieſen Worten der Freundinn zuverſichtlich die ſchmächtige Hand von krankhafter Weiße und Zärte. Roſamunde zog dieſe Hand an ihre Lippen, welche im Verſuch einer Antwort zuckten, doch bemeiſtert vom Schmerz konnte ſie blos bitten: „ſprich nur ja nicht viel, gute Angelikal es möchte Dir ſchaden.⸗— Da lächelte die Kränke, richtete ſi ſich ſtark ein wenig auf und ſprach: snein, wir haben viel mit einander zu reden, und wehren laſſe ich es mir nicht. Mag doch der Reſt meiner Kraft darauf gehen, beſſer wüßte ich ihn nicht zu ver⸗ 308 wenden; denn es geſchieht zu Nutz und Frommen meines armen Kindes. Könnte ich doch für Ninas Glück ſterben!— Mit dieſer Sehnſucht neigte die Mutter ihr Haupt auf die Kiſſen, ihre bewegte Seele ſtill auszittern zu laſſen. „Du wirſt für Deiner Tochter Glück leben, Angelika!« antwortete das Fräulein mit erho⸗ benem Gefühl: ich vertraue auf Gott, der ein Erretter iſt, auch vom Tode. Du biſt ja ſtets ein Muſter mütterlicher Vortrefflichkeit geweſen und die Liebe ſelbſt gegen Jedermann. Wem hätteſt Du wohl je etwas zu Leide gethan! ich kenne Dich doch von früheſter Jugend und wüßte keinen andern Fehler an Dir, als daß Du ſtets ein wenig verſchloſſen warſt.⸗ »Siehſt Du?“« ſagte die Kranke, als wäre hiermit der wunde Fleck getroffen:„der Himmel wußte es wohl, daß ich ſolchen Gewahrſam brau⸗ chen würde; darum brach das Schickſal mein Herz— es iſt Dir offen, was zu verſchweigen ich verpflichtet war und was ich am liebſten vor mir ſelbſt verhehlt hätte.⸗ Jetzt öffnete Nina die Thüre, begleitet von 309 einem Dienſtmaͤdchen, das einige Erfriſchungen herbeitrug, von denen das Fräulein, dem lieben Kinde zu willfahren, ein Weniges genoß. Wäh⸗ rend dieſer Epiſode, welche den erſten Angriff dieſes erſchütternden Zwieſprachs zerſtreuete, hatte Frau von Sorgue Zeit, ſich zu ſammeln. Sie ſagte, ſobald die mäßige Collation vorüber war:»verlaſſe uns nun, Nina! und ſorge dafür, daß Niemand uns ſtört. Ich weiß nicht,⸗ fuhr ſie mit einer Art von Scherz fort, der unheimlich zu dem düſtern Ernſt der Scene abſtach:»ob die Parze erlaubt, daß ich den Faden des Geſprächs, würde er öfterer abgeriſſen, ausſpinne. Mein Ende könnte kommen, wenn wieder eine Unter⸗ brechung käme, ehe ich fertig wäre.“ Nina wech⸗ ſelte einen traurigen Blick mit Roſamunden und verließ das Zimmer.. „Du weißt,“ hob die Kranke hurtig an, als ſtünde ein Dränger unſichtbar zu des Bettes Häupten:„daß ich mir meinen Mann aus Liebe nahm. Er trug mich auf den Händen und zu den Sternen— niedriger wollte er mich nicht geſtellt wiſſen— um mich zeitig genug aus mei⸗ 310— nem Himmel fallen zu laſſen. Ach, gute Roſa⸗ munde! Du weißt vielleicht nicht in der einſa⸗ men Unſchuld Deines Herzens, das fern ſchlug von der Welt, die nur Wunden ſchlägt— wie leidenſchaftlich ein Mann ſeyn kann, auch wenn er nicht wahrhaft liebt. Später habe ich es ein⸗ geſehen, daß wahre Liebe an einer gewiſſen Ruhe ihrer Aeuſſerungen eher zu erkennen ſey. Wie ſollte aber ein junges, eitles Weib nicht täuſchbar ſeyn dürfen?— ich hielt die Liebe meines Mannes für ächt, weil ſein Auge Freude ſtrahlte, wenn es auf mich fiel, wenn das Gefühl meiner Nähe ihn zu durchdringen ſchien und Glanz der Liebenswürdigkeit über ſein Weſen verbreitete. Aber— es war nur falſcher Schim⸗ mer; meine Phantaſie diente ihm als Folie, und legte ihm einen Werth unter, den er nicht beſaß. Ich wurde dies bald inne. Nicht daß mein Mann mir ſeine Zärtlichkeit entzog, oder der Mangel ſeiner Zeit für mich, ſondern der Ueberſchwang ſeines Vertrauens machte mein Ungluͤck. Ehe⸗ gatten mögten einander zurufen: heiß mich nicht reden, heiß' mich ſchweigen!— Mein Mann — 311 hatte mir im Drange liebender Mittheilung ein peaar ſcheue Geheimniſſe entdeckt, die den Zauber meiner Verhältniſſe zerſtörten. Er ſtellte die Leiter ſeiner Wünſche, das Traumbild der Ehr⸗ ſucht vor mir auf; doch keine Engel, wie in jener frommen Viſion, ſtiegen auf und nieder— ein Dämon hielt ihm die Stange, und ich hielt keinen Schritt, den mein Gemahl that, mehr für ſicher. Dann hatte er fruͤher einen ſehr verwerf⸗ lichen gethan. Als Student war mein Mann durch einen ſeiner Commilitonen in einer benach⸗ barten Landpfarre bekannt geworden. Der Geiſtliche hatte ein hübſches Einkommen, von dem er ſich ſogar ein Sümmchen für die Noth geſpart, ein gaſtliches Haus, und eine ſchöne Tochter, des Vaters Ein und Alles. Jener junge Theologe, der zuweilen zur Vorübung dort predigt, nimmt jedesmal ſeinen juriſtiſchen Freund mit ſich. Der aber handelt nicht dem Recht gemäß. Er reißt das Herz des Mädchens an ſich.— O meine Freundinn!“ fuhr Frau von Sorgue fort, und ihre Rede, mit Seufzern beladen, ging zögernd und mühſelig weiter: 312 laſſe mich leicht über dieſe ſchwere Verſündi⸗ gung hinwegeilen. Genug, der Geiſtliche wird durch das, was Macht und der Aufwand aller Mittel über ein ſchwaches Vaterherz vermag, gewonnen, die jungen Leute heimlich zu trauen. Der öftere Ritt im Mondſchein hinaus zum Liebchen, iſt meinem Manne nur etwa wie eine Romanze, die er nicht ſingt, ſondern ſpielt: denn mit der Heirath, obgleich kein anderer Be⸗ trug dabei Statt gefunden, als Selbſtbetrug, war es ihm nicht heiliger Ernſt. So konnte das Ende vom Liede nur traurig ſeyn. Kaum hat mein Mann die Univerſität verlaſſen: ſo verläßt ihn auch der Geiſt dieſer Verbindung. Die kleine verſtohlne Ehe kommt ihm vor wie eine burſchi⸗ koſe Freiheit, die nicht ſo ſtreng genommen wer⸗ den dürfte. Er wirft den Eid am Altare zu den unbezahlten Schulden, ſchiebt die Pflicht zu ſchreiben auf, läßt die Briefe der armen jungen Frau, Mahnbriefe an ſein Gewiſſen— uner⸗ brochen liegen, bis er einmal Luſt haben würde, ſie zu leſen; die aber findet ſich nie mehr. So gehet eine Zeit hin. Eines Abends kommt er 4* 6 4* 313 voon einem fröhlichen Gelage heim. Da liegt auf ſeinem Nachttiſch ein Brief von anſehnlichem Format, das große ſchwarze Siegel blinkt düſter neben dem Wachslicht. Die kleinen Bäume um das trauernde Kirchlein ſehen aus, als ob es noch einmal Nacht geworden wäre auf Erden, wie damals, wo die Liebe ſich am Kreuz verblutete. Meinen Mann überläuft ein Grauen. Und als er das Siegel bricht, fällt ein Blatt aus dem Umſchlag: der Taufſchein ſeines Sohnes— weiter nichts.⸗ „Liebe Angelika,⸗ fiel hier das Fräulein ein: »erlaube, daß ich Deine Tochter rufe. Du be⸗ darfſt einer Stärkung; erhole Dich, Gute!⸗ Frau von Sorgue ſchüttelte verwehrend den ſchwachen Kopf und ſprach:„mich erquickt, daß ich Dir es endlich ſagen kann. Würdeſt Du es glauben, Roſamunde, daß der Eindruck, den dies Atteſtat auf meinen Mann gemacht, ſich verjährte, ehe er ſein Kind ſehen wollen!— Als er nun doch die Reiſe unternimmt, in der Idee, Erſatz zu geben für den langen Vorenthalt, iſt es damit zu ſpät. Im Pfarrhauſe memorirt ein Die Ruine. 14 314 blutjunger Prediger. Sein Vergehen, das meines Mannes nähmlich— iſt darin vergeſſen. Beſtürzt frägt er nach dem vorigen Geiſtlichen und deſſen Angehörigen. Er ſey durch eine Ge⸗ müthskrankheit untauglich für ſein Amt gewor⸗ den und in die Ferne gezogen, giebt ihm ſein Nachfolger gleichgültig zur Antwort. Nun will er fort, ſich bei dem Schulmeiſter näher zu erkun⸗ digen. Der Weg geht über den Kirchhof. Da winkt ein weißer Leichenſtein ſeinem Blicke, und er kann nicht umhin, ihn anzuſehen. Es iſt das Epitaphium ſeiner Frau, die als Mädchen dar⸗ auf vermerkt iſt, mit dem Nahmen ihres Vaters. Gott im Himmel! wie mag dies ſtille ſteinerne Blatt ſeine That mit dem rechten Nahmen ge⸗ nannt haben, und dann zermalmend auf ſein Herz gefallen ſeyn!— Viele verwelkte Kränze liegen auf dem Grabe, an dem mein Mann wie ein Kronenräuber in ſtarren Feſſeln ſteht.⸗ KRoſamunde hielt die gefaltenen Hände an die Bruſt gedrückt, Frau von Sorgue aber zer⸗ drückte eine matte Thräne und ſprach:»denke Dir nun, welche Wirkung dieſe Geſchichte auf — 315 mich machte. Die Flämmchen meiner Flitter⸗ wochen liefen blind an, wie Gold, dem eine ſchädliche Subſtanz zu nahe gekommen. Ich war die Frau eines Mannes, der ſchon eine beer⸗ digte hatte; dieſer Gedanke wehete mich kühl an, wie Wittwerſchaft. Der Schatten jener Ver⸗ ſtorbenen drängte ſich zwiſchen mich und ihn, der ſie beleidiget; ich fühlte mich gewiſſermaßen als ſeine Mitſchuldige. O Geliebte! wie bange iſt doch jedes Glück, dem die Zuverſicht auf Gottes Segen fehlt! Uns war er verwirkt. Wehe mir! wird meine arme Nina auch des Vaters Sünde tragen müſſen?⸗ »Angelika!« ſagte das Fräulein mit lindem Ermahnen:»ängſte Dich doch nicht ſolcher Weiſe. Was hätte das engelgute Kind denn verbrochen? ich mag uͤber manche religiöſe Geheimniſſe nicht nachdenken, um mich in meinem einfachen Glau⸗ ben nicht zu verwirren; aber jener Ausſpruch der göttlichen Geſetze, der Lohn oder Strafe ihrer Voreltern den Kindern der Zukunft verheißt, hat mir nie in den Kopf gewollt, und in das Herz noch weniger. Kein Menſch, auch der grauſamſte 14* 316— nicht, würde der Ungerechtigkeit fähig ſeyn, den Schuldloſen für den Uebelthäter leiden zu laſſen, jenen Erzieher etwa ausgenommen, der den armen Knaben für den Dauphin ſtäupte— und Gott?——— „Gott iſt gerecht! ſagte Frau von Sorgue ſcheu und leiſe:„laſſe mich Dir nur vollends auserzählen. Die Zeit vertuſchte den Jugend⸗ fehler, der das Leben meines Mannes befleckte; nichts erinnerte ihn mehr daran. Als er ange⸗ ſchuldiget war und, glaube mir— böslicher als er ſich vergangen— da gingen ihm die Augen auf. Der Ehrgeiz, ſein Götze, dem er Alles geopfert, lag in Trümmern, Gott, den wir erſt ganz erkennen in der Noth, wendete ſich ab. Ach, Roſamundel! was habe ich da gelitten! es überſteigt wohl die weiblichen Kräfte, ſich als die Frau eines Mannes von verlohrner Ehre und zer⸗ riſſenem Bewußtſeyn zu behaupten. Wir kamen hierher. Mein Mann ward ſehr krank, kränker noch am Geiſte— ich fürchtete das Schlimmſte. Er verſiel in eine tiefe Schwermuth, worin er jeden Troſt verſchmähete, nur den nicht, den er * 317 ſein Lebelang verachtet hatte: die Religion. So ſehnte er ſich, das heilige Abendmahl zu empfan⸗ gen. Der Veſtungs⸗Prediger lag durch einen Sturz vom Wagen tödtlich darnieder. Ein junger Mann, der ihn ſubſtituiren ſollte, war eben erſt angekommen. Wir ſendeten nach ihm. Wohl bemerkte ich eine Erſchütterung an meinem Manne, da er eintrat; aber ich achtete ſie nur für ein feyerliches Gefühl. Ich hielt es für gut, mich u entfernen. Der junge Geiſtliche blieb lange, ich hörte ihn ruhig ſprechen, die heilige Handlung mußte vorüber ſeyn. Da er fort war, finde ich meinen Mann fieberhaft glühend. Er ſtreckt mir die Arme von ſeinem Lager entgegen, verbirgt ſein Geſicht an meiner Bruſt, weint laut und ſagt die Worte: Angelika! wer hat mir den Kelch der Verſöhnung gereicht? mein Sohn! zweifle nicht! ich weiß es zuverläſſig; er aber wußte es nicht, daß er den fluchwürdigen Vater ſegnete!— Wenige Tage darauf folgte— der Subſtitut dem Sarge meines Mannes. Ich konnte meinen Blick nicht von ihm abwenden. Sein Geſicht war ernſt, doch thränenlos, und 318 ich dachte: wenn du wüßteſt, wen du begleite⸗ teſt!— Wie dunkel iſt doch das Schickſal der Menſchen!— Seitdem hat er mich beſucht. Die fremde Achtung für meinen Schmerz rührte mich mit einer nahmenloſen Empfindung. Doch eine entſetzliche Furcht hat ſich meiner bemächti⸗ get: ich glaube, Nina liebt ihn.. uUnd dürfte ſie dies nicht— den Bruder?“ fragte das Fräulein ſo patriarchaliſch, wie Eines aus Noahs Arche, und als ſtünde die Erzählung der Freundinn nach dem menſchlichen Falle und einer Sündfluth von Thränen nun auf dem Ararat feſt, wo Schweſtern und Brüder einan⸗ der heirathen durften. „Den Bruder!« wiederholte die Kranke mit Exaltation: wie iſt Dir denn, Roſamunde? nie ſoll Nina ihn als ſolchen erkennen. Wenn auch mein Mädchen weint: ein Gefühl, das ſich nur in Schmach, in Schmerz aufſchlöße, darf es nie mit dem jungen Manne theilen. Dem Her⸗ zen der Tochter ſoll die kindliche Achtung für den Vater mindeſtens bewahrt bleiben.⸗ „Wie kamſt Du aber auf jene Vermu⸗ = 1———— — — 319 thung?« fragte Roſamunde ableitend und be⸗ ſchämt. „Nun ich gerieth auf Spuren eines Einver⸗ ſtändniſſes zwiſchen Beiden,“ antwortete Frau von Sorgue: ⸗mir ſiel zugleich ein, daß Nina ſchon früher ihre Neigung für einen jungen Theologen verrathen. Sie müſſen ſich länger kennen. Ich war zweifelhaft, ob ich nicht an den jungen Mann ſchreiben, ihn au fait ſetzen und um eine Erklärung bitten mögte; aber ſo oft ich nach dem Papier greifen wollte, griff mich der Gedanke an, die Manen meines Mannes zu be⸗ leidigen. So ließ ich es auf Gott ankommen.⸗ „Auch mir fällt etwas ein⸗— erwiederte Roſamunde:»als ich vorhin ankam, äuſſerte Nina: ſie wolle gern ihr Lebelang in der Veſtung zubringen, wenn Dir das helfen könnte.⸗. „Nein, mit mir iſt es vorbei⸗— ſagte Angelika zufrieden lächelnd:„vernimm nun meine letzte Bitte! nimm Nina mit Dir! ſo weiß ich ſie geborgen. Halte ihr krankes Herz ſanft— ſie wird vergeſſen; aber das Andenken 320 an ihre unglücklichen Eltern: das bewahre ihr. und iſt es möglich: ſo gehe Nina nicht mehr in die Welt zuruͤck, worin ihre Mutter ſo viel ge⸗ litten. Man hört unter den Menſchen auf ein Menſch zu ſeyn, noch ehe der Tod uns entſeelt; doch ſtiller Selbſtgenuß begeiſtert für ein höheres Glück, und wo es einſam iſt, wird die Liebe laut und lebendig, ſelbſt die Gräber leben noch. Ich habe dies bei Dir geſehen und gefühlt.⸗ Das Fräulein ergriff die Hand der Frau von Sorgue, halb Verſicherung gebend, halb nehmend; aber jene Hand brannte unter dem leiſen Drucke. Die Kranke war mit ihrer Sehn⸗ ſucht nach Einſamkeit an der Wüſte des Fiebers angekommen. Ihre Lippen lechzten in verſiegter Kraft, es rauſchte vor ihren Ohren wie uner⸗ reichbare Quellen— jeder Puls klopfte heiß. Sie fühlte ſich allein; die Freundinn ward zu einer zerrinnenden Nebelgeſtalt. Müde legte ſie ſich tief in den grünen Schatten der Gardine auf dem weißen Kiſſen, und ſchloß die Augen wie in träumeriſchem Schlummer. NRoſamunde ſchwebte ſo ſacht als möglich —— 321 an’s Fenſter; die febriliſchen Athemzüge, geſtei⸗ gert durch ein jähes Aufſeufzen, ſtöhnten ihr nach. Aber ſie vernahm etwas außer ſich nur wie im Traume. Die Vergangenheit hatte ihre Seele ergriffen. Schaudervoll kam ihr Ange⸗ lika's Schickſal vor, und mit jener zarten Er⸗ kenntlichkeit, die nur edlen Seelen eigen iſt, hielt ſie das ihrige für glücklich dagegen. Und über der dunkeln Baſtei ſtieg der Mond ſo licht und traut empor, und ſchauete mit ſeinem trö⸗ ſtenden Strahl in das enthüllte Geheimniß, was ſo viel Wunden bedeckte, und in das blutende Herz der Freundſchaft. Roſamunde dachte, jetzt ſtünde er eben ſo über den Bergen von Struenſee und ſchlief am Hügel der Ruine, und ein himm⸗ liſches Vorgefühl von Wiederſehen, dort und drüber durchbebte ſie. Nach dieſer Unterredung war die Kranke ruhig geworden und ſprach wenig oder gar nichts mehr. Am dritten Abend ſagte ſie:„gute Nacht Roſamunde! gute Nacht meine Nina!e— Beide erſchracken: denn es war noch nicht Schlafens⸗ zeit, und das Fräulein wie auch Nina hatten 322 wachen wollen. Aber indem Frau von Sorgue die Welt verließ, bewies ſie noch einmal, daß ſie darin gelebt hatte. Ihrer feineren Natur wi⸗ derte der Eclat einer erſchütternden Abſchieds⸗ ſcene an. Sie verſchmähete wie ein ächt vor⸗ nehmer Geiſt den Prunk, auch den im Ster⸗ ben— und hüllte leicht und lächelnd ſich in den letzten Schlaf. Roſamunde betrauerte die Hingeſchiedene tief und wahrhaft; doch hielt ſie ſich an der chriſtlichen Vorſtellung aufrecht, daß ihrer Ange⸗ lika nun ewig wohl wäre; auch hilft nichts beſſer zur nöthigen Faſſung, als daß ein Anderer uns ſchmerzverwandt ſie entbehre. Nina taumelte bleich mit geſchloſſenen Sinnen, gleich einer Nachtwandlerinn umher. Das Fräulein ließ ſie gewähren.»Es wird ſich ſchon geben,“ ſagte Roſamunde zu dem Arzt, der es für Pflicht hielt, das junge Mädchen aus dieſe er Apathie zu wecken: der Gram hält ſeinen Gegenſtand nur um ſo feſter, wenn man ihn zu entreißen ſtrebt. Ich wünſchte nur, Niemand redete ihr zu. Die lei⸗ digen Tröſter allzumal! der Troſt fließt nicht aus — 323 einem menſchlichen Munde, ſondern zu ſeiner Zeit aus der Kraft Gottes.⸗ Es fand ſich, daß die Verſtorbene ihre äuſſern Angelegenheiten mit der beſonnenſten Umſicht geordnet hatte, ſo daß die Nachlaß⸗ Verhältniſſe keine Schwierigkeiten machten. Roſamunde konnte alſo unbehindert ihre Ab⸗ reiſe feſtſetzen, ſobald das Begräbniß der Frau von Sorgue vorüber wäre. Der Subſtitut des Veſtungs⸗Predigers war verreiſt, das Fräulein lernte ihn nicht kennen. Ein Geiſtlicher an der Stadtkirche begleitete die Reſte von Nina's Mutter zu ihrer Ruheſtatt. Zwei Wochen, in denen Roſamunde zwei Decennien erlebt zu haben wähnte, waren ver⸗ ſtrichen, als die Kutſche, die ohnehin kein Wol⸗ kenwagen, kein Segler der Lüfte genannt werden können, mit Schwermuth bepackt, mit einem anderen Erbe beladen als den auf dem Bocke— in den Paß des Gebirges einfuhr. Ein warmer heimiſcher Schauer wehete das Fräulein in der lauen Abendluft an; das Korn wallte wie ein Freudenmeer in goldnen Wellen, die Aehren 324 neigten ſich wie zu einem Segensgruß dem Wa⸗ gen zu. Die Schaafe gingen alle zur Rechten— und das Geläut der Heerde in ſeinem einfachen Getön zwiſchen Klage und Ruhe, bewegte das zur Wehmuth geſtimmte Gemüth Nina's. Roſamunde grüßte den Schäfer und wer aus dem Dorfe ihr begegnete freundlicher noch als ſonſt; aber doch mit einem kleinen Reiſeair. Nina aber ſah es nicht, wie die Räder der Mühle, welche ihrer Kindheit ein anziehendes Wunder⸗ werk geweſen, ſilbernen Regen ſtäubten; ihr Herz trieb Waſſer in die ſchönen verweinten Augen, die feuchte Funken ſchoſſen, da ſie das Schloß anſichtig wurden, darin ſo glückliche Tage verſchwunden waren, nun für immer. Es war ihr, als verlöre ſie die Mutter nun auch hier. „Was wird die Baby ſagen und Philippine, wenn wir jetzt ſo unerwartet ankommen!« ſprach Roſamunde kurz vorher, ehe der Wagen die An⸗ fahrt erreichte. Sie nahm, ſich in gehörigen Stand zu ſetzen, eine Enveloppe von Trübſal um: denn wir rühmen uns auch der Leiden— ſagt ein Weiſer der Bibel.»Du kannſt Dir die — 325 Traurigkeit gar nicht vorſtellen, meine Nina,⸗ fuhr das Fräulein fort:„die bei uns entſtand, als jene Nachricht kam. Alles nimmt Theil an dieſem Tode, das thut doch auch wohl. Wie peinlich werden ſie paſſen auf einen Brief— nun ſind wir ſelbſt da.⸗ 4 Doch dieſe Präſumtion ergab ſich als eine trügliche. Im Schloſſe ging es dermalen luſtig zu, man war fröhlich beiſammen, wie es ſchien. Ein pfeifenartiges Inſtrument ſpielte gellend einen Schleifer auf, und die unſichtbaren Zu⸗ hörer lachten laut. Doch als die herrſchaftlichen Pferde vor dem Portal ſtanden, verſtummte das Tanzſtück bis auf einen widrig abſchrillenden Ton, und erſchrocken ſtiebte die kleine Geſell⸗ ſchaft aus einander. Der Blick des Fräuleins verfinſterte ſich doch ein wenig— wenn auch dünn— etwa im Verhältniß zu dem blauſchwarzen Seidenflor ihrer Trauerhaube— als Frau Baby, welche die Phyſiognomie der Ueberraſchung ſchnell und ge⸗ ſchickt wechſelte, ihrer Pflicht zueilte. Auch Phi⸗ lippine ſprang herbei; das Vergnügen ſtrahlte 326 von des Mädchens Stirne, und offenbar ein frü⸗ heres, als was dieſe Wiederkehr erregte. Nina fühlte ſich plötzlich fremd. Frau Baby äuſſerte ſich liebreich und leidſam; aber ihr ver⸗ drängter Liebling vermißte ein entgegenkommen⸗ des Gefühl und konnte den alten Ton nicht wie⸗ derfinden. Als Nina erſchöpft und müde ſich in ihr Zimmer und zur Ruhe begeben, hielt Roſamunde noch geheime Conferenz mit Frau Baby. Mit jener Superiorität der Erfahrung, deren wir bereits erwähnt, fragte das Fräulein:„was hattet Ihr denn heute ſo gar Luſtiges im Haus⸗ flur, als wir traurig genug von der Reiſe kamen? und wer war der Mann, der an uns vorüber ging?“ „Ach!« antwortete Frau Baby in jener Ma⸗ nier, die den fraglichen Gegenſtand als unerheb⸗ lich angiebt:»ich hatte unſerer Philippine den großen Guckkaſten zurecht machen laſſen durch den Uhrmacher von Grundholz; der war es— und da probirten wir die Chorde. Das Mäd⸗ chen will doch auch eine Freude haben.⸗ —— 827 „Auch eine Freude haben!« wiederholte Roſamunde mit einiger Indignation:»wer hat denn Freude gehabt? ich doch wahrhaftig nicht! und welcher Einfall iſt das mit dem Guckkaſten! Deine Zärtlichkeit für Philippine macht Dich und ſie zum Kinde.⸗ „Lieber Gott!⸗ entgegnete die Wirthſchaf⸗ terinn, und es lag etwas in dem Mitleid ihres Tones, was dem Gefühl ſchmeichelte, womit Roſamunde ihre jüngſten Erlebniſſe geltend machte:„das Mädchen hat noch ſo wenig Blicke in die Welt gethan, daß dieſe kleine gemalte Luſt⸗ reiſe dem guten Kinde wohl zu gönnen wäre. Und viel koſtet die Reparatur auch nicht, ich habe nur vier Groſchen dafür bezahlt.— Es hat hüb⸗ ſche Sachen unter den Bildern, ſie ſind nur ein wenig abgeblichen. Wir waren grade bei einer ſchwäbiſchen Hochzeit, als gnädiges Fräulein ankamen.⸗. „Es paßt ſich auch,“ erwiederte Roſamunde mißmüthig und hob die Hand, als wolle ſie dieſe unſchicklichkeit nachweiſen:„daß Perſonen, die von einem betrübten Begräbniß kommen und vor — 820 Frau Baby neigte ſich und zupfte am Zipfel der Schürze, was ihrer drallen Figur ein unter⸗ würfiges Anſehen gab; doch aus ihren Augen guckte ein kleines Sprühteufelchen der Wider⸗ ſetzlichkeit.— „Zuerſt,« hob Roſamunde an:»vermeide, ſo lange als Nina weint, alles unzeitige Geläch⸗ ter im Hauſe. Es ſchallt überdies ſehr bei uns— das Schloß iſt ſo wunderbar akuſtiſch gebaut, man hört eine Nadel fallen. Wo ein trauriges Herz wieder feſt werden ſoll in ſich ſelbſt und in ſeinem Gott, dürfen Erſchütterungen des Zwerch⸗ fells nicht Statt finden. Das Lachen klingt einer trübſeligen Seele ſo fernab und gleichſam ſcha⸗ denfroh; die Tochter meiner einzigen Freundinn ſoll aber hier nur ein ſanftes Echo ihrer Seufzer finden, doch ſich nicht einſam und wie unter Fel⸗ ſen wähnen, mit ihrem Gram.⸗ Die Erwähnung ihrer einzigen Freun⸗ dinn, hätte Frau Baby beinahe übel genommen. Sie antwortete daher ein wenig empfindlich: nun, was mich anbelangt: ſo iſt mir die Luſt zu lachen längſt vergangen; in Betreff der Phi⸗ Weh und Herzeleid ihre eigenen Seufzer kaum hoͤ⸗ ren, mit einem ſchwäbiſchen Schleifer empfangen werden!— Mir war es nur um die arme Nina. Die Empfindung eines Leidenden iſt ſo verletz⸗ bar, daß der Sonnenſtrahl, über den ſich alle Geſchöpfe freuen, zu einem ſchneidenden Meſſer für ſeine Seele wird. Ich halte es daher für das einzig wahre Zartgefühl, daß wir uns denen gleich ſtellen, die neben uns ſtehen. Ein leicht⸗ ſinniger Sprung, wenn er ihn ſieht, thut dem Lahmen gar weh, und eine vernünftige Zurück⸗ haltung iſt alle Wege zu empfehlen. Wie wenig Menſchen,“ fuhr Roſamunde fort, und es war ſichtlich, daß ſie ſich in dieſer Definition gefiel: „verſtehen ſich auf das Geheimniß vom Schmerz! ſie fühlen ihn nur, wenn er in das eigene Gemüth eindringt, und verwinden ihn endlich; aber die feinen zarten Fäden, welche die Schonung zu einer Compreſſe ründet, worauf die Zeit ihre Wundſalbe ſtreicht, halten die meiſten für ein Hirngeſpinnſt. Wie ich Dir jetzt ſagen werde: ſo will ich es pünktlich hinſichtlich unſerer Nina gehalten wiſſen; hörſt Du, Baby?« lippine aber könnte ich bei meinem beſten Willen ein kleines Gekicher nicht immer verhüten. Das Mädchen iſt jung, geſund, weder tiefſinnig, noch übertrieben geiſtreich— man freut ſich zudem einmal ein heiteres Geſicht zu ſehen: denn ohne⸗ hin kommt ſelten genug ein Spaß bei uns vor; es müßte denn der Gänſerich ergrimmen, oder ein Bienlein ſich in der Buttermilch betrinken.⸗ Roſamunde achtete nicht auf dieſen Vor⸗ weurf, der ihrer Gegnerinn ein augenblickliches Uebergewicht gab, und eben ſo wenig fühlte ſie ſich in ihrer ernſten Würde beleidiget, daß Frau Baby den einzigen Komus des ländlichen Luſt⸗ ſpiels vom Thierreich der Hofbühne entlehnte. V V V Sie ſprach:„Philippine iſt auch eine Waiſe, und hat nunmehr Gelegenheit, die zarte Pflicht der Theilnahme zu vergelten, die an ihr geübt worden. Daſſelbe Schickſal und der gleiche Schutz, deſſen ſie genießen, verſchwiſtert die beiden Mädchen. Du weißt es wohl noch nicht, Baby? Nina bleibt nun beſtändig hier.⸗ „Beſtändig?« widerſprach Frau Baby: das läßt ſich auch nicht mit Gewißheit beſtim⸗ — 331 men, gnädiges Fräulein. Ein Mädchen ſitzt ſo zu ſagen immer auf der Kippe.⸗ Ein Seufzer Roſamundens ſchöpfte Ge⸗ duld.„Um wieder auf das Vorige zu kommen,⸗ ſagte ſie:„ſo vermuthe ich, Nina wird ihre Trauer ſobald nicht ablegen. Philippine ſoll daher ihre bunten Fähnchen bis auf eine fröh⸗ lichere Zeit laſſen, ich habe ihr dunkeln Zeug zu einem Kleide mitgebracht. Die Kaufleute in der Veſtung ſind aber erſchrecklich theuer mit ihren Waaren.— Du, gute Baby, ſtecke dies violette Band auf die Haube, es iſt von einem ſanften Guſto, und ſchattirt ein wenig ins Triſte. Von dieſem ſchwarzen Merino laſſe Dir einen Spen⸗ cer machen, er iſt nicht von der ſchlechteſten Sorte.— Auch gehet es auf den Herbſt zu und ein Jaͤckchen ſteht Dir nett.⸗ Frau Baby küßte geſchmeichelt der gütigen Gebieterinn die Hand, welche die Befehle ihrer theilnehmenden Milde in Geſchenke wickelte. „Und die rothe Balſamine,“ fuhr das Fraͤu⸗ lein fort:„nimm morgen in aller Frühe aus Nina's Zimmer, und ſetze die Colocaſie dafür hin. 332 Jene ſieht viel zu üppig und in ihren unzaͤhligen Blüthen zu geſellſchaftlich aus, um einen Blu⸗ menbalſam für ein trüͤbes Auge abzugeben; da⸗ gegen hat dieſer weiße Kelch ſo etwas einſam Schönes, daß man gleichſam Troſt aus ſeinem Anblick trinkt.⸗ 1 »Wie denn nun aber da,“ verſetzte Frau Baby:„wenn ein Betrübter über die Wieſe geht? unſer Herrgott hat die Blumen des Feldes doch für Frohe und Traurige geſchaffene »Ach Baby!« erwiederte Roſamunde der Schmerz wirft einen langen düſtern Schatten über die ganze Natur— Lind hatte eine beſon⸗ dere Vorliebe für die Colocaſie. Er nannte ſi ſi e den ſilbernen Kelch der grünen Kirche. Man nennt ſie auch Aronsblume, zum Andenken an den geheiligten Stab des ägyptiſchen Führers, glaube ich: denn ſie riecht fein nach Mandeln.⸗ „Herr Lind,⸗bemerkte die Wirthſchafterinn ſpöttiſch:„war überhaupt ein rechter Naturpre⸗ diger. Er kanzelte am liebſten auf der Ruine— ich wünſche nur, daß dieſe Steine einmal Brodt für ihn werden.⸗ 33³3 »Und hoffentlich ohne die Hülfe des Böſen—⸗ antwortete Roſamunde gekränkt: doch der Ge⸗ danke an die leibliche Nahrung und ein leiſer Ideenſchauder vor der Hölle, führte das Fräulein auf ein verwandtes Capitel. Nun noch ein Wörtchen über die Küche, Baby!« ſagte die Dame des Schloſſes mit beſchleunigter Stimme:„komme mirjetzt ja nicht mit fetten Braten; dieſe ſind nur für einen luſtigen Appetit, für behagliche Leute. Setze uns lieber milde Speiſen, zartes Geflügel vor, etwa Hühner mit Stachelbeeren, da ſchmeckt man eine verſüßte Säure. Ein Täubchen bringe mir jedoch ſelten auf den Tiſch, der öftere Genuß von Tauben ſoll wie man ſagt, melancholiſch machen.⸗ Ein Lächeln, der Ausdruck einer Kuͤchen⸗ Philoſophie, die ſich über dergleichen Wahl und Wahn erhaben fühlte, redete deutlicher als ihre Worte, in denen Frau Baby entgegnete:„das mag wohl nur ein pures Vorurtheil ſeyn. Ich meinerſeits halte alles Eſſen für ganz unſchuldig. So müßte zum Beiſpiel, Wer gern Sallat ißt, Andern das Leben ſauer machen.⸗ Hier verlor Roſamunde die Geduld; viel⸗ leicht zum erſtenmale heftig in ihrem Leben ſagte ſie:»Du machſt mir das Leben ſauer, Du Baby! mit Deinem ewigen Widerſpruch. Genug, ich will es nun einmal ſo.⸗ Frau Baby merkte, daß dieſe eigenwillige Laune ertragen werden müſſe. Noch hing der Merino über ihrem Arme— ſie hing daher den Mantel nach dem Winde und fragte mit leidſam veränderter Stimme nach den letzten Stunden der Frau von Sorgue. Alsbald verſchwand der kleine Groll von des Fräuleins Stirne.»Ach Baby!« ſagte Roſa⸗ munde weichmüthig:„ich könnte es Dir nicht ſchildern, was ich mit der armen Angelika gelit⸗ ten und bei dem Begräbniß— die Artillerie ey⸗ ercirte nicht weit davon— ich dachte ich ſänke mit in die Erde.⸗ „Das Militair,⸗ antwortete Frau Baby mit einer Miene, in der ſich zürnende Blitze entla⸗ deten:„ja, wo früge das darnach, ob man einen Leichnam fein ſanft in die Erde betten will, oder nicht. So ein General hat nur die Gräber in Summa vor Augen. Selbſt iſt der Mann! denkt er auf gut ſoldatiſch, und eine todte Frau gilt ihm vollends wie nichts. Dieſe Schlußbemer⸗ kung löſete das Geſpräch in Einklang auf, und Frau Baby verließ ihre Dame. Aber es hätte der Wirthſchafterinn ſicherlich das Herz abgedrückt, wenn ſie ihr verkühltes Aer⸗ gerniß nicht an dieſem Abend noch aufwärmen ſollen. „Liebe Philippine,« ſagte ſie, als das Mäͤd⸗ chen ſpät mit ihr zuſammentraf, um ein kleines Geſchaͤft zu beſprechen:„ſehen Sie, daß Sie ſo früh als möglich einen Mann bekommen. Ein lediges Frauenzimmer— das habe ich heute wie⸗ der erfahren— iſt und bleibt eine wunderliche Heilige ihr Lebelang. Welche Marotten hat unſer Fräulein! ſtellen Sie ſich vor: da erhalte ich vorhin meine Verhaltungs⸗Befehle, von denen jeder alleine läuft und alle Vernunft umſtößt. Ein lächelnder Blick, ein luſtiger Gedanke ſind verpönt, ſo lange Traurigkeit hier im Hauſe währt, und den Lachtauben da draußenlmoͤgte ich nur gleich den Hals umdrehn. Bunt darf Nie⸗ mand gehn, dem Pfau aber kann ich das Rad nicht zubinden. Was zu viel iſt, das iſt zu viel. Frau von Sorgue war zwar eine würdige Dame, für welche ich außerordentliche Eſtime gehabt, aber ſie war doch keine Königinn, daß wir ihret⸗ wegen Hoftrauer anlegen ſollten.— Sogar die Balſamine drüben, wo Fräulein Nina wohnt, die ich mit Freude und Mühe gezogen, die ſo ſchüchtern erröthet und ihre Blüthen hinter Blättern blöde verſteckt, wie jene kleine Mädchenſchule, wenn ein Fremder ſie anſieht: ſogar die muß ich weg⸗ ſchaffen und die einfältige Colocaſie dafür hin⸗ ſetzen, blos, weil Herr Lind Salbung über dieſen Kelch ausgegoſſen!— Nun, und des Kuͤchen⸗ zettels zu geſchweigen. Hühner mit Stachel⸗ beeren ſoll ich ſchmoren laſſen! Fräulein Roſa⸗ munde dachte wohl nicht daran, daß ſie jetzt ſchon viel zu reif ſind; ich wollte nur nicht widerſpre⸗ chen, wie das denn überhaupt meine Art nicht iſt.— Aber das Gericht wird einer Ehewirthinn odiös, weil dieſer die herben Stachelbeeren, welche ſie täglich verſchlucken muß, das ganze Jahr hindurch nicht ausgehen und lange nach 337 der Zeit im Kehlkopf ſtecken bleiben.— Kurzum, die Tafel⸗Vorſchrift wurde mir wie einer Kloſter⸗ frau mit der Strenge der katholiſchen Faſte gege⸗ ben, oder als ſtünde dies Capitel in den Büchern Moſi. Und was iſt ſo ein Weißbratchen, mit Zimmet und Nelken geſpickt, doch ſo mildiglich! ich wollte einen eingefleiſchten Juden damit tractiren, ohne ihn zu kränken. Allein, was hilfts? Friede ernährt— und deſſen Brodt ich eſſe, deſſen Lied ich ſinge.⸗ Philippine merkte wohl, daß dies das alte Lied in jenem Tone wäre, der hier nie eine völ⸗ lige Uebereinſtimmung zuließ. Sie hatte zwar Manches in dem Vortrage der Frau Baby ſo wenig begriffen, als wäre er ihr in chaldäiſcher Sprache gemacht worden, aber das leiſe Ver⸗ ſtändniß des Gefühls ließ ſie nicht zweifeln, daß dieſe kleinen Seltſamkeiten des Fräuleins ihren guten Grund haben müßten. Vielleicht dürften unſere Leſer ſich wundern, daß die ehemalige Vorliebe der Frau Baby für Fräulein Nina hiebei keine Stimme hatte; aber es giebt Herzen, die zu enge ſind, um mehr als Die Ruine. 15 338 einen Liebling zu faſſen, und den Vorzug dieſer Stelle hatte nunmehr Philippine eingenommen, ohne deshalb die trauernde Nina von ihrem frü⸗ heren Unrecht ganz auszuſchließen. Es wird uns dies natürlich erſcheinen, wenn wir erwägen, daß Leiden und Liebe, ſtill getragen in ihrem Schmerz, Würde verleihen, und mitten in das Haus eine kleine einſame Capelle bauen; die Fröhlichkeit eines unbefangenen Gemüths ſich dagegen leicht in heiterer Geſchäftigkeit geſellt, und zur Erho⸗ lung nach einem Blümchen bückt, ob es auch noch ſo niedrig ſtünde. Nina begegnete ihrer alten Freundinn freundlich, doch zurückziehend; Philippine hing der Frau Baby mehr an, als vielleicht ſchicklich ſchien. Aber in dieſem häuslichen Schweſtern⸗ hauſe war wie in der herrnhutiſchen Gemeine das Dienſtverhältniß idealiſirt, und die Grenz⸗ linien des Standes und der Jahre traten hier abgeſondert von der Welt, nicht ſo e herwor wie in derſelben. „Fräulein Nina iſt doch ein wenig une ge⸗ worden⸗— flüſterte Frau Baby bemerklich; 339 aber Nina war nur unglücklich. Sie ſtand im Garten hinter dem Schloſſe und betrachtete ihr Kindergärtchen, was man in Ordnung erhielt, weil hier kein Andenken vormaliger Tage einge⸗ hen durfte. Dieſe kleinen Pflanzungen hatte der Sommer verſengt; der Gärtner entſchuldigte ſich und tröſtete auf das nächſte Frühjahr. Nina lächelte, nickte ſtumm und ein paar Thränen fielen in das Erdreich der kleinen Wüſte, die ein Bild ihres Herzens war. Die Blume ihres Glückes war ja auch verkommen! und keine Hoffnung grünte mehr. Sie ſaß am Rand der Quelle, wo Frau Baby ihr einſt Mährchen er⸗ zählt. Jene Pracht, das Staunen und Ent⸗ zücken der kindlichen Phantaſie, war aber verſun⸗ ken, nur ein öder Geiſt ſchlich noch um die Wal⸗ dung der Felſen. Sie ſaß wie auf einem Eilande, verlaſſen von den Ihrigen— der Bach ſtrömte gleichgültig entlang, zu flüchtig, um die lang⸗ ſamen Seufzer aufzunehmen, welche ihren Buſen ten; und daß er noch eben ſo rauſchte wie erregte ihr ein banges Gefühl, als ob nur n verwandelt wäre in der ſteten Natur. * 459 340 Indeſſen verfehlte doch Roſamunde ihrer wohlthuenden Abſicht auf die Tochter ihrer Ange⸗ lika nicht gänzlich. Nina empfand, wie leiſe und linde das Fräulein mit ihr umgehe: denn die Wunden ihrer Seele fingen an zu heilen. O Ihr Glücklichen der Welt! Euch iſt er fremd, jener Zartſinn, womit ein einſames Herz eines lieben Leidenden pflegt, daß er geneſe! keine Kunſtſchule lehrt und liefert die einfachen Mittel dazu, es iſt die Sympathie des Unglücks und der Freundſchaft, nicht die der Chirurgie— welche dieſe Wunder bewirkt. Eines Tages ſaß Roſamunde mit Nina allein unter den Bäumen am Schloſſe. Es war warm und ſtill im Freien, nur wenn ein Lüftchen ſich regte, flatterten die Blätter der Linde wie wehendes Gold, und fielen lautlos nieder. Die beſonnte Wand der Berge bot manches helle herbſtliche Bild, die Ruine ſchim⸗ merte von ferne, wie hinter Glanzflor— licht und wallend zogen die Wolken am blauen Him⸗ mel hin und milderten ſein blendendes Blau. Das ſanfteſte Gefühl der Vergangenheit erquickte — 341 das Fräulein, Nina ſchöpfte tiefer dieſe reine Luft, und Roſamunde wagte zum erſtenmale eine Anſpielung auf die verſchwiegene Liebe des guten Kindes. Nina ſah das Fräulein fragend an und ſagte, hingebend ihr theuerſtes Geheim⸗ niß: sich will es Ihnen ganz aufrichtig erzählen. Seltſam! mit meiner Mutter habe ich nie dar⸗ über reden können, und doch fehlte es mir nicht an zärtlichem Vertrauen für die geliebte Ver⸗ ſtorbene.⸗ Sie begann: omein Vater hatte, ſo weit ich mich erinnere, ein entſchiedenes Vorurtheil gegen den Stand der Geiſtlichen, nahmentlich derer auf dem Lande. Er beſuchte nie eine Kirche, hielt auch den Sonntag nicht, was jedoch ſeinen überhäuften Geſchäften zur Laſt zu legen war⸗ Nun weiß ich nicht, ob meine Bemerkung als eine allgemeine gelten darf, daß Kinder genau auf die Vorurtheile ihrer Eltern merken, und zwar weniger im Sinne der Aneignung, als ahnenden Geiſtes, daß ſolch eine feſtgefaßte Meinung irrig ſey, und den Gehorſam aufhöbe durch ein höheres Gebot. Bei mir war es der 342 Fall. Eine leiſe Empfindung von Ungerechtig⸗ keit ſchnitt in meine Seele, ſo oft ich meinen Vater ein ſcharfes Wort der Art ſagen hörte; ich grüßte jeden Pfarrer ſo beſchämt und reuig, als ſey er mein Beichtiger und wiſſe um Alles— die Töchter der Geiſtlichen ſchienen mir die ſchön⸗ ſten Geſtalten, zu denen mich ein Gefühl der Demuth zog, wie wenn man eine heimliche Sünde wieder gut machen will mit der offnen digerhaus ein Wohnſitz ſtiller Freuden dünkte, mag vielleicht meiner Weiblichkeit näher noch angehören.— In dem Hauſe, deſſen Bel⸗Etage wir in Miethe hatten, wohnte auch ein Forſtmei⸗ ſter von Harlem mit Frau und Tochter. Adele war wie ich das einzige Kind ihrer Eltern und wuchſen zuſammen auf und liebten uns recht herzlich, ohne deshalb immer eines Sinnes zu einander. Adele hatte gebeten, ihren Religions⸗ Unterricht lange nach der Conſirmation, die ohne⸗ Miene der Freundſchaft. Daß mir jedes Pre⸗ ein liebes Maͤdchen. Wir waren Geſpielinnen, ſeyn. In den Jahren, wo Kindheit und Jugend von einander ſcheiden, wichen wir mehr noch aus hin ſpät geſchah, fortſetzen zu dürfen, und ihre Eltern darin nur eine fromme Freude gefunden; allein, ſie wurde düſter, in ſich gekehrt, und ver⸗ ſagte ſich jeden unſchuldigen Lebensgenuß. Ihre Mutter beſuchte die meinige, um ihr Herz zu lüften. Die Forſtmeiſterinn war eine klare ver⸗ ſtändige Frau; aber dennoch waren ihr in Betreff Adelens jetzt erſt die Augen aufgegangen. Sie klagte, daß ihre Tochter unter den Einfluß eines Frömmlers gerathen wäre, weshalb Adele denn eine Kopfhängerinn geworden ſey; das Mädchen quäle ſich um jede ſchuldloſe Regung mit Buße und Bangigkeit ab, und befinde ſich fortwährend in einer Zerknirſchung des Geiſtes, die auf die gewaltſame Methode ſchließen laſſe, mit der ihrer jungen Seele zugeſetzt werde. Frau von Harlem führte einige Beiſpiele davon an. Geſtern, ſprach ſie: begegnete uns auf unſerer Spazier⸗ fahrt ein Auflauf von Menſchen. Man brachte eine Frauensperſon ein, die eine gräuliche Un⸗ that begangen. Wir konnten uns ihrem Anblick nicht entziehen, auch iſt es von grauenhaft an⸗ ziehendem Reiz, den Verbrecher zu ſehen, der 344— ſeiner Strafe entgegen geht. Nun habe ich doch einmal eine Mörderinn geſehen! ſagte ich und wendete ſchaudernd mein Auge ab und auf die reine Stirne meines Kindes. Adele aber ant⸗ wortete mir: ich bin gewiß nicht beſſer als dieſe da! nicht um ein Haar— nun bitte ich Sie! das iſt einer Mutter entſetzlich anzuhören. Und alles Edle im Menſchen— ſchloß die Forſtmei⸗ ſterinn: iſt doch an ſein Selbſtgefühl geknüpft. Ferner erwähnte ſie: wie jenes religiöſe Unweſen den nachtheiligſten Einfluß auf Adelens Geſund⸗ heit habe. Sie ſieht ſo blaß und todtenhaft aus, ſagte ihre Mutter beklommen: daß zu fürchten 4 ſteht, ſie werde die Bleichſucht bekommen. Gott weiß, ich ängſte mich ſehr. Der Arzt will, ich ſoll ihr durchaus die Kirche verbieten: denn auch Heilmittel könnten zu Gift werden, wenn der b Zuſtand des Kranken ſie nicht vertrüge.— Meine Mutter ſtimmte dieſer Anſicht bei und ſagte: Sie ſollten Adelen zu zerſtreuen ſuchen und wo möglich auf längere Zeit von hier ent⸗ fernen. Da trat mein Vater ein, und die Mutter b flüſterte haſtig: meine Liebe, ſchweigen wir davon. — 345 Eine adelige Wittwe, die von einem großen Ver⸗ mögen ſehr unabhängig lebte, war in das Intereſſe des mütterlichen Kummers der Forſtmeiſterinn gezogen worden. Frau von Groneburg kommt im Frühling vor zwei Jahren zu Adelens Mutter mit einem Vorſchlage. Ihr Bruder, der in großer Entfernung von unſerer Stadt ein reizen⸗ des Landgut beſitzt, ſchreibt ſeiner Schweſter, daß er für den ganzen Sommer nach Nizza gehe, und ladet ſie ein, während dieſer Zeit ſeine Stelle daheim zu vertreten, und ſich von der jungen Najade des Ortes, der Wirthinn im Weinberg 3(ſo hieß das Gut), ſtärken zu laſſen. Mein Bru⸗ „ der, fährt die Dame eifrig zu reden fort: ſchreibt mir alles, was ſeinen Wunſch unterſtützen und mir dort etwa zum Vortheil gereichen könnte, und ſo unter anderm auch, daß der Paſtor loci ein freiſinniger, gebildeter Mann zum Umgange und ein vortrefflicher Redner wäre. Geben Sie mir Adele mit! ſagte Frau von Groneburg zur Forſtmeiſterinn: das kann ſich gar nicht beſſer treffen. Wir trinken alten Wein und neuen Stahlbrunnen, und Adele kann nebenher Heil 346 aus einer tieferen Quelle ſchöpfen; der Rationa⸗ liſt, wie ihn mein Bruder ausdrücklich nennt, wird ſie ſchon zur Vernunft bringen. Die Forſt⸗ meiſterinn fordert Bedenkzeit, und willigt in dieſe Trennung von ihrer Tochter unter der Bedingung, wenn ich Adelen begleiten dürfte. Vielleicht war meiner Mutter ſogar daran gele⸗ gen, daß ich in jener ſchwülen Periode entfernt würde. So beraubte ſie ſich des Troſtes, den ihr meine Theilnahme gewährte, um mich in eine genußreiche Ruhe zu retten und mir die glückliche Unwiſſenheit mindeſtens ſo lange als möglich zu gönnen. Wir Beide reiſten alſo mit Frau von Groneburg nach dem Gute ihres Bruders. Die⸗ ſer Aufenthalt war wirklich ſehr ſchön, und liegt an der einen Seite faſt wie Struenſee, an einer Felſenkette. Frau von Groneburg ward durch ihre Corpulenz abgehalten, einen anderen als ebenlen Spaziergang zu machen; wir aber orien⸗ tirten uns ſchon am erſten Morgen in der Ge⸗ gend, und kein Höhengipfel war uns zu ſteil und ſchroff. Schweigend und tiefathmend im Stei⸗ gen gelangten wir an einen Vorſprung, der eine —— — 344 Art von Dach wölbte über eine natürliche Grotte von Baſalt. Wir ſtanden ſtill entzückt. Jetzt ſchlug es Neun an der Kirchuhr im Dorfe, das ſich kreisförmig unter unſern Blicken hinzog, die Glocken gingen, das Echo läutete leiſe nach, es ſummte vor unſern Ohren, wir horchten mit be⸗ wegtem Gefühl. Doch was wir jetzt hörten, war weder eine Zunge von Metall, noch Nach⸗ hall der Felſen, oder Geräuſch des Waſſers, wie es überall aus kleinen Rinnen und Spaltungen hervor rieſelte, fondern der ſilberne Fluß menſch⸗ licher Sprache. Wie tief drang dieſer Ton in meine Seele! wie ſchön war, was er ſagte. Wir glaubten anfänglich, einen Johannes in der Wüſte zu vernehmen, oder einen modernen De⸗ moſthenes, der ſich an dem tauben Geſtein der Umgebung verſuche; aber das war keine Buß⸗ predigt, und ſpäter unterſchieden wir zwei an⸗ dere männliche Stimmen, die bisher geſchnegen. So hatte dieſe Rede über einen freien Text Zu⸗ hörer außer uns. Der da ſprach, redete über die Liebe: ein göttliches Wort! mein Herz ward tebendig— Adele blieb ſtumm. Sie drängte 348 mich mit ängſtlicher Scheu von hinnen, ehe man uns gewahr würde, und ich folgte ihr nur zo⸗ gernd. Ein Milchmädchen, was uns begegnete, wagten wir zu fragen: wer die Herren wohl ſeyn mögten, die in der Halle dort oben ſo laut ſprä⸗ chen? die Antwort lautete verwunderlich: es iſt. unſer Herr Paſtor mit ſeinen Geſellen; ſie arbei⸗ ten auf dem Kanzelberge die Predigt aus, alle Tage um die nähmliche Stunde. Er hat es aber nicht gern, wenn ihn die Leute ſtören.— Dies ſagte die Kleine mit einem nachdrücklichen Blicke. Seine Geſellen? wiederholte Adele: ſeine Ge⸗ ſellſchaft wird das Nädchen haben ſagen wol⸗ len. Was das Unſinn ſchwatzt! Ein Paſtor iſt doch kein Böttger oder Schreiner, die Sprache, wenn auch tönend, doch kein Hammer, und der Kanzelberg— wir wiſſen jetzt, wie er heißt— nur die Werkſtatt Gottes. Die Römer, ant⸗ wortete ich ihr: hatten einen Volksredner, den ſie die Axt nannten, weil jedes ſeiner Worte traf. Hat der hieſige dich etwa auch ins Herz getroffen? fragte mich Adele wie ſpottend. Nun ſo laß uns morgen einen andern hören, vielleicht 349 den Meiſter ſelbſt! Und als Adele dieſe Worte ſprach, ahnete ſie ſchwerlich, daß er der ihrige werden würde.—— Ohne wörtliche Ueber⸗ einkunft erwähnten wir gegen Frau von Grone⸗ burg dieſes Vorfalls mit keiner Sylbe. Sie hätte uns den ſtillen Plan verdorben. Am fol⸗ genden Morgen fanden wir uns wieder zu der⸗ ſelben Zeit auf unſerm Sitze ein; die kleine Sy⸗ node unter uns war auch ſchon da. Adele hatte richtig vermuthet: ein Anderer predigte heute. Der gefällt mir beſſer— lispelte ſie und ihre Augen glänzten. Sieh', Nina! zu Hauſe hütete man mich vor der Kirche; doch wenn der Herr die Seinen im Glauben ſtärken will, wird der Fels zum Predigtſtuhl und die Steine müſſen reden.— Nun entſpann ſich ein langes Ge⸗ ſpräch, worin der Eine von den Dreien ſeine Wünſche hinſichtlich einer künftigen Verſorgung offenbarte. Ich mögte Paſtor an einer Straf⸗ anſtalt werden, ſagte er entſchieden: und denke es mir über allen Ausdruck erhebend, Gefange⸗ nen die Freiheit, Sündern die Gnade zu verkün⸗ den. Nun ſchilderte er, wie, als er jüngſt in — einem Arbeitshauſe gepredigt, die Morgenſonne lange goldne Strahlen zu den Fenſtern herein, die der ſtickenden Hitze wegen hätten geöffnet werden müſſen, über die wüſten Phyſiognomieen erſtreckt, die Ketten der Sträflinge angeglänzt, und wie ihn da der Gedanke ergriffen habe: Gott laſſe ſeine Sonne ſcheinen über Gute und Böſe! O! ſetzte er in Begeiſterung hinzu: von einer Heerde Verlorner ein verirrtes Lamm, wäre es auch ein einziges nur! zu retten, in den Schooß des guten Hirten: dies verlohnt ſich, daß ſolch eine Stelle und das Verdienſt ihres Segens ge⸗ ſucht werde. Die Andern ſtritten mit ihm. Glaube das nicht! ſagte der Eine: es ſind mei⸗ ſtens nur blutgierige, räuberiſche Wölfe, und ihre Reue iſt ein Schaafskleid. Unter dieſen Hürden werden die edelſten Kräfte aufgezehrt, und ihr Seelſorger würde klagen müſſen: der Eifer um dein Haus hat mich gefreſſen!— Für den nächſten Sonntag ließ Frau von Groneburg den Paſtor des Ortes, der ihr Viſite gemacht, zu Tiſche bitten. Er ſchlug die Einladung aus, indem er zwei liebe Freunde bei ſich hätte, und 2 — —-— 2 ——— — — 85¹ ſogleich erging es an ihn zurück, ſeine Gäſte ſoll⸗ ten die ihrigen ſeyn. Zur anberaumten Zeit traten drei ſehr hübſche junge Männer bei uns ein, ſtufenweiſe dem männlichen Alter ſich nä⸗ hernd, etwa um ſechs bis ſieben Jahre aus ein⸗ ander. Mein Redner der Liebe— mein? o lieber Gott! war der Jüngſte von ihnen. Sein Auge ruhete durchdringend auf mir, als läſe er mir ſeine eigenen Gedanken, die ich tief bewahrt, aus der Seele; ich aber fühlte mich ſeinem Blicke fremd und ſcheu gegenüber. Da⸗ mals habe ich empfunden, daß zur Liebe die ſicht⸗ bare Naͤhe keinesweges gehört, und daß es einen Zuſammenklang der Geiſter giebt, welcher von keiner gegenwärtigen Perſönlichkeit oder Stunde abhängt. Die beiden Jünglinge waren die Ele⸗ ven des Paſtors geweſen, und ſeine Präſenta⸗ tion derſelben geſchah ſo flüchtig, daß wir ſie für Brüder hielten. Frau von Groneburg fand Ge⸗ ſchmack an dieſer Unterhaltung, und leitete ein zwangloſes Umgangs⸗Verhältniß zwiſchen uns ein. Ein ſüſſes, ein ſeliges Leben hatte für mich begonnen, während meine arme Mutter alle Bit⸗ ———— ——— 352 terkeiten ihres herben Schickſals vorſchmeckte.— O meine Freundinn! was bedarf es einer wei⸗ teren Erklärung, wie wir uns fanden und lieb⸗ ten? ich bin es mir kaum ſelbſt bewußt, und fühle nur, daß ich ihm ewig angehöre und mich ſelbſt aufgeben müßte, um ihn zu vergeſſen. Mein Freund machte mich edelmüthiger Weiſe auf den Unterſchied unſerer äuſſern Verhältniſſe aufmerkſam, und dachte wohl nicht, daß ſein unglückliches Mädchen es bald als Großmuth und Ehre würde anſehen müſſen, wenn auch ein ge⸗ ringerer Mann als er ihr ſeine Hand böte. Er. malte mir recht vorſätzlich die Abgeſchiedenheit einer ärmlichen Dorfpfarre, und ſtellte die rauhe Einfalt derer, die ſein Stand mit ihm verbinde, gegen die feine Urbanität der Großſtädter, in deren vornehüuſten Kreiſen ich mich von Kindheit an bewegt, in tiefen Schatten; aber die Liebe gab ſeinem Bilde nur einen um ſo zarteren Reiz. Ich verſicherte ihm in Wahrheit, daß ich eine Binſenhütte mit ihm theilen wollte, wenn er als Miſſtonair unter den Wilden eines andern Welt⸗ theils wohnte. Und wer den Tag eines ſchwe⸗ diſchen Pfarrers geleſen, dem habe die Poeſte nicht nur den Norden, ſondern das dunkelſte Loos verklärt, wenn es die Wahl des Her⸗ zens war. 84 „Die Wahlſtimme des Herzens täuſcht aber doch zuweilen, oder wir verſtehen ſie falſch, und der Geiſt der Lüge iſt geſchäftig und vorlaut in uns⸗— unterbrach hier das Fräulein zum erſten⸗ male Nina's Geſtändniſſe:„ich hoffe, der junge Mann wird Dir keine Auskunft über ſich ſelbſt ſchuldig geblieben ſeyn: denn der Stand iſt nicht das Weſentliche zum Glück der Ehe.⸗ Nina lächelte traurig und ihre Geberde ver⸗ neinte.»Ich habe nichts weiter von ihm vernom⸗ men,“ antwortete ſie ſehr leiſe.„Unſer Unglück hat eine Kluft zwiſchen uns geriſſen ich wage es nicht, nach ihm zu fragen. Doch bin ich feſt entſchloſſen, niemals einen andern Mann zu nehmen, da ich mich nur dieſem Einen geben kann. Und ich ſehe ja an meiner ehrwürdigen Freundinn⸗— hier küßte Nina dem Fräulein die Hand:„wie heilignützend auch eine Eheloſe werden kann, wenn ſie weiblich bleibt, und die — Beſtimmungen ihres Geſchlechts ſo weit als mog⸗ lich erfüllt.⸗ antwortete Roſa⸗ 2Ach mein gutes Kind!⸗ 1 munde gerührt:»täuſche Dich hierüber nicht. Der Muth, entſagen zu können, iſt zwar wohl ſchön; aber wenn die Kräfte anfangen zu ſchwin⸗ den, da fühlt man doch, daß ein ſchwaches Weib der Stütze bedarf, und auch der ſtärkſte Glaube wankt zuletzt. Da iſt ſich lediglich nur an die Ueberzeugung zu halten, daß es Gottes Wille war und nicht der unſere, wie einſam wir ſtehen.⸗ „Ich meinerſeits,“ entgegnete Nina: halte es für Betrug, die dargebotene Hand eines Man⸗ nes zu ergreifen, daß er mein Schützer ſey, wäh⸗ rend das Herz ſeinen Gegenſtand ewig umfaßt. Ewigl das Leben aber iſt kurz und vergänglich, und Sie, meine Freundinn, werden mich ja nicht verſtoßen.⸗Sie brach bei dieſen Worten in heißes Weinen aus, und ihr Herz ließ jede Hoffnung fahren und blutete nach. „Nein, meine Nina,⸗ ſprach Roſamunde im one mreenher Zuverläſſigkeit:»wir bleiben beiſammen, ſo lange eo Gorr S-ſälu, beruhige Dich nur, und verdirb Dir die lieben ſchönen Augen nicht ſo. Thränen verlöſchen das Licht der Sehkraft und der Freude, und es iſt ja noch nicht aller Tage Abend. Um aber nochmals auf das Vorige zu kommen: wurde die fromme Adele denn ein wenig heiterur in jenem Weinberge des Herrn?⸗ Nina trocknete ihre Wangen, und ein kleines Lächeln blühete unter dem feuchten Tuche auf. Sie ſprach:»„Adele hat den Paſtor geheirathet, den Rationaliſten.⸗ Den Blick zum Himmel gehoben, ſagte Roſamunde nun:»das nenne ich mir eine Ra⸗ dical⸗Cur!— Nun und der Dritte?“ fuhr ſie mit der Genauigkeit altjüngferlicher Erkundigun⸗ gen dringend zu fragen fort:»der machte wohl der Frau von Groneburg die Cour, daß er nicht ganz leer ausgehe, wo Alles neben ihm der Liebe Freuden fühlte?k« Nina ſchüttelte den Kopf, da ſie antwor⸗ tete:„es war ein ſtiller junger Mann von ern⸗ ſtem, blödem Weſen, und Frau von Groneburg liebte dieſe Stimmung nicht. Ihn aber ſcheuchte 355 8 38 1 1 356— die dreiſte Unbefangenheit der ſanguiniſchen Weltdame zurück. Er war freundlich mit mir— aber nur den Muſen und der Freund⸗ ſchaft gehörte die ſanfte Neigung dieſes innigen Gemüths.⸗ Das Geſpräch wurde unterbrochen und nicht mehr erneuert. Eine Zeit ging hin, der Herbſt ruͤckte merklich vor. Eines Morgens ſchlief Ro⸗ ſamunde länger als gewöhnlich, da ſie früh auf⸗ zuſtehen pflegte. Frau Baby, die lebendige Uhre dieſer pünktlichen Häuslichkeit, kam als Weckerinn, wenn auch möglichſt ſacht, und ſprach: ⸗ſchon hatte ich Kummer, ob gnädiges Fräulein etwa unpaß wären?⸗ „Nein,« antwortete Roſamunde: das nun wohl nicht; aber die Nacht verging mir ſehr unruhig, und als ich gegen den Morgen ein⸗ ſchlummerte, hat mir wunderlich von dem Ami geträumt. Daß nur dem guten Thierchen nichts zuſtößt! ich laſſe es heute nicht von meiner Seite. Höre nur! In dem Vorraths⸗Gewölbe, wo ich mich befand, ſtanden alle Truhen offen; ich maß ein Webe Linnen nach dem andern, es reichte .[ͤ— 357 nirgend zu, und ſtatt der Elle gebrauchte ich den Sonnenſchirm. So oft ich oben anſetzte, ging er ein wenig auf; dann ſchien ein heller Strahl über die ſchimmernde Fläche. Die Leinewand quoll über die Diele hin, und blähte ſich wie Blaſen von Milch; ſtatt der Bleichzeichen waren Hagebutten hinein geſtickt, die hinter dem Stem⸗ pel der Elle zu kleinen wilden Roſen aufblüheten, ſo daß es im Gemach anzuſehen war und duftete, wie eine Pfingſtlaube überm Schnee. Es klopfte dreimal an die Thüre, ich rief: herein! ſie ging auf— doch nur ein Nebel drang durch die Spalte. Ami bellte laut, der Rauch hüllte ihn ſchwärzlich ein, jedes ſeiner Seidenhaare war wie ein feiner Strich von Tuſche. Er krümmte ſich winſelnd zu meinen Füſſen, und bildete einen großen ſchwarzen Buchſtaben auf dem weißen Lager. Und wie es denn oftmals im Traume zu geſchehen pflegt, daß auch geſcheute Leute das Einfältigſte nicht faſſen, oder eine rüſtige Hausfrau mit nichts zu Rande kommt: ſo konnte ich mich, und wenn es mein Leben gegolten— auf das Alphabet nicht beſinnen. † 1 4 4 8 358 05 Wehl rief ich und erwachte. Nun ſage, was hältſt Du davon?⸗ „»Wir werden etwas Neues etfahren— antwortete der ſibylliniſche Mund der Frau Baby:„etwas Trauriges mit Freude unter⸗ mengt. Zwar— ich entſinne mich, wir haben geſtern Abend von der Bleiche geſprochen, und die Hagebutte ſtarrt jetzt am Strauche; aber Mosjö Ami mag immer couché machen, daß ihm nichts Widerwärtiges paſſirt.⸗ Das Fräulein ſah bekümmert nach dem klei⸗ nen Faulbett des Hundes, ihres Schlafgenoſſen, hinüber, der ſich auf ſchwellenden Kiſſen gütlich that, ſo weiß und weich, wie manches engelhafte Kind ſie entbehren muß. Der Tag war wunderſchön und von durch⸗ ſichtiger Klarheit. Eine melancholiſche Helle, faſt ſchöner noch wie die wache Freude und der heitere Glanz des Frühlings, war über die Pebir gige Gegend ausgegoſſen. Roſamunde, ſe ehnſüchtiger als jemals ihren Weg nach der Ruine anzutreten, ließ ſich von Nina begleiten, und Ami, bevorrechtet durch 359 ſein ominöſes Traumbild, unter den Augen der Herrinn bleiben zu dürfen, ſprang munter neben ihnen her; das Paraſol, was in der verwichenen Nacht als Maßſtab angewendet worden, diente jetzt dem Fräulein zur Stütze. „Es will doch nicht mehr ſo recht fort mit mir,« ſprach Roſamunde, oftmals wankend: »wenn ich nun älter werde und dieſe Wall⸗ fahrt laſſen muß: wie bange wird ſie mir dann thun?⸗ „Dann kommt die Ruine zu Ihnen⸗— erwiederte Nina lächelnd. Sie hatte einen Licht⸗ ſchirm im Sinne, den ſie heimlich zu dem Ge⸗ burtstage des Fräuleins malte und das Caſtell als Mondlandſchaft dazu gewählt. „Dieſer ſteinerne Gaſt,« entgegnete Roſa⸗ munde:„ſollte mein Gewiſſen nicht beläſtigen, wäre anders Raum für ihn da.— Ich weiß wohl, was Du ſagen willſt, gutes Kind! der Glaube verſetzt Berge; doch Gott hat nicht ge⸗ wollt, daß ſich höbe, was meine Bruſt bedrückt, obgleich ein Herz voll Zuverſicht darunter ſchlug. Die Hoffnung, wenn ſie zu lange währt, macht 360 müde wie Alles; ich gebe ſie auf und bin nun bald am Ziele.⸗ „Nicht doch!« bat Nina:„das ängſtet mich.“ „Warum?⸗ fragte das Fräulein:„der Tod kann ſo ſchwer nicht ſeyn, für eine Seele, die nicht am Irrdiſchen klebt, und ſolch ein Herbſttag bildet ihn lieblich vor: dieſer iſt wie eine letzte verglimmende Roſe am Licht der Sonne. Horch! kam nicht ein Wagen?⸗ „Der Bach rollt über das Geſtein—⸗ ant⸗ wortete Nina. Sie gingen ſtill eine Strecke weiter, dann nahm Roſamunde das Geſpräch wieder auf.»Manchmal ſchon,“ ſagte ſie: habe ich mir gewünſcht, ich ſtürbe da oben auf der Höhe. Einmal bin ich dort geſtorben, und jene coloſſalen Maſſen ſind auch Denkſteine meiner Vergangenheit. Denn was iſt das Leben noch ohne Liebe? ein Schatten, der ein Weilchen webt und wankt— und verſchwindet.⸗ Ein tiefer Seufzer der ſchweigenden Nina beherzigte das Geſagte! doch ſah ſie nicht ohne forſchende Sorge in das Geſicht des Fräuleins und fand es bläſſer als ſonſt. — 361 „Bleibe ein wenig ſtehen, Kind!⸗ ſprach Ro⸗ ſamunde und hielt Schritt und Athem an:„war es mir doch wirklich, als b ich Pferde ſchnauben hörte.⸗ 4 »Es iſt der Wind,⸗ antwortete das Mäd⸗ chen:»welcher durch die dürren Blätter rauſcht; die Luft weht ſtärker vor dem Sinken der Sonne. Und ſchon flammte ſie am Saume des Horizonts. Die Ruine glomm in ſafranfar⸗ bigem Glanz, das Moos ſchien grünliches Gold, das auf dem felſigen Grunde zerſtreuete Gerölle glich funkelnd einer Ausſaat von Edelſteinen. Das Fräulein immer leuchtender umfloſſen, ſtieg langſam aufwärts.„Lache mich nur nicht aus, liebe Nina,⸗ſagte Roſamunde und hielt im Gehen inne: ves iſt mir ſchon ein paarmal vorgekommen, als ſpräche Jemand Oben.⸗ »Der Platz iſt einſam,« antwortete Nina mit einem ſchwermüthigen Lächeln, vund ich glaube wir beſitzen ihn allein. Wenn aber die Saiten unſerer Seele ſo hoch geſpannt ſind: ſo wird das leiſeſte Lüftchen zu einem Ton. Ich finde jedoch, eine ahnungsvolle Stimmung iſt Die Ruine. 16 2 362 anſteckend; mir ſchlägt das Herz ſo ungeſtüm, daß ich mich erholen muß.⸗ Sie wendete dem Caſtell den Rücken und ſchaute wiver in das Thal, wohin ſchmal und zuckend unter der wechſelnden Beleuchtung der Schatten der Ruine fiel.»Mein Kind, was ſchimmert denn dort hinter dem Geſtrüpp? ich vermag es nicht zu erkennen,⸗fragte Roſamunde, doch ehe Nina die geſenkten Augen erhob, rief Jene:»apport Ami!« und gab dieſen Befehl mit einer Richtung ihres Sonnenſchirms nach dem bemerkten Gegenſtande. Der Hund war flink am Ort, faßte behutſam, was er bringen ſollte, und legte ein feines weißes Tuch zu des Fräuleins Füßen, welches er ſo geſchickt getra⸗ gen, daß er den Zipfel mit eingenähter Krone über einem Namenszuge in der Schnauze hielt, als wiſſe er um die Bedeutung des Zeichens, und ohne demſelben mehr zu ſchaden, als daß es ein wenig feucht war. Das Schmeichelwort für die Klugheit des Hundes erſtarb auf Roſa⸗ mundens Lippen, ihre Blicke an das Tuch gehef⸗ tet, verdunkelten ſich, das Geſicht verbleichte zu —,— der Weiße von dieſem Battiſt, und mit einem leiſen unverſtändlichen Laut glitt ſie ohnmächtig auf die ſchrumpfen Halme nieder. Nina ſchrie laut in Todesängſten. Die Sonne blitzte wie erſchrocken herüber, eine Pur⸗ purwolke zog über das lebloſe Bild und verklärte es mitleidig. Ein junger Mann ſprang eilends die Höhe herab, ein älterer ſtand oben mit aus⸗ gebreiteten Armen und der geliebteſte Freund, den ſie auf Erden wußte, nahm Nina jetzt in die ſeinigen.—»Hoher himmliſcher Gott! Nina Du hier? und Siel⸗ rief er und ſchwankte gleichſam zwiſchen Leben und Tod. Aber Nina gönnte ſich nur einen Seufzer des Entzückens, der Himmel verſichtbarte ſich ihr in dieſer theu⸗ reſten Geſtalt, worin er ihr den Helfer in der Noth ſendete, aber ihre Seele war einzig und allein mit Der beſchäftigt, der ſie entflohen ſchien. Knieend beugte ſie ſich über die ſchlaffe Geſtalt, kaum einiger nichtigen Verſuche ſie zu beleben fähig; aber das Fräulein lag mit tiefen blaſſen Zügen und regte ſich nicht. Nachdem der Jüngling einige Minuten die Angſt und Anſtrengung des 16 ½ ———— 364 geliebten Mädchens getheilt, ſagte er entſchloſ⸗ ſen: ⸗ſo geht es nicht, Nina! ſo nicht. Ver⸗ hüte nur, daß mein Vater ſeine Stelle verlaſſe. Er ſieht nicht,— ich eile Rath zu ſchaffen.“ Und dahin flog er, wie der Pfeil von der Sehne. Der Fremde auf dem Caſtell fragte in ge⸗ drängten Pauſen: ob das Fräulein immer noch nicht athme? und ein troſtloſes: nein:« ant⸗ wortete ihm. Inddeſſen war die Sonne geſunken. Ein duftiger Schleier in Kühle getaucht wallte um die Berge, das Thal war wie mit ruſſiſch⸗grünem Flor beſpannt, eine Farbe, die wie bekannt von bläulicher Miſchung und düſter iſt. Ninas Thrä⸗ nen thauten auf die theure Scheinleiche und ihr hartes Ruhekiſſen. Sie rang die ſchönen Hände empor, ſie hätte die Kräfte der Allmacht und aller ihrer Welten herabziehen mögen; doch nur der Abendſtern tauchte mit mattem Geflimmer aus dem Azur auf, und ſchien in gleichgültiger Hoheit über allen Dunkelheiten der kleinen Erde zu ſchweben. So fiel denn kein Lichtſtrahl in dieſe bängſte Stunde.— — 365 „èDu mein Heiland!“« rief Nina verzagend:« Roſamunde iſt doch wohl todt!«„Roſamunde todt!« jammerte es oben, und der Hall von die⸗ ſem Echo ſäuſelte im Luftzuge des Gemäuers. O Roſamundel ſteht kein Traum des Himmels Dir vor der ſchlummernden Seele? ſagt das ſchwache Klopfen Deines Herzens Dir nicht? Wer nun gekommen ſey!— Aber Deine Augen haben ſich ihrem Glück geſchloſſen, Dein Mund ſchweigt tief— kalte Ruhe iſt der Schlaf Deiner Glieder, und unbewußt iſt das Liebſte Dir nahe. Es hatte ziemlich lange gedauert, wenn es deſſenungeachtet doch wunderſam ſchnell gegan⸗ gen war— als der junge Mann wiederkam. Der Schäfer des Dorfes, den er unter⸗ weges aufgetrieben und vermogt hatte, die Heerde in Gottes Obhut zu laſſen, folgte ihm mit einem Holzbauer. Sie hatten, ſo gut es eben möglich geweſen, eine Trage zuſammenge⸗ bracht. Schweiß rann von der Stirne des Jüng⸗ lings, ſeine Hand, in die er ſich am Geäſte der Bäume geriſſen, blutete. Er hatte das Unbe⸗ greifliche geleiſtet. Im Schloſſe wußten ſie be⸗ 366 reits, als hätte er wie ein Unglücksvogel die Kunde auf Schwingen hingetragen, daß ihr Fräulein für todt an der Ruine liege.— Philippine flog voraus, Frau Baby, obgleich ihr die Füße den Dienſt verſagten, hinterdrein, der alte Erbe war der Letzte. Alle Hausgenoſſen, mit irgend etwas verſehen, um die verehrte Laſt fort zu bringen, eilten das Thal entlang, als ſollte Sturm gelau⸗ fen werden gegen das Caſtell. Man bedeckte die rohe Bahre, häufte eine Schütte dürrer Blätter zu Häupten gund legte die ohnmächtige Roſa⸗ munde ſacht darauf. Sie lag wie eine weiße Herbſtblume auf welkem Laube.— Nun ſetzte ſich der Zug vorſichtig i in Bewegung. Der ältere Fremde, von dem Jüngling als⸗ bald herbei geführt, befand ſich in einem Zuſtande deſſen Eraltation durch das einſame Warten auf der Höhe zu einem Grade geſteigert worden war, der an Geiſtes⸗Zerrüttung ſtreifte.»„Sie ſtirbt!⸗ rief er in ſchreiendem Schmerz:»„Sie iſt ſchon verſchieden. Roſamunde! ſo ſoll ich nicht mehr Deine Stimme hören: iſt dieſe ſanfte Stimme denn wirklich verſtummt?⸗ Ein heftiges Schluch⸗ —, 367 zen entſtand ringsum.»Wie ſchön träͤumte ich mir dieſen Abend!« fuhr er in ſeinem Jammer fort: ver iſt zur ſtygiſchen Nacht für mich geworden. Wache auf, meine Freundinn! geht Dir kein Gott zur Seite, der Dich wecke und Dich uns wiedergebe?— Laß mich ihre Hand faſſen und halten.“ Frau Baby auch in dieſem Moment ihrem weiblichen Naturell getreu, legte die kühle Linke des Fräuleins in die verlangend ausgeſtreckte Rechte des Fremden, der kein An⸗ derer war, als Oswald, Herr von der Golz, und der Jüngling, den Nina liebte, war unſer Lind — ſein Sohn,— Philippine hielt die andere Hand Roſamundens, in die das Tuch ſo feſt ge⸗ klemmt war, daß man es ihr nicht entreißen kön⸗ nen. Der Zipfel mit dem Zeichen ſchleifte am Boden hin, und der Thau näßte die ſchwarze Krone. Erbe und Frau Baby theilten ſich in die Führung ihres Herrn, Lind unterſtützte ſein wankendes Mädchen. So bewegte ſich das Comitat weinend und weherufend vorwärts. Des Hundes dumpfes Geheul klang ſchaurig wie eine Todtenktage, und eine vierſpännige Equi⸗ 368 page fuhr langſam und leer wie ein Leichenwagen hinterher. Welcher Einzug im Schloſſe zu Stru⸗ enſee war dieſer!— Man legte Roſamunden auf ihr Bett, löſte ihre Kleider, rieb ihr Stirn und Schläfe mit geiſtigen Wäſſern und wendete alle erregenden Mittel an. Endlich wehete ein leiſer Athemzug von ihren Lippen, ein Hauch nur, aber Oswald— wir nennen den Herrn von der Golz der Kürze wegen auch jetzt noch bei ſeinem Vornamen— alſo Oswald, der nicht von dannen wich, hatte ihn doch gehört, und mit dieſem ſäu⸗ ſelnden Odem ſchien ihn ſelbſt der Gei des Lebens erſt zu beſe eelen. „Roſamunde!“« rief er:„lebſt Du? athmeſt Du wirklich?«— In dieſem Tone werden die Seligen am jüngſten Morgen einander begrüßen. Das Fräulein ſchlug die Augen auf; die lichtloſen des Freundes ſahen es nicht. Nur der einen Pupille war ein ſchwacher Schimmer ge⸗ rettet worden, und vor dieſer gaukelte ein Wirr⸗ warr dämmernder Bilder.»Wo bin ich?« fragte Roſamunde:„o warum ſtört Ihr mich? es iſt ſo ſchön——“ Freudenthränen erſtickten die Ant⸗ 369 wort. Nur Frau Baby wehrte ihrer Rührung, um den Ami zu beſchwichtigen, der laut zu bellen anfing, und ihrer Gebieterinn vorgreiflich das Nö⸗ thige zu erklären. Sie trat vor Den, der keines Schattens bedurfte, um ſchonend ihrer Dame ſei⸗ nen Anblick zu entziehen und ſprach:„ach welche Angſt haben uns gnädiges Fräulein heute gemacht! die will ich nicht vergeſſen.⸗„Ich mag tief gelegen haben—“ klagte Roſamunde ſo matt, daß ſich Frau Baby neigen mußte, um ſie zu verſtehen: mein Rücken ſchmerzt mich und der Kopf hier ſeitwärts thut mir ſehr weh.⸗ „Das iſt gut!« erwiederte Frau Baby mit auffallender Theilnahme:»nun iſt wieder Fühle da. Und— denken Sie nur! Herr Lind iſt auch wieder da. Und— wenn Sie uns nur nicht aufs Neue ohnmächtig würden,— noch ein lieberer Gaſt iſt dr.. Das Fräulein hob das ſchwere ſchlaftrun⸗ kene Augenlied, und fragte wunderſam geſtärkt durch den Aether der Ahnung: sein lieberer Gaſt als Lind! nun das müßte ein Engel oder— Os⸗ wald ſeyn.“ Frau Baby wich beſcheiden zurück, e iss tetsa0se3 370— und der Herr des Hauſes, obwohl jetzt ein Fremd⸗ ling darin, ſagte mit bebenden Lippen:„Er iſt es ſelbſt, Roſamunde! aber in menſchlicher Schwachheit, und blind! Hier aber öffnet ſich der Himmel einer ſterblichen Minute, und dem blöden Sinne iſt ein ſeliges Geſicht gegeben. Oswald ſieht ſeine Jugend, ſein Glück, die Liebe und Treue der ſchönſten Seele— und ein heller Strahl ewigen Lichtes fällt auf alle Führungen ſeines Lebens. Seine Gedanken ſtammelten jenem unbeſchreiblichen Momente nach:„ach ich habe Gott geſehn! Nacht war wohl zu meinen Füßen, wie er mich Geängſteten einer tiefen Noth entriſſen! Wie er eigne Wege ging und es herrlicher doch machte, wie ich anders als ich dachte, mehr als ich geglaubt, empfing!—⸗ Als Oswald einſt ſein väterliches Gut ver⸗ ließ, geſchah es nicht, ſeine Verbindung mit Ro⸗ ſamunde, ſondern ſein dem Baron Dunkel gege⸗ benes Wort zu löſen. Er wollte ſeinen heimi⸗ ſchen Verhältniſſen keinesweges entfliehen, viel⸗ 371 mehr gaͤnzlicher als er ihnen bisher gehört, dahin zurückkehren. Was ihn hinweg drängte, war nicht Liebe, nicht Ehre, weder die Stimme der Sehnſucht noch des Gewiſſens; jener höhere Ruf war es, dem wir willig oder nicht folgen müſſen. Oswald reiſete raſch, und wer den jungen Edel⸗ mann geſehen, hätte glauben müſſen, es eile ihm ſehr an das Ziel zu kommen, aber er wünſchte nur ſo geſchwind als möglich im Reinen mit ſich ſelbſt zu ſeyn. So wäre der Zug, der ſeine Kräfte ſchraubte, jenem feinen Sinne vergleich⸗ a n an der tiefſten Saite des Herzens ein leiſe abirrender Ton ſtört, der die volle Harmonie der Seele will, noch einmal umwendet, ehe das Spiel des Lebens beginnt— und erſchüttert wird von einem jähen Riß, der neue Bezie⸗ hungen fordert. Am feſtgeſetzten Tage näherte er ſich dem Landhauſe des Barons, das. Wetter war ſo heiter wie im vorigen Jahr. Als die Villa mit ihrem einfärbigen Weiß auftauchte aus den wellenför⸗ migen Umgebungen und die Wipfel der hohen Fichten und Kiefern im Park wie ein ſchwarzes 372 Meer vor ihm wogten; da ward ihm ſonderbar zu Muthe. Er hätte durch die ſchimmernden Fenſter gern einen tiefen Blick in das Innere dieſes Hauſes uno ſeiner Bewoyner thun mögen, aber die Sonne webte Blendungen über das Ge⸗ bäude und ſeine Augen, in denen er ſeit der italieniſchen Reiſe, wo ihm einſtmalen ein heißer ſandiger Wind angeweht, einen beängſtenden Schmerz verſpürte— thränten voraus. Den Wagen hatte er im letzten Dorfe gelaſſen und war allein auf dem Wege nach dem hinteren Eingange des engliſchen Gartens. Ein Land⸗ mann begegnete ihm, ſchon wollte er ihn fragen, die Antwort wäre verhängnißvoll ge⸗ weſen,— doch ein unſichtbarer Finger legte ſich auf ſeine Lippe. Dort lag das Mooshüttchen, ſo herbſtfriedlich, ſo unverfänglich.—„Der alte Dunkel wird ſich doch freuen—⸗ dachte er, und ein Gefühl des Wiederſehens berührte ſein Herz. Jetzt beſchritt ſein Fuß den Gang durch die kleine Pforte und rauſchte im geſchöberten Laube. End⸗ lich ſtand er vor der Eremitage. Die Thüre war nur angelehnt und ſeine Bruſt pochte. Drinnen — 373 aber war es ganz ſtille. Da trat er ein, und nicht der Alte war hier verabredetermaßen, und ſtürzte ihm entgegen, ein unerwarteter Anblick beſtürzte ihn. Auf einem kleinen Gartenſopha lag Sara, in ſich geſchmiegt, ſchlafend, oder fiebernd, jedenfalls ſehr erſchöpft. Ihre Athem⸗ zuͤge gingen haſtig, die Wangen waren feucht und fleckweiſe erhitzt, die prächtigen Haare verſtört, und die ſchwarzen Flechten der Haft des Kammes los, hingen voll und ſchwer über die bleichen ſchönen Hände nieder. Eine koſtbare Cylinder⸗ Uhr, welche Oswald ſtets bei dem Baron geſehen, pickte aus dem Buſen ſeiner Tochter, der Se⸗ kundenweiſer zitterte fortruͤckend in der Zeit, und das goldne Zifferblatt über einem ſchöneren Werke zeigte die Stunde des Rendezvous. „Sara!“« flüſterte er. Sie fuhr empor. Mit einem Schrei, der ihm durch Mark und Bein drang, flog Sie an ſeinen Hals, nannte ihn ihren Engel und ging in Tönen, die wir ein leidvolles⸗ Jauchzen nennen mögten, die Scala leidknſchaft⸗ licher Ausrufungen durch, bis der Schmerz ihre Stimme und ihre Kräfte ſinken machte. 374— Oswald hielt das Mädchen, was er fäpe nur in zarter Ruhe oder leiſen Gefühls bewegt geſehen, mit Muͤhe aufrecht, und innig an ſich ge⸗ drückt. Er wankte faſt unter der ſüßen Laſt dieſes überwältigenden Ungeſtüms. Meine Leſerinnen! welcher Mann ſtünde wohl ſolchem Empfang?— »Sara!« ſagte er:»Sie ſind gewiß nicht ganz——= bei Sinnens hüätte ſeine Seele gefragt, wenn er ſich in jenen Augenblicken ihrer bewußt geweſen wäre; ſo aber ſchloß er nur die Vorausſetzung mit dem kleinen Wörtchen wohl?⸗ Und jetzt bemerkte er erſt, wie leidend ihr Ausſe⸗ hen, wie traurig⸗ſchwarz ohne das geringſte bunte Fädchen ihr Anzug ſey. Sara brach in Thränen aus, und konnte lange vor Wehmuth nicht ſpre⸗ chen. Der Baron war todt und erſt vor einigen Tagen begraben worden.„Ach!« ſagte ſeine Tochter:„von dem Tage, wo Sie uns verließen, ging das Unglück an, und Schlag auf Schlag erfolgte, mein Vater mußte unterliegen.- Sie ſetzten ſich zuſammen in das kleine Sopha, Hand in Hand. Sara gab ihm einen Auszug folgen⸗ der Geſchichte, oft ſich ſelbſt unterbrechend mit 375 Verſicherungen, die auf Oswald Bezug nahmen, und in anderer Form immer nur das Eine ſagten: daß nun Alles gut ſey, da er nur wieder da wäre. Der Baron war in Folge kränkender Erfahrun⸗ gen, die er ſich zu Gemüthe gezogen, an einem nervöſen Gallenfieber geſtorben. Der Jouvelier Dunkel in M., unter deſſen Namen der Baron alljährlich entfernte Bäder beſucht, ſtand weit und breit im Renommé des Reichthums und der Ehrlichkeit. Für dieſes Darlehn im Schein, ſchenkte der Baron ihm ſein volles baares Zu⸗ trauen und gönnte es ihm großmüthig, daß der Jouvelier einen beträchtlichen Nutzen von der Beſorgung ſeiner Geldgeſchäfte zöge, während ihm ſelbſt die Firma, über die er verfügen konnte, nur traurige Zinſen trug und er des Wiſſens Gut mit manchem Schmerz bezahlte.— Aber die Goldwaage, auf der jedes Wort gewogen werden ſollte, wo es gilt einen Kaufmann abzu⸗ ſchätzen— ſchwankte ſehr; man hielt den Jouve⸗ lier, der ſich in Spekulationen eingelaſſen, welche ſeine finanziellen Kräfte überſtiegen, für ruinirt und warnte den Baron. Der aber hielt feſt an —==hhſſͤſͤſͤſͤſͤſͤſͤſͤſ— —*——= ſeiner beſten Meinung von der Zuverläſſigkeit dieſes Mannes; das heißt: er traute ſich und ſeiner Menſchenkenntniß ein untrügliches Urtheil zu. So hatte der Jouvelier, wenn er auch den Glauben ſeiner Väter changirt, doch nie den ſeiner Freunde in der Ueberzeugung wankend geſehen: daß er ein reeller Mann ſey.— 1 Als der Credit des Jouveliers ſich in einiger Zeit befeſtigter als jemals zeigte, gaudirte der Baron,— allein nicht lange. Seine Papiere von ungeheurem Werth, die in den Händen des Jouveliers geweſen— waren verfälſcht. Ein beruͤchtigter Gauner von Rang präſentirte ihm Wechſel einer enormen Spielſchuld, die er bei der letztern Saiſon unter jenem Namen ausge⸗ ſtellt hätte. Es war ſeine Handſchrift, Zug für Zug: charakteriſtiſch genau, der Baron konnte es nicht ableugnen: aber ſeine Augen hatten jenen Spieler nie geſehen. Ein Gerücht flüſterte: der Jouvelier und dieſer fremde Betrüger ſtäcken unter Einer Decke. Man wollte hier und da auf Spuren verſtohlenen Einverſtändniſſes zwiſchen ihnen gerathen ſeyn. Es kam zum Prozeß mit —— — — ⸗ 427 Beiden. Der Jouvelier ſchwur auf die Hoſtie, daß er von ſolch einer entſetzlichen Veruntreuung nichts wiſſe, und der Leib des Barons brach krampfhaft zuſammen. Er mußte weggebracht werden aus dem Gerichtsſaal. So meinte man, die Gewalt der Wahrheit hätte ihn getroffen; aber es war nur das Gefühl einer fremden Lüge, dem er erlag, und daß er in dieſe Sünde gewil⸗ liget hätte. Jener Glücksritter benahm ſich noch dreiſter mit der beiſpielloſen Conſequenz des Schlechten. Die verſchriebenen Summen muß⸗ ten gelegt werden. Dieſer Verluſt raffte mehr als ſein halbes Vermögen hin, und der ihm geſpielte Betrug koſtete dem Baron das Leben. Einige Monate nach dem Spruch der Geſetze und der demſelben geleiſteten Folge, erkrankte der Jouvelier zum Tode. Er lechzte nach dem An⸗ geſicht des Barons. Die Vorbitte der Tochter überwand den Unwillen des Vaters, ſo daß er zu dem Kranken ging und lange bei ihm verweilte. Als er wiederkam, führte er einen hübſchen Knaben an ſeiner Seite, der blöde weinte. Der 3 3 ½ ABaron ließ Sorge für den kleinen Gaſt tragen, der, wie er äußerte, eine Genoſſe ſeines Hauſes würde; dann ſagte er zu ſeiner Tochter: vich fühle mich angegriffen, Sara. Der Joubelier hat mir alles eingeſtanden— Alles! Gott wolle ihm gnädig ſeyn!— Doch iſt mir der Troſt der Verachtung geraubt, die Wohlthat, ihn kalt auf⸗ geben zu können, und ich bin irre an der menſch⸗ lichen Natur geworden. Höre nur! auf jener Reiſſe, die er in der ſchändlichen Abſicht gegen mich unternommen, fand er einen Geiſtlichen, der ein Kind bei ſich hatte, den Knaben hier. Dieſer Mann, der bei Weitem noch kein Greis, in Schwachſinn eines Herzeleids ſein Amt auf⸗ gegeben und Zuflucht bei einem Verwandten in der Ferne gehofft, welcher ihn jedoch habſüchtig benützt und übel behandelt hatte, war durch das Aeuſſerſte dahin gebracht worden, ſein Unter⸗ kommen anderweitig zu ſuchen. So machte er ſich mit dem Reſte ſeiner Habe und dem kleinen Enkel auf den Weg. Wie nun großer Kummer ſich wenig um äußere Dinge kümmert, oder auf das Nächſte zu achten pflegt, ſo war der arme ——n — 379 alte Mann in einem Wirthshauſe an der Straße, von einem verſchmitzten Weibe, was ſich zu ihm geſellt, rein ausgeplündert worden. Die Wir⸗ thinn erzählte unter Thränen dem reichen Kauf⸗ herrn, der öfterer dort einſprach: das Unglück, welches den emeritirten Geiſtlichen betroffen, und die ergreifende Gleichgültigkeit womit er es er⸗ trage. Der Jouvelier nahm ſich ſeiner an und handelte an ihm als ein Samariter. So führte er Fluch und Segen in Einem Wagen mit ſich heim. Er pflegte dieſen Lehrer einer Religion, zu der er ſich nie im Geiſt und in der Wahrheit bekannt, nicht minder des zarten Sprößlings einer gebro⸗ chenen Blume— und zugleich der Saat des Bö⸗ ſen, die ihm wuchern ſollte. Als der Expaſtor im frömmſten Frieden entſchlief, ließ der Jouve⸗ lier ihn begraben, und neidete dem Armen die hei⸗ lige Ruhe, der nicht hatte, wohin er ſein ehrwür⸗ diges Haupt legte. Die Hölle, in der er nur noch kurze Zeit lebte, ward zu einer hitzigen Krank⸗ heit. Jener Waiſenknabe war ſein Vermächtniß an den Baron, ſein theureſtes; der Gegenſtand einer guten Handlung; das Bewußtſeyn der⸗ —— ſelben ſollte ihm zur Sühne und dem Beleidig⸗ ten zur Segnung gereichen. Der Edelſinn des Barons ging in dieſe Idee ein. Aber auch der dritte Verſorger des kleinen Herrmann Lindner ſollte es nicht lange ſeyn und bleiben. Dieſe Alterationen wirkten nach; der Baron ward ſehr krank. In einem klaren Augenblicke der letz⸗ teren Zuſtände, winkte er ſeiner Tochter und ſprach:»Sara! merke, was ich Dir ſage! traue keinem Menſchen auf der Welt! keinem! und Dir ſelbſt am wenigſten. Auf den Donnerſtag um drei Uhr aber gehe nach dem Mooshüttchen. Da wird er kommen—“ Hier zog die Phan⸗ taſie ihr wirres Gewebe über das Licht ſeiner Ge⸗ danken. Donnerſtags um drei Uhr ſtarb er, und den nächſten darauf ging Sara wirklich nach dem Mooshüttchen, wie im Gehorſam für ihres Va⸗ ters Worte, wenn er auch, wie ſie wähnte, nur delirirt hätte. Sie nahm ſich traurig und träu⸗ meriſch vor, dieſen Tag und dieſen Weg wie eine bleibende Stiftung zu betrachten. So war Oswald ihr denn eine göttliche Erſcheinung, ein Bote vom Vater geſendet, deſſen Wort ſich geiſter⸗ — 381 haft und wunderbar erfüllte, und wenn ſie es rich⸗ tig deutete: der Einzige, dem ſieltrauen dürfte! Die Sonne hatte bereits ihren Schein von den düſtern Wänden zuruͤckgezogen, als Sara dieſe Erzählung groͤßtentheils epiſodiſch gegeben, beendete. Oswald ſuchte Sara zu beruhigen, was ihm auch ohn e ein zuredendes Wort gelungen wäre: denn immer wieder kam ſie darauf zurück, daß ſie ſeit ſeiner Abweſenheit keine frohe Minute verlebt. Und für ein geſchmeicheltes Ohr war die Unterſcheidung eben nicht ſchwer, wie viel mehr an Glück und Freude er ihr mit in die Ferne genommen, als das Unglück ihr Widriges aufge⸗ bürdet und all ihren Frohſinn niedergehalten hätte. Oswald verſprach, eine Zeitlang da zu blei⸗ ben. Er ſah, Sara's Geſundheit war ſo erſchüt⸗ tert, daß ſie ſich erſt erholen müßte, ehe ihr ein neuer Schmerz zugemuthet werden dürfte. Der Gedanke an das Vorübergehende dieſes Beſuchs, gab ihrem Weſen eine Spannung, ihn feſt zu halten. Dieſe Exaltation wirkte mit anziehen⸗ den Kräften auf ihn zurück; dennoch hielt die Erinnerung an Roſamunde ſeinen Gefühlen das Gleichgewicht. Wie mächtig iſt aber eine gegen⸗ wärtig Liebende gegen eine ſonſt Geliebte, oder gegen eine künftige Braut!— Oswald konnte ſich des Vergleichs nicht erwehren. Roſamunde in ihrer Ferne erſchien ihm hier kühl, wo nicht kalt. Die Sicherheit ihrer verwandtſchaftlichen Verhältniſſe und gemeinſamen Heimath hatte ihrem Benehmen jene zärtliche Ruhe gegeben, die dem Charakter der ehelichen Freundſchaft am nächſten kam, und nur in jener Scene der Tren⸗ nung ſich in die Beſtandtheile der Liebe auflöſete. Sara hingegen bewegte ſich in leidenſchaftlichen Elementen. Sie gab das Herz ihm offen kund, was ihm mit allen Qualen der Liebe gehörte, und die Herrlichkeit der ganzen Welt nicht ach⸗ tete gegen das Glück ſeiner Nähe. Die Zeit ſeines Vermiſſens hatte ſie Werth auf jede Stunde legen gelehrt, wo er da wäre. Sie belauſchte den Ton ſeines Mundes, ihr Blick folgte jedem ſeiner Schritte. Sie hatte für nichts Sinn außer ihm. Frau von Meyer beſchwor ihn, ſie den Win⸗ ter über nicht zu verlaſſen. Sara wolle durchaus 383 nicht in die Stadt, und ängſte ſich heimlich ab, Oswald werde einmal in aller Stille davon ge⸗ hen; dies aber würde das Mädchen kaum über⸗ ſtehen. So erachtete Oswald ſein Bleiben als eine dankbare Pflicht, doch mit dem innern Vor⸗ behalt, daß er durch dieſe Pflicht nicht ſeine frü⸗ heren aufhöbe, vielmehr ſeine Rückkehr nur und Roſamunden für ſich. An einem ſonnigen Tage des Februars, wo das letzte Eis ſchmolz und Ahnungen des Früh⸗ lings erwachten, kam wunderſam, wie durch eine Inſpiration der Natur, der Gedanke in ſeine Seele: es müſſe nun auch mit ihm brechen. Es ward ihm plötzlich klar, daß er zu lange ſchon verweilt, und er faßte einen raſchen Entſchluß. So wollte er auf der Stelle mit Sara ſprechen. Frau von Meyer, welche, nach Art allzugütiger Tanten, eitel war auf ihre ſchöne Nichte, und wenig zufrieden damit, daß Sara ſich ſo einfach trüge, hatte eine Menge Putzſachen zur Auswahl kommen laſſen, für die Zeit, wo die Trauer ab⸗ gelegt würde. Die Tiſche ſtanden voll Cartons, und ein indianiſcher, mit goldnen und ſeidnen ——— 384— Blumen durchwirkter Taffet, rauſchte in der Hand der Tante, die ihn in ſeinen reichen Far⸗ ben gegen das Licht ſpielen ließ, da Oswald in das Wohnzimmer trat. „Jamavas heißt dieſer wunderprächtige Zeug; willſt Du ihn Dir nicht anſehen? das iſt er mindeſtens doch werth!« hörte er ſie ſa⸗ gen. Sara ſtand, abgewendet dem flimmernden Markte, am Fenſter und gönnte in trüber Gefäl⸗ ligkeit dem Brocat nur einen halben Blick des Beifalls. Frau von Meyer verließ wie beleidi⸗ get das Zimmer. Oswald näherte ſich Sara, die in ihrer vorigen Stellung blieb, einen Ring zwiſchen den Fingern haltend, der ihr zu weit geworden, und den Diamant, den er einfaßte, gegen die Glasſcheibe gewendet, als ob ſie ſeine Schärfe daran prüfen wolle. „Meine Freundinn⸗— ſagte er mit Accent, und legte mit ſeiner Hand an ihren ſchlanken Leib einen ſanfteren Nachdruck auf dieſe Anrede: ich komme wahrſcheinlich nicht V zum günſtigſten Augenblick; doch wer das Geſetz der Zeit vergeſſen, ſo wie ich, hat das Recht zu zögern verwirkt, und die nächſte Minute muß ihm die beſte ſeyn. Ich kann nun länger nicht hier bleiben; doch will ich es Ihrer eignen Stimmung überlaſſen, wann wir uns tren⸗ nen? heute— morgen?“ Während Oswald dieſe Worte ſprach, hatte Sara langſam mit dem Diamant geſchrieben. Sein Auge begleitete die Bildung der Buchſta⸗ ben, und als er ein j, ein a, ein m und wieder ein a entſtehen ſah, dachte er faſt zürnend: Sara wolle auf dieſe Weiſe den Nahmen des ihr ge⸗ nannten Zeuges notiren, und dieſer eitle Ver⸗ merk beſchäftige ihren Sinn, wo er einen Total⸗ Eindruck von ſeiner ernſten Verkündigung ge⸗ fürchtet hatte. Aber als er: morgen? ſagte, ſtand: jamaisl fertig am Eryſtall des Fenſters, und die ſchwachen zitternden Züge dieſes Wört⸗ leins riſſen an ſeinem Herzen. „Iſt das Ihre Antwort, Sara?« fragte er, hörbar in Liebe. Sie nickte ſtumm, da fielen verhaltne Thränen von ihren Wangen.— Oswald blieb nun für immer. Der Jama⸗ vas ward Sara's Brautkleid, und das Wörtchen Die Ruine. 47 in der Fenſterſcheibe ein Typus für manche ſchei⸗ dende Frage der ſpäteren Zeit. So war Sara's höchſtes Glück nun geſichert; aber eine völlige Ruhe des Gemüths ſchien für Oswalds Gattinn dennoch nicht daraus hervor⸗ gegangen, als ahne ſie, daß Ehehaften des Her⸗ zens nicht durch den Trauring bedingt würden.— Oswald vernahm nimmer eine Nachricht von Ro⸗ ſamunden. Wie rührend iſt jedoch der Vorwurf deſſen, der über ein erlittnes Unrecht gar nicht klagt, und ſchweigt, wenn er vergeſſen war!— Jeder Gedanke an Roſamunde hatte eine gewiſſe abbittende Innigkeit. Sie aber lächelte ſtill in ſeiner Seele fort, und waltete vielleicht in tiefem Schmerz allein in der verlaſſnen Heimath und hüthete wie ein Engel das Grab ſeines Vaters und das ſeiner Jugendträume. Schon in den erſten Jahren ſeiner Verhei⸗ rathung hatte Oswald das Unglück zu erblin⸗ den. Die Welt verdämmerte allmählig vor ſei⸗ nem Blick, bis auf jenen ſchwachen Sommer⸗ nachtsſchein, deſſen wir bereits erwähnt. In traurigem Nachſinnen ſagte er zu ſich ſelbſt: — 387 „Dunkell dieſer Nahme war ominös für mich, und ich hätte darauf achten ſollen.“ Er trug ſein Schickſal mit ſtiller Kraft. Sara hatte ihrem Gemahl einen Sohn geboren, war aber ſchwãch⸗ lich von Geſundheit und nie ganz heiter, was Oswald auf ſeinen Zuſtand bezog und ſchmerzlich empfand: denn Mißmuth macht das Mißgeſchick noch ſchwerer und nur der Glückliche beglückt. Die Freude an ſeinem Kinde war die groͤßte des Vaters, der ſeinen Adolar nur im Geiſte zu einem liebenswürdigen Jünglinge heran reifen ſah. Er wurde mit dem jungen Lindner im Land⸗ hauſe ſeiner Eltern erzogen und ſpäter von dem nachmaligen Paſtor in Weinberg unterrichtet. Herrmann, eine ſchüchterne Natur, doch unbeugſam in ſeinen Vorſätzen, war von Kind⸗ heit an Willens, Theologe zu werden, wogegen Sara viel einzuwenden hatte. Sie ſprach: ⸗wie willſt Du einmal predigen, wenn Du vor jedem Hörer erröthend zurückbebſt und Deine Pulſe ſtocken, ſo oft Du reden ſollſt?“ Oswald bat ſeine Frau, den jungen Menſchen gewähren zu laſſen.»Die Zeit,“ war ſeine Meinung: ⸗ent⸗ 388— falte auch die Triebe des Berufs und öffne die Blüthe der Rede in einem verſchloſſnen Munde.⸗ Es wurden, da Herrmann von ſeinem Vor⸗ ſatz nicht abzubringen war, ſeine angeborne Blö⸗ digkeit zu beſiegen, Uebungen in freien Vorträ⸗ gen gehalten, bei denen Adolar, obwohl ungleich jünger als ſein Pflegebruder, ein rhetoriſches Talent entwickelte. Dieſes fördernde Mittel ward, wie unſere Leſer wiſſen, auch dann noch fortgeſetzt, als Herrmann, an dem die Zuver⸗ ſicht des väterlichen Freundes ſich bewährte, ſei⸗ ner Beförderung zum Amte nahe war, und die beiden jungen Männer, die ſich wie Brüder lieb⸗ ten, ihren Lehrer am Orte ſeiner Beſtimmung beſuchten, wo Adolar, genannt Lind, zum Preiſe ſeiner Rede ein ſchönes Herz gewann. Adolar huldigte mit Begeiſterung der Kunſt und Wiſſenſchaft, und hegte den jugendlichen Stolz, ihnen allein, was das Leben ſchmückt und nährt, verdanken zu wollen. Sein Ideal von Unabhängigkeit war eine reine Idee, abgezogen von allen gährenden Stoffen. Der leiſe Ekel ſeiner Mutter gegen den Genuß des Reichthums, — — — 389 an den ſie verwöhnt nur ſeine Verbitterungen erfahren, hatte ein edleres Verſchmähen aller zu⸗ fälligen Gaben des Glückes in ihm erregt, und das Beiſpiel ſeines Vaters miſchte eine philoſo⸗ phiſche Gleichgültigkeit dazu. Adolar kannte das letzte Schickſal ſeines Großvaters, und hatte die Neigung von ihm geerbt, unter angenomm⸗ nem Stand und Nahmen zu reiſen. Als er ſeine erſte Ausflucht in die Welt antreten ſollte, ver⸗ ſehen mit allen Bequemlichkeiten und Geldmit⸗ teln, und bei dieſer Gelegenheit von den Fonds die Rede war, die ihm jetzt und einſt zu Gebote ſtünden, ſagte er:„wehe mir, wenn ich mich jemals auf etwas Anderes verlaſſen wollte, als auf mich ſelbſt und auf den Gott, den ich im Herzen trage!— Nein, liebe Eltern, das mu⸗ thet mir nicht zu. Was heute mein war, kann morgen eines Andern ſeyn. Welch ein elendes Ding iſt es doch um einen Beſitz, den mir das Wort aus einem falſchen Munde, die Geſchick⸗ lichkeit einer fremden Hand, die meine nachzu⸗ ahmen, rauben kann? Und die hölliſche Fertig⸗ keit der Lüge iſt ſtets geſchäftig gegen die Reali⸗ 390— tät. Nur wer entbehren kann, iſt ſicher, und die Genügſamkeit hat überall genug.⸗ Jünglinge wie Adolar, gehen gern in die Halle der Stoa, und Mädchen in der zärteſten Epoche ihres Geſchlechts in das Kloſter der Ent⸗ ſagung; ſpäter zählt nicht ſelten die Schule Epi⸗ kurs Jene unter ihre Anhänger, und die reſignir⸗ ten Seelen dieſer kehren in die Welt zurück, weil das geweihete Haus ihres Herzens eine ökono⸗ miſche Anſtalt geworden. Der Vater nahm ſeinen Sohn allein, und der erſehnte Augenblick war nun gekommen, wo er dieſem ſeinem gebohrnen Freunde das Geheim⸗ niß der Herkunft enthüllen durfte. Adolar er⸗ ſtaunte. Er hatte die Geſchichte von der Heirath ſeines Vaters nur nebelhaft gewußt, weil ſeine Eltern nie davon geſprochen. Das reine Gefühl des Jünglings, ein ſchnelles Urtheil und präcis in Sachen moraliſcher Gerechtigkeit— ſprach zwar ſeinen Vater frei, doch Roſamunden ſelig, und nichtsdeſtoweniger liebte und ehrte er die Mutter von ganzem Herzen, wenn er ſich auch dem Intereſſe jener Betheiligten mit Empfin⸗ + — 391 dungen zuneigte, welche Sara vielleicht kaum gebilliget haben würde. Das Fräulein von Struenſee hatte in der Stunde jener Geſtänd⸗ niſſe zwei Liebhaber. So fand Adolars Vater demnach ein willi⸗ ges Gehör als er ſprach:„ſo laſſe nun Dein erſtes Ziel— es iſt mein liebſter und letzter Wunſch— dorthin gerichtet ſeyn!— O wie beneide ich Dich um dieſen Weg! meine Seele, mein Segen wird Dich begleiten. Erkundige Dich ſchon von Wei⸗ tem, ob Roſamunde lebt? in welchen Verhält⸗ niſſen? wen ſie bei ſich habe? forſche nach allen kleinen Umſtänden ihres Ergehens, und erwäge, mein Sohn, daß Deinem Vater jede Geringfü⸗ gigkeit, dieſen Gegenſtand betreffend, wichtig ſey. Vergiß ja nicht zu fragen, ob ſie immer geſund geweſen und heiter, ob ihr die ländliche Oekono⸗ mie Vergnügen zu machen ſcheine? und ſo weiter. Findeſt Du Alles wie ich hoffe und Gott es geben wolle: ſo ſuche Eingang im Schloſſe. Adolar! Deinem Herzen vertraue ich das meine an. Die Vollmacht, welche ich Dir ertheile, iſt eine Ta- bula rasa, eine Charte blanche. Bezeige dieſer 392 Edelſten ihres Geſchlechts Liebe und Verehrung, wie ſie beides verdient. Hat ſie Freude am Gut und darüber verfügt: ſo verſchweige Deinen Nah⸗ men; Du moͤgteſt einen Anſpruch damit nennen, der ihr, wer weiß? ſtörend ſeyn könnte. Iſt ſie zur Ruhe, die gute Roſamunde⸗— hier ſtockte Oswalds Stimme:»wohnen fremde Menſchen im Schloſſe Deiner Väter: ſo gehe ihm vorüber und ſchüttle den Staub von Deinen Sohlen; brich einen Zweig der alten Linde und ein Bluͤm⸗ lein von dem Hügel, darunter ſie ſchläft, und lege es dereinſt in meinen Sarg, daß der Früh⸗ ling meiner Heimath und die Freundſchaft mit mir begraben werde.— Und nun, mein Sohn, nimm noch eine Lehre von mir an! achte Dich niemals frei, noch das geringſte Ergebniß Dei⸗ ner Erfahrung für unbedeutend. Eine Wolken⸗ hand hält unſern Willen und leitet unſer Leben; ſo iſt das kleinſte Symtom oft ein großes Merk⸗ mal. Bilde daher den innern Sinn und traue ihm allein; die Stimme der Innerlichkeit trügt nie.⸗ Adolar entdeckte ſeinem Vater, daß dieſe Stimme ihm geſagt: Nina von Sorgue ſey das — — 393 für ihn geſchaffne Weſen, die zweite Hälfte des ſeinigen. Er bitte um die Erlaubniß, die Ge⸗ liebte im Hauſe ihrer Eltern aufzuſuchen und ihnen ſeine Abſicht offen darzulegen. „Wann Du von Struenſee wiederkehrſt,⸗ antwortete der Vater dringend:»dann Adolar, dann! wollen wir darüber ſprechen. Es eilt nicht, mein Sohn, Du biſt noch ſehr jung. Ver⸗ kürze Deinen Vater nicht um einen Tag, der länger auf Beruhigung warten müſſen.⸗ Die Eiferſucht des weiblichen und mütter⸗ lichen Herzens iſt ein ahnungsvolles Gefühl. Es war, als ob Sara ein leiſes Wiſſen davon hätte, welchen Auftrag ihr Sohn von ſeinem Vater em⸗ pfangen. Sie ſtand verdüſtert und verweint an jenem Fenſter, ihrem Schmollwinkel, als Adolar Abſchied zu nehmen kam.„Meine liebe Mutter,“ ſagte er: ⸗ich ſuche Dich, Dir Lebewohl zu ſagen. Du ſiehſt blaß aus und ſcheinſt bekümmert; ver⸗ birgſt Du mir vielleicht, daß Du Dich kränker fühlſt, wie Du mir den Anblick Deiner Thränen entziehſt?e Sara ſah den Juͤngling zärtlich mit naſſen Augen an. —— „Sorge für Deine Geſundheit!⸗ ſagte Ado⸗ lar, und ſetzte treuherzig hinzu:„und ſey doch gutes Muths, mein Mütterchen! wir ſehen uns bald wieder.⸗— Sara lächelte trübſelig, wen⸗ dete ſich traurig ab und deutete mit dem Zeige⸗ finger auf das Wörtlein in der Scheibe. „Gott verhüte es, daß dies: jamais! für dieſen Fall da ſtündel⸗ ſagte er und ſchloß die Mutter heiß und herzlich in ſeine Arme. „So reiſe glücklich, mein Sohn!s ſagte ſte ſehr bewegt:„und wünſche nie etwas zu heftig. Das Glück laͤßt ſich weder erringen noch erſtreben, es fällt nur zu. Was wir aufgeben, beſitzen wir oft mehr, als was unſer ſcheint, und jedes Anſich⸗ reißen iſt ſträflich.— Lebe tauſendmal wohl!⸗ Am Pfingſtſonnabend, deſſen unſere Leſer ſich erinnern wollen— langte Adolar im Wirths⸗ hauſe von Struenſee an. Er hielt Mittag hier, und dann Sieſte in einer Fliederlaube, nahe dem heißen Verdeck des Backofens, vor dem die runde Wirthinn im Sonnenpunkte ihrer häuslichen Be⸗ triebſamkeit ſich regte und für Niemand ſichtbar — war. Der Inſtruction ſeines Vaters eingedenk, * —— 395 wollte er hier genaue Nachrichten einziehen: denn daß Roſamunde von der Golz noch lebte, wußte er bereits und hatte es mit Freuden vernommen. Adolar mußte ſich gedulden. Ermüdet, wie er war, betäubte ihn der narkotiſche Duft, zu dem ſich die warmen Dämpfe der Kuchen miſchten, und er ſank in ein wollüſtiges Vergeſſen, bis die Wirthinn ihn mit der Warnung weckte: es ſey ſchädlich, unterm Flieder zu ſchlafen. Er gewann ihr ſchlau die ſchwache und geſprächige Seite ab, und lenkte, wie ein geſchickter Steuerer, das flotte Schifflein ihrer Rede, wohin er es haben wollte. Sie ſchilderte das Fräulein als eine vortreffliche Herrſchaft, und hängte dem langen Lobe nur den kleinen Makel an, daß Roſamunde ein wenig gei⸗ zig wäre und gar nicht geſellig, was ihnen(den Wirthsleuten) doch Schaden thue. Sie ſprach: nnie kommen fremde Gäſte hierher und Hauſirer: denn auf dem Schloſſe leben ſie wie Geiſter, ſo ſtill und unbedürftig. Und für wen ſpart die gnä⸗ dige Dame ſo, und müht ſich ab, wo ſie müſſig gehen könnte? für eine blutarme Waiſe, die ver⸗ muthlich einmal das ſchöne Gut ſammt allem Zu⸗ 4 396 behör erben wird. Wenn wir einen Herrn hätten! dann käme Leben in das Dorf. Selbſt die Ruine — es iſt doch ganz göttlich oben— und die Vor⸗ nehmen haben ſonſt ein abſonderliches Wohlge⸗ fallen an dem Ruinirten, ſo daß, wo eine alte Warte bricht und bröckelt, immer ein Brocken Brodt für den Wirth im Orte mit abfällt; aber hierher kommt Niemand.⸗ Adolar wußte genug, um vorſichtig zugehen, daß er keiner verjährten Neigung, keinem Gunſt⸗ recht in den Weg träte. Der Schatten an Roſa⸗ mundens Bilde that ihm leid, von allen Fehlern haßte er den Geiz am meiſten; aber er dachte ſo milde, daß er meinte, ein Leben ohne Liebe könne ſich leicht an todte Güter hängen, und ein unbe⸗ ſchäftigtes Herz ſuche ſeine Leere durch Nützlich⸗ keit auszufüllen; was nicht ſelten für ein hab⸗ ſüchtiges Streben genommen würde. Gegen den Abende ging er nach der Ruine, den Sonnenuntergang von dort aus zu ſehen. Mit leichten Schritten durchkreuzte er das Thal und den Lauf der Bäche, vertrat ſich den Fuß, und wir wiſſen, wie Roſamunde ihn gefunden. 8. 397 Als Adolar nach Hauſe kam, fand er aber ſeine Mutter nicht mehr. Sara war unterdeſſen heim gegangen und ruhte im Dunkel der Cypreſſe. Sein Vater ſollte die Freude, die der Sohn ihm brächte, mit einem großen Schmerz bezahlen. Doch Adolars Reiſe, ſein eigener Vorſatz, war eine Führung des Himmels geweſen, und ſein Vater alsbald entſchloſſen, ihr zu folgen. Oswald wollte in Struenſee erſterben und Adolar ſeinen Vater nicht verlaſſen. Auf des Fräuleins Wunſch nahm der jüngere Herr von der Golz das Stammgut der Familie unverzuͤg⸗ lich in Beſitz, und Roſamunde trat ihre herrſchaft⸗ lichen Rechte an ihn ab. Als nun der Ertrag des Grundſtücks, die Verbeſſerungen, welche es ge⸗ hoben, die kleine Schatzkammer und Alles, was von dem Fräulein angelegt worden, zur Sprache kam, äuſſerte Oswald ein frohes Erſtaunen. Roſamunde ſagte beſchämt:„bei Allem, was ich that, dachte ich nur, Du Oswald würdeſt Dir Deine Freude daran ſehen, ſehen! ach!⸗ Die Ruine. 18 398— Er antwortete:„ich ſehe es auch mit dem Auge einer dankbaren Seele. Hier wird der Schimmer, den ein trübes Schickſal mir gelaſſen, zum Aufgang eines neuen Tages. Und einſt werd' ich im Licht erkennen, was mir auf Erden dunkel war!⸗ Das Fräulein verſchluckte eine Thräne und ſprach:»wenn ich ſo Deine Stimme höre, dann iſt es mir grade ſo wie ſonſt, und als wäre die Zeit unſerer Trennung nicht geweſen. Es dauert ja Alles nicht lange hienieden. Ich habe nun kein anderes Geſchäft mehr, als Dich zu pflegen und zu führen. Und Gottes Güte leitet mich und Dich an's Grab.“ Oswald ſuchte die treue Hand ſeiner Freun⸗ dinn und drückte ſie ſtumm an ſeine Lippen. Zu Adolar, genannt Lind, ſagte Roſa⸗ munde:„dem Himmel ſey Dank! daß Du nur kein Theologe biſt!« „Sehen Sie,; ſiel Philippine ihr ins Wort: ſagte ich es nicht immer?e „Jetzt, fuhr das Fräulein fort:„mache das Schloß zur Capelle, oder predige am kleinen —— — 399 Jordan, dem Bache da unten, den Forellen über alle Punkte:„ich ängſte mich nicht mehr. Und willſt Du lieber ſchweigen: ſo löſet Nina in Zukunft Dich ab und predigt einmal hinter der Gardine.⸗ Der Veſtungs⸗Prediger in B. war geſtor⸗ ben und Herrmann Lindner an ſeine Stelle ge⸗ kommen. Seine erſte Traurede war die Ein⸗ ſegnung Adolars mit Nina von Sorgue. Er wußte nicht, daß ſie ſeine Schweſter ſey, und Beide ſollten es nach des Fräuleins Willen nie erfahren. Dennoch trat Nina in ein geſchwi⸗ ſterliches Verhältniß zu ihm, und wir dürfen annehmen: in doppelter Weiſe. Einmal als Frau ſeines brüderlichen Freundes, dann durch die Pflegetochter ihrer zweiten Mutter. Philip⸗ pine März, ein liebenswürdiges Mädchen, das ſich mit einer anerzogenen Vorliebe und einer ge⸗ wiſſen amtlichen Sympathie gegen den jungen Geiſtlichen benimmt, ſcheint als ein heiteres Na⸗ turell ſeinem Ernſte innigſt zuzuſagen, und die Eheprocuratorinn blöder Männer iſt einzig—: die Gelegenheit. So wird aus dieſer Heirath 400— ſchon etwas werden.— Frau Baby hat alle Hände voll zu thun. Das Trauer⸗ Edikt iſt auf⸗ gehoben und Tafelfreiheit dem kleinen Haus⸗ ſtaate gegeben. Deß iſt ſie froh. Bänder aller Farben flattern wie Freudenwimpel von ihrer Haube, und die Tauben der Cythere lachen nach Herzensluſt. Der Geiſt des Widerſpruchs iſt auch gebannt— es iſt ſehr heimlich im Schloſſe zu Struenſee. Und läßt er ſich wittern: ſo tritt der junge Gutsherr, vertraut mit dem Exorcis⸗ mus, einmal wieder in der theologiſchen Rolle auf: denn ein Mann, geweiht durch geiſtige Kraft, iſt ſtets ein Berufener und Verordneter dazu. * —ͤe—