V V Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von 3.. Ednard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens ½ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. C(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatt ird.„ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: A4 Bücher: Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Nk. 55 Pf. 2 Mk.— pf. „.— 77 u— 9„ 4„—„ 5 53 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Sf. das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer lum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Der Bucanier. Ein hittoriteher Roman aus der Zeit Cromwell's. Aus dem Engliſchen von Louis Lax. Aacrhen und Keipzig, Verlag von Jacob Anton Mayer. 1833. Druck: J. J. Beaufort. Der Buranier. WMWümnnn Erſtes Kapitel. — Es war zwiſchen zehn und zwoͤlf Uhr in einer ſchönen Februar⸗Nacht des Jahres 1656, als drei Männer ein leichtes Boot in einer engen Bucht feſtbanden, die von den gewaltigen und düſtern Felſen beſchattet wird, welche die Inſel Shepey von andern Punkten längs der Küſte von Kent unterſcheiden, deren weiße Klippen dem Geſtade Brittaniens ein ſo heiteres und ſo ausgezeichne⸗ tes Ausſehen verleihen. Die ruhige See ſchien bewegungslos im bleichen Mondenlichte zu liegen, bis von Zeit zu Zeit das Gewölk ſich vor dem glänzenden Geſtirne der Nacht theilte und ſeine Strahlen ſilbern auf den leichten Wellen ſchim⸗ merten. Nicht leicht ließ ſich der Grund errathen, der irgend einen Seemann hätte bewegen können, an einer ſo ungünſtigen Stelle zu landen, die, auf 1 jeder Seite eingeſchloſſen, offenbar keinen andern Ausgang gewährte, als dahin, wo man herein⸗ gekommen war— nach dem ſpurloſen, unbegränz⸗ ten Ozean. Ohne ſich jedoch einen Augenblick zu bedenken, ſprang der Steuermann, der das Boot in dieſe Schlucht geführt hatte, an das Ufer; ihm folgte ein anderer; der dritte warf ſeinen Lederhut fort, hüllte ſich in ſeinen weiten Man⸗ tel und ſetzte ſich wieder auf ſeinen Platz, wie einer, der, für einige Zeit wenigſtens, ſich der MRuhe überlaſſen will. „Wir werden bös Wetter bekommen, Herr, 4 1 ſagte der jüngſte der beiden mit einem halb be⸗ ſtimmten, halb fragenden Tone, als er von ei⸗ ner großen, mit Seegras bewachſenen Bank erſt den Himmel, dann die Erde mit einem dieſer Geheimuiſſe kundigen Forſcherblicke betrachtete. Sein Gefährte gab keine Antwort, ſondern wik⸗ kelte eine reiche ſeidene Binde, die er um den Hals geworfen hatte, ab, legte ſie in leichten Fal⸗ ten und ſchlang ſie zu mehren Malen ſich um den Leib, nachdem er vorher aus dem ledernen Gurt, den er zwiſchen der Jacke und den weiten Hoſen trug, ein Paar ſonderbar verzierter Piſtolen ge⸗ 4* 7 e zogen hatte, die er dem jungen Seemanne über⸗ reichte, während er ſelbſt den Griff ſeines Dol⸗ ches hinaufſchob, ſo daß er ihn, ohne die ſeidene Schärpe zu verrücken, in einem Augenblicke zur Hand haben konnte. Mehrmals zog er die Waffe aus der Scheide, und nachdem er ſich über die⸗ ſen Punkt beruhigt hatte, ſteckte er auch die Pi⸗ ſtolen wieder in den Gurt und knöpfts die Jacke feſt bis an den Hals zu; darauf zog er die Enden der Binde noch enger zuſammen, ſteckte eine Hand in jede Seite und wendete ſich nach der Klippe, deren Höhe er mit einem Auge maaß, das zwar keine Würde verrieth, aber doch voll wilden Aus⸗ drucks war. Der Seemann— denn zu dieſem Stande ge⸗ hört er— hatte acht bis neun Zoll über fünf Fuß. Sein Haar, wie es unter einer Kappe ganz gegen die Sitte dieſer Zeit hervortrat, kräuſelte ſich dunkel um ein Geſicht, deſſen markirte Züge ſelbſt bei dieſem unſichern Lichte deutlich genug einen Maun von nicht gewöhnlichem Charakter ver⸗ riethen. Sein Körper war ſtark und wohlgeſtaltet und hatte, ob er gleich nahe an fünfzig Jahre zählen mochte, noch nichts an ſeiner Kraft und Geſchmei⸗ digkeit verloren. Das ganze Äußere des Mannes ſchien anzudenten, daß ihn nichts von einem ein⸗ mal geſteckten Ziele, ſey es ein gutes oder ein „ böſes, abwendig machen könne. Sein Blick war, obgleich ſcharf, doch ruhlos und ungeduldig, wie die Wogen, auf denen er ſeit ſeinen früheſten Jahren gelebt hatte. Noch einmal betrachtete er die Klippe, trat dann hart an den Fuß derſelben, räumte mit einem Bootshaken den Ried weg, welchen die Fluth hier aufgehäuft hatte, und rief dann den Jüngling an, ihm beizuſtehen. „Hier iſt es,“ rief dieſer, nachdem er einige Augenblicke geſucht hatte;„hier iſt eine Stufe und hier die andere. Aber Himmel! ſollen wir unſern Hals ſolchem Wege anvertrauen? Lieber will ich in dem wildeſten Rordweſt, der je ſtürmte, die Bramſegel des großen Schiffs, die Vorſehung, erklettern, als ſo eine Treppe hinaufkriechen.“ „So geht zurück zum Boot,“ antwortete der Aeltere, indem er vorſichtig, aber kühn hinauf⸗ zuſteigen begann, ein Unternehmen, das offenbar mit Gefahr verknüpft war;„geht zurück zum Boot, und Ihr, Jeromio, hieher! Ihr habt Eure Pflicht nicht auf der Vorſehung gelernt und wer⸗ det, denk' ich, nicht ſolche Skrupel machen, wie unſer Freund Oba Springall. Jeromio! hieher, ſag' ich, und hinauf mit mir!“ 8 „Ich bin ſchon da, Herr,“ erwiederte der Jüngling, deſſen augenblickliche Furcht durch die — K Angſt, einen Nebenbuhler ſich bei dieſem Ehren⸗ poſten vorgezogen zu ſehen, bereits verſchwunden war;„ich bin ſchon hier,“ ſagte er, fügte jedoch bald, als die Schwierigkeiten immer zunahmen, leiſe hinzu:„er denkt nicht mehr an ſein Leben, als wenn es eine Sardelle wäre.“ Eine Zeitlang wurde nun, während ſie den ſchwindelnden Pfad erklimmten, kein Wort mehr geſprochen, bis ſie ungefähr den halben Weg erreichten, wo der Ael⸗ tere ſtillſtand und ausrief:„Aha! Burſche, hier fehlen zwei Stufen; Ihr thätet doch beſſer, wenn Ihr umkehrtet. Ich bin mit dem Wege ſeit lange her vertraut, Ihr nicht.“ Der Jüngling dachte an den Spott des Schif⸗ fers und an Jeromio, und entſchloß ſich, es dar⸗ auf ankommen zu laſſen.„Schon gut, Herr,“ antwortete er;„keine Gefahr, wenn ich Euch folge.“ Aber die Gefahr war in der That, wenn auch kurz, doch groß. Unten tobte die See, de⸗ ren Wogen jetzt, durch einen aufbrechenden Wind erregt, in die Bucht ſich drängten und ſchäumend wider die Klippen ſchlugen. Ein Fall aus ſolcher Höhe war unvermeidliche Vernichtung. Kaum war Licht genug, die Ungleichheit der emporra⸗ genden Felſen zu bemerken; von unten hätte man glauben müſſen, daß die Wanderer, die an die⸗ ſem Punkte hingen, von übernatürlicher Gewalt — 10— gehalten würden. Der Schiffer ſteckte jedoch furcht⸗ los den Haken, der ihm bis jetzt als Kletterſtock gedient hatte, feſt in den Kalkſtein und brachte ſich ſodann durch einen gewaltigen Schwung über die Lücke hinüber, indem er mit der linken Hand einen kleinen, kaum ſichtbaren Vorſprung erfaßte; ſo zwiſchen Himmel und Erde hängend, machte er kaltblütig ſeinen Stab frei, ſchob ihn unter den ausgeſtreckten Arm, wo er eine neue Stütze wurde, fand, indem er mit dem Fuße nach dem Wege tappte, einen Haltpunkt in der Klippe, von dem er auf eine ſchmale Erhöhung ſprang und nunmehr in Sicherheit war. Er wendete ſich jetzt zu ſeinem Gefährten zurück, dem er ſeinen Bootshaken hinreichte, welcher ihm von ſo gro⸗ ßem Nutzen geweſen war. Seines Vorgeſetzten Beiſpiel gab Springall Beſonnenheit und Muth; bald ſtanden beide auf der Spitze des Abhanges. „Eine harte Fahrt, Burſche,“ ſagte der Ael⸗ tere, als der Jüngling an ſeiner Seite keuchte. „Ja, ſehr hart,“ antwortete Springall, der ſich mit dem Aermel ſeiner Jacke das Geſicht abtrock⸗ nete.„Nehmt einen Tropfen,“ ſetzte er hinzu, indem er eine kleine Flaſche aus der Bruſt zog; „es wird Euch wärmen nach dem verdammten Herumkriechen.“ Der Schiffer nickte, indem er die Flaſche an⸗ 4 — 11— 8 nahm.„Ich hoffe, Ihr ſeyd in allen Stücken ſo gut bewaffnet, als in dieſem. Aber nehmt Euch in Acht, nicht zu viel zu laden, damit Ihr nicht vor der Zeit ein ſchwerer Segler werdet. Jetzt werft hier Anker aus und haltet Wache bis auf weitern Befehl.“ „Hier Wache halten, Herr,“ ſagte Springall mit betrübtem Tone.„Und habt Ihr mich an die Küſte geſetzt und dieſe Teufelsleiter hinaufge⸗ bracht, nur um mich hier wachen zu laſſen?“ Der Kapitain ſah ihn einen Augenblick zornig an.„Habt Ihr nie zufällig am Bord des Schif⸗ fes die Vorſehung ein Wort gehört, das lautet wie: Still, Ordre parirt? Acht gegeben, Bur⸗ ſche, geht mir nicht weiter, als bis zu dieſem Punkte, von dem Ihr bei Tagesanbruch die alte Kirche von Minſter ſehen werdet, während das Meer zwiſchen uns und der Küſte von Eſſer und die Nordſee meilenweit kein Schiff tragen kann, das Eure jungen Augen nicht erblicken könnten. Wacht, als ob Euer Leben, als ob tauſend Leben an der Vorſicht eines Augenblicks hingen, und erinnert Euch, daß, ſo lange Ihr das blaue Licht am Bug des Schiffes ſich bewegen ſeht, alles gut am Bord geht. Ihr wißt das Paßwort für un⸗ ſere Freunde und den Empfang für unſere Feinde. Habt Ihr etwas zu fürchten, ſo werden drei laute — 12— Töne eurer Pfeife Jeromio munter machen, ein Schuß aus Eurem Piſtol wird in wenigen Mi⸗ nuten das große Boot in die Bucht bringen. Ihr könnt dann die Teufelsleiter, wie Ihr es nennt, hinunterſtolpern und den nicht ſo furchtſamen Ita⸗ liener hinaufſchicken, der ſtatt Eurer bis zu mei⸗ ner Rückkehr wachen wird. Ihr verſteht mich?“ Mit dieſen Worten entfernte ſich der Seemann und überließ den Jüngling, der noch nicht über achtzehn Jahre zu haben ſchien, der Einſamkeit und ſeiner übeln Laune. „Dich verſtehen! Ich möchte wiſſen, wer Dich verſteht, verſtanden hat oder je verſtehen wird. Hier wie eine Seemöve zu kleben, wenn man drei Wochen lang kein Land berührt hat.„„Nicht über dieſen Punkt!““ Ich will zum Trotze nicht einmal bis zu dem Punkt gehen und nicht von die⸗ ſem Flecke weichen.“ Mit dieſem Entſchluſſe warf er ſich auf die mit frühzeitigem, wildem Thymian bewachſene Erde hin und ſuchte ſeine Zerſtreuung darin, daß er, während ſein Kapitain ihm längſt aus dem Geſichte war, Büſchel jenes duftenden Krautes abriß und über die Klippe hinabwarf. „Meiner Treu,“ dachte er,„ich habe Luſt, dieſen Jeromio mit einem Paar ſolcher Erdklum⸗ pen zu bewerfen; er ſchläft da unten ſo feſt und ich werde nur mit Jeromio hier und Jeromio da gehöhnt. Da geh' hin, ihn aus ſeinem Schlum⸗ mer zu rütteln.“ Er neigte ſich langſam hinüber und erhob die Hand, um einen Stein auf ſeinen Kameraden zu werfen, aber in demſelben Augen⸗ blicke fühlte er ſeinen Arm ergriffen. Ein Mann ſtand hinter ihm, in einen dunkeln Mantel ge⸗ hüllt, der auch das Geſicht verbarg, was, mit dem herabgeſchlagenen Hute, den damals Kava⸗ liere und Rundköpfe trugen, ihn vor jeder Er⸗ kennung ſicherte. Er hielt den Jüngling mit ſo eiſerner Gewalt feſt, daß dieſem jede Bewegung faſt unmöglich wurde. Einige Augenblicke ſtand der Fremde ruhig, wie der Adler, der ein ſchwaches Lamm in ſeinen Klauen trägt; dann brach er ſein Schweigen und zeigte mit der freien Hand nach dem Lichte, das am Bug des Schiffes hing, und fragte:„Welche Flagge führt dies Schiff? „Die ſeines Herrn, denke ich.“ „Und wer iſt ſein Herr?“ „Der, dem es gehört.“ „So iſt es ein Freibeuter.“ „Die See iſt ſo frei für ein freies Schiff, wie das Land dem freien Manne.“ „Wurm, ſpielſt Du mit Worten mit mir? Der Name Deines Kapitains?“ Der Knabe gab keine Antwort. — 14— „Hörſt Du nicht? Der Name Deines Kapi⸗ tains?“ Der Eiſenhandſchuh des Fremden drang bei der Wiederholung dieſer Frage ſchmerzlich in Springall's Fleiſch, entlockte ihm aber doch keine Antwort. „Er hat doch vermuthlich einen Namen?“ „Den Ihr, noch ſonſt ein feiger Trabant der Nacht gerne hören würde, denn es iſt der Name eines tapferen Mannes,“ erwiederte endlich der Jüngling, indem er heftig, aber erfolglos dar⸗ nach rang, die an ſeinem Halſe hängende Pfeife zu erreichen. 3 „Thor!“ rief der Fremde,„ſtreiteſt Du mit Gewalt, wie mit Worten? Sieh', daß ich in ei⸗ nem Augenblicke Dich in die wogende See ſchleu⸗ dern könnte, wie das Ei eines einfältigen Vo⸗ gels.“ Mit einem Ruck hob er den Knaben von der Erde auf und hielt ihn über den Abhang hin⸗ aus, deſſen Fuß jetzt tief in dem wilden Waſſer begraben war, das ziſchte und ſprühte, als ob es von dem trotzenden Felſen ein Opfer verlangte. „Nenn' mir Deines Herrn Namen?“ Aber der heldenmüthige Knabe gab, obwohl den gewiſſen Tod vor Augen, dennoch keine Ant⸗ wort; länger als eine Minute hielt ihn der Fremde in derſelben Lage; anfangs ſträubte er ſich wild und ſchweigend, wie der junge Wolf in & der Schlinge des Jägers, aber bald lähmte die Angſt die Kräfte ſeines Körpers, wenn ſein Geiſt auch ſtandhaft blieb; ſeine Anſtrengungen wurden ſchwächer, bis der Fremde ihn endlich wieder auf die Erde ſtellte. „Ich will Dir nicht wehe thun, Kind,“ ſagte er und fügte mit leiſer, erſtickter Stimme hinzu: „O hätte der Herr mir Söhne gegeben von ſol⸗ chem Muthe! Willſt Du mir nicht Deinen Na⸗ men ſagen?“ 3 „Nein; ſeyd Ihr ein Freund, ſo kennt Ihr unſer Paßwort; ſeyd Ihr ein Feind, ſollt Ihr es von mir nicht erfahren. Ihr könnt die Klippe hinunterſteigen und dort von dem Murmelthier unten unſeres Kapitains Namen erfragen; ſeine Zunge geht zu jeder Zeit behend genug.“ Der Fremde zog ſeine Hand ganz von Spring⸗ all zurück und trat nach der Spitze des Felſens vor. Schnell wie der Blitz brachte der Jüngling die Pfeife an den Mund und ſtieß drei Töne her⸗ aus, die laut durch die ſchweigende Nacht gellten und von den Felſen wiederhallten. „Ich danke Dir, Knabe,“ ſagte der geheimniß⸗ volle Fremde ruhig,„das gilt Hugh Dalton und dem Glühwurme.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als er auch ſo plötzlich verſchwunden war, daß ſich Springall erſt die Augen, dann den Arm rieb, um ſich zu überzeugen, ob das ganze Ereigniß nicht ein Spiel der Einbildungskraft wäre. Er erhielt jedoch bald genug genügende Beweiſe von der Wirklichkeit dieſer Erſcheinung, denn als er ſcharf durch die Finſterniß nach dem dichten Ge⸗ hölz blickte, welches den Horizont öſtlich be⸗ gränzte, ſah er deutlich zur ſelben Zeit an ver⸗ ſchiedenen Punkten Stahl im Mondenlichte flim⸗ mern; da er fürchtete, daß mehr als eine Per⸗ ſon, an deren feindlichen Abſichten er kaum zweifeln konnte, ihre Landung bemerkt hätte, ſo unterſuchte er das Pulver auf ſeinem Piſtol, rief Jeromio an, auf ſeiner Hut zu ſeyn, da ih⸗ nen Gefahr drohe, und ließ ſelbſt mit unabläßiger Wachſamkeit ſeinen Blick umherſchweifen. Zur ſelben Zeit ſetzte der Seemann, der auf der Inſel Shepey und andern Punkten der Küſte unter dem Namen Hugh Dalton bekannt war, ohne Unterbrechung ſeinen Weg über die kleinen fruchtbaren Hügel und längſt den ſchönen Thä⸗ lern dieſer reizenden Gegend fort, bis er bei einer plötzlichen Wendung dicht vor einem Ge⸗ bäude von großer Ausdehnung und abweichender Bauart ſtand, welches offenbar zwei verſchiede⸗ nen Zeitaltern ſeine Entſtehung verdankte. Der Theil des Hauſes, dem er gegenüber ſtand, war — 17— von rothen Backſteinen erbaut und hatte drei regelmäßige Stockwerke; die Fenſter waren lang und ſchmal, und das Ganze entſprach genau dem Geſchmack jener Zeit, wie er von den damaligen Regenten des Gemeinwohls gepflegt und be⸗ ſchützt wurde. Dahinter erhoben ſich jedoch mehre viereckige Thürme und vereinzelte Gebäude, deren verzierte und aus mehren Stücken zuſammengeſetzte Fenſter ohne Zweifel aus frühern Zeiten ſtamm⸗ ten, und die Ueberbleibſel eines Kloſters ſeyn mochten. Hier und da hatte Laune oder Intereſſe den Eigenthümer bewogen, den Bau umzufor⸗ men; und dieſe ſchlecht angelegte, unzierliche Mi⸗ ſchung des Neuen mit dem Alten gab dem Gan⸗ zen ein etwas groteskes Anſehen, das noch durch die ſtolzen Bäume geſteigert wurde, die ehemals hier ſich in majeſtätiſcher Schönheit erhoben hat⸗ ten, aber an vielen Stellen gekappt und verſtüm⸗ melt waren, als ob ſelbſt die Ueppigkeit der Natur in den Augen des gegenwärtigen Beſitzers dieſes Hauſes ein Verbrechen wäre. „Sir Robert,“ dachte Dalton,„kann jetzt mit Recht den Namen ſeiner Wohnung ändern, und aus Cecil⸗Abtei Cecil⸗Haus machen. Hat er doch die Bäume ſogar zu Rundköpfen verarbeitet. Aber es ſcheint hier etwas Ungewöhnliches vor⸗ zugehen; Lichter fliegen durch das Haus, als ob J. 2 = 18— es verzaubert wäre. Je eher ich Anker werfe, deſto beſſer. Er ging ſchnell vorwärts und ſtand bald vor einem kleinen Gebäude, das jetzt das Portier⸗ häuschen, früher aber das Abteithor hieß, und vielleicht aus Rückſicht für ſeine beſondere Schön⸗ heit nicht moderniſirt worden war. Der Epheu, welcher ſich bis zu ſeinen höchſten Zinnen hin⸗ aufgeſchlungen, gab dieſem Ueberreſte alter Bau⸗ art einen wilden, ganz eigenthümlichen Anſtrich. Es enthielt einen hochgewölbten Eingang und einen ſchmalern Gang daneben, beide mit vielen Geſimſen und Säulen verziert, und an den Sei⸗ ten durch achteckige, zierliche Thürme begränzt. Ein Zimmer über dem Bogen, welches zur Mönchs⸗ zeit als Oratorium gedient hatte, in welchem den Dienern und Arbeitsleuten des Kloſters eine Frühmeſſe geleſen wurde, war jetzt für den Pfört⸗ ner und ſeine Familie eingerichtet. Der Seemann griff nach der Klingel, und zog ſie hart und lang an. Niemand kam. Er zog nochmals an, und mußte wieder lang warten, bis endlich ein alter Mann aus dem Hauſe her⸗ vorkam, eine Fackel in der Hand, die er ſorg⸗ ſam gegen den Wind ſchützte. „Mein guter Freund,“ ſagte der Kapitain eben nicht mit ſanfter Stimme,„hat Sir Ro⸗ E — 19— bert es ſo befohlen, daß Leute, die in Geſchäf⸗ ten zu ihm kommen, ſo lang warten müſſen?“ „Hättet Ihr gewußt, mit welcher Betrübniß es dem Herrn gefallen hat, Sir Robert heim⸗ zuſuchen, ſo würdet Ihr nicht ſo laut geſchellt haben; unſere gute Lady liegt am Sterben,“ fügte der alte Mann mit zitternder Stimme hinzu. „So?“ war die einzige Antwort Dalton's, als er durch den Thorweg eintrat, aber ſeine Stimme verrieth auch in dieſem einzigen Worte tiefes Gefühl. Der Pförtner forderte ihn auf, ſich nach ſeinem Zimmer zu begeben. „Es iſt Alles in Verwirrung gekommen, und mein Herr iſt unmöglich zu ſprechen; er hat das Bett ſeiner Lady ſeit drei Tagen nicht verlaſſen, und der Doktor ſagt, ſie werde noch vor morgen zu ihren Vätern verſammelt werden.“ „Er wird ſogar ſie verlaſſen, um zu mir zu kommen; auf Euch, mein Freund, kömmt daher die Verantwortlichkeit, wenn Ihr ihm nicht ſo⸗ gleich dieſes Pfand überbringt. Ich ſage Euch, der Tod ſelbſt würde ihn kaum zurückhalten.“ Der Pförtner nahm das ihm anvertraute Pfand, und ſchüttelte ſchweigend den Kopf, wäh⸗ rend ſie zuſammen nach dem Hauſe gingen. „Ihr könnt mir wohl ſagen, ob Herr Robert noch bei der Armee Sr. Hoheit iſt?“ — 20— „Weh uns, er iſt nicht mehr! Gott iſt gerecht und barmherzig, aber ich bekenne es, der Tod dieſes edlen Jünglings hat meiner Lady Herz ſchwerer getroffen, als irgend ein anderer Kum⸗ mer: das Fleiſch kämpft mit dem Geiſte. Wäre er noch in ehrenvollem Kampfe bei Marſton oder Naſeby gefallen, als es ihm zuerſt vergönnt ward, ſeinen Arm für die Sache des Herrn zu erheben; aber bei einem Gelage zu fallen, an dem kein frommer Chriſt Theil haben follte, das war mehr, als meine arme Lady ertragen konnte.“ „Oliver verſprach, ein ichmncker Burſche zu werden.“ „Sprecht von ihm nicht, ich bitte Euch, ſprecht nicht von ihm,“ unterbrach ihn der alte Diener, das Geſicht mit der Hand verbergend,„er war meines Herzens Liebling. Lange bevor Sir Ro⸗ bert ſeines Bruders Beſitzthum erbte, als wir noch bei meiner Lady Vater wohnten, war ich des alten Gentleman Jäger, und das theure Kind folgte ſtets meiner Ferſe. Der Herr ſey geprie⸗ ſen! der Herr ſey geprieſen! Damals dachte ich nicht, daß das blaue Waſſer ſein Grab ſeyn würde, ehe er das zwanzigſte Jahr erreicht hätte. Sie ſind alle hin, Sir, fünf ſolche Knaben! Das Mädchen, das Lamm der Heerde, iſt allein übrig geblieben, Ihr kennt ſie nicht?“ fragte der alte .—,— 1. — Mann, dem Seemanne ins Geſicht ſtarrend, als ob er daſſelbe ſchon früher geſehen hätte. Der Kapitain gab keine Antwort. Sie traten jetzt durch eine kleine Hinterthür, welche über einen ſchmalen Flur zur Halle führte. „Ihr könnt hier ſitzen, bis ich zurückkomme,“ ſagte der Pförtner, indem er noch einen forſchen⸗ den Blick auf den Fremden warf. „Ich ſitze in niemandes Halle,“ antwortete die⸗ ſer kurz. 3 Der Pförtner entfernte ſich; der Seemann ging, die Arme übereinander geſchlagen, den ge⸗ pflaſterten Gang auf und ab, der deutliche Spu⸗ ren der Verwirrung trug, welche Krankheit und Tod ſtets verbreiten. Manchmal ſtand er vor dem weiten Kamine ſtill und ſtreckte ſeine ſehnigen Hände über die glühende Aſche der erlöſchen⸗ den Flamme aus; der düſtere Schimmer des aus⸗ glimmenden Feuers erhöhte nur das Dunkel in dem entferntern Theile der Halle. Ddie Glocke ſchlug elf. Von dem entlegenſten Ende des Saales ſchimmerte ein Licht her und ein kleines, aber zierliches Mädchen näherte ſich dem Fremden. Sie war in ein enges Kleid von grauem Stoffe gekleidet; auf dem Kopfe trug ſie eine leinene Mütze, ohne allen Schmuck. unter deren glattem Rande das volle Haar hervortrat, — 22— welches ſorgfältig über der ſchön geformten Stirn geſcheitelt war. „Beliebt es Euch, Sir, mir zu meines Herrn Kabinet zu folgen?“. Dalton wendete ſich ſchnell um; ſein ganzes Geſicht gewann einen ſanfteren Ausdruck, die ge⸗ ſchloſſenen Lippen öffneten ſich, als ob ein Wort ſich heransdrängte und nur mit Mühe zurückge⸗ halten werde. „Wollt Ihr mir nicht folgen, Sir?“ wieder⸗ holte das Mädchen freundlich, aber furchtſam. „Mein Herr iſt ungeduldig und wünſcht zu der Lady zurückzukehren; wer weiß, ob nicht...“ Sie konnte den Satz nicht ſchließen; ein Strom Thränen brach aus den Augen, denen man anſah, daß ſie ſchon viel geweint hatten. „Euer Name, Mädchen?“ fragte der Fremde haſtig. 8 „Barbara Iverk,“ antwortete ſie, offenbar über die Frage verwundert. Er ergriff ihren Arm, ſah ſie ſtarr an und ſagte mit leiſer, aber zärtli⸗ cher Stimme:„Seyd Ihr glücklich?“ „Ich preiſe Gott für ſeine Güte! So lange ich hier bin, bin ich ſehr glücklich geweſen; aber meine theure Lady, die ſo gütig gegen mich war...“ Von Reuem unterbrachen Thränen ihre Rede. „Ihr kennt mich nicht?— freilich, es iſt nicht — 23— möglich,“ fügte Hugh Dalton hinzu, ließ das Mädchen langſam los, nahm eine ſchwere Börſe mit Spaniſchen Geldſtücken aus der Bruſt und reichte ſie ihr hin; aber ſie zog die Hand zurück und ſchüttelte mit dem Kopfe. „Nimm es, Kind, und kaufe Dir eine Man⸗ telkappe oder andern Tand, an dem Dein eit⸗ les Geſchlecht Vergnügen findet.“ „Ich bedarf nichts, guter Sir, ich danke Euch; und geprägtes Silber iſt nur eine Verſuchung, den Körper und die Seele zu Grunde zu richten.“ „Je nachdem es angewandt wird; ſo jung kann man keinen Mißbrauch damit treiben.“ „Weisheit mag ihm nöthig ſeyn, der es aus⸗ giebt, und ich habe gehört, daß Mangel an Ein⸗ ſicht der Gehülfe der Sünde iſt. Und dann ver⸗ zeiht, guter Sir, Fremde geben Fremden nichts, außer aus Barmherzigkeit, ich aber bedarf deſ⸗ ſen nicht.“ Sie verbeugte ſich ſo beſcheiden und blickte dazu ſo unſchuldig, daß— eine ungewohnte, wie un⸗ willkommene Erſcheinung— die Augen des ab⸗ gehärteten Seefahrers feucht wurden; wäh⸗ rend er die Dollars wieder einſteckte, murmelte er etwas vor ſich hin, das klang, wie:„Gott, ſey gelobt, ſie iſt noch unbefleckt dann folgte er dem artigen Mädchen durch mehre Gänge, Treppen — 24— auf und Treppen ab, bis beide zuletzt vor einer dicken, mit Eiſen beſchlagenen Thür ſtanden. „Ihr braucht nicht zu warten,“ ſagte Dalton, nach der Klinke greifend. Barbara blieb noch ei⸗ nen Augenblick ſtehen und betrachtete den Frem⸗ den, der ſo ſehr gegen die geſetzten Perſonen ab⸗ ſtach, die ſie täglich in der Halle zu ſehen gewohnt war, und entfernte ſich ſodann mit leichtem Schritte. 4. Sir Robert Cecil ſtand oder lehnte ſich viel⸗ mehr gegen eine Säule des Kamins, welches von dunkelm Marmor, mit vielen Zierrathen ge⸗ ſchmückt, faſt bis bis zur Decke hinaufging. Das ſchwarz und grau gemiſchte Haar des Baronetts war nach der angenommenen Sitte jener Zeit kurz verſchnitten. Er mochte daſſelbe Alter haben, wie der Seefahrer, aber ſein Körper ſchien ſchwach und gebeugt, als er vortrat, ſeinen Gaſt zu em⸗ pfangen. Der Ausdruck von Höflichkeit, der auf ſei⸗ nem Geſichte lag, ging in ein gezwungenes Lächeln über, das einen Augenblick um ſeinen Mund ſpielte; dieſes äußerliche Zeichen des Willkom⸗ mens bildete mit ſeinem ſichtlichen Beben einen auffallenden Kontraſt. Er ſprach kein Wort; ent⸗ weder fand er keine paſſende Anrede, oder er wollte abwarten, bis daß der Fremde ſich zuerſt erklärt habe, 8 — 25— Nach einer Pauſe, während welcher Dalton langſam vortrat, bis er zuletzt Sir Robert Cecil gerade gegenüberſtand, eröffnete dieſer das Ge⸗ ſpräch, ohne vorher das geringſte Zeichen einer Begrüßung zu machen, wie ſie ihre verſchiedenen. Stellungen im bürgerlichen Leben zu erfordern ſchienen; nicht einmal ſeine Mütze rückte er. „Es thut mir leid, Sir Robert, daß ich zu einer ſolchen Zeit gekommen bin, auch würde ich nicht bleiben, wenn nicht mein Geſchäft..“ „Ich wüßte nicht,“ unterbrach ihn der Baro⸗ net,„was für Geſchäfte wir miteinander abzu⸗ machen hätten. Ich denke, wenn Ihr es überlegt, werdet Ihr finden, daß alle ſolche längſt beendet ſind. Gibt es jedoch noch etwas, worin ich Euch gefällig ſeyn kann, ſo will ich um eines alten Dieners willen..“ „Diener!“ unterbrach ihn ſeiner Seits Dalton mit großem Nachdrucke;„wir ſind Gefährten ge⸗ weſen, Sir Robert, Gefährten bei mehr als Ei⸗ ner That, und beim Himmel über uns, werden es wieder ſeyn, wenn es ſeyn muß.“ 4 Der ſtolze Baronet zuckte bei dieſer Vertrau⸗ lichkeit zuſammen, doch blickte dabei ſiegreicher Stolz aus ſeinen Augen, als ob er die Drohnn⸗ gen des Seemannes verachte.„Ich denke, alles eingerechnet, ſeyd Ihr für dieſe Thaten gut be⸗ — 26— zahlt worden, Herr Dalton; ich habe nie die Arbeit eines Menſchen umſonſt angenommen.“ „Arbeit!“ wiederholte der Kapitain.„Arbeit kann bezahlt werden, aber was erſetzt Unſchuld, Herzensreinheit, ein gerechtes Leben?“ „Das Gold, welches Ihr erhalten habt, mit allem ſeinem üppigen, glänzenden Ueberfluſſe.“ „Es reicht nicht aus,“ antwortete der Kapi⸗ tain mit ſchmerzlich unterdrückter Stimme,„nicht alles läßt ſich erkaufen. Bin ich nicht in dieſem Augenblicke ein verbannter, verworfener Mann — gleich vertrieben von dem Tiſche des verdor⸗ benen Kavaliers und von den pſalmſingenden Pu⸗ ritanern dieſes ſehr veränderungsſüchtigen Lan⸗ des? Heute oder morgen kann ich an das Raaende eines Gemeinwohl⸗— Himmel ſtehe mir bei!— eines Gemeinwohl⸗Kreuzers gehängt werden! oder an einem Galgen von Sheerneß oder Queen⸗ borongh die Krähen verſcheuchen oder ein Exem⸗ pel an mir ſtatuiren laſſen für einen Seeraub auf der hohen See!“ „Aber warum treibt Ihr dies Handwerk? Ihr habt genug, anſtändig, ruhig zu leben.“ „Ruhig, ſeht Herr— ich bitte um Verzei⸗ hung— Sir Robert Cecil; eben ſo gut könnte eine von Mutter Carey's Küchlein eine Hühner⸗ ſteige hinaufklettern, als ich, Hugh Dalton, Ka⸗ — 27— pitain und Eigenthümer der guten Brigantine, welche ſich auf den Wellen ſchaukelt, wie ein Schwan, und ſie durchſchneidet wie ein Pfeil,— ruhig, auf dem Lande ruhig leben könnte! Santa Maria! habe ich nicht unter der heißen Sonne der Karaiben geathmet? Habe ich nicht mein Ohr der Stimme des Erbarmens verſchloſſen? Habe ich nicht, ohne mich um Recht, noch Land zu küm⸗ mern, geplündert, verbrannt, in Grund gebohrt? Hat nicht die Mutter, wenn ſie meinen Namen hörte, ihr Kind feſter an die Bruſt gedrückt? Bin ich nicht, Alles mit Einem Worte geſagt, Jahre hindurch ein Bucanier geweſen? Und Ihr ſprecht mir von Ruhe! Sir, Sir, der Menſch, der ſo tief in Sünden verſenkt iſt, hat nur zwei Aus⸗ ſichten— Wahnſinn oder Tod: vor dem letzten ſchaudert mich, drum gebt mir Krieg, Krieg und ſeinen Wahnſinn.“ „Könnt Ihr nicht Gott fürchten lernen und als redlicher Mann leben?“ Dalton warf einen ſolchen Blick von Zorn und Verachtung auf den Baronet, daß ſich ſein Ge⸗ ſicht mit einer tiefen Röthe bedeckte, als er wie⸗ derholte:„In der That, könnt Ihr nicht als ehrlicher Mann leben?“ „Nein! ich bin kein ehrlicher Mann,“ antwor⸗ tete er grimmig. 3 te, Wenn Eure eigene Tochter an Eurem Arme — 28— „Darf ich denn bald erfahren, was der Zweck Eures Beſuches iſt?“ ſagte Sir Robert endlich nach einer Pauſe, während welcher der Bucanier, die Arme gekreuzt, ſeinen Blick im Zimmer um⸗ herſchweifen ließ. „So hört. Ich verlange einen Freibrief vom alten Noll, und nicht für mich bloß, ſondern auch für meine Mannſchaft. Die braven Leute, die mit mir haben ſterben wollen, ſollen auch mit mir leben. Als Dank für Sr. Hoheit Ge⸗ fälligkeit will ich alle Freibeuterei aufgeben und, wenn es ihm anſteht, den Befehl einer Fregatte übernehmen. 44 „Vielleicht auch eines Zoll⸗Kutters, wie?, be⸗ merkte der Baronet ſarkaſtiſch. „Ich will verflucht ſeyn, wenn ich's thue,“ entgegnete Dalton verächtlich.„Die Gauner! Nein, ſo weit bin ich noch nicht; auch würde ich nie daran denken, eine andere Flagge als meine eigene aufzuziehen; thät' ich es nicht um einer kleinen Barke willen.....“ „Ihr habt nur wenig von dem Mädchen ge⸗ ſehen.“ „Zu wenig, und warum? Weil ich mich ſchä⸗ me, ſie zu ſehen. Noch eben, vor noch nicht zehn Minuten, war ich froh, daß ſie mich nicht kann⸗ — 29— hängt und ihr unſchuldiges Auge zu Euch auf⸗ ſchlägt, was fühlt Ihr da, Sir Robert?“ Sir Robert war zu gut in der Schule des Puritanismus erzogen worden, als daß er ſeine Gemüthsbewegung ſo leicht hätte ſichtbar werden laſſen. Er antwortete nicht auf die Frage, ſon⸗ dern brachte durch eine geſchickte Wendung das Geſpräch wieder auf das frühere Thema zurück. „Wie denkt Ihr Euch dieſen Freibrief zu ver⸗ ſchaffen?“ „Ich! ich wüßte nicht, wie ich ihn erhalten ſollte; ich wünſche ihn nur; die Mittel dazu ſind in Eurer Gewalt, nicht in meiner.“ „In meiner?“ rief der Baronet mit gut geſpiel⸗ tem Erſtaunen aus;„Ihr irrt Euch, guter Dalton, ich vermag nichts in Whitehall, ich könnte dort keine Gunſt für mich ſelbſt erbitten.“ „Das mag ſeyn, aber für mich müßt Ihr eine fordern.“ „Muß! das Wort klingt, mir gegenüber, ſon⸗ derbar in Eurem Munde, Dalton.“ „Ich bin nicht gelehrt genug, ein beſſeres zu finden,“ antwortete der Seemann trotzig. „Ich könnte nicht, wenn ich auch wollte,“ ver⸗ ſicherte der Baronet. 3— „Noch ein Wort. Die Maßregeln des Protek⸗ tors machen es mir unmöglich, länger, wie bis⸗ her, auf der See zu handthieren; ich weiß, daß man ein Auge auf mich hat, und wenn nicht etwas geſchieht, und zwar bald, ſo bin ich der Schande preisgegeben, die ich um meines Kindes wegen vermeiden möchte. Sprecht mir nicht von Unmöglichkeit, Ihr könnt den Pardon erhalten, den ich wünſche, und kurz, Sir Robert Cecil, Ihr müßt.“ Sir Robert ſchüttelte mit dem Kopfe. „Nun denn, nach Belieben, nach Eurem Be⸗ lieben, aber auch auf Eure Gefahr. Hört mich! Ich bin keiner, den man über Bord wirft, ohne daß er ſich dagegen ſträubt, ich bin keine Puppe, die ſich würgen läßt, ohne zu ſchreien. Wenn ich ſterbe, ſo ſollen Thaten aus meinem Grabe erſchallen; ja, und läge ich tauſend Faden tief in meiner eigenen blauen See— Thaten, welche — zittert nur, erblaßt! Noch iſt das Geheimniß in meiner Gewalt. Denkt daran, ich falle nicht allein!“. „Unverſchämter Schurke!“ rief der Baronet, der nach und nach ſeine Beſonnenheit wieder er⸗ hielt,„Ihr habt keine Beweiſe; die Dokumente ſind vernichtet!“ „Sie ſind nicht vernichtet, Robert Cecil,“ ent⸗ gegnete Dalton, ruhig einen Bündel Papiere aus ſeiner Jacke hervorziehend—„ſeht hier, und — 31— hier, und hier, erkennt Ihr Eure Handſchrift? Ihr lehrtet mich zuerſt den Trug: ich hatte Eure gütige Lehren nicht vergeſſen, als ich den Flam⸗ men nachgemachte Briefe übergab.“ Der Seemann lachte bitter verächtlich anf, als er die Schriften hinhielt. Einen Augenblick ſchien Sir Robert betäubt, ſeine Augen ſtarrten nach den unſeligen Papieren, als ob er mit ihren Blicken die gräßlichen Beweiſe ſeiner Ungerech⸗ tigkeit verzehren könnte; plötzlich machte er einen verzweifelten Verſuch, ſich ihrer zu bemächtigen, aber das ſcharfe Auge und der kraftvolle Arm des Schmugglers verhinderte es. „Hand fort!“ rief er, den Baronet von ſich ſchleudernd, als ob es ein Strohhalm wäre; „Ihr keunt meine Macht, und kennt meine Be⸗ dingung, jetzt bedarf es keiner Rede weiter.“ „Genügt Euch Gold nicht?“ „Nein, ich habe genng davon; Ehre und Aus⸗ zeichnung brauche ich, einen Freibrief und den Befehl über eines Eurer enregiſtrirten, anerkann⸗ ten Raubſchiffe. Meinetwegen tauft auch meinen ei⸗ genen kleinen, prächtigen Glühwurm um, wie etwa als„Kind der Gnade.“ Aber, nein. Ich will ihn lieber verſenken und untergehen laſſen, frei, wie er gelebt hat, frei, frei! Ich gehöre zu den civi⸗ liſirten Weſen, und muß alſo ein Sklave ſeyn, — 32— der Sklave dieſes oder jenes Dinges. Noll kennt meine Talente, er weiß, daß ich ein ſo guter Befehlshaber bin, und wohl auch ſo ehrlich ſeyn werde, als der beſte unter ihnen.“ Er ſchwieg. Der Baronet ſtöhnte laut. „Wir haben hier ein Paar unbedeutende Ge⸗ ſchäfte an der Küſte von Kent und Eſſex, Klei⸗ nigkeiten, die jedoch beſorgt werden müſſen; heut über einen Monat, Sir Robert Cecil, ſehen wir uns wieder. Ich will Euch nicht länger von Eurem Weibe zurückhalten. Barmherziger Gott! wo war ich, als das meine ſtarb! Lebt wohl! Ich mag Euch, um ihretwillen, nicht aufhalten. Sie iſt gut und ſanft. Der Himmel wird ihr lohnen, was ſie an meinem Kinde gethan hat! Vergeßt nicht,“ fügte er hinzu, als er die Thüre hinter ſich zuzog,„vergeßt nicht, heut über einen Monat und Hugh Dalton.“. — 33— Zweites Kapitel. — As Sir Robert wieder in das Zimmer ſeiner Gattin trat, fand er alles darin ſchweigſam, wie das Grab. Er näherte ſich dem Bette; ſeine Toch⸗ ter ſtand von ihrem Sitze neben demſelben auf und bedeutete ihm, indem ſie auf ihre ſchlafende Mutter zeigte, ſtille zu ſeyn.„Gott ſey gedankt!“ erwiederte er, und fuhr ſich mit der Hand über die Stirne, während ſeine Bruſt ſich hob, als ob ihr eine ſchwere Laſt abgenommen wäre. Die Diener hatten das Gemach verlaſſen, um ſich et⸗ was zu erfriſchen und auszuruhen; Vater und Tochter waren allein mit der Sterbenden. Die Stirne der Lady Cecil war glatt, unbewölkt, ihre alabaſterne Weiße noch gehoben durch das braune Haar, welches ſie umkränzte; ihr Geſicht zeigte einen edeln, aber ſanften Karakter, wenn ſchon es durch ſchmerzliche Krankheit ſeine Fülle ver⸗ loren hatte. Ihr Schlaf war unruhig; die langen 3 I. 3 bleichen Finger, welche auf der geſtickten Decke lagen, zuckten oft, wie von Schmerz, zuſammen. Die Stille, die im Zimmer herrſchte, war be⸗ ängſtigend; Sir Robert Cecil ſelbſt athmete ſo ſchwer, daß es einem mühſam unterdrückten Stöhnen glich. Konſtanze Ceeil erſchien threm unglücklichen Vater nie früher, nie ſpäter, ſchön, wie ſie im⸗ mer war, ſo verherrlicht, als in dieſem Augen⸗ blicke. Immer lag eine gewiſſe Majeſtät in ihr, gab, die man nicht erklären konnte, die aber je⸗ der fühlte. Ihre edle hohe Geſtalt verſchloß ein reiches, heiliges Gemüth, vor dem oft, wie vor der Strenge ihrer jugendlichen Tugend das Ge⸗ wiſſen ihres Vaters verzagte. Innig liebte er ſeine Gattin, ſeine Tochter achtete er mehr, und der bloße Gedanke, daß gewiſſe Begebenheiten früherer Jahre ihr zu Ohren kommen könnten, war ein vergifteter Dolch in ſeinem Herzen. Er war ein verwegener Mann geweſen, und war jetzt noch ehrgeizig. Glücklich in allem, wonach Menſchen ſtreben, reich, geachtet, mächtig und — gefürchtet, würde er doch alle Vortheile, die er errungen, jeden Wunſch, dem er rückſichtslos die eigene Selbſtachtung geopfert hatte, jede — wonach oft mehr, als nach allem geſtrebt wird welche all ihrem Thun und Reden eine Gewalt —— Auszeichnung, die er um den Preis des Ge⸗ wiſſens leicht erkauft hielt, lieber geopfert, als die gute Meinung, die vertrauende Liebe ſeines einzigen Kindes verloren haben. Blickte er doch jetzt ſogar, wo Kummer ihren hohen Geiſt beug⸗ te, mit einer Zärtlichkeit auf ſie, die nicht frei von Beſorgniß war, wie ſie vor ihm ſtand, die dicken Falten ihres Kleides zu den Füßen herabrollend, das ſchöne Haar von der Stirne zurückg eſtrichen und nachläßig um den Kopf ge⸗ wunden, jeder Zug von tiefer Angſt ergriffen, während ſie, überzeugt, daß die Kranke ſchlief, ihm Worte der Hoffnung und des Troſtes in das Ohr flüſterte. Lady Cecil hatte einige Tage lang in ſo fürch⸗ terlichem Fieber gelegen, ſo laut, ſo ununter⸗ brochen phantaſirt, daß ihre jetzige Ruhe Allen, die ſie liebten, ein Glück dagegen ſchien. Kon⸗ ſtanze kniete nieder und betete lang und innig um Hülfe. Sir Robert lehnte ſich in ſeinen reich⸗ beſetzten Seſſel zurück und bedeckte das Geſicht mit beiden Händen, die er nur fallen ließ, wenn die Kranke ſtöhnte oder ſchwer athmete. Zuletzt lag die arme Leidende ganz ruhig, faſt bewegungs⸗ los; Vater und Tochter fühlten, daß der Tod in das Zimmer getreten ſey, ſie blickten bald ſich an, bald auf das Schmerzenslager, bis das — 36— matte Licht des Morgens kalt durch die offenen Läden ſchimmerte. Noch eine Stunde wurde trau⸗ rig verbracht. Endlich ſchlug mit einem langen und tiefen Seufzer Lady Cecil die Augen auf; dern hafteten ruhig auf ihrem Gatten und ih⸗ rem Kinde. „Wie lange iſt's,“ flüſterte ſie,„daß ich Ench nicht geſehen habe, außer in wüſten Träumen, und ach! jetzt werde ich nur kurze Zeit noch bei Euch weilen!“ Konſtanze brachte einen ſelbernen Becher mit einem erfriſchenden Tranke an ihre Lippen, wäh⸗ rend Sir Robert ihren Kopf mit ſeinen Armen ſtützte. „Ruft niemand herein. Konſtanze— Cecil— meine Augenblicke ſind gezählt. Zieht den Vor⸗ hang zurück, daß ich noch einmal in das Licht der Tage blicke!“ Konſtanze gehorchte, die Strahlen der Sonne drangen in ihrem ſiegreichen Glanze in das Zimmer.„Wie ſchön, wie herrlich!“ rief die Sterbende, während ihre Augen das belebende Licht tranken;„es ruft mich in die Ewigkeit, wo kein Dunkel iſt— keine Täuſchung— kein Böſes! Wie bleich flimmert dort die Lampe, Cecil! Wie ſchwach ſind die Werke der Menſchen, wie erhaben die Schöpfung des Allmächeigen!“ Konſtanze ſtand ſie blickten nicht mehr irre und wild umher, ſon⸗ — 37— auf, die Lampe auszulöſchen.„Laß, laß,“ fuhr ſie ſchwächer fort,„ſie hat meiner letzten Nacht geleuchtet, ſie wird mit mir erlöſchen!“ Die lie⸗ bevolle Tochter wendete ſich ab, ihre Thränen zu verbergen. Aber wann entging die Bewegung ei⸗ nes theuern Kindes dem müttexlichen Auge?„Ach! meine muthige Konſtanze weint! Sie, dachte ich, würde wenigſtens mir dieſe Prüfung erſparen! Verlaß uns einen Augenblick; laß mich Dich nicht weinen ſehen; Konſtanze, laß es mich nicht ſehen — Thränen genug ſind in dieſer Halle gefloſſen — klage nicht, meine Tochter, daß Deine Mut⸗ ter endlich Ruhe finden wird.“ Lady Cecil hatte ihrem Gatten in den Augen⸗ blicken, die ihr noch zu leben vergönnt waren, vieles zu ſagen, aber ihr Athem wurde ſo ſchwach, daß er ſich genöthigt ſah, ſich über das Bett zu beugen, um ihre Worte aufzufangen. „Wir ſcheiden, mein theurer, einzig geliebter Gatte, wir ſcheiden auf immer für dieſe Welt; gerne möchte ich noch etwas weilen, um Dir ſa⸗ gen zu können, wie ſehr ich Dich geliebt habe — in unſerem niedern Stande— in dieſem! oh, wie falſch wendete ſich das Glück. Mein Herz hat Deine Gefühle getheilt. In unſeren letzten bittern Prüfungen war mein größter Kum⸗ mer, Dich leiden zu ſehen, O Robert! Robert! — 38— wie hängt mein Herz noch jetzt, jetzt, da ich Dich und Alle auf immer verlaſſen ſoll, wie ſündhaft, fürchte ich, hängt es an der Erinnerung unſeres frühern, reinern Glückes! Das Haus meines Va⸗ ters! Die ſtolze Eiche, in der die Ringeltauben niſteten, unter deren Schatten wir zuerſt uns fanden! Der Strom, wo Du und Herbert— der wilde und doch ſo liebevolle Bruder— o Robert, ſey nicht bös, ſtarre nicht ſo zurück bei dieſem Namen; ſein einziger Fehler war ſeine Treue für einen ſo gütigen Herrn. Aber wer, der in den ſanften Strahlen der Tugenden Karl Stuarts lebte, konnte ihm treulos ſeyn? Und doch! welch ſchrecklicher Kampf entſproß aus die⸗ ſer Treue? Ach! ſein reiches Erbe hat keinen Segen gebracht. Ich konnte nie auf dieſes weite Land, als auf das unſerige, blicken. Warum lebt ſein Kind nicht mehr— dann— aber ſie ſind alle hin, alle hin. Ach! was hatten wir mit Höfen zu thun, und Höfe mit uns? Unſer häus⸗ liches Leben wurde zerſtört— unſer Heerd ver⸗ öͤder— die Kinder, für die Du ſtrebteſt, hoff⸗ teſt, Dich mühteſt, ſind uns genommen— in der Knospe erſtickt, in der Blüthe gebrochen!— Oh Cecil! laß die Rede einer ſterbenden Gattin zu Deinem Herzen gehen, wenn ſie Dir ſagt, daß Du kinderlos in das Grab ſteigen wirſt, wenn Du unſere theure Konſtanze nicht ihres Verſprechens gegen den entbindeſt, den ſie nicht lieben, noch achten kann. Sie wird, und bräche es ihr das Herz, lieber das Band knüpfen, als daß man ſage, eine Tochter aus dem Hauſe Ce⸗ cil habe ungehorſam gehandelt— ſie wird es knüpfen, Robert, und dann ſterben.“ Lady Cecil ſank, erſchöpft durch Bewegung und Anſtrengung, ohnmächtig auf das Kiſſen zurück. Als ſie wieder zu ſich gekommen war, fügte ſie mit gebrochener, leiſer Stimme hinzu: „Vergieb mir, mein theurer, theurer Gatte;— mein Geiſt irrt— meine Gedanken ſind zerrüt⸗ tet— aber meine Liebe zu Dir— zu Konſtanze— iſt ſtark auch im Tode. Ich will Dir nicht wehe thun, Dich nur warnen— um unſeres einzigen Kindes— des einzigen Weſens willen, das noch übrig iſt, Dir von Deinem Weibe zu reden. Der Athem verläßt mich— meine Augen werden trübe— ruf ſie herein, damit mein Geiſt auf⸗ ſteigen kann auf den Schwingen des Gebetes.“ Sir Robert bewegte ſich zur Thüre, ſie winkte ihn zurück. „Verſprich mir, verſprich mir, daß Du ſie nie zwingen willſt, ſich mit dieſem Manne zu verbinden;— noch mehr, daß Du ſelbſt das Band löſen willſt.“ — 40— „Das will ich, feierlich ſchwöre ich es Dir; nie ſoll ſie gezwungen, nicht einmal bedrängt wer⸗ den, dieſes Verſprechen zu erfüllen.“ Die Sterbende ſchien nicht zufrieden; ihre Lip⸗ pen murmelten einige unverſtändliche Worte, als Konſtanze ungerufen, aber höchſt willkommen ein⸗ trat. Sie kniete zur Seite ihrer Mutter und er⸗ griff die Hand, welche dieſe mühſam, aber voll Liebe nach ihr ausſtreckte. Die ſchreckliche Ver⸗ änderung, welche während ihrer kurzen Abweſen⸗ heit vorgegangen war, zeigte ſich nur zu ſicht⸗ lich. Der Athem, der Konſtanzens Wange be⸗ rührte, war kalt wie Morgennebel. Die Dulde⸗ rin wollte die Hand zum Gebete falten, aber die Kräfte waren entflohen, ehe der Geiſt ge⸗ wichen war. Konſtanze ſah, daß das Leben, wel⸗ ches noch in ihren aufſtarrenden Augen geflim⸗ mert hatte, langſam erblich; ſie hielt mit ihren Händen die der Sterbenden, plötzlich riß dieſe ſich los. Konſtanze folgte mit den Augen der Richtung, nach welcher der Finger ihrer Mutter zeigte: ſie ſah die Lampe zum letztenmale auf⸗ flackern, dann erlöſchen! Sie wendete ſich um, thre Mutter war todt!. 5„ Einige Tage darauf verſammelte ſich der Zug, welcher die Leiche der Lady Cecil nach ihrer letz⸗ ten Wohnſtätte begleiten ſollte. Sir Robert war — 41— zu unwohl, zu ſchmerzlich ergriffen, als daß er der Ceremonie hätte beiwohnen können; und da er kei⸗ nen nahen Verwandten hatte, ſo erwartete man, daß Sir Willmott Burrell von Burrell, der Ritter, dem ſeiner Tochter Hand zugeſagt war, ſeine Stelle als erſter Leidtragender einnehmen werde. Das Volk wartete einige Stunden mit uner⸗ müdlicher Geduld; der alte Haushofmeiſter ging auf und ab und blickte emſig hinaus in die Weite, denn wenn er auch den wilden, unſtäten Charakter des Ritters kannte, ſo hoffte er doch, er werde der Familie Cecil den Schimpf nicht anthun, daß die verewigte Gebieterin ſo unge⸗ ehrt in das Grab getragen werde. Aber der Tag rückte immer weiter, und da weder der Gentleman kam, noch jemand einen Grund für ſeine Abweſenheit anzugeben wußte, ſo wurden in dem Haufen, der hier aus allen Dörfern der Inſel zuſammengekommen war, die ſonderbarſten Vermuthungen über dieſe unziem⸗ liche Zögerung laut. Mehr als ein Bote wurde nach dem Thurme von Minſter abgeſchickt, um ſich umzuſehen, ob nicht eine Perſon wie Sir Willmott über die Enge ſetze, welche die Inſel von der Engliſchen Küſte trennt; aber obgleich das Fährboot im Gange war, wie gewöhnlich, ſo zeigte ſich doch nichts, was ein längeres War⸗ ten hätte rechtfertigen können. Der ehrwürdige Jo⸗ nas Mundflink, einer der eifrigſten puritaniſchen Prediger, ſtand wie eine aus Eiſen gegoſſene Bild⸗ ſäule im Thorwege, die Arme über der Bruſt ge⸗ faltet, die Augenbrauen drohend zuſammengezo⸗ gen, den Blick auf den rundumgehenden Minuten⸗ Zeiger der großen Uhr gerichtet. Endlich verließ er ſeine Stellung, maßte ſich ſelbſt den Befehl an, den man damals eben ſo bereitwillig den reformirten Pfarrern, als früher den katholi⸗ ſchen Prieſtern überließ und erklärte:„die Pro⸗ zeſſion ſolle nicht länger die Ankunft deſſen er⸗ warten, deſſen Füße mit Trägheit beſchuht wä⸗ ren, ſondern aufbrechen im Namen des Herrn.“ Der Begräbnißplatz war in Eaſt⸗Church, un⸗ gefähr vier Meilen von Cecilhaus, und da man nur langſam weiter kam, ſo war es Abend ge⸗ worden, ehe man ſich dem Hügel näherte, auf deſſen Spitze ſich das Gewölbe der Cecils be⸗ fand. Noch hatte man dieſe nicht erreicht, als ein junger Gentleman auf einem grauen, edlen Streitroß ſo plötzlich vor dem Leichenzug hielt, daß die, welche vorangingen, Halt machten, und man einen Augenblick glaubte, Sir Willmott Burrell ſey nun ſo ſpät noch gekommen, die ſterbli⸗ chen Ueberbleibſel derer, die ſeine Mutter hatte werden ſollen, in das Grab ſenken zu ſehen. — 43— Als das Volk jedoch ſah, daß die tiefe Ver⸗. beugung, die der junge Mann vor dem ehrwür⸗ digen Jonas Mundflink machte, von dieſem durch kein Zeichen des Erkennens erwidert wurde, ging es ſtillſchweigend weiter, wunderte ſich je⸗ doch nicht wenig, daß der Gentleman immer ein wenig vor dem Geiſtlichen vorausblieb, ſo daß er gerade die Stelle einnahm, welche dem Hauptleidtragenden zukam. Er trug einen ganz ſchwarzen Anzug, und obgleich der Mantel, wel⸗ cher in weiten Falten von ſeinen Schultern her⸗ abfiel, ſeine Geſtalt verbarg, ſo ſchien dieſelbe doch, ſeinen Bewegungen nach, leicht und wohl⸗ gebaut zu ſeyn. Der breite Hut beſchattete das Geſicht, aber die vollen Locken des glänzenden Haares, welche, durch die neblige Luft durch⸗ näßt, nachläßig unter dem Rande des Hutes herunterfielen, verriethen, daß es eher einem Kavaliere, als einem Rundkopfe gehörte Als die Ceremonie beendet und der Geiſtliche eine jener energiſchen Reden geſchloſſen hatte, mit denen er ſo erfolgreich die Gefühle zu erhe⸗ ben oder niederzubengen wußte, hatte Finſterniß die Landſchaft mit ihrem Schatten bedeckt; das Volk, welches Neugierde oder Ehrfurcht ver⸗ ſammelt hatte, verließ den Kirchhof und wan⸗ derte nach Haus. Es war eine kalte, neblige — à44— Märznacht; die Natur lag noch in ihrem eiſigen Winterſchlafe, dennoch fand das Pferd des jun⸗ gen Mannes, der ſich ungeladen dem Leichenbe⸗ gängniſſe angeſchloſſen hatte, hier und da auf den Gräbern einen Grashalm, den es abriß, während ſein Herr, unbekümmert um die immer tiefer herabſinkende Nacht, an einer der Säulen lehnte, welche den Eingang des Gewölbes ver⸗ zierten. Plötzlich klang Pferdegetrappel über die Stra⸗ ße, der Kavalier legte unwillkührlich die Hand an das Schwert, ſein Pferd hob den Kopf auf, warf die Ohren zurück, und wieherte in dem leiſen Tone, welcher das Nahen eines Fremden verkündet. Die Reiſenden(denn es waren zwei) hielten an dem Thore des Kirchhofes. „Oho!“ rief der Vorderſte,„Ihr dort, Sir; da Ihr zu dieſer Stunde auf Gräbern hauſet, könnt Ihr mir ſagen, ob das Leichenbegängniß der Lady Cecil dieſen Morgen Statt fand?“ „Die Lady iſt dieſen Abend begraben wor⸗ den,“ antwortete der Andere, indem er zugleich das Schwert aus der Scheide zog, eine Bewe⸗ gung, die jedoch durch den Mantel verdeckt wurde. „Sie haben alſo gewartet?“. „Das haben ſie, und auf einen, deſſen An⸗ weſenheit nicht von Röthen war,“ — 45— „Ei, und woher wißt Ihr das? Und weng Ihr es wißt, werdet Ihr es für genehm hal⸗ ten, mein Herr von der Trauer, Eure Weis⸗ heit auszukramen, da der, auf den ſie gewartet haben, Euch frägt?“ „Weil ich Euch kenne, Sir Walmott Burrell, ſpreche ich ſo frei,“ antwortete der junge Mann, ſich in den Sattel ſchwingend,„und wiederhole es, Eure Anweſenheit war nicht von Nöthen. Die Lady, wie Ihr wißt, liebte Euch nicht im Leben, und darum war es beſſer, Ihr entweih⸗ tet ihr Begräbniß nicht durch einen Schein er⸗ heuchelten Kummers.“ „Hier iſt ein Großſprecher!“ rief der An⸗ dere, ſich zu ſeinem Begleiter wendend.„Re⸗ det, wer ſeyd Ihr?“ „Das ſollt Ihr erfahren, guter Sir, wenn Ihr es am wenigſten wünſchen werdet,“ erwie⸗ derte der Fremde, ſein Pferd anziehend, wel⸗ ches ungeduldig ſchnaubte und ſtampfte; dann ließ er den Zügel fahren und wollte an Burrell vorüber nach der Landſtraße, aber dieſer rief ſeinem Begleiter zu: „Halt ihn, halt ihn auf, Robin! halt ihn auf im Namen des Herrn! Das iſt ſicher einer von den Burſchen, die Sr. Hoheit nach dem Leben getrachtet haben— ein Freund der Gleich⸗ heit— ein Gleichmacher— ein Freund von Miles Syndercomb, oder einem ähnlichen Schur⸗ ken, der hier in einem entlegenen Winkel der Inſel auf eine Gelegenheit zum Entwiſchen lauert. Seyd Ihr ein ſchuldloſer Mann, wer⸗ det Ihr bleiben; ſeyd Ihr ſchuldig, ſoll das meine Vollmacht ſeyn.“ Er verſuchte, ein Piſtol aus dem Gurt zu ziehen, aber ehe er damit zu Stande kommen konnte, ſaß ihm der Degen ſeines Gegners au der Kehle, welche dieſer zugleich mit einer Kraft packte, welche man ihm nicht zugetraut hätte. Burrell rief ſeinen Gefäͤhrten zu Hülfe, aber dieſer war bereits außer dem Bereich der Stimme, denn er hatte, im erſten Augenblick des Angriffs, ſeinem Pferde die Spornen gege⸗ ben. Nun bat er mit demüthiger und ängſtlicher Stimme um Schonung. 3 „Ich bin weder ein Räuber, noch ein Mör⸗ der,“ erwiederte der Jüngling,„aber da ich keine Piſtolen führe, ſo halte ich meine eigene Sicherheit zu hoch, als daß ich Euch loslaſſen ſollte, ehe Ihr mir nicht auf Euer Ehrenwort gelobt habt, mich nur mit den Waffen anzu⸗ greifen, die ich ſelbſt zu meiner Vertheidigung habe.“ Burrell gab ſein Wort als Chriſt und Sol⸗ dat, und der Fremde zog ſein Schwert zurück — 47— „Und nun,“ ſagte er, ſich feſt in den Sat— tel ſetzend und den Mantel um den linken Arm ſchlagend,„wenn Ihr einen ordentlichen Kampf wünſcht, ſo ſtehe ich zu Dienſten, wo nicht, Sir, ſo gehe ich meinen Weg und Ihr möget den Euren fortſetzen.“— Er richtete ſich in ſeiner ganzen Länge auf, und erwartete Bur⸗ rell's Antwort, der unentſchloſſen ſchien, was er thun ſolle. Aber er ſchwankte nicht lang; der verrätheriſche Schurke richtete ſein Piſtol auf den Kopf ſeines ahnungsloſen Gegners, der ſich in demſelben Augenblicke vorwärts beugte, um ſich zum Kampfe anzuſchicken. Dieſe Bewegung rettete ihn, die Kugel ging hart über ihm weg, einen Augenblick wankte er im Sattel— ſchnell aber ſpornte er ſein Pferd, den feigen Mörder gebührend zu ſtrafen, aber ſchon ſprengte Bur⸗ rell auf ſeinem ſchuellen Roſſe den Weg nach Minſter hinunter, daß die Funken durch die dichte Finſterniß ſprühten. Der Jüngling blieb auf dem Flecke halten, bis der letzte Hall der Hufſchläge in der Ferne erſtarb, gab dann auch ſeinem edlen Pferde die Sporen und ſetzte ſeinen Weg fort. ——;C——— Drittes Kapitel. — Daß ein Brauer ein Fuchs oder Füchſelein ſeyn, Daß er pred'gen vom Faß in die Leute hinein, Daß der Welt er gar liſtig kann ſtellen ein Bein, Das iſt ganz unbeſtreitbar. Daß ein Brauer kann ſeyn voller Muth⸗ wie einſt Hektor, Wenn durchglühet von einem Paar Becher mit Nektar, Daß ein Brauer es bringen kann zum Lord Protektor, Das iſt ganz unbeſtreitbar. Aber eines begreife, wenn's einer vermag, Wie brachte der Brauer den Trank an den Tag, Der zum König, zum Kaiſer verhelfen ihm mag, 4 Das iſt ganz unbeſtreitbar. So verſchüttet den Brauerstrank, ſaͤumet nicht lange, Und es rufe, wer's gut meint, und keiner ſey bange⸗ Ja er rufe laut..... „Nuft nicht, ſondern ſchweiget lieber,“ ſagte ein altes Weib, welches leiſe die Thür des Zim⸗ mers öffnete, in dem die frohen Geſellen ihren rauhen Geſang angeſtimmt hatten;„ich höre Pferdegetrappel und Crisp knurrt ſo laut, daß ich überzeugt bin, es iſt kein Freund, der kommt.“ „Alſo Mutter,“ ſagte einer der übrigen,„Ihr wollt ein Pferd gehört haben.“ 4 „Ja, das habe ich, guter Herr Roupall.“ „Nun, ſeit wann wollt Ihr denn die Pferde zu Freunden haben?“ „Beſſer Pferde, als Eſel dazu haben,“ ant⸗ wortete die Alte ärgerlich; alle lachten Roupall aus, der, wie jeder Spaßmacher, keinen Scherz auf ſeine eigenen Koſten vertragen konnte. „Ich höre nichts,“ antwortete er wegwerfend, nund ich ſehe nicht ab, warum Ihr uns mit Eurem Geheul ſtört, Ihr alte Unglückseule.“ „Stille,“ erwiederte ſie, den Finger an den Mund legend, während der kleine Dachshund zu ihren Füßen, als ob er dies Zeichen verſtände, nach der Thüre ſchlich, die Ohren ſpitzte, um⸗ herſtöberte und anſchlug. „Sie hat Recht, es ſind Fremde in der Nähe,“ bemerkte ein alter Mann, der bisher geſchwiegen hatte,„und es iſt kein Zweifel, daß es keine Freunde ſind. Da es unklug wäre, zu fechten, thun wir beſſer, uns zurückzuziehen.“ „Zurückziehen? Und warum, möchte ich wiſſen?“ fragte Roupall, der verwegenſte und wildeſte in der Geſellſchaft, der ſtets bemüht war, ſich den Spitznamen„Jack der Tollkopf“ zu verdienen, mit dem er von ſeinen Gefährten gewöhnlich be⸗ I. 4 — 50— zeichnet wurde;„was geht das uns an, ob es Freunde oder Feinde ſind? Laßt ſie herein! Der alte Noll hat zu viel außen zu thun, als daß er ſich um ein halb Dutzend lärmender Reiter in ei⸗ ner entlegenen Schenke der Inſel Shepey be⸗ kümmern ſollte.“ „Ihr ſeyd immer zu ſorglos,“ bemerkte der Andere,„und würdet Eure Seele für den Spaß einer Stunde verkaufen.“ „Meine Seele bedankt ſich für das Kompli⸗ ment, Herr Grimſtone, und mein Körper würde Euch dafür bezahlen, wenn Zeit dazu wäre. Aber es iſt 11 Uhr vorbei und ſomit zu ſpät, Gent⸗ lemen; Jack Roupall zieht ſich nicht zurück, er entfernt ſich nur.“ Nach dieſen Worten ſtieß er aus einem Winkel des Zimmers eine breite, maſſive, eichene Bank fort, an der ſechs andere zu rücken gehabt hätten, die er aber ſo leicht wie eine Wiege bewegte; darauf zog er ein Brett weg, welches genau in die Wand paßte und mit derſelben eins zu ſeyn ſchien, und durch dieſe Offnung ſchlüpfte die Geſellſchaft, die aus fünf oder ſechs Perſonen beſtand, hindurch, wobei ſie die überreſte des Gelages mitnehmen mußten, da die alte Frau darauf beſtand, daß keine Spur deſſelben zurückbleiben dürfe. Der Letzte war noch kaum heraus, als ein Schlag gegen —-— 51— die Thüre die Beſorgniß der Wirthin beſtä⸗ tigte. „Der Teufel hol' es,“ brummte ſie,„wie ſoll ich nun den Berg wieder an ſeine Stelle ſchaf⸗ fen? Einer von Euch muß hier bleiben. Ich könnte eben ſo gut mich daran geben, Blackburn⸗Klippe in die See zu werfen.“ 4 „Wartet, ich will bleiben,“ antwortete Rou⸗ pall;„meinetwegen mag der Teufel und ſein Ge⸗ folge, und der alte Noll ſelbſt, der Schlimmſte darunter, kommen— ſo! nun geht.“ Ein neuer Schlag gegen die Thür verrieth die Ung eduld des Reiſenden; aber es erfolgte noch ein dritter, ehe die Bank vorgeſchoben war und alles wieder den Schein kahler Unwirthlichkeit angenommen hatte. Roupall ſtieg eine ſchmale Leiter hinauf, die nach dem Boden des Hauſes führte, das mehr einer Hütte gleich ſah, und nahm einen Ballen mit, wie ihn gewöhnlich Hau⸗ ſirer tragen; nun erſt ging Mutter Hays— ſo hieß die Wirthin— ein flackerndes Licht in der Hand, hinaus, und riegelte die Thüre auf. „Es kann doch nicht alles hier geſchlafen haben, Frau,“ ſagte der Fremde, indem er ſeinen Reit⸗ mantel abwarf, und ſeinen Degen an den näch⸗ ſten Stuhl hing,„ich ſah Lichter, Iſt Euer Sohn hier?“ — 52— „Nein, guter Sir, er iſt weit weg, in Lon⸗ don, mit ſeinem Herrn, Sir Willmott Burrell, der heut zu Haus erwartet wurde, aber nicht gekommen iſt, wie ich von einigen Nachbaren aus Eaſt⸗Church und Warden gehört habe, die bei Lady Cecil's Begräbniß waren.“ „Wollt Ihr mir einreden, daß niemand im Hauſe iſt, als Ihr?“ „Nur noch ein anderer ruhiger Gentleman, ein Hauſirer, ein ſchlichter Menſch, der oben liegt, er iſt müde vom Gehen, und ſchläft feſt.“ Der Fremde nahm ſeinen Hut ab, und wie er den Kopf ſchüttelte, und die Haare zurück⸗ fielen, die früher ſein Geſicht beſchattet hatten, ſtarrte das Weib ihn an, und brach in einen leiſen Ausruf des Erſtaunens und Zweifels aus. Der Gentleman bemerkte nicht, oder küm⸗ merte ſich nicht darum, was ſeine Erſcheinung für einen Eindruck machte; ſondern zog ſorgſam ein kleines Buch oder eine Schreibtafel aus der Bruſt, und las darin mit vieler Aufmerkſamkeit und zu wiederholten Malen ein oder zwei Blätter. „Und ſeyd Ihr überzeugt, gute Frau,“ fragte er, indem er feſt in Mutters Hays verwittertes Geſicht blickte,„daß niemand in Eurem Hauſe iſt, außer der alte Krämer?“ „Ach ja, Sir, nur wenige Reiſende kommen 1 — 53— zur einſamen Thür der Wittwe; das Haus liegt außer dem Wege; wollen Ew. Gnaden etwas zum Abendeſſen, ein Maaß Wein, oder vielleicht ein Glas Branntwein, er thut gut in dieſen rau⸗ hen Nächten, oder ein Stück Speck mit Eiern?“ „Seyd Ihr beſtimmt überzeugt, daß niemand anders in Eurem Hauſe, und daß Euer Sohn wirklich noch nicht zurückgekehrt iſt?“ „Warum ſollte ich Ew. Gnaden hintergehen? Bin ich nicht alt? Und ſollte ich mich an dem Herrn verſündigen?“. „Ihr waret nicht immer ſo fromm,“ antwor⸗ tete der junge Mann lächelnd,„kennet Ihr dies Zeichen?“ fügte er hinzu, ſeine Hände auf eine be⸗ ſondere Weiſe faltend,„hörtet Ihr nie die Worte.“ Er flüſterte ihr einen kurzen Satz in das Ohr, worauf ſie ſich ehrerbietig verbeugte, und ohne Antwort ſo ſchnell, als Alter und Schwäche es erlaubten, die Leiter hinaufſtieg, welche zu Rou⸗ pall's Ruheplatz führte. Ehe ſie jedoch mit dieſem herunter kam, war noch eine andere Perſon in das Haus getreten, und zwar niemand anders, als ihr eigener Sohn Robin, nach dem der Gentleman zuerſt gefragt hatte, und mit dem er ſich ſo angelegentlich unterhielt, daß keiner von beiden die Annäherung der andern bemerk⸗ te, als bis die alte Frau die Arme um ihren — 54— Sohn geworfen, und ihn, unbekümmert um die Gegenwart des Fremden, in dem Rauſch ih⸗ rer Freude faſt mit ihren Liebkoſungen erſtickt hatte. „Genng, Mutter, genug; Ihr vergeßt, daß ich kürzlich in London geweſen bin, und daß es nicht Hofſitte iſt, ſich zu freuen und luſtig zu ſeyn. Ueberdies habe ich Se. Hoheit geſehen, und Sr. Hoheit Töchter, und Sr. Hoheit Söhne, und mit Mäßigkeit mit Sr. Hoheit Dienern getrun⸗ ken, darum laßt mich jezt los, Mutter, laßt mich los, Ehre, wem Ehre gebührt!“— Robin legte dabei den Finger an die Naſe, wobei ein ganz eigener Anſtrich von Liſt und Verſchlagenheit über ſeine ſcharfen, unregelmäßigen Züge flog. Während er ſich mit den Vorbereitungen für das Abendeſſen des Gaſtes beſchäftigte, konnte man nicht umhin, ſeine ſchnellen, energiſchen Be⸗ wegungen, ſeinen magern Körper, ſeine kurze, zwerghafte Geſtalt und ſeine überlangen Arme zu bemerken, was noch greller hervortrat, wenn man den Blick auf den hohen, muskulöſen Bau des kräftigen Reiters warf. Dieſer ſchien mit der außerordentlichen Zuvorkommenheit, welche dem Neuangekommenen bewieſen wurde, durchaus nicht zufrieden. Hätte der Fremde es für gut ge⸗ funden, ein Geſpräch mit ihm anzuknüpfen, ſo wäre es vielleicht gegangen; aber er ſprach nicht, fragte nichts, und ſaß, nachdem er von dem Schoppen zurückgekehrt war, in dem man ſein Pferd untergebracht hatte, ruhig am Feuer, die Beine übereinandergeſchlagen, und in die Flam⸗ men blickend, welche ein helles Licht umher ver⸗ breiteten. Seine ganze Antwort auf die Fragen, welche ſein rauher, aber neugieriger Stubenge⸗ noß an ihn richtete, war ja oder nein. Als end⸗ lich das Eſſen nebſt einem Paar Flaſchen Gas⸗ cognerwein und Sekt aufgetragen war, ſetzte er ſich zu Tiſch, ließ ſich's weidlich ſchmecken, wünſchte nach beendigtem Mahle, mit einem freundlichen Lächeln und einer Verbeugung, der Wittwe und Roupall gute Nacht! und ſtieg mit Robin die Leiter hinauf, nachdem er vorher be⸗ merkt hatte, daß er nur kurze Zeit ſich Ruhe gönnen könne und morgen früh werde aufbrechen müſſen, weshalb er die Wittwe und ihren Freund bitte, den trefflichen Wein, den ſie vorgeſtellt hatte, vollends auszutrinken. Es dauerte ei⸗ nige Zeit, ehe Robin zurückkehrte; als er her⸗ unterkam, bemerkte er, daß Roupall nicht in der beſten Laune war. „Habt Ihr dem Küchlein ſein Neſt gewärmt und auch für das zarte Vögelchen recht gut ge⸗ ſorgt, Robin? Zum Wetter! Ich ſehe jetzt ſo viele Hähne mit Hühnerfedern— ſo viele wohl⸗ riechende Kavaliere, die ſo wenig ein Gewehr handhaben, als in den Mond klettern können— daß ich glaube, Hugh Dalton muß den Glühwurm mit Pelz füttern, um ſie glücklich herüberzubrin⸗ gen. Der Henker hole ſolche Kerle, ſage ich, folche maulverſchloſſene, kangohrige Schurken! Zum Teufel! ich liebe ein offenes Herz...“ „Und eine blutige Hand, Herr Roupall.“ „Pah! pah! Robin, wenige, zu welcher Par⸗ tei ſie auch gehören, können in dieſen Zeiten reine Hände aufweiſen; aber kömmt der Stutzer von der See herüber?“ „Es iſt möglich, daß er vom Himmel herunter⸗ gefallen iſt, denn der, wißt Ihr, iſt über der See.“ „Ihr ſeyd biſſig, wie ein junger Hund. Ich meine, was er treibt?“ 3 „Schlafen. Wahrhaftig, er ſchläft.“ „Steht er in gutem Kredit?“ „Gewiß, Roupall, ich kenne ſeinen Bankier nicht.“ „Wieder gut, Herr Robin; auf welchem Schleif⸗ ſteine habt Ihr heute Euern Witz geſchärft?“ „Kommt, laßt's gut ſeyn,“ ſagte Robin, der offenbar fürchtete, daß der Sturm zum Ausbruche kommen könnte;„laßt uns eins zechen, und die — — 52— Schläfer in ihrem Mauerneſte wecken, wir wol⸗ len den Morgen wie frohe Burſche begrüßen, und ich will Euch Hofneuigkeiten erzählen, und Euch die letzte Hofmode zeigen, in der mein eige⸗ ner prächtiger Körper ſtolzirt.“ Der Mann ſah ihn an und lächelte, erheitert durch die barſche Laune, und das Aeußere ſei⸗ nes alten Gefährten, der mit einem blauen Wams und gelben Hoſen ſich herausgeputzt hatte, wäh⸗ rend eine breite Schleife von dunkelfarbigem, fran⸗ ſenbeſetztem Bande von jedem Knie herabhing. Er warf einen wohlgefälligen Blick auf ſeine eigene Perſon und erwiederte:„Nein, laßt ſie ſchla⸗ fen, Robin; ſie ſind beſſer daran, als ich. Der mädchenhafte Fremde hat mein Bett eingenom⸗ men, aus dem mich Eure Mutter aufgetrieben hat, als wenn ich ein Wieſel oder ein Murmel⸗ thier wäre... Ein Kavalier iſt es; und ich denke, er wird auch einen Namen führen. Oder iſt das auch ein Geheimniß?“ 3 „Herr Roupall,“ antwortete der Andere mit einem ſchlauen Blicke,„was den Charakter eines Mannes betrifft, ſo iſt es ſchwer, in dieſer Zeit zu ſagen, was jemand iſt; wenn Ihr aber von dem Namen ſprecht, ſo glaube ich allerdings, wie Ihr auch, daß er einen, und wie ich nicht zweifle, auch einen guten Namen hat, ob ich mich gleich ſeiner nicht mehr genau erinnere, denn, ſeht Ihr, bei Hof.“ „Gott verdamm' mich, ich glaube, der Hof hat Euch behext. Gebt mir jetzt Antwort auf gut Engliſch, wer iſt der Junker? Wenn Hugh was im Kopfe hat, ſo kümmert er ſich nicht darum, wen er uns hier, und was ſchlimmer iſt, nach dem Feſtlande ſchickt— und wir müſſen ſie auf⸗ nehmen und empfangen, und dabei gelegentlich unſer Leben aufs Spiel ſetzen, denn ich wette, daß einer der Fährmänner ein Spion im Solde der alten Rothnaſe iſt. Und was bekommen wir für alle Gefahr? Es iſt lange her, daß das letzte Fäßchen Branntwein ans Ufer gekommen iſt.“ „Ihr habt einen Eid geſchworen, für den ich jetzt die Summe von drei Schillingen und vier Pence verlangen könnte, aber ich fürchte, Du haſt nie ſo viel, dem Geſetze Genüge leiſten zu können, außer wenn man einmal Deinen Hals verlangt, um ihn in eine Schlinge zu ſtecken. Aber brachte Hugh Dalton Euch oder irgend wen ſonſt je in Verlegenheit?“ fügte Robin ernſt hinzu. „Freilich nicht.“ „Und Gelegenheit genug war dazu da?“ „Ich leugne nicht, Robin, daß Hugh ein tüch⸗ tiger Kerl iſt, aber ich denke nach, wie vor lan⸗ ger Zeit, es ſind wohl dreizehn oder vierzehn — 50— Jahre, ehe er ein ordentlicher Bucanier wurde, es keinen eifrigeren Kavalier unter uns Kenter Männern gab. Blitz! wie ſchlug er ſich bei Mar⸗ ſton! Aber ein Paar Jahre Hitze in der Havan⸗ nah ſengt den Geiſt eines Menſchen entweder aus, oder brennt ihn ein.“ „Und aus welchem Grunde glaubet Ihr, daß Hugh nicht noch jetzt ein guter Kavalier iſt?“ „Pah! Er wird alt, und es iſt nicht leicht Ding, Oliver herunterzukriegen. Er iſt feſt. Ja, ja, lacht nur; ich verſichere Euch, von uns wäre niemand der Kugel Miles Syndercomb's entgan⸗ gen, aber er iſt ſchuß⸗ und ſtichfeſt. Hugh weiß, was er will, und führt etwas im Schilde, ſonſt würde er ſich an dieſer Küſte, nachdem er ſo lange fort geweſen iſt und jeden Strich beſucht hat, außer Suſſex und Kent, nicht aufhalten. Auch möchte ich wiſſen, was Euch, Meiſter Robin, in Burrell von Burrell's Dienſt gebracht hat: hielt ich Euch doch früher für einen Mann von Geſchmack.“ Robin grinſte wieder, ſein Mund verzog ſich von einem Ohre zum andern, daß das Geſicht in der That wie in zwei Theile geſpalten ſchien. „Wenn Ihr nicht reden wollt,“ brummte der Reiter,„ſo hoffe ich, Ihr werdet die bezahlen, die zu Eurer Unterhaltung reden.“ 4 „So willſt Du mich überreden, daß Du nicht — 60— aus reiner Uneigennützigkeit ſprichſt? Ach, Rou⸗ pall, Roupall, Bekanntſchaft mit Höfen hat mich gelehrt, daß die Natur zuerſt, und dann die Ge⸗ ſellſchaft uns Sterblichen zwei ſehr unangenehme Nothwendigkeiten aufgelegt haben, eſſen nämlich und reden. Nun aber iſt die Natur eine Tyran⸗ nei und die Geſellſchaft eine Tyrannei, da ich hinwiederum alle Tyranneien von Grund aus verabſcheue..“ „Menſch,“ unterbrach ihn Roupall wild, „Zwitter, oder wie Du ſonſt Deinen verdrehten Leichnam betitelſt, laß Dein Kauderwelſch. Mich wundert, daß Johanna Cromwell Dich nicht als ihren Leibaffen in Beſchlag genommen hat, als Du Deine Hofbekanntſchaften machteſt. Eine ſau⸗ bere Figur für Höfe! ha! ha! ha!“ Während er lachte, ſtreckte er verächtlich den Finger gegen Robin Hays aus, der, wenn er auch zuweilen ſelbſt über ſeine Mißgeſtalt ſcherzte, doch nicht vertragen konnte, daß Andere ſeine Mängel ver⸗ höhnten. Er wurde bleich und zitterte vor ver⸗ haltener Wuth. Der Reiter ſah die Wirkung ſei⸗ ner grauſamen Schmähungen und fuhr fort, unbarmherzig die einzelnen Theile ſeines ver⸗ wachſenen Gefährten zu zergliedern und zu ver⸗ ſpotten. Robin antwortete nicht; Anfangs ver⸗ rieth nur der Wechſel der Farbe, das Beben —O—O—OO.— ſeines Körpers ſeine Bewegung; dann rückte er auf ſeinem Sitze hin und her, ſeine tiefliegenden feurigen Augen funkelten vor unbezähmbarer Bos⸗ heit; als aber Roupall's Spott immer gröber, ſein Gelächter immer roher wurde, daß er ſich zuletzt vor Freude über ſeinen Triumph in ſeinen Seſſel zurück warf, da brach die Tigernatur Robins in ihrer ganzen Gewalt aus; er ſprang ſo plötzlich, ſo unerwartet auf den Reiter los, daß der Goliath vollkommen überwunden war, und hülflos auf dem Boden lag, wie ein verfut⸗ terter Neufoundländer, den ein biſſiger Dachs⸗ hund bei der Kehle gepackt hat. Erſt nach langem Ringen glückte es ihm, ſich an der Mauer des Zimmers aufzurichten, obgleich er noch immer außer Stande war, Robin's lange Arme und knöcherne Finger vom Halſe loszumachen, an dem er wie ein Mühlenſtein hing; er brauchte noch einige Minuten, ehe er, der herkuliſche Mann, das ſchwache Wefen von ſich ſchleudern konnte, welches er ſonſt mit einem Finger auf⸗ heben konnte. Robin ſuchte ſich aufzuraffen von dem Flek⸗ ke, auf den ihn Roupall hingeworfen hatte: ſein Kinn ruhte auf den Knien, um welche er die Arme geſchlagen hatte; ſeine ſchmale Bruſt hob ſich ſammt den Schultern von der Anſtren⸗ — 62— gung des Kampfes; die Augen funkelten und ſtarrten noch drohend auf ſeinen Gegner, wie die eines wilden Thieres, das ſich bereit hält, auf ſeine Beute zu ſpringen. Der Reiter ſchüttelte ſich und fuhr ſich mit der Hand ein⸗- oder zwei⸗ mal über die Kehle, als wenn er ſich überzeu⸗ gen wollte, ob ſie ihm nicht zuſammengeſchnürt ſey, darauf wendete er ſich mit einem andern Ausdrucke als früher zu Robin und ſagte: „Bei meiner Seele, Ihr packt ſo feſt, daß ich es nicht noch einmal probiren mag. Nie hätte ich ge⸗ dacht, wenn ich es nicht geſehen hätte, daß Rou⸗ pall, der Tollkopf, der auf ſeinem dicken Schä⸗ del mehr Schläge ausgehalten hat, als Tage im Februar ſind, und der ſechs Fuß zwei Zoll ohne Stiefeln hat, halb erwürgt werden könne durch Robin, den Aufpaſſer, der vierzig Zoll in ſei⸗ nen Schuhen mißt— aber ich bitte um Verzei⸗ hung, daß ich einen Mann von Eurem Schrote beleidige. Ihr ſeyd ſicher vor meinen Späßen voon nun an in Ewigkeit; ich ſtreite nicht gerne mit alten Freunden— wenn nichts dabei zu holen iſt. Steht auf, Menſch, laßt das Brüten ſeyn und gebt mir die Hand, wie ein guter Chriſt. Ihr wollt nicht? Was! wollt Ihr Euern Körper zu einem Tummelplatze für böſes Blut machen? Was wird die niedliche Barbara Iverk dazu ſagen?“ —, — 63— Robin ſchlug ein ſo lautes, gellendes, furcht⸗ bar tönendes Gelächter auf, daß es wie Tod⸗ tengeheul von den Wänden wiederhallte; dann dehnte er ſeine mißgeſtalteten Glieder aus, ſtreckte ſeine langen Finger ſtarr vor ſich hin und knirſch⸗ te:„Fluch! Fluch! Fluch über mich ſelbſt! Ein köſtlicher Biſſen für eines ſchönen Mädchens Liebe! Ha—ha—ha! Ein herrlicher Biſſen!“ wie⸗ derholte er bitter, ſich mit den breiten Händen vor das Geſicht ſchlagend. So rückte er, die Augen zuhaltend, daß er ſeine eigene Häßlich⸗ keit nicht ſehen konnte, hinüber und herüber, und flüſterte eine Zeitlang, wie geiſtesabweſend, vor ſich hin. Endlich lief Crisp, der ein theil⸗ nehmender Zuſchauer dieſes Auftrittes geweſen war, furchtſam zu ſeinem Herrn, lockte ihm, auf den Hinterfüßen ſtehend, zärtlich die Hand und beſänftigte dadurch die ſtürmiſchen Gefühle Ro⸗ bin's mehr, als es der Reiter, deſſen rauhe, aber gute Natur wirklich ergriffen ſchien, mit allen Entſchuldigungen vermochte. Langſam ließ er die Hände ſinken, drückte das kleine Thier an ſeine Bruſt und ſprach zu ihm in einem Tone, den das Thier vollkommen zu verſtehen ſchien, und durch neue Liebkoſungen erwiederte. Nach einer Weile begegneten ſeine Blicke dem Auge Roupall's, aber der Ausdruck derſelben war durch⸗ — 61— aus umgewandelt; ſie glühten nicht mehr von Wuth, ſondern waren ſo ruhig und gelaſſen, als ob nichts vorgefallen wäre. „Werden wir uns jetzt die Hand geben und den Handel vergeſſen?“ Robin ſtand auf und reichte ſeine Hand hin, die ſein Gegner herzlich ſchüttelte, worauf er die Bank wegräumte, und in das Verſteck zu ſeinen ſchlummernden Gefährten eintrat. Robin legte ſich vor dem noch glimmenden Feuer nieder, nahm des Fremden Mantel, deckte ſich und Crisp damit zu, und war bald in tie⸗ fen Schlaf geſunken. — 65— Viertes Kapitel. — Der Morgen, welcher dieſer unruhigen Nacht folgte, war ſchön und klar, wie er ſo ſelten uns in unſerm veränderlichen Klima erfreut. Die Bäume in ihrem matten Grün blickten ſo heiter, wie das Antlitz eines muntern Kindes, die Vögel flatterten emſig umher und trugen Halme herbei, ſich ihr wohnliches Neſt in dem einſamen Ge⸗ büſche der zahlreichen Hügel zu bauen, welche Cecil's Haus gegen den kalten Wind der nahen See ſchützten. Der friſche Hauch brach ſo ſanft durch das dichte Gehölz, daß ihn die frühen Wanderer kaum fühlten. Selbſt der rauhe Rou⸗ pall empfand den erquickenden Einfluß des Mor⸗ gens und während er, als Hauſirer gekleidet, über die Dünen ſchritt, welche mit hunderten von Schaafen bedeckt waren, und den Fußſteg nach der Fähre einſchlug, ſtiegen auch in ihm ſanftere Bilder auf. Er dachte an ſein einſt glückliches Le⸗ J. 5 ben in der Heimath, an die greiſen Eltern, die ſeine Kindheit gepflegt, an die Gefährten, mit denen er gelebt, ehe er in Sünden und Sorgen verſank, an das unſchuldige Mädchen, welches ihn geliebt und doch verlaſſen hatte. Die Vergan⸗ genheit ward ihm wieder zur Gegenwart; das Herz wurde ihm ſchwer, denn er dachte an das, was er geweſen und was aus ihm geworden war, bis er endlich mit der Hand ſich über das Geſicht fuhr, und ein wüſtes Lied anſtimmte, um ſo das Gewiſſen durch Lärmen zu betäuben. 3 Um dieſelbe Stunde war unſer Freund Ro⸗ bin mehr als gewöhnlich in ſeiner Mutter Hauſe beſchäftigt, welches unter dem Namen des Mö⸗ wenneſtes bekannt war. Die alte Frau hatte von den wenigen Familien von Rang und Vermögen, welche damals auf der Inſel wohnten, fortwäh⸗ rend viel Gutes genoſſen. Mit vielem Takte hatte ſie ſich bemüht, äußerlich ſich von allen Partei⸗ fehden frei zu halten, obgleich das Volk behaup⸗ tete, ſie ſey keineswegs ſo einfältig, als ſie ſich ſtelle. Die allgemeine Theilnahme ihrer Nachba⸗ ren wurde jedoch durch ihren Wittwe⸗ und beinah kinderloſen Stand angeregt, da drei ihrer Söhne in dem Bürgerkrieg gefallen waren, und der vier⸗ te, Robin, auffallend gering geſchätzt wurde. Ro⸗ bin vergalt dieſe Verkennung durch ſeine bittere I — 62— und oft beißende Verachtung der ganzen, hohen und niedrigen Nachbarſchaft, mit alleiniger Aus⸗ nahme der Familie von Cecilhaus. Trotz ſei⸗ ner Mängel hatte er jedoch die Gunſt Burrell's von Burrell zu erlangen gewußt, der, ob er gleich häufig nach der Inſel kam, nur geringe Beſitzthümer auf derſelben hatte. Er trat in ſei⸗ nen Dienſt, um den Ritter als Leibdiener nach London zu begleiten. Während der kurzen Zeit ſeines Aufenthalts in der Hauptſtadt machte er ſich dem Ritter ſo nützlich, daß dieſer ihn gern in ſeinen Dienſten behalten hätte, aber Robin lehnte dies Anerbieten entſchieden ab.„Die Natur,“ ſagte er,„hat mich ohne Zweifel zu ihrem Leibeigenen gemacht, aber ich liebe Feſſeln zu wenig, als daß ich noch der Sklave eines andern ſeyn möchte.“ Er kehrte daher in der Nacht, wo ſein Herr in Cecilhaus ankam, nach dem Möwenneſt zurück, das nur drei Meilen davon entfernt war. Nie führte ein Haus einen paſſendern Na⸗ men, als das der Mutter Hays. Es ſtand auf einer Erhöhung zwiſchen Sheerneß und Warden, unweit des kleinen Dorfes Eaſt⸗Church. Der Lehm und die Schindeln, aus denen es aufge⸗ baut war, würden ſchwerlich einen Sturm aus⸗ gehalten haben, wie er hier oft um die Klippen tobte, wenn das Möwenneſt nicht in einem alten — 68— Wachtthurm, an den es ſich lehnte, eine tüchtige Stutze gefunden hätte. Robin konnte jede Klippe in der Nachbarſchaft auf⸗ und abklimmen wie ein Affe, in der Brandung ſpielen wie ein See⸗ hund, tauchen wie eine Otter; auch hatte die Natur, die oft für körperliche Mängel irgend einen Erſatz zu geben pflegt, ihm eine ſo lieb⸗ liche Stimme verliehen, daß die Fiſcher häufig unter der Möwenneſt⸗Klippe auf ihren Rudern ruhten, um Robin's ſchwermüthigen Balladen zu lauſchen, deren Harmonie mit dem Gemurmel der leichten Wogen verſchmolz, wenn ſie gegen den Strand anſchlugen. Aber der kleine Robin hatte noch beſſere, edlere Eigenſchaften, welche Hugh Dalton mit dem ſcharfen Blick, der ſchnell das Treffliche erkennt, und es dann zu ſeinem eigenen Zwecke modelt, ſorgfältig pflegte. Viele Jahre vor der Zeit, von der jetzt die Rede iſt, hatte Robin den Bucanier auf einem oder zwei ſeiner räuberiſchen Streifzüge begleitet, und ob⸗ gleich unleugbar Hugh tüchtiger als Seemann, denn als Gelehrter war, ſo hatte er Robin doch auch die Vorzüge zu verſchaffen geſucht, die er felbſt nicht beſaß. Robin erhielt deshalb von ei⸗ nem weggelaufenen Kaufmannsdiener, dem Schrei⸗ ber, Buchführer und Faulenzer des Schiffes, täg⸗ lich Unterricht. Robin lohnte dieſe Güte durch — 69— unerſchütterliche Treue, unnachläßige Wachſam⸗ keit und einen wilden Enthuſiasmus, welcher ihn dem rauhen Kapitain ſo werth machten, als ob es ein Geſchöpf wäre, das ausſchließlich ihm ge⸗ höre. Der Bucanier wußte, daß Geheimniſſe, in denen es ſich um Gut und Blut handelte, ſicher bei ihm aufgehoben waren, und da der weit bekannte Dalton oft für Kavaliere und Rundköpfe gearbeitet hatte, ſo war ihm ein Menſch von gewandtem Geiſt und zuverläßiger Treue von ſo unſchätzbarem Werthe an der Küſte. Wenn der Bucanier eine politiſche Meinung huldigte, ſo neigte ſich dieſe gewiß zu dem ver⸗ bannten Karl; ein kühnes, unerſchrockenes Ge⸗ müth, wie das ſeinige, konnte nicht zu dem her⸗ ben und unnachgiebigen Regiment des Protektors ſtimmen. Ein Herrſcher, der nicht allein Befehle gab, ſondern ihre Ausführung auch durchſetzte, mochten ſie nun eine„Erklärung für einen Tag öffentlicher Dankſagung,“ oder„eine Erlaubniß, Fiſche in fremden Schiffen zu verfahren,“ betref⸗ fen, konnte nicht nach dem Sinne eines Mannes ſeyn, der das Geſetz nur in ſeinem eigenen Wil⸗ len ſuchte und leicht einſah, daß der Königliche, aber ſorgloſe Stuart beſſer zu leiten und eher geneigt ſeyn würde, wenn auch nicht aus Zart⸗ b gefühl, doch aus Trägheit, die Sünden eines Dalton zu überſehen, als der unbeugſame Oliver, der jedes übel, dem er abhalf, als ein neues Juwel in ſeinem Zepter betrachtete. Nichts deſto weniger hatte, wie wir geſehen haben, der Bucanier ſich entſchloſſen, dem Gemeinwohl ſeine Dienſte anzubieten; er glaubte, Cromwell kenne ſeine Talente und werde ſeine Tapferkeit würdi⸗ gen, aber er wußte auch, daß der Protektor ſeine Konſequenz rühmte, und daß er demnach große Schwierigkeiten zu überwinden haben würde, da mehr als einmal ein Preis auf ſeinen Kopf ge⸗ ſetzt worden war. Aber wir müſſen uns von Robin, der, nachdem er die nächtlichen Schwärmer aus ihrem Verſteck entlaſſen, und noch mit der Vorbereitung zum Frühſtück für den Fremden beſchäftigt war, jetzt abwenden, und auf einige Augenblicke uns nach Cecilhaus verfügen.. Das Haus lag am Abhange eines Hügels, der ſich nach dem alten Kloſter von Minſter hin⸗ ſtreckte. Obgleich jetzt nichts mehr davon ſteht, als die Kirche, einige zerfallene Mauern und ein Haus, in welches einer der Haupteingänge ver⸗ wandelt worden iſt, ſo dehnten ſich doch zu der Zeit, von der wir ſprechen, die Ruinen des von Sexburga, der Wittwe Exrcombert's, Königs 4 —,— — 71— von Kent, geſtifteten Nonnenkloſters weithin aus und gewährten von dem kleinen, aber gut gehaltenen Luſtplatze von Cecilhans aus einen maleriſchen Anblick. In der That konnte es nichts Schöneres geben, als die Ausſicht von der kunſt⸗ loſen Terraſſe, welche der Lieblingsſpaziergang der Lady Cecil geweſen war. Die kleinen wel⸗ lenförmige Hügel, die üppigen Thäler dazwi⸗ ſchen mit ihrem ſchattigen Gebüſch, die Dünen, welche ſich bis zu der Fähre hinſtreckten, die Heerden Schaafe mit ihrem hellen Glockengeläute, die ſchmale Swale, die ſich nach der offenen See hinſchlängelt und wie ein ſilberner Gürtel in den warmen Strahlen der Frühlingsſonne ſchimmerte, gaben der Gegend immer neue Reize. Obgleich man während des Protektorats ſich einige Mühe gegeben hatte, Sheerneß, damals ein unanſehn⸗ liches Dorf, zu einem feſtern und ſichern Platze zu machen, und obgleich die Parlamentstruppen das alte Schloß von Queenborough als zu ſchwach und unnütz eingeriſſen hatten„ konnte doch nie⸗ mand, der nur den ſüdlichen und weſtlichen Theil der Inſel ſah, eine Ahnung davon haben, daß das Innere ſo wahrhaft ſchöne Stellen enthalte. Es war noch früh, als Konſtanze Cecil, in Begleitung einer Freundin, durch eine Seiten⸗ thür in ihren Blumengarten trat, und auf einen — 72— kleinen, Gothiſchen Tempel zuging, den breit⸗ äſtige Eichen beſchatteten, welche, durch die um⸗ liegenden Hügel gedeckt, ſchon manches Jahrhun⸗ dert in unveränderter Schönheit geprangt hat⸗ ten. Das Morgenkleid der edlen Konſtanze ging hoch bis an den Hals hinauf, wo es ſich einer vollen Krauſe von geſteiftem Muſſelin anſchloß, während ſich um den Leib ein breites Band von ſchwarzem Krepp ſchlang, unter dem das Ge⸗ wand in ſchweren Falten herabwallte. Sie be⸗ trat den grünen Raſen mit gemeſſenerem Schritte, als ſie es ſonſt pflegte, gleich als ob auch der Körper die traurige Schwere des Gemüthes theile. Ihr Kopf war unbedeckt, außer daß ſie, im Hereintreten in den Garten, einen Schleier von ſchwarzem Muſſelin übergeworfen hatte, durch welchen ihr helles Haar ſanft durchſchim⸗ merte; die Weiße der Stirn und des Halſes trat, durch das dunkle Trauerkleid, noch glän⸗ zender hervor. Die Dame, welche ſie begleitete, war nicht ſo groß, weit leichter gebaut, auch waren ihre Züge weniger ſchön, als anziehend. In ihrem ganzen Weſen lag eine Art natürlicher Kokette⸗ rie, ihre Augen waren ſchwarz und feurig, die Lippen voll und die Naſe etwas aufgeworfen; die Farbe ihres Geſichts war ziemlich dunkel, be⸗ — lebte ſich jedoch ſogleich, wenn die geringſte Be⸗ wegung ihr das Blut nach den Wangen trieb. Ihr Anzug war nicht glänzend, aber koſtbar; der breite Saum von karmoiſinrothem Grogram ging nicht ſo tief hinunter, daß er die zartge⸗ formten Knöchel verborgen hätte, der Mantel von Purpurſammt, den ſie nachläſſig über die Schulter geworfen hatte, war mit dem präch⸗ tigſten Hermelin eingefaßt. „Du mußt nicht immer traurig ſeyn, meine theure Konſtanze,“ ſagte ſie, ihrer Freundin in das von Kummer angegriffene Geſicht blickend; „ich könnte Dir wohl rathen, aber dem Betrüb⸗ ten rathen, heißt ſtürmiſches Waſſer feſſeln wol⸗ len.“ „Sag' das nicht, Franziska; der freundliche Rath einer Freundin iſt wie Oel auf der toben⸗ den See. Und gewiß! nur eine Freundin konnte den fröhlichen, geräuſchvollen Hof verlaſſen, um auf einer einſamen Inſel, und was mehr iſt, in einem Hauſe der Trauer zu wohnen.“ „Ich leugne Dir nicht, Konſtanze, daß ich die Heiterkeit, die Pracht und die Huldigungen un⸗ ſerer Hofhaltungen liebe; Hampton und White⸗ hall haben ihre Reize für mich; doch gibt es manches, gar manches, was ich noch mehr liebe. Ich liebte Deine Mutter,“ fügte ſie mit tiefe⸗ — 4— rem Gefühle, als ihr lebhaftes Weſen gewöhnlich verrieth, hinzu,„und ich liebe die Freundin, die mich zwar wegen meiner Thorheiten ſchilt, aber auch meine Tugenden zu ſchätzen weiß; denn ſelbſt meine ſtrenge Schweſter Eliſabeth, Deine Pathe, geſteht, daß ich Tugenden habe, obgleich ſie hinzufügt, daß ſie von keiner erhabenen Art ſind.“ „Urtheilte Lady Claypole mit dem Maßſtabe ihrer eigenen Vortrefflichkeit, ſo würden wir, Franziska, in der That tiefer ſinken, als wir uns wohl ſelbſt ſchätzen; aber wie die Roſe, nimmt ſie nicht unwürdigern Blumen ihren Glanz, ſondern leiht ihnen von dem ihrigen.“ „Eigentlich ſollte ich das ein recht höfiſches Kompliment nennen, aber in der That ich kann nicht, denn es iſt zu wahr.“ „Du machſt ſo eben eine bittere und hoffent⸗ lich unverdiente Satyre auf Deines Vaters Hof, theure Freundin.“ „Unverdient! Vielleicht— denn ob ich gleich das jüngſte und unverſtändigſte Kind meines Va⸗ ters bin, ſo bemerke ich doch, daß einige um ihn ſind, die zuweilen, zufällig oder abſichtlich, mit der Wahrheit in Berührung kommen: Da iſt der plumpe Bär, Sir Thomas Pride, den, wie ich mir habe ſagen laſſen, mein Vater mit ——— — 75— einem Beſenſtiele zum Ritter geſchlagen hat— er redet, glaube ich, die Wahrheit und ſcheut nie⸗ mand, wie es in der Bibel heißt. Dem General Georg Monk traut mein Vater zwar, doch habe ich, ſo oft Karl Stuarts Name erwähnt wird, ein verſchlagenes Blinzeln ſeines Auges bemerkt, das noch einmal für Loyalität erglänzen dürfte— ich könnte eben ſo gut an ſeine Ehrlichkeit, als an ſeiner Gattin Liebenswürdigkeit glauben. Haſt Du vielleicht gehört, was Jerry, mein armer abgedankter Galan, Jeremias White, von ihr ſagte? Wenn Monk, ſagte er, ein Regiment an⸗ werben könnte, in dem jeder den Geiſt ſeiner Frau hätte, ſo würde es ihm ein leichtes ſeyn, die Sündenfeſte zu erſtürmen und den Satan ſelbſt zum Gefangenen zu machen. Dann haben wir noch unſern Irländiſchen Lordkanzler, den treuen, wahrheitsliebenden Sir William Steel, Und in der That, wer es wagt, meinem Vater zu ſagen, daß er irre, verdient Vertrauen. Nicht ſo unſere letzte Hofneuigkeit, Griffeth Williams von Carnarvon Esq., der, ob er gleich alle neuen Titel verachtet und ſich ſeiner Blutsverwandt⸗ ſchaft mit dem Prinzen von Wales, den Köni⸗ gen von Frankreich, Arragonien, Kaſtilien und Navarra rühmt, doch alle ſeine geheimen Minen ſpringen läßt, um eine armſelige Baronie zu erha⸗ — 76— ſchen. Selbſt Du, theure Konſtanze, hätteſt lä⸗ cheln müſſen, wenn Du die ernſten und ſteifen Verbeugungen geſehen hätteſt, welche er und der ſtolze Earl von Warwick ſich machten. Um end⸗ lich auf John Milton zu kommen...“ „Ihn laß ruhen!“ unterbrach ſie Konſtanze, „laß Deine unbedachtſame Laune nicht auf John Milton fallen; es iſt etwas in dieſem Dichter, was mich das erſtemal, daß ich ihn ſah, zu der Überzeugung brachte, Es lieg' ein Heiligthum in dieſer Bruſt. „Ich erinnere mich noch recht gut des Abends, wo ich, es ſind jetzt über drei Jahre her, am Hofe von Hampdon, wohin mich Deine gütige Mutter berufen hatte, der Lady Claypole an ei⸗ nem ſchmalen Fenſter ihres Ankleidezimmers, wel⸗ ches nach dem Gewächshaus führte, vorlas. Es war ein ſchwüler Juliabend, die lezten Strahlen der Sonne vergoldeten noch den Saum des dun⸗ keln Himmels, ich konnte nicht mehr ſehen und ſchloß das Buch; Deine Schweſter ſprach darauf einige Stellen aus dem Charakterſtücke Comus. Wie höre ich noch den ſanften Ton ihrer Stimme in den Düften der Myrthen und Orangen da⸗ hinzittern: So theuer iſt des Himmels heil'ge Keuſchheit, Daß, wenn ſich eine reine Seele findet, —— Sich tauſend Engel dienend um ſie drängen, Und alles ſundhaft Schuld'ge von ihr wenden, Daß ſie in feierlichen Traumgebilden Ihr Dinge, grobem Ohr verſchloſſen, ſagen, Bis häuf'ger Umgang mit den Himmelskindern Auch ſeine Strahlen auf den Körper wirft, Bis langſam dieſes Feuer ihn verzehrt, Und Alles der Unſter blichkeit verfällt. „Die Schönheit des Gedichts, und das Gefühl, mit welchem es Deine Schweſter vortrug, feſſel⸗ ten mich ſo, daß mein Auge noch auf ihr haftete, als ſie ſchon längſt zu ſprechen aufgehört hatte. In dieſer Zerſtreuung bemerkte ich nicht, daß ein Gentleman dicht neben dem großen Orangenbaum ſtand, ſo daß die Strahlen des Vollmondes auf ſein unbedecktes Haupt fielen; ſein Haar war in der Mitte geſcheitelt, nnd fiel ihm zu beiden Seiten auf die Schultern herab; ſeine Haltung war würdevoll und doch anmuthig. John Mil⸗ ton! rief Lady Claypole aufſtehend. Ich wußte nicht, daß Ihr in unſerer Nähe waret.— Die Verſuchung war in der That groß, Madame* ein Dichter glaubt nicht eher an ſeinen Ruf, als bis er er ſeine Verſe von ſolchen Lippen gehört hat.— Er bengte ſich tief, obgleich, wie es ſchien, kalt über Lady Claypole's Hand. Sie ging in das Gewächshaus, und hieß mich ihr fol⸗ gen. Wie klopfte mir das Herz! Wie zitterte ich! Ich athmete in der Nähe des göttlichen Genius, den ich mit einer Andacht verehrte, deren ich, ſo enthuſiaſtiſch ich damals war, mich noch jetzt nicht ſchäme. Ich ſehnte mich, ihm zu Füßen zu fallen, mir ſeinen Segen zu erbitten, und den Saum ſeines Gewandes zu küſſen; ich dachte in meiner Thorheit, daß der Geiſt durch die Berührung in mich übergehen würde. Ich ſtrich mein Haar zu⸗ rück, um keines ſeiner Worte, keinen ſeiner Blicke zu verlieren. Mein Geſicht, ſagte er, verſchlim⸗ mert ſich ſo, daß das Tageslicht mich ſchmerzt; ich bin ſeither Sr. Hoheit von ſo geringem Nuz⸗ zen geweſen, daß ich Anſtand nehme, mich oft in ſeine Gegenwart zu drängen.— Lady Claypole bemerkte etwas, was ich in der That nicht hörte, da ich nur vor Begierde brannte, den Dichter wieder ſprechen zu hören; auch wurde ich befrie⸗ digt. Auf eine andere Äußerung der Lady Cay⸗ pole erwiederte er nämlich, er wiſſe wohl, daß nicht alles, was er geſchrieben habe, die Nachſicht finden würde, welche ſie ſo huldreich ſeinen Ver⸗ ſen angedeihen ließe, denn wenn ſie gleich beide die Freiheit ſchätzten, ſo wichen ſie doch in der Anſicht ab, wie ſie zu erreichen ſey.— Lady Claypole antwortete nicht; wir traten aus dem Gewächshaus auf die Terraſſe hinaus. Wie herrlich! ſagte Deine Schweſter, die Augen zu dem dunkeln, ſternenbeſäeten Himmel aufſchla⸗ — — 79— gend.— Wohl herrlich! ſagte auch Milton, und ſeine wohlklingende, und doch klagende Stimme drang mir tief in das Herz, wohl herrlich! aber auch die Zeit wird kommen, wo ich dieſe Herr⸗ lichkeit nicht mehr ſchauen, wo ich blinder ſeyn werde, als der Wurm, den ich jetzt unbewußt zertrete— er kriecht, aber er ſieht: ich werde ein Weſen der Finſterniß mitten im Glanze des Lichtes ſeyn— alles wird dunkel um mich, ewig dunkel ſeyn— meiner Nacht folgt kein Tag! Verzeiht, Lady, aber iſt es nicht ſonder⸗ bar, daß das theuerſte Gut des Lebens in ei⸗ nen ſo zarten Kreis gebannt ſeyn ſoll, während das Gefühl über den ganzen Körper gegoſſen iſt?— Der Schöpfer muß der beſte Richter ſeyn, erwiederte Deine Schweſter.— Sehr wahr, ſagte er, und die Hand, welche Wunden ſchlägt, kann auch heilen. Ich will nicht klagen, ob es gleich hart zu ertragen iſt, denn oft, wenn ich auf meine Töchter blicke, denke ich, wie traurig es ſeyn wird, wenn ich nicht mehr ſehen wer⸗ de, wie ihre Geſtalt, ihre Züge ſich entwickeln. Und dieſer harte Schlag kömmt über mich in der Blüthe meiner Mannheit— mein Leben⸗ iſt das des Gefangenen— mit jedem Tage dunkelt es mehr um mich. Heut erhielt ich einen Strauß Veilchen: ihr Duft war köſtlich, aber ich konnte — 80— den kleinen gelben Streif nicht ſehen, mit dem, wie ich wußte, ſich das dunkele Blau des Blümchens verſchmilzt, und darum ſtieß ich es von mir, weil mir der Duft nicht genügte— es war thöricht, aber natürlich. Der Mond ſelbſt blickt jetzt ſo matt, ſo bleich, und ihr ſelbſt— er verbeugte ſich, indem er dies hinzufügte— ihr ſelbſt, Myladies, ſcheint mir trübe und kalt.— Ich glaube, er legte mehr Nachdruck auf das Wort kalt, als auf die übrigen, und vielleicht ſpielte er auch auf die politiſche Meinungsverſchieden⸗ heit an, die zwiſchen ihm und Lady Claypole herrſchte. Die Schweſter nahm es wenigſtens ſo auf.— Ihr thut uns unrecht, bemerkte ſie mit Wärme, nie ſind wir kalt gegen John Milton! Sollte dies traurige Leid— was der Allmächtige in ſeiner Barmherzigkeit verhüten möge!— ſollte es fortdauern, ſo wird es euch neue Welten ſchaffen; ihr werdet das Auge, wenn ſein ganzer Reichthum zerſtört iſt, auf Erden ſchließen, um deſto heller in den Himmel zu blicken.— Was hätte ich darum gegeben, wenn das Lächeln, das jetzt um ſeinen Mund ſpielte, mir gegolten hätte! Deine Schweſter, die ſich über den En⸗ thuſiasmus betroffen fühlte, der nicht zu ihrem gewöhnlichen ruhigen Benehmen paßte, wendete ſich ab, nahm mich bei der Hand, und ſtellte mich * — 81— ihm vor. Hier, Sir, ſagte ſie, iſt ein kleines Mädchen, das, obgleich nur ſechszehn Sommer alt, doch ſchon Milton würdigen gelernt hat.— Was glaubſt Du, das ich ſagte, Franziska? Nichts? Oh, das wäre ſchon angegangen. Aber was that ich? Ich fiel auf meine Knie und küßte ſeine Hand. Ich ſchäme mich faſt, meiner Unbe⸗ ſonnenheit zu gedenken, doch glaube ich nicht daß es ihm misfiel.“ „Mißfiel!“ bemerkte Lady Franziska, die ſo wunderbar lange geſchwiegen hatte,„o nein, keinem Manne mißfällt die Anbetung, die Liebe des Weibes.“ „Sprich nicht ſo, ich bitte Dich,“ unterbrach ſie Konſtanze, der das Wort Liebe alles Blut in die bleichen Wangen getrieben hatte,„immer ſtellt Du Himmel und Erde auf gleiche Höhe.“ „Und Du, meine heilige Freundin, möchteſt die Erde zum Himmel erheben. Ich erinnere mich, daß meine Schweſter Claypole von dieſem Auftritt ſprach, und dabei erzählte, wie Mil⸗ ton ſeine Hand auf Deine Stirne legte, und daß Du die Locke, die er berührte, abgeſchnit⸗ ten haſt, und in einem diamantenen Kreuz auf⸗ bewahrſt.“ „Ich geſtehe.. „Die Thorheit, Deine Locken abzuſchneiden?“ 1 6 — 82— „Theuerſte Franziska, Du biſt grauſam in Deinem Scherze.— Wie lauſchte ich ſeinem Tritte, als er uns gute Nacht geſagt hatte, und ſich entfernte! Sein Gang war gemeſſen, und ob⸗ gleich ſein Geſicht ſich verſchlimmert hatte, ging er doch aufrecht, als ob er nichts fürchte.“ „Gut! Gib mir Milton des Morgens, aber den fröhlichen Lovelace, wenn die Schatten der Dämmerung herabſteigen. Ich kenne einen ſchö⸗ nen Gentleman, der ſeine Balladen gar ſüß ſingt. Du ſelbſt, hätteſt Du ihn gehört, würdeſt ihm lauſchen, wenn er ſingt: IZch jag' einer andern Geliebten jetzt nach⸗ Dem erſten Feind im Gefilde, Und gläubiger greif' ich, erwacht der Tag, Zum Pferd, und zum Schwerdt, und zum Schilde. Und wenn mir zum Scheiden die Kraft noch geblieben, So nimm es, mein Kind, nicht zu ſchwer, Ich könnte Dich wahrtich ſo innig nicht lieben, Liebt' ich nicht die Ehre noch mehr. „Aber ich vergeſſe, daß das ein verbotenes Thema iſt, und daß Du meinen Dichter ſo we⸗ nig liebſt, wie ich den Deinen. Armer Lovelace! Er hätte mein Hofpoet ſeyn können!“ „Ich glaubte, Lady Franziska ſeufze nicht mehr nach einer dornigen Krone.“ „Ich darf doch die Verſe eines Kavaliers lieben, ohne mir deshalb den jungen Prinzen — zum Bräutigam zu wünſchen? Meines Vaters Ausſpruch hat einen Strich durch das Anerbie⸗ ten meines Königlichen Bewerbers gemacht und ſo werde ich, denke ich, das Weib eines ernſten, nüchternen Covenanters werden, das heißt, wenn ich meines Vaters Wunſche nachgebe und Will Dulton heirathe.“ „Beſſer als einen Wüſtling und trüge er ein Zepter,“ antwortete Konſtanze feſt.„Glaube mir, Karl Stuart hat alle Schwächen ſeines Vaters, aber keine ſeiner Tugenden.“ „Mag ſeyn,“ antwortete Franziska Cromwell, „doch dünkt mich, ich hätte Geſchmack an Krone und Zepter gefunden. Du wäreſt mein erſtes Hoffräulein geworden; aber ich bitte um Ver⸗ zeihung, ſchöne Dame, ich vergeſſe, daß Ihr vor mir Euch vermählen werdet, wenn ich an⸗ ders den Eifer Sir Willmott Burrell's um Euch recht beurtheile.“ Konſtanze Cecil wurde bei die⸗ ſen Worten todtenbleich und ſetzte ſich, um ihre Bewegung zu verbergen, auf die Schwelle des Gothiſchen Tempels, vor welchem ſie eben ſtan⸗ den. Franziska bemerkte dieſe Veränderung nicht, ſondern fügte ſorglos hinzu:„Wie glücklich iſt der, wer nach ſeines Herzens Wahl heirathen kann: er kennt nicht das fürchterliche Wort: Staatsintereſſe,“ —&— „Und denkſt Du,“ ſagte Konſtanze, indem ſie ihr Gefühl nieder zu kämpfen ſuchte,„und denkſt Du ſo ſchlimm von mir, daß Du glaubſt, ich wolle aus freier Wahl mich mit einem Manne wie Burrell verbinden!— O Franziska! Franziska! Wollte Gott, das Grab, das meine Mutter auf⸗ genommen, hätte auch mir ſich erſchloſſen!“ Da— bei rang ſie ihre Hände mit ſo verzweiflungs⸗ vollem Jammer, ihre Züge ſprachen von einem ſo bittern, herzzerſchneidenden Schmerz, daß ih⸗ rer Begleiterin der Scherz auf der Zunge er⸗ ſtarb. Franziska Cromwell war ein gutes, hei⸗ teres, liebevolles Mädchen; aber ein ſo tiefes und zartes Gemüth, wie das ihrer Freundin, konnte ſie doch nicht begreifen. Ihr eigenes vä⸗ terliches Haus war kein friedliches; denn der Parteigeiſt wüthete auch dort, ohne Rückſicht auf Jahre und Geſchlecht. Des Protektors geliebte⸗ ſtes Kind hing, wie man wußte, treu an Karl Stuart's Sache, während die älteſte Tochter eine ſo glühende Republikanerin war, daß ſie allein ihren Vater tadelte, daß er eine Macht ſich an⸗ gemaßt habe, die ſo hart an die Königsherrſchaft gränze. Dieſe Meinungsverſchiedenheiten veran⸗ laßten die traurigſten Auftritte; und der Mann, den die ganze Welt ehrte, fürchtete, in deſſen Händen Königreiche lagen, konnte ſich nicht in ſeinem eigenen Pallaſte die Ruhe einer Stunde ſchaffen! Franziska, die jüngſte, miſchte ſich am wenigſten in dieſe unſeligen Fehden. Sie hatte ſo viel zu tändeln, daß ſie wenig zum Denken kam. Der tiefe Jammer, der auf Konſtanzens Geſicht lag, war ihr durchaus unverſtändlich. Leidenſchaft⸗ liches Raſen, unterdrücktes und doch drohendes Wüthen, unzufriedenes Murren, das hätte ſie gefaßt, denn es hätte dem geglichen, von dem ſie ſo oft Zeugin war, aber nie war ihr der Kampf eines feſten, edlen Gemüthes gegen ein grauſames Geſchick vorgekommen. Franziska blickte einen Augenblick auf ihre Freundin, ohne zu wiſ⸗ ſen, wie ſie ſich dabei benehmen ſolle. Sie kniete nieder, hob ihre Hände auf, ſie waren kalt wie der Tod, ſtarr wie Marmor. 1 „Konſtanze!“ rief ſie laut,„Konſtanze! ſprich zu mir! Barmherziger Gott! Was kann ich thun? Was ſoll ich thun?— Barbara! O Himmel! ſie hört mich nicht. Theure Konſtanze! Das iſt mehr als eine Ohnmacht,“ fügte ſie hinzu, als alle ihre Bemühungen, ihre Freundin zu ſich zu bringen, vergebens waren; denn Konſtanze, die durch die Anſtrengung, ruhig zu erſcheinen, und in den Frohſinn ihres Gaſtes einzuſtimmen, er⸗ ſchöpft und durch die bloße Erwähnung des Na⸗ mens Burrell niedergeſchmettert worden war, blieb regungslos liegen. — 86— „Ich muß fort und Hülfe holen,“ rief Fran⸗ ziska, nahm ihren reichen Mantel ab, warf ihn über ihre Freundin und lief oder flog vielmehr den Pfad hinauf, den ſie gekommen waren und kehrte nach kurzer Zeit mit Barbara Iverk und noch einer Dienerin zurück. „Gott ſey gelobt!“ ſagte Franziska,„ſie muß wieder zu ſich gekommen ſeyn, denn ſie hat ihre Lage verändert,“ Und ſo war es, Der ſchwarze Schleier war von ihrem Haupte herabgeſunken, das Haar wallte aufgelöſt um Bruſt und Schul⸗ ter; eine Hand ſtützte den Kopf, während die andere offen in ihrem Schooße ruhte und ein breites, mit Diamanten beſetztes Schloß hielt. Ihre Augen ſtarrten feſt darauf hin; und als Barbara die Aufmerkſamkeit ihrer Gebieterin auf ſich zu ziehen ſuchte, war ihre erſte Bewegung, daß ſie das Kleinod in den Buſen verbarg; ſie ſchien wie aus einem langen Traume zu erwachen. „Komm, Konſtanze,“ ſagte Franziska mit ſanfter Theilnahme,„es iſt kalt; wir wollen hin⸗ ein; Dir muß jetzt beſſer ſeyn. Wart' noch, laß mich Deine Haare aufbinden, damit Du den Mantel ordentlich überwerfen kannſt; Du zit⸗ terſt ja wie eine Espe.“ Franziska nahm die dik⸗ ken Locken in die Hand, ließ ſie aber plötzlich wieder fallen.„Was iſt das?“ rief ſie.„Eine der ſchönſten Locken mitten durchgeſchnitten und noch dazu mit keiner Scheere! Das iſt eine wahre Verſtümmelung. Sieh' her, Barbara, ich weiß beſtimmt, daß dies noch heute früh nicht ſo war.“ Das junge Kammermädchen ſchlug die Hände vor Schreck zuſammen; ſie betrachtete das wun⸗ derſchöne Haar ihrer Gebieterin gewiſſermaßen als ihrer Aufſicht anvertraut und wollte eben über dieſes geheimnißvolle Ereigniß Auskunft ver⸗ langen, als Konſtanze ſie bei dem Arme nahm und, ſich auf ſie ſtüßend, den Weg nach dem Hauſe einſchlug. Wie bekümmert auch Lady Franziska wegen der Unpäßlichkeit ihrer Freundin war,— und man muß ihr die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſie ſie mit aller Beſtändigkeit liebte, deren ihr flüchtiger Karakter fähig war,— ſo wurde ihre Betrübniß doch durch die Neugierde über⸗ wogen, zu erfahren, wie Konſtanze das Schloß erhalten, und ihre ſchönſte Locke verloren hatte. Aber ſie fand keinen Faden zu dieſem Laby⸗ rinthe. So vertraut ſie auch von Kindheit an ge⸗ weſen waren, ſo hoch ſie auch dem Range nach über Sir Robert Cecil's Tochter ſtand, ſo hatte ſie doch keine Freundin, bei der ſie ſich nicht eher eine Freiheit erlaubt hätte, als bei Konſtanzen. Im Verlaufe des Tages verſuchte ſie alle die — 88— kleinen weiblichen Liſten, um Konſtanze zu be⸗ wegen, von dem gewünſchten Gegenſtande zu fprechen, aber alles umſonſt. Konſtanze machte keine Bemerkung, keine Erklärung; und wenn Franziska dieſem Punkte zu nahe zu kommen ſchien, brachte ſie ſie bald zum Schweigen, wenn ſie nur ihr klares, ſtill-mildes Auge zu ihr auf⸗ ſchlug, und es langſam wieder unter den ſeide⸗ nen Wimpern verbarg. Um dieſes eigenen Blickes willen pflegte ihre lebhafte Freundin ſie gewöhn⸗ lich die ehrfurchtgebietende Schönheit zu nennen. Trotzdem quälte die Neugierde, dieſer geſchäf⸗ tige böſe Geiſt, Lady Franziska ſo, daß ſie ſich entſchloß, ſich an Barbara zu wenden, und dieſe auszufragen; ſie brauchte noch an demſelben Abend einen Vorwand, ihre eigenen Frauen aus dem Zimmer zu entfernen und forderte die kleine Puritanerin auf, ihr bei der Toilette behülflich zu ſeyn. Die arme Barbara war ein ſo zier⸗ liches und gelehriges Mädchen, als irgend eine Landdame nur wünſchen konnte; aber da ſie ihre Gebieterinnen nie nach Hofe begleitet hatte, wo⸗ hin ſie, wegen Lady Cecil's Krankheit, die letzte Zeit wenig gekommen waren, ſo war ſie nicht wenig beſtürzt, als ſie vernahm, daß ſie einer ſo hohen Perſon, wie Lady Franziska Cromwell, behülflich ſeyn ſollte, Zitternd ſchnürte ſie das —— — — ——— — 89— Sammtleibchen auf, befreite ſie die kleinen Füße aus ihrer Haft, machte die diamantenen Span⸗ gen vor der Bruſt los, und begann, nachdem ſie der Lady vorher ein weites, mit Spitzen beſetz⸗ tes Nachtkleid übergeworfen, ihr ſchwarzes Haar in Ordnung zu bringen. Dies war eine Arbeit, die Geſchick und Geduld erforderte. Die Natur hatte Barbaras ſchöne Gebieterin ſo reich be⸗ gabt, daß ihr Haar nicht künſtlich verſchönert oder vermehrt zu werden brauchte; das arme Mädchen fuhr daher erſchrocken zurück, als ein großer Theil des Kopfſchmucks in demſelben Au⸗ genblick zu Boden fiel, als ſie ein kleines ſchwar⸗ zes Band löſte, welches dieſe Haare um den Kopf der Lady Franziska feſtgehalten hatte. Die Lady lachte, als ſie das verwunderte Geſicht des Mädchens in dem Spiegel ſah, vor dem ſie ſaß. Mit bebender Stimme ſagte dieſe, die Locke hinhaltend:„Ich habe ſie nicht abgeriſſen, My⸗ lady...“ „Wie, Du ſchlimmes Geſchöpf, ſo willſt Du meinen Kopf eben ſo berauben, wie den Deiner Herrin! Gleich ſage mir, Barbara, aber aufrich⸗ tig, was haſt Du mit der Locke angefangen, die ich heut Morgen vermißt habe?“ „Ich, Mylady?“ „Freilich Du. Es macht doch niemand anders Deiner Lady das Haar zurecht?“ — 90— „Nein, aber ich verſichere Ihre Gnaden, daß ich die Locke nicht abgeſchnitten habe. Es iſt in der That wunderbar.“ „Das iſt's, Du gutes Mädchen, ſehr wun⸗ derbar. Aber ſag' mir, Barbara, könnteſt Du wohl ausfinden, wer es gethan hat?“ „Nur, wenn Mylady es mir ſagt.“ „Iſt kein anderes Mittel?“ „Keins, als wenn ich Mylady fragte, und das darf ich nicht wagen.“ „Ich auch nicht,“ dachte Franziska.„Aber, Barbara, Du ſeehſt vielleicht, oder, oder, oder Du denkſt. „Mit ot, Ihre Gnaden, ich denke ſo Manches, und der ehrwürdige Herr Mundflink ſagte noch dieſen Morgen zu mir, daß ich an Anmuth, wie an Größe zunähme, und was das Sehen betrifft, ſo erlauben mir Ihre Gna⸗ den... ⸗ „Das meine ich nicht, Kind. Ich wollte ſa⸗ gen, ob Du nichts entdeckt hätteſt? Dann das Schloß! Haſt Du es je vor dieſem Morgen in Deiner Lady Hand geſehen?“ „Nein, Ihre Gnaden?“ „Vielleicht,“ fuhr Franziska, über ihre Neu⸗ gierde ſelbſt erröthend, fort,„dürfte es gut ſeyn, wenn man, um Deiner Lady eignen Woh⸗ les willen, dieſen beiden Geheimniſſen nachzu⸗ ſpüren ſuchte.“ „Ich kann darüber nichts ſagen, Mylady, aber wenn meine Herrin wünſchte, daß ich von dieſen Dingen etwas wiſſen ſollte, ſo würde ſie mir es gewiß mittheilen. Soll ich dieſen Am⸗ bra, oder lieber dieſe Moſchusroſe in Ihrer Gnaden Haare ſtecken?“ Wie ſetzt ein ſchlichtes Gemüth oft die Liſt in Verlegenheit! Hätte ich, dachte Franziska, jetzt eines meiner Hofmädchen hier, ſie würde meine Abſicht im Augenblick errathen haben; und dies Geſchöpf, das zehnmal mehr Eifer und geſun⸗ den Sinn hat, hält es geradezu für gottlos, die Geheimniſſe der Herrſchaft auszuſpüren. Mich wundert, daß meine Frauen ihr noch keine Hofſitte beigebracht haben.—„Du kannſt zu Bett gehen, Barbara; zünde meine Nachtlampe an und gib mir ein Buch, ich fühle mich noch nicht ſchläfrig.“ Barbara reichte in ihrer Unſchuld der Lady eine kleine Bibel hin, welche auf der Toilette lag; es ſchien, als ob die Lady lächele, als ſie das Buch in die Hand nahm, ſie bemerkte je⸗ doch nur:„Gib mir auch das Buch mit den goldenen Spangen; ich möchte gern meines Vet⸗ ters Waller letzte Hymnen durchleſen.“— Was — 92— für ein durch und durch erbärmliches Ding iſt doch die Einfalt! dachte ſie halblaut, als Barbara die Thüre hinter ſich zuſchloß. Und doch möchte ich mein Leben lieber den Händen dieſer Land⸗ dirne, als den geputzten Geſchöpfen anver⸗ trauen, die, trotz ihren bauſchigen Roben, zu Whitrhall und Hampton allen Launen der Ver⸗ derbniß ſchmeicheln! * Viertes Kapitel. O— Wir haben Lady Cromwell in Geſellſchaft ih⸗ res Freundes Waller— des größten Schmeich⸗ lers ſchmeichleriſcher Höfe, des Verehrers Karls I., des engherzigen Verräthers ſeiner Freun⸗ de, des Anbeters von Cromwell, des Spaßma⸗ chers des zweiten Karl, und des frömmelnden Dieners des bigotten Jakob— verlaſſen, aber ſeine Poeſie ſchien keine große Gewalt über die junge Dame auszuüben, denn ſehr bald ſank ſie in den Schlaf, den Konſtanze Cecil noch nicht finden konnte. Barbara ſchlich, nachdem ſie Lady Franziska verlaſſen hatte, mit leichtem Tritte nach dem Zimmer ihrer theuren Gebieterin, drehte langſam die Klinke auf, und ſchlug die ſilberblumigen, damaſtenen Vorhänge ſo behut⸗ ſam zurück, daß ihre Gegenwart gar nicht be⸗ merkt wurde. Das Mädchen ſah, daß ihre Herrin noch nicht ſchlief. Sie hatte offenbar geleſen, — 94— denn die heilige Schrift war noch offen, und die Hand lag noch auf den Blättern, aber ſelbſt Barbara war erſtaunt, als ſie ſah, daß ihre ganze Aufmerkſamkeit auf das geheimnißvolle Schloß gebannt war, welches ſie in der andern Hand hielt. Das vortreffliche Mädchen fühlte in ihrer Aufrichtigkeit und Geradheit, daß, da ihre Gebieterin ſie nicht hatte hereinkommen hören, es unziemlich ſey, wenn ſie etwas erlauſche, was ſie für ein Geheimniß hielt, und ließ des⸗ halb abſichtlich einen Becher fallen, was in der That Konſtanze aus ihrem Traume weckte. Sie ſchob ſchnell das Schloß unter das Kiſſen, und rief ihrer Dienerin, ihr den Nachttrunk zu rei⸗ chen und ihr eine Stelle, die ſie bezeichnete, vorzuleſen. Es herrſchte eine heilige Ruhe in dieſem Zimmer, als Barbara die ewigen Tro⸗ ſtesworte ſprach, und Konſtanze, die Hände über der Bruſt gefaltet und eine ſtille Thräne im Auge, mit bewegtem Herzen ihnen lauſchte. Bar⸗ bara ſaß auf einem Seſſel neben dem Bett, auf dem Schooße die Bibel, auf welche das Licht einer goldenen Lampe fiel, das jedoch die tieferen Theile des mit dunkeln Tapeten beſetzten Zim⸗ mers nicht erhelltte. 1. Im anſtoßenden Zimmer befand ſich ihr Va⸗ ter; es war hoch, aber nicht geräumig. Von in⸗ — 95— nen war die Thür durch viele Riegel geſchloſ⸗ ſen, die er, im Augenblicke, wo ſeine Tochter Hülfe und Rath bei dem Allmächtigen fand, mit ängſtlicher Sorgfalt unterſuchte. Darauf drehte er auch den Schlüſſel ein⸗ oder zweimal herum, ſchüttelte an der ſchweren Thür, ob ſie auch wirk⸗ lich feſt zu ſey, und prüfte ſodann auch die Fenſterladen. Nachdem er ſich überzeugt hatte, daß auch dieſe gehörig ſchloſſen, wendete er ſich nach dem Tiſche, wo ein Licht hell brannte, nahm ein Paar Piſtolen, ſteckte ſie unter die Kiſſen, nahm dann ein breites, gewichtiges Schwerdt von dem Geſimſe, auf welchem es ver⸗ borgen war, herab, zog es aus der Scheide, und fuhr mit dem Daumen über den Stahl, um ſich von deſſen Schärfe zu überzeugen. Dar⸗ auf legte er das Schwerdt neben das Bett, und fing nun endlich an, ſich ohne Hülfe zu entkleiden. Dies hielt ihn nicht lange auf, ob er gleich gelegentlich einhielt, einen Blick im Zim⸗ mer umher warf, und den Kopf vorbeugte, als ob ein unerwartetes Geräuſch ihn getroffen hätte. Als er ſeinem einſamen Lager ſich näherte, kam er an einen ungeheuern Spiegel in einer ſchwe⸗ ren eichenen Einfaſſung vorüber; er ſah ſein ei⸗ genes Bild, und ſchreckte zurück, als ob ein Geſpenſt ihm ent gegenträte, Seine Wangen er⸗ — 96— bleichten, ſeine Knien zitterten gegeneinander, ſein Athem ſtockte. Endlich ſprang er, mit der Hand um ſich ſchlagend, als ob er das Phantom, das ſeine Einbildungskraft heraufbeſchworen Ffort⸗ ſcheuchen wollte, ſchnell in ſein Bett, und be⸗ grub ſeinen Kopf in den dicken Kiſſen. Am Ende des Korridors, welcher zu den Schlafgemächern führte, lag das Zimmer, wel⸗ ches Burrell von Burrell bewohnte, wenn er nach Cecilhaus kam; ſeine Beſuche waren jedoch nicht ſo häufig, noch von ſo langer Dauer, als man von einem Liebhaber der Lady Konſtanze Cecil hätte erwarten ſollen. Er näherte ſich ſtark dem mittleren Lebensalter; ſeine Jugend hatte er hauptſächlich am Hofe oder eigentlich an beiden Höfen verbracht, denn er war in der That früh ein Anhänger des unglücklichen Karl geweſen, ob er gleich ſpäter von Herzen ein ſo vollkom⸗ mener Königsmörder wurde, als irgend einer, der thätiger an den ſchrecklichen Ereigniſſen je⸗ ner Tage Theil genommen hatte. Er ſchloß ſich, doch nur für eine kurze Zeit, der Parlaments⸗ Armee an, indem er als Vorwand angab, daß er unter ſeinen Pächtern bleiben und ſie im Zaume halten müſſe. Sir Willmott Burrell hatte in der That zwei Charaktere, einen für das öf⸗ fentliche, und einen andern für das Privatleben. — 97— Sein Benehmen gegen Höhere, und ſelbſt gegen die ihm Gleichgeſtellten war höflich, einſchmei⸗ chelnd, während er gegen Niedere auffahrend, hochmüthig und ſtrenge war, er mußte denn et⸗ was Beſonderes von ihnen erreichen wollen, in welchem Falle er dem Gemeinſten liebkoſen konnte Er hatte eine beſondere Gabe, jemanden in das Innerſte ſeines Herzens zu dringen, und was ihm zu ſeinem Vorhaben dienlich war, aus ihm herauszupreſſen; hatte er der Frucht ihren Saft genommen, warf er ſie gleichgültig bei Seite. Von jedem moraliſchen oder religiöſen Gefühle entblößt, benutzte er den Puritanismus nur als einen Deck⸗ mantel für Eigennutz und Sündhaftigkeit, und wenn er auch oft ſeinem guten Namen fluchte, ſo⸗ bald er ihm bei einem Vergnügen im Wege war, ſo hielt er ihn doch für zu nützlich, als daß er ihn wie ein werthloſes Ding hätte von ſich werfen wollen. Sir Willmott Burrell hatte in mehre Ge⸗ heimniſſe Sir Robert Cecil's zu dringen ge⸗ wußt, während er die, welche ihm nicht mitge⸗ theilt worden, mit dem ihm natürlichen Scharf⸗ blicke zum Theil errieth. Er war zu ſinnlich, als daß er gegen die Schönheit Konſtanzens hätte gleichgültig bleiben können, aber er ſchmähte die Natur, daß ſie einen ſo ſchönen Körper auch mit I. 7 — — 98— einer Seele begabt hatte, und die Würde und Reinheit der ihm beſtimmten Braut machte ihn nicht ſtolz, ſondern ärgerlich. Konſtanze hörte von Burrell's Anmuth, von ſeinem Witz und zuweilen, obgleich dies ſelbſt unter Frauen ein ſtreitiger Punkt war, von ſei⸗ ner Schönheit ſprechen, ohne daß ſie je eine die⸗ ſer Eigenſchaften entdecken konnte; und allerdings erſchien er nie ſo zu ſeinem Nachtheile, als in ihrer Gegenwart; ihr Auge hielt ihn in einer Unterwerfung, die er ſich anzuerkennen ſchämte, und wenn er auch unleugbar dieſe Verbindung nur der reichen Gefilde und Waldungen der Erbin von Cecil wegen wünſchte, ſo kränkte es ihn doch tief, daß das einzige Gefühl, welches die Lady gegen ihn zeigte, entſchiedene Kälte, wo nicht Verachtung war. Den Tag nach dem Be⸗ gräbniſſe ihrer Mutter hatte ſie ſich geweigert, ihn vor ſich zu laſſen, obſchon er wußte, daß ſie mit Lady Franziska draußen im Garten ge⸗ weſen war. Sir Robert ſuchte zwar Unpäßlich⸗ keit vorzuſchützen, aber ſein Stolz blieb doch ver⸗ letzt. Eine wichtige Mittheilung von Frankreich, wo er einige Monate als Attache bei der Eng⸗ liſchen Geſandtſchaft ſich aufgehalten hatte, ſchien ſeine böſe Stimmung noch vermehrt zu haben. Er begab ſich frühzeitig in ſein Gemach, wo er⸗ — 44 bei dem geheimnißvollen Schimmer einer trübe⸗ brennenden Lampe, mit finſterm Geſichte ver⸗ ſchiedene Dokumente und Papiere einſah, welche auf einem mit Silber ausgelegten Tiſche ausge⸗ breitet waren. Ein Brief, den er mit großer Aufmerkſamkeit las und wieder las, ſchien ihn mehr, als alles Andere aufzuregen. Er drehte ihn um und um, unterſuchte das Siegel, legte ihn nieder, nahm ihn wieder auf und ſchien ei⸗ nige Zeit ſeinen Gedanken nachzuhängen. End⸗ lich warf er das Schreiben ins Feuer und ging mit ungleichen Schritten, die Arme übereinan⸗ dergeſchlagen, im Zimmer auf und ab. Aus ſei⸗ nem Auge blitzte eine gefahrdrohende Gluth, die einen Charakter verrieth, der ſchnell mit einem Entſchluſſe bei der Hand iſt und nichts in ſei⸗ ner Ausführung ſcheut. Er legte ſich nicht eher nieder, als bis das Oel ſeiner Lampe ausgebrannt war, dann warf er, ohne ſich auszukleiden, ſich auf das Bett. Sein Schlummer war jedoch nicht von langer Dauer; ehe die Sonne aufging, war er bereits auf. Er ſtieg aus dem Fenſter, verließ durch die Hinterthür das Haus und ſchlug den Pfad ein, der nach der Mövenneſtklippe führte. Die Nacht war ſtürmiſch geweſen; die Wuth des Ozeans hatte ſich noch nicht gelegt, und Bur⸗ rell lauſchte ſeinem wilden Toben, wenn er mit — 100— ſchäumenden Wogen das Ufer peitſchte, wie das Schlachtroß noch ſchnaubt und ſchlägt, wenn ſchon die tiefe Stille dem Siegesgeſchrei gefolgt iſt, als ob es noch einmal dem Todeskampfe zu be⸗ gegnen wünſche. Plöͤtzlich verließ er den gewöhnlichen Weg über einen Theil unbebauten Landes, welches die Klip⸗ pen umgränzte, und eilte durch das lange Gras und das dichte Ginſter in gerader Linie nach der Wohnung der Mutter Robin Hays, ohne die Hinderniſſe zu beachten, welche ſeine Füße zu überſteigen hatten. Es war ſo früh, daß noch kein Hirt ſeine Hürde geöffnet hatte; das Vieh, welches die Nacht über in Freiheit gelaſſen war, ſchlief noch auf dem Raſen; und der Fuchs ſchlich kühner als ſonſt umher, als ob er wüßte, daß kein Feind ihn bemerke. Ich kann das Möwenneſt erreichen, dachte Bur⸗ rell, und zurück ſeyn, ehe noch jemand im Hauſe wach iſt. In demſelben Augenblicke aber feſſelte eine lange, dürre Figur, die ſich von demſelben Punkte, dem er zueilte, mit bedächtigem Schritte entfernte und ſich ihm näherte, ſeine Aufmerkſam⸗ keit; und nicht wenig war er beſtürzt, als er den ehrwürdigen Jonas Mundflink erkannte, von dem er wegen ſeiner Abweſenheit bei Lady Cecil's Lei⸗ chenbegängniß einer ſtrengen Strafpredigt ge⸗ 4 N — 1901— wärtig war. Da kein Ausweichen mehr möglich war, ſo waffnete er ſich mit Geduld, zog den Mantel enger um ſich, als ob er einem ſchar⸗ fen Winde entgegenginge, und erwiederte mit großer Höflichkeit den Gruß des Predigers, der wegen ſeiner allzeit bereiten Beredtſamkeit den Beinamen: Mundflink erhalten hatte. Die Haare des Geiſtlichen waren, nach der Mode der Zeit, rund um den Kopf abgeſchnitten, und das ma⸗ gere, ſpitze Geſicht ſah ſauer unter einem hoch⸗ aufſteigenden Hute hervor. Er trug einen ſchwar⸗ zen Mantel, ſchwarzes Wams, Flammändiſche Beinkleider von derſelben dunkeln Farbe, und breitabgeſtumpfte Schuhe mit Kreppſchleifen. Den Lehren des friedliebenden Heilandes ſchien aber der Korbdegen nicht zu entſprechen, den er ſich an einem breiten Gurt von ſchwarzem Leder um⸗ geſchnallt hatte. Sein ganzes Aeußere war dem⸗ nach düſter, unheilvoll; und ſo gottlos auch Bur⸗ rell von Burrell war, ſo verdroß ihn doch dieſes unglückverkündende Zuſammentreffen. „Es bedeutet Gutes, wenn man den, ſo der Herr mit allen irdiſchen Bequemlichkeiten des Lebens geſegnet hat, ſo früh die Trägheit von ſich ſchütteln und umherſtreifen ſieht, ohne Zwei⸗ fel zum Beſten der Treugeſinnten?“ Burrell gab eine paſſende Antwort, ohne et⸗ - — 102— was über die Urſache ſeiner frühen Wanderſchaft anzugeben. „Warum ſäumtet Ihr, Euch bei der Ver⸗— ſammlung der Heerde Gottes am Begräbnißtage der Lady Cecil einzuſtellen? Ich bete zum Him⸗ mel, daß Euch nicht die Fleiſchtöpfe Egyptens zur Verderbniß locken, noch das Gold von Ophir, oder der eitle Ruhm der ſündvollen Men⸗ ſchen Euch in den Abgrund reißen!“ „Es waren Staatsgeſchäfte, Befehle aus Sr. Hoheit eigenem Munde, die mich zurückhielten.“ „Preis der Vorſehung, welche ihr auserwähl⸗ tes Volk in ſolche Hut gegeben hat, wie die des Lord Protektors! In Wahrheit, er mag vergli⸗ chen werden mit den Sichelwagen und Streitern Iſfraels; mit dem geſegneten Zerubabel, der den wahren Dienſt wiederhergeſtellt hat, den die Ju⸗ den in ihrer Blindheit von ſich geworfen hatten; mit Joſua, den der Herr zur Geißel für die verwor⸗ fenen Cananiter beſtimmte; mit Moſes, der beides, geiſtige Stärkung und irdiſche Speiſe, denen gab, ſo deſſen bedurften; mit Gideon iſt er zu vergleichen, mit Elias, David, Heſekia, dem weiſen Salomon, allen Heiligen der Erde!“ Der würdige Jonas hatte r dieſe Namen mit einer ſo unaufhaltſamen Schnellig⸗ keit genannt, daß er erſchöpft einen Angenblick Athem holen mußte, Da die Zeit aber für Bur⸗ —, — — 103— rell von dem höchſten Werthe war, ſo ſuchte er dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben, die ihn in Stand ſetzen könnte, ſich von der Ge⸗ ſellſchaft ſeines Gefährten loszumachen; er er⸗ klärte daher, wie tief er bekümmert geweſen ſey, daß er die erbauliche Rede, welche Herr Mund⸗ flink damals gehalten, verſäumt habe, und fügte die Frage hinzu, wann er wieder ſeine heiligen Lehren vorzutragen denke, damit er ſich ſtärken könne an dem Oele und dem Honig, das von ſeinen Lippen träufle. „Du ſprichſt die Wahrheit,“ erwiederte der energiſche Prädikant,„Du ſprichſt die Wahrheit: Honig und Oel iſt es für die Gläubigen, die Frommen, die Gerechten in unſerm neuen Je⸗ ruſalem! Aber was iſt den Ungläubigen aufbe⸗ wahrt? Was denen, die auf ſich ſelbſt vertrauen? Denen, die in Kedar wohnen? Ihnen ſind meine Worte bitter, eine Geißel, ein Wirbelwind, der ſie nach den vier Winden des Himmels zerſtreut! Denn der Herr iſt müde, ihnen Barmherzigkeit zu zeigen: ſie ſollen alle untergehen— ihre Glieder ſollen zerbrochen werden— ich will ſie nieder⸗ ſchmettern, die Philiſter, niederſchmettern.—“ „Wie einſtens Samſon,“ unterbrach ihn Bur⸗ rell,„wie Samſon ſie zu Boden geworfen hat mit eines Eſels Kinnbacken.“ — 104— „Eben ſo,“ antwortete Jonas, der in aller feiner Heftigkeit doch nur ein aufrichtigmeinen⸗ der Enthuſiaſt war und ſich nicht einfallen ließ, daß Sir Willmott etwas anders beabſichtigen könne, als ihn in ſeinem Eifer zu beſtärken— neben ſo, und es freut mich, Dich bewandert in der Schrift zu finden. Wahrlich, ich freue mich Deiner Geſellſchaft, und da Du bedauerſt, daß die Geſchäfte der Welt Deine Anweſenheit bei der Verſtorbenen verhinderten, ſo will ich gerne meine jetzige Muße Deiner Erbauung widmen, ich will die Worte, welche ich damals predigte, wie⸗ derholen, ja ihnen mehr noch hinzufügen. Unſere Uebung ſoll nicht vor Mittag enden. Es iſt recht, daß wir unabläſſig im Weingarten arbeiten.— So ſprechend zog er eine zuſammengehakte Bibel aus der Bruſt und gab, zu Burrell's Aerger, den Text an, ehe dieſer noch einen Plan faſſen konnte, wie ſein zudringlicher Gefährte, den er von Herzen nach Tophet und weiter wünſchte, fortzuſchaffen ſey. „Mein würdiger Freund, wollt Ihr nicht die Belehrung, die Ihr mir geben wollt, auf eine paſſendere Zeit verſchieben? Ich habe dringende Geſchäfte zu beſorgen, und muß deren Ausfüh⸗ rung beſchleunigen.“ „Dann will ich meine Lenden gürten und Dich begleiten bis zur Schwelle des Hauſes, in das Du eintreten willſt, und während wir gehen, die köſtliche Salbung der Gnade in Deine Seele leiten.“ „Der unbarmherzige, alte Schurke!“ murmelte Burrell zwiſchen den Zähnen, fügte jedoch laut hinzu:„Nicht alſo, Eure Worte ſind von zu hohem Werthe, als daß der Wind ſie verwehen dürfte, und ich kann nicht lang genug weilen, um ſie nach der Luſt meines Herzens einzuſaugen; laßt es daher ſeyn, ich bitte Euch, und kommt auf den Abend oder Morgen nach Cecilhaus, damit viele mit uns beten können.“ Mundflink ſtand ſtill und hielt noch immer die Bibel in der Hand.„überdies,“ fuhr Burrell fort,„was ich zu verrichten habe, iſt ein Werk des Herrn.“ „Des Herrn Werk?“ wiederholte Jonas. „Dann ziehe hin. Warum haſt Du das nicht längſt bemerkt? Ich hätte Dich angetrieben, nicht zurückgehalten; denn, in Wahrheit, der innere Menſch in mir ſtreitet mit dem äußeren, und dieſe Stützen des Fleiſches“— er zeigte dabei auf die dünnen, magern Beine—„ermüden vom Recht thun.“ Burrell bedurfte keines Anſpornens, ſondern eilte davon, nachdem er vorher in aller Demuth — 106— Mandflink's Segen empfangen hatte, der noch eine Zeitlang dem Ritter nachſah, bis dieſer hin⸗ ter einem Hügel verſchwunden war. Burrell erreichte bald den Strand, war jedoch noch eine ziemliche Strecke von der Möwenneſtklippe entfernt. Als er auf einem Punkte angekommen war, welcher eine unbeſchränkte Ausſicht auf die weit ſich hindehnende See gewährte, hielt er ſeine Hand vor die Augen, und blickte lang und nachdenkend auf die wilden Gewäſſer. Offenbar fand er nicht, was er ſuchte, denn er zog ein Fernrohr hervor, und blickte durch daſſelbe, in⸗ dem er es nach verſchiedenen Punkten richtete. Endlich ſtieg er mit ſichtlicher Ungeduld die Klippe hinab und ſezte ſeinen Weg längs dem Ufer fort. Als er dem kleinen Wirthshauſe näher kam, vernahm er einen von Waller's beliebteſten Ge⸗ ſängen, der mit ſo ſüßer Stimme geſungen wur⸗ de, daß er ſtehen blieb und ſich umſah. Es ward ſtill. Seine Blicke begegneten keiner menſchlichen Geſtalt. Er rief, erhielt jedoch keine Antwort. Kaum war er aber wieder drei Schritte vorge⸗ gangen, als der Geſang, und, wie es ſchien, gerade über ſeinem Kopf wieder anfing. Von Neuem rief er, ein lautes, koboldartiges Geläch⸗ ter antwortete ihm, und hallte von Felſen zu Felſen wieder. „Nire oder Dämon, wo ſeyd Ihr?“ „Hier, Herr!“ antwortete Robin Hay, der, mit ſeinem großen Kopf nickend, auf der vorra⸗ genden Zacke eines Felſens ſaß. „Komm herunter, Du Irrwiſch! Was, um Himmels Willen, bringt Dich auf einen ſo hals⸗ brechenden Platz?“ „Daſſelbe, was Euch hieher führt,“ antwor⸗ tete Robin, der, je nach der Beſchaffenheit des Riffs, bald hinunter kletterte, bald glitt, ganz daſſelbe, ein Weib. „Woher wißt Ihr das, Ihr Schwätzer, und jeden⸗ falls denke ich, habt Ihr kein Weib dort oben?“ „Je nun, Herr, da ich weiß, daß Ihr unter dem Einfluß des Planeten Venus geboren ſeyd, ſo kann all Euer Treiben auch nur ſein Werk ſeyn; und was das betrifft, daß ich kein Weib dort haben könnte, ſo heißt das nichts, denn die Laune einer Frau ſteigt höher, als irgend eine Klippe in ganz England, und um ihre Gunſt zu gewinnen, müſſen wir ihren Launen ſchmeicheln. Ein gewiſſes Mädchen, das ich kenne, hatte Luſt, einmal ein Kiebitzei zu ſehen; ich dachte dort oben deren zu finden,— und da ſind ſie,“ fügte er hin⸗ zu, indem er die buntgeſprenkelten Eier aus der Taſche zog. „Was für ein Thor ſeyd Ihr,“ rief Burrell, — 108— „für ſolchen Tand Euren Hals zu wagen. Es für Euren Herrn zu thun, fällt Euch ſo leicht nicht ein.“ „Ich kannte viele, die ihr Leben für weniger auf's Spiel ſetzten, und, die Wahrheit zu ſagen, es läßt ſich viel von dieſen wilden Vögeln ler⸗ nen,“ antwortete Robin, als ob er die letzte Anſpielung Burrell's nicht gehört hätte.„Ich habe eine Achtung für die Geſchöpfe, welche wie Könige durch die Luft ziehen. Manche Stunde habe ich dort geſeſſen und der Sprache des Him⸗ mels und der Sprache der Erde gelauſcht, wäh⸗ rend die helle Stimme der Möve, das Geſchnatter des Waſſerhuhns, das heiſere Krächzen des See⸗ raben, der grelle Schrei des Reihers mich um⸗ tönten. Und ich verſichere Euch, die Vögel kennen mich. Da ſind ein Paar alke Möven...“ „Robin, ich bin nicht hierher gekommen, über Raben und Möven zu reden; ich habe Dich etwas zu fragen, und erwarte eine ehrliche Antwort.“ Robin machte den ernſtlichſten Verſuch zu einer Verbeugung, den er ſich jemals hatte zu Schul⸗ den kommen laſſen. „Ehrlichkeit, Robin, iſt eine höchſt ſchätzbare Eigenſchaft.“ „Das iſt ſie, Sir, und wie alles Schätzbare verdient ſie einen guten Preis.“ — 109— „Menſch, Du könnteſt ein Schüler Manaſſa Ben Iſraels ſeyn. Du haſt meinen Dienſt kaum zwei Tage verlaſſen, und ſo hätte ich ein Recht auf Deine Ehrlichkeit. Du biſt ſo ſihlimm⸗ wie ein Jude.“ 3 „Nun, ſo habe ich um ſo eher Recht, einem Chriſten ſein Geld abzunehmen.“ „Laß jetzt den Spaß, mißgeſtalteter Fant. Ich verlange keine Mühe umſonſt. Nimm das, Dei⸗ nen Mund zu ſtopfen, und nun ſage, wann ſahſt Du Hugh Dalton?“ „Nicht ſeit er die Ehre gehabt hat, Ew. Gna⸗ den in London aufzuwarten.“ „Aber er iſt unweit der Küſte?“ „Mit Verlaub, Sir, eben darum ſehe ich ihn nicht auf ihr.“ „Schurke, keinen Scherz, oder ich werde Deine Rationen bald auf Salzwaſſer ſetzen. Dalton, ſage ich, liegt an der Küſte; ich möchte, ich muß ihn ſprechen; und da ich weiß, daß Ihr mit ein⸗ ander korrespondirt, ſo richte es ſo ein, daß ich ihn unter der Höhle treffe; verſtehſt Du mich? Un⸗ ter der Höhle, morgen Abend elf Uhr.“ Burrell entfernte ſich, kehrte ſich aber noch einmal um und fügte hinzu:„Ihr ſeyd mir noch Genung⸗ thuung für Euer ſchändliches Ausreißen in der letzten Nacht ſchuldig; ich habe es nicht vergeſſen.“ Robin wartete, die Mütze in der Hand, ab, bis der Baronet ihm aus den Augen war, und begab ſich ſodann mit ſeinem treuen Crisp nach der Hütte zurück, wo ihn eine von ſeiner Mut⸗ ter trefflich mit Gewürz angemachte Suppe er⸗ wartete. — 111— Sechstes Kapitel. — Nichts iſt ſo veränderlich in England, als das Klima. Noch vor Anbruch der Nacht ſchien jede Spur des Sturmes von dem Meere verſchwun⸗ den zu ſeyn, welches jetzt im Mondenſcheine ru⸗ hig und eben ſich ausſtreckte. Aber die Ruhe der Natur machte keinen Eindruck auf das Gemüth Burrell's, als er zu ſeiner Beſprechung mit dem kühnen Bucanier eilte. Doch ſah man ihm äu⸗ ßerlich nicht an, daß er etwas bei dieſem Zu⸗ ſammentreffen fürchtete, denn das Schwert aus⸗ genommen, welches er, wie alle Perſonen jeden Standes und Ranges unter der Herrſchaft Crom⸗ well's, trug, war er durchaus unbewaffnet. Der Platz war mit Recht als unter der Höhle be⸗ zeichnet. Er war Dalton's genaueren Bekannten, und den Kavalieren bekannt, welche von Zeit zu Zeit hier Sicherheit gefunden hatten, aber wenn die Wände hätten reden können, ſo würden ſie — 112— auch manche fürchterliche Geſchichte von Ranb und Plünderung mittheilen. Die Höhle ſchien denen, welche längs der Seeküſte wandelten, nur eine tiefe natürliche Oeffnung in dem gro⸗ ßen Felſen, deſſen eines Ende in den Ozean hinauslief und daher den Wanderer eine Art künſtlicher Stufen hinaufzuſteigen zwang, um auf die andere Seite zu gelangen; dieſe Seite war daher, da ſie ohnehin zu keinem benutz⸗ ten Punkte führte und die Bewohner des nahe⸗ liegenden Möwenneſtes Sorge getragen hatten, Wege nach verſchiedenen Richtungen, nur nicht nach dieſer Klippe, anzulegen, ziemlich unbeſucht und das unbeſtrittene Eigenthum der wilden Seevögel. Ob die Höhle die urſprüngliche Schöpfurg der Natur oder durch Menſchen angelegt, oder wenigſtens ausgeweitet worden war, läßt ſich nicht beſtimmen. Gleich andern beſſern Denkmä⸗ lern jener Zeit iſt ſie längſt fortgeſchwemmt durch die ſtürmiſche See, die noch täglich dort, wie an andern Orten, ihr ungeheures Reich erwei⸗ tert. Große Maſſen von Granit lagen in der Höhle umher, wie regellos von Rieſenhänden umhergeſchleudert. Die Eingeweihten wußten je⸗ als er eingetreten war, ſogleich nach dem äußer⸗ doch, daß das nicht der Fall war. Burrell ſchritt, — 113— ſten Ende vor, kniete nieder, brachte ſeinen Mund dem Boden nahe und pfiff, darauf ſtand er ſchnell auf und wartete, einige Schritte davon aufrecht ſtehend, den Erfolg ab. In der That bewegte ſich alsbald etwas, das eben nur eine rohe Stein⸗ maſſe geſchienen hatte, erſt aufwärts, dann auf die Seite, und Kopf und Schultern eines Man⸗ nes kamen ſo plötzlich zum Vorſchein, als ob es das Werk einer Zauberei ſey. Er drückte ſich et⸗ was an die Seite, um Burrell hinunterzulaſſen; einen Augenblick darauf ſah die Höhle wieder ſo öde aus, als ob ſie nie ein menſchlicher Fuß be⸗ treten hätte. Sechs oder acht rohgehauene Stu⸗ fen brachten den Ritter in ein niedriges, aber geräumiges Gemach, aus dem kein anderer Aus⸗ gang zu ſeyn ſchien, als durch eine Wölbung, wo man den Anfang eines ſchneckenförmigen Weges bemerkte, der beinahe ſteil zu dem geheimen Ver⸗ ſteck in dem Wirthshauſe der Wittwe Hay führte, in welchem Jack Roupall und ſeine Freunde ver⸗ borgen waren, und welches keineswegs zum Zweck hatte, jeden müden Wanderer aufzunehmen. Da das Möwenneſt oft in Verdacht kam, daß es verdächtige, geächtete Perſonen beherberge, und demgemäß mehrmals durchſucht wurde, ſo fan⸗ den die, welche es räthlich hielten, ſich zu ver⸗ bergen, Schutz in der Höhle, in der ſie ſich ſo 1 I. 8 — 114— lange als nöthig aufhalten, oder von wo aus ſie an Bord eines der Freib euter gehen konnten, welche ſelten eine Woche vorüberließen, ohne an irgend einem Punkte der Inſel nach ſolchen Ge⸗ ſchäften nachzufragen. Die Höhle konnte daher nicht anders als ſehr vielen bekannt ſeyn. Nicht ſo das tiefere Gemach, in welches Burrell durch eine Thür Zulaß ſuchte, mit der nur wenige Perſonen bekannt waren. Dieſen war das Ge⸗ heimniß nur aus Noth, aber unter dem fürch⸗ terlichſten Eidſchwur und mit der Drohung an⸗ vertraut worden, daß das Leben deſſen, der zum Verräther würde, jedem der übrigen Mitwiſſer verfallen ſey. Die Thür, vor welcher Burrell ſtand, war in ihrer Art ein Meiſterſtück; ſie beſtand aus einem ſo künſtlich eingeſetzten Steine, daß nie⸗ mand, ſelbſt hätte er von der Exiſtenz derſelben gewußt, ſie aufgefunden hätte. Ein leichter Pfiff wurde durch ein ähnliches Zeichen beantwortet, die Thür glitt langſam zurück, bis Burrell Raum hatte, ſich durchzudrängen und in ein neues, aber nicht ſo rauhes und wildes Gemach, als das andere, zu gelangen. In einem Winkel dieſer ſonderbaren Halle lag ein Haufe Musketen, Büchſen, Handgranaten⸗ Schwerter, Korbdegen, Küraſſe, welche, nach ih⸗ — 115— ren Beulen zu urtheilen, ſchon hart mitgenommen worden waren; Büffelröcke, Bruſt⸗ und Schul⸗ terſtücke mit vergoldeten und einfachen Schnallen, Handfeſſeln; unter einer Menge Flaggen aller Nationen, die hier freundſchaftlich zuſammenge⸗ bunden waren, blickte die Mündung einer eher⸗ nen Drehbaſſe vor; über ihnen lagen Mäntel, Mützen, Federn und andere Kleidungsſtücke. Auch ſah man mehre Daumenſchrauben und andere Marterinſtrumente, mit Gewalt das Geheimniß eines verborgenen Schatzes zu erpreſſen. Nächſt dieſem bunten Hanfen erhob ſich ein anderer, in welchem man ein Dutzend Elephantenzähne, Hanf, Stricke und Taue, vermiſcht mit Leopar⸗ den⸗ und Wolfsfellen, ſeidenen, ſammetenen und ledernen Gürteln, bemerkte. Unmittelbar darüber hingen Mäntel, mit Pelzen aller Art beſetzt. Auf einer Kiſte lagen Ballen von der feinſten Bra⸗ banter Leinewand, Türkiſchen und Italieniſchen Stoffen. An der einen Seite verbreiteten mehre Kiſtchen mit Ambra, Moſchus und andern Spe⸗ zereien den köſtlichſten Duft; während auf der andern Fäſſer mit Franzöſiſchem, Holländiſchem Branntwein und Jamaika⸗Rum aufgeſtellt waren und ſo dem Ganzen den Anblick eines großen Waarenmagazins verliehen. Ein ungeheures Bek⸗ ken war mit brennenden Kohlen gefüllt und auf — 116— eine tiefe eiſerne Pfanne mit Oel war eine Art dicken hanfnen Dochtes gelegt, welcher hochflak⸗ kerte und ein glänzendes Licht durch das gutge⸗ füllte Gemach warf. Der ſonderbarſte Schmuck dieſes wunderbaren Kellers beſtand jedoch in einer Anzahl„Oliver⸗ Akten,“ welche an den Wänden angenagelt oder angeklebt waren. Wäre Dalton Lord Oberrichter geweſen, er hätte die Edikte der Geſetzgebung nicht ſorgfältiger aufbewahren können. Hier hing auf gutem Pergament„Ein Akt für die Sicher⸗ heit Sr. Hoheit des Lord Protektors und den Fortbeſtand der Nation in Frieden und Ruhe;“ dort„Ein Akt zur Annullirung der angeblichen Anrechte Karl Stuarts“ mit vielen andern, die ſich größtentheils auf den Tarif bezogen. Hugh Dalton erhob ſich von ſeinem Sitze und legte ſeine lange Pfeife auf einen Klotz von Ebenholz, der die Stelle eines Tiſches vertrat, während Sir Willmott Burrell ihn mit größe⸗ rer Höflichkeit begrüßte, als er gewöhnlich Per⸗ ſonen von niedrigerem Stande zu bezelgen pflegte; aber trotz dem wüſten, geächteten Leben, welches der Bucanier geführt hatte, war doch etwas ſo Fe⸗ ſtes, männlich Stolzes in iym, daß er ſelbſt einen übermüthigern Sinn, als den des Herrn von Bur⸗ Frell, eingeſchüchtert hätte. Seine Jacke war offen⸗ —— — 117— ſein Hemdkragen zurückgeworfen, ſo daß der ſchöne Bau ſeiner Bruſt und Schultern ſichtbar wurde. Seine ſtarkgezeichneten Züge hatten ſtets einen Anſchein von Härte und hätten ſogar ei⸗ nen Ausdruck von ungezähmter Wildheit ge⸗ habt, wenn nicht ein freundliches Lächeln gewöhn⸗ lich um ſeinen wohlgeformten Mund geſpielt hätte. Aber wenn ſein Zorn auf das Höchſte ſtieg, oder ein Gefühl tiefer Verachtung in ihm aufkochte, ſo fürchteten die, welche ihm nahten, mehr noch das ſchnelle Zucken ſeiner Lippen, als das gräß⸗ liche Feuer ſeiner Augen, das ſelbſt unter den furchtloſen, verzweifelten Männern, deren Haupt er durch ſeinen Namen, ſeinen Muth und ſeine Geſchicklichkeit war, ſprichwörtlich geworden war. Seine Stirne war ungewöhnlich breit: dicke, buſchige Brauen hingen über den langen Wim⸗ pern ſeiner tiefliegenden Augen herab, um welche ſich— offenbar die Folge der Klimas— eine dunkele Linie zog. Seine ſchwärzliche Geſichts⸗ farbe wurde durch einen rothen Streifen auf je⸗ der Wange gehoben; aber ein zweiter Blick mußte dem ſcharfen Beobachter verrathen, daß dies nicht ein Zeichen feſter Geſundheit, ſondern eine Folge zügelloſer Ausſchweifungen war. In der That verrieth ſeine Geſtalt ein unzufriedenes Gemüth, ein Gewiſſen, das, durch die Thaten der Ver⸗ 4 wöhniſch anblickend, — 118— gangenheit und die Furcht vor der Zukunft nieder⸗ gebeugt, Troſt in dem Guten ſuchte, welches ge⸗ than war und noch gethan werden konnte. Jahre voll Verbrechen hatten die natürliche Güte ſei⸗ nes Herzens nicht ganz ausgerottet; er ſchien wie einer, der die Geſellſchaft und ihre Vor⸗ ſchriften in tauſend Geſtalten beleidigt hat, aber der auch weiß, daß etwas in ihm iſt, was ihn berechtigt, in ihrem Heiligthume Schutz zu ſu⸗ chen, und daß er den Gräueln, mit denen er mehr als ein Land erfüllte, auch manches Gute entgegenzuſtellen habe. Dieſer Mann redete jetzt den vor ihm ſtehen⸗ den Burrell von Burrell an. „Mein Lockvogel, Sir, ſagte mir, daß Ihr meiner bedürftet, und obgleich es mir zu dieſer Zeit etwas ungelegen kommt, ſo bin ich doch da. Wollt Ihr Euch nicht ſetzen?— Es iſt kein Ka⸗ binet einer Lady, doch können wir wohl Sitze, und noch dezu koſtbare finden.“— Er rückte da⸗ bei ſeinem Gaſt eine Kiſte mit Gewürz hin. „Ihr waret nicht zur See, Kapitain?“ be⸗ merkte Burrell, der ſich ſetzte und ſeinen Man⸗ tel zurückſchlug. „Wer ſagt das?“ fragte der andere dagegen, ſeine dicken Brauen ſenkend, und den Ritter arg⸗ „Niemand, ich dachte nur ſo.“ „Nun denn, Sir, ich war nicht zur See⸗ und kümmere mich nicht darum, ob es jemand weiß.“. „Aber, mein würdiger Freund, wir ſind zu lange mit einander bekannt, als daß Ihr befürch⸗ ten könntet, ich würde etwas angeben, was Euch und Euer Thun angeht.“ „Habe ich denn ſchon von Furcht geſprochen?“ fragte der Bucanier bitter.„That ich's je, nun ſo folgte ich nur, wie Robin ſagen würde, dem Beiſpiele Beſſerer, die oft von dem ſprechen, was ſie nicht verſtehen.“ „Wahr, ſehr wahr, ſo wahr als.“ „Als die Nadel dem Pol; das beſte Gleichniß, das die Natur darbietet, Sir Willmott Burrell; Ihr fiſchtet eben nach einem heiligeren, und das ſind dieſe Mauern nicht gewohnt.“ „Ihr habt dies Zimmer erweitert, Kapitain, und es beſſer eingerichtet, ſeit ich das letztemal hier war.“ „Om! War das nicht, wenn ich nicht irre, als Se. Hoheit.“ „Still!“ unterbrach ihn Burrell, der blaß und ängſtlich ſich umſah,„Ihr müßt Euch in Acht nehmen, Dalton, ehe Ihr etwas äußert von...“ „Hahaha! Seht Ihr etwa ſchon des alten Noll — 120— Eiſenſeiten hereinſprengen, oder Ihn ſelbſt hin⸗ ter ſeinen eigenen Akten hervortreten, welche, wie Ihr ſeht, die Wände meines geheimen Palla⸗ ſtes ſo prächtig verzieren? Ich aber darf von Sr. Hoheit, ich darf von den Gefangenen ſpre⸗ chen, die Ihr, trotz den loyalen Männern von Kent, hieher geleitetet, damit ich ſie nach den Kolonien führe— und— aber was thut das? Noll weiß, daß ich es that, denn er weiß Alles, Aber, Sir, Ihr ſeht ſo beſtürzt aus, daß ich ſchon ſchweige. Nur das Eine hört noch, Se. Hoheit iſt heute Nacht weit genug entfernt, und einen andern Oliver habt Ihr nicht zu fürchten, denn in England werden wir deren nie mehr ſe⸗ hen, als Einen.“ „Sehr wahr, guter Dalton! Aber ſagt mir doch, ſeyd Ihr jetzt oft an der Franzöſiſchen Küſte?“ „Ja! Ich werde alt, und obgleich mein klei⸗ ner Glühwurm noch immer ſchmuck und blank iſt, und ſeine Kanonen ſo laut ſprechen, wie ſonſt, ſo habe ich doch die Kolonien aufgegeben; ſie zerſtören Geiſt und Körper. Ich thue jetzt noch ein wenig, blos aus Zeitvertreib, und der übung wegen, mit Flandern und Frankreich, und mache dann und wann einen Abſtecher nach Liſſabon.“ 1 — 121— „Seit wie lang ſeyd Ihr nicht zu St. Vallery geweſen?“ „Ich bin vorigen Monat zu Dieppe geweſen, und das iſt nahe genug.“ „Dalton, Ihr müßt, ehe der Mond um iſt, nach St. Vallery, und ein kleines Geſchäft für mich beſorgen.“ „Gut, Sir. Wir haben uns nie über die Bedingungen geſtritten. Was iſt es? Etwas in Seidenwaaren oder...“ „In Fleiſch, Dalton.“ „Ha!“ rief der Bucanier aufſpringend, und von dem Ritter zurücktretend.„Ich habe genug darin gethan und mag nicht mehr. Sir Willmott Burrell, Ihr müßt Euch dazu einen andern Mann ſuchen.“ 4 „Dalton,“ antwortete Burrell mit einem ein⸗ ſchmeichelnden Tone,„Ihr habt mich noch nicht ausgehört und es iſt nicht hübſch von einem al⸗ ten Freunde, wie Ihr, daß er ſo aufſpringt, ehe er weiß, wie und warum. Die Sache iſt einfach die: ein Mädchen, ein einfältiges Mäd⸗ chen hing ſich an mich, als ich in Frankreich war. Nun bekomme ich Briefe über Briefe, in denen von ihrer Lage die Rede iſt und ſo weiter, und worin mit allerlei gedroht wird, unter anderm, daß ſie hieher kommen will, wenn ich ſie nicht— — 122— die Närrin!— als mein Weib anerkenne. Nun wißt ihr, oder vielleicht noch nicht, daß ich mit der Tochter Sir Robert Cecil's verlobt bin, und ſie iſt ein Mädchen, auf das man ſtolz ſeyn darf. Ich habe es alſo ſo eingerichtet: ich habe näm⸗ lich meiner ſchönen Zilla geſchrieben, daß ſie an einem beſtimmten Tage, den ich euch noch näher angeben werde, in St. Vallery eintreffen ſoll, wo ſie ein Schiff finden würde, das ſie nach England führen ſolle. Ihr, Dalton, führt dies Schiff, und. Ihr verſteht mich; zwiſchen Freunden bedarf es keiner Worte.“ „Alſo deportiren? Vielleicht nach Barbados?“ „Oder...“ Burrell ſenkte den Finger zu Boden, nachdem er das Auge, welches einem Blick des Bucaniers begrznt n war, ſchnell wieder abgewendet hatte. „Burrell!“ rief Dalton mit Abſcheu,„Ihr ſeyd ein größerer Böſewicht, als ich gedacht hatte. Warum kauft Ihr das Mädchen nicht ab? Schickt ſie fort! Vergoldet das Verbrechen!“ „Sie will kein Gold, ſie verlangt Ehre.“ „Wer iſt ſie?“ fragte der Bucanier, mit deſ⸗ ſen eigenen Gefühlen dies ſo ſehr übereinſtimmte; „ich laſſe mich nicht ein, ehe ich nicht Alles weiß.“ Burrell hielt einen Augenblick ein und antwor⸗ 3 tete dann:„Ihr habt von Manaſſe Ben Iſrael gehört, einem Rabbi, den eine hohe Perſon für gut befunden hat, mit großer Güte auszu⸗ zeichnen, ja deren Gnade ſo weit gegangen iſt, daß ſie daran dachte, das unheilige Volk zu uns zu erheben, ihm die rechte Hand der Bruderliebe zu reichen, zu erlauben, daß es trinke von dem Waſſer..“ „Segel und Tauwerk!“ unterbrach ihn der Bucanier, deſſen Wuth einen Ausweg ſuchte, „bleibt mir weg mit Euerm Prädikanten⸗Ge⸗ ſchwätz; Ihr vergeßt, mit wem Ihr ſprecht. Was iſt's mit dem Juden?"“ „Ihr wißt, Seine Hoheit hat dieſen Mann wunderbar begünſtigt. Es ſind jetzt ſechs Monate, daß mir ein Auftrag nach Paris anvertraut wurde und derſelbe Ben Ifrael mich erſuchte, einige Pakete für ſeine Tochter mitzunehmen. Dieſe wohnte bei einer Familie, die, wie ich weiß, aus Polniſchen Juden beſteht, aber äußer⸗ lich ſich zur katholiſchen Religion bekennt und die Skrupel eines gewiſſen Kardinals durch freigebige Geſchenke beſchwichtigt. Ich entledigte mich mei⸗ nes Auftrags in Perſon und muß geſtehen, daß, als ich das kleine ſchwarzäugige Mädchen zum erſtenmale auf Kiſſen von Genueſiſchem Schar⸗ lachſammt ſitzen ſah, eingehüllt in einen von Edelgeſteinen blitzenden Schleier, ſie mehr einer — 124— Houri, als einem Weibe glich. Sie gefiel mir ſehr, und da ich viele Zeit frei hatte, ſo ver⸗ tändelte ich ſie mit ihr. Dies wäre alles ange⸗ gangen, und wir hätten recht angenehm ſo leben können, wenn das Mädchen nicht eiferſüchtig und rachgierig geweſen wäre wie eine Tigerin. Als ich zufällig die Bekanntſchaft einer blauäugigen Hofdame machte, folgte ſie mir, könnt Ihr's glauben, verkleidet auf jedem Schritt nach und hätte mich niedergeſtochen, wenn ich ihr nicht den Dolch aus der kleinen Hand geriſſen hätte. Sie ſagte, ſie bereue es; und ſo wurde, obgleich ich ihr nie mehr traute, unſer Verhältniß wie⸗ der angeknüpft, bis ich zurückberufen wurde. Da mich beſondere Geldverlegenheiten drückten, ſo ſah ich ein, daß ich keine Zeit verlieren dürfe, meine Verbindung mit Sir Robert Cecil's Toch⸗ ter abzuſchließen. Meine Judin jedoch denkt an⸗ ders; ſie erklärt, ſie werde mir hieher folgen; wenn ich ihr nicht Gerechtigkeit widerfahren laſſe, werde ſie ihres Vaters Zorn nicht ſcheuen, ihre Verbindung mit einem Chriſten eingeſtehen, was bei ihnen, glaube ich, mit dem Tode beſtraft wird, und dem Lord Protektor Beweiſe, wie ſie es nennt, meiner Schuld vorlegen. Ihr ſeht, Dalton, das Geſchöpf iſt gefährlich.“ „Aber was kann ſie Cromwell vorlegen?“ ——— — — 125— „Sie war ſpröde und Ihr verſteht mich— nun, ich war genöthigt, mich einer Art Heiraths⸗Cere⸗ monie zu unterwerfen, worüber einige Doku⸗ mente und Briefe exiſtiren. Kurz, Kapitain, da ich Seiner Hoheit Strenge und ſeinen Wunſch kenne, dieſen Ben Iſrael an ſich zu feſſeln, und da ich fühle, wie nöthig es iſt, daß ich mich bald vermähle, ſo ſage ich Euch, es wäre ſicherer Un⸗ tergang, ließ ich ſie jetzt zum Vorſchein kommen.“ „So muß ich ſie irgendwo hinbringen, von wo ſie nicht zurückkommen kann,“ ſagte der Bu⸗ canier, die Augenbrauen zuſammenziehend. „Dalton, Ihr wißt nicht, was für ein Teu⸗ fel in ihr ſteckt: wäre ſie gefügig oder einfältig, ſo könnte man ſie ſcheuen, aber ſie hat Geiſt und überſieht tauſend Frauen. Ueberdies ſchwor ich, als ihre Hand ſich gegen mein Leben erhob, daß ich Rache dafür haben müſſe, und nie ſchwor ich umſonſt.“ 4 4 Dalton blickte auf Burrell's wirklich ſchöne Züge, die jetzt durch den Dämon, der ihn be⸗ herrſchte, krampfhaft verzogen waren und wandte ſich voll Abſcheun von ihm ab. „Ich kann nicht, Sir Willmott, ich kann nicht: Fleiſch und Blut erheben ſich gegen den Mord eines liebenden Weibes. Ich thue es nicht, ſo wahr mir Gott helfe, und ſomit genug.“ — 126— „Gut, gut; aber ich will Blut um Blut ha⸗ ben. Bruch um Bruch, Herr: die Eiſenſeiten, Cromwell's zarte Lämmer, werden hier recht ar⸗ tig aufräumen. Der Protektor hat ſchon eine Wit⸗ terung von Eurem Lager und er ſchlummert nicht und ſchläft nicht. Der kühne Bucanier möge ſich bedenken, wo nicht, werde ich mir einen minder gewiſſenhaften Mann für meinen Auftrag ſuchen.“ „Laßt das Geſchwätz,“ antwortete Dalton, auf den Burrell's Drohungen keinen Eindruck zu machen ſchienen.„Geſetzt, Ihr verriethet mich, wie theuer ſchlagt Ihr dann Euer eigenes Leben an? Glaubt Ihr, es gäbe keine treue Herzen mehr, die ihr Leben opfern würden, den Ver⸗ laſt des meinigen zu rächen? Still davon, Herr von Burrell, Ihr ſeyd alt genug und wißt das beſſer.“. „Und Ihr ſeyd auch alt genug, daß Ihr nicht gegen den Wind ſegeln ſolltet. Wißt Ihr auch, daß die kleine Judin mit Juwelen beladen iſt: es iſt eine wahre Diamant⸗Königin. Und ich frage nichts darnach, Ihr könnt ſie alle behalten, wenn..“ Die Lippen des Böſewichts bebten, er fürchtete, die That auszuſprechen, die ſein Geiſt beſchloſ⸗ ſen hatte. Dalton gab keine Antwort, ſondern ſtützte ſich mit den Ellenbogen auf den Tiſch und bedeckte das Geſicht mit beiden Händen, Burrell — — 127— benutzte dies Schweigen und ſchilderte den Reich⸗ thum der Rabbistochter, die Geſchenke, die er ſelbſt hinzufügen würde, und ſchmückte ſeine Rede mit der Betheurung ewiger und heiliger Dankbarkeit aus. Dalton ließ ihn ausreden, brach aber ſein tiefes Schweigen nicht. „Zum Donner, Menſch,“ rief endlich Burrell heftig, nachdem er einige Minuten auf Antwort gewartet hatte,„ſchläfſt Du, oder biſt Du von Sinnen?“ „Keins von beiden,“ entgegnete der Bucanier. „Aber ich will thun, was Ihr verlangt. Schreibt mir die nöthigen Anweiſungen— hier iſt Feder, Tinte, Papier— und meinen Lohn; ſchreibt, Sir, dann gute Nacht!“— Burrell that, wie ihm ge⸗ heißen wurde, während Dalton in ſeinem Ge⸗ mache auf⸗ und abging, wie einer, der ein wich⸗ tiges Vorhaben überlegt. Nachdem alle Punkte in Ordnung gebracht und beide im Begriff wa⸗ ren, ſich zu trennen, fragte Burrell noch: „Habt Ihr kürzlich keinen K valier gelandet?“ „Rein; es iſt ſchlechte Ladung; das Gold iſt ſelten bei Karls Freunden.“ „Sonderbar. Ich begegnete neulich Nachts ei⸗ nem Prahler, der wohl zu Syndercomb's Bande gehört. Seine Hoheit glaubt, Ihr hättet einige davon nach ihren Hauptquartieren gebracht.“ — 128— „Wirklich?“ „Kapitain Dalton, Ihr ſeyd verſchloſſen.“ „Herr Burrell, ich habe verſprochen⸗ Euer Geſchäft zu beſorgen.“ „Gut!“ „Ich denke auch, daß es gut iſt; aber ich habe nicht verſprochen, Euch die meinigen mitzutheilen.“ Burrell warf ihm einen wüthenden Blick zu, entfernte ſich aber dann mit ſchnellen Schritten und einem gezwungenen Gelächter... „Verdorren ſoll dieſe Hand, wenn ſie die ſeine in Freundſchaft berührt!“ rief der Bucanier, auf den Tiſch ſchlagend, daß es von den Wän⸗ den zurückſchallte.„Der kalte, gewiſſenloſe Schur⸗ ke! Sie iſt zu gut, um geopfert zu werden. Ich muß dafür ſorgen. Ha! Eine Nichtswürdigkeit genügt dem ſündenverſtockten Schelme nicht, er hätte gern noch mich ausgehorcht... Robin! Aho! Robin!“ Dalton ging nach der noch vffenen Thür zu, und in demſelben Augenblicke ſprang von der Treppe, welche zum Möwenneſt führte, nicht Robin, ſondern der Mann mit dem ſchwarzen Mantel und dem grauen Roſſe herab, der neu⸗ lich faſt der Verrätherei Burrell's als Opfer ge⸗ fallen wäre, — 129— Siebentes Kapitel. Der Bucanier begrüßte den jungen Mann mit einer Wärme, die man nur genauen und theuren Bekannten gegenüber zeigt; der Fremde erwiderte den Gruß, wie den eines Freundes. Offenbar herrſchte zwiſchen beiden das gute Einverſtänd⸗ niß, welches, aus der Kenntniß der gegenſeitigen Charaktere entſpringend, auf Achtung begrün⸗ det iſt, und obgleich der junge Mann ſich zu⸗ vorkommend gegen Hugh Dalton benahm, ſo ſchien dieſe Rückſicht doch nur eine Anerkennung für deſſen Alter und Erfahrung zu ſeyn, welche freundlich gewährt und dankbar angenommen wurde. Der Fremde ſetzte ſich auf den Platz, welchen Burrell vorher eingenommen hatte, legte ſeine Hand auf den ſehnigen Arm des Buca⸗ niers und fragte ihn theilnehmend, ob ihn etwas Beſonderes ſo ſehr aufgeregt habe. 3 „Nichts, Walther, nichts Beſonderes; denn Schurkerei und Bosheit ſind nicht ſelten, und I. 9 — 130— ich bin ſeit lange gewohnt, damit umzugehen; nur iſt's hart, wenn einem hölliſchere Geiſter, als man beſtehen kann, packen und jagen. Ich 4 athme freier, ſeit der Bube fort iſt. Oh! Herr Walther, es gibt zweierlei Schelme auf der Welt; der eine hat eine freie, offene Stirn, eine kühne, laute Stimme und einen blinkenden Dolch; die Leute zeigen mit Fingern auf ihn und gehen G ihm aus dem Wege, und die Kinder verſtecken ſich, wenn er vorübergeht; der andere iſt mas⸗ kirt von Kopf bis zu Fuß, ſeine Stimme iſt ſanft, ſein Tritt gemeſſen, er trägt ſeinen Dolch im Buſen und faltet die Hände darüber, wie zum Beten, aber eigentlich um ihn ſicherer zu faſſen, 3 und doch ſieht's die Welt nicht ein, ſondern traut ihm und ſtellt ihn als Muſter auf und als Vorbild und ſo. Aber wir ſpielen Alle unſre Rolle, alleſammt! Und darum Hurrah dem Frei⸗ beuter! Hoch dem tapfern Bucanier! Eine Flaſche Sekt! Und nun, Sir, bin ich wieder ich. Der Schwefelgeruch dieſes Teufels hat mich faſt über⸗ wältigt.“ Er fuhr ſich mehrmals mit der Hand über die Stirn und verſuchte zugleich, ſeine Be⸗ wegung wegzulachen. „Es hilft nicht,“ antwortete Walther,„ich darf wohl fragen, Kapitain, was Euch ſo au⸗ ßer Euch geſetzt hat?“— — „Vor etwa vierzig Jahren hatte ich einen Va⸗ ter,“ antwortete der Bucanier, dem jungen Mann ernſt in das Geſicht blickend,„er war ein alter Mann damals, denn als er ſich verheirathete, war er ſchon bejahrt, und meine Mutter war ſchön und verließ ihn; aber das thut nichts zur Sache, doch erklärt es, da mein armer Vater ſonſt nichts zu lieben hatte, wie er mich mit aller Zärtlichkeit ſeines gefühlvollen Herzens lie⸗ ben konnte. Er war ein Geiſtlicher, und ein treuer Royaliſt, einer jener frommen Royaliſten, welche Gott und König faſt gleich ehrten, und um ihretwillen, wenn ſie des Opfers gewürdigt worden wären, mit Entzücken ihren Hals dem Block oder dem Galgen hingegeben hätten. Nun, ich war ſchon damals wild und eigenſinnig, und ſtahl lieber ein Ding, als daß ich es auf geſetz⸗ liche Weiſe mir verſchafft hätte, nicht etwa aus Begier, das Geſtohlene zu behalten, denn ich war freigebig, aber ich liebte die Gefahr des Diebſtahls. So hatte ich einſtmals üpfel von einem Baume geſtohlen, der einer armen Frau in unſerer Nachbarſchaft gehörte. Es war des Abends, als ich das unglückliche Obſt entwen⸗ dete, und da ich nicht wußte, wo ich es ſicher verbergen könnte, ſo verbrachte ich die ganze Nacht in großer Unruhe. Am andern Morgen — 132— wollte mein Vater, ich wußte nicht aus welchem Grunde, nicht erlauben, daß ich ausging, und machte ſich, unter manchem Vorwand, ſtets et⸗ was um den Schrank zu ſchaffen, in den ich meinen Schatz gelegt hatte. Ich war in Todes⸗ angſt, und ehe es wieder Abend geworden, hatte die Aufregung und die Furcht mich bleich und unwohl gemacht. Mein guter Vater zog nun ei⸗ nen kleinen eichenen Tiſch, der nur für die Bibel beſtimmt war, an ſich, öffnete dieſe, und ſagte mir, er habe während des Tages eine Predigt ganz beſonders für mich entworfen. Ich fürch⸗ tete, daß mein Diebſtahl entdeckt ſey, und in der That war dem ſo, obgleich er es nicht aus⸗ ſprach; er ließ ſich nur in milden und einfachen Erörterungen über ſeinen Text aus. Es war folgender:„„Es iſt kein Friede, ſagt der Herr, für den Gottloſen.““ Walther, Wal⸗ ther! der alte Mann liegt ſeit vielen Jahren im Grabe, und ich bin ein unſteter Wanderer über die wilde Erde und die noch wildere See gewe⸗ ſen, aber nie habe ich gemordet oder geraubt, ohne daß mir dieſe Worte entgegenſchallten, und mein Herz erſtarren machten. Und doch hatten die Lippen, die ſie geſprochen, ſich nicht zum Fluche bewegt; die Worte waren kein Fluch für mich, ſie trafen einen Verfluchten.“ — 133— „Ich hörte Euch nie früher Eures Vaters gedenken.“ „Ich ſpreche nicht gern von ihm. Ich lief davon und auf die See, als ich kaum eilf Jahre alt war, und als ich zurückkam, war er todt. Es gab damals Krieg genug in England, meine Thatenluſt zu befriedigen. Ich ſchloß mich zuerſt der Partei des Königs an, und erhielt meinen Theil Wunden und Ruhm bei Gainsborough, wo ich den armen Cavendiſch von dem Teufel Cromwell niederhauen ſah. In dieſer Schlacht fing ſein Glück an; er hatte dort ein tapferes Reiter⸗Regiment, lauter Landsleute von ihm, Gutsbeſitzer oder Söhne derſelben, welche ſich, eine Gewiſſensſache auszuſtreiten, unter ihm ge⸗ fammelt hatten. Dort ſchlug er uns mit ſeiner Scheinheiligkeit. Zum Donner! Sie plärrten ihre Pſalmen hernnter, als ob ſie vor der Kanzel ſä⸗ ßen, und ſo hielten ſie, innerlich durch ihren Fanatismus, und äußerlich durch die beſte ei⸗ ſerne Rüſtung gewaffnet, feſt wie eine Mauer, und griffen an, wie Ein Mann, und wie ein verzweifelter dazu.— Aber wir haben von andern Sachen zu ſprechen, als von ihm und von mir; darum laßt hören, Sir, was es Neues gibt.— Aber wartet, Robin ſoll uns zuerſt etwas Wein bringen. Mein Magazin iſt voll davon, und ich muß das Gift herunterſchwemmen, das mir je⸗ ner Schurke in die Kehle geſetzt hat. Was mich martert, iſt, daß mein verdammter Ruf mir größere Böſewichter, als ich ſelber bin, über den Hals ſchickt, die mir zumuthen, ihre Arbeit zu verrichten, und ein Recht zu haben glauben, aufzufahren, wenn ich auch einmal Gewiſſenhaf⸗ tigkeit zeige. Aber ich will es ihnen vergelten, ihnen allen— aber einem beſonders....Der Nichtswürdige! Soll dieſer bei weitem größere Bube Friede haben? Es iſt kein Friede, ſagt der Herr für den Gottloſen.“ Er rief Robin, der ein tüchtiges Abendbrod nebſt dem nöthigen Wein auftrug, an welchem der junge Kavalier, nachdem er ſeinen weiten Mantel abgelegt, gehörigen Antheil nahm. Die Züge des Fremden waren faſt zu ſcharf, um für ſchön gelten zu können, und hätte nicht oft ein freundliches Lächeln um den von einem lelchten Barte beſchatteten Mund geſpielt, und die Furchen verwiſcht, welche ſchon ſein jugendliches Geſicht durchzogen, ſo würde es auch ein faſt finſteres Anſehen erhalten haben. Sein goldenes Haar ſiel in Locken etwas über die Stirn und ein wenig auf beide Wangen herab, ſeine Au⸗ gen ſchienen dunkelgrau, ſeine Geſtalt war un⸗ gewöhnlich ſchlank und wohlgebildet, ſeine Hal⸗ tung mehr die eines vollkommenen Gentlemans, als eines händelſüchtigen Kavaliers, ſein ganzes Benehmen nicht übermüthig und verwegen, ſon⸗ dern Vhun geſetzt. Seine Kleidung war ganz ſchwarz, ſein Schwertgriff glänzte jedoch von Diamanten.. Robin ſetzte ſich nicht an denſelben Tiſch, ſon⸗ dern weiter zurück auf einen niedrigen Sitz, wo er ſeine Mahlzeit mit Crisp theilte, der ſeinem Herrn nachgeſtiegen war. Dalton und Walther thaten ſich wegen der Gegenwart Robins keinen Zwang anz; dieſer miſchte ſich im Gegentheil oft in die Unterhaltung, ſo wie er auch häufig um ſeine Meinung befragt wurde, was ihn nicht wenig zu freuen ſchien. „Haſt Du nicht gehört, wann Blake mit den Spaniſchen Priſen auf der Höhe von Sheerneß erwartet wird?“ „In wenigen Tagen, heißt es, wird er ſie entweder bringen oder ſchicken; aber ich glaube, daß eine Woche, nicht mehr und nicht weniger, vergehen wird, bis ein Schiff kömmt.“ „Ich muß morgen oder übermorgen nach der Franzöſiſchen Küſte,“ ſagte Dalton,„und ich mag nicht zurück, ehe nicht Blake mit ſeinem Zuge ein wenig den Fluß hinauf gegangen iſt, denn es fährt ſich ſchlecht an dem alten tapfern Bur⸗ — 136— ſchen vorbei; er iſt der einzige Menſch, vor dem ich die Flagge ſtreichen könnte.“ „Und wer hat, während Ihr jetzt am Lande ſeyd, die Aufſicht über den Glühwurm?“ „Jeromio.“ „Ich kann ihn nicht leiden,“ ſagte Robin; „Fremde ſind gute Sklaven, aber ſchlechte Her⸗ ren für uns Engländer. Ich ſähe das Schiff lieber in den Händen des kleinen Springall.“ „Er iſt nur ein Knabe und ein ſchlechter Seemann obenein; überdies iſt er abergläubiſch geworden und ſchwört, die Nacht, wo ich ihn auf der Klippe oben warten ließ, ſey der Teufel zu ihm gekommen. Ich werde ihn bei Euch zurück⸗ laſſen, Robin, und Euch ſagen, was Ihr mit dem Fant zu thun habt, wenn ich nicht an ei⸗ nem beſtimmten Tage zurück bin. Ich werde Euch auch einen Brief für Sir Robert Cecil geben; ich hatte eine Beſprechung mit ihm ver⸗ abredet, die jetzt verſchoben werden muß.“ „Ihr ſolltet den Brief lieber dieſem Gentle⸗ man geben,“ bemerkte Robin, mit dem Finger auf den Kavalier zeigend,„er würde gar gern einen Gang nach Cecilhaus machen, beſonders wenn der Auftrag der Lady Konſtanze gilt.“ „Wirklich,“ rief Dalton, einen Blick auf den jungen Mann werfend, deſſen Geſicht Ver⸗ — 137— legenheit, aber keinen Unwillen verrieh,„kommt der Wind aus der Richtung? Aber ſag', Robin, woher haſt Du das?“ „Es iſt nichts, Kapitain,“ unterbrach ihn der Kavalier,„außer, daß Robin mich nach Cecil⸗ haus, wie es jetzt heißt, begleitet hat, um mir einige Veränderungen zu zeigen, und wie die Bäume jetzt ſo trefflich gehalten wären, und daß wir in dem Garten der Miſtreß Cecil, und, wie ich erfahren habe, der Lady Crom⸗ well begegnet ſind.“ „Ich wünſche doch, Ihr hieltet Euch etwas mehr zurück,“ murmelte Dalton,„Ihr werdet ſonſt dem Schurken Burrell begegnen.“ „Ich möchte ihn wohl noch einmal treffen, den Sir Willmott Burrell, und ihm für ſeine Ver⸗ rätherei lohnen.“ „Ruhe! Gebt ihm ſo viel Strick, daß er ſich ſelbſt hängen kann. Ueber kurz oder lang wird er ſo hoch ſchweben, wie Haman. Robin hat mir den feigen Streich erzählt.“ „Ich wollte, Robin hätte ihn nicht nach Lon⸗ don begleitet; ich mag nicht, daß Leute zweier⸗ lei Geſichter führen. Doch wundere ich mich, daß Burrell ihm traute.“ 58 „Nur weil er ſich nicht anders helfen konnte,“ entgegnete Robin.„Er brauchte einen artigen, gewitzigten Burſchen. Sein eigener Diener war mit einem beſondern, gar geheimnißvollen Auf⸗ trag in Frankreich; und ein Gentleman, wie er, der einen ſchönen Rang und ein häßliches Ge⸗ wiſſen, einen guten Kopf und ein ſchlechtes Herz hat, braucht einen Menſchen von Talent, nicht einen Tölpel, um ſeine Perſon. Ich muß jedoch ſeinem Scharfſinne inſoweit Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, daß er mir ſo wenig von ſeinen Ge⸗ heimniſſen als möglich mittheilte. Bei den übrigen habe ich mir dieſe Mühe erſpart und ſie alle ſelbſt ausgeſpürt.“. Der Bucanier lachte laut auf, der Kavalier ſah jedoch ſehr ernſt aus. „Ah!“ ſagte Dalton,„Ihr waret ſtets ein Feind von Intrigen, und es iſt gut, daß Ihr in meinem Plane Euch nicht ſelbſt überlaſſen ſeyd: Ehre iſt keine Münze, die man bei Schurken zu Markte bringen darf.“. „Und doch iſt es die einzige Münze, Kapitain, in der ich je handeln will. Ich ſagte Euch, ehe ich Cölln verließ, daß ich Euh nur unter der Bedingung nach England begleite, daß man mir nichts zumuthe, was ſich nicht für einen Gent⸗ leman oder einen Soldaten zieme.“ „Junger Mann,“ antwortete Dalton,„habe ich Euch je, als Ihr in der That noch jung wa⸗ — 139— ret, lange bevor Ihr Euer Diplom der Mora⸗ lität von dem umherziehenden Hofe des zweiten Karl erhieltet, etwas zu thun gerathen, was Eure.... kurz, was Ihr nicht durchaus mit Ehren thun konntet? Ich weiß zu gut, was es heißt, die Ehre dem Intereſſe zu opfern, als daß ich je wünſchen ſollte, ihr möchtet den Ver⸗ ſuch damit machen. Was mich betrifft, bin ich ſchon ſo tief geſunken...“ „Mein gütiger Beſchützer! Mein tapferer Freund!“ unterbrach ihn Walther gerührt,„ver⸗ gebt mir meinen unwürdigen, unverdienten Ver⸗ dacht. Es iſt nicht das erſtemal, daß ich erfahre, wie theilnehmend und beſorgt Ihr für mich ſeyd.“ „Schon gut, ſchon gut, mein Sohn— ich nenne Dich noch gerne ſo— ich kann meine ei⸗ gene Schande ertragen, aber die Eure nicht.“ Dalton ſchwieg einen Augenblick, offenbar, um dem Geſpräche eine andere Richtung zu geben. „Ihr ſpottet der Moralität unſeres jungen Königs?“ „Allerdings thu' ich das. Ihr könnt zwar ſa⸗ gen, daß es mir nicht zukomme, jemanden ſein übles Verhalten vorzuwerfen, aber ich haſſe Eure kleinen Laſter, wie Eure kleinen Tugenden: ſolche ſchwächliche, winzig gute und böſe Eigenſchaften, die zu matt ſind, als daß die Sonne ſie reifen, — 140— zu niedrig, als daß der Sturm ſie brechen könnte, und die, verkümmert, verkrüppelt, wie ſie ſind, fortſiechen ihr Leben durch bis zum Todestage. Fort damit! Gebt mir einen kühnen Schurken oder einen wahrhaft grundguten Menſchen. Wie zum Teufel kann Karl Stuart etwas Großes mit ſeinen Geliebten und ſeinen Hunden thun oder denken? Hal es iſt kaum ein Jahr, daß ich die arme Lucy Barton und ihr Kind von Dover überſetzte, nachdem die Unglückliche um ſeinet⸗ willen in dem Tower geſeſſen hatte.“ „Das Kind,“ ſagte Walther,„iſt ein edles Kind, aber die Mutter iſt ein elendes Geſchöpf und trinkt und ſchwört wie ein Dragoner.“ „Meine Mutter iſt ein Weib,“ bemerkte Ro⸗ bin mit großem Ernſt, während er einen Knochen in die Höhe hielt, nach dem Crisp mit vergeb⸗ licher Anſtrengung in die Höhe ſprang—„und ich leugne nicht, daß ich eine Art von Liebe, obgleich es eine hoffnungsloſe Liebe iſt, für ein artiges Mädchen fühle, das auch ein Weib iſt; da dies nun aber der Fall iſt, ſo mag ich keine Bemerkungen über Weiber hören; denn ſind ſie jung, ſo ergötzen ſie unſere Augen, und ſind ſie alt, ſo ſind ſie, wenn auch ein wenig ſauertöp⸗ fiſch, doch nützlich, und ein Haus ohne Weib wäre ſo viel, wie— wie—,“ — 141— „Robin bleibt ſtecken!“ ſagte Dalton.„Aber Ihr habt mir ſo viel Vergleiche gegeben, daß ich heute wieder aushelfen kann, z. B. wie eine Glocke ohne Klöppel. Paßt's Robin? Ihr ſchüt⸗ telt? Ihr habt Recht, Robin, thäte ich es nicht um eines Weibes wegen, würde ich nie wieder den Fuß an das Ufer ſetzen; aber ich bin ſtolz auf meine kleine Barbara, und alle die kleinen Geſchichten, die Ihr mir von ihr erzähltet, Ro⸗ bin, machen mich noch ſtolzer. Ganz ihre Mut⸗ ter! Oft denke ich daran, wie glücklich ich ſeyn werde, wenn ich ſie wieder Tochter nenne, und ſie ſich nicht ſchämen wird, mich anzuerkennen. Gott ſteh' mir bei!“ Dalton kreuzte ſich, indem er dies ſagte,„Gott ſteh' mir bei! Ich habe oft gedacht, daß, wenn ich auf Seligkeit hoffe, ich ſie nur durch die Gebete dieſes Mädchens erreichen kann.“ „Was würde der alte Noll,“ fragte Robin, zu dieſem papiſtiſchen Zeichen ſagen?“ „Zum Teufel mit Euch und dem alten Noll dazu! Ich kann mich nicht ein Stück zum Himmel erheben, daß mich nicht gleich etwas zurückzöge.“ „Ich bringe Euch ſchnell wieder hinauf,“ ſagte Robin mit ſanfter Stimme.„Eure Tochter Bar⸗ bara... „Mein Kind,“ murmelte der Bucanier,„mein — 142— geliebtes Kind, die Tochter einer, welche, Gott ſey gelobt, in dieſem Leben nicht erfahren hat, daß ſie einen wüſten, verworfenen Räuber ge⸗ heirathet hatte— denn ich habe ſie vor Gott und ſeinem Altare in Dominica geheirathet. Un⸗ ſere Liebe war heiß wie die Sonne, unter der wir lebten, und nur einmal verließ ich ſie in der Zeit, wo wir verbunden waren. Ich hatte alles abgemacht, Schiff und Ladung aufgegeben, und es war in der That eine Ladung von Verbre⸗ chen— wenigſtens dachte ich damals ſo. Es war vor den Bürgerkriegen; ich wollte nach England land zurückkehren und dort handeln, gleich viel wie. Ich flog nach ihrer Wohnung mit leichtem Herzen und leichtem Tritte. Ich fand... Mein Weib, das an meinem Halſe gehangen, mich an⸗ gefleht hatte, ſie nicht zu verlaſſen, lag auf ih⸗ rer Matte— todt— todt. Ich hätte es ahnen kön⸗ nen, ehe ich eintrat, hätte ich daran gedacht, daß ſie ſonſt meinen Schritt kannte, mir entgegenge⸗ eilt wäre! Aber todt! Und dabei ſaß eine ſchwarze Furie und ſtopfte meinem Kinde den Mund mit gemeiner Speiſe. Ich glaube, das Weib dachte, ich ſey toll geworden, denn ich riß ihr das Kind weg, drückte es an mein Herz, während ich mich über die Leiche meiner Frau beugte und ihre kalten, ſtarren Lippen küßte; dann ſtürzte ich — 143— fort von dem unſeligen Orte, rann mit meiner Laſt zu dem Schiffsherrn, der ſich ungern von mir getrennt hatte, und ſegelte, ehe zwölf Stun⸗ den vergingen, mit dem Winde, die Bruſt voll Haß gegen die Menſchheit, voll Begier, meine Wuth auszulaſſen. Anfangs wünſchte ich, das Kind ſey ſchon geſtorben, denn ich ſah es täglich hinſchwinden; als es aber endlich mich zu kennen anfing und mit ſeinen unſchuldigen Händchen mein Geſicht ſtreichelte, da—— o hier darf ich es geſtehen, manche, manche Nacht habe ich in mei⸗ ner Kajüte geſeſſen und das ſchlafende Kind be⸗ trachtet, bis meine Augen in Thränen ſchwam⸗ men. Beſondere Umſtände zwangen mich, mich von ihm zu trennen, und ich habe nie bedauert, daß es unter den Augen der armen Lady Cecil geblieben iſt; nur hätte ich gewünſcht, daß es hätte beten können, wie es ſeine Mutter that. Nicht daß ich glaube, es wird einen Unterſchied beim Rechnungsabſchluſſe machen, wenn es in der That einmal zum Abſchluſſe kommen ſollte. Aber Hugh Dalton wird nie wirklich ganz ſeyn, was er iſt, als wenn er nicht dieſem Engel von Mäd⸗ chen offen in das Geſicht blicken und ihm heißen kann, für ihn zu beten, wie ſeine Mutter betete.“ Dalton war ergriffen und ſchwieg; ſeine Zu⸗ hörer ahnten ſein Gefühl und überließen ihn — 144— ſeinem Nachdenken, bis der Kavalier endlich fragte:„Wie lange denkt Ihr jetzt auf Eurer neuen Fahrt auszubleiben? Vergeßt nicht, mein Freund, dieſe Ungewißheit iſt...“ „Hölle!“ unterbrach Dalton in ſeiner hefti⸗ gen Art.„Aber ich kann nicht helfen. Es iſt nicht weiſe, unreife Früchten zu pflücken— Ihr verſteht mich?“ „Jawohl, und ich hekennas, daß Ihr Recht habt; aber ſagt mir, Dalton, wie geht es zu, daß Ihr bis kürzlich dieſe Inſel ſo ganz ver⸗ laſſen hattet, und Euch zu den Küſten von Devon und Cornwall gehalten habt? Ich hätte dieſen Platz für den gelegenſten gehalten, da Euer Magazin hier ſo gut verſehen iſt.“ „Ja, ja, Sir; aber es iſt zu nahe an Lon⸗ don, obgleich der Platz ſicher genug ſcheint. Jetzt aber, da Sir Michael Liveſay, der Kö⸗ nigsmörder, ſich unaufhörlich zu Shurland auf⸗ hält, iſt nichts Gutes zu erwarten. Ich ſag' Euch, Cromwell's Naſe ſpürt überall hin.“ „Ein großer Vortheil für ihn,“ rief Robin, „und ſchlimm für ſeine Feinde. Er braucht be⸗ ſagte Naſe blos an das Zündloch der ſchwerſten Kanone zu legen, und gleich geht ſie los; ſeine ganze Armee kann die Lunten ſparen, wenn er bei ihr iſt.“ — 145— „Iſt ſie wirklich ſo roth, Robin? Ihr habt ihn oft geſehen, Kapitain?“ „O ja, gekleidet in einen einfachen Anzug, den ein ſchlechter Landſchneider gemacht hat; ſeine Wäſche iſt grob und unreinlich, das Band unmodiſch und oft mit Blut bedeckt, das Schwert feſt an der Seite, das Geſicht roth und ge⸗ dunſen, und die Naſe glänzend wie Purpur. Aber, Sir, in der Schlacht muß man ihn ſehen. Er iſt ein vortrefflicher Reit er, das Thier, das er ritt, ſein Lieblingspferd war eine Rappe, ſchien den Böſen in ſich zu haben, und blickte ſo wachſam, wie ſein Reiter ſelbſt. Crom⸗ well ſitzt nicht zierlich, aber feſt im Sattel, ge⸗ rade als ob er mit dem Thier zuſammen ge⸗ wachſen wäre; ſo, das Schwert in der Rechten, das Piſtol in der Linken, läßt er ſich mit nichts vergleichen, was ich je zu Geſichte bekommen habe. Er muß das Pferd mit den Ferſen regieren, denn ſeine Bewegungen waren ſo entſchieden und doch ſo ſchnell, daß ich nie ausſindig machen konnte, ob er Zügel führe oder nicht: bald war er hier, bald dort— ſchießend— predigend— ſcheltend— betend— ſiegend— und doch al⸗ les ſo zur rechten Zeit, daß nie die Aufregung des Augenblicks ihn hinxiß. Wäre er ein König geboren..„“ 1. 10 — 146— „Wäre er nicht geworden, was er iſt,“ un⸗ terbrach ihn der Kavalier,„denn mühſames Streben iſt die Schule der Größe.“ „Es iſt ein Vergnügen,“ ſagte Robin,„Euch beide hier ſitzen und dieſen Mann preiſen zu ſehen: ſchöne Kavaliere, das muß man ſagen! Meine Meinung iſt— aber es ziemt ſich nicht, eine Meinung unverlarvt zu zeigen, und ſo will ich ſie lieber für mich behalten. Ihr ſprachet vorhin von der Bequemlichkeit dieſes Platzes, aber es iſt noch nichts, Sir, gegen andere, fünfzig andere am St. Georgen⸗Kanal. Das Herz würde Euch im Leibe lachen, wenn Ihr die Verſtecke ſähet, die unſer Kapitain in den Felſen von Tornwall hat: prächtige Löcher, wo Ihr ein Dutzend Leute einſchichten könnt, daß ſie nicht wieder an's Tageslicht gelangen; Höh⸗ len, in die ſich kleine Schlangen von Pulver hineinwinden, daß man mit dem Funken des ſchlechteſten Feuerſteins die Klippen in die Luft ſprengen könnte, dort den Sternen von der Ge⸗ walt des Menſchen zu erzählen, mit der er die erhabenſten Werke der Ratur zerſtören kann.“ „Robin, Ihr hättet ein Prediger werden ſollen.“ 4 „Nein,“ ſagte Robin, ſchmerzlich den Kopf ſchüttelnd, wie er zu thun pflegte,„ich weiß — 147— nichts von Eurer Bücherheiligkeit; es kränkt mich nur, wenn ich durch Menſchenhand ver⸗ nichtet ſehe, was Gotteshand geſchaffen hat.“ „Was habt Ihr, Burſche,“ fragte der Bu⸗ canier;„ich dachte, Ihr wäret die Geſpenſter, wie Ihr ſie nennt, los geworden.“ „Nicht alle; ſie kommen nur nicht ſo oft mehr, wie ſonſt,“ antwortete er ernſt, denn der arme Robin war einmal Anfällen ausgeſetzt gewe⸗ ſen, die an Wahnſinn gränzten, und während ſolcher Stürmen wandelte er durch das Land und ſuchte nicht Ruhe, noch Raſt, und ſprach zu niemanden. Konſtanze Cecil trug aus Güte Sorge für ihn, und Barbaras theilnehmende Aufmerkſamkeit während dieſer fürchterlichen Zu⸗ fälle war die Quelle einer ſo ſtarken, unerſchüt⸗ terlichen Anhänglichkeit geworden, wie ſie nie ein Menſch für einen andern gefühlt hat. Das Geſpräch wurde noch eine Zeit lang leiſe fortgeführt, als ob ſelbſt hier Vorſicht nöthig ſey. Um vier Uhr Morgens begab ſich der Bucanier nach ſeinem Schiffe, während Ro⸗ bin den Kavalier nach ſeinem Zimmer in dem Möwenneſt geleitete. —— Achtes Kapitel. „Gruß und Segen, ehrwürdiger Herr! und mö⸗ gen Sonne, Mond und Sterne Euch verherrli⸗ chen! 114 „Ach, Salomon Grundy, warum hat Dir der Herr nicht Vernunft genug gegeben, wie er Dir die Gabe verliehen hat, nach Deiner Vernunft zu reden. Ich beklage es, Salomon, daß Du ein Thor biſt, ein großer Thor, Salomon, außer in allem, was die Stärkung der Kreatur be⸗ trifft, denn was dieſe anlangt, ſo biſt Du in Wahrheit werth, ein Mittagsmahl, ſelbſt für Hugh Peters, aufzutragen, wenn er eine ſeelen⸗ bekehrende Predigt vor den Auserwählten des auserwählten Volkes gehalten hat.“ „Welche Stärkung er in keine Weiſe verſchmä⸗ hen würde,“ antwortete der Koch von Cecilhaus, deſſen kurz verſchnittenes fuchſiges Haar einen glänzenden Schein auf ſein rothes Geſicht warf. Sein ganzes Weſen trug das Gepräge eines 4 Freundes des Wohllebens und die Worte der Frömmigkeit ſtanden ihm, wie Seufzer einem Seehunde. Seine kleinen Augen blinzelten vor Luſt bei der Erwähnung der Stärkung der Krea⸗ tur. Die lederne Taſche, welche er jetzt über die Schulter gehängt hatte, war voller guten Sachen, die er aus der Speiſekammer für ſeinen eigenen Bedarf genommen hatte. Er hatte näm⸗ lich von Miſtreß Cecil Erlaubniß erhalten, einige ſeiner Nachbaren zu begleiten, die den großen Zug von London ſehen wollten, welcher ein Kriegs⸗ ſchiff erſten Ranges in Augenſchein zu nehmen dachte, welches eben auf der Höhe von Sheerneß mit einem Konvoi Priſen angekommen war, die der Veteran Blake genommen und nach Hauſe geſchickt hatte, während er ſelbſt nach Vera⸗Cruz gegangen war, und die, wie es hieß, Lord Oli⸗ ver in eigener Perſon beſichtigen würde. Dieſe Nachricht hatte die ganze Gegend in Aufregung gebracht und Perſonen von allen Ständen eilten nach der Inſel, um dieſem Schauſpiel beizuwoh⸗ nen, denn die Engländer waren damals, wie ſie noch jetzt ſind, ein ſchauluſtiges Volk, das am Gepränge Vergnügen findet; damals wie jetzt predigte es Sparſamkeit; aber wenn ſie in An⸗- ſpruch genommen werden ſollte, nannte es ſie Filzigkeit, V — 150— Die eifrigen Rundköpfe jubelten bei dem Ge⸗ danken, daß Cromwell ſich nach der Enthüllung des Syndercomb⸗Komplottes ſo offen zeigen wolle, die Royaliſten hatten, unterdrückt und entmuthigt, ſich entſchloſſen, die Sache ruhig ge⸗ hen zu laſſen, bis ſich eine Ausſicht zur Verände⸗ rung zeigte, während die Gleichheitsfreunde, die Partei, welche der Protektor am meiſten fürch⸗ tete, und den Stuarts am gefährlichſten geweſen war, in jener drohenden Ruhe verharrten, welche nur die Vorbereitung zu neuen Anſtrengungen iſt. Der ehrwürdige Jonas Mundflink hatte ſich auch aufgemacht,„um ihn zu ſchauen, der mit dem Geiſte geſalbt war und deſſen Namen unter den Nationen wie ein Wunder klang.“ Salomon Grundy und andere von der Dienerſchaft aus Cecilhaus, die zu entbehren waren, trieb nur der Wunſch an, etwas Neues zu hören und zu ſehen, denn Zeitungen verirrten ſich damals nur ſelten nach Shepey. Zuweilen kamen allerdings aus dem Frühſtückszimmer Sir Roberts einige Nummern des„Mercurius Politicus,“ oder des„Vollkommenen Journals,“ oder des„Par⸗ laments⸗Kundſchafters“ in die Bedientenhalle her⸗ ab, wo ſie begierig von den Zuhörern verſchlun⸗ gen wurden, denen einer ihrer gelehrteſten Ka⸗ meraden, unter vielen Ausrufungen und Lobprei⸗ — 151— ſungen des Herrn, die Großthaten des Gemein⸗ wohls und namentlich deſſen, der Gebieter war im neuen Iſrael, vortrug. Aber im Allgemeinen ſammelten die Untergebenen des Hauſes ihre Nachrichten bei den Hauſirern ein, welche am Thore Einlaß ſuchten. Die Damen waren zu Hauſe geblieben; Lady Franziska war überzeugt, daß ihr Vater nicht erſcheinen werde, da ſie keine Nachricht darüber aus Whitehall erhalten hatte. Konſtanze hatte jedoch zu viel von Crom⸗ well's plötzlichen Entſchlüſſen gehört, als daß ſie an irgend etwas, wobei er betheiligt war, zu⸗ verläſſig geglaubt hätte. Auch war es kein Ge⸗ heimniß, daß er unzufrieden mit ſeiner Tochter wegen ihrer hartnäckigen Neigung zu Herrn Rich war, und daß er daher für jetzt ihre Entfer⸗ nung vom Hofe wünſchte. 3 Salomon Grundy hatte ſich mit ſeinen Kame⸗ raden auf den Weg gemacht, war aber, unter mancherlei Vorwänden, ſtets hinter ihnen zurück⸗ geblieben. Der würdige Prediger hatte Cecilhaus nicht ſo früh verlaſſen, hatte aber, trotz dem ruhigen Paſſe ſeines Pferdes, Salomon bald eingeholt, der unter einer ſchattigen Ulme am Wege ſaß und mit großer Schnelligkeit den In⸗ halt ſeiner Taſche aufräumte, nicht ohne denſelben jezuweilen durch einen Schluck aus einer weiten, ſchwarzen Flaſche anzufriſchen. „Meiſter Grundy,“ bemerkte er, ſein Roß anhaltend,„konnte Euer Magen nicht eine ſo kurze Zeit ſich gedulden? Ach, würdiger Koch, Ihr habt eine ſehr ſtandesmäßige Sehnſucht nach den Fleiſchtöpfen.“ 8 Salomon grinſte und machte ſich mit verdop⸗ peltem Eifer an ſeine Speiſen, als der Predi⸗ ger vorüber war. Bald darauf wurde er von einem bunt gemiſchten Trupp umgeben, welcher über die Enge gekommen war. Da waren Puri⸗ taner, deren Mäntel genau den vorgeſchriebenen Schnitt hatten, und deren Hüte mit der Kup⸗ pel von St. Paul wetteiferten, Gleichheitsfreunde mit feſten Schritten, zuſammengezogenen, herab⸗ hängenden Augenbraunen, und harten, unver⸗ änderlichen Geſichtszügen, aus denen eine un⸗ beugſame Entſchloſſenheit ſprach; Kavaliere, de⸗ ren leichtfertiges Weſen etwas beſcheidener und deren modiſcher Anzug ein wenig geſtutzt wor⸗ den war, um keinen Anſtoß bei der herrſchen⸗ den Macht zu geben; Frauen in dunkeln Kapuz⸗ zen und Oberkleidern, einige ſittſam von Anſe⸗ hen, während andere, mit lachenden Augen, Blicke und Worte mit jungen Männern in dü⸗ ſtern Kleidern, aber mit heitern Geſichtern wech⸗ ſelten; Geiſtliche, deren eiſerne Phyſionomien je⸗ dem Gefühle trotzten, dem das Fleiſch unterwor⸗ — 1453— fen iſt; Damen zu Pferd und in ſchweren Wa⸗ gen, die alle nach Einem Anziehungspunkt zogen. Die Engländer machen noch jetzt ein Geſchäft aus jeder Beluſtigung, aber in jenen Tagen ward das Vergnügen nicht mit ſo unheiligem Namen benannt; es hieß Erholung, oder die Erfriſchung der Kreatur, oder die Stärkung des Fleiſches, nur nicht bei ſeiner echten Benennung. Aber bei dieſer Gelegenheit kam noch die heilige Pflicht dazu, den Lord Protektor zu begrüßen und ihm entgegen zu jubeln, eine Gelegenheit, die kein echter Puritauer vorübergehen ließ, und zu der er mit demſelben Eifer pilgerte, wie die Katho⸗ liken zu dem Bilde eines Heiligen. Die Schiffe ſegelten ſtolz in den Hafen, und hier und da führten Boote, welche in Sheerneß und Queen⸗ borough zu dieſem Zwecke hielten, vornehme Partien an Bord derſelben. Es war eine be⸗ lebte Scene, obgleich die Seele fehlte, denn we⸗ der Cromwell, noch irgend jemand vom Hofe kam zum Vorſchein. Gegen Mittag hoffte das Volk noch, er werde Abends kommen, als es aber Abend wurde, und er ſich noch immer nicht zeigte, wurde der Verdruß über dieſe getäuſchte Erwartung laut, obgleich einige wenige ſich dar⸗ über freuten, da ſie die Abweſenheit Cromwell's als ein Zeichen ſeiner Furcht betrachteten, — 154— Zehn bis zwölf Perſonen hatten ſich in Queen⸗ borough um den Stamm einer verwitterten hoh⸗ len Eiche verſammelt, die vor einem Wirths⸗ hauſe ſtand, welches das Bild des Lord Pro⸗ tektors zum Schilde führte, und dadurch alle Freunde des Gemeinwohls an ſich zog. Der edle Baum war durch Alter oder Blitz in zwei Theile geſpalten; er war jetzt vollkommen hohl, ſo daß man gerade durchgehen konnte; nur zwei ſtarke Stützen verhinderten, daß er nicht ganz auf den Boden ſtürzte, den er ſo lange beſchattet hatte. Die Höhlung war ſo geräumig, daß ſie bequem zwei pder drei Perſonen Schutz gegen den Sturm ge⸗ währen konnte; auch wurde ſie häufig von den Bewohnern des Gaſthauſes als ein Aufbewah⸗ rungsort für Geräthſchaften gebraucht, wenn ein fruchtbarer Herbſt die Mühe des Landwir⸗ thes belohnt hatte. Die Zweige, welche ſo weit ihr dichtes Laub ausgeſtreckt hatten, wa⸗ ren längſt zu Speerſchaften zerſchnitten worden, oder als Opfer des winterlichen Heerdes gefal⸗ len. Nur ein einzelner Aſt war noch ſtehen ge⸗ blieben, deſſen knorriges Holz einen langen, dünnen Schatten auf den Raſenplatz warf, der ſeit undenklichen Zeiten von den luſtigen Moh⸗ rentänzern, dem Pappenpferde des Maiſpieles, Beluſtigungen, deren Erwähnung jetzt ſchon eine Sünde war, zertreten worden war. An einem Bruchſtück dieſes Zweiges hing das Schild zum Oliver⸗Kopf; und ein Glück wäre es für den Wirth geweſen, wenn jeder Morgen ein falſches Ge⸗ rücht hervorgebracht hätte, das ſein Haus mit ſo verzehrungsluſtigen Gäſten füllte. Dreimal ſchon hatte die Geſellſchaft, welche den Sitz un⸗ ter der Eiche eingenommen hatte, ihre Pinte Ale geleert, die vierte wurde gebracht, als die Sonne ſich in den Ocean tauchte, und die Se⸗ gel und Maſte der fernen Schiffe mit ihren Strahlen umkränzte. „Zwanzig Meilen für nichts und wieder nichts nach dieſem Loch zu traben, das iſt wahr⸗ haftig kein Spaß, meine Herren,“ ſagte ein derber, trozigblickender Mann, indem er ſich zu unſerm Freund Robin Hays wendete, der an der Ecke der Bank ſaß, ein Bein untergeſchla⸗ gen, vermuthlich um größer zu ſcheinen, als die Natur ihn gemacht hatte, und das andere regel⸗ mäßig auf⸗ und abſchaukelnd.„Bei Gott, Sir, es iſt kein Spaß,“ wiederholte er. „Gewiß nicht, Herr Grimſtone,“ antwortete Robin,„hab' ich Euch doch auch nie ſpaßen hören.“ „Und ich bekenne, daß es ein offener und ein⸗ geſtandener Zweifel an Gottes Vorſehung iſt,“ ſtimmte der Koch ein, „Was! was!“ ſchrien ſechs oder acht Stimmen; „was meint ihr mit dieſer Läſterung, Salomon Grundy? Laßt ihn zahlen für ſein Vergehen!“ „Still, ihr einfältigen Schreier!“ antwortete der Küchenmenſch, der ſeinem Vorrath ſo lange, bis kein Raum mehr dafür übrig war, zugeſpro⸗ chen und reichlich von dem verbotenen Trank, genannt gebranntes Waſſer, dazu genommen hatte,„ich ſage ſtill, Ihr Schreier! Ich wieder⸗ hole, man muß offenbar an der Vorſehung zwei⸗ feln, wenn man ſo weit hieher kömmt und nichts ſieht, als eine Partie Volks, eine Partie Waſ⸗ ſer, eine Partie Schiffe, eine Partie... „Narren!“ fügte der kleine Robin hinzu, in⸗ dem er dabei auf den beredten Koch zeigte, dem jedoch das Kompliment ſo wenig zu gefallen ſchien, daß er den abgenagten Reſt eines Ham⸗ melsknochens aufhob und ihn dem kleinen Kobold an den Kopf warf, ein ſo gut gezielter Wurf, daß dieſer ihm nur dadurch entgehen konnte, daß er mit großer Gewandtheit durch die Höhlung des Baumes durchſprang. Dieſe Harlekinade er⸗ regte ein großes Gelächter, in welches niemand fröhlicher einſtimmte, als der junge Springall, der aus Gründen, die nur Hugh Dalton bekannt waren, aber mit Erlaubniß Sir Robert Cecil's, die letzten Tage in der Küche und Speiſekammer von Cecilhaus verlebt hatte. Ein anderer junger Mann der Geſellſchaft theilte ebenfalls zuweilen die allgemeine Heiterkeit, doch ſchien er größeres Gefallen an melancholiſchem Hinbrüten zu finden. Er ſaß neben Springall auf der Bank, der junge Seemann behandelte ihn jedoch nicht als ſeines Gleichen, ſondern mehr mit der Aufmerkſamkeit, die man einem über uns Stehenden ſchuldig iſt. — Der Fremde hatte den Hut ſo tief in das Geſicht gedrückt und den Mantel ſo hoch hinauf⸗ geſchlagen, daß ſeine Geſichtszüge gänzlich ver⸗ deckt blieben. „Robin, Robin, ſag' ich,“ rief Springall, „komm heraus aus Deiner Schale; Ihr habt lange genng drin geſteckt, um ein Dutzend Cre⸗ dos oder Pater Noſters abzubeten, wenn ſie noch Mode wären. Kommt heraus oder ſeyd Ihr ver⸗ hext? Robin, ſage ich, heraus und gebt uns eine Probe von Euerm Talente. Einen Geſang!— Aber unſern Jeromio ſolltet Ihr erſt hören. Ich haſſe den verſchmitzten Schurken, aber Himmel! wie ſingt er!“ „Singen,“ bemerkte Salomon Grundy, deſſen Frömmigkeit durch ſeine ſteigende Betrunkenheit wunderbar zugenommen hatte,„Singen iſt eine⸗- Erfindung des Thieres, des gehörnten Thieres, deſſen, das die Schildkröte nicht von der Kröte — 158— unterſcheldet, ſondern beide zuſammen in Einen Keſſel ſtößt und über Schwefel und Pech braten läßt; darum ſoll meine Stimme ſprudeln und ziſchen gegen ſolche Unziemlichkeiten, ja, meine Zunge ſoll ſich gegen ſie erheben, ſelbſt im Lande Ham.“ „Geh ſchlafen, Salomon, und Ihr, Junker, gebt uns ein Lied,“ brummte Grimſtone, der das Anſehen eines Wilden hatte.„Der Abend rückt heran und die Vögel ſuchen ihre Neſter. Stimm' an, Burſche, ſtimm' an.“ Springall hatte noch keinen Vers geſungen, als auch Salomon ſchon dem Rathe Grimſtone's gefolgt war und mit lautem Schnarchen die ſanfte Stimme des jungen Seemannes begleitete. Kaum war das Lied zu Ende, als auch Robin ſich wie⸗ der der Geſellſchaft anſchloß, aber ſein Geſicht war todtenblaß und verrieth tiefe Beſtürzung. „Habt Ihr Euch weh gethan, Robin,“ fragte der Fremde, der jetzt zum erſtenmale ſprach und den wir unter dem Namen Walther kennen. Ro⸗ bin ſchüttelte den Kopf. „Was habt Ihr denn? Euch fehlt etwas. Sprecht, guter Robin.“— „Ich bin weder krank, noch traurig, noch ver⸗ drießlich,“ antwortete er, indem er in ſeine ge⸗ wöhnliche Art überzugehen ſuchte;„und zum Be⸗ — 159— weiſe trinke ich dieſen Schluck, und dieſen und dieſen auf die Geſundheit— doch verzeiht, ich hatte das Unrecht dieſer gottloſen Sitte ver⸗ geſſen.“ Nichtsdeſtoweniger hielt Robin es nicht für gottlos, die Kanne ſo eifrig auszutrinken, daß kein Tropfen mehr drin war, als er ſie, er⸗ friſcht und geſtärkt, wieder auf den Tiſch ſtellte. „Wollt Ihr uns keinen Toaſt geben, Mei⸗ ſter Robin,“ ſagte Springall,„fo werde ich Euch einen geben und noch dazu ein friſches Maaß für Euch alle zahlen, und mit jedem fech⸗ ten, der etwas dagegen hat.“ „Haltet ein mit dieſer Entweihung,“ rief Ro⸗ bin mit einer Feierlichkeit, die ſo gegen ſeinen Charakter abſtach, daß ſie lächerlich wurde; „Springall, Du haſt bereits zu viel genoſſen; laß uns ziehen in Frieden.“ „Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich's thue.“ „Ich ſage Euch,“ unterbrach ihn Robin, „wenn Ihr noch einmal ſchwört, ſo werde ich Klage gegen Euch anbringen.“ „Hahaha!“ ſchrien mehrere,„Robin Hays wird ein Prediger. Der alte Noll hat deu Hauch der Heiligkeit hergeſchickt, um ſeine Stelle zu ver⸗ treten, und Robin den Landſtreicher plötzlich be⸗ ehrt.“* 1 „Ich erſuche Ench demüthigſt, ſtill zu ſeyn, — 160— wenn nicht um meinet⸗, doch um Euretwillen. Meine Brüder, Ihr wißt nicht...“ „Daß hier das Maaß Ale kommt,“ unterbrach ihn Springall,„und hier iſt eine e Geſundheit! Kavaliere. „Wir ſind nicht Kavaliere,“ unterbrach ihn Robin wieder,„ſo wahr ich auf göttliches Er⸗ barmen hoffe, wir ſind nicht Kavaliere, ſondern ſchlichte, ehrliche, arbeitſame Bürger des Ge⸗ meinwohls, aber nicht, ich ſage, nicht,“ dabei erhob er ſeine Stimme bis B zur höchſten Kraft, „nicht Kavaliere.“ „Der Teufel ſteckt in der Karte, und der Bube iſt Trumpf,“ rief Springall,„aber trotz⸗ dem will ich meinen Toaſt haben, und hier iſt er. Kommt, ſteht auf— das ſchönſte Mädchen von Shepey, Barbara Jverk! Und möge ſie bald eine Frau ſeyn!“ „Aber weſſen?“ fragte Robin bitter. „Deſſen, der ſie gewinnen kann,“ antwortete Springall.„Kommt, kommt, Robin, irgend eine Teufelei hat Euch bezaubert; Ihr ſeyd hinter dieſer alten Eiche einer Hexe auf einem Beſenſtiel begegnet. Trinkt, Barbara Jverk, das ſchönſte Mädchen von Shepey.“ „Das ſchönſte Mädchen in Shepey!“ wieder⸗ holte Grimſtone, nachdem er den Toaſt getrun⸗ — 161— ken hatte.„Die Benennung gebührt der Herrin, nicht dem Mädchen, und warum ſollte ich nicht noch einen Becher mit Sekt auf die Geſundheit der Lady Konſtanze...“ 1 „Laßt's ſeyn, Sir,“ rief der Fremde, der keinen Theil an dem Treiben genommen hatte, „ich würde jeden züchtigen, der den Namen der Lady bei dieſem gemeinen Gelage entweiht.“ „Sieh, ſieh, junger Herr, Ihr ſeyd ſpaßhaft! Was ſteckt denn in einem Weibe, daß ein Mann es nicht nennen dürfte? Fleiſch iſt Fleiſch! Und was den Rang betrifft— wir ſind alle Glieder des Gemeinwohls! Darum, ſage ich, ein Becher auf die Geſundheit der Lady...“ „Beim heiligen Paul! Wenn der Name dieſer Lady über Eure unwürdigen Lippen geht, ſoll mein Degen Dir durch den Leib fahren,“ rief der Kavalier trotzig, warf ſeinen Mantel zurück und zog ſein Schwerdt mehr als zur Hälfte aus der Scheide. Hoho! bin dabei. Ich nehme mein Wort nie zurück, und darum das Schwerdt in der einen Hand, den Sekt in der andern, auf die Geſund⸗ heit.. 3 Er konnte jedoch nicht ausſprechen, denn Ro⸗ bin ſchloß ihm mit ſeiner breiten Hand den Mund und flüſterte ihm einige Worte in das I. 11 — 162— Ohr, welche von wunderbarer Wirkung waren; denn der alte Prahler ſteckte ſchnell ſein Schwerdt ein, ſetzte ſich wieder auf den Platz, von dem er ſo haſtig aufgeſprungen war, und brummte einige Worte vor ſich hin, welche nur undeut⸗ lich ſeines Gegners Ohr erreichten. „Laßt uns nach Haus gehenz es iſt ein weiter, ſchlechter Weg bis nach Cecilhaus, und die Nacht iſt da. Auf, guter Salomo. Kommt, Herr Wirth, dieſes fette Schwein kann ſich nicht bewegen, gebt ihm ein Nachtlager und treibt ihn zeitig genug morgen heraus, daß er noch zur Mit⸗ tagszeit ankommt.“— Darauf wechſelte er noch einige derbe, aber herzliche Abſchiedsworte mit ſeinen muntern Gefährten und ſchlug endlich mit Walther und Springall einen Seitenweg ein, der nach dem Theil der Inſel führte, in welchem Cecilhaus lag. — 163— Neuntes Kapitel. — Die drei jungen Leute ſetzten, Anfangs über die Ereigniſſe des Abends ſcherzend und lachend, ihren Weg fort, nach und nach jedoch ſtockte das Geſpräch, wie dies gewöhnlich geſchieht, wenn der erſte Rauſch einer Luſtbarkeit verflo⸗ gen iſt. Der Größte unter den Dreien, den man ſchon als den geheimnißvollen Fremden bei der Lady Cecil Leichenbegängniß und in der Höhle des Bucaniers erkannt hat, benahm ſich zwar gegen ſeine Begleiter mit der Höflichkeit eines echten Gentleman, nahm jedoch deren unter⸗ thäniges, ehrerbietiges Benehmen gegen ihn auf eine Weiſe auf, aus der man ſchließen konnte, daß er an mehr als bloße achtungsvolle Behand⸗ lung gewöhnt war. Nachdem ſie lang über ei⸗ nen tiefen und ſumpfigen Grund gegangen wa⸗ ren, erreichten ſie endlich eine Stelle, wo der Weg ſich theilte, und ein Pfad nach Cecilhaus, der andere nach der Möwenneſtklippe führte. — 164— „Kommt mit mir, Robin,“ ſagte Springall, „d. h. wenn der Herr nicht Eure Geſellſchaft wünſcht; ich bitte um Verzeihung, daß ich nicht früher daran gedacht habe.“ „Er kann gehen,“ antwortete der Gentleman. „Ich denke, mein guter Springall, Ihr be⸗ dürft eines Führers, denn Ihr geht ſicherer auf dem Hinterdeck, als auf dem trockenen Lande, und wenn ich nicht irre, ſo giebt es tiefe Gru⸗ ben auf Eurem Wege. Ich kenne meinen Weg, und bin übrigens eine alte Landratte.“ „Mit Verlaub Ew. Gnaden,“ rief der junge Seemann, der alle Landratten von Herzen ver⸗ achtete,„das ſeyd Ihr nicht. Eine Landratte! Das ſollte mir gefallen! Ich werde morgen im Neſt ſeyn, wenn...“ „Still,“ ſagte der ſtets beſorgte Robin,„nie ſprecht Worte des Geheimniſſes ſo laut aus. Seht dort!“ „Jawohl,“ antwortete Springall,„auf dem andern Wege reiten zwei Männer, aber ſie ſind weit, und wenn ſie nicht Haſenohren haben, kön⸗ nen ſie meine Worte nicht hören.“ „Es iſt beſſer, Sir, ich gehe mit Euch,“ bemerkte Robin ernſtlich;„in der That, ich gehe mit Euch. Gute Nacht, Springall. Steuert links, bis Ihr an die rothe Kluft kommt, dann haltet Euch rechts an die Steinmauer, ſie führt Euch nach dem Obſtgarten und von dort wißt Ihr den Weg.“ „Warum geht Ihr nicht mit ihm?“ fragte der Kavalier freundlich;„die Nacht iſt ſo dun⸗ kel und der arme Burſche verſteht den Landkurs ſo wenig.“ „Er muß lernen, Sir, wie ich auch, und meine Pflicht gebietet mir, bei Euch zu bleiben, beſonders wenn fremdes Volk ſich umhertreibt.“ „So ſeyd Ihr mein Kämpe, Robin.“ „Euer Diener, Sir; ein Diener, der ſeine Pflicht gelernt hat, ehe die Mode aufkam, daß Diener vergeſſen dürfen, was ſie ihren Herren ſchuldig ſind. Dienſt iſt jetzt, wie Freiheit, nur ein Name, und Diener thun, was ihnen gut⸗ dünkt.“ 3 1 „Handeltet Ihr auch ſo gegen Herrn von Bur⸗ rell?“ „Nicht ganz, Sir; ich floh, wie Ihr wißt, als er in Gefahr war, auf eine recht knechtiſche Weiſe. Aber ich hatte meine Gründe dafür, wie daß ich mit ihm nach London ging. Doch iſt das kein Geſpräch für dieſe Nacht, Sir. Es iſt zum Erbarmen, daß eine ſo liebevolle Dame, wie Miſtriß Konſtanze, gezwungen werden ſoll, ſolch⸗ einem Thiere die Hand zu reichen; ich für mei⸗ nen Theil konnte nie die Weisheit ſolcher Ver⸗ — 166— träge, wie ſie es nennen, ergründen. Die kleine Barbara iſt ein verſchwiegenes Mädchen. Doch hörte ich ſagen, daß der armen Lady, trotz aller ihrer ſchönen Beſitzungen, das Herz bricht und daß ſie ſich langſam verzehrt. Es iſt wohl ange⸗ nehm, reich zu ſeyn, aber mit Reichthum ſehr ſchwer, glücklich zu ſeyn, weil die Sorgen, die wir uns ſelbſt zuziehen, ſchwerer zu ertragen ſind, als die, welche die Natur uns zuſchickt. Stände mir ein Wunſch frei, ich würde nicht Schäze begehren.“ „Und was ſonſt, Robin?“ „So viel Schönheit, als genügt, das Herz eines Weibes zu gewinnen; Verſtand genug, es mir zu erhalten, denk' ich, zu haben.“ „Pah, Robin, wenn Ihr auch nicht ſchön ſeyd, gibt es doch viele, die häßlicher ſind.“ „O ja, Affen und Meerkatzen; aber ſie glei⸗ chen dem Urbilde ihres Geſchlechts, während ich ein armes, verkrüppeltes Geſchöpf bin, welches die Natur roh und unvollendet mit Verachtung von ſich geworfen hat.“ „Wie kann ein Menſch von ſo viel Vernunft, Robin, ſich über ſolche Kleinigkeiten kränken? Bedenkt, Schönheit iſt nur eine Sommerfrucht, die leicht verdirbt und ſchnell ein Ende nimmt.“ „Aber trotz dem begehren wir nach ihr im — 1672— Sommer, gerade wie die Jugend nach Schön⸗ heit verlangt.“ 1 Der Fremde wendete ſich zu Robin, ertheilte aber keine Antwort auf deſſen einfache Bemerkung. Beide ſchwiegen und dachten lange im Stillen über ihre Pläne und Ausſichten; plötzlich fragte Walther, ob Robin auch überzeugt ſey, daß er den rechten Weg eingeſchlagen habe. „O! Sir, für meine Augen ſtehe ich. Hinter dieſem Baume kommt der Weg, über den wir nach der Steinſchlucht müſſen. Wie oft habe ich dort das Signal für den Glühwurm aufgeſteckt; aber freilich, wenn die gefahrvollen Zeilen vor⸗ über ſind und wir leben— wie Herr Mundflink ſagt— in Tagen des Friedens, wird es bald aus ſeyn mit dem Treiben des armen Hugh. Ich wollte, er wäre zurück. Die Küſte iſt einſam ohne ihn.“ „So iſt's, Robin; aber könnt Ihr mir nicht ſagen, warum Ihr ſo beſtürzt und ſo wunder⸗ bar fromm ſchient, nachdem Ihr den Sprung durch den hohlen Baum gemacht hattet?“ „Ja ſeht, als ich ſo durchſprang, mir nichts dir nichts, wie es im Liede heißt, befand ich mich plötzlich auf der andern Seite, dicht, ſo dicht, wie ich jetzt bei Euch ſtehe, vor— vor—“ Als Robin ſo weit in ſeinem Berichte gekom⸗ — 168— men war, brachte ſie eben eine plötzliche Wen⸗ dung auf die Landſtraße, welche in eine Art Hohlweg führte, der auf beiden Seiten durch dichtes Buſchwerk begränzt war. Ungefahr hun⸗ dert Schritte von dem Punkte, wo ſie ſtanden, waren drei Männer in einen heftigen Kampf begriffen. Ein ſolcher Auftritt um dieſe Zeit, an dieſem Orte, glich einer zauberhaften Er⸗ ſcheinung. Der Kavalier rieb ſich die Augen, als ob er ſich überzeugen wollte, daß dies wirk⸗ lich ſey, während Robin beſtürzt, ſtarr da ſtand, ungewiß, was zu thun ſey: der Mond ſchien ſo hell, daß ſie deutlich wie bei Tages⸗ licht ſehen konnten. „Beim Himmel, es ſind zwei gegen einen,“ rief der junge Mann, ſeinen Mantel abwerfend und ſchnell wie der Blitz ſein Schwert ziehend. „So iſt es,“ ſtammelte Robin,„aber wer iſt dieſer Eine? Um Gott, Sir, Ihr werdet doch für ihn nicht das Schwert ziehen?“— Aber ehe er noch ausgeſprochen, war ſein Ge⸗ fährte ſchon unter den Kämpfenden.—„Oh!“ rief Robin verzweifelt,„muß ich erleben, ſo reines Blut in ſolchem Streite vergießen zu ſehen? Der Arme! er weiß nicht, wer jener iſt. Wie er ſtößt! Wie die Schwerter flimmern! Fluch meinem zwerghaften Körper! Sie würden — 169— nur lachen, wenn ich unter ſie träte. O könnte ich es nur wett machen mit der Ratur, und ſie haſſen, wie ſie mich haßte. Und doch, hätte ich nur Waffen! Ha! Einer der Mörder fällt, und der Erzfeind mit— ſie umſchlingen ſich wie mörderiſche Schlangen. Verrätheriſcher Hund! Der andere will es ſich zu Nutzen machen. Recht ſo, mein tapferer, junger Gentleman! Mit welcher wunderbaren Gewalt er ihn zurückhält! Jetzt, jetzt— die beiden Kämpfer ſind getrennt — der eine ſteht auf, der andere! o Gott! o Gott! Wie er ihn mit ſeinem Schwerte durch⸗ ſtößt! Haltet ein! haltet ein! der Mond könnte durch dieſe Todeswunden durchſcheinen— es ſind ihrer zwanzig wenigſtens— eine hätte genügt, Goliath oder dem ſtärkſten Mann von Gath das Leben zu nehmen.— Sieh das Der andere zeigt die Schnelligkeit ſeiner Ferſen und der unbeſon⸗ nene Menſch eilt ihm nach! Ach! daß er nicht Vorſicht lernen will. Dort gehen ſie hin, queer über das Feld und nicht nach der Fähre.“ In dieſem Augenblick rief der Mann, deſſen Leben wahrſcheinlich durch die Dazwiſchenkunft des jungen Kavaliers gerettet worden war, Ro⸗ bin zu, näher zu kommen, eine Anforderung, der er anfangs nur langſam Folge leiſtete, ein zwei⸗ ter Ruf trieb ihn jedoch zu größerer Schnellig⸗ — 170— keit an, und ſo eilte er denn mit geſenktem Kopf und zitternd zu ihm, den er offenbar ſo ſehr fürchtete. „Kannſt Du mir Rede ſtehen über dieſes elende Geſchöpf, welches der Herr in meine Hand ge⸗ geben hat?“ ſagte er, auf die Leiche zeigend, während ſich ſeine Bruſt noch von der heftigen Anſtrengung hob, obgleich er in jeder andern Be⸗ ziehung ſo ruhig ſchien, als ob er ausgegangen wäre, die ſanfte Abendluft einzuathmen, und ein rauherer Wind, als er zu finden dachte, ſein Geſicht getroffen hätte. Robin bückte ſich, die verzerrten Züge des Todten zu unterſuchen, der von dem Blut, das warm ſich aus ſeinen Wunden ergoß, überſtrömt war. „Er war noch vor drei Stunden in Deiner Geſellſchaft,“ fuhr der Fremde energiſch fort, „und Du kennſt ihn. Hörte ich nicht ſeine Worte hinter der Eiche? Ja, und wäre es auf Dich angekommen, ſo wäre ich den Mördern überlaſ⸗ ſen worden, wie einſt Hoſea dem Salmanaſſer übergeben worden. Sprich, Du Ungeheuner, da⸗ mit ich nicht Deine Seele ſo ſchlecht finde, als ſeine Hülle, und ſie herauslaſſe aus ihrem elen⸗ den Gefängniſſe, wie ein Weſen der Nichtigkeit.“ „Es iſt der arme Grimſtone,“ rief Robin, ſich erhebend und offenbar betrübt über den Ver⸗ luſt deſſelben, der bei ſo mancher Gelegenheit ſein Gefährte geweſen war;„er war oft auf eine Teufelei aus, aber ein Angriff auf jemand, wie Ihr..“ „Still, Sir, habe ich Euch nicht vorher mei⸗ nen Wunſch bedeutet?“ „Allerdings,“ murmelte Robin;„aber ſein An⸗ griff kann nur Raub zum Grunde gehabt haben. Grimſtone war nie ehrgeizig, warf ſeinen Blick nie über eine Börſe mit Goldſtücken hinaus;— er war immer ein Narr,“ fügte er leiſer hinzu. „Das Aas iſt an einem freundlichen Platze gefallen; ſo mag der nächſte, der kommt, dafür ſorgen; Du aber, hole mir mein Pferd. Wäre mein Sattelgurt nicht gewichen, ich hätte zwan⸗ zig ſolche Banditen in die Flucht geſchlagen.“ Der Fremde ſprach das in einem Tone, aus dem hervorging, daß er zwar dankbar für den ihm gewordenen Beiſtand ſey, aber doch froher geweſen wäre, wenn er deſſen nicht bedurft und den Sieg mit eigenen Händen erfochten hätte. Robin eilte fort nach dem Pferde, einem gut dreſſirten Schlachtroſſe, das ruhig mitten auf dem Wege ſtehen geblieben war und den Aus⸗ gang des Kampfes abgewartet hatte; er ſah, daß der Sattel ganz herumgefallen war und unter— dem Bauche hing; der Reiter machte ſich ſeinen Mantel zurecht, wiſchte ſein Schwert ab und hatte es eben wieder in die Scheide geſteckt, als — 122— der Kavalier von ſeiner fruchtloſen Jagd zurück⸗ kehrte. Als er ſich dem Manne näherte, dem er einen ſo großen Dienſt geleiſtet, ſah er, daß es ein friſcher, ſtarker Mann war, welcher über das mittlere Alter hinaus und deſſen Anblick ſtreng und ehrfurchtgebietend war; unwillkührlich zog er ſeinen Hut vor ihm ab und hielt ihn ſogar in der Hand, während er die Hoffnung aus⸗ ſprach, der Fremde„werde durch die feigen Räu⸗ ber, welche ihm aufgelauert, keinen Schaden er⸗ litten haben.“ Der Andere gab keine Antwort, ſondern heftete einen feſten, durchdringenden Blick auf das Geſicht des jungen Mannes. Offenbar war das Reſultat ſeiner Unterſuchung nach Wunſch ausgefallen, denn er ſtreckte die Hand aus, er⸗ griff die ſeines Retters, hielt ſie eine Minute lang in der ſeinigen und drückte ſie dann ſo feſt mit ſeinem Eiſenhandſchuh, daß der junge Mann glaubte, das Blut müſſe ihm aus den Finger⸗ ſpitzen fahren. „Ich bin Dank und Erkenntlichkeit ſchuldig, und möchte gerne wiſſen, wem; Euer Name, Sir?“, Der Kavalier beſann ſih einen Augenblick und ſagte dann: „Ihr mögt mich de Guerre nennen— Wal⸗ ther de Guerre.“ „Walther de Guerre!— ein Engliſcher Name — 173— mit einem Franzöſiſchen verbunden. Es iſt ſon⸗ derbar, aber was thut's, was thut es: Ihr ſeyd ein Werkzeug geweſen zur gnadevollen Er⸗ haltung eines, der in ſeiner Unwürdigkeit den⸗ noch von einigem Belange iſt, und Werkzeuge in Gottes Hand müſſen beachtet werden. Meine Gefährten hatten in der Nähe zu thun und ver⸗ ließen mich nur kurz vorher, ehe ich von dieſen Schurken angefallen war; aber der Herr iſt barm⸗ herzig und begabte Euch mit Muth. Und nun Sir, wohin denkt Ihr? Nach Cecilhaus?“ „Nein, Sir,“ antwortete de Guerre, erwä⸗ gend, was er antworten und wie er ſeinen jetzi⸗ gen Aufenthalt bezeichnen ſolle. „Zu dem würdigen Sherif vielleicht, Sir Mi⸗ chael Liveſay in Shurland? Er muß beſſer nach ſeinen Fährleuten ſehen, damit ſolche Schändli⸗ keiten, wie dieſe, nicht mehr vorfallen.“ „Auch zu ihm nicht, Sir. Ich bin ein armer Reiſender, der in einem ſchlechten Wirthshauſe nicht weit von hier wohnt.“ Während dieſes Geſpräches hatte Robin den Sattelgurt feſtgeſchnallt, und das Roß ſeinem Herrn vorgeführt, der den Zügel ergriff und den Gurt unterſuchte. Robin ſchlüpfte unbemerkt um ihn herum zu de Guerre, zog ihn beim Aermel und flüſterte ihm zu:„Sagt nicht, wo.“ — 14— Der junge Mann hörte dies entweder nicht, oder beachtete es nicht, denn er fügte hinzu: „Bei der Wittwe Hays.“ „Ich entſinne mich; es iſt das Haus bei Eaſt⸗ Church. Man heißt es das Neſt— das Neſt— richtig, das Möwenneſt. Es iſt ein ſchlechter Auf⸗ enthalt für einen, der ein mit Diamanten beſetztes Schwert trägt und es noch dazu ſo tapfer zu ſchwingen weiß. Ein alltäglicher Menſch, Herr de Guerre, würde die Diamanten verkaufen und ſich eine freundlichere Wohnung ſuchen.“ „Jeder hat ſeine Anſicht,“ antwortete der junge Mann, etwas ſtolz;„ich wünſche Euch gute Nacht, Sir.“ „Wie hitzig!“ ſagte der Fremde, ſeine Hand auf de Guerre's Arm legend.„Stolz und hitzig! Aber es iſt ein ſchlechter Baum, der nicht nöthig hat, beſchnitten zu werden. Der Retter und der Gerettete dürfen ſo nicht von einander ſcheiden. Kommt mit mir nach Cecilhaus, und wenn ich auch keinen goldenen Lohn zu bieten habe, ſo kann ich Euch doch eine freundliche Aufnahme ſichern: denn alle meine Freunde lieben einander.“ „Geht mit ihm, geht mit ihm,“ flüſterte Ro⸗ bin,„ſagt niemals nein zu ihm. Warum ſolltet Ihr nicht gehen, wenn er es wünſcht?“ Ihr ſeyd beritten,“ antwortete de Guerre zoͤgernd,„und noch dazu vortrefflich, und ich bin zu Fuß, kann alſo nicht Schritt mit Euch halten.“ „Und Euer Grauſchimmel iſt zu weit von hier,“ antwortete der andere, indem ein freundliches Lächeln den rauhen, unordentlichen Schnautzbart verzog, der ſeine Oberlippe ſchmückte;„zu weit, als daß ihn dieſer kleine Knappe zur rechten Zeit herbeibringen könnte.“ „Mein Grauſchimmel!“ rief Walther erſtaunt. „Ja wohl, und ein tüchtiges Thier iſt es. Aber ich werde mein Pferd zuſammennehmen, und das Haus iſt nicht ſo entfernt, daß wir nicht mit⸗ einander fortkommen könnten.“ „So dank ich Euch für die angebotene Gaſt⸗ freundſchaft,“ antwortete de Guerte,„aber müſſen wir nicht vorher etwas mit dem Burſchen anfangen, den Ihr niedergeſtochen habt? Sein Gefährte war zu ſchnell für mich.“ „Laßt den Baum liegen, wo er gefallen iſt,“ entgegnete der Andere, indem er einen Augen⸗ blick auf den Leichnam blickte und dann mit größ⸗ ter Ruhe auf ſein Pferd ſtieg;„am Morgen wird ſchon jemand Erde auf ihn werfen. Wir wollen fort, junger Mann.“— De Guerre erklärte ſich bereit und ging, Robin dicht hinter ſich, an der Seite des Fremden her. — 176— „Und ſo,“ bemerkte der Reiter, ſich zu Robin wendend,„begleitet Ihr uns uneingeladen? Spiel⸗ teſt Du je in einer der Mummereien des Sa⸗ tans, ſo man Theaterſpiel nennt? Von allen Kunſtſtücken, die man an Höfen lernt, ſind die equilibriſtiſchen die gefährlichſten, und da Dein Herr, Sir Willmott Burrell, ſich noch nicht dar⸗ in verſucht hat, ſo möchte ich wiſſen, woher Du ſo geſchickt darin biſt.“ „Ich habe manchem Herrn gedient, Sir, und bin jetzt außer Dienſt,“ erwiederte Robin, den ſein Witz im Stich gelaſſen zu haben ſchien, und der ſich dicht an de Guerre hielt. „Du ſageſt die Wahrheit, und da einer von ihnen noch vor morgen etwas von Dir begehren möchte, ſo würde es— was meinſt Du— beſſer ſeyn, Du kehrteſt um zu jenem unheiligen Schlupf⸗ winkel der Kavaliere und Schmuggler, jenem Mö⸗ wenneſt, und ließeſt uns allein unſern Weg nach Cecilhaus fortſetzen.“ Robin verbeugte ſich, ſo ehrfurchtsvoll er konnte, und wollte eben de Guerre etwas zurau⸗ nen, als der Fremde ihn mit ſtrenger Stimme anfuhr:„Fort! fort! nichts geflüſtert!“ Robin hob die Hände auf, als ob er ſagen wollte:„ich kann nicht helfen,“ und ſprang mit ſeiner gewöhnlichen Schnelligkeit über das an⸗ — 1727— gränzende Gehäge. Der Fremde und de Guerre ſetzten ſchweigend ihren Weg fort, letzterer ziem⸗ lich unzufrieden mit ſich ſelbſt, daß er ſeinem wunderbaren Gefährten ſo viel Macht über ſich einräume, ohne ſich dieſem Einfluſſe entziehen zu können. „Sagt doch, Sir,“ fragte endlich der Aeltere, „was gibt es Neues jetzt in Frankreich? Ihr habt, denke ich, es erſt kürzlich verlaſſen?“ „Ich bin in Frankreich geweſen, aber vor längerer Zeit.“ „Alſo in den Niederlanden? Denn ich bin über⸗ zeugt, Ihr ſeyd den fleiſchlichen Thorheiten dieſer Zeiten ergeben und habt den religiöſen und politi⸗ ſchen Ketzereien angehangen, welche von einer oder mehren Perſonen verbreitet werden, die ſich einen beſondern Rang anmaßen, welchen der Allmächtige für gut gefunden hat, ihnen ſchon lang zu entreißen.“ „Ich bin, ſo viel ich weiß,“ antwortete der Jüngling höflich, aber feſt,„in keiner Ketzerei aufgezogen worden, und würde es bedauern, wenn ein ſo tapferer Gentleman und ſo gewand⸗ ter Krieger dies von mir dächte, obgleich ich mich nicht verpflichtet fühle, Euch meine Privatmei⸗ nungen zu offenbaren, welche ich eben ſo gut für mein ausſchließliches Eigenthum halte, wie meine Zeit oder mein Schwert.,..4, I. 12 „Und welche,“ fügte der Fremde hinzu,„viel⸗ leicht das einzige Eigenthum ſind, welches Ihr beſitzt.“ „So iſt's, Sir; aber Perſonen von ſchlechtern Verhältniſſen, als die meinigen, ſind ſeither zu hohem Range aufgeſtiegen, ja, und benehmen ſich ſo ſtolz, als ob ſie geboren wären, nicht das Reich, ſondern Reiche zu beherrſchen.“ „Wohl wahr, und darf ich daraus ſchließen, daß auch Ihr Dienſt ſucht? In dieſem Falle würde mein ſchwaches Wort Euch von Nutzen ſeyn. Der Protektor und andere Stützen dieſes großen Ge⸗ meinwohls ſchätzen mich etwas und gerne möchte ich Euch, dem ich ſo tief verbunden bin, behülf⸗ lich ſeyn.“ „Ich danke Euch für Eure Güte, Sir, aber ich fühle mich jetzt mehr geneigt, mein Schwert in der Scheide zu halten, als es zu ziehen.“ „Aber warum? Ein Mann, wie Ihr, begabt mit Muth, Geſchicklichkeit, Geſundheit— der Staat bedarf ſolcher Männer— es iſt nicht gut, müßig zu gehen.“ „Auch ich liebe es nicht. Aber offen geſagt, ich mag die Neuerungen nicht, und dieſer Staat hat in der letzten Zeit zu viel Verſuche gemacht — mit einem Wort, ich mag dies Treiben nicht.“ „Das iſt ein aufrichtiges Geſtändniß, aufrich⸗ — 179— tiger, als ich es nach Eurer früheren Rede er⸗ wartet hätte. Aber, mein junger Gentleman, es iſt nicht klug gehandelt, ſolche Geſinnungen ei⸗ nem Fremden anzuvertrauen; der Lord Protek⸗ tor hat, wie man ſagt, in jedem Hauſe ſeine Spione, ja es heißt, jede Landſtraße trüge de⸗ ren ſo viel, als Brombeeren.“ „Meinetwegen mögt auch Ihr einer ſeyn,“ ſagte der Jüngling trotzig,„was kümmert's mich. Ueberdies ſagt man, der alte Noll liebe an an⸗ dern, was er ſelbſt nicht übe, das Ding nämlich, das man Ehrlichkeit nennt; und ſchlimmſten Falls kann er mir blos mein Leben nehmen, welches im Vergleich mit denen, die er ſchon genommen hat, von geringem Werthe iſt.“ Dieſem unbedachtſamen Ausfalle folgte ein lan⸗ ges Schweigen, welches endlich von dem Manne zu Pferde gebrochen wurde. „Ihr ſprecht von Neuerungen; auch ich glaube, daß Verſuche für einen Staat nicht taugen, ſie müßten denn dringend nothwendig ſeyn und die Reform den Wechſel, nicht die Liebe zum Wechſel die Reform bedingen. Iſt nicht die Zeit die größte Neuerin? Aendert ſie nicht immer? Man hat ge⸗ ſagt, wie in der Natur die Dinge ſich mit Heftigkeit nach ihrem Platze und ruhig in demſelben bewe⸗ gen, ſo ſey auch Tugend bei Ehrgeiz heftig, im — 180— Beſitz der Gewalt aber ruhig und beſonnen. Stahl ſchärft den Stahl, ſo vervollkommet ein Ruhm den andern, und ich bin der Meinung, daß die, welche ſich Ruhm errungen, vorher in Unruhen gekämpft haben müſſen. Doch gibt es Stufen in der Ehre, und auf die erſte würde ich Grün⸗ der von Staaten ſtellen, wie wir deren in der Geſchichte leſen: Romulus...“ „Wollt Ihr nicht auch,“ utergrag lm de Guerre,„der Liſte, die Ihr eben zu entwerfen denkt, den Namen Cromwell's beifügen?“ „Und warum nicht?“ entgegnete der Andere ſtolz,„warum nicht auch Cromwell? Darf die Eiche geſchmäht werden, weil ſie aus einer Eichel entſtanden? Bedenkt, was er für ſeinen Stand zu leiden hat, denn wird er verehrt, wie die Sterne über uns, ſo hat er auch, wie ſie, keine Ruhe.“ „Auch verdient er ſie nicht,“ ſagte der Jüng⸗ ling. „Hal meinſt Du,“ rief der Fremde ſchnell, fügte aber ſogleich ruhiger hinzu:„Walther de Guerre, oder wie Ihr ſonſt heißen möget, hütet Euch vor ſolchen Ausdrücken, wenn Ihr Eure Geſellſchaft nicht kennt. Ihr ſagtet eben, Eure Meinung wäre Euer Eigenthum, ſo gebt ſie dort, wo wir hinziehen, nicht unaufgefordert hin. Ich weiß, daß Ihr tapfer ſeyd und Edelſinn gehört — 181— zu Tapferkeit, wie ein Stern zum andern, aber Beſonnenheit im Sprechen iſt mehr werth, als Beredtſamkeit. Und was Cromwell betrifft, ſo hat der Hirt eines Volkes gute Aufſicht, ſorg⸗ ſame Wacht nöthig, denn Wölfe und Füchſe in Schafskleidern brechen in die Hürden und töd⸗ ten und verſchlingen. Und handelte er nicht wie Epimetheus(nach der profanen, aber weiſen Fa⸗ bel), der, als Sorgen und Leiden herausflogen, zuletzt den Deckel zuſchlug und die Hoffnung im Gefäße zurückhielt, ſo würde in der That ſein Loos zu hart ſeyn: Milde im Urtheil ziemt Al⸗ len, am meiſten aber der Jugend.“ Sie ſahen jetzt Cecilhaus vor ſich liegen. De Guerre hatte mit manchem peinlichen Gefühle, beſonders mit dem quälenden Bewußtſeyn von dem auffallenden Uebergewicht zu kämpfen, wel⸗ ches ſein Gefährte über ihm gewonnen hatte, ſo daß er kaum zu denken, geſchweige ſeine Ge⸗ danken auszuſprechen wagte. Einem äußern Ein⸗ drucke konnte er dies nicht zuſchreiben; denn der Mann war ſchlicht bis zur Gemeinheit, ſein Anzug war gewöhnlich, ſein Degen zwar gewichtig, aber der Griff ſchmucklos. Nur ſein Pferd verrieth durch ſeinen Werth, daß es einem Gentleman gehöre, aber der Sattel ſchien ſo alt, abgenutzt und noch dazu ſchlecht gearbeitet, daß de Guerre — 182— ſich wunderte, wie ein ſo edles Thier ſich her⸗ ablaſſen könnte, ein ſo erbärmliches Lederzeug auf ſich zu dulden. Allerdings hatte der Fremde gegen das Ende der Unterredung ſich einiger Aus⸗ drücke bedient, welche den Kavalier betroffen machten, doch auch dieſe hatte er auf ſo ver⸗ wirrte und ungeſchickte Art und mit einer ſo unmelodiſchen Stimme von ſich gegeben, daß es den Anſchein hatte, als ob ein Grobſchmidt Per⸗ len aufreihe. Der Kavalier tröſtete ſich endlich mit der Bemerkung, daß ein Mann von ſo kalt⸗ blütiger, entſchloſſener Tapferkeit, trotz allem äußern Anſcheine, doch ein Mann von einiger Wichtigkeit ſeyn müſſe, eine Ueber zeugung, die noch dadurch beſtätigt wurde, daß er ein Gaſt und offenbar ein bevorrechter Gaſt Sir Robert Cecil's ſeyn mußte, Zu dieſem Schluſſe hatte Walther es gebracht, als ſie durch das hintere Thor kamen und der alte Pförtner ſeine Fackel anzündete, um ſie nach dem Hauſe zu geleiten. Als der alte Mann einige Schritte vorgegan⸗ gen war, fragte der Fremde ſeinen Gefährten: „Habt Ihr je Miſtriß Cecil geſehen?“ „Miſtriß Cecil!“ wiederholte de Guerre mit ſichtlicher Verlegenheit.„Ich habe nur wenig La⸗ dies der Gegend geſehen— nur wenig Gelegen⸗ heit dazu gehabt.“ —ͥ — 183— „Und doch nahmt Ihr die Entweihung ihres Namens dieſen Nachmittag unter der Eiche ſo übel auf— haſt Du vergeſſen?“ „Ich weiß nicht, wer Ihr ſeyd,“ entgegnete Walther ärgerlich, und endlich die ehrerbietige Rückſicht, die er ſo lange genommen, bei Seite ſetzend,„und wie Ihr einen, der Eure Bekannt⸗ ſchaft nicht geſucht hat, ſo kreuz und queer fragen könnt. Welches Recht habt Ihr, oder ir⸗ gend jemand, aus jedem Winkel und jeder Ecke zu Tag und Nacht zu lauſchen oder zu ſpioniren, ſo daß Ihr, wie es ſcheint, weder ruht, noch andern Ruhe gönnt? Beim Himmel! wäre ich ein Freund(was ich, Gott ſey Dank, nicht bin) deſſen, den Ihr Protektor oder König nennt, oder was er ſonſt ſeyn mag, ich würde ihn vor ſolchen Perſonen warnen; denn es iſt die Pflicht jedes ehrlichen Unterthanen, für ſeinen Herrſcher wie für ſeinen Vater zu wachen, mit der Sorge und dem Pflichtgefühle, der Zärtlichkeit und der Liebe eines Kindes. Ich möchte wiſſen, woher Ihr wißt, daß ich einen Grauſchimmel beſitze?“ „Oder,“ antwortete ihm der Andere,„wie ich Euern Zank mit Sir Willmott Burrell nach dem Leichenbegängniſſe entdeckt; aber fürchtet nicht, ihn hier zu treffen; er hat vor einigen Tagen Geſchäfte halber Cecilhaus verlaſſen. Na, na, — 184.— kräht mir nur nicht zu laut Eure Herausforderung ins Geſicht, weil ich von Furcht ſpreche. Was das für ein Kampfhahn iſt!— Mich däucht, der alte Pförtner nimmt ſich Zeit, den Stallknecht zu rufen, und ſo will ich hinein im Namen des Herrn und habe Du auf den„alten Donner“ Acht,“ fügte er hinzu, den gebogenen Nacken des edlen Thieres ſtreichelnd, welches ſeinen Kopf zurück⸗ drehte, als ob es den Werth der Liebkoſungen fühle. De Guerre nahm beinahe unwillkührlich den Zügel in die Hand und murmelte:„Hier wie ein Knecht zu bleiben, um ſein Pferd zu halten! Bei Gott, ich will es für niemand thun. Und doch iſt es kein Schimpf, ſelbſt für einen Rit⸗ ter nicht, ein gutes Roß zu halten. Ha! dort kommt jemand.“ Er trat ſein Amt zweien Dienern ab, welche aus einer Seitenthür traten, als der Fremde eben die letzte der langen und breiten Stufen hinauf war, welche nach dem Hauptein⸗ gange führten. Nicht ſobald jedoch hatte der erſte der Herausgekommenen des Reiters Mantel und ſeinen breitkrämpigen Hut erblickt ,als er auch die Stufen hinaufſprang und den Mantel ergriff, als deſſen Beſitzer gerade in die Halle treten wollte. Er wendete ſich bei dieſem Ueberfalle ſtolz um, aber der Angreifende, in welchem de Guerre — 185— Springall erkannte, hing zu feſt an ihm, als daß er ihn leicht hätte abſchütteln können; er zog ſein Schwert halb aus der Scheide und blickte den Jüngling feſt an. „Ich wußte es! ich wußte es!“ ſchrie Spring⸗ all,„es iſt der Mantel, der Hut, alles! Jetzt will ich's quitt machen, daß ich habe über der Klippe hängen müſſen— wie ein Fiſch in einer Geierklaue— und das alles für nichts.“ „Fort da, Springall,“ ſagte de Guerre, der dazu kam, und froh war, als er ſah, daß der wüthende Blick des Fremden ſich in ein freund⸗ liches, gutmüthiges Lächeln über den gefahrloſen Ungeſtüm des Knaben verwandelt hatte;„fort da, das Ale und der Sekt haben Deine Augen und Dein ſchwaches Gehirn in Beſchlag genom⸗ men.“ 1 5 „Ich ſchwöre bei dem Kompaß,“ antwortete der Jüngling, den Mantel loslaſſend, indem er mit nicht geringer Verwunderung den Kavalier anſtarrte,„wir ſind behext, alleſammt behext! Ich verließ Euch, Sir, auf dem Wege nach dem Möwenneſt mit Robin dem Landſtreicher und nun ſeyd Ihr hier in Geſellſchaft dieſes wahr⸗ haft... Aber beim Teufel, er iſt wieder fort,“ rief Springall, der vor Erſtaunen in ſeiner Wachſamkeit nachgelaſſen hatte und jetzt, indem — 186— er ſich umwendete, bemerkte, daß der Gentle⸗ man verſchwunden war. „Ihr werdet doch nicht toll ſeyn,“ ſagte de Guerre, Springall beim Arme faſſend,„und jemanden in Sir Robert Cecil's Halle folgen.“ „O Gott, o Gott! daß ich es erleben muß, Euch, Sir, im Bunde mit einem Geſpenſte zu ſehen. Ich ſchwöre Euch, ich hatte den Griff dieſes Teufels in ſchwarzen Zeichen auf mir, gerade als ob ſie hineingebrannt worden wä⸗ ren. So wahr ich ein lebender Mann bin, er fiog von dem Rand der Klippe weg, wie ein Nebel.“ „Pahl Springall, wie könnt Ihr oder ſonſt jemand in finſterer Nacht ſehen, was jemand iſt?“ „Kann ich mich im Schnitt ſeines Schönfahr⸗ ſegels oder ſeines Topſegels irren, Ew. Gna⸗ den, ohne einmal etwas von ſeinem Geſicht zu ſagen? Bin ich denn ein Narr?“ „Ihr ſeyd jetzt eben nicht zu vernünftig, mein luſtiger Seemann, darum fort in Eure Hänge⸗ matte.“ 3 „Und ſoll man nichts weiter von dieſem al⸗ ten Gentleman zu Geſichte bekommen?“ „Nicht dieſe Nacht, Springall, vielleicht wird er Euch morgen Genugthuung geben,“ fügte er hinzu, bei dem Gedanken an ſeine eigene frü⸗ — 187— her Abſicht lächelnd. Der Jüngling ging nicht ſehr feſten Schrittes durch die Thüre ab, durch welche er herein gekommen war, und in dem⸗ ſelben Augenblick meldete ein Diener, daß Sir Robert Cecil Walthern im Speiſeſaal erwarte. Er folgte dem Bedienten durch die große Flur, welcher jetzt heiterer ausſah, als in der denk⸗ würdigen Nacht, wo Hugh Dalton ſeinen un⸗ willkommenen Beſuch machte. Obgleich der Früh⸗ ling ſchon weit vorgerückt war, brannte das Holz doch noch in dem weiten Kamine, und er⸗ leuchtete jeden Winkel des übergroßen Gemaches. Die düſtern Portraits, welche die Wände zier⸗ ten, blickten grimmiger als gewöhnlich in dem rothen Lichte, welches die Gluth des Feuers auf ſie und die Rüſtung unter ihnen warf, in denen ſie ihre Heldenthaten ausgeführt hatten. Auf dem maſſiven Marmortiſch lagen Falkenkappen, Schel⸗ len und Wurfriemen, einiges Fiſchergeräth und eine mit Silber belegte Vogelflinte durcheinan⸗ der, während ein kleiner ſchwarzer Wachtelhund unter demſelben eifrig damit beſchäftigt war, einen prächtigen Wolfspacker bei den Ohren zu ziehen, wodurch ſich dieſer jedoch nicht aus ſei⸗ ner Ruhe ſtören ließ. Das kleine Thier lief, wie es in ſeiner Art liegt, klaffend auf den Fremden zu, als er in die Halle trat, während — 188— der verſtändigere und gefährlichere Hund den Kopf aufhob, ſeine Füße vorſtreckte und die Luft ein⸗ zog, als ob er ſich die Spur de Guerre's für den Nothfall merken wolle; da er aber ſah, daß der Bediente hinter ihm herging, und daß es ohne Zweifel eine Standesperſon ſeyn müſſe, ſo legte er ſich wieder hin, während Walther näher trat. Wenige Wochen hatten Sir Robert Cecil's Züge und Geſtalt fürchterlich verändert; die Augen lagen jetzt tiefer zurück, die Wangen waren bleicher, das Haar, das noch vor Kur⸗ zem nur wenig grau war, ſchien jetzt weiß, die Schultern traten mehr hervor, der Körper war gebeugt. Er ging ſeinem Gaſte höflich entgegen, verbeugte ſich und erklärte, wie geehrt er ſich fühle, den Retter ſeines Freundes kennen zu lernen. Der Baronet hatte ſich während dieſer Begrüßung langſam de Guerre genähert, aber we⸗ gen ſeines ſchwachen Geſichts, oder des Dunkels, welches im hintern Theile des Zimmers herrſch⸗ te, deſſen Züge nicht betrachten können. Als der junge Mann jedoch vortrat, ſtarrte Sir Robert ihn ſo beſtürzt an, daß jeder Nerv in ihm bebte; die Lippen ſeines offenſtehenden Mundes zitter⸗ ten ſichtlich, und er ſchien einige Augenblicke anz außer Stand, ſeinen Platz zu verlaſſen. 3 —,— r———— ————— — 189— Der„Freund,“ auf den er angeſpielt hatte, ſaß in einem verzierten Seſſel nächſt dem Feuer, die Füße auf einem Polſter, die Arme über ein⸗ ander geſchlagen, den Kopf auf die Bruſt geſenkt; ſeine Augen hafteten jedoch auf dem ſchönen Antlitze Konſtanzens, welche ſich bei dem Ein⸗ tritte des Fremden erhoben hatte; und einem ſo ſcharfen Beobachter hatte es nicht entgehen können, daß der Lady plötzlich alles Blut in die Wangen trat, worauf ſie eben ſo plötzlich ganz bleich wurde und ſo zitterte, daß ſie nach dem Arme der Lady Franziska Cromwell grei⸗ fen mußte, um ſich auf ihn zu ſtützen. „Ich bitte,“ ſagte er aufſtehend,„meinen würdigen Freund Sir Robert Cecil, und Euch, Lady Franziska Cromwell, und auch Euch, Miſtriß Cecil, dieſen jungen Gentleman, Na⸗ mens Walther de Guerre, vorſtellen zu dürfen, der, obgleich von Franzöſiſcher Abkunft, ohne Zweifel einen Engliſchen Pathen gehabt hat, dem er ſeinen Engliſchen Taufnamen verdankt. Und nun, mein ſehr würdiger Baronet, erſuche ich Euch, als Herr vom Hauſe, ihm, der einen ſchnellen Arm und eine fertige Hand zur Ver⸗ theidigung eines angegriffenen Soldaten hat, auch mich vorzuſtellen.“ „Major Wellmore, Sir, ein erprobter, be⸗ — 190— währter Freund des Engliſchen Gemeinwohls und deſſen Protektors,“ ſagte Sir Robert end⸗ lich, und fügte dann, um ſeine Erſchütterung zu entſchuldigen, hinzu:„Konſtanze, welcher Schmerz in meinem Kopfe!“ Sogleich führte Konſtanze, mit der theilnehmenden Sorge eines liebevollen Kindes, ihn zu ſeinem Sitze, reichte ihm ein Glas mit etwas Stärkendem und kehrte nicht eher, als bis er verſichert hatte, daß er völlig wieder hergeſtellt ſey, zu dem niedrigen Divan neben ihrer Freundin Lady Franziska Cromwell zurück. De Guerre erſtaunte während der kurzen Mahlzeit, welche darauf folgte, über den außer⸗ ordentlichen Wechſel, welcher mit dem Beneh⸗ men ſeines Gefährten vorgegangen war, der kaum erſt ſo lebendig und mit Gefühl ſich über die Staatsverhältniſſe ausgeſprochen hatte, und nun auf einmal nicht mehr einem Soldaten, ſondern einem betrogenen und betrügenden Pre⸗ diger glich, deſſen Sentenzen jedoch die Geſell⸗ ſchaft mit Ehrfurcht und Aufmerkſamkeit zuhörte. Der Kavalier fühlte ſich unbehaglich in ſeiner Nähe, und würde, hätte nicht Ein Grund ihn gehalten, trotz der dringenden Einladung, zu bleiben, nach dem Abendeſſen ſich entfernt ha⸗ ben; ſo aber nahm er das Zimmer an, welches —,— —.,— —,— —.,— — 191— Sir Robert Cecil für ihn hatte zurecht machen laſſen. Die Ladies zogen ſich mit ihren Frauen unmittelbar darauf zurück. Als Lady Franziska ihre Freundin auf die Wange küßte, flüſterte ſie ihr zu:„Haſt Du bemerkt, wie Major— zum Henker, ich habe ſeinen Namen vergeſſen — wie er Dich und den ſchönen Fremden an⸗ ſah?“ Während Konſtanze ihr zärtlich die Hand drückte, fuhr ſie ſo leiſe fort, daß es nicht mehr zu hören war:„Ach! dieſe heiligen blauen Au⸗ gen, die ſo ruhig und verſchwiegen ſcheinen, richten mehr Unheil an, als meine kleinen ſchwar⸗ zen, die überall umherſtreifen, zu ſuchen, was ſie verſchlingen können, aber keine Beute finden.“ — 192— Zehntes Kapitel. Die Wohnung Sir Willmott Burrell's lag acht⸗ zehn bis zwanzig Meilen von der Inſel Shepey auf der Küſte von Kent. Der geheimnißvolle Ge⸗ fährte de Guerre's hatte richtig bemerkt, daß dieſer keine Gefahr laufe, ſeinem verrätheriſchen Gegner in Cecilhaus zu begegnen, da der Rit⸗ ter ſeit einigen Tagen in ſeinem eigenen Hauſe wichtige Geſchäfte zu beſorgen hatte. Die Anwe⸗ ſenheit Sir Willmotts wurde von ſeinen armen Nachbarn und Untergebenen ſtets gefürchtet, ſel⸗ ten nur folgte ein Segensſpruch ſeinem Namen, und obgleich ſein Einfluß und ſein Anſehen es gefährlich machten, ſich ihm zu widerſetzen und gegen ihn zu murren, ſo konnte er doch leicht ſich überzeugen, daß ihn nirgends ſo viele ge⸗ heime Feinde umgäben, als auf ſeinem Beſitz⸗ thume. Die Diener, welche noch ſeinen Eltern angehört hatten, waren längſt verabſchiedet und 4 — — 193— durch Geſchöpfe erſetzt worden, die kriechender und williger waren, ſich in die Laſter zu fügen, welche mit den Jahren zunahmen. Obſchon er ſich aber ſorgfältig mit Schelmen voll heuchleriſcher Frömmigkeit umgeben hatte, damit ſein Karak⸗ ter nicht in den Augen der wenigen religiöſen Perſonen litte, welche ihn zuweilen beſuchten, ſo gehörte doch große Aufmerkſamkeit dazu, ſie zu verhindern, daß ſie nicht durch ihre eigene Verderbtheit das ſchlechte und ungerechte Leben ihres Herrn verriethen. Selten findet man voll⸗ kommene Heuchelei bei den Unerzogenen, denn es gehört Talent und Klugheit dazu, einen er⸗ heuchelten Karakter durchzuführen. Die Natur kann durch ſtete Vorſicht unterdrückt werden; aber in dem niedriger gebornen, wenn auch nicht niedriger geſinnten Schurken, ſpricht die Sinn⸗ lichkeit zu ſtark, als daß ſelbſt das Intereſſe ſie zügeln könnte. Die Haushaltung Sir W. Bur⸗ rell's wurde ſchlecht verwaltet, und die Vor⸗ ſchriften, welche der Gebieter zuweilen ertheil⸗ te, aber nie ſelbſt befolgte, wurden auch von den Dienern vernachläßigt und verachtet. Der Kellermeiſter, der Haushofmeiſter und die außer⸗ ordentlich zahlreichen Untergeordneten verbrach⸗ ten ihre Zeit mit wüſten Gelagen und Schwel⸗ gereien, und das Übel war zuletzt zu einer ſol⸗ I. 3 13 1 — 194— chen Höhe geſtiegen, daß Burrell deſſen Gefahr einſah, und mehr als einmal entſchloſſen war, das einzige mögliche Heilmittel anzuwenden, ſie nämlich alle fortzuſchicken; aber er überſah ei⸗ nen wichtigen Umſtand, nämlich, daß er in ih⸗ rer Gewalt war, und daher nichts weniger als frei ſchalten konnte. Burrell wußte, daß er in ihrer Hand war. Mit großer Summe hätte er vielleicht ihr Schweigen erkaufen können, aber dieſes Mittel, ſich Sicherheit zu ſchaffen, ſtand ihm jetzt nicht zu Gebote; und obſchon er ſich danach ſehnte, ſich vor ſeiner Vermählung mit Konſtanze Cecil ihrer zu entledigen, hielt er es doch ohne Verwendung des Vermögens, welches er mit ihr erwartete, für durchaus unmöglich. Er fürchtete, ſeine Verlegenheit Sir Robert Cecil zu entdecken, der keine Ahnung davon hatte, und ſein eigenes ſchönes Vermögen war bereits ſo verpfändet, daß ein Verſuch bei ſeinen alten Freunden, den Wuchern, ſchwierig, wo nicht nutzlos war. Manaſſa Ben Iſrael hatte aller⸗ dings, wie er wußte, einen unerſchöpflichen Fonds und auch, wie er ſich oft überzeugt hatte, eine bereitwillige Hand; aber ſo ſchlecht er war, ſchauderte er doch vor dem Gedanken zurück, bei dem Hülfe zu ſuchen, dem er eben in Begriff war, das Meſſer in die Bruſt zu ſtoßen. —— — — 195— Burrell ſaß allein in ſeiner Bibliothek, und dachte über das Labyrinth nach, aus dem er keinen Ausweg ſah; Pläne auf Pläne ſtiegen in ihm auf und nahmen ſeino Godanken ſo in An⸗ ſpruch, daß er nicht bemerkte, wie es ſchon an⸗ fing Nacht zu werden. Die Thore mußten früh⸗ zeitig bei ihm verſchloſſen werden, ein Befehl, welchen jedoch ſeine Diener vermuthlich auch nur nach Belieben befolgten. Die Kommiſſaire des Protektors, Fiennes und Lisle, welche mit be⸗ ſondern Aufträgen durch das Land reiſten, hatten drei oder vier Tage bei ihm gewohnt, und kaum erſt Abſchied von ihm genommen. Er ſaß noch ſo, in ſeine unfreundlichen Gedanken vertieft, als er durch einen Schlag gegen das kleine Fenſter, welches tief in die Mauer der Halle hineinging, aus ſeiner Träumerei geweckt wurde. Er ſprang von ſeinem Sitze auf und war ſo beſtürzt, als er ein Geſicht dicht an dem Rahmen des Fen⸗ ſters ſah, daß er ein Piſtol zog und es dem Unbekannten entgegen hielt. Einen Augenblick darauf flogen die zerbrochenen Stücke einer vor⸗ trefflich gemalten Scheibe in die Bibliothek und eine Stimme rief: „Ich bin es.“ „Und was iſt der Grund dieſer Zerſtörung?“ fuhr Burrell zornig auf, indem er zugleich das 8 — 196— Fenſter öffnete.„Sind nicht Leute genug unten, Eure Botſchaft heraufzubringen, und ſind nicht Thüren genug da, daß Ihr eine zwanzig Fuß hobho Mauer hinaufklettern müßt, um dies ſchöne Bild, die Vermählung der heiligen Katharina, in tauſend Stücke zu zerſchlagen?“ „Was die Vermählung der heiligen Katha⸗ rina betrifft,“ bemerkte der Andere, in das Zimmer ſteigend,„ſo wünſchte ich, ich könnte alle Heirathen ſo ſchnell zu nichte machen, und was den Grund betrifft, ſo bleibe ich nicht gern ruhig ſtehen, wenn ich ein Piſtol auf meinen witzloſen Schädel gerichtet ſehe, um durch den Erfolg der ungläubigen Welt zu beweiſen, daß Robin Hays Gehirn hat. übrigens waren die Thore verſchloſſen und die Diener, mit Eurer Erlaubniß, zu betrunken, um ſie zu öffnen. Die Mauer iſt zwar allerdings etwas hoch und ſteil, aber was verſchlägt das einem, der auf einem Tau, mit nichts ſonſt zwiſchen ſich und der Ewigkeit, in Sicherheit war? Gott ſey Dank, mein Ge⸗ wiſſen iſt ſo ruhig, daß meine Füße nicht zu zittern brauchen.“ „Robin Hays,“ unterbrach ihn Burrell end⸗ lich,„ich habe Euch lange geduldig zugehört, weil ich weiß, daß Ihr ſelbſt gern den Klang Eurer eigenen Stimme hör“, aber wenn Ihr — —— Botſchaft oder einen Brief von meinem würdi⸗ gen Freunde Sir Robert Cecil bringt, ſo gebt ihn.“ „Ihr irrt Euch, mit Verlaub.“ „Wirklich? Nun wem habe ich denn Euren Beſuch zu danken, denn ich denke, Ihr kammt nicht in eigenen Geſchäften?“ „Ach, Sir Willmott! Ihr trefft es immer ſo richtig. Wahrlich, es würde mir nicht geziemen, in eigenen Geſchäften zu kommen, und in Be⸗ tracht, daß ich gar keine eigene Geſchäfte habe, ſo komme ich auch nicht darin.“ „Dies Geſchwätz iſt nicht auszuhalten,“ ſagte Burrell heftig,„zur Sache.“ „Ich hoffe, daß ſie nicht in Rauch aufgehen wird, da ſie ſo feurig anfängt,“ antwortete Robin, ruhig eine Rolle Tabak hinhaltend. „Ungeſtalteter Zwerg!“ entgegnete Burrell wüthend, und die Rolle ihm in's Geſicht wer⸗ fend,„wagſt Du, mit Deinem Herrn Scherz zu treiben? Biſt Du toll oder betrunken?“ „Keines von beiden, Sir Willmott, mit Eu⸗ rer Erlaubniß,“ antwortete Robin, ſeine Rolle wieder einſteckend;„ich denke nur, wenn Ihr nicht in den Tabak ſehen wollt, ſo werdet Ihr mir vielleicht ſagen, was ich Hugh Dalton zu melden habe.“ — 198— „Hugh Dalton! her damit; warum nicht gleich geſagt, daß es vom Bucanier kommt? Robin, Ihr ſeyd tauſendmal ſchlimmer, als ein Narr! Da, ſetzt Euch, guter Robin. Aber nein, zün⸗ det mir die Lampe dort an; das Feuer brennt ſo düſter. Verdammt, ich kann nicht ſehen. Jetzt, jetzt gehr es.“ Burrell las Dalton's ſo eigen, aber ſorgfäl⸗ tig verborgene Mittheilung.—„Dieſer Tiſch,“ dachte ſich Robin währenddeß,„iſt das wahre Bild der Zeit. Vor thörichten Erörterungen und Predigten, in Geſtalt von Flugſchriften, kann man die darunter liegende Bibel kaum wahrnehmen. O Gott! nimm den Puritanern ihre nichtigen Behauptungen, ihre wilden Phan⸗ taſiten, ihre falſchen Angaben, welche ſie über das Buch werfen, das, wie Barbara ſagt, ſo viel Gutes enthält, und was für ein einſeitiger, zuſammengeſchrumpfter Geiſt würde ihnen blei⸗ ben. Hier die Flaſche und das Glas: dies, fürchte ich, bezeichnet den Kavalier; den armen Kavalier, der ſich feſt an das Abgelebte klam⸗ mert, und den Stärkern rauben läßt. Wie nahe das unreine Getränk dem reinen Buche ſteht, gerade wie auch der Gerechte unter die Unge⸗ rechten gemiſcht iſt. Ja! er hat gebetet mit den Emiſſairen, und dann getrunken, ſo wie ſie den — ——— — ——— — 199— Rücken gewendet. Und doch gab Gott dieſem doppelzüngigen Schurken Schönheit, daß ein Weib auf ihn mit Liebe blicken kann, obgleich ſein Herz— ha, ich möchte ſein Herz nicht für ſeine Beſitzungen, auch für ſeine Geſtalt nicht eintauſchen. Barbara mag ihn nicht leiden; ſie ſagt, er hätte einen falſchen Blick— und ſo iſt's auch. Horch! man klopft gegen das Thor, und laut. Sir Willmott, ſoll ich, da die Diener nicht hören, alſo Euch nicht antworten können, viel⸗ leicht hinuntergehen?“ Burrell war ſo mit ſeinem Briefe beſchäftigt, daß er weder das Klopfen, noch Robins Frage hörte, ſondern fortwährend auf das Papier ſtarr⸗ te. Und doch war es kein langes Schreiben; aber freilich war der Inhalt wichtig genug, denn es lautete alſo: „Den 6. April 1656. „Sir! „In Folge Eurer Anweiſung bin ich nach dem Hauſe von St. Vallery gegangen, wo ich die beſprochene Lady treffen ſollte, aber ſie hatte es einige Stunden, ehe ich eingelaufen war, ver⸗ laſſen. Mit vieler Mühe gelang es mir, ihre Spur bis nach einer ſonderbaren Art von Woh⸗— nung, ein wenig vor der Stadt, zu verfolgen, konnte jedoch weder ſie, noch ihre Begleitung — 200— einholen. Der eine ſagte dies, der andere das, aber ich konnte keinen zuverläſſigen Bericht er⸗ halten. Ich bin beinahe vier Tage in der Nach⸗ barſchaft geblieben und habe jedes ein⸗ und aus⸗ laufende Fahrzeug beobachtet; trotz dem bin ich überzeugt, daß ſie ſich nach England eingeſchifft hat: wie, iſt noch ein Geheimniß. „Euer Glühwurm.“ „Der Burſche iſt ſonſt ſo achtſam: wäre es möglich, daß er mich hintergangen? Aber wes⸗ halb?“ Man hörte von Neuem gegen das Thor klopfen und ein Paar Hunde darauf bellen. „Sind die Schlingel wirklich betrunken?“ fragte Burrell endlich, durch das Geraͤuſch aus ſeinem Nachdenken geriſſen. „Freilich, Sir. Soll ich nicht hinabgehen? Denn wenn ich auch ſchlecht gekleidet für einen Dienſtmann bin, ſo denke ich doch, daß ich beſſer aufwarten würde, als der Nachtwind, der um den Eingang heult.“ „Ja wohl, geht. Nur ſorgt, daß ich nicht ge⸗ ſtört werde, es müßte denn eine Perſon ſeyn, die ich ſehen muß— jemand von Stande.“ „Das iſt die neue Gaſtfreundſchaft,“ mur⸗ melte Robin und eilte fort, die Thür zu öffnen. Als die Ketten und Riegel gelöſt waren, trat „— „— — 201— eine kleine, gebeugte, ganz in einen Pelzmantel gehüllte Geſtalt in die Halle, der ein Diener mit dunkeln, ſcharfen Zügen, deſſen lebhaftes Auge und geſenkter Blicke ihn als einen vom Stamme Iſraels verriethen, hart nachfolgte. „Iſt Sir Willmott Burrell zu Haus,“ fragte der Fremde, indem er ſeinen Mantel, den er feſt um das Geſicht geſchlagen hatte, fallen ließ; er ſprach jedoch in einem ſo fremden Accent, daß Robin nicht ſogleich antwortete.„Ich fragte Dich, ob Sir Willmott Burrell zu Hauſe iſt,“ wie⸗ derholte der alte Mann, und da Robin ihn jetzt genauer betrachtete, ſo ſah er an ſeiner Klei⸗ dung, daß er nach der Sitte der vornehmen Ju⸗ den angezogen war; ſein Bart hing faſt bis zum Gürtel herab; auf dem Haupte trug er eine ge⸗ radſtehende Mütze von gelbem Seidenzeuge. „Sir Willmott Burrell iſt nicht wohl,“ ant⸗ wortete Robin,„aber ich will, wenn es Euch gefällig iſt, ihm Euern Namen ſagen und Euch ſogleich ſeine Antwort zurückbringen.“ „Manaſſa Ben Iſrael verlangt dringend, mit Herrn von Burrell zu ſprechen.“ Robin verbeugte ſich nicht, weil er als ein de⸗ müthiger Kavalier und als ein ſtolzer Chriſt es für ſeine Pflicht hielt, das verachtete Geſchlecht, zu welchem der Fremde gehörte, zu haſſen und — 202— zu verabſcheuen; aber er gab doch eine ehrerbie⸗ tige Antwort, weil die Reichthümer des Rabbi und die Gunſt Cromwell's nicht zu verſchmähen waren. Er ging die Halle entlang, ſtieg eine enge, geheime Treppe zu der Bibliothek hinauf und wollte eben eintreten, um Ben Iſrael zu melden, als dieſer, welcher ſo leiſe gefolgt war, daß ſelbſt Robins Ohr es nicht bemerkt hatte, an ihm vorüberſchlüpfte und vor Burrell ſtand, der, wie vom Donner getroffen, von ſeinem Sitze aufſprang. Das Geſicht des alten Mannes zuckte, ſeine Lippen bewegten ſich, ſprachen aber nicht, ſein ganzer Körper bebte krampfhaft; Bur⸗ rell faßte ſich zuerſt, trat einen Schritt vor und reichte dem Juden die Hand, als Zeichen der Freundſchaft. Ben Iſrael berührte ſie nicht, ſon⸗ dern erhob ſeinen Arm, ſtreckte ſeine dünnen, verſchrumpften Finger gegen Burrell aus, bis dieſe faſt ſein Geſicht berührten, und dann erſt brach, wie durch eine verzweifelte Anſtrengung, die ſcharfe, durchdringende Stimme aus der hei⸗ ſern Kehle vor. „Mein Kind,“ rief er,„mein einziges Kind! Zilla! Mein geliebtes, mein einziges, einziges Kind! Denkt Ihr noch Eurer Mutter, die für Euch geduldet, Euch mit Schmerzen geboren, Euch an ihrer Bruſt genährt, und aufgezogen 2 4 „ — ——ÿ—ÿ—˖——— — 203— hat? Hofft Ihr je, ein Kind zu haben, welches Euch lieben, Euch dienen, über Euch wachen ſoll, wie das meinige über mich? Ja? Hofft Ihr? So ſprecht, ſo ſagt mir, wo mein Kind iſt! Ich will Euch ſegnen für Eure Rede. Ich, der ich ein alter Mann bin, ich, mit meinem weißen Haupte, flehe Euch an, der Ihr ſie ins Unglück geſtürzt habt, mir zu ſagen, wo ſie iſt.“ 3 Der Jude warf ſeine Kappe zur Erde, und ſtürzte vor Burrell nieder, der ihn ſogleich wie⸗ der aufhob, und auf die überzeugendſte Weiſe den Rabbi zu beſänftigen und zu verſichern ſuch⸗ te, daß er in jeder Hinſicht ſchlecht berichtet wor⸗ den ſey. „Setzt Euch, guter Ben Iſrael, und erholt Euch; man hat Euch ſchmählich hintergangen; irgend ein Böſewicht— den ich— Robin! jage die Schlingel auf, und ſchaffe etwas Wein, von dem beſten aus dem alten Keller, für meinen guten Freund. Wie konntet Ihr nur, Sir, von mir denken, daß ich das mir geſchenkte Zutrauen, als Ihr mir den Aufenthalt Eurer ſchönen Toch⸗ ter mittheiltet, verrathen hätte. Aber angenom⸗ men, ich urß den Einfluß auf ſie, den Eure Rede mir beizumeſſen ſcheint, wie...“— „Haltet ein, Chriſt!“ unterbrach ihn Ben Iſrael, der ſich, nachdem der erſte Sturm ſeiner 4 — 204— Gefühle ſich Luft gemacht, ſich ſo weit beruhigt hatte, daß er ſeinem verſchlagenen Gegner mit erträglicher Gleichmuth begegnen konnte;„haltet ein, Chriſt! Es gibt zwei Klaſſen des menſchli⸗ chen Geſchlechtes, welche Eure Sekte gewiſſenlos betrügt, ohne Reue und Bedenken betrügt; ih⸗ ren Körper und ihren Geiſt zerſtört— Frauen und Juden. Es iſt nichts, Sir, nichts— Zeit⸗ vertreib iſt's— das Herz und der Ruf einer Frau, das graue Haar eines alten Mannes. Wehe! wehe! Und das iſt die Religion von England!—“ Der alte Mann ließ den Kopf ſinken und ſtöhnte ſchwer, erhob ſich aber nach einiger Zeit wieder und fügte hinzu:„Im Namen des Gottes Ja⸗ kobs! ich will Dich Punkt für Punkt zur Rede ſtellen. Antworte auf meine Fragen, und wenn Du kannſt, rechtfertige Dich.“ Ein Hoffnungs⸗ ſtrahl flog, wie ein Blitz durch eine Gewitter⸗ wolke, über ſeine ausdrucksvollen Züge.„Aber nein,“ ſezte er ſogleich düſter hinzu,„es kann nicht ſeyn— es kann nicht ſeyn.“ „Würdiger Ben Iſrael! trefflicher Rabbi!“ erwiederte Burrell,„zerlegt mein ganzes Thun nach Eurem Gefallen, und wenn es Eurer Er⸗ wartung nicht entſpricht...“ „Nur zu ſehr wirſt Du meiner Erwartung „ entſprechen,“ ſagte der Jude,„Der Herr der — 205— Heerſchaaren ſey geprieſen, daß dieſe Ungerechtig⸗ keiten nicht verübt werden von den Kindern mei⸗ nes Volkes! Das unſchuldige Lamm aus der Dürde geriſſen, und was ſchlimmer iſt, verlockt von den Zelten ſeiner Väter! Wäre ſie geſtorben, hätte ich ſagen können: des Herrn Wille ge⸗ ſchehe! Er hat das Kind zurückgegeben der Bruſt ſeiner Mutter. Aber antworte mir auf meine Frage: haſt Du Zilla oft geſehen?“ „Allerdings ſah ich ſie zuweilen während mei⸗ nes Aufenthaltes in Paris.“ „Und warum das? Warum noch, nachdem Du meine Botſchaft ausgerichtet? Was ſollten Deine Beſuche bei einer von dem verachteten Ge⸗ ſchlechte?“ „Ihr werdet mir doch nicht zum Böſen an⸗ rechnen, daß ich mich erkundigte, ob eine Toch⸗ ter ihrem Vater ſchreiben wolle, wenn ich gerade Depeſchen nach England abſendete?“ „Wie ſonderbar denn, daß ſie nie von dieſer Güte Gebrauch gemacht hat! Gab ſie keinen Grund für dieſe Vernachläßigung ihres Vaters an?“. „Ich ſah ſie ſo wenig,“ antwortete Burrell arglos,„daß ich mich in der That nicht daran erinnere.“ Der Rabbi ſchüttelte den Kopf.„Vielleicht denn * — 206— erinnert Ihr, Sir Willmott Burrell, Euch beſ⸗ ſer dieſes Schmuckes und könnt mir ſagen, wie er in meiner Tochter Hände gekommen iſt: er wurde ihr vor ihrer Flucht abgenommen.“ Burrell ſtarrte zurück, denn es war ſein ei⸗ genes Miniaturbild, welches er ihr einſt in ei⸗ nem Erguſſe ſeiner Zärtlichkeit gegeben hatte. Zuletzt ſtotterte er die Verſicherung heraus, daß das Bild zwar ihm gleiche, aber doch nicht das ſeinige ſey; daß er nicht ſagen könne, wie junge Mädchen zu Portraits kämen; daß, wenn der Rabbi nur genauer hinſehen wollte, er finden würde, daß Haare und Augen viel zu hell wären. „Menſch!“ rief der Rabbi, ſein ſchwarzes Auge ſtolz auf ihn richtend,„Menſch! Falſchheit und Lug ſind auf Euren Lippen. Euer Auge, das Auge des ſtolzen Chriſten ſenkt ſich vor dem Blicke des verworfenen, verachteten Juden; wärt Ihr unſchuldig, feſt würdet Ihr ſtehen, wie ich, auf⸗ recht— nach dem Ebenbilde des Verrn. Zittert Ihr nicht, daß Gottes Blitze Euch niederſchmet⸗ tern? Habt Ihr geleſen und geglaubt die chriſt⸗ liche Geſchichte von Ananias und Saphira?“ Hätte Burrel nur eine Ahnung menſchlichen Gefühles gehabt, er würde vernichtet zur Erde geſunken ſeyn und die Verzeihung des Rabbi erfleht haben, deſſen funkelnde Augen ſtärker er⸗ 2 2 — 207— glühten, deſſen Züge ſich vor Unwillen anſpann⸗ ten; aber die einzigen Gefühle, die ſich in dieſem Augenblicke in ihm die Herrſchaft ſtreitig machten, waren Feigheit und Stolz. Hätte er die Macht gehabt, wie gerne hätte er den Juden nieder⸗ geſtochen für ein Benehmen, das ihm unverſchämt dünkte, aber er ſcheute die ſchützende und wa⸗ chende Hand Cromwell's, der nie ein werthge⸗ haltenes Vorhaben oder eine werthgehaltene Per⸗ ſon fallen ließ und deſſen Achtung für den ge⸗ lehrten Rabbi zu bekannt und bei Hofe zur Ge⸗ nüge beſprochen wurde. „Ihr könnt nicht umhin, Ben Iſrael,“ ſagte er, ohne jedoch ſeine Augen aufzuſchlagen, denn das Blut kochte ihm in den Adern, obgleich er freundlich ſprach,„meine Sanftmuth anzuerken⸗ nen; Ihr ſeyd in mein Haus gekommen, ſtellt mich wegen einer falſchen Anklage zur Rede und erlaubt mir nicht, zu meiner eigenen Vertheidi⸗ gung zu ſprechen. Nehmt einen Becher dieſes Weins und dann will ich hören, ob Ihr mehr Bewaſe vorbringen könnt, als dies falſche Bild.“ Der Rabbi berührte den gereichten Trant nicht, ſondern zog verſchiedene Briefe aus ſeinem Ge⸗ wande und entfaltete ſie mit zitternder Hand: es waren die Mittheilungen, die er von dem Polniſchen Juden erhalten hatte, bei deſſen Fa⸗ — 208— milie ſeine Tochter in Paris gewohnt hatte. Er meldete die häufigen Beſuche Burrell's, wie er mit Zilla unter dem Vorwande einer Korreſpon⸗ denz mit ihrem Vater Briefe wechſle, wie ſie nach Burrell's Abreiſe nach England noch immer deren empfangen— wie ihr ganzes Weſen ſich verändert und endlich wie ſie ſein Haus verlaſ⸗ fen habe, ohne daß er entdecken könne, wohin ſie gegangen. Hinzugefügt war der Verdacht, daß ſie Burrell gefolgt ſey und jetzt in England ſey; den Schluß machte, daß der Polniſche Jude weitläufig und förmlich bedauerte, daß er jemals den Chriſten über die Schwelle ſeines Hauſes gelaſſen habe. Der Ritter athmete freier, als er ſich über⸗ zeugte, daß man der Flüchtigen nicht über St. Vallery nachgeſpürt hatte, und fühlte, daß er ruhig und gleichgültig alles mitanſehen könne, hätte ihm nicht Dalton's Brief wieder die Furcht eigeflößt, Zilla möge plötzlich, vielleicht in dengelben Augenblicke zum Vorſchein kommen, wo die ſo oft beſtärkte und beſchworene Lüge über ſeine Lippen ging. Verſtellung war jetzt ſchwerer, als je; er ſah ein, daß ſeine Eide und Betheurungen gar wenig Eindruck auf Ben Iſrael machten, der jede Pauſe entweder mit Klagen um ſeine Tochter, Flüchen auf ihren Ver⸗ — 209— führer ausfüllte, oder ſich an das Gefühl deſſen wandte, der nur an ſich dachte, und bei dem Schmerze, der einen Stein zum Mitleid bewo⸗ gen hätte, kalt und ungerührt blieb. Die Er⸗ eigniſſe des Abends hatten Burrell ſo überwäl⸗ tigt, daß er jetzt nichts wünſchte, als ſich des Juden ſo ſchnell als möglich zu entledigen, um ſich ſammeln und das Nöthige übeylegen zu kön⸗ nen; er beſchloß daher, da ſeine Betheurungen nichts halfen, den Schein der beleidigten Un⸗ ſchuld anzunehmen, und ſagte daher mit einem Ernſt, daß er für einen Augenblick beinahe den Verdacht des Rabbi zerſtreute: „Sir, ich habe jetzt übergenug geſagt, um jede vernünftige Perſon zu überzeugen, daß ich nichts von dem Verbrechen weiß, welches Ihr mir Schuld gebt; da ich, meines Bedünkens, alles gethan habe, was man verlangen kann, ſo muß ich mich jetzt entfernen. Wenn es Euch beliebt, Eure Angabe Sr. Hoh. vorzulegen, ſo werde ich mich vertheidigen, wie ich es gethan, und möge er denn zwiſchen Euch und mir richten.“ „Es iſt mir noch nicht möglich geweſen, bei dem Auserwählten in Iſrael Gehör zu erhalten; er iſt lang von Haus entfernt geweſen in geheimem Dienſte zum Wohle ſeines Volkes.“ Burrell jubelte innerlich über dieſe Nachricht I. 2 14 4 — 210— und betheuerte nochmals in den ſtärkſten Aus⸗ drücken ſeine Unſchuld. Manaſſa erhob ſich, Burrell bat ihn, zu bleiben, aber der alte Mann ſchlug es auf das Beſtimmteſte ab. „Ich verlaſſe Eure Wohnung. Seyd Ihr nicht der Verführer meines Kindes, ſo bitte ich in Ergebenheit nnd Demuth Euch um Verzeihung und will Buße thun in Sack und Aſche, daß ich Euch mit Unrecht angeklagt; aber,“ fügte er bit⸗ ter hinzu,„aber habt Ihr mich ſo ſchwer miß⸗ handelt und Ihre Seele der Verderbniß Preis gegeben, dann dringe der Fluch des alten Ju⸗ den in Eure Adern, und verſenge ihr rothes Blut zu heißem, vernichtendem Gifte! Die Blu⸗ men des Frühlings mögen geruchlos und ekel⸗ haft für Euch ſeyn! Gras wachſe unter Eurem Fußtritte! Das Waſſer des Thales ſey wie ge⸗ ſchmolzenes Blei auf Euren vertrockneten Lip⸗ pen! Ja— „Hund pon einem Ungläubigen!“ ſchrie Bur⸗ rell, der verzagend nicht länger die furchtba⸗ ren Flüche des Greiſes anhören könnte,„ge⸗ biete Deiner läſternden Zunge, oder ich reiße ſie heraus aus dem Munde. Wäre ich ein be⸗ ſchnittener Jude und Du ein Chriſt, ich hätte nicht mit mehr Demuth zuhören können, und iſt das der Lohn für meine Geduld— Flüche, — — 211— ſo tief und bitter, wie das Waſſer des todten Meeres?“ „Sie können Dich nicht kränken, wenn Du unſchuldig biſt. Ich habe kein Brod in dieſen Mauern mit Dir gebrochen, Dein Salz nicht gekoſtet, und jetzt ſchüttele ich den Staub von mei⸗ nen Füßen. Deine Worte waren erſt wie Ho⸗ nig, jetzt ſind ſie wie Galle. Andere müſſen mit Dir reden. Die Bitte des beraubten Vaters war wie Cymbelklang in Deinen Ohren, aber der Fluch, der Fluch traf Dein Herz, daß es zitterte. Mit Dir müſſen Andere reden.“ Manaſſa Ben Iſrael wiederholte ſeinen Fluch nochmals mit fürchterlichem Ausdrucke, ſchüttelte den Staub von ſeinen Sandalen und ſtieg mit ſeinem Diener in den Wagen, der ihrer am Thore wartete. Burrell war überzeugt und gedemüthigt durch dieſe Ueberzeugung, daß ein unwiderſtehlicher Drang ihn dazu getrieben hatte, ſeine Sophis⸗ men aufzugeben und in ſeinem wahren Charakter vor einem Manne aufzutreten, der das Ohr des Protektors hatte und der trotz ſeines religiöſen Glaubens ſich Anſehen verſchaffte und für eine Perſon von großer Geiſteskraft ſelbſt in einem. Lande gehalten wurde, deſſen, ſtets tiefwurzeln⸗ de, Vorurtheile damals beſonders gegen die Zu⸗ den gerichtet waren. Dieſe waren jedoch Crom⸗ — 212— well ſehr ergeben, und man glaubte, ſie würden kaum Anſtand genommen haben, ihn für den Meſſias auszugeben, hätten ſie ſeine Abſtammung nur irgend, wenn auch noch ſo entfernt, mit den Bewohnern Judäa's in Verbindung bringen können. Manaſſa war ſo viel mit Chriſten um⸗ gegangen, von dem Protektor ſo ganz auf glei⸗ chem Fuße behandelt worden, daß er nur wenig von dem knechtiſchen Tone und Benehmen ſeines Stammes beibehalten hatte: daher ſeine kühne Sprache gegen Sir Willmott Burrell. Er wußte, daß der Beherrſcher Englands ihn ſchütze und darum war er angſtlos in der Gegenwart eines, den er leicht verderben konnte; aber er war Va⸗ ter und als ſolcher trieb ihn die Stimme der Natur, jedes Mittel zu ergreifen, welches zur Enthüllung eines Geheimniſſes führen könnte, von dem ſein Leben abhing, und welches, wie er nicht zweifelte, in der Gewalt ſeines liſtigen Gegners war. „In eine ſaubere Klemme,“ dachte Burrell, als er in ſein Zimmer zurückkehrte,„haben meine Streiche mich gebracht; die Dirne wird herüber kommen, und dann iſt's aus mit der Heirath. Angenommen, ich nähme Zilla zum Weib, der alte Schurke würde mir doch keinen Maravedi geben. Angenommen, Cromwell ver⸗ — — — 213— nimmt, bevor ich mir Konſtanzen geſichert habe, des Rabbi's Bericht, ſo wird er meine Verbin⸗ dung unterſagen, um dem verdammten Juden einen Gefallen zu thun— und dann, dann kann ich mich vor den Kopf ſchießen. Angenommen, ich heirathe gleich— aber wie? Lady Cecil iſt erſt wenige Wochen todt! Und doch muß ich es irgendwie einrichten,“ fügte er hinzu, in dem Zimmer auf⸗ und abgehend, während Robin, der ſich überzeugt hatte, daß es verlorene Mühe ſeyn würde, das zuchtloſe Geſinde aus dem thieriſchen Zuſtande zu rütteln, in welchen Schwel⸗ gerei es verſetzt, ſich damit unterhielt, zu zäh⸗ len, wie oft der Ritter herauf und herunter ging. Endlich aber fand er doch dieſen Wacht⸗ dienſt zu langweilig, und trat in das Gemach, um zu fragen, ob er in Burrellhaus bleiben, oder nach dem Möwenneſt zurückkehren ſolle. „Gut erinnert, Robin Hays,“ ſagte Sir Willmott, wie einer, der froh iſt, auf an⸗ dere Gedanken zu kommen,„Ihr werdet die Nacht hier bleiben, und mich morgen nach Cecil⸗ haus begleiten. Seht nach dem liederlichen Volke, das ich doch noch aus dem Hauſe treiben muß.“ „Thut das ſchnell,“ entgegnete Robin,„ſonſt erſparen ſie Euch die Mühe, und treiben Euch heraus.“ — 214— „Sehr wahr, guter Robin; Ihr ſeyd ein ge⸗ witzigter Burſche.“ „Und um im Karakter zu bleiben,“ murmelte Robin, als er die Thüre hinter ſich zumachte, „will ich noch in dieſer Stunde nach Cecilhaus zurück; denn es iſt einer dort, der die Ankunft Sir Willmott Burrell's nicht abwarten darf.“ —,— Eilftes Kapitel. „In der That, meine ernſte Lady Konſtanze läßt den armen Fiſch auf eine recht waidliche Art zappeln; nur däucht mich, noch ein wenig zu ſchüchtern, zu empfindſam. Beim Himmel, was für ein gelehriges, nachgiebiges, liebevolles Weib würde das geben— eine Heldin der al⸗ ten Spaniſchen Romanzen, oder eine zweite Ju⸗ dith— nein dieſe nicht, Du könnteſt nie eines Mannes Kopf abſchlagen. Wart! that ſie das auch? O! Barbara, Ihr ſeyd bewandert in der heiligen Schrift, und obgleich Eure Nadel ſo fleißig geht, ſo könnt Ihr uns doch an ei⸗ nige Frauen der Bibel erinnern, mit denen Eure Gebieterin verglichen werden mag.“ Barbara Jverk, welche keine andere Pflicht hatte, als der jungen Erbin aufzuwarten, oder ihr bei ihren weiblichen Arbeiten zu helfen, wurde nicht ſo ſehr als Dienerin, wie als eine — 216— ergebene Begleiterin behandelt, und Lady Fran⸗ ziska Cromwell ſprach in ihrer Gegenwart eben ſo frei mit Miſtriß Cecil, als wenn ſie ganz allein geweſen wären. Auch wurde das Ver⸗ trauen von dem guten Mädchen nie gemißbraucht. Sie bewegte ſich in ihrem engen Kreiſe wie der Trabant um das glänzende Geſtirn, ſchweigend und unterwürfig, immer aber an ihrem Platze, lächelnd, unſchuldig und glücklich. Einfachen Sin⸗ nes, hatte ſie ihre Seele nie mit dem Gedanken, geſchweige der Außerung einer Falſchheit befleckt. Selbſt Konſtanzen war die ganze Größe ihres Werthes und ihrer Treue unbekannt, obgleich die Möglichkeit einer einſtigen Trennung ihr ſtets Kummer machte. Barbara antwortete auf die lebhafte Frage mit ihrer gewöhnlichen Offenheit und Ungezwun⸗ genheit, eine Art, welche der heitern Spötterin, die das junge Mädchen, wenn es abweſend war, gewöhnlich die friſche Primel nannte, vielen Spaß machte:„In der That, Milady, ich liebe es nicht, Unheiliges mit Heiligem untereinan⸗ der zu miſchen.“ „Pfui, Barbara, nennſt Du Deine Gebie⸗ terin unheilig?“. Konſtanze lächelte, während die arme Barbara beſcheiden, aber ernſtlich ſich gegen dieſen Vorwurf — 217— zu rechtfertigen ſuchte.„Ich bitte um Verzeihung, Mylady Franziska,“ ſagte ſie,„aber ich fürchte, ich kann Euch nicht begreiflich machen, was ich meine. Ich weiß, daß Miſtriß Cecil immer nach der Vortrefflichkeit ſtrebt, welche die heiligen Frauen in der Schrift erreichten, aber...“ „So hat ſie alſo nach Deiner Meinung dieſe Heiligkeit ſich noch nicht erworben, und iſt noch zu irdiſch?“ „Sie iſt meine theure und geliebte Herrin, und ſie kennen, heißt ſie lieben,“ antwortete Barba⸗ ra, deren freundliche Augen in Thränen über die ⸗ abſichtliche Verdrehung ihrer Worte ſchwammen. „Darf ich Lady Franziska bitten, ſich herabzu⸗ laſſen, ein armes, einfaches Mädchen, wie ich, nicht über Dinge zu fragen, die es nicht ver⸗ ſteht.“ „Da ſeyd Ihr wieder in Irrthum, Barbara 744 entgegnete die Quälerin, die einen Scherz höher achtete, als das Gefühl deſſen, mit dem ſie ſcherzte,„ich laſſe mich herab, wenn ich frage, nicht wenn ich ſchweige.“ Barbara gab keine Antwort, und Lady Fran⸗ ziska, die in ihrer Ungeduld einen prächtigen Fächer von Straußenfedern zerriß, wandte nun- ihr leichtes Geſchütz gegen Konſtanze.„Wie geht es,“ ſagte ſie,„Sir Robert heute Morgen? — 218— Ich wünſchte, er wäre ſeinen Rheumatismus los, und wieder bei uns. Seit der tapfere de Guerre bei uns erſchienen iſt, habe ich ihn kaum, außer bei Tiſche, zu Geſicht bekommen; und in der That, er ſieht ſchlimm aus, obgleich ich— ach!— wünſchte, alle Väter wären ſo artig, und ließen ihre Töchter tändeln, mit wem es ihnen beliebt.“ „Tändeln, Lady Franziska?“ „Ja, tändeln, Miſtriß Cecil! Liegt ſo etwas Schreckhaftes in dem Worte? Aber ich Arme verſtehe mich nicht auf dieſe Dinge. Wenn ich einen hübſchen Burſchen ſehe, ſo kümmere ich mich um niemand, und ſcherze und lache, ver⸗ ſteht ſich, mit Anſtand. Ich verſchließe meinen Mund nicht, ich zwinge meine Augen nicht zu Sprödigkeit, und ſage auch nicht Amen, wie des alten William Macbeth, wenn jemand Gott ſe⸗ gene! ſpricht. Ich lache, blicke und rede, wie es mir un's Herz iſt, obgleich ich das jüngſte und durch Gottes Schickung das wildeſte unter Sei⸗ ner Hoheit des Protektors Kindern bin.“ „Woher habt Ihr den muntern Sinn, Lady Franziska?“ ſagte Konſtanze, ſich erhebend und auf ſie zugehend. „Meine Mutter iſt eine ſtille, verſchwiegene Matrone, aber doch weiß ich, daß mein Vater nicht immer einer der düſtern Herrſcher dieſes —— — 219— düſtern Landes geweſen iſt; er hat anch ſeine wilde Zeit gehabt, obgleich es Hochverrath iſt, jetzt davon zu ſprechen, und meiner Treu, noch jetzt vergißt er manchmal, daß junges Blut ſchneller rinnt, wie altes. Wie hofmeiſtert er nicht den armen Richard!“ „Lord Richard gleicht ſeinem großen Vater nicht; ſein Geiſt iſt ſanfter, ſchwächer, er hört und lieſt lieber große Thaten, als daß er ſelbſt ſie übt. Lady Fauconberg gleicht Deinem Vater mehr.“ „Meine Schweſter Mary wäre gewiß ein tüch⸗ tiger Mann geworden. Es war ein Mißgriff der Natur, ſolchen feſten Stoff zu einer Frau zu verwenden.“ „Sie hat ein edles Gemüth, Franziska, wenn auch kein ſo heiliges, wie Lady Claypole.“ „Du biſt ein gutes Mädchen, Konſtanze, daß Du mit mir aushältſt. Geſetzt, mein Vater hätte ſtatt hieher mich zu jener ehrbaren Miſtriß Lam⸗ bert geſchickt, die er zu einem Muſter von Hei⸗ ligkeit erhebt, was hätte ich dort ausgeſtanden! Die Nonnen, welche die heilige Sexburga dort unterbrachte, haben nicht einſamer gelebt. Sag', meinſt Du nicht, daß der Platz ſich vortrefflich zu einer Entführung eignete? Ich bin überzeugt, ja, lächle nur— ich bin feſt überzeugt, daß, — 220— alle die ſieben und ſtebenzig Mädchen, von denen die Geſchichte erzählt, ſich mit dem Gedanken vertraut machten, wie ſie mit den Dänen, ehe dieſe herüberkamen, davon laufen könnten. Ich wünſchte aber doch, daß Dein Vater ſich über⸗ reden ließ, dies nur als einen Sommerſitz zu be⸗ trachten, denn es muß, denke ich, etwas traurig hier ſeyn. Nicht, daß ich es traurig fände, denn Du biſt ſo liebevoll, und wenn wir auch einmal ein wenig verdrießlich oder dergleichen ſind, gleich geht es poch! poch! und herein tritt Walther de Guerre, eingeführt durch Major Wellmore! Ha⸗ haha! Bei alle dem hat es mir viel Spaß ge⸗ macht. Und jedenfalls iſt er ein ſehr angenehmer Mann, und wenn ein gewiſſer Jemand, der nicht hier iſt, hier wäre, ſo würde ich ihn wohl durch meine unbedingte Bewunderung dieſes Gentle⸗ man etwas aufziehen. Ich glaube, Sir Willmott Burrell hat keinen Grund, dem Majore Well⸗ more für die Vorſtellung ſeines Schützlings Dank zu wiſſen; doch muß es eine herrliche Luſt ſeyn, einen Liebhaber oder Ehemann eiferſüchtig zu machen. Aber ich ſehe, daß Du nicht meiner Meinung biſt, und in der That, ich konnte mir dies denken; doch ſag', weißt Du wohl, daß ich mir in den Kopf geſetzt habe, dieſer de Guerre iſt kein de Guerre.“ — — 221— „Wirklich! und wer wäre es denn?“ „Das, Konſtanze, möchte ich eben wiſſen und ich denke, Du kannſt das Räthſel löſen.“ „Meine theure Franziska, Du biſt ſchwer zu befriedigen; da Du ſelbſt oft falſches Spiel ſpielſt, ſo traueſt Du auch andern keine Wahrheit zu.“ „Was für ein wundervolles Kompliment! O Konſtanze, wenn Du nach Whitehall kommſt, mußt Du etwas Hofart lernen. Als wir noch Kinder waren, ſprachen wir die Wahrheit.“ „Und waren wir nicht glücklich damals?“ „Das waren wir,“ ſagte Franziska mit ei⸗ nem tiefen Seufzer;„aber wie haben ſich die Zeiten ſeitdem verändert. Konſtanze, die, welche an einem Abhange wandeln, dürfen wohl zu fallen fürchten. Heiter, ausgelaſſen, wie ich bin, hat doch Cromwell kein Kind, das ſtolzer auf ihn iſt, als ich.“ „Und mit Recht,“ fügte Konſtanze hinzu, die mit Bewunderung auf den außerordentlichen Mann ſah, welcher ſeinen Namen nicht blos in Eng⸗ land, ſondern in ganz Europa groß gemacht hatte.„Mit Recht darfſt Du ſtolz ſeyn auf ihn, den glücklichſten Staatsmann, den entſchloſ⸗ ſenſten Feldherrn, den thätigſten Chriſten, wel⸗ cher je einen Staat regiert hat. Durch ſeine Macht hält er unſere Feinde in Unterwürfigkeit, — 222— durch ſeine Weisheit leitet er unſere Freunde. Beinahe anbeten könnte ich, dünkt mich, Deinen Vater um der Menſchlichkeit und der tiefen Ein⸗ ſicht willen, mit welcher er die armen verfolg⸗ ten Waldenſer unterſtützt, die in den Thälern ihrer Heimath ihren Glauben rein erhalten ha⸗ ben; wenn ich daran denke, tritt ſelbſt der Ero⸗ berer vor dem Menſchen zurück.“ „Du biſt ein edles Weſen,“ rief Franziska, die freudig in das belebte, ausdrucksvolle Ge⸗ ſicht ihrer Freundin blickte, die ihr um den Hals fiel und ſie mit Wärme auf die Wangen küßte; „ich wünſchte,“ fügte ſie hinzu,„Du hätteſt immer dieſe Röthe, Du haſt geheimen Kummer, Konſtanze. Ich werde es meiner Schweſter Clay⸗ pole ſchreiben, welche es verdient, Deine Ver⸗ traute zu ſeyn, wenn ich es auch nicht ſeyn kann. Gewiß, gewiß, ich weiß es wohl: ich bewun⸗ dere, aber verſtehe Dich nicht ganz. Der Him⸗ mel iſt uns gegeben, auf ihn zu hoffen, und die Sonne, auf ſie zu blicken und— Aber, Gott ſtehe mir bei! Das gibt ein Gleichniß. Ich ſchwöre, das klingt wie Reime; aber hier kömmt Ver⸗ nunft in Geſtalt unſeres neuen Ritters. Lebe wohl, liebe Konſtanze!— Barbaral ſiehſt Du nicht dort Robin Hays wie ein Igel durch das Feld krie⸗ chen— frage ihn doch nach den Kibitzeiern.“ 4 — 223— „Sogleich, Mylady,“ antwortete Barbara. „Darf ich gehen, Miſtriß?“ Konſtanze erlaubte es. „Darf ich auch gehen, Miſtreß?“ wiederhol⸗ te Franziska in ihrer fröhlichen Art, Barbaras Stimme und Verbeugung nachmachend. „Ja,“ antwortete Konſtanze feſt,„ich wünſchte, Du thäteſt es, denn ich habe etwas allein mit Major Wellmores Freund zu ſprechen.“ „Iſt das nicht ganz wie Konſtanze Cecil?“ dachte Franziska, als ſie das Zimmer verließ. „Eine Andere würde alles, nur die Wahrheit nicht geſagt haben. Und doch iſt Wahrheit ſchön Ding; ſie verdient Achtung und Liebe, iſt die beſte Tugend, der weiſeſte Rathgeber, der be⸗ ſtändigſte Freund.“ Konſtanze ſtand auf, als der Kavalier herein⸗ trat; aber ſein ganzes Weſen trug das Gepräge ſo tiefer Trauer, daß ſie auch ihr ſich mittheilte. „Ich komme,“ ſagte de Guerre,„Euch Lebe⸗ wohl zu ſagen, Miſtreß Cecil, Euch für die Freundlichkeit zu danken, mit der ich unter die⸗ ſem Dache aufgenommen wurde, und Euch zu verſichern, daß ich dies nie vergeſſen werde.“ „Ihr habt nur zu wenig Aufmerkſamkeit ge⸗ funden, aber meines Vaters Unwohlſeyn, der letzte ſchwere Schlag, der uns getroffen, wird — 224— uns hoffentlich entſchuldigen. Ich vermuthete je⸗ doch nicht, daß Eure Abreiſe ſo ſchnell erfolgen würde. Weiß es mein Vater?“ „Noch nicht: verzeiht mir, Lady, aber ich mußte Euch erſt ſagen, wie tief und innig ich die Güte gefühlt habe, mit welcher Ihr den be⸗ handelt habt, der, wenn er ihrer auch hoffent⸗ lich in mancher Rückſicht mürdig iſt, Euch doch getäuſcht hat.“ „De Guerre kann mich täuſchen,“ antwortete Konſtanze mit ſichtlicher Bewegung, indem ſie eine Hand ausſtreckte und mit der andern ſich das Geſicht bedeckte,„aber Walther, Walther nie. Der junge Mann nahm die ihm angebotene Hand und zog ſie zärtlich an ſeine Lippen. „Wie ſchunell habt Ihr in dem Kavalier den Ge⸗ fährten und Spielgeſellen Eurer Kindheit er⸗ kannt, obgleich er für todt gehalten wurde. Frauen haben einen ſchnellen Blick und ein offe⸗ nes Herz für alte Freunde. Unerkannt von mei⸗ ner Amme, von Eurem Vater— aber entdeckt von Euch— von Euch allein, Konſtanze! Ich brauche Euch nicht zu bitten, mich nicht zu ver⸗ rathen; aber ſelbſt dieſen Wänden ſagt es nicht, wer ich bin; laßt es verſchwiegen bleiben, wie das Grab.— Aber laßt mich von andern Din — 225— gen reden. Darf ich fragen, an welchem Zeichen Ihr mich, entſtellt durch Jahre, durch die glü⸗ hende Sonne mancher heißen Länder, ſo ſchnell durchſchaut habt?“ „Die erſte Erinnerung gab mir Eure Stimme, dann das bekannte Schloß, welches Ihr in meine Hand gelegt, und nachdem ich Euch geſehen, nur von Euch gelegt ſeyn konnte; dann—“ Kon⸗ ſtanze erröthete; ſie hätte über den Angriff auf ihr Haar zürnen ſollen, ſprach es aber nicht aus und hielt inne, bis der Kavalier das Schwei⸗ gen brach und die Locke, welche er der jungen Dame geraubt, aus der Bruſt zog. Der Röthe auf Konſtanzes Geſicht folgte tödtliche Bläſſe. „O, welch ein Moment war das neben dem alten Tempel; die Lilien verdrängten die Roſen auf dieſen zarten Wangen, und doch, wie jetzt, mit ſo ſanfter, freundlicher Gewalt, daß nie⸗ mand es anders hätte wünſchen mögen; die ſei⸗ denen Lieder ſenkten ſich über dieſe Augen. Gut, gut— ich ſchweige. Ich verſuchte meine arme Kunſt, Euch in das Leben zuruckzurufen, aber eben, als ich ſo glücklich war, kamen Eure Die⸗ nerinnen. Seitdem hat dies Andenken auf mei⸗ nem Herzen geruht— ein Schild gegen böſe Tha⸗ ten und böſe Gedanken. Wiel noch immer ſo bleich? Ihr müßt unwohl ſeyn, theure Freundin?“ I. 15 4 „Nicht körperlich, Walther; aber warum tragt Ihr das Haar an dieſer Stelle?“ „Süße Konſtanze!— ich darf Euch doch bei dieſem theuern Namen nennen? Wie empört ſich mir das Herz gegen den Klang von Miſtriß Cecil. Gewiß, Liebe iſt eine Republikanerin, denn ſie erkennt keine Titel an, obgleich es viel⸗ leicht paſſender wäre, ſie eine Despotin zu nen⸗ nen, denn ſie genehmigt nur die, welche ſie ſelbſt geſchaffen.— Warum ſollte ich das Haar nicht tragen? Wenn auch jetzt geächtet, werde ich es doch vielleicht nicht immer ſeyn; die Zeit wird kommen, wo mein eigener Arm ſich den Weg zum Ruhme und Glück bahnen wird.“ „Ohne Zweifel— ohne Zweiſel— aber wenn auch nichts der Art der Freundin Eurer Kindheit gleichgültig bleiben kann, ſo ändert doch nichts Euer Verhältniß zu mir, noch das meinige zu Euch. Aber warum es meinem Vater verbergen, daß der Verlorene wiedergefunden iſt? Gern möchte ich mit ihm das Geheimniß Eures Verſchwin⸗ dens, und das größere Eurer Verborgenheit er⸗ fahren; erlaubt, daß ich ihm ſage....“ Der Kavalier lächelte ſo bitter, mit ſo düſterem Aus⸗ drucke, daß ſie inne hielt. „Laßt es ſeyn; ich kann nichts erklären: viel⸗ leicht(wenn Eure Worte ernſtlich gemeint waren) wird die Zeit kommen, wo ich es Euch erklä⸗ ren kann. Was Euren Vater betrifft, ſo fordere ich von Euch, wenn Ihr Walther einſt, wenn Ihr noch jetzt ſein Leben werth haltet, keinem menſchlichen Weſen nur einen Wink von ſeiner Exiſtenz zu geben. Ich bin überzeugt, Ihr wer⸗ det mein Geheimniß bewahren, und wie ſonder⸗ bar meine Forderung ſeyn mag, doch ihr genügen.“ „Gewiß, Walther, dürft Ihr feſt vertrauen auf die, welche für ihren alten Freund tief und lang getrauert hat, aber“ fügte ſie langſam hin⸗ zu, als ſie den Ausdruck auf ſeinem Geſichte wechſeln ſah,„vergeßt nicht, daß ich nur Eure Freundin ſeyn kann.“ Dies wurde in einem Tone geſprochen, der nicht mißverſtanden werden konn⸗ te. Der Kavalier fühlte dies. „Beſſer dann, ich wäre gegangen, wie ich es thun wollte, ohne zu wiſſen, ob hier irgend je⸗ mand den zu Grunde gerichteten, verſtoßenen Walther erkannt hätte! Kann das Gerücht wahr ſeyn, daß ein Mädchen, ſo jung und ſo ſchör, das den Stempel einer reinen, unſterblichen Seele auf ſeiner Stirne trägt, ſich willig einem Feig⸗ ling und einem Schurken opfert? Hörte ich Euch nicht mit eigenen Ohren der Lady Franziska Cromwell betheuern, aus eigenem freien Willen würdet Ihr nie Euch mit dieſem Sir Willmott Burrell verbinden? Und wenn dem ſo iſt, wenn Ihr damals Wahrheit ſprachet, wer kann Euch zwingen, Euch, die Reich⸗ und Edelgeborene, Eure Hand zu vergeben, wenn Euer Herz wi⸗ derſtrebt? Oh! Ihr ſeyd nicht mehr das offene, freimüthige Mädchen, das noch vor zwölf Jah⸗ ren über die heimathlichen Hügel ſprang in Son⸗ nenſchein und Windeswehen, und das oft—— ach, daß es nur in Scherz war— oft erklärte—. Aber was ſoll das? Ich durchſchaue Alles und ſage Euch, der künftigen Lady Burrell, Lebe⸗ wohl, für immer!“ Konſtanze antwortete unter Thränen, aber doch ruhig und feſt:„Walther, ſeyd nicht grau⸗ ſam, ſeyd wenigſtens nicht ungerecht. Ihr wart immer heftig, aber immer auch bereit, das Ue⸗ bel, das Ihr gethan, wieder gut zu machen. Iſt es recht, daß Ihr ſo herbe Worte gegen jemand ſprecht, die Euch nie beleidigte. Ach, könntet Ihr in meinem Herzen leſen, Ihr würdet anders urtheilen; aber denkt an mich, wie an eine Freundin, wie an Eure innigſte und treueſte Freundin— ich werde nie deſſen unwerth ſeyn.“ Der Kavalier wollte eben antworten, als Ro⸗ bin Hays durch Barbara, die ſich ſogleich wie⸗ der entfernte, in das Zimmer geführt wurde. Nachdem er der Miſtriß eine ehrerbietige Ver⸗ — 229— beugung gemacht, wollte er dem Kavalier etwas in das Ohr flüſtern, welcher ihn jedoch auffor⸗ derte, laut zu ſprechen, da er nichts vor der Lady zu verheimlichen habe. Robin ſchien nicht überraſcht und ſagte:„Ich hoffte, Sir, Euch nicht mehr in Cecilhaus zu finden: Sir Will⸗ mott Burrell wird beſtimmt in einer Stunde eintreffen, und Ihr wißt, es iſt des Kapitains ernſtlicher Wunſch, daß Ihr Euch nicht mehr begegnen ſollt.“ „Ihr habt mir das ſchon geſagt, und ich weiß nicht, warum ich es noch einmal hören muß. Ich habe nichts zu fürchten von dieſem Burrell.“ „Es wäre beſtimmt nicht gut, wenn er eine Ahnung von Euch bekäme, denn ſeine....“ Konſtanze hielt wieder inne, denn faſt hätte ſie verrathen, daß ſie Sir Willmotts Eiferſucht und Heftigkeit kenne;„aber freilich,“ fügte ſie nach einer Weile hinzu,„iſt das kaum zu beſor⸗ gen, denn als Knabe hat er Euch nicht geſehen und überdies muß er den Freund des Major Wellmore in Achtung halten.“ „Ach, Milady,“ bemerkte Robin,„er achtet nicht leicht jemanden, und ich ſehe keinen Grund ab, warum zwei ſich wieder begegnen ſollten, die ſich ſchon einmal ſo hart getroffen haben.“ „Wie das?“ ſagte Konſtanze haſtig. „Es iſt nicht Zeit, jetzt davon zu ſprechen,“ antwortete Robin ungeduldig.„Wie ich ſehe, kennt Ihr dieſen Gentleman, und da Ihr ihn kennt, ſeyd Ihr zu edel geſinnt, als daß Ihr nicht Theil an ſeinem Schickſale nehmen ſolltet, darum bewegt ihn, ich beſchwöre Euch darum, auf der Stelle Cecilhaus zu verlaſſen. Gewiß, ich kann über alles ſo gut, als er, Auskunft ge⸗ ben. Es war Dalton's Wunſch.“ „Es ſchmerzt mich, daß Ihr mit einem ſo ver⸗ wegenen Menſchen, wie Dalton, etwas zu ſchaf⸗ fen habt; ſein Name erweckt ein bitteres Gefühl in mir, von dem ich mir nicht Rechenſchaft able⸗ gen kann. Lange habe ich nichts von ihm gehört; doch ahne ich aus einigem, was mir Barbara in ihrer Unſchuld mitgetheilt hat, daß er ikürz⸗ lich noch hier geweſen iſt. Geht denn, und nehmt mein Gebet, und— wenn es auch einen gerin⸗ gen Werth haben mag— meinen Segen mit Euch. Und jetzt lebt wohl— lebt wohl— weniaſtens auf einige Zeit.“ „Wir’ müſſen uns wieder ſehen,„Konſtanzet Sagt mir nur, ob Ihr mich noch einmal ſehen wollt?“ 8— „Beim Himmel,“ rief Robin,„Ihr vertän⸗ delt hier die Zeit, und dort kommt Sir Walther in voller Eile den Weg herauf. Ich bitte um — 231— Verzeihung, Mylady, wegen meiner Kühnheit. Aber geht, Lady, geht— um Himmels willen— eher weicht er nicht.“ Konſtanze blieb keinen Augenblick länger, ſon⸗ dern eilte, nachdem ſie ihre Gedanken ein we⸗ nig geſammelt hatte, in ihres Vaters Zimmer. Er ſaß, ſichtlich unwohl und leidend, in einem breiten und bequemen Seſſel, die Füße auf Kiſ⸗ ſen ausgeſtreckt, während der ehrwürdige Jonas von Zeit zu Zeit aus den vielen frommen Bü⸗ chern vorlas, welche auf dem Tiſche vor ihm lagen. Der Prediger hielt ein, als ſie eintrat, und erklärte, er werde„dem Manne von Burrell eutgegenziehen,“ der, wie er von dem wilden Knaben, benamſet Robin Hays, erfahren, die⸗ ſen Mittag eintreffen ſolle. Es war dies eine köſtliche, nicht zu verſäumende Gelegenheit, die reiche Saat dieſes heiligen Bodens zu pflegen. Als der würdige Geiſtliche das Gemach ver⸗ laſſen hatte, theilte Konſtanze den Auftrag des Kavaliers mit, daß er ſich nämlich genöthigt ge⸗ ſehen habe, Cecilhaus zu verlaſſen, ohne per⸗ ſönlichen Abſchied von ſeinem gütigen Wirthe nehmen zu können, und daß er für die viele Auſmerkſamkeit, die ihm zu Theil geworden, aufrichtig Dank ſage. b „Gott ſey gelobt, daß er fort iſt!“ erwiderte — 232— der Baronet, frei athmend, als ob eine Laſt ihm von dem Oerzen fiele.„Bei dem Schutze, unter dem er kam, konnte ich ihn nicht anders, als mit Achtung behandeln, aber er hat mich wun⸗ derbar in Unruhe geſetzt. Haſt Du ihn nicht für einen jungen Mann ſehr kalt und argwöhniſch gefunden?“ „Das kann ich nicht fagen, Sir.“ „Für eine, die ſo weiſe iſt, Konſtanze, biſt Du zu leichtgläubig; Du muß noch mißtrauiſch zu werden lernen: es iſt eine harte, ſchreckliche, aber eine nützliche Lehre.“ „Mich dünkt, man hat nicht nöthig, zu ler⸗ nen, wie man unglücklich wird; ſtets hat Arg⸗ wohn mir die Schule des Elends geſchienen.“ Der Baronet antwortete nicht, frug aber nach ei⸗ niger Weile:„Er wird doch nicht wiederkommen?“ Konſtanze erwiederte, ſie wiſſe es nicht; ihr Vater erhob ſich, wie um etwas auf⸗ und abzu⸗ gehen, ergriff ihren Arm, um ſich auf ihn zu ſtützen, und drückte ſie an ſeine Bruſt.„Ach,“ ſagte er,„ein williger Arm iſt dem Vater lie⸗ ber, als ein ſtarker. Wirſt Du Deinen Vater immer lieben, Konſtanze?“ „Und zweifelt Ihr, mein theurer Vater?“ „Nein, mein Kind, aber geſetzt, irgend ein Umſtand machte mich plötzlich arm?“ — 233— „Dann würdet Ihr finden, wie artig ich ſelbſt aufwarten kann.“ „Geſetzt aber, ich würde entehrt?“ „Oeffentliche Ehren werden gegeben und ge⸗ nommen durch einen Hauch, haben alſo wenig Werth; die eigene, wahre Ehre aber iſt in un⸗ ſerer Gewalt und mein Vatee bewahrt ſie ſicher.“ „Geſetzt aber, ich verdiente die üble Nachrede der Welt?“ „Aber wozu, mein guter Vater, ſich mit ſol⸗ chen Gedanken quälen? Wäre es wirklich, bleibt Ihr doch immer mein Vater. Aber ein ſolches Ereigniß iſt unmöglich.“ Der Baronet ſeufzte ſchmerzlich; Konſtanze blickte ihm beſorgt in das Geſicht und ſah, daß kalter Schweiß auf ſeiner Stirne ſtand.„Es wäre beſſer, wenn Ihr Euch ſetztet, theurer Sir!“ „Mein Kind, ein wenig Luft wird mir gut thun; laß uns in das Bibliothekzimmer gehen.“ Als ſie in das Zimmer traten, kniete eben die hagere, lange Figur Mundflink's auf einem hochlehnigen, ſonderbar geſchnitzten Stuhle, dicht vor dem Sopha, auf welchem mit ſehr unfreund⸗ licher, verdrießlicher Miene der Herr von Bur⸗ rell ſaß. Der Prediger hatte den Seſſel ſo ge⸗ dreht, daß er, wie auf einer Kanzel, ſich dar⸗ über hinlehnen konnte; ſeine Ilgine Taſchenbibel — 234— hielt er in der Hand und predigte ſo ſeinem ein⸗ zigen Zuhörer mit eben ſo viel Eifer und Nach⸗ druck, als ob er zu dem Lord Protektor und ſeinem Hofe ſpräche. Die Wirkung dieſes Bildes wurde nicht wenig durch das lachende Geſicht der Lady Franziska Cromwell belebt, welche, halb verſteckt hinter einem Schirme, ſich an der Gefangenſchaft Burrell's weidete, den ſie, in ihrer halb ſcherzhaften, halb ernſten Art, den fal⸗ ſchen, ſchwarzen Ritter zu nennen pflegte. Mund⸗ flink, der ſich innerlich über die Vermehrung der Zuhörerſchaft freute, obgleich er es für weiſe zu halten ſchien, ihre Anweſenheit nicht zu be⸗ merken, hatte eben ausgerufen:„Iſt nicht das Wort des Herrn über mich gekommen, wie zu Eliſa im dritten Jahr? Und ſoll ich nicht thun nach ſeinem Gebote?“ „Du biſt ohne Zweifel ein Wunder in Iſrael,“ ſagte Burrell, von ſeinem Sitze ſo ungeſtüm aufſpringend, daß er beinahe die Kanzel umge⸗ worfen hätte;„aber ich muß meinen würdigen Freund begrüßen, der, wie ich mit Leidweſen ſehe, nicht wohl ſcheint.“ 3 „Gib ihm Deinen Gruß,“ ſagte der Prediger, ſich wieder zurechtſetzend,„und dann werde ich fortfahren, denn ſüß iſt es, die Reden zu wie⸗ derholen, welche zum Heile führen.“ — 235— „Sir,“ bemerkte Lady Franziska vorſpringend in einem leiſen Tone,„Ihr werdet doch nicht der armen Lady Cecil Leichenrede vor ihrem Gat⸗ ten und ihrer Tochter wiederholen? Sie ertrü⸗ V gen es nicht.“ „Ihr ſprecht wie die ſieben weiſen Jung⸗ frauen,“ entgegnete Mundflink, indem er mit einem ſeiner langen Beine den Stuhl verließ, aber ſchnell zog er es wieder zurück und fügte hinzu:„Doch des Herrn Diener iſt nie in Verle⸗ genheit; es ſind viele Flüſſe in Iſrael, ſo mögen die Gläubigen aus einem andern Strome trinken.“ „Ich wünſchte, Ihr ginget mit mir,“ ſagte Franziska, deren Auge einem Blicke Konſtanzens begegnet war,„oder vielmehr mit uns, denn ich bin überzeugt, Miſtriß Cecil hat Euch viel zu ſagen, wie ich viel von Euch zu hören habe; wir wollen Sir Robert und Sir Willmott allein über die Angelegenheiten dieſer großen Nation ſprechen laſſen; Ihr wißt, auch das Weltliche muß be⸗ ſorgt werden, und obgleich,“ ſie blickte dabei auf Burrell, deſſen Haltung noch nicht die gewöhn⸗ liche Ruhe wieder erhalten hatte,„obgleich es mir leid thut, daß ich Sir Willmott des ſo nö⸗ thigen Unterrichts beraube, ſo zweifle ich doch * nicht, daß Ihr das Verſäumte zu einer paſſen⸗ deren Zeit wieder einholen werdet.“ — 236— Zwoͤlftes Kapitel. Es läßt ſich denken, in welche Verlegenheit Burrell durch Dalton's Brief und die Abreiſe Ben Iſraels geſetzt worden war. Er ſah ein, daß nur Ein Mittel ihn vor dem Untergange retten konnte, und war entſchloſſen, dies zu ver⸗ ſuchen, S Sir Robert nämlich durch Güte oder Ge⸗ walt zur unverzüglichen Ausführung des Heiraths⸗ vertrags mit Konſtanze zu bewegen. Dies war ſeine letzte Hoffnung, der Rettungsanker, auf „den er allein noch vertraute: er war überzeugt, daß wenn der Protektor ſein niederträchtiges Be⸗ nehmen gegen die Jüdin Zilla erfuhr, er aus doppelten Gründen einſchreiten und die Verbin⸗ dung hindern würde; theils weil er des Rabbis Weisheit und Reichthum hoch hielt, und nicht zu⸗ zugeben pflegte, daß man ungeſtraft jemanden beleidigte, den er begünſtigte, theils weil er auch an Konſtanze Cecil, dem Kind eines alten Freun⸗ — 237.— des, und der Pathin der Lady Claypole mehr als gewöhnlichen Antheil nahm. Erſt kürzlich hatte er einen Beweis davon gegeben, indem er ihr den Vorzug vor vielen andern ſchenkte, die ſich eifrig um dieſe Ehre erwarben, und ſie zur Gefährtin der Lady Franziska beſtimmte, als er aus wichti⸗ gen Gründen es für angemeſſen hielt, die letztere für einige Zeit vom Hofe zu entfernen. Die Freundſchaft, welche zwiſchen der Familie des Protektors und der Sir Robert Cecil's be⸗ ſtand, ſchrieb ſich, wie geſagt, aus älterer Zeit her; Lady Cromwell und Lady Cecil waren ſchon Freundinnen geweſen, als der Gemahl der Er⸗ ſteren noch lange nicht die hohe Stufe erreicht hatte, welche ſeinen Namen ſo ruhmreich, ſo eh⸗ renvoll, aber in mancher Beziehung auch ſo traurig mit der Geſchichte dieſes Landes ver⸗ knüpfte. Als er noch ein unbekannter, unherück⸗ ſichtigter Bewohner von Ipswich war, wurden die Beſuche der Lady Cecil als eine Herablaſſung ihrer Seits gegen Freunde eines achtbaren, aber doch niedrigeren Ranges betrachtet. Die Zeiten hatten ſich geändert; aber er, der jetzt, den Namen ausgenommen, wirklich ein König war, und ſeine Befehle ſchneller, als alle andere Könige vollzo⸗ gen ſah, erinnerte ſich noch der Gefühle, welche in jenen niedrigen, aber vielleicht glücklicheren — 238— Verhältniſſen ihn beſeelten, und wenn auch nur ein ſeltener Gaſt in Cecilhaus, blieb er doch ſtets ein aufrichtiger Freund der Familie, die er zu verſchiedenen Malen gaſtlich am Hofe von Hamp⸗ ton aufgenommen hatte. Gegen Lady Konſtanze hatte er wiederholt ſeine Achtung für ſie ausge⸗ ſprochen. Als er die ſchwindende Schönheit der Nutter mit größern Reizen in den ſprechenden Zügen der Tochter wiederaufleben ſah, dachte er mit einem ihm ungewöhnlichen Stolze daran, daß ſeine Gattin die erſte geweſen war, welche die einſtigen Vorzüge Konſtanzens entdeckt hatte, eine Ahnung, welche die Letztere ſo ganz zu erfüllen verſprach. Ueberdies hatten zwei Söhne Sir Ro⸗ berts an der Seite des Protektors gefochten und waren, unter ſeinen eigenen Augen in den Waf⸗ fen erzogen, neben ihm gefallen; und wäre auch kein anderes Band geweſen, ſo war er doch der Mann nicht, der gleichgültig auf die Leichen ſei⸗ ner tapfern Gefährten blickte und nicht Theil nahm an ihren hinterlaſſenen Verwandten. Cromwell hatte alſo Grund genug, ſeinen Schutz dem ein⸗ zigen Sprößling eines tapfern und ehrenvollen Geſchlechtes angedeihen zu laſſen. Sir Robert ſelbſt betrachtete er vielleicht mehr als ein Werk⸗ zeug, wie als einen Freund, denn Cromwell brauchte, wie andere große Staatsmänner, — 239— Freunde oft als Maſchinen, aber Maſchinen nie als Freunde— eine Lehre, die ſich jeder Herr⸗ ſcher zu Gemüthe ziehen ſollte. Es iſt ein altes, wahres Wort: daß ein Amt zeigt, was an dem Beamten iſt; nur wenige konnten damals in moraliſcher oder politiſcher Rückſicht auf den Protektor blicken, ohne von Bewunderung über ſeine ſchnelle Erhebung, ſeine außerordentliche Gewalt, beſonders aber über den erſtaunlichen Einfluß geblendet zu werden, den er über jeder⸗ mann ausübte, welcher den magiſchen Kreis be⸗ trat, deſſen Mittelpunkt er war. Burrell hielt er für einen gewandten, aber gefährlichen Mann, und war daher ſeiner Verbindung mit einer ſo treuen Freundin des Gemeinwohls, wie Kon⸗ ſtanze Cecil, vielleicht darum nicht entgegen, weil er glaubte, ſie würde aus einem zweifel⸗ haften Anhänger einen entſchiedenen Freund ma⸗ chen und manche der ſchwankenden, aber mächti⸗ gen Familien von Kent und Suſſex, mit denen Burrell in Berührung ſtand, auf ſeine Seite ziehen.— Burrell ſeinerſeits hatte Cromwell überredet, daß die vorgeſchlagene Verbindung nicht bloß die Genehmigung Sir Robert Cecils, ſondern auch die ſeiner Tochter habe. Die anhaltende Krankheit der Lady Cecil hatte Konſtanze ihren — 240— Freunden ziemlich entfremdet, und da ſie dieſen Gegenſtand in den Briefen an ihre Pathin nie erwähnte, ſo war man der Meinung, daß dieſe Ehe nicht bloß eine politiſche ſey, ſondern auch in dem Herzen Konſtanzens keinen Widerſpruch finde. Burrell kannte vollkommen des Prokek⸗ tors Anſichten hierüber; er fürchtete daher nicht nur die Enthüllung ſeines eigenen Benehmens, ſondern auch des Gefühls ſeiner Verlobten; frei⸗ lich dachte er dabei an etwas nicht, was die Be⸗ ſorgniß auf das Höchſte hätte ſteigern ſollen, an des Protektors entſchiedene Gerechtigkeits⸗ liebe nämlich, und ſeinen beſondern Abſcheu ge⸗ gen das Laſter, deſſen er ſich ſchuldig gemacht hatte. Wären Ben Iſrael und Lady Konſtanze auch gleichgültige Perſonen für ihn geweſen, dem doppelten Verrathe wäre dennoch Burrell's Kopf verfallen geweſen. 3 Nächſt Hugh Dalton beſaß nzemand einen ſo unbegränzten, unbegreiflichen Einfluß auf Sir Robert Cecil, als Sir Willmott Burrell; er kannte, wie wir bereits angedeutet, mehre Ge⸗ heimniſſe Sir Roberts und ſtellte ſich, mit der Unverſchämtheit eines vollendeten Schurken, als ob er deren noch wichtigere kenne, die ihm zwar fremd waren, aber von deren Exiſtenz er zur Genüge überzeugt war. Die abnehmende Ge⸗ — 241— ſundheit des Baronets machte ihn zur leichten Beute ſeines liſtigen Freundes, der, um dem ei⸗ genen Untergange zu entgehen, entſchloſſen war, Sir Robert zu bewegen, daß er nicht nur ſeine unverzügliche Verbindung mit Konſtanze geneh⸗ mige, ſondern ſogar befehle. Als Burrell mit Sir Robert allein war, be⸗ ſchwerte ſich dieſer zuerſt, daß er einen jungen Freund des Major Wellmore habe aufnehmen müſ⸗ ſen, überließ ſich jedoch nicht ſolchen Empfindun⸗ gen, wie in Gegenwart ſeiner Tochter. Dann klagte er bitterlich über ſeine ſchlafloſen Nächte, ſeine ruheloſen Tage, das ewige Härmen, Grä⸗ men, die ſchrecklichen Träume, die Hinterliſt, die Treuloſigkeit der Welt, das gewöhnliche Thema derer, welche nichts gethan haben, ihre Treue zu verdienen. Sir Willmott ſah ihn an, und wunderte ſich über die ſchnelle Veränderung, die in wenigen Wochen mit ſeinem Aeußeren vorgegangen war, doch ſchien der Körper noch ſtärker, als der Geiſt gelitten zu haben. Auch erſtaunte er, daß Sir Robert ſo wenig von ſeinem letzten ſchweren Ver⸗ luſte ſprach, denn die Liebe Sir Roberts zu ſei⸗ ner Gattin war ſo groß, daß ſie bemerkt wurde, ſelbſt als häusliches Glück Hofmode war. Aber hier irrte ſich Burrell; denn er wußte nichts von der Stellung, in welcher ſich Sir Robert eben J. 16 — 242— zu Hugh Dalton befand, und von der drohen⸗ den Gefahr, in der er jetzt ſchwebte, eine ſo große, ſo nahe Gefahr, daß ſie ihn faſt fühllos gegen den Schlag machte, der ihn vor ſo kur⸗ zer Zeit erſt getroffen hatte. Oft, wenn in lan⸗ gen traurigen Nächten kein Schlaf ſich auf ſeine brennenden Augen ſenken wollte, oder wenn ſie, kaum geſchloſſen, ſchreckvoll wieder aufſtarr⸗ ten vor den fürchterlichen Bildern, welche ſeine fieberhafte Phantaſie heraufbeſchworen— vft hatte er dann Gott zu preiſen verſucht, daß ſie heimgegangen war, ehe die Rache erſchien in ihrer gräßlichen Wuth, vor deren ſchwerer Hand er tauſendmal mehr zitterte, als vor dem Tode. Die Verwendung, welche er bei dem Protek⸗ tor für Daltons Pardon verſucht hatte, war ganz, wie er es gedacht, aufgenommen worden; und die einzige Ausſicht, die ihm noch blieb, den Wunſch des Bucaniers zu erfüllen, beſtand in der Hoffnung, einige Perſonen von Hofe für den Geächteten zu gewinnen. Sir Roberts perſönlicher Einfluß reichte nicht weit, deſto weiter aber ſein Gold. Der Protektor konnte ſich offener Sün⸗ der entledigen, nicht aber der verſteckteren und darum deſto gefährlicheren, welche aus den be⸗ ſondern Sitten der Zeit hervorgegangen waren. Einige derſelben hatte Sir Robert auf verſchie⸗ — 243— denen Wegen zu beſtechen geſucht; der Einſatz war groß, die Gefahr ſicher, denn er kannte die Unbeugſamkeit Dalton's, und wußte, daß er thun werde, was er gedroht hatte. Mehr als einmal dachte er, Burrell zu Rathe zu ziehen, aber eine unwillkührliche Furcht vor ſeinem künf⸗ tigen Eidam hatte ihn ſtets abgehalten, ihm den Wunſch des Bucaniers mitzutheilen, der geſetz⸗ liche Befehlshaber eines Schiffes zu werden. Seine Angſt, er möchte das Ziel nicht erreichen, überſtieg jedoch endlich ſeine Zaghaftigkeit, und er beſchloß, mit dem Ritter darüber zu ſpre⸗ chen, eben als dieſer mit dem Baronet wegen ſeiner Heirath reden wollte. Zum Unglück für Sir Robert war er der erſte, der ſeinen Plan auseinanderſetzte, und ſo Burrell noch teine ſtär⸗ kere Waffe gegen ihn in die Hand gab. Er fragte, ob Burrell kürzlich nicht einem Manne begegnet ſey, deſſen er ſich wohl noch erinnern müßte— Hugh Dalton, dem kühnen, unſtäten Mann, der den Kavalier, den Bucanier und tauſend andere Rollen geſpielt habe, nur die eines Feigen nicht. Burrell antwortete verneinend, geſtand jedoch, daß er wiſſe, der Mann ſey kürzlich an der Küſte geweſen; er fügte gewandt hinzu, daß alle ſeine 4 Gedanken ſeither ſo auf Konſtanzen gerichtet ge⸗ weſen ſeyen, daß er jede andere Verbindung — 244— aufgegeben habe, welche ihn ſpäter von einem Hauſe entfernen könnte, wo alles Glück vereinigt ſeyn würde. Sir Robert blieb nie kalt, wenn man ſeine Tochter lobte, nichts deſtoweniger fuhr er dies Mal in ſeiner Rede fort. Er bemerkte, Dalton ſey ein tüchtiger, erfahrener Seemann, ſeine Kenntniß fremder Meere und fremder An⸗ gelegenheiten im Allgemeinen könne der Regie⸗ rung von Nutzen werden, wenn dieſe ſie in An⸗ ſpruch nehmen wolle; der Bucanier ſey jezt ein bitterer Dorn in dem Fleiſche des Protektors, da er oft Unzufriedene nach England überführe, und wieder mit fortnehme; ſein Glühwurm könne ein Meteor des Ozeans genannt werden, der bald hier, bald dort, wie ein glänzender Stern funkele, der wie ein Mondſtrahl in der Themſe, in dem Texel, in dem baltiſchen und ſchwarzen Meere ſtrahle, wie es gerade gefordert werde, alle dies Uebel könne man verhindern, wenn man Dalton einen Pardon ausſtelle und einen Befehl anvertraue; er wünſche eine ſolche Stelle und es wäre gewiß unrecht, wenn der Staat nicht um ſo geringen Preis ſich ſeine künftigen guten Dienſte erkaufe. Burrell erſtaunte, ſah jedoch ſchnell ein, daß dieſer unerklärlichen Beſorgniß ein Geheimniß zum Grunde liegen müſſe; mit Geſchick brachte — — — 245— er daher die verſchiedenen Angaben vor, welche die Regierung gegen einen Mann von Dalton’'s Karakter ſtimmen mußten: die Gefährlichkeit näm⸗ lich, die in einem ſolchen Beiſpiele liege, wollte man einem ſo bekannten Miſſethäter einen Plaz unter ehrenwerthen Leuten einräumen. Burrell wünſchte nur, daß der Baronet ſich weitläufiger über dieſen Punkt auslaſſen ſollte; und dieſer ging wirklich in die Falle. Er zeigte ſolch eine Angſt, ſo viel Theilnahme für den Bucanier, daß der Ritter überzeugt war, hier müſſe es ſich um Le⸗ ben und Tod handeln. Verſchiedene Vermuthun⸗ gen aus früheren Zeiten beſtärkten ihn in ſeinem Glauben. Er verſuchte es neuerdings mit der frechen Lüge, der er bisher immer ſeinen Erfolg zu verdanken hatte, und verſicherte dem Baronet auf die feierlichſte Weiſe, daß er ein geheimes Mittel habe, das er jedoch nicht näher angeben könne, da es auf einem Verſprechen für früher geleiſtete Dienſte beruhe, Cromwell zur Nach⸗ giebigkeit zu bewegen; daß er bis jetzt dieſe Gunſt nicht in Anſpruch genommen, ſondern für einen wichtigeren Anlaß ſich aufbewahrt habe; daß er aber Willens ſey, ſeine eigenen Ausſichten auf⸗ zuopfern, um ſich ſeinen Freund zu verpflichten, und daß er nichts dafür verlange, als daß er, was zwar allerdings von unſchätzbarem Werthe — 246— für ihn ſey, aber von Sir Robert Cecil doch leicht gewährt werden könne, ihm unverzüglich die Hand ſeiner Tochter gebe. Er fügte hinzu, er wünſche ihr Gefühl, ſo kurz nach ihrem ſchmerzlichen Verluſte, nicht durch eine öffent⸗ liche Ceremonie zu verletzen; ja er ziehe es vor, ſie in der zerſtörten, aber ſchönen, kleinen Ka⸗ pelle, welche zum Hauſe gehöre, von ihrem Va⸗ ter zu erhalten; alles, was er wünſche, was er begehre, ſey nur Beſchleunigung. Mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Gewandtheit fügte er noch in leiſer Anſpielung auf Sir Roberts ſchwache Geſund⸗ heit hinzu, welchen Kummer es ihm machen müſſe, wenn er vielleicht auf ſeinem Sterbebett liege und ſein geliebtes, ſein einziges Kind ohne Beſchützer auf Erden wiſſe. Sir Robert gedachte des ſeiner Gattin gege⸗ benen Verſprechens, daß er ſeine Tochter nie wegen ihrer Heirath mit Burrell drängen wolle, und obgleich er dies dem Ritter nicht eingeſtand, ſo erklärte er doch feſt ſeine Abneigung, Kon⸗ ſtanzen in dieſem Punkte zu beunruhigen, und fragte endlich, ob es kein anderes Mittel gebe, ſeine Dankbarkeit zu beweiſen, als durch ſein Einſchreiten in einer Angelegenheit, die jedenfalls nicht vor Ende des Trauerjahres beſprochen wer⸗ den könne. — 247— Burrell ſtellte ſich verwundert über dieſe Ant⸗ wort;„die Hand der Miſtriß Cecil,“ ſagte er, „ſey ihm ſeit lange zugeſagt, er habe daher nicht geglaubt, Sir Robert würde nur einen Augenblick Anſtand nehmen, ſeinem Begehren zu willfahren.“ Nach langen Vorſtellungen bat er zuletzt den Baronet um Erlaubniß, ſich perſön⸗ lich deshalb an ſeine Tochter wenden zu dür⸗ fen. Sir Robert hatte nichts dagegen einzuwen⸗ den, denn er kannte die Entſchiedenheit ihrer Geſinnungen gegen Burrell nicht. Sie war, faſt noch in den Jahren der Kindheit, ihm verſpro⸗ chen worden, als ſie noch viel zu jung war, ſich einen Begriff von der Wichtigkeit dieſes Schrit⸗ tes zu machen, und da man ſpäter nie wegen der Verbindung in ſie drang, ſo hatte ſie auch nicht weiter darüber geſprochen. Ihre arme Mut⸗ ter hatte bald erkannt, daß dieſe Ehe nie ihres Kindes Glück fördern würde, denn ſie hatte beide Karaktere genau beobachtet und ſich bald von Burrell's Unwürdigkeit überzeugt. Sie ver⸗ mochte nicht, Sir Robert ihre Anſicht aufzudrin⸗ gen, hatte jedoch auf ihrem Sterbebette noch eine Art Verſprechen von ihm erpreßt, das ſich Sir Robert buchſtäblich, aber nicht in ſeinem ganzen Sinne, zu erfüllen begnügte. Burrell ſchien mit der erhaltenen Erlaubniß — 248— vollkommen zufrieden und ließ Sir Robert in der Bibliothek mit der Bemerkung zurück, daß er noch an demſelben Abende mit Miſtriß Cecil darüber ſprechen werde.„Und er wird ein recht liebevoller Gatte ſeyn,“ dachte Sir Robert, als der andere fort war;„und wie ſollte er es nicht? Aber ich will mich nicht einmiſchen; ich weiß, ſie hat keine andere Neigung und das Pflichtgefühl meiner Konſtanze wird ſie zwingen, ihren Gatten zu lieben. O gewiß, ſie wird glücklich, ſehr glück⸗ lich— ſehr glücklich ſeyn,“ fügte er hinzu, als ob die Wiederholung des Wortes dazu beitra⸗ gen könnte. Es war ein heller, erquickender Abend; die Sonne hatte ſich mit ihren glänzenden Strahlen in den Ozean hinabgetaucht und ein friſcherer Hauch wehte duftend durch das junge Laub der Sträuche und Bäume; tiefer Frieden ſchien auf der ganzen Natur zu ruhen, als Lady Franziska und Konſtanze zuſammen auf einer bemooſten Bank ſaßen, die zwar nur wenige Schritte vom Hauſe entfernt, doch von einigen ehrwürdi⸗ gen Buchen ſo überſchattet war, daß dort nichts von dem Gebäude ſichtbar wurde. Dieſe Stelle, welche ſie zu ihrem Ruheplatze gewählt, war unter dem Namen des Feenkreiſes bekannt; es war eine runde Erhöhung, die mit Immergrün — 249— eingefaßt war, welches ſich an dem Rand eines Eſchenwaldes hinaufſchlängelte.. „Ich bin ernſthaft, Konſtanze, wie das Zwie⸗ licht, weil ich an ernſte Dinge gedacht habe. Ach, wir haben Alle unſer Zwielicht; das der Jugend iſt ſanft und balſamiſch, und wie das, welches uns jetzt umgibt, ruhig, aber mit der Ruhe der Hoffuung. Das Zwielicht des mittleren Alters gleicht, dünkt mich, dem eines Herbſtabends; Zwei⸗ fel rauſchen um uns, wie fallende Blätter; der Wind ſauſt wie die Klagen ſcheidender Tage; es iſt wenig Ruhe mehr, weil die Hoffnung, die uns geblieben, uns nicht beſänftigt, ſondern nur mit leeren Träumen quält. Was ſoll ich von dem Zwielichte des Alters ſagen? Ich mag nicht daran denken. Seine Ruhe ſcheint mir an Ver⸗ zweiflung zu gränzen.“ „Nein, Franziska, nicht Verzweiflung; ſie ſpricht nur aus dem düſteren Schweigen der Schuld. Ich denke mir das Alter ſchöner, hoff⸗ nungsvoller, als die Jugend, obgleich deſſen Schönheit anders, deſſen Hoffnung nicht mehr freudig, ſondern erhabener iſt. Froge den Glück⸗ lichſten, den, auf welchen die Augen der ganzen Welt mit Bewunderung und ihrem Begleiter, dem Neide, gerichtet ſind,— frage ihn, ob er- ſein Leben noch einmal leben möchte, und er wird antworten: nein!“ — 250— „Das ſpricht nicht für die Annehmlichkeit die⸗ ſes Lebens.“ 3 „Für jedes Uebel gibt es ein Heilmittel oder eine Linderung, aber leider ſind wir geneigter, uns an das Ueble, als an das Gute zu hal⸗ ten,— und doch ſollte uns dies der Erde abge⸗ neigter machen und auf den Himmel verwei⸗ ſen.“ „Konſtanze, Du biſt eine Philoſophin.“ „Nein, denn ich bin ein Weib, und was man Philoſophie nennt, ſtimmt nicht mit unſerm gei⸗ ſtigen und körperlichen Leben. Ich habe gehört, daß es Länder giebt, in welchen gewiſſe Perſo⸗ nen unſerm Geſchlechte eine Ehre anzuthun glau⸗ ben, wenn ſie uns mehr mit dem Geräuſch und dem Treiben der Welt vermiſchen; aber mich däucht, daß dies unſerer Natur zuwider iſt.“ „Das glaube ich auch, Konſtanze; die Män⸗ ner mögen das öffentliche Leben und die Frauen das häusliche zu regieren haben, und, mein Wort darauf, die Schale der Macht wird auf unſere Seite hinüberſchwanken. Unſere Zungen haben zu Haus genug zu thun und brauchen nicht noch auf offenen Plätzen zu plaudern, und was unſere Arme betrifft, ſo würden die mei⸗ nigen ſchwerlich eine Streitaxt oder ein Schlacht⸗ ſchwert ſchwingen können. Ich vermuthe, daß — 251— die Leute, Lon denen Du ſprichſt, noch ein nenes Geſchlecht erfinden wollen, welches die häus⸗ lichen Geſchäfte beſorgen ſoll, wahrend wir in Kampf und Schlacht ziehen! Glaube mir, den Augenblick, wo wir aus unſerer Sphäre treten, würden wir unſern Einfluß verlieren, als Frauen verloren, als Männer verachtet ſeyn. Ich, Kon⸗ ſtauze, wünſche mir nichts, als durch meine eige⸗ nen kleinen Intriguen mir meinen eigenen kleinen Weg zu bahnen, hinter dem Buſche ſtehen zu bleiben und einen Andern vor die Breſche zu ſtellen, der dann, wenn es ſchlimm ausſchlägt, das Argſte auf ſich ladet, während ich mich in Sicherheit zurückziehe.“ „So will alſo Lady Franziska einen Mann ſich zum Schilde nehmen.“ „Ja, Konſtanze; es iſt eben ſo gut, man ſchießt auf ihn, als auf mich.“ „Ach, Franziska, Du biſt kein rechtes Weib, ſonſt würdeſt Du Dich, wenn wahre Gefahr ſich zeigte, zwiſchen ſie und ihn werfen, deſſen Leben Dir tauſendmal theurer ſeyn müßte, als das eigene. Denk Dir, plötzliche Gefahr bedrohe das Leben...“ „Still, Konſtanze, der Gedanke an eine ſolche Möglichkeit iſt genug. Es iſt leichter, das Le⸗ ben zu opfern, wenn das Opfer durch Liebe verlangt wird, als einen eigennützigen Wunſch aufzugeben.“ „Weil wir in dem erſten Fall uns ſelbſt, in dem zweiten Andern willfahren.“ „Gut zergliedert, Konſtanze; aber hier kömmt Barbara mit Mänteln und Kaputzen, was ſo viel bedeutet, als daß der Thau fäͤllt, obgleich wir es nicht bemerkt haben.“ „Ich ſuchte Euch, Miſtriß,“ ſagte Barbara, „im ganzen Hauſe, denn Sir Willmott Bur⸗ rell wünſcht mit Euch im Sprachzimmer, oder, wenn es Euch gefällt, in der Bibliothek zu re⸗ den; er ſagte mir dies in Gegenwart des Herrn.“ „Verlangt mein Vater auch nach mir?“ „Nein, er erklärte, er würde vor dem Abend⸗ mahl etwas in ſein Zimmer gehen.“ Die jungen Ladies kehrten mit Barbara nach dem Hauſe zurück, und als Franziska Crom⸗ well ihrer Freundin Hand drückte, fand ſie dieſe ſtarr und kalt; ſie wollte etwas ſagen, aber während ſie ihre Worte ordnete, war Kon⸗ ſtanze, mit einer mehr als gewöhnlich würde⸗ vollen Haltung, bereits in das Sprachzimmer getreten. Es war ein dunkeles, düſteres Ge⸗ mach, deſſen Verzierungen ſämmtlich von ſchwar⸗ zem Eichenholze waren. — 253— „Melde Sir Willmott Burrell,“ ſagte ſie zu Barbara, als ſie über die Schwelle ſchritt, „daß ich ihn hier erwarte.“ Franziska, deren ſich eine unwillkührliche Angſt bemächtigt hatte, wollte bleiben, aber Konſtanze bedeutete ihr, daß ſie Burrell allein empfan⸗ gen wolle. — 254— Dreizehntes Kapitel. „Das Blut ſcheint mir in den Adern zu gefrie⸗ ren,“ murmelte Konſtanze, indem ſie eine Hand gegen die andere rieb,„und der Athem ſtockt mir, als ob ein Vampyr mich umkreiſte. Und warum? Iſt Gott nicht hier eben ſo gut mit mir, als draußen unter dem freien Himmel?“ Sie betete darauf ſo inbrünſtig, daß Burrell hereingetreten war, ohne daß ſie es bemerkt hatte.. „Ihr ſeyd nicht wohl,“ bemerkte er, ſich auf einen Seſſel ihr gegenüber ſetzend;„Ihr wacht zu viel an Eures Vaters Lager. Ich hoffe, Euch nicht läſtig zu fallen?“. „Mir iſt's ſchon beſſer,“ ſagte ſie,„aber das, wovon Ihr eben ſpracht, die Sorge um den Lebenden und die Todte, war, wenn es auch meine Geſundheit angegriffen haben mag, meine ſchönſte Pflicht.“ „Ihr zieht es vielleicht vor, wenn ich Euch morgen mittheile, was ich Euch zu ſagen habe,“ bemerkte er, da ſich ihm eine Art Mitgefühl aufdrang, als er ihre bleichen Wangen und Lip⸗ pen ſah. 4 „Ich erſuche Euch,“ antwortete ſie ſtolz,„jetzt fortzufahren; ich bin heut eben ſo bereit, als ich es morgen ſeyn kann, zu vernehmen, was Ihr mir vorzutragen haben könnt. Ihr verlangt...“ „Ich habe nichts zu verlangen, Miſtriß Cecil — darf ich ſagen Konſtanze? denn ſo nannte ich Euch in den erſten Tagen unſeres Verlöbniſſes — nur zu wünſchen. Ich geſtehe, daß die geringe Aufmerkſamkeit, die Ihr mir zu Theil werden laſſet, mich gekränkt und verletzt hat, aber da ich glaube, daß Kummer und Zurückhaltung Schuld daran ſind, ſo tadle ich es nicht, und bedaure es nur. Die Zeit, ſchöne Lady, iſt hof⸗ fentlich nicht mehr fern, wo Ihr meinen An⸗ ſprüchen auf Eure Hand genügen werdet, dann mag die Reinheit meines zukünftigen Lebens, die Unbegränztheit meiner Hingebung, die Gluth meiner Liebe..“ „Sir Willmott Burrell,“ unterbrach ihn Kon⸗ ſtanze,„das Gras auf meiner Mutter Grab grünt noch nicht, und Ihr ſprecht von Liebe?“ Einen Augenblick ſchwieg der Ritter, dann ſagte er:„Gründe, welche ich ſpäter entwickeln werde, machen es außerordentlich wünſchenswerth für mich, daß die Verbindung unverzüglich ge⸗ knüpft werde. Doch, Lady,“ fügte er hinzu, ihre Hand ergreifend, welche ſie ihm regungslos ließ, „ſchaudert nicht ſo zurück, liebtet Ihr mich ſelbſt nicht ſo, wie ich Euch, dennoch wird binnen Kurzem die Liebe Euch mir übergeben.“ „Glaubt es nicht, Sir Willmott,“ ſagte Kon⸗ ſtanze, ſich endlich losmachend,„ich kann Euch nicht lieben.“ Selten ſind Männer gewöhnt, einfache Wahr⸗ heiten der Art zu hören; Thränen, Bitten wiſſen ſie geziemend zu ſchätzen, aber aus dem kurzen Ausſpruch der Miſtriß Cecil ſprach eine ſo feſte, tiefe überzeugung, daß Burrell einigemale im Zimmer auf⸗ und abgehen mußte, ehe er wieder in etwas Herr ſeiner Gefühle werden konnte. „Ich denke anders,“ ſagte er endlich, wieder Platz nehmend,„ein Weib kann nur eifrige Lie⸗ be, beſtändige Aufmerkſamkeit, zärtliche Sorge verlangen. Das alles, alles das wird Euch zu Theil werden. überdies kann eine Tochter aus dem Hauſe Cecil ihr Wort nicht brechen. Ich könnte Eure Hand verlangen, aber ich flehe nur darum.“*— „Sir Willmott, Ihr wißt wohl, daß, als der — 257— unglückliche Bund geſchloſſen wurde, ich zu jung war, um ſeine Bedeutung zu verſtehen. Könntet Ihr wirklich mit Ehren ich mich dringen, wenn ich freimüthig ſage, was mein Benehmen Euch längſt gezeigt haben mußte, daß ich nie Euch lieben kann?“ 3 „Ihr habt dies ſchon einmal geſagt, Lady, und es klingt eben nicht ſüß in den Ohren Eu⸗ res verlobten Gatten. Die Unruhen der Zeit, und der Dienſt, den ich dem Protektor gewid⸗ met, haben mich lange von Hauſe entfernt, und obgleich mein Herz ſich hierher ſehnte, ſo wurde ich doch durch die Pflicht zurückgehalten: gewiß liebt Ihr mich darum nicht weniger, weil ich dieſe ſo ſtrenge erfüllt habe?“ „Ihr könnt mich nicht zu Eurem Weibe wün⸗ ſchen,“ ſagte Konſtanze in einem zitternden To⸗ ne, entſchloſſen, während ihr Muth und ihre Kraft zu wachſen ſchien, auch Sir Willmotts Edel⸗ muth in Anſpruch zu nehmen,„Ihr könnt mich nicht zu Eurem Weibe wünſchen, denn nicht al⸗ lein, daß ich Euch nicht liebe, ich liebe auch ei⸗ nen andern.“ Sir Willmott Burrell ſprang diesmal nicht von ſeinem Seſſel auf, ſondern richtete bloß ſeine Augen auf Konſtanze, als ob er in ihrer Seele leſen wollte, wen ſie liebe, aber der Ausdruck 17 — 258— ſeines Blicks verwandelte ſich bald aus dem lauen⸗ der Neugierde in den feſter Entſchloſſenheit, bis er, den Athem durch die geſchloſſenen Zähne ein⸗ ziehend, daß es dem Ziſchen einer Schlange glich, langſam, mit halb unterdrücktem, teufliſchem Hohne ſagte:„Es thut mir leid, Konſtanze Cecil; aber das hindert nicht, daß Ihr nicht doch mein wer⸗ den müßtet— mein— und bei dem Gott, der mich hört— mein allein und für immer.“ Konſtanze erhob ſich langſam von ihrem Sitze und ſagte mit feſter Stimme:„Ich bin nicht hieher gekommen, Sir, um Beleidigungen zu hören.“ Sie ging mit einer würdevollen Haltung durch das Zimmer, daß ſie ſchon beinah die Thüre er⸗ reicht hatte, ehe Burrell ſich Muth genug faſſen konnte, ihre Entfernung zu wehren. Er legte ſeine Hand auf ihren Arm, als ſie eben das Schloß an⸗ faßte, aber ſie ſtieß ihn ſo kalt und doch ſo ent⸗ ſchieden zurück, wie der Apoſtel die Natter zu Melita in die Flamme warf. Bei Burrell ſtand jedoch zu viel auf dem Spiele, als daß er ſein Vorhaben ſo ſchnell aufgegeben hätte. Er faßte ſich daher und ſagte mit gezwungener Ruhe: „Ich erſuche Euch, zu bleiben, wenn nicht um Eures, doch um Eures Vaters Wohl willen.“ Die Erwähnung ihres Vaters gebot ihr Auf —-— 259— merkſamkeit. Sie forderte Burrell auf, zu ſpre⸗ chen, ſetzte ſich jedoch nicht mehr. Er hielt aber ſo lange ein, daß ſie endlich bemerkte:„Ich warte, Sir Willmott, und will geduldig warten, wenn es nöthig iſt, aber mich dünkt, Euer Schweigen iſt eben ſo unziemlich, als Euer Reden vorher.“ „Weil ich für Euch fühle, Miſtris Cecil, weil ich tief für Euch fühle, darum zögere ich. Ich möchte Euch den Schmerz erſparen, den meine Worte Euch verurſachen müſſen, und darum flehe ich Euch nochmals ruhig, aber dringend an, den zwiſchen uns beſtehenden Bund ſogleich zu vollziehen.“ „Laßt das, Sir, ich mag nicht weiter bedrängt werden. Ich verlange nur zu wiſſen, daß Ihr nichts zu ſagen habt, was meinen Vater angeht; was mich betrifft, dächtet Ihr auch niedrig ge⸗ nug, unter ſolchen Umſtänden meine Hand anzu⸗ nehmen, bin ich doch nicht gemein genug, ſie Euch zu geben.“ „Schön geſagt,“ rief Burrell höhniſch.„Ich aber erkläre Euch, Lady, daß ich mir gar nicht ſo viel, als Ihr Euch wohl einbildet, aus Eurer Liebe mache, denn Ihr habt Tugend genug, ſie zurückzunehmen, und auf den zu übertragen, welcher der Beſitzer Eurer ſchönen Hand wird, wer es auch ſeyn mag. Blickt nicht ſo grimmig, — 260— denn ich weiß etwas, was Euch zwingen wird, Euern ſtolzen Blick niederzuſchlagen, und froh zu ſeyn, daß Ihr noch das Weib Sir Willmott Burrell's werden könnt.“ Konſtanze zitterte, ſie hatte nie eine ſolche Sprache gehört, und fühlte, daß einer ſolchen Außerung etwas Schreckliches zum Grunde lie⸗ gen müſſe. Obgleich ihre Hand auf dem ſchwe⸗ ren Drücker des Schloſſes ruhte, hatte ſie doch nicht die Kraft, ihn zu bewegen. Könnten Blicke niederſchmettern, würde Burrell vor dem zorni⸗ gen Glanze dieſes Auges zurückgebebt ſeyn, aber er ertrug ihn mit einer Gelaſſenheit, die er ſich ſeibſt nicht zugetraut hatte. „Wenn Eure Mittheilung meinen Water be⸗ trißt, ſo ſprecht, Sir, wo nicht... „Wo nicht, wirft mich Konſtanze für immer bet Seite. Dennoch,“ fügte er mit verletzendem Mit⸗ leid hinzu,„hätte ich Euch gern geſchont, denn Ihr ſeyd eine höchſt liebevolle Tochter geweſen.“ „Sir,“ antwortete ihm Konſtanze,„ich bin eine zu gute Tochter, um länger geduldig dieſe Schmähungen anhören zu können: Eure Schmei⸗ cheleien verachte ich, und ich fordere Euch auf, eine Anklage gegen ihn auszuſprechen, welche nur den Gedanken einer Röthe auf ſeine Wan⸗ gen jagen könnte.“ — 261— „Aber ich kann etwas ausſprechen, was die rothen Wangen bleich machen wird, Lady. Was denkt Ihr von... von Mord?“ Konſtanzens Augen glühten einen Augenblick wie ein Meteor, ſie ſelbſt ſtand ſtarr wie ein Mar⸗ mmorpbild; ihre Lippen öffneten ſich, ohne zu ſpre⸗ chen; Burrell wollte beſtürzt ſie nach einem Stuhle führen, aber ſeine Berührung brachte ſie zu ſich: ſie ſprang zurück von ihm bis in die Mitte des Zimmers, ſtreckte die Arme vor ſich aus, ſtand dort eine Weile, den Kopf zurückgebogen, wie eine jugendliche Prieſterin, welche Rache auf die ſündvolle Erde herab beſchwört, und ſagte endlich:„Könnte ich fluchen, würdet Ihr es ſchwer empfinden; aber die Schlechtigkeit in Euch wird allein ihr Werk verrichten, und mir die Sünde erſparen. Hinweg! hinweg! Und Ihr dachtet mich mit dieſem ſchrecklichen Worte zu ſchrecken? Mein theurer, theurer Vater!“ „Ich erkläre vor Gott, daß ich nur ſpreche, um ihn zu retten. Die verdammenden Beweiſe ſeiner Schuld ſind in meiner Gewalt. Vollzie⸗ het Ihr das Bündniß, ſollen weder Menſchen, noch der Tod ſie mir entreißen— wo nicht, merkt es, will ich Rache haben.“ „Ich Elende,“ rief Konſtanze,„daß ich nicht ſogleich Euch vor ihn beſchieden, daß er Euch — 262— gezwungen hätte, die verzweifelte Lüge herunter zu ſchlucken und an ihrem Gifte zu erſticken. Kommt mit mir zu meinem Vater. Ha, feiger Schurke! Ihr erſchreckt, aber Ihr ſollt mir nicht mehr entgehen! Fort mit mir zu meinem Vater.“ Burrell wollte ſie zurückhalten, aber es war nicht möglich. Da ſie ſah, daß er ſich nicht be⸗ wege, eilte ſie an ihm vorüber.„Wollte Ihr denn,“ rief er ihr nach,„durchaus Eures Vaters Untergang bereiten, ſo ziemt es ſich, daß Ihr auch wißt, welchen Mordes er angeklagt wird.“ Er trat einige Schritte näher, ſo nahe, daß ſie ſeinen Athem an ihrer Wange fühlte, während er, wie die Schlange im Garten Eden, ſein Gift in ihr Ohr träufelte. Ein krampfhaftes Zucken, eine Todtenbläße flog über ihr Ge⸗ ſicht; aber ſie faßte ſich, warf ihm noch einen Blick des Mißtrauens und der Verachtung zu, und flog in ihres Vaters Zimmer. Der alte Mann hatte geſchlafen, erwachte aber, als ſie hereintrat, und ſtreckte, vermuthlich durch den kurzen Schlummer aufgeheitert, ſeine Arme mit einer Zärtlichkeit nach ihr aus, die bei den Gefühlen, welche ſie eben aufregten, ihre Qual noch vermehrten. Sie konnte dem ſtummen Auf⸗ ruf nicht widerſtehen, fiel auf die Knie und ver⸗ — 263— barg ihr Geſicht in ſeinem Kleide. In dieſer Stellung blieb ſie einige Minuten; ihr Mund ſprach kein Wort, aber ihre Bruſt bewegte ſich, wie im letzten Todeskampfe. Endlich erhob ſie den Kopf und wendete die geſchwollenen, und doch thränenloſen Augen auf das bleiche, ſor⸗ genvolle, beſtürzte Geſicht ihres Vaters. Er wollte ſprechen, aber ſie erhob ihre Hand, als ob ſie ihn bitten wolle, zu ſchweigen; gleich da⸗ rauf ſagte ſie:„Ich kann es nicht ausſprechen — wenn ich daran denke, weiß ich nicht, wa⸗ rum ich Euer Ohr, Vater, mit einer ſo ſchänd⸗ lichen Lüge verletzen ſoll; aber Burrell ſchien ſo überzeugt, ſo fürchterlich überzeugt von dem, was er ſagte, daß ich noch zittere und meine Gedanken keine Worte finden.“— Sie athmete ſchwer auf und preßte die Hände gegen die Bruſt. Sir Robert glaubte, daß von ihrer Heirath die Rede ſey, welche, wie er wußte, Burrell in Vorſchlag gebracht haben mußte, und antwor⸗ tete:„Mein gutes Kind weiß, daß ich es nicht zu dieſer Verbindung dränge, aber Sir Will⸗ mott iſt ſo voll Liebe, voll Sehnſucht, und ich muß ſagen, daß ich mein graues Haar ruhiger zu Grabe tragen würde, wenn ich Dich als ſein Weib zurückließe. Ich bin faſt geneigt, meine Kon⸗ — 264— ſtanze in dieſem Punkte für launenhaft und un⸗ gerecht zu halten, aber ich bin überzeugt, ihre Vernunft, wie die Liebe zu ihrem Vater.“ „Barmherziger Himmel,“ rief Konſtanze, „wäre es möglich, daß Ihr von ſeinem Antrag wußtet? Doch ja, das mochtet Ihr wiſſen, aber die fürchterliche, die grauenhafte Drohung kennt Ihr nicht, mit der er mich erſchrecken wollte, wenn ich nicht ſogleich ſeiner Forderung, ja, ſeiner Forderung genügte, ihm unverzüglich meine Hand zu reichen?“ „Es war ſehr unklug, ſehr unnöthig,“ frge⸗ der Baronet verdrießlich, indem er an die Vor⸗ ſchläge des Bucaniers dachte, welche er, wie er glaubte, Konſtanzen mitgetheilt hatte,„thö⸗ richt war es, Dich mit dem zu behelligen, was er von meinen Angelegenheiten weiß; das iſt eine ſonderbare Art zu werben; aber doch wird ſie gute Folgen haben, denn Du weißt jetzt, welchen gewaltigen Anlaß ich habe, dieſe Ver⸗ bindung zu wünſchen...“ Der Baroner konnte vor Schreck üüber das Aus⸗ ſehen Konſtanzens ſeine Rede nicht vollenden Sie war aufgeſtanden, und ſtand vor ihrem Va⸗ ter, die Augen weit geöffnet, während die Hände ausgeſtreckt waren, als ob ſie das Bild abweh⸗ ren wollte, welches vor ihrem Geiſt ſchwebte; „Es iſt Wahnſinn,“ rief ſie endlich, die Arme ſinken laſſend,„es iſt Wahnſinn; grauſame Zauberei umgibt mich, aber ich will leiden und den Zauber brechen. Vater, ſeyd Ihr ein Mör⸗ der? Habt Ihr gemordet...“ und ſie flüſterte einen Namen ſo leiſe, als ob kein Hauch ihn zum Himmel tragen dürfe. Der Baronet ſprang von ſeinem Size auf.„Es iſt falſch,“ ſchrie er,„es klebt kein Blut an mei⸗ ner Hand! ſieh hier! ſieh nur hier! Burrell hat keine Beweiſe— der ſchurkiſche Dalton,“ fügte er leiſe hinzu,„müßte mich denn betrogen ha⸗ ben, aber ich verübte die That nicht, das Blut kömmt auf ſeinen Kopf, nicht auf meinen. Kon⸗ ſtanze, mein Kind, Du biſt das einzige Weſen jetzt auf Erden, das mich lieben kann; fluche mir nicht, verachte mich nicht. Ich verlange nicht, daß Du Dich opferſt, um mich zu retten, aber fluche mir nicht, fluche Deinem Vater nicht!“ Der ſtolze Baronet ſank in den Staub zu ſei— ner Tochter Füßen, umklammerte ihre Kniee und wagte es nicht, den Blick zu ihr aufzuſchlagen. Sie ſprach nicht, ſie weinte nicht; ſie rührte ſich nicht, ihren Vater aufzuheben, ſondern glitt, in ihrem Trauerkleide, ſtill und ſtumm, wie ein Geiſt, aus dem Zimmer. Als ſie zurückkam, hatte ihr Gang ſeine Leichtigkeit, ihr Auge ſeinen Glanz — 266— verloren. Sie ſetzte ſich zu ihrem Vater, nahm ſeine Hand, und führte ſie, ohne ſie zu drücken, an ihre Lippen; er glaubte, eine Thräne ſey auf ſeine brennenden Finger gefallen, aber das lange Haar, welches über ihre Stirn herabfiel, ver⸗ barg ihr Antlitz. Er brach zuerſt dieſes ſchreck⸗ hafte Schweigen. „Ich will mit Burrell ſprechen, es muß Ver⸗ rath dahinter ſtecken. Von ſelbſt, glaube mir, weiß er nichts, aber ich war ſo beſtürzt, daß ich nicht überlegt. „Laßt's ſeyn, Sir, ich bitte Euch,“ unterbrach ihn Konſtanze.„Es iſt kein Grund mehr zur überlegung: ich habe eben Sir Willmott Bur⸗ rell geſehen und ihm verſprochen, noch in dieſer Woche ſein Weib zu werden, und drei Tage der⸗ ſelben ſind bereits vorüber: für ſein Schweigen und Eure Ehre iſt geſorgt.“ Der unglückliche Mann ſaß überwältigt da, er verbarg ſein Geſicht in den Kiſſen ſeines Seſ⸗ ſels und weinte bitterlich. Konſtanze ging nach dem Fenſter; die ſilbernen Strahlen des Mondes ſchimmerten durch das Laub des Feenkreiſes, wo ſie noch vor einer Stunde mit ihrer Freundin geſeſſen. überall ringsumher war Grabesſtille; nicht das Gebell eines Hundes, nicht das Sum⸗ men eines Inſektes ſtörte den Schlummer der Natur. Plötzlich flog eine Nachtigal an dem Fen⸗ ſter vorüber, ſetzte ſich auf den Zweig eines Strauches und ſang ihre entzückende Melodie. Konſtanze lehnte ihre glühende Stirn gegen die kalten Scheihen, der einſame Geſang drang lin⸗ dernd in ihr Herz, dicke Thränen entſtrömten ih⸗ ren Augen, und erleichterten ihr die gepreßte Bruſt. Sie wendete ſich endlich zu ihrem Vater, ergriff wieder ſeine Hand und ſagte zu ihm: „Vater, wir bedürfen beide des Troſtes, laßt uns mit einander beten.“ „Es iſt zu ſpät, Konſtanze, Dich länger zu täuſchen, und doch möchte ich Dir gerne erklä⸗ Tren.. 3 „Jetzt nicht, Vater, wir wollen beten.“ „Und Du wirſt glücklich ſeyn. Aber wenn nicht, wirſt Du ihm fluchen, der an Deinem Elende Schuld iſt?“ „O lich bedarf zu ſehr des Segens. Gott ſegene, ſegene Euch, Vater! Aber laßt uns jetzt Troſt ſuchen, wo er allein gefunden werden kann.“ „Aber darf ich nicht mit Burrell ſprechen? Ich möchte doch wiſſen...“ „Vater, ich bitte Euch, laßt es. Es iſt zu ſpät, der Würfel iſt geworfen— für mich— für uns— iſt in dieſer Welt alles vorüber, alles verloren, die Hülfe ausgenommen, welche wir — 268— in jeder Verſuchung, vom Himmel begehren und erhalten können.“ „Mein Kind, nenne mich Deinen theuren Va⸗ ter, wie Du gewohnt warſt; und laß Deine ſü⸗ ßen Lippen auf meiner Hand ruhen, wie ſonſt, als noch Zärtlichkeit in ihnen lag. Du ſagteſt, Du wollteſt mir nicht fluchen, Konſtanze.“ „Gott ſegene, ſegene Euch, mein theurer Va⸗ ter!“ Sie küßte ſeine Hand, zündete die Lampe an und las einen Bußpſalm des Königs von Iſrael vor, als die Sünde und ihr Elend für ihn zu ſchwer zu tragen wurden.„Und nun,“ ſagte Kon⸗ ſtanze, als ſie ſah, daß ihr Vater ruhiger ge⸗ worden,„laßt uns beten, laßt uns zu der Quelle alles Erbarmens und aller Gnade flehen!“ „Ich kaun nicht beten,“ ſagte er,„meine Lip⸗ pen bewegen ſich, aber mein HOerz iſt hart.“ „Er wird uns zurecht leiten, der die Felſen erweichte, daß die Kinder der Verheißung in frem⸗ dem Lande von der labeudigen Quelle trinken konnten.“ Und ihr inbrünſtiges Gebet ſtieg a9f aus die⸗ ſem düſtern, gedrückten Zimmer zu dem Throne des Allmächtigen— ein Wiederhall des großen, ſich ſelbſt opfernden Geiſtes, deſſen reinſter Tem⸗ pel hienieden das Herz des Weibes iſt. — Vierzehntes Kapitel. „Und Ihr ſeyd nicht bei Eurer Herrin, liebe Barbara,“ fragte Robin Hays, als er gegen Mittag Barbara Jverk in dem Blumengarten von Cecilhaus begegnete. „Meine arme Lady iſt ſehr unwohl,“ antwor⸗ tete das Mädchen,„und was ſchlimmer iſt, ihr Geiſt iſt nicht wohlauf. Sie hat die ganze Nacht das Bett nicht berührt und darum bin ich hieher gegangen, einige Blumen zu pflücken, denn fri⸗ ſche Blumen müſſen einem immer wohl thun, und nie dünkt mich, ſah ich deren ſo viele ſchon ſo früh in Blüthe ſtehen.“ „Barbara, hörtet Ihr je von einem Lande, das man Oſten nennt?“ „Ein Land?“ wiederholte Barbara, deren geographiſche Kenntniſſe bei weitem ausgedehn⸗ ter waren, als die Robins, olgleich ſie nicht — 270— ſo viel gereiſt war,„ich glaube, es giebt viele Länder im Oſten.“ „Mag ſeyn, Barbara, und ich ſehe, Ihr wollt mich wieder ſchulmeiſtern, aber doch glaube ich, wißt Ihr nicht, daß ſie in jenen Ländern eine neue Art haben, ein Liebesverhältniß anzuknüpfen, d. h., neu iſt es für uns, nicht für ſie.“ „O, und wie iſt dieſe Art, theurer Robin?“ „Denkt Euch, ein kleines, mißgeſtaltetes Ge⸗ ſchöpf blickte Euch, ein hübſches Mädchen, wie Ihr ſeyd, mit den erſten Gedanken einer auf⸗ keimenden Liebe an, ſo würdet Ihr,“ Robin brach eine frühzeitig aufgebrochene Roſenknospe ab,„dieſe Knospe erhalten. Wollte ich Euch aber ſagen, daß ich Euch ſehr liebe, ſo müßte ich Euch eine vollaufgeblühte Roſe überreichen. Barbara, ich kann keine finden, aber ich liebe Euch darum doch nicht weniger.“ „Gieb mir trotzdem die Knospe, Robin, es iſt die erſte des Jahres; Miſtriß Konſtanze wird ſich damit freuen, wenn in der That noch etwas ſie freuen kann.“ „Ich will ſie Euch laſſen zum Aufbewahren, nicht zum Weggeben, ſelbſt an Eure Lady nicht. Ach, Barbara, hätte ich etwas, was der Annahme werth wäre, würdet Ihr es nicht zurückweiſen.“ „Und kann man etwas Beſſeres geben, oder 4 — 221— empfangen, als duftende Blumen?“ fragte das unſchuldige Mädchen.„Nur ſchmerzt mich's, ſie abzupflücken, denn ſie ſterben ſo ſchnell, und je⸗ des fallende Blatt ſcheint mir ein Vorwurf.“ „Würde es Euch nicht ſchmerzen, Barbara, wenn ich im Laufe dieſer Tage ſtürbe, wie eine dieſer Blumen?“ „Habe ich je undankbar geſchienen, Robin? Als ich zuerſt hieher kam, wart Ihr, und auch ſpäter, immer gütig gegen mich; nur ſeit Kur⸗ zem fürchte ich, daß Euch etwas an mir miß⸗ fallen hat. Ihr ſeyd mir ausgewichen, ſeyd Ihr bös, Robin?“ „Kann ich je vergeſſen, daß Ihr die trüben Schatten von mir abgewehrt?“. „ und lie— ich meine achtet Ihr mich noch ſo, wie ſonſt?“ Robin blickte ihr ernſt in das Geſicht und ant⸗ wortete mit ſanfter Stimme:„Ich achte Euch, wie Ihr es nennt, mehr als je, aber ich liebe Euch auch. Als ein kleines, hülfloſes Weſen em⸗ pfing ich Euch aus Eures Vaters Armen, und liebte Euch, wie ein Vater ſein Kind lieben würde. Als Lady Cecil Euch unter ihre Obhut nahm, ſah ich Euch nur ſelten, und mein Herz neigte ſich zur Tochter meines beſten Freundes mit der Liebe eines Bruders. Und als das Sonnenlicht Eures Lächelns, und die Melodie Eurer ſüßen — 272— Stimme manches düſtere Gebilde aus meinem Geiſte verſcheuchten, da dachte ich— was küm⸗ merts Euch, was... Jetzt iſt es anders; Ihr ſeht in mir nur ein Ungeheuer, ein mißgeſchaffenes Ding, eine elende, widerwärtige Kreatur.“ „Robin Hays,“ unterbrach ihn Barbara,„Ihr quält Euch ſelbſt, ich ſehe Euch nicht ſo, und denke nicht ſo. Der Rabe iſt kein ſchöner Vogel, und hat keine ſüße Stimme, doch wurde er freu⸗ dig begrüßt und geliebt von dem Propheten Elias.“ 8 „Das wurde er, Barbara, aber warum? Weil er ihm nützlich war in der Stunde der Noth. Denkt Ihr, er hätte ihn in der Zeit des Glückes und des Triumphes an ſeine Bruſt ge⸗ drückt, als wäre er eine Taube?“ „Warum nicht,“ ſagte ſie;„Gott iſt ſo gut, daß er nie eine Schönheit nimmt, ohne eine an⸗ dere zu geben, und des Raben glänzendes Ge⸗ fieder mag Manchem ſchöner ſcheinen, als die ſchillernde Farbe der Taube; gewiß konnte ein ſo trefflicher Mann nicht durch äußere Schön⸗ heit beſtochen werden, die am Ende doch ſchnell vergeht, obgleich ich es für unziemlich halte, daß Herr Mundflink in meiner Gegenwart ge⸗ ſagt hat, die Zeit werde kommen, wo Miſtriß Cecil ſo verlebt ausſehen würde, wie die alte — 273— Frau Campton, deren Geſicht dem zerfreſſenen Deckel auf Salomon Grundy's Bibel gleicht.“ „Ach, Barbara, Ihr ſeyd ein gutes Mädchen; aber angenommen, ich wäre ſo reich, als ich ſeyn müßte, ehe ich an Heirathen denken darf, und angenommen, Ihr fändet Euren Vater wieder, und er gäbe ſeine Einwilligung, wie auch Miſtriß Cecil, angenommen dies alles...“ Robin hielt inne, Barbara zerpflückte, die Augen auf die Erde geheftet, ihre Roſenknospe. „Angenommen dies alles, Barbara...“ „Nun Robin?“ „Würdet Ihr, Barbara, auch ja ſagen?“ „Ich dachte nie an Heirathen, da ich noch ſo jung bin und ſo unerfahren, aber es iſt ein Punkt, Robin...“. „Ich kenne ihn,“ unterbrach ſie der junge Hays mit plötzlicher Bitterkeit,„und ich hätte ihn er⸗ rathen ſollen— Schönheit und Häßlichkeit! Ich Thor! Thor! daß ich glauben konnte, ein Mädchen werde auf mich ſehen und mich nicht verabſcheuen! Geht! geht zu Eurer Herrin! Geht hin, und macht Euch luſtig über Robin Hays.“ Barbaras freundliche Augen füllten ſich mit Thränen; ſie antwortete nicht und rupfte ſo lange an der Knospe, bis nur der Stiel in ihrer Hand blieb. I. 18 — 274— „Ihr hättet dieſe Roſe nicht vor meinen Au⸗ gen zu zerreißen brauchen! Doch, tretet ſie nur mit Füßen, wie Ihr es mit meinem Herzen ge⸗ macht habt!— Warum geht Ihr nicht zu Eurer Herrin?“ „Ihr ſeyd ſehr launiſch, Robin, bald ſanft, bald mürriſch; ich kann nur beten, daß der Herr Euch eingeben möge, meine Worte nicht zu miß⸗ deuten, und nicht eines armen Mädchens zu ſpot⸗ ten, welches nie einen böſen Gedanken gegen Euch gehabt hat.“ Sie konnte nicht weiter ſprechen, denn die Thränen ſtrömten ihr über das Geſicht herab, als ſie mit gebeugtem Haupte nach dem Hauſe b zu wandelte. Aber Robins Stimmung hatte ſich ſchon geändert. 3 „Ich bitte Euch um Verzeihung, Barbara, vergebt mir und bedenkt, daß, wenn mein Geiſt manchmal einen verkehrten Weg einſchlägt, es die Schuld meines verdammten Körpers iſt.“ „Fluchet nicht; es iſt die Gottloſigkeit Eurer Worte und, fürchte ich, auch Eures Lebens, die mich verletzt. O Robin, ſagt mir, wo mein Va⸗ ter iſt, daß ich ihn aufſuche, und ein Herz finde, dem ich vertrauen kann und das mir nicht immer Thränen koſtet. Meine Lady iſt immer traurig und Ihr immer launiſch; ich bin eine zweifache — 275— Waiſe und böten mir nicht beſſere Gedanken einigen Troſt, ſo wäre ich ſehr elend.“ „Vergib mir, Mädchen, vergib mir; aber je⸗ der höhnt dieſer verfluchten Mißgeſtaltung, und das iſt ſchwer zu tragen.“ „Ich that es nie,“ ſchluchzte Barbara,„ich dachte nie daran; wenn die Stimme und das Auge ſanft iſt, und wenn, vor allem, man mit dem Geſichte vertraut wird, ſo iſt es eins, ganz eins, ob die Züge ſchön geformt ſind, oder nicht. Nie fiel es mir ein, auf dieſes kleinen Crisp Geſtalt zu blicken, wenn er meine Hand leckte, ich fühlte nur, daß er mich liebt.“ „Crisp iſt ſo wenig eine Schönheit, als ſein Herr,“ bemerkte Robin, den Hund ſtreichelnd, „aber Ihr könnt ihn unmöglich ſo gern haben, als Blanche oder Brighteye, die ſeidenhaarigen Lieblinge Eurer Herrin, welche dem armen Bur⸗ ſchen die Zähne weiſen, ſo oft er ſich am Thore ſehen läßt.“ Brighteye iſt ein wenig ſtolz, das gebe ich zu; doch Blanche iſt wie ein Lamm, aber was hilft es ihr. Springt Crisp herbei, mit dem Schwanze wedelnd und in der beſten Laune, ſo nimmt ihn Blanche freundlich auf, führt ihn nach der Küche, aber eben wie ſie denkt, wie hübſch es iſt, daß Crisp gekommen iſt, und wie er trotz — 276— ſeines garſtigen Haars und ſeiner krummen Beine doch tauſendmal ſchätzbarer und liebenswürdiger iſt, als die ſchöne und eigenſinnige Brighteye— da überfällt es Crisp, gerade wie Euch, und er ſteht ſtill, knurrt, beißt, und verſchmäht jede Einladung. Was kann die arme Blanche thun, Robin?“ Die kleine Puritanerin hatte dies mit einer Miſchung von Einfalt und Verſchlagenheit ge⸗ ſagt, die man ihrem unſchuldigen Geſichte kaum zugetraut hätte. Thränen der Jugend trocknen ſo ſchnell wie Thau des Sommers. Robin warf einen Blick des Zweifels, und doch glühender Liebe auf ſie. Er wußte, obgleich die Hoffnung oft gegen die überzeugung ankämpfte, Dalton's Freundſchaft werde ihn ſchwerlich bewegen, ſeine Tochter einem ſo unangeſehenen Menſchen hinzu⸗ geben und er fühlte, oder bildete ſich wenigſtens in düſtern Augenblicken ein, niemand könne Liebe für ihn hegen. Zuweilen dachte er. Barbara verſpotte ſein Werben, und„obgleich ſie ihm mehr als einmal freimüthig genug aufgemuntert hatte, ſo ſtellte er dies doch ſtets mit abſichtlicher Selbſtquälerei auf die Rechnung gewöhnlicher weiblicher Koketterie. Ohne daher auf die kleine Fabel und den leichten Schluß, der aus dem Vergleich mit ihm und Crisp zu ziehen war, — 277— Rückſicht zu nehmen, ließ er das Geſpräch über das, was ihm am Theuerſten war, fallen, und fragte plötzlich, ob Miſtriß Cecil dieſen Abend herauskommen werde. „Ich glaube,“ ſagte Barbara, die Empfendlich⸗ keit genug hatte, die Verſchmähung ihrer gewandten Anſpielung übel zu nehmen,„ich glaube, daß ſie nach Sonnenuntergang ausgehen wird, aber ich kann jetzt nicht länger bei Euch bleiben, ſo lebt wohl und,“ fügte ſie hinzu,„ſeyd freundlicher, wenn wir uns wieder ſehen.“ Der Stolz beflügelte ihre Schritte, Liebe aber, oder Neugierde zwang ſie, an der Thüre ſich umzuwenden, und froh war ſie, als ſie ſah, daß Robin noch auf demſelben Punkte ſtand und ihr nachſchaute.„Ich meine nicht,“ dachte ſie, als ſie über den Flur ging, „daß ich ihm etwas Unfreundliches geſagt habe. Ich ſollte doch wohl zurückgehen und ihn fragen, ob er über etwas an meine Lady auszurichten hat; ich ließ auch dem armen Burſchen kaum Zeit, mir zu antworten, und ich ſollte nicht ſo umge⸗ hen mit einem ſo... Was würde der gute Herr Mundflink ſagen, wenn er wüßte, daß ich ſo ſchnippiſch zu einem Mitchriſten geſprochen? Bleib' weg von meiner Hand, Blackeye; haſt Du vergeſſen, wie Du Dich geſtern gegen mei⸗ nen lieben Crisp benommen?“ Eben ſtand ſie — 278— vor einem Fenſter, aus dem man einen Theil des Gartens überſehen konnte. Er war nicht mehr da! Barbara hatte ſchon die Rauhheit Ro⸗ bins vergeſſen und dachte nur an ihre eigene Un⸗ würdigkeit, als ſie durch einen leichten Schlag auf die Schulter von der ſchönen Hand der Lady Cromwell aus ihrem Traume geweckt wurde. „Die kleine Barbara grübelt! Ein andermal werde ich fragen, über was. Aber was bedeutet Eurer Lady ſchneller Entſchluß?“ „Welcher Entſchluß?“ „Nun, Sir Willmott Burrell noch in dieſer Woche zu heirathen.“ Barbara war wie vom Donner gerührt; ſie konnte einige Minuten kein Wort ſprechen, rang die Hände und flehte endlich Lady Franziska an, etwas dagegen zu thun.„Sie ſtirbt,“ rief ſie, Mylady, ſie ſtirbt! Wer könnte leben mit einem ſolchen Manne! Es iſt ihr Tod. Mylady, ich weiß, daß ſie ihn nicht liebt, nie geliebt hat, nie lieben kann. Ich habe gehört, wie ſie im Schlafe ſagte...“ „Was, gutes Mädchen?“ fragte Lady Fran⸗ ziska mit ihrer gewöhnlich lebhaften Neugierde. Aber Barbara fühlte ihr Unrecht und antwor⸗ tete ſchluchzend:„Was ich als treue Dienerin nicht wiederholen darf. Ich bitte um Verzeihung, — 279— Mylady, aber es würde ſich ſchlecht für mih ſchicken, wollte ich nacherzählen, was im Schlafe geſprochen wurde; nur das Eine darf ich ſagen, theure, theure Lady, wenn Ihr meine Herrin liebt, wenn ihr Leben Euch theuer iſt, ſo verhindert, wenn es möglich iſt, dieſe Heirath.“ — 280— Fuͤnfzehntes Kapitel. — Es lag nicht in der Natur der Lady Franziska Cromwell, irgend etwas auf dem Herzen zu be⸗ halten; ſie eilte daher auf der Stelle zu Kon⸗ ſtanze Cecil und beſtürmte ſie mit einer Menge Fragen und Vorſtellungen, denen dieſe nicht wenig Reſignation entgegenſetzen mußte. Der gute Wille entſchuldigte jedoch, und Konſtanze ſagte endlich, nachdem ſie ihr lange ſchweigend die Hand gedrückt:„Du ſiehſt mich tief beküm⸗ mert, theuerſte Franziska; eine dunkele Wolke ſchwebt über mir, aber ich beſchwöre Dich, achte Du nicht darauf. Ich thue, was recht iſt, und nicht einmal der Befehl Seiner Hoheit, Deines Vaters, könnte es verhindern, wenn Du auch Deine Drohung erfüllen und ſeine Macht in Anſpruch nehmen wollteſt. Mein Geſchick ſteht feſt, unwiderruflich feſt! Und wunderſt Du Dich, daß ich bei dem Wechſel zittere, welcher meinem — 281— Leben bevorſteht? Barbara, gutes Mädchen, la mich keine Thränen mehr ſehen, ſondern Liegein⸗ wie ſonſt. Und jetzt bitte ich Euch, liebe Freund⸗ innen(denn das Herz jenes ſtillen Mädchens dort ſchlägt für Freundſchaft), verlaßt mich. Du, Franziska, ſey heute um meinet⸗, wie um ſei⸗ netwillen ſo viel als möglich um meinen Va⸗ ter, er wird ſich grämen über das Scheiden; und Du, Mädchen, geh' an Deine Stickerei.“ Barbara blickte in ihrer Lady Augen, nahm ihre Hand und drückte ſie abwechſelnd an ihr Herz und ihren Mund.„Ich will dort,“ ſagte ſie,„in jenem Winkel bleiben, mich nicht zu Euch wenden, nicht ſprechen, nicht athmen; Ihr ſollt denken, ich ſey eine Bildſäule, ſo ſchweig⸗ ſam, ſo unbeweglich ſoll Eure kleine Barbara ſeyn. Blanche, Blackeye und ſelbſt dieſer ſchwarze Wolfshund bleiben in dem Zimmer und ich ſollte es nicht? Bin ich weniger treu, weniger acht⸗ ſam, als ein Hund? Wollt Ihr mich ſchlimmer behandeln? Dann, theure Lady, muß ja für ein Hochzeitskleid geſorgt werden. Da iſt kein At⸗ las⸗, kein Stoffkleid, kein Mantel, keine Feder, die nicht ſchon ſechsmal aus der Mode gekom⸗ men wäre. Muß es einmal ſeyn, ſo müßt Ihr auch Hochzeit machen, wie es einer Dame von Eurem Range geziemt, Lady Franziska verſteht, davon zu ſprechen, und da keine Zeit mehr iſt, nach Londo⸗ zu ſchicken, ſo könnte ihre Kam⸗ merfrau mir helfen, die nöthigen Kleider in Ord⸗ nung zu bringen.“ „Laß mich, Barbara, ich werde mich ſchon klei⸗ den, wie es ſich für dieſe Feier paßt, ſo denke nicht mehr daran, ſondern gehe, gutes Mädchen, gehe.“ „und darf ich nicht dort unten hocken, wo ich ſo oft Euch vorgeleſen oder die kleinen Bal⸗ laden geſungen habe, welche Ihr mich gelehrt habet?“ „Oder die, welche Ihr vom armen Robin ha⸗ bet? Ich wünſchte, Barbara, der junge Mann führte ein ordentlicheres Leben; denn trotz ſeiner häßlichen Geſtalt iſt viel Hohes und Edles in ihm. Aber eile Dich nicht, Deine Hand zu vergeben, und vor allem verſchließe Dein Herz; wache über Deine Neigung, ja wache, wache gut über ſie und bete, armes Mädchen, daß ſie ihm gehören möge, der Deine Hand erhält.“ „Sie ſoll ihm gehören,“ ſagte Barbara, und ſtand auf, um Lady Franziska zu ſolgen, welche ſchnell das Zimmer verlaſſen hatte, um ihre Thränen zu verbergen. „Ich würde keinen König, ich meine keinen Gouverneur heirathen, wenn ich ihn nicht liebte! — Warunm ſollte ich es auch?“ „Gewiß brauchſt Du das nicht, meine gute Barbara. Gehe, und ſage Deinem Herrn, und auch Sir Willmott Burrell, daß ich viel zu thun und zu bedenken habe, daß ich darum um Ent⸗ ſchuldigung bäte, wenn ich mich heute nicht zeigte. Es iſt ein ſchwerer, bedeutungsvoller Schritt,“ fügte ſie hinzu, als Barbara hinaus war,„ein Schritt in einer ungewiſſen Bahn, die voll Zwei⸗ fel iſt, ſelbſt wenn die Liebe uns führt und das Herz voll Hoffnung iſt. Ich hatte auch ſolche Träume von Glück, von hohem, ſeligem Glück; als den Austauſch von Zärtlichkeit freundliche Sorgen, übereinſtimmung der Seele dachte ich mir die Liebe und ihr Ziel— die Ehe. Wohl kannte ich den eingegangenen Vertrag, und doch hoffte ich und träumte ich; aber ſo zu erwachen — zu ſo fürchterlichem Grauen! Gott ſey geprie⸗ ſen, meine Mutter iſt droben! Das iſt der ein⸗ zige lindernde Tropfen in dem Giftbecher meines Lebens. Meiner Mutter Tod ein Troſt! Wehe mir!—“ Sir Willmott Burrell war geſchäftig, und gab ſeinen Dienern Befehle über Befehle; auch be⸗ ſuchte er den benachbarten Adel, ſprach jedoch nicht von ſeiner bevorſtehenden Vermählung, da er wünſchte, daß dieſe ſo ſtill als möglich vor ſich gehen ſolle, Trotzdem hing noch zu viel von — 284— der nächſten Zukunft ab, als daß er ihr ganz ruhig hätte entgegenſehen können. In ſeiner Un⸗ terredung mit dem unglücklichen Sir Robert hatte er jedoch keinen Augenblick ſeinen Gleichmuth ver⸗ loren, und als eine Entſchuldigung für ſein Be⸗ nehmen die Verzweiflung angegeben, zu welcher ſeine Liebe durch die entſchiedene Abweiſung Konſtanzens getrieben worden war, wobei er ihm jedoch weislich verhehlte, daß ſie in der That ei⸗ nen Andern liebe. Sir Robert hatte zu wiederholten Malen zu ſeiner Tochter geſchickt, und ſie bitten laſſen, ihm nur einen Augenblick zu ſchenken, aber ver⸗ gebens, ſie lehnte es feſt ab, da ſie nur zu ſehr den Erfolg einer ſolchen Unterredung fürchtete. „Dieſer Tag und der morgende,“ ſagte ſie, „ſind die einzigen, die ich noch mein nennen kann, ehe die Zeit für mich zu ſeyn aufhört. Ich flehe darum, über dieſe kurze Spanne Wenigſtens gebieten zu dürfen.“ Als die Sonne unter war, trat Barbara mit einem leichten Abendeſſen in das Zimmer. Ihre Herrin ſaß, oder lag vielmehr auf einem niedri⸗ gen Divan, einem Tiſche gegenüber, auf wel⸗ chem eine kleine, in eine ſilberne Blumenguir⸗ lande eingefaßte Sonnenuhr ſtand.„Stell' es nur hin, gutes Mädchen,“ ſagte ſie,„ich kann — 2853— jetzt nicht eſſen. Ich habe hier den Schatten ſei⸗ nen Kreislauf machen ſehen. Iſt es in der That ſchon ſieben? Es war ein thörichter Gedanke von dem fremden Künſtler, die Zeit unter Roſen zu verbergen; er hätte ſie mit Dornen umgeben ſollen. Iſt es ſchön draußen?“ „Schön, aber traurig; die Vögel ſind ſchon zur Ruhe, und nur die Anſel zwitſchert noch durch das Laub. Wollt Ihr in den Garten, Lady?“ „Nicht jetzt, Barbara; aber lege mir den Man⸗ tel heraus. Hat mein Vater noch nach mir ge⸗ fragt?“* „Seither nicht mehr. Herr Mundflink iſt bei ihm.“ Barbara verließ das Zimmer.„Ich kann nicht ſagen, warum,“ bemerkte ſie der Lady Fran⸗ ziska, welcher ſie auf dem Flur begegnete,„aber dieſe Heirath hat das Anſehen eines Leichenbe⸗ gängniſſes. Gott bewahre uns vor allem Unglück! Es weht ein kalter Todtenhauch duxch das Haus. Ich hörte(obgleich ich nichts von ſolchem Aber⸗ glauben halte), aber ich hörte, Mylady, die Tod⸗ tenuhr picken, ſo deutlich, wie ich jetzt die Uhr ſchlagen höre. Und ich ſah— und doch war ich ganz wach— ich ſah eine dünne, nebliche Ge⸗ ſtalt, wie gebildet aus dem weißen Schaume einer Woge, ſo hell und doch ſo ſchattengleich, — 286— im Mondenlichte aus der Erde aufſteigen und ſo ihse Hände zu mir aufheben. Ach!“ ſchrie ſie laut auf, daß Franziska zuſammenfuhr;„barm⸗ herziger Himmel!“ fügte ſie ſchnell hinzu,„wer hätte das gedacht! Es iſt der kleine, garſtige Crisp, welcher mich aufgefunden hat. Ich werde Euch das Andere ſpäter erzählen, Mylady, wenn ich nur erſt das arme Thier hinausgebracht habe, damit es ſeinen Herrn wiederſinden kann.“ Zu einer Zeit würde Lady Franziska Barbara damit aufgezogen haben, daß ſie ſelbſt den Hund in den Garten begleiten wolle, aber jetzt ſchien auch ſie von Betrübniß überwältigt. Ihre ge⸗ wöhnliche Laune war erloſchen, ſie gab keine Antwort, ſondern ging in das Bibliothekzimmer. Wenige Augenblicke darnach ſaß Konſtanze auf der Bank in dem Feenkreiſe und dachte über den traurigen Wechſel nach, der ſeit der vorigen Nacht mit ihrem Leben vorgegangen war. Der Abend war in der That ſchön, aber nicht heiter. Die Blumen hatten keinen Glanz mehr in Konſtan⸗ zens Augen, denn Sorge iſt eine böſe Zauberin und macht das grüne Blatt welk und wandelt Thau in Thränen. Sie hatte noch nicht lange ſo geſeſſen, als es durch das Laub rauſchte und Walther de Guerre zu ihren Füßen ſtürzte. Kon⸗ ſtanze bebte zurück vor dem Geliebten, als wäre — 287— es ein Weſen, das ſie haßte,— eine Bewegung, die dem Kavalier nicht entgehen konnte. „Ich habe alles gehört, Miſtriß Cecil— al⸗ les— Ihr wollt Euch vermählen mit einem Mann, den Ihr verachtet— wollt Euch opfern um irgend eines ehrgeizigen Gedankens— eines wahnſinnigen Planes willen— Ich habe es mir geſchworen, ich mußte Euch finden— Euch ſe⸗ hen, vor dem verhängnißvollen Schritte, und hätte ich in Euer eigenes Zimmer dringen⸗müſ⸗ ſen, Euch ſagen, daß Ihr nie wieder fühlen werdet, was Glück iſt..“ G „Ich weiß es,“ unterbrach ihn Konſtanze, mit einem Tone, der feierlich war, wie ihre Gedan⸗ ken,„ich weiß es, Walther. Ich werde nie mehr glücklich ſeyn, und rechne darauf; aber es wäre menſchlicher geweſen, hättet Ihr mir dieſen Auf⸗ tritt noch erſpart. Euch wollte ich, von allen Geſchöpfen dieſer weiten, weiten Welt, für im⸗ mer ausweichen! Was ſucht Ihr mich hier? Die⸗ ſer Platz, dieſe Stelle iſt vor ſeiner Zudringlich⸗ keit nicht ſicherer, als vor Eurer. Wenn Ihr mich liebt, wenn Ihr je mich liebtet, ſo geht! Und o! Walther, wenn die überzeugung, die gewiſſe, traurige überzeugung, daß ich elend bin, elender, als Ihr je werden könnt, ein Bal⸗ ſam für Euer Herz ſeyn kann, ſo nehmet ihn; — 288— nun geht, geht, laßt das unendliche Meer zwi⸗ ſchen uns ſeyn für immer. Wenn Sir Willmott Burrell mit ſeinen Vätern den Schlaf eines tau⸗ ſendfachen Todes ſchliefe, doch könnte ich nie die Eurige werden. Ihr ſeyd erſtaunt, geſtern war ich es, aber es iſt wahr, wahr, wahr, darum laßt die See zwiſchen uns ſeyn, Walther, jetzt und für immer!“ 3 Der Kavalier blickte ſie an, als ob er ſie nicht verſtände, oder ſie ſelbſt für geiſtesabweſend halte. „Aber warum,“ ſagte er endlich,„braucht Ihr, unabhängig durch Eure Lage, begabt mit einem Geiſte, ſich des Höchſten, Glänzendſten und Ruhm⸗ vollſten zu erfreuen, warum ſolltet Ihr Euren freigeborenen Willen in Feſſeln ſchlagen? Hier liegt ein böſes Geheimniß verborgen.“— Kon⸗ ſtanze ſchauderte und verbarg ihr Geſicht, damit nicht deſſen Ausdruck etwas von ihren Gedanken verrathe.—„Es iſt,“ fuhr er fort,„ein Ge⸗ heimniß, das ich nicht zu enthüllen vermag; aber Du ſollteſt es mir vertrauen. Theile es mir mit, und feierlich ſchwöre ich Dir, es in mei⸗ nem Herzen zu bewahren, und meines Herzens beſtes Blut daran zu ſetzen, Dich von einem ſo ſchlechten Manne zu befreien. Und nichts er⸗ warte ich, nichts verlange ich dafür, als nur Dich glücklich zu ſehen, mit wem es auch ſey, .— — — 289— nur nicht mit dieſen— ich kann ſeinen verhaßten Namen nicht ausſprechen’.“ Konſtanze war zu bewegt, um antworten zu können. Unter den gegenwärtigen Umſtänden hätte ſie Welten darum gegeben, wenn ſie Walther nicht mehr geſehen hätte; ſie wußte nicht, was ſie ſagen, was ſie denken, was ſie thun ſollte: der ſchmerzliche Kampf raubte ihr die Kraft, zu reden. 3 „Nicht für mich ſpreche ich jetzt, Konſtanze, obgleich ich Dir jetzt nicht zu ſagen brauche, daß die Liebe meiner Kindheit nie in dieſem Herzen erloſchen iſt. Die Erinnerung an die Stunden, die wir zuſammen verlebten, ehe eine Kenntniß von dieſer Welt, ehe der Wechſel der Regierung unſeres Vaterlandes ſeinen böſen Einfluß, nicht auf unſere Seelen, aber auf unſer Geſchick aus⸗ dehnte; die Erinnerung an jene Stunden iſt der Balſam, der einzige Balſam meiner Ver⸗ bannung, die grüne Oaſe in der Wüſte meines Daſeyns geweſen; in dem Getümmel der Schlacht hat ſie mich zum Siege geleitet, in der Sit⸗ tenloſigkeit des Königlichen Hofes hat ſie mich vor Befleckung bewahrt. Die Erinnerung an Konſtanze hat, wie der Stern, der in dunke⸗ ler Nacht den Schiffer auf der weiten See lei⸗ tet, mich zurecht geführt, und die Hoffnung in 1. 19 mir rege gehalten; der Gedanke an die Heimath, an die jugendlichen Freuden, an Konſtanze, das ſtrenge, aber ſo hochherzige Mädchen, die...“ „Haltet ein,“ antwortete ihm Konſtanze mit einer krampfhaften Bewegung;„ich beſchwöre Euch, haltet ein. Ich weiß, was Euch auf den Lippen ſchwebt, Ihr wollt wiederholen, daß meine Mutter mich ſo gern Euer Weib nannte. Sie ſagte es nicht in Spott, obgleich es jetzt ſo klingt. Aber, gebt mir Antwort, Walther, betet Ihr noch manchmal? Es gab eine Zeit, wo wir zuſammen beteten. Wenn Ihr wieder betet, ſo dankt Gott, daß ſie todt iſt!“ „Wie! Gott danken, daß meine gütige, meine erſte Freundin— daß Eure Mutter todt iſt!“ „So iſt's, Walther. Oder möchtet Ihr ſie lie⸗ ber auf die Folter geſpannt ſehen? Oder möch⸗ tet Ihr ſie ſehen, gemartert mit Qualen, wie ſie vor nicht zu langer Zeit die Heiligen un— ſerer eigenen Kirche erduldet? Möchtet Ihr ſie ſehen, wie ihre Glieder von wilden Pferden zer⸗ riſſen würden?“ „Beim Himmel, Konſtanze, hier ſpricht der Wahnſinn,“ rief der junge Mann, erſchrocken über ihre bittere, aufgeregte Sprache. „Ich bin nicht wahnſinnig,“ antwortete ſie — 291— milder,„aber vergeßt nicht, Gott zu danken, kniefällig zu danken, daß meine Mutter todt iſt, und daß kalte Erde die Stirn drückt, welche, wenn noch Leben in ihr wäre, jetzt brennen und ſchmerzen würde, wie die meinige.“ Sie drückte die Hand an die Schläfe, während der Kavalier noch immer beſtürzt ſie anſtarrte.—„Gut, daß ich daran denke,“ begann ſie bald darauf, indem ſie ſchneller, als er es möglich gedacht, ſich wie⸗ der geſammelt hatte;„ich muß es Euch jetzt ge⸗ ben; es wäre ſündhaft, wollte ich es nach dem grauenvollen Morgen noch bewahren. Was ſoll ich auch noch mit Eurer Gabe?“ Sie zog das Schloß aus dem Buſen, betrachtete es einen Augenblick mit Zärtlichkeit und dachte:„Du armes kleines Stück der glänzenden Sünde, welche die Men⸗ ſchen zu ihrem Untergange verführt! Ich achtete nicht auf dieſe Faſſung, nicht auf dieſe Edelſteine, aber dachte(Gott vergib es mir— Gott ver⸗ gib es mirh, dachte zu viel an ihn, der es gab. Ich will nicht mehr auf Dich ſehen, daß Du nicht Wurzel ſchlägſt in dem Herzen, auf dem Du geruhet: damals freilich war es in Unſchuld, jetzt wäre es ein Verbrechen. Hier...“ ſie hielt es dem Kavalier mit zitternder Hand hin. Wäh⸗ rend ihr Arm ſo ausgeſtreckt war, ſprang Bur⸗ rell hinter einem dickbelaubten Lorbeerbaume, der ihn verborgen, hervor, riß ihr mit roher beleidigender Gewalt die Kapſel aus der Hand und ſchleuderte ſie auf die Erde. Wie durch einen Zauberſchlag verwandelte ſich Blick und Haltung der Erbin von Cecil. Sie richtete ſich auf in ihrer vollen Höhe und fragte ſogleich, wie Sir Willmott Burrell es wagen könne, ſo in ihrer Gegenwart zu handeln? Der Kavalier zog ſein Schwert aus der Schei⸗ de, Burrell ſäumte nicht, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Er erwiderte Konſtanzens verächtliche Anrede zuerſt durch einen ſarkaſtiſchen Blick, der aber bald mit der glühenden Wuth der gereizten Schlange funkelte und antwortete endlich:„Ich glaubte die Lady in ihrem Zimmer; die verlobte Braut aber bleibt nur während des Tages in ihren Gemächern, die ſtille Nacht lockt ſie heraus, Liebespfänder und zärtliche Worte zu wechſeln.“ „Schurkel“ rief de Guerre aufbrauſend,„wahre Deine läſternde Zunge, und wage es nicht, von dieſer Lady etwas zu denken, viel weniger auszu⸗ ſprechen, was nicht ſo rein iſt, wie das Firma⸗ ment dieſes Himmels.“ „Ach! mein werther Sir,“ ſagte der andere, „jetzt erkenne ich Euch. Seyd Ihr nicht der Prah⸗ ler von Lady Cecil's Leichenbegängniß— der Müßiggänger vom Kirchhof— der..“ 1 V 1 12 — 293— „Feiger Bube,“ knirſchte der Kavalier zwiſchen den Zähnen.„Lady, ich erſuche Euch, geht, geht, dies iſt kein Auftritt für Euch. Ich bitte Euch, Ihr müßt gehen.“— „Rührt ſie nicht an!“ rief Burrell, indem er ſeiner Brutalität ihren Lauf ließ, als er ſah, daß Walther ihre Hand ergreifen wollte,„Rührt ſie nicht an, wenn Ihr auch ohne Zweifel der Menſch ſeyd, dem ſie ihr Herz vergeben hat.“ „Haltet ein, Sir!“ ſagte Konſtanze,„wenn Ihr fühlt, wie ein Mann, ſo haltet ein!“ „Oho!“ erwiederte er noch höhniſcher,„Eure Leidenſchaft hat ſich alſo nicht in Worten, ſondern durch Handlungen ausgeſprochen.“ Kaum war dieſe grobe Schmähung ausgeſpro⸗ chen, als auch ſchon de Guerre's Schwertſpitze auf Burrell's Bruſt ſaß.„Wehre Dich,“ don⸗ nerte der Kavalier,„oder ich ſteche Dich nieder, wie einen gemeinen Hund.“ Sir Willmott war endlich genöthigt, ſich zu ver⸗ theidigen; aber Konſtanze, deren Muth ihrem weiblichen Gefühl gewichen war, ſchrie laut nach Hülfe, als ſie einen Kampf ſah, der ſich mit Blutver⸗ gießen enden mußte. Und noch hatten die Strei⸗ tenden kaum drei oder vier Stöße wechſeln kön⸗ nen, als auch ein kräftiger Mann in dunkeler Kleidung plötzlich dazwiſchen trat, und mit der — 294— ſchweren Klinge ſeines breiten Korbdegens ihre zierlichern, aber leichtern Schwerter niederſchlug. Er ſprach kein Wort, ſondern wendete nur ſein Auge bald auf den einen, bald auf den andern, hielt aber immer, mehr durch die Gewalt ſeines Blickes, als ſeines Armes, ihre Waffen auf den Boden.„Steckt Eure Schwerter ein,“ ſagte er endlich mit tiefer, feſter Stimme;„ſteckt ein,“ wiederholte er. Als er ſah, daß Burrell den ſei⸗ nigen in die Scheide geſtoßen, de Guerre aber den ſeinigen noch immer entblößt hielt, ſagte er zum dritten Male:„Steckt Euer Schwert ein, Sir,“ mit einer ſo lauten Stimme, daß ſie dro⸗ hend durch die ſtille Nacht ſchallte, und ſtampfte dabei mit Heftigkeit auf die Erde;„die Luft iſt feucht,“ fügte er hinzu,„und guter Stahl muß vor Roſt bewahrt werden. Laßt Eure Schwerter ruhen, Ihr jungen Männer, bis Gott und das Vaterland ſie hervorrufen; dann zieht ſie nach dem Glauben, der in Euch iſt; aber weg mit läppiſchen Händeln.“ „Ich muß erſt wiſſen,“ fragte Walther noch immer in trotziger Aufregung,„wer ſich hier einzumiſchen und uns etwas vorzuſchreiben hat?“ „Habt Ihr ſo ſchnell,“ antwortete der Fremde raſch,„den Major Wellmore vergeſſen? Ich dachte nicht, daß das Engliſche Pfropfreis auf Franzö⸗ —— — — 295— ſiſchem Stamme ſolchen Tumult in dem Hauſe meines alten Freundes anſtiften würde. Sir Will⸗ mott Burrell, ich beklage es, daß Euch die Furcht des Herrn ſo wenig inwohnt, ſonſt würdet Ihr nicht ſo unziemliche, ſo irdiſche Waffen ergriffen haben; geht und bedenkt, was der Protektor ſagen würde, wenn er Euch in ſolcher Arbeit fände.“ „Aber, Sir,“ ſagte de Guerre, durch das ge⸗ bieteriſche Weſen des Major Wellmore in Zaum gehalten,„ich wenigſtens kümmere mich nicht um den Protektor, und will mich nicht durch einen ſeiner Offiziere um meine gerechte Sache brin⸗ gen laſſen.“ „Ha! Willſt Du Dich denn mit mir ſchlagen?“ ſagte der Major nicht ohne Laune, indem er ſich zwiſchen die Beiden ſtellte. „Sobald es Euch beliebt,“ antwortete der Jüngling,„nur muß ich erſt dieſen falſchen, ver⸗ rätheriſchen Buben zwingen, daß er der Lady Konſtanze, und dann auch mir wegen ſeiner grundloſen Beſchuldigungen Abbitte leiſte.“ Konſtanze war bis jetzt unbeweglich geblieben, aber ein neues Gefühl ſchien ſie zu beſeelen, denn ſte trat näher, klammerte ſich an Major Well⸗ more's Arm, und ſagte mit vernehmlicher, aber. zitternder Stimme:„Walther, ich bitte, ich be⸗ fehle Euch, dieſe Sache ruhen zu laſſen, Ich — 296— werde mich nicht ſo tief erniedrigen, daß ich mich herabließe, zu beweiſen, daß ich nicht hierher ge⸗ kommen, weil ich es mit Euch verabredet. Sir Willmott weiß, daß dies ein Verfahren wäre, deſſen er ſelbſt mich für unwürdig hält.“ „Wenn irgend eine Bemerkung,“ entgegnete Major Wellmore,„gegen Miſtriß Cecil gemacht worden iſt, ſo bin ich der erſte, der das Schwerdt für ſie zieht. Sir Willmott, gebt uns Aufſchluß. Junger Herr,“ fügte er hinzu, als er Walther's Ungeduld ſah,„die Ehre eines Kriegers iſt mir ſo theuer, als Euch.“ Burrell ſchien ſichtlich verlegen; nach einer kur⸗ zen überlegung antwortete er mit ſchmeichelnder, aber zitternder Stimme:„Miſtriß Cecil wird mir, hoffe ich, das übermaß von Liebe zu Gute halten, welches zu meiner Eiferſucht und dieſem Auftritte Anlaß gab. Bei reiflicher überlegung mußte ich ſogleich einſehen, daß ſie auf irgend eine ihrer unwürdige Weiſe weder handeln, noch reden könne.“ Er verbeugte ſich tief vor Konſtan⸗ zen, die ſich noch feſter an Wellmore hielt, und kaum ihre Verachtung verbergen konnte; je⸗ den Augenblick trieb ſie ihr wahrheitsliebender Sinn, ihre Gedanken laut auszuſprechen, Bur⸗ rell Trotz zu bieten und ihn dem verdienten Lohne Preis zu geben; aber ihr Vater, ihres Vaters ———— — 297— Verbrechen! Dieſer fürchterliche Gedanke trieb das Blut, welches warm in ihr Geſicht geſtiegen 82 war, mit Eiſeskälte nach dem Herzen zurück. Sie nickte mit dem Kopfe, als ob ihr die Erklä⸗ rung Burrell's genügend geſchienen, während ſie ſich von Schmerz und Verzweiflung vernichtet fühlte. „Und damit ſeyd Ihr zufrieden, Konſtanze,“ rief der Kavalier zu ihr tretend,„Ihr ſeyd zu⸗ frieden? Aber bei ihm, deſſen unwandelbare Sterne jetzt in ihrem reinen Glanze über unſern Häuptern ſcheinen, ich bin es nicht! Feiger, fei⸗ ger Lügner! Als feiger Bube will ich Dich aus⸗ rufen durch alle Beſitzungen Seiner Majeſtät, durch Hand und Mund, mit Wort und Schwert es beweiſen.“ „Walther! Walther!“ rief Konſtanze, ihre Hände ringend. „Ich bitte Euch um Verzeihung, Lady,“ ſagte Burrell, ohne ſeine Stimme zu verändern,„aber beunruhigt Euch nicht; mein Schwert ſoll nicht gezogen werden gegen einen gemeinen und aner⸗ kannten Uebelgeſinnten. Sir,“ wendete er ſich zu 2 dem Fremden,„habt Ihr nicht gehört, wie er den verbotenen Titel Majeſtät dem Manne Karl. Stuart beilegte: ſoll ich ihn nicht ſofort wegen 3 Hochverraths verhaften? Lautet nicht die Akte ſo wegen Annullirung und Aufhebung des von der Nachkommenſchaft des verſtorbenen Mannes angemaßten Titels?“ „Zur Hölle mit ſolchen Akten und denen, die ſie angerathen!“ brauſte der Kavalier, der in ſei⸗ ner Aufregung alle Beſonnenheit verloren hatte; „laßt die Lady ſich entfernen, damit wir den Streit ausfechten, wie es ſich für Männer ge⸗ ziemt.“ 3 „Achtet nicht darauf!“ rief Konſtanze, zu Major Wellmore's Füßen ſtürzend, der den Wink Bur⸗ rell's nicht zu bemerken ſchien;„achtet nicht auf ihn, ich bitte, ich beſchwöre Euch; der Löwe ſtreckt ſeine Klauen nicht nach dem Rehe aus, das im Netze des Jägers gefangen iſt, und er iſt außer ſich, er iſt von Sinnen!“ „Ich bin nicht von Sinnen, Miſtriß Cecil, obgleich ich genug gelitten habe, um es zu wer⸗ den: was kümmern mich Akte, die von einer Rotte Königsmörder ausgehen!“ „Junger Mann,“ unterbrach ihn der alte Of⸗ fizier, mit einem Ausbruche wilder, heftiger Lei⸗ denſchaftlichkeit, die, wie ein Waldſtrom, alles mitfortriß,„ich verhafte Euch im Namen des Gemeinwohls und ſeines Protektors. Eine Nacht in einem der einſamen Zimmer von Cecilhaus wird das Bravoblut in Euren Adern kühlen und ———ÿ Euch Klugheit lehren, wenn der Herr Euch Tu⸗ gend verſagt.“ Er legte ſeine Hand ſo ſchwer auf de Guerre's Schulter, daß ſein Körper unter dem Drucke zitterte, während die Spitze ſeines Schwerdts nach dem friedlichen Graſe gekehrt blieb. Burrell verſuchte, ihm die Waffe aus der Hand zu ſteh⸗ len, aber der Kavalier hielt ſie feſt; während Major Wellmore, einen vernichtenden Blick auf den falſchen Ritter werfend, gelaſſen und mit ganz verändertem Weſen bemerkte:„Ich kann, denke ich, mich auch ohne Eure Hülfe, mein lie⸗ ber Herr, eines Gefangenen verſichern, obgleich ich vollkommen von Eurem Eifer für die Sache des Gemeinwohls überzeugt bin.“ Nach dieſen letzten, mit tiefer Ironie geſprochenen Worten wendete er ſich zu de Guerre nnd fügte hinzu: „Ich brauche Euch nicht zu ſagen, daß, da Ihr in Haft ſeyd, Ihr mir Euer Schwerdt zu über⸗ geben habt.“. De Guerre reichte es ſchweigend hin, denn das Ergebniß ſeiner Unterredung mit Konſtanze hatte ihn gleichgültig gegen ſein Schickſal gemacht; noch vor einer Stunde hätte er ſein Schwerdt nur mit dem Leben ſinken laſſen, jetzt kümmerte er ſich um den Verluſt des einen ſo wenig, als um den des andern. — 300— Major Wellmore nahm das Schwerdt, und ſchien einen Augenblick zu überlegen, ob er es behalten ſolle, oder nicht; er beſchloß das erſte⸗ re, und befahl mit ruhigem, kaltem Tone ſeinem Gefangenen, vorauszugehen. De Guerre zeigte auf Konſtanze, die weder weinte, noch in Ohn⸗ macht gefallen war, aber wie ein ſtummes Bild der Verzweiflung in dem glänzenden Mondlichte ſtand. „Ich werde für Miſtriß Cecil Sorge krugn 75 ſagte Burrell. Während er dies ſagte, trat Lady Franziska, welche, beſtürzt über die Abweſenheit ihrer Freundin, ſie aufſuchte, in den Feenkreis, und ſchrie laut auf, als ſie einen Blick auf die vor ihr ſtehenden Geſtalten geworfen hatte. Der Ma⸗ jor nahm ſchnell das Wort.„Lady Franziska,“ ſagte er,„ich bitte Euch, führt Eure Freundin fort. Sir Willmott Burrell, wir folgen Euch nach dem nächſten Eingang in das Haus.“ „Und nun,“ ſagte Konſtanze, indem ihr ihre Freundin in die Arme ſank,„iſt er in der Löwen⸗ höhle— ganz und für immer verloren!“— Die Kraft der Natur war erſchöpft; es dauerte lang, ehe ſie wieder ſprechen konnte.⸗ Ende des erſten Theiles.