=e ene 8 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 7 2 „ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ———————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„— eren u1—„ 1— u 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Sehadenersatz. 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Barbara war, von der Kugel getroffen, in die Arme des blödſinnigen Sir Robert Cecil gefallen, von dem ſie Konſtanze ſchnell übernahm, da ihr Vater beim Anblick des Blutes zurückſchauderte und ſich langſam wie ein in Schrecken geſetztes Kind zurückzog, während ſeine Tochter auf dem Boden kniete und den Kopf des ſchwer verwunde⸗ ten Mädchens an ihre Bruſt lehnte. Nachdem der Schuß gefallen war, hatte die Jüdin noch einen Augenblick wie triumphirend auf der Brüſtung des Fenſters geſtanden und war dann verſchwun⸗ den; aber Sir Willmott, der einſah, daß, wenn je, jetzt die Zeit gekommen ſey, ſich ſeiner Beute zu bemächtigen, ſtürzte zu der offenen Thür, um ſich, wenn ſie herabſtiege, ihrer zu bemei⸗ ſtern und durch ihren Tod ſich auf einmal von aller Gefahr zu befreien. Aber in dem Augen⸗ blicke, wo ſein böſer Vorſatz ſeiner Ausführung nahe war, wurde er auf ſeinem Wege, als er ſchon die Thüre erreicht hatte, durch einen mächti⸗ gen Arm zurückgehalten, der ihn bei der Kehle faßte. Es war der Arm Dalton's, der mit ſeiner kräf⸗ tigen Stimme ſo laut Schurke! rief, daß viele, welche ſich um Barbara gedrängt hatten, ſich umwendeten, um zu ſehen, wer eben geſprochen habe. „Haltet mich nicht auf!“ ſagte Sir Willmott, nach Luft ſchnappend;„laßt mich den Mörder ergreifen, das Mädchen iſt erſchoſſen.“ „Himmel! welches Mädchen? Wer hat geſchoſ⸗ ſen?“ rief der Hauptmann.„Was bedeutet das?“ fügte er hinzu, indem er Burrell losließ nnd mit klopfendem Herzen auf die Kanzel zueilte. Sir Willmott benutzte augenblicklich ſeine Freiheit, und wollte eben um die Ecke nach dem Fenſter ſtürzen, als das Getrampel vieler Pferde zu ſeinen Ohren drang. Die Stahlhelme und glän⸗ zenden Schwerter eines Detaſchements von Crom⸗ well's Eiſenſeiten glänzten durch die Bäume, welche die Kapelle umgaben, und er ſah ſich von 1 X 7 Neuem durch den Oberſten John Iones in ei⸗ gener Perſon aufgehalten. „Sir Willmott Burrell,“ ſagte der puritani⸗ ſche Krieger in einem langſamen, entſchloſſenen Tone,„Se. Hoheit befiehlt Euch, unverzüglich im Hauſe von Hampton, profanerweiſe Hamp⸗ tonhof genannt, zu erſcheinen; auch habe ich Be⸗ fehl von Sr. Hoheit, die Verbindung zwiſchen Euch und Miſtriß Konſtanze Cecil nicht vor ſich gehen zu laſſen.“— „Sie iſt bereits vollzogen,“ antwortete ihm Burrell bleich und zitternd. „Sie iſt nicht vollzogen,“ unterbrach ihn da⸗ gegen Lady Franziska, die in ihrer thätigen Be⸗ ſorgniß für Barbara nach Hülfe geeilt und ſo den Truppen unter dem Befehle ihres Oheimes begegnet war,„ich ſage, ſie iſt nicht vollzogen; eine halbe Ceremonie iſt noch keine Trauung. Aber habt Ihr jemand bei Euch, der etwas vom Verbinden einer Wunde verſteht? Hier iſt ein höchſt ſchändlicher Mord vorgefallen. Kommt mit mir in die Kapelle und ſeht.“ Lady Franziska ging hinein; Oberſt Jones folgte mit Sir Will⸗ mott Burrell als Gefangenen und dem größten Theile der Soldaten. Konſtanze Cecil kniete noch immer und unter⸗ ſtützte Barbara, deren Leben ſchnell dahin zu ſchwinden ſchien, da das Blut fortwährend aus einer kleinen Wunde über der rechten Schulter ſtrömte, wo die Kugel eingedrungen war. Ihre Augen waren, freundlich und ausdrucksvoll wie immer, auf ihren Vater gerichtet, der ſprach⸗ und bewegungslos zu ihrer Seite ſtand. Die Frauen drängten ſich weinend umher. Der gute Prediger näherte ſich, um der Sterbenden geiſtli⸗ chen Troſt zu ſpenden. Hugh Dalton hatte die Geſchichte von dem unſeligen Vorfalle von we⸗ nigſtens zwölf Perſonen gehört, welche nicht ahnten, daß ſie mit des armen Mädchens Vater ſprachen, aber er vernahm ihre Worte nicht und fragte nicht einmal, wer und wie man den Mord begangen habe. Ihm war es genug, daß ſein Kind ſtarb, vor ſeinen Augen ſtarb, ſeine Tochter, für die in guter und böſer Zeit, in Sorgen und Sünden ſein Herz geſchlagen und auf die er im⸗ mer mit Vertrauen und Hoffnung wie auf den Stern geblickt hatte, der ihn endlich in den Ha⸗ fen des Friedens und der Ruhe leiten würde. Und ſie, ſein höchſter, ſein einziger Schatz, die⸗ ſes herrliche, unbefleckte Weſen ſollte, vielleicht ſchon in einer Stunde, wie der Staub werden auf den er trat; dieſer ſtille, heitere, geduldige Geiſt ſollte zu Gott zurückkehren, der ihn gege⸗ ben, ohne Murren zurückkehren, denn kein Seuf⸗ ——. zer, keine Klage kam über ihre Lippe, die nie mit Trug und Falſchheit ſich verunreinigt hatten. Noch immer ruhten ihre Blicke auf ihrem Vater, und einmal verſuchte ſie ſogar, ihre ſchwachen Arme gegen ihn auszuſtrecken, mußte ſie aber machtlos wieder ſinken laſſen, während er, ſtumm und bewegungslos, wie eine Bildſäule, an den Bo⸗ den befeſtigt ſchien. Der Geiſtliche ſprach einige Worte von der Ewigkeit. Jetzt erſt erhielt der Bucanier die Sprache wieder; kein Seufzer, keine Thräne, kein äußerer Anſchein von Kum⸗ mer begleitete ſeine Rede, und doch fühlte je⸗ der, der ihn hörte, daß die Worte nur aus dem Munde eines Mannes kommen konnten, deſſen einziges Gefühl Verzweiflung iſt. „Laßt es, Sir, ſprecht ihr davon nicht. Sie weiß mehr davon, als wir. Um Gottes Willen, laßt mich ihren Athem hören.“ „Zehn von Ench ſollen den Mörder verfolgen,“ befahl mit ſeiner ſtrengen Stimme der Oberſt Jones, der währenddeß von Lady Franziska über alles Nachricht erhalten hatte. „Ihr werdet ſie nicht finden,“ rief Burrell beſtürtzt, denn er fürchtete, daß ſie, entdeckt, ihr Geheimniß verrathen möchte;„ich bin über⸗ zeugt, Ihr werdet ſie nicht mehr finden,“ fügte er noch einmal hinzu, als die ſtämmigen Solda⸗ ten ſich zurecht machten, dem Gebote ihres Be⸗ fehlshabers zu gehorchen. „So kennt Ihr die Perſon alſo, Sir Will⸗ mott!“ ſagte Oberſt Jones kalt. Burrell war verlegen.„Miſtriß Konſtanze wird mir hoffent⸗ lich verzeihen,“ fügte der rauhe Krieger hinzu, indem er nach den Altarſtufen zuſchritt, wo die Lady von Cecilhaus noch immer das hinſterbende Mädchen in ihren Armen hielt, das ſie ſo wahrhaft geliebt hatte,„Miſtriß Konſtanze wird einem der älteſten Freunde ihres Vaters vergeben, daß er ſo ſtörend in eine höchſt feierliche Ceremonie ein⸗ greift. Seine Hoheit hat befohlen, daß der Bräu⸗ tigam vor ihn gebracht und mit der Trauung ein⸗ gehalten werde, indem er Sir Burrell beſchul⸗ digt, daß er bereits verheirathet ſey.“ Konſtanze blickte auf, und in das Geſicht des Offiziers, aber kaum ließ ſich die Art ihres Ge⸗ fühls aus etwas anderm, als dem kalten Schauer errathen, von dem ihr ganzer Körper zu beben ſchien. Auf Sir Robert Cecil machte die Nachricht keinen Eindruck, denn er verſtand ſie nicht, ob⸗ gleich er lächelte, und ſich mehrmals vor ſeinem alten Waffengefährten verbeugte. Aber der Bu⸗ canier zuckte zuſammen, für einen Augenblick aus einem Gefühle aufgeriſſen, das ſeine ganze Bruſt — 11— erfüllte, wendete ſich, ohne auf die Gefahr zu achten, in der er ſich einem Truppe der kühnſten Krieger des Gemeinwohls gegenüber befand, ha⸗ ſtig gegen den Offizier und rief: „Ha! So iſt es bekannt! So ſind die Papiere angekommen!“ „Verräther! zwiefacher Verräther! Jetzt habe ich Euch!“ ſchrie Burrell und hielt dem Buca— nier ſein Piſtol vor den Kopf. In demſelben Au⸗ genblicke riß ſich Barbara, ihre letzten Kräfte aufbietend, aus den Armen der Lady Cecil und warf ſich an ihres Vaters Bruſt. Die Anſtren⸗ gung war unnöthig, denn das Gewehr war dem Ritter ſogleich aus der Hand gewunden wor⸗ den. „Sir Willmott,“ ſagte der Oberſt Jones ſtrenge,„ich dachte, mich auf Euer Wort ver⸗ laſſen zu können, daß Ihr keine Waffen, außer Eurem Schwerte, bei Euch hättet. Ich habe mich geirrt.“ „Dieſer Menſch iſt der berüchtigte Bucanier Hugh Dalton, auf deſſen Kopf ein Preis geſetzt iſt. Verhaftet ihn, Oberſt Jones,“ rief Burrell, mit Geſchick die Aufmerkſamkeit von ſich ab- und auf den Kapitain wendend, der den lebloſen Körper ſeiner Tochter in ſeinen Armen hielt, und auf die Augen, die geſchloſſen waren, und auf die Lippen ſie geſchaffen! die ſchmutzige Erde dieſe ſchöne ſtarrte, die nicht mehr von ihrem ſüßen Athem bewegt wurden. „Seyd Ihr der Uebelgeſinnte, von dem er ſpricht?“ fragte der Oberſt. „Es iſt der unglückliche Vater dieſes gemorde⸗ ten Mädchens,“ fiel Konſtanze ein. „Wer ſich weigert,“ wiederholte Sir Willmott, „ihn feſtzunehmen, verdient eines Verräthers Tod.“ Die Soldaten ſtanden, die Hand am Schwerte, und erwarteten ihres Offiziers Befehl. Der Bucanier wendete ſich ſtolz um, drückte mit der einen Hand ſeine Tochter feſter an ſich, hielt mit der andern ein Piſtol vor ſich und ſagte mit furchtloſem, aber nicht anmaßendem Tone: „Ja, ich bin der, den dieſer verfluchte Schurke nennt. Aber Ihr thätet beſſer, einen Verzweifel⸗ ten nicht ganz außer ſich zu ſetzen. Rührt mich nicht an; der hat das Leben verwirkt, wer mich aufhält. Oberſt Jones, ſagt dem Protektor von England, daß Hugh Dalton jetzt um keinen Par⸗ don mehr bittet. Dies hier, dies war meine Hoffnung, mein Stolz, für ſie wollte ich ehrlich ſeyn, in gutem Rufe ſtehen. Seht her! Sie er⸗ kaltet in meinen Armen! Sie iſt nichts mehr, als Staub. Aber doch ſoll, bei dem Gott, der — 13— Geſtalt nicht beflecken. Sie war ſo rein, wie die blaue See, welche die erſten Monate ihrer Kind⸗ heit wiegte, und wenn die Strahlen der aufge⸗ henden Sonne auf dem Ocean ſchimmern, in der Stunde der Morgenwache ſoll ſie zur Seite mei⸗ nes eigenen Schiffes in dem Schooße des ruhigen Waſſers ein Grab finden. Ich will England nicht mehr beunruhigen— nie— nie mehr. Und wenn das Gold auf den Wogen läge und von ſelbſt zum Vorderdecke meines Schiffes aufſtiege, doch würde ich es nicht berühren. Cromwell mag mich neh⸗ men, wann er will, aber nicht eher, als bis ich meinem ſüßen, geliebten Kinde den einzigen fei⸗ erlichen Dienſt erwieſen, den es von mir ver⸗ langen konnte.“ Wie die Tiegerin durch einen Haufen India⸗ ner durchſchreitet und ihr wildes, aber doch ge⸗ liebtes Junge mit fortträgt, das ein Pfeil des Lebens beraubt hat, ſchrecklich in ihrer Angſt, ehrfurchterregend in ihrer Verzweiflung,— ihre Feinde verſtehen ihre Leiden, fühlen ihre Hoch⸗ herzigkeit und geben doch noch nicht den Gedan⸗ ken an ihre Vernichtung auf— idre Pfeilen ru⸗ hen auf den Bogen— aber die geheime und mächtige Achtung für die Quelle aller guten, wie böſen Leidenſchaften, die Natur, lebt in ih⸗ nen und ſie ſchreitet weiter, unangegriffen, zu — 14— ihrem Lager,— ſo ſchritt auch Dalton, ſeine Tochter, wie ein ſchlafendes Kind, im Arme, durch die bewaffneten Krieger durch, welche un⸗ willkührlich ihm Platz machten und von denen einige ſogar, die ſelbſt Väter waren, ihre ſtahl⸗ bedeckten Finger an die Augen drückten, andere an ihre Helme griffen und ſie ein wenig lüfteten. „Oberſt Jones,“ rief Burrell wüthend,„Ihr werdet für dies einem Höheren verantwortlich ſeyn. Der Protektor würde den Kopf dieſes Man⸗ nes mit ſo viel Gold, als er ſchwer iſt, aufwie⸗ gen, und eben ſo viel für die Kenntniß ſeiner Schlupfwinkel geben.“ „Sir Willmott,“ antwortete der Soldat, der, nachdem Dalton fort war, wirklich ein Unrecht begangen zu haben fürchtete, daß er den Buca⸗ nier hatte entkommen laſſen, aber eben deshalb es ſtolz auf ſich zu nehmen beſchloß,„ich kann für meine Handlungen gut ſtehen. Mich dünkt aber, Ihr ſeyd kalt und warm, je nachdem es Euch zu Euren Plänen dienlich ſcheint,“ da⸗ mit wendete er ſich ſchnell ab, und fügte mit ei⸗ nem Blicke auf Konſtanzens Anzug und einem bit⸗ teren Lächeln hinzu:„Wir wollen uns der Gaſt⸗ freundſchaft dieſer Braut in Trauer nur ſo lange aufdringen, als bis einige Nachricht über die Per⸗ ſon eingelaufen iſt, welche dieſen ſchauderhaften 1 Mord begangen hat, und dann, wenn unſere Pferde ſich erholt haben, ſogleich zurückkehren, denn Seine Hoheit liebt kein Zaudern, und es ſind gut fünfzig Meilen nach London. Ich habe Befehl, Sir Willmott, Euch mit niemand in Ver⸗ bindung treten zu laſſen, wenn Ihr alſo noch et⸗ was an Miſtriß Cecil zu ſagen habt, ſo thut es gleich.“. Konſtanze gab keine Antwort; Oberſt Jones gab Lady Franziska darauf ein Papier vom Pro⸗ tektor, in welchem blos geſchrieben ſtand, daß ſie bei ihrer Freundin bleiben ſollte, bis die geheim⸗ nißvollen Umſtände ſich aufgeklärt hätten. Lady Franziska freute ſich aufrichtig über dieſe Er⸗ laubniß, während Konſtanze, durch ſo viele wi⸗ derſtrebende Gefühle überwältigt, ſich mit ihrem Vater entfernte, der bei allen Ereigniſſen dieſer verhängnißvollen Stunde ſich theilnahmlos und gleichgültig wie ein Kind gezeigt hatte. Die Sol⸗ daten, die zur Nachſuchung ausgeſchickt worden waren, kehrten bald zurück, denn die Nacht war hereingebrochen, ohne daß ſie eine Spur von der unglücklichen Jüdin gefunden hätten. Oberſt Jo⸗ nes konnte daher nichts, als Sir Michael Live⸗ ſay, den Sherif, der in Shurland wohnte,-von dem Vorgefallenen in Kenntniß ſetzen und nach der Fähre, nach Sheerneß, Queenborough und — 16— den kleinen Weilern längs der Küſte Befehl er⸗ gehen laſſen, keinem Fremden, ſey es Mann oder Weib, die Abreiſe aus der Inſel zu geſtat⸗ — ten, als bis Se. Hoheit ein Weiteres beſtimmt habe. Die Mordthat mußte das Gefühl aller Klaſ⸗ ſen in Anſpruch nehmen, denn die Armen be⸗ trachteten ſeit lange den Aufenthalt einer ſo guten Familie, deren Liebling die junge Barbara 1 war, auf ihrer Inſel als eine Wohlthat des Himmels, beſonders weil der frühere Beſitzer, Sir Herbert, Sir Roberts älterer Bruder, nur gelegentlich ſich in Cecil aufgehalten hatte, da er zu ſehr Lebemann und Kavalier war, als daß er in einem ſo einſamen Aufenthalte hätte 3 ausdauern können. Er war ein eifriger Anhänger des Hauſes Stuart geweſen und, während ſein jüngerer Bruder für das Parlament Freunde warb, loyal und unerſchütterlich in ſeiner Treue gegen den unglücklichen und unbeliebten Karl ge⸗ blieben.. Bald darauf verließ Oberſt Jones Cecilhaus wieder, ließ jedoch, auf Lady Franziskas Wunſch, eine Wache von ſechs Soldaten zurück, eine Vor⸗ ſichtsmaßregel, welche die letzten Ereigniſſe, wie der traurige Gemüthszuſtand Sir Roberts, dem er ſchnell ärztliche Hülfe zu ſchicken verſprach, — 17— hinlänglich rechtfertigten. Die Diener, unter ih⸗ nen die Frauen der Lady Cromwell, verſammel⸗ ten ſich in der großen Halle, klagten unter vie⸗ len Thränen über den Verluſt der armen Barbara und ſprachen von dem Geheimniſſe ihrer Geburt und der beinahe übernatürlichen Erſcheinung ih⸗ res Vaters. Nicht wenig warfen ſie ſich vor⸗ daß ſie ihm erlaubt hatten, die Leiche mitfortzu⸗ nehmen, da man, wie ſie ſagten, nicht wiſſen könnte, ob er ſie nicht ſtatt auf chriſtliche, auf heidniſche Weiſe beſtatten werde. Darauf unter⸗ hielten ſie ſich von der Krankheit, welche ihren Herrn befallen hatte, und brachten dann Anſpie⸗ lungen, alte Geſchichten und längſt vergeſſene Gerüchte von Sir Herbert und ſeinen Gelagen an den Tag, und während die Lampe immer dunkler brannte und die Kohlen immer dicker die bläuliche Aſche auſetzten, welche ihr nahes Erlöſchen verkündeten, wurden die Legenden der Inſel aufgefriſcht: wie Sir Robert von Shur⸗ land, ein großer und mächtiger Than, ſich mit einem Prieſter entzweite und ihn lebendig auf dem Minſterkirchhofe begrub, und wie er dann aus Furcht vor des Königs Mißfallen von der In⸗ ſel auf ſeinem ſtattlichen Roſſe hinüberſchwamm, um ſich von Sr. Majeſtät Vergebung zu erwir⸗ ken, wie er aber, bei ſeiner Rückkehr, von einer I1II. 2 84 — 18— alten Hexe angeredet und ihm verkündet worden ſey, daß das Roß, welches ihn glücklich durch das Meer getragen, Schuld an ſeinem Tode ſeyn würde; wie er darauf, um die Prophezei⸗ hung zu Schande zu machen, das Pferd auf der Stelle erſchlagen, als er aber ſpäter einmal vor⸗ beigegangen, ſich einen Knochen in das Bein ge⸗ ſtoßen habe, woran der Ritter geſtorben ſey, und wie noch jetzt ſein Geiſt um den Thurm von Shurland irre, und von dem Phantom ei⸗ nes Pferdes gejagt werde; darauf dankten die Frauen Gott, daß ihre Lady vermuthlich nicht Sir Willmotts Weib werden würde, ſprachen von Dalton und ſeinem kühnen Treiben und ka⸗ men dann wieder auf Barbara zu reden, wobei eine der Aeltern erzählte, daß kein Mädchen im Schooße des Oceans unterſinken könne, wenn ihr nicht eine Bibel an den Hals gebunden ſey, und da Dalton gewiß keine Bibel habe, ſo müſſe ſie in Ewigkeit auf dem Schaum der Wogen und unter den Korallenriffen umherwandern. Eine andere erwiderte, daß eine ſo gute Chriſtin kein ſo hartes Schickſal haben könne; auch tadelte ein Soldat, der neben ihnen ſaß, ihre Thorheit und betete mit großem Eifer zu ihrer wahren Erbauung. Als er fertig war, fiel es ihnen ein, daß der ehrwürdige Jonas Mundflink ſich ſeit — 19— dem Morgen nicht habe blicken laſſen; und als jemand bemerkte, er habe Sir Willmott Bur⸗ rell mit ihm an dem Möwenneſte ſprechen ſe⸗ hen, ſo konnte ſich keiner, ohne zu wiſſen war⸗ um, einer gewiſſen Beſorgniß für den Prediger erwehren. Zweites Kapitel. Zwei Dinge ſind es, welche ein Volk in Un⸗ terwürfigkeit halten: moraliſches Uebergewicht und materielle Furcht. Der Verworfenſte wird durch den Einfluß moraliſchen Werthes in Zaum gehalten, und Wenige nur werden einen Kampf beginnen, wo gewiſſe Niederlage vorausgeſehen werden kann. Cromwell erhielt und behauptete ſein Uebergewicht durch ſein unausgeſetztes Stre⸗ ben nach dieſem doppelten Ziele. Sein Hof war ein ſeltenes Muſter untadelhafter Lebensweiſe, frei von jeder Ausſchweifung und Unſittlichkeit, während ſeine Macht ſich zwar geheimnißvoll, aber ſo tief und ſo weithin durch das ganze Ge⸗ meinwohl verzweigte, daß jedermann überzeugt war, kein Verbrechen könne dem Protektor auf die Länge verſchwiegen bleiben. Seine natürlichen Anlagen müſſen aber von ausgezeichneter Art ge⸗ weſen ſeyn, obgleich er in dem Anfang ſeiner Laufbahn nichts von den außerordentlichen Ta⸗ lenten offenbarte, welche ihm ſpäter die Liebe und Bewunderung ſeiner Zeitgenoſſen erwarben. Sein Geiſt glich einer alten Handſchrift, die lang zu⸗ ſammengerollt, verborgen vor den Augen des ge⸗ meinen Volkes geweſen war, aber aufgerollt bei jeder Seite neue Weisheit enthüllt. Mit Recht hat ein Philoſoph, deſſen Gleichen die Welt ſeit⸗ dem nicht mehr geſehen hat, geſagt, daß das Amt zeige, was an dem Manne ſey. Kaum hatte Cromwell Mittel zu regieren, als er auch der Welt zeigte, daß er zu regieren verſtehe. Ei⸗ nige erwerben Größe, einige werden zu Größe ge⸗ boren, noch andern wird ſie aufgedrungen. Crom⸗ well hatte ſie ſich erworben, er war der Baumei⸗ ſter ſeines Glückes, und hatte nur wenig dem Zufalle, weniger der Gunſt, noch weniger dem Verbrechen zu danken, wenn wir eine traurige Seite aus unſerer Geſchichte ausnehmen. In ſeinem Karakter zeigt ſich nur wenig Böſes, wohl aber viel durchaus Gutes. Obgleich ſeine Reden größtentheils dunkel waren und er es andern über⸗ ließ, den wahren Sinn zu errathen, obgleich ſie noch häufiger, wo ſie eben gar nichts ſagen ſollen, nur Worte, Ausrufungen und bibliſche Sprüche enthielten, ſo zeigte er doch oft, daß er im Noth⸗ fall ſeinen Styl beherrſchen und ſich mit ſo vieler — 22— Energie, Beſtimmtheit und Faßlichkeit ausdrücken könne, daß man bei ſolchen Gelegenheiten ge⸗ wöhnlich von ihm ſagte: jedes Wort, das er ſpräche, ſey eine Handlung. Aber der ſtärkſte Be⸗ weis ſeiner großen Fähigkeiten war der außer⸗ ordentliche Takt, mit welchem er das menſchliche Gemüth zu erforſchen und zu ergründen wußte. Niemand beurtheilte ſeine Umgebung richtiger, als er, niemand kannte beſſer ihre Talente und Karakter. Hörte er von einer Perſon, die ihm für ſeinen Zweck geeignet ſchien, ſey es als Mi⸗ niſter, als Soldat, Prediger oder Spion, ſo ließ er, in wie niedriger Stelle ſie auch bisher le⸗ ben mochte, ſte auf der Stelle holen, und ver⸗ wendete ſie, wie es ihm am thunlichſten ſchien. Von dieſem Syſteme, welches nur wenig Nachah⸗ mer gefunden hat, hing ein großer Theil ſeiner Er⸗ folge ab. Seine Frömmigkeit iſt verſpottet, nie aber iſt bewieſen worden, daß ſie erheuchelt geweſen ſey. Mit mehr Recht darf man ſie als feſtbegrün⸗ det und tief gewurzelt annehmen, da ſein ganzes äußeres Weſen für ihre Wahrheit ſprach. Die, welche ſeinen Fauatismus angreifen, vergeſſen, daß Religion das Ritterthum ſeines Zeitalters war. Wäre Cromwell einige Jahrhunderte früher geboren worden, ſo würde er ſich an die Spitze der Kreuzfahrer geſtellt und ſie mit eben ſo gro⸗ ßer Tapferkeit und beſſerm Erfolg angeführt ha⸗ ben, als der hochherzige, aber unüberlegte Lö⸗ wenherz. Es war kein übertriebenes Kompliment, als der Franzöſiſche Miniſter den Protektor den beſten Feldherrn ſeiner Zeit nannte. Sein Muth auf dem Schlachtfelde war bewundernswerth; die größten Gefahren und Schwierigkeiten beugten ihn nicht, ſondern erhoben, ermuthigten ihn, und die Mannszucht und Ordnung ſeiner Armee wurde von der ganzen Welt bewundert. Es kann ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden, daß er als Protektor ſtets ein Panzerhemd unter dem Ueber⸗ kleide trug. Weniger Vorſicht, bei einer ſolchen Stelle, von offenen und verſteckten Feinden umge⸗ ben, wäre Nachläſſigkeit geweſen. Was ſeine poli⸗ tiſche Aufrichtigkeit betrifft, die, wie manche den⸗ ken, nichts mit ſeiner religiöſen Meinung gemein hatte, ſo war er ſo gewiſſenhaft, als Karl der erſte 1 oder zweite. Cromwell liebte Gerechtigkeit, wie ſein Leben, und wo er willkührlich handelte, ge⸗ ſchah es nur, wo ſein eigenes Anſehen angegrif⸗ fen wurde welches er nicht bloß ſeinethalben, ſondern auch des Friedens und der Sicherheit des Landes wegen, aufrecht erhalten mußte, deſſen Regierung das Schickſal ihm in die Hand gege⸗ ben hatte. Die Würde der Krone, ſind ſeine ei⸗ genen Worte, liegt in der Nation, deren ſtell⸗ — 24— vertretendes Haupt nur der König iſt, da aber die Nation noch dieſelbe iſt, ſo verlange ich die⸗ ſelbe Achtung für meine Diener, als ob ich ſelbſt ein König wäre. England muß Cromwell's Namen mit goldenen Buchſtaben aufzeichnen, wenn es ſich erinnert, daß er in einem Zeitraume von fünf Jahren die Beleidigungen gerächt hat, wel⸗ che ihm während des langen, mühſeligen Bürger⸗ krieges von jedem Lande zugefügt worden waren. Er erhob den Kredit, welcher in den letzten fünf⸗ zig Jahren zweier ſchwachen und unzuverläßigen Regierungen geſunken war; er ſchaffte ſeinem Vaterlande unter den entfernteſten Nationen Ach⸗ tung und Anſehenz; die Flotten, welche er aus⸗ ſchickte, kehrten ſiegreich zurück, und nie wurde die Engliſche Flagge durch eine ſchimpfliche Hand⸗ lung befleckt. Kein Britte verlangte vergebens Er⸗ ſatz oder Vergeltung für die geringſte ihm von Frankreich oder Spanien, von einem erklärten Feinde, oder einem verrätheriſchen Freunde wi⸗ derfahrene Beleidigung; kein unterdrückter Frem⸗ de bat ihn vergebens um Schutz. Hätte Crom⸗ well je, wie Karl X. gegen ſeinen eigenen Schwie⸗ gerſohn, den Churfürſten von der Pfalz, gehan⸗ delt?— „Gott gebe,“ ſagte der Protektor, als er mit beſorgter Miene im Geſpräch mit ſeinem Sekre⸗ — 25— taire, Thurloe, in ſein Kabinet trat,„gebe Gott, daß Oberſt Jones mit ſeinem Trupp zur rech⸗ ten Zeit eingetroffen iſt. Lady Franziska, dünkt mich, müßte etwas davon gewußt, etwas geſe⸗ hen haben. Aber es muß unterſucht werden, muß an den Tag kommen. Gebe Gott, daß ſie früh genug angekommen ſind.“ Er nahm aus einem breiten Portefeuille ei⸗ nige Schreibtafeln heraus, las einige Minuten darin, wendete ſich dann plötzlich zu Thurioe und rief:„Wie! iſt heute der Zehnte?“ Der Sekretair bejahte es. „So habe ich,“ fuhr Cromwell fort,„ein Geſchäft, welches ſogleich beſorgt werden muß. Sieh! ſieh! Faſt hätte ich das Verſprechen und die Abrede vergeſſen. Eile Dich. Wenn Ihr auf der linken Seite von Grayshotel an einem Hauſe vorüberkommt, deſſen Mauer von rothen Stei⸗ nen, die Ecken aber von weißen eingefaßt ſind, ſo werdet Ihr unter dem Thorweg einem Manne be⸗ gegnen— gebt wohl Acht— der einen grünen Rock mit Sammtkragen trägt, um den Hut ſchlingt ſich ein ganz ſchmales blaues Band, ſeine linke Hand wird unbedeckt auf ſeiner Bruſt ruhen und am Mittelfinger ein breiter Achatring ſeyn. Stell Dich genau ein, wenn es auf St. Paul drei Viertel auf fünf ſchlägt, ſprich kein Wort, mach — 26— kein Zeichen, ſondern ſteck ihm blos dies Papier in die Hand, welches eine Anweiſung auf 20,000 Pfund, dem Vorzeiger in Genua auszuzahlen, iſt.“ „Beliebt es Eurer Hoheit, daß ich einen Schein darüber erhalte?“ „Es iſt nicht nöthig; Ihr könnt mit der. Abend⸗ poſt zurückkehren.“ Der Sekretair verbeugte ſich und verließ das Zimmer; in demſelben Augenblicke hörte man Pferdegetrampel auf dem gepflaſterten Hofe. Crom⸗ well öffnete das Fenſter und ſah, daß Oberſt Jones mit ſeinem Gefangenen, Sir Willmott Burrell, angekommen war. „Die Gerechtigkeit muß ihren Lauf gehen, und iſt es auch Sabbath,“ ſagte der Protektor und befahl, nachdem er ſich überzeugt hatte, daß ſein Offizier zeitig genug in Cecilhaus angekom⸗ men ſey, um die beabſichtigte Vermählung zu verhindern, daß Oberſt Jones und Sir Will⸗ mott Burrell zuſammen vor ihm erſcheinen ſoll⸗ ten. Zur ſelben Zeit ſchickte er einen ſeiner Pa⸗ gen ab, um Manaſſa Ben Iſrael vor ſich zu ru⸗ fen. Als der Ritter eintrat, wurde er ſo höflich wie immer empfangen. Er erſchien jedoch mit niedergeſchlagenem Blicke, die Hände über der Bruſt gefaltet, wie einer, der vollkommen fühlt, daß er es jetzt mit einem Manne zu thun habe, der ſich eben ſo tief verſtellen könne, als er ſelbſt, wenn Verſtellung die Waffe war, die er zum Kampfe beſtimmt hatte. Sir Willmott entſchuldigte ſich mit wenigen Worten wegen ſeiner von der Reiſe beſchmutz⸗ ten und in Unordnung gebrachten Kleider, und legte ſein Erſtaunen, wie ſeinen Unwillen dar⸗ über an den Tag, daß man ihn mitten in der Trauung von ſeiner Braut geriſſen habe. Der Jude zitterte von Bewegung und würde des Pro⸗ tektors langſame, aber nicht weniger ſichere Ver⸗ fahrungsweiſe unterbrochen haben, hätte nicht ein Wink Cromwell's ihn davon abgehalten, der mit einem ausdrucksvollen Blicke davor warnte. „Ihr könnt Euch denken, Sir Willmott,“ be⸗ merkte er in einem ruhigen, ja ſogar freundlichen Tone,„daß ich ſelbſt es ausnehmend bedaure, Euch auf dieſe Art und zu ſolcher Zeit geſtört zu haben; aber eine doppelte Verpflichtung hat mich dazu getrieben; erſtens die gegen meinen würdi⸗ ſchon bekannt iſt, und dann die gegen die Lady, die im Begriffe war, Euer Weib zu werden. Ihre Hoheit hat ſie lang und aufrichtig geliebt, — 28— überdies iſt ſie— obwohl nur nach biſchöflicher Art— etwas mit meiner ſehr geliebten Tochter verwandt. Ich fühlte mich daher verbunden, mir des Mädchens Heirath beſonders zu Herzen zu nehmen.“ „Lady Franziska Cromwell hätte Eurer Ho⸗ heit melden können, daß Miſtriß Konſtanze durch⸗ aus mit freiem Willen in die Trauung gewilligt hat.“ „Ich widerſtreite nicht. Jetzt haben wir nichts weiter zu thun, als hier meinen Freund in Be⸗ zug auf Euer angebliches Benehmen gegen ſein einziges Kind zufrieden zu ſtellen. Es iſt ein ſchöner Punkt in unſern Geſetzen, auf den wir wohl ſtolz ſeyn mögen, daß jeder nämlich ſo lange als unſchuldig zu betrachten ſey, ſo lange er nicht ſeiner Schuld überführt iſt. Der Herr ver⸗ hüte, daß ich eine Sünde Euch zur Laſt lege; Euch, der Ihr zu jeder Zeit als eine ſo wackere und tüchtige Stütze unſeres Gemeinwohles er⸗ ſchienen ſeyd. Ohne Zweifel habt Ihr zwar die Lady— Zilla geſehen; ſagtet Ihr nicht, würdi⸗ ger Rabbi, daß des Mädchens Name Zilla ſey?“ „So heißt ſie,“ ſagte der Jude mit einem ſchmerzlichen Seufzer. „Ohne Zweifel, ſage ich, habt Ihr ſie geſe⸗ hen und, durch ihre, wie ich höre, wunderbare — 29— Schönheit betroffen, ihr mehr Zuvorkommenheit bewieſen, als einem verlobten Manne geziemt. Aber Satan legt dem Unachtſamen gar manche Schlingen, und Schönheit iſt eine Klippe, der wenig Männer entgehen. In der That, es iſt ein Uebel, aber dennoch gibt es Entſchuldigung dafür, beſonders in einem Lande, wie Frankreich, wo die Verſuchung jede verführeriſche Geſtalt annimmt und ein junges Mädchen leicht auf den Gedanken kommen konnte, daß Eure Zuvorkom⸗ menheit die des Herzens, nicht die der Sitte ſey.“ Der Rabbi ſtand beſtürzt; ſein Freund Crom⸗ well ſprach in einem Tone der Mäßigung, die er ſo wenig erwartet hatte, daß er nicht wußte, was er davon denken ſollte. Selbſt Burrell, der einem Sturm entgegengeſehen hatte, wurde durch dieſe Ruhe getäuſcht; er dachte, daß der Pro⸗ tektor gewiß nicht ſo ſprechen würde, wenn er eine Mittheilung von Hugh Dalton erhalten hätte, und athmete zum erſtenmale, ſeit er den Befehl erhalten hatte, in Hamptonhof zu erſcheinen, frei wieder auf. 3 „Es iſt möglich,“ antwortete er,„daß ſie die⸗ ſen Glauben gefaßt hat, ob ich gleich, wie ich be⸗ reits ihrem Vater verſichert habe, nicht die Abſicht hatte, ſeine Tochter dadurch auf einen falſchen Weg zu führen. Es iſt wahrhaft hart, in Ver⸗ — 30— dacht eines ſo niedrigen Verbrechens zu ſtehen, und... „Unſchuld,“ unterbrach ihn der Protektor, „trägt eine Hülle von ſo reinem Lichte, daß ſie ſelbſt durch die tiefſte Nacht durchſcheint, wie auch die Eure, wenn Ihr unſchuldig ſeyd, ohne Zweifel thun wird. Wißt Ihr, wie die ſchöne Jüdin in den Beſitz dieſes Bildes gekommen iſt? Freilich muß ich Anſtand nehmen, ſelbſt dann Uebles von Euch zu denken, wenn Ihr es ihr wirklich gegeben habt, da es ja ein Geſchenk rei⸗ ner freundſchaftlicher Zuneigung ſeyn kann, ob⸗ gleich die Welt, die harte, ſehnellverurtheilende Welt Euch um deſſetwillen verdammen möchte. Aber wir haben ſelbſt zu viel unter ihren fal⸗ ſchen Ausſprüchen gelitten, um nicht Milde ge⸗ gen andere zu lernen. Freundſchaft, lautere, auf⸗ richtige Freundſchaft kann zwiſchen Mann und Weib in unſerm vorgerückten Alter, ja ſelbſt in jüngern Jahren beſtehen. Warum auch nicht? Da nun das Bild vortrefflich gemalt iſt, und die junge Lady vielleicht ſich in dieſer nutzloſen Kunſt vervollkommnen mochte, ſo könnt Ihr es ihr zum Studieren geliehen haben, oder auch...“ „Ich habe es ihr gewißlich nicht gegeben,“ antwortete Burrell;„aber ich erinnere mich dun⸗ kel, es ihr mit einigen andern Flamändiſchen Bil⸗ — 31— dern geliehen zu haben. Eure Hoheit wird ſich erinnern, daß verſchiedene, zu der Geſandtſchaft von Paris gehörige Gentlemen ſchnell fort muß⸗ ten. Ich gehörte zu ihnen.“ Der Rabbi wollte wieder dazwiſchen ſprrchen, denn er erinnerte ſich, daß Sir Willmott ihm früher geſagt hatte, das Portrait ſey gar nicht das ſeine, aber der Protektor hielt ihn von Neuem zurück, um Burrell mit ſeinem eigenen Gewebe zu verwickeln. „Ihr habt die Lady oft beſucht?“. „Nicht zu oft. Ich habe Manaſſa Ben Iſrael, als er zuerſt mich mit ſeinem höchſt ungerechten Verdachte beleidigte, geſagt, daß ich ſie nicht oft geſehen und es nur gethan habe, um ſie zu fra⸗ gen, ob ſie Briefe nach England zu ſchicken hätte.“ „Nicht alſo aus dem fleiſchlichen Wunſche, ih⸗ ren Reizen zu huldigen?“ „Wie kann Eure Hoheit das denken?“ „Ihr geſtandet eben ein, daß ſie Eure Höflich⸗ keit ſo habe auslegen können. Aber— wißt Ihr auch nichts von einem gewiſſen— Hugh Dalton, einem Freibeuter?“ „Wiſſen— wiſſen— Eure Hoheit? Ich weiß nur, daß er ein arger Böſewicht iſt.“ „Wirklich? Und doch habt Ihr es nicht ver⸗ ſchmäht, ſeine Dienſte zu gebrauchen?“ — 32— Burrell ſchwieg; denn trotz der Muße, die er auf dem langen Wege gehabt hatte, war er doch außer Stand geweſen, ſich für den Fall, daß Cromwell die in der Möwenneſthöhle getroffene Verabredung kenne, einen ordentlichen Verthei⸗ digungsplan zu entwerfen. Seine Furcht ſchien ſich zu beſtätigen, als er ſah, daß der Protektor ein Papier hervorzog, und ſein Geſicht ſich ver⸗ düſterte. Es blieb ihm, da Schlauheit hier nichts mehr nutzen konnte, nichts übrig, als ſeine Hand⸗ ſchrift unerſchrocken abzuleugnen. „Meint Eure Hoheit, daß ich dieſen Mann gebraucht habe?“ ſagte er endlich, mit einer Mi⸗ ſchung von Verwunderung und Unſchuld. Cromwell heftete ſeinen Blick unverwandt auf den Ritter und antwortete erſt nach einer kurzen Pauſe:„Ich meine, Sir Willmott Burrell, daß Ihr nicht verſchmäht habt, die Dienſte dieſes Mannes zu benutzen. Kennt Ihr dieſe Hand⸗ ſchrift?“ Sir Willmotts ſchlimmſte Furcht wurde zur Gewißheit. „Erlaubt,“ ſagte er, warf einen Blick auf das Dokument und rief dann, die Augen aufſchlagend, mit wunderbarer Kälte:„Sir, das iſt ein An⸗ ſchlag, mich zu verderben. Dieſe Handſchrift iſt ſo gut nachgemacht, daß ich ſchwören würde, ſie — 33— wäre meine eigene, wüßte ich nicht, daß ſie es unmöglich ſeyn könnte.“ „Ich habe Eure Handſchrift früher geſehen; ſchreibt doch einmal etwas, Sir!“ Burrell gehorchte und nahm die Feder in die Hand. Cromwell bemerkte, daß ſie ſtark zitterte. „Sir Willmott, ich glaube, daß Ihr gewöhn⸗ lich Euer Papier gerader legtet?“ „So iſt's, Eure Hoheit, aber ich bin nicht kalt⸗ blütig, nicht gefaßt genug, um ſo ruhig wie an meinem eigenen Tiſche handeln zu können. Das Bewußtſeyn, in weſſen Gegenwart ich bin, kann ſtärkere Nerven, als die meinigen, aufregen. Seht, Sir, wie der Schelm alles ſo gut nachgemacht hat; das W iſt ganz daſſelbe, ſogar bis auf den dünnen Haarſtrich, bei den tt's iſt an derſelben Stelle der Strich durchgezogen, und die ll's haben dieſelbe Höhe, wie die meinigen; eine höchſt nichts⸗ würdige, aber vortreffliche Verfälſchung.“ „Wo?“ fragte der Protektor,„wo meint Ihr, daß die Verfälſchung ſteckt? In der Schrift, oder in dem Schreiber?— Holla! Ruft Robin Hays herein. Sir Willmott Burrell, Sir Willmott Burrell,“ fuhr er fort, ſich ſelbſt zum Zorn auf⸗ reizend,„der Herr befreie mich von ſolchen, wie Du biſt! Wir zweifelten Anfangs, aber jetzt nicht mehr, Sir. Ihr habt dieſem alten Mann ſeine III. 3 — 34— Tochter geranbt, Sir. Ihr habt dadurch Euer eigenes Seelenheil vecwirkt, und Schmach und Unehre über England gebracht. Ich hörte Euch einſt von Patriotismus ſprechen; ein wahrer Pa⸗ triot liebt ſein Vaterland zu ſehr, als daß er eine ſo ehrwidrige Handlung beginge. Ich weiß, Sir, daß Ihr mit dem jüdiſchen Mädchen verheira⸗ thet ſeyd.“ „Eure Hoheit erlaube,“ unterbrach ihn der Rabbi endlich,„ich wünſche dieſe Heirath nicht; wenn, wie wir vermuthen, eine Verbindung Statt fand, ſo wünſche ich nicht, daß ſie anerkannt werde, ich verlange nur mein armes, verführtes Kind zurück.“ „Verzeihung, guter Rabbi. Ich bin der Protek⸗ tor der Rechte, und nicht der Launen derer, welche England bewohnen, und mein Amt iſt keine Sine⸗ cure. Ha! jetzt erbleicht Ihr, Herr von Burrell! Ihr habt Urſache. O Herr! daß Menſchen ſeines Gleichen in den Zelten Judas wohnen dürfen! Daß ſeines Gleichen geſund und rüſtig bleiben, und mit fleiſchlichem Segen begabt ſind! Daß ſolch Ungeziefer unter uns herumkriechen, mit derſel⸗ ben Speiſe ſich nähren, an derſelben Sonne ſich wärmen darf, wie der Gerechte! Nein, nein, Manaſſa, wenn die Heirath Statt gefunden hat, ſo ſoll ſie, ſo gewiß der Allmächtige im Himmel — 35— thront, auch gehalten werden! Ha! Sir Willmott Burrell, wagt Ihr es, die Stirne zu runzeln? Gerechtigkeit, Sir, Gerechtigkeit bis zum Aeußer⸗ ſten ſoll in dieſem Lande herrſchen. Haſt Du das Schickſal des Don Pantaleon Sa, des Bruders des Portugieſiſchen Geſandten, des in ſo Manchem ausgezeichneten Maltheſerritters vergeſſen? Denk' an ihn, ſag' ich, denk' daran, daß er den Tod eines Mörders geſtorben iſt, den Worten der Schrift gemäß: wer Blut vergießt, deß Blut ſoll wieder vergoſſen werden. Der Gerechtigkeit ſoll genügt werden. Doch will ich Euch nicht ohne Gehör verdammen. Hier kömmt einer, einſt Euer Diener, der uns wird ſagen können, wo die Lady iſt.“ Robin Hays, der noch nichts von Barbaras Schickſal ahnte, trat, froh, aus ſeinem bisheri⸗ gen Aufenthaltsorte einſtweilen befreit zu ſeyn, in das Zimmer. „Was, Robin Hays!“ rief Burrell,„mich dünkt, Eure Hoheit hat da höchſt glaubwürdige Zeugen gegen mich aufgebracht— einen Juden und ein Weſen, wie dieſes!“ „Keinen Spott, Sir! Dieſe Perſon behaup⸗ tet, daß Zilla, die Tochter Manaſſa Ben Ifrael, in dem Glühwurm nach England herübergekom⸗ men iſt.“ —yõ— „Ha! Mit Hugh Dalton!“ ſagte Burrell, ſich vergeſſend, da er in dieſer Nachricht einen Be⸗ weis der äußerſten Treuloſigkeit des Bucaniers ſah.„Ich dachte..“ fügte er leiſer hinzu. „Gleichviel. Mich dünkt, dies bekräftigt das Dokument, welches Ihr ſo eben abgeleugnet ha⸗ bet. Nicht aber mit Hugh Dalton, wie Ihr meint, Sir Willmott, ſondern mit einem Man⸗ ne, Namens Jeromio, einem Italiener, iſt ſie gekommen. Die Beſchreibung paßt in jeder Hin⸗ ſicht— die ſchwarzen Augen, das ſchwarze Haar, die bleiche Farbe— alles ſtimmt.“ „In der That,“ ſagte Oberſt Jones, der bei der Unterſuchung zugegen geweſen war, und ge⸗ gen ein Fenſter gelehnt ſtand,„dann zeigt ſich der Wille des Herrn höchſt wunderbar, denn es war allem Auſchein nach ein fremdes Weib, oder vielmehr ein hölliſches Weſen, mit blaſſen Wan⸗ gen und dunklem Blick, das die Trauung in Cecilhaus unterbrach, und das junge Mädchen der Miſtriß Cecil ermordete!“ „Warum habt Ihr das nicht ſpgleich geſagt?“ fragte Cromwell ſchnell, während der Rabbi ha⸗ ſtig auf den Offizier zuſchritt. In Robin dage⸗ gen war bei des Oberſten Worten das Blut zu Eis erſtarrt; er ſtand einige Augenblicke, wie von einem Schlage getroffen, eilte dann kühn — 37— an Sir Willmott vorüber, ergriff des Kriegers Arm, und ſagte mit matter, gebrochener Stim⸗ me:„Um Gottes Willen, wer iſt ermordet?“ „Ein ſittſam blickendes Mädchen, das ſie Bar⸗ bara nannten— ja, Barbara war ihr Name.“ Robin ſprach nicht mehr, ſeine Hand ließ den Oberſten los, er ſelbſt aber bewegte ſich nicht, ſondern ſtand, ohne die Kraft, ſeine Glieder zu regen, während leidenſchaftliches Gefühl ſtarr auf ſeinen Zügen lag, wie gebannt durch den Spruch eines mächtigen Zaubers. Der Eindruck, den dieſer Auftritt auf den Protektor machte, bewies, daß ſeine Bruſt voll Empfindung war, obgleich die Verhältniſſe deren reichen Quell zu⸗ rückgedrängt hatten. So ſehr ihm an dem Erfolg der vorgenommenen Unterſuchung lag, ſo ließ er doch den Juden unausgeſetzt den Oberſten Jo⸗ nes mit Fragen beſtürmen, während er ſelbſt Robin Troſt einſprach und ihm zuredete, wie ein Vater ſeinem bekümmerten Kinde. Aber alles war umſonſt bei dem unglücklichen jungen Man⸗ ne; er konnte nicht antworten, ſelbſt wenn er gewollt hätte, er ſchwieg regungslos und ohn⸗ mächtig, ohne des Protektors herablaſſende Güte zu bemerken. „Es iſt immer ſo!“ rief Oliver,„Wo ein edles Herz iſt, fällt der giftige Mehlthau dar⸗ — 38— auf. Gewiß liebte er das Mädchen. Der Herr ſtehe uns bei! Er iſt vom Schlage getroffen, der Allmächtige gebe, nicht zu Tode!“ Er ſchlug mit ſeinem Dolch auf eine Glocke, welche auf dem Tiſche lag, und befahl, daß ſein eigener Arzt ſogleich nach Robin ſehen ſollte, und ging dann neben ihm bis zur Thüre, wo er ihn ei⸗ nem Lieblingsdiener übergab. Die Leute im Vor⸗ zimmer, welche Cromwell's Theilnahme an Ro⸗ bin Hays bemerkt hatten, drängten ſich herbei, ihm beizuſtehen, den ſie noch eben verſpottet hatten. Höflinge gedeihen in Republiken ſo gut, als in Monarchien; ſie kriechen nicht vor der Perſon, ſondern vor der Macht. Cromwell kehrte darauf zur Unterſuchung zu⸗ rück, und wurde in den Fragen um ſo bitterer, als er zu fürchten anfing, daß die Beweiskette nicht vollſtändig genug ſey, obgleich über Burrell's Schuld kein moraliſcher Zweifel obwalten konnte. Oberſt Jones ermangelte nicht hinzuzufügen, wie beſorgt Sir Willmott ſich gezeigt habe, daß man Zillas habhaft werden könnte, während des Rab⸗ bis Zuſtand an Wahnſinn gränzte, als er das neue Verbrechen vernahm, zu welchem ſeine unſelioe Tochter ſich hatte hinreißen laſſen. „Beſchimpft mich, wenn Ihr wollt, denkt von mir nach Belieben, aber ich bin ein freier Mann, — 39— kann kommen und gehen nach meinem freien Wil⸗ len, und werde mich wieder entfernen, da Ew. Hoheit keinen geſetzlichen Grund hat, mich zurück⸗ zuhalten.“ Sir Willmott hatte kaum geſprochen, als Gra⸗ cious Meanwell klopfte und auf erhaltene Er⸗ laubniß hereintrat und ein kleines, ſonderbar gefaltetes Paket, das aus Pergamentblättern mit einer gedruckten Adreſſe beſtand, in der Hand hielt. „Ein Burſche, der einem Matroſen gleich ſah, gab dies an dem großen Thore ab, und beſtand darauf, daß es unverzüglich Ew. Hoheit über⸗ reicht werde. Er ſagte, er habe es an einem ab⸗ gelegenen Platze, tief in der Inſel Shepey, zwi⸗ ſchen Himmel und Erde hängend, gefunden, und da er geſehen, daß es an Ew. Hoheit gerichtet ſey, ſo habe er es geradesweges hiehergetragen; er bewog den Pförtner, es heraufzubringen, was dieſer auch that, da er Ew. Hoheit Wunſch kannte, daß nichts der Art zurückgehalten werden ſolle.“ Während Meanwell noch ſprach, machte oder riß vielmehr Cromwell das Paket ſchon auf, und der Page wollte ſich eben mit aller Förmlichkeit wieder entfernen, als der Protektor ausrief:„So offen⸗ bart ſich der Herr! So offenbart ſich ſein Ge⸗ richt! Seine Wege ſind deutlich und mächtig iſt — 40— ſein Name! Seht her, Oberſt Jones! Seht nur, mein würdiger Freund, Manaſſa Ben Iſrael! Iſt es nicht wunderbar! Gracious Meanwell, ſorge, daß der Ueberbringer dieſes gut behandelt, aber ſicher verwahrt werde. Wir wollen ſelbſt mit ihm reden. In Wahrheit, es iſt wunderbar.“ Zugleich unterſuchte er ſchnell, aber doch ge⸗ nau die verſchiedenen, in dem Pakete enthaltenen Papiere und fand zuerſt einen Trauſchein über eine, zwiſchen Sir Willmott Burrell und Zilla, Tochter Manaſſa Ben Iſraels, durch einen zu dem Benediktinerkloſter des Faubourg St. Antoine in Paris gehörigen Mönch, Namens Samuel Ser⸗ vaie, vollzogene Trauung; ſodann mehre Briefe von Sir Willmott Burrell an die Jüdin, und endlich ein Dokument, welches er vor der Trauung ausgeſtellt und worin er ſich verpfändete, Zilla zu heirathen und ſeinen Einfluß auf Cromwell (den er ſcherzhaft den Vieux garcon nennt) da⸗ hin zu verwenden, daß dieſer ihren Vater ver⸗ anlaſſe, ihren pflichtwidrigen Schritt zu ver⸗ zeihen. „Dies iſt vermuthlich auch verfälſcht,“ ſagte der Protektor, auf die Papiere zeigend,„und dies Alles iſt Eure Handſchrift nicht, und dies iſt Euer Siegel nicht, und es giebt keine Perſon, wie Samuel Servaie, noch ein Haus, wie das — àA1— Benediktinerkloſter, noch eine Vorſtadt St. An⸗ toine? Wie? Habt Ihr die Sprache verloren? Schändlich! Schändlich! Der Fluch der Schande über Euch! Männer, wie Ihr, Verbrechen, wie dieſe, ſind es, welche England in Verruf brin⸗ gen. Ein Trauertag wird es ſeyn, wenn es in der Achtung der Welt als ein moraliſches Land ſinkt. Seht es an, es iſt ein kleiner Fleck auf dem unendlichen Erdkreiſe, aber groß iſt ſein Name unter den Königreichen! Der Britte hat, oder ſollte doch zehnfach den Einfluß jedes andern Mannes haben, weil unſere Macht die Achtung und Ehrfurcht des Menſchengeſchlechts gebietet. Geht! Sir, Ihr ſeyd kein Engländer! Und wie übel ſchlagen Eure ſchlechten Umtriebe aus! Sir, ich ſage nochmals, Ihr habt dieſem alten Manne ſeine Tochter geraubt, und was ſagt Ihr nun 2 „Ich leugnete die Handlung,“ antwortete Sir Willmott, ſich etwas ſammelnd, aber doch ohne rechten Muth,„um das Gefühl dieſes Greiſes zu ſchonen. Aber die Heirath iſt nichtig! Ein pa⸗ piſtiſcher Prieſter, ein proteſtantiſcher Edelmann und eine verworfene Jüdin! Ich weiß, daß Eure Hoheit keine unheilige Ceremonie genehmigen kann. Ueberdies wird trotz alle dem Lady Kon⸗ ſtanze ſich doch mit mir verbinden.“. „Beim Himmell das ſoll ſie nicht,“ rief Crom⸗ well, indem der Krieger den Puritaner vergaß und Leidenſchaft und Ungeduld den Ernſt des Alters verdrängten; fügte jedoch ſchnell hinzu: „Der Herr verzeihe mir! Der Herr befreie mich von meiner Ungebühr! Das iſt die Folge, wenn man mit Sündern zu thun hat!“ „Soll nicht!“ wiederholte Burrell, der auf Konſtanzens kindliche Liebe vertraute und ihre Bereitwilligkeit, ſich für ihren Vater zu opfern, kannte;„ſo laßt die Lady ſelbſt entſcheiden.“ „So ſey es; aber nein, ich kann nicht anders glauben, als daß hier ein verborgener Beweg⸗ grund im Spiele iſt, und darum nein, Sir Willmott Burrell, ich will nicht; ſelbſt wenn ſie wollte, ſo will doch ich nicht. Ha! denkt Ihr mich zu zwingen? Hörteſt Du je von einem, Namens Cony? Oder von Twisdon und Wynd⸗ ham? Wie nun, wenn ich Dich einſperrte, bis die Jüdin gefunden würde, und dann Dich zwän⸗ ge, Dich hier, in England, noch einmal mit ihr trauen zu laſſen? Was ſagt Ihr nun?“ „Soll ich eine Mörderin heirathen?“ fragte der Ritter ruhig. „Das iſt mein Kind nicht,“ ſagte der gebeugte Vater, der die Papiere währenddeß unterſucht hatte. „Was, guter Manaſſa?” fragte Cromwell. — 43— „Das, was er ſie nennt,„antwortete der Jude. „Es bedarf keines Redens weiter. Oberſt Jo⸗ nes, wir wollen ſelbſt unſern würdigen Freund nach der Inſel Shepey begleiten und dieſe höͤchſt unglückliche Sache genauer unterſuchen. Ihr wer⸗ det Sir Willmott Burrell in Obacht nehmen, denn er geht mit uns— willig oder nicht. Heute Abend reiſen wir ab, ſo daß wir an der Fähre vor morgen Nacht ankommen; denn wir müſſen eine Stunde in Whitehall anhalten und im Vor⸗ übereilen dem Oberſten Lilbourne in Eltham ein Wort ſagen.“ „Wie denkt Eure Hoheit zu reiſen?“ „Wie es unſerm Stande geziemt. Würdiger Rabbi, ſeyd nicht ſo niedergeſchlagen, es kann noch Alles gut gehen.“ „Eure Hoheit iſt immer gütig, aber die Ge⸗ rechtigkeit iſt unbeugſam. Mein Kind! Der Name, mit dem er mein Kind belegte, tönt noch in mei⸗ nen Ohren— zerreißt ſie. O Vater Abraham! Ich kannte den Fluch, der auf Iſrael fiel, nicht vor dem heutigen Tage.“ 1 „Ich wiederhole, es kann noch Alles gut ge⸗ hen. Wißt Ihr nicht, was der Prophet ſagt: So ſpricht der Herr, der Dich geſchaffen hat, fürchte Dich nicht, o Jakob; ich helfe Dir, ſpricht er, der Dich gebildet hat, o Iſrael.“ 1 „Darf ich noch einmal zurückkehren,“ fragte Oberſt Jones, als er Burrell nach der Thüre begleitete,„um mit Eurer Hoheit zu ſprechen? Ich habe noch Manches zu ſagen, wiewohl heut der Tag des Herrn iſt.“ „Gewiß, gewiß. Gracious Meanwell, ich möchte den Menſchen ſprechen, der das Paket gebracht hat.“ Es wurde ein junger Burſche hereingeführt, der jedoch nichts zu ſagen wußte, außer, daß er bei der Möwenneſtklippe(der Protektor fuhr auf, als er den Namen hörte) vorübergegangen ſey, dort das Paket in der Luft ſich hin und her habe bewegen ſehen, und daß es ihm, als er daran geriſſen, ſogleich in die Hände gefallen ſey; da man geſehen, daß es an Se. Hoheit gerichtet war, ſo hätte man ihm gerathen, es ſogleich zu über⸗ bringen. Der Menſch ſah halb wie ein Auſternfi⸗ ſcher, halb wie ein Schmuggler aus, was er bei⸗ des auch vermuthlich war. Cromwell fand keinen Grund, ihn feſtzuhalten, und ſchickte ihn mit ei⸗ ner reichlichen Belohnung fort. Wir müſſen, dachte der Protektor, die Ge⸗ heimniſſe dieſer Möwenneſtklippe ergründen, ehe wir die Inſel verlaſſen. — — 45— Drittes Kapitel. — Wenn Cromwell ſich als Lord Protektor zeigte, ſo geſchah dies immer mit der gehörigen Würde. Seine Wachen und ſein Gefolge waren ſtets zahlreich, denn er wußte wohl, daß Schlichtheit und Ein⸗ fachheit zwar von den Verſtändigern gewürdigt, aber von dem gemeinen Volke verachtet werden, welches nur das zu ſchätzen weiß, was außer ſei⸗ nem Bereiche liegt. Cincinnatus würde in Eng⸗ land gewiß nicht den Thron mit dem Pflugſchaar vertauſcht haben, da wenigſtens die Hälfte der Nation in einem ſolchen Schritte nicht Stärke, ſondern Schwäche des Geiſtes geſehen hätte. Der Engländer hat, trotz ſeines vielen Redens von Gleichheit, nicht Enthuſiasmus genug, die See⸗ lengröße zu begreifen, welche Pracht verſchmäht; goldener Prunk, ſtolze Titel gewinnen ſein Herz. Ja, hätte Cromwell einer mächtigen Partei⸗Ge⸗ hör gegeben, und den Namen eines Königs an⸗ — 46— genommen, wer weiß, ob er nicht ſeinen Nach⸗ kommen einen ſichern Thron hinterlaſſen hätte! Gewiß iſt, daß der Proteltor ſelbſt dieſer Meinung war, und mehr als einmal behauptete, das Volk von England wäre wie die alten Iſraeliten, und würde nie zur Ruhe kommen, lals bis es einen König habe, der es beherrſche. Doch laſſen wir Cromwell ſeinen Weg nach Shepey fortſetzen, und wenden uns wieder zu Robin Hays, der, durch die Nachricht von Bar⸗ baras Tod niedergeſchmettert, dem Schmerze faſt erlag. Die Natur hatte dem Armen, wie aus Mitleid wegen ſeiner körperlichen Häßlichkeit, ei⸗ nen reichen Vorrath an Gefühl gegeben, das je⸗ doch in ſteten Kampf mit ſeinem gewöhnlichen Treiben gerieth. In einer höhern Sphäre wären ſeine Empfindungen beſeligend geweſen, in ſeiner jetzigen, waren ſie ein Fluch, den er tief und ſchwer fühlte. Roupall und Andere dieſes Schla⸗ ges hatten ihn, ſtolz auf ihre rohe Kraft, ver⸗ lacht; eitle Thoren hatten aus Furcht vor ſeinen Sarkasmen, ſeine verwundbare Stille erkundſchaft und ihn verhöhnt, und verſpottet. Barbara hatte ſich unbewußt in ſein Herz geſtohlen, obgleich er kaum zu glauben wagte, daß die junge Purita⸗ nerin eine Neigung für ihn habe; doch gab es Augenblicke, wo er ſich dieſem Gedanken hingab, — 47— und in ihm Ruhe für ſein bewegtes Gemüth fand; dann kam die Erinnerung an ihre Freundlichkeit, ihre Güte, ihre Zärtlichkeit über ihn, wie der Schlaf über das Auge des Müden, wie ein fri⸗ ſcher Thau in der brennenden Wüſte. Dann fühlte er ſich erhoben über die Welt und ihre gemeinen Sorgen und noch gemeinern Freuden; die Erde hatte nur Einen Reiz, es war ihr Name, der Name der Geliebten; nur Ein Glück, ihre Liebe; ſie war ſein Alles, und wohin ihn auch ſeine mannichfachen Geſchäfte trieben, nur in ihrer Nähe lebte er, empfand er ſein Leben. Wenn ihn ſeine Bitterkeit zuweilen veranlaßte, ih⸗ rem Lächeln zu mißtrauen, und er unverdient ihr etwas vorwarf, ſo quälte er ſich Stunden lang voll Zorn über ſeine Schwäche und Un⸗ gerechtigkeit, und dachte noch lange über ein unfreundliches Wort nach, welches das gute Mädchen längſt vergeſſen hatte. Grobe Naturen können die reine Liebe nicht faſſen, welche Bar⸗ bara für den verkrüppelten Robin fühlte, eine ſo von allen irdiſchen Leidenſchaften entkleidete, und doch ſo treue, ſo hingebende Liebe. Sie hatte ſeine körperlichen Mängel ſo lange vor Augen gehabt, daß ſie ſie nicht mehr bemerkte, und wunderte ſich oft, wenn dieſe Andern auffielen. Ach, jetzt war die Geliebte dem Unglücklichen nichts mehr als ein Traum der Vergangenheit, ſie war dahingeſchwunden von der Erde wie eine ſüße Melodie, die nicht wiederkehrt. Nachdem er in ein anderes Gemach geſchafft worden war, ließ der Arzt ſogleich ihm zur Ader, aber mehr als alle Mittel der Kunſt that die Zeit. Sein erſter Wunſch war, daß es ihm noch einmal vergönnt ſeyn möge, nach der Inſel She⸗ pey zu gehen und zum letztenmale die ver⸗ blichene Geſtalt der Geliebten betrachten zu dür⸗ fen. Als er von ſeinem Starrkrampf ſich etwas er⸗ holt hatte, dachte er daher ſogleich, wie er ſeiner Gefangenſchaft entrinnen könne. Er war in eines der unteren Zimmer gebracht worden, das man kein Gefängniß nennen konnte, obgleich die Thür von außen verſchloſſen war, denn das Fenſter war nicht über zehn Fuß hoch vom Boden, und nicht vergittert; es ging auf den Garten, und die Schildwachen ſtanden auf dieſer Seite weiter auseinander, als ſonſt im Schloſſe Sitte war. Robin bemerkte, daß der Platz unten mit dichten Stauden bepflanzt war. Er blickte zum Fenſter hinaus, es war ein lieblicher Sommertag, die Luft ſo warm, die Blumen dufteten ſo ſüß, die Inſekten ſchwirrten ſo leiſe, als ob ſie die Ruhe der Sonnenſtrahlen zu ſtören fürchteten, die auf dem grünen Raſen ſchlummerten. Nichts verrieth — 49— die Nähe eines Hofes, die Wache ſelbſt ſchien den Grund für heilig zu halten, ihr Schritt war kaum hörbar auf dem weichen Graſe. Robin dachte nicht daran, ſich auf irgend eine Art zu verſtellen.„Kühn,“ ſagte er,„will ich vorwärts eilen, wenn ich erſt aus dem Garten bin, und werde ich feſtgehalten und vor Crom⸗ well gebracht, ſo ſage ich, warum ich die Frei⸗ heit wünſche; ich will ſie nur noch einmal ſehen, und dann fahre alles hin. Das rothe Kreuz neben meinem Namen in Olivers ſchwarzem Buche mag tiefer, mit meinem Herzblut, geröthet werden.“ Er wartete jetzt, bis der Soldat ihm den Rücken zudrehte, und ſprang ſodaun ſchnell, ob⸗ gleich ſein Arm noch ſteif von dem Aderlaß war, den man vor kaum einer Stunde mit ihm vorge⸗ nommen hatte, aus dem Fenſter. Er hatte kaum Zeit, ſich unter einer Decke von Immergrün zu verbergen, als die Schildwache auf ihrem Wege umkehrte. Langſam kroch Robin von Buſch zu Buſch, von Schatten zu Schatten, bald in dem eines Baumes, bald in dem eines Thurmes fort, bis er ſich neben einer hohen Mauer an der dem Fluſſe zunächſt gelegenen Seite befand, und verlegen darüber nachſann, wie nun weiter zu kommen ſey. Rechts war ein Thor, welches, wie er der Lage nach glaubte, in einen der äußeren III. 4 — 50— Höfe führen mußte, aber obgleich er anfangs ent⸗ ſchloſſen geweſen war, der Gefahr Trotz zu bie⸗ ten, ſo bewogen ihn doch Gewohnheit und Ueberle⸗ gung, einen unbelauſchteren Weg einzuſchlagen. Am Ende der Mauer, wo ſie einbog, um Platz für einen Thorweg zu bilden, erhob ſich alleinſtehend ein gewaltiger Eibenbaum, der wie ein finſterer Rieſe ſeine hundert Arme ausſtreckte. Die Mauer war obenein mit breitem Epheu bewachſen, der ſich dicht hinzog und ſich in jede Spalte einge⸗ drängt hatte. Robin unterſuchte mit ſcharfem Blicke jeden Winkel und jede Ecke, und ſtieg endlich auf den Baum, da er überzeugt war, daß er ohne Schwierigkeit auf der andern Seite herunterkommen werde, weil die Zweige ſich tief über die Mauer herüberneigten. Er hatte noch kaum die Hälfte ſeines Weges zurückgelegt, als eine bekannte Stimme in ſein Ohr drang und ihn für einige Augenblicke ſeinen nach der Ferne ſchweifenden Gedanken entriß. Er hielt an; der Klang kam nicht aus dem Garten, nicht von dem Dache. Nach langem Suchen entdeckte er eine, ungefähr fußbreite Oeffnung, welche urſprünglich ein Fenſter geweſen, aber durch den über das Gitter gewachſenen Epheu zugedeckt worden war. Die Stimme war die eines Man⸗ nes, der die Leiden des Lebens gekoſtet hat, und — 31— gern den Becher der Bitterkeit von ſich ſtoßen möchte. Der Geſang glich mehr einer unwilligen Klage, dem winterlichen Winde, der durch das lange, ſpröde Gras eines alten Kirchhofes rauſcht und von begrabenen Hoffnungen, geſchwundenen Ausſichten ſpricht. Mit zitternder Hand verſuchte Robin den Epheu loszumachen, fand es aber bei den heft i⸗ gen Schmerzen, die ihm dabei der linke Arm machte, beinah unmöglich. Endlich gelang es ihm wenigſtens in etwas, aber er kounte nichts ſehen, außer daß Licht aus einem Zimmer kam, welches, wie er glaubte, von unten ſeine Hellung erhal⸗ ten müßte, obgleich das Fenſter nicht auf den Garten ausging. Die Stimme ſang fort; es war ein Lied aus der Provence, die Klage eines jun⸗ gen Mädchens über den Tod ihres Geliebten. Es war keine Poeſie in dem Liede, dennoch er⸗ griff es den bekümmerten Robin ſo heftig, daß ſeine Bruſt ſich hob, wie die Wogen der empör⸗ ten See, und endlich ein Thränenſtrom aus ſei⸗ nen Augen brach, der ſeine brennende Beklem⸗ mung linderte. „Ich dachte nicht, daß ich noch einmal weinen würde,“ ſagte er,„und ich danke Gott für die Erleichterung, die er mir gewährt; aber warum ſoll ich ihm danken, der mich verflucht hat!“ Und 1 1 wieder verſiel er in ſeine gewöhnliche Bitter⸗ keit, und ach! die Hand, die ſonſt den Sturm beſchwichtigt hatte, war kalt, erſtarrt. Von Neuem ging er daran, den Epheu loszumachen, verſuchte ſogar einmal zu ſprechen, fürchtete aber, ſeine Stimme zu laut zu erheben.„Jedenfalls,“ dachte Robin,„will ich ihm ein Pfand zurücklaſſen.“ Er ſtreckte ſeine Hand aus, und ließ das Papier mit der Locke herabfallen, welche er von der muntern Wirthin zum Olivers Haupte erhalten hatte. Die Locke wurde glücklich aufgenommen, denn der Geſang hörte ſogleich auf, und Wal⸗ ther de Guerre rief laut:„Im Namen Gottes, wer ſchickt mir das?“ Tief bedauerte es Robin, daß er kein Papier, nichts bei ſich habe, womit er Walther irgend eine Nachricht zukommen laſſen konnte. Zu jeder andern Zeit würde ſein ſinnreicher Kopf ihm aber dennoch eine Auskunft an die Hand gegeben ha⸗ ben, aber in dieſem Augenblick war er ſelbſt zu befangen, und er konnte nur lauſchen, bedauern, nicht handeln. Auch ſchien jemand bei Walthers Ausruf in deſſen Zimmer getreten zu ſeyn, denn er ſchwieg plötzlich, und erſt ſpäter hörte ihn Robin wieder, und zwar mit jemand anderm ſprechen, ohne jedoch etwas verſtehen zu können. Robin ſelbſt erhielt keine Antwort mehr, obgleich er noch einige Male als Signal einige Stücke Mörtel durch die Oeffnung warf. Der Tag neigte ſich immer mehr zu Ende; es gingen häufig Leute an der Mauer vorüber, einige langſam, die an⸗ dern ſchneller; endlich eilte ſogar auch der Page, „der früher mit Robin geſcherzt hatte, in Beglei⸗ tung der Schildwache vorüber, und Robin hörte ihn ſagen: „Ich ſage Euch, Seine Hoheit will nichts von Förmlichkeiten wiſſen, ſondern verlangt, Euch auf der Stelle zu ſehen. Keine Katze kann, wenn Ihr nicht geſchlafen habet, aus dem Fenſter, ohne daß Ihr ſie ſehen müßtet.“ „Ich war nicht auf das Fenſter angewieſen, Herr,“ antwortete der Soldat,„und jedenfalls bin ich überzeugt, hat nichts durch können, au⸗ ßer ein Geiſt.“ Sogleich darauf kam eine Wache, um den Po⸗ ſten wieder zu beſetzen, und eine halbe Stunde ſpäter wurde es noch lauter in dem Hofe, Roſſe ſtampften, Wagen rollten, die Trompeten riefen in den Sattel. Robin Hays rührte ſich nicht eher, als bis der Lärm ſich in der Entfernung verlo⸗ ren hatte, und das Schloß ruhiger geworden war, um ſo mehr, da ſeine Aufmerkſamkeit durch die vielen Vorübergehenden noch immer wach ge⸗ halten wurde. Zu jeder andern Zeit hätte ſeine verborgene Stellung ihm Vergnügen gewährt, da ſie ihm Gelegenheit gab, manches zu hören und zu erfahren, aber ſeine Natur war verän⸗ dert, ſchmerzlich verwandelt; in vier kurzen Stun⸗ den war er mehr als in eben ſo vielen Jahren gealtert. Er blieb daher ruhig ſitzen, bis die Schatten immer dunkler wurden, und die Flucht ihm erleichterten, die durch die Enrfernung der Schloßbewohner in ihre Gemächer noch begün⸗ ſtigt wurde. Von dem Baume gelangte er auf die Spitze der Mauer, und ſah hier, daß ſich von den breiten Steinen, auf denen er ſtand, ein Dach herabſenkte und daß das Gebäude durch einen gewölbten Gang mit dem Schloſſe zuſam⸗ menhing. Die Themſe war von dem Grunde des Gebäudes nicht über ſechszig Ellen entfernt, ſo daß, einmal unten, ſeine Rettung gewiß war. Er glitt daher, ohne die Wache außer Augen zu laſſen, welche nicht weit vom Thore ſtand, längs dem Dache herunter, kroch von da, ohne weitern Unfall, bis an das Ufer, ſprang in das Waſſer und kam endlich glücklich auf der Surrey⸗ Seite der ſilberwogigen Themſe an. Da er es jetzt nicht mehr für nöthig hielt, ſich zu verbergen, und ihm um nichts mehr, als ein ſchleuniges Weiterkommen zu thun war, ſo be⸗ mächtigte er ſich eines Pferdes, welches auf einem der anliegenden Hügel weidete, merkte ſich aber den Platz, um den Gaul in der folgenden Nacht durch einen ſeiner Freunde oder Agenten in dieſer Gegend zurückbringen zu laſſen. Auf dieſe Weiſe glückte es ihm, noch ehe der Morgen weit vor⸗ gerückt war, die Fähre zu erreichen, wo er ſich ſogleich in das Boot Jabez Tippet's, des Fähr⸗ mannes, warf. Jabez war im Aeußern das leibhafte Bild ei⸗ nes ächten Puritaners; ſein Kopf war eben ſo geſchoren, ſein Blick niedergeſchlagen, ſein Schritt gemeſſen und ſeine Sprache reichlich mit Seuf⸗ zern und religiöſen Ausrufungen verſetzt. Aber innerlich hielt er ſich an den Grundſatz: man muß Alles für Alle ſeyn, den Schmuggelrn helfen, mit dem Kavalier trinken, mit dem Rundkopfe beten, ein Syſtem, worin ihn ſeine ſtarke, ro⸗ buſte Geſtalt nicht wenig unterſtützte, die ihn in Stand ſetzte, einem heiligen Beweiſe mit fleiſch⸗ lichen Waffen den gehörigen Nachdruck zu geben. Er konnte eines Mannes Kehle abſchneiden und dabei kaltblütig rufen: es iſt des Herrn Wille! Sein Anzug zeichnete ſich durch nichts aus, als durch ein Paar großer Fiſcherſtiefeln von dickem, ungegerbtem Leder, welche bedeutend über die Knien hinaufreichten und durch das häufige Wa⸗ ten im Seewaſſer eine dunkelbraune Farbe an⸗ — 56— genommen hatten. Sein Hut war kegelförmig und fiel nur durch einen kleinen Dolch in die Augen, der in der Schleife ſteckte, weil er ihn nirgends anders vor Benetzung und daraus fol⸗ gender Verroſtung zu ſichern wußte. „Und Ihr reiſt an hellem Tage,“ ſagte er, „während es ſo wild im Lande ausſieht?“ Robin antwortete nicht, und Jabez, der eben an dem dicken Seile des Bootes zog, hielt inne und ſah Robin an. „Ei, was fehlt Dir, Junge? Haben ſie Dich beim Zoll geprellt, oder haben die Rundköpfe Dich geplündert, oder quält Dich das Elend ſo, das über Hugh Dalton gekommen ſeyn ſoll.“ Robin wendete bei dieſen Worten den Kopf ab, denn ſein Schmerz war zu tief, um Zeugen ver⸗ tragen zu können. „Es iſt jetzt eine Wache von Eiſenſeiten in Cecilhaus,“ fuhr der Mann fort, der zu glau⸗ ben anfing, Robin habe wieder einen ſeiner ſtil⸗ len Anfälle,„und Noll ſelbſt iſt auf dem Wege. Ich habe es vor noch nicht einer Stunde von zwei Soldaten gehört, die mit ſeinem eigenen Arzt vorausgeſchickt worden ſind, weil Sir Ro⸗ bert ſo toll wie ein Märzhaſe geworden iſt, und ſie ſagten, Se. Hoheit habe im Sinne, allen freien Handel auf Shepey aufzuheben: aber ich 2 denke, Hugh hatte einen Wink davon und iſt bei Zeiten davon gegangen.“ Robin blickte fragend in des Fährmannes Ge⸗ ſicht, gab aber keine Antwort. „Ein andermal,“ fuhr dieſer fort, als das Boot eben den Strand berührte,„werdet Ihr wohl die Gewogenheit haben, mir das Räthſel zu löſen, wie Dalton ſeine Tochter konnte auf⸗ erziehen laſſen in dem Hauſe...“ Robin Hays wartete den Schluß des Satzes nicht ab, ſondern ſprang mit einem ſolchen An⸗ ſcheine von Geiſtesverrückung an das Land, daß Jabez in ſeiner Meinung, als leide der junge Mann wieder an ſeinem alten Uebel, noch mehr beſtärkt wurde. Der junge Hays ſchlug nicht den geraden Weg über Minſter nach dem Möwenneſte ein, wo er ſich erkundigen wollte, ob Barbaras Leiche in Cecilhaus liege, ſondern eilte über die mit Heer⸗ den bedeckten Dünen und wollte den Hügel, auf welchem das Haus in ſeiner halb alten, halb neuen Bauart ſtand, an ſeinem Fuße umgehen. Er blieb einige Augenblicke ſtehen und blickte auf den durch ſo viele Erinnerungen ihm theuer gewordenen Platz. Die Bäume, welche den Feen⸗ kreis umgaben, ragten hoch unter allen hervor; dort war das Fenſter, durch welches ſich das Licht in Barbaras kleine Kammer brach; dort Konſtanzens Zimmer— aber er konnte nicht länger hinſehen, der Anblick preßte ihm das Herz zuſammen, er bedeckte das Geſicht mit beiden Händen und ſtürzte endlich in eine enge Schlucht, welche von jungen Bäumen überſchattet war, deren dichtverſchlungene Zweige die Bahn faſt undurchdringlich machten. Er verfolgte dieſen ihm wohlbekannten Weg, der geradezu nach der Hin⸗ terpforte führte, und mehr als einmal war er entſchloſſen, zu fragen, wo Barbaras Körper ruhe, aber er hatte ſich dem Hauſe kaum um ein Paar Dutzend Schritte genähert, als ſeine Aufmerkſamkeit durch ein plötzliches Raſſeln im Buſchwerk abgezogen wurde; er blickte hin und ſah zuerſt einen, dann noch einen Raben aufſteigen, und hörte ſie das klagende Geſchrei der Raub⸗ vögel ausſtoßen, wenn ſie von ihrer Beute auf⸗ geſcheucht werden. Die Vögel wollten ſich ohne Zweifel wieder herablaſſen, denn ſtatt ſich auf einen der Bäume zu ſetzen, kreiſten ſie, bald höher, bald tiefer, in der Luft umher und ſtör⸗ ten durch ihr widerwärtiges Geſchrei die melo⸗ diſche Stille. Zur ſelben Zeit erneuerte ſich das Raſſeln wieder und hörte dann plötzlich auf; aber die Raben ſtiegen noch höher auf, als ob der Gegenſtand, den ſie ſuchten, ihren Augen entzogen worden wäre. — 59— Robin ging vorſichtig weiter und bemerkte, indem er ſchärfer durch das Holzwerk ſah, einen Mann, in dem er auf der Stelle Jack Roupall erkannte, der ein großes Paket aufknüpfte, das in ein Tuch gebunden war und offenbar ſchon mehre Tage hier gelegen hatte, da das Gras an dieſer Stelle ganz platt gedrückt war. Roupall's Ohren waren faſt eben ſo ſcharf, als die Robins; er wendete ſich um und ſtieß einen leiſen Ruf aus, als er einen Bekannten ſah. „Ah, unſer kleiner Robin,“ ſagte er, ſeine rauhe Hand ausſtreckend,„es freut mich, daß ich Euch wiederſehe. Ich fürchtete ſchon, Ihr wäret irgendwo beim Kragen gekriegt worden, denn ich weiß, daß Ihr verdammt tief in der Geſchichte ſtecken müßt, von der die ganze Inſel ſpricht.— Haſt Du den Kapitain geſehen?“ „Wo iſt er?“ „Das möchte ich ſelbſt wiſſen; aber niemand hat, ſo viel ich weiß, ihn geſehen, ſeit er die arme Dirne, todt wie ſie war, in ſeine Arme nahm, und ſie durch alle Soldaten durchtrug, die ſich fürchteten, Hand an ihn zu legen. Ich denke, er iſt nach dem Glühwurm, denn er ſagte, er wolle ſie in der See begraben— vielleicht ſitzt er auch in einer der Höhlen des Möwenneſtes— in einer Höhle, die nur wenigen der Auserwählten, nicht uns Gemeinen bekannt ſind.“ — 60— „Guter Gott!“ rief Robin. „Wohl mögt Ihr ſagen, guter Gott,“ bemerkte Roupall, eine ſchlaue Miene annehmend,„denn ich komme zu der Ueberzeugung, daß ein guter Gott ſehr Noth thut in der Welt, um die Schlech⸗ tigkeit der Menſchen zu verhindern. Seht doch! Iſt das nicht der Kopf des hölliſchen Italieners Jeromio? Sieh, ſieh! Wüßte ich jetzt nur auch, wie er in ein Tuch kömmt, das eines von den Holländiſchen iſt, die ich vein Kapitain bekommen habe und aus denen ich, wie er ſchwur, mehr in London gemacht hätte, als wenn ich ſie in Maidſtone anbrächte; und das außen darum iſt eins von Sir Willmott Burrell; hier iſt ſein Wappen in Gold geſtickt. Es iſt auch vom feinſten Battiſt,“ fügte er hinzu, indem er das Zeug von ſeinem widrigen Inhalte losmachte, und ſorgfäl⸗ tig zufaltete,„und Schade wäre es, wenn man es um faules Fleiſch verderben ließe. Ich werde mich ſeiner annehmen. Es iſt ſündhaft, etwas umkommen zu laſſen, was Gott hat werden laſſen. Ach! der Kerl trug ſonſt auch Ohrringe,“ fuhr er fort, und beugte ſich über den halb verweſten Kopf, während die Raben, als ſie ihre Beute offen liegen ſahen, tiefer über die Zweige hin⸗ rauſchten und lauter krächzten, als früher. „Wie kam das? Wer that dies?“ rief Robin, — 61— voll Abſcheu bei einem Anblick, der Roupall ganz gleichgültig ließ. „Ich weiß nicht mehr, als Ihr,“ ſagte der gut⸗ gelaunte Bandit, einen diamantenen Ohrring zwiſchen den Fingern haltend.„Tauſend! das iſt etwas für das Ohr der beſten Lady in Kent!— Doch hörte ich irgendwo ſagen, mein Freund, Sir Willmott, habe eine Meuterei am Bord des Glühwurms anzetteln wollen, und dieſer Burſche, der jetzt hauptlos iſt, ſey das Haupt derſelben geweſen, und da hat er denn als Strafe auf Be⸗ fehl des Kapitains das Haupt eingebüßt. Wie es hierher kommt, weiß ich nicht. Da, Robin, da ſind ein Paar prachtvolle Ringe; vielleicht kauft Ihr ſie, ſie ſind gut und gern zwei Dollars werth. Ha! Ihr hättet ſie gewiß gekauft, wenn ſie noch lebte.“ „Ich! Sie!“ rief Robin, ſeine Zähne zuſam⸗ menbeißend und Roupall mit wüthenden Blicken anſtarrend.— „Zurück!“ ſchrie Roupall, indem er ſeine Ringe einſteckte und ſich in Vertheidigungsſtand ſetzte; „zurück! ich kenne Euch, Robin Hays, mit Eu⸗ ren knöchernen Fingern und Euren Klammer⸗ händen! Ihr müßt mit niemanden zanken, der Euer Zartgefühl nicht verſteht, denn das iſt ein Ding, das jeder ſich ſelbſt ſchafft, ſo daß es — 62— andere nicht ermeſſen können. Ich meinte es nicht bös, aber bleibt mir vom Leibe. Die Eiſenſeiten ſind auf den Beinen und darum gehe ich. Ich mache mich davon zu König Karl; er brancht feſte Hände, hörte ich, und wer weiß, ob nicht die Zeit naht, wo der König wieder zu dem Seini⸗ gen kömmt.“ „Begrabt das erſt,“ ſagte Robin.„Ich würde es ſelbſt thun, aber ich muß fort nach dem Mö⸗ wenneſte.“ „Nein, nein,“ antwortete Roupall, ſich nach der entgegengeſetzten Richtung wendend,„laßt es liegen, wo es liegt, um die Raben und an⸗ dere Aasvögel zu vergiften. Es iſt ein gut Ge⸗ richt für ſie. Sie hatten edlere Sreiſe i in Naſeby und Marſton.“ Viertes Kapitel. Die ſchrecklichen Ereigniſſe des Hochzeitabends hatten bei Konſtanze nur Furcht vor noch ſchlim⸗ mern Folgen erweckt. Was konnte auch in der That jetzt noch Sir Willmott Burrell abhalten, ihren Vater der Schande Preis zu geben, ſein Verbrechen zu offenbaren, da der Beſitz ſeines Geheimniſſes ihm keinen Gewinn mehr verſprach? Blieb ſie vielleicht auch von dem ſchrecklichen Looſe verſchont, mit einem Menſchen verbunden zu le⸗ ben, den ſie nur verachten konnte, ſo war es doch eben ſo gewiß, daß eine ewige Schranke ſich zwiſchen ihr und dem einzigen Manne er⸗ hob, den ſie liebte,— eine Schranke, welche ſelbſt die Macht Cromwell's nicht beugen, oder brechen konnte. Der gute Ruf, welcher ihren Vater in allen ſeinen Handlungen zu leiten ſchien, war immer ihr Stolz geweſen, und ob⸗ gleich ſie zuweilen Widerſprüche zu bemerken — 64— ſchien, ſo fiel es ihr doch nie ein, daß ſein Reich⸗ thum in Unrecht erworben, mit Blut gefärbt ſeyn könnte. Ihre Lage war um ſo trauriger, da ſie ihren Schmerz ſchweigend, ohne Klage tragen mußte. Und ſo ſehr ſie wünſchte, etwas über Walthers Schickſal zu vernehmen, ſo hielt ſie jetzt doch eine Zuſammenkunft mit ihm für das größte Unglück, das ihr begegnen könnte. So ſaß ſie in tiefem Kummer die erſte Nacht nach dem ſchrecklichen Vorfalle und den folgenden Tag am Bette ihres Vaters, und wachte über ihn in ſeiner traurigen Krankheit mit der Sorge ei⸗ nes liebevollen Kindes. Beinahe jedes Wort, das er ſprach, war ein Dolchſtoß in ihr Herz; und ſchaudernd dachte ſie daran, daß es bald nicht mehr möglich ſeyn werde, jeden Fremden von dieſem Lager entfernt zu halten. „Gott! Gott! erbarme Dich meiner!“ mur⸗ melte ſie, die Hände ringend, indem ſie in ſein Geſicht blickte, das gegen Morgen den Karakter einer ſtumpfen Ruhe angenommen hatte.„Gott er⸗ barme Dich meiner und des armen Schlafenden!“ „Wer ſchläft?“ rief er auffahrend.„Er läßt mich nicht ſchlafen! Dort, Konſtanze! Sieh, ſieh, das Schiff lichtet⸗ die Anker— es breitet ſeine weißen Segel im Winde aus— der Wind des Oceans kühlt meine Stirne nicht! Dort! Sie — 65— zerren ihn aus dem Raume herauf! Wie er ſich auf dem Decke noch ſträubt! Schont ihn! Nein, ſchont ihn nicht! Wer bin ich, wenn er zurück⸗ kömmt? Still! ſagt er nichts?— Still! ſtill!“ Er ſtreckte ſeine Hand aus und beugte den Kopf wie mit geſpannter Aufmerkſamkeit vor; er⸗ griff dann ihre Hand, und wiederholte noch ein Mal ſtill! bis ſie zuletzt ihn fragte, was ihn ſo außer ſich ſetze.—„Es iſt Deine Mutter, Kind; hörteſt Du nicht, wie ſie ſagte, ich hätte Dich gemordet? Sprich, Konſtanze, Du biſt nicht todt. Ich habe Dich nicht gemordet; nicht, Konſtanze? Ich feuerte kein Piſtol ab, und Du wurdeſt nicht getroffen?—“ Der Schlaf, den ſie ſo abſichtslos unterbrochen hatte, dauerte nur kurze Zeit, und der Tag war ſchon weit vorgerückt, ehe ſie Zeit gewann, einen Augenblick über die Wendung nachzudenken, welche die plötzliche Vorladung Sir Willmott Burrell's nach Hamptonhof wahrſcheinlich ihrem künftigen Geſchicke geben werde. Aber von welcher Seite ſie es auch betrachten mochte, ihr Loos blieb immer dunkel, unheilvoll, drohend. Dazu kam noch der Kummer um Barbara, deren Bild, wie ſie blu⸗ tend in ihrem Arm lag, nicht vor ihren Augen verſchwinden wollte. Sie hätte viel darumgege⸗ ben, ſie noch einmal wieder zu ſehen, denn ihr III. 8 5 — 66— Geiſt konnte ſich nicht mit dem Gedanken befrem⸗ den, daß das gute Mädchen ein Grab in der ſtür⸗ miſchen See, und das von den Händen ihres Va⸗ ters finden ſollte, dieſes rauhen, gottloſen Man⸗ nes, deſſen Einfluß auf ihren eigenen Vater ſie jetzt nur zu gut ſich erklären konnte. Lady Franziska hätte gern ihren Schmerz zu mildern geſucht, hätte ſie nur gewußt, wie es anzufangen, aber man kann nicht tröſten, wenn man die Quelle der Sorge nicht kennt. Sie ging in das Krankenzimmer, konnte aber ihre Freundin nicht bewegen, etwas Ruhe oder Speiſe zu neh⸗ men, und rief endlich, um nur recht bald den Arzt zu ſehen, deſſen Ankunft ſich nicht mehr lange verzögern konnte, eine ihrer Frauen, mit der ſie den Hügel hinan nach Minſter wandelte, wo man von den ſchönen Kloſter⸗Ruinen eine weite Ausſicht über die Inſel und das benachbarte Land hatte. Es war ein heiterer, unbewölkter Tag; die ſumpfige Küſte von Eſſex hatte ihren Rebel abgeſchüttelt, und die grünen Matten brei⸗ teten ſich weit hin, bis ſie ſich am dunkeln Hori⸗ zonte verloren. Der ſüdliche Theil der Inſel, ſo flach und reizlos er iſt, bot dennoch ein heiteres Bild, denn jeder kleine Bach ſpiegelte den ſon⸗ nigen Himmel wieder, umſchwirrt von geſchäf⸗ tigen Bienen und muntern Vögeln, — 67— „Steig den Thurm hinauf, Mathilde,“ ſprach Lady Franziska,„man ſieht dort weiter, als hier unten, und ſag mir, wenn jemand auf der Fähre kommt; Deine Augen ſind, wenn auch nicht heller, doch ſchärfer, als die meinigen.“ „Wollt Ihr Euch nicht ſetzen, Mylady,“ ant⸗ wortete die Kammerfrau,„ich will mein Ueber⸗ kleid auf dieſen alten Stein legen, wo Ihr Euch ungeſtört ausruhen könnt. Ich kann von dieſem Hügel eben ſo gut ſehen, als von dem Thurme, Mylady, der ſo ſchwer zu erſteigen iſt.“ „Wenn Ihr nicht hinauf wollt, ſo gehe ich ſelbſt. Ihr ſeyd ſehr verwöhnt, Mädchen.“ Mathilde gehorchte ſogleich, murrte jedoch ſtill für ſich hinein, was zum Glück für ſie ihre Lady nicht hörte, denn ſie duldete Widerſpruch ſo wenig, als ob ſie eine geborene Prinzeſſin geweſen wäre. „Seht Ihr nichts?“ fragte ſie endlich, zu Ma⸗ thilde aufblickend, die über die Mauer herüber⸗ lehnte und in ihrer ſchwarzen Haube nicht übel einer großen Krähe glich. „Einen Schäfer auf einem Hügel dort, der ſeinem Hund im Thale unten winkt; das Thier treibt die Heerde ſo verſtändig hinauf, als ob es ein Menſch wäre.“ Lady Franziska betrachtete einen Leichenſtein — 68— und ſuchte die Inſchrift zu leſen. Sie verkündete in einfacher, aber rührender Sprache den Tod ei⸗ nes jungen Mädchens, das in Franziskas Alter den Tag vor ſeiner feſtgeſetzten Verheirathung geſtor⸗ ben war. Neben dem beſcheidenen Denkmale war ein weißer Roſenſtock gepflanzt worden, deſſen Wachsthum jedoch durch das wuchernde Ried⸗ gras verhindert wurde, ſo daß er blos eine Roſe trug, und ſelbſt dieſe war mit einem wi⸗ derlichen Spinngewebe überzogen. Lady Franziska ſuchte den Platz umher frei zu machen. „Solch ein Grab wie dieſes,“ ſagte ſie laut, nachdem ſie tief geſeufzt hatte,„hätte ich für Barbara gewünſcht.“ „Sie bedarf deſſen nicht,“ bemerkte eine Stim⸗ me aus einem alten Gewölbe dicht neben ihr. Lady Franziska ſchrack zuſammen. „Sagt Eurer Freundin, Miſtriß Cecil,“ fuhr dieſelbe Stimme fort, obgleich Lady Franziska, ſo beſorgt ſie ſich auch umſah, nicht entdecken konnte, wo ſich der Sprecher befand,„ſagt Mi⸗ ſtriß Cecil, daß die alte Mutter Hays von der Möwenneſtklippe am Sterben liegt, und ihr et⸗ was zu eutdecken hat, was ſie nahe angeht, und daß ſie kommen ſolle, je eher, deſto becger, denn die Seele des Weibes wartet nur, bis das Ge⸗ heimniß offenbart iſt, um alsdann zu ſcheiden.“ — 69— „Mich dünkt, erwiederte Franziska,„daß ihr eigenes Kind— ich weiß, daß ſie eins hat— geeigneter wäre, ihr Geheimniß zu vernehmen, als eine Lady von adeligem Blut. Aber warnum tretet Ihr nicht heraus? Ich haſſe alle Gaukelei.“ „Ihr eigenes Kind, Robin, iſt fort, der Him⸗ mel weiß, wohin, und die, welche keinen adeli⸗ gen Rang haben, ſind eben ſo gut auf Geheim⸗ niſſe aus, als andere Leute. Euer Vater hat den Kavalieren und ihren Geheimniſſen nachgejagt, obgleich in ſeinem Blute, denke ich, mehr Bier, als Rheinwein fließt.“ Lady Franziska ſtampfte mit ihren kleinen Fü⸗ ßen voll Wuth über dieſe Beleidigung auf die Erde und rief zornig:„Mathilde! Mathilde!“ erhob dann ihre Stimme, ſo daß ſie, wie ſie glaubte, in Cecilhaus gehört werden konnte, deſſen Garten an die Ruinen von Minſter ſtieß, und ſchrie dann in der lauten Art eines kom⸗ mandirenden Offiziers:„Holla! Die Wache heraus! Die Ruinen umringt!“ „Die Wache heraus!“ ſpottete die Stimme ihr nach, die ſich offenbar entfernte,„der kleine Rundkopf iſt ärgerlich. Die Wache heraus! Ha! Ha!“ Das Lachen ſchien unter ihren Füßen hin⸗ zuſchwinden. Mathilde war vergnügt heruntergekommen und eilte zu ihrer Gebieterin, deren Zorn bei der Benennung Rundkopf keineswegs abgenommen hatte, und völlig ausbrach, als ihr Kammer⸗ mädchen lächelnd ſagte: „Gott verzeihe mir, Mylady, ich dachte, was Ihr Euch in den Kopf geſetzt hättet, als ich die zwei Raben aus der Schlucht, die Fuchsſchlucht, wie ſie heißt, auffliegen ſah.“ „In den Kopf ſetzen!“ wiederholte Lady Fran⸗ ziska zornſprühend,„vergeßt doch nicht, mit wem Ihr ſprecht. Hört Ihr! hier ſprach eine Stimme. Warum kömmt die faule Wache nicht? Wir haben zu lange Ruhe gehabt, und brauchen, dünkt mich, eines Sporns, unſere Soldaten munter in ihrer Pflicht zu erhalten.“ „Eine Stimme, Mylady!“ wiederholte Ma⸗ thilde, ſich in der Erinnerung an die in der Halle erzählten Legenden feſt an Lady Franziska anſchmiegend.„Und ſie ſprach, Mylady?“ „Närrin! Wäre es eine Stimme geweſen, wenn ſie nicht geſprochen hätte?“ antwortete Lady Franziska, die, als ihr Verdruß ſich ge⸗ legt hatte, einſah, daß ſie ſich lächerlich machen würde, wenn ſie die Worte, welche ihr zugeru⸗ fen wurden, wiederholen würde. „Soll ich hinuntergehen und die Wache und die Diener rufen, daß ſie nach der Stimme ſe⸗ — 71— hen?“ fuhr Mathilde mit der Hartnäckigkeit ei⸗ nes beſchränkten Geiſtes fort. „Steigt wieder auf den Thurm und ſeht Euch um, aber nein, folgt mir nach Haus, und erinnert Euch,“ fügte ſie mit dem ſtrengen Ausdrucke eines Menſchen hinzu, der ſich bewußt iſt, daß er ei⸗ ner Laune das Uebergewicht über ſeine Vernunft eingeräumt hat,„daß wir in einem Hauſe der Trauer ſind, und uns nichts geſtatten dürfen, was einem Scherze gleich ſieht. Sagt nichts zu Euren Bekannten von meiner Unruhe, ich meine von dem, was ich gehört habe. Es iſt nicht werth, daß man davon ſpricht.“ „Mylady!“ „Still, ſage ich,“ entgegnete Lady Franziska, ihr Gewand mit der Würde einer Königin um ſich ſchlagend. Die Kammerfrau gehorchte, konnte ſich doch nicht erwehren, vor ſich hinzumurmeln: „Wenn ſie in ihren Sturm geräth, will ſie nie einen zu Worte kommen laſſen. Du mein Him⸗ mel! wer iſt ſie denn? Nun, es iſt ihr eigener Schaden, denn ich hätte ihr ſagen können, daß ich bei Eaſtchurch zwei Soldaten und noch einen geſehen habe, die den unrechten Weg ſtatt des rechten genommen, und nachdem ſie ein wenig ſtillgeſtanden, ſich wieder zurück nach der Rich⸗ tung von Cecilhaus begeben hatten,“ — 72— Mathilde liebte ihre Gebieterin und würde ſich nie gegen ſie aufgelehnt haben, wenn ſie nicht ſo eben mit Härte von ihr getadelt wor⸗ den wäre. Aber der böſe Geiſt war eben in bei⸗ den lebendig, in der Lady als übermüthiger Tyrann, in der Untergebenen als unverſchämter Sklave. Ueberhaupt ſind Frauen tyranniſcher, als Männer, und zwar eben ihrer Schwäche wegen; weil ihnen Stärke fehlt, ſtreben ſie em⸗ ſig nach Macht und mißbrauchen ſie; Männer dagegen ſind ſklapiſcher, als Frauen, weil ſie ſtets das Gefühl ihrer Kraft behalten und ſie der Glaube, daß ſie dieſe zur rechten Zeit anwen⸗ den können, beruhigt. Es iſt oft bemerkt wor⸗ den, daß bei Volkstumulten Frauen ſich am wil⸗ deſten benehmen, am ſchwerſten gezügelt werden können. Lady Franziska war ſchon wieder ganz gleich⸗ müthig, als ſie in das Zimmer ſchlich, wo Kon⸗ ſtanze bei ihrem noch immer ſchlafenden Vater wachte, und ihr die Nachricht von dem bevorſte⸗ henden Tode der Mutter Hays mit der ſonder⸗ baren Aufforderung dazu mittheilte. Sie flüſterte ſo leiſe, daß Sir Robert nicht geweckt wurde. Sie verließ das Zimmer wieder, als ihres Vaters Arzt gemeldet wurde, der ihr im Vor⸗ übergehen noch berichtete, daß Se, Hoheit ſich 2 „ — 3— aufgemacht habe, die Inſel zu beſuchen, ſich per⸗ ſönlich nach der Geſundheit Sir Robert Cecil's zu erkundigen, die hier vorgefallene Mordge⸗ ſchichte zu unterſuchen, die Feſtung Queenbo⸗ rough zu beſichtigen und ſich zu überzeugen, ob man nicht mit Nutzen auch in Sheerneß feſte Werke anlegen könne. Fuͤnftes Kapitel. Wir haben ſchon zu lange den armen Prediger ſeinen Leiden überlaſſen. Als er ſein Paket, wel⸗ ches, wie wir geſehen haben, dem Protektor glücklich zu Händen gekommen und gehörig ge⸗ würdigt worden war, den Felſen des Möwen⸗ neſtes preisgegeben hatte, ſetzte er ſich ruhig, die Bibel in der Hand nieder, um abzuwarten, was ſein Schickſal ſeyn werde, oder, wie er ſagte, was die Allmacht für ihn bereitet habe, ſey es Gutes, oder Böſes. Der Tag ging langſam und traurig vorüber, doch hatte er noch vor Abend die Genugthuung, zu bemerken, daß ſein Paket verſchwunden war. Noch einmal ſtieg er zu der kleinen Oeffnung hinauf, ſah die glühenden Son⸗ nenſtrahlen auf den Wellen ſchimmern, ſah dann die mildern, dunkelern Farben der Abendröthe an ihre Stelle treten— ihnen folgte das ein⸗ förmige Zwielicht— die Seevögel kreiſchten dem — 75— Waſſer ihr letztes Gutenacht zu— ein Stern nach dem andern trat funkelnd am dunkeln Him⸗ mel hervor; der Prediger ſtaunte den wunder⸗ baren Lauf dieſer leuchtenden Sonnen an, ob⸗ gleich die Betrachtung aller dieſer Wunder doch nicht den Wunſch in ihm unterdrücken konnte, daß ihm einige der Stärkungen zu Theil wer⸗ den möchten, deren es im Ueberfluß zu Cecil⸗ haus, namentlich unter der Obhut Salomon Grundy's, gab. Umſonſt nahm er zu den zer⸗ quetſchten Orangen ſeine Zuflucht; ſie ſchützten ſeine Lippen höchſtens vom Vertrocknen und ſeine Zunge, daß ſie nicht feſtklebte am Gau⸗ men; aber als der Sabbatmorgen anbrach, war er in der That ein Hungers ſterbender Mann. Er ging in ſeiner Zelle auf und ab, ſchrie zum Fenſter heraus und erſchöpfte alle ſeine Kräfte mit vergeblichen Verſuchen, die Thüre zu zer⸗ ſprengen, welche der verrätheriſche Burrell nur zu feſt verſchloſſen hatte, bis er endlich, als auch dieſer Tag wieder ſeinem Ende nahe war, ſich in verzweiflungsvoller Todesangſt auf den Boden warf. „Solch eines Todes zu ſterben! Ohne Zeuge, ohne Urſache zu ſterben! Hätte der Herr ge⸗ wollt, daß ich als Märtyrer leiden ſollte für ſein heiliges Wort, ſo würde Jonas Mundflink nicht zurückgebebt ſeyn, ſondern frohen Muthes ſeinen Körper hingegeben haben, als Beweis ſeines treuen Glaubens und als ein Beiſpiel zur Ermuthigung für Andere; aber umzukom⸗ men als Spielwerk Sir Willmott Burrell's, umzukommen in dieſer ſchauderhaften Höhle, das Leben hinſchwinden zu fühlen ohne Hoff⸗ nung, ſelbſt von den Raben Speiſe zu erhal⸗ ten— o Gott! o Gott! laß dieſen Becher an mir vorübergehen, oder flöße meiner Seele grö⸗ ßere Geduld und Entſagung ein!“ Der unglückliche Mann fuhr fort zu beten und zu klagen, bis ſeine Kräfte faſt erſchöpft waren, und ſo ſaß er noch lange, der Oeff⸗ nung gegenüber und die Augen zum Himmel aufgeſchlagen. Wenn der Böſewicht meinen Tod wollte, dachte er, warum hat er mich nicht mit einemmale getödtet? Darauf fing er wieder an zu beten, aber als er eben erſchöpft niederſinken wollte, öffnete ſich die Thüre und hereintrat in ſeine Zelle in dem Helldunkel, welches um ihn herrſchte, eine kräftige Geſtalt. „Der Herr hat mich erhört! Der Herr hat mich vernommen! Der Herr hat mich befreit 1¹ rief der Prediger mit bewundernswerther Behendig⸗ keit aufſpringend. Kaum auf ſeinen Füßen, eilte er auf ſeinen Retter zu, ſchaute ihm in's Geſicht, — — — 7— und fuhr fort:„Es iſt nicht das Bild der Ver⸗ ſchlagenheit, Hinterliſt und Blutgier, obgleich eines, der erfahren zu ſeyn ſcheint in den Ge⸗ wohnheiten des Kriegsvolkes. Freund, der innere Menſch in mir leidet gewaltig durch lange Ent⸗ behrungen, indem ich nichts zu mir genommen habe, als ein Stück bitterer Orange, das ſchon in Fäulniß übergegangen war, der ich ſelbſt ver⸗ fallen wäre, ohne Deine glückliche Ankunft. Siehe, ich bin gezwungen worden, hier ſechs und dreißig Stunden als Gefangener zu verweilen, von dem Aufgange der Sonne an, bis zu ihrem zweiten Untergange. Biſt Du ein Freund Sir Willmott Burrell's?“ „Verdammniß über ihn!“ antwortete der Fremde mit ſo ernſtem Nachdrucke, daß an ſeiner Aufrichtigkeit nicht zu zweifeln war. Zugleich ſteckte er ein Piſtol wieder ein, welches er beim Anblick eines Fremden in einem der geheimſten Gemächer der Klippe aus ſeinem Gürtel gezogen hatte. „Freund!“ rief der arme Prediger, trotz ſeines Hungers höchlich verletzt durch des Mannes aus⸗ geſprochene Gottloſigkeit,„ich kann nicht verkeh⸗ ren mit Dir, wenn Du zu der Genoſſenſchaft der Uebelredenden gehöreſt; es ſteht nicht in Deiner Macht, die ewige Vernichtung über jemanden zu erkennen, obgleich ohne Zweifel jener böſe Menſch dem Höllenfeuer entgegengehet.— Ich mag zwar den Schein nicht haben, als ob ich zu ſehr für die Kreatur beſorgt wäre, aber der Schöp⸗ fer hat die Dinge der Erde zur Erhaltung des Menſchen gegeben.— Haſt Du keine Speiſe?“ „Folgt mir,“ war die kurze Antwort; und Mundflink folgte ſo ſchnell, als es ſeine erſchöpf⸗ ten Kräfte zuließen, nach dem großen Gewölbe, in welchem wir früher den Bucanier ſchon ge⸗ troffen haben. Hugh Dalton— denn er war es, der ſo uner⸗ wartet, aber ſo glücklich, den Prediger ſeiner ſchrecklichen Einſamkeit entriſſen hatte— zeigte auf einen rohen Tiſch, auf welchem die Reſte eines reichlichen Mahles ſtanden; Mundflink fiel auf der Stelle über dieſelben her, während der Kapitain die Stufen, welche er den unvermuthe⸗ ten Gaſt herabgeführt hatte, wieder hinan ſtieg und verſchwand. Als der würdige Mann ſeinen Hunger geſtillt hatte, blickte er von einer Flaſche auf die andere, welche über einander auf dem Boden aufgeſchichtet lagen. „Sie ſind ſicher gefährlich; aber ich ſehe kein Waſſer, und ich bin in Wahrheit ſehr durſtig.“ Er nahm eine, welche offen war, und trank ſo 38 haſtig, daß er, an ein ſolches Getränk nicht ge⸗ wöhnt, in kurzer Zeit den Kopf ſinken ließ, und — 79— als Dalton zurückkehrte, mit dem Kopf auf dem Tiſch, in tiefem Schlafe lag. Dalton ſah ihn ei⸗ nige Augenblicke an, und ſtieß einen neuen Fluch aus. „Ich kann noch nicht erfahren,“ ſagte er,„wie er hieher gekommen iſt; der Menſch wird bis Morgen ſchlafen; eine ſchöne Zucht herrſcht in meiner Klippe!“ Er wendete ſich darauf zu dem Theile der Mauer, der, wie bereits bemerkt, mit mannigfaltigen Felten behangen war, und deckte, indem er ſie zurückſchlug, eine enge Kammer auf, welche, wie das große Zimmer, durch eine kleine eiſerne Lampe, die durch einen Hornſchirm verdeckt war, erhellt wurde. Gerade dem Eingange ge⸗ genüber ſaß, nach Orientaliſcher Sitte, mit un⸗ tergeſchlagenen Beinen ein Weib auf einigen Kiſ⸗ ſen. Sie legte die Finger an die Lippen, um ihm Stillſchweigen zu gebieten, worauf der Bu⸗ canier ihr winkte, zu ihm zu kommenz; ſie erhob ſich nicht ohne Mühe; ein reicher Schawl fiel von ihren Schultern herab und enthüllte ihre Geſtalt, welche eine verheirathete Frau verrieth. Dalton zeigte auf Jonas; ſie ſah hin, ſchlug die Hände zuſammen und wollte auf ihn zuſprin⸗ gen, aber der Kapitain verhinderte ſie daran und ſprach einige Worte in einer fremden Sprache, worauf er die Taſchen des Schlafenden durch⸗ ₰ — 80— ſuchte und ſogar auf ſeiner Bruſt nachfühlte, ohne jedoch, wie es ſchien, zu ſinden, was er wünſchte. Es zeigte ſich nichts, als eine kleine Bibel, ein Taſchentuch, eine Brille, einige Orangeſchalen, eine oder zwei religiöſe Flugſchriften, eine Zei⸗ tung und ein Stück Pergament. Die fremde Frau ſchüttelte den Kopf, als Dalton dies Alles auf den Tiſch legte. Sie ſprachen noch einige Worte, worauf beide in das kleine Zimmer gin⸗ gen und die Thierfelle wiede den Eingang be⸗ deckten. Es war am andern Tage und Mittag ſchon vorüber, als der Prediger endlich ſich wieder von der Wirkung der genoſſenen Getränke er⸗ holte. Nun fragte ihn auch Dalton, und erfuhr den Verrath und die Grauſamkeit Burrells, der den armen Prediger dem Hungertode Preis gege⸗ ben hatte, daß er unfehlbar umgekommen ſeyn würde, hätte nicht Dalton einiges Bettzeug, deſſen die Mannſchaft des Glühwurms ſonſt eben nicht bedurfte, aus der Vorrathskammer holen müſſen. Nachdem Mundflink angegeben hatte, was er mit den ihm übertragenen Papieren ge⸗ macht habe, wollte er ſich gern wieder entfer⸗ nen, aber Dalton hielt ihn zurück, und ſagte ihm unumwunden, er könne jetzt niemanden her⸗ auslaſſen, der ſo viel von den Geheimniſſen ſei⸗ — 81— nes Verſteckes geſehen habe. Ohne weitere Um⸗ ſtände wurde er daher in einer kleinen Zelle, die einer Speiſekammer ähnlich ſah, dicht neben dem Möwenneſte eingeſperrt. Nicht lange darauf erſchien Robin Hays auf der Klippe, und eilte, ohne ſich bei ſeiner müt⸗ terlichen Wohnung aufzuhalten, nach dem Flecke, wo bei einer frühern Gelegenheit Burrell von Hugh Dalton das Zeichen zum Eintritt erhal⸗ ten hatte. Er wußte nichts von ſeiner Mutter Krankheit; wohl aber dachte er an Jack Rou⸗ pall's Andeutung, und er blickte angeſtrengt auf das Meer, um zu ſehen, ob der Glühwurm noch auf der Höhe kreuze. Obgleich das ſtatt⸗ liche Schiff ſelten zweimal in einer Woche die⸗ ſelbe Flagge aufzog, ſo wußte Robin doch, daß er nicht im Stande ſey, es je zu verkennen, und er ſah ſogleich, ſo viel Schiffe auch im Ange⸗ ſicht waren, daß der Glühwurm ſich nicht dar⸗ unter befand. Das Gefühl, daß er Barbara nicht mehr wiederſehen ſolle, kam bitterlich über den unglücklichen jungen Mann, obgleich er noch immer nicht glauben konnte, daß der Bucanier ſich ſo ſchnell von der Leiche ſeines ſo heiß ge⸗ liebten Kindes trennen würde. 1 Er gab ſein eigenthümliches Zeichen gegen den Felſen, welches ſchnell durch den Kapitain ſelbſt III. 6 5— 82— beantwortet wurde, der mit allen Zeichen wah⸗ rer Frende die Hand gegen ſeinen Freund aus⸗ ſtreckte. Robin ſtarrte zurück, als er den Buca⸗ nier ſo heiter ſah, und wollte ſprechen, woran der andere ihn verhinderte, indem er ihm die Hand auf den Mund legte. Robin ſchwindelte, ſeine Knien brachen zuſammen, er heftete ſeinen lick auf Dalton und wußte nicht, ob noch ein Funke von Hoffnung da ſey, oder übermäßiger Schmerz ſeinen Verſtand zerrüttet hätte. „Still! Still!“ flüſterte der Bucanier mit der leiſen Stimme eines kleinen Mädchens, und Ro⸗ bin glaubte, daß ſein Auge dabei wild umher⸗ rollte. „Wo, wo iſt ſie?“ fragte Robin, ſich an ei⸗ nen vorſpringenden Stein lehnend, voll Furcht und doch voll Sehnſucht, die Leiche Barbaras zu ſehen. Der Bucanier zeigte auf die Felle und Robin ſuchte, ſich hinzubegeben, aber umſonſt; es war, als ob er feſtgewurzelt wäre. Dalton beobachtete befremdet ſeine Aufregung, aber Ro⸗ bin bemerkte es nicht; er verſuchte wiederholt, ſeinen Standpunkt zu verlaſſen; endlich ſchien ſich die Erſtarrung zu löſen, er athmete ſchwer auf und ſchwankte, wie ein Betrunkener, nach dem Eingange. An der Schwelle drohte er um⸗ zuſinken, der Bucanier ergriff ihn aber mit ſtar⸗ — 83— ker Hand und führte ihn nach einem Haufen Kiſſen, die mit Seidenzeug und Pelzwerk bedeckt waren und auf denen die Tochter des Bucaniers lag. Das Haar war nicht wie gewöhnlich unter der Haube verborgen, ſondern fiel auf Hals und Bruſt herab und hob dadurch noch mehr die Marmorbläſſe des Geſichts. Neben dieſem ſchnell eingerichteten und doch reichen Lager ſaß ein Weib, welches mit einem Fächer, oder vielmehr mit einem Büſchel prächtiger Straußfedern, Luft zuwehte. Am Rande der Kiſſen lag der kleine Crisp, den Kopf zwiſchen den Pfoten und die Augen auf ſeinen Herrn gerichtet, dem er jedoch diesmal nicht bellend entgegenſprang, ſondern nur durch ſtilles Wedeln mit dem Schwanze ſeine Freude zu erkennen gab. 3 Robin rang krampfhaft die Hände, ſchüttelte das Haar, welches ihm über die Stirne fiel, heftig zurück, als ob es ihn am deutlichen Se⸗ hen hinderte— ſein Athem wurde immer ſchwe⸗ rer— dicke Schweißtropfen rannen über ſein Geſicht— ſeine Lippen öffneten ſich, aber ſpra⸗ chen nicht— endlich ſprang er, obgleich Dalton ihn zurück zu halten ſtrebte, mit einem Satze, wie ein Hirſch zu dem Lager hin, fiel auf die Knie und rief:„Sie lebt! ſie lebt!“ 2 Barbara erwachte; ſie ſchlug die Augen auf, — 34— ihr Blick ſiel auf Robin Hays, ein mattes Lä⸗ cheln trat auf ihre bleichen Lippen, ihre Hand be⸗ wegte ſich zu ihrem Freunde hin. Aber es ſchien, als ob die Anſtrengung zu groß geweſen wäre, denn die Augen ſchloſſen ſich wieder; ſie ſah einer Todten ähnlich, aber als Robin ihre Hand mit einer Zartheit des Gefühls küßte, welche einem Manne höhern Ranges Ehre gemacht hätte, trat eine leichte Röthe auf ihre Wangen, gleich der, welche das Innere der weißen Roſe färbt. Der Bucauier hatte ſchweigend dieſem Auftritt zugeſehen, der ihm einen neuen Aufſchluß gege⸗ ben hatte, der nicht ohne ſein Bitteres war. Als Robin mit mehr Takt, als man ihm hätte zu⸗ trauen ſollen, ſich nach dem äußern Gemach zu⸗ rückgezogen hatte, ſah er Dalton in der Stellung tiefen und ſchmerzlichen Nachdenkens an dem Ein⸗ gang lehnen. Als Robin ſich näherte, er, deſſen Herz von Freude und Dankbarkeit überſtrömte, deſſen Kopf vor dem neuen, unerwarteten Glück ſchwindelte, daß er nicht wußte, ob die Luft, die er athmete, die Erde, auf die er trat, dieſelbe ſey, wie die vor einer Stunde, vor einer Mi⸗ nute, als er ſich ſo jubelnd über das aus dem Grabe neu entſtandene Leben dem Bucanier nä⸗ herte, maaß dieſer ſeine verkrüppelte Geſtalt mit einem Blicke ſo tiefer Verachtung, daß Robin es ihm nie würde vergeben haben, hätte er es in dem Sturme ſeiner aufgeregten Empfindun⸗ gen bemerkt. Er ergriff des Kapitains Hand mit einer ſolchen Wärme, daß dieſer ſich wieder zu ihm hingezogen fühlte; Dalton erwiederte den Druck, obgleich er ſich gleich darauf mit einem tiefen Seufzer abwendete. Es iſt ein gewöhnlicher Irrthum, daß Frauen Schönheit ſo hoch ſchätzen, als Männer. Dalton konnte ſelbſt in ſpätern Jahren das Gefühl ſei⸗ ner Tochter für Robin Hays nicht begreifen. Wenn er Nächte durch auf dem Verdecke ſeines Glühwurms auf⸗ und abging, die Sterne beo⸗ bachtete, das Steuer lenkte oder in die Wolken blickte, welche an der ſilbernen Scheibe des Mon⸗ des vorüberzogen, dachte er oft an die Zeit, wo er ſeinen Pardon erhalten und ſein Schiff einem in Schönheit und Tapferkeit prangenden Manne, der Barbara als Weib an ſein Herz drücken würde, übergeben, wie er dann ruhig ſein Haupt niederlegen, in Frieden ſterben und eine Reihe Enkel hinterlaſſen werde, die den Namen Dalton mit Ehren auf dem Ocean fortführten. Er hatte während ſeines ganzen abentheuer⸗ lichen Lebens nie einen Jüngling gefunden, der ſich in höherem Grade ſeine Zuneigung er⸗ worben hatte, als Springall. Er wußte, daß er — 36— tapfer und brav war, daß ſein offener Karakter das Herz jeden Mädchens gewinnen müßte, und hatte ihm deshalb zu einer Zeit, wo Sir Ro⸗ bert ihm nichts abſchlagen konnte, Cecilhaus zum Aufenthalte angewieſen, um dadurch ſeinen Lieb⸗ lingsplan zu befördern. Barbara, dachte er, wird ihn ſehen und ohne Zweifel lieben. Wie könnte es auch anders ſeyn? Die Verhältniſſe können ſich ändern und dann— Seine Familie iſt von alter Herkunft und we⸗ gen ihrer Loyalität bekannt, weshalb der Burſche auch das puritaniſche Schiff„die Vorſehung“ verließ, ſobald er konnte. Sie muß ihn lieben, und ſelbſt wenn er nach zehn oder zwanzig Jah⸗ ren wieder ein Gentleman werden ſollte, wird er ſie doch nicht verachten. Freilich könnte er das auch nicht, denn ſie gleicht ihrer Mutter zu ſehr, als daß irgend ein ſterblicher Menſch ſie gering⸗ ſchätzen könnte. 4 Und ſo träumte er und dachte, wie hundert andere Väter, daß es gar nicht anders gehen könnte. Wenn Springall mit ihm zu ſprechen hatte, ſah er ihn nie über das Verdeck gehen, ohne im Stillen dabei zu denken: was für ein herrlicher Kapitain muß das werden! Er hat ganz die Haltung eines Befehlshabers; den feſten und doch ungezwungenen Gang, die helle Stimme, —&— das kühne Adlerauge. Dann blickte er auf ſein Schiff und ſprach mit ihm wie ein Vater mit ſeinem Lieblingskinde: deine Flagge wird ſich nicht mehr ändern, wenn er dich befehligt; du kannſt das Kap ohne Furcht vor einem Kreuzer umſegeln, brauchſt keinem Schiffe auszuweichen, den Landwind nicht mehr zu ſcheuen, der dich gegen Brittanien treibt! Die Flotte wird dich als Freund, nicht als Feind begrüßen! Und er wird jeden Sparren deines Gebälkes lieben um der Tochter des alten Dalton's willen! Das Gefühl des Bucaniers für Robin Hays war ganz anderer Art; er achtete ſeine außer⸗ ordentliche Rechtlichkeit, hielt ſeine Geſchicklich⸗ keit, ſeinen Verſtand ſehr hoch und ergötzte ſich ausnehmend an ſeinen Geſängen; aber nie war es ihm in den Sinn gekommen, in ihm den Gat⸗ ten ſeiner Tochter zu ſehen. Die Entdeckung, die er jetzt gemacht hatte, war unerwartet und doch nicht zu bezweifeln: die gewaltige Bewe⸗ gung des einen, die offenbare Freude der an⸗ dern, die Röthe, die ihr in das Geſicht trat, das Lächeln auf ihren blaſſen Lippen waren zu deutliche Beweiſe, daß alle ſeine Pläne wie die Blätter im Herbſtſturme abſterben würden. Es war ein bitterer Augenblick für den. Bu⸗ canier; die Freude, daß ſeine Tochter dem Tode -— 88— entriſſen ſey, ging halb in dem Kummer über die Gewißheit unter, daß ſie ihre Liebe an ein Weſen verſchleudert habe, das Dalton in ſeiner Wuth einen verwachſenen Affen nannte. Schwe⸗ ren Herzens wendete er ſich ab von Robin Hays, ſchritt einige Male im Zimmer auf und ab und forderte ihn dann auf, ihm die Treppe hinauf in die Hinterſtube des Gaſthauſes zum Möwen⸗ neſte zu folgen.. — 89— Sechstes Kapitel. Das Zimmer, welches der Bucanier für ſeine Unterredung gewählt hatte, lag in einiger Ent⸗ fernung, obgleich in derſelben Richtung, wie das, welches Mundflink ſo ſehr wider ſeinen Willen hatte bewohnen müſſen. Es hatte zwei Eingänge, einen geheimen, der zu der Treppe führte, der andere nach dem Gang, welcher von allen zum Glühwurm gehörigen Leuten benutzt wurde. „Nun,“ ſagte Robin,„nun— nun, erzählt mir, Kapitain, wie dieſe wunderbaren Begeben⸗ heiten ſich zugetragen haben: es iſt ein dunkles Geheimniß, und es war ein ſchrecklicher Traum.“ Dalton ſeufzte wieder ſchwer auf, ehe er ſeine Erzählung begann:„Mein Abentheuer iſt kurz. Ich hatte dem Protektor Dokumente zugeſchickt, die, wie ich wußte, ihn veranlaſſen mußten, die Heirath der Lady Konſtanze zu ver⸗ — 90— hindern. Mein Herz hatte Mitleid mit ihr, und ich ſah, daß ohne meine Hülfe das Schickſal ei⸗ nen andern Lauf nehmen würde. In einem Ge⸗ wölbe der Kapelle verborgen, wartete ich auf die Ankunft derer, welche der Ceremonie Einhalt thun ſollten. Ich wußte, daß ſie kommen würden, denn ich kounte mich auf die Schnelligkeit mei⸗ nes Boten verlaſſen, und zweifelte nicht dar⸗ an, daß Oliver auf der Stelle handlen werde. Ich habe lange meine eigenen Rachepläne gegen den ſchurkiſchen Burrell gehabt, aber ſie ſind zu langſam für einen ſo vollkommenen Böſewicht. Robin! Er wollte mich an Bord meines ei⸗ genen Schiffes ermorden laſſen! Ich lauſchte auf das Heranſprengen des Soldaten, triumphirte innerlich über ſeine Wuth, frohlockte über ſeinen Fall, jubelte in dem Gedanken über ſeine Demü⸗ thigung. Aber ſie zögerten— ich vernahm nicht den Lärm ihrer Pferde— und ſchon war die Braut in der Kapelle, und der Bräutigam— Fluch ihm!— und die Anderen. Wieder lauſchte ich— die Ceremonie begann— ich zog die Luft ein, wie ein Schlachtroß, ich hörte ſie kommen, aber der Prediger ſprach ſchon die gewichtigen Worte, und ich fürchteté, ſie würden zu ſpät kommen. Alle Rückſicht auf meine eigene Sicherheit ging unter in meinem Rachedurſt, und, ich leugne es nicht, — 91— in meinem Wunſch, das Lamm aus den Klauen des Tigers zu retten. Ich ſtürzte nach der Kapelle — es fiel ein Schuß, an der Thüre begegnete ich Burrell und er— er, der Teufel kreiſchte mir in das Ohr, daß mein Kind ermordet ſey.“ Dalton und Robin Hays ſchauderten beide, und es vergingen einige Minuten, ehe der Kapi⸗ tain ſeine Erzählung wieder aufnehmen konnte. „Ich weiß nicht, was ich that, ich erinnere mich nichts mehr, außer daß der Platz mit Be⸗ waffneten angefüllt war, und daß der nieder⸗ trächtige Burrell den fanatiſchen Jones auffor⸗ derte, mich feſtnehmen zu laſſen; ja er wollte ein Piſtol auf mich abſchießen, ich glaube ſogar, er hat gefeuert, aber ich weiß es nicht ſicher, mein Gedächtniß iſt zu verwirrt. Darauf ſprang Barbara, der das Blut noch immer aus der Wunde ſtrömte, darauf ſprang ſie, das zarte Mädchen, auf, ſank an meine Bruſt, und lag dort, wie ich glaubte, eine Leiche. Als ich auf ihre kalten Wangen, auf ihre bleichen Lippen blickte, hätte ich lieber tauſendmal dem Tode ge⸗ trotzt, ehe ich ſie ihnen zur Beſtattung in ihrer ſchmutzigen, kothigen Erde zurückgelaſſen hätte; und ich ſprach zu ihnen aus dem Herzen, und Lady Konſtanze, glaube ich, auch, und ſie ließen mich durch, mich und mein todtes Kind. „Ich trug ſie„um die Kapelle herum und ließ mich mit ihr in das Gewölbe herunter, wo ich mich verborgen hatte, und von wo der Gang nach Minſter hinauf und dann den Hügel hin⸗ untergeht, legte meine Tochter auf den Boden und ſchloß dann den Eingang, wie wir immer gethan haben. Und dann ſetzte ich mich zu ihr und nahm ihren Kopf und ihre Schulter auf meine Knien und machte dann ihr Halstuch los, um nach der Wunde zu ſehen, welche ſie der Jüdin Zilla zu danken hat— aber werde ich je das Gefühl vergeſſen, werde ich je es beſchrei⸗ ben können, was ich damals empfand?— ihre Bruſt war noch warm und ihr Herz ſchlug noch!“ Der ſtarre Bucanier bedeckte ſich das Geſich mit beiden Händen, und Robin ſagte mit einer Stimme, welche die ſtarke Bewegung faſt un⸗ verſtändlich machte:„Aus dem, was ich noch eben gefühlt habe, kann ich mir denken, was Ihr gefühlt haben müßt.“ Hugh Dalton ließ langſam ſeine Hände ſinken, ſah den Andern ſtreng an und antwortete:„Jun⸗ ger Mann, daß Ihr meine Tochter liebt, habe ich nur zu deutlich geſehen; und ich finde es Un⸗ recht, daß Ihr es mir nicht früher geſagt habt.“ Robin wollte ihn unterbrechen, der Bucanier — 93— bedeutete ihm aber zu ſchweigen.„Wir werden,“ fügte er hinzu,„davon ſpäter reden; jetzt ſage ich nur das Eine, Ihr mögt ſie lieben, aber die Liebe eines Vaters könnt Ihr nicht begreifen. Sie iſt ſo tief, als geheimnißvoll, ſie entſteht mit dem erſten Blick, den er auf den Säugling wirft, das Kind, das die ganze Welt als ein mißgeſtaltetes, verächtliches Weſen anſieht, iſt ihm ein Weſen der vollkommenſten Schönheit, es iſt die Hoffnung, die Stütze ſeiner Zukunft. Von dieſem ſchwachen, ohnmächtigen Geſchöpfe hängt jeder Pulsſchlag ſeines Herzens ab, die Welt hat nichts, was ihm höher ſchiene, als die Wohlfahrt ſeines Kindes. Es iſt ein wunderbares Geheim⸗ niß,“ fügte er hinzu, ehrfurchtsvoll ſein Haupt entblößend, als ob er in ein Haus Gottes trete, „wunderbar iſt die heilige Liebe, welche über uns kömmt für das machtloſe, winzige, gefühlloſe Weſen, das uns mit ſo viel Hoffnung, Kraft und Energie erfüllt. Ich habe einmal einen Wallfiſch geſehen, der, als ſein Junges von einer Harpune getroffen war, ſich gerade zwiſchen das Thier und das Schiff drängte, und ſich den Speer wie⸗ der und immer wieder in den blutenden Körper ſtoßen ließ, und als er ſchon im Todeskampf lag, und die See rings umher roth war wie Purpur, ſo ſuchte er doch noch ſein Junges zu retten, und — 94— wenigſtens ſterbend es noch mit ſeinem Körper zu decken. Es war zur ſelben Zeit, als ich mein eigenes Mädchen nach England brachte, und es noch ſo klein an meiner Bruſt ſchlief; aber nie vergeſſe ich es, wie das Thier bis zu ſeinem letzten Augenblick ſich als Schild für ſein Junges hingab. Ich betete damals. Ich konnte immer beten, wenn ich meine Barbara in den Armen hielt. Ich hielt es damals für meine Pflicht, für ſie zu be⸗ ten, und war überzeugt, ſie werde einſt für mich beten. Hätte ich immer ihr liebes Geſicht mir gegenüber gehabt, ich würde rein von manchem Verbrechen ſeyn. Es iſt ein wunderbares, tiefes Geheimniß, ſage ich nochmals, und niemand, außer mir ſelbſt, junger Mann, kann ſagen, was ich gefühlt habe, als ich ſah, daß ſie noch lebte! „Als ich mich etwas geſammelt hatte, unter⸗ ſuchte ich die Wunde. Oft habe ich Blut geſe⸗ hen, ich war vertraut mit dem Anblick von Wun⸗ den, aber ich zitterte vom Kopf bis zu den Füſ⸗ ſen, als ob ich nie eine geſehen hätte. Die Kugel war unter der Schulter wieder herausgedrungen, und da das Bewußtſeyn zurückkehrte, verſuchte ich dem Blut Einhalt zu thun, das noch immer ſo reichlich floß, daß ich meine kanm erwachten Hoffnungen wieder ſchwinden ſah. „Während ich ſo beſchäftigt war, hörte ich plötze lich dicht neben mir jemand tief aufſeufzen, ſo daß ich zurückfuhr, und erſtarrt daſtand, als ich die Anſtifterin alles Unheils, die Jüdin Zilla, todtenbleich zu meiner Seite ſtehen ſah. Ich fluchte ihr und war im Begriff, ſie zur Stelle, aber höchſt ungerecht, zu züchtigen. Das unglückliche Geſchöpf warf ſich zu meinen Füßen und erzählte mir, mit lautem Schluchzen, daß Burrell's Ver⸗ rath ſie außer ſich geſetzt, daß Mundflink, auf deſſen Wort ſie vertraut hatte, ſie verlaſſen, daß ſie ſich eingebildet habe, Lady Konſtanze ſey auch gegen ſie verſchworen, da ſie nicht auf die Briefe Rückſicht genommen, welche ſie ihr durch Jero⸗ mio zugeſchickt hatte, daß ſie ſich endlich in wahn⸗ ſinniger Verzweiflung Burrell's Braut zu er⸗ morden entſchloſſen, aber meine arme Barbara für Lady Konſtanze gehalten habe. Ihre Reue, ihr Schmerz, war tief. Sie hatte den Weg zu dem geheimen Eingang in das Gewölbe gefunden. Der Verräther, Jeromio, hatte es ihr entdeckt. Sie kehrte mit Anbruch der Nacht mit uns zurück, und hat ſeitdem mein armes Kind mit der Sorg⸗ falt einer liebenden Schweſter gepflegt. Ich wun⸗ dere mich, wie ſie Sir Willmott's Rache entkom⸗ men konnte. Es hatten ſich ihm ſo viele Schwie⸗ rigkeiten entgegengeſtellt, daß er ſtets verhindert. wurde, wie ſehr er ihr auch nachſtellte. Der Schurke Jeromio.“ — 96— „Ich hörte davon,“ antwortete ihm Robin, „Roupall hat mir Alles geſagt; ich bin ihm vor Kurzem in der Fuchsſchlucht begegnet, und habe dort auch des Verräthers Kopf geſehen, eine Beute der ſchmauſenden Raben.“ „Ha!“ rief Dalton,„iſt das die Art, wie Sir Willmott mit ſeinen Hochzeitsgeſchenken umgeht. Die Fuchsſchlucht iſt unter ſeinem Fenſter; ſo ließ er den Kopf dort herausſpazieren, ſich ſelbſt ſein Grab im Garten zu ſuchen.“ „Und das iſt Barbaras Vater?“ dachte Ro⸗ bin,„der Mann, der kein Wallfiſchjunges tödten möchte? Welcher Wechſel in den Gefühlen! Je äl⸗ ter er wird, deſto unbegreiflicher wird er.“ Robin berichtete darauf von ſeiner Reiſe, ſeit er das Möwenneſt verlaſſen, und gewann nicht wenig in der Achtung des Bucaniers durch ſein anzes Benehmen, beſonders aber durch die Fe⸗ ſtigkeit, welche er in der Unterredung mit Crom⸗ well an den Tag gelegt hatte. „Ich glaube Euch, Robin, ich glaube Euch, ich bin überzeugt, daß Ihr mich nicht verrathen könnt. Aber ich fürchte, wir müſſen dieſen Platz verlaſſen, dieſen, und alle andere der Art. Ich wußte, daß, ſobald die innern Bewegungen auf⸗ hörten, der alte Noll uns ausrotten würde. Er wird Burrell als Spürhund brauchen, wenn er keinen andern Angeber finden kann, denn er war nie groß genug, um ſchmutzige Mittel zu ver⸗ ſchmähen, wenn ſie ſonſt zu ſeinen Zwecken dien⸗ ten. Er wäre ſchon lange hier geweſen, wenn es ihm nicht weh thäte, mit ſolchen Truppen, wie die ſeinigen, Maulwürfe und Waſſerratten auf⸗ zujagen. Doch hält er es für einen Schimpf, daß er nicht alles, ſelbſt die Schlupfwinkel der Küſte kennt. Es iſt noch ein gutes Verſteck in den Klippen von Cornwalles, aber ich habe es aufgege⸗ ben, erhalte ich nun Pardon, oder nicht. Sir Robert Cecil iſt verrückt geworden, und ich habe dort noch ein Spiel zu ſpielen. Was Ihr mir von Walther ſagt, iſt ſehr ſonderbar; doch weiß ich, daß er ſicher iſt, und mein Benehmen, in Bezug auf ihn, wird ſich nach den Ereigniſſen richten, die in wenigen Stunden ohne Zweifel eintreten müſſen. Cromwell hat— wenn er auch Rundkopf und Rebell iſt, und ſich nicht wunder⸗ bar geändert hat— Großmuth genug, den Jüng⸗ ling zu retten, und wäre er tauſend Mal gefähr⸗ licher, als er ſeyn kann. Was auch mein Schick⸗ ſal ſeyn mag, das ſeinige wird glücklich ſeyn. Mag man mich auch an einem Galgen verfaulen laſſen, wenn nur er und meine ſüße Barbara ſicher ſind.“— „Dies Schickſal,“ bemerkte Robin,„fürchte ich III. 7 — 98— nicht für Euch. Selbſt wenn Gefahr Euch in Eng⸗ land drohte, giebt es doch noch andere Länder.“ „Aber mein Kind— mein Kind! Soll ich ſie unter Fremden zurücklaſſen, oder ſie mit einer Welt bekannt machen, die ſie ihres Schatzes— ihrer Unſchuld berauben wird?“ „Gold vermag viel; es leben viele an Olivers Hof, welche die Farbe des Metalles lieben, und Gefallen finden an ſeinem Gepräge.“ „Nein, ich habe andere, ſtärkere Mittel, mir Gnade zu erwerben. Aber ich brauche mehr als Gnade, Ich denke oft, daß, wenn ich, geächtet wie ich bin, nach Whitehall ginge, Cromwell mir nicht ein Haar meines Kopfes krümmen würde. Ich würde ſagen, Gott lenke es zum Beſten, nur fürchte ich, daß Er meiner nicht gedenkt, außer nur meiner Tochter Willen. Und da ich von ihr ſpreche, ſo muß ich nochmals wiederholen, Ro⸗ bin.. Der Bucanier wurde durch das Eintreten Springalls unterbrochen, der ſich über die Anwe⸗ ſenheit Robins zu freuen ſchien und in einem Athem ihn zugleich fragte, ob er ſchon bei ſeiner Mut⸗ ter geweſen ſey. Robin ſagte, nein. Springall berichtete ihm darauf von ihrer Krankheit, daß ſie ſich dem Tode nahe glaube, und ſich ſo danach geſehnt habe, Miſtriß Cecil zu ſehen, der ſie etwas Wichtiges mitzutheilen hätte, daß er nac Cecilhaus gegangen ſey, und den Antrag auf eine eigene Art habe beſtellen laſſen. Robin brauchte keine Aufforderung, zu ſeiner Mutter zu eilen, die er zärtlich liebte, und als er das Zimmer ver⸗ laſſen hatte, konnte der Bucanier nicht umhin, zu bemerken, daß nach einer längern Trennung Eltern ſich immer zuerſt danach ſehnen, ihre Kin⸗ der, nicht aber Kinder ihre Eltern wiederzuſehen. Und doch, dachte Dalton, liebt der Burſche ſeine Mutter. „Kapitain,“ ſagte der immer heitere und freund⸗ liche Seemann, der die ihm von Dalton erwie⸗ ſene Zärtlichkeit vollkommen verdiente,„mein theurer Kapitain, ich habe Neuigkeiten für Euch Ihr habt gehört, ich ſegelte nach dem alten Hafen aber eben als ich hineinlaufen wollte, entdeckte einen von den Stahlmützen, der am großen Tho ſich umſah und durch die eiſernen Stangen lugte wie ein Löwe, der könnte, wenn er nur wollte; und obgleich ich eine Botſchaft für Miſtriß Cecil hatte, ſo hielt ich es doch nicht nöthig, ihm zu trauen, ſondern ſteuerte leewärts nach der Höhle und unter das Gewölbe, das Oeffnungen genug hat. Aber ich wurde niemanden gewahr, bis ich dicht bei der Kirche von Minſter war, wo ich. durch ein Loch ein Segel durchſchimmern ſah ⸗ — 100— nd wem gehörte es zu? Niemand anderem, als der jungen Cromwell! Nun konnte ich es nicht laſſen, falſche Flaggen aufzuſtecken und den Geiſt zu ſpielen und als ſolcher der Mutter Hays Bot⸗ ſchaft bei Miſtriß Konſtanze zu beſtellen. Darauf blies ſie ſich auf, wie ein Nordweſt und ſchrie— was glaubt ihr?— beim Himmel, ſie ſchrie: Die Wache her! Alles umzingelt! Und dabei ſtampfte ſie mit den Füßen. Und meiner Treue, ſie hat Knöchel, ſo rund und ſo ſchmächtig, wie die nied⸗ lichſte Pfeife, die je an eines Bootsmanns Halſe hing. Nach einer Weile ſagte ſie etwas vom Gau⸗ kelſpiel, und ich nannte ſie einen kleinen Rund⸗ kopf. Da wurde ſie erſt wüthend, und zum Un⸗ glück kam zur ſelben Zeit Miſtriß Mathilde vom Churme herunter, wo ſie vermuthlich Beobach⸗ ugen angeſtellt hatte, und bekam ihren Theil derb ab, wie ich ihn ihr wohl gönne!— Das rreche, unverſchämte Ding! Vor einem Monate noch nannte ſie mich einen garſtigen Kerl. Ich möchte wiſſen,“ fuhr Springall fort, ſeine wei⸗ ten Hoſen hinaufziehend,„was ſie unter einem garſtigen Kerl verſteht.“ „Frauen,“ ſagte Dalton, deſſen Gedanken noch immer bei ſeiner Tochter weilten,„haben oft ſonderbare Launen. Aber laßt mich jetzt Eure Neuigkeit hören, denn ich kann nicht ſehen, was das Alles mich angeht.“ — 101— „Laßt Ihr mich mein Logbuch nicht auf meine Weiſe vorleſen, ſo geht es gar nicht, und Ihr wißt, ich mache es nie lang, außer wenn ich nicht anders kann.“ Dalton lächelte, denn von allen Jünglingen, die er gekannt hatte, hörte Niemand ſo gern ſich ſelbſt reden, als Springall. „Als ich meine Beſtellung ausgerichtet und die Ueberzeugung hatte, daß ein ſpitzbübiſcher Rund⸗ kopf und eine Prinzeſſin obenein— ſie nennen ſie wenigſtens ſo— meinen Auftrag beſorgen würde, ſo wendete ich mein Schiff, tändelte lang⸗ ſam hin, ſah mir die Hecken und Blumen an und indem ich mich ſo wundere, wie ſich einer immer ſo auf dem Lande einſperren kann, wo es ewig nur das Einerlei, Hügel und Thäler und wie⸗ der Thäler und Hügel, gibt, da ſehe ich auf ein⸗ mal zwei Stahlkappen und einen ſchwarz geklei⸗ deten Herrn auf der Straße nach Cecilhaus zu⸗ ſteuern. Ich bemerkte, daß es Fremde waren, und dachte, die Höflichkeit erfordere es, mit ih⸗ nen zu gehen. Aber ſehen wollte ich mich doch nicht laſſen, darum warf ich Anker hinter der Hecke, bis ſie herankamen, kroch dann neben ih⸗ nen hin, wie eine Schildkröte, und eben ſo lang⸗ ſam, denn der Weg war ſo ſchlecht, daß ſie ihre Pferde führen mußten, mit Ausnahme des — 102— Schwarzgekleideten, der des Protektors eigener Arzt war und Sir Robert Ceeil heilen ſoll. Was denkt Ihr davon, Kapitain?“ Dalton ſah nicht ab, was darauf zu antwor⸗ ten ſey; und da er ſchwieg, ſo fuhr Springall fort: „Aus ihrem Geſpräche brachte ich ſo viel zu⸗ ſammen, daß Cromwell ſelbſt auf dem Wege ſey, in eigener Perſon die Mordthat zu unter⸗ ſuchen, und wie ſie vermutheten, die Schmug⸗ gler auszurotten. Die Spitzbuben ſprachen ſchon von der Beute, da ſie gehört hatten, was fuͤr Reichthümer hier verborgen wären. Und ſo oft die Pferde ſtolperten, hatten die pſalmſingenden Schelme einen bibliſchen Spruch auf den Lip⸗ pen. Ich will kein Segel mehr einreffen, wenn ſie nicht auf dem kurzen Wege mehr beteten, als Ihr und ich und die ganze Mannſchaft des Glüh⸗ wurms zuſammen in den letzten zwölf Monaten, ja in doppelt ſo viel Zeit, gebetet haben!— Wie geht es Miſtriß Barbara?“ „Was ſeyd Ihr für ein Schwindelkopf, Spring⸗ all,“ ſagte Dalton;„in demſelben Augenblicke ſprecht Ihr von Gefahr und fragt nach meinem friedliebenden Kinde.“ „Das iſt mehr, als ſie für mich thun würde,“ ſagte der junge Menſch brummend, fügte jedoch — 103— mit dem Ernſte eines geſetztern Alters hinzu: „aber doch darf ſie hier nicht bleiben, nicht eine Nacht zubringen, denn wer weiß, auf was die Schurken ausgehen? Ich möchte faſt den ſtutzoh⸗ rigen Kerlen beiſtimmen, daß Seine Hoheit— der Teufel hole ſolch eine Hoheit, ſage ich— daß er nicht nach der Inſel gekommen wäre, wenn er nicht zwei, zehn Fliegen mit einem Schlage tödten zu können glaubte; er iſt zu alt, um ſich blos eines Mordes oder einer Hochzeit wegen, was ihn beides nicht kümmert, im Lande umherzutreiben.“ „Außer wenn es ihn ſelbſt betrifft und Miſtriß Konſtanze hält er wie ſein eigenes Kind. Es iſt ein Unterſchied in der Farbe unſeres eigenen Blutes und deſſen anderer Leute. Aber wir dür⸗ fen nicht müßig ſeyn, Springall. Der Glüh⸗ wurm iſt, wie Ihr wißt, wie ein Holländiſcher Lugger aufgetakelt— Maſten, Segel, alles iſt gleich. Auch habe ich in Sheerneß und Queen⸗ borough das Gerücht verbreiten laſſen, er habe die Peſt am Bord. Tom von Coventer und ein anderer von den Burſchen haben von nichts an⸗ derem in den Kneipen geſprochen, und vor einer Stunde habe ich auch dem Jabez Tibbet drei Gallonen vom beſten Franzbranntwein geſchickt, damit auch er es allen erzähle, die auf der Fähre — 104— überſetzen. Die Fracht iſt beinahe ganz ausgela⸗ den und es ſind nur noch vier Mann an Bord; die ſelbander als Wachen auf dem Decke auf⸗ und abgehen, um die Täuſchung zu erhalten, aber der Teufel ſitzt darin, wenn der Protektor ſich rührt. Ich hätte das Schiff längſt fortge⸗ ſchafft, hätte ich es nicht wegen der verdammten unglücklichen Verhältniſſe bald hier, bald dort⸗ hin ſchicken müſſen, und dann, Springall, bin ich auch der Mann nicht mehr, der ich war.“ „Seht, Kapitain,“ ſagte der Jüngling ener⸗ giſch,„ich wollte lieber ſelbſt eine Fackel in die Pulverkammer der fröhlichen Brigantine werfen, als ſie in einen Rundkopf verwandelt ſehen. Hab ich nicht mit meinen eigenen Augen ſo ei⸗ nen Schlingel ein Meſſer nehmen, an dem Bilde vorne auf dem„Königlichen Karl“ das Haar rundherum abkratzen, die Naſe abſtumpfen und dann darunter kritzeln ſehen: die gebenedeite Verwandlung; dieſes neugeborene Schiff wird lünftig bekannt ſeyn als„der fromme Oliver.“ War das nicht Läſterung? Auf, Kapitain, auf! Laßt uns einen Kriegsrath zuſammenberufen. Da iſt der kleine Robin, er liebt die Sparren des Glühwurms, wie ſein Leben; da iſt der Bootsmann und noch ein guter Theil ehrlicher Burſchen. Laßt uns den Ballaſt einnehmen— ich meine die Weiber— und dann fort nach Amerika. Mögen ſie das Möwenneſt in die Luft ſprengen, wenn ſie wollen; wenn unſer Schiff gerettet iſt, was kümmert uns das andere? Es bringt kein Glück, wenn man das Land berührt, außer um eine reiche Ladung anzubringen, oder friſches Waſſer einzunehmen.“ Dalton ſchüttelte mit dem Kopfe; der Ge⸗ danke an die beiden hülfloſen Frauen, für welche er ſorgen, deren einer er Leben, der andern Gerechtigkeit ſchaffen ſollte, machte ihm das Herz ſchwer, während ſein Wunſch nach einem Frei⸗ brief mit ſeiner Liebe für das Schiff kämpfte. Er ging einige Minuten in dem Zimmer auf und ab, und eilte dann in Geſellſchaft des jun⸗ gen, kühnen Seemannes fort, um Robin Hays aufzuſuchen, nachdem er zuvor noch den Ent⸗ ſchluß gefaßt hatte, den Prediger in das Mö⸗ wenneſt zu ſchicken, damit er am Lager der ſterbenden Wirthin wache. Siebentes Kapitel. er. Als Robin den Bucanier verließ, eilte er nicht ſogleich zu ſeiner Mutter, ſondern trat erſt noch einmal in das Zimmer, in welchem Barbara lag; er ſtand einen Augenblick ſtill und lauſchte, um ſich zu überzeugen, ob ſie ſchliefe. Er hörte nichts, und zog endlich den Vorhang von dem Eingange und blickte hinein. So leiſe die Bewegung auch war, wurde ſie doch ſogleich von der armen Ver⸗ wundeten bemerkt, die ihrem Geliebten mit dem Finger zu ſich winkte. „Ich werde wieder wohl werden,“ flüſterte ſte,„bald, recht bald, Robin, und ich weiß, es wird Euch freuen, dies zu hören.“ Robin antwortete nicht, ſondern ſtand in ſtau⸗ nender Bewunderung vor der Schönheit ſeiner Geliebten. Er hatte Barbara früher nur in ihrem unvortheilhaften Anzug und in der beſcheidenen Tracht einer Dienerin geſehen; jetzt aber, da ſie auf dem ſonderbaren und doch gefälligen Lager von Sammt und Putzwerk lag, die Haare nicht mehr durch eine enge Haube gefeſſelt, ſchien ſie ihm alles zu verwirklichen, was ſeine Phantaſte nur je Reizendes geträumt hatte. „Ich werde ja bald wieder geſund ſeyn,“ wie⸗ derholte ſie,„blickt mich nicht ſo traurig an, Ro⸗ bin. Gewiß, es wird Alles bald gut.“ „Gott ſey Dank, Barbara,“ antwortete er, „gelobt ſey Gott, daß dem ſo iſt.“ „Robin! Dankt Ihr wirklich Gott dafür? Iſt es Euer Herz, oder nur Eure Lippen, die ſo ſprechen?“ „So wahr Gott mich hört, Barbara, die Worte kommen aus dem Herzen.“ „Dann,“ ſagte das Mädchen,„danke ich Gott mehr dafür, als für die Erhaltung meines Le⸗ bens. Ich bete täglich zu Gott für die, denen ich viel ſchuldig bin, aber für Euch und meinen Vater ſage ich ein doppeltes Gebet.“ „Denkt Ihr,“ fragte Robin,„daß wir es doppelt nöthig haben?“ „Gewiß, ſeit ich hier liege und nicht im Stande bin, viel mit dieſer liebevollen Fremden zu ſpre⸗ chen, die das, was ſie gethan, durch ihre jetzige Freundlichkeit gegen mich mehr als gut gemacht hat, habe ich Zeit zum Nachdenken gehabt, und — 108— — und— da habe ich viel für Euch gebetet, Robin Hays.“ „Vielleicht,“ ſagte er, die Bruſt von ſchmerz⸗ lichen Gefuühlen bewegt,„vielleicht, Barbara, ſind Eure Gebete das einzige, was Ihr mir zu geben denkt?“ „Robin,“ antwortete die Kranke, indem eine leichte Röthe auf ihre bleichen Wangen trat, „Ihr ſeyd oft ungerecht, aber ich verzeihe Euch, denn Ihr ſeyd viel in der Welt, die, wie ich glaube, die Leute lieblos macht. Und doch meinte ich nicht, daß Ihr lieblos ſeyd, Robin. Wendet Euch nicht ab. Ich würde das Leben, das mir eben erſt wiedergeſchenkt worden, dafür hingeben, daß Euer Glaube wie der meinige wäre, daß mein Gott der Eurige wäre.“ Der junge Mann fiel auf ſeine Knien vor Barbara, faltete krampfhaft ſeine Hände und ant⸗ wortete mit leiſer, aber ernſtbewegter Stimme: „Barbara, lehrt mich Euren Glauben, ich will ihn lernen, will alles von Eurem Munde lernen. Ich will meine Verkehrtheiten von mir werfen; ich will meine Natur ändern, will fromm wer⸗ den, wie ein Kind. Und Euer Gott iſt auch der meine, ich bin kein Heide, und wir alle beten zu Einem Gott, und verehren ihn.“ „Wohl gibt es nur Einen,“ ſagte das Mäd⸗ — 109— chen gedankenvoll,„aber wilde, ſtürmiſche Na⸗ turen, wie die Eurige, neigen ſich immer zur Abgötterei, und bilden ſich eigene Götzen. Betet Ihr nicht den Mammon an, wenn Ihr Leib und Seele wagt, übel erworbenes Gold zu ſam⸗ meln?“. „Beſſerung iſt das Werk der Zeit, und es wird Zeit dazu ſeyn, Barbara, wenn Ihr wie⸗ der geſund ſeyd. Ich will den ganzen Sabbat ſtill ſitzen, Winter und Sommer, von Sonnen⸗ aufgang bis zu Sonnenuntergang, und will dem Worte Gottes lauſchen; ich will niemand ſpre⸗ chen, auf niemand blicken, als auf Euch, und Ihr ſollt es mir vorleſen, von Anfang bis zu Ende, und es erklaͤren, und beten, und ſelbſt an Wochentagen will ich es jeden Abend hören. Vom Montag bis Samſtag, Woche für Woche, bis ich verſtehe, was Ihr erklärt. Wird mich das nicht beſſern, Barbara?“ Ein Lächeln ſchwebte über ihre Züge, die jedoch bald darnach den Ausdruck großer Beſorg⸗ niß annahmen. „Gott weiß, Robin, daß ich viel Sorge habe. Mein Vater, ſehe ich, fühle ich, liebt ſein Schiff mehr, als irgend ein irdiſches Weſen; und ob ich gleich weiß, daß es ihn aufbringen würde, wünſche ich doch von Herzen, daß ſein Schiff — 110— verſchwinden möge von den Gewäſſern, wie ein Schatten von den grünen Hügeln. Er wird nie ein ruhiglebender Mann werden, nie ſein Herz zum Himmliſchen erheben, nie ſelbſt glücklich ſeyn, noch mich glücklich machen, ſo lange noch eine Planke auf dem Ocean treibt, die ihn ih⸗ ren Herrn nennt. Wehe mir, Robin! Miſtriß Cecil pflegte zu ſagen, Alter bringe Weisheit; mich dünkt, Weisheit bringt Sorge.“ Es dauerte mehre Minuten, ehe Hays etwas bemerkte. Endlich verſicherte er ihr, daß er eben⸗ falls vollkommen überzeugt ſey, Dalton würde weit glücklicher ſeyn, wenn, wie ſie ſagte, ſein Schiff von den Wäſſern verſchwinde;„aber doch,“ fügte er hinzu,„würde es ſeyn, wie die Tren⸗ nung von Seele und Körper.“ „Das wäre allerdings eine ſchreckliche Tren⸗ nung, und eine, deren Gedanken ich nicht er⸗ tragen kann. Ach, Robin! Ich fühlte einmal den Tod im Traume, ein andermal faſt in Wirklich⸗ keit! Und das Schiff ſoll meines theuren Vaters Körper ſeyn, der ſeine Seele an die Erde feſ⸗ felt!“ „Und hat Barbara keine ihrer kleinen Fabeln bereit, um dies anſchaulich zu machen?“ „Ach, Robin, ich denke an Fabeln, wie Ihr es nennt, noch ſo viel als ſonſt; aber ich bin — 111— nicht im Stande, ſie jetzt auszuſprechen, und ſo lebt wohl, Robin, und laßt das Verſpre⸗ chen, welches Ihr mir gegeben habet, nicht der wilden Felsroſe gleichen, die nur Einen Tag blüht und dann verwelkt. Wenn wir einſt wirk⸗ lich zuſammen ſitzen, und leſen und beten, ſo erinnert Euch der Zuſicherung, die Ihr jetzt freiwillig einer gegeben habet, die ſich mühen wird, Euch für immer glücklich zu machen.“ Robin drückte ſeine Lippen auf ihre Hand und verließ das Zimmer mit innigem, tiefem Entzücken. Der Auftritt, welcher ihn jetzt erwartete, war anderer Art. 4 Die letzte Unterredung, die er mit ſeiner Mutter gehabt hatte, war nur kurz geweſen; das liebevolle, zärtliche Herz Robins ſtockte, als er in das kleine, armſelige Zimmer trat, in wel⸗ chem ſeine Mutter in körperlichen mehr aber noch in geiſtigen Leiden lag. Wäre ihr Sohn ein hel⸗ fender Engel geweſen, ſo hätte ſie ihn nicht mit größerer Freude begrüßen können, obgleich ihr Auge ſchon trübe, ihre Sprache faſt unverſtänd⸗ lich war, als ſie ihre welken Lippen auf ſein Geſicht drückte. „Hebe mich auf, Robin, und rücke die Kiſte rechts näher, Robin, Langſam, langſam, Robin, — 112— ſie enthält etwas, was Dich reich machen wird, wenn ich dahin bin. Es wäre hart geweſen, wenn die arme Wittwe nicht ihren Zehnten be⸗ kommen hätte, von denen, die gekommen und gegangen ſind. Ich habe nach Miſtriß Cecil ge⸗ ſchickt, aber ſie iſt nicht gekommen: ſie denkt nicht an die einſame Wittwe des Möwenneſtes.“ „Mutter,“ antwortete ihr Sohn,„ſie hat ſelbſt Sorgen genug.“ „Ach! ſie weiß nicht, was Geheimniſſe eine alte Frau drücken. Sie kömmt nicht, und ich habe ihr eine Geſchichte zu erzählen, die wie Gift auf ſie wirken, auf Körper und Seele wirken würde! Du mußt ſie hören, Robin, wenn niemand an⸗ ders will. Aber erſt gieb mir einen Schluck von dem Branndtwein. Ach! das wird mir friſches Le⸗ ben geben! Laß den Prediger ſchwatzen, ſo viel er will, es richtet einen doch nichts ſo auf, als Branndtwein.“ 4 Robin gab, obwohl mit ſichtlichem Widerſtre⸗ ben, was ſie wünſchte. „Viele Jahre ſind dahin gegangen,“ fuhr ſie fort,„aber dem Gealterten ſcheinen viele Jahre wie geſtern. Ich ſaß neben der Thüre eben dieſes Hauſes, welches eben zur Gaſterei eingerichtet worden war— denn Dein armer Vater(was war das für ein braver Mann, viel beſſer und — 113— klüger, als Deine Mutter), Dein armer Vater, ſage ich, war den Winter zuvor ertrunken, und ich mußte doch etwas vornehmen, um die Kinder zu ernähren, und ſo dachte ich das Haus zu einem Wirthshaus zu machen; alſo ich ſaß neben der Thüre und hielt Dich in meinen Armen...“ Die alte Frau ſchien etwas nachzuſinnen und ſich das längſt Vergangene in das Gedächtniß zurückzurufen. „Es war Nacht, tiefe, ſchwarze Nacht, und viel flüchtiges Volk hatte ſich den ganzen Tag an der Küſte umhergetrieben, und gehandelt, getauſcht und geſchmuggelt, denn die Vornehmen hielten es damals mit ihm, und es wurde nicht ſo genau ge⸗ nommen, wie jetzt; es war alſo dunkele Nacht, und nur manchmal brach ein Schein von Licht aus einer Wolke durch, als auf einmal ein Gent⸗ leman in meine Nähe kam, ein wackerer, hüb⸗ ſcher Gentleman, den ich wohl kannte; er ſtand auf dem Felſen, der ſich nach der See hinüber⸗ neigt, wo ſie immer am wildeſten iſt. In dem⸗ ſelben Augenblicke kamen einige von den fremd⸗ blickenden Männern zu ihm, und ſie ſprachen und ſprachen, aber ich hörte nichts, denn der Wind pfiff um mich, und ich bewachte Deinen Schlaf.“ Sie hielt nochmals einige Minuten inne, und nahm dann ihre Erzählung wieder auf. III. 8 — 114— „Alſo wie ich geſagt habe, ſie ſprachen mitein⸗ ander; auf einmal hörte ich durch den Sturm einen lauten Ruf; in demſelben Augenblicke wurde es etwas heller, und ich ſah ihn mit den Andern ringen; da wurde es wieder finſter, und plötzlich — ſchrie es um Hülfe. O Gott! o Gott! Ich höre ihn noch! Ich höre ihn noch! Robin, noch einen Schluck von dem Branndtwein, um es zu be⸗ ſchwichtigen.“ „Mutter,“ ſagte der Sohn, während ihre dünne Finger ſich ausſtreckten, um den Becher zu ergreifen, den er in der Hand hielt und ihre dürren Lippen voll Begierde nach dem Getränk zitterten,„Mutter, nehmt nicht zu viel und be⸗ tet; das wird den Schrei beſſer aus Euren Oh⸗ ren treiben, als dies hier.“ „Ich will auch beten,“ erwiederte die Alte, naber erſt, wenn meine Geſchichte aus iſt. Ich hörte nichts weiter, als dieſen einen lauten Schrei, und dann einen ſchweren Fall in den Ocean, und da verzog ſich das Dunkel von Neuem, aber Robin, Robin, die Männer waren. fort, und einer kehrte nie wieder. Und warum kehrte er nicht zurück? Er beſaß viel ſchönes Land, was den Menſchen an ſein Beſitzthum feſſelt, und doch kam er nicht wieder. Bald darauf hörte ich das Geräuſch von Rudern und— merk 4 — — 115— wohl auf, Robin— und ein anderer Mann be⸗ ſtieg die Klippe, die Spitze derſelben Klippe, und ich ſah ihn hinunterblicken auf die Wogen, und plötzlich blitzte ein Piſtolenſchuß aus dem Boot durch die Finſterniß, und er, der zuerſt gekommen war, blieb nicht länger, als man zehn zählen könnte und entfernte ſich wieder. Aber merk auch darauf, Robin, er kam ſchwachen Schrittes und ging davon mit ſtolzer Haltung.“ Robin ſchauderte; ſeine Mutter fuhr fort: „Robin, wer denkſt Du, wer denkſt Du, mein Sohn, wer der gemordete Mann war, und wer der andere war, der zuletzt kam, und den Mör⸗ der ruhig abziehen ſah? Wer? Ich will es ſagen, ehe mein Athem für immer ſtockt. Der eine war Robert Cecil, und der andere ſeines Vaters äl⸗ teſter Sohn, der Erſtgeborne ſeiner eigenen Mut⸗ ker. „O Gott!“ rief Robin, und fügte, im leiſern Tone für ſich hinmurmelnd, hinzu:„Ich durch⸗ ſchaue alles, jetzt begreife ich alles, die Macht, welche Dalton über den elenden, unglücklichen Mann hat. Aber wie konnte Dalton das thun?“ „Sprichſt Du von Dalton?“ fragte die Mut⸗ ter Hays, deren Gehör an Schärfe zugenommen zu haben ſchien;„ſein Schiff war es, das an der Küſte krenzte, ob ich gleich nicht darauf — 116— ſchwören kann, daß er ſelber hier war. Solche Geſchichten, habe ich gehört, fielen oft in jenen wilden Zeiten vor. Sir Robert that gar kläglich und verzweifelt um ſeinen Bruder; aber doch flüſterte ſich das Volk Manches in's Ohr, denn jeder wußte, daß ſie es gegeneinander hatten und zu verſchiedenen Parteien gehörten. Alles Land fiel damals Sir Robert zu, und ſeither hat das Parlament, wie ich höre, beſtimmt, daß Sir Herbert, ſelbſt wenn er lebte, da er ein Freund des Königs iſt, doch ſein Gut nicht wieder be⸗ kommen ſollte, welches ſammt und ſonders dem jetzigen Beſitzer verfallen iſt. Aber ſo ſicher ein Gott iſt, ſo ſicher iſt auch ſeine Gerechtigkeit. Liegt es nicht am Tage? Von allen den mun⸗ tern Knaben, die ſeine Lady ihm geboren hat, iſt kein einziger mehr am Leben. Und ſiehſt Du, wenn ſeine Tochter ſo viel von Sir Willmott Burrell wüßte, als ich, ſie würde ſich lieber zu den Seenixen betten, als ihn heirathen. Nun gut! Sir Herbert aber hatte auch einen Sohn, einen einzigen Sohn, und als ſeine Lady im Kindbette ſtarb, ſo fand Sir Roberts Gat⸗ tin Gefallen an dem Knaben und zog ihn auf mit ihren eigenen Kindern, und es war ein präch⸗ tiger Junge und er hatte Liebe für die See. Er — 117— ſaß ſtundenlang auf meinen Knien und nannte mich ſeine Amme; er ſpielte mit Dir, als ob Du Deines Gleichen wäreſt, und nannte Mi⸗ ſtriß Konſtanze ſeine Frau. Das ſüße Lamm! Robin! Robin! auch er iſt hin! Wie, weiß ich nicht, kann es mir aber denken. Der Mörder des Vaters hat gedacht, er würde ſicherer ſeyn, wenn der Sohn auch aus der Welt ſey. Er ſtellte ſich betrübt hinterher und ſeine arme Lady war es wirklich. Von dieſem Knaben alſo hätte ich gerne mit Miſtriß Cecil geſprochen, denn mein Herz iſt voll Beſorgniß...“ Die weitere Mittheilung wurde durch die An⸗ kunft einer Dienerin Konſtanzens unterbrochen, welche ſich überzeugen ſollte, ob die Wittwe Hays wirklich auf den Tod liege. „Meine Lady hat ſelbſt, der Himmel weiß, Sorge genug, doch will ſie das Lager meines armen verrückten Herrn verlaſſen, wenn ſie ir⸗ gend Hülfe leiſten kann.“ „Robin, hebe mich auf,“ rief die ſterbende Frau mit einer große Ungeduld verrathenden Bewegung,„hebe mich auf, Robin, und ſtreich mir die Haare von den Ohren, damit ich deut⸗ licher höre. Sagt Ihr, daß Sir Robert ver⸗ rückt ſey— toll?“— — 118— „Leider ja,“ antwortete die Dienerin,„der arme Herr iſt toll.“ „Es iſt genug— genug— genug. Ich wuß⸗ te, daß irgend etwas kommen mußte, aber Toll⸗ heit iſt Gnade für ihn.“ Sie ſank zurück auf ihr Bett, während die Dienerin erſtaunt ſie anſah und zuletzt fragte: „Was meint ſie?“ „Sie faſelt,“ antwortete Robin, das Mäd⸗ chen aus dem Zimmer drängend;„macht Eurer Lady meine ergebene Empfehlung und ſagt ihr, daß der Sohn der Wittwe Hays bei ſeiner Mut⸗ ter ſey und daß ſie nichts mehr bedürfe, was die Welt ihr jetzt bieten könnte.“ Kaum entfernte ſich das Mädchen, ſo trat Springall in die Thür. „Robin Hays! Ihr müßt Alles, ſogar Eure ſterbende Mutter verlaſſen. Es muß etwas be⸗ ſchloſſen werden. Er iſt da! Hört Ihr die Ka⸗ nonen von Sheerneß? Sie verkünden der Inſel, wer ihren Boden berührt hat.“ Robin ſtand einen Augenblick auf der Schwelle und hörte deutlich den Donner des ſchweren Geſchützes über die Dünen hinrollen, um ſich an den Klippen zu brechen; die Schiffe auf der See erwiederten den Gruß und ließen in dem⸗ — 119— ſelben Augenblicke ihre Flaggen im Winde flat⸗ tern. Robin kehrte einen Augenblick zu ſeiner Mut⸗ ter zurück. „Mutter,“ ſagte er,„ich muß Euch auf eine Stunde verlaſſen; aber ich werde Euch jeman⸗ den ſchicken, der an Eurem Lager wachen wird. Betet zu Gott, dem Gott der Gnade, der auch mir erſt jetzt das Herz geöffnet hat. Betet zu ihm, er wird Euch hören und antworten. Ich werde bald wieder bei Euch ſryn. Hundert Le⸗ ben mögen von dieſer Stunde abhangen.“ Seine Mutter ſchien kaum auf das, was er ſagte, zu hören, ſondern zeigte mit dem Finger auf die Kiſte. 3 Ein neues, aber unerfreuliches Licht war dem armen Robin aufgegangen. Er hatte lange ge⸗ wußt, daß der Vater ſeiner geliebten Barbara ein wilder, verwegener Mann war und manches Ver⸗ brechen auf ſeinem Gewiſſen hatte; jetzt aber hatte er auch den fürchterlichen Beweis, daß der Bucanier ein kaltblütiger, gedungener Mör⸗ der ſey, denn Gold, Gold allein konnte ihn hier in Verſuchung geführt haben. Dieſer Gedanke war ihm qualvoll und er beſchloß, dem Manne/ den er zugleich liebte und fürchtete, kühn entge — 120— genzutreten und ihm die That vorzuwerfen, welche ſeine Mutter ihm ſterbend mitgetheilt hatte. Es wird alles an den Tag kommen, dachte er; es gibt keine Verzeihung für den Mörder, keinen Frieden für Barbara, das ſündloſe Kind der Sünde. — ——— — 121— Achtes Kapitel. Robin folgte Springall nach dem Zimmer, wel⸗ ches er kaum erſt verlaſſen hatte, blieb aber am Eingange ſtehen, heftete ſeine glänzenden, dun⸗ keln Augen auf den Bucanier und ſagte:„Ka⸗ pitain, ich habe einige Worte im Geheimen mit Euch zu ſprechen. Nachher können wir von der Gefahr reden, die uns umgibt.“ Dalton zog ſich mit Robin zurück und blieb wohl zwanzig Minuten aus, während welcher Springall und drei oder vier andere von der Mannſchaft, die ſich wie Krähen beim heranna⸗ henden Sturme zuſammengedrängt hatten, über die Art und Weiſe beriethen, wie ihr Schiff zu retten ſey. „Wären alle Hände am Bord,“ ſagte Spring⸗ all, der, wie die Jugend, immer voll Hoffnung war,„wären wir Alle am Bord, ſo würde ich es übernehmen, das Schiff über, unter und — 122— durch alle Fahrzeuge zwiſchen Sheerneß und Chatham zu ſteuern. Wer je in dem Glühwurm gefahren iſt, kennt ſeine Art und daß Alles mit ihm anzufangen iſt. In jedem Balken iſt Leben, in jeder Sparre iſt Geiſt.“ „Was für Geiſt?“ fragte Jack Roupall, der eben dazu gekommen war,„Weingeiſt, oder der Geiſt des Rhums, oder des Genevers?“ Springall's Enthuſiasmus war verſchwendet bei Jack, der keinen Unterſchied zwiſchen dem Glühwurm und jedem andern Schiffe machte, das eine gute Ladung führte. Der heißblütige Jüngling gab eine Antwort, die mit etwas anderm, als mit Worten erwiedert worden wäre, wenn nicht ein anderer von der Geſellſchaft ſich dazwiſchen gelegt hätte. „Schämt Euch, Springall; wer wird ſo hitzig ſeyn? Ihr wißt von Alters her, daß Jack ſeinen Spaß macht, aber es nicht bös meint. Ueberdies iſt er doch nur eine Landratte.“ „Gut, gut, fahrt nur fort, Ihr bezahlt mir's auch noch.“ „Ha, wollt Ihr uns angeben?“ rieß Springall, der immer zu einem Strauße bereit war, und ſein bartloſes Antlitz dem verwitterten Geſicht des ſtämmigen Roupall näherte.“ „Weg da mit Eurem Kopfe von meinem Mun⸗ — de!“ antwortete der rieſenhafte Reiter, indem er ſeine Kinnladen öffnete und eine doppelte Reihe gewaltiger Zähne und einen Schlund zeigte, der den ganzen Kopf des jungen Seemannes ver⸗ ſchlingen zu wollen ſchien. Dieſer aber, deſſen Zorn eben ſo leicht erweckt wurde, als er ver⸗ ſchwand, brach bei dieſem Anblick in ein lautes Lachen aus. „Gut, Burſche,“ ſagte der Lange,„ſprecht vernünftig und ich ſtimme bei; aber,“ fügte er hinzu,„Springall hat eine Stück von einem Poeten in ſich, er ſpricht und denkt in Verſen, und damit hat man kein Schiff gebaut oder ge⸗ rettet, ſeit die Welt ſteht. Hört, Jungens, es liegt dort ein Kriegsſchiff, ein ſchweres, faules Ding, deſſen Kanonen dem Glühwurm nicht viel ſchaden können, weil die Schüſſe darüber weg⸗ fliegen und nur das Waſſer aufſchlagen würden. Seine großen Boote könnten freilich den Reſt thun, aber es hat nicht mehr als zwei und des Kapitains Canot an Bord— ſo hörte ich dieſen Norgen in Queenborough. Der Abend dunkelt, und keines von den andern Schiffen— die lieder⸗ lich genug ausſehen„ſeit ſie Blake nicht zugeſtutzt— hat was Rechts von Kanonen an Bord.“ „Ja,“ ſagte ein Anderer,„das ſind unſere- nächſte Rachbaren; aber was ſagt Ihr von den — 124— entferntern, an der andern Seite der Inſel, ge⸗ rade vor Merſey?“ „Sage!“ entgegnete Springall,„daß ſie, wenn ſie wüßten, wer hier ſteckt, mir nichts dir nichts herum ſeyn könnten.“ „Sie wiſſen es; was würde ſonſt die Stahl⸗ kappen und den Teufel ſelbſt unter uns bringen? Uebrigens müſſen noch Andere, außer uns, et⸗ was auf der Höhe treiben. Oder glaubt Ihr, der alte rothnaſige Noll würde wegen eines Bischen Bluts, eines Bischen Mord, das von den Geſchwornen abgemacht werden könnte, hie⸗ her kommen? Es wird noch wo anders etwas aus⸗ gebrütet, was ſein heißes Blut zum Sieden brin⸗ gen wird; aber da es bloß politiſch iſt, ſo müſſen alle ehrlichen Leute, denen es bloß um den freien Handel zu thun iſt, die Hand aus dem Spiele laſſen. Vielleicht hat er gehört, daß Karl ſich hie⸗ her zu wenden denkt; aber ich glaube es nicht, es wäre zu ſchön, als daß es wahr ſeyn könnte. Wie bald würden wir: Hoch die Kavaliere! aufſpie⸗ len, und die alten guten Tage zurückkehren ſehen.“ „Wir dürfen,“ unterbrach Sprangall,„uns in nichts miſchen, als bis unſer Schiff in Sicherheit iſt. In einer halben Stunde hätten ſie 6 in tau⸗ ſend Stücke zerſplittert.“ — 125— „Das werden ſie bleiben laſſen, wenn ſie wiſſen, daß die Ladung ſicher iſt, wo Noll ſelbſt nicht mehr dazu kann, er müßte denn die Keller und oben⸗ ein die Magen ſeiner betluſtigen Unterthanen von der Kenter und Eſſexer Küſte auspumpen.“ „Jeder vernichtete Feind,“ ſagte Springall, „iſt eine Sicherheit mehr, und Noll weiß das.“ „Gut geſagt,“ antwortete Jack, ſeinen Kame⸗ raden winkend,„und ich will Euch was ſagen, was auch wahr iſt.“ „Und das iſt?“ „Junge Gänſe ſchnattern am lauteſten.“ „Ich hätte,“ ſagte ein anderer,„Springall eher für einen jungen Hahn gehalten, denn der Kamm ſchwillt ihm ganz roth an.“ Laßt Euch ſagen,“ antwortete der junge Mann, ſich mit einiger Würde aufrichtend, und bis an die Augen erröthend,„ich bin zwar nur noch ein Knabe, aber erinnert Euch, daß jede Eiche eine Eichel war. Tretet Ihr auf die Eichel, wird ſie nie zur Eiche werden, denn, klein, wie ſie iſt, liegt doch das Leben der Eiche in ihr. Ver⸗ ſteht Ihr mein Räthſel?“ Die Rede wurde beifällig aufgenommen; dem Lärm aber ſogleich durch die Bemerkung eines der Matroſen ein Ende gemacht, welcher laut rief:„Hier kömmt der Kapitain, und wir kön⸗ nen keinen Plan ohne ihn machen.“ — 126— Es liegt etwas in dem Karakter des See⸗ mannes, welches ihn weſentlich von allen andern Klaſſen unterſcheidet. Die Gefahren, in denen er fortwährend ſchwebt, machen ihn ſorglos, geduldig im Entbehren. Aber ſelbſt unter den gewöhnlichen Seeleuten treten noch die Schmuggler hervor, welche ſo oft mir dem Tod in ſeinen tauſendfachen Geſtalten geſchätzt hatten, daß das Schlimmſte ihnen in der That nur wie ein Zeitvertreib er⸗ ſchien. Die Liebe Springalls für das Schiff ſchien ihrer ſelbſtſüchtigen Natur wie eine Art ſchwin⸗ delnder Tollheit, die ſich mit der Erfahrung le⸗ gen werde. Die Anweſenden wußten jedoch, daß es unnütz ſey, Pläne zu machen, da ihr Kapi⸗ tain doch nur immer ſeinen eigenen folgte. In der letzten Zeit hatten ſie es zwar als einen Man⸗ gel an Energie und Vorſicht betrachtet, daß er ſo lange an der Küſte gelegen hatte, aber die ſchnelle Beſtrafung Jeromios hatte ſeinen Karak⸗ ter wieder feſter begründet, denn ſie bewies, wie Roupall ſagte, daß der Kapirain wieder der Alte ſey. Als die Thür des Zimmers, in welchem ſie ſich befanden, aufging, trat, ſtatt Hugh Dalton, die lange, dürre Figur des hochwürdigen Jonas Mundflink herein. Rock und Beinkleider waren noch ungereinigt, der hohe Hut ſtand auf der — 127— Spitze des Kopfes, und das Schwert ſchaukelte ſich an einem nachläſſig befeſtigten Gürtel. Einige der Matroſen, welche geſeſſen hatten, ſprangen auf, während die übrigen auf ihn zu⸗ ſtürzten, und Hand an ihn legten. Alle fragten, woher er käme und was er wolle. Der arme Mundflink war längſt zur Ueber⸗ zeugung gekommen, daß er unwiſſentlich irgend ein Verbrechen begangen haben müſſe, für wel⸗ ches er zu ſo vielen fleiſchlichen Leiden verdammt werde. Erſt eingeſperrt, durch Sir Wollmott Burrell dem Hungertode nahe gebracht, dann geſpeiſt, aber in einem engen Käfig gehalten, wie ein Thier, und zwar durch einen Mann, der, wie er ſagte, zwar von ſchrecklichem Anblick und wildem Benehmen ſey, aber doch Rückſicht auf die Bedürfniſſe des Körpers nahm, hielt er ſich ſchon für glücklich, daß er, wenn er auch nicht das Möwenneſt verlaſſen, doch frei umhergehen dürfe, und nur verpflichtet ſey, einem ſterben⸗ den Weibe Troſt einzuflößen und mit ihm zu be⸗ ten, als er ſich plötzlich in der Geſellſchaft der wildeſten Menſchen ſah, denen er je begegnet war. Todesbläſſe trat auf ſeine Wangen. „Haut ihn nieder,“ rief der eine, ein langes Neſſer ziehend. „Füllt ihm ſeinen Thurmhut mit Pulver,“ ſagte ein anderer,„und ſprengt ihn in die Hölle.“ — 128— „Er iſt ein Spion und ein Rundkopf,“ ſchrie ein dritter,„und wo einer peiſt, ſ und ſicher mehr von dem Volke.“ „Sucht ſeine Taſchen durch,7 warf ein vierter ein,„ich wette, es ſteckt eine Spitzbuberei darin.“ V „Laßt mich gewähren,“ rief Jack Roupall, den langbeinigen Prediger im Kreiſe herum, bis in die Mitte des Zimmers wirbelnd, ehe Jonas Zeit hatte, nur ein Wort zu ſeiner Rechtferti⸗ gung vorzubringen. Das Schauſpiel, das ſie Rou⸗ pall's Gewandtheit verdankten, war ſo komiſch, als der hochwürdige Mann, die hintere Seite ſei⸗ ner Kleidung von den Orangen gefärbt, auf einem Fuße ſich wie ein Kreiſel herumdrehte, während das andere Bein, um das Gleichgewicht herzuſtele len, ſich in gerader Richtung ausſtreckte, daß alleſammt einen Augenblick in ein lautes Geläch⸗ ter ausbrachen. „Satanskinder!“ ſagte er endlich, indem er während des allgemeinen Lachens wieder zu Athem kam, und die Hände vor ſich hielt, als ob er durch ihre Berührung verunreinigt zu werden fürchtete.„Geſellen der Finſterniß; wenn Ihr je Verzeihung hofft. „Sagte ich Euch nicht,“ rief einer der Wil⸗ deſten,„daß er ein Rundkopf, ein Kundſchafter ſey? Stopft ihm das Läſtermaul! Hängt ihn auf!“ — 129— „Ruhe! Ruhe!“ antwortete ihm der junge Springall.„Er gehört dem Kapitain zu, und iſt ein harmloſer, verrückter Prediger, kein Spion: er hätte zu Euch geredet, und Euch ſo viel Spaß gemacht, als eine Meſſe in Liſſabon, wenn Ihr nicht dazwiſchen gefahren wäret.“ „Laßt ihn reden! Hört ihn!“ riefen die leicht⸗ ſinnigen Matroſen, die in der Erwartung eines Scherzes, ihre und ihres Schiffes Gefahr ver⸗ gaßen. „Hört ihn,“ wiederholte Roupall, während er ſeine Taſchen ausräumte. „Obgleich,“ bemerkte Mundflink,„ich nicht zu Euch geſandt wurde, Ihr unwürdiges, got⸗ tesläſterliches, verworfenes Volk...“ „Heda!“ ſchrie ein kleiner, einäugiger See⸗ mann, zu dem Prediger aufſchielend, und ihm mit einer langen Latte die Knien ſtreifend, daß er hoch aufſprang.„Lehrt Eurer Zunge Höflichkeit, ſonſt thue ich's.“ „Schämt Euch, Tom von Coventer,“ ſagte Springall, der ein beſſeres Gemüth hatte;„wenn Ihr nicht vernünftiger verdet, ſo nagle ich Euch feſt, verſteht Ihr, mein geweſener Herr Offi⸗ zier?“ Die Antwort war ein Schlag gegen Springall's Bein, der dieſen zu gleicher Erwiederung ent⸗ III. 9 — 130— flammte. Mundflink achtete nicht darauf, ſondern fuhr, da er ſich über jede Gelegenheit freute, welche ihm Anlaß zum Predigen gab, fort, die ganze Verſammlung ſo zuverſichtlich zu verdam⸗ men, als ob er des Pallaſtes Legat geweſen wäre. Roupall aber, der mit den Taſchen des Geiſtli⸗ chen fertig war, ging einen Schritt vor, nahm Tom von Coventer beim Kragen, riß ihn und Springall von einander und ſchüttelte beide, als ob ſie ein Paar junge Hunde wären, während die andern riefen, man ſolle ſie gewähren laſſen. In demſelben Augenblicke ging die Thür auf und Dalton trat mitten unter ſie mit dem herriſchen Schritt und der würdigen Haltung, die er ſo gut zu behaupten verſtand. Selbſt Mundflink ſchwieg, als der Kapitain ſich zu ihm wandte und ihn fragte, wie er hieher käme, da er doch wiſſe, daß ein ſterbendes Weib ſennes Beiſtan⸗ des bedürfe. „In Wahrheit,“ antwortete dieſer,„ich bin fehlgegangen; Ihr könnt nicht glauben, höchſt würdiger Befehlshaber dieſer hölliſchen Verſamm⸗ lung, daß ich mit freiem Willen eine ſolche Ge⸗ ſellſchaft geſucht haben würde. Wo iſt die Sün⸗ derin?“ Dalton bat Springall, ihm das Zimmer der Mutter Hays zu zeigen. — 131— Der Bucanier machte keine Bemerkung wegen des Tumults, denn er hatte ſich oft überzeugt, daß es nicht gut thut, Leuten, deren Dienſt man eben bedarf, zur ſelben Zeit wegen ihrer Fehler Vorwürfe zu machen. Er ſetzte ihnen kurz, aber ſo genügend und klar, als ob er ſtundenlang Zeit zum Ueberlegen gehabt hätte, die Gefahr aus⸗ einander, von der ſie bedroht wären; daß nicht bloß ihr Schiff, daß ſie ſelbſt in einer ſchlim⸗ mern Lage, als je, ſich befänden, daß ſie vom Lande aus bedrängt wären, und die See nicht mehr frei hätten: da aber der Abend nahe und der Mond nicht vor Mitternacht aufginge, ſo würden ihre Feinde vor dieſer Zeit wenig thun können; die alſo, welche es vorzögen, könnten ſich längs der Küſte zerſtreuen und nach Suſſex oder nach einer andern ihnen gutdünkenden Schmuggler⸗Station entrinnen und dann ihren Freunden Mittheilungen zukommen laſſen. Sie dürften das um ſo eher, da jedem ſein Geld und Gewinn voll ausbezahlt worden ſey. Wer aber den Glühwurm liebe und ſein Leben für ihn wagen wolle, ſolle ſich an der Küſte ver⸗ bergen, und vor Mondesaufgang an Bord be⸗ geben. Bei der dichten Finſterniß und der ru⸗ higen See können ſie dies leicht, da ſie oben⸗ ein alle gute Schwimmer wären. 132— „Aber, meine tapfern Burſchen,“ fügte er hinzu,„es mag ſeyn, daß ich Euch auf dem Deck treffe, auf dem ich ſo oft geſiegt habe, mag ſeyn, auch nicht. Ich habe noch eine große Rechnung mit dem Lande abzuſchließen, ehe ich es verlaſſe. Es iſt möglich, daß ich, ehe die morgende Sonne untergeht, an einem Galgen hänge, es iſt möglich, daß ich ſicher... Doch,“ brach er plötzlich ab,„wenn ich nicht bei Euch bin, wird, ehe der Mond aufgeht, Mathias das Steuer nehmen, denn ich ſehe ihm an, daß er das Schiff nicht verlaſſen wird, das er ſo lang mit ſo vielem Geſchick geführt hat. Das lange Boot muß ausgeſetzt werden und das Ausſehen des Glühwurms erhalten, wäbrend das Schiff ſelbſt ſtill ſich davon macht. Wenn dies gut eingerichtet wird, giebt es eine Stunde Vorſprung. Aber Ihr begreift ſchon. Ueberlegt es untereinander, wer für's Land und wer für die See iſt. In fünf Minuten bin ich wieder bei Euch.“ Als Dalton, der bewegter war, als ſeine Mannſchaft ihn je geſehen hatte, ſich entfernte, hörte er noch Ronpall ſagen:„Der Teufel hol’ das Weibervolk; an all' dem Getrödel iſt ſeine Tochter Schuld. Was waͤre das für ein Glück — 133— geweſen, wenn ſie nicht geboren, oder wenig⸗ ſtens jetzt in Ernſt geſtorben wäre. Es iſt nicht der alte Kapitain mehr. Der Teufel hol' die Sentimentalität und das Weibervolk dazu, ſage ich noch einmal. Es iſt nur langweilig und hin⸗ derlich!“ Neuntes Kapitel. Konſtanze Cecil ſah mit ängſtlicher Spannung die Wagen und die Reiter, welche zu dem Gefolge des Protektors gehörten, langſam die Straße her⸗ aufkommen, welche nach Cecilhaus führte. Ein Trupp von zwanzig Mann ritt voraus; ihre glänzende Waffen, ihre Helme und Küraſſe war⸗ fen ſchimmernd die Strahlen der untergehenden Sonne znrück. Nach ihnen kam Cromwell's ei⸗ gener Wagen, gezogen von vier tüchtigen Rap⸗ pen, die ihre Kräfte nicht wenig anzuſpannen hatten, da die ſchwerfällige Maſchine faſt ganz mit geſchlagenem Eiſen belegt war. Die Fen⸗ ſter waren auffallend eng, aus dem dickſten Glaſe gemacht, und inwendig noch mit einer Hornplatte verſehen, damit, wenn das Glas durch irgend einen unverſehenen Anſtoß zer⸗ ſchmettert würde, die Stücke nicht inwendig hineinfliegen könnten. Hinter dieſem Wagen rit⸗ — 135— ten vier Soldaten; ihm folgte ein anderer, zu deſſen beiden Seiten ſich ein Reiter befand; hin⸗ ter einem dritten, deſſen Fenſter dicht verdeckt waren, ritt wieder ein Bewaffneter und ſchloß den Zug. In einiger Entfernung erſt und ganz ohne Begleitung, ſo daß er nicht zu den Vori⸗ gen zu gehören ſchien, kam das einfache Geſpann des Juden Manaſſa Ben Iſrael. So groß auch die Zuneigung Cromwell's für dieſen gelehrten und ausgezeichneten Mann war, hielt er es doch für unpolitiſch, ſich von einem aus dieſem noch ſo geringgeſchätzten Volke Lü mtiic begleiten zu laſſen. Franziska Eromwell trat zu dem Fenſter, aus welchem ihre Freundin blickte, und wünſchte ihr Glück zu der Ruhe, welche Sir Robert während der letzten zwei Stunden genoſſen hatte. „Der Arzt hat viel gethan,“ antwortete ſie, „doch kann ich mich keinem Gefühle überlaſſen, welches von Friede und Hoffnung ſpricht. Theu⸗ erſte Franziska! Was wird das Schickſal Deiner armen Freundin ſeyn?“ Konſtanze verbarg ihr Geſicht auf Lady Crom⸗ well's Schulter und weinte; doch ſchien ihr Schmerz weniger heftig, weniger fieberhaft, uls früher. „Hoffe das Beſte. Mein Vater fan Wunder — 136— thun, wenn er will. Er wird das Rechte erken⸗ nen; und noch biſt Du unvermählt.“ „Er kann einer, die ich ſo zärtlich liebte, einer, deren Platz ich nie wieder ausgefüllt ſehen, in deren unſchuldsvolle Züge ich nie wieder blicken werde, das Leben nicht zurückgeben.“ „Ich möchte wiſſen, wer in meines Vaters Wagen iſt?“ bemerkte Lady Franziska, welche Konſtanzens Gedanken von der armen Barbara abzuwenden ſuchte.„Vermuthlich Oberſt Jones und noch ein Paar von demſelben ſtrengen Schlage. Nicht ein fröhliches Geſicht unter einem ganzen Trupp; die Soldaten ſelbſt ſehen wie graue Steinmaſſen aus, die man mit Eiſen an die Pferde geſchmiedet hat.“ „Der zweite Wagen,“ ſagte Konſtanze,„ſieht aus, als ob er Gefangene verſchlöſſe. Ein Sol⸗ dat reitet an jedem Schlage.“ Sie wurde blaſ⸗ ſer, als ſie das ſagte und ergriff heftig den Arm ihrer Freundin, obgleich ſie dieſe Stütze nur ei⸗ nen Augenblick bedurfte. Franziska bemerkte dieſe Bewegung gar nicht und fügte in ihrem heitern Tone hinzu: „Eine ſchöne Ausſicht! Und wer iſt in dem drit⸗ ten? Ein angekettetes Thier! Einer von meines Vaters Lieblingslöwen, ein Leopard, oder der⸗ gleichen. Thiere oder nicht, ich möchte lieber ſe⸗ — 137— hen, was dieſer eine Wagen enthält, als die andern zuſammen. Warum ſollen Frauen nicht neugierig ſeyn?“ „ZJetzt reitet die Wache durch das große Thor ein,“ ſagte Konſtanze,„und was er mir auch bringt, Wohl oder Weh, Freund oder Feind, muß ich den Protektor doch ſo empfangen, daß man ſieht, wir fühlten die Ehre, die er uns erweiſt.“ „Konſtanze!“ rief Lady Franziska, die noch immer am Fenſter ſtand,„da kömmt noch ein vierter, fremdartiger Wagen, mit einem über⸗ großen Bock und ohne Begleitung; er kömmt hinter dem Zuge, wie das letzte Stückchen Pa⸗ pier an eines Knaben Drachen. Nun möchte ich zum allermeiſten wiſſen, wen der enthält!“ „Willſt Du nicht mit kommen, und Deinen Vater empfangen?“ fragte Konſtanze, ihrer Freundin die Hand hinhaltend. Lady Franziska trippelte durch das Zimmer und ergriff ihren Arm. „Konſtanze! Nichts macht Dich Deiner Pflicht abwendig! Ich bin bereit.“ Der plötzliche Beſuch des Protektors verur⸗ ſachte nicht geringe Verwirrung unter allen Be⸗ wohnern von Cecilhaus. Zu einer andern Zeit würde blos die Ankündigung einer ſolchen Ehre allen den Kopf verdreht, und ihre Füße beflügelt haben, die Exeigniſſe der letzten Woche waren jedoch noch in zu friſchem Andenken, als daß ſie ſich der Freude überlaſſen konnten, die ihnen ſonſt eine ſolche Begebenheit verurſacht hätte. Haushofmeiſter, Koch, Kellermeiſter ſammt ihren Untergeordneten trafen jedoch die nöthigen Vor⸗ bereitungen mit der Behendigkeit von Dienern, die da wiſſen, daß ihre erſte Pflicht Gehorſam iſt, nicht blos gegen die Worte, ſondern auch gegen die Wünſche ihrer Gebieter. Es war nie⸗ mand unter ihnen, der nicht lebhaften Antheil an ſeinem Herrn, noch mehr an der von Allen verehrten, geliebten Miſtriß nahm, für deren Glück ſie ſämmtlich ihr Leben geopfert hätten. Salomon Grundy war, wie gewöhnlich, der Lärmendſte, aber Nutzloſeſte, obgleich er in ſei⸗ ner Art anhänglich genug und in ſeinem Berufe wirklich ausnehmend geſchickt war. Er befand ſich unter den übrigen Dienern, die ungefähr zwanzig an der Zahl ſich verſammelt hatten, um Cromwell's Ausſteigen zu erwarten, und durch eine ſo zahlreiche, als gut ausſehende Maſſe ih⸗ rer Lady Ehre zu machen. Sie waren alle in tiefe Trauer gekleidet, mit Ausnahme der Frauen der Lady Franziska, welche hinter dieſer nach dem großem Eingange zu eilten, wo ſie und 8. d — 139— Konſtanze bereit ſtanden, Se. Hoheit zu empfan⸗ gen. Als Cromwell ausſtieg, bildete die Wache an der Spitze des Zuges einen Halbkreis um den Wagen, und als er die erſte Stufe der kurzen Treppe am Eingange berührte, überſchritten die Ladies die Schwelle, um ihn mit gebührender Ehrfurcht zu begrüßen. Es war ein maleriſcher Anblick, der Kontraſt dieſer kriegeriſchen Män⸗ ner gegen die beiden Frauen, denn Lady Fran⸗ ziska hatte, obgleich ohne Schönheit, doch etwas außerordentlich Einnehmendes in ihrem ganzen Weſen, das ſehr gut neben der erhabenen Schön⸗ heit ihrer Freundin beſtehen konnte. Konſtanze zitterte, als Cromwell ausſtieg, aus Furcht, nächſt ihm werde Sir Willmott erſcheinen, und dieſe Angſt gab ihren bleichen, edlen Zügen ei⸗ nen Ausdruck von Verlegenheit, der ihnen ſonſt fremd war. Ihr langer Trauerſchleier fiel wie gewöhnlich zu ihren Füßen herab, und die Fal⸗ ten ihres reichen Sammtkleides verbargen die Veränderung, welche in ſo kurzer Zeit ihre tadellos gebaute Geſtalt erlitten hatte. Die Halle war auf beiden Seiten mit ihren Dienern beſetzt, deren Anzug einen düſtern Hintergrund bildete, welcher jedoch gut zu dem über dem Ein⸗ gange hängenden Trauerſchilde— der Erinne⸗ rung an Lady Cecil's Tod gewidmet— ſo wie — 140— zu den verſchloſſenen Fenſterſchlägen von Sir Roberts Schlafzimmer paßte. Als Lady Fran⸗ ziska auf die ernſten, aber gut geordneten Trup⸗ pen gegenüber blickte, ihre glänzenden Waffen, ihre breiten, im Lichte ſchimmernden Schwerter, die ſtolzen Roſſe und das lächelnde Antlitz des Lieblingspagen ihres Vaters, eines Vetters von ihr, der immer dicht ſeinem nachſichtigen Gebie⸗ ter folgte,— dieſes lebendige Treiben und da⸗ hinter die grünen Wieſen und noch weiter zu⸗ rück die dunkle, blaue See betrachtete, glaubte ſie, daß Hoffnung und Glück noch einmal in Ce⸗ cilhaus einkehren müßten. Der Eindruck wirkte ſo ſtark auf ſie, daß ſie nur bedauerte, ihn nicht ſogleich Konſtanzen mittheilen zu können, die eben das Knie beugte, um die Hand ihres Freundes, des Protektors von England, zu küſſen, wäh⸗ hrend er gallant ſeinen Hut abnahm, ſie aufhob und einen ehrbaren, achtungsvollen Kuß auf ihre Stirn drückte. Darauf grüßte er auf dieſelbe väterliche Weiſe ſeine eigene Tochter, reichte jeder der Ladies eine Hand und ging ſo, bloßen Haup⸗ tes, in die Halle, wobei er im Vorübergehen die Begrüßungen der in Wonne ſchwebenden Diener erwiederte und ſich mit leiſer Stimme nach der Geſundheit ſeines würdigen Wirthes und Freundes, Sir Robert Cecil's, erkundigte. — 141— Als ſie in das Zimmer traten, wo paſſende Er⸗ friſchungen aufgetragen waren, wollte Konſtanze umkehren, um die übrigen Gäſte zu empfangen. „Nicht doch,“ bemerkte der Protektor, ſie bei der Hand zurückhaltend.„Ich habe mir für ei⸗ nen Tag und eine Nacht die Aufſicht über Ce⸗ cilhaus vorbehalten, wenn Euer trefflicher Va⸗ ter es gut heißt. Mit des Herrn Hülfe wollen wir dem Amte treulich und gut vorſtehen. Die, welchen ich den Zutritt zu Euch erlaube, werden bald erſcheinen und den übrigen habe ich Zim⸗ mer angewieſen. Unſer beiderſeitiger Freund,“ fügte er lächelnd hinzu,„Major Wellmore, hat mich ſo genau mit dieſem ſchönen Hauſe bekannt gemacht, daß ich mich durchaus nicht fremd in demſelben fühle.“ Konſtanze verbeugte ſich und dankte dem Pro⸗ tektor innerlich für ſeine herablaſſende Güte. Fünf bis ſechs Offiziere und Gentlemen von Cromwell's Hofhaltung wurden ihr nach der Nieihe vorgeſtellt, aber Sir Willmott Burrell erſchien nicht. Konſtanze zitterte, ſo oft die Thüre ſich öffnete.. Während man mit den Speiſen beſchäftigt war, auf welche der entzückte Salomon ſeine ganz Kunſt und Geſchicklichkeit verwendet hatte, wurde wenig geſprochen. Die Sitte der Purita⸗ 1 — 142— ner verbot die Ausbringung eines Toaſtes als etwas Profanes. Auch wurde keine Anſpielung auf die unglücklichen Ereigniſſe der letzten Tage gemacht, und nur des Verſchwindens des Pre⸗ digers Mundflink erwähnt, ein Umſtand, der ſchwer auf Konſtanzens Bruſt laſtete. „Ich verſichere Eurer Hoheit,“ bemerkte Lady Feanziska,„dies iſt eine durchaus romantiſche Inſel; es gibt mehr Geheimniſſe und Mißver⸗ ſtändniſſe hier, als zu einem Spaniſchen Schau⸗ ſpiele nöthig ſind.“ „Es betrübt mich, Miſtriß Franziska,“ ant⸗ wortete Oberſt Jones,„daß Eure Gedanken noch immer auf ſolche Thorheiten gerichtet ſind, Thorheiten, welche in dieſem wiedergebornen Lande mit dem Banne belegt ſind.“ Eine ſpitze Antwort ſchwebte bereits auf den Lippen der Lady, welche aufgebracht war, daß ihr ſtatt der allgemein gebrauchten jetzt die ein⸗ fache Benennung Miſtriß gegeben worden war, aber ſie wagte ſie nicht, in ihres Vaters Ge⸗ genwart laut werden zu laſſen. 3 „Ich verſichere Lady Franziska,“ ſagte ihr Vater, ſich vom Tiſche erhebend und beſondern Ausdruck auf das Wort Lady legend, als ob er dadurch des Oberſten Verſtoß rügen wollte, nich verſichere Lady Franziska, daß ich Geheim⸗ —— niſſe vortrefflich zu löſen verſtehe— alle Ge⸗ heimniſſe,“ fügte er ſcharf betonend hinzu, wäh⸗ rend ſeine Tochter tief erröthete.„Und da ich ſolchen Wiſſens mich erkühnen darf, möchte ich mir wohl eine geheime Unterreduna mit Miſtriß Cecil erbitteu.“ Cromwell führte die Lady mit einer Würde aus dem Zimmer, welche dem Abkömmlinge ei⸗ nes Königsgeſchlechts keine Schande gemacht hätte. — 14— Zehntes Kapitel. Lady Franziska verſuchte umſonſt, hinter den Inbalt der Unterredung ibres Vaters mit Lady Konſtanze zu kommen. Sie paßte ihrer Freund⸗ in bei ihrer Rückkehr aus dem Audienzzimmer auf und bemerkte in einem Tone, der ihre beſorgte Theilnahme an dem Vorgefallenen verrieth: „Mein Vater hat ſich lange mit Dir unterhalten.“ „Er hat mir in der That durch ſeine große Herablaſſung und Güte große Ehre Awieſens war Konſtanzens Antwort. „Weißt Du nicht, wen er ſo ſonderbar in Cecilhaus eingeſperrt hält? Als ich in das ſchwarz⸗ getäfelte Zimmer gehen wollte, ſchrie mir eine Schildwache an der Thüre— es ſind rohe Leute, dieſe Soldaten— halt! zu, als ob ich eine Statue wäre. Darauf ging ich zu dem klei⸗ nen Vorzeimmer, aber dort gab es ein neuss — 145— Halt! Das Haus iſt eine Kaſerne und ein Ge⸗ fängniß geworden.“ „Nicht ganz.“. 5 „O Du ſiehſt es ruhiger mit an, als ich es thun würde. Perſonen im Hauſe zu haben und nicht zu wiſſen, wer es iſt!“ „Dein Vater, denke ich, kennt ſie, und ich darf auf die Weisheit des Protektors von Eng⸗ land, was er auch thut, vertrauen, nicht an ihm zweifeln.“— „Mein Vater iſt ſehr beſorgt um Sir Robert.“ „Das iſt er wirklich.“ „Und wird den Mörder unſerer armen Bar⸗ bara aufſuchen laſſen.“ Er war immer ein Werkzeug der Gerechtigkeit.“ Lady Franziska ſehnte ſich danach, Konſtanze zu fragen, ob ihr Vater von Sir Willmott ge⸗ ſprochen, ob er nichts über Walther de Guerre bemerkt, und wo dieſer ſich ſeit ſeinem Verſchwin⸗ den mit Major Wellmore aufgehalten habe. Aber ſie wagte es nicht, konnte es auch nicht, denn Konſtanze verhinderte ſie daran, indem ſie ihre Hand mit der außergewöhnlichen Miſchung von Freimüthigkeit und Zurückhaltung ergriff, welche für ein erhabenes und rechtliches Gemüth ſo be⸗ zeichnend iſt, und ihr ſagte:„Meine liebe Freundin, frage mich nicht mehr; ich habe Deines Vaters III. 10 — 146— Vaters Fragen theils ſo beantwortet, wie ich jede beantworte, nämlich aufrichtig im Sinne und im Wort, oder, wenn er mich etwas fragte, was ich nicht offenbaren darf, ihm geſagt, daß ich darüber nicht reden könne. Ich habe mir nie eine Zweideutigkeit zu Schulden kommen laſſen; ich haſſe es, denn ſie ſind eben ſo niedrig, als ſünd⸗ baft, ein Deckmantel der Lüge.“ „Meine theuere Lady Vollkommenheit!“⸗ „Verſpotte mich nicht, liebe Franziska; die Welt wird ſagen, und mit Recht, daß Du der Vollkommenheit weit näher ſtehſt, als ich; Du haſt viel mehr vom Weibe, dem offenherzigen, vertrauenden, hoffenden Weibe, als ich. Aber laß Dir noch einige Worte ſagen, und wende ſie an, wie Du willſt. Ich habe einmal einen jungen, friſchen Baum geſehen— es war eine Eiche— einen ſtolzen, prachtvollen Baum. Er grünte zur Seite des Hügels und that niemand etwas zu Leide, denn ſein Schatten war harmlos, und ſchützte nur das blühende Veilchen und die bleiche Primel. Der Holzſchläger ſah auf ihn, wenn er vorüberging, und ſagte, er würde wachſen und der Stolz des Waldes werden, und die Dorf⸗ kinder hielten ihre fröhlichen Spiele unter ſeinen luftigen Zweigen; aber, Franziska, theure Fran⸗ ziska, der Sturm brauſte, und der Donner rollte — 147— von Wolke zu Wolke längs dem zürnenden Him⸗ mel, und der Blitz, der zuckende Blitz, fuhr her⸗ unter auf den Stamm und zerſchmetterte ihn; den andern Tag ſah die Sonne, daß der Baum zu Grunde gerichtet ſey, und ſie ſagte: Mein ſchöner, guter Baum, auf dem meine Blicke ſo gern weilten, iſt verwelkt, aber ich will ihm meine wärmſten Strahlen zuſchicken, und ſo wird mein Liebling wieder aufleben zu neuem Ruhme. Und die Sonne kam in aller Macht und beſchien den Baum, aber je mehr ſie ſchien, deſto ſchneller welkte der Baum, denn er ſiechte hin unter der Güte, welche wohl den Willen, aber nicht die Kraft des Belebens hatte.“ Lady Franziska wandte ſich weinend von ihrer Freundin ab und fragte ſie nicht mehr. Konſtanze weinte nicht, ſondern ging nach der Bedienten⸗ halle, um dort einige Befehle zu geben. Die Sonne war ſchon völlig unter und Dunkel herrſchte in den verſchiedenen Korridors, durch welche ſie ge⸗ hen mußte. Als ſie an einem niedrigen Fenſter vorüber⸗ ging, welches durch das vielfache Schnitzwerk mehr dazu geeignet ſchien, das Licht abzuhalten, als herein zu laſſen, ſchlug etwas plötzlich gegen die Glasſcheiben. Sie fuhr zurück, als ſie eine kleine, in einen Weibermantel gehüllte Geſtalt — 148— bemerkte. Die letzten Ereigniſſe hatten ſie beſorgt gemacht, aber ſie fühlte ſich bald beruhigt, als ſie ihren Namen durch die bekannte Stimme des Robin Hays nennen hörte. In leiſem, aber et⸗ was vertraulichem Tone ſetzte er ihr ſeinen Wunſch 5 auseinander, den Protektor in einer Sache zu ſprechen, bei der es auf Tod und Leben ankomme. „Fragt ihn nur, ob er mich ſehen will, theure Lady. Ich wollte nicht geradezu ihn angehen, weil ich weiß, daß er in allen Dingen Geheim⸗ bhaltung liebt, und nicht leiden mag, daß die Welt von ſeinen Beſprechungen plaudert. Aber fragt ihn ſchnell, theure Lady, ſchnell.“ „Euch ſehen, Robin? Der Protektor Euch ſe⸗ hen, mit Euch ſprechen, Robin?“ „Ja, theure Lady— der Löwe mit der Maus — nur laßt es ſchnell geſchehen, ſchnell.“ „Wartet, Robin, Ihr müßt mehr, als jeder andere, wiſſen, Ihr müßt mir etwas ſagen kön⸗ nen von einer, die wir, glaube ich, beide liebten.“ „Fragt mich nicht, theure Miſtriß, jetzt nicht; ſondern ſchnell, ſchnell zum Protektor!“ 6 Einige Minuten ſpäter ſtand Robin wieder vor dem großen Manne, den er eben ſo achtete, als fürchtete. Es blickte Güte und Wärme aus der Art, mit der Cromwell den jungen Mann vortreten hieß, — 149— und, ehe er von Geſchäften ſprach, ſich nach ſei⸗ ner Geſundheit erkundigte. „Wenn ich mich zu Eurer Hoheit gedrängt habe,“ begann Robin, indem er dem Befehl des Protek⸗ tors nachkam,„was allerdings verwegen iſt von einem ſo niedrigen Geſchöpfe, wie ich bin, ſo geſchah dies nur um eines Mannes willen, dem ich tief verpflichtet bin. Ach, hoher Herr, es iſt eine traurige Sache, wenn ein Mann voll Muth, Kraft und Tapferkeit keinen Freund hat, für ihn zu ſprechen, außer einem, den die Natur als un⸗ würdig der Vollendung, die ſie andern gewährt, von ſich geworfen hat; wenn unſere Mutter uns verſtößt, was haben wir denn von der Welt zu erwarten!“ 3 „Sprecht Ihr von dem Jünglinge, Namens Walther, deſſen muthiges Roß mit Ungeduld darauf wartet, daß ſein Herr ſich wieder in Bü⸗ gel und Sattel ſchwinge? Er ſoll es bald wie⸗ der beſteigen.“ „Ich bitte unterthänigſt um Verzeihung, den meine ich nicht, Eure Hoheit. Ich wollte von Hugh Dalton und dem Glühwurm ſprechen.“ „Von ſeinem Schiffe, welches vielleicht in See iſt, meint Ihr?“ Robin warf einen Blick auf Cromwell's Ge⸗ ſicht, unſtreitig, um zu erforſchen, ob er die Sahezes Sſfe enne, aber aus dem Ausdrucke ſuchte d. cß ſich nichts errathen und Robin — aaher die Frage zu umgehen. „In der That,“ antwortete er,„von Hugh Dalton wollte ich ſprechen, und für ihn um et⸗ was nachſuchen, was ich ſelbſt brauche, aber nicht erbitte, Pardon.“ „Pardon?“ wiederholte Cromwell.„Und auf welchen Grund?“ „Um der Gnade willen, die Eure Hoheit be⸗ wogen hat, ſchon ſo Vielen einen Freibrief zu geben. Doch hat auch, wenn ich ſo kühn ſeyn darf, es auszuſprechen, dieſer Mann noch ei⸗ nige, wenn auch geringfügige, Gründe vorzule⸗ gen. Die Jüdin Zilla...“ „Ha! Was iſt mit Ihr?“ „Iſt in ſeiner Gewalt, ſo wie auch ein ge⸗ wiſſer Prediger, ein würdiger, ſchlichter, doch dabei ſcharfſichtiger Mann, den Sir Willmott Burrell, wie ich erfahren, eingeſchloſſen, und dem Hungertode Preis gegeben hatte, als den einzigen Mitwiſſer ſeiner Geheimniſſe, da er in den Beſitz gewiſſer Papiere gekommen war, welche Sir Willmotts Heirath mit der jüdiſchen Lady bewieſen.“ „Und Dalton?“ „Rettete dieſen Mundflink.“ „Ah, Mundflink,“ unterbrach ihn Cromwell. „Ich habe von ſeinem Verſchwinden gehört. Und er iſt in Sicherheit?“ „Vollkommen.“ „Ich preiſe den Himmel für dieſen Ausgang. Aber warum kommt dieſer Mann nicht heraus aus ſeiner Höhle? Mich dünkt, da er dem Ju⸗ den, der unſer Freund iſt, ſolchen Dienſt ge⸗ leiſtet hat, ſo hat er einigen Anſpruch auf un⸗ ſere Berückſichtigung und er mag hoffen, viel⸗ leicht auf Pardon hoffen. Aber, wenn mir recht iſt, ſo erwartet er mehr als Pardon, nämlich auch Pardon für ſein Schiff, und außerdem noch andere Guäthdeiſ für ſich. Lautete es nicht alſo?“ „Mit Eurer Hoheit Werlaub, ja. Der Mann liebt ſein 4 das iſt natürlich, und ſeine Leute. „Was, das räuberiſche, diebiſche Geſindel, das überall Verheerung verbreitet, die Küſte mit Jammer erfüllt, Plünderung befördert und angeſtiftet, Unzufriedene aus feindlichen Län⸗ dern herübergebracht und ſie ausgeſtreut hat über das Land, wie Leinſaamen! Nach Cornwall— Devon— Eſſer— Kent— Suſſer— überall hin! Das uns in Athem gehalten hat, daß wir Tag und Nacht der Ruhe entbehren mußten, und⸗ gezwungen wurden, zu wachen, wie ein Hof⸗ 3— 152— hund, zur großen Plage und Gefahr unſeres Körpers und zur Störung unſeres Geiſtes! Par⸗ don für ſolches Volk! Dalton können wir ver⸗ zeihen, denn wir haben Gründe dafür; aber ſein Schiff— das ſoll brennen auf der hohen See, als ein Beiſpiel für alle ſeines Gleichen; und die Mannſchaft— würde nicht jeder Schelm, der eine Hühnerſteige beſtähle, erklären, er gehöre zu Hugh Dalton's Bande? Und warum ſchickte er Euch als ſeinen Abgeſandten?“ „Eure Hoheit erlaube,“ unterbrach ihn Robin, ner ſchickte mich nicht, obgleich er von meinem Gange weiß. Er wacht zur Seite ſeines Kindes.“ „Seines Kindes, ſagt Ihr? Ich dachte, er hätte nur Eines, und dies ſey auf irgend eine geheimnißvolle Art hieher gekommen, aber kürz⸗ lich.. 3 Cromwell wollte hinzufügen: nerſchoſſen wor⸗ den,“ aber er erinnerte ſich, was Robin in Hamp⸗ tonhof gelitten hatte, als von Barbaras Tod in ſeiner Gegenwart geſprochen wurde, und obgleich er ſich ſelbſt an dem Gemälde, welches er von den Uebelthaten des Bucaniers entworfen, erhitzt hatte, hielt ihn doh ſein Zartgefühl ab, die fri⸗ ſche Wunde in Robins Bruſt wieder zu öffnen. Robin ſegnete ihn dafl. im Stillen und ſagte nach einer Pauſe, in der ſich jeder ſeinem Ge⸗ — 153— fühle überließ:„Eure Hoheit, das Mädchen iſt nicht todt, obgleich ſchwer verwundet.“ „Ich danke Gott dafür. Ich danke Gott für jede Wohlthat. Habt Ihr es bereits der Lady Konſtanze geſagt?“ „Ich habe Ihr noch nichts davon mitgetheilt, weil ich nicht wußte..“ „Recht ſo, recht ſo,“ unterbrach ihn Crom⸗ well, ohne ihn ausſprechen zu laſſen,„eine ſchwei⸗ gende Zunge iſt immer harmlos und nichts mit ihr zu fürchten. Aber ich muß ſogleich Mund⸗ flink und die Jüdin ſehen; ſagt Dalton, daß ich es ſo wünſche.“ „Der Kapitain hat Geheimniſſe, die ſich auf dieſe Familie beziehen, in ſeiner Gewalt und die, wie ich glaube, er für ſich behalten wird, wenn nicht.. Robin war zu gewandt, um den Satz zu Ende zu bringen, denn er fürchtete des Protektors Zorn zu erregen. Dieſer aber rief, als er ſein Zaudern bemerkte: „Nur heraus, junger Mann, nur heraus da mit. Dieſer Menſch möchte uns Geſetze diktiren. Sprecht weiter, ſage ich. Was ſind alſo ſeine gnädigen Bedingungen?“ Obgleich dieſe letzten Worte ironiſch geſpro⸗ chen wurden, nahm Robin doch nicht Anſtand, ſogleich und furchtlos zu ſprechen: „Pardon für ſich, ſeine angeworbenen Leute, und Sicherheit für ſein Schiff. Ich weiß, daß er ſo denkt, und ſo ſprechen würde.“ Der Protektor antwortete ruhig:„Was den Pardon für ihn betrifft, ſo ſage ich, ja; zu den andern Bedingungen, nein. Einmal geſprochen, iſt genug. Meine Worte ſind für die Ewigkeit, junger Mannz; es iſt ſchon viel, daß ich ihm ver⸗ zeihe. Geht! Geht! Was hindert mich, ſein Neſt in die Luft zu ſprengen? Was kümmern mich die Geier ſeines Horſtes?“ „Aber die Tauben, Eure Hoheit, die Tauben, welche dort niſten?“ „Hört mich, Herr Geſandter,“ entgegnete Cromwell,„glaubt Ihr, wenn ich rings um ſein Reſt eine Kette von Pulver ziehe, glaubt Ihr, er würde ſein Kind umkommen laſſen, welchem verzweifeltem Schickſal er auch ſelbſt entgegen gehen möchte?“ „Mylord, er blickt kühn in die Sonne, wenn ſie am höchſten ſteht, er würde, ohne zu blinken, auf die Kugel ſehen, welche ihm den Tod brin⸗ gen ſoll, er iſt ein Mann von unerſchiitterlicher Feſtigkeit.“ „Zugeſtanden,“ ſagte der Protektor,„aber ich bin Vater, und Ihr ſeyd es nicht. Wärt Ihr es, würdet Ihr fühlen, daß er, wäre das Weib — 155— eine Krähe, nicht eine Taube, er es doch nicht der Gefahr Preis geben würde. Es iſt ſein Kind. Ich vergeſſe jetzt, wer ich bin, dächte ich daran, könnte ich ſo nicht ſprechen. Ich ſchicke Euch zu Dalton, ihm zu melden, daß, in demüthiger, höchſt demüthiger Nacheifrung des gelobten Got⸗ tes, deſſen unwürdiger Diener ich bin, ich ſage, daß, obgleich in den Augen der Welt ſeine Sün⸗ den roth ſind, wie Scharlach, ſie doch ſeyn ſol⸗ len wie Wolle; ſie ſollen aus meinem Gedächt⸗ niß gelöſcht werden, und ich will meine Rechte ausſtrecken, nicht zu ſtrafen, ſondern zu retten; ſo weit es ihn betrifft, will ich nicht achten auf ſeine Miſſethaten, vorausgeſetzt„ daß...— er hielt plötzlich inne, und blickte auf die Wanduhr über dem Kamin, eine ſchwere eiſerne Maſchine, deren Bewegung der Zeit ſelbſt Mühe zu ma⸗ chen ſchien—„Ihr ſeht die Stunde, der Zeiger weiſt auf Schlag neun; vorausgeſetzt alſo, daß, ehe derſelbe Zeiger auf der Zahl ruht, welche den morgenden Tag verkündet, der Prediger, die Jüdin, er ſelbſt und ſeine Tochter in dieſem Zimmer ſind, vorausgeſetzt, daß ſie alle hier ſind, ſo will ich den Pardon unterſiegeln; er ſoll gehen oder bleiben dürfen, ein freier Bür⸗ ger des Gemeinwohls. Ja, mehr noch: meine Soldaten ſollen ſchlafen bis Mitternacht, ſo daß Alle, Alle in Sicherheit ſich entfernen können; zu Land verſteht ſich, denn wenn nur irgend der geringſte Verſuch gemacht wird, das verpe⸗ ſtete Schiff, deſſen Mannſchaft ängſtliche, oder vielmehr vorſichtige Wache auf dem Decke hält, auf die hohe See zu führen, ſo ſind, und wäre die Nacht auch ſo finſter als die Hölle, doch Augen da zum Sehen und Hände zum Rächen. Das Schiff wird nicht ungeſtraft davonkommen; bei dem Schiffe muß die Gerechtigkeit ihren Lauf nehmen. Euer Bucanier ſoll das bedenken und Gott preiſen, der uns ſo barmherzig gemacht hat.“ „Soll der Glühwurm nach Chatham herum⸗ geſchleppt und von dem feigen Landgeſindel mit Fingern auf ihn gewieſen werden, als auf Hugh Dalton's ſchmuckes Schiff? Es würde ihn um⸗ bringen, Eure Hoheit, es würde ihn umbringen. Er wird ſein Leben nicht gegen ſolche Bedin⸗ gung annehmen wollen.“ „So mag er es verlieren. Denkt Ihr, daß, wenn Ihr auch ehrlich ſeyd, ſich nicht andere finden ließen, welche das Geheimniß dieſes Ne⸗ ſtes verrathen werden? Komme ich für Kurzweil hieher? Der Herr iſt gerecht und barmherzig. Die Höhle und ihre Schätze ſind unſer. Gottes Eüte bedeckt die ganze Erde; und doch iſt das Verderbniß ſo groß, daß wir nicht Muſe ha⸗ ben zur Ruhe, geſchweige zur Kurzweil. Die Leidenſchaften und böſen Neigungen der Men⸗ ſchen verzehren uns und verſcheuchen jede Erho⸗ lung, oft ſelbſt heilige Erbauung von unſerem Lager. Geht hin! Wir haben einen, der uns blindlings durch Eure Klippe und ihre Gemä⸗ cher führen könnte. Wenn wir Dalton bewaffnet finden, können wir der Gerechtigkeit nicht mehr in die Arme fallen, dann könnte ſelbſt ich ihn nicht mehr retten.“ „Euer Führer weiß nicht, was ſeiner wartet, wenn er die Soldaten Eurer Hoheit zurecht weiſt,“ antwortete Robin vielleicht mit etwas zu großer Vertraulichleit, die Folge ſeiner langen Unterredung. „Es iſt genug,“ ſagte Cromwell,„obgleich Ihr erklärt habt, Ihr ſeyed nicht in ſeinem Auf⸗ trage zu uns gekommen, ſo werdet Ihr doch nicht anſtehen, unſer Gebot auszurichten. Ich brauche nichts zu wiederholen— es ſind noch vier Stunden Zeit— dann muß die Jüdin, der Mann des Herrn, Dalton und ſeine Tochter heimlich, verſteht Ihr mich, heimlich dieſes Zim⸗ mer betreten haben. Bis dahin ſchlafen meine Soldaten; aber das Schiff darf nicht von der Stelle. Vergeßt nicht, wenn ſein Anker gelichtet — 158— wird, oder,“ fügte er mit dem ſchnellen Ueber⸗ blick eines Mannes hinzu, der ſich gegen jede Mög⸗ lichkeit einer Zweideutigkeit verwahren will— „im Stiche gelaſſen wird, ſo iſt das Leben des Bucaniers verwirkt.“ Robin verbeugte ſich mit großer Unterwürfig⸗ keit, blieb aber noch immer ſtehen. „O, Eure Hoheit, er liebt das Schiff ſo ſehr.“ „Junger Mann, Ihr wollt mein Gefühl be⸗ ſtechen und vergeſſet, vor wem Ihr ſteht.“ Robin verbeugte ſich noch tiefer, als zuvor, und entfernte ſich langſam aus dem Zimmer. Indem er die Thüre zuſchloß, blickte er noch ein⸗ mal zurück, wo der Protektor ſaß. Cromwell be⸗ merkte es, erhob die Hand und zeigte auf die Uhr, deren eiſerner Zeiger unaufhaltſam ſeine Kreisbahn zurücklegte. 4 — 159— Elftes Kapitel. „Der Herr ſtehe mir bei!“ rief Robin Hays, „der Herr ſtehe Dalton bei! Er wird ſich eher Glied für Glied von ſeinem Körper abhauen, als, Hand an eine einzige Planke ſeines guten Schiffes legen laſſen. Er liebt es mehr, als ſein Leben. Ich darf nicht mit ihm davon ſprechen. Aber hundert und fünfzig unſerer Leute, wenn wir ſie auch aus den verſchiedenen Lagern zuſammenbringen könnten, würden doch nicht Stand halten gegen die wohlge⸗ rüſteten Soldaten, welche jetzt auf der Juſel ſind. Nichts kann der Macht dieſes höchſt wunderba⸗ ren Mannes widerſtehen, oder ſeinen Willen um⸗ wandeln. Es iſt unnütz, mehr mit Dalton zu ſprechen; aber retten will ich ihn, und ſollte ich in dem Verſuche untergehen.“ Mit dieſem Vorſatze eilte er nach dem Mö⸗ wenneſte. Dort angelangt, wendete er ſich haſtig nach dem Zimmer, in welchem ſeine Mutter lag. — 160— Es war nur noch Ein lebendes Weſen darin, und dies war damit beſchäftigt, den Körper ſei⸗ ner verſtorbenen Mutter zurechtzulegen und mit leiſer, einförmiger Stimme Bruchſtücke von al— ten Liedern und Balladen zu ſingen, die zu die⸗ ſer Trauerarbeit paßten. Robin hielt ſich an der Thüre feſt. So wenig er auch ſeine Mutter geachtet haben mochte, ſo wußte er doch, daß ſie ihn liebte, und ſchmerz⸗ lich iſt es, wenn in einer Welt, wo ſo wenig Liebesbande geſchlungen werden, die theuerſten und engſten zerriſſen werden. Er ſtand eine Zeit⸗ lang und ſtarrte auf die langſamen Bewegungen des alten Weibes, welches ſo verdorrt und elend ausſah, daß man faſt glauben konnte, das Grab habe einen Todten herausgeſchickt, um die Ruhe⸗ ſtätte für einen andern zu bereiten. Die kleine Lampe gab nur wenig Licht, und die Augen ſei⸗ ner Mutter, die noch niemand zugedrückt hatte, blickten ſo wild und irr, daß ſie noch den Schrek⸗ ken vor dem nahenden Tode zu verkünden ſchie⸗ nen. „Iſt ſie ſchon lange hingeſchieden?“ fragte Robin endlich ſo leiſe, daß das alte Weib zu⸗ ſammenfuhr, als ob die Stimme aus der Erde ſteige. „O Gott, ſeyd Ihr es, Meiſter Robin? 161— Ach, ich dachte nicht, daß Ihr fortgehen könntet; nicht daß ich glaube, ſie hätte Euch ſehr vermißt, denn ſie machte es nicht lang, das heißt ganz am Ende: „Und dein Lager ſey zuletzt Von der breiten See benetzt.“ Während ſie ſang, ſtrich ſie das Haar von dem verzerrten Geſichte der Todten zurück, und ihre zitternde, ſchwache und doch ſcharfe Stimme erhöhte das Traurige dieſer Scene. „Macht Alles ordentlich, gute Frau, ordent⸗ lich und anſtändig und Ihr ſollt belohnt dafür werden, ſagte Robin tief ergriffen, da er fühlte, daß er unmöglich länger bleiben und ſelbſ nach Allem ſehen könne. „Schon gut, ſchon gut, ich ſtehe dafür, daß Alles ordentlich gehen wird, ſo ordentlich, als ob ſie es ſelbſt thäte, die arme Seele!“ Robin wendete ſich nach der Klippe. Als er hinabſtieg, trug ihm der Wind den Klagegeſang der Leichenfrau nach, bis er auf den Strand zu dem Fuße des Felſens kam und, ſcharf um ſich blickend, bemerkte, daß die Regierungsſchiffe näher um den Glühwurm, den er, ſo ſelten er ſich auch täuſchte, früher doch nicht erkannt hat⸗ te, vor Anker gegangen waren. Die Nacht war— finſter, aber ruhig, ohne Nebel. Dann und wann III. 11 — 162— brachen einige Sterne durch das Gewölk und ſchimmerten einen Augenblick, bis eine vorüber⸗ ziehende Wolke ſie wieder in ihren Schatten verhüllte; der Ocean ſchlummerte ſauft und ſtill. Nur wer vertraut mit ſolchem Schauſpiele war, konnte die Schiffe auf der Höhe unterſcheiden, da ſie dem ungeübteren Auge als ein Theil des dunkeln Waſſers erſchienen wären. Robin blickte darauf nach der Klippe und pfiff leiſe, aber doch vernehmlich. Das Signal wurde fogleich erwiedert, und einen Augenblick darauf ſtand Roupall an ſeiner Seite. „Iſt jemand ſchon hin nach dem Schiffe? Und wo iſt der Kapitain?“ „Er iſt bei den Weibern,“ antwortete Rou⸗ pall,„und hat ſich, denk ich, ſchon nach Euch umgeſehen.“ „So ſagt ihm,“ bemerkte Robin,„daß es niemand wagen ſoll, nach dem Glühwurme zu gehen, als bis ich Euch ein Signal gebe. Die Schiffe haben ſich näher herumgelegt, und jedes Boot, das abſtieße, würde in Grund gebohrt werden, denn ſo dunkel es iſt, können ſie doch ſehen, und wenn der Himmel ſich nicht mehr umzieht, braucht der Mond nicht zu ſcheinen, denn die Sterne leuchten hell genug zum Ver⸗ derben. Und nun, Jack, will ich Euch zu mei⸗ — 163— nem Vertrauten machen— ein Beweis, daß ich Euch wenigſtens für einen ehrlichen Spitzbuben halte. Gebt dies, was ich jetzt auf das Perga⸗ ment ſchreiben werde, dem Kapitain nicht eher, als bis mein Signal vom Schiffe erfolgt. Als guter Seemann wird er zwar Wache halten, aber Ihr und Springall müßt ihn nicht verlaſſen, Ihr ſeyd mir dieſen Gefallen für das Unrecht ſchul⸗ dig, das Ihr mir einſt gethan habt. Jetzt kann es vergeben und vergeſſen werden.“ „Was das Unrecht betrifft,“ antwortete Rou⸗ pall,„ſo iſt das ſchon aus meinem Kopfe ge⸗ wiſcht. Aber Tauſend! Ihr müßt ein gelehrter Kerl ſeyn, daß Ihr ſo in der Nacht ſchreiben könnt. Aber ich meine, daß das Signaliren und Ge⸗ ſchreibſel könnte erſpart werden, wenn Ihr ge⸗ radesweges zum Kapitain ginget und ihm alles erklärtet. Wir lauern hier, wie Eulen und Fle⸗ dermäuſe, und paſſen auf, bis Befehl kömmt, nach dem Schiffe abzugehen, und ich weiß, daß der alte Hugh geſagt hat, er warte nur noch einen Boten ab, der ihm eine Antwort auf et⸗ was bringen ſoll. Ich höre, er hat eine Unter⸗ handlung angeknüpft, zu der ich nie meine Zu⸗ ſtimmung gegeben hätte, aber freilich haben acht oder zehn ſeine Zuſtimmung benutzt und ſich da⸗ von gemacht— Burſchen, die gewiß nie mehr — 164— als einmal mit ihm gekreuzt haben. Laßt uns an Bord und wir ſind ſicher. Ich wollte, die Nacht wäre finſterer, denn ich ſchließe aus den Bewe⸗ gungen der Wachtſchiffe— der Teufel hol' ſie! — daß ſie Argwohn haben. Nun, ſeyd Ihr fer⸗ tig? Jetzt ſagt mir auch, wie das Signal ſeyn wird? Ein rothes Licht?“ „Ein rothes Licht?“ wiederholte Robin nach⸗ denkend, indem er das Pergament zuſammen rollte.„Allerdings. Es wird ein helles, rothes Licht ſeyn.“ „Aber, Robin, wird das die Schiffe nicht in Bewegung bringen.“ „Thut nichts,“ antwortete Robin, ſeine Stie⸗ feln und alle überflüſſigen Kleidungsſtücke von ſich werfend, ſo daß er nur Beinkleider und Hemd anbehielt.„Gebt mir Euren Gurt, er iſt breiter, als der meine.“ Roupall that, was man von ihm verlangte, und fragte, ob Robin toll ſey, daß er bis zum Glühwurm ſchwimmen wolle. „Ja,“ war die kurze Antwort.„Und nun,“ fügte er hinzu,„vergeßt nicht, Jack. Den Augenblick, wo Ihr mein Signal ſeht, gebt Ihr dies dem Kapitain, aber ſo lieb Euch Euer Le⸗ ben iſt, nicht früher.“ Mit dieſen Worten ſprang er in das Meer, und das Geräuſch, das er machte, indem er mit kräftigem Arm das Waſſer theilte, ſtarb bald in der Ferne. „Gut!“ rief Roupall,„das übertrifft alle ſeine frühern Streiche. Teufel! das Schiff liegt eine volle Meile weit! Und jetzt fällt mir erſt ein, was ſollen wir denn thun, wenn er das Signal gibt? Aber ſo geht es immer. Den Au⸗ genblick, wo der Seemann das Land berührt, kann er von Ruhe und Sicherheit Abſchird neh⸗ men.“ Ehe er die Spitze der Klippe erklettert hatte, begegnete er dem Bucanier. „Haſt Du Robin Hays geſehen?⸗ war ſeine erſte Frage. „Ja, Sir, und wenn es Tag wäre, könntet Ihr ihn auch ſehen, wenigſtens das beſte Stück von ihm, ſeinen Kopf, dort unten, wie er nach dem Glühwurm zuſchwimmt.“. „Was? Nach dem Glühwurm! Was ſoll das, Jack? Es iſt keine Zeit jetzt zum Scherzen.“ „Ich ſage, Kapitain, daß Robin Hays nach dem Glühwurm ſchwimmt, und mir geſagt hat, wir ſollten ein Signal abwarten, das er geben würde, und „Und was?" „Ein rothes Licht nämlich vom Schiffe.“ — 166— „Rothes Licht,“ wiederholte der Bucanier er⸗ ſtaunt.„Er hat den Verſtand verloren. Was bedeutet das? Hat er keine Beſtellung für mich hinterlaſſen?“ „Keine,“ antwortete Roupall, indem er bei ſich dachte, ein Stück Pergament ſey keine Be⸗ ſtellung, und ſeine Ausſage alſo keine Lüge. Dalton ging auf und ab auf dem ſchmalen Vor⸗ ſprung, der in vergangenen Tagen durch manche Schmugglerwache platt getreten war; unter ſei⸗ nen Füßen lag das unterirdiſche Gemach des Mö⸗ wenneſtes, vor ihm— obgleich nicht mehr ſicht⸗ bar, da die Nacht dunkler geworden war— an⸗ kerte ſein Schiff. Zu jeder andern Zeit würde er ſich ſicher auf der einen Zufluchsſtätte oder der andern gehalten haben, die Verhältniſſe hat⸗ ten ihn aber jetzt überzeugt, daß weder Land noch See ihm eine gewiſſe Rettung böten. Einen Augenblick dachte er daran, ſein Boot zu beman⸗ nen und keck mit ſeiner Tochter nach dem Schiffe zu fahren. Wäre er allein geweſen, würde er gewiß ſogleich ſich dazu entſchloſſen haben, aber er konnte ſie der Gefahr nicht Preis geben, viel weniger ſie in derſelben allein zurücklaſſen. Mit der gewöhnlichen Blindheit derer, welche eine Frage nur von ihrem eigenen Geſichtspunkte aus betrachten, konnte er nicht begreifen, was der — 167— Protektor gegen die Erhaltung des Glühwurms haben könnte, und hatte daher gehofft, Robin würde mit einer Nachricht zurückkommen, die ſein und ſeines Kindes Herz mit Freude erfüllen werde. Er wußte, daß Cromwell ein großes Opfer brin⸗ gen würde, um die Jüdin Zilla zu retten und hatte Grund zu glauben, daß der Protektor ahnte, er hätte noch andere Geheimniſſe in ſei⸗ ner Gewalt, deren Kenntniß ihm werthvoll ſeyn müſſe. Robins Entfernung nach dem Schiffe blieb ihm daher unerklärlich, aber es blieb ihm nichts übrig, als ſo geduldig wie möglich das verſpro⸗ chene Signal abzuwarten. Während er ſo bald mit langſamen, bald beſchleunigten Schritten hin und her ging, nahm die Dunkelheit immer zu und die Sterne funkelten immer ſeltener durch das Gewölk. Es war kein Sturm; kein Wind ſauſte durch die Luft, aber die Wolken ſchichte⸗ ten ſich immer ſchwerer zuſammen und bedeck⸗ ten das Firmament wie mit einem Bahrtuche. Roupall ſaß auf einem großen Stein, die El⸗ lenbogen auf die Knien geſtützt, ſtarrte ſchwei⸗ gend auf die See und wartete nicht weniger beſorgt auf die Flamme, welche, wie er hoffte, plötzlich als Zeichen durch die dunkle, ſchwule Nacht brechen ſollte. Dann und wann drang die klagende Stimme des Weibes, welches bei der — 168— Leiche im Möwenneſte wachte, über die Klippe, und ſtarb dahin in dem Schooße des Meeres. Zu Zeiten ſcharrte und brummte Roupall wie ein angeketteter Hund, aber die beſorgte Span⸗ nung des Kapitains war ſo geſtiegen, daß er nicht mehr umher ging, ſondern auf der höͤchſten Spitze der Klippe bewegungslos wie ein dun⸗ kles, ſteinernes Monument ſtand. Plötzlich brach ein helles Licht, dann eine ge⸗ waltige Flamme hoch auf durch die Nacht, als ob der Ocean, gleich einem Vulkan, eine Feuer⸗ ſäule zum Himmel aufgeſchleudert hätte. Wie der Blitz dem Donner, folgte ein erſchüttern⸗ des Krachen. Die Klippe zitterte, die Seevögel rauſchten aus ihren Neſtern hervor, und krei⸗ ſten erſchrocken und ſchreiend durch die Luft. Aus allen Riffen längs der Küſte ſtürzten die Schmug⸗ gler hervor, wo ſie gewartet hatten, bis es Zeit ſey, die Boote abzuſtoßen, und nach dem Schiffe zu rudern. Die alte Leichenfrau hatte die Tod⸗ tenkammer verlaſſen und ſtand mit flatternden Haaren, die Arme vor Entſetzen aufhebend und ſinken laſſend, wie eine Sybille, deren Zauber⸗ ſpruch die Natur aus ihren Fugen geriſſen hat. Alle ſtanden da, vom Feuer beleuchtet, das ſein flackerndes Licht auf die wilden Ge⸗ ſtalten und die rauhen Felſen warf, hinſtarrend — 169— auf das verlorne Schiff, unter allen aber her⸗ vorragend die gewaltige Geſtalt Roupalls, der regungslos das Pergament in der Hand hielt, aber außer Stande war, es Dalton zu überreichen. Der Kapitain ſelbſt glich einem belebten Stein⸗ bilde, erglühend in den Flammen, die noch im⸗ mer zum Himmel aufwirbelten, aber immer mehr ſich zertheilten, je öfter ſich die Explo⸗ ſionen wiederholten und einen Theil aufſchleu⸗ derten, oder über die funkelnden See warfen, welche ſich wie eine Feuermaſſe zum Strande wälzte. „Lest! lest!“ rief Roupall endlich, das Per⸗ gament dem Bucanier in die Hand drückend. „Lest! lest!“ wiederholte er, ohne daß Dalton es beachtete. „Was leſen?“ ſagte der Kapitain mit einer Stimme, die Allen, die ſie hörten, in das Herz drang.„Leſe ich nicht, leſe ich nicht dort— ſchwarzen, bittern, flammenden Verrath? Es iſt mein Schiff. Ich kenne jede Sparre, die wie ein Meteor durch die Luft fliegt. Mein Muth iſt nie erlegen, jetzt bin ich zermalmt.“ „Les! Ich will es leſen,“ ſagte Springall, der zu den Uebrigen getreten war. Nicht ohne Schwierigkeit las er Folgendes vor: „Dalton, Ihr ſeyd gerettet, wenn ich auch — 170— vielleicht untergehe. Ich wußte, Ihr würdet nie Euer Schiff für Euer Leben aufopfern, darum habe ich es für Euch gethan. Geht mit der Jüdin, Eurer Tochter und dem Prediger unverzüg⸗ lich nach Cecilhaus zu dem ſchmalen Gange, der nach dem rothen Zimmer führt, und ver⸗ langt Zulaß. Ihr habt Eure Verzeihung und alle Andere können die Inſel verlaſſen, vorausge⸗ ſetzt, daß ſie vor Eins ſich entfernen.“ Der Bucanier hörte offenbar nicht hin, die Mittheilung machte daher keinen Eindruck auf ihn, und er blieb in derſelben Stellung wie vor⸗ her. Selbſt Springall ſprach kein Wort weiter, ſondern drängte ſich nur zu dem Kapitain und ergriff ſeinen Arm, als ob er ſagen wollte, daß er ſich nie von ihm trennen werde. In dieſem Augenblicke hörte man einen Schrei vom Strande herauf und man ſah, obgleich die Helle immer mehr abnahm, daß mehre Leute nach dem Waſſer geſprungen waren und einen Menſchen an das Ufer zogen, der nicht mehr Kraft genug hatte, ſich ſelbſt an das Land zu helfen; ſchnell jedoch hatte er ſich ſo weit erholt, daß er die Klippe hinanklimmen konnte; und matt, triefend, unfähig, ein Wort zu ſprechen, ſtand oder ſtürzte vielmehr Robin zuſammen vor dem verzweifelnden Bucanier, Er kam zu früh; — 171—— Dalton war noch zu aufgeregt, zu wüthend über den Verluſt ſeines Schiffes, als daß er die Ge⸗ fahr würdigen konnte, in welcher Robin ge⸗ ſchwebt, oder das Opfer, welches er gebracht hatte. Er dachte nur an das, was er verloren, nicht was er gewonnen hatte, er ſah in Robin nur den Zerſtörer ſeines Schiffes, nicht den Ueberbringer ſeines Pardons. In ſeiner ungezü⸗ gelten Leidenſchaftlichkeit ergriff er ſeinen Retter, hob ihn mit der Kraft des Wahnſinnes auf von dem Felſenrande und hätte ihn über die Klippe geſchleudert, wäre ihm nicht von einer ſchwachen und doch unwiderſtehlichen Gewalt der Arm zu⸗ rückgehalten worden. Es war Barbara, die ih⸗ ren Vater in ſeinem gräßlichen Vorhaben hin⸗ derte; trotz ihrer Schwäche hatte die Exploſion ſte und ihre Gefährtin aus ihrem Zimmer ge⸗ trieben und ſo trat ſie jetzt wie ein Engel des Erbarmens zwiſchen ihren Vater und ſeine un⸗ gerechte Rache. Als der Bucanier den Druck auf ſeinen Arm fühlte, ſuchte er zuerſt ſich die⸗ ſer Hemmung zu entledigen, aber als er in das Geſicht deren, die ihn zurückhielt, in das bleiche Antlitz, in die flehenden Augen ſeiner geliebten Tochter blickte, ließ er, beſiegt durch einen Blick, überwunden durch eine Berührung, ohnmächtig, widerſtandlos ſeine Beute fahren. — 172— Barbara beſaß keine Energie, keine eigene Kraft, und betrachtete Gehorſam als eines Weibes erſte Pflicht, Gehorſam gegen die Eltern, Gehorſam gegen den Gatten, und vielleicht wäre ſie in ih⸗ rer Furchtſamkeit, wenn ſie Zeit zur Ueberle⸗ gung gehabt hätte, vor dem bloßen Gedanken an eine Widerſetzlichkeit gegen ihres Vaters Willen zurückgebebt, obgleich ſie ihr ganzes Leben hin⸗ durch ſeine raſende That beweint hätte. Aber jetzt handelte ſie nur nach dem Antriebe des Au⸗ geublickes. Nichts konnte rührender ſeyn, als der Anblick ihrer leidenden, faſt durchſichtigen Geſtalt, wie ſie an dem Arm ihres düſterblickenden Vaters hing, gleich einem Schneeſtreifen an einem dunkeln Berge. Robin, deſſen Empfindlichkeit ſeiner Treue die Wage hielt, fühlte es bitterlich, wie unwür⸗ dig ihn der Bucanier behandelt hatte, und ſtand da voller Begierde, ſich wegen der Beleidigung und der Ungerechtigkeit zu rächen, enthielt ſich jedoch jedes Wortes und jeder That, da Barbara noch immer in derſelben Lage in ihres Vaters Armen lag, außer Stande, ohne fremde Hülfe ſich zu entfernen. Springall, der ſie nicht genug liebte, daß es ihm die Fähigkeit, ihr beizuſpringen, geraubt hätte, ſammelte ſich zuerſt, brachte in ſeiner Mütze etwas Waſſer, welches am Felſen herab⸗ rieſelte und ſprützte es auf ihre bleiche Stirne, — 173— während Zilla ihre Hände rieb und ſie von ihrem Vater loszumachen ſuchte. Endlich ſprach ſie, und obgleich ihre Stimme ſo ſchwach, wie die eines Kindes war, hörte ſie der Bucanier doch und wandte ſeine Augen ab von den Ueberbleibſeln ſeines brennenden Schiffes, um in das lebende Antlitz ſeines Kindes zu blicken. „Vater! Ihr ſchreckt mich durch dieſe wilde Leidenſchaftlichkeit. Laßt uns fort von dieſem wil⸗ den Platze. Der arme Robin iſt Euer treuer Freund, Vater. Seyd gut mit ihm.“ „Du ſprichſt wie ein Weib, wie ein junges, ſchwaches Weib,“ entgegnete der Kapitain, indem er ſeine Arme um Barbara ſchlang, ſie an ſeine Bruſt drückte, und ſo zeigte, daß er wie⸗ der an der Gegenwart Theil nahm.„Blick hin, Mädchen, und ſage was Du ſiehſt.“ „Maſſen brennenden Holzes, die ſich auf dem Ocean umhertreiben, und die der aufbrechende Wind zur Küſte treibt.“ „Und weißt Du, was dieſes brennende Holz noch vor einer Minute war?“ „Nein, Vater.“ „Dieſes flammende Holz war einſt mein Glüh⸗ wurm— mein Schiff— mein eigenes Schiff.“ „Und Robin?“ „Hat es vernichtet.“ — 174— „Hat er das!“ Barbara hielt einen Augenblick inne, faltete die Hände, und hob ſie auf, indem ſie fortfuhr:„Geprieſen, tauſend Mal geprieſen ſey Er! Denn was er thut, iſt im⸗ mer gut und voll Weisheit. Ach, jetzt erkenne ich Alles. Er zerſtörte das böſe Schiff, damit Ihr nicht mehr zur See ginget, ſondern auf dem Lande bleibet bei uns— bei mir, wollte ich ſagen,“ ver⸗ beſſerte ſte, ihr Geſicht an ihres Vaters Schulter bergend. Fünf oder ſechs von der Mannſchaft waren die Klippe hinaufgeklettert und hatten ſich um ih⸗ ren Kapitain gedrängt. Roupall, Springall und die Jüdin hielten ſich dicht neben Barbara, wäh⸗ rend Robin noch auf demſelben Flecke ſtand, wo Dalton ihn losgelaſſen hatte, einen Fuß auf dem Rand der zerbröckelten Klippe, die Arme über der Bruſt gekreuzt. Der rothe Schimmer war von dem Waſſer verſchwunden, die Seevögel wa⸗ ren zu ihren Reſtern zurückgekehrt, aber auf den Schiffen der Regierung wurde es hell und lebhaft, und plötzlich ſchallte von Cecilhaus her durch die Nacht das helle Schmettern einer Trompete. Es rief Robin Hays wieder zum Leben und zum Han⸗ deln, und während die übrigen ſich. ſchweigend anſahen, trat er hervor und ſagte:„Hugh Dal⸗ ton, das Schiff war Euer, und Euer allein, und — 175— das Pargament, welches Springall hält, giebt Euch Rechenſchaft wegen ſeiner Zerſtörung; dieſe Zerſtörung, Kapitain, muß eins, eins wenigſtens beweiſen, daß ich Euch mehr liebte, als den Glüh⸗ wurm. Beide konnten nicht gerettet werden. Ihr aber habt mich wie einen Hund behandelt, den Ihr den Tod eines Hundes ſterben laſſen woll⸗ tet, und das werde ich nie vergeſſen.“ „Robin,“ rief eine ſanfte Stimme. „Ich kann es nicht vergeſſen,“ wiederholte er; aber dieſelbe Stimme ſagte wieder:„Robin!“ mit ſo eindringlicher Empfindung, daß Alle ge⸗ rührt waren. Nach einer Pauſe nahm der rauhe Jack Roupall das Wort. „Der Kapitain war außer ſich, und das iſt kein Wunder, als er das Schiff brennen ſah. Ihr müßt ihm das nicht nachtragen, Robin Hays; aber ließ es ſich denn nicht in offene See ſchaffen?“ „Es war gekannt, bezeichnet, bewacht„ wie ich genau weiß,“ antwortete er.„Hättet Ihr verſucht, die Anker zu lichten, ſo wäre jeder Mann am Bord zum Himmel geſprengt worden. Nicht Eines Leben wäre verſchont worden. Die Leute, welche darauf waren, ſind ſicher. Ich habe ſie nach der Seite von Eſſex geſchickt, obgleich ſie kaum wußten, warum.“ Wieder klang das Trompetengeſchmetter durch die Luft, Robin rief:„Fort, fort! Es iſt noch nicht Mitternacht, und Keinem wird etwas in den Weg gelegt werden, der die Inſel vor ein Uhr verläßt. Fort, fort, Ihr ſeyd Füchſe und habt Löcher genug. Wenn Euch Euer Leben lieb iſt, ſo macht Euch fort!“ „Fort!“ erwiederte Roupall.„Wohin, guter Robin? Hörtet Ihr nicht die Trompete, und wißt Ihr nicht, daß alle Ausgänge beſetzt, nach ſol⸗ chem Aufruf alle Leute auf ihren Poſten ſen werden?“ „Wäre man nicht für Eure Sicherheit beſorgt, würde man die Trompete ſchweigen laſſen. Ich verpfände mein Wort— mein Leben für Eure Sicherheit,“ betheuerte Robin energiſch.„Nur fort, ſchnell fort!“ Einer oder zwei glitten ſchweigend die Klippe herunter, andere aber, Matroſen, die mit ihrem Kapitain Gefahr, Elend und Tod getrotzt hatten, wollten ihn nicht ſo verlaſſen, ſondern ſahen, in Erwartung eines Angriffs, nach ihren Piſtolen und machten die Dolche in ihren Scheiden los. Dalton allein blieb unbeſtimmt und unbekümmert um ſeine Zukunft, und hielt Barbara in ſeinen Armen, der ſich die Jüdin eng angeſchmiegt hatte. „Springall,“ ſagte Robin,„Ihr habt Ein⸗ fluß auf ihn. Benutzt ihn zu ſeinem Beſten; ſein — 177— Pardon iſt gewährt, wenn er die Bedingungen 3 annimmt, die ich ausgeſprochen habe.“. „Große Botſchaft! frohe Botſchaft!“ rief eine rauhe Stimme etwas über ihnen.„Die Philiſter werden überwunden werden, und die Männer von Juda triumphiren. Ich habe in meiner Ein⸗ ſamkeit, ja in meinem Elende Botſchaft von aus⸗ nehmendem Glück vernommen; obgleich meine Oh⸗ ren nicht ſcharf ſind, iſt doch das Roſſegeſtampf Joſua's und ſeiner Armee zu ihnen gedrungen. Wehe Euch, Ihr Cananiter, Ihr Bewohner des verfluchten Landes!“ „Holt ihn herunter!“ ſchrie Roupall. „Bei Eurem Leben,“ rief Robin heftig,„be⸗ rührt ihn nicht, ſondern verbergt Euch in Euern Löchern. Das Möwenneſt wird jetzt keine Sicher⸗ heit mehr gewähren.“ Zugleich ſprang er auf Dalton zu, riß ihm die Piſtolen aus dem Gurt und warf ſie in die See. Kaum war dies ge⸗ I ſchehen, als auch ſchon auf der höhern Klippe in dem ſchwachen Sternenlichte Speere und Helme ſchimmerten. Es war keine Zeit mehr zur Ueber⸗. legung. Roupall und Andere ſchlichen ſich beküm⸗ mert und ſtill fort, und Dalton, Barbara, die Jüdin, Mundflink und Robin ſtanden allein. Oberſt Jones hatte die Soldaten auf beſondern Befehl des Protektors begleitet, der beim Brande— III. 12 des Schiffes einen Augenblick der Meinung war, Dalton und Robin hätten verrätheriſch gegen ihn gehandelt, ein Verſuch, gegen den er mit ſeiner gewöhnlichen Schnelligkeit die geeigneten Maß⸗ regeln anordnete. Robin ging dem Trupp entgegen, wendete ſich ehrfurchtsvoll zum Oberſten Jones und ſagte ihm:„Ihr werdet die Güte haben zu bemerken, Sir, daß Hugh Dalton nicht allein unbewaffnet iſt, ſondern auch die Perſonen um ſich verſam⸗ melt hat, welche vor ein Uhr nach Cecilhaus be⸗ ſtellt worden ſind.“ Oberſt Jones gab keine Antwort auf dieſe Bemerkung, die jedoch nicht unberückſichtigt blieb, ſondern fragte nur mit ſtrenger Stimme:„Durch welche Mittel habt Ihr die Zerſtörung jenes Schiffes dort bewirkt?“ „Ich werde das ſpäter berichten,“ war die einzige Antwort, die er Robin entlocken konnte. Währenddeß war der kleine Trupp umringt worden. Der Bucanier verſuchte keinen Wider⸗ ſtand. Seine Kraft, ſein Muth ſchien verſchwun⸗ den, ſein Kind lag ohnmächtig, matt, erſchöpft zu ſeinen Füßen. Oberſt Jones war, obgleich er es damals nicht ausſprach, ſehr erfreut, als er das todt geglaubte Mädchen am Leben ſah. Dal⸗ ton verſuchte ſie aufzuheben und fortzutragen, — 179— aber vergebens. Er ſtolperte unter der leichten Bürde wie ein Trunkener. Einer der Soldaten bot den Frauen Pferde an. Dalton wollte ſeine Tochter keiner fremden Leitung überlaſſen, ſon⸗ dern ſtieg auf und ſetzte ſie vor ſich. Nobin wollte ſich nach dem Zimmer begeben, wo ſeiner Mutter Leiche lag, aber Oberſt Jones verbot es.„Die Schrift ſagt,“ bemerkte der Krie⸗ ger,„laßt die Todten ihre Todten begraben.“ Zilla hatte ſich in den Schutz des Predigers Mundflink begeben und ſo machte ſich demnach der ganze Zug auf den Weg nach Cecilhaus. — 180— Zwoölftes Kapitel. Mit großer Spannung erwartete der Protek⸗ tor die Rückkehr des Oberſten Jones von ſei⸗ nem Zuge gegen die berüchtigte Klippe. Die Ausrottung einer Schmugglerbande, mochte ſie auch von einem ſo kühnen Manne, wie Hugh Dalton, befehligt ſeyn, hatte geringen Belang in ſeinen Augen in Vergleich zu der Befreiung Zillas, der Tochter Manaſſas, und der gewiſſen Rettung Konſtanzens von einem Looſe, das ſchlim⸗ mer war, als der Tod; dieſe Rückſichten wogen ſchwer in ſeinen Beſchlüſſen, und er hätte jedes Opfer gebracht, um nur vor der Morgendäm⸗ merung ſeine Pläne in Betreff dieſer Beiden zur Ausführung bringen zu können. Als die Explo⸗ ſion des Glühwurms ihn in ſeiner Einſamkeit im rothen Zimmer zu Cecilhaus aufſtörte, ließ er ſogleich nach der Urſache nachforſchen, und überzeugte ſich bald, daß ſie von dem Auffliegen — 181— eines Schiffes hergerührt habe. Sein erſter Ver⸗ dacht fiel ſogleich auf das Schiff des Bucaniers. Es war keine Zeit zu verlieren; Oberſt Jones, deſſen Muth und Kaltblütigkeit ſprichwörtlich unter den Soldaten war, die ſich durch eben dieſe Eigenſchaften ſelbſt mehr auszeichneten, als je Brittiſche Soldaten ſeither, wurde ſogleich nach dem Möwenneſte abgeſchickt. Anfangs befahl der Protektor, ſie ſollten ſtill hinaufſteigen, ſo⸗ gleich darauf aber erinnerte er ſich ſeines Robin Hays gegebenen Wortes, und konnte ſelbſt nicht in dem Augenblicke, wo der Schein des breu⸗ nenden Schiffes die ganze Inſel erhellte, den Glauben faſſen, daß das kleine, mißgeſtaltete Weſen ſein Vertrauen verrathen habe. Er ſoll wiſſen, wer kömmt, und ſich darnach richten, dachte Cromwell, und gab dann energiſch den Befehl:„Laßt zum Aufſitzen blaſen, vertrauet auf den Herrn, und ſorgt, daß Eure Schwerter locker in der Scheide ſind. Der Trupp ſtieß bei ſeiner Rückkehr an dem Thore auf Cromwell ſelbſt, deſſen Beſorgtheit ſo zugenommen hatte, daß ſie jeden, der in ſeine Nähe gekommen war, erſchreckt hatte. Nur zwei Offiziere begleiteten ihn, und ſeine erſte Frage war, ob Oberſt Jones Dalton und die Jüdin brächte. Die bejahende Antwort gewährte ihm 3 ſichtliche Bernhigung, aber dieſem Gefühl folgte ſchnell eben ſo heftiger Aerger, als er die gänzliche Vernichtung des Glühwurms vernahm, welchen er zu ſeiner beſondern Rache aufbewahrt hatte. Bis die Gefangenen, wie er vorher beſtimmt hatte, durch den beſondern Zugang in Cecilhaus hineingeführt worden waren, machte ſich ſein Mißvergnügen nur in gelegentlichen Ausrufun⸗ gen Luft. Das Haus war durch den Lärm in Bewegung gerathen, die Bewohner erfuhren je⸗ doch wenig, was ihre Neugierde hätte ſtillen kön⸗ nen. Als die Soldaten an der Thüre erſchienen, ſah man Lichter durch das Haus tragen, und alle Fenſter ſich mit Köpfen beſetzen; allgemein war daher die getäuſchte Erwartung, als man einen Theil durch den geheimen Eingang ſich nach den Gemächern des Protektors, den andern nach den Ställen begeben ſah. Viele Diener eilten dem letztern nach, konnten aber nichts von dieſen zu⸗ verläſſigen Kriegern erfahren, die ſich ſtreng an ihres Herrn Lieblingsſpruch hielten:„In Schwei⸗ gen iſt Sicherheit.“ Trotzdem konnten ſie nicht ruhen, niemand ging zu Bett, alle erwarteten etwas, obgleich ſie nicht wußten, was. Die Glocke ſchlug eins; fünf Minuten ſpäter ver⸗ ſchloß Cromwell die Thür ſeines Zimmers. Kon⸗ ſtanze ſtand neben ihrem Vater, der ruhig in ſei⸗ nem Seſſel neben dem Bibliotbekzimmer ſchlief. Er hatte ſeit mehren Nächten ſein Bett nicht be⸗ rührt und konnte in ſeiner betrübten Krankheit nur ſelten dazu gebracht werden, ſein eigenes Gemach zu betreten. Konſtanzens Lippen beweg⸗ ten ſich wie im ſtillen Gebete, ſie blickte noch einige Augenblicke auf den Unglücklichen, öffnete dann langſam die Thüre, lehnte ſie leiſe wieder an und ließ den Kranken mit ſeinem Arzte allein. In der Bibliothek, in welcher ſie ſich jetzt be⸗ fand, konnte ſie deutlich den ſchweren Athem des vom Schickſale ſo ſchwer Heimgeſuchten hören. Eine große Lampe brannte auf dem maſſiven Eichentiſche und verbreitete ein helles, für ihren von fiebriſcher Unruhe aufgeregten, angegriffenen Geiſt zu helles Licht, ſie ſank in einen breiten Seſſel und fuhr ſich mit der ſchönen Hand eini⸗ gemal über die Stirne, auf welcher ſich dicke Tropfen geſammelt hatten, und zog endlich die große Bibel näher, welche ſonſt ihrer Mutter gehört hatte. Auf der erſten Seite war von der Hand ihrer geliebten Mutter der Tag ihrer Hei⸗ rath aufgezeichnet, darunter die Geburtstage ih⸗ rer Kinder, mit einem kurzen Dankgebete für jedes, noch tiefer kam ein trauervolles Verzeich⸗ niß, die Todestage ihrer Söhne und wie ſie ge⸗ ſtorben waren; aber der chriſtliche Sinn, der — 184— ihr Worte des Dankes gelehrt hatte, war auch in der Zeit des Kummers nicht von ihr gewi⸗ chen; auch aus der letztern Angabe ſprach tiefe Demuth und Ergebenheit, obgleich die Spuren mancher Thräne noch auf dem Papiere ſichtbar waren. Konſtanze blickte auf die Blätter mit weniger Aufmerkſamkeit, als ſie ſonſt pflegte, doch blie⸗ ben ihre Augen auf einen der herrlichen Troſt⸗ ſprüche des großen Pſalmiſten geheftet:„Ich bin jung geweſen und alt geworden, und habe noch nie geſehen den Gerechten verlaſſen, oder ſeinen Saamen nach Brodt gehen.“ Ach, dachte ſie, ich kann nur halben Troſt daraus ſchöpfen. Meine Mutter war in der That gerecht, aber wehl! was war mein Vater?— Sie ließ ihren Kopf auf das Buch ſinken und erhob ihn nicht, bis eine leichte Hand ihre Schulter berührte und eine ſanfte Stimme Konſtanze! flüſterte. Es war Lady Franziska. „Meine theure Konſtanze, welche Lage! Nie ſah ich etwas ſo Quälendes, ſo Marterndes! Mein Vater,“ ſagte ſie,„hat zwanzig Gefan⸗ gene aller Art hineingebracht und ſie in das rothe Zimmer bei ſich ſelbſt eingeſperrt, und unter⸗ ſucht und erforſcht Geheimniſſe— die ich ſelbſt ſo gerne erfahren möchte. Er hat auch den Bu⸗ canier, ſagen ſie.“ — 185— „Wer ſagt ſo?“ fragte Konſtanze heftig. „Jeder. Mathilde ſagt, ſie wäre wohl zehn⸗ mal an der Thüre geweſen, aber ſelbſt das Schlüſſelloch iſt, glaube ich, verſtopft. Gewiß iſt es ſo, da ſich umſonſt durchzublicken verſuch⸗ te.“. „Die Kriſis meines Geſchicks iſt gekommen,“ murmelte Konſtanze; fügte aber nach einer kur⸗ zen Pauſe hinzu:„Meine theure Lady Fran⸗ ziska.“ „Bleib mir mit der Lady weg,“ unterbrach ſie die Tochter des Protektors verdrießlich. Ich mag nichts von der Lady wiſſen. Ich wüßte mehr von Allem, wenn ich eines Kämmerers Tochter wäre.“ „Dein Vater kann nichts entdecken, was Dir ſchaden könnte. Ich geſtehe, ich fürchte und hoffe zugleich, die Nachrichten von dem Möwenneſte zu vernehmen. Aber dabei iſt nichts, was Dich an⸗ ginge.“ 4 „Wie kann ich das wiſſen? Der arme Rich wählt ſich manchmal ſo eigene Boten— und die⸗ ſer Manaſſa Ben Iſrael. Er iſt eben ſo voll Angſt, wie ich. Zwei Zimmer ſind verſchloſſen. Konſtanze, ich wundere mich, daß Du ſo wenig Kraft haſt, dies zuzugeben. Ich würde es nicht.“ „Das thut mir leid, denn es beweiſt, daß — 186— Deine Neugierde größer iſt, als das Vertrauen zu Deinem Vater.“ „Pah!“ rief die Lady, ſich von ihrer Freund⸗ in abwendend, aber in demſelben Augenblicke öffnete ſich die Thür im Hintergrunde des Zim⸗ mers mit großer Förmlichkeit und hereintrat der Protektor, begleitet vonz ſeinen Pagen, und hin⸗ ter ihm Dalton, Mundflink und Robin. Konſtanze erhob ſich ehrerbietig von ihrem Sitze, blickte auf den ſchrecklichen Bucanier, der jetzt vor ihr ſtand, ergriff den Arm ihrer Freundin und wollte ſich eben entfernen, als Cromwell ſie zurückhielt. „Miſtriß Cecil bleibt, bleibt beide,“ ſagte er, während ein Ausdruck tiefen Gefühles auf ſei⸗ ne rauhen Zügen trat, daß ſie, wie eine wilde Landſchaft im Sonnenlichte, gemildert wurden, ohne ihren eigenthümlichen Karakter zu verlieren. „Ich fürchte keine Einrede von Seiten der Lady Franziska und Eure Gegenwart iſt nothwendig.“ Er nahm einen hohen Seſſel am Ende des Ti⸗ ſches, ſetzte ſich und überreichte einem Pagen ein Stück Papier, mit welchem derſelbe ſogleich das Zimmer verließ. „Unſere junge Freundin wird uns verzeihen, daß wir uns ſo in ihr Heiligthum drängen, ja uns erlauben, eine Unterſuchung fortzuſetzen, — 187— welche bereits mit großer Beſchwerde, aber wir hoffen, auch mit einigem Erfolge begonnen wor⸗ den iſt.“ Während er noch ſprach, öffnete ſich die Thür wieder und zitternd vor Bewegung und bleich trat oder kroch vielmehr, ſo unterwürfig war ſeine Haltung, Manaſſa Ben Iſrael herein und grüßte den Protektor und die Ladies. „Erlaubt Eure Hoheit?“ fragte Konſtanze, indem ſie von ihrem eigenen Stuhle aufſtand, und ihn dem Rabbi hinſchob. „Gewiß, gewiß,“ antwortete Cromwell ſchnell, „unſer Freund iſt alt, aber er iſt willkommen, und wir haben Neuigkeiten, die ſein Herz er⸗ freuen werden.“ In einem Augenblicke war jede Spur der Dienſtbarkeit, welche die Sitte und das Benehmen den Kindern Iſraels aufgedrun⸗ gen hatte, verſchwunden. Der Rabbi ſtand auf⸗ recht, ſchlug die Hände zuſammen und rief: „Mein Kind! mein Kind!“ „Das verlorene Schaaf iſt wiedergefunden, gelobt ſey der Herr! Es iſt gerettet, iſt hier, hier in dieſem Hauſe und ich empfehle dem Vater, daß er es empfange wie ein verirrtes Lamm und an ſeiner Bruſt erwärme. Wir alle haben Kin⸗ der, guter Rabbi, und— der Herr richte zwi⸗ ſchen mir und ihnen— ſie ſind widerſpenſtig — 188— und hartnäckig. Alle, mehr oder weniger alle, eins oder zwei ausgenommen, welche als glän⸗ zende Muſter hervorragen, wie meine eigene Eliſabeth und wie Miſtriß Konſtanze.“ „Sie iſt gefunden;“ wiederholte der Jude, „aber man hat von Verbrechen geſprochen, ſie ſoll— ich kann es nicht ausſprechen, aber Ihr wißt, Eure Hoheit, was ich ſagen will. Viel⸗ leicht kann es mit Geld geſühnt werden.“ „Still, guter Freund,“ unterbrach ihm Crom⸗ well ſtreng,„die Gerechtigkeit muß ihren Gang gehen, und ſo lange wir mit Gottes Hülfe Pro⸗ tektor ſind, ſoll alles Gold, das Euner Volk ſchwer iſt, ihre Wage nicht herabziehen. Wir können gnädig ſeyn um der Gnade willen. Aber die Gerechtigkeit— doch verzeiht mir,“ fügte er hinzu, voll Mitleid mit des Rabbis Entſetzen, „ich möchte das Gefühl eines Vaters nicht auf die Folter ſpannen— ſie iſt nicht des Mordes ſchuldig.“ Er ſchlug mit dem Kolben ſeiner Piſtole auf den Tiſch, eine Seitenthüre öffnete ſich, wie von ſelbſt, und zwiſchen den Pfoſten derſelben ſtan⸗ den zwei Frauen, eine die andere ſtützend, als ob jede der anderen noch von ihrer ſchwachen Kraft leihen zu können glaubte. Lady Franziska und Konſtanze ſprangen von ihren Sitzen auf, jeder — 189— Unterſchied des Ranges war vergeſſen, und Mi⸗ ſtriß Cecil weinte laut an der Bruſt ihrer geliebten Dienerin, wie eine ältere Schweſter an der ihrer jüngern, wie eine Mutter an der ihres Kindes. Sie fragte nicht, ſondern küßte ihre Stirne und weinte, während Barbara ſich verbeugte, lächelte und weinte, und ſich unter Thränen doch noch ſtolz nach ihrem Vater und nach Robin umſah, als ob ſie ihnen ſagen wollte: Seht, wie meine Lady, wie meine hohe Lady mich liebt! In Zilla herrſchte weniger Freude, als Schrek⸗ ken vor dieſer Zuſammenkunft mit ihrem ſo tief gekränkten Vater. Sie hatte gehört und glaubte, daß Verbrechen wie das ihrige, Vermiſchung mit Chriſten, durch grauſamen Tod beſtraft werde, und ſelbſt die Verſicherung Cromwell's, daß ſie dies Schickſal nicht zu befürchten haben werde, war kaum im Stande, ſie zu beruhigen. Sie warf ſich zu den Füßen ihres Vaters, und es ſchien, als ob jetzt, da er von ihrem Leben, von ihrer Sicherheit unter Brittiſchem Geſetze über⸗ zeugt war, die alten Begriffe von dem Gehor⸗ ſame des Weibes gegen ſeinen Herrn in voller Kraft wieder in ihm erwachten; denn er ließ ſie mit der Stirne auf dem Boden liegen, obgleich er ſelbſt ſo bewegt war, daß er ſich an einem Pfoſten feſthalten mußte. Der Protektor ſtand auf von ſeinem Sitze, trat vor, hob das un⸗ glückliche Opfer ſeines Vertrauens und ſeiner zu heftigen Leidenſchaft freundlich auf und lehnte ſte gegen ihres Vaters Schulter. „Manaſſa,“ ſagte er,„zu Zeiten iſt unſere Rede dunkel und die Welt durchſchaut ſie nur mühſam. Wir hoffen, dies wird jetzt nicht der Fall ſeyn. Eure Tochter iſt kein entehrtes Ge⸗ ſchöpf, ſondern eine verlobte Frau, die bald Mutter werden wird und kraft ihres Gatten und ihres Kindes unſere Unterthanin iſt. Wir bedauren die That, deren ſie ſich ſchuldig gemacht hat, aber Satan iſt immer bereit zur Verſu⸗ chung. Stoßt Ihr ſie von Euch, ſo nehmen wir ſie zu uns; wie unſer gebenedeiter Herr den verlo⸗ renen, ſündvollen, aber reuigen Sohn empfan⸗ gen haben würde, ſo wollen wir ſie empfangen Arme⸗Verlorene,“ fügte er hinzu, als der Rabhi, in dem das Gefühl ſeines Volkes noch immer mit dem des Vaters kämpfte, fortwährend zöger⸗ te,„wir wollen Dich nicht verlaſſen in der Stunde Deiner Prüfung, ſondern ſuchen, Dich vor ſchlim⸗ mern Verbrechen zu bewahren, als die ſind, welche jetzt auf Dir laſten.“ 3 Obgleich Cromwell Zilla gegen die Schulter ihres Vaters hingeneigt hatte, bewegte ſich die⸗ ſer doch nicht, ſie zu halten, und der Protektor — 4914— wollte ſie ſchon zu ſeiner eigenen Tochter hin⸗ führen, als Ben Iſrael laut aufſchrie und ſie an ſeine Bruſt drückte, und in ein glühendes, aber faſt unverſtändliches Dankgebet ausbrach, welches alle, die es hörten, tief erſchütterte und von der Heftigkeit ſeiner Bewegung zeugte. Lady Konſtanze blickte, ſelbſt von ſo mannig⸗ faltigen Verhältniſſen ergriffen, auf dieſe Scene, als Cromwell nochmals auf den Tiſch ſchlug und Sir Willmott Burrell in das Zimmer trat. Seine Erſcheinung erregte unter allen Anweſenden Er⸗ ſtaunen und Verwirrung. Konſtanze Cecil rückte unwillkührlich ihren Seſſel näher zu dem des Protektors. Ueber die ſorgenvolle Stirn Robins ſchien ein Strahl von Zufriedenheit zu ziehen. Dalton ſchlug die Arme übereinander und trat mit dem rechten Fuße vor, als ob er eine fe⸗ ſtere Stellung nehmen wollte. Der Prediger Mundflink, der bis jetzt auf einen hohen Seſ⸗ ſel geſtützt, unverwandt auf das Antlitz des Ge⸗ ſalbten des Herrn geſtarrt und mit offenem Munde jedes Wort, das er ſprach, eingeſogen hatte, ſprang bis an das äußerſte Ende des Zimmers zurück und ſetzte, wie ein Feſtungswerk, einen Stuhl zwiſchen ſich und Burrell, während eer Sprüche vor ſich hinmurmelte, die eben nicht ſchmeichelhaft klangen und die ohne die Gegen⸗ — 192— wart des erhabenen Mannes, vor dem er ſtand, zu bittern Bannflüchen gegen den Wolf im Schaafs⸗ kleide übergegangen wären. Der Jude zitterte und erhob ſich halb von ſeinem Platze, während Zilla, deren Liebe ſich in eben ſo heftigen Haß verwandelt hatte, aufrecht, wie vorher, bleich, aber feſten Blickes hinſtarrte. Sie ſtand da, be⸗ reit, ihr Recht bis auf's Aeußerſte zu verfolgen, das Bild eines entſchloſſenen Weibes, das ſchwer verletzt, auch ſchwere Rache verlangt. Barbara ſchmiegte ſich zu den Füßen ihrer Gebieterin, und Lady Franziska, der alles Neue an Genuß war, athmete kaum vor geſpannter Erwartung. Sie glaubte nach dem, was ihr Vater angedeu⸗ tet hatte, daß Konſtanze frei ſey, und heirathen könne, wen ſie wünſche. Dies gab ihr einen An⸗ ſtrich von Heiterkeit, der mit den Phyſionomien aller Uebrigen in ſchroffem Widerſpruch war. Bur⸗ rell ſelbſt blickte wie ein auf einem Kampfplatze, aus dem kein Entrinnen möglich iſt, gehezter Stier. Seine tiefliegenden Augen waren entzündet; ihr erſter Blick fiel, nachdem er Konſtanze und Lady Franziska gegrüßt hatte, auf Zilla und ihren Vater, und er fuhr zuſammen bei dem trotzigen Anſtarren des Weibes, welches er ſo bitter ge⸗ kränkt hatte. Einen Moment, nur einan Moment ertrug er das Drohende dieſes Blickes, dann wendete er ſich ab, um irgendwo eine Stütze zu ſuchen; aber wie andere Sünder fand er, als die Stunde der Abrechnung gekommen war, nir⸗ gends einen Freund, denn die er zunächſt ſah, waren Dalton, Mundflink und Robin Hays. „Wir haben jetzt mehr als genügende Bewei⸗ ſe, Sir Willmott Burrell,“ rief der Protektor mit einem Blicke niederſchmetternder Verach⸗ tung,„was ſagt Ihr zu dieſer Lady? Iſt ſie auch verſtellt?“ Burrell ſchwieg, aber während Cromwell auf Antwort wartete, konnte der Prediger nicht län⸗ ger an ſich halten, ſondern rief hinter ſeiner Verſchanzung hervor:„Mit Erlaubniß der Hoheit, unter deren Fittigen ich athme, nenne ich Dich einen Sünder, gleich denen, welche den heiligen Stephan ſteinigten, als er des Herrn Gebot erfüllte, gleich denen..“ „Still!“ rief Cromwell mit einer Srunne⸗ die wie Donner in den Ohren des Predigers klang,„Sir Willmott Burrell, hier ſind jetzt genügende Beweiſe. Was habt Ihr dagegen ein⸗ zuwenden, daß dies Weib ſich als Euer recht⸗ mäßiges, eheliches Weib erkläre?“ „Ich wünſche es nicht! Ich wünſche es nicht!“ murmelte der Rabbi.„Er ſoll weder mein Kind, noch meine Habe erhalten,“ III. 13 „Aber ich wünſche es, ich verlange es,“ un⸗ terbrach ihn Zilla,„nicht um meinetwillen, er⸗ habener Richter— ſie bog die Knien vor dem Protektor— denn nie mehr werde ich nach die⸗ ſer Friſt mit meinem Verführer verkehren, ſon⸗ dern um des ungebornen Kindes willen, das einſt ſich ſeiner Mutter nicht ſchämen ſoll, wenn dieſer arme Kopf und dieſes brechende Herz die Ruhe des Grabes gefunden haben.“ Eure Hoheit weiß wohl,“ antwortete Bur⸗ rell,„daß eine Heirath in fremdem Lande, beſonders zwiſchen Chriſt und Jüdin, nichtig iſt, wenn ſie nicht hier beſtätigt wird, und gern will ich mich dieſer Beſtätigung unterziehen, wenn nur Lady Konſtanze Cecil, die ich zu hei⸗ rathen im Begriff war, und welche die Perſon, die Eure Hoheit mir zur Gattin beſtimmt, zu morden ſuchte, darin einwilligt, und der Strafe verfallen will, zu welcher dieſer Kontraktbruch nothwendig führen muß.“ Aller Augen waren auf Konſtanze gerichtet, der, von dem fürchterlichſten Kampfe ergriffen, der Athem zu ſtocken ſchien. „Wir haben ſelbſt,“ antwortete der Protektor, „für Lady Konſtanze einen paſſenden Gatten be⸗ ſtimmt, mein werther Herr von Burrell. Glaubt Ihr, daß die Schönſten unſeres Landes den Hun⸗ — 195— den vorgeworfen werden dürfen?“ Wieder ſchlug er mit ſeinem Piſtol auf den eichenen Tiſch, und bei der beklemmenden Pauſe, welche eintrat, ſuchte Burrell, der ſeinen durchbohrenden Blick nicht von Konſtanze abwendete, ſich ſeinem un⸗ glücklichen Opfer zu nähern. „Nur etwas Zeit,“ murmelte ſie,„etwas Zeit nur zum Ueberlegen.“ „Nicht einen Augenblick,“ antwortete er,„nicht einen Augenblick. Bedenkt...“ Dieſe Worte waren kaum ſeinen geſchloſſenen Lip⸗ pen entflohen, als Walther de Guerre eintrat und Burrell's Farbe ſich in dunkeles Roth verwan⸗ delte. Mehre der Anweſenden verbargen ihre Freude nicht, der Protektor ſelbſt wendete ſich mit einem Blick zu Konſtanze, als ob er ſeinen Lohn für dieſe angenehme Ueberraſchung verlange. Statt von Liebe und Hoffnung ihre Züge ſtrahlen zu ſehen, bemerkte er jedoch nur plötzliches Erblei⸗ chen, bis ſie mit beiden Händen ihr Geſicht bedeckte. „Miſtriß Cecil,“ ſagte er endlich nach einer ängſtlichen Stille,„ſcheint unſere Wahl nicht mehr zu billigen, als die ihres Vaters. Wir wollten dieſem Jüngling durch das zarteſte Mittel, welches in unſerer Gewalt iſt, lehren, was er uns und unſerm Gemeinwohl ſchuldig iſt, Aber ich ſehe, Frauen ſind ſich alle gleich.“ ₰ „Vater! ſie ſtirbt!“ rief die leicht beſorgte Lady Franziska. „Einen Augenblick, und ich werde mich wieder erholt haben,“ ſagte Konſtanze, und fügte gleich darauf hinzu:„Sir Willmott Burrell, Ihr ſehnt Euch nach Rache, jetzt mögt Ihr ſie haben. Da ich glaube, daß dieſe Lady, vor Gott, Euer Weib iſt, ſo kann ich ihr nicht in den Weg treten, ob⸗ gleich ich mich gern geopfert hätte, um— um...“ Sie wurde durch den Protektor unterbrochen, der mit der Energie und Wärme ſeines Karakters ausrief:„Wir wiſſen es, und jetzt laßt mich Euch Euren Bräutigam vorſtellen. Franziska, nur das Uebermaß der Freude hat dieſe Bewegung ver⸗ urſacht.“ „Nein, Eure Hoheit. Ach, Gott weiß, es iſt nicht ſo. Aber obgleich ich ſage, daß der unſelige Vertrag nie erfüllt werden, obgleich ich nie das g Weib Sir Willmott Burrell's werden kann, ſo füge ich doch hinzu, daß ich auch nicht das Weib Walthers de Guerre ſeyn werde. Ja eher— und ich ſpreche ruhig und beſonnen— eher würde ich mein brechendes Herz, noch bevor es ganz ge⸗ brochen iſt, unter den Wogen begraben, welche gegen unſere Küſte ſchlagen, als nur ein einziges Wort äußern, welches Euch auf den Gedanken bringen könnte, daß ſelbſt die Befehle Eurer — 197— Hoheit mein ſchreckliches Geſchick umwandeln könnten.“ 3 Auf dem Geſichte des Protektors ſprach ſich tie⸗ fes Mißvergnügen aus, denn nie konnte er Wi⸗ derſpruchegegen ſeine Wünſche, Vereitelung ſeiner Pläne vertragen. Während aber Konſtanze ſich von ihrem Sitze erhob, ergriff Sir Willmott Burrell ihren Arm mit einem Ausdruck hölliſcher Bosheit, zeigte mit der andern Hand auf die Thüre des Zimmers, in welchem ſie ihren ſchla⸗ fenden Vater zurückgelaſſen hatte, und rief: „So klage ich denn offen, und im Angeſicht des Protektors und dieſer Verſammlung Robert Ce⸗ cil, welcher dort ſteht, des Mordes an gegen ſei⸗ nen Bruder Herbert, und des Mordes gegen Sir Herbert Cecil's Sohn, und erkläre, daß Hugh Dalton dazu geholfen hat.“ 1 Konſtanze ſtieß einen ſo wilden durchdringenden Schrei aus, daß er in dem ganzen Hauſe wider⸗ hallte, und alle Bewohner deſſelben nach der Thüre ſtürzten, deren Schwelle ſie nicht überſchreiten durften. Aller Augen wendeten ſich nach der Stelle, auf welche der Schurke gezeigt hatte und wo man jetzt den wahnſinnigen Baronet ſtehen ſah. Er hatte die Thüre des Kloſets geöffnet, war wäh⸗ rend einer augenblicklichen Abweſenheit des Arztes hereingetreten, und verbeugte ſich vor der Ver⸗ — 198— ſammlung auf eine Art, die einen Stein hätte bewegen können. „Teufel!“ ſchrie der Protektor, in fürchter⸗ lichem Zorn Sir Willmott bei der Kehle packend, und ihn ſchüttelnd, als ob er ein Rohr wäre.— „Es iſt eine ſchurkiſche Lüge! Er iſt kein Mörder! Und wenn er es wäre, mußtet Ihr es dann vor ſeiner Tochter ausſprechen? Hal jetzt errathe ich Alles. Das iſt die Drohung— die Läge, welche Euch ſo viel Gewalt über das treffliche Weſen gab! Fort von mir, Aas, und werde eine Speiſe der Raben.“— Er ſchleuderte ihn mit einer ſo majeſtätiſchen Entrüſtung von ſich, daß die hef⸗ tige Handlung nicht die eines ungeſtümen Men⸗ ſchen, ſondern eines rächenden Engels ſchien. Sir Willmott faßte ſich wieder, wie ſehr ſein Stolz auch verwundet war; er blickte Konſtanze mit noch wo möglich größerer Boßheit an, und ſagte:„Seine Hoheit ehrt ſeine Unterthanen gewaltig, aber Miſtriß Cecil weiß, daß das, was ich geſprochen, die Wahrheit iſt= daſſelbe weiß Ihr Vater— daſſelbe dieſer Mann dort. Oder iſt es nicht wahr, frage ich?“ „Nein,“ antwortete der Bucanier,„ich ſage, es iſt falſch, falſch wie die Hölle, und wenn Seine Hoheit es erlaubt, ſo will ich es bewei⸗ ſen.“— —— — 199— „Was ſagt Ihr— was?“ fragte Konſtanze, indem ſich ein Hoffnungsſchein über ihr Geſicht verbreitete, ſeit langer Zeit der erſte. „Ich ſage, daß Robert Cecil kein Mörder iſt. Tretet hervor, Walther Cecil, und berich⸗ tet, daß Ihr in den letzten zwei Jahren Euren Vater in einem Spaniſchen Kloſter geſehen ha⸗ bet, und daß..“ „Wer iſt Walther Cecil?“ fragte Burrell, wie ein Mann, der den letzten Halm verliert, an dem er ſich vor dem Untergange retten wollte. „Ich bin Walther Cecil!“ ſagte Walther. „Mein Nom de Guerre iſt nicht mehr nöthig.“ „Es war unnöthig, daß jemand von den Tod⸗ ten wiederkehrte, um uns dies zu ſagen,“ be⸗ merkte der Protektor ungeduldig,„aber es gibt andere Sachen, über die wir Erklärung wünſch⸗ ten. Was iſt an der Anklage dieſes Böſewichts? Sprecht, Dalton, und erhüllt uns dieſes Ge⸗ heimniß.“ „Es iſt Eurer Hoheit bekannt, daß wenige die frühere Regierung mehr liebten, als Sir Herbert Cecil, und, die Wahrheit zu ſagen, es war ein wilder, verwegener, ſchlechter...“ „Dalton!“ rief der junge Mann vorwurfsvoll. „Gut, junger Herr, ich ſage nichts mehr. Gold iſt ein großer Verführer, wie Eure Ho⸗ — 200— heit weiß, und es führte jenen Gentleman dort in Verſuchung, den Gott ſchon gerichtet hat. Aber anders erſcheint er jetzt, als jenen Mor⸗ gen, wo er mich aufforderte, ein Verbrechen zu begehen, welches ich, um meiner, wie um an⸗ derer Willen, nicht verübte. Er kam zu mir..“ „Erbarmen! Erbarmen! Ich flehe bei Eurer Hoheit um Erbarmen!“ ſagte Konſtanze, auf ihre Knien fallend und zitternd die Hände fal⸗ tend.„Es iſt nicht recht, daß das Kind öffent⸗ lich von den Sünden ſeines Vaters hören ſoll. Der alte Mann, Eure Hoheit, hat nicht die Kraft, zu ſprechen.“ „Lady,“ fuhr Dalton fort,„er würde es nicht ableugnen können. Aber meine Rede wird ſchnell zu Ende ſeyn, und ſie wird Euch und Andern eine Laſt vom Herzen nehmen. Sir Her⸗ bert ſtarb nicht. Ich brachte ihn nach einem an⸗ dern Lande; aber die Papiere, die erhaltenen Aufträge blieben in meiner Hand. Sir Herberts wilder Karakter, ſeine Neigungen zu Seefahr⸗ ten erweckten den Glauben, daß er ein Opfer der Händel gefallen ſey, an denen er zu oft Theil nahm. Sein Bruder trauerte ſcheinbar; aber währenddeß hatte, wie er es nur wünſchen konnte, die Dynaſtie gewechſelt, und das Ge⸗ meinwohl gab die Länder des vermißten Bru⸗ —. ders dem, welcher deſſen Freund war, welcher für daſſelbe gekämpft und geſtrebt hatte, und ſchien zu vergeſſen, daß jemand anders ein Recht auf dieſe Beſitzungen haben könne. Aber dennoch war der Sohn des ſo ſchwer Gekränkten ein Dorn in ſeinen Augen. Ich wußte nur zu gut, mit welchen Augen der Sohn dieſes ältern Bruders betrachtet wurde, er war immer an der Küſte und hatte mich gern, der arme Knabe, denn ich brachte ihm häufig kleine Geſchenke von fremden Ländern mit— ich glaube, als ein Erſatz für das ihm von mir zugefügte Unrecht. Ich über⸗ nahm es, den Knaben zu beſeitigen, um ihn von einem ſchlimmern Geſchick zu bewahren, denn ich liebte ihn, wie mein eigenes Kind. Hier ſteht er, und kann ſagen, ob meine ſchlichte Rede wahr iſt, oder falſch. Ich war kurz vorher, ehe ich ihn aus dem gefährlichen Hauſe auf das Schiff in Schutz brachte, ſelbſt Vater geworden. Sir Robert glaubte, ſie wären beide todt, und grämte ſich nicht, denn die Entfernung des Nef⸗ fen gab ihm größere Gewähr für ſein Beſitz⸗ thum, da, wie er ſagte, die Zeit ſich ändern, und der Knabe, wenn er lebte, wieder in ſeine Rechte eingeſetzt werden könnte.“ „Sein Verſchwinden machte großen Lärm, ob⸗ gleich viele Männer ſich damals aus dem Lande ent⸗ — 202— fernten und nicht mehr geſehen wurden. Ich dachte ihn erſt zu meinem eigenen Treiben groß zu zie⸗ hen, aber er wollte nie recht daran, ſo übergab ich ihn den Leuten ſeines eigenen Schlages, Adli⸗ gen, die es beſſer, als ich, verſtanden, ihn zu erziehen. Ich hatte Sir Herbert ſicher unterge⸗ bracht, bis die Akte erſchien, welche Sir Ro⸗ bert die Beſitzungen ſeines Bruders verlieh und dieſen für einen Uebelgſinnten und ſo weiter er⸗ klärte; aber der Geiſt des Verbannten war er⸗ mattet, war gebeugt, erſchöpft; er kümmerte ſich nicht um Freiheit, ſondern wendete ſich ganz zur Religion und wurde ein Mönch. Sein Sohn hat ihn oftmals geſehen, und es beruhigte mich, als ich hörte, daß er in dem Glauben geſtorben ſey, Gott würde noch alles zum Beſten wen⸗ den, und ſein Sohn noch Herr von Cecilhaus werden. Er ſtarb wie ein guter Chriſt, vergab ſeinen Feinden, ſagte, das Unglück habe ſeine Seele zu Gott gekehrt und klagte mehr ſich als andere an. Walther wünſchte, dies Land zu be⸗ ſuchen, und dann wußte ich auch, daß, wenn Sir Robert ſich weigern ſollte, mir den ver⸗ langten Freibrief zu ſchaffen, die Wiedererſchei⸗ nung dieſes Jünglings ein Antrieb ſeyn würde, dem er nicht widerſtehen könne. Vielleicht ſind die Mittel, die ich angewendet, unrecht gewe⸗ — 203— ſen, aber ich ſehnte mich nach einem ehrlichen Namen, und es war die einzige Art, Sir Ro⸗ bert zu meinem Vorſatze zu zwingen. Gott iſt mein Zeuge, daß ich des wüſten Treibens müde und nach thätiger, aber geſetzlicher Beſchäf⸗ tigung begierig war. Dazu kam der Gedanke an mein Kind. Lady Cecil hatte ſich ſeiner ange⸗ nommen, obgleich ſte nicht wußte, die gute Lady, als ſie das kleine Ding zuerſt ſah, daß ein Bu⸗ canier ſein Vater ſey. Sie hielt es für das Kind eines Menſchen, der ihrem Gatten gedient hatte. Später errieth ſie zum Theil die Wahrheit, war aber zu mitleidig und zu fromm, um die Tochter für ihren Vater leiden zu laſſen. Ich liebte das Kind. Aber Eure Hoheit iſt felbſt Va⸗ ter und würde es ſchwer ertragen, ſeinen Blick nicht zu dem eigenen Kinde aufheben zu dürfen. Ich drohte Sir Robert, alles bekannt zu machen und dieſe Dokumente vorzuzeigen...“ Der Kapitain zog daſſelbe Paket Papier aus ſeiner Jacke, mit welchem er vor einigen Mo⸗ naten den Baronet ſo in Schrecken geſetzt hatte. Sir Robert Cecil war bei den bisher Statt ge⸗ fundenen Erörterungen durchaus gleichgültig ge⸗ blieben und ſchien Dalton nicht einmal zu be⸗ merken, obgleich ſeine Augen ſich von einem zum andern wandten, während ein nichtsſagendes Lä⸗ — 204— cheln auf ſeinen Lippen ſchwebte; aber in dem Augenblicke, wo der Bucanier das Paket hin⸗ hielt, entriß er ſich dem Arme ſeiner Tochter, welche nach ihrer letzten Erklärung ſich ihm zur Seite geſtellt hatte, wie um das Schickſal ihres unglücklichen Vaters zu theilen, und fuhr auf die Papiere zu. „Wozu ſie halten?“ ſagte der Protektor, er⸗ griffen von dieſem Auftritte.„Gebt ſie ihm, gebt ſie ihm hin.“ Dalton gehorchte und Sir Robert ergriff ſie mit der Haſt eines Wahnſinnigen; er hielt ſie feſt in ſeinen dünnen, fleiſchloſen Händen, ſtarrte ſie an, brach in ein tolles, frohlockendes Gelächter aus und fiel in ſeiner ganzen Länge auf den Boden, ehe man noch von dem Erſtau⸗ nen über ſeine wiedererlangte Kraft dazu kom⸗ men konnte, ihm beizuſpringen. Er wurde ſo⸗ gleich von Konſtanzen und den Dienern aufge⸗ hoben und nach ſeinem Zimmer getragen. Er ließ die Papiere nicht los, gab jedoch ſonſt kein Lebenszeichen. Konſtanze folgte dem alten Manne. Walther bat um Erlaubniß, ſich ebenfalls zu ſeinem Oheim begeben zu dürfen.„Es iſt nicht gut von Heirath reden,“ ſagte Cromwell,„wenn der Tod auf der Schwelle ſteht, aber ich zwei⸗ fle nicht, daß Ihr im Stande ſeyn werdet, — 285— Euch die Hand zu gewinnen, über welche ich nicht verfügen konnte. Als ich Euch zuerſt ſah, erwartete ich eine andere Perſon zu finden, ei⸗ nen Anführer von Spionen, ein Haupt der Zwie⸗ tracht, einen Herrn, nicht einen Diener. Wal⸗ ther Cecil, obſchon ein tapferer Kavalier, würde mich ſchwerlich nach der Inſel Shepey gezogen haben, hätte er nicht an Bord des Glühwurms es für gut gefunden, die Farbe ſeines Geſichts zu verdunkeln und ſchwarze Locken über ſeinen eigenen zu tragen, vermuthlich um den Protek⸗ tor auf eine falſche Spur zu leiten. Laßt es gut ſeyn, junger Mann, dergleichen iſt von jeher ge⸗ ſchehen und wird immer wieder geſchehen. Mich dünkt, die alten Eichen halten es mit der Par⸗ tei, aber ich bin dem Baume nicht gram; hat er zu Worceſter den unwürdigen Karl beſchützt, ſo hat er zu Queenborough den wahren Walther enthüllt. Doch danke ich Gott, daß ich dazu veranlaßt wurde, Euch für einen zu halten, deſſen Blut ich nicht gerne vergießen, ſondern lieber beſchützen möchte, wenn er Weisheit genng hat, unſer Land nicht zu beunruhigen. Ich danke Gott, daß ich hieher geführt worden bin, dies aufzuklären und zu ordnen. Ein Herrſcher ſollte in der That— wir ſprechen dies in aller De⸗ muth— allgegenwärtig ſeyn! Was den Men⸗ ſchen dort betrifft— Teufel ſollte ich ihn eher nennen— ſo hat er, denke ich, keine Drohun⸗ gen und keinen Schrecken mehr, die Liebe einer Lady zu ertrotzen. Sir Willmott Burrell, wir wollen die Ceremonie Eurer Heirath ohne Ver⸗ zug wiederholt ſehen; hier iſt meines Freundes Tochter, noch dieſe Racht...“ „Nicht dieſe Nacht,“ unterbrach Zilla,„Mor⸗ gen— ich kann dieſe Nacht nichts mehr ertragen.“ „Sir Willmott Burrell,“ ſagte Dalton, zu dem Ritter tretend, der niedergeſchmettert, zer⸗ treten, wie eine Natter, aber auch ſo voll Gift, wie ſie, auf ſeinem alten Platze ſtand,„ich ſage Euch, Ihr jammert mich. Der Dolch iſt nach Eu⸗ rem eigenen Herzen gekehrt worden. Das menſch⸗ liche Weſen, zu deſſen Mord Ihr mich dringen wolltet, lebt. Welche Botſchaft brachte Euch Je⸗ romio aus dem Ocean?“ Dalton wollte in derſelben Art fortfahren, die unfehlbar Burrell zu irgend einem verzweifelten Schritte aufgeſtachelt hätte, aber der Protektor fragte ihn, ob er vergeſſen habe, vor wem er ſtände, daß er in ſeiner Gegenwart ſich erlaube, ſo laut zu reden. Schweigend, aber nicht beſchwich⸗ tigt, zog er ſich zurück und begnügte ſich damit, ſeinen Feind im Stillen zu verwünſchen. „Wir haben dieſe Nacht Gericht gehalten und — 207— einige Gerechtigkeit geübt,“ ſagte Cromwell, nachdem er etliche Mal im Zimmer auf und ab gegangen war,„aber unſere Aufgabe iſt noch nicht vollendet, obgleich ſchon die Morgen⸗Wache gekom⸗ men iſt. Holla, ſagt dem Oberſten Jones, daß er Sir Willmott Burrell nach dem Gemache ſchafft, in dem er vorher geweſen iſt; die morgende Sonne ſoll Zeugin ſeyn der Trauung zwiſchen ihm und ihr, an der er ſich ſo ſchwer vergangen hat. Wir werden dann den Gang erwägen, den uns die Gerechtigkeit vorzeichnen mag. Dalton, Ihr ſeyd ein freier Mann, frei zu kommen und frei zu ge⸗ hen, und zu gehen ſobald, und wohin Ihr wollt. Merkt darauf, daß ich ſagte, ſobald.“ Dalton verbeugte ſich tief und wollte ſeine Toch⸗ ter von dem Platze aufheben, auf den ſie ſich neben dem Sitze ihrer geliebten Gebieterin hin⸗ geſchmiegt hatte. Robin trat unwillkührlich ebenfalls vor. „Halt,“ fuhr der Protektor fort,„es iſt noch mehr zu thun. Junger Mann, Ihr müßt über⸗ zeugt ſeyn, daß Eure That von dieſer Nacht Strafe verdient. Das Schiff, welches Ihr zer⸗ ſtört habt...“ Dalton zuckte zuſammen, Bar⸗ bara öffnete den Mund, um zu ſprechen. „Eure Hoheit, ich kannte dieſes Mannes Liebe zu ſeinem Schiffe, und ich liebte ihn mehr, als = 208— dies hölzerne Gerüſt. Ohne die arme Barbara hätte er mich in ſeiner Wuth ſchon umgebracht.“ „Das iſt unſere Sache nicht, Ihr habt verdient, in Feſſeln gelegt zu werden.“ Barbara ſank flehend dem Protektor zu Füßen. Robin kniete ebenfalls ihm zur Seite. Der An⸗ blick war ſo rührend, daß Cromwell freundlich lächte, indem er eine Hand auf ihren Kopf legte und mit der andern die lange Kette aufhob, welche ſeine Tochter der beſcheidenen Barbara geſchenkt hatte, und die jetzt von ihrem Nacken herabhing; er warf ſie über Robins Schultern, ſo daß ſie beide umſchloß. „Wir ſind ungeſchickt in ſolchen Dingen,“ ſetzte er hinzu,„aber der Herr ſegene Euch, und möge jedes tugendhafte Weib in England ein ſo treues Herz, ein ſo kluges Haupt finden, ſie zu lieben und ſie auf ihrer Bahn zu leiten— obgleich die äußere Geſtaltung des Mannes in der Tbat höchſt ſeltſam iſt.“ — 2⁰9— Dreizehntes Kapitel. Als der Morgen anbrach, hatte der ſüße Schlaf Konſtanzens Augen noch nicht berührt; ihr Herz war voll glühenden Dankes, daß ihr Vater, der ruhig, wie ein müdes Kind, wenn es ſeine Auf⸗ gabe vollendet hat, ſchlief, wenn auch ſchuld⸗ bewußt, doch frei von Mord ſey. Der Geiſt ihrer Mutter ſchien über ihr zu ſchweben und ſie zu ſegnen, und auch ihn, den ihre Phantaſie ihr zur Seite malte, ihn, den Gefährten ihrer Kindheit, den wiedergefundenen Geliebten. Aber auch Lady Franziska Cromwell hatte keine Ruhe mehr gefunden, und ſtatt der Lieder des fröh⸗ lichen Waller, das Buch zur Hand genom⸗ men, welches ſie in ihrer Eitelkeit zu oft ver⸗ nachläßigt hatte, und ſie las darin:„Kommt her zu mir alle, die Ihr mühſelig und beladen ſeyd, ich will Euch erquicken.“ Und als ſie ſo las, kam Ruhe und Friede über ſte, und nach⸗ III. 14 — 210— dem ſie ihre Gedanken geſammelt, und Gott geprieſen, begab ſie ſich in das Zimmer ihrer Freundin. Konſtanze war nicht allein; bleich, ſchwach und zitternd, wie die Espe, welche jeder Windhauch beugt, lag die kleine Puritanerin Barbara wie ſonſt auf ihren Kiſſen neben dem Bette ihrer Ge⸗ bieterin. Es entging der Lady Franziska nicht, daß, wie glücklich auch Barbara in dem Gedan⸗ ken war, von dem fürchterlichen Geſchick einer Verbindung mit Sir Willmott Burrell befreit zu ſeyn, ſie doch durch die Oeffentlichkeit, welche dem beabſichtigten Verbrechen ihres Vaters ge⸗ geben worden, tief gedemüthigt und niederge⸗ beugt war. Sie vermied es ſorgſam, auf die Begebenheit der vergangenen Nacht anzuſpielen; das Gefühl ihrer Freundin ſprach ſich jedoch deutlich genug, um ſelbſt Lady Franziskas Neu⸗ gierde zu befriedigen, durch einen jener Zu⸗ fälle aus, welche beredter ſprechen, als Worte. Barbara konnte von ihren Kiſſen auf den Gar⸗ ten herunter ſehen: das Fenſter beherrſchte den⸗ ſelben Platz, wo Walther, als er vom Major Wellmore fortgeführt worden, die wilde Roſe abgepflückt hatte, und wo jetzt Barbara durch das Laub hindurch Walther ſelbſt erblickte, der nach dem Fenſter hinaufſah. — 2114— „Seht, Miſtriß, ſeht,“ rief ſie. Lady Franziska und Barbara blickten zugleich hinaus und ſahen beide daſſelbe. Beide wende⸗ ten ſich eben ſo ſchnell wieder ab, und als die Augen der beiden Ladies ſich begegneten, ver⸗ breitete ſich tiefe Röthe— nicht die der Schaam, des Zornes oder des Verdruſſes— über die edlen Züge Konſtanzens; es war der glänzende Schim⸗ mer heiliger, inniger Liebe. Erſchien ſie jetzt auch weniger erhaben, als ſonſt, ſo war ihr Anblick doch lieblicher, als je; es war ein Son⸗ neublick, der einer Landſchaft Wärme und Fri⸗ ſche gibt, welcher nur das noch fehlte, um zu beleben, zu begeiſtern und zu bezaubern. „Sott ſey Dank!“ rief Franziska, ihre Hand ergreifend,„Gott ſey Dank! Biſt Du doch auch ein Weib, Konſtanze!“ „Meine theure Freundin,“ antwortete die Lady, ſich auf ihrem Lager umwendend, um ihre Röthe zu verbergen,„das iſt keine Zeit zum Scherzen; denn traurige..“ Sie konnte nicht vollenden; die Verſtellung, welche in jedem Weibe, das liebt, ſich entwik⸗ kelt, kämpfte mit ihrer edlern, aufrichtigen Na⸗ tur. Aber Konſtanze blieb immer Konſtanze; ſie konnte die Gewalt der Wahrheit nicht ſo in ſich überwältigen, um etwas zu erheucheln, was ſie — 212— nicht fühlte: der Satz blieb daher unvollendet, und Lady Franziska ſtand es frei, ihren eigenen Schluß daraus zu ziehen, was in der That nicht ſchwierig war. „Ich habe einen Brief von meiner Schweſter Mary erhalten,“ ſagte ſie, ſinnig auf einen an⸗- dern Gegenſtand übergehend,„und es wird Dich freuen zu vernehmen, daß mein hoher Vater endlich geſonnen iſt, der Vernunft Gehör zu geben, und ſich nicht abgeneigt zeigt, die An⸗ ſprüche ſeiner Tochter Franziska auf Rich zu genehmigen. Was ſagſt Du dazu? Mir hat Seine Hoheit noch kein Wort davon geſagt. Sieh, ſieh! Deine zierige Barbara lächelt auch dazu! Geduld, ich denke, man wird Euch auch bald Miſtriß oder Frau Hays nennen müſſen! Pfui, Barbara, ich traute Euch einen andern Geſchmack zu! Aber laßt's gut ſeyn, ich ſage kein Wort mehr gegen ihn, ja, ich werde nicht einmal zugeben, daß die Hofhunde gegen Crisp losfahren, wenn er das Wirthſchaftshaus von Hampton oder Whitehall beſucht. Was habt Ihr mit Lady Zilla angefangen?“ „Der Rabbi,“ antwortete Barbara,„wollte ſich nicht mehr von ſeiner Tochter trennen laſ⸗ ſen. Er hält ſie nirgends ſicherer, als unter ſei⸗ nen eigenen Augen. So zwang er ſie, ſich auf — 213— ſein eigenes Bett zu legen, und dort iſt ſie, die arme Lady, in einen tieſen Schlaf gefallen— und er ſitzt neben ihr, ſieht zuweilen in ein ſchwarzes, altes Buch voller ſonderbaren Zeichen und Buchſtaben, öfter aber auf das Geſicht ſei⸗ nes Kindes, bis ſeine Augen ſich mit Thränen füllen, dann faltet er ſeine Hände, und mur⸗ melt ſtill für ſich hin, was wohl ein Segen ſeyn muß; und wenn ſie ſich zufällig bewegt, und die Kiſſen oder die Decke verrücken ſich, ſo legt er alles ſo leiſe und ſanft zurecht, daß man glauben ſolle, es ſey die Hand eines Wei⸗ bes, nicht die eines Mannes. „Ich möchte wiſſen,“ bemerkte Lady Konſtan⸗ ze,„ob ſie eine Chriſtin werden wird.“ „Sie iſt mir in meinen Leiden eine liebe⸗ volle Pflegerin geweſen,“ antwortete die Puri⸗ tanerin,„aber unſer guter Prediger ſagt, ihr Herz ſey keineswegs voll Demuth. Sie hat ei⸗ nen hohen Sinn und iſt ſtolz auf ihr Volk. So lange wir in der Höhle waren, gab ſich Herr Mundflink große Mühe und predigte ihr ſtun⸗ denlang höchſt wundervoll; aber ich fürchte, der Saamen iſt auf ſteinigen Grund gefallen, denn obgleich ſie ruhig genug ſaß, weiß ich doch, daß ſie nicht hinhörte.“ „Wo iſt Euer Vater?“ — 214— Barbara ſchrack zuſammen bei dieſer unerwar⸗ teten Frage und ſagte— erröthend, ohne zu wiſſen, warum—„Se. Hoheit hat ihn zwar zuerſt von hier fortgewieſen, Mylady, aber ihm doch wieder gnädigſt erlaubt, bis morgen Mit⸗ tag zu bleiben. Ach, Mylady,“ fuhr ſie fort, der Lady Franziska zu Füßen fallend,„wenn Ihr doch nur, wenn Ihr Euch doch jetzt des Verſprechens, das Ihr mir damals gabt, als Ihr mir dieſe Kette umhinget, erinnern und bei ihm vorbitten wollet, dem die Macht verliehen iſt über Tod und Leben, daß er ſeine Verzei⸗ hung bis aufs Aeußerſte ausdehne und Hugh Dalton in dieſer Inſel laſſe. Ach ich wollte ja— ich wollte...— Aber ich bin nur ein armes Mädchen, Mylady, und habe nichts zu ſpenden, als Segenswünſche und Gebete, und dieſe er⸗ gießen ſich über die Häupter der Großen, daß ſie nicht mehr erfreuen, ſondern beläſtigen, meine Wünſche aber werden aus dem Herzen kommen, und nicht immer, höre ich, ſchlägt das Herz zu dem, was die Lippen reden. My⸗ lady, gedenkt Eures eigenen großen Vaters, denkt, daß Männer, groß, wie er, vordem um Gnade gebeten haben, und gedenket dann des meinigen, der ſo tapfer iſt, und— und— ſo wacker ſeyn wird, als der beſte in ganz Eng⸗ — 215— land. Und dann, theure Mylady, dann— glaubt nicht, daß ich anmaßend ſpreche.— Robin hat Weisheit und Scharfſinn, und die Herren be⸗ dürfen deſſen zuweilen in ihren hohen Aemtern, er aber würde alles aufbieten, alles hergeben, einem zu dienen, der mir einen kleineren Gefal⸗ len thäte, als dieſen. Ich kann nichts thun, aber Robin iſt einer, der immer viel vermag.“ Barbara konnte nicht weiter, ſondern zitterte ſo heftig, daß Lady Franziska ſie auf ihr Kiſſen niederdrückte und lächelnd antwortete:„So! Dar⸗ auf ſoll ich es alſo wagen, den Brittiſchen Löwen zu wecken, der kürzlich in ſo wunderbar guter Laune geweſen iſt, daß ich fürchte, der Wind wird bald wieder umſchlagen. Aber ſeyd ruhig, Mädchen, Cromwell iſt der Mann nicht, der et⸗ was halh that. Ich kann, nicht aus Vertrauen auf meinen Einfluß, ſondern aus Kenntniß ſei⸗ nes Karakters, verſprechen, daß Hugh Dalton nicht verbannt werden wird. Ja, ich bin über⸗ zeugt davon. Aber ſieh da, die Helme rühren ſich ſchon. Konſtanze, Dein Zimmer iſt prächtig für eine Heldin, aber trübſelig für ein neugieriges rauenzimmer. Pfui, man kann kaum ein Stück von dem Hofplatze überſehen. Wenn ich mir einmal ein Schloß baue, ſo laſſe ich mir einen Thurm mit lauter Augen, gewöhnlich Fenſter genannt, — 216— rundherum errichten. Nichts darf im Geheimen geſchehen. Guten Morgen, theure Freundin. Von der großen Treppe kann ich ſehen, was vor⸗ geht.“ 3 „Lebe wohl, ſchöne Lady Neugierde,“ ſagte Konſtanze, als Lady Franziska leichten Schrittes ſich entfernte,„ich will zu meinem Vater.“— Und ſie begab ſich in das Zimmer des Kranken, ihre Pflicht bis zum letzten Augenblick zu erfül⸗ len, obgleich ſie bei dem Gedanken an das Ver⸗ brechen, auf welches er einſt geſonnen hatte, ſchauderte; und heiß betete ſie, daß die Sünde getilgt werden möge aus ſeinem Schuldbuche. Vierzehntes Kapitel. Die Sonne brach ſchon warm und glänzend durch das nebliche, graue Zwielicht, als zwei Männer noch um die verlaſſene Höhle der Mö⸗ wenneſtklippe herumſpürten. Dort, wo noch vor Kurzem lärmendes Leben und Treiben geherrſcht hatte, war jetzt Stille des Grabes, öde Leere. Vor der Thüre des immer beſuchten Wirths⸗ hauſes, wo man ſonſt die zuſammengekrümmte, aber ſtets geſchäftige Mutter Hays ſah, flat⸗ terten ſchreiend ein Paar Seemöwen herum und fuhren zuweilen mit den Schnäbeln in die her⸗ umſtehenden Töpfe.. Die beiden Perſonen, welche ſo angelegent⸗ lich den Geheimniſſen des Platzes nachzuforſchen ſchienen, konnten nur bemerkt werden, wenn man ſich über den Rand der höchſten Klippe herüberbeugte. Von da aus konnte man ſehen, daß ſie mit keiner gewöhnlichen Arbeit beſchaͤf⸗ tigt waren. Sie kamen bald heraus aus den un⸗ tern Eingängen, gingen bald wieder herein, wie Bienen, die ſich ihre Zelle bauen, Eine Zeit⸗ lang wurde kein Wort geſprochen, endlich ſchien die begonnene Arbeit vollendet, und ſie ſetzten, die Klippe verlaſſend, oben auf der Spitze ſich einander gegenüber, ſo daß ſie Land und See überblicken konnten. „Es iſt nicht weit von hier, etwas näher nach Cecilhaus zu, wo ich zum erſtenmal die Inſel Shepey betreten habe,“ ſagte der Jüngere,„und einen ſchönen Schreck hatte ich damals, einen Schreck, der nie recht erklärt worden iſt, und es auch nie, denke ich, werden wird.“ „Wer hätte geglaubt,“ ſagte der Andere,„daß das Ding ſo ein Ende nehmen würde? Donner! das Bischen, was ich drinnen aufgegabelt habe, bezahlt mich kaum für das Pulver der Mine. Hätte ich es nicht ſelbſt geſehen, hätte ich nie geglaubt, daß der Platz ſo ausgeleert werden kön⸗ ne: außer den Pelzen und Tüchern der Weiber, war nichts mehr da, das der Mühe lohnte, die Finger danach auszuſtrecken. Ja, Hugh Dalton hat viele Freunde. Ich dachte nicht, daß er je Reißaus nehmen könnte.“ „Wer darf das ſagen?“ antwortete der Andere. „Wer es wagt, das in meiner Gegenwart zu be⸗ haupten, ſoll eine Portion kaltes Eiſen zu ſchmek⸗ ken bekommen, ehe er ſich's verſieht.“ „Alle unſere Küchelchen,“ antwortete der Ael⸗ tere halb lachend,„werden heut zu Tage Kampf⸗ hähne. Aber, Springall, könntet Ihr wohl dar⸗ auf ſchwören, daß nicht der Kapitain und Robin Hays dies alles verabredet haben?“ „Laßt mich zufrieden, Jack, und macht mich nicht böſe. Ich ſetze mein Leben zum Pfand, daß, wenn irgend etwas verabredet worden, nur Ro⸗ bin und die Dirne Barbara, darum wußten. Mädchen haben tolle Launen! Wer hätte ge⸗ dacht, daß ſie es auf Robin abſehe, obgleich er ein tüchtiger, braver kleiner Burſche iſt, aber doch iſt es eigen, daß ſie ihn vorgezogen hat ſolchen, wie— wie..“ „Wie Ihr zum Beiſpiel! Pah, Junge, Wei⸗ ber ſind nicht zu ergründen. Straf mich! ich habe mehre geſehen, die Affen und Papageyen liebten, und ſtolzer auf ſie waren, und mehr Vergnügen bei ihnen fanden, als bei ihren angetrauten Gat⸗ 3 ten und ihren eigenen Kindern! Was ſagt Ihr dazu? Ja, wollt Ihr's glauben ich liebte eine Dirne mehr als mein Herzblut, und doch griff ſie nach einem alten Manne, und ließ mich ſtehen, obgleich ich damals ein ordentlicher Kerl— und ach! anders, ganz anders war, wie jetzt.“— — 220— Und Jack Roupall lehnte ſich mit den Armen auf ſeine Knieen und zeichnete mit dem Kolben ſeiner Piſtole Figuren in den Sand, welchen der Wind nach der Klippe getragen hatte. Nach einer lan⸗ gen Pauſe ſah er plötzlich wieder auf zu dem jun⸗ gen Springall, der noch immer ihm gegenüber ſaß, und ſagte: Seyd Ihr feſt überzeugt, daß Ihr Euch nicht geirrt habt?“ „Kann ich mich irren in dem, was meine Au⸗ gen ſehen, was meine Ohren hören? Ich war ſo nahe bei den Soldaten, als jetzt bei Euch, ob⸗ gleich ſie mich nicht ſahen, und ſie ſprachen von weiter nichts, als von dem Möwenneſte, und wie ſie nach Sonnenaufgang alle hier ſeyn wür⸗ den und ſie ſpaßten darüber in ihrer Art— ſteife, trockene Späße, ſchwer herunterzuwürgen und unverdaulich, wie altes Eiſen.“ „Ha! Ha!“ lachte der Schmuggler,„was wer⸗ den ſie beten, wenn ſie die Klippe in die Luft tanzen ſehen! Es wäre ſchlecht gehandelt an den geheimen Stationen unſerer Freunde auf andern Punkten der Küſte, wollten wir dieſe Kerle die Ein⸗ und Ausgänge eines Platzes, wie die⸗ ſer, kennen lernen laſſen; das hieße dem Teufel das Licht halten, ihnen einen Führer geben, der ſie bei allen ihren Plänen, in alle Ewigkeit, zu⸗ recht wieſe. Das Möwenneſt muß dem Glüh⸗ — 221— wurm folgen. Es freut mich, daß ich ihnen den Spaß verderben kann. Was werden ſie ſtarren und beten! Aber wir wollen die Mine nicht anzünden, als bis ſie hübſch heran ſind. Die Rundköpfe ſollen den vollen Genuß unſeres Freu⸗ denfeuers haben. Der Teufel hol's! Was können wir ſonſt thun, als dem Dinge mit einem Mal ein fröhliches Ende machen! Ein fröhliches Ende,“ wiederholte er,„ein fröhliches Ende! Kein Stein, die Stelle zu bezeichnen, wo ſo viele Luſt, ſo viele Beute uns erquickte! Ach! In hundert Jah⸗ ren wird niemand mehr ſagen können, wo die Wächter der Möwenneſtklippe die Wahrzeichen anzündeten, für die Freibeuter der freien See!“ Eine neue Pauſe folgte dieſem Erguſſe Jack Roupalls, bis Springall fragte, wie es zuge⸗ gangen ſey, daß er das Zimmer nicht habe öffnen können, wo der Prediger dem Hunger und ſeinen Gebeten überlaſſen worden war. „Wie ſo? Weil ich den Schlüſſel nicht hatte. Aber ich bin überzengt, daß nichts darin iſt. Ich bin mit dem Kapitain dringeweſen, als der langbei⸗ nige Puritaner ſchon wieder heraus war, konnte aber nichts darin ſehen, als faule Früchte, zer⸗ brochene Kiſten, und anderes Lumpenzeug. Was die Mühe lohnte, iſt weggeſchafft worden; und ich bin gut dafür, das Gewölbe wird ſo hoch — 222— ſpringen, als die andern auch. Ich habe einen guten Theil Brennſtoff gegen die Thür gelegt.“ Er ſprang auf, fuhr aber in demſelben Augen⸗ blick Springall mit einem derben Fluche an. „Mein Rücken— der Teufel über Euch und mich!— mein Rückgrat iſt mir verkrampft von dem Sarge der alten Hexe, den Ihr mir aufge⸗ laden habt, und den ich durchaus aus der Schenke heraustragen mußte, damit er nur nicht mit der Klippe in die Luft ſpränge. Und wenn er nun mitgetanzt hute⸗ was wäre es weiter geweſen?“ „Möchtet Ihr, daß der Körper Eurer eige⸗ nen Mutter auf die Art zum Himmel aufginge, ein ſo arger Sünder Ihr auch ſeyd? Was, Jack?“ „Sie kommen,“ bemerkte der Andere, ohne auf Springall's Worte zu achten,„ſie kommen 14 Es war ein ſchöner Anblick, ſelbſt nur die kleine Anzahl dieſer wohlgerüſteten Krieger zu ſehen, wie ſie in dem Schatten des Hügels zu⸗ nächſt dieſem abentheuerlichen Platze heranzogen. Roupall und ſein Gefährte ſchlichen indeß unge⸗ ſehen auf einem geheimen Pfade die Klippe her⸗ unter. Dort angekommen, ſchlug Jack mit kalter Entſchloſſenheit Feuer, und machte ſich fertig, die Mine anzuzünden, welche ſie mit denen im — 293— Neſte in Verbindung geſetzt hatten, die ſich, wie bereits erwähnt, durch die ganze Höhle hin⸗ zogen. Noch etwas mehr nach unten, nach der Seite des Fenſters, aus welchem der Prediger Mundflink das Paket herausgehängt hatte, be⸗ reitete ſich Springall zu demſelben Geſchäfte. In dem Augenblicke, wo ſie, auf ein von bei⸗ den abgeſprochenes Signal, ihr Vorhaben aus⸗ geführt hatten, eilten beide ſchnell zurück, und verbargen ſich unter dem Schutz eines großen Felſens, den die zurückweichende Fluth trocken gelaſſen hatte, und hinter welchem ſie vor jeder Gefahr geſichert waren. Schnelligkeit that Noth, denn kaum waren ſie dort geborgen, als es durch die Luft krachte, wie der Donner von tauſend Kanonen, und gewaltige Bruchſtücke von Felſen, dicht, wie Hagelſchauer, herabſtürzten. Unmittelbar darauf hörte man einen durch⸗ dringenden Schrei.. „Gott im Himmel!“ rief Springall.„Es iſt doch nicht möglich, daß ein menſchliches Weſen in dem Platze zurückgeblieben iſt!“— Er bog ſich vor, und ſah nach der Gegend hin, von wo der Schrei hergekommen war. Der junge Mann, deſſen Locken damals noch glänzten wie die goldenen Strahlen der Son⸗ ne, deſſen Schritt ſo leicht war, wie der der — 224— Gemſe, erlebte ein hohes Alter, und ſein Haar wurde weiß, und ſein leichter Schritt wankend, ehe der Tod ihn wegraffte, und er war vertraut worden mit Kämpfen und Mühen, und hatte Ehre, Gut und Rang erworben, oft aber er⸗ klärte er, daß er nie etwas geſehen habe, was ihn ſo erſchüttert hätte, als der Anblick, der ſich ihm an dieſem Morgen darbot. Krampfhaft er⸗ griff er Roupalls Arm und zog ihn vorwärts, ohne ſich um den Steinſchauer zu kümmern, der noch immer um ſie niederpraſſelte. Wo das Pulver ge⸗ legen hatte, war die Klippe zerſprengt worden, und da ſich nur wenig Brennbares in ihren Höh⸗ len befand, und das helle Sonnenlicht der Flamme ihren Glanz nahm, ſo ſah man nichts als fin⸗ ſtere Schlünde, die einen ſchwarzen, von mattem Roth durchzuckten Qualm ausſtießen. Je nachdem das Feuer ſich in der Richtung des Pulvers hinwand, welches Dalton ſelbſt für den Fall einer Ueberrumpelung gelegt hatte, bebte, hob ſich und ſtöhnte die Erde. Durch die tie⸗ fere Mine, welche Springall angezündet hatte, war unter andern Felſen und Steinen, auch die Oeffnung zerſchmettert worden, durch welche* Mundflink hinaus auf die weite See geblickt hatte. Innerhalb des dadurch entſtandenen Riſſes zeigte ſich jetzt die Geſtalt eines lebenden Man⸗ nes. Er ſtand dort mit erhobenen Händen, ohne Muth, ohne Kraft, vorzugehen, denn unter ihm zeigte der wirbelnde, heiße Rauch des alles ver⸗ ſchlingenden Feuers ihm ſichern Tod, ohne den Muth, zurückzugehen, denn die ſchlangenzüngige Flamme hatte die Thür, welche Roupall nicht zu öffnen vermochte, verzehrt, und glitt, wie ein hölliſcher Geiſt, der mit ſeinem Opfer ſpielt, von Sparre zu Sparre, von Balken zu Balken des der Vernichtung preisgegebenen Platzes. „Ha!“ rief der alte Schmuggler mit einer Ruhe, die ſeinen Gefährten empörte,„ich möchte wiſſen, wie er da hereingekommen iſt. Ich hörte, daß er in Cecilhaus feſtſäße. Er hat vermuthlich entwiſchen wollen und ſich in das alte Loch ge⸗ flüchtet. Ja, es iſt das letztemal, daß Du in die Sonne ſiehſt, die ſich nicht um Menſchen und um Menſchenthun kümmert; Du kömmſt nicht hin, wo ſie ſcheint, wette ich.“ Sir Willmott Burrell, denn Roupall hatte richtig geſehen, und den Grund ſeiner Erſchei⸗ nung in dem Möwenneſte richtig errathen— hatte wie durch ein Wunder ſich ſeiner feſten Haft ent⸗ zogen, und ſich in demſelben Zimmer verborgen, in welches er den armen Mundflink geſtoßen hatte. Damals dachte er nicht, daß dieſelbe Schwelle ihn zum letzten Gerichte werde gehen III. 15 — 226— ſehen. In dem Augenblicke, wo die Mine ange⸗ zündet wurde, bildete er ſchon wieder für die Zukunft neue ſündhafte Pläne. Die Todesſtunde überraſchte ihn, ehe er Zeit zu Reue hatte. In der Blüthe des Alters, mit kräftigem Körper und gewandtem Geiſte hatte er im Böſen ge⸗ ſchwelgt, und ſich an dem Unglück ſeiner Neben⸗ menſchen erquickt. Alle Züge ſeines Geſichts, auf dem jetzt der Glanz des flackernden Feuers luſtig tanzte, als verhöhne es ſeine Todesqual, waren krampfhaft verdreht, gräßlich verändert: kurz war die ihm noch vergönnte Friſt, aber jeder Augenblick ein martervolles Jahr. Als die Flamme höher ſtieg, und nun ihr Opfer umzuckte, wurde ſein Geſchrei ſo fürchterlich, daß Springall ſich mit beiden Händen die Ohren zuhielt und ſein Geſicht in den Sand begrub. Roupall blickte ru⸗ hig bis zuletzt hin.„So,“ dachte er,„Ihr betet alſo nicht einmal, wie ich Menſchen habe thun ſehen! Aber da kommen die Eiſenſeiten,“ fügte er hinzu, als dieſe ernſtblickenden Krieger ſich auf einem Vorſprung der gegenüberliegenden Klippe auf⸗ ſtellten, welche, obwohl niedriger, als das zer⸗ ſtörte Möwenneſt, doch die Ausſicht auf die Höhle und ihren einzigen Bewohner gewährte. „Dort kommen ſie, und gerade noch zur rechten Zeit, Eure Abfahrt in Eures Vaters, des Ten⸗ — 227— fels Gebiet anzuſehen! Nicht einmal muthig ſter⸗ ben könnt Ihr! Was wäre das für ein Ende, mit ſolch einem Scheiterhaufen, für einen In⸗ dianiſchen Anführer geweſen; aber manche Leute haben kein Gefühl, keinen Stolz, keinen Sinn für anſtändiges Ausſehen.“ In dieſem Angenblicke war der Prediger Mund⸗ flink, welcher die Truppen begleitet hatte, ein wenig ſelbſt vor den Protektor vorgetreten. Crom⸗ well war begierig, den Schlupfwinkel des Bu⸗ caniers zu beſichtigen, und da ihm durchaus nichts von Sir Willmotts Flucht bewußt war, ſo ſtand er erſchrocken und verwundert, als er ihn in ſo gräßlicher Lage mitten unter ſtürzen⸗ den Felſen, flackerndem Feuer, dichten, hoch auf⸗ ſteigenden Rauchſäulen ſah, wie er verzweifelnd, halb verbrannt, noch den letzten Kampf des qual⸗ vollen Todes kämpfte. 1 „Der Herr erbarme ſich ſeiner Seele!“ rief Mundflink.„Betet! betet!“ fuhr er fort, ſeine Stimme erhebend und voll Hoffnung, daß er, dem Sir Willmott ſo Böſes zugedacht, ein Werk⸗ zeug ſeyn werde, des Unglücklichen Geiſt auf das Jenſeits zu richten.„Betet! Der Tod ſteht vor Euch und Ihr könnt nicht mehr mit ihm ringen! Betet, ſelbſt zur eilften Stunde, Betet und wir wollen mit Euch beten!“ Der Prediger entblößte ſein Haupt, der Pro⸗ tektor und die Soldaten folgten ſeinem Bei⸗ ſpiele. Aber nicht auf dem Gebete tapferer Krie⸗ ger ſollte der Geiſt des Böſewichts zu dem Sitze des Allmächtigen aufſteigen; noch ehe ein Wort geſprochen worden, ſchlug eine der Feuerſäulen um den noch übrigen Theil der Klippe zuſam⸗ men; die Gluth war ſo ſtark, daß die Soldaten die Augen abwenden mußten, und als ſie nach⸗ gelaſſen hatte, ſah man nichts mehr, als Schutt, der am Fuße des Felſenriffes dampfte. Das war Alles, was von dem Möwenneſte übrig geblie⸗ ben war, darunter begraben lag die halbverzehrte Leiche Sir Willmott Burrell's. Während die Aufmerkſamkeit Cromwell's und ſeiner Freunde auf das verzweifelte Ende des unſeligen Ritters gerichtet war, kroch Roupall unter einen ſchwarzen Felſenvorſprung, der ſich weit hin in die See erſtreckte, und dachte dort in Ruhe zu warten, bis die Fluth ihn nach einem andern Verſtecke treiben würde. Springall folgte ihm nicht; als er den Protektor auf der Klippe erblickte, ſchien er jeden Gedanken an Flucht und Verbergen vergeſſen zu haben. Frei trat er her⸗ vor, und hin zu den Soldaten, welche noch im⸗ mer mit entblößtem Haupte ſtanden, unſtreitig, weil ſie erwarteten, daß einem ſolchen Ereigniſſe eine Predigt oder ein Gebet folgen müſſe, Keck, mit feſtem, entſchloſſenem Schritte nä⸗ herte er ſich, ohne nur an ſeinem Hut zu rühren, bis er Cromwell gegenüber ſtand, deſſen Züge, durch den eben empfundenen Schauder, noch zu⸗ rückſchreckender waren, als gewöhnlich. Das hel⸗ le, blaue Auge des jungen, furchtloſen Seeman⸗ nes begegnete dem grauen, blutgerötheten des außerordentlichen, größten Mannes von England. Einen Moment, nicht länger, blickte Auge in Au⸗ ge, dann ſchlug der Jüngling das ſeinige nieder; das kühne, ſorgloſe Haupt ſchien ſich unwillkühr⸗ lich zu beugen, und ehrfurchtsvoll, ja bebend zog er den Hut vor dem geheimnißvollen Weſen. „Wir wollen den Geiſt nicht erſticken,“ wen⸗ dete ſich der Protektor zu dem Prediger,„aber laßt Euer Gebet kurz ſeyn— ein Wort zu ſei⸗ ner Zeit iſt beſſer, als eine ganze Rede zur Un⸗ zeit. Wir haben hier einige Nachforſchungen an⸗ zuſtellen gegen die, welche den Brand zur See, wie zu Land angeſtiftet haben.“ Zum erſtenmale in ſeinem Leben fand Spring⸗ all, daß ein Gebet nicht zu lang ſeyn könne. Regungslos ſtand er, wie an denſelben Fleck geheftet, während der Rauch noch immer aus dem Möwenneſte aufſtieg, und die Soldaten, die Helme in der Hand, beteten. Cromwell ſelbſt verrieth einigemale ſeine Ungeduld, obwohl durch kein anderes Zeichen, als daß er bald das eine, bald das andere Bein vorſchob, eine Bewegung, die jedoch der Bemerkung Mundflink's durchaus entging, der ſich ſelbſt ungleich würdiger und wichtiger erſchien, ſeit es ihm vergönnt worden, in der Gegenwart des Herrſchers über Neu⸗ Jeruſalem zu ſprechen.. 4 Seine Rede war kurz und kräftig, und als er fertig war, ließ der Protektor Springall nä⸗ her treten. „Es ſcheint, als ob Ihr uns etwas mitzuthei⸗ len hättet.“ „ Ich glaube, ich habe micht geirrt,“ antwor⸗ tete der Jüngling;„ich hielt Euch— Eure Ho⸗ beit wollte ich ſagen— für einen gewiſſen Ma⸗ jor Wellmore.“ „Wir wiſſen, daß Ihr ein treuer Wächter ſeyd, aber es muß erſt noch bewieſen werden, ob Ihr auch ein aufrichtiger Zeuge ſeyd. Kannſt Du mir über dieſen Vorfall Kunde geben, und wie Sir Willmott Burrell entrinnen und hier Schutz finden konnte?“ „Es war von jeher ausgemacht, Eure Ho⸗ heit, daß, wenn ein Unglück geſchehen ſollte, der erſte Beſte, wer es auch ſey, Feuer an die Mine legen ſollte, welche ſo gefüllt war, daß man ſie im Nothfalle ſogleich konnte ſpielen laſſen; wir — 2321— dachten nicht, daß ein lebendes Weſen im Neſte ſey, aber Sir Willmott hatte Zulaß zur Höhle und Kunde von ihren Geheimniſſen, obgleich er nichts weniger, als ehrlich war, und deshalb nichts mit der tapfern Freibeuterei zu ſchaffen hatte.“ Springall ſah nicht, daß Robin Hays war⸗ nend den Finger hob und Walther Cecil leiſe zur Vorſicht mahnte. Seine Haltung hatte zwar wieder an Feſtigkeit gewonnen, doch waren ſeine Gedanken noch immer ausſchließlich auf den Pro⸗ tektor gerichtet. Er wollte in derſelben Weiſe fortfahren, wurde jedoch von Cromwell unter⸗ brochen.— „Still, junger Menſch, es ziemt ſich nicht für einen, der ſelbſt Uebles begangen hat, wie Ihr, übel zu ſprechen von den Lebenden, geſchweige von den Todten. Ihr alſo habt dieſes Platzes Zerſtörung zu verantworten.“ „Ja, Eure Hoheit.“ „Ihr und noch ein Anderer.“ „Allerdings war noch einer dabei, aber er iſt fort; Ihr findet ihn nicht, er iſt davon. Wenn,“ fügte der junge Mann mit ſeiner gewöhnlichen Keckheit hinzu,„einer für die Zerſtörung eines Wespenneſtes geſtraft werden ſoll, ſo wird Eure Hoheit ſich überzeugen, daß ich dies eben ſo gut aushalten werde„“ — 232— Der Protektor unterbrach ihn von Neuem, indem er ſelbſt den Sotz ergänzte:„So gut, als damals, wo Ihr über der Bai dort ſchweb⸗ tet? Nein, nein, wir können mit Gottes Hülfe unterſcheiden zwiſchen dem raubenden Fuchſe und dem Jungen des Löwen, beide zerſtören, aber der eine iſt feige und niedrig geſinnt, das andere— es ſoll unſere Sorge ſeyn, das andere zu einem edlern Streben aufzuziehen.“ Springall erhob zum erſtenmale wieder ſeine Augen und war überraſcht, als er ſeine Freunde in der Nähe des Protektors ſah. Robin war bleich, ſeine Blicke wanderten über den glimmen⸗ den Schlund, der die Wiege ſeiner Jugend ver⸗ ſchlungen hatte. Springall ſprang, von dem Gefühle angetrie⸗ ben, welches, ohne eines Wortes zu bedürfen, das Gefühl des andern erräth, zu ihm hin, er⸗ griff ihn beim Arme und rief:„Eurer Mutter Leiche iſt in Sicherheit, Robin, unter dem dicken Baume, neben dem Haufen Steine. Ich durfte ſie ja nicht mit verbrennen laſſen.“ Cromwell's Verehrung für ſeine eigene Mutter war einer der ſchönſten Züge ſeines Karakters; von dieſem Augenblick an hatte Springall ſein Herz gewonnen, war ſein Schickſal entſchieden, — 233— wie denn oft unbedeutend ſcheinende Zufälle auf ein ganzes Leben Einfluß haben.. „Eure Hoheit,“ ſagte Walther Cecil,„wird einem, der Euch ſchon ſo vieles zu danken hat, nicht bloß den Wiederbeſitz ſeiner Habe, ſondern auch die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft— doch aber, hoffe ich, wird Eure Hoheit mir verzeihen, wenn ich ſchon wieder um etwas bitte; dieſer Jüngling...“ „Es wird für ihn geſorgt werden. Der All⸗ mächtige hat es ſo gefügt, daß Major Wellmore auf dieſer Juſel Shepey mehr als einen mit wackerm Herzen und zuverläßiger Hand gefunden hat. In Kurzem werden wir Euch und Eurer Muhme Braut, wenn ſie ihre Pathin beſucht, zeigen, wie hoch wir Eure Freundſchaft ſchätzen. Auch hoffen wir, daß die erhabene Lehre von gerechter Vergeltung, welche der Herr hier mit feurigen Buchſtaben niedergeſchrieben, von allen beachtet werden wird, welche von Hugh Dalton und ſei⸗ nem Glühwurm hören. So groß die Macht iſt, welche uns verliehen wurde, würden wir doch nicht gewagt haben, ein ſo ſchweres Gericht aus⸗ zuüben, wie das, welches über den mit vielen Sünden bedeckten Mann ergangen iſt. Seht hin, durch die Hand des Gottloſen iſt die gerechte Strafe verhängt worden über die Steine, welche — 234— den Räubern ſo lange unverdient Schutz gewährt haben. Und der Weizen, mas Euch das, jun⸗ ger Mann, der Weizen— gelobt ſey Gott, denn es iſt ſein Werk!— der Weizen iſt geſäu⸗ bert worden von dem Unkraute, und aus den Schuldigen und Geächteten ſind einige hervor⸗ gegangen, welche einſt noch einmal ihren Sitz ein⸗ nehmen können unter den Gläubigen in Iſrael, — 235— Schl uß. Zwölf Jahre ſind ſeitdem verfloſſen. Der leicht⸗ ſinnige, verſchwenderiſche, frivole und undank⸗ bare Karl war von dem ernſten, überlegten, ſittlichen Volke von England zum Herrſcher be⸗ rufen worden. Es war auf derſelben Inſel She⸗ pey, wo an einem heitern Abende des Jahres 1688 ein alter Mann unter einer ſtolzen Eiche ſaß, deren weit ſich hinſtreckende Zweige einen Bach beſchatteten, der zu ſeinen Füßen murmelte. Die Strahlen der untergehenden Sonne erhoben die gelbe Färbung des Frühherbſtes, und hie und da ſchimmerten einige Bäume, wie in flüſſiges Gold getaucht. In der Ferne ſchlummerte ſtill, ſanft und eben der Ocean unter dem klaren Him⸗ mel. Der alte Mann war nicht allein; vier hübſche, muntere Kinder ſtanden um ihn herum, und folgten mit der angeſpannten Aufmerkſam⸗ keit und hoffnungsvollen Erwartung ihres glück⸗ — 236— lichen Alters den Fortſchritten, welche ſeine Ar⸗ beit machte. Der Großvater war damit beſchäf⸗ tigt, ein Spielwerk für ſeine Enkel zu verferti⸗ gen. Das artigſte von den Kindern war ein dunkeläugiges, rothbackiges Mädchen, von vier, vielleicht fünf Jahren, mit einem Geſicht, das mehr Verſtand verrieth, als ihr Alter erwar⸗ ten ließ; ſie war eben im Begriff, mit einer langen, ziemlich plumpen Nadel etwas zu nähen, was dem Segel eines Puppenkahns ähnlich ſah. Ein etwas älterer Knabe machte das Tauwerk aus Bindfaden zurecht, während der älteſte, der eine große Rolle ſpielte, ſeine Anweiſungen oder vielmehr Befehle in der Art der Knaben gab, welche ihre jüngern Geſchwiſter überſehen. Der ihm im Alter zunächſt ſtand, war vermuthlich des Großvaters beſonderer Liebling, denn er kniete zu den Füßen des alten Mannes, wartete geduldig, und merkte ſich genau, wie der Haupt⸗ maſt in der Mitte des winzigen Fahrzeuges feſt⸗ gemacht wurde. Zu den Füßen des Mädchens lag ein kleiner, artiger Wachtelhund, der zu Zei⸗ ten ſeinen Kopf erhob und ſeine junge Gebie⸗ terin freundlich anblickte.— „Stanze,“ ſagte der älteſte Knabe,„Du machſt die Stiche ſo lang wie Deine Finger, aber wenn das nicht gut gearbeitet wird, ſo ſetzt ſich — 237— der Wind in die Ecken und wirft das Schiff auf den Bug.“. „Großvater!“ rief das Kind, ſeine Arbeit mit einem flehenden Blicke in die Höhe haltend, „ſind die Stiche wohl zu lang? Wenn Ihr es ſagt, will ich ſie wieder auftrennen, denn Ihr verſteht es.“ „Sie ſind gut genug ſo, Stanze,“ antwortete der alte Mann mit einem freundlichen Lächeln, nund ich wünſchte, Walther, Deine Arbeit wäre immer ſo gut, wie die Deiner Schweſter. Gott ſegne ſie! Was ſie ihrer Mutter ähnlich ſieht!“ „Ich wollte,“ antwortete Walther,„ich ſähe meiner Mutter auch ähnlich, dann würdet Ihr mich lieber haben.“ „Knaben und Mädchen, ich liebe Euch alle, und danke Gott dafür, daß Ihr in dieſen ſchlech⸗ ten Zeiten ſo gute Kinder ſeyd. Aber, Walther, an die See mußt Du nimmermehr denken; Du biſt nicht zu einem Seemanne beſtimmt, ſonſt würdeſt Du nicht ſagen, der Wind werde ſich in der Naht eines Topſegels fangen und das Schiff auf den Bug werfen. Ha! Ha!“ Der ſtolze Knabe wendete ſich erröthend ab, und fing an, mit einem alten Hunde, der es ſich auf der Schürze des jüngſten Knaben neben dem grauen Steine, auf welchem der Großva⸗ — 238— ter zu ſitzen pflegte, bequem gemacht hatte, zu ſpielen oder vielmehr ihn zu zerren. „Walther wird ein Soldat werden,“ ſagte der zweite Knabe, der Hugh hieß;„ſein Pathe, Sir Walther, hat es geſagt. Aber Ihr müßt mich unterweiſen, ehe Ihr ſterbt, daß ich ein tüchtiger Seemann und ſo groß werde, wie der große Mann, von dem Ihr und der Vater immer ſprecht, der tapfere Blake. Ach, was wäre das ſchön, wenn Ihr den Tag erlebtet,“ fuhr er fort, indem ſeine Augen in der Hoffnung des künftigen Ruhmes glänzten,„und Ihr könnt das auch recht gut erleben, Großvater, denn die Mut⸗ ter ſagt, Crisp ſey für einen Hund viel älter, als Ihr für einen Menſchen. Walter, Du ſollſt Crisp nicht ſo quälen, er hat ohnedies nur noch drei Zähne.“ „Drei?“ unterbrach die kleine Konſtanze,„er hat vier und einen halben und noch ein kleines Stück, ich habe ihm ſelbſt das Maul aufgemacht und nachgeſehen.“ „Großvater,“ ſagte Hugh, als der Maſt ge⸗ hörig eingerichtet und das Tauwerk angebracht war,„ſoll ich mein Schiff den Glühwurm nen⸗ nen?“ Das Blut ſtrömte dem alten Mann in das Geſicht, als das Kind den Namen ſeines längſt — 239— verlorenen, aber nicht vergeſſenen Schiffes nannte. Er griff mit der Kraft vergangener Tage den Arm des Knaben, und ſchüttelte ihn, als ob er nicht das Kind ſeiner Barbara ſey, und fragte ihn, während die andern erſchrocken umherſtan⸗ den:„Wo haſt Du dieſes Wort gehört? Ich frage, wo?“, „Von dem rauhen alten Manne, welcher letz⸗ te Woche bei uns auf dem Boden ſtarb, ob⸗ gleich Mutter es ihm ſo bequem gemacht hatte, und ſie und der Vater ſo gut gegen ihn gewe⸗ ſen ſind. Der,“ ſchluchzte der kleine Hugh, „ſagte, das Schiff, das Ihr früher hattet, habe ſo geheißen, und da dachte ich, ich müßte mei⸗ nes auch ſo nennen.“ „Und war das Alles,“ fragte der greiſe Bu⸗ canier, ſeine Hand loslaſſend, aber noch den Knaben anblickend, als ob er etwas Schlimme⸗ res erwarte. „Das war Alles, was ich verſtand,“ antwor⸗ tete der Knabe voll Schreck und Schmerz wei⸗ nend,„und daß er in Eaſt⸗Church begraben zu werden verlangte, weil das der Möwenneſtklip⸗ pe, wie er es nannte, näher ſey, als die alte Kirche von Minſter.“ „Armer Jack, armer Jack Roupall!“ rief der Protektor, ſeine augenblickliche Aufwallung ver⸗ — 240— geſſend,„armer Jack! Der Kern war gut, weich und ſüß, obgleich die Rinde rauh und bitter war. Der Krebs hat ihn zerfreſſen. Ach, ohne mein Kind wäre ich eben ſo ſchlecht, verderbt, verloren, wie er, geweſen.“ Hugh Daltons Auge fiel auf den Knaben, der noch immer ein klägliches Geſicht machte und drückte ihn an ſeine Bruſt und ſegnete ihn von ganzem Herzen. Die kleine Konſtanze ſchlich um ihn herum, und da ſie ſah, daß ihres Bruders Arm noch roth war, ſo hob ſie dieſen zu ihres Großva⸗ ters Mund auf und ſagte:„Küß ihn, küß ihn, dann wird es wieder gut.“. Der alte Mann that, wie das Kind ihm ge⸗ bot, und als ſie wieder auf den Arm ſah, war er mit mancher Thräne benetzt. „Wir wollen das Schiff König Karl nennen,“ rief der älteſte Knabe, als der kleine Kahn im Waſſer ſchwamm, während die Kinder, die ſchon nicht mehr an ihren Schrecken über des Groß⸗ vaters Unwillen dachten, fröhlich lärmend das hinziehende Schiffchen verfolgten. „Ihr werdet es nicht ſo nennen,“ ſagte Dal⸗ ton ernſt,„dort kommt Eure Mutter; die und Euer Vater können es am beſten taufen.“ Der alte Mann, der das Fahrzeug vom Sta⸗ pel gelaſſen hatte, wendete ſich nach der Seite, — 244— wo einſt Cecilhaus geſtanden hatte. Sir Wal⸗ ther und Lady Cecil hatten aus einem Gefühle, das ſich leicht erklären läßt, nur einen Theil des alten Gebäudes ſtehen laſſen, das gerade hin⸗ reichte, Robin und ſeine Familie aufzunehmen; denn Freundſchaft allein für den Bucanier hatte Sir Walther Cecil bewogen, nur ſo viel von dem Gebäude ſtehen zu laſſen, da es des alten Mannes einziger Wunſch war, auf der Inſel Shepey zu ſterben. Hugh Dalton's Wünſche wa⸗ ren aber Geſetze in der Familie Cecil. Die Bäume waren an vielen Stellen gefällt worden, und nur die an dem ehemaligen Feenkreiſe ſtehen geblieben. Die Leute in der Umgegend glaubten, der Platz ſey ſowohl der Lady Cecil, als Barbara, durch irgend eine Erinnerung ge⸗ heiligt, und in der That pflegte die letztere jede Pflanze und Blume darin mit mehr als ge⸗ wöhnlicher Sorgfalt. Gleichen Vorzug genoß je⸗ doch noch ein anderer Platz, der ländliche Tem⸗ pel nämlich, in welchem vor ungefähr zehn Jah⸗ ren ein Altar errichtet worden war, auf dem man eine Haarflechte, die ſich um zwei Herzen ſchlang, mit einem Verſe ſah, der von der Lady Hutchinſon herrühren ſollte, und ein Kompli⸗ ment für ihre Freundin Konſtanze Cecil enthielt. Der alte Mann wendete ſich alſo nach Cecil⸗ III. 16 — 242— haus, welches nur noch den Anblick einer kleinen, maleriſchen Wohnung darbot. Aus derſelben wa⸗ ren zwei Perſonen, Robin Hays und ſeine Gattin, die kleine Puritanerin Barbara, hervorgetreten. Robin war in ſeinem hell⸗rothen Wamſe, ſeide⸗ nen Beinkleidern und befiederten Hute faſt zu ſehr geputzt, mehr, als ſich für einen Landbewoh⸗ ner geziemen mochte; aber es war augenſchein⸗ lich, daß er den Putz liebte und ſeine Perſon gerne damit bedeckte. Sein langes, ſchwarzes Haar ſiel in natürlichen, anmuthigen Locken über ſeine Schultern; aus ſeinen Augen blickte jetzt nur noch reine Liebe und Güte, und wenn noch manchmal etwas Spott darin aufloderte, ſo wurde er doch ſogleich durch die Frömmigkeit und Güte ſeines vortrefflichen Herzens erſtickt. Seine Geſtalt war voller und ihr Mißverhält⸗ niß durch die Kaavaliertracht beſſer verhüllt, als durch den enganſchließenden Anzug der da⸗ hingegangenen Rundköpfe, welche keinen Zoll Tuch verſchwendeten. Was ſollen wir von Bar⸗ bara ſagen? Weibliche Schönheit iſt ſelten be⸗ ſtändig; die Friſche der Roſe verſchwindet mit den Jahren. Nicht ſo ihr Duft. Was er der Roſe iſt, iſt die Seele dem Körper, unvergäng⸗ lich, wenn Blatt für Blatt auch in Staub zer⸗ fällt. Barbara war nicht mehr das zarte, be⸗ Re — 243— hende Mädchen, welches mit gemeſſenem, aber doch leichtem Schritte die Befehle derer erfüllte, welche ſie liebte, ſondern eine geſetzte, thätige, liebevolle Matrone, die eifrig ihre Pflicht er⸗ füllte und Mühſeligkeiten, körperliche, wie gei⸗ ſtige, geduldig ertrug; eine aufrichtige Chriſtin, gütige Herrin, fromme Tochter, kluge Mutter, vor allem aber eine ergebene, vertrauende Gattin, die noch immer auf Robin, ihren Robin, als den Engliſchen Salomon blickte. Mit wunderba⸗ rem, nur der Liebe gegebenem Scharfblicke er⸗ rieth ſie ſeine Wünſche, faſt ehe ſie ſich noch gebil⸗ det hatten; Gott und ihr Gatte füllten ihr ganzes Herz. Selbſt Robins Schwächen waren ihr werth; ſie ſchmeichelte ſeiner perſönlichen Eitelkeit, und vermied alles, was ſeine natürliche Eiferſucht hätte anreizen können, ſo daß, indem ſeine böſen Leiden⸗ ſchaften nie angeregt wurden, man deren Da⸗ ſeyn vergaß und den heftigen, launiſchen Robin kaum in dem bedächtigen Verwalter der Beſiz⸗ zungen Sir Walther Cecil's erkannt hätte. Als Robin und Barbara ſich ihrem Vater und den Kindern näherten, ſahen ſie einen wohlbe⸗ rittenen Kavalter, der mit zwei Dienern, eben⸗ falls zu Pferde, den Hügelpfad heranſprengte. Der junge Hund, ein Sprößling von Blanche, ſetzte die kleinen Matroſen durch lautes Bellen — 244— von dieſer ungewöhnlichen Erſcheinung in Kennt⸗ niß. Der Bucanier hielt die Hand vor die Augen und blickte ſcharf hin. Robin ſchob ſeinen Hut etwas mehr auf die eine Seite, während Bar⸗ bara die Flanderiſchen Spitzen ihrer ſeidenen Haube tiefer in das Geſicht zog. „Es iſt ein Hofkavalier,“ rief Herr Hays, „mit zwei Dienern und einem Hunde; aber, wahrlich, ein edler Hund aus fremdem Lande. Der Gentleman iſt ſicher ein Freund unſeres jungen Herrn. Man ſollte denken, er recognos⸗ cire die Gegend, ſo genau ſieht er ſich Fleck für Fleck an. Vater,“ fügte er hinzu, näher zu Dal⸗ ton tretend,„bemerkt Ihr nicht, wie er dort hinüber ſpäht, wo einſt— Ihr wißt—.“ „Ich ſehe es,“ antwortete der alte Mann, „und ich ſehe auch, daß jener Kavalier dort ei⸗ ner iſt, den wir beide wohl kennen. Da! Er ſieht uns. Er zieht den Hut und grüßt uns gar freundlich. Kennt Ihr nicht die kühne Stirne mehr, das helle, blaue Auge, blau wie das Waſ⸗ ſer und der Himmel, auf die er ſo lange geblickt hat? Die Hüte herunter Kinder; Robin, iſt der eurige feſtgenagelt, daß Ihr ſein Signal nicht beantwortet? Es iſt der junge Schiffskapitain, von dem Ihr ſelbſt hier ſo viel gehört und ge⸗ leſen habt. Es iſt Springall.“ — V * — 245— Er war es in der That. Unter dem Schutze des Protektors, gerade zu einer Zeit, wo ein ſol⸗ cher Schutz das Glück eines Mannes macht, war der unerſchrockene Jüngling bald zu einem er⸗ fahrenen Seemanne gereift. Seine Beförderung ging ſchnell, weil ſein Talent gewürdigt wurde, und nach dem Tode Cromwell's hatte er zu viel mit den Feinden Englands auf den Meeren zu thun, als daß das Verderbniß des Königlichen Hofes auf ihn hätte einwirken können. *** „Und nun Springall— ich nenne Euch noch immer gerne ſo,“ ſagte der Bucanier,„obgleich Ihr wieder Euren alten Namen angenommen und ihn ſogar zu größerer Ehre gebracht habt, als früher— der Tag iſt am Ende— die Kin⸗ der, Gott ſegne ſie! zu Bett— nun wollen wir zuſammenrücken um unſern gemüthlichen Heerd und von vergangenen Tagen ſprechen. Barbara, laß uns noch ein Paar Scheit Holz auf das Feuer thun, und dann laßt uns plaudern.“ „Ihr wißt von früher,“ ſagte der Seeoffi⸗ zier lächelnd,„ich ſpann den Faden immer zu lang, und die Nachricht von dem Tode des ar⸗ men Jack hat mich heruntergeſtimmt. Ich dachte immer, er würde ein ſchlimmes Ende nehmen; er war raubſüchtig, leichtſinnig, ohne Grund⸗ ſätze, aber tapfer bis auf das Aeußerſte.“ „Erinnert Ihr Euch noch,“ fragte Robin, „was er damals gewagt hatte auf dem Wege von Queenborough, kurz vorher, ehe Major Wellmore und Walther de Guerre hier erſchie⸗ nen?“ „Ja, ja, aber er und Grimſtone hatten zu viel geladen, ſonſt hätten ſie es ſchwerlich ge⸗ wagt, und der arme Grimſtone hat die Zeche bezahlen müſſen.“. „Und es iſt ihm Recht geſchehen,“ fügte Ro⸗ bin hinzu.„Er, den ſie angriffen, war ein wunderbares Weſen, ein Mann, von dem die künftigen Jahrhunderten ſprechen werden, wenn die Regenten der Gegenwart verflucht oder der Vergeſſenheit Preis gegeben werden. Wahrlich! der Kopf ſchwindelt einem, wenn man an das warme, treue Blut denkt, das vergoſſen und verſchwendet worden iſt, nur um der Thor⸗ heit und Ausſchweifung einen Thron zu errich⸗ ten. Wohlluſt und Zügelloſigkeit ziehen Hand in Hand durch die Hallen, in denen Cromwell und Ireton und Milton und— der Kopf brennt mir zu ſehr, als daß ich mich aller ihrer Na⸗ men erinnern könnte, aber in meinem Herzen leben ſie, die Männer, welche England zur Kö⸗ nigin unter den Nationen gemacht haben.“ „Und dann ihre papiſtiſche Umtriebe!“ rief der Bucanier;„das unſchuldige Blut, mit wel⸗ chem ſie die Schaffotte getränkt haben, als ob die Erde danach dürſtete! Und weshalb! Auf die Ausſage eines Schurken, geſtützt durch die Aus⸗ ſage eines Andern! Es kränkt mich ſehr, daß ich auch ein Werkzeug war, des Königs Pläne zu fördern. Robin ſagte neulich im Scherz ein wah⸗ res Wort, Menſchen nämlich würden, ſo gut wie junge Hunde, blind geboren, nur brauchten wir Menſchen, um die Augen zu öffnen, länger Zeit, als unſere vierfüß igen Freunde.“ „Das war,“ ſagte Springall lachend,„einer von den alten Weisheitsſprüchen Robins. Bar⸗ bara— ich bitte um Verzeihung, Miſtriß Hays— haltet Ihr ihn noch immer für ſo weiſe, als ſonſt?“ „Früher dachte ich es,“ antwortete ſie lächenld, „jetzt weiß ich es.“ „Setz' Dich, Barbara,“ ſagte Robin,„unſer Freund hier will Dir ſagen, wie ſehr er unſere Kinder bewundert; aber ſie ſind auch artig, ge⸗ ſund, und, obgleich ich es ſage, hübſch, ſchlank gewachſen, ſchlank, wie Robin Hood's Bogen. Aber ich hätte ſie auch lieber todt zu meinen Füßen geſehen, als„“ „Das verzeih Dir Gott, Robin! Ich hätte ſie geliebt, wären ſie auch verkrüppelt...“ „Wie ihr Vater?“ „Schäme Dich, Robin.“ Robin ſah ſeine Frau an, lachte, aber wendete den Kopf ab; gleich danach aber drehte er ſich wieder um, und ſah, daß eine dunkele Röthe Barbaras Geſicht bedeckte und eine Thräne in ihren Augen ſchwamm. Er vergaß die Gegenwart des Fremden, und verwandelte durch einen herz⸗ lichen, liebevollen Kuß die Thräne in ein freund⸗ liches Lächeln. „Damals,“ ſagte Springall, ſeinen ſilbernen Becher mit Peres füllend,„war auch ein wun⸗ derbar langer Prediger hier. Er hat gewiß ſich nicht mit der Regierung geändert.“ „Nein,“ antwortete Dalton, deſſen Augen feſt auf dem brennenden Holz hafteten, als ob er die Vergangenheit ungeſtört an ſich vorübergehen laſſen wollte;„er war ein feſter, aufrichtiger Puri⸗ taner, der auch unrechte Begriffe feſthielt, verzwei⸗ felt erbittert gegen Papiſterei, eine Erbitterung, die ich nie habe begreifen können, da das Beſte, was alle Sekten thun können, iſt, daß ſie nach ihrem Glauben und Gewiſſen handeln. Aber, wie geſagt, er meinte es aufrichtig, und erholte ſich nimmermehr, als die Art bekannt wurde, — — 249— wie die neuen Herrſcher die Ueberbleibſel deſſen beſchimpften, den ſie bei ſeinen Lebzeiten nur mit Zittern anzuſehen wagten. Er ſtarb dahin, Sir, wie ein Herbſtwind, matt, aber betend und Gott dankend für ſeine Güte, daß er ihm von der Verderbniß der Philiſter erlöſe, welche die Erde ſo dick bedeckten, wie die Heuſchrecken das Land Egyptens.“ „Ich glaubte nie, und kann nicht glauben,“ be⸗ merkte Robin,„daß es ſolchen Memmen vergönnt worden, den Leichnam zu beſchimpfen, der einſt eine ſo große Seele einſchloß. Der Protektor wünſchte, auf dem Felde von Naſeby beerdigt zu werden, und es ſpricht etwas in mir, daß ſein Wunſch erfüllt iſt.“ „Eure politiſche Geſinnungen haben ſich auch geändert,“ antwortete der Seeoffizier.„Was wä⸗ ren wir für Kavaliere in den früheren Tagen!“ „Es iſt eigen, Springall,“ erwiederte der alte Kapitain,„aber manchmal iſt mein Herz zu voll, als daß mein Mund reden könnte; es iſt mir, als ob ich mein Leben nochmals durchlebte. Jetzt aber hätte ich wieder darauf geſchworen, daß Sir Robert vor mir geſtanden hätte, wie ich ihn zuletzt ſah, die ſchrecklichen Papiere erfaſſend. Was war das für eine Nacht, und was für ein Tag folgte ihr!“ — 250— „Und,“ ſagte Barbara,„wie ging es der ar⸗ men Lady Zilla, als ſie Sir Willmotts Ende vernahm! Sie ſprach nicht, ſie ſchrie nicht; aber das Leid kam ſchnell, und ſchwer und ſchmerzhaft war es. Das Kind, auf dem ihre Hoffnung ruhte, hat nicht geathmet, und das Haus Burrell hat keinen Erben gehabt, und ſie und ihr Vater verſchwanden aus dieſem Lande und wurden nie wieder geſehen.“ „Geſehen allerdings nicht,“ unterbrach ſie Ro⸗ bin,„aber manche Juwelen und koſtbaren Putz ſchickte ſie aus fremden Gegenden für Myladys Erſtgebornen.“ 1 „Und auch mir,“ fügte Barbara hinzu,„ſchickte ſie ſolchen Tand, Dinge, die zu koſtbar ſind für meines Gleichen. Ihr letztes Geſchenk war in mei⸗ nen Augen das Werthvollſte— es war ein gol⸗ denes Kreuz, oben mit den Worten: Dein Gott ſoll auch mein Gott ſeyn, und in der Mitte: Dein Bolk mein Bolk. Es gewährte mir große Beruhigung, denn es war mir ein Pfand der Ergebung und des Friedens, und ein wunderba⸗ res Werk der göttlichen Vorſehung.“ Barbara ging aus dem Zimmer, ihre Bewegung zu ver⸗ bergen, die ſich immer, wenn ſie von der Jüdi⸗ ſchen Lady ſprach, ihrer bemächtigte. „Das war es ohne Zweifel,“ ſtimmte Robin bei, der Barbaras Entfernung nicht bemerkt hatte, — 251— „Kapitain,“ ſagte der Seemann,„ich glaube, auf Euch haben die vergangenen Zeiten gewirkt; ich habe noch von keinem von Euch einen Schwur oder Fluch gehört.“ „St!“ antwortete Robin, ſich umdrehend, und froh, als er bemerkte, daß Barbara nicht mehr zugegen war,„es würde uns übel anſte⸗ hen, ihn zu läſtern, auf den wir vertrauen, wäre es auch nur, um Barbara einen Schmerz zu erſparen.“ „Habt Ihr auch gehört,“ fragte Dalton,„daß Sir Walther und Lady Cecil nur ſelten bei Hofe erſcheinen?“ „Man kann wohl ſelten ſagen;“ antwortete Springall,„der König ſtellte bei einem der Pof⸗ zirkel Lady Caſtlemaine der Lady Konſtanze vor, aber unſere treffliche Lady erklärte ſogleich, daß ſie nie wieder dort erſcheinen würde. Es hieß, der König habe ſelbſt deshalb mit Sir Walther geſprochen, und es mag wohl ſeyn, da er ihn im Auslande ſo gut kannte. Aber Sir Walther nahm die Sache noch höher, als ſeine Gemahlin. Der König ſcherzte darüber und ſagte, es ſey einmal Hofſitte. Darauf antwortete Sir Walther jedoch, es möge zwar Hofſitte ſeyn, es ſey aber nicht höflich, ein unanſtändiges Frauenzimmer einem anſtändigen vorzuſtellen. Darauf wurde der König 1 — 252— bös und ſagte, es ſchiene, Lady Konſtanzens Freundſchaft für die Madame Franziska Ruſſel fey ſtärker, als ihre Loyalität, denn ſie hielte Cromwell's Tochter, ſowohl als Rich, wie Ruſſel, höher, als ſeine Gunſt. Sir Walther machte eine tiefe Verbeugung und antwortete, Lady Konſtanze habe ihrem Könige nicht zu mißfallen geglaubt, wenn ſie Anhänglichkeit für eine Lady zeige, der er einſt die Ehre erwieſen habe, ihr ſeine Hand anzubieten. Der König biß ſich in die Lippe, drehte ſich herum und ſprach kein Wort mehr zu Sir Walther Cecil.“ „Vortrefflich! vortrefflich!“ rief Robin, ſich vor Vergnügen die Hände reibend,„das war berrlich! Es wärmt mir das Herz, wenn ich einen wackern Unterthan zu dem König ſpre⸗ chen höre, wie der Mann zum Manne, wenn er fühlt, daß er nicht Urſache hat, ſein Run⸗ zeln zu fürchten, oder um ſein Lächeln zu buhlen. Gut, Sir Walther, ſehr gut! Es liegt eine mo⸗ raliſche Würde, eine Furchtloſigkeit in der Wahr⸗ heit, ſo daß man glaubt, man trete die Erde nicht, auf der man geht, ſondern man ſporne ſie zum Gehen. Wenn wir nicht Geſchöpfe der Erde blei⸗ ben, ſondern des Himmels werden wollen, müſ⸗ ſen wir unabhängig ſeyn in Wort und That, Vor⸗ trefflich gemacht, Sir Walther!“ — 253— „Robin,“ ſagte der Offizier, ihn ernſt an⸗ ſehend, und doch faſt geneigt, über ſeinen En⸗ thuſias mus zu lächlen,„das iſt nicht Hofſitte.“ „Zum Teufel mit dem Hofe!“ rief Robin, hielt jedoch plötzlich ein, als er ſeine Frau ſah, die unbemerkt wieder hereingetreten war, und fügte hinzu:„Ich bitte um Verzeihung, meine theure Barbara, es war ſeine Schuld, nicht die meine. Ich habe lang, ſehr lang nichts ſo Frevel⸗ haftes geſprochen. Aber ſagt mir, Kapitain, habt Ihr Sir Walthers Kinder geſehen? Oliver, der Erſtgeborne, iſt ein wackerer Junge. Dann— aber ich habe ihre Namen vergeſſen, und ich weiß nur, daß kein Robert und kein Herbert unter ihnen iſt. Ach! die Familie hat ihre gute Gründe dazu.— Ich glaube, Richard Cromwell hat den Aelteſten aus der Tanfe gehoben.“ „Richard Cromwell!“ wiederholte Springall verächtlich. „Er hatte Verſtand,“ bemerkte Robin,„er fühlte, daß ihm ſeines Vaters Talente abgin⸗ gen, und daß er deshalb ſeines Vaters Macht nicht handhaben könne.“ „Herr Hays,“ ſagte Springall, ein Geſpräch vermeidend, das zu politiſchen Zwiſtigkeiten füh⸗ ren konnte,„Ihr ſeyd ein Orakel, und werdet mir alſo auch ſagen können, was aus dem vor⸗ — 254— trefflichen Meiſter in der Kochkunſt, Salomon Grundy, geworden iſt.“ „Der arme Salomon!“ antwortete Robin. „Er begleitete nach Sir Roberts Tode, der ſich lange genug verzögerte, um die Tugenden ſei⸗ ner Tochter und ſeines Neffen in recht vollem Glanze zu zeigen, die Familie nach London, und erſtickte dort, als er eine Hummer zu haſtig her⸗ unterſchlang. Armer Salomon! Er ſtarb wie ein Soldat auf dem Schlachtfelde.“ „In der That;“ antwortete der Seemann, naber nun, nachdem wir von den Ereigniſſen und Perſonen geſprochen, mit denen wir in ver⸗ floſſenen Jahren in Berührung gekommen wa⸗ ren, laßt uns nun vor Allem einen Becher trin⸗ ken auf die Geſundheit meines lang verehrten, und trotz ſeiner Mängel treulich geliebten Freun⸗ des, des alten Bucaniers. Oft und viel habe iich an ihn gedacht, und es freut mich, daß ich ihn gefunden und zurücklaſſen kann, wo ein alter Mann ſeyn ſoll, im Kreiſe einer wackern und glücklichen Familie. Wir haben Alle Mängel,“ fuhr der Offizier fort, theils durch ſein Gefühl, theils durch den guten Wein etwas aufgeregt, „denn das Logbuch muß noch kommen, das kei⸗ nen Flecken hat; aber zum Wetter! ich habe es ſchon einmal geſagt, ich kann den Faden nicht —— — 255— ſo ſpinnen, wie mein Freund Robin hier, we⸗ der vom Rade, was den Kopf, noch vom Rok⸗ ken, was das Herz bedeutet. Alſo herunter da⸗ mit!—“ und mit funkelndem Auge und zittern⸗ der Hand ſetzte der brave Offizier den tiefen Humpen an und trank ihn leer auf die Geſund⸗ heit ſeines erſten Freundes auf der See. „Es ziemt ſich nicht,“ ſagte Barbara, deren in Thränen ſchwimmende Blicke auf den ver⸗ witterten Zügen ihres Vaters ruhten,„von ge⸗ branntem Waſſer oder feurigem Weine zu trin⸗ ken; aber Gott weiß, mein Herz iſt oft ſo voll des innigſten Dankes, daß es mir an Worten gebricht, mein Glück auszuſprechen, und ich muß ſorgſam wachen, daß nicht das Geſchaffene den Platz des Schöpfers einnehme. Mein Vater hat noch zuweilen Stunden der Bitterkeit, doch preiſe ich Gott, daß er nicht wie ein vom Feuer ver⸗ zehrter Brand, ſondern vielmehr wie Gold iſt, gereinigt und geläutert durch das, was unſere Schlacken ſchmilzt, aber groß macht, was Größe verdient. Was Robin betrifft...“ 4 „Mach keine Fabel aus mir, Weib,“ rief Ro⸗ bin, ſie freundlich unterbrechend;„bin ich doch in meiner eigenen Perſon eine Art Aſop. Wir haben genug davon dieſen Abend gehabt, und wollen jetzt noch einen Becher auf die Geſund⸗ —— ——,— — 256— heit Sir Walthers, der Lady Konſtanze und ih⸗ rer Kinder trinken— und dann uns zu Bette begeben, und mögen alle in Frieden ruhen, de⸗ ren Herzen ſo unſchuldsvoll ſind, wie das Dei⸗ nige, Barbara, und— ich darf ohne Anmaßung hinzufügen— ſo gereinigt, wie das meine. Ihr ſeht, Springall, die Erde, welche die Roſe nährt, nimmt zuweilen auch ihren Duft in ſich auf.“. Ende des dritten und letzten Bandes.