1. Offensein der pfangnah 7 Uhr bie 5 2. Lesepreis, Bei 4 ſdem Tag 5 ff. bezahlt. en angenommen. 3 8 Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme bpeträgt: für wöchentlich auf 1 Monat: ¹ 5. Auswörtige Abonnente der Bücher auf ihre eigenen Leih deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literätur- von id thek Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Keih- und Jeſebedingungen. me und 3. Caution. ind Rückgabe der 8 Abends 8 Uhr offen. 3 ückgabe eines gelie Die Zeit eines Nibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em. Bücher jeden Tag von Morgens denen Buches wird von ages iſt zu 24 Stun⸗ ine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe eines Buches, eine dem e der hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirr 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 Bicher: ——,9ℳ⸗õOC—————— 8 1. Mi.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Wer.— Pf. In haben für Hin⸗ und Zurückſendung Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. te, zerriſſene, verlorene und ei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ Theil eines größeren Werkes, ſo iſt es Ganzen verpflichtet. 1 iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird † 6. Schadenersatz. defeete Bücher(namentlich be Ladenpreis erſetzt werden.— lorene oder defecte Buch ein der Leſer zum Erſatz de c 3 7. Ausleihezeit. Dieſelb beſonders darauf aufmer der Bücher nicht ſtattft ſelben von mir geliehen Für beſchmu⸗ gemacht, 4 Bücher: 6 Bücher: daß das Weiterverleihen ef, indem Diejenigen, welche die⸗ luch dafür zu ſtehen haben. Der V Geärhtete. Roman von S. C. Hall, Verf. des Buccaniers. Aus dem Engliſchen 8 von C. Richard. Auf Freund! erwach' aus ſtarrem Schlaf! Die Trommel Durchwirbelt laut Europa; ruft herbei Die kühnen Männer, ſo aus ſchnöder Raſt Sich gern eryeben; Ein Ruf iſt's, der die Geiſter mahnt, Die ſich nach Thaten ſehnen. 2 Ben Jonſon. Dritter Band. Aachen und Leipzig. Verlag von Jacob Anton Mayer. (Brüſſel bei J. A. Mayer und Somerhauſen). 18*3 6. 8 Der Geaͤchtete. — Erſtes Kapitel. Weshalb wollt'ſt Du ein Werkzeug werden dieſes So unnatürlichen Verkehrs? zufrieden Mit dieſem Wunder, aller Wunder ſeyn, Daß wenn die Ebben länger ſind als Fluthen, Die Tugend, deren Fluth mit Deiner Jugend Begann, viel raſcher ebbt, als ein ſie fluthet. Donne. Ein Wechſel der Dynaſtie, mag er auf noch ſo ſanftem Wege vorgenommen ſeyn, bringt unabweichlich einen Wechſel in den Gebraͤucher und in der allgemeinen Anſicht eines Volkes hervor. Die ernſten nuͤchternen Puritaner, wa⸗ ren den Kavalieren des froͤhlichen Karl ſehr ungleich; die ruhige, geordnete und gut gere⸗ gelte Hofhaltung von William und Marie, zeigte geringe Aehnlichkeit mit den nachlaͤßigen, 8 8* 6 unſaubern Umgebungen des eigenſinnigen Ja⸗ kob. Die Englaͤnder hatten ſich zuerſt einem großen Puritaniſchen Gouverneur unterworfen, dann einem lebensluſtigen proteſtantiſchen Koͤ⸗ nige, hierauf einem dummfrommen katholiſchen Herrſcher; und jezt, wiewohl die Wuͤnſche er⸗ fuͤllt waren, wiewohl William und Marie den Engliſchen Thron beſtiegen hatten, wollte es doch nach Ablauf von fuͤnf oder ſechs Wochen, als die volksthuͤmliche Aufregung geſtillt war, den Anſchein gewinnen, es haͤtte mehr die Ka⸗ bale einer Partei triumphirt, als daß die Ge⸗ bote eines maͤchtigen Volkes erfuͤllt waͤren. William war zu kalt—„eiſigſtes Eis“— um die Herzen ſeines neuen Volkes zu gewin⸗ nen; und weil er eine Zeitlang alles zu thun unterlaßen hatte, was Ehrfurcht— die einzige Vertreterin wirklicher Liebe— gebieten konnte, ſo begann John Bull zu ſchmollen, ohne recht zu wißen, weshalb; es war dieſer muͤrriſche Unmuth der Wirkung zu vergleichen, den ein roßhaar ener Guͤrtel auf zarter Haut hervorbrin⸗ gen muß. So oft hatte John Bull das Ge⸗ ſchrei:„ein Wolf! ein Wolf!“ erhoben, daß die Europaͤiſchen Nationen, gleich den Ver⸗ wandten des Knaben in der Fabel, die Mei⸗ 4 7 7 nung zu hegen begannen, daß kein wirklich her Wolf vorhanden ſey; man ſprach im Auslande nur von der Verkehrtheit eines Volkes, das zugleicher Zeit ſo wohl verſehen und dennoch ſo ungemein unzufrieden ſey. Inzwiſchen wur⸗ den die Englaͤnder zufriedener, als Unruhen in Schottland und offne Fehde in Irland, ihres erwaͤhlten Koͤnigs Thatkraft und Mannhaftig⸗ keit darthaten; wir haben jedoch mit oͤffentlichen Ereignißen wenig mehr zu thun; Gegenſtaͤnde haͤuslicher Anziehung draͤngen uns dermaßen, daß wir den Koͤnig und die Koͤnigin dem Glanze ihrer Krone und Koͤniglichen Wuͤrde uͤberlaßen, vom erhoͤheten Sockel der Geſchichte herabſteigen und unſern Wanderpfad, durch die verſchlungenen Wege des gewoͤhnlichen Lebens fortſezen muͤßen. Auf einer langen, rauhen, etwas geſchweiften Bank in St. James Park, der damals noch nicht mit viereckig geſtalteten Seßeln verziert war, die aller Behaglichkeit und Schoͤnheit ent⸗ gegen ſind,— auf einem ſolchen rohen, laͤnd⸗ lichen Size ruheten von der Tageshize drei Perſonen aus. Eine davon war unſere alte Bekannte Cicely Maynard; doch kein Kind an ihrer Bruſt, noch auf ihrem Schooße; obwohl 3 ſie dem Geſchmacke jener Zeit gemaͤß, gleich ei⸗ ner Hollaͤndiſchen Marktjungfer gekleidet war, und nicht mehr das Kleid einer Straßentaͤnze⸗ rin trug, gewahrte man doch an einigen Merk⸗ malen, daß ſie ihr altes Gewerbe fortſezte, halb Taͤnzerin, halb Schauſpielerin— und ach! eine ganz Trauernde war.— Ihr Haar war dicht um den Kopf mit ſchwarzem Bande feſtgebunden, ihre Arme waren mit fuͤnf oder ſechs Ringeln von ſchwarzem Seidenzeuge um⸗ wickelt; ihre Augen waren truͤbe, und ihr Arm, der auf einer Lehne der Bank ruhete, ſtuzte ihr ſchweres, ſchmerzendes Haupt.— Schmerz mogte ſie wohl empfinden— ihr Kind war todt.— Es iſt eine wunderbare, aber hoͤchſt weiſe Anordnung des Allmaͤchtigen, daß eines Weibes Geiſteskrankheit, die Liehe zu ih⸗ rem Geborenen nicht ſchwaͤcht. Oft ſahen wir merkwuͤrdige Beiſpiele der maͤchtigen Liebe, welche Bloͤdſinnige fuͤr ihre Kinder hegen; Ci⸗ gely, obgleich nicht eigentlich bloͤdſinnig, war doch ſo eitlen und ſchwachen Sinnvermoͤgens, daß man ſie kaum fuͤr ein zurechnungsfaͤhiges Geſchoͤpf halten konnte. Ihr ganzes Ausſehen, als ſie mit geſtuͤztem Kopfe hier lehnte, war ſo ſanft, ſo kindlich, daß ſie einem Maler haͤtte zum Modell dienen koͤnnen, der die Darſtellung der Ruhe, der des Ausdruckes vorziehen wollte. Zwei banditengleiche Kerle, in weite Hol⸗ laͤndiſche Schifferhoſen gekleidet, mit orangefar⸗ benen Lilien in ihren Kappen, rekelten am an⸗ dern Ende der Bank, und nachdem ſie im lei⸗ ſen Gefliſter, ſie ſelber betreffende Angelegenhei⸗ ten beſprochen hatten, begannen ſie nunmehr laut von andern Dingen zu reden. So iſt es in der Welt: von den Daͤchern ihrer Haͤuſer herab verkuͤnden die Leute ihrer Nachbaren An⸗ gelegenheiten, waͤhrend ſie von ihren eigenen nur fliſternd in Kellern, oder verſchloßenen Kammern ſprechen. „Moͤgen wir unſern Klimperkram ablegen und in den Krieg nach Irland ziehen, Capel,“ ſprach der Laͤngſte von Beiden. „Ja,'s iſt minder Mummerei und minder Spiel, als jemals,“ erwiederte Capel,„unſer Verkehr iſt auf allen Seiten beſchnitten— kein heimliches Einſchwaͤrzen, noch Ausbringen,— nichts von dergleichen, um's Leben zu verſuͤßen und uns in Behaglichkeit zu erhalten.— Auch's Tanzen woll'n ſie nicht mehr anſeh'n.— Ich ſage Dir, der Volksgen⸗jus iſt geaͤndert, und verflucht ſey's, ich ſelber bin veraͤndert, und 10 ſie iſt veraͤndert,“ mit dem Daumen zeigte er uͤber ſeine Schulter hin auf Cicely,„ſehr ver⸗ aͤndert iſt ſie, ſeitdem der Balg ſtarb; und's iſt'n Wunder, die Kre-tur anzuſehen, wenn ihre Fuͤße tanzen, nun ſie ſo ſchoͤn angezogen iſt, als moͤglich— daß man denken ſollte, ˙s muͤßte ihre Herze erheben— aber nein, das thut's nicht, fuͤr jeden Schritt, den ſie tanzt, ſoll mich der Henker holen, vergießt ſie zehn Thraͤnen.“ „O!“ grunzte der Andere,„das iſt juſt ſo die Natur von den Frauensleuten; weißt Du, Capel, alle Sie ſind entſezlich angethan mit ihren Kleinen.“ „Ey, haſt Du das herausgebracht, wirklich?“ ſagte Capel hoͤhniſch,„biſt gewaltig klug!— ¹s iſt aber gar kein Wunder, daß ſie ihre Kleinen ſo lieb haben— ich ſelber mogte den Balg leiden.“ „Was Du ſagſt— mir kam's immer vor wie'n piependes Kuͤchlein.“ „Geh' zum Teufel!“ antwortete Capel zuͤr⸗ nend,„was weißt Du davon?— Ich ſage Dir,“ des Elenden Stimme ward nun leiſer, gleichſam ein Schatte von Gefuͤhl blickte durch, als der Verworfene fortfuhr:„ich mogte den 5 11 Balg leiden; einmal als es zu meinem Knie herankroch und heraufklimmte— war ich in einer von meinen boͤſen Launen, und ſchlug es — ich meine, nicht ſehr hart— ich wollt'n nichts Boͤſes thun, aber der Schlag war doch zu hart von'nem Vater auf ſein eigen Kind. Ach! der Schall davon klingt mir ſeitdem immer noch in den Ohren, mit dem Schrei, den es ausſtieß! Ciß hat mich nachher nie wie⸗ der leiden koͤnnen— ich weiß, daß es ſo iſt, denn ich komme niemals in ihre Naͤhe, ohne daß ſie ſchaudert. Als es todt war, wollte ſie mich's kaum anblicken laßen.“ 3 „Nun Dein Schlag hat's doch nicht. getöd⸗ tet, wie?“ „Getodtet?— nein, Gott ſey Dank;— konnt' ihm auch nicht viel Leides thun; dafuͤr habe ich dem lieben Gott auf meinen Knieen an ſeiner Leiche gedankt.— Es war'n lieblich kleines Ding— aber doch beßer, daß es fort iſt.— Was ſagſt Du zu'nem Flug uͤber den Herings⸗Teich?— James wird ganz gewiß dort ſeyn, und dort iſt vielleicht beßer was auf⸗ zugabeln, als hier.“ „Was willſt Du mit ihr machen?“ 8„Mit ihr?— als'n Legat will ich ſie ih⸗ 12 — rem alten Herzliebſten, dem Alexander Jem⸗ mings, laßen, dem alten Kammerdiener vom Oberſt Sydney.“ „Alexander Jemmings, he! der wird nichts nach Deinem Zuruͤckgelaß'nen fragen.— Die raſche Befoͤrderung von ſeinem Herrn, der durch und durch'nem Ruͤhrſpahn im Mehlbrei aͤhnlicher war, als irgend'nem andern Dinge, — der ſich drehete und wendete von der Rech⸗ ten zur Linken, und wieder von links nach rechts; —'s iſt ein ſchlecht Beiſpiel von Beſtaͤndig⸗ keit, die ſein Herr ihm gegeben hat.“ „Wahr und doch haben ſie'n ausgeſchrien fuͤr nen Helden!“ ſprach Capel,„aber ich bin ganz gewiß, daß Alexander ihr immer noch gut iſt; denn als das Kind ſtarb— ich weiß gar nicht, wie er ſie ausfinden konnte, wenn's nicht durch den gebornen Ruͤyel, den Ralph Bradwell, geſchah— ſchickte er ihr'nen Roſe⸗ nobel in ein Stuͤck Papier gewickelt, auf dem allerlei Unſinn in Verſen, von der Freundſchaft ſtand.“ „Ey! das iſt'ne Art von Freundſchaft, die mir gefaͤllt,“ grinſete der Andere,„ich weiß jedesmal, daß ein Menſch mein Freund iſt, wenn 13 er mir ſein Geld gibt und's nicht wieder zu⸗ ruͤckfordert.“ „Es wuͤrde wirklich's Beſte fuͤr ſie ſeyn;“ fuhr Capel fort,„weil Ralph mit Sir Everard hier iſt, koͤnnt' ich dem ein Wort hinwerfen, daß ich ſie ſizen zu laßen meine, der wird's dem Jemmings gleich einblaſen. Du ſiehſt, ſie iſt ganz veraͤndert, wie ich vorher ſchon ſagte — vielleicht mag ſie zum Sterben abfallen— tanzt nicht mehr, auch kann ich ſie nicht dazu bringen, nach der Hollandsweiſe zu tanzen, die nun noch allein im Schwange iſt; ſie faſelt auch Moral und allerlei Predigen, ſo oft wir uns'nen guten Tag machen, oder ſo'n Stuͤck von'ner Arbeit vornehmen.— Nen tuͤchtig Zanken koͤnnt' ich aushalten, aber gegen ſo on Predigten halt ich nicht Stand.“ „Ich auch nicht,“ ſagte der Andere;„doch das iſt nicht meine Sache. Mach', daß Du ſie auf irgend'ne Art quitt wirſt. Haſt Du was von Pack'ihn und von ſeinem getreuen Bill gehoͤrt?“ „Nun, Du weißt, daß Pack'ihn in der Pat⸗ ſche ſizt, ſeit er die Thorheit beging— was ſo'n oͤffentlicher Mann, wie er iſt, niemals thun ſollte— ſeinen perſoͤnlichen Groll in ſei⸗ 4 — ne oͤffentliche Pflicht zu miſchen. In der Nacht, als es mit Jeffrey faſt zu Ende ging, ſtieß er ſeinen Stahl zu tief, da war nun der Teufel los um dafuͤr zu buͤßen, nichts Ge⸗ ringeres als Pack'ihn's Blut ſollte zahlen; denn Koͤnig William iſt ſo verſeßen auf den tollen Menſchen, den er ſtach, daß unſer be⸗ ſter Obſchuz genoͤthigt wurde, ſich davon zu machen.“) „Doch nur, um in'nen Schlupfwinkel zu kriechen, he?“ fragte der andere Schurke. Capel mußte der Meinung ſeyn, daß die Frage etwas zu ſcharf waͤre„ denn er antwor⸗ tete beißend:„nun, was ſoll Dir das? Du denkſt'n doch wohl nicht heraus zu ſtoͤbern, oder thuſt Du?“ „Nein, blaſt mich in die Luft, wenn ich das thue; wiewohl Pack'ihn immer zu theuer fuͤr mein Geld war.“ „Wir muͤßen gehen; es wird dunkel,“ be⸗ merkte Capel;„ich will ſie wecken; wir koͤnnen immer doch etwas aufgabeln bei den Abend⸗ Schauſtellen, wenn wir nur ſo viel ſammeln, daß wir Licht anzuͤnden koͤnnen. In unſerer Zeit haben wir auch viel geſammelt; aber alles iſt hin, iſt's nicht?“ 15 „Willſt mich zu Deinem Zeugniß⸗Mann ma⸗ chen, zu ſo'nem Ding wie Pack'ihn's Bill? Wie koͤnnt' ich's denn wißen, ob's Alles weg iſt, wenn Du den Beutel immer wegfiſchteſt?“ „Wegfiſchteſt? was willſt Du mit dem Weg⸗ ſiſchen ſagen?“ fragte Capel. „Bah! Feuer und Flamme! willſt Du'nen Streit anheben uͤber Worte, he?“ „Nein, aber Du ſollſt Deine Worte beßer in Obacht nehmen.“ Nun beugte er ſich nieder und ruͤttelte Ci⸗ ſely an die Schulter; ſie ſchlief aber feſt, dem Anſcheine nach ganz erſchoͤpft, durch Kummer und Anſtrengung. „Arme Kre-tur!“ rief er aus;„in Wochen habe ich ſie ſo feſt nicht ſchlafen ſehen. Ich mag ſie nicht aufwecken, wir haben noch'ne halbe Stunde uͤbrig.“ „Cape!,“ fragte der andere Bube,„kannſt Du mir ſagen, ob Einer, der im Schlafe ge⸗ toͤdtet wird, auch Schmerzen hat?“ „Wie ſoll ich das wißen?“ erwiederte der. „Sie heult und jammert ſo viel, wenn ſie wacht,“ ſagte der Meuchelmoͤrder,„daß es'ne Barmherzigkeit veruͤben hieße, wenn man ſie wollte im Schlafe laßen.“ — 16 „Behalte Du Deine Teufelstropfen fuͤr ſol⸗ che, die ſie verſchlucken wollen. Ich will's nicht,“ erwiederte Capel,„das Maͤdchen geht Dich nichts an; und obwohl ich gewiß bin, daß ich ſie auch nicht bekommen haͤtte, wenn ſie mich damals ſo gut kannte, wie ſie mich jezt kennt, ſo ſoll ſie doch, mit Ausnahme von'nem tuͤch⸗ tigen Durchpeitſchen, wenn ſie halsſtarrig wird, immerdar freundlich von mir behandelt werden. Mich duͤnkt doch, meine vergnuͤglichſte Lebens⸗ zeit habe ich im Neuen⸗Forſte da bei ihnen zu⸗ gebracht; da beſtach uns erſt die eine Parthei und dann erkaufte uns die andere; und doch behandelten wir Beide ſtets ehrenhaft.“ „Das thaten wir, denn wir richteten Beider Geheiß aus; und niemals plauderten wir,— niemals— ſo lange wil's aͤndern konnten.“ „Wir moͤgen ſagen niemals,“ wiederholte Fapel,„ausgenommen einmal oder zweimal, der mag auch ſeyn dreimal; und da gerieth ch in des großen Teufels Klauen, der mich faſt erdroßelte. Da iſt heutiges Tages große Veraͤnderung gekommen uͤber die Bettlerbande. Viele von denen, die ich gekannt habe, als ſe ſich verkrochen und verſteckten bei Culverly, im Boldre⸗Walde, und ſo da herum, ſind jezt 17 große Herren, fahren in ihren Kutſchen und prunken auf ſtattlichen Roßen. Schlagt mich lahm! was die fuͤr Spottnamen zu fuͤhren pfleg⸗ ten! und der luſtige Geſell, Sir Patrick Hume ſoll nun gar zum Lord gemacht werden.“ „Gott helfe uns!“ rief der Andere aus,„wir konnten's niemals herausbringen, wer und was ſie waren; heute hier und morgen davon, das war ſo die Art mit ihnen Allen. Ich kann nicht ſagen, daß ich nicht auch Luſt gehabt haͤtte, 'nen Pfennig nach der Seite zu wenden, ˙s war nur wegen ſo'nen verfluchten ſchwarzen Buchſtaben gegen meinen Namen. Ja, wenn ich nur Gelahrtheit gehabt haͤtte, koͤnnt' ich auch'n Lord geworden feyn.“ „Das mogt'ſt Du; denn eben der Lord, der nun dieſen Rang haben ſoll, der wahrſagte andern Leuten, ſo wie Du und ich das auch konnten, und das trieb er mit gleicher Geſchick⸗ lichkeit hier in London, und machte die Leute glauben, er ſey Partridge ſelber; noch mehr, ich bin von Leuten unterrichtet, die es gut wißen koͤnnen, daß er als Sterndeuter in Syd⸗ ney⸗Luſt geweſen iſt, Nativitaͤten geſtellt, Be⸗ cher aufgeworfen und alle dergleichen gemacht hat, zu Lady Sydney's Vergnuͤgen,— die hielt III.— 2 6 18 ihn fuͤr'nen guten Papiſten und er war die ganze Zeit ein Williamiſt; die ganze Welt koͤnnte ſie nun nicht vermoͤgen, nach London zu kommen, aus Furcht, daß man ſie ausla⸗ chen wollte.“ „Was haͤlt denn aber Sir Everard von ſei⸗ nem Landſize entfernt, nun er ſeine Freiheit wieder hat?“ „Ne ſonderharliche Ladung, die fuͤr'n an⸗ kommen ſoll, wie ich das von Ralph erzaͤhlen hoͤrte; eine Kiſte— und noch dazu eine recht große— mit... was meynſt Du, was da⸗ rin iſt?— Die Koͤnigin hat verſprochen, ihm das aus Holland kommen zu laßen.“ „Geld vielleicht?“ „Nein; getrocknete Baͤlge von Froͤſchen und Eidechſen, und allerlei ſolches Ungezuͤchte aus den Hollaͤndiſchen Suͤmpfen und Kanaͤlen, die will er, als wenn ſie lebendig waͤren, in ſei⸗ nem Zimmer auf Draht ſtellen.“— „Welch'n alter Narr!— Iſt das denn die Art und Weiſe, in der Koͤnige und Koͤnigin⸗ nen Unterthanentreue zu bezahlen denken?— Was iſt denn aber aus der jungen Dame ge⸗ worden, an die der Geaͤchtete vor langer Zeit einmal einen Brief gab?“ 19 „Nun, die iſt— aber dort kommt Ralph Bradwell hinter ſeinem Herrn her. Ich wollt', ich koͤnnte mit ihm ſprechen, dann koͤnnt' ich's ihm ſtecken, daß ich von der Ciß genug habe.“ „Schau, Capel,“ ſprach der Andere,„ſie kommen dieſen Weg, und weil ſie feſt im Schlafe liegt, ſo haſt Du die beſte Gelegenheit, ſie hier zu laßen; Sir Everard iſt ſo leicht ge⸗ ruͤhrt, der wird ihr gewiß Mitleid zeigen.“ „Ja, das iſt's, das iſt die wahre Art! Aber ganz kann ich nicht weggehen, denn wenn die kein Mitleid zeigten, ſo——“ „Nun, was, wenn ſie's nicht thun?“ „Wie, ich ſollte ſie hier dem Verhungern preis geben! Nein, ſo weit iſt's noch nicht; ſo muͤde bin ich ſie noch nicht, daß es dazu kommen ſollte; obwohl der Himmel weiß, daß ich ihr'nen beßern Herrn wuͤnſche.“ Ohne Geraͤuſch gingen die Spizbuben auf die Seite; der Eine fragte den Andern:„wer iſt's denn der da bei Sir Everard?“ „Ey! weißt Du das nicht, das iſt Pater Frank gewißlich genug.“ „Pater Frank?“ „Freilich umgearbeitet in Herrn Francis; 93 ſeitdem haͤlt er ſich zum Herrn, ſtatt wie fruͤ 20 her zu der Herrin. Capel, weißt Du, weshalb des Schneiders Handwerk das beſte iſt?“ „Schlag' mich todt, wenn ich's weiß.“ „Ey, deshalb, weil er wendet.“ „Dummes Zeug.“ Sie hatten ſich nunmehr in eine der kleinen Lauben verborgen, die Koͤnig Karl nahe am Waßer hatte pflanzen laßen, wo er, begleitet von ſeinen Lieblings⸗Hunden und Lieblings⸗ Hofſchranzen gern weilte, um ſeine Waßerhuͤh⸗ ner zu fuͤttern. Langſam nahte ſich Sir Everard, gefolgt von Ralph, der immer noch ſeines Herrn Schatte war, und im lebhaften Geſpraͤch mit Herrn Francis. Als ſie in die Naͤhe der Bank kamen, auf welcher das arme verlaßene Geſchoͤpf ſchlief, blieb er ploͤzlich ſtehen; Ralph, der ſie in aller Unſchuld als ſeine vormalige Spielgefaͤhrtin betrachtete, erzaͤhlte dem Baro⸗ nett, in ſeiner eigenthümlich einfachen Weiſe, ihre traurig⸗trauervolle Geſchichte. „Aber hier allein, in dieſem Park,“ ſagte Sir Everard,„wo ſie jegliches Schurken Beute werden moͤgte!— die arme Blume aus dem Forſte!— Ich erinnere mich ihrer recht gut und auch ihrer alten Mutter; die war ſehr 21 kundig in Kraͤutern und merkwuͤrdigen Pflan⸗ zen.“ „S' iſt gut, wenn wir ſie wecken,“ ſagte Ralph. „Thu' das und frage, wo ſie wohnt.“ Ralph ging ſogleich an's Werk,— aber es war keine leichte Aufgabe, die Schlaͤferin zu wecken. Als ſie jedoch zulezt voͤllig erwacht war, erkannte ſie ihren alten Bekannten mit kindi⸗ ſcher Luſt; verneigte ſich ehrerbietig vor Sir Everard und dem Prieſter und blickte alsdann aͤngſtlich nach ihren Begleitern umher. Auf die Frage:„wo wohnſt Du?“ antwor⸗ tete ſie unter hervorſtuͤrzenden Thraͤnen:„auf dem Kirchhofe mit meinem Kinde;“ dann blickte ſie Sir Everard wieder an, verneigte ſich noch einmal und ſagte:„ich wollte gern vor Ihnen tanzen, Herr, doch ich kann nicht; meine Fuͤße ſind aufgeſprungen und angeſchwellt; doch glaube ich, daß ich Ihnen eines von den alten Liedern aus dem Forſte ſingen kann;“ nun ſtrengte ſie ihre Stimme an und ſang im hohen Discant eine Stanze aus einer Ballade, welche damals ſchon alt genannt wurde: „Denn ach! ihr Herze iſt gebrochen Und bald muß ſie im Grabe ſeyn.“ 22 — „Grab,“ wiederholte ſie;„Graͤber ſind fuͤr's Vergeßen, nicht wahr? Im Grabe iſt's kalt, und dunkel und einſam, dennoch moͤgte ich darin ſeyn.— Fruͤher pflegte ich muntere Lie⸗ der zu ſingen, jezt aber kommen die Toͤne dick und ſchwer von den Lippen, will's aber noch einmal verſuchen— noch einmal verſuchen— wenn's Euch gefaͤllt, Sir, Sie füllte die Wolken mit Rauch aus dem Schlook, Mit glühenden Kugeln ſchoß Feinde ſie todt. Für einen von ihren, ſchoß ſie zwanzig Mann; War die nicht'ne wackere Frau, die Mary⸗Ann? „Kann's jezt nicht ſo recht vorbringen, Sir — denn ich denke immer noch an die Roth⸗ kehlchen im Walde, die ihre Jungen mit Blatt⸗ laub zudecken— ich ſah noch eben eines im Traume;“ nun ſtuͤrzten ihre Thraͤnen wieder hervor. Dem guten Baronett wurden die Augen feucht und ſeine Lippen bebten.. „Ich weiß nicht, wo ſie hingegangen ſind,“ fuhr ſie fort,„auch verlangt mich nicht da⸗ nach, denn er hat mein Kind geſchlagen; aber wenn Ihr mir wollt ein wenig zu eßen geben und mich Nachts auf dem Kirchhofe ſchlafen — 23 laßen, ſo will ich fuͤr Euch und Miß Rofa⸗ linde den ganzen Tag ſingen; das will ich, wahrlich, ſo lange ich lebe— und das wird nicht lange mehr ſeyn.“ „Bring' ſie nach Hauſe, Ralph, bring' ſie nach Hauſe, das arme geſcheuchte Reh!“ ſagte der Baronett. b „Mit Gunſt,“ ſprach der Prieſter,„da wir Whitehall vorbei muͤßen, wuͤrde es doch ſon⸗ derbar ausſehen, wenn Sir Everard Syd⸗ ney 2 „Mit einem Prieſter und'nem Taͤnzermaͤd⸗ chen vorbeikaͤme,“ laͤchelte Sir Everard;„doch laßt das, Ihr ſeyd Herr Francis und jeder⸗ zeit mein werther Freund; ſie,— nun, wenn 1 einer von den Schurken in Whitehall ſie er⸗ blickt und grade ſcherzen will, ſo wird er ſie nur eins von meinen ſonderbarlichen Probeſtuͤk⸗ ken aus der Naturgeſchichte nennen.“ Bei der Fortſezung ihres Weges und ihres Geſpraͤches bemerkte Sir Everard dem ehemali⸗ gen Prieſter:„ich kann gar nicht begreifen, was Roſalinden iſt. Sie hat ihre Lebhaftigkeit ganz verloren; ſie trauert und bruͤtet wie'ne Taube, die das Maͤnnchen verlor; ihr Geiſt iſt gebrochen; ſie ſieht jezt einer Gefangenen 24 — um vieles aͤhnlicher, als damals, wie ſie mein finſteres Gemach im finſtern Tower theilte. Mich duͤnkt, daß der Wechſel, der mir die Freiheit wieder gab, ihr Kummer macht.“ „Ich denke, Sir, Ihr thatet nicht gut, Miß Margrete in Eurem Hauſe aufzunehmen, als Euch die Freiheit ſo erfreuend wieder gege⸗ ben wurde. Ich kann nicht umhin zu glauben, daß ſie es iſt, die Roſalinden vieles Unbeha⸗ gen verurſacht, wiewohl dieſe ſie ſo guͤtig be⸗ handelt.“ „Da iſt vieles an der Miß Margrete, was ich nicht ganz leiden mag; und. doch, was konnte ich thun. Lady Sydney hat die hoͤchſte Meinung von ihr, das iſt Euch bekannt; und als das arme Maͤdchen ſich an Roſalinde um Schuz wandte, da konnte die nicht umhin, ihr zu verleihen, was in ihren Kraͤften war.“ „Ganz genau ſo denke ich in Betreff Roſa⸗ lindens, meine dagegen, daß dieſe Miß Mar⸗ grete den Schuz nicht bedurfte. Gewiß war Major Raymond hinreichend zum Schuzwaͤch⸗ ter ſeiner Schweſter.“ „Nun, der arme Menſch war ja ſo tief in Koͤnig Jakobs Politik verwickelt, daß er ſelber jezt zu den Geaͤchteten gehoͤrt; ohne allen Zwei⸗ 25 fel iſt er bereits in Irland, und ich vermuthe, wir werden von ihm hoͤren, daß er ſich an die Spize der Unzufriedenen geſtellt hat. Mar⸗ grete hat ihm ihre Zuneigung genugſam durch die Pflege bewieſen, welche ſie ihm waͤhrend ſeines Unfalles widmete; es war ihres Bru⸗ ders ausdruͤckliches Gebot, daß ſie Roſalin⸗ dens Geſellſchaft ſuchen ſollte;— und was konnte ſie denn beßer thun;— Ihr wollt doch nicht, daß ſie ihm in ſeine Verbannung nachfolgte?“ „Wenn Roſalinde einen Bruder in gleicher Lage haͤtte, ſie wuͤrde dem uͤberall nachfolgen. Sie wuͤrde ihn in ſeinen ſchwerſten Bedraͤng⸗ nißen nicht verlaßen haben. Major Raymond konnte ja kaum ſein Bett verlaßen, als die Schweſter ſich von ihm fort machte!“ „Roſalinde iſt ein edles,— ein ſehr edles Beiſpiel ihres Geſchlechtes;“ erwiederte Sir Everard mit liebevoller Waͤrme,„ich känn wirklich auf viele Dinge ſtolz ſeyn, wie die Welt das benennt: meine Familie iſt alt und makellos; mein Muſeum wird das ſchoͤnſte in England ſeyn, wenn ich die Vermehrungen er⸗ halte, welche Ihre Majeſtaͤt, die Koͤnigin, mir ſo huldreich verſprochen hat;— mein Sohn X 26 — mich duͤnkt, meine Liebe zu ihm iſt ſo tief und zaͤrtlich, daß es unmoͤglich iſt, ſie dem Stolze zuzurechnen;— aber am ſtolzeſten er⸗ kenne ich Roſalindens hingebendes Pflichtgefuͤhl, in den Stunden meiner kummervollen Bedraͤng⸗ niß; wahrlich dieſe Empfindung uͤberwiegt in meiner Bruſt alle andern. Sie iſt ein hoͤchſt voortreffliches Geſchoͤpf!“ „Ich habe heute morgen Neuigkeiten von Lady Sydney empfangen.“ „Wirklich?“ „Ja, Sir Everard;“ ſprach der gutmuͤthige Prieſter, dem man die Gerechtigkeit widerfah⸗ ren laßen muß, zu ſagen, daß er ſeine Amts⸗ befaͤhigungen ſtets im Geiſte der Milde uͤbte, beſonders wenn man die Anlockungen und Bei⸗ ſpiele erwaͤgt, die ihn zum Gegentheile verlei⸗ ten koͤnnten,„eine Dame hat Zuflucht geſucht in Sydney⸗Luſt, ſie nahm den Schuz Eures Hauſes in Anſpruch, bis es ihr moͤglich wird, ihren Befreundeten in ein anderes Land zu folgen.“ „Wer iſt ſie? gewiß darf ſie nicht bezwei⸗ feln, daß ich ihr mit Freuden diene.“ „Die Lady Mary Powis; ſicherlich werdet Ihr bedauern, zu hoͤren, daß der rohe Volks⸗ 27 haufe die ſchoͤne Priorei von St. Mary, faſt gaͤnzlich zertruͤmmert hat.“ „Die Unholde! aber ſo geht es immer, wenn ein ploͤzlicher Anſtoß die Wage der Gewalt aus der Haltung bringt; gleichviel welche Partei die Oberhand erlangen mag, jede wird ſich als⸗ dann tyranniſch zeigen. Ich hoffe, Lady Mary wird mein Haus wie das ihrige betrachten wollen, ſo lange es ihr gefaͤllt, darin zu ver⸗ weilen. Lady Sydney haͤtte mir ſelber uͤber die⸗ ſen Gegenſtand ſchreiben ſollen; denn waͤre es erforderlich geweſen, ſo wuͤrde ich gewiß das Geſchenk von Naturwundern, welches die Koͤ⸗ nigin mir ſo gnaͤdig zugeſagt hat, hier nicht abwarten wollen; nichts haͤtte mich in London zuruͤckgehalten, ſogar die Boa nicht, dieſes Weltwunder, welches ganze Buͤffel mit dem Gehoͤrne verſchlingt.“ Der ehrenwerthe Baronett ſprach in der ganzen Einfachheit und Aufrichtigkeit ſeines warmfuͤhlenden Herzens; doch der ſcherzliebende Prieſter dachte an die gefaͤrbten Kraͤhen und an einige andere ſolcher Abentheuer und laͤchel⸗ te, wiewohl ihm ſein Herz ſchwer war und er ſehr ernſte Dinge zu bedenken hatte.— Seine Religion, oder vielmehr die Macht ſeiner Reli⸗ 28 gion, war tiefer geſunken, als je; er ſelber, der fruͤher zu den Siegreichen gehoͤrte, wuͤrde jezt mit Fuͤßen getreten ſeyn, haͤtte Sir Eve⸗ rards unveraͤnderte und unveraͤnderliche Freund⸗ ſchaft ihn nicht geſchuͤzt. Wir koͤnnten wuͤnſchen, daß hier der Ort waͤre, alles zu ſagen, was wir zum Preiſe der katholiſchen Geiſtlichkeit wißen; unbefangen ſind unſere Gefuͤhle und nur allein erregt, durch die tiefe Anerkennung der Güte und Freundlichkeit, welche Perſonen, die unſerm Herzen theuer ſind, in volksaufruͤhreriſchen Zeiten von mehr als einem der Prieſter erwieſen wurden, die im Vollgenuße ihrer ganzen Gewalt, ſich nicht nur an Barmherzigkeit erinnerten, ſondern, was mehr ſagen will, an Gerechtigkeit! Geſegnet ſey ihr Andenken! lange ſchon ſind ihre Seelen im Himmelreiche. Wie beneidenswuͤrdig muͤßte das Vermoͤgen ſeyn, unſichtbar von einem Hauſe zum andern dringen zu koͤnnen, den Vorhang zu luͤften, der des Menſchen innere Regungen bedeckt, nicht um der Menſchen Thaten zu erforſchen, ſondern um Weisheit zu erlernen,— um nach⸗ zudenken, um die verſchiedenen Bewegungen zu verſtehen und zu ergruͤnden, mit allen den 29 Handlungen und Auftritten, welche das ereig⸗ nißreiche Drama— Leben— ausmachen. Es iſt ein großes Gemaͤlde! Eine ungethuͤmliche Maße von Ungereimtheiten, Fehlern, Falſch⸗ heiten!— das Laͤcheln dient, um der Freund⸗ ſchaft verweſende Hinfaͤlligkeit zu verdecken; da iſt der Kuß, den der Widerwille gegen das⸗ jenige bezeichnet, was er kuͤßt; die ſanfte Stimme, die ſich zum Wohlklange ſtimmt, um da am gefallendſten zu erklingen, wo ſie am toͤrtlichſſen haßt; dann des Hofſchranzen Ver⸗ beugung, der ſo mildelaͤchelnd ſein raͤnkevolles Herz verbirgt; unter allem Truge der Geſell⸗ ſchaft iſt die bemalte Wange noch der ehrlichſte, denn ſie zeigt ganz deutlich ihren Urſprung, wie ihren Zweck.— Es gibt aber ein beßeres Licht, aus dem eben dieſes Gemaͤlde zu betrach⸗ ten iſt;— wenn der anbrechende Tag es be⸗ ruͤhrt; wenn jugendliche Rechtſchaffenheit ſpricht, wie ſie fuͤhlt und uͤberall ihre Luſt findet;— wenn ſie freudig mit jungen Thieren und mit Blumen ſpielt, und zarte Dinge pflegt, die zarter noch als ſie ſelbſt, der Pflege beduͤrfen. — O! die Zeit der Jugend iſt eine froͤhliche Zeit! und doch ſchaͤzen wir ſie hoͤher im ſpaͤ⸗ tern Bedenken, als zur Zeit ihres Genußes 30 8 — ganz ſo wie wir von Dunkelheit um⸗ huͤllt, den Strahl des Tages am koͤſtlichſten wuͤrdigen. 31 4 Bweites Kapitel. Mich wundert nur, was Ernſt und Weisheit Von Allen denkt, die lieben, Ob unſ're ſüße kleine Thorheit Zur Luſt, zum Aerger ſie getrieben; Weil ſie kein wortlos Anſchau'n kennen, Und unſ're Seufzer ſinnlos nennen. Cowley. Roſalinde, die ſchoͤne Heldin unſerer Geſchich⸗ te, ſaß allein in ihres Oheims behaglicher Wohnung, in der Naͤhe vom Park, genoß „Die ſüße Einſamkeit des Ich,“ da wurde Miſtreß Rachel Braun gemeldet, welche bat, ihr wenige Worte ſagen zu duͤrfen. Roſalinde erhob ſich, um die City⸗Dame mit mehr Hoͤflichkeit zu empfangen, als man ge⸗ gen Perſonen geringern Ranges haͤtte erforder⸗ 32 lich halten können; auch war ihr Betragen durchaus frei von jener kalten Foͤrmlichkeit, die gleichſam zu ſagen pflegt:„Bleib zuruͤck 1 ich ſtehe hoͤher, als Du!“ Waͤre Rachels Name ihr nicht angeſagt, ſo ſchien es moͤglich, daß Roſalinde ſie nicht er⸗ kannt haͤtte, denn ſie war wirklich ein wan⸗ derndes Bild der Mode jener Zeiten; wahr⸗ ſcheinlich hatte ihr Vater ſie in dieſem neuen Aufpuz nicht geſehen, ſonſt moͤgte der einfache Mann ihr wohl nicht erlaubt haben, ſo aus⸗ ſtaffirt einherzugehen. Ein enger Aermel mit einem uͤber dem Ellenbogen angebrachten Auf⸗ ſchlage, der den Roͤcken nachahmte, welche die Herren in damaliger Zeit trugen, war mit einer Unmaße von Spizen⸗Manſchetten, Zipfeln und Falbeln verbraͤmt. Ihr Haar, das einzi⸗ ge, was ſie von Schoͤnheit beſaß, welches fru⸗ her in zierlichen Ringeln herabfallen durfte, war nun von ihrer ſchmalen Stirn emporge⸗ kaͤmmt, und mit terraßenfoͤrmig gebildeten Ab⸗ ſaäzen von Band und Spizen umgeben, auf deren hoͤchſter Hoͤhe ein mit Blumen beladener kleiner Schaͤferhut ſaß, von welchem ein fal⸗ tenreicher Schleicher herabwallte.— Mogte ihr Puz oder die Geſellſchaft ſie verlegen machen, 33 aber Rachel ſchien befangen; ihres Vaters Triumph, hatte ſie zu einer ſehr beneideten Per⸗ ſon unter den City⸗Buͤrgern und City⸗Buͤrger⸗ Toͤchtern gemacht, dennoch fuͤhlte ſie ſich außer ihrer Sphaͤre und vermogte Roſalindens Be⸗ fragen nach ihren Aeltern, kaum zu beantwor⸗ ten. Sie kehrte den Seidenſtoff ihres gewalti⸗ gen Reifrockes hervor, um deßen Schoͤnheit zu zeigen, und hatte mindeſtens den Troſt zu finden, er ſey um vieles koſtbarer, als das einfache Atlasgewand der jungen Dame. Zu⸗ friedengeſtellt durch ihren Anzug, erhob ſie ſich in ihrer eigenen Achtung und faßte mehr Zu⸗ trauen zu ſich ſelber; Roſalinde, welche die einzigen Gegenſtaͤnde zu einem Geſpraͤche mit ihr erſchoͤpft hatte, wartete, um den Zweck ih⸗ res Beſuches zu erfahren. Dieſer ſchien fuͤr Rachel ein ſchwieriger Punkt, denn ſie wiederholte ihre Bemerkungen uͤber das Denkmal, uͤber den Fortgang des Baues der St. Paulskirche, uͤber den Preis von Seidenzeug, uͤber Koͤnig und Koͤnigin, uͤber ihres Vaters neue Kutſche, und uͤber „unſern Lehrling Meiſter Joſeph;“ waͤre Ro⸗ ſalinde ihre urſpruͤngliche Laune geblieben, ſo wuͤrde ſie durch die dem Lehrlinge ertheilte III. 3 34 Wuͤrde, recht beluſtigt worden ſeyn.— Wir moͤgen uͤber die enggezogenen Graͤnzen der Un⸗ terhaltung dieſer armen Rachel lachen; und doch koͤnnte ſie ſogar heutiges Tages, ihr darin ganz gleiche Frauenzimmer jenſeit Temple⸗Bar ſinden. Zulezt blickte Roſalinde unwillkuͤhrlich auf die altfoͤrmige Uhr, die im vergoldeten Prunke auf einem ausgeſchnittenen Sockel ſtand; auch Rachels Auge wurde dahin gerichtet. „O Himmel!— es iſt bald unſere Mittags⸗ zeit.“ „Ich habe ſchon geſpeiſet.“ „Wirklich!— ey ſo!— Man ſagk, daß die Koͤnigin ſpaͤte Mittagstafeln liebt,— ge⸗ gen drei Uhr, oder ſo. Aber ich glaube doch, daß ſie im Auslande ſo ziemlich zur ſelben Zeit eßen, als wir. Speiſete Oberſt Sydney zu Hauſe?“ „Oberſt Sydney!“ wiederholte Roſalinde, durch die Frage erſtaunt;„ja— er ſpeiſete hier.“ „Ey, das freut mich ſehr,— denn ich nehme an, Sie ſind gute Freunde— ganz gute Freunde,“ ſezte ſie mit annaͤhernder Ver⸗ traulichkeit hinzu, welche Roſalinden ſtark miß⸗ fiel.— 35 „Wir waren nie anders, ſo viel ich weiß,“ erwiederte ſie, verrieth jedoch heftige Bewe⸗ gung dabei und wendete ſich ab, um einige Blumen in einer Vaſe zu ordnen. „Ha! Nun gewiß ich beſorgte, daß Sie ſich ſo etwas in den Kopf geſezt haͤtten, daß— daß— daß Captain— ich meine Oberſt— doch damals war er noch Captain Sydney, wie Sie wißen,— daß— er fuͤr mich eine Guͤte hatte, welche mehr war, als Freund⸗ ſchaft, aber wirklich— wirklich— Miß Ro⸗ ſalinde— das war niemals der Fall. Sie ſa⸗ hen ihn eines Abends, wie mir bekannt iſt, als er zu meinem Vater kam, und ich im un⸗ tern Zimmer war, wie Sie ſich noch wohl er⸗ innern werden— damals ſah ich recht viele Kavaliere und empfing viele Schreiben;— doch an dem Abende hatte Captain— Oberſt Syd⸗ ney, unerwartet erfahren, daß Sie durch den Ihnen wohl Bekannten, meines Vaters Vor⸗ ſorge anvertraut waͤren,— und kam, um ſich nach Ihnen zu erkundigen, von Ihrer Reiſe zu hoͤren;— er gab mir ſogar Blumen, um ſie auf Ihren Tiſch zu ſtellen;— und als er zum Thorwege ging, zeigte das Licht in Ihrem Zimmer Sie am Fenſter, da warf er Ihnen, 36 Dame, Kußhand zu; ſo wahr ich lebe, dies iſt Wahrheit!— und ich will's nicht ablaͤug⸗ nen, daß ich mir damals einbildete— ſie moͤgte mir zugeworfen ſeyn— und vielleicht habe ich's auch erwiedert; wenn ich aber Alles recht bedenke, ſo haͤtte ich das nicht thun muͤſ⸗ ſen; und Joſeph— ſtellte ſich deshalb recht thoͤricht an,— der arme Junge!— Joſeph iſt ein guter Menſch— wirklich ein ſehr guter Menſch, Fraͤulein Roſalinde, beſonders jezt, nun er noch fuͤnf Locken mehr an ſeiner Pe⸗ ruͤcke traͤgt und ſein Sonntags⸗Strumpf ihm bedeutend uͤber das Knie hinauf reicht.“ „Was ſagt Ihr Vater denn dazu?“ fragte Roſalinde, welche wuͤnſchte, das Geſpraͤch in ſeinem nunmehrigen Laufe zu erhalten und ſich in Geduld zu finden ſuchte. „Ahl! Sie glauben doch nicht, daß er mei⸗ nem Vater das ſehen laͤßt— o nein! nein! Aber wißen Sie auch, Fraͤulein Roſalinde, daß mein Vater wirklich eine Locke rings um ſeine Stuzperuͤcke erhalten hat.— Wahrhaftig, es iſt ſo. Ich brachte Saunderſon, den Bar⸗ bier, dazu, daß der ſie einwirken mußte, waͤh⸗ rend der Vater ſeinen⸗Nachmittagsſchlaf hielt; und das Beſte bei der Sache iſt, daß er es 37 Har nicht bemerkt hat, wiewohl Joſeph behaup⸗ tet, er ſtelle ſich nur ſo, weil ihm die Wurſt⸗ locke gefalle, er ſich aber nicht dazu bekennen koͤnne, ſie anzunehmen, weil das gegen ſeine Standfeſtigkeit ſtreite. Des Lord⸗Mayors Frau hat die Locke aber am lezten Sonntage in der Kirche bemerkt, denn ich ſah, wie ſie meinen Vater anſchaute, ihrer Tochter zufliſterte und die Finger umdrehete, als wollte ſie ſagen— da iſt'ne Locke. Mein Vater, Fraͤulein, iſt ſehr altmodig und meine Mutter ſagt, ſo ſey er geboren: nun muß ich aber gehen, Sie ſe⸗ hen nun, daß Oberſt Sydney kein Tadel trifft — wenn—“ „Ich bitte, nichts mehr davon zu ſagen,“ unterbrach Roſalinde ſie;„ich verſichere Sie—“ Hier ſtieg eine jener unvorſezlichen Unwahr⸗ heiten, die in Liebesangelegenheiten ſo ganz natuͤrlich ſind, bis zu ihren Lippen, ward aber ſchnell und wirkſam zuruͤckgeſcheucht und ſie fuhr fort: „Ich verſichere Sie, daß ſein Verſuch, Sie zu taͤuſchen, mich ſchmerzte, weil ich die be⸗ ſondern Anſichten und Meinungen ſeines Va⸗ ters kenne; auch bedauerte ich wirklich recht ſehr, daß ſie Jemandem Unmuth erregt hatten, 38 der in einiger Zeit, wenn Sie Beide aͤlter und weiſer geworden ſind, Ihnen gewiß ein ſehr angemeßener Ehemann ſeyn wird.“ Dieſe Worte wurden mit wunderſamer Wuͤrde und Haltung geſprochen. Waͤre Roſa⸗ linde ſchon zu dem fuͤnfzigjaͤhrigen Alter ge⸗ kommen, welches ſo reich an Lehrſpruͤchen und Erinnerungen iſt, ſo koͤnnte ſie nicht, in mehr angemeßener Weiſe ſich ausgeſprochen haben. — Anfangs ſchien Rachel ein wenig verlezt, doch dieſer Anſchein war von eben ſo geringer Dauer, als das Gefuͤhl, welches ihn bewirkt hatte.. „Ich glaube, Dame, Sie urtheilen recht,“ erwiederte ſie, etwas von ihres Vaters geſun⸗ dem Sinne ſchien ſie anzuwehen.„Wir erwar⸗ teten wirklich, daß dieſe große Veraͤnderung, die einen Prinzen zum Koͤnige umſchuf, uns Buͤrgersleute ganz in den Flor des Hoflebens forttreiben wuͤrde. Aber ach! ſehen Sie nur, Ihr Kleid legt ſich von ſelber in viel ſchoͤnere, lieblichere Falten, wenn ich ſie mit den meini⸗ gen vergleiche, die mir doch zu legen ſo viele Zeit koſteten.“ Mit dieſer einfachen Beſchreibung des Un⸗ terſchiedes, der in der That zwiſchen denen, 39 die an das, was die Welt Puz nennt, gewoͤhnt ſind, und den nicht daran Gewoͤhnten beſteht, nahm des Druckers Tochter Abſchied, ſchlug ihren Faͤcher verkehrt zuſammen und ſtrauchelte auf dem weichen Fußteppich, der ihr ſchweres Auftreten gar zu nachgebend empfing. „Alſo waren die Blumen, die an dem Mor⸗ gen ſo freudig und ſchoͤn auf meinem Tiſche prangten, ſein Geſchenk!“ ſagte Roſalinde gruͤ⸗ belnd,„und doch daͤucht mir, daß er mich, daß ich ihn ſcheue. Taͤglich kommen wir mit⸗ ten in der Geraͤuſchigkeit einer geſchaͤftigen Welt zuſammen; zuweilen ſpricht er, richtet mir Blicke zu, ſo wie an dem Tage, der ihn zum Retter meines Lebens machte.— Schande mir! daß ich nur denken wollte, ein ſo hoch⸗ ſinniger Mann, koͤnnte mit dem einfaͤltigen Maͤdchen ſein Spiel treiben! Armes Ding! freundlich und guͤtig war es von ihr, mich dieſerhalb zu beſuchen,— es war eine guͤtige Handlung von ihr,— und ich wollte ſie beleh⸗ ren, ſchmaͤlen!— ſie, die wahre und gutge⸗ waͤhlte Liebe fuͤr einen Mann ihres eigenen Standes näͤhrt,— ſie, welche vom dunkeln Sagenworte alten Aberglaubens, mit keinem Bann belegt iſt,— ſie, die ehrlicher Abkunft 40. und makelloſen Namens iſt,— ſie, die erwor⸗ ben werden mag zur Heirath——“ Hiieer brach ſie ab; durchſchritt unruhig ihr Zimmer; widerſtreitende Gefuͤhle erfuͤllten ih⸗ ven Buſen: ſie vermogte den Gedanken nicht zu faßen, ihrem Oheim den Zweifel mitzuthei⸗ len, der ſie ungewiß machte, ob ſie ſeines Bruders Kind ſey;— geſchah das, an wen konnte ſie dann ſich feſtklammern?— und doch,— wenn ſie wirklich keine Sydney waͤre! — Die glaͤnzendſte, ſchoͤnſte Hoffnung ihres Lebens leuchtete auf,— aber doch durfte ſie nicht wagen„ dem Gedanken nachzuhaͤngen.— Alice, die das Raͤthſel zu loͤſen vermogte, war verſchwunden; Roſalinde glaubte feſt, daß die⸗ ſes Verſchwindens Hauptbeweggrund geweſen ſey, ſich ihren draͤngenden Anfragen zu ent⸗ ziehen. So freundlich Margrete dem aͤußern Scheine nach mit ihr war, konnte ſie dieſer ſo wenig Liebe, als Vertrauen ſchenken. Schon einigemale war ihr der Gedanke in den Sinn gekommen, des Geaͤchteten Geſchichte, Baſil. Sydney mitzutheilen; doch es ſchien ihr, als ſchwanke dieſer beſtandlos,— als ſey er bald warm, bald kalt— in einem Augenblicke die Zaͤrtlichkeit ſelber, und im naͤchſten zerſtreut, 41 faſt unfreundlich. Seit Jahren hatte ſie die Gewohnheit befolgt, in irgend einer peinlichen Verlegenheit ihre Bibel aufzuſchlagen, da wo Zufall ſie oͤffnen wollte, und mit demuthsvol⸗ lem Glauben, ihrer eigenthuͤmlichen Lage jedes⸗ mal den Text anzueignen, auf welchen ihr Auge zuerſt fiel; gleichſam jegliche Zeile der heiligen Schrift, zum Amulet und zum Stabe umſchaffend,— zum Amulet, um mittelſt deſ⸗ ſelben alle boͤſen Gedanken zu verſcheuchen, und zum Stabe, der ihr eine befreundete Stuͤze verleihen ſollte. Wiederum ſezte ſie ſich in eines der tief einge⸗ ſchnittenen, mit Vorhaͤngen gezierten Fenſter, und gruͤbelte einer Stelle nach, welche wirklich anpaßend ſchien, als Baſil's tieftoͤnende Stimme ihre Traͤumerei unterbrach. „Sie beſaßen fruͤher eine kleinere Bibel, als dieſe iſt, Roſalinde, nicht ſo?“ 3 Wiewohl ſie ſein Eintreten in das Zimmer nicht gehoͤrt hatte, und obgleich der Ton einer Stimme, welche ſie ſo ſehr liebte, ihr das Blut jedesmal auf die Wangen trieb, ließ die ſtrahlende Unbefangenheit ihrer hellen Augen doch nicht die mindeſte Stockung gewahren, als ſie zur Antwort gab: 42 „ Die hatte ich allerdings.“ „Und gaben ſie weg?“ „Ich gab ſie nicht weg, Oberſt Sydney; in raͤthſelhafter Weiſe iſt ſie mir verloren gegan⸗ gen.“ „Muhme! Wahrheit! heilige Wahrheit! Cuthbert Raymond hat dieſes Buch; ich habe ſogar oft daran gedacht, Ihnen das zu ſagen; weil ich aber fuͤhlte, daß mir kein Recht zu⸗ ſtand, mich in dasjenige zu miſchen, was ſo durchaus zwiſchen Ihnen und ihm vorging—“ Niemals blieb Roſalinde bei falſcher Beſchul⸗ digung ruhig; ſie ließ ihn jezt nicht fortfah⸗ ren, ſondern rief aus:„ich!— ich ſollte dem Major Raymond eine Bibel geben?— ich, den guten, großmuͤthigen Cuthbert, mit ſeinen ſtreng katholiſchen Geſinnungen, ſo ſchmaͤlig beleidigen, ihm eine proteſtantiſche Bibel zu ſchenken! Das kann er nie geſagt haben!“ „Der gute, großmuͤthige Cuthbert, wie Sie ihn zu nennen belieben, Fraͤulein Roſalinde, iſt nicht hier, um Ihre Angabe zu beſtaͤtigen.“ Einen Augenblick ſpruͤhte ihr jungfraͤuliches Auge Feuer, doch im naäͤchſten legte ſie ihre Hand ſanft auf Baſils Arm, ſchaute ihm in's — 43 Antliz und ſprach unter hervorbrechenden Thraͤ⸗ nen:. „Oberſt Sydney, beduͤrfen meine Worte der Beſtaͤtigung? Fragen Sie Ihren Vater, ob das Kind ſeiner Guͤte und Liebe, ſich jemals zu Doppelzuͤngigkeit herabließ?“ Der ſiegenden Wahrheit in Roſalindens We⸗ ſen war nicht zu widerſtehen. Baſil ſank auf den neben ihr ſtehenden Seßel nieder, erfaßte ihre Hand und rief aus:— „Verzeihung! Roſalinde, Ihre Verzeihung! ſprechen wir nicht wieder davon; aber nur die⸗ ſes Eine beantworten Sie mir,— haben Sie irgend Liebespfaͤnder mit Cuthbert Ausgse tauſcht?“ „Sie muͤßen mich in Wahrheit ſehr leicht in der Liebe achten, mein Herr,“ ſagte ſie mit dem Verſuche, ihm ihre Hand zu entziehen, „wenn Sie vorausſezen, daß ich Liebespfaͤnder geſchenkt haͤtte, wo keine verlangt wurden. Laſ⸗ ſen Sie mich zu meinem Zimmer gehen, wes⸗ halb ſollte ich ſdeilen, um hier beſchimpft zu werden.“ „Beſchimpft, theuerſte Roſalinde! Ich, der ich gewacht und angebetet habe,— der ich dem Tode und dem Elende Troz bieten wuͤrde,— 44 der keinen Bannſpruch fuͤrchten, keinen Vor⸗ wurf achten wollte, wenn Sie, anſtatt mich zu vermeiden, mich nur als einen Bruder be⸗ handeln wollten! Keinen muͤßigen Stuzer, kei⸗ nen der neuen Hofſchranzen giebt es unter de⸗ nen, die dieſes Haus beſuchen, der nicht in Ihren Augen mehr Gunſt finden ſollte, als Ihr armer Vetter Baſil! Erſt heute morgen hoͤrte ich an, wie mein Vater mit Pater Frank, Ihre Eroberung eines Guͤnſtlings von Koͤnig William beſprach.— Wenn Sie geſonnen ſind, Ihren Stand zu verwechſeln, bin ich denn nicht Ihr Freund,— Ihr naͤchſter Verwandter, mit Ausnahme eines Einzigen, bin ich nicht zu Ihrem Vertrauen berechtigt? Und doch, Roſe, moͤgte ich Sie nicht verheirathet ſehen.“ Es herrſcht etwas ſo durchaus Entzuͤckendes in dem Gefuͤhle, vom Gegenſtande unſerer Liebe geliebt zu werden, daß dadurch jede bangende Sorge eingewiegt wird; als Roſalinde den Hauch von Baſils tiefem Seufzer, auf ihrer Wange fuͤhlte, vergaß ſie alles Andere. Wenig verſtehen ſolche von der großen Leidenſchaft un⸗ ſeres Lebens, welche ihr ganzes Weſen nur im Bilde des Laͤchelns erblicken! Unendlich mehr 45 ſanfte, eindrucksvolle Beredtſamkeit zeigt ein Seufzer. Zuerſt:„doch Roſe, verheirathet moͤgte ich Dich nicht ſehen,“ und dann der Seufzer. „Ich liebe weder den Koͤnig William, noch ſeine Guͤnſtlinge,“ murmelte Roſalinde nach kurzem Schweigen;„er iſt ſo ſteif wie eine Bildſaͤule; das Herz wendet ſich ſo ganz na⸗ tuͤrlich zum ungluͤcklichen Jakob.“ „Da habe ich die Urſache Ihrer Kaͤlte gegen mich entdeckt, Mihme; wiewohl wir einander noch nicht lange kennen, leſe ich jezt doch Ihre Gedanken voͤllig verſtaͤndlich.— In Beaulieu war mein Gluͤckſtern im Schwinden und Sie liebten mich. Nein, widerſprechen Sie mir nicht, oder ich muß mehr ſagen; der Kuß auf Ihre Wange, ganz ein ſolcher, als dieſer— — im fuͤßfreundlichen Verhaͤltniß der Vetter⸗ ſchaft— nichts weiter.— Aber im Tower! Gottes Segen uͤber Sie, Roſalinde! dort wa⸗ ren Sie meines Vaters Engel, wiewohl oft recht kalt gegen mich.— Jezt bin ich Oberſt Spydney und Sie verachten das Gluͤck; meine Epaulett's will ich herunter reißen, den Koͤnig beleidigen und den großmuͤthigen Cuthbert herſchicken, meine Stelle einzunehmen; wer 46 weiß, ob ich— arm und freundlos, ein Wan⸗ derer auf den oͤden Gefilden der Welt,— dann nicht von Ihnen geliebt werden mag, waͤr' es auch aus keinem andern Grunde, als weil ich ungluͤcklich geworden bin.“— „Weshalb meinten Sie, ich haͤtte Major Raymond das Buch gegeben?“ So ploͤzlich und ohne alle Bezugnahme auf Baſils lezte Worte, that Roſalinde dieſe Frage, daß er ſich kaum ſammeln konnte, um ſeine Antwort zu ordnen. Er wuͤnſchte keinen Hader zwiſchen ihr und Margrete anzuſtiften, die da⸗ mals Roſalindens Gaſt war, und dennoch ver⸗ mogte er nicht, Antwort zu geben, ohne Ma⸗ jor Raymond's Schweſter darin zu verwickeln. Mit vieler Gewandtheit vermied er den ſchwie⸗ rigen Punkt; als er aber Roſalinden auf's neue die Eroberung vorhalten wollte, auf die er fruͤher ſchon angeſpielt hatte, vermogte er ſein Gefuͤhl nicht hinreichend zu bemeiſtern, und machte ihr noch einmal den Vorwurf, daß ſie ihm ſo geringes Vertrauen zeige, daß ſie ihn, wie er ſich ausdruͤckte,„mehr als einen Fremden, denn als einen Bruder behandle.“ „Sie thun mir Unrecht,“ erwiederte ſie,„die einzige Urſache, weshalb ich mit Ihnen mich 47 nicht beſprochen, Sie nicht um Ihren Rath gebeten habe, iſt,— weil ich fuͤrchtete— mir einbil⸗ dete, daß Sie wenig Theilnahme an meinem Ergehen empfaͤnden; dennoch beſchloß ich im Nachdenken der lezten Stunde, Ihnen,— das einzige,— das große Geheimniß meines Le⸗ bens anzuvertrauen.“ Baſil riß das Fenſter auf, denn Roſalin⸗ dens Aufregung war ſo gewaltig, daß ihre Lippen heftig behten und ſie kaum im Stande war, die Worte vorzubringen. „Meine geliebte Roſalinde!“ rief er aus und umfaßte ſie zaͤrtlich,„meine liebſte Muhme!“ „Muhme!“ wiederholte ſie,„ach! wenn Sie mich dieſes Namens unwerth wuͤßten,— dann moͤgten Sie mich vielleicht von ſich ſtoßen, Baſil.— Nur dies eine verſprechen Sie mir, daß was ich Ihnen auch ſagen werde, Sie es heilig bewahren wollen.“ „Miſtreß Pepys!“ unterbrach ſie ein Diener die Thuͤr oͤffnend, und bevor Roſalinde ſich noch genugſam ſammeln konnte, um die Dame zu empfangen, war dieſer weibliche Hofkalender ſchon bis in die Mitte des Zimmers gekommen. In einer Stunde war nun fuͤr Roſalinde nicht daran zu denken, ihr Geſpraͤch mit Baſil fort⸗ 48 zuſezen; ganz mit ihrem wichtigen Geheimniße erfuͤllt, gereichte es ihr zur Qual, hier nichts⸗ ſagende Dinge hoͤren und mit eben ſolchen Un⸗ bedeutenheiten beantworten zu ſollen. Baſil vermogte kaum die ſchuldige Hoͤflichkeit gegen die alte Dame zu beobachten, welche unter den vorigen Regierungen, ſo viel am Hofe und mit Hoͤflingen umgeben geweſen war; zum Gluͤck trat Sir Everard bald nachher mit Pater Frank und noch einem Herrn ein, ſo daß die Dame mindeſtens zwei aufmerkſame Zuhoͤrer gewann; Sir Everard empfand ſtrts ſo viel wahres Ver⸗ gnuͤgen dabei, Andere gluͤcklich zu ſehen, daß er das Ende der Geſchichten dieſer alten Dame geduldig abgewartet haben wuͤrde, waͤren ſie auch noch einmal ſo lang und zehnmal lang⸗ weiliger geweſen. Endlich fand er auch Gelegenheit, ein Wort zu ſagen, und ſprach davon, daß er Jeman⸗ den beſucht habe, welchem Seine jezt regierende Majeſtaͤt gern die hoͤchſten Wuͤrde⸗ und Ehren⸗ ſtellen ertheilen wollte, der aber Siz im Ober⸗ hauſe ſowohl, als im Unterhauſe verweigere. „O!“ entgegnete Madame Pepys,„ich kenne ihn, es gibt nur Einen, der thoͤricht genug ſeyn kann, die Gunſtbeweiſe zuruͤckzuweiſen, 49 welche Seine Majeſtaͤt ihm anbietet. Doch er war ſtets wild und regellos— nichts mit ihm zu machen; er war ein beſonderer Freund und Gefaͤhrte Ihres Bruders, Sir Everard, uͤber den Pepys zu ſpotten pflegte, denn Ihr Bru⸗ der war ungemein lebensluſtig, gefallſam— und immer verliebt. Ich erinnere mich recht gut, daß Harold— weil er keinen Titel an⸗ nehmen will, ſo muß ich glauben, daß die Angabe wahr iſt, Niemand wiße, wer er ſey, noch wie er ſich nenne— daß dieſer Harold immer ſtrenge, kalt und in ſich verſchloßen war; und doch guter Himmel!— waren ſie unzertrennlich— ſtets und immer beiſammen!“ Wie klopfte Noſalindens Herz! Ach! die Schweigenden ſind in der Geſellſchaft doch die Wohlwollendſten;— wie mancher tief verwun⸗ dende Dolchſtich, wird leidenden Herzen durch leichtſinnige Schwaͤzer beigebracht! Dieſe guten Seelen beabſichtigen keinen Harm! aber in gaͤnzlicher Unbedachtſamkeit verurſachen ſie Pein! „Hauptſaͤchlich erzuͤrnt ihn jezt die Verhaf⸗ tung des Earl von Arran und des Sir Robert Hamilton;“ bemerkte Sir Everard. „Ey! mein Gott!“ rief die alte Dame, „wie iſt das moͤglich, wenn die Mitglieder des III. 4 50 Unterhauſes, wie mir geſagt iſt, dem Koͤnig William nicht nur dankten, ſondern ihm ge⸗ ſtatteten, die Habeas⸗Corpus⸗Akte bis zum ſie⸗ benzehnten Tage des naͤchſtkommenden April⸗ monates, außer Kraft zu ſezen?“ „Nun, da ſehen wir, was es heißt, in Gunſt zu ſtehen,“ ſagte Sir Everard.„Dies iſt eine Ausdehnung des Vertrauens auf die Krone, welche dem Koͤnig Jakob nicht zuge⸗ billigt ſeyn wuͤrde, ſelber als Argyle und Mon⸗ mouth in offener Rebellion gegen ihn ſtanden. Mein Freund hat ſich aber ungluͤcklicher Weiſe, den Plan zu einer Utopien⸗Politik vorgezeich⸗ net,— er will, daß Gleichheit und Wohlwol⸗ len die einzigen Leiter ſeyn ſollen, und die Sei⸗ fenblaſen ſeiner Einbildungskraft ſind zerplazt. Sein Wunſch kann eben ſo wenig jezt in Er⸗ fuͤllung gehen, als es geſchehen konnte, waͤh⸗ rend Jakob auf dem Throne ſaß!“ „Man hat mir vertraulich mitgetheilt,“ fli⸗ ſterte die Dame Roſalinden zu,„daß eng ge⸗ ſchnuͤrte Leibchen angeordnet und kein Falten⸗ Atlas, bei Hofe zugelaßen werden ſoll.“ Dieſe vertrauliche Mittheilung unterbrach ein Diener mit der Meldung, daß ein Ordonnanz⸗ 51 Unteroffizier zin der Halle ſey und nach dem Oberſt Sydney frage. 5 Sir Everard dachte noch uͤber die wahrſchein⸗ liche Veranlaßung zu dieſer Botſchaft nach, als Baſil mit Haſtigkeit wieder eintrat. „Neuigkeiten,“ ſagte er.„Das Schottiſche Regiment von Dumbarton„befehligt vom Mar⸗ ſchal Schomberg, hat auf dem Marſche nach Ipswich Meuterei begonnen, ſich der Regi⸗ mentskaße bemeiſtert, die Ofſiziere, die ſich widerſezen wollten, entwaffnet und ſich offen fuͤr Koͤnig Jakob erklaͤrt;“— hier muͤßen wir bemerken, daß unſer vortrefflicher Pater Frank, mit freudeleuchtendem Blicke von ſeinem Seſ⸗ ſel aufſtand und veraͤchtlich auf den Aermel ſei⸗ nes buntfarbigen Rockes ſchauete;— Sydney fuhr fort:„mit vier Kanonen haben ſie den Marſch nach Schottland angetreten. Ich muß augenblicklich nach Hampton⸗Court; wiewohl ich hoͤre, daß Fußby Ginkel ſie mit drei Hol⸗ laͤndiſchen Regimentern verfolgen ſoll, vermuthe ich, daß uns Englaͤndern die ehrenvolle Auf⸗ gabe werden wird, die Wachen zu verdoppeln, waͤhrend jene Ruhm erwerben!“ „Segne Dich der Himmel, mein Sohn Ba⸗ ſil!“ ſagte Sir Everard,„und ereifere Dich 52 nicht uͤber ſolche Gedanken!— Fuͤr Millionen moͤgte ich kein Koͤnig ſeyn— wahrlich, er iſt. nur eine Platte, auf welche man Makel feſt⸗ heftet.“ 3 „Roſalinde, geliebte Roſalinde,“ lispelte der Krieger, als er ihre Hand druͤckte,„wenn ich zuruͤckkomme— in wenigen Stunden— er⸗ halte ich den Beweis Ihres Vertrauens.“ Drittes Kapitel. 4 Wär''s da nicht eine Wonne, Den Schatten nur von wahrer Luſt umarmen? Erfüllt mein Paradies nur Frucht und Blume, Aus wüſtem Garten mir ein Unkraut rauben? Habington. „Wohin ²“ fragte Margrete Raymond, die in Roſalindens Schlafzimmer trat und dieſe beſchaͤftigt fand, ohne anderer Huͤlfe, ſich eine Schleierhaube aufzuſezen. „Ich gehe fuͤr kurze Zeit aus,“ war die kalte Antwort, und doch entging es Margreten nicht, daß Roſalindens Finger zitterten, daß ſie bleich und angegriffen ausſah. „Zum Park, oder zum Erwiedern von Beſu⸗ chen?“ fragte Margrete wieder. „Keins von Beiden,“ war die gemeßene Antwort. 54 „Soll ich mit Dir gehen, Roſalinde?“ „Nein,— o nein,— ich muß allein ge⸗ hen;— im Saale liegen Buͤcher und etwas Deutſche Muſik;— es wird auch unbezweifelt Geſellſchaft fuͤr Dich da ſeyn.— Ich bitte Dich, Margrete Raymond, blick' nicht ſo ſtolz auf mich; es gibt Geheimniße, die wir dem Hauche der Luft, nicht einmal anvertrauen duͤr⸗ fen.“ Sie wartete nicht auf Antwort, befeſtigte die Hespe ihres Mantels und war aus dem Zimmer geſchluͤpft, bevor Margrete noch ein Wort ſagen konnte. Ein aͤhnliches Geheimniß⸗ Weſen war ſo ungewoͤhnlich, ihr ganzes Be⸗ tragen ſo befremdend, unerklaͤrlich, ſchroff, durchaus den Gewohnheiten der fanften Roſa⸗ Ainde widerſtreitend, daß Margrete ſich von ih⸗ rem Erſtaunen gar nicht erholen konnte.— Freilich hatte ſie in der lezten Zeit oft Nieder⸗ geſchlagenheit an ihr bemerkt, und ein ſehn⸗ fuͤchtiges Verlangen, ſich der Geſellſchaft zu entziehen, um ſich in der Einſamkeit ihres Zim⸗ mers den ſelbſtgeſchaffenen Traumbildern zu uͤberlaßen, da, wo niemand ſie ſehen, niemand ſie hoͤren konnte; aber ſchroff, oder unfreundlich hatte Margrete ſie nie zuvor gekannt. Sie hoͤrte das Zumachen der Hausthuͤr und blickte vom Balkon hinab auf die Straße, um zu ſehen, in welcher Richtung das Maͤdchen ſeinen Weg fortſeze; mit ſchmerzlich gedemuͤ⸗ thigten Gefuͤhlen mußte ſie anſehen, wie alle Begegnende ſich umwandten, um der Dame nachzuſchauen, deren ſchoͤne Geſtalt von den reichen Falten ihrer ſchwellenden Mantille nicht verhuͤllt werden konnte; doch war Roſalindens Schritt nicht mehr wie ſonſt, von Gluͤckſeligkeit getragen, leicht und jugendlich uͤber den Boden hinfliegend.— Am meiſten ſtaunte Margrete daruͤber, daß ſie, die immer ſo ſchuͤchtern ge⸗ weſen, jezt allein und ohne Begleitung zur hohen Mittagsſtunde ausging, in welcher Fremde und Hoͤflinge, Soldaten und Geſchaͤftsleute die Straßen fuͤllten, mit einem Treiben und einem draͤngenden Eifer, der einen muthvolleren und erfahreneren Wanderer, als ſie war, haͤtte in Schreck und Verwirrung ſezen koͤnnen. „Ich wollte, ſie kehrte nimmer zuruͤck!“ murmelte Margrete, als ſie mit wuͤrdevoller Miene vom Balkone zuruͤcktrat, um ſich dem Angaffen einiger Offiziere zu entziehen, die in der Naͤhe von Whitehall muͤßiggaͤngerten. Im naͤchſten Augenblicke ſprach ſie ſchon mit dem 56 ſchlichten, einfachen Sir Everard„von ihrer liebſten Freundin Roſalinde;“ und fragte,„ob er wiße, wohin ſie gehe?“ Der wuͤrdige Baronett hatte Roſalindens Bitte, den Geaͤchteten beſuchen zu duͤrfen, der endlich von ſeiner gefaͤhrlichen Verwundung ge⸗ nas,— eine Bitte, die er ihr nur nach vieler Einrede zugeſtanden,— ſchon vergeßen, und wurde durch ihre Entfernung beunruhigt.„O weh!“ rief er aus,„eben ſo gut duͤrfte man eine Taube vom Schlage in Sydney⸗Luſt, mit⸗ ten zwiſchen den Kraͤhen in Beaulieu frei laſ⸗ ſen, als meine huͤbſche Roſe in den Straßen von London. Armes Kind! wohin ſie nur ge⸗ hen mag?— vielleicht um die Puzſachen zu beſehen, die, wie Madame Pepys erzaͤhlte, bei der gepuderten Dame gegen den Spaniſchen Nonnen uͤber, zu ſehen ſind, da an der Ecke der neuen Straße, dicht bei Temple⸗Bar;— aber waͤre ſie dahin, ſo wuͤrde ſie gewiß Ihre Begleitung gewuͤnſcht haben,— denn ich halte es für kein geringes Verdienſt meiner ſchmucken Roſalinde, daß ſie mehr fuͤr Ihren Puzanzug beſorgt ſcheint, als fuͤr den eigenen; vielleicht iſt's aber auch ſo, daß Sie, als die Statt⸗ lichſte von Beiden, den Modeprunk der Puz⸗ 57 haͤndlerin beßer zur Schau ſtellen. Meine Roſe iſt eine Forſtblume, aber Liebroͤschens Roſen ſind in der lezten Zeit viel gewelkt.— Wir muͤßen ſie zuruͤck verſezen zwiſchen Baͤume, gruͤne Forſten und Stroͤme; dann wird ſie wie⸗ der mit der Lerche ſingen, und im Sonnen⸗ ſtrahle tanzen, ſo froͤhlich, wie ſonſt, eh' ſie mich in Gefangenſchaft fuͤhrten.“ „Nie,“ rief Margrete mit dem Ausſehen ei⸗ ner Wahrſagerin,„nimmermehr; ſchnell iſt des Herzens Jugendlichkeit dahin, andere Gedan⸗ ken, hoͤhere Wuͤnſche muͤßen die Stelle unſerer kindiſchen, leichtfertigen Gefuͤhle erſezen.“ Sir Everard ließ ſein Mißfallen gewahren, und erwiederte:„Bei St. Paul, ich bin ſehr froh, daß ſie nicht zugegen war, um Ihre Prophezeiung anzuhoͤren; denn ich moͤgte nicht, daß ihr Ohr einſoͤge, was— verzeiht, junge Dame— ich nur philoſophiſchen Trug nenne. — Des Herzens Jugendlichkeit vergeht nicht, ſo lange ihm Reinheit und Unſchuld bleibt; wenn der Geiſt, den der Allmaͤchtige ihm ein⸗ hauchte, nicht freventlich verachtet und gottlos verſcheucht wird,— wenn die reinen, wahren Lehren des Chriſtenthums nicht vergeßen ſind, — wenn wir fortfahren, die geheimnißvolle, — aber wunderſchoͤne Umwandlung der ſtarren Verpuppung, zum prangenden Schmetterlinge, zu beobachten,— wenn wir ſehen, wie die duͤnne, gruͤne Blattſpize zur vollen Aehre her⸗ anreift,— wenn wir bedenken, daß der Win⸗ Itter nur deshalb ruhet, damit er im geſegneten Fruͤhlinge ſich wieder hervorthun kann;— dann moͤgen wir erlernen, daß die Wechſel, uͤber welche ſchwache Gemuͤther jammern, nur die Stufen zu einer Unſterblichkeit ſind, an deren freudige Gluͤckſeligkeit wir mit Vertrauen glauben duͤrfen, weil wir wißen, daß Er ſie ordnet, der die Welt in ſeiner Wagſchale haͤlt und doch die Lilien auf dem Felde kleidet, die in aller ihrer Lebenskraft auch dann vorhanden ſind, wenn ihre gruͤnen Blaͤtter und ſilbernen Kelche, unſern Augen verſchwanden.— Wir er⸗ kranken unſere Herzen durch das Bewahren von Gefuͤhlen, die wir austilgen ſollten; wir wer⸗ den unzufrieden, und nennen dieſe Unzufrie⸗ denheit, Wißen; wir vergeßen, daß alles Wiſ⸗ ſen, welches unſere Gluͤckſeligkeit nicht erhoͤhet, mangelhaft und verdaͤchtig iſt! Jezt iſt mein Haupt ergrauet, Dame, und vieles habe ich egelitten; aber mein altes Herz huͤpft noch jezt bei dem Geſange des wilden Vogels, und es ſchwingt ſich auf im Vorgefuͤhle der Zeit, in welcher es ihm geſtattet ſeyn wird, der Engel Hymnen zu vernehmen.— Nein, nein, meine Roſe wird bald wieder leichten Herzens ſeyn; ſie iſt zu gut fuͤr langes Ungluͤck.“ Einige Stellen in Sir Everards Rhapſodie hatten Margretens Gewißen ſchmerzlich getrof⸗ fen; inzwiſchen beſchloß ſie, ſich hinter ihr Un⸗ gluͤck zu ſchirmen, ſeufzte tief und antwortete: „wir waͤren nur zu geneigt, Andere nach uns ſelber zu beurtheilen; ſo wie ſie dem Mitlei⸗ den Fremder Alles verdanke, haͤtte ihre trau⸗ rige Lage ſie um Jahre gealtert, ſo daß ſie ſich einer Zypreße im Roſengarten vergliche;“ ſie wußte ſich in ſo liſtiger Weiſe Sir Everards gute Meinung zu erſchmeicheln, daß der liebe alte Herr, ſeiner Waͤrme wegen um Entſchuldi⸗ gung bat und ihr die oft ſchon gegebene Ver⸗ ſicherung wiederholte, er hoffe, ſie wuͤrde ihn ſtets als ihren Freund und Vater betrachten. Roſalinde ſezte in dieſer Zeit ihren einſamen Weg fort. Unſere Leſer muͤßen ihr zu einem praͤchtigen, reich ausgeſchmuͤckten Saale folgen, in welchem ſich eine Menge Buͤcher und Ge⸗ maͤlde beſinden und der in allen Dingen Reich⸗ thum und Adelhaftigkeit zeigt. Zwei Perſonen 60 befinden ſich jezt darin;— der eine iſt ein bejahrter Mann, duͤnn und abgezehrt, erſchoͤpft und nervenkranken Anſehens; ſeine Waͤſche iſt vom allerfeinſten Gewebe; er ruht auf einem Langſeßel von brennend rothem Sammt, der ſeine bleiche Farbe noch auffallender erſcheinen macht; ſein Antliz zeigt den Ausdruck vieler Wuͤrde, zugleich aber auch den, von Unzufrie⸗ denheit und Strenge; er iſt ein Mann, den man mehr ehren, als lieben, vielleicht am mei⸗ ſten fuͤrchten muß. Er hat das Ausſehen eines ernſt⸗ſtolzen Mannes; doch zuweilen verkuͤndet das Aufſtrahlen ſeines funkelnden, grauen Au⸗ ges, eine ſo tiefe, feſtbegruͤndete Begeiſterung, daß dieſe als die Haupttriebfeder ſeines hoͤchlich ausgebildeten, aber ſtets uͤberſpannten Geiſtes angenommen werden mag. Neben ihm ſizt die jugendliche, ſchoͤne Roſa⸗ linde,— reizend iſt ſie, obwohl Todtenblaͤße ihr Antliz uͤberzieht; da ſizt ſie, eingehuͤllt in die reichen Falten ihres ſchweren Seidengewan⸗ des; die Perlen um ihren Hals ſind nicht weiſ⸗ ſer, als die kleinen ſchimmernden Zaͤhne, welche das Oeffnen ihrer vollen Lippen faſt unbedeckt laͤßt;— und dort auf dem prachtvollen Ruhe⸗ ſeßel, auf die uͤppigſten Polſter hingeſtreckt lag 61 der Geaͤchtete aus Neuen⸗Forſt; nicht der Bittende um Freiſtatt am Altare von St. Mary,— nicht der lebende Bewohner des Beinhauſes,— nicht der gebannte und befleckte Ausgeſtoßene aus der menſchlichen Geſellſchaft und ihren Geſezen,— ſondern der Guͤnſtling des Koͤnigs!— Sagten wir etwa, er ſey jezt nicht gebannt; nicht brand⸗befleckt?— Es war unrecht von uns, der Bannfluch war ihm ab⸗ zunehmen, der Hauch eines Koͤnigs konnte den in duͤnnſte Luft zerſezen;— aber der innere Brandfleck?— wehe! wehe! dem verzehren⸗ den Brande, der das Herz verdorrt und alle beßern Gefuͤhle verzehrt, wie eine Flamme die Stoppeln. 3. Des Geaͤchteten Antliz zeigte nicht Ruhe, noch Triumph; der Ausdruck deßelben war im⸗ mer noch der naͤmliche; nur die Umſtaͤnde wa⸗ ren geaͤndert; der Koͤnig— der proteſtantiſche Koͤnig regierte; und dies nicht nur, ſondern. er hatte auch durchaus die großen und wichti⸗ gen Dienſte anerkannt, welche dieſer Enthuſiaſt ſeiner Sache geleiſtet hatte, und er war dank⸗ bar dafuͤr; zugleich aber war dieſer Koͤnig ent⸗ weder zu menſchlich, oder zu guter Politiker, um alle die Vorſaͤze dieſes Mannes fuͤr die Zu⸗ 623 —— kunft, fuͤr etwas anders, als wilde, unnatuͤr⸗ liche Traͤume nehmen zu ſollen. William hatte im mindeſten nicht die Abſicht, einen Vertil⸗ gungskrieg gegen die Katholiken zu fuͤhren, er betrachtete dieſe nicht als gefaͤhrlich; ſein kla⸗ rer, kraͤftiger Sinn zeigte ihm ganz deutlich, daß ihr Reich dahin und ihre Religion, in po⸗ litiſcher Beziehung, in England fuͤr immer er⸗ ſtorben ſey; er war kein Kreuzfahrer, kein Blut⸗ duͤrſtiger, glaubte auch nicht durchaus, daß die Auhaͤnger des Papſtthums vom ewigen Heile aus⸗ geſchloßen waͤren; uͤber dieſen Punkt hatte er ſeine Meinung noch nicht ganz feſtgeſtellt und befaßte ſich auch wenig damit, um die Wahr⸗ heit zu geſtehen. Bei ſeinem gemaͤßigten, aber doch ſtrengen Sinne konnten die Fanatiker in William den echt⸗ und rechtdenkenden Fuͤrſten nicht gewahren, den ſie in ihm erwartet hat: ten; die Sache war, ſie duͤrſteten nach Blut, wiewohl ſie ſelber ſich einredeten, daß ſie nur Ge⸗ rechtigkeit verlangten; es iſt eine der hellſtrah⸗ lendſten Seiten in der Geſchichte von Williams Regierung, daß er troz aller ſtreitenden Faktio⸗. nen im erſten Zeitabſchnitte ſeiner Herrſchaft, jedes ausſchweifende Uebermaß zu verhindern wußte, auch den unverſoͤhnlichen Geiſt des Haſ⸗ 63 ſes waͤhrend ſeiner ganzen, vergleichsweiſe ru⸗ higen und gluͤcklichen Regierungszeit, zu unter⸗ druͤcken, oder mindeſtens doch in Schranken zu halten vermogte.. Aus dieſem Grunde ſchien der geheimnißvolle Mann unſerer Geſchichte, im Genuße jeder Le⸗ bensuͤppigkeit, immer noch eben ſo unzufrieden, als damals, wo er das Nachtlager wilder Thiere theilte und im Forſt nach Wurzeln und Eicheln ſuchte; durch aͤußere Vortheile ließ ſein Geiſt ſich nicht zufrieden ſtellen; die eine große Leidenſchaft ſeiner Seele, war immer noch un⸗ befriedigt. Viertes Kapitel. Das göttergleiche Mädchen ſchweigend ſtand, Demüthiglich den Blick zur Erde ſenkte, Es trieb beſcheidner Sinn ihr flammend Bluk, Empor auf Wangen, färbt ſie glühend roth; Doch bald, um dieſer Flammen Reich zu löſchen, Ergießen ſchöne Augen, helle Zähren. * .● 2 Zulezt ein wenig ihren Blick erhebend, Macht nun ein Seufzer ihrem Kummer Luft, Der aus dem Herzen in die Wangen ſtieg, Aus Augen erſt, dann von den Lippen ſprach. Phineas Flelcher. „Jo kann Dir nur wiederholen, was ich geſagt habe, Maͤdchen,“ ſprach der Held unſerer Geſchichte, als er Roſalinden ſchmerzlich in's Antliz blickte;„Du kannſt das Kind nicht 65 ſeyn, dem ich mit eigenen Haͤnden ein Merk⸗ mal eingepraͤgt habe;— es war eine Roſe, die ich ſcherzend zeichnete,— auch ich konnte einmal ſcherzen,— als ein Sinnbild Deines Namens,— aͤzte ich ſie Dir in die Haut; eine Kunſt, die ich in Indien erlernt habe.“ „Koͤnnte ſie nicht geſchwunden ſeyn, Sir?“ „Unmoͤglich.“ „Oder ausgerieben und dadurch vertilgt?“ „Unmoͤglich! Zudem ſind Deine Augen, Deine Haare, Dein ganzes Ausſehen— durch⸗ aus von dem Deiner beiden vermeintlichen Ael⸗ tern unterſchieden. Die Mutter war dunkelſte Brunette, mit Adleraugen.“ „Alles das mag ſeyn; doch ſind Sie ganz gewiß davon, daß jenes traurige Merkmal nicht da iſt?“—— „Maͤdchen, die leiſeſte Beruͤhrung zeichnet den Kelch der Lilie; kein Makel iſt auf Deiner Haut.“ 3 Roſalinde brach in Thraͤnen aus; nachdem ſie ſich ein wenig wieder geſammelt hatte, ſagte ſte:„lange habe ich gewuͤnſcht, Sie zu be⸗ ſuchen, Sir; aber mein Oheim wollte es bis⸗ her nicht geſtatten; Ihrer ſchweren Wunde we⸗ gen; als er mir endlich geſtern Abend ſeine III. 5 66 Erlaubniß dazu gab, geſchah es unter der aus⸗ druͤcklichen Bedingung, daß ich Ihnen vorleſen, oder vorſingen ſollte, um Ihr niedergebeugtes Gemuͤth zu erheitern. Ich habe Beides unter⸗ laßen; ich war ganz ſelbſtſuͤchtig; dachte nur an mich, wenn ich doch an Sie, werther Herr, haͤtte denken ſollen, und an die Mittel, um Ihren Truͤbſinn zu verſcheuchen. Recht traurig muß es fuͤr Sie feyn, ſo vom Hofe entfernt gehalten zu bleiben, wo Alle ſich ſo ſehr nach Ihrer Erſcheinung ſehnen.“ Deer Geaͤchtete laͤchelte bitter, doch Roſalinde achtete nicht darauf. Sie ſaß da uͤber ihr ge⸗ heimnißvolles Schickſal nachdenkend. Ploͤzlich aͤberflog ein hellleuchtender Strahl ihre Wan⸗ gen, funkelte in ihren Augen; ein in ihrem Gemuͤthe vorherrſchendes Gefuͤhl, wurde davon beruͤhrt und ſie rief aus: „Vielleicht bin ich ehrenhaft geboren; vielleicht mag ich nicht genoͤthigt ſeyn, zu erroͤthen, wenn meines Vaters Name genannt wird, darf nicht zuſammenſchaudern bei dem Anhoͤren des fuͤßen Wortes Mutter,— ein Ton, der ei⸗ naer ſolchen, wie ich es bisher zu ſeyn glaubte, nur ſelten erklingt. Ich mag——“ „Folgere ſo nicht,“ unterbrach der Geaͤchtete 67 b ſte,„welche ehrenhafte Aeltern, wuͤrden ihr Kind verlaßen?ſ Da verſanken Roſalindens Hoffnungen wie⸗ der; die Freude verſchwand aus ihren ſchoͤnen Zuͤgen, wie Sonnenſtrahl von reizender Land⸗ ſchaft. „Ich habe meinem Oheim meine Zweifel uͤber dieſen Gegenſtand geſagt, oder vielmehr nur angedeutet, und er lachte uͤber meine Ver⸗ muthungen; ich muß auch meine eigene Schwaͤche geſtehen, ſein Unglaube erfreute mich.“ „Doch Deine Amme?“ „Von ihr konnte ich nichts herausbringen; als ich ſie nach der einzigen Unterredung, die ich mit Ihnen gehalten, befragte und wieder⸗ holt immer auf's neue befragte, antwortete ſie mir entweder in einer Weiſe, die mich verhin⸗ derte, weiter zu ſprechen, bis ihre Laune ver⸗ aͤndert waͤre, oder aber, ſie blieb ſtumm, wie das Grab. Nur einmal„ als mein lebhaftes Draͤngen ſie ermuͤdet haben mogte, ſagte ſie, ich ſolle Alles zu ſeiner Zeit erfahren; ſo lange ich im Tower war, habe ich ſie faſt gar nicht geſehen, und im Anfange der Revolution ver⸗ ſchwand ſie mit Major Raymond, der bei ſei⸗ ner Beſchuͤzung des Koͤnias Jakob, im Pallaſt⸗ 68 hofe ſchwer verwundet worden war. Durch die Bande Irlaͤndiſcher Unterthanstreue, war ſie feſt an Major Raymond geknuͤpft, mit deßen Familie ſie manches Jahr verlebt hat.“ „Und dieſem Papiſten⸗Soldaten iſt ſie ge⸗ folgt? ch entſinne mich dieſer Raymonds recht gut, von der Zeit her, die ich in Irland ver⸗ lebte; hochfahrende, kalte, blutduͤrſtige Katho⸗ liken. Weißt Du, wo er iſt?“ Roſalinde wußte es nicht, doch haͤtte ſie es auch gewußt, ſie wuͤrde es nicht geſagt haben, weil ſie richtig folgerte, daß die jezigen Macht⸗ haber die ganze Bitterkeit ihrer Verfolgung der⸗ jenigen Parthei, deren Sonne geſunken war, gegen ihn kehren wuͤrden. „Die Amme muß gefunden werden,“ be⸗ harrte der Geaͤchtete,„und wenn man ſie in Guͤte nicht zum Geſtaͤndniß bringen könnte⸗ ſo gibt es Mittel, das Bekennen zu erzwingen.“ Roſalinde ſchauderte:„ſie war mir in mei⸗ ner Kindheit eine guͤtige, zaͤrtliche Amme und iſt es immer geblieben; ſo treu und ſo erge⸗ 4 ben!“ „So falſch, meinſt Du, junges Maͤdchen! Falſch, wie ihr ganzes Volk! War nicht ihr Leben, nur eine fortgeſezte Luͤge? ein grober, 69 ſchhaͤndlicher Betrug?— ſie Alle ſind Luͤgner und werden dermaleinſt im ewigen Suͤnden⸗ pfuhle brennen.“ „Nun, das verhuͤte Gott!“ ſprach Roſa⸗ linde weich,„und mag Gott ihr vergeben; denn ich, an der ſie geſuͤndigt hat, verzeihe ihr von ganzem Herzen.“ „Aber die Gerechtigkeit verlangt ihr Opfer,“ ſprach der Enthuſiaſt,„bleiche Knaben und zim⸗ pernde Maͤdchen ſprechen von Barmherzigkeit, wenn's nur gilt, ein Schoßhuͤndchen zu erſaͤu⸗ fen. Eine laͤſtige Ratte kann man nicht toͤd⸗ ten, des Geiers verfluchter Brut die Haͤlſe nicht umdrehen,— ohne daß ſie Gnade! rufen. Du ſollteſt mehr Kraft des Entſchlußes zeigen.— Meinſt Du nicht, daß unter den Philiſtern, die Simſon erſchlug, Weiber und Kinder wa⸗ ren, die keine Suͤnde kannten?— Stille, ſag' ich, und wiederhole Dir noch einmal, die Gerechtigkeit will ihr Opfer; Er thront auf dem Sturmwinde und haͤlt den Donnerkeil in Seiner Rechten; die Voͤlker der Erde liegen zu Seinen Fuͤßen, zertreten wie Staub unter Sei⸗ nen Tritten; ſie ſind nur ein Geringes in der Wagſchale und doch will Er jedem das Seinige 70 geben. Die Rache iſt mein, ich will besgilerie ſpricht der Herr!“ Auf Roſalindens Lippen ſchwebte die Ant⸗ wort, daß der Text fortfuͤhre:„hungert Dei⸗ nem Feinde, ſo ſpeiſe ihn;“ doch ſie empfand jene zarte, anſtaͤndige Scheu, welche eine der glaͤnzendſten Zierden des Weibes iſt. Deshalb ſchwieg ſie, vermogte jedoch nicht lange ihre aufgeregten Gefuͤhle zuruͤckzuhalten; ſie noͤthigte den ſonderbaren Mann, ihr noch einmal alle die Thatſachen zu wiederholen, welche zu dem Schluße fuͤhrten, daß ſie nicht Sir Everards Nichte ſey, dann rang ſie ihre Haͤnde in toͤdt⸗ licher Angſt und rief aus: „Ol wuͤßte ich nur, wer ich eigentlich bin! Mein Oheim! mein guͤtiger Oheim Sydney! alſo bin ich eine Betruͤgerin geweſen, eine Falſche, die von ſeiner Guͤte lebte, ohne nur den geringen Anſpruch zu beſizen, den ich zu haben glaubte.— Wie ſoll ich ihm das ſagen! — wie ihm mittheilen, daß ich von ſeinem Blute nicht abſtamme; ich bin nicht ſeine Nichte— ſeine liebe Roſalinde, bin eine Fal⸗ ſche— eine ſchmaͤlige Betruͤgerin! O mein Gott! mein Herz bricht, dieſe Ungewißheit iſt unertraͤglich. Ich will Alice aufſuchen, will die 71 Wahrheit von ihr erflehen. Gewiß wird ſie mein Elend ſo nicht anſehen koͤnnen, denn jezt uͤberſteigt es alle Graͤnzen;— die ſtolze Lady Spydney, die meine Abhaͤngigkeit mir oft ſo druͤckend fuͤhlen ließ, wie wird ſie triumphiren, wenn ſie nun erfaͤhrt, daß ich wirklich die Be⸗ truͤgerin bin, welche ich ſeyn ſollte, wie ſie Sir Everard ſo oft verſicherte, ohne daß ich damals des Wortes Meinung kannte.“ „Armes Kind! armes Kind!“ wiederholte der alte Mann mit freundlicher Guͤte;„armes, armes Kind! es iſt wirklich merkwürdig anzu⸗ ſehen, wie gewaltſam des Herzens erſte Kaͤm⸗ pfe im Ungluͤcke ſind; wie es gegen Kummer und Elend anarbeitet; wie es Krieg fuͤhrt ge⸗ gen Verzweiflung und Jammer; wie kraftvoll ſeine Anſtrengungen im Streite und zum Ueber⸗ winden ſind; aber dennoch iſt das Elend uͤber⸗ wiegend; ja, mein junges Maͤdchen, das Elend ſſt uͤberwaͤltigend,— ſchon durch den erſten Athemzug, den wir auf dieſer Welt einhau⸗ chen, ziehen wir es tief in unſer Herz;— freilich nur ein kleines, kleines Saamenkorn, aber es waͤchſt und waͤchſt, rankt und um⸗ ſchlingt, bis es das arme Herz zerknittert; und dann,— ja dann ſterben wir!— Weine 72 nicht, auch bilde Dir nicht ein, Du haͤtteſt eine gewichtige Schuld auf Dich geladen.— Sir Everard gab Dir Unterhalt,— Du gabſt ihm Deine Liebe;— er gab Dir Kleidung,— Du zahlteſt dafuͤr durch Kindespflicht;— er verlieh Dir eine Heimath,— und die verleihet Gott jeglichem kleinen Vogel, jedem Schmet⸗ terlinge, die zwiſchen Baͤumen und Blumen wohnen;— aber fuͤr dieſe Heimath weihteſt Du ihm Dankbarkeit. Du zahlteſt ihm, wie Chriſten ihrem Gotte zahlen,— ſie weihen Ihm ihren Dank, ihren Gehorſam, ihre Liebe — eben die haſt Du Sir Everard dargebracht. Faſt beneide ich meinen alten Freund um die Theilnahme, welche Dein Herz ihm bewahrt; — denn es iſt ein ſchuldloſes, jugendliches, friſches und reines Herz, voll guter Gedanken und heiliger Vorſaͤze. Behuͤte Du es vor zwei Lockungen, gefaͤhrlich fuͤr Maͤnner wie fuͤr Frauen,—— behuͤte es, vor Liebe und Ehr⸗ geiz.“ NRoſalinde ſeufzte und laͤchelte dann; den Seufzer richtig zu deuten, uͤberlaßen wir un⸗ ſern Leſerinnen; das Laͤcheln war ein Laͤcheln, welches Unglauben an die Moͤglichkeit einer vorhandenen Gefahr verkuͤndet, von der wir 5 73 nichts wißen; der Geaͤchtete hatte die menſch⸗ kiche Natur lange und tief ſtudirt; doch gleich Allen, die viel leſen, liebte er mehr die aus dem Bande entnommenen Auszuͤge, als das Buch ſelber.. „Wie ſoll ich Sir Everard dies vorbringen? Wie vermag ich ihm als ausgemachte That⸗ ſache anzugeben, daß ich nicht ſeine Nichte bin?“ 3 „Das will ich uͤbernehmen; auf ſeinen Eifer zund ſein⸗Bemuͤhen, das Geheimniß zu ergruͤn⸗ den, welches Deine Geburt verhuͤllt, darfſt Du Dich verlaßen. Gibt es ſonſt noch Jeman⸗ den, dem Du dieſen Umſtand mitzutheilen wuͤnſcheſt?“ „Ich habe nicht das Recht, irgend etwas zu verheimlichen, doch nein, Sir, nein, mag die Wahrheit geſagt werden; mich ſchaͤndet es nicht, denn ich war unſchuldig am Betruge.“ „Nehmen wir an, es faͤnde ſich, daß Du ihr eigenes Kind ſey'ſt, das ſie als Stellver⸗ streterin der echten Noſalinde, dem Sir Everard aufgebuͤrdet haͤtte?“— Bei dieſem Gedanken ſchauderte das Maͤd⸗ chen und wiederholte die Worte:„echte Ro⸗ ſalinde!“ Mein Name gebuͤhrt mir nicht ein⸗ * 74 mal! Ehrſuchtig war ich nie, Sir, doch fuͤrchte ich, daß ich zu ſtolz geweſen bin!— Vielleicht bin ich eines Bauern Kind; und waͤre das, ſo iſt's immer beßer, als unechtgeboren zu ſeyn.“ „Ja, Stolz, Stolz!“ ſprach der Geaͤchtete zu ſich ſelber,„der iſt die Suͤnde, welche En⸗ gel fallen und Teufel triumphiren machte!“ Roſalinde dankte ihrem Freunde fuͤr die Theilnahme, welche er an ihrem ſeltſamen Schickſale bewieſen, und entſchuldigte die Un⸗ ruhe, welche ſie ihm verurſacht habe; auch gab ſie das Verſprechen, bei ihrer naͤchſten Zuſam⸗ menkunft mit ihm, Sir Everard's Weiſung zu erfuͤllen, ihm vorzuſprechen und zu ſingen, um ſeine Einſamkeit zu erheitern. Kaum konnte ſie in Sir Everard's Hauſe zuruͤck ſeyn, als dieſer wuͤrdige alte Mann, zu ſeinem gewohnten Beſuche bei ſeinem Freunde ausging. Etwas Außerordentlicheres, als die Freundſchaft, welche zwiſchen dieſen beiden, durchaus verſchiedenen Maͤnnern beſtand, laͤßt ſich nicht denken. In allen ihren Gefuͤhlen und⸗ Geſchmacksſachen, welche Herzen mit einander verbinden und Gemuͤther zuſammen ketten/ widerſtrebten ſie einander foͤrmlich;— der ru⸗ 75 hige, gar nicht politiſche, ſanfte Sir Everard und ſein wilder, raͤnkeſchmiedender, troziger Freund!— welch einen gewaltigen Gegenſaz bildete die ausnehmende Ruhe des Einen, mit der fieberhaften Raſtlofigkeit des Andern;— und dennoch liebten ſie ſich wie Bruͤder.— Sir Everard's Zaͤrtlichkeit fuͤr ſeinen Sohn, war ſeit jener furchtbaren Nacht mehr als ver⸗ doppelt, in welcher Baſil dem Geaͤchteten ſo große Aufmerkſamkeit widmete, und deren Vor⸗ faͤlle aus der Erinnerung des jungen Mannes, nie getilgt werden konnten. ¹ Es iſt ſchwer, ſich einen Begriff von dem Erſtaunen des guten Baronett zu machen, als er hoͤrte, was Roſalinde ihm mitzutheilen wuͤnſchte und doch fuͤrchtete; herzzerreißend war ſein Kummer,— denn ſanfter Menſchen Lei⸗ den haben etwas furchtbar wahres, was Hef⸗ tigkeit gar nicht auszudruͤcken vermag.— Ro⸗ ſalinde, nicht ſeines Bruders Kind!— nicht ſeine Nichte!— War das glaublich?— war es moͤglich?— Bittere Verwuͤnſchungen ſtieß er gegen Alice aus; und mit dem naͤmlichen Athemzuge ſegnete er ſie dafuͤr, daß ſie ſeiner Familie einen ſolchen Schaz zugefuͤhrt habe.— Was wollte er nicht darum geben, daß ſie ſei⸗ nes Bruders Kind waͤre!— Dann erſtieg ihm eine Lieblingshoffnung, an die er bisher nicht zu denken gewagt hatte;— ſo ſchnell ſie ihm erſtand, kleidete er ſie auch in Worte.— Sie war keine Verwandte; kein Sydney Blut floß in ihren Adern, welches den unbefleckten Na⸗ 3 men Sydney mit ſeinem Bann bedrohete. Sie war keine Sydney, aber nun mogte ſie eine Sydney werden.— Baſil liebte ſie, das wußte er ſehr gut; doch die kleinen Verſe, der ungefeilte Reim;— das mogte im Scherz, oder aus Bosheit entworfen ſeyn— nur hatte dieſes ſo oft den ſchoͤnen Gegenſtand ſeiner Herzenswuͤnſche umwoͤlkt— er hatte kaum ge⸗ wagt, bei ſich ſelber das Beſtehen dieſer Liebe anzuerkennen.— Was galt es, wer ſie ſwar. wenn ſie nur keine Sydney waͤre! Raſch entſtanden des Baronetts Gedanken und ertoͤnten ſeine Worte; raſch erzeugten die einen, auch die andern. Es erfriſcht wie ein kuͤhlender Gebirgswind, wenn man in dieſer kalten, berechnenden Welt einem Manne be⸗ gegnet, deßen Worte der Spiegel ſeiner Seele ſind, der eben ſo ſchnell ſpricht, als er den Gedanken ſaßt, und der ſo gut und wohlwol⸗ lend denkt, daß man ihn ſchon fuͤr die ſchoͤne 77f —— Wahrheit lieben muß, die er ausſpricht.— Sir Everard's groͤßte Sorge und hauptſaͤch⸗ lichſte Schwierigkeit war, wie er es anzufan⸗ gen habe, die Amme Alice zu finden. Waͤre Koͤnig William auch ſo verzeihend ge⸗ weſen, wie ein Heiliger, dem Major Raymond haͤtte er nicht Gnade noch Gunſt erweiſen koͤn⸗ nen der ſeine Anhaͤnglichkeit an Koͤnig Jakob durch Wort und That an den Tag legte; die kuͤhne Wagniß, womit er ſein eigenes Leben auf das Spiel geſezt, war Buͤrgſchaft genug fuͤr die Aufrichtigkeit ſeiner Geſinnungen. All⸗ gemein glaubte man, daß Cuthbert, ſo krank er auch noch war, doch nach Irland abgegan⸗ gen ſey, um bei dem Ordnen eines Heeres zu helfen, welches die Williamiſten bekriegen ſoll⸗ te; mit ihm war Alice verſchwunden.— Viele Perſonen aus eben ſo niederm Stande als dieſe arme Irlaͤndiſche Amme, waren als Opfer des oͤffentlichen Wahnes gefallen, der das Volk ge⸗ gen die Katholiken aufhezte; deshalb unterließ Margrete Raymond auch nicht, anzudeuten, daß Alice ihre perſoͤnliche Sicherung eben ſo ſehr in Anſchlag gebracht haben moͤgte, als ihre Liebe zu dem Sohne, ihres alten Stamm⸗ 78 — herrn„dem ſie auf das Feld der Gefahr gefolgt waͤre. Sir Everard kehrte zu ſeiner Wohnung mit einem freudevolleren Herzen zuruͤck, als ſeit Monaten der Fall geweſen war. Es fiel ihm gar nicht ein, zu denken, das ganze Geheimniß moͤgte eine Schoͤpfung vom wilden Gehirne ſeines Freundes ſeyn. Nur ein Gedanke ganz allein, hatte ſich ſeiner bemaͤchtigt. Unter dem Vordache ſeines Hauſes begegnete er Baſil, der von ſeinem Beſuche ſchnell zuruͤckgekehrt war; liebevoll faßte er ſeinen Sohn unter den Arm und ging mit ihm zum Buͤcherzimmer, wo der Prieſter behaglich, in einem hochlehni⸗ gen Seßel ſaß und in einem ſeiner Lieblings⸗ buͤcher blaͤtterte. Dieſes Gemach war ſehr un⸗ terſchieden von Sir Everard's Sanctum in Sydney⸗Luſt; indeßen verrieth es ebenfalls Merkmale ſeines Geſchmackes und ſeiner Lieb⸗ haberei. Seitdem die Leichtigkeit, ſeine Samm⸗ lung zu erweitern, fuͤr ihn zugenommen hatte, waren ſeine Plaͤne auch umfaßender geworden; Baſil ſtrauchelte uͤber mancherlei Felle, Haͤute und Zubereitungen, getrocknete Affen und fe⸗ dernloſe Straͤuße; als er den Siz einnahm, den ſein Vater ihm anwies, ſtieß er gegen eine 79 — 8 Mumie, die ſodann auf den friedliebenden Prie⸗ ſter fiel und Staub nebſt Spinngewebe genug, auf ſein wohlgebuͤrſtetes farbiges Kleid breitete. „Ich wuͤnſchte wirklich, lieber Vater,“ ſprach Baſil,„daß Sie dieſes Zimmer nicht mit ſo vielen unangenehmen und garſtigen Dingen an⸗ fuͤllen wolten.— Da et Pater Frank,“ der Prieſter, der eifrig ſeinen Rock reinigte, hob mahnend ſeinen Finger in die Hoͤhe und Baſil fuhr fort,„nun da iſt Herrn Franzis neuer Tuchrock faſt vom Staub verdorben; und wirk⸗ lich, Vater, es fehlt mir die Zeit, um zuzu⸗ hoͤren——“ „Was zu hoͤren, Baſil?“ „Nun, Lektionen uͤber dieſe Dinge,“ ſagte er, ſtieß eines Hayfiſches Haut veraͤchtlich mit dem Fuße und ſchob einen Luchs auf die Sei⸗ te,„ich habe ſo viel zu thun,— vieles in Ordnung zu bringen. Es leidet jezt kein Zwei⸗ fel mehr, daß Koͤnig William einen Zug gegen die Irlaͤndiſchen Rebellen, in Perſon anfuͤhren wird, und dazu muß er gewiß mehr Truppen beſtimmen, wie ſeine Hollaͤnder.“ „Baſil, Du bift ein recht verzogener Knabe,“ ſagte Sir Everard milde,„ein verkehrter jun⸗ 80 ger Mann.— Was dieſe Mumie nun anbe⸗ ttrifft, ſo iſt ſie eine ſeltene, ſehr koſtbare—1 „Gewiß, lieber Vater, iſt ſie Alles, was Sie nur wuͤnſchen moͤgen, und es erfreut mich un⸗ gemein, daß ich ſie Ihnen verſchaffen konnte, aber jezt muß ich wirklich fort.“ 1— „Bleib, Du biſt im Irrthum mit der M⸗ mie, ſie war nicht genau——“ 3„Dann wuͤrde ich Ihnen eine andere beſor⸗ gen, ein halbes Duzend will ich Ihnen ver⸗ ſprechen 7 unterbrach ihn der ungeduldige Sol⸗ dat,„jezt aber muß ich gehen——* 1„Ein halbes Duzend,“ rief der erfreute Na⸗ turforſcher,, der ſich allmaͤhlig die Suͤnde des Alterthuͤmlers angeeignet hatte,„ſechs— und ſechs ganz vollkommene?— Du ſagteſt nicht, Baſil, daß ſie ganz vollſtaͤndig waͤren; bei dieſer einen biſt Du ſchon geinuſcht. ihr fehlt die Naſe.“ „Das bedaure ich recht ſehr, aber jeßt muß ich gehen, ich koͤnnte keinen Augenblick laͤnger weilen, und gaͤlte es die ganze Welt; die ver⸗ fluchten— verzeihen Sie mir das Fluchen— plumpleibigen Hollaͤndiſchen Offiziere, dieſe tabakkauenden, branntweintrinkenden, gemeinen Kerle, umgeben den Koͤnig wie Spuͤrhunde, 8¹1 berichten das Thun, Sprechen und Ausſehen jedes Offiziers, der gutes Engliſches Blut in ſeinen Adern hat. Fuͤr zwanzig Mumien koͤnnte ich keinen Augenblick laͤnger zoͤgern.“ „Recht gut, Baſil!“ ſagte Sir Everard in ſeiner gewohnten gelaßenen Weiſe, als Baſil ſchon an der Thuͤr war,„ich wollte nur mit Dir von Roſalinde ſprechen; doch vielleicht kann das eben ſo gut zu anderer Zeit geſchehen.“) „Von Roſalinde?“ wiederholte Baſil, zog ſeine Hand vom Thuͤrdruͤcker zuruͤck, naͤherte ſich ſeinem Vater und ſagte:„o das iſt ganz etwas Anderes! Von ihr kann ich anhoͤren, ſo viel Sie mir zu ſagen haben.“ „Du kannſt ja keinen Augenblick laͤnger wei⸗ len und gaͤlte es die ganze Welt,“ ſagte Sir Everard, deſſen ungewoͤhnliche Aufregung ihn ſcherzhaft ſtimmte. 8 „Doch fuͤr irgend etwas, was meine Muhme betheiligt.“ „ Aber die plumpleibigen Hollaͤndiſchen Offi⸗ ziere, koͤnnten ſich Deine Abweſenheit zu Nuze machen,“ ſagte der Vater. „Ueberlaßen Sie mir, mit denen fertig zu werden. Hier, Vater, will ich geduldig war⸗ ten, bis Sie mir geſagt haben, was Sie ſa⸗ III. 6 1 — gen wollten;“ er ſezte ſich wieder auf ſeinen vorigen Seßel. „Ich beſorge nur, daß es Dich in Ungele⸗ genheit ſezt; Roſalindens kuͤnftiger Lebensſtand mag Dir vielleicht nicht anziehender erſcheinen, als zwanzig Mumien.“ „Um des Himmels willen, Vater, ſtrafen Sie mich nicht ſo ſchwer, fuͤr ein wenig Unge⸗ duld. Roſalindens kuͤnftiger Lebensſtand? Was koͤnnen Sie damit meinen?“ „Ein anderes Blatt im Buche des Herzens,“ ſagte Sir Everard;„wir zuͤgeln und ſchulen die Zeit, um unſern eigenen Wuͤnſchen zu die⸗ nen; geſtatten ihr aber mit den Stunden un⸗ ſerer Freunde, davon zu rennen.“ Baſil biß ſich auf die Lippe; ſchaute aber dann ſo verlangend zu ſeinem Vater auf, daß dieſer die Aufforderung nur durch eine Mitiheilung beantwortete, die Baſil eben ſo ſehnlich erwar⸗ tete, als er ſeinen Vater draͤngte, ſie zu geben. Zwei⸗ oder dreimal raͤusperte ſich der Baro⸗ nett, begann mit unzuſammenhaͤngenden Wor⸗ ten ſeiner Liebe und Zaͤrtlichkeit fuͤr Roſalinde, ſeines Dankes fuͤr ihren Gehorſam, ſeines Ver⸗ trauens in ihre Tugenden, ſeiner Bewunde⸗ rung ihres Karakters; er ſprach von ihrer Auf⸗ 83 — merkſamkeit fuͤr ihn, als er Gefangener war, von ihrer Hingebung, ihrer Sanftmuth und von ihren Talenten; ſogar ihre Schoͤnheit pries er, in Ausdruͤcken ſeiner Bewunderung und Zaͤrtlichkeit. 1 „Nie hat ſie mich auch nur einen Augen⸗ blick unwillig gemacht,— nie durfte ich an ihr zweifeln, nie koſtete ſie mich ein Erbangen, einen Seufzer oder eine Thraͤne, außer ſolchen Thraͤnen, welche das liebende Herz hervorflu⸗ thet, wenn es zu voll iſt, um Worte zu ge⸗ ben! Auch Du, Baſil, wirſt mir nicht zuͤr⸗ nen, wenn ich geſtehe, daß ich in Roſalinden mehr die Stuͤze und Geſellſchafterin meines hohen Alters erblickte, als hoffen konnte, daß Umſtaͤnde meinem Sohne erlauben wuͤrden, ſtets um mich zu ſeyn.“ Der alte Mann hielt ein, Baſil zitterte bei einem undeutlichen Vorgefuͤhle, daß dieſer Ein⸗ leitung ſeines Vaters, eine recht furchtbare Kunde folgen muͤße. Dieſe Hoffnung,“ ſuhr Sir Everard fort, nachdem er ſich durch einen Trunk Waßer ge⸗ ſtaͤrkt hatte, niſt jezt vorbei. Roſalinde iſt nicht meines Bruders Kind!“ Micht!“ wiederholte der ſtaunende Prieſter; wer iſt ſie denn?“ neg Dies konnte Sir Everard nicht ſagen; die Hoͤlfte ſeines Vermoͤgens wollte er gern dafuͤr hingeben, es zu erfahren; woͤrtlich wiederholte er Alles, was der Geaͤchtete ihm geſagt hatte, doch durch einmaliges Erzaͤhlen ließ Baſils Neugierde ſich nicht zufrieden ſtellen.. „Geſtern, mein lieber Sohn, bedachte. ich ſchmerzlich, daß Du eine Neigung fuͤr dieſes. ſuͤße Maͤdchen gefaßt haͤtteſt, welche zu unter⸗ druͤcken, die Umſtaͤnde mich genoͤthigt haben wuͤr⸗ den. Denn lieber ſaͤhe ich den Stein auf Dei⸗ nem Grabe, als Dich mit einer Muhme ver⸗ heirathet; Du kennſt die Urſache;— nun aber—— Baſil ergriff ſeines Vaters Hand und drückte ſie ſchweigend an ſeine Lippen. Der Prieſter ſagte:„wir muͤßen die Amme ſogleich aufſuchen, denn ihr Zeugniß iſt uner⸗ laͤßlich noͤthig; wenn wir ſie gefunden haben, alaube ich Mittel zu haben, ihr ein offenes Bekenntniß uͤber einen Punkt abzunoͤthigen, der uns Alle ſo ſehr betheiligt.“— „Abe, Pater Frank, Ihr mißßt! dies ja ge⸗ 8⁵ wußt haben,“ ſagte Baſt;„es konnte vor Euch nicht verborgen bleiben!. 35 „Die Beichte iſt ein geheiligtes Mstersfsnd, das nie zur Kunde kommen darf— nie ver⸗ lezt wird;— aber zudem kann ich die Verſi⸗ cherung geben, daß ich es nicht wußte; ſo oft jich Alice zur Beichte aufforderte, was haͤufig geſchah, ſagte ſie mir, ſie fuͤrchte das, was in der ausdruckvollen Sprache ihres Landes„ſich reine Bruſt machen“ genannt wird, weil ſie eeine Suͤnde zu geſtehen habe, die ſie bis zum Rande ihres Grabes mit ſich umhertragen woll⸗ te, die ſie erſt dann ausſprechen wolle, wenn Todesqual ſie erfaße, um ihre Seele vor ewi⸗ 5 gen Flammen zu retten. Ohne Zweifel war dies die Urſache, weshalb ſie die Sakramente einer Religion vermied, der ſie aufrichtig und vollkommen zugethan iſt, wie ich mit Grund annehmen darf.“ „Doch Roſalinde— darf ch ſie uiſane. iir ſagen—“ rief Baſil. „Sag', daß ich ihr ein Bater ſeyn will, 5 unterbrach ihn Sir Everard.„Gewiß fließt kein gemeines Blut in ihren Adern.— Ihr Vater wil ich ſeyn und Du ngoſt ihr ein e 86 Bruder yn⸗ wenn's Dir gefaͤllt— idas uͤberlaße ich Deiner Einſicht!“ Das war im Grunde ein albernes Wort vom alten Herrn, denn Einſicht und Liebe ſind nicht vereinigt.— Sydney's Herz war im Sturm erobert, doch durch die Tugend, Be⸗ ſcheidenheit und Vernunft ſeiner Geliebten be⸗ wahrt. Er bewunderte die Schoͤnheit der aͤu⸗ ßern Erſcheinung, mehr aber den Diamant im Innern. Des Vaters Wort reichte hin, ihn eilig aus dem Buͤcherzimmer zu Roſalindens Gemache zu treiben. Er klopfte,— keine Ant⸗ wort;— noch einmal;— alles war ſtill. Als er ſich von der Thuͤr abwandte, bemerkte er gar nicht, daß eine weinende Magd an der Treppe ſtand. Er flog zu einem andern kleinen Gemgche, welches ſie liebte; ihr Inſtrument ſtand geoͤff⸗ net, Noten lagen umher, Duette, welche er an dieſem Morgen von ihr und Margrete hatte ſingen hoͤren. Margretens Zeichnungen— ein Talent, welches dieſe im hoͤchſt ausgebilde ten Grade beſaß— lagen auf dem Tiſche; ein Taſchentuch, an welchem er Roſalinde hatte ſticken ſehen, war zur Erde gefallen. Ohne zu wißen weshalb, hob er es eilig auf und ſteckte es in ſeinen Buſen, dann ging er zu den Ge⸗ ſellſchaftszimmern;— Roſalinde war nicht da; als er wieder durch die Vorhalle ging, um ſei⸗ nem Vater zu ſagen, daß er ſie nicht finde* trat ihm das weinende Maͤdchen entgegen wid ſagte: S4 3 Meſtis; junge Herrin iſt fort!“ „Fort— wer iſt fort?“ „Mizß Roſalinde, Sir!“ „Du biſt wahnſinnig!“ rief Baſil, ward leichenblaß und mußte ſich anlehnen. 2 „Ich bin Mary Kahal, das arme Irlaͤndi⸗ ſche Maͤdchen, der Miß Roſalinde ſo gut war, ſagte das ungluͤckliche Geſchoͤpf ſchluchzend, als ſollte ſein Herz ihm brechen;„alles Hausge⸗ ſinde weiß es ſo gut, als ich, daß Miß Ro⸗ ſalinde fort iſt, und Miß Margrete weiß es auch.—74 Sobald Baſil die Sprache wiedergewann; theilte er ſeinem Vater mit, daß Roſalinde nicht im Hauſe ſey; Margrete ward erſucht, zum Buͤcherzimmer zu kommen, um das Vor⸗ gefallene zu erklaͤren. Anfangs ließ ſie bitten, man moͤge ſie entſchuldigen;— ſie ſey krank heftig ergriffen, nicht im Stande, jemanden zu ſehen. Von der Dienerſchaft war nur her⸗ 88 auszubringen, daß bald, nachdem Noſalinde ausgegangen war, Alice Murrough erſchienen ſey und nach Miß Margrete gefragt habe, weil Roſalinde nicht zu Hauſe war; mit Margrete eingeſchloßen, ſey Alice laͤngere Zeit geblieben, und man haͤtte lauten, hadernden Wortwechſel vernommen; bei Roſalindens Nuͤckkunft ſey auch dieſe nach Margretens Zimmer gegangen und habe nur ganz kurze Zeit da zugebracht, als die Klingel gezogen wurde; der Diener, welcher erſchien, erhielt den Befehl, einen Theil von Miß Roſalindens Kleidungsſtuͤcken, unter Alicens Anweiſung einzupacken.— Waͤhrend dieſer Zeit haͤtte Roſalinde geſchrieben, hieß es ferner, und ihr Geſchriebenes Margreten ein⸗ gehaͤndigt; darauf ſey fuͤr eine Miethkutſche geſchickt, dieſe haͤtten Roſalinde und Alice zu⸗ ſaͤmmen beſtiegen, und waͤren davon gefahren. — Doch die Bewegung und Trauer des Ge⸗ ſindes war ſo groß, daß niemand die Nummer der Kutſche zu nennen, noch auch zu ſagen wußte, wohin zu fahren ihr aufgegeben ſey. Sogleich begab Sir Everard ſich zu Mar⸗ grete und bat um die Auslieferung des Brie⸗ fes, den ſie nach der Dienſtboten Verſicherung, von Roſalinde erhalten haͤtte.— 89 —— Sie bat, Sir Everard wolle ſie bis Mor⸗ gen⸗ oder mindeſtens doch noch einige Stun⸗ den verſchonen, mit dem Verſprechen, daß ſi⸗ ie Alles erzaͤhlen wolle, ſobald die heftige Erſchuͤt⸗ terung, welche dieſer Vorgang ihr erregte, ſo weit gelindert ſey, daß ſie uͤber den Gegenſtand ſprechen koͤnne; dagegen laͤugnete ſie auf das allerbeſtimmteſte, einen Brief von Roſalinde bekommen zu haben. Dieſer Zuſtand angſtvoller Ungewißheit war zut quaͤtend, um ertragen zu werden; Baßil bat deshalb den Prieſter, Margreien aufzufor⸗ dern, ſogleich zu erſcheinen und, was ſie von dem Geheimniße kenne, zu enthuͤllen. 4 „Ich glaube nicht, daß dieſe junge Dame den Geboten unſerer heiligen Kirche viele Ehr⸗ furcht zollt, doch will ich's verſuchen 74* ſagt Pater Frank. Er ging und kehrte nach einiger Zeit mit MNakgrete zuruͤck, die nunmehr ihre Faßung wiedergewonnen zu haben ſchien, wiewohl ihre Wangen bleich, ihre Augen aber roth und ge⸗ ſchwollen waren. Ihr reiches Gewand von dun⸗ kelrothem Atlas war um ihre ſchlanke Geſtalt von einem goldenen Guͤrtel gehalten, den ein Schloß von den prachtvollſten Diamanten be⸗ 9⁰ — feſtigte; ein Stern von eben ſo koſtbaren Edel⸗ ſteinen ſchimmerte auf ihrer Stirn.— Dieſe waren immer die einzigen Schmuckſachen, welche ſie trug, und ſtanden wohl zu dem uͤppigen Glanze, ihrer gereiften Schoͤnheit. Bei ihrem Erſcheinen ſchritt ſie nicht ihrer Gewohnheit nach, kuͤhn durch den Saal, ſondern ſank auf einen Seßel neben der Thuͤr; der reiche Falten⸗ wurf ihres dunkeln Gewandes, das in dieſem Lichte noch dunkeler ſchien, zuſammen mit dem Glanze ihrer Juwelen, gaben ihr das Ausſe⸗ hen einer jungen Deuterin, die im Begriff iſt, einen geheimnißvollen Opferdienſt zu begehen. „Schonen Sie mich, Sir Everard; ſchonen Sie und verzeihen Sie mir, denn ich bin un⸗ ſchuldig;— keine Kunde— noch irgend eine Theilnahme,— kann mir bei einem Ereigniße vorgeworfen werden, welches meine guͤtigſten Freunde, wie ich gewahre, in ſo tiefen Kum⸗ mer verſezt. Nie habe ich geglaubt, daß es ſo enden wuͤrde, obwohl ich wußte, daß Oberſt Sydney geaͤußert hatte, was ich einſt in Be⸗ treff einer Bibel andeutete, die er im Beſtze meines Bruders geſehen.“ Sie ſchwieg eine Weile; ihr Spiel war ver⸗ wegen, tief angelegt und gefaͤhrlich. Ihr Gluͤck 91 ſtand auf dem Wurfel, fehlte ſie, ſo war ihre moraliſche Vernichtung gewiß. „Weiter,“ ſagte der Prieſter, denn ſo wenig Baſil, als Sir Everard vermogten zu ſprechen. „Als ſie heute Abend zu Hauſe kam, ſagte ſie mir, daß ſie Beweiſe davon erlangt haͤtte, Ihre Verwandte nicht zu ſeyn.“ Noch einmal ſchwieg Margrete, ihr Auge uͤberflog die Ge⸗ ſichtzuͤge ihrer Zuhoͤrer. Dieſes Schweigen war tief und aͤngſtlich; mit Anſtrengung ſchoͤpfte ſie Athem und fuhr fort:„Sie ſagte, daß ſie hier nicht laͤnger bleiben koͤnne, ſondern ent⸗ ſchloßen waͤre,— die Hand— meines Bru⸗ ders— anzunehmen!“ „Unmoͤglich!“ rief Baſil.„Major Raymond entfloh vor drei Wochen.“ Margrete hatte ſich nunmehr in den von ihr gewuͤnſchten Zuſtand verſezt; ſie ſammelte ihre ganze Herzhaftigkeit, erhob ſich von ihrem— Stze, nahm Sir Everards Hand, fuͤhrte die zu ihren Lippen und ſank zugleich ehrerbietig auf ihre Knie vor ihm nieder:„verzeihen Sie mir! Ich habe Betrug geuͤbt gegen Sie und Oberſt Sydney; Cuthbert war noch nicht ab⸗ gereiſt; aber auf das feierlichſte rufe ich Gott zum Zeugen an, und bitte, daß mir des Him⸗ 92 mmels Pforten nie geöffnet werden, wenn ich üur eeinen Begriff von dem maͤchtigen Bande hatte, welches meinen Bruder mit Roſalinde verknuͤpfte.— Ich wußte, daß eine leichte Zu⸗ neigung beſtand, ein Austauſch kleiner Ge⸗ ſchenke, eine geſchwiſterliche Freundlichkeit; um ihn zu retten, ihn ſicherer zu wißen„bis er abreiſen koͤnnte, kam ich mit Alice dahin uͤber⸗ ein, ſeinen Aufenthalt geheim zu halten. Ich fuͤhlte, dies ſey nothwendig, weil wir keinem 4 ſeiner Gefaͤhrten vertrauen durften.“ 2„Mir nicht vertraumn 2 ſagte Baſil; per⸗ tieth ich jemals— 8.„Sie nicht; aber es muͤßte Sie i in die aller peinlichſte Lage verſezt haben, wenn Sie ſei⸗ nen Schlupfwinkel gekannt und als Offizier der jezigen Dynaſtie, ſich genoͤthigt geſehen haͤtten, das Geheimniß eines Verraͤthers zu bewahren. Ich beſorgte, daß die Luft des Himmels, die ſeine Wange beruͤhrte, ihn erkennte, und ver⸗ barg die Anweſenheit meines Bruders vor je⸗ dem menſchlichen Weſen, vor ſeinem liebſten Freunde— vor allen, nur Roſalinden nicht! Oft ließen wir Alice heimlich hier kommen, um mir uͤber ſein Befinden Kunde zu bringen; dech heute Abend ſahen die Dienſtboten dieſe G ⸗ * 93 hereinkommen, woran Roſalindens Abweſenheit Schuld war. Ich hatte keinen Begriff davon — ol meine Herren, wie ſoll ich Ihnen die⸗ ſes Geſtaͤndniß ablegen!— daß eine, die mei⸗ nem Herzen ſo theuer war, doch ſo wenig jung⸗ fraͤuliche Sittſamkeit habe. Daß ſie, waͤhrend wir ruhig ſchliefen, Nacht fuͤr Nacht heimlich zu ſeiner aͤrmlichen Wohnung ging und ſich ihm als ſein Weib uͤberlieferte. 44 Baſil knirſchte in tobender Wuth mit den Zaͤhnen, ſprang vom Seßel auf und zerſchlug ſeine Stirn mit geballter Fauſt. Sir Everards Todespein war, wenn auch minder gewaltthaͤ⸗ tig, doch ganz ſo tief empfunden. Nur einer ſchien unergriffen durch dieſes Schauſpiel, der Pater Frank. Nicht einen Augenblick hatte er ſein Auge von Margrete abgewendet; er beo⸗ bachtete ſie ſo ernſt und ſo durchdringend, als wolle er das Innerſte ihrer Seele leſen. „Vater!“ rief Baſil,„ich will's nicht glau⸗ ben! kann nicht dieſe ſchmaͤlige Verunglimpfung glauben,— und auch Sie vermoͤgen das nicht. Verzeihung, Miß Margrete, Sie duͤrfen bei meiner Verſtellung nicht erbleichen; auch Sie konnten getaͤuſcht werden.“ „Oberſt Sydney,“ erwiederte ſie mit einer 94 Wuͤrde, die ſo vieles von Reinheit und Wahrheit zeigte, daß des Prieſters Zweifel ſo⸗ gar geſchwaͤcht wurden,„ich liebe meinen Bru⸗ der und Roſalinde zu innig, um nicht bereit zu ſeyn, alles willig und freudig zu opfern, was ein Maͤdchen opfern darf, wenn es moͤg⸗ lich waͤre, dadurch zu etweiſen, daß ſie frei waͤren vom verderblichen Einfluße der Heuche⸗ lei! Cuthbert und ich, haben unſer ganzes Le⸗ ben hindurch, in dieſer kalten Welt allein ge⸗ ſtanden. Nur ihn allein beſaß ich fuͤr meine Liebe, als meine Stuͤze auf Erden; doch von nun an kann ich ihn nicht mehr lieben, wie ſenſt; an ihn, der meine Freundin Betrug lehrte, ſolchen Betrug, wie ſie ihn uͤbte, kann ich mit keinem andern Gefuͤhle denken, als— ich darf nicht nennen, was ich jezt fuͤr den empfinde, den ich ſonſt mit Stolz meinen Bru⸗ der nannte. Was bin ich jezt?— ein armes, obdachloſes, unbefreundetes Geſchoͤpf, vom Mit⸗ leid Anderer abhaͤngig; und doch— aber ich kam nicht hier, um uͤber meinen Kummer zu reden. Sie, Sir Everard, deßen vaͤterliche Sorge ſo viele Jahre uͤber ſie wachte——“ „Sagten Sie, daß ſie keinen Brief zuruͤck⸗ lies— keinen Auftrag— kein Zeichen— kein 9⁵ — Wort? nichts, was Erklaͤrung geben koͤnnte? unterbrach Sir Everard ſie mit der ganzen Waͤrme ſeiner Gefuͤhle und mit thraͤnenden Au⸗ gen.„O Roſalinde— mein Kind! mir mehr als mein Kind!— meines Herzens Erſtgebo⸗ rene!— die ich liebte, die ich ſchaͤzte und die mich liebte, wie ein Kind noch nie ſeinen Va⸗ ter geliebt hat! Hier muß Zauberei im Spiele ſeyn, und einmal im Leben will ich auch, in den Sternen leſen laßen, um dieſe auszufin⸗ den.— Es iſt ganz unmoͤglich! Kein Wort an mich;— kein Wort an Baſil?— Baſil, mein Sohn?“ fuhr der alte Mann fort, die⸗ ſen betrachtend, der ſein Geſicht mit den Haͤn⸗ den verdeckt hielt, waͤhrend der Lampe ſchwa⸗ cher Schimmer ſein Haupt traf. Sir Everard erhob ſich und trat zu ihm, bog ſich uͤber ihn hin und murmelte ihm Worte des Troſtes zu, wie er ſie hervorzubringen vermogte; der Prie⸗ ſter aber, der wußte, daß der Tag bereits an⸗ gebrochen ſey, oͤffnete die Fenſterverſchlaͤge; hell drang ſein Licht herein; Margrete bedeckte ihre Augen und ſank wieder zuruͤck auf den halbe verſteckten Seßel an der Thuͤr, den ſie bei ih⸗ rem Eintreten eingenommen hatte. 9 Baſil erwiederte die Liebkoſungen ſeines Va⸗ ters nicht; Margrete erbat Sir Everards Er⸗ laubniß, ſich entfernen zu duͤrfen. Noch ein⸗ mal fragte er ſie, ob kein Brief fuͤr ihn da waͤre, keine troͤſtende, Hoffnung verkuͤndende Botſchaft; und wiederum antwortete die Fal⸗ ſche,„nein.“ Weinend wuͤnſchte der alte Mann ihr„Gottes Segen“ und barg ſein Antliz in den Polſtern ſeines Ruheſeßels. Pater Frank oͤffnete die Thuͤr, und als Mar⸗ grete in Anerkennung ſeiner Hoͤflichkeit ſich ver⸗ neigte, ſprach er:„Gott vergelte Dir in die⸗ ſem und im kuͤnftigen Leben,— ſo wie Du hier Wahrheit geſprochen haſt!’“ Sie ſchreckte zuruͤck, ſchauderte,— laͤchelte dann; und verließ das Zimmer, ohne noch ein Wort zu ſagen. 97 Fünttes Kapitel. In dieſer Welt für Jedermann, Leicht glatte Wort' zu finden ſind, Recht wohlfeil trägt ſie jeder an, Sie koſten nichts, ſie ſind nur Wind: — Doch reden gut und's meinen ſo, Wo ſindet ſich's zuſammen, wo?⸗ Wyatt. 2 Baſil gab ſich alle erdenkliche Muhe, um aus⸗ zufinden, ob Cuthbert wirklich nach Irland ab⸗ gegangen ſey, oder immer noch in der Haupt⸗ ſtadt verborgen weile. Bei Tage und bei Nacht forſchte er, hatte uͤberall Spaͤher, und wagte ſogar, die Angeſtellten der neuen Regierung, zum Aufſpuͤren zu gebrauchen. Sirr Everard's Geiſt ſchien voͤllig gebrochen; er mogte nichts vornehmen, nirgend hingehen. Er verſank faſt in kindiſchen Zuſtand, vermogte II. 8 7 98 ſeine Thraͤnen kaum vor Beſuchern zuruͤckzu⸗ halten.— Die Geſchaͤfte des Lebens betheilig⸗ ten ihn nicht; der Koͤnigin Geſchenk konnte kaum, die noͤthigen Dankbeweiſe ihm abringen; und Ralph Bradwell ſchien ganz ſo niederge⸗ ſchlagen in ſeinem Kummer, als der Baronett. Beider leuchtender Leitſtern war Roſalinde ge⸗ weſen, und Beide ſuchten vergebens, nach ei⸗ nem andern.— Brano, dem ſeine maͤßige Bewegung in freier Forſtluft fehlte, ſchien ihren Truͤbſinn zu theilen, war verdrießlich und knurrig ge⸗ nug, um Jedem, der an die Lehre heimlicher Sympathien glaubt, zum wuͤnſchenswerthen Be⸗ weiſe zu dienen. 1 Baſil, der alle ſeine Nachforſchungen fruchtlos fand, erklaͤrte nicht mehr ſuchen zu wollen, auch daß er außer den Anſpruͤchen, welche die Freund⸗ ſchaft geboͤte, keine andere an Roſalinde zu machen habe; und weil ſie ihrer eigenen Wahl gefolgt ſey, beſize er das Recht nicht, ſie laͤn⸗ ger zu verfolgen.— Merkwuͤrdig war es, daß er dieſen Entſchluß erſt faßte, nachdem alle ſein Streben, ſie zuruͤck zu finden, vergeblich geblieben war;— erſt dann ward er in wun⸗ derbarer Weiſe klug.— Inzwiſchen war Baſi 99 nicht mehr der naͤmliche;— enteilte nicht mehr von ſeiner Kriegskameraden Geſellſchaft, zum Hauſe ſeines Vaters, um hier zu plaudern, zu ſingen, zu weilen, bis Dienſtpflicht ihn auf's neue abrief. Jezt ſtuͤrzte er draͤngend von einer Beſchaͤftigung zur andern; ſein Schmerz be⸗ ſtand nicht in jammernder Schwermuth, die in Seufzer und Thraͤnen zerſchmilzt; er kaͤmpfte mannhaft gegen ihn, aber ſein Herz erkrankte demungeachtet;— naͤchtliche Luſtgelage, Spiele am Tage, verſcheuchten den Kummer nicht von ſeinem Lager, ſein Herz litt bittere Pein. Margrete Raymond hatte Sir Everard, am Tage nach Roſalindens Verſchwinden, um die Erlaubniß erſucht, ſich fortbegeben zu duͤrfen. „Wohin?“ Dies wußte ſie nicht zu ſagen, doch hier konnte ſie nicht, als eine Buͤrde zuruͤckblei⸗ ben.— An Lady Mary Powis wollte ſie ſchrei⸗ ben, vielleicht moͤgte die ihr eine Zuflucht in dem neuen Kloſter gewaͤhren, welches ſie in Rouen zu begruͤnden im Begriffe ſtand; ob⸗ gleich ſie auch bekannte, daß ihr Glaube an das Roͤmiſche, in der lezten Zeit heftige Schwan⸗ kungen bekommen haͤtte. Doch fuͤrchte ſie keine Verfolgung, wuͤrde vielmehr ihren Ruhm darin finden; und haͤtte ſie ihren Glauben geaͤndert, 1⁰0 wuͤrde ſie es der Welt laut erklaͤren; doch bis udahin baͤte ſie Sir Everard, ihre Zweifel ſo wenig der Lady Sydney, als dem Pater Frank umitzutheilen; die Erſte wuͤrde es ſchmerzen; zund der Andere haͤtte ſchon jezt, wie ſie wiſ⸗ iſe, einen Widerwillen gegen ſie gefaßt, eben zweil er ihre Glaubensabtruͤnnigkeit argwoͤhne. * Ein ſolcher Beweggrund war ganz darauf berechnet, Sir Everard's Gemuͤth in der kraͤf⸗ tigſten Art zu erfaßen; er wuͤrdigte ihren Zart⸗ ſinn, und ſehnte ſich nach ihrer Bekehrung; dies gab ſeinem Geiſte eine gewiße Beſchaͤfti⸗ gung,— eine Art von Ruhe,— er begann in Margrete ein hoͤchſt uͤberlegenes und ſehr ſchoͤ⸗ enes Weſen zu erblicken, zudem konnte er mit „ihr von Roſalinde ſprechen. Bafil wollte ihren Namen nicht mehr ausgeſprochen wißen;— Water Frank war, wie er ſagte, fuͤr einige Zeit hinab nach Sydney⸗Luſt gegangen,— es bblieb ihm nur Margrete, um mit ihr von Ro⸗ ſſalinde zu ſprechen; dieſe ſprach aber ſo guͤtig von ihr, mit ſo vieler Zaͤrtlichkeit, ſchien un⸗ endlich mehr zu beklagen, als zu beſchuldigen, — beſchoͤnigte ihre lezte, und in Wahrheit ihre einzige Suͤnde, ſo gewinnend, mit menſchlicher Schwaͤche, oder vielmehr mit den Schwaͤchen 4 101 — der Liebe, daß der Baronett ſie faſt verehrte, und ihre mißverſtandene Großmuth tadelte. Er wollte nichts davon hoͤren, daß Margrete ſich dem Schuze ſeines Hauſes entzoͤge; Lady Syd⸗ ney, ſagte er, habe keine Geſellſchaft, und welche Andere koͤnnte dieſer ſo werth ſeyn, als Margrete, moͤgte ſie auf dem Lande bleiben, oder zum Beſuche nach London kommen. Ein eigenthuͤmlicher, faſt wunderartiger Zau⸗ ber umgab Margrete, eine Gewalt, durch welche ſie Aufmerkſamkeit gebot; Baſil empfand ihren Einfluß, ohne ihr Daſeyn zu kennen. Vergebens war ſie fruͤher gegen ihn angewandt, ſo lange ein Weſen zugegen war, das er ihr unendlich uͤberlegen ſchaͤzte; doch ging die Sonne unter, ſo gewahren und wuͤrdigen wir des Mondes Schoͤnheit. Margrete vermied Alles, was an Roſalinde erinnern konnte; die Geſaͤn⸗ ge, welche ſie miteinander vorgetragen hatten, durften nicht laut werden. Roſalindens Anzug war immer hell und heiter geweſen, wie ihr natuͤrliches Weſen; Margrete ſtudierte das Duͤ⸗ ſtere und Eindruckgebietende. Diamanten er⸗ glaͤnzten auf ihrer Stirn,— keine Perlen;— ungemein ſchoͤn ſpielte ſie ihre Harfe in ſchwer⸗ muͤthigen Muſikſtuͤcken— in ſolchen, die beſaͤnfe 1902 tigen und doch auch das Gemuͤth von ſchmerz⸗ lichen Gedanken abwenden. Baſil hoͤrte die Be⸗ wunderung mit an, welche die Offiziere Mar⸗ greten zollten, die ſeinen Vater beſuchten, ob⸗ gleich ſie in der ſtolzen Hoͤhe ihres Betragens, ſie Alle von ſich entfernt hielt; ſprach ſie aber zu ihm, ſo verrieth ihr Blick ein ſanftes Mit⸗ leid, welches ihn zu dem Entſchluße zwang, in ihren Augen nicht als liebeſiecher Schaͤfer, er⸗ ſcheinen zu wollen. Es iſt hoͤchſt befremdlich und doch durchaus wahr, daß die Maͤnner Treue in der Liebe als eine Art von Vorwurf betrachten, und nicht lieben, daß man ſie in Verdacht einer Treue halte, die ſie fuͤr ein Unrecht halten, und gleichſam das:„was kuͤmmert mich Beſtaͤn⸗ digkeit,“ zur Schau zu ſtellen ſuchen. Haͤtte man in Baſil's Herzen leſen koͤnnen, man wuͤrde vieles darin ganz anders gefunden ha⸗ ben, als die Geſchaͤftigkeit eines Weſens und der ſtolze Glanz ſeines Auges, es verhieß; vie⸗ les, was durchaus nicht zu dem ſchallenden Gelaͤchter, zu dem heitern, ungebundenen Be⸗ nehmen paßte, wodurch er ſeinen Vater glau⸗ ben zu machen ſuchte, daß er keinen Schmerz einpfinde. Zuweilen ſogar taͤuſchte er ſich ſel⸗ 103 ber, doch das dauerte nicht lange— das Herz kehrte zu ſeiner Schwermuth zuruͤck, wie der Vogel zu ſeinem Neſte. Bald nach Pater Frank's Ankunft in Syd⸗ ney⸗Luſt, waͤhrend Baſil in thaͤtiger Geſchaͤf⸗ tigkeit die kriegeriſchen Vorbereitungen betrieb, welche Koͤnig Williams Zuge nach Irland vor⸗ angingen, empfing er einen Brief von ſeiner Mutter. Dieſer war ein ſonderbares Gemiſch von aberglaͤubiſcher Schwaͤche und natuͤrlicher Kraͤftigkeit; ein Theil ſeines Inhaltes kann den Karakter der Dame noch genauer anzeigen. — Nach einigen einleitenden Bemerkungen ſchrieb ſie: „Ich kann nicht anders, als glauben, „daß das Maͤhrchen, als waͤre ſie nicht „Sir Everard's Nichte, eines der myſti⸗ „ſchen Neze iſt, die der Satan knuͤpft, „um ſeine Kinder von der Bahn abzulei⸗ „ten, welcher ſie folgen muͤßten. Sie kannte— „den Sydney⸗Bann recht gut, und erlog „die Geſchichte mit angeblicher Huͤlfe, „um Deinen zu leichtglaͤubigen Vater, zu „betriegen; doch der Schleier wurde „zerrißen und die Scheußlichkeit blos ge⸗ „ſtellt. Die Einwirkung des Planeten, 104 „welcher ihre Leidenſchaften beherrſchte, „war maͤchtiger, als Merkur,— der den „Betrug lehrt,— und ſo fiel ſie. „Es iſt ein Jahr des Fallens und wech⸗ „ſelnder Dynaſtien. Groß iſt die Beſtuͤr⸗ „zung,— und groͤßer wird ſie ſeyn;— „Fuͤrſten und Koͤnige in Noth und in „großer Gefahr.— Die Phiole der Zorn⸗ „wuth, ergießt ſich immer noch uͤber dieſes „verfallene Land. Fuͤr Dich beſteht noch „ein Wechſel, ein anderer Wechſel, der „wichtigſte Deines Lebens; wiewohl ich im entfernteſten nicht die gewaltige, die „verzweifelte Apoſtaſie moͤglich glaubte, „der Du Dich hingabſt. Mein Sohn, „einem gefallenen Koͤnige untreu werden! „doch der Wille des Himmels muß geſche⸗ „hen! Fuͤrſten, habe ich ſagen hoͤren, gleichen „himmliſchen Koͤrpern darin, daß ſie gute noder boͤſe Zeiten hervorbringen, zu großer „Verehrung anregen, aber keine Ruhe ha⸗ „ben. Der jezige Herrſcher mag die ſchlei⸗ „chende Weisheit der Liſt beſizen, welche „unſer lezter Koͤnig, geſegneten Andenkens, 2„ſo wahrhaft verachtete; weil aber nach „ Plato, alles Wißen nur im Erinnern be⸗ 105 „ſteht, ſo will ich mich mit dem Beden⸗ ren deßen troͤſten, was geweſen iſt, „nicht aber deßen, was jezt beſteht, und „auf Gott vertrauen bei dem! was kom⸗ „nZmen ſoll; ganz ſo wie die taͤgliche „Bewegung ihre Zeit einhaͤlt, dient Beo⸗ „bachtung ſowohl zur Rahrung der Weis⸗ nheit, als zur Verachtung irdiſcher Dinge. „Durch die Verwendung einer ungekann⸗ „ten, geheimen Gewalt ſoll meine vereh⸗ rungswuͤrdige Freundin, Lady Mary Po⸗ „wis, vollen Erſaz fuͤr die Beſchaͤdigun⸗ „gen erhalten, welche ihr Wohnplaz waͤh⸗ „rend den lezten, ſchaͤndlichen und verfluch⸗ „ten Volkswirren erlitt. Auch einen Ge⸗ „leitsbrief hat ſie empfangen, um ſicher „nach London reiſen zu koͤnnen und alle „ihre Angelegenheiten zu ordnen; und „weil ſie ganz im Geheimen reiſet, habe nich mir vorgenommen, ſie zu begleiten. „Mein Herz ſehnt ſich nach Deinem An⸗ „blicke, mein lieber, mein geliebter Sohn. „Ich wollte, daß ich Dich minder hoch⸗ nſchaͤzte;— daß ich mindern Werth auf „meinen Sohn, meinen einen, einzigen .„ Sohn ſezte!— daß ich ſein Bild eben 106 „ſo leicht aus meinem Herzen reißen koͤnn⸗ „te, als er das Schwerdt und die Farben „ſeines gnaͤdigſten, ſeines rechtmaͤßigſten „Koͤnigs von ſich warf. Aber nein, in je⸗ „dem Wiederhalle meines Weſens ertoͤnt „das ſuͤße Wort: Mutter! gar zu gern „moͤgte ich mein Kind noch einmal ſehen, „hoͤren, betrachten! Einmal?— ſchrieb „ich wirklich einmal?— Ach! wehe! „wehe!— Ich verſtand die Ewigkeit, „unter dieſem einmal!— Sage Dei⸗ „nem Vater, daß ich mir vorſeze, dieſe „Reiſe zu machen.— Er konnte es doch „nicht ſeyn, der ſich bei dem Koͤnige fuͤr „die arme Abtißin verwendete.— Ihre „Froͤmmigkeit verdient das hoͤchſte Lob, „und ſpornt meinen Eifer an; ſie traͤgt „ein Hemde vom groͤbſten Haartuch, zuͤch⸗ „tigt ihr Fleiſch, ſucht Buße und Stra⸗ „fe. Sie vereint mit mir ihre Liebe zu „Margrete.— Deinem Vater ſchulde ich „Dank fuͤr ſeine Guͤte gegen meinen Lieb⸗ „ling, den ich bitte, mir fuͤnfdraͤhtigen „Sammt vom glaͤnzendſten Schwarz, in „hinreichender Menge zu einem faltenrei⸗ „chen Anzuge auszunehmen, nebſt Allem, / 107 „was die Kleidermacherin ſonſt noch naͤ⸗ „thig haben moͤgte; denn obwohl ich nicht „an den Hof gehen will, muß ich doch „meinem haͤuslichen Anzuge, die gebuͤhrende „Aufmerkſamkeit zurichten.— Die heilige „Mutter verlangt ebenfalls einen Schleier „von auslaͤndiſchem Krepp und viele Ellen „koſtbaren Cambric, ſo daß Margrete der⸗ ngleichen im Hauſe bereit halten mag. „Und nun, ſchirme und beſchüze Dich „Gott, das bittet „Deine Mutter.“ Mit gemiſchtem Ausdrucke von Dank und Kummer empfing Margrete die Nachricht der bevorſtehenden Ankunft ihrer Freundin. „Ich mag undankbar und kaltſinnig erſchei⸗ nen, Oberſt Sydney,“ ſagte ſie,„aber ich zittere vor der Zuſammenkunft mit Ihrer Mut⸗ ter und der Abtißin. Mit ganz andern Geſin⸗ nungen, betrachte ich jezt die Gebraͤuche und Ceremonien Ihrer Kirche; dieſer iſt einer der Vortheile, welchen ich Roſalinde ſchulde, ſo wie auch die Geſpraͤche, welche Sie Beide oft daruͤber, in meinem Beiſeyn führten. Wie kann ich die Heuchlerin darſtellen? Wie vor⸗ geben zu empfinden, was ich nicht wirklich 108 empfinde? Wie dieſer Frauen Gluͤckſeligkeit un⸗ tergraben und mir die einzige Thuͤr ſelber ver⸗ ſchließen, die mir eine Zuflucht darbietet? 20 „Margrete wußte ſehr gut, daß eines der ſi cherſten Mittel, durch welches Frauen die Gefuͤhle der Maͤnner fuͤr ſich einnehmen köͤn⸗ nen, darin beſteht, von ihrem Vorſaze zu re⸗ den, ſich der Welt entziehen zu wollen. Es verfehlt die Wirkung nicht. Maͤnner und ganz beſonders junge Maͤnner, betrachten das, was man die Welt nennt, mit allem, was ſich da⸗ ran knuͤpft, als die hoͤchſte irdiſcher Segnun⸗ gen. Im guten Rufe bei der Welt ſtehen,— hohen Rang in der Welt genießen,— von der Welt geachtet werden,— Aufſehen in der Welt machen,— das iſt in allen Verzweigun⸗ gen des Mannes Ehrgeiz, von der Wiege bis zu ſeinem Grabe. „Eine Frau braucht nur davon zu reden, daß ſie den Freuden der Welt fuͤr immer zu entſa⸗ gen meint, ſo wird ſie allgemeines Geſchrei gegen ſich erheben, wird ein wirkliches und aus⸗ geſprochenes Mitleidsgefuͤhl in den Herzen aller ihrer maͤnnlichen Bekannten erwecken. Das wußte Margrete ſehr gut; auch ſpielte ſie ihhe Karte mit ungemein viel groͤßerer Geſchicklic⸗ 109 ‚keit, als man einer Neulingin haͤtte zutrauen ſollen. Sie gab ſich den Schein, die Geſell⸗ ſchaft des Oberſt Sydney zu vermeiden, zeigte aber zu gleicher Zeit die zarteſte Theilnahme an ſeinem Ergehen, befoͤrderte ſeine Liebhabereien und Behaglichkeiten; jederzeit war ſie bereit, Sir Everards Wuͤnſche zu erfüͤllen, und bemuͤhte ſich, ſeinen niedergeſchlagenen Geiſt aufzurichten und zu troͤſten. Sie trauerte mit ihm, nun Tag nach Tag verging, kein Brief, keine Kunde von Roſalinde, eintraf; die Stun⸗ de, in welcher die Briefe umhergetragen wur⸗ den, war fuͤr den Baronett eine recht ſchmerz⸗ liche; mit jedem Morgen ſchien die Hoffnung neu belebt und wurde mit jedem Abende wie⸗ der vernichtet; ſeine aͤngſtliche Sehnſucht ſchwaͤchte und untergrub ſein Wohlbefinden. Oefter als einmal, erſtiegen Zweifel an die Wahrheit von Margretens Ausſage, in ſeinem Gemuͤthe; die Thatſache jedoch, daß Roſalinde in Alicens Begleitung ſein Haus verlaßen hat⸗ te, und daß man ſeitdem nichts wieder von ihr gehoͤrt, war mehr als genug,— ſie war lener verderbende Mehlthau, der ſeine Hoff⸗ nungen ertoͤdtete. 3 Eines Abends hatte Baſil ungewoͤhnlich lange 11⁰ geweilt, hatte Margretens Harfentoͤnen zuge⸗ hoͤrt, ein weniges uͤber Religionsgegenſtaͤnde und ein weniges vom Einfluße der Geſtirne, und ein ganz geringes Wenig von Seelenſym- pathie geſprochen, als ihm gemeldet wurde, ſein Diener bitte, ihn ſprechen zu duͤrfen. „Bitt' um Euer Edlen Verzeihung,“ ſprach Allexander Jemmings,„aber noch nie habe ich Gunſt oder Gabe von Ihnen, oder von irgend 'nem Gentleman erbeten, ſo lange ich die Ehre habe, Soldat zu ſeyn; kreu und bedacht bei Tag und Nacht, war mein Sinnſpruch. Wer immer Koͤnig ſeyn mag, ich muß ihm dienen, denn des Sol⸗ daten erſte Pflicht iſt Gehorſam. Wem anders muß er folgen, als dem, deßen erſte Pflicht Befehlgeben iſt?— und ich halte dafuͤr, daß diejenigen, die dazu geboren ſind, ein beque⸗ mes Daſeyn haben, denn das iſt'n Ding, um vieles leichter zu erlernen, als das andere;— das iſt nun ſo mein Lehrſaz.— Was ich aber wünſche, Sir, ſehen Sie, das iſt'n Urlaub 111 fuͤr'ne Woche, oder vielleicht fuͤr zwei— ich habe meine Urſache dazu.“ „Urlaub?“ wiederholte Oberſt Sydney;„ſeht, Jemmings, dies iſt keine gute Zeit, den zu verlangen, wir muͤßen jeden Augenblick erwar⸗ ten, Befehl zum Aufbruch nach Irland zu be⸗ kommen. Auch ſehe ich nicht ein, wozu er Euch ſoll! und ich kann ihn nicht ertheilen.“ Schon wollte der Oberſt die Vorhalle wie⸗ der verlaßen, als Alexander ſein Haar nieder⸗ ſtrich und ſagte:„Bitt' um Vergebung, Herr Baſil, aber gekannt hab' ich Sie wie'nen Knaben,— und'n herrlicher Junge waren Sie, ruhig, freundlich, bedaͤchtig; doch das iſt nun nicht anders, Kenntniß von der Welt aͤndert uns Alle; und jezt werde ich von dem Jungen uͤbergeoberſtet, den ich auf meinen Ar⸗ men zu tragen pflegte. Inzwiſchen gefall's Euer Edlen, ich achte es nur ehrlich und billig,— Ihnen zu ſagen, daß, wenn Sie mir den Ur⸗ laub nicht geben, ich ihn nehmen will!“ Bafil ertrug viele der ſonderbaren Grillen ſeines Dieners mit der größten Geduld, doch. dies war faſt zu viel, ihn aͤrgerte und doch veluſigt ihn auch die Ruhe, womit der Menſch 112 ſeine Abſicht erklaͤrte:„ihn nehmen,“ ſagt er, „dann bereitet Euch auch auf die Folgen vor.“ „Ja, Euer Edlen, o ja, die Folgen kenne ich— erſchoßen werden iſt's ſchlimmſte; und wenn ich von meinem Urlaub zuruͤck bin, will⸗ ich lieber todt geſchoßen ſeyn, als nicht.“ „Ihr koͤnnt das nicht im Ernſt ſagen, Jem⸗ mings.“ „Doch, Euer Edlen; ſeit einiger Zeit bin ich ſets im Ernſt, denn wie der Dichter ſagt—, lieber will ich Eure Meinung hoͤren, als die vom Dichter,“ ſagte Baſil, der Jemmings angezogene Verſe fuͤrchtete. „Dank Euer Edlen ſius Kompliment; aber in Betreff vom Urlaub— „Wahrlich, man wuͤrde mir's im Haupt⸗ quartier verargen, wenn ich dieſen Euch zu⸗ ggeſtaͤnde; Ihr wißt gar nicht, wie ſehr das zu meinem Nachtheile gedeutet werden wuͤrde.“ „Nachtheil fuͤr Euer Edlen,“ ſagte Jem⸗ mings,„Gott ſoll mich bewahren, daß ich den verſchulde!. o nein! Gott ſegne Euch, Herr! einen treueren Diener, als Alerander Jemmings iſt, werdet Ihr niemals bekommen.“ Er wandte ſch a ab, doch gevahrte Baſt[Thraͤ⸗ nen in ſeinen Augen. 5 „„Mein armer Jemmings,“ ſagte er;„was iſt's mit Euch? Ihr werdet doch Eure Dro⸗ hung nicht in Erfuͤllung ſezen wollen?“ „Wenn's Gott gefaͤllt, ganz gewiß; ein Menſch kann nur einmal ſterben.“ 3 „Aber im Deſertiren iſt gar keine Ehre.“ „Nein, Ehre nicht;— aber waͤre es auch⸗ Schande, ich koͤnnt's nicht aͤndern. Es ſteht mir bevor, Sir, und thun muß ich's“ „Doch Alexander mag ſeine Geſchichte in ſei⸗ ner eigenen Weiſe erzaͤhlen. „Euer Edlen erinnert ſich gewiß der Zeit. als Miß Roſa verſchwand;— nun wohl, Herr Baſil, damals brachte Seiner Edlen, Sir Everard, die arme Cicely in's Haus; und der gute Burſche, der Ralph, dem die Haͤlfte von dem bischen Braͤgen, was er beſaß, durch Sergeant Pack'ihn und ſeine Leute gewißlich ausgeſchlagen iſt, ſagte mir, die Haushaͤlterin haͤtte ihr ein kleines, ſchmuckes Zimmer gegeben und behandle ſie gut. Aber, ſagt Ralph, ſie ſtirbt ab. Nun, Euer Edlen, Liebe iſt ein groß Geheimniß, wie Sie ſehen ſollen; denn was war mir das Maͤdchen?— und doch koͤnnt' III. 8 114 ich ſie nicht ſterben ſehen; konnte an nichts anders denken Tag und Nacht, Nacht wie Tag; alles ging mir verkehrt; auf die Parade kam ich zu ſpaͤt, hier zu fruͤh. Mein Degen⸗ koppel legte ich unrecht an und nahm mein Schwerdt, anſtatt meines Gewehrs. Nur allein an Cicely konnte ich denken! Zulezt bat ich Jung⸗ fer Schwarz, die Haushaͤlterin, mich zu ihr zu laßen, was ſie zuerſt— natuͤrlich genug, weil ſie'ne alte Jungfer iſt— ablehnte, mich verhoͤhnte und nichts davon hoͤren wollte; zu⸗ lezt aber ſagte ſie, daß Cicely, s' arme Ge⸗ ſchoͤpf, viel von mir geſprochen haͤtte und des⸗ halb wollte ſie mich nun in das Zimmer gehen laßen. Hundertmal habe ich dem Tod in's Ant⸗ liz geſchaut, Euer Edlen; unter Aechzen und Stoͤhnen hab' ich geſchlafen und bei mancher Amputation geholfen, und niemand konnte des⸗ halb ſagen,„Jemmings, Deine Wange iſt bleich!“ Aber niemals hab' ich gewußt, was Gefuͤhl waͤre, bis ich an dem Morgen, die kranke Cicely geſehen habe. Wie oft hab' ich im Neuen⸗Forſt gedacht, ihr Fuß ſey raſcher wie ein Reh, und ihre Stimme klinge fruͤh⸗ zeitiger und heller, als der Geſang der Lerche. „Damals war ſie noch halb Kind; ſie verbrachte 115 mehr als die Haͤlfte vom Tage damit, ſich Blumen in die Haare zu flechten, ihr Bild im Stromwaßer zu betrachten und am Ufer zu tanzen. Manchen Tag habe ich mich in die Brombeeren verſteckt, damit ich ſie vorbeikom⸗ men ſaͤhe, oder ihre Stimme hoͤrte, wenn ſie die wilden Lieder ſang, die ſie nicht ſingen wollte, ſobald ſie wußte oder glaubte, ich ſey in der Naͤhe!— Ein ſteinhartes Herz hatte ſie gegen mich; und doch, Euer Edlen wird mir verzeihen, hoffe ich, daß mein Herz nicht ſo gegen ſie war.“ Er ſchwieg und ſuchte ſeine tiefe Ruhrung zu verbergen; Baſil empfand mehr Mitgefuͤhl, als fruͤher der Fall zu ſeyn pflegte; nicht etwa weil der Eiſenmann anziehender geworden waͤ⸗ re, ſondern weil Baſil ſelber etwas von der beſchriebenen Bitterkeit gekoſtet hatte. Anderer Leiden erregen ſelten wahres Mitgefuͤhl bei uns, wenn nicht durch ihre Erzaͤhlung unſere eigenen Leiden uns zuruͤckgerufen werden. Jemmings fuhr fort:„S' hilft nicht, Euer Edlen damit quaͤlen; ich wuͤrde ſie nicht ge⸗ kannt haben, ſo veraͤndert war ſie; auf nie⸗ derm Bette ſizend, lehnte ſie ihren Kopf an die Wand, kleidete und entkleidete eine große 116 Strohpuppe, die ſie ihr Kind nannte; als ſie mich aber erblickte, riß ſie die Augen weit auf wie ſie ſonſt pflegte, ſchnipperte mit ihren knoͤ⸗ chernen Fingern und rief:„Alt⸗Vaͤterchen! Alt⸗Vaͤterchen! biſt Du's?“ Sie pflegte mich immer Alt⸗Vaͤterchen zu nennen, als wir fruͤ⸗ her noch zuſammen waren; ein huͤbſcher Name war's nicht, aber ſie hatte immer ſo ihre Lau⸗ ne. Nun, Herr, s' Lange und s' Breite da⸗ von iſt, daß Ralph und ich immer bei der Krankenwaͤrterin geblieben ſind, wenn ſie's er⸗ ‚lauben wollte— und wenn ſie uns nicht in's Zimmer kommen ließ, haben wir manche Nacht. vor der Thuͤr geſeßen; ſie ſprach recht viel wirre Dinge von Miß Roſa; weil die nun nicht zu haben war, ſo bat die Haushaͤlterin 1 V daß Miß Margrete zu ihr kommen und ſie ſer hen moͤgte, was die junge Dame auch recht freundlich that; aber ach! ſie bemerkte den Unterſchied augenblicklich, was ich auch ſo vor⸗ hergeſagt hatte,— und empfing ſie recht barſch, ſagte ihr viel Unziemliches, was Miß Mar⸗ grete jedoch nicht boͤs aufnahm, weil ſie ſagte, 8' Geſchoͤpf ſey nicht recht richtig und noch viel andere ſehr guͤtige Worte,— und oft hat ſie auch die Kranke wieder beſucht. Nun aber iſt 1 117- — die eigentliche ganze Sache dieſe: Cicely meint, daß ſie wieder beßer werden koͤnnte, wenn ſie in die Heimath gebracht wuͤrde,— s' iſt'ne Grille, aber ſie ſcheint ganz daran zu haͤngen; heute Morgen iſt ſie auch voͤllig vernuͤnftig ge⸗ weſen, ſpricht von Religion, hat'nen Pſalm geſungen, den ich ſie vor langer Zeit lehrte— lange iſt's ſchon her, dort im Forſte,— und recht ſanft hat ſie von ihren Suͤnden geſprochen und Gott um Vergebung ihrer Fehltritte ange⸗ fleht, und ſo dringend gebeten, ſie in die Hei⸗ math zu ihrer Mutter zu bringen. Nen ganz verkehrten Gedanken hat ſie ſich in den Kopf geſezt, daß, wenn ſie zum Forſte gelangen koͤnnte, Gott ihr die Jugend⸗Unſchuld wieder in ihr Herz pflanzen wuͤrde, damit ſie ſich den Himmel gewinnen koͤnnte; und dies iſt die Ur⸗ ſache, weshalb ich ſie dahin bringen moͤgte.“ „Was ſagt ihre Waͤrterin zu dieſem ploͤzli⸗ chen Sinnenwechſel?“ fragte Baſil. „Die iſt'ne alte Naͤrrin,“ ſagte Jemmings eifrig und roth durch ploͤzlich aufgluͤhenden Zorn;„die ſagt, was ſie gar nicht verſteht. Sie behauptet, daß ihr der Tod nahe waͤre; aber ſie luͤgt. Ich bitte Euer Edlen Verzeihung — ich wollte mich nicht ereifern aber's Blut 118 kocht bei'nem Menſchen auf, wenn er ſo grobe Unwißenheit mit anſehen muß,— als wenn ich's nicht viel beßer wuͤßte, als die. Da iſt ja Farbe zuruͤckgekehrt auf ihre Wangen, und ihre Augen ſind ſo hellglaͤnzend wie Sonnen⸗ blaſen auf dem Beaulieufluße, und den gan⸗ zen Tag hat ſie die Strohpuppe noch nicht an⸗ geruͤhrt, ſondern redet und predigt wie'n Prie⸗ ſier,— s' iſt ordentlich erbaulich ſie anhoͤren. Dem Tode nahe, wirklich!— die alte Kronik mag ſelber dem Tode nahe ſeyn!“ „Soll ich zu ihr gehen, ſie zu beſuchen, Jemmings? 58 ² „Ach Gott ja!— wenn Euer Edlen die Güte haben wollten.“ Sechstes Kapitel. Wenn todt ſie iſt, ſo hat ſie überſtanden Der Leidenstage lang gezog'ne Dauer, Verlaßen dann den Schauplaz bitt'erer Sorge, Wo ſelten nur Vergnügen, Weh' ſtets weilt. 9₰ 9* Und ſage Du mir, der ſo ſehr bewundertk, Dies bischen Dunſt, dies ſchwache Feuer⸗Glimmen, Das Leben wird genannt; was bringt's Dir mehr, Als wen'ge Jahre, von Geburt— bis Tod. Drummond. Weccher Anblick kann betruͤbender ſeyn, als die Kammer, in der die ſonſt frohe Jugend, am Tode liegt?— Ich kenne keinen. Der Tod wird als natuͤrliche Endfolge des Alters betrach⸗ tet; doch ganz anders iſt's mit der Jugend. Cicely war wirklich am Rande des Grabes und war ſich deßen bewußt; ihr bischen Vernunft war ihr gnaͤdiglich zuruͤckgegeben, zu einer 120 Zeit, in der ſie derſelben mehr als je bedurfte; auch ihr treuer Freund, Alexander Jemmings, bewies durch ſein veraͤndertes Ausſehen, daß großer Wechſel mit ihr vorgegangen war.— Das Kaͤmmerlein war niedrig und enge; hier waren keine Fenſtervorhaͤnge, kein kuͤnſtliches Licht; nichts, was dem Tode ſein Schrecken⸗ haftes benehmen, oder uͤber die verſcheidende Sterblichkeit ein taͤuſchendes Anſehen von Mode verbreiten konnte. Ein hochangebrachtes kleines Fenſter befand ſich im Zimmer, ein gruͤner Baum beſchattete es, ſonſt waͤre des Tages Licht zu ſchmerzlich hell hereingedrungen; aber Licht genug war im Gemache, um das Zucken der Geſichtszuͤge zu gewahren, waͤhrend die runzliche Waͤrterin, der Kranken das Haupt hielt. Die ganze Zuſammenſtellung bot viel Stoff zum Nachdenken dar; der Alten gierige, gold⸗verlangende Augen, betrachteten faſt nur den jungen Erben, durch ihre ungemeine Dienſt⸗ willigkeit ſchien ſie bei ihm den Eindruck erre⸗ gen zu wollen, ſie ſey eine ungewoͤhnlich ſorg⸗ liche und vorbedenkliche Perſon;— allerdings ſtuͤte ihr Arm die Kranke, doch ihr Auge forſchte nur nach Baſils Meinung. Cicelys Lip⸗ pen ſtanden geoͤffnet und zeigten ihre. perlenglei⸗ 121 chen Zaͤhne; ihr braunes glaͤnzendes Haar ru⸗ hete in dunkeln Maßen auf der rothen Bett⸗ decke. Ihr ſonſt rundes, frohes Geſicht hatte nun einen ſcharfen, gelaͤngten Ausdruck ange⸗ nommen; ihre Augen funkelten, flammten vie⸗ mehr in ganz ungewohntem Feuer. Augenblick⸗ lich erkannte ſie Baſil, dann winkte ſie Alexan⸗ der zu ſich und ſprach: 1 „Ich weiß es, Du gingſt, um Urlaub von ihm zu erbitten, damit Du mich zu meiner armen Mutter braͤchteſt; aber, Alexander, ich koͤnnte jezt nicht abreiſen; ich fuͤhle es,— eine Kaͤlte hat mein Herz ergriffen, preßt dieſes ſo ſtarr zuſammen, daß ich kaum noch ſprechen kann. Aber verlaß' mich nicht wieder, Alexan⸗ der; und wenn Herr Baſil ſich ſezen wollte, ſo moͤgte ich ihn um eine Gunſt bitten, die meinem gequaͤlten Herzen Ruhe geben wuͤrde. Ich ſollte mich ſchaͤmen, vor einem Herrn von meinem Kinde zu ſprechen, weil— weil— weshalb ſollte ein unverheirathetes Maͤdchen ein Kind haben?— und mir war's vorhergeſagt, daß der heilige Ring meinen Finger nie um⸗ ſchließen wuͤrde,— und das hat er auch nicht; aber das Kind war doch meines; und obwohl es begraben liegt, wo keine Biene im Son⸗ 4 122 nenſtrahle tanzt, wo kein Vogel ſingt, ſo moͤgte ich doch gern in ſeinem Grabe liegen, — dann hoͤre ich das Rollen von Wagen nicht, noch die Fluͤche boͤſer Maͤnner.— Nur laßt mein Leichtuch anſtaͤndig ſeyn; ein bischen beſ⸗ ſer, als es'nem armen Taͤnzer⸗Maͤdchen zu⸗ kommt.“. „Alles ſoll ſeyn, wie Du es wuͤnſcheſt,“ antwortete Baſil;„in Deines Kindes Grabe ſollſt Du begraben werden und Dein Leichtuch ſoll von weißem Muslin ſeyn.“ Einen Augenblick glaͤnzte ihr Auge freudig auf, ſie wiederholte:„von weißem Muslin! ach! moͤgte ich doch leben, um weißen Muslin zu tragen;“ dann verſank ihre Stimme wieder; „doch an dergleichen muß ich jezt nicht denken; an den ſchoͤnen Himmel muß ich denken, wo⸗ hin ich vielleicht komme.“ „Soll ich Deiner Mutter etwas ſagen? kann ich ihr eine Botſchaft von Dir bringen?“ Thraͤnen ſtuͤrzten aus ihren Augen; dann aber ſprach ſie mit einer Ruhe und Faßung, welche dem kraͤftigſten Geiſte Ehre gemacht ha⸗ ben wuͤrden: „Mein Bruder, der in fernen Meeren ge⸗ ſtorben iſt, hinterließ ein kleines Maͤdchen; —4 123 dies Kind iſt die Stuͤze meiner alten Mutter. Sagen Sie meiner Mutter, Herr Baſil, ſie ſoll dem Kinde die Lockenhaare abſchneiden, da⸗ mit es keine Schoͤnheit bekoͤmmt; denn ich habe in dieſer lezten Zeit mehr als einmal den Ge⸗ danken gehabt, daß ich haͤtte gluͤcklich ſeyn koͤn⸗ nen, ohne Schoͤnheit, und daß ich dann nicht haͤtte ſterben muͤßen, wie ich jezt ſterbe. Mag mir Gott verzeihen! Mag mir Gott verzeihen! Sag' es ihr, Alexander, ſag' es, und ich will Dich nie wieder Alt⸗Vaͤterchen heißen!“ Die Aermſte laͤchelte noch in ihrer lezten Stunde, als ſie des Namens gedachte, den ſie dem Soldaten gegeben, und der freudigen Luſt ihrer jungen Tage; der alte Kriegsmann mur⸗ melte ein Gebet, Baſil aber fuͤhlte ſein Herz ſo voll und ſchwer, und demuͤthig gebeugt,— daß es ihm mehr zur Ehre gereichte, als die Menſchen dergleichen NRuͤhrungen, in der Regel wuͤrdigen. „Noch eins, Herr,— ſagen Sie der Mut⸗ ter, daß ſie mein armes Lamm behuͤtet, das ich verlaßen habe; weit folgte es mir und bloͤckte durch den Forſt, und ich weiß noch, daß ich Jock Dean einen Pfennig dafuͤr gab, daß er's nach Hauſe bringen ſollte.— Und Miß Roſa⸗ 124 linde, meinen Segen uͤber ſie!— Ach, Herr Baſil, ich ſah es an, als ich,—— aber ſag', Alexander, fehlt Miß Roſen etwas?“ Der Wechſel, welchen das Nennen ihres Na⸗ mens bei Baſil hervorbrachte, war zu erkennbar; ſogar das ſterbende Maͤdchen mußte ihn er⸗ blicken. „Ach!“ hob ſie wieder an,„es ſind meine Augen, alles dreht, und wendet und wirbelt in ſoͤnderbarer Weiſe!— Gottes Wille geſche⸗ he!— ich ſterbe,— ſterbe.— Alexander, willſt Du mir verzeihen.— Die Sorge und den Kummer, und Alles?— Und, Alexander, ſollteſt Du ihn jemals wieder treffen, dann ſag ihm, daß ich ihm Alles verziehen habe, Alles— nur den Schlag nicht, den er meinem Kinde gab.“ „Cicely, Du mußt Alles vergeben, ſo wie Du auf Vergebung hoffſt,“ ſagte Baſil. „Muß ich?— muß ich das wirklich?— Nun dann,— wohlan,— ich verzeihe ihm von ganzem Herzen; Alexander, hadre Du nicht mit ihm.— Herr Baſil, fragen Sie Miß Roſa, welche kleine Muͤnze es iſt, die ſie im Buſen traͤgt, und wo ſie die bekam!— Ach, Herr Baſil, erinnern Sie ſich an die 125 —— kleine Muͤnze, welche Sie der Bettlerin am Wege zuwarfen, wofuͤr Sie ſie hielten, als Ihr Zug vorbei kam, alles in Gold, Treſ⸗ ſen und Stickerei?— O wie das in der Sonne erglaͤnzte, und wie feſtlich ſchoͤn Sie ausſahen! — Damals ſtand ſie hinter einem Baume, und ich hinter dem andern;— doch ich werde keinen Feſtzug mehr ſehen— keine Muſik mehr hoͤren.“ Nun faltete ſie ihre Haͤnde, verſchloß ihre Augen und ſchien zu ſchlafen. Baſil wollte fortgehen; doch ſeine Guther⸗ zigkeit ward durch Jemmings tiefe Bekuͤmmer⸗ niß angeregt, der wie ein Kind, oder vielmehr wie ein Mann im bitterſten Leiden, ſchluchzte und weinte; ſein langer, geſtaͤhlter Koͤrper zuckte krampfhaft, als er des ſterbenden Maͤdchens Hand nahm und in der ſeinigen feſthielt.— Ploͤzlich ſchlug ſie unter heftigem Zuſammen⸗ ſchaudern ihre Augen auf und rief: „Das Fenſter!— oͤffnet es,— hebt mich hinauf. O nur einen Athemzug in der Forſt⸗ luft!“— Sie warf die Decke von ihrer Bruſt, die ſich in den lezten Zuckungen hob; Baſil oͤffnete das Fenſter und ſuchte mit Huͤlfe der Waͤrterin ſie hinan zu heben;— Alexander ſtand ſo huͤlflos da, wie ein Kind. „Sprich zu mir, Alt⸗Vaͤterchen!— Ich ſehe Dich nicht;— aber ſag, daß Du mir ver⸗ zeiheſt,— daß Du aller Welt verzeiheſt;— Herr Baſil— mein Lamm— meine Mutter — das Leichtuch— was Sie verſprachen.“ Ihr Haupt ſank zuruͤck, als Alexander Jem⸗ mings noch einmal ihre Hand erfaßen wollte. Ihr eitler, irrender Geiſt, war fuͤr immer ent⸗ ſchwunden! 8 In dieſer Nacht wachten zwei Leidtragende bei der Leiche des Taͤnzermaͤdchens; denn wie⸗ wohl drei Perſonen ſich im Zimmer befanden, waren doch nur zwei davon, die Trauernden.— Nachdem die Waͤrterin die abgezehrten, zarten Gliedmaßen anſtaͤndig geordnet und mit dem Muslin⸗Leichtuche umhuͤllt hatte, welches Cice⸗ ly's lezte Athemzuͤge noch erbaten, ſezte die ſich, um zu ſchlafen. Ralph Bradwell aber und der treuliebende Kriegesmann blieben einander ge⸗ genuͤber ſtehen, blickten der Leiche in's Antliz, oder einer den andern an. Ralph hatte Blu⸗ men gebracht, die er auf ihr Polſter ſtreute; friſch und ſchoͤn waren dieſe Blumen; doch ihre Geſichtszuͤge zeigten nicht den Ausdruck von 4 127 Ruhe und Frieden, den Fruͤhverſtorbene ſo haͤufig im Tode bewaͤhren; ſie zeigte Sorge, ihre Stirn war gerunzelt, die Lippen zuſam⸗ mengepreßt.— Die Waͤrterin hatte ihr Haar ganz zuruͤck geſcheitelt, doch bei kleinem zerrte Jemmings dies hervor, bis es uͤber beiden Schlaͤfen kleine Locken bildete. „Iſt's ſo nicht beßer?“ fragte er Ralph, „faſt koͤnnte ich mir einbilden, ſie liege im ver⸗ ſtellten Schlafe, wie ſie es oft vor ihrer Mut⸗ ter Thuͤr zu thun pflegte, wenn ich bat, ſie ſollte mit mir irgend wohin gehen, und ſie nicht Luſt dazu hatte.“ „Ich denke mir,“ ſprach Ralph,„daß weil ſie ſo eigenſinnig war, koͤnnen's wohl alle die Widerreden ſeyn, welche die Kerle ihr vorſag⸗ ten, die ihr das Herze brachen, denn ich hab's gehoͤrt, daß bei Frauensleuten ſo was ge⸗ ſchieht.“ „Eigenſinnig! wer hatte auch beßeres Recht, eigenſinnig zu ſeyn, als Cicely?“ rief Jem⸗, mings aus.„War ſie nicht Alles, was eines Mannes Herz nur verlangen moͤgte? voll un⸗ ſchuldiger Froͤhlichkeit, und quaͤlte kein lebendi⸗ ges Weſen, als nur mich allein! und ach! Ci⸗ cely! Cicely— mein Entzuͤcken waͤr's geweſen a 128 — mein Stolz— Deinen Launen zu froͤhnen, Dir zu dienen, ſo lange ich lebte; die Som⸗ merſonne haͤtte Dich nicht brennen, der Win⸗ terhauch Dich nicht verlezen ſollen!— Aber was hilft's!— Du waͤhlteſt Deinen eigenen Pfad,— und der war dornenvoll, rauh und beſchwerlich. Jezt aber biſt Du todt;— ganz todt hier vor eben den naͤmlichen Augen, die mit Freude ihren eigenen Tod haͤtten herankom⸗ men ſehen, um Dich vor Leid zu behuͤten!“ Jemmings verdeckte ſein Antliz, nach einer guten Weile ſprach Ralph:„Tod iſt doch ein ſonderbar Ding! Ich weiß nicht, warum die Leute ihn ſo fuͤrchten, er iſt doch ganz ruhig; wunderbar iſt's auch mit anzuſehen, wie we⸗ nig die Menſchen ſich daraus machen, unſchul⸗ digen Voͤgeln und Thieren das Leben zu rau⸗ ben, was ſie Vergnuͤgen nennen. Und wie ſie doch voll Angſt und Schrecken ſind, wenn ihre eigene Zeit koͤmmt. Manchen Vogel hat der Herr in Frreiheit geſezt, weil er nicht toͤdten wollte; ihn muß der Tod ſanft treffen, denn er hat ſo viele verſchont.“ „Davon bin ich gewiß, daß ſie in ihrem Leben nichts getoͤdtet hat— nicht einmal ein junges Hüͤhnchen,“ ſagte Jemmings,„und —. — 129 doch käm ihr der Tod ſo fruͤh und ſo quaͤ⸗ lend.“ „Fruͤh, doch nicht quaͤlend,“ ſprach Ralph. „Doch, doch! hier iſt das Merkmal auf ihrer weißen Stirne; ich habe mich bemuͤht, es fortzuglaͤtten;— denn ich liebe es da nicht.“ „Zuͤrne nicht, Jem,— aber ich meine, ˙s iſt'ne himmliſche Barmherzigkeit und Gnade, daß ſie davon iſt. Sieh nur, wie friedlich ſie hier liegt, und dann denk' an das Leben, das ſie gefuͤhrt hat,— eine Taube in Begleitung von Habichten und Falken— ein Auswurf, fortg eſchleudert auf den Dunghaufen der Erde.“ „Und wie ſollteſt Du das mindeſte davon wißen?“ entgegnete der Andere,„ich kann die Barmherzigkeit und Gnade nicht gewahren,— mindeſtens fuͤr mich iſt's keine;— ſieh hier! ich bewahrte mir eine Roſe, die ſie mir gab, oder vielmehr,— denn hier uͤber ihrer Bahre moͤgte ich keine Luͤge ſagen— die ſie mir ein⸗ mal im Unmuthe zuwarf. Ich bewahrte ſie, hier iſt ſie; verwelkt und verwittert genug; aber nun frage ich Dich, Ralph, glaubſt Du, daß ich die Roſe weniger lieb habe, weil ſie vertrocknet und verſchrumpft iſt?“ „Das glaube ich nicht von Dir, Mann; öäI. 9 I N 13⁰ aber zu Deiner Frau wollt'ſt ſie doch nicht ge⸗ macht haben?“ „Wollt' ich nicht? ſchau, Meiſter Bradwell, ich habe die Welt geſehen; und es gibt manche Madame darin, die ihr Haupt hoch traͤgt, und die uͤber die armen Geſchoͤpfe die Naſe ruͤmpft, die im Elend ſind, oder die's nicht beßer wiſ⸗ ſen, oder durch boͤſen Rath oder Betrug auf die Straße gekommen ſind; und doch iſt viel⸗ leicht eben dieſe prunkende und ſittenpredigende Madame vielleicht ſchlimmer,— ja heimlich hundert mal ſchlimmer, als meine arme Ciß. Waͤre ich Sergeant geweſen, als ſie mich zu⸗ erſt kannte, es waͤre anders gekommen.“ „Ja, von wegen der ſchoͤnen Treßen!“ ſagte Ralph. 3838 „Eben das,“ erwiederte Jemmings,„und Niemand kann ſagen, es waͤre gottloſer, ſich durch'ne Kleinigkeit von goldener Treße fan⸗ gen zu laßen, als durch'ne Menge Goldmüun⸗ zen; nur ſo viel habe ich mir herausgemerkt, daß ein Mann, der'ne Hammelskeule ſtiehlt, an die Hellebarden aufgebunden und gepeitſcht wird, wenn er aber'n Koͤnigreich ſtiehlt, ſo ſchlagen ſie ihn zum Ritter und Helden.“ „Daz mag wohl ſeyn,“ entgegnete der ein⸗ —j— 131 —— faͤltige Ralph,„Frauensleute ſind aber doch ſonderbare Kre'turen; wer haͤtt's jemals denken ſollen, daß Miß Roſa——“ „Horch! da toͤnt ein Neuigkeits⸗Horn!— Dann iſt's alſo wahr, was ſie heute geſagt haben, Koͤnig Jakob iſt in Irland gelandet.“ Das Horn des Ausſchreiers kreiſchte von der Straße durch die Fenſter herein, und ſchreckte Manchen aus ruhigem Schlafe auf. „Cicely wird's nicht erwecken,“ ſeufzte der Sergeant. „Nein,“ erwiederte Ralph,„aber manchen Soldaten wird's wecken. Ich wollt's ſchickte uns heim, in den Forſt.“ „Einmal hab ich auch, und nur zu oft, an den Forſt, als an meine Heimath gedacht;— doch der Gedanke iſt fort; jezt wuͤnſche ich mir nur ein Soldatengrab.“ Der Ton des Horns entfernte ſich jezt. Al⸗— lerdings war die Kunde eingegangen, daß Ja⸗ kob entſchloßen ſey, ſeine Irlaͤndiſchen Beſizun⸗ gen zu behaupten, ſollte man ihm ſeine Engli⸗ ſchen auch rauben; bei Anbruch des folgenden Morgens, war London in ſo großer Verwir⸗ rung, als waͤre er in der City wieder erſchie⸗ nen.— Dieſer wirrende Aufruhr dauerte mehre 132 — Tage; Jemmings war fortwaͤhrend mit Baſil peſchaͤftigt, der ſehnſuͤchtig, wiewohl mit we⸗ niger Ausſicht des Erfolges, auf Anſtellung harrte. Doch fand der ehrenwerthe Sergeant noch Zeit, Cicely's Gebeine zu beſtatten,— ſie ne⸗ ben ihrem Kinde einzuſenken und ihr Grab mit Blumen zu beſtreuen. Die Liebe, welche dieſer ſonderbare und rauhe Menſch dem Ge⸗ gegenſtande ſeiner erſten und einzigen Anhaͤng⸗ lichkeit bewaͤhrte, war eben ſo rein, als ſelten; ſelten waͤre ſie bei jedem Manne geweſen,— aber hoͤchſt ſeltſam war ſie bei einem ſo unge⸗ bildeten Gemuͤthe;— ſie war ein koſtbares, ein zartes Juweel in Gußeiſen gefaßt; eine Gemme eingerahmt in groͤbſtes Schnizwerk, doch wird der Werth dieſer koſtbaren Liebe, die der gutmuͤthige Sergeant der ungluͤcklichen Cicely bewaͤhrte, weder durch Faßung, noch Einrahmung vermindert. —³— 133 Siebentes Kapitel. Haſt verachtet meine Zähren, Zürn' mir nicht, laß auf dem Stein' ſie gewähren;) Nur allein Dich zu beweinen, forthin taugen Alſo laß ſie thränen— meine Augen; Wollt'ſt zwar nimmer, ihnen Troſt verleih'n, Doch nicht grolle, daß ſie Deinem Weh' ſich weih'n. Drummond. Im Eingangsthore zum ſchwarzen Schwan ſtand der treffliche Druckherr und verbeugte ſich mit allen Zeichen aͤußerer Verehrung, vor Sir Patrik Hume, deßen Diener ihn mit den Pferden in der Straße erwartete. „Es iſt ein ſchoͤner Auftrag, ſehr ſchoͤner Auftrag,“ ſprach der brave, aber ſorgliche Schotte,„ſieben Tauſend dieſer Manifeſte.— Und dann noch der Druck fuͤr die Regiments⸗ buͤcher. Aber vergeßt nicht, Mann,— vergeßt 134 nicht,— daß Ihr ſie der Regierung nicht an⸗ rechnen duͤrft, als wuͤrdet Ihr niemals Zah⸗ lung dafuͤr bekommen.— Wir bezahlen un— ſere Schulden, und das in mehr als einer Art;— wie Herr Braun!“ „Wahrlich, Herr, Ihr redet die Wahrheit!“ „Jezt iſt nicht, durch Hinterpforten herein⸗ ſchluͤpfen und im Dunkel der Nacht durch die Straßen ſchleichen, um unſere eigenen Plakate anzuheften, weil wir nicht wagten, unſere rechte Hand wißen zu laßen, weßen die Linke ſich ſchuldig machte.“ „Damit wir nicht links liegen gelaßen wuͤrden;“ laͤchelte Meiſter Braun und verbeugte ſich ſcherzhaft. „Ein Treffer bei Sankt Andreas! kommt, guter Herr,'s iſt nicht das erſtemal, daß Ihr 'ne Prieſe aus meiner Molle nehmt,“ dabei zog er ſeine in Gold gefaßte Schnupftabaks⸗ doſe, geziert mit einem praͤchtigen Topaſe, hervor, und waͤhrend der Drucker ehrfurchts⸗ voll die dargebotene Hoͤflichkeit entgegen nahm, tupfte er auf den Stein und fuhr fort:„doch haͤtte mir dieſer da, faſt mein Leben gekoſtet.“ „Wie ſo, werther Herr?“ fragte Braun. „In Southhampton, ich wartete dort auf 135 ein Bund gelbe Lilien, die uͤber's Waßer kom⸗ men ſollten; und ein ganzer Rudel von uns hatte nichts zu leben, als geraubte Heringe und aufgeſammelte Schaalthiere. Ich wahrſagte, bis ich beinahe am Schandpfahl ausgeſtellt waͤ⸗ re, und zulezt meinte ich, es ſey gut, meine Schnupftabaksdoſe zu verkaufen, weil ich doch keinen Heller hatte, um mir'ne Prieſe anſchaf⸗ fen zu koͤnnen. So trampelte ich denn zu einem Juwelier in ſeinem Laden; aber waͤhrend ich, natuͤrlich in Verkleidung, mit dem noch um den Preis dang, kam zu meiner nicht geringen Ueberraſchung und mir hoͤchſt ungelegen, eine Schottiſche Muhme meines Vaters herein, die meine Doſe eben ſo gut kannte, als ihre eigene Hand. Sie ſprang darauf ein, erklaͤrte mich im breiten Schottiſchen Dialekte fuͤr den Dieb, der„Sir Patrick Hume ſeine Molle gefingert haͤtte.“ Dieſer Wink war zu deutlich, um zu⸗ ruͤckgewieſen zu werden. Augenblicklich argwohnte der Juͤwelier, daß wenn die vor ihn ſtehende Frau in rother Kopfhaube, nicht Sir Patrick ſelber waͤre, er und ſie doch eine Sippe ſeyn muͤßten; mir blieb nichts uͤbrig, als Ferſen⸗ geld zahlen, das that ich, ließ meine Molle im Stiche, und rannte wohl ſechs wirkliche Frauen bei meiner gefahrvollen Flucht zu Boden.— 136 Seitdem bin ich zu dem Schurken gegangen und habe meine Reliquie zuruͤckgefordert, die er mit zitternder Hand auslieferte.— Wenn Entdeckung mit Gefahr droht, iſt das Gewiſ⸗ ſen ungemein wach.— Dieſes Menſchen Ge⸗ wißen und meine Doſe hatten recht friedfertig und vergnuͤglich mit einander geſchlummert, bis er entdeckte, wer ich war; dann aber haͤtten Sie den Heuchler hoͤren und ſehen ſollen, Herr!“ „So wahr ich lebe!“ rief der Drucker, der zwar mit den Ohren zugehoͤrt, mit ſeinen Au⸗ gen aber zugleich die Zeilen in der geſchriebe⸗ nen Urkunde, uͤberzaͤhlt hatte,„auf beſtem Pa⸗ pier in der Weiſe von Staatsanzeigen oder großen Anſchlagzetteln, wenn ich die unter⸗ ſtrichenen Stellen in Italiſchen Lettern und Seine ſo wie Ihre Majeſtaͤt, in roth drucken ſoll, wie das geſchehen muß,— kann ich die Tauſend Stuͤck, nicht unter fuͤnf Pfund liefern. Der Arbeitslohn iſt ſo ſehr geſtiegen, daß nicht wenig dazu gehoͤrt, Salz zu verdienen, ge⸗ ſchweige Brod. So gewiß ich lebe, Sir Pa⸗ trick, ich ſpreche die Wahrheit. Ich weiß, daß mir große Ehre widerfahren iſt, ſeitdem ich des Koͤnigs Drucker wurde und das Alles; — — 137 aber Du, mein großer Gott! Ehren ſind ge⸗ waltig koſtſpielig, wenn nicht große Geldmittel dabei kommen. Wir ſind genoͤthigt, noch'ne Dienſtmagd zu halten; Frau und Tochter brau⸗ chen jezt zwei Kleider, wo ſonſt eines hinreich⸗ te. Und, lieber Gott, das iſt's noch nicht alle! die Lehrlinge bei des Koͤnigs Drucker wollen ſo nicht arbeiten, als ſie fuͤr den ſchlichten Daniel Braun zu thun pflegten.“ „Sehr wohl, wie's iſt,“ bemerkte Sir Pa⸗ trick ſtrenge;„auch Ihr gehoͤrt zu den Unzu⸗ friedenen! Beim Himmel! Herr, es gibt Men⸗ ſchen, die, kaͤme die Sonne zur Erde herab, auch nach der Ankunft des Mondes ſchreien wuͤrden.“ „Wahrlich, Euer Edlen duͤrfen mich nicht ſo ſtrenge beurtheilen,“ erwiederte Braun;„ich weiß, daß es Leute giebt, die ſagen, daß Volkshaufen die Leitern waͤren, auf welcher große Maͤnner zur Gewalt emporſteigen; doch dergleichen ſage ich nicht.— Eine Revolution i*ſt gleich dem neumodiſchen Dinge, was meine Tochter'nen Engliſchen Tanz nennt;— in der Mitte hinab, wieder herauf und Plaͤze ge⸗ wechſelt, das iſt's Ganze bis zum Ende vom Kapitel.“ ———— 138 „Es iſt wunderbar,“ murmelte der nachhe⸗ rige Earl von Marchmont bei dem Beſteigen ſeines Pferdes,„wie viele Conſtituenten ſogar durch Erfolg verloren gehen! Die groͤßte Goͤn⸗ nerſchaft reicht nur in ganz geringer Weiſe da⸗ zu hin, wahre oder eingebildete Anforderungen zu befriedigen; getaͤuſchte Erwartung iſt aber unter allen Dingen dasjenige, welches den Freund am leichteſten zum Feinde macht. Kein Menſch glaubt die empfangene Belohnung, ſei⸗ nem Verdienſte angemeßen. Der gute Drucker hat gar keinen Begriff vom Umfange ſeiner Unzufriedenheit; obſchon er reichlich belohnt worden iſt, Ehrenbezeugungen empfangen hat, die ſeinen vor ſechs Monaten ausgeſprochenen Wunſch weit uͤbertreffen, ſo muͤßte ich mich doch ſehr irren, wenn er ſein Leben zum zwei⸗ tenmale fuͤr Naßau's Sache wagen ſollte.“ Sir Patrick urtheilte ganz richtig. Es giebt ſehr wenige Menſchen, die am Ende einer Re⸗ volution genau ſo handeln moͤgten, als ſie bei deren Anbeginn thaten. 1 „Da zieht er hin, ſo ſtolz wie'ne Zeder vom Libanon,“ ſagte Alexander Jemmings, auf der Schwelle von Braun's Hausthuͤre harrend und mit ſeinen Augen dem freiherzigen Baro⸗ 139 nekt folgend, der die Straße hinabritt;„furcht⸗ los und frei reitet er. Nun, s' iſt fuͤr Manche gut, daß er ſeine Verkleidung abgelegt hat, denn er liebte uͤbermaͤßig allerlei Taſchenſpielere kuͤnſte und Taͤuſchungen; machte die Maͤdchen verruͤckt mit Mythologie, Aſtronomie und ſo dergleichen;— aber ich glaube nicht, daß er jezt viel gluͤcklicher iſt; recht wunderſam iſt's, daß jezt alle Leute ganz ſo wieder erſcheinen, als ſie vor der Revolution zu ſeyn pflegten. Allerdings ſind einige Wenige in die Hoͤhe ge⸗ kommen, aber ſehr Viele auch hinab. Ich glaube wirklich, jedes Menſchen Pfad iſt von Natur ſo geebnet, wie's Bohrloch von'ner Buͤchſe, wenn er's nur einſehen koͤnnte; erſt durch ſchlechte Anwendung wird's rauh.“ Mit dieſer nicht unweiſen Bemerkung ward Alexander, der vorhin ſchon die Klingel gezo⸗ gen hatte, eingelaßen, doch zum Meiſter Braun geiangte er erſt nach einer Zeit, die den Ser⸗ geanten ein wenig zu lange duͤnkte, um auf Seiner Majeſtaͤt Drucker zu warten. Wiewohl Herr Braun klagte, war doch ein ſichtbarer Wechſel ſeiner Umſtaͤnde eingetreten, ſo daß Einige argwoͤhnten, Andere ſogar an⸗ deuteten, ſeine Anſtellung ſey kein leerer Ti⸗ tel. Allerdings war zu dem Koͤnigs⸗Wappen uͤber ſeiner Thuͤr mehr Gold verwendet, als zum Ausmuͤnzen von achtzig Gnineen und noch einigen Sieben⸗Schilling⸗Stuͤcken gedient haben wuͤrde, wenn wir anders der Verſiche⸗ rung von Mutter Maggs, glauben duͤrfen, aber Mutter Maggs— bellaͤufig geſagt, keine Mut⸗ ter, ſondern eine alte, ausgetrocknete Jungfer — war eine bekannte Klatſcherin, der man nicht leicht glaubte, wiewohl dieſer Umſtand das Weiterverbreiten ihrer Angaben gar nicht verhinderte. Madame Braun hatte ihre gebluͤm⸗ ten Zitze abgeſchafft, trug Paduaſoy und an⸗ dere Modekleider alltaͤglich. Ihre Manſchetten waren von feinen Spizen, ihr Faͤcher wuͤrde heutiges Tages eine unſchaͤzbare Aneignung fuͤr die alte Amme im„Romeo“ ſeyn. Dieſe wa⸗ ren ſaͤmmtlich Anzeichen eines Wechſels, was aber die„Schlaukoͤpfe“ voͤllig in ihrem Glau⸗ ben, an veraͤnderte Umſtaͤnde beſtaͤrkte, war, daß die treffliche Frau bei ihres guten Mannes Ab⸗ weſenheit unter dem Pfande des Geheimnißes eine goldene Schnupftabaksdoſe vorzeigte, mit vielfarbigen und, wie man vermuthete, ſehr koſtbaren Edelſteinen beſezt, in deren Mitte Seine Majeſtaͤt William der Dritte, ganz ſo 141 grimmig, in voller Hollaͤndiſcher Uniform ſaß, als die Natur ihn gemacht hatte. Frau Braun wollte nicht ſagen, weßen Geſchenk dieſe Doſe ſey; doch laͤchelte ſie, winkte und laͤchelte wie⸗ der, bis jedermann glauben mußte, William. ſelber habe ſie geſchenkt. Die Einzige in der Familie, die durch ver⸗ mehrten Reichthum ſich nicht gluͤcklicher gewor⸗ den fuͤhlte, war Rachel. Ihr mangelten nicht goldene Ketten, noch Hollaͤndiſche Ohrringe, noch rothe Schuhe mit hohen ſchwarzen Ha⸗ ken; in ihrem Haare blizten Juwelen genug und Ringe ſchmuͤckten ihre Finger. Ihren Va⸗ ter hielten die Leute in der City, fuͤr einen Mann von wunderbarer Geſchicklichkeit und tiefer Weisheit, weil er Erfolg gehabt hatte; Rachel ſelber war zur Groͤße einer City⸗Schoͤn⸗ heit erhoben und galt fuͤr eine reiche Erbin; aber troz ihres zur Schau geſtellten, oder auch verheimlichten Prunkes, war die arme Rachel⸗ traurig und niedergeſchlagen; ſie las die Ge⸗ dichte von Richard Lovelace, ließ ihre Blumen ohne Waßer, damit ſie nur den Vorwand habe, uͤber deren verdorrte Pracht zu trauern; trank Weineßig, um ſich duͤnn zu machen; gewann eine ganz unpoetiſche Erkaͤltung bei 142 — ihrem Anſchauen des ſilbernen Mondes, in. deßen Strahle ſie auf den Bleirollen in ihres Vaters Druckerei ſaß.— Was ihre Mutter aber mehr als alles Uebrige beunruhigte, war, daß Rachel weinte, flehte und bat, als ihr Vater davon ſprach, eine Villa in der Naͤhe von Tottenham⸗Court⸗Road zu beziehen; im ſchwarzen Schwan ſey ſie geboren, im ſchwar⸗ zen Schwan wollte ſie ſterben; und an dieſem Abende trieb ſie„ihr Maulen,“ wie ihr Maͤd⸗ chen es nannte, ſo weit, daß ſie in einer um fuͤnf Uhr beginnenden Geſellſchaft, ſich weigerte, mi des Lord⸗Mayors Sohne zu tanzen! Hatte man jemals dergleichen gehoͤrt? Das machte ihren Vater verdroßen und brach ihrer Mutter das Herz. Die Urſache war aber, daß Herr Braun, als er ihre Zaͤrtlichkeit fuͤr einen ge⸗ wißen Lehrling zunehmen ſah, den Beſchluß faßte, dieſen einem ſehr wuͤrdigen Bruder Drucker in Orford zu uͤberſchicken, wo der junge Mann unbezweifelt viele Vortheile genoß, die er in London nicht hatte. Braun richtete das mit gewohnter diploma⸗ tiſcher Geſchicklichkeit aus; er war wirklich, wie ſeine Frau ſagte,„ein wahres Wunder von'nem Manne“ in der lezten Zeit gewor⸗ 143 den; es bedarf aber nicht geringe Anſtelligkeit, um dem Scharfblicke Liebender zu entgehen. Der junge Menſch war von des Druckers Gunſt abhaͤngig; es blieb ihm nichts anders uͤbrig, als ſich zu unterwerfen und ſeine neue Heimath mit dem ganzen Bedauern aufzuſu⸗ chen, welches durch das Verlaßen ſeiner Ge⸗ liebten, erzeugt werden mußte. Braun ſtellte ſich, als gewahre er nichts, argwoͤhne nichts; Nachel ruͤhrte ihr Fruͤhſtuͤck nicht an, aß nicht zu Mittag! Vergebens war ihr Auge roth geweint,— Braun ſah nicht, oder wollte nicht ſehen. Nur einmal ſchien er zornig, als er einige ſchlecht buchſtabirte Reime fand, Erzeugniße des Gehirns ſeiner Tochter. Er ging im Zimmer auf und nieder, hoͤrte mit ſchweigender Verachtung ſeiner Frau Be⸗ merkungen uͤber den Genius ihrer Tochter an. „Gottes Welt, Frau,“ ſagte er zulezt; „glaubſt Du, ich moͤgte ſie in'ner Grube ſterben ſehen? Meinſt Du, ich moͤgte ſie in ner Dachkammer am Leben wißen?— Buͤcher drucken iſt ein guter Brodverdienſt, wenn zu⸗ verlaͤßige und verantwortliche Leute ſie herlie⸗ fern und'nen angemeßenen Verdienſt dafuͤr 144 ſichern; aber ſie ſchreiben, iſt ein ganz ander Ding! Ich will's heilen, das will ich!“ Auf der Stelle ging er hinab und entließ Rachels Maͤdchen und Vertraute; wahrſchein⸗ lich bedachte er dabei, daß Muͤßiggang der Liebe Amme waͤre, und wenn er ſeiner Tochter mehr Beſchaͤftigung gaͤbe, ſo wuͤrde ſie das vom traurigen Nachſinnen abhalten. Nach dieſer Abſchweifung muͤßen wir zuruͤck zu unſerm Freunde, den Sergeant Jemmings; der Drucker erkannte ihn, und obwohl ſeines Herrn Beſuche ſeit laͤngerer Zeit ganz aufge⸗ hoͤrt hatten, begruͤßte er den Diener doch mit einer Freundlichkeit, welche zur Haͤlfte Ergeb⸗ niß vielen Wohlwollens iſt, zur Haͤlfte aber aus dem Wunſche herruͤhrt, Zufriedenheit zu erwecken.. „Ich bitte Euer Edlen Vergebung,“ ſagte Jemmings mit einer Verbeugung,„weil wir aber unter Marſchordre ſtehen, bin ich ſo frei, zu Euch zu kommen; ich weiß nicht, in wel⸗ cher Minute wir nach Irland muͤßen, wo die Papiſten alle Wilde ſind, und wie ich gehoͤrt habe, todte Leichen mit Haut und Knochen verzehren, wie'n Chriſt'nen Radies verſpeiſet. Meines Herrn Vater, Sir Everard, wird ge⸗ 145 wiß in wenigen Tagen zum Forſt zuruͤckkehren und dann iſt niemand da, der nach'nem klei⸗ nen Geſchaͤfte ſehen koͤnnte, was ich grade un⸗ ter Haͤnden habe; wenn Ihr aber ſo gut ſeyn wollt, es auf Euch zu nehmen, ſo wuͤßt' ich gewiß, daß es gut ausgerichtet wuͤrde; und denn waͤre ich zehnmal mehr Mann, als ich jezt bin.“ Recht guͤtig gab Braun die Verſicherung, thun zu wollen, was er koͤnne; hierauf zog Alexander aus einem großen, rothledernen Ta⸗ ſchenbuche verſchiedene Papiere hervor, ſuchte eines davon aus und gab es dem Druckherrn. „Wolltet Ihr dies gedruckt haben?“ fragte der Buͤrger. „Ja, Herr; das heißt, gewißermaßen ge⸗ druckt— auf Stein,— aber nicht auf Pa⸗ pier.“ „Ich verſtehe Euch nicht.“ „Wie koͤnntet Ihr das?“ erwiederte der Ser⸗ geant ſehr ernſt,„wie mich verſtehen, bevor ich mich erklaͤrte? Ich habe ſo fuͤr'nen Sol⸗ baten, ein huͤbſches Suͤmmchen zuſammengeſpart und weiß eigentlich nicht, warum ich's ge⸗ ſpart habe, denn ich habe keine Neigung ge⸗ habt, mich haͤuslich niederzulaßen; aber geſpart III. 10 146 ⸗ iſt's nun einmal, und hier iſt's.“ Er legte einen kleinen leinenen Beutel, mit Goldſtuͤcken beſchwert, auf den Tiſch.—„Geſpart hab' ich's, Herr! Und jezt, Herr—— iſt ein We⸗ ſen begraben, das ich lieb hatte,— den Ge⸗ danken mag ich aber nicht denken,— kann ich nicht ertragen,— daß ihr Grab beſchimpft und aufgegraben und geſtoͤrt werden ſollte; des⸗ halb hab' ich den Grund gekauft und habe ſo 'ne Art von Mon'ment beſtellt, um ihn zu be⸗ zeichnen; darauf ſoll dieſer Vers gegraben wer⸗ den, und dann eine Roſe, eben vom Stamme geſchnitten uͤber den Vers, und auch ihr Alter. — Sie war noch nicht ganz zwanzig, Herr. Nun wuͤnſche ich aber gar nicht, ihren Namen zum Vollen auszuſchreiben, denn ich moͤgte nicht, daß jeder Maulaffe, der'nen Leichen⸗ ſtein begaffet, wißen ſoll, wo ſie ruhet. Und zudem iſt noch'ne Gewißensſache da, die mein Gemuͤth quaͤlt,— des armen Maͤdchens Kind liegt mit ihr im naͤmlichen Grabe, und dennoch — ſtreitet es gegen meinen Willen,— das iſt die Wahrheit davon,— das Kind zu benennen; wiederum denke ich auch, daß ich's doch thun muͤßte, weil es ihr Freude machen wuͤrde, und ich hatte keinen andern Wunſch im Leben, 147 als den, wenn ſie mich nur haͤtte gewaͤhren laßen.“ „Alſo war ſie nicht Eure Frau, noch auch Eure Liebſte?“ „Sie war meine Liebſte, Herr; doch ich war nicht ihr Gebſter. Weggeworfen iſt ſie, wie naßge⸗ wordenes Pulver, Herr— verlaßen; doch von ihr kann ich nicht reden;— moͤgte das lieber nicht.— Alles werdet Ihr finden, Herr, des Grabbauers Namen, die uͤbereingekommene Be⸗ zahlung und alles andere auf dieſem Blatte. Doch in Betreff des Kindes——“ „Das iſt ein Gegenſtand„den Euer Gefuͤhl beſtimmen muß, ich kann dabei nicht rathen.“ „Ein Gefuͤhls⸗Gegenſtand!— das iſt's; das iſt wahr, Herr. Nun, Herr, was bedeutet aber mein Gefuͤhl dabei? Wollte Euer Edlen die Feder nehmen, denn meine Hand zittert, und ſchreiben hier auf dieſer Stelle hin:„die Huͤllen von CG— M und ihrem Kinde.“ „Des Kindes Name?“ fragte Braun. Des Sergeanten Antliz wurde finſter.„Des Kindes Name!“ wiederholte er;„zum Henker! den kann ich nicht geben; die Namen ſind nicht die naͤmlichen, und das wuͤrde ihr Anden⸗ ken beflecken.“ 148 Mit der Herzensreinheit, welche bei dem Drucker, des Lebens Verkehr nicht austilgen konnte, ergriff er des Sergeanten Hand und druͤckte die; dabei ſagte er:„nehmt Euer Geld zuruͤck, ich will das Denkmal bezahlen. Wenn Ihr nach London zuruͤckkommt, was, will's Gott, geſchehen wird, ſo ſollt Ihr ſehen, daß ich Euer Geſuch nicht vergeßen habe.“ „Gott ſegne Euch, Herr!“ erwiederte Jem⸗ mings;„doch das kann nicht ſeyn. Dann waͤre es nicht mein Thun, ſondern das Eurige.— Nein, Herr! ein Troſt wird's fuͤr mich ſeyn, zu bedenken, daß ich die Mittel beſaß, ihr nach ihrem Tode die Achtung zu beweiſen, welche diejenigen, die ſie liebte, ihr im Leben verwei⸗ gerten, wie ich meine. Ueberdem, Herr, iſt nicht viel Wahrſcheinlichkeit fuͤr mein Zuruͤck⸗ kommen; obwohl, wenn ich todt bin, ich ge⸗ wiß auf den Kirchhof kommen will, mag mein Leichnam auch liegen, wo es iſt.“ Um ſeine Ruͤhrung zu verbergen, ging der Kriegsmann fort. —— 149 Achtes Kapitel. Sieh'ſt Du dicke Nebel nicht Oft verhüllen Himmels⸗Licht; Scheint nicht, ſolcher Dünſte Hauch, Qualmend aus der Erde Bauch, Mit dem ſchwarzen Flecken⸗Mal Zu beſudeln Sonnenſtrahl? Doch in Lüfte nun verzogen, Strahlet rein der Himmelsbogen. So, mein Freund, ſoll immerdar Dich Verläumdung laßen baar. . Wither. Mägen die Leute ſprechen, ſo viel ſie wol⸗ len, von der Plage boͤſer Ehemaͤnner;— frei⸗ lich iſt's eine Plage, welche dieſe ziviliſirte Welt recht laͤſtig heimſucht, doch gibt es noch eine, unendlich groͤßere, viel furchtbarere,— die Plage boͤſer Weiber! Im Eheſtande iſt der Frau Einfluß auf ih⸗ 150 ren Hausſtand ſehr viel ausgedehnter, als der des Mannes; er wirkt auf Kinder und Ge⸗ ſinde; auf Kinder, die einmal Maͤnner und Frauen werden ſollen und deren kunftiges Le⸗ ben, ſo wie ihre Richtung zum Guten oder Boͤſen, lediglich auf den erſten Eindruͤcken beru⸗ het; und auf Geſinde, deßen Faͤhigkeiten in ſeinen verſchiedenen Stellungen, ſehr zu unſerer Behaglichkeit beitragen. Das zaͤnkiſche Weib iſt eine furchtbare Qual fuͤr einen Mann, friedliebender und Haͤuslich⸗ keit ſchaͤzender, Geſinnung,— eine laͤrmende Peſtilenz, welche Zufriedenheit fortſcheucht und ein unaufhoͤrliches Geraͤuſch da verbreitet, wo ſonſt Ruhe herrſchen wuͤrde. Und doch gibt es Maͤnner, die eine ſchöne Zankſuͤchtige lieben, ihr Eifern und Geifern feurigen Geiſt nennen; in dem Verhaͤltniße jedoch, in welchem gute Erziehung ein ruhig⸗ſtilles Benehmen, als das erſte Sinnbild einer feingebildeten Frau einfuͤhrt, wird die Zankſucht abnehmen; und obwohl es allerdings Maͤnner gibt, gegen welche dieſelbe mit Vortheil angewandt werden moͤgte, bitten wir doch, ſie moͤge aus dem Verzeichniße weib⸗ licher Maͤngel, getilgt werden.— Bei alle dem achten wir den Zankteufel noch nicht voͤllig ſo 151 arg, ſo durchaus ein Elend, als eine nachlaͤ⸗ ßige Schlumpe. Irrig bilden die Menſchen ſich ein, dieſe Plage ſey nur auf die niedern Staͤnde beſchraͤnkt; das iſt nicht der Fall; es iſt nicht gerade der Mangel einer Stecknadel, das un⸗ rechte Anheften eines Schulterknopfes, nicht einmal ein unpaßender Schuh, wodurch die Schlumpe geſtempelt wird; nein, es gibt an⸗ dere Zeichen, oder vielmehr andere Wirkungen, welche jegliche Art haͤuslicher Behaglichkeit und Achtbarkeit gaͤnzlich vernichten. Ein nachlaͤßiges Aeußere, iſt ganz gewiß Andeutung eines ſchlecht geordneten Gemuͤthes; gute Materialien moͤgen vorhanden ſeyn, doch ſie befinden ſich in ver⸗ wirrtem Zuſtande, und Verwirrung iſt der Bannfluch alles Erfolges. Moͤgen junge Braut⸗ Jaͤger eben ſo ſcharf nach dem Ordnen des Ge⸗ muͤthes, als nach dem Gemuͤthe ſelber forſchen; denn bei fehlerhafter Anordnung, wird Eitelkeit vorherrſchen und Eitelkeit iſt ein Krebs im⸗ Weiberherzen. 88en Lange ſchon hatte Sir Everard auf ſeine Ko⸗ ſten erfahren, daß Lady Sydney ihrem Stolze Eitelkeit und ihrer Eitelkeit, Stolz zugeſellte,— ein unheilbringender Zuſaz. Man kann ſie als ein boͤſes Weib im glaͤnzendſten Maßſtabe ſchil⸗ 152 dern. Sie beſaß wenig von engherziger Klein⸗ lichkeit, welche dem verſtaͤndigen Manne zum Verdruße gereicht; dagegen war ſie uͤberſchweng⸗ lich reich an großen Fehlern, und ihre Eitels keit war es, welche ſie verhinderte, dieſe ihrer Natur und ihrem Umfange nach, zu ſehen, oder zu begreifen. Ihr Gemahl ertrug ſie, wie es einem Philoſophen ziemte, doch hatte er nie ſo laͤſtig dulden muͤßen, als nach ihrer Ankunft in London. Fruͤher war Roſalinde des alten Mannes Stuͤze, Hoffnung und beſtaͤndiger Troſt, bei den Ausbruͤchen boͤſer Launen ſeiner Frau; ſie war ihm Gefaͤhrtin bei ſeinen ern⸗ ſten Beſchaͤftigungen, dann Gegenſtand ſeiner Erheiterung, in muͤßigen Stunden. Nun aber triumphirte Lady Sydney mit ſchneidendem Tone, uͤber des Maͤdchens Entlaufen und Un⸗ dank. Zu gleicher Zeit zog ein unmerkliches Band der Einung, naͤher und immer naͤher Ba⸗ ſil zu Margreten, es war gewoben aus der ſchoͤnen und herzlichen Weiſe, in welcher ſie den Ruf ihrer„verlorenen Freundin“ verthei⸗ digte. Nie duͤnkte ſie ihn reizender, als wenn ſie den Zorn ſeiner Mutter beſaͤnftigte, oder ſeines Vaters Kummer, uͤber dieſe traurige An⸗ gelegenheit verſcheuchte. 1 153 Lady Sydney traf in London zu der Zeit ein, in welcher Baſil taͤglich den Befehl zum Aufbruch erwartete; alle Klaßen tadelten Wil⸗ liams Zoͤgern, um den Proteſtanten in Irland Beiſtand zuzufuͤhren; dieſe litten die ſchrecklichſte Verfolgung und unwuͤrdigſte Behandlung, von ihren katholiſchen„Bruͤdern,“ deshalb war es ganz natuͤrlich zu erwarten, daß die Kriſis bald eintreten muͤße. Die hingeſchickten Trup⸗ pen waren nicht in hinreichender Anzahl, um den Aufruhr im ungluͤcklichen Lande zu unter⸗ druͤcken; es blieb William nichts mehr uͤbrig, er mußte den Feldzug in Perſon eroͤffnen; ſeine Freunde riethen ihm dringend dazu, auch war er gar nicht abgeneigt, ihren Rath zu befolgen. Aber ſo tapfer William war, fehlte es ihm auch nicht an kluger Vorſicht, er fuͤrchtete Lon⸗ don,— das ungeordnete, ſchwankende London, — im aufgeregten Zuſtande zu verlaßen. Ihren Grundſaͤzen treu, die, ſo uͤbel ſie an ſich geyn mogten, doch das Verdienſt der Fol⸗ gerichtigkeit hatten, weigerte ſich Lady Sydney, der Koͤnigin Marie vorgeſtellt zu werden; troz allem, was ihr Gemahl und ihr Sohn in Be⸗ tracht der politiſchen Nothwendigkeit eines ſol⸗ chen Schrittes ihr vorſtellen mogten, blieb ſie 154 — unbeugſam; verlebte den groͤßten Theil des Ta⸗ ges mit Lady Mary Powis allein, beharrte bei ihren religioͤſen Gebraͤuchen zum Aerger des Hausſtandes und, in Betracht der Wirren je⸗ ner Zeit, zur wirklichen Gefahr fuͤr ihr Haus. Margarete benahm ſich in einer Art, welche Baſils billigendes Anerkenntniß ihres kraͤftigen, uͤberwiegenden Verſtandes erregen mußte; allen fruͤhern Umſtaͤnden zum Troze, fuͤhlte er ſich durch unerklaͤrlichen Zauber von ihr angezogen. Jemmings, der am Morgen Herrn Braun ſein Geſuch vorgetragen hatte, benuzte die Ge⸗ legenheit, ſeinen Herrn zu bedienen, um dieſen zu fragen, ob er etwas von Miß Roſalinde gehoͤrt habe, und entſchuldigte zugleich die Frei⸗ heit, welche er ſich durch das Nennen ihres Namens genommen hatte. Baſils Antwort war verneinend; doch fragte er nun nach dem Be⸗ weggrunde, zu der Erkundigung. Hierauf ent⸗ gegnete der Andere, ſie ſey dadurch veranlaßt, daß er bei Herrn Braun ein kleines Briefpa⸗ ket auf dem Pulte liegen ſah, an Miß Mar⸗ grete uͤberſchrieben, und daß er ſich voͤllig uͤber⸗ zeugt hatte, Miß Roſalindens Schriftzuͤge er⸗ kannt zu haben, daß er ſich vorgenommen hat⸗ te, den Drucker zu befragen, woher das Paket 155 käͤme, doch daß ſein eigener Kummer ihn dies ſpaͤter vergeßen machte. Baſil wollte ſogleich zu Margrete eilen, um die zu fragen, ob ſie von Roſalinden gehört habe; doch gefiel es ihm nicht recht, ihr zu verrathen, daß ſeine Theilnahme an der Frau ihres Bruders ganz ſo lebendig ſey, als fruͤ⸗ her; deshalb begab er ſich eilenden Schrittes und mit klopfendem Herzen zum ſchwarzen Schwan, um dort ſeine Zweifel zu loͤſen. Herr Braun war nicht zu Hauſe,— war ſchon vor einiger Zeit ausgegangen,— man wußte nicht genau zu ſagen, wann er zuruͤckkommen wuͤrde. Nun fragte er, ob Miß Rachel zu ſprechen waͤre.— Ja, ſie war zu Hauſe und wollte ihn in wenigen Minuten empfangen, die ſich jedoch zu mehr, als einer halben Stunde aus⸗ laͤngten. Die Wahrheit iſt, daß damals ſowohl, als heutiges Tages eine junge Dame im furcht⸗ barſten Zuſtande hoffnungsloſer Liebe ſeyn muß, wenn ſie ganz gleichguͤltig gegen die Wirkung wird, welche ihre aͤußere Erſcheinung, auf junge oder mittelalte Maͤnner hervorbringt. Treu und beſtaͤndig mag ſie ſeyn, mag die Trauerweide alles Ernſtes tragen, aber dennoch in anſtaͤndiger Weiſe. Das Sprichwort 156 ſagt:„alles Ding hat zwei Seiten;“ und einer Dame kann kein Tadel treffen, wenn ſie fuͤr ſich die Seite auswaͤhlt, welche ihre koͤrperli⸗ chen Vorzuͤge, am vortheilhafteſten gelten macht. Rachel war mit ungemeiner Sorgfalt aufge⸗ puzt; doch der Glanz ihrer Amethyſt⸗Ohrringe, die Gewichtigkeit ihrer goldenen Ketten, ihr kleiner, hochgehackter, ſeidener Schuh war an Baſil verſchwendet, der nur fragen wollte, ob ſie neuerlich von Roſalinde gehoͤrt haͤtte. Nooch eine kleine Bemerkung uͤber weibliches Gemuͤth. Nur Frauen von ungewoͤhnlichen Gei⸗ ſtesgaben unterlaßen es ſtets, bereitwillig nach Liebhabern zu haſchen, welche der Zufall in ih⸗ re Naͤhe fuͤhrt, mag auch ihr Herz einem be⸗ ſonders geweihet ſeyn; gewoͤhnlich ſcheinen die Frauen zu glauben, daß ein ganzer Nachzug von Liebhabern, gleich dem Schweife an einem Papierdrachen, ſie zu hoͤherm Anſehen in der Welt bringt, und je laͤnger der Schweif, deſto groͤßer der Ruhm. So erging es der armen Rachel, die bei allen ihren freundlichen Geſin⸗ nungen fuͤr Roſalinde, ſich doch recht ſchmerzlich getaͤuſcht fuͤhlte, als ſie fand, dies ſey Alles, was der ſchoͤne Oberſt wuͤnſche. Deshalb er⸗ wiederte ſie mit gar nicht ſehr heiterem Weſen, 157 ſie ſelber habe nichts von ihr gehoͤrt, doch Je⸗ mand— gewiß koͤnne ſie's nicht ſagen, aber es moͤgte wohl die Irlaͤndiſche Amme Alice ge⸗ weſen ſeyn,— haͤtte einen Brief fuͤr Miß Mar⸗ grete hergebracht und gebeten, ihn ſorglich nach Sir Everards Hauſe zu befoͤrdern. Baſil fragte, ob der Brief hingeſchickt waͤre. — Sie koͤnnte es nicht ſagen,— wollte ſich erkundigen,— vielleicht wiße es ihre Mutter, dieſe wollte ſie rufen.— Durch ihren uͤberlade⸗ nen Puz, noch mehr aber, durch das Gewicht ihres Reifrockes beſchwert, der durch ihre Un⸗ behuͤlflichkeit recht oft nach vorn kehrte, was beſtimmt war, hinten zu bleiben, wir ſagen unter dem Gewichte gebogener Fiſchbein⸗Reife und ſchwerer Falten eines geſteppten Atlasrok⸗ kes, uͤber welchem ein weiter orangefarbiger Modeanzug ſchwellte, der, wie ſie ihre Freundin⸗ nen wizig⸗lispelnd verſicherte, nicht nur Mode, ſondern nach der Mode ſey,— entfernte ſie ſich unter Verneigungen, ſo ſchnell ihre Puz⸗ hinderungen es geſtatten wollten. Nun trat Dame Braun ein, wie ihr Mann ſie nannte, wenn irgend etwas im Hausſtande unrecht ging; in ihrer Hand hielt ſie ein geoͤff⸗ 158 naetes Etui von rothem Leder, aus welchem die bewußte, oft von ihr vorgezeigte Doſe hervor⸗ ſchimmerte;„erfreut uͤber die Ehre des Beſu⸗ ches von Captain— Verzeihung, Oberſt Syd⸗ ney;— uͤberzeugt, es wird Ihnen Vergnuͤgen machen, den ausgezeichneten Beweis von Gnade zu betrachten, der meinem Manne ertheilt wurde— von einer hohen, ſehr hohen Perſon.“ Sie zeigte und Baſil bewunderte gebuͤhren⸗ dermaßen, die Doſe. Rachel erlaͤuterte nun den Zweck des Beſuches.— „Wirklich! von meinem Manne hab' ich ge⸗ hoͤrt, daß ein Brief oder ſo was dergleichen in geheimnißvoller Weiſe, zum Hauſe gekommen iſt, um bei Sir Everard abgegeben zu werden; ich glaube, Braun hat es vorhin mitgenommen, um es dort oder bei dem ſonderbaren, wilden Gentleman abzugeben, der durch des Königs Gunſt jezt ſo ſehr ausgezeichnet wird und der ſich daraus nichts zu machen ſcheint. Vielleicht mag Braun den Brief bei ihm laßen, weil. ich weiß, daß dieſer Herr im Begriffe iſt, zu Sir Everard zu gehen, um mit dem uͤber den Druck eines gewißen Papieres ſich zu be⸗ ſprechen. Mehr kann ich nicht ſagen, denn Braun liebt nicht, daß jemand weiß, was er 159 vornimmt; ich ſogar, ſeine Frau, weiß nicht einmal, wohin er geht.“ Baſil machte ſich endlich fort, und eilte zum Geächteten. Herr Braun, ſagte der Thuͤrſteher, ſey da geweſen, aber ſchon wieder weg. Auch der Herr ſey ausgegangen;— werde nicht unmittelbar zuruͤck erwartet, es ſey unbeſtimmt,. wann er kommen wuͤrde. Niemals ſey es be⸗ kannt, wohin er ginge, noch wann er zuruͤck⸗ kehre.— Mit ſeinen Dienern ſpreche er nicht. Er moͤgte in zehn Minuten zuruͤckkommen,— oder vielleicht auch erſt, nach einer Woche.— Eine ſo unbefriedigende Kunde, trieb Baſil zu⸗ ruͤck zu ſeines Vaters Hauſe. Hier ward der Thuͤrſteher befragt. Herr Pepys war da gewe⸗ ſen, auch Herr Evelyn, und Lord Churchill, um nach Oberſt Sydney zu fragen. „Sonſt Niemand?“ „Keiner.“ In dieſem Augenblicke ging Margrete durch den Vorflur; Baſil war in ſeiner Nachforſchung ſo eifrig und verlangend, daß er dreiſt genug wurde, ſie grade heraus zu befragen, ob ſie an dieſem Morgen einen Brief, oder ein Paket bekommen haͤtte?— Mit gewohnter wuͤrdevol⸗ 160 ter Ruͤhe ihres Weſens, gab ſie die Antwort: nein. „Nein; von wem koͤnnte ſie Briefe empfan⸗ gen?— Sie ſey ja ganz verlaßen, von der ganzen Welt verlaßen,— von Allen, die nicht unter dieſem gaſtfreundlichen Dache wohnten.“ Baſil ſuchte ſeinen Vater auf, theilte dieſem, ſo wie dem Pater Frank mit, was er vernom⸗ men hatte, und ſezte hinzu:„es kann uns jezt freilich wenig betheiligen, doch duͤnkt mich, moͤgte ich wißen, wo und in welchem Zuſtande ſich Roſalinde befindet; obwohl ſie ganz gewiß die Frau desjenigen iſt, der meine Freundſchaft ſo groͤblich betrog.— Doch ſie—“ hier ſchwieg er, er wagte es kaum, von ihr zu ſprechen. „Baſil,“ erwiederte der alte Herr,„ich weiß nicht, wie es zugeht, aber mein Herz iſt mir zertruͤmmert ſeit dem Tage, an dem ſie uns verließ; das iſt nicht blos die Folge meiner vernichteten Hoffnungen, ſondern ihrer gleich⸗ guͤltigen Nichtachtung meiner Gefuͤhle. Sie wußte, wie ſehr ich ſie liebte; wußte, wie ganz nothwendig ſie zu meinem Troſte, meinem Gluͤcke, faſt zu meinem Daſeyn war. Und dennoch, ohne Lebewohl,— noch mehr, die⸗ ſes heimliche Verſtaͤndniß in meinem Hauſe 161 fortzuſezen!— Doch es hat wenig zu bedeu⸗ ten; ich will zuruͤck nach Sydney⸗Luſt!— und dort!— Was will ich dort— wo jeder Vogel, jede Blume, jegliches Laubblatt mich an ſie erinnert?— Als ſie nach Beaulieu ging, wußte ich, es ſey nur fuͤr kurze Zeit. Nun aber!— Baſil, Baſil!— fuͤr die Welt moͤgte ich ſie nicht ſehen— moͤgte nicht zu ih⸗ rem Antliz aufblicken, und es nur Falſchheit nennen.“ „Was es niemals geweſen iſt,“ unterbrach ihn der Prieſter,„ſie mag getaͤuſcht worden ſeyn; obgleich Major Raymond mir nie er⸗ ſchien, als koͤnne er jemanden betriegen.— Nun, nun, Herr Baſil, runzeln Sie Ihre Stirn nicht ſo zuͤrnend; wir koͤnnen ja verſchie⸗ dene Meinungen hegen, und ich denke wahrlich nicht ſchlimmer von Ihnen, bei den Gefuͤhlen, welche Sie erfuͤllen; gleichwohl habe ich meine eigene Anſicht in Betreff dieſer Angelegenheit. War Jemmings voͤllig gewiß uͤber die Hand⸗ ſchrift?“ „Durchaus; auch hatte Dame Braun von ihrem Manne gehoͤrt, daß ein ſolcher Brief da ſey.“ 8 „Auf jeden Fall muß Margretens Paket ge⸗ III. 11 162 funden werden,“ ſagte der Prieſter,„duͤrfte ich es nur wagen, ſo wuͤrde ich auf der Stelle zum Drucker gehen, doch ſie ſind ſo eifrige Williamiſten in jener Stadtgegend, daß Herr Franzis ſogar, beſchimpft werden koͤnnte.“ „Gewiß iſt es angemeßen, daß Margretens Brief geſucht wird,“ bemerkte Baſil,„Ihre Meinung daruͤber iſt ganz richtig. Ich ſelber will zuruͤck zum ſchwarzen Schwan und den Drucker aufſuchen.“ „Thu' das, mein Sohn; weil Dein Auf⸗ bruch ſchon ſo lange verzoͤgert wurde, moͤgen wir vielleicht nach der Heimath zuruͤckkehren, bevor Du uns verlaͤßt. Ich muß hin zu den gruͤnen Wieſen;— obwohl die ſchoͤnſte, die gluͤcklichſte ihrer Bluͤthen ihnen geraubt iſt, Vermiße ich doch das Blumen⸗Gefilde Mit Allem, was beut des Lenzes Milbe, taͤglich erklingen mir ſtaͤrker die ſuͤßen Geſaͤnge meines Lieblings George Wither, nun ich fuͤh⸗ le, wie er fuͤhlte,— klage, wie er klagte, uͤber Ddie hohen Pforten, die zu Schrecken Mehr als zur Luſt ſich offen ſtrecken; 163 Dies Zimmer, das ſo ſchroff ummauert, In welchem Schmach, Verachtung lau' rt; Davon, wie von der der trüben Luft, Die nur Verzweiflung bringt als Duft, wuͤrde Lady Sydney viel beßer entfernt ſeyn; bei dem geſtrigen Lever zeigte mir der Koͤnig viele Kaͤlte, gewiß iſt meiner Frau Mangel an Ehrfurcht gegen die Koͤnigin, die Urſache da⸗ von, doch was kann ich thun?— Inzwiſchen wird Lady Mary Powis bald abreiſen, um die Leitung ihrer neuen Nonnen zu uͤbernehmen; darin wird einiger Troſt ſeyn, und Deine Mutter wird alsdann zum Forſte zuruͤck eilen.“ „Ich habe den Gedanken, die Abtißin nach dem Feſtlande zu begleiten,“ ſagte der Prieſter. „O nein, nein! das nicht,“ erwiederte Sir Everard,„Ihr ſollt uns nicht verlaßen; einen Beichtvater brauche ich zwar nicht, doch bin ich nicht reich genug, um einen Freund ent⸗ behren zu koͤnnen.“— „Ein neuer Koͤnig,“ entgegnete laͤchelnd der Prieſter,„gleicht einem neuen Hute, es dauert lange Zeit, bevor man fuͤhlt, daß er gut paßt.“ Sir Everard war zu betruͤbt, um laͤcheln zu koͤnnen.— Baſil begab ſich wieder zur City und hoͤrte mit Freuden, daß Herr Braun zu * V 164 Hauſe ſey; ſchmerzlich war es ihm aber, gleich darauf zu hoͤren, daß er den fraglichen Brief dem Geäͤchteten uͤbergeben habe.„Er ſagte mir,“ ſprach Braun,„daß er zu Sir Everard's Hauſe ginge und ihn mitnehmen wolle, ſtets ſchien er ſo theilnehmend bei allem, was Miß Roſa⸗ linde betrifft, daß ich es ihm nicht abſchlagen konnte, und weil es mir einen Weg erſparte, konnte ich nichts dagegen einwenden.“ „Wo iſt der Geaͤchtete aber zu finden?“ „Ach, Herr, Ihnen geht'’s wie mir, Sie nennen ihn immer nur den Gaaͤchteten, ich ebenfalls;“ erwiederte der Druckherr, und ſezte kichernd uͤber ſeinen eigenen Wiz hinzu:„er ſcheint mir immer außer dem Geſeze, und zu nichts Beßerm tauglich; wenn es ihm nicht erlaubt iſt, Geſeze zu geben, ſo wird er ſtets das Geſez brechen; deshalb ſehen Sie, iſt er dazu beſtimmt, ein Geaͤchteter zu ſeyn.“ „Er iſt um ein Jahrhundert zu ſpaͤt gebo⸗ ren,“ ſagte Baſil. „Ein edler Maͤrtyrer waͤre er geweſen,“ ant⸗ wortete der Drucker,„denn er iſt ſtrenge, ehr⸗ lich und ohne Wankelmuth; feſt im Kopfe und treuen Herzens.— Wo er zu finden ſeyn mag, fragten Sie. Ich glaube, er iſt nach Hampton⸗ Court, der Koͤnig fuhr heute Morgen dahin.“ Schnell machte ſich Baſil ebenfalls auf den Weg. 166 Neuntes Kapitel. Gewappnet ſteht der Fürſten Schaar Sein wartend, der im Feld gebeut, Deß' Zögern, drohend mit Gefahr, Europa nicht ſo ſchnell befreit. Sein großes Beiſpiel wünſchen ſie, Der ſtets zum Siege führt; Gehorſam weigert man Dem nie, Dem der Befehl gebührt. Sie ſuchen jenen Freudenſchein Auf Helden⸗Angeſicht, Wenn William ſtürzt auf Feinde ein, Wo Ruhm ihm nie gebricht. Prior. William und Mary erwieſen dem rothen backſteinernen Hauſe viele Theilnahme, welches der prachtliebende Kardinal Wolſey zu einem Pallaſt umſchuf. Der neue Koͤnig hatte wenig Sinn fuͤr das Maleriſche; ſeine Gartenanlagen 167 — waren eine Karte ſeines Gemuͤthes; alles war beſchnitten, geregelt und mathematiſch; die Baͤume wurden gekappt und zur Ordnung be⸗ hauen; jeder kleine Kieſel im Grunde, mußte von der naͤmlichen Groͤße ſeyn; das Gras trozte allen Sprichwoͤrtern, mindeſtens konnte man es nie wachſen ſehen. Arbeiter waren mit dem genaueſten Abmeßen der Zwiſchenraͤume beſchaͤftigt, die zwiſchen den Baͤumen bleiben mußten, welche ſie pflanzten; denn William mogte ſeine Pflanzungen, wie ſeine Soldaten, reihenweiſe muſtern. So befangen Baſil's Gemuͤth auch war, konnte er bei ſeiner Ankunft in Hampton⸗Court ſich doch nicht enthalten, uͤber das phlegmati⸗ ſche Ausſehen der Hollaͤndiſchen Wachen, mit denen der Koͤnig ſeine Wohnung umſtellte, ent⸗ ruͤſtet, zugleich aber auch beluſtigt zu ſeyn. Auch Hollaͤndiſche Gaͤrtner fuͤhrten die Aufſicht uͤber Engliſche Arbeiter, und ihr Anblick mogte beßer fuͤr eine Holläͤndiſche, als fuͤr eine Eng⸗ liſche Landſchaft geeignet ſeyn; in ihren weiten Beinkleidern und platten rothen Kap⸗ pen ſahen ſie ſo breit aus, als waͤren ſie aus einem von Tenier's Gemaͤlden geſchnitten und hier auf den Schauplaz gepflanzt, zu dem 168 ſie nicht gehoͤrten. Die Engliſchen Soldaten ſchienen mißvergnuͤgt; ſprachen von Irland, vom Herzog Schomberg und von den Schotti⸗ ſchen Unruhen, als ſehnten ſie ſich, daran Theil zu nehmen, anſtatt ihre Zeit hier in nuzloſem Muͤßiggange zu verbringen. Sie weil⸗ ten an den Eingaͤngen, ohne ſich mit den Hollaͤndiſchen Truppen zu vermengen, die ſich recht behaglich in dieſer neuen Heimath zu fin⸗ den ſchienen, und Pfeife nach Pfeife, mit Be⸗ harrlichkeit und Gleichmuth ſchmauchten; un⸗ ſere Truppen, denen Tabakrauchen ein Abſcheu war, wandten ſich mit Eckel vom Geruche dieſes Dampfes ab, der den Andern ein ſo uͤppiger Genuß zu ſeyn ſchien. Baſil ging zum großen Vorzimmer, wo er einige der alten Hoͤflinge unter den Neuen antraf. Doch derjenige, den er ſuchte, war nicht zwiſchen ihnen, obwohl ſeine Equipage im Vorhofe hielt. Hier waren keine Kardinaͤle keine Moͤnchskleider, keine Katholiken, die den Eingang beengten und durch ihren Blick deut⸗ lich zu verſtehen gegeben haͤtten:„wir ſind die Herren dieſer Hoͤhe!“ Auf einem der langen Seßel am Fenſter gewahrte man Lord Halifax, der Alle durch ſein lebendiges und biegſames 169 Weſen erfreute, und der ſich jezt bemuͤhete, dem offnen, hoͤchſt unternehmenden, aber eben ſo halsſtarrigen Danby die Angemeßenheit ei⸗ ner politiſchen Maßregel anſchaulich zu machen, welche dieſer mit mehr Kraft, als Wiz beſtritt; Halifar ließ ſeine Beweggruͤnde gleichſam wie zerſtoͤrende Blize um die Zinnen eines alten feſten Thurmes ſpielen, im Beſize der Kraft, dasjenige zu zerſtoͤren, was Verehrung verdien⸗ te, ohne es zu wollen. Neben ihnen, gegen die Wandbehaͤnge gelehnt, ſtand Godolphin ſchwei⸗ gend und mit beſcheidenem Ausſehen, obwohl er einen ihm ganz eigenthuͤmlichen Scharfſinn beſaß, um alle Staatsintriguen zu entwirren und ſie auf dem Probierſtein ſeiner reinen, un, beugſamen Rechtlichkeit zu wuͤrdigen; ihn ver⸗ gnuͤgte der Gegenſaz, welchen die Karakter. zweier ſo merkwuͤrdiger Maͤnner darboten. Mit uͤbergeſchlagenen Armen ſtand Mordaunt, bald nachher zum Earl von Monmouth erhoben; ſein offenes, freimuͤthiges Geſicht laͤchelte wohl⸗ wollend Allen entgegen, die in ſeine Naͤhe ka⸗ men; aber ſein entſchiedenes, unverholenes, feſtes Benehmen zeigte jedem, daß er mehr Re⸗ publikaner, als Koͤnigsfreund ſey. Fuͤr Baſil war die anziehendſte Erſcheinung, die des Bi⸗ * 170 ſchof Burnett, der mit ſalbungsreicher Wuͤrde und heiterer Laune, ſich der Ruͤckkehr in ſein Vaterland erfreute, und im Vorgenuße bereits noch groͤßere Vorzuͤge koſtete, welche er unbe⸗ zweifelt erwarten durfte; dieſer Umſtand ſchien auch bereits allgemein angenommen, denn viele unbepfarrte und bepfarrte Geiſtliche machten im Vorzimmer, auf den Koͤnig wartend, einſt⸗ weilen dem Miniſter, kluͤglich ihren Hof.— Man darf hoffen, daß einige unter ihnen, Bur⸗ nett perſoͤnlich hochachteten und ehrten; nur gibt es in dieſer Welt wenige Menſchen, die Unabhaͤngigkeit genug beſizen, ſich nicht vor einem Manne zu beugen, der in hohem An⸗ ſehen ſteht, ohne deßen Grundſaͤze dabei in Er⸗ waͤgung zu ziehen. Recht großartig war Lord Dorſett in ſeinen neuen Ketten und Wuͤrden anzuſehen, er ſchien wirklich ein ſchoͤner Ober⸗ kammerherr;— aber Leefdall, des Koͤnigs be⸗ guͤnſtigter Page, begruͤßte mit dem liſtigen Be⸗ wußtſeyn heimlichen Wißens, jeden der Ankom⸗ menden genau mit dem Antheile von Ehrfurcht, welchen deßen Rang oder deßen Erwartun⸗ gen zu fordern berechtigten. Doch der Hof verrieth noch viel Schwanken⸗ des und Ungewißes; waͤhrend die eigentlichen 171 Hoͤflinge ſich durch ungemeine Munterkeit be⸗ merklich machten, ſah man deutlich, daß die Miniſter, mit dem Erwaͤgen ſehr ernſter Dinge beſchaͤftigt waren. Ein junger Mann ſagte zu Sir Charles Sedley, deßen Wiz und treffende Antworten mit ſeinen Jahren mehr zu⸗ als abzunehmen ſchienen:„ich hoͤre, daß der vo⸗ rige Koͤnig uͤber Ihre Undankbarkeit, wie er das nennt, ergrimmter iſt, als uͤber den Ab⸗ fall des ganzen Landes.“ „Wirklich,“ entgegnete Sedley, der ſo eben aus dem Kabinette von einer Privataudienz hervorkam,— ſtand ſtill, nahm eine Priſe aus ſeiner mit Edelſteinen geſchmuͤckten Doſe, und fuhr dann langſam fort:„Jakob erzeigt mir groͤßere Ehre, als ich vermuthete; wo ich ſeinen Dank erwartete, gibt er mir nur ſeine Furcht;— er machte meine Tochter zur Graͤfin und ich machte die ſeinige zur Koͤ⸗ nigin.“ 1 Lauter Beifall folgte dieſer Bewerkung; Baſil, der ſie mit anhoͤrte, hielt ſie fuͤr eine armſelige, oder vielmehr unwuͤrdige Wizelei, die ihre Schaͤrfe nur von der Unehre einer Tochter entlehnte. Oberſt Sydney kannte faſt ſämmtliche der anweſenden Perſonen, mindeſtens ỹ— 3 172 von Anſehen; nur ein ganz Unbekannter fiel ihm auf, der allein ſtand, deßen hoher kraͤf⸗ tiger Koͤrper eine Staͤrke verrieth, welche, wie der Ausdruck ſeines Geſichtes klar erkennen ließ, nicht auf Sehnen und Muskeln allein beſchraͤnkt war; er trug das vollſtaͤndige, ſchoͤne Gewand eines Schottiſchen Laird; faſt mit Verachtung in ſeinem Blicke, betrachtete er die Verſamm⸗ lung.— Alsbald ward er vom muntern Sir Patrick Hume angeredet, der einige Minuten froͤhlich mit ihm plauderte und lachte, ſich dann zu Baſil wandte, dieſen unter den Arm 3 faßte und ſprach: —„Ich hoͤre, die Lady, Ihre Mutter, iſt in der Stadt, und aus dieſer Urſache habe ich Ihren Vater in den lezten Tagen nicht be⸗ ſucht; die Sache iſt, weil ich fuͤrchte, ſie werde noch mehr Thorheit an mir ausfinden, als ſchon geſchehen iſt; waͤre ſie ſanfter, ſo wuͤrde ich mir aus ihrem Zorne weniger machen, aber ſie laͤßt ſich nicht ungeſtraft beleidigen.— Ich brauche Sie kaum zu fragen, ob Sie von dem beruͤhmten Partridge, dem Sterndeuter in Cheapſide, gehoͤrt haben;— ich ſelber geſtehe, daß ich an alle dergleichen Wißenſchaften nicht glaube, nur eine ausgenommen, die ich als 173 echter Schotte nicht abzulaͤugnen wage,— doch dieſem Partridge iſt es durch den groͤßten Fleiß und das klarſte Wahrnehmungsvermoͤgen, mit dem ein Sterblicher jemals begabt war, gelungen, Wahrſagungen niederzuſchreiben, oder woͤrtlich zu verkuͤnden, deren Richtigkeit oder treffende Genauigkeit, ihn ſicherlich ſelber in Er⸗ ſtaunen geſezt haben. Jakob Stuart liebte das nun keinesweges, denn es iſt ſonderdar, zu ſa⸗ gen, daß der ſich fortwaͤhrend die aͤußerſte Muͤhe gab, allen und jeden Aberglauben zu unterdruͤcken, nur den ſeinigen nicht;— Par⸗ tridge ward genoͤthigt, einen andern Schlupf⸗ winkel aufzuſuchen. Mir waren ſeine Wege und Stege bekannt, und anfangs, zum Theil aus Scherz, nachher aber aus Noth, wurde ich Wahrſager, wahrſcheinlich eben ſo ſinnrei⸗ cher Wahrſager, als er, gewiß iſt's, daß ich ganz ſo viel Wirkung hervorbrachte.“ 8 „Alſo Sie der Sterndeuter von Cheapſide!“ rief Baſil lachend. „Ja, ja,“ erwiederte Sir Patrick,„Sie er⸗ innern ſich gewiß noch einiger der Wunder, welche Sie anhoͤrten, als ſie mit Major Ray⸗ mond und andern jungen Offizieren kamen und ſi fuͤr Mattoſen ausgaben. 4 174. Baſil ſchuͤttelte ſein Haupt und gab zur Antwort:„ich erinnere mich deßen ſehr gut; aber Sie waren ein falſcher Prophet, Sir Pa⸗ trick, „War ich das? ey, nun, es mag ſeyn. Ich habe vergeßen, was ich damals ſagte, auf je⸗ den Fall wußte ich aber doch, wer Sie wa⸗ ren. Ihrer Mutter habe ich indeßen ernſtliche Abbitte zu thun, denn gegen die habe ich mir gar große Taͤuſchungen erlaubt. Ich empſing einen Brief, den ſie an Patrick geſchrieben und in welchem ſie um ſeine Erklaͤrung gewißer Zeichen und Himmelserſcheinungen bat; weil dieſer Brief zu einer Zeit eintraf, in welcher ich London nicht nur zu verlaßen, ſondern mich in der Naͤhe des Neuen⸗Forſt's zu verber⸗ gen wuͤnſchte, ſagte ich in meiner Antwort, der Anblick der Sterne ſey ſolcher Art, daß ich's fuͤr meine Pflicht hielte, ihr Haus zu be⸗ 1 ſuchen, um ein Ungluͤck abzuwenden, wenn es moͤglich ſey; doch muͤße mein Beſuch tiefſtes Geheimniß bleiben. Ihre Mutter empfing mich auf das guͤtigſte, Gott ſegne ſie dafuͤr!— Sie koͤnnen ſich vorſtellen, wie zufrieden ich mich fuͤhlte, grade da, wo ich zu ſeyn wuͤnſch⸗ te, mich ſo behaglich zu ſinden. Ich wußte die 175 Taͤuſchung bis zum lezten Augenblicke zu er⸗ halten, wiewohl Ihre Muftter durch ihre tiefen Nachforſchungen mir es oft ſchwer genug mach⸗ te; doch ſo oft ſie weiter drang, als ich ſel⸗ ber, ſchwieg ich und zeigte geheimnißvolles Ausſehen; darin beſtand meine einzige Huͤlfs⸗ quelle. Wie erzuͤrnt wuͤrde die gute Dame ge⸗ weſen ſeyn, wenn ſie es nur haͤtte moͤglich glauben koͤnnen, daß ſie in, dem angeblichen Sterndeuter, einen Williamiſten beherbergte. Auch Ihnen habe ich einen Brief geraubt, den Ihre Mutter durch eine ſchoͤne Dame Ihnen Zuſchickte, doch davon, ſo wie von andern Din⸗ gen, wollen wir reden,„wenn Friede und Ruhe uns Zeit laßen.“ Baſil laͤchelte, denn recht gut erinnerte er ſich an die Erſcheinung in ſeiner Mutter Zim⸗ mer; auch die Wahrſagung des gutmuͤthigen Aſtrologen hatte er nicht vergeßen.— Jezt be⸗ nuzte er. die Gelegenheit, zu fragen, welcher dieſer Hochlaͤndiſche Haͤuptling ſey, deßen ſchoͤ⸗ ner Anzug und eigenthuͤmliche Erſcheinung, all⸗ gemeine bewundernde Aufmerkſamkeit erregte; Sir Patrick nannte ihn als„den duͤſtern Bre⸗ dalbane,“ der in ſpaͤtern Tagen ſich als Urhe⸗ 176 ber des Mordes in Glencoe, nur zu bekannt gemacht hat. Die Hoͤflinge beſchaͤftigten ſich mit der Wie⸗ derholung mancherlei Geruͤchte, welche bewie⸗ ſen, daß ſie Jahre lang einem Manne viele Huldigungen darbrachten, der immer ein be⸗ ſchraͤnkter Kopf war. Der Ausſpruch des Erz⸗ biſchofs von Rheims, der von St. Germain bereits nach Hampton⸗Court erſchallt war: „eine gute Seele, die drei Koͤnigreiche fuͤr eine Meße hingibt,“ beluſtigte viel. 1 Ein ſchmeichelnder Schranze, der, wie Baſil ſich deßen wohl erinnerte, ſeinen eigenen Vet⸗ teer an den Hof gebracht hatte, um vom un⸗ gluͤcklichen Koͤnig Jakob gegen Flechtenkrankheit beruͤhrt zu werden, lachte und ſpottete jezt laut daruͤber, daß dieſer Prinz jezt in Chaillot die naͤmliche Krankheit leide; ein alter Rechtsge⸗ lehrter Maynard erzaͤhlte Jedem, daß der Koͤ⸗ nig William ihm geſagt habe, er haͤtte ſaͤmmt⸗ liche Rechtsgelehrte ſeiner Zeit uͤberleben muͤſ⸗ ſen, und wie er darauf erwiederte, daß er das Geſez und Recht ſelber uͤberlebt haben wuͤrde, wenn Seine Majeſtaͤt nicht noch zu rechter Zeit eingetroffen waͤre. Waͤhrend die Hoͤflinge ſich in dieſer Art die 177 Zeit vertrieben, durchwanderte Marie von Eng⸗ land die Zimmer und Gemaͤcher eines Pallaſtes, den ſie kaum noch gelernt hatte, als den ihri⸗ gen zu betrachten. Manches dieſer Zimmer er⸗ innerte ſie an Auftritte aus ihrer Kindheit; hier war das Kabinet, in welchem ſie oft mit Anna von Daͤnemark geſpielt hatte, bevor Po⸗ litik oder Staatintrigen, den Saamen der Zwie⸗ tracht in ihre jungen Gemuͤther geſtreut hatte, der nun zu der ganzen Bitterkeit geſchwiſter⸗ lichen Haßes herangereift war. Hier hatte ihre Mutter ſie geliebkoſet, mit ihr geſprochen; auf jenem Wieſengruͤn, wel⸗ ches Williams Gaͤrtner zu vierkantigen Flecken ausſchnitten, hatte ſie hundertmal mit ihrem froͤhlichen Oheim Charles und deßen kleinen Hunden geſpielt; die lebhafteſte Erinnerung der Vergangenheit ſchwellte in ihrem ſchoͤnen blauen Auge. Sie war in der That eine Koͤ⸗ nigin,— ſie hatte ihrem Gatten Krone und Scepter gegeben; ſie ſaß auf der Stuarte Thro⸗ ne,— das Schickſal dreier Reiche hielt ſie in ihrer Hand; Englands Krone ſchimmerte auf ihrer Stirne, vor der Zeit, welche die Natur dazu beſtimmt hatte,— und ſie war nicht gluͤcklich. Nicht mit dem feſten Tritte einer ge⸗ III, 12 ſezlichen Koͤnigin trat ſie im Pallaſte ihres Va⸗ ters auf, ſondern verſtohlen, weil ſie nicht umhin konnte zu denken, ihr Betragen ſey ſo zu benennen. Bei dieſem Gedanken ſchauderte ſie zuſammen; weil ſie ſich allein wußte, ſank ſie auf einen Sopha nieder und ihr Auge uͤber⸗ blickte die Familiengemaͤhlde an den Waͤnden; da ſchien der duͤſtere, ſchwermuͤthige Karl der eine Revolution unterſtuͤzt haͤtte, ohne zu be⸗ denken, daß es eine Revolution war, welche ihm den Kopf gekoſtet hatte. Dort hing auch Erſte, ihr den Vorwurf zu machen, daß ſie das Bild ihres Oheims Charles, ſein Geſicht faſt verhuͤllt unter den rabenſchwarzen, ringeln⸗ den Locken,— ſein großes, helles Auge blickte guͤtig, aber doch ſchmerzlich auf ſie.— Etwas entfernter hing das Bild ihres Vaters; ſie er⸗ innerte ſich des Tages, an welchem es hier aufgehaͤngt wurde; wie ihr Vater ſie auf ſei⸗ nen Armen emporhob, um es kuͤßen zu koͤnnen. Nun war ihr Erinnerungsvermoͤgen erſchoͤpft; ein unaufhaltbarer Thraͤnenſtrom brach hervor, ſie ſank vor dem Bilde auf die Knie und konnte unter Weinen und Schluchzen nur die Worte hervorbringen:„Vater! Vater! vergib Deinem Kinde!“ Mit ihren Haͤnden bedeckte ſie das Antliz; obwohl ſie ſich draͤngenden Na⸗ turgefuͤhlen nicht leicht hingab, wurde ſie jezt doch voͤllig davon uͤberwaͤltigt. Er, der mehr ihr Rathgeber und Fuͤhrer, als ihr Gatte war, hatte ſie gelehrt, ihre Ruͤhrung zu bemeiſtern; als ſeine Stimme jezt„Marie!“ und dieſen lieben Namen mit einer Zaͤrtlichkeit wiederholte, die felten in ihr ertoͤnte, fuͤhlte ſie ſich beſchaͤmt daruͤber, daß ſie ſich einer Ruͤhrung uͤberlaßen hatte, die ihr vielleicht zu groͤßerer Ehre ge⸗ reichte, als irgend eine andere, ſeit den Tagen ihrer Kindheit empfundene.— Durch ſeine Stimme zu ſich gerufen, blickte ſie auf zu ihm und ſah, daß William das Gemaͤhlde mit ei⸗ gener Hand entfernt hatte.— „O nein! nein!“ rief ſie,„das nicht; wahr⸗ lich, ich will mich ſolchen Gefuͤhlen nicht wie⸗ der hingeben.“ Das kalte, aber durchdringende Auge ihres Gatten ruhete auf ihr; ſeine breite weiße Stirn, ſeine hohe Adlernaſe gaben ein Bild von Kuͤhnheit, welches durch den hinter ihm in ſchweren Falten herabfallenden karmoiſinro⸗ then Vorhang noch mehr herausgehoben wurde. „Ich will die Probe anſtellen,“ ſagte er, das Bild gelaßen wieder aufhaͤngend, ‚denn 180 — ſelten wird meinem Willen oder meiner Mei⸗ nung widerſprochen; aber Ihro Majeſtaͤt werden einſehen, wie hoͤchſt ſonderbar dies haͤtte erſcheinen muͤßen, wenn irgend jemand aus Ihrem Gefolge eingetreten und Zeuge dieſer Thraͤnen geworden waͤre.“ Er ſchaute auf die lieblichen, regelmaͤßigen Geſichtszuͤge ſeiner Frau, die noch Spuren ih⸗ rer heftigen Gemuͤthsbewegung zeigten; des Koͤ⸗ nigs Staatswuͤrde, des Feldherrn ſtrenger Ernſt wich den Gefuͤhlen des Mannes. Er kuͤßte ihre Wange, trocknete mit ſeinem eigenen Taſchen⸗ tuche ihre Thraͤnen ab, faßte ſie zuͤrtlich in ſeine Arme und ſprach:„alſo meine Marie findet dieſe Herrſchaft laͤſtig?“ Sie ſchuͤttelte ihr Haupt und antwortete laͤ⸗ chelnd:„ſie gewaͤhrt Dem Rang und Ho⸗ heit, der ſie verdient, und dadurch bin ich be⸗ friedigt.“ „Befriedigt! nur befriedigt?“ wiederholte William in gar nicht befriedigtem Tone. „Gluͤcklich, ganz gluͤcklich,“ ſezte ſie hinzu. „Wer weiß jedoch,“ ſprach er,„ob ein kuͤnf⸗ tiger Geſchichtſchreiber nicht ſagen wird, Wil⸗ liam von Naßau haͤtte fuͤr einen der beſten Fuͤrſten ſeiner Zeit gelten moͤgen, waͤre er an 181 der Spize ſeiner kleinen Republik geblieben, anſtatt den Thron von Großbrittanien zu be⸗ ſteigen!— Doch ich muß mich entfernen. Ei⸗ ner unſerer waͤrmſten Freunde, zugleich aber auch der allerlaͤſtigſte Nathgeber, erwartet eine Audienz. Doch wuͤrde der Koͤnigin Gegenwart nuͤzlich ſeyn, denn er iſt ein unruhiger, miß⸗ vergnuͤgter Mann, beßer fuͤr Amerikaner ge⸗ eignet, wo wilde Gewalt eine Freiheit nieder⸗ druͤckt, die ſpaͤter triumphiren wird, als fuͤr die geſittete, aber an enge Grenzen beſchraͤnkte Politik Englands.“ „Sollten nicht Viele ſeyn, die ihm glei⸗ chen?“ fragte die Koͤnigin milde. „Sehr viele; und ich fuͤrchte mich, die Koͤ⸗ nigin als Regentin ſo unmuthiger Geiſter, zu- ruͤckzulaßen. Doch nach Irland muß ich; die Wirren dort ſind nicht anders zu unterdruͤcken.“ Mariens Geſichtszuͤge nahmen den Ausdruck tiefer Sorge an, als ſie erwiederte:„was mein Gemahl anordnet, will ich ausfuͤhren. Aber doch! mein Vater! William! er iſt dort. Iſt es moͤglich, daß der Krone Glanz mich fuͤr Alles entſchaͤdigen koͤnnte, was ich leide?— Er iſt doch immer unein Vater!— 3e Le⸗ ben in Gefahr—“ 182. „Wie ſchwer iſt's, eine Koͤnigin zu finden, die vergißt, daß ſie Frau iſt!“ unterbrach Wil⸗ liam ſie;„das Volk legte mir die ſouveraine Gewalt zu Fuͤßen. Ich beugte mich nicht ein⸗ mal hinab, um ſie anzunehmen.— Ich— doch Marie wird ſchwach— ich haße dieſe Thraͤnen. Koͤnige ſollten Herzen von Eiſen ha⸗ ben, und Haͤnde von Eiſen— kraͤftig und kalt.— Was man Guͤte nennt, thauet gar ſehr menſchliche Vorſaͤze zuſammen. Ich er⸗ warte, daß Marie ſich waͤhrend dieſer unver⸗ meidlichen Schwierigkeit ſo benehmen wird, wie—“ Er ſchwieg und blickte ſie an; ſie legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ergaͤnzte:„wie es der Gemahlin des Koͤnigs ziemt.“ Er ſchien zufrieden und ſie fuhr fort:„muß ich jezt gleich mitgehen?“ „Vielleicht waͤre es beßer, ſich zuvor ganz zu ſammeln, und alsdann erſt im kleinen Pur⸗ purkabinet erſcheinen.“ Die ſtets gehorſame Koͤnigin erwiederte: „nach Gefallen, doch ich bin jezt voͤllig ge⸗ ſammelt.“ „Am beſten iſt's immer, ganz frei von jeder Gemuͤthsbewegung zu Andern zu gehen,“ ſagte 183 der Koͤnig,„weil es unmoͤglich iſt, vorher zu ſagen, wie ſehr unſere Standhaftigkeit gepruͤft werden mag.“ Die Koͤnigin, welche aus Erfahrung wußte, daß William zwei Dinge in der Welt mehr, als alles uͤbrige ſchaͤzte, naͤmlich Schweigen und Gehorchen, begab ſich in ihre Gemaͤcher, die mehr bequem, als praͤchtig eingerichtet waren. William ging zum Purpurkabinet, woſelbſt der Geaͤchtete ſeine Ankunft erwartete. Sturm⸗ laufen war dem Koͤnige lieber, als miniren; uͤberwinden ſchaͤzte er viel hoͤher, als uͤberreden. Kampfluſt war bei ihm viel mehr entwickelt, als Sprachvermoͤgen; deshalb gewann der Ge⸗ aͤchtete oft uͤber ihn, der Beides in angemeße⸗ ner Weiſe beſaß. Der Koͤnig haßte den redne⸗ riſchen Fluß, dem ſein Anhaͤnger ſich zu uͤber⸗ laßen liebte; oft war auch ſeine Geduld durch die ſtuͤrmiſchen und gewaltthaͤtigen Maßregeln auf harte Proben geſtellt, durch welche der Enth uſiaſt, ſeine Verbuͤndeten zur Ausrottung des Papſtthums zu bringen hoffte. Nur Feuer und Scheiterhaufen konnten ihm dienlich ſeyn; und bitter kraͤnkte es ihn, daß William die Sachen nicht im naͤmlichen Lichte ſehen wollte, als er. Uneigennuͤzig genug war er, um die 184 erlittenen Entbehrungen und Anſtrengungen ſo⸗ wohl, als die durch ihn befoͤrderte Großthat wenig geltend zu machen; kurz, er war ein rechtſchaffener Patriot, ſo ganz verkehrt er auch in einigen Dingen urtheilen mogte. Der Koͤnig ſchaͤzte ihn auf das Hoͤchſte; er wußte aber auch, daß er unzufrieden ſey und eben deshalb, wollte er am wenigſten auf ſeinen Rath hoͤren.— Seine„ausrottenden“ Maßregeln brachte er wieder mit allen den Be⸗ weggruͤnden vor, welche der Koͤnig geduldiger als ſonſt hinnahm; der Koͤnigin Eintritt, bald nachdem ihre Konferenz begonnen hatte, befaͤ⸗ higte William, ihn gelaßener, als fruͤher wohl geſchehen war, davon abzuleiten. Nichts konnte hoͤfiſcher, noch von tieferer Ehrfurcht und Liebe durchdrungener ſeyn, als des Patrioten Betragen gegen die Koͤnigin, deren ſchoͤner Anſtand und echte Hofſitte jedem Ehrfurcht einfloͤßen mußten, der in ihre Naͤhe kam.— Sie hoͤrte Alles an, was er ihr ſag⸗ te, und ward als Frau oft durch ſeine Beredt⸗ ſamkeit und durch die Gewalt ſeiner Rede hin⸗ gerißen, wiewohl ſie durchaus die mildere Lehre ihres Gemahles theilte. Vergebens ermahnte der Eiferer, zu ſtrengeren Maßregeln gegen 185 Paͤpſtiſch⸗Abweichende. Solche Maßregeln, ent⸗ gegnete der Koͤnig, wuͤrden ſaͤmmtliche Papi⸗ ſten in Europa den Intereßen Englands ent⸗ fremden, moͤgten eine neue katholiſche Ligue erzeugen. Zudem koͤnne er unmoͤglich Anſpruch darauf machen, die Proteſtanten in Deutſch⸗ land und Ungarn ſchuͤzen zu wollen, wenn er gleichzeitig Verfolgung der Katholiken, in Eng⸗ land anordnete. Eine Weile verbrachte der Geaͤchtete ſchwei⸗ gend, nachdem der Koͤnig ſeinen endlichen Be⸗ ſchluß uͤber dieſe Angelegenheit, in einem Tone und in einer Weiſe ausgeſprochen hatte, die zu bekaͤmpfen, wie er einſah, fuͤr ihn fruchtloſer Verſuch ſeyn wuͤrde; Marie hoffte ſchon, er ſey uͤberzeugt. Da ſprach er;„dann iſt meine Laufbahn in dieſem Koͤnigreiche beendigt, und es bleibt mir nur noch uͤbrig, Gott zu bitten, daß er die Beherrſcher dieſes Landes ſegne und— ich ſeze dies mit aller gebuͤhrenden Ehrfurcht hin⸗ zu,— ſie erleuchte!— Ich will da nicht le⸗ ben, wo Papſtthum mir am hellen Tage in's Antliz ſtiert;— will da nicht leben, wo Chriſtus Religion verſpottet wird, geſchaͤhe es auch nur fliſternd. Viel habe ich empfunden 7 186 .— und viel geduldet; Euch Beiden, Ihr Koͤnig und Ihr Koͤnigin des maͤchtigen England, ſage ich ganz offen, daß, wenn ich eine zweite Re⸗ volution hervorzubringen wuͤßte, durch welche Papiſterei von der Erde vertilgt werden koͤnnte, ich wollte ſie bewirken, wollte jegliche Monar⸗ chie auf dem Erdballe vernichten, die nicht zum Kampfe gegen die Babyloniſche Meze in Schar⸗ lach, aufſtehen wollte.“ Die Koͤnigin unterbrach ihn, benuzte das ſchoͤnſte Vorrecht der Frauen: Frieden ſtiften, und ſagte:„in keinem Lande der Welt werden Sie Geſeze finden, die genau zur Befriedigung Ihrer Wuͤnſche und Anſichten entworfen ſind; aber Seine Majeſtaͤt ſo wenig, als ich koͤnnten den Verluſt eines ſo wahren, ſo felſenfeſten Freundes, wie Sie uns ſind, ertragen.“ „Seine Majeſtaͤt weiß ſehr gut, daß mein Beiſtand nur da geleiſtet werden konnte, wo die Regierung auf die Grundlage des Sturzes der Roͤmiſchen Kirche, fußte.“ „Ich glaubte, Ihnen bewieſen zu haben,“ ſprach der Koͤnig mit ſo eiſiger Kaͤlte, daß ſie dem Andern ſcharf in's Herz drang,„daß, wenn ich mit einer Hand Ihre empfohlene Maß⸗ 187 nahmen ergriffe, ich mit der andern meine Krone niederlegen muͤßte.“ „Legen Eure Majeſtaͤt,“ zentgegnete der Ei⸗ ferer mit etwas hoͤhnender Be tonung des Wor⸗ tes Majeſtaͤt,„Krone und Scepter in die eine Schaale, Unſterblichkeit aber, ſowohl irdi⸗ ſche, als himmliſche, in die andere,— und urtheilen dann, welche eines Koͤnigs Ehrgeiz enthalten muͤßte.“ „Meinungen ſind verſchieden,“ entgegneke der Koͤnig gereizt, aber doch vom Wunſche angetrieben, den Beiſtand eines Mannes nicht zu verlieren, der großen Einfluß bei einer maͤch⸗ tigen Parthei beſaß; eigentlich wußte er auch nicht recht, was er darauf erwiedern follte. „Sie koͤnnen auf dieſen Gegenſtand zuruͤck⸗ kommen,“ redete die Koͤnigin ein;„Ihre Wahr⸗ heit und Aufrichtigkeit koͤnnen wir nicht ver⸗ kennen; und ich hoffe, daß Seine Majeſtaͤt ſo wenig, als ich, unſere Freunde nie vergeßen werden; Sie jedoch muͤßen einſehen, in welcher ſchwierigen Stellung ſich der Koͤnig befindet.“ William, ſtets ſo puͤnktlich wie ein Uhrwerk zog ſeine Uhr hervor, hielt ſie dem mißver⸗ gnuͤgten Patrioten hin und ſagte:„Das Lever erwartet mich; ich bin ſchon zwei Minuten und 188 — zehn Sekunden uͤber meine Zeit geblieben.— Gehen wir zuſammen hinein.“ Waͤhrend ein Page den Lord Kammerherrn rief, beugte der raſtloſe und unzufriedene Pa⸗ triot ſein Knie vor der Koͤnigin, druͤckte ehr⸗ furchts voll ihre Hand an ſeine Lippe und ſprach: „Ihro Majeſtaͤt ſage ich meinen Dank fuͤr den Gnadenbeweis, den Sie der Lad) Marie Po⸗ wis erzeigten.“ „Ey,“ unterbrach ihn die Koͤnigin,„die Lady Marie iſt Katholikin; nennen Sie das Folgerichtigkeit?“ Der alte Mann gerieth durch dieſe Bemer⸗ kung in einiger Verwirrung; als er ſich wie⸗ der gefaßt hatte, ſagte er:„Gott ſegne Sie, hohe Frau! der Taube iſt des Adlers Staͤrke nicht verliehen, ſo wenig als der weißen Hind⸗ in des Fuchſes Liſt; Du aber biſt eine Frau unter Königinnen und eine Koͤnigin unter den Frauen! Mag Gottes Segen uͤber Ihnen wei⸗ len! und ſollte die Krone dieſer ungluͤcklichen Reiche ſchmerzlich dieſe ſchoͤne Stirne druͤcken, moͤgen Sie dann in der Ehre und der Jahre Fuͤlle, ſie gegen eine andere, unendlich glorrei⸗ chere Krone vertauſchen!“ „Ich werde Sie morgen doch wiederſehen 2 189 —— ſagte die Koͤnigin, als er dem Koͤnige zum Empfangſaale folgte. Da verbeugte er ſich tiefer noch, als zuvor; kuͤßte noch einmal die gnaͤdig ihm dargebotene Hand und murmelte:„nie, Dame, nie wie⸗ der in dieſer Welt.“ 190 Behntes Kapitel. Mag der Naßau⸗Stern In Majeſtät ſich hebend, nun erſcheinen, Im Siege über hingeſchwund'ne Nacht; Sey freundlich er, der Schiffer leuchtend Licht, Für ew'ge Dau'r, in ſeiner Strahlenpracht. Prior. William erfuͤllte die Pflichten ſeines Lever in der naͤmlichen regelrechten, trocknen und be⸗ ſtimmten Weiſe, in welcher ein Offizier eine Muſterung vornimmt; jeder Perſon ſagte er, was unter allen Umſtaͤnden nur wenige Worte genannt werden konnte, ſchnitt dabei die Hoͤf⸗ lichkeit als einen Auswuchs ab, der die hoͤhe⸗ ren geiſtigen Lebenskraͤfte nur ſchwaͤcht. Dem⸗ ungeachtet meinte Baſil, dies ſey das laͤngſte und langweiligſte Lever, bei dem er jemals zu⸗ gegen geweſen. Sobald es nur irgend moͤglich 191 war, zog er den unzufriedenen Patrioten faſt mit Gewalt fort, und beſtieg mit ihm deßen Kutſche, ohne dazu eingeladen zu ſeyn. Bald nachher fragte er nach dem Briefe, und nun zog ſein Begleiter aus der Taſche ſeines reichbetreßten Sammtrockes, eine Anzahl verſchiedener Papiere hervor. Baſils Auge er⸗ kannte ſogleich den fraglichen Brief darunter, und er fragte, weshalb er ihn nicht entweder ſelber abgegeben, oder doch Braun geſtattet habe, das zu beſorgen. Dieſe Frage ſchien dem alten Herrn eine Folge von Erinnerungen zu erwecken, denn ſogleich gab er ſeinen Leuten Befehl, ihn zu Sir Everard zu fahren. Baſil vermogte durch nichts, was er vorbrachte, dem Manne auch nur ein Wort abzugewinnen; als ihnen die Equipage der Prinzeßin Anna von Daͤnemark mit dem ganzen Zuge von Vorrei⸗ tern und geſchmuͤckten Dienern vorbeifuhr, ſchien dieſer Anblick ihn aus ſeiner Erſtarrung zu wecken; er murmelte:„da iſt's wieder! da iſt's! Koͤnigthum kann in England nicht ausgerottet werden. Es iſt ganz unaustilgbar; es wechſelt die Geſtaltung, iſt aber in ſich im⸗ mer das naͤmliche, oder kommt endlich zu dem⸗ ſelben Ende. Kinderſpielwerk!— Narren⸗Prit⸗ 192— alles das naͤmliche— Koͤnigthum! Koͤnig— thum!“ Augenſcheinlich war er nicht zu Geſpraͤch und Unterhaltung aufgelegt; Baſil ſaß mit dem ge⸗ heimnißvollen Briefpakete in der Hand, wel⸗ ches er ſeinem Begleiter abgenommen hatte; er betrachtete es viel und ſein Blut begann heißer zu rinnen, als er ſah, es ſey nicht mit— dem Wappen der Raymond's geſiegelt, ſondern mit einem kleinen Petſchafte, welches er Ro⸗ ſalinden fruͤher einmal geſchenkt hatte; er zer⸗ knitterte den Brief in ſeinen Haͤnden und ſagte zu ſich ſelber:„ihr koͤnnte ich verzeihen; aber Euthbert, meinem vertrauteſten Freunde, ihm, der meines Herzens Geheimniße theilte—“ Ploͤzlich fuhr der Andere aus ſeiner anſchei⸗ nenden Starrſucht empor und ſagte:„Sie ſind jung,— auch ich war einmal jung, ob⸗ wohl in keiner Zeit meines Alters ſehr jung, denn die Zeit, welche die meiſten Knaben zum Aufſuchen der Vergnuͤgungen und der Luſt des Augenblickes verwenden, benuzte ich, um in die Geheimniße der Zukunft zu dringen. Doch iſt es eitle Thorheit, Einſchnitte in Menſchen⸗ herzen zu machen, wo nur Faͤulniß weilt; eitle ſche!— kluger Leute Verblendung!— alles, b 193 Thorheit iſt das Bemuͤhen, die Menſchen zu beßern und ihren Geiſt aufzuhellen, wenn die Lichtſtrahlen, die man in ihre Seelen bringen kann, nur dazu dienen, Finſterniß noch erkenn⸗ barer zu machen. Jeder Einzelne im Staate, hat ſeine abgeſonderten und eigenen Vortheile im Auge; nur nach ſeinem perſoͤnlichen kleinli⸗ chen Nuzen duͤrſtet ſeine Seele, nicht aber nach Gemeinwohl.— Doch, ich habe abgeſchloßen, — habe mit Staat und Individuen nichts mehr zu thun.“ „Aber doch mit mir,“ ſagte Baſil freund⸗ lich;„Sie ſind jezt uͤber irgend ein Ereigniß unmuthig, fuͤhlen ſich gekraͤnkt, ſpaͤter werden Sie anders denken.“ „Sehen Sie dieſe Baͤume?“ fragte ſein Be⸗ gleiter,„den Schoͤßling dort neben der alten Eiche, die an ſeiner Seite emporragt? Ihn moͤgen Sie abſchneiden;— moͤgen ſein Herz⸗ mark durchſtoßen, und er wird ſich erneuen, wird leben, gruͤnen, junge Zweige und kraͤfti⸗ ges Laub hervortreiben; hauen Sie aber den alten Baum ab, ſo iſt er fuͤr immer zerſtoͤrt!“ Der Wagen rollte am Hyde⸗Park hin, weil der Tag ſchoͤn war, ſah man viele Reiter und manche froͤhliche, heitere Geſichter, die jenem * UII. 13 194 — Felde ein belebtes und eindruckvolles Ausſehen verliehen, welches damals nichts anders war, als ein Anger, auf welchem hin und wieder ſtattliche Baͤume ſtanden; der Geaͤchtete, wie⸗ derum in eine ſeiner duͤſtern, menſchenfeindli⸗ chen Launen verſunken, fuhr fort: „Sehen Sie dieſe an! Maͤnner, Weiber, Kinder, Geſchoͤpfe, die ſprechen, denken und handeln koͤnnen; hier aber ſind ſie herausge⸗ prunkt und abgerichtet; ſchwoͤren will ich dar⸗ auf, daß Alle eben ſo bereit ſind zu rufen: „Lange lebe Koͤnig Jakob!“ als den Ruf: „Lange lebe Koͤnig William!“ erſchallen zu laſ⸗ ſen; und dennoch wenn es möͤglich waͤre, daß Er, der Weiſe und Maͤchtige, der einzige Mann neuerer Zeit, der das Gepraͤge ſeiner Groͤße aus Gottes eigener Hand empfing, und deßen Ueberreſte gleichwohl ausgeſcharrt und beſchimpft wurden, bei geduldigem Anſchauen dieſes Engliſchen Volkes— wenn es moͤglich waͤre, dieſe Gebeine wieder zu einen, die Seele aus ihrem ewigen Strahlenſize im hohen Him⸗ mel herab zu rufen, um das Gebein wieder zu beleben,— wenn Cromwell in Whitehall wiedererſcheinen ſollte, ſo wuͤrden ſie dieſen Naſ⸗ ſau zu ſeinen Hollaͤndiſchen Suͤmpfen zuruͤck⸗ 195 — ſchicken und am hohen Mittage die Sonne durch den Ausruf erzittern machen:„Gott ſegne den Lord Protektor!“ b Begeiſtert durch ſeines Begleiters Eifer, ſagte Baſil:„ein glorreicher Ausruf wuͤrde das ſeyn, ein Ausruf, Englands wuͤrdig 24, „Kehren ſie es um und leſen es ſo: ein Ausruf, deßen England nicht wuͤrdig iſt;“ er⸗ wiederte der Andere,„o mein Gott! daß ein ſolcher Mann ſeine große Seele abmuͤhen ſoll⸗ te, um ſolchen Geſchoͤpfen zu dienen!“ „Sie muͤßen aber zugeben, daß William's Stellung ſehr gefaͤhrlich iſt;— es wird ſo ſchwer vermieden, die Gewalt zu weit zu trei⸗ ben, oder zu viel nachzugeben. Sie erin⸗ nern ſich der Antwort des Appollonius an Vespaſian: als er gefragt ward, welche die Urſache zu Nero's Sturze ſey, gab er zur Ant⸗ wort: daß Nero die Harfe gut ſpielte und ſtimmte, daß er aber in Regierungs⸗Angelegen⸗ heiten die Saiten manchesmal zu hoch ſpannte, bald wieder zu tief herabſchlaffte.“ „Ey,“ entgegnete der Cyniker,„ich kannte Ihr hiſtoriſches Wißen noch nicht;— aber die Alle waren Tyrannen.“ Bei dem Ausſprechen dieſer entſcheidenden — 196 — Verſicherung hielt der Wagen vor Sir Eve⸗ rard's Thuͤr. Im Eintreten fragte Baſil ſogleich nach Margrete; aber ſichtbar vorherrſchende Verwirrung und Befangenheit bei dem Geſinde, vermogte ihn zu der raſchen Frage, ob ſein Vater erkrankt ſey? Man antwortete ihm, Sir Everard befinde ſich vollkommen wohl, Lady Sydney dagegen 3 ſey ploͤzlich vom Schlage geruͤhrt. Er vergaß Roſalindens Brief und flog zu ſeiner Mutter Zimmer, welches in Wahrheit, menſchlicher Eitelkeit eine ergreifende Lehre auf⸗ ſtellen konnte;— die hochgeborene, ſchoͤne, unſaͤglich ſtolze Frau, mit Schwaͤche ringend, wirrend wie eine Bloͤdſinnige, ihre Haͤnde ver⸗ ſagten den Dienſt, ihre Zunge unfaͤhig, ein Wort hervorzubringen, ihre Gliedmaßen ſchwer 1 und kraftlos,— waͤhrend das duͤnne Augen⸗ lied ſich weigerte, die ſinnentbehrenden Schrek⸗ ken ihrer bleiſchweren Augen zu bedecken. An ihrer Seite kniete Margrete; Sir Everard, ſtarr vor Schreck und Bangigkeit, horchte auf den Ausſpruch des Arztes. Pater Franck preßte von Zeit zu Zeit, ein kleines elfenbeinernes Kru⸗ zifir auf ihre Lippen, und war bereit, ihr die lezten Sakramente der Kirche zu ertheilen, wenn 197 — ſie dieſe verlangen ſollte. Es ſchien, ſie erkannte im vollſten Bewußtſeyn Alles, was um ſie vorging; denn als ihr Sohn eintrat, faͤrbte ihr ſtockendes Blut zwar nicht die braunen Wangen wie ſonſt, aber ſie bewegte die Hand und bemuͤhete ſich zu ſprechen. Es war eine kummervolle, eine tief ergreifende Stunde. Baſil vergaß ſeiner Mutter Stolz, Froͤmmelei und Zornlaune; jezt ſah er, beinahe im Todes⸗ kampfe, nur die vor ſich, deren Lippe ihn ge⸗ liebkoſet, deren Stimme ihm geſchmeichelt hat⸗ te, und deren Geiſt, jezt im Begriffe, zu ei⸗ ner andern Welt ſich aufzuſchwingen, nie ge⸗ ruhet hatte, wo ſein Vortheil zur Anregung — kam; ſie, die ſeinen Ruhm theilte, ſeine Furcht— mit empfand, ſeine Hoffnungen mit ihm hoff⸗ te; die in allen Dingen, mit Ausnahme ihrer Religion, ſein zweites Ich war. Er kuͤßte ihre Hand; er preßte ihre kalten, weißen Finger auf ſeine gluͤhende Stirn; er betete demuths⸗ voll und inbruͤnſtig zu Gott, ſo wie Menſchen nur in den Stunden der Noth beten; den Him⸗ mel ermuͤdete er faſt durch ſein flehendes An⸗ rufen; als es Mitternacht vorbei und dem Arzte gelungen war, ihrem Arme zweimal Blut zu entziehen, dieſer nun verlangte, daß 198 man ſie nicht beunrnhigte, da erſt verließ Baſil ihr Lager, winkte Margrete zu einem Vorzimmer und reichte ihr Roſalindens Brief. So bleich ſie durch Angſt und Wachen war, erroͤthete ſie lebhaft bei dem Anblicke der Schrift⸗ zuͤge. Sie entriß ihm den Brief mit Haͤnden, die ſo heftig zitterten, daß ſie kaum das Sie⸗ gel zu erbrechen vermogte; ihr Auge aber forſchte dabei nur in Baſil's Geſichtszuͤgen.— Haͤtte Baſil gewußt, was zu verbergen ſie ihre Seele verſchworen haben wuͤrde, dann konnte er ſo nicht ausſehen; dieſe Ueberzeugung kraͤf⸗ tigte ſie wieder, und mit einer Selbſtuͤberwin⸗ dung, welche einer ſchoͤnern Sache Ehre ge⸗ macht haben wuͤrde, erbrach ſie den Brief: „Sie haben Zweifel in mich geſezt, Oberſt Sydney, ich weiß nicht weshalb, noch wie es gekommen iſt,“ ſagte ſie, den Brief fluͤchtig uͤberblickend,„wird dies Sie uͤberfuͤhren?“— Sie ſchlug das Blatt um, hielt ihm die Un⸗ terſchrift hin, und obwohl Schwindel ihn er⸗ faßte, las er doch: „Erlaube, daß ich Dich Schweſter nenne, ich bin mit aller Liebe“— dann— dann folgte der Name„Raymond“ in Roſalindens eigenen, ſchoͤnen Schriftzuͤgen. 199 „Sind Sie befriedigt, Oberſt Sydney?“ fuhr ſie fort,„oder ſoll ich leſen, hoͤren Sie: „mein geliebter Cuthbert iſt immer noch ſo krank, daß——“ „Stin! Still!“ ſagte Baſil, mit der Hand abwinkend,„fruͤher hoͤrte ich ſchon genug, jezt habe ich geſehen! Dame! in Ihre Wahrheit ſezte ich keinen Zweifel, meinte aber, Sie koͤnnten ir⸗ ren. Iſt kein Wort fuͤr meinen Vater darin?“ „Keines,“ erwiederte ſie,„nicht das entfern⸗ teſte;— aber ſogar in ihr, in meines Bru⸗ ders Weibe, kann ich ſolche Falſchheit nicht dul⸗ den. Da!“ ſie zerriß den Brief, ſchleuderte ihn in's Feuer, und als die Flamme ihn ergriff, rief ſie aus:„ſo vergehe alle Bosheit!“ „Dazu, Amen!“ toͤnte eine Stimme aus ei⸗ nem behangenen Verſchlage, nahe am ausge⸗ ſchnizten Kamine; bei dieſen Worten ergriff des Geaͤchteten Hand, den brennenden Brief;— mit raſcher Entſchloßenheit, die in ihrer Aus⸗ fuͤhrung dem Zuſpringen eines jungen Tigers glich, erfaßte Margrete ſeinen Arm; er aber hielt den Brief hoch uͤber ihrem Haupte, laͤ⸗ chelte mit veraͤchtlichem Hohne uͤber ihre An⸗ ſtrengung und ſagte: 200 „Auch ich haße alle Falſchheit ſo ſehr, daß ich ſie gar gern der Welt entſchleiern moͤgte.“ „Oberſt Sydney! Baſil!“ rief ſie, vergaß in der Angſt des Augenblickes die geſellſchaft⸗ lichen Formen, wiederholte mehremale den lez⸗ ten, ihr lieberen Namen, und bat:„o, neh⸗ men Sie ihm den Brief ab; mein Bruder wird dadurch verrathen, und er wird ihn zu deßen Untergange anwenden. Sie kennen ja ſeine politiſche Heftigkeit, ſicherlich wird er meinen Bruder in's Verderben ſtuͤrzen.“ „Deines Bruders Verderben!— Merk! wie hingebend die Schweſter iſt;“ ſagte der Eiferer ſehr ruhig; dann trat er dicht zu ihr und fli⸗ ſterte ihr mit einem Ausdrucke zu, der ſie vom Kopfe bis zu den Fuͤßen erbeben machte:„es iſt Dein Verderben, was Du fuͤrchteſt, nicht ſeines.“ Margrete ſank in flehender Haltung auf ihre Kniee nieder. Baſil, der die leiſen Worte nicht gehoͤrt hatte, glaubte, ſie ſey ohnmaͤchtig ge⸗ worden und hob ſie vom Boden auf. Der Ge⸗ aͤchtete warf ihr einen Blick ſo bitterer, ſo ſchrecklicher, ſo vernichtender Verachtung zu, daß ſie ihr Antliz in ihren Haͤnden verbarg; als ſie dieſe abzog, erhellte das Gemach, ein 201 Gemiſch von Lampen und von Mondenlicht; Baſil's theilnehmendes Antliz war uͤber ſie hin⸗ gebeugt, und deutlich konnte ſie der Lady Syd⸗ ney ſchwere Athemzuͤge, auf dem Krankenlager im naͤchſten Zimmer vernehmen. „Iſt er fort,— wirklich fortgegangen,— dieſer furchtbare, entſezliche Menſch?“ fragte ſie, aͤngſtlich nach dem Verſchlage blickend, in welchem er ganz unabſichtlich verborgen gewe⸗ ſen war.„Sind Sie üün gewiß davon, daß er ging?“ „Ja, ganz und ooͤllig gewi.“ „Sahen Sie ſeinen lezten Blick?“. „Nein,“ ſagte Baſil, der faſt Luſt hatte, ein Entſezen zu belaͤcheln, welches er nicht be⸗ greifen konnte. „Alſo iſt er wirklich fort?“ „Wenn Sie mir erlauben, Miß Margrete, will ich ihm folgen, und ihm das Verſprechen abnehmen, Ihren Bruder nicht aufzuſuchen, ihn nicht zu gefaͤhrden.“ „d nein! nein! nicht um die Welt!“ ant⸗ wortete ſie,„o wehe mir! ich habe keinen Bruder! keinen Freund!“ „Sie thun mir Unrecht,“ erwiederte Baſil, „großes Unrecht, wenn Sie ſagen, Sie haͤtten 1 202 ſo wenig Freund, als Bruder. Wer bin ich denn?“ „Wehe mirl jezt kann ich nicht ſprechen;— doch— verlaßen Sie mich fuͤr eine kurze Weile— nachher werde ich Ihnen danken koͤnnen.“ „Verſcheuchen Sie das Andenken an dieſen ſeltſamen und geheimnißvollen Mann aus Ih⸗ rem Gemuͤthe— ſchlafen, Sie einige Stunden. — Wenn's dem Himmel gefaͤllt„ wird es mit meiner Mutter morgen fruͤh beßer ſeyn.“ Baſil ging; als er hinaus war, wechſelte Margrete weder ihre Stelle, noch ihre Stel⸗ lung; lange Zeit ſaß ſie da auf ihrem Seſ⸗ ſel, die Arme auf deßen gepolſterte Lehnen ge⸗ ſtuͤt und mit den Fingern ihre Augen zudruͤk⸗ kend; ihr glaͤnzendes Rabenhaar, ſeiner Feßel entwallt, breitete ſich gleich einer ſchwarzen Sargdecke uͤber ihre Schultern. Endlich ſprach ſie:„Alle ſind fort, nur die Waͤrterinnen nicht, die am Krankenbette wa⸗ chen, und auch die nicht, die einige Sorge fuͤr die Sicherheit derer empfinden, welche den naturgemaͤßen Vorgeſchmack des Todes, ſchon koſten.“ Sie oͤffnete das Fenſter und ſchaute mit for⸗ 203 ſchendem neugierigen Auge einpor zum Him⸗ mel; die Nacht war hell und ſtrahlend; eine von denen, welche die Sterne zu himmliſchen Feſttagen machen, und durch ihren Glanzſchim⸗ mer das bleiche Licht des Mondes beſchaͤmen. Die Thurmſpizen von Weſtminſter waren wie mit Silber uͤberzogen; die Glocke ſchlug eins— zwei;— das Glockenſpiel der Abtei bezeichnete den Fortgang der Stundenzeit und kleinere Kirchen antworteten von geheiligten Thurmhoͤ⸗ hen; die Nachtwaͤchter hielten ihren Umgang und riefen die Stunde ab, welche unter die Todtenbahre der Zeit verſunken war. Heiligkeit und Ruhe ſchwammen in des Himmels A⸗ mosphaͤre. „Da ſind ſie,“ ſprach Margrete,„uͤber uns ſchimmern dieſe Sterne, welche die ſtolze Frau fuͤr die Waͤchter ihres Schickſals haͤlt; dort er⸗ glaͤnzt ihr eigener Stern, heller als je, und das im Augenblicke ihres Todes.— Großer Gott! haͤtte ich mich ſelber in Trug befangen, waͤhrend ich Andere zu betruͤgen ſuchte! Haͤtte ich die Talente verſchleudert, die ſogar jezt in meiner dringendſten Noth, mich noch nicht ver⸗ laßen,— und haͤtte ich bei dem Verfolgen der viel einfacheren Lebensbahn einer nicht ehr⸗ fuͤchtigen Frau ſeyn koͤnnen, was—. Ja, was haͤtte ich nicht ſeyn koͤnnen?— Eine Lei⸗ denſchaft; eine einzige— aber dieſe gewiß rein, herrſcht in meinem Herzen!— Ich glaubte, ſie wuͤrde in Bitterkeit umgewandelt werden; doch nein, das konnte ſie nicht; was meine Seele von freundlicher Guͤte empfindet, gehoͤrt ihm.— O Baſil, Baſil!— gedenke ich Dei⸗ ner, dann erſcheinen mir alle Dinge dieſer Welt wie nichts, ſind nur ſchaal und veraͤcht⸗ lich; mein Kopf und mein Herz gluͤhen in Fieberhize, faſt koͤnnte ich weinen.— Falſcher Stern!“ fuhr ſie nach einer Wiile fort, als ihr eigenes Nativitaͤts⸗Geſtirn blinkend und laͤ⸗ chelnd uͤber einem der Abteithuͤrme erglaͤnzte; „ich ſehe Dich und ich verachte Dich; ich glaube nicht an Deine Geheimniße und dennoch ſuche ich ſie zu ergruͤnden.“ Noch viel mehr ſprach ſie, dem ſich die Na⸗ men Roſalinde, Cuthbert und Alice zumiſchten; einmal ſchien es, ſie fuͤhle das Beduͤrfniß nie⸗ derzuknien und zu beten, doch ihre Knie ver⸗ ſagten ihr dieſen ganz ungewohnten Dienſt, wollten ſich nicht beugen. Sie war im Begriff, hinab in den Garten zu gehen, doch meinte 20⁵ ſie, die Geſtalt eines Mannes zu erblicken, der 3 im Gebuͤſche umherſchlich. Anfangs dachte ſie, es ſey der Geaͤchtete, ddeer zuweilen durch dieſen Garten zum Park ging;— er konnte es ſeyn; ſie barg ſich hin⸗ ter einer Saͤule, die einen oben befindlichen Balkon ſtuͤzte, entſchloßen, ſeine Bewegungen zu erſpaͤhen. Nicht lange nachher war des Nannes Fuß auf der Terraßen⸗Treppe, welche zu dem Gemache fuͤhrte, in welchem ihr, ſo wie ſie ſich jezt geſtellt ſah, das wichtigſte Er⸗ eigniß ihres Lebens begegnet war. Er ſchlich herum„wie ein Dieb in der Nacht,“ um die V ſchoͤne bildneriſche Sprache der heiligen Schrift zu gebrauchen;— Schritt nach Schritt nahte er vorſichtig; grade als er dem Fenſter gegen⸗ uͤber kam, ſtand Margrete vor ihm!— Ihr Leichdecken⸗aͤhnliches Haar war noch tiefer her⸗ abgefallen; weil ſie ſchwarz gekleidet war, zeigte ſich keine andere Faͤrbung an ihr, als ihr mar⸗ morweißes Geſicht und ihre herabſinkenden ſchoͤne Arme. Der Mann ſchreckte zuruͤck, als haͤtte er ein Geſpenſt gewahrt; weil ſie in ihm b einen ganz Unbekannten ſah, wollte ſie um Huͤlfe rufen, als er Schonung von ihr er⸗ ſfeehete. 8 206 „Ich bin kein Dieb, Madame; dies erklaͤre ich im Angeſichte des Himmels; eben ſo wenig beabſichtigte ich, dem Hausſtande den minde⸗ ſten Nachtheil zuzufuͤgen; aber ich hoͤrte, daß —(den Namen ſprach er ſehr leiſe, als floͤße ihm dieſer ſchon Entſezen ein)— in dieſem Hauſe waͤre, und weil ich einen vorbeigleiten⸗ den Schatten bemerkte, wollte ich mich uͤber⸗ zeugen, ob es der ſeinige geweſen ſey. Ich ver⸗ muthe, man hat mir falſche Kunde gegeben.“ „Nur ſo eben iſt er fortgegangen,“ erwie⸗ derte Margrete,„noch iſt keine halbe Stunde verfloßen, ſeitdem er in dieſem Zimmer war; doch was wollt Ihr von ihm?“ „Wiederum entronnen!“ murmelte der Blut⸗ menſch. Einige Schritte ging er zuruͤck und ſagte dann zu Margrete:„Dame, wenn Ihr ihn ſeht, ſagt ihm, daß der Dolch, der ſchon einmal ſein Blut trank, nach einem neuen⸗ Trunke duͤrſtet.“ Margrete war ſtarr vor Entſezen; als ſie wied er aufblickte, glaubte ſie zwei Menſchen im Schatten der Gartenmauer ſich bewegen zu ſehen. b 1 Die ſonderbare Erſcheinung dieſes zudringli⸗ chen Beſuches erregte in ihr eine neue, freilich 207 recht ſchwache Hoffnung; doch eifrig haſchte ſie danach, weil ihr ſtaͤrkere Stuͤzen fehlten. Aus⸗ gemacht hatte ſie erkannt, daß der geheimniß⸗ volle Geaͤchtete, ein alter Freund des Hauſes Sydney, die Macht beſize, ihr künftiges Loos zu geſtalten und zugleich alle ihre Hoffnungen mit einem Schlage zu vernichten; eben ſo ge⸗ wiß war es, daß ſeine Worte, wie ſein Beneh⸗ men ihren Plaͤnen nur Boͤſes verhießen. Der moͤrderiſche Boͤſewicht, der ihm nachlauerte, wollte ihn von der Erde vertilgen, das war deutlich; die Moͤglichkeit, daß ihm dieſes ge⸗ lingen und dadurch ihren Pfad von dem ge⸗ faͤhrlichſten aller ihrer Hinderniße ſaͤubern koͤn⸗ ne, ſtieg zwar verwirrt, aber doch kraftvoll in ihrem Gemuͤthe auf. Nur wenige Augenblicke vergingen, bis ihre Gedanken ſich zu ihrem Zwecke geordnet hatten; in ziſchendem Gefliſter rief ſie dem Manne zu, er moͤgte zuruͤckkom⸗ men. Noch einmal wiederholte ſie ihren Zuruf, der nun vernommen wurde; am Fuße der Treppe blieb der Menſch ſtehen, um das Wei⸗ tere zu erwarten. „Der von Euch Geſuchte,“ ſprach Manghtts leiſe,„mag immer noch unter dieſem Dache weiſen; ſeyd geduldig und aufmerkend;“ waͤh⸗ 208 rend ſie ſprach, bog ſie ſich uͤber die Bruſtlehne herab, der Meuchelmoͤrder war um zwei Stu⸗ fen hoͤher die Treppe hinaufgeſtiegen und faßte mit ſeiner Hand unter die Weſte, als wolle er den Dolch ergreifen, den zu gebrauchen, er ſo ſehnſuͤchtig wuͤnſchte. In dieſem Augenblicke pfiff eine Kugel durch die Luft und der Boͤſewicht ſiel auf die ſteilen, ſchmalen Treppenſtufen; durch den Schuß ſo⸗ wohl, als durch Margretens Schreckgeſchrei herbeigerufen, eilten Sir Everard und Baſil in das Vorgemach, liefen raſch die Steintreppe hinab und ſahen bei dem Leuchten der Sterne, den Geaͤchteten uͤber dem Koͤrper des Getoͤdte⸗ ten ſtehen. Einige Augenblicke herrſchte tiefes ungebrochenes Schweigen. Da ſagte der Ge⸗ aͤchtete in leiſem, aber feierlichem Tone: „Alſo hier, im ſtillen Frieden der Nacht, mußte der Mißethaͤter zu Grunde gehen. Es ſchmerzt mich, daß eines Kriegers lezte That dem Henker ſein Recht entziehen ſollte. Baſil Sydney, blicke Du auf dieſes verreckte Aas und erkenne in ihm die faulige Huͤlle eines Elenden, der ſich mit Englands beſtem Blute befleckt hat,— mit dem Blute von Maͤnnern, die das Reich noch jezt wieder auf ſeine erha⸗ 209 bene Stufe unter den Nationen heben koͤnnten, waͤre dieſer Meuchler nicht geweſen!“ Inzwiſchen war auch das maͤnnliche Geſinde herbeigeeilt. Der Garten ward durchſucht und der Vertraute des getoͤdteten Spaͤhers herbei⸗ geſchleppt. Als dieſer Menſch vor dem Geaͤch⸗ teten ſtand, lachte er und ſprach: „Meiſter, eigentlich galt's Euch, manch lie⸗ bes Mal haben wir Euch naͤher in unſern Klauen gehabt, als in dieſer Nacht; auch hab' ich's dem Pack'ihn wohl geſagt, es ſey, als wolle er ſeinen Kopf in's Otterloch ſtecken, wenn er Euch hier hinein folgte.— Nun end⸗ lich hat er doch ſeinen Lohn bekommen, s' iſt aber kein goldener, ſondern einer von Blei.“ Der Menſch ward durch die Dienerſchaft fortgefuͤhrt; der Geaͤchtete blieb noch einige Minuten ſtehen, um den todten Koͤrper ſei⸗ nes alten, unverſoͤhnlichſten Feindes zu be⸗ trachten. Endlich wandte er ſich zu Sir Everard und ſprach:„jezt geh' ich; doch noch einmal wirſt Du mich wiederſehen. Sydney, die Schuld, welche ich Dir, fuͤr Jahre gepruͤfter und gedul⸗ diger Freundſchaft ſchulde, will ich Dir reich bezahlen. Baſil, laß Du nicht durch einen uͤber⸗ III. 14 210 — eilten Schritt, Dich zu dem Erzeugen eines ganzen Menſchenalters von Elend hinreißen. Doch meine Warnung iſt unnoͤthig; das Haus, in welchem der Tod ſeine Herrſchaft uͤbt, kann nicht zugleich Brauthaus ſeyn.“— Dieſe lezte Bemerkung ſprach er mehr ſich ſelber, als den Umſtehenden zugerichtet, wandte ſich darauf noch einmal zu Sir Everard und fuhr fort: „nur eine Pflicht habe ich noch zu erfuͤllen. Sie ſoll vollzogen ſeyn, bevor wenige Tage vergangen ſind. Bis dahin Lebewohl.“ Langſam ging er aus dem Garten. Baſil ſuchte Margrete auf, in der Hoffnung, einige Erklaͤrung uͤber dieſes Geheimniß von ihr zu erlangen; ſie war„zur Ruhe“ gegangen. Der gute Baronett weilte noch im Garten, uͤber ein Ereigniß nachſinnend, welches ſeine Faßungsgabe weit uͤberſtieg; voller Staunen uͤber dieſe neue That ſeines langjaͤhrigen, aber furchtbaren Freundes, befahl er, die Leiche des Sergeanten fortzuſchaffen,— des Elenden, der zur Haͤlfte fuͤr Bezahlung und zur Haͤlfte aus toͤdtlichem Haße, des Geaͤchteten Pfade mit der Beharrlichkeit eines Spuͤrhundes verfolgt hatte; und der, nun politiſche Beweggruͤnde ihn nicht mehr dazu antrieben, in ſeinem un⸗ 5 211 ermuͤdlichen Grolle, ihm von Ort zu Ort nach⸗. geſchlichen war, um einen ſichern Moment zu erhaſchen, in welchem er ſeine ſeit Jahren er⸗ ſehnte Blutthat vollfuͤhren koͤnnte. 212 Eilktes Kapitel. Iſt Er nicht der Gerechte, der dies Alles Vom höchſten Himmel anſchaut, ohne Irrthum? Sollt' Er bemänteln Deiner Sünde Schuld, Theilhaftig dadurch werden, Deiner Bosheit? . Spenſer. Die naͤchſtfolgenden Tage vergingen in ermuͤ⸗ dender Anſtrengung fuͤr Sir Everard und die Mitglieder ſeiner Familie. Der Baronett hatte freilich verſucht, die peinlichen Gedanken und Be⸗ ſorgniße aus ſeinem Gemuͤthe dadurch zu ver⸗ ſcheuchen, daß er ſeine fruͤhere Liebhaberei wieder vornahm. Aber ſein Geiſt blieb nicht bei dieſer vergnuͤglichen Beſchaͤftigung einer gluͤcklicheren Zeit. Bange Ahnungen eines herannahenden großen Unheils erfuͤllten ihn, und obgleich er ſich mit den Vorbereitungen zur Ruͤckkehr in 4 213 feine geliebte Heimath beſchaͤftigte, geſchah es doch nicht mit dem Eifer, der ſich darthut, ſo⸗ bald das Herz ſich an ſolchen Arbeiten be⸗ theiligt. „Ralph,“ ſagte er zu ſeinem treuen Diener, „ich denke, Dir kann ich's anvertrauen, dieſe Kiſten ohne Geraͤuſch feſt zu machen; nicht um die Welt moͤgte ich hier laute Geraͤuſchigkeit, die Deine Herrin aus ihrem Schlafe wecken koͤnnte; obwohl ſeit dem erlittenen Anfalle mehr als eine Woche vergangen iſt, ſagt der Doktor doch, daß ihr nichts heilſamer ſeyn kann, als der Schlaf.“ „Der iſt ein wunderbarer Herſteller in der Natur,“ entgegnete Ralph,„das wißen Maul⸗ wuͤrfe und Haſelmaͤuſe recht gut; aber Brano und ich haben wenig ſchlafen koͤnnen, ſeitdem wir hier waren,— die Luft iſt ſo dick, man kann ſie nicht hinunter athmen; und ich bin gewiß, der arme Hund hat ſein Roͤcheln da⸗ von.. „Davon, oder vom Alter,“ erwiederte Sir Everard und beſtreute eine Hollaͤndiſche Fleder⸗ maus ſorgfaͤltig mit Kampher. „Dieſe modernden Dinger,“ ſagte Ralph, einige Eidechſenhaͤute in der Hand haltend, 214 — „ſollen die auch eingepackt werden. Ach! du mein Herz, wie wuͤrde Miß Roſe lachen, wenn ſie das ſaͤhe.“ „Ich meine Dir geſagt zu haben, Ralph, Du ſollteſt der jungen Dame Namen, in mei⸗ ner Gegenwart nicht nennen.“ „Bitt' Euer Edlen Vergebung, aber's iſt nun einmal ſo mit mir, was im Herzen oben iſt, koͤmmt zuerſt auf die Lippe. Doch ſoll's nicht wieder geſchehen.“ „Du mußt gar nicht an ſie denken,“ ſagte Sir Everard. „Nicht an ſie denken, Herr; das koͤnnen wir nicht, Brano ſo wenig, als ich— ſie war gar zu guͤtig gegen uns.“ „Dieſe Haͤute haſt Du recht ſorglos aufein⸗ ander geworfen. Ich dachte, Du waͤreſt lange genug bei mir geweſen, um zu wißen, daß die Dinge nicht nach ihrer Schoͤnheit geſchaͤzt werden muͤßen, ſondern nach dem Lichte, wel⸗ ches ſie uͤber die Wißenſchaft verbreiten.“ „Ja, Herr,“ ſagte Ralph, ſich uͤber die Kiſte hinbeugend,„nur meinte ich, dergleichen koͤnnten wir eben ſo gut aus dem Moorſumpfe bei Lazer's Buſch, in Sydney⸗Luſt nehmen, als ſo weit hinbringen.“ 215 „Dort ſind freilich Eidechſen,“ ſagte der Baronett,„und vielleicht ſind ſie der naͤmlichen Art; doch wird es der Muͤhe werth ſeyn, ſie mitzunehmen, um ſie zu vergleichen; wenn wir hinkommen, kannſt Du mir dort einige ein⸗ fangen.“ Ralph ſeufzte. „Was gibt's, Ralph? Macht Dir der Ge⸗ danke an die Ruͤckkehr keine Freude?“ fragte der gute Herr. „Freude, der Gedanke, zuruͤckzukehren,“ er⸗ wiederte Ralph,„ja, Herr; die alte Kraͤhe liebt ihren eigenen Baum am meiſten;— es iſt nur, daß keine Neze da ſind, und keine Miß Roſalinde, um's kleine Nezwerk zu ord⸗ nen.— Doch Vergebung, Herr, kein Wort will ich mehr von ihr ſagen,'s iſt nur, daß ſie mir ſo ganz natuͤrlicherweiſe in den Sinn kͤmmt, wenn ich an den Forſt denke.— Darf Alexander mir helfen, das Uebrige einzu⸗ packen?“ „Wenn Du ihn zu haben wuͤnſcheſt, ja,“ ſagte Sir Everard,„doch kannſt Du Dir die noͤthige Zeit nehmen, um es alles einzurichten. Der Himmel mag wißen, wann und wo dieſe Kiſten wieder geoͤffnet werden!“ 216 „So denke ich auch,“ ſprach Ralph, deßen Begriffsvermoͤgen und Zungenfertigkeit durch den Aufenthalt in der großen Stadt ungemein zugenommen hatte,„denn nach der Behand⸗ lung, die ich erfuhr, und Miß Roſa—,“ mit⸗ ten in ihrem Namen brach er ab, weil er ein⸗ ſah, daß er wiederum des Herrn Geheiß uͤber⸗ ſchritt, Sir Everard ſchonte ihn in ſeiner Ver⸗ wirrung, weil es ihm aber ganz unmoͤglich 4 war, ihren Namen ohne innere Erregung nennen zu hoͤren, verließ er das Buͤcherzim⸗ mer und begab ſich zu ſeiner kranken Frau.— „Dies iſt'n ſonderbar Ding,“ ſagte der gutmuͤthige, obwohl nur halb gewizte Diener, „da muß doch was ſeyn, das ich nicht ausfin den kann.— Sie ſagen, daß Miß Roſe wil⸗ lentlich von uns wegging;— von Brano, von dem Hunde, der ſie ſo lieb hat, vom armen Ralph, von ihrem guten Onkel, von Captain Baſil und von Allen. Und ſie ſagen mir auch, daß ſie, die ſo gut war, in einem Tage gott⸗ los geworden iſt.— Nein, nein; Ralph iſt nicht dumm genug, das zu glauben. Die Lilie taucht ihre weißen Blaͤtter nicht ſelber in ſchwarzen Moder, und der Baum ſchuͤttelt ſein gruͤnes Sommerkleid nicht zur Luſt von ſich L 217 Nein, nein, Miß Roſa war gut und iſt gut!“ Dieſe einfache Folgerung des guten Ralph, ſtimmte jedoch nicht mit den Anſichten der Fa⸗ milienmitglieder uͤberein. Die Zweifel in Betreff Roſalindens, waren bei ihnen zur Gewißheit ge⸗ worden, und weil kein Beweggrund zu ihrer Entfernung bekannt war, hielt Sir Everard ſogar, ſie fuͤr eine Undankbare und Werthloſe, bemuͤhte ſich auch, alte Gewohnheiten und fruͤ⸗ here Liebe, aus ſeinem Herzen zu tilgen. Der Zuſtand dumpfen Starrens, welcher dem Schlagfluße folgte, beßerte ſich bei Lady Syd⸗ ney faſt gar nicht. Sie ſchlummerte Tag und Nacht, die aͤußerſten Anſtrengungen ihrer Waͤr⸗ terin, konnten kaum eine augenblickliche Erinne⸗ rung von Sachen, oder Perſonen bei ihr her⸗ vorbringen. Die wohlwollende Abtißin hatte iihhre Abreiſe verſchoben; Baſil brachte ſchlafloſe Naͤchte in der Erwartung zu, am folgenden Morgen zum Koͤnige berufen zu werden; ſeine Hoffnung zeigte ihm Cuthbert, wie er ihm auf dem Schlachtfelde begegnen wuͤrde, um ihn fuͤr ſeinen Verrath zu beſtrafen, wie er es verdiente. Margrete war unnachlaßend in ihrer Aufmerk⸗ ſamkeit und Pflege der Kranken;— doch be⸗ „ 218 merkte Baſil an ihr, eine auffallende Veraͤnde⸗ rung ihres Weſens; ſie ſchien von einer gewal⸗ tigen, uͤbernatuͤrlichen Furcht verfolgt,— je⸗ der Laut, jeder Fußtritt, das Rollen eines Wa⸗ gens auf dem gepflaſterten Vorhofe, machte ſie zittern. Augenſcheinlich war ſie in der hef⸗ tigſten Gemuͤthsangſt; ihre Augen wurden hohl, ihre Lippen bleich. Eine peinliche Bangigkeit mußte ſie erfuͤllen; mehre Male ſchien ſie im Begriffe, Baſil eine Mittheilung machen zu wollen, doch dazu kam es nicht. Sir Everard fand ſie im Zimmer ſeiner Frau, als ſtete, wachſame Pflegerin der Kranken; er ſezte ſich auf einen Stuhl neben der Lady Bett, doch ruͤckte er bald weiter zuruͤck, weil er glaubte, den freien Umzug der Luft vom Fenſter her, ihr zu verhindern. Lady Sydney wachte jezt und ihre Augen, hatten etwas Aus⸗ druck wieder gewonnen. Sie winkte ihren Ge⸗ mahl zu ſich, druͤckte ſeine Hand an ihre Lip⸗ pen und gab den Wunſch zu verſtehen, mit Margrete allein zu ſeyn. Als er und alle Uebrigen hinaus waren, zeigte ſie auf einen kleinen Tiſch, auf dem ein Kruziſir und einige Buͤcher in ſeltſam bezeich⸗ netem Einbande ſich befanden. Margrete frag⸗ 219 te, ob ſie das Kreuz haben wollte; ſie ver⸗. neinte durch Kopfſchuͤtteln. Nun beruͤhrte ſie einen Band nach dem andern; der dritte war V es, den die Kranke verlangte. Dieſen brachte ihr die junge Dame, legte ihn vor ihr hin, kniete auf den Betſchemel nieder und blaͤtterte Seite nach Seite im kabbaliſtiſchen Buche um, damit ihrer Beſchuͤzerin Grille befriedigt wer⸗ den moͤge. Wer die milde Demuth angeſehen haͤtte, welche dieſes Maͤdchen in ihrer Kranken⸗ pflege darthat und wie ſie der Lady leiſeſte Be⸗ 3 wegungen aufmerkſam beachtete, wuͤrde es nicht moͤglich geglaubt haben, daß ſie in eben dem Au⸗ genblicke, in welchem ſie die matten, kraftloſen Winke der Hand, die ihr den einen unverzie⸗ henen, unvergeßenen Schlag gab, zum Um⸗ ſchlagen der geheimnißvollen Blaͤtter befolgte, hohnlachend ſich an ihrer Schwaͤche erfreute und ruchlos glaubte, der Himmel habe ſie durch den Unfall raͤchen wollen, womit er die Dame heimſuchte. Lady Sydney's Auge haftete auf einem be⸗ ſondern Zeichen und Spruche; augenſcheinlich war ſie in gewaltiger Gemuͤthsbewegung, denn ſie zitterte heftig und gab zu verſtchen, daß ſie ihren Sohn zu ſehen wuͤnſche. Sogar ihre — V 2²0 Stimme ſchien einen Theil ihrer Lautkraft wie⸗ der erlangt zu haben; denn ſie ſagte zu Mar⸗ grete, daß ſie mit ihrem Sohne allein bleiben moͤgte. Was im Verlaufe mehrer Stunden zwiſchen Mutter und Sohn geſprochen wurde, wußten nur dieſe allein; doch der Lady Zweck war der, ihrem Sohne die Ueberzeugung beizubringen, daß die Zeit,— ja daß der Tag gekommen ſey, an welchem ein wichtiger Wechſel ſeines haͤuslichen Lebens vorgenommen werden muͤße; lange ſchon hatte ihr Herz entſchieden, daß Margrete eine paßende Braut fuͤr ihn ſeyn wuͤrde; ſie ſprach ſich aus uͤber die Falſchheit der Einen, Entwichenen, und uͤber die glaͤn⸗ zenden Eigenſchaften der Andern; Baſil ver⸗ mogte weder dem Einen, noch dem Andern zu widerſprechen. Seine Mutter hatte er geliebt, und das Opfer ſeiner Hand, die herzlos am Altare hingegeben werden mußte, war nach leiner eigenen Wuͤrdigung nicht zu viel, wenn es die lezten Stunden ſeiner geliebten Mutter begluͤcken koͤnnte. Nachdem er ſeine Zuſicherung einmal gegk⸗ ben hatte, eilte er, ihren Wunſch zu erfuͤllen; er ſuchte Margrete auf, machte ihr in ſehr zar⸗ 221 ter Weiſe, aber mit einer Kaͤlte, die jede an⸗ dere Braut erſtarrt haben muͤßte, den Wunſch ſeiner Mutter bekannt, daß ihre Verbindung ohne Verzug geſchloßen werden moͤge. Merk⸗ wuͤrdig waͤre es geweſen, die Gedanken zu, le⸗ ſen, welche Margretens ehrſuͤchtiges Gemuͤth erfuͤllten, als Lady Sydney die ſchnell verbun⸗ denen Haͤnde zuſammen legte. „Meine Mutter wuͤnſcht mein Gluͤck; und wenn Sie ein tief verwundetes Herz annehmen wollen, ſo—“„ Doch ſo ſchwach und hinfaͤllig Lady Syd⸗ ney auch war, hatte ſie zu viele Lebensklugheit bewahrt, um eine Beſprechung uͤber dieſen Ge⸗ genſtand zugeben zu ſollen. Sie hatte es uͤber ihren Sohn gewonnen, daß er, den es ganz gleichguͤltig duͤnkte, mit welcher er ſich verhei⸗ rathen wuͤrde, diejenige ehelichen wollte, von der ſie ſich uͤberzeugt hielt, ſie wuͤrde ihn zum rechten Pfade bekehren; nachdem ſie ſeine Zu⸗ ſage erlangt, hatte, wuͤnſchte ſie dieſelbe noch vor ihrem Tode vollzogen zu ſehen. Wohl wußte ſie, daß Pater Frank's eheliche Einſeg⸗ nung unter dem neuen Geſeze weder bindend noch guͤltig ſeyn wuͤrde, dennoch wuͤnſchte ſie, durch einen katholiſchen Prieſter ihre Haͤnde ver⸗ — 222 bunden zu ſehen.— Als der wuͤrdige Prieſter die Aufforderung zur Verrichtung der heiligen Handlung erhielt, ſchien er gar nicht geneigt, dieſer zu entſprechen. Er erklaͤrte, es ſey eine uͤble Zeit zur Heirath, nen die Lady faſt im Tode liege, und berit auf Sir Everards Ausſpruch, ob Aufſchub nicht angemeßener ſeyn wuͤrde; doch der Lady Sydney Wille war im⸗ mer unbeſtreitbares Gebot geweſen, ſo auch jezt; ungern bereitete ſich der Prieſter zur hei⸗ ligen Handlung, waͤhrend das zu vereinende Paar am Bette der Kranken ſtand. Dies war ein truͤber, ſchmerzlich⸗erſcheinen⸗ der Brauttag; unbezweifelt hatte Baſil mehr von der ſanften Nachgiebigkeit ſeines Vaters ererbt, als einem Kriegsmanne zuſtehen ſollte, aber man muß auch bedenken, daß ſein Herz tief durchſchnitten,— daß ſeine erſte Liebe er⸗ toͤdtet war; nun ſprachen ſeine großmuͤthigen, ehrenhaften Gefuͤhle fuͤr dieſe, die von alter Familie, reizend, mit Geiſtesvorzuͤgen begabt war, welche eine Koͤnigin haͤtten zieren koͤn⸗ nen,— und die durch des Schickſals Laune und Grille ſeinem Mitleide,— der Gnade ſei⸗ nes Vaters anheimgeſtellt blieb;— ſein eigenes kuͤnftiges Schickſal kuͤmmerte ihn wenig; er 223 fuͤhlte ſich begluckt, weil es in ſeine Macht gegeben war, die Sterbeſtunden ſeiner Mutter zu troͤſten und zu verſuͤßen, die er inniger zu lieben glaubte, als wirklich bisher der Fall ge⸗ weſen. Nur eines ſagte er bei der Vorbereitung zur Ceremonie, er murmelte ſeiner Braut zu: „Ihnen und meiner Mutter bringe ich minde⸗ ſtens ein Opfer;— meine Rache an Ihrem treuloſen Bruder.“ Keine freudeſtrahlende Geſichter umgaben die Braut; keine Brautjungfern, Blumen, noch ſchoͤne Kleider. Der Diener Stirnen waren finſter bewoͤlkt, ſie fliſterten mit einander auf den Treppen und in den verſtecktern Winkeln des Hauſes.— Sir Everard, gewohnt, dem Geheiß ſeiner Frau nachzugeben, an Geiſt und Herz durch Roſalindens Trug gebrochen, konnte und wollte ſeiner Gemahlin Wuͤnſche in einer Angelegenheit nicht hemmen, welche die fernere Dauer ihres Lebens, ſey es auch fuͤr noch ſo kurze Zeit, zu bedingen ſchien; tiefſinnig ſtand er da, ſich bewußt, daß er gegen die Geſeze durch eine Ceremonie verſtoße, die ganz ſo im Widerſpruche zu dieſen, wie zu ſeinem ei⸗ genen Gewißen ſtand. Auf den Wangen der Braut ergluͤhte ploͤz⸗ 224 lich eine tiefe Roͤthe, als ſie die Hand desjeni⸗ gen erfaßte, der ihr Gemahl werden ſollte; mogte in ihren Augen ein ſtolzer Triumph funkeln, den man irrthuͤmlich fuͤr Zaͤrtlichkeit halten konnte, ſo mußten zuweilen doch dichte Nebelflecken ſie uͤberfliegen, denn ſie preßte als⸗ dann ihre Finger auf die Auglieder und ſeufzte tief. Aber wenige Augenblicke wuͤrden ſie ja hoch erhaben, uͤber die Furcht ſtellen, alles zu verlieren, was ſie werth achtete:— ihren Na⸗ men, ihren Rang, ihre Ehre; wenn alſo Ge⸗ danken an Gefahr ſich mit dem Bewußtſeyn vermengten, daß ſie jezt Alles erlangen ſollte, wonach ſie ſo lange geſehnt und geſtrebt hatte, ſo waren dieſe nur ſchwachem drohenden Getoͤne zu vergleichen, was man vernimmt, wenn Si⸗ cherung ſchon vor uns liegt. Pater Frank war dermaßen von heftiger Ge⸗ muͤthsbewegung ergriffen, daß die erſten Worte, welche er vorbringen wollte, unvernehmlich blie. ben. Lady Sydney auf karmoiſinrothe Pol⸗ ſter geſtuͤgt, ſah mit ſtolzem Triumphe auf das von ihr vollbrachte Werk,— obgleich die Ar⸗ me ſchon mehr als halb, dem Tode verfallen war. Der Prieſter fuhr mit der Ceremonie fort, 225 mogte aber kaum zwoͤlf Zeilen abgeleſen haben, als lautes, anhaltendes Geheul außerhalb der Zimmerthuͤr alle Anweſende erſchreckte, das heilige Buch ſchwankte in des Prieſters beben⸗ den Haͤnden. Das Geheul ward noch lauter wiederholt, und hell erklang ſein tiefes Echo im Hauſe, als des Gemaches Thuͤr geoͤffnet wurde, herein ſtuͤrzte der alte Hund Brano, dann erſchien der Geaͤchtete, bleich, mit unge⸗ ordnetem Haare, mit ungeſchorenem Barte, ſein koſtbarer Anzug durch Reiſe⸗Unreinlichkeit beſudelt, ſtand er vor ihnen, als ein Mantel von grauem Kamlott ſeinen Schultern entglitt und zur Erde fiel. „Euch Alle klage ich an, als Theilnehmer an einer ungeſezlichen, unheiligen Ceremonie;“ ſagte er mit tiefer, feierlich warnender Stim⸗ me.—„Was Dich betrifft, Sir Everard Sydney, ſo erroͤthe ich uͤber Deine Schwaͤche; um den Grillen eines ſchlechtgeſchulten Weibes zu froͤhnen, haſt Du eingewilligt, Deinen ei⸗ genen Sohn zu opfern. Junges Frauenzimmer, laß Dein Auge nicht wagen, mich ſo anzu⸗ blizen; der einzige Strahl, der im jungfraͤu⸗ lichen Auge weilen darf, iſt Strahl der Tu⸗ gend. Deine Stunde iſt gekommen!“ III. 15 226 Pater Frank ſchloß ſein Brevier und eilte aus dem Zimmer; er ließ ſich ſogar durch Lady Sydney's Befehl nicht zum bleiben vermoͤgen, den ſie zwar mit ſchwacher, unvollkommener Stimme ertheilte, aber mit einem Weſen, dem nichts von ſeinem fruͤheren Gebietenden entzo⸗ gen war. „Dies iſt der Ort nicht fuͤr Auseinander⸗ ſezung; gehen wir in's naͤchſte Zimmer; ſchon war es Schauplaz eines Aufſchlußes; doch das große Wunder koͤmmt erſt; ich will dieſe Dame fuͤhren;“ der Geaͤchtete erfaßte bei den Worten Margretens Hand; ſie war kalt und ſtarr; doch ſie ſelber hielt ſich kraftvoll, ihre Hand entzog ſie ihm und ſchritt wie eine Koͤnigin zu dem Opfer, welches, wie ſie wußte, nun gebracht werden ſollte. „Baſil! Baſil! mein Sohn! duldeſt Du das!“ rief Lady Sydney aus, als dieſer von dem uͤberragenden Geiſte bezwungen, der hier erſchien, deßen Weiſung gehorchte und ihm ſchweigend folgte. Nun ſtand er ſtill, ſagte ſei⸗ ner Mutter einige Worte der Beſaͤnftigung und Liebe, und gab die Zuſicherung, in ganz kurzer Zeit zuruͤckkehren zu wollen. Veraͤchtlich blickte ſie ihn an und murmelte:„geh, ſchwa⸗ 227 cher, ſchwankender Knabe!— doch erinnere Dich daran, was geſchrieben ſteht— iſt ge⸗ ſchrieben! Verſuche nicht, dem Himmel zu trozen; dieſer Tag muß Dein Geſchick feſt⸗ ſtellen.“ Er kuͤßte ihre Stirn und ging; doch bemerkte er nicht einmal, daß der Geaͤchtete das Gefaͤß mit Weihwaßer umgeſtoßen hatte, welches am Eingange ſtand; ſein Haß gegen Alles, was dem Katholizismus angehoͤrte, war ſo bitterer Art, daß er ſogar an einem ſolchen Orte, und in ſolch' einem Augenblicke ſich nicht enthalten konnte, ſeinen Abſcheu darzuthun. Ein ſeltſamer, ergreifender Auftritt zeigte ſich dem Oberſt Sydney, als er in das Neben⸗ zimmer trat. Gegen den Kaminpfeiler geſtuͤzt ſtand ſein Vater; an ſeinem Buſen ſchmiegte ſich mit ausgeſtrecktem Arme, um ſein abge⸗ wendetes Geſicht ſich zuzukehren— Roſalinde; ihr ſchoͤnes Haar umringelte ſie, gleich glaͤnzen⸗ dem Goldregen, ihre ſuchenden Augen waren in Thraͤnen gebadet, die auf ihren lilienweißen Wangen perlten. Des Geaͤchteten bebende Lippe verrieth, daß & mit zaͤrtlicheren Gefuͤhlen kaͤmpfte, die zwar ſelten hervorgerufen, immer doch in ſeinem 228 — Herzen weilten. Cuthbert Raymond, abgezehrt und verdorrt wie ein junger, von toͤdtlichem Krebs verzehrter Schoͤßling, ſaß oder lag viel⸗ mehr auf einem Sopha innerhalb des Verſchla⸗ ges. Margrete, die ſtolze, unerſchrockene Mar⸗ grete blickte auf die Verſammelten, wie Satan auf das Paradies geblickt haben mag, als die erſten Menſchen hinausgefuͤhrt wurden, ſie war die Schlange, die den Gift verbreitet hatte; ſie wußte, daß der Entdeckung auch die Ver⸗ urtheilung folgen muͤße. Dennoch herrſchte et⸗ was ſo Wuͤrdevolles, ſo Erhabenes in ihrem Weſen und Benehmen, daß, mogte ſie auch einer Gewitterwolke uͤber ſchoͤner Gegend ver⸗ glichen werden, man doch nothwendig fuͤhlen mußte, ſie haͤtte anders ſeyn koͤnnen, und man war genoͤthigt, zu bedauern, daß ſie nicht An⸗ ders ſeyn ſollte. Mehre untergeordnete Perſonen bildeten den Hintergrund zu dieſem ſeltſamen Gemaͤlde; Alice Murrough, deren feurig wilde Augen unter der Kappe ihres langen blauen Mantels hervorgluͤhten; dann der freundliche Prieſter, der, troz aller Religionsverſchiedenheit, Roſa⸗ linde liebte, als waͤre ſie ſein eigenes Kind; noch zwei andere Perſoͤnlichkeiten: Ralph und 229 . 3 8 Brano;— Ralph, dicht neben der Thuͤr nie⸗ dergekauert, er wußte, es ſey nicht fuͤr ihn angemeßen, zu bleiben, und doch fehlte ihm der Entſchluß zum fortgehen;— Brano aber ſtand dreiſt neben Roſalinde, blickte bald ſie, bald Sir Everard an, als wundere er ſich, daß dieſer ſie nicht an ſein Herz druͤcke, wie er in ſo vielen gluͤcklichen Jahren ſtets zu thun pflegte. Der Geaͤchtete brach zuerſt das erwartungs⸗ volle Schweigen und ſagte:„Sir Everard Sydney, gleiche Du doch nicht dieſer City⸗ Welt, die Tugend von ſich wirft und Verbre⸗ chen mit Wohlthaten uͤberhaͤuft. Sie iſt Dei⸗ nes Anblickes jezt wuͤrdiger, als damals, wo ſie ohne Freunde und ohne Mittel war,— ſie, dieſe zerbrechliche, hinfaͤllige Blume, durch⸗ wanderte ein kriegzerrißenes Land, nicht um Deinen Pallaſt— nein, um Deinen Kerker zu theilen; nicht Deine Wohlfahrt mitzuge⸗ nießen,— ſondern Dich in Deinen Widerwaͤr⸗ tigkeiten zu troͤſten. Blicke ſie an, Sir Eve⸗ rard, obwohl ſie eine Raymond iſt, und keine Roſalinde; obſchon ſie Cuthberts Begleiterin, aber nicht ſeine Frau iſt.“ 230 Baſil's Hand fuhr zum Schwerdte und das Wort„Boͤſewicht“ ertoͤnte von ſeinen Lippen. Da trat der Geaͤchtete als Vermittler zwi⸗ ſchen die jungen Leute: „Friede, junger Mann! Friede, ſage ich! verſtehe ein Raͤthſel; am ſchwerſten zu enthuͤl⸗ len ſind die Raͤthſel des Lebens, bei welchen Menſchen, nicht Worte, das Gehrimniß bil⸗ den. Die lange Entfernte hatte ſich eine Weile fruchtlos bemuͤht, ihre Gefuͤhle auszudruͤcken; doch weil alle ihre Anſtrengungen, um Sir Everard dahin zu bringen, daß er ſie erkennen moͤge, umſonſt waren, machte ſie ſich los von ſeiner Bruſt und ſagte: „Glaubt Ihr, ich haͤtte zuruͤckkehren wollen, mit beflecktem Rufe, mit Schaamroͤthe auf meiner Wange! Ich bin kein unecht gebornes Kind; mein Blut iſt rein, mein Name ma⸗ kellos.— Wir kamen nicht hier, um Anerken⸗ nung zu erflehen, ſondern um den Schandfleck abzuwaſchen— den Ihr— gewagt habt, mir aufzubuͤrden.“ Bei dieſen Worten warf das ſonſt immer ſanfte, liebreiche, hochſinnige Maͤdchen einen Blick ſo ſtrengen Vorwurfes auf Margrete, daß dieſe darunter verſank.— 231 „Oheim— Ihre Nichte bin ich nicht, und doch muß ich Sie bei dieſem Namen nennen, — er iſt ein Name, den Dankbarkeit und Liebe mir in's Herz gruben;— hier, hier iſt mein Bruder!— Kinder ſind wir eines naͤm⸗ lichen edlen Vaters, einer ſuͤndenloſen Mutter! — ich bin ſo wenig eine Roſalinde, als eine Sydney, ich bin die wahre Margrete Ray⸗ mond!“ Zwölktes Kapitel. Erſchreckt fuhr ihre Hand zurück, als bange Sie vor dem Biß; es wandelt Furcht ſie an, Dies Kleid ſey wohl die Haut der alten Schlange, Die einſt am Sündenbaum erſchien als Mann. Voll Hohn das ehrſuchtglüh'nde Mädchen ſtand, Schien frei von jedem Laſter nied'rer Liebe; Ihr Geiſt in Laſtern, nicht ihr Blut, entbrannt; Verderbt durch Ehrgeiz waren ſchön're Triebe. Davenant. Wir wollen den Verſuch nicht machen, das Erſtaunen zu beſchreiben, was dieſe Erklaͤrung hervorbrachte. Daß Roſalinde nicht Roſalinde war, wußten Alle;— eben ſo, daß ſie nicht zum„Blute der Sydney“ gehoͤre, denn uͤber dieſen wichtigen Punkt, hatte der Geaͤchtete ſie in genuͤgender Weiſe aufgeklaͤrt. Sir Everards Kummer uͤber ihren Verluſt, hatte ſich tiefe Sehn⸗ 233 ſucht hinzugeſellt, um zu entdecken, wer und wo ſeines Bruders Kind nun wirklich ſey. Ali⸗ cens Verſchwinden hinderte ihn, dieſe um das Schickſal eines Weſens zu befragen, an wel⸗ chem die Natur nicht nur, ſondern auch das feierlichſte Verſprechen, am Todtenbette gelei⸗ ſtet, den alten Baronett auf das feſteſte ver⸗ knuͤpfte. Einige Augenblicke war er ſo durchaus verwirrt, daß es ſchien, er erkenne die um ihn verſammelten Menſchen gar nicht; endlich zeigte er auf die Stelle, wo die vermeintliche Margrete ſtand und fragte in heiſerm, geiſter⸗ haftem Tone:„wer iſt denn dieſe?“ In dieſer Zwiſchenzeit war Ralph, deßen Gegenwart Niemand bemerkt hatte, hinter ſei⸗ nen Herrn geſchlichen, blickte uͤber deßen Schul⸗ ter, um das Geſicht der jungen Dame genau zu erforſchen, und rief nun laut genug, um ſeine eigenen Zweifel zu derrathen:„bei allem dem, iſt's doch Miß Roſalinde!“ „Ihr aber,“ ſprach Alice, zu Oberſt Syd⸗ ney gewandt,„Ihr vergaßt Euer Verſprechen an die alte Frau, als die Euch die Locke gabz doch mir gebuͤhrt jezt Beichte, nicht Vorwurf.“ „Viper!“ rief Margrete mit grimmiger Bit⸗ terkeit. 234 „Stille!“ ſprach der Geaͤchtete ſtrenge,„Zeit und Sonne, zeitigen der Viper Brut.“ „Alles iſt Geheimniß— fuͤr mich unergruͤnd⸗ liches Geheimniß,“ ſagte Sir Everard umher⸗ blickend;„Du, Margrete Raymond,— wer iſt die denn?“ Das edle Maͤdchen erhob ſ ch, nahm der Be⸗ truͤgerin Hand und verſuchte, ſie vortreten zu machen; dieſe wollte ſich aber nicht von der Stelle ruͤhren,— feſt und unbeweglich blieb ſie ſtehen. 1 „Ich vergebe Dir,“ ſagte die Eine,„ver⸗ zeihe Dir von ganzem Herzen, und kann ich Dich auch nicht Freundin nennen—“ „So moͤgteſt Du mich doch Muhme hei⸗ ßen, vermuthe ich,“ unterbrach die Andere ſie, „und das magſt Du,— der ſchwankende Preis mag Dein ſeyn, wenn Du Luſt haſt, den zu heirathen, der noch vor zehn Minuten mein Ehemann werden ſollte.“ „Du kennſt mich wenig,“ entgegnete die Erſte mit ſchwacher Stimme,„nur Deinem Oheim wuͤnſchte ich Dich vorzuſtellen.“ „Biſt Du ſo beſchraͤnkt,“ ſagte der Geaͤch⸗ tete jezt zu Sir Everard,„ſo voͤllig unfaͤhig zu begreifen, daß Dir unverſtaͤndlich bleibt, 235 — was allen Andern klar iſt. Jenes ſchwarzhaari⸗ rige Maͤdchen iſt Deines Bruders Kind;— dieſe, die Du Roſalinde nennſt, iſt, es ſchmerzt mich zu ſagen, die Tochter eines Papiſtiſchen Hauſes, die Schweſter jenes Soldaten, deu ich beklage, Anhaͤnger eines Tropfes und Dumm⸗ froͤmmlers zu ſeyn.“ „Meines Bruders Kind!“ wiederholte Sir Everard;„ſie meines Bruders Kind!?“ „Ja, ſo iſt's; blind mußteſt Du ſeyn, als Du glauben wollteſt, daß die hellen Augen, das ſchneeige Weiß jenes. Maͤdchens, einer Deines Stammes angehoͤren koͤnnte.— Dieſer Mut⸗ ter war eine ſchwarze Italienerin, heißen Blu⸗ tes und heftiger Gemuͤthsart;— ihr Vater war dunkel, aber großmuͤthig, freiherzig und freigebig,— war nach Gottes Willen Dein Bruder. Doch in ganz verſchiedenen Formen waret Ihr gebildet; er war durchaus Feuer,— Seele,— Unternehmung; Du biſt—“ „Ein friedlicher und friedliebender Mann 7 zergaͤnzte Sir Everard.„Genug davon;— aber laßt mich die Geſchichte hoͤren.“ Margrete bat um Erlaubniß, ſich entfernen zu duͤrfen, wiewohl ihr Geſuch mehr den Ton des Gebietens, als der Bitte annahm. — „Wenn Du meines Bruders Kind biſt,“ ſagte Sir Everard mit tiefer Ruͤhrung,„dann kann ich in aller Demuth nur ſagen, was Gottes heiliger Prophet ſprach— wenn Du ſein Kind biſt—„moͤgen Deine Suͤnden ſeyn wie Scharlach, ſie ſollen erſcheinen wie Wolle.“ Meine Hand iſt Dir geoͤffnet, und mein Herz— wenig gehoͤrt dazu, mein Herz zu erſchließen;— doch in ſein Heiligthum will ich Dich aufnehmen, will Dich um ſeinet⸗ willen beſchirmen, ſo wie ich ſie— ihrer ſelbſt wegen— beſchirmte.“ Margrete verſuchte, ſich kalt und ſtolz zu verneigen, doch es gelang ihr nicht; ihre kaͤm⸗ pfenden Gefuͤhle machten ſich durch Thraͤnen Luft. Sie wandte ſich ab, um ihre Ruͤhrung zu verbergen; Alice warf die Kappe ihres Man⸗ tels zuruͤck, kniete vor Pater Frank nieder, faltete ihre Haͤnde und ſprach feierlich: „Die Beichte, die ich im Geheimen abzule⸗ gen meinte, will ich oͤffentlich und laut aus⸗ ſprechen, ſo wahr mir Gott helfe! in Aller Angeſicht will ich's ſagen,— ſo wahr, wie ich hoffe, durch Faſten, Buße und Gebet, Ver⸗ gebung meiner Suͤnden zu erlangen.“ „Thoͤrichtes Weib!“ rief der Geaͤchtete, der 237 keine Gelegenheit zu Geißelhieben an die Roͤ⸗ miſche Kirche vorbeigehen laßen konnte,„Du kannſt keine Entſuͤndigung, keine Verzeihung erlangen, als nur durch Chriſtus Verdienſt; ich will beweiſen— „Spaͤter,“ unterbrach ihn Baſil, der in ſehnſuͤchtiger Erwartung deßen, was er hoͤren ſollte, faſt das Vermoͤgen zu athmen verloren hatte,„nachher davon!— um Gottes willen! laßt ſie jezt ſprechen.“ „Da iſt ein neuer Beweis von des Men⸗ ſchen aͤrgſter Selbſtſucht,“ ſagte der Geaͤchtete; „lieber verliert er eine Gelegenheit, um die Wahrheit zu erklaͤren, als daß er ſeiner Neu⸗ begierde einen Genuß verſagen ſollte.“ „Koͤnnen Sie mein Gefuͤhl nicht theilen, be⸗ denken Sie ihre eigene Jugend!“ rief Baſil. „Weib, fahre fort,“ ſprach der Geaͤchtete. Nun brachte Alice ihre Erzaͤhlung vor, wo⸗ bei ſie ihren Koͤrper in der naͤmlichen einfoͤr⸗ migen Weiſe vor und zuruͤck beugte, die wir fruͤher ſchon beſchrieben haben. In ihrer kraft⸗ vollen, bilderreichen Sprache ſchilderte ſie ihre Anhaͤnglichkeit an die Familie Raymond, die, wie ſie ſagte,„guͤtig gegen ſie war, weil ſie und die ihrigen viele, viele Reihen von Jah⸗ V 238 — ren unter ihnen gelebt haͤtten, viel laͤngere Zeit, als ſie zu nennen wiße;“ ferner„daß die Herrin,“ ſo nannte ſie Cuthberts Mutter, „eine ſo gute, dabei aber ſo ſtolze Dame war, als je eine, ſeidene Schuhe trug, oder vom ſil⸗ bernen Teller ſpeiſete.“ Daß dieſe Dame eine Tochter hatte, ihrer geſchwaͤchten Geſundheit wegen die Mutterpflichten nicht erfuͤllen konnte; weil ſie glaubte, ihr den Saͤugling anvertrauen zu koͤnnen, hatte die Dame zu ihr geſchickt, und ihr vieles Gold geboten, wenn ſie ihr ei⸗ genes Kind bei einer Amme austhun und da⸗ gegen ihr Toͤchterlein, an die Bruſt nehmen wolle. Das Gold verlockte ſie, ihr eigenes „Baͤbchen“ ſchickte ſie uͤber das Boyne⸗Waßer ihrer Schweſter zu und an ihrer Bruſt lag die kleine Margrete Raymond, als ſey ſie ihr ei⸗ genes Kind. Weil die„Herrin“ ſah, daß ihr Kind ge⸗ dieh, begleitete ſie ihren Gemahl nach Dublin, recht getheilt zwiſchen dem Verlangen hinzurei⸗ ſen, um zu ſehen und zu hoͤren, und der Liebe zu ihrem Kinde, welches ſie bisher ſich taͤglich hatte hinbringen laßen. Das kleine We⸗ ſen war immer noch ſehr ſchwaͤchlich, doch der Amme Liebe zu dem Kinde nahm mit jedem 239 Tage zu, mit Waͤrme beſchrieb ſie ihre Zaͤrt⸗ lichkeit fuͤr den Pflegling. Sie geſtand, daß ſie von jeher ſtolz auf ihre eigene Schoͤnheit gewe⸗ ſen war; große Bewunderung hatte ſie unter dem in Limerik ſtehenden Engliſchen Regimente hervorgebracht, zu welchem Sir Everards Brr⸗ der gehoͤrte. Recht oft hatte ſie die ſchoͤne Ita⸗ liſche Dame gewartet, mit welcher er lebte, und dieſe hatte auf ihrem Sterbebette ſie zu ſich rufen laßen, denn ſie endete ihr ſuͤndhaf⸗ tes Leben kurze Zeit, nachdem ſie ein kleines Maͤdchen in die Welt geſezt hatte.— Auf ih⸗ rem Sterbebette bat ſie Sydney zu geſtatten, daß Alice ihr Kind ein Jahr lang zur Pflege hinnehme; unbezweifelt glaubte ſie, daß die Waͤrterin dem Kinde mehr Theilnahme bewei⸗ ſen wuͤrde, weil ſie deßen Mutter gekannt hat⸗ te, und daß ihr Kind ſorglicher bei ihr geſichert ſeyn werde, als bei einer ganz fremden Per⸗ ſen; Gold glaͤnzte lockend in Alicens Augen, und einen zweiten Saͤugling nahm ſie mit nach ihrem Hauſe.. Hier unterbrach der Geaͤchtete ihre Erzaͤhlung, um zu wiederholen, daß er auf des Kindes Schulter das ſo oft erwaͤhnte Zeichen einimpf⸗ te, und er bemerkte dabei, daß Sydney's 240 Tochter daßelbe unvertilgbar in ihrer Haut be⸗ wahre. Bei dieſer Bemerkung warf das ſtolze Maͤd⸗ chen ihm einen Blick zu, der nicht leicht ver⸗ 1 geßen werden konnte. Alice fuhr fort, das Weſen der beiden Kin⸗ der zu beſchreiben, und verweilte mit deutlichem Entzuͤcken bei der Schoͤnheit und Sanftmuth der„Tochter ihrer Herrin.“— Das Engliſche Regiment ward aus jener Gegend verlegt, und ihre Nachbarn uͤberließen ſich vielem Geſchwaͤze uͤber die Unwahrſcheinlichkeit, daß ſie je wieder vom Vater„des ausgeſtoßenen Kindes“ hoͤren wuͤrde. Dergleichen vermuthende Deutungen praͤgten ſich ihrem Gemuͤthe immer tiefer ein; nun bekam ſie auch von ihrer Schweſter die Anzeige, daß ihr eigenes Kind toͤdtlich an den Blattern erkrankt liege. Ihre Muttergefuͤhle ſiegten uͤber alle Abmahnungen der Klugheit; zu ſpaͤt kam ſie, um des Kindes lezten Athem⸗ zug noch mit anzuſehen; dagegen brachte ſie die Anſteckung mit uͤber das Waßer zuruͤck; ihre beiden Pflegckinder ſogen zuerſt den Gift in ſich, der alsdann im ganzen Lande ſich ver⸗ breitete. „Muͤtter,“ ſo ſprach ſie,„welche ihre Klei⸗ 241 nen verloren, bedachten gar nicht, wie ich auch das Meinige verloren hatte; ſie verfluchten mich in ihren Haͤuſern, auf den Heerſtraßen, in Kapellen und auf den Feldern, weil ich die Peſt uͤber das geſegnete Waßer gebracht haͤtte; die Kirchhoͤfe fuͤllten ſich mit Leichen Reicher und Armer, Alter und Junger, bis kaum noch Plaz blieb, um ſie zu beſtatten; jedermann, der meiner Thuͤr vorbeiging, ſchleuderte ſchwar⸗ zen Fluch auf Alice Murrough.“. Dieſes Verfluchtwerden floͤßte ihr den Ge— danken ein, ſie koͤnne nicht vermeiden, Boͤſes zu thun; im Fortgange ihrer Erzaͤhlung ſchien ſie durchaus von dieſem Gedanken erfuͤllt, dem Einfluße dieſes Glaubens ſich hinzugeben. Als die Herrin vom Schloße Raymond, geaͤngſtigt durch die Kunde der, in ddieſer Gegend wuͤthen⸗ den furchtbaren Krankheit, in dunkler Nacht vor die Thuͤr ihrer Huͤtte gefahren kam und ihr Kind zuruͤck verlangte, gerieth Alice in Ent⸗ ſezen, weil ſie ſich voͤllig uͤberzeugt hielt, das Kind muͤße noch vor anbrechendem Morgen an 3 der Seuche ſterben, deshalb wickelte ſie„das eigenſinnige, ſchmaͤhlig geborene, ſtoͤrriſche Ge⸗ ſchoͤpf, in des ſanften Kindes Gewand,“ reichte es in die Kutſche, uͤderzeugt, daß die Munner 242 — die Verwechslung nicht entdecken werde, weil die Kleine furchtbar von der Blatterſeuche ge⸗ zeichnet war. Ob die ungluͤckliche Frau den Be⸗ trug entdeckte oder nicht, konnte nie ermittelt werden, denn in der naͤmlichen Nacht erkrankte auch ſie durch Anſteckung, und eine Woche nachher wurde das Familiengewoͤlbe geoͤffnet, um ihren Sarg zu empfangen. „Arme Dame!“ fuhr Alice fort,„oft blickte ich die Boͤrſe an, die ſie mir zuwarf; war ſie ſchwer von Gold, ſo war ſie auch ſchwer an Leid!— und dennoch waren Gold und Leid zuſammen nicht ſo ſchwer, wie mein eigenes Herz, beſonders wenn ich uͤberdachte, was ich gethan hatte, und in das kleine unſchuldige Antliz blickte, dem ich ſolch Unrecht zufuͤgte; denn von der Minute an, daß der andere Balg aus dem Hauſe kam, beßerte es ſich mit dem Lieblinge immer mehr und mehr. Aber ach! Bitter ſchmerzte mich mein Herz jedesmal, wenn es die kleinen Haͤndchen zu mir aufhob und mich anlaͤchelte. Ich fuͤhlte ganz das. Ver⸗ brechen, was ich begangen hatte, und beſchloß, 4 von einem Tage zum andern hinzugehen und die Wahrheit zu bekennen; aber nun hatte die Familie das Schloß verlaßen, um in Dublin 243 zu wohnen; meine Liebe zu dem Kinde ward immer ſtaͤrker, ich konnte den Gedanken nicht ertragen, die Kleine zu verlieren; auch ſchickten die Sydney's Botſchaft und Geld, mehr als ich erwartet hatte. Der Herr vom Schloß Ray⸗ mond miſchte ſeine Hand in Politik, die gegen die Regierung gerichtet war; ploͤzlich erhob ſich ein gewaltiges Geſchrei im Lande, daß er ver⸗ loren ſey, und daß alle ſeine Guͤter verfallen waͤren; zur ſelben Zeit hoͤrte ich von Sir Eve⸗ rard Sydney, daß das Kind bald nach Eng⸗ land gebracht werden, und daß ich mit dahin kommen ſollte; da dachte ich nun, daß, wje⸗ wohl Gold und Alles vor mir zerſchmelze, doch vielleicht Gottes Segen auf der unſchuldigen Krétur ruhen wuͤrde, daß es ihr ſo beßer er⸗ gehen koͤnne, als waͤre ſie ein verlaßenes We⸗ ſen, fuͤr deßen Großziehen Niemand ſorge,— und die keinen andern Verwandten haͤtte, als einen Knaben, ihren Bruder. Ein ander Ding beunruhigte mein Gemuͤth uͤber ſie noch viel mehr, ich ließ ihr die Nativitaͤt ſtellen, und deutlich genug ſagte mir die, daß ſie an ihrem Geburtstage, an ihrem achtzehnten Geburts⸗ tage das Herz der alten Frau brechen wuͤrde, die ſie liebte, und in Waßernoth gerathen 244 werde; und ſo kam es. Obwohl ich ſchon dach⸗ te, der Tag ſey gluͤcklich uͤber ſie und mich hingegangen, weil ich vergaß, zu bedenken, daß ſie im Parlamente die Zeitrechnung viel veraͤndert hatten, ſo daß der Tag um mehr als eine Woche ſpaͤter kam, als in alten Zei⸗ ten; wurde ſie da nicht vom Ertrinken durch den Einen gerettet, von dem ich glaubte, daß er ſie liebe? Und war das nicht die Urſache, weshalb die Schande veraͤchtlicher Geburt, wie ein Peſthauch ihr junges Herz erfaßte?— Da war ich nicht die Einzige, von den Sternen Ausgetilgte, durch das Vertauſchen der beiden Saͤuglinge.— Wollte ich denn nicht die ganze Wahrheit an Captain Sydney ſagen, wenn die Zeit dazu gekommen waͤre; und verpfaͤndete er mir nicht ſein Wort als Offtzier und Gent⸗ eman, daß er keinem boͤſen Leumund uͤber ſie glauben wolle, bis ich ihm alles geſagt haͤtte? — und gab ich ihm nicht in ſeine Hand die Locke von ihrem goldenen Haare?“ „Genug, Amme,“ unterbrach ſie Roſalinde, denn ſo muͤßen wir ſie immer noch nennen, „die Erzaͤhlung dauerte ſchon zu lange. Sir Everard kennt das Uebrige.“ „Nein,“ ſprach Alice,„er kennt nicht, kann 245 nie kennen lernen, das Leben der Bitterkeit. und Qual, was ich in der lezten Zeit gefuͤhrt habe; als ich ſah, daß was ich zum Beſten mir erſonnen hatte, und hoffte, durch gute Handlungen meine Uebelthat wieder gut zu machen, daß da Alles zum Schlimmſttn ſich verkehrte,— als ich ihn, Gott ſteh' mir bei! wie einen Geiſt aus der andern Welt im Forſte erſcheinen und mich erkennen ſah. Und Du, mein Liebling,— Du Segen meines Herzens, Du Troſt meiner Seele,— als ich Dich ſo tief bekuͤmmert, Dein Herz bei dem Gedanken an Deine unechte Geburt faſt brechen ſah;— und die da, ſtolz auf ihre Familie, die es unter ihrer Wuͤrde hielt, mit der armen Frau nur zu ſprechen, deren Milch ſie geſogen hat⸗ te!— O! ſollte ich auch dafuͤr ſterben muͤſ⸗ ſen, ihren Stolz muß ich demuͤthigen!“ „Genug, Weib!— Deine jaͤmmerliche Ge⸗ ſchichte, elenden Truges, iſt geſprochen und jezt——“ Hier unterbrach Cuthbert den Geaͤchteten: „jezt, Herr, iſt es an mir, die Tugenden meiner Schweſter in ihrem wahren Lichte zu zeigen.— Jene, die ich fuͤr meine Schweſter hielt, verließ mich, ſobald des Gewichtes Aus⸗ 245 ſchlag gegen mich war, wiewohl ſie mich da⸗ mals noch fuͤr ihren Bruder hielt. Sie verließ mich, als, fieberhaft erregt durch uͤbermaͤßige Gemuͤthsſpannung, meine unbedeutende Wun⸗ de, anſtatt der Geſchicklichkeit des Wundarztes zu weichen, den Saamen einer niederwerfenden Krankheit in mir erzeugt hatte. Als dieſe Krank⸗ heit mich ſo tief hinabgebracht hatte, daß ge⸗ ringe Hoffnung zu meiner Herſtellung blieb, als ich, wenn ich entdeckt werden ſollte, ein Opfer der Volkswuth fallen mußte, die nach dem Blute der Katholiken lechzte,— da er⸗ flehte ſie den Schuz derjenigen, die ſie verab⸗ ſcheute, um ihren Frevel voͤllig auszubruͤten; nur der Wachſamkeit dieſer ungluͤcklichen Frau — die mir meine Schweſter zwar raubte, aber auch zuruͤckfuͤhrte,— verdanke ich's, nicht, wie ſo viel Andere, der Volkswuth verfallen zu ſeyn. In einer Stunde tiefer reuiger Zerknirr⸗ ſchung erzaͤhlte ſie mir die Geſchichte, welche Sie jezt gehoͤrt haben. Weil Baſil die warme, aber ehrfurchtsvolle Bewunderung bezeugen kann, welche ich derjenigen zollte, die er, wie er mir geſagt hatte, anbetete, ſo kann er ſich auch vorſtellen, was ich dabei fuͤhlen mußte, als ich fand, daß ich eine ſolche Schweſter be⸗ 247 ſaß— ſo rein, ſo reizend— ganz der gelieb⸗ ten Mutter gleich, die uͤber meiner Kindheit wachte, weinte und betete.— Auf der Stelle drang ich Alicen das Verſprechen ab, die ganze Angelegenheit, Margreten und Roſalinden zu enthuͤllen.— Die Beſchwerden der Reiſe zu ertragen, war mir noch nicht moͤglich, deshalb ward ich in der Umgegend von London heim⸗ lich untergebracht; in dem Hauſe eines Man⸗ nes, deßen Herz immer noch mit Liebe an der gefallenen Sache hing, fand ich,— obwohl ohne Geld,— krank,— und vom neuen Gouvernemente verfolgt,— jeden Ueberfluß, durch die Liebe und Güte meines bejahrten Wirthes.— Alice erzaͤhlte beiden Maͤdchen die Umſtaͤnde an dem naͤmlichen Abende, an wel⸗ chem meine wahre Schweſter, von ihrer Unter⸗ redung mit ihm zuruͤckkebrte, der zwar politi⸗ ſcher Widerſacher, aber doch beßer als ein zu⸗ geſchworener Freund iſt.— Davon verſſchert, daß ſie ein Unterkommen, einen ehrenhaften Verwandten beſize,— daß ſie kein Kind der Schande ſey,— und ebenfalls von meiner Krankheit und Gefahr in Kenntniß geſezt, ſprach die Stimme der Natur, im Buſen mei⸗ ner Schweſter.“ 248 Von ſeinen Gefuͤhlen uͤberwaͤltigt, ſtreckte Cuthbert feinen Arm aus, und weinend ſank die Schweſter an ſeine Bruſt. „Es iſt wahr,“ ſagte Sir Everard, faſt mit Bitterkeit,„ſie gedachte ihres Bruders und vergaß ihren Freund; dieſes Haus verließ ſie, ohne mir Lebewohl— ohne— ohne— irgend einem lebendigen Weſen,— Lebewohl zu ſa⸗ gen.“. „O nein, nein. Sie thun mir Unrecht, theuerſter Mann, großes Unrecht. Es war un⸗ umgaͤnglich noͤthig, daß mein Bruder, der zur Entfernung aus dem Koͤnigreiche noch nicht wohl genug war, an eben dem Abende doch in tiefere Verborgenheit gebracht wurde;— er mußte das Haus verlaßen, in welchem er bis dahin Aufnahme und Sicherheit gefunden hat⸗ te;— obwohl mein Herz und meine Pflicht mich zu ihm riefen, vergaß ich daruͤber nicht, was ich Ihnen ſchuldete. Die Zeit draͤng⸗ te,— eine verzoͤgerte halbe Stunde konnte meinen Bruder verrathen,— Sie waren nicht zu finden,— und Oberſt Sydney, dem ich mein Geheimniß vielleicht anvertraut haͤtte, war noch nicht zuruͤck von Hampton⸗Court. Ich ſchrieb eine Erlaͤuterung der Umſtaͤnde, em⸗ 249 pfahl ſie Ihrer Obhut und Liebe, und ſeit der Zeit iſt kaum ein Tag verfloßen, an dem ſie nicht einen Brief fuͤr Sie empfangen haͤt⸗ te. Meines Bruders Leben hing vom Geheim⸗ halten ſeines Aufenthaltes ab. Margrete! Mar⸗ grete! es war grauſam,— entſezlich grauſam, mich in der Meinung deßen zu verderben, der mir mehr als Vater iſt;— ich, die in allen meinen Briefen ſeine Liebe fuͤr Dich erbat.“ „Genug!“ unterbrach ſie der Geaͤchtete,„wir ſind genoͤthigt, den Schauſpielern auf der Buͤhne zu gleichen; jeder muß eine Erzaͤhlung vorbringen, um das Ende herbeizufuͤhren. Ich war ſehr zu tadeln; dieſe Forſt⸗Blume ſchrieb mir kurze Zeit nach ihrer Entfernung; wiewohl ſie mir das Geheimniß ihres Aufenthaltes nicht mittheilte, ſchrieb ſie mir doch uͤber alle andern Beziehungen. Ich vergaß die Sache; nie konnte ich mir vorſtellen, daß jene ſchwarzhaarige Dirne, ſo argliſtigen Betrug uͤbe. Ich wußte, daß ſie hier im Hauſe war, und wenn mir die Sache einfiel, glaubte ich, das Geheimniß beſtehe nicht laͤnger; die wahrſcheinlichen Er⸗ gebniße der Revolution nahmen mich voͤllig in Anſpruch, daruͤber vergaß ich alles Andere, bis ich,— in dieſem Zimmer wartend, anſah,— ⸗ 250 was ich Gott bitte, mich nie wieder in ſo ver⸗ dammungswuͤrdiger Weiſe ſehen zu laßen,— die Falſchheit eines Weibes!— Pfui! das war ſchaͤndlich und niedertraͤchtig— die Suͤndhafte ſprach Laͤſterungen gegen die Tugend eines En⸗ gels,— der luͤgende Mund hauchte Trug und Taͤuſchung hervor— giftiges Verderbniß!“ Nun erzaͤhlte er, wie er den Entſchluß ge⸗ faßt hatte, die Raymonds herzufuͤhren, damit die Wolke des boͤſen Leumundes, ihren guten Namen nicht laͤnger bedecke. Nach der aͤußerſten Anſtrengung war es ihm gelungen, ihnen nach⸗ zuſpuͤren, als ſie verkleidet und auf ihrer Reiſe, ſowohl durch Gefahr, als durch Cuthberts Schwaͤche aufgehalten, nach Walis gingen, um von da nach Irland uͤberzuſezen, wo Ma⸗ jor Raymond ſich ſogleich den Truppen des ehemaligen Koͤnigs Jakob anſchließen wollte. „Seine Standhaftigleit iſt einer beßern Sache wuͤrdig,“ ſagte der alte Patriot;„ich ſelber habe mich verbuͤrgt, um ſeine Sicherheit zu er⸗ langen;— es iſt mir gelungen;— Rang und Befehl, Macht und Reichthum bietet ihm der Koͤnig in ſeinem Heere an.“ 3 „Befehl und Rang beſize ich in den Reihen meines Koͤnigs,“ erwiederte der bleiche junge 251 Mann;„Jakob der Zweite iſt mein Herr, kei⸗ nen andern erkenne ich an.— Hieher kam ich mit Ihnen zu einem beſondern Zwecke, ſobald der erfuͤllt iſt, will ich mit Gottes Huͤlfe unter meinem Volke leben. Ich glaube nicht, daß Kummer oder Elend meine wahre Schweſter von mir und meinem Ergehen, trennen koͤnn⸗ ten; aber ſie wollte Sir Everard ſehen,— ſie wollte nicht fuͤr eine Undankbare gehalten ſeyn. Baſil,“ fuhr er fort und reichte dieſem die Hand,„habe ich Dich betrogen?“ Mit Waͤrme druͤckte dieſer die dargebotene Hand und ſagte:„es iſt nicht genug, daß Du mir verzeiheſt, Du mußt auch mein Vorſpre⸗ cher bei ihr ſeyn; wie immer unſere Politik ſeyn mag, hoffe ich doch, daß unſere Namen ſich verbinden.“— „Nach dem Verluſte einer Nichte, werde ich dann eine Tochter gefunden haben,“ rief Sir Everard aus;„aber Roſalinde muß ich ſie nen⸗ nen; ich kann ſie mir als Margrete nicht den- ken.“ Das ſchoͤne Maͤdchen kaͤmpfte ſichtbar mit ihren Gefuͤhlen, doch ihr Entſchluß war ſchon gefaßt, bevor ſie Sir Everards Haus betrat. „Wir haben unſern Freund hieher begleitet, 252 — um ein Geheimniß aufzuklaͤren;— aber meinen Bruder kann ich nicht verlaßen,“ ſagte ſie und dann zu Baſil, der im Begriffe war, ihr zu Fuͤßen zu fallen,„nein, Oberſt Syd⸗ ney,— denken Sie von mir ſo leicht— ſo ſehr leicht,— daß Sie glauben, jener goldene Reif, den Sie im Begriffe waren, dieſem Naͤdchen an den Finger zu ſtecken,— ſollte jemals den meinigen umſchließen?— Meinen Sie wirklich, ich ſollte einen Liebeflatternden wie Sie, heirathen?— Ich ſollte meine Gluͤck⸗ ſeligkeit, einem ſo ſchwankenden Rohre anver⸗ trauen?— Baſil, ich danke Gott fuͤr Ihres Vaters Wohl und Ihr eigenes, daß Sie Jene nicht heiratheten,—“ „Denn Sydney's Blut wird nur Sydney's Bann!“ murmelte Alice, deren finſteres Ge⸗ muͤth ganz ſo viel, als das der Lady Sydney, am Uebernatuͤrlichen hing, ſo daß ſie keine Gelegenheit verſaͤumen konnke, ſich darauf zu beziehen. „Sie thun mir ſchweres Unrecht,“ erwiederte Baſil leidenſchaftlich,„wahrlich, wahrlich, ſo iſt's. Spaͤter will ich Alles erklaͤren; Cuthberts Frau ſah ich in Ihnen, nicht ſeine Schweſter. Immer aber waren Sie mir das Theuerſte auf 253 der Welt.— Pater Frank,— mein Vater,— unſer Freund,— Alice ſogar, Alle wißen das. Stoßen Sie mich nicht von ſich!“ Feſt antwortete ſie:„dies iſt eben ſo nuz⸗ los, als grauſam;— Sie vergeßen, daß jene Dame—“ „Ich bitte, mich nicht in Betracht zu zie⸗ hen,“ ſagte die Betruͤgerin, immer noch ſtolz; „von Allen ausgeſtoßen, bin ich der Beachtung nicht werth; daß er mich nicht liebte, wußte ich. Noch bin ich nicht beſiegt. Meines Va⸗ ters Blut iſt alt und edel— meine Mutter—“ Hier ſchwieg ſie, Schaam kaͤmpfte mit dem Stolze in ihrer Bruſt; ihr ganzes Weſen war heftig ergriffen;— ſie ballte ihre Haͤnde und knirſchte mit den Zaͤhnen,— Wuth kochte im Innern,— die Adern ihrer Stirne ſchwellten auf,— ſie breitete ihre Arme aus, ſank auſ ihre Knie und rief:. „Mag ein Fluch, deßen Tiefe kein Sterbli⸗ cher ergruͤndet,— deßen Bitterkeit kein menſch⸗ liches Weſen ohne die Folterpein koſten kann, die ich jezt erdulde,— mag ein ſolcher Fluch bis in alle Ewigkeit, die Seelen der Eltern treffen, die der Schande verfallende Kinder, in die Welt ſezen!— einer Schande, die keine 254 Tugend zu erſezen, keine Kraft zu bekaͤmpfen, keine Vortrefflichkeit auszutilgen vermag!— Moͤgen ſie—8 Roſalinde verſuchte, die furchtbaren Verwuͤn⸗ ſchungen einzuhalten:„o nein! nein! Deine Eltern ſind es, die Du verwuͤnſcheſt,— ſie, die Dir das Leben gaben!“ „Leben!“ rief ſie in ffurchtbarer Schoͤn⸗ heit aus, als der Strom ihrer Beredtſamkeit den Lippen entfloß und ihre ſchwarzen Augen ringsum Flammen ſpruͤheten.—„Leben!— Entehrung!— Hat er nicht, der vor einer Stunde mein Gemahl werden wollte, ſich von mir gewendet, obwohl ich ſeinem eigenen Stamm angehoͤre?— Weshalb?— Furcht vor dieſer entſezlichen Schande, trieb mich mehr noch als Ehrgeiz und zwang mich, die Rolle zu ſpielen. Gern moͤgte ich denken, ich ſey nicht gottlos. Ihr habt gehoͤrt, daß heißes Italiſches Blut in dieſen Adern kocht.— Doch ich will keine Entſchuldigung vorbringen, ich ſchulde Nie⸗ mandem Abbitte. Wenn ich geſuͤndigt habe, ſo leide ich.— Du ſagteſt, ſie gaben mir mein Leben; das thaten ſie und mit ihm ein Erb⸗ theil— das Erbtheil der Hoͤlle!“ Nooch einmal verſuchte ſie zu ſprechen, konnte 255 aber nicht; ihre uͤberreizten Gefuͤhle brachten heftige Zuckungen hervor, das ſtolze Maͤdchen war durch die, in ſo kurzer Zeit vorgegangene uUmwaͤlzung ganz uͤberwaͤltigt. Sie hatte ihr Alles auf einen großen Wurf geſezt und dieſer fehlte. Bewußtlos trug man ſie zu ihrem Zim⸗ mer; die Hand, welche ihr Polſter ordnete, iht Lager bedeckte, gehoͤrte der an, welche durch ſie ſo ſchwer beleidigt war. Und dieſe weilte bei ihr, bis Lady Mary Powis, die immer Freude an Beweiſen von Guͤte fand, ihre Stelle am Bette der Kranken erſezte. Cuthbert war zu ſtolz auf ſeine gefundene Schweſter, daß er ihr haͤtte zureden ſollen, die unzuverlaͤßige Hand anzunehmen, welche Baſil darbot. Er ſagte:„Willig erkenne ich den gro⸗ ßen Vortheil an, den ſie durch eine ſolche Hei⸗ math erwerben wuͤrde; aber ſie darf nicht leicht gewonnen werden. Zu ſchnell haſt Du ſie ver⸗ geßen, Baſil; jezt mag die Zeit zwiſchen Euch richten.“ Als Roſninde 8 wir muͤßen ſie immer noch ſo nennen£ zu Sir Everard und deßen Sohne zuruͤckkam, geſchah es, um Abſchied zu neh⸗ mien. Sie umklammerte des Geaͤchteten Arm; 256 hart und bitter war der Kampf, durch welchen ſie ihre Thraͤnen zuruͤckhalten wollte. „Alſo koͤmmſt Du nur, um mich zu verlaſ⸗ ſen!“ ſagte Sir Everard,„grade nun ich Deine vollkommenſte Liebenswuͤrdigkeit, den ganzen Werth des Juweels erkenne, entziehſt Du es mir; gehſt mit einem Fremden.“ „Mit meinem Bruder!“ rief ſie,„mit dem Bruder, den Gott mir gab!“. „O Roſalinde! gab Gott Dir nicht auch den Freund?“ „Das that er, ja Gott gab ihn mir; will dieſer theure Freund mir ſeinen Segen jezt ge⸗ ben, will er ſagen, daß ich ihn nie durch Wor⸗ te, noch That, noch Gedanken gekraͤnkt habe?“ Sie neigte ihr Haupt zu ſeinem Knie hin⸗ ab, und obwohl Sir Everard ſie in ſeine Arrme ſchloß, an ſeinen Buſen druͤckte, ſprach er doch kein Wort— er konnte nicht reden; aber ſie fuͤhlte des alten Mannes ſprechende Thraͤnen, auf ihrer Wange; ſie wurde innig geruͤhrt, weinte ſchmerzlich und viel, aber feſt blieb ſie bei ihrem Entſchluße. „Cuthbert!“ rief Baſil aus,„unſer naͤchſtes Zuſammentreſſen, mag nun auf dem Felde der Schlacht ſeyn!“ * Cuthberts Herz und Liebe erwaͤrmten ſich wie⸗ der fuͤr ſeinen Freund; auch das Band alter Gewohnheit wollte ſich ſtaͤrker wieder regen. „Sie ſind wahnſinnig, Raymond, ganz wahnſinnig,“ ſagte der Geaͤchtete,„der Kampf, falls es uͤberall in Irland zum Kampfe kom⸗ men ſollte, wird kurz ſeyn; meinen Sie, daß die halbverhungerten Franzoͤſiſchen Soldaten und eine Schaar Irlaͤndiſcher Bauern, gegen Williams wohlgeordnetes Heer, Stand halten koͤnnten?— Sie erwartet nichts anders, als Schmach und Niederlage.“ Cuthbert betrachtete das edle, gealterte, aber immer noch ruͤſtige Antliz des außerordentlichen Mannes, deßen Theorie in dieſem einen Falle ſo durchaus gegen ſeine eigene Handlungsweiſe ſtritt und konnte ſich nicht enthalten, ihm zu erwiedern:„verhinderten Schmach und Nie⸗ derlage Ihr feſtes Beharren bei einer Sache, welche Sie fuͤr die gerechte hielten?— Haͤtte ich hundert Arme, ſie ſollten zur Vertheidigung Oder Stuarts erhoben werden!— Ueberwaͤltigt mag ich werden, doch nie will ich meine Grundſaͤze aufgeben. Selber wenn Sie mich zu uͤberzeugen vermoͤgten, daß Jakob Unrecht UII, 17 258 habe,— ſo iſt Jakob ungluͤcklich.— Genüͤgt Ihnen die Antwort.“ „Doch Deine Schweſter„ ſprach Baſil, „wenn ſie wirklich auch ſo ganz geaͤndert iſt, mich ihrer Freundſchaft unwerth zu halten— koͤnnte gewiß in England bleiben; unter dem Schuze meines Vaters waͤre ſie ſicherer.“ „Ihr beſter Plaz,“ entgegnete Cuthbert,„iſt ſo nahe ihrem natuͤrlichen Beſchuͤzer, als Um⸗ ſtaͤnde es erlauben wollen; in Irland haben wir maͤchtige, einflußreiche Verwandte; nur die Verzweiflung allein bei dem Gedanken, daß Sir Everard ſie fuͤr eine Unwuͤrdige halte, konnte ſie hierher fuͤhren. Wir muͤßen heute Abend noch abreiſen.“ Alle Vorſtellungen blieben eben ſo fruchtlos, als Baſil's leidenſchaftliches Flehen und Sir Everard's ruͤhrendes Bitten; ihre Thraͤnen floßen, doch wollte ſie kein Verſprechen, keine Hoffnung geben, ſie blieb feſt, miewoll auf das tiefſte geruͤhrt. „Alſo Alles umſonſt!— ganz wilſt Du mich verſtoßen!“ ſprach Baſil mit flehender Stimme. „Nein; doch Beweiſe muß ich erlangen, daß Ihr Karakter ſich aͤnderte, daß er feſt und 259 wacker ſey, bevor ich Sie fuͤr mehr, als mei⸗ nen Freund halten kann. Das Gewaͤßer von jedem hinrauſchenden Winde bewegt, mag das arme Schifflein zerſchellen, das ſeine ganze Wohlfahrt den Wellen anvertraut; um groß zu handeln, muͤßen Sie feſt ſeyn; ich moͤgte nicht, daß der Name Sydney fortleben wollte, gleich dem Nebel auf dem Gebirge, der ver⸗ zieht und keine Spur ſeines Daſeyns auf Er⸗ den, noch in der Luft zuruͤcklaͤßt.“ „Noch ein Wort,“ lispelte Baſil faſt athem⸗ los,„wenn ich Cuthbert wieder treffe, mag's auf dem Felde der Schlacht ſeyn. Dies koͤnn⸗ ten Sie verhindern!“ Sie ſchwieg, erbleichte;— dann erwiederte ſie mit leiſer, aber feſter Stimme:„Zwei Dinge gibt es, die ich beinahe in gleichem Grade liebe:— Ehre und Friede; doch aber mehr noch die Ehre.— Moͤgen Sie Beide Ihre Pflicht erfuͤllen, und Gott das Rechte vertheidigen!“ Dieſes zartfuͤhlende, edelſinnige Maͤdchen ſchied auch nicht eher, bis ſie Sir Everard das Verſprechen abgerungen hatte, die Perſon, welche ſo lange Zeit ihre Gluͤckſeligkeit bekrieg⸗ te, ſolle mit der ganzen Aufmerkſamkeit und — Sorgfalt behandelt werden, welche ihr ploͤz⸗ 260 liches Erkranken forderte. Unter Thraͤnen und Wehklagen war ſie im Begriffe des Scheidens, als ihr ein Paket von Margrete eingehaͤndigt wurde, welches alle ihre Briefe an dieſes un⸗ ſelige Maͤdchen enthielt. Dieſe uͤbergab der Geaͤchtete dem alten Ba⸗ ronett, als man ſich Lebewohl ſagte; von nun an war das Haus einſamer und ſtiller, als je. Dreizehntes Kapitel. Wenn Niemand widerſteht dem Tod, Ruft Reiche, Arme, ſein Gebot, Muß Kraft, muß Weisheit ihn erleiden, Sucht' ich umſonſt, ihn zu vermeiden; Verleih d'rum Gnade mir, o Gott! Daß ich mich beß're vor dem Tod. Soöouthwell. Eine Perſon ward ſo ſehr durch die von uns erzaͤhlten Ereignißen betheiligt, daß, wiewohl ihre Gliedmaßen gelaͤhmt blieben, ihre Zunge doch das Sprachvermoͤgen wieder gewann, ſo daß ſie laut und ſtrenge Erklaͤrung uͤber den ploͤz⸗ lichen Wechſel verlangte, der ihre Plaͤne ſcheitern . machte, und im ganzen Hauſe ſolchen Aufruhr erregte. Pater Frank uͤbernahm es, hier der Dolmetſcher zu werden, doch vermogten ſeine angeſtrengteſten Bemuͤhungen ſie nicht dahin — 262 zu bringen, daß ſie in der, von ihr ſo grauſam behandelten Roſalinde, die echte Margrete Ray⸗ mond anerkannte; ihren Stolz konnte der Tod ſogar nicht uͤberwinden; ſie verwarf eine Ueber⸗ zeugung, welche ihren eigenen Irrthum be⸗ dingte; obwohl nun der unſchuldige Gegenſtand ihres Haßes, wenig Urſache zu dem Wunſche batte, ihr Antliz je wieder zu ſehen, fuͤhlte das großmuͤthige Maͤdchen ſich doch ſchmerzlich dadurch betruͤbt, kein freundliches oder nur ein abſchiednehmendes Wort, von einer Frau zu er⸗ halten, mit der ſie ſo lange gelebt hatte, und die ſie, wie ſie deutlich empfand, diesſeits des Grabes nie wieder ſehen wuͤrde. Lady Sydney befahl, ihr hoͤhere Polſter un⸗ terzulegen und ihr Lager dem Fenſter zu naͤ⸗ hern, damit ſie Abends den Himmel betrachten koͤnne. Ihr altes Lieblingsbuch uͤber Aſtrologie mußte vor ihr hingelegt werden; und gleich⸗ ſam, als wuͤnſche ſie die aͤußerſten Punkte zweier abgeſonderter, ganz verſchiedener Glau⸗ bensmeinungen mit einander zu vereiniger⸗ breitete ſie, ſo viel ihre Schwaͤche es ihr ge⸗ ſtatten wollte, die Falten ihres loſen Gewan⸗ des uͤber das auf ihrer Bruſt liegende Kruzi⸗ fix; dann gebot ſie den Waͤrterinnen, ſich in 263„ die Vertiefung des andern Fenſters zu begeben, bis ſie ihre Dienſte verlangen wuͤrde. Das Hausgeſinde, welches„die junge Lady,“ denn es beharrte dabei, Major Raymond's Schweſter immer noch ſo zu benennen, auf das hingebendſte liebte und verehrte, beſchaͤf⸗ tigte ſich mit den Ereignißen dieſes Tages und verſammelte ſich in Haufen, um uͤber dasje⸗ nige zu fliſtern und zu urtheilen, was ſo eben geſchehen war; Hoffnung, Beſorgniße und Anſichten ſprach jeglicher nach ſeiner Weiſe aus, Alle aber ſtimmten darin uͤberein, daß Alice eine arge Irlaͤndiſche Hexe ſey, die ver⸗ brannt werden muͤßte. Ralph und Jeminings fuͤhlten ſich zu innig am Schickſale des Oberſt Sydney und der Schweſter von Major Ray⸗ mond betheiligt, um ihre Geſinnungen vor den Uebrigen laut werden zu laßen. Ralph liebte es, an Jemmings eine Stuͤze zu finden, und dieſer liebte wiederum den Andern, nicht um die Genoßenſchaft, ſondern ſeiner Huͤlfloſigkeit wegen;— dies iſt mehr ein Inſtinkt, als ein Grundſaz, der Staͤrke und Schwaͤche mit ein⸗ ander verknuͤpft. Sie begaben ſich mit einan⸗ der zu Sir Everard's Buͤcherzimmer, unter dem Vorwande, das Packen ber Kiſten zu vollenden, doch packten ſie nicht, ſondern be⸗ gannen, einander gegenuͤber ſizend, folgendes Geſpraͤch: „Es war ein ſchrecklicher Verſtoß gegen die Mannszucht,“ ſagte Jemmings,„einer, den ich mir nicht erlaubt haben wuͤrde, daß Du hinkrochſt, um Alles mit anzuhoͤren. Mancher ſiſt ſchon fuͤr geringeres Verſehen, vor ein Kriegs⸗ gericht geſtellt.“ „Sie könnten mich geſehen haben, wenn ſie gewollt haͤtten,“ erwiederte Ralph,„war's aber nicht recht ſonderlich, daß Miß Roſa den Herrn Baſil in der Art ausſchlagen wollte, und ich doch weiß, daß ſie ihn lieb hat.“ „Schau, Nalph, Du biſt'n Menſch von ſchwachem Verſtande, wie ich das nenne, alſo kennſt Du auch wenig von Frauen, denn um die kennen zu lernen, muß einer wohlbegruͤn⸗ dete und metaphoriſche Kunde haben. Einige haben'ne ganz eigene Art, ihre Liebe zu faſ⸗ ſen; viele, verſteh'ſt Du, laßen ruhigen Gang gehen; andere ſchießen gleich los, wie—“ „Blaue⸗Bill, nicht wahr?“ unterbrach Ralph, vielleicht in ſeiner Einfalt, vielleicht ſpoͤttiſch. „Ich meine Dir ſchon geſagt zu haben,“ erwiederte der Sergeant,„daß wir den Namen dieſes trefflichen Feldſtuͤckes umgeaͤndert haben. Jezt heißt es„Lauf Jakob,“ als'n umgekehr⸗ tes Kompliment fuͤr den vorigen Koͤnig.— Doch um von Miß Roſa zu ſprechen, was ſollte die thun?— Siehſt Du nicht ein, daß es die groͤbſte Unzartheit fuͤr ſie geweſen waͤre, Herrn Baſil zu heirathen, als er eben ſchon zur Haͤlfte mit der ſchwarz⸗laͤſterlichen Dame verbunden war, die ich niemals habe leiden koͤnnen; auch konnte ſie ja gar nicht vermei⸗ den, mit Herz und Seele ihrem Bruder ange⸗ flochten zu ſeyn, dem armen Gentleman, der ſo'n braver Burſche iſt, als nur je einer'n Gewehr abdruͤckte, oder'ne Wache komman⸗ dirte. Ralph, Du erkennſt die Zartheit von dem Dinge nicht.“ „Ich glaube nicht,“ ſeufzte Ralph,„von wegen Sergeant, daß ich an die Art ge⸗ wohnt bin, wie die Tauben und ſo dergleichen machen, die fuͤr'nander'ne Neigung haben, und ſich nicht ſchaͤmen, das zu zeigen.“ „Du mußt'n ſchoͤner Vogel ſeyn, wenn Du meinſt, daß Ladies und Gentlemen ſind, wie die Tauben und die Enten und die Taucher; aber merk', was ich Dir ſage, es ſteht auf der Karte, zuſammen kommen ſie. Ja, merk' Du * 4 266 — meine Worte, Ralph, das Lange und's Kurze davon iſt, daß ſie die Herrin von Sydney⸗Luſt ſeyn wird, wenn ich und Du, Futter fuͤr die Wuͤrmer ſind, die Dein Herr ſo gern aufbe⸗ wahren mag.“ „Amen! ſag' ich,“ ſprach Ralph in ſeiner Einfalt,„Amen! ich frage nicht, wo ich bin, wenn ſie dort iſt; wenn ich ſie und den Brano nur noch einmal am Lilienſtrome ſehe, bin ich zufrieden;— aber was das anbetrifft, Wuͤr⸗ mer aufzubewahren, Sergeant, das haben wir niemals gethan.“ „Nun, wie nennt Ihr denn die langen Din⸗ ger da in den Flaſchen?“ „O, das iſt ganz was anders, das ſind fremde Wuͤrmer. Den Unterſchied verſteht Ihr nicht, Sergeant;— eben weil ſie aus fremden Laͤndern kommen, ſind ſie anders, wenn ſie Euch und mir auch ganz dieſelben ſcheinen; aber der Unterſchied iſt da, wir koͤn⸗ nen den gar nicht ausfinden, doch die gelehrten Herren koͤnnen's. Gottes Segen! was die fuͤr 'nen Werth auf Schaben und Fledermaͤuſe, und Schnecken und Schnacken und alle der⸗ gleichen ſezen, uͤberſteigt allen Glauben, und das iſt auch'n Beweis davon, daß ſie mehr 267 ſehen, als wir. Als das Vieh, der Pack'ihn, mit ſeinen Laͤmmern in Sydney⸗Luſt war, ha⸗ ben ſie alle die ſchoͤnen Dinge, die der Herr in der Art aufbewahrte, verdorben, und wir hatten's Herz nicht, ihm das zu ſagen, denn es wuͤrde ihn, mit allem dem Andern, noch mehr betruͤben.“ „Was machten ſie damit?“ „Den Spiritus tranken ſie, wo die Geſchoͤ⸗ pfe in aufbewahrt wurden, und warfen die Dinger weg.— Ich weiß nicht, was der Herr dazu ſagen wird, wenn er's bemerkt.“ „Die ſchmuzigen Schurken!— aber Du kannſt ja leicht kleine Eidechſen fangen, denen die Schwaͤnze abſchneiden und andere Spaͤße damit machen, daß ſie ausſehen wie die fremden Dinger; und dann eingekorkt; wenn die Zahl von den Flaſchen vollſtaͤndig iſt, ſo wird Sir Everard nichts merken.“ „Es waͤre nicht rechtſchaffen,“ ſagte Ralph und ſchuͤttelte den Kopf. „Nur ein Trug, um ſein Gemuͤth in Frie⸗ den zu laßen,“ erwiederte Alexander,„wie das die großen Herren auch thun, wenn ſie an⸗ dern Leuten was verſprechen,— um ſie nur zufrieden zu halten.“ 268 — „Aber s' iſt doch ganz'ner Luͤge aͤhnlich,“ meinte der Andere,„ich habe daruͤber nach⸗ gedacht ſo in meiner eigenen Weiſe, der Plan waͤre nicht rechtſchaffen.“ Nach kurzem Schweigen fragte Ralph:„iſt's wahr, daß Meiſter Braun ſeine Tochter mit dem Neffen vom Lord⸗Mayor verheirathet?“ „Das wollte er, aber die huͤbſche Jungfer Rachel, iſt mit'nem jungen Lehrling aus Or⸗ ford, davon gelaufen; nun ſind Vater und Mut⸗ ter in der hoͤchſten Noth!“ „So geht'’s, wenn die wahre Liebe gehindert wird,“ ſagte Ralph,„das iſt'n gefaͤhrlich Ding, und ich hab' ſo'nen Gedanken, da wird was Boͤſes vorgehen mit der jungen Dame, die nicht Miß Margrete iſt, denn die war recht verliebt in Herrn Baſil. Ich will nur hoffen, daß ſie nicht mit nach Sydney⸗Luſt geht; denn s* iſt keine Natur in ihr, und fuͤr den Ort taugt ſie nicht.“ „Und doch iſt recht viel Natur dabei, wenn einer ſo liebt,“ ſeußzte der treuzaͤrtliche Ser⸗ geant;„es wird immer fuͤr ein gutes Zeichen gehalten, beſonders bei dem ſchoͤnen Geſchlechte, wenn viele Zaͤrtlichkeit da iſt.“ „Ja, aber da iſt'n großer Unterſchied, 289 Sergeant; Eure Liebe war immer warm und ſtandhaft, meine war mehr froſchgleich.“ „Froſchgleich,“ wiederholte der Bilder lie⸗ bende Sergeant,„wie willſt Du das ausdeu⸗ ten?“ „Sie war ſo kalt,“ erwiederte er, faſt laͤ⸗ chelnd,„und immer huͤpfend.“ „Du biſt'n geborener Tropf! Gott helf' Dir! ich weiß nicht, wie Du noch verſuchen magſt zu ſprechen.“ „Ich wollt' auch lieber denken, als ſprechen,“ antwortete Ralph ganz ruhig,„und wenn's nicht waͤre, daß ich Sir Everard noch mehr liebte, ſo wollte ich hin und leben mit dem Geaͤchteten!“ „Du bleibſt immer dabei, ihn den Geaͤchteten zu nennen. Nun ſag' mir doch, weshalb woll⸗ teſt Du lieber mit dem leben?“ „Weil er ſo ſchweigend iſt; als er ſich noch bei Sydney⸗Luſt und im Neuen⸗Forſt zu ver⸗ bergen pflegte, habe ich manchen langen Som⸗ mertag und manche Winternacht, mit ihm und fuͤr ihn gewacht, und niemals hat er mir mehr geſagt, als„Ralph, Du biſt ein Narr!“ aber er ſprach das ſo freundlich, daß ich lieber von ihm wollte Narr genannt,— als von irgend 270 onem andern Menſchen in der Welt zum wei⸗ ſen Manne gemacht werden; aber ich glaube, daß die guten Tage alle voruͤber ſind, denn die Zeit wird nun kommen, wenn nichts da ſeyn wird— gar nichts— keine Miß Roſa.“ „O die wuͤrde'ne edle Herrin abgeben, und ich wuͤnſchte nur, daß die Eine, die jezt auf dem Kirchhofe liegt, unter ihrer Herrſchaft le⸗ ben koͤnnte; das Monument ließ recht gut, als ich's zulezt ſah; und wenn's jemals in mei⸗ ner Macht iſt, will ich dem Herrn Braun den Dienſt nicht vergeßen, den er mir dabei erwie⸗ ſen hat.— Aber war da nicht'n Schrei oben? Gott behuͤte uns! die Zeiten ſind entſezlich! Alice, der alte Trug⸗Teufel, ſprach oft von Bannfrauen, die in Irland kreiſchten, wenn jemand ſterben ſollte.“ „Sie mag wohl felber ſo eine ſeyn, die nicht ganz richtig iſt,“ erwiederte Ralph; laut wie⸗ derholtes Geſchrei ſtoͤrte alle weiteren Bemer⸗ kungen. Lady Sydney's Kammerfrau war verwun⸗ dert, daß ſie kein Licht forderte, als der Abend in voͤllige Dunkelheit verſank; leiſe ſchlich ſie zum Bette, gewahrte, daß der Dame Hand ein Blatt im Buche eingeſchlagen hatte, wel⸗ 271 ches die Himmelszeichen bei der Geburt ihres Sohnes enthielt; auf dieſem Blatte ruhete ihre Hand noch, obgleich ſie voͤllig todt war.— Wohl mogte die Frau aufſchreien, denn die glaͤſernen, ſtarren Augen der Abgeſchiedenen waren zum Himmel emporgerichtet, als ſey ihr Geiſt hinauf zu dem bleichen Sterne ent⸗ ſchwebt, deßen Einfluß, wie ſie glaubte, ihr Loos beſtimmt hatte. Das Gemach war hoch und geraͤumig, ur⸗ ſpruͤnglich zu einem Empfangzimmer beſtimmt, welches mit großer Sorgfalt eingerichtet wor⸗ den war; dunkle Eichen⸗Geſimſe ragten ſchwer uͤber den bemalten Fenſtern hervor, und eine bunte Blumeneinfaßung, von goldenen Cupi⸗ den mit ausgebreiteten Fluͤgeln gehalten, gab der Decke ein ſeltſamliches, ganz widerſpre⸗ chendes Ausſehen; ein Reichthum prunkenden Geraͤthes befand ſich in dieſem Zimmer,— Ge⸗ raͤth, aus verſchiedenen Zeitabſchnitten zuſam⸗ men vermiſcht; das Bett war jezt mit ſchwar⸗ zem Tuch behangen, eingefaßt und aufgepufft mit Krepp; am obern und untern Ende brannke eine Menge wohlriechender Kerzen, deren heller Schein auf die Ueberreſte der ſtolzen Lady Syd⸗ ney, ein geiſterhaftes Licht breitete. Die Todten⸗ 242— bekleider hatten der Leiche Haͤnde, uͤber einem Kruzifix gefaltet, welches auf ihrer Bruſt lag; alle Sinnbilder des Katholizismus waren rings⸗ um mit ſorgfaͤltigſter Beachtung der Ceremo⸗ nien angebracht. Sogar fuͤr einen Proteſtanten zeigte das Ganze eine heilige Feierlichkeit, die zu leiſem Athemholen und leiſem Fußtritte auf⸗ forderte. Am Todtenbette kniete die Lady Mary Powis, hatte den Schleier von ihren bleichen, entkraͤfteten Zuͤgen zuruͤckgeſchlagen und betete fuͤr die Seele der Hingeſchiedenen; als aber Sir Everard um Mitternacht eintrat, um ſei⸗ nen lezten Beſuch zu machen, zog ſie ſich hin⸗ ter einen Verſchlag zuruͤck, damit kein ſterbli⸗ ches Auge Zeuge ſey, ſeines Abſchiedes von ei⸗ ner Geſtalt, die er in ſeiner fruͤhen Jugend an⸗ gebetet hatte und die er bis zum lezten Angen⸗ blicke mit Innigkeit verehrt haben wuͤrde, wenn ihre eigene ſtrengere Natur, ſeine Hingebung gewuͤrdigt haͤtte. Der alte Mann beruͤhrte mit ſeiner Hand die Leiche, zog dieſe aber ſchnell zuruͤck, nicht vorbereitet auf jene feuchte Kaͤlte, welche ſich dem lebenden Fleiſche, wie eine Botſchaft aus dem Grabe mittheilt und ein Zeichen heranna⸗ hender Faͤulniß iſt.— Nun ſank er auf ſeine 273 — Knie, verdeckte ſein Geſicht mit den Haͤnden und das ſchwere Heben ſeiner Bruſt zeigte, daß er ſchmerzlich litt. Thraͤnen drangen hervor, er ſchluchzte laut, und im weiten, ſchweigenden Gemache wiederholte das Echo an den Waͤnden ſeine Wehklage; mogte auch das Verhaͤlniß der nun Getrennten, in der lezten Zeit noch ſo kalt und zuruͤckhaltend geweſen ſeyn,— in dieſer Stunde fuͤhlte Sir Everard nur, daß die Ge⸗ faͤhrtin ſeiner Jugend, die glanzreiche, kraͤf⸗ tige, reizende Frau ihm entzogen war; die erſte und einzige, die er jemals geliebt hatte, war todt. Das Andenken laͤngſt verfloßener Jahre erwachte wieder,— als Erroͤthen ihre Wan⸗ gen uͤberzog,— als ihre Hand in der ſeinigen zitterte,— als ſie vereint am Altare knieten, — als ſie ſpaͤter ihm den erſtgeborenen Kna⸗ ben reichte!— So tief war ſein Kummer, daß ihn duͤnkte, er moͤgte ihre Stelle einneh⸗ men, wenn ſie nur noch leben koͤnnte.— Er kannte die Tiefe,— die Gewalt einer Liebe nicht, welche durch manchen kaltſinnigen Wi⸗ derſtreit erſtarrt, aber doch nicht zerſtoͤrt wor⸗ den;— vor ihm lag das truͤbe, ſchweigende Geheimniß der Sterblichkeit,— jedes unfreund⸗ liche Wort, was er geſagt hatte,— und die III. 18 274 Zahl dieſer Worte war nur gering,— erklang in ſeinem Ohre wieder;— er vergaß ihre Haͤrten und gedachte nur der eigenen. Ploͤz⸗ lich, erfaßte eine Hand ſeine Schulter, und als er aufſchreckte, ſtand der Geaͤchtete neben ihm, der geheimnißvoll und ungerufen in tiefer Mit⸗ ternachtsſtunde, in das Todtenzimmer getreten war. Sir Everard war beſchaͤmt daruͤber, daß ſeine Schwaͤche von einem Manne geſehen wor⸗ den, der in die eigene Kraͤftigkeit ſeinen Ruhm ſezte; ſchon wollte er das Zimmer verlaßen, aber ſein wilder Freund hielt ihn am Arme feſt und ſprach in ſeinem gewohnten, tiefen, feierlichen Tone: „Gedenkſt Du unſers Zuſammentreffens in eben dem Beinhauſe, wohin ſie morgen ge⸗ bracht werden ſoll? Gedenkeſt Du der Zeit, in der ich gehezt wurde wie ein wildes Thier, in der ich dem Hunger preis gegeben war, und wo mir nichts anders blieb, als die Gemein⸗ ſchaft mit verdorrten Gebeinen und kriechendem Erdengewuͤrme? Erinnerſt Du Dich deßen, was ich damals litt? Und doch, Sydney, war ich, der gejagte, ausgehungerte, im Beinhauſe unter Leichen verborgene Mann, gluͤcklicher; dort war ich gluͤnl cher, alz ich hier bin; in 275 jenem feuchten Gewoͤlbe hatte ich eine Beglei⸗ trrin, die mich nun verlaßen hat. Ich naͤhrte Hoffnung,— Hoffnung fuͤr England durch Naßau,— eine Hoffnung, die jezt geſchwun⸗ den iſt. Wir haben Koͤnige vertauſcht, Freund, und William glaubt, daß Beamtung ein Herz zufrieden ſtellen koͤnnte, das fuͤr Freiheit ſchlaͤgt. Wenn ich nur den Schein annaͤhme, mit dem uͤberein zu ſtimmen, was er fuͤr das Rechte haͤlt, dann wuͤrden mir hohe Ehrenſtel⸗ len, ich koͤnnte werden, was die Leute einen adelhaften Mann nennen; aber nein! lieber will ich fuͤr die kurze Spanne meines uͤbrigen, trauervollen Lebens, ein Umherirrender ſeyn, als mein Verbleiben im Vaterlande dadurch erkaufen, daß ich ſchiene, was ich nicht bin. Kannſt Du es glauben, daß dieſe Hollaͤndiſchen Drohnen, deren Blut, langſam gerinnend, in ihren grauen Adern weilt, mich fuͤr wahnſin⸗ nig ausgeben!— harmlos, aber wahnſinnig! Hat es dahin kommen muͤßen, daß meine Si⸗ cherheit in Großbrittanien, nur auf die Ver⸗ achtung gegruͤndet iſt, die man meinen Faͤhig⸗ keiten zutheilt? Glaubſt Du, ich wollte Si⸗ cherheit— aͤrmliche kriechende Sicherheit, — den Schuz eines abgelebten Hundes vor † 276 des Jaͤgers Fußtritt— die Zuflucht des Vo⸗ gels in den Luͤften!— jaͤmmerliche Sicher⸗ heit!— glaubſt Du, ſage ich, daß ich bleiben wollte, um Sicherheit— dem niedrigeren Zuſtande der Verachtung zu verdanken?“ Seine Worte ſtroͤmten in ſo ungeregelter Weiſe hervor, daß Sir Everard nur mit Stau⸗ nen zu ihm aufblicken konnte; den Mann durchbebte ſeine innere Erſchuͤtterung in ſo ge⸗ waltſamer Weiſe, daß der Baronett, unter den widerſtreitendſten Gefuͤhlen leidend, noch ein⸗ mal, wiewohl vergeblich, verſuchte, ihn aus dem Zimmer zu fuͤhren. Er fuhr fort:„innerhalb einer Stunde reiſe ich ab, und Du wirſt mich nicht mehr ſehen; ich verlaße England, um mich nach einem Lande zu begeben, in welchem ich mich min⸗ deſtens der Freiheit erfreuen kann, die dem Buͤffel und dem Wilde gelaßen wird. Mehr erwarte ich nicht, und werde mich deshalb nicht getaͤuſcht ſehen! Die Natur bricht ihr Verſprechen nicht!“ bei dieſen Worten preßte er ſeine Hand ſchmerzlich gegen die Stirne. Tief ward Sir Everard ergriffen und ſuchte ihn mit zitternder Stimme zu bewegen, ſeinen Vorſaz aufzugeben und zu bleiben, er ſagte: 277 — „Komm Du mit mir nach Sydney⸗Luſt, da wirſt Du Dich frei fuͤhlen von den Foͤrmlich⸗ keiten und Reibungen des Hofes. Du ſollſt mir ein Bruder ſeyn, ich will in Dir den Bruder wiederſehen, den wir Beide liebten. Von jezt an wird dort keine Religionsuͤbung mehr ſeyn, die Deinen Gefuͤhlen widerſtreitet. Baſil wird Dich wie einen Vater verehren; o komm mit mir!“ Der Wanderer ſchuͤttelte weigernd ſein Haupt, dAruͤckte aber ſeines Freundes Hand mit Waͤrme an das Herz und ſprach: „ So nicht,— nein, ſo nicht;— in meiner Bruſt weilt nur noch ein banges Gefuͤhl;— das lezte,— lezte— ſehnende Verlangen nach— doch ich weiß es nicht zu benennen, — vielleicht iſt's Vaterlandsliebe;— vielleicht mag es aber auch zitternde Truͤmmer perſoͤn⸗ lichen Ehrgeizes ſeyn.— Wird denn nach Ab⸗ lauf weniger Mongte, auch nur ein Seufzer dem gelten,— nur ein Gebet fuͤr den zum Himmel geſchickt werden, der——“ Er vermogte nicht das Wort auszuſprechen, auf des Patrioten Lippen erſtarb jene rein⸗ menſchliche Sehnſucht nach irrdiſcher Unſterb⸗ lichkeit, er ſchaͤmte ſich eines Gefuͤhles, das un— 278 ſerer Natur ſo innig verwebt iſt, und um ſeine Ruͤhrung vor Sir Everard zu verbergen, wandte er ſich ab, nun aber ſtand wie ein aus der Vergangenheit hervorgerufenes Traumbild, gleich⸗ ſam aus der Schattenwelt erſtanden, der Ge⸗ genſtand ſeiner Jugendliebe, ſeiner ſpaͤtern Zu⸗ neigung,— die Abtißin des veroͤdeten Beau⸗ lieu vor ihm; ihre flehend gefaltenen Haͤnde, — ihre entſtroͤmenden Thraͤnen,— gaben ſei⸗ nem Ausrufe die Antwort. Eines weiblichen Herzens erſte Liebe iſt ganz ſo unſterblich, als ihre Seele.—„Ich— ich— will fuͤr Dich beten; unaufhoͤrlich beten!“ murmelte ſie. Das gequaͤlte Gemuͤth fand Erleichterung, einige abgerißene, nur zur Haͤlfte ausgeſpro⸗ chene Worte der Zaͤrtlichkeit und des Abſchie⸗ des wurden ausgetauſcht, dann verließ der Raſtloſe, England— fuͤr immer! 8 Vierzehntes Kapitel. Gekappter Baum, mag dennoch wieder wachſen, Die kahlen Pflanzen, blühen, Früchte tragen; Das größte Elend mag Erleicht rung finden, Der dürre Boden, milden Regen ſaugen. Sowohl die Zeit, als Zufall, leiden Wechſel, Von arg, zu gut.. Southwell. Beinahe zwei Jahre waren verfloßen, ſeitdem das feuchte Todtengewoͤlbe, die Leiche der einſt ſo ſtolzen Lady Sydney empfing, deren Tod wir erzaͤhlt haben;— dieſes Gewoͤlbe, die ſichernde Zuflucht des Geaͤchteten, war unter feierlichem Glockengelaͤute eroͤffnet, um ein neues Opfer in ſich aufzunehmen, dann wurde es wieder verſchloßen. Das Leben iſt am Ende nichts, als ein aufgedorrtes Bedenken von Wech⸗ ſeln; Wiege, Spielzeug, Grab, ſind Sinnbil⸗ der einer Lebensbahn, fuͤr Alle. 280 Die Schlacht von Boyne hatte Jakobs und Irlands Schickſal entſchieden. Sir Everard er⸗ wartete ſtuͤndlich die Ruͤckkehr ſeines Sohnes. Viel und oft hatte er von ihm gehoͤrt; des jungen Mannes erſter Feldzug war kurz gewe⸗ ſen, aber glaͤnzend; des Vaters Herz hob ſich freudiger, ſein Auge erglaͤnzte heller bei dem Leſen der Berichte uͤber ſeine Tapferkeit und der Belohnungen, welche ein ſtrengernſter, aber hoͤchſt gerechter Koͤnig, ihm ertheilt hatte. Betrachten wir eine Schilderung: „Ein dunkler Ruheplaz, * ** Ein dicht' Geäſt verſchlingt ſich über'm Bach, Im Felſenbecken ruhet, was ſonſt jach— Hinabſtürzt; Stauden hängen; grünes Moos Bedeckt den Stein, mit bleichem Kraut im Schooß; Hier iſt kein Licht, der Sonne Strahlen drängen Durch Dorugebüſche nicht, die oben hängen Am Felsgezack; ein kleiner Waßerfall Spielt funkelnd, in der Schatten Wiederhall; Wo in der Ferne dort der Rieſelbach erblinkt, Wo raſchen Lauf's er alten Wurzeln winkt, Erkennt der Blick, verſteckter Brücke Bogen, Halb iſt ſie grau, vom Epheu halb umzogen.“ Auf einer ſolchen Bruͤcke uͤberlehnend, mit dem Bemuͤhen, die Waßerlilien zu haſchen, 281 — deren weiß und gelbe Bluͤthen ſich auf dem Schwalle des tanzenden Waßerſtromes wiegten, war ein blondes, ſchoͤnes Kind, das oft einen gekruͤmmten Schaͤferſtab hinaus in das Waßer ſchob, um die Blumen der kleinen Hand naͤher zu bringen, deren Anfaßen ſie ſich immer wie⸗ der zu entziehen ſuchten; zur Seite dieſes Kin⸗ des war eine bejahrte Frau, deren Schritte ſchon ermatteten, deren Ruͤcken gekruͤmmt wor⸗ den, unter zu ſchwerer Buͤrde von Jahren und von Kummer. Sie war damit beſchaͤftigt, Waſ⸗ ſerkreße aus dem klaren Bache zu ſammeln, unbekuͤmmert daruͤber, daß Sir Everard und ſein Schatte, etwa zwei hundert Schritte ober⸗ halb dem Lilienſtrome, auf einer Erderhoͤhung ſaßen, vor welcher ſich die Landſchaft, in der ganzen Schoͤnheit angebauter und doch wil⸗ der Bildnerei hinbreitete. Ein Rudel geapfel⸗ ter Hirſche, graſete friedlich in einer kleinen Wieſe, die ihnen junges, zartes Gras bot; unter den Baumzweigen, welche das Thal ein⸗ faßten, ſammelten ſich die Forſtpferde und wieherten freudig, der wehenden Brieſe entge⸗ gen; kleine Rehkaͤlber ſprangen im Unterbuſche hinter den Muͤttern her, und auf den Weide⸗ gaͤngen und Angern, ertoͤnte das Gebloͤcke jun⸗ 282 — ger Laͤmmer, im vielfach erweckten Echo der gruͤnen Huͤgelabhaͤnge. Das Ausſehen des wuͤrdigen Baronett ver⸗ kuͤndete großen, unverkennbaren Wechſel; ſein fruͤher graues Haar, konnte man jezt weiß nen⸗ nen; und Ralph's rothgreiſe Locken, erbleichten in ſchuldiger Nachahmung der Veraͤnderungen, die bei ſeinem Herrn vorgingen. Des alten Herrn Schultern begannen ſich zu kruͤmmen, ſeine ſchoͤnen Augen verriethen, daß er in der lezten Zeit nur mit Sorge zu thun hatte. In ſeiner Hand hielt er einen Brief, den er mit Aufmerkſamkeit durchlas; neben ihm auf dem Raſen lag noch ein anderes Schreiben; Beide waren geoͤffnet, beide trugen ausheimiſche Poſt⸗ zeichen. 3 Ralph, welcher der Vertraulichkeit, die ſein Herr erlaubte, niemals geſtattete, auch nur in entfernten Mangel an Ehrerbietung auszuar⸗ ten, lehnte gegen den Stumpf einer alten Eiche, aus welchem er ſo eben die große Larve einer Geis⸗Schabe gegraben hatte; der arme Menſch fuhr in den Beſchaͤftigungen und Gewohnheiten fort, die ſein Herr ihn gelehrt hatte, und be⸗ muͤhete ſich in ſeiner Einfalt und herzlichen Liebe, Sir Everard an den Beſchaͤftigungen 283 — zu betheiligen, die jezt faſt aufgehoͤrt hatten, ihm irgend Freude zu machen. Ralph's Auf⸗ merkſamkeit war es nicht entgangen, daß ein Eisvogel, ſo ſcheu dieſe Thiere auch ſind, doch mehr als einmal, vor ihren Augen uͤber den Strom hingeſchwebt war; gleichwohl erregte er nicht mehr Theilnahme bei Sir Everard, als ſey er eine wilde Ente, oder eine Bachſtelze ge⸗ weſen. „Es wird immer ſchlimmer und ſchlimmer mit ihm,“ dachte Ralph in ſeinem Sinne; „lange ſchon hat Brano ſeine Naſe uͤber dem Briefe auf dem Graſe, hin und her gewiſcht, als wollte er ihn vorgeleſen haben, weil er nicht ſehen kann, der arme Hund! Hat ihm der Affe im Hauſe doch heute Morgen erſt, ſeine Fruͤhmilch ausgetrunken und er wußte nichts davon.— Der arme liebe Herr! ich fuͤrchte, er wird ſeine rechten Sinne nicht mehr lange zuſammenhalten.“ Es weilte etwas tief Betruͤbendes darin, daß der einfaͤltige Tropf über den Verluſt der Weis⸗ heit des verſtaͤndigen Mannes wehklagte;— doch ſchnell nahmen Ralph's Gedanken eine andere Richtung, denn er ſah das kleine Maͤd⸗ chen, das auf der Bruͤcke ſo emſig beſchaͤftigt 284 geweſen war, mit einem großen Strauße der geſammelten Waßerlilien herbeitrippeln, um dem Herrn Vergnuͤgen zu machen. Dieſes Kind war Cicely Maynard's Nichte und die alte Frau am Bache, deßen Großmutter. Das Kind war reizend, waͤre des Pinſels eines Kuͤnſtlers wuͤr⸗ dig geweſen, wenn man ſeine Haare nicht ſo kurz verſchnitten haͤtte;— denn Alexander Jem⸗ mings, der ehrliche Geſell, verſprach, fuͤr das Kind zu ſorgen, wenn nach Cicelys Verlan⸗ gen, deßen Haarlocken abgeſtuzt wuͤrden und man ſie lehrte, Einfachheit mehr zu lieben, als Schauprunk. Demungeachtet kraͤuſelte ſich des Kindes Seidenhaar, in ſonnige kleine Loͤckchen um deßen ſchoͤnen Kopf; Sir Everard nahm den Blumenſtrauß und machte das Maͤdchen gluͤcklicher, als eine Koͤnigin, durch das Ge⸗ ſchenk eines großen, roſenwangigen Apfels; ſo⸗ gar ſein Kummer hatte ihn nie vergeßen ma⸗ chen, einen Vorrath ſolcher Geſchenke fuͤr die Dorfkinder bei ſich zu fuͤhren, die nach dem Anſehen ſeiner Taſchen genau wußten, ob ſie wieder angefuͤllt ſeyen, wenn er ihren Huͤtten vorbeikam. „Iſt dies nicht ein ſchoͤner Wurm, Euer Edlen?“ fragte Ralph, der ihn zu gern aus 285 — dem traͤumeriſchen Nachdenken erwecken wollte, in welches er nach des Kindes Entfernung wie⸗ der verſunken war. „Ja, Ralph,“ ſagte der Baronett, ohne ihn nur anzublicken. „Euer Edlen hatten eigends'ne Brut⸗Buͤchſe fuͤr dergleichen Thiere gemacht,— von Eichen⸗ holz,— Euer Edlen erinnert ſich's gewiß,— und Miß Roſa pflegte zu ſagen—“ „Was? Ralph!“ „Daß es'n Jammer waͤre, Kern⸗Eichen an ſo garſtige Dinger zu verſchwenden.“ „Arme, liebe Roſatinde!“ „Ach! Euer Edlen kann nicht glauben, was ich fuͤr Freude dabei habe, wenn ich ihre Myr⸗ then und ihre Geraniums und ſolcherlei Dinge, die ſie lieb hatte, nun pflege.“ „Dank Dir, mein guter Ralph;— ſie war wirklich das Kind nach meines Herzens Wun⸗ ſche; aber es iſt ſchauderhaft zu bedenken, daß in dieſer lezten Schlacht, wovon ſo viel geſpro⸗ chen wird, ihr Bruder und Dein junger Herr, einander im Handgemenge gegenuͤber geſtanden haben möͤgen.“ „Ach! Herr,“ ſprach Ralph, wie das zu⸗ 286 — gehen ſollte, kann ich nicht verſtehen, ſie wa⸗ ren ſo gewaltige Freunde.“ „Das koͤmmt, weil Du die Kriegsregeln nicht verſtehſt, Ralph!“ „Vom Krieg hab' ich genug geſehen, als ſie mich vor die Hunde warfen,“ ſagte der arme Menſch, der jedesmal todtenbleich wurde, wenn die Rede auf das kam, was er damals dulden mußte;„aber ich bitte, lieber Herr, ſprecht vom Kriege oder ſonſt von irgend Awas⸗ das Miß Roſa betrifft.“ 4 „Du verſtehſt mich nur nicht, wenn ich Dir auch erzaͤhle,“ erwiederte Sir Everard, der einſam in ſeinem Lebensſtande, taͤglich mehr den Mangel eines Weſens fuͤhlte, dem er ſeine Hoff⸗ nungen und Beforgniße, ſeinen Kummer und — ſeine Freude mittheilen konnte,— ſagten wir bald, doch ach! Freude genoß er nicht! Dennoch klebte er an Sydney⸗Luſt, wie der entweichende Geiſt, ſich von der Erdenhuͤlle noch angezogen fuͤhlt, welche er ſo lange bewohnte, obwohl er eines beßern Looſes gewiß iſt. „Wenn ich auch nicht Alles verſtehe,“ er⸗ wiederte Ralph,„ſo weiß ich doch mit voller Gewißheit, daß von ihr geſprochen wird uͤnd darin liegt ein großer Troſt. Darf ich ſo dreiſt 287 — ſeyn, Euer Edlen zu fragen, ob der Brief von ihr iſt?“ „Nein, Ralph, er iſt von Pater Frank.“ Freudig klatſchte Ralph in die Haͤnde, denn der Prieſter war von Allen geliebt; ſeine Hei⸗ terkeit, ſeine freundliche Guͤte, ſein Wohlwol⸗ len, hatten ihn den Dienern in Sydney⸗Luſt eben ſo werth gemacht, als der Herrſchaft. „Er ſpricht davon, zu uns zuruͤck zu kom⸗ men, Ralph; die Sitten auf dem Feſtlande gefallen ihm nicht ſehr.“ „Alt⸗England uͤber Alles,“ ſprach Ralph. Nachdem Sir Everard ſeines getreuen Die⸗ ners Neugierde in ſo weit befriedigt hatte, uͤberlas er noch einmal faͤr ſich, eine Stelle in dem Briefe, an welchem Brano, das arme Thier, erkannt hatte, daß er von einem alten Bekannten kaͤme. Pater Frank ſchrieb: „Ich hoͤrte, hier lebe eine wunderſchoͤne „Italiaͤniſche Dame, die in ganz bewun⸗ „dernswuͤrdiger Weiſe improviſire und „ſinge; die auch in den beſten Geſellſchaf⸗ nten aufgenommen wird, obgleich ſie in „ſehr zweideutigen Verhaͤltnißen, mit einem „Franzoͤſiſchen Edelmanne lebt. Einige ſa⸗ 1 4 ſ 288 „gen, um ſeinen Toͤchtern Unterricht zu „ertheilen; Andere, ſie ſey ſeine Maitreße; „Herrin in ſeinem Hausweſen iſt ſie je⸗ „denfalls. Paris iſt voll lauter Bewunde⸗ „rung ihres Wizes und ihrer Schoͤnheit; „man fliſtert ſich zu, daß ſie, gleich an⸗ „dern ehrſuͤchtigen Perſonen, eine Koͤnig⸗ „liche Eroberung im Auge hat. Es draͤngte „mich, dieſe Unvergleichliche zu ſehen, und „vor einigen Tagen ward mein Wunſch „erfuͤllt. Haufenweiſe umdraͤngte man ih⸗ „ren Wagen, ſie war im Begriff, in den „Louvre zu gehen; nun ſtellte ich mich der „Thuͤre ſo nahe als moͤglich; denken Sie „ſich mein Erſtaunen, als ich in der be⸗ „ruͤhmten und bewunderten Italiaͤnerin „diejenige erkannte, welche Sie, als Mar⸗ „grete Raymond kennen.— Wie ſie dieſe „Schwindelhoͤhe erreicht hat, mag der „Himmel wißen, ich nicht. Von je her „erfuͤllte ſie eine verzweifelte Ehrſucht.“ Noch einmal ſprach Sir Everard zu ſeinem Diener:„noch von einem Andern habe ich gehoͤrt, Ralph, dem Deine Treue mehr werth war, als die Weisheit von Tauſend Se⸗ hern. Du erinnerſt Dich an den Geaͤchteten?“ 289 „Kommt er auch wieder zuruͤck?“ fragte der freudige Diener;„und doch moͤgte ich Miß Roſa noch lieber ſehen.“ „Er kommt nicht,“ ſagte Sir Everard und ſprach dann, mehr ſeinen Gefuͤhlen, als dem Verſtande des guten Ralph zugerichtet;„er entſchwand uns wie eine Gewitterwolke, die uͤber dem Lande dunkelt und ſchreckende Blize hervorzackt, die durch ihr drohend wildes Feuer aͤngſtigen und blenden; ſchauen wir aber hin⸗ auf zum Himmel, ſo iſt's nicht laͤnger ſichtbar. Durch fruͤhere Geſeze leidend und gekraͤnkt, un⸗ zufrieden mit den jezigen und hoffnungslos der Zukunft entgegenſehend, verließ er England mit einem eckelnden Ueberdruße, den er zu ver⸗ bergen nicht einmal noͤthig achtete. William hat Alles gethan, was ein Koͤnig nur thun kann, um ihn fuͤr ſeine Anſichten zu gewinnen; aber Koͤnige finden es ſchwer, mit denen fertig zu werden, die eir ganzes Volk zu erheben ſu⸗ chen, nicht ein bloßes Einzelweſen.— Mein edler, tugendlicher Freund, der Du irregefuͤhrt biſt durch jenen Eifer, welcher den heiligen Paulus entflammte und die furchtloſeſten Hei⸗ ligen zum Maͤrtyrthum fuͤhrte, ſoll ii Dich nie,— nie wieder ſehen!“ III. 19 290 — „Sagt er etwas von Miß Roſa?“ fragis Ralph. „Einfaltspinſel! wie konnte er das? Er ſchreibt aus Amerika!“ „Von den Merikas!“ erwiederte Ralph, „von woher Euch Meiſter Penn die ſteinernen Dinger ſchickte? Hat er nichts geſchickt?“ Sir Everard laͤchelte; es war nicht jenes heitere Laͤcheln, das auf ſeinen Lippen zu ſpie⸗ len pflegte, wenn Roſalinde gleich einem Reh des Forſtes, in den Wieſen tanzte,— ſondern ein nachdenkliches, ſorgendes Laͤcheln, welches dem Seufzer nahe verwandt iſt. „Du rufſt meinem Gedaͤchtniße zuruck, Ralph, was ich nicht haͤtte vergeßen ſollen,— weil es bezeichnend des Mannes Gutmuͤthigkeit und Denkart darthut; Gutmuͤthigkeit, indem er ſich daran erinnern wollte, daß meine Lieb⸗ haberei iſt, Alles zu ſammeln, was in der Natur, oder in der Kunſt merkwuͤrdig erſcheint; ſeine Denkart, weil das Geſchenk des Gebers wuͤrdig iſt. Das Paketboot, welches mir den Brief nach England brachte, bringt mir auch ein Tomahawk, ein Skalpier⸗Meßer und den vollſtaͤndigen Anzug eines Indiſchen Kriegers, Dinge, welche ihm von einem der Haͤuptlinge 291 unter den Rothmaͤnnern zum Geſchenke gemacht wurden, zu denen er furchtlos ſeinen Weg nahm. Einen ſonderbaren Anblick haͤtte es ge⸗ waͤhren muͤßen, ihn in einem Indiſchen Wig⸗ wam ſizen zu ſehen, wo er das Friedens⸗Ka⸗ lumet rauchte, und waͤhnte nun endlich im Beſize deßen zu ſeyn, was er ſo flammend er⸗ ſehnte.“ „Alſo ſchreibt er nichts von Miß Roſa?“ „Doch, doch; er ſchreibt von ihr,“ ſagte Sir Everard;„ich meinte vorhin, Du haͤtteſt gefragt, ob er ſie geſehen habe?“ „O nein! nicht in ſolchen fremden Laͤndern koͤnnte man einer Miß Roſa begegnen!“ „Nein, Ralph, nein! darin haſt Du Recht; gewiß wuͤrde eine ſolche Roſe nicht im fremden Lande knospen und bluͤhen; nein, nein; aber Roſen verwelken, ſterben ab, entblaͤttern ſich, einige durch Mehlthau, andere durch Wuͤrmer, wieder andere im Laufe der Zeit!“ Hier ward Sir Everard von Ralph unter⸗ brochen, der ihm eine Hand auf den Arm und dabei den Finger der andern, auf ſeinen eigenen Mund legte. „Was gibt's?“ fragte der alte Herr. „Schau' Euer Edlen nur das Wild an.“ 292 „Das Wild! nun, was ſoll's?“ „Wie es ſchniffelt und in's Gebuͤſch ſpringt.“ „Nun, wozu das, Ralph?“ „Und die Hirſchkaͤlber hinter den Muͤttern her im Bruche.“ „Sehr wahrſcheinlich, Ralph; doch was ſoll's?“ entgegnete Sir Everard, unzufrieden durch die Unterbrechung. „Herr! Herr! s' bricht mir's arme Herz, Euch ſo zu ſehen!“ rief Ralph aus.„Ihr be⸗ achtet nichts, Ihr ſeht nichts, Ihr hoͤrt nichts; Euch kann nichts mehr gefallen. Die Lilien ver⸗ dorren da in der Sonne, der Eisvogel ſchwebt bald bis vor Eure Fuͤße, die Drachenfliege ſezt ſich auf die Maſchen Eures Fangnezes, der Kuckuck zeigt ſeinen Schnabel im Baume nicht mehr, als waͤren ſie die allaͤglichſten Din⸗ ge. Ol lieber Herr, was iſt Euch uͤberkommen!“ „Einſamkeit, Ralph!“ erwiederte Sir Ever⸗ ard;„ich ſprach von der Schoͤnheit und Voll⸗ kommenheit der Natur, ich empfand ſie, als ich jemanden beſaß, der meine Ausfluͤge mit mir machte, der Theil nahm an dem, was ich that, oder der auch meine Meinungen beſtrei⸗ ten wollte; jezt aber bin ich ein vereinzelter, uͤber Eurem Haupte; doch Ihr beachtet die 293 allein ſtehender, troſtloſer, alter Mann, der bald neben den lange ſchon Schlafenden, mei⸗ nes alten Stammes ruhen wird. Du verſtehſt mich nicht, Ralph!“ „Aber ich bin traurig, weil Ihr truͤbſinnig ſeyd, und dann auch uͤber Miß Roſa!“ „O wuͤßte ich nur ihr Ergehen!— als ich zulezt von ihr hoͤrte, pflegte ſie ihren ſterben⸗ den Bruder in einer Stadt, welche alle Schrek⸗ ken der Belagerung zu erdulden hatte; Baſil aber, der ſie liebt wie ſeine eigene Seele, war einer der Belagerer. Großer Gott, beſchuͤze ſie!“ „Als Euer Edlen uns Dienern am Sonntage aus der Bibel vorlas, laſet Ihr vom Schaaf⸗ hirten, der die Laͤmmer in ſeinem Buſen trug,“ ſprach Ralph.„Wenn Gott die Sperlinge naͤhrt, und Laͤmmer an ſeiner Bruſt traͤgt, wird er die liebe Miß Roſa nicht verlaßen.“ Dieſer einfaͤltige und doch ſchoͤne Gedanke war kaum uͤber die Lippe des guten Menſchen gekommen, als ein ferner Jubelruf laut genug ertoͤnte, um die Luft erzittern zu machen. Sir Everard richtete ſich auf. Ralph ſagte:„da zieht'ne Menge Volk auf der großen Straße nach Sydney⸗Luſt; das 294 wußten die Hirſche und die Rehe, denn nicht eines blieb auf dem Anger.“ „Horch,“ rief Sir Everard,„der Forſtbe⸗ wohner Horn! wie laut, wie freudig es er⸗ ſchallt!— Noch ein Jubelruf! Ralph, Ralph, ſchau nach Brano!— ſieh' den Hund an!— die Ohren geſpizt, ſeine— da! ſo blind er iſt, ſtuͤrzt er durch's Unterholz fort.— Ralph, ich kann mich nicht bewegen! meine Glieder zit⸗ tern;— aber da hoͤre ich das Raßeln eines Wagens! Noch ein Jubelruf!— Erneuter Hoͤrnerſchal!— Geh', guter Ralph, eile, bring' mir Kunde.— Wenn es waͤre,— es kann nicht ſeyn,— und dennoch iſt's moͤglich; ja, es mag— mein Sohn ſeyn!“ „Oder Miß Roſa!“ rief der einfaͤltige Menſch und ſchoß hinter dem edlen, alten Hunde, der reichlich ſo viel Scharfſinn beſaß, als er ſelber, durch den Dickicht fort. Eine tiefe Stille herrſch⸗ te;— der Eisvogel war verſchwunden,— kein Hirſch, kein Reh, kein Junges war zu ſehen, nicht einmal die Forſtklepper gewahrte Sir Everard; ſogar die Vögel, durch den un⸗ gewoͤhnlichen Aufruhr erſchreckt, waren fortge⸗ flogen, er wußte nicht wohin, und hier ſtand er ganz allein. 295 Lauterer Jubelruf ertoͤnte— und von nun an wußte der alte Mann nicht mehr viel— Baſil preßte ihn an ſein Herz. „Alſo biſt Du geſund, mein lieber Junge, biſt wohlbehalten? Biſt zuruͤckgekehrt zu mir, um mich vor dem Sterben zu bewahren, oder auch, mich in mein Grab zu legen? Und gro⸗ ßen Ruhm haſt Du Dir erworben, alle die Leute, die Dorfbewohner und die Forſtmaͤnner hießen Dich willkommen! Ich danke Gott! ich danke ihm innigſt!— Aber ſag' mir, Baſil, weißt Du etwas von Major Raymond's Schwe⸗ ſter?“ Baſil wandte ſein Geſicht ab und nun erſt gewahrte Sir Everard, ihn in tiefſtem Trauer⸗ kleide. „Major Raymond n todt,“ erwiederte er mit zuckender Stimme. „Armer, wackerer, trefflicher Menſch, be⸗ daurenswuͤrdiger Cuthbert,“ ſagte der alte Herr, „doch ſeine Schweſter, Baſil, ſeine Schweſter? Sag' mir, weshalb wendeſt Du Dein Geſicht ab, weshalb?— Vater im Himmel, was ſoll das?— Iſt auch ſie todt?— Baſil!— Ba⸗ ſil!— habe Mitleid mit Deinem armen Va⸗ ter!“ ... . 296 „Mein geliebter Onkel! mein Vater!— hier bin ich,“ rief eine Stimme, welche ſogar das Echo erfreute.— Sir Everards erwaͤhlte Herzenstochter, lag an ſeiner Bruſt. Füntzehntes Kapitel. Wer nimmer gegen Lebenselend ſtritt, Wer keinen Jammer, keine Noth erlitt, Dem ward auch die Gelegenheit verwehrt, Zu prüfen ſeiner eignen Kräfte Werth; Denn unter Glück verborg'ner Geiſteskraft, Der Kummer erſt, den Wirkungskreis verſchafft. Daniel. Nur wenig bleibt noch zu ſagen. Sobald die Menſchen ihren Sorgen uͤberhoben ſind und ſich behaglich im Leben finden, hoͤren ſie auf, anziehend zu ſeyn,— mindeſtens in Buͤchern. Wer koͤnnte bezweifeln, daß Ralph in ſeinen Freudenbezeugungen geraͤuſchiger war, als Brano? Wer waͤre nicht im Stande, ſich Sir Everards Gluͤckſeligkeit auszumalen, ſo wie das Entzuͤcken, welches ihm in ſpaͤteren Jah⸗ ren die Einweihung ſeiner Großkinder, in die 298 Geheimniße der Naturgeſchichte gewaͤhrte? Wer moͤgte bezweifeln, daß bei dem zaͤrtlichen und kraͤftigen Karakter Roſalindens,— denn dieſen Namen hatte ſie wieder angenommen,— alle Maͤnner ihrer Bekanntſchaft, ſie Millionenmal zu gut fuͤr ihren Gatten achteten? Sie aber ſicherte ſeine, wie ihre eigene Gluͤckſeligkeit da⸗ durch, daß ſie meinte, er ſey in allen Beziehun⸗ gen zu gut fuͤr ſie; durch den ganz einfachen, aber voͤllig ſichernden Plan zu denken, daß ſie nur gluͤcklich ſeyn koͤnne, ward ſie wirklich gluͤcklich. Freilich bewoͤlkte ſich zuweilen ihre Stirne und ihre Lippen bebten;— als ihr geliebter Mann den aͤlteſten Knaben Cuthbert nannte, weinte ſie lange und ſchmerzlich uͤber ſeiner Wiege, dachte an das Sterbebett, an die Trommeln bei dem Leichenbegaͤngniße, an das Feuern uͤber dem Grabe ihres Bruders; dann rief ſie ihrem Gedaͤchtniße aber auch die heißen Segnungen zuruͤck, welche er uͤber ſie ausſprach, als er ſie unter den Schuz ſeines politiſchen Widerſachers ſtellte, der zugleich ſein perſoͤnlicher, innig geliebter Freund war, und der nicht nur Tapferkeit, ſondern auch Standhaftig⸗ keit in einem Grade bewaͤhrt hatte, welcher dem Sterbenden die Ueberzeugung gab, daß er 299 in ſpaͤteren Jahren ſeinem Vaterlande im Se⸗ nate ſowohl, als im Heere ausgezeichnete Dienſte leiſten wuͤrde. Viele, oft wiederholte, dringende Bitten er⸗ gingen an den Geaͤchteten, damit er nach Eng⸗ land zuruͤckkehre,— doch vergebens; zulezt er⸗ folgte keine Antwort mehr auf die Briefe, und Jemmings, der in ſeiner ehrenfeſten Weiſe, Ci⸗ celys Nichte nach dem damals am hoͤchſten ge⸗ ſchaͤzten Syſteme erzog, erfuhr von einem Vet⸗ ter in Amerika, daß ein Europaͤer, der im hoͤchſten Anſehen, bei einer der unabhaͤngigſten und zugleich verwegenſten Voͤlkerſchaften der rothen Maͤnner geſtanden, unter dieſen ge⸗ ſtorben ſey, und daß ſeine Gebeine von dem wilden Volke mit einer Verehrung aufbewahrt waͤren, als ſey er ein gebornes Haupt ihres Stammes geweſen. Roſalindens Bitten vermogten nicht, die alte Alice Murrough zur Ruͤckkehr nach Eng⸗ land zu bewegen;—„nein,“ ſagte dieſe,„das Land ſollen meine Augen nicht wiederſehen;— genug hab' ſch hier zu thun,„meine Seele zu machen“ und nach Herrn Cuthbert's Grabe zu ſehen, denn er war der lezte ſeines Namens.“ William der Dritte unterſtuͤzte Baſils Be⸗ 300 muͤhungen, um das Schickſal des uͤberſpannten, außerordentlichen Mannes zu erkunden, der ſein Vaterland um vieles mehr liebte, als ſich ſelber; eifrige Nachforſchungen gewaͤhrten end⸗ lich die Gewißheit, daß derjenige, der ſeine lezten Tage unter den Amerikaniſchen Roth⸗ maͤnnern verlebte, wirklich der Geaͤchtete aus dem neuen Forſte geweſen war. 301 Schluſskapitel, welches geleſen, oder uͤberſchlagen werden kann. Den Willen raubt ſie von dem Wiz, Den Sinn lehrt ſie Verſtand; Ihr Aeußer's iſt entzückenreich, Ihr Inn'res, Krebs und Brand. * *. 8₰ Ihr Sündenſchlaf nimmt böſes End' Gewißensbiß erwacht, Der Tod ruft ſie, und Schande treibt Sie in Verzweiflungs Nacht. Southwell. Die Erzaͤhlung„des Geaͤchteten“ iſt ge⸗ endet; zu wenigem Frommen wurde ſie ge⸗ ſchrieben, wenn ſie nicht die eine Moral bis zu ihrem Ende darſtellte— daß gewaltſame Wechſel nicht immer Vortheile, nicht einnal Zufriedenheit hervorbringen. Die Politik einer Frau betheiligt mehr das Herz, als den Kopf. Sie iſt's zufrieden, den Maͤnnern das Ver⸗ nuͤnfteln zu uͤberlaßen, nimmt aber fuͤr ſich die erſte Stelle in der Gefuͤhlswelt in An⸗ ſpruch; doch auch ihre engbegraͤnzte Sphaͤre der Beobachtung laͤßt ſie erkennen, daß ein Mann, der in uͤbereilter Weiſe ein Gebaͤude einreißt, welches Jahrhunderte zu ſeinem Auf⸗ bau bedurfte, ſich taͤuſcht, wenn er ſich einbil⸗ det, daß er in wenig kurzen Jahren im Stande ſey, einen ruhmwuͤrdigeren Bau hinzuſtellen. In unſerer Welt bleibt nichts unveraͤnder⸗ lich. Alle Dinge ſind dem Wechſel unterwor⸗ fen; Saamen, Keim, Schoͤßling, Baum; der Baum wiederum hat ſeine Jugend, ſein Mit⸗ telalter, ſein Abnehmen und Erſterben. Den Saamen vermoͤgen wir ohne den Ein⸗ fluß der Zeit, nicht in den Baum zu verwan⸗ deln,— die Zeit iſt's, welche reift und ge⸗ ſtaltet, ganz ſo iſt's mit der menſchlichen Na⸗ tur. Wie ſchoͤn und ausdrucksvoll entfalten dieſen großen Grundſaz die Worte der Schrift: „als ich Kind war, begriff ich wie ein Kind und ſprach wie ein Kind; nun ich aber Mann geworden bin, ſeze ich kindiſche Dinge an die Seite.“ Dieſer eine Ausſpruch,„wenn ich 303 Mann geworden bin,“ druͤckt den Ueber⸗ gang und zugleich auch die allmaͤhligen Vor⸗ ſchritte aus. O! moͤgten doch die,„welche des Staates Angelegenheiten regeln,“ ſich das Ver⸗ derben, die Zertruͤmmerungen zur Warnung dienen laßen, welche durch Erdbeben entſtehen. Ich mag Entſchuldigung verdienen, wenn ich die beſondere Aufmerkſamkeit meiner Leſer dem ſpaͤtern Leben einer Perſon zuzuwenden wuͤnſche, welche an den von mir erzaͤhlten Er⸗ eigniße betheiligt war, denn der Hauptzweck meiner Geſchichte beſtand darin, die Warnung des„weiſen Koͤnigs“ zu erweiſen,„daß Boͤſes die Suͤnder verfolgt,“ und daß„der Fluch nicht ohne Urſache eintrifft,“ beſonders aber, daß Frauen die Schranken der Tugend nie uͤberſchreiten duͤrfen, ohne furchtbare Strafe dafuͤr erleiden zu muͤßen. Pater Frank hatte wirklich diejenige in Pa⸗ ris geſehen, die uns unter dem Namen Mar⸗ grete Raymond bekannt iſt. Ihre Schoͤnheit hatte Bewunderer angezogen, ihre vollendete Ausbildung ſie gefeßelt. Dieſe gebrauchte ſie zu Staffeln ihrer Ehrſucht.— Kein ſittlicher, kein religioͤſer Zweifel, hemmte ihre Laufbahn zur Groͤße; ſie gab ſich nicht einmal die Muͤhe, 304 „ſolche zu lieben,“ deren Gefuͤhle ſie opferte, vielmehr machte jegliche Veranlaßung ihr Freu⸗ de, die ſich ihr darbot, Maͤnner das erdul⸗ den zu laßen, was ſie ſelber empfunden hatte. Ihre erhabene Liebenswuͤrdigkeit, machte den er⸗ ſten Staatsmann Frankreichs bald zu ihrem Sklaven; ſie erheuchelte ein Gefuͤhl fuͤr die aus England verbannte Familie, weil ihr die⸗ ſes, Ruf genug fuͤr ein ganzes Verzeichniß Franzoͤſiſcher Tugenden verſchaffte. Ihren Reizen wurde ein Titel zugeſellt. Die Graͤfin de Vraimont wurde zum„Polarſtern fuͤr alle ſtaunenden Blicke,“ und kein anderes Volk in der Welt verſteht ſo gut, wie Frauen angebetet werden muͤßen, als die Franzoſen— „wenn naͤmlich der Gegenſtand zur Mode ge⸗ worden iſt.“ Fuͤr die Zeit der Dauer, machen ſie aus der Bewunderung eine Leidenſchaft. Eben hatte Pater Frank den von uns er⸗ waͤhnten Brief an Sir Everard geſchrieben, als er aufgefordert wurde, die ſchoͤne Italie⸗ nerin zu beſuchen, welche er im Eingange zum Louvre geſehen hatte. Neugierde, vielleicht auch ein beßerer Beweggrund, vermogte ihn, die Einladung anzunehmen. Er ward zu einem der prachtvollſten Hotels im vornehmſten Stadttheile von Paris gefuhrt. Schon im Eingange durch den Thorweg er⸗ kannte er, eine uͤberall ſich zeigende, auserwaͤhlte Behaglichkeit, verbunden mit der reichſten, ver⸗ ſchwenderiſchſten Prachtliebe. Die aͤußere Halle ruhete auf Saͤulen von ſchwarzem Marmor, war mit eben ſolchen Platten belegt, brachte eine duͤſtere, aber ungemein prachtvolle Wir⸗ kung hervor; die in dieſer Halle befindlichen Diener trugen reiche Livreen von Scharlach und Gold; der Thuͤrſteher war ein rieſenhafter, krauskoͤpfiger Neger, deßen Tunika in loſen Falten bis zum Knie hinabreichte; ſein Hals, ſeine Arme, ſeine Fußknoͤchel und Handgelenke waren mit goldenen Armbaͤndern geſchmuͤckt, auf denen die reichſten Perlen prangten, ſeine Ohrringe hingen reich verziert, bis auf die Schul⸗ tern hinab. Langſam ging der gutmuͤthige Prieſter durch dieſen prachtvollen Eingang, als ſich ploͤzlich, wie durch Zauberei, ein reicher Vorhang am entgegengeſezten Ende oͤffnete und ihn zur zwei⸗ ten Vorhalle fuͤhrte. Dieſe war ganz im Ge⸗ genſaze der Erſten, aus dem weißeſten und reinſten Pariſchen Marmor gearbeitet; vier Jo⸗ III. 20 306 — niſche Saͤulen trugen eine Kuppel, aus welcher eine Alabaſter⸗Lampe herabhing, deren wohl⸗ riechende Lichtflamme, ihre ſanften Strahlen auf vier ſchoͤne Maͤdchen ſenkte, die im antiken Geſchmacke gekleidet waren; ihre Sandalen wa⸗ ren mit Diamantbaͤndern befeſtigt, ein Guͤrtel von Edelſteinen befeſtigte das duͤnne Gewand, welches ihre ſchoͤnen Formen mehr beſthattete als verdeckte. Als Pater Frank eintrat, ſaßen ſie in des vier Niſchen zwiſchen den Saͤulen; zwei von ihnen ſchlugen die Laute in der bezauberndſten Weiſe, die andern Beiden ordneten Blumen⸗ koͤrbe, welche ſie auf bronzene Dreifuͤße ſtell⸗ ten.— Weil die ſcharlachrothen Diener nicht weiter gingen, als bis zum Vorhange, winkten ihm die Blumennymphen, ihnen zum naͤchſten Gemache zu folgen, welches wiederum in ganz anderer Art eingerichtet war. Es zeigte eine Art kreisfoͤrmigen Vorzimmers; die Waͤnde waren mit roſenfarbenem Seidenſtoff behangen und mit ſilbernen Lilien zu einer hoͤchſt gefal⸗ lenden Draperie aufgeſteckt. Ottomannen von eben dem Stoffe, ruheten auf ſilbernen Fuͤßen, waren mit ſilbernen Troddeln und Treßen ge⸗ 307 ziert; zwei Pagen waren beſchaͤftigt, eine Va⸗ ſe, die auf einem Tiſche von getriebenem Sil⸗ ber im Mittelpunkte ſtand, mit ſo ausgeſuch⸗ ten Wohlgeruͤchen zu fuͤllen, daß der gute Pa⸗ ter befuͤrchtete, ſeine Sinne dadurch zu ver⸗ lieren. Die Blumenmaͤdchen gingen hinaus, einer der Knaben, deßen gelbes ringelndes Haar bis zu ſeinem Guͤrtel hinabfiel, fuͤhrte den ganz verwirrten Prieſter, durch einen mit reichen Teppichen belegten Gang, zu einem Zimmer, in welchem eine glaͤnzende Geſellſchaft verſam⸗ melt war. Einige ſpielten Gluͤckſpiele, Andere plauderten. Das Gemach war ſchoͤn beleuchtet, Muſik ertoͤnte, und Pater Frank gerieth nun dermaßen in Verlegenheit, daß er umkehren wollte. 13 Dies verhinderte der Page, der ſich ehrerbi tig vor ihm verbeugte, und ſprach:„Mein Herr, dieſe Geſellſchaft wartet nur darauf, daß es Madame gefallen moͤge, ſie zu empfan⸗ gen;— ſie beſteht aus Dichtern, Malern, Mu⸗ ſikern und einigen Wenigen, aus dem Gefolge des Engliſchen Koͤnigs(ſo wurde Jakob in Paris genannt). Alle hoffen, durch Madame 308 geehrt, ihre Goͤnnerſchaft und Aufmerkſamkeit zu erlangen; doch ſie will keinen empfangen, bevor Sie, mein Herr, nicht bei ihr waren.“ Der Prieſter folgte ſeinem hoͤflichen Fuͤhrer durch den glaͤnzenden Geſellſchaftskreis; er ward ſich erſt recht bewußt, wo er eigentlich hinge⸗ kommen ſey, als der Circe Adleraugen ihn an⸗ gluͤheten. Mit dem Anſtande einer Koͤnigin erhob ſie ſich vom Seßel. So prachtvoll ihr Anzug war, trug er doch wenig zur Fuͤlle ihrer Schoͤnheit bei; ihr Sammtkleid ward von einem Dia⸗ manten⸗Guͤrtel gehalten, und war dem antiken Gewande einer Roͤmerin nachgebildet.— Beide ſtanden ſchweigend; zwar ſtreckte ſie dem Prie⸗ ſter ihre Hand entgegen, er aber verbeugte ſich nur, um dieſe Hoͤflichkeit anzuerkennen. „Habt Ihr mich vergeßen, Pater Frank?“ rief ſie mit einem Ausbruche natuͤrlichen Ge⸗ fuͤhls, der ſie ſelber in Erſtaunen ſezte, als ſie nach des Paters Entfernung daran dachte. „Ich moͤgte daruͤber zu entſchuldigen ſeyn,“ erwiederte er truͤbſinnig,„denn mir ſcheint, daß Ihr bei alle dieſer Pracht, Euch ſelber ver⸗ geßen habt.“ ¹ 309 „Nein, nein,“ erwiederte ſie ſehr ſtolz,„ich habe mich nicht vergeßen. Weder Diamanten, noch Gold, weder Anbeter, noch Sklaven konn⸗ ten mich ſo ſehr irre fuͤhren;— nicht einmal mein ſtolzes Bewußtſeyn, daß ich Alles nur mir ſelber verdanke.“ Pater Frank hatte nur wenig Worte, auch nur wenige Begriffe; doch des Beſchraͤnkten einfaches Weſen, dient oft zum Niederwerfen der Weisheit kluger Menſchen; er unterbrach die Graͤfin, mit der ſchlichten Frage: „Was iſt's denn?“ Einen vernichtenden Blick der Verachtung warf ſie auf ihn, dieſen beachtete er nicht, ſondern wartete ruhig ihre Antwort ab. Ihr Auge gluͤhte zuͤrnend, als ſie zulezt er⸗ wiederte:„was es iſt?— Herrin bin ich von Allem, was Ihr geſehen habt. Ihr koͤnnt nicht lange in dieſer großen Stadt geleb ha⸗ ben, ohne von der Italiaͤnerin zu hoͤren, die Alle zu feßeln weiß? von der Saͤngerin, — der Dichterin,— der Orakelkuͤnderin, der modernen Sappho,— dem Gegenſtande der Anbetung von Fuͤrſten? Alter Mann, Euch 4* 310 will ich ein Geheimniß ſagen— ich leite das Kabinet, ich befehle im Heere!“ Pater Frank ſchuͤttelte ſein Haupt:„ſeyd Ihr gluͤcklich, Dame? iſt Euer Herz beruhigt iſt Euer Gewißen im Frieden?“ „Gluͤcklich, ich beſize die Gewalt, Henrdelle glücklich zu machen. Mein Herz beruhigt, ſagt Ihr?— Mein guter Pater, Herzen ſind Spiel⸗ werke fuͤr kleine Maͤdchen!— Gewißen!— Welche Suͤnde koͤnnte ich begehen, die Seine Eminenz der Kardinal, der bald hier erſcheinen wird, nicht wohlwollend mir ablaßen wollte?“ Sie ſagte dieſe Worte mit ſo ſichtbar er⸗ zwungener Munterkeit, daß Pater Frank ſtatt aller Antwort ſie anblickte und ſeufzte.— Nach einer Weile ſagte er:„Dame, ich hoffe, Sir Everard, vielleicht recht bald, wieder zu ſehen. Kann ich ihm eine Botſchaft uͤberbrin⸗ gen? Gibt es eine reuige Handlung, die ich ihm mittheilen koͤnnte?— Ich weiß nicht, weshalb Ihr ſonſt fuͤr mich geſchickt haͤttet?“ „Habt Ihr keinen Ehrgeiz, guter Prieſter? keinen Wunſch nach weltlicher Groͤße?— Ich habe die Macht— und will Euch dienen.“ 311 Forſchend betrachtete ſie der Prieſter und ſprach:„Niemals thatet Ihr Gutes, ohne Be⸗ weggrund.— Welcher iſt's, der Euch jezt an⸗ treibt? Iſt's etwa, damit die Leute in Syd⸗ ney⸗Luſt und in Whirshalt— damit Vait Sydney,— erfahre—“ „Thor!“ ſprach ſie erbittert,„wirf den Edel⸗ ſtein nicht von Dir;— zu lange ſeyd Ihr Prieſter geweſen, um nicht Macht und Zadaſt lieben zu ſollen.“— „Zu lange bin ich Prieſter geweſen, um Gott nicht zu fuͤrchten,“ erwiederte der alte Mann mit Innbrunſt,„und noch einmal frage ich Euch, welche Handlung der Reue und Zer⸗ knirſchung, ſoll ich Six Everard von Euch hin⸗ terbringen?“ 1„Thor! Thor!“ murmelte ſie, blickte dann 3 ſtolz empor und ſprach laut:„ſagt ihm, ſo daß Alle Welt es hoͤren mag, daß die Ver⸗ ſtoßene, zur Beherrſcherin ihres eigenen Geſchik⸗ kes geworden iſt,— geliebt, angebetet, ge⸗ kroͤnt von ihren treuen Anhaͤngern!— Und wenn ſie das zimpernde, milchgeſichtige Maͤd⸗ chen lebt, ſagt ihr— doch nein; von mir ſagt 312 ihr nichts, als nur das, was Ihr von dem ſchoͤnen Zuſtande geſehen habt, den ich— von mir ſelber erbte!“ „Nichts will ich ihr ſagen,“ erwiederte der Pater und ſeufzte bei dem Bedenken der Un⸗ wahrſcheinlichkeit, ſeinen Liebling je wieder zu erblicken.—„Nichts von dergleichen will ich ihr ſagen; ihr ſanftes Gemuͤth neigt ſich zu ſehr zum Mitleid, in Sackleinwand wuͤrde ſie trauern, wenn ſie Euch ſo erblickte— ſeine ver⸗ goldete Meze, im vergoldeten Kaͤfich!— Geh! thue Buße; wirf dieſen Plunder von Dir; faſte und bete! O Weib! in Deiner Suͤnde befangen, ſuͤndigſt Du fort Deiner Vernichtung entgegen; doch eine Zeit muß kommen— eine furchtbare Ewigkeit! Thue Buße! reinige Dich von Deiner Gottloſigkeit. Du haſt zu mir geſchickt, damit ich Deinen Ruhm in Eng⸗ land auspoſaunen ſollte. Du kannteſt den ar⸗ men Prieſter nicht; oder bildeteſt Dir ein, daß Anderer Glaube eben ſo unhaltbar ſey, als der Deinige iſt. Gehofft hatte ich, Dich reuig zu finden, nicht aber in Suͤnden verſtockt.— Thue Buße, faſte, bete, gib Deinen Prunk hin, um Arme zu ſpeiſen!“ 313 Die Circe ſtampfte mit dem Fuße, klingelte mit ihrer ſilbernen Glocke, erſtaunt uͤber die Kraft eines anſcheinend ſo milden und ſanften Mannes, auch in der Hoffnung getaͤuſcht, die ihr vorſpiegelte, er wuͤrde ihren Entwuͤrfen ſich fuͤgen. Der Page erſchien, und ohne ein Wort zu ſagen, verließ der Prieſter ihr Zimmer.— Ha! wie ſchwer iſt die Erfuͤllung ehrſuͤchtiger Hoffnungen! Das ſtolze Weib war ſo tief gedemuͤthigt, durch das Mißlingen ihrer Ab⸗ ſicht, dem Gemuͤthe des einfachen Prieſters den Glauben aufzudringen, daß ſie allmaͤchtig und durchaus gluͤcklich ſey, als haͤtte ſie ein Dia⸗ dem verloren. Wenige Monate ſpaͤter empfing Pater Frank Nachts, eine zweite Botſchaft von der ehrſuͤchti⸗ gen Graͤfin. Er hatte ſie im Garten der Tui⸗ lerien vor ganz kurzer Zeit geſehen, und ihn duͤnkte, ihre ſtrahlende Schoͤnheit verwelke. Sie ſchien angegriffen und tief bekuͤmmert. Sorg⸗ licher war ſie gekleidet, als ſonſt, ein groͤßerer Dienerſchwarm umgab ſie. Doch ſeit einiger Zeit hatte man von einer neuen Saͤngerin ge⸗ ſprochen.— Die ſtolze Graͤfin hatte es unter ihrer Wuͤrde geachtet, eine am Hofe allgemein 314 — eingefuͤhrte Schmeichelei fuͤr die Koͤnigin mit zu machen, und hatte den Hof dadurch auf das furchtbarſte beleidigt. Man ſprach ſich leiſe in's Ohr, von ihrem Ehrgeize, ihrer Verſchwen⸗ dung, ihrem Eigenſinne; nur des Kardinals Anhaͤnglichkeit ſchuͤzte ſie davor, daß die tu⸗ gendhaften Pariſer, ihr Betragen nicht mit der Bezeichnung„zu arg“ belegten. Als dieſe eitle, ſuͤndhafte Frau den Pater Frank wiederum zu ſich beſchied, war er an⸗ fangs unſchluͤßig; doch bald beſtimmte er ſich, zog ſeine Kappe uͤber das geſchorene Haupt und begab ſich zum Portal des prachtvollen Hotels. Der Neger, unveraͤndert in ſeinem koſtbaren Anzuge, oͤffnete; doch die andern Livreediener waren nicht zugegen, wie das erſtemal; die Wenigen, welche er ſah, verriethen durch ihre Mienen Schmerz und Verwirrung. Die Lam⸗ pen waren nicht angezuͤndet, die Gemaͤcher nicht geordnet, das Zimmer, in welchem der Prieſter fruͤher glaͤnzende Geſellſchaft angetrof⸗ fen hatte, ſtand veroͤdet. Ein weinendes Maͤd⸗ chen,— die einzige vom Hausgeſinde, die 315 Thranen vergoß,— fuͤhrte ihn zu der Dame Schlafzimmer. Hier lag auf atlasnen Decken das ehrfuͤch⸗ tige Weib und rang mit dem Tode; ihr gei⸗ ſterbleiches Anſehen ſtach ſchreckend gegen das los herabfallende, rabenſchwarze Haar ab. „Ihr wolltet die Glorie meines Gluͤckes nicht nachſagen; wollt Ihr das Elend meines Todes in Erinnerung bringen?“ ſagte ſie, als er ſich ihrem Bette nahete und den Segen uͤber ſie ſprach.„In der ganzen Fuͤlle meines Stolzes ließ ich Euch rufen, um Euch zu zeigen, wie eine Frau ſtirbt.— Im Anfange widerſtand ich ihm kraftvoll,— that ich das nicht, Maͤd⸗ ſchen?— Nun aber, nun iſt der Tod— der Staͤrkere.“ So verwirrt der Prieſter auch war, ſprach er doch einige Gebete und deutete auf die Nothwendigkeit ihrer Beichte, ſo daß ſie ihrer Kirche Sakramente empfangen moͤgte. „Nicht alſo,“ ſprach ſie,„das Leben iſt eine Mummerei und der Tod nicht minder.— Ich hatte Alles, was eines Weibes Herz ſich wuͤnſcht— Rang, Reichthum, Macht, Ge⸗ 316 walt, Majeſtaͤt, Herrſchaft— alles, alles, nur Liebe nicht! Ich weiß, daß ich vergiftet bin. Aus Eiferſucht; ſie moͤgte gleichwohl ge⸗ wartet haben,— meine Herrſchaft war im Verſinken, und ich haͤtte nicht leben koͤnnen, wenn die endete. Immer noch habe ich Gold und Juweelen,— mein Eigenthum,— recht viel! Alles ſollt Ihr haben, Alles, was ich auf Erden beſize, wenn Ihr mir ſchwoͤren wollt, daß Eure Geſchichte vom Zuſtande nach dieſem Leben, unwahr iſt! Geſteht nur, das iſt eines Pfaffen Luͤge, geſteht's, alter Mann.“ Pater Frank betete, redete ihr zu; ihre Dienerin flehte mit ihm. Aerzte waren da ge⸗ weſen und ferſchienen wieder. Auch Prieſter ka⸗ men, ſie aber fuhr fort in ihrer Raſerei; ſo⸗ gar ihre unzuſammenhaͤngenden Ausrufungen bewieſen, wie ſchwer ihr kraftvolles Gemuͤth gegen Laſter, Gewohnheit und Erinnerung kaͤmpfte. Sie ſprach vom Neuen⸗Forſt, von Cuthbert,— und mitten in ihrer Todespein, brachen ihre Thraͤnen bei dem Ausſprechen von Baſils Namen hervor; ſie waren die Gedenk⸗ beweiſe einer Liebe, welche ſich ohne ihr Wiſ⸗ *5 317 ſen ihrem Leben zugemiſcht hatte. Es war eis jammervoller Anblick, dieſe Zertruͤmmerung von Schoͤnheit und Talent, von allem, was uns in der menſchlichen Natur groß und ruhmwuͤr⸗ dig erſcheint,— mit anzuſehen. Der Meinung des Arztes zufolge war ſie durch einen Blumenſtrauß vergiftet, den man ihr auf einem Maskenballe uͤberreichte;— ſo mindeſtens wurde geſagt; aber deutlich zeigte ſich's, wie wenig man ſie bedauerte, wie We⸗ nige nur noch, an die einſt angebetete Koͤnigin der Liebe und Schoͤnheit dachten. Wenn vor ſechs Monden ihr der Finger nur geſchmerzt haͤtte, welche Schwaͤrme von Speichelleckern wuͤrden da ihre Thuͤre belagert haben! Die Franzoͤſiſchen Prieſter fanden ſie nicht zu beruhigen, beſprengten den Fußboden mit Weihwaßer und entfernten ſich. Ihnen folgten die Aerzte, doch nicht, bis daß alle Hoffnung verloren war. Immer noch kaͤmpfte ſie mit dem Tode, ſprach alles, nur kein Wort des Gebetes, keines der Segnung. Pater Frank blieb; er bedachte, daß ſie die Verwandte ſeines theuerſten Freundes ſey, und inbruͤnſtig erflehte er vom Allmaͤchtigen, die 318 Bitterkeit des Todes den Lippen abzunehmen, die ohne Bewußtſeyn Gotteslaͤſterungen aus⸗ ſprachen. Der Morgen brach an, eine Weile hatte ſie beſinnungslos gelegen, da rief ſie ihrer Zofe zu:„Marie, meine Juweelen, meine Krone, meine Diamantenkrone, geſchwind!“ Scharf und kreiſchend war ihre Stimme, das Maͤdchen nahm den ſchimmernden Kopf⸗ ſchmuck aus dem Behaͤlter. 1 „Sehen kann ich nicht, aber laß mich ſie fuͤhlen,“ lispelte das ſterbende Weib,„wie eine Koͤnigin will ich den Tod empfangen.“ Das Maͤdchen gab den Schmuck in ihre Hand; krampfhaft preßten ihre Finger das Diadem; ſie ſammelte noch die Kraft, ihre Arme aufzuheben, um das Geſchmeide auf ihrer Stirn zu befeſtigen. Ein geiſterhaftes Laͤcheln, in welchem Todespein und Triumph ſich ver⸗ miſchte, zuckte auf ihren Lippen und ſie ver⸗ ſchied. Drei lange Tage hindurch ſprach man mit Verwunderung von ihrem Tode. Die Maͤnner zuckten die Achſeln, Frauen ſeufzten und bar⸗ gen ihre Geſichte hinter Faͤchern! Man ver⸗ 4 319 ſagte ihr kriſtliches Begraͤbniß, weil ſie die Ge⸗ braͤuche der Kirche nicht empfangen hatte; nach drei andern Tagen war ſie vergeßen! Wchen, gedruckt bei M. Urlichs⸗ Sohn. ſſſfſſnnſſſſſſſſſſſffſſſſt 14 15 16 17