f ————== Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.— 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wochentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————,— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 1 17.—„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ui Erſatz des Ganzen verpflichtet. „7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —-—— A v Der Geächtete. Roman von S. C. Hall, Verf. des Buccaniers. Aus dem Engliſcheu 4 von C. Richard. Auf Freund! erwach' aus ſtarrem Schlaf! Die Tronmel Durchwirbelt lant Europa; ruft berbei.— Die kühnen Mauner, ſo aus ſchnoder Raſt Sich gern erheben; Ein Ruf iſt's, der die Geiſter mahnt, Die ſich nach Thaten ſehnen. Ben Jonſon. Zweiter Band. . Aachen und Leipzig. Verlag von Jacob Anton Mayer. (Bruſſel bei J. A. Mayer und Somerhauſen.) 183 6. Druck: J. J. Beaufort. Der Geaͤchtete. Erſtes Kapitel. Und zur Beluſt'gung dieſer Stunde will Ich ein Geſchlecht auf dieſen Plaz berufen, Das lebt auf Koſten der Natur und Gott Nicht quaͤlt, den Sturmwind anzuhalten, Den Bliz zu feßeln, noch den Hagel von Der vollen Ahre abzuhalten, ſondern Das jedem Wetter, Froſt und Sonnengluth, Gleichmuͤthig trozt. Hervor Ihr Nachtgeſtalten! Carew. „Ohol Burſch; wie lautet das Paßwort heut? Es iſt dunkel genug fuͤr„Denward;“ obgleich, wie mich duͤnkt, in unſerer jezigen Lage„Dun⸗ kelheit“ unſere beſte Freundin iſt.“ „Sehr wahr, ſehr wahr,“ antwortete der Ausſicht, welche ſo oft auf die Gluͤcksbank Befragte;„aber ſo viel ich weiß, koͤnnte un⸗ ſere Parole heut ſeyn:„Friſch auf!“ Es ruͤhrt ſich nichts im Forſte, als das Rehe und das Kaninchen und allenfalls ein Jaͤger.“ „Welchen Weg habt Ihr genommen?“ „Nach New⸗Park zu und den Weg hinanf. Solo glaube ich, ſchlug den Pfad nach Boldre Wald ein. Wo ging Plump hin?“ „Der Himmel weiß! Vermuthlich, wo die beſte Ausſicht auf einen wilden Truthahn oder auf ein junges Hirſchkalb iſt; vielleicht auch hat er, wenn er ſich in die noͤthige Verklei⸗ dung geworfen hat, einem armen Suͤnder Beichte gehoͤrt und ein Staatsgeheimniß ent⸗ deckt, vielleicht auch ſich als Wahrſager in das Vertrauen einer alten Tante mit einer ar⸗ tigen Nichte eingeſchlichen und ſich in den Ruf großen Scharfſinnes gebracht, wenn er pro⸗ phezeit, daß dieſe zur guten Stunde einen Freier und einen Mann und Kinder bekom⸗ men wuͤrde, lauter wunderbare Verkuͤndi⸗ gungen, die unzweifelhaft eintreffen werden, wenn das Maͤdchen huͤbſch und vermoͤgend iſt. Plump hat ein Auge auf vielerlei Ausſichten; die neue Ausſicht, das iſt die politiſche; die gute 7 ankaͤuft, bis dieſe die Zahlung verweigert; die ſchlechte Ausſicht, das iſt die, welche mit der Armuth zuſammenhaͤngt; und vor Allem die Haupt⸗Ausſicht, die, wenn man etwa dazu thut, einen ſelten ohne einen Freund laͤßt. Seyd Ihr heut ausgeweſen?“. „Nur wenig; die Kruͤcke da druͤckt mich ſo verdammt auf die Huͤfte, daß ich nicht betteln kann, ohne die ſchauderhafteſten Geſichter dazu zu ſchneiden; das iſt gut bei Herren, aber die Damen moͤgen gern einen ſchmucken Bettler; wie freundlich reichen ſie ihr Almoſen der Schmeichelei, ihre milden Gaben an ſchoͤne blaue Augen! Blau! Ein Vagabond mit ſchoͤ⸗ nen blauen Augen wuͤrde ſein Gluͤck machen. Die ſchwarzen ſind zu ſtechend, aber blaue ſind fromm, himmliſch. Ich zweifle bei alledem„ ob mir der Patriotismus ſo viel einbringen wird, als das Bettlen; und doch ſind viele begabter dafuͤr; meine Zunge iſt zu rauh, und ich bin beßer dazu geeignet, ein Piſtol, als eine Bittſchrift zu handhaben. Pots Wetter! Iſt das nicht ein ſchaͤndliches Leben? Mich ſoll wundern, was wir ſelbſt einſt dazu ſagen wer⸗ den, wenn wir unſere Orangen zu Markte bringen.“ 8 „Sind friſche angekommen?“ fragte ſein Ge⸗ faͤhrte eifrig. 1 11 S „Nein! aber zu Portsmouth oder Torbay, ich weiß nicht wo, wird eine friſche Ladung erwartet. Der Himmel gebe, daß etwas beſ⸗ ſeres fuͤr uns abfaͤllt, als die Schaalen.“ Der Mann, welcher die Unterredung begon⸗ nen hatte, war unter ſeinen Genoßen unter dem Namen„Sprietſegel“ bekannt, waͤhrend der andere, wegen ſeines unwirſchen, unbe⸗ haglichen Weſens in ihrer rauhen Scherzweiſe „Froſt“ genannt wurde. Als Froſt daher ſeine Bemerkung wegen der Orangenſchalen machte, bog Sprietſegel bloß ſeinen Daumen ruͤckwaͤrts, um zu verſtehen zu geben, daß ſie jemand hoͤ⸗ ren koͤnne, dem eine ſolche freie Sprache nichts weniger als angenehm ſeyn moͤchte. Froſt brummte etwas zwiſchen den Zaͤhnen, zuckte verdrießlich mit den Schultern, hob ohne wei⸗ tere Vorrede den Deckel von einem gewaltigen eiſernen Topf auf, der in Bezug auf Zeit oder Ort, vortrefflich zu einem Hexenkeßel geeignet ſchien, ſtieß eine Gabel hinein, und brachte aus dem ziſchenden Gefaͤße verſchiedene Voͤgel und Fleiſchſtuͤcke hervor, welche er, nachdem er ſie beſehen, ſchnell wieder in den Topf warf. 9 „Gutes Eßen! Ah! Wer kommt heute?“ „Wenn kein Ungluͤck geſchieht,“ antwortete Sprietſegel,„ſo giebt es heute eine exempla⸗ riſche Geſellſchaft: Plump, Hirſchherz, Maul⸗ faul, Habicht und Weihe; der brave Solo, und vielleicht noch mehr vom Trupp; lauter gute, zuverlaͤßige Burſchen! Orangen, reif und voll! Wo iſt Fuͤrchtenichts?“ „Dort!“ erwiederte der Seemann, mit ſei⸗ nem Daumen nach derſelben Richtung wie zu⸗ vor zeigend. Froſt ließ einen beredten Pfiff ertoͤnen, und ſezte ſich auf den Stamm einer Rieſeneiche, die vor dem Feuer lag, oder vielmehr den Heerd bildete, auf welchem der Keßel ſtand. Dieſe ſonderbare Verſammlung der Bettler⸗ bande, wie ſie bei andern hieß und wie ſie ſich ſelbſt benannte, fand in der Mitte einer Eichenpartie bei Coventry Statt, wo der Wald damals viel dichter war als jezt, und das Unterholz es dem Fuße faſt unmoͤglich machte, durchzudringen, und wer den Weg, der dazu fuͤhrte, nicht mehr als einmal gemacht hatte, mußte, unbekannt mit der Lokalitaͤt, in die vielen Schluchten und Loͤcher fallen, welche der Art angelegt oder erweitert worden wa⸗ * Waldes, 6 ren, daß der Eintritt mit der groͤßten Schwie⸗ rigkeit, ja mit unumgaͤnglicher Gefahr ver⸗ knuͤpft war. Genau in dem Mittelpunkte dieſes Dickichts breiteten zwei alte praͤchtige Eichen weithin ihre Zweige aus, als Schuz oder auch als Spott fuͤr das kruͤppelhafte Buſchwerk, das in ihrem Schatten wucherte. Um die Staͤmme dieſer Baͤume hatten die Bettler eine rauhe Huͤtte aus gruͤnen mit Farrenkraut und Binſen ver⸗ flochtenen Zweigen gebaut, die als Nachah⸗ mung eines Indianiſchen Wigwam gelten konnte. In der Mitte hatten ſie einen runden, unge— faͤhr drei Fuß hohen Wall mit einer Offnung zunaͤchſt dem Stamme des dickſten Baumes errichtet, in welchem ſie ein fuͤr ihren Zweck hinlaͤnglich ſtarkes Feuer brennen konnten, waͤhrend durch dieſen beſondern Bau ſelbſt nicht einmal in der Huͤtte etwas von der Flamme geſehen werden konnte. Ein ſeltſamer Schorn⸗ ſtein, der aus einem ausgehoͤhlten Baume be⸗ ſtand, leitete den Rauch zu den aͤußerſten Zweigen der Eichen, ſo daß, außer aus be⸗ traͤchtlicher Entfernung, Niemand erkennen konnte, daß dieſes Dach jemand anders be⸗ herberge, als die gewoͤhnlichen Bewohner des 11 Die Waͤnde des Wigwam waren hier und da mit zerlumpten Roöͤcken, ſeltſamen, unge⸗ ſtalteten Huͤten, Frauentrachten aller Art, Lederwaͤmſen, langen Buͤchſen, Schießgeraͤthe, und zur Abwechslung dazwiſchen mit hoͤlzer⸗ nen Beinen, Kruͤcken, Moͤnchskutten und Pe⸗ ruͤcken bedeckt. Der Boden hatte keine andere Decke, als die die Natur ihm in ihrer Guͤte verliehen; er war mit Moos bedeckt, der, ob⸗ wohl ſchon braun und verdorrt, noch immer einen weichen Teppich bildete. Wurzeln, ja beinah ganze Baͤume, lagen in verſchiedenen Richtungen umher, und da die Huͤtte zu zwei Gemaͤchern beſtimmt war, ſo war eine Scheide⸗ wand angebracht, uͤber welcher ein langer Mantel in vielen Falten hing; eine gewal— tige, aus Harz gemachte Fackel flackerte in dem Winde, der durch die Rizen der Huͤtte drang, obgleich ſie durch eine Zinnplatte ge⸗ ſchuͤzt war, die ziemlich den Anſchein eines Schildes hatte. Man wird ſchon errathen haben, daß eine ſolche Einrichtung nicht fuͤr eine Truppe ge⸗ woͤhulicher Bettler paßte: ihre Armuth war nur der Deckmantel tiefer politiſcher Zwecke. Es lebt in jeder Bruſt eine gewiße Liebe Richtungen hin auf das emſigſte Geruͤchte ver⸗ 12 zum Scheine, welche die Menſchen bewegt, aͤußerlich reich oder wohlhabend auszuſehen, wenn ſie grade das Gegentheil ſind; aber um den Anſchein der Armuth und Gemeinheit an⸗ zunehmen, muß man mehr als gewoͤhnliche Beweggruͤnde haben. Als Froſt ſich auf die Bank geworfen hatte, blieb er einige Minuten ſtill ſizen, und fragte dann ploͤzlich, ob man Nachricht habe, wie es Sir Everard Sydney im Tower ginge; ob es, der neueſten Kundſchaft von der Stadt nach, den Anſchein habe, daß er vor Gericht gebracht wuͤrde, oder daß er im Kerker ſchmach⸗ ten ſolle, bis die jezt uͤber das ganze Land verbreiteten Unruhen gedaͤmpft oder zum Siege gelangt waͤren. Sprietſegel antwortete darauf, der Koͤnig ſey jezt zu beſchaͤftigt, als daß er ſich mit ſo einzelnen Faͤllen abgeben koͤnne, beſonders ſeit die entſchiedenen und erklaͤrten Handlungen des Prinzen von Oranien keinen Zweifel mehr uͤber ſeine Abſichten ließen; ſeit die Angſt Jacobs, zu beweiſen, daß wirk⸗ lich dem Hauſe Stuart ein Prinz geboren ſey, ſeine Beſonnenheit vollkommen uͤber den Haufen geworfen habe, und ſeit nach allen —— 13 breitet wuͤrden, welche der Koͤnigin und den Jeſuiten einen Betrug zur Laſt legen. Froſt verzog daruͤber ſein Geſicht zum Laͤ⸗ cheln und ſagte, das Wahre an der Sache ſey, man werde Sir Everard in Furcht ſezen, wenn ſeine Geſundheit geſtoͤrt und ſein Herz gebrochen ſey. Er hatte aber kaum die Pro⸗ phezeiung, welche wie gewoͤhnlich ſcharf, bitter und truͤbe war, beendet, als der Mantel von der Scheidewand wegflog und der Geaͤchtete vor ihnen ſtand. Es war klar, daß er eben gearbeitet hatte, denn der Rumpf eines breiten Baumes, deßen Wurzeln zu einer Stuͤze deßel⸗ ben geformt worden waren, war mit Papieren und Pergamenten bedeckt, und ein ernſter, geſezter Herr ſaß vor demſelben, der das Haupt auf ſeine Hand ſtuͤzte und deßen ganzes Au⸗ ßere tiefes Nachdenken verrieth. Der Geaͤchtete ſah hier weit vortheilhafter aus, als das erſte⸗ mal, wo wir ihm begegnet ſind; ſeine ſchlanke maͤnnliche Geſtalt, der tiefe, enthuſiaſtiſche Ausdruck ſeines Geſichtes paßten gut zu der rohen Huͤtte und dem wilden Ausſehen des Plazes und ſeiner Bewohner. „und ſo,“ ſagte er, ſich mit einem ſtrengen Blick zu Froſt wendend,„treffe ich Euch wie⸗ 14 duͤnkt, man haͤtte Euch Raben Froſt nennen ſollen, denn das Gekraͤchz ſteckt Euch immer in der Kehle. Man ſoll Euch fuͤr einen Pa⸗ trioten halten? Ha! wißt Ihr nicht, daß es den Patrioten nicht kuͤmmert, ob ſein Bett G haart, ſein Mahl aͤrmlich, ſein Thun ohne Lohn, ſein Leben verwirkt, ja ſein Ruf— dieſer Springquell eines redlichen Sinnes— ſein Ruf ſelbſt befleckt iſt, wenn nur ſein Ziel er⸗ reicht wird. England hat Patrioten erzeugt, Maͤnner, welche ihren Glauben auf dem Scha⸗ fotte bethaͤtigten und mitten unter Flammen; Maͤnner, deren Namen zur Nachwelt gehen, gen umkraͤnzt— Maͤnner, Die durch Wolken Nicht Krieges bloß, auch grober Schmähungen, 1 Von Kraft und Glauben treu geleitet, Gottes Trophaͤen erndtend, ſeinem Werk nachſtreben. Solche ſind es, die unſer Vaterland ehren und ehren werden in alle Ewigkeit. Wir ſollen noch erfahren, ob deren ferner unter uns ubrig ſind, ob der Geiſt geſchieden iſt, wenn auch der Name bleibt. Und was Sir Everard be⸗ trifft, glaubt Ihr nicht, daß der Herr ihn be⸗ der bei Euern alten Verkuͤndigungen; mich von einem Strahlenreif umgeben und von Se⸗ „ —. — 15 freien kann, wenn es ſein Wille iſt? Und wenn nicht, ſterbe er nun auf dem Schafotte oder in ſeinem Kerker, uͤberall wird er als ein Chriſt und ein Maͤrtyrer ſterben.“ „Er wird nicht ſterben!“ rief der Fremde, der Fuͤrchtenichts genannt wurde, und der unter dieſem Namen mehre ausgezeichnete Rol⸗ len waͤhrend der großen Revolution geſpielt hat;„es droht ihm keine Todesgefahr; Jacob wagt jezt nicht, ein einziges Leben im Ge— faͤngniße zu vernichten. Es iſt gut, mein Freund,“ fuhr er fort, ſich zu dem Geaͤchteten wendend,„daß Ihr Euren Patriotismus nicht bloß dichteriſch behandelt; er iſt zu hoch fuͤr die Auffaßung der Haͤlfte der wohlmeinenden und treuen Maͤnner der jezigen Zeit.“ Der Geaͤchtete laͤchelte.„Es mag ſeyn; troz dem, wißt Ihr, iſt er bei mir darum nicht laͤßiger geworden. Allmaͤchtiger Vater!“ rief er darauf in Ton und Manier eines Menſchen, der zugleich aufrichtig und ſarkaſtiſch iſt. Neue Feind' entſteh'n, die unſre Seelen Mit ird'ſchen Banden feßeln wollen. Hilf Uns zu Gewißensfreiheit vor den Klauen Der Wolfsbrut, deren Glaub' im Magen ſizt. Darauf fuͤgte er etwas gelaßener hinzu: 16 „Antwortet mir zuerſt auf das, was ich ſage: Ich kann mich nicht in die Launen der Menſchen ſchicken; mein Herz iſt ſo voll von dieſer großen Sache, daß ich, wie ich fuͤrchte, zuweilen nicht ſo wie ich ſollte, der Weiſe und der Stimmung derer nachgebe, deren Herz ſo rein, ja reiner ſeyn mag, als das meinige; aber es verlezt mich, wenn Mißtrauen oder Reue auf den Lippen derer zittert, die ſich unſere Freunde nennen.“ „Ich wuͤrde ſterben fuͤr die Sache,“ ſagte Froſt mit Ernſt. „Ja, ja,“ antwortete der am Tiſche,„aber noch im Sterben wuͤrdeſt Du brummen.“ „Den Teufel auch,“ entgeguete der andere, „wenn ein Sterbender nicht einmal brummen ſoll; ſechs Monate treibe ich mich jezt hier verſteckt und vermummt umher, in Gemein⸗ ſchaft mit Vagabunden, in Gefahr vor Sol⸗ daten, Dieben und Gerichtsdienern, den drei Klippen im Leben eines anſtaͤndigen Mannes; bald hier, bald dort, bis ich zulezt faſt ohne Rock, ganz ohne Geld, ohne Nachtmuͤze fuͤr mein Haupt, ohne Sporn ſuͤr meine Ferſen bin und darf nicht mal, wenn ich muͤde oder wund am Fuße bin, eines von den Hutpferden 17 nehmen, weil ich entdeckt werden koͤnnte, waͤh⸗ rend ſie mir in's Geſicht lachen und ſich ge⸗ radezu uͤber mein Elend luſtig machen. Und wenn ich dann nur einmal auf die Moͤglich⸗ keit des Mißlingens anſpiele, gerechter Him⸗ mel! da beſchuldigt man mich gleich der Lauheit!“ „Wahrlich nein!“ erwiederte der Ritter vom Tiſche, deßen nachdenkende Stirne ſich aufge⸗ heitert hatte;„wir beſchuldigten Euch nie ir⸗ gend einer Waͤrme, ſondern Ihr ſeyd ein ehr⸗ licher Burſche, und unſer beſter Freund wuͤrde daßelbe bezeugen, waͤre er nicht wieder mit dieſen Depeſchen beſchaͤftigt, die einen wohl ver⸗ ruͤckt machen koͤnnen!“ „Wenn man es nicht ſchon iſt murmelte Froſt, der ſich das lezte Dreinbrummen nicht nehmen ließ.„Was ſiehſt Du ſo nach der Ecke dort, Spriet?“ „Ich warte auf das Signal; drei Funken eines Feuerſteins an dem Lugloch der aͤußern Schranke, und ich oͤffne das Thor.“ „Ha, ha!“ lachte Fuͤrchtenichts,„Du wirſt bis Ende Deines Lebens mit Thorheit zu thun haben, Du Trauervogel.“ „O weh,“ rief Froſt,„welch ſchlechtes Wortſpiel!“ II. 2 ſchaarten, war Niemand aufrichtiger, ergebe⸗ „Wahrlich,“ ſagte Fuͤrchtenichts,„Du ge⸗ hoͤrſt zu den Erzbrummern, und biſt traurig, wenn Du keinen Vorwand mehr zum Ärger haſt. Was naͤhmeſt Du dafuͤr, daß Du, ſo lang Du lebſt, an nichts etwas auszuſezen faͤndeſt 2** „Rehmen! Ei was, es wuͤrde mich umbrin⸗ gen. Brummen iſt das Erbrecht des Englaͤn⸗ ders und erfriſchet Koͤrper und Geiſt.“ „Drei Funken!“ rief Sprietſegel froͤhlich, „und an ihrer Schnelligkeit erkenne ich Habicht.“ „Wir werden eine volle Verſammlung haben und unſer Froſt wird in der Gluth des Bur⸗ gunders aufthauen, waͤhrend ich mich an etwas erheitern werde, was ich hoͤher ſchaͤze, als alle Euer auslaͤndiſches Gebraͤu.“ Nach dieſen Worten kehrte der kuͤhne, aber beſonnene Sir Patrick Hume, denn das war in der That der Fuͤrchtenichts dieſer geaͤchte⸗ ten Bande, mit einer ernſten Haltung, die ſehr gegen das froͤhliche, ſorgloſe Benehmen abſtach, welches er aus Politik annehmen konnte, in die innere Abtheilung der Huͤtte zuruͤck. Von allen denen, welche Intereße, Neigung, und vor Allem Patriotismus um Wilhelm 19 ner, als der, welchen ſeine Dankbarkeit ſpaͤ⸗ ter zum Earl von Marchemont erhob. Es iſt Herzerhebend, an einen ſolchen Mann zu den⸗ ken, ſeine Laufbahn von ſeiner erſten Wahl in das Schottiſche Parlament an im Jahre 1665 zu verfolgen, als er wegen ſeiner Op⸗ poſition gegen die Einfuͤhrung von Garniſonen zur Zuͤgelung des Volkes, durch das geheime Konſeil in den Tolborth zu Edinburg geſchickt worden, und dort und in Stirling Caſtle mehr als zwei Jahre gefangen ſaß. Es iſt eine Wonne, eine ſolche Laufbahn aufzuzeichnen, an ſeine makelloſe Rechtlichkeit, ſeine beſtaͤn⸗ dige Zuverſicht, ſeinen unerſchuͤtterlichen Muth zu erinnern; ſeine romantiſchen Abentheuer ſind der Feder eines Dichters wuͤrdig; ſeine Reiſen unter den verſchiedenſten Verkleidun⸗ gen nach Holland und zuruͤck, ſein Verkehr als Arzt, Quackſalber und Aſtrologen und das Alles, um geſchickt ſeine Abſichten zu verber⸗ gen, geben ein ſo wunderbares Gewebe von Begebenheiten, daß ſie die Phantaſie beſchäͤ⸗ men wuͤrden. Als er wieder in die innere Abtheilung ge⸗ treten war, zog er den Mantel feſt zuſammen und betrachtete einen Augenblick die feſten un⸗ 20 beweglichen Zuͤgen ſeines Gefaͤhrten und Freun⸗ des. Der Anblick gefiel ihm offenbar nicht be⸗ ſonders, denn nach einer Weile ſeußzte er ſo ſchwer auf, daß die Aufmerkſamkeit des Geaͤchteten von den Dokumenten, welche er durchlas, abgezogen wurde und er zu Sir Patrick aufblickte, den wir jedoch noch fer⸗ ner bei ſeinem Spiznamen„Fuͤrchtenichts“ nen⸗ nen wollen. „Hier iſt,“ ſagte der Geaͤchtete, auf die Pa⸗ piere zeigend,„Ein Grund, aber ein ernſter zu Beſorgnißen. Merkt Ihr nicht, mein Freund, wie gemaͤßigt die Meinungen Wilhelms von Naßau uͤber Papiſterei ſind?“ „Nennt Ihr das gemaͤßigt? Ich moͤgte ſie nur menſchlich nennen.“ „Menſchlich!“ wiederholte der Geächtete bitter.„Ich moͤgte ihnen die Menſchlichkeit zeigen, die ſie Andern gezeigt haben— den Galgen, die Art, den Schritergaukon. Was ſagte der Koͤnig von Iſrael... „Haltet ein, Freund, wir ſ ind Ehriſten, 74 unterbrach ihn ſein Gefaͤhrte.„Unſere Lehre iſt nicht die Rache. Und obgleich ich, der Him⸗ mel weiß es, ſie nicht liebe, und auch wenig Ausſicht dazu habe, ſo moͤgte ich doch nicht 21 ihrem boͤſen Beiſpiele nachfolgen. Wir ſoll⸗ ten das Beßere erkennen.“ Der Geaͤchtete wiederholte murmelnd die be⸗ růhmten Worte des Dichters— Herr, raͤche Deine Heil'gen, deren Beine Deine Feinde auf Berges Spizen ausgeſtreut, Sie, die reinen Glauben wahrten ungeſcheut, Als unſ're Vaͤter Holz anbeteten und Steine, Vergiß in Deinem Buche ihrer Thränen keine. „Aber ich will mich mit Euch nicht daruͤber einlaßen,“ fuhr er fort;„aber ſo viel ſage ich“— und er zog darauf ſeine Augenbraunen mit dem wilden, entſchloßenen Ausdruck eines Menſchen zuſammen, mit dem ſich nicht ſtrei⸗ ten laͤßt—„daß wenn dieſe Papiere alle ſo bekannt gemacht werden, ſie den Eifer unſerer wahren Freunde erkaͤlten und Naßau's Zwecke zunichte machen werden. Sie ſollen nicht alſo ausgehen.“ Er ergriff eine Feder und machte ſich daran, die Dokumente zu verfaͤlſchen; einen Augen⸗ blick ſchien ſein Freund ſtarr vor Erſtaunen uͤber die Keckheit dieſes Unternehmens. Endlich fiel er jedoch dem Geaͤchteten in den Arm und beſchwor ihn, wenigſtens fuͤr den Augenblick einzuhalten, und wies auf die Gefahr hin, 22 der er ſich bei beiden Parteien ausſezte. Der Geaͤchtete lachte veraͤchtlich bei dem Wort Ge⸗ fahr und tauchte dabei ſeine Feder in die Dinte ein. Fuͤrchtenichts wiederholte, daß wenn Wil⸗ helm von Naßau die ÄAnderung entdeckte, er ſo wuͤthend ſeyn wuͤrde, daß er ſeine Dienſte vergeßen und nur an ſeine Übereilung den⸗ ken duͤrfte. Der Geaͤchtete lachte wieder:„Und denkt Ihr ſo niedrig von mir, als fragte ich etwas nach einem Lohne?“ „Nein, aber ich bin uͤberzeugt, daß der Prinz jede Änderung in dem, was er geſchrie⸗ ben, fuͤr nicht viel weniger als Verrath hal⸗ ten wird. Und Andere,“ fuͤgte er ſchlau hinzu, „werden in die Anklage verwickelt werden.“ „Wirklich! ſo ſagt nur, ich habe es ge⸗ than. Wonach habe ich zu fragen? Ich fuͤrchte keinen Tadel, als den meines Gottes und mei⸗ nes Gewißens.“ „Mein theurer, ehrenwerther Freund,“ ſagte Fuͤrchtenichts ſanft,„Ihr werdet Eure Nuͤz⸗ lichkeit durch Euren Ungeſtuͤm zu nichte machen. Deukt kaltbluͤtig daruͤber nach.“ „Kaltbluͤtig,“ unterbrach ihn der Geaͤchtete mit einem ſeiner heftigen, ploͤzlichen Zornes⸗ 23 ausbruͤche;„ſprecht ihr von kaltem Blute, wenn die Freiheit von Millionen, von Millionen Englaͤndern auf dem Spiele ſteht! Gottes Se⸗ gen uͤber uns! Was! duͤrfen Englaͤnder von kaltem Blute uͤber ſo etwas ſprechen! Und Ihr, deßen Adern ſo reich ſind, als ob das Geſammtblut von zwei hundert Patrioten in ihren Kanaͤlen ſtroͤmte, Ihr koͤnnt ſo reden! Da nehmt Euer Orangiſtiſches Manifeſt hin, ich will nichts mehr davon wißen. Nehmt, nehmt es hin, ſage ich. Eins habe ich auf die Gefahr eines theuren Freundes hin, der jezt in einem einſamen Kerker ſchmachtet, drucken laßen; ein anderes, welches ein Juͤngling, der einſt auch in die gute Sache einſtimmen wird, in Eurem eigenen Mantel fand, brachte er mir in jener dumpfen Gruft, wo ich drei lange, ſchreckliche Naͤchte mit dem Erdgewuͤrm und der Faͤulniß verkehrte— er brachte es mir; es war eine gefahrvolle Handlung, denn ſeines Vaters Haus war von den Feinden des Wortes Gottes umſtellt, und es iſt wun⸗ derbar, wie oft ſchwache Gefaͤße auserleſen ſind, den Willen des Herrn zu thun, denn ohne den treuen Narren, deßen Wißen nicht uͤber die Kenntniß der Thiere hinaus geht, 24 wuͤrde er nicht die Bedeutung der geheimen Zeichen auf dieſen Depeſchen erkannt haben.“ „Und was ſoll ich mit dieſen Dokumenten thun?“ fragte ſein Freund.„Euch, Euch allein ſind die Anordnungen zur Verbreitung derſel⸗ ben anvertraut; die ganze geheime Korres⸗ pondenz iſt von Anfang bis zulezt durch Eure Haͤnde gegangen, und nun, in dieſer ſchwe⸗ ren Kriſis, wollt Ihr dieſe Muͤhe von Euch werfen, bloß weil Eure vorgefaßten Meinun⸗ gen nicht in Einklang damit ſind? Das iſt nicht ſchoͤn gehandelt weder gegen das Volk, noch gegen den Prinzen; uͤberdies mag Temporiſi⸗ ren noͤthig ſeyn und Ihr werdet meine Loya⸗ litaͤt darum nicht bezweifeln, wenn ich Euch ſage, daß ich nicht ſo weit gehen kann, als Ihr.“ „O, wenn hier aller Leute Blut ſo brennte und rollte, wie das meine,“ rief der Geaͤchtete mit hoher Leidenſchaftlichkeit;„oder wenn nur meine Ohren geſchloßen waͤren fuͤr immer! Ihr ſprecht von der Nothwendigkeit des Tempo⸗ riſirens! Die Nation ſprach auch davon, als ſie einen liederlichen, ausſchweifenden, weibi⸗ ſchen Sproß eines veraͤchtlichen Stammes zum Nachfolger eines Herrſchers berief, vor deßen Stirnenrunzeln Englands Feinde erzitterten; 2⁵ vor deßen leiſeſtem Laͤcheln ſie frohlockten: die Krone iſt's, das glaͤnzende Spielwerk iſt's, das die enge Graͤnze der Stirn vergoldet und feßelt, das iſt's, was Ihr Englaͤnder liebt. Was kuͤmmert Ihr Euch um den Mann? O waͤre Richard Cromwell nur gleich ſeinem Va⸗ ter geweſen, was haͤtten wir nicht erreicht? Kannſt Du mir ein Raͤthſel loͤſen? Der Loͤwe wirft keine Kazen, der Tiger keine Affen— und doch zeugen große Maͤnner Thoren und nennen ſie Kinder! Ich wollte, alle dergleichen wuͤrden in der Geburt erwuͤrgt, dann wuͤrde das Menſchengeſchlecht vielleicht beßer werden! Wohl durfte Sir Everard ſagen,„es ſey nur ein Wechſel von Koͤnigen!“ „Deukt kaͤlter, oder wenn Euch das Wort nicht anſteht, beſonnen daruͤber nach— denn ein Patriot, denke ich, darf doch auch beſon⸗ nen ſeyn— und glaubt mir, die Zeit wird kommen, wo Ihr mir fuͤr dieſen Rath danken werdet. Thut, wie es Seine Hoheit in dieſer Angelegenheit wuͤnſcht, und wenn er ankoͤmmt, moͤgt Ihr ruhig mit ihm uͤber die Nothwen⸗ digkeit ſtrengerer Maßregeln ſprechen; es iſt beßer, man geht vorſichtig durch die Furt, als daß man ſich verwegen hineinſtuͤrzt.“ *† 26 „Iſt das nicht ein Schottiſches Sprichwort?“ „Das beweißt fuͤr deßen Weisheit.“ Beide ſchwiegen eine Zeit lang, waͤhrend der Geaͤchtete, troz ſeines Eifers, einſah, wie begruͤndet die Angaben Sir Patricks wa⸗ ren, denn er las die Pergamente nochmals durch, wendete ſie hin und her, machte haͤufige Notizen, unterzeichnete einige Dokumente und legte alle ſeine Papiere in einen breiten Um⸗ ſchlag; ſein Freund reichte ihm eine kleine ſchmale Schachtel mit Oblaten, aber der Ge⸗ aͤchtete ſchien vollkommen zu erkennen, daß man in Zeiten der Gefahr umſtaͤndlicher ſeyn muͤße, als in denen des Friedens, denn er nahm etwas Wachs und druͤckte auf das, was er geſchrieben, ein Siegel mit ſo viel Sorg⸗ falt auf, als ob er ſich nicht in einer Huͤtte, ſondern in einem Pallaſt befaͤnde. Aus dem andern Zimmer drang der Laͤrm mehrer Stim⸗ men heruͤber, und als er ſich erhob, konnte er nicht umhin, ſeine Ungeduld daruͤber zu verrathen, daß Leute in einer ſolchen Lage ſich ſo unvernuͤnftiger Luſtigkeit uͤberlaßen koͤnnten. „Wißt Ihr nicht,“ antwortete ſein Gefaͤhrte, „daß ein Korn Freude gar wunderbar einen Scheffel Sorge wuͤrzt? Man wird nicht ſchlim⸗ 27 mer durch ein wenig geſunde Munterkeit— der Bogen, der am ſtaͤrkſten angeſpannt wird, bricht am ſchnellſten, und es hat Jemand mit Recht geſagt, daß Maͤßigung der Seidenfaden iſt, der durch die Perlenſchnur aller Tugenden laufe. Ich ſehe die Jugend gern gluͤcklich; we⸗ nige unſerer Freunde zaͤhlen uͤber dreißig Jahre, und wir koͤnnen nicht den Ernſt von ihnen verlangen, den kaum ſechzig verleihen.“ „Habt Ihr Zuyleſtein geſehen?“ „Allerdings, und es erregte in nicht gerin⸗ gem Grade eben die Luſtigkeit, welche ihr ver⸗ dammt, wenn man die Beſtuͤrzung des ernſten Hollaͤnders ſah, als er mein armes Geſicht unter einer Moͤnchskapuze ſah, nachdem er eben Ja⸗ kob zur Geburt eines Prinzen begluͤckwuͤnſcht hatte.“ „Herrſchte viel Tumult dabei?“ „Nicht viel. Er waͤre beßer empfangen wor⸗ den, haͤtten des Koͤnigs Garden nicht das Volk zuruͤckgehalten. Ich weiß auch aus guter Quelle, daß Ludwig von Frankreich ſo großmuͤthig ge⸗ weſen iſt, Jakob ſeinen Beiſtand anzubieten, was der Bethoͤrte jedoch abgelehnt hat.“ „Gott hat ſein Herz verhaͤrtet, wie er es einſt den alten Egyptiern angethan hat, zu 28 ihrem eigenen Verderben. Ich will mit dieſen Papieren auf die geeignetſte Art verfahren. Sollen wir in die Nacht hinaus oder uns zu dieſen Schwaͤrmern geſellen?“ „Auf jeden Fall erſt zu ihnen“ ſagte Sir Patrick;„es iſt unrecht, die kalt zu behan⸗ deln, deren Herz und Seele unſerer Sache geweiht ſind; eigentlich freilich ihrer Sache, denn, von einem ſchoͤnen Eifer angetrieben, haben ſie durch gefahrvolle Dienſtleiſtungen ſie auch zur ihrigen gemacht.“ 29 Zweites Kapitel. O Jungfrau Du, vom Himmel ſtammende, Die Deines Vaters erauernd Haupt zu retten, Vor des Tyrannen Wuth, ſo lang ſchon durch die Welt Zieh'ſt, welches Heil fuͤhrt dieſen Weg Dich her? Spenſer. Als der Geaͤchtete in die Geſellſchaft der gleich eifrigen, aber weniger leidenſchaftlichen Maͤn⸗ ner zuruͤckkehrte, fand er, daß alle Erwartete gegenwaͤrtig waren, bis auf Einen, der Hirſch⸗ herz genannt wurde, weil er ſo begierig auf die Jagd war, gleichviel, ob Wild, Mann oder Weib zu jagen war. Einige von der Ge⸗ ſellſchaft legten ſeine Abweſenheit einer Nymphe zur Laſt, von deren wunderbaren Schoͤnheit 30 er oft zu ſchwaͤrmen pflegte, und die das Weib oder die Geliebte eines falſchen Schelmes war, der je nach dem er bezahlt werde, beiden Par⸗ teien von Nuzen ſeyn moͤchte, da er an keiner Intereße nahm. Die Geaͤchteten(denn mehr oder weniger hatten ſie alle dieſen Titel verdient) unterhiel⸗ ten ſich freimuͤthig uͤber Staatsangelegenheiten, ohne ſich im geringſten um die Meinungen der Gewalthaber zu kuͤmmern. Wer ſich des Renonimiſten⸗Styls der Kavaliere von Karls Hofhaltung erinnerte, wuͤrde unter den An⸗ weſenden nur wenig Zoͤglinge dieſer Schule erkannt haben. Die Anhaͤnger Jacobs affektir⸗ ten ein ſtilleres, geſezteres Weſen und ihre Gegner waren noch zuruͤckhaltender. Wilhelm und Marie waren ſtreng in ihrem Leben und Benehmen und Jacob warf ſich in den lezten Tagen ſeiner Regierung eine moraliſche Huͤlle um, die hoffentlich aufrichtig gemeint war. Dieſe Gruͤnde— denn gewoͤhnlich thun es, wenn auch unbewußt, die Menſchen ihren Herren nach— machten die Glieder beider Par⸗ teien kalt und beſonnen; ſie waren nuͤchterner, maͤßiger, als zur Zeit des Gemeinwohls und unter der Regierung Karls, und wer, wie der 31 Geaͤchtete, ſich einem Enthuſiasmus fuͤr Frei⸗ heit hingab, mußte Gefahr laufen, daß man ihn des Fanatismus beſchuldigte, und in der That ſahen, troz des hohen Rufes ſeiner Weis⸗ heit, Thaͤtigkeit und Unternehmungsluſt, und beſonders ſeiner Redlichkeit, viele einen Schwaͤr⸗ mer in ihm, der, nachdem er ſich in ſeiner Bruſt eine Lage der Dinge getraͤumt, die mit der Wirklichkeit wenig gemein hatte, bei je⸗ dem Wechſel getaͤuſcht und unzufrieden ſeyn wuͤrde, weil kein Wechſel ſeiner phantaſtiſchen Vollkommenheit nahe kommen konnte. Und doch laͤßt ſich in unſern noch kaͤltern Tagen kein Begriff von der Verehrung machen, mit wel⸗ cher ſeine Gefaͤhrten auf dieſen außerordent⸗ lichen Mann blickten; auch beſtritten ſie nur ſelten ſeine Anſichten, denn ſie wußten, wie oft er ſeine Aufrichtigkeit bewaͤhrt hatte, und wie unbedingt ihm Wilhelm in den wichtigſten Geſchaͤften traute. Der Abend nahm zu: der Burgunder und Sir Patricks Lieblingsgetraͤnk, jezt unter dem Namen Punſch bekannt, thaten das Ihrige, und als die Schildwache das Signal von drei Fun⸗ ken meldete, machte der, welcher die Wache an dem Eingange hatte, mit eben nicht ſehr 32 feſter Hand auf. Es war Hirſchherz; aber zum Staunen aller Anweſenden kam er nicht allein, ſondern brachte ein altes Weib und einen jun⸗ gen Menſchen mit, den die Verſammlung und der Schauplaz unangenehm zu uͤberraſchen ſchien. Er war es jedoch in keinem hoͤhern Grade, als die Geſellſchaft, in die er ſo ohne Unſtaͤnde eingefuͤhrt worden war, und der Ge⸗ aͤchtete warf Hirſchherz in nicht ſehr gemaͤßigten Ausdruͤcken die Unbeſonnenheit vor, daß er Fremde in dieſer Zufluchtsſtaͤtte gefuͤhrt habe. „Verzeiht, Herr,“ ſagte der Juͤngling, von Kopf bis Fuß zitternd;„wir kommen von Beaulien auf unſerm Wege nach Hythe, um uͤber das Southampton⸗Waßer zu ſezen, wo wir, wenn moͤglich, vor Nacht anzukommen wuͤnſchen; aber unſer Weg war leider von den Soldaten beſezt, und wir verbargen uns in einem benachbarten Dickicht, wo uns dieſer Herr fand und uns fuͤr Spione hielt, was, Gott weiß, unſern Herzen und Geſinnungen fern iſt. Meine Mutter iſt muͤde und ich bin es auch; aber wenn Ihr uns ein wenig Ruhe und Erfriſchung goͤnnen wollt, ſo verlangen wir nichts weiter, als unſern Weg fortſezen zu duͤrfen.“ 33 „Muͤde, junger Herr!“ ſagte Fuͤrchtenichts; „wenn Ihr nicht weiter herkommt? Was ſucht Ihr in Southampton?“ „Wir wollten weiter nach London mit Ver⸗ laub,“ antwortete der Junge. „Nach London!“ wiederholte der Andere, denn der Geaͤchtete blieb zur Seite ſtehen und beobachtete die Frau und den Knaben mit tie⸗ fem Intereße.„Und zu welchem Zwecke geht Ihr nach London?“ Der Junge blickte auf ſeine Mutter, die augenſcheinlich ein Zeichen machte, denn er wurde blaß und ſchwieg. „Heraus, heraus; das Zeichenſpiel hilft nichts. Sprecht die Wahrheit.“ „Die Wahrheit wiederholte der Geaͤchtete, und bei dem Klange ſeiner tiefen Stimme fuhr der Knabe auf und ſah ſich um, aber der Fleck, auf welchem der Sprecher ſtand ,war ſo im Schatten gelegen, daß man nur die Umriße ſeiner Geſtalt ſehen konnte. „Sprecht endlich, junger Herr,“ ſagte Sir Patrick,„denn wenn nicht, ſo gibt es Mit⸗ tel, Euch dazu zu bewegen.“ „Das Drohen ſteht Euch ſchlecht an, Ihr Herren,“ ſagte der junge Menſch mit einer II. 3 34 Wuͤrde, welche ſelbſt der Bauernrock nicht verbergen konnte; Ihr habt nicht das Recht dazu, aber aus Hoͤflichkeit will ich Euch ſa⸗ gen, daß wir nach London gehen, jemand zu beſuchen, der krank und im Ungluͤck iſt.“ „Wie heißt er oder ſie, Burſche?“ „Es iſt eine Sie, es iſt eine Sie,“ ſchrie Sprietſegel.„Der Junge denkt ſchon an Un⸗ terroͤcke; ſeht nur wie keck er drein ſchaut und wie ſein Hut vor⸗ und zuruͤckſchaukelt. Willſt Du mit mir zu Schiffe, Burſche?“ „Ich habe gern einen ſichern Segler,“ ant⸗ wortete der Junge ſächelud; z„Thr führt zu viel Segel.“ Alles lachte, denn der Burgunder hatte be⸗ reits auf Spriet einigen Eindruck gemacht. „Es iſt nicht zu ſcherzen,“ fuhr Sir Patrick fort;„wir ſind von Feinden umgeben und da bringt uns dieſer Unbeſonnene vielleicht Spio⸗ ne uͤber den Hals, und wenn es unſerm Freunde recht iſt, ſo wuͤrde ich rathen, daß dieſe Beiden auf einige Tage abgeſondert und im Dunkel gehalten wuͤrden, bis ſie es fuͤr gut halten, ihre Namen und Abſichten zu enthuͤllen.“ Der Knabe ſchien tief bekuͤmmert, aber das Weib behielt ein ſtarres, troziges Ausſehen. 35 —.— „Es klebt,“ ſagte der Juͤngling endlich, „keine Schande an dem, den wir aufſuchen wollen, noch iſt es eine Schande fuͤr uns, ihn zu beſuchen.“ „Wer iſt denn der Freund, von dem Ihr ſprecht?“ „Sir Everard Sydney,“ antwortete der Juͤngling erroͤthend, waͤhrend ein Murmeln der Verſammlung deren Staunen verrieth. Der Geaͤchtete ſprang auf, legte ſeine Hand auf des Knaben Stirn, und druͤckte ſeinen Kopf zuruͤck, um das Geſicht deutlicher ſehen zu koͤnnen. Die Unterſuchung war dem Knaben offenbar unlieb, denn er ſuchte den Blicken, welche von allen Seiten ihn betrachteten, ſich zu entziehen; er wurde bald blaß, bald roth, brach in einen Strom von Thraͤnen aus und warf ſich zulezt an die Bruſt ſeiner alten Gefaͤhrtin, die ihren Mantel um ihn ſchlang, um ihn vor weitern Forſchungen zu ſchuͤzen. „Oh, warum habt Ihr es geſagt?“ fluͤſterte ſie, waͤhrend ſie ihn feſt an ſich druͤckte.„Aber laßt nur gut ſeyn, laßt nur ſeyn.“ „Bringt den Knaben hinein,“ ſagte der Ge⸗ aͤchtete.„Und Ihr, wer Ihr auch ſeyd, tadelt den Jungen nicht, daß er die Wahrheit geſagt hat.“ Eine Art konvulſiviſchen Schauders ergriff die Frau, indem ſie gehorchte, und mehrmals warf ſie einen verſtohlenen, forſchenden Blick auf den Geaͤchteten, der ihnen in das innere Gemach folgte, den Vorhang zuzog und ſich auf den Tiſch ſezte; danach heftete er ſtarr ſeinen Blick auf das Weib, das noch immer leiſe zu dem erſchrockenen Knaben ſprach, der aus Ermuͤdung oder aus ſonſt einer unbekann⸗ ten Urſache noch immer heftig ſchluchzte. „Gott erbarme ſich unſer,“ ſagte der Ge⸗ aͤchtete;„das ſind ſchreckliche Zeiten, wenn die Jugend die Sorgen des Alters ohne deren Weisheit tragen muß. Haſt Du die Wahohe geſprochen?“ „So wahr der Himmel uͤber uns iſt, das war unſere Abſicht. Sir Everards Sohn iſt bei dem Koͤnige und der alte Mann hat nie⸗ mand, ihm den Schmerz der Gefangenſchaft zu verſuͤßen; er iſt der einzige Vater, den ich je gekannt habe, und Gott verhuͤte, daß ich ihn in ſeiner traurigen Lage verlaßen ſollte. Wir koͤnnen zu Fuß reiſen, denn unſer Gepaͤck iſt gering, und wenn Ihr uns fort laßen wollt, bald bei ihm ſeyn. Der Segen einer Waiſe wird auf Eurem Haupte ruhen.“ 37 Der Knabe ſank bei dieſen flehenden Worten faſt zu den Fuͤßen des Geaͤchteten nieder und ſchlug die Augen auf, um zu ſehen, ob ſeine Bitte Eindruck gemacht habe; das Licht fiel voll auf ſein Geſicht, und der Junge fuhr zu⸗ rück, ſchlug die Haͤnde zuſammen und rief: „Der Geaͤchtete aus dem St. Marien⸗Klo⸗ ſter!“ „Derſelbe,“ erwiederte der Patriot,„aber das iſt nicht ſeltſamer, als daß Ihr Roſalinde Sydney ſeyd. Erhebt Euch, junge Dame! Mit Schaam erkenne ich, daß Ihr luͤgenhaft han⸗ delt, obgleich Ihr es verſchmaͤhtet, eine Luͤge zu ſprechen. Pfui! pfui! Die beſcheidenen Schranken der Natur zu uͤberſpringen, und aufgepuzt gleich einem ausgelaßenen Burſchen umherzuwandern. Ich kann nicht glauben, daß Eure Abſichten rein waren, da Eure Mittel ſo unrein ſind.“ Aus den Augen des Maͤdchens brach ein ſolcher Strahl der Entruͤſtung hervor, daß, als ſie ihren Hut zuruͤckwarf und die ſchoͤnen Verhaͤltniße ihres Geſichtes im Fakellichte hell hervortraten, der Geaͤchtete nie, außer ein⸗ mal, etwas ſo Liebliches geſehen zu haben glaubte. 1 38. „Nein, Alice,“ ſagte ſie, ihre Amme zuruͤck⸗ ſtoßend, die haſtig herangekommen war, um ihre junge Herrin zu vertheidigen,„nein, ich will ſprechen. Ihr kennt mich nicht, Sir. Ich war an demſelben Orte, wo Ihr Schuz ſuch⸗ tet, eingeſperrt wider meinen Willen; aber nie, nie haͤtte Abneigung gegen dieſen Zwang mich verlocken koͤnnen, die Kloſtermauern zu verlaßen, haͤtte ich nicht von meines Oheims Schickſal gehoͤrt. Um ſein Gefaͤngniß zu theilen, ſtieß ich alle Ruͤckſichten bei Seite. Als Frauen⸗ zimmer konnte ich in dieſen Zeiten nicht reiſen; die Straßen ſind mit Soldaten bedeckt; ſo ent⸗ ſchloß ich mich, mit meiner Amme mich als ihr Sohn auf den Weg zu machen. Verdient das Tadel? Euer Haar iſt grau; wenn Ihr ſelbſt eine Tochter habt, ſo habt Mitleiden mit mir, die keinen Vater hat. Bewahrt mein Ge⸗ heimniß, und wenn Ihr mir nicht auf meiner Reiſe helfen koͤnnt, ſo haltet mich wenigſtens nicht zuruͤck. Bedenkt, Herr, was ein Gefaͤng⸗ niß iſt, duͤſter und traurig, und er, der die Luft ſo liebte und jedes huͤlfloſe Weſen liebte, das da athmete, er muß jezt in Kerkermanern ſchmachten! O denkt Ihr noch, daß ih Tadel verdiene!“ 39 Die von Blut unterlaufenen Augen des Ge⸗ aͤchteten wurden feucht, und er haͤtte das Maͤd⸗ chen an ſeine Bruſt druͤcken koͤnnen, als ob es wirklich ſein Kind waͤre. Aber er faßte ſich und fragte, was in dem ſchachtelaͤhnlichen Packe waͤre, das ſie in der Hand hielt. Sie ant⸗ wortete, daß eine alte Spaniſche Nonne, die ſeit einem Ungluͤcksfall, der ſie betroffen, große Theilnahme fuͤr ſie zeige, ihr zwei kleine In⸗ diſche Voͤgel gegeben habe, und da ſie wiße, wie ſehr ihr Oheim ſolche Dinge ſchaͤze, ſo habe ſie ſie fuͤr ihn mitgenommen. Sie wuͤrden, ſezte ſie hinzu, geeignete und erheiternde Ge⸗ faͤhrten in einem Gefaͤngniße ſeyn, da ſie nie an die Freiheit zu denken ſchienen, deren Wuͤr⸗ digung ſſe nicht erkennten. Die Augen des ernſten Mannes wurden wieder feucht, und er ſagte, zur Amme ge⸗ wendet:„Iſt das wirklich das Kind des Rowland Sydney?“ Das Weib ſtrich ſich das Haar aus der Stirn und ſtrengte ihre Augen an, als ob. ſie uͤber die Gegenwart hinausblicken wollte. End⸗ lich ſagte ſie: „Und wer iſt es, der danach fragt?“ Der Geaͤchtete blickte ſie eben ſo ſtarr an. „Erinnert Ihr Euch noch,“ ſagte er,„der blauen Flagge, die von Limmerick's Thurm wehte? Denkt Ihr noch an den ſchoͤnen, tapfern Herrn, den aͤchten Sydney, und an das dunkle, reizende Weib, das fuͤr ſeine Frau galt? Und wißt Ihr noch von ihrem Tode? Noch mehr, denkt Ihr noch, wie Rowland das Kind liebte, wie er es kuͤßte und mit ſeinen Thraͤnen be⸗ nezte, als Ihr es in Eure Huͤtte nehmen und als Mutter fuͤr die Huͤlfloſe wachen ſolltet? Erinnert Ihr Euch noch, wie, da das Kind fortgetragen wurde, des Vaters auserkorner Freund mit einer in dieſem Lande unbekannten Farbe ihm auf ſeine Schulter eine blutrothe Roſe aufdruͤckte und es Roſalinde nannte? Ihr kennt mich jezt.“ Aber Alice war fuͤr den Augenblick in zu großer Bewegung, als daß ſie jemand haͤtte erkennen koͤnnen; ihre Lippen waren weiß, ihr Auge ſtarr, ihr Athem ſchwer; ſie verſuchte das Zeichen des Kreuzes uͤber der Stirn zu machen, aber die Hand verſagte ihr den ge⸗ wohnten Dienſt und ſie ſiel bewußtlos zur Erde. Es ſchien, als ob ein ploͤzlicher Verdacht im Geaͤchteten erwacht ſey, denn er bekuͤmmerte ſich nicht um die Amme, ſondern blieb, waͤhrend 41 Roſalinde ſie zum Leben zuruͤck zu bringen ſuchte, in tiefes Nachdenken verſunken und ver⸗ wandte dabei den Blick nicht von der Tochter ſeines Freundes. Als nach wenigen Minuten Alice wieder ſo weit zu ſich gekommen war, daß ſie auf dem Boden aufrecht ſizen konnte, bat er Roſalinde, ihn nach dem Kennzeichen ſehen zu laſſen; ſie ſchien verwundert uͤber alles, was ſie gehoͤrt und fuͤhlte nur, daß ſie vor jemanden ſtehe, der ihren Vater gekannt, der ſein Freund geweſen war— dies reichte hin, ihm ihr Herz und ihre Zuneigung zuzuwenden und ihre Hand knoͤpfte bereits die Jacke auf, als Alice ausrief: „Nein, nein, Kind, thue es nicht! Ihr wißt, daß Ihr kein Zeichen habt; wenn eins da war, iſt es erloſchen— es iſt eine Luͤge, alles eine ſchaͤndliche Luͤge!“ „Weib!“ rief der Geaͤchtete wild, indem er ſie zugleich ergriff und vom Boden aufhob; „wagſt Du zu ſagen, ich haͤtte eine Luͤge vorgebracht?“— Sie ſank matt und entſezt vor dieſem Aufrufe zuruͤck. Er aber ſchlug den Kragen und den Armel von Roſalindens Anzug zuruͤck, bis die rechte Schulter zum Theil entbloͤßt war; darauf zog er ſie naͤher zur Fackel heran und unter⸗ ſuchte die zarte Haut mit großer Aufmerkſam⸗ keit, bis er endlich, das Kleid loslaßend, lang⸗ ſam ſagte: „Weib! Du haſt einen Betrug veruͤbt!“ Alice fiel auf die Knie, rang die Haͤnde, laͤugnete, jammerte! aber der ruhige, ſtrenge Blick des Geaͤchteten feßelte wieder ihre Zunge und ſie bedeckte das Geſicht mit beiden Haͤnden. „Bei dem Allmaͤchtigen erklaͤre ich, daß Ihr nicht von hinnen kommt, bis Ihr volle und treue Beichte von der Suͤnde, die Ihr began⸗ gen, abgelegt habt; ich brauche nur auf die⸗ ſes Maͤdchen zu ſehen, um zu wißen, daß ſie an allem Unrecht unſchuldig iſt. Weib, hoͤre mich; ich wiederhole es, Du koͤmmſt nicht von hinnen, bis alles geſagt iſt.“ Und von neuem ſank die arme Amme auf ihre Knien und wollte ſprechen, konnte aber keine Worte finden. Roſalinde war eben ſo geſpannt auf das, was ſie hoͤren wuͤrde; auch ſie beſchwor die Amme zu reden, und dieſe faßte ſich endlich ſo viel, daß ſie einzelne Reueworte hervorbringen konnte, als ploͤzlich Sprietſegel den Mantel von der Wand weg⸗ riß und mit den Worten hereinſtuͤrzte: 43 „Sauve qui peut! Das Unterholz und die Heide halbwegs zwiſchen Cadland und Hill⸗ top iſt in Flammen. Wir wißen Alle, was es zu bedeuten hat; die Foͤrſter haben geſehen, daß uns die Soldaten auf der Spur ſind, und die Haide in Brand geſteckt, damit wir entfliehen koͤnnen, waͤhrend die Flammen eine Diverſion machen und die Pferde erſchrecken.“ „So zerſtoͤrt ſchuell die Huͤtte,“ antwor⸗ tete der Geaͤchtete, deßen Energie erſt im hell⸗ ſten Lichte erſchien, wenn große Geiſtesanſtren⸗ gungen noͤthig wurden.„Reißt die Palliſaden heraus und werft ſte in die Gruben, wo ſie fuͤr kuͤnftige Zwecke bleiben moͤgen; loͤſcht Euer Feuer aus, und dann ſorge jeder fuͤr ſeine eigene Rettung. Ihr wißt, fuͤr wo und wann unſere naͤchſte Verſammlung angeſezt iſt— dort wird ſie Statt finden.“ In einem Augenblick war jeder Pfahl aus⸗ gerißen, und noch ehe Roſalinde es fuͤr moͤg⸗ lich hielt, daß eine einzige Art geſchwungen ſeyn koͤnnte, war das rohe Gebaͤude bereits demolirt und die kuͤhne Truppe ſtand unter freiem Himmel und ſah die Sterne glaͤnzend durch das Laub der ehrwuͤrdigen Eichen ſchim⸗ mern. Es war eine Stunde, die man nicht leicht vergißt. In der Ferne ſchlaͤngelte ſich das Feuer, wie ein furchtbar belebtes Weſen durch das Heidekraut, wand ſich hierhin und dorthin und ſchoß ploͤzlich wie triumphirend auf, bis es auf etwas ſtieß, das ſeinen Fort⸗ ſchritten widerſtand und eines laͤngern Kam⸗ pfes werth war. In einer andern Richtung drang es durch manches Dickicht und ziſchte mit ſeiner geſchlaͤngelten, gluͤhenden Zunge durch die Nacht, waͤhrend der Rauch feſt wie ein Leichentuch uͤber ſeinem brennenden Pfade hing; es war ein ſchreckensvoller Anblick, der ſich immer mehr erweiterte, bis ſeine Ausdeh⸗ nung kaum mehr zu uͤberſehen war. An einem Flecke hatte das Feuer die aͤußerſten Zweige eines Haufens ſtattlicher Baͤume erreicht, welche der großen Verheerung entgangen wa⸗ ren, die waͤhrend der beiden vorigen Regie⸗ rungen den neuen Forſt mit Vernichtung be⸗ droht hatte; dort weilte es jezt, eine hohe Flammenſaͤule, die der kleineren Daͤmonen, welche zu ihren Fuͤßen kaͤmpften, zu ſpotten ſchien. Es war eine furchtbare Pyramide; zulezt war das Feuer laͤngſt den weitgeſtreck⸗ ten Zweigen dieſer alten Staͤmme hingelangt, bis ein jeder uͤberwaͤltigt war, und das ſie⸗ 45 gende Panier des Todesengels uͤber dem Walde zu flattern ſchien. Und trefflich paßten zu die⸗ ſen Schrecken die Toͤne, welche durch den Brand erſchallten, der ſchnelle, einfoͤrmige Ton des Waldhorns und das Rollen der Trom⸗ mel, die Sprache von Freund und Feind, die ſich in den Luͤften verſchmolzen. Dabei ſprang jezuweilen ein Reh uͤber den Raſen, ſtand ſtill und blickte mit Furcht in die Flammen, welche bei der Dunkelheit naͤher erſchienen, und dann warf es den Kopf zuruͤck und eilte davon, ſich eine andere Staͤtte zu ſuchen. Aber nur kurze Zeit war es Roſalinden ge⸗ goͤnnt, bei dieſem Schauſpiel zu weilen. Die Ereigniße draͤngten ſich ſo reißend ſchnell, daß ſie kaum an die Moͤglichkeit des Erlebten glaubte. Die Geaͤchteten zerſtreuten ſich, ihr Anfuͤhrer aber gebot ihr, ihm zu folgen. Und es that Noth, denn Alice war ſo ſinnverwirrt, daß ſie weder zu denken, noch zu handeln ver⸗ mochte und das arme Maͤdchen waͤre ſich ſelbſt uͤberlaßen geblieben und entweder in den Flammen umgekommen, oder den Solda⸗ ten in die Haͤnde gefallen, wenn der Geaͤch⸗ tete ſie nicht mit vieler Freundlichkeit, von der Amme dicht gefolgt, zu der Wohnung 46 eines Foͤrſters gefuͤhrt haͤtte, wo er ſie in Sicherheit zuruͤck ließ, um fuͤr ſeine eigene zu ſorgen.. Die Förſterin fuͤhrte ſie und ihre Amme in ein kleines inneres Gemach, wo das junge unſchuldige Maͤdchen, da ſie Alice kein Wort entlocken konnte, bald von Muͤdigkeit und Auf⸗ regung uͤberwaͤltigt, in tiefen Schlaf fiel. Nicht ſo ihre Gefaͤhrtin, die ſich hin und her be⸗ wegte, leiſe, eintoͤnige Seufzer ausſtieß und zulezt ihre gewohnte Zuflucht zum Roſen⸗ kranz nahm, wobei ſie die Jungfern um Ver⸗ gebung ihrer Suͤnden, und vor allem der lez⸗ ten bat, daß ſie die Flucht ihres Lieblings aus einem heiligen Kloſter befoͤrdert habe. 47 Drittes Kapitel. Nichts ſchrecklicher, als wenn verworf'ner Sinn Ergrimmt am Edlen Rache nehmen kann. Gascoigne. Nachdem der Geaͤchtete die ſchoͤne Roſalinde der Aufſicht der Foͤrſtersfrau uͤbergeben hatte, machte er ſich allein auf einen Weg, der nach einem noch geheimeren Verſteck der verwegenen Unzufriedenen fuͤhrte, die, waͤhrend ſie uͤber ſeinen Enthuſiasmus ſpotteten, ſich doch ſeiner Gewalt unterwarfen. In einer Zeit, wie die jezige, waͤre es am unrechten Plaze, wollte man die Menge von dem uneigennuͤzigen, un⸗ ausgeſezten Streben eines jener Patrioten uͤber⸗ 48 1 * zeugen, deren Name ſelbſt in dem Lande ver⸗ geßen iſt, fuͤr deßen Wohl ſie ſelbſt ihr Leben geopfert haben wuͤrden, wenn ſie dadurch dieſem Gluͤck oder Frieden zugeſichert haͤtten. Es hat viele ſolcher Patrioten gegeben, und giebt ih⸗ rer noch immer; aber in England pflanzen wir leider heut zu Tage lieber Blumen, als Eichen. Mit ſechzig Jahren erhalten ſich nur noch die Hauptzuͤge des menſchlichen Karakters feſt und unerſchuͤttert; die kleinen Leidenſchaften ſind aufgerieben; die jugendlichen Schatten des Lebens ſind verblichen, aber die Grund⸗ linien bleiben, mehr als Denkmaͤler des Ver⸗ gangenen, denn als Mittel, aus dem Laufe des Daſeyns noch Freuden zu ſchoͤpfen. Jede Regung der fruͤhern Zeit, jede Hoff⸗ nung in die Zukunft ging bei dem Geaͤchteten in ſeiner alles uͤberfluthenden Vaterlandsliebe unter. Auch ſein Herz war einſt fuͤr ſolche zarten Empfindungen ſo empfaͤnglich wie nur je eines, das in der Bruſt eines Menſchen ſchlug; aber dieſe Schwaͤche war laͤngſt da⸗ hiin. Er lebte nur noch fuͤr Einen Zweck. Zu⸗ weilen ſchweifte wohl ſein Geiſt uͤber die Trieb⸗ federn des Alltagslebens hin, weilte bei den A 49 Jungen und Schoͤnen, hoffte mit ihnen, fuͤrch⸗ tete fuͤr ſie, aber das geſchah nur gleich ei⸗ nem Reiſenden, der ein fremdes Land beſucht. Die Geſchoͤpfe der Erde waren keine Genoſſen fuͤr einen Geiſt, der bereits an Unſterblichkeit hing, da er allen Schmuz und Eigennuz der Welt weit von ſich geworfen hatte. Der nie⸗ drige Sinn findet nur wenig Unterſchied zwi⸗ ſchen dem Helden und einem Wahnſinnigen und es war daher nicht zu verwundern, daß die Haͤlfte derer, die fuͤr die Sache des Geaͤch⸗ teten arbeiteten, ihn als einen betrachteten, Deß Kopf zerruͤttet, deßen Geiſt verruͤckt war. Es war helles Mondlicht, als er dahin ging; und nachdem er eine Hoͤhe erreicht, von welcher der Plaz, auf dem das Feuer gewuͤthet hatte, uͤberſehen werden konnte, ſtand er ſtill und betrachtete mit uͤbereinander ge⸗ ſchlungenen Armen die rauchenden Überreſte. Die Religion war nie, als die ſanfte Taube mit dem Olblatte des Friedens und der Ent⸗ ſagung zu ihm gekommen, ſondern wie die Stimme, die durch die Wildniß ſchallt, wie der große Geiſt, der von Sinai herabdonnert. Haͤtte er mit unſern jezigen krittelnden Philo⸗ ſophen die Wahrheit der heiligen Schrift zu II. 4 5⁰ bezweifeln gewagt, weil er ihre Myſterien nicht begreifen konnte, ſo wuͤrde er die Goͤtt⸗ lichkeit des Sohnes wegen deßen Demuth an⸗ getaſtet haben; er haͤtte das Erbarmen fuͤr unmoͤglich gehalten, wo er ſelbſt ſtrenger Rich⸗ ter geweſen waͤre. Das gewaltige Feuer war ſeinem Erloͤſchen nahe; es ſtieg nirgends mehr zum Himmel auf; und vermiſchte ſich mit den Wolken. Nur dort hing noch eine dichte Decke von Qualm, die unten wie tiefes Roth ſchimmerte, die lezte Kraft der erſterbenden Gluth. Ploͤzlich ſtieg eine Rakete auf, gleich einem einzelnen rothen Sterne, zitterte in der Luft und ver⸗ ſchwand. „Wie!“ murmelte der Geaͤchtete,„auch dort Gefahr!“ Er ſtand ſtill, ungewiß, welchen Weg er jezt einſchlagen ſolle; die Erhoͤhung, auf welche er ſtand, ſezte ihn in Stand, die Huͤtte zu ſehen, wo er Roſalinde zuruͤckgelaßen hatte, und er war ſchon beinahe Willens, dorthin zuruͤckzukehren; aber dann haͤtte er wie⸗ der durch das niedrige Strauchwerk gehen muüßen, was er nicht fuͤr ſicher genug hielt, da der Mord leichter in dickem Geſtripp ſchleicht, als er durch die lichten Waldreviere zu ſchrei⸗ 51 ten wagt. Waͤhrend er noch ſo ſtand, fuͤhlte er ploͤzlich etwas an ihn anſtreifen, und als er niederblickte, ſah er Sir Everard Sydney's alten Hund, der zufrieden, ſeine Aufmerkſam⸗ keit erregt zu haben, jezt ſtill und ruhig ne⸗ ben ihm ſtand, wie entſchloßen, ihn auf ſei⸗ nem Zuge zu begleiten. Zu jeder andern Zeit haͤtte der Geaͤchtete vielleicht ſogar die Geſell— ſchaft dieſes armen Thieres fuͤr laͤſtig gehalten, aber jezt lag in ſeinem Erſcheinen, in der freundlichen Weiſe, mit welcher er ſich als Begleiter durch den von den Soͤldnern Jacobs beſezten Wald aufdrang, etwas ſo ruͤhrendes, daß er mit Liebkoſungen bewillkommt wurde, wie ſie der Geaͤchtete nie einem lebenden We⸗ ſen zukommen ließ. Das Thier kannte ihn wohl und ſtreckte ſeine Treue am Herrn auf den Freund ſeines Herrn aus; er draͤngte ſich feſter an die Seite des Geaͤchteten, als ob er bereit ſey, ihn in jeder Pruͤfung zu unter⸗ ſtuͤzen. Das Auge des Wanderers ſtreifte abwech⸗ ſelnd von der Huͤtte zu dem Himmel, als ploͤz⸗ lich wieder ein rothes Licht durch die Luft flog und in einer von dem vorigen entgegengeſezten Richtung verſchwand. 52 „Es iſt Gefahr da,“ murmelte er,„und naͤher, als ich dachte, aber wo 2%— Der Hund ſtieß, wie zur Antwort, einen leiſen Klagelaut aus, bewegte ſich aber nicht; der Geaͤchtete blickte genau nach, um die Richtung ſeines Auges zu erforſchen, und er ſah, daß es nach einem Gebuͤſch gewendet war, das ein hundert Ellen links vom Abwege war. Er wußte, daß ex bei dem hellen Mon⸗ deuſcheine in der unvortheilhafteſten Stellung ſtand, eine Zielſcheibe fuͤr jede moͤrderiſche Buͤchſe, und noch dazu war er weder durch Mantel, noch Pilgerhaut, noch ſonſt etwas geſchuͤzt, was ſeine Identitaͤt haͤtte zweifelhaft machen koͤnnen. Das wachſame Thier knurrte wieder und krazte ungeduldig die Erde auf, ſchob die Fuͤße vorwaͤrts, warf den Kopf zu⸗ ruͤck und bog ſich wie zum Sprunge zuſam⸗ men, Der Geaͤchtete erkannte aus dieſer Be⸗ wegung, daß der Feind nahe ſey; ſeine rechte Hand hatte bereits das Schwerdt aus der Scheide gezogen und die linke nach dem Piſtol gegriffen. Ohne den Anſchein einer Flucht zu verrathen, zog er ſich hart an eine der edlen Eichen hin und blieb ſtehen, um, von dem Baume verborgen, das Gebuͤſch zu beobachten, 53 und kaum hatte er ſeine Richtung veraͤndert, als eine Kugel durch die Luft pfiff und ein Soldat aus dem Dickicht auf ihn zuſprang. Der Hund aber ſprang zur ſelben Zeit auf den Moͤrder zu und packte ihn feſt, und waͤh⸗ rend er an ſeiner Gurgel hing, hatte der Geaͤch⸗ tete Zeit, einen gellenden Pfiff zu thun, der wie der Ruf eines wilden Vogels durch die Baͤume toͤnte; zugleich legte er den Finger an den Hahn ſeines Piſtols, aber er konnte nicht losfeuern, ohne zugleich ſeinen zottigen Freund zu treffen, und dazu war er zu klug und zu dankbar. Im Nu ſprang er auf ſeinen An⸗ greifer los und der Hund warf ſich keuchend nieder, um Kraft zu einem neuen Saze zu ſammeln. Es war kein gleicher Kampf, denn ein Meuchler iſt immer feige; was auch ſeine Abſicht ſeyn mag, um das Leben eines Mit⸗ menſchen zu vernichten, ſo liegt doch immer etwas ſo Gemeines in dem Verſuch, daß der Menſch ſelbſt in ſeiner ſuͤndlichen That zuruͤck⸗ ſchaudert; uͤberdies war ſeine Kraft ſchon durch Brano's Anfall gebrochen und noch ehe er ſich erholt, war ſchon der Mann, den er beſchli⸗ chen hatte, auf ihn losgeſprungen. Trozdem war es ein grimmiger Kampf; der 54 Geaͤchtete, in ſeiner derben, nervigen Geſtalt, hatte durch die Jahre noch nicht viel an Kraft verloren, wenn auch die Behendigkeit mit der Jugend abgenommen hatte. Der geſchmeidi⸗ gere Bravo wand und kruͤmmte ſich, wie die Boa der Afrikaniſchen Waͤlder ihre Todes⸗ ringe um den kuͤhnen, entſchloßenen Loͤwen zieht. Jezt ſtand er aufrecht und begegnete dem Angriff ſeines Feindes, der mit geſchloßenem Munde und angeſpannten Muskeln, ohne ei⸗ nen Zoll zu weichen, ſeine Anſtrengungen ver⸗ doppelte, plözlich ſprang er zur Seite, um ihn im Ruͤcken zu packen, aber eben ſo leicht haͤtte er die Eiche, unter der ſie ſtanden, ent⸗ wurzeln koͤnnen. Der Geaͤchtete lachte wild auf, und warf, indem er die Bewegung ſeines Gegners benuzte, ihn auf den Grund nieder, wie ein Mann etwas von ſich ſchleudert, das zugleich gefuͤrchtet und widerwaͤrtig iſt. Waͤh⸗ rend er zuckend auf der Erde lag, ſchwang der Andere ſein Schwerdt und fuhr grimmig auf ſeinen gefallenen Feind los, aber der Schlag wurde mit ſolcher Wuth gefuͤhrt, daß voon dem naͤch lichen Schatten getaͤuſcht, die Waffe weit von ihrem Ziele tief in die Erde hinein fuhr. Er ſchaͤmte ſich offenbar ſelbſt die⸗ 5⁵ ſer ſtuͤrmiſchen Heftigkeit; denn er murmelte ein Paar Gebetesworte, waͤhrend er ſein Pi⸗ ſtol aus dem Gurte zog. Und wieder miſchte ſich der Hund in den Todeskampf und packte wieder den Feind ſeines Freundes bei der Kehle. Der Geaͤchtete kniete nieder auf die keuchende Bruſt des Soldaten, warf Brano von ſeiner Beute zuruͤck, und rief, waͤhrend das Schlacht⸗ opfer deutlich den Hahn des Gewehrs vor ſei⸗ nem Ohre knacken hoͤrte:„Flehe zum Herrn um Vergebung— die Stunde des Gerichtes iſt gekommen!“ Die Augen des Ungluͤcklichen ſtarrten graß umher, als ob ſie von irgendwo Huͤlfe erwarteten, ſeine Lippen zitterten und er faltete die Haͤnde, wie um Gnade zu flehen. In demſelben Augenblicke glitt eine Frau durch das Dickicht, ergriff die Kette, an wel⸗ cher die Pfeife des Geaͤchteten um deßen Hals befeſtigt war, warf ſie ſich ſelbſt um, und wiederholte den eigenthuͤmlichen Ton, welchen er zuerſt bei Entdeckung ſeines Feindes aus⸗ geſtoßen hatte. Sie ſchlug in wilder Luſt uͤber dieſen Ton in die Haͤnde und ſprang und tanzte in ein anderes Gebuͤſch, immer den Ton wie⸗ derholend, ſo daß das Echo des lezten noch 56 —— 4 nicht verhallt war, waͤhrend ſchon ein neuer durch den Wald klang. „Bete!“ ſagte der Geaͤchtete mit ſeiner tie⸗ fen, gedaͤmpften Stimme, waͤhrend der Hund ſtill ihm zur Seite lag, bereit, bei der gering⸗ ſten Bewegung des Soldaten wieder auf ihn loszuſpringen. Es haͤlt ſchwer, zu Gott zu beten, wenn ein ſicherer, gewaltſamer Tod von Menſchenhand uns in das Geſicht ſtarrt, und wir dann ſo mit Deutlichkeit ſehen, daß die Gewalt in der Hand unſers ſterblichen Feindes iſt, daß es nicht leicht iſt, uͤber die ſichere, vor Augen ſtehende Vernichtung hin⸗ aus zu blicken. Bitte nicht zu mir, ſondern zu dem Herrn!“ wiederholte der Geaͤchtete, aber indem er noch ſprach, rauſchte es durch das Unterholz, wie ein ſcharfer Wind, und ſeine Arme wurden ihm gewaltſam auf dem Ruͤcken gebunden, waͤhrend ein Trupp Soldaten in den Ruf ausbrach:„Lange lebe Koͤnig Jacob!“ Der niedergeworfene Soldat wurde von ſei⸗ nen Befreiern aufgehoben, aber ſeine erſte Be⸗ wegung war nicht die des Dankes, denn er ſtuͤrzte auf einen Kameraden zu, der etwas vorgetreten war, und rief, indem er ihn heftig beim Kragen ſchuͤttelte: 57 „Du feiger Schurke! Mich in den Klauen des Todes zu laßen, waͤhrend Du dort unter dem Baume lagſt— ich konnte Deine Muͤze ſchimmern ſehen. Du ſollſt mir nie wieder ſo kommen!“. „Hand los, Pakihn,“ ſagte ein Anderer; „Zill iſt ein guter Kerl auf dem Marſche und tapfer beim Braten; flucht wie einer, der nicht Gott und Teufel fuͤrchtet und iſt beim Pluͤndern und Schwaͤrmen der Teufel ſelber. Nein, laß ihn gehen. Der Eine fuͤrchtet ſich vor dem, der Andere vor etwas Anderm, und Bills Mutter entſezte ſich vor Pulver, darum kann er's noch nicht riechen— das iſt alles.“ „Hallo, Bill!“ ſagte ein Dritter, indem er von ſeiner Beſchaͤftigung aufſah, denn er band eben einen Strick feſt um des Geaͤchteten Arm.„Hallo, ſteh feſt. Was ſchwankſt Du denn wie ein Betrunkener?“ „Pakihn, mein Herz, Du haſt den Bur⸗ ſchen zu hart behandelt; haͤtte er uns nicht hier⸗ her gebracht, ſo waͤre Dir nicht geholfen worden, und Du biſt ja nicht todt und den Schelm haben wir auch in Sicherheit.“ „In Sicherheit!“ wiederholte der Sergeant. X 58 nja endlich haben wir ihn ſicher;“ und er blickte boshaft auf die feſte wuͤrdevolle Geſtalt des Mannes hin, den er mit ſo bitterer Feindſchaft verfolgt hatte. Sicher! Aber was habe ich da⸗ von?“ „Was Du davon haſt?“ wiederholte der Andere.„Ich will Dir ſagen, was; einen Sack Geld fuͤr uns; ein Goldſtuͤck fuͤr jeden Tropfen Blutes, der ſein Schaffot benezt.“ „Schaffot!“ knurrte der Sergeant.„Schaf⸗ fot! Da gehoͤren Maͤnner hin, aber nicht Aas. Ich ſchwoͤre zu Gott und zur Jungfrau, daß er an dieſem Baume haͤngen ſoll und dann—— Aber wozu ihn haͤngen? Wir haben ſchon lange nicht Oberſt Kirkes Spiel geſpielt; wir wollen ihn auf den Fleck ſpießen; ein Kopf wird uns auf unſerm Marſche nach Hounslow weniger belaͤſtigen, wenn er keine lebendige Zunge mehr in der Kinnlade hat, und die Be⸗ lohnung bleibt dieſelbe. Wir brauchen nur zu erklaͤren, daß wir ihn nicht lebendig fangen konnten. Wer kann nein dazu ſagen?“ „Ich nicht!“ erwiederte der feige Schurke, der jezt, da die Gefahr voruͤber, wieder in die Fußſtapfen ſeines Patrones trat,„ich nicht.“ „Ihr nicht, verdammte Schlange,“ wieder⸗ 59 holte jener.„Ihr fraͤßet lieber todte Ratten, ehe Ihr Ench an lebendiges Wild machtet, von wegen der Gefahr. Wagt Ihr es, ihm einen Stich zu verſezen, oder ihm eine Kugel in den Leib zu jagen, ſo haͤnge ich euch an den naͤchſten Baum; in Dein Loch zuruͤck, Du Hund; zuruͤck, ſage ich, oder bei Gott—“ „Ich bin nicht ſehr bedenklich,“ ſagte ein Graukopf von Soldat,„aber es koͤmmt mir doch wie Mord vor, wenn wir dieſen Mann hier ohne Ordre erſchießen.“ „Mord! Ich hab meine Lebtage nicht ge⸗ hoͤrt, daß einen Kezer toͤdten ein Mord iſt. Es iſt verruͤckt, dabei von Mord zu ſprechen,“ ſagte ein anderer, dem der Blutdurſt auf der Stirn geſchrieben ſtand. „überdies,“ fuͤgte der Sergeant hinzu, „iſt er uns ſchon ſo oft entwiſcht; er kennt die ſchwarze Kunſt und kann ſich in ein Thier ver⸗ wandlen oder in...“ „Schlagt ein Kreuz, wie ein guter Katho⸗ lik, wenn Ihr von ſo etwas ſprecht,“ unter⸗ brach ihn ein vierter.„Ihr habt keine Reli⸗ gion in Euch, Pakihn.“ Der Sergeant be⸗ kreuzigte ſich, laͤchelte aber in der Dunkelheit der Nacht ungeſehen, hoͤhniſch dazu. Der Streit 60 der Soldaten, ob der Ungluͤckliche nach dem Hauptquartier gebracht, oder auf der Stelle abgefertigt werden ſollte, drehte ſich bloß um die Berechnung, was das meiſte Geld und die geringſte Gefahr zur Folge haben wuͤrde. Daruͤber waren ſie einig und aͤußerten es auch laut, daß der lebendige Geaͤchtete ihnen mehr werth ſeyn wuͤrde, aber die meiſten fluͤſterten wieder davon, wie leicht eine Flucht moͤglich, und wie es wahrſcheinlich ſey, daß, da ſie keinen Augenblick glaubten, daß das Feuer aus Zufall entſtanden ſey, man einen Verſuch zu ſeiner Rettung machen wuͤrde. Kein Tieger duͤrſtete mehr nach dem Blute des Indiers, als der Sergeant nach dem Tode ſeines Gefan⸗ genen, aber in dem Augenblick, als er mit geſchwungenem Schwerte auf ſeine Beute ſtuͤr⸗ zen wollte, war der ganze Trupp von Foͤr⸗ ſtern und einigen derer, welche wir in der Waldhuͤtte geſehen, umringt. Der Sergeant war jedoch zu ſehr von Mord⸗ luſt ergriffen; ſein Rachedurſt hatte die Hoͤhe erreicht, wo man ſich um das eigene Schickſal nicht kuͤmmert, wenn man nur ſeine Wuth kuͤhlen kann, und nur ein Wunder khaͤtte noch den Geaͤchteten retten koͤnnen, waͤre es nicht 61 der Wille des Allmaͤchtigen geweſen, ihn durch die ſchwache Hand eines halb aberwizigen Maͤdchens zu befreien, das ſo kuͤhn durch den Wald gerufen hatte, um ſeine Freunde herbeizurnfen. Oft ſcheinen die Verruͤckten mit einem Inſtinkte begabt, der ihre natuͤrliche Schwaͤche mehr als erſezt. Froh der Aufre⸗ gung, die ſie bewirkt und uͤberzeugt, daß ei⸗ ner, den die Arme geliebt hatte und noch liebte, an dem erneuten Tumulte Intereße naͤhme, ſtahl ſie ſich unbemerkt zu dem Flecke zuruͤck und da ſie den Geaͤchteten, den ſie mit aber⸗ glaͤubiſcher Verehrung zu betrachten gewohnt war, an denſelben Baum gebunden ſah, un⸗ ter dem er eben noch auf ſeines Gegners Bruſt gekniet hatte, ſchnitt ſie geſchickt den Strick durch, noch ehe die Foͤrſter auf die Soldaten losſtuͤrzten und gab ihm ſo die Frei⸗ heit zuruͤck, die er, wie ſie wußte, wohl be⸗ nuzen wuͤrde. Es war damals noch eine Zeit des Aber⸗ glaubens, und der regierende Koͤnig ſelbſt glaubte an uͤbernatuͤrliche Kraͤfte, und zwar mit vollem Ernſte, nicht daß bloß ſein Herz ſich zu ſolcher Meinung hingeneigt, und der Kopf ſich dagegen empoͤrt haͤtte. Und uͤberdies 52 war es eine Epoche, wo das Volk ſich noch in ſeinen Gedanken nach dem Hofe richtete. Der Geaͤchtete ſelbſt war ſich's kaum bewußt, wie er erloͤſt worden, aber er fuͤhlte, daß die Bande von ſeinen Haͤnden ſielen, er ſah be⸗ kannte Geſichter durch die truͤben Nachtſchat⸗ ten und er ſprang im Mondenlicht, das eben hinter einer Wolke hervortrat, frei wie ein Waldſtrom dahin. Der Sergeant blieb, als er ſeinen Feind befreit ſah, ſtarr vor Staunen ſtehen. So kurz dieſe Pauſe war, wurde ſie doch unſelig fuͤr ihn, denn die Art eines Foͤrſters ſchmetterte ihn zu Boden, und gleich darauf wurde das Handgemenge allgemein, Englaͤnder gegen Englaͤnder, in einem Kampf auf Leben und Tod. Der ſtattliche Sir Patrick Hume, der weiſe im Rathe, heiter wie einer in froͤhlicher Ge⸗ ſellſchaft und mannhaft im Streite war, draͤngte ſich kuͤhn an die Seite ſeines Freundes, der be⸗ reits einem der Forſtleute eine Waffe entrißen hatte. „Ich bin hier,“ fluͤſterte er;„Muth gefaßt!“ Zuerſt miſchten ſich noch Worte in den Kampf— Fluͤche, Verwuͤnſchungen und Lo⸗ ſungsworte, aber je mehr der Tod wuͤthete, 63 deſto tiefer wurde die Stille, nur durch das Krachen einer Piſtole oder Flinte, oder das Kniſtern des Geſtraͤuchs unterbrochen, wenn Koͤrper auf Koͤrper ſchwer daniederfiel, um nicht mehr aufzuſtehen. Der Geaͤchtete ſelbſt war wie der Todesengel, grimmig und furcht⸗ bar; das Blut, das ihm kalt um das Herz geſtockt hatte, als er einem ſchimpflichen Tode entgegenſah, ſtroͤmte jezt wild nach dem Kopfe, und je vernichtender der Kampf wurde, je mehr Kraft ſchien er bei jedem Streiche, den er fuͤhrte, zu gewinnen; er war der ſchreckliche Geiſt der Rache, aber einer, die nicht voruͤber⸗ zieht. „Sie ſind faſt alle todt oder zerſtreut,“ ſagte Sir Patrick, ihn beim Arme ergreifend; „laßt uns die Zeit benuzen, die uns gegoͤnnt iſt, denn es ſind Truppen um uns her, und trifft man uns von neuem, duͤrfte unſer Leben keinen Heller werth ſeyn. Kommt fort und laßt die Forſtleute das Gefecht beenden.“ „Siehe!“ antwortete er, in ſeinem Fanatis⸗ mus nicht an die perſoͤnliche Gefahr denkend, I„der Herr hat die Papiſten in meine Hand gegeben, niederzuſchlagen, zu raͤchen und zu vernichten!“ 64 „Aber er hat auch,“ ſagte Sir Patrick,„uns den Weg zur Flucht angezeigt. Was wird der Sache mehr nuͤzen— wenn wir hier bleiben, und die Rolle von Fleiſchern gegen ein Paar arme Teufel von Soldaten uͤben, die nur ihre Pflicht thun— oder wenn wir dahin eilen, wo wir die ſtuͤrzen koͤnnen, deren Thaten ge⸗ waltig und boͤſe ſind? In zwei Stunden iſt die ganze Gegend voll Waffen!“ Das war die einzige Art, wie er Wirkung erwarten konnte, und wirklich waren Beide ſchon nach einigen Minuten auf ihrem Wege. Ploͤzlich blieb der Geaͤchtete ſtehen und tiefse „Der Hund!“ „Der Hund?“ wiederholte Sir Patrick; „welcher Hund?“ „Sir Everards,“ antwortete er,„Sir Everards edler Hund; ohne ihn waͤre ich kal⸗ ten Blutes ermordet worden. Ich muß zurüuck nach ihm gehen.“ „Seyd Ihr toll,“ ſagte Sir Patrick,„daß Ihr ſo von Hunden ſprecht, nachdem Ihr ſelbſt eben faſt den Tod eines Hundes geſtorben waͤret. Nein, wenn Ihr muͤßt, ſo gehe ich mit.“ „Wer, außer einem Hunde, haͤtte ſo viel fuͤr mich gewagt?“ „Ich danke Euch,“ erwiederte ſein Freund verdrießlich und murmelte dann vor ſich hin: „Es reitet ſich ſchlecht auf dem Ruͤcken des Wirbelwindes.“— Die Gefahr der Ruͤckkehr wurde ihnen jedoch erſpart, denn das kluge Thier, das vermuthlich ahnte, daß noch nicht alle Gefahr voruͤber ſey, folgte ihnen dicht auf dem Fuße. „Wir muͤßen jedenfalls auf Kegend eine Art ihn vor morgen los zu werden ſuchen,“ ſagte Sir Patrick.„So edel Sir Everards Hund auch ſeyn mag, duͤrfen wir ihn doch nicht in nnſerm Gefolge behalten.“. „Nein, ich will ihn nach Sydney⸗Luſt ſchicken.“ Vertraut ihn der tollen Eilly, die heut Nacht ſo gut die Heldin geſpielt hat; ich wette, wir treffen ſie. „Gott, ich danke Dir!“ rief der Schwaͤrmer im Weitergehen und indem er dabei ſeine Pi⸗ ſtolen unterſuchte und ſein Schwert uͤber die linke Schulter warf, um es zum Kampfe bereit zu haben.— Gott, ich danke Dir! Denn Du wirkſt Wunder durch den Hauch Deiner Naſe. Ein unverſtaͤndiges Thier und ein wahnſinniges MNaͤdchen, deßen Herz zerfreßen iſt von dem Ausſaze der Suͤnde— waren Deine Diener.“ II, 5 66 „Sprecht nicht ſo laut!“ fluͤſterte ſein vor⸗ ſichtiger Gefaͤhrte;„ſprecht nicht ſo laut, und was die arme Cilly betrifft, ſo darf ich behaup⸗ ten, daß ihr Herz ſo rein iſt, wie manches, das unter einem ſeidenen Mieder ſchlaͤgt. 67 Viertes Kapitel. Die Welt muß jemand haben, dem die Laſt Sie auflegt ihrer vorwurfsvollen Klagen; Auf deßen Thun die Ungluͤcklichen ſchmaͤh'n, Als ſey allein er Schuld an ihren Plagen: Wenn ſchon vielleicht er dieſes Stromes Lauf Nicht hemmen konnte oder Huͤlfe bringen; Weil er im Angeſicht des Handelns lebte, es Nicht hindernd, muß des Ungluͤcks Schuld er tragen. Daniel. D raurig und troſtlos genug war Sir Everards Reiſe nach London geweſen. War das Land nicht in offenem, entſchiedenem Aufſtand fuͤr oder gegen einen der fuͤrſtlichen Nebenbuhler, herrſchte doch uͤberall der Argwohn, und uͤberall ſah man in den Straßen der Staͤdte Gruppen von 68 Frauen und Maͤnnern, die Neuigkeiten erzaͤhl⸗ ten oder vernahmen. Hinter jedem Huͤttenfen⸗ ſter ſah man neugierige Geſichter, ſo wie ein Wagen oder ein Pferd ein Dorf paſſirte; und vor den Schenken und Schmieden draͤngten ſich die Haufen der Landleute, die uͤber die Artikel einer Zeitung debattirten, die der Gelehrteſte von ihnen vorzuleſen bemuͤht war. Die Kinder ſelbſt ſpielten nicht mehr, und ihre Geſpielen, die Dorfhunde, ſaßen ernſthaft im Sonnenſcheine, bis ſie gelegentlich mit großer Erbitterung die Soldaten aubellten, welche faſt immer in gro⸗ ßen Detaſchements laͤngs der Straße hinzogen; wofuͤr die armen Thiere jedoch ſo gepruͤgelt und geſchimpft wurden, daß ſie zulezt kluͤger wurden und den Zug der Feinde hoͤchſtens mit einem unterdruͤckten Knurren begleiteten. Sir Everard glaubte das Land nie ſo zu ſeinem Nachtheile geſehen zu haben, ſogar die Voͤgel waren aus den Hecken verſchwunden; und in jeder Stadt ruͤſtete man ſich zum Kriege. Schreckenvoller Buͤrgerkrieg! Wenn Freund ſich gegen Freund, Bruder gegen Bruder waff⸗ net. Wenn der Daͤmon einen zehnfachen Fluch ausſtreut und, was immer graͤßlich iſt, zum Scheußlichen verwendet, da weder Ehre, noch 69 Sicherheit, noch Ruhm zu erlangen iſt; daß der Sieger den Sieg beweinen muß, der ihm lang geliebte Zuͤge von Schwertern zerfleiſcht zeigt, die der Todte vielleicht als Andenken ſeiner Zaͤrtlichkeit dem Lebenden geſchenkt hat. Solche Ereigniße ſind zum Gluͤck jezt nur Sache der Vorzeit; moͤgen ſie es in Ewigkeit bleiben!. Nach ſeines Vaters Verhaftung war Baſtl zum Koͤnige geeilt, und Culthbert Raymond liebte ſeinen Freund zu ſehr, um ihn allein ziehen zu laßen. Lady Sydney ſchrieb, nachdem ſie den ſchicklichen Verſuch gemacht hatte, ih⸗ ren Gatten zu begleiten, einen Brief an die Koͤnigin und blieb in Sydney⸗Luſt, wo ſie ſich dem Gebet und dem Faſten ergab, bis ſie durch Vater Frank daraus aufgeſtoͤrt wurde, der ihr die Nachricht brachte, daß Roſalinde und ihre Amme ſich aus der St. Marien Priorei entfernt haͤtten. Dies ſezte ſie dermaßen in Stau⸗ nen, daß ſie den Tag darauf, obgleich das Feuer noch im Unterholz und im Haidekrant loderte, ſich nicht abhalten ließ, das Kloſter ſelbſt zu beſuchen. Hier blieb ſie zwei Tage, waͤhrend deren keine Spur von den Fluͤchtlin⸗ gen zu erhalten war; darauf kehrte ſie zuruͤck nach Sydney Luſt, aber nicht allein, ſondern in Geſellſchaft von Margaretha Raymond, der erklaͤrten Feindin der armen Roſalinde. Das junge Maͤdchen hatte ſich ſo geſchickt benommen, daß ſie in der Stunde, wo Lady Sydney ſie um Roſalindens Leben und Flucht befragte, die Mutter Baſils dergeſtalt bezaubert hatte, daß die Abtißin ſich bewegen ließ, Margare⸗ then einen Aufenthalt von einigen Wochen in Sydney Luſt zu geſtatten. Wenn man Jemand einen Dienſt leiſtet, und es iſt ihm nicht das Gefuͤhl angeboren, wel⸗ ches den rechtlichen Karakter beſtimmt, eine freiwillige Wohlthat ſiebenfach zu vergelten, ſo bemuͤht er ſich, die Erinnerung an das Gute zu verwiſchen und ſein Gefuͤhl ſo herauf zu ſchrauben, daß er ſich ſogar fuͤr beleidigt haͤlt — ſein Stolz empoͤrt ſich, wenn die Dankbar⸗ keit ihn nicht unterjochen kann, und darum muß ein wohlwollender Mann auf Wunden rechnen„ wo er Kuͤße verdient, und darum erwartet der Weiſe fuͤr fuͤnf Dienſte noch nicht Einen Dank. Margaretha Raymond fuͤhlte, daß ſe Ro⸗ ſalinde Sydney weh gethan, und da ihr Herz nicht ſchwach, ſondern boͤs war, ſo haßte ſie 71 die, welche ſie gekraͤnkt hatte. Roſalinde hatte wenig zu geben, und doch haͤtte ihr Marga⸗ retha dankbar ſeyn ſollen, denn Roſalinde hatte ihr die Perle ihrer Freundſchaft in das Gold uneigennuͤziger Hingebung gefaßt gegeben; ja, das aufrichtige Maͤdchen baute ſo feſt auf ihre Ehre, daß ſie ihr einen Brief ſchrieb, in wel⸗ chem ſie den Grund ihrer Abweſenheit erklaͤrte, und auseinanderſezte, wie und warum ſie ent⸗ flohen ſey. Dieſe Beichte(wie Alice es nannte) ſchickte ſie ihr durch ihre Amme zu; aber die⸗ ſes Weib beſaß den Irlaͤndiſchen Scharfſinn, vermoͤge deßen ſie in Margarethens Karakter mit einer Richtigkeit las, die ſelbſt Lady Syd⸗ ney uͤberraſcht haͤtte, obgleich dieſe auf ihr Ver⸗ moͤgen, die verborgenſten Falten des menſch⸗ lichen Herzens zu erkennen, nicht wenig ſtolz war. Alice bewies ihre Klugheit dadurch, daß ſie, ſtatt den Brief zu uͤbergeben, ihn in das Feuer warf, und ſo Roſalindens Flucht moͤg⸗ lich machte. Margaretha hatte noch einen andern Grund. ihre arme Freundin zu haßen; ſie war, wenn auch unbewußt, ihre Nebenbuhlerin. Es be⸗ durfte nicht des Verkehrs einer langen, beſtaͤn⸗ digen Freundſchaft, um in dem uͤbelberathenen 722 Herzen Margarethens ein leidenſchaftliches Ge⸗ fuͤhl zu erwecken. Sie hatte ſo viel von Baſil Sydney, noch ehe ſie ihn geſehen, von ſeiner Klugheit, Tapferkeit und Schoͤnheit gehoͤrt, daß ſie ſchon darauf vorbereitet war, ihn zu lieben— ſie liebte ihn wirklich, ehe ſie ihn ſah. Sie hatte auch von ſeinen Guͤtern gehoͤrt; doch muß man ihr die Gerechtigkeit widerfahren laßen, daß ſie, wenn auch ſtolz, rachſuͤchtig, leidenſchaftlich und ehrgeizig, ſich doch nicht erkaufen ließ; ſie wollte wohl gern die Ehre haben, dem Haufe Sydney vorzuſtehen, kuͤm⸗ merte ſich aber nicht um deßen Reichthum. Als ſie zuerſt mit Roſalinde bekannt wurde, wuͤnſchte ſie faſt, daß der Fluch unehrlicher Geburt nicht auf ihr geruht haͤtte, denn dann durfte ſie ſie Schweſter nennen. Auch hatte ihr Bruder ihr oft geſagt, wie ſehr, wie wahr⸗ haft er ihre Freundin bewundere; aber ſie ſah, daß noch ein anderer ſie bewundere, der nur Augen und Ohren und ein Herz fuͤr Roſalinde hatte. Sie blickte auf die bluͤhende Wange, die ſchwellende Lippe, die ſchoͤne weiße Stirne, das glaͤnzende Haar, und hoͤrte auf den vol⸗ len Wohllaut der Stimme, und ſie ſchwur ei⸗ nen bittren Eid, daß ſie, ſelbſt auf Koſten » 73 ihrer ſelbſt, wenn nicht die Liebe, das Leben dieſer beiden Verwandten verderben wuͤrde. Sie ſuchte nicht, wie die Jugend zu thun pflegt, ſich zu uͤberreden, daß die beabſichtigte Suͤnde keine Suͤnde ſey; im Gegentheil, ſie wußte, daß ſie eine Suͤnde begehe, aber die Gewalt der Eiferſucht war ſo groß, daß ſie alles zu thun beſchloß, was ihre Nebenbuhlerin vernich⸗ ten konnte; ſie blickte unerſchuͤttert, wie Sa⸗ tan, in den Abgrund ihrer eigenen Hoͤlle und ſagte: Wenn auch der Himmel mich verlaͤßt, hier triumphiere ich. Sie war jezt allem Anſchein nach auf beſtem Wege, ihr Ziel zu erreichen: Roſalinde war aus dem Kloſter entwichen und ihrer Flucht ein ganz falſcher Beweggrund untergeſchoben worden; denn ſie wurde der Lady Sydney als ein ſittenloſes Geſchoͤpf geſchildert, welches das Heilige aufgiebt, um zu dem Schlechten uͤber⸗ zugehen; und Margaretha verfehlte nicht, dies mit dem gehoͤrigen Schmerze und mit der Ve⸗ hauptung beizubringen, daß ihre theure Freundin eines ſolchen Benehmens unfaͤhig ſey, daß die Sache zwar einen garſtigen Anſchein habe, aber ſie ſey doch uͤberzeugt— ſie hoffe— ſie wiße gewiß, es ſey nichts Unrechtes geſchehen, *† 74 und jemand, der die Tugend in ſolcher Voll⸗ kommenheit, wie bei Lady Sydney geſehen, koͤnne nicht ſo irren; zwar habe ſie von aͤhn⸗ lichen Faͤllen geleſen, doch glaube ſie nicht an die Wahrheit ſolcher Geſchichten. Solche Re⸗ den machen die Verlaͤumdung ſchmackhaft. Miß Raymond haͤtte in ihrer Eiferſucht viel⸗ leicht gefuͤrchtet, daß Roſalinde zu ihrem Couſin geflohen ſey, wenn ſie nicht die hohe Reinheit ihres Geiſtes gekannt haͤtte. Margaretha, de⸗ ren Verſchlagenheit weit uͤber ihre Jahre reichte, hatte ſie in jedem Punkte ausgeforſcht und ihre Schwaͤche mit einem Geſchick erkundſchaf⸗ tet, der einem Advokaten Ehre gemacht haͤtte. Aber alle ihre Kunſt war hier verſchwendet; Roſalinde hatte keine Ahnung von boͤſen In⸗ trigen, Plaͤnen, oder Gedanken; ſie liebte die Wahrheit um ihrer ſelbſt willen, und Mar⸗ garetha fuͤhlte ſich faſt verſucht zu glauben, daß ihre Freundin entweder eine Naͤrrin, oder noch eine groͤßere Schelmin ſey, als ſie ſelber. In jeder andern Zeit wuͤrde Roſalinden's Verſchwinden eine furchtbare Unruhe im St. Marien⸗Kloſter verurſacht haben; aber die Ver⸗ haͤltniße hatten ſich geaͤndert. Man hatte zu viel mit ſich zu thun und Lady Maxy Powis, 7⁵ deren Verbindungen mit dem Auslande ſie in Stand ſezten, genau zu wißen, was jenſeits der See vorging, ſah mit Schrecken, daß der Einfluß Jacobs nicht bloß abwaͤrts glitt, ſon⸗ dern ſtuͤrzte; ſie ſchaffte daher das Geld und die Juwelen des Kloſters nach Frankreich, wo ſie mit ihren Nonnen Zuflucht ſuchen wollte, wenn der Proteſtantismus den mit Kummer vorhergeſehenen Sieg davon getragen haben wuͤrde. 8 Es hat mir immer grauſam geſchienen, wenn man religioͤſe Anſtalten zerſtoͤrte, wo hun⸗ derte von trefflichen, wohlgeſinnten und from⸗ men Frauen Beſchaͤftigung und Ruhe finden. Die Ruͤzlichkeit, das beſcheidene und aufopfernde Wohlwollen ihres Strebens, ihre reine Froͤm⸗ migkeit, die auf Irrthum beruhen mag, die ſie aber fuͤr gut und richtig halten, ſollte ſie in Zeiten der Gefahr ſchuͤzen. Wenn wir im Schimmer eines gereinigten Lichtes glaͤnzen, ſo ſollte dies uns lehren, nur deſto guͤtiger gegen anders Glaubende geſinnt zu ſeyn, und wir ſollten das Zerſtoͤren und Ausrotten dem Herrn uͤberlaßen. Das Gebet der Maͤchtigen ſollte immer ſeyn: Halte von mir den Geiſt der Verfolgung! 2 Wir haben ſchon zu lang Roſalinde Sydney verlaßen. Als ſie erwachte und ſich allein mit ihrer Amme fand, beſchwor ſie ſie von neuem auf das dringendſte, die Hoffnungen, welche in ihrer Bruſt erwacht waren, zu befriedigen oder zu vernichten. Anfangs war Alice ſtill und verdroßen; als Roſalindes Draͤngen aber immer heftiger wurde, rief ſie heftig: „Ihr quaͤlt mich um der Hirngeſpinnſte ei⸗ nes Wahnſinnigen willen. Habt Ihr nicht ge⸗ ſehen, daß er verruͤckt iſt? Alles fuͤr wahr zu halten, was ſo ein wilder Waldmenſch ſchwaͤzt und dann uͤber mich herzufallen! Du Gott! Was haͤtte ich denn fuͤr ein Intereße daran, Euch zu etwas anderm zu machen, als zu was Ihr geboren und von Gott beſtimmt worden? Wie?“ „Aber er kannte meinen Vater— o begreifſt Du das! Er kannte meinen Vater! Er war ſein Freund! Sie liebten ſich! Und meine Mutter— Du willſt nie von meiner armen Mutter ſprechen, Alice, und doch wie haͤtte ich ſie verehrt! Der Kuß einer Mutter! Alice, ſag' mir, hat ſie mich je gekuͤßt! Alice, Alice, draußen, unter dieſem Fenſter ſah ich eine Henne mit ihrer jungen Brut, und als wir eintraten, ſtoͤrten wir ſie von ihrem Neſte auf, und o! wie ſammelte ſie die armen zirpenden Dinger unter ihre Fluͤgel und wie blickten ſie nach ihr um Schuz. Ach, ich bin ſchlimmer daran geweſen, als dieſe Kuͤchlein; ich hatte keine Mutter, mich zu huͤten. Der Schuz von Frem⸗ den iſt zu heiß oder zu kalt fuͤr ein junges Ding. Mutterliebe haͤlt uͤberall das rechte Maß. Und wenn ſie geſuͤndigt hat— und ſie hat es ohne Zweifel— ſo ſtel doch die Strafe ſchwer auf ihr Haupt. Nein, Alice, Du mußt nicht ſo truͤbe ausſehen; ich wollte Dich nicht ver⸗ lezen, gute Amme; Du warſt mir Alles, nur keine Mutter, und doch wie Unendliches liegt in dieſem einen kleinen Worte— welch tiefes Gefuͤhl!— alles, nur keine Mutter! Ich muß dieſen Mann wiederſehen!“ rief ſie nach einer Pauſe, von ihrem rauhen Lager aufſpringend. „Alice, glaubſt Du, daß die Foͤrſterin weiß, wo er iſt?“ Alice Murrough gerieth in Angſt, daß der Kopf ihrer jungen Gebieterin angegriffen ſey, und ſie ſuchte ſie zu beruhigen. „Sag' mir die Wahrheit,“ antwortete ſie, ihr feſt in das Geſicht blickend;„ſag' mir die Wahrheit und dann will ich ruhig ſeyn. Be⸗ 78 denke, daß wenn Du jezt mich hinhaͤltſt, alle Bande zwiſchen uns zerrißen ſind. Ich bin kein Kind mehr— das Herz zerſpringt mir, mein Blut kocht— ſprich die Wahrheit!“ „Ich habe nichts zu ſagen; ſey ruhig, mein Engel⸗ bis wir nach London kommen, dort muͤßt Ihr mit Eurem Oheim reden.“ „Was kann mein Oheim wißen, das ich nicht auch wuͤßte? Er iſt zu aufrichtig, um taͤuſchen zu koͤnnen. Alice, Alice, die Luͤge iſt auf Deine Stirn gedruͤckt und verdunkelt Deine Lippen.“ Wie lange Roſalinde noch gebeten und welche Wirkung es hervorgebracht haben moͤgte, wißen wir nicht, denn ploͤzlich ſchallte der gelle Pfiff, von dem wir bereits erzaͤhlt, durch die Huͤtte und die Foͤrſterin rief ihrem Manne zu, er ſolle aufſtehen. In dem anſtoßenden Zimmer wurde es laut und zulezt ſteckte die Matrone ihren Kopf in die kleine Kammer und ſagte der Amme, ſie moͤgte nicht erſchrecken, wenn es Tumult auf dem Huͤgel geben ſollte, denn es waͤre ſchon ein Zeichen von Gefahr gegeben worden, und ſie und ihr Knabe thaͤten beßer aufzuſtehen, da ſie vielleicht bald hinaus muͤß⸗ ten. Gefahr und Aufregung thut dem von haͤus⸗ lichen Leiden niedergebeugten Geiſte wohl und Roſalinde fuͤhlte eine Art Erleichterung, als ſie das Fenſter oͤffnete und die kuͤhle Mitter⸗ nachtluft mit ihren erfriſchenden Duͤften ihre Stirn umſpielte. Das wachſame Huhn, welches Roſalinde bemerkt hatte, war ſchon munter und beſchwichtigte mit leiſer Stimme ihre Kuͤch⸗ lein; die Voͤgel flatterten unruhig im Dickicht, als ob auch ſie von dem Laͤrm, der den Foͤr⸗ ſter mit ſeiner Flinte aus der Huͤtte trieb, aufgeweckt worden waͤren. Jezt toͤnte die Pfeife wieder nah und dann weiter, immer weiter im Walde. „Der Teufel iſt im Winde,“ ſagte die Foͤr⸗ ſterin, die vor dem Fenſter ſtand und geſpannt horchte;„der Teufel iſt im Winde oder die tolle Eilly hat da gepfiffen. Was muß er denn vorgehabt haben, daß er ſie zu ſo etwas ge⸗ laßen hat, die wilde Kaze mit einer Pfeife im Munde.“ „Und wer iſt die Cilly?“ fragte Roſalinde. „Man hoͤrt wohl, daß Ihr fremd hier herum ſeyd,“ antwortete das Weib,„ſonſt wuͤrde ein Junge wie Ihr, die tolle Eilly ken⸗ nen— die ſchoͤne Caͤcilie Maynard, die Blume des Forſtes, deren Schoͤnheit der halben Ge⸗ 80 meinde das Herz gebrochen und ihr ſelbſt den Kopf verruͤckt hat. Der Himmel bewahre mein Kind vor Schoͤnheit, ſage ich; obgleich manche es huͤbſch nennen, aber ſchoͤn iſt, wer ſchoͤn handelt. In was hat ihr ihre Schoͤnheit ge⸗ nuͤzt? Sie war ein Fluch fuͤr ſich und fuͤr je⸗ den, der ſie liebte. Und nun treibt ſie ſich mit einer Bande von Poßenreißern oder Taͤnzern herum und geht, ein anſtaͤndiges Weib ſchaͤmt ſich, nur davon zu ſprechen, in Hoſen und Stiefeletten. Wenn man denkt, daß ein Weib etwas anderes tragen kann, als einen ſteifen, wollenen, beſcheidenen Unterrock! Ach, da ſieht man, was der Papismus thut. Aber ſie ſagen, in Rom truͤge der große Papſt ſelber, obgleich er ein Mann iſt, lange Unterroͤcke, und die papiſtiſchen Frauen gingen in Leder wie un⸗ ſere Maͤnner. Ich wußte, es wuͤrde etwas ſezen,“ rief ſie, als ein Schuß durch das Holz krachte, und bald darauf wieder einer und noch einer. „Mein armer Robert! Aber ich weiß, er wird nicht zu hizig drein gehen. Ich denke, ich krieche ein wenig herauf und ſehe zu, ob er mich hoͤrt.“ Und fort ging ſie in das Dickicht und ließ Alice und Roſalinde im ruhigen Beſiz der Huͤtte. Sie kehrte jedoch bald zuruͤck, ſchuͤrte 81 das Feuer und bereitete Eßen und als Roſa⸗ linde ſchuͤchtern fragte, ob ſie wiſſe, was vor— gegangen ſey, antwortete ſie, daß es ohne Zweifel Leute ſeyen, die dem Geaͤchteten auf der Faͤhrte waͤren.„Harte Zeiten, fuͤgte ſie hinzu;„man kann nicht im Bett liegen und nicht eßen, wie Chriſten. Aber die Zeiten wer⸗ den beßer werden!“ In demſelben Augenblick kam ihr Mann mit einigen andern Forſtleuten herein, einige verwundet und blutend, aber alle in einem Zuſtande der groͤßten Aufregung. Und nun wurde mit haſtigen Worten der ganze Vorfall beſprochen, wie der Geaͤchtete ange⸗ fallen worden war, obgleich ſeine Freunde und Anhaͤnger durch die Anzuͤndung des Hol⸗ zes eine Diverſion zu ſeinen Gunſten zu ma— chen geſucht haͤtten, wie ſie rothe Lichter auf⸗ geworfen, um ihn zu warnen; wie der Teufel in Cilly gefahren ſey, daß ſte durch den Forſt getanzt haͤtte, gleich einem Irrlichte, und wie — hier wurde leiſer und mit ehrfurchtsvoller Scheu geſprochen— und wie ſie glaubten, daß eine heilige Macht die Bande des Geaͤch⸗ teten geloͤſt und wie er, nicht mit einem Arm von Fleiſch, ſondern mit einem feurigen Schwerte gefochten habe. II. 6 82 Sie ſprachen dann in Zeichen, welche Roſa⸗ linde nicht verſtehen konnte, aber es handelte ſich von Gefahren, von Prinzen und Schiffen und Soldaten, und endlich ſank ſie wieder in einen tiefen erguickenden Schlummer. Fünktes Kapitel. Glaub' nicht an Eide, noch Betheurungen Den Hofling laß in Schwuͤren ſich ergehn, Das Herz liegt weit bei ihm ab von der Zunzge. „Glaub ihm beſonders nicht, wenn er mit Eiden Dich ſchreckt, denn dann iſt er am falſcheſten. . Sylveſter. „Gott ſegne den Jungen, was er geſund ſchlaͤft!“ rief die Foͤrſterin am andern Mor⸗ gen, als ſie auf die geroͤtheten Wangen des verkleideten Maͤdchens blickte. Alice Murrough, die laͤngſt wach war, ſaß an ihrer Seite und betete ihren Roſenkranz ,„ den ſie jedoch beim Eintritt der Frau verbarg, da ſie aus ihren 84 geſtrigen Anſpielungen auf den Papismus, de⸗ ren Meinung daruͤber leicht errathen hatte. „ Iſt's Euer Sohn?“ fragte ſie, ſie ſcharf anſehend. „Die Kraͤhe legt keine Taubeneier,“ er⸗ wiederte Alice ſpiz,„und der Schwarzdorn traͤgt keine Johannisbeeren.“ „Aber wollt Ihr ihn nicht wecken,“ fuhr das Weib fort;„die Sonne ſteht hoch und man ſagt, der ganze Forſt werde unter Kriegsgeſez geſtellt werden, was, wie mein Mann ſagt, ein ſchrecklich Ding ſeyn ſoll, das die Leute am Gehen und Schlafen hindert und die Leute beim Laͤuten einer Glocke ſich zu Bett zu legen zwingt, wie es unter einem gewißen Koͤnig Sitte war; ich glaube unter dem, der dort von einem Pfeil erſchoßen wurde, aber ich weiß es nicht gewiß.“ „Still, Frau, ſtill, laßt das Kind ſchlafen,“ unterbrach ſie Alice,„der Schlaf ſtaͤrkt den Koͤrper und erfriſcht die Seele und das arme Geſchoͤpf iſt muͤde, und halb todt und von Sorge aufgerieben. Laßt ihn ſchlafen, ſo lang er kann und moͤgen Euere eigenen Augen nie von Thraͤnen offen gehalten werden.“ „Exr ſchlafe und ſey willkommen,“ antwor⸗ 85⁵ tete die Frau, indem ſie ein Tuch als Vorhang vor das Fenſter ſpannte,„ſo lang er will und Gottes Segen ſey mit ihm! Er erinnert mich an einen Burſchen, den ich liebte, als ich noch jung war, aber er ſtarb, weil er zu gut fuͤr dieſe Welt war, und war doch erſt achtzehn Jahr alt, der Arme!“ Die rauhen, verbrannten Zuͤge der Foͤrſte⸗ rin wurden weich, waͤhrend ſie auf Roſalinden blickte, und die Thraͤnen, die ihr in die Augen traten, verbargen ihr den veraͤchtlichen Blick. den ihr Alice zuwarf. Die Amme griff wieder zu ihren Kugeln und brummte Gebet auf Gebet, waͤhrend ſie ihr durch die Finger glitten;„Gott ſegne das Kind,“ ſagte ſie endlich,„wie es ſchlaͤft! Ge⸗ rade, als ob es noch an meiner Bruſt laͤge, in unſerer Heimath, fern von Feinden und Suͤndern— aber nein, doch nicht fern von Beiden. O Schmerz! Wenn nicht dieſe ge⸗ ſegneten Kuͤgelchen waͤren, welches Herz haͤtte ich? Aber ſie retten mich vom Untergange. Heilige Marie, Mutter Gottes, bitt fuͤr uns! Heilige Brigitte, bitt fuͤr uns! Heilige—“ Roſalinde erwachte. Die Foͤrſterin hatte zu große Ehrfurcht fuͤr * 86 die Perſon, welche Roſalinde ihrer Oöhut an⸗ vertraut hatte und beſaß in der That ſelbſt zu viel Herzensguͤte, um die Gaſtlichkeit, die ſie zu bieten vermochte, in etwas zu vernachlaͤßi⸗ gen; und als die Beiden im Begriffe waren, ihre Reiſe fortzuſezen, fuͤllte ſie einen kleinen Korb mit Weizenkuchen, und entließ ſie mit einem freundlichen Laͤcheln, mit einem muͤtter⸗ lichen Kuße auf die Wange des ſchoͤnen Jungen, und einem herzlichen Segen. Roſalinde wen⸗ dete ſich noch einmal auf der Schwelle um und bot ihr ein Stuͤck Geld mit einer Entſchuldi⸗ gung wegen der Geringfuͤgigkeit der Gabe an. „Nein, nein,“ antwortete ſie,„wer Dich bierher gebracht hat, mein Sohn, wuͤrde boͤſe daruͤber werden, und wenn auch nicht, ſo gleichſt Du doch zu ſehr einem Burſchen, den ich geliebt habe, als daß ich Geld von Dir nehmen koͤnnte. Zieh hin mit meinem Se⸗ gen, und ſpiele nicht mit der Liebe von Frauen, denn, wenn ſie jung lieben, lieben ſie fuͤr immer. Sey geſegnet! Du haſt mich an ihn erinnert, der jezt ſieben und zwanzig Jahre unter den Erlen des Kirchhofes dort liegt, und ich war damals— aber es iſt gut, ich werde dereinſt noch ſchon gluͤcklich genug wer⸗ 87 den— obgleich ich nicht mehr ſoviel nach Men⸗ ſchen und Dinge frage, als wie er noch bei mir war.“ 4 „Ob es wahr iſt,“ ſagte Roſalinde im Wei⸗ tergehen,„daß junge Liebe ewig dauert? Sie ſprach von Frauen. Ich wollte, ich waͤre nicht zum Weibe geboren und doch wuͤrde ich nur einen unbehuͤlflichen Mann machen.“ Und da ſie nach dem langen Schlafe und durch die Gewißheit von des Geaͤchteten Sicherheit, die ihr ihre Wirthin verkuͤndet hatte, und durch die friſche Luft etwas heiter geworden war, ſo warf ſie einen laͤchelnden Blick auf ihre Ver⸗ wandlung und eine Roͤthe uͤberflog ihr Ge⸗ ſicht, indem ſie bedachte, wie leid es ihr thun wuͤrde, wenn Baſil ſie ſo ſaͤhe und erkaͤnnte. Sie verſuchte, ein Geſpraͤch mit Alice anzu⸗ knuͤpfen, aber die liſtige Irlaͤnderin verſicherte ihr, ſie haͤtte das Geluͤbde eines dreitaͤgigen Stillſchweigens gethan, das nur durch ſehr wenige Woͤrter unterbrochen werden duͤrfte. Roſalinde durchſchaute leicht dieſe ſchwache Entſchuldigung und laͤchelte uͤber ihrer Amme Verſchlagenheit. Ihre Gedanken wandten ſich darauf auf ſie ſelbſt zuruͤck und ſie gruͤbelte uͤber ihr eigenes Geſchick nach. 88 Sie wuͤrde, als die glaͤnzendſte Geſtaltnng ih⸗ res Daſeyns, die Gewißheit begruͤßt haben, daß ſie kein in Schande gebornes Kind ſey; aber wenn dann ihr Oheim, der Fuͤhrer, Gefaͤhrte, ja der Spielgenoße ihrer jungen Tage, nicht der Bruder ihres Vaters war, an wen konnte ſie ſich denn wenden? Sie war Maͤdchen und jung— hatte ihre Wonne an dem koͤſtlichen Gefuͤhle, daß ſie von Sir Everard, ihrem ein⸗ zigen Freunde, beſchuͤzt, von ihm geliebt wurde. Hatte ſie Verwandte und wenn ja, wo waren ſie? So kam ſie, in ewigem Wechſel von Hoff⸗ nung und Niedergeſchlagenheit, Angſt und Ent⸗ taͤuſchung, immer weiter und ihr Geiſt belebke ſich mit dem Morgen, erſchlaffte mit der Nacht, erhob ſich und ging unter mit der Sonne. Sie trug noch immer den Kaͤfig mit den Voͤgeln und klagte, daß Brano ſie verlaßen habe. Ihre treue und doch treuloſe Amme ging verſchloßen hinter ihr drein, offenbar zu ſehr von irgend einer geheimen Urſache ergriffen, als daß ſie ihrem gebengten Pfleglinge haͤtte Troſt bieten koͤnnen. 1 Ein Tag verging nach dem andern und die Boͤrſe Roſalindens wurde immer magerer, und das beklemmendſte aller Gefuͤhle, daß man nicht 89 den noͤthigen Bißen Brod bezahlen kann, lag ihr ſchwer auf dem Herzen. Sie hatte noch uͤber dreißig Meilen nach London. Ihre Schuhe waren zerrißen und ihre zarten Fuͤße wund vom Gehen, und je bewohnter das Land, je belebter die Straßen wurden, deſto mehr zit⸗ terte ſie vor jeder Beobachtung. Wenn wir unſere eigene Armuth kennen, glauben wir, daß ſie auch Jedem, der uns anſieht, bekannt ſey, und wir fuͤhlen die Verachtung, die den Duͤrftigen trifft. Sie ſuchte deßhalb die abge⸗ legenſten Seitenpfade auf, was ihr den Weg noch mehr erſchwerte, da ſie oft im ſchlechte⸗ ſten Zuſtande waren. Sie ſchaͤmte ſich auch ihres Knabenanzuges, obgleich ſie eine Art von Kaͤrner⸗Kittel daruͤber geworfen und unter ei⸗ nem ſpizen, breitkraͤmpigen Hute ihr Geſicht verborgen hatte; aber dennoch wich Alles ſo weit vor ihren fruͤhern Verhaͤltnißen ab, Al⸗ 8 les war ihr ſo neu, ſo furchtbar, daß ſie, wenn ſie einen Haufen Menſchen ſah, gern in die wildeſte Ode geflohen waͤre. Zitternd ver⸗ ließ ſie, als es dunkel wurde, ihren einſamen Pfad und betrat mit klopfendem Herzen eine weitlaͤufig gebaute Stadt, kroch mehr als ſie ging, in ein kleines Wirthshaus an der Straße 90 und ſezte ſich auf eine leere Bank, waͤhrend Alice ihrem Beiſpiele folgte und etwas Waßer und Schwarzbrod forderte. Es waren viele Leute in der Gaſtſtube, die alle von dem be⸗ vorſtehenden Kriege ſprachen, und unter ihnen befand ſich auch ein Trupp von herumziehen⸗ den Komoͤdianten oder gymnaſtiſchen Kuͤnſt⸗ lern, welche ſich in eine Ecke zuruͤckgezogen hatten und ſich dort bemalten und zechten. In der Gruppe ſah man auch zwei Frauenzimmer, deren eine beſonders je zuweilen einen beſorg⸗ ten Blick auf Alice warf, der mit gleicher Theilnahme erwiedert wurde. Endlich fluͤſterte Alice Roſalinden zu: „Dort iſt das tolle Maͤdchen, Cilly May⸗ nard; ich hoffe, ſte wird ſich meiner nicht erinnern.“ Dieſe Hoffnung war jedoch eitel, denn das halbverruͤckte Geſchoͤpf drang mit wilder, aber herzlicher Gaſtlichkeit in die alte Frau und den Knaben, an ihrem beßern Mahle Theil zu nehmen. Einer der Maͤnner blickte ſie grollend an uͤber ihre Zutraulichkeit; aber ſie ſchalt ihn und ſezte ſich dicht neben Alice und that ver⸗ ſchiedene Fragen uͤber Sydney⸗Luſt; ſie zeigte 91 ihnen auch ihr Kind, von deßen Beruͤhrung Alice jedoch Roſalinden abhielt.„Ruͤhre es nicht an, es iſt das Kind der Suͤnde,“ fluͤ⸗ ſterte die Alte bitter, waͤhrend die Mutter, ſtolz auf ihr Kind, vor demſelben tanzte. „Bin ich nicht daßelbe?“ ſagte Roſalinde truͤbe, indem ſie zugleich ihre Lippen auf des Kindes Stirn druͤckte.: „Ihr macht mir immer Vorwuͤrfe„ antwor⸗ tete die Amme,„aber ich vergebe Euch.“ Die Mutter tanzte noch immer und ſonnte ſich in dem Laͤcheln des Kindes. „Ihr tanzt fuͤr nichts,“ ſagte ein Mann muͤrriſch. „Ah! ah! Ich tanze fuͤr Alexander— fuͤr meinen kleinen Alexander,“ ſagte ſie und fluͤ⸗ ſterte dabei vertraulich Roſalinden in's Ohr: „Weil mein erſter Geliebter auch Alexander hieß, Alexander Jemming, Herrn Baſils Die⸗ ner; aber er ging fort oder ſtarb vielleicht, und da bekam ich einen andern, bloß durch mein Tanzen und meinen ſchoͤnen Anzug.“ „Laßt den jungen Menſchen,“ knurrte der Huͤter,„oder es wird Euch Beiden ſchlecht gehen, und bringt das Kind in Schlaf. Ihr gebt es aller Welt zu kuͤßen.“ 92 „Ich wollte,“ ſagte das arme ſuͤndige Ge⸗ ſchoͤpf,„die kalten Erdwuͤrmer kuͤßten uns Beide und ſie waͤnden ſich um meinen Kopf und um mein Herz, daß es nicht mehr ſo drin brennte.“ „Wollt Ihr gleich Euren tollen Mund hal⸗ ten, oder ſoll ich Euch ſtill machen,“ ſchrie der Menſch, indem er einen Knittel hervor⸗ holte, den ſie, aus ihrem Schreck zu ſchließen, oft gekoſtet haben mogte, aber ihr Schreck ging wie bei einem Kinde voruͤber, ſo wie die Urſache nicht mehr ſichtbar war, und einige Minuten ſpaͤter ſpielte ſie von neuem mit ihrem Kinde. Die Bande dachte, wenn der Mond auf⸗ ging, in einer Scheune zu tanzen, und ſobald ſie ihre Koſtuͤme und Dekorationen geordnet hatte, machte ſie ſich auf und davon. Ro⸗ ſalinde erhielt von der Wirthin Erlaubniß, mit ihrem Kinde die Nacht auf einem Boden zuzubringen, denn ſie hatte ihr offen geſagt, daß ſie nicht das gewoͤhnlichſte Bett bezahlen koͤnne. „ Sott helfe Dir, mein Sohn,“ antwortete das Weib;„es thut mir leid, daß ich nichts fuͤr Dich thun kann, aber die unruhigen Zeiten 93„ verringern unſere Mittel und vermehren unſere Bettler.“ „Wir ſind keine Bettler,“ erwiederte Alice, von dieſem Vorwurf ſehr ſchwer verlezt.„Wir kommem aus einem Lande, wo es keine Bett⸗ ler gibt, noch etwas ſie zu erhalten, ſondern wo jeder ſeine Suppe und einen Bißen dazu und ein hundert tauſendfaches Willkommen hat: wir ſind keine Bettler.“ Das fuͤr Irlaͤndiſchen Ohren immer ſo em— pfindliche Wort hatte Alices Redefluß ſo an⸗ geregt, wie dies ſeit der Unterredung mit dem Geaͤchteten nicht der Fall geweſen war; ſie ſchritt ſtolz aus dem Wirthshauſe hinaus und erklaͤrte Roſalinden, daß ſie nicht unter einem Dache ſchlafen wollte, wo man ſie ſo belei⸗ digt habe. „Ich will meinen Mantel unter freiem Him⸗ mel fuͤr Euch ausbreiten. Ihr koͤnnt Euren Kopf auf meinen Schooß legen, wie Ihr es ſonſt gethan habt, als ich Euch, Gott verzeih uns! mehr war, als ich Euch je wieder ſeyn werde, obgleich ich nicht dachte, daß ich je mit einem ſo ſchaͤndlichen Namen benannt wer⸗ den, und noch weniger, daß ich Euch ſo wuͤrde nennen hoͤren. O die Suͤnde und Schande! 94 O heilige Jungfrau, bitte fuͤr uns in der Stunde unſeres Todes.“ „Thut, wie Ihr wollt, Alice,“ ſagte das Maͤdchen;„ich habe ſo wenig Luſt hier, als wo anders zu ſchlafen; unter einer Hecke, oder zwiſchen dieſen Mauern, mir iſt alles gleich. Arme Roſalinde, die, wenn ſie nicht noch den einen Namen haͤtte, ganz namenlos waͤre.“ Sie folgte der Amme mit ſchwerem Herzen, waͤhrend dieſe ſtolz weiter ſchritt, und gelegent⸗ lich das Ende eines ſpizen Stockes in die Erde ſtieß, wie um ihre Verachtung des Eng⸗ liſchen Bodens zu zeigen. „Wozu gehen wir noch weiter,“ ſagte end⸗ lich die arme Roſalinde, indem ſie auf den Raſen niederſank,„ich muß hier bis zum Mor⸗ gen ruhen; auf der andern Seite der Hecke wird uns Niemand ſehen.“ Nach einigen Minuten fanden ſie einen Über⸗ gang und befanden ſich im Schatten eines Gebuͤſches.„Hier,“ ſagte die Amme, ihren Mantel auf das Gras legend,„hier werden wir wenigſtens frei von dem kalten Fluche der Saſſenach ſeyn; die Luft iſt um uns, der Him⸗ mel uͤber uns, und ſo geſchehe Gottes Wille.“ Ehe Roſalinde ſich der ihr ſo noͤthigen Ruhe 9⁵ uͤberließ, kniete ſie nieder, waͤhrend ihr Herz ſich zu einem ruͤhrenden Gebet um Sicherheit und Erfolg erhob; darauf legte ſie ihren Kopf auf Alice's Schooß und verſank bald in ſo tiefen Schlaf, als ob ſie auf Sammt und Seide ſchlummere. Sie ſchlief lange und feſt, denn als ſie erwachte, war der Mond, der uͤber ihrem Haupte geſtanden hatte, ſchon unter ge⸗ gangen, und der Morgenſtern erbleichte, waͤh⸗ rend einzelne Strahlen durch die Wolken hin⸗ ſchoßen, das Aufgehen der Sonne verkuͤndend, und im Graſe und in den Hecken rauſchte es, als ob die Blaͤtter ſelbſt friſches Leben ein⸗ athmeten. Roſal: nde blickte auf ihre Amme; ſie ſchlief feſt, den Ruͤcken gegen einen Baum gelehnt, die Haͤnde uͤber den Knien gefaltet; aber als das junge Maͤdchen ſich bewegte, kam ihr ein Geſicht zu nahe, daß ſie aufgeſchrien haͤtte, haͤtte man ihr nicht die Hand auf den Mund gedruͤckt, und ſie ſah bei dem zunehmenden Lichte, daß es die verruͤckte Frau von der Taͤnzerbande war, die den Finger auf dem eigenen Munde ſie zum Schweigen aufforderte. „Ich laure ſchon eine Stunde auf Euer Er⸗ wachen,“ ſagte ſie, ſich nahe an Roſalinden 96 herandraͤngend;„hier iſt etwas fuͤr Euch von Jemand, den Ihr keunt, und Ihr muͤßt es oͤffnen, denn ich bin uͤberzeugt, es iſt etwas gutes darin.“ Sie gab ihr ein ungefaͤhr zwei Haͤnde breites Paket. Ihr erinnert Euch mei⸗ ner nicht, Miß Roſa, obgleich wir manche Stunde zuſammen verbracht, wenn die Amme mit Euch ausging und Ihr Euch von mir ſa⸗ gen ließet, wo die ſchoͤnſten Blumen wuͤchſen, und wo die Vogelneſter und die Bienen waͤ⸗ ren, und ich glaube, ich war damals gluͤck⸗ licher, als jezt, obgleich ich die Welt geſehen habe. Ich habe vorigen Abend, wo ich Judith's Tanz vorſtellte, meinen Rock zerrißen, und Holofernes ſchlug mich dafuͤr uͤber den Arm, aber mein Herz fuͤhlt's am Schwerſten, und wenn Ihr meine alte Mutter ſeht, Miß Roſa, ſo ſagt Ihr nicht, daß ich in Myſterieu ſpiele, denn es wuͤrde ihr das Herz brechen, wenn ſie es hoͤrte.“ Roſalinde war zu ſehr mit ihrem geheimniß⸗ vollen Packet beſchaͤftigt, als daß ſie ſich um die Worte der Dirne bekuͤmmert haͤtte; ſie fand eine Boͤrſe mit Gold und Silbermuͤnzen von betraͤchtlichem Werthe darin, einen Brief und einige Worte, welche ſie nicht entziffern konnte, auf dem Umſchlage. 97 „Wer hat Euch das gegeben,“ fragte ſte, „und wer ſchickte Euch zu mir?“ „Soll ich Geheimniße verrathen? O nein! Aber wollt Ihr mir nicht etwas fuͤr meine Muͤhe geben? Ein Silberſtuͤck oder eine kleine Goldmuͤnze, um mir einen neuen Rock oder eine blaue Muͤze zu kaufen, wie die Koͤnigin ſie traͤgt. Ich bitte, Lady.“ Roſalinde hielt ihre Boͤrſe nie ſehr feſt ein⸗ gezogen, um ſo weniger jezt, wo ſie mehr Geld beſaß, als je; ſie reichte dem Maͤdchen daher nicht ein kleines, ſondern ein großes Goldſtuͤck und ſagte: 4 1 „Es waͤre in jeder Hinſicht Unrecht von mir, wenn ich Euch verleiten wollte, dem in Euch geſezten Vertrauen zuwider zu handeln, denn ich hoffe eben ſo, daß Ihr mein Geheim⸗ niß bewahren werdet.“ „Ein großes Goldſtuͤck,“ rief Caͤcilia.„Und das iſt ganz mein, mein, ganz mein! Ein Rock— nein— erſt eine Feder fuͤr meinen Alerander, und eine Muͤze wie die des neuen Prinzen— der weder eines Koͤnigs, noch einer Koͤnigin Sohn, ſondern ein untergeſcho⸗ benes Kind iſt und doch ein Prinz! Und dann ein Rock und eine gelbe Jacke mit kupfernen.— 1I. 7 98 nein ſilbernen— nein diamantnen Knoͤpfen und—“ ſie hielt inne und blickte zaͤrtlich auf Roſalinden und ſagte:„Aber nein, ich darf es nicht nehmen. Es iſt zu viel und ihr wer⸗ det es brauchen, denn Ladys brauchen mehr, als wir Arme und wenn auch das nicht, ſo ſollte ich doch nichts von Euch nehmen, denn oft habt Ihr mir viel gegeben, was ich brauchte, und beſuchtet mich, wenn ſch krank war und betetet mit meiner Mutter.“ „Nehmet es Caͤcilia, nehmet es. Ich habe genng, zu viel, mehr als ich bis London aus⸗ geben kann, und dort fehlt es mir an nichts.“ „Das iſt noch nicht ausgemacht,“ erwie⸗ derte Caͤcilia eifrig;„in der großen Stadt braucht man viel, weil es, wenn man ſo viele ſchoͤne Dinge ſieht, einem Beduͤrfniße in den Kopf ſezt, aber wenn Ihr es nicht brauchen ſollt und Ihr wißt Jemand, der nach der Forſt⸗ huͤkte, nicht weit vom Thor von Sydney⸗ Luſt geht, ſo ſchenkt es meiner armen Mutter. Sie iſt nur ein armes Geſchoͤpf und verſteht nicht, zu welcher Auszeichnung ich in der lezten Zeit gekommen bin und will mich zuruͤck haben, aber ich gehe nicht, ich mag nicht, obgleich ich Ihr gern das Geld goͤnnte; ſie iſt alt und 99 hat Niemand, der Ihr die Ziege melkt oder Zweige ſammelt. Bitte, Lady, ſchickt ihr das Goldſtuͤck.“ „Sie ſoll eines haben, Caͤcilia, ſo viel ſie bedarf, und Ihr auch, was Ihr wuͤnſcht, aber ſeyd auch ein braves Maͤdchen und kehrt auf den Pfad des Rechtens zuruͤck.“ „Sprecht nicht davon, es nuͤzt nichts. Ihr ſeyd verkleidet zum Guten und ich— aber es nuͤzt jezt nichts, davon zu reden. Ihr ſchickt ihr das Gold?“ „Gewiß, aber nicht das Stuͤck; das bleibt fuͤr Euch; Ihr habt mir heute Nacht gute Botſchaft gebracht und ich bin es mir ſelbſt ſchuldig, Euch dafuͤr zu lohnen. Nehmt es und Gottes Segen dazu.“ „Gut, ich will es nehmen und mich dabei der einzigen erinnern, die ſeit vielen, vielen Monden frenndlich mit mir geſprochen hat; aber das wurde nicht mir gegeben, ſondern einer Perſon, die anderwaͤrts hingehen mußte, und da ſie mich vorigen Abend geſehen, es mir fuͤr Euch anvertraute. Ich habe gehoͤrt, daß der Geruch des Veilchens ſo lange dauert, wie der der Roſe, und ſo ſteigt vielleicht auch der Segen des Armen ſo hoch anf, wie der 1⁰0 des Reichen, und ich moͤchte ein Gebet ſagen, aber ſie ſind mir ſeit lezt ganz aus dem Sinn gegangen, und Alles, was ich noch weiß, iſt: Der Herr ſegne Ench, Lady!“ Offenbar wurde ihre Unterredung beobach⸗ tet, denn kaum war die arme Taͤnzerin wieder jenſeits der Hecke, als Roſalinde dieſelbe Stimme, welche ſie im Wirthshauſe angefahren hatte, ſie fragen hoͤrte, was ſie bekommen habe; die Antwort konnte ſie nicht verſtehen; die Alte erwachte zugleich mit der Sonne, und die Wanderer ſezten unverzuͤglich ihre Reiſe fort. 101 Seehſtes Kapitel. O Eiferſucht, des Neides und der Liebe Sproß, Wie gluͤcklich iſt das Herz, das Deine Macht nicht kennt. Daniel. So willkommen der armen Roſalinde die Boͤrſe auch war, verſprach ſie ſich doch noch Beßeres von dem Briefe, der in dem Umſchlage lag. Obgleich er unverſiegelt war, drehte ſie ihn doch hin und her, ungewiß, ob es ſich gezieme, deßen Inhalt zu erforſchen. Endlich erblickte ſie in einer Ecke mit Bleiſtift geſchrie⸗ ben das Wort„lies;“ ſie oͤffnete ihn daher auf der Stelle und fand darin eine Empfehlung an Lord Churchill, einen hochgeſtellten Edel⸗ 102 mann, deßen feſte Anhaͤnglichkeit an Jacob damals nicht bezweifelt wurde. Es ſtand bloß darin:„Daß Miſtreß Roſalinde Sydney ih⸗ rem Oheim, Sir Evrard, waͤhrend ſeiner Ge⸗ fangenſchaft Geſellſchaft leiſten moͤchte, daß der Koͤnig in der lezten Zeit ſolche Erlaubniße verweigert habe, und daß das einzige Mittel fuͤr Miſtreß Roſalinde, ihren Zweck zu errei⸗ chen, ſey, bei der erſten Gelegenheit in Per⸗ ſon ihren Antrag zu machen oder ſie der Koͤ⸗ nigin vorzuſtellen, die, wenn auch bigott doch nicht unguͤtig ſey; daß nichts geſchehen wuͤrde, wenn nicht— wie die Note ‚hinzufuͤgte— wenn nicht ein Schritt der Art gethan werde, da niemand in den Tower zugelaßen wuͤrde, der nicht Einfluß genug auf den Koͤnig habe, um einen Paß zu erhalten.“ Roſalinde konnte leicht die Perſon errathen, die ſolchen Theil an ihrem Geſchicke nahm. Alice Murrough war mit einer unbedeuten⸗ den Irlaͤndiſchen Familie in London bekannt, bei der die niedern Wanderer ihren Aufenthalt zu nehmen beſchloßen, bis ihre Plaͤne zur Reife gekommen waͤren; aber Roſalinde ent⸗ deckte zu ihrer großen Freude in dem Umſchlag ein kleines Stuͤck Papier, welches Herrn D. 103 Braun zum ſchwarzen Schwan, außerhalb Temple Bar anempfahl, dem Maͤdchen und ſeiner Amme jede moͤgliche Aufmerkſamkeit zu Theil werden zu laßen. Da ſie ſo muͤde war und Geld im Überfluße hatte, ſo beſchloß ſie, im naͤchſten Dorfe ihre Frauenkleider, die Alice trug, wieder anzu⸗ ziehen und in einem Miethwagen nach der großen Stadt zu fahren. Sie waren ſchon An⸗ geſichts dieſes Dorfes, als ein Trupp Reiter ſichtbar wurde. Roſalinde hatte nur eben Zeit, ſich hinter einem Baume zu verbergen, als ſie voruͤber ritten, und das Herz klopfte ihr nicht wenig, als ſie in dem Befehlshaber Ka⸗ pitain Sydney erkannte. Obgleich Alice ihre Muͤze tief in das Geſicht gedruͤckt hatte, ſah er ſie doch feſt an, wie ſie gegen den Baum lehnte, der Roſalinde deckte. Er wendete ſich ſogar noch einmal zuruͤck und warf ihr ein Geldſtuͤck zu. Es entging Roſalinde nicht, daß der junge Offizier bleich und erſchoͤpft und wie ſie glaubte, ausnehmend truͤbe und ſor⸗ geuvoll ausſah. „Nimm das Geld auf,“ ſagte Roſalinde, indem ſie aus ihrem Verſteck hervorkam. „Ich babe nie Almoſen verlangt, noch ge⸗ 104 genommen,“ antwortete die Amme,„und werde es auch nicht; es mag liegen bleiben fuͤr den, der deßen bedarf. Sie waren etwa zwanzig Schritte weiter ge⸗ gangen, als Roſalinde ploͤzlich umkehrte, die kleine Muͤnze aufhob und eine viel werthvollere fuͤr den naͤchſten Wanderer zuruͤckließ, und jene heimlich in ihren Buſen ſteckte. Sie freute ſich, daß ſie ihren Anzug nicht vor dieſem Zuſam⸗ mentreffen geaͤndert hatte, und trat jezt in ein dickes Gebuͤſch, um ſich dort in Sicherheit um⸗ zukleiden. Nachdem dies geſchehen war, gingen ſie in das Dorf, wo ſich bald ein Wagen fand, der ſie in wenigen Stunden vor dem ſchwar⸗ zen Schwan abſezte. Es war ſpaͤt Abend, als ſe ankamen und die Lichter, der Laͤrm und das Treiben der großen Stadt erſtaunten und verwirrten das nur an das Landleben gewoͤhnte Maͤdchen; der Fuhrmann trug das Stuͤckchen Papier hinein und ſogleich erſchien Maſter David Braun an der Thuͤr ſeines Buͤcherladens. Er fuͤhrte den Namen mit Recht, denn er war braun von Kopf bis Fuß; ſein Rock war hellbraun, mit einem Kragen von Dunkelbraun; die Weſte war tabaksbrann, die Beinkleider rothbraun, „ 105 und auf den glaͤnzenden, hochhackigen Schul⸗ tern prangten nußbraune Schleifen; uͤberdies trug er eine braune Perucke, die gut zu dem gleißenden Zigeunerbraun ſeines Geſichtes paßte, durch welches eine geſunde Roͤthe durch⸗ ſchimmerte. Er ſah ganz wie ein wackerer En⸗ gliſcher Kaufmann aus, der es fuͤr einen Schimpf gehalten haͤtte, das Wort Esquire hinter ſeinem Namen zu fuͤhren oder einen Rock nach der Hofmode zu tragen. Er begruͤßte Roſalinde mit ungeheuchelter Herzlichkeit und doch ſo, daß er den Unter⸗ ſchied zwiſchen ihrem beiderſeitigen Range nicht aus den Augen ſezte; darauf fuͤhrte er ſie in ein artiges Zimmer hinter ſeiner Druckerei und ſtellte ſie ſeiner Frau als Sir Everards Nichte vor. Die leztere, von der alten guten Schule, empfing ſie mit einem ehrfurchtsvollen Knixe, waͤhrend die Tochter von ihrem Naͤhtiſche auf⸗ ſtand und Roſalinden in ein kleines Gemach begleitete, welches, wie ſie ſpaͤter erfuhr, zu ihrer Benuzung beſtimmt war. Unterdeß theilte der Drucker ſeiner Frau mit, welche Perſonen die junge Lady ihrer Obhut anvertraut haͤtten und als Roſalinde zuruͤckkehrte, uͤbergab ſie ihm den Brief an Lord Churchill, welchen er X 106 am andern Morgen ſelbſt zu beſtellen ver⸗ ſprach. War die wuͤrdige Frau Braun anfangs nur freundlich und aufmerkſam, ſo ging ihr Be⸗ nehmen in das der hoͤchſten Achtung uͤber, als ſie die Tiefe der Anhaͤnglichkeit erkannte, welche Roſalinde fuͤr ihren ungluͤcklichen Oheim hegte. Die hoͤheren Klaßen haͤngen mehr aus Stolz, wie aus Liebe aneinander; die Hingebung der in niederern Sphaͤren Lebenden entſpringt aus weit edleren Gefuͤhlen. Roſalinde Sydney war nicht allein uͤber die ihr bewieſene Zuvorkom⸗ menheit, ſondern auch uͤber die treffliche Bil⸗ dung erſtaunt, welche die Familie des City⸗ buͤrgers beſaß. Rahel Braun war ein artiges Maͤdchen von raſchem, lebendigen Weſen, wel⸗ ches Roſalinde, an Zuruͤckhaltung gewoͤhnt, Muthwillen nannte, waͤhrend Rahel ſie ihrer⸗ ſeits fuͤr etwas ſtolz hielt, da ſie doch noch nie auf einem Lord⸗Mayors⸗Ball geweſen war, noch das Äußere des Monumentes geſehen hatte. Ach, heut zu Tage ſprechen die Maͤd⸗ chen der City voll Geringſchaͤzung von den Eity⸗Feſten und verachten die Lady Mayoreß mit ihren Federn; ſie reden vom Louvre und von Verſailles und laͤcheln hoͤhniſch bei der Erinnerung an die alte London⸗Bruͤcke. Wir halten dieſe Veraͤnderung fuͤr unbedeutend, aber dem iſt nicht ſo; wenn die Leute gering⸗ ſchaͤzen, was ihnen eigen iſt, und nach Frem⸗ dem begehren oder es nachaͤffen, ſo ſchmaͤhen ſie die Weisheit und die Guͤte des Allmaͤchtigen und bewirken Unzufriedenheit ſtatt Verbeßerung. Die guten, zuverlaͤßigen Geſinnungen der al— ten Zeit waren beßer; damals erhob man das Große oder Vortreffliche. Jezt ſind wir nur ge⸗ neigt, herabzuſezen, was unſere Vorfahren er⸗ hoben; die Nachwelt wird entſcheiden, was das Beßte iſt; aber mich duͤnkt, es iſt ein ſchlechtes Kompliment fuͤr unſere Vorfahren, wenn wir ſie durch unſere Handlungen Thoren nennen. „Ihr werdet in meiner Stube ſchlafen, Lady,“ ſagte Rahel,„denn das iſt ſie, zunaͤchſt der meines Vaters, und am Morgen wird uns Joſeph, unſer Gehuͤlfe, wenn es Euch recht iſt, Weſtminſter zeigen, was nur ein Paar Schritte hinter dem Dorfe Charing iſt, ja ſie haben ſchon den ganzen Strich entlang Haͤuſer gebaut, und meine Mutter ſagte, in ihrer Jugend habe es da ganz anders ausgeſehen und es ſey von Haͤuſern damals faſt keine Spur geweſen.“ 108 „Morgen hoffe ich bei meinem Oheim zu ſeyn,“ antwortete Roſalinde. „Aber, mein Himmel, Ihr werdet Euch doch nicht in den Tower einſperren, ohne erſt etwas zu ſehen! Mein Vater wird vor Mittag nicht zuruͤck ſeyn, und wir koͤnnen viel den Morgen uͤber beſehen. Seht, von dem Fenſter hier koͤnnt Ihr das Monument erblicken, und ſo jung ich bin, weiß ich doch noch, wie es gebaut wurde.“ 5 Roſalinde, deren Geiſt zu eingenommen und deren Koͤrper zu ermattet war, als daß ſie auf dieſe Bemerkung viel geachtet haͤtte, that was man von ihr verlangte und bemerkte, daß hinter dem Hauſe ein kleiner Hof mit einem 3 Thore ſey, das, wie es ſchien, nach einem engen Gange fuͤhrte, denn ploͤzlich ging das Thor auf und zwei verhuͤllte Perſonen traten ſchnell herein und ſtellten ſich unter einen mit dem Hauſe in Verbindung ſtehenden Bogen. Es ſiel noch beſonders auf, daß das Thor ſich von ſelbſt zu oͤffnen und zu ſchließen ſchien, und zwar ſo leiſe, daß kein Geraͤuſch zu vernehmen war; ſie wendete ſich nach der Tochter des Druckers, um von ihr Nachricht daruͤber zu erhalten, aber die huͤbſche Rahel, die ſchon 109 nicht mehr an ihren Beſuch in Weſtminſter dachte, hatte bereits die Hand auf dem Druͤcker der Thuͤr, ſagte der Lady ein kurzes, aber freundliches Gute Nacht! und uͤberließ ſie ih⸗ ren eigenen Gedanken. Roſalinde las ein Kapitel ihrer Bibel, ſtellte die Lampe auf das Kamin und verſuchte ein⸗ zuſchlafen; aber troz aller Muͤhe kam dieſer Himmelsſegen nicht uͤber ſie, wie er es auf dem Felde unter freiem Himmel gethan hatte. Alice war ſo von Muͤdigkeit erſchoͤpft, daß ſie ſich, ohne eine Erfriſchung zu nehmen, hin⸗ gelegt hatte, zufrieden, daß ihr Schuͤzling in Sicherheit war. Mehrmals fuhr Roſalinde auf, wenn ſie eine entfernte Thuͤr ſchwer knarren hoͤrte, und das Schlagen der Stadtuhren floͤßte ihr beinahe Schrecken ein. Sie ſeufzte, wenn ſie bedachte, wie viel Stunden noch vergehen koͤnnten, ehe ſie ihren Oheim wieder ſehen wuͤrde. Sie hob das Tuch vom Kaͤſig auf, um ſich mit ihren kleinen Voͤgeln zu unterhalten, aber ſie fand ſie, die Koͤpfe zwiſchen die Fluͤgel ge⸗ ſteckt, und ſo hatte ſie kein lebendes Weſen, mit dem ſie ſich haͤtte beſchaͤftigen koͤnnen. Sie blaͤtterte in der Bibel, aber ihre Seele war nicht bei 110 dem Leſen. War es eine Taͤuſchung der erhiz⸗ ten Phantaſie, oder war es Wirklichkeit, es ſchien Roſalinde, als hoͤre ſie ein Fenſter un⸗ ter dem ihrigen oͤffnen. Sie ſtand von ihrem Lager, auf dem ſie neuerdings Ruhe geſucht hatte, auf, blickte ſcharf nach dem Hofe und bemerkte zum erſten Male, daß eine Art Bal⸗ kon unten vorragte, auf dem ſie, wenn auch der Mond nicht ſchien, doch deutlich ein Frauen⸗ zimmer ſehen konnte, das ſich uͤber das Gitter lehnte und mit einem tiefer ſtehenden Mann ſprach. Sie wollte ſich eben zuruͤckziehen, da ſie in dem Frauenzimmer Rahel erkannt hatte und daraus ſchloß, daß der andere Joſeph der Gehuͤlfe ſeyn muͤße, deßen Geſellſchaft ihr ſo am Herzen zu liegen ſchien. 3 Sie wollte das Fenſter ſchließen, als ploͤz⸗ lich ein Laut ihr Ohr traf und ihr alles Blut nach dem Kopfe und wieder zuruͤck nach dem Herzen jagte; ſie konnte ſich nicht in der Stimme taͤuſchen, es war unmoͤglich, und jezt luͤftet er die Muͤze und ſie ſieht deutlich ſein Geſicht, auf das der matte Schein einer Stubenlampefaͤllt. Sie konnte ſich nicht taͤuſchen; er geht nach dem geheimnißvollen Thore, ſteht ſtill, wendet ſich um, ſpricht noch ein Paar 111 Worte, luͤftet die Muͤze wieder, druͤckt den Finger an ſeine Lippen und verlaͤßt den Hof. Roſalinde druͤckte die Stirn an die Scheiben und deren Kuͤhle ſchien ſie zu erfriſchen: ſie haͤtte gern geweint, konnte aber nicht, ſie be⸗ tete, daß es eine Taͤuſchung geweſen ſeyn moͤge, aber die Wirklichkeit war nur zu ge⸗ wiß: es war Baſil Sydney, den ſie geſehen, Sir Everards einzigen Sohn, ihren Couſin, den Erben von Sydney⸗Luſt und er machte einem Druckermaͤdchen den Hof, einem Maͤd⸗ chen, das Rahel Braun hieß; ſein Vater war im Gefaͤngniß, allein, und er konnte an ſich denken, im Londoner Nebel verſtohlen mit einer Rahel Braun koſen! Sie glaubte ſchon fruͤher die Sorge gekannt zu haben, aber jezt erfuhr ſie erſt, was Eiferſucht ſey; ſie uͤber⸗ fiel ſie mit ihren Wolfsklauen und vernichtete nicht allein ihren Frieden, ſondern auch ihre Selbſtachtung, denn ſie empfand die demuͤthi⸗ gende Wahrheit, daß ſie ungeſucht beſiegt wor⸗ den war. Was war Baſil ihr, was ſie ihm? Allerdings hatte er ihr das Leben gerettet, aber das haͤtte er auch dem erſten beſten ge⸗ than; er hatte ihr auch einmal geſchrieben, und beim Lichte der flackernden Lampe las ſie 112 den Brief noch einmal durch, und obgleich jedes Wort die freundlichſte, bruͤderliche Theil⸗ nahme verrieth, ſo ſtand doch nichts darin, was ſich nur leiſe der Liebe naͤherte. Er ſprach in einem Tone großen Kummers von ſeines Vaters Haft und fragte ſie zaͤrtlich, ob bei ſeines Vaters Abweſenheit, er jezt etwas fuͤr ihr Gluͤck thun koͤnne. Das war Alles! Endlich konnte ſie in Thraͤnen ausbrechen: ſie fuͤhlte, daß die Schranke, welche die Ver⸗ wandtſchaft gezogen hatte, ſtark ſey, und doch war noch eine andere, ſtaͤrker noch als der geheimnißvolle Fluch, der ihren Geiſt ſo oft verfolgte. Daßelbe Blut floß in ihren Adern, ſie waren Geſchwiſterkinder, und doch waͤre ſie, ohne ſeines Vaters Barmherzigkeit, nur eine Verworfene, und ſie fing an ſich einzu⸗ reden, daß der Brief, den ſie ſo lang geliebt, ſie eher beleidigen, als ihr dienen ſollte. Sie wuͤnſchte nicht durch ihn gluͤcklich zu werden! „Ihr Gluͤck.“ Sie verlangte nur nach einer Gelegenheit, um ihm zeigen zu koͤnnen, wie wenig er dazu beitragen koͤnne. Sich ſo zum Zorn aufſtachelnd, ging ſie bis Mitternacht in ihrem engen Zimmer auf und ab, bis ſie zulezt ſich das beſcheidene Geſicht 113 der armen Rahel Braun vor Augen rief und es eben nicht auf die freundlichſte Weiſe durch⸗ muſterte. Sie entdeckte, daß ihre Haut rauh, ihre Naſe gemein ſey, daß ihr Mund— ſie hatte einen huͤbſchen Mund— ſie betrachtete ihn von allen Seiten und fand, daß er ſchoͤn geformt ſey und lieblich laͤchle; aber wenn auch, ſie blieb doch immer nur Rahel Braun, Tochter des Druckers Daniel Braun zum ſchwar⸗ zen Schwan. Ploͤzlich nahmen ihre Gedanken wieder eine andere Richtung und ihr Stolz regte ſich fuͤr die Ehre des Hauſes Sydney; ſie konnte Baſil den Schimpf nicht vergeben, den er beabſichtigte, und bildete ſich ein, ſie weine nur des Kummers wegen, den dies ih⸗ rem Oheim bereiten werde, waͤhrend ſie in der That unbewußt nur uͤber den Untergang ihrer eigenen Hoffnungen klagte. Endlich und nach einem langen Kampfe von Gefuͤhlen, fiel ſie voll Entruͤſtung uͤber die ganze Menſchheit im Allgemeinen, und Baſil Sydney ins Melon⸗ dere, in tiefem Schlaf. Als ſie erwachte, ſtrahlten ihr die Sonne und die freundlichen Augen Rahels in das Geſicht. Das Maͤdchen hatte voll zarter Auf⸗ merkſamkeit eine kleine Vaſe mit ſchoͤnen Blu⸗ II. 8 114 4 men auf ihren Toilettentiſch geſtellt, und Alice brachte mit mehr Emſigkeit als Geſchick ver⸗ ſchiedene Kleidungsſtuͤcke, ein Anblick, der die Zerſtreuung eines jeden Maͤdchens zu hei⸗ len pflegt. Roſalinde war jedoch zu ſehr von der Sehnſucht nach ihrem Oheim und von der traurigen Erinnerung an die Scene der vori⸗ gen Nacht eingenommen, als daß der Puz ihre Aufmerkſamkeit haͤtte in Anſpruch nehmen koͤn⸗ nen. Mehr als einmal wollte ſie Rahel aus⸗ fragen und ihr wo moͤglich entlocken, was ſie von ihrem Couſin wiße und denke; aber ihr Stolz verbot ihr, einen ſolchen Schritt zu thun, und ſie beharrte auf einem, von ihrem geſtri⸗ gen Benehmen ſo abſtechenden ſtrengen Ernſte, daß Rahel ſie wiederholt fragte, ob ſie ſi ſie in et⸗ was beleidigt habe. Alice dagegen gewann alle Redſeligkeit wieder, die, wenn auch nie be⸗ deutend, doch durch Roſalindens unausgeſezte Anſpielungen auf die Mittheilung des Geaͤchte⸗ ten, ſehr abgenommen hatte. Alice ſah in der T That, daß ihr Einfluß auf Roſalinde im Ab⸗ nehmen war, denn obgleich ihre junge Herrin keinen Mangel an Zuneigung blicken ließ, ſo war ſie doch zu aufrichtig, um ihren Mangel an Vertrauen zu verbergen, der fuͤr den Stolz —— 115 der Amme weit verlezender war, als ein beſtimm⸗ ter Tadel, da das eine aus Überlegung, das andere nur aus einer Aufwallung entſpringt. „In der That,“ ſagte die gute Rahel, „mein Vater ſagt, Ihr muͤßtet noch vor Mit⸗ tag fertig ſeyn, ſo daß gar an den Spazier⸗ gang nicht mehr zu denken iſt, denn Joſeph ſagt, es ſey nun keine Zeit mehr etwas zu ſe⸗ heu, beſonders da Ihr ſo lange geſchlafen habt, woruͤber meine Mutter ſich ſehr gefreut hat, denn ſie ſagt, ihr waͤrt bis nach Mitternacht im Zimmer auf und ab gegangen.“ „Als Ihr ſchon ſchliefet,“ bemerkte Roſa⸗ linde ernſt. „Wenn ich ſchlafe,“ antwortete das Maͤd⸗ chen, das eben Roſalindens ſchwarzes Sammt⸗ leibchen auf eine Art zuſchnuͤrte, die Alice nicht verſtand;„wenn ich ſchlafe, ſo ſchlafe ich feſt; aber die Mutter ſagt, Ihr haͤttet ge⸗ ſtoͤhnt, und der Vater meint, Ihr thaͤtet es aus Angſt, weil Ihr heut den Koͤnig ſprechen wuͤrdet, was fuͤr eine Dame vom Lande etwas ſchreckliches ſeyn muß.“ „Nein,“ erwiederte die Amme mit großer Energie,„nein! Ein Koͤnig iſt nur ein Menſch und Mißtreß Roſalinde hat ſo gutes Blut in 116 ihren Adern, als je ein Koͤnig, der den Fuß auf einen Engliſchen Thron geſezt hat.“ Rahel ſtarrte ſie an, aber Roſalinde weckte ſie aus ihrem Erſtaunen, indem ſie fragte, ob Herr Braun uͤberzeugt ſey, daß ſie heut Au⸗ dienz erhalten werde. „Der Vater glaubt es, weil Seine Majeſtaͤt in der Stadt iſt, obgleich großer Kummer daruͤber herrſchen ſoll, daß Lady Anna, wie es heißt, zur Prinzeßin von Oranien gehen will. Die Stadt iſt ſchon den ganzen Morgen in Bewegung, aber meine Eltern leiden nicht, daß ich mich in ſo etwas miſche. Ich bin ſicher, daß Euch das Leibchen herrlich ſtehen wird. Welche Armſchleifen ſoll ich dazu nehmen? Blau oder lila; lila fuͤr Liebe und blau fuͤr Er⸗ innerung.“ „Keine von beiden,“ ſagte Roſalinde mit einem ſchweren Seufzer,„ich habe mit Baͤn⸗ dern nichts zu ſchaffen. Muß ich denn Arm— ſchleifen haben? Nun denn, ſo nehmt die gel⸗ ben, als Contraſt mit dem Schwarz.“ „Gelb?“ rief Rahel beinahe aufſchreiend, „das iſt ja Eiferſucht und eine ſo ſchoͤne Dame wird dazu nie Urſache haben.“ „Nehmt was Ihr wollt,“ antwortete Roſa⸗ — 117 linde, die eiferſuͤchtige Farbe in die Schach⸗ tel zuruͤckſtoßend, und dabei tief erroͤthend. „So will ich die Lila anſtecken, denn eine ſo reizende Lady wird gewiß immer in der Liebe gluͤcklich ſeyn.“ In der Wohnſtube, wohin Rahel Roſalinde zum Fruͤhſtuͤck herabfuͤhrte, ſaß Miſtreß Braun in reiner weißer Haube und Schuͤrze, und ſtrickte ihrem Mann braune Struͤmpfe mit ro- then Zwickeln; ſie ſezte ihre Brille auf, ging ihrem Gaſte entgegen, unterſuchte den Anzug mit großer Aufmerkſamkeit und erklaͤrte end⸗ lich, daß man ſo vor den erſten Proteſtanti⸗ ſchen Koͤnig von der Welt gehen koͤnne. Aus dem Nachdruck, den ſie auf das Wort Prote⸗ ſtantiſch legte, erkannte Roſalinde, daß ſie keine große Anhaͤngerin der jezigen Dynaſtie ſey und in der That ließ ſie ſich bald darauf mit ſo großer Waͤrme aus, daß ihre Zunei— gung fuͤr das Haus Naßau nicht zu bezwei⸗ . feln war. Bald darauf trat auch der treffliche Drucker herein und meldete Roſalinde, daß Lord Churchill ihren Brief erhalten habe, und ſie um zwoͤlf Uhr in ſeinem Hauſe erwarte. „Aber Ihr geht doch mit mir, Sir, Ihr laßt mich doch nicht allein gehen,“ rief Roſa⸗ 118 linde, die troz allem, wie jede andere, bei dem Gedanken an ein erſtes Geſpraͤch mit einem Monarchen zitterte. „Lieber Mann,“ ſagte die Frau,„Du mußt aicdere Schnallen auf Deine Schuhe ſtecken und einen anderen Rock und Weſte anziehen.“ „Aber ich werde ja den Koͤnig nicht ſehen,“ antwortete der Drucker, der um ſeinen Sonn⸗ tags⸗Anzug beſorgt war. „Aber Mylord Churchill, Vater,“ timmte das Maͤdchen ein,„und die Diener wuͤrden in dem Stadtviertel dort ſo die Naſe ruͤmpfen uber—“ „Dieſe Schleifen,“ erwiederte der gute Mann, indem er laͤchelnd auf ſeine S Schuhe ſah. „Aber den Schein, Vater!“ „Wir ſollten nie etwas Unrechtes ſeyn,“ ent⸗ gegnete der Mann vom ſchwarzen Schwane, „dann brauchten wir uns nicht zu ſchaͤmen, men wir ſcheinen, was wir ſind. 24 „Aber mich duͤnkt,“ warf Rahel etwas ver⸗ drießlich en,„da Du Miſirrſ Sydney be⸗ gleiteſt—“ „Das aͤndert freilich die Sache, antwor⸗ kete der Drucker galant;„ich gehe mit einer Dame, und muß mein Beſtes anziehen.“ 119 Als er ſich entfernt hatte, erwachte eine neue Unruhe in Mutter und Tochter. „Wie kommen ſie hin?“ Rahel verſicherte Roſalinde, daß Leute, die, „wie Joſeph ſagte,“ nicht halb ſo reich waͤ⸗ ren, als ihr Vater, in eigenem Wagen fuͤhren, die zwar nicht ganz wie Kutſchen, aber doch beinah ſo ausſaͤhen, waͤhrend ſie, wenn ſie in das Schauſpiel wollten, in Miethwagen fah⸗ ren muͤßten und darin ihre gebluͤmten Taffet⸗ kleider verdaͤrben. Aber Roſalinde koͤnnte doch unmoͤglich in ſo einem Wagen fahren! Ihr lag nichts daran. Miſtreß Braun legte ihr Strickzeug bei Seite und erklaͤrte, man muͤße der Lady Sheriff ihren Wagen borgen, der einſt einem Hof⸗Edelmanne gehoͤrt habe, eine wundervolle Kutſche, die ſie einmal haͤtten vorbei kommed ſehen, wo Schweif und Maͤhnen der Pferde mit rothen Baͤndern verziert, das Holz vergoldet und die Zuͤgel gruͤn gefaͤrbt waren. Zum Gluͤck kam der Drucker zurück, ehe et⸗ was daruͤber ausgemacht war, und ſchlichtete den Streit ſchnell und klug durch die Erklaͤrung, daß es vernuͤnftiger und fuͤr Zeit und Verhaͤlt⸗ niße paßender ſey, in einem einfachen Mieth⸗ 120 wagen zu fahren, als unnuͤzen Prunk zu machen.. „Alle Welt Weiß, das die Kutſche nicht Miſtreß Roſalinde gehoͤrt, und welches Recht hab' ich auf eine Kutſche, da ich ſie nicht be⸗ zahlen koͤnnte?“ 121 Siebentes Kapitel. Eroberung macht nicht groß, Blut iſt zu theurer Preis fuͤr den Ruhm; die Ehre ſelbſt erſcheint Dem Staatsmann wie ein Traumbild in der Nacht, Und täuſcht gleich einen Gaukler ſein Geſicht. Habington. Es lag etwas Impoſantes fuͤr die arme Ro⸗ ſalinde in dem Gedraͤnge von Dienern, dem Glanze und dem unruhigen Treiben in der Wohnung des Lord Churchill. Es gehoͤrt Zeit dazu, ehe die, welche ploͤzlich zu Groͤße kom⸗ men, die Ruhe in ihrem ganzen Weſen und in ihrer Einrichtung erlangen, welche das Erb⸗ theil der echten Ariſtokratie iſt. Ruhe iſt ſchwer zu erlangen und beſteht eigentlich nur bei einem . 1 122 wohl geregelten Geiſte. Lady Churchill, eitel, flitterhaft, laͤrmliebend, war wenig geeignet, der hohen Stellung zu genuͤgen, welche ihr Ge⸗ mahl damals einnahm. Obgleich ſie einen un⸗ beſchraͤnkten Einfluß auf den Geiſt der Prin⸗ zeßinnen Anna und Maria ausuͤbte und einen entſchiedenen Geſchmack au Staats⸗Intrigen fand, ſo fehlte es doch in ihrer Haͤuslichkeit (denn ſie war mehr Herr, als ihr Gemahl) an dem wahren Adel. Die Livreen waren reich, prachtvoll und neu, und die Diener trugen ſie mit einem eingebildeten, aufgeblaſenen We⸗ ſen; die Meubel, Tapeten, die Vergoldung, alles war neu, und doch herrſchte mehr Prunk, als Eleganz in den Gemaͤchern, durch welche Roſalinde und Herr Braun gingen, ehe ſie zu einem kleinen Kabinette kamen, wo der Kammerdiener ſie warten hieß. „Mylord Churchill,“ ſagte Roſalinde zu dem wuͤrdigen Drucker,„iſt gewiß ein treuer Freund Seiner Majeſtaͤt.“ Waͤre der brave Mann vom Schlage ge⸗ troffen worden, er haͤtte nicht beſtuͤrzter aus⸗ ſehen koͤnnen, als indem er Roſalinde ſich dicht naͤherte und ihr ſagte: „Wenn Ihr ſprechen muͤßt, junge Lady, ſo 123 ſprecht leiſe; waͤret Ihr nur halb ſo viel mit Hofleuten zuſammen geweſen, wie ich in mei⸗ nem beſcheidenen Leben, ſo wuͤrdet Ihr wißen, daß der einzige Weg zum Ziele zu gelangen iſt, nichts zu ſagen und nichts zu wißen zu ſcheinen.“ „Sir,“ antwortete die junge Dame erroͤ⸗ thend,„ich ſage oder thue nie etwas, deßen ich mich zu ſchaͤmen oder zu gereuen haͤtte, darum brauche ich nicht zu ſchweigen.“ „Wie hizig!“ ſagte der Drucker laͤchelnd, „ein warmes Herz und eine erroͤthende Wange! Lady, Lady, ein warmes Herz ſollte in Per⸗ gament gebunden werden, daß man ſeine Schlaͤge nicht ſaͤhe, noch hoͤrte und eine rothe Wange nur der Schmuck von Schelmen und Thoren ſeyn, weil die einen ihre Gefuͤhle verbergen muͤßen und die anderen lrim zu verbergen haben.“ „Ich verſtehe mich nicht auf die Lehren des Handels,“ erwiederte Roſalinde etwas ſtolz und ſcharf.. „Ich habe nichts geſagt, was ſich auf den Handel bezoͤge,“ entgegnete der Gegner, ohne ihren veraͤnderten Ton zu beachten, wurde aber jedoch ſelbſt warm, als er hinzufuͤgte: 124 „denn ich habe nicht von Ehrlichkeit und Auf⸗— richtigkeit geſprochen. Meine Anſicht, junge Dame, iſt einfach die: Wer Hoͤflinge beſucht, um ſich oder ſeinen Freunden zu nuͤzen, muß Ohr und Augen offen haben, aber doch thun, als ob man nicht hoͤren, noch ſehen koͤnne. „Das iſt ein recht guter Grundſaz,“ rief eine Frau, welche die Tapete von einer gehei⸗ men Thuͤr zuruͤckſchob und in das Zimmer trat;„ein guter Grundſaz, mein wuͤrdiger Herr Braun; mich duͤnkt, Ihr habt noch mehr gelernt, als den Unterſchied zwiſchen großen und kleinen Lettern, ſeit Ihr meine Karten ge⸗ druckt habt. Aber wer iſt das?“ Die Dame, denn das war ſie dem Reich⸗ thum ihrer Kleidung nach, ging mit einer ge⸗ bieteriſchen Haltung auf Roſalinden zu, die den ſtarren Blick, mit dem ſie die nachma⸗ lige Herzogin von Marlborough beehrte, ruhig aushielt, ohne ihn zu erwiedern, waͤhrend der arme Printer, obgleich weder Schelm, noch Narr, ſeiner eigenen Vorſchrift zuwider bis an die Schlaͤfe erroͤthete, indem er antwortete: „Miſtreß Roſalinde Sydney, Nichte des Sir Everard Sydney von Sydney⸗Luſt, mit Ihrer Erlaubniß⸗ Mylord Churchill beabſich⸗ I 125 tigt, ſie, ohne Zweifel in Folge der hohen Em⸗ pfehlung, welche dieſe Lady ihm uͤberbracht hat, heute Seiner Majeſtaͤt in Whitehall vor⸗ zuſtellen.“ „Gut, junge Lady,“ ſagte die Dame ſpiz,„es haben ſchon mattere Augen als die Eurigen, ſtaͤrkere Monarchen verfuͤhrt. Benuzt ſie gut.“ „Madame,“ antwortete Roſalinde wieder in Zorn,„mein Geſicht iſt mir zu andern Zwecken verliehen. Ich ſuche bloß Audienz nach, um meinem Oheim im Kerker Geſellſchaft lei⸗ ſten zu duͤrfen.“ Troz der friedliebenden Wuͤnſche des Druk⸗ kers ſchoßen doch die ſonſt faſt zu ſanft ſchei— nenden Augen Roſalindens Blize bei der Be⸗ merkung der Dame. „Habt Ihr,“ fragte dieſe deshalb hoͤhniſch, „bei Eurer Übung einen Roſenkranz zu beten, nicht etwas mehr Sitte gelernt? Mich duͤnkt, es waͤre fuͤr ein beſcheidenes Maͤdchen paßen⸗ der geweſen, wenn ſie Lord Churchills Frau um die Einfuͤhrung gebeten haͤtte, ſtatt es mit dem Lord ſelbſt auszumachen.“ „Madame,“ erwiederte Roſalinde ſtolz, „obgleich Lady Sydney eine Katholikin iſt, ſo bin ich es doch nicht. Es ſtand nicht in 126 meiner Gewalt, mir den Fuͤrſprecher zu waͤh⸗ len, und waͤre es auch der Fall geweſen—“ Herr Braun verhinderte ſie am Weiterreden, indem er ihr beinahe die Hand auf den Mund legte:„Gott erbarme ſich meiner, wenn ich ein offenherziges Landmaͤdchen durch das Laby⸗ rinth eines Hofes ſteuern muß! Verzeiht ihr, Mylady, es iſt die Land⸗Erziehung! Die Arme hatte keine Wahl; und wenn Euer Gnaden mir einen Augenblick Gehoͤr ſchenken will, ſo will ich Euch ſagen, von wem ſie den Brief hat, der ſie hierher fuͤhrt. Der Himmel verhuͤte, daß Daniel Braun je Jemand in dies Haus fuͤhre, der Euer Gnaden Einen Augenblick Verdruß ſchaffen koͤnnte. Ohne Zweifel waͤre es fuͤr Miſtreß Roſalinden von groͤßerem Nu⸗ zen geweſen, wenn ſie Euer Gnaden vorgeſtellt worden waͤre, und ſie weiß es wohl.“ Der wackere Daniel war jedoch diesmal kein Prophet, denn obgleich er ſowohl, als Lady Churchill Roſalinde anblickten und eine Beſtaͤ⸗ tigung des Geſagten von ihr erwarteten, ſo antwortete ſie doch nicht, ſondern ſtand ſtill da, das Bild eines ſtolzen Geiſtes.. Der Drucker war in Todesangſt und Lady Churchill ergoͤzte ſich daran. 127 „Schlechte Politik, Herr Braun ,“ ſagte ſie, halb beluſtigt, halb beleidigt. Ei, junge Dame, Ihr ſeyd nicht nur aufgebracht, ſondern Ihr zeigt es auch. Schlechte Manieren, Herr Braun. Na, Na—,“ fuhr ſie fort, ihr die Wangen ſtreichelnd,„Ihr ſeyd wirklich ein recht arti⸗ ges, gutes Maͤdchen, und ich will auch einmal aufrichtig ſeyn; ich hoͤrte, daß Ihr hier waͤret und wuͤnſchte Euch zu ſehen, obgleich ich nicht ahnte, daß die Waldnymphe die Krallen einer wilden Kaze habe. Habt Ihr dieſen Morgen ſchon Euren huͤbſchen Vetter, Baſil, geſehen? Er hat eben mein Ankleidezimmer verlaßen. Ah, ah, da erroͤthet ſie! Ja, huͤbſche Couſins ſind manchmal gefaͤhrlich. Sagt mir nichts, ich weiß, was Ihr ſagen wollt— Ihr wollt mir eben ſagen, daß der huͤbſche Vetter Euch ganz ungemein widerwaͤrtig ſey.“ „Nein, Madame.“ „Oder daß Ihr ihn ausnehmend haßet.“ „Auch das nicht; er iſt der Sohn meines Wohlthaͤters.“. „Wollt Ihr denn die Heldin ſpielen und Eure Liebe sans peur, wenn nicht sans roproche geſtehen?“ 3 „Es beſteht keine Liebe zwiſchen uns. Nein, 128 Madame, fragt ihn nur, wenn Ihr wollt, ich kann nicht zweimal daßelbe betheuren, denn es ſaͤhe aus, als wuͤrde meine erſte Angabe bezweifelt.“ „Sagt mir doch, junge Dame, ſeyd Ihr in England geboren?“ „Nein, Madame, und ich ſchaͤme mich meines Vaterlandes nicht; ich bin aus Irland gebuͤrtig.“ „Dachte ich's doch,“ ſagte Lady Churchill lachend;„ich kenne keine Irlaͤnderin, die nicht auf die Frage nach ihrem Geburtslande ant⸗ wortete: Glaubt Ihr, ich moͤgte mein Vater⸗ land verlaͤugnen? Aber, meine Liebe, ich kann Euch nur ſagen, daß Ihr noch einen ganz unhoͤfiſchen Grad von Rechtlichkeit beſizt, den Ihr bald verlieren werdet, und dann, ma mignonne, werdet Ihr auch Euren Plaz unter unſern Damen einnehmen koͤnnen.“ Ein Page in reicher Livree trat ein und be⸗ nachrichtigte Roſalinde, daß Se. Herrlichkeit mit dem Wagen auf ſie warte. Sie wurde roth und wieder blaß, indem ſie an die ihr bevor⸗ ſtehende Scene dachte, und ſo derb und ab⸗ ſtoßend Lady Churchill war, ſo blickte ſie doch nach ihr, als ob ſie ſich nach einem Worte des Rathes ſehne. 129 „Geht, Maͤdchen, geht! iſt ein Mann auch noch ſo beſchaͤftigt, noch ſo zerſtreut, dringt eine ſanfte Stimme und ein freundliches Laͤcheln doch durch; und Se. Majeſtaͤt hat ein groß⸗ muͤthiges Herz fuͤr uns Frauen. Sprecht, wenn ſich die Gelegenheit dazu macht, ſo frei mit ihm, wie Ihr es mit mir gethan habt, und ich ſeze mein Leben ein, daß Eure nakte Ehrlichkeit ihn ſo einſchuͤchtern wird, daß er Euch willfaͤhrt.“ Roſalinde gruͤßte und entfernte ſich. „Ihr wartet auf ihre Ruͤckkehr, Herr Braun.“ „Wenn es Euch recht iſt, Madame.“ „Gewiß iſt es das, obgleich, wie mich duͤnkt, es von Euch nicht zu erwarten ſtand, daß Ihr John Churchill ſolch einen Koͤder in den Weg werfen wuͤrdet. Er iſt zwar ein guter Mann, aber doch nur ein Mann.“ „Das Mauͤdchen iſt voller Ehre und wenn auch nicht—“ „Was denn, Herr Braun?“ „Ich meine, Madame, daß die Staatsin⸗ trigen fuͤr jezt Seine Herrlichkeit zur Gendge in Anſpruch nehmen.“ „Seinen Geiſt ja, aber ſeine eidenſchaffen. „Um Verzeihung, ſeine ſtaͤrkſte Leidenſchaft iſt der Ehrgeiz.“ II. 9 13⁰ So eiferſuͤchtig Lady Churchill auch war, ſah ſie doch ein, daß der Drucker recht habe. Sie laͤchelte und blickte dabei in einen Spie⸗ gel, und war es nun die Farbe des Zim⸗ mers, oder hatte das Kammermaͤdchen ihr heut das Haar kunſtreicher geordnet, oder ſaß das Leibchen beßer als gewoͤhnlich, genug, ſie glaubte wirklich, daß wenig Grund zur Ei⸗ ferſucht ſey. Eine ſolche Überzeugung, zugleich mit dem Bewußtſeyn, daß man gut gekleidet iſt, beſaͤnftigt ſchnell die Launen einer Frau. Lady Churchill ließ ſich mit der Vertraulichkeit, welche Leute von nicht gar guter Erziehung oft fuͤr Herablaßung halten, in ein politiſches Geſpraͤch mit dem Drucker ein, den man das Sprachrohr der Unzufriedenheit nennen konnte, die ſich damals ſo ſehr in der City vermehrte, daß man den nahen Ausbruch voraus ſehen konnte.— Nachdem die Angelegenheiten frei beſprochen worden waren— denn Lady Churchill wußte, daß der Drucker das unbegraͤnzte Vertrauen ihrer neuen Partei genoͤße— wendete ſie die Unterhaltung auf den Geaͤchteten und ſagte: Er waͤre der lezte geweſen, von dem ich geglaubt haͤtte, daß er eine junge Dame bei . 131 uns einfuͤhren koͤnne; aber Prinzeß Anna iſt erſt kuͤrzlich bedeutet worden, daß eine kleine Artigkeit gegen den Sohn nicht weggeworfen ſeyn wuͤrde, da er noch voll Zorn uͤber ſeines Vaters Behandlung entbrannt ſey. Der arme Sir Evrard! Ich habe gehoͤrt, er ſey das kin⸗ diſchſte Geſchoͤpf von der Welt, nur geeignet, ein Paar zahme Voͤgel zu fuͤttern; aber ſeine Frau... „Ach, Lady, dieſe iſt allerdings von Her⸗ zen ſchwarz wie Druckerfarbe; und ein Buch, das ſchwer zu leſen iſt. Ihr Sohn, Kapitain Baſil war vorige Nacht in meinem Hauſe, und brachte mir gewiße Papiere von Mylord, deren Wichtigkeit er nicht ahnte.“ „Und die Ihr ihm doch auch nicht verriethet?“ Der Drucker legte bedeutungsvoll die Fin⸗ ger auf die Lippen und ſagte: „Nein, nein, Mylady; man muß Niemand einen Verrath anvertrauen, der nicht fuͤnf und zwanzig Jahr alt iſt, oder eine perſoͤnliche Be⸗ leidigung von ſeinem Herrn empfangen hat.“ Lady Churchill's Geſicht verfinſterte ſich bei dem Worte Verrath: ſie biß ſich in die Lippe, daß beinahe das Blut heransſdrange und ant⸗ wortete: 13² „Und wen nennt Ihr Verraͤther? Mich duͤnkt, Ihr fangt an, kuͤhl fuͤr die Sache zu werden.“ „um Vergebung,“ erwiederte der Drucker mit einer tiefen Verbeugung,„die beſte Si⸗ cherheit, daß ich nicht kuͤhl werde, iſt die per⸗ ſoͤnliche Gefahr, die ich laufe.“ Haͤtte Lady Churchill in dieſem Augenblick ausgeſprochen, was ſie dachte, ſie wuͤrde den armen Drucker, wegen der Andeutung von der Gefahr eines Handwerkers, zu Staub zer⸗ malmt haben; aber troz ihres Temperamentes beſaß ſie doch viel politiſche, wenn auch nicht moraliſche Diskretion, denn ſie ſah die Noth⸗ wendigkeit der erſtern ein, und da ſie wußte, daß die erſte Stufe der Leiter, wenn gleich die niedrigſte, doch immer die nuͤzlichſte iſt, ſo ſchwieg ſie, nickte dem Drucker zu, und rauſchte in dem ganzen Stolze ihrer jezigen und einſtigen Groͤße, ans dem Gemache, in welchem ſie den beſtuͤrzten Daniel bis zur Ruͤck⸗ kehr der Miſtreß Roſalinde ſeinen Betrach⸗ tungen uͤberließ. „Ich wollte lieber,“ ſagte er dann zum Ver⸗ tranten des Weiſen, zu ſich ſelber,„ich wollte lieber, der Geaͤchtete haͤtte mir fuͤnfzig Mani⸗ 133 feſte in Hieroglyphen geſchickt, um ſie, wie ich oft gethan, in den verſchiedenſten Farben zu drucken, ſtatt daß ich dies junge Landmaͤdchen mit der wilden papiſtiſchen Amme durch die Irrwege des Hofes fuͤhren ſoll. O Daniel Braun, was biſt Du fuͤr ein ſauberer Mentor fuͤr eine junge Dame! Waͤhrend Deine Preßen feiern, und Deine Gehuͤlfen ſich muͤßig am Tempel Bar umhertreiben, mußt Du—; aber,“ fuhr Daniel in dem wahren Geiſt des mo⸗ dernen Patriotismus hinzu, der ſelbſt gern glau⸗ ben und andere uͤberreden mochte, daß er nicht ſich alles zu Liebe thaͤte, ſondern ſich aufopfere, „aber wir ſind alle etwas fuͤr das Wohl des Vaterlandes zu thun ſchuldig. Roſalinde war zu nachdenkend, als daß ſie die Straßen, durch welche ſie fuhren, oder den Glanz der Equipage Seiner Herrlichkeit oder den Lord ſelbſt beobachtet haͤtte, deßen Siege unter ſpaͤteren Regierungen die Geſchichte Englands mit ſo vielen ruhmvollen Kapiteln bereichert haben. Lange Zeit konnte Britanien— ſich nur Eines großen Feldherren ruͤhmen, und nur das jezige Jahrhundert hat einen an⸗ deren erhoben, deßen Strahlen alle anderen Lichter verdunkelt haben, und der in mehr als 134 Einer Gelegenheit der Retter des Vaterlan⸗ des geweſen iſt. Der Hof Jacobs II war damals, eben wie das Land ſelbſt, in einem Zuſtande fieberhafter Ungewißheit; ſelbſt die Huldigungen, die ihm dargebracht wurden, waren, wenn ſie nicht von entſchiedenen Anhaͤngern ſeiner Perſon oder ſeiner Religion herruͤhrten, großentheils Verhoͤhnung, und der ungluͤckliche Monarch fuͤhlte ſich, wie eine ihrer Strahlen beraubte Sonne, ein Spott fuͤr ganz Europa. Der auf⸗ richtigſte ſeiner ganzen Familie, fand er es immer ſchwer, zu ſcheinen, was er nicht war; heftig in ſeinen Aufwallungen ließ er ſich ohne Er⸗ barmen und ohne Klugheit darin gehen und ſein Eifer uͤberſchritt bei weitem ſeine Weisheit., Waͤre er Proteſtant geweſen, haͤtte England ihm wenigſtens dieſen Fehler verziehen, aber die Geſchichte zeigt nur zu deutlich, daß in einer Periode geprieſen wird, was in einer andern verdammt worden, und daß die Ge⸗ ſinnungen des Volkes ſtets durch alle Schat⸗ tirungen des Wechſels durchlaufen. Wer in ſolcher Zuruͤckgezogenheit erzogen wird, wie unſere Heldin, wird ſich nach einer erſten Unterredung mit einem Monarchen faſt — — 135 nur getaͤuſcht ſehen. In ſeiner romantiſchen Loyalitaͤt glaubt man nicht, daß ein Koͤnig wie ein gewoͤhnliches menſchliches Weſen ſte⸗ hen und gehen dürfe und die Pracht und das Myſterioͤſe, was die Morgenlaͤndiſchen Fürſten umgibt, traͤgt nicht wenig zu ihrem Anſehen bei.. Roſalinde frug, indem ſie ſich auf den Arm Lord Churchill's lehnte, was ſie ſagen ſolle. „Was Ihr fuͤhlt,“ war die Antwort,„und ſo kurz als moͤglich.“ Sie ſah ihn an und zitterte; auch wagte ſie nicht, ſich weiter im Vorzimmer umzuſehen, in dem ſie eben ſtanden, denn es war faſt ſchon mit Leuten angefuͤllt, die Audienz verlangten, und deren viele trozig, andere niedergeſchlagen ausſahen. Endlich trat ein Page ein, verbeugte ſich tief vor Lord Churchill und fluͤſterte ihm etwas in's Ohr, worauf er zu Roſalinde ſagte: „Ich muß Euch auf einige Minuten ver⸗ laßen; aber zittert nicht ſo, Ihr ſeyd hier voll⸗ kommen in Sicherheit.“ 82 „Soll ich,“ fragte ein ſchlanker, ſtattlicher Mann, der in einer Fenſtervertiefung ſtand, „ſoll ich dem Maͤdchen einen Stuhl ſtellen, Freund Chuͤrchill, und waͤhrend Deiner Ab⸗ weſenheit ſie unter meine Obhut nehmen?“ Lord Churchill dankte ihm, und als der Fremde Roſalinde zu einem Size fuͤhrte, fuͤhlte ſie ſich beruhigter als je, ſeit ſie nicht mehr am Arme ihres Oheims in Sydney⸗Luſt ge⸗ wandelt war. Sie bemerkte, daß der Rock des Herrn von einem eigenthuͤmlichen, einfachen Schnitte ſey, daß er ſein eigenes graues Haar trug, und daß ein Hut von gewaltigem Um⸗ fange ſeine Stirn beſchattete; ſein Auge war ruhig, hell und freundlich, und ein wohlwol⸗ lendes Laͤcheln, das haͤuftg um ſeine Lippen ſpielte, milderte die Strenge, auf welche die Form ſeines Mundes ſchließen ließ. „Du haſt ein Geſuch anzubringen, junge Freundin, aber wenn Du es erreicht haſt, ſo hoffe ich, wirſt Du Dich nicht danach ſehnen, in London zu bleiben, denn ich ſehe, es iſt nicht Deine Heimath.“ „Ich wuͤnſche nur ſo lang hier zu bleiben, als mein Oheim im Gefaͤngniß iſt,“ agte die aufrichtige Roſalinde. „Dein Oheim? Wer iſt das?“ fragte der Quaͤker, denn ein ſolcher war er. „Sir Everard Sydney,“antwortete ſie,„der 137 beſte, gutherzigſte Mann von der Welt, und doch ſchmachtet er jezt in dem dunkeln, traurigen Tower, er, der die Sonne ſo liebte.“ Es war ein Gluͤck fuͤr Roſalinde, daß die Fenſtervertiefung ſie vor jeder Beobachtung ſchuͤzte, denn die Energie, mit der ſich ihr Gefuͤhl ausſprach, haͤtte ſonſt bald die ganze anweſende Menge um ſie verſammelt; aber es that wohl, wenn man ſah, wie ſein Auge bei ihrer ruͤhrenden Stimme feucht wurde. „So biſt Du alſo die Nichte meines guten Freundes, Sir Everard Sydney. Dann biſt Du ja auch eine alte Bekannte von mir, denn er ſchrieb, daß eine kleine Nichte von ihm— ich glaube, er nannte ſie Roſa— ihm ſehr zur Hand ging, als er die Voͤgel ordnete, die ich ihm von Amerika ſchickte.“ „Ihr, Sir?“ ſagte Roſalinde, mit un⸗ willkuͤhrlicher Ehrfurcht aufſpringend.„Mein Oheim hat nie Voͤgel aus Amerika erhalten, außer von William Pen.“ „Du magſt Recht haben,“ antwortete der friedliebende Geſezgeber von Penſilvanien; „aber ich bin auch William Pen.“ Die Jugend hat viele herrliche Gefuͤhle, deren das ſpaͤtere Alter nicht mehr theilhaftig 138 wird; das koͤſtlichſte iſt vielleicht das, welches uns ganz das Herz erfuͤllt und erweitert, wenn wir mit jemand zuſammentreffen, den wir lange verehrt und geliebt haben. Roſalinde hatte je⸗ doch wenig Zeit, ſich dieſem angenehmen Gefuͤhle zu uͤberlaßen, denn ploͤzlich entſtand ein Ge⸗ wirr, eine Bewegung, eine Unruhe, die ſie mit der Nengierde der Jugend zu ergruͤnden ſuchte. Da war der feine, behende Barillon, der Franzoͤſiſche Geſandte, der mit dem ſchoͤnen Herzog von Grafton, dem natuͤrlichen Sohne des vorigen Koͤnigs plauderte, der durch ſein Benehmen ſpaͤter zeigte, wie wenig Liebe er zu ſeinem Oheim hege. In dem entfernteſten Winkel ſtand Vater Peter, der beruͤhmte Je⸗ ſuit, in vollem Prieſter⸗Ornate und beſchrieb die wunderbare Kur; welche am vorigen Tage an einem mit dem Kropfe behafteten Manne gemacht worden und berief ſich dabei auf zwei Prieſter, welche bei der Kur zugegen geweſen waren und ſich in Lobeserhebungen uͤber des Koͤnigs geſegnete Heilkraft ausließen. Von allen vermeintlichen Befoͤrderern des Katho⸗ licismus ſtolz entfernt hielten ſich die Lords Ha⸗ lifar, Clarendon und Nothingham, welche erſt 139 kurz vorher ſich kuͤhn geweigert hatten, mit Jemand anderem als Proteſtanten einem Kon⸗ ſeil beizuwohnen, und welche erklaͤrten, daß Alles, was bei Anweſenheit von Katholiken beſchloßen werde, ungeſezlich ſey. Lord Preſton, der eben an der Stelle des Earl Sunderland, zum Staatsſekretair ernannt worden, war wie alle neue Miniſter von einem Trupp juͤngerer Soͤhne und untergeordneter, hungriger Beam⸗ ten umgeben. Ein ſehr alter Mann von edlem Ausſehen, der, nach den Runzeln ſeiner Stirn zu ſchließen, nicht bloß von Alter, ſondern mehr von Kummer gebeugt war, ſtand nah an einem Kamine, die Haͤnde uͤber der Bruſt gekreuzt und ſo in ſich gekehrt, daß Roſalinde dachte:„Was auch geſchehen mag, die Aufmerkſamkeit dieſes Mannes wird, kann nichts erregen.“ Nur wenige der an ihm Vor⸗ uͤbergehenden gruͤßten ihn, und da ſein Ge⸗ ſicht ihr zugekehrt war, ſo ſah ſie, was ſie in ihrem Glauben beſtaͤrkte, daß er keinem der Gruͤßenden dankte;; ſeine Augen larrten hin, als ob ſie nichts ſaͤhen. Roſalinde freute ſich, als ſie ſah, daß bald darauf ein Paar Ladies eintraten; ſie fragte William Pen, wer ſie waͤren, aber er kannte 140 ſie nicht, und obgleich der Quaͤker mit der freundlichen Theilnahme, welche der wahre Quell aͤchter Hoͤflichkeit, iſt, ſich dicht neben ſeiner Schuzbefohlenen hielt, ſo ſprach er doch ſo viel mit einem unter den Quaͤkern beruͤhm⸗ ten Mann, Namens Gilbert Latey, daß Ro⸗ ſalinde ihn nicht zu unterbrechen wagte; auch intereſſirte ſie vieles, was ſie von der Unter⸗ haltung hoͤrte, denn ſo ſehr ſie auch Neuling in der Welt war, hatte ſie doch manches von den Beſchuldigungen gehoͤrt, welche die Hoch⸗ proteſtantiſche Partei William Pen machte. „Meiner Meinung nach,“ ſagte der große Geſezgeber von Amerika,„iſt unſer großer Fehler, daß wir zu ſehr uͤber ſpekulative Irr⸗ thuͤmer in Hize gerathen und in unſerer Auf⸗ wallung alle Schranken uͤberſchreiten, waͤhrend wir praktiſche unbemerkt, wenn auch nicht un⸗ bekannt voruͤbergehen laßen, als ob ein Ver⸗ ſehen in irgend einem dunkeln Glaubensartikel ein groͤßeres Übel waͤre, als die Verlezung einer unbezweifelten Lehre. Ohne einer ſolchen Religion ſind ſelbſt die Teufel nicht, denn auch ſie haben Wißen und Glauben, aber ihr Glaube wirkt nicht durch Liebe, noch ihr Wißen durch Gehorſam. Wie gluͤcklich waͤre es, Freund 141 Gilbert, wenn da, wo die Einigkeit leidet, die Milde anfinge, ſtatt daß gewoͤhnlich Neid und Spott folgt.“ Er wuͤrde noch weiter geſprochen haben, haͤtte ſie nicht ein Page vor den Koͤnig be⸗ ſchieden. Es entging dem freundlichen Quaͤker nicht, daß ſich Roſalinde in der Menge un⸗ gluͤcklich fuͤhlen wuͤrde und er empfahl ſie da⸗ her dem alten Manne, der fruͤher ihre Auf⸗ merkſamkeit ſo ſehr in Anſpruch genommen hatte. „Ihr ſeht, Mylord,“ ſagte ein ſehr junger Herr leiſe zu dem alten Edelmanne,„der weiſe Mann hat Audienz, waͤhrend wir warten muͤßen.“ „Ich habe,“ war die Antwort,„zu lange warten muͤßen, als daß ich es jezt noch beach⸗ ten ſollte; aber es wuͤrde mir leid thun, wenn man deshalb Bemerkungen uͤber William Pen machte.“ Ein zweideutiges Laͤcheln verzog den Mund des jungen Mannes, der ſich zu einer Gruppe unbaͤrtiger Juͤnglinge wendete, die ſich dem Anſcheine nach uͤber einige Worte unterhielten, welche ihnen im Vorbeigehen ein Herr zuge⸗ fluͤſtert hatte, der unangemeldet in des Koͤnigs 142 Zimmer eilte. Gleich darauf drangen laute Stimme aus demſelben, und die Thuͤr flog auf und James ſelbſt, ohne Kopfbedeckung und in einem Anzug, der mehr Eile als Geſchmack ver⸗ rieth, ſtand einen Augenblick auf der Sahden⸗. ſeine Blicken uͤber die Menge werfend, bei ſeinem Erſcheinen aufgeſprungen oder f ehrfurchtsvoll gegen ißren Koͤnig gewendet hatte. 3 Er ging dann einige Schritte im Zimmer vor, theils um ſich ſelbſt zu ſammeln, theils um gleichſam in den Seelen der um ihn Ver⸗ ſammelten zu leſen. Lord Bellaſis ſtand dicht neben ſeinem Koͤniglichen Herrn und wechſelte ein Paar leiſe Worte mit einem der zuver⸗ laͤßigſten Freunde des ungluͤcklichen Monar⸗ chen, dem Herzog von Beaufort. Jacob machte zwei oder drei vergebliche Verſuche zu ſprechen, ehe er Stimme genug dazu finden konnte; die hinter ihm Stehenden draͤngten ihn vorwaͤrts, waͤhrend die vor ihm ſich immer dichter um ihn ſchaarten. Ein Paar Mal fuͤhrte er mit jener ungewißen Bewegung der Finger die Hand nach dem Halſe, was ſo deutlich die innere Aufregung verraͤth, und erwiederte zu⸗ gleich auf eine hoͤfliche, aber peinlich ergriffene 143 Art die Begruͤßungen der Verſammlung. End⸗ lich ſagte er, ſich zu Lord Bellaſis wendend. „Mylord, Mylord, wir vermißen einige Geſichter, die ſonſt in unſerm Rathe nicht zu fehlen pflegten: Lord Delamere, Lord Danby, Lord Bath. Ihr ſeht, Ihr ſeht, mein Freund, daß die zaͤrtlichen Gefuͤhle dieſer Edelleute es ihnen vermuthlich nicht erlauben, Zeugen der Unenhe ihres Koͤnigs zu ſeyn. Meine Her⸗ ren,“ fuhr er fort, und Roſalinde bemerkte, daß wenn gleich Lord Bellaſis und der Herzog von Beaufort ihn vom Reden abzuhalten ſuch⸗ ten, daß Lord Churchill mit uͤbereinanderge⸗ ſchlagenen Armen und kalter Stirne ein gleich⸗ guͤltiger Zuſchauer dieſer Scene blieb,„My⸗ lords und Herren, ich habe gehoͤrt, daß eine gewaltige Schandthat in der City begangen worden: der freche Poͤbel hat eine Kapelle zer⸗ ſtoͤcrt. Mylord von Canterburv, ich ſehe, daß Ihr hier ſeyd; ich frage Euch, ob ſolche Er⸗ zeße ſanktionirt werden ſollen, oder welche Strafen die verdienen, die uns die Freiheit des Gewißens verweigern, die wir ihnen immer ſo ehrlich und unbeſchraͤnkt eingeraͤumt haben. Aber Mylords und Herren, einige von Euch haben vielleicht ſchon, ſelbſt noch 144 — vor uns, vernommen, daß wir einen Neben⸗ buhler in der Perſon unſers Eidams erhalten ſollen! Es mag zu unnatuͤrlich ſeyn, um es zu glauben,“ fuͤgte er hinzu, und die ſchmerz⸗ lichen Zuckungen ſeines Geſichtes verriethen wie ſehr er aufgeregt war, waͤhrend mehre der routinirteſten Hoͤflinge ebenfalls mehr aus Nach⸗ ahmung als aus Sympathie geruͤhrt ſchienen; „aber es iſt dennoch wahr, daß die Kinder,“ und hier wurde ſeine Stimme von einem un⸗ widerſtehlichen Zittern ergriffen,„daß die Kin⸗ der, welche Gott uns gegeben, gegen unſer heiliges Amt, wenn nicht auch gegen unſere Perſon verbuͤndet ſind. Mylord Halifax, wir erwarteten kaum die Ehre Euerer Geſellſchaft, da Prinz Georg von Daͤnemark ſich zu dem Verraͤther Oranien geſellt hat. Er pflegte, wenn wir zu ihm von Gefahr und Übergang ſprachen, nur auszurufen: Est⸗-il possible! Est-il possible! Aber der Est-il possible iſt jezt ſelbſt uͤbergegangen. Doch was thut das? Der Verluſt eines kraͤftigen Soldaten waͤre von groͤßerem Gewicht.“ Lord Halefar naͤherte ſich dem Koͤnige um einige Schritte, der erſchoͤpft und faſt athem⸗ los da ſtand, verbeugte ſich ehrerbietig und — 145 ſagte:„Verzeihen Ew. Majeſtuͤt, wer aufrich⸗ tig iſt, kann nie ein Verraͤther ſeyn.“ „Es mag ſeyn,“ antwortete der Koͤnig, naber wir haben jezt an andere Sachen zu denken, als an dieſen erbaͤrmlichen Verrath. Die Buͤrger lohnen es uns ſchlecht, daß wir ihnen erſt vor wenigen Tagen ihre Privilegien verbeßert haben, als Beweis unſerer kuͤnftigen Gnadenbeweiſe; auch gewiße Grafſchaften, de⸗ nen wir in unſerer Guͤte ihre Lieutenants und Gerichtsbeamte zuruͤckgegeben, ſind durch ihren Troz gegen unſere Geſeze Verraͤther gegen ihr eigenes Intereße, wie gegen ihren Koͤnig. My⸗ lord von Bedford— und hier naͤherte ſich der alte Herr, der neben Roſalinde geſtanden nnd verbeugte ſich tief— Mylord von Bedford, Ihr, weiß ich, werdet uns nicht verlaßen, noch dulden, daß wir beleidigt werden.“ In dem vollgedraͤngten Vorzimmer des al⸗ ten Pallaſtes von Whihhah herrſchte ploͤzlich eine lautloſe Stille und jedes Auge wendete ſich nach dem ehrwuͤrdigen Vater des Maͤrty⸗ rers Rußel; es war ein Schweigen, das man faſt fuͤhlen konnte, ſo ſchwer ſchien die Atmos⸗ phaͤre auf Allen zu liegen. Jeder hielt den Athem an und hob ſich, um des alten Mannes Ant⸗ Il. 10 146 wort zu verſchlingen. Der kinderloſe Vater ver⸗ aͤnderte faſt keinen Zug in ſeinem durch Gram und Thraͤnen durchfurchten Antlize. Einen Au⸗ genblick ſah der alte Earl auf, als ob er nicht gehoͤrt, oder nur undeutlich verſtanden habe, und ſtand die Haͤnde gekreuzt, den Koͤrper ehrerbietig gebengt, waͤhrend ſeine Augen auf⸗ gerichtet blieben; nach einer kurzen Pauſe fragte der Koͤnig von Neuem mit veraͤnderten Worten:* „Mylord von Bedford, Ihr ſeyd ein guter Mann und habt großen Einfluß. Ihr koͤnnt in einer Zeit, wie die jezige, viel fuͤr uns thun.“ 13tt „Erlauben Ew. Majeſtaͤt,“ ſagte er endlich, „ich bin ein alter Mann und kann nur wenig thun. Und nach einer neuen Pauſe fuͤgte er mit einem Seufzer hinzu: Ich hatte einſt⸗ mals einen Sohn, der jezt Ew. Ma⸗ jeſtäͤt recht nuͤzlich haͤtte ſeyn koͤn⸗ nen.“ Waͤre der edle Schatten Lord William Ruſſels ſelbſt aus ſeinem blutigen Grabtuche hervorgeſtiegen, ſo haͤtte Jacob von England nicht entſezter ausſehen koͤnnen, als bei dieſen Worten des Greiſes; es war mehr, als er 147 vertragen konnte; die Vergangenheit, die Ge⸗ genwart und die Zukunft ſtuͤrzten auf ihn ein, und wenn er auch keine Gewißensbiße fuͤhlte, war er doch von dieſer Antwort erſchuͤttert. Die Aufgereiztheit ſeines Gefuͤhls war ploͤzlich wie vom Schlage getroffen, ſeine Heftigkeit gedaͤmpft; er verſuchte die Verſammlung nach ſeiner gewoͤhnlichen Weiſe anzublicken, aber es ging nicht. „Mylords,“ ſagte er endlich,„ich wuͤnſche, daß das geheime Konſeil um drei Uhr zuſam⸗ menkomme und muß bis morgen alle Geſchaͤfte, mit Ausnahme der dringendſten, aufſchieben, und dann, und ſchon um neun, werden wir, wie wir es immer geweſen ſind, gern bereit ſeyn, Alles zu verbeßern, was einer Verbeße⸗ rung bedarf.“— Der Koͤnig verbeugte ſich, blieb aber ſtehen, und die Geſellſchaft empfahl ſich ſo ſchnell, als die Etikette es erlaubte. Der Quaͤker Prediger und William Pen weilten etwas laͤnger und Gilbert Latey ging ruhig auf den Koͤnig zu, ergriff ſeine Hand und druͤckte ſie mit großer Bewegung an ſeine Lippen. Jacob war ſo in ſich verſunken, daß er dies nicht eher bemerkte, als bis der Pre⸗ 148 diger ſchon die erſte Haͤlfte ſeiner kurzen An⸗ rede beendet hatte. „Die Gnade, Gunſt und Guͤte, weiche Du uns, als einem Volke, in der Zeit unſerer bitteren Noth, erwieſen, erkennen wir demuͤ⸗ thig an und aufrichtig beten wir zu Gott, daß er auch Dir Gnade und Gunſt erweiſe in der Zeit Deiner Unruhe und bitteren Noth.“ Die Worte waren einfach, aber gut gemeint; und der Quaͤker fuͤhlte, daß der Koͤnig, ob⸗ gleich er nicht antwortete, doch ſeine Hand mit Waͤrme druͤckte und die Worte blieben noch lange in ſeinem Gedaͤchtniße, denn als er ſpaͤter in Irland war, bat er einen Quaͤ⸗ ker, Gilbert von ihm zu gruͤßen.„Sagt ihm,“ ſprach er,„daß ich die Worte, die er zu mir geſprochen, nie vergeßen werde.“ Als William Pen und ſein Gefaͤhrte das Zimmer verlaßen, bemerkte Roſalinde erſt, daß auch Lord Churchill aus der Gruppe, die den Koͤnig umgab, verſchwunden war. Zum erſtenmal ſeit dem Erſcheinen Seiner Majeſtaͤt dachte ſie erſt an ſich ſelbſt, und ihr Vorha⸗ ben; ihr Herz ſchlug ihr hoͤrbar und das Zim⸗ mer ſchwamm vor ihren Augen; ſie konnte nicht 149 begreifen, wie das Gemach ſo ſchnell von al⸗ len den Prieſtern, Grafen und Kriegern ge⸗ raͤumt worden war, und doch ſtand da der Koͤnig und nur der Mann, der ſie eben vor⸗ ſtellen ſollte, war verſchwunden. Und ein Page fluͤſterte ihr in das Ohr, daß ſie ſich unver⸗ zuͤglich entfernen muͤße. Roſalinde ſtuͤrzte vor, warf ſich mit ihrem natuͤrlichen und nationel⸗ len Ungeſtuͤm dem Monarchen zu Fuͤßen und rief zum großen Erſtaunen des Koͤnigs und der wenigen zuruͤckgebliebenen Hoͤflinge: Gnade! Verzeihung fuͤr meinen Oheim! 150 Achtes Kapitel. Der fruͤhere Kummer ſchmolz in Thraͤnen hin, und dann erſt brach die Freud' aus ihrem Herzen, Und ſchimmerte zuerſt in ihrem Blick, und ſprach entzuͤckt aus ihrer ſuͤßen Stimme. i lche Wenn es auch dem Hauſe Stuart an jener zarten Liebe zu Frauen gefehlt haben mag, welche den Geber wie den Empfaͤnger erhebt und aͤdelt, ſo bewies es denſelben doch im⸗ mer jene huldvolle Aufmerkſamkeit, deren dieſe ſich ſtets ihr Leben lang mit Stolz und Dank⸗ barkeit erinnern. Der Ton der guten Geſell⸗ ſchaft verlangt Aufmerkſamkeit fuͤr das weib: liche Geſchlecht. Daher werden oft ſchwache, — 151 aber artige Menſchen uͤber ihren geiſtigen Werth geſchaͤzt; und dieſer Zuvorkommenheit verdankte Karl II. einen großen Theil ſeiner Popularitaͤt, um ſo mehr, da die aͤchte Hoͤflichkeit damals ſeltener in England war, als jezt. „Verzeihung iſt nicht immer Gnade, junge Lady,“ antwortete Jacob auf den leidenſchaft⸗ lichen Ausruf Roſalindens.„Ihr habt, denke ich, vernommen, daß ich allein zu ſeyn wuͤnſchte und handelt doch zunwider Wie ſeyd Ihr hier⸗ her gekommen?“ „Lord Churchill war 3 guͤtig, mich Eurer Majeſtaͤt vorſtellen zu wollen, iſt aber jezt ab⸗ weſend, und da ich fuͤrchtete, daß man mich nicht wieder einlaßen wuͤrde, ſo wagte ich ⸗ „Euch ſelbſt vorzuſtellen. Wo iſt Lord Ahun chill?“ „Er iſt nur eben mit Lord Eornbury in je⸗ nes Zimmer gegangen.“ Der Koͤnig runzelte die Stirn und biß ſich in die Lippen, als einer der dienſtthuenden Herren dies ſagts, denn Lord Cornbury war nie dem Koͤnige ſehr zugethan. Er machte je⸗ doch keine Bemerkung, ſondern wendete ſich mit der aͤchten Artigkeit eines Stnarts zu dem Maͤdchen und ſagte: 152 „Und fuͤr wen, ſchoͤne Lady, bittet Ihr denn?“ „Fuͤr meinen Oheim, Eure Majeſtaͤt, fuͤr Sir Everard Sydney.“ Die Stirn des Koͤnigs verfinſterte ſich von neuem, aber Roſalinde bemerkte es nicht. „Er iſt mit Unrecht, Sire, ganz mit Un⸗ recht angeklagt.“ „Das muß erſt bewieſen werden, Lady; es ſcheint ein Buͤndniß zu Gunſten des Verraͤ⸗ thers zu beſtehen, denn das iſt heute ſchon das zweitemal, daß wir wegen dieſes Verraͤthers belaͤſtigt werden.“ „Verzeihen Eure Majeſtaͤt, aber Sir Eve⸗ rards Verrath iſt nicht bewieſen worden, und ich oill meinen Kopf auf das Schaffot legen, wenn dies bewieſen werden kann.“ Der Koͤnig laͤchelte uͤber ihren Eifer, ohne daß ſein Unwille abzunehmen ſchien. „Ich wiederhole es, hier herrſcht eine Ver⸗ ſchwoͤrung zu Gunſten dieſes alten Mannes. Sagt mir, junge Dame, habt Ihr Euch nicht mit Jemand verabredet, daß Ihr durch dieſe unerwartete Vorſtellung auf einen nur zu gu⸗ ten und zu leicht verzeihenden Koͤnig einwir⸗ ken wollt.“ „Verzeihen Eure Majeſtaͤt, ich habe mich ——y—— 153 mit Niemand verabredet. Ich bin den groͤßten Theil des Weges von New⸗Forſt mit meiner Amme zu Fuß gegangen, um mein Geſuch an⸗ zubringen; ich weiß jezt kaum, was ich Eurer Majeſtaͤt zuerſt geſagt habe, aber jezt, da ich ruhiger bin, kann ich Euch auf die Ehre und Treue eines Engliſchen Maͤdchens verſichern, daß ich meines Oheims Freiheit nicht verlan⸗ gen wuͤrde, als bis eine Jury von rechtlichen Maͤnnern ihn fuͤr ſchuldlos befunden. Die Frei⸗ heit, ſo ſehr er die freie Natur liebt, koͤnnte keinen Reiz fuͤr ihn haben, wenn nicht die fal⸗ ſchen Schmaͤhungen ſeines Karakters erſt durch⸗ aus getilgt ſind. Meine einzige Bitte iſt, daß Eure Maieſtaͤt mir erlauben moͤge, ihm in ſei⸗ ner Einſamkeit Geſellſchaft zu leiſten. Ach, Sire, er iſt alt und an die Freuden und Ge⸗ nuͤße des heimathlichen Heerdes gewoͤhnt. Bis die Zeit des Gerichtes kommt, vergoͤnnt mir, in ſeinem Gefaͤngniße zu bleiben.“ „Lady, Ihr ſeyd jung, ſchoͤn und edler Geburt.(Roſalinde ſchauderte.) Sir Everard Sydney mag lang im Gefaͤngniß bleiben muͤßen, und ſeyd Ihr einmal darin, duͤrft Ihr Eure Dienſtzeit nicht kürzen. Es iſt traurig, in Haft zu ſchmachten.“ 154. „Der Koͤrper ſehnt ſich der Seele nach. Mein Herz, Sire, iſt bei meinem Oheim.“ „Aber wenn es bewieſen wird, was man behauptet, ſo werden ſeine Guͤter konfiszirt, wenn ich ihm auch aus Gnade das Leben ſchenke.“. „Ich liebte nie ſeine Guͤter, ſondern ihn. O gewaͤhrt mir meine Bitte, und moͤgt Ihr nie einen Freund brauchen oder vermißen, der das fuͤr Euch thue, was dieſer jezt ſo ver⸗ laßene Mann fuͤr mich gethan hat!“ Der Koͤnig war bewegt und ſagte:„Was hat er fuͤr Euch gethan, Lady? Mich duͤukt, er durfte viel fuͤr eine ſo ſchoͤne, und wie es ſcheint, ſo liebevolle Dame thun. Überdies ſeyd Ihr von ſeinem Blute und es waͤre zu niedrig geweſen, haͤtte er Euch die Theilnahme ver⸗ weigert, die ſelbſt das Thier ſeinen Jungen erzeigt.“ „Kennte Ew. Maj. nur zur Haͤlfte ſeine Guͤte, ſo wuͤrdet Ihr es nicht fuͤr moͤglich halten, daß er ein Verraͤther ſey.“— Sie hielt inne, das Blut ſchoß ihr bei einem Gedanken, der ploͤzlich in ihr aufſtieg, in's Geſicht, das eben ſo ſchnell wieder todtbleich wurde. Ach, Majeſtaͤt, ich habe faſt das Recht nicht, den 155 Namen Sydney zu fuͤhren, obgleich ich die Tochter von Sir Everards einzigem Bruder bin, und doch erzog mich mein Oheim mit ſo viel Zaͤrtlichkeit, als ob ich die Tochter des ehrenwertheſten Weibes geweſen waͤre. Oh Sire, nicht Juwelen, Gold und Puz, nur die Liebe, die herzliche Theilnahme waren Schuld, daß ich mich von gleicher Geburt wie ſeine eigenen Kinder duͤnkte. Selbſt wenn er in der heiligen Schrift las, was er oft laut that, und an eine Stelle kam, die ſich mit Haͤrte gegen die ungeſezlich gebornen Kinder aus⸗ ſprach, glitt er daruͤber hinweg, um mir nicht weh zu thun. Wie kann ich je ſo viele Guͤte vergeßen? Wie kaͤme ſo viele Guͤte zum Herzen eines Verraͤthers? 7. Erſchoͤpft von ihrer Anſtrengung, bedeckte ſie ſich das Geſicht mit beiden Haͤnden und brach in Thraͤnen aus. 4 „Roſalinde, meine edle Couſine!“ rief eine Stimme, die ihr in's Herz drang. „Aha!“ murmelte der Koͤnig,„da iſt das Geheimniß heraus. Dieſer Soldat hat ſchon heut fruͤh durch die Vermittlung einiger jener Wackeren, die ſo eifrig in der Barmherzigkeit ſind, Audienz bei mir gehabt und noch immer 156 um meine Perſon gelauert. Wir durchſchauen jezt Alles; es war nur ein klaͤgliches Komplott.“ „Verzeihen Ew. Majeſtaͤt,“ ſagte Baſil zit⸗ ternd,„ich bin, ſeit ich ſie zulezt in New⸗ Forſt ſah, nicht in der geringſten Beruͤhrung mit dieſer jungen Dame geweſen.“ Lord Churchill, der bei den Ereignißen des Morgens ohne Zweifel vergeßen hatte, daß eine Dame von ihm in Whitehall eingefuͤhrt worden und von ihm vorgeſtellt zu werden dachte, erinnerte ſich jezt deßen und trat her⸗ vor, ſchien jedoch geneigt, die Sache ihren eigenen Lauf nehmen zu laßen, waͤhrend der hochherzigere Cuthbert Raymond vorſprang, ehrfurchtsvoll vor dem Koͤnig, dem ſein Herz und ſeine Seele gewidmet war, niederkniete und ausrief: „Verzeihen, Ew. Maj., ich: wagte es, im Vertrauen auf Eure Guͤte, meinen Freund Syd⸗ ney zu einer perſoͤnlichen Anſprache an Eure Gnade zu bereden. Ew. Maj. kann nicht glau⸗ ben, daß ich einen andern Beweggrund dabei hatte, als meinem theuern Freunde zu dienen, ohne dabei, ſo weit ich denken konnte, meinen geliebten Monarchen zu kraͤnken, uͤberdies ſtand Kaptain Sydney bei Eurer Leibgarde.“ 157 Jacob ſtreckte die Hand nach dem treueſten ſeiner Anhaͤnger aus und ſagte mit einem An⸗ flug ſeiner alten Heiterkeit:„Ich glaube Euch, ich glaube Euch, und es iſt ein Gluͤck, wenn man in ſo truͤber Zeit noch jemand hat, dem man glauben kann.“— Sein Blick ſtreifte dabei das Geſchoͤpf ſeines eigenen Willens, dem der Argwohn bereits ſein Brandmark aufgedruͤckt hatte; und es verdiente dieſen Stempel, denn wie groß auch Jacobs Fehler geweſen ſeyn mogten, gegen Lord Churchill hatte er ſich ſtets als guͤtigen und nachſichtigen Herrn gezeigt. Roſalinde Sydney war nicht ſo ſchwach⸗ nervig, als daß ſie ſich Thraͤnen und Klagen hingegeben haͤtte, ohne einen Kampf mit ihnen zu verſuchen. Sie erinnerte ſich Rahels und des naͤchtlichen Beſuches ihres Couſi ns, und fuͤhlte ſich beleidigt durch die liebevolle Theil⸗ nahme, welche er an den Tag legte, waͤhrend er, unbekuͤmmert um die Anweſenheit des Koͤ⸗ nigs, ihr zufluͤſterte:„O theuerſte Roſalinde, ich habe Euch immer bewundert, aber erſt jezt Euch ganz kennen gelernt.“— Sie zog ſich haſtig von ihm zuruͤck und beugte, als die tiefſte Stille im Zimmer herrſchte, noch ein⸗ mal das Knie vor dem Koͤnig, und fragte 158 ihn, ob ſie ihrem Oheim bis zur Beendigung ſeines Prozeßes Geſellſchaft leiſten duͤrfe. „Und Ihr habt Kaptain Sydney ſeit der von ihm angegebenen Zeit nicht geſehen?“ Roſalinde hatte ein zu edles Vertrauen zu ſich ſelbſt, als daß ſie an die Folgen dachte, wenn es galt, auf eine direkte Frage eine direkte Antwort zu geben. „Ich habe Kaptain Sydney zweimal ſeitdem geſehen, aber er mich nicht.“ Baſil wurde abwechſelnd roth und blaß, und Lord Churchill warf Roſalinde einen Blick zu, der ſie zum Schweigen bringen ſollte, aber ſie ſah oder verſtand es nicht. „Wann und wo, Lady?“ „Auf meinem Wege nach London zog er auf der Straße an mir voruͤber und— aber verzeigen Ew. Maj., wo ich ihn das leztemal ſah, kann ich nicht ſagen.“ „Nicht ſagen, Kind!“ wiederholte der er⸗ ſtaunte Koͤnig, der, obgleich oft hintergan⸗ gen, doch ſelten jemand gefunden hatte, der mit ſolcher Offenheit ihm den Gehorſam ver⸗ weigerte. „Ich halte es fuͤr ehrenwidrig es zu ſagen, aber ich kann Ew. Maj. auf Treu und Glauben 159 verſichern, daß Kaptain Sydney mich nicht gefehen hat.“ „Aber ich wuͤnſche nun einmal ganz beſon⸗ ders, es zu erfahren, junge Dame.“ „Ew. Majeſtaͤt,“ ſagte Roſalinde bis an die Stirn erroͤthend,„wird ſelbſt einſehen, daß ich nicht gehorchen kann, wenn ich hinzufuͤge, daß dadurch vielleicht das Geheimniß eines jungen Maͤdchens an den Tag kommen wuͤrde, das ich aufrichtig ſchaͤze.“ Oh!“ rief der Koͤnig.„Ich moͤgte wetten ta ſeckt ein Liebeszank dahinter. Geht zu Eu⸗ rem Oheim, Lady, und ſagt ihm, er ſey gluͤck⸗ licher als der Koͤnig, denn er habe doch einen, der ihn in ſeinem Ungluͤck liebt.“ Seine Majeſtaͤt kehrte in das innere Gemach zuruͤck, ehe Roſalinde ihren Dank ausſprechen konnte, und waͤhrend Lord Churchill ſie fort⸗ fuͤhrte, fuͤhlte ſi ſie, daß der ſtolze Pair zittere. Baſil trat zu ihr heran, und fluͤſterte ihr„ indem ſie mit tiefer Bewegung auf die Kut⸗ ſche Seiner Herrlichkeit zuging, ins Ohr: „Roſalinde, ich hoffe nicht, daß Ihr Schlim⸗ mes von mir denkt; wenn ja, ſo that ihr mir ſehr Unrecht. Ich ſollte Euch vielleicht fuͤr die Wonne danken, die Ihr meinem Vater durch 160 Eure Geſellſchaſt bereitet. Aber ich bin ſelb⸗ ſtiſch, ich denke daran, was Ihr— mit Schmer⸗ zen fuͤhle ich es— was Ihr von mir denken moͤgt.“ „Was ich denke, kann von geringem Be⸗ lang ſeyn,“ antwortete ſie, indem ſie den Lord Churchill ſchnell fortzog,„kann ich bei Eurem Vater etwas von Euch ausrichten?“ „Alles was Pflicht und Liebe gebietet. Ich habe,“ fuhr Baſil fort,„ſeit ſeiner Einſper⸗ rung ihn nicht zu beſuchen gewagt, denn der Koͤnig, ſtatt ſich die gute Meinung ſeiner Unterthanen zu erwerben, trozt ihr vielmehr und wird ſtrenge gegen ſeine Gefangenen, in⸗ dem er zugleich Freiheits⸗Privilegien er⸗ theilt.“ Das Lezte wurde auf den Stufen von Whi⸗ tehall⸗Pallaſt geſprochen, wo ſie, nebſt Major Raymond, das Herankommen der Kutſchen erwarteten. Es wurde jedoch nicht ſo leiſe be⸗ tont, daß es dem aufmerkſamen Ohre des Lord Churchill entgangen waͤre, der ſich zu Baſil wendete und mit ſeinem kalten Laͤcheln bemerkte:. „Maͤnner ſprechen ſelten im gehoͤrigen Tone, wenn ſie ihr dreißigſtes Jahr noch nicht er⸗ ——B—;—⸗—.ͤͤn 161 reicht haben.“— Welche Ähnlichkeit der Ideen zwiſchen einem Drucker und einem Pair! Baſil verbeugte ſich und ſchwieg, aber als Roſalinde in den Wagen ſtieg, konnte er nicht umhin, ſich vorzulehnen und zu ſagen: „Beurtheilt mich nicht ſtreng und nicht vor⸗ ſchnell.— Major Raymond zog den Hut und blieb, als ſie voruͤberfuhr, unbedeckten Haup⸗ tes ſtehen, wobei Lord Churchill wieder mit ſeinem froſtigen Laͤcheln ſagte: „Ich wuͤnſche Euch Gluͤck, Madame, zu Euerer dreifachen Eroberung. 5 Auf dem Wege nach ſeinem Hotel ſtießen ſie auf einen Volkshaufen, der eben von eini⸗ gen ſeiner Engliſchen Erzeße kam; das heißt, er hatte ein Nonnenkloſter derſtört, und dem Spaniſchen Geſandten die Fenſter zertruͤmmert, ein ſchweres Vergehen, das die Behoͤrden aber nicht verhindern konnten„ denn die Tumul⸗ tuanten verbreiteten ſich nach allen Richtungen. In den Laͤden wurden Schlaͤge und Thuͤre ver⸗ ſchloßen, eine Vorſicht, die nicht uͤberfluͤßig war, denn die raſende Menge zog mit wü⸗ thendem Geſchrei heran, ſo daß Roſalinde uͤber dieſe neuen, ſchrecklichen Auftritte ganz erſtarrt war. Die Frechſten hatten die Bildſaͤule der II. 11 162 Madonna in der Hand, die ſie bald in der Luft ſchwenkten, bald wieder in den Rennſtein tauchten; auch ein Kreuz hatten ſie, und Ro⸗ ſalinde, die daßelbe als Symbol der Leiden unſeres Heilandes zu verehren gewohnt war, ſchauderte zuſammen, als ſie das nichtswuͤr⸗ dige Geſindel es anſpeien und alles thun ſah, was nur die Andersglaubenden betruͤben und kraͤnken konnte! Laut erſchallte der Ruf: Nie⸗ der mit den Papiſten! Kein Teſt! Kein Papſt! und andere aͤhnliche bezeichnende Ausrufungen. Roſalinde zitterte noch ſtaͤrker, wenn ſie an Churchills Gefahr dachte; denn bald um⸗ ringte der Poͤbel den Wagen, riß die Thuͤren auf, verlangte ein Glaubensbekenntniß von ihm, und daß er in den Ruf:„Nieder mit den Pa⸗ piſten! Kein Papſt!“ einſtimmen ſolle. Die Menge wurde noch wuͤthender, als ſie ſah, daß ihr Opfer im Hofſtaat war. Ein vornehm gekleideter Mann hat dieſelbe Wirkung auf den Poͤbel, wie Scharlach auf einen Stier: er wird noch gereizter dadurch. Da ſie fanden, daß ihre Forderung unbe⸗ friedigt blieb, ſo machten ſie ſich daran, Lord Churchill mit Gewalt von ſeinem Size zu zer⸗ ren. Ein Paar Tage ſpaͤter haͤtte der ſchlaue 163 Lord ohne Zweifel ſich gefuͤgt, aber fuͤr jezt war es noch zu fruͤh. Er ſcheute ſich, den Baum zu ſchuͤtteln, ehe die Frucht reif war. So kurze, verſtohlene Blicke Roſalinde auch nur auf die Menge werfen konnte, bemerkte ſie doch viele unter derſelben, deren Haltung und Benehmen weit uͤber der gemeinen Klaße ſtand. Sie be⸗ merkte, daß dieſe ſaͤmmtlich die Hutkraͤmpen herabgeſchlagen hatten und meiſt eine Binde, oder ſonſt etwas tengen, was ihr Geſicht ver⸗ barg. „Wir wollen keine Papiſterei, keinen Papſt und keinen Nuncius!“ bruͤllte ein Politiker von Fleiſcher mit einer rothen Nachtmuͤze, bloßen Armen und einem glaͤnzenden Hackmeßer in der Hand.„Wir wollen keine Papiſten! Stimmt auf der Stelle ein, Herr, oder den Teufel auf Euch!“ „Ich bin ein Proteſtant und ein Freund der guten Ordnung,“ ſagte Seine Herrlichkeit ruhig. „So ruft: kein Papſt! keine Meße!“ „Von ganzem Herzen,“ antwortete der ge⸗. wandte Churchill, ſchwieg aber dennoch. „Ja, und keine Hoͤflinge!“ rief ein anderer Geſezgeber, der mit furchtbaren Gruͤnden in 164 Geſtalt einer dreizackigen Heugabel bewaffnet war, die er tapfer uͤber einem Haupte ſchwang, das nach jedem phrenologiſchen Syſtem offen⸗ bar des Organs der Verehrung entbehrte. Zu⸗ gleich ergriff ein ganz mit Mehl eingeſtaͤubter Baͤcker den Arm des Edelmannes, riß ihn halb von ſeinem Size auf und ſchrie:„keine Zie⸗ rerei! Sagt's heraus, was man von Euch ver⸗ langt, und ſagt's wie ein aͤchter Englaͤnder, wenn Ihr einer ſeyd und nehmt Euren Hut und Eure Perruͤcke dabei mit Reſpekt ab.“ Der Baͤcker hatte eine ſehr handgreifliche Beredſamkeit, denn er gab nicht bloß den Be⸗ fehl, ſondern betrieb auch deßen Ausfuͤhrung und Lord Churchill haͤtte ſich wirklich von Hut und Perruͤcke entbloͤßen und Geſinnungen aͤußern muͤßen, deren Eingeſtaͤndniß in dieſem Augen⸗ blick noch unpolitiſch geweſen waͤre, haͤtte ſich nicht ein Mann von Gewicht durch das Volk gedraͤngt und in einem Tone, der keinen Wi⸗ derſpruch vertrug, der Menge befohlen, ſich zuruͤckzuziehen.. Der Mann, der von hoher, gebieteriſcher Geſtalt war, lehnte ſich einen Augenblick uͤber den Kutſchenſchlag, den er zuvor mit eigenen Haͤnden geſchloßen hatte und obgleich er nur ein 165 —; Paar Worte ſagte oder vielmehr fluͤſterte und ſein Geſicht beinahe ganz durch ein Pflaſter und eine Maße rothen Haares verborgen war, das unter einem niedergeſchlagenen Hute her⸗ vorquoll, ſo erkannte Roſalinde doch in dieſem Gefluͤſter die Stimme des Geaͤchteten. Sie ſprang in heißem Drange herzlicher Dankbar⸗ keit auf, um ihren unbekannten Freund zu be⸗ gruͤßen, und die rauhe Hand zu ergreifen, welche noch auf dem Schlage ruhte, aber ein ſtiller und doch befehlender Wink des geheim⸗ nißvollen und maͤchtigen Weſens, das ihr Ge⸗ ſchick zu lenken ſchien, hielt ſie zuruͤck, und ihr Herz ſchlug noch heftig, als der Wagen frei durch die Menge fuhr, die in ſchweigender Unzufriedenheit nachblickte. Der Poͤbel iſt im⸗ mer erbittert, wenn ihm ein Opfer entzogen wird, ſelbſt wenn es fuͤhlt, daß es kein Recht an daſſelbe hat. Aber Roſalinde gerieth in ein neues Stau⸗ nen, als Lord Churchill ſich mit ſeinem kalten Laͤcheln, das ſich nur wie die Form eines Eis⸗ zapfens veraͤnderte, zu ihr wendete und ruhig ſagte:»Le vrai peut quelquefois n'être pas Vraisemblable.« Er hatte noch kaum ausgeſprochen, als ein 166 handfeſter, wuͤſtausſehender Soldat den Kut⸗ ſchenſchlag aufriß, aber beſtuͤrzt zuruͤckfuhr, als er die darin Sizenden bemerkte. „Nun Kerl,“ rief der Pair,„was ſoll das heißen?“ „Ich bitte Ew. Gnaden um Verzeihung,“ antwortete der Menſch,„aber ich wußte nicht, daß es Ew. Herrlichkeit war, von wegen der neuen Livreen, und ich ſah— mit Ew. Gna⸗ den Erlaubniß— das heißt, ich glaubte zu ſehen, daß Jemand, hinter den ich ſchon ſo lange her bin, mit Ew. Herrlichkeit geſprochen habe. Wißt Ihr etwas von ihm?“ „Wißen? Von wem?“ wiederholte der Lord, die Stirne runzelnd und die Lippen zuſammen⸗ ziehend, ſo daß der kalte glatte Ausdruck ſeines Geſichtes einen ſo furchtbaren wilden Karak⸗ ter annahm, daß Roſalinde ſich vor ihm ent⸗ ſezt in die Ecke zuruͤckzog.„Wißt Ihr, mit wem Ihr ſprecht, Kerl? Wenn nicht, ſo will ich es Euch bald lehren. Wenn die Soldaten ihre Pflicht erfuͤllten, ſo wuͤrden anſtaͤndige Leute nicht am hellen Tage von einem zucht⸗ loſen Poͤbel beſchimpft werden. Fahr zu Kut⸗ ſcher, fahr zu,“ rief der Lord wie ein ſtolzer Loͤwe, der ein Rudel Hunde in Schach haͤlt, 167 — waͤhrend ſein kuͤhnes Auge mit einem Blicke, der Alles, die Soldaten und die Reſte des Volkshaufens uͤberſah,„fahr zu, aber nicht ſchneller.“ Roſalinde hoͤrte deutlich den Soldaten ſa⸗ gen:„Ihr habt ihn geſehen? Nicht wahr Bill?“ „Ja wohl,“ antwortete ein anderer, und ihr Auge folgte ihnen, wie ſie ſich unter die Menge miſchten, die noch immer:„Keine Papiſterei! Kein Teſt! Keinen Papſt!“ ſchrie.“ Das erſtaunte Maͤdchen dachte jezt an die Begebniße zuruͤck, deren Zeugin ſie geweſen war, und fragte ſich, ob auch Alles Wirklich⸗ keit, ob nicht Alles nur ein Schauſpiel gewe⸗ ſen ſey, wo Schelme und Charlatane die Staats⸗ angelegenheiten zum Spielwerk erwachſener Kinder machen. Die geheiligte Wuͤrde eines Koͤnigs war, ſie wußte ſelbſt nicht warum, gar tief in ihrer Achtung geſunken. Sie konnte nicht umhin, Jacob von Herzen zu bemitleiden, und Mitleiden verringert leicht die wahre Ehr⸗ furcht. Waͤhrend ſie noch ſo dachte, hoͤrte ſie wieder das lang anhaltende Geſchrei des Vol⸗ kes; ſie fuͤrchtete, ein neues Opfer moͤge in ſeine Haͤnden gefallen ſeyn, aber gleich dar⸗ auf vernahm man die Toͤne einer luſtigen Mu⸗ 17⁰ folgt war, ſo konnte Ralph doch nicht mehr gefunden werden, wenn ſchon Caͤcilie Maynard noch immer mitten unter dem Haufen dieſes zerſtoͤrungsluſtigen Volks tanzte. Reuntes Kapitel. Sagt mir, Ihr Kaufmannstoͤchter, ſaht ihr wohl Ein Maͤdchen je zuvor in Eurer Stadt, Das lieblich, mild und ſanft, wie ſie, Schönheit und Tugend ſo in ſich verſchmolzen hat? Spenſer.„. „Ach ¹“ ſeufzte Rahel Braun, waͤhrend einer der Druckerjungen ihres Vaters ihr die Über⸗ ſchuhe aufſchnuͤrte, da ſie eben von der Mode⸗ haͤndlerin zuruͤckgekommen war;„ach! wer kann mir abſtreiken, daß ich ſo gut ein Recht habe, an den Hof zu gehen, wie Miſtreß Ro⸗ ſalinde, die, ſo viel ich hoͤre, nicht viel beßer als eine halbe Papiſtin und ſicherlich eine ganze Irlaͤnderin iſt, wenn ſchon ſie, aber wie der 170 folgt war, ſo konnte Ralph doch nicht mehr gefunden werden, wenn ſchon Caͤcilie Maynard noch immer mitten unter dem Haufen dieſes zerſtoͤrungsluſtigen Volks tanzte. Reuntes Kapitel. Sagt mir, Ihr Kaufmannstoͤchter, ſaht ihr wohl Ein Maͤdchen je zuvor in Eurer Stadt, Das lieblich, mild und ſanft, wie ſie, Schöͤnheit Und Tugend ſo in ſich verſchmolzen hat? Spenſer.„ „Ach ¹“ ſeufzte Rahel Braun, waͤhrend einer der Druckerjungen ihres Vaters ihr die Über⸗ ſchuhe aufſchnuͤrte, da ſie eben von der Mode⸗ haͤndlerin zuruͤckgekommen war;„ach! wer kann mir abſtreiten, daß ich ſo gut ein Recht habe, an den Hof zu gehen, wie Miſtreß Ro⸗ ſalinde, die, ſo viel ich hoͤre, nicht viel beßer als eine halbe Papiſtin und ſicherlich eine ganze Irlaͤnderin iſt, wenn ſchon ſie, aber wie der 172 Vater ſagt, mit einem Haken, Sir Everard Sydney's Nichte iſt; und doch kaum koͤmmt ſie aus einem Walde, oder einem Kloſter oder ſonſt woher, und auf einmal wird die ganze Stadt in Bewegung geſezt, um ihr gefaͤllig zu ſeyn. Mein Vater und meine Mutter und der große Lord Churchill. Die Mutter machte mehr Umſtaͤnde mit ihrem Leibchen, als je mit dem meinigen, und ſogar Joſeph, Joſeph!— Indem ſie noch an ihn dachte, trat Joſeph in eigener Perſon mit zwei gewaltigen Blumen⸗ ſtraͤußen in den rein gewaſchenen, derben Haͤn⸗ den herein. Es war ein netter, artiger, etwas fad ausſehender Menſch, der ſogar fuͤr ein⸗ faͤltig gehalten werden konnte, haͤtte nicht ein gelegentliches Aufſchimmern ſeiner tiefen grauen Augen dieſe Meinung zu ſehr Luͤgen geſtraft. „Ich habe zwei Straͤuße mitgebracht,“ fing er an;„einen fuͤr Euch, und einen fuͤr Eure Freundin, die huͤbſche Miſtreß Roſalinde.“ So kurz die Rede war, mißfiel doch zweierlei darin dem jungen Maͤdchen. Erſtens ſah ſie nicht ab, was Joſeph an Roſalinde zu denken habe, und dann mogte ſie es nicht leiden, daß er ſie huͤbſch nannte. Es gehoͤrt viel Hochher⸗ zigkeit bei einem Frauenzimmer dazu, wenn 173 es den Geliebten gelaßen eine Andere ſoll ſchoͤn nennen hoͤren. Rahel warf verdrießlich die Blu⸗ men auf den Tiſch und antwortete, waͤhrend Joſeph ſich auf einen Stuhl ſezte: „Ich denke nicht, daß ſich Miſtreß Roſa⸗ linde viel aus Euren Blumen machen wird; ſie iſt ein vornehmes Fraͤulein, und dieſe hier ſind nicht ſo friſch, als ſie ſie gewohnt iſt.“ „Sie blickte mich gar nicht vornehm an, ſo ſchoͤn ſie iſt,“ entgegnete der Drucker,„und was die Blumen betrifft, ſo kommen ſie friſch aus den Gaͤrten von Weſtminſter, wo nichts ihre hellen Farben zu truͤben vermag; der Thau war noch heut Morgen auf ihnen.“ „Da Miſtreß Roſalinde,“ ſagte Rahel, wirklich aufgebracht, Euch nicht vornehm an⸗ geblickt hat, ſo thut Ihr beßer, Ihr wartet in der Druckerei auf ſie, damit Ihr ſeht, wie ſie einen Druckergehuͤlfen aublickt, wenn ſie vom Hofe zuruͤck koͤmmt.“ „Ich zweifele,“ erwiederte Joſeph,„daß ſie den Kopf ſo tragen wird, wie gewiße andere, als ſie vom Lord Mayors Ball zuruͤckkamen; die, welche das groͤßte Recht auf Stolz ha⸗ ben, ſind oft die Beſcheidenſten.“ „Gut, ſchon gut, Herr Joſeph, ſeyd nur 1 174 immer ſo naſeweis, aber ich ſehe nicht ein, warum ich, weil eine Lady hieher koͤmmt, die den Koͤnig ſehen will, mich ſoll beleidigen laßen. Ich habe wohl auch ſchon den Koͤnig und die Koͤnigin obenein geſehen.“ „Ja wohl, Miſtreß Rahel, aus des Wein⸗ ſchenks Fenſter dicht am Kreuz bei Charing,“ erwiederte Joſeph, der ſich gelaßen daran weidete, wenn ſeine ſchoͤne Rahel in Feuer gerieth— ein Verſuch, der jedoch nicht zu oft wiederholt, noch zu weit getrieben werden darf, denn die Bande der Liebe ſind haͤufig nur aus lockerer Seide gedreht. „Und wenn nun? Bin ich etwa nicht 3 gut, wie ſie?“ „Ihr! Oh Rahel!“ Schon recht, ſchon recht; aber das Ende wird's geben! Einen ſchoͤnen Valentin habe ich mir gewaͤhlt! Aber St. Baletuims⸗ Ta wird wieder kommen und dann— „Dann, vermuthe ich, wird ſich die kluge Miſtreß Rahel einen Mondſchein⸗Cavalier waͤh⸗ len, der ihn nach dem Hinterfenſter zu Kuß⸗ haͤnde zuwirft.“ Es lag ſo viel Sarcaſtiſches in Joſephs Ton, daß Rahel zuſammen fuhr und ſich verfaͤrbte. Der junge Mann erkannte ſeinen Vortheil und fuhr fort: „Ihr werdet wahrſcheinlich das Amt eines Portiers am Hinterthor uͤbernehmen, um Euch deſto beßer unter den galanten Herren, die Enren Vater in Geſchaͤften beſuchen, einen Valentin zu waͤhlen. Darf man fragen, wie Ihr ſie anredet?“ Das war zu viel. Sie fuhr auf ihn zu und verlangte, ohne ihm Zeit zur Antwort zu laßen, zu wißen, woher er erfahren habe, wer zu ihrem Vater in Geſchaͤften kaͤme. Sie verſicherte ihm, ſie wuͤrde ihm ſagen— Er fragte was? worauf ſie erſchoͤpft in Thraͤ⸗ nen und Schluchzen ausbrach, waͤhrend dem Roſalinde Sydney hereintrat. Da ſtand die arme Rahel, die kleinen Haͤn⸗ de vor dem Geſicht ihres Liebhabers geballt, waͤhrend er, der aus Erfahrung wußte, daß der Sturm bald austoben wuͤrde, ſich auf ſei⸗ nem Stuhle ſchaukelte. Roſalinde durchſchaute mit einem Blicke den ganzen Streit. „Ein Zank!“ rief ſie naͤhertretend.„Laßt mich die Friedensſtifterin ſeyn, liebe Rahel; was gibt es?“ „Oh! nichts,“ antwortete Rahel, ſich ab⸗ 176 wendend, um ihre Thraͤnen zu verbergen. „Nichts! Sind Thraͤnen nichts? Ich glaube feſt, Ihr habt Beide Unrecht. So iſt es we⸗ nigſtens, wie ich hoͤre, bei Zaͤnkereien von Verheiratheten der Fall, und vielleicht gilt das auch von Euch. Laßt mich Frieden ſtiften.“ Joſeph, der ſich nicht um dieüberreichung ſeiner Blumen bringen laßen mochte, nahm den Strauß vom Tiſche und uͤbergab ihn Roſalinde mit einer freundlichen, gutgemeinten, wenn auch etwas plumpen Verbeugung; der Geruch und die Schoͤn⸗ heit der Blumen erweckten auf der Stelle in ihr die Erinnerung an ihr theures Land. Ihre Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen; ſie dankte dem Drucker mit einem Blicke, den er lange nicht vergeßen konnte, und wendete ſich freund⸗ lich zu Rahel:„Ich gebe Euch die Haͤlfte dieſer Blumen, um den Frieden zu vermitteln; ein junger Buͤrger, der Jemand wie mir ſolche Gabe bietet, muß ein gutes Herz haben, und wenn dies der Joſeph iſt, von dem Ihr, Rahel, ſo freundlich zu mir geſprochen habt—“ „Ich von ihm, Lady!“ unterbrach das noch immer aufgebrachte Maͤdchen;„ich habe nicht von ihm geſprochen.“. „Sie hat Recht,“ ſtimmte der Juͤngling 177 ein;„ſie meinte vermuthlich den Hofherrn mit dem gefiederten Hute, der ihr vorige Nacht Kußhaͤnde zuwarf.“ Die arme Roſalinde fuhr zuſammen, legte kalt die Blumen nieder, die ihr noch eben ſo viele Freude gemacht, und entfernte ſich aus dem Zimmer, da ſie, wie ſie ſagte, ſich fertig machen muͤße, das Haus zu verlaßen. Rahel ſtand ihr in weiblichem Scharfſinn nicht nach; im Augenblick errieth ſie, wo der Pfeil getroffen habe, denn ſie wußte mehr, als Roſalinde dachte; ſie wandte ſich daher mit verdoppelter Bitterkeit zu ihrem Liebhaber, legte die Hand auf einen Krug Cichorienwaßer und ſagte: „Verdammt ſey Eure einfaͤltige Zunge, Ihr dummer, garſtiger Menſch! Geht in die Druckerei und ſeht nach Euren Typen, Ihr Typus von Verkehrtheit und laßt auch in die⸗ ſem Zimmer Euern Kalbskopf nicht wieder ſe⸗ hen, als bis Ihr ihn mit Gehirn gefuͤttert habt. So eine Pkaudertaſche! Ihr wißt gar nicht, was Ihr fuͤr Verdruß angeſtiftet habt. Aber,“ ſagte ſie, mit den Fuͤßen aufſtampfend, „ich will mich ſchon an Euch raͤchen. Fort mit Euch, Ihr Druckerſchwaͤrze, und da nehmt II. 12 178 das, Euch das Geſicht zu waſchen!“ Und in demſelben Augenblick warf ſie das Cichorien⸗ Waßer ihm in's Geſicht und lief aus dem Zim⸗ mer grade zur rechten Zeit, um ein Zuſam⸗ mentreffen mit ihrem Vater zu vermeiden, der durch eine andere Thuͤr hereintrat, um eben⸗ falls mit dem Gehuͤlfen zu zanken. „Was habt Ihr hier zu thun? und im Sonntagsſtaat, obgleich erſt Mittwoch iſt? Und warum wiſchet Ihr Euch das Geſicht ab? Blumen? was habt Ihr mit Blumen zu ſchaf⸗ fen, außer wenn ſie zu Zierrathen fuͤr den Titel eines guten Buches dienen?“ Und dabei brachte ſein Herr noch einen neuen Typus von ſeiner Zerſtreutheit zum Vorſchein, einen Bogen Papier naͤmlich, auf dem eine hoͤchſt unverantwortliche Vermiſchung der Namen Rahel und Roſalinde zu leſen war. Aber als Joſeph in einem allerdings unziemlichen Troze etwas von einem Cavalier fallen ließ, der Rahel Kußhaͤnde zugeworfen habe, da drohte ihm der gute Meiſter Braun gar, ihn einzu⸗ ſperren und wegen Verlaͤumdung ſeiner Toch⸗ ter vor den Lord⸗Mayor zu bringen. Der arme Joſeph! In den erſten zwoͤlf Stunden ging er vor jedem Weiberrock aus dem Wege und 8 179 lief lieber in den tiefen Rennſtein hinein, der St. Paulskirche umgiebt, um nur einer ſolchen Beruͤhrung zu entgehen. „Und Madame,“ ſagte Miſtreß Braun, die Roſalinde in ihr Zimmer gefolgt war und ſich tief vor einer Dame verbeugte, die mit dem Koͤnig geſprochen hatte,„und Ihr koͤnnt mir wirklich nicht ſagen, ob Seine Majeſtaͤt eine volle Peruͤcke oder nur einen Stuz trug?“ „Wirklich nicht.“ „Du guter Gott,“ dachte Miſtreß Braun, indem ſie Alicen ihrer Herrin Kleid zuſammen⸗ falten half;„es iſt doch traurig, wie manche Leute ihren Vortheil aus Haͤnden geben! Meine Rahel haͤtte jedes Haar gezaͤhlt.“ Die Sorgen Alicen's waren anderer Art; ſie ging um ihre Gebieterin herum, ſchlug die Haͤnde zuſammen und rief, immer mit gehoͤri⸗ gen Pauſen, aus: „Nun, der Herr ſey geprieſen! Ich bin uͤberzeugt, ſie hat ſie alle uͤberſtrahlt— ob⸗ gleich ich ſie noch einmal ſo ſchoͤn angezogen haͤtte, wenn es nach mir gegangen waͤre. Ge⸗ lobt ſey die Jungfrau. Ein aͤcht geborner Koͤ⸗ nig! Sie war immer mein Juweel! Er hat Euch gewiß recht angeſehen. Ja, Gott iſt gut 180 und das iſt die Hauptſache. Ich wuͤnſche, daß es einige erfahren, die es noch nicht wißen— aber mit Gottes Huͤlfe ſollen ſie es hoͤren, nur um ſich zu aͤrgern. Der Koͤnig! Der wahre Koͤnig! Gebenedeit ſey der Herr!“ 4 Dieſe Reden haͤtten vielleicht noch lange an⸗ gehalten, wenn ſie nicht durch das Eintreten Branos unterbrochen worden waͤre, der mit der Wuͤrde eines Hundes in das Zimmer kam, der ſchon bei wichtigen Ereignißen eine Rolle geſpielt hat; er hatte etwas von dem Ausſehen eines alten, abgearbeiteten, aber ſcharfſinni⸗ gen Premierminiſters an ſich, der die Welt und ihre Wege kennt und auf den erſten Blick einen Freund von einem Feind zu unterſcheiden weiß. Ohne ſich um den Puz zu kuͤmmern, der Miſtreß Braun's Bewunderung ſo hoͤch⸗ lich erregt hatte, legte er ſeine Pfoten auf die Schultern ſeiner ſchoͤnen Freundin, leckte ihr das Geſicht und windelte dabei langſam mit ſeinem ſchweren Schwanze, waͤhrend ſie außer ſich vor Freude ſeine Liebkoſung erwiederte. „Brano, wo haſt Du den armen Ralph gelaßen?“— Die Worte„armer Raph“ wa⸗ ren dem Hunde bekannte Laute und er blickte als Antwort nach der Thuͤr. Roſalinde ver⸗ 181 ſtand ihn und wenige Augenblicke ſpaͤter ſtand der arme Ralph ſchweigend vor ihr, der er mit der ganzen einfachen Treue ſeines Weſens ſo voͤllig ergeben war; ſeine Haͤnde waren ge⸗ faltet, ſeine Lippen ſtanden offen und dicke Thraͤnen ſtroͤmten uͤber ſeine Wangen herab. Welche Augenblicke der Wonne ſind es, wo jeder Unterſchied des Ranges in dem warmen Strome der Liebe untergeht. Roſalinde war in der That uͤbergluͤcklich. Sie vergaß die Schwaͤche und Beſchraͤnktheit des Geſchoͤpfes, das vor ihr ſtand, und dachte an ſeine Treue und Anhaͤnglichkeit. Sie hatte von den Martern gehoͤrt, denen er in Sydney⸗ Luſt ausgeſezt worden, und ein gewißes aber⸗ glaͤubiſches Gefuͤhl hatte ſich ihrer bemaͤchtigt, als ſie ihn unter dem Volkshaufen ſah. Alice hatte ihr oft von Geiſtern und Hexen erzaͤhlt, die uͤber die Erde wandeln, nachdem ſie bereits ihre ſterbliche Huͤlle verlaßen haben, und ihr empfaͤnglicher, leicht beweglicher Geiſt hatte ſich bereits in dieſer Beziehung mit Ralph beſchaͤftigt, da ſie ihn heut zu einer Zeit er⸗ blickt hatte, wo ihre Phantaſie von den Er⸗ gebnißen des Tages ſo ſehr aufgeregt war. Sie nahm Ralph bei der Hand, wie um ſich 182 von ſeiner Wirklichkeit zu uͤberzeugen, und da ſah ſie erſt, was er gelitten hatte. Die Dau⸗ men waren ausgerenkt und geſchunden. Das Herz brach ihr uͤber dieſe Grauſamkeit. „Die Voͤgel der Luft brauchen Ralph nicht mehr zu fuͤrchten— keine Schlingen— keine Fallen mehr,“ ſagte er, als Erwiederung auf den Schauder, der ſeine junge Gebieterin krampfhaft ergriff—„ſie ſind nuzlos, aber ich kann ſie doch noch zum Beten brauchen.“ Er faltete die Finger in einander und fuhr fort: „Ich kann noch beten: der Himmel befreie den Herrn aus den Schlingen und Gruben und Nezen ſeiner Feinde!“ Waͤhrend die freundliche und emſige Frau Braun geſchaͤftig Alice beiſtand„Raſalindens Sachen fuͤr ihren Übergang in das Gefaͤnguiß ihres Oheims fertig zu machen, hoͤrte ſie ſelbſt mit geſpannter Aufmerkſamkeit Ralphs Aben⸗ theuern zu, wie er unzuſammenhaͤngend genug Branos Kommen und Gehen beſchrieb, und dann wie er ſelbſt nach London gekommen und wie er, indem er Brano und Caͤcilie Maynard gefolgt ſey, das Haus gefunden habe, und dann blickte er ſcharf Roſalinde in's Geſicht und ſagte:„Ach, der gute Herr koͤnnte Euch 183 jezt nicht ſeine roſige Roſalinde nennen. Ich glaube, die Sorge toͤdtet junge Maͤdchen, wie der Nordwind junge Blumen.“ Bald hieß es, der Miethwagen ſtehe unten, und der wackere Drucker begleitete ſeine Schuz⸗ befohlene dahin, wohin ſie, außer Brano und ihren kleinen Voͤgeln, niemand mitnehmen durfte. Sie ließ Alice und Ralph in dem V gaſtlichen Hauſe der wuͤrdigſten Buͤrger Lon⸗ dons zurück. 184 Zehntes Kapitel. Sind Kerker denn zu Freudeſtaͤtten worden? Es kommt auf das Gewißen an: Das Eiſengitter ſchon erſchreckt den Mann, Der ſeiner Schuld iſt oft bewußt; Ihn flieht auf immer jede Luſt, Und Nacht nur bleibt zuruͤck und Schmerz und Trauer, Und Ketten, Hunger, Durſt und kalte Schauer. Wither. Sir Everard Sydney weinte, aber es waren nicht Thraͤnen des Schmerzens. Obgleich ein Gefangener, war er doch nicht allein, denn auf einem niedrigen Schemel zu ſeinen Fuͤßen ſaß ein junges, ſchoͤnes, herrliches Weſen und hielt ſeine Haͤnde feſt und weinte auch und laͤchelte dabei, wie der Regenbogen durch ei⸗ nen Maiſchauer. Auf einem kleinen Tiſche, neben einem vergitterten Fenſter, das auf ei⸗ nen viereckigen gepflaſterten Hof zeigte, ſtand ein Kaͤfig mit zwei Voͤgeln, aber der eine war krank und konnte weder huͤpfen noch eßen, waͤhrend der andere umherflatterte und ihn mit ſeinem Schnabel fuͤtterte. Ein edler, von Anſtrengung erſchoͤpfter Hund lag ruhig hin⸗ geſtreckt in einem Winkel und nahm faſt den vierten Theil des engen Zimmers ein. „Sie ſind ſehr guͤtig gegen mich hier gewe⸗ ſen,“ ſagte Sir Evrard Sydney,„der Gou⸗ verneur iſt mehrmals bei mir geweſen, ja er hat ſogar in's Geheim meinem alten Freunde Pepys erlaubt, mich zu beſuchen, und das mehr als einmal. Und mich duͤnkt, ſeine Unterhal⸗ tung war mir nie ſo angenehm, denn er weiß al⸗ les und ſpricht uͤber alles, es mag ſo groß oder ſo klein ſeyn, als es will; es iſt ihm alles gleich. Er hat mir geſagt, er haͤtte ein Tage⸗ buch, und oh, wenn es einmal gedruckt wer⸗ den ſollte, ſo wird es einen wunderbaren Be⸗ griff von dem Hof und der Politik dieſer und fruͤherer Regierungen geben. Meine ſuͤße Roſa⸗ linde!“ fuhr der alte Herr fort,„wie ſehr er⸗ 186 innerſt Du mich an eine jener ſchoͤnen Stellen in der Schrift, welche gleich dem Sturmvo⸗ gel uͤber den wilden Meeresſchaum ſtreifen, um von Leben und Hoffnung zu zeugen, wo alles andere von ſchrecklichem Tode und ſchreck⸗ lichen Gefahren ſpricht.„„Wirf Dein Brod auf das Waßer und Du wirſt es finden nach vielen Tagen.““ Wenig Brod, wenig Nah⸗ rung, wenig Erziehung beſizteſt Du mein Kind, gar wenig, und doch vergiltſt Du mir mit zehnfacher Freude! O geſegnete Mauern! o ſuͤße Gefangenſchaft! die ſolche Tugend, wie die Deinige, an's Licht rief.“ „Ich bin uͤberzeugt,“ ſagte Roſalinde freu⸗ dig und doch ſchmerzlich bewegt durch dieſes Lob,„daß der Koͤnig ſehr verkannt wird, denn es war doch guͤtig, hoͤchſt guͤtig von ihm, daß er ohne Unterſuchung und Beſchraͤnkung den noͤthigen Befehl fuͤr mein freies Kommen und Gehen ſandte, waͤhrend er ſelbſt durch ſeine eigenen haͤuslichen Sorgen ſo gequaͤlt wird.“ „Die Stuarts waren immer guͤtig, und ich bete, daß England nicht einen ſchlechteren Tauſch machen moͤge. Was mich betrifft, Ro⸗ ſalinde, ſo hat der Allmaͤchtige mich nie ver⸗ laßen, denn Schaͤze des Himmels ſind dem verſprochen, der auf den Herrn vertraut! Und Du biſt zu Fuß gereiſt, aus dem Kloſter ent⸗ wichen, mit Geaͤchteten zuſammengekommen! Erzaͤhle mir das noch einmal, denn Du biſt wunderbar beſchuͤzt worden, mein armes Maͤd⸗ chen! Und Alice und Ralph, ſagſt Du, ſind bei Meiſter Braun! Der arme brave Ralph. Und fuͤr Herrn Braun hoffe ich, daß die An⸗ gelegenheiten bald zu ſeinen Gunſten umſchla⸗ gen moͤgen, denn in Wahrheit, er iſt in einer gefaͤhrlichen Lage. Der arme Mann! Ich weiß noch, wie es ſein hoͤchſter Ehrgeiz war, Druk⸗ ker des Koͤnigs zu werden, und oft ſah ich, daß mein wuͤrdiger Freund Pepys uͤber ſeine Bemuͤhungen deshalb lachte, und nun iſt er der politiſche Chef der City⸗Partei und ſeine Druckerei der Sammelplaz aller Unzufriedenen, und ich, der mich nie perſoͤnlich mit ſolchen Sachen abgegeben hatte, werde verfolgt!“ „Ach, theurſter Oheim, und doch habt Ihr Urſache zum Danke, denn wenn Gott es fuͤr gut gefunden hat, Eure Pruͤfungen zu ver⸗ mehren, ſo verringert er ſie wieder, indem er auch Eure Geduld vermehrte.“ „Gewiß, und auch indem er einem ſchuͤch⸗ ternen Maͤdchen eingab, daß es unſaͤgliche 188 Gefahren beſtanden hat, um mir Geſellſchaft zu leiſten. Es ſind noch nicht drei Stunden vergangen, daß ich dort an dem Gitterfenſter geſeßen und betrachtet habe, wie ſeit Kurzem die Tower Wachen verdoppelt und ſtrenge Geſeze erlaßen worden ſind, damit die Gefan— genen nicht erfahren ſollten, was draußen vorgeht. Ich ſann uͤber meine tiefe Einſamkeit und glaubte mich ſelbſt von dem Sperling ver⸗ hoͤhnt, der uͤber die Gebaͤude hinflog, um zu zeigen, daß er frei ſey. Statt der Milde, mit der ich, wie ich Dir erzaͤhlte, Anfangs be⸗ handelt worden, und die ich nie mißbraucht hatte, waren mir noch Tinte und Feder, dieſe wahren und unerlaͤßlichen Freunde in truͤber Noth, verweigert worden. Allein, ganz allein, haͤtte ich eine Spinne, eine Maus, mit einem Willkommen begruͤßt. Ich ſah keinen Reiz in der Einſamkeit; die Haͤlfte meiner Laͤnder haͤtte ich hingegeben, um nur eine halbe Stunde mit den Blumen meiner gruͤnen Felder ſpielen zu koͤnnen. Selbſt die Geſellſchaft des Vaters Franck haͤtte meine Seele erquickt; er haͤtte die ganze Nacht uͤber die Vollkommenheit ſei⸗ ner Kirche ſich auslaßen moͤgen; haͤtte ich doch meine Nebenmenſchen reden hoͤren! Ich konnte das dumpfe Schweigen nicht ertragen, das nur von dem eintoͤnigen Tritt der Schildwache oder dem dumpfen Gelaͤute der Kirchenglocken unterbrochen wurde. Ich ſagte, der Himmel vergebe mir meine Suͤnde, daß Gott und die Menſchen mich verlaßen haͤtten.“ „O pfui, theurer Oheim. Warum dachtet Ihr nicht lieber an den Vers des wackern Lovelace: Aan Die Mauer macht den Kerker nicht, Das Gitter nicht den Kaͤfig, Dem ruh'gen, unſchuldreinen Sinn Iſt's eine ſtille Klauſe. Ja, ja Roſalinde, es laͤßt ſich gut von Ge⸗ faͤngnißen ſprechen, wenn die freie Luft einem umweht, wenn man auf friſchen Raſen tritt und in den blauen Himmel ſieht— aber nicht durch Stangen von roſtigem Eiſen. O es iſt ein toͤdtendes Gefuͤhl, wenn man denkt, daß man nicht zur Thuͤr heraus darf. Du weißt, daß mein Geiſt ziemlich verſehen iſt mit Erinnerungen an Buͤcher und liebliche We⸗ ſen— Weſen, die leben und ſich bewegen; Du weißt auch, daß die Hoffnung nicht auf mei⸗ nen Lippen flatterte, ſondern in meinem Herzen ruhte, und daß, wenn Andere ungeduldig wur⸗ 190 den, ich ſie daran mahnte, daß wir kein Recht haͤtten, dem Allmaͤchtigen eine Zeit vorzuſchrei⸗ ben, denn die Maͤnner von Bethulia hatten auch beſchloßen, nur noch fuͤnf Tage auf Gott zu harren, und obgleich die Befreiung ſieben Tage zoͤgerte, kam ſie doch endlich. Du weißt dies, Roſalinde, und mehr, und doch ſchienen, ich weiß nicht wie, alle meine ſtaͤrkenden Erin⸗ nerungen geflohen, verbannt, erſtorben. Ich ſuchte Beſchaͤftigung; ich zaͤhlte des Nachts die Sterne, wie ſie einer nach dem andern uͤber das kleine blaue Feld zogen, das dieſe duͤſtern Thuͤrme offen laßen. Und dann die Uhren! Ich kenne ihren verſchiedenen Ton und nenne jede bei ihrem Namen, und dann zaͤhlte ich die Stifte und Knoͤpfe an der Uniform der Schild⸗ wache.“. 3 „Mein theuerſter Oheim,“ unterbrach ihn Roſalinde,„Ihr hattet gewiß andere Gedan⸗ ken. Wer kann auf einen Stern blicken, ohne uͤber dieſe geheimnißvolle Erſcheinung zu ſtau⸗ nen? Und das Geheimniß iſt die Triebfeder des Wißens, denn wo keine Geheimniße, iſt auch kein Forſchen. Ja mich duͤnkt, es haͤtte mehr Vergnuͤgen gewaͤhren muͤßen, uͤber die vermuthlichen Gedanken des Soldaten zu ſin⸗ 191 — nen, als ſeinen kriegeriſchen Puz zu beachten. Ich haße Soldaten.“ „Wie, meine kleine Irlaͤndiſche wilde Roſe bluͤht zur Philoſophie auf! Ei, meine roſige Roſe, wo haſt Du ſeit unſerer Trennung Weis⸗ heit gelernt?“ fragte Sir Everard mit ſeiner gewoͤhnlichen Gutmuͤthigkeit, die, wie Alice ſagte, die Voͤgel aus dem Gebuͤſch herauslocken koͤnnte. „Vom Ungluͤck,“ antwortete Roſalinde mit einem ihrer ploͤzlichen Wechſel in Stimme und Weſen, die ihr ſolchen Reiz verliehen.„Es iſt Nuzen daraus zu ziehen.“ „Es iſt allerdings ein guter, aber ſtrenger Lehrer, und Gott behuͤte Dich in Zukunft vor ihm! War Lady Mary Powis guͤtig gegen Dich?“ „So ſehr ſie konnte; denn in den jezigen Zeiten waͤre es gefaͤhrlich fuͤr ſie geweſen, wenn ſie, die ſelbſt in ihrem eigenen Hauſe von entgegenſtehenden Parteien bewacht wurde, mir zu viel Aufmerkſamkeit bewieſen haͤtte.“ „Und Vater Frank?“ „Ich habe Euch ſo viel zu ſagen, theurer Oheim, daß ich nicht weiß, wo ich anfangen ſoll, ſonſt haͤtte ich ſchon geſagt, daß von 192 allen aufrichtigen Maͤnnern dieſer weiten Welt keiner redlicher, dankbarer ſeyn kann, als die⸗ ſer Pater, was man auch gegen ſeinen Glau⸗ ben haben mag. Ich kann es nicht beſchreiben, wie gut und zaͤrtlich er ſich gegen mich be⸗ nommen, wie er mich gerade, als waͤre ich ſein eigenes Kind, behandelt, und ſelbſt nach Sachen geſehen hat, die gewoͤhnlich nur in das Bereich der Frauen ſchlagen. Dann habe ich Euch auch noch nicht erzaͤhlt, daß der Koͤnig, ehe er mir mein Geſuch gewaͤhrte, der Meinung war, ich haͤtte mich mit andern Freunden von Euch verabredet, die ſich bereits fuͤr Euch verwendet, und daß ich ihm darauf geantwortet, ich wolle Eure Gnade nicht als ein Geſchenk, ſondern nur als einen Akt der Gerechtigkeit.“ „Gott ſegne Dich, meine Roſalinde, meine brave, gute Roſalinde,“ rief Sir Everard mit Waͤrme aus.„Du laͤßt mir Recht widerfahren. Ich wuͤrde nicht durch Jacobs Gnade aus die⸗ ſer Thuͤr gehen, ſelbſt wenn ich die großen Baͤumen und die bemooſten Schluchten meiner Sydney⸗Luſt vor Augen haͤtte, ſelbſt nicht, wenn....“ „Selbſt nicht,“ antwortete ihm Roſalinde mit einem Anflug der ihr natuͤrlichen Laune. „wenn das Neſt eines Eisvogels auf der Treppe waͤre.“ „Ich danke Dir, liebe Roſalinde, Du haſt wahr und gut geſprochen. Fahre fort.“ „Der Koͤnig glaubte, ich haͤtte mich mit jemand verbunden, um ihn mit Sturm einzunehmen, und ich vermuthete, er ſpielte auf— Kaptain Baſil an, den ich im Schloße traf.“ „Du haſt Baſil getroffen— ihn in White⸗ hall geſehen, und mir noch nichts davon ge⸗ ſagt! Unmoͤglich! meinen Sohn! meinen Baſil! den einzigen Vogel meines verlaßenen Neſtes! Wie ſah er aus? Gab er Dir keine Beſtel⸗ lung, kein Andenken fuͤr ſeinen Vater? Hat er ſeine Abſichten aufgegeben und bleibt er der Schleppentraͤger falſcher Koͤnige? Sag mir alles von Baſil— ſprich mir von nichts, als von Baſil.“ 4 Ach, dachte Roſalinde, vielleicht mit einem Anflug von Neid, welches Gluͤck iſt es doch, wahre Eltern zu haben. Vielleicht auch dachte ſie: Ich habe zehnmal mehr fuͤr ihn gethan, als Baſil, und doch denkt er zwanzigmal mehr an ihn, als an mich. Auch fuͤhlte ſie ſich et⸗ was verwirrt, denn obgleich, ſelbſt waͤhrend II. 13 194 ſie vom Koͤnige und vom Hofe ſprach, ſie kaum an etwas anders als an Baſil dachte, ſo ſcheute ſie ſich doch, ſelbſt zu ſeinem Vater von ihm zu ſprechen. Nach einer Pauſe, in der Roſalinde mit den Haaren Branos ſpielte, antwortete ſie auf Sir Everards Frage: „Ich habe Kaptain Sydney nur wenige Au⸗ genblicke in dem Vorzimmer von Whitehall ge⸗ ſehen: er war, ſo viel ich hoͤrte, von Major Raymond, der ihn auch begleitete, eingefuͤhrt worden, um Se. Maj. zu Euren Gunſten an⸗ zuflehen.“ „Mein wackerer, edler Sohn! Aber hat er Dich nicht geſehen, nicht mit Dir geſprochen?“ „Ja; er ſprach nur wenig— einige Worte, um mich gegen den Vorwurf zu rechtfertigen, als haͤtte ich mein Geſuch mit ihm verabredet, und ich kehrte darauf mit Lord Churchill in deßen Hotel zuruͤck, ohne ihn mehr zu ſehen.“ „Preis er nicht Deine That?“ .„Ich glaube ja, doch war ich ſo bewegt durch meine Unterredung mit dem Koͤnige, daß ich mich kaum noch an etwas erinnern kann. Aber ich bin bei Euch, theuerſter Oheim, und ruhig.“ 195 „Du ſcheinſt mir eher der Ruhe zu beduͤr⸗ fen, Roſalinde. Du mußt ermuͤdet ſeyn, und da die Frau des Schließers Dir ein Zimmer angeboten hat, ſo iſt es Zeit, daß Du Dich mit Sonnenuntergang zu Bett legſt. Ich haͤtte ſchon fruͤher daran denken ſollen. Geh, Liebe, und ſey fruͤh wieder bei mir, wie ſonſt, als uns noch die Lerche mit einer Stimme, ſo ſüß wie die Deine, den Morgen verkuͤndete. Der Kummer macht uns eigennuͤzig.“ „Ich will bleiben, bis Ihr Euch legt, denn ich bin wirklich nicht muͤde, vielleicht auch zu aufgeregt, zu angeſpannt, um ruhen zu koͤnnen. Ich muß erſt dieſe Voͤgel fuͤttern. Ich denke, der eine wird ſich noch erholen.“ „Ich hoffe auch. Er gehoͤrt zu einer Gat⸗ tung, die ich mit dem feinſten Golde auf⸗ gewogen haͤtte. Sie leben ſo gluͤcklich mit einander. Es ſah Dir ganz aͤhnlich, Roſalinde, mir ſo etwas zu bringen.“ Roſalinde beſchaͤftigte ſich mit den Voͤgeln und Sir Everard dachte laut: „Er muß jezt alt ausſehen; er und ſein Bruder waren beinah von Einem Alter.“ „Alt!“ wiederholte Roſalinde.„O nein, er ſieht nicht alt aus.“ 196 „Ja,“ fuhr Sir Everard fort,„die Welt hat ihn verdorben. Er war ſonſt anders.“ Roſalinde ſeußzte hoͤrbar. „Stolz und rachſuͤchtig, hat er nie die liebe⸗ volle Waͤrme ſeines Bruders beſeßen.“ „Wirklich, lieber Oheim, Ihr thut ihm Un⸗ recht,“ rief Roſalinde, indem ſie den Bisquit, den ſie fuͤr die Voͤgel zerbroͤckelte, fallen ließ, „und haͤttet Ihr nur heut ſeine Waͤrme geſe⸗ hen, ſo wuͤrdet Ihr ihn ganz anders beur⸗ theilen.“ „Es mag ſeyn, aber Du kannſt Dich, nach ſeinem Benehmen, uͤber mein Unrecht nicht wundern.“ „Mein theurer Oheim, Ihr irrt wirklich; Kaptain Sydney's Benehmen—“ „Wer ſpricht vom Kaptain Sydney?“ „Ihr, Oheim.“ „Ich? ich meine den Koͤnig.“ Roſalinde verſchuͤttete, verwirrter als je, den Waßerbehaͤlter auf den Tiſch und ſagte endlich:„Ich dachte, Ihr ſpraͤchet noch von Eurem Sohne.“ Sir Everard war zwar ein tuͤchtiger Natur⸗ kundiger, hatte aber nie ſich um das Studium von Frauenherzen beuͤmmert, und ſchrieb da⸗ 197 her das Zittern ihrer kleinen weißen Haͤnde der Ermuͤdung zu. 1 „Morgen,“ ſagte er,„mußt Du mir Alles noch einmal wiederholen und hinzufuͤgen, was Dir heut entgangen iſt. Aber, Vater Frank, wir haben ihn ganz vergeßen; der Baſil laͤßt mich Alles andere vergeßen.“ „Ich erfuhr ſpaͤter, daß Vater Frank bei Lord Billaſis und einigen andern einflußreichen Lords geweſen iſt und alles moͤgliche gethan hat, ſie fuͤr Euch zu intereßiren, und ſie er⸗ fuhren alle, was ihr zur Zeit des Gemein⸗ wohles fuͤr den Schuz des Paters gethan habt, und Lord Billaſis ſagte, daß wenn Se. Ma⸗ jeſtaͤt auf die milden Maßregeln gehoͤrt haͤtte, die ihm nicht bloß von ihnen, ſondern auch von Sr. Heiligkeit(worunter ſie den Papſt verſtanden), angerathen wurden, er nie die Proteſtanten ſo, wie jezt, aufgeregt haben wuͤrde.“ „Und Vater Frank?“ „Iſt, glaube ich, noch immer in London, um ſeinen Zweck zu erreichen.“. „Ein neuer Grund zum Danke. Seine Re⸗ ligion, Roſalinde, ging aus der Bitterkeit des Verfolgungsgeiſtes hervor, und doch zeigen 198 ſich Ausnahmen, gute, ſchoͤne, große Ausnah⸗ men. Ich glaube nicht, daß der Vater ſeit ſei⸗ ner Weihe noch ſo gluͤcklich iſt: er hat es noͤthig gefunden, einen Stand zu ergreifen, fuͤr den die Natur ihn nicht beſtimmt hat. Heiter und voll Frohſinns, war er mehr geeignet zu einem Laien, als zu einem Abte, was er, wie ich hoͤre, werden ſoll; aber bei alledem ſoll er ſtets mein Freund bleiben. Wie heiter ſieht jezt dieſes kleine Zimmer aus! Horch, die Uhr ſchlaͤgt acht. Es iſt die Stunde, wo Lady Sydney ihre Vesper feiert. Allein armes Weib! Es war ein harter Schlag fuͤr ihren Stolz, noch dazu in einem Augenblick, wo ſie gerade einer Erhoͤhung entgegenſah. Ich habe vor ei⸗ niger Zeit uͤber die Weisheit der Platoniker geleſen, welche die Gruͤnde fuͤr unſere Demuth in folgenden ſieben Punkten ſuchten. Sag' mir aber, Roſalinde, was Du davon denkſt.“— Und dabei fing Sir Everard mit dem Eifer eines Kindes, das lange hat ſchweigen muͤßen, und ohne weiter an Roſalindens Muͤdigkeit zu denken, die er eben erſt zur Ruhe ſchicken wollte, aufzuzaͤhlen an: Der erſte, ſagen ſie, iſt, weil der Geiſt des Menſchen unruhig und fluͤchtig iſt; der zweite, daß ſein Koͤrper thie⸗ 199 riſch und krankhaft iſt; drittens iſt er nur be⸗ ſtaͤndig in Thorheit und Irrthuͤmern, unbe— ſtaͤndig aber in guten Vorſaͤzen; viertens ſind ſeine Arbeiten eitel, verwickelt und endlos; fuͤnftens iſt ſein Schickſal veraͤnderlich, ſelten angenehm, nie vollkommen; ſechſtens koͤmmt ſeine Weisheit nicht, bevor er dem Tode nahe iſt, d. h. bis er ſie nicht mehr brauchen kann, und ſiebentens iſt ſein Tod gewiß, immer vor der Thuͤr, nie weit ab. Nun ſage mir, Roſalinde, was Du von dieſen Gruͤnden haͤltſt?“ „Ich glaube, liebſter Oheim, daß die Wohl⸗ thaten, welche aus der wahren, reinen De⸗ muth entſpringen, zur Genuͤge aus dem Leben und den Leiden unſeres Heilandes hervorgehen. Unſere Arbeiten, ſagt der Platoniker, ſind endlos. Das iſt aber eher ein Grund zu un⸗ ſerer Erhebung, denn es beweiſt, daß unſer Geiſt unſterblich iſt und—“ Hier unterbrach ſie Sir Everard, indem er ſie beim Arme ergriff, ſie zu dem kleinen Fen⸗ ſter fuͤhrte und auf einen Vogel zeigte, der hoch in der Abendluft uͤber einem der Thuͤrme ſchwebte. „Was fuͤr ein Vogel iſt das, Roſalinde?“ ſͤͤͤöoſͤſſſſ 200 „Eine„Tühe⸗ denke ich, oder eine Taube, oder—. Sir Everard, der nur in dieſem Punkte et⸗ was reizbar war, blickte ſeine Nichte mißfaͤl⸗ lig an und rief: Ane Kraͤhe, eine Taube! Wahrlich, Roſalinde, Du biſt ſehr, ſehr ver⸗ geßlich. Siehſt Du nicht die Fluͤgel und den Hals und jezt, wie er hinſchießt?“ Es iſt ein Falke, glaube ich.“ „Gewiß iſt es einer. Es iſt traurig, wie unaufmerkſam manche Leute in dieſer Welt ſind. Ich erzaͤhlte es meinem plaudernden Freunde Pepys, daß dieſer Vogel jeden Abend zu einer beſtimmten Stunde erſchiene, und ploͤzlich herabſchieße, und doch wollte er ſich nicht weiter darauf einlaßen und nicht einmal nach dem Vogel ſehen. Ich gaͤbe— doch ach, was kann ein armer Gefangener geben?— aber haͤtte ich etwas, ich gaͤbe es her, um zu erfahren, woher der Vogel kommt und wohin er geht? Es wuͤrde vielleicht ein Geheimniß enthuͤllen, das der Nachwelt von Nuzen ſeyn koͤnnte.“ „Ich kann das Raͤthſel loͤſen, Oheim; der Vogel iſt zahm. Sieh nur! Dort im Hofe ſteht ein Mann mit demſelben Falken auf der Fauſt; ——J 201 ohne Zweifel hat er ihn aufgeworfen, damit er in der Abendſtille etwas friſche Luft athme und das Geſchoͤpf kehrt mit ſeinem gewoͤhnli⸗ chen Scharfſinn regelmaͤßig auf die Lockung ſeines Herrn zuruͤck. Sir Everard druͤckte ſein Geſicht hart an das Gitter und ſah in der That, wie der Vogel: auf des Soldaten Hand flatterte.„Nein, Ro⸗ ſalinde,“ ſagte er getaͤuſcht,„Du brauchſt nicht zu laͤcheln. Es ſah wirklich ungewöhn⸗ lich aus, wie der Vogel hoch in der Luft ſchwebte und dann ploͤzlich herabſtuͤrzte.“ Gleich darauf zuͤndete Sir Everard ſeine kleine Lampe an, und Roſalinde bemerkte, daß ſeine Hand heftig dabei zitterte, das erſte Zei⸗ chen, daß die Gefangenſchaft ſeine Geſundheit angegriffen hatte. Sie bemerkte auch, daß als er wie gewoͤhnlich vor dem Schlafengehen ihr ein Kapitel aus der Bibel vorlas, ſeine Stimme an Kraft verloren hatte, und daß Wangen und Angen eingefallen ſchienen. Inbruͤnſtig betete ſie, neben dem beſcheidenen, fuͤr ſie zurecht ge⸗ machten Lager, daß der Himmel ihren Oheim noch lange am Leben erhalten moͤge und ſie wachte noch lange bis nach Mitternacht und uͤberlegte, wie ſie am beſten Sir Everard mit * 202 dem Geheimniß bekannt machen ſolle, das durch des Geaͤchteten Offenbarung uͤber ihrer Geburt ſchwebte. Sie wuͤnſchte auch, ohne recht zu wißen, warum, mit ihm uͤber Margaretha Raymond zu ſprechen; und dann ſehnte ſie ſich nach Alice, die ſte mehr als Freundin, wie als Dienerin betrachtete und wunderte ſich, warum Alice ihr au ihrem Geburtstage eine Lebensgefahr durch Waßer prophezeit hatte, da doch ihr Geburtstag ohne Gefahr voruͤber⸗ ging, obgleich ſie bald darauf beinahe den Tod in den blauen Gewaͤßern von Beanlien gefun⸗ den haͤtte. Und dann dachte ſie an Rahel Braun, und haͤtte nicht die Nacht ihren Schatten uͤber das Gemach geworfen, haͤtte man vielleicht auf ihrer Stirne eine Wolke von ſtolzem Zorne ſehen koͤnnen, als ſie dachte, daß vielleicht eben jezt das City⸗Maͤdchen ſich mit dem hoch⸗ geborenen, hochherzigen Baſil unterhalte.„Wie Gott will!“ dachte Roſalinde endlich mit wah⸗ rer chriſtlicher Ergebung, und ſchlummerte ein.. Eilktes Kapitel. 8 Nicht Schwuͤre, nur die Zeit allein ſoll lehren, Wo wahre Liebe, und wo Falſchheit wohnt. Denn nimmer wirſt Du meiner Lieb' entbehren, Die ewig treu in meinem Herzen thront. Browne. Viele Meilen trennten jezt Roſalinde Sydney von Margaretha Raymond, und obgleich beide unausgeſezt an einander dachten, ſo verband ſie doch kein Gefuͤhl der Zuneigung. Der uner⸗ . ſchrockene und doch ſo weibliche Karakter Ro⸗ 1 ſalindens war durch ihre Handlung deutlich genug an's Licht getreten. Aber Margaretha ließ deshalb doch nicht von ihrem Vorſaze ab, und beharrte, theils aus Intereße, theils — —— 204 aus Eigenſinn, auf ihrem Entſchluße, Baſil's Gattin zu werden, obgleich ihr ſcharfer Blick laͤngſt erkannt hatte, daß die Herzen Baſil's und ſeiner Couſine fuͤr einander ſchlugen. Nachdem ſie ſich in der guten Meinung der Lady Sydney feſtgeſezt, ſah ſie ein, daß es, beſonders bei der Abweſenheit Sir Everards, wenig mehr beduͤrfte, ihre Herrſchaft uͤber den Haushalt zu begruͤnden. Nicht daß Lady Syd⸗ ney eine unthaͤtige oder traͤge Perſon geweſen waͤre, aber ſie war zu ſehr mit ihrer Lieblings⸗ wißenſchaft, der Aſtrologie, beſchaͤftigt, zu be⸗ ſorgt wegen der Gefangenſchaft ihres Gemahls, als daß ſie die einzelnen Schritte bemerkt haͤtte, mit denen Mary ſchlau ihrem Ziele entgegen⸗ ging. Bei allem, was ſie that und ſagte, hatte ſie ſtets nur Ein Ziel vor Augen. Paley ver⸗ ſichert, daß Maͤnner von großen Faͤhigkeiten am meiſten von Ehrgeiz verzehrt werden. Bei Frauen iſt es gewiß der Fall. Ihre Talente waren bedeutend, und ſie verſtand ſich nach den Umſtaͤnden zu ſchmiegen, nur fehlte es ihr an dem moraliſchen Prinzip, welches die Lei⸗ denſchaft zuͤgelt. Sie war nie dem Zwange unterworfen geweſen, denn ſelbſt im Kloſter von Beaulien, wo ſie ſcheinbar den Geſezen deßelben ſich unterwarf, beugte ſich alles unter ihrem Einfluße und ſelbſt die Abtiſſin blieb nicht frei von ihrer Übermacht. Sie war nicht ſo liebevoll und liebenswuͤrdig wie Roſalinde, aber ihr an Geiſteskraft und ſcharfem Ver⸗ ſtande uͤberlegen. Die Religion war nicht ihre 3 Fuͤhrerin, ſondern ihr Werkzeug. Es gab nur Eine Perſon, die ſich weder durch ihre Schoͤnheit, oder ihren Geiſt verblenden, noch durch ihre Froͤmmigkeit hintergehen ließ. Von dem erſten Augenblick ihrer Inſtallirung in Sydney⸗Luſt an war es Vater Frank allein, der offen und insgeheim ihrer Herrſchaft ent⸗ gegen arbeitete. Margaretha bemerkte recht gut, daß der Prieſter, obgleich im Ganzen guther⸗ zig, doch in ſeiner Feindſchaft bitter und ent⸗ ſchieden ſey, und ſie verſuchte daher auf alle Weiſe ihn mit ſich zu verſoͤhnen. Der Pater war, wie alle ſchwache Geiſter, oft ungerecht in ſeinem Haß und Tadel, und dann nahmen, beſonders wenn Lady Sydney zugegen war, Margarethens ſchoͤne Zuͤge einen ſolchen An⸗ ſtrich von Maͤrtyrerthum an, daß ſie noch mehr in der Gunſt ihrer Beſchuͤzerin ſtieg. Vater Frank mogte keinen Nebenbuhler dul⸗ den und hielt daher dafuͤr, daß Sir Everards 206 Ruͤckkehr unumgaͤnglich noͤthig iſt, da er uͤber⸗ zeugt war, daß dieſer, wenn auch von einer andern Konfeßion, doch hierin mit ihm uͤber⸗ einſtimmen wuͤrde. Durch einen Freund am Hofe hat er ſchon fruͤher von dem bekannten Pater Peter die Zuſicherung erhalten, daß Sir Everard nichts fuͤr ſein Leben zu fuͤrchten habe. Das genuͤgte ihm aber nicht, und er beſchloß, ſich ſelbſt auf den Weg nach London zu machen. Es waren bereits, ſelbſt bis nach dem neuen Forſte, Geruͤchte gedrungen, daß das Anſehen der Prieſterſchaft im Abnehmen ſey, und Vater Frank hatte Gelegenheit, ſich ſelbſt davon zu uͤberzeugen, denn obgleich er ungewoͤhnliche Sorgfalt auf ſeinen Anzug gewendet hatte, wurde er doch nicht mit der Ehrfurcht begruͤßt, wie noch kurz zuvor. Die Foͤrſter nahmen, als er voruͤber zog, nicht ihre Muͤzen ab, und in den Schenken an der Landſtraße murmelten die Bauern ſogar den Wunſch, daß der Reiter und ſein Maulthier ihr Grab in dem Southamp⸗ toner Waßer finden moͤgten. Margaretha beſaß jezt ganz das Ohr der Lady Sydney und nie that jemand mehr, ſich die Gunſt einer Perſon zu erhalten. Sie be⸗ ſuchte die Armen, half den Beſchwerden ab⸗ 207 milderte das ſtolze Benehmen der Lady Sydney, las ihr vor, arbeitete fuͤr ſie, folgte ihr, ſchrieb fuͤr ſie, ertrug ihre leidenſchaftlichen Aus⸗ bruͤche, denen ſie ſich noch zuweilen hingab, und welche Sir Everards Leben ſo ſehr verbit⸗ tert hatten. Margaretha bezwang ihre eigene Heftigkeit, aber ſchwor ſich, daß ſie dereinſt Nache nehmen wuͤrde, wenn ſie ihren Zweck erreicht habe. Zuweilen trieb ſie ihre Geduld ſo weit, daß ſie ſogar Lady Sydney, die dieſe Gelaßenheit in Betracht ihres ſonſtigen edlen Benehmens ſich nicht erklaͤren konnte, in Zorn verſezte. In einem ſolchen Aufall vergaß ſich Lady Sydney ſo weit, daß ſie Margaretha ſchlug; die Adern der Leztern ſchwollen plozlich ſo an, als ob ſie auf der Stelle zerſpringen muͤßten, und ſie hielt die Arme mit Gewalt feſt an ſich gepreßt, um nicht in Verſuchung zu kommen, dieſe ſchmachvolle Beleidigung zu erwiedern. 3. Lady Sydney ſah, daß ſie zu weit gegangen war und warf, waͤhrend ſie im Zimmer auf und ab ſchritt, einen verſtohlenen Blick auf das ſtolze Maͤdchen, das ſie ſo verlezt hatte. Margaretha blickte ſtarr zum Fenſter hinaus und brach endlich in einen heißen Thraͤnenſtrom 208 aus, aber zugleich ſtieg das Bild des ſchoͤnen Baſil vor ihren Augen auf und unterdruͤckte jede weitere Aufwallung. Als Lady Sydney ihren Liebling weinen ſah, druͤckte ſie ſie an ihre Bruſt und bat ſie ſo freundlich und zaͤrt⸗ lich um Verzeihung, daß jede andere ſie ihr gewaͤhrt haben wuͤrde, aber Margaretha, das Haupt an ihre Bruſt gelehnt, wiederholte nur ihr Rachegeluͤbde. Kein Wort entſchluͤpfte ih⸗ ren Lippen, aber Lady Sydney ſchrieb ein Preßen ihrer Hand einer edlen, liebevollen Bewegung zu. Roſalinde war wunderbar genug der Hef⸗ tigkeit ihrer Tante ſtets entgangen, aber nur, weil ihre Wege ſich nicht beruͤhrten. Sir Everard hatte ſich nach und nach ſo an Roſa⸗ lindens Geſellſchaft gewoͤhnt, daß ſie ihn auf allen ſeinen Wanderungen begleiten mußte und außer bei Tiſche Lady Sydney nicht zu ſehen bekam. Margaretha's Hauptſtreben ging jezt dahin, ein Mittel zu finden, wie ſie und Baſil ſich haͤu⸗ figer ſehen koͤnnten; unter den jezigen Ver⸗ haͤltnißen war dies unmoͤglich und ſie ſuchte daher in Lady Sydney den Wunſch rege zu machen, auf eine Zeitlang ſich an den Hof zu begeben. Sie ſchlug die Saite der ehelichen 209 Liebe an, aber dieſe gab keinen Laut von ſich; ſie ſpielte darauf an, daß Lady Sydney's Einfluß Jacob bewegen duͤrfte, Sir Everard's vermeintlichen Abfall zu uͤberſehen, aber Lady Sydney fuͤrchtete, dabei ihrer eigenen Wuͤrde eine Bloͤße zu geben. Sie ließ darauf die An⸗ ſicht fallen, daß Lady Sydney's Talente und Erfahrung der Koͤnigin in der jezigen Noth, wo das Volk zu zweiſten anfing, daß ſie wirk⸗ lich Mutter des Kindes ſey, welches ihr der Allmaͤchtige als Lohn fuͤr ihre Pilgerung nach der Kapelle der Jungfrau geſchenkt hatte, große Dieuſte leiſten koͤnnte. Dies ſchmeichelte aller⸗ dings Lady Sydney's Eitelkeit, aber ſie hatte doch Schicklichkeitsgefuͤhl genug, um einzuſe⸗ hen, daß ſie keine Rolle am Hofe ſpielen duͤrfe, waͤhrend ihr Gatte im Gefaͤngniße ſize. Durch den neuen Forſt gingen Geruͤchte vom Kriege und Roſalinden's oft beſprochene Entfernn g aus dem Kloſter, blieb fuͤr Margaretha ein groͤßerer Anlaß zur Beſorgniß, als ſie faſ— ſich zu geſtehen wagte. Zwei Tage, nachdem Roſalinde ſich dres Oheim's Gefangenſchaft zugeſellt hatte, erhielt Major Raymond bei einem erfolgreichen Bemuͤ⸗ hen, den Koͤnig, der unvorſichtiger Weiſe im II. 14 210 Hofe von Whitehall ein wildes Pferd beſtiegen hatte, aus einer Gefahr zu befreien, eine ſchwere Verlezung. Baſil Sydney meldete das ſeiner Mutter, indem er zugleich gewiße Do— cumente verlangte, welche bewieſen, wie theil⸗ nehmend ſich ſein Vater gegen mehre Anhaͤn⸗ ger des Koͤnigs Karl und des damaligen Her⸗ zogs von York waͤhrend der Unruhen unter dem Gemeinwohl gezeigt hatte. Vater Frank hatte Baſil aufmerkſam gemacht, wie nuͤzlich dieſe Papiere ſeyn koͤnnten, und obgleich er bei dem jezigen Stande der Dinge Urſache zu glauben hatte, daß ein Dynaſtie⸗Wechſel ſei⸗ nen Vater bald in Freiheit ſezen wuͤrde, ſo ſehnte er ſich doch danach, Jacob zu beweiſen, daß Sir Everard wenigſtens kein Verraͤther ſey. Als die Nachricht von Major Raymond's Unfall einging, bekam Margaretha's Liebe fuͤr ihren Bruder ploͤzlich einen neuen, unwider⸗ ſtehlichen Schwung. Sie ſprach von nichts als von ihrem theuren Cuthbert— daß ſie allein in der Welt ſtaͤnde— von ſeinen vielen Tu⸗ genden— von ihrer Furcht, ſein Befinden moͤgte noch ſchlimmer ſeyn, als man es ſage— kurz von ihrem Entſchluße, ſich von der ein⸗ zigen Heimath, die ſie nach ihrer vaͤterlichen 211 kennen gelernt habe, loszureißen, und troz der unruhigen Zeit zu ihrem Bruder zu eilen, ihn zu warten und fuͤr ihn zu beten und dies alles mit ſo vieler Natuͤrlichkeit, daß Lady Sydney dachte: wenn Margaretha ſchon ſo liebevoll als Schweſter iſt, wie wird ſie es erſt als Frau ſeyn; und wie gluͤcklich wuͤrde Baſil ſeyn, wenn eine ſo tugendhafte, kluge und ſanfte Schoͤnheit ihn zu feßeln vermoͤchte. Lady Sydney erkannte(außer in ihrem Sehne) nichts Gutes, wenn es nicht mit ih⸗ rer Kirche in Verbindung ſtand, doch hatte ihr Glauben den Vorzug vor dem Margare⸗ thas, daß er aufrichtig, Margaretha aber in allem eine Heuchlerin war, in ihrer Religion, wie in ihrer ſchweſterlichen Liebe. Dieſe ſchien je⸗ doch der Lady ſo preiswuͤrdig, daß ſie ihr von ihrem Wunſche, zu Major Raymond zu eilen, nicht abzurathen vermochte. Margaretha begab ſich daher mit einem Diener Lady Sydney's und unter dem Schuze der Eskorte, welche Baſil Sydney die wichtigen Papiere bringen ſollte, auf die Reiſe. Lady Sydney und ihr Schuͤzling nahmen weinend Abſchied von einander; aber die Thraͤ⸗ nen der Lady waren aufrichtig, waͤhrend Mar⸗ 212 garetha triumphirte, daß ſie ihrem Wunſche immer naͤher kam. Sie lehnte ſich zuruͤck in ihren Wagen und ſuchte einen Theil des Brie⸗ fes zu entziffern, den ihr die Lady fuͤr Baſil mitgegeben hatte. So geſchickt ſie ſich jedoch dabei benahm, konnte ſie doch nur einzelne Stellen erfahren, aber genug, um ſie fuͤr ihre Muͤhe zu entſchaͤdigen. „Ich kann,“ las ſie,„das Benehmen Ro⸗ ſalindens, welches Du ſo bewunderſt, nicht in demſelben Lichte ſehen; ihre Flucht aus dem Kloſter war ſo verwegen, ſo gottlos, und ihre Art zu Reiſen ſo erniedrigend, daß es ie Guͤte des Beweggrundes, welcher ihre Hand⸗ lung, wenigſtens wie Du jezt glaubſt, veranlaßte, gaͤnzlich verwiſcht. Ich habe viel mit Miſtreß Margaretha uͤber ſie geſprochen, und obgleich ſie in ihrem Edelmuthe ihre Fehler zu verbergen ſucht, ſo kann ich doch die Ver⸗ ſchlagenheit nicht entſchuldigen, welche wie das Nattergift ihren ganzen Koͤrper durch⸗ dringt.“ „Gut,“ rief die Unruheſtifterin, indem ſie weiter in die Geheimniße des verſiegelten Brie⸗ fes zu dringen ſuchte;„gut! mein Gift wirkt. Doch was iſt das? Da iſt mein Name wieder.“ 213 „Ich haͤtte mich nicht von einer ſo lieben Perſon trennen koͤnnen, haͤtte ich Dir nicht dadurch Gelegenheit verſchafft, ſelbſt zu beob⸗ achten, wie weit ſie uͤber alles Lob durch ihre Milde, ihren Adel, ihre Guͤte erhaben iſt.“ Margaretha laͤchelte, fuͤhlte ſich jedoch auf der Stelle unangenehm beruͤhrt, indem ſie das offene Benehmen der gekraͤnkten Roſalinde mit ihrem heuchleriſchen verglich. Margaretha ge⸗ hoͤrte nicht zu denen, welche das Laſter als Tugend auslegen; ſie hatte den Muth, es bei ſeinem eigenen Namen zu nennen und doch dabei zu beharren. Sie uͤberließ ſich jezt unge⸗ ſtoͤrt ihrer Betrachtung und ihren Traͤumen fuͤr die Zukunft; ſie dachte an ihre Armuth, an ihren Bruder, der ihr mit Aufopferung ein Aſyl im Kloſter verſchafft, und deßen of⸗ fene, biedere Zuneigung ſie trozdem ſtets un⸗ terdruͤckt hatte.. Eine ploͤzliche Wendung des Weges im neuen Forſte brachte ſie mitten in eine bunte Gruppe, die hauptſaͤchlich aus katholiſchen Pilgern beſtand, denen ſich noch Bettler und Saͤnger angeſchloßen hatten. Zwei der vorder⸗ ſten trugen das Bild eines Heiligen auf einem langen Stabe, umſchlungen von verwelkten 214 Kraͤnzen, ein Bild des Verfalls ihrer Partet. Ein Paar der Diener, eifrige Katholiken, nah⸗ men ihre Huͤte vor dem Heiligenbilde ab, waͤh⸗ rend die Übrigen ſie rahig aufhielten. Mar⸗ garetha legte eine ſo reiche Gabe auf den ihr gereichten zinnernen Teller, daß einer der Vor⸗ derſten unter den Ubrigen zuruͤckblieb und ſeine „Hand auf den Rand des Kntſcheuſchlages legte. Es war ein derber, wohlgebauter Menſch, der füͤr einen eifrigen religioͤſen Schwaͤrmer gelten konnte, wenn dem nicht das muntere Blinzeln ſeines grauen Auges widerſprochen haͤtte. Der Weg fuͤhrte eben einen Huͤgel hinan; aus der Ferne ſchallte der Geſang der Pilger heruͤber, und Margaretha, die, wenn auch durch ihr Bibelleſen an manchen Sazungen der katholiſchen Kirche zu zweifeln gelernt, doch erkannt hatte, daß keine andere ſo pit⸗ toresk und poetiſch ſey, war in tiefe Gedan⸗ ken daruͤber verſunken, als ſie ploͤzlich durch den Mann, der ihr noch immer zur Seite ging, aufgeſtoͤrt wurde. „Ihr kommt von Sydney⸗Luſt, Lady?“ ſagte er. „Ja, und ich hoffe, daß Ihr in ſo gefaͤhr⸗ lichen Zeiten ein Gebet fuͤr den Wanderer nicht unterlaßen werdet.“ „Gewiß nicht. Solche Schoͤnheit und Froͤm⸗ migkeit verdienen ein herzliches Gebet. Was macht die edle Lady Sydney? Sie iſt eine der Gebenedeiten. Haͤtte ſie gewußt, daß Ihr mir auf Eurer Reiſe begegnen wuͤrdet, ſo wuͤrde ſie ihre gewoͤhnliche Gabe verdoppelt haben, denn in Zeiten der Unruhe beduͤrfen wir mehr, als in Zeiten des Friedens.“ „So kennt Ihr ſie?“ fragte Margaretha, indem ſie auf's Neue ihre ſchwere ſeidene Boͤrſe oͤffnete. „Ja wohl, der heiligen Maria ſey es ge⸗ dankt.“. Eine zweite Gabe folgte der erſten, und ver⸗ ſchwand in den ledernen Guͤrtel des frommen Mannes, der offenbar in Margarethas Ge⸗ danken las, denn er verſicherte ihr, daß Lady Sydney ihre Wohlthat erfahren ſolle. Plozlich hielt der ganze Trupp und einer der Vorder⸗ ſten kam herbei und ſagte: 3 „Es ſind mehr als fuͤnfzig bewaffnete Forſt⸗ leute vor uns und es iſt kein Zweifel, daß ſie uns angreifen und gefangen nehmen wer⸗ den, denn ſie ſind.....“ hier wurde ſeine 216 Stimme ſo leiſe, daß Margaretha den Schluß nicht vernehmen konnte. Ihre Begleiter von Sydney⸗Lnſt ſchienen beſtuͤrzt. „Ich bin uͤberzeugt,“ ſagte der Kutſcher, „ſte werden den Wagen durchſuchen, denn ohne Zweifel ſind es Wilhelmiten.“ „Und wenn nun?“ fragte Margaretha auf⸗ ſtehend, indem ihre Augen dabei von feuri⸗ gem Muth ſtrahlten.„Ihr ſeyd ja beinahe eben ſo ſtark der Anzahl nach und ich bin uͤberzeugt, zum groͤßten Theil bewaffnet. Ich ſelbſt,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich zu dem Manne wendete, dem ſie das Almoſen gegeben hatte,„ſah den Kolben eines Piſtols durch Euren Rock zum Vorſchein kommen und Ihr und Eure Gefaͤhr⸗ ten werdet doch nicht ein Zuſammentreffen mit denen ſcheuen, die Eure Religion ver⸗ achten und Eure Freiheiten mit Fuͤßen tre⸗ ten moͤchten.“ „Bei der heiligen Meße, frei geſprochen!“ rief der Pilger.„Ich wuͤrde es nie ſcheuen, mich mit denen zu meßen, die Englands Frei⸗ heit zertreten moͤchten. Ich wuͤnſche, daß jeder Mann feſt an ſeiner Religion haͤnge, wie ſie auch ſey. Ich fuͤrchte nichts, ſelbſt den Teufel nicht. Und ſo, ſchoͤne Dame, werden 217 wir mit Eurer Erlaubniß, gewiße Papiere unterſuchen, die in Euren Haͤnden ſind, und Euch dann einen Forſtpaß geben, der Euch gegen einen weitern Aufenthalt ſchuͤzen wird.“ (Waͤhrend er noch ſo ſprach, wurden die, welche Baſil in dieſen unruhigen Zeiten als Schuz fuͤr die von ihm verlangten Documente requirirt hatte, uͤberwaͤltigt, wobei nicht ein⸗ mal ein Kampf noͤthig war, da es ſich klar erwies, daß Pilger, Bettler und Saͤnger im Einverſtaͤndniß mit den Foͤrſtern waren und ihre Verkleidung nur gewaͤhlt hatten, um jeden Verdacht einzuſchlaͤfern. Margaretha erblaßte troz ihrem Muthe uͤber die wilden Geſtalten, die zum Vorſchein kamen, und uͤber ihre lau⸗ ten, heftigen Reden. „Sir, Sir!“ rief Margaretha, indem ſie ſich noch immer an den von ihr Beſchenkten wandte,„glaubt mir, es iſt nichts im Wagen, was auf Staats⸗Intriguen Bezug haͤtte; wenn Ihr, wie es ſcheint, von dem was vorgeht, gut unterrichtet ſeyd, ſo muͤßt Ihr auch wißen, daß Sir Everard Sydney...“ „Ja, ja, aber ich bitte Euch, erſpart Euch alle Unruhe; Ihr braucht Euch keine Sorge zu machen; wir wollen nur mit unſern eigenen *† 218 Augen ſehen und mit unſern eigenen Ohren hoͤren. Sprit, komm her, die rothe Zinnkiſte iſt unter dem Siz. Stoͤrt Euch nicht mehr als noͤthig iſt, junge Lady. Da iſt ſie, nun leeret die Kiſten aus. Fuͤrchtet nichts, Madame; weg mit der Hand, Froſt, das iſt mit Weibertand gefuͤllt, und ſie haben nicht gern, wenn man ihren Puz zerknittert.“ Waͤhrend Alles ſo unterſucht wurde, zog der Ex⸗Pilger ein Papier aus dem Rocke hervor, welches, wie Margaretha vermuthete, eine Liſte der auf Sir Everard bezuͤglichen Do⸗ kumente enthielt. „Hm!“ murmelte er fuͤr ſich hin,„ſie wa⸗ ren alle in Lady Sydney's Kabinet mit ihren Reliquien und ihrer Madonna und ihren Ro⸗ ſenkraͤnzen; nimm ſie auf, Sprit.“ „Beim Himmel,“ rief Sprit, indem er den Brief aufriß, in dem Margaretha nur eben hineinzublicken gewagt hatte.„Da iſt gar ein Roͤmiſcher Zauber, den die alte papiſtiſche Lady ihrem milchblutigen Sohne ſchenkt. Allons hier!“ und dabei pfiff er einem knurrenden Hunde, der Einigen von dem Trupp folgte, und band ihm das kleine Amulet um den Hals. Jezt lauf, Thier, Du biſt unverwundlich und 219 kannſt dem Teufel ſelbſt in den Rachen fabren, ohne daß er Dir etwas thun darf. Iſt's nicht ſo, junge Lady?“ Margaretha ließ ſich nicht zu einer Antwort herab; doch als ſie dem jungen Menſchen im ſelben Augenblick aus bloßem Muthwillen den Brief, von dem ihr Erfolg abhing, zerreißen und dem Winde preisgeben ſah, wandte ſie ſich mit einer ſolchen Wuͤrde an den Über⸗ muͤthigen, daß ſelbſt er davon betroffen wurde. „Ich konnte mir denken,“ ſagte ſie,„daß nichts Beßeres von Leuten zu erwarten war, die ſich ſcheuen als das zu erſcheinen, was ſie ſind, und die ſchwache Frauen mit dem Vor⸗ zeigen von Waffen erſchrecken; aber von Euch, Sir“— und ſie wandte ſich wieder an den von ihr Beſchenkten—„von Euch, der Ihr das Privatverhaͤltniß des Hauſes Sydney zu kennen ſcheint, durfte ich ſo viel Achtung fuͤr daßelbe hoffen, daß Ihr das Erbrechen eines Briefes verhindert haͤttet, den eine Mutter ihrem Sohne ſchenkt.“ „Ich weiß nicht,“ erwiederte Sprietſegel, deßen zuͤgelloſes Benehmen bereits erwaͤhnt worden, der Brief ſah ſo dick und ſonderbar ans, und wenn ich Kaptain Sydney fehe, ſo 220 ſoll er mir meine Muͤhe zahlen, wo nicht, werde ich ihn fuͤr ſeine Schwaͤche bezahlen. Man kann ſich nie auf ihn verlaßen und Ihr könnt ihm erzaͤhlen, daß ich das geſagt habe.“ Margaretha war niedergebeugt, in den Wa⸗ gen zuruͤckgeſunken, als der erſte Sprecher ſich naͤherte und ſich ehrerbietig wegen ſeines Be⸗ nehmens entſchuldigte. Er fuͤgte hinzu, daß er die ihm ſo großmuͤthig geſchenkte Gabe zu⸗ ruͤckgeben muͤße, da das Betteln damals nur zu ſeiner Rolle gepaßt habe.„Wir erwarteten andere Papiere,“ ſagte er,„die vermuthlich einer andern Perſon anvertraut worden ſind. Wir bedauern die Euch gemachte Unruhe und es thut mir leid, daß der Brief dabei zu Grunde gegangen iſt. Aber Lady Sydney kann ja dieſen Unfall leicht wieder gut machen.“ Margaretha fuͤhlte ſich zu gekraͤnktum ant⸗ worten zu koͤnnen, oder es zu beachten, daß es ihrer Eskorte wieder freigegeben worden war, unter dem Scherzen der Foͤrſter und Pilger ihren Weg fortzuſezen. Sie hatte dieſen Brief eigenhaͤndig an Baſil Sydney uͤbergeben ſollen und rechnete auf deßen Wirkung. Sie hatte einen Triumph getraͤumt und ſah ſich jezt bit⸗ 221 ter getaͤuſcht. Nach einer langweiligen, be⸗ ſchwerlichen Reiſe kam ſie in London zuruͤck, unbeſorgt ob ihr Bruder noch lebe, oder be⸗ reits todt ſey. 0 0 Zwölktes Kapitel. ww„.„„ O Hoffnung, Der ſchoͤnen Zukunft ſanftes Morgenroth, Du ſtehſt nicht in Fortunas Zauberkreis, und laͤchelſt ſegnend uns bis an den Tod. — Cowley. Wie oft, wenn Euthbert Raymond von den Schmerzen, welche ihn in Folge ſeines ungluͤck⸗ lichen Zufalls ergriffen, faſt erſchoͤpft war, wuͤnſchte er, daß ſeine geliebte Mutter noch lebte, deren ſanfte und zaͤrtliche Stimme noch immer in ſeinen Ohren widerklang! Und dann traͤumte er, ſeine Mutter und Roſalinde Syd⸗ ney ſeyen nur eines und erwachte dann wieder zur graͤßlichſten Einſamkeit. Es war ein Gluͤck fuͤr ihn, daß die Nachricht von ſeiner Krank⸗ heit noch zu einer Andern gedrungen war, die herzlichern Antheil daran nahm, als ſeine 223 raͤnkeſuͤchtige Schweſter. Alice Murrough hatte in ihrem verlaßenen, duͤſtern Aſyle im ſchwar⸗ zen Schwane davon vernommen, da die Sache zum Stadtgeſpraͤch geworden war. Der König beſaß den Ehrgeiz, fuͤr einen guten Reiter gelten zu wollen, obgleich er weder ſchoͤn, noch feſt im Sattel ſaß, und ohne Major Raymonds ſchnellen Beiſtand haͤtte er ſchwer⸗ lich je die Schlacht am Boyne geſchlagen. Der Vorfall machte großen Laͤrm, denn Raymond war der Liebling der Hofdamen, und der Koͤ⸗ nig ſelbſt nahm warmes Intereße an ihm. „Ich hoffe,“ ſagte Se. Majeſtaͤt,„daß kein ſchwieriger Armbruch zu befuͤrchten iſt, obgleich das boͤſe Roß ihn hart gegen die Mauer draͤngte. Raymond iſt ein guter, ſehr braver Junge, aber ich haͤtte, obgleich der Gurt riß, das Pferd auch allein zu Rechte gebracht.“ Baſil Sydney hatte aus nur ihm bekannten Gruͤnden mehr als zwei Stunden bei Daniel Braun zugebracht und war eben im Begriff, den Hof durch den bekannten Gang zu ver⸗ laßen, als die derbe Geſtalt Alicens ihm den Weg verſperrte. „Ich muß Euch ſprechen, Kaptain Sydney,“ ſagte ſie,„nur auf eine Minute. Die Leute 224 denken hier, weil ich aus Irland ſey, haͤtte ich weder Augen, noch Ohren, noch⸗ Vernunft. Gott helfe ihnen, ſie wißen nichts. Aber ich vergebe ihnen ihre ſchlechte Meinung, weil ich dadurch Dinge erfahre, die, wenn ſie mich auch nicht angehen, doch gut zu wiſßer ſind.“ „Das mag ſeyn, Alice, aber was wollt Ihr von mir? Es wird ſpaͤt und ich moͤgte äch Hauſe.““ „Richtig, Ihr gehoͤrt zur Leibwache— es iſt ein guter Name; Ihr wacht mit dem Leibe, aber die Seele iſt nicht bei der Sache. Doch das geht mich nicht an. Aber was fuͤhrt Euch hieher? Sucht Ihr Rahel, Miſtreß Rahel Braun oder iſt das arme unſchuldige Drucker⸗ maͤdchen nur ein Deckmantel für andere Ab⸗ ſichten? Ihr ſeht, ich bin Miſtreß Roſalinde hieher gefolgt, mit dem feſten Entſchluß, ihr in's Gefaͤngniß zu folgen, wie ich ſie von der Wiege an ſeit neunzehn Jahren gepflegt habe. Aber ſie wollen mich nicht zu ihr laßen und meine naͤchſte Pflicht iſt jezt, Major Raymond zu warten, der, wie ich eben hoͤre, Schaden genommen hat, als er den Koͤnig vor einem Ungluͤck bewahren wollte, und da 225⁵ glaube ich, er hat am Ende niemand bei ſich von ſeinen eigenen Leuten, niemand, der ſeine eigene Sprache ſprechen kann, ich meine die des Herzens, niemand, der ihn pflegt und bedient, und ſo dachte ich, ich wollte zu ihm, denn es iſt meine Schuldigkeit, da die ſeinigen gut gegen mich und andere in dem armen Lande waren, das ich nie wieder ſehen werde. Gott vergebe uns unſere Suͤnden und die Suͤnden unſerer Großvaͤter und Großmuͤtter, die uns auferlegt worden, obgleich wir keine Schuld daran haben. Gottlob, daß ich keine Enkel habe, denn ich wuͤrde mir das Herz aus dem Leibe herausbeten, damit ich meine Suͤnden um ihretwillen tilgte.“ „Habt Ihr denn ſo ſchwer geſuͤndigt?“ fragte Baſil laͤchelnd. „Ich habe meinen Theil Suͤnden, wie an⸗ dere Weiber, und nun ſie von mir fort iſt, habe ich wenig Troſt in dieſer verruͤckten Stadt, außer dem Gebete und dieſer Locke von ihrem Haare, mit der ich Tag und Nacht ſprechen kann, als wenn ſie's ſelbſt waͤre.“ „Von weßen Haar?“ fragte Baſil heftig. „Von wem ſonſt, als von Roſalinde,“ ant⸗ wortete Alice mit erheuchelter Einfalt. 1I1. 15 226 „Alice,“ rief Baſil,„ich gebe Euch vier Goldnobel dafuͤr.“— „Und gaͤbet Ihr mir acht Goldnobel, er⸗ hieltet Ihr nicht ein Haar dafuͤr. Ihr Haar verkaufen! O nein, nein.“ „So ſchenkt es mir.“ „Schenken? Und was bliebe denn mir?“ „So theilt es mit mir, gute Alice, und ich gebe Euch—“— „Was?. „Was Ihr wollt. O Alice, ich wuͤrde es hochhalten als meinen theuerſten Schaz.“ „Und weshalb,“ fragte Alice, indem ſie ein kleines, ſorgfaͤltig gefaltetes, mit gruͤnem Band zuſammengebundenes Paket aus ihrem Buſen zog, und weshalb ſollte ich Euch einen Theil ihres Haares geben? Obgleich Ihr von ihrem Blute ſeyd, mißgoͤnnt Ihr ihr doch ſelbſt den Namen, den ſie traͤgt. Ihr meint, ſie lebe nur von der Barmherzigkeit Eures Hauſes.“ „Nie habe ich ſo etwas gedacht, noch ge⸗ ſagt.“ „Aber Eure Mutter.“ „Was kann ich dafuͤr?“ „Allerdings, denn ſie iſt ein Weib von....“ „Gebt mir das Haar,“ unterbrach ſie Baſil, der mit Recht fuͤrchtete, daß Alice etwas ſagen moͤgte, was er als Sohn nicht geduldig hoͤren duͤrfe. „Da iſt es, ſchoͤn und glaͤnzend. Oh, wie erinnere ich mich noch des Abends, wo ich es mit meinen eigenen Haͤnden von ihrem Haupte abſchnitt, als es im Mondlicht einer Mainacht ſchwamm, denn ſicherlich iſt ein Zan⸗ ber in jedem dieſer Haare, der das Suͤnden⸗ erzeugte Boͤſe vertreibt und einen frei haͤlt von Herzweh. O, tauſend Segen uͤber Dich, obgleich die alte Amme wenig Liebes mehr von Dir in dieſer traurigen Welt empfangen wird, da Deiner noch großes Gluͤck erwartet.“ „Alice,“ wiederholte Baſil, der auf die in den Mondſtrahlen ſchimmernden Haare blickte, num des Himmelswillen, nur die Haͤlfte dieſer ſuͤßen Locke gebt mir und alles, was Ihr ver⸗ langt und was ein Mann mit Ehren geben kann, ſollt Ihr haben.“ „Iſt es Euer Ernſt?“ ſagte die Sibylle, die Locke ihm hinhaltend, und mit leiſer feier⸗ licher Stimme hinzufuͤgend:„Wißt Ihr nicht, daß Sydneys Blut Sydneys Fluch ſoll ſeyn?“ Baſil ſchauderte bei dieſen Worten, aber Roſalindens Bild ſtieg vor ihm auf, wie er 228 ſie aus dem Waßer rettete, wie ſie zu den Fuͤßen des Koͤnigs kniete und ſo hinreißend fuͤr ſeinen Vater flehte, wie ſie ſich freiwillig in einen Kerker verbannte, und die Pro⸗ phezeiung war vergeßen und Baſil ſtreckte die Hand nach der Locke aus. „Noch nicht,“ ſagte Alice,„noch nicht. Ihr ſagtet, daß Ihr alles dafuͤr thun wolltet, was ein Mann mit Ehren verſprechen koͤnne. Gut denn, ſo gelobt mir— Doch ach! ein Kezer hat nichts Heiliges, wobei er ſchwoͤren kann. Er hat keine Jungfrau, keine Heiligen, gar nichts.“ „Alice,“ antwortete Baſil feierlich,„er hat ſeinen Gott im Himmel, ſeine Ehre auf Erden.“ 4 „Ja, ja, ſeinen Gott; er denkt gar wenig an ihn, außer wenn er ihn braucht. Und was ſeine Ehre betrifft, iſt nicht Euer Leib bei einem Koͤnig und Euer Herz bei einem andern? Wem dient nun Eure Ehre, mein junger Herr?“ Es lag ſo viel Bitterkeit in Alices Stimme, und ſo viel Anmaßung in ihrem ganzen We⸗ ſen, daß Baſil ſeinen Mantel enger zuſammen zog und ſich ein Paar Schritte entfernte, aber die Amme kannte ihre Gewalt und ſtellte ſich, 229 als ob ſie die Locke wieder in das Papier le⸗ gen wollte. Baſil fiel ihr heftig in den Arm und ſagte zornig: „So nennt Eure Bedingung.“ „Ihr muͤßt unter allen Umſtaͤnden mit⸗Hand und Herz ein treuer Freund Roſalindens bleiben, und wenn Ihr etwas hoͤrt oder ſeht, was Euren Glauben an ihre Trefflichkeit— hier hielt ſie einige Augenblicke inne— oder an ſonſt etwas erſchuͤttert, ſo ſollt Ihr, ehe Ihr einen Entſchluß faßt, erſt mit mir ſprechen.“ Baſil ſchwieg, nicht aus Unluſt, jede Be⸗ dingung einzugehen, die ihm einen ſo koſtbaren Schaz ſchenkte, ſondern aus Erſtaunen uͤber die Seltſamkeit der Forderung. 3 „Oh,“ ſagte ſie,„ich danke Gott, daß Ihr dieſe Bedingung ſchon zu ſchwer findet, denn mein Herz ſehnt ſich, dieſe ſchoͤne Locke zu behalten.“ „So wahr der Himmel uͤber uns iſt,“ rief Baſil feierlich, indem er ſeinen Hut abnahm, „ich verſpreche, was Ihr wuͤnſchet.“ Ohne eine weitere Einwendung zu machen, theilte Aliſe das Haar und legte die Haͤlfte davon in ſeine Hand und Baſil bedeckte die Locke mit gluͤhenden Kuͤßen und wollte der 230 Amme noch Gold geben, was ſie jedoch mit Verachtung abwies. „Gott ſegne Euch, Alice!“ ſagte er, und wollte ſich durch das Thor entfernen. „Halt, junger Herr, nicht ſo ſchnell. Jezt da Ihr Euren Willen habt, denkt ihr nicht mehr an mich. Wollt Ihr machen, daß ich Major Raymond pflegen darf?“ „Ich verſpreche Euch Alles, alles, was Ihr wollt.“ „Wohin habe ich mich zu wenden?“ Er gab ihr eine kurze Anweiſung und eilte fort. „Es iſt eigen bei alledem,“ murmelte Alice fuͤr ſich,„daß jezt beide Pfaͤnder von einan⸗ der tragen, er ihr Haar, und ſie ſeine kleine Muͤnze. Denn habe ich nicht geſehen, wie ſie ſie in ihrem Buſen ſteckte? Gott helfe ihnen, denn es ſteht noch manches zwiſchen ihnen und ihrem Gluͤcke. Es iſt ein trauriges, wildes Leben in dieſer Stadt, wo die Nachbaren ſich faſt wie Fremde anſehen. O Irland, Irland! Wie dankbar wollte ich dem Allmaͤchtigen ſeyn, wenn er mich noch einmal wieder deine gruͤnen Felder und klaren Gewaͤßer ſehen ließe!“ Amme Murrough ſtand noch einige Minuten 231 mit gefalteten Haͤnden und blickte zum Him⸗ mel auf und erwartete in ihrem Aberglauben, daß ein Zeichen geſchehen wuͤrde, welches ihr ihr Geſchick verkuͤndete, aber nichts geſchah und nur leichtes Gewoͤlk trieb voruͤber. Sie ging darauf vor ſich hinmurmelnd uͤber den kleinen Hof, an deßen Ende ſich zwei Gaͤnge befanden, deren einer nach der Bedientenſtube, der andere in vielen Wendungen zu einer Treppe fuͤhrte, auf der man in die Druckerei und die dazu gehoͤrigen Zimmer gelangte. Alice wollte in die erſtere gehen, verlor ſich aber in dem Irrgange des lezteren, und als ſie laͤngſt der Wand ſich zurecht tappen wollte, kamen ihr zwei in Dienerkleider gehuͤllte Frauen⸗ geſtalten entgegen. Sie wollte ſie um den Weg fragen, fuͤrchtete aber ſich bei den Die⸗ nern laͤcherlich zu machen, die ſich gern uͤber ihre Irlaͤndiſchen Verſtoͤße luſtig machten. Sie ſchwieg daher, und erkannte, als ſie voruͤber⸗ gingen, Miſtreß Rahel und ein junges Dienſt⸗ maͤdchen, das mit den Geheimnißen ſeiner Gebieterin ſehr vertraut ſchien. „Wie Schade, daß er fort iſt,“ ſagte das Maͤdchen,„ſeine Prophezeiungen ſind wahr, wie die Bibel.“ 232 „Das hoͤre ich.“ „O es iſt ſicher. Er hat Madame Gaylord geſagt, ſie wuͤrde zwei Maͤnner bekommen.“ „Und iſt es eingetroffen?“ „O noch nicht, Miſtreß Rahel, aber es wird ſchon, denn ihr Mann liegt ſterbenskrank am Rheumatismus.“ „Aber es heißt, daß der Aſtrolog die Gro⸗ ßen mehr beguͤnſtige. Er hat der Lord⸗Mayors Schweſter in drei Jahren drei Maͤnner ge⸗ geben.“ „Der Eine hat mehr Gluͤck wie der Andere; ich waͤre ſchon mit Einem treuen Herzen zu⸗ frieden.“ „Ich hoffe, mein Vater iſt zu Bett,“ fluͤ⸗ ſterte Rahel,„denn er wuͤrde es mir nie ver⸗ geben, daß ich bei dem Aſtrologen geweſen bin, und wenn es der Narr von Joſeph wuͤßte, ſo haͤtte ich ein ganzes Jahr keine Ruhe vor ihm. „Ja, es iſt ein wunderbarer Mann, der auf ein Wort Geiſter erſcheinen laßen und die Zukunft auf hundert Jahre vorherſagen kann, und gewiß ſteckt was Gutes dahinter, daß er ſo oft Briefe an den wilden Menſchen ſchickt, der wegen Druck⸗ und anderer Sachen hier einſpricht. 233 „Still!“ rief Rahel, erſchrocken uͤber die Gefahr, die ihr Vater durch Bekanntwerden ſeiner Geheimniße laufen koͤnnte. Die Maͤdchen gelangten zu der Thuͤr, die ſie ſuchten. Alice wandte ſich ebenfalls dahin; ehe ſie aber noch ſo weit kam, mußte ſie ſich wieder verbergen, denn ein in einen Mantel tief verhuͤllter Mann mit einer Laterne naͤherte ſich ſo leiſe und geraͤuſchlos, daß wieder aller Aberglaube Alices wach wurde und ſie ſich eines Ausrufes nicht enthalten konnte, der den Ohren der geheimnißvollen Perſon nicht entging. Der Mann blieb ſtehen; Alice hielt ihren Athem an ſich; er ging weiter, ſtand nochmals ſtill, puzte das Licht, wobei es Alice nicht entging, daß ſeine Finger abgemagert waren, und daß er ſchmerzlich beſorgt ausſah, als er nach einem kleinen Dolche griff, der an ſeiner Seite funkelte. Dann erhob er die Laterne, hielt ſie hoͤher und wandte ſich nach allen Rich⸗ tungen, er hob ſich noch hoͤher und Alice ſtieß einen Schrei des Erſtaunens aus, der ſcharf, wie ein Pfeil, vom Gewoͤlbe abprallte. 3 603 war der Geaͤchtete! Dreizchntes Kapitel. Schändliche Verläumdung, Hervorgeſtiegen aus der Hoͤlle Pfuhl, Genaͤhrt von ganz gemeinen ſchlechten Herzen. Suckling. Der ungluͤckliche Jacob nahm weiter keine Notiz von den mit der Gefangenſchaft des Sir Everard Sydney verknuͤpften Umſtaͤnden; er hatte genug an ſeine eigenen Angelegenheiten zu denken, die jezt eine ſo drohende Kriſis erreicht hatten, daß die ,welche zumeiſt ſeines Ver⸗ trauens genoßen, ſeine Flucht aus der Haupt⸗ ſtadt fuͤr gewiß hielten, waͤhrend andere, die nicht ſo tief in die Hofgeheimniße eingeweiht waren, der Meinung waren, er werde wie 23⁵ ein Mann und Koͤnig dem Außerſten Troz bieten: die Sache war, daß es ihm, nachdem er das Rad einmal angeſtoßen, an phyſiſcher, wie moraliſcher Kraft fehlte, es entweder auf⸗ zuhalten oder zu lenken. „Da er mehr und mehr, wie der große Eng⸗ liſche Hiſtoriker ſagt, durch die Beweiſe einer allgemeinen Abneigung beunruhigt, Nieman⸗ den, außer denen, die noch groͤßerer Gefahr ausgeſezt waren, als er ſelbſt, zu trauen wagte, von Verachtung gegen Undankbarkeit, von Entruͤſtung uͤber Illoyalitaͤt ergriffen war, und von eigener und fremder Furcht getrieben wurde, ſo ergriff er uͤbereilt den Entſchluß, nach Frankreich zu entfliehen.“ Doch behielt er dieſen Entſchluß kluͤglicher Weiſe eine Zeit⸗ lang fuͤr ſich, da es unpolitiſch geweſen waͤre, ihn vor der Ausfuͤhrung zu bekannt werden zu laßen. 7 Es ſah unruhig aus, als Margaretha Ray⸗ mond ihres Bruders Quartier erreichte, und ſie fuͤhlte ſich unangenehm uͤberraſcht, als ſie daſelbſt Alice Murrough vorfand. Cuthbert hatte, eine Folge ſeines Unfalls, ein leichtes Fieber, waͤhrenddeßen er ſich den gluͤhendſten Betheuerungen fuͤr die ſchoͤne Roſalinde hin⸗ 236 gab. Dies beſtaͤrkte Margaretha in ihrem Ver⸗ dachte„daß die Liebenswuͤrdigkeit ihrer Neben⸗ buhlerin einen tiefen Eindruck auf ihren Bru⸗ der gemacht habe, und ſie beſchloß, auf irgend eine Weiſe dieſen Umſtand ſich zu Nuzen zu ma⸗ chen. Alice verhehlte ihren Verdruß uͤber die Ankunft Margarethas wenig, und dieſe errieth mit dem Frauen und Irlaͤndern eigenen Scharf⸗ blicke gar bald die Veranlaßung deßelben. Die Wiederherſtellung Cuthberts wurde durch ſein brennendes Verlangen, dem Koͤnig in ſei⸗ ner ſchlimmen Lage beizuſtehen, nur aufgehal⸗ ten; er hatte noch nie ein Hinderniß gekannt, das ſein Eifer und ſeine Loyalitaͤt nicht uͤber⸗ wunden haͤtte, und nun mußte er, gerade zu einer Zeit, wo ſeine Dienſte wirklich haͤtten von Nuzen ſeyn koͤnnen, das Zimmer huͤten und ſeinen Zuſtand taͤglich verſchlimmern ſehen. „Hier angeſchmiedet zu ſeyn,“ ſagte er, „iſt das Schrecklichſte, was mir zu ſo einer Zeit begegnen konnte; es ſprengt kein Pferd an meinem Fenſter voruͤber, keine Trompete ſchallt in mein Ohr, daß mein Herz nicht da⸗ voon widerhallt, als ob es mich von dieſem verzweifelten Lager aufjagen muͤßte. Warum mußte ich ſo ungluͤcklich ſeyn! Und Baſil— 237 Baſil iſt heut nicht hier geweſen! Ich fuͤrchte, er faͤllt auch ab. Und doch, Baſil wird gluͤck⸗ lich— gluͤcklich und geliebt ſeyn, wenn der Name Raymond im Tode vergeſſen ſeyn wird.“ 3 1 „Ich ſehe nicht ab,“ antwortete Margaretha, „worin ſein Gluͤck beſtehen wird, wenn er, wie Du vermutheſt, ſich der Naßauiſchen Partei angeſchloßen hat. Der Tod— ein ſchrecklicher blutiger Tod mag ſein Loos ſeyn! Und ſein Vater iſt ſchon im Gefaͤngniß.“ Margaretha ſchauderte bei dieſen Worten, denn die Nachrichten, die ſie ſtuͤndlich von Anhaͤngern Jacobs erhielt, verblendeten ſie ſo, daß ſie feſt glaubte, die katholiſche Sache wuͤrde doch zulezt triumphiren. „Sein Vater iſt zwar noch in Haft, doch hat der Koͤnig Baſil und allen ſeinen Freunden Erlaubniß gegeben, ihn zu beſuchen, und in wenigen Tagen wird er ſogar ganz frei wer⸗ den; ja er koͤnnte es ſchon jezt ſeyn, wenn er nicht hartnaͤckig auf einer Unterſuchung beſtaͤnde, und ohne ſie durchaus die Freiheit nicht an⸗ nehmen wollte. Wohl kann ich meinen Freund Baſil gluͤcklich nennen, denn er genießt eines Gluͤckes, das wir Beide hoͤher, als des au⸗ 5 238 dere Erdenleben ſtellen; er kann Moſaliude ſe⸗ hen und ſprechen.“ Margaretha wendete ſich von dem Lager ih⸗ res Bruders ab und blickte durch das Fenſter auf die Straße. So ſehr ihr Alice zuwider war, hatte ſie doch abwechſelnd mit ihr die Wache am Krankenbette uͤbernommen, und die Amme bewachte jeden Blick und jede Bewegung Margarethas mit ſteter Spannung und Ängſt⸗ lichkeit, daß jede andere Perſon dadurch ein⸗ geſchuͤchtert worden waͤre.— „So hat Miſtreß Roſalinde alſo eine Erobe⸗ rung an ihrem Couſin gemacht?“ fragte Mar⸗ garetha nach einer langen Pauſe, in der ſie ſich etwas geſammelt hatte. „Wie war es anders moͤglich?“ ſeufzte Euthbert.„Himmel! haͤtteſt Du ſie nur geſe⸗ hen, wie ich, als ſie dem Koͤnig zu Fuͤßen ſank und in Thraͤnen ausbrach, die ihre Schoͤnheit noch mehr hervorhoben, gleich der Sonne, die durch einen Fruͤhlingsſchauer blickt, wie ihr ſeidenes Haar erzitterte, ihre kleinen weißen Haͤnden ſich krampfhaft verſchlangen, und dann ihre Stimme! Sie ſteht noch vor mir, ich ſehe ſie noch, und fuͤhle dabei einen heiligen Scheu, als ob ich vor dem Bilde der Jungfrau 239 kniete. Ich kann nicht an Roſalinde mit der gewoͤhnlichen Liebe denken, welche ein Mann zu einer Frau fuͤhlt.“ Cuthbert Raymond wendete ſich wie erſchoͤpft von ſeiner Rede auf ſeinem Lager um, und ſeine Augen begegneten dabei den funkelnden Blicken Alicens, die in einem Winkel des Zim⸗ mers horchte und von da ihren Patienten be⸗ wachte. Ihr Blick war ſo wild, daß er ſelbſt den jungen Krieger ergriff, aber er hatte noch kaum ausgeſprochen, als ſie, gegen ihre ge⸗ woͤhnliche Vorſicht, ausrief: „Die heilige Mutter Gottes bewahre und erhalte Euch in dieſer Anſicht und blicke gnaͤdig auf Euch nieder in Ewigkeit. Amen!“ Waͤhrend ſie noch ihr Kreuz ſchlug, ſagte Margaretha etwas bitter, zu ihrem Bruder gewendet:„Ihr werdet ja ganz poetiſch.“ „Das mag ſeyn,“ antwortete er,„aber Poeſie iſt die natuͤrliche Sprache unſeres Lan⸗ des, und ſie muß uns daher verziehen werden. Es iſt nur wenig, was wir unſer nennen koͤn⸗ nen, wenn wir das warme Gefuͤhl des Her⸗ zens und die warme Sprache der Zunge aus⸗ nehmen.“ „Ich habe etwas,“ ſagte Margaretha,„was 240 Eurer jungen Gebieterin angehoͤrt, Alice; etwas, was ich ihr in Beaulien geſtohlen habe, damit ſie nicht in Verdruß mit der guten Ab⸗ tißin gerathe— eine proteſtantiſche Bibel.“ Alice erhob ſich, um ſie in Empfang zu neh⸗ men; Margaretha reichte ihr das Buch hin, welches Roſalinde, da es von ihrem Oheim kam, ſo werth hielt, und von dem ihr Mar⸗ garetha wirklich geſagt hatte, daß es ihr Ver⸗ druß machen wuͤrde, wenn es die Nonnen ſaͤ⸗ hen, aber ehe Alice es noch nehmen konnte, hatte es Cuthbert fortgerißen und mit zittern⸗ der Hand und brennender Wange an ſelner Bruſt verborgen. „Es iſt das Gebetbuch einer Kezerin,“ fagte Margaretha mit noch groͤßerer Bitterkeit.. „Sag' lieber, eines Engels,“ antwortete ihr Bruder.„Macht kein ſo boͤſes Geſicht, Amme, ich behalte es, ſo lange ich lebe und werde daran glauben, wie an einen Zauber.“ Die Amme antwortete nichts auf dieſe Be⸗ merkung und gab ſich daran, eine Medizin fuͤr den Kranken zurecht zu machen. Wenige Minuten darauf trat Baſil unangemeldet und erhizt in das Zimmer. Raymond war eben beſchaͤftigt in dem kleinen Buche zu blaͤttern und * 241 hier und da Bemerkungen zu verſchiedenen Stellen der heiligen Schrift zu leſen, welche Roſalinde mit Bleiſtift an den Rand geſchrie⸗ ben hatte. Er verbarg das Buch von neuem, Alice verließ das Zimmer, und Margaretha wuͤrde ihr gefolgt ſeyn, haͤtte nicht Baſil, deßen Aufmerkſamkeit fuͤr ſie nie die Schranken der gegen die Schweſter eines Freundes ge⸗ ziemenden Hoflichkeit uͤberſchritten hatte, ſie zu bleiben gebeten. Baſil ſcherzte mit Cuthbert, daß er ſorgſam etwas vor ihm verſteckt habe, wobei Marga⸗ retha mit großer Geſchicklichkeit darauf an⸗ ſpielte, daß es das Pfand einer Dame ſey. „Kein Pfand,“ rief Cuthbert ernſt,„aber wollte Gott, es waͤre ſo.“ „Es ſteht ein Frauenname darin,“ ſagte Margaretha mit ihrem glatten, freundlichen Laͤchelu. „Welcher Name?“ „Ich darf ihn nicht verrathen.“ „Doch die Anfangsbuchſtaben?“ „O Ihr wollt daraus, wie der Aſtrolog, von dem Eure Frau Mutter ſpricht, aus Ster⸗ nen, leſen. Was duͤnkt Euch von einem R. und einem 0. Nun leſt mir daraus die ſchoͤnſte II. 16 242 Gartenblume— ein Geſchenk— aber ich darf nichts weiter ſagen, nicht wahr, Euthbert?“ „Schweig mit Deiner Thorheit,“ unterbrach ſie Cuthbert Raymond.„Erzaͤhle mir, was es Neues gibt, Baſil; mein Ohr iſt offen, mein Herz ſehnt ſich nach Neuem, ſo gebun⸗ den, gefeßelt ich auch durch dieſen verzwei⸗ felten Unfall bin.“ „Es wird bald eine Zeit kommen,“ ſagte Baſil ernſt, ohne darauf zu achten,„wo Du mir erklaͤren mußt, von wem Du dieſes Buch haſt. Ich werde, ja ich habe ſchon ein Recht, danach zu fragen, und ohne ein Aſtrolog zu ſeyn, kann ich doch errathen, was Miſtreß Margaretha zu verſchleiern beliebt. Ich kenne eine Dame, deren Namen mit K. und 0. beginnen. Iſt es etwas, was ſie verloren hat— „Damen koͤnnen eben ſo gut geben, als verlieren,“ ſagte Margaretha auf eine Weiſe, die ſchelmiſch und leicht ſeyn ſollte, aber durch ihre Bewegung ganz anders herauskam. Baſil warf ihr aber einen Blick ſo voll Unglauben, Verachtung zu, daß ihr Stolz ſich empoͤrte und ihr Haß gegen Roſalinde noch tauſendfach anwuchs. Der Ausdruck ſeiner Zuͤge verrieth — 243 ihr nur zu deutlich ſein Gefuͤhl, warf aber ihren Entſchluß nicht um. „Die Neuigkeiten, Baſil, die Neuigkeiten! Sag mir, wann Jacob ſeine Truppen zuſam⸗ menziehen, ſie als tapferer Stuart anfuͤhren und den engherzigen, armſeligen Hollaͤndern zeigen wird, daß er der Koͤnig iſt. O welches unſelige Warten und Zoͤgern! Wie verdirbt es den Geiſt zu allen großen Handlungen!“ „Es waͤre beßer, Du ſagteſt das Jacob ſelbſt. Lady Anna hat ſich mit dem Biſchof von Lon⸗ don und Lady Churchill davon gemacht.“ „Sein eigen Kind! Moͤge Gott ſie ſtrafen,“ rief der Soldat in ſeinem wilden Ungeſtuͤm, „daß ſie den beßten der Vaͤter verlaßen hat. Und moͤge auch ſie ihrer Kinder verluſtig ge⸗ hen!“ „Ich bedaure den Koͤnig,“ ſagte Baſil, „er thut mir ſo aufrichtig leid, daß ich, obgleich der einzige junge proteſtantiſche Offizier um ſeine Perſon, ihn doch nicht in dieſer Zeit der Noth verlaßen kann. Es war traurig zu ſehen, wie ihm die Thraͤnen uͤber die Wangen herabrannen, waͤhrend er mit brechendem Her⸗ zen ausrief:„Gott helfe mir! Meine eigenen Kinder haben mich verlaßen!“ 244 „So nimm das Banner des heiligen Georg, ruf Deine Kompagnie zuſammen und—“ „Das hieße,“ unterbrach ihn der beſonnene Baſil,„fuͤr mich thoͤricht handeln, und die Leute zur Schlachtbank fuͤhren. Nein, ich bin Jacob keine Loyalitaͤt ſchuldig; er hat die hei⸗ ligſten Rechte verlezt, und doch kann, mag ich ihn nicht verlaßen, damit er am Ende von einem Fanatiker kalten Blutes ermordet werde. Ich ſchaͤze ihn als Menſchen, aber, Cuthbert, ich verachte ihn als Koͤnig. Nein, ſchuͤttele den Kopf nicht und ſieh mich nicht ſo zornig an: ich habe keine Urſache, Dankbarkeit gegen Jacob Stuart zu empfinden.“ „Geh hinaus, Margaretha, damit ich auf⸗ ſtehen kann,“ rief Cuthbert;„beim Himmel, keine Stunde bleib' ich laͤnger hier liegen. Mein guͤtiger, guͤtiger Herr!“ „Du kannſt ihm jezt nicht helfen, Miſtreß Margaretha, ich bitte Euch, helft mir Euren Bruder bereden. Die Koͤnigin und der junge Prinz ſind fort. Der Prinz von Oranien hat eine perſoͤnliche Konferenz mit den Kommiſ⸗ ſairen Jacobs abgelehnt und die Grafen von Clarendon und Orford abgeſchickt, um mit ihnen zu unterhandeln. Seine Bedin⸗ * 245 gung iſt, ein gleicher Antheil an der Sonve⸗ rainitaͤt.“ „Fluch ihm!“ murmelte Euthbert zwiſchen den Zaͤhnen. „Seine Soldaten marſchieren ſiegreich gegen London.“ „Fluch ihnen!“ rief Cuthbert von Neuem. „Margaretha, ich will auf. Wo iſt Alice? Alice! Alice!“ „Sie wird ohne Zweifel zur ſiegreichen Seite uͤbergegangen ſeyn,“ entgegnete Mar⸗ garetha. „Wenn Ihr,“ ſagte Baſil, auf den die Meinung ſeiner Mutter offenbar nur geringen Eindruck gemacht hatte,„unter den ſiegreichen Patrioten Miſtreß Roſalinde und meinen Va⸗ ter verſteht, ſo theilte die arme Alice ihr Ge⸗ ſchick auch unter ganz andern Verhaͤltnißen, und Ihr wißt', daß mein Vater noch im Ge⸗ faͤngniße iſt.“ Margaretha biß ſich heftig in die Lippen; ihre Liebe verwandelte ſich nicht in Gleich⸗ guͤltigkeit, ſondern in Haß. „Sey ruhig, mein theurer Freund,“ ſagte Baſil;„ich bitte Dich um Deiner ſelbſt we⸗ gen darum. Sieh nur, Du kannſt Dich nicht 246 einmal bewegen.... Etwas Waßer, Lady, er faͤllt in Obnmacht.“ 8 „Ich bin nicht ohnmaͤchtig,“ erwiederte Enthbert, der von der Anſtrengung, ſich zu erheben, ploͤzlich todtenblaß geworden war, „aber mein Blut kocht und mein armer Koͤr⸗ per hat nicht Kraft genug, dagegen anzu⸗ kaͤmpfen. Sage mir Alles, das Schlimmſte; ich will mich nicht. bewegen, nicht ruͤhren.“ „Ich habe Dir Alles geſagt, Alles, was ich weiß.“ „Nein, Baſil,“ draͤngte Cuthbert.„Weißt Du nicht, wer dieſe, wie Du ſiehſt, mit dem Namen des Prinzen unterzeichnete Erklaͤrung bekannt gemacht hat?“ Er zog ein Blatt Pa⸗ pier hinter dem Kißen hervor.„Eine ſchoͤne Ausſicht eroͤffnet ſie uns Katholiken! Jeder⸗ mann ſoll bei Strafe die Papiſten verhaften und zur Rechenſchaft ziehen, die troz dem Ge⸗ ſeze Waffen tragen, oder irgend eine obrig⸗ keitliche Handlung vollziehen wollen. „Ich weiß nur, daß Wilhelm von Naſſau, und ich ſchwoͤre es, meiner Meinung nach, aufrichtig jede Theilnahme an dieſer Erklaͤ⸗ rung ableugnet.“ „Wer hat es denn geſagt?“ —— 247 Baſil zoͤgerte zu antworten, und ſagte nach einer Pauſe:„Cuthbert, ich glaube es 2 wißen, fuͤhle mich aber nicht verpflichtet, zu verrathen; ſo viel aber kann ich dhen⸗ daß es weder die Geſinnung Wilhelms, noch der Proteſtanten von England ausſpricht. Wir haben Freiſinnigkeit, Mitleid, oder richtiger, Gerechtigkeit gelernt. Die Zeit iſt hoffentlich dahin, wo man die Menſchen mit Feuer und Schwert bekehrt. Wir waren, wir ſind Freunde, laß uns das Geluͤbde erneuern, daß kein Wech⸗ ſel der Regenten uns beſtimmen ſoll, je Übles von einander zu denken.“ Cuthbert ergriff die Hand ſeines Freundes und druͤckte ſie an ſein Herz. Er ſeufzte: gluͤck⸗ licher Baſil! und verbarg ſein Haupt in den Kißen. Baſil verließ Cuthbert in jenem ner⸗ voͤſen Zuſtande, der immer eintritt, wenn ein energiſcher Geiſt durch koͤrperliche Schwaͤche ſich gebunden ſieht. Margaretha ſuchte ſich zu ſammeln und neue Entwuͤrfe vorzubereiten. 248 Vierzehntes Kapitel. Aus ſeinen Blicken ſpricht Der Haß nicht gegen Himmel oder Tugend, Er ſpricht fuͤr Freiheit, Glauben und Geſez, Und ſcheint zu lieben, was er umgeſtuͤrzt, und moͤcht' beweiſen nur, die Tugend ſtehe Dem Frieden und Geſez entgegen. .— T. May. 7 Es war an einem rruͤben, duͤſtern Abende: der Nebel hing wie ein Leichentuch uͤber der großen, volkreichen Stadt und die drohenden Unruhen ſchienen auf die Luft zu druͤcken. Der Wind, der gegen die Fenſterſchlaͤge ſo manchen verlaßenen und vernachlaͤßigten Hauſes ſchlug, toͤnte wie Klagegeſtoͤhn; die Lampen auf den Straßen brannten dunkel, aber obgleich ſich —.,— 249 üͤberall Aufregung zeigte, war doch nirgends Tumult. Die Straßen waren voll Schmuz, wie immer, wenn eine große Menge ſich uͤber ſie hingezogen hat. Die Squares waren ſtill und oͤde in ihrer Groͤße. Um die Kaſernen und vor den oͤffentlichen Gebaͤuden, wo gewoͤhnlich Schildwachen ſtanden, herrſchte reges Leben, jene geordnete Thaͤtigkeit, welche das Eigen⸗ thuͤmliche der Soldaten iſt. Zu Zeiten hoͤrte man Feldſtuͤcke aus den Magazinen heraus⸗ raßeln und das Puzen alter Waffen. In den Schmieden ſtanden Pferde, die beſchlagen wer⸗ den ſollten, und vor den Thuͤren ſtanden ge⸗ ſezte Buͤrger, die darauf warteten, daß man ihre verroſteten Flinten puze und ihre alten Schwerter ſchaͤrfe, alle gar ſeltſam von Fackeln und dem lodernden Feuer beleuchtet. Nachdem Baſil ſeinen Freund verlaßen, be⸗ gab er ſich, wie gewoͤhnlich, nach Whitehall, und wartete, eine Beute der widerſtrebendſten Gefuͤhle, ob nicht irgend etwas geſchehen werde, die Armee abzuhalten, welche, wie man beſtimmt wußte, in Eilmaͤrſchen gegen London ruͤckte. Aber der unſchluͤßige Koͤnig hatte noch im- mer nichts gethan, an nichts gedacht. Man hielt ein geheimes Konſeil und Miniſter, Prie⸗ * 250 ſter und Geſandte fuhren unablaͤßig nach White⸗ hall hin und zuruͤck, aber ein großer Theil der Garden und faſt der ganze proteſtantiſche Adel hatten bereits den ungluͤcklichen Jacob ſeinem Schickſal uͤberlaßen. „Sydney, auf was wartet Ihr hier?“ fragte in Ofſtzier, als er an unſern Helden voruͤber Luuß„Das Spiel iſt aus; die Prinzen, nicht die Koͤnige haben den Stich.“ „Eben darum warte ich,“ antwortete Syd⸗ ney.„Wenn Jacob Stuart aufhoͤrt Köͤnig zu ſeyn, bleibt er doch Menſch, und der mor⸗ H, 1 gende wie der heutige Tag wird Baſil Sydney auf ſeinem Poſten ſehen.“ „Addio, Kavaliere,“ ſagte der Andere,„ich dachte, Ihr waͤret ſchon laͤngſt andere Ver⸗ pflichtungen eingegangen.“ „Zu was ich mich verpflichtet, das halte ich auch,“ erwiederte Baſil ſtolz und ſezte ſein ernſtes Auf⸗ und Abgehen in dem weiten Vor⸗ ſaale fort. „Kaptain Sydney, wenn ich nicht irre?“ bemerkte ein Fremder, indem er im Vorbeige⸗ hen eine Verbeugung machte. Baſil verbeugte ſich ebenfalls. „Se. Majeſtaͤt bedarf heute Nacht Eurer — — 251 Dienſte nicht mehr, rechnet aber darauf, Euch jeden Augenblick bereit zu finden. Ihr kennt mich nicht?“ Baſil verneinte. „Ich bin Sir Edward Hales.“ Sydney verbeugte ſich tief vor einem Manne, der zu den wenigen gehoͤrte, die den morali⸗ ſchen Muth hatten, einem verlaßenen Mo⸗ narchen treu zu hleiben.“ Nachdem er ſich uͤberzeugt, daß ſeine, durch Deſertion bereits furchtbar zuſammengeſchmol⸗ zene Kompagnie, unter Waffen ſtand, ging er nach dem Tower, wo er, ſeit er die Er⸗ laubniß dazu erhalten batte, haͤuſige Beſuche machte, denn er hatte ſich uͤberredet, ſein Va⸗ ter waͤre ſo neugierig auf die neueſten Ereig⸗ niße, daß es unrecht waͤre, wenn er nicht taͤglich zu ihm ginge. Sein Vater verlangte allerdings nach Neuig⸗ keiten, wurde aber vielleicht mehr durch das Ausſtopfen eines der kleinen Voͤgel in Anſpruch genommen, der in der Gefangenſchaft geſtor⸗ ben war, und deßen kunſtreiche Ausſtopfung der Gipfel ſeines Ehrgeizes war. Roſalinde fluͤſterte Baſil ſeiner Couſine zu, die eben ihrem Oheim vorgeleſen hatte. 252 „Roſalinde, es koͤnnen morgen furchtbare Scenen vorfallen. Wollt Ihr mich nicht dem Himmel empfehlen? Wir ſehen uns vielleicht nie wieder.“ Sie ſaß in der tiefen Fenſterbruͤſtung einer jener Mauern, die fuͤr die Ewigkeit gebaut zu ſeyn ſchienen, und Sir Everard, der mit ſeiner Operation beſchaͤftigt war, drehte ihnen den Ruͤcken zu. Sie konnte nicht ſprechen, ſon⸗ dern reichte, von ihrem Gefuͤhle hingerißen, Baſil die Hand, die er ergluͤhend an ſeine Lippen druͤckte. „So werdet Ihr fuͤr mich beten, Roſalinde?“ Sie hatte ihm als Erwiederung auf dieſe Frage faſt die Hand gedruͤckt, aber da ſtieg das Bild der Rahel Braun vor ihr auf, die gleich der Julie ſich uͤber den Balkon hinablehnte, und ſie zog ihre Hand zuruͤck und ſagte: „Bittet Rahel Braun, daß ſie fuͤr Euch bete.“. Sie hatte es jedoch kaum ausgeſprochen, als ſie ſich deßen ſchon ſchaͤmte. Sie erwog die Kleinlichkeit eines Vorwurfes in ſolcher Zeit, ſie ließ den Kopf ſinken und bedeckte ihr Ge⸗ ſicht mit beiden Haͤnden.. „Rahel Braun!“ erwiederte Baſil ſo laut, —yj 253 daß ſein Vater Baumwolle und Kampfer fah⸗ ren ließ. „Rahel Braun!“ wiederholte nun auch Sir Everard.„Wer iſt das?“ „Die Tochter des Druckers zum ſchwarzen Schwan,“ antwortete Baſtl. „Und was koͤnnt Ihr mit einer Druckers⸗ Tochter untereinander zu reden haben ee fragte der Baronett. „Nichts, Sir.“ „Das daͤchte ich auch,“ bemerkte Sir Eve⸗ rard, wieder ſeine Arbeit vornehmend,„ob⸗ gleich es in ihrer Art recht gute Leute ſind und ſie ſehr freundlich gegen die arme Roſalinde waren.“ „Sagt mir, was Ihr damtt meint, Roſa⸗ linde; laßt mich nicht in Eurer guten Meinung leiden; ich beſchwoͤre Euch, ſagt mir, was Ihr meint.“ „Ich bitte um Verzeihung,“ ſagte ein Schließer, indem er die Thuͤr oͤffnete,„es iſt ſo eben Befehl angelangt, daß alle Fremden entfernt und die Thore beinahe fuͤnf Minuten geſchloßen werden ſollen. „Ich gehe,“ ſagte Baſtl. „Ich denke, bemerkte Sir Evrard,„dieſe Thore werden nicht mehr lang geſchloßen bleiben.“— „Roſalinde, bittet Gott um ſeinen Segen fuͤr mich!“ fluͤſterte Baſil. Ihre Bruſt war voll zum Zerſpringen, ihr Auge ſchwamm in Thraͤnen, das Gebet trat ihr auf die Lippen, doch nicht ſo leiſe, daß es nicht das Ohr ihres Geliebten erreicht haͤtte, der die dunkele ſteinerne Treppe beſeligt her⸗ abeilte. Als er unten auf den Hof kam, ſchim⸗ merte das Licht hell aus dem Fenſter Sir Evrard's, er blickte auf, und ſah, daß ſie ihm durch den dunklen Nebel nachſchaute. Und wer war jezt, troz der furchtbaren Aufregung der Zeit, nur halb ſo gluͤcklich, als Baſil? Als er nach ſeinem Quartiere ging, war die Nacht ſchon tiefer herabgeſunken; an der Ecke einer Straße, ſiel ihm ploͤzlich jemand in den Arm und er hoͤrte die ſtrenge Stimme des Geaͤchteten! „Kommt mit!“ „Wohin?“ fragte Baſtl. „Zur Stelle, wo das Übel gern aus unſerm Vaterlande ziehen moͤchte, aber gleich wie Sa⸗ tan, als er aus dem Paradieſe entfloh, auf ſeinen Fluͤgeln das Licht des Morgens trug, —— alſo ſoll auch der Sohn Belials die Kennt⸗ niß der Wahrheit mitnehmen, wenn er ſie auch nicht achtet.“ „Ihr ſprecht in Raͤthſeln,“ antwortete der junge Mann, indem er bemerkte, daß der Geaͤchtete in mehr als gewoͤhnlicher Aufre⸗ gung war. „Dem Verblendeten ſind alle Dinge Raͤthſel,“ erwiederte er, und obgleich Baſil Sydney ſich dadurch verlezt fuͤhlte, folgte er doch dem Voranſchreitenden. Sie erreichten bald die Ufer der Themſe und der junge Offizier ſah, daß ſie ſich an einer jener unbeſuchten Stellen be⸗ fanden, wo einzelne Magazine ſich in ihrer rieſenhaften Laͤnge laͤngs dem Strome hinſtreck⸗ ten. Man vernahm keinen Laut, weder in der Luft, noch auf dem dunkelfarbigen Waßer; alles war ſtill und ruhig, doch glich es mehr der kalten Ruhe geſtoͤrter Hoffnungen, als der natuͤrlichen Stille einer Engliſchen Nacht. Nach⸗ dem ſie einige Minuten im Schatten einer ſtei⸗ nernen Mauer verweilt, wurde Baſils Auf⸗ merkſamkeit durch einen Schlag in das Waßer auf einen beſondern Punkt des Flußes gerich⸗ tet, wo er, was ihm bisher entgangen war, dicht am Ufer ein Boot ſah, in dem ſich jedoch 2⁵6 die Leute, um nicht geſehen zu werden, nie⸗ dergelegt hatten. Er wollte eben ſeine Bemer⸗ kungen daruͤber machen, aber ſein Gefaͤhrte verhinderte ihn daran, indem er ihm das Wort ſtill! in's Ohr fluͤſterte, und ſogleich trat wie⸗ der das duͤſtere Schweigen ein, das Baſil die Bruſt zuſammenzuſchnuͤren ſchien. Der Geaͤchtete ſtand regungslos, wie eine Bildſaͤule, die Arme gekreuzt, den Kopf zuruͤckgeworfen, die Fuͤße wie in den Boden gewachſen; ploͤzlich toͤnte ein leiſer Pfiff durch die Luft, dem ein noch leiſerer aus dem Boot antwortete, und gleich darauf ſchlichen drei Maͤnner, oder vielmehr zwei Maͤnner und ein Knabe naͤher, und Ba⸗ ſil fuͤhlte, daß der Geaͤchtete vom Kopf bis zu den Fuͤßen wie in dem heftigſten Fieberanfalle zitterte. „Der Herr hat ihn in meine Haͤnde gegeben,“ murmelte er,„und ſoll ich nicht thun nach ſeinem Geheiße?“ Baſil ſah ihn nach ſeiner Bruſt greifen, und Baſil, der ſeinen finſtern, heftigen Karakter kannte, fuͤrchtete, daß irgend ein politiſcher Widerſacher vor ihnen ſtehe, an dem Rache geuͤbt werden ſolle. Er fiel ihm in den Arm und fragte: Was wollt Ihr thun? Aber — „— 257 der Geaͤchtete ſchuͤttelte ihn von ſi 4 ab und ſagte: „Still, ſtill! Es iſt der König! Ich will meine Hand nicht erheben gegen den Geſalbten des Herrn, aber Ihr, Baſil Sydney, ſollt hoͤren und bezeugen, was ich fuͤr eine lezte Lehre dem ertheilen werde, der die Schwuͤre vergeßen, die er vor Gottes Angeſicht geſchwo⸗ ren hat.“ Er ſtuͤrzte vor, und als der ungluͤckliche Monarch eben in das Boot ſteigen wollte, er⸗ griff er ſeinen Mantel, waͤhrend deßen treuer Gefaͤhrte, Sir Edward Hales, Verrath! ſchrie und der Koͤnig mit dem echten Muthe eines wahren Stuart, ſein Schwert zog. „Ruhig, Sir Edward Hales! Ich will Eu⸗ rem Koͤnige nichts zu Leide thun; aber,“ fuhr der Fanatiker fort,„ich will, daß Jacob Stuart die Wahrheit vernehme von den Lip⸗ pen des.“ Er ließ die Stimme finken, als er ſeinen Namen nannte, und der Koͤnig ſteckte ſein Schwert wieder in die Scheide. „Es iſt jezt keine Zeit dazu,“ antwortete der Monarch.„Ihr haͤttet dies nicht am hellen Tage gewagt.“ II. 17 258 „Nein, weil Ihr mich wie ein wildes Thier gehezt, einen Preis auf meinen Kopf geſezt, mich geaͤchtet habt— und warum? Weil ich der Buſenfreund Hampden's, Cromwell's, Syd⸗ ney's, Ruſſel's geweſen war— ja, ſchaudert nur bei dieſem Namen, dem Namen Eures gemordeten Opfers. Bis zum Ende Eurer Tage werdet Ihr der Verachtung preis gege⸗ ben bleiben, und ganz Europa wird mit Fin⸗ gern auf Euch zeigen! Eure Kinder werden kinderlos ſterben, und der Sohn, um den Ihr Gott belaͤſtigt habt, wird ein Fremder und doch ein Fluch fuͤr ſein Vaterland ſeyn. — Jacob, der unſchluͤßige, der bigote, der rachſuͤchtige Koͤnig, wird durch Verwuͤnſchun⸗ gen von den Engliſchen Kuͤſten weggetrieben werden.“ „Das iſt eines Mannes unwuͤrdig,“ unter⸗ brach ihn Sir Edward Hales, der Anfangs durch den Ungeſtuͤm des Fanatikers wie gelaͤhmt war.„Wollen Ew. Majeſtaͤt nicht einſteigen und mir bei ihm das Weitere uͤberlaßen?“ Er ſtellte ſich zwiſchen beide, entbloͤßte zum Theil ſein Schwerdt und deckte mit ſeinem Koͤrper den ungluͤcklichen Monarchen, der, ohne zu — ———.———— — „† — antworten, in das gebrechliche Boot ſtieg, das ihn nach Graveſend bringen ſollte. Obgleich der Geaͤchtete ſich in ſeiner Abſicht, alle Fehler des Monarchen aufzuzaͤhlen, ge⸗ hemmt ſah, ſezte er doch ſeine Schmaͤhungen fort, ſelbſt als das Boot ſchon die Mitte des Stro⸗ mes erreicht hatte, wo Jacob aufſtehend das große Siegel Englands in die Fluthen warf und ſeinen Thraͤnen freien Lauf ließ, bis er zu dem Schiffe gelangte, das ihn ſeiner Krone und ſeinem Reiche entfuͤhren ſollte. Baſil blieb ein ruhiger, aber nicht theilnahmloſer Zuſchauer dieſes Auftrittes, und als der Geaͤchtete ſich entfernte, folgte er ſeinem wilden Freunde, wie ein Kind ſeiner Mutter, ohne ſich darum zu kummern, wohin der Weg geht. Dieſe lezte Handlung des bethoͤrten Jacob war in jeder Beziehung ſo unerwartet, daß Baſil vor Staunen nicht zu ſich ſelber kom⸗ men konnte, auch wurde er in ſeinen Gedan⸗ ken durch die tiefen, aber unzuſammenhaͤngen⸗ den Bemerkungen und Theorien ſeines Ge⸗ faͤhrten geſtoͤrt, der bereits in die Ferne ſah und von dem phantaſirte, was Wilhelm ſeinen Dienſten ſchuldig war; nicht daß er etwas fuͤr 260 ſich verlangte, ſein Idol war das Volk, und fuͤr dieſes war er bereit, alle koͤnigliche Macht und alles eigene Intereße zu opfern. Bei einer ploͤzlichen Biegung der Straße befanden ſie ſich auf einmal mitten unter einer laͤrmenden Menge. Baſil konnte ſich nicht erklaͤren, wa⸗ rum er nichts von dem Laͤrm gehoͤrt hatte, als bis er mitten darunter war. Aber der Ge⸗ dauke an die Flucht des Koͤnigs und die wilden Reden ſeines Gefaͤhrten hatten ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit ſo in Anſpruch genommen, daß die brennenden Fackeln und das laute Geſchrei des Volkshaufens:„Jeffreys! Jeffreys! Heraus mit dem Kopf des Blutrichters!“ ihn wie ein Donnerſchlag erweckten und ihm zugleich die Überzeugung aufdraͤngten, daß Jeffreys, wahr⸗ ſcheinlich von des Koͤnigs Abſicht unterrichtet, weislich habe London verlaßen wollen, das, wie er ſelbſt ſagt, jezt zu heiß fuͤr ihn ſey, daß ihn das Volk aber vermuthlich auf ſeiner Flucht erkannt habe. „Gerechter Himmel!“ rief Baſil,„wenn Jeffreys wirklich in dem Hauſe iſt, welches ſie angreifen, ſo wird er ſicher ermordet wer⸗ den.“ 261 „Es iſt kein Mord,“ antwortete der Ge⸗ aͤchtete,„weder nach goͤttlichen, noch nach menſchlichen Geſezen. Erlaubte der Herr nicht, daß die Hunde Jeſabels Blut leckten? Und Jeſabel kann als eine Heilige in Vergleich mit ihm gelten. Ich habe ihn ſich an menſchlichen Leiden weiden ſehen, ich habe gehoͤrt, wie ſein Lachen, gleich dem der Hyaͤne, ſich mit dem Geſtoͤhn der gemarterten Opfer verſchmolz. Haͤtte er Blut trinken, ſich mit Menſchenfleiſch maͤſten duͤrfen, er haͤtte dieſes Mahl allen an⸗ dern vorgezogen. Die Vergeltung gehe jezt ihren Gang; er trinke den Becher, den er ge⸗ fuͤllt hat; die Verzweiflung auf Erden ſey das Vorſpiel des ewigen Feuers, das ſeiner war⸗ tet. Der Tag des Verruchten iſt gekommen, das Maaß ſeiner Suͤnden iſt endlich voll.“ Und ſogleich rief er mit ſo gewaltiger Stimme Jeffreys! Jeffreys! aus, daß das Volk einen Augenblick mit der Zerſtoͤrung des Hauſes, in welchem er ſich befand, einhielt, um zu fragen, weß Stimme das geweſen ſey. Aber die Pauſe dauerte nur einen Augenblick. Es wurden brennende Fackeln gegen die feſten Thuͤ⸗ ren und Fenſterſchlaͤge gelegt; ſie ſtuͤrzten zu- 262 ſammen, ein gellendes Geſchrei erſchallte und der dem Tode geweihte Mann wurde aus dem Hauſe hervor gezogen. Und waͤre er tauſend⸗ mal mehr Schurke geweſen, als er war, haͤtte Baſil doch nicht dem Drange widerſtehen koͤn⸗ nen, ihn gegen die Meßer des wuͤthenden Vol⸗ kes zu ſchuͤzen, das ſeine Fackeln ſchwang, um ſich zu uͤberzeugen, ob es ſich nicht in ſeinem Opfer taͤuſche und dann in den Ruf ausbrach: Er iſt's! Er iſt's! Obgleich ſein Geſicht ſchon von Blut ent⸗ ſtellt war, lag doch ein Schein von Feſtigkeit und Furchtloſigkeit darauf, der Baſil noch mehr fuͤr ihn intereſſirte; er verachtete das Geſindel, das hier auf Mord ausging, und ſtuͤrzte vor, um wo moͤglich der Menge ihr Opfer zu ent⸗ reißen, aber er wurde vom Geaͤchteten zuruͤck⸗ gehalten, der ihn feſt beim Arme packte und ihm zurief:„Seyd Ihr toll?“ Er blickte wieder hin; Jeffreys lag auf den Knien; ſie hatten ihn nieder gerißen und— aber Baſil ſah nichts mehr, er fuͤhlte, daß der Geaͤchtete ſchwer auf ihm lag, und hoͤrte troz des Tumultes, daß er tief aufſtoͤhnte. Baſil wendete ſich um; ſein Gefaͤhrte ließ den Kopf 263 auf ſeine Schulter ſinken und murmelte:„Brin. t mich fort, ich bin erſtochen!“ Indem Baſil den Geaͤchteten von dieſer Blut⸗ ſcene fortſchaffte, glaubte er in der Menge ein bekanntes Geſicht zu erblicken. Es war das des mordſuͤchtigen Soldaten, der ſeinem Opfer, gleich einem Bluthunde, durch die Waldoͤde und das Stadtgedraͤnge nachgeſpuͤrt hatte. Ende des zweiten Bandes. 3 * .— 3 5.— — 1——— ffffffffffffffffffffffffifffſſſnfffffffſſſſfff 12 14 15 16 17