deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 8— 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 34—— Buener: auf 1 Monat:) Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 8 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, zindem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — Der Bucanier. Ein ——— hittorikeher Roman aus der Zeit Cromwell's. Aus dem Engliſchen von Louis Lax. Zweiter Thel. Aachen, Brüftel und Leipzig, Verlag von Jacob Anton Mayer. 1833. J. J. Beaufort. Druck: Der Buranier. Erſtes Kapitel. — Als der trotzige Kavalier in dem Gefangenzim⸗ mer von Cecilhaus ſaß, hatte er Zeit genug, über die Folgen ſeiner Uebereilung nachzudenken und ſich der Warnung zu erinnern, welche ihm der Major Wellmore in der erſten Nacht, wo ſie ſich getroffen, gegeben hatte, vorſichtig näm⸗ lich in ſeinen Ausdrücken zu ſeyn, da ein einzi⸗ ges unbedachtſames Wort leicht Gefahr bringen könne. Er betrachtete das Zimmer, in dem er ſich befand„ mit großer Gleichgültigkeit und warf kaum einen Blick auf die mit dicken eiſernen Stäben verſchloſſenen Fenſter und die Wände, welche kalt und nakt und durch die Feuchtigkeit hier und da ihrer Kalkbekleidung beraubt waren. — 6— Auf dem Tiſche brannte eine Lampe; ihr freund⸗ liches, helles Licht ſchien ſchlecht für dieſen Platz geeignet; auch nahm er ſie weg und ſtellte ſie, um ihren Schein zu verdecken, hinter einen al⸗ ten, zerfreſſenen Stuhl. Während er ſo ſaß, über die Ereigniſſe des Tages brütend, welche viel— leicht ſein Leben bedrohten, und er, obgleich es ihm jetzt von geringem Werthe ſchien, ſich bittere Vorwürfe darüber machte, begab ſich Lady Fran⸗ ziska Cromwell, die Konſtanzen, wie es ihr ſchien, in tiefen Schlummer verſunken verlaſſen hatte, nach ihrem Zimmer, um ihre Kleider zu wech⸗ ſeln und ſodann den Reſt der Nacht bei ihrer Freundin zu verwachen. Barbara aber hatte kaum den Sitz eingenommen, welchen die Lady eben verlaſſen hatte, als auch ihre Herrin ſich halb im Bette aufrichtete und ſie mit ſo hohler Stimme rief, daß das arme Mädchen erſchrack, wie vor einem Rufe aus dem Grabe. „Die Nacht iſt dunkel, Barbara,“ ſagte ſie, „aber achte es nicht; die Unſchuld führt ihr Licht in ſich. Geh hin voll Muths und Glaubens bis nach dem Möwenneſte, ſage Robin Hays, daß Walther de Guerre hier gefangen iſt und daß, wenn er nicht vor Sonnenaufgang in Freiheit iſt, er ein todter Mann ſeyn mag, ſo gewiß er jetzt ein Verbannter iſt. Säume nicht, aber ſieh — zu, daß Du unbemerkt geheſt. Es iſt ein langer Weg zu ſolcher Stunde: der Rothſchimmel iſt im Parke und leicht zu regieren; er wird Dich ſchnell hinbringen, und zur Sicherheit, denn Du biſt furchtſam, Barbara, nimm auch den Wolfs⸗ hund mit.“ Barbara wußte, daß die Hauptpflicht des Die⸗ ners Gehorchen iſt, doch hätte ſie eben jetzt lie⸗ ber einen Auftrag für jeden andern, als für Robin Hays beſorgt. Sie antwortete jedoch: „Mit Verlaub, Miſtriß, der Rothſchimmel iſt leicht zu regieren, wenn man gerade den Weg nimmt, den er gerne hat, d. h. den vom Parke in den Stall, und aus dem Stalle nach dem Parke, ſonſt iſt er, gleich den ehemaligen Iſraeliten, ein hartnäckiges Geſchöpf, das ich lieber meiden, als benutzen mag. Und der Wolfshund, Mylady, geht ſo rauh mit dem kleinen Crisp um, faßt ihn ſo unhöflich bei der Gurgel, beißt ihm bald ein Stück Ohr, bald ein Stück Schwanz ab, daß ich lieber, wenn Ihr es erlaubt, Blanche mitnehmen will: ſie wird Crisp oder Robin leichter finden.“ „Wie Du willſt, Barbara, nur eile und halte Dich ſtill.“ 3 „Meiner Lady,“ dachte Barbara, als ſie ſich durch die finſtere Nacht auf den Weg gemacht — 8— hatte,„geht es doch wunderbar; ſie iſt ſo gut, ſo klug, ſo reich und doch ſo unglücklich. Ich möchte um die Welt nicht eine Lady ſeyn. Es iſt ſchon hart genug, ein Weib zu ſeyn, ein ar⸗ mes und ſchwaches Weib ohne Stärke in den Armen und Weisheit im Haupte, und dazu mit einem liebevollen Herzen, das ſich doch ſcheut und ſchämt, ſeine Liebe zu geſtehen. Wäre ich meine Lady und meine Lady ich, ſo würde ich nicht nach Robin Hays ſchicken und ihn den ar⸗ men Gentleman herauslaſſen heißen, ſondern ich würde eben ſelbſt hingehen und ihn herauslaſſen, oder meine Lady(angenommen, ſie wäre Bar⸗ bara, die Dienerin) hinſchicken, ihn herauszulaſ⸗ ſen, und keinem Menſchen etwas davon ſagen. Und doch bin ich überzeugt, ſie liebt den armen Gentleman, und nun geht ſie, ſie, die ſo weiſe, ſo gut und ſo reich iſt, und heirathet, trotz ih⸗ rer Liebe, dieſen falſchen Ritter! Ich bin froh, daß ich keine Lady bin, denn ich würde ſterben, gewiß lieber zehnmal ſterben, als einen heira⸗ then, den ich nicht liebte. Es wird ſie umbrin⸗ gen; ich weiß es, ich fühle es, daß dies das Ende davon ſeyn wird; aber warum nimmt ſie ihn denn? Und dabei ſchweigt ſie. Ruhig, Blanche, und ſpitze Deine glatten Ohren nicht ſo: Du haſt Lady's Ohren, und die müſſen —] — 9— nichts Schreckhaftes hören und Deine Augen ſind Augen einer Lady, und die müſſen nichts Gar⸗ ſtiges ſehen. Was haſt Du, Hund? Zieh nicht den Schwanz ſo ein und ducke Dich nicht ſo: es iſt, denke ich, nur der Schatten einer Kuh.— Wie mir das Herz ſchlägt!“ Das junge Mädchen eilte mit größter Schnel⸗ ligkeit vorwärts, und hielt erſt nach einer ziem⸗ lichen Weile ein, um Athem zu ſchöpfen. Sie wendete ſich um, und bemerkte zu ihrer großen Freude, daß der Schatten, welcher ihr und Blanche ſo viel Beſorgniß eingeflößt hatte, verſchwun⸗ den war. Sie erreichte das Möwenneſt ohne wei⸗ teren Unfall, und bedachte ſich nur, wie ſie Ro⸗ bin heraus bekäme, ohne ſelbſt in das Wirths⸗ haus einzutreten. Durch eine Spalte in der äu⸗ ßeren Thür(die innere wurde nur bei beſonde⸗ derer Gelegenheit geſchloſſen) entdeckte ſie Robin, ſeine Mutter und noch ein Paar Andere, entwe⸗ der Fremde oder Nachbarn, die ſie nicht kannte. In demſelben Augenblick erhob ſich Crisp auch von ſeinem Platze, und ſprang, mit dem Schwanze wedelnd, als ob er den Beſuch Blanche's zu wür⸗ digen wiſſe, nach der Thür. Robin, der die Wachſamkeit ſelbſt war, merkte ſogleich, daß je⸗ mand draußen ſeyn müſſe, der auf gutem Fuße mit ſeinem Hunde ſtehe; er ſprang ſchnell auf — 10— und öffnete die Thür, ohne ſeinen Gefährten drinnen etwas zu ſagen. Er war betroffen, als er Barbara erblickte, welche den Finger an den Mund legte, um ihm Stillſchweigen anzuempfeh⸗ len. Er führte ſie ſogleich nach der Hinterſeite des Hauſes, wo niemand von den Hausbewoh⸗ nern ſie ſehen konnte, und ließ ſich dort die Bot⸗ ſchaft der Miſtriß Cecil ausrichten. Sie würde, hätte Robin es geſtattet, die Gefahr, in der der Kavalier ſchwebte, und ihr Intereſſe an demſel⸗ ben weitläufiger geſchildert haben, aber ſie ſah, daß die Wichtigkeit der Nachricht ihn zu ſehr be⸗ kümmerte, als daß die Details derſelben jetzt ſeine Aufmerkſamkeit hätten in Anſpruch nehmen können. „Aber ich begreife nicht,“ murmelte er endlich, „wie er ſich hat geduldig von Sir William Bur⸗ rell können einſperren laſſen?“ „O, er war nicht allein,“ antwortete Barba⸗ ra,„der Major Wellmore war auch dabei und iſt noch jetzt im Hauſe.“ „Tod und Teufel!“ rief Robin, mit dem Rücken gegen die Mauer drückend, an welcher er ſtand; ſie gab ſogleich nach, und Barbara ſtand allein— ganz allein auf dieſem wilden Platze. Sie rief Blanche, aber Blanche war weit fort, und trieb ſich mit Crisp auf der Klippe umher. — 11— Sie hätte noch lauter gerufen, aber ihr ſcharfes Auge erkannte jetzt nicht blos einen Schatten, ſondern die Geſtalt Sir Willmott Burrell's, der ſich ihr näherte. Ein Felſenvorſprung verbarg ſte ſeinen Blicken, aber voll von Furcht, welche ſeine Erſcheinung in ihr erweckte, bedachte ſie dies nicht, ſondern ſtieß gegen den Fleck, wo Robin verſchwunden war, mit ſolcher Gewalt, daß die Mauer wich, aber ſich hinter ihr ſo ſchnell wieder ſchloß, daß in einem Augenblick das Licht der Sterne erloſchen war, und ſie ſich in dem geheimnißvollen Verſteck im tiefſten Dun⸗ kel befand. Als ſie ſich ein wenig geſammelt hat⸗ te, vernahm ſie in nicht großer Entfernung deut⸗ lich den Schall einer Stimme; ſie tappte in die⸗ ſer Richtung fort, und entdeckte eine enge Trep⸗ pe, welche ſie, im Glauben, daß auch Robin die⸗ ſen Weg eingeſchlagen habe, ſogleich hinabſtieg. Bald wurde ſie jedoch durch eine Thür aufgehal⸗ ten, an welcher ſie umſonſt rüttelte; erſchöpft an Körper und Geiſt ſank ſie auf den Stufen nieder, hatte aber dort noch keinen Augenblick gelegen, als die Thür aufging und Robin in ſeinem eili⸗ gen Laufe geradezu über ſie wegſprang. Sie fuhr jedoch auf, als ſie das wohlbekannte Geſicht des Bucaniers vor ſich ſah, der, wenn auch nicht mit derſelben Leichtigkeit, doch mit demſelben Ei⸗ fer Robin nachfolgte, Beim Anblick eines Fremden in dieſem Schlupf⸗ winkel fuhr Hugh Dalton, obgleich er nur ein Weib vor ſich ſah, mit der Hand nach ſeinem Schwerte, ließ ſie aber ſchnell wieder ſinken, als Robin laut rief:„Es iſt Barbara!“ Der Bu⸗ canier hatte gerade noch Zeit genug, um die ſinkende Tochter in ſeinen Armen aufzufangen, aber dieſes unerwartete Zuſammentreffen hatte den wilden Seemann ſo überraſcht, daß er nicht daran dachte, ſie zu fragen, wie ſie hierher ge⸗ kommen ſey. Barbara hatte ſich ſchnell erholt und drang nun mit ſchneller Zunge nochmals in Robin, auf ihre Botſchaft Acht zu haben und ſie fortzuführen, wobei ſie, ohne abzuſetzen, hinzufügte, daß ſie gegen die Mauer geſtoßen habe, wo er vorher verſchwunden ſey, weil ſie Sir Willmott Burrell ſich demſelben Fleck mit großer Eile habe nähern ſehen. „Horcht an der geheimen Thüre,“ ſagte der Bucanier.„Wenn er Euch nicht oben findet, wird er Euch an dem einzigen Eingang ſuchen, den er kennt; es verſteht ſich, daß Ihr auf ſein Zeichen keine Antwort gebt.“ „Robin, Robin!“ ſchrie Barbara,„nehmt mich mit Euch! nehmt mich mit Euch! Ihr wollt mich doch nicht hier allein an einem ſo fürchterlichen Platze und noch dazu mit einem Fremden laſſen?“ Dalton zuckte krampfhaft zuſammen, als er ſich von ſeinem eigenen Kinde einen Fremden nen⸗ nen hörte; Robin hatte ſich entfernt, ohne eine Antwort zu geben.„Warum mich einen Frem⸗ den heißen?“ ſagte der Fremde, ihre Hand er⸗ greifend, mit der tiefen, gebrochenen Stimme, welche den innerſten Schmerz eines zerriſſenen Gemüthes verräth,„Ihr habt mich ſchon frü⸗ her geſehen.“ „Ja, lieber Herr, die Nacht vor meiner theu⸗ ren Lady Tod; es iſt eine ſchlechte Vorbedeu⸗ tung, wenn man Fremde zum erſtenmale ſieht, wo der Tod weilt. Ich danke Euch, Sir, ich will nicht ſitzen; darf ich nicht Robin nachge⸗ hen?“. „So zieht Ihr Robin mir vor?“ „Warum ſollte ich nicht? Ich kenne Robin ſo lange, und er kennt meinen Vater; und viel⸗ leicht kennt auch Ihr ihn, Sir; Ihr gleicht ei⸗ nem Seemann, und ich bin überzeugt, auch mein Vater war einer. Kennt Ihr meinen Vater?“ — Das junge Mädchen vergaß ihre Furchtſam⸗ keit, faßte die Hand des Bucaniers und blickte ihn ſo bittend und rührend an, daß der Buca⸗ nier, wäre nicht eben Robin dazu gekommen, ſein Geheimniß verrathen hätte, ehe er noch, wie er ſich auszudrücken pflegte, ein freier Mann und im Stande war, ſeinem Kinde in die Au⸗ gen zu ſehen. „Er iſt an dem Eingange,“ ſagte Robin; „aber es wird ihn länger aufhalten, den Felſen hinaufzuklimmen, als hinunter; wir können den Hohlweg einſchlagen und ſchon nicht weit von Cecilhaus ſeyn, ehe er den Gipfel erreicht.“ „Aber was ſollen wir mit ihr anfangen? Sie darf nicht länger die Luft dieſes ſchmutzigen Neſtes einathmen, und wenn wir zögern, wird Burrell ſie ſehen, geſchieht dies aber, ſo iſt alles vorbei.“ „Ich kann auf der Erde hinſchlüpfen, wie ein Vogel,“ flüſterte Barbara,„laßt mich nur erſt heraus, nur erſt fort von dieſem— dieſem fürch⸗ terlichen Manne.“ „Fort, nach Cecilhaus,“ entgegnete Robin, „fort Kapitain; im Aufſchube einer halben Stunde kann der Tod liegen. Ich will Barbara in einem Winkel des alten Thurms verſtecken, wo niemand hinkommt, als die Fledermaus, und da man von dort aus den Weg überblicken kann, ſo kann ſie ſehen, welche Richtung Burrell einſchlägt und ihm bei der Rückkehr ausweichen.“ Dalton warf einen kurzen Blick auf Barbara, drückte ſie plötzlich mit größter Heftigkeit an ſeine Bruſt, ſprang dann die Treppe hinauf — 15— und hielt die Thür offen, um ſie erſt in Sicher⸗ heit zu ſehen. Das erſchrockene Mädchen eilte vor ihm vorüber und wunderte ſich nicht wenig über das lebhafte Intereſſe, welches der See⸗ mann an ihr nahm. Sie erklärte ſich dies aus der Annahme, daß er ihren Vater gekannt habe, eine Vermuthung, in der ſie beſtärkt wurde, als ſie ihn ausrufen hörte:„Gelobt ſey Gott! Jetzt athmet ſie wieder die reine Luft des Himmels.“ Er trat ein Paar Schritte vor, kehrte aber wie⸗ der um und ſagte feierlich:„Bring ſie in Si⸗ cherheit, ſo lieb Dir das ewige Heil iſt!“ „Und ſoll ich hier allein, Robin, an dieſem ſchauderhaften Platze bleiben?“ fragte Barbara, als er ſie in ein Fenſter des alten Thurmes hob, von wo aus man eine weite Ausſicht über das Land hatte.. „Fürchtet nichts,“ antwortete er,„ich muß fort, bleibt Ihr nur ruhig hier, bis Ihr geſe⸗ hen habt, was bei dem glänzenden Mondlichte Euch nicht entgehen kann, daß Sir Willmott Burrell ſich entfernt hat.“ „Und wird dieſer rauhe Seemann dem jungen Ritter aus ſeiner Haft helfen?“ „Gewiß, gewiß.“ „Noch eins, Robin, und dann möge mein Segen mit Dir ſeyn. Kannte er meinen Vater?“ „Ja.“. „Noch ein einziges Wort. Liebte er ihn auch?“ „So ſehr, daß er Euch liebt, als wäret Ihr ſein eigenes Kind.“ „Dann,“ dachte Barbara mit ihrem Herzen voll Unſchuld,„bin ich glücklich, denn niemand wird, auch von dem Schlechten nicht, geliebt, der nicht gut iſt.“ Mit ihrem ſcharfen Auge ſah ſie, daß Robin denſelben Weg, wie der Bucanier einſchlug, obgleich, hätte ſie nicht gewußt, wer es war, ſie iyre Geſtalten bei der eigenen Art, mit wel⸗ cher ſie ſich fortbewegten, oder wegen der Ver⸗ kleidung, in die ſie ſo ſchnell ſich geworfen ha⸗ ben mußten, nicht erkannt hätte. Kaum waren ſie aber ihrem Geſichte entſchwunden, als ſie Burrell in nicht zu großer Entfernung auf der Spitze der Klippe ſtehen ſah. Er blickte um ſich und näherte ſich ſehr ſchnell dem Möwenneſte; bald darauf hör⸗ te ſie die gellende Stimme der Mutter Hays, die in einem fort betheuerte, daß Robin vor zwan⸗ zig, vor funfzehn, ja vor zehn Minuten noch hier geweſen ſey, daß ſie ihn überall geſucht habe, aber nirgends finden könne, daß ſie Hugh Dal⸗ ton ſehr, ſehr lange ſchon nicht mehr geſehen habe, und daß ſie glaube, er habe ſeit gerau⸗ mer Zeit dieſe Küſte nicht berührt, daß die Leute im Hauſe brave, ehrliche Männer wären, — 14— beſonders einer, der ſich ein Vergnügen daraus machen würde, ihm zu dienen, Jack, der treue Jack Roupall, ein erprobter, zuverläſſiger Mann, der Robins Stelle vertreten könne, da dieſer Thunichtgut ja doch nie bei der Hand wäre, wenn man ihn brauche. Freilich könne ſie nicht errathen, was Se. Gnaden bedürften, aber viel⸗ leicht könne doch Jack thun, was man von Robin begehre. Es fiel dem Ritter in demſelben Au⸗ genblicke ein, daß Roupall für ſeinen Zweck ſo gar geeigneter ſeyn würde, als Robin, da er ein Mann von großer Kraft und verzweifelter Entſchloſſenheit war, und er trug daher der alten Frau auf, ihn herauszuſchicken, und bemerkte ihr dabei mit großem Ausdrucke, daß er die Ta⸗ lente und den Karakter ihres Gaſtes ſehr wohl kenne. Die Thurmruine, in welcher Barbara verbor⸗ gen war, beſtand aus einer kleinen, emporragen⸗ den, auf einer Art von Pfeiler ruhenden Warte, von wo in vergangenen Zeiten die Krieger das Land und die Küſte überſchaut haben mochten. Mit gränzenloſem Schrecken ſah ſie jetzt Burrell und Roußall ſich ihrem Verſtecke nähern und hier ſtehen bleiben, wo ſie von niemanden, der- aus dem Hauſe, oder in daſſelbe ging, bemerkt werden konnten. Sie zog ihren dunkelen Mantel II. 2 * — 18— über den Kopf und ließ nur gerade ſo viel von ihrem Geſichte frei, daß ſie eben durchſehen konnte. Aus der Unterredung der Beiden merkte ſie bald, daß Burrell etwas beſchrieb, was Roupall thun müſſe, und daß er ihm eine große Belohnung anbot, wenn er es übernähme; ſie lauſchte auf⸗ merkſamer und hörte häufig von Cecilhaus und Walther de Guerre ſprechen. Ihre Aufmerkſam⸗ keit wurde jedoch bald durch die Erſcheinung ei⸗ ner dritten Perſon abgelenkt, welche, ungeſehen von den andern, um eine Ecke herumkroch und ſich hart an die Erde ſchmiegte, wie der Tiger, der auf ſeine Beute ſpringen will. Die Geſtalt war die eines ſchmächtigen Jünglings; er trug ein anliegendes Wams und war, wie es ſchien, nur mit einem Dolche bewaffnet, den er aus der Scheide gezogen hatte und ſo offen trug, daß er in den Mondſtrahlen blizte, ſo oft er ihn in der Hand wendete, was er mehr als einmal that. Er kroch ſo leiſe vorwärts, daß die Bei⸗ den ſeiner nicht gewahr wurden, ſondern in ih⸗ rem Geſpräche und Handel fortfuhren. Barbara fühlte, daß Gefahr drohte; aber hätte ſie auch rufen wollen, fühlte ſie ſich doch außer Stande dazu und erwartete zitternd und athemlos, was da kommen werde. Plötzlich, aber immer noch ge⸗ räuſchlos, als wäre die Geſtalt nur eine Phan⸗ — 19g— tom und der Dolch nur ein Luftgebilde, erhob der Knabe ſich von der Erde und hielt ſeinen Dolch in die Höhe, als ob er ungewiß wäre, ob er zuſtoßen ſolle oder nicht. Die Haltung, die er angenommen, überzeugte Barbara, daß der An⸗ griff Burrell gelten werde; ſie verſuchte zu ſchrei⸗ en, aber die Stimme verſagte ihr. Doch eben ſo ſchnell, als das geheimnißvolle Weſen aufge⸗ ſprungen war, ſank es auch wieder in ſeine frü⸗ here Lage zurück und verſchwand. Alles dies ging ſo ſchnell vorüber, daß das arme Mädchen bei⸗ nahe dachte, es ſey eine übernatürliche Erſchei⸗ nung, von der es getäuſcht worden ſey. Aus dieſem peinlichen Zuſtande ſprachloſen Schreckens wurde ſie jedoch bald durch die Worte Burrell's geweckt, der jetzt lauter, als Anfangs ſprach. „Ich will ihm noch in dieſer Nacht ſeine Frei⸗ heit geben, was er unter obenerwähnten Um⸗ ſtänden als einen großen Dienſt, als eine That uneigennütziger Großmuth betrachten muß. Ich werde ſie ihm natürlich ins Geheim geben und Ihr werdet ihn beim Ausgange erwarten. Im Gehen werde ich Euch das Weitere, das Wo und Wann erklären und dann iſt die Sache leicht abgemacht.“ „Ich liebe junge Kunden nicht. Es iſt Barm⸗ herzigkeit, die Alten aus dem Wege zu räumen, — 20— denn ſind ſie auch noch ſo wohl auf, müſſen ſie doch der Welt müde und überdrüſſig feyn, aber die Jungen— ich thu's nicht gerne, Herr.“ „Pahl man erſpart ihnen bei Zeiten, was ih⸗ nen im Alter ſo viel Sorge macht, überdies ſoll es mir auch auf ein Paar Goldſtücke mehr nicht ankommen, ja ich gebe die Hälfte mehr, wenn die Sache nur gut ausgeführt wird.“ „Wollt Ihr mir etwas Schriftliches darüber geben?“ „Haltet Ihr mich für einen Narren? Oder hörtet Ihr, daß ich je mein Wort brach?“ „Für das Erſte, Sir Willmott, hielt ich Euch nie, und was das Letzte betrifft, ſo haben wir ſeit einiger Zeit keine Geſchäfte miteinander ge⸗ habt. Alſo die Hälfte mehr, ſagt Ihr? Nun denn, es iſt freilich nur einer mehr, und dann— ha! ha! ha!— dann ändere ich mein Leben und werde ein Gentleman. Aber nein, ich haſſe alles, was Gentleman iſt, Gott verdamme mich; ſie haben keine Grundſätze— aber Ihr müßt die Summe verdoppeln, doppelt oder nichts.“ „Jack Roupall, Ihr ſeyd ein gewiſſenloſer Schurke.“ „Bei dem Monde denn, ſo ſteht hier ein Paar, das ſich gleich iſt, wie des Teufels Hör⸗ ner,“ — 21— Burrell murmelte etwas, was Barbara nicht hören konnte; gleich darauf aber wurde die rauhe Stimme Roupall's wieder laut.—„Doppelt oder nichts. Du lieber Gott, ſeyd doch nicht ſo empfindlich über ein Bischen Vertraulichkeit, ſolche Genoſſenſchaft macht alle Menſchen gleich.“ „Gut denn, doppelt, wenn es ſeyn muß, nur ver⸗ geßt nicht, Roupall, daß doch noch ein Unterſchied iſt zwiſchen dem, der jemanden braucht, und dem, der ſich brauchen läßt.“ Nach dieſer Antwort ent⸗ fernte ſich der hoch⸗ und der niedriggeborne Böſe⸗ wicht, und die Strahlen des keuſchen Mondes und der unbefleckten Sterne fielen ſo glänzend auf ſie, als wären ſie treue und gute Diener des Allmächtigen. Die beiden Hauptzüge in Barbaras Karakter waren Treue und Liebe; alle ihre Ge⸗ fühle und Handlungen waren nur Ausflüſſe die⸗ ſer Grundideen. Ihr Sinn trug den Stempel ſo hoher Unſchuld und Einfalt, daß ſie, nach⸗ dem die Beiden ſchon eine Zeit lang fort waren, ſich noch immer keinen Begriff von dem Ver⸗ brechen machen konnte, welches ſie verabredet hatten. Sie bedachte nur, daß es ein auffallen⸗ der Wink der Vorſehung ſey, der ſie hierher ge⸗ führt, damit ſie die böſen Abſichten dieſer ſchlech⸗ ten Menſchen vernehmen und verhüten könne. Eilig und doch vorſichtig, denn die Steine ga⸗ ben unter ihren Füßen nach, ſtieg ſie von dem Fenſter herunter, und hatte kaum ihre Füße auf den Raſen geſetzt, als auch ſchon die beiden Hunde an ihr heranſprangen und ſich freuten, ihre Herrin und Freundin wiedergefunden zu haben. Bar⸗ bara eilte zurück und erreichte ohne Gefahr den Park. Dort ſtand ſie athemlos unter dem Laube einer alten Eiche ſtill, und hätte Welten darum gegeben, hätte ſie jetzt ihren Freund Robin ſehen und ſprechen können. Trotz dem Dunkel der Nacht glaubte ſie doch eine Geſtalt unter den Zweigen hinkriechen zu ſehen. Dieſe Erſcheinung erſchreckte ſie ſo, daß ſie nicht eher Muth be⸗ kam, weiter zu gehen, als bis ſie geſehen, daß die Geſtalt einen entferntern Weg eingeſchlagen hatte; dann ſchlich ſie leiſe längs der Mauer hin, bis zu der kleinen Pforte, welche unweit des Wohnhauſes in den Park führte, ſtürzte hinein und erreichte eben den offenen Grasplatz, als der Blitz und der Schall eines Piſtolenſchuſſes ſie ſo erſchreckten, daß ſie erſchöpft und ohnmäch⸗ tig auf den Raſen fiel. Zweites Kapitel. Hagß Dalton und Robin Hays unterhielten ſich, während ſie nach Cecilhaus eilten, über die möglichen Folgen der Verhaftung ihres Freun⸗ des. Der Bucanier beklagte ſich bitterlich über die Unbeſonnenheit und den Ungeſtüm, den ſich de Guerre ſo oft ſchon hatte zu Schulden kommen laſſen.„Es iſt nicht möglich,“ ſagte er, „dieſe knabenhaften Helden im Zaume zu hal⸗ ten; ihr Blut ſtrömt ſo raſch, daß es nicht durch Weisheit, ſondern nur erſt durch Alter beruhigt werden kann; ihr heißer Kopf muß durch das Eis der Zeit gekühlt werden, und nur dann erſt laſſen ſie den Gründen oder Erfahrungen anderer ihr Recht widerfahren.“ „Ich fürchte Burrell am meiſten,“ antwortete Robin,„und habe in der That nur Eine Hoff⸗ nung, die, daß er ihn nicht kennt.“ „Wenn er es aber doch erfährt?“ — 24— „Wie könnte er?“ „Gott weiß, nur habe ich immer bemerkt, daß der Scharfſinn ſolcher Menſchen die beſſe⸗ rer und weiſerer übertrifft.“ „Ja, ja,“ ſagte Robin,„darum müſſen auch wir in demſelben Verhältniß unſern Verſtand ſchärfen, obgleich ich denke, daß wir mehr uns auf Gewalt verlaſſen müſſen. Ich kenne das Zimmer ſehr genau; unter dem Fenſter wachſen Epheu und ähnliche Pflanzen, aber die größte Schwierigkeit werden wir in den eiſernen Stä⸗ ben finden.“ „Die größte Schwierigkeit, dünkt mich, be⸗ ſteht darin, wie wir ihm entrinnen, der Wal⸗ ther verhaftet hat, oder ſcheint es Euch nichts, daß ich mich in die Nähe eines ſolchen Mannes wage.“ „Der Kavalier iſt werth, daß man alles um ihn wagt.“ „Ich weiß es, Robin. Und bebte ich je, in irgend einer Angelegenheit, vor einer Gefahr zurück?“. „Gewiß nicht,“ antwortete der Andere mit ſeinem gewöhnlichen Kichern,„hätte Gott Euch eine Schnecke werden laſſen, ſo wäret Ihr ſorg⸗ los, wie Ihr ſeyd, aus Eurem eigenen Hauſe herausgekrochen.“ „Denkt Ihr, daß irgend Gefahr für Barbara iſt?“ fragte der Bucanier mit einem Tone, der deutlich zeigte, daß, wenn er auch nicht für ſich ſorgte, doch etwas hatte, das ihm mehr als Al⸗ les am Herzen lag. 4 „Iſt ſie auch furchtſam, wie ein Haſe, ſo iſt ſie doch eben ſo wachſam und ſchnellfüßig. Für ſie iſt nichts zu fürchten. Wie Euer Herz für ſie ſchlägt, Kapitain!“ „Das thut es, und doch kommt ſtets ein nächtiger Schatten über mich, wenn ich an ſie denke, als ob ich wüßte⸗ daß ſie mich verach⸗ ten, mich haſſen müſſe. Sie iſt in ſo ſtrengen Grundſätzen erzogen worden! Und doch möchte ich nicht, daß ihr Sinn weniger rechtlich wäre.“ Schweigend ſetzten ſie ihren Weg fort, wäh⸗ rend Dalton bald die geeigneteſten Mittel er⸗ wog, de Guerre in Freiheit zu ſetzen, bald an ſein geliebtes Kind dachte. Die Stimme der Na⸗ tur kann eine Zeit lang unterdrückt, nie aber vernichtet werden; wie einer auch ſprechen und handeln mag, doch erwacht die Natur wieder in ihm und erhebt ſich laut gegen ſein Denken und Thun. So war es mit dem Bucanier; trotz der ſchrecklichen Wendung, die ſein geächtetes Leben genommen, ſtieg doch immer, je nach ſeiner Stim⸗ mung, bald in Freude ſtrahlend, bald von Sorge — 26— beſchattet, das Bild ſeiner Tochter in ihm auf, an der jetzt ſeine ganze Exiſtenz hing. „Es ſcheint wenig Licht durch ſein Fenſter,“ ſagte Robin, als ſie in die Nähe des Hauſes kamen,„laßt uns über die Mauer klettern. Still,“ fügte er hinzu, und erhob die Hand, um die Aufmerkſamkeit ſeines Gefährten zu er⸗ regen, während er zugleich ſein Ohr nach der Erde neigte. Dalton horchte auf, ſchien aber nichts zu vernehmen, denn er ſagte:„Was ſoll das, Ihr glaubt immer etwas zu ſehen oder zu hören.“ Robin wiederholte das Signal.„Poſ⸗ ſen,“ entgegnete der Bucanier nochmals,„es iſt alles ſtill.“— Robin legte ſich auf den Boden 1 während der ungeduldige Seemann ärgerlich vor ſich hinfluchte, während er bald auf Robin, bald auf das Haus blickte.„Wenn Ihr etwas zu thun haben müßt,“ ſagte Robin endlich leiſe,„ſo ſeht nach Euren Waffen. Sind Eure Piſtolen gehörig geladen? Iſt Euer Schwert ſcharf?— Horch!“ Der Bucanier wußte, daß dieſer Wink nicht vergebens gegeben ſeyn konnte und unter⸗ ſuchte ruhig ſeine Piſtolen.—„Pferdegetram⸗ pel!“ fuhr Robin fort,„es ſind ſchwere Pferde, aber ſie entfernen ſich. Ha! hört Ihr es?“ Er ſtand auf; man hörte, vom Winde getragen, — 27— deutlich das Gewieher eines Pferdes. Beide ſtan⸗ den athemlos ſtill, der Bucanier mit der Hand über dem Schwertgriffe, den er jedoch nicht be⸗ rührte, Robin mit offenem Munde und ausge⸗ ſtreckten Händen, als ob jede Bewegung ſeiner Glieder den Klang, dem ſie lauſchten, unter⸗ brechen könnte. Nochmals hörten ſie ein Gewie⸗ her, aber es war ſchwächer und offenbar ent⸗ fernter. „Vor dem wenigſtens ſind wir ſicher,“ rief Robin, freudig aufſpringend, aber noch immer mit unterdrückter Stimme ſprechend,„ich würde das Gewieher dieſes ſchwarzen Roſſes unter tau⸗ ſenden wiedererkennen, ſeine Stimme iſt wie die einer Trompete, alles übertäubend. Mir iſt, als ob mir ein Centner von der Bruſt genommen wäre— Euch nicht?“ Dalton antwortete picht, ſondern ſchritt furcht⸗ los auf das Haus zu, ohne mehr wie bisher, durch das Gebüſch zu ſchleichen. „Laßt uns nach dem Fenſter, Kapitain,“ ſagte Robin. „Nein,“ antwortete er.„Was kümmere ich mich jetzt um einen von ihnen? Jetzt werde ich Walther von Sir Robert verlangen.“ „Das iſt übermuth. Was ſich ruhig abmachen läßt, muß man mit Ruhe thun. Wenn es uns Thüre nur leicht angelehnt war, Von Walther — 28— mißglückt, ſo habt Ihr immer noch Zeit, Sir Robert, und Sir Willmott dazu Trotz zu bie⸗ ten.“ „Ihr mögt Recht haben, ob ich gleich nicht gerne an der Brandung hinſchleiche. Die offene, offene See! Ha! Wißt Ihr auch, daß Cecil nicht wagen dürfte, mir dies zu verweigern?“ „Weder dies, noch ſonſt etwas, denke ich, ob⸗ gleich ich nicht weiß, warum,“ antwortete Ro⸗ bin, während er an dem Epheu zu dem Fenſter hinankletterte, unter welchem ſie jetzt ſtanden. „Was wird er ſich freuen, der Arme, wenn er mein garſtiges Geſicht ſieht!“ Robin ſprach im⸗ mer vor ſich hin, während er hinauf ſtieg, und der Bucanier, wie verabredet war, unten Wache hielt.„Es ſteigt ſich gut! So! Endlich waren wir da! Herr Walther! Herr Walther! Ich wette, er ſchläft hinter jenem Schirme und denkt nicht an ſeine treuen Freunde. So! der Roſt hat ſeine Schuldigkeit gethan. Ein feſtes Zimmer, feſte Mauern, haben ſie gedacht; aber was helfen feſte Wände, ohne feſte Fenſter? Da bricht eines, noch eins, ha! noch eins! Gut!“ Er ſprang in das Zimmer, ſah hinter den Schirm, öffnete den breiten Schrank, warf einen Blick auf die trübe brennende Lampe, und bemerkte dann, daß die war keine Spur, nichts von ihm zu ſehen, als ſein Mantel, der über einem Stuhl hing. Seine erſte Bewegung war, daß er die Thür verſchloß, einen breiten Seſſel dagegen ſchob, und dann leiſe den Bucanier aufforderte, heraufzuſteigen. „Er iſt fort!“ ſagte Robin leiſe, als Dalton in das Zimmer trat. „Fort?“ rief der Bucanier.„Hier muß Ver⸗ rath ſeyn. Der wackere Junge, den ich wie mei⸗ nen Sohn liebte! Beim Himmel, ich will das Haus aufſtürmen! Um meiner verdammten Pläne willen iſt er herüber gekommen! Ich muß ihn wieder frei haben! Sollte Sir Robert es auf ſeinen Untergang ſo geſchickt angelegt haben, wie früher...“ Hugh wurde in ſeiner Rede durch die plötz⸗ liche Erſcheinung Sir Willmott Burrell's unter⸗ brochen, der, ohne daß man wußte, wie, da der Seſſel noch immer vor der Thüre ſtand und doch kein anderer Eingang ſichtbar war, in das Zimmer getreten war. Dalton und der Ritter ſahen ſich mit ſichtlicher Verwunderung an; der ſtolze Bucanier brach zuerſt das Schweigen. „Ihr hier, Sir Willmott? Das kann nichts— Gutes bedeuten, ſonſt wäre Euer Geſicht nicht ſo freundlich, nicht ſo lächelnd. Sir, wo, wo iſt Euer Gefangener?“ — 30— „Mein Gefangener? Ich hatte keinen Gefau⸗ genen, würdiger Kapitain.“ „Tod und Teufel! Sir Willmott, wagt es nicht, mit mir zu ſcherzen. Wo iſt der junge Mann? Wo iſt Walther de Guerre? Ihr wißt, Ihr müßt es wiſſen. Warum kommt Ihr ſo ſtill, ſo heimlich hieher? Antwortet, Sir Willmott Burrell, wo iſt der junge Mann?“ „Kapitain Dalton,“ erwiederte Sir Willmott, „obgleich Eure Beſorgniß um dieſen Uebelgeſinn⸗ ten mich überzeugt, daß Ihr nicht der Mann ſeyd, für den ich in meiner Freundſchaft Euch hielt, ſo geſtehe ich doch, daß ich nur in der ausdrücklichen Abſicht hieherkam, ſeine Flucht zu befördern. Zweifelt, wenn Ihr wollt, aber ſeht her, ich bin unbewaffnet, und hier iſt der Schlüſ⸗ ſel, um das Gitter zu öffnen, welches Ihr, wie es ſcheint, und mein einſtmaliger Diener ohne Umſtände erbrochen habt.“ Dalton blickte ihn an, dann den Schlüſſel, den er in die Hand nahm und genau unterſuchte, und ſagte dann nach einigem Zögern:„Sir Will⸗ mott Burrell, warum habt Ihr das gethan? Ihr ſeyd der Mann nicht, der etwas Gutes— ein anderes wäre etwas Böſes— um des Gu⸗ ten ſelbſt willen thäte.“ „Warum?“ fragte Burrell, — 31— „Ja wohl, warum? Euren Grund, Sir, Eu⸗ ren Grund!“ „Grund? Was für einen Grund hattet Ihr, dieſen flüchtigen Kavalier herüberzubringen, und als ich Euch nach ihm fragte, ſeine Bekanntſchaft abzuleugnen?“ „Sir Willmott, ich habe zuerſt gefragt und verlange daher zuerſt Antwort.“ „Nun, Sir,“ antwortete Burrell ſich aufrich⸗ tend,„ſo möge es Euch genug ſeyn, daß es mir ſo beliebt hat. Jetzt, Kapitain, antwortet Ihr.. „Eure Antwort erſpart mir die Mühe,“ ant⸗ wortete der Kapitain aus demſelben hohen Tone, wenn auch nicht mit eben der Würde,„Dieſelbe Antwort ſteht Euch zu Gebote.“ „Ich muß Euch für dies und noch für Ande⸗ res zur Rede ſtellen, aber bedenkt jetzt, daß in Rückſicht auf den, der heute unter dieſem Dache ſchläft, Ihr klug thätet, Euch zu entfernen. Es kommt mir, trotz Eurem gutgeſpielten Erſtau⸗ nen, faſt vor, als ob Ihr dieſem Burſchen fort⸗ geholfen haht. Wenn dem ſo iſt..“ „Still,“ unterbrach ihn der Bucanier,„bier war ſtärkere Hülfe im Spiele, als die Eure oder meine; wenn Ihr mich übrigens zur Rede ſtel⸗ len wollt, ſo wißt Ihr ja, wo ich zu finden bin.“ — 32— „Ich ſuchte Euch dort dieſe Nacht in derſel⸗ ben Abſicht, aber Ihr waret nicht da.“ „Schon gut, hört mein Abſchiedswort: Ihr wißt, daß ich niemanden fürchte, und Ihr habt mehr Urſache zu zittern, als ich, wenn Alles be⸗ kannt wird. Jetzt aber ſorgt, daß dem Kavalier, der noch vor einer Stunde dieſes Zimmer bewohnte, kein Leid widerfahre, denn bei dem Gott im Himmel! wenn nur ein Haar auf ſeinem Haupte gekrümmt wird, ſtürze ich Euch in Euer Ver⸗ derben. Sagt mir nicht, daß Ihr keine Macht, keinen Einfluß auf ſein Geſchick habt. Ich ſage nur das Eine— ſorgt dafür. Es wäre beſſer, Ihr wäret erſäuft worden, wie eine blinde Katze, bei Eurer Geburt, als daß irgend ein Leid wi⸗ derführe dieſem Walther de— de— de—. Dalton ſchien einen Augenblick verwirrt, erholte ſich aber ſchnell, warf Sir Willmott einen wil⸗ den Blick zu und ſtieg das Fenſter herab, indem er vor ſich hin murmelte:„Zum Teufel! ich habe ſeinen Namen vergeſſen! Warum hat er auch keinen Engliſchen angenommen? Zum Teu⸗ fel mit allen Fremden, Mit dieſem Worte er⸗ reichte er den Boden; Robin folgte ihm ſchnell nach, da er nicht Luſt hatte, oben Sir Will⸗ motts Fragen Rede zu ſtehen, und ſprang, als er halbwegs war, mit ſeiner gewöhnlichen Leich⸗ tigkeit vollends herunter. Sie hatten ſich noch keine drei Schritte ent⸗ fernt, als Sir Willmotts Stimme ſie zurück⸗ rief:„Halt! Dalton! hier iſt des jungen Man⸗ nes Mantel, hängt ihn um, guter Dalton, die Nacht iſt kalt. Fangt ihn auf, Robin. So! Und ſorgt, daß der Kapitain ihn umwirft; Ihr müßt ihn dem Kavalier zurückgeben, wenn Ihr ihn wiederſehet, was ohne Zweifel bald geſchehen wird. Zieht ihn an, ich bitte Euch. Der Weg längs dem See führt gerade auf das Möwen⸗ neſt. Ich wünſchte, Robin, Ihr könntet bis mor⸗ gen hier bleiben, ich habe wichtige Geſchäfte für Euch.“ 8 Robin ſchüttelte den Kopf. Dalton warf den Mantel über und ſchlug, faſt mechaniſch, den Weg ein, welchen Burrell ihm angegeben hatte. Unmittelbar darauf zog ſich Sir Willmott vom Fenſter zurück. Als ſie gegen hundert Schritte gegangen waren, blickte Robin nach dem Hauſe zurück, und ſah im Mondenlichte, daß Willmott halb verſteckt ihre Bewegungen beobachtete. Er ſprach nicht mit dem Bucanier darüber, zog aber, als ſie einen Fleck erreicht hatten, wo das Gebüſch ſte in ihren Schatten hüllte, ſeinem Gefährten den Mantel von der Schulter. „Was ſoll das?“ fragte der Seemann ver⸗ wundert. II. 3 wiſſens. Das Blut, das durch meine Mitwir⸗ 8 — 34— „Es iſt nicht gut, es kann nicht gut ſeyn,“ ſagte der Kleine,„wenn der Teufel beſorgt wird, wie eine Amme. Er hätte ſich nicht ſo um Eure Geſundheit gekümmert, wenn er nicht gedacht hätte, daß Euer Leben nicht mehr lauge dauern würde. Und warum gerade dieſen Pfad einſchla⸗ gen? Es iſt nicht der nächſte. Und wäre er es auch, was kümmern ihn unſere Beine? Und daß er mich gern in Cecilhaus zurückhalten wollte! Es liegt Böſes dahinter. Ueberdies ſah ich, daß er uns aus dem Fenſter nachblickte. Warum beo⸗ bachtete er uns? Aus Liebe etwa? Geht, Ka⸗ pitain, Ihr ſeyd nicht der Mann mehr, wie ſonſt; laßt uns einen andern Weg nehmen; ich will ganz Ohr und Auge ſeyn, und haltet Ihr Eure Waffen in Bereitſchaft.“ „Ihr habt Recht, Robin, Ihr habt Recht, in Einer Sache gewiß,“ antwortete Dalton, ſeinen Arm gegen einen Baum lehnend und die Hand gegen die Stirne drückend,„ich bin in der That der Mann nicht mehr, der ich war. Der Geiſt des Löwen iſt noch in mir, aber der Geiſt, welcher nie vor ſterblicher Gewalt ſich beugte, iſt ſchwach und unterwürfig geworden, wie das Herz eines jungen Mädchens, vor der ruhigen und doch drohenden Stimme meines eigenen Ge⸗ kung, oft durch meine Hand vergoſſen wurde, erhebt ſich vor mir, wie eine geröthete Wolke, und drängt alles zurück von meinen Augen, was rein und heilig iſt. So war es ſonſt nicht. Meine Leidenſchaften, die ſtürmiſchen Leidenſchaften, welche mich ſo manche Jahre vorwärts getrieben haben, ſind todt oder im Sterben. Es braucht Zeit, mich jetzt zu einer tüchtigen That anzu⸗ ſpannen: meine Glieder werden ſteif, und kra⸗ chen in ihren Fugen, wenn ſie aufgerufen wer⸗ den, ihre Pflicht zu thun. Selbſt das Gute, das ich thun wollte, kann ich nicht thun. Dieſen Wal⸗ ther, den ich nächſt meiner Barbara am meiſten liebe, finde ich in des Löwen Netz! Dieſes Jüdiſche Mädchen, das ich ſuchte, nur um ſie aus den Klauen dieſes Höllenhundes zu retten, macht unbewußt alle meine Nachforſchungen zu Schan⸗ den, und wird nun ſo oder ſo geopfert ſeyn. Ich bin müde, müde der Schurken und Schur⸗ kereien! Ich habe Geld genug, Länder zu kau⸗ fen, ſchöner als die, über welche wir jetzt wan⸗ deln, und würde doch Gott Tag und Nacht auf den Knien danken, wollte er mich zu einem ar⸗ men Bauer machen, der nicht genug hat, ſich ſein Morgenbrod zu kaufen, oder zu einem Wilden, einem rohen Wilden, der durch die Wäl der nach Speiſe jagt.“ — 36— „Das wäre thöricht, Kapitain, ſehr thöricht, mit Eurer Erlaubniß,“ antwortete Robin, der von des Bucaniers Stimmung ſelbſt ergriffen war, und doch ſie zu verſcheuchen ſuchte.„Wißt Ihr nicht, daß jede Roſe ihre Dornen und jede Bruſt ihren eigenen Stachel hat. überdies,“ fügte er bange hinzu,„die Reichthümer, von denen Ihr ſprecht, werden Barbara glänzend ausſtatten und ſie geeignet machen zum Weibe eines Gentleman, vielleicht eines Ritters.“ „Ein Gentleman! Nein, nein, nie will ich ſie einem Manne geben, der ſie nur als Ballaſt für ihr Gold mitnehmen und ſie als eines Räubers Tochter verachten würde.“ „Und würdet Ihr nicht einen Armen verſchmä⸗ hen?“ „Geſegnete Armuth!“ rief der Seemann,„wie würde ich ſie in mein Herz ſchließen, ihr mit mei⸗ nem Kinde gleichen Theil an meiner Liebe geben, brächte ſie nur ſtatt des Goldes, das ſie nehmen möchte, einen ſchönen unbefleckten Namen. Ge⸗ ſegnete Armuth!“ Es ſcheint, daß Robin von ſeinem eigenen Ge⸗ fühle zu ſehr eingenommen war, um ſo Acht zu geben, wie gewöhnlich, denn Dalton mußte ihn erſt darauf aufmerkſam machen, daß ein Mann längs, aber nicht auf dem Pfade, den ſie ver⸗ — 37— laſſen hatten, hinſchliche. Sogleich machte ſich Robin auf, die Sache näher zu unterſuchen, kam aber ſehr bald mit der Nachricht zurück, daß es niemand anders ſey, als Jack Roupall. „Jack Roupall!“ wiederholte Dalton, kehrte ſchnell auf den frühern Weg zurück, und rief dabei laut:„Jack, was lavirt Ihr dort?“ Der Bandit feuerte— vermuthlich durch den unvermutheten Anruf erſchreckt— ſein Piſtol ab, ohne nur gezielt zu haben, während Robin es ihm in demſelben Augenblick aus der Hand ſchlug. Dieſer Schuß war es, der Barbara ſo viel Angſt gemacht hatte. Aber noch ein anderes Ohr hatte dieſem Knall gelauſcht. Alles Blut ſchoß Sir Willmott Burrell nach dem Kopfe, er ſchlug jubelnd die Hände zuſammen, denn der Todes⸗ bote war ihm ein Bote der Sicherheit, und er betete— ſelbſt der Böſewicht kann beten— daß die Kugel in dieſem Augenblicke den Lebensfaden des Bucaniers zerriſſen haben möge. Drittes Kapitel. Ehe wir Walther de Guerre's plötzliches Ver⸗ ſchwinden erklären, müſſen wir zu der Zeit zu⸗ rückkehren, wo er ſchweigſam und allein das Licht ſeiner Nachtlampe verbarg, und ſich auf die eichene Bank hingeworfen hatte, um über die Ereigniſſe, welche ihm jetzt außer ſeinem Bereich zu liegen ſchienen, nachzudenken und zu trauern. Wie auch Andere denken mögen, daß wir unſer eigenes Mißgeſchick herbeigeführt haben, ſo ſtimmen wir doch ſelten durch unſere Selbſtverdammung ein, eine Aufgabe, die für die feurige Jugend von beſonderer Schwierigkeit iſt. Mancher iſt inner⸗ lich mit ſich ſelbſt unzufrieden, mag es aber doch nicht laut eingeſtehen, um nicht geringer geſchätzt zu werden, eine Folge der der Jugend inwohnen⸗ den Schüchternheit und häufig auch des Miß⸗ trauens in die eigenen Kräften. Das Alter kann die Einſicht ſchärfen, aber es erkältet auch das Herz, und obwohl der Jüngling geeigneter iſt, zu erfinden, als zu beurtheilen, und geeigneter zu handeln, als zu rathen, ſo iſt er doch anderer⸗ ſeits noch frei von der Kenntniß der Welt, welche Anfangs ihre Anhänger berauſcht, und ſie dann mit geſchwächtem Kopfe und gelähmten Händen bei Seite ſchiebt. Wäre Walther nicht in Miß⸗ geſchick erzogen worden, ſo wäre er ein ſo über⸗ müthiger und unnachgiebiger Kavalier geworden, wie nur einer, der je für die Sache der unglück⸗ lichen Stuarts das Schwert zog, aber ſeine Kind⸗ heit war unter Entbehrungen verflogen, und ſie waren eine Schule der Weisheit. In Büchern, wie im Leben, nützt uns mehr das Trübſal des frommen Hiob, als das Glück des üppigen Sa⸗ lomon. Der einzige milde Sonnenſtrahl auf ſeiner kurzen, aber wechſelreichen Bahn, war die Zeit, die er mit Konſtanze Cecil verbracht hatte; das Andenken an jene Tage— der Glanz, der Troſt ſeiner Exiſtenz. Der Gedanke, daß ſie ſich aus irgend einer geheimnißvollen Urſache aufopfere, bekümmerte ihn nicht weniger, wie der, daß ſeine eigene Liebe ein ſo trauriges Ende nehmen ſollte. Ein ſo hochherziges Weſen konnte— davon war er überzengt— ſolch ein Opfer nicht aus welt⸗ lichen Gründen bringen, aber es war ſein bit⸗ terſter Schmerz, daß ſie ihn nicht ihres Ver⸗ trauens würdig gehalten hatte. — 40— Ich könnte, ja mit Freuden, dachte er, würde ich ſie aufgeben, wenn ihr Glück davon abhinge, aber ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß ſie mich ihrer Achtung unwerth findet. Seine Verhaftung machte ihm wenig Unruhe; zu je⸗ der andern Zeit würde ſie ihn nicht wenig ge⸗ quält haben, aber jetzt war ſein Geiſt nur mit Konſtanzen— der geliebten Konſtanze, der Ge⸗ ſpielin ſeiner Kindheit, dem Traumbilde des Knaben, der Hoffnung des Jünglings angefüllt. Oft wünſchte er, ſie nicht in ihrer jungfräuli⸗ chen Schönheit geſehen, nicht einen Tag unter dem Dache, unter welchem er jetzt ein Gefan⸗ gener war, verbracht oder ſie unwerth der Lei⸗ denſchaft gefunden zu haben, welche er vergebens zu erſticken ſuchte. Wäre ſie weniger vollkom⸗ men, würde er, wie er glaubte, ſie weniger verehrt haben, und doch wünſchte er ſie nicht an⸗ ders, als ſie war. Aber der Gedanke, daß ſie das Opfer Sir Willmott Burrell's, eines feigen Verräthers, werden ſollte, war ihm unerträg⸗ lich. Nach manchem Kampfe kam er endlich zu dem Enſchluſſe, daß er, was es auch koſte, die Sache in allem ihrem Gewichte dem Major Well⸗ more mittheilen wolle, der— auch ein Geheim⸗ niß, das er nicht zu entſchleiern vermochte— offenbar in großem Anſehen bei der Familie von — 41— Cecilhaus ſtand. Zwar war er ein Anhänger des Protektors, aber in ſeiner Bruſt lebte das beſſere Gefühl eines tüchtigen Mannes, und es war klar, daß er keineswegs gut für Sir Willmott Burrell geſtimmt war. Die Müdigkeit überwältigte end⸗ lich ſeine Sorgen und er fiel in einen feſten Schlaf, aus dem er jedoch bald durch eine Berührung ſei⸗ ner Schulter geweckt wurde. Er blickte auf und ſah bei dem trüben Scheine der erlöſchenden Lampe, daß es Major Wellmore war, der ihn in ſei⸗ nem Schlummer geſtört hatte. Er ſprang haſtig von ſeinem Lager auf, aber der Offtzier ſetzte ſich auf einen Stuhl ihm gegenüber, legte ſei⸗ nen ſpitzen, abgetragenen Hut auf den Boden, ſtützte ſich mit den Ellenbogen auf die Knien, lieſbt as Kinn in beiden Händen ruhen und hef⸗ tete ſeine funkelnden Augen auf den jungen Ka⸗ valier, der, als er ſich ganz ermuntert hatte, bemerkte, daß der Major ſchon wie gewöhnlich gekleidet und bewaffnet war. „Iſt es ſchon Morgen, Sir?“ fragte de Guerre, um das Schweigen zu brechen. „Nein, Sir,“ war die kurze Antwort. „Das Zanze Haus ſchläft,“ begann Walther wieder,„warum ſeyd Ihr denn auf und in den- Kleidern? Und warum werde ich geſtört?“ „Ihr irrt Euch, junger Mann. Kennt Ihr ein artiges, ehrbares Kammermädchen, genannt Barbara?“ „Der Miſtriß Cecil Dienerin?“ „Dieſelbe; ſie hat eben jetzt das Haus ver⸗ laſſen, um, wie ich denke, mit Euren achtbaren Freunden im Möwenneſte ſich zu bereden und auf Mittel zu Eurer Flucht zu denken.“ „Iſt dem ſo, ſo weiß ich doch nichts von die⸗ ſem thörichten Plane.“ „Ich glaube Euch. Aber es iſt noch einer, der nicht ſchläft.“ 4 „Konſtanze! Iſt ſie unwohl?“ fragte der Kavalier ihn ſo dringend, daß ſich die geſchloſſenen Lippen des kühnen Kriegers zu einer Art Lächeln verzogen. „Nein, ich weiß nichts von dem Schlummer junger Lady's; ich denke, ſie und ihre renkolige Freundin Lady Franziska haben ſich ſchon igigſt in den Schlaf geſprochen.“ „Von Lady Franziska mag's allerdings gelten, eine leichte Zunge und ein leichter Schlaf.“ „Ich meinte keine von den Frauen,“ antwor⸗ tete der Major ſtrenge,„ſondern Sir Willmott Burrell— er ſchläft nicht.“ „Beim Himmel! das freut mich,“ rief der Kavalier;„ich freue mich, daß der Schlummer die Augen dieſer Memme flieht. Ich wollte, ich wäre bei ihm mit meinem guten Stahle und — 43— niemand ſtellte ſich zwiſchen uns, ſo würde die Sonne nie ſeiner Hochzeit ſcheinen.“ „Ha! ſo wollt Ihr Miſtriß Cecil dadurch Eure Achtung beweiſen, daß Ihr ihr den Mann töd⸗ tet, den ſie ſich zu ihrem Gatten gewählt hat: das iſt die Liebe des Uebelgeſinnten.“ „Liebe! Sir. Ich habe nicht von Liebe geſpro⸗ chen. Aber könnte Konſtanze Cecil einen Böſewicht lieben, wie dieſen Burrell! Hört mich an! Ich hatte mir vorgenommen, Euch zu ſagen— und doch, wenn ich Euch betrachte, kann ich nicht; Euer Blick ſcheint der Zärtlichkeit zu widerſtre⸗ ben, auf Eurer Stirne ſcheint nicht Alter blos, ſondern auch Weisheit zu thronen,— Weisheit, wie man ſie in einer Zeit der Unruhen ſich er⸗ wirbt,— Weisheit, welche den Verdacht zu ih⸗ rem Eckſteine nimmt; und doch mag einſt das Blut warm durch dieſe Adern geſtrömt ſeyn, doch mögt Ihr einſt mit andern Augen auf Liebe und Jugend geblickt haben. Habt Ihr das nicht?“ „Es mag ſo geweſen ſeyn,“ anwortete der Major.„Aber fahrt fort.“ „In meiner früheſten Jugend, ja in meiner Kindheit war ich der Geſpiele deren, welche jetzt zur herrlichſten Jungfrau gereift iſt. Ich werde— Euch nicht ſagen,— es iſt eine wunderbare Geſchichte— wie oder warum mein Geſchick — 4— mich in ferne, aber weniger glückliche Verhält⸗ niſſe gedrängt hat; mein Herz ſehnte ſich dar⸗ nach, ihr dereinſt wieder nahe zu ſtehen, und doch war alles vergebens, denn in Wahrheit, ich war dem Waſſer Preis gegeben, verlaſſen....“ „Gleich dem Kinde Moſes,“ unterbrach ihn der Major.„Aber fandet Ihr keine Tochter Pha⸗ rao's, die ſich Eurer erbarmte und Euch Hülfe brachte? Mich dünkt, es mußten ihrer viele ſeyn, die Pflegeväter oder Mütter der Spröß⸗ linge der Monarchie werden konnten.“ „Sir!“ rief der Kavalier mit Bewegung, „warum dieſe unnöthige Kränkung? Ihr hießt mich fortfahren und nun...“ „Nun heiße ich Euch aufhören. Was brauche ich von der Liebe zu hören, die Ihr für das Weib Cecil fühlt? Sie iſt die Verlobte eines andern Mannes, und wäre ſie es nicht, denkt Ihr, ich hätte ſie mit einem Manne verbunden ſehen mö⸗ gen, der Eure Grundſätze hat? Haben nicht ihre tapfern Brüder, in Freiheit genährte und aufgezogene Jünglinge, ſich aufgeſchwungen, um die Freiheit des Himmels zu erkennen? Haben ſie nicht ihr Leben, ihr Herzblut hingegeben für die heilige Sache? Vernichtet wurden die jun⸗ gen Pflanzen, obgleich der Arm des Herrn aus⸗ geſtreckt war und er die Macht hatte zum Retten! Und denkt Ihr, ich möchte ſie, die ein Theil von dieſem rühmlichen Stamme iſt, mit einem Manne vermählt ſehen, der darnach verlangt, daß das Morden wieder angehe und ein Schwarm von Heuſchrecken auf dieſes arme Land zurück⸗ komme.“ „Hätte Lady Konſtanze,“ antwortete Walther, der diesmal eine ziemliche Kälte behauptete,„den ungerechten Vertrag gebrochen, ſo würde ich nicht daran gedacht haben, auf Eure Meinung, oder Eure Wünſche, Major Wellmore, Rückſicht zu nehmen.“. „Und doch, wäret Ihr anders, hätte der Herr Euch vergönnt, das Rechte zu unterſcheiden, ſo dürfte ich Einfluß genug gehabt haben, dies zu ändern, d. h. wenn ihre Neigung nicht auf Burrell gerichtet iſt, denn ich halte es für ein fleiſchliches und ſehr thieriſches Beginnen, die Hand zur Ehe zu geben, wo das Herz nicht folgt.“ „Wenn Miſtriß Cecil gefragt wird ſagte Walther,„ſo kann ſie unmöglich leugnen, daß ſie den Mann auf das Außerſte verabſcheut.“ „Ich habe davon gehört,“ antwortete der Al⸗ tere,„aber zweifele ſehr daran. Konſtanze Cecil iſt ein wahrheitsliebendes und gottesfürchtiges Mädchen, und ich halte dafür, daß ſie lieber ſter⸗ ben würde, als ein falſches Wort verbürgen; es legen iſt.“ 3 — 46— würde ſchwer halten, einen Grund zu finden, der ſtark genug wäre, ihr religiöſes Gefühl, oder die aus demſelben hervorgehende Rechtlichkeit zu zerſtören.“ „Fragt Euch nur ſelbſt, der Ihr beide Naturen ſo genau kennt, ob ein Weib wie Miſtriß Cecil ei⸗ nen Mann wie Sir Willmoͤtt Burrell lieben kann.“ „Ich gebe die ſcheinbare Unmöglichkeit zu, aber wiſſet, daß, ſo ſonderbar es auch klingen mag, es leichter iſt, an Unmöglichkeiten zu glau⸗ ben, als das Herz eines Weibes zu ergründen, wenn es verbergen will, was in ihm vorgeht. Wie dem auch ſey, mag ſie nun Sir Willmott lieben oder nicht, doch wird ſie gewißlich einen Mann nicht vorziehen, der, wie Ihr, den Unter⸗ gang ſeines Landes befördern möchte.“ „Den Untergang meines Vaterlandes!“ „Ja; Ihr könnt nicht leugnen, daß Ihr, un⸗ zufeieden mit den gegenwärtigen Verhältniſſen Englands, nach einer Reſtauration hungert und dürſtet, wie die Iſraeliten nach den Ueppigkei⸗ ten der Egyptier dürſteten, und eine zweite Knechtſchaft beſtanden hätten, um wieder von ihnen zu koſten. Junger Mann, Ihr ſolltet wiſ⸗ ſen, daß denen, welche den Krieg in ihr Va⸗ terland bringen, wenig an deſſen Wohlfahrt ge⸗ — 47— „Ich leugne nicht, daß ich eine Veränderung in dieſem unſeligen Königreiche wünſche, aber was den Krieg betrifft, ſo kömmt er über die, welche zuerſt das Schwert gezogen haben.“ Major Wellmore zog die Augenbraunen zu⸗ ſammen, und ſah den Kavalier ſtreng an; nach einer kurzen Pauſe küüpfte er das Geſpräch wieder an, ohne jedoch ſeinen forſchenden Blick wieder abzuwenden.„Wir wollen wieder von Euren eigenen Angelegenheiten ſprechen, mein Lieber, denn in der Politik werden wir uns ſchwerlich verſtändigen. Ihr glaubt alſo, daß Miſtriß Cecil für den Mann, den ſie heirathen ſoll, nur wenig fühlt.“ „Fühlt!“ rief Walther aufbrauſend.„Haß ausgenommen, ſonſt kann ſie nichts für ihn füh⸗ len. Ich kann die Wahrheit deſſen, was ih ſage, bei dem Kreuz des Heilandes, bei dem Griff meines Schwerts, wenn es nöthig iſt, beſchwören.“ „Das iſt es nicht,“ bemerkte der Major. „Aber wie vereint Ihr dies mit der hohen N ei⸗ nung, die Ihr von der Lady habet.“ „Ich kann 28 nicht. Könnte ich es, würde ich beit ah verſöhnt mit ihr und mir ſeyn. Alles iſt ein Ceheimniß, nur nicht, daß dieſe flihwür⸗ dige Keirath ſie in das Grab ſtürzen mird.“ 48— „So möchtet Ihr dieſe Heirath verhindern?“ „Gewiß, und koſtete es mich auch mein Herz⸗ blut. Aber,“ ſetzte er ſchmerzlich hinzu,„es iſt zu ſpät.“ „Es iſt nicht zu ſpät, wenn Ihr mich ruhig anhören und einſehen wollt, daß durchaus keine ſolche Gottloſigkeiten, wie Ihr ſie Euch zu Schul⸗ den kommen laßt, nothwendig ſind. Schwüre und Ausrufungen können Thatſachen nicht zerſtören, ſo wenig, wie Sonnenſtrahlen Eiſen auflöſen, darum laßt, ich bitte Euch, jene unheilige, nichtige Worte, und hört mich an. Ihr wollt dieſe Hei⸗ rath verhindern?“ „Wenn es möglich iſt, gewiß; aber ich fühle, daß es zu ſpät iſt; dieſer verdammte...“ „Sir!“ unterbrach ihn der Rundkopf heftig, „ich habe Euch eben gegen den Gebrauch unhei⸗ liger Worte gewarnt, und doch würgt Ihr ſie mir die Kehle hinunter; Eure Läſterungen, Sir, erſticken mich.“ „Iſt dies eine Zeit, wegen Worte zu hadern?“ fragte de Guerre mit großer Ruhe.„Wir ha⸗ ben verſchiedene Arten, uns auszudrücken, ſtre⸗ ben aber nach Einem Ziele— wenigſtens laßt Ihr mich dies glauben. Wir haben beide das Glück der Miſtriß Cecil vor Augen.“ „So iſt's, und da wir einen ſo guten Zweck — 49— haben, ſo iſt es recht, daß wir auch die wür⸗ digſten Mittel anwenden; eine Lilie ſollte nicht durch eine ſchmutzige Hand gepflegt werden.“ Der Jüngling verbeugte ſich, obgleich er ſpä⸗ ter, als er über das Gleichniß nachdachte, ſich wunderte, daß ein Mann, wie Wellmore, ſeinen Vergleich von den Blumen des Feldes entlehnt hatte. Aber die Natur erliſcht nicht in dem Herzen des Kriegers oder Staatsmannes, und ſpricht in ihm, wie in dem der unſchuldigſten Hirtin, nur drängen ſich in der Bruſt des Welt⸗ mannes noch viele andere Dinge, während das der Letztern ein reiner Tempel für Gott und ſeine Werke bleibt. „So wollt Ihr alſo wirklich dieſe Heirath ver⸗ hindern?“ wiederholte der Kriegsmann. Walther verbeugte ſich nochmals, aber mit ſichtlicher Ungeduld. „Und Ihr ſeyd ein Feind des jetzigen Sy⸗ ſtems und möchtet es umgeändert ſehen?“ „Wozu dieſe Wiederholung? Ihr wißt dies alles, und durch mich ſelbſt. Ich bin unbeſonnen geweſen, aber nicht falſch.“ „Und Ihr möchtet, daß das Haupt des Pro⸗ tektors dieſer Reiche auf dem. Könnt Ihr den Satz zu Ende bringen?“ „Ich möchte,“ antwortete Walther mit männ⸗ II. 4 — 50— licher Freimüthigkeit,„und möchte auch nicht, ihn auf dem Block fallen ſehen. Ich ſtamme von einem Geſchlechte, welches die Stuarts liebte. Aber doch, ein ſo verzweifelter...“. „Heraus damit, Sir,“ ſagte der Major, als de Guerre einhielt,„heraus damit, ich bin es gewohnt, ihn ſchmähen zu hören.“ „Ein ſo verzweifelter Böſewicht er auch iſt, ſo beſitzt er doch eine Kühnheit, eine angeborne Majeſtät, eine... Dalton hat ſeine Tapferkeit ſo oft geprieſen!“ „Dalton! hat Dalton je Gutes von Cromwell geſprochen?“ „Ja wohl, ſehr viel; er nannte ihn einen uner⸗ ſchrockenen Krieger, einen Mann, der Staunen erregen müſſe. Aber dennoch hat er kein Recht auf den Platz, auf welchem er ſitzt und. „Ihr möchtet ihn herunterſtoßen?“ „Ich bekenne es.“ „Die Zeit wird kommen,“ ſagte Wellmore nach einer Pauſe,„wo ich das Verdienſt dieſer Sache mit Euch beſprechen werde, obgleich ich Diskuſ⸗ ſionen nicht liebe, denn ſie ſind nicht die Waffe eines Kriegers. Aber Ihr ſeyd des Verſuchs werth. Ich habe Euch gern, obgleich Ihr mein Feind ſeyd, und das iſt mehr, als ich von manchem meiner Freunde ſagen kann. Ihr wißt nicht, was — 51— das Land gelitten hat. Ihr wißt nicht, was die⸗ ſer Mann deſſen Wohle für Opfer gebracht hat. Sind nicht Cromwell und Ireton von ihrer ei⸗ genen Partei angeklagt worden, daß ſie den Mann Stuart begünſtigt hätten? War nicht Crom⸗ well genöthigt, zu Aſhburnham und Berkeley, welche, wie es dem Parlament einſiel, bei allen Gelegenheiten zu ihm kamen, zu ſagen: wenn ich ein ehrlicher Mann bin, ſo habe ich genug von der Aufrichtigkeit meiner Abſichten geſprochen, und wenn ich es nicht bin, ſo iſt nichts genug. Iſt er nicht durch das Geſchrei des Volkes überwäl⸗ tigt worden? Man wollte keinen Könia mehr; der Name, Sir, der bloße Name, war ihnen in üblem Geruche; die Zeit war gekommen, wo der Geſetzgeber von Judah ſich entfernen mußte. Konnte er, oder ſonſt jemand, durfte er, oder ſonſt jemand, gegen den Herrn, oder des Herrn Volk ſtreiten?“— Der Major ſprach dies mit großer Energie, hielt aber plötzlich inne und fügte hinzu:„Doch, wie geſagt, dazu haben wir ſpã⸗ ter Zeit. Was Euch ſelbſt betrifft, junger Mann, wenn Eure Liebe zu der Lady wahr und ſtark iſt, wenn Eure Wünſche für ihre Wohlfahrt rein und heilig ſind, wenn Ihr ein aufrichtiger Pa⸗ triot ſeyd— merkt, was ich Euch ſagen will, denn darum komme ich hieher— ſo erklärt, daß Ihr — 52— in die ſtehende Armee Englands eintreten wollt! Sprecht nur das eine Wort aus, und Ehre, Rang, Auszeichnung ſoll ſammt Konſtanze Cecil Euch zu Theil werden.“ Er wartete auf Antwort; aber der Kavalier ſchwieg; er ſtützte den Kopf auf ſeine Hand, als ob er mit ſich zu Rathe ginge. „Sie wird elend ſeyn,“ wiederholte der liſtige Offizier;„unvermeidliches Elend wird ihr Loos ſeyn, und Ihr könnt es verhindern, wenn Ihr wollt.“— Er heftete ſeine Augen auf Walther, als ob er das Geheimuiß ſeiner Seele durch⸗ ſchauen wollte, fuhr aber, wie es ſchien, unzu⸗ frieden mit ſeinen Nachforſchungen, fort:„Bur⸗ rell, wie Ihr wißt, kann ſie nicht glücklich ma⸗ chen. So viel Schönheit, ſo viel Tugend! Ihr könnt nicht anſtehen! Es iſt das einzige Mittel, Euer Ziel zu erreichen.“ „Fort, Verſucher, fort!“ rief der Kavalier, mit furchtloſem und ſtrahlendem Blicke aufſprin⸗ gend, wie die Sonne hinter einer dunkeln Ge⸗ witterswolke vortritt.„Ihr hättet Euren Zweck erreicht,“ ſetzte er ruhiger hinzu,„hätte nicht das Bewußtſeyn der Liebe Konſtanzens mich ge⸗ rettet, wie ſie es oft ſchon gethan hat. Sie würde den Mann verabſcheuen, der ſeine Grundſätze nicht aus überzeugung wechſelte. Genug, Sir, — 53— genug. Ich weiß nicht, wer Ihr wirklich ſeyd, aber das weiß ich, wäre ſie hier geweſen, ſo würde ſie eben ſo, wie ich, ja noch beſſer ge⸗ handelt haben, denn ſie. häͤtt⸗ nicht ſo lange ge⸗ zögert.“ Der Veteran ſchwieg einige Augenblicke nach dieſem Ausbruch eines edlen Gefühls, ſetzte dann langſam und entſchloſſen ſeinen Hut auf, zog ſeine dicken, büffelledernen Handſchuhe über ſeine kräf⸗ tigen Hände, warf den Mantel wieder über, der ihm von der Schulter geſunken war, und zeigte auf die Thüre. „Heißt das,“ ſrage Walther, daß ich gehen darf?“ „Ihr geht mit mir, habt Euch aber noch als Gefangenen zu betrachten.“ „Und wohin gehe ich?“ „Mit mir! Ihr konntet Euch die Freiheit ſchaffen, aber jetzt geht Ihr mit mir. Noch eins. Geht willig, wenn Euch das Leben lieb iſt, oder was mehr werth ſeyn mag, als das Leben. Ich bin keiner, dem man ſeinen Willen ſtreitig macht. Ihr werdet es ſchon noch erfahren, aber geht, ſage ich, geht willig. Ich wünſche nicht, dieſe leichtfertigen Hausleute aufzuſtören; ſie ſchwaz⸗— zen gerne, wie alle ihrer Art, von Anderer Thun, und es iſt nicht gut, ihnen Gelegenheit dazu zu geben.“ 44 „Ich bin jetzt,“ dachte der Kavalier, als er ſeinem geheimnißvollen Führer durch manche un⸗ bekannte Gänge des Hauſes folgte,„ohne Hoff⸗ nung und kümmere mich nicht, wohin ich gehe.“ Als ſie durch den Garten gingen, ſah er deut⸗ lich das Licht einer Lampe durch Konſtanzens Fen⸗ ſter ſchimmern. Das Licht fiel auf einen Roſen⸗ buſch, der auf einer flachen, alten Mauer, der Ruine eines verwitterten Thurmes, wuchs. Als ſie vorübergingen, ſprang Walther hinauf, riß eine Blume ab, und verbarg ſie, wie er hoffte, unbemerkt von ſeinem ernſten Hüter, in der Bruſt; aber der Veteran hatte die Bewegung bemerkt und verſtanden. Es war eine Zeit, wo auch er fühlen und nicht erwägen konnte; die Zeit war vorbei, aber in dieſem Augenblick kam die Erinnerung an ſeine eigene Jugend mit ih— rer ganzen Friſche über ihn, daß er ſeinen ei⸗ frigſten Gegner an ſein Herz hätte drücken kön⸗ nen. Dieſer Strahl der Vergangenheit leuchtete jedoch nicht lange, denn der Major öffnete eine kleine Pforte, die nach dem Park führte, und gab auf einer Pfeife ein nicht lautes, aber deut⸗ liches Zeichen. In dem Augenblick befand ſich Walther in der Mitte von berittenen Solda⸗ ten, die aus der Erde hervorgeſtiegen zu ſeyn ſchienen, Er ſah ſich erſtaunt um, und berührte — 55— ſogar das nächſte Pferd, um ſich zu überzeu⸗ gen, daß es auch kein Traum ſey. Aber es war Wirklichkeit; unbeweglich ſtanden ſie im Mondenlicht, das ſich durch die Zweige brach, wie ausgehauene Centauren, die Roſſe mit ihren eiſenblinkenden Reitern. Auch für Walther ſtand ein mächtiges Roß bereit, aber zweimal mußte man ihn auffordern, es zu beſteigen, ehe er ge⸗ horchte. Viertes Kapitel. 4). — „In Wahrheit, der Herr hat ſie zerſtreut!“ rief der ehrwürdige Jonas Mundllink, als er in Cecilhaus von einem Zimmer nach dem andern ging, um jemand zu ſuchen, mit dem er ſprechen könne, und niemanden fand. Sir Willmott Bur⸗ rell war ſchon ſo früh heraus, Lady Franziska Cromwell mit Konſtanze eingeſchloſſen, Sir Ro⸗ bert Cecil hatte eine beſondere Beſchäftigung, und ſelbſt Barbara Iverk war nirgend zu ſehen, und der arme Prediger hatte daher wenig Aus⸗ ſicht auf ein Frühſtück, oder auf ein Geſpräch, oder, wie er es nannte, eine Mittheilung. Im Verlauf ſeines Umherſtreifens begegnete er end⸗ lich Salomon Grundy, der unter der Laſt einer gewaltigen Paſtete keuchte, welche er nach der Speiſekammer ſchleppte. „Ach, Freund Salomon,“ ſagte Mundflink, „wie freut es mich, Dich zu ſehen.“ — 57— „Ihr meint,“ antwortete der Koch,„das, was ich trage, und in der That, Ew. Ehrwürden...“ „Ihr müßt mich nicht Ehrwürden nennen; es iſt eine Bezeichnung des böſen Thiers, meine Stimme erhebt ſich dagegen, wie gegen das ge⸗ hörnte Thier.“ „Dies war auch einſt ein gehörntes Thier,“ bemerkte Salomon, als er ſah, daß des Predi⸗ gers Augen auf der Paſtete hafteten;„aber ſo verwandelt ſich die Natur durch Kochkunſt. Es hat alle die ſündhaften Eigenſchaften, von denen Ihr ſprecht, verloren, und iſt eine ſehr angeneh⸗ me, nahrhafte Speiſe geworden; gleicht dies der Veränderung, welche, wie Ihr ſagt, auch in dem Geiſte vorgeht?“ „Wir dürfen nicht Heiliges und Profanes mit⸗ einander vermiſchen,“ murmelte Mundflink, in⸗ dem er mit dem Zeigefinger das anlockende Ge⸗ richt berührte, und es ſehnſuchtsvoll betrachtete, denn er war weit gegangen, und hatte noch nichts gegeſſen.„Iſt dies eines der Backwerke, welche Du für die bevorſtehende Feſtlichkeit bereiteſt?“ „Welche Feſtlichkeit,“ ſagte der Koch mürriſch, „ich weiß don keiner Feſtlichkeit. Gewiß habe ich in meinem Berufe gearbeitet, um etwas dieſes. Hauſes Würdiges herzuſtellen, aber wie ich höre, werden wenige bei dieſer Hochzeit zugegen ſeyn, — 55— die meine Kunſt hätten ſchätzen können. Hätte ich je gedacht, daß unſere theure, junge Lady ſo vermählt werden würde?“ „Salomon, Feſtlichkeiten ſind eitel, und ſchmek⸗ ken nach dem Mammon des Ungerechten; aber freilich war Nimrod ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn und Iſaac liebte ein geſchmortes Böck⸗ lein. Könnteſt Du nicht aus dieſer Miſchung einen Biſſen herausbringen, denn in der That ich bin ſehr hungrig.“ „Was, meine Schöpfung zerſtüören! Blicke her auf den Ueberguß dieſes Hornes und die Deviſe, die zwei Tauben— ha, ſiehſt Du die Tauben nicht?“ „O ja, aber mich dünkt, Du könnteſt einen Theil davon herausnehmen, ohne die ſchöne Ar⸗ beit zu beſchädigen. Sieh nur!“ Der ehrwürdige Jonas nahm des Koches langes Meſſer, welches er ihm mit etwas unziemlicher Haſt aus dem Gürtel riß, hob den Teigdeckel der rieſenhaften Paſtete ab und holte ſich ein gewichtiges Stück Wildpret heraus. „Nun! Nun!“ grinſte Salomon, dem dieſe ſei⸗ nem Werke zu Theil gewor dene Anerkennung of⸗ fenbar Vergnügen machte,„iſt es nicht erträg⸗ lich? Aber Ihr koſtet den Saft des Fleiſches nicht— den Saft!“— — 59— „Es ziemt ſich nicht, das Herz zu ſolchen Uep⸗ pigkeiten hinzuneigen, obgleich die Heiligen nicht weniger der Nahrung bedurften, als die jungen Raben— nur ſollte die Mäßigkeit nicht vergef⸗ ſen werden.“ Der Prediger goß einen Löffel voll des Saftes herunter und langte nach noch ei⸗ nem, ohne an ſeine eigene Lehre zu denken. „Das würde Euch bald zu einem andern Manne machen,“ ſagte der Koch, auf Mund⸗ flink's dünne Beine ſehend,„da iſt Nahrung drin.“ „Wir bedürfen alle der Umſchmelzung, Sa⸗ lomo, und ſollten Vervollkommnung wünſchen, wie der Hirſch nach der Quelle lechzet, ſo der Vervollkommnung des Körpers, wie des Geiſtes. Es gab einen weiſen König von Iſrael Deines Namens.“— „Wie! Grundy, Sir? Die Grundys ſind alle aus Lancaſterſhire.“ „Nicht doch; fandet Ihr je in der Schrift einen, gleich dieſem? Ich meine Salomo den— Weiſen.“ „Ich erinnere mich, der, der ſo viele Frauen hatte. Aber Ihr werdet auch wiſſen, Sir, als ich die alte Hanne wegſchickte und Phöbe heira⸗ then wollte, daß Ihr, Sir, es nicht zugeben wolltet. Ja, ja, damals hatten die alten Chri⸗ ſten mehr Freiheit.“ — 60— „Still, Narr,“ rief Mundflink ziemlich ärger⸗ lich.„Salomo war ein Jude.“ „Ein Jude! Nun, da wundere ich mich, wie Eure Ehrwürden an ſo Frevelhaftes denken kön⸗ nen. Ihr wollt mich doch nicht mit einem Juden vergleichen?“ „Salomo, Du biſt durch und durch ein Narr. Habe ich Dir nicht oft die Gottloſigkeit dieſer Gedanken vorgeworfen? Aber,“ fügte er hinzu, als er den letzten Biſſen hinuntergeſchluckt hatte, „wenn ich nicht auf Deine Narrheit eingehe, ſo verſtehſt Du mich nicht. Gib mir eine Flaſche Doppelbier.“ „Mit etwas geröſtetem Brodt drin?“ fragte der Koch, mit den Augen blinzelnd. „Das verſtehſt Du,“ antwortete Mundflink. „In Wahrheit, die Stärkungen der Kreatur ha⸗ ben Deinen ganzen Vorrath von Gedanken in Beſitz genommen. Du biſt wie ein Schwamm, Sa⸗ lomo. Doch thue etwas Brodt hinein. Und wenn Du Barbara ſiehſt, ſo ſage ihr, daß ich ſie ſpre⸗ chen möchte, aber nicht hier, wo es ſich nicht ziemen würde, ſondern in dem Sprachzimmer — oder in der Bibliothek.“ „Jetzt möchte ich Robin Hays hier haben,“ murmelte der eigenſinnige Koch,„nur um zu wiſſen, warum Barbara nicht nach der Speiſe⸗ — 61— kammer kommen ſoll. Kann er ſie nicht hier eben ſo gut ſprechen? Aber ſieh, da kömmt ja Robin. Guten Tag; ſchade, daß Ihr geſtern Abend nicht hier wart, Ihr, der Ihr ſo ein Freund von Streit ſeyd. Denkt Euch, der artige Herr, der auf Beſuch hier war, iſt eingeſteckt worden, weil er ſich mit Sir Willmott wegen Lady Kon⸗ ſtanze geſchlagen hat. Und der Major Wellmore — er iſt zwei⸗ oder dreimal hier geweſen und ſie nennen ihn Wellmore, obgleich der würdige Jabez Tippet, der Fährmnan, ſchwört, nein, nicht ſchwört, ſondern erklärt, daß keine Perſon dieſes Namens je herübergekommen ſey— der Major alſo und der junge Gentleman ſind mit dem Winde davongeflogen, denn Sir Willmott und mein Herr konnten ſie nicht mehr auffinden. Auch fragte ich Barbara darnach, aber ſie weiß nichts, und konnte mir darum auch nichts ſagen.“ „Ein Beweis,“ antwortete Robin ſpöttiſch, „daß ſie ihrem Geſchlechte nicht gleicht, denn dies weiß oft ſo gut, als nichts, und ſpricht doch viel.“ „Ihr ſeht ſehr brummig heute Morgen aus,“ antwortete Grundy.„Habt Ihr Euch zur Hoch⸗ zeit zurecht gemacht?“ „Was geht ſie mich an? Wo iſt Barbara?⸗“ „Das iſt eben, was ich ſelbſt wiſſen möchte, * — 62— denn jener heilige Mann, der Prediger Mund⸗ flink, will gerne, nachdem er ſich mit der Pa⸗ ſtete unterhalten, auch mit dem Mädchen ſich unterhalten, aber nicht in der Speiſekammer. Nun hätte ich eine Frage an Euch. Sagt mir doch, warum es ſich nicht ſchickt, daß man in der Speiſekammer....“ Der Koch ſteckte die Hand aus, wie er gewöhnlich bei ſeinen Reden zu thun pflegte, ſo daß ſie wie ein Fächer ſein Geſicht bedeckte, und wollte eben, mit dem Zei⸗ gefinger der rechten Hand den der linken berüh⸗ rend, ſeine Frage zu Ende bringen, als er be⸗ merkte, daß Robin ſich bereits davon gemacht hatte.„Robin! Robin Hays! O Du achtloſer, höchſt treuloſer Patron! Du Irrwiſch!“ rief er und folgte ſodann dem Wege, den Robin, wie er dachte, genommen haben mußte. Es traf ſich jedoch, daß es gerade der entgegengeſetzte war, ſo daß er auf ſeine Frage keine Autwort erhielt. Robin ſuchte eben ſo vergeblich die kleine Barbara, da er aber in die Zimmer der Herr⸗ ſchaft nicht einzudringen wagen durfte, ſo trat er in eines der Frauen der Lady Franziska.„Ihr ſucht Miſtriß Barbara, junger Mann?“ fragte dieſe, warf einen unverkennbar verächtlichen Blick auf Robins Mißgeſtalt, ſtrich ſich eine Locke zurück, welche unter einer reichen Spitzenhaube — 63— hervertrat, zog ihr Latz herunter und wartete auf Antwort. Robin erröthete bis unter die Au⸗ gen, denn er konnte nicht gut eine ſolche Beſich⸗ tigung ſeiner Perſon vertragen, und ſein Ver⸗ druß ſtieg noch, als er ſah, daß die Hoffrau ſeine Verlegenheit bemerkte. „Wir nennen ſie hier nicht Miſtriß,“ ſagte er endlich,„aber ich bitte Euch, ſagt mir, wo ſie iſt, ich meine, die Dienerin der Lady Konſtanze, die kleine Barbara Jverk.“. „Ich weiß recht wohl, wen Ihr meint,“ ant⸗ wortete die Frau höhniſch,„wir vom Hofe ſind nicht ſo dickköpfig, wie Ihr vom Lande ſeyn mögt, und ich werde Eurer— ha! ha! ha! ich muß wahrhaftig lachen, Eurer... So wartet doch. Nun alſo, Barbara wünſchte zu wiſſen, wie die Kammerfrauen gekleidet waren, als Mylady Mary mit Lord Fauconberg vermählt wurde, und da wir vom Hofe immer unſere Garderobe bei uns führen, und das arme Mädchen gerade meinen Wuchs hat— ſie hat eine ausnehmend gute Figur für ein Landgeſchöpf— ſo zog ich ihr meine Kleider an: einen weißgeſtreiften ſeide⸗ nen Unterrock, und ein weiſſes überkleid von aus⸗ ländiſchem Taffet, an den Armeln mit weißen Perlen beſetzt, und ſetzte ihr eine mit Pariſer Spitzen garnirte Atlashaube auf. O Jeſus, hättet Ihr ——· — 64— ſite ſo geſehen! Aber auf ein Mal verlangte ihre Herrin nach einigen Blumen, und ſie hatte nur Zeit, einen Mantel überzuwerfen und zu laufun. 4 „So iſt ſie im Garten?“ „Im Feenkreis vermuthlich, denn dort ſind die ſchönſten Blumen.“ Robin dankte der Kammerfrau ziemlich kurz und eilte nach dem Garten, das rohe Gelächter verwünſchend, welches ihm nachſchallte. Als er dem Kreiſe nahe war, vernahm er einen ſchwa⸗ chen Schrei. Er hörte ſogleich, daß es Barbaras Stimme war, flog durch das Gebüſch, und ſtand in einigen Augenblicken ihr zur Seite, Barbara lag, gekleidet, wie es der Lady Fran⸗ ziska Dienerin beſchrieben, auf den Knien vor einem ſchmächtigen, blaſſen Knaben, der einen Dolch in der Hand hielt und eine Miſchung von unvollkommenem Engliſch und einer fremden Sprache redete. Barbara verſtand offenbar kein Wort von dem, was der Knabe ſagte, und lag bleich und zitternd mit gefaltenen Händen auf den Knien, während der Knabe ſeinen Dolch ſchwang, als ob er eben zuſtoßen wollte. Indem er aber mit ſeinen ſchwarzen Augen auf ſein Op⸗ fer blickte, erſah er Robin, der aus dem Dik⸗ kicht herbeiſprang. Mit einem durchdringenden Schrei ſprang er in das Gehölz, welches den Feenkreis auf der dem Hauſe entgegengeſetzten Seite begränzte. Barbara verſuchte, als ſie ih— ren Freund erblickte, aufzuſtehen, aber ihre Kräfte verließen ſie und ſie ſank ohnmächtig in das Gras. Als ſie wieder zu ſich gekommen war, fand ſie ſich auf demſelben Flecke, mit dem Kopfe auf Robins Schulter. Ein Thränenſtrom erleich⸗ terte ihre gepreßte Bruſt, und obgleich ſie den Kopf abwendete und die Hände vor das Ge⸗ ſicht hielt, ſo drangen doch die Tropfen unauf⸗ haltſam durch die Finger und fielen auf das von der Kammerfrau ſo angeprieſene ſeidene Gewand. Robin hatte ſie immer für ſchön gehalten, nie aber es ſo empfunden, wie jetzt. Ihr langes, volles Haar, das nicht mehr unter die purita⸗ niſche Kappe zurückgedrängt war, wallte über den einfachen, aber in Robins Augen prächti⸗ gen Anzug, in welchen ſie jetzt gekleidet war; und nie fühlte er ſeine eigene Unwürdigkeit ſo tief, als in dem Augenblicke, wo ihm Barbara noch tauſendmal lieber wurde, als früher. Sie fuhr ſich mit der Hand über die Augen, ſah dann durch die langen ſeidenen Flechten auf, und lächelteꝛwie ein Kind über die entſchwundene Gefahr, weil ſie ihr einen neuen Beweis von Robin's liebevoller Fürſorge verſchafft hatte. Sie ſtreckte ihre Hand aus und ſagte, noch immer II. 5 4 — 66— weinend und doch dazu lächelnd:„Mein theurer, guter Robin! Er hätte mich gewiß umgebracht. Seyd Ihr auch überzeugt, daß er fort iſt? Kommt näher, Robin, wenn Ihr da ſeyd, wagt er ſich nicht hierher. Ich zweifele nicht, daß er mich für jemand anders nahm, denn,“ fügte ſie leiſer binzu,„ich habe ihn ſchon einmal geſehen, geſtern Nacht, im Möwenneſte.“ „Ich dachte es, daß der kleine Schelm nach nichts Gutem aus ſey, und dabei ſtellte er ſich ſtumm!“ 3 „Stumm! Stellte er ſich ſo? Und kennt Ihr ihn?“ „Ich weiß, daß er ſich ſeine überfahrt ge⸗ wiſſermaßen erſchlichen hat in dem... Aber ſchon gut, ich will ihm die Flügel ſtutzen und den Dolch ſtumpfen; er ſoll mir keine ſolche Streiche mehr ſpielen. Euch, meine Barbara, ſo zu er⸗ ſchrecken! Was für einen Grund mochte er ha⸗ ben? Ein ernſtlicher Angriff konnte ſeine Ab⸗ ſicht nicht ſeyn.“ „Ach, Robin,“ ſagte Barbara ſchaudernd, „hättet Ihr ſeine Augen geſehen wie ich, Ihr würdet nicht ſo ſprechen. Was für Augen! Wie 11 wäre ich erſchrocken geweſen, hätte ich dieſen 6 Morgen nicht gebetet. Theurer Robin, warum betet Ihr nicht?“ — 67— Robin blickte auf ſie und ſeufzte.„Konntet Ihr,“ ſagte er,„nichts von dem verſtehen, was er ſagte?“ „Ich hörte ihn zwei⸗ oder dreimal den Namen Burrell's und den meiner theuren Lady wieder⸗ holen, konnte aber nicht ergründen, was er wollte. O! ſein Blick aber war wild und fürch⸗ terlich! Warum ſucht er mir nachzuſtellen?“ „Ja warum?“ wiederholte Robin.„Es muß unterſucht werden und das ſchnell. Ich werde unverzüglich mit Dalton davon ſprechen.“ „Mit dieſem Dalton, dieſem ſchrecklichen Manne?“ „Niemand unter der Sonne liebt Euch mehr, als er.“ „Kannte er auch gewiß meinen Vater?“ „Gewiß, aber fragt mich nichts mehr, ſüße Barbara; beruhiget Euch, dieſer Auftritt ſoll ſich nicht wiederholen. Vielleicht iſt der Knabe auch von Sinnen? Denkt nicht mehr daran, gu⸗ tes Mädchen, ich muß Euch jetzt Lebewohl ſa⸗ gen.“ „Warum ſo ſchnell, Robin? Sagt mir, wo⸗ hin Ihr geht? Wann kehrt Ihr zurück 2 Wie lange bleibt Ihr aus?“ Wenn ich ein König wäre, dachte Robin, und einer, auf den ein Weib mit Liebe blicken könnte, würde ich die Hälfte meines Königreichs, ja ich würde es ganz hingeben, um zu wiſſen, ob ſie ſo ernſtlich fühlt, als ſie ſpricht. Sie bemerkte die Kälte ſeines Blickes und fuhr, obgleich mit verändertem Ausdrucke, fort:„Was fehlt Euch? Habe ich Euch gekränkt? Wollt Ihr denn immer ſo wunderlich mit Eurer armen Barbara ſeyn?“ „Meine Barbara!“ wiederholte er bitter, in⸗ dem er ihre Franzöſiſche Haube berührte,„meine Barbara! Würde ſolcher Schmuck für ein Weib paſſen, das einem Weſen, wie ich bin, gehörte? Einen ſchönen Abſtich würde das geben! Mich dünkt, ſolcher Schmuck ztemt ſich nicht für eine einfache Puritanerin; mit ſolchen Grundſätzen muß man auch einfache Kleider tragen. Edelſteine auf den Aermeln! Iſt nicht ein helles, aber be⸗ ſcheiden blickendes Auge das köſtlichſte Juwel? Kann es durch irgend einen Schmuck überſtrahlt werden, ſo iſt es nichts werth.“ Er wendete ſich ab von ihr, während er dies ſagte. Ihre Augen ſchwammen wieder in Thrä⸗ nen.„Robin,“ ſagte ſie, beinahe ſchluchzend, „Miſtriß Alice hat mich ſo gekleidet, um mir zu zeigen, wie ein Mädchen bei einem großen Feſte, wie das unſerer Lady ſeyn ſollte, geklei⸗ det ſeyn müſſe. Aber ich will Alles, Alles ab⸗ thun, wenn Ihr es„t gerne habet.“ „Ohne Euch danach zurückzuſehnen?“ „Nach ſo etwas ſich ſehnen?“ wiederholte ſie mit einem verächtlichen Blick auf ihren Putz. „Nein, Robin, ſo jung ich auch bin, habe ich doch Beſſeres gelernt. Der Hänfling würde übel ausſehen, wollte er ſich mit den Federn des Pa⸗ pageyen zieren. Aber wohin geht Ihr? Sagt mir das. Ach! dieſer ſchwarzäugige Knabe hat mich ſo verwirrt, daß ich nicht weiß, was ich rede. Der Kampf von geſtern Abend hat mich auch ſo betrübt... „Davon wollte ich eben ſprechen, Barbara; er iſt Schuld, daß ich mich, auf einige Tage nur, von Euch entfernen muß, denn ich muß wiſſen, wo der Kavalier iſt. Ich weiß, in welche Hände ſein Trotz ihn gebracht hat, aber ich denke, ſie werden ihn vor ſchlimmerem Verrathe ſchützen. Ich muß nach London, und wenn ich ihn dort nicht finde, ihn anderswo aufſuchen. Frägt je⸗ mand nach mir, ſo ſchweigt, aber wenn Euch, mein theures Mädchen, der Zufall in Dalton's Weg führt, und es iſt möglich, daß er binnen wenigen Tagen, noch vor meiner Rückkehr, hie⸗ her kömmt„ſo ſprecht freundlich und zutraulich mit ihm, habt Geduld mit ihm, wie Ihr ſie mit mir gehabt habt.“ „Das iſt nicht möglich,“ unterbrach ihn Bar⸗ bara,„denn es iſt kein Grund, warum ich es thun ſollte. Er war nie gütig gegen mich.“ „Aber die Zeit nahet, wo er es ſeyn wird. Und nun, lebt wohl, Barbara. Wie gern bliebe ich, aber es kann nicht ſeyn. Ich dachte, Miſtriß Konſtanze nützlich ſeyn zu können, aber es ging nicht, es ſteht nicht bei mir.“ „Es thut mir ſehr leid, daß Ihr geht, Ro⸗ bin, denn wenn ich daran denke, iſt mir das Herz ſchwer, und ich weiß doch nicht, warum. Ihr könnt doch gewiß jenen wilden, böſen Kna⸗ ben verhindern, daß er mich nicht mehr in Angſt ſetzt?“ „Gewiß. Ich werde ihn in dem Neſte bs zu meiner Rückkehr einſperren.“ „Ich danke Euch, Robin, aber behandelt ihn nicht ſchlimm.“ „ Nein.“ „Auch dafür danke ich Euch; aber doch preßt es mich noch immer hier auf dem Herzen. Glau⸗ bet Ihr, daß es ein großes Unrecht wäre, wenn ich dieſen Anzug bei meiner Lady Hochzeit trüge?“ Robin lächelte.„Nicht doch; aber wenn Ihr ſolchen Putz liebt, kann ich Euch weit ſchöneren ſchaffen.“ „Könnt Ihr das wirklich?“ rief ſie freudig. „Aber nein,“ fügte ſie ernſter hinzu,„keine ſolche Pracht mehr für mich, nach dieſer Hei⸗ rath. Ich träumte vergangene Nacht— glaubet Ihr an Träume, Robin? Hört denn. Mir war, als ſtänden wir alle vor einem Altar in der zer⸗ ſtörten Kapelle.“. „Wer, alle?“ fragte Robin heftig.. „Mylady mit jenem Mann und...“ ſie hielt inne. „Wer noch?“ fragte Robin wieder. „Nun denn, Ihr; es war ja nur ein Traum,“ fügte ſie hinzu, bis an die Schläfen erröthend. „Und wir Alle,“ fuhr ſie fort,„ſahen ſo präch⸗ tig aus, und Ihr ſchient mir ganz wie der Ka⸗ valier Walther, und ich war ſo ſtill glücklich. Aber eben als Ihr meine Hand berührtet, kam ein Nebel zwiſchen uns, ein dichter kalter Ne⸗ bel, vor dem mir das Mark in den Bei⸗ nen gerann und die Glieder erſtarrten, und eine Stimme, eine tiefe, klagende Stimme, wie der Seufzer eines ſterbenden Vogels, ſagte: „„Komm,““ und ich verſuchte zu antworten: „„Noch nicht;““ aber meine Zunge lag re⸗ gungslos zwiſchen den Zähnen, und die Zähne waren wie Eiszapfen und der Nebel hüllte mich ein. Da drang plötzlich ein Schmerz mir durch die Bruſt, als ob es der Pfeil des Todes wä⸗ re, und ich wollte aufſchreien vor entſetzlicher Qual, aber die Stimme verſagte mir, die — 22— Zunge blieb erſtarrt. So litt ich unſägliche Mar⸗ ter, bis auf einmal ein ſanfterer Hauch meine Wangen umwehte, daß ſie warm wurden, und der Krampf ſich löſte, und eine Stimme hörte ich, die ſo klang— warum nicht alles heraus⸗ ſagen— ſo klang, wie die Eure, Robin, und ſie ſagte: Bete. Und als ich betete, nicht in Wor⸗ ten, ſondern im Geiſte, da ließ die Angſt ab von mir, das Blut ſtrömte wieder durch die Adern, ich blickte auf und ſah, daß ich nicht mehr in der zerſtörten Kapelle war, ſondern „vor dem Bilde des gebenedeiten Herrn! Er ſah auf uns— auf uns beide— herab.“ „Halt ein, Barbara!“ rief Robin, deſſen ſtets leicht angeregte Phantaſie jetzt eine Mar⸗ ter für ihn wurde,„ſey barmherzig und halte ein. Es war nur der Traum eines ſchwachen Mädchens.“ Zum erſtenmal, ſeit ſie zur Jungfrau gereift war, drückte er ſie an ſeine Bruſt, und ging dann ſchweigend neben ihr bis zur kleinen Pforte, die nach dem Garten führte. „Laßt Crisp bei mir,“ ſagte Barbara mit einem ſtillen Lächeln,„Brighteye verträgt ſich jetzt beſſer mit ihm, als ſonſt.“ „Gern,“ antwortete Robin und fügte, als er ſich entfernte, hinzu:„Vertraue auf Gott, den Du an⸗ beteſt, und ſetze Deinen Glauben nicht in Träume.“ * Fuͤnftes Kapitel. Robin hatte ohne Zweifel ſeine guten Gründe, weshalb er Barbara bedeutet hatte, daß ſie den' Bucanier, den ſie vermuthlich bald wieder ſehen würde, freundlich aufnehmen möge. Nachdem der junge Hays alſo, wie wir eben erzählt, ſeine Freundin an einem der Eingänge von Cecilhaus verlaſſen hatte, kehrte er nach dem Möwenneſte zurück, wo er ſich ſogleich nach dem Knaben er⸗ kundigte, der ſich auf dem Glühwurm von Frank⸗ reich nach England herübergeſtohlen und ſich für einen Stummen ausgegeben hatte. Dalton konnte ſich nicht erklären, wie der Knabe ſich hatte an Bord ſeines Schiffes ſchleichen können; als er ihn jedoch entdeckte, gelang es ihm eben durch den Anſchein ſeiner körperlichen Mängel, des Bucaniers Mitgefühl zu erregen, das ſich jetzt, — 4— theils aus Verdruß, ſich ſo getäuſcht zu ſehen, theils aus Zorn über den Angriff auf ſeine Toch⸗ ter, in Wuth verwandelte. Nichts erbittert den, welcher auf ſeinen eigenen Scharfſinn vertraut, mehr, als wenn er ſich durch jemand hintergangen ſieht, auf den er ſtolz herabgeſehen hat; man iſt geneigter, der offenbaren Schlechtigkeit zu ver⸗ zeihen, als der verſteckten Hinterliſt; wir erge⸗ ben uns darin, wenn wir von der einen über⸗ wältigt, nicht aber, wenn wir von der andern übervortheilt werden. . Springall hatte Cecil den Morgen nach ſeinem Zuſammentreffen mit Major Wellmore, den er noch immer das ſtarke Geſpenſt nannte, Ceeil⸗ haus verlaſſen, und ließ ſich weder durch Robins Bitten, noch durch Dalton's Befehl bewegen, länger in dieſem Hauſe zu bleiben.„Ich weiß nicht,“ ſagte er,„warum ich dort bleiben ſollte; die Mädchen ſpotten und lachen über meine See⸗ manieren, und obgleich Barbara ein ſchmuckes, gut gebautes und gut betakeltes Boot iſt, ſo iſt ihr ſtilles Lächeln doch noch ſchlimmer, als das Höhnen der Andern. Ich will nirgends hin, wo ich zugleich erſchreckt und verſpottet werde. Der Kapitain hat mich für die See, und nicht für das Land geworben, und ich will lieber die Peit⸗ ſche am Bord des Glühwurms fühlen, als mich länger anf dem Lande herumtreiben.“ Er war zugegen in dem Möwenneſt, als Robin dem Bu⸗ canier die Gefahr erzählte, in welcher Barbara geſchwebt hatte.„Der ſchwarzäugige Knabe,“ ſagte der junge Seemann,„iſt den ganzen Tag nicht in der Nähe des Hauſes geweſen, und ich glaube, daß es kein er, ſondern eine verkleidete Frau iſt. Ich wette, ſo gewiß mein Name Obey Springall iſt, daß Jeromio mit im Geheimniß iſt. Jeromio verſteht jede Art von Sprachen und ſteckt für ſchmutzigen Gewinn mit jedem Fremden zuſammen; er hat immer ſeine eigenen Geſchäf⸗ te, und das iſt eines davon.“ „Diesmal,“ bemerkte der Bucanier nachden⸗ kend,„kannſt Du mit Deinem winzigen Verſtande Recht haben. Gott ſteht mir bei! die Gefahren und Komplotte wachſen und mein Blick wird nicht ſchärfer mit den Jahren.“ „Meiner Treue,“ ſagte Mutter Hays,„es iſt doch kein Weib, ich laſſe mich nicht täuſchen, es iſt ein Knabe, und,“ fügte ſie leiſer hinzu, wer ſieht aus, wie einſt der Prinz Karl, der mir noch vor den Augen ſteht, nur hat er ein etwas zu jüdiſches Ausſehen für einen chriſtli⸗ chen Prinzen.“ „Robin,“ ſagte Dalton, den jungen Hays bei Seite nehmend,„wenn dieſe höchſt unſelige Ehe — 76— nicht verhindert werden kann, wenn es fehlſchlägt, was ich zu thun geſonnen bin, ſo muß meine Tochter ſich ein anderes Haus, einen andern Be⸗ ſchützer ſuchen. Wird Miſtriß Cecil das Weib des Sir Willmott Burrell, ſo darf Barbara unter ihrem Dache nicht länger bleiben— das Geierneſt wäre ein ſchlechter Schutz für die Rin⸗ geltaube.“ „Aber wo wollt Ihr ſie hinbringen,“ fragte Robin ernſt,„wer ſoll ſie ſchirmen?“ „Noch weiß ich es nicht. Ich werde heute zu Sir Robert Cecil gehen und mit ihm über un⸗ ſere eigene Angelegenheiten ſprechen, und mich in Bezug auf meine Tochter durch die Umſtände leiten laſſen. Meine Tochter! Dieſes Wort treibt mir das Blut bald kalt, bald heiß nach dem Her⸗ zen. Aber Robin, Ihr dürft nicht zögern! Jener gefährliche Burſche ſoll genau bewacht werden, damit er kein Unheil mehr anrichtet, und wenn Springall's Vermuthung ſich beſtätigen ſollte— aber ſie iſt ſo höchſt unwahrſcheinlich!— In welcher Verkleidung werdet Ihr unſerm unbe⸗ ſonnenen Freunde nachſpüren?“ „Ich werde damit nach den Perſonen wech⸗ ſeln, mit denen ich zu thun haben dürfte; für jetzt wird mir die eines Hauſirers den beſten Dienſt leiſten. Aber, theurer Kapitain, ſeht nur — 77— ja nach Jeromio; glaubt mir, er meinte es nie ehrlich mit Euch.“ 4 „Ich glaube es auch nicht, Robin; aber darf ich es mit eines Mannes Ehrlichkeit ſo genau nehmen? Hat man nicht ein Recht, auch meine Ehrlichkeit falſch zu ſchelten? Wie hat dies ver⸗ dammte Ding in meiner Bruſt, welches die Frommen das Gewiſſen nennen, in der letzten Zeit mich gequält! Gift iſt nichts dagegen; aber es wird bald vorüber ſeyn, wenn nur erſt der Burſche frei iſt, und meine Barbara, nach der Art ihrer Mutter, für mich betet.“ Er hielt ei⸗ nen Augenblick an und ſchlug ſich heftig mit der Hand vor die Stirn, als ob er die Gedanken zurückpreſſen wollte, und fügte dann hinzu: „Ihr geht jetzt gerade nach London?“ „Gewiß; auch habe ich bereits die, beſproche⸗ nen Fakturen für den guten Kaufmann hinter der St. Pauls⸗Kirche verſteckt, der die reichen Sammetſtoffe beſtellt hat und vielleicht auf eine Krönung zählt.“ „Ich hoffe, er hat eine beſſere Ausſicht, ſie zu verkaufen, als die auf eine ſolche Begeben⸗ heit. Noll wird es ſchwerlich wagen; ſein Titel als Protektor gibt ihm eben ſo viel Gewalt und iſt wie das Stichblatt eines Fechtmeiſters, mit dem er ſtets die Angriffe gegen ſeinen Ehrgeiz — 78— abpariren kann. Haſt Du auch an die Perlen für den reichen Juwelier des Lord Fauconberg gedacht?“. „Sie ſind gut aufbewahrt und ich werde ſie ſelbſt abliefern, obgleich, wie die Journale ſa⸗ gen, Se. Herrlichkeit wenig neuen Schmuckes bedarf. Es ging das Gerede, als Ihr mich die achtbare Rolle eines Spions in Sir Willmott Burrell's Dienſten ſpielen ließet, und am Hofe ſprach man von nichts anderm, daß der König von Frankreich mit eigenen Händen ihm eine gol⸗ dene, mit Diamanten beſetzte Doſe geſchenkt habe, welche auf dem Deckel das aus drei großen Edel⸗ ſteinen gebildete Wappen Frankreichs und inwen⸗ dig des Monarchen eigenes Bild umſchloß; auch der Kardinal Mazarin hat ihm ein Dutzend Stück vom reichſten Genueſiſchen Sammet verehrt; und Se. Herrlichkeit hat, um nicht zurückzubleiben, ein Gegengeſchenk von gleichem Werthe gemacht und dann— und dann weiß ich nicht mehr, was noch alles darnach kam, aber es war ein ſchöner Tauſch, ſo viel ich weiß.“ „Ja, Robin, nichts für nichts iſt des Staats⸗ mannes Deviſe. Aber jetzt eilt Euch, ſeyd glück⸗ lich. Spart nichts für ſeine Befreiung. Jack Rou⸗ pall's Geſtändniß beweiſt nur zu gut, daß Sir Willmott ſich gegen ſein Leben verſchworen hat, und bis dieſer Schurke beſeitigt oder beſchwich⸗ tigt iſt, gibt es keine Freiheit für Walther. Ich habe Jack in beſonderen Geſchäften nach dem Weſten geſchickt; ſo iſt von ihm wenigſtens nichts zu fürchten, und das iſt ſchon etwas. Rächſt meinem eigenen Kinde, weiß ich nichts, was ich ſo liebe, als dieſen jungen Mann. Und nun, Ro⸗ bin, lebt wohl.“ Als Robin von ſeiner Mutter Abſchied nahm, weinte und ſchluchzte ſie, wie gewöhnlich.„Du biſt doch immer auf der Landſtraße; immer ſchweifſt Du umher. So, fürchte ich, wirſt Du auch ein Mal herumſtreichen, wenn ich aus dem Leben ſcheide, und nie erfahren, was ich Dir zu ſagen habe.“ „Wenn es des Redens werth wäre, hättet Ihr mir es längſt geſagt, denn wir wiſſen ja wohl, ein Weib kann kein Geheimniß bewahren.“ Während Robin Hays, abwechſelnd an Wal⸗ ther de Guerre und an Barbara Jverk denkend, ſeinen Weg verfolgte, hatte ſich Hugh Dalton nach Cecilhaus begeben. Wie verändert hatte ſich Sir Robert! Das war nicht das Werk des vor⸗ ſchreitenden Alters. Das Auge rollte, obſchon halb erloſchen, ängſtlich umher, die Hand ſuchte, obgleich krampfhaft zitternd, nach dem Schwert⸗ griffe, weil tauſend Schrecken den geplagten — 80— Geiſt aufregten. Das war nicht das Werk der Zeit! Tauſendmal ſchon hatte Sir Robert den Unſtern verwünſcht, der ihn verleitet hatte, ſeiner Tochter ſein Verbrechen einzugeſtehen, aber ver⸗ zweifelter, gräßlicher wurde ſeine Verwünſchung, als er erkannte, daß Sir Willmott Burrell eine ſo verrätheriſche Rolle gegen ihn geſpielt und ihn ganz in ſein Netz gezogen hatte. „Und Sir Willmott Burrell iſt es, der mir ei⸗ nen Freibrief und ein Regierungs⸗Schiff verſchaf⸗ fen ſoll? Meine Sache Sir Willmott Burrell anzuvertrauen?“ grollte Dalton, der dem erſchöpf⸗ ten Baronet gegenüberſaß. Der Bucanier ballte die Hände, zog die Augenbraunen zuſammen, und widerholte entrüſtet:„Meine Sache Sir Will⸗ mott Burrell anzuvertrauen? Und ſo, Sir Robert Cecil, habt Ihr Eure Seele für ein ſchlechtes, und noch dazu vergiftetes Gericht dem Teufel verkauft! Ihr habt,“ ſagte er,„nicht ſo viel Ein⸗ fluß, um die unbedeutendſte Gunſt für Euch ſelbſt zu verlangen. Aber ich ſage Euch von Neuem: nehmt Euch in Acht, denn bei dem Gott im Himmel, ich will, was ich verlange, oder Rache haben.“ „Die Rache iſt ſchon gekommen,“ ſtöhnte der Unglückliche.„Iſt es nicht genug, daß mein Kind, das hochherzige, edle Weſen, meine Schuld kennt? — 81— Heute und geſtern wollte ſie mich nicht einmal ſehen. Ich weiß, ich bin ein Ausſätziger in ihren Augen.“ „Eure Tochter! Eure Tochter kennt Euer Ver⸗ brechen! Wie geſchah dies? Wer hat es ihr ge⸗ ſagt, wer konnte es ihr ſagen? Doch ſtill!“ fuhr er mit ſeiner rauhen, aber natürlichen Energie fort, während ſein beſſeres Gefühl wieder die Oberhand gewann, als er bedachte, was der Ba⸗ ronet unter ſolchen Verhältniſſen gelitten haben mußte,„Ihr braucht es mir nicht zu ſagen, es gibt nur Einen Mann auf Erden, der ſo handeln konnte, und dieſer Mann iſt Sir Will⸗ mott Burrell. Der Schurke errieth halb und be⸗ thörte Euch, ihm ganz zu beichten. Ich durchſchaue Alles. Und ſeyd Ihr ein ſo niedriggeſinnter Feig⸗ ling,“ fuhr er fort, einen Blick unſäglicher Verach⸗ tung auf Sir Robert werfend,„ſeyd Ihr feige ge⸗ nug, Eure Tochter Euch ſelbſt aufzuopfern. O! ich ſehe es klar: das Geheimniß, welches Burrell Euch entdeckt hat, iſt der Stachel, welcher ſie zum Altar treibt, und Ihr— Ihr leidet das, und verkauft ſie und ihr Güter, um ſeine Zunge im Zaume zu halten! Menſch! Iſt denn kein Ge⸗ fühl mehr in Eurer Bruſt? Habt Ihr noch ein Herz? Ich, ein rauher, unerzogener Wilder, deſ⸗ ſen Hände mit Blut beſudelt ſind, der, wie ein II. 1 6 — 32— Wirbelwind Verheerung um ſich her verbreitet hat, über deſſen Schiffsdecke der Wimpel jeden Landes geweht hat, auf dem Vernichtung ein Zeitvertreib war, ich, ich würde mich ſelbſt lie⸗ ber als einen Räuber und Bucanier brandmar⸗ ken, die Worte mit feurigen Lettern mir auf die Stirne brennen und mich begaffen laſſen von dem gemeinen Pöbel, auf jedem Markte in Eng⸗ land, ehe ich duldete, daß mein armes Kind nur den geringſten Theil ſeiner ſelbſt mir opferte.“ Dalton hielt ein, um Athem zu ſchöpfen, Sir Robert Cecil verbarg ſein Geſicht vor dem Blitzen ſeines zornglühenden Auges.„Dalton,“ ſagte er endlich,„ich habe ſo lange einen unbe⸗ fleckten Namen getragen, bin ſo lange geehrt, bei Hofe geachtet, vom Volke geprieſen wor⸗ den— ich kann nicht anders. Und dann bin ich auch überzeugt, Sir Willmott liebt ſie, ſein ganzes Benehmen beweiſt...“ „Daß er iſt, was ich geſagt habe, und noch 4 ſage, ein durchtriebener Schurke. Aber was küm⸗ mert das mich,“ plötzlich ſeine Heftigkeit aufge⸗ bend,„was geht das Alles mich an? Die Rache, die ich an Euch beiden nehmen werde, iſt ſicher, wenn mein Wunſch nicht erfüllt wird, und er muß erfüllt werden, um meines Kindes willen. Ich will Sir Willmott aufſuchen und es ihm — 83— unumwunden erklären. Sir Robert Cecil, lebt wohl: Ihr ſeyd ein höfiſcher, adlicher Vater! Schade, daß ſolche Menſchen Kinder haben.“ Er ſchlug ſeinen Mantel um ſich und verließ das Zimmer, ohne weiter ein Wort hinzu zu fügen. Seine Unterredung mit Burrell hatte kein anderes Reſultat, außer daß beide ſich nicht wenig gegen einander erhitzten. Dürfte ich mich nur, dachte der Bucanier, zu Whitehall blicken laſſen, wie ſchnell ſollte meine Rache ſie treffen! Ja ich könnte, um ihnen nur zu ſchaffen, was ihnen gebührt, mein eigenes Leben wagen, hielt mich nicht der Gedanke an meine Tochter zurück. Aber habe ich erſt einmal meinen Freibrief— dann mögen ſie ſich vorſehen. Als er in einen der Gänge einbog, welcher nach der hintern Ausgangsthüre führte, begegnete ihm Barbara. Sie erkannte ihn nicht gleich, denn er brauchte faſt immer eine andere Verkleidung, erwiederte daher mit Kälte ſeinen Gruß und trat in ein Zimmer, um einem Geſpräche auszuwei⸗ chen; er folgte ihr aber und ſchloß die Thüre ab. Barbara, die ſtets unendlich furchtſam war, zitterte an Händen und Füßen und ſank todten⸗ blaß auf den nächſten Stuhl. 1 „Barbara,“ ſagte er faſt ärgerlich, obgleich ihr Gefühl doch ſo natürlich war,„Ihr feyd — 84— erſchrocken— Ihr fürchtet Euch vor mir, Kind.“ „Robin ſagte mir, ich ſollte nicht erſchrocken ſeyn,“ ſtammelte ſie endlich und zeigte auf einen Stuhl, der in der entfernteſten Ecke des kleinen Gemaches ſtand;„ſetzt Euch, Sir.“ „Ich ſehe, Barbara,“ ſagte er ſchmerzlich, „Ihr wollt mich ſo weit fort von Euch, als möglich haben.“ „Jetzt nicht mehr,“ erwiederte ſie und ging näher, bis ſie ihm ganz nahe ſtand, offenbar durch den ſanfteren Ausdruck ſeiner Züge beru⸗ higt;„ich bin in der That nicht mehr erſchrok⸗ ken, Sir. Das Erſte, warum ich Euch nicht leiden konnte, war, weil Ihr mir Geld angebo⸗ ten habt; und das Zweite,— aber ich bitte Euch um Verzeihung, ich bin zu freimüthig“— Dalton, dem jedes Zeichen von Vertrauen wohl⸗ that, munterte ſie auf, fortzufahren.„Nun, das Zweite war Euer Name. Ich hatte von einem verwegenen Manne, Namens Hugh Dalton, ge⸗ hört, einem grauſamen, verzweifelten Manne, einem...“ 4. „Sprecht es aus, Barbara, Ihr könnt mich nicht bös machen.“ „Einem blutdürſtigen Manne,“ fügte ſie ſchau⸗ dernd hinzu.„Aber ich bin überzeugt, es iſt — 85— wahr, was Miſtriß Cecil ſagte, daß wir nicht alles glauben müßten, was wir hörten. Und ich glaube alles, was ſie und was Robin Hays ſagen, und er ſpricht ſo liebevoll von Euch. Und dann iſt noch eins, warum ich ſo gut von Euch denke— weil Ihr meinen Vater kennt. O!l ich bin überzeugt, Ihr kennt ihn,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihre Hand auf ſeinen Arm legte und ihn anſah, während er ſich abwendete, um ſeine Bewegung zu verbergen.„Robin hat es mir ge⸗ ſagt und Miſtriß Konſtanze es nicht widerſtrit⸗ ten, und nun Ihr hier ſeyd und ſo freundlich und gütig blickt, müßt Ihr mir es auch ſagen. O ſagt es, theurer, lieber Herr. Kanntet Ihr meinen Vater? Meinen geliebten, meinen armen Vater?“ Alle Entſchlüſſe Dalton's ſchwanden dahin vor dem Klange dieſer ſanften, ſüßen Stimme. Thrä⸗ nen, die einzigen Freudenthränen, welche ſeit Jahren die Wangen des Bucaniers benetzt hat⸗ ten, entſtrömten ſeinen Augen; er konnte nicht ſprechen; er fühlte ſich ſchwach, wie ein Kind; ſeine Glieder bebten; er wäre umgeſunken, hätte das ſchwache Mädchen ihn nicht gehalten. In einem Augenblicke durchſchaute ſie die Wahrheit. „Ihr,“ rief ſie,„Ihr ſeyd mein Vater!“ „Und ſchauderſt Du nicht zurück?“ ſagte er —————— —yÿÿy õ——— V b b V V V V — 86— ſanft.„Wendeſt Du Dich nicht ab von mir? Wie Du Deiner Mutter gleichſt, wenn Deine Augen Liebe und nicht Furcht blicken!“ „Und liebte Euch meine Mutter?“ fragte ſie. „Ob ſie mich liebte!“ „O!“ rief Barbara und lehnte ihren Kopf an ſeine Bruſt, dort Friede und eine Heimath ſu⸗ chend,„oh! wenn meine Mutter Euch geliebt hat, könnt Ihr nicht bös ſeyn und ich bin glücklich.“ Der ſchönſte Zug in Barbaras Karakter war ihr Vertrauen, Sie hatte keinen Begriff von Schuid; ſie wußte wohl, daß es Verdrechen auf Erden gebe, aber ſie konnte dergleichen nie mit Perſonen verſchmelzen. Ihr ganzes Weſen war nur Gefühl und Liebe, und ſo war ſie vollkom⸗ men überzeugt, daß ihr Vater kein ſchlechter Mann ſeyn könne. „Ich will meiner Lady ſagen, wie meine Mut⸗ ter Euch geliebt hat, dann wird ſie einſehen, daß Ihr nicht der wüſte Mann ſeyn könnt, für den wir Euch hielten.“ „Sage Ihr nichts über mich, Liebe. In Kur⸗ zem werde ich im Stande ſeyn, Dich in ein ei⸗ genes Haus zu führen; nur merke Dir das Eine, daß Du nie in das Haus des Sir Will⸗ mott Burrell gehen darfſt.“ „Ach! ich habe gehört, daß er ſehr verderbt iſt. Freilich iſt es unrecht, Böſes von irgend jemanden zu denken, aber doch weiß ich, daß er ſo ſchlecht iſt, wie es irgend je einer war.“ „Laß uns von nichts Böſem, Barbara, in den wenigen Augenblicken ſprechen, die ich jetzt bei Dir bleiben kann. Vergiß nicht, daß Du Deiner Lady nichts von mir ſagen ſollſt.“ „Wie kann ich das? Sie hat mir immer ge⸗ ſagt, ich ſoll ihr nichts verſchweigen, und ich habe immer gehorcht. Ach! lieber Vater, Ihr wißt nicht, wie gut ſie mit mir iſt, und wie ſie weint, die arme Lady. Seit dieſe Heirath be⸗ ſtimmt wurde, hat ſie noch keine trockene Augen bekommen.“ Der Bucanier fühlte, was jeder Vater füh— len muß, der ſein Kind in Unſchuld erhalten will, doch ſelbſt einen laſterhaften Weg geht. Der Bucanier ſah ein, daß er Barbara in keinem Plaue, zu welchem Verſchlagenheit nöthig war, brauchen könne, und ſagte Ihr daher nur noch, ehe er ſich entfernte, wenn ſie wolle, könne ſie mit Miſtriß Cecil darüber ſprechen, nur möge ſie jedem andern im Hauſe verſchweigen, daß er hier geweſen ſey. Dies verſprach Barbara und ließ, nachdem er verſichert hatte, er werde bald zurückkehren und ſie in Stand ſetzen, ihrer Lady zu beweiſen, daß er kein ſo fürchterlicher, ſon⸗ — 88— dern ein ſehr friedlicher Mann ſey(der Buea⸗ nier lächelte bei dieſen Worten), ihn endlich zie⸗ hen und begab ſich in ihr eigenes kleines Zim⸗ mer, um ihre Gedanken zu ordnen und Gott zu danken, daß er ihr ihren Vater wieder gegeben und für deſſen Wohl zu ihm zu beten. — 89— Sechstes Kapitel. Der Bucanier erkundigte ſich vergebens nach dem vermeintlichen Stummen; er ſchien plötzlich und ſpurlos verſchwunden zu ſeyn. Nachdem er noch ein Paar zuverläſſige Boten mit beſondern Aufträgen verſandt hatte, verbarg er ſich in dem geheimen Verſteck der Klippe, bis es dunkel genug war, ſich nach dem Glühwurme zu bege⸗ ben, ohne die Aufmerkſamkeit von Leuten zu er⸗ regen, welche vielleicht die Bewegungen ſeines Schiffes beobachten möchten, das er, wie bereits erwähnt, der Obhut Jeromios mit dem beſtimm⸗ ten Befehle anvertraut hatte, ſich auf der Höhe von Shellneß⸗Spitze und Leysdown⸗Strand zu halten, und immer bereit zu ſeyn, auf ein be⸗ ſonderes Zeichen ſich der Möwenneſtklippe zu nähern, und ihr gegenüber Anker zu werfen. Dreimal hatte Dalton ſein Signal auf der Spitze des zerſtörten Thurmes angezündet, und dreimal es ausgelöſcht; endlich wurde es, doch nicht nach ſeiner Anweiſung, welche Licht für Licht vorge⸗ ſchrieben hatte, beantwortet; der Bucanier ſchien indeß zufrieden, ſtieg auf den geheimen Stufen zum Ufer hinunter, und ſtieß, nachdem er ver⸗ gebens nach Springall gerufen, den er am Mor⸗ gen in dem Möwenneſte gelaſſen hatte, ſein klei⸗ nes Boot ab. Die Bewegungen der Ruder ſtörten ihn nicht in ſeinen Gedanken, welche nach ſeiner Tochter und Walther, den er nächſt ihr am meiſten lieb⸗ te, ſo wie zu den Ereigniſſen hinſchweiften, welche das letzte Jahr ſich ſo manigfaltig durch ſein Leben gezogen hatten. So ſtark auch Hugh Dal⸗ ton's Liebe zu ſeinem Kinde war, hätte er doch ſchwerlich Gewalt genug über ſich gehabt, ſo auf einmal ſein irrendes, ruheloſes Treiben auf⸗ zugeben, und einen Dienſt unter der Flagge des Gemeinwohls zu ſuchen, ehe er die See ganz aufgeben würde, hätten ihn nicht ſeine abneh⸗ menden Kräfte überzeugt, daß man mit drei und fünfzig Jahren nicht mehr der Mann von dreißigen iſt. Er war weiſer und beſſer geworden, als damals, wo er in ſeiner Leidenſchaftlichkeit al⸗ les niederrannte, was ſich ihm in den Weg ſtellte. Eine lange, gefährliche Krankheit auf der Höhe — 9— der Karaiben hatte ihn in einem Monat mehr ge⸗ läutert, als jedes andere Ereigniß es in Jahren hätte thun können. Fern von Geräuſch und Auf⸗ regung, hatte er Zeit zum Nachdenken, und als er ſich von ſeinem Schmerzenslager erhob, fühlte er, daß er nicht mehr der feſte und kräftige Mann war, wie ſonſt. Auch die Eindrücke einer frühern Zeit erwachten wieder; er ſehnte ſich nach England, nach ſeiner Barbara; aber wenn er ihrer Mutter gedachte, konnte er den Gedanken nicht ertragen, daß ſein Kind ihn ſo kennen ſoll⸗ te, wie er wirklich war. Da er aber Beſchäfti⸗ gung für nothwendig hielt, ſo fand er bald den einzigen Weg aus, auf welchem er ehrenvoll Ar⸗ beit finden könne. England war lange Jahre hindurch in einem unruhigen Zuſtande geweſen, und Dalton hatte ſich durch Energie, Liſt und Tapferkeit wohl bekannt gemacht; er hatte ſich als Schmuggler nützlich gezeigt, und den Kava⸗ lieren manche Sache von reichem Werthe zuge⸗ führt, aber auch, wie wir geſehen haben, noch mit andern verbotenen Artikeln gehandelt. Sir Robert Cecil war nicht immer im Beſitz von Cecilhaus geweſen, und däs Geheimniß, wie er ein ſo gro⸗ ßes Gut erhalten, in der Gewalt Hugh Dalton's. Cromwell ſeiner Seits hatte nicht immer mit ſo großer Strenge über Privathandlungen gewacht, — 92— wie er es in den letzten Jahren ſeines Protek⸗ torats that. Perſonen, die dem Gemeinwohl ſich hinderlich zeigten, waren zwar häufig verſchwun⸗ den, aber obgleich Olivers Spionierſyſtem nie übertroffen worden, ſo lag es doch in ſeiner Politik, ſich ſelten um ſolche Dinge zu beküm⸗ mern. Dalton und andere Männer ſeines Schla⸗ ges waren nicht mehr nöthig, die Auswüchſe des Königthums von der Küſte Englands fortzufüh⸗ ren. Zeit, Schwert und Tod hatten ihre Anzahl bedeutend verringert. Da aber die neueſten Er⸗ eigniſſe bewieſen hatten, daß wieder Royaliſten herübergekommen, Meuchelmörder gedungen und auf Konterbandſchiffen eine Zuflucht gefunden hatten, ſo beſchloß der Protektor, die Piraten und Schmuggler von der Küſte zu vertreiben, wie der tapfere Blake ſie auf der offenen See vernichtet hatte.. Niemand war beſſer mit dem Karakter, den Thaten, den Verbrechen Dalton's bekannt, als der allwiſſende Cromwell; und ein Mann, wie der Protektor, konnte die Tapferkeit des Befehls⸗ habers des Glühwurms nur bewundern, wenn auch nicht gutheißen. Dalton wußte dies, und ſtützte ſich eben darauf, als er um ein Regierungs⸗ ſchiff nachſuchte. Er fühlte, daß Cromwell ihm nie verzeihen würde, wenn er ſich nicht nützlich — 93— verwenden ließe; ein Paar Fahrten im Dienſte des Staates und dann Ruhe und Barbara, das waren ſeine Träume, als er, auf die Ruder gelehnt, ſeine ſchöne Brigantine betrachtete, wie ſie, noch in weiter Entfernung, über den wei⸗ ten, unergründlichen Ocean dahin zog. Es war ein ſchöner, ruhiger Abend, die See glatt, kein Schiff im Angeſicht, außer dem Glühwurm.„Es iſt ein Zanber in ihm,“ ſagte Dalton für ſich, „ſein Anblick regt mich wieder auf. Teufel! wie herrlich er gebaut iſt! Was iſt die Schönheit des Weibes dagegen? Nein, ich mag nicht mehr danach ſehen, nicht daran denken.“ Er nahm wieder die Ruder zur Hand und ar⸗ beitete eifrig auf das Schiff zu, als ſein Auge etwas Schwarzes, Rundes auf dem Waſſer er⸗ blickte. Er hielt ſtill und bemerkte, daß es auf ihn zutrieb. Er wollte es anrufen, aber— kein Seemann iſt ganz frei von dieſer oder je⸗ ner abergläubiſchen Furcht— er ſchwieg und ſah nur immer ſtarr darauf hin. Endlich kam es näher, ganz nahe und ſprang in das Boot. „Guter Gott! Was gibt's Springall? Seyd Ihr toll! Iſt dort was vorgefallen?“ rief Dal⸗ ton einigermaßen beſtürzt. „Wartet!“ antwortete der Knabe erſchöpft, nich kann noch nicht zu Athem kommen.“— Der — 94— Kapitain wollte wieder nach dem Schiffe zu ru⸗ dern, aber der Knabe legte ſeine Hand auf die des Bucaniers und rief:„Halt!“ Dalton ließ den Arm wieder ſinken, worauf Springall dem Kapitain, zu deſſen nicht geringer Verwunderung, berichtete, daß er, nachdem er vergebens nach dem fremden Burſchen umherge⸗ ſpürt habe, nach dem Schiffe gegangen ſey und Jeromio erzählt habe, wie der Kapitain ausfin⸗ dig gemacht habe, daß der Fremde kein Knabe, ſondern ein verkleidetes Mädchen ſey, daß er da⸗ her wünſche, Jeromio ſage ihm, wer ſie eigent⸗ lich wäre, da er ſie ja am Bord verborgen und wohl gewußt hätte, daß ſie weder taub noch ſtumm ſey. Jeromio habe ihm darauf geantwor⸗ tet, da der Kapitain es ein Mal herausgekriegt, ſo brauche er nicht mehr hinter dem Berge zu lal⸗ ten, daß, als das Schiff vor St. Vallery lag, das Mädchen, das er für eine Jüdin halte, ihm eine große Summe Geldes verſprochen habe, wenn er ſie wenigſtens ſo lange am Bord, bis das Schiff unter Segel gegangen ſey, verbergen und jedenfalls, wenn ſie entdeckt werde, ſie nicht verrathen wolle. Sie habe ſich ausbedungen, daß ſie an der Kenter Küſte ans Land geſetzt werden müſſe und Jeromio fügte hinzu, er ſey überzeugt, ſie ſtrebe jemanden nach dem Leben, und man könne leicht errathen, wem; ſie habe ihn bewo⸗ gen, ihr den Gebrauch des Feuergewehrs zu zei⸗ gen und trüge überdies ſtets einen Dolch; da ſie ſchlecht Engliſch ſchriebe, habe ſie ihm Geld gege⸗ ben, damit er ihr einen Brief an Miſtriß Cecil ſchreibe, in welchem ſie ſagt, daß ſie vor Gott das Weib Sir Willmott Burrell's ſey und daher, wenn Miſtriß Cecil ihn dennoch heirathe, Rache nehmen werde. Jeromio habe jedoch dieſen Brief zurückgehalten, weil er fürchtete, ſeine Hand⸗ ſchrift könnte es verrathen, daß er ſie nach Eng⸗ land gebracht habe.„Aber das Schlimmſte,“ fügte Springall hinzu,„kömmt noch. Jeromio— p wie Recht hatte ich, Kapitain— hatte kaum ſeinen Bericht zu Ende gebracht, als ein Boot anlegte, und an Bord kam, nicht Ihr, wie wir anfangs glaubten, ſondern Sir Willmott Burrell. Nun, Jeromio ſtellte ſich zwar, wie Ihr Euch denken könnt, recht ſchön erſchrocken, und ſagte, er kom⸗ me, um ſich nach der Jüdin zu erkundigen, aber der Ritter führte den Italiener in Eure Kajute und— ich leugne nicht, daß es mir ſehr darum zu thun war, den Gegenſtand ihres Geſpräches zu erfahren...“. Der ärgſte Schelm geſteht nicht gern ein, daß er gehorcht hat, wie man ſich lieber ein Ver⸗ brechen, als Feigheit vorwerfen läßt. Springall ſtotterte, und ſchwieg, bis er den Befehl er⸗ hielt, fortzufahren. „Es war ein ſchöner Tag, ich dachte, ein Bad würde mir nicht ſchlecht bekommen, und ſo ließ ich mich an einem Seile dicht neben dem Kajütten⸗ fenſter herunter. Das Fenſter war offen, und da ich ſo halb in, halb außer dem Waſſer hing, konnte ich, bei der ruhigen See, jedes Wort vernehmen. Von der Jüdin war nicht die Rede; der eine Schurke ließ ſich nun von dem andern Schurken den Vorſchlag machen, er ſolle Euch, und das heut Nacht, auf Euerm eigenen Schiff feſt⸗ nehmen und ermorden, Es iſt wahr, bei mei⸗ nem Leben, es iſt ſo! Jeromio ſagte, es wäre beſſer, man lieferte Euch als einen Räuber der Regierung aus; aber Sir Willmott erwiederte, dieſer Weg möchte Jeromios, aber nicht ſei⸗ nen Zwecken entſprechen. Darauf verſprach er ihm freien Pardon und verlockte ihn ſo lange mit den Reichthümern der Möwenklippe und an⸗ dern Dingen, bis beide zuletzt einverſtanden waren. Aus Furcht, entdeckt zu werden„ ließ ich mich wieder herauf, aber zum Unglück riß das Seil und ich platſchte in das Waſſer. Je⸗ romio ſah hinaus und fluchte; ich kümmerte mich aber nicht darum, ſondern kletterte hin— auf, natürlich feſt entſchloſſen, ein wachſames Auge zu haben; aber der vermaledeite Satan, dieſer Sir Willmott, machte einen Strich durch und behauptete, daß ich gehorcht haben müßte, worauf ſie mich einſperrten und ich nur mit vieler Mühe mich fortſtehlen konnte. „Der Bube!“ rief der Bucanier.„Aber das Unternehmen iſt nicht möglich, es ſind nicht mehr als zehn oder zwölf von der Mannſchaft am Lande, und meine tapfern Burſchen werden nie ihren Kapitain ermorden laſſen.“ 3 „Oh, er hat, ich weiß nicht, unter welchem Vorwand, den Nachmittag das große Boot mit den Treueſten fortgeſchickt. Ich hörte die Leute ſagen, daß Bill, Jack, Collins und die Glüh⸗ wurmräuber, wie wir ſie nennen, die Bur⸗ ſchen, die mit Euch nach den fremden Ländern aus waren, auf Euren Befehl an's Land ge⸗ gangen ſeyen, und ich weiß, daß ein Stücker fünf oder ſechs Martinicos und Sagrinios und noch ſolche verteufelte O's es in Allem mit Je⸗ romio halten. Auf ſie läßt ſich nicht trauen, denn ſie haben eine natürliche Abneigung gegen uns Engländer. Darum laßt uns zurück, Sir!“ „Zurück!“ rief Dalton, dem armen Springall einen zornigen Blick zuwerfend,„der Mann iſt noch nicht geboren, der mich zurück jagte. Das Schiff iſt mein, und die See, die weite See, II. 2 iſt mein, ſo lange ich Kraft habe, ſie mit einem Ruder zu durchſchneiden, oder Augen, auf einen Kompaß zu blicken. Genug! genug! Ihr wißt nicht, was Ihr ſprecht, wenn Ihr Hugh Dal⸗ ton zurückgehen heißt.“ „Sie werden uns beide umbringen!“ ſagte Springall mit einem ſchmerzlichen Tone, der faſt wie ein Vorwurf klang. „Mein armer Junge!“ antwortete Dalton, ihm in das Geſicht blickend und das Ruder er⸗ hebend,„mein wackerer Junge! Es wäre in der That ein ſchlechter Lohn für Eure Treue, wollte ich Euch in die Tigershöhle führen; ich fürchte nichts, doch will ich Euch an das Ufer bringen und dann allein zurückkehren.“ „Nimmermehr!“ rief der Knabe.„Wenn ich zittere, zittere ich auf der ganzen weiten Welt nur für Euch. Euch zu dienen, würde ich Alles wagen. Nein, nein, Herr, ich mag in Manchem nur ein armer ſchwacher Knabe ſeyn, aber da⸗ rin bin ich ein Mann. Ich werde Euch nie ver⸗ laſſen, wo ich die Macht habe, Euch zu dienen.“ „Und Ihr ſollt es nicht zu bereuen haben,“* bemerkte der Bucanier, in dem, bei dem Ge⸗ danken an Gefahren, die ihm immer der Weg zum Ruhme geſchienen hatten, der alte Geiſt wieder erwachte,„Ihr ſollt es nicht bereuen! — 99— Was hab' ich auch zu fürchten? Ich weiß, daß den Augenblick, wo ich mich zeige, ſie wie Ein Mann zu ihrer Pflicht zurückkehren werden. Wo nicht!... Als ſie ſich den Schiffe näherten, ſahen ge, daß nicht mehr als fünf oder ſechs ihrer Kameraden, wie Schatten, auf dem Verdeck hin und her glitten. Jeromio ſelbſt wartete ihrer, ſie zu empfangen. Dalton, der eben ſo vorſichtig, als tapfer war, hatte Springall ſeinen Mantel übergeworfen, damit er nicht gleich erkannt werde, und ihm ein Seitengewehr und ein Piſtol gegeben. Ob die Erſcheinung von Zweien Jeromio, der nur einen erwartete, erſchreckte, oder ob die Furcht, welche der Kapitain ihm gewöhnlich einflößte, ihn auch jetzt überwältigte, wiſſen wir nicht, genug, als der Bucanier die Leiter hinanſtieg, bemerkte er, während er ſeinen durchdringenden Blick nicht von dem elenden Italiener abwendete, daß die⸗ ſer zwei Mal ein Piſtol anzuſchlagen verſuchte, aber es immer wieder ſinken ließ, während ſeine noch feigeren Genoſſen ſich hinter ihm hielten. Hätte er Muth genug gehabt, auf Dalton zu feuern, währender noch hinaufkletterte, ſo war ſein Leben verloren; aber als dieſer ein Mal auf dem Decke ſeines Schiffes ſtand, war er in der That ein Seekönig. Einen Augenblick lland er ſtolz vor — 100— Jeromio, hielt ihm ſein Piſtol vor den Kopf, und ſagte zu dem Zitternden, eben ſo ruhig, als pb er mitten unter Freunden wäre: Einen Au⸗ genblick zum Gebete, dann ſtirb den Tod des Verräthers!— Alles war ſo ſtill auf dem Decke, daß man den Schlag jedes Herzens hätte hören können; Jeromio ließ ſein Piſtol fallen, verzweif⸗ lungsvoll rang er die Hände, ſtürzte auf die Knie, und ſtammelte ein kurzes Gebet, denn wohl wußte er, daß Dalton kein Urtheil zurücknehme und daß alles entdeckt ſey. Einen Augenblick darauf fuhr ein Feuerſtrom über das Schiff und die Kugel durch einen Kopf, der immer bereit war, Komplotte zu ſchmieden, nie aber im Stan⸗ de, ſie auszuführen. Dalton ſteckte mit unverän⸗ dertem Gleichmuthe das Piſtol ein, zog ein an⸗ deres aus dem Gürtel und ſetzte den Fuß auf die vor ihm ausgeſtreckte Leiche. Springall war noch immer ihm zur Seite, entſchloſſen, mit ſei⸗ nem Führer zu leben oder zu ſterben. „Kommt heran! Kommt heran!“ rief Dalton, indem er die bebende Bande der Meuterer über⸗ blickte, wie der Löwe in der Wüſte ſeinen Blick auf eine Schaar Hunde wirft, die ihn umſtellt haben.„Kommt heran!“ wiederholte er, und ſeine Stimme ſchallte, wie Todesruf, über das Waſ⸗ ſer, ſo laut, als ob der Muth Tauſender aus — 101— ihr klänge.„Kommt heran! Fürchtet Ihr mich? Wir ſind nur unſerer zwei. Oder ſeyd Ihr noch Männer und denkt noch an die Zeit, wo ich Euch zum Siege führte, und ſo manche reiche Beute unter Euch vertheilte? Ihr ſeyd Freunde, Lands⸗ eute dieſes Elenden, der geweſen iſt; aber wenn Ihr wollt, ſollt Ihr richten zwiſchen uns. Ver⸗ diente ich dieſen Verrath von ſeiner Hand? Kann einer von Euch mich der Ungerechtigkeit zeihen?“ Ein lautes, mehrmals wiederholtes: Nein! war die Antwort und die Meuterer ſtürzten vor, nicht ihren Kapitain anzugreifen, ſondern ihre Waffen zu ſeinen Füßen niederzulegen. „Nehmt Eure Waffen wieder auf,“ ſagte Dal⸗ ton, der mit ſeinem ſcharfen Blicke geſehen, daß ſie ſie wirklich alle übergeben hatten,„nehmt ſie wieder auf; Ihr wart nur irre geleitet, Ihr ſeyd zu brav, um wirklich Verräther ſeyn zu können.“ Das wirkte wie Ol auf die ſtürmende See; das Volk glaubte wirklich, daß es nur nach Recht und Gewiſſen handle, während es doch nur der Furcht nachgab, und ſchrie ein lautes Lebe⸗ hoch dem Glühwurm und dem tapfern Bucanier durch die ſchweigende Nacht. Mehre von der Mannſchaft, die Jeromio, der nicht alle an das Land ſchicken konnte, unten im Raume einge⸗ ſperrt hatte, wurden ſofort befreit und jubelten und lärmten über ein Ereigniß, welches ſie ſcherz⸗ haft die Reſtauration nannten. Springall hatte Befehl, ohne Unterſchied unter Alle Rum in überfluß zu vertheilen, während ſich Dalton ge⸗ laſſen in die Kajute begab und dort einige De⸗ peſchen niederſchrieb, welche er noch in der Nacht befördern ließ. Als er auf das Deck zurückkehrte, hatten ſich die fröhlichen Trinker zurückgezogen, und die Wache war ausgeſtellt. Die Mitternacht war kühl; die Leiche Jeromio's lag noch, wo er ge⸗ fallen war, da niemand ſie anrühren mochte, ehe man nicht wußte, was der Kapitain über ſie be⸗ ſtimmen würde. Dalton warf nur einen kurzen Blick auf ſie und ließ dann den Fleiſcher des Schiffes, Mudy, einen Schwarzen, zu ſich kom⸗ men.„Mudy,“ ſagte er,„hau mir des Schur⸗ ken Kopf ab, aber ſchnell.“— Der Menſch that mit thieriſcher Gleichgültigkeit, was ihm gehei⸗ ßen war.—„ZJetzt roll' den Körper in ein Se⸗ gel, beſchwere es und wirf es über Bord. Den Kopf aber wickele in ein reines Tuch, ich will Sir Willmott Burrell ein Geſchenk damit ma⸗ chen; er mag, wenn er will, es für eine Hoch⸗ zeitsgabe nehmen. Ich will,“ fuhr er fort, ſeine Hand freundlich auf die Schulter Springall's legend, der bei dem empörenden Anblick ſchau⸗ 8 — 103— derte,„Euch nicht mit dieſem Auftrage ſchicken. Geht nach Eurer Hängematte, Ihr ſollt nicht viele Nächte mehr dort ſchlafen. Ihr ſeyd zu gut für ein Leben, wie dieſes.“ Er befahl darauf zweien ſeiner Leute, nach dem Lande zu rudern und das Paket an der Thüre von Cecilhaus abzugeben; er übergab ihnen dar⸗ auf noch andere Briefe mit Befehlen für die treuen Leute, welche noch auf dem Strande wa⸗ ren, und ſchritt ſodann, während ſein Schiff nach einer andern Gegend dieſer Küſte ſegelte, bis gegen Morgen auf dem Decke auf und ab. — 104— Siebentes Kapitel. Es iſt ein eigenes Schauſpiel, wenn man ſieht, wie Perſonen, die ſich eng einander angehören, zu derſelben Zeit und im Raum nur wenig ge⸗ treunt, doch ſo ganz verſchiedenartig beſchäftigt ſind. Das Leben iſt ein Kaleidoscop, wo man nur ſelten einem Bilde zweimal begegnet. Während die Hand des Bucaniers ſich mit Blut befleckte, lag ſeine Tochter im tiefen, ruhigen Schlum⸗ mer, ſann Sir Robert Cecil über die Ereigniſſe des Tages und die hoffnungsloſe Zukunft nach, jubelte Sir Willmott Burrell über das, was er für den Meiſterſtreich ſeines Genies hielt, ſaß Konſtanze, deren Thränenquell verſiegt war, ne⸗ ben Lady Franziska und brachte verſchiedene Pa⸗ piere und andere Sachen in Ordnung. Wie trübe blickte die morgende Braut. Nicht anders, als ob der Tod der Gatte ſey, dem ſie die Hand reichen ſollte. Sie ſprach nicht mehr über ihr be⸗ vorſtehendes Geſchick, ſondern warf nur von Zeit — 105— zu Zeit einige Worte über gleichgültige Gegen⸗ ſtände hin, aber in einem Tone, der die Qual ihres Herzens nur zu deutlich verrieth; jedem Worte folgte ein tiefer Seufzer, und nur ſelten hörte ſie auf die Antwort. Ihre Freundin theilte, was bei ihrem leichten Karakter ſchwer zu erwar⸗ ten war, ihre düſtere Stimmung. „Ich bin überzeugt,“ bemerkte ſie,„ich habe ſchwerern Grund zum Kummer, Konſtanze; mein Vater iſt ſo eigenſinnig wegen des Herrn Rich. Er behandelt ſeine Familie wie die Parlaments⸗ akte, und ſucht aus beiden Nutzen zu ziehen für das Wohl des Vaterlandes.“ Konſtanze lächelte bitter, Lady Franziska konnte nicht den giftigen Pfeil fühlen, der in ihr brannte. „Oh,“ fügte Franziska hinzu,„ich ſehe, Du bewahrſt der Miſtriß Hutchinſon Briefe. Was meine Schweſter Claypole dieſe Frau ſchätzt! Glaubſt Du, daß ſie ihren Gatten wirklich ſo liebt, wie ſie ſagt?“ „Ich bin es überzeugt,“ antwortete Konſtanze, „weil er dieſer Liebe werth iſt. Ich habe kürzlich einen Brief von ihr erhalten; ſie wußte, daß ich mich— daß ich meinen Namen verändern ſollte, und ſchrieb mir freundlich— denn der Tugend⸗ hafte iſt immer freundlich— über dieſen Gegen⸗ ſtand; lies nur.“ — 106— Lady Franziska wollte laut leſen, aber Kon⸗ ſtanze hielt ſie davon ab. „Ich habe es oft durchgeleſen, Theure, ob⸗ gleich ich nicht weiß, warum, denn mein Loos iſt auf ſo ganz andere Art beſtimmt, als ſie denkt. Die Vorſchriften bezwecken eine Beförderung des Glückes, welches ich nie zu erwarten habe. Von mir wird man nie in ſpätern Jahren ſagen: wie liebevoll ſie mit einander leben! Aber lies es, Franziska, lies es: Dir kann es nützlich ſeyn, denn Du wirſt glücklich ſeyn in Deiner Ehe mit einem, den Du lieben kannſt.“ Lady Franziska nahm den Brief mit zittern⸗ der Hand und las, wie folgt: .„Richmond, den 2. Juni 1657. „Der Brief, meine theure, junge Freundin, den ich vor einiger Zeit von Dir erhielt, hat mir trotz ſeines trüben Inhalts doch wahrhaftes Vergnügen gemacht. Es iſt allerdings traurig, daß Deine liebevolle Mutter hinübergegangen iſt, aber Dich hält das Bewußtſeyn aufrecht, daß ſie und ihre Tugenden von Gott kamen und nun zu ihrer eigenen, reinen Urquelle zurückgekehrt ſind, daß Du nur einen Augenblick von ihr ge⸗ ſchieden biſt, um Euch für die Ewigkeit wieder zu vereinigen. Ihre Seele lebte auf Erden ſchon ſo ſehr in Gott, daß ſie jetzt jubeln wird, ihm ganz und feſſellos dienen zu können. Ihre Tugenden ſind aufgezeichnet in dem Buche des Himmels und können nie erlöſchen; durch ſie belehrt ſie noch jetzt uns und alle, die von ihnen hören. Nur ihre Bande ſind abgeſtreift worden, ihre Schwächen, ihre Sorgen ſind geſtorben, um nie wieder aufzuleben. Und können wir das wün⸗ ſchen? Nein, wir können nur über uns ſelbſt trauern, daß wir ſo ſpät in ihre Fußtapfen tre⸗ ten und ihrer Leitung und Hülfe auf dem Wege bedürfen. Und noch, theuerſte Konſtanze, wür⸗ den wir, wenn nicht der Schleier thränenſchwe⸗ rer Sterblichkeit unſere Augen umhüllte, ſelbſt im Himmel ſie das Licht tugendhafter Lehre und Vorſchrift vortragen ſehen, uns durch die Nacht dieſer Welt zu führen, in der wir noch einige Jahre wandeln müſſen. „Aber ich habe kürzlich von Lady Claypole Nachrichten vernommen, mit denen Du, wie mich dünkt, zu ſparſam gegen Deiner Mutter Freund in geweſen biſt. Mädchen mögen nicht von ihrer Liebe mit Matronen plaudern. Die Thörichten! Sie wollen ihren eigenen Weg gehen und ſelbſt für ſich denken! Und wiſſen doch nicht, wie zu gehen, noch was zu denken. Der gewöhnliche Fehler der Jugend iſt— Anmaßung, aber das iſt nicht Dein Fehler, mein gutes Mädchen, Deine — 108— Feder hielt die ſchüchterne Beſcheidenheit zurück. Aber Du ſiehſt, ich hörte doch davon. Mein Gatte iſt zwar kein häufiger Gaſt in Whitehall, macht aber doch zuweilen, aus Pflichtgefühl und Rückſicht für Lady Claypole, dort ſeine Aufwar⸗ tung, denn er iſt kein Verächter unſeres Ge⸗ ſchlechts und hält es für eine Gunſt, mit from⸗ men und weiſen Frauen ſich unterhalten zu dür⸗ fen. Sie erzählte ihm, und keineswegs als ein Geheimniß, daß Du Dich bald mit Sir Will⸗ mott Burrell vermählen würdeſt, und wir glau⸗ ben gerne, wenn wir ihn auch nicht kennen, daß er ein guter und wackerer Gentleman iſt und unſere Achtung verdient, da er von Dir geliebt wird; ich bitte Dich, ihn deſſen zu verſichern und ihn zu bitten, uns unter ſeine Freunde zu zählen. Ich zweifelte nie an Deiner Klugheit und, eine glückliche Verbindung zu treffen, gehört Klugheit dazu. Unter Klugheit verſtehe ich nicht dieſe Sehnſucht nach Reichthum und weltlichem Anſehen, wornach eitle Frauen leider mehr als nach der Verſchönerung ihres Lebens und dem Heile ihrer Seele ſtreben. Ich wünſchte, ein Mädchen erköre ſich nur den zum Gatten, den ſie mit glühender, aber nicht abgöttiſcher Lei⸗ denſchaft lieben kann, der im Stande iſt, ein treuer, zuverläſſiger Freund zu ſeyn, der Kennt⸗ niß und Tugend genug beſitzt, ihrem Herzen zu rathen und ſie in Allem zu leiten. Hat das Weib einen ſolchen gefunden, ſoll es ſuchen, ein treuer Spiegel zu ſeyn, der treu, wenn auch ſchwächer, ſeine Tugenden wiederſtrahlt. Ich bin lange und, Gott ſey Dank, glücklich verheirathet. Wir ſind zum Sprichwort unter unſern Freunden gewor⸗ den, und Mütter, die ihre Töchter am Altare ſegnen, wünſchen ihnen, ſo glücklich zu werden, wie Lady Hutchinſon. Lebte Deine ſelige Mut⸗ ter noch, ſo würde mein Rath nur unpaſſend ſcheinen, aber jetzt bin ich überzeugt, daß Du ihn einer aufrichtigen Freundin nicht übel nehmen wirſt; meine Worte mögen bloß wie Thautropfen ſeyn, aber es iſt ein Geiſt in Dir, der ſie zu Perlen umwandeln kann. Aber Rath muß erſt dem Gebete folgen und ich habe gebetet. Wirſt Du dieſe Hinweiſung bös aufnehmen? Ich weiß, Du wirſt es nicht. Ich bin auch überzeugt, daß Du das Gebet nicht von der Hand weiſen wirſt, welches ich im Begriffe bin, hier niederzuſchrei⸗ ben. Es wurde von meinem theuern Gatten auf⸗ geſetzt, kurz nachdem die übermäßige Güte des Ewigen uns vereinigt hatte; und wir fühlen uns geſtärkt und erhoben, wenn wir es jeden Morgen und Abend wiederholen, ehe die Sor⸗ gen und Laſten des Tages gekommen, oder nach⸗ — 110— dem ſie vorübergegangen ſind. Möge es einen gleichen Einfluß auf Dich haben, meine ſüße Freundin! Möge Dein Schickſal ſeyn, wie das meine! „„ Herr! der Du in Deiner Allmacht treue Her⸗ zen verbindeſt! Verleihe Deinen Dienern einen Zuwachs dieſer beſeligenden Gnade, welche der Seele durch Dei⸗ nen ſchaffenden Geiſt eingegeben iſt, daß, wie die ganze Kreatur Deinem Willen ergeben iſt, auch die menſchliche Liebe der himmliſchen untergeben ſey und alle ihre Gedanken, Hoffnungen und Handlungen zu Deiner Verherrlichung gerichtet ſeyn moͤgen, in dem ihre Quelle iſt und von dem aller Segen kommt. Zwei beten zu Dir, wie einer, vereinigt in ihren Herzen, in ihrem Geſchicke für Zeit und Ewigkeit. So möge es immer ſeyn, o Herr, unſer Schoͤpfer, unſer Fuͤhrer, unſer Beſchuͤtzer und unſer Freund! Wir preiſen Dich und dauken Dir für das Gluͤck, das wir in einander gefun⸗ den haben; fuͤr die weltliche Wohlfahrt, zu welcher Tu⸗ gend, Vertrauen und Glauben an Deine Fuͤrſorge uns verholfen haben; für die gegenſeitige Achtung, Liebe und Innigkeit, welche unſere gebrechlichen Naturen erhalten und leiten;— aber, mehr als Alles, für die gewiſſe und ſichere Ueberzeugung, daß, wenn wir im Tode zur Unſterblichkeit uͤbergehen, wir eins ſeyn werden— un⸗ getheilt, unzertrennlich und ewig.¹“ „Es iſt kurz, Konſtanze, aber lange Gebete verlieren oft an Gefühl, was ſie an Worten ge⸗ — 111— winnen. Ein Gebet ſollte die innige Sprache der Demuth, von Hoffnung durchweht und vom Glauben erhoben ſeyn. Aber Du weißt das ale les ſo gut, als ich; ich brauche und will Dich über nichts belehren, außer über dieſes eine— für ein Gemüth wie das Deine— höchſt elend oder höchſt glücklich machende Verhältniß— die Ehe. Viele junge Perſonen werden durch üblen Rath bethört und gerathen durch Sorgloſigkeit oder Eigenſinn auf den dornigen Pfad der Un⸗ zufriedenheit, welche zum Elende führt. Vor Allem glaube nicht, daß kleine Tyranneien einer Braut geziemen. Der Bräutigam pflegt ihnen nachzugeben, aber ſey überzeugt, daß er, wenn er kein Narr iſt, Dich wegen ſolcher Launen nicht deſto mehr lieben wird; für Narren und deren Le⸗ bensgefährtinnen ſchreibe ich nicht. Ich nehme keinen Theil an einer Frau, die ſchwach oder ſchlecht genug iſt, ſich mit einem Narren zu verbinden. In den Flitterwochen ſtudiere Deines Gatten Karakter, denn der beſte Mann, wie die beſte Frau, trägt— oft unbewußt— während der Bewerbung eine Maske, welche, wenn ſie nicht abgenommen wird, ſich abnutzt; Du mußt Dich daher bemühen, ihn ſo kennen zu lernen, wie er wirklich iſt, und nicht vergeſſen, daß, wenn Liebhaber auch Engel ſeyn mögen, der Ehemann — 112— doch nur ein Sterblicher iſt. Wenn wir auf die Unvollkommenheiten unſerer eigenen Natur blik⸗ ken, ſind wir eher geneigt, auch andern ihre Fehler nachzuſehen. „Was mich betrifft, ſo habe ich mich immer gewundert, wie ein Mann, gleich dem Oberſten Hutchinſon, ſo freundlich meine Schwächen er⸗ tragen und auf eine Art beſſern konnte, daß mir ſein Tadel ſtets ſüßer klang, als das Lob der ganzen übrigen Welt. Er hat meine Fehler ſtets milde behandelt und ſie nicht ſeine Achtung und Liebe für mich ſchwächen laſſen, während es mein ernſtlichſtes Streben war, alle dieſe Flecken auszumerzen, welche mich in meinen Au⸗ gen der Achtung unwerth machten, die er mir ſtets bezeigte. „Eins aber, das ich einem Gemüth, wie das Deine, kaum zu bemerken brauche, iſt vor Allem wohl zu beachten, das nämlich, daß ein Mädchen nur ihre eigene Ehre, eine Frau aber auch die ihres Gatten zu verwahren hat. Schön iſt daher der Spruch des alten Römers:„„Auf das Weib Cäſars darf kein Verdacht fallen.““ Verdacht iſt oft, wie die Peſtbeule, der Verräther eines übels, welches ausbrechen oder auch durch Sorgfalt und Umſtände unterdrückt werden kann, aber immer ſchadet. Zurückhaltung iſt der paſſende Schmuck 9 — 413— eines verheiratheten Weibes— jene zarte Zurück⸗ haltung, welche aus heiliger Liebe entſpringt, ein Etwas, welches nur ein reines Herz lehren und ein unlauteres Gemüth ſich nimmer aneignen kann. Lege Dich auf die Talente, welche Dein Gatte liebt, mit unausgeſetztem Fleiße; vielleicht freut es ihn, die Schönheiten ſeiner Beſitzungen durch Deinen Pinſel abkonterfeit oder das Grün eines Lieblings⸗ baumes durch Deine Farben in ewigem Frühling erhalten zu ſehen; vielleicht freut es ihn auch, Dir zu lauſchen, wie Du der Laute ſanfte Töne entlockſt; aber was es auch ſey, ſtrebe mit Ernſt und bald darnach, ihn zu vergnügen. Ich ſage bald, weil nach den erſten Tagen der Ehe Gewohnheit eine tyraniſche Gebieterin wird. Wenn Liebe und Gewohnheit nach demſelben Ziele ſtreben, durch das mächtige Gebot der Pflicht beſtimmt und von der Frömmigkeit geleitet werden, ſo zweifele ich nicht, daß Du ein Weib wirſt, wie es ſeyn ſoll. Ich möchte Dir faſt noch einen Rath über das gehörige Kleiden geben, aber ich habe bemerkt, daß Du bei Deinem Anzug dem Bewußtſeyn deſſen folgſt, was Du Dir in Deiner Lage ſchul⸗ dig biſt, und nicht der Sucht, etwas vorzuſtel⸗ len. Eine ſchlanke Geſtalt, wie die Deinige, klei⸗ det reicher Franzöſiſcher Atlas, und der noch rei⸗ chere Genneſiſche Sammtv; doch ſehe ich lieber, II.. 3 — 114— wenn eine Engländerin die Erzeugniſſe des Va⸗ terlandes vorzieht, und ich habe kürzlich Artikel aus einheimiſchen Manufakturen von der größ⸗ ten Schönheit geſehen. Wegen der Juwelen mußt Du Deines Gatten Wünſche befragen; hat er ſie gern, ſo trage die, welche ihm am meiſten ge⸗ fallen. Die Diamanten Deiner Mutter waren vom ſchönſten Waſſer, wie ſie ſich für ihren Rang ziemten, und ich bin überzeugt, auch Du wirſt nie, weder in Edelſteinen, noch in Gold, etwas Falſches tragen. Ich verachte die, welche großen Aufwand mit geringen Koſten erheuchlen, denn alles am Weibe ſollte ein Wiederſchein ſeines Herzens und lauter ſeyn, wie das Herz ſelbſt. Einfachheit im Anzug kleidet immer die Schönheit und iſt nie falſch angebracht; doch gibt es Zei⸗ ten, wo man von den Hochgebornen Prunk er⸗ wartet, und obgleich Seine Hoheit anfangs es für zweckmäßig erachtete, ſolche Ausſchweifungen zu beſchränken, ſo verſichert mich doch mein theurer Gatte, daß ſeine Kinder nichts entbehren, was eines Prinzen werth iſt. „Alles dies muß jedoch Deiner Einſicht über⸗ laſſen bleiben, welche Dir den rechten Weg darin eingeben wird; nur erinnere Dich, daß das unbe⸗ deutendſte Ding, welches den allergeringſten Bei⸗ trag zum häuslichen Glück liefert, immer die Auf⸗ — 115— merkſamkeit eines wahrhaft verſtändigen und fried⸗ liebenden Weibes verdient. Es iſt beſſer, nicht mit Kleinigkeiten behelligt zu werden; aber manche Männer, und nicht immer blos ſolche, die ganz niedern Sinnes ſind, kümmern ſich ängſtlich um Dinge, welche gewichtlos erſcheinen; in dieſem Fall iſt es gerathener, ſich in ihre Launen zu fügen, und dann ſie durch triftige Gründe zum Beſſern zu führen; dies muß jedoch mit Geſchick geſchehen, ſonſt ſchlägt es fehl. Eines Weibes erſter Wunſch ſollte ihres Mannes Güte, ihr zweiter ſeine Größe ſeyn. Die Ehe ſollte eine Haft ſeyn, aber eine, welche den Schutz bedingt, den eine Frau ſo nöthig iſt, als die Luft, die ſie ein⸗ athmet; mit einem zärtlichem Gatten wird ſie nach einer kurzen Zeit die Feſſeln ſo von Liebe umwunden ſehen, daß ſie, ſtatt ſich gefangen zu glauben, nur Freude, Liebe und Sicherheit in dem Zauberkreiſe findet. „Ich fing einen Brief an, habe aber, wie ich fürchte, eine Predigt geſchrieben; vergib mir's, Konſtanze, um der guten Abſicht willen. Ich hö⸗ re, Lady Franziska iſt bei Dir. Ich bitte Dich, mich in ihr Gedächtniß zurückzurufen. Sie iſt eine lebhafte, aber ehrenwerthe Dame, und es ſollte mich freuen, wenn Herr Rich Gnade fände in den Augen ihres Vaters, denn ich glaube, — 116— daß ihr Herz ſich zu ihm mehr, als zu irgend einem andern, wenigſtens für einige Zeit, hin⸗ neigt. Wir haben etliche Tage an dieſem theuren Orte, ich darf wohl ſagen, der Wiege unſerer Liebe, zugebracht. Mein Gatte war in den Ta⸗ gen ſeiner Jungeſellenſchaft gewarnt worden, ſich vor Richmond zu hüten, da es ein ſo verhäng⸗ nißvoller Platz ſey, daß noch niemand frei da⸗ von zurückgekehrt ſey; aber ich wundere mich deſſen nicht, denn die Lage iſt in der That ſo voll ruhiger Schönheit, daß ſie das Gemüth be⸗ ſchwichtigt und Gedanken an Zärtlichkeit und Sehnſucht erweckt. Wir haben unſern alten Mu⸗ ſiklehrer beſucht, in deſſen Haus wir Beide ka⸗ men, um die Laute zu erlernen. Wie freute er ſich, daß ich noch fleißig ſey. Er bemerkte, daß ſo viele verheirathete Damen alles ſo ſchnell auf⸗ gäben, und lobte nicht wenig meines Gatten Spiel auf der Viole. „Lebe wohl, meine ſüße junge Freundin. Wir bitten dringend darum, daß er, den Deine Seele liebt, freundlich unſerer gedenke. Möge der Segen des Herrn auf Detnem Hauſe ru⸗ hen und alles zu Deinem Guten werden. Das iſt das Gebet Deiner wahren, Dich liebenden Freundin 3 „Lucie Hutchinſon.“ ☛ — 117— „Mein Gatte, der in der That in Allem ein höchſt liebevoller Rathgeber iſt, ſagt, daß ich Dir jede Dienſtleiſtung, die in meinen Kräften ſteht, anbieten ſolle, da ich nahe bei London lebe und Du vielleicht noch manches Kleid für die Hochzeit bedarfſt: iſt dem ſo, ſo beſiehl über mich.“ Lady Franziska legte den Brief auf Konſtan⸗ zens Tiſch, ohne eine Bemerkung zu machen. „Iſt ſie nicht,“ fragte Konſtanze,„ein wah⸗ res Muſter für eine verheirathete Frau?“ „Es iſt recht hübſch von ihr,“ antwortete Franziska,„ſich eines ſo ausgelaſſenen Dinges, wie ich bin, zu erinnern, und ich geſtehe, daß ſie eines meiner vollkommenen Weſen iſt, ob⸗ gleich ich im Allgemeinen alle Muſterfrauen haſſe, bei denen alles nach der Schnur geht, die wie Modelle ſind, andere Karakteren danach zu meſ⸗ ſen, von denen man, aber mit denen man nicht gern ſpricht, die anderer Fehler nicht entſchuldi⸗ gen, weil ſie ſich ſelbſt fehlerfrei halten, die ſich andächtige Blicke einſtudieren, und ihre Liebhaber von der Seite anſchielen, ſolche Winkelkoketten, auf die noch, Gott ſteht ihnen bei! unſchuldige und lachluſtige Mädchen, wie ich, verwieſen wer⸗ den, die nichts Böſes zu verbergen haben und ſtets offen ſprechen.“ — 118— „Aber Miſtriß Hutchinſon,“ unterbrach Kon⸗ ſtanze,„gehört nicht zu ihnen. Sie iſt rein im Herzen, im Worte, im Blicke. Sie hat wirklich nichts zu verbergen, ſie iſt die Lauterkeit ſelbſt und ſeit Jahren, ſie wie ihr Mann, in Freund⸗ ſchaft verbunden mit dem trefflichen Selden und dem Erzbiſchofe Uſher.“ „Ich gebe das Alles zu,“ entgegnete Fran⸗ ziska, die gerne alles ergriff, ihrer Freundin Trübſinn zu zerſtreuen;„aber trotz alle dem fühlte ich mich nie wohl in der Geſellſchaft über⸗ weiſer Leute; es iſt nicht angenehm, wenn man weiß, daß die, mit welchen man ſpricht, einen für eine Närrin halten, obgleich ſie wohlerzogen genug ſeyn mögen, es nicht zu ſagen. Dabei fällt mir eine Geſchichte von Selden ein, die mich ſehr ergötzt hat. Als er zu einem der welt⸗ lichen Mitglieder ernannt wurde, welche in der Verſammlung der Theologen zu Weſtminſter ſa⸗ ßen, erklärte einer der Gottesgelehrten mit der vollen Anmaßung dünkelhafter Unwiſſenheit, daß die See nicht in großer Entfernung von Jeruſa⸗ lem ſeyn könne, und daß, da häufig Fiſche hin⸗ gebracht worden, die Entfernung vermuthlich nicht größer, als dreißig Meilen geweſen ſey. Die Synode war ſchon ganz einverſtanden damit, als Selden ganz ruhig bemerkte, daß es aller Wahr⸗ — 119— ſcheinlichkeit nach eingeſalzene Fiſche geweſen wären.“ „Meines Bedenkens nach war ſein Witz die geringſte ſeiner Tugenden. Das Gemeinwohl hat Grund, höchſt ſtolz auf zwei ſolche Männer, wie Selden und Uſßher, zu ſeyn.“ „Aber der Ruhm iſt von Iſrael gegangen,“ ſagte Franziska,„denn beide ſind zu ihren Vä⸗ tern verſammelt worden.“ „Die Sonne,“ antwortete Konſtanze mit ei⸗ ner ihrem frühern Weſen ähnlichen Energie, „kann ihrer Strahlen beraubt werden, bleibt aber doch die Sonne. Cromwell iſt noch der Pro⸗ tektor von England.“ In dieſem Punkte ſtimmte ihr Gefühl mit dem der Lady Franziska überein, die ihre Freundin mit verdoppelter Liebe umarmte. „Ich liebe Dich über alles,“ ſägte ſie,„we⸗ gen Deiner Hochſchätzung meines Vaters, und hoffe nur, daß die Nachwelt ihm gleiche Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen werde. Aber warum, frage ich nochmal, haſt Du mir nicht erlaubt, theure Konſtanze, wegen dieſer Heirath mit ihm zu ſprechen? Dieſer Bund bringt Dir Kummer, nicht Freude. Gut, gut,“ fuhr ſie fort, Konſtan⸗ zens ſtiller Aufforderung, darüber zu ſchweigen, nachgebend,„ich will nicht mehr davon ſprechen, — 120— denn ich muß zufrieden ſeyn, daß Du mir nur das Recht zugeſtehſt, die von Dir ſo hoch gehal⸗ tene Einſamkeit ſtören zu dürfen.“ „Wie niedrig,“ rief Konſtanze,„muß ich in den Augen aller Beſſern erſcheinen! Wie wird man ſpotten darüber, daß Miſtriß Cecil ſich ver⸗ kauft hat für— was man nicht wiſſen kann.“ „Niedrig!“ wiederholte Franziska,„im Ge⸗ gentheil. Gewiß haſt Du Dich aufgeopfert, aber das verdient geprieſen zu werden. Ueberdies iſt Burrell ein Mann, den viele bewundern.“ „Sprich davon nicht, Franziska, ſprich nur davon nicht: von jetzt an iſt die Welt geſchie⸗ den von mir, und ich habe nichts mehr mit ihr zu ſchaffen.“ „Nicht doch. Es mag auch mir vom Schickſal be⸗ ſtimmt ſeyn, trotz meiner. Neigung für den armen Rich, doch einen andern heirathen zu müſſen, einen, der meinem Vater paſſend erſcheint und den Staats⸗ Intereſſen dienlich iſt. Aber iſt nicht der Kum⸗ mer, ſich an ein Weſen geſchmiedet zu ſehen, das man haßt und verabſcheuet, ſchon arg genug, als daß man noch Eulen und Unken nachahmen müß⸗ te! Nein, nein; ſoll ich gefeſſelt werden, ſo will ich meine Ketten wenigſtens mit Blumen umwin⸗ den. Ich denke Dich noch vergnügt bei Hofe zu ſehen, Konſtanze. Und wenn Du Dich einmal —;;;——CQ———CQCꝑ—᷑—O—˖—OUFß— — 121— verheirathen willſt, mußt Du nicht die Hoch⸗ zeitsroſen mit Trauerweiden verſchlingen.“ Trotz allen Bemühungen Franziskas, die Laſt, welche Konſtanzens Herz erdrückte, wegzuplau⸗ dern, trat keine Spur von Lächeln auf deren Lippen.„Es iſt die letzte Nacht,“ ſagte ſie end⸗ lich,„daß ich mir erlauben darf, von Walther zu reden. Franziska,“ fügte ſie nach einer neuen Pauſe hinzu, ich fürchte nicht für ſeine perſön⸗ liche Sicherheit, weil ich weiß, mit wem er das Haus verlaſſen hat, aber eins, theuerſte, gü⸗ tigſte Freundin, eins möchte ich Dir noch ſagen und wenn ich Dir nicht längſt von meinen Lei⸗ den geſprochen habe— von Freuden, ach! hatte ich nichts zu erzählen— ſo geſchah es, weil ich nicht durfte. Sorglos, wie Du biſt, haſt Du doch ein ſo treues, empfindſames Herz, wie je eines in einem Weib geſchlagen hat. Ich weiß, Du haſt mich für kalt, verſchloſſen, ganz von Eis ge⸗ halten; ach nur das Schickſal, Franziska, nicht die Natur hat mich ſo ſtarr gemacht. Ich weiß, Du kannſt Dich noch der Zeit erinnern, wo mein Schritt ſo leicht, meine Stimme ſo heiter war, wie die Deine, aber das Alles iſt hin. Doch das Eine thue, Franziska, wenn die Welt meinen Namen in ihre ſchwarzen Farben taucht, ſo ſage..“ Sie hielt wieder ein, — 122— „Was ſoll ich ſagen?“ bemerkte Franziska, die wohl wußte, daß ein tödliches Gift in dem Her⸗ zen ihrer Freundin wüthe und faſt ihre Beſin⸗ nung zerſtöre.„Die Welt kann nichts anderes ſagen, als daß Du, wie tauſend andere ergebene Mädchen, geheirathet haſt, um eine eingegangene Verbindung zu erfüllen.“. „Es iſt wahr, es iſt wahr,“ ſagte Konſtanze, „das hatte ich vergeſſen, aber mein Elend macht mich verwirrt. Eins aber, theure Franziska, kannſt Du doch thun, nimm dies Schloß— es hat Dich ſchon einmal in Verwundernng geſetzt— und wenn Du je dem Kavalier begegnen ſollteſt, ſo gieb es ihm zurück. Die arme Barbara fand es heute im Feenkreis und brachte es mir. Es iſt das einzige Andenken, das ich von ihm habe, das einzige, einzige. Hier, thue es weg. Und nun, liebe Franziska, da Du mir Geſellſchaft leiſten willſt in dieſer letzten Nacht meiner Frei⸗ heit, ſo hohle Deine Laute, und ſinge die Lie⸗ der, die wir zuſammen gelernt, oder ſprich in Deiner heitern Art von denen, die wir gekannt, geachtet, oder über die wir geſcherzt haben.“ „Wenn ich ſinge oder ſpreche,“ antwortete die Tochter Cromwell’s, die Laute nehmend und ei⸗ nige Accorde greifend,„ſo wirſt Du nicht zuhö⸗ ren, Deine Ohren ſind offen, aber Dein Sinn iſt verſchloſſen.“ —— — 123— „Wergib mir, aber trotzdem iſt Deine Stimme eine ſüße Begleiterin meines Kummers und gar ſchön iſt die Fabel von der Nachtigall, welche ſich den Dorn in die Bruſt ſtößt, während ſie ihr herrliches Lied ſingt.“ „Dein Herz,“ antwortete Lady Franziska,„iſt nur das Echo Eines Tones, und dieſer iſt Me⸗ lancholie. Komm, ich will Dir ein Lied von mei⸗ nes Vaters reimendem General⸗Major ſingen. Wie gefällt es Dir Konſtanze?“ fragte ſie, als das Lied zu Ende war, „Gefällt? Was?“ „Nun der Inhalt des Liedes!“ „Ich fürchte, ich habe es nicht gehört. Ich dachte an... an... an etwas anderes.“ „Soll ich es nochmals ſingen?“ „Nicht jetzt, Liebe; und doch, wenn Du willſt, denn es iſt die letzte Nacht, wo ich dem Geſang lauſchen werde; nicht daß Philoſophie in der Muſik iſt, denn ſie lehrt uns nicht, die Sorge vergeſſen, aber ſie iſt dem Ohr, was das Arom dem Geruch. Muſik! Es iſt der einzige Genuß, den wir uns auch im Himmel noch denken können.“ Lady Franziska ſaͤng das Lied noch einmal, aber nicht mehr mit demſelben Ausdruck, denn ſie merkte, daß ihre Freundin nicht zuhörte, und legte endlich ſtill die Laute bei Seite, ließ, denn der Protektor liebt einen Spaß ſo — 124— „Weißt Du wohl,“ ſagte Konſtanze nach einer Pauſe,„daß ich Deine Geſellſchaftsdame, die mit Jerry White, wie Du ihn nennſt, ſo ohne Um⸗ ſtände verheirathet wurde, recht ſehr bedaure?“ „Sie bedauern?“ wiederholte Franziska mit einer verächtlichen Kopfbewegung, als ob ſie von jeher zu der erſten Ariſtokratie gehört hätte, „mich dünkt, das Mädchen iſt gut genug bedacht, da ſie einen Mann erhalten hat, der nach ihrer Gebieterin geſtrebt hatte.“ „Aber ſie liebte ihn nicht,“ bemerkte Konſtanze trübe. „Armer Jerry!“ lachte Lady Franziska,„wie konnte ſie ihn lieben, ihn, den Spaßmacher des ganzen Gemeinwohls, der nur Kappe, Schelle und ein Steckenpferd brauchte, um der Narr al⸗ ler Brittiſchen Reiche par excellence zu ſeyn? Und doch iſt er nicht ganz Narr, und mehr Schelm, als Narr, obgleich ihn mein Vater zuletzt daran gekriegt hat.“ „Es war ein ernſter Scherz.“ „Das war's, aber in der That ich dlonbe, mein Vater hielt es für gefährlich, zwei Narren ſtatt eines an ſeinem Hofe zu haben. Es iſt ſeine Art ſo. Jerry rechnete zu ſtark auf die Aufmun⸗ terung, die der Protektor ihm zu Theil werden — —— — 125— gut, wie einer, wenn nur niemand dabei iſt, der es den Duckmäuſern wiedererzählt und Jerry, ſein Kapellan, ſtimmte in ſeine Laune ein und machte ſich dadurch bei meinem Vater ſo beliebt, daß er ihn viel um ſeine Perſon litt. So ver⸗ liebte er ſich— oder ſtellte ſich wenigſtens ſo— in meine thörichte Perſon. Es war gerade zu der Zeit, als auch Karl Stuart ſeinen Heiraths⸗ antrag machte, der meiner Mutter ſo ſchmeichelte, und meine Phantaſie gerieth nicht wenig in Bewe⸗ gung, als ich ſo zwei Sehnen an meinem Bogen, einen Prinzen und einen Prediger, einen Tauge⸗ nichts und einen Narren ſah. Aber Jerry wurde zu zärtlich, und ich fürchtete, im Ernſte zu weit gegangen zu ſeyn, darum ſprach ich mit meiner Schweſter Mary, die, wie ich überzeugt war, es meinem Vater wiedergeſagt hat, denn als ich durch ein Vorzimmer in Whitehall ging, fand ich dort Se. Ehrwürden im Hinterhalte liegen. Er fing ſein gewöhnliches Kauderwelſch: Liebe und Triebe, Herz und Schmerz, Wonne und Sonne an und fiel zuletzt auf die Knie, während ich theils lachte, theils mich ſtill wunderte, was die⸗ ſer Erguß für ein Ende nehmen werde, da er doch ein Ende haben mußte. Nun denk Dir Jerry mit ſeinem Geſichte, wie er, die Hände gefal⸗ tet, auf der Knie liegt; mich, wie ich meine — 126— Kappe— ich kam gerade von einem Spazier⸗ gange zurück— über das Geſicht herabziehe, um mein Lachen zu verbergen, und mich bemühe, meine Hand, die er mit ſeinen Klauen ergriffen hatte, loszumachen, während auf einmal mein Vater, der, ich weiß nicht wie, hereingetreten war, mit einem halben Lächeln auf der Lippe und doch mit ſeiner gewöhnlichen Strenge im Blicke vor mir ſtand.“ „Mein Kapellan im Gebet! Ihr ſeyd gewal⸗ tig fromm, dünkt mich,“ ſagte er mit dem käl⸗ teſten Tone. Jerry ſtotterte und ſtammelte, und verwickelte, während er aufſpringen wollte, ſein Bein mit meines Vaters Schwert. Da erſt brach meines Vaters Zorn aus, und er donnerte ihm entgegen:„Was bedeutet das, Sir? Was ſoll dieſe abgöttiſche Poſſe? Was wollt Ihr von meiner Tochter, der Lady Franziska Cromwell? Und Jerry, der, wie alle Männer, wohl in eine Klemme hinein, aber nicht Geſchick genug hatte, wieder heraus zu kommen, ſah mich um Beiſtand an, und ich ließ ihn nicht warten. Er iſt verliebt, ſagte ich, in Miſtriß Mabel, meine erſte Dame. Nachdem ich ihm den Faden auge⸗ geben, fuhr Jerry ohne Zögern fort: Und ich wollte eben Lady Franziska bitten, ein gutes Wort einzulegen und Miſtriß Mabel zu bitten, — 127— daß ſie nicht immer ſo ſtrenge ſey gegen ihren höchſt treuen Diener.„Hieher let rief Seine Ho⸗ heit,„hieher! Iſt niemand draußen?“— So⸗ gleich trat ein Page herein.„Laßt ſogleich,“ befahl er,„Miſtriß Mabel, ſo wie den hei⸗ ligen Mann von der biſchöflichen Kirche, der drin im Hauſe iſt, hieher kommen. Jerry ſah beſtürzt aus, und ich zitterte vom Kopf bis zu den Füßen. Ehe eine Minute verging, langte Mabel mit ihrem einfältigen Geſichte an.„Laßt hören, Miſtriß Mabel,“ ſagte mein Vater,„was habt Ihr gegen meinen Kapellan einzuwenden? Warum wollt Ihr nicht ſofort Eure Hand die⸗ ſem auserwählten Gefäße, Jeremias White, ge⸗ ben?“ Mabel war wie aus den Wolken gefallen, erröthete und verbeugte ſich, und verbeugte ſich und erröthete wieder. Dann warf mein Vater ſeinen Hut und ſeine Eiſenhandſchuhe ab, und befahl dem Biſchöflichen, ſogleich die Ceremonie zu vollziehen, wobei er die Stelle als Vater, ich die als Brautjungfer vertreten würde. Es ſchien uns allen ein Traum. Ich werde es nie ver⸗ geſſen, und Jerry wohl auch nicht. Du kannſt Dir denken, Konſtanze, wie komiſch das alles war.“ Lady Franziska hatte in ihrer Munterkeit ſo lange geplaudert, daß ſie gar nicht an ihre trauer⸗ volle Freundin gedacht hatte, und ſie erſt wieder — 123— anſah, als ſie zu ihren letzten Worten:„Du kannſt Dir denken“ gekommen war. „Horch!“ murmelte Konſtanze mit hohler Stim⸗ me.„Horch!“ wiederholte ſie. „Barmherziger Himmel! Was gibt es!“ ſagte Franziska erſchrocken. „Horch!“ ſagte Konſtanze von neuem.„Hörſt Du nicht?“ „Ich höre nur den Schall der Uhr. Es iſt Mit⸗ ternacht.“ „So iſt's,“ ſagte Konſtanze mit einer vor in⸗ nerm Schmerz bebenden Stimme,„es iſt zwölf; mein Hochzeitstag bricht an.“ —— Achtes Kapitel. — Das Land, durch welches Robin auf ſeiner Reiſe nach London kam, bot damals einen an⸗ dern Anblick dar, als jetzt. Blackheath war we⸗ gen ſeiner Räuber bekannt, und man hatte die ſchönſten Ausſichten, zwiſchen Greenwich und London ausgeplündert und ermordet zu werden. Robin hielt nirgend an, als bis er an einer lan⸗ gen Mauer angekommen war, welche noch jetzt den reich verzierten Park von der dürren, unfrucht⸗ baren Haide trennt. Er ſetzte ſich in ihren Schat⸗ ten, und ſtärkte ſich mit einigen Biſſen Schiffs⸗ zwieback und einem Schluck Branntwein, öffnete ſodann ſeinen Queerſack, holte einen geſchickt ge⸗ arbeiteten Höker heraus, befeſtigte ihn, nachdem er ſeinen Rock vorher abgeworfen, unter den Schultern, und zog ſodann eine Jacke an, in welche der Höker genau paßte. Nächſtdem langte er ein kleines Glas aus der Bruſt hervor, und II.— 9 — 130— malte und färbte ſich ſein Geſicht, ſo daß ſelbſt Barbara ihren Freund und Bewunderer nicht wieder erkannt hätte. Nachdem er endlich noch ein Pflaſter ſich auf das eine Auge gelegt, und Kein Büſchel ſchwarzes Haar ſich unter die Lippe geklebt, ſchien er mit ſeinem Aeußern zufrieden, ſteckte das Glas und andere Materialien wieder in den Sack, kletterte mit ſeiner gewöhnlichen Behendigkeit auf einen über die Mauer herüber⸗ wachſenden Baum, und verbarg alles in den dich⸗ ten Zweigen. Als er ſeinen Weg wieder antrat, konnte man ihn für einen zigeunerhaften Bän⸗ kelſänger halten, denn an einem breiten Schar⸗ lachbande an ſeinem Halſe hing eine kleine zer⸗ ſprungene Zither, die nur zwei Saiten hatte, während von ſeinem ſpitzen Hute eine Pfauen⸗ geder herabnickte. Jetzt, dachte er, fordere ich alle Diener in Whitehall heraus, aus mir ihren Kameraden, Sir Willmott Burrell's Diener, herauszuken⸗ nen. In der That, Robin, Du biſt ein ſinnrei⸗ cher Burſche; die Natur ſelbſt iſt Deine Schuld⸗ nerin, denn Du haſt ihre Mißgeſtaltung noch vergrößert. Aber ich weiß, daß ich in meiner eigenen Geſtalt keine Nachricht über den Kava⸗ lier erhalten hätte, denn das Volk dort iſt ge⸗ witzigt. Doch keiner ihrer ächten Puritaner wird — —— ε — 131— ſich herablaſſen, ein Weſen, wie mich, zu fra⸗ gen. Beim Himmel, ich glaube, der alte Noll ſelbſt erkennt mich nicht. Was würde wohl Bar⸗ bara ſagen, wenn ſie mich in dieſer Verkleidung ſähe? Jedenfalls wünſchte ich nicht, daß ich ihr ſo begegnete, denn niemand will vor ſeiner Ge⸗ liebten häßlicher erſcheinen, als er iſt, und Gott weiß, ich kann wenig von meiner Schönheit ent⸗ behren. Meine’ Schönheit! wiederholte er, und brach dann in ſein gewöhnliches, wildes, bitte⸗ res Lachen aus. Robin ſchlug nicht die Londoner Heerſtraße ein, ſondern ſetzte ſeinen Weg durch den Park fort, jedoch nicht ohne auf der Spitze des Green⸗ wich⸗Hügels ſtehen zu bleiben, und einen Blick auf die reiche und herrliche Gegend umher zu werfen. Rechts ſtrömte die breite, ſtolze Themſe, jede vorüberziehende Wolke mit ihrer Waſſerfläche zurückſpiegelnd, wo ſie nicht bedeckt war mit den Schätzen des Weltalls, der Beute der beſiegten, gedemüthigten Nationen. Spanien, Frankreich, Indien, die ganze Welt zollte uns ihren Tri⸗ but. Hoch auf erhob die Kuppel von St. Paul ihr majeſtätiſches Haupt, und blickte durch die erſten Sonnenſtrahlen auf den geſegneten Strom. Robin fühlte ſeine Bruſt ſich erweitern, als er ſeine Augen über das Land des Reichthums — 132— ſchweifen ließ, und laut rief er:„Es iſt mein Vaterland!“ Das kleine Dorf Greenwich, das ſich an dem Fluß des Hügels bis zu dem Pal⸗ laſt hindehnte und die große Dover und Londo⸗ ner Straße berührte, ſah freundlicher aus, als jetzt, ſeit es zu einer großen volkreichen Stadt ſich erhoben hat. Viele hölzerne Hütten lehnten ſich faſt an die Parkmauern und ließen ihren Rauch in das Laub der ſchönen Bäume aufſtei⸗ gen, welche den dichten Hintergrund bildeten. Der Pallaſt, deſſen Höfe ſich längs dem Ufer des Fluſſes hinzogen, gab dem ganzen Bilde eine Art Würde, während das von der Heide berübertönende Geläute der Heerden das Gemüth zur ſtillen Ruhe ſtimmte. Auf dem Fluſſe, aber in weiter Entfernung, zog ein Engliſches Schiff einige der Spaniſchen Priſen herauf, welche der tapfere Blake nach ihrem nunmehrigen Beſtim⸗ mungsorte geſchickt hatte; ſie durchſchnitten ſchwer und langſam das Waſſer, und ihr nacktes, wü⸗ ſtes Ausſehen gab einer Gruppe alter Matroſen, welche, obgleich ſie noch nicht ihr pallaſtähnliches Hospital beſaßen, doch angemeſſene Wohnungen in dem Dorfe hatten, Anlaß zu vielen Betrach⸗ tungen, während ein ſchlechtes Fernglas von ei⸗ ner Hand zur andern ging. „Ha!“ ſagte ein Veteran,„ich hörte den al⸗ — 133— ten Blake ſelber ſagen, kurz nachdem Se. Hoh. ſo gut wie König wurde, und mancher Schlin⸗ gel ſich darüber mauſig machte, Jungens, ſagte er, und dabei ſtand er ſo feſt auf dem Deck ſei⸗ nes Schiffes, dem Triumph, Jungens, was ge⸗ hen uns die Staatsangelegenheiten an? Unſere Sache iſt, den Feinden zu wehren, daß ſie uns nicht unterkriegen. Gott verdamm mich, das nenne ich Engliſch.“ „Das iſt's auch,“ fuhr ein anderer fort, deſ⸗ ſen verwitterter Körper auf einem Paar hölzerner Beine ruhte, und der eben zu der kleinen Gruppe getreten war, der ſich auch Robin angeſchloſſen hatte,„das iſt's auch, Jack, und zwar Engliſch, das zehn Bücher in anderer Sprache auf⸗ wiegt. Bin ich nicht Anno drei und funfzig mit ihm geweſen, als er nur mit zwölf Schiffen den van Trump ſchlug, der ſiebenzig Linienſchiffe und drei hundert Kauffahrer unter Convoi hatte? Und hatte nicht der Triumph ſieben hundert Schüſſe im Rumpfe ſitzen? Ich habe zwar dabei meine guten Glieder verloren, aber was ſcherts mich; ob ei⸗ nen die Fiſche haben oder die Würmer, iſt alles eins, und jedenfalls haben wir die Königliche Penſion.“ „Jemmy,“ ſagte ein pffigblickender Matroſe mit einem Auge und einem halben Arme, während — 134— er zugleich ſeinen Tabak im Munde herumwarf, „Jemmy, es iſt altmodiſch, von dem Königthum zu ſprechen, Ihr vergeßt..“ „Pah, was kümmert's mich, wer England re⸗ giert, es bleibt doch England. Es wärmt mir das Blut, wenn ich an den Reſpekt denke, in den es ſich geſetzt hat. Als unſer Admiral, Gott ſegne ihn, in dem Waſſer von Cadix war, zog ein Holländer ſeine Flagge nicht auf; und ſeht Ihr, der Holländer weiß, was ſich gehört, obgleich ſeine Leute, 3— ſeine Schiffe verdammt ſchwere Segler ſind.. „Ja,“ ſiimmte der erſte ein,„das war zu der Zeit, wo einer der Franzöſiſchen Kommandeurs ſeine Geſundheit mit einer Salutirung von fünf Schüſſen trank, und es war eine Freude zu ſehen, wie er unſere Algierer in Ordnung hielt. Ja, wenn ſie in Durchſuchung der Raubſchiffe einen Engliſchen Gefangenen fanden, ſo ſchickten ſie ihn dem Blake ſo höflich wie möglich zu, um ſich in Gunſt bei ihm zu ſetzen. Aber es hat ihn doch nicht gehindert, den Dey von Algier und den ungläubigen Schurken von Tunis gehörig einzu⸗ ſalzen.“ „Ich habe gehört, daß das Verbrennen der Spaniſchen Schiffe in dem Strich von St. Cruz das Wundervollſte ſeyn ſoll, was je geſchehen iſt,“ —y— bemerkte das Holzbein,„und es iſt eine verteufelt ſchlechte Poſt, daß er krank darniederliegt, denn der Protektor wird nie wieder ſo einen treuen Freund, noch ſo einen guten Diener erhalten. Und das ſagte ich auch dem Sergeanten, oder wie er heißt, von den Eiſenſeiten, welche hier in dem Oliverkopf anhielten, ja, ſagte ich, wenn Blake hin iſt, kann euer Herr zuſehen, wie's geht. Aber ich haſſe alle Soldaten, es iſt lau⸗ ter verdrießliches, finſterblickendes Volk, es iſt kein Leben in ihnen, beſonders ſeit ſie nicht mehr trinken und ſchwören, und ſich ſonſt erluſtigen.“ Des alten Mannes Ärger gegen die Landratten wurde ſo heftig, daß er brummend und zankend die Andern ſtehen ließ, und den Hügel hinun⸗ terſtampfte. Robin folgte ihm und hatte bald ein Geſpräch angeknüpft, obgleich er noch immer ganz erboßt über das Landgeſindel polterte. „Nehmt einmal dies Glas,“ ſagte Robin, ein Fernrohr aus der Bruſt ziehend,„ich wette, Ihr könnt damit jeden Schuß in dem Schiffe zählen, welches ſie dort am Schlepptau haben.“ Der Matroſe nahm es mit einem ungläubigen Lächeln und einem mißtrauiſchen Blicke an, der jedoch bald verſchwand, als er einige Augenblicke aufmerkſam durch das Glas geſehen hatte:„In der That, das iſt etwas, was ich ein Glas nenne. Der Tauſend! Es macht mich wieder jung, wenn ich dieſe Zeichen ſehe. Aber, mein Freund, das Auge, welches Euch geblieben iſt, ſcheint mir ei⸗ nes ſolchen Helfers nicht zu bedürfen.“ „Freilich nicht,“ antwortete Robin,„und dar⸗ um ſollte es mich freuen, wenn Ihr es von mir als einen Beweis annehmen wollt, wie hoch ich die hölzerne Mauer Alt⸗Englands ſchätze.“ „Euer Glas behalten,“ erwiederte das Holz⸗ bein;„nein, Ihr ſeht mir nicht wie einer aus, der ein ſolches Geſchenk machen könnte. Aber ich will es kaufen, kaufen will ich es, wenn Ihr es mir überlaſſen wollt.“ „Ich hätte lieber, Ihr behieltet es ſo,“ ent⸗ gegnete Robin höflich und in einem fremden Ac⸗ cent,„denn ob ich gleich ein armer Wanders⸗ und aus einem fremden Lande bin, und mir et⸗ was zu erwerben ſuchen muß durch meine Ge⸗ ſchicklichkeit in der Muſik und von der Barmher⸗ zigkeit der Chriſten, die mit meiner Mißgeſtalt Mitleid haben, ſo freue ich mich doch ſo, wenn ich einen Matroſen ſehe, daß ich ſelbſt meine Zither einem wahren Kinde der See hingeben könnte.“ „Iſt das Dein Ernſt, Junge,“ ſchrie die alte Theerjacke,„dann verdamme mich Gott, wenn ich es nicht nehme, ohne es zu kaufen, aber ich will es eintauſchen gegen Alles, was ich habe, damit — 137— wir ein Andenken haben, uns für die Ewigkeit unſerer zu erinnern.“ „Wer die Matroſen Englands,“ fuhr der ge⸗ wandte Robin fort,„einmal geſehen hat, wird ſie nie vergeſſen: ſie ſind gefürchtet zur See und geliebt zu Lande.“ „Jyr ſeyd der beſtdenkende Ausländer,“ ſagte der Alte,„den ich je getroffen habe, darum laßt uns auf den Oliverskopf zuſegeln und dort die Sache in Ordnung bringen; vielleicht gebt Ihr uns dort auch eine Probe von Eurer Kunſt,“ fügte er hinzu, mit ſeinem Stocke die Zither berührend.„Der Tauſend! Wie wird Ned Pur⸗ cell die Augen aufreißen, wenn er mein Glas ſieht. Seins iſt ein Quark dagegen.“ Der Oliverkopf war ein heiteres Wirthshaus an der Straße, mit einem Portrait des Pro⸗ tektors, welches an einem Pfoſten hing, der in dem das Haus umgebenden Raſenplatze ſtand. Das Haus wurde von einem barſchen Wirthe und ſeiner hübſchen Frau beſorgt, die noch ſo jung war, daß ſie ſeine Tochter hätte ſeyn kön⸗ nen, aber ſich ſo anſtändig benahm, daß ſie trotz⸗ dem ihren guten Ruf behielt. Rund um das Haus, das mit der einen Seite nach dem Fluſſe, mit der andern nach der Haide blickte, waren Bänke angebracht; der Seemann wählte die Waſeerſeite — 138— und pflanzte ſich dort mit Robin auf eine beſon⸗ dere Bank, welche von einem breiten Kirſchbaume beſchattet wurde. Nachdem der Tauſch in Ord⸗ nung gebracht war und Robin einen kleinen Spa⸗ niſchen Dolch für ſein Glas angenommen hatte, beſtand der Matroſe darauf, daß man nun ein anderes Glas zur Hand nehmen müſſe, was Ro⸗ bin keinesweges ablehnte, da er die Auskunft über die Eiſenſeiten noch nicht erhalten hatte. Die Gelegenheit dazu bot ſich bald dar. „Wie ſchade iſt's,“ bemerkte Robin,„daß ſie nicht Kanäle durch das ganze Land graben und alle Geſchäfte zu Waſſer, ſtatt zu Lande abma⸗ chen. Thun ſie's doch in Venedig.“ „Da wäre Vernunft drin,“ ſagte der heiter⸗ geſtimmte Matroſe;„ich habe nie abſehen kön⸗ nen, wozu das Land überhaupt nutz iſt.“ „Dann,“ fuhr Robin fort,„hätten wir nur Matroſen und keine Soldaten.“ „Pahl ich zweifle, daß der Protektor das je einſehen wird; er iſt zu vernarrt in ſeine Armee.“ „Sagtet Ihr nicht, Ihr hättet geſtern ſeine eigenen Eiſenſeiten hier gehabt?“ „Ja, ja, und ich ſtehe dafür, ſie hatten et⸗ was im Schilde, denn wenn ſie auch nie denſel⸗ ben Weg zweimal machen, wenn ſie's irgend ver⸗ . 1 1 — — 139— meiden können, ſo ſind ſie doch wieder ſpät in der Nähe herum geweſen, und ich höre, daß Noll nach einer Schmuggelei oder Teufelei, et⸗ was hinter Graveſand, aus war. Hat er ein⸗ mal was aufgeſpürt, kann er's nicht mehr ge⸗ hen laſſen.“ „War dieſe Nacht oder geſtern,“ warf Robin hin,„irgend jemand, ein Gefangener oder ſo etwas bei ihnen?“ „So viel ich weiß, nicht,“ antwortete der Seemann. „Doch, doch,“ antwortete die Wirthin, die, über die niedrige Thüre gelehnt, dem Geſpräch zugehört und ihren neuen Gaſt beobachtet hatte; nes war ein junger Gentleman dabei, der zwar nicht wie ein Gefangener ausſah, aber doch kei⸗ nen freien Willen zu haben ſchien, und ich brachte ihm einen beſſern Schluck Wein, als den übrigen. Der arme Gentlemanl! er ſchien bekümmert, wie einer, der unglücklich liebt.“ „Potz Fiddel,“ ſagte der grobe Wirth,„das Weib denkt nur immer an Liebe.“ „Dann denkt ſie nicht an Euch,“ eatgeghtele Robin. Euer Fidelbogen würde aus keiner Geige einen Ton bringen.“ „Ich wollte ſo gut Muſik mit einem Striegel machen, als Ihr mit dem zerſprungenen Ding, — 140— das da hinten auf Eurem Buckel hängt, wie der Affe auf dem Dromedar.“ „Holt einen Striegel, und wir wollen eine Wette eingehen,“ antwortete Robin, ſeine Zither abnehmend, während mehre alte Matroſen einen Kreis bildeten, und es eine gute Herausforde⸗ rung nannten.“ „Ei was,“ brummte der grobe Wirth, ſich entfernend,„wenn ich aufſpielen ſoll, ſo muß es gegen einen chriſtlichen Engländer und nicht gegen ſo einen fremden Poſſenreißer ſeyn.“ „Spielt trotzdem,“ ſagte die junge Wirthin, die Robin eben ein Maß guten Ale's vorſetzte, aber während ſie ſtehen blieb, als ob ſie den Knoten losbinden wollte, der die Zither feſthielt, flüſterte ſie ihm in's Ohr:„Es war einer da⸗ bei, der mit etlichen andern den Zug verließ, weiter ritt und keine Erfriſchung zu ſich nahm. Ich kenne ihn wohl, aber wenn der junge Mann ein Freund von Euch iſt, ſo verlaßt Euch darauf, daß er gut behandelt wird, denn der Anführer ſteckte mir ſelbſt im Vorüberreiten ein Goldſtück in die Hand, und ſagte mir, ich ſolle dafür ſor⸗ gen, daß der Kavalier gut bedient werde.“ „Schlugen Sie den Londoner Weg ein?²“ fragte Robin. „Ja, aber es iſt ſchwer zu ſagen, wie lange ſolche Männer auf demſelben Weg bleiben.“ — 141— „Was treibt Ihr dort, Mathilde?“ fragte der Wirth, der zurückgekehrt war, und in der Thüre ſtand. „Da hab' ich das Band zerriſſen,“ ſagte ſie laut, ohne die Frage zu beachten;„ich hole Euch ein anderes.“ Als ſie mit einem ſchönrothen Bande zurück⸗ kam, das gewaltig gegen das elende Inſtrument abſtach, fügte ſie hinzu:„Ich habe einen Bruder unter den Eiſenſeiten, und er ſagte mir, er dächte, ſie gingen nach Hamptonhof; aber es war auch vielleicht nur ſo ein Einfall von ihm.“ Während Robin ein Lied zur Verherrlichung des Seelebens ſang und ein Theil der Matroſen ihm zuhörte, verglich Ned Purcel ſein Glas, das er bisher für das beſte ausgegeben hatte, mit dem, in deſſen Beſitz ſein alter verſtümmelter Kamerad eben gekommen war. Die ganze Geſell⸗ ſchaft bat Robin, der, als ſein Geſang zu Ende war, Auſtalten zur Abreiſe machte, noch länger zu bleiben, und ſogar der rauhe Wirth bot ihm einen Trunk Sekt an, den er ſelbſt unter keinen Umſtänden ausgeſchlagen hätte. Robin aber ſehnte ſich zu ſehr, fortzukommen; er ſagte Allen ein höfliches Lebewohl, hatte aber kaum das Ende des Dorfes erreicht, als er jemand leichten Fußes hinter ſich gehen hörte, und eine leichte Hand auf — 142— ſeiner Schulter fühlte. Er wendete ſich um, und blickte in das lachende Geſicht der Wirthin des Oliverkopfes. „Robin Hays,“ ſagte ſie,„ich rathe Euch, wenn Ihr Euch wieder verkleidet, ein andermal nicht zu ſingen; bis auf das Singen machtet Ihr Eure Sache recht gut, aber obgleich die Nachtigall keine Noten in der Kehle hat, ſo iſt doch die Stimme immer dieſelbe. Der Gentle⸗ man, dem Ihr nachſpürt, ließ dies fallen, als er etwas an ſeiner Kleidung zurecht machte, und da es wie ein Liebespfand ausſieht, und Ihr ihn aufſucht, ſo mögt Ihr es ihm geben, dem Ar⸗ men, und meinen Segen dazu.“ „Gut,“ antwortete Robin, ihr die Locke ab- nehmend, welche der Kavalier mit eigener Hand Konſtanzen abgeſchnitten hatte,„ich will es ihm geben, wenn ich ihn finde. Aber konntet Ihr es nicht beſſer verwahren, und in etwas einwickeln? Es iſt jammervoll, ſo etwas wie dieſes frei, oder gar den Augen der Welt preisgegeben zu ſehen.“ Sie wickelte es in ein Stück Papier ein, worauf Robin es ſorgſam in ein kleines Taſchentuch legte. „Der Teufel ſcheint Euch noch ſo hell aus den Augen, Mathilde, als damals, wo Ihr des armen Jack Roupall Herz erobertet und ihn — 143— dann um eines reichen Mannes willen ſitzen lie⸗ ßet. Ich dachte nicht, daß mich einer erkennen würde.“ „Habe ich mich verkauft,“ antwortete die Wirthin, blaß werdend,„ſo hab' ich auch mei⸗ nen Lohn dafür. Aber Ihr wißt, Robin, ich that es nicht meinet⸗, ſondern meiner armen Mutter wegen, damit ſie ein Dach in ihren al⸗ ten Tagen habe; das hat ſie jetzt, und dies muß mich tröſten.“— Die Thränen traten ihr in die Augen und Robin warf ſich laut vor, ihr Unrecht gethan zu haben.. „Ich weiß, ich weiß, aber wenn jemand mich an Jack erinnert, ſo ſteigt der Gedanke an die Heimath zu lebhaft in mir auf, was nicht recht iſt.“ „Gott ſegne Euch, Mathilde,“ ſagte Ro⸗ bin, ihr herzlich die Hand ſchüttelnd.„Gott ſegne Euch, und wenn jemand nach den Eiſen⸗ ſeiten fragt, ſo ſagt nichts von dem jungen Gentleman, der mir ſo theuer iſt wie mein Herzblut, und ſagt auch niemand, ſelbſt nie⸗ mand von den Unſrigen, daß ich hier durchge⸗ kommen bin, denn es tſt ſchwer, in jetziger Zeit zu wiſſen, wer oder was jemand iſt.“ „Das iſt es,“ antwortete die Frau, durch Thrä⸗ nen lächelnd,„und nun ſey Gott mit Euch, Robin.“ — 144— Robin hörte ſie, während ſie ſich entfernte. ein heimathliches Lied ſingen.„Jetzt iſt,“ dachte er,„ihr Herz in dem Lande ihrer Geburt, ob⸗ gleich ihre Stimme hier iſt, und wer ihre kleine Geſchichte nicht kennt, wird ſie ſo heiter glau⸗ ben, wie einen Sommertag; und das ſollte ſie auch ſeyn, denn ſie that ihre Pflicht, und Pflicht⸗ erfüllung ſcheint doch eine wahrhafte Belohnung für Sorge und Arbeit, und wohl auch für Ge⸗ müthsunruhe und Herzweh zu ſeyn.“ Da Robin jetzt einen Faden zu dem Laby⸗ rinthe, das er ergründen wollte, erhalten hatte, ſo ſetzte er eilig ſeinen Weg nach der Haupt⸗ ſtadt fort, und erblickte bald die Spitzen ihrer hundert Kirchen. — — 145— Als Robin in London angekommen war, ſtrich er erſt eine Stunde lang um Whitehall und den Park umher, und überzeugte ſich bald, daß der Protektor in Hamptonhof war; wer mit ihm gegangen, wie lange er ausbleiben werde, konnte er nicht erfahren, denn die Beſchlüſſe Seiner Hoheit waren immer ſelbſt ſeiner eigenen Fami⸗ lie ein Geheimniß. Man ſprach damals gerade viel unter allen Klaſſen der Bevölkerung, nicht ohne ſchon darauf zu ſpekuliren, ob er dem eifri⸗ gen Drängen eines Theiles des Parlaments nach⸗ geben werde, welcher eine Motion betrieb, daß Cromwell ſeinen bisherigen Titel aufgeben und dafür den ehrenvolleren, aber auch gefährlicheren eines Königs annehmen⸗ſolle. Einige Mitglieder von den ſtrengern Sekten ſtritten ſich in verſchie⸗ denen Gruppen über Walton's Bibel⸗Polyglotte und die Befugtheit oder Unbefugtheit des Co⸗ II. 10 — 146— mites, welches in Chelſea zuſammen gekommen war, um die überſetzungen und Abdrücke der heiligen Schrift zu unterſuchen. Robin wurde an den Thoren des Pallaſtes nichts weniger als freundlich angelaſſen, denn Lieder waren da⸗ mals außer Mode, und er ſing ſchon an zu glau⸗ ben, daß er eine unpaſſende Verkleidung gewählt habe. Er eilte durch die Reihe Straßen, welche jetzt der Strand heißen, damals aber nur theil⸗ weiſe mit Häuſern beſetzt waren, nach der City und übergab Dalton's Fakturen dem Kaufmann hinter St. Paulskirche, welcher den Genueſiſchen Sammt beſtellt hatte, und ging ſodann zum Juwe⸗ lier, der die Perlen verlangte. Hier ſchien man nur ſchwer Zulaß zu erhalten; einige wenige, einer ernſten Perſon, die halb Thürſteher, halb Schrei⸗ ber war, geheimnißvoll zugeflüſterte Worte ge⸗ nügten jedoch, alle Hinderniſſe zu entfernen, ſo daß ſich Robin bald in einem dunkeln, dumpfen Zimmer in dem hintern Theile eines der Häuſer der Fenchurch⸗Straße befand, in welcher damals die meiſten fremden Kaufleute wohnten, die all⸗ gemein, außer andern Waaren, auch mit Kontre⸗ bande handelten. Kaum war der Wanderer hineingetreten, als er ſich ſeines Höckers entledigte, und mehre Schnüre der feinſten Perlen daraus hervorholte — 147— und ſie auf dem Tiſch ausbreitete. Der Handels⸗ mann ſetzte ſeine Brille auf und unterſuchte ſie einzeln ſchnell, aber doch mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit, während Robin, als ein treuer Aufſe⸗ her, ſein Auge nicht von den Juwelen abwen⸗ dete, bis ſeine Aufmerkſamkeit durch eine neue hereintretende Perſon in Anſpruch genommen wurde. Dies war der alte Jude, Manaſſa Ben Iſrael, den Robin bereits bei Sir Willmott Burrell geſehen hatte. „Erlaubt mir noch einige Augenblicke, guter Rabbi,“ bemerkte der Kaufmann, der jetzt die Zahl, Größe und den Werth der Perlen in ein großes Buch eintrug. „Ich kann nicht warten, Freund, antwortete der Jude ſchnell,„denn ich habe eine Reiſe vor und die Nacht kömmt und iſt finſter.“ „Wohin, Sir?“ „Nach Hamptonhof,“ erwiederte Ben Iſrael, „um mit Sr. Hoheit zu reden, den der Gott Abrahams beſchützen möge! und ich bin ſehr in Verlegenheit, denn mein Diener iſt krank, und ich weiß nicht, wen ich mitnehmen ſoll, wenn Ihr mir nicht Townſend überlaſſen wollt. Sa⸗ muel verſichert mich, er ſey ein Menſch, dem man trauen könne; einen ſolchen brauche ich aber, denn ich bin ſchwach und bedarf der Wartung.“ — 148— „Townſend iſt leider vor einer Stunde ei⸗ nen weiten Weg in geheimen Geſchäften ge⸗ ſchickt worden. Ich bedauere, daß ich es nicht früher gewußt habe.“ „Es iſt kein Mangel an Dienern,“ fuhr der Rabbi fort,„wohl aber an Treue. Ich weiß nicht, was ich anfangen ſoll, denn ich muß noch dieſen Abend zu Sr. Hoheit.“ „Wenn Ihr wollt,“ rief der kleine Robin vortretend,„ſo gehe ich mit Euch; ich bin über⸗ zeugt, dieſer Geutleman wird für meine Treue einſtehen, wie ich für meine Tauglichkeit bürge.“ Der Rabbi ſah den Kaufmann an, welcher zur Antwort gab:„Ich kann wohl für des jun⸗ gen Mannes Zuverläſſigkeit gut ſagen, da man ihm, aus geheimer Quelle, deren Art Ihr wohl kennt, mein trefflicher Ben Iſrael, Güter wie dieſe für mich anvertraut hat. Aber was ver⸗ ſteht Ihr vom Dienſte, wie ihn eines Gentle⸗ mans Diener kennen muß?“ „Auch das bin ich ſchon geweſen,“ antwortete Robin Hays. „Bei wem?“ fragte Manaſſa. „Bei einem, Sir, den ich nicht gerne nenne, weil ſein Name mir wenig Ehre machen wird, bei Sir Willmott Burrell.“ Der alte Mann ſchauderte und ſagte endlich —— — 149— mit bewegter Stimme:„Dann paßt Ihr jetzt in der That nicht für mich.“„ „Mit Verlaub, Sir,“ fuhr Robin fort,„ich habe Euch ſchon früher geſehen und ich kann Euch nur ſagen, daß ich, da ich alle ſeine Um⸗ triebe genau kenne, gerade der Mann bin, dem ſeine Feinde am meiſten trauen könnten.“ „Junger Mann,“ ſagte der Jude ſtreng,„ich bin niemandes Feind; ich überlaſſe ſolche Feind⸗ ſchaft, wie Ihr meint, meinen chriſtlichen Brü⸗ dern. Ich verlange blos Gerechtigkeit von mei⸗ nem Nebenmenſchen und Barmherzigkeit von Gott.“ „Aber, Sir, da Ihr in ſolcher Stunde Sir Willmott Burrell einen Beſuch abſtattetet und Euch ſo dabei benahmt, dachte ich, es müſſe Euch Unrecht von ihm geſchehen ſeyn.“ „Unrecht? Ja ſolch Unrecht, daß es eines Va⸗ ters Haar bleicht, ſein Blut vergiftet, ſein Ge⸗ hirn verrückt....“ Der alte Mann mußte ein⸗ halten, denn das Gefühl überwältigte ihn. „Ich kenne niemand, der treuer wäre, als Robin Hays,“ bemerkte der Juwelier,„und nun erinnere ich mich auch, daß er damals, als er jenem Ritter diente, der, wie ich höre, ſeinem zerrütteten Vermögen durch eine reiche Heirath wieder aufhelfen will, ſeine Sache ſehr gut mach⸗ — 150— te, obgleich ich in Wahrheit glaube, daß er beſ⸗ ſer an ſeinem Platze und daß er ſelbſt zufriede⸗ ner iſt, wenn er dem tapfern Bucanier dient.“ „Bucanier!“ rief Ben Iſrael,„welchem Bu⸗ canier??"?“ „Oh!“ ſagte der Kaufmann lächelnd,„Hugh Dalton, dem trefflichſten Freibeuter, den es gibt.“ „Hugh Dalton!“ wiederholte der Inde bedäch⸗ tig und fügte nach einer k einen Pauſe hinzn. „Kannſt Du Dich gut verkleiden?“ „So gut, als es mein Kurper erlaubt,“ ant⸗ wortete Robin. „Ihr habt meinen treuen Samuel geſehen?“ „Ja wohl, Sir.“ „So mache Dich ſchnell in Benehmen und Kleidung ihm ſo ähnlich, als möglich.“ Robin gehorchte freudig und rollte bereits in weniger als einer halben Stunde, in Tracht ei⸗ nes dienenden Juden, auf dem Wege nach Hamp⸗ tonhof, „ Zehntes Kapitel. — Robin war froh, daß der Name Dalton's den Rabbi bewogen hatte, ſeinem Wunſche zu will⸗ fahren, denn in dem Augenblicke, wo der Rabbi erzählte, daß er nach Hamptonhof gehe, be⸗ dachte er ſchnell, daß es ihm in der Verkleidung eines jüdiſchen Dieners am leichteſten werden würde, über die Lage des Kavalters Erkundi⸗ gungen einzuziehen. Ben Iſrael hatte Nachricht erhalten, daß der bekannte Befehlshaber des Glühwurms vor St. Vallery gelegen und viele Nachforſchungen wegen ſeiner Tochter angeſtellt hatte, die zuletzt, wie ſeine Freunde auf dem feſten Lande ausfindig gemacht, an Bord des Schmugglers gegangen ſey. Es kann mir nicht ſchwer fallen, dachte der Rabbi, von ſeinem Be⸗ kannten durch Gewalt oder Beſtechung Alles zu erfahren, was man mit einer höchſt unglückli⸗ chen Tochter beabſichtigt. In dieſen Sinn legte er während der Fahrt nach Hamptonhof ſeinem neuen Diener eine Menge Fragen vor, welchen Robin Hays mit aller ſeiner Geſchicklichkeit ſchwer ausgewichen wäre, hätte er dies ſonſt gewollt. Plötzlich fiel es ihm ein, daß der ſtumme Knabe niemand anders ſeyn könne, als Manaſſa's Toch⸗ ter, ein Verdacht, den er dieſem ſogleich offen geſtaud. Der alte Mann ſchauderte Anfangs mit Ab⸗ ſcheu vor dieſer Annahme zurück. Es ſey unmög⸗ lich, ſagte er, daß ſein Kind ſo weit ſeine Lage und ſeine Geburt vergeſſe, und ſich herabwürdi⸗ gen könne, einen männlichen Anzug anzuthun; aber Robin erinnerte ihn, daß, wenn ein Weib liebt, und ein Mal ihre Pflicht, vielleicht auch die Ehre geopfert hat, alle andern Hinderniſſe nur noch nichtig erſchienen. Der Jude ſeufzte ſchwer und ſchwieg lange; Zilla war ſein einziges, über alles geliebtes Kind, und er liebte ſie trotz ihres Ungehorſams, und je mehr er darüber nachdachte, deſto entſchloſſener wurde er, den Verführer ihrer Unſchuld zu beſtrafen. Auch Robin war be⸗ kümmert; er konnte ſich der Angſt nicht wehren, daß Barbara etwas übles zuſtoßen möchte. Warum hatte das Mädchen, wenn es in der That ein Mädchen war, Barbara bedroht? Was hatte Barbara mit dieſem unſeligen Handel zu ſchaf⸗ 1 — 153— fen? Sollte der Fremde ſie vielleicht wegen ihrer ſchönen Kleidung für ihre Gebieterin gehalten, und mit ohnmächtiger Wuth ſie in einer unbekann⸗ ten Sprache bedroht und vor einer Verbindung mit Burrell gewarnt haben? Er ſah nicht klar, und je ungewiſſer ihm alles ſchien, deſto beſorg⸗ ter wurde er, deſto mehr warf er es dem Bu⸗ canier vor, daß er ihm alle Verhältniſſe nur halb offenbarte. Hätte ich, dachte Robin, die Angelegenheiten Sir Willmotts genau gekannt, wie ſie, was ich feſt überzeugt bin, Dalton kannte, ſo würde ich in Allem ganz anders gerathen und manchem haben vorbeugen können, was vielleicht jetzt ge⸗ ſchehen wird.— Ein anderer Gedanke quälte Robin nicht weniger, die bevorſtehende Heirath Konſtanzens nämlich mit dem Ritter. Er war über⸗ zeugt, daß zwiſchen Burrell's gütiger Herrin und Walther de Guerre ein enges Band beſtehe, und er dachte, daß Dalton's Theilnahmloſigkeit an dieſem Verhältniß in geringem Einklang mit ſeinem ſonſtigen ritterlichen Benehmen gegen Frauen und ſeiner Liebe zu ſeinem jungen Freunde ſtände. Er wußte, daß dem Bucanier an einem Freibrief liege, er wußte auch, daß er auf Sir Robert Cecil's Verwendung die ſtärkſte Anſprüche machen konnte; er kannte den Hauptgrund, warum „ Dalton den Kavalier herübergebracht hatte, aber mit allem ſeinem Scharfſinn konnte er doch nicht ergründen, warum er nicht auf der Stelle durch die Entlarvung Sir Willmott Burrell's alles in Ord⸗ nung brächte. Er hatte den Bucanier mehrmals darum gebeten, aber immer die Antwort erhalten: „Was gehen mich anderer Leute Kinder anz ich habe nur nach dem meinigen zu ſehen. Sind ſie gütig gegen Barbara geweſen, ſo hatten ſie wohl Urſache dazu. Ueberdies hat Sir Willmott ſeine Strafe noch zu erwarten, je nachdem er ſich be⸗ nimmt, und ſie wird empfindlich genug ſeyn, wenn er ſindet, daß Miſtriß Cecil am Ende keine Erbin iſt.“— Nur einmal fühlte ſich der Bucanier geneigt, das Opfer Konſtanzens zu verhindern, als er vernahm, daß ſie ihres Vaters Verbrechen kenne, und ſich als Preis des Ge⸗ heimniſſes dem Elende Preis geben wolle; hätte er damals ſeinen Pardon in Händen gehabt, würde er dem Protektor die eingewurzelte Schlech⸗ tigkeit des Herrn von Burrell enthüllt haben. Aber bevor er an Bord des Glühwurms zurück⸗ gekehrt war, und die durch Sir Willmott ange⸗ ſtiftete Meuterei unterdrückt hatte, wäre es ihm doch nicht eingefallen, daß Burrell ſogar nach ſei⸗ nem Leben trachten könne. 18e Der Bucanier war ein kühner, unerſchrocke⸗ — 155— ner, verwegener Mann, geſchickter, die Zufälle des Krieges, als die Geheimniſſe des Herzens, die Tiefe eines Karakters zu ergründen. Selbſt die Liebe zu ſeiner Tochter glich mehr dem Stolze, und er war entſchloſſen, alle Mittel anzuwenden, damit auch ſie ſtolz auf ihn ſeyn könne. Er hatte ſich gegen Sir Robert Ceecil ge⸗ rühmt, er habe aus Argwohn blos die nachge⸗ machten Dokumente verbrannt, während der Baronet der Meinung war, daß alle Spuren ſeines Verbrechens vertilgt waren, aber die Wahrheit war, daß der Bucanier damals die Briefe eigentlich nur verlegt, und um die ob⸗ ſchwebenden Verhandlungen endlich zum Schluß zu bringen, einige Papiere verbrannt hatte, welche er, um Sir Robert Cecil zu beruhigen, eilig zuſammen geſchmiedet hatte. Als es ihm ſpäter einfiel, daß er, wenn er dieſe Dokumente wiederfände, Sir Robert Cecil zur Beförderung ſeines Zweckes zwingen könne, ſuchte er jeden Winkel im Möwenneſte durch, bis er ſie fand; ein Werkzeug, welches er alſo nur dem Zufall, nicht ſeinem Geſchick verdankte. Hatte doch ſelbſt der knabenhafte Springall früher Jeromios Ka⸗ rakter durchſchaut; aber Dalton war ſo gewohnt, ſeine Tapferkeit allem überlegen zu finden, und ihr daher ſo unabläſſig zu vertrauen, daß er 2 ſeinen Scharfſinn, der ihn vor mancher Gefahr würde gewarnt haben, nur zu oft ſchlummern ließ. Hätte er tiefer nachgedacht, würde er ſich überzeugt haben, wie unrecht es ſey, den Glüh⸗ wurm einem Menſchen, wie Jeromio, anzuver⸗ trauen, der ſo oft verrätheriſch gegen andere gehandelt hatte, und daher leicht durch Beſtechung auch gegen ihn ſelbſt benutzt werden konnte. Seit ſeiner letzten Unterredung mit Sir Ro⸗ bert Cecil hatte er ſich überzeugt, daß der Ba⸗ ronet in der That den größten Theil ſeines Ein⸗ fluſſes in Whitehall verloren hatte, und daß der Protektor nur ſelten ſich gnädig gegen die er⸗ zeigte, welche ihm als Erſatz nicht Nutzen genug dafür verſprachen. Sir Roberts Kraft war kör⸗ perlich und geiſtig gebrochen; er hatte keinen Sohn, auf den der Protektor im Falle von Un⸗ ruhen rechnen konnte, und die Familienbanden, welche Cromwell an ſein Haus knüpften, waren dem Bucanier unbekannt. Er hatte gedacht, daß die Furcht Sir Willmott Burrell bewegen wür⸗ de, ſein Geſuch zu unterſtützen, aber der letzte Mordanſchlag zeigte ihm, daß von ihm nichts als der ſchwärzeſte Verrath zu erwarten ſey. Als er daher mit aller Rohheit eines wahren Bucaniers den Kopf Jeromios als ein Hochzeits⸗ geſchenk für Sir Willmott abſchickte, überſandte er zugleich durch einen zuverläſſigen Boten dem Protektor Burrell's eigene Anweiſung zur Er⸗ mordung der Jüdin Zilla, und fügte hinzu, daß, wenn Seine Hoheit ihm einen Freibrief zuſichern wolle, zu deſſen Nachſuchung ihn wichtige Gründe antrieben, er ſich im Stande glaube, die Toch⸗ ter des Rabbis herbeizuſchaffen. Seine Mitthei⸗ lung ſchloß mit der Bitte, Seine Hoheit möge die Heirath des Herrn von Burrell jedenfalls bis auf die nächſte Woche aufſchieben laſſen. Sein Abgeſandter hatte den ſtrengen Befehl erhalten, nicht zu eſſen, nicht zu trinken, nicht zu ſchlafen, als bis er Mittel gefunden habe, ſein Paket in die Hände des Protektors zu überge⸗ ben. Obgleich Dalton ſich in ſo weit beruhigt hat⸗ te, verwünſchte er doch bitterlich ſeine Thorheit, daß er nicht gleich Anfangs, ſtatt nach St. Vallery zu gehen, Ben Iſrael von ſeinem Auftrage in Kenntniß geſetzt hatte, der als Lohn für ſeiner Tochter Rettung gewiß für ſeinen Pardon und für Burrell's Strafe geſorgt hätte. Es läßt ſich den⸗ ken, daß Burrell in derſelben Nacht, welche er für die letzte des Bucaniers hielt, keine Ruhe und Raſt hatte. Schon mit Tagesanbruch war er un⸗ weit des Möwenneſtes auf eine Klippe geſtiegen, um dort das Signal zu erwarten, welches er mit Jeromio beim Gelingen ihres Planes abgeſpro⸗ — 158— chen hatte. Aber ſo weit er auch über die blauen Wogen blickte, nirgends war ein Schiff zu ſe⸗ hen. Er blieb eine lange Zeit ſo auf dem Felſen ſtehen. Während es immer heller wurde, ſtießen die kleinen Boote der Fiſcher von Shepey, einige einzeln, andere in Geſellſchaft, von ihren ver⸗ ſchiedenen Ankerplätzen ab. Ein Segel tauchte am Horizont auf, dann noch eins, endlich noch eins; aber noch immer kam kein Signal, daß der Verrath geglückt ſey. Endlich war die Sonne ganz aufgegangen. Er beſchloß nun, nach dem Neſte ſich zu begeben, da er noch immer hoffte, dort vielleicht eine Botſchaft von Jeromio zu finden. Jeder Augenblick war an dieſem verhäng⸗ nißvollen Morgen für ihn mehr als Gold werth, und doch hatte er ſchon eine Stunde mit verge⸗ blichen Nachforſchungen nach einem Ereigniſſe ver⸗ bracht, von welchem, wie er wußte, ſein zukünf⸗ tiges Geſchick abhängen mußte. Aber nicht weit war er gekommen, als er von dem ehrwürdigen Sir Jonas Mundflink aufgefangen wurde, wel⸗ cher ſtets, wie ein böſer Genius, Sir Willmott bei ſeinen Plänen in den Weg zu treten ſchien. „Ich habe Dich geſucht als einen Freund,“ bemerkte der ſchlichte Prediger,„faſt könnte ich ſagen als ein Bittſteller, in Auftrag der Lady Franziska Cromwell, um Dich zu erſuchen, daß — 159— die Ceremonie, welche nach Deiner Anweiſung der Mann von biſchöflichem Glauben zu begehen im Begriffe iſt, bis auf den Abend verſchoben werde, da Miſtriß Cecil, körperlich oder geiſtig, vielleicht auch beides, ſehr unwohl iſt.“ „Das ſind Kindereien,“ antwortete Burrell ärgerlich,„ſie bat um Aufſchub und ich gab ihn zu bis zu dieſem Morgen, längere Entſchuldi⸗ gungen mag ich nicht hören.“ „In Wahrheit,“ ſagte Mundflink,„Deine Antwort kam, wie ich denke, aus einer ſehr un⸗ chriſtlichen Stimmung. Deine erwählte Braut iſt unwohl, und ſtatt eines Schauers, welches Thrä⸗ nen bedeutet, kommt ein Sturm, welches, in dichteriſcher Sprache, Zorn bedeutet.“ „Vergebt mir, Sir,“ entgegnete Sir Bur⸗ rell, der einſah, daß unter ſolchen Umſtänden der Aufſchub, wenn er auch gefährlich war, doch nicht verweigert werden konnte,„aber es iſt natürlich, daß der Bräutigam ſich kränkt, wenn er ſein langerſehntes Glück wieder hinausgerückt ſieht, beſonders wenn die Gründe dagegen ſo ſtark ſind, wie die meinigen.“ Mundflink verſtand den Sinn des Letztern nicht, zog aber ſeine kleine Taſchenbibel heraus, die ſchon ſo manchmal Sir Willmott Burrell in Verlegenheit geſetzt hatte, und ſagte ihm, er — 160— habe die bewundernswerthe Stelle in der heili⸗ gen Schrift von den Pflichten des Ehemannes und der Frau reiflich erforſcht und darüber eine Rede entworfen, welche er nach der heiligen Ceremonie vortragen werde, daß er aber jetzt nur einſt⸗ weilen, während ſie zuſammen nach Hauſe zu⸗ rückkehrten, ſich darüber etwas auslaſſen wolle. „Ich gehe jetzt nicht nach Cecilhaus,“ entſchul⸗ digte ſich Burrell,„ich muß mich nach Robin Hays umſehen, der hier herum oder an einem Orte, genannt die Möwenneſtklippe, wohnt; er war einſt mein Diener und ich bedarf ſeiner.“ „Das thut nichts,“ antwortete Mundflink, „ich kenne Nobin, und ſo will ich mit Dir ge⸗ hen und während deß Dir predigen, denn mein Amt iſt heilig, und jede Zeit und jeder Platz geeignet zu deſſen Ausübung.“ So weit weg auch Burrell den ihm ſo Lüäſti⸗ gen wünſchte, ſo half dies doch nichts, denn er wich nicht von ſeiner Seite und redete immer in demſelben gleichen Tone unaufhaltſam fort. Aber wäre er der einzige geweſen, der Sir Will⸗ mott in den Weg getreten wäre! Kaum bogen er und Jonas um den Thurm, in welchem Bar⸗ bara an jenem Abende eine Zuflucht gefunden hatte, als Zilla, noch als Knabe verkleidet, aber doch einen Ueberwurf tragend, der bis an die Knie — 161— reichte, plötzlich vor ihm ſtand. Wäre ein Geſpenſt aus der Erde hervorgeſtiegen, Sir Willmott hätte es nicht mit größerm Schrecken anblicken können. Er wollte vorüber, aber ſie wich nicht aus, ſondern blieb auf dem Wege ſtehen; ihr üppi⸗ ges, ſchwarzes Haar war um den bloßen Kopf gewunden, ihre ſchwarzen, durchdringenden Au⸗ gen blitzten feuriger, ihre Lippen bebten und ſuch⸗ ten lange Zeit vergebens nach Worten, den Ritter anzureden. Mundflink war der erſte, der ſprach. „Im Namen des Heerrn, ich fordere Dich auf, wahnſinniger Jüngling, von hinnen zu weichen, denn in Wahrheit, es blickt wenig Ruhe, wenig Beſonnenheit aus Deinen Augen, die we⸗ der Ruhe, noch Zufriedenheit verrathen. Was willſt Du von meinem Freunde? Dies iſt ſein Hochzeittag und er hat keine Zeit für einem Deines Gleichen.“ „Der Teufel hole ihn ſammt Dir, Du über⸗ läſtiger Plagegeiſt,“ fuhr Burrell den Prediger an, alle Mäßigung verkennend, da bei dem Worte„Hochzeittag“ Zillas Geſicht ſich plötz⸗ lich fürchterlich verzerrte.„Laßt mich beide,“ fuhr er fort,„und Ihr beſonders, junger Herr, der Ihr ſo eifrig in Euer eigenes Verderben rennt, hütet Euch vor mir: die Zeit des Tän⸗ delns iſt vorüber.“ II. 11 — 162— Während dieſes Ausbruchs ſeiner Wuth hatte die Jüdin die Augen nicht von Burrell abge⸗ wandt, und die Hand in ihrer Jacke verſteckt gehalten. Als er inne hielt, redete ſie ihn in ge⸗ brochenem Engliſch an, da ſie aber ſich nicht ge⸗ läufig genug ausdrücken konnte, ſo fing ſie Fran⸗ zöſiſch an zu ſprechen, nahm zuerſt Burrell's Ehrge fühl in Anſpruch, bezog ſich auf ſeine Ver⸗ bindung mit ihr, mahnte ihn an ſeine Liebes⸗ ſchwüre, und ſuchte durch alle Mittel, welche das Herz eines Weibes in ſolcher Lage eingiebt, beſ⸗ ſere Geſinuungen in ihm zu erwecken. Aber alles umſonſt: während ſie ſich in Worten erſchöpfte, hatte er ſeine ganze Ruhe und Selbſtbeherrſchung wieder gewonnen. Sie betheuerte darauf, wenn er ihr Gerechtigkeit verſage, werde ſie, wie ſie früher ihm gedrohet habe, ſich mit den Beweiſen ſeiner Schlechtigkeit zu den Füßen des Protek⸗ tors werfen und ihn Preis geben. Sir Will⸗ mott, der dieſen Schritt wirklich fürchtete, ſuchte jetzt Zeit zu gewinnen und verſicherte ihr, daß er ſich vom Schickſale genöthigt ſehe, ſie zu ver⸗ laſſen, ſie möge aber nur mit ihm in das Haus gehen, wo er vielleicht Alles ausgleichen könne. „Nein,“ antwortete ſie,„ich will nicht unter daſſelbe Dach mit Euch gehen, kein Pfand mit Euch wechſeln. Ihr möchtet mich zum Tode ver⸗ — 163— folgen, aber wenn Ihr mir Gerechtigkeit ver⸗ ſagt, werde ich Euch eben ſo, und nicht bloß Euch allein, verfolgen. Kein Weib, außer mir, ſoll an Eurer Bruſt ruhen, kein Kind, außer jenem, welches unter meinem Herzen liegt, ſoll Euch Vater nennen. Ich ſchwöre es bei dem Gott meiner Väter, daß ich Rache haben will, ſollte ich auch die Stunde darauf ſelbſt mein Blut als Opfer darüber hingeben müſſen.“ Sie warf ih⸗ ren Kopf zurück, als ſie dieſe Drohung ausſtieß. Ihr Haar löſte ſich auf und fiel wie ein dunkler Schleier über das Geſicht herab.„Erkennt Eure Verbindung mit mir,“ fuhr ſie fort,„vor die⸗ ſem heiligen Manne an, er iſt zwar ein Chriſt, aber ich habe gehört, daß er ein rechtlicher Mann iſt, und ich verlaſſe Euch auf eine Zeit⸗ lang.“ „Pah, pah,“ unterbrach ſie Burrell,„es war von keiner Verbindung die Rede. Das iſt eine Fabel, eine Erfindung, für die Ihr keine Be⸗ weiſe habt.“. „Meint Ihr!“ rief ſie und zog unbeſonnen ein kleines Paket heraus, welches ſie einen Augen⸗ blick ihm vor Augen hielt. Aber dieſer Augen⸗ blick war genug: er riß ihr die Dokumente aus der Haud und ſchwang ſie hoch mit teufliſcher Freude. Doch ſein Triumph war nur kurz, denn — 164— Mundflink errieth, was vorging, und ergriff die Papiere, ehe Herr von Burrell nur ahnen konnte, daß der Prediger ſo etwas wagen könnte. Sir Willmott ſtand ſtarr vor Erſtaunen über dieſe Anmaßung, aber Mundflink zog ſeinen Korb⸗ degen und rief mit mehr Gefühl, als ein Kavalier ihm zugetraut hätte: „Sir Willmott Burrell, als Salomo in Iſrael Recht ſprach, verſchmähte er nicht einmal die Sache der loſen Dirnen. Es iſt mir vergönnt worden, die Sprache mancher Länder zu ver⸗ ſtehen, nicht durch die Eingebung des heiligen Geiſtes, ſondern durch den Fleiß und die An⸗ ſtrengung meines ſchwachen Verſtandes, unter Beihülfe des göttlichen Segens, der allem Ge⸗ rechten und Guten ertheilt wird. Wenn es wahr. iſt, was dieſe Perſon ſagt, ſo würde es Euch nicht geziemen, der Gatte der Miſtriß Konſtanze zu werden, iſt es nicht wahr, ſo muß dieſe Perſon durch ihre Lügen fallen. Zurück, Herr von Burrell, Jonas Mundflink kann fechten mit dem Schwerte, wie mit dem Munde, und dieſe Dokumente ſollen vernommen werden in der Sizung des Gerichts in unſerm neuen Jeru⸗ ſalem.“ Sir Willmott ſah ſich nun auf allen Seiten abgeſchnitten, und entſchloß ſich, zur Liſt ſeine — 165— Zuflucht zu nehmen. Nach einer kurzen Pauſe, während der Zilla, wie der Prediger ſchwiegen, ſagte er: „Gut; vielleicht iſt es am beſten ſo. Zilla, wollt Ihr mit mir nach Cecilhaus gehen?“ „Nein,“ antwortete ſie,„ich will dort zu Euch kommen, aber, ich ſage es Euch aufrich⸗ tig, nirgends mit Euch allein gehen.“ „So kommt dieſen Abend um ſieben Uhr hin und ich ſchwöre Euch..“ „Ich traue Euren Schwüren nicht, wohl aber dieſem Manne; und wenn er mich verſichert, daß dieſe fluchenswerthe Verbindung nicht Statt finden ſoll, ehe ich nicht mit dem Weibe, ruhig und ungeſtört, geſprochen habe, das Ihr heira⸗ then wollt, ſo laſſe ich Euch bis dieſen Abend in Frieden.“ „Deſſen verſichere ich Euch,“ antwortete Mund⸗ flink,„und ein Pfand meiner Zuverläſſigkeit ſey Euch, daß ich die treffliche Lady, Konſtanze Ce⸗ cil, zu ſehr liebe, als daß ich durch ſolche Un⸗ ehre, wie Ihr erzählt, einen Schatten auf ſie werfen laſſen möchte. Sir Wollmott, Ihr habt den geſpaltenen Huf voͤrblicken laſſen.“ „Seht nach dem Meere, Sir Willmott Bur⸗ rell,“ rief die Jüdin in ihrer heftigen Art, „ſeht nach dem Meere und dem Segel, und und dem Signal des tapfern Bucaniers,“ — 166— Burrell ſah ſich beſorgt um, konnte jedoch nichts bemerken. Als er ſich nach der Stelle um⸗ drehte, wo Zilla geſtanden hatte, war ſie ver⸗ ſchwunden. „Dies Alles ſtammt vom Böſen,“ ſagte Mund⸗ flink, nachdem er ſich genau umgeſehen und ſeine Naſe den großen Steinblöcken ſo nahe gebracht hatte, daß es ſchien, als wolle er durch dieſen Sinn die Spur erforſchen,„wohin iſt das Ge⸗ ſchöpf entflohen?“ „In der That, ich weiß es nicht,“ war Bur⸗ rell's Antwort,„das Beſte iſt, Ihr geht mit mir nach dem Möwenneſte, wo ich noch Robin ſprechen muß.“ Der verdachtloſe Prediger that, was man von ihm wünſchte. Sir Willmott erkundigte ſich nach dem jungen Hays. Seine Mutter ſagte;. „Er iſt auf Reiſen.““ „Zu Hugh Dalton?“ „Der iſt wieder auf ſeinem Schiff.“ Er verlangte darauf, ohne daß es der Pre⸗ diger bemerkte, nach dem geheimen Schlüſſel zu einem Raume, welcher der Käfig hieß, und in welchem die Konterbande, die nicht ſogleich ver⸗ kauft werden ſollte, aufbewahrt wurde. Er ſtand mit keinem der andern Verſtecke in Verbindung, außer durch einen engen Gang, welcher jedoch, — — 167— da er nirgends anders hinführte, ſelten be⸗ nutzt wurde. In dieſen Käfig führte er Mund⸗ flink, dem er einplauderte, daß es einer der Ausgänge wäre; während aber der Ehrwürdige ſich mit vieler Neugierde umſah, zog Burrell den Schlüſſel ab, ſteckte ihn ruhig ein, und ver⸗ ließ, ohne der Mutter Hays ein Wort zu ſa⸗ gen, mit großer Zufriedenheit das Haus. „Er bleibt nur bis morgen ruhig darin,“ murmelte er,„dann wird der überall ſich ein⸗ miſchende Thor um ſeiner theuern Konſtanze ſelbſt willen, mein Geheimniß für ſich bewahren, und die verdammten Papiere fahren laſſen.“ Es läßt ſich denken, daß ihm eben ſo viel daran liegen mußte, auch Zillas Erſcheinen in Cecilhaus zu verhindern. Seine Exiſtenz ſchien jetzt von ihrer Vernichtung abzuhangen, aber es fehlten ihm die Mittel dazu; Roupall war durch Hugh Dalton entfernt und von Jeromio ging keine Nachricht ein. Die ſchwache Beruhigung, die er in Mundflinks Einſperrung gefunden hatte, machte bald wieder einem an Wahnſinn gränzen⸗ den Gemüthszuſtand Platz. Er blieb einige Au⸗ genblicke an dem Eingange von Cecilhaus ſtehen, und befahl dem Pförtner, niemanden hineinzulaſ⸗ ſen, ſondern jeden abzuweiſen, ſey es Mann oder Frau, der, unter was auch für einen Vorwand es — 168— ſeyn möge, nach ihm fragen ſollte; er verſicherte dem alten Manne, daß ſich in der Nähe ein ver⸗ rückter Knabe umhertriebe, der ihn außerhalb dieſes Landes gekannt zu haben behaupte, und ſich jetzt, wie er vernehme, die fürchterlichſten Drohungen gegen ihn erlaube. Sir Willmott gab ſeiner Anweiſung durch ein Geſchenk noch größeres Gewicht, und wollte eben in das Haus eintre⸗ ten, als die Thorglocke angezogen wurde, und ein, gleich einem wandernden Kaufmanne geklei⸗ deter Mann ein Paker, mit der überſchrift an Sir Willmott Burrell, überreichte. Burrell hieß den Boten in das Pförtner⸗ zimmer eintreten; nach einigem Beſinnen ge⸗ horchte der Fremde. Sir Willmott entließ den alten Pförtner und öffnete das Paket, aus dem das blutbefleckte Haupt des Italieners Jeromio zu ſeinen Füßen herunterrollte. Da lag es in der ſcheußlichen Entſtellung eines gewaltſamen Todes, der Hals mit zerronnenem Blut bedeckt, die ſtarren, geiſterhaften Augen aus ihren Höh⸗ len herausglotzend, die Lippen krampfhaft zu⸗ rückgezogen von den weißen, glänzenden Zähnen; da lag es, hinaufblickend in das Antlitz ſeines Schuldgenoſſen. Sir Willmott zitterte, Ne⸗ bel verdunkelte ſeinen Blick, die Sprache ver⸗ ſagte ihm, er ſank erſchöpft in den Seſſel des — — 169— Pförtners.„Was bedeutet das?“ rief er end⸗ lich dem Manne entgegen, in dem er nun einen von der Mannſchaft des Glühwurms erkannte, „was bedeutet das?“ „Ein Hochzeitgeſchenk von Hugh Dalton, hörte ich,“ antwortete der Fremde, der ruhig ſeinen Tabak im Munde umwendete, und den Ritter mit unausſprechlicher Verachtung anblickte. „Ihr müßt Nachweiſung geben von dieſer ſchauderhaften Mordthat— Ihr ſeyd dabei ge⸗ weſen— es wird Euer Glück machen,“ fuhr Sir Willmott fort, der von ſeinem Sitz auf⸗ ſprang, und wie ein Ertrinkender nach jedem Strohhalme griff.„Ich will Eure Ausſage auf⸗ nehmen; dieſer ſcheußliche Mord kann Euer Glück machen, merkt Euch das. Heda! hieher!“— Er wollte den Pförtner rufen, aber der Mann ver⸗ hinderte ihn und brach in ein Gelächter aus, wild wie das Brauſen der vom Sturm gepeitſch⸗ ten Woge. „Ausſagen aufnehmen! Ihr ein Mann des Ge⸗ ſetzes! Das wäre ein ſauberer Schlag! Sturm und Wetterl habt Ihr nicht mit Eurer Heuchelei und Teufelei Unheil genug auf dem Schiff an⸗ gezettelt, daß Ihr mich auch noch eingeſteckt, oder an ein Raaende gehängt haben möchtet? Nichts da, Meiſter, ſo ſteuere ich nicht.“— — 170— Ha! was bedeutet ein Hundert ſolcher, wie dieſer“”— er ſtieß dabei gegen den blutigen Kopf—„oder ſolcher, wie Ihr, im Vergleich mit dem kühnen Bucanier? Seht her, Herr— wie heißt Ihr?— man ſagt, die Geſetze und die Piraten ſegelten oft unter falſchen Flaggen, und der Teufel hol' mich, wenn ich es jetzt nicht glaube, da Leute wie Ihr mit ihnen zu ſchaffen haben.“ „Ihr ſollt mir nicht entgehen, Schurke,“ rief Sir Willmott, außer ſich auf den Seemann zu⸗ ſpringend,„doch nein,“ ſagte er zurücktretend, „doch nein, handelt nur ehrlich mit Eurem Ka⸗ pitain, dabei könntet Ihr doch etwas für mich thun...“⸗ „Sturm und Ungewitter über Euch, Herr. Seht, wenn Ihr Euren eigenen Kopf in einen Diamanten verwandeln und ihn mir zu Füßen legen könntet, wie das Aas hier zu den Euren liegt, ſo will ich am Strande abſtehen, wie ein Häring, wenn ich ihn annähme, um einen von den erbärmlichen Streichen auszuführen, die Ihr immer im Sinne habt.“ Entwürdigend iſt es, ſich durch ſeine Obern verſpottet zu ſehen; den Hohn unſeres Gleichen ſuchen wir zu rächen, aber von dem Auswurf der Menſchheit, den wir mit Füßen treten, un⸗ — 171— geſtraft beſchimpft und mißhandelt zu werden, iſt Gift, iſt unerträglich. Burrell knirſchte mit den Zähnen und ſchlug ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirn, das Zimmer dreyte ſich im Kreiſe um ihn, das blutige Haupt tanzte auf und ab, ſprach, fluchte und lachte mit teuf⸗ liſcher Freude. Hätte Zilla ihn jetzt geſehen, ſie hätte ihn bemitleidet und für ihn gebetet, denn er zitterte wie ein ſchwaches Mädchen im Fie⸗ berſchauer, ſein Kopf brannte ihm; erſt als⸗ dicke Schweißtropfen auf ſein Geſicht traten, kam er wieder zur Beſinnung. Er blickte ent⸗ ſetzt um ſich, aber der Fremde war fort. Das Fenſter, das nach der Straße ging, war offen; der Ritter ſuchte es zu erreichen, die friſche Luft belebte ihn und gab ihm ſeine Geiſteskraft wieder. Er beſchloß, einige ſeiner eigenen Leute auszuſchicken, um Zilla den Eingang ſtreitig zu machen; thaten ſie auch wenig ſeinetwillen, ſo thaten ſie doch alles für Geld, und das ſollten ſie reichlich haben. War die Heirath einmal vollzogen, ſo hielt er ſich ſicher vor Allem, au⸗ ßer dem Bucanier. Die Hoffnung iſt immer ſtark im Menſchen, am ſtärkſten, wenn wir eben in Verzweiflung waren. Als er ſich umwendete, fiel ſein Blick wieder auf den Kopf des Ver⸗ räthers Jeromio. Wenn der Pförtner ihn ſah, — 172— gab es zu Gerede und Geſchwätz Anlaß, denn der alte Saul war ein Mann, der ſtets nur die reine Wahrheit ſagte. Er wickelte das Haupt daher wieder in das Tuch, machte es feſt zu, rief den alten Mann, und befahl ihm, es in das Haus zu tragen. „Aber wo iſt der Fremde?“ fragte Saul. „Oh, er iſt durch das Fenſter abgezogen, um Euch die Mühe zu erſparen, das Thor aufzu⸗ machen.“ — — 173— Eilftes Kapitel. — Als der arme Prediger fand, daß Burrell wirk⸗ lich ſich entfernt und ihn als Gefangenen, ohne eine Ausſicht fortzukommen, zurückgelaſſen hatte, gerieth er, wie er ſelbſt ſagte, anfangs außer ſich, und riß an dem Schloſſe, um ſo ſchnell als möglich ſich ſeiner Haft zu entledigen, aber die Thür war feſt verſchloſſen und ſo ſtark gezim⸗ mert, daß alle ſeine Anſtrengungen machtlos da⸗ gegen ſcheiterten. Gern hätte er ſich mit dem Gedanken getröſtet, daß Sir Willmott nur ei⸗ nen Scherz mit ihm treibe, aber ſein ganzes Weſen widerſprach dieſer Annahme, und Mund⸗ flink zitterte, wenn er an den verzweifelten Ka⸗ rakter deſſen dachte, mit dem er zu thun hatte. „Der Herr,“ ſagte er endlich,„kann ſelbſt aus dieſer Höhle retten, die wunderbar gebaut und ohne Zweifel aus übler Abſicht angelegt iſt.“— Das wenige Licht, welches in die Höhle drang, — 174— kam aus einer Oeffnung in der Klippe, die ſo hoch von dem Boden war, daß ſie kaum bemerkt werden konnte, hätte auch nicht ein breiter Stein vorgelegen, welcher kaum ſo viel Licht durchließ, als eben nöthig war. Die Atmosphäre war da⸗ her ſchwer und dumpf, und der Prediger konnte nur mit Mühe athmen. Der Raum befand ſich gerade über dem Zimmer, in welchem wir frü⸗ her den Bucanier getroffen haben, und war, wie geſagt, mit allen Arten von Waaren ange⸗ füllt, nach denen jetzt nicht verlangt wurde, oder welche die Zeit werthlos gemacht hatte. Mund⸗ flink ſchichtete eine Menge dieſer Kiſten und Pa⸗ kete auf einander, ſo daß, wenn er hinaufklet⸗ terte, und ſich auf die Zehen erhob, er gerade durch die Oeffnung blicken, aber nichts ſehen konnte, als die breite See, die ſich weit hin bis zum äußerſten Horizonte ausdehnte. Als er wie⸗ der herunterſteigen wollte, rollte eines der Pa⸗ kete aus dem aufgethürmten Berge heraus, und brachte den armen Prediger zum Fallen, der un⸗ ter einer Maſſe von Kleidern, Fellen, Klammern begraben wurde, und in eine Kiſte mit faulen Orangen gerieth, die ihn über und über mit ihrem verdorbenen Safte beſpritzten. Es dauerte eine Zeit, ehe er ſich aus dieſer widerlichen Um⸗ gebung los machen konnte, und noch länger, ſ — — 175— bis er ſeine Kleider gereinigt hatte. Seine erſte Sage darauf war, die Burrell abgenommenen Papiere an einem ſichern Platz unterzubringen. „Der Herr,“ dachte er,„hat nach ſeinem Ge⸗ fallen Satan oder ſeinem Hohenprieſter Macht über mich gegeben, und vielleicht werde ich ein Opfer fallen auf dem Altare Baals oder Dagons, aber das Opfer ſoll rein und unbefleckt durch Falſchheit oder Verſtellung ſeyn. In Wahrheit, meinen Körper kann er zerſtören, aber meine Seele ſoll zu Gott aufſteigen! Und dieſe Doku⸗ mente, welche durch eine faſt wunderbare Ver⸗ mittlung der Vorſehung in meine Hände gekom⸗ men ſind, will ich hinterlaſſen, damit ſie zu einer Zeit oder der andern von denen gefunden werden, die ſie benutzen können.“ Er ſuchte darauf emſig nach Dinte, oder ſonſt etwas, um einen Brief ſchreiben zu können, aber vergeblich. Endlich entdeckte er einige Papiere, auf welchen mehrmals die Worte Oliver Lord Protektor zu leſen waren; er riß ein Stück mit dieſen Namen ab, faltete ſeine Dokumente zu⸗ ſammen, und heftete ſodann jenes Papier dar⸗ auf, ſo daß es als Adreſſe dienen konnte. Dar⸗ auf band er das Paket ſo feſt zuſammen, daß Geſchick und Geduld dazu gehört hätten, die ver⸗ ſchiedenen Knoten zu löſen. Nachdem dies Alles — — 176— geſchehen war, dachte er nach, auf welchem Wege er dies zu ſeiner Beſtimmung gelangen laſſen könne. Er hatte ſchon vorher mit aller Kraft ge⸗ ſchrien und gerufen, aber als er die Länge des Ganges, durch welchen er mit ſeinem hinterliſti⸗ gen Führer gekommen war, und die wenige Wahr⸗ ſcheinlichkeit bedachte, daß noch ein anderes Zim⸗ mer ſich in der Nähe befinde, ſo ſtand er davon wieder ab, und beſchloß höchſt weiſe, nicht mit unnützen Anſtrengungen ſeine Kräfte zu verſchwen⸗ den, die vielleicht nur noch für wenige Stunden ausreichen würden. Tief beklagte er die Unvor⸗ ſichtigkeit, mit der er Burrell begleitet hatte, bitterlich weinte er über das Schickſal, das ſei⸗ nes Lieblings, der Lady Konſtanze, wartete. End⸗ lich beſchloß er, nach reiflicher Ueberlegung, eine ſicherere Leiter zu der Oeffnung anzulegen, zu der er zum zweitenmale hinaufſtieg, nachdem er ſein Paket an dem längſten Stricke, den er fin⸗ den konnte, feſtgemacht und dieſen innerhalb der Höhle ſo angebunden hatte, daß er durch den leichteſten Ruck losgeriſſen werden konnte. Er hätte das Paket ganz hinausgeworfen, und dar⸗ auf vertraut, daß es auch ſo einer finden werde, wenn er nicht gewußt hätte, daß die Fluth an die Klippe anſchlüge und es leicht hätte fortſpü⸗ len können, Er erinnerte ſich auch, daß ſich an — 177— dem Felſen ſchmale Wege hinaufwänden, daß daher mit Gottes Willen ein Wanderer auf dieſe Art die Briefſchaften entdecken könne. Nachdem er nunmehr ſeiner Pflicht ſich ſo entledigt, ſetzte er ſich auf einen Haufen zerfreſſener Kleider, zog ſeine Taſchenbibel heraus und ſetzte ſich nieder, mit ſolchem Eifer die heilige Schrift zu leſen, als ob er noch nie zuvor das geſegnete Buch ge⸗ öffnet habe. Obgleich Jonas keinesweges daran zweifelte, daß ſein Feind Etwas gegen ihn im Sinne habe, und daß ſein Leben in Gefahr ſey, ſo war dies doch durchaus nicht der Fall; Burrell hatte ſeine Einwilligung gegeben, die Heirath bis auf ſechs Uhr Abends zu verſchieben, und nur ſo lange wollte er ſich des Predigers verſichern, da er über⸗ zeugt war, daß nach der Verbindung derſelbe um Konſtanzens willen das Geheimniß nicht mehr verrathen würde. In Cecilhaus war währenddeß Alles in Verwirrung, denn Konſtanze unterlag faſt dem Kummer, der auf ihr laſtete. La dy Franziska war froh, als ſie gegen acht Uhr Morgens in einen dem Scheine nach feſten Schlaf fiel. Die Vorbereitungen zur bevorſte⸗ henden Ceremonie ruhten ganz auf ihr, aber ſie verſtand zwar, wie viele Perſonen von höherem Nange, zu beurtheilen, ob alles in gehöriger Ord⸗ II. 12 — 178— nung ſey, nicht aber, wie alles zu ordnen; ſie begnügte ſich daher damit, ihren Frauen die nö⸗ thigen Befehle zu geben, während dieſe, ſtolz auf dieſe Aufträge, ſo viel Lärm und Unruhe machten, als möglich. Sir Robert, der wie ein aufgeſtörter Geiſt durch das Haus ſchlich, wünſchte und fürchtete doch, ſein Kind zu ſehen, während Sir Willmott, nachdem er jede Vorſichtsmaßre⸗ gel gegen die Dazwiſchenkunft Zillas getroffen, ſich damit zu zerſtreuen ſuchte, daß er die Wa⸗ gen beſichtigte, welche ihn nach dem Hauſe ſei⸗ ner Tante in Surrey führen ſollten, wo er eine Zeitlang mit ſeiner Gattin ſich aufzuhalten dachte — ein Entſchluß, den nicht bloß Schicklichkeit, ſondern auch die Noth hervorgerufen hatte, da er vor Allem Zeit gewinnen mußte, um ſich mit ſeinen Dienern in ſeiner eigenen Wohnung ab⸗ zufinden. Miſtriß Claypole hatte an Lady Franziska ge⸗ ſchrieben, der Protektor wünſche nicht, daß ſeine Tochter ihre Freundin zu Sir Willmotts Tante begleitete, und er werde eine paſſende Eskorte abſchicken, um ſie, ſogleich nach vollzogener Ver⸗ bindung, nach Whitehall zu geleiten. Miſtriß Claypole fügte hinzu, daß ſie Hamptonhof ver⸗ laſſen habe, um ihre theure Schweſter Franziska in London in Empfang zu nehmen, da ihre Mut⸗ — 179— ter unwohl ſey und dies nicht ſelbſt thun könne. Am Schluſſe wünſchte ſie noch ihrer theuern Kon⸗ ſtanze den beſten Segen des Himmels, wobei ſie bemerkte, daß ſie unmöglich den widerſpre⸗ chenden Gerüchten glauben könne, als habe ſie ihr Herz anderweitig vergeben, da ſie ja ſelbſt wiſſen müſſe, daß es beſſer ſey, einen in der Jugend geſchloſſenen Vertrag zu brechen, wenn das Gefühl nicht mit demſelben im Einklange ſtehe, als ein feierliches Gelübde der Liebe und Treue abzulegen, wo keine Liebe herrſchen und Treue nur ein durch Zwang getriebener, nicht natürlicher Schößling ſeyn könne. Das iſt ſehr gut geſagt, dachte Lady Fran⸗ ziska, und doch würden ſie nicht wenig in Zorn gerathen, wenn ich aus dieſer Anſicht für mich Schlüſſe ziehen, und demgemäß handeln wollte. Oder macht es etwa mein Stand, als Tochter Seiner Hoheit des Lord Protektors, we⸗ niger nöthig, wahr und aufrichtig zu ſeyn? Und kann ein Weib beides ſeyn, und doch Hand und Treue jemanden verpfänden, der ihr nicht am Herzen liegt? Und doch.. Aber ihr Blick fiel auf Konſtanzen, noben deren Bette ſie ſaß, und ſie konnte kein hartes Urtheil über die Hand⸗ lung einer Freundin fällen, die ſie ſo innig liebte, und an deren Wahrhaftigkeit nicht zu zweifeln war. 1 — — 180— Der Brief lag noch vor ihr, als die Thüre aufging und Sir Robert Cecil eintrat. Lady Franziska flüſterte ihm zu, daß Konſtanze ſchlafe; der alte Mann ſchlich näher, und beugte ſich mit gefalteten Händen über ihr Bett und hielt den Athem an, um ihre Ruhe nicht zu ſtören. „Hat ſie die ganze Nacht ſo geſchlafen?“ fragte er leiſe;„hat ſie die ganze Nacht ſo feſt geſchla⸗ fen, Lady Franziska?“ „Nein, Sir,“ war die kurze Antwort, denn Lady Franziska war nicht wenig aufgebracht über Sir Robert, daß er dieſe offenbar ſo ganz den Wün⸗ ſchen ſeiner Tochter zuwiderlaufende Verbindung zugegeben hatte;„Nein, Sir, es iſt ſchon manche Nacht vergangen, ſeit ſie zum letzten Male feſt geſchlafen hat.“ 1 „Aber ſeht nur, Lady, wie ruhig, wie ſanft ihr Schlummer iſt. Gewiß, ſo kann man nicht mit einem ſchweren Herzen ſchlafen.“ „Sir Robert, ein ſchweres Herz macht ſchwere Augenlieder, beſonders wenn ſie vom Weinen angeſchwollen ſind.“ 5 Der Baronet beugte ſich herab, als ob er ſich von der Wahrheit deſſen überzeugen wollte, was die Lady ſagte, und in demſelben Augenblicke drängte ſich eine Thräne durch die langen Wim⸗ pern ſeiner Tochter über ihre bleiche Wange, Er V ——Qᷓʒᷓq — 181— ſtöhnte laut auf und verließ das Zimmer mit dem wankenden Schritte und dem gebeugten Nacken eines überwieſenen Verbrechers. Es iſt ein Geheimniß überall, von Anfang bis zum Ende, dachte Lady Franziska, als ſie be⸗ trübt hinausging, ſich umzuſehen, wie ihre Frauen ihre Aufträge beſorgt hätten. In einem der Gänge begegnete ihr Barbara, die bitterlich weinte. „Thränen! Nichts als Thränen!“ ſagte die Tochter des Protektors freundlich.„Was fehlt Dir jetzt wieder, Mädchen? Gewiß iſt neuer Anlaß zu Trauer, daß Du ſo weinſt?“ „Ach! Milady, ich weiß nicht recht, was es mir angethan hat, aber ich kann meine Thränen nicht ſtillen: alles geht ſo ſchlimm. Ich habe zwei Mägde ausgeſchickt, um Blumen zu ſam⸗ meln und die alte Kapelle damit auszuſchmücken, weil ſie ſonſt eher einem Todtenhauſe ähnlich ſieht. Aber was glaubt Ihr, Milady, daß ſie mir bringen? Rosmarin und Raute. Ich ſchalt und ſchickte ſie wieder fort nach weißen und ro⸗ then Roſen, nach Lilien und Nelken; endlich ka⸗ men die dummen Mädchen damit, und ich machte mich ſogleich daran und hing einige Zweige Im⸗ mergrün zwiſchen dem Epheu auf, welcher über dem Nordfenſter wächſt, und eben war ich damit fertig und gerade daran, einen Kranz von den — 182— ſchönſten Roſen zu befeſtigen, als eine Natter, eine lebendige Natter aus dem alten Fenſter her⸗ auskroch und mir mit ihren düſtern, böſen Au⸗ gen gerade ins Geſicht ſtarrte und ihre giftige Zunge herausſtreckte. Ich ſchrie, Milady, o ich ſchrie laut auf— das Thier hatte es auf mei⸗ nen Tod abgeſehen, denn als ich auf die Erde ſprang, ließ es ſich herabfallen und kroch mir eben nach, da ergriff es Crisp— was ſagt Ihr, Milady, zu der Klugheit dieſes armen Hundes? — bei dem Nacken und in einem Augenblicke war es todt.“ „Da ſolltet Ihr ja lächeln, nicht weinen,“ be⸗ merkte Lady Franziska, ihr, wie einem Kinde, die Wangen ſtreichelnd. „Ach,“ ſagte Barbara,„es war zu ſchauder⸗ haft und doch that es mir leid, daß Crisp es getödtet hatte, denn es iſt eine ſchwere That, ein Leben zu zerſtören, obgleich dies nur ein giftbeflecktes war.“ „Mein gutes Mädchen! Ihr werdet bald über andere Sachen zu klagen haben, als über den Tod einer Natter.“ „Sagt das nicht, liebe Lady,“ unterbrach ſie Barbara,„ſagt das nicht; ach! Ihr glaubt nicht, wie wehe mir zu Muthe iſt. Meine arme Lady! Und ich ſelbſt, ich armes Geſchöpf! Und nun geht Ihr auch noch fort und nehmt olles Leben mit. Eure Frauen freuen ſich, daß ſie nach Hof zu⸗ rückkommen, aber wir! Ich weiß nicht, was ich thun, nicht einmal, was ich wünſchen ſoll.“ „Sagt mir, was Ihr wünſcht, meine gute Barbara: eine neue Haube oder einen Mantel? Was? Nichts dergleichen?“ „Ich wünſche nur, daß Robin Hays zurück⸗ käme, er würde meine Sorgen fühlen.“ „Ihr macht meinem Gefühle ein ſchlechtes Kompliment,“ bemerkte Lady Franziska freund⸗ lich, denn ſie hatte Barbara wirklich lieb. Das kleine ſchlichte Mädchen verbeugte ſich ehrfurchtsvoll und antwortete:„Milady, es würde mir nicht geziemen, mir eine ſolche Frei⸗ heit gegen Euch zu erlauben, aber ich habe ſo viel kleine Sorgen, die Ihr, ſelbſt wenn ich ſie Euch ſagte, doch nicht verſtehen würdet. Der Zeiſig wird ſich nicht Raths bei dem Papagei holen, wenn dieſer auch noch ſo weiſe und vor⸗ nehm iſt, ſondern eben einen andern Zeiſig auf⸗ ſuchen, weil nur dieſer die Sorgen und Unruhen ſeines Geſchlechts begreifen kann.“ „Was Du artige Fabeln bei der Hand haſt, Barbara. Aber wäreſt Du je an den Hof ge⸗ kommen, würdeſt Du eine Dame nicht mit ei⸗ nem Papagei vergleichen.“ — 184— „Nicht mit einem Papagei? Mit einem ſo herrlichen Vogel, der ſo wundervoll ausſieht und ſo ſchön ſpricht?“ „Nein, aber hier iſt ein Abſchiedsgeſchenk für Euch, mein gutes Mädchen. Nehmt dieſe gol⸗ dene Kette. Wartet, ich will ſie Euch ſelbſt um Euern ſchlanken Hals binden, und hört mir da⸗ bei zu, Barbara. Die Töchter des Protektors von England würden des Namens und des Ran⸗ ges ihres Vaters unwürdig ſeyn, ſuchten ſie nicht die Frauen ihres Vaterlandes zu beſchützen und ſie in Tugend und Unſchuld zu erhalten, wie er die Männer ſchützt und ſie zu Krieg und Sieg, oder zu Frieden und Ehre führt. Wollte Gott, Barbara, alle Mädchen Brittaniens wã⸗ ren bei Eurer Einfalt auch ſo aufrichtig und wacker, wie Ihr. Als einen Beweis, wie ſehr ich Eure treue und wahrhafte Liebe ſchätze, gebe ich Euch dieſen Schmuck, den ich lange ſelbſt ge⸗ tragen, nicht um Eure Eitelkeit damit zu näh⸗ ren(denn mehr oder weniger ſind wir alle eitel), ſondern Eure Grundſätze zu befeſtigen. Solltet Ihr je wirklichen Kummer haben und ich kann Euch helfen, ſo ſchickt mir das Schloß dieſer Kette und Eurer Bitte ſoll genügt werden, was es auch ſey.“ Lady Franziska wendete ſich dar⸗ auf mit mehr Ernſt und Würde von ihr ab, — 185— als gewöhnlich in ihrer Haltung lag, und ent⸗ fernte ſich, um nach den Anſtalten zur Hochzeit 3 zu ſehen. 3 Barbara ſtand noch eine Zeitlang und hielt das Geſchenk der Lady Franziska in ihrer klei⸗ nen, von keiner ſchweren Arbeit gehärteten Hand. Einen Augenblick glänzten ihre Augen vor Freude, bald aber kehrten ihre Gedanken zu denen zu⸗ rück, mit welchen ſich ſtets ihr beſſeres Gefühl beſchäftigte. Hätte Robin das geſehen, dachte ſie, hätte er das gehört! Sie, die ſo groß iſt, wie eine Prinzeſſin! Oh wie ſtolz, nein nicht ſtolz, wie dankbar bin ich dafür! Ach hätte mein Vater es gehört! Aber ich kann es ja ihnen bei⸗ den zeigen.— Leiſe ſchlich ſie in das Zimmer ihrer noch immer ſchlafenden Lady. — 186— Zwoͤlftes Kapitel. Die jüdiſchen Mädchen wurden damals mit der äußerſten Strenge und in großer Abgeſchieden⸗ heit erzogen, eine Sitte, die ihr Gutes, gewiß aber auch in ihrer übertriebenen Härte manche böſe Folge hatte. Zilla war das einzige Kind ihres Vaters, der ſie zärtlich liebte und nichts an ihr ſparte. Hätte Manaſſa ſelbſt ihre Er⸗ ziehung geleitet, ſo würde ſeine Weisheit ge⸗ wiß ihren trotzigen Karakter gebeugt haben, aber da ſie ſchon in früher Kindheit der müt⸗ terlichen Aufſicht beraubt wurde und Ben Iſraels Pflicht ihn ununterbrochen von einem Ende des Landes zum andern rief, ſo mußte ſie Ver⸗ wandten, einer Familie Polniſcher Juden, an⸗ vertraut werden, die zwar vortreffliche Freunde in ihrer Art und wohl bewandert in den mo⸗ ſaiſchen Gebräuchen waren, aber ſich nicht im geringſten darauf verſtanden, ein wildes, lebens⸗ — 187— luſtiges Mädchen zu lenken, das ihres Vaters Einfluß und Reichthum kannte, und ſich nach der Zeit ſehnte, wo ſie an beidem Theil neh⸗ men könne. Statt den Eigenſinn mit Ver⸗ nunft zu bekämpfen, ſuchten ſie ihn mit Gewalt zu unterdrücken; die beſte Gewalt aber war nach ihren Begriffen die Einwirkung eines kräf⸗ tigen, ernſten Gatten. Sie warfen ihre Augen auf einen Juwelenhändler, der ſchon beinah ſo alt war, wie Zillas Vater, aber ihm keines⸗ wegs an Einſicht gleich kam. Allerdings konnten nur Wenige ſich mit dem Rabbi meſſen, und Cromwell hielt ihn deshalb ſo hoch, ſetzte ſo viel Vertrauen in ihn, behandelte ihn mit ſo viel Achtung und Aufmerkſamkeit, daß alle Chri⸗ ſten der Meinung waren, er gehe zu weit da⸗ rin; denn die Duldung lag damals noch in der Kindheit, und die ſiegende Partei benutzte ih⸗ ren Sieg, Katholiken gegen Proteſtanten, Pro⸗ teſſtanten gegen Katholiken, alle gegen die Ju⸗ den, die, zur Selbſtvertheidigung, da es ihnen an Kraft fehlte, durch Liſt gegen alle ſich be⸗ haupten mußten. Cromwell benutzte ſie und be⸗ mühte ſich mit Geſchick, hoffentlich auch aus Gefühl für das Rechte, den vertriebenen Kin⸗ dern Iſraels in England eine ſichere Stätte zu bereiten. Er meinte— es ſind ſeine eigene — 188— Worte— da es eine Verheißung gebe, daß alle bekehrt werden würden, ſo müßten auch die Mittel dazu angewendet werden; der paſſendſte Weg aber ſey, das Evangelium in ſeiner lauter⸗ ſten Reinheit, ohne alle papiſtiſche Abgötterei, zu predigen, welche ihnen die chriſtliche Religion ſo verhaßt gemacht habe.— Aber ſeine Abſichten fanden ſo allgemeinen und ſo heftigen Wider⸗ ſtand, daß es zu nichts kam. Viele behaupteten ſogar, der Protektor habe ſich, falls er ihnen gleiche Rechte mit den übrigen Engliſchen Unter⸗ thanen verſchaffte, eine ungeheure Summe Gel⸗ des verſprechen laſſen, während Andere mit grö⸗ ßerer Wahrſcheinlichkeit verſicherten, daß Crom⸗ well, als er eingeſehen habe, wie ſehr die Iu⸗ den überall in dem Geldhandel betheiligt waren, ſie mehr darum, als aus Rückſicht auf Grund⸗ ſätze, herübergerufen und ihnen eine Synagoge eingeräumt habe. Gewiß iſt, daß ſie ihm, beſon⸗ ders in Bezug auf Spanien und Portugal, als zuverläßige Spione dienten und nie ſein Ver⸗ trauen mißbrauchten. Es läßt ſich denken, daß Zilla ſich nur wenig zu dem Manne hingezogen fühlte, den ihr ihre unverſtändigen Freunde beſtimmten. Der Rabbi ſelbſt hielt die Verbindung zwar für ſehr ange⸗ meſſen, da Iſchabod reich war, und in gutem — 189— Rufe ſtand, aber Zilla kannte nicht den Werth des Rufs, und kümmerte ſich wenig um Reich⸗ thum, da die ſchönſten Juwelen in ihrem eige⸗ nen Schmuck prangten, am allerwenigſten aber um Iſchabod. Seine ſchwarzen Augen verglich ſie mit ausgebrannten Kohlen, während ſie ſich nicht im geringſten durch ſeinen ſtruppigen, halb⸗ grauen Bart beſtechen ließ, obgleich er ſtets von den feinſten Wohlgerüchen Arabiens duftete. über ſein Vornehmthun lachte ſie, über ſeine Taubheit wurde ſie ungeduldig; und wenn ſie ihn erſt mit den fröhlichen Kavalieren, den glän⸗ zenden und einnehmenden Herren verglich, welche den Hof des prachtliebenden Ludwig verherrlich⸗ ten, und nach deren ſtolzen Federn und glänzen⸗ den Rüſtungen ſie ſo oft durch ihr halbverſchloſ⸗ ſenes Fenſtergitter blickte, ſo wendete ſie ſich mit Abſcheu von dem ihr beſtimmten Gatten ab. Ihr Vater hatte die Familie, bei der ſie lebte, beredet, während ſeiner Anweſenheit in England, die ſich auf den Wunſch des Protektors von Tag zu Tag verzögerte, ſich nach Paris zu begeben. Er wünſchte, daß ſein Kind in allen den feinen Künſten unterrichtet werde, in denen ſich die Da⸗ men Englands und Frankreichs auszeichneten, vergaß aber, daß bei einem jungen, unerzogenen Mädchen Gefallſucht die gefährliche Folge davon ſepn mußte. — 199— Während die heißblütige Jüdin ſo in einem der düſteren Hotels von Paris wohnte, und ein oder zwei Mal wöchentlich in einer verſchloſſenen Kut⸗ ſche nach dem Boulognerholze, oder dem Garten von Verſailles geführt wurde, wobei ſie weder Freude, noch ſonſt einen Wunſch verrathen durfte, um nicht wegen Leichtfertigkeit getadelt zu wer⸗ den, verwandelte ſie ſich nach und nach in das leidenſchaftliche, verſchlagene Geſchöpf, das nur auf Gelegenheit wartete, ſeine Wächter zu hin⸗ tergehen, und das zu erreichen, was eben des Verbots wegen ihm als das höchſte Gut erſchei⸗ nen mußte— Freiheit nämlich. 1 War der alte Iſchabod ihr aber gleich anfangs verhaßt geweſen, wie viel mehr, als ſie Sir Willmott Burrell kennen gelernt hatte! Manaſſa Ben Iſrael hatte, wie wir wiſſen, dem verräthe⸗ riſchen Ritter einige Pakete für ſeine Tochter an⸗ vertraut, die erſt ſpäter und zu ihrem Schaden einſah, daß, während ſie ihn mit aller Gluth⸗ eines ſüdlichen Klimas liebte, er ſie nur als ei⸗ nen Gegenſtand zum Zeitvertreib betrachtete; daß es ihm nie ernſtlich in den Sinn gekommen, eine Füdin zu heirathen, wenn er ſich ſchon einer ähnlichen Ceremonie unterwerfen mußte, ehe er die in ihrem Herzen feſtgewurzelten Bedenklich⸗ keiten überwinden konnte. Aber trotzdem, daß ſie — 191— ihre Wächter und ihren alten Werber ſo ge⸗ ſchickt hinterging, bedachte ſie doch nicht, daß ihr ſelbſt ein gleiches Schickſal bevorſtehen könnte. Die Welt war ihr neu, und darum brach auch der Strom ihres Zornes und ihrer Eiferſucht unaufhaltſam durch, als ſie erfuhr, daß die Reize einer ſchönen Dänin die ihrigen bereits verdun⸗ kelt und Burrell kälter gegen ſie gemacht hätten. Keine weibliche Leidenſchaft kömmt an Stärke der Eiferſucht bei, nichts kann ihrer Wuth Ein⸗ halt thun, und in einem ſolchen Paroxysmus ließ ſie ſich auch hinreißen, Burrell nach dem Le⸗ ben zu trachten, ein Verſuch, den er ihr niemals vergab. In der Folge, und ſo lange er ſich noch in Paris aufhielt, ſchmeichelte er zwar ihren Launen, und redete ihr ein, daß er Einfluß ge⸗ nug auf Cromwell habe, um ihn dazu zu brin⸗ gen, daß er ihren Vater beſtimme, einen chriſt⸗ lichen Eidam anzunehmen. Aber nur zu bald nach Burrell's Abreiſe ſah ſie ein, wie wenig auf ſeine Verſprechungen zu halten ſey, und entſchloß ſich demnach, ſelbſt zu handeln. Ihr ganzes We⸗ ſen war zwiſchen Argwohn und Eiferſucht ge⸗ theilt; ſie vermied es daher, ſich Dalton anzu⸗ vertrauen, eben weil Burrell ihr geſagt hatte, ſie möchte mit ihm nach England hinüberfahren. Jeromio war in dem Hauſe, in welchem ſie zu — 192— St. Vallery wohnte, bekannt, und dachte, als er hörte, daß ſie nach England wolle, und eine ſichere Ueberfahrt reichlich bezahlen könne, daß ſich etwas verdienen ließe, wenn er ſie am Bord verberge und ſie dann für einen ſtummen Knaben ausgebe. Zilla willigte ſchnell in dieſen Plan ein, denn ihre Phantaſie war immer eher bei der Hand, als ihre Vernunft. Sie hatte ihr Le⸗ ben auf die Spitze geſtellt, und kümmerte ſich nicht mehr, auf welche Art ſie es erhalten werde. Es iſt eine eigene Erſcheinung im Karakter des Weibes, daß, wenn es einmal ſeine Grän⸗ zen überſchritten hat, was nie ohne Gefahr ver⸗ ſucht wird, es immer tiefer und tiefer dem un⸗ vermeidlichen Untergange entgegenſtürzt. Schuld daran iſt vielleicht, weil die Frauen ſehr gut einſehen, daß die Geſellſchaft ihnen nie eine Rückkehr erlaubt, oder, was daſſelbe iſt, ſelbſt auf die aufrichtigſte Reue keine Rückſicht nimmt. Wer einmal ſeine Stellung verloren hat, hat ſie auch für immer verloren, und wenn irgend, kaun hier die Inſchrift Dante's angewendet wer⸗ den, daß jede Hoffnung aufgegeben werden müſſe. Der Mann irrt und fehlt, und findet Verzei⸗ bung, das arme Weib iſt, trotz aller Verſuchun⸗ gen, trotz ſeiner Schwäche, aus dem Kreiſe des irdiſchen Erbarmens geſtoßen, wenn es nur ein⸗ mal einen Fehltritt begangen hat. — 193— Man darf nicht vergeſſen, daß Zilla in den Augen ihres Stammes jedenfalls, ſelbſt nach einer Heirath mit Sir Willmott, verdammt wor⸗ den wäre, und keine Rettung, als durch eine wundervolle, mächtige Vermittlung, wie Burrell ſie angedeutet hatte, finden konnte. Dieſer ein⸗ zige Gedanke hielt ſie aufrecht und gab ihr, die an die feinſten Stoffe, die köſtlichſten Speiſen, das weichſte Lager gewöhnt war, Kraft, die Be⸗ ſchwerden und Entbehrungen einer Seereiſe auf einem Schmugglerſchiff zu ertragen. Der Glüh⸗ wurm verdiente zwar in vieler Hinſicht die Lo⸗ beserhebungen des Bucaniers, war jedoch keines⸗ wegs ein geeigneter Aufenthalt für ein verwöhn⸗ tes Weib. Dennoch entſchlüpfte ihr nicht der lei⸗ ſeſte Seufzer, ja ſie bemerkte nicht einmal etwas, denn ihr ganzer Sinn war einzig und allein dar⸗ auf gerichtet, wie der Verbindung Sir Willmott Burrell's, von der ſie gehört hatte, vorzubeu⸗ gen ſey. Alle andere Gedanken hatten dieſem Ei⸗ nen Platz gemacht, der ihr ganzes Weſen aus⸗ füllte. Jeromio, der immer an die Zukunft dachte und ſich dieſe durch die ſchlechteſten Mittel gün⸗ ſtiger zu geſtalten ſuchte, hatte in ſeinem ſchwa⸗ chen, aber immer ränkevollen Geiſte daran ge⸗ dacht, eine von Hugh Dalton aufgegebene Höh⸗ II. 13 — 194— lung unter dem alten, oft ſchon erwähnten Thurme wieder in Stand zu ſetzen und für ſei⸗ nen Gebrauch einzurichten. Der Bucanier hatte den Eingang durch Felsſtücke und große Steine verſperren laſſen, aber Jeromio, dem es in den Sinn kam, daß er bei ſeinen Beſuchen im Mö⸗ venneſte ein wenig auf ſeine eigene Hand ſchmug⸗ geln könne, hatte, mit Hülfe ſeiner befreunde⸗ ten Italiener, die Steine ſo geordnet, daß we⸗ nigſtens eine Perſon auf einmal in die Höhlung kriechen konnte, wo er ſo viel von der Ladung des Glühwurms verbarg, als er der Aufmerk⸗ ſamkeit ſeines zu argloſen Befehlshabers entzie⸗ hen konnte. Er machte Zilla mit dieſer Höhlung als einem paſſenden Zufluchtsorte bekannt. Er wußte zwar, daß ſie reich und von guter Familie war, kannte aber ihre Verhältniſſe zu dem Herrn von Burrell nicht; überdies bat ſie dringend um einen verſteckten Aufenthalt in der Nähe von Cecilhaus und zahlte ſo freigebig, daß er nicht anſtand, ihr das Geheimniß jenes Kellers anzu⸗ vertrauen, deſſen Eingang ſich gerade unter dem Eingange des Thurmes befand, in welchem Bar⸗ bara Jverk in derſelben Nacht verborgen war, wo ſie in Auftrag ihrer Lady Robin Hays die gefährliche Lage des jungen Kavaliers mitzuthei⸗ len ſuchte. Zu der Zeit ſah die Jüdin auch zum erſtenmale Sir Willmott Burrell in England wieder. Seit ihrer Landung hatte ſie ihm nach⸗ geſtellt, aber aus Furcht für ihr eigenes Leben ihn nie offen angeſprochen. Seine Stimme be⸗ rührte ihr Ohr, als ſie in der elenden Höhle lag und weckte ſie aus ihrem unruhigen Schlum⸗ mer. Sie verſtand zu wenig von ſeiner Sprache, als daß ſie den Inhalt ſeiner Unterredung mit Jack Roupall hätte errathen können, und ihr erſter Gedanke war, einen Dolch in ſein Herz zu bohren, aber eben ſo ſchnell fiel die Liebe ihr in den Arm und trieb ſie wieder zurück. Kurz darauf ſchrieb ſie an Miſtriß Konſtanze und ver⸗ traute ganz auf ihre Großmuth und Rechtlich⸗ keit, von der ſie ſelbſt in Frankreich gehört hatte; aber Jeromios Feigheit verhinderte, daß Kon⸗ ſtanze je das Paket erhielt, und ſo beſchloß Zilla, außer ſich über die bevorſtehende Verbindung, Miſtriß Cecil ſelbſt zu ſprechen, und glaubte auch ihren Zweck erreicht zu haben, während ſie in der That nur Barbara geſehen hatte. Ihre Heftigkeit verhinderte damals ihren Plan, aber deſto feſter wurde jetzt ihr Entſchluß, die Ehe zu verhindern, und ſollte ſie es ſelbſt mit ihrem Leben bezahlen müſſen. Nach ihrem Zuſammentreffen mit dem Ritter. kehrte ſie nach ihrer Behauſung unter der Erde zurück, und verſchwand ſo plötzlich, daß Burrell ſelbſt darüber erſtaunte, ob er gleich nicht zwei⸗ felte, daß dieſer neue Verſteck wieder ein Werk Dalton's ſeyn müſſe. Als er daher ſich des Pre⸗ digers entledigt hatte, unterſuchte er ſorgfältig jeden Winkel dieſer Ruinen, aber umſonſt, denn ſie hatte den Fall vorausgeſehen und die Oeffnung ſo verſteckt, daß ſie ſelbſt mit ihrer ſchmächtigen Geſtalt nur mühſam durchſchlüpfen konnte. Aber traurig genug war der Aufenthalt, in dem ekel⸗ haftes Gewürm auf allen Seiten umher kroch und die einzige Geſellſchaft des ſchönen und zar⸗ ten Mädchens bildete. Hier alſo, dachte ſie, muß das einzige Kind Manaſſa Ben Iſfraels ſich verbergen, um einem Blicke der ſtolzen Schönheit, welche ſich nicht herabgelaſſen hat, den Brief oder die Bitte der verachteten Jüdin zu beachten, um einem Blicke des kalten Engländers, des grauſamen Mannes nachzujagen, der verächtlich auf ſie hinweiſt, die er vernichtet hat. Und doch verlange ich nur Ge⸗ rechtigkeit, will ich nur öffentlich vor dem ver⸗ ſammelten Volke als ſein Weib anerkannt wer⸗ ded; dann ſoll er ja nichts mehr ſehen, nichts mehr hören von des Rabbis Tochter. Ich will mich verbergen vor der Welt, und auf alle Men⸗ ſchen blicken, wie auf ihn— mit bitterm Haſſe. Ach, ich war nicht immer ſo!— fuhr ſie fort, indem ſie ein brillantenes Armband zuzumachen ſuchte.— Das Band iſt zu weit für meinen ſchwindenden Arm! fort, fort damit! oh! könnte ich ſo und ſo und ſo in die ſchwarze Erde jede Spur von dem, was ich war, hineintreten und alles vergeſſen! Iſt dies das Glück, wonach ich ſtrebte? Sind das die Gefühle meiner Kindheit? Mein Blut iſt kalt, kalt für alles, nur für die Rache nicht. Selbſt die Bürde meines Leibes, ſie iſt nur ein Theil von ihm, und in die Seuf⸗ zer des Gebährens werden ſich Flüche, ſchwere, verzweifelte Flüche über ihn miſchen. O könnte ich ſie von mir werfen! Und doch iſt es mein, mein Kind!— Die Jüdin weinte und Thränen erleichtern die ſchmerz⸗beklemmte Bruſt. Nach⸗ dem ſie ſich etwas erholt hatte, legte ſie andere Kleider an, ſteckte jedoch ein kleines Piſtol in die Bruſt. Lange vor der zur Ceremonie beſtimm⸗ ten Stunde hatte ſie, trotz der Wachſamkeit der Spione Burrell's, ſich in der Nähe der halb zerſtörten Kapelle von Cecilhaus verborgen. — 198— Dreizehntes Kapitel. — Mitternacht war vorüber, als Manaſſa Ben Iſrael mit Robin Hays, der als jüdiſcher Die⸗ ner gekleidet war, in Hamptonhof ankam. Die Nacht war trübe und die vielen Thürme, welche das ſtolze Denkmal der Größe und Ehrſucht Wolſey's zierten, traten nur in ſchwachen Um⸗ riſſen aus dem Dunkel hervor, obgleich die Blicke beider Reiſenden mit nicht geringem Sn⸗ tereſſe an ihnen hingen. Der Wagen wurde am äußern Hofe durch die Wachen angehalten, und mußte einige Zeit dort halten, da man ſich erkundigen wollte, ob auch der Rabbi zu einer ſo ſpäten Stunde eingelaſſen werden dürfe. Robin blickte aus dem Wagen auf einige Dutzend geharniſchter und bewaffneter Krieger, die auf den ſteinern Bänken eines geräumigen, aber niedrigen Wachtzimmers ruhten, während — 199— Andere ſich um ein helles Feuer gelagert hat⸗ ten, das die Friſche der Nacht, wenn auch nicht nothwendig, doch angenehm machte. Die Flam⸗ men ſchimmerten hell auf ihrer glänzenden Rü⸗ ſtung und errötheten ihre unbeweglichen Geſich⸗ ter, die aus Einem Eiſenſtück ſammt ihren Waffen gegoſſen zu ſeyn ſchienen. Nichts war im⸗ poſanter, nichts konnte einen richtigern Begriff von Cromwell's Feſtigkeit und Einſicht geben, als ſein trefflich eingerichtetes Heer. Gehorſam, unbegränzter Gehorſam gegen den Befehlshaber ſchien das einzige, ja das erſte Prinzip zu ſeyn, welches daſſelbe leitete; aber es war nicht der knechtiſche Gehorſam, welcher die Folge der Furcht iſt, ſondern der, welcher aus Vertrauen entſpringt. Gott und der Protektor waren der Glaube, der Wahlſpruch dieſer Soldaten. Als der Jude auf dieſe unbeſiegten Männer blickte, hüllte er ſich dichter in ſeinen Pelz ein und ſchauderte. Robins Augen dagegen glänzten, denn er war ein Kind Englands und ſtolz auf deſſen Größe. England hatte Grund, damals ſtolz zu ſeyn.—— Es war noch ein anderer Unterſchied zwiſchen den Truppen des Protektors und denen jeder andern Zeiten und jeder andern Nation; an ihnen bemerkte man nichts von der zügelloſen — 200— Wildheit, nichts von dem üͤbermuthe, welchen man damals eine nothwendige Folge des Waf⸗ fenhandwerks hielt. Ihr Benehmen war im Ge⸗ gentheil ernſt und geſetzt, und wenn Kavaliere bei ihnen eintraten, ſo mußten ſie ſich doch ſtets nach den Gewohnheiten ihrer Kameraden rich⸗ ten, wodurch auch ihr eigenthümlicher Leichtſinn ſich bald in ein ruhiges Weſen umwandelte. Man hörte in der Wachtſtube kein weltliches Lied ſingen, keinen ſchmutzigen Scherz, kein frivoles Geſpräch, man ſah niemand trinken; jeder ſchien faſt ſeinen Athem anzuhalten, um die Ruhe nicht zu ſtören, welche die Thürme von Hamp⸗. ton und deſſen Höfe umſchwebte, und nur zu⸗ weilen durch das Klirren eines Sporns auf dem Steinpflaſters, oder durch das Wiehern eines muthigen Pferdes in den benachbarten Ställen unterbrochen wurde. Einmal jedoch drangen durch das Fenſter, aus einem der innern Höfe, die erſten Töne eines Pſalmes; Anfangs wurde er nur leicht und mit unſicherer Stimme geſungen, bald aber fielen nehre Stimmen ein, ſo daß der Geſang zu ſeiner vollen Kraft anſchwoll. „Er hat's überſtanden,“ ſagte eine der Schild⸗ wachen zu einem bewaffneten Manne, der ne⸗ ben dem Wagen ſtand, — 201— „Ich hoffe, der Herr wird ihm gnädig ſeyn 74 war die Antwort. „Gewiß, wenn ſchon ſein Herz ſtark am Le⸗ ben hing. Se. Hoheit wird bekümmert ſeyn.“ „Das wird er, denn er war einer der beſten Streiter des Herrn, der tapfer für die gute Sache gekämpft hat.“ „Ich wollte, daß meine Zeit um wäre, ich ſehne mich darnach, meine Stimme zu der der Andern zu geſellen.“ „Ich werde zu ihnen gehen,“ antwortete der Bewaffnete. Robin hörte, wie ſein Fußtritt in der Ferne verhallte. So lange der Bote, den der wachthabende Offizier abgeſchickt hatte, aus⸗ blieb, führten die Soldaten in der Stube eine matte, ſchläfrige Unterhaltung fort, von der nur von Zeit zu Zeit einzelne Bruchſtücke zu Robins ſcharfem Ohr gelangten. „Seine Hoheit iſt den Abend über genug ge⸗ quält worden, und mich dünkt, die Länge eines Sommertages könnte denen, die ihn ſehen wol⸗ len, genügen.“ „Die Sonne war⸗ſchon eine gute Stunde un⸗ ter, als Sir Chriſtopher Parcke, der achtbare Lord⸗Major, ankam.“ „Seine Hoheit,“ antwortete ein alter Soldat mit rauher Stimme,„gehört dem Volke an, — 202— und weiß, daß es ſeine Pflicht iſt, zuerſt und zu jeder Zeit dem Herrn, dann aber dem Volke zu willfahren.“ „Da hat er es nicht leicht,“ dachte eben Ro⸗ bin, als der Bote zurückkehrte und den Befehl überbrachte, daß der Rabbi ſogleich zugelaſſen werden ſolle. Der ſchwerfällige Wagen rollte durch ein Thor über einen ſchmalen Hof, dann über einen zweiten, dritten, und hielt endlich ſtill, worauf einer der Leibdiener den Schlag öffnete und Manaſſa einlud, auszuſteigen. „Ihre Hoheit,“ ſagte er,„iſt unwohl, der Lord Protektor hofft daher, der würdige Rabbi werde nichts dagegen haben, über den nächſten Hof zu Fuß zu gehen, da ihr Zimmer gerade über der Einfuhr iſt.“ Der Jude ſtützte ſich auf Robin, als ſie die Treppe hinaufſtiegen, welche zu der großen Halle führte. Er blieb mehrmals ſtehen, denn der Stu⸗ fen waren viele, und das Aufſteigen beſchwerlich für einen, den das Alter und jetzt noch die Sorge niederbeugten. An dem Thore hatte er bemerkt, daß ſtatt zwei Schildwachen, deren vier dort ſtanden, deren geſenkte Schwerter in dem Licht der Fackel, welche ſein Führer trug, drohend funkelten. Als ſie in die große Halle eingetreten waren, wünſchte ſich Robin von Herzen ſchon — 203— wieder in Sicherheit; es war etwas anderes, um einen Platz herumzuſpioniren und nur durch eine Thür von dem allwiſſenden, allmächtigen Protektor von England getrennt und jeden Au⸗ genblick gewärtig zu ſeyn, vor ihn ſelbſt ge⸗ rufen zu werden; denn leicht ließ ſich denken, daß der Jude ſeiner als eines Menſchen erwäh⸗ nen werde, der früher Sir Willmott Burrell ge⸗ dient habe und manches von ſeinem Thun wiſſe. Die große Halle, die zwar bei feierlichen Ge⸗ legenheiten als Audienzſaal benutzt wurde, war gewöhnlich mit Wachen, Pagen und Bittſtellern angefüllt. Nächſt der Thüre, durch welche man eintrat, ſtand ein langer, roh gearbeiteter Tiſch, über welchem eine große eiſerne Lampe hing; viele ſtanden oder ſaßen um dieſe Tafel, wäh⸗ rend andere auf⸗ und abgingen, jedoch nicht die Mitte der Halle überſchritten, welche durch eine roth⸗ſeidene Schnur abgeſondert war, die in der Mitte an zwei metallenen Stäben feſtgebunden war, welche nur ſo weit voneinander ſtanden, daß nicht mehr als eine Perſon auf einmal durch⸗ gehen konnte. Ein Soldat ſtand dort Wache und ging immer vor der Oeffnung auf und ab. Ma⸗ naſſa ſchritt langſam, immer noch auf Robin ge⸗ ſtützt, auf den Soldaten zu. Sein Führer ging ein wenig voraus, ſich rechts und links verbeu⸗ — 204— gend, während ein gefälliges Lächeln um ſeine Lippen ſpielte, bis er an der ſeidenen Schnur angekommen war. „Nur Einer darf durch,“ ſagte der Soldat kurz. Der Rabbi faßte ſeinen Stab feſter und ſchritt auf die dem großen Eingange entgegen⸗ geſetzte Thür, welche wieder durch einen Solda⸗ ten bewacht wurde. „Ihr findet dort einen Stuhl, wenn Ihr Euch ſetzen wollt,“ ſagte der Diener ſpöttiſch zu Ro⸗ bin, indem er zugleich auf einen leeren Winkel im Saale zeigte. 4 „Wenn Ihr nichts dagegen habt,“ ſagte Robin, ſich der Demuth erinnernd, welche ihm in ſeiner jetzigen Verkleidung gebührte,„ſo will ich in das Zimmer der niederen Diener herunterſteigen.“ „Wer ein Mal mit Erlaubniß Seiner Hoheit in dieſer Halle iſt, verläßt ſie nicht eher, als bis er Befehl dazu erhält,“ antwortete der An⸗ dere, ſich von dem jungen Hays entfernend, der nicht in der beſten Stimmung ſich nach dem ihm angewieſenen Platze ſchlich. Waren aber ſeine eigenen Empfindungen ihm ſchon unangenehm genug, ſo waren es noch mehr die lauten Scherze der leichtfertigen Pagen, und die ſarkaſtiſchen, kalten Bemerkungen der ernſtern Perſonen dieſer Verſammlung. — 205— „Möchteſt Du eine Erfriſchung, Freund,“ fragte ein junger Mann in einem dunkeln über⸗ wurfe und einem blauen Wamſe, über welchem ein Kragen von den ſchönſten Valencienner Spi⸗ zen bis auf die Schultern herabfiel.„Aber frei⸗ lich,“ fügte er boshaft hinzu,„gibt es nichts als etwas Schinken, und eingelegte Schweins⸗ zungen, welche Du nicht eſſen darfſt.“ „Nein, ich danke demüthigſt, junger Herr,“ antwortete Robin,„ich bedarf keiner Schweins⸗ zunge, da ich eine Probe von der Deinigen er⸗ halten habe.“ „Wie meint Ihr das, Hund von einem Ju⸗ den?“ ſagte der Page ſtolz, die Hand an ſein Schwert legend. „Wie ſonſt, ſchöner Herr, als daß die Deinige, obgleich gut gelegen, doch gern das Geſchäft Dei⸗ ner weißen Zähne zu übernehmen ſcheint.“ „Wie das, Burſch?“ „Weil ſie ſo biſſig iſt,“ antwortete Robin ſich verbeugend. „Ah, Morriſſon,“ ſagte ein anderer Page, von einem hochlehnigen Seſſel aufſtehend, in dem er halb geſchlummert hatte,„der Jude iſt zu ſtark für Euch. Wo habt Ihr Euren Witz her?“ „Wo Ihr den Eurigen nicht gefunden habt,“ war Robins Antwort. — 206— „Von wo denn?“ „Von der Natur; einem zu gemeinen Weſen, als daß ſich ein ſo munterer, junger Gentleman um daſſelbe kümmern ſollte.“ Während Robin ſich mit einem noch größeren Anſchein von Demuth verbeugte, trat Sir John Berkſtead, der früher Goldſchmied auf dem Strande war, nach und nach aber ſich zur Würde eines Oberhofmeiſters im Olivers Haushalte auf⸗ geſchwungen hatte, mit ſeinem vowöhnliihen ſchwan⸗ kenden Gange zu Robin. „Heda! Ihr jungen Herren,“ ſagte er,„was ſollen dieſe thörichten Scherze? Was denkt Ihr? Wenn es Sr. Hoheit Belieben iſt, den Herrn zu empfangen, darf der Diener nicht unwürdig behandelt werden. Mein würdiger Samuel— aber was iſt das?“ fügte er, näher tretend und Robin genauer anſehend, hinzu,„das iſt Sa⸗ muel nicht. He! Gracious Meanwell! iſt dieſer Weonn in der That mit dem gelehrten Manaſſa Ben Iſrael hereingekommen?“ „Ja wohl, Sir John,“ ſagte der Page ehr⸗ erbietig. ¹ „Wirklich!“ rief er, Robin aufmerkſam be⸗ trachtend,„aber er iſt des Rabbis Diener nicht, den ich ſonſt gewöhnlich geſehen habe.“ „Er liegt auf den Tod krank,“ antwortete — 207— Robin,„und wird wohl hinübergehen, wenn nicht der Gott Abrahams ein Wunder für ihn thut.“ Der alte Mann, dachte er für ſich, hat ſein ehemaliges Handwerk noch nicht vergeſſen und weiß noch, daß nicht alles Gold iſt, was glänzt.— Sir John Berkſtead entfernte ſich, bemerkte jedoch vorher noch den Pagen, welche ſich etwas zu⸗ rückgezogen hatten und wie Schulknaben da ſtan⸗ den, voll Sehnſucht nach irgend einem Spaße, der die Langeweile dieſes düſtern Hofes, beſonders um Mitternacht, ein wenig verſcheuchen könnte,— daß niemand ſich ungebührlich gegen Robin beneh⸗ me.„Der Rabbi,“ ſchloß er,„hat immer Er⸗ laubniß gehabt, ſeinen Diener faſt bis in das Vorzimmer mitzubringen, und das iſt eine Gunſt, die nur ſelten gewährt wird, aber Se. Hoheit iſt gnädig und weiß, daß des Rabbis körperliche Schwächen einer Stütze bedürfen. Alſo ſeyd höf⸗ lich, denn Se. Hoheit wünſcht, daß chriſtliche Duldung gegen dieſen, wie gegen alle andere Juden geübt werde.“ Mehr als ein Rundkopf ſah ſich während die⸗ ſer Erklärung an und alle, zwei jüngere ausge⸗ nommen, nahmen wieder vor, womit ſie vor des Rabbis Eintritt ſich beſchäftigt hatten. Jugend iſt nicht zum Hofdienſt geeignet und zieht Ver⸗ — 208— gnügen und Heiterkeit ernſter Zurückhaltung vor. Beide hatten Robins beißende Antworten nicht weniger geärgert, als unterhalten, und ſie be⸗ ſchloſſen ihren eigenen Witz noch länger auf ſo gutem Stahle zu ſchärfen. „Seyd Ihr je ſchon bei Hofe geweſen?“ fragte der Jüngere. „Verzeiht, Sir, nein.“ „Und was denkt Ihr davon?“ „Bis jetzt noch nichts, Sir.“ „Nichts? Wie das?“ „Weil ich noch keine Zeit dazu hatte; und wenn die kleinen Verhältniſſe im Leben Ueber⸗ legung verdienen, wie viel mehr erſt die gro⸗ ßen an einem Hofe.“ „Möchteſt Du nicht ein Chriſt werden und am Hofe leben?“ „Der Himmel verhüte! Wohin man mich auch ſtellte, überall würde ich lächerlich erſcheinen und das verringert gar wunderbar ſelbſt das Anſe⸗ hen eines Dieners.“ „Still,“ ſagte der ältere Page,„dort geht Oberſt John Jones.“ Als der Schwager des Protektors ſich näherte, ſtanden die verſchiedenen Perſonen in der Halle auf und grüßten ihn mit tiefer Ehrerbietung. Sein Biick war ſtreng, ſeine ganze Geſtalt auf⸗ — 209— recht und feſt; und was er auch ſich mag habell zu Schulden kommen laſſen, ſein ganzes Weſen glich dem eines Mannes, der recht zu handeln glaubt. Seine Augen waren gewöhnlich aufge⸗ ſchlagen, und in dem ganzen oberen Theile ſei⸗ nes Geſichtes lag der Ausdruck eines wahren En⸗ thuſiasmus, während der feſtgeſchloſſene Mund und das breite feſte Kinn die unbeugſamſte Ent⸗ ſchloſſenheit verriethen. Er ging auf die Schnur zu, wechſelte mit der Schildwache einige Worte und kehrte ſodann zu der Thüre zurück, durch welche er ſo eben eingetreten war. Indem er ſie aufmachte, bemerkte er Robin, und wendete, verwundert über die Anweſenheit eines Juden, ſich zu ihm. Der Diener des Rabbis verbeugte ſich bis auf den Boden, denn wohl wußte er, mit wel⸗ cher Verehrung Soldaten und Puritaner auf ihn blickten. „Einer von den Verworfenen in dem Heilig⸗ thume!“ rief er in düſterem, tadelndem Tone. „Was iſt das?“ „Sir, ſein Herr, der Rabbi, iſt drinnen mit Sr. Hoheit,“ entgegnete der ältere Page. „Es iſt übel und vom Uebel,“ erwiederte Oberſt Jones noch ſtrenger.„Der Reine mit dem Un⸗ reinen, der Gläubige mit dem Ungläubigen, der II. 14 —ᷣ—ꝛxx::ꝛj —— —Q— — 210— Schmutz der Erde mit dem Auserwählten des Herrn! Warum wird er nicht hinausgeworfen, hinaus in die düſtere Nacht? Warum ſoll der ſchmutzige Geier ſein Neſt unter dem Adler ma⸗ chen? Hund von einem Juden, hinaus auf die Landſtraße!“ „Erlaubt,“ unterbrach ihn Gracious Mean⸗ well,„Se. Hoheit hat ſo eben Befehl gegeben, daß dieſer Mann ſorgfältig behandelt und hier gehalten werde.“ Der Oberſt warf einen mißfälligen Blick auf den Pagen und ging, ohne ein anderes Wort zu äußern, aus der Halle. „Ihr ſeht, wo er die Juden hinſchicken möchte,“ bemerkte Einer. „Dahin, wo ſie ſelbſt am liebſten wären.“ „Wo das?“ „Weit von Euch.“ „Und fühlt Ihr Euch nicht geehrt dadurch, daß Ihr innerhalb dieſer Mauern zugelaſſen werdet?“ „O ja, Sir, ſo geehrt, wie ein armer Sper⸗ ber, der mit dem ehrenwerthen, ſehr ehrenwer⸗ then Adler in Einen Käfig geſperrt würde. Aber könnt Ihr mir nicht ſagen, Ihr lieben jungen Herren, ob Oberſt Jones jetzt oft ohne ſeinen Patients geſehen wird?“ — 211— „Meint Ihr den Prediger? Doch, zuweilen.“ „Was das für ein Glück iſt!“— „Warum, Herr Jude?“ „Weil er jetzt auch für andere Seelen oder Sohlen arbeiten kann.“ Der Spott über den elenden, fanatiſchen Prie⸗ ſter, der früher in London Schuhflicker geweſen war, wurde von den jungen Leuten gut aufge⸗ nommen, und obgleich ſie in kein ſehr lautes La⸗ chen auszubrechen wagten, ſo beſchloſſen ſie doch, ſich mit dem launigen Juden vertrauter zu machen. „Macht nicht ſo viel Lärm, Morriſſon,“ ſagte der ältere Page.„Ihr wißt, Ihr ſeyd eine Art Neffe Seiner Hoheit, ſeitdem Euer Oheim, Dok⸗ tor Wilkins, ſich mit Lady French, Seiner Ho⸗ heit Schweſter, verheirathet hat.“ „und hier kommt mein Oheim,“ antwortete der Andere.„Er ſagt, er habe Erlaubniß, mich abzuholen. Ach, er nimmt auch einen kleinen Scherz nicht übel, wenn er ſonſt unſchuldig iſt. Ich hörte vergangener Nacht einen Gentleman ſagen, er ſey von Natur witzig, durch Fleiß gelehrt, durch Tugend fromm. Was haltet Ihr von ſo einem Manne?“ Als der Gegenſtand dieſer Schilderung ſich nä⸗ herte, glaubte Robin in der That nie eine ſanf⸗ tere, liebreichere Phyſtonomie geſehen zu haben; — 212— Friede und Wohlwollen ſprach aus allen Zügen, und obgleich die Augen etwas träumeriſch blick⸗ ten, ſo waren ſie doch mild und verriethen großen Verſtand. Er glich einem— und mit vollem Rechte — dem die Zukunft, gleich ſehr wie die Gegen⸗ wart, verſchuldet iſt. Der Gebrauch, den er von ſeiner Verbindung mit der Familie Cromwell's machte, war durchaus edel; ſtatt ſich und ſeine Familie durch dieſelbe zu bereichern, oder aufzu⸗ ſchwingen, benutzte er ſie nur zur Beförderung ſeines höchſten Wunſches, der Verbreitung der Kenntniſſe, welche damals unleugbar der Gefahr ausgeſetzt waren, durch Frömmelei und Fanatis⸗ mus verdrängt zu werden: aus dieſem Grunde ſuchte er auch Oxford gegen die Grämlichkeit Owens und Godwins zu ſchützen. Daß ſeine Blicke ſo verzückt waren, iſt kein Wunder. Hatte nicht der Verfaſſer„der Entdeckung einer neuen Welt“ ſteif und feſt behauptet, nicht allein, daß der Mond bewohnbar ſey, ſondern daß man ſogar hin⸗ aufgehen könne? Hatte er nicht, als die Herzogin von New⸗Caſtle, die ſelbſt ſtets in höhern Regionen ſchwebte, ein wenig über ſeine Theorie ſpöttelte, und ihn fragte:„Wo werde ich auf meiner Reiſe nach dem Planeten einkehren können,“ ihr darauf geantwortet:„Gnädige Frau, von niemanden hätte ich dieſe Frage weniger, als von Euch er⸗ — 213— wartet, denn Ihr habt ſo viele Luftſchlöſſer ge⸗ baut, daß Ihr jede Nacht in einem andern ſchla⸗ fen könnt.“ Als er ſeinen Neffen nach der Thüre führte, fiel ihm Robin in's Auge,„Ihr habt doch den armen Juden nicht gehöhnt?“ frug er den Pagen. „Nein, er hat uns gezwickt, Oheim, Ihr glaubt nicht, was das für ein witziger Geſelle iſt.“ „Ha, ſo biſt Du ein zweiter Salomon, Freund.“ „Ach, Sir,“ ſagte Robin,„Weisheit und Ruhm ſind von unſerm Volke gewichen.“ „Ich frage nichts nach Ruhm,“ bemerkte der Doktor, der Rektor im Wadham Kollegium war, „ich frage nicht nach irdiſchem Ruhme, aber kannſt Du mir ſagen, wohin die Weisheit ſich geflüchtet hat? Wo iſt ſie zu finden?“ „Gewöhnlich im Kollegium von Wadham ,4 antwortete der gewandte Robin mit einer ehr⸗ furchtsvollen Verbeugung,„obgleich ſie auch zu⸗ weilen umherſtreift, um England zu erleuchten.“ „Geht, geht, Ihr ſeyd mir ein ſchlauer Schelm,“ ſagte Doktor Wilkins lachend, und warf ihm ein Silberſtück zu, welches Robin ge⸗ ſchickt auffing, ehe es auf den Boden fiel. „Das iſt das einzige Thörichte, was Ew. Hochwürden je gethan hat,“ fuhr Robin fort, das Geld in ſeinen ledernen Beutel ſteckend. — 214— „Warum das, mein witziger Jude?“ „Weil Ihr Geld hingebt, wo keine Intereſſen zu erwarten ſind.“ „Ich fürchte,“ ſagte Doktor Wilkins, der im⸗ mer bereit war, mit wahrhaft chriſtlichem Sinn ein Wort zu ſeiner Zeit anzubringen,„ich fürch⸗ te, Ihr habt nie gehört davon, daß man auch Schätze an einem Orte niederlegt, wo weder Roſt noch Motten ſie verderben, und kein Dieb einbrechen und ſie ſtehlen kann.“ „Ich habe gehört, daß einige Chriſten von ei⸗ nem ſolchen Platze ſprechen, ob ich gleich dachte, daß ſie ſelbſt nicht an deſſen Exiſtenz glauben.“ „Warum?“ „Weil ſie ſo wenig geneigt ſcheinen, ihr Ei⸗ geuthum in dieſer Schazkammer niederzulegen.“ „Nur zu wahr, und doch ſteht geſchrieben, daß Barmherzigkeit viele Sünden zudeckt.“ „Das iſt alſo auch der Grund, warum ſich ſo viele Sünden nackend, aber nicht verſchämt umhertreiben. Ach, Sir, es iſt eine gar ſeltene Tugend, dieſs Barmherzigkeit; denn wenn Chri⸗ ſten den armen Juden verhöhnen und anſpeien, ſo ſind ſie nicht barmherzig; wenn ſie mich we— gen meiner Verkrüppelung verſpotten, ſind ſie nicht barmherzig; wenn ſie das Gewebe der Spin⸗ ne zerſtören, die für ihr Leben arbeitet, und — 215— was der Gott Moſes ihr gab, ſich ihre Nah⸗ rung zu ſuchen, benutzt, ſo ſind ſie unbarmher⸗ zig. Sir, ich habe einen Mann geſehen, der einen kleinen Hügel, das Werk der fleißigen Ameiſe, in Staub zertrat, und dabei ſagte, ſie ſtähle dem Bauer ſein Korn, und denſelben Mann habe ich zugleich lange Gebete herſagen und das Erbtheil der Wittwe an ſich reißen ſehen. Ich habe den kleinen Singvogel geſehen, wie er ſein munteres Lied von den Zweigen ei⸗ nes Kirſchbaums ſang, und einen Mann, deſſen Haar über die Stirn gekämmt, deſſen Schritt langſam war, deſſen Augen mit dem Himmel zu verkehren ſchienen, tödtete den Vogel und aß dann alle Kirſchen. Ein wenig von dieſen Früch⸗ ten hätte das Leben des Vogels einen ganzen Sommer hindurch gefriſtet, und er hätte ſeinem Weibchen den ganzen Tag über ſingen können, bis es des Nachts kam, in ſeinem Neſte zu ru⸗ hen, und doch tödtete er, der Mann mit dem glatten Haar und dem frommen Auge, dar arme Thierchen, und aß, Sir, und aß die Kirſchen alle miteinander. Obgleich es mir an Vernunft fehit, und ich nur ein dienender Jude bin, glaube ich doch, daß er unbarmherzig war.“ „Oheim,“ flüſterte der Page, ſich zu des Dok⸗ tors Ohr erhebend,„iſt dieſer Mann wirklich — 216— ein Jude? Er hat ein blaues Auge, eine Eng⸗ liſche Zunge und gewiß kein jüdiſches Herz; ſorgt, daß er uns nicht hintergeht.“ „Ruhig, mein theurer Junge,“ ſagte der ge⸗ lehrte, aber argloſe Doktor,„laß die Weisheit dieſes armen Kindes von Iſrael Dich Demuth lehren, denn niemand iſt, der nicht aus ſeinen Worten Nutzen ziehen könnte.“ Der treffliche Mann würde ſich noch länger mit Robin unterhalten haben, der, wie eine Blend⸗ laterne, ſein Licht nur ſelten durchſchimmern ließ, aber in demſelben Augenblick meldete Gracious Meanwell, daß er vor dem Protektor erſcheinen ſolle. „Der Herr ſtehe mir bei!“ murmelte Robin, als er ſeinem Führer durch die ſeidene Gränz⸗ linie folgte,„der Herr ſtehe mir bei! denn in Wahrheit, mein Kopf iſt jetzt in dem Rachen des Löwen.“ Das Zimmer, in welches er ſo plötzlich hinein⸗ geführt wurde, war mit alten Tapeten behängt und auf die ſonderbarſte Weiſe eingerichtet. Ro⸗ bin war nicht geſtimmt, ſich lang umzuſehen, ſondern ging zitternd weiter, bis ſein Führer ei⸗ nem langen, ſchmalen Tiſche gegenüber ſtand, an deſſen vorderem Ende, mit der Hand ſich auf ei⸗ nen Haufen Bücher ſtützend, der Protektor ſtand. Oliver Vrereil war ein Mann, der auf den erſten Blick verrieth, daß er zum Befehlen gebo⸗ ren war. Sein, obſchon etwas aufgedunſenes und zu röthliches Geſicht hatte ſtark markirte Züge, und ſein ganzes Weſen war ſo erhaben und majeſtätiſch, als ob er der geſetzliche Erbe des Engliſchen Thrones geweſen wäre. Wie ſehr auch ſeine Feinde über ſeine perſönliche Erſchei⸗ nung, über den Scharlach ſeiner Geſichtsfarbe und über die garſtige Warze auf ſeiner breiten, vortretenden Stirn ſcherzen mochten, zitterten ſie doch vor ſeinem drohenden Runzeln, das fin⸗ ſter und ſchreckenvoll war, wie eine ſchwere Ge⸗ witterwolke, und deſſen Ausdruck nur manch⸗ mal erhellt, aber noch verſtärkt wurde durch das Aufblitzen ſeines grauen, funkelnden Auges. Er trug ein ſauber gearbeitetes Wams von ſchwar⸗ zem Sammt, einen breiten, mit Spitzen einge⸗ faßten, leinenen Kragen, der ſeinen ſtarken, ſeh⸗ nigen Hals hob. Sein Haar, das bei dem ſchwa⸗ chen Lichte dunkel und voll erſchien, wie in frü⸗ hern Jahren, fiel zu beiden Seiten herab, war aber ganz von ſeiner hohen Stirn zurückgekämmt. Die ganze Geſtalt athmete Kraft, körperliche, wie geiſtige, und zeigte keine Schwäche, als die, welche eine warme Phantaſie in Verbindung mit hoher Frömmigkeit erzeugte, und welche ihn im⸗ — 218— mer ſo geneigt zu abergläubiſchen Träumereien machte. 3 Als Robin in das Zimmer trat, befand ſich niemand in demſelben, als Lord Broghill, Ma⸗ naſſa Ben Iſrael und ein kleines Mädchen. Lord Broghill, einer der Kabinetsräthe des Protek⸗ tors, war von Irland nach Schottland geſchickt worden, um dort dem Geheimrathe zu präſidi⸗ ren, war aber, dieſes Poſtens müde, nach Lon⸗ don zurückgekehrt, und ſogleich in Hamptonhof erſchienen: er wünſchte eben, und zwar auf ziem⸗ lich kriechende Art, gute Nacht. Die Gegenwart Robins war noch von niemanden, außer dem Juden, bemerkt worden. Eben als Seine Herr⸗ lichkeit die Schwelle der Thüre betreten wollte, rief ihn Cromwell noch einmal zurück. Der Ge⸗ heimerath verbeugte ſich und trat wieder vor. „Ich habe Euch zu ſagen vergeſſen, daß ein guter Freund von Euch in London iſt.“ „Wirklich? Und wer iſt das, wenn ich Ew. Hoheit fragen darf.“ 3 „Mylord Ormond,“ antwortete der Protek⸗ tor.„Er iſt vergangenen Mittwoch gegen drei Uhr auf einem kleinen grauen Maulthiere und in einem braunen, ſchlechtgemachten, abgenutzten Anzuge angekommen. Er wohnt in Whitefriar, Nummer„ich erinnere mich der Nummer nicht mehr, aber,“ fügte er betonend hinzu,„es wird Euch, Mylord, nicht ſchwer fallen, ihn aufzu⸗ . finden.“ „Ich rufe den Herrn zum Zeugen,“ ſagte Broghill, ſeine Augen nach ächt Puritaniſcher Weiſe aufwärtsdrehend,„daß ich nichts davon weiß.“ Cromwell zog die Augenbraunen zuſammen und ſah ihn eine Sekunde mit einem Blick an, vor dem der ſtolze Lord zitterte, und ſagte dann: „Jedenfalls könnt Ihr ihm ſagen, daß ich es weiß. Gute Nacht, Mylord, gute Nacht.“ Er hat ſeinen Theil weg, und jetzt kömmt die Reihe an mich, dachte Robin, der, während er unter immerwährenden Verbeugungen vor⸗ trat, nicht umhin konnte, zu bemerken, daß ein kleines Mädchen, ein Kind von ſechs bis ſieben Jahren, auf einer Bank zu des Vaters Füßen ſaß, ihre Arme um ſeine Beine geſchlungen hatte, mit ihrem offenen Geſichte zu dem des ſeinigen aufblickte, und jede Bewegung ſeiner Züge mit mehr als kindiſcher Theilnahme beob⸗ achtete. Als Robin näher kam, ſtand de auf und betrachtete ihn mit erklärlicher Neugierde. „Näher, junger Mann,“ bemerkte der Pro⸗ tektor,„noch näher; unſer Blick wird trübe, obgleich wir noch deutlich, und das mit unſern — 220— eigenen Augen ſehen, denn die pinderer nützen uns nicht.“ Robin that, wie ihm geheißen war, ohne in ſeinen Bücklingen nachzulaſſen; der Protektor ſelbſt ging einen Schritt auf ihn zu, und riß dabei mit ſo kräftiger Fauſt an ſeinen Bart, daß er vom Kinn losging und in Cromwell's Hand blieb. Das Kind brach in ein lautes Ge⸗ lächter darüber aus; einen andern Eindruck aber machte es auf den Protektor, der ſtets an Ver⸗ rath dachte; auch rief er auf der Stelle: „Wache! Heda! herein hier!“ Fünf oder ſechs Männer ſtürzten ſogleich in das Zimmer und legten Hand an Robin, der keinen Widerſtand leiſtete, ſondern mit ſich gewähren ließ. „Ew. Hoheit irrt,“ ſagte Ben Iſrael,„es iſt kein Verrath in dem jungen Mann. Ich habe be⸗ reits Ew. Hoheit geſagt, wie er zu mir kam, und was er weiß. Euer Diener hat nicht Falſch⸗ heit, ſondern Wahrheit geſprochen. 4 „Aber Ihr habt mir nicht geſagt, daß er kein Jude iſt; Ihr kennt ihn nicht, wie ich, er ver⸗ kehrt mit“ Der Protektor brach ab, und wendete ſich zu den Soldaten:„Sucht ihn durch, ohne Gewalt, vielleicht hat er keine verſteckte Waffen bei ſich, wir wollen nicht ungerecht han deln; aber ſeit Kurzem iſt ſo viel Böſes von al⸗ len Arten von Uebelgeſinnten gegen uns ange⸗ ſponnen worden, daß es uns ziemt, vorſichtig zu ſeyn. Mich dünkt, Freund Manaſſa, dieſe Verkleidung war unnütz.“ „Ich that es, um Skandal unter meinem ei⸗ genen Volke zu verhüten, denn es hätte geſtaunt, wenn es einen um mich geſehen hätte, der nicht von unſerm Stamme iſt.“ Das kleine Mädchen, welches ein großer Lieb⸗ ling Cromwell's und die jüngſte Tochter Ire⸗ ton's, ſeines Schwiegerſohns, war, ſchien ſich ſehr mit dieſer Durchſuchung und den verſchie⸗ denartigen Gegenſtänden, welche ſie an das Licht brachte, zu freuen. Da kamen Pfeifen, Glocken, Masken und tauſenderlei Lappen, aber keine Waffe hervor, den kleinen Spaniſchen Dolch ausgenommen, welchen Robin von dem Matro⸗ ſen zu Greenwich erhalten hatte. Der Protektor nahm ihn auf, unterſuchte ihn genau, legte ihn in ein kleines Schubfach, entließ ſodann die Wache und ſetzte ſich, indem er ſich bei Ben Iſrael wegen dieſer Störung entſchuldigte. „Dieſer Mann,“ fügte er hinzu, auf Robin blickend,„wird ſich nicht darüber wundern, denn er weiß, was für gute Gründe ich habe, ihn in Lug und Trug eingeweiht zu glauben.“ „Mit Eurer Hoheit Erlaubniß, niemand hat — — — — — 222— mich noch eine Lüge ſagen hören,“ ſagte Robin mit zitternder Stimme. „Ich weiß jetzt nicht, ob ihr lügenhaft redet, aber ſo zu handeln verſteht Ihr vortrefflich; je⸗ denfalls wünſche ich, daß Ihr hier die Wahr⸗ heit ſprecht.“ „Verzeihen Eure Hoheit, ¹autwortete Robin, der ſich ziemlich wieder geſammelt hatte,„ich verlange nicht anders, denn ich weiß doch, daß das Gegentheil unnütz wäre.“ „Wie meint Ihr das?“ „Weil Eure Hoheit immer Wahrheit von Falſch⸗ heit unterſcheiden kann, wie ſehr ſie auch andern verborgen ſeyn mag.“ Bei dem wohlangebrachten Kompliment auf eine Eigenſchaft, auf die Cromwell am meiſten ſtolz war, ſeinen Scharfſinn nämlich, verzog ſich ſein voller Mund zu einem leichten Lächeln. Er fragte darauf Robin, was er von Sir Willmott Burrell und des Rabbis Tochter wiſſe. Robin ſtand nicht an, alles unumwunden mitzutheilen, wie er es bereits Ben Iſrael erzählt hatte, und vergaß ſelbſt nicht zu bemerken, wie Sir Will⸗ mott dem Leben Walther de Guerre's nachge⸗ ſtellt habe. Cromwell hörte aufmerkſam zu und ſagte erſt, als die Erzählung zu Ende war, daß dieſelbe gar nicht nothwendig gewendig geweſen — 223— ſey, da nichts darin von der Tochter Manaſſa Ben Iſraels vorkomme. Der Protektor ließ darauf Sir John Berk⸗ ſtead hereinkommen und befahl ihm, einen Trupp Reiter fertig zu halten, deren Befehlshaber und Beſtimmungsort er in einigen Minuten dem Oberſten Jones angeben werde. „Und jetzt laßt uns zu Bette gehen. Will meine kleine Brigitte nicht ihrem Großvater gute Nacht ſagen?“ Er küßte ſie mit großer Zärtlichkeit. „Die Leute wundern ſich,“ fügte er hinzu, „warum ich Dich zu meinem Rathe zulaſſe, aber Gott hat Dir einen Blick für Wahrheit und eine Zunge zum Schweigen gegeben. Doch gehe jetzt, Du wirſt blaß vom langen Aufbleiben und das darf nicht ſeyn.“ Der Protektor faltete ſeine Hände und ſprach ein kurzes Gebet über das Kind, welches zu ſeinen Füßen kniete. „Guter Manaſſa, ich möchte Euch rathen, die Nacht hier zu bleiben; Ihr bedürft der Ruhe, aber ich muß Euren Diener zurückhalten. Heda!“ Ein Page trat herein. „Führt dieſe Perſon nach...“ Der Schluß des Satzes wurde leiſe geflüſtert und Robin aus dem Zimmer geführt. Nur wenig Perſonen befanden ſich mehr in der Halle; die Pagen ſchliefen feſt, und ob⸗ — 224— gleich Robin dem Oberſten Jones begegnete, ſo erkannte dieſer ihn doch nicht wieder, da er Bart und ſchwarzes Haar abgelegt hatte und wieder wie der Diener Sir Willmott Burrell's ausſah. Als er über den zweiten Hof kam, wen⸗ dete ſich ſein Führer plötzlich in einen kleinen Thorweg und ließ Robin eine enge Wendeltreppe hinaufſteigen, die kein Ende zu haben ſchien. Robin blieb einmal ſtehen, um Athem zu ſchöp⸗ fen, mußte aber ſogleich wieder weiter und be⸗ fand ſich endlich in einer engen Zelle, die oben ein ſchmales Fenſter hatte, das, wie er glaubte, mit dem Dache des Pallaſtes in Verbindung ſtand. Hier verließ ihn ſein Begleiter, ohne nur gute Nacht zu wünſchen, und zog den Schlüſſel von dem roſtigen Schloſſe ab. Die Wolken hatten ſich verzogen und der Mond ſchien hell. Robin ſetzte ſich auf ſein Rollbett, auf dem ſich nur eine gewöhnliche Strohmatratze mit einer Decke befand, und in welchem vielleicht ſchon tauſend Gefangene vor ihm gelegen hatten; aber wie bitter auch ſeine Gefühle ſeyn mochten, doch verzweifelte er nicht, ſondern dachte beſonnen über das Vergangene nach. Obgleich es nicht das erſte Mal geweſen war, daß er dem Protektor gegenüber geſtanden hatte, ſo hatte er doch nie früher eine Spur menſchlichen Gefühles in ihm — 225— bemerkt. Er hatte viele Kinder vaterlos gebracht, dachte der junge Hays jetzt, und doch liebt er dies häßliche Mädchen, ſein leibhaftiges Ebenbild! Armer Walther! Ich möchte wohl wiſſen, was aus ihm geworden iſt; ich hatte faſt Luſt, ihn darum zu fragen, aber es ſteckt was in ihm, daß man, ſelbſt wenn er nicht der Protektor wäre, ſich doch keine Freiheit gegen ihn erlauben würde. Als Ro⸗ bin dies dachte, waren ſeine Augen auf das leichte, im Mondenlicht glänzende Gewölk über ihm ge⸗ richtet, bis auf ein Mal ein dichter Körper ihm das Licht raubte, ſo daß einen Augenblick dichte Finſterniß in ſeiner Zelle herrſchte. Einige Mi⸗ nuten darauf wiederholte ſich dieſelbe Erſchei⸗ nung, und das Geſicht eines Mannes lehnte hart an die Scheiben, offenbar um in das Zimmer zu ſehen. „Was gibt's?“ rief Robin. Der Kopf ver⸗ ſchwand; es erfolgte keine Antwort; ſogleich dar⸗ auf aber drehte ſich ein Schlüſſel im Schloſſe und der Protektor ſelbſt trat herein. II. 15 Vierzehntes Kapitel. „ Ich hätte, dachte Robin, noch lieber mit ihm in jener tapezirten Halle, als in dieſem engen Zimmer geſprochen. Dort hätte ich wenigſtens für mein Leben um die Wette laufen können, aber hier ſtehe mir der Himmel bei! „Die Stube iſt eng und die Luft ſchwer,“ wa⸗ ren des Protektors erſte Worte,„folgt mir auf das Dach, dort kann uns niemand belauſchen, als die bleichen Sterne, und dieſe ſchwatzen nicht vom Thun der Menſchen.“ Robin folgte Cromwell eine enge Treppe hinan, bis ſie durch eine Fallthüre auf das Dach kamen; dort ſtanden dieſe beide, an Rang und Geſtalt ſo verſchiedene Männer auf einer mit Blei ge⸗ deckten Plattform, von der aus man bei Tage die herrlichſte Ausſicht über die ganze Umgegend hatte. Jetzt konnte man nichts unterſcheiden als die ſchwachen Umriſſe der fernern Hügel und die — 227— dunkeln Waldungen, welche den Vordergrund bil⸗ deten. Alles war ſtill, kein Laut zu hören, als der des leiſen Windes, der durch die vielen Thürme dieſes ſtolzen Pallaſtes zog, und dann und wann der Tritt oder Ruf der Schildwachen auf den verſchiedenen Außenpoſten. „Euer wahrer Name,“ ſagte der Protektor, „iſt, glaube ich, Robin Hays.“ „Das iſt er, Eure Hoheit.“ „Und Ihr ſeyd der Sohn einer gewiſſen Ma⸗ ria, oder Margaretha, Eigenthümerin eines Wirthshauſes, genannt das Möwenneſt?“ „Wie Eure Hoheit ſagen, der Sohn der Mar⸗ garetha Hays, die, Gott ſey gedankt, noch in einem ſtillen Winkel der Inſel Shepey lebt, und ihres guten Ehemannes Michael, der bereits ſeit vielen Jahren todt iſt.“ „Ich bin es überzeugt, daß Ihr Eure eigene Mutter kennt, aber Weisheit gehört dazu, ſeinen Vater zu kennen. Unreine Geſinnungen weichen jetzt, der Herr ſey geprieſen, aus dieſem Lande, aber ſie gediehen einſt in Übermaaß, wie die Brom⸗ beeren an den Landſtraßen. Doch dies gehört nicht hieher; was brachte Euch nach Hampton?“ „Ew. Hoheit weiß, ich kam mit dem Rabbi Ben Iſrael.“ „Weicht mir nicht aus,“ rief der leicht aufzu⸗ . 8 — 128— bringende Protektor,„ich frage noch ein Mal, warum kamt Ihr hieher?“ „Eure Hoheit kennt den Grund meines Kom⸗ mens.“ „Allerdings, aber ich will es auch von Euch hören. Warum ſeyd Ihr hier?“ „Nun denn, um einen aufzuſuchen, der Eurer Hoheit in den Griff gekommen iſt; vergebt,“ verbeſſerte Robin, der ſich keinesweges ruhig fühlte,„den Eure Hoheit unter Aufſicht genom⸗ men hat.“ „Sein Name, Sir, ſein Name?“ „Walther de Guerre.“ „Und wer ſagte Euch, daß er hier ſey?“ „Ich dachte es ſo, ich und ein Anderer ſeiner Freunde.“ „Ihr meint Hugh Dalton?“ „Mit Eurer Hoheit Erlaubniß, ja.“ „Ihr habt einen geheimen Auftrag für die⸗ ſen Walther?“ „Nein, Eure Hoheit, aber wenn er hier iſt, ſo erſuche ich Eure Hoheit demüthigſt um Er⸗ laubniß, ihn ſehen zu dürfen, denn, da es Euer Wille iſt, uns feſthalten zu laſſen, ſo würde es gewiß ein Troſt für ihn ſeyn, wenn er jemand ſprechen könnte, dem ſein Wohl ſo ernſtlich am Herzen liegt.“ — 229— „Warum iſt er nach England gekommen?“ „Das, glaube ich, weiß nur Hugh Dalton.“ „Wo habt Ihr den Spaniſchen Dolch her?“ „Ich habe ihn von einem penſionirten Matro⸗ ſen zu Greenwich erhalten.“ „Ihr habt noch andere Geſchäfte zu London gehabt?“ „Mit Eurer Hoheit Erlaubniß, ja.“ „Welcher Art waren ſie?“ „Eure Hoheit wird mir verzeihen, aber das kann ich nicht ſagen.“ Cromwell war während dieſer Unterſuchung auf einem Theil des Daches, das auf beiden Sei⸗ ten durch eine doppelte Reihe thurmförmiger Schornſteine begränzt war, auf⸗ und abgegangen. Bei den letzten Worten Robins drehte er ſich plötzlich um, ging hart auf ihn zu, und ſagte dann:„Wißt Ihr, mit wem Ihr ſprecht? Wißt Ihr, daß der Herr mich zum Richter und Regie⸗ rer in Iſrael gemacht hat? Und Ihr weigert Euch, auf meine Frage zu antworten?“ „Eure Hoheit entſcheide ſelbſt nach Billigkeit. Von Kindheit an hat Hugh Dalton mich geliebt; wenn mein niedriger Geiſt doch in etwas beſſer geworden iſt, als das elende, mißgeſtaltete Ge⸗ häuſe, in welchem er wohnt, ſo danke ich es Hugh Dalton; bich auch mit blutigen Thaten — 230— vertraut worden, ſo danke ich es doch Hugh Dal⸗ ton, daß ich auch heldenmüthige Thaten geſehen habe, und Hugh Dalton verdanke ich die Über⸗ zeugung, daß das Geheimniß ein Heiligthum iſt.“ „Ehre unter Dieben, Schelmen und Piraten!“ rief der Protektor heftig, aber nicht im Zorne. „Euer Dalton muß einen eigenen Zweck gehabt haben, daß er dieſen ſchwindelköpfigen Kavalier herübergebracht hat, der zu viel Blut uͤnd zu we⸗ nig Gehirn zu etwas Rechtem hat. Junger Mann, ich kenne das Treiben Eurer Möwenneſtklippe und bin darauf aufmerkſam gemacht worden. Hört mich an! Seit Monden iſt kaum ein Unzufriedener in London geweſen, der nicht dort Zuflucht gefun⸗ den hätte. Wäre ich geneigt, Vagabunden zu verzeihen, ſo könnte ich die Gnade, welche mir der Herr in die Hand gegeben hat, auf arme, verleitete Geſchöpfe ausdehnen, aber Dalton hat verleitet. Mit meinem eigenen guten Roß und mit Hülfe Dreier, auf die ich mich verlaſſen konnte, verfolgte ich zwei von denen, welche mit Miles Syndercomb verbunden waren, bis in ihren Bau, zur ſelben Zeit, wo Hugh Dal⸗ ton mit ſeinem Glühwurm an der Küſte lag. Auf was wartete er dort? Dieſer Bucanier hat die übelgeſinnten zu Dutzenden, zu Hunderten herübergeführt, und nun erwartet er Pardon! Ich bin darum angegangen worden. Aber gebt Acht! Die Hand des Herrn iſt ausgeſtreckt, und wird nicht zurückgezogen werden, bis das Neſt von Unterſt zu Oberſt gekehrt iſt, wie der Pflug die Erde aufwühlt, und das Neſt der Feldmaus oder des blinden Maulwurfs zerſtört und zer⸗ reißt. Und gebt ferner Acht, Robin Hays! Es giebt ein Buch, in welchem der Name eines Je⸗ den geſchrieben ſteht, der mit dieſen niedern Um⸗ trieben in Berührung ſteht, und hinter jedem Namen ſteht ein rothes Kreuz— ich ſage, ein rothes Kreuz, welches Blutvergießen bedeutet, und ſo gewiß die Sterne über uns ihre Bahn an dem ſtrahlenden Himmel kennen, ſo gewiß ſollen alle dieſe Verräther, Räuber, Bucaniere und Empörer durch des Herrn Hand umkom⸗ men— es müßte ihm denn gefallen, durch ſei⸗ nen allmächtigen Hauch einigen derſelben das Herz zu bewegen, daß einer oder mehre den ge⸗ heimen Eingang in die Höhle verriethen, wo der große Schatz iſt und wodurch vieles Blutvergie⸗ ßen und Unruhe erſpart werden könnte. Läßt ſich einer von dieſer fluchenswerthen Bande zu dieſem glücklichen— ich ſage glücklichen— Ent⸗ ſchluſſe bewegen, ſo dürfte er nicht allein ver⸗ ſchont, ſondern mit allem belohnt werden, wonach das Herz des Menſchen verlangen mag.“— — 232— Cromwell hielt ein, und heftete den Blick auf Robin, der kein Wort ſprach und ſich nicht rührte. „Sollte ſich niemand finden?“ wiederholte Cromwell, ſich beſtimmter zu Robin wendend. „Ein Menſch, meint Eure Hoheit, der ſeine Kameraden verriethe, ſie dem Tode und ſeines Meiſters Eigenthum der Vernichtung preisgebe?“ „So meinte ich es nicht; aber denkt Ihr, daß es niemand geben ſollte, der, von der Schlech⸗ tigkeit ſeines Lebens durchdrungen, die blinde Gerechtigkeit auf die rechte Spur leiten würde, damit das geraubte Gut ſeinem rechtmäßigen Ei⸗ genthümer zurück erſtattet, und die Sache des Herrn und ſeines Volkes um einen Schritt geför⸗ dert werden könnte?“ „Soll ich zu Ew. Hoheit wie ein Mann oder wie ein Knecht ſprechen?“ „Wie ein Mann. Ich bin kein König, kein Tyrann.“ „Dann ſage ich, mit aller ſchuldigen Ehr⸗ furcht, daß ſich jemand wohl dazu bereit finden mag, daß er aber der Verzeihung, mehr noch einer Belohnung unwürdig wäre. Ew. Hoheit erlauben mir zu bemerken, ein Bucanier iſt in meinen Augen nur einer, der ſich einer bewegten Zeit bedient, ſich ſo viel Macht und Reichthum, — 233— als er kann, zu ſchaffen. Die See iſt für ihn ſo frei, als das Land für.... für.. für andere. Sein Treiben iſt nicht das eines Feig⸗ lings, denn er wagt ſein Alles, er iſt kein Mör⸗ der, kein Verräther, kein Rebell. „Schweigt, Atom,“ unterbrach ihn Cromwell, „ich verlangte Eure Gründe nicht über die Ge⸗ ſetzlichkeit oder das Recht der Bucaniere, ich gab Euch nur zu verſtehen, und ich weiß, Ihr begreift ſchnell, daß ich Kunde begehrte über die⸗ ſen Verſteck, dies Labyrinth, dieſe von der Natur in den Klippen gebildeten Höhlungen, und zwar an mehr als an einem Orte, dort ſo wohl, als an der Kenter Küſte, damit ich wenigſtens ein rothes Kreuz auslöſchen könnte. Merkt wohl auf, Burſche, Euer eigener Name ſteht mit auf der Liſte, ob es gleich mir leid thut, da eine Mi⸗ ſchung ehrlichen Blutes in Euren Adern und ein Funke von Verſtand in Eurem Kopf iſt, der Euch zu einigen Auszeichnungen führen könnte. Schlech⸗ tere, als Ihr, ſind zu hohen Stufen geſtiegen.“ „Ew. Hoheit ſpottet meiner! Verſtand! Hohe Stellen! Gebt dieſem verkrüppelten Körper eine Welt voll Witz und eine Stelle ſo hoch, wie dieſer luftige Thurm, doch würde ich verhöhnt und verachtet werden, Ew. Hoheit ſpottet mei⸗ ner bitterlich!“ — 234— „Ich verſpotte niemanden; es iſt ein unchriſt⸗ liches Thun. Aber wie Ihr wollt; in fünfzehn Minuten könnt Ihr dieſes unſer Haus verlaſ⸗ ſen, einige wenige Auserwählte nach der Mö⸗ wenneſtklippe führen, ihre Wege bezeichnen, uns die nöthigen Nachrichten über die andern Ver⸗ ſtecke der Schmuggler geben, den Glühwurm in ſtilles Waſſer rufen, und die morgende Sonne ſoll einen reichen, ja hochbegünſtigten Gentle⸗ man beſcheinen.“ „Mit einem verdammten, ſchwarzen Herzen! L⸗ rief Robin, deſſen treue Bruſt ſich ſo lebhaft hob, daß er einen Augenblick vergaß, vor wem er ſtand, und ſeinen Gefühlen ihren Lauf ließ, was er gewiß nicht gethau hätte, hätte er in Cromwell's Geſicht geſehen, das mit ſeinem ehr⸗ furchtgebietenden Ausdrucke ſchon oft die Worte kühnerer Männer ungeſprochen auf den geöff⸗ neten Lippen zurückgehalten hatte. „Damit habe ich nichts zu thun,“ ſagte der Protektor ruhig, nachdem er mehrmals auf der Platform auf⸗ und abgegangen war;„aber Ihr beurtheilt den Fall unrichtig, es handelt ſich nur von Gerechtigkeit, von bloßer Gerechtigkeit.“ „Mylord Protektor von England,“ ſagte Robin, deſſen ſchmale Geſtalt in dem unſichern Lichte einem aus der Tiefe heraufbeſchworenen Geiſte glich,„Mylord, in Euren Augen mag es Gerechtigkeit ſeyn; Ihr glaubt, der Buca⸗ nier ſey nicht blos Freibeuter, ſondern bringe auch Leute herüber, die Eurer Hoheit Leben und den Frieden Eures Protektorats bedrohen. Ich aber glaube und bin überzeugt, daß er nie einen von Syndercombe's Bande, oder irgend einen, der etwas Böſes gegen Eure Perſon beabſich⸗ tigte, hieher oder fort von hier brachte. Es ſind andere, die dies Geſchäft treiben; und es würde jetzt, wo er um Begnadigung bei Euch nach⸗ ſucht, ſchlecht für ſeine Klugheit ſprechen, wenn er zur ſelben Zeit Eure Rache aufreizte. Mylord, Hugh Dalton hat eine Tochter, und um ihren Namen von unauslöſchlicher Schmach zu retten, begehrt er nach geſetzlicher Verwendung. Und Eure Hoheit möge mir erlauben, unbeleſen wie ich bin in allem, was gut oder fromm iſt, Euch zu erinnern, daß die Bibel irgendwo von denen ſpricht, die zu Vergebung und Ruhm in der elften Stunde zugelaſſen werden. Könnte Eure Hoheit, was mich betrifft, mich dazu machen, wonach mein Herz ſich ſo oft, aber vergebens geſehnt hat, wie die Krähe nie dem ſtolzen Falken auf der Jagd nacheifern kann; könntet Ihr mir eine wohlge⸗ bildete Geſtalt geben, mich zu einem umſchaf⸗ fen, der eine Beleidigung zurückweiſen, einen — 236— Freund beſchützen kann, dieſen zwerghaften Kör⸗ per zu gehöriger Länge ausdehnen, dieſe Arme ſtählen, dieſen Kopf gerade auf ein paſſenderes Geſtell ſetzen, gäbet Ihr mir dann Reichthum, Rang, wonach ein Manu in dieſer begehrlichen Welt am meiſten begehrt, wiegt Ihr dann alle dieſe Vorzüge gegen einen Theil von Hugh Dalton's Le⸗ ben ab, doch wird die Schaale, Mylord, zum Him⸗ mel auffliegen— ſie iſt leer, es iſt nichts darin!“ Cromwell faltete ſchweigend ſeine Arme, wäh⸗ rend Robin in großer Aufregung ſich den Nacht⸗ thau von der Stirne trocknete und ſchwer auf⸗ ſeufzte, froh, ſich einer Bürde entledigt zu ha⸗ ben, die auf ſeiner Bruſt gelaſtet hatte. „Noch ein Wort, junger Mann! Wer des Protektors Wünſche erfährt, ſo daß er in ge⸗ wiſſer Beziehung daraus auf ſeine Pläne ſchlie⸗ ßen kaun, und— verſteht mich— wer nicht in ſie eingeht, nicht mit ihnen übereinſtimmt, lebt ſelten lang.“ „Ich verſtehe Eure Hoheit.“ „In Eure Zelle!“ Niedergebeugt und tiefbekümmert, daß es ihm nicht gewährt worden, den Kavalier zu ſpreihen⸗ gehorchte Robin dem Gebote. Der Protektor blieb allein auf dem Dache. „Er ſteigt noch immer,“ ſagte er, zu ſeinem — 237— Geburtsſterne aufblickend, der hell aus den un⸗ zähligen Geſtirnen herabſchimmerte.„Hoch, hoch und voller Macht,“ wiederholte er mit jener ſeltſamen Miſchung von Aberglauben und En⸗ thuſiasmus, welche einen bedeutenden Theil ſei⸗ nes merkwürdigen Karakters ausmachte.„Nie ſah ich Dich glänzender, als auf dem Felde von Naſeby, wo ich Deine Bahn am Himmel beo⸗ bachtete, während Hunderte der treuen Krieger um mich lagerten und die morgende Schlacht er⸗ warteten. Ich betete in Deinen Strahlen, wel⸗ che, durch eine Fügung des Herrn, gerade auf meine Bruſt fielen; ſie blizten auf dem ſtarken Eiſen, das damals ſie bedeckte, drangen in mein Herz und füllten es mit Muth und meine Seele mit Vertrauen. Könnte ich doch auch den Todesſchlaf auf dieſem Felde ſchlafen, da⸗ mit Du auch über dieſen armen Leichnam wa⸗ cheſt, der jetzt nach Ruhe dürſtet. Ja dort, un⸗ ter den Raſen von Naſeby, ſoll mein Grab ſeyn, dort werde ich ruhig, ruhig ſchlummern, denn dort wirſt Du das Bett bewachen, in dem die⸗ ſer arme Körper Frieden finden wird, wenn der ruheloſe Geiſt bei ihm iſt, deſſen Macht mich durch den feurigen Ofen geführt und mich ge⸗ macht hat zu dem, der ich bin. Strahle nur fort, Du heller Stern, bis Du zur höchſten — 238— Höhe Deines Glanzes gekommen biſt, die Du noch nicht erreicht haſt. Ach! wohl erinnere ich mich, wie Du gezögerſt in der bleichen Morgen⸗ dämmerung, voll des Wunſches, meinen Ruhm, meinen übergroßen Triumph auf dieſem verhäng⸗ nißvollen Felde anzuſchauen, und Du haſt mich größer geſehen, als ich je gedacht, ſo groß, als ich es nur ſeyn kann, aber Du weißt beſſer, ob ich noch größer werden kann, denn Dir iſt alles bekannt: das Zukünftige, wie das Vergangene.“ Schneller ging er auf und ab, in ſeinem Schritte lagen Schlachten und Siege, aber plötz⸗ lich ließ ſeine Heftigkeit nach, ſeine Füße hoben ſich langſamer, ſeine Augen, die noch eben mit ſo ſtolzer Freude die Strahlen ſeines eigenen Sternes eingeſogen hatten, fielen auf den Fleck, wo der kleine, krüppelhafte Zwerg, Robin Hays von der Möwenneſtklippe, in Gewahrſam lag. Und wieder begann er:„Habe ich, hofirt von dem geſchmeidigen Franzoſen, gefürchtet von dem liſtigen Spanier, geſchmeichelt von dem ru⸗ higen Holländer, geehrt von dem bigotten Pab⸗ ſte, den entarteten Portugieſen zu meinen Fü⸗ ßen, die Zügel Englands, Europas, der Welt in meiner Hand, der Vater vieler Kinder, habe ich auch einen ſo treuen Freund, daß er die Schaale ſeines eigenen Intereſſes in die Luft — 239— ſchnellen läßt, wenn mein Leben dagegen in die Waage gelegt wird? O, meine Bruſt erwärmte ſich an ſeiner Treue, ſie iſt jeden Preiſes werth, aber kein Preis, den ich zu bieten habe, kann ſie kaufen. In meiner Jugend ſagte mir ein Traumgeſicht, ich würde der Größeſte des Kö⸗ nigreichs werden. Der Größeſte bin ich, und doch kann ich noch größer werden; aber wird ein Name, der Name, den ich verſpottet habe, meine Gewalt verſtärken? Er, dem ich dieſen Namen entriß, war geliebter, als ich. Oh! es iſt ein ſchreckliches Spiel, das Spiel um Kö⸗ nigreiche! Kronen, ja, und blutige dazu, blu⸗ tige Kronen wie Bälle zu werfen! Während Verrath, finſterer, liſtiger, ſchleichender Ver⸗ rath unter den verſchiedenſten Larven darneben ſteht, und unſer ſchönſtes Spiel verhöhnt und verdirbt. Gott ſtehe mir bei! Jetzt, da das Glück allen Widerſtand gebrochen hat, jetzt habe ich mit meinen ſtärkſten Verſicherungen zu käm⸗ pfen. Herr, verhüte es, daß ſie mich nicht über⸗ wältigen, nachdem ich Alles andere überwunden habe. Gott ſtehe mir bei! Mit einem Fuße auf dem Throne, von welchem ich ihn— nicht ich allein, der Himmel ſey dafür geprieſen! nicht ich allein, viele andere mit— ihn geſtürtzt habe...“ Wieder ſtand er eine Zeitlang, mit gekreuzten — 240— Armen, gegen einen Thurm gelehnt, ging dann ſchneller als früher umher, und dachte ohne Zweifel an die Krone, welche eine ſtarke Par tei im Parlament ihm aufdringen wollte, ſtand dann wieder ſtill, und murmelte für ſich hin: „Meine Kinder— Prinzen! Verheirathet mit den Mächtigſten! Aber, wollen ſie denn, die Halsſtarrigen, Eigenſinnigen? Nur Eine liebt mich, Eine nur, die ich anbete, und ſie ſchwin⸗ det dahin vor meinen Augen, wie ein feiner Dunſt von dem Gipfel eines rauhen, wilden Berges verzieht, nachdem er ihn getränkt, er⸗ weicht und befruchtet, ehe die ſtolze Sonne ihre Höhe am Himmel erſtiegen hat!— Hal! die Wache am Außenthore ſchläft. Mag er ruhen, der arme Menſch. Ich kann nicht ſchlafen. Dort iſt auch noch Licht in dem Zimmer des Mylord Broghill; vielleicht ſchreibt er ſeinem Freund Ormond. Ich hatte ihn gefaßt: wie blaß er wurde! Ich habe ſie alle— ich kenne ſie alle! Ich könnte ſie in dieſer Hand zermalmen, aber Gott weiß, daß ich nicht will, ſie hat ſchon ge⸗ nug mit dergleichen zu thun gehabt.“ Seine Worte gingen in ein Stöhnen über, das aus dem Herzen kam, und er verfiel in ei⸗ nen jener leidenſchaftlichen Ergüſſe von Thränen und Gebeten, denen er in der letzten Zeit häu⸗ — 241— fig unterworfen war. Bald legte es ſich jedoch, und der von der einen Partei ſo geprieſene und bewunderte, von der andern ſo herabge⸗ ſetzte und geſchmähte, von allen ſo gefürchtete Mann begab ſich ſtill und ſorgenvoll nach ſeinem Lager. — 242— Fuͤnfzehntes Kapitel. — „Und iſt es dazu gekommen?“ rief Salomon Grundy, in der Speiſekammer wie ein Fürſt unter ſeinen eigenen Werken thronend.„Kein Feſt, keine Feier! Statt eines Hochzeitsmahles eine kahle Hochzeit! Kein Banket in der Halle, keine Erluſtirung in der Küche! Ich hätte den ar⸗ men, dürren Prediger bis in das Centrum meiner Paſtete eindringen und all mein Wildpret können herauslangen laſſen, ſo gut gefüllt ſie auch mit Lie⸗ bes⸗ und andern Aepfeln iſt! Er hätte die Tauben in ſeine Bruſt ſtecken und den Guß mit den Ge⸗ weihen auf ſeinen Kopf ſtecken können, es wäre von niemanden vermißt worden, außer von Dir, Salomon Grundy. Und dies geſpickte Geflügel! Sieht es nicht aus, als wäre es eher von Schnee, als von Fleiſch? Selbſt meine Frau lobte es und ſagte: Grundy, ſagte ſie, Salomon, mein Mann, ſagte ſie, du haſt dich ſelbſt übertroffen.— Das — 243— heiß ich gelobt, denke ich. Aber was hilft mir jetzt alles Lob? Der Herr will nicht eſſen, die Mi⸗ ſtriß will nicht eſſen, Barbara will nicht eſſen. Ich bot ihr eine Taubenpaſtete an; ſie dankte und ging weiter. Mußte ich das erleben, daß man eine von mir ſelbſt zubereitete Taubenpa⸗ ſtete ſtehen läßt? Sir Willmott Burrell will auch nicht eſſen und verlangt nur nach Wein und gebranntem Waſſer. Es iſt eine verdrehte Hoch⸗ zeit! Ah, da iſt eine von den Frauen der Lady Cromwell, vielleicht ißt ſie etwas, denn es iſt herzbrechend, zu denken, daß Speiſen, wie dieſe, durch gemeines Pack verzehrt werden ſollten, das ein Stück Rindfleiſch und ein Maaß Dop⸗ pelbier einem Truthahne und einer Flaſche Sekt vorzieht. Salomon bewog Miſtriß Mathilde, hereinzu⸗ treten, und fand es durchaus nicht ſchwer, ihr einige ſeiner Gerichte aufzunöthigen, konnte aber trotz aller Mühe kein Kompliment über ſeine Kochkunſt erhalten. „Sie ſind ſehr gut,“ ſagte ſie endlich, indem ſie das dritte Törtchen aß,„ſehr gut, inſofern ſie auf dem Lande gemacht ſind; man muß Euch wegen Eures Mangels an Geſchick entſchulde⸗ gen, doch iſt es jedenfalls ein Glück für Euch— ich werde noch etwas Gelee nehmen— daß kein Banket Statt findet, denn obgleich es unrecht iſt, ſeinen Sinn auf fleiſchliche Luſt und Uep⸗ pigkeiten der Kreatur zu richten— ſo würden ſich doch alle dieſe Dinge in Whitehall nur für eine Hochzeit der untern Klaſſe eignen.“ Salomon fühlte ſich tief gekränkt. Er hatte große Ehrfurcht für den Hof, aber noch mehr für ſein eigenes Talent, und es erbitterte ihn, wenn man einen Zweifel in daſſelbe ſetzte. Er richtete ſich daher auf und erwiederte mit ſeiner gewöhnlichen Geſtikulation, daß ſchon große Män⸗ ner an ſeines Herrn Tafel gegeſſen und wie er wüßte, ſeine Kunſt in Ausdrücken geprieſen hät⸗ ten, die er nicht nachſagen könne; daß Lady Franziska ſelbſt ſich herabgelaſſen hätte, ihn nach der Methode zu fragen, wie er die Mandeln ſchäle, und ſeine Hühnerſuppe zu loben, und doß er gar nicht bange ſeyn würde, wenn er den Befeyl erhielte, dem Protektor ſelbſt eine Mahl⸗ zeit anzurichten. Miſtriß Mathilde lächelte höhniſch und betrach⸗ tete eben ein anderes Gelee, als ſie, ſehr zu ihrem Leidweſen, zu ihrer Lady gerufen wurde. „Welches Kleid wünſcht Mylady?“ fragte ſie die Tochter Cromwell's, deren Augen roth vom Weinen waren und die auffallend gleichgültig ge⸗ gen einen Punkt zu ſeyn ſchien, der ſonſt ihre *— ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm.„Soll⸗ ich das weiße mit den Silberblumen, dem Per⸗ lenbeſatz und dem Diamant⸗Bruſtlatze herausge⸗ ben?“ B„Was fragt Ihr und quält Ihr mich wegen eines Kleides,“ antwortete ſie endlich mit einer Heftigkeit, zu der ſie ſich zu oft aufreizen ließ; „wozu habe ich zwei nichtsthuende Frauen, wenn ſie nicht nach meiner Garderobe ſehen und mir die Mühe erſparen wollen, ſelbſt daran zu den⸗ ken. Ihr ſeyd ein Paar unvernünftige Geſchöpfe! Macht! macht!“ Mathilde und ihre Gehülfin legten die Kleider f und die Juwelen heraus, aber Lady Franziska blieb in ihrer ärgerlichen Stimmung. „Habe ich nicht geſagt, daß das Latz verlän⸗ gert werden müßte? Die Spittze iſt keine Spitze, ſondern rund? Hat man je ſo etwas geſehen?— Es iſt ſo viereckig, wie ein Tanbenſchweif, und muß doch ſo ſpitz zulaufen, wie der eines Papa⸗ geis.“ „Meint Mylady,“ ſagte die ältere der beſtürz⸗ ten Frauen,„daß das Latz viereckig oder rund ſey?“ Die Kammerfrau ſtimmte vollkommen mit ih⸗ rer Gebieterin darin überein, daß die Form des. Bruſtſtückes eine Sache von der größten Wichtig⸗ *— — 246— keit ſey, war aber nicht wenig verlegen darüber, daß Lady Franziska jetzt tadle, was ſie früher ge⸗ lobt hatte. „Viereckig oder rund,“ wiederholte Lady Fran⸗ ziska heftig,„keines von beiden, es muß ſpitz ſeyn— ſo!“ Die arme Frau ließ, als ſie das Bruſſtſtück recht ſchnell ihrer Gebieterin zur Anſicht hinhalten wollte, es fallen, und die größte der Diamant⸗ ſchleifen brach auseinander. Das war mehr, als Lady Franziska ertragen konnte, ſie jagte beide Frauen zum Zimmer hinaus, und ſagte, ſie ſol⸗ len an ihrer Stelle Barbara ſchicken. Als die kleine Puritanerin kam, ſchien Lady Franziska ih⸗ ren Zorn ſchon vergeſſen zu haben, denn ſie grüßte frenndlich und fragte, ob Miſtriß Konſtanze ſchon gekleidet ſey. „Nein, Mylady,“ antwortete Barbara. „Seht nur, was dieſe Weiber mit meinem Bruſtlatze angeſtellt haben. Sucht mir nur die Diamanten auf, Barbara, wenn Eure Gebiete⸗ rin Euch ſo lange miſſen kann.“ „Ich bin nicht bei ihr geweſen, Mylady, ſie ſagte, ſie würde mich rufen, wenn ſie meiner be⸗ dürfe, und das kann ich auch hier hören.“ Während Barbara die Juwelen aufſuchte, ſtrömten die Thränen ihr unaufhaltſam aus ihren ———— — — Augen. Lady Franziska bemerkte es und ſagte lächelnd: „Ihr faßt meinen Schmuck neu ein, in Kri⸗ ſtall, ſtatt in Gold.“ „Ich kann meine Thränen nicht zurückhalten, Mylady, wenn ich daran denke, wie ſehr ſie weint. Oh, es iſt traurig zu ſehen, wenn eine Eiche ſich beugt, wie eine Weide, oder eine ſtatt⸗ liche Roſe erniedrigt wird, wie eine kleine Feld⸗ blume. Es hat etwas ihr Herz zerriſſen, und ich kann ihr nicht helfen. Ich möchte mein Leben hingeben, um ſie glücklich zu machen, wüßte ich nur wie. Selbſt die Hunde laſſen die Köpfe hän⸗ gen und ſchleichen durch die Zimmer, in denen ſte ſonſt umherſprangen. Ach! Mylady, ſie hat Reichthum und Rang und Alles, was ein armes Mädchen große Herrlichkeit nennen würde. Und doch iſt ihr Schritt wie der einer greiſen Ma⸗ trone, und ihr Körper gebeugt, obgleich nicht durch die Laſt der Jahre. Mir fällt dabei ein kleines Lied ein, das ich als Kind lernte. Ich glaube, ich hörte es, ehe ich noch die Worte aus⸗ ſprechen konnte; habt Ihr es je gehört? Es heißt: „Die Edeldame von Caſtilien.“ „Nie, aber ich möchte es wohl hören. Bar⸗ hara, welche Melodie iſt dazu?“ „Ich habe ſie vergeſſen, fürchte auch, daß mir — 248— die Worte nicht mehr einfallen werden;; es fing auf eine Papiſtiſch⸗ Weiſe an, aber es iſt nichts Arges: Die Dame war edelgeboren, Die ſchoͤnſte im Caſtilier Land, Es kamen viel Freier zum Werben— „Ich habe die letzte Zeile vergeſſen, aber ſie ſchloß mit„Hand.““ Es thut mir leid, Myla⸗ dy, daß ich die Worte heute ganz vergeſſen habe, und doch wußte ich ſie geſtern noch. Die Dame batte viele Freier, wie meine Lady auch, und hatte auch, wie ſie, alle abgewieſen; ſie war aber zu wählig. Und zuletzt entſchloß ſie ſich, ei⸗ nen zu heirathen, der in ſchlechtem Rufe ſtand; und ihr Hochzeitstag war ſchon beſtimmt, aber die Nacht vorher, wie ſie ſchläft, erſcheint ihr— jetzt kömmt das Papiſtiſche— erſcheint ihr die Jungfrau. Und die Jungfrau führt ſie in einen wunderſchönen Hain, und dieſer Hain war mit den herrlichſten Vögeln von der Welt angefüllt, und die Jungfrau ſagte ihr, nimm einen von den Vögeln, der Dir gefällt, und behalte ihn; und Du kannſt bis zum Ende des Haines gehen, und nehmen, welchen Du findeſt, aber Du mußt gewählt haben, ehe denn Du zurückkehreſt, und nicht ohne einen zurückkehren. Und der Vogel, den Du nimmſt, wird Herr Deines Staats und 1 — 249— über Dich felbſt ſeyn, und alle Augen Caſtiliens werden an ihm hängen. Und die Edeldame war ſehr ſchön, ſo ſchön wie meine Lady, aber nicht ſo weiſe, ſonſt hätte ſie nicht an die Jungfrau geglaubt. Die Edeldame ging alſo zu und immer zu, und die lieben Vöglein ſangen um ſie, und flatterten um ſie, und ſuchten auf dem ganzen Wege um ihre Gunſt zu buhlen. Da waren Vö⸗ gel darunter, von denen ich nie gehört habe, au⸗ ßer in dieſem Liede, mit diamantenen Augen, Flügeln von Rubinen und Füßen von Perlen, aber an jedem fand ſie etwas auszuſetzen, und dachte immer, wie ſie weiter ging, noch einen beſſeren zu finden. Und ſieh da, ſo kam ſie an das Ende des Haines und hatte noch keine Wahl getroffen, und da ſaß ganz zuletzt— wer denkt Ihr, Mylady?— ein ſchwarzer Geier, ein grauſames, falſches, häßliches Thier. Und ſie war gezwungen, ihn zu nehmen. Sie war bei manchem guten und ſchönen Vogel vorüberge⸗ gangen, und ihr ſüßer Geſang klang ihr noch in den Ohren, und doch war ſie gezwungen, dies garſtige Weſen zu nehmen. Denkt Euch den Schrecken, Mylady! Die arme Edeldame von Ca⸗ ſtilien erwachte und begann nun darüber nachzu⸗ denken, was der Traum bedeuten möge; und. nachdem ſie gebetet hatte, erinnerte ſie ſich, wie — 250— ſehr ſie im Schlaf es bereuet hatte, daß ſie nicht den erſten Vogel, der ihr begegnete, genommen habe. Und ſie erinnerte ſich dabei ihres Jugend⸗ gefährten, der ſie ſo lange geliebt hatte, und ſie verglich dieſen tapfern Gentleman mit dem ſchö⸗ nen Vogel ihres Traumes. So ſchickte ſie den fort, deſſen Name verrufen war, und heira⸗ thete den Ritter, der ſie ſeit lange liebte. Und ſo ſchließt das Lied mit dem Ausrufe: „Glückliche Dame im Caſtilier Land.“”“ „Und das iſt ein guter Schluß,“ ſagte Lady Franziska,„ich wünſche, unſere Hochzeit möge eben ſo gut wenden!“ „Amen!“ ſagte Barbara gefühlvoll, aber ſchau⸗ dernd fügte ſie hinzu:„Es iſt ſeltſam, Mylady, eine Eurer Frauen, die den Altar in Ordnung brachte, jagte eine große Kröte auf, die auf der Stufe und, wie ſie ſagte, gerade auf dem Flecke hockte, wo Sir Willmott dieſen Abend knien muß. St! das war ſeine Thür am Ende des Korri⸗ dors, die eben zuging— ach, ich ſchaudere, wenn ich nur ſeinen Fußtritt höre— der Herr beſchütze uͤns! Es iſt wunderbar, Mylady, wie klug manche Thiere ſind. Crisp kann ihn nicht anſehen, aber Crisp iſt auch ein geſcheuter Hund.“ Da wird es auch eine traurige Ehe geben, . „— —— dachte Lady Franziska, dies artige, gute Mäd⸗ chen wird ſich jener mißgeſtalteten Kreatur opfern; dieſer häßliche, ſchiefe Hund ſteht ſogar in Gunſt bei ihr. Ich will ſie mir von Konſtanze ausbitten, ſie mit an den Hof nehmen und ihr einen paſ⸗ ſenden Mann ſuchen. Crisp iſt ein widerliches Thier,“ ſagte ſie laut,„und je eher Ihr ihn los werdet, deſto beſſer. Ihr müßt mit mir nach dem Hofe kommen, und ein Jahr Kammermäd⸗ chen bei mir ſeyn. Das wird Euch bilden und Eure Land⸗Vorurtheile abſchleifen. Ich will Mi⸗ ſtriß Cecil ſagen, daß ſie Euch mit mir gehen läßt.“ Barbara dachte zuerſt an Robin, dann an ih⸗ ren Vater, und wollte eben von dem letztern ſpre⸗ chen, als ſie ſich erinnerte, daß ſie ihm Geheim⸗ haltung verſprochen habe. „Ich danke Euch, Mylady; ein armes Mäd⸗ chen, wie ich, thut beſſer, ſie bleibt wo— wo — ſie hingehört. Eine Feldmaus kann keinen Baum hinaufklettern, wie das muntere Eichhörn⸗ chen, obgleich das arme Ding auf der Erde ſo glücklich, wie das artige Eichhörnchen zwiſchen den Zweigen und vielleicht noch einen großen Theil ſicherer iſt. Und was Crisp betrifft, ſo iſt Schönheit voll Lug und Trug, aber Ehrlichkeit — 252— iſt ein Ding, auf das man ſich lehnen kann, und das Herz dieſes Hundes iſt ganz Treue.“ „Ihr müßt einen Mann vom Hofe heirathen, Barbara.“ „Ihr ſpottet, Mylady, wie auch ſolch ein Mann meiner nur ſpotten könnte. Es kann ſeyn, daß ich nie heirathe, aber wenn ich es thue, ſoll es doch nur mit einem geſchehen, der ſich meiner nicht zu ſchämen hat.— Die Juwelen ſind wieder in Ordnung, Mylady.“ „Möchtet Ihr nicht wie meine Frauen le⸗ ben?“. „Ich danke Euch, Mylady; ſie haben zu wenig zu thun, und das erzeugt Sorgen. Wäre meine Lady glücklich— und— aber da ruft meine Lady! Soll ich Euch Eure Frauen ſchicken?“ „Ich habe oft gedacht und oft geſagt,“ ſprach Lady Franziska, als Barbara leiſe die Thüre hin⸗ ter ſich zugemacht hatte,„daß nichts den Welt⸗ menſchen ſo in Verlegenheit ſetze, als aufrichtige, geradgeſinnte Ehrlichkeit und Wahrheit. Sie iſt nicht einzuſchüchtern, nicht zu beſtechen, nicht zu vernichten, nicht einmal durch den Tod. Ich könnte die Hälfte meines Erbgutes darum geben— ach! ſprech' ich von Erbgut? So groß mein Vater iſt, kann er doch noch ſo tief ſinken wie Andere, 7 — — 4 die eben ſo groß waren. Und jetzt muß ich meine theure Freundin zu dem Altare begleiten, auf dem ſie geopfert werden ſoll. Ach, ihr wäre beſſer, der Tod begegnete ihr und forderte ſie für ſich auf der Schwelle des Gotteshauſes, in das ſie eintreten wird. Sechszehntes Kapitel. „Ich bin getrieben, gezwungen dazu,“ ſagte Sir Willmott Burrell, indem er ſich in ſeine glänzendſte Kleidung warf und unaufhörlich ſeine Augen auf den Zeiger einer kleinen Uhr richtete, welche vor ihm auf dem Toilettentiſche ſtand. „Niemand hat ſie geſehen, und ich habe Konſtanze genöthigt, die Trauung um ſechs, ſtatt um ſieben Uhr feſtzuſetzen. Einmal getraut, iſt alles gut; und käme es ſelbſt zum Schlimmſten und verfolgte Zilla mich noch länger, ſo brauche ich nur ihre Tollheit zu beſchwören, und ihr fieberhaftes Trei⸗ ben hat ein Ende.“— Er ſteckte ein kleines Piſtol zwiſchen ſeine geſtickten Kleider und ſchnallte das mit Diamanten beſetzte Schwert feſter.—„Die Minuten ſchleichen langſamer, als je; es fehlen noch fünfzehn! Ich wollte, es wäre vorüber! Ich bin überzeugt, Cromwell wird nicht dazwiſchen treten, wenn ſie einmal mein Weib iſt; er liebt ihre Ehre noch mehr, als die des Juden.“ Er zog das Piſtol noch einmal heraus, unter⸗ ſuchte es und ſteckte es wieder ein, machte ſich von neuem mit dem Degengurt zu ſchaffen, trank haſtig einen Becher von dem geiſtigen Getränke, von dem eine Flaſche vor ihm ſtand, und ging in die Bibliothek hinunter. Noch war niemand im Zimmer, als Sir Ro⸗ bert Cecil; er lehnte, wie einſt, als der Buca⸗ nier in derſelben Bibliothek zu ihm trat, gegen die marmorne Einfaſſung des Kamins; aber wie hatte er ſeitdem ſich verändert! Seine Hand zit⸗ terte von innerer Bewegung, als er ſie Sir Will⸗ mott entgegen hielt, der ſie mit der gewandten Höflichkeit und einer Herzlichkeit ergriff, deſſen Schein er ſo geſchickt anzunehmen wußte. „Die Stunde naht,“ ſagte der alte Mann, „wo Ihr der Gatte meines einzigen Kindes werdet. Behandelt ſie liebevoll. Oh, wenn Ihr je hofft, ſelbſt Vater zu werden, ſo behan⸗ delt ſie liebevoll; ſeyd ihr, was ich hätte ſeyn ſollen, ein Beſchützer, Sir Willmott, ich werde nicht lang mehr leben, verſprecht mir, daß Ihr ſie liebevoll behandeln wollt. Was ich habe, wird Euer werden: werdet Ihr auch liebevoll ſeyn?“. Er blickte dabei Sir Willmott mit einem ſo kin⸗ diſchen Ausdruck an, daß der Ritter glaubte, ſein Verſtand habe gelitten. „Setzt Euch, guter Sir, beruhigt Euch; Ihr ſeyd zu aufgeregt, ich bitte, ſammelt Euch.“ „Große Beſitzungen ſind große Verſuchungen,“ fuhr Sir Robert mit demſelben Anſchein eines irren Geiſtes fort;„Land und Gut führen in große Verſuchungen und machen doch nicht glück⸗ lich. Beugt Euren Kopf zu mir, tiefer, noch tiefer, ſo: nun will ich Euch ein Geheimniß ſagen, aber Ihr müßt es Konſtanzen nicht wie⸗ derſagen, denn es würde ihr wehe thun. Ich bin nie glücklich geweſen, ſeit ich reich geworden bin. Wartet, ich will Euch alles ſagen, vom An⸗ fang bis zum Ende. Mein Bruder, Sir Her⸗ bert— ich war damals noch zaicht Sir Robert— mein Bruder, ſage ich. „Ein andermal, mein theurer Sir,“ unter⸗ brach ihn Burrell, der ſeine Beſorgniſſe beſtä⸗ tigt ſah,„Ihr müßt Euch jetzt aufrichten und nicht an ſolche Dinge denken. Kammt, nehmt etwas Wein.“ Er nahm eine ſilberne Flaſche, die auf einem Tiſche mit andern Erfriſchungen ſtand, und ſchenkte einen Becher voll, aber die Hand des Baronets zitterte ſo, daß Sir Willmott die Schaale ihm an den Mund halten mußte.„Jetzt, mein lieber Sir, ſammelt Eure Gedanken; Ihr wißt, daß alles gut aufgehoben und geheim ge⸗ halten, und daß Liebe und Achtung Euch jetzt geſichert iſt.“ „Nicht bei meinem Kinde,“ rief der unglück⸗ liche Mann zwei⸗ oder dreimal, ſeine Hände krampfhaft ringend,„nicht bei meinem Kinde, meinem Stolze, meiner Konſtanze. Ihr Kuß iſt kalt wie Eis auf meiner Stirn, und ich glaube — es war vielleicht nur ein Traum, denn ich habe ein wenig geſchlafen— ich glaube, ſie hat ſich die Lippen abgetrocknet, nachdem ſich mich geküßt hatte. Glaubt Ihr, daß ſie die Spur von ihres Vaters Kuß hat wegwiſchen wollen?“ „Gewiß nicht; ſie liebt Euch ſo innig und zärt⸗ lich, wie immer.“ „Ich glanbe es nicht, Sir Willmott, ich kann es nicht glauben; überdies iſt keine Sicherheit für mich, als bis Hugh Dalton's Pardon bewil⸗ ligt iſt.“ „Gott verdamme ihn!“knirſchte Burrell,„„ver⸗ damme ihn mit zehnfachem, ewigem Fluche.“ „Verdammt wird er ohnehin werden,“ ant⸗ wortete Sir Robert ruhig,„aber wir werden mit verdammt werden, wir alle, nur Konſtanze nicht. Aber er muß Verzeihung erhalten— auf Erden, meine ich— um des Geſchehenen willen.“ Burrell warf Sir Robert Ceeil giftige Blicke II. 17 zu, aber er kümmerte ſich nicht darum, bemerkte es nicht. Sir Willmotts erſter Verdacht war gegründet, die Rache hat ihr Opfer gefaßt. Der unglückliche Mann hatt ſein Gedächtniß behal⸗ ten, obgleich ſeine Worte und Handlungen nicht mehr von der Vernunft beherrſcht wurden; die Erinnerung lebte noch in ihm, der Verſtand war erloſchen. Es iſt wirklich ſo, dachte Sir Willmott einen Augenblick, und nun Konſtanze, trotz deiner Ge⸗ ringſchätzung, trotz deines Haſſes, trotz deiner Verachtung, nun bedaure ich dich. Mit dem Schlag ſechs ging die Thür im Hin⸗ tergrunde auf, und hereintrat Lady Franziska mit ihrer Freundin; Barbara und die Kammer⸗ frauen der Lady Cromwell folgten. Zu ſeiner großen Kränkung und Betrübniß bemerkte Bur⸗ rell, daß ſeine Braut in tiefer Trauer gekleidet war. Ihr von der Stirn zurückgeſtrichenes Haar ſiel in langen und vollen Locken auf den Nak⸗ ken herab, und wurde nur durch ein ſchwar⸗ zes Band feſtgehalten. Ein Schleier von ſchwar⸗ zer Gaze bedeckte ihre ganze Geſtalt; ihr Ge⸗ wand war von ſchwarzer Luccaer Seide und mit Krepp beſetzt. Sie ging feſten Schrittes auf ihren Vater zu, ohne auf ihren Bräutigam „ — 259— Rückſicht zu nehmen, ſchlug den Schleier zurück und ſagte:„Ich bin bereit, Vater.“ Blurrell fürchtete, daß ſelbſt in der kurzen, noch übrigen Zeit Sir Robert ſeinen Geiſteszu⸗ ſtand verrathen möchte; er trat daher hinzu und wollte ihre Hand ergreifen, ſie wies ihn jedoch mit einer Handbewegung zurück und ſagte: „Noch nicht, Sir; noch gehöre ich ganz meinem Vater an.— Ich bin bereit, Vater.“ Es war jammervoll zu ſehen, wie nichtsſa⸗ gend die Augen Sir Roberts ihr bleiches Ant⸗ litz erſtarrten; jammervoll, mit welcher ängſtli⸗ chen Sorge ſie ihn betrachtete. „Theurer Vater,“ rief ſie endlich, auf ihre Knie ſinkend,„ſprecht mit mir, theurer Va⸗ ter!“ Dieſe Bewegung und die Stimme brachten ihn einen Augenblick wieder zu ſich. Er küßte ſte zärtlich auf die Wange, hob ſie mit der Würde früherer Jahre auf und drückte ſie an ſeine Bruſt. „Vergib mir, Kind; ich bitte Euch um Ver⸗ zeihung, Lady Franziska; ich war ein wenig unwohl, aber es iſt vorüber, und ich bin wie⸗ der, was ich war. Schenkt mir etwas Wein ein,“ befahl er den Dienern, die in der Thüre 7 ſtanden,„voll, ganz voll; ich trinke,“ fuhr er . — 260— mit einer Heiterkeit fort, die grell gegen ſein graues Haar und ſein blaſſes Geſicht abſtach, „ich trinke auf das Wohl und das Glück mei⸗ ner Tochter und ihres Bräutigams.“ Er trank den Becher bis auf den letzten Tropfen aus, und warf ihn dann von ſich.„Jetzt zur Trauung,“ ſagte er, und führte Konſtanzen fort, wäh⸗ rend Sir Willmott Lady Franziskas Hand er⸗ griff, was dieſe nur widerſtrebend zugab. Als ſie über einen Hof kamen, der zu der kleinen Kapelle führte, blieb Sir Robert plötzlich ſte⸗ hen, wendete ſich zu ſeiner Tochter und ſagte: „Aber ich hahe Dich noch nicht geſegnet; Du wirſt doch nicht ohne meinen Segen ſterben wollen?“ „Sterben, Vater?“ wiederholte Konſtanze. „Entſchuldige mich, Kind,“ antwortete er halb für ſich hinmurmelnd.„Ich dachte an Deine Mut⸗ ter, aber ich erinnere mich, es iſt jetzt eine Hoch⸗ zeit.“ Er zog ſie beinah fort zu dem Altar, wo der Geiſtliche ſchon ihrer wartete. „Sir Willmott Burrell,“ ſagte Konſtanze zu dem Ritter, als er ſich ihr zur Seite geſtellt hatte, „mein Vater iſt unwohl, und ich mag nicht daran denken, was ſeine Krankheit iſt; wenn es wahr iſt, was ich fürchte, ſo werdet Ihr mich nicht von ihm losreißen wollen.“ „Laßt die Ceremonie vor ſich gehen, und ich — 261— werde, wie ſchlecht Ihr mich auch wähnt, Euren Wünſchen nicht entgegen ſeyn.“ Lady Franziska ſtand dicht neben ihrer Freund⸗ in; Barbara, in ihrem weißen Kleide und ihrer einfachen Schönheit, an der Spitze der Diener, welche ſich ringsumher drängten. Der Geiſtliche begann den Gottesdienſt nach Art der biſchöflichen Kirche und ſchloß die Einleitung ohne Unter⸗ brechung, worauf er ſich zu denen, welche vor dem Altare verbunden werden ſollten, wendete, und ſie feierlichſt fragte, ob ſie auch mit freiem Willen handelten. „Ich frage und fodere Euch boide auf,“ ſagte er,„daß, wie Ihr einſt an dem fürchterlichen Tage des Gerichtes antworten werdet, wenn die Geheimniſſe aller Herzen ſich aufſchließen, Ihr ſo auch jetzt bekennet, ob einem von Euch irgend ein Hinderniß bewußt iſt, weshalb Ihr nicht ge⸗ ſetzlich zur Ehe verbunden werden könntet.“ In demſelben Augenblick rief Sir Robert Ce⸗ cil, deſſen Geiſteskraft durch die innerliche An⸗ ſtrengung, ſo wie durch den genoſſenen Wein noch ſtärker zerrüttet worden war:„Dieſe beiden zur Ehe verbunden! Nimmermehr, ſie hat ja kein Hochzeitkleid an! Was will ſie hier?“ Er blickte wild um ſich, ließ ſeine Tochter ſtehen, faßte Barbara bei der Hand, riß ſie nach dem — 262— Altare und ſagte:„Das muß unſere Braut ſeyn — unſere Lady Braut— niemand kann in Trauer heirathen.“ Die Verwirrung, welche dieſer unerwartete Vor⸗ fall verurſachte, war gränzenlos; kaum aber hatte der Baronet dieſe Worte ausgeſprochen, als das Fenſter, welches Barbara mit ſo vieler Mühe geſchmückt hatte, durch eine Geſtalt verdunkelt wurde, welche auf die Brüſtung ſprang, und die helle Stimme Zillas durch die Kapelle drang und von der Wölbung die Worte:„Gerechtigkeit! Rache!“ widerhallten. Die That folgte der Dro⸗ hung; die Jüdin feuerte mit nur zu ſicherer Hand ihr Piſtol auf die unſchulbige Barbara ab, die ſie, jetzt, wie bei einer frühern Gelegenheit, für ihre Nebenbuhlerin, Koſtanze Cecil, gehal⸗ ten hatte. Ende des zweiten Theiles. —