— ——— 1 +½ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Piültoiher ſteht zur pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgen, 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſhe den angenommen.— 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe. von mir zurückerſtattet wird. 4 3* 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3“ für npchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Erſtes Kapitel. Wie eitel Menſchen ſich bemüh'n Um Lorbeer, Palm und Eichengrün; Ihr unabläßig Streben krönt Ein einzeln Reis, vielleicht ein Baum Deß engbegränzter Schattenraum Ihr emſig Wirken nur verhöhnt, Indeß die Blumenflur, der Hain, Zum Ruhekranz ſie laden ein. Andrew Marvell. Der lezte Lenzmonat verging und bald ſollte der froͤhlich heitere Mai, den warmen Hauch, den belebenden Einfluß des Sommers herbei⸗ fuͤhren. Perſonen die Geſchriebenes ausfertigten, bezeichneten das Jahr mit 1688, ein Zeitabſchnitt tiefer, ergreifender und jezt unſterblicher Anzie⸗ hung, in Englands Eeſchichte. Zu dem Zeit⸗ ſtimmten trefflich zum alterthuͤmlichen Zimmer. punkte, in welchem unſere Geſchichte beginnt, war Jakob der Zweite, eben gezwungen worden ſich einer Pruͤfung in Betreff der Legitimitaͤt ſeines Sohnes zu unterwerfen; doch mit Ge⸗ ſchichte und mit geſchichtlichen Perſonen, haben wir jezt wenig zu thun, unſere Erzaͤhlung beſchaͤftigt ſich hauptſaͤchlich mit Individuen und individuellen Ereignißen jener Zeit. Der Morgen war heiter und milde genug um Sir Everard Sidney und ſeinen ſteten Begleiter Ralph Bradwell, gleich nach Sonnen⸗ aufgang herauszulocken. Sir Everard gebrauchte nicht viele Zeit zu ſeinem Anzuge; ſein An⸗ kleidezimmer wuͤrde in Wahrheit einen Mode⸗ herrn heutiger, ſogar einen fashionablen Baronett damaliger Zeit, eine Schreckens⸗Hoͤhle duͤnken koͤnnen. Wir wollen verſuchen eine Beſchreibung da⸗ von zu geben. Ein kleines mit glaͤnzendem Schwarz⸗Eichen Holz ausgeſchlagenes Zimmer, deßen ſaͤmmtliche Paneelfelder mit Haaken, Naͤgeln und Pfloͤcken aller Groͤße vollgeſchlagen waren, oͤffnete auf einen weiten Wieſenplan; das buntausgeſchnittene Rahmenwerk und die bemalten Glasſcheiben des ſchmalen Fenſters, 7 Dem Fenſter gegenuͤber war die Zimmerwand zur Haͤlfte durch ein großes Kaminſtuͤck einge⸗ nommen, dies war ebenfalls von Eichenholz gear⸗ beitet und auf ihm, Blumengewinde von mun⸗ tern Cupiden gebunden, und mit phantaſtiſchen Koͤpfen untermiſcht, mit mehr Ueberfuͤllung als gutem Geſchmacke ausgeſchnitten; doch die Size innerhalb dieſer Einfaßung, die vormals zu ganz andern Zwecken beſtimmt waren, dienten nun zur Aufnahme ſeltſamer, grotesker Gegenſtaͤnde, welche die Gewohnheiten und die Sinnesart des ehrwuͤrdigen Herrn von Sidney⸗Luſt, auf den erſten Blick verkuͤndeten. An einer Seite und zwar dem Heerde am naͤchſten, diente ein Kuͤßen von verſchoßenem blauen Damaſt, einer ungeheuren weißen per⸗ ſiſchen Kaze zum Bette, deren Augen gleich großen Feuerkugeln glimmten, wenn ſie dieſe auf einen kleinen Affen richtete, der bedachtſam und ſtill auf ſeinen Hinterſchenkeln ſaß und mit dem Ausdrucke laurender Bosheit, die Spruͤnge zweier ſpielender Kaͤzchen anſchaute, deren kurzhaariges Fell und maͤßig lange Schweife ihre vermiſchte Abkunft und Engliſche Geburt anzeigten. Ein merkwuͤrdiger Tiſch ſtreckte ſeine ungethuͤmliche Laͤnge an einer andern Wand dieſes — ſonderbaren Zimmers hin; unmoͤglich konnte man die Farbe und Beſchaffenheit deßelben be⸗ ſtimmen, denn er war mit Staublagen und Spinngeweben bekleidet, aber auch bedeckt mit manchen Haufen abgeſtorbener Pflanzen, mit Vogel⸗Neſten, mit Angelzeug und Fiſcher⸗ Schnuͤren, mit Maulwurfs⸗Fallen, Fliegen⸗ Kaͤfigen, Schmetterlings⸗Nezen, und verrenkt ausſehenden Inſekten auf unfoͤrmliche Korkſtuͤcke feſtgeſteckt; hin und wieder bewieſen aber auch, ein großes Stüuck Spath, ein Mondſtern, ein Kobold⸗Pfeil, oder andere Probeſtuͤcke aus der Geologie, „daß eine Wißenſchaft, ihm nicht genuͤgt.“ Ueber dieſem bunten Gemiſche, ſtreckte ein Glasſchrank ſeine unfoͤrmliche Hoͤhe faſt bis zur Decke empor; doch deßen mannichfacher Inhalt war zu zahlreich und zu ſehr zuſam⸗ mengeſezt, als daß wir ein Ordnen deßelben verſuchen koͤnnten, mag es genuͤgen wenn wir ſagen, daß Indiſche Pfeile, ausgeſtopfte Voͤgel, Schaͤdel und Haͤute von mancherlei Thieren, getrocknete See⸗graͤſer, Muſcheln, ohne Ordnung noch Geſchicklichkeit darin zuſammengeworfen waren, und eine Zuſammenſtellung bildeten, welche einen modernen Naturaliſten haͤtte em⸗ 9 poͤren muͤßen. In dieſem Glasſchranke befand ſich auch ein Bort fuͤr Buͤcher beſtimmt; und unter dieſen ein prachtvoll gebundenes Exem⸗ plar von Evelyn's„Sylva“ damals als ein Literatur⸗Wunder angeſtaunt, der Verfaßer hatte eigenhaͤndig hineingeſchrieben, daß:„dieſes Buch ſeinem geſchaͤzten und wuͤrdigen Mitar⸗ beiter, Sir Everard Sydney, als geringes Zeichen ſeiner tiefen Ehrfurcht und Anerkennung geſchenkt ſiy, und als kleiner Beweis davon wie aufrichtig er ſich eines ſolchen Freundes erfreue.“ Unter dem Tiſche ruhete auf einem Baͤren⸗ felle ein edler Hund, ein aͤcht Irlaͤndiſcher Wolfsfanger der ſchoͤnſten Zucht. Alter hatte ſeine. Schneeflocken ihm auf das ſchwarze gekraͤuſelte Haar geworfen; ſeine Augen waren truͤbe und in ihre Hoͤhlen verſunken; aber ſeine breite kraͤftige Bruſt, die Form und die ſchwellende Sehnenkraft ſeiner Gliedmaßen, ſein dicker und doch in ſchoͤnem Verhaͤltniße gebildeter Hals, zeigte daß„Brano“ ſo gut wie die Menſchen ſeines Vaterlandes, ein eben ſo gefaͤhlicher Feind, als zuverlaͤßiger Freund ſeyn koͤnne. Die in den Paneelen befeſtigten Pfloͤcke, von denen wir geſprochen haben, dienten zu eben 10 ſo ſeltſamen Aufbewahrungen als die uͤbrigen Theile des Zimmers; auf einem, der lang aus der Wand hervorſtand, ſaß ein prachtvoller ſcharlachrother Macaw⸗Papagey, ein damals in England faſt unbekannter Vogel; zum Gluͤck fuͤr die ruhigen Bewohner von Sydney⸗Luſt, war er todt, ausgeſtopft und deshalb ſchwei⸗ gend. Kleinere und zartere ornithologiſche Bei⸗ ſpiele, waren in gleicher Art aufbewahrt, doch ihr beſtaubtes Gefieder und ihre ſtieren Glas⸗ augen, bildeten ſeltſamen Gegenſaz zu den leben⸗ digen, freien Bewegungen der muntern Voͤgel, die zwitſchernd auf und uͤber dem Raſen vor dem Fenſter, huͤpften oder flatterten. Ein einziger Umſtand iſt der Aufbewahrung wuͤrdig, weil er den Karakter eines Mannes ganz bezeichnend ausſpricht, der zu ausgezeich⸗ netem Range geboren, ſich große Gewalt an⸗ maßen konnte, der aber die einfachen, geſicherten Freuden des Landlebens, einem hohen Amte am unruhigen Hofe, oder im Senate ſeines Landes vorzog. Viele werden freilich behaupten wollen, daß in gefahrvollen Zeiten kein Mann das Recht hat, ſeine eigene Behaglichkeit, den drin⸗ genden Beduͤrfnißen des Staates vorzuziehen; aber Sir Everard Sydney's friedlicher Sinn 11 und ſeine ſtillen Liebhabereien machten ihn zu Kriegen und Kabalen gleich unfaͤhig; er war verſtaͤndig genug dies zu erkennen; und wenn er in ſelbſtſuͤchtiger Weiſe die Ruhe auf ſeinen Stammguͤtern genoß, waͤhrend ſein Vaterland durch Buͤrgerkriege und Familienzwiſte zerrißen wurde, ſo war das die einzige Art von Selbſt⸗ ſucht, die man ihm waͤhrend ſeines ganzen Lebens zur Laſt legen konnte, welches mit dem Anfange unſerer Erzaͤhlung bereits bis zum fuͤnf und ſechzigſten Jahre gediehen war. Doch um auf den kleinen Karakterzug zuruͤck⸗ zukommen den wir anfuͤhren wollten: eine der Fenſterabtheilungen, um ein weniges groͤßer als die uͤbrigen, enthielt die Darſtellung der Jungfrau Marie welche das Heilandskind auf ihrem Schoß hielt, waͤhrend die Hirten in blauen Gewaͤndern, gelben Sandalen und mit roſenrothen Schaͤrpen, uͤber ihre Schulter blickten; das Bild war nicht auf einem einzigen Stuͤck Glaſe dargeſtellt, ſondern die verſchiede⸗ nen Theile deßelben waren bemerklich genug zuſammengekittet; nun hatte ein Rothkehlchen, mit dem dieſen Voͤgeln eigenthuͤmlichen Drange nach menſchlicher Geſellſchaft, ſich's einfallen laßen, ſein Neſt in eine große Kokos⸗Nuß⸗Schale zu 12 bauen, die an der Decke aufgehangen war: auf ſolche Art nahm der heimiſche Win⸗ tervogel zwiſchen aufgereiheten Straußen⸗ und Adler⸗Eiern, eine ſehr hervorſtechende Stellung ein, und ohne ſich um die mancherlei Thiere zu kuͤmmern, mindeſtens ohne ſie zu fuͤrchten, welche die andern Theile des Zimmers bewohn⸗ ten, vertraute er ſeine Sicherheit der eigenen Behendigkeit und dem menſchlichen Schuze an. Urſpruͤnglich war der Vogel durch eine Oeff⸗ nung in der Thuͤr zum Zimmer gekemmen, doch fuͤrchtete Sir Everard daß dieſe fuͤr des kleinen Geſchoͤpfes Sicherheit zu nahe am Bo⸗ den ſeyn moͤgte; deßhalb ließ er einen Theil des bemalten Fenſter⸗Glaſes fortnehmen; und zum Ungluͤck fuͤgte ſich's ſo, daß grade der Kopf der heiligen Jungfrau ihr abgehoben wurde. 3 Lady Sydney war eine ſtrenge, aber bigotte 3 Katholikin, und ihr Gemahl, obgleich Proteſtant, hatte doch im mindeſten nicht die Abſicht gehabt den kleinſten Verſtoß gegen ſie zu begehn, durch das einfache Opfer welches er der Be⸗ haglichkeit ſeines gefiederten Lieblings brachte⸗ die Dame hatte wirklich auch das Fenſter nie angeſehn und es war zu bezweifeln, ob ſie 13 wußte was die Glasmalerei vorſtellte, bis die Zertruͤmmerung derſelben, ihr in geſchaͤftiger Weiſe durch einen gewißen Pater Frank mit⸗ getheilt wurde, der als ihr geiſtlicher Leiter im Hauſe wohnte, und der dieſem Amte, das eines Spaßmachers, Mimen und Ceremonienmeiſters bei allen Gelegenheiten hinzufuͤgte, welche die Befoͤrderung unſchuldiger Ergoͤzlichkeit zum Zwecke hatte. 3 1 In einem unſeligen Augenblicke legte er ſei⸗ ner Beſchuͤzerin dieſen Streitpunkt vor, in der Erwartung einige vergnuͤgliche Unterhaltung daraus abzuleiten, und keinesweges die Ergeb⸗ niße vorausſehend zu denen er fuͤhren wuͤrde. — In allen Dingen die mit ſeinen Liebhabe⸗ reien nicht in unmittelbarer Beruͤhrung ſtanden, war Sir Everard der nachgiebigſte und ſanf⸗ teſte Menſch, doch hier blieb er feſt wie ein Fels; er ſagte ſeiner Hausdame:„die Voͤgel haͤtten nunmehr ihr Neſt bereitet, der ge⸗ heimnißvolle Fortgang des Bruͤtens geſchehe, und er wolle ihr haͤusliches Gluͤck ſo wenig geſtoͤrt, als das Schickſal ihrer Jungen in Gefahr geſezt wißen, um irgend einen bemalten Plunder auf Erden.“ Lady Sydney, hochfahrend und wuͤrdevoll bei allen Veranlaßungen, zeigte ſich hier ganz beſonders ſo; ſie richtete ſich zu ihrer vollſten Hoͤhe empor, erklaͤrte den Rothkehlchen ewigen Krieg und betrat von dem Tage an, das An⸗ kleidezimmer ihres ehrenwerthen Herrn nie wie⸗ der; das duͤnkte ihn nun, im ganzen genom⸗ men, ein recht gluͤckliches Ergebniß, denn ſo oft ſie ſein Heiligthum betreten hatte, war auch auf der Stelle von ihr geſtoͤrt, was er ganz uͤberfluͤßig„ſeine Einrichtungen“ nannte; ſeine auserwaͤhlteſten Seltenheiten brachte ſie in Nachtheil und Verwirrung, ließ alles weg⸗ werfen was ſie mit dem Namen„Schutt“ be⸗ zeichnete, und behauptete wie ſie gar zu gern, gleich andern Frauen that, ihr Anſehen uͤber Kraͤuter und Steine, Haͤute und Federn, als ſeyen dieſe ihr Geſinde,— ober ihr Ehemann, geweſen! Mehr als zwei Jahre waren ſeitdem ver⸗ floßen; das in ſeiner Art einzige Muſeum blieb in ungeſtoͤrter Ruhe, die Dame betrat es nicht.— Folglich hatte Sir Everard in dem Theile ſeines Hauſes, ſeine eigene Gemaͤchlich⸗ keit ſo vollſtaͤndig genießen koͤnnen, als das Jemandem moͤglich iſt, der eine Kaze, einen Hund, einen Affen um ſich duldet und auch 15 ein junges, lachendes, liebliches, zartes, an⸗ haͤngliches Geſchoͤpf, welches ſo eben in ſein Sommer⸗Solſticium zu treten im Begriff iſt; — wodurch wir die Periode auszudruͤcken be⸗ abſichtigen, in welcher das wilde erroͤthende Maͤdchen, unmerklich aber gewiß zur geſezteren, einſichtsvollern Jungfrau wird; wir ſagten daß Sir Everard ſeine Gemaͤchlichkeit ſo viel genoß als das einem Manne moglich iſt, der drei oder vier ſolchen laͤſtigen Geſchoͤpfen, freien Zu⸗ tritt zu ſeinem Repoſitorium geſtattete in wel⸗ chem Alle, um die Wahrheit zu geſtehn, ſo ziemlich thaten, was ihnen beliebte. Die Kaze gehoͤrte zum Gluͤck der ſchlaͤf frigen Art an, die mehr Frieden und Ruhe, als An⸗ ſtrengung und Unthat wuͤnſcht. Sie gab ſich nicht die Muͤhe eine vorgeworfene Maus zu toͤdten, noch viel weniger ſie zu fangen, ihre bewegliche Sphaͤre beſchraͤnkte ſich auf den Weg vom Damaſtkuͤßen und Eichenen Kamin⸗ ſtuͤcke, zu einem hellen ſonnenbeſtrahlten Flecke gruͤnen Raſens, der zwei Ellen vom Fenſter entfernt war, auf dieſem ſah man ſie in der warmen Sommerzeit, mit halbgeſchloßenen Augen und ausgeſtreckten Tazen liegen, und mit gar nicht Kazengleicher Sanftmuth das 16 — Huͤpfen der Voͤgel anſchauen, deren natuͤrliches Vorrecht zu ſtoͤren, ſie in Wahrheit viel zu traͤge war. Des Affen Unfug war allerdings groͤßer; doch war das Thierchen milde und vergnuͤglich, und gleich allen andern Geſchoͤpfen innerhalb der Graͤnzen von Sydney⸗Luſt,— die Lady Sydney ſtets davon ausgenommen,— dem guͤ⸗ tigen, ſanften Baronet ungemein zugethan. Der Wolfhund war viel zu edler Natur um ſich zu kleinlichen Fehltritten gegen ſeinen groß⸗ muͤthigen Bewirther, oder deßen Behauſung herabzulaßen; doch liebte er ebenfalls gar ſehr ſeine eigene Weiſe, mogte nicht geſtoͤrt werden, kam ſelten wenn man ihn rief und ſchien eine recht ſtoͤrriſche Denkart zu beſizen, die ihn an⸗ trieb nach ſeinem eigenen Gefallen zu handeln; in ſeinem Weſen und Benehmen, war er ſtets wuͤrdevoll, ſelten zuthunlich, und faſt nie ſchmeichelnd; die einzige Perſon der er gehorch⸗ te, oder die er liebkoſete, war ſeine ſchoͤne, junge Herrin, das froͤhliche Maͤde e von dem wir geſprochen haben,— der vierte Liehling, die vierte Plage des Muſcums, die obgleich keine Tochter von Sir Everard, doch den Na⸗ men Roſalinde Sydney fuͤhrte. 17 Wir muͤßen unſere Aufmerkſamkeit nunmehr der aͤußern Erſcheinung des trefflichen Baronetts und ſeinem Verhalten zurichten, als er ein Zim⸗ mer verließ, deßen Inhalt und Bewohner, ſeyen dieſelben immerwaͤhrende oder nur voruͤber⸗ gehende,— wir zu beſchreiben bemuͤht geweſen ſind. Er war ungewoͤhnlich hoch und aufge⸗ richteten Koͤrpers, doch war ſeine Haltung frei und ungezwungen, ſein Betragen verrieth den wißenſchaftlichen und zugleich adelhaften Mann; ſeine Geſtalt und ſeine Bewegungen zeigten mehr zierlichen Anſtand als Kraft; obwohl die alternde Zeit mit ihm als einem geliebten Kinde milde verfahren war, hatte ſie ſeinen Schritt doch ruhiger gemacht und ſein lockiges Haar, welches die modiſche Bekleidung mit einer Perruͤcke verachtete, vom Rabenſchwarz zu einer naͤhern Aehnlichkeit mit dem Looſe unſerer Na⸗ tur umgewandelt; es war nun ein Gemiſch von weiß und grau, ringelte mit ungehaltener, natuͤrlicher Zierlichkeit uͤber ſeine Schultern hinab.. Er trug einen Rock oder vielmehr Kaftan von feinem, gruͤnen Spaniſchen Tuche, der bis bei⸗ nahe auf ſeine Knie hinabreichte, wo die weiten Oberſtuͤcke ſeiner Stiefel daran ſtießen, die mit I. 2 18 dickem gelben Leder uͤbergeſchlagen waren;— dieſer Rock war um ſeinen Leib durch einen breiten Reitergurt feſtgehalten, der gleich⸗ wohl keine Waffen enthielt die man kriegeriſch oder gefaͤhrlich haͤtte benennen koͤnnen, ausge⸗ nommen etwa ein großes Einſchlag⸗Meßer und ein ganz kleines Handbeil, das auf ſeiner Huͤfte ruhete und deßen blankes Blatt im Morgenlichte erglaͤnzte;— der Gurt war uͤbri⸗ gens im mindeſten nicht unausgeſtattet, ihn zierten an manchen Stellen Zangen und ſeltſam gekruͤmmte Werkzeuge; eine Blechbuͤchſe ſchlen⸗ kerte hinten hinab, in der Weiſe einer Saͤbel⸗ taſche, und dicht neben dieſer hing auch ein Buͤndel Koͤrke, in welche eine große Menge Nadeln geſteckt waren; ein Quergurt ging von der rechten Schulter unter dem linken Arme durch, der keinen andern Zweck hatte als den, einen flachen Flechtkorb zu halten, der prunk⸗ haft durch eine gruͤne Bandſchleife mit gefranz⸗ ten Enden befeſtigt war, welche recht ſehr der Handarbeit eines jungen Frauenzimmers aͤhnlich ſah, der es Freude machte dasjenige auszuzieren, was der ſonderbare aber unſchuldige Geſchmack des Sir Everard, entweder nuͤzlich, oder ſchoͤn achten mogte.— Das Antliz dieſes ehrwuͤrdigen 19 Herrn, welches nicht einen Zug enthielt den man als Andeutung irgend einer entſchiedenen Neigung haͤtte auslegen koͤnnen, war ſo ruhi— ger, gluͤckſeliger Natur, daß es ganz unmoͤglich war ihm anzuſchauen, ohne zu empſinden er ſey eines jener geſegneten Weſen, die den Le⸗ benstrank bis auf die Hefe leeren, ohne deßen Bitterkeit ſo ſtark zu koſten, daß dies ihnen den Geſchmack ſeiner Zuſammenſezung verleidete. Er war ein ganz ungewoͤhnlicher Menſch; unter Maͤnnern mangelte ihm Entſchloßenheit, Thaͤtigkeit, uͤberhaupt jene Kraft des Geiſtes und des Koͤrpers, die das ſtaͤrkere Geſchlecht bezeichnet;— dagegen beſaß er die wohlwol⸗ lendſten Geſinnungen, eine Maͤßigkeit und Keuſchheit in Wort wie in Handlung, die ihn voͤllig zu dem geheiligten und emphatiſchen Lob⸗ ſpruche berechtigte,„ein Freund Gottes und der Menſchen“ zu ſeyn;— man darf dieſem noch hinzufuͤgen: auch ein Freund der Geſchoͤpfe Gottes; denn ſelber im Ausuͤben jener unſchul⸗ digen und untadelhaften Wißenſchaft, welche ihre Juͤnger mit dem Allmaͤchtigen durch ſeine eigene Werke in Gemeinſchaft bringt, weiß man von ihm, daß er dem Beſize eines ſelte⸗ nen und ſchoͤnen Vogels lieber entſagte, als 20 daß er ihn toͤdten wollte, nachdem er bereits in ſeiner Gewalt war. Wir fuͤhren dies auf die Verſicherung ſeines treuen und ergebenen Begleiters Ralph Brad⸗ well an, der, ſo einfacher Menſch er auch war, doch Verſtand genug beſaß um zu begreifen, daß dieſe Anekdote den Karakter ſeines Herrn, den er bis zur Vergoͤtterung liebte, auf das vortheilhafteſte bezeichnete. Er pflegte ſie ſo zu erzaͤhlen. „S' waren zwei davon,— ihre eigentlichen Namen hab' ich vergeßen, aber's war ſo was Auslaͤndiſches— vier Monate lang hatte ich ſie auf der Spur gehabt, und der Herr fing ſie Beide im Fangneze.„Was ſoll ich mit dem Weibchen machen, Ralph?“ fragt der Herr, ich habe ſchon ein ausgeſtopftes zu Hauſe, und 's waͤre ſchmaͤhliche Lebensvergeudung das zu nehmen, was ich nicht brauche.“„Laßt's fliegen, Herr,“ ſagt ich— und das that der Herr, hielt das Maͤnnchen in ſeiner Hand feſt und dachte daruͤber nach, wie er es auf die ſanfteſte Weiſe toͤdten wollte; das Thierchen flatterte nun und kreiſchte, da kam das Weibchen, was der Herr hatte frei fliegen laßen, wieder ſo nahe herzu, daß ich's haͤtte mit meiner Hand 21 greifen koͤnnen. Da ſah ich wie der Herr den Vogel anſchaute und wie ſeine blauen Augen glaͤnzten und immer heller glaͤnzten, als er die Liebe betrachtete, welche das Weibchen fuͤr ſein Maͤnnchen darthat; ploͤzlich oͤffnete er ſeine Hand und beide flogen davon, ſezten ſich auf einen Schwarzdorn, das Maͤnnchen auf den oberſten Zweig und das Weibchen auf ein duͤn⸗ nes Reis dicht bei ſeinen Fuͤßen, und nun ſagte der Herr, das Maͤnnchen ſtimme ſein Danklied an; und dann ſagte der Herr mit einem Eidſchwur, den er gewiß nicht oft her⸗ vorbringt, er wuͤnſche das kleine Weibchen in's Schwarze;„denn“ ſagt' er,„fuͤnf Jahre ſuche ich nach einem von den Maͤnnchen, Ralph, und koͤnnt's getoͤdtet haben, wenn das Weibchen nicht ſolche Wehklage angeſtimmt haͤtte.— „Herr,“ ſprach ich, denn ich verſtand ihn, „Ihr koͤnntet ſie ja beide getoͤdtet haben, und dann haͤtt's Weibchen gewiß nicht geiammert.“ Da ſagte der Herr, Ralph, du biſt ein un⸗ wißendes Thier; und das war das haͤrteſte Wort was ich aus des Herrn Munde jemals habe ſprechen hoͤren, ſey's gegen Menſchen oder Vieh, und doch bin ich ihm nun ſchon ſieben und zwanzig Jahre, durch alle Binſen⸗ 22 Suͤmpfe, Torfmoore, Hecken, Fluͤße und Land⸗ ſeen gefolgt, die auf eben ſo viele Meilen hier in der Runde zu finden ſind.“ Wir muͤßen noch einmal von dem ſchönen und erfreuenden Morgen ſprechen, an welchem Sir Everard von eben dieſem Ralph gefolgt, eines beſtimmten Zweckes wegen, nach einem kleinen Landſee ſich begeben wollten, der kaum eine Meile vom Herrenhauſe lag. 3 Als Sir Everard uͤber den Anger hinging, buͤckte er ſich, nahm einen Kieſel auf und warf den gegen das vergitterte Fenſter, welches aus einem der achteckigen Thuͤrme hervorblickte, die man haͤufig an den Ecken alter Landhaͤu⸗ ſer, gleich rieſenhaften Schildwachen gewahrt, Der roſenfarbene Damaſt bewegte ſich nicht,— er warf noch einen Kieſel hinauf,— dann einen Dritten,— nun aber flogen wie durch Zauberſchlag die Vorhaͤnge auf, und ein fri⸗ ſches, bluͤhendes Geſicht erſchien am Fenſter. Zugleich thaten ſich auch die Vorgitter auf und dieſes Antliz, ſo voller Sonnenlicht und Freude wie ein Sommer⸗Morgen, lachte dem Gruße des Baronetts, den freundlichſten guten Morgen entgegen. Schoͤn war Roſalinde Sydney nicht, wenn 23 ihre Anſpruͤche auf Schoͤnheit, nach den allge⸗ mein angenommenen und anerkannten Regeln beſtimmt werden ſollten; doch ihr ganz eigener feßelnder Zauber, beſtand in einem Spiele und lebenvollem Ausdrucke ihrer Zuͤge, die ein Maler unmoͤglich haͤtte auf ſeine Leinwand uͤbertra⸗ gen koͤnnen. Ihre Augen waren ſchwarz, die Zaͤhne weiß und glatt gereihet, die Stirn hoch und ſtrahlend, ihre Hautfarbe von wunder⸗ voller Reinheit, ihr Haarwuchs von aͤchtem, glaͤnzenden Nußbraun, reich, ringelnd und ſchwellend;— es waren, die Mannichfaltigkeit ihrer kleinen Launen, der ſchnelle Wechſel von Gedanken und Gefuͤhlen, der emporſtrebende aber doch herzliche Ton ihres leidenſchaftlichen Gemuͤthes, die ihr Geſicht zum Sonnenweiſer der wahren Gedanken und des forſchenden Umſchweifens⸗ ihres Herzens machten; was ſie nur empſinden mogte, verkuͤndeten auch ihre beweglichen Geſichtzuͤge; Freude, Kummer, Hoffnung, getaͤuſchte Erwartung, Troz, Ehr⸗ furcht, Vergnuͤgen, Schmerz, eines verjagte das andere auf ihrem Geſichte, mit einer Deut⸗ lichkeit, welche Diejenigen fuͤr ihr kuͤnftiges Loos zittern machte, welche ſie liebten. Was man jezt Erziehung nennt, that in je⸗ 24 nen Tagen ſehr wenig fuͤr die Frauen; aber die Natur that mehr fuͤr ein Geſchlecht, welches dieſer ſtets am meiſten verdanken muß. Heu⸗ tiges Tages wird der Peſthauch irdiſchen Wißens dem Buſen der Taube eingefloͤßt, bevor noch ihre Schwingen der Freiheit Freu⸗ den gekannt haben. Roſalinde war voll und ſchoͤn gebaut, ihr Koͤrper zeigte zugleich Gracie und Wuͤrde,— ihre ſanfte aber helle Stimme, toͤnte im Ein⸗ klange mit den Melodien der Baͤume und Ge⸗ buͤſche an einem Maimorgen,— mit nichts Anderm vermag ich die Froͤhlichkeit ihrer ſuͤßen, ausdruckvollen Toͤne zu vergleichen. 4 „Ey, liebſter Onkel, Sie glaubten nicht, daß ich ſchon wach, noch weniger, daß ich gekleidet waͤre?“ fragte ſie, waͤhrend ſie ihr Haar von den Schultern ſammelte und in ein gruͤn und goldenes Nez verſchloß,—„ich hatte mir aber vorgeſezt das Neſt vom Eisvogel mit Ihnen auszunehmen; Ralph, der gute Ralph, hat mir das Geheimniß verrathen. Stehn Sie nicht laͤnger auf dem feuchten Graſe, mein Onkel, nur hin zum See. Ich weiß den Ort recht gut,— unter der Weide da, am Ende von der Stelle, die ich Lilienſtrom getauft 25 habe; werde eben ſo fruͤh da ſeyn, als Sie.“ Der alte Herr warf dem lieben Maͤdchen Kußhand zu, und ſie ſchaute ihm nach, bis er unter den Schatten der Ulmen⸗Allee ſich ver⸗ lor, dicht gefolgt von Ralph, der, wenn uns ein ſo unziemlicher Ausdruck erlaubt ſeyn mag, der abgetragene Schatte ſeines Beſchuͤ⸗ zers war.— Ralph war beinahe eben ſo hochgebauet, als Sir Everard, nur ging er gekruͤmmt, ſein Schritt und alle ſeine Bewegungen hatten et⸗ was von dem, was man gemeiniglich„toͤlpel⸗ haft“ nennt. Sein rothes, ſchlaffes Haar war am Hinterkopfe zuſammengeflochten und einge⸗ knotet, ſeine grauen, ſtets beweglichen Augen, wanderten raſtlos zwiſchen den Baͤumen umher und drangen in jede Spalte und Felsrize, die ſich laͤngs ſeinem Pfade zeigen mogten. Es ſchien, als haͤtte er gelernt, in ſchweigender Gemeinſchaft mit jeglichem Erzeugniße der Na⸗ tur zu ſeyn; ein Phrenologiſt wuͤrde von ihm geſagt haben, daß ſeine Organe der Beobach⸗ tung ſtark entwickelt waͤren, denn ſeine Brauen uͤberſchatteten jene tief liegenden Augen, welche unter ihren buſchigen Wetterdaͤchern forſchten *¼ 26 und blinkten.— Welche Beobachtungen Ralph auch machen mogte, ſo viel muß man ihm zu⸗ geſtehen, daß er ſie ſorgfaͤltig fuͤr ſich ſelber bewahrte; gleichwohl uͤberflog ein ganz eigen⸗ thuͤmlicher Ausdruck ſeine ſcharfen Geſich tszů⸗ gen, wenn einer aus dem Hausgeſinde ihn „Narr“ nannte, oder wenn Roſalindens Ir⸗ laͤndiſche Amme von ihm behauptete, er ſey ein„geborner Tropf,“ ſeine welken Lippen be⸗ wegten ſich alst inn, ohne jedoch einen Ton hervorzubringen, und in ſolchen Augenblicken ſah Ralph aus, wie ein Menſch, der minde⸗ ſtens fuͤhlen, wenn auch nicht entgegnen konnte. Er beſaß zudem warme Anhaͤnglichkeit, war ſeinem Herrn und Fraͤulein Rofalinden innigſt ergeben, hegte tiefe Verehrung fuͤr Pater Frank. Seine Hausherrin hatte ſich eingebildet, daß er bei der Enthauptung der Jungfrau Maria mitwirkte, folglich war Ralph keiner ihrer Lieblinge; weil aber dieſes Gefuͤhl von Unwil⸗ len ſich nie anders, als durch halbverſteckte Anſchuldigungen Luft machte, ſo blieb Sir Everard taub dabei; denn Ralph war in allen Dingen, die mit Voͤgeln, Inſekten, ſeltenen Pflanzen und dergleichen zu thun hatten, ſei⸗ nes Schuzherrn rechte Hand. Er konnte Vipern 927 haſchen, ohne im mindeſten von ihrem Biße zu leiden, konnte wilde Holzbienen aus ihren Geniſten locken, erſtuͤrmte die Feſtungen von Wespen und Hornißen mit wunderſamer Ge⸗ ſchicklichkeit und aͤußerſter Verwegenheit; auch erzaͤhlte und glaubte man von ihm, daß er Voͤgeln auf ihrem Zuge durch die Luͤfte nach⸗ ſpuͤren und ſie im Vorbeifliegen, nach dem Rau⸗ ſchen ihrer Fittiche, in den ſpurloſen Wolken zaͤhlen koͤnne! Ausgemacht gab es ein Buch, in welchem dieſes aus Schlauheit und Einfalt zuſammengeſezte Weſen leſen konnte, wiewohl es auch dieſes ganz nach ſeiner eigenen Weiſe durchlas,— es war das Buch der Natur! Er liebte die Flur, mogte ſie mit Gruͤn oder mit Schnee bedeckt ſeyn. Ihm ſchienen Sonnenglanz und Wirbelwind gleichen Genuß zu verſchaf⸗ fen; mit jenem lachte, dieſem trozte er; im Fruͤhlinge war er heiter, im Sommer laͤchelnd traͤge, im Herbſte nuͤchtern, und im Winter ſo dumm und faul, wie ein Maulwurf.— So folgte er unablaͤßig den Fußtritten ſeines Herrn, und mogte ein lebendiges Barometer der Jahreszeiten genannt werden, die beinahe fuͤnfzig Jahre an ihm voruͤber gezogen waren. Sir Everard's gruͤne Leibroͤcke wurden regel⸗ blickte, ſchaueten zwei Geſichter, ſtatt einem, maͤßig in Jacken zu ſeinem Gebrauche umge⸗ formt, aber unablaͤßige Einwirkung der Sonne oder des Regens, wandelte ihre Farbe zu einem kraͤnklich⸗gelblichen Gemiſch um; auch den le⸗ dernen Leibgurt und die weiten Lederſtiefel des Herrn, erhielt Ralph eben ſo regelmaͤßig, des⸗ halb glich ſein aͤußerer Menſch dem, was wir vorhin ſagten,— dem abgetragenen Schatten ſeines Beſchuͤzers. Nachdem Roſalinde ihrem Oheim nachge⸗ ſchaut hatte, bis er ganz unter den uͤberbrei⸗ tenden Baͤumen verſchwand, wendete ſie ſich wieder zu ihrem Spiegel, um ihren Anzug vollends zu ordnen; ein Geſchaͤft, das Maͤd⸗ chen ihres Alters ſelten unterlaßen. Man konnte ihr auch das Laͤcheln verzeihen, welches ihr ſchoͤnes Abbild auf ihre gluͤhenden Wangen emporrief; doch im naͤchſten Augenblick war es auch ſchon geſchwunden, ein Schatte von Duͤ⸗ ſterheit, ein Gedanke wahren oder eingebildeten Kummers, uͤberzog ihre Stirn und truͤbte den heitern Ausdruck ihres ſuͤßen Geſichtes; als ſie ihre Hand emporhob und damit gegen ihre Au⸗ gen druͤckte, oͤffnete ſich die Thuͤr ihres Zim⸗ mers, und wie ſie nun wieder in den Spiegel 7 29 daraus hervor. Ein Ausruf vergnuͤglicher Ueber⸗ raſchung entfuhr ihr, zaͤrtlich wand ſie ihre weißen Arme um den runzlichen Nacken ihrer Amme, der alten Alice Murrough. Hier bildeten jugendliche Lieblichkeit und des Alters Feierliches, den ſtaͤrkſten Gegenſaz; Alice Murrough ließ um vieles aͤlter, als ſie wirk⸗ lich war; ihr Haar, ſogar ihre Augbrauen waren ſchneeweiß, und ihre dunkeln, gluͤhen⸗ den Augen gaben durch ſcharfes, durchdringen⸗ des Funkeln das einzige Zeichen ab, um ihr eigentliches Alter zu beurtheilen. Sie war eine ſtarke, muskelkraͤftige Frau, von faſt rieſen⸗ hafter Hoͤhe und eben ſolchen Koͤrperverhaͤltniſ⸗ ſen; der Karakter ihrer Geſichtsbildung ſowohl, als die ganze Form ihrer Geſtalt bewieſen, daß ſie von echt Mileſiſcher Abkunft herſtamme; ihr langes, Spaniſches Geſicht, ihre ſchwaͤrzliche Hautfarbe, ihre feuerſpruͤhenden Augen verrie⸗ then zuſammen„das Alt⸗Irlaͤndiſche Blut.“ Ihre Denkweiſe ſtand in genaueſter Ueberein⸗ ſtimmung mit den Antrieben, Leidenſchaften, Vorurtheilen und Liebhabereien ihres Volkes, wie wir das in der Folge ſehen werden. Bevor die alte Alice ihrer Pflegetochter Gruß erwiederte, ſchob ſie deren mit ſeidenem Neze 30. umſchloßenen Haare noch mehr von der Stirn zuruͤck und betrachtete ſie einige Momente ſchwei⸗ gend; andaͤchtig ſchlug ſie alsdann des Kreuzes Zeichen, auf der glatten Stirnflaͤche und kuͤßte eben ſo andaͤchtig den, alſo von ihr geheiligten Fleck; wiederum ſchaute ſie dahin und mur⸗ melte, das heilige Zeichen am Ende jeglicher Zeile wiederholend: „Kreuz am Morgen Macht dem Böſen Sorgen Kreuz am Abend Iſt Engel erlabend; Kreuz, bei dem geboren werden, Wahrt den Geiſt vor dieſer Erden; Kreuz—“ Sie ſtockte in ihrer einfaͤltigen Reimerei, wiederholte einigemal:„Kreuz— Kreuz.— Nu, mag mir Gott gnaͤdig ſeyn, ma Vour⸗ nin, ich habe die lezte Zeile vergeßen. Och! laͤſtig iſt der alte Kopf, der zu denken vergißt, wenn's alte Herz auch's Gefuͤhl nicht vergeßen kann; habt Ihr's nicht behalten, Liebchen?“ „Wie, ſollt' ich's behalten, gute Amme,“ erwiederte Roſalinde,„Euer Kreuz iſt nicht mein Glaube.“ 31 „Deſto mehr Jammer, deſto aͤrger Elend! Dies bricht mir nun vollends das Herz! Och! ich Unſeligſte! das zu bedenken, hat meinen Kopf gebleicht!“ „Amme!l an mich denken, haͤtte Euren Kopf gebleicht? ſchaͤmt Euch!— Ich glaubte, ich ſey Euer Liebling?“ „Gewißlich ſeyd Ihr mein Liebling, mein eigener herzliebſter Liebling,“ entgegnete ſie mit ploͤzlichem Ueberwallen ihrer Zaͤrtlichkeit,„mei⸗ nes Herzens Kleinod, und mag der allmaͤch⸗ tige Gott mein Gebet an dieſem geſegneten zwanzigſten April erhoͤren— mein Gebet, das ich auf meinen gebeugten Knieen herbete,“ bei dieſen Worten ſank ſie nieder, ſtreckte ihre nack⸗ ten, knoͤcherigen Arme in deren voller Laͤnge zum Himmel empor, ihre Stellung war die des inbruͤnſtigſten Gebetes.„Mag die Sonne nie zu heiß, noch der Froſt zu kalt fuͤr meines Herzens Juweel ſeyn; moͤgen die vier Winde des Himmels nur wehen, um ihr Freudiges und Liebes zu bringen, ſo lange ſie auf Erden weilet; moͤgen Guͤte und Tugend in ihrem Herzen thronen; und moͤgen ihre Feinde, ſeyn ſie Geiſter oder Sterbliche, keine Gewalt uͤber ſie haben!— Mag die geſegnete Mutter Got⸗ 32 tes und moͤgen die zwoͤlf heiligen Apoſtel, Tag und Nacht uͤber ihr wachen und ſie zum rech⸗ ten Glauben fuͤhren. Mag jeder wilde Dorn⸗ ſtrauch ihr Roſen tragen und jeglicher Vogel im Gebuͤſche, ihr Lob ſingen! Mag der Suͤnde Gewalt nichts uͤber ſie vermoͤgen; und vor al⸗ lem an dieſem Tage, dieſem geſegneten Tage, dem Tage ihrer Geburt, bewahre ſie, o be⸗ wahre ſie vor allem Uebel!“ Roſalinde ſchreckte auf; man hatte ihr den Tag ihrer Geburt fruͤher niemals genannt, obwohl ſie oft den Wunſch geaͤußert hatte, ihn zu kennen. „Still! ſtill! mein Liebling,“ fuhr ſie fort, als ſie Roſalindens Ungeduld gewahrte,„ich bin noch nicht zur Haͤlfte fertig.“ Nun faßte ſie gleichſam den fortlaufenden Faden ihrer Segnungen wieder auf, wiederholte mit erhoͤ⸗ heter Inbrunſt:„bewahre, o bewahre ſie vor allem Uebel, und ach! mag ihr Bett im Him⸗ mel ein ſanftes und ihr Tod ſo gluͤcklich ſeyn, wie der ungeborener Kinder, die den boͤſen Hauch einer boͤſen Welt nie eingeathmet haben!“ „Genug! genug, liebe Amme,“ unterbrach Roſalinde ſie, weil ſie bemerkte, daß Alice ſich in einen Anfall von Schwaͤrmerei verſezte, der 33 nicht leicht zu unterdruͤcken war,„genug und mehr, als ich verdiene; nun ſteht auf, ich aber, die Eurer ſorgenden Pflege ſeit meinem Eintritt in das, was mich oft eine bittere Welt geduͤnkt hat, ſo vieles verdanke, will zu Eu⸗ rem einfachen Segen niederknieen, wie ich das in Eurer kleinen Huth zu thun pflegte, wenn wir im lieben Irlaͤndiſchen Mondſchein, in Eu⸗ rer Thuͤr ſaßen und lauſchten, wie die Salmen aus den klaren Boyne⸗Fluthen empor ſpran⸗ ggen! Ach, Alice, das waren gluͤckliche Stun⸗ den! Laßt mich niederknien, und dann muͤßt Ihr mir auch ſagen, weshalb ich meinen Geburtstag nicht fruͤher gekannt habe.“ „Wart! Wartet!“ rief die Frau aus, trennte ihre gefaltenen Haͤnde und ſtreckte die langen haͤutigen Finger ihrer Rechten„ in warnender Weiſe aus; ihre Gefuͤhle hatten jezt eine an⸗ dere Wendung genommen, aus dem feſten, begeiſterten Tone der Segnung verſank ihre Stimme nun in tieſe, kraͤchzende Wehklage, dem Aechzen eines Dezemberwindes aͤhnlich.— „Warte, mein Kind, warte noch! Die Mur⸗ rough erhebt ſich nicht vom Segnen ihrer Freunde, ohne das Verfluchen ihrer Feinde— Feinde!— Och! Jammer! Och! Elend! Allice I.. 3 34 Murrough hat keine Feinde; die Groͤße iſt von ihres Vaters Namen geſchwunden, ſie hat kei⸗ nen Wohnplaz mehr im Mutterlande, wo ſie den Fremdling willkommen heißen koͤnnte. Sie ſelber iſt eine Fremde im kalten, nebelduͤnſti⸗ gen Lande, und Niemand gibt ſich die Muͤhe, nur mit dem Finger auf ſie zu deuten, wenn ſie vorbeigeht. Sie iſt tief, tief herab; tiefer als der Staub, den der Wirbelwind vor ihres Vaters Hausthuͤr zuſammenwarf. Aber Du, ma Collin, Du hatteſt Feinde— ſchwarze, bittere Feinde, die Dich mit ſteinharter Koſt und vergiftetem Trank naͤhrten, und dann Dir hießen, Gott dafuͤr zu danken, daß Du's haͤtteſt.— Die Herrin ſelber— obwohl ſie meines eigenen Glaubens iſt— und ach! mag die Hoͤlle—“ „Halt ein, Weib, Ammel! ich befehle Euch, ſchweigt!“ rief Roſalinde aus und erfaßte ſie am Arme,„wißt Ihr, daß Ihr im Begriffe waret, von meines lieben Oheims Frau zu ſprechen? Ihr ſeyd wahnſinnig, oder noch Aer⸗ geres geht in Euch vor. Alice! Alice! die den erſten Stein werfen, ſollten zuſehen, daß ihre Haͤnde unbefleckt und ihre Herzen rein ſind.“ Waͤre Alice Murrough vom Blizſtrahl ge⸗ 35 troffen, ſie haͤtte nicht ploͤzlicher hingeſtreckt am Boden liegen koͤnnen; ſie ſank, ihre Arme hingen kraftlos herab, und ihr Kopf, der mit dem Anſehen einer daͤmoniſchen Prieſterin zu⸗ ruͤckgebogen war, neigte auf ihren Buſen herab. Roſalinde zuͤrnte ihr zu ſehr, um in den erſten Augenblicken dieſe, mit ihr vorgegangene deut⸗ liche Umwandlung zu bemerken, als ſie aber ſah, daß die Alte ohne Bewegung liegen blieb, ſprach ſie aus anderm Tone. „Amme!l kommt auf! Amme!— habt Ihr mir kein kleines Geſchenk mitgebracht; keine Kuchen, keine bunte Strumpfbaͤnder, keine Handſchuh, die Ihr ſelber ſtricktet. Liebe Am⸗ me! Ihr ſagtet ja, es ſey mein Geburtstag. Heute muͤßen wir Froͤhlichkeit und Freude ha⸗ ben, liebe Alice.“ Als Roſalinde ſich niederbog, um der alten Frau aus ihrer peinlichen Lage aufzuhelfen, drang ein gellendes Kreiſchen von ſilberner Pfeife durch's offene Fenſter herein. „Ihr hoͤrt, Amme!— meines Onkels Ruf — er wird uͤber mein Zoͤgern ungeduldig— den Kuchen werdet Ihr mir zum Fruͤhſtuͤck be⸗ reit halten?“ Die Frau blickte auf:„wohin geht Ihr?“ 36 „Nur um zu ſehen, wie mein Oheim des Eisvogels Neſt aus dem Lilienſtrome fortnimmt.“ „Fraͤulein Roſalinde!“ rief die Alte aus, wieder auf ihre Knie ſich erhebend,„um des Allmaͤchtigen willen, geht nicht auf's Waßer! Ihr koͤnnt dicht hinzugehen, koͤnnt hinein ſchauen, nur geht heute nicht auf's Waßer. Verſprecht mir!“ ſie erfaßte ihr Gewand,„ver⸗ ſprecht mir zum Frieden des Herzens, das Euch oft mit ſeinen Schlaͤgen gewiegt hat— ver⸗ ſprecht mir, daß Ihr heute kein Boot beſteigen wollt!“ „Nun denn, ich verſpreche, ich will's nicht thun; wenn ich zuruͤckkomme, muͤßt Ihr mir ſagen weshalb.“ Sie kuͤßte die alte Amme mit Herzlichkeit, drehete ſich in der Thuͤr noch einmal lachend um und erinnerte ſie an den Kuchen, den ſie zum Fruͤhſtuͤck wuͤnſchte. Es dauerte lange, bevor Alice Murrough ihre knieende Stellung verließ; dann aber ſezte ſie ſich platt auf den Boden, richtete ihren Oberkoͤrper empor und wiegte den in langſa⸗ mer, einfoͤrmiger Bewegung vor und zuruͤck. „Backen!“ murmelte ſie;„lange ſchon habe ich fuͤr ſie gebacken und gebrauet! O Mutter, *— 37 Du Aller⸗Gnadenreichſte! Sie konnte nichts wißen; und doch legte Gott ihr die Worte ge— rade zur rechten Zeit in den Mund, um mich vor der Suͤnde zu bewahren, Fluͤche zu fluchen — die— doch ach! geſegnete Maͤrtyrer! betet ihr jezt fuͤr uns, ſo wie auch in der Stunde unſeres Todes.“ Darauf zog ſie ihren Roſenkranz hervor, und waͤhrend der Sonne glerreiche Strahlen herrlich durch den Morgenhimmel draͤngten, ſagte ſie Litaneyen her, in welche ſie das Ver⸗ rauen ſezte, ſie wuͤrden zur Vergebung ihrer Suͤnden dienen. Bweites Kapitel. Verderbtes Licht war's der Erkenntniß, welches Unwißenheit, Tod, Sünde auf die Welt Geſchleudert hat. Die Sonne, die uns Licht Ertheilt, nimmt auch zurück ihr Licht, wenn wir Zu lang' hinſtarrten. Zweifel dann ſie düſtern; Der Irrthum leitet uns und Träume äffen. Demham. Wir verlaßen Alice Murrough, um ihre Ge⸗ bete zu beendigen, begeben uns dagegen in das Betzimmer von Lady Sydney, welches von an⸗ dern Betkabinetten nur dadurch ſich unterſchied, daß deßen Geraͤthe und Moͤbeln, außerordentli⸗ chen Prunk zur Schau ſtellten. Der kleine Altar war von Schildpatt, mit Silber ausgelegt, das Kreuz mit dem Bilde unſeres Heilandes war von gediegenem Golde und die beweglichen Augen dieſes ſeltenen Mei⸗ 39 ſterwerkes beſtanden aus Diamanten des fein⸗ ſten Waßers. Die Kerzen waren aus wohlrie⸗ chendem Wachs gefertigt; die Fenſtervorhaͤnge von ſchwarzem Sammt aus Genua, waren mit ſchweren goldenen Franzen eingefaßt, geziert und aufgeſchnuͤrt, waͤhrend hier und dort ſchwere goldene Troßeln, durch das Gewicht ihres maßiven Goldes, niedergezogen zu werden ſchie⸗ nen. In dieſem wirklich einzigen Gemache ſtan⸗ den auch zwei elfenbeinerne ausgeſchnittene Seßel, in der uͤppigſten Weiſe mit Polſtern von Hermelin belegt, von deren hohen Ruͤck⸗ lehnen eben dieſes koſtbare Pelzwerk mit Gold eingefaßt herabhing; die Betſchemel waren weich genug, um darauf knien zu koͤnnen; und ein kleiner Tiſch, den Lady Sydney als eine koſt⸗ bare Reliquie ſchaͤzte, weil er fruͤher Eigenthum von Thomas⸗a⸗Becket geweſen, trug ein mit bunten Schildereien geziertes Mißal und einige andere Buͤcher, zur katholiſchen Gottesverehrung beſtimmt.. Es iſt nicht moͤglich, einen ſtaͤrkeren Gegen⸗ ſaz zu erdenken, als die beiden von uns zu beſchreiben verſuchten Zimmer bildeten; doch waren beide nur das aͤußere Gepraͤge des Gei⸗ ſtes, der im Innern ihrer Bewohner herrſchte. 40 Sir Everards unzuſammenhaͤngende, aber doch merkwuͤrdige Anhaͤufung lebender und todter Gegenſtaͤnde der Naturgeſchichte zeigte in ihm ein Weſen voller Mitgefuͤhl,— einen Men⸗ ſchen, der ſanfte, wohlwollende Empfindungen naͤhrte,— der fuͤr alle Sympathien und My⸗ ſterien zwiſchen Schoͤpfer und Erſchaffenem em⸗ pfaͤnglich war, darin ſeine Glorie fand;— waͤhrend Lady Sydney's Betzimmer,— ihr aus⸗ erwaͤhlter Ruheplaz und Studien⸗Ort, nicht nur ihren Glauben verkuͤndete, ſondern den ausſchließlichen und truͤben Karakter deßelben, den er bei ihr angenommen hatte. Kein Licht⸗ ſtrahl durfte in ungedunkeltem Glanze hinein⸗ dringen; der Fuß verſank in das tiefe Geheim⸗ niß der Stille, auf dem dunkelfarbigen Teppich; die Luft ſogar ſchien eingeſchachtelt in die Fal⸗ ten der dunkelbehangenen Waͤnde.— In die⸗ ſem Heiligthume vernahm man keinen Laut; ſogar die Zofe im tiefen Fenſtereinſchnitte, an ihrem Stickrahmen ſizend, erſchien nur als ein wohlgelungenes Kunſtſtuͤck des hoͤhern Mecha⸗ nismus. Damals beſtimmten die meiſten katho⸗ liſchen Familien, ſo gut wie noch jeziger Zeit ein Zimmer zum alleinigen Zwecke des Gebe⸗ tes; Lady Sydney aber verbrachte mit Ausnahme 41 der feſtgeſezten Zeitpunkte, in denen Sitte und Anſtand ſie aufforderten, zu ihrem Eheherrn zu kommen und ihrem Hausſtande vorzuſizen — alle ihre Stunden in dieſer duͤſtern, pracht⸗ vollen Zelle; ſie wuͤrde kein unangemeßenes Bild der Nacht, in ihrer tief verſchloßenen, ſchweigenden Wohnung abgegeben haben. Es war ein ganz ſonderbarer Zufall, daß an eben dieſem Morgen eine einzelne Roſe, vielleicht der Hand ihrer Zofe entfallen, in ei⸗ ner kleinen Kriſtallvaſe lag, die auf einem dunkel⸗ſchwarzen Schrankkiſtchen ſtand; die rei⸗ zende Blume bluͤhete, wiewohl ſie in recht trauriger Weiſe am unrechten Orte war; ihr zartes Roth und ihre gruͤnen Blaͤtter laͤchelten einander ſo froͤhlich an, als ſchwanke ſie immer noch im Blumenbeete, vom friſchen Himmels⸗ thau erglaͤnzend. Ganz ſo wie dieſe Roſe im gedunkelten Zimmer, rein, fleckenlos, ſchoͤn und unverlezt blieb, ſo weilte ein Gefuͤhl, ein ganz vereinzeltes Gefuͤhl im heiligſten, einiger⸗ maßen oͤden, eiskalten Buſen, der Herrin von Sydney⸗Luſt. Obgleich ſie ſtolz, ſtrenge, ehr⸗ geizig war, ihren Ruhm darin ſuchte und fand, daß ſie jegliche ſanftere und zartere Herzensre⸗ gung mit Fuͤßen trat,— obgleich nur eine 4² heuchleriſche Froͤmmlerin ohne Religion, ein Weib ohne alle Zaͤrtlichkeit;— ſo war doch ein Gefuͤhl in ihrem Herzen, ein Wiederhall deßelben in ihrer Bruſt, welches ſie, ſobald ſie deßen Einfluß verſpuͤrte, zu einem voͤllig menſchlichen Weſen machte,— das kalte Mar⸗ morbild zu einem lebenhauchenden Geſchoͤpfe verwandelte,— das reiche, aber langſam rol⸗ lende Blut huͤpfend durch die Adern jagte,— in ihrem ſtolzen, vorragenden Auge ein glaͤn⸗ zendes, aber doch mildes Feuer entzuͤndete,— ihre herbtoͤnende Stimme zu gefallſamer Muſik ſaͤnftigte. Dieſes wunderwirkende Mittel war Mutterliebe. Sie hatte einen Sohn, den ſie liebte— wie— wie— doch wozu nach Gleich⸗ nißen ſuchen?— hier ſind ſie unnoͤthig. Sie liebte ihren Sohn, wie Muͤtter nur allein zu lieben vermoͤgen, wie dieſe Muͤtter ſeit Erſchaf⸗ fung unſeres Erdballes geliebt haben und wie Muͤtter lieben werden, bis die Zeit ſich in Ewigkeit verliert. Zu bemerken iſt dabei, daß ganz in dem Verhaͤltniße ihrer eiſigen Kaͤlte gegen alle Andern, ihre Liebe fuͤr den Sohn mit der Zaͤrtlichkeit der Taube und der Kraft des Adlers begabt war. Zum Ungluͤck fuͤr ſie und ihren Gatten war 43 dieſe Heirath von ihrer Seite aus Eigennuz und Convenienz geſchloßen. Aus einem alt⸗ka⸗ tholiſchen Hauſe abſtammend, war ihre Fami⸗ lie waͤhrend den Zeiten des Protektorates in Elend und Noth gerathen. Von ihrem Vater konnte man ſagen, er ſey als ein Opfer ſeines Glaubens gefallen, denn unverdiente Beſchim⸗ pfung und Verlaͤumdung erdruͤckten ihn; ein Juͤngling, dem ihre erſte Zaͤrtlichkeit mit je⸗ nem reinen Eifer, der innigen Wahrheit gewid⸗ met war, die ihrem anſtrebenden Geiſte entſpra⸗ chen, wurde im Buͤrgerkriege grauſam erſchla⸗ gen. Sir Everard, von ihrer ausnehmenden Schoͤn⸗ heit angezogen und durch die eigenthuͤm liche Gutmuͤthigkeit ſeiner Denkweiſe aufgefordert, ſah im Glauben der ſchoͤnen Katholikin gar nichts, was ihm haͤtte anſtoͤßig ſeyn ſollen. In ſeiner einfachen Weiſe folgerte er ſo:„Gott wuͤrde ein ſo vollendetes Weſen nicht erſchaffen haben, um es zu ewiger Vernichtung zu be⸗ ſtimmen; dieſes Weſen ſey das ſchoͤnſte Blatt im Buche der Natur, und er wolle es vereh⸗ rend aufnehmen, ohne ſich an Vorwuͤrfe zu kehren, die puritaniſche Prieſter oder ein puri⸗ taniſcher Protektor ihm machen wuͤrden.“ 44 Die verwittwete Mutter der ſtolzen Jung⸗ frau befand ſich nicht in Umſtaͤnden, einen Proteſtanten, als Bewerber um ihre Tochter verſchmaͤhen zu koͤnnen; ſie uͤberredete, bat, befahl, und ſo ward die junge Dame Braut, mit dem feſten Vorſaze, ihrem mildgeſinnten Eheherrn den Beweis zu fuͤhren, daß ſie, ob⸗ wohl genoͤthigt, ſeine Frau zu werden, doch in allen geiſtigen Dingen, nur allein den Vor⸗ ſchriften ihres Gewißens folgen werde. Sir Everard war ihr zu innig ergeben, um ihrem Willen in irgend einem Dinge zu wider⸗ ſtreiten; auch kann nicht gelaͤugnet werden, daß ſie jene unſichtbare Gewalt beſaß, welche ſtarke Geiſter oft ſo verderblich gegen ſanfte Menſchen gebrauchen und die in den Haͤnden einer Frau von kraftvoller, aber ungleicher Denkweiſe, mehr verlezende Waffe, als ſtuͤzen⸗ der Stab wird. Der Zwang ſchon, den das Protektorat ihren katholiſchen Gefuͤhlen ange⸗ legt hatte, brachte bei ihr die natuͤrliche Wir⸗ kung hervor, ſich heimlich ihrem Glauben noch enger zu verbinden. Sie hoͤrte, wie Maͤnner, die ſelber uͤber allen Begriff kalt, ſtrenge und bitter waren, gegen eben die Eigenſchaften Schmaͤhreden hielten, durch welche ſie in ſo 45 unangenehmer Weiſe ſich auszeichneten, waͤh⸗ rend die erhabenere, poetiſche Bildnerei, die in den Grundſaͤzen, wie in der Ausuͤbung ih⸗ rer eigenen Kirche vorherrſchten, ihrem uͤber⸗ ſpannten und vorurtheilsvollen Gemuͤthe, zehn⸗ fach hoͤheren Werth zu haben ſchien, wenn ſie dieſelbe mit ber Einfachheit verglich, welche unter der Maße gewoͤhnlicher Anhaͤnger des Puritanismus, zu wirklicher Gemeinheit und brutaler Rohheit ausgeartet war. Aus allen Dingen und aus allen Perſonen ſuchte Sir Everard den Honig zu ziehen, waͤh⸗ rend ſeine Dame nur die Galle fand; inzwi⸗ ſchen moͤgte dieſe Ungleichheit fuͤr Beide Gutes hervorgebracht haben, in ſo fern die Vermi⸗ ſchung widerſtrebender Dinge, eine recht wuͤn⸗ ſchenswerthe Vereinung ſeyn kann; aber Lady Sydney naͤhrte die vollſtaͤndigſte Verachtung, gegen die einfachen Sitten und Gefuͤhle ihres Gatten. Es muß bedauert werden, daß diejeni⸗ gen, welche die menſchliche Natur hart beur⸗ theilen, ſehr haͤufig richtig urtheilen; Perſonen, die der gute Baronett in der Waͤrme und Un⸗ ſchuld ſeines Herzens, ſich ſelber als Inbegriff aller irdiſchen Tugenden vorgeſtellt hatte, ent wickelten bald ſo viele Makel und Irrth uͤmer 46 — ihrer Karaktere, daß nach ganz kurzer Zeit ſchon ein lobendes Wort von ihm, ſeiner ſchaͤrfer blik⸗ kenden Frau zur leitenden Anwendung ihres Uebelwollens diente;— dieſe, ſo wie viele an⸗ dere Abweichungen brachten ein Mißtrauen,— dieſen erſten Schritt zur Veruneinigung,— hervor, welches mit fortſchreitendem Alter zu⸗ nahm, weil die Weisheit ſich nicht mit den Jahren vermehrte.. Sir Everard's Liebhaberei„erhielt ihn in Unſchuld,“ in jener Unſchuld des Herzens und Thuns, welche eine verſtaͤndige Frau allen ir⸗ diſchen Reichthuͤmern vorgezogen haben wuͤrde. Aber der heimliche und ſchwache Schuz, den Karl katholiſchen Glaͤubigen angedeihen ließ, erweckte der Lady Sydney gefaͤhrlichen Ehrgeiz, oder gab dieſem vielmehr den erſten Anſtoß. Nun folgte Jakob ſeinem Bruder auf dem Throne nach, und von da an durchzogen Kreuze und Moͤnchskappen unſere Engliſchen Straßen im Triumphe, Die Prieſter Meßen ſangen, Und alle Glocken klangen, und Pater Frank, der unter angenommenem Namen, guͤtige Aufnahme und vorſorgenden Schuz bei dem menſchenfreundlichen Herrn von * 47 Sydney⸗Luſt gefunden hatte, trat von da an in ſeiner eigentlichen Geſtalt hervor als„Bru⸗ der Moͤnch vom grauen,“ aber nicht ſtrengen Orden. Jezt ſprach er an der Tafel ſeines pro⸗ teſtantiſchen Beſchuͤzers, Lateiniſche Dankgebete, er ging aber noch weiter, denn er gab Lady Sydney zu verſtehen, daß Sir Everard zu ei⸗ ner Glaubensveraͤnderung uͤberliſtet und Fraͤu⸗ lein Roſalinde dazu gezwungen werden koͤnnte. Doch die Lady erwiederte darauf:„daß Sir Everard einer Glaubensbekehrung nicht werth ſey, und daß in Betreff von Roſalinden die Zeit bald kommen wuͤrde, in welcher ſie, troz der laͤcherlichen Anhaͤnglichkeit ihres Gemahles, an die ſchimpflich geborene Tochter ſeines aus⸗ ſchweifenden Bruders, an anderm Orte unter⸗ gebracht werden muͤße.“ Die Urſachen zu ihrem Haße gegen dieſes unſchuldige und ungluͤckliche Maͤdchen werden ſpaͤter aufgedeckt werden; weil wir aber von der Lady hingebender Liebe zu ihrem Sohne geſprochen haben, ſo muͤßen wir etwas Genaue⸗ res vom ſchoͤnen und tapfern Captain Baſil Sydney, dieſer Blume der Ritterſchaft im Heere des Koͤnigs Jakob anfuͤhren. Baſil war der zweite Sohn dieſer ůEbelgeei⸗ 48 — nigten Ehe; ſchon waͤhrend den Lebzeiten ſei⸗ nes aͤltern Bruders, deßen ſchwaͤchlicher Koͤr⸗ per endlich einer heftigen Krankheit unterlag, war er in Kriegsdienſte gegangen; in ſeinem fuͤnfzehnten Jahre ſah ſich der junge Faͤhnrich zum Erben ſeines Hauſes beſtimmt. O! wie ſchoͤn und ſegenreich ſind die Gefuͤhle der Ju⸗ gend, wie ſo ganz befreit von Selbſtſucht; dieſes Ereigniß erregte bei ihm nur eine Empfin⸗ dung, Kummer uͤber den Tod ſeines Bruders. Er wußte, wie innig ſein Vater dieſen Sohn liebte; und ſchon in jenem jugendlichen Alter hatte er Ueberlegung genug, um einzuſehen, daß dieſer Vater ein Weſen ſey, welches mehr Liebe verdiene, als genaue Beachtung ſeiner Rathſchlaͤge; er beſchloß, ſeinem gewaͤhlten Stande treu zu bleiben. Seines Vaters Brief athmete die liebendſte Zaͤrtlichkeit, er ſagte darin:„Komm zu uns, weshalb wollteſt Du bei den Unruhigen ver⸗ weilen, wenn die Ruhe und Stille eines tu⸗ gendhaften und gluͤcklichen Lebens, Dich hier erwarten? Du biſt nun unſer Alles, das Einzige, dem unſere Liebe auf Erden gehoͤrt. Es iſt ein furchtbar Ding, den heranbrauſen⸗ den Sturm zu hoͤren, und zu wißen, daß un⸗ 49 ſer Einziger, ſeiner Gewalt ausgeſezt iſt.— Du wareſt nie anders bei uns, als in den Zwiſchenzeiten welche Deine Studien Dir frei ließen, doch Deiner Mutter Herz haͤngt an Dir, wie an keinem andern Dinge auf der Welt; Dein Name iſt's, aber auch nur Dein Name ganz allein, der das belebende Blut auf ihre Wangen zu treiben vermag. Komm zu uns, mein Sohn; der alte Andrew hegt Deine Fal⸗ ken mit gewohnter Sorgfalt und Geſchicklich⸗ keit; der Edelfalk, der kleine Gentilfalk, der Jack⸗Merlin, und jener ſeltene Vogel, der blut⸗ rothe Tuͤrkenrabe, wuͤrden Dir viele Luſt ma⸗ chen; ihr Aufſezen, Aezen und Einuͤben koͤnnte Koͤnige vergnuͤgen. Die Hunde, hoͤre ich, ſind in gutem Zuge; und Du erinnerſt Dich wohl, daß eine der Eigenſchaften, welche Xenophon an ſeinem Cyrus preiſet, die war, daß er wilde Thiere jagte. Von meinen eigenen Erho⸗ lungen rede ich nicht, ſie moͤgen zu einfach fuͤr einen jungen Menſchen feyn, deßen erſtes Spiel⸗ zeug ein Schwerdt war; obgleich er, der hin⸗ geſchieden iſt, das Zwitſchern des Vogels, das Sumſen der Biene, das muntere Lied der Lerche und die ſchwachen Laute des ehrlichen Rothkelchens, mit der ganzen Neinheit eines 3 1. 4 2 50 — Naturmenſchen liebte;— er war dadurch nur um ſo viel geeigneter fuͤr den Himmel!“ So lautete des Vaters Brief, dagegen ganz aannders der Mutter Schreiben. „Wie tief ich auch bekuͤmmert bin, wie ſehr Dein Bruder mir mangelt, wollte ich Dich, mein Sohn, dennoch nicht in das Leben un⸗ ruͤhmlicher Behaglichkeit eingeengt ſehen. Ich habe Dich der Vorſorge jener heiligen Maͤnner auf das dringendſte empfohlen, die ſtets um die Perſon unſeres geheiligten Herrſchers ſind, und ich bezweifle gar nicht, Du werdeſt vor den Schlingen der Gottloſen bewahrt werden, wiewohl Dein Vater darauf beſtanden hat, daß Du in ſeinem Glauben erzogen werden muͤßteſt; das Leben und Wirken unſeres guten Koͤnigs,— deßen Froͤmmigkeit uͤber dieſes im⸗ mer noch zu ſehr mißleitete Volk, wie ein ſchuͤ⸗ zender Schild ausgebreitet iſt,— werden Dein ſchoͤnes Gemuͤth unbezweifelt auf den rechten Weg fuͤhren. Gott weiß, wie ſehnſuͤchtig mein Herz nach Dir verlangt, wie es mich draͤngt, Dich zu umarmen, Du ſuͤßeſter Gegenſtand meiner zerrißenen Liebe; und doch moͤgte ich von Dir hoͤren, daß Du Groͤße um Dich her 51 verbreiteſt, daß Du Dich in Ausrottung der Feinde Deines Koͤnigs auszeichneſt.“ Man kann nicht umhin, den Geiſt der Selbſtverleugnung zu bewundern, der Lady Sydney antrieb, ihrem Sohne dieſen Rath zu ertheilen; er ſollte groß, ſollte ausgezeichnet werden, koſtete es auch das Opfer jener muͤt⸗ terlichen Gefuͤhle, die waͤrmer, als je, ihren Buſen durchwallten. Sie hatte aber noch einen andern Zweck zu erfuͤllen— die Verlok⸗ kung ihres Sohnes vom Glauben des Vaters, zu dem der Mutter. In dieſem Punkte war Sir Everard feſt und gebieteriſch geweſen, wenn auch in keinem an⸗ dern; weil er die Ehre ſeiner Familie auf das Spiel geſezt ſah, hatte er uͤber den Re⸗ ligionsglauben ſeiner Soͤhne mit einer Sorg⸗ falt gewacht, welche troz ſeiner Einfalt in ge⸗ woͤhnlichen Dingen, ſeine Frau ſo wenig, als deren Beichtvater zu taͤuſchen, noch zu beſiegen vermogten. Jezt befand Baſil ſich im katholiſchen La⸗ ger; Lady Sydney hatte ihre willfaͤhrigen Agenten in Bereitſchaft, um auf den Geiſt 5² — und die Unerfahrenheit des jungen, feurigen Kriegers ihr Spiel zu begruͤnden. Welches Opfer wuͤrde ſie nicht bringen, fuͤr die Gewiß⸗ heit ſeiner ewigen Errettung! Sie verſuchte, ſich einzureden, daß ſie ſeinen Tod ſogar als eine Segnung preiſen wuͤrde, wenn ſie nur uͤber⸗ zeugt waͤre, er ſey„im rechten Glauben“ da⸗ hingegangen; ſo wie die Sachen jezt ſtanden, richtete ſie dieſem von ihr vergoͤtterten Weſen, alle ihre verſchloßenen Zaͤrtlichkeitsgefuͤhle, ihre Einbildung und ihre Plaͤne des Ehrgeizes zu. Es iſt faſt zu bezweifeln, daß der Sohn ſei⸗ ner Mutter Liebe, ſo durchaus in Anſpruch ge⸗ nommen haben wuͤrde, wenn er im Vaterhauſe geblieben waͤre; denn alsdann zeigte ſich keine Moͤglichkeit, ihn zum romantiſchen Lande zu fuͤhren, noch ihn mit den Attributen und Vor⸗ zuͤgen eines Helden auszuſtatten.— So ſehr ſie aber Auszeichnung fuͤr ihren geliebten Sohn erſehnte, eben ſo ſehr vermehrte ſich ihre Zaͤrt⸗ lichkeit; jegliches Blaͤttchen ſeiner Handſchrift ward an ihrem Mutterbuſen aufbewahrt; ſein Miniaturbild, ein Schaz, der nur ſeiner le⸗ benden Perſon nachſtand, ruhte auf ihrem Her⸗ zen; in Zeiten oͤffentlichen Aufruhrs erwartete ſie, er ſolle durch ſeine Waffenthaten alle An⸗ ¹ 53 dern uͤberglaͤnzen; in den ruhigen Tagen des Friedens dagegen hoffte ſie, er wuͤrde als Staatsmann in ſeinem Vaterlande vorſcheinen. Der Lady Sydney religiöſer Begeiſterung war ſnuen und ſie vern ſond viel ſchwaͤrzerer Natur, ein? ſterien, ein Untertauchen in ni ge, ein Durſt nach Kenntnißen, der, richtig geleitet, ſie verſtaͤndig gemacht haben wuͤrde, und der ſie jezt nur gottlos machte; jeder Stern, der ſtill und ſchimmernd ſich zu ſeinem vorgeſchriebenen Pfade am blauen Himmel er⸗ hob, ſchien ihr ein beſonderer Abgeſandte zur Foͤrderung, oder Verhinderung, ihrer kleinlichen Zwecke und Vorſaͤze; manche lange Nacht durch⸗ wachte ſie bei der Betrachtung der Himmels⸗ erſcheinungen, entweder am offnen Fenſter ih⸗ res Betzimmers oder auf einem verfallenen Thuͤrmchen an einem Theile des Gebaͤudes, welches in maleriſche Truͤmmer zerbroͤckelt war; gar oft hatte ſie den ſchuͤchternen Vogel von ſeinem Neſtzweige geſchreckt, oder den nicht minder ſchuͤchternen Haſen von ſeiner Abend⸗ aͤſung verjagt, wenn ſie ſchwarz, majeſtaͤtiſch 54 und allein, zu irgend einem Flecke ihres Land⸗ beſizes ging, der die ungehindertſte Anſicht ir⸗ gend eines Lieblings⸗Planeten verhieß; dort konnte ſie, eingehuͤllt in die ſchwarzen Falten ihres Sammtmantels,— mit edel emporgeho⸗ benem Haupte,— mit Augen, die gleich Me⸗ teoren unter ihrer weißen, aufragenden, aber runzelnden Stirne funkelten und ſpruͤhten,— mit ihren bald zuſammengepreßten, bald aus⸗ geſtreckten Haͤnden, je nach den Veraͤnderungen im Laufe des Planeten, die ihr ſcharfer Blick erſpaͤhete, gleich einer Beſchwoͤrerin wachen und beten, um das, was ſie verlangte, mogte es Gutes ſeyn, oder Boͤſes. Durch dieſe naͤchtige Gemeinſchaft, mit den Geheimnißen des geſtirn⸗ ten Himmels und durch tieferes Erfaßen der zu beobachtenden Gebraͤuche ihrer Kirche, am Tage, nahm ihr Karakter eine ganz eigenthuͤm⸗ liche, abgeſchloßene Richtung an, welche recht unſelig allen natuͤrlichen Gefuͤhlen ihres Alters und ihres Geſchlechts widerſtritt. Lady Sydney hatte ihr Morgengebet been⸗ digt; hatte ihre Zofe in leiſem, aber ſchneiden⸗ dem Tone dafuͤr geſchmaͤlt, daß dem koſtbaren Kelche, welcher das Weihwaßer enthielt, eine Dornenkrone abgehoben war, welche ſie als 55 Sinnbild der Rauigkeit dieſer Welt und der Grauſamkeit ihrer Handlungen, darauf gelegt hatte; zulezt nahm ſie ihr Brevier zur Hand, blickte aber nicht hinein, weil ihre Augen auf den Geſichtszuͤgen einer ſchoͤnen Madonna haf⸗ teten, die halbverdeckt aus der dunkeln Niſche hervorlaͤchelte, in welcher ſie verhangen war; ein leiſes, ganz beſonderes Anpochen verkuͤndete ihr, daß Pater Frank um Einlaß bitte. Der Prieſter trat mit freudigerem Geſichte ein, als ſein gewohnter Ausdruck von Gluͤckſeligkeit und Herzenszufriedenheit ſchon verkuͤndete; ein Laͤ⸗ cheln laͤngte ſeinen Mund aus, und verlieh ſeinen grauen, verſunkenen Augen einen Glanz, der ſich allen uͤbrigen Zuͤgen ſeines ſcherzlieben⸗ den, rothfeiſten Geſichtes mittheilte. Der gute Pater hatte gar nichts von zuruͤckſtoßender Strenge, keine Haͤrte, keine natuͤrliche Un⸗ freundlichkeit; er war vielmehr einer von de⸗ nen, die eine Sommerathmosphaͤre um ſich her verbreiten; und wenn auch zuweilen der Mehlthau des Vorurtheils, auf die freundlichen Fruͤchte eines ſo guten Temperamentes fiel und ſie erkrankte, ſo war das ganz erkennbar die Wirkung ſeiner Erziehung, nicht aber die na⸗ kuͤrliche Gewohnheit ſeiner Denkart; ſogar Lady . 56 Sydney's eiſige Strenge, vermogte ſeine freie und gluͤckliche Natur nicht zu unterjochen. Nach den gewohnten Morgenbegruͤßungen erwartete Lady Sydney, daß der heilige Mann die Mittheilung mache, die ihn draͤngend zu erfuͤllen ſchien; ihr Auge fragte, wiewohl ihre Lippe nicht ſprach; nach einigem Zaudern hob er an: „Sir Everard iſt fruͤher als gewoͤhnlich aus⸗ gegangen, um das Neſt irgend eines gewoͤhn⸗ lichen Vogels auszuheben, denn ich begegnete ihm und ſeinem Schatten unfern des Stromes; bei ſeiner Zuruͤckkunft mag ihn eine außeror⸗ dentliche, recht freudige Ueberraſchung erwar⸗ ten?“ „Wirklich,“ rief Lady Sydney aus.„Habt Ihr Euch dazu herabgelaßen, Pater, ſolch eine Ueberraſchung dem Herrn von Sydney⸗Luſt vorzubereiten? Habt Ihr ihm einen Goldfinken mit drei Fluͤgeln, ſtatt zweien, verſchafft? Oder,“ ſezte ſie mit einem Laͤcheln hinzu, das mehr Bitterkeit als Suͤße enthielt,„hat einer der Dorfknaben ſich wieder herausgenommen, mit der Leichtglaͤubigkeit des Hauptes eines al⸗ ten Hauſes, ſein Spiel zu treiben, und eine als Kraͤhe bemalte Taube hergeſchickt, um ihn 57 dahin zu bringen, daß er glaube, es gaͤbe ein neues Geſchlecht der— wie benennt Ihr ſie?“ „Corvi.“ „Und haben die Buben ſich herausgenom⸗ men, Euren Rath bei dieſer Unverſchaͤmtheit einzuholen?“ Pater Frank ruͤckte ungeduldig und in gar nicht wuͤrdevoller Weiſe auf ſeinem Seßel um⸗ her, denn dieſe Geſchichte ſprach in ſehr uͤbler Weiſe gegen ihn, weil man argwohnte, er habe mit dem Scherze mehr zu thun gehabt, als ſein Amt das, genau genommen, zulaßen wollte. Nach einer Weile erwiederte er:„Dame, es hat nichts mit Sir Everard's Liebhaberei zu thun, und hat es dennoch gewißermaßen; er wird auf das freudigſte erſtaunt ſeyn, und mit ihm Fraͤulein Roſalinde, ſo wie Eure Herr⸗ lichkeit ſelber, dafuͤr will ich einſtehen.“ „Heiliger Vater,“ unterbrach Lady Sydney ihn mit mehr als gewoͤhnlichem Ernſte,„ich habe zu lange in der Welt gelebt, um bei ir⸗ gend einer Veranlaßung Staunen empfinden, oder aͤußern zu ſollen; ſolche Gemuͤthsregungen uͤberlaße ich Maͤdchen, und——“ 58 Sie hielt ein, um einen Ausdruck zu ſuchen, der wuͤrdevoll genug ſey, um ihn auf ihren Ehemann anzuwenden, den ſie ihrer ſelber we⸗ gen ehrte, und den ſie zugleich, in Folge ſeiner Beſchaͤftigungen verachtete; dieſe Pauſe benuzte Pater Frank, um einen Brief aus ſeiner Weſte hervorzuziehen. Es wuͤrde fruchtlos ſeyn, den Wechſel beſchreiben zu wollen, der auf der Dame Geſichtszuͤgen vorging; in einem Au⸗ genblicke war ihr wuͤrdevoller Stolz, ihre eiſige Kaͤlte verſchwunden; ſie ſprang von ihrem Seſ⸗ ſel in die Hoͤhe und ſtreckte ihre Hand mit dem brennenden Eifer aus, mit welchem ein Liebhaber die Antwort auf das erſte Sonnett zu erhaſchen ſucht, welches ſein Herz einer theuren, aber abweſenden Geliebten zurichtete. Bevor noch das Aufgluͤhen freudiger Erwar⸗ tung ihre Stirn wieder verlaßen hatte, er⸗ bleichten ihre Lippen und erbebten; die unwuͤr⸗ dige Frau, aber innigliebende Mutter konnte nur die Worte„mein Sohn!“ hervorbringen, dann ſank ſie zuruͤck in den Seßel, uͤberwaͤl⸗ tigt von dem Gemiſch der Hoffnung und Angſt, welche die Handſchrift eines geliebten, befreun⸗ deten Gegenſtandes unzertrennlich begleitet. „Captain Sydney hat an mich armen Suͤn⸗ 4 — — 59 — der geſchrieben, aus Furcht, die Ueberraſchung moͤgte fuͤr Euch, Edle Frau, und fuͤr meinen hochgeehrten Freund zu ſtark ſeyn; er ſagt, daß nunmehr, da der Aufruhr, welchen die Freiſprechung des allerkezeriſchſten Biſchofs, im Lager von Hounslow erregt hatte, einigermaßen geſtillt ſey, er Urlaub auf einige Tage bekom⸗ men habe, und dieſen freudig zu einem Beſuche ſeiner Heimath benuzen wolle, welcher er ſo lange entfremdet blieb.“) Lady Sydney erfaßte den Brief, druͤckte ihn an ihre Lippen und rief aus:„nun der All⸗ maͤchtige ſey geprieſen! Geſegnete Maria, ich danke Dir! Mein geliebtes Kind!“— eifrig durchlas ſie den Inhalt.— Als ſie damit zu Ende war, hatte der Ausdruck von Freude und Triumph ihre bleiche Stirn ſchon verlaßen, ſie ſaß da in Nachdenken und Abgezogenheit ver⸗ tieft, bis eine Frage des Paters ſie wieder zu ſich rief. „Hat Eure Herrlichkeit gehoͤrt, wie es der Herzogin von Modena ſeit ihrer Ruͤckkehr vom Pilgerzuge nach Loretto ergeht, wo ſie ihr Ge⸗ bet um Verleihung eines Thronfolgers an⸗ brachte?“ „Nein; wie ſollte ich davon hoͤren, heiliger 60 Vater, oder wie jezt daran denken, wenn ich auch gehoͤrt haͤtte?— Aber doch wuͤnſchte ich, daß der Ton ſeines Briefes und das Gefuͤhl, welches er ausſpricht, in nichts mangelhaft waͤren.“ „Gefuͤhl,“ wiederholte der Moͤnch,„verehrte Dame, ich gewahre keinen Mangel an Gefuͤhl in dieſem Briefe. Er war immer gefuͤhlvoll von der Zeit an, in welcher er auf meine Kniee zu klimmen pflegte, einen Haͤnfling hielt er dabei in ſeiner Hand,— Ihr erinnert Euch des Haͤnflings,— und wie er dem Vogel ſo huͤbſch vorſprach, er ſolle ſich Haare genug aus mei⸗ nen Augbrauen zupfen, um ſich damit ein Neſt zu bauen.“ „Der Geiſt, den ich herbeiwuͤnſche,“ ant⸗ wortete die Dame, ohne auf des Paters Erin⸗ nerungen zu achten,„weilt nicht in ihm; und doch waͤre es zu hart, ſchon ein Urtheil zu ſprechen. Ich werde ihn ſehen,— ihn wieder— ſehen, meinen edlen, adelhaften Knaben!“ Noch einmal uͤberlas ſie das beſchriebene Pa⸗ pier und nun verweilte ihr Blick zuerſt bei dem Datum. Sie ſchreckte empor, erbleichte, dann haftete ſie ihr Auge auf des Moͤnchs freundli⸗ 926 und enn Fnir. fragte langſam, , 61 — ob ihre Berechnung richtig und der heutige Tag der zwanzigſte des Monats ſey? Er beja⸗ hete. Die Dame erhob ſich, ging einigemale ohne ſichtbar werdende Abſicht im Zimmer auf und ab, griff dann ploͤzlich nach einer ſilber⸗ nen Glocke auf dem Tiſche und klingelte haſtig; Ein Page in reicher, aber duͤſter gefaͤrbter Kleidung erſchien. „Sag' Fraͤulein Roſalinde, daß ich ſie ſpre⸗ chen will.“. „Gefall' es meiner edlen Frau, rirlen Roſalinde iſt mit meinem Herrn, und Meiſter Ralph, zum Vogelfang gegangen.“ Sobald der Knabe hinaus war, ſagte die Dame:„Pater Frank, Ihr war't ſtets ein treuer Freund vom Hauſe meines Vaters. In den Tagen Eurer Widerwaͤrtigkeit hat man es Euch gedacht, ich vertraue darauf, es wird in den Tagen Eurer Wohlfahrt Euch nicht vergeßen ſeyn.“— „Edle Frau, Ihr ſprecht, was recht iſt, und unter Gottes Segen ſoll Eure Erwartung nicht vereitelt werden.“ „Roſalinde—“ die Dame ſchwieg und Pa⸗ ter Frank ſprach ſodann. 62 „In Wahrheit, Fraͤulein Roſalinde Sydney iſt——“ Da unterbrach die ſtolze Frau ihn und rief: „nennt ſie nicht Sydney;— mag es gleich ein Kezername ſeyn, ſo iſt's doch ein edler Name und ſollte ſo nicht entwuͤrdigt werden.“ „Gefall's Euch, edle Frau, zu ſagen, wie das Maͤdchen ſonſt bezeichnet werden ſoll? Sie wurde ſtets als die Nichte Seiner Edlen, des Sir Everard anerkannt.“ „Hoͤrt mich. Die Bedingungen, unter wel⸗ chen ſie hier aufgenommen wurde, ſind Euch ſo gut bekannt, als ihr ſelber; das ungeſezliche Kind von meines Mannes ausſchweifendem Bruder, haͤtte nie an meiner Tafel ſizen ſollen, haͤtte Sir Everard dieſem Bruder nicht auf ſeinem Sterbebette verſprochen, daß er ſein Kind ernaͤhren und beſchuͤzen wolle. Im Einverſtaͤnd⸗ niß mit dieſer Zuſage, ward ſie nach England gebracht, zuſammt ihrer Amme aus einer duͤ⸗ ſtern Iriſchen Huͤtte uͤbergefuͤhrt; es wurde ihr erlaubt, als zur Familie gehoͤrend, hier zu blei⸗ ben, ſich zu kleiden, mit uns umzugehen, als ſey ſie geſezlicher Geburt.— Ich laͤugne gar nicht, daß es Augenblicke gegeben hat, in wel⸗ — 63 chen mein Herz dieſem Maͤdchen entgegenſchlug, in denen ich faſt wuͤnſchte—“ Noch einmal ſchwieg die Dame und der Prie⸗ ſter, welcher ihr ſtolzes Herz ſehr wohl kannte, erhielt Zeit genug zu uͤberdenken, wie es kam, daß gerade im Augenblicke der Ankunft ihres Sohnes, ſie von Roſalinden ſprechen, an ſie denken wollte, welche dem Namen nach der Leitung ihres Oheims uͤberlaßen war, was be⸗ deutete, daß ſie in allen uͤbrigen Dingen ihrer eigenen Fuͤhrung uͤberlaßen blieb, wenn ſie ihn nur auf ſeinen Morgenwanderungen begleitete und Abends ſeine Lieblingsweiſen auf der Harfe ſpielte. Wurden dieſe ihm gefallenden Pflichten nun gehoͤrig erfuͤllt, ſo bekuͤmmerte Sir Eve⸗ rard ſich wenig darum, in welcher Art ſie ih⸗ ren uͤbrigen Tag verbringen mogte. „Vater,“ begann die Dame in ploͤzlich ab⸗ gebrochenem Tone,„glaubſt Du an Vordeu⸗ tung— an die Geheimniße des Horoskop— an die Suͤnde der Hexenkunſt?“ 5 „Wahrlich!“ erwiederte der Moͤnch, nicht wenig verlegen durch die Nothwendigkeit, den Launen ſeiner Beſchuͤzerin zu froͤhnen und durch ſeinen Wunſch, als ſtarker Geiſt zu erſcheinen, nwahrlich, die Sterne ſind nicht umſonſt in 64 den Himmel geſezt; was Wahrzeichen anbetrifft, ſo habe ich ſelber ſchon das Tik⸗tik⸗tik der Tod⸗ tenuhr gehoͤrt, ein ſehr unerfreuliches Geraͤuſch, Lady, das glaubt mir; doch alle dieſe Dinge koͤnnen uͤberwunden werden, verbannt durch die Segnung der himmliſchen Heiligen, in das todte Meer gelegt ohne Furcht vor Belaͤſtigung — die nur ſie ſelber trifft.“ Veraͤchtlich blickte die Dame auf den Prie⸗ ſter; ihre natuͤrliche Geiſteskraft war im unab⸗ laͤßigen Kampfe mit ihrem Aberglauben, ſie wußte aber nicht, woran ſie feſthalten ſollte— bald vertraute ſie der Einen, dann ſezte ſie wieder ihr volles Vertrauen in den Andern. Nur aus Gewohnheit hoͤrte ſie auf Pater Frank, nicht aus innerer Achtung, denn oft uͤberfuͤhrte ſie ihn in ihrem eigenen Sinne, ei⸗ nes Mangels an Eifer; jezt ſchien ſie unſchluͤſ⸗ ſig, ob ſie ihn zu ihren Zecken gebrauchen ſollte; doch ohne ſeinen Beiſtand vermogte ſie gar nicht auszurichten, was ſie beabſichtigte. „Die Abtißin der Priorei St. Mary iſt Euch wohl bekannt?“ „Das iſt ſie; eine gottesfuͤrchtigere Dame haͤttet Ihr nicht nennen koͤnnen, edle Frau.“ — —,— 65 „Ich halte mich uͤberzeugt davon, daß ſie ſich meiner erinnert?“ „Es iſt nicht leicht, eine ſo edle Beſchuͤzerin zu vergeßen.“ „Sie nimmt junge Damen dort auf, um de⸗ ren Erziehung zu vollenden.“ „Das thut ſie,— ſie iſt aber ungemein an⸗ fordernd,— nur junge Maͤdchen ganz reinen Blutes, haben die Heiligkeit ihres Antlizes er⸗ blickt und die Zuſicherung ihrer Sorgfalt erhal⸗ ten.“ „Denkt Ihr,“ fragte die Lady ziemlich ſtren⸗ ge,„ſie wuͤrde anſtehen, Roſalinde aufzuneh⸗ men, wenn ich das wuͤnſche?“, „Fraͤulein Roſalinde in's Kloſter ſchicken!“ rief der Prieſter mit unverdecktem Erſtaunen. „Des jungen Maͤdchens Erziehung wurde ſchon zu lange vernachlaͤßigt und muß vorge⸗ nommen werden. Freilich haͤtte ich fruͤher daran denken ſollen, nun darf aber keine Zeit verlo⸗ ren gehen. Vater, Ihr muͤßt Roſalinde noch am heutigen Tage, nach St. Mary bringen.“ „Habt Ihr vergeßen, edle Frau, daß ſie zum Kezerglauben gehoͤrt?“ „Fuͤrchtet Ihr etwa ihre Bekehrung? Mich duͤnkt, duter Vater, Euch mangelt Eifer 4 65 „Das verzeihe Euch der Himmel, Dame,“ erwiederte der Moͤnch;„es iſt eine boͤſe An⸗ ſchuldigung;— aber die Geſeze ſind ſtrenge.“ „Dies wird ſie minder ſtrenge machen,“ ſagte Lady Spydney, zog eine ſchwere Goldboͤrſe hervor und legte ſie in des Moͤnchs Haͤnde; „trachtet, der heiligen Mutter zu ſagen, daß ich wuͤnſche, das Maͤdchen ſolle mit aller Hoͤf⸗ lichkeit und Guͤte behandelt werden; nur dies allein ſey mein Befehl, daß man ihr nicht ge⸗ ſtatte, unter irgend einem Vorwande das Klo⸗ ſter zu verlaßen, ohne meine beſondere Erlaub⸗ niß.“ „Aber Sir Everard?“ bemerkte der weich⸗ herzige Pater. „Sir Everard wird mit mir, einer Meinung in Betreff der Nothwendigkeit ſeyn, dieſes Kind augenblicklich zu entfernen. Es kann Euch nicht unbekannt ſeyn, daß mehr als einer der Hof⸗ ſchranzen meinen Sohn hieher begleiten wird; glaubt Ihr, daß ein Maͤdchen, ein Maͤdchen wie Roſalinde und unter ſo eigenthuͤmlichen — Verhaͤltnißen, ſelber unter dieſem Dache voͤlig geſichert in der Geſellſchaft ſolcher Menſchen ſeyn koͤnnte, als unſers geſegneten Koͤnigs Feld⸗ und Hoflager anfuͤllen? Ihr wißt, heiliger 67 — Vater, daß er ſelber eine Zeitlang dem Baal anhing und den Anbetern deßelben, und ob⸗ wohl er durch lange Bußuͤbung zur Erkenntniß des wahren Glaubens gekommen iſt und mit dem Boͤſen nicht mehr verkehrt, ſo koͤnnen doch ſeine Umgebungen, jung, froͤhlich und bedacht⸗ los, wie ſie find, keine anſtaͤndige Geſellſchaft fuͤr ein ſittſames Maͤdchen abgeben.“ „Alſo bleibt Fraͤulein Roſalinde nur ſo Vangs entfernt, als die hier ſind?“ Die Lady blickte den Moͤnch an, als wollte ſie ſeine innerſten Gedanken leſen nnd erwie⸗ derte dann:„Wie ſie das wuͤnſchen mag. Doch mit einem Worte, Vater, wollt Ihr mein Ge⸗ heiß erfuͤllen? Es geſchieht zu Roſalindens ei⸗ gener Sicherheit; und ich verſpreche Euch, daß Sir Everard, ſobald ich mit ihm geredet habe, nicht das allermindeſte Mißfallen zeigen wird. Das Maͤdchen iſt mit dem Baronett zu irgend einem thoͤrichten Ausfluge fort, wie Ihr das wißt; Ihr koͤnnt ſie nun fortlocken, ſey es im Boote, oder in einem von unſern Wagen, gleich viel, was Ihr waͤhlt;— nur dies ſage ich, daß, wenn ſie hierher zuruͤckkoͤmmt, ſo werden wir Weinen haben und Abſchiednehmen und alle das Lebewohlſagen, was Kinder lieben; 68 und in der Zwiſchenzeit mag mein Sohn kom⸗ men; ich aber ſage Euch, Vater, ſie ſollen nie zuſammentreffen!“ Als die Dame endete, flog die Thuͤr ihres Betzimmers auf und unverlangt, ungewuͤnſcht ſtand Alice Murrough auf der Schwelle; ihre Augen funkelten in einem Ausdrucke von hoͤh⸗ nender Freude, faſt von Triumph, und ſie be⸗ muͤhete ſich nicht, das zu verbergen. Es war ein ſonderbares Bild: beide Frauen hoch, ſtattlich, kraͤftig;— beide dem naͤmlichen Glauben angehoͤrend,— beide Opfer vom Aberglauben,— beide ſtolz auf ihre Abkunft, und dennoch ſo ganz ungleich in Haltung und Betragen. Ein Feuer, welches in den tief lie⸗ genden Augen der Lady nur noch lauerte und glimmte, das nur allein große Ereigniße an⸗ zufachen vermogten, entflammte mit dauernder Wildheit unaufhoͤrlich, in den umrollenden Aug⸗ aͤpfeln von Alice Murrough;— dieſe Wild⸗ heit war ſo uͤberwaͤltigend, daß ſie faſt mit eigenem Erloͤſchen bedroht wurde und der Al⸗ ten oft das Ausſehen einer Wahnſinnigen ver⸗ lieh. Beide waren furchtbare Weiber; und als ſie einander ſo gegenuͤber ſtanden, ſchlug Pater Frank andaͤchtiglich das Kreuz und wuͤnſchte 5 69 ſich an irgend einen andern Ort, nur nicht da, wo er eben war. „Ihr ſagt, ſie ſollen ſich nie treffen„ wie⸗ derholte Alice mehremale,„ich aber ſage, was beſchloßen iſt, iſt beſchloßen;— thut Euer Beſtes, thut Euer Aergſtes, s' iſt alles einer⸗ lei; Ihr koͤnnt's Seil nicht drehen, noch loͤſen; das geſchah bei der Geburt von'ner ſtaͤrkern Hand, als Eure oder meine iſt. Gottes Wille wird geſchehen! So ſey's! So ſey's!— Wo⸗ hin wollt Ihr mein Kind ſchicken, das am heutigen geſegneten Tage zwoͤlf Jahre unter Eurem Dache geweſen iſt.— Ich weiß, wohin Ihr's ſchicken wollt— nach St. Mary. Och! koͤnnte das arme Maͤdchen dort Zufriedenheit finden! aber das wird ſie nicht!— s' iſt ihr Glaube nicht,— und die Zeit wird kommen, ſo gewiß als ein Gott im Himmel thront, in der diejenigen, die auf ſie herabblicken, froh ſeyn werden, an ihrer Tafel zu ſpeiſen. Auf jeden Fall bin ich's zufrieden:. waͤre ſie etwa nicht in des Herrn Schuz!— Ich dachte wohl, daß ihre Zeit hier zu Ende waͤre, als ich hoͤr⸗ te, wer hier kommen ſoll;— und viele Wech⸗ ſel und Aenderungen werden eintreffen, bevor Roſalinde Sydney die Schwelle von Sydney⸗ 70— Luſt wieder uͤberſchreitet. Aber mein ewig dau⸗ ernder Fluch, der Bannfluch einer Murrough, ſoll uͤber Euch und die Eurigen kommen, wenn Ihr dieſes Kindes Leben in Gefahr bringt.— Schaut her, Lady Sydney,“ bei dieſen Wor⸗ ten trat ſie der hochmuͤthigen Dame ſo nahe, daß die ihren flammenden Athem auf ihren Wan⸗ gen fuͤhlte,„ſchaut, Andere koͤnnen auch Ge⸗ ſicchte ſehen und koͤnnen Traͤume traͤumen und vielleicht das Himmelsbuch leſen, ſo gut als Ihr's koͤnnt; mir iſt's nicht unbekannt, was das Schickſal aufbewahrt, fuͤr's ſchwarzaͤugige Maͤdchen vom Boyne⸗Strom. Manches Gebet und mancher Zauber erwarten ſie uͤber dem Himmel, den Ihr— Gott erleuchte Euch— zu leſen Euch bemuͤht, mit Euren Augen des Fleiſches.— Euren Segen an bieſem ſchoͤnen Morgen, heiliger Vater!“ Mit dieſen Worten wendete ſie ſich zu dem Prieſter herum, ſchien gar nicht mehr an Lady Sydney's Gegenwart zu denken, warf ſich vor Pater Frank auf die Knie, der ihr die erbe⸗ tene Segnung ſo ſchnell, als nur moͤglich, er⸗ theilte, dann entfernte ſie ſich aus dem Zim⸗ mer, ohne die mindeſten Umſtaͤnde zu machen. Drittes Kapitel. Es hätte nie die Welt ſo viel geſprochen Von Dir, wär' nicht Dein Glück ſo ganz gebrochen; Dein Unglück hob Dich rühmlicher hervor, Als je vermogt hatt', Deines Glückes Flor; Denn ſtets mit Widerwärtigkeit verbunden, Wird der Bewund'rung höchſter Preis gefunden; Und was geſchichtlich iſt an Ruhm vorhanden, Aus Jammer, Noth und Elend, iſt's entſtanden. - Daniel. „Gewiß biſt Du ein ſchmucker und luſt'ger Geſell, aber doch fuͤr einen Hofkavalier, wie mich duͤnkt, ſehr wunderbar ſchweigſam. Was wuͤrden die Luſtigmacher am Hofe, oder die muntern Waffenbruͤder im Lager, zu dieſer me⸗ lancholiſchen Stimmung ſagen? was Koͤnig Jakob ſelber, der hoͤchſt edle und hoͤchſt Eh⸗ renwerthe,— Du, ſein erſter Liebling, der 72 geiſtreiche Cuthbert Raymond, die Bluͤthe Ir⸗ laͤndiſcher Ritterſchaft— der Juͤngling, der zufolge Seiner Majeſtaͤt eigener Schmeichelei, eben ſo lieb ſein Schwerdt, als ſeine Meße entbehren wollte— was wuͤrde, frage ich, der Koͤnig zu dieſer truͤben Laune ſagen?“ „Fahr' nur fort, Captain Baſil Sydney, fahr⸗ nur fort; froͤhlich ſey Dein Herz; Du gehſt heim— heim, wo ein guͤtiger Vater, eine zaͤrtliche Mutter Deine Ankunft feiern werden, als ſey ſie ein Heiligentag oder Hauptfeſt— Hah! 17 „Hah!— biſt Du verlieht, Mann?— Vielleicht in eine Madonna, oder auch in Dich ſelber; doch nein, nein, Andere ſchaͤzen Dich unendlich mehr, als Du Dich ſelber. Was fehlt Dir, Euthbert?“ „Die Wolke bezieht den Himmel, wir aber wißen nicht, woher ſie kommt; eben ſo wenig vermag ich zu ſagen, wie mich dieſer Truͤbſinn beſchlich. Ich bin nicht oft ſo.— Manch lie⸗ bes Mal habe ich Deinen Unmuth erheitert und verſcheucht, habe Dich froͤhlich gemacht, wenn Du traurigen Gedanken nachhingſt.— Die Zeiten ſind unruhig, das Volk unzufrie⸗ den; der Wechſel unter den Kron⸗Offizieren, 24 bei welchem die Schazkammer einer Kommißion untergeordnet iſt, zu der zwei anerkannte Ka⸗ tholiken, die Lords Bellaſis und Dover, gehoͤ⸗ ren, hat die Unzufriedenheit unter den Beken⸗ nern Deiner Religion erhoͤht, Baſil; und die Ernennung des Lord Tyrconnel, um Clarendon als Lord⸗Lieutenant von Irland zu erſezen, iſt zwar fuͤr uns hoͤchſt erfreulich, aber gewiß fuͤr die Proteſtanten eine recht boͤſe Kunde.“ „Zugegeben, alle das zugegeben, Cuthbert; wir armen Proteſtanten muͤßen wahrſcheinlich unſern Aerger verbeißen, dieſen vergifteten Groll, den die zaͤrtliche Sorgfalt der Mutter⸗Kirche— Großmutter ſollt' ich ſagen— zu unſerm aus⸗ ſchließlichen Gebrauche aufbewahrt hat.— Doch die Schaale wird ſinken, auf und ab, hin und her,— ſo geht's in der Welt.“ „Dann werden wir nicht laͤnger beißen, ſon⸗ dern gebißen werden; ich bitte Dich, Captain Sydney, wenn's dazu kommt, ſo blicke mit⸗ leidsvoll auf Deinen alten Freund Cuthbert, geſtatte ihm, Deinen Guͤrtel zu reinigen,— Deine Sporen blank zu machen,— Dein Pferd zu ſatteln,— damit er von den Raͤchern nicht erſchoßen, oder zu Tode gehungert wird!“ Dieſe Worte wurden in ganz eigenthuͤmlichem *† 74 Tone geſprochen und mit einem ſcharfen Hiebe der Reitpeitſche begleitet, um ſein Pferd zu raſcherer Bewegung anzutreiben; ſein kaltbluͤti⸗ gerer Begleiter zoͤgerte etwas mit der Antwort. Cuthbert Raymond war ein Irlaͤnder und Katholik, dennoch der auserwaͤhlte, geliebte Freund von Captain Sydney. Er war tapfer, unternehmend und kuͤhn; ein bischen ſtreitſuͤch⸗ tig, doch wenn der Hader zum Ausbruche kam, betrug er ſich mit einer uͤberſpannten Großmuth, die man romantiſch nennen konnte. Er war ein beſonderer Guͤnſtling des Koͤnigs, weshalb viele Proteſtantiſche Offiziere ihn eiferſuͤchtig beobach⸗ teten; die Mehrzahl dieſer lezten hatte man im ſtarken Verdachte, die Anſpruͤche Wilhelm's von DOranien zu beguͤnſtigen. Cuthbert verdiente weder Eiferſucht noch Argwohn; er war zu tapfer und folglich auch zu bedachtlos, um die Zeichen und Wirkungen der Zeit zu beachten. Er liebte des Krieges Muͤhen und Geraͤuſchigkeit, und das Einzige, woruͤber er ſich im Zeltlager von Hounslow beklagte, war die unruͤhmliche Ruhe in der er lebte. In allen Stuͤcken war er eifrigſter Ka⸗ tholik; ſein aufſtrebender Sinn weilte mit Begeiſterung, bei den Gebraͤuchen und Myſte⸗ 75 rien einer ſo poetiſchen Kirche; wahr und auf⸗ richtig verehrte er den Prieſterſtand, legte be⸗ harrlich ſeine Beichte ab, und ſpendete mit einer Freigebigkeit, die ihm manche der Genuͤße ſeines Alters und Ranges raubte, zu den Meßen und Ceremonien, die der ſchwachſinnige und ungluͤckliche Jakob, ſo prunkend beſchuͤzte und mitmachte. Baſil Sydney war kraͤftiger, wenn auch nicht beßer ausgeſtattet; man kann von ihm nicht ſagen, daß er eifriger Proteſtant war, aber er verachtete Romanismus, wie Puritanis⸗ mus, mit der aller ausgemachteſten Wegwerfung. — Von dem Wiz und der Gallanterie am Hofe Carls, war noch viel im Lager ſeines Katholiſchen Bruders zu finden; obwohl nun die ausſchweifendſten Menſchen nicht Diejenigen waren, die den hochſinnigen Baſil beflecken konnten, ſo gibt es doch wenige junge Leute, die voͤllig ſtandhaft bei den unaufhoͤrlichen und aufreizende Scherzen blieben, welche Sittenloſe gegen alle guten Grundſaͤze umherſchleudern. Anfangs ſind ſie freilich ergrimmt und empoͤrt, — doch zu oft geſchieht es, daß des Dichters Ausſpruch die umgekehrte Anwendung findet, und daß ſolche, 76 „Die zum Gebete kamen, Nun zur Verſpottung bleiben.“ In politiſcher Beziehung, war Baſil entſchie⸗ dener Proteſtant; dieſer Name war in ſeinem Ohre verſchmolzen, mit Englands Freiheit und Glorie. Er war ſtolz darauf Englaͤnder, eben ſo ſtolz Proteſtant zu ſeyn;— ſein Leben haͤtte er fuͤr den Namen hingegeben, wiewohl er vom Glauben, wenig wußte;— jemehr dieſer Glaube gefaͤhrdet wurde, deſto feſter hielt er an ihm; mit der ganzen Beharrlichkeit eines groß⸗ herzigen Gemuͤthes;— deſto klarer erkannte er deßen Anſpruͤche an ſeine Unterſtuͤzung.— Die Welt haͤtte er darum geben moͤgen, daß ſeine Mutter nicht Katholikin ſey, weil er als⸗ dann die Katholiken mit ungetheilterem Haße, haͤtte haßen koͤnnen. Vielleicht uͤbertrieb er ſeine Luſt ein wenig, im Necken ſeines Freundes Cuthbert, mit Faſten und Feſten, mit Moͤnchs⸗ heiligkeit und mit Paͤpſtlicher Unfehlbarkeit und mit einem Heere anderer aberglaͤubiſcher Ge⸗ braͤuche und Meinungen; es machte ihm Ver⸗ gnuͤgen, ihn aufzubringen,— ihn aufs hoͤchſte zu entruͤſten, weil, wie er ſpaͤter ſagte, Cuth⸗ bert nie mehr zu ſeinem Vortheile erſchiene, als eben dann. Baſil Sydney that dies ſo ru⸗ 77 hig und gemeßen, als waͤre es im voͤlligen Ernſte; Cuthbert pflegte in Hize zu gerathen, nach der Weiſe ſeines Landes zu erwiedern, und wenn das Auflodern ſich gelegt hatte, uͤber ſeine eigene Heftigkeit zu lachen. Durch ſeine Engliſche Klugheit und vorbe⸗ rechnende Umſicht, hatte Baſil ſeinen Freund aus mancher unangenehmen Verlegenheit ge⸗ rißen, Cuthbert dagegen hatte ſeinen maͤchtigen Einfluß am Katholiſchen Hofe, zum Wohl ſeines Proreſtantiſchen Freundes, gar nicht ſpar⸗ ſam angewendet;— ſo waren dieſe beiden jungen Maͤnner durch jenes ſtarke Freundſchafts⸗ band, gegenſeitige Dienſtleiſtung ver⸗ knuͤpft; und wiewohl Baſil im Allgemeinen ernſt und nachdenklich war, gab es doch auch Zeiten, in denen er, wie wir eben geſehn ha⸗ ben, von ſeiner Ernſthaftigkeit nachließ, und die Rolle mit ſeinem fluͤchtigeren Genoßen ver⸗ tauſchte. Nach einer langen Pauſe antwortete Baſil, der ſein Roß dichter zu ſeinem Freunde hinan⸗ brachte:„Cuthbert, das war ziemlich bitter geſprochen; laß uns den Beſchluß faßen, uͤber Religion⸗Gegenſtaͤnde keinen Wortſtreit mitein⸗ ander zu fuͤhren, nun der politiſche Zuſtand un⸗ 78 ſeres Landes ſo ſehr bedenklich geworden iſt. Es gab Zeiten, und ich fuͤrchte, ſie werden bald wiederkehren, in welcher Jedermann's Hand gegen den eigenen Bruder erhoben wer⸗ den mag, und— doch ich will dem Unheile nicht vorgreifen,— auf ſeinen daͤmoniſchen Fittichen zieht es raſch genug heran, rich⸗ tet ſeinen Fluͤgelſchlag gewiß ſchon zu uns. Nur das verſprich mir, Cuthbert, daß Du dieſen Punkt unbeſtritten laßen willſt,— und unſerer Freundſchaft wegen, die ich ſo uͤber alles werth halte will ich ihn eben ſo vorſichtig vermeiden.“ Baſil ſtreckte ſeine Hand aus, die mit Eifer erfaßt und gedruͤckt wurde;— nun entſtand wiederum eine Pauſe; bei einer ploͤzlichen Wen⸗ dung ihres Reitpfades, erreichten ſie eine von zwei Kreuzwegen durchſchnittene Stelle des Weges.. „Schoͤne Verlegenheit,“ ſprach Raymond, der den Rang eines Major im Dienſte Sr. Majeſtaͤt bekleidete—„ſo weit ſind wir von Southampton richtig hergekommen, haben Cul⸗ verley am geeigneten Plaze liegen laßen, doch dieſer Neuen⸗Forſt koͤnnte einen Beſchwoͤrer ver⸗ wirrt machen— Durchſichten und Pfade— —— 14 79 und hier halten wir. Jezt tapfrer Captain, zelg Deine Ortskenntniß.“ „Dieſer Weg iſt mir neu,“ erwiederte Baſil; „ich bin ſo lange von der Heimath entfernt geweſen, daß meine Erinnerung der Nebenwege geſchwunden iſt, auch machen die Foͤrſter immer neue Wege. Jemmings kannſt Du ſagen, wel⸗ chen Weg wir nehmen muͤßen?“ dies rief er einem der beiden Diener zu, die wohl bewaffnet und beritten, ihren Herren folgten. Der Menſch ritt heran, faßte militairiſch mit der Hand an ſeine Kappe und wußte ſo wenig zu ſagen wie ſein Herr, obgleich er keinesweges geneigt war, das einzugeſtehn. „Hier ſo herum pflegte ein Pfad zu ſeyn, Euer Edlen, der nach der Luſt fuͤhrt, weil ich mich ganz genau entſinne, daß bei der alten Eiche da, dicht am Thore von Sydney⸗Park, Cecily Maynard's Mutter wohnte. Sydney⸗ Park muß nahe bei ſeyn, denk' ich,— der Rauch pflegte damals zu wirbeln— durch die Baͤume aufzuwirbeln, ganz wie das Puffen aus der großen Buͤchſe, die wir„blauen Willy“ nennen;— und das, als die umge⸗ kehrte Seite von'nem Complimente fuͤr den Prinzen von Oranien, Euer Edlen.— Ich * 80 pflegte immer am Rauch zu wißen, ob Frau Maynard kochte.“ „Sehr möglich;“ erwiederte der Captain Sydney;„nur ſehe ich nicht, was der Rauch mit der jezigen Frage zu thun hat; allerdings war hier fruͤher ein Weg, Jemmings, der ganz anders war, als einer von dieſen.“ „Das iſt's, was ich ſage, gefaͤllt's Euer Edlen;— die Menge von Wegen, und viel zu viel;— einer— auf dem wir reiten, dann die beiden Kreuzwege und die zwanzig oder dreißig Pfade von den Forſtpferden durch⸗ getreten.“* „Teufel!“ rief der ungeduldige Irlaͤnder,— „laßt uns einen Weg waͤhlen,— oder lieber alle Wege, als hier halten.“ „Wir wollen ſaͤmmtliche Wege auf einmal verfolgen!“ erwiederte Baſil lachend. „Koͤnnt ich nur Cecily's— ich meine Mut⸗ ter Maynard's Rauch ſehn,“ murmelte Jem⸗ mings—„ich will'mal eben den Huͤgel hinauf reiten, Eur Edlen, zum rekognosziren. 4 Als Jemmings ſeinen großen Rappen dem Huͤ⸗ gel zurichtete, mußte Cuthbert ebenfalls, wiewohl aus andern Grinden lachen; die lange, knoͤche⸗ * — 81 rige Geſtalt des ehrlichen Soldaten, war ſtockſteif und kerzengrade; ſeine breiten Schultern ſchie⸗ nen aus Felsbloͤcken gehauen, und ſeine Arme verkuͤndeten ungemeine Kraͤftigkeit; ſein Haar war lang und grau, und gab dem Blicke ſeiner hervorſtehenden Zuͤge, ein wildes und maleri⸗ ſches Anſehen. „Schau Cupid's Juͤnger,“ rief Cuthbert aus—„nein, Cupid ſelber— der von Ve⸗ nus Entlaufene! Sankt Patrick! daß ſolch ein Geeſſell verliebt ſeyn muß!— denke Dir doch, ſtelle Dir nur vor, wie er von Herzen und Schmerzen, von Damen und Flammen ſpricht, und von alle dem nothwendigen Geraͤthe zum Liebe⸗fangen. Haſt Du didſt Cecily jemals ge⸗ ſehn?“ „Wahrlich, das hab ich vergeßen. Doch, doch ich erinnere mich, und dieſer Elephant, dieſer Jemmings, iſt treu wie'ne Turteltaube; ein drolliger, ehrlicher, trefflicher Kerl, haͤngt an Cecily Maynard— an Frau Maynard's Fleiſchtoͤpfen— am blauen Willy, wie ſeine lange Buͤchſe in meiner Compagnie genannt wird, und an mir!— Ich glaube, daß ich alle ſo nach der Reihe angefuͤhrt habe, als er ſie werth haͤlt.“ 1. 6 82 „Gut das!— Doch es ſcheint, er hat von der Zigeunergleichen Frau dort, Kunde eingezogen, die er faſt in uͤbernatuͤrlicher Weiſe, da im Huͤgelabhange aufgeiagt hat; bei'm Jupiter, da iſt noch eine, und noch eine— wahrhaftig noch eine! ſchau, wie er ſein Pferd ruͤckwaͤrts treten laͤßt.— Sollte er ſich vor ihrem Angriff fuͤrch⸗ ten,— aber hier kommt er— nun Vinn⸗ mings?“ „Gefall's Euer Edlen, aber das Weib dort, die ich fuͤr keine andere anſehe, als fuͤr die Koͤnigin der Bettelbande, die's Land verpeſtet, ſagt, daß dieſer Weg grade nach Sydney⸗Luſt fuͤhrt, und daß der Weg nach Beaulieu nicht weit iſt. Da lebt meine Schweſter!“ rief Major 77 Naymond aus, als ſie weiter ritten;„ich wußte nicht, daß ſie ſo nahe bei Sydney⸗Luſt wohne; ich muß ſie beſuchen, und das bevor noch zwei Tage vergehn.“ „Iſt ſie ſchoͤn, Cuthbert?— Doch waͤre ſie das nicht, koͤnnte ſie nicht Deine Schweſter ſeyn.“ „Dank fuͤr's Compliment. Ich glaube, Mar⸗ grete wird ſchoͤn geachtet; aber Bruͤder ſind ſchlechte Richter der Schoͤnheit ihrer Schweſtern. 83 — Sie iſt ein geſcheutes, ein unternehmendes Maͤdchen; raſch und ſtets mit der Antwort bereit; eine dunkelſte Bruͤnette, aber auch, wie ich hoͤre, ſehr der Liebling ihrer Priorin; ſie be⸗ ſizt ausgezeichnetes Talent zum Erlernen von Sprachen, der Alten ſowohl als der Neuen; auch ſoll ſie gern mit den verborgenen und ab⸗ gezogenen Wißenſchaften zu thun haben.“ „Philoſoph im Nonnenkleid und Schleier!“ „Nicht ganz; ſie iſt durchaus Weib; leicht erkennt man das, aus der Gluth ihrer tiefen ſchwarzen Augen; zudem auch voller weiblicher Eitelkeiten.— Man hat mir geſagt, ich wuͤrde ſie gar wunderbar ausgebildet ſinden, und ich hoffe, dem iſt ſo; zwei Weſen, die ſo allein in dieſer laͤſtigen Welt ſtehn, als wir, muͤßen durch Herzensbande vereinigt ſeyn,— um die Wahrheit zu geſtehn, war Margrete als Kind, durchaus nicht mein Liebling; ſtets ſtrebte ſie nach Ueberlegenheit, und mir machte es Freude, ſie zu necken; inzwiſchen muß ſie jezt achtzehn oder neunzehn Jahre zaͤhlen und Weisheit er⸗ lernt haben. Armes Ding! es war in der That hart, daß ſie genoͤthigt war, unter Euch kalten Englaͤndern Schuz bei den Stuͤrmen in ihrem Vaterlande zu ſuchen.—“ 84 „Kalte Englaͤnder— vortrefflich Cuth⸗ bert,— gut geſagt,— bei Jupiter!— Wenn wir nicht ſtets auflodern und Flammen ſpruͤ⸗ hen wie ihr, ſo ſind wir kalte Englaͤnder. — Doch was koͤmmt uns hier entgegen?“ Sydney's Frage ward durch das ploͤzliche Er⸗ ſcheinen einer niedrigen, antiken Reiſechaiſe oder Kaleſche, veranlaßt, die vorn geoͤffnet aber zum Theil mit ledernem Verdeck verſehen war, von welchem ein tief hinabreichender Vorhang des naͤmlichen Stoffes herunterhing; dieſer Vorhang war nach Spaniſchem Gebrauche mit Franzen beſezt und aufgeſchuͤrzt; die Rollmaſchine wurde von zwei ſchoͤnen Spaniſchen Maulthieren in der Geſchwindigkeit fortgezogen, die genau mit ihrem eigenen Gefallen uͤbereinſtimmte. Dieſes ganz auslaͤndiſch laßende Fuhrweſen, enthielt zwei Perſonen, die nach dem erſten Blicke zu ſchlie⸗ ßen, den unſere Reiter von ihnen gewannen, dem weiblichen Geſchlechte angehoͤren mußten.— Wir reden abſichtlich vom erſten Blicke, weit ein feiſter, froͤhlicher Moͤnch, deßen knappe Kapuze ſeinen abgeſchornen Schaͤdel gar nicht genugſam bedeckte, und der zur Seite der Spaniſchen Maulthiere, gar gemaͤchlich auf einem gut eingerittenen, paßgaͤngernden Klepper her⸗ 8⁵ zuckelte, in dem Augenblicke, in welchem er die jungen Kavaliere ſeines Weges daher kommen ſah, den unter ſeiner Leitung ſtehenden Reiſezug Halt machen ließ, und ſich auf das emſigſte damit beſchaͤftigte, die ſonderbarlichen Vorhaͤnge des Fuhrwerkes, welches er mit ſolcher eifrigen Vorſorge begleitete, feſtzubinden und mit Na⸗ deln zuſammenzuſtecken. Seine Bemuͤhung war ihm ſo vollkommen gelungen, daß, als die Reiter zu dem Orte herankamen, auf welchem der Zug noch hielt, unter dem Vorhange nichts zu erblicken war, als die Fuͤße und Falbelats der ſchoͤnen Einſizerinnen. „Ey, Pater Frank! mein wuͤrdiger und ver⸗ ehrter Spielkamerad,— was ſoll dies, anſtatt uns zu bewillkommnen, ſteht ihr da um'nen Kaͤfich zu verſchließen, damit Eure ſchoͤnen Voͤglein, Eurer vaͤterlichen Sorgfalt nicht ent⸗ flattern.“ „Ach, Herr Baſil!“ erwiederte der Moͤnch, em die Thraͤnen des liebevollſten Willkkommen im Auge erglaͤnzten, als er des jungen Mannes Hand erfaßte:„mein altes Herz erwaͤrmt ſich fuͤr Euch; mehr als tauſend freudige Willkom⸗ men wuͤrde ich Euch jezt ſchon dargebracht ha⸗ ben, aber Pflicht, mein Meiſter, Pflicht— 86 zuerſt Pflicht ſage ich, und dann Vergnügen. Gott ſegne Dich, mein wackrer Junge,“ fuͤgte er zuͤrtlich hinzu—„ſez Deinen Weg fort, die Sonne verfinkt, und die Lady, Deine Mutter, erwartet Deine Ankunft.“ „Laßt mich Euch zuerſt meinem Freunde vorſtellen,— einem Eures eigenen triumphi⸗ renden Glaubens, guter Pater,— einem Ir⸗ laͤndiſchen Offiziere von aͤcht Koͤniglicher Ab⸗ kunft;— Major Cuthbert Raymond, dies iſt—“ Ein Gekreiſch, oder vielmehr ein furchtbar toͤnendes Geheul, ſchallte aus dem Fuhrwerke hervor, als Baſil ſprach; der Vorhang wurde aufgerißen, ſo feſt und vorſichtig ihn der Pater auch angeheftet zu haben waͤhnte, und Alice Murroughs auffallendes Geſicht, ward hervor⸗ geſtreckt; wild ſtierte ſie den jungen Irlaͤnder an, der zur Begruͤßung des Prieſters mit ab⸗ gezogenem Hute auf ſeinem Pferde ſaß. Nur einen Augenblick hatte ſie hingeſtiert, als ſie zur Seite ihrer jungen Begleiterin zu⸗ ruͤckſank, die durch eine einzige ihrer Bewegun⸗ gen, das hoͤchſte Erſtaunen ausdruͤckte; zugleicher Zeit aber bedeckte ſie, mit dem angebornen Schicklichkeitsgefuͤhle, welches ein ſittſames 87 Frauenzimmer nie verlaͤßt, ihr Antliz gar ſorg⸗ faͤltg vor den bewundernden Blicken, welche Baſil dem Angeſichte ſeiner liebreizenden, ihm aber unbekannten Muhme zurichtete. Der arme Pater Frank, ſchwebte in den aͤrgſten Noͤthen; er hatte ſeinen Klepper wieder beſtiegen und war genoͤthigt, noch einmal ab⸗ zuſizen, keine leichte Sache fuͤr einen ſo wohl⸗ beleibten Herrn. Er bat ſeinen Freund Baſil, unaufgehalten nach Sydney⸗Luſt zu eilen, waͤhrend Baſil ſich, freilich fruchtlos, abmuͤhete, ein zweites Mal das Geſicht des ſchoͤnen Maͤd⸗ chens zu ſehn; der Pater verlangte Stecknadeln, doch damit war der begleitende Diener nicht verſehn; er ſchmaͤlte Alicen, die mit unterge⸗ ſchlagenen Armen fortfuhr, ſich vor und zu⸗- ruͤckzuwiegen, ohne ſeine Vorwuͤrfe im minde⸗ ſten zu beachten; endlich gelang es ihm, ſich als Vertheidigungs⸗Wall in die ſchon ziemlich angefuͤllte Kaleſche feſtzuſezen, und nun befahl er dem Kutſcher weiter zu fahren, ohne im mindeſten Abſchied zu nehmen. Als der Zug in recht unbeholfener Weiſe ſei⸗ nen Weg fortſezte, ritten die beiden Offiziere mit ihren Dienern zur Hoͤhe eines kleinen Huͤ⸗ gels hinan, um die Bewegungen der Reiſege⸗ 88 ſellſchaft zu beobachten, die in wunderbarer Art ihre Lachluſt ſowohl, als ihre Theilnahine er⸗ regt hatte.. „Noch nie war ein armer Pfaff in ſolcher Schlinge;“ ſagte Baſil;„die Frauen muͤßen koſtbare Ladung ſeyn.— Bemerkteſt Du die Juͤngere, Cuthbert? In meinem Leben habe ich ſolche Augen nicht geſehn; waͤre die Schoͤne in Koͤnig Charle's Geſichtskreiſe geweſen, ſo glaube ich nicht, ſie waͤre zum Nonnenkloſter geſchickt, wie dieſes junge Geſchoͤpf ganz gewiß wird.“ „Nein, auf Ehre,— Eur Koͤnig da, Ba⸗ ſil, war kein Tugendheld. Doch wer kann die halbverruͤckte Alte ſeyn?— Die ſchien gar nicht geneigt, eine Duenna abzugeben.— Schau hin!— Der Prieſter kann's nicht laͤnger aus⸗ halten;— er ſteigt aus;— ſieh' nur, wie er ſich die Stirn trocknet und ſein Haupt gegen uns ſchuͤttelt; ſtell Dich als ſprengteſt Du zu⸗ ruͤck.— Trefflich, Baſil!, denn nun waͤlzt er ſich wieder hinein; und horch! hoͤrteſt Du jenes Lachen, das vom Windhauche hergetragen, ſo erheiternd und freundlich erklingt?— O! wie ſuͤß iſt eines jungen Maͤdchens Gelaͤchter! Nicht das helle Schmettern eines ſiegreichen 89 Haufens erklingt halb ſo erfreuend am Berges⸗ Abhang, als das ſchallende Gelaͤchter eines Milchmaͤdchens in ſeiner Luſt!— O Baſil, wie oft tanzte mein Herz in den Tagen meiner Knabenzeit nach alle den erfreuenden Toͤnen, welche die Luft meiner Irlaͤndiſchen Heimath durchſchwirrten. Mein Vater liebte den Pomp, die glaͤnzende Pracht, und Gaſtfreundſchaft alter Zeiten; vor dem Schloßthore hing das Buͤgelhorn, und nie meinte man, es ertoͤne zu oft, die wenigen Menſchen die Landpacht zahlten, der er den Namen„Tribut“ gab, mogten fuͤr immer innerhalb unſerer Mauern weilen, und nie um den Tag ihres Abzuges befragt werden. Die Gebraͤuche und Entſagun⸗ gen ſeiner Kirche, waren fuͤr ihn nichts anders als Erholungen. Und doch hatten wenige Men⸗ ſchen ſo viele Pilgerzuͤge nach entfernten Laͤn⸗ dern vollbracht, als er. Cromwell aber ehrte keinen andern Glauben als den ſeinigen; und um die Wahrheit zu geſtehn, mein Vater ſcheute ſich nicht, deßen puritaniſchen Unwillen zu reizen. Tanz und Feſtlichkeit waren been⸗ digt;— da erſtiegen aus unſern Thuͤrmen dunkelrothe Flammen, ein Rauch ſo erſtickend, daß die verwirrten Voͤgel, die zwiſchen Thuͤrm⸗ 90 — lein und Baͤumen geniſtet hatten, auf ihren Schwingen erſtarrten und widerſtandlos in die brennenden Truͤmmer fielen. Unſere Knechte wurden mit Bluthunden gehezt, und—“ Des jungen Mannes Auge ward duͤſter, ſeine Lippen preßten zuſammen, als Baſil Sydney, der die Geſchichte vom zertruͤmmerten Flor des Hauſes Raymond ſehr gut kannte, freundlich ſeine Hand auf des heftigen jungen Mannes Arm legte, ihn anlaͤchelte und bat, er moͤgte nicht mit bewoͤlkter Stirn, zum Park von Sydney⸗Luſt einreiten. „Wir haben Alle gelitten und moͤgen noch leiden,“ bemerkte der hochherzige Sydney, „aber ſchaffen wir uns nicht neue Leiden, durch Wiederholung vergangener Uebel, oder durch Vorausbedenken Anderer, die noch kommen koͤnnen. Horch!— da iſt ein Ton, meinem Ohre voͤllig ſo ſuͤß, als das muthwillige Lachen eines ſchaͤkernden Maͤdchens erklingt;— horch! — da iſt's wieder;— es iſt der Schall von meines Vaters Pfeife, der ſeine Ruͤckkehr von den Ausfluͤgen verkuͤndet, die er ſo ſehr liebt. Er kann nicht fern von uns ſeyn; vielleicht, weil er die Formen verachtet, an denen meine Mutter ſo entzuͤckendes Behagen findet, ging 1 8 2 91 er hinan zu irgend einer Anhoͤhe oder zu einem Feldthurme, um die erſte Federſchwinge von unſern Helmen zu erſpaͤhn, das erſte Wiehern unſerer muͤden Pferde zu erlauſchen.— Ich kann den Antworts⸗Pfiff nicht vergeßen ha⸗ ben.“ Somit bog er ſeinen Finger zuſammen, ſezte den an die Lippen, und brachte einen Ton hervor, der voͤllig ſo gellend pſiff als je⸗ ner andere; alsbald ward es im nahen Unter⸗ buſch lebendig, man vernahm eine Art vor⸗ draͤngenden Geraͤuſches, und Ralph Bradwell begleitet von einem Paar bißig ausſehender Hunde, ſtreckte ſein Geſicht aus dem Buſche hervor, das von ungewoͤhnlicher Anſtelligkeit erglaͤnzte; er umklammerte die Hand ſeines jungen Herrn und bedeckte die mit ſeinen Kuͤßen. Es lag in dieſer voͤllig unvermutheten Begruͤ⸗ ßung des halb bloͤdſinnigen Ralph, etwas ſo hingebendes, ſo ganz ihn begluͤckendes, ſo voͤllig entferntes von jeder Anhaͤnglichkeits⸗Schauſtel⸗ lung, daß Baſil, der etwas aͤhnliches am gu⸗ ten Ralph nie gekannt hatte, dadurch bis zu Thraͤnen geruͤhrt wurde. Nachdem des guten Menſchen Augen, des jungen Herrn Geſicht buchſtaͤblich eingeſogen hatten, wandte er ſich zu Major Raymond, entbloͤßte ſeinen eingefloch⸗ tenen Kopf, und begruͤßte ihn mit roher Zier⸗ lichkeit die nicht weniger gefallend ſchien, weil fie Ergebniß aͤchter Freundlichkeit war. Nachdem er ſelber ſich ſo zufrieden geſtellt hatte, gedachte er ſeines Herrn, brach ploͤzlich in ein lautes Halld aus und ſprang zuruͤck in das Dickicht. Der Ruf derſelben Pfeife ward wiederholt, viel naͤher als vorhin,— er ſchallte aus einem Hain junger Eichen her, und durchſchwirrte die Luft als ein lebendiges Weſen, das die ir⸗ diſchen Toͤne mit den Himmelslauten in ſchoͤnen Einklang bringt. Am Parkthore ſtand der ehrwuͤrdige Sir Everard,— oder bebte vielmehr, dem Empfange ſeines Sohnes entgegen, dieſer war fuͤr ihn ein reiner, entzuͤckender Genuß von Gluͤckſelig⸗ keit, dem ſich in dieſem Augenblick kein fal- ſcher Zuſaz beimiſchte. Der alte Mann druͤckte ihn an ſein Herz; ſein langes greiſes Haar, das wie wir vorhin ſchon geſagt haben, ſo gefallſam zu ſeiner gealterten, aber doch noch ſchoͤnen Geſtalt paßte, vermengte ſich mit den ſchwellenden Seidenlocken, welche Natur, viel⸗ leicht auch ein wenig Kunſt, nach der allerge⸗ 93 prieſenſten Mode, uͤber Baſils Schultern hinab⸗ wallen ließ. Im Herrenhauſe erwartete den jungen Mann, eine viel ſtattlichere Begruͤßung. Lady Sydney, die mit den Großen und Maͤchtigen heutiger Zeit, die Meinung naͤhrte, daß jegliche Darle⸗ gung von Gefuͤhl, eine Abweichung von ganz nothwendiger Wuͤrde ſey, ſtand in ihrem mit Juwelen aufgeſpanntem Gewande von Karmoiſin⸗Sammet, ihrem Diamanten ſchim⸗ merndem Leibchen, und mit ihrem prunkendſten Reifrocke, in der Eingangshalle, bereit den Sohn zu empfangen. Hinter ihr in angemeße⸗ ner Ferne war die maͤnnliche und weibliche Dienerſcha eſtkleidern, nach ihren Abſtu⸗ fungen birterehe und weil der Abend ſchon voͤllig dunkelte, fuͤllte das ganze Innere dieſer Halle ein blendender Lichtſchein! Dies brachte glaͤnzende, ſchoͤne Wirkung hervor, auch erfreute es Baſil, daß ſein Freund das Vaterhaus in deßen beſtem Erſcheinen erblicken ſollte. Der arme Cuthbert! die Einnerung an das, was einſt ſein eigenes Schloß geweſen, hatte ihn gewaltſam ergriffen; das Bewußtſeyn in eben dieſem Augenblicke. keinen andern Wohn⸗ 94 plaz zu beſizen, als ſein Zelt, keinen andern Reichthum als ſein Schwerdt, truͤbte und er⸗ kaltete die Freude, die ihm ſonſt der Anblick des Gluͤckes ſeines liebſten Freundes, gemacht haben wuͤrde. Ein gewoͤhnlicher Beobachter wuͤrde geſagt haben, daß Lady Sydney die Zuſammenkunſt wohl ertrug; doch mehr als einmal trat ihre bedachtſame Zofe,— welche ihre Herrin beßer als irgend jemand kannte,— zu ihr, aus Furcht, ihre Glieder moͤgten ihr in dieſer Stunde pruͤfenden Triumphes, den Dienſt ver⸗ ſagen; mit emporgerichtetem Haupte und thraͤnenloſem Auge ſtand ſie da, als der Juͤng⸗ ling, der ſie als ſchoͤner, aufgeſchoßener Knabe verlaͤßen hatte, nun al und wacke⸗ rer Offizier in ihre Arme flog, nachdem er ſich hohe Ehren in einem Kampfe erworben, fuͤr den ſie ihre ganze Seele zum Pfande einſezte. Sie ertrug es gut; im Anfang hielt ſie ihren Sohn kraͤftig auf Armslaͤnge vor ſich, zergliederte ſeine Geſichtzuͤge mit der entzuͤckenvollen, ſtolzen, glorreichen Freuden⸗ fuͤlle, die nur eine Mutter empfinden kann; dann nachdem ſie ihr Herz durch Anſchauen kefriedigt hatte, ſank ſie zum Erſtaunen aller 4 95⁵ Umſtehenden, unmaͤchtig an ſeine Bruſt, und ward nach ihrem Zimmer getragen, bevor ſie ſich wieder erholt hatte. 96 Viertes Kapitel. „Der Kerker iſt ein Sorgenhaus, Kein Wohlergehn darin.“ Der Kerker iſt ein Sorgenhaus,“ ſagt unſer Notto. Was iſt aber ein Kloſter?— Ach! wenn es ein Ort ſchuldloſer Zufriedenheit iſt, ſo iſt's ebenfalls ein Ort tiefer Gemuͤthspein, — ein Ort an welchem viele Sinnesartennſich begegnen, ohne ſich zu vermengen,— wo recht viel jener ſtillen Nuzloſigkeit weilt, die mehr durch Sanftmuth als Staͤrke gefaͤllt, und eben⸗ falls recht viel muͤrriſche Unzufriedenheit— eine Unzufriedenheit, die durch den Mangel an Mitgefuͤhl muͤrriſch wird. Wir haben freilich noch keine Nonne geſehen, die nicht erklaͤrte, ſie ſey gluͤcklich,— die nicht die Verſicherung gab, gluͤcklich, ganz gluͤck⸗ lich zu ſeyn, in dem Augenblicke, in welchen 4 97 ihr Gedaͤchtniß zu Schauplaͤzen zuruͤckwander⸗ te, welche ſie nie wieder betreten ſollte. Dergleichen religioͤſe Stiftungen bieten ge⸗ brochenen Herzen allerdings eine ruhige, ſtille Zuflucht. Aber das Uebertreten der Schwelle eines Nonnenkloſters reicht nicht dazu hin, um⸗ ſchweifende Gedanken zuruͤckzurufen, noch den Heiligenſchein der Zufriedenheit uͤber ein Ge⸗ muͤth zu verbreiten, das durch irdiſche Kaͤmpfe und Leiden zerrißen iſt. Die Zeit allein iſt das einzige Heilmittel im Ungluͤck; ungern ſchließen wir unſer Auge auf Erden, ſo lange noch Hoffnung bleibt, die uns beßere Tage ver⸗ heißt. Nichts kann im ſtaͤrkeren Widerſpruch mit der Natur ſtehen, als die Erwartung, daß ein iugendliches, freudeliebendes Gemuͤth, zufrieden in einem Kloſter leben ſoll. Ein Vogel, der ſeine Freiheit in Fluren und auf Bergen liebt, ſperrt ſich nicht in den Kaͤfich; und von allen. Geſchoͤpfen, die jemals im Morgenthau tanz⸗ ten und mit Sonnenſtrahlen Wettlauf hielten, war Roſalinde Sydney am allermindeſten ge⸗ eignet fuͤr Kloſterregeln und Beſchraͤnkungen; ſie hing an Pater Frank, als ſey er der ein⸗ iige Freund, den ſie auf Erden beſize; und 1. 7 98 troz des beſtehenden Religions⸗Unterſchiedes liebte der Prieſter ſie, als waͤre ſie— mit aller Ehr⸗ erbietung ſey's geſagt— ſein eigenes Kind. Die Priorei St. Mary war eigentlich ein neuerer Aufbau, beſtehend aus einem Theile der Abtei Beaulieu, welcher urſpruͤnglich zur Wohnung des Abtes aufgefuͤhrt war, nach der Aufloͤſung jedoch, in einen Familienſiz umge⸗ wandelt wurde. Lady Mary Powis, die Priorin, hatte eine Zeitlang in einem Spaniſchen Kle⸗ ſter gelebt, als aber Jakobs religioͤſe Meinun⸗ gen dermaßen im Auslande bekannt wurden, um den Roͤmiſch⸗Geſinnten Hoffnungen zu er⸗ wecken, welche ſie in vielen Jahren nicht ge⸗ wagt hatte, zu naͤhren, da kehrte ſie zu ihrem geliebten Vaterlande zuruͤck, begleitet von eini⸗ gen Nonnen und eifrig verlangend, in der Naͤhe des neuen Forſtes eine Art von Kloſter⸗ ſchule anzulegen. Die Umgegend von Beaulieu war durchaus paßend fuͤr ihre Zwecke; alle Le⸗ genden, welche die Heiligkeit dieſes Ortes prie⸗ ſen, wurden mit eifriger Andacht wieder in das Leben gerufen; in weniger als ſechs Mo⸗ naten hatte die Stiftung ſchon in wunderbarer Weiſe zugenommen; waͤre die katholiſche Dy⸗ naſtie geblieben, ſo wuͤrde noch jezt die Prio⸗ 99 rei St. Mary gezeigt werden, deren Mauern nun unter Beaulieus wohlbekannten Truͤmmern zerbroͤckeln. Die jungen Damen, welche in der Priorei aufgenommen wurden, um jene Geſchicklichkei⸗ ten ſich anzueignen, welche alle auslaͤndiſche Nonnen in hohem Grade beſaßen, wurden ſtrenger Beſchraͤnkung unterzogen, blieben je⸗ doch getrennt von denen, die den weißen oder ſchwarzen Schleier genommen hatten, und die deshalb eine viel ſtrengere Lebensregel in Woh⸗ nung und Bekoͤſtigung befolgen mußten, als jene. Pater Frank ſchilderte der Abtißin mit Waͤrme die Talente ſeiner jungen Freundin, und wuͤnſchte auch, daß in deren Schlafzelle, oder doch ganz nahe dabei, ein Bett fuͤr Alice Murrough bereitet werden moͤgte. Das war ein uͤbler Eingriff in die Kloſterregeln; indeßen Lady Sydney's Boͤrſe war das Zaubermittel, das Alles ausglich, in den Punkten, uͤber welche Unterhandlung einzuleiten, der Prieſter kluͤglich achtete.— Am andern Morgen verließ er Roſalinde, um nach Sydney⸗Luſt zuruͤckzu⸗ kehren, ein Weg von nur fuͤnfzehn Engliſchen Meilen— zu deßen Zuruͤcklegung ſeiner Lady 3 Lieblings⸗Maulthiere mindeſtens ſechs Stunden 100 verwandten;— er war der Meinung, Ro⸗ ſalinde moͤgte fuͤr eine Zeitlang ſo ziemlich gluͤcklich im Kloſter leben, doch Nonne wuͤrde ſie niemals werden. „Wie hat ma Collin geſchlafen? 2“ fragte Alice am andern Morgen,„wie behagte ihr die Luft im heiligen Hauſe?— So viel iſt gewiß, daß ich ſelber in langen Jahren eine ſolche Nachtruhe nicht erfahren habe, troz der Schwaͤche, die mich in der ſchoͤnen Kutſche be⸗ fiel, in der zu fahren, die Lady gewiß als eine große Ehre einer ſo armen Sterblichen anrech⸗ net, wie ich bin.— Ach! Armuth trennt gute Geſellſchaft. Das Blut in der alten Alice Adern iſt Alaerſüfneher, als das ihrige. Ich koͤnnte meinen Stammbaum mit ihr vergleichen bis hinauf zum Eroberer, wie er genannt wird; ich habe gar nichts beſonders gegen den vor⸗ zubringen; er war hoͤflich genug gegen mich, und ſein gutes Recht hatte er, und ich mit ihm, in ſeinen Kriegen im Auslande, wie in der Heimath.“ „Ihr, Alice?“ „Ja, ma Vournin, ich, oder, was ganz einerlei iſt, meine Vorfahren— meine Ur⸗ großvaͤter.— Ich glaube, ſie iſt nicht aͤlter, 101 als Koͤnigin Eliſabeth— dieſe bittere Kezerin gegen mich und die Meinen! dieſe ſchwarzher⸗ zige, rothhaarige, moͤrderiſche Jezabel!“ „Schaͤmt Euch, Alice! unſere glorreiche Koͤ⸗ nigin duͤrft Ihr in ſolcher Weiſe nicht ſchmaͤ⸗ hen. Hier, helft mir dieſen drolligen Anzug be⸗ feſtigen, der den Koſtgaͤngerinnen zu tragen auferlegt iſt. Es iſt wirklich zu arg, daß ich alle meine ſchoͤnen Locken zuruͤck binden muß— meine ſonnigen Locken, wie mein lieber Oheim ſie zu nennen pflegte; und doch duͤnkt mich, es ſtand dem ſchwarzen Maͤdchen nicht uͤbel, die ſie Schweſter— ich hab' den Vornamen vergeßen— Schweſter Raymond nannten.“ „Raymond!“ rief die Amme,„wiederum Raymond! Heilige Maria! iſt dies das Klo⸗ ſter, wohin Margrete Raymond gebracht wurde?“ „Ganz richtig, Margrete war der Name.— Aber ſagt mir nur, liebe Alice, was hat denn der Name Raymond ſo Schreckliches, daß Ihr jedesmal die Farbe wechſelt, wenn er ausge⸗ ſprochen wird?“ „Alles arbeitet,“ fuhr die Amme fort,„Al⸗ les, Alles in eigener Weiſe; und Gott wird's zu ſeiner Zeit zu Ende bringen——“ 102 „Geſtern,“ bemerkte Roſalinde,„uͤberfiel's Euch, als wir jenen Herren begegneten, von denen der gute Pater Frank meinte, ſie wuͤr⸗ den uns aufeßen;— jezt duͤnkt mich, habt Ihr wieder ſolch einen Anfall.— Alſo ſagt Ihr, meine Tante ſchickt mich fort von Syd⸗ ney⸗Luſt, weil ſie nicht wollte, daß ihr Sohn ſich in ſeine arme Muhme verlieben ſollte?— Die Dame haͤtte mich beßer kennen ſollen; ſel⸗ ber wenn ihr ſtolzer, ganz wie Sydney aus⸗ ſehender Sohn mich ſeines Anblicks wuͤrdig ge⸗ achtet haͤtte, ſo beſize ich, wie ich hoffe, zu viel Selbſtgefuͤhl, um mich dadurch herabzu⸗ wuͤrdigen, daß ich die Liebeleien eines Men⸗ ſchen dulden ſollte, den gelehrt iſt, mich als eine Geringere zu betrachten. Gott ſey denen gnaͤdig, welche die Welt ſchimpflich⸗geboren nennt! O, wie bitter, wie unſaͤglich bitter buͤßen Sie ihrer Aeltern Suͤnde! Schau! ich bin jung, nicht garſtig anzuſehen, bin groß⸗ muͤthig und offenherzig, obgleich ich's ſelber ſage; nur ein Gefuͤhl erfuͤllt mich,— das Ge⸗ fuͤhl freundlicher Guͤte fuͤr das ganze Menſchen⸗ geſchlecht;— ich koͤnnte keinem Wurme weh thun. Zwoͤlf lange Jahre habe ich meines Oheims Haus bewohnt; habe die Verachtung 103 auf meiner ſtolzen Tante Stirn geſehen; bin ſpaͤt aufgeblieben und fruͤh wieder erwacht, um ihr gefallen zu koͤnnen, deren Augen vereiſet ſchienen, wenn ſie auf mich blickte; und doch, Alice, in dem großen, großen Hauſe war nur mein Oheim, und die armen ſtummen Thiere — der Hund und die kleinen Voͤgel, die ich taͤglich fuͤtterte— nur dieſe allein liebten mich wahrhaft.“ Die alte Alice aͤchzte aus tiefer Bruſt und bedeckte ihr Geſicht mit den Haͤnden. „Weint nicht, Amme; Ihr konntet es nicht aͤndern. Ihr— ja, Ihr liebtet mich, Alice. Vergas ich zu ſagen, daß Ihr mich liebtet? dann bin ich ein undankbares Maͤdchen.— Auch Pater Frank liebt mich ja.— Nun da ſind— mein Onkel, eins; Ihr, Amme, zwei; der Pater, drei;— doch Branno liebt mich mehr, als der Pater;— alſo Branno, drei; der Pater, viere; und alle die kleinen Voͤgel, ſo unzaͤhlig, als die Sterne am Himmel!— Da werde ich doch am Ende von recht Vielen geliebt; und woruͤber ſollte ich klagen?— Diejenigen, die mich lieben, lieben mich um meiner ſelbſt willen, thun ſie das nicht, Am⸗ me?“ 104 Alice ſprach immer noch nicht; das guther⸗ zige Maͤdchen blickte halb ſcherzend, halb ſchmol⸗ lend zu ihr hin. „Ihr ſeyd ſo veraͤnderlich, wie ein April⸗ Tag, Amme, ſchaͤmt Euch. Hier ſeyd Ihr her gekommen, damit ich nicht traurig werden ſoll⸗ te, und nun tragt Ihr dazu bei, mich elend zu machen!— Wie geht das zu 2 „Da habt Ihr gewißlich die Wahrheit ge⸗ ſprochen, Miß Roſalinde,“ erwiederte Alice endlich und zog die Haͤnde von ihrem Geſichte fort,„die Wahrheit habt Ihr jezt geſagt, wie Ihr's immer thatet, ſeitdem Ihr ſprechen konn⸗ tet. Jezt ſagt mir einmal, wie es waͤre, wenn ich Verraͤtherin wuͤrde und Euch betroͤge; wenn ich ein boͤſes, ſchwarzes, bitteres Weib waͤre, ſo boͤs, ſo unwuͤrdig, ſo undankbar, als die gottloſe Koͤnigin, koͤnntet Ihr mich dennoch lieben?“ Roſalinde, deren ſchmerzlich aufgeregte Ge⸗ fuͤhle vor wenigen Augenblicken faſt der Thraͤ⸗ nen bedurft haͤtten, um ihr Herz nicht zu zer⸗ ſprengen, fuͤhlte ſich im gluͤcklichen Wechſel⸗ reichthume jugendlicher Gemuͤther, zum Lachen uͤber die Hartnaͤckigkeit gereizt, mit welcher Amme Murrough jegliche Gelegenheit ergriff. 105 — oder dieſe vielmehr ſchuf, um die Koͤnigin Eliſabeth unter allen paßenden, oder nicht paſ⸗ ſenden Vorwaͤnden, mit den Haaren herbeizu⸗ ziehen. „Amme,“ ſagte ſie,„ich bin gewiß, Ihr werdet nimmermehr boͤſe, ſchwarz oder bitter, noch im mindeſten Eurer Favorit⸗Koͤnigin aͤhn⸗ lich werden; alſo hat's gar keine Gefahr, daß ich Euch minder lieben ſollte, und Euch mehr zu lieben, vermag ich nicht wohl.“ Recht ſchmerzlich ſchuͤttelte Amme Murrough ihr Haupt und ſagte nach einer Pauſe:„noch iſt's nicht an der Zeit; aber der Tag mag viel⸗ leicht kommen, an welchem dieſe ſtrahlenden, rothen Lippen mich in meinem Grabe verflu⸗ chen!— Och! deſto ſchlimmer!— och, deſto groͤßerer Jammer! Wir wißen gar nicht, wozu wir kommen moͤgen!— geboren ſind wir Al⸗ le, doch wie wir ſterben werden, weiß keiner. — O Jammer! o Elend! Gott erhalte uns, und beſchuͤze uns!— Und nun ſag' mir die Wahrheit, mein Liebling, welcher von den ſchoͤnen jungen Herren, die wir geſtern ſahen, gefiel Dir am beſten?“ „Will's Euch ſagen, Amme,“ erwiederte Ro⸗ ſalinde erroͤthend,„wenn ich's ſelber weiß, 106 —q— mir gefiel, genau genammen, keiner von ih⸗ nen, und doch geſielen mir Beide. Der Syd⸗ ney ſchien mir der ſanfteſte und gar nicht hoch⸗ fahrend, ſondern mehr, wie mein Oheim; doch der Andere war der ſchoͤnſte, der kriegerichſte von Beiden, obwohl ich, die Wahrheit zu ſa⸗ gen, kaum hingeblickt habe, denn ſuͤr Maͤdchen iſt's nicht gerathen, vorwizig zu ſeyn,— Da. da iſt—— „Margrete Raymond!“ rief Alice aus, und deutete durch's Fenſter, an dem ſie ſtanden, auf eine hohe, ſchlanke, ausnehmend ſchoͤne Geſtalt, die mit feſten, faſt kriegermaͤßigen Schritten unter den Schatten einer hohen Lin⸗ denallee wandelte, deren junges, zartes Laub in der Morgenſonne flatterte. „Mutter Maria! wie aͤhnlich, nur noch ſchoͤ⸗ ner, viel, viel ſchoͤner!— Ja, das iſt's, das kurze, ſchnelle Wenden des Kopfes, der eilfer⸗ tige Schritt.— Heilige Maria, bete fuͤr un⸗ ſere Suͤnden!“ „O wie ſchoͤn ſind ihre Zuͤge, ſo rein und ſo ausdrucksvoll geſchnitten,“ ſprach Roſalinde zu ſich ſelber,„ich koͤnnte ſie Baſil Sydney aͤhnlich halten, nur daß der Ausdruck ihres Geſichtes mehr— mehr, wie ſoll ich ſagen?— 107 ich weiß es nicht zu benennen.— Da, ſie ge⸗ wahrt und begruͤßt uns.“ In dieſem Augenblicke waͤre die Scene im Kloſtergarten dem Pinſel eines Kuͤnſtlers wuͤr⸗ dig geweſen.— Margrete Raymond hatte Ro⸗ ſalinde bemerkt, als dieſe durch das hohe, ſchmale Fenſter vorlehnend, ihrer Amme das ſchoͤne Irlaͤndiſche Maͤdchen zeigte. Margrete war hoͤher und zarter gebaut, als Roſalinde; dagegen hatten ihre Geſichtszuͤge ei⸗ nen eigenen, wilden und fremdartigen Aus⸗ druck, ganz beſonders wenn ſie laͤchelte; Roſa⸗ lindens Laͤcheln zeigte aber unvergleichliche An⸗ muth. Doch Margretens ganze Haltung und Benehmen enthielt etwas Wuͤrdevolles, als ſie mit Kußhand die Begruͤßung ihrer neuen Be⸗ kannten erwiederte; ihr Kopf war zuruͤckgewor⸗ fen, und wiewohl ihr Rabenhaar auf's knappſte unter der Haube oder Kappe vom feinſten Ba⸗ tiſt zuruͤckgebunden, und ihr ſchwarzſeidenes Gewand mit breitem, ſchwarzledernem Riemen um ihren ſchlanken Leib befeſtigt war— ein⸗ Bekleidung, die durchaus nicht darauf berech⸗ net ſeyn konnte, ihre Geſtalt im vortheilhaf⸗ teſten Lichte erſcheinen zu laßen, ſo liehen die bauſchenden, bis zu ihren Fuͤßen hinabreichen⸗ 108 — den Falten des Rockes, ihren Bewegungen doch eine Zierlichkeit und Leichtigkeit, die ihnen ge⸗ fehlt haben moͤgte, waͤre ihr Gewand gewaͤhl⸗ ter geweſen. „Die himmliſchen Heiligen umgeben uns!“ rief die Amme, nachdem ſie eine Minute die Fremde betrachtet hatte,„wer haͤtte denken können, daß ich leben ſollte, Euch Beide zu⸗ ſammen kommen zu ſehen? Euch Beide— die ich hier ernaͤhrte,“ ſie kreuzte ihre Arme uͤber ihrem verwelkten Buſen,„Euch Beide!“ „Schweſter Roſalinde,“ ſprach Miß Naymond unten aus dem Garten zum Fenſter hinauf, „zum erſtenmale ward zur Fruͤhmette gelaͤutet, man wird nach uns ausſehen; ſoll ich herauf kommen zu Deiner Schlafzelle und Dir unſere Gebraͤuche zeigen?“ „Ich bitte Dich, thu' das, erwiederte Roſa⸗ linde, und ſagte dann zu ihrer Amme von Staunen ganz ergriffen:„ſagtet Ihr im vollen Ernſte, Amme, daß Ihr dieſe junge Dams geſtillt habt?“ „Gott verzeih' uns unſere Suͤnden! das that ich. 14 „Doch habt Ihr mir das nie zuvor geſagt. 4 109 „Wozu das? ich naͤhrte ſie nur drei Mona⸗ te;— ſie iſt aͤlter, als Ihr ſeyd.“ „Dann will ich ſie nun recht von Herzen lieben, ſie ſoll wahrhaft meine Schweſter ſeyn,“ ſagte Roſalinde mit Waͤrme.. „Gott verhuͤt's,“ erwiederte Alice,„gutes Blut und Freundeshand, kann nimmermehr zwiſchen Euch Beiden beſtehen.“ „Ich habe aber gehoͤrt, daß alle Raymonds die ehrenhafteſten Menſchen waren.“ „Das waren ſie auch— wer hat jemals an der Ehre eines Raymond gezweifelt?“ „Habt Ihr denn nicht eben erſt geſagt, daß gutes Blut und Freundeshand, nie zwiſchen uns beſtehen koͤnnte!— Wehe!— ſie wird mich alſo verachten; auch ſie wird auf meine Geburt ſehen und mir die zum Vorwurf machen, weil ich ein—— ich kann das verhaßte Wort nicht ausſprechen.“ Von ploͤzlicher Erregung angetrieben, ſank Alice vor ihrer Pflegetochter auf die Knienie⸗ der, mit gefaltenen Haͤnden, mit funkelnden Augen und mit alle den uͤberſpannten Merkma⸗ len Irlaͤndiſcher Beredtſamkeit, flehte ſie um aller Heiligen willen, daß ſie niemals den Um⸗ ſtand ihrer Geburt ausſprechen wolle, minde⸗ 110 ſtens nicht eher, als bis ſie ſelber dieſen Ge⸗ genſtand erwaͤhne, oder ihn in einer Art her⸗ beifuͤhre, die nicht mißverſtanden werden koͤnne. —„Thut Ihr es, dann moͤgt Ihr eben ſo⸗ wohl mir ein Meßer an die Kehle ſezen und mich auf der Stelle toͤdten, und wem auf die⸗ ſer weiten Welt koͤnnte das Nuzen bringen;— noch dazu, da ich ſo viel zu ſagen habe vor meinem Tode. Jezt verſprich, Kind verſprich, ſo wahr Du in jenem Leben auf Gnade und Barmherzigkeit fuͤr mich, oder fuͤr Dich hoffſt.“ Roſalinde that, was von ihr verlangt wur⸗ de; doch nicht ohne ihr Erſtaunen daruͤber aus⸗ zudruͤcken, was ihre Amme ergriffen haben koͤnnte, daß ſie ſolche auffallende Grillen zeigte. Kaum hatte ſie ihr Verſprechen gegeben, als Margrete Raymond auf die Thuͤr klopfte, dann hereintrat und auf die Stirn der Proteſtantin ein Kreuz zeichnete und einen Kuß druͤckte. Nach einigen kurzen Begruͤßungen eroͤffnete Noſalinde ihr, daß ſie Beide in ihrer Kindheit von dieſer Amme genaͤhrt worden ſeyen, die ſie ihr zugleich vorſtellte; doch haͤtte ſie weinen moͤgen uͤber Miß Raymond's ſchneidende Be⸗ merkuug. 111 — 1„Alſo war es mit Euch, daß ich die Blat⸗ tern bekam, ſo daß meine Mutter mich Eurer Pflege entzog, als ich kaum drei Monate alt war?— Ich habe Grund, das zu wißen, denn noch jezt bleiben mir leichte, ſehr leichte Spuren der Krankheit.“ „Gewiß ſchmerzt es die arme Amme, das zu hoͤren,“ ſagte Roſalinde, die gar nicht wußte, was ſie reden ſollte.. „Alſo ſeyd Ihr wirklich die Frau, die, wie meine Mutter ſagte, mit einem fremden Kinde davon ging, niemand wußte wohin?“ „Ruhe!“ rief Amme Murrough, ohne das mindeſte Anzeichen der Hoͤflichkeit, welche dieſe merkwuͤrdige Frau bei gewoͤhnlichen Veranlaß⸗ ſungen auszeichnete.„Dieſes iſt das Kind, das ich aus den hohen Brenneßeln und dem ſtachlichen Ginſter aufnahm, die nun wachſen, wo ehemals Raymond⸗Schloß ſtand. Habt Ihr, Miß— Miß Raymond, irgend etwas gegen ſie zu ſagen?“ „Welch ein ſonderbares und wildes Weib! 1⸗ bemerkte Margrete, ſchob mit einer ziemlich be⸗ ſchuͤzenden Miene ihren Arm durch den der ar⸗ men Roſalinde, die zitternd und vor Schaam wie aus Stolz, erroͤthend neben ihr ſtand.„Wie 112 hoͤchſt ſeltſam, daß wir uns hier treffen ſollten! — doch wir muͤßen zur Fruͤhmette— da laͤu⸗ tet es zum zweiten Male.“ „Ich kann nicht zur Fruͤhmette gehen,“ er⸗ wiederte Roſalinde,„ich bin Proteſtantin.“ „Proteſtantin!“ wiederholte Margrete und ſezte dann recht ſtrenge hazn⸗„was wollt Ihr hier?“ „Wahrlich, ich weiß es ſelber nicht,“ ant⸗ wortete die Aermſte,„doch dies weiß ich, daß Lady Sydney ſogar, nie von mir verlangte, ihrem Gottesdienſte beizuwohnen.“ „Lady Sydney, von Sydney⸗Luſt!— nun was iſt die Euch?“ „Meines Oheims Frau,“ erwiederte Roſa⸗ linde mit Wuͤrde. Als empfinde ſie, daß ihre abgerißene Frage einige Entſchuldigung noͤthig mache, bemerkte Margrete:„ich fragte nur, weil meines Bru⸗ ders auserwaͤhlter Freund Captain Baſil Syd⸗ ney iſt.“ „Dann iſt er jezt mit ſeinem Freunde,“ ent⸗ gegnete Roſalinde in ihrer natuͤrlichen Einfach⸗ heit,„denn ich weiß, ſie ſind geſtern in Syd⸗ ney⸗Luſt angekommen.— Es waͤre aber beßer, Ihr ließet Euch durch meine Weigerung nicht 113 abhalten, zu der Fruͤhmette zu gehen; ſchon laͤutet die Glocke nicht mehr.“ . Margrete betrachtete ihre junge Gefaͤhrtin mit pruͤfendem Blicke, nur einen Augenblick dauerte dieſer Blick, war aber tief, duͤſter, durchdringend. „Iſt es Dein wirklicher Ernſt, nicht in die Fruͤhmette gehen zu wollen? und iſt es klug von Dir, unſerer heiligen Religion in einer ihrer geweihteſten Staͤtten Troz zu bieten?“ „Voͤlliger Ernſt iſt es mit meiner Weige⸗ rung,— und meinen eigenen Glauben verehre ich zu ſehr, als daß ich dem Glauben irgend eeines andern menſchlichen Weſens trozen, oder ihn verlezen ſollte. Ich habe den Pater befragt und er hat mir geantwortet, es ſey nüht noͤ⸗ thig. Noch mehr, Miß Raymond— „Wir nennen einander hier Schweſtern,“ unterbrach die junge Dame ſie;„ich nenne Dich Schweſter Roſalinde und Du mußt Schwer ſter Margrete zu mir ſagen.“ „Recht gut; doch wollte ich nur bemerken, daß ich nicht glaube, die Lady Mutter werde gegen mein Ausbleiben Einwendungen machen; mindeſtens hoffe ich das nicht; denn keine ir⸗ I. 3 8 114 diſche Gewalt ſoll mich jemals dem unterwer⸗ fen, was ich nach meinem Glauben fuͤr—“ „Abgoͤtterei halten muß,“ wollte ſie ſagen; doch jenes Gefuͤhl, welches zarte Gemuͤther ver⸗ mag ihren Eindruͤcken nicht zu folgen, damit ſie nicht Anderer Gefuͤhle verlezen moͤgten, ver⸗ hinderte ſie an der Ausfuͤllung des Sazes; das tiefe Roth, welches ihre Wangen uͤberzog, be⸗ wies, daß ſie beinahe einen Fehler begangen haͤtte, den ihre ſchuldloſe Natur Verbrechen ge⸗ nannt haben wuͤrde. „ch verſtehe,“ erwiederte Margrete,„Du meynſt zu ſagen, Du wollteſt lieber Maͤrtyr⸗ thum erdulden, als einen einfachen Gebrauch mitmachen, der doch gewiß keinen Harm ent⸗ halten kann. Welch eine ſchoͤne Maͤrtyrin wuͤrdeſt Du abgeben, Schweſter Roſalinde, mit dieſen ſanften Augen und dem roſigen Er⸗ roͤthen!— Nun guten Tag, ſchoͤne Dame! Ich lud Dich nur ein! und nun nimm noch den Rath von mir an, daß Du Deine Ver. nunftgruͤnde gegen Irrthum, hier nicht laut werden laͤßt; es gibt hier Zellen, ganze Stock⸗ werke von Zellen, die keine Ausſicht auf gruͤne Raſen und belaubten Baum geſtatten. Seyd Ihr auch Proteſtantin?“ 115 „Nein, das iſt ſie nicht,“ erwiederte Roſa⸗ linde, als ſie ſah, daß Alice keinesweges ge⸗ neigt war, fuͤr ſich ſelber zu antworten,„ſie iſt eine getreue, und ich kann dafuͤr einſtehen, eine eifrige Katholikin. Glaubt mir, junge Dame, mein Herz kennt in ſeiner Zuneigung keinen Glaubensunterſchied; ich habe gute und heilige Beweggruͤnde, Eure Kirche zu lieben, doch das hindert nicht, die meinige noch mehr zu verehren.“ „Nach Gefallen, Schweſter, wenn ich den Namen ſagen darf. Jezt Adieu.“ Sie eilte aus der Zelle fort; ihr folgte Alice, die ſich uͤbergluͤcklich dadurch fuͤhlte, mit den Bewohnern von St. Mary die Morgenandacht verrichten zu koͤnnen. Roſalinde ſezte ſich an das kleine Fenſter, zog aus ihrer Taſche eine ſehr kleine Bibel, das Geſchenk ihres Oheims; ſie war in rothem Sammt gebunden, an den Ecken mit maßivem Golde beſchlagen und mit Hespen von eben dem edlen Metalle verſehen; ihre aͤußeren Verzierungen deuteten auf hohen Werth, doch das einfache Maͤdchen begruͤndete darauf ihre Werthſchaͤzung des Kleinodes nicht. Sie oͤffnete das Buch an einer recht geeigneten Stelle der heiligen Schrift, bei einem Texte, 116 der ſo Vielen ſchon zum Troſte gereichte, wenn ſie nur noch Verzweiflung um ſich her erblick⸗ ten. Schon in ihrer fruͤhſten Jugend und in ihren heiterſten, ſorgenloſeſten Tagen hatte ihr Gemuͤth durch das Studium der heiligen Schrift eine unterwuͤrfige Richtung bekommen; oft hatte ſie den bibliſchen Troſt nicht bedurft, aber ihn nie vergebens in jenen reinen, voll⸗ kommenen Ausſpruͤchen geſucht, die unſer Ver⸗ trauen fordern und ſichern. „Kommt zu mir Alle, die ihr wehklagt und ſchwer belaſtet ſeyd, ich will Euch Ruhe geben.“ Sie las dieſe Worte und las ſie wieder, ſie beſtaͤrkten ihren Glauben und erhoͤhten ihre Hoffnung, ſo daß ſie jene Herzen⸗Schwere,— jenen Kummer, uͤber die Vernunftgruͤnde nichts vermoͤgen,— und von denen ihr ſanftes Ge⸗ muͤth faſt niedergedruͤckt worden, nicht mehr empfand, als ſie das Buch zumachte. Kein Wunder war es, daß ſie ſich traurig fuͤhlte, nun ſie ohne ihre Schuld aus ihres Oheims Hauſe verbannt, unbeſchuͤzt in den Mittelpunkt einer Religion ſich verſezt ſah, die in der lezten Zeit ſo ſehr den Geiſt der Ver⸗ folgung dargethan hatte. Was konnte ihr Oheim ſelber dabei thun, wenn ſie durch ihre mild⸗ F. xł— 117 ausgeſprochene, aber beharrliche Weigerung, ſich einem Gottesdienſte anzuſchließen, den ſie durchaus tadelte, nicht nur den Zorn der Mut⸗ ter Kirche auf ſich ſelber, ſondern auch auf ihn luͤde. Sie fuͤhlte ſich ſo huͤlflos wie ein ge⸗ fangener Vogel im Neze, ſie kannte ihre Ge⸗ fangenſchaft und konnte doch kein Mittel zur Flucht erſinnen, noch ihr endliches Schickſal entraͤthſeln. Arme Roſalinde! Noch nicht lange hatte ſie in dieſem Nach⸗ denken zugebracht, als eine Layen⸗Schweſter ſie zu der Superiorin berief; nachdem ſie zahl⸗ loſe Gallerien und Gaͤnge durchſchritten hatte, fand ſie ſich allein in einem großen, edlen Ge⸗ mache, dem Privatzimmer der Abtißin. Hier war nichts, was ſie an ihrer Tante Betzimmer erinnerte; alles war feierlich und angemeßen und dennoch konnte Roſalinde es nicht duͤſter finden. Da war ein Kruzifl;, eine Madonna, zahlreiche Reliquien, Andachtsbuͤ⸗ cher, Mißale, Gemaͤlde heiliger Maͤnner und beiliger Frauen, eine ſilberne Vaſe oder Rund⸗ ſchuͤßel vielmehr, auf einem Fußgeſtell von gleich koſtbarem Metalle, welche das Weihwaßer ent⸗ bielt; in dieſem ſchwamm ein verwelkter Myr⸗ tenzweig, angeblich auf dem Oelberge abge⸗ 118 ſchnitten; ferner waren Heiligen⸗Schreine, Fi⸗ guren und Merkwuͤrdigkeiten da und alles mit vielem Geſchick geordnet; vor allem bemerkte man in einem ſchoͤnen Kaͤſich zwei kleine Voͤ⸗ gel, in jener Zeit aͤußerſt ſelten, nun aber in England haͤufig genug— kleine Papagaye;— wie ſie damals hießen, wißen wir nicht, jezt nennt man ſie in England„Liebe⸗Voͤgel“ — dieſe kleinen Geſchoͤpfe, die dicht neben ein⸗ ander ſaßen, ſich bewegten wie zwei getrennte Koͤrper, doch beſtimmt durch den naͤmlichen Willen, feßelten alsbald Roſalindens Aufmerk⸗ ſamkeit, ſie vergaß Kloſter, Abtißin und Alles und vergnuͤgte ſich auf's emſigſte damit, ſie aus ihrem vergoldeten Troge zu fuͤttern. Waͤh⸗ rend ſie ſo beſchaͤftigt war, trat die Priorin herein, ſtand eine Zeitlang neben ihr, ohne daß Roſalinde ihre Naͤhe bemerkte. „Dein Oheim iſt vielbekannt mit auslaͤndi⸗ ſchen Voͤgeln,“ ſagte ſie guͤtig dem ſchuͤchternen Maͤdchen,„beſizt er einige dieſer Art?“ „Ich glaube nicht, Madame,“ erwiederte Roſalinde,„ich ſah noch nie ſo kleine Papa⸗ gayen.“ Die Abtißin liebkoſete ihren Voͤgeln, die ihre Freundlichkeit kannten und ihr vertrauten, 119 ꝑC— denn ſie krochen unter ihrem Aermel mit der Zuthunlichkeit hinauf, die Guͤte nur allein her⸗ vorbringen kann. Roſalinde hatte nunmehr Zeit, die Abtißin zu betrachten, und bemerkte in ihr eine ſchoͤne, bleiche, ſchlanke Frau, deren Wan⸗ gen immer noch einige Jugendfriſche bewahrten; ihre Augen ſtrahlten im milden, ſtillen Lichte unter langen, ſehr hellbraunen Wimpern her⸗ vor; ihre Haͤnde zeigten jene zarten Formen und die ſchoͤne Faͤrbung, welche unfehlbar auf edles Blut deuten; ihre Haltung zeigte, wahr⸗ ſcheinlich ihres erhabenen Kloſterranges wegen, mehr Stattlichkeit, als im Grunde ihrer Blon⸗ dinengeſtalt angemeßen ſchien; ſie war ruhig und hoͤchſt zierlich in ihren Bewegungen, und erſchien Roſalinde im Ganzen genommen, paf⸗ ſender fuͤr den Vorſiz im Geſellſchaftzimmer, als fuͤr den in einem Kloſter. Roſalinde hatte bisher vom Katholizimus bei dem weiblichen Geſchlechte nur einen Begriff ge⸗ habt, naͤmlich den der Duͤſterheit, der ausgemach⸗ teſten traurigſten Duͤſterheit, einer Duͤſterheit zu abſchreckend fuͤr ſie, um nur den Gedanken daran ertragen zu koͤnnen; nun aber ſprach die Ab⸗ tißin von St. Mary zu ihr in ſanftem Tone, liebkoſete ihre Voͤgel und ſah uͤberhaupt aus 120 wie eine guͤtige und liebenswuͤrdige Edeldame. Kaum wollte ſie ihren Sinnen trauen. Ddiie Abtißin ſezte ſich in einen bunt ausge⸗ ſchnizten Seßel, deßen Ruͤcklehne oben mit einer Kugel und mit dem Kreuze geziert war; ſie ſagte:„ich habe Dich rufen laßen, junge Schweſter, um Dich zu fragen, weshalb Du mit den uͤbrigen Zoͤglingen heute nicht in der Fruͤhmette wareſt; ſie wird in meiner Privatka⸗ pelle gehalten, nicht in der oͤffentlichen Kapelle. Weshalb kamſt Du nicht?“ „Ich glaubte, Pater Frank habe Ihnen ge⸗ ſagt, daß ich Proteſtantin bin!“ „Es ſind andere Maͤdchen eben des Glau⸗ bens hier, doch ſind dieſe nie abgeneigt, ihre Religionspflichten mit uns zu erfuͤllen. Gott weiß, wie ſehr ich wuͤnſche, daß Alle in der naͤmlichen gluͤcklichen Heerde geeinigt ſeyn moͤg⸗ ten: dennoch wollte ich keinen Zwang anwen⸗ den, nur ſo viel— Widerſezlichkeit darf ich nicht dulden.— Ich kann Dich nicht zwingen zu beten, wie wir es thun, aber gewiß darf ich erwarten, daß ein Maͤdchen, welches ich wie mein eigenes Kind zu lieben wuͤnſche, mei⸗ ner Bitte ſo weit nachgeben wird, zu knieen, 121 wenn wir knieen, und im Chor mit einzuſtim⸗ men, der zu Gottes Preis ertoͤnt.“ Dieſe liebreiche Anforderung war fuͤr Roſa⸗ lindens Feſtigkeit faſt zu viel; beßer konnte ſie gegen Sturm ankaͤmpfen, als gegen Son⸗ nenſtrahl; auf ſcharfen Verweis war ſie gefaßt, aber nicht auf ſanfte Ermahnung. Die Ab⸗ tißin, gewiß eine guͤtige Frau und ein Muſter in den Tugenden, deren Ausuͤbung ſie ver⸗ langte, war ebenfalls genau mit der menſchli⸗ chen Natur bekannt; ſie hatte das große, wech⸗ ſelreiche Buch derſelben nicht nur geleſen, ſon⸗ dern auch den Vortheil von Zeit und Einſam⸗ keit benuzt, um das Geleſene vollſtaͤndig zu faßen und ihre eigenen Bemerkuugen in helle⸗ res Licht zu ſtellen. Der Maler miſcht ſich unter ſeine Mitmen⸗ ſchen; er wandert auf der Erde und trinkt aus einem geheiligten Zauberkelche, die Glorie und Schoͤnheit der herrlichen Welt in ſich; doch erſt im Geheimniße ſeines einſamen Kaͤmmerleins vervollkommnet er ſeine Wahrnehmungen. So iſt's mit denen, welche den Abriß des menſch⸗ lichen Gemuͤthes leſen moͤgten; den ſchoͤnen Ti⸗ tel koͤnnen ſie auf den erſten Blick gewahren, doch tief muͤßen ſie nachdenken, um das viele * 122 Geheimnißvolle, das mannichfache Walten und die verſchlungenen Einzelwirkungen zu entraͤth⸗ ſeln. Manche Gemuͤther ſind unendlich ſchwie⸗ rig zu entziffern; die Elemente des Guten und des Boͤſen ſind dermaßen verſchmolzen, daß Zeit und Veranlaßung dazu gehoͤrt, die vor. herrſchende Eigenſchaft herauszuſtellen; doch die Muͤhe iſt nicht unbelohnend, denn das große Buch des Lebens enthaͤlt koſtbare, werthvolle Blaͤtter,— jegliches iſt dem andern ungleich. Wahrlich, es iſt ein gewaltiges Geheimniß, welches wir jezt zwar leſen, aus dem wir viele Freude und vieles Leid uns abziehen moͤgen, welches wir aber voͤllig klar verſtehen werden— wann?— Dermaleinſt. Die Abtißin gewahrte, daß Guͤte der Schluͤſ⸗ fel zu Roſalindens Herzen ſey, ſie ſelber war ihrer natuͤrlichen Richtung und Gewohnheit nach geneigter, den ſanftern Weg einzuſchlagen, als den rauheren. Wiewohl Lady Mary Powis von der Natur gewiß zu einer ganz verſchiede⸗ nen Beſtimmung auserſehen war, liebten die Nonnen ſie dennoch; viele von ihnen, die aus⸗ laͤndiſche Kloͤſter bewohnt hatten, achteten ſie ungemein viel nachſichtiger, als irgend eine der Abtißinnen, welche ſie fruͤher gekannt hat⸗ 123 ten; die jungen Damen aber, die hier zur be⸗ traͤchtlichen Vermehrung des Kloſtereinkommens erzogen wurden, verehrten ſie mit einer Zaͤrt⸗ lichkeit, welche Jugend allein zu widmen ver⸗ mag. Lange wartete die Dame auf des Maͤdchens Antwort und wiederholte noch einmal, mit un⸗ nachlaßender Sanftmuth jene Gruͤnde, welche ſie anfangs nur leicht beruͤhrt hatte. Roſalinde gewann endlich Kraft zur Entgegnung und ſagte ihrer Superiorin mit feſter Stimme und geſammelter Faßung, daß ſie noch immer nicht von der Angemeßenheit uͤberzeugt ſey, ein Ding ſcheinbar zu uͤben und ein Anderes dabei zu empfinden; ſie verſicherte, daß ſie mit Ausnahme dieſes einen Punktes in allen uͤbrigen Dingen hingebend und gehorſam ſeyn wolle; auch wandte ſie mit mehr Geſchicklichkeit als die Abtißin ihr zugetraut hatte, das Blatt herum und fragte kuͤhn, wie ihr Gefuͤhl ſeyn wuͤrde, wenn ſie gezwungen ſeyn ſollte, die Gebraͤuche und Zeremonien des proteſtantiſchen Glaubens mitzumachen? Augenblicklich nahm die Abtißin den Ton und die Wuͤrde ihrer Stellung an; ſie ſagte, Roſalinde muͤße einſehen, daß ſie ſich herabge⸗ 124 — laßen habe, Gruͤnde vorzubringen, wo ſie das Recht zu befehlen haͤtte, und daß ihre Pflicht nunmehr erfordere, den jungen Zoͤglinginnen zu verbieten, irgend eine Gemeinſchaft mit ihr zu unterhalten; Roſalindens Umgang muͤße auf die alten Spaniſchen Nonnen beſchraͤnkt wer⸗ den, die Tapeten wirkten und Unterricht auf der Guitarre und Harfe ertheilten. Roſalinde brach in Thraͤnen aus; ſie hatte zwei dieſer alten ehrwuͤrdigen Damen am vori⸗ gen Abend geſehen, die ſehr ſtreng und garſtig ließen; indeßen zeigte der Abtißin Weſen noch ſo viel Guͤte und beachtende Freundlichkeit, daß der arme Gefangene ihre Bitte vorgetragen ha⸗ ben wuͤrde, nicht von aller Geſellſchaft ausge⸗ ſchloßen zu werden, waͤren in dem Augenblicke nicht vier oder fuͤnf Nonnen durch eine Thuͤr hereingeſtuͤrzt, die auf einen langen Gang oͤff⸗ nete, welcher zu der ſogenannten oͤffentlichen Kapelle fuͤhrte; ſie ſchmiegten ſich um die Abtißin gleich erſchrockenen Schaafen; bald folgten ih⸗ nen Andere; das Durcheinandertoͤnen ihrer Stimmen, die Geſchrei und Gebete hervorſtie⸗ ßen, ſo wie ein verwirrter Laͤrmen, der von Außen einzudringen ſchien, gaben der Abtißin Urſach genug zur Beſor nis. Einige der Non⸗ 125 nen beteten, viele weinten und alle ſchienen voͤllig in Verwirrung gerathen. Plöͤzlich laͤutete die Kloſterglocke lautſchellend; der Beichtvater der Priorei— ein langer, duͤnner, bleicher Mann,— trat ein, der, weil er ent⸗ weder ſo eben von ſeiner Sieſta, oder von ſei⸗ nem Refektorium aufgeſchreckt war, ausneh⸗ mend verſtoͤrt und ſchlaftrunken ausſah. Die blauaͤugige Abtißin warf ihm einen Blick ſtreng⸗ ſten Mißfallens zu und fragte wiederholt, wie⸗ wohl fruchtlos, nach der Urſache des Aufruhrs. Das Getoͤſe außerhalb nahm zu,— die Non⸗ nen riefen ihre Schuzheiligen an,— der Moͤnch nahm das heilige Myrthen⸗Reis aus dem noch heiligeren Waßer und beſprengte mit den daran haͤngenden Tropfen, die entſeztenFrauen; dann murmelte er eine Segnung und folgte der Ab⸗ tißin, die feſten Schrittes der Kapelle zuging; viele der Nonnen umgaben, alle baten ſie, nicht weiter zu gehen; doch dieſer Dame mangelte im Nothfalle nicht Muth, noch Entſchloßen⸗ heit; furchtlos ging ſie hin, die Urſache des Aufruhrs in und vor den Mauern des Kloſters, zu erkennen. Lange blieb ſie nicht in Ungewißheit; niicht 126 erklaͤrte ſich der Grund zu dieſem tobenden Ge⸗ draͤnge. Vor dem mit allen den mannichfachen Ver⸗ zierungen des Katholizismus verſehenen Altare ſtand ein hoher, ungemein edel⸗ausſehender Mann, der betraͤchtlich uͤber den Mittag des Lebens hinaus war, ſcine Hand ruhete auf dem heiligen Schreine;— ſeine hohe Stirn war kahl und unbedeckt, eine dichte Maße grauer Haare beſchattete ſeine Schlaͤfen und umhing ſeinen Hinterkopf; ſein Anzug war einfach, aufd er Reiſe verdorben, an manchen Stellen zerrißen, doch nicht abgetragen; augenſcheinlich war er in der heftigſten Gemuͤthsbewegung, doch ſchien er keine Furcht zu kennen. Die große Thuͤr, dem Altar gegenuͤber, die zur Landſtraße fuͤhrte, die neben der Priore⸗ hinzog, war in dem Augenblicke gewaltſam er⸗ brochen; außen und innen ſtanden Haufen von Bauern, auch einige wenige Soldaten, die zweifelhaft ſchienen, ob ſie vordringen oder ſich zuruͤckziehen ſollten; doch des Mannes kuͤhnes Auge trozte dem aufdringenden Volke, er ſtand da wie ein ſtolzer Hirſch, zur Wehr. Alle Nonnen waren im Gange vor der Ka⸗ pellenthuͤr zuruͤckgeblieben, nur Roſalinde folgte 127 der Abtißin mitten in die Halle; ſie klammerte ſich an der Dame Gewand und der Auftritt floͤßte ihr zu lebhafte Theilnahme ein, um ſich entfernen zu ſollen. Es war des Kloſters Gebrauch geweſen, dieſe Kapelle zum Heil der armen Frommen dieſer Umgegend, offen zu halten; eine verdeckte Gal⸗ lerie war fuͤr den Gebrauch der Nonnen einge⸗ dichtet, die dem beizuwohnen wuͤnſchten, was man das oͤffentliche Gebet nannte. Zu dieſer Gal⸗ lerie draͤngten ſaͤmmtliche Frauenzimmer, denn Abgezogenheit ſchaͤrft die Neugierde gar wunder⸗ ſam; ſo entſezt ſie auch ſeyn mogten, wuͤnſch⸗ ten ſie doch das Ende dieſes hoͤchſt ſon derbaren und ganz unerwarteten Aufruhrs mit anzuſehen. „Dame,“ ſprach der Fremde,„ich fordere Freiſtatt innerhalb dieſer Mauern und an dieſem Altare. Willſt Du geſtatten, daß ſie verlezt werde?“ Er ſprach mit tiefer, ſtrenger Stimme, aber auch mit ſchwerem Athemzuge, weil er ſchnell und weit gelaufen war. Die Abtißin ſchreckte auf; vielleicht hatte ſie den Ton dieſer Stimme fruͤher ſchon vernommen; ſonderbar war es da⸗ bei, daß troz dem lautſchallenden Sturmlaͤuten der Glocke, troz den ſchreienden, hadernden 128 — Stimmen außerhalb und troz dem Gefliſter und unterdruͤcktem Gekreiſch der Nonnen in ih⸗ rer verhangenen Gallerie,— die Anſprache des verfolgten Fremdlings, deutlich im Ohre jedes der Anweſenden erklang. „Ihr ſeht, er hat ſeine Zuflucht hier genom⸗ men,“ ſagte die Abtißin, zog ihren Schleier uͤber das bisher unverdeckt gebliebene Antliz herab und ſprach dann zum befehlfuͤhrenden Sergeanten:„deshalb begebt Euch hinaus; wer immer Freiſtadt fordert, am Altare unſerer geſegneten Mutter der Gnade, dem ſoll ſie un⸗ fehlbar werden.“ „Er iſt aber ein Kezer, ein Mordbrenner, ein Geaͤchteter und Vogelfreierklaͤrter,“ er⸗ wiederte der huͤndiſche Aufſpuͤrer, der oft ſchon das Blut treuer Herzen aufgezehrt hatte,„in Dorcheſter ward er vom Oberrichter Jeffreys verhoͤrt und verurtheilt, nur durch des Teufels Kuͤnſte iſt er entflohen; denn menſchlicher Bei⸗ ſtand konnte ihn nicht retten. Seitdem iſt ein Preis auf ſeinen Kopf geſezt, und Oberſt Kirke wuͤrde die Summe gern zweimal bezahlen, um ihn nur mit eigenen Haͤnden aufzuhaͤngen. Vorwaͤrts, Burſche!— dort ſteht er!“ Der Elende war im Begriffe, vorzudringen; 129 manches erbangende Auge bemerkte, daß der Geaͤchtete nicht zuckte, noch zitterte; nur feſter richtete er ſein Piſtol mit der rechten Hand, waͤhrend die linke ruhig auf dem Altar lag. „Auf Eure Gefahr,“ rief die Abtißin, und Roſalinde ſah ihr helles Auge unter dem dun⸗ keln Schleier aufflammen,„wie, Ihr wolltet die Freiſtatt unſerer geſegneten Mutter der Gnade entheiligen!— wolltet Blut vergießen innerhalb dieſer Mauern, oder nur einen Ge⸗ fangenen greifen!— Bei der hochheiligen Ma⸗ ria ſchwoͤr' ich's und bei dieſem ſegenſpendenden Kreuze, daß wenn Ihr nicht weicht, ich Euch vor Seiner Majeſtaͤt und vor Seiner Heilig⸗ keit Nunzius in London, fordern und ſehen will, wie Ihr zum Futter fuͤr die Raben die⸗ ſes rebelliſchen Landes werdet. Hinaus, ſag ich!“ Sie ergriff den nahe bei ihr in einer Niſche ſtehenden Biſchofſtab, und mit dem ge⸗ heiligten Sinnbilde ihres Ordens, trat ſie gegen das aufdraͤngende Volk vor, das nun vor ihr wich. „Euch alle ruf' ich zu Zeugen, gute Leute,“ rief der zuruͤcktretende Sergeant,„daß wir die⸗ ſen Geaͤchteten von Setley⸗Wald durch den Furth von Lymington, durch die Suͤmpfe von I. 9 130 Heathy Ditton, alsdann in's Herz des Forſtes und zulezt bis zu dieſem Beaulieu verfolgten; hier aber verhinderte uns dieſe wahnſinnige Frau am Ausuͤben unſerer Pflicht, weil es ihm eingefallen iſt, Freiſtatt zu fordern.“ Lautes Geſchrei erhoben nunmehr die Non⸗ nen, ſo auch die katholiſchen Einſaßen und Bewohner der Stadt, die zum Kloſter ge⸗ eilt waren, weil das Laͤuten der Sturmglocke ihnen Unheil zu drohen ſchien; des Oberſt Kirze Guͤnſtling war nahe daran, ſchlimm behandelt zu werden; einige gute Katholiken ſchoben die Thuͤr von außen zu, und die Abtißin legte mit Roſalindens Huͤlfe inwendig die Nachtbal⸗ ken vor. „Lady Mary Powis hat ſich nicht verleug⸗ net!“ ſagte der Fremde, und ſank koͤrperlich, wie geiſtig erſchoͤpft, auf den Stufen des Alta⸗ res nieder, der ihm in der Stunde der Gefahr ſo wacker zur Freiſtatt diente. 355 131 Fünktes Kapitel. Mein Bluthund Grauſamkeit, mit Windeſchnelle Jagt unermüdlich, bis zur Todesſchwelle; Wär er mit Maulkorb nicht und Riem' gekettet, Vor ſeiner Wuth die ganze Jagd nichts rettet; Und doch iſt's Futter nicht, wonach er ächzt, Nur nach dem reinſten, beſten Blut er lechzt. Wither. Es iſt jezt an der Zeit, zu bemerken, daß der Landbeſiz von Sydney⸗Luſt ſchoͤn und gluͤcklich in einem der reizendſten Theile des Neuen For⸗ ſtes gelegen war, der nur Schoͤnes in ſich faßt. Seine Wieſen wurden von den fruchtbaren Flu⸗ then des Lymington gewaͤßert; der Park zog ſich am ruhigen Dorfe Brokenhurſt hinab, das Herrenhaus ſelber ruhete in gruͤner Niederung, geziert mit Hainen, Anger und kleinen ſpru⸗ delnden Baͤchen, die rauſchend und murmelnd ihren Lauf hinrieſelten, ſich gleichſam der Frei⸗ 132 heit des Waldlebens erfreuend, wenn ſie dem kleinen Kaninchen, wie dem hochgeendeten Hir⸗ ſche ihr klares Waßer zur Erfriſchung darboten. Die wohlwollende Natur, die ſich am Ge— nuße aller ihrer Schoͤpfungen erfreut, hatte mit geſchickter Hand viele ſchoͤne Anſichten in dieſen praͤchtigen Waldſchlaͤgen geſchaffen. Solche freilich, die aus Baͤumen beſtehen, die ſaͤmmt⸗ lich gleiches Alter und gleiche Farbe haben, waren in dieſem Forſtumkreiſe nicht gekannt; dagegen ſah man ungekuͤnſtelte Bogenwoͤlbun⸗ gen, bedeckte Wege in der uͤppigſten und zwang⸗ loſeſten Zierlichkeit, Gebuͤſche, Unterwald, Schlingpflanzen, Gemiſch von Anger und Sumpfmoor, wellenfoͤrmige Huͤgel und ver⸗ einzelte Weideſtrecken, da wo das Laubgruͤn vor den Blicken zuruͤckwich; Eichen, die Jahr⸗ bunderte herausfordern, um ihre Pracht zu verdunkeln, bewahren in dieſem herrlichen Forſte einen ganz eigenthuͤmlichen Karakter von Lieb⸗ lichkeit und Majeſtaͤt. Sie ſind eben ſo wenig kahl, als mit Laubwerk uͤberladen; ſie erheben ſich ſelten zu ſehr hohen Staͤmmen, breiten aber ihre Aeſte weit umher aus, um die My⸗ riaden zu beſchirmen, die unter ihrem Schat⸗ ten leben. * 133 Wir hoffen und wuͤnſchen, daß alle Auslaͤn⸗ der, die England beſuchen, die große Allee von Brokenhurſt ſehen und betreten; wer von ihnen wollte dann noch wagen, unſere Natur⸗ gegenden eindrucklos zu nennen. Nie koͤnnen wir eine Waldgegend betrachten, ohne uns daran zu erfreuen, wie die Natur die verſchie⸗ denen Einzelheiten ihrer Hervorbringung, ſo ſchoͤn zu verbinden weiß; wie ſehr auch die Formen und Neigungen ihrer Erzeugniße ein⸗ ander entgegen ſtehen moͤgen, fehlt es dem Ganzen doch nie an Einklang. Der Fluß Lymington war in der unmittel⸗ baren Naͤhe von Sydney⸗Luſt wenig mehr, als ein laͤrmender Waßerbach, machte aber viele abweichende Kruͤmmungen; zahlreiche Bruͤcken aus einzelnen Baͤumen oder Planken gebildet, hatte Sir Everard Sydney uͤber ſeine froͤhli⸗ chen Wellen hinbreiten laßen, um ſeine Lieb⸗ lingsvergnuͤgung dadurch zu erleichtern. Hin und wieder konnte er einen Anblick vom befe⸗ ſtigten Thurme der Boldre⸗Kirche gewinnen; und an ſolchen Stellen hatte Ralph Bradwell, in ſchweigender Uebereinſtimmung mit ſeines Herrn Geſchmacke rauhe Steinſize errichtet, da⸗ mit ſein guter Meiſter im Ruhen, Dinge be⸗ trachten und fuͤr ſich bedenken koͤnne, die er ſo ſehr bewunderte. Es kann gar nicht in Er⸗ ſtaunen ſezen, daß Sir Everard ſeine reizende Zuruͤckgezogenheit liebte. Er beſaß Wald, Waſ⸗ ſer, Huͤgel, Thaͤler, Fluren und Haideſtrecken; auch der Ocean war nicht fern, um ihm ſeinen Tribut zu zollen, ihm das Leben zu erheitern und zu verſchoͤnern. Er pflegte zu ſagen, daß, waͤre er auch Herr vom ganzen Neuforſte, er nicht gluͤcklicher ſeyn koͤnne, als er war; und er ſagte, die Wahrheit, obgleich er ein Mann war, der uͤberall gluͤcklich ſeyn konnte, das heißt uͤberall auf dem Lande, denn die Stadt ſcheute er, wie Peſtilenz.. Wir muͤßen nunmehr unſere Leſer vom Klo⸗ ſter der Priorei zu Beaulieu, queer durch das Land nach Sydney⸗Luſt fuͤhren, woſelbſt am Abende eben des Tages, an welchem der Ge⸗ aͤchtete ſich Freiſtatt in St. Mary forderte, der ganze Hausſtand in dem Gemache verſammelt war, welches wir heutiges Tages die Geſinde⸗ Halle nennen wuͤrden. Sir Everard hatte ihnen aufgetragen, an dem Abende ihre Verwandte herbeizurufen, um die Ruͤckkehr ſeines Sohnes zu feiern, obwohl deßen Verweilen in dieſen unruhigen Zeiten, ſich nicht auf viele Tage aus⸗ — 135 — dehnen konnte. Der gute alte Mann war einer von denen, welche die Gegenwart weislich ge⸗ noßen, ohne ſie zu mißbrauchen, und er hatte beſchloßen, daß alle, die um ihn waren, wo moͤglich eben ſo vergnuͤgt ſeyn ſollten, als er ſelber war; die Dienerſchaft war gar nicht ab⸗ geneigt, dieſe Stimmung zu benuzen, recht viele Schmauſerei und manche Spiele waren bei der baͤuriſchen Zuſammenkunft an der Ord⸗ nung geweſen, oder vielmehr zur Unordnung geworden. Nur zwei Leute ſchienen die Froͤhlichkeit des Abends nicht ganz zu theilen. Ralph Bradwell ſaß auf dem Eichenbrette des breiten Fenſters, beinahe von der gewaltigen Fenſtermauer ver⸗ deckt und ſtierte hinaus in die Nacht; Jem⸗ mings aber, der wichtig thuende Kriegsmann, war verdrießlich und betrachtete mit Ungeduld die heitere Laune, welche auf jegliche Stirn gelagert ſchien. Das kraͤftige Abendeßen dampfte fuͤr ſie aufgetragen, bereits auf dem Tiſche; ein Baron von Ochſenfleiſch, dieſe ſcherzhafte Reliquie Alt⸗Engliſcher Gaſtfreiheit, ſtand da neben Hammelfleiſch und Wildprett; waͤhrend Gaͤnſe, Truthuͤhner und Fleiſchpaſteten als Zwiſchengerichte hingereihet waren, und kraͤu⸗ 136 ſelnd ihre wuͤrzigen Daͤmpfe emporwanden. Der alte Geiger, der eine ausgezeichnete Stelle einnahm, waͤre faſt in Streit gerathen mit dem Bedienten des Major Raymond, weil er nicht glauben wollte, daß Hirſche Muſik liebten. „Was kuͤmmert's uns,“ rief der luſtige Sol⸗ dat aus,„ob ſie's thun oder nicht, wir lie⸗ ben ſie, wie wir das wiederum beweiſen wer⸗ den, Meiſter Langbogen, wenn wir Euren Schraper auf's neue in Bewegung ſezen, ſo⸗ bald wir eines von Jemmings Liedern gehoͤrt haben. Komm, Jemmings, ſing uns die Verſe, die Du ſelber auf Deine Waldſchoͤne, die huͤb⸗ ſche Cicely Maynard, gemacht haſt.“ „Verflucht ſey Cicely Maynard! Was weiß ich oder will ich von ihr?“ erwiederte Jem⸗ mings zuͤrnend. „Bah!“ fliſterte ſein Kamerad,„hat ſie ih⸗ ren Jemmy geprellt, hat'nen Hodge oder'nen Lubin Lout genommen? Kehr' Dich nicht daran, mein Burſche; wenn wir nach Hounslow zu⸗ ruͤckgehen, ſo gibt's dort ſchockweiſe eben ſo ſchoͤne, und das verbuͤrge ich, eben ſo treue Maͤdchen.“ „Still,“ ſagte die ehrwuͤrdige Haushaͤlterin, die den Vorſiz am Tiſche fuͤhrte und mit der 137 — raſchen, aufmerkenden Art der Frauen gewahrt hatte, daß der arme Jemmings an einem ſchwe⸗ ren Verdruße litt, gegen welchen er den gan⸗ zen Abend vergebens angekaͤmpft hatte,„ſtill! Jemmings iſt nicht der erſte Mann, der von Weibern betrogen wurde. Wie waͤr's, wenn Ralph uns ein Lied ſaͤnge, er iſt zuweilen ein recht froͤhlicher Geſell. Ralph, ſing uns die Drei Blauen Tauben! Ralph, nun, wo iſt Ralph?“ „Noch vor zehn Minuten war er hier,“ ant⸗ wortete einer der Hausdiener,„denn ich ſah's wohl, wie glozend er hinausblickte, als er da auf ſeinen Schenkeln ſaß, wie ein großer Affe, der aus Indien koͤmmt. Aber er iſt ſo uͤber den alten Hund geworden, der heute den gan⸗ zen Tag nirgend zu finden war; wiewohl ich ihm auch geſagt habe, was ganz natuͤrlich je⸗ der, der Vernunft hat, denken mußte. Ralph,“ ſagt' ich,„ich will Dir'nen ſilbernen Deut wetten, das Vieh iſt Miß Roſalinden nach; er hat ihr auf irgend'ne Weiſe nachgeſpuͤrt; er iſt auch nach dem Kloſter hin, um erzogen zu werden.“ Ralph aber blickte mich recht ſchwarz an, denn er hat Beide unſaͤglich lieb, Miß Roſalinde ſowohl, als den Hund.“ 138 „Arme Miß Roſalinde!“ murmelte die Haus⸗ haͤlterin und trocknete ihre Augen mit der Ecke ihrer Schuͤrze. „Arme Miß Roſalinde!“ hallten die Haus⸗ maͤdchen und Zofen nach und Alle, ſogar der Schaͤferjunge, deßen Finger ſie verbunden hat⸗ te, als er den beim Erklettern eines Maibau⸗ mes verlezte, um ihr die erſten Blumen des Jahres zu bringen, weinte jezt:„arme Miß Roſalinde!“ und nun entſtand eine Stille, denn ſi e war von Allen geliebt und Alle trauerten um ihre Entfernung. „Genug und viel zu viel Kummer fuͤr alle Maͤdchen auf Erden,“ rief Jemmings aus und ſchob ſeinen ſchweren Stuhl dichter zum Tiſche; „kommt, Freunde; wer ſagt, daß Jemmings betruͤbt iſt?— Nein, nein, laͤugnen will ich nicht——“ nun aber fehlte ihm die Stimme und mit dem hintern Theile ſeiner rauhen Hand rieb er ſich die Augen, dann ergriff er einen ſchwarzen Jakob voll ſchaͤumendem Ale, fuͤllte ein hellglaͤnzendes Maaß bis zum Rande damit an, erhob ſich und ſprach mit recht tro⸗ zigem Anſehen:„Mag jede falſch⸗herzige Dirne die Pein zehnmal erdulden, die ſie hier verur⸗ ſacht, und in jenem Leben ewig leiden!“ Dann 139 ſezte er das Maaß an ſeine Lippen; ein froͤh⸗ liches Lachen umkreiſte den Zechertiſch, doch im Herzen des treuliebenden Soldaten, fand es keinen Anklang. Der Freuden⸗Becher blieb ei⸗ nen Augenblick an ſeinen Lippen, auf dem Rande deßelben zitterte der weißbaͤhende Schaum; er aber ward todtenbleich und beſchaͤmt durch ſeine Schwaͤche, ſchleuderte er das Trinkgefaͤß in leidenſchaftlicher Aufwallung nach dem andern Ende der Halle, bedeckte ſein Geſicht mit bei⸗ den Haͤnden, ſtuͤrzte vom froͤhlichen Gelage fort und murmelte:„ſo arg nicht,— ſo arg nicht,— auf ihre Verdammniß kann ich nicht trinken.“ Der arme Jemmings! ſo rauher Krieger er war, verdiente er doch eine treuere Genoßin. Manches Gefliſter theilte ſich mit und leicht ward ſo viel herausgebracht, daß die treuloſe Cicely alsbald ihre Geluͤbde und ihren Gelieb⸗ ten vergeßen hatte; wir aber wollen warten und hoͤren, wie Jemmings ſelber die Geſchichte kurz nachher erzaͤhlte. „Geſang! Geſang!“ riefen die froͤhlichen Leute,„wir duͤrfen unſern Geſang nicht ein⸗ buͤßen, der Abend wird ſpaͤt und tanzen koͤn⸗ nen wir nicht wieder, wenn wir nicht ſingen. 140 Kommt, Miller von unſerer Lieben⸗Frauen⸗ Kreuz, ſingt uns das Lied:„luſtig gut Ale und alt,“ da koͤnnen wir Alle im Chore mit⸗ ſingen.“ Es war ein hoͤchſt vergnuͤglicher Anblick, ein Ganzes, das, im Bilde darzuſtellen, einen Te⸗ niers erfreut haben wuͤrde; der ehrliche Miller von Unſerer Lieben⸗Frauen⸗Kreuz, mit ſeinem rothaufgedunſenen, freudelachenden Geſichte, ſeinen kleinen funkelnden Augen, aus denen Gutmuͤthigkeit und„luſtig gut Ale“ leuchtete, war mit ſeiner ſtattlich geruͤndeten, etwas un⸗ ſanften, aber doch freundlichen Perſon im ho⸗ hen, ehrenhaften Seßel der Mittelpunkt, wel⸗ cher die Aufmerkſamkeit einiger zwanzig ſchmuk⸗ ker Dirnen, und eben ſo vieler Diener und Ackerknechte auf ſich zog, die nach ihrer Stu⸗ fenfolge gereihet um ihn her ſaßen oder ſtan⸗ den; im gewaltigen Kamine flackerten die kni⸗ ſternden Reisbuͤndel auf, und warfen ihr Licht in breiten, rothen Maßen auf die Kuͤchen⸗, Stall⸗ und Schaͤferjungen, die nicht am Tiſche zugelaßen werden konnten, ſondern wohlgefuͤllte Schuͤßeln unter dem Vordache des großen Ka⸗ mins leerten und ihr Feſtmal mit den treuen Hunden theilten, die mit erkennbarer Zufrie⸗ 141 denheit ihre Schweife wedelten und ihre Lefzen leckten. Dann der alte Geiger, der einen Eifer darthat, welcher Niemanden ſo ſehr in Erſtaunen ſezte, als ihn ſelber, und ſchon bei dem Nennen vom Namen des Liedes, aufrecht auf ſeinem Stuhle ſtand und auf ſeiner Geige eine extem⸗ porirte Begleitung deßelben vorbrachte, die, wenn ſie auch zur Harmonie nichts beitrug, doch ganz gewiß das Geraͤuſch vermehrte. Der Jubel nahm zu, als der Saͤnger zum dritten Verſe kam: „Und Tib, mein Weib, für ihren Leib Auf gutes Ale gern ſinnt, Sie trinkt und trinkt, bis hell erblinkt Im Aug' die Thrän' und rinnt. Dann rollt ſie wohl, mir zu die Bowl, Wie'n Malzwurm, ſagt' ich bald, Und ſpricht:„Süß Heil,“ ich nahm mein Theil Vom luſtig guten Ale und alt.“ „Nun der Chor; „Nackt der Leib und Rücken nackt, Baarfuß, Hände kalt; Doch Bauch, geb' Gott Dir guk Ale genug, Ob's neu ſey oder alt.“ „Gar maͤchtig gefiel uns“ der lezte Vers, wie Samuel Peppys ſich uͤber mehr 142 hoͤfiſche Gegenſtaͤnde, ausgedruͤckt haben wuͤrde; wir ſollten wirklich eine erneuete Auffuͤhrung der alten Komoͤdie„Gammer Gurton's Nadel“ verlangen, waͤre es auch nur allein dieſes froͤhlichen alten Liedes wegen: „Nun krinkt und trinkt, bis ihr nickt und winkt Wie'n guter Burſch es liebt; Nicht mißen ſollt ihr Segnung hold, Wie gutes Ale ſie giebt. Sollt's arme Seelen im Leibe quälen, Umkollern darin kalt, 4 Hilf Gott dem Leib von Mann und Weib, Mögen ſie jung ſeyn, oder alt.“ Man haͤtte durch den jubelnden Aufruhr, mit welchem der Chor dieſen lezten Vers be⸗ gleitete, zu dem Gedanken verſucht werden koͤn⸗ nen, er ſey den Kuͤchenjungen und Schaͤferbu⸗ ben eben ſo lieb, als uns ſelber, denn ſie ſchlu⸗ gen ihre Pfannen und Schuͤßeln zuſammen, als waͤren ſie Becken; zwei Foͤrſter aber ſezten ihre Jagdhoͤrner an und blieſen ein ſo wackeres „Tanti vy,“ daß die Hunde anſchlugen und die Stoͤber bellten; der laute Jubel ſchallte hinauf, ſogar bis zum Betzimmer von Lady Sydney, welche ſicherlich die Leute ausgeſchmaͤlt haben wuͤrde, wenn der Beweggrund zu deren 143 Froͤhlichkeit, ihr ſelber nicht ſo khaniet d und ſchaͤ⸗ zenswerth geweſen waͤre. Jezt begann der Tanz wieder; und bevor das Feſtgelag ſich trennte, ward Miller von Unſerer⸗Lieben⸗Frauen⸗Kreuz noch einmal auf⸗ gefordert, ſein Lied zu wiederholen. Er war im Begriff, das Geſuch zu erfuͤllen, als die Glocke am Einlaßthore, welches waͤhrend der ſtuͤrmiſchen Zeiten, von denen wir reden, vor⸗ ſichtiger Weiſe ſchon in fruͤher Stunde geſchloſ⸗ ſen wurde, mit lautem fortgeſezten Klingeln gezogen wurde; einige der Diener eilten ſogleich hin, um es zu oͤffnen. Bei gewoͤhnlichen Veranlaßungen wuͤrde man einen hinlaͤnglich dazu geachtet haben, doch um die Wahrheit zu geſtehen, der eigentliche Thor⸗ waͤchter ſtand nicht wohl auf ſeinen Fuͤßen; deshalb ging Jobs, um eine Laterne gerade zu tragen, weil Martin die ſeinige ganz ſchief in der Hand trug; Zacharias nahm den Schluͤßel und Jonathan erklaͤrte, er wolle dieſen umdre⸗ hen. Einige vermutheten, es ſey Ralph Brad⸗ well, der Einlaß begehre, doch diejenigen, die deßen Gewohnheiten kannten, waren voͤllig uͤber⸗ zeugt, dieſe ſey die Art nicht, in welcher er den Eintritt zu erlangen ſuchen wuͤrde. 144 Sobald das Thor gehoͤrig geoͤffnet war, ver⸗ langte eben der Sergeant, der am Morgen ſich ſo angeſtrengt bemuͤht hatte, den Geaͤchteten in St. Mary zu greifen, begleitet von vier ſeiner Mynmidonen, unverzuͤglich mit Captain Sydney oder mit dem Major Raymond zu ſprechen, welche, wie er wußte, beide in Syd⸗ ney⸗Luſt waren. Er betheuerte, daß die ſpaͤte Stunde der Nacht gar nicht in Betracht kom⸗ me, weil ſein Geſchaͤft ſehr wichtig fuͤr den Staat ſey. Bekannt genug war es, daß des Oberſt Kirke Soldaten, gleich Mezger⸗Meßern nur we⸗ gen ihrer deſondern Tauglichkeit zu ſeinen Zwek⸗ ken, von ihm gewaͤhlt wurden; ſelber ſolche Perſonen, die dem Koͤnige Jakob Gutes wuͤnſch⸗ ten, und ſeine Sache ehrten, ſchauderten doch vor den blutduͤrſtigen Schergen zuruͤck, die ſei⸗ nem Zuge folgten. Dieſer ungluͤckliche Fuͤrſt ſcheint wirklich und ganz beſonders waͤhrend der lezten Zeitdauer ſeiner Regierung, durch boͤſe Rathgeber ganz verwirrt worden zu ſeyn, und ward bei manchen Veranlaßungen ein Opfer ſeiner falſch⸗beurtheilenden Freunde. Sein Schick⸗ ſal enthaͤlt wirklich etwas Ruͤhrendes. Er war ein um vieles mehr treuherziger Mann, als ſein Bruder Karl, und dennoch war ſein Loos im hoͤchſten Grade bedauernswuͤrdig. Karl ſchwelgte bis zu dom lezten Augenblicke ſeines Lebens in unverdeckten und ſchaamloſen Suͤnden; mit zitternder Hand, mit einem unter dem aber⸗ glaͤubiſchen Einfluße des Katholizismus ver⸗ ſinkenden Herzen, beſaß er doch Niedrigkeit und Heuchelei genug, um dem aͤußeren Scheine nach, einem andern Glauben ſich unterzuord⸗ nen; Jakob beſaß mindeſtens mehr moraliſchen Muth; ſeine Glaubenstreue bezahlte er mit ſeiner Krone. Die Proteſtanten jener Tage nannten Karl des Erſten Hartnaͤckigkeit, deßen Feſtigkeit; im Betragen des entthronten Jakob konnten ſie keine Feſtigkeit gewahren, weil ſein Glau⸗ ben mit dem ihrigen nicht uͤbereinſtimmte. Von ſeinen Freunden verrathen,— von ſeinen Kin⸗ dern verlaßen,— mogte der Koͤnig ohne Krone wohl ausrufen:„O! haͤtten nur alle meine Feinde mich verflucht, das wuͤrde ich ertragen haben!⸗ Wenn man alle Umſtaͤnde gehoͤrig erwaͤgt, ſo iſt es wirklich wunderbar, wie die Eng⸗ laͤnder nach der Kraftbruͤhe des Protekto⸗ rates, auch nur kurze Zeit ſich mit dem ge⸗ J. 10 146 — ſauerten Mehlbrei des Hauſes Stuart, begnuͤ⸗ gen konnten. Wir bitten dieſer Abſchweifung wegen um Verzeihung und fahren in unſerer Erzaͤhlung fort. 1 Die Hausgenoßen von Sydeny Luſt verließen einer nach dem andern ihr froͤhliches Gelag, ſobald die Soldaten hereinkamen, die Dienſt⸗ maͤgde krochen in ihre Betten, troz der Anzie⸗ hungskraͤfte von Militair⸗Uniformen; zu wohl war Sergeant Pack' ihn, ſo wurde er benamſet, im Neuen⸗Forſt bekannt;— manchen un gluͤck⸗ lichen Mann hatte er bis zu deßen Untergange gehezt und verfolgt; und die Forſtbewohner, freigeborne, freiherzige Geſellen, die ſich wenig aus Politik machten, und durchaus gar nichts aus deren bewaffneten Stuͤzen, waren in den ziemlich gegruͤndeten Verdacht gekommen, mehr als eines von des Obriſt Kirke„Laͤmmern“, wie er ſie nannte, aufgegriffen und als Strafe fuͤr die Entweihung ihres Forſtheiligthumes, zu immerwaͤhrendem Verbleiben unter deßen Raſendecke, verurtheilt zu haben. Man muß an⸗ nehmen, daß der Sergeant dieſe Geruͤchte glaubte, denn bei aller ſeiner Gier Gefangene zu machen und zu haſchen, wagte er ſich doch niemals uͤber die Grenze des Forſtes ohne ſtarke ———ä— 147 — Bedeckung, die er hinreichend achtete, ihn vor einem Looſe zu beſchuͤzen, deßen treffende Wahr⸗ ſcheinlichkeit ihm bereits mehremale, in gar nicht zu mißkennender Weiſe, zu verſtehen gegeben war. Die Foͤrſter, welche das Freuden⸗Gelag mit⸗ gemacht hatten blieben in der Halle, ſchnallten ihre Jagdhoͤrner feſter uͤber ihre Schultern, und ließen ihre Daumen uͤber die Klingen ihrer Jagdmeßer hingleiten, um ſich zu uͤberzeugen, ob ſie gehoͤrig ſcharf und in Ordnung ſeyen. Der Sergeant und einer der Soldaten wurde alsbald zu Sir Everards Muſeum und Ankleidezimmer gefuͤhrt, welches wir an anderm Orte ſchon beſchrieben haben; hier erwartete ſie ein Fa⸗ milienrath, beſlehend aus Sir Everard, deßen Sohne und Major Raymond, denn obwohl ſie ſich bereits getrennt und nach ihren ver⸗ ſchiedenen Zimmern begeben hatten, war doch noch keiner zu Bett gegangen. Inzwiſchen wa⸗ ren in dieſem ſowohl, als in den uͤbrigen Ge⸗ maͤchern die Lichter ſchon ausgeloͤſcht, und es iſt noͤthig, beſonders anzufuͤhren, daß die drei Lichter, welche dieſe drei Herren in das Zim⸗ mer gebracht hatten, zuſammen auf einem kleinen Tiſche in einer Wandniſche ſtanden, ſo daß ſie, verdeckt wie ſie waren, die Wirkung 4 148 des Mondenſcheines durchaus nicht verminder⸗ ten, der in vollem Glanze vom wolkenloſen Himmel herabſtrahlte, und jeglichen Gegenſtand auf dem Anger vor dem Herrenhauſe ſo deut⸗ lich erkennbar machte, als waͤre es heller Tag. So waren denn in Sir Everards kleinem friedli⸗ chen Gemache, dem Heiligthume ſeiner Wißen⸗ ſchaft, Maͤnner des Krieges und Blutvergießens verſammelt. Außen ließen zwei Nachtigallen von gegeneinander uͤberſtehenden Baͤumen ihren Wechſelgeſang ertoͤnen, und ein wachſames Eich⸗ hoͤrnchen,— dieſer Puck der Waldwelt,— oͤffnete von Zeit zu Zeit ſeine großen braunen Augen und ſtreckte ſeinen lebenbeweglichen Kopf aus ſeinem Schlupfwinkel im hohlen Baume hervor, um zu gewahren ob's wirklich Nacht ſey, oder ſchon Fruͤhmorgen. Gegenſaͤze ſolcher Art,— ganz ſo ſchlagend, ganz ſo ſchmerzvoll, ereignen ſich an jeglichem Tage unſers Lebens und bleiben doch mehren⸗ b theils ganz unbeachtet.„ Der Sergeant Pack'ihn ward begleitet, oder vielmehr gefolgt durch eine Art von Zeugniß⸗ gebendem Menſchen, bei Freund und Feind mit dem wohlverdienten Beinamen„Bill Sprich⸗ wahr“ bezeichnet; dieſer Geſell beſchwor jedes⸗ ⸗ mal was ſein Anfuͤhrer ausſagte, und war, wie der Sergeant ſich ausdruͤckte:„bei jedem Zukneipen fertig.“ Er war ein bleicher, ſchmaͤch⸗ tiger, mattblickender Menſch, und ſchlich dicht zum Fenſter, waͤhrend der Sergeant den Her⸗ ren gegenuͤber ſtehn blieb und ihnen die Vor⸗ faͤlle auseinander ſezte, die ſich in Beaulieu zugetragen,— Vorfaͤlle, die bei ſeinen Zuhoͤ⸗ rern ſowohl Theilnahme, als lebhaftes Erſtau⸗ nen erregten.— „Was iſt zu thun?“ fragte Captain Baſil Sydney den Major Raymond,„was kann geſchehn? Obgleich der Mann ein notoriſch Geaͤchteter iſt, hat er dennoch ſichernde Frei⸗ ſtatt am katholiſchen Altare geſucht;— aller⸗ dings iſt er der wohlbekannte Freund und Ab⸗ geſandte Wilhelms von Oranien, der Genoße von Sir Patrick Hume; der Groll, welchen er bei dem Prozeße von Lord William Rußel gegen die herrſchende Macht darthat, kann gar nicht vergeßen werden; an mehr als einem Orte in der Stadt, forderte er das Volk laut zum Aufruhr, aber wiewohl man ihn uͤberall erblickte, und tauſend Pfund Silber auf ſeinen Kopf geſezt waren, verſchwand er doch wie 150 durch einen Zauberſchlag mitten aus dem Ge⸗ draͤnge ſeiner Verfolger. „Alles wahr,“ erwiederte Major Raymond, der in dieſem Augenblicke gewahrte, daß Baſil Sydney's lezte Bemerkung, dem Sir Everard ein Laͤcheln entlockt hatte; nun ſchwieg er einige Augenblicke, um zu uͤberlegen, aus welchen Gefuͤh⸗ len unter ſolchen Umſtaͤnden, ein Laͤcheln hervorge⸗ hen koͤnne;— dann fuhr er fort:„Was Du ſagſt Baſil iſt durchaus wahr; aber die Heilig⸗ keit des Ortes muß unverlezt erhalten werden.“ „Ich bin ſo dreiſt, Euer Edlen,“— redete der Sergeant ein—„und denke es ganz ab⸗ ſcheulich, daß ich in der Ausuͤbung meiner ge⸗ ſezlichen Berufspflicht, durch irgend eine Mut⸗ ter geſtoͤrt werden ſoll, mag ſie irdiſch, oder himmliſch ſeyn. Die heilige katholiſche Religion hat nicht'nen andern ſo argen Feind, als die⸗ ſen Mann, Beelzebub ausgenommen; doch da ſtand er am Altare. Ich haͤtt'n ſo rein durch die Stirne kugeln koͤnnen—(konnt' ich nicht, Bill ²) als irgend ein Ding jemals auf Erden geſehn,— koͤnnt' ihn ſo gemaͤchlich niederge⸗ ſchoßen haben, als ich jemals'nen Puritaner hinſtreckte, dennoch war ich gezwungen, ihn da ſtehn zu laßen;'s war zu arg, gar zu arg 131 — Mit Oberſt Kirke habe ich gedient, von Don⸗ caſter an durch den ganzen Weſten, und doch bin ich noch niemals ſo geklemmt, niemals ſeit ich meinen Namen fuͤhre, Jack—“ „Pack'ihn,“ ſezte Sir Everard ruhig hinzu, bevor der Sergeant die Zeit hatte, ſeinen wah⸗ ren Namen zu nennen. Der Menſch richtete einen Blick der unver⸗ ſtellteſten Bosheit, auf den ehrwuͤrdigen Gent⸗ leman, ſtieß den Kolben ſeines Gewehrs zur Erde und klammerte ſeine Faͤuſte feſt um den Lauf, mit einer Stimme, die dem Knurren eines bißigen Hofhundes glich, brummte er her⸗ vor:„Nun, angenommen es ſey Pack'ihn, ſo gibt's ſchlechtere Namen, ich ſchaͤme mich nie⸗ mals die Feinde meines Koͤnigs und meiner Religion zu packen. Habt Ihr irgend etwas dagegen zu ſagen, alter Herr?“ —„Sergeant,“ unterbrach ihn Major Raymond ſtrenge,„hier muß kein Drohreden ſeyn; ein guter Soldat erfuͤllt ſeine Pflicht, ſchweigend und ehrerbietig.“— „Ich kann alle Tage ein Zeugniß von Obriſt Kirke haben,“ erwiederte er grollend,—„kann ich nicht Bill? Und Euer Edlen wuͤrde ich gar nicht mit der Sache beunruhigt haben, waͤr's nicht 152 daß in der Umgegend ſo viel Ungeziefer hau⸗ ſet, wie man wohl ſagen mag, da habe ich's denn fuͤr meine Pflicht gehalten, Militairper⸗ ſonen, die hierherum ſich aͤufhalten moͤgten, da⸗ von in Kenntniß zu ſezen, und das habe ich nun gethan; hab' ich nicht, Bill?“ „Ihr thatet was Euch gebuͤhrte, Sergeant;“ ſagte Raymond,„aber wahrlich Sydney, ich weiß mir nicht zu rathen. Ich denke, es wird am Beſten ſeyn, daß der Sergeant Rapport im Haupt⸗Quartier abſtattet, moͤgen ſie dort ent⸗ ſcheiden.“ „Ohne allen Zweifel, es wird am beſten ſeyn, er macht ſich ſogleich dahin auf den Weg;“ erwiederte Baſil. 8 Des Sergeanten Geſichtzuͤge verdunkelten ſich; nach einer kleinen Weile fagte er:„Ge⸗ fall's Euch, Ihr Herren, ich habe dieſen Bur⸗ ſchen laͤnger als'ne Woche durch den Forſt nachgefaͤhrtet; und obwohl ich ihn nicht nieder⸗ ſchießen konnte, habe ich ihn denn doch ſo ziemlich ausgehungert. Ich habe ringsum die Baͤume bewacht, die er beſtiegen hatte, und wurde nur allein abgehalten ihm nachzuklim⸗ men, aus Furcht vor den Bullenbeißern, die er immerfort anlockt; vom Gipfel des hoͤchſten 15³ Baumes wollte er in der finſtern Nacht ſich zum Andern uͤberſchwingen, und ſo immer wei⸗ ter; und dann mogten wir ſeine Spur etwa in'ner Erdhoͤhle auffinden, und dann verſuch⸗ ten wir's ihn heraus zu daͤmpfen, aber das Feuer haͤlt er jederzeit ſo gut aus, als waͤre er ein Salamander. Schwoͤren wollte ich darauf, daß er ſeit geſtern vor acht Tagen nichts anders genoßen haben kann, als Eicheln oder wilde Beeren,— es ſey denn, daß er von ſeinem eigenen Fleiſche zehrte, wozu wir ſie zuweilen bringen.“ Hoͤrbar aͤchzte Sir Everard Sydney und bedeckte bei dieſer ſchimpflichen Schilderung ſein Geſicht mit den Haͤnden. Der Sergeant fuhr fort:„wenn ich ihn jezt, troz aller meiner Muͤhe aus den Augen laße, ſo mag er entkommen, und irgend ein Anderer mag ihn aufgreifen und die Belohnung dafuͤr einſaͤckeln; denn ich denke, dort im Nonnen⸗ kloſter werden ſie ihn nicht behalten wollen, und er iſt nicht im Stande weit zu gehn, denn er hat weder Geld, noch Kraͤfte— hat er Bill?“ „Wie wißt Ihr, daß er kein Geld hat?“ fragte Capitain Sydney. 154 „Nun, wir fanden eine Art,— das will ſagen, dort der Bill fand eine Art,— von Taſchenbuch das ihm zugehoͤren mußte, mit einigen Hollaͤndiſchen Muͤnzen und Papieren darin.“ „Hollaͤndiſche Muͤnzen und Papiere,“ wie derholte Major Raymond;„wie viele Holaͤn⸗ diſche Muͤnzen, und wo ſind die Papiere?“ „S' waren nicht ſo recht Hollaͤndiſche Muͤn⸗ zen Euer Edlen“ ſagte Bill der ſehr verdrieß⸗ lich dabei ausſah,—„es waren nur Hollaͤn⸗ diſche Sixpence, einige Deuts und ſo derglei⸗ chen.“ „Aber die Papiere?“ „Ich weiß nichts davon,“ ſagte der Ser⸗ geant,„nach ihrem Ausſehn konnten ſie aber nichts ſonderliches ſeyn, was haſt Du damit gemacht, Bill?“ „Nichts habe ich damit gemacht,“ antwortete dieſer muͤrriſch;„Ihr wißt ja, daß Ihr ſelber den Beutel hinnahmt.“ 1 Ein ſtrenger verweiſender Blick war des Ser⸗ geanten einzige Entgegnung;„ich will die Pa⸗ piere aufſinden, wenn ſie zu finden ſind, Euer Edlen; der Bill hier, obwohl ſehr aufmerkſam, was auch die Urſache iſt, weshalb er mich di * 155 uͤberall begleitet, hat nicht das allermindeſte Gedaͤchtniß; aber in Bezug auf den Geaͤchte⸗ ten, was ich eigentlich zuerſt meinte, Ihr ed⸗ len Herren, Töuntet Ihr es nicht einleiten, ihn dort wegzubringen? Ihn aus ſeiner Freiſtatt, wie er's nennt, herauslocken?— Er wuͤrde ſo glatt hervorkommen wie'ne Gurke, wenn einer von Euch beiden Herren, ſein Wort fuͤr ſeine Sicherheit geben wollte, und dann koͤnn⸗ ten wir'n greifen, koͤnnten wir nicht, Bill?“ „Ganz gemaͤchlich;“ toͤnte Bill ein. „Solche Handlungsweiſe wuͤrde ſich ſchlecht mit unſerer Ehre vertragen, und Ihr, als Soldat, ſolltet das beßer bedenken.“ „Bah! Obriſt Kirke———“ „Nennt mir den Oberſt Kirke nicht, noch irgend'nen andern Oberſt. Ich kenne meinen Dienſt, ohne Verweiſung auf irgend einen andren Offizier,“ ſagte der heißblutige Irlaͤnder;„ich befehle Euch auf der Stelle zum Hauptquar⸗ tier abzugehn, und weil Ihr auf Eurem Wege nach London, durch Beaulieu gehn koͤnnt, ſo beſorgt, daß hinreichende Wache rings um die Priorey St. Mary geſtellt werde, um des Geaͤchteten Entfliehen zu verhindern, bis Seiner Marjeſtaͤt gnaͤdiger Wille bekannt iſt. gend verlaßen und zeigte auf die Angerflaͤche vor dem Herrenhauſe, die vom hellen Mon⸗ denſchein immer noch beleuchtet war; deutlich gewahrten die Offiziere ſowohl, als der Ser⸗ geant, die Schatten zweier Menſchen, welche laͤngs der Reihen Baͤume, die den gruͤnen Anger einfaßten, langſam hinſchlichen. „Bei dem lebendigen Lichte!“ fliſterte der Sergeant,„einer davon iſt er! Und jezt er⸗ kenne ich auch den andern, es iſt der knur⸗ rende Bloͤdſinnige— Ralph Bradwell, wie ſie ihn nennen;— ſtill, Gentlemen ſtill!“ Er legte ſein Schießgewehr an; weil das Fen⸗ ſter, an welchem die aͤngſtlich Schauenden ſtanden, im Schatten lag, konnten die Leute außerhalb, keine der Bewegungen gewahren, die im Zimmer vorgingen; leiſe oͤffnete er das Fenſter, kauerte ſich nieder wie der Tiger, der ſich zum unſeligen Sprunge vorbereitet, und wartete bis der nichtsahnende Mann, in den Bereich ſeines Schießgewehrs kommen wuͤrde. Alles dieſes war das Werk eines Augenblickes geweſen, ſo daß keiner der Offiziere geſammelt genug war, dem nach Blut und Schaͤzen duͤr⸗ ſtenden Boͤſewichte, einen entſchloßenen Befehl zu ertheilen; ſchon ruhete ſein Finger am 156 Dadurch wenigſtens wird das Heiligthung nicht entweiht werden“ „Das habe ich bereits gethan, gefall's Euer Edlen; kein Fenſter iſt dort und keine Thuͤr die nicht bewacht wuͤrde; ſelber wenn er im Stande waͤre zu reiſen, biete m ihm Troz den Halm eines Binſenrohrs durch die Mauer vorzuſtecken, ohne daß es geſehn wuͤrde; das heißt, wenn ihm nicht der Teufel hilft, wie ich vorhin ſchon ſagte.“ Zur Haͤlfte erhob Sir Everard ſich von ſei⸗ nem Seßel, und dann, ſeiner Bewegung un⸗ bewußt, die auch nur von ſeinem Sohn be⸗ merkt wurde, ſank er zuruͤck in leüne fruͤhere Stellung. „Waͤre er nicht ein ſo bezeichneter Mann,“ ſagte Cuthbert Raymond,„dann wuͤrde es nicht ſo wichtig ſeyn.“ „Wahr,“ erwiederte Baſil, und ſo ſehr ich ihn ſeines Muthes und ſeiner Kuͤhnheit wegen bewundere, wuͤrde es mir leid thun, ihm zu begegnen, denn——“ Bevor Baſil ſeinen Sa noch enden konnte hatte des Sergeanten Pack'ihn Echo, wie der bleiche, ſchleichende Menſch haͤufig genannt wurde, ſeinen fruͤhern Stand am Fenſter ſchwei⸗ 42 4— —— Druͤcker, des Geaͤchteten Vernichtung war unver⸗ meidlich;— da ſprang der alte Sir Everard, der bei der erſten Ankuͤndigung vom Heran⸗ kommen des Ungluͤcklichen, der V Verwirrteſte un⸗ ter Allen ſchien, ploͤzlich herzu, ſchlug dem Sergeanten das Gewehr aus der Hand und rief mit lauter Stimme das einzige Woße; „Denward!“ Der Schuß ging aber demungeachtet los; und wiewohl zwei Maͤnner uͤber den Anger entflohen, bemerkte man doch des Einen Zu⸗ rüͤckbleiben; nachdem er. noch einige Schritte fortgeſchlichen, ſank er auf dem Raſen nieder. Es war des treuen 9 kalph ungeſchlachter und zuſammengekruͤmmter Koͤrper, leicht konnte man ihn, ſelber in der Entfernung von der hohen, ſtattlichen Geſtalt des verfolgten Geaͤchteten un⸗ terſcheiden. 159 —— Sechstes Kapitel. Welch' heillos Unheil machte mich geboren In dieſer Schreckenszeit, dem Untergang Der wirren Welt, wo Gutes iſt verloren, Die Liebe ausgetilgt und Tugend, Klang; Wo Unthat nur allein den Preis gewinnt, Wenn ſie mit goldnem Fließ' ſich ſchmücken Eann. Wo Jeglicher auf Geiz und Laſter ſinnt, Und wo verwaiſet ſteht der Biedermann! Drummond. „Vater!“ rief Baſil Sydney im Tone des tiefſten Schmerzes, als die Soldaten und der heftige Major Raymond hinausſtuͤrzten, um den Fluͤchtling zu verfolgen;—„Vater! mag nun geſchehen was will, Sie ſind voͤllig und hoff⸗ nungslos verloren! Lange hat man den Arg⸗ wohn gehegt, daß ſie den Oranien⸗Anſchlag be⸗ guͤnſtigten, und eben dieſer Urſache wurde meine 160 langſame Befoͤrderung zugeſchrieben. Jezt iſt's mit Allem am Ende!— Auf Cuthbert konnte ich mich verlaßen,— konnte meiner Seele Heil zum Pfande fuͤr ſein Schweigen und ſeine freundliche Guͤte einſezen,— doch dieſe Myr⸗ midone!— O! Vater! Vater! waͤre ich doch lange vor dieſer Zeit geſtorben!“ „Gottes Wille muß geſchehn, Baſil!“ er⸗ wiederte der alte Herr;„ich konnt's nicht an⸗ ſehn, daß er niedergeſchoßen werden ſollte; den Allmaͤchtigen ſegne ich dafuͤr, daß ſie das Stich⸗ wort nicht kennen konnten; denn er iſt raſch zu Fuß und wird ſicherlich gerettet.“ „Aber der arme Ralph,— faſt hoffe ich, er iſt todt,— denn wenn er lebte, wuͤrden ſie von ſeiner Einfalt Alles herausbringen.“ „Nun verzeihe Dir Gott den Gedanken, Baſil; ich beſorge, er iſt ſchwer verwundet, aber dennoch werden ſie von ihm nichts heraus⸗ bringen;— der Menſch iſt wirklich treu, im Geiſte und in der Wahrheit.“. „Vater, hier kann ich nicht bleiben; auch ich muß mich in dieſer Angelegenheit ruͤhren, um den Makel von unſerm Hauſe abzuwaſchen. Morgen reden wir mehr.“ Baſil verließ das Zimmer und ſchlug den 161 naͤmlichen Weg ein, den Major Raymond ge⸗ nommen hatte, ohne den mindeſten Zweifel, mit dem aufrichtigſten Wunſche und der Hoffnung, daß ihr Nachſezen fruchtlos ſeyn werde. Er war noch nicht weit gegangen, als ein leiſes Aech⸗ zen ſeine Aufmerkſamkeit feßelte und bei dem Durchſuchen des Gebuͤſches, gewahrte er ſeinen alten Freund Ralph, deßen Haͤnde mit des Ser⸗ geanten Schaͤrpe feſt zuſammen gebunden wa⸗ ren, und der ſchmerzlich ſeufzend, auf dem Bo⸗ den ſaß. Baſil wollte ſeine Treue erproben und ſagte ihm:„Ralph! Ralph! mit wem warſt Du?“ „Wie ſollte Ralph ihn kennen, junger Herr? Die arme ſchlichte Taube trifft manchen Vogel auf ihrem Zuge, und fliegt'ne Strecke mit ihm entlang, ohne zu fragen woher, noch wohin?“ „Hat dein Begleiter ſeinen Schlupfwinkel gluͤcklich erreicht?“. „Wie ſollte Ralph das wißen? Die wilde Kaze ſagt dem Eichhoͤrnchen ihren Wohnplaz nicht.“ 8 „So geht's gut,“ dachte der junge Offizier, ſezte ſeinen Weg fort, und rief zuweilen lautes Hallo den Uebrigen zu; der Theil vom Forſte durch welchen ſie dem Dorfe Brokenhurſt J. 11 162 zueilten, war lebendig genug; die Forſtbewoh⸗ ner ſtets wachſam, waren herausgekommen; obwohl ſie ſich durchaus nicht an der Jagd be⸗ theiligten, welche die Soldaten mit dem blut⸗ gierigſten Eifer betrieben, muß man dennoch nicht glauben, ſie waͤren gleichguͤltige Zuſchauer geweſen. Auf jeglicher Anhoͤhe oder kleinem Erdauf⸗ wurfe der eine Anſicht des Weltlaufes, denn ſo moͤchte die Verfolgung buchſtaͤblich genannt werden, geſtatten wollte, ſammelten ſie fich in Haufen von Zweien oder Dreien, und das ſo ploͤzlich und mit ſolcher Schnelligkeit, daß man haͤtte glauben ſollen, Erlkoͤnig habe ſeine Geiſter von Berg und Thal, zuſammen beſchieden.— Die ſchoͤne leuchtende Luna aber, wie immer ihr Verſteckſpiel liebend, trieb es mit dem Sergeanten in einer fuͤr ihn gar betruͤbenden Weiſe,— vielleicht aus Rache dafuͤr, daß er ihr heiliges Licht zu ſo boͤſem Zwecke anzu⸗ wenden ſuchte,— gerade in dem Augenblicke, als er dem gejagten Manne naͤher auf die Fer⸗ ſen kam; man ſah wie der Geaͤchtete den kuͤnſt⸗ lichen Erdaufwurf erklomm, der die ſonderbare und doch ſchoͤne alte Kirche von Brokenhurſt umzieht; matten Schrittes kroch er daruͤber 163 hin, ſchon wollte von des Sergeanten Lippen frohlockender Hohnruf ertoͤnen, doch ehe er die⸗ ſen noch konnte laut werden laßen, verdunkelte ſich der Mondſtrahl, eine dichte naͤchtige Wolke verhuͤllte die ganze Scheibe, und als die Ver⸗ folger bis zu dem Erdwalle kamen, war es ihnen durchaus nicht moͤglich die Stelle zu fin⸗ den, an welcher er emporgeklettert war. Waͤhrend ſie dieſen wichtigen Fragepunkt noch eroͤrternd beſtritten, ſchwebte der dichte Nebel majeſtaͤtiſch am blauen Wolkenhimmel und ver⸗ finſterte viele der zahlloſen am hohen Himmels⸗ dome funkelnden Sterne. Man haͤtte glauben ſollen, Luna triebe hohnneckenden Spott mit, den Leuten, denn ſobald der Mondenſchein gar nichts mehr helfen konnte, ſchien er wieder in hellem Glanze, leuchtender noch als vorher! Jeglicher Erdaufwurf ward betrachtet, in man⸗ ches friedlich ſtille Grab ward das Bajonett forſchend geſtochen; der ſchoͤne Eibenbaum, da⸗ mals in ſeiner vollen Pracht, ward bis zu ſei⸗ nen aͤußerſten Zweigen durchſucht, die, wie man verſichert, weit uͤber ſechszig Fuß uͤber dem Erdboden ſich ausbreiteten. Gewaltſam wurde die Kirchenthuͤr aufgebrochen, um zu ſehn, ob er wiederum Freiſtatt am Altare geſucht haͤtte. 164 Die fruchtloſe Verfolgung ward fortgeſezt, bis endlich die Soldaten, denen auch Captain Syb⸗ ney ſich angeſchloßen hatte, mit bittern, graͤß⸗ lichen Fluͤchen, ermuͤdet und niedergeſchlagen zuruͤckkehrten, als eben die Morgendaͤmmerung uͤber Sydney Luſt anbrach. „Ich will nicht zu Bett, Baſil;“ ſagte Ma⸗ jor Raymond,“ bei Dir will ich aufſizen, wir Beide ſind in heftiger Unruhe. Nicht fuͤr tau⸗ ſend Goldſtuͤcke haͤtte ich dies Ereigniß erleben wollen. Ich weiß nicht wie ich mich dabei be⸗ nehmen ſoll; der ungluͤckliche Bloͤdſinnige iſt ſtumm,— ganz ſtumm; und doch muß ich ihn entweder vor eine Magiſtratsperſon ſchicken, oder ihn der Willkuͤhr der Kriegsgeſeze preis geben.“ „Ralph wandert unaufhoͤrlich umher, bei Nacht, wie bei Tage; er kennt keine Ruhe; zudem iſt er ſtets in Gemeinſchaft mit Bett⸗ lern, Zigeunern und Landſtreichern, er iſt durchaus kein zurechnungs⸗faͤhiger Menſch, Cuthbert; das koͤnnen meines Vaters Diener alle bezeugen.“ „Du wuͤrdeſt es nicht bezeugen,“ erwiederte Raymond mit ſtarkem Nachdrucke,—„ſchau hier mein Captain, wiewohl der Himmel weiß, 165 daß unſer geſegneter Koͤnig mit den großen Unruhen genug und mehr als zu viel zu thun hat, ſo wuͤrde ein Vorfall wie dieſer, ihm doch mehr bange Sorge und wirrende Un⸗ ruhe machen, als wenn er genoͤthigt waͤre, Wilhelm von Naßau morgen eine offne Feld⸗ ſchlacht zu liefern.—“ „Ich weiß das mein Freund,„ſagte Baſil ſchmerzlich,„und in der Lage, in welcher ich mich befinde, kann man nicht erwarten, daß ich Dir rathen ſollte. Thue Du Alles, was Deine Pflicht Dir vorſchreibt, ſo hart Deine Maßregeln ſeyn moͤgen, ich will,— ich darf — ihre Angemeßenheit nicht beſtreiten.“ Beide junge Naͤnner betrachteten ſich eine Weile mit forſchenden, bangen Blicken; end⸗ lich brach Cuthbert Raymond das peinliche Stillſchweigen mit den einfachen Worte: „Oein Vater Baſil!——“ „Ich weiß,— ich fuͤrchte,— ſein Beneh⸗ men mag hdoͤchſt anſchuldigend ausgelegt wer⸗ den; doch mußt Du ſeine ſanfte, friedliebende⸗ Gemuͤthsart bedenken; in Wahrheit Cuthbert, er vermag den Anblick von Blut kaum zu er⸗ tragen.“ „Wahrlich, Du biſt kein gluͤcklicher Ausle⸗ 166 ger, Baſil. Was hat der Anblick von Blut mit einem geheimen Stichworte zu thun. Nein, mein Mann, erroͤthe Du nimmermehr daruͤber, Deines Vaters Vertheidigung zu uͤbernehmen; doch das iſt der Grund nicht, glaube mir, ich fuͤhle die ganze Schwierigkeit— und ich fuͤhle ſie mit Dir. Ausgemacht iſt es, daß er dieſem Menſchen ſeine Theilnahme widmet; doch was ſoll das? wenn's nicht um den verfluchten Sergean⸗ ten waͤre,— koͤnnteſt Du den nicht beſtechen?“ „Verflucht ſey er! Nein!“ rief Baſil zornig us.„Nein Cuthbert! Was meinen Vater be⸗ runt ſo hege ich das Vertrauen, daß ihm am Ende kein Harm widerfahren kann.— Der ganze Lauf ſeines Lebens; ſeine Unbeſcholten⸗ heit und ſeine ſchlichte Einfachheit; die Zuflucht, welche er dem Pater Frank in ſehr ſtuͤrmiſchen Zeiten gewaͤhrte, als Verfolgung von der ent⸗ gegengeſezten Seite wüthees ſeine Anhaͤnglich⸗ keit an die Stuarts— „Du meinſt, die Proteſtantiſchen Stu⸗ arts.“ „Nein, das thue ich nicht; ich meine den koͤniglichen Stamm;—— die Unwandelbar⸗ keit der katholiſchen Grundſaͤze meiner Mutter; alles das zuſammen genommen, muͤßte, wie 167 — ich mich feſt uͤberzeugt halte, zu ſeinen Gun⸗ ſten wirken; ſelber dann, wenn man auch glaubte, daß er perſoͤnliche Hochachtung fuͤr den ungluͤcklichen Geaͤchteten hegte; auch bedenke Cuthbert, daß Richter Jeffreys ſeine beſten Tage verlebt hat; ſein Einfluß iſt Gott ſey Dank, nicht mehr ſo, wie er war.“ „Zu dieſem„Gott ſey Dank“ ſag ich mein „Amen!“ aus vollem Herzen,“ antwortete Cuthbert;„aber angenommen, wir laßen den Dingen, ſo weit ſie Deinen Vater betreffen, ihren Lauf, was ſoll denn mit dem ungluͤck⸗ lichen Geſchoͤpfe, dem Ralph, vorgenommen werden? Den werden ſie auf die Folter ſpan⸗ nen! Nein liebſter Baſil, ich wollte Du waͤreſt Major und ich Captain; nun trifft mich un⸗ gluͤcklicherweiſe das Ordnen dieſer Angelegen⸗ heit.“ „Wohlan Cuthbert,— wenn Du Dich der Sache annimmſt, ſo kann ſeine Wunde wich⸗ tig genug betrachtet werden, um als Urſache angegeben zu werden, weshalb man ihn fuͤr jezt nicht fortſchafft; ich will ſein ſpaͤteres Er⸗ ſcheinen vor Gericht verbuͤrgen. Mit meinem Leben will ich dafuͤr einſtehen!“ „Ich denke, das laͤßt ſich machen;“ ſagte 168 der großmuͤthige Cuthbert, und bedachte zugleich in ſeinem Sinne, die Angemeßenheit eines Ge⸗ ſchenkes, welches dem Sergeanten als Erſaz gereicht werden koͤnnte, nebſt einer Erhoͤhung des Preiſes, welcher auf die Ergreifung des Geaͤchteten geſezt war; ſeine Anſicht theilte er Baſil mit. „Was meinſt Du, Captain, wenn wir Deinen Vater dazu vermoͤgten, einen Aufruf an die Bewohner von Neu⸗Forſt zur Verhaf⸗ tung dieſes Verbrechers, nebſt Dir und mir zu unterſchreiben?“ „Das wird mein Vater nicht; den Mond wuͤrde er eben ſo lieb verſchlingen, als ſchein⸗ bar das thun, was ſein Herz verachtet.“ „Angenommen, wir thaͤten's fuͤr ihn?“ „Dann wuͤrde er einen Gegen⸗Aufruf in allen Staͤdten und Doͤrfern von Neuen⸗Forſt austheilen laßen. Du kennſt die vollkommene Wahrheit und Einfachheit, in der Natur dieſes Mannes gar nicht.“ „Nun Baſil; Du kannſt's am beſten wißen. Was meinſt Du dazu, wenn wir nach Abfer⸗ tigung des Sergeanten, unſern Weg um Mit⸗ tag, nach der guten Stadt Beaulieu fortſezten? Ich habe ein gewißes Vorgefuͤhl, das mir ſagt, —₰ wir werden bald wieder Dienſt verrichten muͤßen; vielleicht noch eher, als wir es vermuthen; nun iſt es nicht nur ganz nothwendig, daß ich die Abtißin ſehe, ſondern ich muß auch meine Schweſter beſuchen.— Wehe mir! wenn ich Auftritte wie dieſe betrachten muß, koͤnnte ich mein Schwerdt faſt in einen Pflugſchaar um⸗ wandeln.“ Er riß das Fenſter auf, der volle friſche Zug der Morgenluft, der Glanz der Morgen⸗ ſonne drangen in das Gemach. Das Eichhoͤrn⸗ chen, jezt nicht laͤnger im Zweifel, ſprang von Aſt zu Aſt; hatten gleich die Nachtigallen ih⸗ ren Wechſelgeſang beendet, ſo ſchwieg es des⸗ halb nicht im Haine; die Droßel ſtimmte ihre ſanft melodiſchen Toͤne an; die Lerche ſtieg und begann zugleich ihr Morgenlied, wobei ſie ihr Auge unverwandt auf den Erdenpunkt haf⸗ tete, wo die treue Genoßin geduldig uͤber ih⸗ ren Jungen bruͤtete; aus ſeinem ſilbernen Neſte im alten Apfelbaume kroch der Buchfink her⸗ vor; und die glaͤnzende Goldammer, ſtolz auf- ihr ſchimmerndes Bruſtkieid, ſchuͤttelte die Thau⸗ perlen von ihren Fittigen, auf dem Wipfelzweige des wilden Birnbaums; das Gelaͤchter des froͤh⸗ lichen Spechtes tanzte mit den hinziehenden Ze⸗ 8 170 — phyrn fort. Der Forſt war in lebendiger Schoͤnheit! Das Gaͤnſebluͤmchen entfaltete ſeine beſcheidene Krone, und laͤchelte dem verſchaͤm⸗ teren Veilchen den guten Morgen zu; wilde Schwaͤne ſchnatterten zwiſchen dem rauſchenden Geroͤhrig ſuͤßer, ſtiller Baͤche; der„rothe Son⸗ nenvogel“ breitete ſein ſtruppiges Gefieder aus, und begruͤßte den Gott des Tages mit jenem kraͤhenden froͤhlichen Rufe, der die traͤgen Milch⸗ Maͤdchen vom Lager aufſpringen macht. Der liſtige Fuchs durchſchlich den dichtverwachſenen Ginſter, oder das purpurbluͤhende Haidekraut; der ſtolze Hirſch ſtreckte ſein Geweih zum Mor⸗ genlichte auf, ſchniffelte den Lufthauch und ging weiter zu ſeinem Lager. Ueber den bewaldeten Huͤgeln trieb die Sonne ihre ausbreitenden Strahlen durch die ſchoͤnen, doch boͤſen Duͤnſte hin, welche den Gottloſen auf dieſer ſuͤndhaften Erde gleich, gar gern das Treflichſte verdunkeln moͤgten; ihre ſchwarze Finſterniß vergeht im großen ſtrahlenden Lichte; ſo triumphiert zendlich Tugend, uͤber Suͤnde! Dieſe iſt eine vielſagende Allegorie, welche der Gott der Natur mit unvergaͤnglichen Schrift⸗ zuͤgen ſchrieb:— Schau hin! das roͤthliche Licht erfaßt die Wipfel der hoͤchſten Baͤume, 171 ſenkt ſich dann allmaͤhlig herab, und badet den ausgedehnten ewigen Forſt in das große Meer ſeiner Glorie! „Gott ich danke Dir, fuͤr ſolch einen An⸗ blick!“ ſprach Cuthbert, wandte ſich mit ſchmerz⸗ triefenden Augen vom Fenſter ab, druͤckte mit ſeinen Fingern die Augapfel, als haͤtten ſie des Schoͤnen zu viel eingeſogen.„Manchen Sonnenaufgang habe ich angeſehen, doch kei⸗ nen wie dieſen. Komm, erheitre Dich Baſil! ſ' iſt genug fuͤr'nen armen Teufel wie ich bin, der keine Heimath,— kein Haus, kein — nein, komm, komm, ſieh nicht aus, wie ein Knabe mit zerbrochener Patſche: bei St. Patrick.———“— „Immer ſchwoͤrſt Du bei St. Patrick, wenn Du guter Laune biſt.“ „Guter Laune!— in welcher andern Laune konnt' ich denn auch ſeyn, nachdem ich ſolch' einen Sonnenaufgang angeſehen habe?“ „Ich muß Dir ſagen, daß Sonnen⸗Unter⸗ gang und Aufgang,— oder vielmehr Sonnen⸗ Aufgaͤnge und Untergaͤnge mich ſtets traurig machen. Der eine iſt die Geburt der Hoffnung, der andere ihr Tod.“ „Bah! das iſt das Schlimmſte mit Euch 172 Englaͤndern; ganz wie Jaeques, ſaugt ihr Me⸗ lancholie, wie das Wieſelchen Eyer ausſaugt; von jeglichem Dinge leitet ihr Betruͤbendes ab und nennt das„die Moral herausziehn.“ Hol' die Peſt ſolche Moral, ſag ich. Gebt mir den Sonnenſtrahl, der die Suͤßigkeit herausbringt, und die Biene, die den Honig ſammelt. Was habe ich mit den Dornen weißer und rother NRoſen zu ſchaffen,— die Bluͤthen will ich— den herrlichen Flor der duftenden Blume.“ „Cuthbert, du kannſt die Einen nicht ohne die Andern haben.“ „Da biſt Du ſchon wieder!— Gewiß kann ich das nicht.— Doch ſag mir nur nicht, daß Beide nicht eins dem andern Reiz verleihen; Diejenigen die empfindlich fuͤr das Eine ſind, ſind auch empfindlich fuͤr Alles.— Doch laßen wir unſer predigen; hier kommt Pater Frank, und ſieht ſo ziemlich geſchlagen aus. Gott ſegne Dich, guter Vater! Schau her. Baſil, Seiner Hochwuͤrden hat eine Zeitung!“ „Ja, und eine boͤſe Zeitung; erſt zwei Tage iſt ſie alt, und bringt Neuigkeiten,— ha! Neuigkeiten! und ſeine Allerchriſtlichſte Majeſtaͤt iſt hoͤchlichſt ergrimmt darob,— und das iſt kein Wunder.“ 173 „Nach Eurer Meinung;“ bemerkte Baſil. „Ach! ach! Herr Baſil, Ihr ſeyd vom ent⸗ gegenſtehenden Glauben; doch hoͤrt, hier habe ich einen Brief, den ein vertrauter Bruder im Lager mir geſchrieben, den will ich Euch leſen, und vorausſchicken, daß er eine zuverlaͤßige Stuͤze unſers Glaubens und unſers Koͤnigs iſt.“ „Seine Majeſtaͤt(ſagt mein Freund) druͤck⸗ ten Ihr Erſtaunen und ihre Entruͤſtung in den ſtaͤrkſten Worten aus, ſobald ſie den ploͤzlichen und jubelnden Aufſchrei der Soldaten im La⸗ ger hoͤrten, in welchen dieſe ausbrachen, als ihnen die Freiſprechung der mit Biſchofmuͤzen geſchmuͤckten Kezer bekannt wurde!—“ „Ich bitte Sie um Verzeihung, Baſil;“ ſagte der Pater, im Bewußtſeyn, daß dieſe Stelle des Briefes Abbitte noͤthig mache. Baſil verbeugte ſich kalt, bitter ſogar, und bat den Prieſter fortzufahren.— „Seine Majeſtaͤt gelobte, im Geſpraͤche mit Lord Feversham, den Soldaten, es ſolle ihnen eingetraͤnkt werden. Der Koͤnig war in hoͤchſt heiliger Wuth, und ſchaͤumte im ge⸗ rechten Zorne. Er hat zwei Richter abgeſezt, naͤmlich Powel und Halloway, weil ſie dieſe 174 Leute zu beguͤnſtigen ſchienen; Befehle ſind ausgegeben, alle die Geiſtlichen gerichtlich zu veerfolgen, die des Koͤnigs Erklaͤrung nicht ver⸗ leſen haben; den neuen Mitgliedern, welche er in hoͤchſter Weisheit dem Magdalenen⸗Collegium beiordnete, hat er das Mandat zugefertigt zum Preſidenten, den hoͤchlich geachteten, und dhoͤchſt ehrwuͤrdigen Gifford zu waͤhlen, der, wie ihr wohl wißet, Titular⸗Biſchoff von Ma⸗ dura iſt; daruͤber herrſcht nun große Freude, aber bei Niemandem groͤßer, als bei mir ſelber, denn Seine Hochwuͤrden iſt ein guter, ein hei⸗ liger, ein ſehr zu verehrender Mann. Ich wollte Ihr waͤret hier geweſen und haͤttet die koͤſtlichen Nuͤße und die gemaͤſteten Kapaune geſchmeckt, die er mir von einem Schiffe zugeſandt hat, in welchem er, an einer ungemein gewinnbrin⸗ genden Ladung Antheil beſaß; recht betruͤbend war es, daß ſie hier an einem der neu einge⸗ ſezten Faſttage eintrafen, dem noch ein Frei⸗ tag folgte! ſo daß ſie ein ganz weniges ange⸗ gangen waren, was unſere Koͤchin jedoch durch ihre ganz vortreffliche und kunſtvolle Sauce wieder gut machte, von welcher ich Euch hier das Rezept ſchicke. Seine Majeſtaͤt haben eben⸗ falls ihre Abſicht kund gegeben; eben dieſen — ————.— — 175 hochgelehrten und heiligen Geiſtlichen zum Size von Oxrford zu ernennen.“ „Nun, bei Gottes Gnade und Barmherzigkeit! dies iſt zu viel;“ unterbrach Baſil und ſprang vom Size auf.—„Hat denn der irregeleitete Monarch keinen wahren Freund, der ihn vor den Gefahren ſeiner Handlungen warnt? Wes⸗ halb bleibt ihm die Thatſache verheimlicht, daß die Mehrzahl eines Proteſtantiſchen Volkes, ſolche ausgemachte Bethoͤrung nicht dulden will, ja daß man ein ſolches Erdulden gar nicht erwarten darf? Tauſende ſeiner Unterthanen halten ihn, eben ſeiner Froͤmmeleien wegen, ſchon jezt faͤhig, jegliches Verbrechen zu bege⸗ hen! O! welcher Preis ſollte einem Koͤnige zu theuer ſeyn, wenn er ſich einen wahrhaften Freund erkaufen koͤnnte!“ „Heißa!“ rief Cuthbert aus, der auf einem weichgepolſterten Ruheſeßel hingeſtreckt, ſeines Freundes Entruͤſtung betrachtete, als ſey er halb geneigt zu ſcherzen, und mehr als halb geneigt, daruͤber zu zuͤrnen;“ bei Jupiter! Du ſollteſt das lieber Seiner Majeſtaͤt ſelber ſagen, dann hat der Koͤnig mindeſtens einen Freund, der ihm Wahrheit nicht verhehlt, und als 176. wohlverdienten Lohn ſeinen Kopf dafuͤr ver⸗ liert.“ Baſil antwortete nicht; ging aber mismuthig aus dem Zimmer, wo er Cuthbert und den Pater zuruͤckließ, die tiefe und unverhehlte Bekuͤmmerniß uͤber des jungen Mannes freie Sprache ausdruͤckten. „Mag die heilige Jungfrau den wackern Juͤng⸗ ling beſchuͤzen und ſein Gemuͤth auf die rechte Bahn leiten, denn gewißlich ſind ſeine Gedan⸗ ken nicht ſo, wie ſie ſeyn koͤnnten! Fruͤh und ſpaͤt bete ich fuͤr ihn; und ſeine hoͤchſt vor⸗ treffliche Lady Mutter, hat manches Geluͤbde zu ſeiner gebeßerten Erleuchtung abgelegt. Die Bußuͤbungen, denen ſie ſich fuͤr ihren Sohn unterzieht, ſind hoͤchſt erbauend, ſo wie die Weihegaben, welche ſie darbringt, damit ſein Haupt erhoben werden moͤge uͤber die naͤchtigen Waßer, die ihn rings umgeben. Ich muß gehn und ihr die erfreulichen Nachrichten in Betreff Gifford's mittheilen, ſo wie den außerordentli⸗ chen Triumph dieſer Praͤlaten, welcher fuͤr mich ein unergruͤndliches Geheimniß iſt.“ Fort ging der Prieſter mit ſeinen Neuigkeiten ganz erfuͤllt; ihm war es mehr darum zu thun, —— —,— 177 recht viele derſelben zu haben, als ſich um ihre Bedeutſamkeit zu kuͤmmern. Baſil durchwanderte die Gartenanlagen, wuͤnſchte ſeinem Vater zu begegnen, und haͤtte ihn doch auch gern vermieden;— manche Dinge gingen ihm im Kopfe um, namentlich bedachte er, wie lange das Volk wohl des verblendeten Jakob Launen und Tyranney ertragen wuͤrde. Er war, in ſeine Ge⸗ danken vertieft, bis unter das Fenſter ſeiner Mutter gekommen, und als er emporblickte zu ihrem geheimen und geliebten Betzimmer, ge⸗ wahrte er das Profil eines Geſichtes, welches er zuverlaͤßig fruͤher ſchon geſehen hatte;— ja es war ganz genau der Schnitt, ganz die juͤdiſchen ſo ſcharf beſtimmten Umriße, die Zuͤge ſo ſprechend; — das Geſicht lehnte faſt am Fenſterglaſe; es war unmoͤglich es zu ſehn, ohne es wieder zu erkennen. Die Stirn war bis hinab zu den dunkelſchwarzen Augbrauen mit einer rothen, etwas zugeſpizten Muͤze bedeckt, das Leibchen war mit goldener Schnur um den Hals befeſtigt.— O ganz gewiß hatte er die⸗ ſes Geſicht ſchon geſehn!— eine recht unan⸗ genehme Erinnerung knuͤpfte ſich an dieſes Er⸗ kennen 1 geſehn hatte er ſie,— dießt Lippen . 178 — waren es, die ihm und einer Schaar andrer Knaben, welche damals mehr Vorwiz als Geld beſaßen,— die Zukunft vorhergeſagt hatten, — er konnte ſich nicht irren!— Das Geſicht wandte ſich um, und verſchwand eben ſo ſchnell vom Fenſter.— Er hatte ſich nicht ge⸗ irrt! Hier ein zweites Geheimniß!— Im Herzen von Neuen⸗Forſt,— in Sydney⸗ Luſt,— im geheimen Zimmer ſeiner Mutter, hatte er die Sterndeuterin von Cheapſide geſehn! Wie der Bliz ſchoß er durch die Gaͤnge hin, flog die Treppe hinauf, und ſtand nach unbe⸗ greiflich kurzer Zwiſchenzeit in eben dem Ge— mache, in welchem er die Sterndeuterin erblickt hatte,— es war leer!— Als er das Zimmer, verwirrter als je zuvor, verließ, begegnete ihm auf der Treppe, ſeiner Mutter Zofe. „Die Lady“ ſagte dieſe,„iſt heute nicht in dem Zimmer geweſen.“. „Auch ſonſt Niemand?“ „Ganz gewiß nicht.“ „War Pater Frank nicht hier?“ „Nein, Pater Frank iſt mit der Lady im Gewaͤchshauſe!“ Der arme Baſil gerieth in immer groͤßere Verwirrung. v —y 179 Siebentes Kapitel. Wo Phantaſie der Sinne Freundin weilt, Abſondernd überblickt der Dinge Schein, Und dann verſchmilzt, was noch ſo ſehr getheilt, Mit Schwarzem, weiß vergleicht, mit Großem, klein. Geſchäftig iſt ihr Walten, Tag und Nacht; Denn wenn auch äuß'rer Sinn in Schlaf verſinkt, So iſt's phantaſt'ſcher Träume Zaubermacht Die unaufhörlich ihre Flügel ſchwingt. S Sir John Davies. Sypaͤter am Morgen bereiteten die jungen Leute ſich zu ihrem Ritte nach Beaulieu vor. Der Sergeant erhielt Befehl in der Nachbarſchaft der Gegend zu bleiben, wo der Geaͤchtete in ſo unerklaͤrlicher Weiſe verſchwunden war. Ma⸗ jor Raymond ſagte ihm, er ſelber wolle fuͤr Ralphs ſpaͤtere Erſcheinung verantwortlich ſeyn, deshalb ſey es unnoͤthig, eine Wache bei deßen Krankenbette hinzuſtellen. 180 Wiewohl Lady Sydney ſich warm dage⸗ gen verwahrte, war ſie doch mit Herz und Seele eine politiſche Raͤnkemacherin; haͤtte Koͤ⸗ nig Jakob ihren Werth in dieſer Beziehung gekannt, ſo wuͤrde er ſie an ſeinen Hof gezo⸗ gen haben, um ihren ſchoͤnen Anlagen geeignete Beſchaͤftigung zu geben; die eigentliche Quelle ihres Mißgeſchickes entſprang unbezweifelt aus der Unmoglichkeit, Sir Everard zu irgend einer Art von Thaͤtigkeit anzuſpornen; er widerſezte ſich nie, widerſprach ihr nur ſelten, wiewohl ſie in der Bitterkeit ihres Herzens oftmals Dinge anfuͤhrte, welche nicht verfehlen konnten, einen Mann ſeiner politiſchen und religioͤſen Treuherzigkeit zu reizen. In ſofern es nur auf feſte Willenskraft ankam, haͤtte ſie zum Staats⸗ manne geboren ſeyn ſollen; in den Verhaͤlt⸗ nißen die ſie einengten, ſuchte ihr Geiſt andere Beſchaͤftigung, ſie ergab ſich dem Aberglauben, und beugte unter der vermeintlichen Gewalt uͤbernatuͤrlicher Einwirkungen, die Kraft eines Geiſtes, welche in andern Geſchichts⸗Abſchnitten ſie zur Zierde und Bewunderung ihres Ge⸗ ſchlechtes und Alters erhoben haben wuͤrde. So ſehr ſie ihren Sohn auch vergoͤtterte, konnte ſie ſich den Thatumſtand doch nicht ver⸗ —.,.—— — —yyy— 181 bergen, daß er kein warmer Anhaͤnger des katholiſchen Glaubens ſey; ſogar Major Ray⸗ mond war nach ihrer Anſicht, viel zu kalt fuͤr dieſe Sache;— ihres Sohnes beabſichtigter Beſuch in Beaulieu, erregte ihr beftige Un⸗ ruhe; mit weiblicher Geſchicklichkeit wuͤrde ſie gewiß einen Vorwand erſonnen haben, um dieſen zu verhindern, haͤtte ſie nicht eben ſo ſchnell die Nothwendigkeit erkannt, fuͤr die Angelegenheit ihres Gatten wirklichen Eifer zu zeigen; denn zu wohl wußte ſie, daß Sir Everard im mindeſten keinen Eifer empfinde, und ſich nicht zu einem falſchen Anſcheine deßelben verſtehn wuͤrde, um die Angelegenheit zu einem ſichernden und befriedigenden Aus⸗ gange zu bringen. Die Stellung, in welche ihr Gatte verſezt worden, erregte ihr peinliche Unruhe; nach einer langen Beſprechung mit Pater Frank, beſchloß ſie in der Sache zu handeln, ſo daß dieſer Geaͤchtete, falls er wirk⸗ lich irgendwo in der Umgegend ſich verberge, aufgegriffen wuͤrde; nachdem dies abgeredet war, beſtand ſie darauf, daß der Pater auf der Stelle, nicht ſeinen paßgaͤngernden Klepper, ſondern ein edelblutiges Roß beſteigen ſolle, welches ihn ſchnell nach St. Mary tragen 182 koͤnnte, um der Abtißin Weiſungen zu geben, damit jedes Zuſammentreffen Roſalindens mit ihrem Vetter, verhuͤtet werde;— die Moͤglich⸗ keit, daß er das Kloſter beſuchen koͤnne, hatte ſie fruͤher nicht bedacht. Dem Major Raymond bot ſie ihre Kutſche an, um ſeine Schweſter nach Sydney⸗Luſt zu bringen, ſo dringend war ihre Einladung, daß er gern verſprach, ſie der Lady vorzuſtellen, wenn die naͤchſten Berichte aus London, ſeine Gegenwart im Lager nicht unerlaͤßlich erfordern ſollten. „Wenn jedoch der Prinz von Oranien,“ fuhr er fort,„einen entſchiedenen Schritt gegen den geſalbten Koͤnig thun ſollte, ſo hat jeder Offizier nur einen Weg zu verfolgen.“ Lady Sydney empfand nicht das allermindeſte von Zaͤrtlichkeit fuͤr ihren Gatten, gab ſich auch dieſen Anſchein nicht; gleichwohl bekuͤm⸗ merte ſie die Noͤglichkeit, daß er in Folge ſei— ner entſchiedenen Theilnahme an dem Vorgange der lezten Nacht in Ungnade fallen konnte, recht ſchmerzlich und tief. Ihr Stolz ward da⸗ durch aufgefordert, die Gefahr abzuleiten;— Stolz war aber ihres Gemuͤthes bemeiſternde Leidenſchaft. —.,— — ——HV;:—— — Fruͤher hatte ſie keine Ahnung davon gehabt, daß Sir Everard in Bezichungen mit dem Geaͤchteten ſtaͤnde; auch jezt konnte ſie das Naͤthſel nicht loͤſen, konnte nicht begreifen, wie ein Mann, der ſo ganz friedlichen Beſchaͤfti⸗ gungen und Liebhabereien zugethan war, ſich durch ein ſolches Verfahren in Ungemach ſezen ſollte.— Daß der Geaͤchtete ein Fanatiker ſey, wußte ſie, viele erklaͤrten gradezu, er ſey voͤllig ver⸗ ruͤckt. Er wanderte von einem Orte zum an⸗ dern, ohne die mindeſten ſichtbaren Unter⸗ haltsmittel. Perſonen vom Feſtlande hatten betheuert, ihn in Deutſchland und Holland in Zeitpunkten geſehn zu haben, zu welchen man wußte oder mindeſtens vertraulich glaubte, er ſey im Verſteck in den Waͤldern Englands, oder zwiſchen den Bergen von Wallis. Die Frauen und Maͤdchen in den Gaͤnzdoͤr⸗ fern ſowohl, als im Neuen⸗Forſt, mit welchem er ſo vertraut ſchien, als ſey er in deßen Schatten geboren, benannten ihn mit dem dichteriſchen Namen:„Will aus dem Walde,“ — eine Benennung, die ſeiner ganz nachlaͤßi⸗ gen Erſcheinung zuſagte, die aber ſein Gemuͤth durchaus nicht bezeichnete, auch fehlte es ihnen ganz an Gelegenheit dieſes zu beurtheilen, denn 184 — nur mit ſehr wenigen ſprach er, und dieſe Wenigen waren die kuͤhnſten und verdaͤchtigſten, unter den Forſt⸗Jaͤgern. Weil dieſe annahmen, daß es ihm haͤufig an Nahrung fehlen muͤße, war es ihr Gebrauch in ſolche Felsſchluchten und Steinſpalten Lebensmittel zu verbergen, von denen ſie glauben konnten, daß ſie darin gefunden werden moͤgten. Die Abentheuer und das oͤftere haarſcharfe Entrinnen dieſes ſonderbaren und geheimniß⸗ vollen Menſchen, enthielten ſo vieles Kuͤhne und Verwegene, daß Lady Sydney, troz ihrer religioͤſen Meinungen und vielleicht ohne es zu wißen, heimliche Ehrfurcht vor ſeinem hehren, unerſchrockenen Karakter empfand; ſchwerlich wuͤrde ſie die Gutsuntergehoͤrigen und ihr Hausgeſinde zu Schritten aufgefordert haben, welche ſie noͤthig erachtete, um ihn einzufangen, waͤre dies nicht durch den Antheil nothwendig bedingt worden, den Sir Everard in Gegen⸗ wart der Soldaten, in ſo ungluͤcklicher Art be⸗ thaͤtigt hatte. Es war ihres Gatten Gewohn⸗ heit, alle ihre Anordnungen und Befehle als uͤber⸗ wiegend anzuerkennen; wenn ſie ſich nur in ſeine Lieblingsbeſchaͤftigungen nicht miſchte, war es ihm voͤllig gleichguͤltig, wer kommen oder gehen — 185 moͤgte; der Gedanke, er koͤnne ihren Vorſchrif⸗ ten in dieſer Angelegenheit widerſprechen, kam nimmer bei ihr zur Berechnung, wiewohl ſie doch gerathen achtete den Leuten die Vorſicht an⸗ zuempfehlen:„Sir Everard nicht zu ſagen, daß ſie darauf ausgingen, dem Sergeanten und ſeiner Soldaten Huͤlfe zu leiſten. „Ich bitte Euer Edlen Verlaub,“ ſagte Jem⸗ mings mit der Hand an der Kappe, zu ſeinem jungen Herrn,„aber ich meine, ich ſoll Euer Edlen nach St. Mary begleiten; die Bedienten ſagen, daß ſie auf der Lauer ſeyn ſollen, und wenn's Euer Edlen gefaͤllt, ſo wollte ich mei⸗ nen Abſchied haben.“ „Ihr ſprecht unverſtaͤndlich,“ erwiederte Caw⸗ tain Sydney,„ſo eben ſagt Ihr, daß Ihr mitreiten wolltet, und nun verlangt Ihr Ab- ſchied.“ „Gar nicht unvertraͤglich,“ ſagte Jemmings, der ſehr gern lange Worte gebrauchte,„ich wuͤnſche meinen Abſchied aus Seiner Majeſtaͤt Dienſte; kann Euer Edlen aber vorbeweiſen, daß ich gar nicht wunſchvoll bin, den Ihrigen zu verlaßen.“ „Abſchied! das iſt kein Soldaten⸗ Benehmen; der Koͤnig gebraucht ſeine Freunde; und 186 deshalb wollt Ihr ihn gewiß nicht ver⸗ laßen?“ 3 „Nein, deshalb ſo genau genommen nicht; aber mein zuſammenbeſtehender Glaube iſt der, daß ein Koͤnig in England immer Freunde haben wird, ſo lange er ſie verdient, weil er, wie das der Fall mit ihm iſt, eine achtungswuͤrdige Stellung einnimmt, und——“ „Beim Himmel, Ihr ſprecht Zeug, daß Ihr entweder verruͤckt, oder betrunken ſein muͤßt; ſattelt mein Pferd, wenn's nicht ſchon geſchehn iſt, und fuͤhrt es vor; und laßt mir ſolches Getraͤtſch nicht wieder hoͤren.“ „Ich bitte Euer Edlen Vergunſt, aber Soldat kann ich wirklich nicht laͤnger bleiben. Es war meine Abſicht, mir meinen Weg zur Glorie zu gewinnen,— zuruͤckkehren wollte ich, wenn ich den Prinzen von Oranien, der ſicherlich kommen wird,— mit ſeinem eigenen blauen Bill, niedergeſchoßen hatte,— zuruͤck⸗ kehren, wie ich ſagte, um die Suͤße der Abge⸗ ſchiedenheit aus den Butter-Blumen und July⸗ Bluͤthen des Forſtes zu ſchluͤrfen; nun aber will ich nicht mehr gehn, denn ich bin ein junger Mann mit gebrochenem Herzen und getaͤuſchter Liebe!— O! Herr Baſil! Herr —— 187 Baſil! Sie waren niemals verliebt, ſonſt wuͤr⸗ den ſie nicht ſo kalt und grauſam auf mich blicken.“ Baſil laͤchelte. „Wohl kann man laͤcheln, wenn's Herze leicht iſt; Cicely pflegte von mir zu ſagen, ich laͤchelte ſuͤßlich. Aber in'nem Menſchen ſizt doch was mehr, als in'ner Ruͤbe; da iſt'n Herze,— Herr Baſil! ein rothes— ein blu⸗ tendes Herz in meinem Buſen. Soldat will ich nicht laͤnger ſeyn; das iſt ein Stand fuͤr'nen begluͤckten Liebhaber, und ich bin ein verlaße⸗ ner, deshalb will ich nun Schaͤfer werden und Sonnette ſingen.“ Jezt vermogte Baſil nicht laͤnger ſich zu halten; wiewohl hoͤchſt wichtige Dinge ihn in Anſpruch nahmen; der Gedanke, ſeinen alten, treuen Jemmings,„Alt⸗Eiſen,“ wie ſeine Kame⸗ raden im Regimente ihn nannten, Schaͤfer werden zu ſehn, brachte ihn zu lautem Ge⸗ laͤchter. Das große, iberwachſene Ungethuͤm, das da in weiten Reiter⸗Stiefeln und hochgeſtuͤlpten Hand⸗ ſchuhen vor ihm ſtand, umgewandelt in einen Schaͤfer, mit einer Heerde Laͤmmer, mit Schaͤ⸗ ferſtab, Blumenkranz und Strohhut: dies war 188 fuͤr ſeine Ernſthaftigkeit zu viel. Doch ward dieſe noch auf eine ſtaͤrkere Probe geſtellt, weil Jemmings fortfuhr, Beſchwerden gegen die Moralitaͤt des Sergeanten Pack' ihn, eine pa⸗ thetiſche Wehklage uͤber ſeine Cecily und eine Wiederholung ſeines Entſchlußes nicht laͤnger unter Koͤnig Jakobs Truppen bleiben zu wol⸗ len, in der allerſonderbarſten Weiſe durchein⸗ ander zu miſchen. Vergebens ſtellte Baſil ihm die Unmoͤglichkeit vor, daß ein ſo kraͤftiger, gewandter Soldat wie er, die Erlaubniß er⸗ halten wuͤrde, ſein Regiment zu verlaßen. „Dann muß ich deſertiren,“ entgegnete„Alt⸗ Eiſen,“„es iſt meine Beſtimmung, nicht laͤnger Soldat zu ſeyn.“ „Und wie wißt Ihr das, mein guter Freund?“ „Wie ich's weiß, Euer Edlen? Nun, Euer Edlen erinnert ſich doch an die Frau mit rother Kopfhaube, von der ich geſprochen habe; die, dachte ich, muͤßte der Bettler Koͤnigin ſeyn,— aber ſie iſt was Beßeres,— iſt'ne wunder⸗ bare Wahrſagerin! Weil man mir nun ſagte, ſie koͤnne alles vorherdeuten, ging ich geſtern Abend zu ihr, dort wo ihr Zelt aufgeſchlagen ſteht, und da beſchloß ich'nen Verſuch mit ihrer ———— —,,— v —.— 189 Kundhaftigkeit zu machen. Da fragte ich ſie zuerſt, wer ich ſey, und ſie ſagte das! Dann fragte ich wer Ihr waͤret, und ſie ſagte das! Sie verſtaͤndigte mir ebenfalls, daß Ihr heute zur Priorey von St. Mary gehn wuͤrdet; und ſie ſagte mir, Ihr wuͤrdet Euch in eine Ir⸗ laͤndiſche Dame verlieben; ſie ſagte mir auch, Eure Muhme ſey ebenfalls dort, aber ſie ſezte hinzu, daß eine ſchwarze Wolke bei deren Ge⸗ burt ſie mit Gift uͤberſchuͤttet haͤtte;— dann blickte ſie zu den Sternen auf, und fagte, ich ſey nicht geboren, um General zu werden! Was aber das allermartervollſte Ding von Allem war, iſt, daß ſie ſagte, die Dirne, die Cecily ſey unter'nem wilden Sterne geboren, und wuͤrde deshalb wahnfinnig ſterben. Dann fuͤhrte ſie mich hinaus, ließ mich hinuͤber nach Syd⸗ ney⸗Luſt blicken, und zeigte mir, wie uͤber dem Hauſe eine dunkle Wolke hing— eine graͤßlich ſchwarze Wolke war es!”“ „Genug von ſolchem Gewaͤſche!“ entgegnete Baſil veraͤchtlich,„warnt die Weiber, daß ſie nach ihrem Gefluͤgel ſehen, und die Schaͤfer nach ihrenLaͤmmern, wenn dergleichen Zigeu⸗ ner⸗Pack das Land verpeſtet.“ „Sie iſt keine Zigennerin nicht, Herr Baſil, wenn's ſo iſt, daß ſie'ne ſle iſt, ſo iſt'ſe doch keine Zigeunerin; dies uͤbertrifft Zigeuner⸗ Wißen, das aus Unwißenheit hervorgeht; aber dieſes Geſchoͤpfes Weisheit iſt uͤber ſolcher Ge⸗ ringheit.— Reitet Euer Edlen die braune Beß?“ „Ja,“ erwiederte Baſil nachdenklich. Haͤtte ihm jemand geſagt, er glaube, daß in ſolchen Vorherſagungen ein Schatte von Wahrheit enthalten ſey, er wuͤrde hoͤchſt erzuͤrnt worden ſeyn; vielleicht waͤre er dann ſo weit gegangen, zu fragen, ob man ihn fuͤr einen Thoren halte?— So dringend iſt aber das Verlangen, welches wir Alle empfinden, die Geheimniße der Zukunft zu durchdringen, daß er Jemmings zuruͤckrief. „Jemmings!“ „Ja, Herr Baſil!“ „Jemmings, Ihr muͤßt die Abgeſchmacktheit in dem Unſinne dieſes Weibes erkannt haben; denn, wenn auch eine Wolke kurze Zeit uͤber Sydney⸗Luſt hing, ſo verzog die ſich doch.“ „That ſie das, Euer Edlen?“ „Welche Frage; allerdings that ſie's, wie alle Wolken ſich verziehen.“ „Wußt's wirklich nicht, Euer Edlen, dachte an Cicely.“ —,— — V——᷑—ÿ—ꝛ—ꝛ—ꝛ————;,— — 191 „Alſo das iſt die Theilnahme an Eurem Hauſe; auf meine Seele, ich bin Euch verbun⸗ den!“ erwiederte der Captain erboßt, und ver⸗ drießlich daruͤber, daß er im Ernſte der Sache ſo viel Wichtigkeit beilegte. „Bitte um Vergebung, Herr Baſil; ich ver⸗ muthete nicht, daß Ihr ſo viel daraus machen wuͤrdet, ſonſt haͤtte ich's in Obacht genommen und die Wolke angeſchauet; aber wenn Ihr ſelber nur verliebt waͤret, wuͤrdet ihr bald er⸗ fahren, wie hart es iſt, an irgend etwas zu denken.“ „Wer ſagte Euch, daß ich das allermindeſte daraus mache? Geht und ſattelt Braun⸗Beß.“ „Gott gebe! daß ich ihn bald verliebt ſehe,“ murmelte Jemmings fuͤr ſich hin,„dann moͤgt's ſich ſo treffen, das er einige Bemitleidung und Rechtfertigung empfaͤnde, fuͤr'ne arme untroͤſt⸗ liche Kreatur, wie iche's bin.“ Um den Verlauf der Dinge ſo anzugeben wie er wirklich war, muͤßen wir anſuͤhren, daß Baſil uͤber den angehoͤrten Unſinn gruͤbelte, bis Major Raymond ihn zum aufſizen und abreiten rief; ſeine Gedanken wurden dadurch keinesweges erleichtert, daß Jemmings zu ſeiner Vollblut⸗Stute heranritt, und mit einer ſchwe⸗ 192 ren Reitpeitſche, welche ſogar einen der ſchoͤnen Leibgardiſten heutiger Zeit, haͤtte zu Boden ſchlagen koͤnnen,— nach einer Gegend zeigte, dabei im leiſen, von ihm als vertraulich betrach⸗ ten Tone, ſagte: „Dort war's, wo ſie war; aber ſie ſind alle fort, der Teufel weiß wohin?“ „Hier,“ ſprach eine laute, rauhe Stimme, welche ſie erſchreckte; in eben dem Augenblicke, ſtand ein dickes, kraftvoll ausſehendes Weib, von dem ſie vermutheten, ſie muͤße hinter einem Eichbaume, einem der ehrwuͤrdigſten Staͤmme des Forſtes, hervorgekommen ſeyn, mitten in ihrem Wege. Major Raymond, gab ſeinem Pferde die Sporen um ihr vorbeizureiten, ſie aber ſchrie laut und ſchwang einen Flieder⸗Aſt, der ihr zum Wanderſtab diente, um ihren Kopf. „Zuruͤck! zuruͤckl! manches Roß wird Dich zerſtampfen, wenn Deine Zeit kommt— tief wirſt Du liegen— tief genug und kein Freund um Dir die Augen zuzudruͤcken, nur der wilde Aar allein wird Deinen Todtenſang kreiſchen— „Iſt's Loos vom Soldat Und früh oder ſpat, Muß er ſterben ohn' heiligen Glockenton. 5 193 Sie ſchwang ihren Aſt ſo dicht vor des Pfer⸗ des Haupte, daß Major Raymond, waͤre er nicht ſo guter Reiter geweſen, haͤtte uͤberſchla⸗ gen muͤßen. „Und Ihr da, ſchmucker junger Herr, ſoll ich Euch Gluͤck ſagen? Obwohl ich's bei Tage nicht kann, denn die Sonne iſt'ne Unglaͤubige und will die Sterne meiner Formeln, nicht her⸗ vorſchimmern laßen.“ „Ich denke, gute Frau,“ ſagte Baſil Syd⸗ ney,„ich ſah Euch fruͤher als heute, und heute auch fruͤher. Kannſt Du mir das formeln?“ „Ahl ah!— Meiſter Baſil— ſuͤß Baſili⸗ kum, war ſanftes Kraut, und bluͤhte unter den Schatten'ner Orangen⸗Lilie, und die Lilie „breitet ſich aus über's Land Mit'ner blut⸗rothen Hand, Und albern genug Konnt' Lilien⸗Betrug Ueberſchatten dies ganze, geſegnete Land.“ „Fort mit Euch!“ rief Major Raymond in flammender Zornwuth,„die iſt eine von den Feuer⸗Braͤnden, die mit den Fackeln der Zer⸗ ſtoͤrung ihr Spiel treiben, und eine Art von Tollheit vorſchuͤßen, um ihre Abſicht zu ver⸗ L. 13 194 bergen. Schiebt die Kappe zuruͤck! Auf Seele, ich glaube ſ'iſt kein Weib!“ „Welch'ne wunderbare Gabe der Dichtung ſie hat;“ ſprach Jemmings;„ich habe mich abgequaͤlt um'n Gedicht zu machen, und be⸗ gann mit„Lieb' Cecily Maynard,“ nun konnte ich aber nichts finden, was darauf reimen wollte, als„ſey hart,“ und weil das nun un⸗ widerſprechlich unanwendbar war, bleib ich da⸗ bei ſtehn.“ Dies duͤrfen wir Selbſtgeſpraͤch nennen, weil Niemand es hoͤrte, als Jemmings ſelber und ſein Rappe, der ihm in allen Dingen ſo aͤhn⸗ lich war, als ein Pferd nur einem Menſchen ſeyn kann; ausgenommen, daß nicht berichtet wird, der Rappe ſey jemals verliebt geweſen. Das fremde Weib fuhr fort, ihnen den Weg zu vertreten, was Major Raymond keineswe⸗ ges dulden wollte, wiewohl es ihn aͤrgerte und in Verwunderung ſezte, daß Baſil dieſe Unter⸗ brechung ſo geduldig ertrug. Sie begann auf's Neue eine Art ungekuͤn⸗ ſtelter Reime, aber einige ihrer Spruͤche redeten kraͤftig und erbangend, zum Herzen des Erben von Sydney. — 195 — „Zieht einer aus Blick' er wohl auf's Haus, Wo die blutrothe Hand Schon zündet den Brand; Des Schlacht⸗Hunds Schrei Tönt ſchon dicht bei Des bedachtloſen Wanderers, Wohnhaus.“ Die Worte wurden in einer Art von Ge⸗ fliſter geſprochen, die ſprechenden Lippen waren dabei Baſil Sydney zugekehrt; doch dieſe War⸗ nung erreichte das Ohr des Major Raymond nur als bedeutloſes Gemurmel: das Weib ge⸗ wahrte, daß ſie die Wirkung hervorgebracht hatte, wo ſie dieſe beabſichtigte, und begann nun wieder in lauterem, laͤrmenderem Tone die Fortſezung ihrer prophetiſchen Reimereien. Endlich war Raymonds Geduld erſchoͤpft, er machte noch einen Verſuch ihr vorbeizuſpren⸗ gen; doch wiederum pflanzte das breite Weib ſich ihm in den Weg,— und rief mit einer Art hohnneckender Freude: „Oho! Ihr jungen Herrn, Ihr duͤnkt Euch maͤchtig geſcheut, und gewaltige Krieger!— Hier aber geht Ihr umher'nen einzelnen ar⸗ men Teufel zu hezen, den Ihr doch niemals fangen werdet, anſtatt Euren Koͤnig Jamie emporzuhalten. Fort nach Eurem Lager bei 196 Honnslow, und nehmt ihm dies mit;“— ſie hielt einen zerlumpten Shawl in die Hoͤhe, —„als'nen Geifer⸗Lappen; denn es wird nicht lange mehr dauern, und er wird vieles zu verſchlucken haben, was er nicht liebt.“ „Nun, bei Gottes Allmacht!“ rief Cuthbert, „dies iſt zu viel, Weibsmenſch, gehſt Du uns nicht aus dem Wege, ſo will ich Dich an dies Begegnen denken machen. Durch Deines glei⸗ chen, wird der Landfriede geſtoͤrt, und unſer geheiligter Monarch in Gefahr gebracht. Fort ſag' ich, ſteh uns nicht im Wege, und verhin⸗ dere uns nicht an unſerer Pflicht, mit Deinem faulzuͤngigen Geſchwaͤz.“ Das Weib aber fuhr fort, ſie unausgeſezt zu quaͤlen, bis Major Raymond vom Pferde ſprang und ſie am Mantel erfaßte; auf ſolchen Angriff war ſie anſcheinend nicht gefaßt. Das einzige Mittel zu ihrer Flucht beſtand darin, den Mantel in ſeinen Haͤnden zu laßen, und wie eine Atalante flog ſie den Waldpfad entlang, ſtuͤrzte ſich dann in den Dickicht eines buſchigen Unterwaldes, welchen zu durchdringen, der Major fruchtlos verſuchte. „Ich will darauf ſchwoͤren, ſ'iſt kein Weib!“ rief Cuthbert Baſil zu, der zum mindeſten 197 dem aͤußern Anſcheine nach, ganz ruhig, die ganze Zeit uͤber, auf ſeinem Pferde geſeßen hatte.„Haſt jemals ſo'n Paar Beine ge⸗ ſehn?“ „Was haſt Du mit dem Mantel gemacht, Cuthbert?“ „Dort liegt er, und mag fuͤr mich liegen bleiben. „Umpf!“ ſagte Baſil, ſaß langſam ab, waͤh⸗ rend Raymond wieder in ſeinen Sattel ſprang. „Was zum Teufel, weshalb ſizeſt Du ab? Haſt wahrlich doch eben jezt, ruhig genug ſtill geſeßen.“ „Das that ich allerdings; zu der Jagd war einer genug; doch in dem Mantel mag ſich was finden.“ „Bei Gott, Du haſt recht, Baſil; ſonderbar, daß mir das gar nicht einfiel.“ „Gar nicht ſonderbar, Cuthbert, denn Du denkſt niemals.“ „Vielleicht nicht.— Nun, ſoll ich Dir es bezahlen, fuͤr mich zu denken. Aufs freudigſte wollte ich Jedermann dafuͤr bezahlen, der fuͤr mich aͤrgerlich ſeyn wollte.“ „Es iſt eine große Erſparung beides fuͤr ſich ſelber zu thun;“ erwiederte Baſil trocken, als 198 er den Mantel aufhob—„he, was haben wir hier?— Eine Boͤrſe— und recht ſchwer.“ Ein Soldat im Dienſt, wittert Gold wie die Kraͤhe das Aas; kaum drang das Wort„Gold“ zum Ohre des Schaͤfer⸗Soldaten, als er aus den Sattel ſprang, zu ſeinem Herrn hinantrat, und ſchnell fragte, ob er den Mantel halten ſolle? „Nein, ich danke Jemmings,“ erwiederte der Captain, ganz ruhig das Durchſuchen deſ⸗ ſelben fortſezend,—„hier iſt ein Bart,— eine Larve und eine Phiole mit dunkler Farbe. Deutlich zeigt ſichs, daß dieſer Wegelage⸗ rer nicht iſt, was er ſcheint, oder vielmehr was ſie ſcheint,— denn ich will darauf ſchwoͤren, der Unterrock iſt ſo gut eine Larve als dieſes bemalte Steifpapier. Cuthbert laß uns vorſichtig um uns herſchauen, etwas mehr als Gewoͤhnliches, wird hier vorgehn.“ Jemmings glaubte zu bemerken, daß ſein Herr, im weitern Durchſuchen des Mantels, ein Papier fand— es ſah einem Briefe aͤhn⸗ lich, das er entweder in den Rockaͤrmel ſchob, oder in ſeinem Buſen verſteckte. „Ich denke, wir koͤnnen dieſe Dinge liegen laßen, wie wir ſie finden, Major, und dem —,;, 199 — Zufalle oder der Laune dieſes ſonderbaren Ge⸗ ſchopfes uͤberlaßen, ob der geſezliche Eigenthuͤ⸗ mer ſich wieder dazu melden wird, oder nicht.”“ „Recht gut;“ erwiederte Cuthbert. „Aber die Boͤrſe, guter Herr,“ wagte Jem⸗ mings einzureden;„die Boͤrſe,— Seiner Edlen Diener und ich, haben Anſpruͤche auf die Beute, welche Ihro Ehrenhaften, ſo groß⸗ herzig verwerfen— haben wir nicht?“ „Im gegenwaͤrtigen Falle gewiß nicht;“ antwortete Major Raymond;„wir ſind Sol⸗ daten und keine Raͤuber.“ Der Zug ritt weiter; aber nach einer klei⸗ nen Weile mußte Sydney ſeinem Diener zu⸗ rufen: „Hallo, Jemmings! weshalb kehrt Ihr um?“ „Gefall's Euer Edlen, der Rapp' iſt ſo un⸗ ruhig.“ „Dann gebt ihm die Sporen, und bleibt bei uns; hier iſt kein Ort zum Stallmei⸗ ſtern.“ 3 „Wohl, Euer Edlen;“ erwiederte Jemmings, der meinte, er duͤrfe wohl einmal den Werth der Beute ſich anſehen, welche ſeine Offiziere verachteten, was er, um die Wahrheit zu ſa⸗ gen, ſchon manchesmal gethan hatte; eine 200 ploͤzliche Biegung des Weges zeigte ihnen die Stelle, auf welcher Baſil den Mantel gelaßen hatte; wiewohl Jemmings und der andere Diener ihre Augen auf das aͤußerſte anſtreng⸗ ten, um nur einen Blick von dem ſcharlachnen Schaze zu bekommen— ſo gewahrten ſie nichts, der Mantel war fort! Die Offiziere brachten im Weiterreiten ihre Pferde dicht nebeneinander; obgleich ihrer Die⸗ ner Ohren, wie das bei dergleichen Gelegen⸗ heiten gemeiniglich der Fall i*ſt, ſcharf horchten, vermogten ſie doch nichts vom Gegenſtande des Geſpraͤchs zu erhaſchen. Wir wollen ſie reiten laßen, und ſehen, was in Sydney⸗Luſt vor⸗ ging. 3 Es waͤre ſehr moͤglich geweſen, daß Sir Everard gar nichts erfahren haͤtte, von ſeiner Gemahlin Begierde, den Schlupfwinkel des Fluͤchtlinges zu entdecken, fuͤr welchen er naͤchſt ſeinem Sohne, groͤßere Theilnahme empfand, als fuͤr irgend einen Menſchen auf Erden; einer der juͤngern Diener machte ihn damit be⸗ kannt, der, noch unerfahren in den Gewohn⸗ heiten dieſes Hauſes, Sir Everards Sanctum betreten hatte, um nach Waffen zu ſuchen, — 201 welche er fuͤr den zu leiſtenden Dienſt noͤthig achtete; als er ſich einen alten Dolch herunter⸗ nehmen wollte, trat er ungluͤcklicher Weiſe die Perſiſche Kaze, die ſich dafuͤr in der allerkazen⸗ hafteſten Weiſe raͤchte, eine Sache, die dem jungen Menſchen gar nicht gefiel; Sir Everard gab ihm einen ſcharfen Verweis dafuͤr, daß er den Liebling beruͤhrt hatte und unberufen in dieſes Zimmer gekommen ſey. Der Vorwurf fuͤhrte zu einer Erlaͤuterung, welche damit en⸗ dete, daß Sir Everard ſeinen geliebten„Sylva“ aufgeſchlagen auf dem Tiſche ließ und zu ſeiner „Frau Betzimmer ging, welches er in manchen Jahren nicht betreten hatte, und in welchem er jezt ein eben ſo ungeheißener, als unwillkomm⸗ ner Beſucher war. In dieſes ſtille, feierliche Gemach, trat der friedliebende Herr des Hauſes; doch deutlich zeigte ſich's, daß kein gewoͤhnlicher Beweggrund ihn herfuͤhrte,— daß eine ganz außerordent⸗ liche Aufregung ſeiner Gefuͤhle, ihm dieſe Roͤthe auf die Wangen trieb, ihn einen Ton und ein Weſen annehmen ließen, welche ſo wenig mit ſeinen Gebraͤuchen uͤbereinſtimmten, daß er eine ganz unnatuͤrliche Erſcheinung darthat. Es iſt ein peinliches Geſchaͤft, haͤuslichen 202 Zwiſten beiwohnen zu muͤßen, oder auch ſie zu berichten; ſie ſind jederzeit herbe und unna⸗ tuͤrlich; ungefallend und unziemlich; eine kei⸗ fende Spottrede auf des Allmaͤchtigen Weis⸗ heit, der, indem er geſtattete, daß zwei ſich vereinigten, zugleich in ſeinem Gebote ſagte: daß„dieſe Beiden eins ſeyn ſollten.“ Es iſt wirklich erſchrecklich, die Tyranniſchen Beſtand⸗ theile eines maͤnnlichen Gemuͤthes zu beachten, wenn dieſe durch die verſchlimmernde, oder uͤbelberathene Hartnaͤckigkeit derjenigen aufgereizt werden, die in Gottes Angefichte, Gehorſam ihrem Ehemanne ſchwor. Der Mann iſt Tyrann in allen Laͤndern, und war das zu allen Zei⸗ ten. Bei einigen Maͤnnern ſchlaͤft dieſe boͤſe Gemuͤthsrichtung, weil eine natuͤrliche Unfaͤhig⸗ keit bei ihnen vorherrſcht, ſie auszuuͤben; An⸗ dere beherrſchen ſie mit einer Sanftmuth und Zartheit, fuͤr welche ſie Dank und Lob verdie⸗ nen, wenn man die große Gewalt bedenkt, welche goͤttliche, wie menſchliche Geſeze ihren Haͤnden anvertrauten; doch Gehorſam iſt der Weiber Pflicht; und da, wo eine Pflicht zu er⸗ fuͤllen iſt, gebuͤhrt ſich's nicht zu unterſuchen, ob ſie ſuͤß oder bitter, rauh oder ſanft ſey;— es genuͤgt, daß die Pflicht gebieteriſch iſt; ein 203 gehoͤriges Vertrauen in die hoͤhere Leitung des Allmaͤchtigen, verbunden mit angemeßenem Mißtrauen in unſer eigenes Urtheil, wird uns freudig,— und wenn nicht freudig, doch zu⸗ frieden,— unter allen den Schickungen machen die von Ihm ausgehen, der Alles in hoher Weisheit beſchloßen hat. Immerwaͤhrend haben wir Zufriedenſeyn dargethan im Hauſe, wie außerhalb, und darin haben wir unſern eigenen Vortheil gefunden; denn wir haben ſo wenig die argen Leidenſchaften Anderer, als unſere eigenen in's Leben gerufen; ein alter aber ſehr ſchoͤner Ausſpruch ſagt:„eine reine und fried⸗ liche Heimath, iſt ein Wohnplaz fuͤr eine Koͤnigin.“ Lady Sydney hatte ſo lange Zeit die aller⸗ unbeſchraͤnkeſte Herrſchaft ausgeuͤbt, daß der Umſtand, Sir Everard beſtreite ihre Wuͤnſche, etwas ſo neues und aufregendes fuͤr ſie war, um kaum zu wißen, was ſie von dem Tone und der Leidenſchaftlichkeit, die er darthat, den⸗ ken ſolle. Es glich dem Gegeneinanderbrauſen zweier kraftvoller Winde; er, der ſo lange geruht hatte, beſaß die groͤßere Kraft; ſie, wußte aus bitterer Uebung, wie ſie ſich zu drehen und 204 zu wenden habe, um ihr moͤglichſtes zum Er⸗ langen der Ueberlegenheit zu thun. Bisher hatte ſie ſtets erfolgvoll nach dieſem Plane gehandelt; jezt aber waren die Umſtaͤnde mit dem Laufe der Ereigniße geaͤndert. Sir Everard behauptete ſein Recht, in ſeinem eigenen Hauſe zu befeh⸗ len, in einer Weiſe, die zugleich Milde und Feſtigkeit enthielt; dieſe Weiſe aber, war ſo ganz neu und ungewoͤhnlich, daß ſeine Haus⸗ dame beinahe glaubte, ihn fuͤr ſinnverwirrt halten zu muͤßen. Sein Verbot an die Diener, daß ſie den Soldaten bei ihren Nachforſchungen keine Huͤlfe leiſten ſollten, war mehr Beweis ſei⸗ nes warmen Gefuͤhles, als ſeiner Klugheit; die Diener aber, ſtets der ſanfteren Gewalt mehr zugethan als der erzwingenden,„waren hoͤchlich erfreut,“ wie ſie untereinander ſagten, „zu ſehn, daß der Herr ſich einmal Muth faße.“ Lady Sydney, gedehmuͤthigt und geaͤngſtigt, durch die wahrſcheinlichen Folgen ſeiner aus⸗ geſprochenen Abneigung, die Verfolgung eines weltkundig Geaͤchteten zu beguͤnſtigen, zog ſich endlich ſchweigend zuruͤck, verſchloß ſich in ihr Zimmer, wo ſie zu bleiben, ſich vorſezte, bis 205 zu ihres Sohnes Ruͤckkunft, den ſie ſpaͤt Abends, oder am andern Morgen in der Fruͤhe. erwartete. 206 Achtes Kapitel. 3 Ich ſchnulde Dem Stanbe etwas; Körpers leckre Maſt Zertheilen Fäulniß ſich, und das Gewürm. Verweſ't Geripp, wie's in der Erde liegt, Entſezens⸗Anblick wär es, für Dein Auge. Dr. King. Die alte Kirche von Brokenhurſt bietet dem Reiſenden, der maleriſche Anſichten aufſucht, einen wunderſchoͤnen Gegenſtand dar, zugleich auch dem Alterthuͤmler ſeltenen Genuß; man ſagt, ſie ſey Saͤchſiſchen Urſprungs; ihr Tauf⸗ ſtein ſtammt augenſcheinlich aus den Zeiten her, in welchen dem Gebrauche gemaͤß, der ganze Koͤrper untergetaucht wurde. Unter dem Orte, auf welchem dieſer Taufſtein ſtand, war das Familien⸗Grab der Sydneys, tief im Ge⸗ woͤlbe moderten die Gebeine vieler dieſes Namens, der Vergeßenheit unter den Bannern zu, die 207 ihre Tapferkeit im heiligen Lande erkaͤmpft hatte. Man glaubte, dieſes Gewoͤlbe ſey ſeit einer Reihe von Jahren nicht geoͤffnet; nach dem Tode von Sir Everards Vater, hatte man nothwendig gefunden, einige Steine aus der Kapellen⸗Mauer zu verſezen, um ſich gegen die feuchten Duͤnſte zu ſchuͤzen, welche bisher aus dem Gewoͤlbe emporſtiegen und die from⸗ men Beſucher des heiligen Hauſes beunruhigten. Dergleichen furchtbare Aufbewahrungsorte ſind zu allen Zeiten den Lebenden hoͤchſt zuwider, die ſich von den Gedenkmalen des Todes mit einem Abſcheu wenden, welchen ſie ſelber kaum begreifen koͤnnen, ſobald ſie an die dauernde Liebe zuruͤckdenken, welche ſie einſt fuͤr die Ab⸗ geſchiedenen hegten, die nun im Grabe ruhen. Nur wenige Menſchen moͤgen einen Kirchhof in der kalten, einſamen Mitternachtſtunde be⸗ treten;— wenn die Wolken ziehen,— der Regen praßelt,— der Donner rollt,— ſo ſcheint dies Alles gewichtiger, eindringlicher, ſobald es in Verbindung mit den Grabmaͤlern und Ueberbleibſeln der Verſtorbenen, betrachtet wird. Es war ſtark nach eilf Uhr, ein ſcharfer 208 brauſender Wind verkuͤndete durch faſt eiſigen Winterſturm, daß der Sommer fuͤr ſein zu raſches Vorſchreiten, Verweis bekommen ſollte. Der Sergeant Pack'ihn, der um die Wahrheit zu geſtehn, nur hoͤchſt ſelten ein freundliches Quartier fand, pflanzte ſich nach einem Tage angeſtrengten und fleißigen Suchens, auf einen warmen Armſeßel in den Heerdwinkel, der gaſt⸗ freien Kuͤche von Sydney⸗Luſt nieder; und ſein Gefaͤhrte Bill, war nicht faul, um ſeinem Beiſpiele zu folgen. „Die Nacht iſt ſo finſter,“ ſagte jener zu ſich ſelber und zu Andern, als eine Art von Ent⸗ ſchuldigung fuͤr ſeine anſcheinende Nachlaͤßigkeit, ein Fehler, den er ſich uͤbrigens ſelten zu Schul⸗ den kommen ließ,—„die Nacht iſt ſo finſter, und der Regen gießt dermaßen herab, daß wir den Geaͤchteten nicht zu ſehen vermoͤgten, wenn er auch dicht vor uns ſtaͤnde; meine Meinung iſt auch, daß keiner von den Herrn heute Abend aus Beaulieu zuruͤckkehren wird.“ Dieſe Meinung theilte die Dienerſchaft, welche jedenfalls wuͤnſchte, daß ihr junger Herr, obwohl er Soldat war, dem„Brauſen des grauſamen Unwetters,“ nicht preisgegeben 209 wuͤrde, welches ſtuͤrmiſch das behagliche Herren⸗ haus umheulte. Bald nachdem deßen Thurmuhr zwoͤlf geſchlagen hatte, loͤſchte Sir Everard Syd⸗ ney das Licht in ſeinem Zimmer aus, huͤllte ſich ſorglich in einen langen, dunkelfarbi⸗ gen Mantel, und ging leiſen Schrittes mit aufmerkſamen Blicken, unter dem Schuz der Baͤume dem Pfade zu, der nach der Kirche von Brokenhurſt fuͤhrte. In einem Umkreiſe von zehn Meilen kannte der eifrige Naturaliſt jeden Pfad, faſt ſollte man ſagen, jegliche Blume, bei Nacht ſowohl als am Tage; er pflegte ſich wohl zu ruͤhmen, daß er jeden be⸗ zeichneten Baum, innerhalb dieſes Umkreiſes, mit zugebundenen Augen finden wolle, ſo ge⸗ nau war ſein Gedaͤchtniß und ſo vertraut ſeine Bekanntſchaft mit denen, die er„ſeine weiſen und ſtillen Freunde“ nannte. Ralph war fruͤher ſein ſteter Begleiter geweſen; und wiewohl er jezt wußte, daß ſein armer verwundeler Die⸗ ner zum erſtenmale nicht an ſeiner Seite war, trieb die Macht der Gewohnheit ihn doch dazu, ſich zuweilen umzuwenden und ihn anzureden, dann aber mit tiefem, ſchmerzlichen Seufzer uͤber deßen Abweſenheit ſeinen Weg fortzuſezen. J. 14 210 Gemeiniglich ſtanden Sir Everards Wanderun⸗ gen mit ſeiner Liebhaberei in Verbindung; oft hatte die muntre Roſalinde ihn auf ſeinen Mondſcheinzuͤgen begleitet, und recht oft ge⸗ dachte er ihrer; doch wenn er mit Lady Syd⸗ ney in einem Punkte uͤbereinſtimmte, ſo war es der, ſeinen Sohn und die Frucht von ſeines Bruders ungeſezlicher Vertraulichkeit zu verhindern, Zuneigung fuͤr einander zu faßen. Wie alle Vaͤter, hatte er hochſtrebende, weit⸗ ausſehende Plaͤne fuͤr den Lebensſtand ſeines Kindes; und ſo innig er Roſalinde liebte, wollte er in ihr doch keine Braut, fuͤr den kuͤnftigen Sir Bafil erblicken. Diesmal war Sir Everard zu ganz anderm Zwecke ausgegangen; er wollte keine Neſter in Luͤften noch auf der Erde beſchleichen, als er ſo vorſichtig durch ſeine eigenen gruͤnen Hoͤl⸗ ungen hinging; einmal, und nur dieſes eine⸗ mal, blieb er ſtehen, es war um eine ſtieren⸗ de junge Eule aufzuheben, die aus ihrem Loche in der Gabel einer alten Epheu⸗Staude herabgefallen, pfeifend und zappelnd auf dem naßen Graſe lag, waͤhrend die liebende, dumme Mutter, kreiſchend uͤber ihr hin⸗ und herflog, unfaͤhig ſie zuruͤck in die Neſthoͤhle zu ſchaffen. Sir Everard hob ſie auf und legte ſie ſanft 211 und mit Sorgfalt hinein, zu ihren Geſchwiſtern; dann betrat er den Kirchhof, blickte forſchend umher, drang in die tiefſten und duͤſterſten Schlupfwinkel, welches in einer ſolchen Nacht faſt un nuͤz ſchien; nachdem er ſich von ſei⸗ ner Sicherheit uͤberzeugt hatte, trat er in die Kirche, zuͤndete Licht an und oͤffnete das Gewoͤlbe, welches die Gebeine ſeiner Vorfahren einſchloß. Ha!l wie anekelnd war das Hinabſteigen der Stufen in die duͤſtre Hoͤhle! An den beſchleim⸗ ten Waͤnden, krochen die widerwaͤrtigſten Inſek⸗ ten in ſcheußlichen Geſtalten umher und laͤngten ihre geiferbedeckten Koͤrper, von Stein zu Stein aus; das glitſchige Pflaſter betrog den ungewißen Fuß; die Saͤrge ſtanden aufeinandergethuͤrmt, an einigen ſchimmerten noch die Silberplatten, als geſchaͤhe es zur Verhoͤhnung Derer, deren Alter und Tugenden ſie als Inſchriften aufbewahr⸗ ten; die feuchte, erſtarrende Kaͤlte, durchdrang gleichſam den Lebensſiz, und erfaßte das war⸗ me Herz, welches unter eiſiger Beruͤhrung faſt gefror;— und doch war ein Lebendiger, in dieſer Hoͤhle faulender Duͤnſte;— ein Mann, der ihren Schrecken ſeine Sicherheit anvertraute, auf ihren Schuz rechnete, wie 212 man zur Zeit der Noth auf den Beiſtand des gepruͤften Freundes bauet, dieſes Grabgewoͤlbe war die Zufluchtsſtaͤtte des verfolgten Geäͤch⸗ teten! Einen Sarg, dem Anſcheine nach, den Sarg einer jugendlichen Perſon, hatte er von einer hoͤlzernen Unterlage abgehoben, auf welcher derſelbe dicht neben der Oeffnung geſtanden hatte, aus der man die Steine fortgenom⸗ men um der Luft den Zudrang zu geſtatten; auf dieſer rauhen Bank ſaß er, den Kopf auf ſeine Hand geſtuͤzt; der ſchwache Luftzug den die kleine Offnung einließ, blies kalt auf ſeine Wange; er blieb noch einige Momente ſo ſizen, nachdem Sir Everard bereits zu ihm herabge⸗ kommen war. Dieſe anſcheinende Kaͤlte dauerte nicht lange, bald lagen die beiden bejahrten Maͤnner einan⸗ der in den Armen, und nach einer kurzen Weile, waͤhrend welcher keiner von ihnen die tiefe Stille des Bein⸗hauſes unterbrach, wandte Sir Everard ſein Antliz ab und weinte. 213 Neuntes Kapitel. Gerechtigkeit, nebſt angehängtem Fluch, Beraubt ſie ihrer äußerlichen Freiheit. Milton. Der Geaͤchtete ſchlug die Arme unter, waͤh⸗ rend ſein Freund weinte, und ſprach ſo wenig Troſt, als Vorwurf bei dem aus, welches Men⸗ ſchen, die der Thraͤnen beſaͤnftigende Kraft, ihren lindernden Genuß nicht kennen, fuͤr einen unmaͤnnlichen Ausbruch des Kummers erklaͤrt haben wuͤrden. Fruͤher als man es von ſeinem weichen Gemuͤthe haͤtte erwarten ſollen, gewann Sir Everard ſeine Selbſtbeherrſchung wieder, und zog nun aus ſeine Taſchen Wein und Le⸗ bensmittel hervor. Des Geaͤchteten Augen funkel⸗ ten bei dem Anblicke der Speiſen, der quaͤlende Drang des Hungers, arbeitete in ſeinen hoch⸗ ſtrebenden, ausdruckvollen Zuͤgen. Er griff nach 214 der Weinflaſche und nahm einen tuͤchtigen Trunk, dann ſtellte er ſie auf einen Sargdeckel hin und ſchien beſchaͤmt durch die verrathene Gie⸗ rigkeit und ſeine geopferte Wuͤrde. „Verzeih' mir, alter Freund,“ ſagte er zulezt, „aber Leute, die umwanderten wie ich, wißen, daß es Augenblicke giebt, in welchen toͤdtlicher Hunger die gute Lebensart uͤberwaͤltigt. Weder Speiſe noch Waßer koſtete ich, in mehr als vierundzwanzig Stunden.“ „Nun, ſo helf' mir der Himmel!“ rief Sir Everard aus,„haͤtte ich mich fruͤher auf den Weg gewagt, ich waͤre gewiß erſpaͤhet worden, und dann waͤre Dein voͤlliger Untergang die Folge davon geweſen; ich bin jezt nicht in den Umſtaͤnden, dieſen abzuwehren. Der ehrliche Ralph iſt ſchwer verwundet. Nein, erſchrick nur nicht, ſein Leben iſt außer Gefahr; aber waͤre dieſer Unfall nicht geweſen, ſo haͤtteſt Du ſchon fruͤher Nahrung bekommen.“ „Nahrung!“ wiederholte der Geaͤchtete,„ja, Nahrung bedarf das Geſchoͤpf,— aber denkſt Du, ich haͤtte keine Nahrung gehabt.— Ein moraliſches Feſtgelag feierte ich hier! Dieſer Faͤulniß hauchte ich Geiſt ein, begabte dieſe ausgedorrten Gebeine mit Bewegung, rief die⸗ 215 ſen Augloſen Augenhoͤhlen ihre Sehkraft zuruͤck, zierte dieſe entfleiſchten Zaͤhne mit Rubin und verlieh der Zunge ſuͤße Muſik. Ich habe mit denen geſprochen, die in alten Tagen groß und maͤchtig waren, mit den Gefaͤhrten von Koͤ⸗ nigen,— mit betitelten Moͤrdern, welche Ver⸗ derben ausſaͤeten und Wirbelwinde ernteten,— die Knietief im Blute wadeten, und Hirn⸗ ſchaͤdel auf einander thuͤrmten, bis ſie Leitern zu einem Throne bildeten: und uͤber ihr Verdienſt war ich mit ihnen einverſtanden! Glaub Du mir Freund, ſolche Nachbaren ſind gar keine uͤble Gefaͤhrten, fuͤr einen Gentleman in der Abgezogenheit!“ Sir Everard blickte ſeinen Freund an und zitterte, er fuͤrchtete, daß die Entbehrungen, welche er erdulden mußte ihr Aergſtes bewirkt haͤtten, und daß der edle, anſtrebende Geiſt des Geaͤchteten, unter koͤrperlicher Noth verſinke. Dieſer Argwohn ward noch beſtaͤrkt, durch ein Fieber auf ſeinen Wangen, durch das helle Flammen ſeiner Augen und durch eine bemerk⸗ liche Raſtloſigkeit ſeiner Bewegungen; der gute Baronett hoffte, daß Erfriſchung ihn von ſei⸗ nem Abirren zuruͤckrufen wuͤrde, und noͤthigte ihn das mitgebrachte Mahl zu verzehren. 216 „Dies iſt ein befremdliches Gemach fuͤr Schmauſerei,“ erwiederte er ſich umſchauend, „doch gleichviel! ſez Du Dich auf den Sarg, hier iſt mein Thron. Waͤre dieſes Luftloch nicht geweſen, ich haͤtte in der Hoͤhle erſticken moͤ⸗ gen; vielleicht waͤre ich wahnſinnig geworden, denn helf' mir Gott, mein Gehirn brannte, — haͤtte ich nicht dieſes Buch gehabt.— Nichts beruhigt ſo in Leiden und troͤſtet den Kummer, als die Pſalme des heiligen David,— des Mannes nach dem Herzen Gottes.“ Sir Everard erkannte, daß das Buch, in welchem er geleſen hatte, Buchanans ſchoͤne Lateiniſche Ausgabe, der Pſalme war. „Wenn es an Licht mangelte, um weiter zu leſen, vergnuͤgte ich mich durch Wiederholung des Geleſenen; ſo,“ ſagte er und faltete ſeine Haͤnde,„iſt der Herr immerdar gnaͤdig ſeinem Diener. Seze Du Dich alſo mein Freund, dann will ich verſuchen meine Gedanken zu ſammeln, die troz dieſer heiligen Geſellſchaft von Schmerz zu Schmerz fortwanderten;— jeglicher Wechſel der Gedanken brachte mir neuen Jammer fuͤr den nachfolgenden hervor. — Weshalb ſezeſt Du Dich nicht?— Der 217 8 Siz, mit prunkendem Tuche bekleidet, wird Dir doch taugen koͤnnen.“ „Auf ihm kann ich nicht ſizen,“ ſprach Sir Everard ſchaudernd,„es iſt der Sarg meines Erſtgeborenen.“ „Nun, verzeihe mir's Gott!“ rief der Ge⸗ aͤchtete tief geruͤhrt,„hier habe ich ſorglos den Auftritt uͤberſehen, zu dem ich Dich brachte. Ol wie ſelbſtſuͤchtig macht uns das Elend! Es verhaͤrtet die zaͤrtlichſten Herzen, und wir ver⸗ geßen Anderer Misgeſchick, waͤhrend wir eige⸗ ne Noth bedenken!“ Sir Everard fuhr mit ſeiner Hand uͤber ſeine Stirn und erwiederte mit der andern, den Druck ſeines Freundes, in ſeinem Herzen dankte er ihm fuͤr dieſes Einſtimmen in ſeine Gefuͤhle, die durch manche neuere Ereigniße, ſchwer ge⸗ pruͤft worden. „Heute Morgen iſt die Kunde von der ſieg⸗ haften Freiſprechung der Biſchoͤfe, im Forſt an⸗ gelangt,“ ſagte Sir Everard, der aufrecht ſtehn blieb, waͤhrend der Geaͤchtete das hingebra tete Mahl verzehrte. „Und James Stuart?“ fragte dieſer eifrig. „Der Koͤnig iſt wuͤthend, er droht, ichw weiß * 218 nicht alles was er will, einkerkern und Ge⸗ horſam erzwingen.“ „Der Narr! der wahnſinnige, bethoͤrte Narr! — aber laß ihn nur ſo fortgehn,— nur we⸗ nige Monate,— wenige Wochen ſchon werden entſcheiden, wenn der Herr ſeines Volkes Ge⸗ bet erhoͤrt.“ „Aber wenn auch bis zur volleſten Ausdeh⸗ nung geſchieht, was Du, und was Deine An⸗ haͤnger wuͤnſchen, ſo wird das am Ende doch nur das Vertauſchen eines Koͤnigs, gegen den Andern ſeyn.— Was mich betrifft, ſo iſt es fuͤr mich von gar keiner Wichtigkeit; Dir aber, der Du Republik fuͤr die einzig angemeßene und natuͤrliche Regierungsform haͤltſt—“ „Ich wyeiß was Du ſagen willſt, und bin auf die Antwort vorbereitet. Es iſt auf's min⸗ deſte beßer einen Koͤnig zu haben, der unſern Glauben aufrecht halten wird, als einen, der das Ungethuͤm zur Herrſchaft uͤber uns einſezt. Jakob Stuart hat ſeine Geluͤbde verlezt, hat innerhalb dieſes Reiches Handlungen begangen, die mir das Haar auf meinem Haupte an⸗ ſtraͤuben. Ich rede nicht von den oͤffentlichen Morden, bei denen ich ſelber verurtheilter Ver⸗ 219 brecher war, weil ganz Europa Blut weint bei dem Anblicke ſolcher Graͤuel. Ich rede nicht, weil ich von Haus und Heimath gejagt bin, und der Herr mich elenden Suͤnder gewuͤrdigt hat, Gefahren und Entbehrungen dulden zu konnen, die denen des heiligen Paulus gleichen; aber ich rede von dem Schimpfe, den er dem brittiſchen Wimpel zufuͤgte, der in den Zeiten des Protektorates das Sinnbild ſolcher Vereh⸗ rung war, daß jeglicher Stab ſich neigte, wenn Englands Flagge ſtolz im Winde flatterte,— ich rede von dem Schimpfe, ihre Meßen und Mummereien am Bord der Flotte einzufuͤhren. Reſidirt nicht anjezt im klarſten Widerſpruche mit der Conſtitution, ein Paͤpſtlicher Nuntius in London? Bin ich nicht ſelber, in zerlumpter Bekleidung als Bettler, Zeuge davon geweſen, wie der Koͤnig den Verſuch machte, ſeine wackern Truppen zu zwingen, daß ſie ihre Ein⸗ willigung zum Widerruf der Teſt⸗ und Peinli⸗ chen⸗Statuten geben ſollten. Sah ich das ſchoͤne Dienſt⸗Bataillon nicht vor Seiner Majeſtaͤt aufgeſtellt, und hoͤrte es an, wie den Soldaten geſagt wurde, daß ſie entweder ſich in dieſen Dingen den Anſichten Seiner Majeſtaͤt fuͤgen, oder ihre Waffen niederlegen muͤßten!— Ge⸗ 3 220 wahrte ich nicht auf des Stuarts Wange, das belebte Roth vorgenießenden Triumpfes, bei dieſem Anſinnen? Erſpaͤhte ich nicht ſein Auge, wie es die ſchoͤnen, maͤnnlichen Geſichter dieſer Brittiſchen Krieger betrachtete und mit dem ſtolzen Ausdrucke auf ihnen ruhete, der ſo viel ſagte, als„ſie ſind mein!“— Und ſah ich nicht auch, wie ſie, faſt bis auf den lezten Mann, ihre Gewehre in tiefſtem, aber beredtſamſtem Schweigen ſtreckten, waͤhrend der Jubelruf der umſtehenden Volksmenge, donnernd durch die Luͤfte ſchallte, und dem Himmel den Tri⸗ umph rechtlicher Grundſaͤze, uͤber die gebrochenen Geluͤbde eines betitelten Tyrannen verkuͤndete! — Jakob erbleichte, wiewohl ſeine Stirn duͤſter dunkelte; ſeine Lippe bebte; ſeine Hand ſpielte mit dem Wehrgehaͤnge, als wollte er das Schwerdt ziehen; dann aber, mit veraͤnderter Miene befahl er ihnen,„die Waffen zu er⸗ greifen, und ſagte, er wolle ihnen in Zukunft nicht die Ehre erzeigen, ihre Zuſtimmung zu fordern.“ Was wuͤrde ich in ſolch einem Falle gethan haben? Ich haͤtte mich nicht dazu herablaßen wollen, den Koͤrpern ſolcher Sol⸗ daten zu befehlen, ohne auch ihre Herzen zu beſizen; Englands Fahne haͤtte ich ergriffen, 221 — deren Stock in die Erde gepflanzt, und unter ihrem Schatten ſtehen bleibend, haͤtte ich der Volksmenge zugerufen, einem Koͤnige Rekruten zu ſchicken, der, was auch ſeine innern Gefuͤhle ſeyn moͤgten, ſie nie wieder zwingen, noch den Verſuch machen wuͤrde, ſie zu zwingen, gegen ſein Volk zu fechten.“ „Mich duͤnkt, da haͤtteſt Du thoͤricht ge⸗ handelt,“ ſagte Sir Everard ganz ruhig;„wir ſind mehr ein nichdeniiiches, als ein begeiſter⸗ tes Volk.“ „Groß handeln, iſt in der Abſchaͤzung der Welt haͤufig thoͤricht handeln;“ erwiederte der Geaͤchtete, deßen Begeiſterung in etwas durch Sir Everards Kaͤlte gedaͤmpft war;—“ und doch wird einer großen That noch gedacht, wenn eine weiſe Handlung vergeßen wurde.“ „Wahr mein Freund; aber ſollten wir mehr fuͤr die Zukunft, als fuͤr die Gegenwart zu le⸗ ben beſtimmt ſeyn?“ „Die Natur opfert ſtets die Gegenwart der Zukunft auf;“ erwiederte er;„wir ſind einmal dieſe Zukunft geweſen, und man ſorgte fuͤr un⸗ ſere Beduͤrfniße; deshalb muͤßen wir am mei⸗ ſten Dasjenige bedenken, was kommen ſoll. Blos mit Bezugnahme auf die Gegenwart 222 handeln, iſt Selbſtliſch; aber es heißt einen Pfeil des Guten aus dem Koͤcher des Herrn nehmen, wenn man das Wohl der Zukunft, zum Zwecke ſeiner Handlungen macht.“ „Wahr, ſehr wahr,“ entgegnete der Baronett, „und doch fuͤr mich nicht ganz leicht, ſo zu den⸗ ken. Wiederum iſt es ausgemacht ein Grund⸗ ſaz der Natur; denn der Vogel legt ſein Ey, die Eiche ſaͤet ihre Eicheln und Beide wirken dadurch, fuͤr die Zukunft.“ „Willſt Du mich den Bericht des großen Triumphes unſeres Herrn, durch die Freiſpre⸗ chung von Maͤnnern leſen laßen, die ich hoͤch⸗ lich verehre, obwohl ich wuͤnſchte, ſie waͤren reinern Glaubens; denn Irrthum hat ſich bei ihnen ſo gut eingeſchlichen, als bei den Papiſten; und bei Allen wird er Wurzel faßen, wenn des Fleiſches Geluͤſte mit weltlichen Pomp be⸗ friedigt werden, was nicht die Religion Chriſti iſt.“ Sir Everard gab ihm die Zeitung und konnte nicht unterlaßen, halbleiſe zu bemerken;„es iſt kein Wunder, daß Koͤnige nicht volksbeliebt ſind, denn ſie ſollen ſo viele Menſchen von mancher⸗ lei Sinnesarten befriedigen.“ Der Geaͤchtete haftete ſeine dunkeln, recene 223 den Augen, auf Sir Everard, mit einem Ausdrucke, der nicht zu mißdeuten war; und waͤhrend er langſam das Zeitungsblatt entfal⸗ tete, wiederholte er einen bibliſchen Spruch. „Dieweil Du nun lau biſt; nicht kalt und nicht heiß, will ich Dich ſpeien, aus meinem Munde.“ Sir Everard laͤchelte uͤber dieſe bittere Be⸗ merkung, denn dieſer wohlwollende Mann wußte zu gut, daß Widerwaͤrtigkeit die Men⸗ ſchen erbittert, und er uͤberlegte in ſeinem Sinne, wie es doch zugehe, daß beleſene und in der heiligen Schrift wohlbewanderte Menſchen, oft ſo hart im Urtheil uͤber ihre Mitmenſchen ſeyen, und ganz den ſchoͤnen Spruch zu vergeßen ſcheinen, der einer der reinſten unter den vielen reinen Lehrſpruͤchen iſt, die des Heilandes Lip⸗ pen ausſprachen: „Richtet nicht, auf daß i ihr nicht werdet ge⸗ richtet.“ Doch dieſerhalb achtete Sir Everard ſernen. Freund um nichts minder; denn es war ſeine Gewohnheit, der menſchlichen Mangelhaftigkeit ſolche Fehler zuzurechnen, die er an Andern gewahrte; bei aͤhnlichen(utdeckungen richtete der ſein ſtilles Gebet zum Himmel, daß Gott 224 ſie uͤberſehen oder deren Groͤße vermindern wolle; der wuͤrdige Mann war in der That ein Bei⸗ ſpiel ausuͤbender Froͤmmigkeit bei Allem, was er empfand und bei Allem was er that, er verſchmolz ſo viel wahres Wißen und verſtaͤn⸗ diges Nachdenken mit einer faſt kindlichen Ein⸗ fachheit, daß man haͤtte von ihm glauben ſollen, er ſey ein durch Zuſammenſezung, nicht min⸗ der als durch Gewohnheit, ganz von den Kaͤmpfen der Welt und Derer, welche ſie be⸗ wohnen, abgeſondertes Weſen.— Es war ein ſonderbarer, aber auch ſchauerlicher Anblick, in dem duͤſtern Aufbewahrungsorte mo⸗ dernder Sterblichkeit zwei lebendige, einander ſo entgegengeſezte und ſo beſchaͤftigte Weſen zu ſehn. Der Geaͤchtete hatte die Lampe auf ſeine Kniee geſtellt, hielt die Zeitung vor dieſer ausgebrei⸗ tet und las eifrig die Stellen, welche von dem beſprochenen Gegenſtande handelten; das Licht warf den Schein auf ſein Antliz, das in ra⸗ ſchem Wechſel die Gedanken in erkennbaren Um⸗ rißen zeichnete, welche ſein geaͤngſtetes und ſor⸗ gendes Gemuͤth durchflogen; außerhalb dem Kreiſe dieſes Lichtſcheines, bildeten die Duͤnſte des Gewoͤlbes eine feuchte] verdichtete Atmos⸗ phaͤre, welche Sir Everard ein ganz unirdiſches 225 Anſehen gab, waͤhrend dieſer im langen, ſchma⸗ len Raume auf und nieder ſchritt; er glich in der That einem entkoͤrperten Geiſte, herabge⸗ kommen um nach dem Staube zu ſehn, der ihn einſt umſchloßen hatte, als er„ſchweigend und langſamen Schrittes“ unter den Ueber⸗ bleibſeln ſeiner Vorfahren umherwandelte. Gern haͤtte er Baſil bei ſich gehabt, denn er liebte von den Tugenden der Hingeſchiedenen zu ſprechen, und Gottes Weisheit und Gnade zu preiſen, indem der Allmaͤchtige jenſeit der Wolken fuͤr den unſterblichen Geiſt einen Ort bereitete, wo das Sterbliche zur Unſterblichkeit uͤbergehn ſoll. Zulezt wurden ſeine Traͤumereien durch den Geaͤchteten unterbrochen, der ploͤzlich aufſprang und mit Eifer ſprach: „Jezt wollte ich tauſend Kronen darum ge⸗ ben, daß ich im Stande waͤre, der Sonne und dem Monde in's Angeſicht zu treten und mit donnernder Stimme vom St. Pauls Thur⸗ me herab zu verkuͤnden, was meinem Ermeßen und meiner Sorgfalt, ſo lange anvertrauet blieb. — O!l waͤreſt Du nicht der Muthloſe——— „Muthloſe?“ wiederholte Sir Everard mit ſtrengem Tone, als der Andere nach jenem Worte ſchwieg.—„Halte Du mich nicht fuͤr I. 15 226 muthlos, weil meine Natur von der Deinigen unterſchieden iſt. Mein Herz iſt ſo ſtandhaft, mein Muth ſo feſt, als der irgend eines Men⸗ ſchen, wenn die Noth es erfordert.“ Der Geaͤchtete warf ſeine Kleidung ab, oͤff⸗ nete ſein Hemde und zog einen um ſeinen Leib gewickelten, Streif Pergament hervor.“ „Schau!“ ſprach er;„hier iſt Naßau's Auf⸗ ruf, wodurch er die Freunde religioͤſer Freiheit mahnt.— Schau, hier eroͤrtert er die National⸗ Beſchwerden,— das Entſezen und Aufheben von Staatsbeamten,— die Erhebung eines Jeſuiten zum Geheimenrath,— das Vernich⸗ ten aller Korporations⸗Verbriefungen,— die gewaltige Anmaßung, gegen die Legitimitaͤt des jungen Prinzen erhoben,— alles, alles iſt hier auseinandergeſezt; und dann folgt ſein Verſprechen, ſein feierliches Geloben, alle dieſe Beſchwerden abzuſtellen, ein freies, geſezliches Parlament zu verſammeln, damit dieſes fuͤr die Sicherheit und Freiheit der Nation ſorge. Die⸗ ſes heilig bindende Unterpfand ward mir zum Aufbewahren uͤbergeben, um durch einen ge⸗ heimen Freund in London eine hinreichende Anzahl Abdruͤcke zu beſorgen, und dieſe in dem Augenblicke von Naßau's Landung zu verthei⸗ 227 len. Doch hier bin ich nun gefeßalt— gehezt von dieſen Bluthunden, troz aller meiner ab⸗ gelegten Geluͤbde, und troz der Grundſaͤze, die ich verehre, gewaltſam zu dem getrieben, was meine Seele verabſcheut,— dazu getrieben, mir Freiſtatt in einer Babyloniſchen Veſte, ſogar am Altare im Hauſe des Paͤpſtiſchen Antichriſt zu ſuchen!— Alle dieſe Opfer brachte ich nur des heiligen, mir anvertrauten Unter⸗ pfandes wegen,— dieſer reichen Buͤrde, die ich trage, und die nun ſo nuzlos iſt, wie die⸗ ſes Stuͤck vermodernden Holzes, das meine Finger zu Staub zerdruͤcken. O! Wehe! Wehe!“ „Wehe! in der That!“ ſagte Sir Everard, „denn in dieſer Sache kann ich dir nicht hel⸗ fen.— Schon laſtet mehr als Argwohn auf mir, und wuͤrde dieſes gefunden—!“ „Ich weiß was darauf folgen muͤßte, und ich fordere Dich nicht auf, Dein Leben ſo in Gefahr zu ſezen. Waͤre der arme Ralph nicht verwundet—!“ Der Geaͤchtete bedeckte ſein Antliz, ſchleuderte ſodann das Pergament von ſich und rief aus:„ich werde wahnſinnig, wenn Gott in ſeiner Barmherzigkeit, mir mei⸗ ne Vernunft nicht zu gutem Zwecke erhaͤlt. Du kannſt keine Vorſtellung davon haben, durch 228 welche furchtbare Kaͤmpfe und Anſtrengung mich meinen Verſtand rettete, als ich geſtern Abend, ermattet und erſchoͤpft, am Koͤrper wie am Geiſt, in dieſes Grabgewoͤlbe entfloh. Grimmige, hoͤl⸗ liſche Geſpenſter umzuckten mich; hohnneckendes Gefliſter ziſchte mir in die Ohren; aus jenem Winkel dort, ſchimmerte im entſezlichen Feier⸗ glanze zwiſchen den Saͤrgen das gruͤne, fau⸗ lende Licht, verpeſtender Sterblichkeit! Nein, nein, nein! trifft mich auch der Tod, wenn ich hinaus gehe,— hier kann ich nicht bleiben!“ „Aber was willſt Du thun?“ „Ja, das iſt's,— eben das iſt's.— Aber zu welchem Zwecke lebe ich unter dem Himmel? Gewiß nicht um wie ein verbrecheriſcher Hund gehezt, ausgerufen, verpoͤnt und verflucht zu werden! Keine laͤchelnde Heimath winkt mir Willkommen zu, nach meinen unſeligen Tage⸗ fahrten! Kein Weib,— kein Kind,— kein geſelliger Heerd iſt mein! Aber mein Lebens⸗ zweck, mein glorreicher Lebenszweck! iſt das was Milton beſang,— wofuͤr Hampden ſtarb! Meines Landes Freiheit! Kann die begruͤndet werden, ſo iſt der Tod des Vaterlandsfreundes 1 Krone, und nicht ſeine Strafe. Hier kann ich nicht bleiben!“— 229 Sir Everard, der eine Kataſtrophe als Wir⸗ kung ſeiner entflammten Einbildungskraft be⸗ fuͤrchtete, rieth ihm mit weiſer Ueberlegung, mit Sanftmuth und lieben der Herzlichkeit, und eröͤffnete ihm uͤberdem noch, daß er nicht be⸗ zweifle, Baſil moͤge zu einem Wechſel vermogt werden. Daß der jezige Zuſtand der Dinge ſei⸗ nen aͤußerſten Widerwillen ſchon errege, wiße er mit Sicherheit; auch habe er gehoͤrt, daß viele der jungen Maͤnner im Hauptquartiere, Soͤhne reicher und maͤchtiger Familien, gleiche Mieinungen naͤhrten, und nur auf eine paßende Veranlaßung warteten, um aufzutreten und der Welt ihre Geſinnungen zu zeigen. „Paßende Veranlaßung!“ wiederholte der Andere veraͤchtlich,„das iſt ſtets die Heuchel⸗ phraſe eurer gemaͤßigten Menſchen; ſie erwar⸗ ten paßende Veranlaßung bei allen Din⸗ gen, und doch laßen ſie die allerbeſten Gele⸗ genheiten vorbeigehn, bis es zu ſpaͤt geworden iſt, ſie zu ergreifen! Viele der angeſehenſten Maͤnner in Kirchen⸗ und in Staatsaͤmtern, haben vor langer Zeit ſchon dem Prinzen durch Dyvkveldt beſondere Antraͤge machen laßen. Dein eigener Vetter, Henry Sydney, iſt nach Hol⸗ land geweſen, um Maßregeln zu verabreden, 230 der Biſchof von London, die Earls Danby, Nottingham, Devonſhire, Dorſet, der Herzog von Norfolk, die Lords Lovelave, Delamere, Paulet, Eland und tauſende Andere die ich noch nennen koͤnnte, ſind obwohl entgegengeſezten Partheien angehoͤrend, doch in dieſer Sache einig. Aber ein Paar alberne Jungen, unge⸗ zogene Soldaten⸗Jungen, ſprechen von paßen⸗ der Veranlaßung! Gottes Allbarmherzigkeit! die ſind treffliche Beurtheiler ſolcher Dinge!“ „Vergeßen wir die Klugheit nicht, mein guter Freund.“ „Klugheit machte noch nie einen Patrioten. Klugheit iſt das Licht unter dem Scheffel;— die Tugend des Handwerkers, wenn er Credit verweigert,— der Inſtinkt des Maulwurfs, — des Dachshundes Anſtelligkeit;— Schande uͤber ſie!— Und Schande mir, der ich hier verweile! Naßau wird hoͤchſtwahrſcheinlich in Torbay landen; doch das Volk iſt dort der⸗ maßen in Schrecken geſezt durch Erinnerung an die Hinrichtungen, welche der Rebellion des ungluͤcklichen Monmouth folgte, daß man zehn zu eins wetten darf, die Ruͤpel wollen nicht helfen; obwohl, wenn mein Geiſt ſie erfuͤllte, eben die erlittene Unbill ihnen ein Sporn zu 231 neuem Unternehmen ſeyn muͤßte. Churchill wird der Erſte ſeyn, der gegen ſeinen Herrn wirkt.— „Der niedrige, jaͤmmerliche Menſch!“ rief Sir Everard aus,„ich ſehe ihn noch als auf⸗ wartenden Pagen, in des Koͤnigs Gemaͤchern! Alles verdankt er der Huld ſeines Hertn.“ „Auch ich kann nichts Gutes von ihm den⸗ ken; dennoch wird man ſeine Groͤße an einem dieſer Tage preiſen;— er wird Erfolg ge⸗ winnen, was im Auge der Welt ganz ſo viel gilt als Groͤße.“ „Der arme Jakob!“ ſagte der gutherzige Sir Everard;„ſeine Feinde ſind in ſeinem eigenen Hofhalte.“ 4 „Wenn er nicht einmal die zu Freunden ma⸗ chen kann, welche die Welt ſeine Angehoͤrigen nennt, wie kann er Freunde im Volke erwar⸗ ten?— Freilich kann ich aus eigener Erfah⸗ rung ſagen, daß Verwandtſchaftsbande, wie zerrinnender Sand ſind; mir gilt ein treuer Freund viel mehr, als Blutverwandte und Familie.“ „Ich liebe Freundſchaften dauernd zu erhal⸗ ten,“ ſagte Sir Everard herzlich;„mein armer ſterbender Bruder, uͤbertrug zwei Weſen meiner 232 Sorgfalt; ſein Kind ſollte mir ſeyn, wie mein eigenes, und Du ſollteſt——“ „Ein laͤſtiger Freund ſeyn, nach dem, wie man Freundſchaften zu wuͤrdigen pflegt.“ „Nicht alſo: ich blicke auf Dich, wie auf einen der alten Freibuͤrger, im Walde der Frei⸗ heit. Ihm verſprach ich, Dich als meinen Bru⸗ der zu achten; habe ich meine eingegangene Verbindlichkeit unerfuͤllt gelaßen?— Beant⸗ worte mir dieſe Frage, hier an dem Sargdeckel, der uͤber ſeinen Gebeinen modert.“ Der Geaͤchtete ergriff Sir Everards Hand mit der gewaltigen, ſtuͤrmiſchen Ruͤhrung, die alle ſeine Handlungen bezeichnete, und erwie⸗ erte:„Im Geiſte und in der Wahrheit haſt Du ſiR erfuͤllt; hier uͤber ſeinen Gebeinen danke ich Dir, und ſegne ſein Andenken!“ Nach kurzem Schweigen fragte er in ruhige⸗ rem Tone, wie es mit dem Kinde gehe, das ſeiner Sorgfalt hinterlaßen worden. „Das Maͤdchen iſt wohl; aber gewißer Ur⸗ ſachen, wegen fuͤr einige Zeit der Aufſicht der Abtißin von St. Marxy anvertraut. „Was! ſein Kind der Aufſicht des Papſt⸗ thums anvertraut; Lady Mary Powis iſt gut und ſanft; ihr Glaube hat ſie in gewißer Art 233 vor vielem Jammer und Elende bewahrt; waͤre ſie nicht geweſen, was ſie iſt, ſie wuͤrde meine Braut geworden ſeyn! Es war ein ſchoͤner Traum meiner Knabenjahre,— damals war ſie ein liebreizendes Geſchoͤpf,— ſo friſch, ſo lebendig, ſo unſchuldig, ſo vertrauensvoll,— ſie verwandelte, ihren duͤſtern Glauben in eine reizende Dichtung, deren Heldin ſie ſelber war, die mich in ihren Traͤumen, ihrem Glauben, ge⸗ wann. Helfe Gott uns Allen! das war meine gefaͤhrlichſte Verſuchung, denn innig liebten wir uns. Kaum wuͤrde ich ſie wieder erkannt haben, waͤre der Ton ihrer ſuͤßen Stimme mir nicht erklungen.“ Eine Weile ſchwieg der Geaͤchtete; ſeine Ge⸗ ſichtszuͤge wurden ſanfter, ſeine Augen ſchie⸗ nen die zarten Traumbilder vergangener Jahre ſich zuruͤckzurufen. Tief erſeufzte er, Sir Eve⸗ rard glaubte eine Thraͤne in den halbverſchloße⸗ nen Wimper zittern zu ſehen; doch ſchnell war dieſe Ruͤhrung unterdruͤckt, ſein Antliz nahm wieder deßen gewoͤhnlichen ſtrengen, faſt wil⸗ den Ausdruck an, als er wieder auf das Ma⸗ nifeſt zuruͤck kam und die Hoffnung ausſprach, eine Abſchrift deßelben einem gewißen Freunde zuzuſtellen, der ſich in dieſem Augenblicke, wie 234 er glaubte, in Neuen⸗Forſt aufhalte. Mit einer Kaltbluͤtigkeit, als ſaͤße er am geordneten Schreibtiſche, zog er die noͤthigen Schreib ma⸗ terialien hervor, das Buch, in welchem er fruͤher geleſen hatte, legte er auf ſeine Kniee und begann ſogleich einen Brief an dieſen Freund abzufaßen; nachher nahm er mit der genaueſten Sorgfalt, eine Abſchrift der Prokla⸗ mation des Prinzen, der ſpaͤter Wilhelm der Dritte von England wurde. Hierauf gab er Sir Everard die Bezeichnung eines gewißen, nicht fern von Brokenhurſt, an der Straße nach Ober⸗Green befindlichen Baumes, mit dem Auftrage dahin den Brief zu tragen, den er zu⸗ vor mit einem Blatte vom wilden Ampher um⸗ wickelte, welches mit der Feder von einem Ha⸗ bichtsfluͤgel feſtgeſteckt ward, um ſinnbildlich Krieg und Eile darzuſtellen. „Es moͤgte ſeyn,“ ſezte er hinzu,„daß Du in der Hoͤhlung dieſes Baumes andre Briefe findeſt, Everard; wenn irgend einer derſelben in aͤhnlicher Weiſe umwickelt, und wenn in deßen Spalt eine Feder vom gruͤnen Kibiz geſchoben worden, ſo iſt ſolch ein Sendſchreiben fuͤr mich beſtimmt.“ VBiele andere in eben ſolcher Lage, als er 23⁵ ſelber, baͤrgen ſich, wie er ſagte, in einer Ge⸗ gend, die ſo manche Schlupfwinkel und Zu⸗ fluchtsſtaͤtte darboͤte, und wo die Forſtbewoh⸗ ner bis zum lezten Manne, den guten Willen und auch die Mittel beſaͤßen, ihnen Obdach zu gewaͤhren und ihr Verborgenbleiben zu er⸗ leichtern. Sollte Sir Everard ein ſo bezeichne⸗ tes Briefpaket finden, ſo wuͤrde es noͤthig ſeyn, ihm dieſes am naͤchſtfolgenden Abend zuzuſtellen. Er bezweifle gar nicht, daß die gegen ihn ge⸗ richteten Nachſtellungen, bald nach einem andern Theile von Neuen⸗Forſt, gewendet werden wuͤr⸗ den; weil ſo oft einer ihrer Freunde in großer Gefahr ſchwebe, die Andern, die ihre Freiheit benuzen koͤnnten, den Gebrauch haͤtten, Ge⸗ ruͤchte auszuſprengen, welche darauf berechnet waͤren, die Aufmerkſamkeit der Soldaten auf einen andern Punkt abzuleiten, und da⸗ durch dieſen dicht Verfolgten, Gelegenheit zum Entfliehen zu verſchaffen. „Der arme Ralph,“ fuhr er fort,„hat ſol⸗ che Auftraͤge haͤufig fuͤr mich ausgerichtet; und eine meiner aͤngſtlichſten Beſorgniße, betrifft ſeinen jezigen leidenden und ſcharf bewachten Zuſtand. Immer habe ich bemerkt, daß Bloͤd⸗ 236 ſinnige, thieriſche Furcht vor koͤrperlichen Schmer⸗ zen naͤhrten.“ „Ich hoffe vertrauensvoll, daß er in ein oder zwei Tage wieder aufkommen wird,“ ſagte Sir Everard,„dann wird der arme, gute Burſche wieder ſo nuͤzlich ſeyn, als ſonſt. Jezt wuͤnſche ich nur, daß ich meinen Auftrag ſo gut aus⸗ zurichten vermag, als er die ſeinigen gewiß ausrichtete.“ „Aber ſprich, Sir Everard, Deine Abſicht iſt doch gewiß nicht, das Kind in den Haͤnden Babylons zu laßen!“ rief der Geaͤchtete, deßen ſtets aufgeregter und furchterfuͤllter Geiſt, von einem Gegenſtande zum andern, mit Blizesſchnelle uͤberging;—„das Kind koͤnnte zur Glaubens⸗ aͤnderung verlockt werden.“ „Nicht wahrſcheinlich, mein guter Freund; Roſalinde iſt uͤber achtzehn Jahre alt und haͤngt mit Inbrunſt an unſerm Glauben.“ „Roſalinde!“ wiederholte Jener,„iſt das ihr Name?— O, gewiß ſah ich ſie in der Prio⸗ rey,— das Kind meines alten Freundes,— ſein Kind, deßen Leben ich einmal rettete und der das meinige ſo oft gerettet hat.— O, der geheimnißvollen Schickung! daß Gott die Bluͤ⸗ the im Keime erhalten, aber doch ihr Verder⸗ * 237 ben zugeben wollte, bevor ſie reifte! Ich hoͤrte wie Lady Mary Powis zu einem ſchoͤnen Maͤd⸗ ſchen ſprach und ſie Roſalinde nannte; doch er⸗ innerte die mich wenig an den heitern, kuͤhnen, ldwenherzigen Gefaͤhrten meiner Jugend; eben ſo wenig glich ſie ihrer veraͤchtlichen Mut⸗ ter,— freilich war ich nicht in geeignetem Zuſtande, um das recht zu beurtheilen.“ „Ich gehe, meinen Auftrag zu erfuͤllen,“ ſprach Sir Everard,„und beklage nur, daß ich Dich in einer ſo grauſenhaft, duͤſtern Woh⸗ nung zuruͤcklaßen muß. Doch faße Muth, faße Muth! die Neuigkeiten, welche ich Dir mit⸗ brachte, haben Deine Ausſichten erhellt, Deine Hoffnungen beſtaͤrkt.“ „So wie in dieſer furchtbaren Nacht die duͤſtern Donner ſich den zackenden Blizen zu⸗ miſchen, ſind die Lichter und Schatten, die Hoffnungen und Befuͤrchtungen, welche eine Re⸗ volution uͤber dieſes Land verbreiten muß; aber doch reinigen dieſe Stuͤrme und Wirbelwinde die Luft, und je ſchreckender der Sturm wuͤ⸗ thet, deſto entzuͤckender iſt die ihm nachfolgende „Heeiterkeit. Iſt dem nicht ſo?“ „Gott gebe es!“ ſagte Sir Everard,„wir glaubten einer langen Ruhe genießen zu ſollen 238 nach den Wirren der Republik und der Wie⸗ dereinſezung des Koͤnigthums; doch auf's neue befinden wir uns in einem Meere von Un⸗ ruhen.“ „Freilich,— und beßer iſt's, tauſendmal beßer, im Gebraus eines ſolchen uͤberwaͤltigenden Meeres unterzugehn, als das Daſeyn zu be⸗ wahren, um als goldene Sklavenhaͤndler be⸗ zeichnet zu werden,— als Geſchaͤfttreibende in muthloſem und ſinnermangelndem Gehor⸗ chen,— als Hunde mit vergoldeten Halsrie⸗ men und goldenen Kreuzen,— Dummbaͤrte, die der Papſt ſelber beſchimpft: Ha! lieber wollte ich mir ſelber mein Herz ausſchneiden, als dulden, daß Sklaverei in Großbrittanien Wurzel faßte.— Gebt mir eine Huͤtte auf den Anden, wo ich niederknieen und meinen Gott in meiner Weiſe anbeten kann!“ „Harold,“ unterbrach Sir Everard ihn,— „ich bitte Dich, bezaͤhme dieſe Aufwallungen lodernder Leidenſchaft; ſie werden Deine Kraͤfte aufreiben. Hier kannſt Du Gott verehren, um⸗ geben vom Moder und Staub unſerer vergaͤng⸗ lichen Welt; dieß hindert Dich nicht, Dich zum Himmel aufzuſchwingen und dort mit Denen Gemeinſchaft zu pflegen, die lehrten„Friede 239 auf Erden, Wohlwollen den Menſchen.“ Ver⸗ ſprich mir, aus Achtung vor meinem Bruder, und der Freundſchaft wegen, die uns ſo viele Jahre ſchon verband, Dein wildes Aufbrauſen zu mildern.“ Bei dieſen Worten gab Sir Eve⸗ rard ihm eine Bibel in die Hand, und legte mehre andre Buͤcher hin, die er zu ſeinem Troſte und zu ſeiner Unterhaltung mitgebracht hatte.„Dieſe ſuͤßen, ſtillen Freunde,“ ſagte er, „lehren Weisheit und truͤgen nimmer. Des Himmels Segnung und Troͤſtung kommen auf Dich!“ 3. Der alte Mann erſtieg die beſchwerlichen Stufen und blieb nun am Ausgange noch ein⸗ mal ſtehn, um hinabzuſchauen und mit ſeiner Hand, Harold dem Geaͤchteten zuzuwinken; doch dieſer gewahrte das freundliche Zeichen nicht, denn er war einem ſo guͤtigen und ſo wohl⸗ uͤberlegten Rathe gefolgt, und mit ſeiner ge⸗ woͤhnlichen unaufgehaltenen Heftigkeit, war er zum Gebete auf den feuchten Fußboden nieder⸗ geſunken. 240 Behntes Kapitel. Gar wunderſam zeigt in verſchiednen Sinnen, Sich wechſelreicher Liebe, prunkend Spiel, Bewährt die Macht in jeder Art von Minnen. Der niedre Geiſt, deß müßig eitel Denken, Gewohnt an ird'ſcher Rohheit nur zu kleben, Fühlt dringend ſich zu ſinnlichen Begierden Getrieben, ſorgenlos den Tag verpraſſend; Doch mehr erhabne Geiſter, Göttergluth Entzündet ſie, und treibt ſie an zum Höchſten. Spenſer. Es iſt vergnuͤglich von dem Bejahrten, Ab⸗ gelebten und dem Stuͤrmiſchen, in den ſeltſa⸗ men, ereignißſchweren Begegnißen des Lebens, ſich abzuwenden, und die Gefuͤhle und Ge⸗ danken, die ihre Sorgen, ihr Kummer uns erregte, durch den Anblick deßen zu erheben, 4 241 was gruͤn und friſch und ruhig iſt. Wir moͤ⸗ gen entzuͤckenden Triumph in den froͤhlichen und geſchaͤftigen Auftritten finden, die einen großen Theil unſerer Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch nehmen muͤßen, waͤhrend wir den Huͤ⸗ gel erklimmen, der zur Unſterblichkeit fuͤhrt. Fuͤrſtenhof und Feldlager moͤgen uns fieberiſch aufregen, Gold wird ſchimmern, die Trom⸗ pete ihre munteren Toͤne ſchmettern und unſere Herzen werden in freudiger Begleitung zu dem Pompe und der kriegeriſchen Vermeßenheit die⸗ ſer Welt pulſen; doch ehe noch das Schauſpiel halb beendet iſt, empfinden wir Ueberdruß und wenden uns,— wohin?— zu neuen Schau⸗ ſpielen, zu erhoͤhtem Glanze, zu lautern Jubel⸗ toͤnen. Geſchieht das, ſo nimmt unſere wider⸗ willige Ermuͤdung bei der falſchen Nahrung, die wir erwaͤhlen, nur zu; ſuchen wir die Er⸗ friſchung, wo ſie zu finden iſt,— am ſilber⸗ hellen Bache, unter ſchwankenden Baͤumen, hoͤren wir auf die Stimme der Weisheit, die mit ſtiller Beredtſamkeit aus jeglichem Laub⸗ blatte, aus jeder Blume und Pflanze ſpricht, die den Erdboden mit Schoͤnheit uͤberkleiden; ergruͤnden wir, wenn es uns moͤglich iſt, die Geheimniße der Natur; fahren wir tief hinab J. 16 242 in den Minen⸗Schacht, durchſuchen wir das Gebuͤrge, lobpreiſen wir und bewundern, und ſehnen wir uns nach dem Erſcheinen des Zeit⸗ punktes, in welchem unſern, nicht laͤnger ge⸗ feßelten Seelen, Alles erlaͤutert werden ſoll; unterſuchen wir den Zauber, der die Butter⸗ blume gelb faͤrbt, forſchen wir nach dem Dufte des Veilchens, dann wird es zu unſerer Erkenntniß foͤrderlicher ſeyn, daß wir bei jedem Schritte eingezwaͤngt ſind und der Freiheit des kleinen Singvogels ermangeln, der ſeine Schwingen im Aether badet. „Gott ſchuf das Land, der Menſch die Stadt,“ ſagte der Dichter; und er ſprach Wahr⸗ heit; eben ſo gewiß und wahrhaftig iſt's, daß Dichter viel oͤfterer die Wahrheit ausſprechen, als man von ihnen glaubt; ſie ſind gleichſam das Salz der intellektuellen Welt, die hoͤchſt angemeßen alle trefflichen Dinge dieſes Lebens wuͤrzen. Unter den Eegenſtaͤnden voll Friſchheit und Reiz, von welchen wir in einer Art uns ausgeſprochen haben, die vielleicht nicht genau der Styl des Romans ſeyn mag, war einer der aller reizendſten Roſalinde Sydney, als ſie unter einer prachtvollen Erle, im Garten von Beaulieu, auf einer gruͤnen Raſenbank ſaß, 243 welche einige der Schweſtern mit eigenen Haͤn⸗ den in einem verſchwiegenen Winkel aufgerich⸗ tet hatten; von da aus blickte ſie hinab uͤber einen ſumpfigen Thalgrund, den kleine Arme des Flußes Beaulieu durchſchnitten. Der alte Hund hatte einen Beweis ſeiner Spuͤrkraft dadurch gegeben, daß er ſeine Herrin im Kloſter aufſuchte; die Abtißin, durch ihre Stellung genoͤthigt, jene Anſteckung zu verhindern, die von allen Krankheiten ſich am raſcheſten unter der Jugend ausbreitet,— die des Ungehorſams, verbot zwar allen ihren Zöͤg⸗ linginnen, mit Roſalinden umzugehen, aber erlaubte guͤtig dem bejahrten Brano, ſeiner Herrin Begleiter zu ſeyn; das war ein großer Troſt fuͤr das einſame Maͤdchen, denn Alice war ſo truͤbſinnig, daß, obwohl fie ihrer jungen Dame Schritte ſtets bewachte und ihr uͤberall folgte, wohin ſie gehen mogte, ſie doch wenig ſprach, und geſchah das etwa, ſo waͤre Roſalinde ihr Schweigen faſt noch lieber geweſen, denn Alles was ſie ſagte, bezog ſich auf einen zu unter⸗ nehmenden Pilgerzug nach Lough Durragh, um, wie ſie ſich ausdruͤckte,„ihre Seele zu machen;“ eine Manufaktur, welche Roſa⸗ linde nicht fuͤglich begreifen konnte, die aber 244 alle Nonnen ihr dringend anriethen, fuͤr wel⸗ che Alice in wenigen Stunden, Gegenſtand der Theilnahme und der Unterhaltung geworden war. Laͤnger als eine Stunde blieb Roſalinde in der naͤmlichen Stellung, ihre Hand ruhete auf Brano's Kopfe, ihre Augen hafteten auf den Zweigen einer alten Pappel, die ihre Rieſen⸗ hoͤhe bis in die Wolken emportrieb. Ein weni⸗ ges hinter dem Baume lag Alice auf den Knieen, betete mit frommer Inbrunſt ihren Roſenkranz, erforſchte aber zugleich noch das Ausſehen man⸗ cher der Nonnen, die auf einem breiten, mit einfachen, aber ſchoͤnen Blumen eingefaßtem Wege, auf und nieder gingen, und denen die Pflege dieſer Blumen große Freude machte. Der Garten war zum Theil eingeſchloßen von den alten Mauern der Abtey, der Fluß aber bildete die Graͤnze laͤngs ſeiner einen ganzen Seite; dadurch war er ſowohl maleriſch, als auch angenehm; die leſenden, arbeitenden oder betenden, verſchleierten Damen verbreiteten Leben in ihm und ſtanden in bewundernswuͤrdigem Einklange mit dem Ganzen. Wiewohl als Gemaͤlde betrachtet ſehr ſchön, war es doch wahrhaft betruͤbend anzuſehn, wie das eine jugendliche, unſchuldige 245 — Geſchoͤpf von Allen vermieden wurde, und ſei⸗ nem eigenen Nachdenken uͤberlaßen blieb, wel⸗ ches, nach den thraͤnenſchweren Augen zu ur⸗ theilen, gewiß nicht freudiger Art ſeyn konnte.— Mehre der Kloſterſchweſtern blickten mit freundlichen, zuthunlichen Mienen auf ſie,— mit der ſuͤßen, nichts Boͤſes ahnenden Freund⸗ lichkeit, die ganz unfreiwillig ein junges Herz erfuͤllt und das Kind des Vertrau⸗ ens und der Liebe iſt.— Einige wuͤnſchten ſehnlich, ſich neben die Proteſtantin hinzuſezen, mit ihr zu ſprechen, ihr Glaube floͤßte ihnen kein Beſorgniß ein,— nur zuweilen hauchte Eine oder die Andere ein leiſes Gebet hervor, daß ein ſo ſchoͤnes und ſanftes Weſen, doch zum rechten Glauben bekehrt werden moͤgte. Andere Nonnen die alt und eifrige Anhaͤnge⸗ rinnen ihrer Religion geworden waren, warfen ihr entruͤſtete Blicke im Vorbeigehen zu, und haͤtte ſie den Ausdruck in den Mienen dieſer Nonnen erkennen koͤnnen, er wuͤrde ſie ſehr ungluͤcklich gemacht haben. Waͤren ihre Thraͤnen nicht herabgerieſelt, man haͤtte glauben ſollen, ſie ſize dort um die Blaͤtter vom Pappelbaum zu zaͤhlen, oder vielleicht um dem Tanze der Schmetterlinge zuzuſchaun, die ſich zwiſchen den 246 Aeſten wiegten. Ihre Traͤumereien wurden durch eine Hand unterbrochen, die ſanft ihre Schul⸗ ter beruͤhrte, und durch Margreten's Stimme die freundliche Toͤne in ihr Ohr hauchte. Es gibt Zeiten, in denen der freundliche Gruß tief,— ſehr tief ſich in das Herz ein⸗ graͤbt; das war jezt bei Roſalinde der Fall. Sie war ſo eben mit ſich ſelber daruͤber einig geworden, daß ſie hoͤchſt elend ſey,— ſo elend wie nur moͤglich, ſie war bis zu dem Glauben gediehen, daß ſie in dieſer begluͤckten Welt nie wieder gluͤcklich werden koͤnne, als ein freund⸗ liches Wort ihren Kerker⸗Aufbau umſtuͤrzte und anſtatt der Thraͤnen, ein erheitertes Laͤcheln in die Gruͤbchen ihrer Wangen fuͤhrte. 8 „Aber wie kannſt Du zu mir ſprechen, Schweſter Margrete? Gewiß kennſt Du den Befehl unſerer Dame.“ „Viel habe ich gebeten um von dieſem Ver⸗ bot ausgenommen zu ſeyn, und endlich iſt meine Bitte nun zugeſtanden. Ich ſtehe im gu⸗ ten Rufe der Heiligkeit, und ich moͤgte annehe men, daß die Superiorin einige Hoffnung naͤhrt, ich koͤnne als Mittel zu Deiner Be⸗ kehrung dienen. Nun Schweſter Roſalinde, es iſt ganz unnoͤthig, daß Du ſo eilfertig, wie 247 es eben geſchehn ſollte, die Moͤglichkeit eines aͤhnlichen Ergebnißes ablaͤugneſt; laß Du ſie in dieſem Glauben, ich aber gebe Dir das Verſprechen, daß ich niemals den Verſuch ma⸗ chen will, Dich zu etwas Lnbedn umzuſonigen als Du biſt, und dies iſt—— Sie ſchwieg, bevor ſie weiter ſprach, fragte Roſalinde: „Nun denn, was bin ch?“ „ Ich kann nur Deine Blicke leſen; das Buch iſt ſehr ſchoͤn.“ „Schaͤme Dich!“ ſagte Roſalinde gluͤhend⸗ roth,„Du mußt nicht ſchmeicheln.“ „und Du mußt nicht erroͤthen, als wenn ich Liebhaber waͤre, ſtatt Maͤdchen zu ſeyn.“ „Liebhaber! o ſchaͤme Dich Schwaſter ſagte Roſalinde wieder. „Mich ſchaͤmen, wirklich?— Iſt's weil wir im Kloſter leben, daß wir keine Liebhaber ha⸗ ben ſollen?— Du mußt wißen, daß ich hoͤrte, wie Schweſter Franziska,— dort— die dort iſt Schweſter Franziska, die lange, flache, plattknochige da, die ausſieht wie ein alter Jungfern-⸗Eckſtein,— wie die der Schweſter Brigitte,— jener fetten, froͤhlichen, kleinen⸗ Perſon, die ausſieht wie'n Moͤnch im Wei⸗ 248 berrocke, zu verſtehen gab, daß der Geaͤchtete, der hier geſtern ſo gewaltigen Tumult verur⸗ ſachte, ein Liebhaber unſerer Dame Abtißin geweſen iſt, als ſie jung war.“ „Wirklich? Nun ich muß ſagen, er war ein edler, ſchoͤn ausſehender Mann, ganz ſo huͤbſch wie mein Oheim, und er ſah gar keinem Ge⸗ aͤchteten aͤhnlich.“ „Die Nonnen ſind noch alle ſtarr vor Ent⸗ ſezen uͤber eine ſolche Entheiligung des Altars, und Vater Edmund iſt den ganzen Tag be⸗ muͤht geweſen, die Kapelle wieder zu reinigen. — Aber weißt Du auch, daß Niemand von uns begreifen kann, wie der Geaͤchtete entkom⸗ men iſt; denn Beaulieu war mit Soldaten beſezt, ſogar des Waßers andere Seite war eingeſchloßen: Einige ſagen dies, Andere das, doch die Meiſten glauben, daß er ein gut Stuͤck unter Waßer ſchwamm, und dadurch fort kam. Die Abtißin hat an die Koͤnigin geſchrieben, und man ſagt, dieſer Vorfall werde gewaltig viel zu thun geben.“ „Mich duͤnkt, unſere Dame benahm ſich ſehr edel;“ ſagte Roſalinde. „Einige meinen, ſie uͤbertraf das Merkziel; waͤre er Katholik geweſen, dann alles gut; 249 aber Einer andern Glaubens, ſagen ſie, hatte das Recht nicht, Freiſtatt zu fordern.“ „Dergleichen Dinge kann ich nicht verſtehen,“ entgegnete Roſalinde;—„aber weil ſolche Freiſtatt Ungluͤcklichen zum Schuze dienen muß, ſo ſehe ich den Grund nicht ein, weshalb ſie in der Art nicht verliehen werden ſollte. Ich habe geleſen, daß die Abtei Beaulieu der gro⸗ ßen Margrete von Anjou, der Gemahlin Heinrich des Sechſten, Freiſtatt gewaͤhrte, und daß der geheimnißvolle Perkin Warbeck, in ihren Mauern ebenfalls Sicherung fand.“ „Du biſt in der Geſchichte bewandert, wie ich gewahre,“ ſagte Margrete forſchend. „Nur unbedeutend,“ antwortete Roſalinde und erroͤthete wieder. „Von Dir muß ich lernen,“ fuhr Margrete fort,„meine Erziehung iſt arg vernachlaͤßigt, bis es ſehr ſpaͤt geworden war, in Wahrheit, ich habe faſt Alles ſelbſt⸗erlernt. Liebſt Du Muſik?“ 3 „Leidenſchaftlich.— Die Balladen meines Geburtlandes liebe ich vor Allem, und meine Amme lehrte mich ſie ſingen, faſt als ich noch in der Wiege lag,“ „Zuſammen wollen wir ſie ſingen, wollen 4 25⁵0 — uns einander in den Erholungsſtunden unter⸗ richten; vielleicht wirſt Du mit mir leſen wol⸗ len; gleich den meiſten Damen meines Landes, weiß ich mehr von der Franzoͤſiſchen, als von der Engliſchen Geſchichte.“ 5 „Bei meinem Oheim war ich in Beſiz gro⸗ ßer Vortheile und haͤtte ſie beßer benuzen ſol⸗ len; alle beruͤhmten Perſonen unſeres Zeital⸗ ters beſuchten Sydney⸗Luſt, bei verſchiedenen Veranlaßungen.“ „Wirklich! und gefaͤllt Dir ſolche Geſel⸗ ſchaft?“ „O, allerdings! gern ſize ich und hoͤre zu, ganz beſonders wenn Herr Evelyn und mein Oheim die Schoͤnheiten der Natur beſprechen, und ſo begluͤckende Folgerungen aus Gottes Guͤte und Weisheit ableiten; aber eine Perſen giebt es, die ich mehr noch, als alle Uebrigen liebe, obwohl die nicht nach Sydney⸗Luſt kommt; aber, mein Oheim nahm mich mit nach ihrem Hauſe, und welch einen gluͤckſeligen Monat habe ich dort verlebt!“ „Wer iſt's, wenn ich fragen darf?“ „Lady Rachel Rußell.“ „Iſt ſie nicht entſezlich fanatiſch?“ —— 251 „; nein, das iſt ſie nicht! ſie iſt eine reine, ſeelengroße Frau. Faſt wuͤnſche ich——“ „Was?— Nein brich nicht ab, nenne mir Deinen Wunſch, und das ganz dreiſt. Wie! erroͤtheſt Du wieder?— Aus eitelm Neide, koͤnnten die Roſen Dir alle Deine Bluͤthe ſtehlen; Schweſter Roſalinde, Deinen Wunſch — den Wunſch.“ „Wohlan, ich moͤgte leiden, in eine Lage verſezt zu werden, in welcher ausnehmende Feſtigkeit und aͤußerſte Schonung erforderlich waͤren, um ein theures geliebtes Weſen, aus peinigender Noth zu befreien, dann wuͤrde ich verſuchen, zu handeln,— gleichwie Lady Rachel Rußell. Du ſiehſt ich bin recht ehrgeizig. Sie macht die Frauen ſo ſtolz darauf, als Englaͤnderinnen geboren zu ſeyn, daß ich bei⸗ nahe mein Vaterland vertauſchen moͤgte, um nur dieſes Vorrechtes theilhaftig zu ſeyn.“ „Nun unſer Ehrgeiz iſt ſehr verſchiedener Art,“ ſagte Margrete und richtete ihre Geſtalt zu woller Hoͤhe auf:„ich moͤgte als Koͤnigin geboren ſeyn; moͤgte Tauſende haben, die mir ihre Huldigungen braͤchten;— moͤgte einen Pallaſt bewohnen,— und uͤber Leben und Tod verhaͤnge n. Ha! wie Viele wollte ich zuͤch⸗ 252 tigen, wie Viele den Staub der Erde zerbei⸗ ‚ßen machen, welchen ſie jezt ſo veraͤchtlich be⸗ treten!“ „Kein Zweifel, kein Zweifel!— ich zweifle nicht an Euch!“ toͤnte Alice Murroughs volle tiefe Stimme ein, die immer noch halb knieend, halb ſizend, hinter dem Baume kauerte und ihren Roſenkranz betete, doch deshalb nicht min⸗ der geſpannt auf Alles achtete, was vorgehn mogte;— noch einmal wiederholte ſie laut jene Worte und murmelte dann mit leiſerer Stimme:„Verderbtes Blut erzeugt nur Krebs⸗ Geſchwuͤr,— kein Zweifel, nein, kein Zweifel!“ Margrete ſchoß den blizenden Strahl ihres ſtolzen Auges auf Aliſe, die ſich daraus ſo wenig machte, als waͤre die junge Dame gar nicht in der Naͤhe; ſie fuhr vielmehr mit der Fortſezung des Ave fort, das durch ihr Selbſt⸗ geſpraͤch unterbrochen war. „Weib, was ſprecht Ihr?“ fragte Margrete und wie Roſalinde es dunkte in faſt ergrimm⸗ ter Weiſe. 8 „Mein Gebet, Miß— ſagt Ihr jemals das Eurige?“ „Du biſt die Guͤte und Sanftmuth ſelber, Roſalinde,“ ſprach Margrete nach einer Pauſe, —— 253 waͤhrend welcher ſie ihre Stirn niederbeugte, als ſie die anſcheinend gedankenloſe Amme be⸗ trachtete,„aber wirklich Deine Umgebungen ſind nichts weniger als ſanft; das Weib dort ſieht aus, als moͤgte ſie mich verſchlingen, und der Hund hier zerrte ſein Lefzen von den Zaͤh⸗ nen, als ich herankam, und hat ſie noch jezt nicht wieder bedeckt.“— „Wirklich!— Aliſe thut immer Alles, was ihr gefaͤllt, aber Brano muß beßere Auffuͤh⸗ rung erlernen.“ Sie nahm Margretens Hand in die ihrige und hielt ſie dem Hunde hin; das ſcharfſinnige Thier blickte truͤbſelig in ſei⸗ ner Herrin Antliz, und ſchmiegte ſich zu ihren Fuͤßen; doch beharrlich in ſeinem Widerwillen, weigerte er ſich Miß Raymond als eine Freundin anzuerkennen. „Laß uns wandeln;“ rief Margrete mit ih⸗ rem gewoͤhnlichen, draͤngend ungeduldigen Weſen, „ich haße ſtill ſizen; nichts gleicht der Bewe⸗ gung fuͤr Gemuͤth und Koͤrper.“ „Auch ich gehe gern,“ ſagte ihre ſanfte Ge⸗ faͤhrtin,„doch am liebſten im freien Felde; o! wie viele gluͤckliche Stunden habe ich mit mei⸗ nem geliebten Oheim verbracht, wenn wir fruͤh — ———— ⁶-— —(—õõj½¼4— 254. und ſpaͤt uͤber Huͤgel und durch ſumpfige Thal⸗ gruͤnde wanderten.“ „Du biſt eine rechte Romanheldin,“ erwie⸗ derte Margrete einigermaßen hoͤhniſch,„ich muß annehmen, daß Du viel zu geſcheit biſt, um an Kleider oder Schmuckſachen irgend einer Art, zu denken“ „Das bin ich nicht,“ antwortete lachend das gutmuͤthige Maͤdchen,„ich verſichre Dich, es iſt keine geringe Kraͤnkung fuͤr mich, daß ich genoͤthigt bin, dieſen Anzug zu tragen, und mein Haar zuruͤckflechten zu muͤßen; aber mich treibt wahre Ungeduld, um die wunderſchoͤne Kunſt der Stickerei zu erlernen, in der die Schweſter Agnes mit ſo vieler Geſchicklichkeit Unterricht ertheilt.— Ich moͤgte Lady Sydney ein Knie⸗Polſter ſticken.“ „Liebſt Du ſie denn ſo ſehr, um ihr ſo viele Zeit zuzuwenden?“ „Meinen Oheim liebe ich inniglich, ſie aber iſt deßen Frau;“ ſagte die freimuͤthige Roſalinde. „Ich wollte, ſchoͤnes Maͤdchen, ich koͤnnte einen Orlando fuͤr Dich finden, der dieſes Oheims Stelle einnaͤhme; doch ich muß glau⸗ ben, daß Du keine Komoͤdien lieſeſt, alſo ver⸗ ſiehſt Du auch meine Meinung nicht.“ —— 23⁵ — „Einer von meines Oheims liebſten Genuͤßen beim Angeln,— die Fiſchangel macht eine ſeiner Lieblings-Beſchaͤftigungen aus,— und es iſt ausnehmend erfreulich, mit anzuſehn, wie zart verſchonend er die kleineren Fiſche vom Angel loshaakt und ſie ihrer ſchwimmenden Freiheit zuruͤckgiebt,— beſtand darin, daß ich mich zu ihm ſezte, und ihm die beliebteſten Stellen aus eben dem Stuͤcke vorlas, von dem Du ſprichſt. Der Ardennen⸗Wald iſt mir faſt ſo genau bekannt, als der Neuen⸗Forſt; und wenn mein Oheim gar zu lange Sittenſpruͤche vorbringt, nenne ſ ihn den ſchwermuͤthigen Jaques.—“ „Wie mein Hen ſich danach ſehnt, diefen Neuen⸗Forſt zu verlaßen! und doch wollte ich's zufrieden ſeyn, lange, recht lange, hier zu bleiben, wenn ich nachher nur zur Groͤße kaͤme.“ „Meinſt Du in jener Welt?“ fragte Roſa⸗ linde. Margreten's Gelaͤchter ertoͤnte im Wiederhall der Baͤume.„Nein, was ſoll mir die?— Ich ſehne mich nach Groͤße hienieden,— groß will ich ſeyn!“ „Ich hoffe gut zu werden,“ antwortete Ro⸗ 25⁵6 — ſalinde ſanft und brach ſich eine Nelke;„ſo gut moͤgte ich ſeyn, als Lady Rachel Rußell iſt.“ Fuͤr Roſalinden's Selbſtachtung war es ein Glluͤck, daß ſie den veraͤchtlichen Blick gar nicht bemerkte, den Margrete ihr zuwarf. Ganze Baͤnde zur Erlaͤuterung des Charakters dieſer beiden Maͤdchen geſchrieben, haͤtten ſie nicht treuer darſtellen koͤnnen, als der einfache und einzeln ausgeſprochene Wunſch, den jede vor⸗ brachte; die Eine wollte Groͤße und es kuͤm⸗ merte ſie wenig, in welcher Art dieſe Groͤße er⸗ langt werden moͤgte; die Andere wollte gut ſeyn und jegliches Gefuͤhl opfern, welches ſich dagegen auflehnen konnte. Beide Maͤdchen wa⸗ ren im auf und niedergehen des geſchuͤzten Flußpfades, mehremale einem verfallenden Thurme vorbeigekommen, der durch ſeine eigen⸗ thuͤmliche und hohe Lage, fruͤher eine ſehr weite Ausſicht uͤber das angrenzende Land, dargeboten haben mußte. Die hinauffuͤhrenden Stufen wa⸗ ren zerbroͤckelt; wer etwa die Hoͤhe zu erreichen wuͤnſchte, mußte nothwendig die Mauer er⸗ klimmen und auf vorragenden Steinen oder hervorgekrochenen Pflanzen, feſten Fuß zu ge⸗ winnen ſuchen.— Dies durfte um ſo gefahr⸗ voller geachtet werden, als die Mauer dicht am . 257 Fluße Beaulieu ſich befand, über deßen Stroͤ⸗ mung der Thurm hinausragte. „Welch eine maleriſche Ruine!“ bemerkte Ro⸗ ſalinde. „Wollen wir hinauf?“ entgegnete Margrete, „er gewaͤhrt eine wunderſchoͤne Ausſicht, wir können das Thor der Abtei ſehen, das dort an der naͤchſten Kruͤmmung, nicht viel mehr als zehn Ellen vom Fluße iſt.“ Roſalinden war niemals Vorwurf daraus gemacht, ſchoͤne Gegenden zu ſehen; auch wußte ſie nicht, daß die Kloſterregel Hinausſchauen uͤber die Mauern unterſage; haͤtte ſie das ge⸗ wußt, ſo wuͤrde die groͤßte Verſuchung ſie nicht zu dem gebracht haben, was ſie that; Mar⸗ grete aber, die allen Zwang haßte, theilte ſol⸗ che Gefuͤhle nicht. Beide begannen ihr Erklim⸗ men, und erreichten nach vieler Anſtrengung und unter vielem Lachen ihr Ziel. Roſalinde ſchwamm in Entzuͤcken, bei dem Betrachten der ausgebreiteten Herrlichkeit. Brano folgte ihr bis zum Fuͤße der Steilung; weil er aber fuͤrchtete, ſich weiter zu wagen, legte er ſich unten am Steine nieder, richtete ſeinen Kopf empor, damit er ſeine Herrin nicht aus dem Geſichte verlieren moͤge. 1. 17 258 „Waͤren die Zeiten des Ritterthumes nicht voruͤber,“ ſagte Margrete,„ſo koͤnnten wir uns fuͤr zwei ungluͤckliche Damen halten, und hoffen, daß einige Ritter erſchienen uns zu er⸗ retten; das Schloß zu erſtuͤrmen,— und uns zu ihren Feſten und Pallaͤſten zu fuͤhren, wo wir vornehme Damen ſeyn wuͤrden, die bei Waffenſpielen und Tournieren die Siege austheilten; vielleicht feßelten wir einen maͤch⸗ tigen Monarchen und wuͤrden dann beſungen gleich den Prinzeßinnen des Alterthumes,— wuͤrde das nicht glorreich ſeyn?“ „Viel lieber wollte ich von meinem lieben Oheim zum Altare gefuͤhrt werden, um dann einem wuͤrdigen Manne anzugehoͤren,“ ſagte die beſcheidene Roſalinde und Margrete lachte. —„Nun, unter wuͤrdig verſtehe ich, einen tap⸗ fern Vertheidiger ſeines Vaterlandes, der mich liebte, mich allein liebte, und mich auf einen ruhigen Landſiz fuͤhren wollte, wo ich ſeinen Dienern und Landſaßen, meine Sorge und Mildthaͤtigkeit zuwenden koͤnnte; wo ich die Hungernden ſpeiſete, die Nackten kleidete, und freiwillig geſpendete Segenswuͤnſche dafuͤr er⸗ hielte.“ „Utopierin!“ lachte Margrete;„und doch 259 biſt Du die Kluͤgſte, denn Deine Traͤumerei mag verwirklicht werden, die meinige nicht. Ich hoffe nur, daß keine von den alten Non⸗ nen uns hier gewahrt, denn Du mußt wißen, zarte Roſalinde, daß dieſer hier, ein verbote⸗ ner Ort iſt; die Abtißin wuͤrde in die aͤrgſten Noͤthe gerathen, wenn ſie uns hier ſaͤhe, aus Furcht, daß wir die Haͤlſe braͤchen.“ „Dann laß uns hinab, weshalb ſind wir hier, wenn es unterſagt iſt?“— ſprach Ro⸗ ſalinde. Margrete achtete ihre Aufforderung nicht, denn einige Reiter, die aus dem Walde her⸗ vorkamen und ihren Weg nach der Abtei nah⸗ men, feßelten ihre Aufmerkſamkeit; es waren zwei Herren mit ihren zwei Dienern⸗ und recht ſchoͤn und wohlgemuth ſahen ſie aus, waren gut beritten, und ihre ganze Haltung zeigte kriegeriſchen Anſtand. „Schau Roſalinde!“ rief Margrete aus, und ſchwenkte zugleich ihr Taſchentuch in recht Un⸗ Nonnenhafter Weiſe den Reitern zu, ergriff aber mit der andern Hand Roſalindens Arm;„Schau! dort iſt mein Bruder! wie ſonderbar! jezt luͤf⸗ ten ſie ihre Kappen! welch ein ſchoͤner und wackerer junger Mann ihn begleitet! Wer iſt 260 er? Iſt er etwa Captain Baſil Sydney, Dein Vetter? Er muß es ſeyn! O welche Freude fuͤr mich, Cuthbert wieder zu ſehn!— Wie kraͤftig,— wie ſchoͤn ſieht er aus!— Iſt's nicht wahr Roſalinde?“ Doch dieſe empfand plözlich die ganze Unziemlichkeit ihrer Lage; ſie wußte, wes⸗ halb ſie nach St. Mary geſchickt worden war, und doch ſtand ſie hier, dem Bemerk⸗ werden eben Desjenigen ausgeſezt, fuͤr deßen Sicherung ſie verbannt worden war. Sie ver⸗ mogte die flammenden Blicke der Bewunderung nicht zu ertragen, womit beide junge Maͤnner ſie im Heranreiten zum Kloſterthore betrachte⸗ ten; ſie verbeugten ſich, ſchwenkten ihre Kap⸗ pen und warfen, Kußhand; zu Roſalindens vermehrtem Unmuth, erwiederte Margrete ihre Begruͤßungen. „Dies duͤrfen wir nicht thun; wahrlich, wahr⸗ lich, ich muß hinab“ ſagte Roſalinde, ſich end⸗ lich aus Margretens Feſthalten entwindend, „wenn ich gewußt haͤtte, daß es verboten waͤre, wuͤrde ich gar nicht heraufgekommen ſeyn,— laß uns hinunter.“ Sie ſezte ihr zartes Fuͤßchen auf einen vor⸗ ragenden Stein, dann auf einen andern; war — 261 ——⸗— aber ſo durchaus entnervt in Folge dieſes Be⸗ gegnißes, daß ſie gar nicht daran dachte, wie noͤthig die aͤußerſte Vorſicht im Hinabſteigen ſey. Margrete gewahrte ihre Gefahr und ſchrie; der Schrei vermehrte Roſalindens Aufregung nur. Anſtatt hinabzuſteigen wie ſie hinaufge⸗ klom men war, hing ſie uͤber dem Strome, in ihrer Angſt und im Eifer zum Kloſtergarten zu⸗ ruͤckzukommen, trat ſie fehl, und wuͤrde auf der Stelle hinab in den Strom geſtuͤrzt ſeyn, der ſeine Strudel am Fuße des Thurmes kraͤu⸗ felte, haͤtte ſie nicht eine rieſenhafte Staude⸗ Mauer⸗Lack ergriffen, die aus einer Spalte des Aufbaues hervorgetrieben war. So hing ſie da, ſich mit ihren Haͤnden am duftenden Goldlack feſtklammernd; ihr Haar hatte ſich unter ih⸗ rer Kloſterhaube hervorgedraͤngt, und flat⸗ terte nun, gleich einem Sonnenſchleier im Winde. Brano blieb nicht unthaͤtig, er ſprang in den Strom, als wiße er, daß ihr zerbrechli⸗ cher Halt nicht lange dauren koͤnne; die Reiter, durch Margretens fortgeſeztes Geſchrei herbei⸗ gezogen, ſprengten vom Kloſterthore heran, deßen ſchwere Glocke unter Jemmings geuͤbter Hand, laut erroͤnte, welcher ſich Muͤhe gab, den hohen Rang ſeines Herrn ausdruckvoll ge⸗ 262 — nug zu erkennen zu geben. Als die Reiter un⸗ ter den Thurm gelangten, erkannten ſie Ro⸗ ſalindens Gefahr, aber zu ſpaͤt, um der Ka⸗ taſtrophe zuvorzukommenz ihre ſuͤßduftende Hoff⸗ nung zerbrach unter ihren Haͤnden, und ſie ſtuͤrzte hinab in das ſprudelnde Waßer. Brano war nicht muͤßig, ſein Muth verließ ihn nicht; aber ſeine Zaͤhne waren durch Alter abgeſtumpft und ſeine Kraft faſt erſchoͤpft. Er erſchnappte das Gewand, welches uͤber der Stroͤmung her⸗ ausragte; aber der Strudel hatte Roſalinde in ſeine Kreiſe gezogen und riß ſie wirbelnd mit fort. Cuthbert Raymond ließ ſich die Zeit nicht, abzuſizen, ſondern ſezte mit ſeinem Roße die Uferbank hinab in den Strom; Baſil, kaͤlter als er und folglich huͤlfreicher, lief laͤngs dem Ufer hin, beobachtete die Stroͤmung und ſprang genau an der Stelle in den Fluß, an welcher Roſalinde, ſeiner Berechnung zufolge, wieder auf der Oberflaͤche erſcheinen mußte. Der Er⸗ folg zeigte, daß er richtig voraus geſehn hatte; denn nach wenigen Augenblicken trug er die triefende Schoͤne, auf den gruͤnen Raſen des Kloſtergartens, an einer Stelle, welche allein geſichertes Anlanden geſtattete, weil ſonſt uͤberall, das Ufer ſchroff und gefaͤhrlich war. ⸗ 263 Auch Cuthbert ſchwamm mit ſeinem Pferde um den Thurm hin; war die Beſtuͤrzung der Nonnen groß, als der Geaͤchtete Freiſtatt in den Kloſtermauern forderte, wie mußte ih⸗ nen nun um's Herz ſeyn, als zwei mannhafte Krieger mit der ausgemachteſten Freiheit in ihrem Garten erſchienen! Baſil kuͤmmerte ſich wenig um den Aufruhr, ſondern fuhr fort, die Schlaͤfen des Maͤdchens zu reiben, und ihre kalten Haͤnde zu umklam⸗ mern, waͤhrend Margrete hinlief, Vater Ed⸗ mond mit deßen Lanzette herbeizuholen. Groß war die Aufregung unter den Nonnen von St. Mary, aber wer vermoͤgte, die bis zur Todesqual geſteigerten Angſtgefuͤhle der alten Aliſe zu beſchreiben, die bis etwa zehn Minuten vor dieſem Ereigniße, ihre junge Herrin ſeit deren Ankunft im Kloſter, nicht aus den Augen gelaßen hatte. Als ſie Roſalinde bleich und bewußtlos auf dem Raſen hingeſtreckt liegen ſah, erhob ſie jenes, ſo zerknirſchenden Kummer ausdruͤckende irlaͤndiſche Klaggeheul; Alle, wel⸗ chen dieſe Toͤne unbekannt waren, mußten glau⸗ ben, ſie ſey vom boͤſen Geiſte beſeßen; doch Major Raymonds Verwunderung ward nicht wenig erhoͤhet, als Aliſe bei ſeinem Erblicken, 264 einen noch viel lautern Schrei ausſtieß, von ihrer jungen Dame fortſtuͤrzte, ſich zu ſeinen Fuͤßen niederwarf und ſeine Kniee umſchlang wobei ſie unzuſammenhaͤngende, aber aus⸗ 1 druckvolle Worte liebender Anhaͤnglichkeit an den „theuren alten Stamm,“—„den Baum, der im Flor ſtand,“—„den Stolz des Waldes,“ — und eine ganze Fluth von Verſicherungen der Treue und Hingebung„an ihn und die ſeini⸗ gen“ hervorbrachte. Inbruͤnſtig betete ſie fuͤr ſeine Wohlfahrt und fuͤr gluͤcklichen Erfolg bei allen ſeinen Unternehmungen; ſie ſprach ſo be⸗ redt von ſeinem Lande und ſeiner Familie, daß ihm unwillkuͤhrlich Thraͤnen in die Augen tra⸗ ten, er war im Begriff, ſie nach ihren Be⸗ ziehungen und ihrer Bekanntſchaft mit ſeiner⸗ Familie zu fragen, als Margrete zu ihnen her⸗ antrat und ſagte:„wollt Ihr mich nicht auch ſegnen, Aliſe?“ „Euch ſegnen?“ wiederholte die Alte, erhob ſich vom Boden, betrachtete ſie mit einem ganz unerklaͤrlichen Ausdrucke und fuhr fort,„das Haus Raymond hab' ich geſegnet, doch mit Euch habe ich nichts zu ſchaffen.“ Mit dieſen Worten ging ſie zuruͤck zu Ro⸗ ſalinde, die ſich jezt bereits ziemlich erholt hatte.— 265 Den ganz außerordentlichen Aufruhr, den dieſes Begegniß im Kloſter hervorbrachte,— der Nonnen Benehmen, Staunen und Reden, Branos ſchmeichelndes Lecken der Haͤnde ſeiner Herrin,— Baſil Sydney's und Cuthbert Raymond's augenblickliches Verliebtſeyn, ganz in Uebereinſtimmung mit dem, was Romane ſchildern, und was im wirklichen Leben vor⸗ geht,— denn Beide waren durch Roſalindens Schoͤnheit, Sanftmuth und durch ihre Schuͤch⸗ ternheit, eine Eigenſchaft, welche in jenen Ta⸗ gen gehoͤrig gewuͤrdigt ward,— auf das tiefſte getroffen,—— Alles dieſes muͤßen wir der Einbildungskraft des Leſers fuͤr eine Weile uͤber⸗ laßen, und uns damit begnuͤgen, einen jener ſonderbaren Thatumſtaͤnde anzufuͤhren, deren Wirklichkeit uns zum Glauben an uͤble Vorbe⸗ ſtimmung vermoͤgen koͤnnte.— In eben dem Augenblicke, als Baſil Roſalinden aus ihrer Fluthengefahr errettete, ſaß ein gewißer Pater Frank, in der Superiorin eigenem Wohnzimmer und ſezte dieſer die dringende Nothwendigkeit auseinander, jedes Zuſammentreffen vorgenann⸗ ten Baſil's, mit vorgenannter Roſalinde zu ver⸗ hindern; die Abtißin war auch einverſtanden mit Allem, was er ihr geſagt hatte, und gab *† 266 dem guten Pater, dem die Knochen vom an⸗ geſtrengten Ritte nicht wenig ſchmerzten, die Verſicherung, daß Beide nicht zuſammen kom⸗ men ſollten.— Wehe! und abermals wehe! genau in dem Augenblicke, in welchem ſie dieſe Zuſicherung gab, hatte Roſalinde ihr Haupt von Baſil's Schulter erhoben; das ſanfte Er⸗ roͤthen wiederkehrenden Lebens hatte ihre Wan⸗ gen uͤberzogen; ihr Herz war zum Ueberfließen voller Dankbarkeit; das ſeinige erfuͤllte Liebe. Noch einmal wiederholen wir: wehe, und abermals wehe! was half das Verſprechen der armen Dame Abtißin! An wie duͤnnem Faden haͤngen die wichtig⸗ ſten Lebensereigniße; wie oft iſt der geringfuͤ⸗ gigſte Umſtand, die Grundlage zu Gluͤck oder Elend! 267 Eilttes Kapitel. Weh mir! nach allem, was ich je geleſen, Erfahren, ſey's aus Sagen, aus Geſchichten, Rann' niemals glatt der treuen Liebe Lauf; Entweder zeigt er Blutsverſchiedenheit, Sonſt aber Uebelſtand, betreffend Jahre, und gar zu oft beſtimmt ihn Wahl der Aeltern. Shakspeare. „E⸗ iſt hoͤchſt verdrießlich,“ ſagte Date Frank. „Es uͤberſteigt allen Glauben ,“ ſprach die Abtißin. „Das thut's,“ antwortete Pater Edmund. „Wer koͤnnte ſich ſolch ein Ereigniß vorge⸗ ſtellt haben?“ fuhr die Abtißin fort. „Niemand,“ ſprach Pater Frank. „Niemand,“ ſchallte Pater Edmund nach. „Was iſt zu thun?“ fragte Pater Frank. 268 „Wir muͤßen uͤberlegen,“ ſagte die Dame. „Das muͤßen wir,“ ſprach Pater Edmund dazu. „Lieber wollte ich hundert Spaniſche Maͤd⸗ chen in Aufſicht haben, als zehn Engliſche,“ rief die Abtißin nach einer Weile aus,„nicht etwa, weil ich die Maͤdchen meines eigenen Landes nicht am liebſten haͤtte; aber die Doñas im Auslande ſind ſo gut an Gehorſam ge⸗ woͤhnt, man hat ſo wenig Muͤhe mit ihnen; ſie thun ganz genau das, was man von ihnen verlangt; im Traume faͤllt es ihnen nicht ein, fuͤr ſich ſelber denken zu wollen, und wenn ſie ihre Heimath verlaßen, gehen ſie ganz unbe⸗ kuͤmmert, entweder in ihres Eheherrn Haus, oder in's Kloſter.“ Eine Art halbverſteckten Laͤchelns, zog ſich öüber Pater Frank's feiſtes Geſicht, als er aus⸗ rief:„hem!“— Dieſes Hem war ſo bezeich⸗ nend ausdruckvoll, daß es der Dame Abtißin mißfiel und ſie die Stirn runzelte; weil Pater Frank ihr in gleicher Weiſe nicht Antwort er⸗ theilen konnte, war er verſtaͤndig genug; ſich zu ſtellen, als bemerkte er das gar nicht,— gewiß eine ſcharfſinnige Art, um Schwierig⸗ keiten zu uͤberwinden; wir empfehlen ſie Al⸗ 269 len, die ſich in ahnliche Lage verſegt ſehen moͤgen. „Aber,“ ſprach Pater Edmund und oͤffnete ſeine weiten, glanzloſen Augen,„ich ſehe gar nicht ein, was dabei ſo beſonders verdrießlich ſeyn ſollte; unſere ehrwuͤrdige und hochverehrte Mutter, konnte nicht vorherſehen, daß dieſe wilden Geſchoͤpfe die Mauern erklimmen wuͤr⸗ den, noch daß eines von ihnen in's Waßer fallen wuͤrde; eben ſo wenig konnte ſie vorher wißen, daß Captain Baſil Sydney ſie wieder da heraus ziehen wuͤrde.“ Die Abtißin zeigte Verlegenheit. Pater Ed⸗ mund hatte viele Gutmuͤthigkeit, aber auch ei⸗ nen faſt unertraͤglichen Antheil jener Art ent⸗ ruͤſtender Einfachheit, die ſtets in ihrer eigenen Weiſe Dinge auslegt, von welchen gar keine Rechenſchaft gegeben werden ſoll. Er war ein mildſinniger, friedliebender Mann, dem jede geiſtige Kraft mangelte, der jedoch fuͤr ſein Amt im Kloſter St. Mary recht gut paßte, welches ihm nur die Pflicht auflegte, Beichte zu hoͤren und Meße zu leſen; Ehrgeiz beſaß er nicht, und war in dieſer Beziehung ein Bei⸗ ſpiel vom Gegentheile deßen, was man von der katholiſchen Geiſtlichkeit jener Tage glaubte. 270 Er liebte keine Intrigue irgend einer Art, be⸗ ſaß auch durchaus kein Talent dafuͤr, es be⸗ friedigte ihn vollſtaͤndig, allen Lehrſaͤzen ſeiner Kirche den uneingeſchraͤnkteſten und gar nicht nachforſchenden Glauben zu weihen. Wunder, moögten ſie vernuͤnftigen Anſchein haben oder den allerſinnloſeſten, galten dieſem guten, ein⸗ faͤlttgen Pater Edmund gleich werth; ihn aber liebte Jedermann. Lady Mary Powis, die„Mutter“ von St. Mary, beſaß viel mehr Verſtand, und ihr wuͤrde es lieber geweſen ſeyn, wenn des Klo⸗ ſters Beichtvater umfaßenderen, kraftvolleren Geiſt gezeigt haͤtte; inzwiſchen war ſie auch vernuͤnftig genug, einzuſehen, daß bei groͤße⸗ rem Geiſtesvermoͤgen, er ebenfalls nach groͤßerer Gewalt gerungen haben wuͤrde, und ſie gehoͤrte zu Denen, die nicht leicht Widerrede erdulden, wo ſie Gehorſam erwarten; ſeine Bemerkung nahm ſie jezt mit Kaͤlte auf und entgegnete: „Natuͤrlich wird Lady Sydney, mich bei der Weaulasieng nicht tadeln wollen.“ „Das iſt genau, was ich meinte;“ bemerkte Pater Edmund, der, wie alle ſchwachen Men⸗ ſchen, ſtets bereit war, in den Scharfblick mit einzuſtimmen, der ihm ſelber fehlte. 271 „Was ich beſorge, ſind die Folgen, Pater Frank;“ fuhr ſie fort.— „Aber die junge Dame iſt ja nicht verlezt, auch iſt ſie nicht entlaufen,— ſie iſt auf ihr Zimmer beſchraͤnkt, und das ſehr geeigneter Weiſe, um nachzudenken;— und die jungen Edelleute ſind entweder ſchon fort, oder doch im Begriff, zu gehen; alſo, was fuͤr Folgen koͤnnten nun noch entſtehen?“ „Pater Edmund,“ ſragte die Abtißin ruhig, „erinnert Ihr Euch an Eure Jugend?“ „Ich bin einmal jung geweſen, das weiß ich, heilige Mutter; aber viel weiß ich nicht mehr davon.“ „Noch von irgend andern Dingen,“ mur⸗ melte Pater Frank. „Ich nehme an, daß Ihr, bevor Ihr noch zu Eurem Stande berufen wurdet, gewußt habet, was es iſt, eine Perſon mehr als die andere zu achten; auch muͤßt Ihr unzaͤhlige Beiſpiele davon gekannt haben, daß eine Zaͤrt⸗ lichkeit, in unſern ſuͤndhaften Buſen durch viel geringfuͤgigere Veranlaßung erweckt worden iſt, als die war, die ſich heute Morgen ereig⸗ nete. Betet zur heiligen Jungfrau, daß nichts daraus entſtehen moͤge, was unſerer edlen 272 Freundin, der Lady Sydney, Herzensangſt verurſachen koͤnnte.“ „Gewiß hing ich ſelber recht zaͤrtlich an mei⸗ ner— Mutter,“ erwiederte der ſanftmuͤthige Pa⸗ ter Edmund,„aber Morgen will ich ſelber die junge Schweſter ermahnen, und ebenfalls dem ſchwarzen Irlaͤndiſchen Maͤdchen einen Verweis ertheilen, welches, um die Wahrheit zu geſtehn, vorwizig iſt und gar zuverſichtlich;— doch eine, oder ein Paar Bußuͤbungen werden ſie wieder zuruͤckfuͤhren,— und unterrichtet iſt ſie in allen Dingen.“ „Eines, heilige Mutter, muß ich zum Schuze von Fraͤulein Roſalinde ſagen,“ fprach Pater Frank,„ich glaube nicht und kann nicht glauben, was Miß Raymond angab, als Ihr ſie uͤber das Erklimmen des Thurmes befrag⸗ tet; ſie erklaͤrte, der Schweſter Roſalinde ge⸗ ſagt zu haben, daß Euer Befehl allen Zoͤgling⸗ innen oder Novizen, das Erklettern jener Mauer unterſage, daß aber Roſalinde dennoch hinauf wollte, und daß ſie ſich veranlaßt fuͤhlte, ihr zu folgen, um ihr anzurathen und zuzureden, daß ſie herabkommen ſolle. Die arme Roſalinde war zu tief erſchuͤttert, als daß ich ſie uͤber dieſen Umſtand befragen konnte; doch will ich 273 meinen beſten Roſenkranz dafuͤr verpfaͤnden, daß ſie in ihrem ganzen Leben noch keine Hand⸗ lung eigenwilligen Ungehorſams beging,— ſie iſt zu rechtlich geſinnt, um das zu thun.“ „Wenn Kezer einander auch ihr Wort hal⸗ ten,“ bemerkte Pater Edmund,„ſo machen ſie ſich doch wenig daraus, uns Nechrälaubigen wortbruͤchig zu ſeyn.“ „Nun,“ ſprach die Abtißin,„ob Katholikin⸗ nen oder Kezerinnen, ich habe immer gefunden, daß junge Maͤdchen, und alte ebenfalls, gar zu gern uͤber Mauerzinnen, oder aus Fenſtern ſchauten, ſo oft ſie Gelegenheit dazu hatten.“ „Dieſes Kind habe ich gekannt,“ beharrte Pater Frank,„von der Zeit an, als ſie nicht uͤber meine Kniee hinaufreichte, und nie habe ich ſie einer unrechten Handlung ſchuldig ge⸗ funden.“ „Sie koͤnnte ſich nicht verbunden achten, mir zu gehorchen,“ ſagte die Abtißin,„mit aller ihrer zarten Sanftmuth, beſizt ſie ein kuͤh⸗ nes, hoͤchſt originelles Gemuͤth; ich bezweifle auch, daß, ſo ſehr Lady Sydney es wuͤnſchen mag, ſie jemals den Schleier nehmen wird, noch dazu gebracht werden kann, je den wah⸗ ren Glauben kennen zu lernen, außer vielleicht J. 18 274 durch Anwendung von Mitteln, an die ich nicht denken mag.“ „Mit Vergunſt,“ erwiederte Pater Frank, „moͤgte ich Euch ſagen, heilige Mutter, daß wenn Fraͤulein Roſalinde in ihrer Verblendung ſich, was Glaubenspunkte anbetrifft, auch be⸗ rechtigt halten mag, Euren Befehlen ſich zu entziehen, ſie doch zu vernuͤnftig iſt, um je⸗ mals daran denken zu ſollen, in minderen Dingen Euch Ungehorſam zu beweiſen; ich fuͤhle mich auf's feſteſte uͤberzeugt, daß jene ſtolzaͤugige Dame, die Wahrheit nicht ſo ge⸗ ſprochen hat, wie ſie wirklich iſt.“ Bei dieſem Standpunkte des Geſpraͤches er⸗ ſchien eine Layenſchweſter, um die Priorin nach dem Empfangzimmer einzuladen, woſelbſt, wie ſie ſagte, die beiden Offiziere warteten, um mit ihr uͤber das Verſchwinden des Geaͤchteten zu reden, einen Gegenſtand, den ſie jezt zu beſprechen wuͤnſchten, nachdem ſie ſich mit koͤſt⸗ licher Speiſe und Getraͤnken, hinreichend erfriſcht und geſtaͤrkt hatten. Zum Gluͤck ſchauten die beiden Prieſter nicht in der Abtißin Antliz, als das Wort„Geaͤch⸗ teter“ ausgeſprochen wurde; denn ſonſt haͤtten ſie nothwendig ein ploͤzliches Erroͤthen ihrer 8 275 gemeiniglich bleichen Wangen gewahren muͤßen, welches jenes Geruͤcht nur beſtaͤtigt haben wuͤr⸗ de, als haͤtte Lady Mary Powis in ihrer Ju⸗ gend, einen Mann andern Glaubens, gekannt und geliebt. 3 Nach einer verlaͤngerten Eroͤrterung der wahr⸗ ſcheinlichen Folgen dieſer Flucht des Geaͤchte⸗ ten, welche die Abtißin, ihrer Erklaͤrung ge⸗ maͤß, gar nicht fuͤr moͤglich gehalten hatte, ſo wie nach mancherlei vorgebrachten, einander widerſtreitenden Meinungen uͤber die Art, wie Seine Majeſtaͤt dieſe Sache aufnehmen werde, nahmen die beiden jungen Offiziere Abſchied von der Abtei, mit der ausgeſprochenen Ab⸗ ſicht, ihren ehrfurchtvollen Beſuch in Beaulieu erneuern zu wollen, ſobald des Koͤnigs Ent⸗ ſcheidung bekannt geworden ſey; eben ſo wenig vergaßen ſie in der allerdringendſten Weiſe ih⸗ re Bitten zu wiederholen, daß dem Fraͤulein Roſalinde, welches ſie vielmehr zu beſchaͤftigen ſchien, als Margrete Raymond, jede Aufmerk⸗ ſamkeit bewieſen wuͤrde. Pater Frank erklaͤrte ſeine Abſicht, die Nacht da zubringen zu wollen, wo er ſich befand. Die Offiziere mit ihren Dienern hatten Hea⸗ »e thy⸗Ditton erreicht, als das ſtuͤrmende Unwet⸗ 276 ter, gegen welches Sir Everard in eben der Zeit amkaͤmpfte, um dem Geaͤchteten Lebens⸗ mittel hinzutragen, ſie zwang, in einer Her⸗ berge Schuz zu ſuchen, die ſehr verſchieden von den trefflichen und, um echt Engliſchen Ausdruck zu gebrauchen, behaglichen Gaſthoͤfen war, die man jezt im Neuen⸗Forſt findet. Die Reiter hatten bisher jenes Schweigen gegen einander beobachtet, welches aus der Ucberzeu⸗ gung hervorgeht, daß Beider Gedanken mit dem naͤmlichen Gegenſtande beſchaͤftigt ſind, als ſie ſich aber am Torffeuer erwaͤrmt und getrocknet hatten, das luſtig genug auf dem Heerde des einzigen, in der Herberge zu ha⸗ benden Zimmers flackerte,— es war naͤmlich die beſte von den drei Stuben, aus denen die Herberge beſtand,— und nachdem ſie durch ein heißes Getraͤnk einigermaßen belebt wurden, welches Jemmings geſchickliche Hand ihnen be⸗ reitete, verlor ſich ihr Mißtrauen in etwas, und der warmbluͤtige Irlaͤnder begann zuerſt das Geſpraͤch, indeßen eroͤffnete er den Angriff durch angelegte Minen, lief nicht gleich Sturm. „Nun, Sydney, was denkſt Du von mei⸗ ner Schweſter?“ „Sie iſt ein ſchoͤnes, lebendiges Weſen; die⸗ ſes Deckelglas wollen wir auf ihr Wohl lee⸗ ren, wenn's Dir gefaͤllt. Triumpf der kuͤhnen und reizenden Margrete Raymond!“ „Mit vollem Herzen, und recht vielen Dank Dir! doch ernſthaft, biſt Du nicht der Mei⸗ nung, es ſey zu viel Feuer, zu viel vom Teu⸗ felsgeiſt in ihr?“ „Ich bedachte eben, wie ſo vollkommen ſanft und himmliſch ſie war, ſo taubengleich! Kein Wunder, daß mein Vater mit ſolcher Innig⸗ keit an ihr haͤngt!“ „Haͤngt— an wem?“ „Nun an Roſalinden; ſprachſt Du nicht von Miß— Miß Sydney?“ „Nein, ich ſprach nicht von Miß Sydney, Baſil; aber wir wollen von ihr ſprechen, wenn's Dir recht iſt; es iſt gut, zuweilen die Erde gegen den Himmel zu vertauſchen.“ „Wahr; doch vergiß nicht, Cuthbert, ich war es, der ſie rettete.“ 4 „Du biſt immerfort ein gluͤcklicher Menſch geweſen. Was ſie fuͤr einen ſchoͤnen Namen hat— Roſalinde! Ich bin nicht in Buͤchern bewandert, aber war nicht ſo'n Komoͤdien⸗ macher, der Verſe auf den Namen geſchrieben hat?“ 1 278 „Ja, das war— ſo'n gewißer William Shakspeare— „Von dem Oſt bis zu den Inden Iſt kein Juweel gleich Roſalinden Ihr Werth, beflügelt von den Winden, Trägt durch die Welt hin Roſalinden. Alle Schilderei'n erblinden Bei dem Glanz von Roſalinden; Keinen Reiz ſoll man verkünden, Als den Reiz von Roſalinden.“ „Oho! nennſt Du das Poeſie, mein Baſil? 4 — es erinnert mich an die Geſchichte in dieſer Komoͤdie. Meine gute Mutter liebte ſie ganz ungemein und pflegte zu Anfang der Regierung des lezten Koͤnigs zu ſagen, es ſey eine wahre Schande, die Stuͤcke von Buckingham und von andern Hofnarren aufzufuͤhren, nur um Miſtreß Nelly zu vergnuͤgen und ſie auf der Buͤhne erſcheinen zu machen.“ „Sehr richtig. Mein Vater ſagt, daß es eben die Ruͤckwirkung war, welche in Karls luſtigen Regierungstagen, ſo viele Schlechtigkeit hervorbrachte.“ „Komm', Baſil, trinken wir auf das Wohl dieſes ſchoͤnen Maͤdchens,“ rief Cuthbert ziem⸗ lich unerwartet aus und erhob ſich vom Seſ⸗ 279 ſel;„bei St. Patrik, noch nie trank ich das Wohl einer Dame, die ich achte, auf meinem Stuhle ſizend, und will das niemals thun. Nun hier— auf ihr Wohl!“ Der Trinkſpruch ward in gehoͤriger Form entgegengenommen; was aber vielleicht merk⸗ wuͤrdiger ſcheinen moͤgte, war, daß dieſe bei⸗ den jungen Leuten in kein Geſpraͤch verfielen, welches mit anzuhoͤren die erwaͤhnten Damen haͤtten erroͤthen muͤßen, es waͤre denn geweſen, daß ihr eigenes Lob ſie roth gemacht haͤtte;— dieſer Umſtand verdiente ſeiner Seltenheit we⸗ gen angefuͤhrt zu werden, denn junge Maͤn⸗ ner liebten damals, wo moͤglich eine dargethane Sprechrohheit noch mehr, als die Herren un⸗ ſeres heutigen Tages. „Es war hoͤchſt ſonderbar,“ bemerkte Baſil, „daß ich meine Muhme treffen und zugleich ihr Lebensretter werden ſollte, und das troz der angewandten Vorſicht meiner Frau Mut⸗ ter, die, wie ich weiß, aus Furcht vor dem Erfuͤlltwerden, irgend einer aſtrologiſchen Vor⸗ verkuͤndigung, uns ſtets von einander getrennt hielt. Die Wahrheit iſt, Cuthbert, und ich er⸗ oͤffne Dir dieſen Thatumſtand zeitig genug, daß auf dem armen Maͤdchen ein Makel ruhet. 280 Sie iſt die natuͤrliche Tochter von meines Va⸗ ters einzigem Bruder; dieſer war einer unge⸗ regelten, ſehr ſchoͤnen, umherziehenden Frau ungemein zugethan,— ſie folgte ihm uͤber— all, unter andern auch nach Irland und ſtarb, wie ich glaube, bei der Geburt dieſes holden Geſchoͤpfes; das Kind blieb mehre Jahre mit ſeiner Amme; aber auf dem Sterbebette er⸗ zaͤhlte mein Oheim die Umſtaͤnde meinem Va⸗ ter, der das Verſprechen gab, dieſes Kind zu beſchuͤzen,— und ſo iſt ſie hier. Mein Oheim war eine kraͤftige Stüͤze des Liberalismus, ei⸗ ner der Verehrer von Cromwell, Milton, Hampden und der ganzen Sippe; doch habe ich gehoͤrt, daß er Cromwell deßen Erhebung zum oberſten Staatsbeamten, nie verziehen hat; Koͤnig Karl aͤchtete ihn; wenn mein Vater nun an Politik denkt,— was vieelleicht alle ſechs Monate einmal der Fall iſt,— ſo be⸗ waͤhrt er ſich nicht ganz ſo eifervoll, als er vielleicht gethan haben wuͤrde, wenn man mei— nen armen Oheim, unverlezt in ſeiner eingebil⸗ deten Glorie, gelaßen haͤtte.“ „Baſil,“ ſagte Cuthbert zur Antwort auf dieſe lange Rede,„es iſt wirklich guͤtig von Dir, mich, wie Du Dich recht großmuͤthig 281 ausdruͤckſt,„zeitig genug“ zu warnen; ich nehme den Wink ſo auf, daß Du mich abhal⸗ ten willſt, mich in Deine Muhme zu verlie⸗ ben, weil Du das ſelber beabſichtigſt.“ Baſil Sydney bedeckte ſein Antliz mit den Haͤnden; doch nach einer kleinen Weile beant⸗ wortete er ſeines Freundes Bemerkung mit ſei⸗ nem gewohnten offnen, ehrlichen Freimuthe: „Ich glaube, Cuthbert, Du kannſt Recht haben, wiewohl dieſe„Fineße“— ich muß fuͤr ein ſolches Franzoͤſiſches Spiel, auch ein Franzoͤſiſches Wort anwenden,— unabſichtlich war; inzwiſchen mag das immer der Fall ge⸗ weſen ſeyn und ich muß mein Vergehen gut machen.— Ich habe mehr an Roſalinde ge⸗ dacht, als jemals an ein anderes weibliches Weſen. Noch nie ſah ich eine, die ich zu mei— ner Frau haͤtte machen wollen; und doch darf das nicht ſeyn; nie will ich eine heirathen, die dem Namen Sydney einen Schimpf zufuͤ⸗ gen wuͤrde. Zudem noch,“ hier verſank ſeine Stimme in leiſes Gemurmel,„obgleich ich eben nicht aberglaͤubig bin, kann ich doch die alte Prophezeihung nicht vergeßen, die ſeit Jahr⸗ hunderten uͤber unſerer Familie waltet. Mein Vater ſogar, wiederyolt ſie mit Schaudern und meiner Mutter, iſt ſie vollguͤltiges Schickſals⸗ Orakel: Wenn's reine Blut ſich zumiſcht, das ſchlechte, Dann weh' dem alten, dem edlen Geſchlechte; Hochbürt'gem Sydney nichts aushilft dann, Sydney's Blut wird troz Allem, nur Sydney's Bann. Nein, meine zum Unheil beſtimmte Muhme kann mir nie mehr werden, als eine theure Freundin.“. „Du haſt recht;— und doch iſt ſie hoͤchſt liebenswuͤrdig und unſchuldig; ſo unverſtellt, ſo rein in ihrer Schoͤnheit, ſo friſch, ſo flek⸗ kenlos.“ „Cuthbert,— wollteſt Du unter den Um⸗ ſtaͤnden, die ich Dir mitgetheilt habe, ſie hei⸗ rathen?“ „Ach! Baſil,— ich bin nicht in der Lage, heirathen zu koͤnnen; aber offenherzig und auf das Kreuz gelobt,“ bei dieſen Worten kuͤßte er ſeinen Degengriff,„waͤre es nicht dieſer klei⸗ nen Hemmung— dieſes kleinen Makels we⸗ gen— ſo moͤgte ich nicht fuͤr mich einſtehen. Haſt Du jemals von einem Irlaͤnder gehoͤrt, der fuͤr ſich einſtehen koͤnnte, wenn ein ſchoͤnes Weib betheiligt war?“ 283 „Major Raymond,“ ſprach Baſil feſt, aber ruhig,„wiewohl ich an Roſalinde Sydney als Frau von mir, nicht zu denken wage, iſt ſie doch meine Muhme, und als ſolche werde ich ſie nicht nur ſelber achten, ſondern das naͤm⸗ liche von Dir erwarten. Sie iſt eine arme Waiſe, ein verlaßenes Maͤdchen, ſie hat faſt keinen andern Freund, als meinen Vater; ſollte der aber von dieſer Welt ſcheiden, dann wuͤrde ich es fuͤr meine Pflicht halten, ihr Vaterſtelle zu vertreten. Verſtehſt Du ganz, was ich ſa⸗ gen will?“ Cuthbert Raymond's ſchoͤnes Geſicht verzog ſich anfangs unter peinlichen Zuckungen, die aber bald einem Ausdrucke froͤhlicher Luſt wi⸗ chen. „Sieh nur nicht ſo ernſthaft dazu, mein lie⸗ ber Freund, nur nicht ſo ehrenfeſt⸗ernſt; froͤh⸗ lich, unbedachtſam und ſchlecht genug bin ich wohl, doch darf ich ſagen, nicht ganz ſo ſchlecht und zuͤgellos, als Du zu glauben geneigt ſcheinſt; aber bei'm heiligen Paulus! kaum kann ich mich des Lachens daruͤber erwehren, daß Du ſo ploͤzlich und ſo unaufgefordert, die Vormundſchaft uͤbernimmſt und als dermalein⸗ 284 ſtiger Vater eines jungen, reizenden Maͤdchens ſchon jezt auftrittſt.“ „Cuthbert, ich vertraue—“ ſprach Baſil. Doch der lebhafte Cuthbert unterbrach ihn ſogleich:„Du vertraueſt!— Hochheilige Ma⸗ ria!— ich aber moͤgte Dir nicht trauen, mein ſehr edler Herr!— Jezt hoͤre mich an, Baſil; hoͤre mich bedaͤchtlich an; nachher wollen wir ein Lied trillern und dann zu Bett. Wenn Gott mich am Leben laͤßt, um einen noch gruͤ⸗ nen Kopf, ſammt unreifem Gehirne, gegen grei⸗ ſen Schaͤdel und dem angemeßenen Unterlage zu vertauſchen, ſo will ich mir jeglichen Acker Landes zuruͤckgewinnen, will jedes Ehreneigen⸗ thum neu auffriſchen, die man uns geraubt hat; doch wird die reine, hingebende Liebe ei⸗ nes ſuͤßen Weibes nie mein Antheil ſeyn, Ba⸗ ſil!— Freiſinn und Sorgloſigkeit mien mir angehoͤren, aber bis ich ausfuͤhrte, was ich bezwecke— und groß iſt mein Vornehmen,— werde ich alt und verwelkt, ein Weſen ſeyn, das kein liebliches Geſchoͤpf mehr lieben koͤnn⸗ te;— bis dahin ſey Ehre allein meine Braut! Alſo Baſil, verfolge Du jedes Traumbild, das Dir gefaͤllt, es ſoll durch Cuthbert Ray⸗ mond keine Stoͤrung erleiden.“ „Bah! Du wuͤrdigſt die Frauen zu wenig,“ erwiederte Baſil;„laß Dir ſagen, daß Frauen zu lieben vermoͤgen, was uns widrig erſchei⸗ nen moͤgte; ſie empfindeln ihre Zaͤrtlichkeitsge⸗ fuͤhle in ganz außerordentlichem Grade; ihre Phantaſie muß ihnen dazu dienen, Wirklich⸗ keiten zu ſchaffen, die zerſtoͤren zu wollen ein Verſuch waͤre, der dem Kampfe gegen Wind⸗ muͤhlen gliche. Sie bewundern nicht ſo ſehr die Jugend und Mannhaftigkeit an ſich, ſon⸗ dern die Attribute, welche Jugend und Mann⸗ haftigkeit dadurch gewinnen, daß ſie in ihrer“ Einbildung ſie ausſchmuͤcken; ſie zaͤhlen auf uns, um ſie zu beſchuͤzen, ſie rechnen auf uns, um ihnen zu rathen; und erſt wenn ihnen die⸗ ſer Schuz entzogen, dieſer Rath verweigert wird, ſchwindet ihr Wahnbild, dann erſchei⸗ nen wir vor ihren Augen, moͤgen wir jung oder alt ſeyn, in unſerer voͤlligen, faſt haͤtte ich geſagt, natuͤrlichen Mißgeſtalt. Glaube Du mir, das Alter iſt keine Hinderung der Frauen⸗ liebe. Ueberdem verhilft ein edles Weib ihrem Manne zur Ehre; ſie erwaͤrmt ſeine Neigun, gen; waͤhrend ihre eigene Entſagung, ihre Sanftmuth, ihre Wahrheit, ſein Beſtreben an⸗ 286 ſpornen, ſie im Wettkampf ſittlicher Tugenden zu uͤbertreffen.“ „Gut geſagt fuͤr einen Flatternden am tu⸗ gendlichen Hofe des zweiten Karl und einen. Kraͤhhahn in Koͤnig Jakobs Feldlager! Wahr⸗ haftig, man ſollte glauben, Du haͤtteſt den weiblichen Karakter an den Heiligkeiten von——— ſtudiert, wo ſie alle blau und laͤchelnd ausſehen, wie,— wie,— wie ge⸗ ronnene Milch und Molken! Was fuͤr'ne Teufels Art von Gleichniß!— So geht mir's aber, ich kann niemals nach einem Gleichniße ſuchen, ohne daß Piſtole, Kugeln, Fahnen, Wimpel, Saͤbeltaſchen, Batterien und Hinter⸗ halte, anſtatt der ſchoͤnen Sachen hervorkommen, die Du Dir an den Fingern abzaͤhlſt, von Liebewaͤhnen und Thraͤnen, von Laͤcheln und ſanftem Faͤcheln, von Tauben gleich und liebe⸗ reich, und von allen den kleinen Waffen und der fliegenden Artillerie, die zum Hofmachen noͤthig iſt.— Baſil! Baſil! ich ſehe, wie das. alles enden muß. Du wirſt ein nuͤchterner, gluͤcklicher, behaglicher Ehemann mit einer ſanften, fetten, blonden, gutmuͤthigen Frau, und auf's mindeſte mit zehn Liebespfaͤndern, von denen das Aelteſte den Umſtaͤnden nach * William oder Mary getauft wird, oder irgend andere Namen erhaͤlt, die zu der Zeit in Eng⸗ land als hoͤchſte Mode herrſchen moͤgen. Du wirſt ſeyn, was ein Englaͤnder gluͤcklich nennt; das will ſagen, Du wirſt zu eßen in Menge haben, und hinreichend, um Mylady ein neues Kleid nach der aller herrlichſten Mode zu kaufen, Dir ſelber aber die ſchoͤnſte Per⸗ ruͤcke, die ſeit den Bluͤthen⸗Tagen des alten Pepys getragen wurde; kann auch ſeyn, daß Du'ne Pfeife ſchmauchſt, waͤhrend Du auf jedem Knie eines der Kleinode ſchaukelſt! Waͤh⸗ rend ich— Gott befreie uns!— ich mag—“ er hielt ein, der heitere Ausdruck ſeines Geſich⸗ tes ſchwand, duͤſtere Schatten lagerten auf ſeiner Stirne:„ich werde noch vor der Zeit, nichts mehr ſeyn, als Staub und Aſche.“ Er ſtrich ſpielend mit den Fingern durch ſein Haar:„nein, dies wird nimmer ergrauen; aber nun, Baſil, um wieder ernſthaft zu ſeyn, des liegt mir eines ſchwer auf dem Herzen— meine Schweſter.“ Wiederum ſchwieg er, fuͤllte ſeinen Becher mit dem perlenden Getraͤnke und leerte ihn auf einen Zug:„Meine arme Schweſter! Ich wollte, Baſil, ich koͤnnte dem armen Gretchen eine 288 geeignete Ausſteuer geben, und dann— nun, haͤtteſt Du ſie lieben koͤnnen, ſo waͤre ich in der That gluͤcklich geweſen; doch das achte ich unmoͤglich; waͤre ſie mit Juwelen behangen wie eine Cleopatra, ſo wuͤrde ſie Dich nicht gewinnen, wie's jezt iſt. Die heilige Jungfrau allein mag wißen, welche Wechſel⸗Ereigniße uͤber dieſes ungluͤckliche Land noch verhaͤngt ſind!— neuer Buͤrgerkrieg, und doch kann ich mir kaum vorſtellen, daß Mary ſo unna⸗ tuͤrlich ſeyn ſollte, gegen ihren eigenen Vater Anſchlaͤge zu bilden; inzwiſchen mag das ge⸗ ſchehen, und dann ſind alle meine Plaͤne fuͤr die Schweſter zertruͤmmert. Wenn ſie nicht hei⸗ rathet, bin ich ſtets der Meinung geweſen, daß ein Kloſter eine achtungswuͤrdige und geeignete Heimath fuͤr dieſes mein leztes Erdenband, fuͤr meine einzige lebende Verwandte ſeyn wuͤrde. Sollte aber unſer geſegneter Koͤnig noch ein— mal, als kronenloſer Wanderer fortgeſchickt wer⸗ den und ſollte ich fallen— arme, arme Mar⸗ grete! Willſt Du ihr dann ein Bruder ſeyn, Baſil, willſt Du ſie geſichert nach einer Zu⸗ flucht jenſeit der Meere ſchaffen?“ Baſil verſprach das und ſezte in zarter Weiſe hinzu, er wolle dafuͤr ſorgen, daß ihr nichts 289 fehlen ſolle, was die Welt zu geben ver⸗ moͤge. Ein ſtolzes Erroͤthen uͤberflog Cuthberts Stirn und Wangen, doch verzog es ſich bald, und er dankte ſeinem Freunde mit der ganzen Waͤrme ſeines großmuthvollen Herzens. „Gott ſteh' uns bei! Geld iſt ein boͤſer He⸗ bel und bitterer Niederſchlag, aller unſerer Plaͤne und Entwuͤrfe!— Was mich betrifft—“ bei dieſen Worten zog er eine anſtaͤndig gefuͤllte Boͤrſe hervor,„ſo iſt dies mein Einziges. Es gibt keinen winzigen Kaufmann, deßen unrei⸗ nes Blut erſt geſtern aus der City⸗Pfuͤze, Handel genannt, hervorquoll, der nicht eben ſo viel Goldſtuͤcke zeigen koͤnnte, als die Mehr⸗ zahl guter Ritterſchaft, Silbermuͤnzen beſizt. Niimporte! Ich habe immer doch mein gutes Schwerdt, und es iſt das Schwerdt eines Ray⸗ mond!— komm, Baſil— fort— fort mit dem Kummer! Unſer Lied!“ „Laßen wir das Lied!— aber ich muß Dir ſagen, Du thuſt ſehr unrecht, Dich ſo boshaft gegen unſern Handelsſtand auszudruͤcken. Ein Engliſcher Kaufmann iſt ein—“ „Leutepreller!“ „Nein, nein; ſo vereint Ihr Irlaͤnder—“ J. 19 —. 290 — „Stolz und Armuth!“ unterbrach ihn der heftige Raymond auf's Neue, und zerſtieb dabei mit der Spize ſeines Degens, die Torf⸗Aſche auf dem Heerde;„Stolz und Armuth, ja die vereinen wir,— und weshalb?— Weil wir Niemanden haben, dem wir ſie anheirathen koͤnnen,— deshalb, ſiehſt Du, ſchließen ſie Ehebuͤndniß unter ſich, Fraͤulein Stolz mit Herrn Armuth und wieder Fraͤulein Armuth mit Herrn Stolz; und ſo wird's bis zum Ende des Kapitels fortgehen— ich meine jedenfalls des Irlaͤndiſchen Kapitels.“ „Aber, Eunhbert, in Betreff des Engliſchen Kaufmannes—“. „Ich wuͤnſche ihn gar nicht zu treffen. Den Handel haße ich mit echtem Irlaͤndiſchen Haße; er iſt ſo klebig und ſo ſchmierig.“ „Mein lieber Cuthbert, ein Engliſcher Kauf⸗ mann iſt uͤberall in der Welt—“ „Nun ja, er iſt uͤberall in der Welt, aller⸗ dings an jeglichem Orte, wo nur Geld zu ma⸗ chen iſt; ja doch, ja!— komm', laß uns ſingen!“ „Gleich. Aber ein Engliſcher Kaufmann—“ „Nun, mein liebſter Freund, mach' einen Engel aus ihm, wenn's Dir ſo gefaͤllt; und 291 wenn ich Kardinal bin, ſo will ich— doch nein, Baſil, nein! nicht einmal um Dich zu verbinden, wollt' ich ihm St. Peters Schluͤßel borgen, nein, nein!“ „Nach Deinem Gefallen, aber laß mir Dir ſagen, ein Engliſcher Kaufm—“ „Mag verdammt ſeyn!“ rief Cuthbert.„Ich bitte Dich um Verzeihung, Baſil, aber Du reizeſt mich auch zu ſehr. Ich wuͤnſche, Du ſollteſt ſingen, nicht weil mein Herz froͤhlich war, ſondern weil mich verlangte, an nichts zu denken. Wozu nuzt auch dem Soldaten ſein Denken?— Doch Du willſt nicht ſingen, Du biſt ſo unſelig thatſaͤchlich;— nun, gute Nacht. Mag Dein Herz nie ſchweren Kummer kennen!“ Baſil Sydney kannte die Aufwallungen von Luſt und Sorge ſehr wohl, denen ſein Freund unterworfen war. Doch Sorge iſt allerdings ein zu oberflaͤchlicher Ausdruck, fuͤr die Tiefe des Jammers, in welche er zuweilen ohne anſchei⸗ nende Urſache verſenkt wurde; Baſil wußte auch, daß die einzige Art alsdann ſey, ihm nachzugeben, ihm keinen Widerſtand zu zeigen. Manchmal uͤberwaͤltigte jedoch die Engliſche Beharrlichkeit, ſeine gute Abſicht und er blieb bei unablaͤßigem Verfolgen des Gegenſtandes, 292 wenn es beßer geweſen waͤre, dieſen aufzuge⸗ ben. Menſchen, die vernuͤnftig genannt wer⸗ den, ſind jedesmal aͤrgerlich, wenn ſie von Leuten hoͤren, die man ihrer Fehler wegen liebt, und wir geben willfaͤhrig zu, daß es eine Al⸗ bernheit iſt; aber demungeachtet liebte Baſil ſeinen Freund Cuthbert eben ſo ſehr, fuͤr ſeine unerſchrockene Tapferkeit, ſeine ſchrankenloſe Großmuth und ſeine mancherlei Sonderbarkei⸗ ten, als um Eigenſchaften, die ſeinen eigenen ſo ganz aͤhnlich waren; deshalb blickte er, ohne Cuthberts truͤbſinnigen Schluß ſeiner Anrede— zu beachten, ihm laͤchelnd in's Angeſicht, reichte ihm die Hand und begann eines ſeiner Lieb⸗ lingslieder. Die Toͤne ſeiner vollen mannhaften Stimme, linderten des jungen Mannes Unmuth; und bevor er ſich noch ſeiner geaͤnderten Laune bewußt wurde, ſiimmte er ſchon herzlich mit im Chore an: Unterird'ſche Höhlen nähren Quellen, Bäche wieder trinken Quellen leer, Flüße nehmen auf der Bäche Schwellen Und die Flüße faßt des Stromes Wehr, Bis er ſich verliert in Golphes Wellen, Die verſchlingt ſodann das weite Meer. 293 Wolken⸗Lüfte aus dem Meere trinken, Bis der naße Dunſt geworden Regen, Der dem Erdreich wieder giebt zu trinken, Daß es nährend mag die Pflanzen pflegen; Wenn die Säfte dann in Reben blinken, Beut' uns Waßer dar, des Weines Segen. Welchem Weſen würd's dadurch nicht klar, Daß durch unſere Gurgeln eingeſchwellt, Bei der Zecher lebensfroher Schaar, Wird die wahre Qinteßenz der Welt; Denn wir Alle trinken Land und Luft und Meer, Alſo laßt uns trinken mehr, und mehr. „Nun,“ rief Cuthbert aus,„das war ein trefflich Lied; und nun werfe ich mich auf den Haufen Pferdedecken, um zu ſchlafen.“ „Da in dem Verſchlage ſteht dasjenige, was ſie hier Bett nennen,“ ſagte Baſil,„willſt Du nicht lieber dahinein?“ 1 „Nein; ich haße ſchon den Namen Feder⸗ bett; nimm das nur ganz fuͤr Dich hin,“ gab Cuthbert zur Antwort und warf ſich auf die am Boden liegenden Decken. In dem Nebenverſchlage befand ſich ein Fen⸗ ſter, durch welches man auf den kleinen Hof der Herberge hinausſchauen konnte; dieſer war eine Einfriedigung, von rauhen Staͤmmen ge⸗ macht, die man dem Walde abgeſtohlen hatte, 294. er enthielt einige ungekuͤnſtelte Holzſchoppen, in welchen diejenigen ſchußfrei ſchlafen mogten, welche fuͤr Ihr Bett nicht zu zahlen liebten. Furchtbar heulte der Wind zwiſchen den Baͤu⸗ men, und aͤchzte in wehklagenden Zwiſchenzei⸗ ten durch das Haidekraut hin; der Regen praſ⸗ ſelte ſo laͤrmend am Fenſter, daß Baſil nicht ſchlafen konnte. Er warf ſich herum, ſaß auf⸗ gerichtet, legte ſich wieder, fand aber keine Ruhe; er hoͤrte den lautſchnarchenden Athem ſeines Freundes und beneidete ihn um den Schlaf, den er vergebens herbeiwuͤnſchte. Noch einmal verſuchte er einzuſchlafen, verſchloß ſeine Augen, und dachte nun, daß Roſalinde Sydney den Ritterſporn an ſeiner Ferſe befe⸗ ſtigte, ihn ausſendete, mit dem Geheiß, Leben und Gliedmaßen, fuͤr Koͤnig Williams Sache zu wagen.— Weiter forſchte er, ob Roſalinde ihn mehr bewundere, oder ſeinen Freund Cuth⸗ berth; er faßte auch den Beſchluß, einen an⸗ ders geſtuͤlpten Hut zu tragen, der ihn beßer kleiden wuͤrde, als ſein jeziger;— halb traͤu⸗ mend, halb ſchlafend, gingen ſeine Gedanken zu neueren Vorfaͤllen uͤber; er fuͤrchtete das uͤber ſeines Vaters Haupte haͤngende Schwerdt, und ſeine vornehmſte Hoffnung beſtand darin, 295 daß des Koͤnigs Miniſter zu beſchaͤftigt ſeyn wuͤrden, um die Vorfaͤlle eines voruͤbergegan⸗ genen Tages an einem ſo abgelegenen Orte zu bedenken. Noch einmal machte er den Ver⸗ ſuch zum Einſchlafen, aber dieſes Bemuͤhen ſchon vereitelte ſeine Abficht;, nach zwei⸗ ſtuͤndigem vergeblichen Beſtreben ſich Schlaf zu gewinnen, huͤllte er ſich in ſeinen Mantel und ſezte ſich an's Gitterfenſter, um des Mor⸗ gens erſtes Aufdaͤmmern zu erwarten. Der Regen hatte aufgehoͤrt, doch ſchien der Sturm durch deßen Aufhoͤren, an Kraft gewon⸗ nen zu haben; er tobte, brauſete und heulte gar furchtbar zwiſchen den Gebaͤuden, klapperte mit den Thuͤren und machte die Hausgiebel vor ſeiner Gewalt erheben. Von Zeit zu Zeit riß der Wind eine Dachpfanne, oder ein Brett los, welche beim Herabfallen in dieſer naͤchti⸗ gen Stunde, gewaltigen Aufruhr und Verwir⸗ rung, unter den, in den Nebengebaͤuden einge⸗ ſtallten vierfuͤßigen Thieren und dem Feder⸗ vieh verurſachten. Baſil glaubte den Schimmer eines Lichtes durch die Spalten eines Schoppens zu gewah⸗ ren, der gegen eine Außenmauer angelehnt war, das Gewimmer eines kleinen Kindes er⸗ 296 reichte ebenfalls ſein Oh r. Toͤne, die am Tage eben ſo ſchnell vergeßen, als gehoͤrt werden, nehmen Nachts die Einbildungskraft in An⸗ ſpruch; mit vieler Theiln ahme forſchte ſein Auge nach einem abermaligen Durchſchimmern des Lichtes, und ſein Ohr lauſchte eben ſo theilnehmend nach einer Wiederholung des Kin⸗ dergeſchreies. Ihn duͤnkte, er koͤnne das leiſe Wiegenlallen vernehmen, mit welchem Muͤtter ihre kreiſchenden Kinder in den Schlaf zu brin⸗ gen ſuchen; ploͤzlich wurden aber dieſe weichen Toͤne gegen eines der ausgelaßenen Lieder ver⸗ tauſcht, welche unter Englands Bauernſtande ſo haͤufig vorkommen; eine weibliche Stimme ſang im hoͤchſten Diskant einer kraftvollen Kehle, eine Stanze der vielbekannten Ballade: „Der Gentleman ſagt, komm heirathe mich, Ich mache zur Dame, meine Betty, Dich; Ich lebe in Elend, da ſagt' er: was trübt Uns ferner wohl, wenn nur Betty mich liebt.“ Aufmerkſam horchte Baſil nach der Fort⸗ ſezung, doch ſtatt ihrer miſchten ſich laute, zankende, Worte in das naͤchtige Sturmgebrau⸗ ſe, gleich als haͤtte das Frauenzimmer Verweis fuͤr ſeine muſikaliſche Fertigkeit bekommen; es 297 ſchien ſogar, als wuͤrde mehr ertheilt, wie bloßer Verweis, denn er hoͤrte— oder glaubte mindeſtens zu hoͤren— ein ſchmerzliches Auf⸗ ſchreien, und dann war alles wieder ſtill. „Herr Baſil!“ ſprach eine tiefe Stimme ihm dicht zur Seite. Sydney ſchreckte auf, und als er ſich uͤber⸗ zeugt hatte, wer es ſey, rief er naturlich: „he Jemmings! was gibt's? was ſoll das?“ „Ich wollte nur eben fragen, ob Ihr ſchlie⸗ fet, Herr Baſil, und ob Ihr die Stimme ge⸗ hoͤrt habet?“ „Nun, denn Jemmings, ich ſchlafe nicht und die Stimme habe ich gehoͤrt;“ antwortete ſein Herr ihm gutmuͤthig.„Seyd Ihr krank, Jemmings?“ „Koͤrperlich nicht, aber wohl herzenskrank, Sir;“ gab der arme Menſch zur Antwort, und das Zittern ſeiner Stimme beſtaͤtigte die Wahrheit ſeiner Anfuͤhrung. „Sezt Euch, Jemmings, und ſagt mir, was dies Alles bedeuten ſoll?“ 1 „Dank', Euer Edlen, will hier'n bischen Zeltſchlagen,“ antwortete er und ſtreckte ſeine langen halbnackten Gliedmaßen am Fußboden 298 aus.„Weiß Euer Edlen gewiß, daß der Ma⸗ jor ſchlaͤft?“ „Ganz gewiß; koͤnnt Euch ſelber davon uͤber⸗ zeugen, wenn Ihr zuhoͤrt.“ „Ah!“ ſprach Jemmings nach einer Weile, „das muß wahr ſeyn, edler Herr!— bei Gott!'s iſt ſo laut, als die Reveille⸗Trompete an'nem Froſtmorgen! Ich hatte die Pferde, das arme Vieh, gefuͤttert nach dem langen Marſche, und ging eben aus jenem Schoppen fort, als ich einen aus der Bettlerbande, die ich Euer Edlen fruͤher ſchon bemerkte, und von der ich wußte, daß ſie die Nacht hier ruhe, etwas ſagen hoͤrte, was mir die Ohren oͤffne⸗ te, aber doch noch nicht genugſam aufmachte; deshalb ſtellte ich mich, als ginge ich aus dem Hofe weg, und als es ganz dunkel geworden, ſchlich ich zuruͤck, da hoͤrte ich denn, daß ſie noch von dem Geaͤchteten und von Sir Everard ſprachen, und wie der Sergeant Pack'ihn ſich gebruͤſtet hatte, wie er Euer Edlen wuͤrdig3en Vater, den Staub dafuͤr beißen machte, daß er ihn ausſpottete; ſie ſprachen noch vieles mehr von der Unzufriedenheit im ganzen Lande, mit des Koͤnigs ſonderbarem Benehmen.— Ploͤz⸗ lich vernahm ich ein leiſes, gedaͤmpftes Lachen, das gewiß durch nichts von dem angeregt war, 4 8 1 299 was geſagt wurde; mich duͤnkte aber, das La⸗ chen ſollte ich kennen, deshalb legte ich mich platt nieder, wie'n Vieh, und kroch,— und kroch,— bis ich zulezt meine Augen, ganz ſo wie an das Zuͤndloch vom blauen Will,— an eine Art von Spalte in der Wand brach⸗ te;— da ſah ich nun fuͤnf oder ſechs Maͤn⸗ ner— gar ſonderbaren Ausſehens,— die ſpei⸗ ſeten und ſchlemmten; alles, was ſie ſagten, hoͤrte ich, nur konnt' ich's nicht alle verſtehen, weil ſo viele fremde Worte vorkamen,— nicht Buͤcherworte, aber ſo'n Kauderwelſch, was ſie unter ſich kennen.— Weil ich nun ſah, daß keiner von dieſen jenes Lachen hatte her⸗ vorbringen koͤnnen, lauſchte ich und ſpaͤhete umher, da hoͤrte ich Raſcheln im Stroh, richtete mein Auge dahin und gewahrte was Helles und Glaͤnzendes, und zulezt richtete ſich von dieſem elenden Bette auf,— ach Herr! Herr! keine andere, als Cecily! mit einem Saͤuglinge an der Bruſt. Das ungluͤckliche Geſchoͤpf war gepuzt wie'ne Seiltaͤnzerin, mit'nem Schel⸗ lengeklingel um ihren Hals und ihre langen, glaͤnzenden Haare, mit Perlen und Steinen eingeflochten und verſchlungen.— Als die ſich aufrichtete, trat einer von den Maͤnnern, den 300 ich fruͤher ſchon in Southhampton geſehen ha⸗ be, wo er allerlei taſchenſpieleriſche Kuͤnſte trieb, zu ihr und redete ihr zu, Nahrung zu nehmen; ſie lachte und zeigte auf das Kind; ihr Lachen aber zwang mir den Glauben auf, daß Hes halb verwirrt und wahnſinnig ſey. Als das. Kind zulezt in den Schlaf fiel, flocht und und ringelte ſie ihre Haare, hielt ihre Arme vorgeſtreckt, die weiß und duͤnn genug ließen, und es war, als bewunderte ſie die Glasper⸗ len und bunten Baͤnder, womit die Haare durchflochten und die in Schleifen darauf befe⸗ ſtigt waren; da hatte ich genug, denn nun ſah ich, es ſey in des armen Geſchoͤpfes Kopf nicht richtig, was, wie ich zu mir ſelber ſag⸗ te, eine Entſchuldigung fuͤr ſie ſey, wenn ſie ihre Geluͤbde vergaß. Wir ſind ja nur Fleiſch und Blut, auch die Beſten von uns; die Thraͤnen kamen mir in die Augen bei der Lie⸗ be, die ſie ihrem ungluͤcklichen Kinde zeigte, wie ſie es ſo zaͤrtlich betrachtete und kuͤßte. »Nen ganzen Jahrs Sold wollt' ich drum ge⸗ ben, daß ſie nicht mit dieſen Landſtreichern waͤ⸗ re; kann's auch gar nicht herausgruͤbeln, wie ſie unter die gerathen iſt.— Ich hatte gehoͤrt, daß einer von Oberſt Kirke's Offizieren ſie weg⸗ 301 geſchmeichelt haͤtte. Sie hatte immer nur einen Fehler, Herr Baſil,— ſie war gar zu ver⸗ liebt in ſchoͤnen Anzug,'n buntes Kleid und 'n ſchmucker Reifrock waren ihr mehr werth, als irgend'n ander Ding.“ Baſil empfand zum erſtenmale Theilnahme bei Jemmings Leiden, aber es draͤngte ihn ebenfalls, naͤhere Kunde uͤber die im Lande um⸗ laufenden Geruͤchte einzuziehen, deshalb fragte er:„aber was ſaht Ihr denn ſonſt noc, Jemming's?“ Mit tiefem Seufzer antwortete dieſer„ich ſah nur Cicely, Herr.“ Sobald der erſte Strahl des Morgens auf⸗ daͤmmerte, gingen Baſil und Jemmings zu dem Schoppen, um naͤhere Erkundigung ein⸗ zuziehen; doch zu ihrem groͤßten Verdruße wa⸗ ren die Leute verſchwunden, und zwar ganz ſo ſpurlos verſchwunden, wie der Vogel, der ſich ſeinen Flug durch die blauen Luͤfte ſchwingt. Zwölltes Kapitel. Auguſtin. Der Knote ſchürzt ſich dichter, Claudio. Claudio. Mich dünkt,'s iſt hohe Zeit, Ein Akt vom Spiele endet ſchon. Alkes Drama. Einige Tage waren verfloßen; in Sydney⸗ Luſt gingen die Dinge ihren gewoͤhnlichen Gang; die Soldaten waren nach einem andern Theile des Landes aufgebrochen, weil eine Kunde, die ihnen ganz unabſtreitbar ſchien, ihnen zugegangen war, derzufolge die Perſon, welche ſie aufſuchten, an den Graͤnzen von Surrey erſpaͤht worden ſeyn ſollte. Cuthbert Raymond und Baſil Sydney hat⸗ ten ihre Ruͤckkehr zum Lager von Hounslow fuͤr den folgenden Tag angeſezt; ſie ſollten am naͤchſten Morgen dahin aufbrechen, denn da⸗ 303 mals waren Reiſen, ſogar fuͤr Soldaten zu Pferde, um vieles mehr den Zufaͤlligkeiten aus⸗ geſezt, als jezt. Ihre Pferde waren gut, und es draͤngte ſie der Wunſch, wieder im Lager 3 zu ſeyn, wiewohl dieſes Verlangen bei jedem von ihnen aus einer ganz verſchiedenen Quelle entſprang. Die Bekanntſchaft, welche Vetter und Muhme in ſo ploͤzlicher und ganz unerwarteter Weiſe gemacht hatten, war fuͤr die naͤher Betheilig⸗ ten ein Gegenſtand lebhafter Anziehung; Lady Sydney beſchloß, ſich voͤllige Kenntniß von Baſil's Gefuͤhlen zu verſchaffen, bevor er aus⸗ zoͤge, um wieder fuͤr die Sache zu kaͤmpfen die ihr am Herzen lag. Vertraute verachtete ſie; Geſchaͤftige mogte ſie fuͤr ſich anwenden, aber Freunde beſaß ſie nicht. Wie ſehr ſie ihren Sohn liebte, iſt bereits geſagt; doch wenn es moͤglich war, liebte ſie ihn noch inniger bei dem Gedanken, daß er morgen ſchon nicht mehr, mit ihr im Hauſe ſeyn werde. Morgen wuͤrde er ausziehen, um ihrem Koͤnige zu helfen,— ſie hoffte, er werde ihm helfen,— zugleich aber bangte ſie, daß dies nicht geſchehen moͤgte; er hatte dieſen Ge⸗ genſtand, ihrem Herzen der theuerſte nach dem 304 eigenen Sohne, ganz vermieden; ſie fuͤrchtete, daß eine Kraft Einfluß auf ihn geuͤbt habe, die maͤchtiger ſey, als Sir Everard. Mehr als einmal war er geſehen, wie er im Walde von Brokenhurſt wandelte, wenn Schaaren von Freunden ſich verſammelt hatten, um dem jungen Erben von Sydney⸗Luſt entgegen zu ziehen. Sie beſtrebte ſich, aus dem dunkeln Schooße der Zeit die darin verborgenen Ge⸗ heimniße zu entſchleiern; die Kunde, welche ihr ward, enthielt, gleich allen dergleichen Aus⸗ ſpruͤchen, doppelten Sinn; ſie ſagte:„dem Hauſe Sydney drohe Unheil, und verſicherte doch zugleich, daß Baſil——“ aber wir wol⸗ len nicht vorgreifen, ſogar nicht, wenn wir auch nichts Begruͤndeteres anzugeben vermoͤg⸗ ten, als die Vorherſagungen eines Sterndeu⸗ ters. „Ich wuͤnſchte, daß ich mit Dir ziehen koͤnn⸗ te, mein Sohn,“ ſagte ſie liebevoll zu ihm, „denn jegliche Bewegung des Koͤniglichen Hee⸗ res iſt fuͤr mich ein Ereigniß hoͤchſter Wichtig⸗ keit. O! Baſil! wie inbruͤnſtig ſoll mein Ge⸗ bet erflehen, daß Du Deine Pflicht erfuͤlleſt, und dennoch unverſehrt bleibſt. Das Geruͤcht ſagt immer noch,„ſie kommen,“ gleichwohl — 3⁰⁵ iſt's kaum moͤglich, daß Mary ein Buͤndniß gegen ihren Vater ſchließen ſollte.“ 3 „Seyn Sie uͤberzeugt, liebſte Mutter, daß ich meine Pflicht erfuͤllen werde, was ſie auch von mir fordern mag.“ „Eine Wolke truͤbt Deine Stirn,“ entgeg⸗ nete ſie etwas zuͤrnend,„Du unterhandelſt mit Deiner Unterthanen⸗Pflicht.“ „Nein, Mutter, dem iſt nicht ſo; ich unter⸗ handle nicht; aber Menſchengefuͤhl vermiſcht ſich mit Soldatengefuͤhl. Es iſt nicht billig, dieſe auseinander zu reißen, doch reden wir nicht mehr davon. Ich bin Ihr Sohn, bin ein Sydney,— iſt das nicht Buͤrgſchaft ge⸗ nug fuͤr meine Ehre?— Es gibt eine andere Sache, von der ich reden wollte: ganz un⸗ truͤglich habe ich am Fenſter dieſes Ihres Zim⸗ mers, einen Mann erblickt, den ich fruͤher in London geſehen habe, als ich im Knabenuͤber⸗ muth, begleitet von einer Schaar Anderer, hinging, um in den Sternen zu leſen. Ich will dieſes Menſchen Geſchicklichkeit weder in Zweifel ſtellen, noch anpreiſen; aber wollen Sie mir ſagen, ob er Ihnen anders, als durch ſeine Kunſt bekannt iſt?“ Waͤre Lady Sydney vom Blize getroffen, I. 20 3⁰6 ſie haͤtte nicht verwirrter ſeyn koͤnnen; ſie fuͤhlte ſich beſchaͤmt, ohne doch genau zu wißen, weshalb; denn bis zu jenem Zeitabſchnitte ward das Vertrauen in verborgene Wißenſchaften mehr als Glaubensſache betrachtet, denn als Aberglaube; ihr Stolz war dadurch verlezt,⸗daß Baſil vermuthen koͤnnte, ſie beduͤrfe anderer Leitung, als der ihrer eigenen hoͤchſt vortreff⸗ lichen Beurtheilung; ſie wuͤnſchte eben dieſe, von Jedermann als allesvermoͤgend anerkannt zu ſehen;— obwohl ſie in gewoͤhnlichen Faͤl⸗ len Aufrichtigkeit liebte, wuͤrde ſie jezt gar zu gern eine Entſchuldigung vorgebracht, oder auch eine Unwahrheit erſonnen haben, haͤtte ihr Sohn nur fuͤr einen Augenblick ſein feſtes Betrachten, von ihrem Antlize abwenden wol⸗ len.— Er aber war ſich ſeines Vortheiles be⸗ wußt, und ſie entſchloß ſich, die Wahrheit zu geſtehen, naͤmlich:„daß ſie von dem ausgezeich⸗ neten Rufe des beruͤhmten Partridge gehoͤrt, ihm die noͤthigen Berechnungen zugeſchickt und ihn nach Sydney⸗Luſt eingeladen habe, woſelbſt er vor ganz kurzer Zeit, jedoch im geheimen, geweſen waͤre.“ 4 Baſil fragte, weshalb er hier verheimlicht gekommen, da Pa rtridge ganz oͤffentlich zu den 307 Wohnungen des Adels eingeladen wuͤrde, und uͤberall willkomm'ner Gaſt ſey? Lady Sydney gab zur Antwort, er habe das zur Bedingung gemacht, und ſie wiße keine andern Gruͤnde dafuͤr anzugeben. Inzwiſchen deutete ſie darauf hin, daß Sir Everard die Einfuͤhrung eines ſolchen Beſuches nicht ſon⸗ derlich geliebt haben wuͤrde. Auuffallenderweiſe zeigte Baſil bei dieſer Er⸗ laͤuterung ſeiner Mutter mehr Verlegenheit, als bei dem Erblicken des geheimnißvollen Pro⸗ fils am Fenſter ſeiner Mutter, und bei dem Begegnen der in Scharlach⸗Mantel gehuͤllten Wahrſagerin, im Walde. 5 „Nachdem ich Deine Frage beantwortet ha⸗ be, mein Sohn, bitte ich Dich, mir eben ſo offene Antwort zu ertheilen. Darf ich glauben, daß alles wahr iſt, was Du mir geſagt haſt, und daß Du Dich Deines gegebenen Verſpre⸗ chens erinnern wirſt, keine Zuſammenkunft mit der jungen Perſon zu ſuchen, welche unter dem Schuze der ehrwuͤrdigen Dame, in der Priorey von St. Mary ſich befindet?“ „Sie reden von meiner Muhme?“ „Vielleicht magſt Du ſie ſo nennen; mich aber ſchmerzt es, daß mein Sohn eine ſchimpf⸗ 308 liche Verwandtſchaft, in der Weiſe anerkennen will.“ Stets hatte Baſil die tiefſte Verehrung ſei⸗ ner Mutter dargethan; ſie galt ihm als ſchoͤ⸗ nes Vorbild in allem, was nicht nur guͤtig und tugendlich, ſondern auch in allem, was bei einer Frau großartig und bewunderungs⸗ wuͤrdig ſeyn kann; doch in dem Augenblicke ihres Ausſprechens dieſer Bemerkung fuͤhlte er, wie wenig er eine ſolche Frau fuͤr ſich zur Le⸗ bensgefaͤhrtin wuͤnſchen koͤnne. Der Gedanke, daß die liebreizende Roſalinde als eine Schimpf⸗ liche betrachtet werde, verlezte ſein Gefuͤhl ſo peinlich, daß er ſich nicht enthalten konnte zu erwiedern:„daß er von dieſer jungen Dame eine ſo hohe Meinung gefaßt habe, um nur allein den Wunſch zum Himmel zu ſenden, ſie als ſeine geſezliche Muhme betrachten zu duͤrfen; und wenn das der Fall waͤre, wuͤrde es ihn mit dem hoͤchſten Stolze erfuͤllen, koͤnnte er ſie ſeiner Lady Mutter, als Tochter vorſtel⸗ len.“ Vor ganz kurzer Zeit hatte Lady Sydney erſt Wi⸗ derſpruch von ihrem Manne erfahren; gleichwohl war ſie auf eine aͤhnliche Aeußerung ihres Soh⸗ nes, durchaus nicht vorbereitet. Sie hatte dar⸗ 309 auf gerechnet, er werde nur leidenden Gehor⸗ ſam uͤben; ſie uͤberhaͤufte ihn mit Vorwuͤrfen im Tone ſolcher Bitterkeit und Strenge, daß er, ohne ihr die verlangte Zuſage zu geben, ohne weitere Umſtaͤnde ihr Zimmer verließ. Ein Bruch zwiſchen ihr und ihrem Sohne war eine Sache, die ihr nie zuvor in den Sinn kommen konnte; jezt vertraute ſie viel zu ſehr ihrer Gewalt, als ſie den Entſchluß faßte, ihn vor ſeiner Abreiſe nicht wieder ſehen zu wol⸗ len, wenn er nicht eine Entſchuldigung oder Abbitte an ſie richte, welche er ihr ſchuldig waͤre, wie ſie annahm. Unmuthig ging Baſil, um ſeinen Vater aufzu⸗ ſuchen, und fand den wuͤrdigen Baronett durch zwei Dinge erheitert; zuerſt dadurch, daß er die Genugthuung hatte, von Ralph begleitet, oder vielmehr gefolgt zu ſeyn, dieſer war faſt hergeſtellt und ſah friſcher und freudiger aus, als je; der zweite erheiternde Umſtand war der, daß ihm ſo eben ein großer geſprenkelter Taucher, oder wie er damals gewoͤhnlich ge⸗ nannt wurde: Toͤlpel, gebracht worden; mit ſichtbarer Zufriedenheit zeigte er dieſen ſeinem Sohne, beſchrieb zugleich deßen wunderbare Befaͤhigung fuͤr ſeine Lebensweiſe und erklaͤrte 310 Gottes Weisheit und Guͤte, aus dem Beiſpiele eines ſeiner ſchoͤnen Werke. „Ich vertraue darauf, mein lieber Baſil,“ ſagte der treffliche Mann, deßen Frohſinn ihn ſtets vermogte, das Beſte zu hoffen,„daß Du in ganz kurzer Friſt zu uns zuruͤckkommen kannſt; troz aller der Geruͤchte, die man in Umlauf ſezt, moͤgte ich behaupten, daß die Angelegenheiten ruhig geordnet werden. Ich vermag nicht zu glauben, daß James im Ver⸗ folgungsgeiſte beharren will; den beſten Beweis dafuͤr gibt mir der Umſtand, daß er gar keine Kenntniß von den juͤngſt hier vorgefallenen Ereignißen hat nehmen wollen, obgleich Du Grund hatteſt zu vermuthen, er wuͤrde das thun; auch unſer Freund iſt in Sicherheit, wie ich hoffe, und ſo ſind denn alle Dinge auf's Beſte geordnet,— vom Bau dieſes Tau⸗ chers, deßen richtigen Namen Du behalten kannſt, Baſil, er iſt Colymbus Glatialis,— bis zum Bau, zur Einrichtung und zur Be⸗ wegung des„großen Erdballes.“ Hoffentlich werde ich einen vergnuͤgten Sommer erleben; ſo eben habe ich mit meinem guten Begleiter hier abgeſprochen, was in Betreff zweier Loxia zu thun iſt, die herab auf jene Duͤne ge⸗ 311 kommen ſind, ich moͤgte ſie gar gern lebendig einfangen; ſind ſeltene Voͤgel, wenig iſt von ihren Gewohnheiten bekannt.— Ach mein lie⸗ ber Sohn! wie ſehr beklage ich, daß Deine Zeit ſo ganz ohne den Genuß von Freiheit auf⸗ gezehrt wird, die ich wachend genieße und von der ich in meinem Schlafe traͤume. Es iſt ein gar glorreiches Vorrecht, auf einem Landſize, wie dieſer iſt, leben zu koͤnnen, um zum kla⸗ ren Himmel aufzuſchauen und die Gewoͤlke zu beobachten, welche des Allmaͤchtigen Tafeln ſind ‚auf die er ſeine Geheiße niederſchreibt;— dann mit den Gewaͤßern zu verkehren und „Worte der Weisheit aus ihrem murmelnden Gerieſel zu vernehmen;— die weite Landſchaft als lieben Freund zu begruͤßen, den froͤhlich bekleideten Huͤgeln zuzujubeln, die mit ihrem Echo Antwort ertheilen. Ach Baſil! mein Herz wuͤrde brechen, wenn ich durch irgend eine Fuͤ⸗ gung gezwungen werden ſollte, dieſen pracht⸗ vollen Aufenthalt,— mein angeerbtes Eigen⸗ thumsrecht zu verlaßen. Sehnſuchtsvoll ſchlaͤgt mein Herz dem Zeitpunkte entgegen, in wel⸗ chem Du, mein lieber Sohn, es ſo wuͤrdigen wirſt wie ich.“ In ſeiner Begeiſterung faltete der alte Mann 312 die Haͤnde und murmelte ein Gebet; kurz moͤgte es von Menſchen genannt werden, aber im Angeſichte Deßen, der unſere Gefuͤhle ab⸗ mißt, nicht unſere Worte, war es ein from⸗ mes Gebet. „Es iſt ſonderbar,“ fuhr er fort und ſezte ſich auf die Marmorſtufen eines Gartentem⸗ pels, auf deßen Kuppel eine Taube mit dem Oelzweige im Schnabel angebracht war,„ich fuͤhle mich ſo ruhig,— ſo ganz begluͤckt, hier auf dieſem Geſtein koͤnnte ich ſchlafen, alles um mich her iſt ſo friedlich gefallend. Ralph, da muͤßen einige von Deinen jungen Hunden, in dem Auflauf junger Eichbaͤumchen zur Lin⸗ ken ſeyn,— denn ich hoͤrte ein Raſcheln— hoͤrteſt Du es nicht auch, Baſil?“ „Ich meine, daß ich's hoͤrte,“ antwortete der Sohn;„koͤnnten etwa junge Hirſchkaͤlber in's Gehege gebrochen ſeyn? oder gar wilde Schweine, die brechen allenthalben durch. Wahr⸗ lich, Vater, Sie dulden alle Art von Zudraͤn⸗ gern, in einer Weiſe, die ich nicht geſtatten koͤnnte. Gewiß ſind das wilde Schweine, die dort zwiſchen den jungen Baͤumen roden. Sieh 'mal nach, Ralph.“ „Ha! ha!“ ſagte Ralph aͤchelnd, aber doch 313 nach dem Baumſchlage hinſchauend,„mein Herr liebt, daß ſich alles Ding erfreut.“ „Ich wuͤnſchte, mein lieber Sohn, Du gin⸗ geſt nicht von uns, denn troz meines natuͤrli⸗ chen Vertrauens in die Vorſehung gibt es in Deinem Stande doch ſo viele Gefahren, daß mein Herz um Dich blutet. Was kuͤmmert mich das Loos von Koͤnigreichen, wenn Du zum Maͤrtyrer wuͤrdeſt? Ich geſtehe, daß ich nicht Patriot genug bin, um zu wuͤnſchen, Du ſoll⸗ teſt Dein Blut opfern, waͤre es auch, um die Krone dadurch zu retten!“ „Hochverrath!“ ſchrie eine Stimme hinter dem Tempel hervor,„Hochverrath, bei der heiligen Meße! Merke Du das, Bill,“ rief Sergeant Pack'hn, der, gefolgt von drei oder vier Soldaten, vortrat:„merke das jeder von Euch, Burſche; was er ſagte, habt Ihr ſo gut gehoͤrt, als ich.“ Aus eben dem jungen Baumſchlage, in wel⸗ chem das raſchelnde Geraͤuſch Sir Everards Aufmerkſamkeit erregt hatte, trat ein Offizier mit angemeßener Bedeckung hervor, der mit leichter Beruͤhrung ſeiner Kappe, um den er⸗ ſtaunten Baſil zu begruͤßen, herantrat, dem 314 Baronett eine Freiheit zu rauben, welche er ſo eben als die heiligſte und hoͤchſte ediſcher Segnungen geprieſen hatte. Die Schnelligkeit dieſes Ereignißes cchien Sir Everard dermaßen erſchuͤttert zu haben, daß er ganz unbeweglich auf ſeinem Size blieb, waͤhrend ſein Sohn, deßen Stirn und Wan⸗ gen bleich und ſtarr geworden waren wie tod⸗ ter Marmor, ſeine Unterlippe mit den Zaͤhnen zerbiß, daß ſein Blut aus den Wunden her⸗ vordrang. „Steht auf, alter Herr,“ rief der ſchurkiſche Sergeant aus und erfaßte mit ſeiner Hand des Baronetts Mantelkragen. Ohne ein Wort, ohne nur einen Laut vor⸗ zubringen, ſtreckte Baſil den Arm bis zu ſei⸗ ner ganzen Laͤnge aus und verſezte dem Un⸗ verſchaͤmten einen Schlag, der ihn in den Staub zu Sir Everards Fuͤßen niederwarf; er ſelber ſezte aber ſeinen Fuß auf den zu Bo⸗ den geſchlagenen Koͤrper, wandte ſich zu dem Ofſizier herum und rief in dem feſten, deutli⸗ chen und tiefen Tone erbitterter Wuth,— denn nur geringfuͤgiger Zorn macht die Stimme erzittern: ———— . —= — 315 „Bei dem Tode Gottes, Herr, wenn Sie, oder wenn einer dieſer Leute mit dem Finger nur den Saum von meines Vaters Gewande beruͤhren ſollten, ſo muß ſein Leben dafuͤr buͤ⸗ ßen.— Haben Sie, Sir, der Sie des Koͤ⸗ nigs Uniform tragen, irgend etwas gegen die⸗ ſen Gentleman vorzubringen, ſo zeigen Sie Ihre Ordre vor; iſt ſie geſezlich, ſo ſoll ihr nicht widerſtritten werden;— wiewohl,— und wiederum ſchwoͤr' ich's bei dem geheiligten Tode Gottes,— dies ſchwer geahndet werden ſoll. 7 „Baſil! Baſil!“ rief Lady Sydney aus, die, obſchon ſie ſich vorgenommen hatte, ſich mit ihrem Sohne nicht auszuſoͤhnen, bis er genuͤgende Abbitte gethan haͤtte, ihm doch auf einem andern Pfade zu den jungen Pflanzun⸗ gen gefolgt war und ſeinen Schatten im Auge behielt, als der uͤber Anger und Fußpfad hin⸗ glitt, mit einer Zaͤrtlichkeit, welche nur eine Mutter zu empfinden vermag;„Baſil!“ wie⸗ derholte ſie und warf ſich an ſeine Bruſt; „ſtuͤrze Dich nicht in's Verderben!“— Dann wandte die ſtolze, aber nun gedehmuͤthigte Frau ſich zu dem Offizier, der mit abgezogener Kopf⸗ 316 bedeckung ſtand, nachdem ſie hier erſchienen war, dieſem ſagte ſie:„Mein Herr, er iſt erboßt— er iſt unſinnig uͤber dieſe, unſerm Hauſe zugefuͤgte Beleidigung! Er weiß nicht, was er ſagte. Mit meinem Leben bürge ich fuͤr ſeine Loyalitaͤt.“ „Mutter,“ ſprach Baſil, der ſich aus ihrem Umklammern loswand,„dieſer Ort, dieſer Auftritt, paßt nicht fuͤr Sie; begeben Sie ſich weg,— ich bitte— ich erſuche Sie darum. Ihre Ordre, Herr, Ihre Ordre?“ Der Offtzier uͤberreichte ihm dieſe und mit— einem Blicke gewahrte Baſil, ſie ſey in gehoͤri⸗ ger Form abgefaßt; aber noch geſpenſterhaft bleicher ward ſein Antliz, als er las, ſein Va⸗ ter ſey um Vergehung angeklagt, fuͤr welche ſchon Hunderte den Tod empfangen hatten, naͤm⸗ lich:„Geaͤchtete beguͤnſtigt und verheimlicht, auch Seiner Majeſtaͤt Offiziere in Ausuͤbung ihrer Dienſtpflicht gehindert zu haben;“ der Befehl lautete, den Baronett unverzuͤglich nach dem Tower zu fuͤhren, bis eine paßende Gele⸗ genheit ſich ſinden wuͤrde, ihn wegen dieſer Anklage vor Gericht zu ſtellen. In dieſer Zwiſchenzeit war Major Raymond 317 — und der groͤßte Theil der Dienerſchaft aus dem Herrenhauſe herbeigekommen; auch fehlte es nicht an einer Schaar kraͤftiger Forſtbewohner, welche, ſo oft Soldaten ihren Schlupfwinkeln vorbeizogen, dieſe jederzeit eiferſuͤchtig, zugleich aber vorſichtig, beobachteten. Wie ein Sturm⸗ gebrauſe waren dieſe vermeßenen Geſellen, uͤber die Einhegung hereingedrungen; mit bedeutſa⸗ men Winken, die ſie dem Captain Sydney und ſich unter einander zuwarfen, ſtellten ſie ſich in eine Reihe laͤngs dem engen, mit Sumpf begraͤnzten Pfade auf, unterſuchten die Zuͤnd⸗ loͤcher ihrer Gewehre und legten die Haͤnde an die Griffe ihrer langen Meßer. Das Ganze gewaͤhrte einen ſonderbaren, aber ergreifenden Anblick. Zur Seite ihres Soh⸗ nes ſtand Lady Sydney; Sir Everard, viel geſammelter, als zuvor, hatte ſich von ſeinem Size erhoben, machte dem Offizier,— deßen ehrfurchtvolles Betragen deutlich zeigte, daß er eine ihm ſehr unangenehme Pflicht erfuͤllen mußte,— eine Verbeugung und uͤberlieferte ſich ihm, ohne ein Wort zu ſagen. Den Ser⸗ geanten hoben einige ſeiner Kameraden vom Boden auf; er war hart beſtraft, denn Blut * 318 bezeichnete die Marmorſtufe, auf der er gelegen hatte; doch koͤrperliche Pein hatte ſeinen wil⸗ den Ingrimm mehr beſtaͤrkt, als gemindert, er richtete des Offiziers Aufmerkſamkeit auf Ralph Bradwell, der gleich getreulichem Hunde den Fußtritten ſeines verbannten Herrn eben ſo eifervoll nachfolgte, als ginge dieſer zu ei⸗ nem Pallaſte, anſtatt zum Kerker. Augenblick⸗ lich ward der arme Menſch ergriffen, und ein Strick ward ſo ſtraff um ſeine beiden Hand⸗ gelenke geſchnuͤrt, daß er in ſeiner Todespein laut aufſchrie, was Sir Everard und alle An⸗ weſende vermogte, zu ſeinen Gunſten einzu⸗ reden. „Ich fuͤrchte,“ ſprach der Offizier,„daß ei⸗ nem Menſchen, deßen Abtruͤnnigkeit ſo voͤllig bekannt iſt, wenig Gnade erzeigt werden kann. Eidliche Zeugenausſagen erhaͤrten, daß dieſes Geſchoͤpf nicht nur mit vielen Verbrechern Ge⸗ meinſchaft unterhalten hat, ſondern auch ganz beſtimmt den Schlupfwinkel des Geaͤchteten kennt, auf deßen Kopf, den lezten Entdeckungen zu⸗ folge, ein erhoͤheter Preis geſezt iſt.— Wollen Sie, Sir, Ihr Anſehen dazu verwenden, die⸗ 319 ſen Mann zu zwingen, daß er bekennt, was er von einem Menſchen weiß, der dem Gou⸗ vernement ſo ſchaͤdlich iſt.“ „Er wuͤrde mich nicht verſtehen; er iſt ein bloͤdſinniges, nur halbvernuͤnftiges Geſchoͤpf, wie alle Anweſende das bezeugen koͤnnen,“ ſagte Sir Everard,„immer ſchienen nur zwei Dinge Eindruck auf ihn zu machen, liebreiche Behandlung und Schmerz.“ „Dann muͤßen wir den lezten ſogleich ver⸗ ſuchen,“ erwiederte der Offizier mit Gelaßen⸗ heit; als er aber deutlich dargethane Zeichen von Aufruhr unter den Forſtbewohnern und Inſaßen gewahrte, die eine immer anwachſen⸗ de, furchtbare und erboßte Maße bildeten, da forderte er die Loyalitaͤt und die geſunde Ver⸗ nunft von Major Raymond und Captain Syd⸗ ney auf, ſie in Ruhe zu halten; kluͤglich uͤber⸗ nahm es Major Raymond, dem zuſammen⸗ draͤngenden Haufen zu erlaͤutern, daß Unheil, aber keinesweges Gutes, fuͤr Sir Everard dar⸗ aus folgen wuͤrde, wenn ſie den Verſuch wa⸗ gen ſollten, ihn gewaltſam zu befreien. Als Sir Everard die Stufen zu Sydney⸗ 2 320 Luſt hinanſtieg, redete er einige Worte zu ſei⸗ nen getreuen und ſchlichten Freunden, druͤckte ihnen eine Hoffnung aus, die er ſelber gewiß nicht empfand, naͤmlich bald wieder unter ih⸗ nen zuruͤck zu ſeyn. „Wird mir die Ruͤckkehr nicht geſtattet,“ fuhr der ehrwuͤrdige Mann fort, ſchwieg, legte ſeine Hand auf des Sohnes Arm, fuͤhrte die⸗ ſen vor und ſagte mit bebender, tief erſchuͤt⸗ terter Stimme: „Dann hinterlaße ich Euch einander!“ Unter der Menge, die herzudraͤngte, um die⸗ ſen Abſchied mit anzuſehen, blieb kein Auge trocken. In den Gaͤngen, Alleen und offnen Plaͤzen von Sydney⸗Luſt ſtanden Muͤtter, die ihre Kinder empor hielten, damit des alten Herrn Blick noch einmal auf ihnen ruhe und ſie ſegne; alte Maͤnner und alte Frauen kniee⸗ ten auf kalter Erde zur Seite des Weges, ſie riefen Gottes Gerechtigkeit zu ſeinem Schuze an, fleheten nicht um Gottes Barmherzig⸗ keit; junge Maͤnner draͤngten bis zu den Kutſch⸗ fenſtern heran, baten, daß es ihnen vergoͤnnt wuͤrde, ihn zu retten, oder in ſeiner Verthei⸗ digung ihr Leben zu opfern; nur mit der aͤu⸗ 321 ßerſten Muͤhe konnten ſie abgehalten werden, dem Antriebe ihrer innern Gefuͤhle zu folgen; waͤre das der Fall geweſen, ſo wuͤrde eine viel zahlreichere Truppenbedeckung, als dieſe war, es nicht leicht gefunden haben, Sir Everard gefangen nach London zu fuͤhren. Lady Sydney, zwar beſtuͤrzt, aber nicht uͤberwaͤltigt, ſezte ihren Gemahl durch die Er⸗ klaͤrung ihres Entſchlußes in Erſtaunen, ihn begleiten, ſeine Gefangenſchaft theilen zu wol⸗ len. Was immer in geheimer Tiefe ihrer Bruſt vorgehen mogte, ſie war zu ſtolz, um nicht gaͤnzlichen Unglauben gegen die, ihm zur Laſt gelegten Anſchuldigungen zu erkuͤnſteln; erſt nachdem der Offizier ihr erklaͤrt hatte, daß er ihre Begleitung nicht geſtatten duͤrfe, bewilligte ſie ihr Zuruͤckbleiben in Sydney⸗Luſt, welches mit Soldaten beſezt blieb, bis Seiner Majeſtaͤt fernere Befehle bekannt waͤren. Der gute alte Herr hoffte, daß Ralph's Sicherheit, wenn auch nicht ſeine Freilaßung, durch die allgemeine Theilnahme erlangt wor⸗ den ſey, die fuͤr ihn geredet hatte. Keine Ahnung ſagte ihm, daß im hintern Stallhofe des Aermſten Leiden, der brutalen Soldateska zum Scherze gedient hatte. Unfaͤ⸗ hig, dem treuen Geſchoͤpfe ein Geſtaͤndniß oder nur ein Wort abzugewinnen, folterten ſie ihn in einer Weiſe, mit der ſie nur zu vertraut bekannt waren; ſie verrenkten ſeine Gliedmaßen mit ihren furchtbaren Daumſchrauben, geißel⸗ ten ihm Stroͤme von Blut mit ihren knotigen Peitſchen ab, lachten und verhoͤhnten ihn im bitterſten Spott uͤber die Verzerrungen, welche der Schmerz ihm abrang; die einzigen Worte, welche von Zeit zu Zeit ſeinen ſchmerzenden, unſchuldigen, ſchwarzangelaufenen Lippen ent⸗ fuhren, waren:„Herr! Herr! armer Ralph! armer Ralph!“ 7 Daruͤber lachten ſie und verhoͤhnten ihn nur noch lauter; als ſie zulezt bei Sir Everard's Abfahrt aus dem Parke befuͤrchteten, die Menge moͤge ſich vertheilen, und durch Zufall koͤnnten einige der kraͤftigen Forſtbewohner des Weges kommen, und die Rache auf der Stelle an ih⸗ nen uͤben, da warfen ſie den Gefolterten in den Trog, in welchem er ſeine Lieblingshunde ſo freudig zu fuͤttern und zu warten pflegte; dabei ſagten ſie, daß, wenn er nicht paßliches 323 Hundefutter ſeyn ſollte, ſo koͤnnten ſie ihn am andern Morgen aufhaͤngen. Aber die Hunde wurden ihrem Freunde nicht abtruͤnnig; ſie leckten ſeine Wunden mit einer Zaͤrtlichkeit, welche ſeine Todespein beſaͤnftigte und linderte, er verſank in ſuͤßen Schlaf— ſogar an dieſem Orte ſuͤß! Ihn und Andere wollen wir im naͤchſten Bande erwecken. Ende des erſten Theiles. Gedruckt bei M. Ur lichs Sohn, —————— ——