——en Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 8 Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von DM ſpo jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 1 Ler angenommen. 3 „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe 3 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 do wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. auf 1 Monat: 1 Nr.— Ff. 1 Nr. 55 Pf. 2 Mr.— Pf. beträgt:— 4 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Funr beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 5 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe air auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen lh der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4₰ Aus der Geſellſchaft. Geſammt⸗Ausgabe der Romane von Ida Gräfin Hahn⸗Hahn. Sechster Theil. Sigismund Forster. Berlin. Verlag von Alexander Duncker, Königl. Hofbuchhändler. 1845. Sigismund Forſter. Von Ida Gräfin Hahn⸗Hahn. Zweite Auflage. Berlin. Verlag von Alexander Duncker, Königl. Hofbuchhändler. 1845. 1. Am Rhein. Im Gaſthof zum Stern in Bonn ſaß eine Geſellſchaft fröhlicher Studenten beiſammen. Sie tranken lebhaft und ſprachen noch lebhafter über roſenrothe Mädchen und graue Profeſſoren, und zwar nach Studentenart, nämlich ſo, daß am Ende ſonnenklar erwieſen wurde, wie kein Mädchen hübſch genug und kein Profeſſor geiſtreich genug ſei, um von Stu⸗ denten ſonderlich beachtet zu werden. Darin ſtimmten Alle überein, auch die, welche eben zum Beginn der Wintervorle⸗ ſungen nach Bonn gekommen waren, und folglich von deſſen Profeſſoren nur die Namen, und von deſſen hübſchen Mädchen nur das wußten, was ihnen die ſchnellgewonnenen Freunde, die ſchon länger da geweſen waren, von ihnen erzählten. Mitten in dieſer allgemeinen Weiberverachtung ſprang ein junger Menſch lebhaft auf und ans Fenſter und rief: „Sacriſti!“ da geht ein bildſchönes Mädchen!“ Die Hälfte ſeiner Gefährten ſprang ihm nach, aber das Mädchen war ſchon verſchwunden. „Wer war es? wie ſah ſie aus?“ fragten ſie ihn. „Die iſt ſchön!“ wiederholte er und ſah mit ſeinen dun⸗ keln leuchtenden Augen unverwandt auf den Platz hinaus. 1 S. Forſter. „Dieſe Pomona etwa?“ fragte der Eine und zeigte auf eine recht hübſche Obſtverkäuferin, die mit einem Korb voll Weintrauben ſich dem Fenſter näherte, als ſie die jungen Leute an demſelben ſah. „Oder dieſe Meduſe mit den ſchwarzen Schlangenlocken?“ fragte ein Anderer, auf eine ältliche Engländerin zeigend, die am Arm ihres Gatten auf den Gaſthof zuſchritt. „Wozu habt Ihr Augen, wenn Ihr damit nicht zu ſehen verſteht?“ rief der junge Mann, kehrte zu den Gefährten am Trinktiſch zurück, ſetzte ſich, und ſprach zu dem Einen: „Friedrich! wer war das Mädchen?“ „Ich bin zwar ein großer Anhänger des animaliſchen Magnetismus, mein Alter,“ entgegnete Friedrich ernſthaft, „aber ſo weit hab' ich's doch noch nicht gebracht, um mich mit allen Frauenzimmern in Bonn dermaßen in magnetiſchen Rapport geſetzt zu haben, daß ich, wenn ich mit dem Rücken nach dem Fenſter gekehrt ſitze, ſagen könnte, wer diejenige iſt, welche grade über die Straße geht.“ „Zum Teufel Dein Magnetismus!“ rief Jener;„damit 3 hat das Mädchen nichts zu ſchaffen, denn es ſieht weder blaß noch krank aus.“ „Nun, ſo gieb mir ihr Signalement,“ ſagte Friedrich, „dann werd' ich ſie Dir vielleicht nennen können.“ „Ja, ihr Signalement!“ riefen die Uebrigen,„wir wollen ſie auch kennen, wenn wir ihr begegnen.“ „Das iſt leicht zu geben: groß, ſchlank, blond, Wangen zum Küſſen, Mund zum Küſſen..— „Tosca Beiron!“ unterbrach ihn Friedrich;„einzige Toch⸗ 174 ter des General Beiron allhier! — —— „Richtig! ſie iſt's! ſie ging am Arm eines alten Schnurr⸗ barts!“ jubelte Jener;„alſo, Tosca Beiron.“ „Aber warum ſagſt Du, Friedrich, daß ſie die einzige Tochter des Generals ſei?“ fragte ein Anderer.„Die Pro⸗ feſſorin Zeller iſt auch ſeine Tochter.“ „Mein Junge,“ entgegnete Friedrich,„eine Profeſſorin iſt ein für alle Mal in meinen Augen keine Tochter mehr, ſon⸗ dern die Frau eines Profeſſors, und als ſolche ein unerfreu⸗ liches Gebilde, das ich reſpectubs und zeremoniös zu behan⸗ deln habe, beſonders wenn ich bei ihrem Manne, wie beim Profeſſor Zeller, Collegia höre. Wie in aller Welt ſollte mir einfallen, ſolch ein Weſen in die junge, friſche, allerliebſte Ka⸗ tegorie der Töchter zu ſtellen! Nein! der General Beiron hat nur Eine Tochter, die da verdiente von Sigismund Forſter be⸗ ſchrieben und von mir nach dem Signalement auf der Stelle erkannt zu werden; und das iſt Tosca. Auf ihr Wol! gelt, Sigismund?“ Er hielt ſein Glas hin. „Sie lebe! und ſchön und glücklich!“ rief Sigismund Forſter, ſtieß an, trank und warf ſein Glas zu Boden. Acht Tage darauf war Ball, und Tosca Beiron deſſen Königin. So wie ſie den Saal betrat, war ſie umringt und hatte alle Tänze vergeben, ehe Sigismund Forſter, der nicht zudringlich ſein mogte, nur daran denken konnte, ſich ihr zu nähern. Sie trug ein einfaches weißes Florkleid und einen Kranz von rothen Roſen auf ihrem ſchönen blonden Haar. Sie war ſelbſt wie eine eben erblühende Roſe, ſtebzehn Jahr alt, lieblich, heiter, unbefangen, vielleicht zu unbefangen, zu bewußt ihrer Schönheit und der Siege, welche durch ſie zu erringen ſind. Indeſſen, ihre Jugend und Grazie milderte das. Ein Beobachter hätte vielleicht geſagt: das junge Mäd⸗ 1* chen wird übermüthig werden;— aber er durfte noch nicht ſagen: ſie iſt es. Sigismund dachte heimlich: ſie ſieht ein wenig ſchnippiſch aus, und das iſt nun ganz und gar anbe⸗ tungswürdig. Er bat ſie um einen Walzer. Sie ſah in dem Schreibtäfelchen nach, welches ſie am Gürtel trug, und be⸗ dauerte ſehr keinen mehr übrig zu haben. Dann um einen Galopp. Auch die waren ſämtlich vergeben. „Und welchen Tanz werden Sie die Gnade haben, mir allendlichſt zu ſchenken, mein Fräulein?“ fragte er darauf. Tosca unterſuchte abermals ihr Täfelchen. „O ich bitte!“ rief er,„nur keinen von den dort verzeich⸗ neten Tänzen! Die alle ſind nicht für mich; ſondern einen andern.“ Tosca ſah ihn an. Bis daher hatte ſie nur einen Tänzer in ihm geſehen; jezt war ſie durch den ungewöhnlich ſchönen jungen Mann überraſcht, der ſo dringend und mit ſo wolklin⸗ gender Stimme um einen Tanz bat. Mit großen Augen ſah ſie ihn an; dann ſchlug ſie die Augen nieder, weil er ſie firirte, und ſagte endlich, munter auf ihr Täfelchen deutend: „Wenn die hier verzeichneten Tänze getanzt ſind, iſt der Ball aus.“ „Warum denn?“ entgegnete Sigismund ganz verwundert. „Befehlen Sie nur, und es wird mehr getanzt.“ Tosca ſah ihn wieder an, wie um ſich zu überzeugen was für eine Art Menſch denn eigentlich vor ihr ſtehe, ob ein Geck, ob ein zudringlicher Geſell, ob ein roher Burſche. Nichts von dem Allen. Sigismund Forſter ſah vollkommen wolerzogen aus. Ein kleines halbunterdrücktes Lächeln glitt über ihren allerliebſten Mund. — ₰ „Ja,“ ſagte Sigismund, als ob er dies Lächeln beant⸗ worten müſſe,„ja, es würde mich ſehr glücklich machen, wenn Sie mir einen Tanz gönnen mögten.“ In dem Augenblick näherte ſich ihnen ſchüchtern ein jun⸗ ger Mann, und Tosca rief ihm mit einem zauberhaften Lä⸗ cheln zu, indem ſie ihre Hände bittend zuſammenlegte: „O Herr von Geldern, welch' eine unerhörte Confuſion hab' ich gemacht! Bitte, bitte! nehmen Sie es nicht übel. Nicht wahr, den dritten Walzer hatte ich Ihnen gegeben?“ „Sie waren ſo gnädig,“ antwortete Herr von Geldern. „Und ſehen Sie— dieſen dritten Walzer hatte ich ſchon verſagt,“ ſprach Tosca erröthend und machte mit der Hand eine leiſe Bewegung, die auf Sigismund wies. Herr von Geldern verbeugte ſich und zog ſich zurück, ohne ein Wort zu ſagen. Sigismund Forſter hatte den Takt, nichts weiter zu ſagen, als: „Der dritte Walzer alſo,“ und mit einer tiefen Verbeu⸗ gung ebenfalls zurückzutreten. Tosca dachte bei ſich ſelbſt, um ihr Gewiſſen zu beſchwich⸗ tigen:„Auf dem nächſten Ball will ich den Cotillon mit Geldern tanzen, er iſt immer ſo beſcheiden!“— Dergleichen kleine Ball⸗Unredlichkeiten hat jedes junge Mädchen begangen. Es darf nicht zu dem Einen ſprechen: Mit Ihnen mag ich nicht— und zu dem Andern: Mit Ih⸗ nen mögt ich gern tanzen. Es muß die Auffoderungen anneh⸗ men, und es nimmt ſie auch an, ſchon aus bloßer Furcht vor der Möglichkeit, einen Tanz ſitzen zu bleiben. Aber dann treten kleine abſichtliche Unordnungen ein, um die Tänze, welche regelrecht vergeben ſind, nach Luſt und Laune zu tan⸗ zen, und da weiß das junge Mädchen es ſehr geſchickt anzu — 6— fangen, daß grade derjenige zu leiden habe, den es als ſo ſchüchtern, ſo wolerzogen, oder ſo ergeben kennt, daß er es ihr nicht nachtragen wird, und für den es ſich, trotz dieſer guten Eigenſchaften, nicht im Geringſten intereſſirt. Einen ſolchen Patito hat das junge Mädchen, und es nimmt ſich ſehr in Acht, einen Andern als ihn zu verletzen oder zurück⸗ zuſetzen. Ohne ein wenig Liſt und Grauſamkeit geht es nun einmal nicht in der Welt, und im Ballſaal machen wir un⸗ ſere Vorſchule durch. Sigismund tanzte keinen Schritt vor dem dritten Walzer. Friedrich und mehre ſeiner Freunde neckten ihn mit ſeiner Unbeweglichkeit.. „Ich muß Euch aufrichtig geſtehen,“ ſagte er luſtig,„ich begreife nicht Euren Muth, wie Ihr wagen mögt, Euch mit dieſen Tänzerinnen zu präſentiren.“ „Ah! und wem willſt denn Du Dich präſentiren?“ rief Friedrich. „Nun, dem ganzen Ball,“ entgegnete Sigismund. „Und hab' ich mich etwa ſchlecht präſentirt?“ fragte Friedrich weiter, der eben mit Tosca. getanzt hatte. „O, Du lieber Bruder,“ ſagte Sigismund lachend,„Du biſt ſchon ein Jahr hier, Dich kennt man, Du haſt nicht mehr nöthig, an einen glänzenden Eintritt zu denken, wie ich Fremd⸗ ling. Aber ich tanze lieber gar nicht, als mit ſo einem win⸗ zigen, eckigen Grashüpfer, als Deine Tänzerin im erſten Walzer war.“. „Grashüpfer!“ wiederholte Friedrich,„das iſt ein guter Name. Fortan ſoll ſie gar nicht anders heißen. Aber ich habe auch einen Namen erfunden, und zwar für die Tosca Beiron.“ „Und der heißt?“ fragte Sigismund geſpannt. „Dornenröschen! So ſchnippiſch, ſo kurz angebunden iſt mir in meinem Leben kein Mädchen vorgekommen. Es wird ihr zu viel weiß gemacht, und das taugt den Frauenzimmern nichts.“ Das Orcheſter ſpielte den dritten Walzer und Sigismund eilte zu Tosca. Tanz iſt Tanz, meint man, und wenn zwei Perſonen nur Takt zu halten verſtehen, ſo muß es ziemlich einerlei ſein, mit wem man ſich im Saal herumdreht. O mit nichten. Man verſuche es nur einmal beim Gehen! Man nehme nur einmal den Arm und laſſe ſich führen, die Treppe herunter, oder nur über die Straße; welch ein Unterſchied! Man kann nicht Schritt halten, man wird müde, man wird geſtoßen, der Arm, der Schutz und Stütze ſein ſoll, wird zur Laſt, zur Unbequemlichkeit; ganz lahm kann man davon wer⸗ den, wenn's lange dauert, und ganz verdrießlich. Und dann ein anderer Arm! Da geht man mit demſelben Schritt, da hat man dieſelben Bewegungen, da paſſen Gang und Haltung ſo genau zuſammen, daß Keiner den Andern genirt, da ſieht der Mann nicht gehemmt und die Frau nicht übereilt aus. Wie viel mehr iſt das beim Tanz der Fall, wo man, von Melodien getragen, gleichſam in höherer Sphäre geht, und folglich durch den Mittänzer ſehr gehoben und ſehr gefeſſelt werden kann. Sigismund tanzte mit Tosca, als ob er ſie trage. „Welch eine liebliche ſchwebende Muſik hat dieſer Wal⸗ zer,“ ſagte ſie freundlich. Und es war doch nur eine ganz gewöhnliche Tanzmufik. Sie machten die oberflächliche Unterhaltung einer erſten Bekanntſchaft, und Sigismund fand, daß Tosca auf keine N Weiſe den Beinamen verdiene, welchen Friedrich ihr gegeben. Sie war fröhlich und geſprächig, und hatte zuweilen ein al⸗ lerliebſtes ſchelmiſches Lächeln. Dies Lächeln wird ihn aus dem Häuſel gebracht haben, den armen Friedrich, dachte Si⸗ gismund heimlich; er iſt zuweilen ein bischen ſchwerfällig. Mit dieſem dritten Walzer begann und beſchloß ſich der Ball für ihn. Er tanzte nicht mehr, aber er ſah Tosca tan⸗ zen, und es war ihm, wenn ſie an ihm vorüber ſchwebte, als ſehe ſie ihn bald fragend, bald freundlich an. Und allerdings verwunderte es ſie ſehr, daß ein ſo ausgezeichneter Tänzer ſo gar wenig Freude am Tanz zu finden ſcheine, und doch einen ganz beſondern Werth auf einen Walzer mit ihr gelegt habe. Nach dem Cotillon verließ ſie den Ball. „Die Lampen brennen ganz dunkel vom Staube,“ ſagte Sigismund, der ihr bis zur Thür nachgeblickt, zu einem Freunde;„komm, laß uns gehen.“ „Gehen, trinken, ſpielen— was? welch Verbum willſt Du conjugiren?“ antwortete der. „Alle drei!“ rief Sigismund;„und nimm Dich nur in Acht! heut hab' ich Glück.“ Als Sigismund Forſter um acht Uhr hrüh ſtatt ins Col⸗ legium— zu Bett ging, hatte er nicht blos das Glück ge⸗ habt, hundert Louisd'or zu gewinnen, ſondern das größere noch, daß ſeines Freundes Kaſſe ſich grade in hoher Flut be⸗ fand, ſo daß der ihm auch wirklich ſeinen Gewinn aus⸗ zahlte. Tosca Beiron ſaß im Wohnzimmer ihrer Mutter am Strickrahmen im Fenſter, und nähte ſehr eifrig Tapiſſerie, während ſie ganz leiſe, mehr mit den Gedanken als mit den Lippen die Melodie des Walzers ſummte, welchen ſie mit Sigismund getanzt. Sie lehnte ſich im Stuhl zurück, be⸗ trachtete ihre Arbeit aus der Ferne, und fand die Theeroſe, die ſie eben geſtickt, ungewöhnlich ſchlecht ſchattirt. Um ihr Werk zu verbeſſern, ſah ſie die wirkliche Theeroſe an, die in ihrem Fenſter blühte. Sie ſtützte ihren Kopf in die Hand, und betrachtete gedankenvoll die zarte Blume. Da glitt ihr Blick auf die Straße hinab. Sigismund Forſter ging vor⸗ über mit einer Mappe unter dem Arm. Er ſchlenderte nur ſo hin, und blickte rechts und links; dabei gewahrte er ſie, und grüßte. Sie dankte erröthend. Dann ſah ſie faſt un⸗ willkürlich, und gewiß ohne ſich Rechenſchaft davon zu geben, nach der Uhr. Es fehlten zwei Minuten an eilf. Er geht alſo hier vorüber in die Vorleſung, und gewiß täglich— dachte ſie. Nie war ihr eingefallen, von ihrer Arbeit auf⸗ und nach den jungen Leuten hinzublicken, die, oft nur ihret⸗ wegen, über die Straße gingen. Nie war ihr eingefallen, von ihrem Fenſter aus einen Gruß anzunehmen, oder gar zu erwidern. Aber für Sigismund Forſter machte ſie fortan eine Ausnahme. Täglich ging er um zwei Minuten vor eilf Uhr vorüber, und täglich dankte ihm Tosca für ſeinen beſchei⸗ denen Gruß mit einer ſanften Neigung ihres zierlichen Kopfes. Um zwölf Uhr, nach beendeter Vorleſung, ging er wieder vorüber; auch wol Nachmittags, und jedes Mal ſah ſie ihn zwiſchen ihren Blumen hindurch; aber dann grüßte ſie nicht mehr. Sie dachte: guten Morgen dürfe ſie wol auf dieſe Weiſe ſagen, doch mehr nicht. Sie hätte gern etwas über ihn erfahren, woher er ſei, was er ſtudire; allein es war ihr ganz unmöglich, direct nach ihm zu fragen, erſtens weil es ſie verlegen machte, und zweitens weil ſte nicht wußte wen; denn ins Haus ihrer Eltern kam Niemand von dieſen — 10— jungen Leuten anders, als auf ganz beſondere Empfehlung, und adfna ihre Mutter mit ihnen die Unterhaltung, und ſie konnte nur ein oder das andere Wort dazwiſchen werfen. Bei ihrem Schwager hatte ſie einmal verſucht in⸗ direct zu fragen nach ſeinen Zuhörern, und nach dieſem und jenem; allein ihr Schwager war Arzt, und liebte als ſolcher genaue und klare Fragen und Antworten, ſo daß er ſie ganz und gar nicht verſtand. Tosca dachte heimlich und ein wenig verdrießlich: Ach, wie konnt' ich nur meinen Schwager fragen! Unter deſſen Zuhörern wird er ja nicht ſein. Re⸗ zepte und Arzeneien und Krankenzimmer, und all die fatalen Sachen ſind ſehr gut für den lieben Zeller— aber nur nicht für ihn. Ob er nicht ſtudirt.... wie man König wird?—— Eines Morgens kam Tosca zu ihrer Schweſter. Sie hörte lebhaft im Zimmer reden, und war ſchon im Begriff, vor der Thür wieder umzukehren, weil ſie glaubte, ihr Schwager könne einen ernſthaften, langweiligen Beſuch haben, als plötzlich eine klingende Stimme ihr Ohr traf, die Stimme, welche zu ihr geſagt hatte: Es würde mich ſehr glücklich machen, wenn Sie mir einen Tanz gönnen mögten. Sie er⸗ röthete vor Freude, ſie war ganz ſicher, ſich nicht zu irren. Sie blieb noch einen Augenblick vor der Thür ſtehen, um die kleine freudige Bewegung vorüberziehen zu laſſen; dann trat ſie ein. Sigismund Forſter, Friedrich und noch ein dritter junger Mann waren bei ihrer Schweſter. In Sigismunds Augen ging eine Freudenſonne auf. Tosca ſah es wol, und daher blieb ſie ganz ruhig; ſo bringt es die Taktik mit ſich! aber ſie war glänzend ſchön, wie vom Morgenroth umſtralt. Man ſprach— was man denn ſo zu ſprechen pflegt. Die Profeſſorin Zeller war eine beſchränkte, hausmütterliche Frau, die den jungen Männern gute Rathſchläge ertheilte, wie ſie es anfangen müßten, um nicht zu viel Geld auszugeben, und die faſt jede ihrer Phraſen mit den drei, für ſie heiligen und unumſtößlichen Worten begann:„Mein Mann ſagt.“ End⸗ lich richtete Sigismund das Wort an Tosca und fragte, ob ſie den nächſten Ball beſuchen werde. „Ich hoffe es,“ entgegnete ſie mit ſtralenden Augen. Die drei jungen Männer baten ſie ſogleich, ihnen einen Tanz aufzuheben. Aber ſie verneinte es ſtandhaft. „Ich weiß noch nicht, ob der Papa es erlaubt,“ ſagte ſie. „Aber auf den Fall,“ bat Sigismund. „Dann können wir ja auf dem Ball ſelbſt darüber ſpre⸗ chen,“ erwiderte ſie. .„Warum willſt Du Dich denn nicht vorher engagiren, Tosca?“ fragte die Schweſter;„ich dächte, es wäre doch ſehr angenehm, im Voraus einiger Tänze ſicher zu ſein.“ „O, was das betrift, liebe Marie,“ ſagte Tosca nach⸗ läſſig— „Nur nicht übermüthig!“ unterbrach die Profeſſorin Zel⸗ ler mit ſeinſollender Beſcheidenheit, und droßie der Schweſter mit aufgehobenem Finger. „O gar nicht!“ rief Tosca mit ihrem reizend ſchelmiſchen Lächeln;„ich fürchte nur mein ſchlechtes Gedächtniß. So lange vorher... könnt' ich leicht die Engagements ver⸗ geſſen.“ Es iſt der Inſtinkt der Frau, dem Manne die Sicherheit ſeines Glücks— nicht zu geben. Hat ſtie's gethan, ſo iſt ſie nicht mehr frei. Um den Verluſt der Freiheit verſchmerzen zu laſſen, muß man lieben. Bei ſiebzehn Jahren liebt man — 12— noch nicht; man verſucht es erſt. Daher iſt in den jungen Mädchenköpfen oft eine ſo wunderliche Verſchrobenheit oder Eraltation. Das Herz mögte ſeine ſtarken Schwingungen machen, aber es hat ſich dazu noch nicht Raum in der Bruſt geſchaffen, und weiß noch nicht, ob es für den mächtigen Schlag den Athem lang genug haben wird.— Tosca ver⸗ brauchte einſtweilen ihren Athem zum Tanzen und Singen. Als die jungen Männer ihren Beſuch beendet hatten, ſprang Sigismund mit einem Satz aus der Hausthür mitten auf die Straße, und ſagte halblaut: „Welch ein unerhörtes Glück!“ „Ja,“ ſagte Friedrich,„Dornenröschen war heute unge⸗ wöhnlich gnädig; aber es iſt doch eine wunderliche Laune, daß ſie ſich nicht zum Tanz verſagen will.“ „Wozu auch?“ rief Sigismund.„Man braucht ja nur auf dem Ball der Erſte zu ſein, und dieſe Aufmerkſamkeit darf ſie doch wol erwarten.“ Er nahm ſeine Freunde, jeden unter einen Arm, und ſie gingen zum Speiſen in den Gaſthof zum Stern. Tosca blieb aber der Gegenſtand ihres Geſprächs; wenigſtens wußte Si⸗ gismund es immer wieder auf ſie zu bringen, und Friedrich fing ſchon an, ihm zu erklären, daß er nach grade langweilig werde. „Thut mir leid für Dich,“ entgegnete Sigismund fröh⸗ lich;„ich meines Theils bin in meinem Leben nicht muntrer und beſſer aufgelegt geweſen, und ich wünſchte nichts, als die Gewißheit einer ſolchen täglichen Begegnung.“ Er ließ Champagner bringen.„Das geſchieht ihr zu Ehren, daß Ihr's wißt!“ ſagte er;„nur der Champagner verdient's, daß darin auf ihr Wol getrunken werde.— Tosca Beiron, Tosca Beiron, Blume deutſcher Mädchen⸗ ſchaa— Friedrich lachte laut auf:„Pascal Vivas, Pascal Vivas, Blume ſpan’ſcher Ritterſchaft!“ „Du parodirſt Uhland in Deiner Ekſtaſe,“ ſprach der Dritte. „Was kümmert's mich,“ rief Sigismund launig,„daß Uhland ſchon früher meine Verſe gebraucht hat. Es iſt eine große Chre für ſeinen Pascal Vivas, daß ſie mir grade jezt einfallen.“ „Weißt Du auch den Anfang, mein Junge?— In den abendlichen Gärten— Ging die Gräfin Julia— Es wär' doch hübſch, wenn Du es auch zu ſolchem Ritterdienſt bringen könnteſt. Nur ſchade, daß ſie nicht Gräfin iſt.“ „Schade?“ fragte Sigismund gedehnt. „Schade, weil's ſo gewiſſermaßen feierlich und poetiſch klingt: Gräfin Tosca!“ „Wäre Tosca Beiron Gräfin“...— rief Sigismund ſehr lebhaft und ſchwieg plötzlich. „Nun?“ fragte der Andere geſpannt. „So wäre ſie mir ſo gleichgültig wie das,“ ſagte Sigis⸗ mund, und ſchnippte mit Daumen und Zeigefinger den Kork von der Champagnerflaſche. „Dies finde ich unbegreiflich,“ ſagte Jener und veränderte ſichtlich die Farbe. „Nimm's nicht übel, lieber Bruder,“ entgegnete Sigis⸗ mund freundlich,„Du biſt Graf Hohenberg und ich bin Dir⸗ eben ſo gut, als wäreſt Du Herr Hohenberg. Mit den Männern iſt’'s was Andres! Die werden vom Leben anders durchgebildet. Allein die Frauen Deines Standes ſind im Durchſchnitt zu verſchrobene Geſchöpfe, als daß ich nicht eine unüberwindliche Abneigung gegen ſie haben ſollte.“ „Und doch iſt Tosca Beirons liebenswürdige und ver⸗ ſtändige Mutter— Gräfin,“ ſagte Hohenberg. „Was?“ rief Sigismund und ſtellte erblaſſend ſein Glas auf den Tiſch. „Ja, ja! ich ſage Dir eine Gräfin, und noch dazu vom alten Reichsadel; ich kann mich nur eben nicht auf ihren Namen beſinnen.“ „Und hat eine ſolche Mißheirath gemacht?“ rief Sigis⸗ mund bitter. „Eine Mißheirath?“ entgegnete Hohenberg erſtaunt; nnun, das muß ich ſagen, Du ziehſt ſcharfe Grenzlinien, wenn Du findeſt, daß der Freiherr von Beiron⸗Königsegg eine Mißhei⸗ rath für irgend eine Gräfin unter der Sonne iſt.“ „Und wer iſt der Freiherr von Beiron⸗Königsegg?“ ſragte Sigismund. „Mein Gott, der General, Tosca's Vater!“ riefen Hohen⸗ berg und Friedrich aus einem Munde. „Ah, ſie iſt alſo ein Fräulein von Beiron!“ ſprach Si⸗ gismund langſam und nachdenklich. „Nichts anders! ſtiftsfähig und hoffähig, wie Eine, die es von väterlicher und mütterlicher Seite wol bis zu zwei⸗ unddreißig Ahnen bringen mag.“ „O zum Teufel die Ahnen!“ ſprach Sigismund und zer⸗ knickte ſein Champagnerglas. Hohenberg fuhr heftig auf. „Meine Jungen, meine Jungen!“ ſagte Friedrich begü⸗ tigend,„habe Tosca Beiron zweiunddreißig Ahnen oder gar keine, ſie bleibt ja immer das holdſelig ſchnippiſche Dornen⸗ röslein, und das iſt für ein Mädchen die Hauptſache;— denn mit ihrer Schönheit verzaubert ſie uns Alle, und daran liegt jedem Mädchen mehr, als an ihren vermoderten Ahnen. Ein Beiſpiel iſt Tosca's Schweſter.“ Sigismund ſchlug ein ſchallendes Gelächter auf. „Lieber Bruder!“ rief er,„der guten Frau, ſo unſchön, ſo geiſtlos, und ich glaube gar ein wenig bucklich, iſt wol Niemand ſonſt zu verzaubern vorgekommen, als der würdige Profeſſor Zeller. Frag' einmal Fräulein Tosca von Beiron, ob ſie wird einen Arzt heirathen mögen.“ „Ich ſehe nicht ein, weshalb ſie grade für einen Arzt eine beſondere Liebhaberei haben ſollte, wenn ich nicht etwa dieſer Glückliche wäre. Das, ja das würde mir ganz begreiflich ſein,“ entgegnete Friedrich.„Uebrigens aber— wer denkt denn gleich ans Heirathen? Man plaudert mit einem Dor⸗ nenröslein, man tanzt mit ihm, man neckt es, man bekommt ſchnippiſche Antworten und— wenn's Glück ungeheuer gut iſt.... könnte man wol gar einen Kuß erobern”“...— „O,“ rief Sigismund ſehr heftig,„jezt könnte mir dieſe Tosca einen Kuß geben wollen— ich nähm' ihn nicht.“ „Holla! Holla!“ rief Friedrich,„ein Kuß iſt immer eine ganz allerliebſte Sache, von der man beileibe nicht ſo weg⸗ werfend reden darf, Freund Sigismund Forſter, möge er nun bei der Tochter des Großmoguls oder des Scharfrichters zu finden ſein.“ „Und Tosca Beiron wird ihn Dir auch ſchwerlich geben wollen,“ ſagte Hohenberg gleichzeitig. „Und wenn ſie tauſend Mal wollte!“ rief Sigismund; „ich, Sigismund Forſter, würde nicht wollen! und meine Lippen ſollten verdorren, wenn ſie ſie küßten!“..— ‚Und das Alles, weil Tosca Beiron die Tochter einer Gräfin und eines Freiherrn iſt?“ rief Hohenberg geärgert; „ich muß Dir ſagen, mein lieber Bruder, daß ich das mehr wie ſonderbar finde.“ Am andern Morgen ſchlug ſich Sigismund Forſter wegen des Kuſſes von Tosca Beiron, den er nicht wollte, mit ſei⸗ nem guten Freunde Hohenberg, verwundete ihn im Arm, und bekam von ihm eine Schmarre über die linke Wange. Ein Paar Tage hindurch blickte Tosca Beiron umſonſt zwei Minuten vor eilf Uhr auf die Straße hinab— umſonſt! denn Sigismund Forſter ging nicht vorbei! und weder dann, noch Mittags, noch Nachmittags. Was war ihm widerfah⸗ ren? ſie hatte alle Zeit, ſich mit Beantwortung dieſer Frage abzuquälen, und tauſend Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zu erſinnen. Endlich! endlich! ſah ſie ihn die Straße herauf kommen, mit der Mappe unter dem Arm, und mit einem breiten ſchwarzen Tafftſtreif über die linke Wange. Sie freute ſich ſo, daß ſie die Hand über die Augen lenhe um deren Jubel zu beſchwichtigen. Allein ſie hätte dieſe Vorſicht nicht nöthig gehabt, denn Sigismund Forſter ging vorüber ohne aufzublicken, geſchweige zu grüßen. Tosca glaubte ſich ge⸗ täuſcht zu haben. Ganz verwundert dachte ſie: Wie doch ſo ein ſchwarzes Band übers Geſicht verändert! Ich hätte 4 auf gewettet, er ſei es.... und er war's doch nicht.. unmöglich!— Um zwölf Uhr kam er aus der Wrrleſum zurück. Sie gab genau Achtung, ſie erkannte ihn unwider⸗ ſprechlich; er war's, aber er ging vorüber ohne aufzublicken und ohne zu grüßen. Ihr ſanken die Hände in den Schooß vor traurigem Erſtaunen. Sollte er es übel genommen haben, daß ich mich neulich nicht mit ihm zum Tanz engagiren wollte? —— —— — . — 17— fragte ſie ſich heimlich. Seit dem Tage iſt er zuerſt ver⸗ ſchwunden, und ſo wiedergekehrt. Ich hatte aber eine beſſere Meinung von ihm.— Sie ſuchte ſich zu zerſtreuen; ſie ſtickte emfig, ſie ſang, und dazwiſchen tauchte immer die Hofnung auf, daß ſich auf dem Ball Alles erklären und ausgleichen werde. Ob Herr von Geldern, ob Friedrich, ob Graf Hohen⸗ berg ihr eine kleine Laune übel genommen hätten, darüber hätte Tosca muthwillig gelacht oder gleichgültig die Achſeln gezuckt; aber Sigismund Forſter?— Sie war nicht im Stande, ſich Rechenſchaft darüber zu geben, weshalb ſie grade ihn um keinen Preis verletzen mögte. Am nächſten Morgen, als Sigismund vorüber ging, bückte ſich Tosca tief auf ihre Arbeit, ſo daß er ſie nicht ge⸗ wahr werden konnte, wenn er etwa heimlich doch zum Fenſter hinaufblickte. Dann hob ſie raſch den Kopf— und ſiehe! er hatte herauf geſehen, ihre Blicke begegneten ſich. Aber blitzſchnell wendete Sigismund den Kopf auf die andere Seite, und Tosca dachte: Richtig! er hat mir irgend etwas übel genommen.. aber in aller Welt was? So vergingen die Tage bis zum Ball. Dadurch, daß Sigismund immer pünktlich an Tosca's Fenſter vorüber ging, zeigte er ihr, daß er ſie nicht ſehen wollte. Sie hofte auf den Balll ſie traute ſich zu, durch einige Worte die Mißſtim⸗ mung zu vernichten, in welche Sigismund, ſie begriff nicht, wodurch? ihr gegenüber gerathen war. Sie kleidete ſich mit äußerſter Sorgfalt an. Sie ſchmückte ſich nicht, aber ſie wählte die Blumen, die Farben, die ihr beſonders gut ſtan⸗ den, und zuverſichtlich, freudig, betrat ſie den Ballſaal. Si⸗ gismund ſtand der Eingangsthür zehn Schritte gegenüber und mit dem Geſicht ihr zugekehrt. So wie Tosca mit ihren S. Forſter. 2 — 18— Eltern erſchien, firirte er ſie einen Moment ganz ſtarr, und trat darauf in eine Gruppe hinein, ohne ſie zu grüßen, ja, ohne nur zu thun, als ob er ſie kenne. Eine unermeßliche Traurigkeit drückte Tosca's Herz zuſammen. Was habe ich ihm gethans? fragte ſie ſich heimlich; und dann ſetzte ſie ſchnell hinzu: Er iſt übermüthig; weil er beſſer ausſieht, als jeder Andere, bildet er ſich gewiß ein, ich würde mich ſehr um ſeine Vernachläſſigung grämen! doch daraus ſoll nichts werden.— Sie nahm ſich zuſammen, ſie empfing alle Anſprachen der Tänzer, ſie war munter, ungezwungen, ſte verſprach ganz von ſelbſt dem Herrn von Geldern den Cotillon; ſie ſah gar nicht hin nach Sigismund. Allmälig zwang ſie ſich nicht mehr zur Heiterkeit, ſie wurde wirklich heiter, ſie fühlte ſich befreit von dem unbegreiflichen Intereſſe, welches ſie bis daher für Sigismund ganz unwillkürlich empfunden. Nie war ſie ſchöner geweſen, und nie anmuthiger. Es war, als ob ſie ſich in ihrer ganzen Lichtſeite zeigen, und all ihre kleinen Sonnenflecke vergeſſen machen wollte. „Heut iſt Tosca Beiron warlich kein Dornenröslein,“ ſagte Friedrich, nachdem er mit ihr getanzt hatte, ganz in Ekſtaſe zu Sigismund,„ſondern eine Roſe ohne Dorn.“ „Wie Herr Walter von der Vogelweide bereits vor einem halben Jahrtauſend von der Kaiſerin Irene geſagt und ge⸗ ſungen,“ erwiderte Sigismund ſpöttiſch und wandte ſich ab. Er langweilte ſich. Hätte er Tosca anders als trium⸗ phirend geſehen, ſo würde es ihn intereſfirt haben, ſie aufs genaueſte zu beobachten; jezt, in ihrem Uebermuth, wie er es nannte, hatte er nicht Luſt dazu. Und doch mogte er nicht den Ball verlaſſen.„Sie könnte meinen, ich ginge gelang⸗ 4 — 19— weilt fort, weil ich mich nicht mit ihr beſchäftige,“ ſprach er heimlich;„ich muß nur tanzen! Aber mit wem denn? wie ſie Alle, Alle ſo unhübſch, ungraziös, unbedeutend neben ihr ausſehen! Gleichviel! getanzt muß werden!“— Er wählte aufs Gerathewol eine Tänzerin. Es war die junge Perſon, welche er auf dem vorigen Ball Grashüpfer genannt, und er trat mit ihr zum Tanz an— er wußte ſelbſt nicht, zu welchem Tanz. Es war eine Francaiſe, und Tosca tanzte ihm gegenüber. Alles ging charmant! Sigismund tanzte mit einem Ernſt, als ob es gelte, ein Examen des Tanzes zu beſtehen, und wendete nicht eine Sekunde den Blick von ſeiner Tänzerin ab. Tosca tanzte wie immer; nur er⸗ ſchien ihre Geſtalt noch graziöſer, ihre Haltung noch ſchwe⸗ bender neben den ſpringenden und beweglichen Sätzen des kleinen Grashüpfers. Jezt kam eine Tour im Contretanz, wo Tosca und Sigismund einander die Hand geben mußten, und da konnte er nicht vermeiden, den Kopf zu ihr zu wenden. Er that es mit einem peinlichen Gefühl, denn er wußte wol, daß ſein Benehmen gegen Tosca nicht ſchicklich ſei. Hätte ſie ihn ſpöttiſch oder nur ſchelmiſch angeſehen, ſo würde er ſich dennoch in ſeinem guten Recht ihr gegenüber gefühlt haben; allein der traurig ernſte Ausdruck ſeines Geſichts frap⸗ pirte ſie, und ſie ſah ihn ſanft an, mit großen erſtaunten Augen, die zu fragen ſchienen: Aber was fehlt Dir denn, daß Du ſo verändert biſt? Das rührte ihn. Er ſchlug un⸗ willkürlich die Augen nieder, um ſie nicht freundlicher anzu⸗ blicken, als er wollte, und ſeine Hand zitterte. Es lagen nur die Spitzen von Tosca's Fingern in dieſer Hand; allein ſie fühlte es doch!... Da wurden ſie getrennt durch eine neue Tour. 2* Nach beendetem Contretanz ging Sigismund ins Büffet⸗ zimmer, hielt einige Freunde durch Champagner feſt, und kehrte nicht in den Ballſaal zurück. Tosca blieb den ganzen Abend gedankenvoll. Sie konnte ſich ſein Benehmen nicht erklären. Wenn Uebermuth darin lag, ſo war es doch nicht der allein! das hatten ihr der traurige Blick und die zitternde Hand geſagt. Den Uebermüthigen würde ſie ſehr bald ver⸗ geſſen und ihn auf gleiche Weiſe behandelt haben. Der Trau⸗ rige beſchäftigte ſie unabläſſig. Mit dem Gedanken an ihn blieb ſie auf dem Ball, und kehrte erſt in tiefer Nacht heim. „Der Ball war matt... heute!“ ſprach ſie nachdenklich, als fie den Blumenkranz aus dem Haar nahm.„Ich glaube, ich werde ſchon zu alt für den Tanz. So recht großes Ver⸗ gnügen... wie neulich— machte er mir nicht mehr.“ Sie entſchlief und träumte von Sigismund. Von nun an ging Sigismund Forſter nicht mehr an Tosca Beirons Fenſter vorüber. Sie grämte ſich und er— grämte ſich noch mehr. Woran hängen unſre Schickſale? Oft an Einflüſſen, die, unabhängig von uns, um unſre Wiege gewaltet haben! oft an Eindrücken, die ſich in unſre Seele ätzten, als ſie ſich zum erſten Mal dem Bewußtſein öfnete! oft an Begegniſſen, die ſich der reizbaren Empfänglichkeit eines Kindes unwiderſtehlich bemeiſtern und ihm Zu⸗ und Abneigungen einflößen, deren es dann in ſeinem ganzen Leben nicht wieder Herr wird. Es mögte intereſſante Aufſchlüſſe über manche Eigenthümlichkeiten der Menſchen geben, wenn man wüßte, welcher Empfindung fie ſich in der Kindheit zuerſt bewußt worden ſind. Die meine war Bangigkeit, ungeheure, namenloſe, verzweiflungsvolle Bangigkeit. Ich war ganz klein damals, ſo klein, daß Jahre folgen, von denen ich nicht die geringſte Erinnerung habe, alſo vielleicht zwei oder drei Jahre alt. Es war in Remplin und ein großer Maskenball, und ich armes kleines Geſchöpf dazwiſchen! Wie ich dahin gekommen, ob man mir einen Spaß machen wollte, ob ich ſelbſt dahin verlangte— ich weiß es nicht! Aber ich war da, zwiſchen den unheimlichen, fabel⸗ haften, vermummten Geſtalten, mit Geſichtern ohne Augen, zwiſchen der Muſtk, dem Gewühl, den Lichtern, dem konfuſen Tumult ſolchen Feſtes. Ich war halbtodt vor Angſt; ich weinte, zuletzt ſchrie ich Zeter; da wurd' ich denn fortgebracht. Und dann war ein Feuerwerk auf der großen Pelouſe hinter dem Schloß, und mein Vater, der mich abhärten und meine Nerven ſtählen wollte, beſtand darauf, daß ich es anſehen ſollte. Nun war aber dies große, wilde, grelle Feuer, und die Detonation der Schwärmer und Raketen, und die Men⸗ ſchenmaſſe bald flammend beleuchtet, bald ſchwarz und finſter, und wieder dieſer Tumult— etwas ſo Grauenvolles für mich, daß ich wieder in unerhörtes Geſchrei ausbrach. Da aber mein Vater wollte, daß ich bleiben ſollte, ſo blieb ich, und ertrug bis zum letzten Augenblicke die Marter eines Feſtes, das wahrſcheinlich allen übrigen Anweſenden großes Vergnü⸗ gen machte. Mein Gott, das iſt ein halbes Menſchenleben her! Doch ich glaube, daß meine traurige Scheu vor Allem, was Lärm und Tumult, ſogar der eines Feſtes und des Ver⸗ gnügens iſt, ſich von jenem entſetzenvollen Moment herſchreibt; und daß der Eindruck, welchen die Maskenball⸗Geſellſchaft auf mich machte, mich durch mein ganzes Leben in der Geſell⸗ ſchaft begleitet hat, und begleiten wird. Ja, ja, das ſind die Geſichter ohne Augen aus Remplin! Wie viel tauſend Mal hab' ich mir das ganz unwillkürlich und ganz überzeugt geſagt, wenn ich in einen Geſellſchaftsſaal trete. Nur wein ich nicht, ſo wie damals; o nein! ich lache eher, und wol gar ein wenig ſpöttiſch und hochfahrend, um mir die Larven nicht allzu nah kommen zu laſſen, aber ob mir innerlich nicht ganz beklommen dabei zu Muth iſt.... das iſt die Frage!— Ich erzähle dieſe kindiſche Geſchichte nur als ein Beiſpiel von der Heftigkeit früher Eindrücke. Daß man dieſe regeln ſoll und beherrſchen kann, weiß ich wol; aber dennoch glaube ich, daß die Seele dadurch auf einen gewiſſen Ton geſtimmt wird, möge ſie auch, wie ein fügſames Inſtrument, Symphonien von Beethoven oder Walzer von Strauß auf ſich ſpielen laſſen. 1 Sigismund Forſter ging nicht mehr an Tosca's Fenſter vorüber.„Sie iſt eine hochfahrende Perſon, wie ſie Alle ſind!“ ſprach er zu ſich ſelbſt.„Klagten die Uebrigen nicht ſämtlich über ihr hochmüthiges Benehmen? Ich will nicht warten, bis ſte es auch gegen mich an den Tag legt. Und darum will ich ſie auch nicht wieder ſehen, nie wieder, und nicht vorbei gehen; ich würde es nicht laſſen können, ſie an⸗ zuſehen— und dann... bekäme ſie mich am Ende doch her⸗ um, mit ihren diaboliſch himmliſchen Augen. Seh' ich ſie aber nicht mehr, ſo bring' ich's vielleicht dahin, eine Andere anzuſehen, und das wäre das Geſcheuteſte, was ich thun könnte... das würde mich zerſtreuen.“ Er verſuchte dann auch dieſe Art von Zerſtreuung, der arme Sigismund, während Tosca ſich ganz vergeblich den Kopf zerbrach, ob Unglück oder Unheil, Verdruß oder Krank⸗ heit ihm zugeſtoßen ſein könne. Zuletzt überredete ſie ſich, er ſei zum bevorſtehenden Weihnachtfeſt in ſeine Heimat gereiſt, und das beruhigte ſie über ſeine Schickſale. Aber zwiſchen — 23— Weihnachten und Neujahr begegnete ſie ihm auf der Straße, mit mehren ſeiner Freunde. Alle kannten Tosca, alle grüßten ſte; und Sigismund auch. Seinetwegen, oder ſeiner Gefähr⸗ ten wegen, wollt' er ſich nicht abſichtlich auszeichnen. Es war ſehr kalt, und er ſah ſehr bleich aus. Tosca bemerkte dieſe Bläſſe und ſeinen Gruß.„Ahl er iſt krank geweſen!“ ſagte ſie ſich faſt erfreut;„wenn er nur übermorgen zu mei⸗ nem Schwager kommt!“— Am Sylveſterabend gab der Profeſſor Zeller einen klei⸗ nen Ball. „Heut Abend wird's luſtig ſein bei Zellers!“ ſagte Fried⸗ rich beim Mittagseſſen im Gaſthof zum Stern. „Nicht luſtig genug für mich,“ entgegnete Sigismund. „Ich dächte, wir blieben unter uns.“ „Ich gewiß nicht!“ rief Friedrich. „Ich auch nicht,“ ſagte Hohenberg;„denn unter uns kön⸗ nen wir ja alle Tage luſtig ſein. Und komm doch mit, lieber Bruder, es ſoll ein wunderhübſches Mädchen bei Zellers zum Beſuch ſein,— eine Nichte oder Couſine von ihm— „Eine Schweſtertochter von ihm iſt es,“ ſagte Friedrich, „und ſie iſt allerdings recht hübſch, wenigſtens ſo lange ſie allein iſt. Aber neulich, ſobald die Tosca Beiron eintrat... o wehl wie ſah das arme Ding aus! ſchwarz wie eine Zigeu⸗ nerin und ungeſchickt wie eine Küchenmagd.“ „Ah, ſie iſt ſchwarz!“ rief Sigismund eifrig;„das ge⸗ fällt mir! Dann iſt ſte ganz gewiß ſchön. Schwarze Augen? ſchwarzes Haar?“ „Pechfinſterrabenſchwarz, mein Junge!“ „Bravo! dann werden wir doch endlich mal eine wahre Schönheit zu ſehen bekommen.“ „Ich ſage Dir, ſie iſt keine Schönheit.“ „Nun, im Vergleich zu der faden Schönheit von.... ge⸗ wiſſen Blondinen.— „Wenn Du etwa Tosca Beiron meinſt— „Ja, grade ſie mein' ich!“ brach Sigismund aus. „So muß ich Dir ſagen,“ fuhr Friedrich gelaſſen fort, „daß Du Dich irrſt. Jenes kleine Mädchen, ſo munter und nett es auch iſt, ſieht neben ihr aus.... etwa wie ein ſchwar⸗ zes Hühnchen neben einem weißen Pfau.“ „Der Vergleich iſt gut und paſſend!“ rief Sigismund laut lachend;„ja, ein Pfau— das iſt ſie.“ „Ein zarter, edler, ſeltner, weißer Pfau— ganz gewiß!“ beharrte Friedrich. „Eure Hühnerhof⸗Vergleiche für ein Paar hübſche Mäd⸗ chen wollen mir gar nicht behagen,“ rief Hohenberg.„Komm nur heut' Abend zu Zellers, Freund Sigismund, dann kannſt Du doch wenigſtens mit Kenntniß der Dinge reden und Dich überzeugen, ob die kleine Fremde wirklich Deine bereitwillige Bewunderung rechtfertigt.“ „Nein,“ ſagte Sigismund,„ich mag nicht! Ich könnte mich in ſie verlieben, und das würde mir grade jezt ſehr un⸗ bequem ſein— abgeſehen davon, daß man immer Verdruß und Aerger in Hülle und Fülle dadurch hat.“ „Aerger und Verdruß? in Gottes Namen,“ ſagte Hohen⸗ berg;„die gehören nun einmal dazu, wie Senf und Pfeffer zum Salat, der ohne das gar nüchtern und kalt ſein würde. Aber was verſtehſt Du denn eigentlich unter unbequem?“ „Etwas, das mich ſtört und mich von den Gedanken ab⸗ bringt, die ich haben mögte und ſollte.“ „Und darf man in dieſe Gedanken eingeweiht werden, oder ihrer Richtung folgen?“ „Warum nicht?“ entgegnete Sigismund ernſt;„ſie ſind ſehr einfach und natürlich. Morgen werd' ich einundzwanzig Jahr alt; ſeit anderthalb Jahren ſoll ich ſtudiren, und habe nichts gethan, gar nichts! Nämlich, ich hab' viel getrunken, viel geſpielt, viel Schlägereien gehabt, und die Univerſitäten ſind gewiß dazu auf der Welt, daß man das Alles aufs Gründlichſte treibe! Hat man's aber achtzehn Monat getrie⸗ ben, ſo wird man's überdrüſſig und das iſt jezt mein Fall. Von morgen an wird gearbeitet.... und zwar eiſern.“ „Da Du Dich entſchloſſen zu haben ſcheinſt, vor der Zeit ein Philiſter zu werden“— ſagte Hohenberg ärgerlich, der ſeit drei Jahren auf Univerſitäten nichts trieb, als— nichts; „ſo wäre es viel paſſender, dächte ich, auf dem Zellerſchen Ball geſetzt und artig in Deine vita nova überzugehen, als dieſe Nacht mit Wein und Karten zu durchſchwärmen.“ „Aus dem Philiſter wird nichts, mein Junge!“ rief Si⸗ gismund luſtig;„aus dem geſetzten Leben mach' ich mir nichts, aber aus dem tüchtigen viel. Und ich ſage Dir ja, es wäre mir unbequem, in meinen ernſthaften und arbeit⸗ ſamen Projecten durch irgend ein Paar ſchwarze Augen ge⸗ ſtört zu werden.“ „Paperlapapp!“ ſagte Friedrich;„die Augen thun's halt nicht! Haſt Du Dich doch tapfer gegen die von Tosca Beiron vertheidigt.“ „Iſt er nicht poſſirlich mit ſeiner ewigen Tosca Beiron!“ rief Sigismund und lachte. „Poſſirlich?“ entgegnete Friedrich gelaſſen;„mit nichten, mein Alter, nur beſtändig! und hauptſächlich.... beſtändig im guten Geſchmack.“ Sigismund erröthete und fuhr auf:„Ein Geſchmack, der mir zuſagt, ſo oder anders, iſt gut.“ „Charmant! charmant!“ erwiderte Friedrich noch ruhi⸗ ger,„daſſelbe meinte ich ja auch nur. Und übrigens wollt' ich Dich nur aufmerkſam machen, daß Du Dich vor über⸗ mächtigem Einfluß ſchöner Augen nicht ſehr zu hüten brauchſt. Du verſtehſt den Zauber zu brechen. Wenn ich bedenke, in welche Ekſtaſe Du vor ungefähr acht Wochen, hier, zu dieſer Stunde und in dieſem Saal gerietheſt, als Du zum erſten Mal Tosca Beiron ſaheſt— „Wahrhaftig, da iſt er wieder mit ſeiner Tosca!“ rief Sigismund und brach in ein ſo fröhliches Lachen aus, daß Hohenberg augenblicklich einſtimmte, und Friedrich ſelbſt lä⸗ cheln mußte, als er ſeinen Satz zu Ende ſagte: „Und jezt Deine Gleichgültigkeit gegen ſie damit vergleiche, ſo beruhigt mich das ganz ungemein über Deine ferneren Herzensſchickſale.“ „Falſch! falſch! mein Junge!“ ſagte Sigismund noch immer lachend.„Damals wußte ich nicht, daß ſie blaue Au⸗ gen habe. Blaue Augen... ſiehſt du— die kann ich nicht vertragen. Dabei fällt mir immer der alte Spruch ein: Blaue Augen ſind lieblich, aber ſehr betrüglich.“ „Und den von den braunen kennſt Du nicht? Braune Augen ſind hübſch, aber tückſch.— Chancen giebt's immer, und Sonne und Mond haben ihre Nachtſeite. Graue Augen haben auch ihre Meriten, aber nicht die der Schönheit, ſon⸗ — 227— dern der Tugend; denn von ihnen heißt's: Graue Augen ſind gräulich, aber ſehr getreulich.“ „Gefallen mir auch nicht ſonderlich!“ rief Sigismund. „Da bleibt's denn ſchon für mich bei den ſchwarzen Augen, welche von keinem Sprüchlein weder geprieſen noch getadelt werden. Aber es bleibt bei ihnen auf meine Weiſe. Kennt Ihr das bairiſche Schnoderhüpfeln?“ „Nein,“ antwortete Friedrich verwundert. „Das lautet ſo,“ ſprach Sigismund und ſang: „Gelt, Du Schwarzaugeli, „Gelt für Di tauget i, „Gelt für die wär' i recht—— „Wann i Di mögt!“ „Kellner! eine Flaſche Champagner!“ Einige Stunden ſpäter überſahen Tosca Beirons blaue Augen mit einem Blick die ganze Geſellſchaft im Hauſe ihres Schwagers, und ſenkten ſich betrübt zu Boden— denn Si⸗ gismund Forſter war nicht da. Sie beſchloß, um jeden Preis den Grund ſeiner Abweſenheit zu erfahren, und da fiel ihr nichts Beſſeres ein, als geradezu Friedrich zu fragen. Der hatte ihn bei ihrer Schweſter eingeführt, folglich mußte der mit ihm in Verbindung ſein und ihr Antwort geben können. Als ſie mit Friedrich einen Walzer tanzte, ließ ſie alle Tänzer mit irgend einer kleinen Anmerkung die Revue pafſiren und ſagte dann plötzlich, als bemerke ſie jezt erſt ſeine Abwe⸗ ſenheit: „Aber wo iſt denn Herr Forſter? meine Schweſter ſagte mir, er ſei eingeladen. Er iſt doch nicht krank? Er iſt ein ſo guter Tänzer, wenn er tanzt!“— ſetzte ſie hinzu, als wolle ſie damit ihre Theilnahme entſchuldigen und erläutern. „Er iſt allerdings nicht ganz wol,“ erwiderte Friedrich, der dieſe kleine Unwahrheit auch ſchon gegen den Profeſſor Zeller ausgeſprochen hatte, weil Sigismund dadurch ſein Nichtkommen entſchuldigte. „Und wol ſchon ſeit längerer Zeit?“ fragte Tosca. „Nein... ganz plötzlich.... heut; Mittag.“ „Er ſah doch ſchon vorgeſtern, als ich Ihnen begegnete, recht blaß aus.“ „Ach ja, ich erinnere mich.... es iſt wol ſchon ſeit vor⸗ geſtern!“ ſagte Friedrich ein wenig verlegen, weil er nicht recht wußte, welchen Charakter er dieſer improvifirten Krank⸗ heit geben ſolle. „Sie ſagen mir nicht die Wahrheit,“ rief Tosca ſchel⸗ miſch,„denn Sie ſehen ganz verlegen dazu aus! Bitte, wes⸗ halb hat Herr Forſter nicht herkommen wollen?“ „Nicht wollen? ach, der Arme! er kann ja nicht! Er hat ja den ganzen Tag zu Bett gelegen...—— „So? den ganzen Tag? Sie ſagten doch eben— heut Mittag, ganz plötzlich.“ „Gnädiges Fräulein, ich werd' Ihnen die Wahrheit ſa⸗ gen,“ betheuerte Friedrich ernſthaft.„Er iſt allerdings un⸗ wol, und dann iſt morgen ein wichtiger Tag für ihn, ſein Geburtstag, an welchem er ſich zu allerlei guten Entſchlüſſen von Studien und ſolidem Leben feſt und ſtark machen will. Daher begreifen Sie gewiß, daß er den letzten Abend dieſes Jahres nicht unter Tanzmuſik hinzubringen wünſchte.“ „O, das begreif' ich!“ entgegnete Tosca ſanft und nach⸗ denklich. Hätte Friedrich ihr geſagt, daß Sigismund den Champagner mit einigen guten Freunden den tüchtigen Ent⸗ ſchließungen weniger hinderlich finde, als den Ball beim Pro⸗ feſſor Zeller, ſo würde ſich Tosca's Theilnahme bedeutend ab⸗ gekühlt haben. Aber das mußte er aus Rückſicht für den Profeſſor verſchweigen. Sie fragte weiter und mehr nach Sigismund. Sie erfuhr, daß ſein Vater Präſident in Pader⸗ born, daß er ſelbſt der Aelteſte von fünf Geſchwiſtern ſei. Jede Aeußerung Friedrichs intereſſirte ſie tief: daß Sigismund ſo ausgelaſſen luſtig ſei, und dann wieder ſo ernſt; ſcheinbar ganz hingeriſſen, ganz beherrſcht, und dann plötzlich eiſern feſt. Zuletzt erſchrak ſie vor ihrer gar ſo großen Aufmerk⸗ ſamkeit, und wandte das Geſpräch, allein ihre Gedanken blie⸗ ben bei Sigismund. Sie blieben es den ganzen Abend und die ganze Nacht. Dieſer ungewöhnliche Ernſt bei einem ſo jungen und muntern Mann geſiel ihr außerordentlich, und daß er krank war, that ihr ſo leid!— Er war freilich nicht krank, und der Cham⸗ pagner ſchmeckte ihm ſehr gut; doch davon hatte ſie keine Ah⸗ nung. Ihr Herzchen ſchlug für den Sigismund, den ſie ver⸗ ſtand.— Sie erwachte ganz früh am Neujahrsmorgen, und mit dem Gedanken an ihn. Daß er krank, und heut an ſei⸗ nem Geburtstag ſo allein ſei, und daß vielleicht Niemand daran denke, ihm an dieſem doppelten Feſttag Glück zu wün⸗ ſchen oder ihm eine kleine Freude zu bereiten, ſiel ihr ſchwer aufs Herz. Sie ſtand auf. Es war noch ganz finſter, und nur das letzte Viertel des Mondes warf einen matten Schim⸗ mer über die ſchneebedeckte Straße. Sie öfnete die Vorhänge und blickte auf die leichtgefrornen Fenſterſcheiben. Nach einem alten Glauben kann man am Neujahrsmorgen aus den phan⸗ taſtiſchen Zeichnungen, welche der Froſt auf die Scheiben ge⸗ haucht hat, den Inhalt des kommenden Jahres ſich prophe⸗ zeien.„Blumen und nichts als Blumen!“ ſagte ſie halb⸗ — 30— laut;„das iſt eine gute Vorbedeutung.“ Von den C Eisblumen glitt ihr Auge auf die wirklichen, die im Fenſter blühten; auf Tazetten, Hyazinthen, auf die ſchöne zarte Theeroſe, auf die prächtige dunkelrothe Camelia. Blumen ſind lieblich— und beſonders am Geburtstag! dachte ſie, und pflückte haſtig die Theeroſe ab; nur ſchickt es ſich wol nicht, daß ich ihm einen Strauß ſendel Er wird aber nicht erfahren, von wem er kommt, und ganz heimlich darf ich mir doch wol die Freude machen, die Blumen in einen Glückwunſch zu verwan⸗ deln!... Und was fing' ich jezt an mit der Roſe, die nun mal abgepflückt iſt, wenn ich ſie nicht verſchenkte?— Sie brach noch einige Blumen ab, ſie miſchte ſie graziös mit Wintergrün und Erika, die Theeroſe in der Mitte— und der lieblichſte Strauß war fertig. Mit klopfendem Herzen und zitternden Händen legte ſte ihn auf den Tiſch. Ob ich ihn nicht lieber der Mama gebe? aber die Mama iſt ganz wol, Gottlob! dachte ſte; und einem Kranken machen Blumen ſo viel Freude! Das weiß ich noch, als ich vorigen Winter die Maſern hatte, und die erſten Veilchen bekam. Sie rief ihre Kammerjungfer; ſie nannte ihr Hausnummer und Straße, wohin die Blumen gebracht und ſchweigend abgegeben werden ſollten. Das Mädchen rief auf der Straße den erſten beſten kleinen Buben heran, und verſprach ihm zehn Kreuzer, wenn er den Strauß pünktlich da und da abliefern wolle. Der Knabe verſprach es freudig, gab den Strauß an Sigismund ſelbſt ab, und empfing dankbar ſeine Belohnung. Tosca fühlte ſich beängſtigt, als ſte die Gewißheit hatte, ihre Blumen wären nun in ſeinen Händen. Ihr einziger Troſt war der, daß er nie erfahren könne, von wem ſie kämen, und daß fie ihm doch vielleicht eine kleine Freude gemacht hätten. Sigismund empfing den Strauß mit einigem Erſtaunen. Zuerſt unterſuchte er, ob nicht etwa ein Billet ihm ſage, von wem. Aber nichts! Dann, ob der Strauß nicht mit irgend einem bekannten Bande gebunden ſei. Wieder nichts! Er war durch eine Epheuranke zuſammengeſchlungen. Er be⸗ trachtete die Blumen ſo aufmerkſam, als ob ſie ihm einen Namen nennen könnten— und ſiehe da! als er die Theeroſe erblickte, fuhr es ihm durch den Kopf: Tosca Beiron!— Als er ehedem unter ihrem Fenſter dahin ging, hatte er zu oft dieſe Blume bemerkt, um jezt nicht die Zuſammenſtellung zu machen.„Oho!“ rief er,„von ihr iſt der Strauß! von ihr! Wie kommt ſie dazu, ſo— zudringlich zu ſein, ſie, die Hochfahrende! die Uebermüthige! O Tosca Beiron, ich habe geſagt, Deinen Kuß wollt' ich nicht;— aber auch Deine Blumen will ich nicht.... ſiehſt Du— ich mag Dich nicht leiden, weil.... Du blaue B haſt; luziferiſche Augen! und weil Du eine vornehine Närrin biſt.— Er riß den Strauß auseinander, und ließ die ſchönen, von Tosca ſo zärt⸗ lich gepflegten Blumen auf dem Tiſch liegen. Er ſann darüber nach, wie er ihr beibringen ſolle, daß er ihr Geſchenk verachte. Einige Freunde ſtörten ihn in ſeinen Meditationen. „Sieh' da! Sigismund unter Blumen, wie ein Früh⸗ lingsgott!“ rief der Eine. „Und welche Flora hat Dich denn mit ihren Gaben über⸗ ſchüttet?“ fragte der Andre. „Ja, ja! die Weiber kommen uns immer mit Aufmerk⸗ ſamkeit zuvor;“ ſprach der Dritte.„Kaum graut der Tag und wir ſind bei Dir.... aber eine Frau hat Dir ſchon frü⸗ her ihren Glückwunſch in einem bedeutungsvollen— gelt, ſehr bedeutungsvollen Selam ausgeſprochen.“ — 32— „Nunl! heraus damit! wer iſt dieſe Flora? nur keine Ge⸗ heimnißkrämerei, Sigismund! Nun? Du wirſt doch nicht den Verſchwiegenen ſpielen wollen?“ riefen ſie durcheinander. „Ich kann nichts verſchweigen, denn ich weiß nichts,“ antwortete Sigismund kurz. „Holla! holla! wer Dir das glaubt!“ „Die Verſchwiegenheit iſt eine vortrefliche Eigenſchaft den Weibern gegenüber;— aber den Freunden?“.... „Wenn ich ſage, daß ich nichts weiß,“ entgegnete Sigis⸗ mund noch beſtimmter,„ſo dürft Ihr Euch auf mein Wort verlaſſen: ich weiß nichts.“ Sigismund war heftig und leidenſchaftlich wie ein Jüng⸗ ling, und ungezogen wie ein Knabe; aber inſolent— faſt hätte ich geſagt: wie ein Mann,— war er nicht; und unter keiner Bedingung hätte er weder Tosca's, noch irgend einen unbeſcholtenen Namen genannt, oder auch nur errathen laſſen. „Für die große Verſchwiegenheit, die Du an den Tag legſt, Freund Sigismund, behandelſt Du aber dies pretium affectionis ſehr ſchlecht, indem Du es ſo herumliegen läßt”“— ſagte der Eine, raffte die Blumen zuſammen und ſtellte ſie— in einen Fidibusbecher. O arme Tosca! dieſer Platz, und von fremder gleichgül⸗ tiger Hand ihren Blumen gegeben!— „Da ich nicht weiß, von wem ſie kommen, ſo ſind ſie mir gleichgültig,“ antwortete Sigismund. „Auf Ehre, lieber Bruder?“ „Gleichgültig! auf Ehre!“ ſagte er. „Da dürften wir uns wol die Blumen theilen?“ fragte der Andre, noch immer mißtrauiſch und wie um Sigismund zu prüfen. — 33— „Meinetwegen!“ erwiderte der;„wir wollen ſie unter uns theilen, ich nehme die Roſe.“ O arme Tosca! im Nu wurden die Blumen aus dem Fidibusbecher herausgeriſſen und in das Knopfloch von jungen, ihr wildfremden Leuten geſteckt. Dann ſprachen ſie von an⸗ dern Dingen. Gegen Mittag ging Sigismund aus. Könnte ich ihr doch die Lehre geben, dachte er, daß es ſich ganz und gar nicht für ein vornehmes Mädchen ſchickt, ſo dem Erſten Beſten einen Blumenſtrauß, und um nichts und wieder nichts zu ſenden.— Er ging vor ihrem Hauſe vorbei und trug die Roſe im Knopfloch. Tosca ſaß wie gewöhnlich am Stick⸗ rahmen im Fenſter, während verſchiedene Perſonen mit Neu⸗ jahrsglückwünſchen um den Sopha ihrer Mutter verſammelt waren. Sie beachtete nicht deren Geſpräch; ſie dachte an ihre Blumen und an Sigismund. Da erkannte ſie ihn und ihre Roſe. Ihre Augen leuchteten auf, ein glänzendes Roth flammte wie ein Blitz über ihr ſchönes Geſichtchen. Er trug die Roſe, alſo freute er ſich ihrer. Er blickte nicht herauf, alſo ahnte er nicht, daß ſie von ihr komme; oder wenn er es ahnte?— ſo wollte er ſie auf keine Weiſe in Verlegenheit ſetzen. Sie wußte ihm tiefen Dank, daß er ſie nicht grüßte. Er hatte ſie ſehr gut bemerkt; doch mit raſcheren Schritten ging er vorbei und auf ein hübſches Frauenzimmer zu, das ihm entgegen kam. Es war ſeine Hauswirthin, die Frau eines Buchbinders, für die er immer ein halb ſcherzendes, halb verbindliches Wort hatte. Er kehrte mit ihr um, er ſtattete ihr ſeinen Glückwunſch ab, er ſagte, er habe ihr nichts Beſ⸗ ſeres zu bieten, als dieſe Roſe, und darum müſſe ſie ſie neh⸗ men. Die hübſche Frau ſagte, ſie nehme ſie ſehr gern, denn S. Forſter. 3 — 32— eine Theeroſe ſei etwas Seltenes. Sigismund gab ſie ihr. Tosca ſaß ein Paar Minuten ganz verſunken in ihre heimliche Freude da, und blickte noch immer auf die Straße hinab. Da fuhr ſie zuſammen; Sigismund kam zurück, ohne die Roſe. Eine hübſche Frau ging neben ihm, und die hatte ſie in der Hand. Tosca erbleichte und konnte die Augen nicht abwen⸗ den. Sigismund ſprach lebhaft mit jener Frau. Grade als er unter Tosca's Fenſter war, blickte er raſch mit einer ſtolzen Wendung des Kopfes zu ihr auf, und grüßte ſie tief, aber mit einem eiſigen Ausdruck. Dann ging er weiter mit ſeiner Gefährtin. Tosca erwiderte nicht den Gruß. Er weiß Alles, und er verachtet mich! blitzte es ihr durch den Sinn. Sie ſprang auf, ging in ihr Zimmer, kniete nieder und weinte bitterlich.— Sigismund ſchloß ſich den ganzen Tag in ſeinem Zimmer ein. Nachmittags klagte die Generalin Beiron über Kopfweh und Uebelbefinden. Gegen Abend geſellte ſich ſtarkes Fieber dazu. Profeſſor Zeller ward gerufen; er ſprach ſeine Beſorg⸗ niß vor einem Nervenſieber aus, und that Alles, um ihm vorzubeugen. Umſonſt! nach drei Wochen ſtarb Frau von Beiron. Tosca hatte ihre Mutter mit unglaublicher Treue und Ausdauer gepflegt, alle Nächte bei ihr durchwacht. Nach ihrem Tode brach die Kraft des jungen Mädchens zuſammen. Nicht daß ſie von einer großen Krankheit befallen wurde! das wäre beſſer geweſen, meinte der Profeſſor Zeller; ſie wurde nervenkrank. Ihr fehlte nichts, aber ſie verblühte ſichtlich und ihr ſonſt ſo fröhlicher Sinn war wie zerknickt. Sie klagte nie. Fragte man ſie um ihre Krankheit, ſo antwortete ſie nur: Ich bin nicht krank, aber ich gräme mich. Suchte man ſie zu zerſtreuen, ſchlug man ihr Geſellſchaft und Bälle vor, die ſie ſonſt ſo ſehr geliebt, ſo gerieth ſie in die heftigſte Bewegung und bat dringend, ſie damit zu verſchonen. Sie verließ nicht das Zimmer. So verging der Winter und ein Theil des Frühlings. Im Mai trat der General eines Tages in ihr Zimmer und ſagte: „Tosca, übermorgen reiſen wir nach der Schweiz, Du ſollſt erſt in Gais die Molken⸗ und dann am Leman die Traubenkur brauchen.“ „Gott ſegne Dich, Papa!“ rief Tosca jubelnd;„nun werd' ich geſund!“ Als Tosca Beiron im Herbſt blühend und friſch, fröhlich und ſchön nach Bonn zurückkam, war Sigismund Forſter nicht mehr dort. 2. Unter den Linden. Eine lange Reihe von Jahren lag dazwiſchen.— Es giebt Momente, in denen wir Jahre verſchwenden; es giebt Jahre, die uns in der Erinnerung zu Momenten zuſammen⸗ ſchrumpfen. Wie wir fie durchleben— ob arm, ob reich: 3* — 36— das nimmt oder giebt ihnen Gewicht. Als ein Kröſus ſich zu fühlen, im königlichen Pomp des Daſeins, überſchüttet mit allen Kronen des Lebens, ſeien ſte von Dornen, oder von Roſen, oder von Diamanten, oder von Lichtſtralen— das preßt die Eſſenz des Lebens in flüchtige Augenblicke zuſammen, die durch ihren Inhalt unermeßlich werden. Oder als ein Arbeiter ſich zu fühlen, der pünktlich ſeine Aufgabe erfüllt und dafür ſeinen Lohn empfängt, von einem Tage zum an⸗ dern, heute wie morgen, und der ſich etwa nur Sonntags ein kleines Vergnügen bereitet, recht blaß, recht ſteril, ohne lange Vorfreude, ohne längeren Nachhall— das dehnt das Leben aus, ohne es zu erfüllen, und verwandelt lange inhaltloſe Epochen in ſchnellvergeſſene Augenblicke. Hier iſt das Daſein wie ein Goldfädchen, das dünn, dünn und immer dünner, bis zur Unſcheinbarkeit und Unhaltbarkeit fortgezogen wird; dort ein Goldbarren.... ſo prächtig, ſo ſchwer, häufig zu ſchwer. So iſt das Leben eingerichtet: am Ueberfluß oder am Mangel leidet der Menſch. Es war in Berlin am Neujahrstag. Im erſten Stock⸗ werk eines hellgrauen Hauſes unter den Linden, an der Ecke der Kirchgaſſe, ſaß ein noch junger Mann am Schrebbtiſch und ſchrieb. Vor ihm lag ein Brief von Frauenhand; er blickte zuweilen hinein, lächelte und ſchrieb weiter. Zuweilen legte er die Feder hin, lehnte ſich zurück und verfiel in Nach⸗ finnen. Die Mittagsſonne glänzte hell ins Zimmer hinein. Es ſah ſehr freundlich, ſehr wolgeordnet aus, ebenſo entfernt von Confuſton, als von übertriebener Zierlichkeit. Kiſſen in Tapiſſerie genäht, lagen auf dem Sopha; an den Wänden hingen einige hübſche Lithographien, Blumen ſtanden in den Fenſtern. — 37— Ein Wagen hielt vor dem Hauſe, und eine Dame ſtieg aus, begehrte mit der Beſitzerin deſſelben zu ſprechen, und hatte eine lange Unterhaltung mit ihr. Der Schluß davon war, daß die Dame ein wenig ungeduldig ſagte: „Nun, ſo werde ich ſelbſt den Herrn darum bitten müſſen! Sein Sie ſo gut, mich bei ihm zu melden.“ Die Hauswirthin ging voran, die Dame folgte ihr auf dem Fuß, und während ſie die Treppe heraufſtieg, fragte ſie ein wenig beſorgt: „Der Herr raucht wol ſehr ſtark?“ „Gar nicht, gnädige Frau,“ lautete die beruhigende Ant⸗ wort der Hauswirthin, welche eben das Zimmer nach raſchem Anpochen haſtig öfnete, und hineinſprach: „Herr Regierungsrath, die Frau Generalin von Beiron wünſcht Sie zu ſprechen.“ Der Mann machte eine lebhafte Bewegung, griff mecha⸗ niſch nach der Brille, die neben ihm auf dem Schreibtiſch lag, und ſetzte ſie auf, indem er ſich erhob. Heutzutag hat ein Mann über dreißig Jahr entweder eine kahle Platte, oder er trägt eine Brille. An dieſen Wahr⸗ zeichen ſind die Söhne unſers Jahrhunderts zu erkennen. Wem ſie fehlen, der gehört, mit ſeltnen Ausnahmen, den letzten Tagen des vergangenen an. „Da iſt der Herr Regierungsrath Forſter,“ ſagte die Hauswirthin zu der Dame. Tosca Beiron und Sigismund Forſter ſtanden ſich gegen⸗ über. Er erkannte ſie auf der Stelle. Er wunderte ſich, daß ſie den Namen trug, den einſt ihre Mutter getragen, aber er war nicht einen Augenblick in Zweifel. Sie hatte die ganze Eigenthümlichkeit ihrer Phyſiognomie behalten: ihre — 38— beherrſchenden Augen, ihr reizendes Lächeln, ihre unbefangene ſtolze Haltung; auch ihre Züge waren dieſelben, nur ausge⸗ prägter, ſchärfer, der Mund vielleicht etwas zu groß und die Stirn an den Schläfen nicht mehr ganz friſch. Mit einem Blick überſah es Sigismund. Von Kopf zu Fuß war ſie in violetten Sammet gekleidet, und in der Hand hielt ſie einen großen Strauß der allerſchönſten Frühlingsblumen. Sie ſah magnifik aus, als ſie ſo mitten in dem ſonnenerleuchteten Zimmer ſtand. Sie erkannte ihn nicht; oder vielmehr— ſie dachte nicht daran, ihn zu erkennen. Sie hatte jezt andere Gedanken, als ihn. Und überdies war Sigismund auch nicht mehr der ſchöne heitere Jüngling aus Bonn. Heutzutag iſt das Leben eines Mannes, der ſeinen Weg auf ganz gewöhn⸗ lichem Wege machen muß, und darin durch keine allmächtige Protektionen und Connexionen unterſtützt, oder durch keine ganz überwältigende Talente gehoben wird— anſtrengend und mühſelig. Und Anſtrengung zerſtört die Schönheit— die Schönheit der Züge, die des Ausdrucks nicht. Sigismund hatte ſcharfe Züge, und ſah ernſt und kalt aus, kalt ſogar, wenn er verbindlich ſprach und lächelte. Die Schmarre, welche ihm einſt Hohenberg auf der linken Wange beigebracht, war durch einen ſtarken dunkeln Bart bedeckt. Seine Augen. hätten vielleicht die Strenge des Geſichts mildern können; aber die Brille verdarb ſie, wie zu ſtarker Firniß den Eindruck des ſchonſten Oelgemäldes ſchwächt. Bei dem Allen war etwas Feſtes und Klares in dem Geſicht, etwas, das Ver⸗ trauen weckte, und als er mit feſter und tönender Stimme, und ſich verbeugend, zu Tosca ſagte: „Was verſchafft mir die Ehre, Sie hier zu ſehen, gnä⸗ digſte Frau?“ — 309— Da entgegnete ſie zuverſichtlich: „Die Hofnung, daß Sie mir eine große, eine übergroße Bitte nicht abſchlagen werden.“ Sie ſetzte ſich und fuhr fort, als er ſie ſchweigend und erwartungsvoll anſah: „Mit zwei Worten: ich wünſchte, daß Sie mir dieſe Ihre Wohnung abtreten und dafür die im zweiten Stockwerk, welche ihr ganz ähnlich iſt, nehmen mögten. Meinethalben würde ich weder Sie noch irgend Jemand mit dieſer Bitte beläſtigen; ob ich eine Treppe oder drei ſteige, iſt mir einerlei, und eben ſo, ob mein Zimmer nach Süden oder nach Norden liegt. Aber mein Mann iſt krank, ſehr krank; jeder Schritt wird ihm ſchwer, und mit der, den meiſten Kranken eigenen Laune behauptet er, grade dieſe Wohnung, eine Treppe hoch, Südſeite, und in der wir ſchon vor einigen Jahren gewohnt haben, ſei ihm die bequemſte, ja mehr! die heilſamſte in ganz Berlin. Wir wohnen in Britiſh Hotel; es hat dieſelbe Lage, allein das Geräuſch des Gaſthofs iſt ihm unerträglich. Da drüben iſt ein Haus ganz zu unſrer Dispoſition; er behaup⸗ tet, durch die Lage nach Norden wären die Zimmer in Keller verwandelt. Auf der ganzen Südſeite der Linden iſt in kei⸗ nem Privathauſe eine Miethwohnung frei, außer hier im zweiten Stockwerk— und die Linden.... verlaſſen Fremde ſo ungern— „Gnädige Frau,“ ſagte Sigismund,„dieſe Wohnung ſteht Ihnen ſofort zu Befehl.“ „O Sie ſind gütig!“ rief ſie lebhaft. „Es iſt mir, wie Ihnen, vollkommen einerlei, gnädige Frau, wie viel Stufen ich zu meinem Zimmer zu ſteigen habe,“ ſagte er ruhig. — 40— „So freut es mich doppelt, daß Sie kein Opfer zu brin⸗ gen haben, indem Sie den Wunſch eines beklagenswerthen Kranken erfüllen,“ entgegnete ſte ſanft.„Und wann würden Sie, ohne allzu unbequeme Uebereilung, dieſe Wohnung ver⸗ laſſen können?“ „ Das Zelt eines einzelnen Mannes iſt eben ſo leicht ab⸗ gebrochen als wieder aufgeſchlagen, gnädige Frau, und ich werde es heute und ſogleich thun.... denn Ihr Herr Gemal mag ſchon ungeduldig ſein.“ Tosca ſtand auf und machte eine Bewegung, als wolle ſie ihm die Hand geben; aber, ſich beſinnend, drückte ſie beide Hände gefaltet vor die Bruſt und ſagte mit großer Herzlichkeit:— „Ach, daß Sie es thun würden, wußt' ich wol, aber wie— das konnt ich freilich nicht ahnen.“ „Und dürfte ich fragen,“ entgegnete Sigismund lächelnd, „was Ihnen im Voraus die Gewißheit meines Gehorſams gab?“ „O mein Herr!“ rief Tosca lebhaft,„die Außergewöhn⸗ lichkeit meiner Bitte! eine ſo extraordinäre Inſolenz von mei⸗ ner Seite muß durch einen ſehr gewichtigen Grund motivirt und entſchuldigt werden— und das wird der begreifen, dem ich meinen Wunſch ausſpreche, und ihm willfahren;— ſo dacht' ich. Allein, das Wie liebenswürdig zu finden.... darauf durft' ich nicht rechnen.“ Sie ging der Thür zu, ſtand ſtill, ſah ſich rings im Zimmer um und ſagte: „Ach, es iſt freundlich hier! Sie haben hier gewiß manche angenehme Stunde, manchen lieben Augenblick verlebt, und wir verjagen Sie unbarmherzig, und machen Ihnen gar — 11— heute den Feſttag zu einem recht unbequemen Werktag. Nun, ich danke Ihnen aus voller Seele! Ein warmer aufrichtiger Dank bringt mehr Segen, als alle Neujahrsglückwünſche.“ „Das glaub' ich gern, gnädige Frau,“ entgegnete Sigis⸗ mund und begleitete Tosca bis zur Treppe. Dann kehrte er ins Zimmer zurück, trat ans Fenſter und ſah ſie in den Wagen ſteigen, der die Linden herauf fuhr. Ihm war leicht ums Herz, ſo, als habe er die knabenhafte Ungezogenheit von Bonn gut gemacht. Und wie ſie ſchön iſt, wie beherrſchend durch Blick und Haltung! dachte er, als er ihr nachblickte; eine prächtige Erſcheinung— ganz, wie ſie zu werden ver⸗ ſprach.— Neben dem Stuhl, auf welchem Tosca geſeſſen, lag eine Tazettenblüte, wie ein kleiner goldener, aus dem Himmel auf die Erde gefallener Stern. Sigismund hob ſie auf und legte ſie in ſein Portefeuille. Dann begann er ſeine Ueberſiedelung. Damit verging der Tag. Am Abend ſaß Sigismund im Zimmer des zweiten Stockwerks am Schreib⸗ tiſch, um den Brief zu beenden, bei dem er durch Tosca's Eintritt geſtört worden war. Drei Seiten waren beſchrieben. Auf die vierte ſchrieb er: „Ich bin unterbrochen worden, liebe Agathe. Aber es „thut nichts, denn ich hoffe nächſtens auf ein Paar Tage nach „Magdeburg kommen zu können, und da holen wir mit Plau⸗ „dern nach, was ich heut mit Schreiben verſäumen mußte. „Dieſe Ausſicht macht Deine lieben freundlichen Augen noch „freundlicher— nicht wahr? Gott ſegne dieſe lieben Augen, „meine Agathe, damit ſie nichts als Freude, Glück und Liebe „auf der Welt ſehen, und mir ins Herz blicken mögen“ S. F. Dreiviertel des letzten Blatts blieb unbeſchrieben. Sigis⸗ mund couvertirte den Brief und trug ihn ſelbſt auf die Poſt. * — 42— Er ging an Britiſh Hotel vorüber und ſah zu einigen hell⸗ erleuchteten Fenſtern im erſten Stockwerk empor. Da wohnt ſie gewiß, dachte er, und mit einem kranken Mann!— Ihm fiel ein, daß es grade zwölf Jahre waren ſeit jenem Tage in Bonn, wo er ſie ſo muthwillig gekränkt, und zum letzten Mal ihr ſchönes Geſichtchen, aber erbleichend und traurig, zwiſchen den Blumen im Fenſter geſehen hatte. Am Abend ſpät war er wieder vorbei gegangen, und mehrmals auf und ab; ſeine Ungezogenheit that ihm gar ſo leid! Er wünſchte glühend, ſie gut zu machen, Tosca um Verzeihung zu bit⸗ ten.... aber er ſah ſie nicht mehr, nie wieder. Ihre Mutter ſtarb, ſie erkrankte, ſie reiſ'te; er trauerte mit ihr, um ſie. Wie ein Meteor, das man ein Mal ſieht und nimmer wie⸗ der, ſo war ſie aus ſeinem Horizont verſchwunden. Jahre lang dachte er an ſie. Wenn er eine ſchöne Blondine ſah, ſo flüſterte eine Stimme ganz heimlich in ihm:„Faſt ſo ſchön wie Tosca Beiron.“ Großer Schmerz kam über ihn, ſein Vater ſtarb und hinterließ ſeine Familie unbemittelt. Es folgten eiſerne Zeiten voll Sorge und Anſtrengung. Durch Schmerzen und durch Mühen mußte er ſich kämpfen, und er that es. Die Seinen blickten mit Hofnung und Liebe auf ihn. Er war ihr Troſt, ihre Zuverſicht, ihre Freude. Und ſo ging es ihm denn allmälig beſſer, und zuletzt gut. Jezt hatte er im Hauſe ſeiner Schweſter, die in Magdeburg mit ſeinem Univerſitätsfreund Friedrich verheirathet war, ein jun⸗ ges Mädchen kennen gelernt, das er herzlich lieb hatte. Er war mit ihr verlobt, im Frühling wollte er ſie heirathen. Toscas Bild war erſt blaß und nebelhaft in ihm geworden, dann verſchwunden, wie eine Todte im Grabe. Das Leben rauſcht darüber hin, und deckt es zu, und nimmt uns ſo in — 43— Anſpruch, daß wir nicht Zeit haben, an unſre Todten zu denken. Ständen ſie aber auf aus ihrem Grabe, in ihrer alten Schönheit, mit ihrer alten Macht, ſo würden ſie uns wieder beherrſchen, wenn ſie uns je beherrſcht haben; denn begraben können wir viel, aber tödten nichts. Solche Bilder glitten an Sigismund vorüber, als er durch die Straßen ging. Er verſuchte an die Zukunft zu denken, aber magnetiſch zogen ihn die Gedanken in die Vergangenheit zurück.„Agathe, zu Dir!“ ſagte er halb⸗ laut.—— Am andern Morgen gegen zehn Uhr nahm der General Beiron die Wohnung in Beſitz, welche Sigismund verlaſſen hatte. Zwei Diener trugen ihn aus dem Wagen die Treppe hinauf; er hatte die Bruſtwaſſerſucht. Ein junger Mann, der ſchon zwei Stunden früher in Begleitung von Handwer⸗ kern und Trägern mit vielen Meublen und Geräthſchaften gekommen war, empfing ihn und Tosca, und ſagte: „Ich hoffe, lieber Onkel, daß Sie ziemlich zufrieden mit meinen Anordnungen ſein werden, und daß meine ſchöne Tante ein andres Wort, als ein ſpöttiſches für mich hat.“ „Mein guter Ignaz, ich danke Dir!“ ſagte der General freundlich, und gab ihm die Hand. „Das wollen wir ſehen, Ignaz,“ ſagte Tosca und ging durch die Zimmer. Nach zwei Minuten kam ſie wieder und ſagte lachend: „Ich muß Sie loben, mein Ignaz! in allen Zimmern iſt etwas ganz Weſentliches vergeſſen. Hier im Salon ein Schachbrett⸗Tiſch, im Zimmer meines Mannes Sophapolſter, und in meinem Zimmer Blumen.“ — 4— „Sie ſehen, lieber Onkel, daß ich wirklich Recht habe, mich ein wenig über die eiſerne Unnachſichtigkeit meiner ſchö⸗ nen Tante zu grämen. Geſtern waren alle Magazine ge⸗ ſchloſſen; heute war's vis früh acht Uhr Nacht. Ich ſchmei⸗ chelte mir, in zwei Stunden geleiſtet zu haben, was in menſchlicher Kraft ſteht.... aber nein!“.... „Und abermals nein!“ unterbrach ihn Tosca;„denn Sie haben mich bis daher immer glauben machen, daß Ihnen zu meinem Dienſt mehr als menſchliche Kräfte zu Gebot ſtänden.“ „Iſt ſie liebenswürdig?“ ſagte der General lächelnd zu ſeinem Neffen. „Ach, ich bin unglückſelig!“ rief Ignaz.„Eine ſolche Aeußerung müßte mir ja wenigſtens Flügel und Zauberſtab verleihen, und ſtatt dem Allen ſteht mir nichts zu Gebot, als ein Miethwagen.... und mein guter Wille.“ „Mit dem guten Willen macht man hübſche Phraſen und weiter nichts!“ ſagte Tosca lachend. „Ich gehe ſchon, ich gehe!“ rief Ignaz;„aber geſtehen Sie, daß es hart iſt, nie ein Wort der Zufriedenheit zu hören.... wenigſtens kein directes.“ Er verließ das Zimmer. Tosca blickte ihm ſeltſam nach, und der General ſagte: „Welch ein Menſch! welch ein goldnes Herz an Treue und Ergebenheit. Warlich, er gehört nicht unſrer Zeit und unſrer Welt an.“ „Das denk' ich auch.... zuweilen,“ ſagte Tosca. Ihr Mann ſah ſie fragend an.„Ja,“ fuhr ſie fort,„mit dem Alter, glaub' ich, kommt uns der Zweifel, und ich werde älter und immer älter, und da mein' ich zuweilen, der Ignaz ſpiele Komödie.“ „Wenn er das thut,“ entgegnete der General,„ſo hat er ſich wenigſtens eine ſchöne und ſchwere Rolle gewählt.“ „O, nicht ſchwer!“ rief Tosca. Sie ſetzte ſich zu ihrem Mann, ſie nahm ſeine abgemagerte Hand in ihre weichen feinen Hände, ſie ſah ihm mit tiefer Innigkeit in das blaſſe, greiſenhafte Geſicht. „Doch! doch! mein guter Engel,“ antwortete er traurig. „Welch ein Leben führt Ihr Beide, Du und er, ſeit drei Jahren. Es iſt hart, in Eurem Alter Krankenpfleger ſein zu müſſen.“ „Für ihn vielleicht, nicht für mich, denn ich thue ja nichts weiter für Dich, als daß ich bei Dir bin.... und auch das erlaubſt Du mir ja nicht immer.“ „Gewiß nicht!“ ſagte der General eifrig;„Du mußt aus⸗ gehen, mußt mit Menſchen verkehren, mußt Dir die Welt anſehen und ihre Huldigung und Bewunderung hinnehmen. Ja, das mußt Dul dazu biſt Du geboren, und ich beſtehe vielleicht aus Egoismus darauf. Nicht als ob es mir ſchmei⸗ chelte, Dich gefeiert zu wiſſen— wie das ſo oft alten Män⸗ nern von ſchönen jungen Frauen geſchieht— ſondern weil es Deiner Eigenthümlichkeit zuſagt, ſich in bunten Kreiſen zu bewegen, weil es Dich anregt, Dich heiter ſtimmt, Dir Ge⸗ legenheit giebt, Deine Liebenswürdigkeit zu entfalten; und weil der Menſch, wenn er ſich auf ſeinem rechten Platz fühlt, zufrieden mit ſich und mit Andern iſt und Muth und Laune nicht verliert, die Du doch ſo ſehr nöthig haſt bei Deinem alten kranken Mann. Du ſiehſt, wie egoiſtiſch ich bin.“ *. ⸗. — 46— „Wie gut Du biſt,“ ſagte Tosca ſanft. Sie weinte nicht, aber die Thränen fielen ihr langſam und feſt aus den diamantnen Augen. Der General machte eine leiſe verneinende Bewegung mit dem Kopfe. „Ich kann beſſer Blut ſehen als Thränen,“ ſprach er. Tosca ſchloß einen Moment die Augen, und that ſie friſch und ſtralend auf. Er nickte ihr freundlich zu. „Sag mir,“ hub er wieder an, nachdem er ſich im Zim⸗ mer umgeſehen,„wie heißt der Mann, den wir aus dieſer freundlichen Wohnung vertrieben haben?“ „Regierungsrath iſt er,“ antwortete ſie;„die Hauswirthin nannte auch ſeinen Namen, aber, wie das bei Präſentationen immer geht, ich verſtand ihn nicht.“ „Gleichviel! ich mögte doch ſehr gern ſeine Bekanntſchaft machen. Solche Bereitwilligkeit gegen wildfremde Menſchen iſt erſtaunenswerth.“ „Das dächt' ich doch nicht,“ ſagte ſie gelaſſen. „Lieber Engel, die meiſten Leute ſcheuen weniger ein gro⸗ ßes Opfer, als eine große Unbequemlichkeit, und eine ſolche haben wir ihm doch verurſacht.“ 3 „Das iſt wahr!“ rief ſie,„ich werd' ihm zwei Worte ſchreiben.“ Sie ſchrieb:„Sie müſſen jezt die Conſequenzen Ihrer „wundervollen Güte hinnehmen, und meinem Mann die „Gelegenheit gönnen, Ihnen ſeinen herzlichen Dank aus⸗ „zuſprechen. Es würde ihn betrüben, wenn er Ihre Freund⸗ „lichkeit nur wie ein Almoſen betrachten müßte— und „mich auch. Tosca Beiron.“ Das Billet wurde herauf geſchickt, und die mündliche Antwort lautete, der Herr werde ſpäter die Ehre haben, ſeinen Beſuch zu machen. Ignaz kam zurück; Blumen, Schachbretttiſch, Sopha⸗ polſter langten auch an. Es wurde Alles geordnet, einge⸗ richtet, ſo viel wie möglich behaglich gemacht. Der General ſagte endlich: „Jezt glaube ich, daß wir den Winter hier ganz leidlich verbringen werden.“ Da gab Tosca ihre Hand an Ignaz, und ſagte mit ihrem holdſeligſten Lächeln: „Das iſt hauptſächlich Ihr Werk! ich danke Ihnen.“ Ignaz küßte dieſe Hand, aber er drückte ſie heftiger, als man bei einem Handkuß zu thun pflegt. Der General ging in ſein Zimmer; er war angegriffen, der unruhvolle Morgen hatte ihn ermüdet. Seine Nächte waren ohnehin faſt immer ſchlecht; Tags ſchlief er zuweilen im Lehnſtuhl ein. Ignaz kniete auf Toscas Fußkiſſen vor ihr nieder, als ſie allein waren, und ſagte: „Sie wiſſen, wie ein freundliches Wort, ein holder Blick von Ihnen mich beſeligt: weshalb denn geizen Sie ſo unbarm⸗ herzig damit?“ „Ich geize nicht, Ignaz, ich verſchwende nur nicht,“ ant⸗ wortete ſie ruhig, lehnte ſich im Sopha zurück und ließ ihn knien. „Tosca!“ ſagte er und ſchüttelte langſam und nachdenk⸗ lich den Kopf,„Sie ſind ſchön, Sie ſind geiſtreich, Sie ſind edel, Sie ſind liebenswürdig...“ „Ja, ja, ja! ich bin vollkommen!“ unterbrach ſie ihn. „Nein,“ entgegnete er,„vollkommen ſind Sie nicht.“ — 48— „Gott ſei Dank!“ rief ſie,„Gott ſei Dank! denn voll⸗ kommne Menſchen, hab' ich mir ſagen laſſen, würden nicht geliebt— nur bewundert.“ „Aber warum wollen Sie geliebt werden? was liegt Ihnen an Liebe?— Sie lieben ja nicht wieder! Das iſt Ihr einziger Fehler, Tosca, Sie haben ein eiskaltes, ein mar⸗ mornes Herz: Sie können nicht lieben.“ „O doch!“ ſagte ſie höchſt gelaſſen;„ich liebe meinen Mann, und nächſt ihm— Sie.“ Ignaz ſprang auf und rief heftig:„O entweihen Sie nicht die Liebe, indem Sie jenes dürftige Gefühlchen ſo nen⸗ nen.“ „Dürftig wie es iſt, füllt es mein Herz aus. Ich kann nicht dafür, daß Gott es ſo eng und klein gemacht hat,“ ent⸗ gegnete ſie ſpöttiſch. 4 „Tysca!“ rief Ignaz ganz außer ſich,„Du läſterſt! Dein Herz“— „Ich bitte mir aus, Ignaz, daß Sie mich Sie nennen,“ unterbrach ihn Tosca,—„nun alſo: mein Herz’..— „O Sie haben kein Herz! ich ſagte vorhin, es ſei von Marmor, aber es iſt nicht wahr! Sie haben keins. Gott hat Ihnen den Stempel der Vollendung nicht aufgedrückt, Ihnen fehlt die Glorie des Weibes.“ „So ſagen alle Männer, wenn wir ihnen nicht überwun⸗ den in die Arme— oder noch beſſer, zu Füßen ſinken.“ „Ich zweifle nicht, gnädige Frau, daß Sie manche Erfah⸗ rungen der Art gemacht haben!“ rief er bitter. „Ach Ignaz,“ ſagte Tosca freundlich,„ergrimmen Sie Sich doch nicht ſo unnütz gegen mich, Sie wiſſen ja, wie ich gegen Sie geſinnt, daß ich Ihnen von Herzen gut bin. — 410— Wir haben ja längſt mit einander ausgemacht, ich ſei keiner leidenſchaftlichen Liebe fähig, Sie meinen: weil ich zu kalt und ſtolz ſei; ich ſage: weil ich zu ſchüchtern bin“... „Aber Schüchternheit hindert die Liebe nicht, ſteigert ſie wol gar! Das ſchüchternſte Mädchen liebt“....— „Und wird dafür gekränkt und verletzt, Ignaz; dadurch verlernt man zu lieben.“ „Sie wollen nicht lieben, Tosca!“ „Ich hab' oft gehört und geleſen, die Liebe ſei ganz unabhängig vom Willen, und ſtärker als er.... und ich glaub' es.“ „Warum?“ fragte Ignaz mißtrauiſch. „Inquiſitor!“ warf ſie hin.„Weil ich es mit dem Lie⸗ benwollen nie bis zum Lieben gebracht habe,“ ſetzte ſie hinzu. Ignaz ſtand mit untergeſchlagenen Armen vor ihr, fixirte ſie ſcharf und ſagte:„Das iſt mein Troſt.“ Er ſah recht ſchön aus. Schwarze Locken legten ſich dick und ſchwer um ſeine Stirn, von der ſich die Naſe zart und grade herabſenkte. Die Augen traten tief unter den Augenknochen zurück; ſchwarze Brauen und lange ſchwarze Wimpern verſchatteten ſte der⸗ maßen, daß ſie wie unterirdiſches Licht glänzten, wozu freilich auch ihre Farbe beitrug; ſie waren gelb und der äußerſte Rand der Iris war orangefarben. Scharf wie die Augen war auch der Mund, ganz klein, ganz feſtgeſchloſſen, mit ſchmalen purpurrothen Lippen. Im Ganzen war das Geſicht vielleicht noch frappanter, als es ſchön war, weil es den An⸗ tinous und den Vampyr verſchmolz. Auf Tosca ſchien er übrigens weder den einen noch den andern Eindruck zu machen. Sie fing an in einem großen Korb von indiſchem S. Forſter. 4 Rohr, zwiſchen Wolle, Seide, Chenille und Stickmuſter um⸗ her zu ſuchen, und ſagte während der Zeit: „Was wir ganz nothwendig haben müſſen, das ſind Reitpferde, lieber Ignaz. Gelt, die beſorgen Sie?“ „Ich wundre mich, gnädige Frau, daß Sie nicht müde werden, Ihre Befehle einem ſo gleichgültigen Menſchen, wie ich es Ihnen bin, zu ertheilen,“ ſagte er gereizt. „Wenn'’s Ihnen zu viel wird, ſo laſſen Sie ſie unausge⸗ führt! ich finde wol einen andern Vollſtrecker nicht meines letzten— ſondern überhaupt meines Willens.“ Dieſe Worte ſchienen Ignaz zur Beſinnung zu bringen. Sein Ausdruck wurde ſanſter, die leidenſchaftliche Aufregung ſchien ſich zu legen. 4 „Vergebung!“ ſprach er mit ſchmeichelndem Ton. „Gern, mein guter Ignaz!“ ſagte ſie ohne ihre arbeit⸗ ſame Laune unterbrechen zu laſſen. Er ging. Auf dem Vorſaal begegnete ihm Sigismund, der eben die Treppe herabkam. Beide fixirten ſich im Vor⸗ überſtreifen. Ignaz eilte fort. Sigismund ließ ſich bei Tosca melden. Als er dem Diener, der ſeinen Namen nannte, auf dem Fuß folgte, und ohne Brille eintrat, erkannte Tosca⸗ ihn plötzlich, erröthete heftig und ſagte ſehr überraſcht, faſt verlegen: „Sind Sie es?.. mein Gott!“ „Ich glaube, wir find alte Bekannte,“ entgegnete er,„und ich war ſchon geſtern nicht im Zweifel, wen ich die Ehre hatte zu ſehen.“ „Ich erkannte Sie nicht, und wahrſcheinlich deshalb nicht, weil Ihr Auge wie ein Bild hinter Glas und Rahmen lag. Jezt gut— ſehr gut!“ —= „Doch wol kaum, gnüdigſte Frau; ein halbes Leben liegt zwiſchen heut und damals. Da verändert man ſich, oft, durch und durch! Ernſt tritt an die Stelle der Heiterkejt, Zweifel an die des Vertrauens, Ueberlegung an die der Un⸗ beſonnenheit.“ „Vielleicht iſt das mehr bei Männern der Fall als bei Frauen,“ entgegnete Tosca.„Jene müſſen ihre Stellung oder ihre Exiſtenz der Welt abringen; dieſen wird ſie gemacht und dargeboten. Unſer Leben iſt von der Wiege bis zum Grabe recht ſorglos und leicht, und daher verändern wir uns auch wenig.“ „Es freut mich von ganzem Herzen, daß Sie Ihr Leben leicht und ſorglos nennen, gnädige Frau— und nicht blos darum, weil es für Ihre Zufriedenheit ſpricht, ſondern eben⸗ ſoſehr, weil Sie es anerkennen.“ „Ja ja, ich weiß wol,“ ſagte Tosca,„daß einige kleine Klagen über verſchwundene Illuſionen und unerfüllte Wünſche und zerknickte Hofnungen uns ſehr gut ſtehen; aber ich liebe es wahr zu ſein, und da mir nichts zerknickt noch unterge⸗ gangen iſt, ſo verſteh' ich auch nicht graziös darüber zu la⸗ mentiren. Iezt bin ich aber doch traurig,“ ſetzte ſie ernſt hinzu;„mein Mann iſt leidend, und rettungslos. So ſpricht er ſelbſt, ſo geben die Aerzte es zu verſtehen. Es iſt entſetz⸗ lich, keine andre Erlöſung von ſo großen Qualen erwarten zu dürfen, als den Tod. Wiffen Sie, was es heißt, Jemand leiden, hinſterben und ſterben zu ſehen, den man liebt?“ „Ich weiß es! ich habe meinen Vater an jammervoller Krankheit verloren.“ b „Ihren Vater?. o ja, das iſt beklagenswerth. Aber ſehen Sie, es iſt doch noch ein andrer Schmerz. Ich habe 4* — 52— auch meinen guten Vater verloren, und meine geliebte, ange⸗ betete Mutter...“ „Damals war ich in Bonn.“ „Ich erinnre mich,“ ſagte Tosca erröthend.„Nun, ich beweinte, ich betrauerte die Eltern, ich denke noch jezt nie ohne Dankbarkeit für ihr Leben und Wehmuth um ihren Tod an ſie; aber wenn der Mann uns ſtirbt, da fehlt uns die Erde unter den Füßen, da iſt uns die Gegenwart und die Zukunft ruinirt; die Eltern gehören nur unſrer Vergangen⸗ heit an.“ „Die Natur hat Kräfte und Hülfsquellen, gnädige Frau, welche oft die Aerzte ſelbſt überraſchen”6..— 4 Tosca ſchüttelte traurig den Kopf:„Seit drei Jahren leidet er an der Bruſtwaſſerſucht; davon erholt man ſich nicht! Er nicht! er i*ſt nicht jung mehr, er iſt im ſechszigſten Jahr.“ Während Tosca geſprochen, hatte Sigismund ſich unwill⸗ kürlich von dem General das Bild eines noch jungen Mannes entworfen, ihrem Alter angemeſſen, leidend an irgend einem Uebel, das durch eine ſtarke Natur zu heben ſein werde;— aber die Bruſtwaſſerſucht, aber ſechszig Jahr, aber ein kranker Greis! und für ihn ſolche Zärtlichkeit! das überraſchte ihn ſo, daß er Mißtrauen gegen ſie faßte, und in dieſem Sinn ſagte er: „Tröſtungen ſind immer unſtatthaft. Indeſſem, gnädige Frau, ſollte die bedeutende Altersverſchiedenheit zwiſchen Ihnen und Ihrem Herrn Gemal Sie doch von Anfang an auf die Möglichkeit vorbereitet haben, ihn zu verlieren.“ „Ach!“ rief ſie ein wenig ungeduldig,„wer denkt an ſo triſte Möglichkeiten, wenn man glücklich iſt? Es iſt wahr! ich war 18 Jahr, als ich ihn heirathete, und er war 48. Allein der Unterſchied der Jahre machte mir keinen andern Eindruck, als daß ich mich zuweilen zu jung für ihn fand; er kam mir nie zu alt für mich vor. Und dann.... daß man jung iſt, iſt ja kein Grund um lange zu leben.“ „Doch iſt er gültiger für die Jugend als fürs Alter,“ er⸗ widerte Sigismund lächelnd. „Ueber die Jugend kommen die plöͤtzlichen, die vernich⸗ tenden Stürme,“ ſagte ſie.„Im Frühling fallen im Gebirg die Lawinen— nicht im Winter.“ Sigismund ſah ſie an. Jung, ſchön, glücklich, und ſo ernſt? dachte er heimlich; und weil er dachte, ſo ſchwieg er. Tosca ſagte während der Zeit: „Mein Mann wünſcht ſehr Ihre Bekanntſchaft zu machen. Wenn Sie dieſen Wunſch ebenſo freundlich erfüllen wollen wie ſeinen erſten, ſo müſſen Sie ihn Abends beſuchen; das iſt ſeine gute Zeit. Er iſt ſo geſellig, ſo mittheilſam, intereſſirt ſich ſo lebhaft für Alles, was draußen in der Welt vorgeht, und kann jezt nur noch durch Erzählung Anderer daran Theil nehmen. Aber das erfriſcht ihn ſichtlich. Zum Glück hat er hier manche Bekannte aus früherer Zeit, die ihm gern ein Stündchen ſchenken....— Vergebung!“ unterbrach ſie ſich plötzlich und verließ raſch das Zimmer. Sigismund blickte ihr nach. Er fand ſie eine wunder⸗ herrliche Erſcheinung, voll unſäglichem Adel, aber, dachte er noch immer mißtrauiſch, warum ſpricht ſis ſo viel von ihrem Mann? Tosca kehrte zurück. „Vergebung,“ ſagte ſie,„ich hörte eine kleine Schelle, durch die mein Mann mich zu rufen pflegt.“ Sigismund ſtand auf. „Ah!“ rief ſie lachend,„haben Sie es übel genommen, daß ich Sie allein gelaſſen?“ „Ich muß mich wol ſehr ſchlecht auf Pantomime verſtehen, wenn Sie, gnädige Frau, die meine ſo deuten,“ antwortete er und ſetzte ſich wieder. Sie ſprachen allerlei, über fremde Länder, Reiſen, Kunſt, Geſellſchaft, Schickſale. Tosca hatte Vieles geſehen, Manches gedacht, Einiges empfunden, und— Nichts erlebt. Sie war an Allem vorbei geglitten, wie unter einer Taucherglocke oder wie in einem Luftballon. Erfahrung und Menſchenkenntniß hatte ſie gar nicht. Welch eine himmliſche Unvollkommen⸗ heit! dachte Sigismund, und er konnte ſich nicht enthalten, ihr dieſe Bemerkung auszuſprechen. „Das kann wol ſein,“ erwiderte Tosca.„Ich bin mit nichts und mit Niemand in Conflict gerathen... mein Mann denkt, ſorgt, thut für mich; wie hätte ich es da wol anfangen ſollen, um klug zu werden...— oder weltklug, wenn Sie lieber wollen,“ ſetzte ſie mit heiterm Lächeln hinzu. „Ich ſtelle es mir als das höchſte Glück des Mannes vor,“ —— ſagte Sigismund,„in dieſer Weiſe neben einer Frau ſtehen zu können. Er kämpft für ſie den ganzen Kampf mit der Wirklichkeit, und ſie freut ſich der Trophäen ſeiner Siege, ohne zu wiſſen, welche Anſtrengungen ſie ihn koſten.“ „Und dann,“ ſagte Tosca mit fröhlichem Spott,„wird die Frau ſo prächtig bequem durch ihre Unwiſſenheit be⸗ herrſcht.“ „Immer noch ſpöttiſch wie ſonſt,“ ſagte Sigismund. Ihre Unterhaltung hätte vielleicht noch lange gewährt, wenn Ignaz nicht gekommen wäre. „Graf Adlercron, meines Mannes Neffe, unſer treuer Gefährte ſeit drei Jahren;“ ſprach Tosca und nannte darauf Sigismund. Ignaz machte ihm einen widerwärtigen Eindruck, obgleich er die verbindlichſten Manieren hatte; ſie waren nur zu ver⸗ bindlich; daher blieb auch Sigismund kalt und hoch. Er ging bald. Die Intimität zwiſchen Tosca und Ignaz mißfiel ihm. Er bat nicht um Erlaubniß wiederkommen zu dürfen, und da Tosca ihn ſchon einmal dazu aufgefodert hatte, ſo hielt ſie die Wiederholung für überflüſſig. Einige Tage vergingen, ohne daß er ſich um ſeine Haus⸗ genoſſen bekümmerte, und nur zufällig ſah er einmal Tosca und Ignaz in der Mittagſtunde ſpazieren reiten—— wie der Engel des Lichts und der der Finſterniß! flog ihm durch den Sinn. Ein Brief, den er erhalten hatte, mogte ihn wol in dem Entſchluß beſtärkt haben, ſich nicht mit dieſen Men⸗ ſchen abzugeben. „Lieber Sigismund,“ lautete der,„zum erſten Mal, ſeit „Du mir ſchreibſt, habe ich über Deinen Brief vom Neujahrs⸗ „tag und von Deinem Geburtstag keine reine Freude gehabt. „Du wirſt's nicht glauben, und noch weniger glauben, wenn .„ich Dir die Urſache ſage. Es war— weil ich nicht Deine „Schrift durch das Couvert ſchimmern ſah. Sonſt, wenn ich „Deine Briefe bekomme, überfluter mich immer eine unge⸗ „heure Freude, noch ehe ich ſie erbreche, weil ich durch das „dünne Papier hindurch ſehe, daß Du nicht ein Plätzchen leer „gelaſſen haſt, auf welchem ein liebes Wort ſtehen kann. „Geſtern erſchrak ich und dachte: Jeſus! er iſt krank, er „ſchreibt mir flüchtig!— Das war meine erſte Empfindung „bei Deinem Brief! ja, ſtell' Dir vor, Sigismund, nicht Freude, ſondern Bekümmerniß!— Hernach, als ich ihn las, „verlor ſich das; ach, wie ſollte es nicht, wenn Du an mich „denkſt, und ich an Dich? Aber es that mir doch leid, daß „der Brief ſo gelegt ſein mußte, um mich durch ſein unge⸗ „wohntes weißes Blatt zu erſchrecken; und dann, daß Du „mir nicht erzählſt, ob eine angenehme oder unangenehme „Unterbrechung Dich geſtört hat. Aber das Alles ging unter, „als ich Dein Verſprechen las, bald wieder herüber zu kom⸗ „men, Sigismund meines Herzens! Es iſt doch noch nicht „ſo gar lange her, ſeit dem Weihnachtsfeſt; doch wenn ich „daran denke, daß ich Dich ſeitdem nicht geſehen habe, ſo „kommts mir vor wie tauſend Jahr. Und wenn ichs recht „bedenke, ſo iſt mirs doch auch wieder ganz nah, denn noch „jezt leb' und webe ich darin, und mit Dir! und ich höre „Deine Stimme, und ich weiß jedes Wort, das Du geſagt „haſt, und ich fühle Deinen Blick, und es kommt eine große „Freude über mich— weil ich Dich ſo ſehr liebe!— Hör'! „was Du von meinen Augen ſchreibſt— das machte mich: „glücklich, aber ganz himmliſch glücklich. Ich lief vor „den Spiegel, und ſah ſie an. Ich ſollt's wol eigentlich nicht „ſagen, allein ich geſteh' es Dir doch; ja, ſie kamen mir „hübſch vor, ſehr hübſch, meine Augen! und wenn ich ſpäter „nur erſt immer und immer bei Dir ſein werde, wie ſollten „ſie da etwas Andres auf der Welt ſehen, als Freude, Glück „und Liebe? denn Du biſt meine Freude, mein Glück und „meine Liebe, Sigismund, und dieſe Gewißheit wird uns „Beiden das Leben ſo verklären, daß auf der Erde unſrer „Seligkeit kein Ende ſein wird;— nicht wahr? und im „Himmel da geht ſie von Neuem an.— Ich bitte Dich, „ſchreibe mir, wann Du kommen wirſt; dann rechne ich die „Stunden, Minuten und Sekunden bis zum Wiederſehen aus, „und damit bild' ich mir ein, vergeht die Zeit ſchneller. Ge⸗ „liebter Sigismund, leb' recht wol, und immer eingedenk „Deiner Agathe.“ Er wollte Agathen und ſich ſelbſt ſo bald wie möglich die Freude des Wiederſehens machen, und da er ſehr beſchäf⸗ tigt war, jeden Augenblick zur Arbeit verwenden, um früher frei zu werden. Es war ein Uhr Nachts. Sigismund legte die Feder fort, um für heute ſein Tagewerk zu beſchließen. Da hörte er unten beim General Beiron, wo ſchon ſeit anderthalb Stunden Alles ſtill geweſen war, heftig ſchellen, Thüren auf und zugehen, Schritte, Stimmen, große Unruh. In einer Miethwohnung pflegt man ſehr gleichgültig für ſeine Haus⸗ genoſſen zu ſein, allein der Gedanke, daß der General vielleicht im Sterben liege, erſchreckte Sigismund, und noch mehr der, daß Tosca allein bei ihm ſei, denn in ſolchem Moment zählen Dienſtboten nicht, und Ignaz, das wußte er, wohnte in Britiſh Hotel. Er ging herunter, wenigſtens um Erkundigungen ein⸗ zuziehen. Die Thür zum Salon ſtand auf, und Toscas Kammerfrau mitten drin, ganz verblüft und verſchlafen nach. Art ſolcher Leute, die in ungewohnten Vorfällen vollkommen unbrauchbar zu ſein pflegen, ſobald ſie nicht einen beſtimmten Auftrag zu vollziehen haben. Dienſtboten verſtehen im Grunde nichts, als Befehle. Sigismund fragte nach dem Unfall. Das Mädchen antwortete im winſelnden Ton. Als Tosca reden hörte, kam ſie geſchwind herein; ſie glaubte, es ſei der Arzt. Sigismund gewahrend verſuchte ſie zu lächeln und ſagte: „Es iſt ein erſtickender Anfall, Schlagfluß.. ich weiß auch nicht was! aber ich ängſtige mich!... Wir haben Sie wol geſtört?“— Und ohne ſeine Antwort zu erwarten, ging ſie zurück. Sie ſchien ſeine Gegenwart, ſeine Theilnahme ganz natürlich zu finden, und ſie doch nicht im Geringſten auf ſich ſelbſt zu beziehen. Das Kammermädchen fuhr ſehr geſprächig, aber in leiſerem Ton fort, ihm von dem Befinden des Generals Bericht zu erſtatten, und wie die gnädige Frau oft drei bis viermal Nachts aufſtehe, um zu ſehen, wie es ihm gehe, und wie der Herr General ſie nie anders nenne als Engel— was ſie denn auch wirklich ſei, und ſich den Him⸗ mel an ihm verdiene. Er hörte ihr aufmerkſam zu. Ach, er kannte die Welt ſo lange und ſo tief, daß es ihm ſchwer ward an den Engel zu glauben, daß er das große Vermögen des Generals und ſeinen ſchönen Neffen immer im Hintergrund von Toscas Zärtlichkeit für ihren alten Gemal gewahrte. Wenn er ſie ſah, verſchwand das Mißtrauen; aber wenn er nur ihre Verhältniſſe überdachte, ſtieg es auf. Der Arzt kam und ging zum Kranken. Sigismund blieb, um deſſen Ausſpruch zu erwarten. Da trat Tosca ein, ſagte zur Kammerfrau:. „Machen Sie mir Thee;“ und dann haſtig zu Sigis⸗ mund: „Gut! o gut, daß Sie da ſind! nicht wahr, Sie ſind Ju⸗ riſt, da können Sie ein Teſtament machen.“ „Mein eignes nur, gnädige Frau,“ entgegnete er faſt ver⸗ ächtlich. „Alſo nicht das meine?“ fragte ſie traurig. „Das Ihre!“ rief er überraſcht;„aber dies iſt ja gar nicht der Moment, um an das Ihre zu denken.“ — 59— „Sie meinen, an das meines Mannes,“ ſagte ſie und die Thränen rollten ihr langſam aus den Augen;„das iſt längſt gemacht, und ich weiß auch wie: ich bin ſeine alleinige Erbin. Aber eben darum will ich das meinige machen, oder vielmehr eine Donation— „Eine Donation?“ rief er noch überraſchter. „Ja, des ganzen Vermögens, an Graf Ignaz.“ „Ah ſo!“ ſagte Sigismund wieder abgekühlt. „Denn ſonſt giebt es einen entſetzlichen Prozeß gegen mich von Seiten der Adlercronſchen Familie, ſpricht Ignaz“— fuhr ſte fort und weinte heftiger—„und Sie ſehen doch wol ein, daß ich mich nicht am Todbette und über dem Grabe meines Mannes um ſein Vermögen mit ſeinen Verwandten zanken werde.“ „Und deshalb wollen Sie das ganze Vermögen an Graf Adlercron abtreten?“ fragte Sigismund mit dem höchſten Erſtaunen. „Ja,“ ſagte ſie;„er wird dann Alles arrangiren, denn er verſteht es, und ich nicht.“ „Eben deshalb,“ rief Sigismund lebhaft und bewegt, „dürfen Sie nicht— verzeihen Sie das Wort! ſo unerhört unbedachtſam zu Werke gehen. Sie geben ſich ja ganz in Graf Adlercrons Hände.“ „Nun ja! irgend Jemand muß meine Geſchäfte führen; weshalb nicht er, der die Verhältniſſe kennt?“ „Ich zweifle ja auf keine Weiſe an Graf Adlercrons Er⸗ gebenheit für Sie, noch an ſeiner Geſchicklichkeit;— aber iſt er ſelbſtändig, unabhängig genug, um nicht einen fremden Vortheil— ich ſage nicht ſeinen eigenen— dem Ihren vor⸗ zuziehen?“ — 60— „Er iſt ganz unbemittelt,“ ſprach Tosca nachdenklich, „und er hat eine Mutter und eilf Geſchwiſter.“ Sigismund taumelte faſt zurück, dann ſagte er dringend und ernſt: „Gnädige Frau, ich beſchwöre Sie, in dieſer Angelegen⸗ heit nicht mit allzu blindem Vertrauen zu Werke zu gehen. Hören Sie Rath und Vorſchläge von Männern an, welche die Verhältniſſe verſtehen und auf keine Weiſe dabei bethei⸗ ligt ſind.— „Ich kenne Niemand als Sie,“ unterbrach ſie ihn. „Geben Sie mir Ihr Wort, vor der Hand nichts zu thun, und Sich zu nichts drängen zu laſſen“...— „Aber warum ſoll ich nichts thun?“ „Weil Sie noch nicht an dem Zuſtand Ihres Herrn Ge⸗ mals verzweifeln dürfen!“ rief er. Indem trat der Arzt ein und ſprach: „Beruhigen Sie Sich, gnädige Fraul es iſt ein vorüber⸗ gehender Anfall, vielleicht eine geringe Erkältung geweſen. Sie haben nichts zu fürchten.“ Tosca dankte dem Arzt. Dann warf ſie ein ſtralendes Lächeln auf Sigismund und ſagte: „Glücksprophet!“ und ging zu ihrem Mann. Sigismund eilte auf ſein Zimmer. Er warf ſich in einen Lehnſtuhl und den Kopf in die Hand. Aber ſie wird ja ruinirt, dachte er, wenn ſie in ihrer blinden Großmuth oder großmüthigen Uneigennützigkeit ſolche Thorheit begeht. Jenem Menſchen, mit ſeinem affablen Lächeln, ſeinen glatten Worten und ſeinen ſtechenden Augen, der unbemittelt iſt, und eilf Geſchwiſter hat— und der, das iſt ganz klar, ſie zu dieſem Schritt zu bewegen ſucht— dem traue ich nicht!— Er — 61— nahm ſich vor, Tosca zu bewachen, und Graf Adlercron zu beobachten. Ihm ſchien, als könne er dadurch einem großen Unrecht vorbeugen, heimliche Plane zerſtören, welche eine arme, unbefangene Frau wie ein geſchicktes Netz umgarnten. Er bat ihr heimlich den ungerechten Verdacht ab, den er gegen ſie gehegt. Es freute ihn in der Seele, daß ihre prächtig edle Weſenheit ihre prächtig edle Erſcheinung bedinge, daß ihr Herz ſo rein ſei wie ihre Stirn, ſo hell wie ihr Lächeln, ſo hoch wie ihr Auge; daß ihre Seele ihrer Schönheit Wort halte. Er war innerlichſt befriedigt, als habe er ein Kleinod, das er verloren geglaubt, überraſchend wiedergefunden. Die Welt iſt dermaßen in egoiſtiſchen Beſtrebungen begraben, daß uns nichts ſo rührt, als die Uneigennützigkeit, die Abſichts⸗ loſigkeit, welcher Art ſie auch ſei— wolverſtanden, wenn ſie uns rührt; denn Viele betrachten den Eigennutz als eine Schutzwaffe, um nicht düpirt zu werden, und den, der ihn verſchmäht, als einen Einfaltspinſel. Gegen vier Uhr Morgens ging Sigismund wieder her⸗ unter, und fragte einen der Bedienten, wie es gehe. Der Ge⸗ neral war beſſer; Tosca hatte ihn eben verlaſſen, um die ge⸗ ſtörte Ruhe zu ſuchen, und ganz beruhigt that Sigismund es auch. Als Ignaz am andern Morgen wie gewöhnlich kam und durch den General den nächtlichen Unfall erfuhr, gexieth er in die heftigſte Aufregung, beklagte ſich über Vernachläſſigung, über Vorenthaltung ſeines Rechts, in ſolchem wichtigen Mo⸗ ment nicht gerufen worden zu ſein, ſo daß ſein Onkel gar nicht wußte, wie ihn tröſten und beruhigen. Ignaz verharrte in ſeiner Verzweiflung, und ging tief gekränkt zu Tosca. „Mein Gott,“ ſagte ſie, nachdem er bitter geklagt,„ich dachte nur an meinen Mann, bis der Doctor kam, und als der ging, war ja fernere Sorge unnütz; wozu ſollt' ich Sie da noch rufen laſſen?“ „Sie wiſſen, Tosca, daß ich jeden Augenblick der Sorge mit Ihnen theilen und dadurch Ihnen erleichtern mögte, und es iſt grauſam von Ihnen, mir dieſe Befriedigung zu miß⸗ gönnen,“ ſagte er heftig. „Beau cousin,“ antwortete ſie gleichmüthig,„die Theil⸗ nahme der Freunde iſt ſehr wolthätig, ſo lange ſie nicht in Zwang und Zudringlichkeit ausartet.“ „Das iſt die Entſchuldigung der Undankbarkeit!“ rief Ignaz immer heftiger. Sigismund kam in dem Augenblick die Treppe herab, um auszugehen. Er hörte die heftige Stimme im Salon; ſein geheimer Groll gegen Ignaz, dem er ſie zuſchrieb, erwachte; er wünſchte ihn zu ſtören, und fragte den im Vorſaal ſitzen⸗ den Diener, ob er die Frau Generalin ſprechen könne. Der öfnete ſogleich die Thür, und als Sigismund eintrat, rief ihm Tosca freudig entgegen: „Es geht gut, recht gut! aber ſagen Sie mir, welcher gute Geiſt Sie über Nacht herführte?“ Ignaz fuhr zuſammen. Er war ſo überraſcht, daß er vergaß ſein Geſicht zu beherrſchen, und daß aus ſeiner ver⸗ bindlichen Miene ein Blick, wie ein plötzlich gezückter Dolch auf Sigismund flog. Der beachtete ihn nicht, ſondern gab an Tosca die begehrte Antwort, und bat um Erlaubniß, am Abend wiederkommen zu dürfen. „Das haben wir längſt gewünſcht,“ ſprach ſie, und Si⸗ gismund ging gleich darauf. — 63— Kaum war er fort, ſo brach bei Ignaz ein wahrer Sturm aus. Vorwürfe, Bitten, Warnungen, Beſtürmungen jagten einander. Tosca zuckte ſtumm die Achſeln. Endlich rief ſie: „Mit welchem Recht ſagen Sie mir eigentlich all dieſe Impertinenzen! ich bin warlich recht gütig, daß ich Ihnen nicht die Thür weiſe, und meine Liebe für meinen Mann muß ſehr groß ſein, um die Inſolenz ſeines Neffen ertragen zu laſſen.“ „Inſolenz!“ rief Ignaz, und fiel wieg geknickt in einen Stuhl.„Sie nennen Inſolenz, wenn mir das Herz bricht, weil ich ſehe, daß Sie einem wildfremden Manne Bevorzu⸗ gungen geſtatten, die Sie mir verſagen.“ Tosca lachte hell auf:„Sie werden wahrhaft ergötzlich, armer Ignaz! Wären Sie vorhin nicht in Wuth geweſen, hätten Sie dem„wildfremden Mann,“ wie Sie ihn nennen, zugehört, ſo würden Sie jezt wiſſen, wie es mit dieſen Bevor⸗ zugungen zuſammenhängt— ein Wort,“ ſetzte ſie ſehr ernſt hinzu,„das übrigens mir gegenüber in Ihrem Munde höchſt unſtatthaft iſt.“ „Nun zürnen Sie mir wol gar?... rief Ignaz. „Nein!“ unterbrach ſie ihn;„Sie verſtehen nur nicht die Verhältniſſe— wenigſtens nicht mich. Sie ſcheinen immer von geheimer Angſt bewegt— „Ich? von Angſt? und von geheimer?“ rief Ignaz er⸗ ſchrocken;„ich habe kein Geheimniß vor Ihnen! mein Herz liegt vor Ihren Blicken da. Ich liebe Sie. Mein Leben, meine Zukunft... die Zukunft meines Herzens— hängt von Ihnen ab— „O Ignaz! wie können Sie ſo zu mir ſprechen?“ rief Tosca mit ſtolzem Unwillen.„Der beſte, edelſte Mann lebt, — 64— lebt in langer herber Qual; ich ſtehe an ſeinem Krankenbett mit den Gefühlen, die ich ſtets für ihn gehabt habe und die Sie kennen; Sie ſtehen ihm zur Seite als Sohn, mir als Freund, uns Beiden als Stütze; und Sie ſprechen ſo zu mir! O ſchämen Sie Sich, Ignaz! das iſt nicht recht!“ Sie ſtand auf, um den Salon zu verlaſſen. Er wollte ſie zurückhalten, an der Hand, am Kleide; ſie machte eine abweh⸗ rende Bewegung, und ging in ihr Zimmer. Ignaz blieb zu⸗ rück, und in tiefen Gedanken. Ihm wurde dieſe Exiſtenz neben einem kranken alten Mann und einer ſchönen unbeug⸗ ſamen Frau nach grade unerträglich. Er lechzte nach Erlö⸗ ſung, nach Freiheit; aber er mußte nun ſchon in ſeiner Stel⸗ lung verharren, um zu ſeinem Zweck zu kommen. Als der General Beiron zehn Jahr nach dem Tode ſeiner erſten Frau die achtzehnjährige Tosca heirathete, war dieſer Schritt ein Todesſtoß für die Hofnung ſeiner Schweſter, der verwittweten Gräfin Adlercron. Sie hatte ſich, in dieſen zehn Jahren daran gewöhnt, ſein glänzendes Vermögen als die Erbſchaft ihrer zwölf unverſorgten Kinder zu betrachten; ſie war ihrem Bruder oft läſtig gefallen durch die Anſprüche, die ſie an ſeine Gegenwart und Zukunft machte; ſie betrachtete es als ſeine Pflicht, daß er gutmache an ihren Kindern, was der verſchwenderiſche Graf Adlercron gegen ſie gefehlt. Aber ſolche Anſprüche ſind unerträglich! Die Familien ſollten es ſich doch endlich merken, daß das, was ein Onkel, ein Groß⸗ vater für ſie thut, von ihnen nicht als eine Pflicht— ſondern als großmüthiger freier Wille betrachtet werden muß, ſobald ihnen daran gelegen iſt, den Geber nicht zu verſtimmen oder gar zu erbittern. Kein Menſch läßt es ſich gern gefallen, bei ſeinen nächſten Anverwandten für einen Ziehbrunnen des G — 65— Glcks zu gelten, aus welchem zu ſchöpfen jedem Neffen, jeder Nichte, jedem Enkel frei ſteht. In ihrer Habgier und Uner⸗ ſättlichkeit vergeſſen dieſe die menſchliche Schwäche zu ſchonen, die für ihre Güte und Wolthätigkeit Dank— oder mindeſtens Anerkennung, wenn nicht öffentlich begehrt, doch heimlich wünſcht. General Beiron fand die Anſprüche ſeiner Schwe⸗ ſter mit Recht eben ſo lächerlich, als unaushaltbar. Er war ein ſchöner ſtattlicher Mann; er hatte eine ſo glückliche Stel⸗ lung in der Welt und einen ſolchen Ruf von Tüchtigkeit, daß er wol glaubte, mit dieſen Eigenſchaften noch gefallen, und in der Ehe glücklich werden zu können. Auf einer Reiſe in der Schweiz traf er ganz abſichtslos mit ſeinem Namensvet⸗ ter, Tosca's Vater, und mit ihr ſelbſt zuſammen, und die Folge davon war ſeine Heirath. Gräfin Adlercron machte ihm Szenen, überhäufte ihn mit Vorwürfen; das hätte er vielleicht ihrer mütterlichen Zärtlichkeit vergeben. Allein ſie vergaß ſich ſo weit, Tosca eine raffinirte Kokette zu nennen; und das vergab er ihr nicht. Die Geſchwiſter ſahen ſich von dem Augenblick an nicht mehr. Der General gab der Gräfin nach wie vor das Jahrgeld, welches ſie dringend für die Er⸗ ziehung ihrer Kinder bedurfte. Sie nahm es, weil ſie es nicht entbehren konnte, allein ſie nahm es mit Groll, und der Haß gegen ihre Schwägerin wuchs dadurch, denn ſie hätte ihr gern einen böſen Einfluß hinſichtlich ihrer auf den Gene⸗ ral zugeſchrieben, und ſie konnte es nicht. Schuld und Feh⸗ ler bei einem Feinde zu finden, erleichtert das Herz, das ſich dem Haß hingegeben hat, weil er ſich dadurch gleichſam in ſeinem Recht fühlt; das Gegentheil beſchwert es. Tosca verſuchte es, ihren Mann milder gegen ſeine Schwe⸗ ſter zu ſtimmen, um ihn allendlich mit ihr zu verſöhnen. S. Forſter. 5 — 66— Mit wundervoller Feſtigkeit widerſtand er ihr. Er kannte die Charaktere beider Frauen, und daher wußte er, daß eine wirkliche Annäherung zwiſchen ihnen unmöglich— und eine ſcheinbare für Tosca auf eine oder die andere Weiſe nachthei⸗ lig oder ſchmerzlich ſein würde; und ſeiner Frau galten ſeine erſten, ſeine höchſten Rückſichten. Er liebte ſie mit tiefer Zärtlichkeit, ſo wie in der Ehe der Mann das Weib lieben muß, mit dem ſtets wachen Bewußtſein, ihr Schutz und Schirm gewähren, ihr Halt und Stütze ſein zu müſſen. Er ließ ſich nicht von ihrer Schönheit blenden, und durch ihre Anmuth gängeln. Er wußte wol, daß das Glück einer Frau nicht darin beſteht, daß der Mann zu jeder Laune, jedem Wunſch, jedem Einfall Ja ſpreche; ſondern wie er Ja oder Nein ſpricht— darin liegt ihr Glück. Eine Frau, welche nie ein brutales Nein! nie ein verdrießliches Ja! gehört hat, iſt ſelig zu preiſen. Ich weiß aber nicht, ob es eine ſolche giebt. Das fühlte Tosca, und mit jener tiefen Dankbarkeit, die jedes unverdorbene Frauenherz für den Mann empfindet, der ihm die Abhängigkeit leicht macht. Er hatte Alles, was das Vertrauen einer Frau weckt: Sicherheit, Erfahrung, Verſtand, ernſte Geſinnung. Wo inniges Vertrauen, iſt Liebe nicht fern;— ich meine die beglückende Liebe, nicht die Leidenſchaft mit ihren Qualen und Entzückungen. Tosca liebte ihren Mann, und nur ihn. Die kleine, flüchtige, faſt noch kindiſche und dennoch unvergeßliche Begegnung mit Sigismund Forſter hatte ihrem ſtolzen, zarten Herzen eine Wunde gemacht, deſſen Narbe ihr kein Schmerz, aber eine beſtändige Erinnerung war. Sie hatte Scheu vor den Männern; nicht in der Ge⸗ ſellſchaft, da war ſie ihrer Ueberlegenheit und Herrſchaft ge⸗ — — 67— wiß; aber mit ihren Gefühlen einem Mann gegenüber. Um nicht verletzt zu werden, hielt ſie ſich immer hoch und fern. Das entſprang nicht ſowol aus Räſonnement, als aus ihrer Natur, die nicht in Glut aufloderte, nicht in wehenden Flam⸗ men ſtand, wol aber tiefen Feuers fähig war. Sie galt für kalt, für übermüthig, für wegwerfend: es war ihr gleich⸗ gültig, denn ihr Mann liebte ſie und ſie fühlte ſich glücklich. Durch ihre Unbefangenheit, ihre Friſche, vielleicht auch durch ihre prächtige Schönheit, gefiel ſie allgemein und überall; auch das war ihr gleichgültig— nämlich ſo, wie es einer Frau gleichgültig ſein kann: ſie nahm Huldigung und Bewunderung ſehr gelaſſen hin, allein ſie würde ſich doch ein wenig ver⸗ wundert haben, wenn ſie ausgeblieben wären. Acht Jahr vergingen ihr in den glücklichſten Verhältniſſen. Daß ihre Ehe kinderlos war, ſtörte nicht das gute Verneh⸗ men. Durch alle Liebenswürdigkeit, die ihr zu Gebote ſtand, bat Tosca um Vergebung für dieſen Fehler, der von manchen Männern ſo ſtreng gerügt wird; und der General liebte in Tosca die Frau, die er hatte, und das Kind, das ihm fehlte. Eine heftige Erkältung bei einem Manveuvre zog ihm da die Krankheit zu, von der er nicht wieder genas, obgleich er ſei⸗ nen Abſchied nahm, und in Bädern, bei berühmten Aerzten, in beſſerem Clima die Geneſung ſuchte.. Als Gräfin Adlereron von der Krankheit ihres Bruders hörte, durchblitzte ſie dämoniſche Freude und dämoniſcher Schreck. Freude: wenn der General ſtarb und die kinderloſe Frau zurückließ, ſo war die Möglichkeit wieder da, durch Prozeß, oder Liſt, oder Schmeichelei, gleichviel wie! das Ver⸗ mögen an ihre Familie bringen zu können. Schreck: bis jest war die Ehe kinderlos geweſen; gegen die Wittwe ihres 55 — 68— Bruders waren Machinationen zu verſuchen, aber nicht gegen die Mutter ſeiner Kinder! wie, wenn Tosca das wüßte? Um jeden Preis mußte einem ſolchen Ereigniß vorgebeugt werden. Sie kannte Tosca nicht, und ſie hielt ſie gemeiner Geſinnung und niedriger Handlung fähig. ggnaz, der älteſte Sohn der Gräfin Adlercron, war da⸗ mals dreiundzwanzig Jahr alt. Sie hatte ihren Kindern die äußere Erziehung geben laſſen, welche man in der Geſell⸗ ſchaft in einem gewiſſen Stande begehrt: jene oberflächliche Politur von Kenntniſſen und Talenten, welche mit der wah⸗ ren Bildung ſo wenig Aehnlichkeit hat, als Theaterdekoration mit der Gebirgsnatur. Für die innere Erziehung hatte ſie nur eine Lehre: der Name Adlercron berechtige ſie zu den höchſten Anſprüchen, und um dieſe in der Welt geltend zu machen, ſei vor Allem Glanz nothwendig, Glanz der Stel⸗ lung, des Vermögens, des Ranges— und beſonders des Namens, damit kein andrer dem Adlercron'ſchen gleichkomme. Nach dieſem Prinzip verheirathete ſie auch ihre Töchter, die zu ſehr vom mütterlichen Einfluß beherrſcht waren, um nicht gern und ganz die Anſichten der Mutter zu theilen. Sie war ſchlau und intrigant, die Mädchen waren ſehr hübſch. So wie eine von ihnen erwachſen war, wußte ſie eine Partie zu finden. Die Aelteſte war mit einem Mann verheirathet, der dem Blödſinn ſo nahe war, wie es möglich iſt, ohne unter Curatel geſtellt zu werden; aber Graf und von koloſſalem Vermögen. Die Zweite, mit einem Taugenichts, Spieler und Verſchwender, deſſen uralter gräflicher, mit fürſtlichen Familien verwandter Name, der Gräfin Bürgſchaft für das Glück ihres fünfzehnjährigen Kindes gab. Die Dritte, mit einem gichtbrüchigen Greiſe von einigen ſechszig Jahren, bei dem der Graf und viele Orden den Mangel an Jugend, Ver⸗ mögen, Geiſt und Liebenswürdigkeit erſetzen ſollten. Die Vierte hatte ſo eben nicht blos eine Partie, ſondern wirklich eine gute Heirath gemacht; denn ihr Mann war nicht blos Graf, er war auch ein tüchtiger, wolhabender, junger Mann. Gräfin Adlercron triumphirte. Doch jezt blieben ihr noch zwei Töchter, und leider! leider! ebenſo häßlich, als die vier erſten ſchön. Für deren Verſorgung und für die Carriere ihrer ſechs Söhne, von denen die meiſten noch Kinder waren, zitterte ſte. Sie überredete ſich, daß ſie ein Unrecht gegen ihre Kinder begehe, wenn ſie nicht um jeden Preis das Ver⸗ mögen des General Beiron ihnen zuzuwenden ſuche. Ignaz war ihr Liebling. Bei ihm ſah ſie ihre Prinzipien in Blüte ſtehen; ihre Töchter hatten ſie nur paſſiv annehmen und be⸗ folgen können; der Sohn, der ſchöne, gewandte, kluge Sohn, konnte freier und umſichtiger nach ihnen handeln. Eine Mut⸗ ter muß es bereits zu einer ſo bodenloſen Verderbtheit ge⸗ bracht haben, wie ſie nur ausnahmsweiſe getroffen wird— um ihrem Kinde gradezu eine Infamie anzurathen. Das that Gräfin Adlercron auch keineswegs. Aber ſie hatte ihre Kin⸗ der in dem Gefühl auferzogen, daß der Onkel ihnen bitteres Unrecht durch ſeine zweite Heirath zugefügt, und daß ſeine Frau eine kokette Intrigante ſei, welche ſeine Schwäche be⸗ nutze, um ihn unglücklich, und ſich ſelbſt reich zu machen. Sie ſtellte ihrem Sohn vor, jezt ſei der Augenblick gekommen, um dem böſen Einfluß dieſer liſtigen Frau durch ſeinen guten das Gegengewicht zu halten. Was er thue, geſchähe zum Beſten ſeiner Familie, und daher müſſe er durchaus bei dem General erſt Eingang, dann Einfluß gewinnen, und ihn be⸗ nutzen, um die unerhörten Anſprüche der Frau zu unterdrücken. — 70— Ignaz verſtand die halben Worte. Wie ſich Männer nach einer Laufbahn ſehnen, welche ihrem Chrgeiz entſpricht, oder Frauen nach einem Kreiſe, in welchem ihr Herz Befriedigung findet: ſo ſehnte ſich Ignaz nach einem Verhältniß, um ſein Talent für die Intrigue zu üben, und mittelſt derſelben zu feinem Ziel, dem größtmöglichen Glanz in der Welt, zu ge⸗ langen. Er hatte, wie alle Leute, die unter jeder Bedingung entſchloſſen ſind, ihre Zwecke zu erreichen, gar keine beſtimmte Anſichten, und dafür die geſchmeidigſte Fügſamkeit in die fremden, von denen er ſich Vortheil verſprach. Er ſuchte alle Menſchen für ſich zu gewinnen, weil er nicht wußte, ob er ſie nicht würde benutzen können; da er aber alle Menſchen, die nicht Adlercron hießen, heimlich in unermeßliche Tiefen unter ſich ſtellte: ſo rächte er ſich durch inneren Haß für die äußere Artigkeit und Verbindlichkeit, mit welchen er ſie aus Grundſatz behandelte. Er lechzte danach, aus ſeiner unter⸗ geordneten Stellung, in welche ihn die Welt wegen ſeines Mangels an Vermögen wies, in eine andre zu kommen, die ſeinem Hochmuth entſprach. Er lechzte danach, ſeiner wahren Geſinnung gemäß mit den Menſchen umgehen zu dürfen, und ſich unabhängig von ihnen zu fühlen. Darum lechzte er nach Geld. Nichts konnte ihm willkommner ſein, als der Vorſchlag ſeiner Mutter; und da der Menſch vor nichts eine ſo hohe Achtung hat, als vor unegoiſtiſchen Handlungen, ſo ſuchte Ignaz die ſeine zu heben und zu adeln, indem er ſich bemühte, den Blick hauptſächlich auf der Zukunft ſeiner Familie ruhen zu laſſen. Wer mit ſich ſelbſt heuchelt, wird es auch leicht mit Andern thun. Er kannte ſeinen Onkel und deſſen Frau nur aus den Beſchreibungen ſeiner Mutter, und obgleich er eine hohe Meinung von deren Welt⸗ und Menſchenkenntniß —-— a= hegte, ſo war er doch klug genug, um zu wiſſen, daß nichts ſo einſeitig iſt, als die Partellichkeit einer leidenſchaftlichen Frau. Er beſchloß, vorſichtig und aufmerkſam, mit ſo ge⸗ ringen Vorurtheilen, wie möglich, das Terrain kennen zu lernen. Er ging nach Dresden, wo der General ſich damals in ärztlicher Behandlung befand. Schüchtern betrat er deſſen Haus; ſchüchtern wendete er ſich an Tosca, mit der Bitte, ſeinen Onkel ſehen zu dürfen. Frauen lieben es, zu prote⸗ giren— dachte er. Es fiel ihr nicht ein, ihm Protection angedeihen zu laſſen, und er brauchte ſie nicht bei dem Gene⸗ ral. Der empfing ihn mit offenen Armen! Der pflegte die Menſchen danach zu würdigen, was ſie werth waren, und nicht woher ſie ſtammten, und daher übertrug er ſeine Abnei⸗ gung gegen Gräfin Adlercron nicht auf deren Sohn. Im Gegentheil! es gefiel ihm ungemein, daß der junge Mann ihn grade jezt aufſuchte, jezt, wo er krank und außer Dienſt, und folglich nicht im Stande war, ihm irgend welche Wege zu öfnen oder zu ebnen. Ignaz wußte ſich ihm erſt angenehm, dann nützlich, endlich unentbehrlich zu machen. Der General behandelte ihn wie einen Sohn, und übertrug ihm ſeine Geldgeſchäfte, die Führung ſeines Hauſes, die Anordnungen ſeiner Reiſen— lauter Dinge, von denen Tosca nichts ver⸗ ſtand, die der General bis daher immer in Händen gehabt hatte, und mit denen er höchſt ungern ſeine Frau beläſtigt haben würde. Es war ihm eine Wonne, ſie jeder Sorge und Beſchwerde der materiellen Exiſtenz zu überheben. Sie war es nicht anders gewohnt. Sie fand es natürlich, daß die Laſt des Lebens auf den Schultern des Mannes liege; ſie betrachtete Ignaz als zu ihnen gehörig, und ſo war ſeine Stellung ganz in der Ordnung. Sie ſah nur durch die Augen ihres Mannes die Menſchen an, und der General, durch ſeine Krankheit abhängig, auf ſeine nächſte Umgebung angewieſen, dankbar, wie eine edle Natur es immer für Theil⸗ nahme und Wolwollen iſt— der General betrachtete Ignaz nicht mit dem unbefangenen Blick, den er noch vor einem Jahr für ihn gehabt haben würde. Ignaz ſtaunte ſelbſt, als er ſich nach einigen Wochen ſo leicht, ſo ganz mühelos auf dem Platz ſah, den er ſo ſchwer zu erkämpfen gewähnt: er war der Sohn des Hauſes, und mit faſt unumſchränkter Gewalt bekleidet. Nichts geſchah ohne ſeinen Rath, nichts unterblieb ohne ſeine Genehmigung. Er war Freund und Vertrauter. Einen Augenblick fiel ihm ein, ob er nicht auch Liebhaber werden könne; ob Tosca's Herz, und mit demſelben Hand und Vermögen dereinſt, nicht zu gewinnen ſein dürften, ſo daß ihr beiderſeitiges Intereſſe zu verſchmelzen wäre. Aber Männer wie Ignaz lieben nicht, können nicht lieben; der Egoismus hat ihr Herz dermaßen ausgedorrt und verſchrumpft, daß es der Expanſion der Liebe nicht fähig iſt. Ihr Intereſſe für Frauen iſ von der allerinferiörſten Art! entweder ſuchen ſie in einem Verhältniß zu ihnen Befriedigung ihrer Eitelkeit, oder es iſt eine Bedingung ihrer animaliſchen Exiſtenz. Hätte Ignaz bei Tosca einen Nebenbuhler gefunden, und ihn zu überwinden gehabt: ſo hätte das ſeine Eitelkeit heftig aufge⸗ ſtachelt und ihr einen hohen Reiz verliehen. Jezt aber hatte ſie keinen Zauber für ihn! ihre reine hohe Natur verſtand er nicht, und ihre wundervolle Schönheit ließ ihn höchſt gleich⸗ gültig, weil er immer in geheime Intriguen verwickelt war. Sein einziges Beſtreben bei Tosca ging dahin— von ihr geliebt zu werden, nicht um ſie wieder zu lieben, oder um — 73— ſich von ihr beleben und durchſtralen zu laſſen, nicht um ſie zu beſitzen, blos um ſie zu beherrſchen. Mit der Herrſchaft gelang es ihm; mit der Liebe nicht. Frauen wie Tosca, die ſich ſchroff und ſtolz den Mäͤnnern gegenüber ſtellen, weil ſie ſcheu und mißtrauiſch, entweder von Natur oder durch Er⸗ fahrung den Contact mit ihnen fürchten, ſind, ſobald ſie ein⸗ mal Vertrauen und Zuverſicht zu einem Mann gefaßt haben, leichter zu beherrſchen, als Kinder. Sie ſind ſo erfreut, ſo glücklich endlich! endlich einmal einer Kraft ohne Mißbrauch zu begegnen, daß ſie ſich ihr alsdann blindlings ergeben. Tosca fand Ignaz ſo bewundernswerth, opferwillig, beſonnen und ſtark, daß ſie mit einer Art von Andacht zu ihm empor⸗ ſah; aber bis zur Liebe brachte ſie es nicht. Sie ſah ihn in der größten Intimität, zu jeder Stunde, auf Reiſen; er ſtellte ſich ihr immer mit einer glühenden Adoration dar; er wußte allmälig die Sache ſo herauszuſtellen, daß er Alles, was er für den General that, ihretwegen zu thun ſchien; das rührte ſie zum innigſten Dank, zur Liebe nicht. Ignaz hätte jedes Opfer von ihr begehren dürfen, und ſie hätte es ihm gebracht, ohne ſich zu beſinnen; nur aber nicht die geringſte Gunſt, welche die Liebe gewährt. Er hatte Anfälle von Melancholie, von Troſtloſigkeit, gar von Verzweiflung— Alles, wie er glaubte es nöthig zu haben, um eine beabſichtigte Wirkung hervorzubringen— ſie lächelte, oder tröſtete, oder ſcherzte die böſen Anfälle fort. Er hatte ſich nicht geſcheut, ſich als zer⸗ fallen mit ſeiner Mutter darzuſtellen, weil ſie den Plan habe, nach des Generals Tode mit Tosca um deſſen Erbſchaft zu prozeſſiren— was er nicht billigen könne. Tosca fragte ihn, ob denn dieſer Prozeß nicht durch einen Vergleich, oder durch Theilung des Vermögens vermieden werden könne. Mit un⸗ endlicher Vorficht wußte er ihr allmälig einleuchtend zu machen, ſobald er, wenn auch nur nominel, in Beſitz der Erbſchaft ſei, ſo werde ſeine Mutter ganz natürlich gegen ihn, ihren älteſten und geliebteſten Sohn, keine Schritte thun; und Tosca dürfe wol überzeugt ſein, daß und wie er in ſo kriti⸗ ſchen Verhältniſſen ihr Intereſſe wahrnehmen werde, da ſier ja längſt wiſſe und ſehe, daß er ihr gegenüber ein perſönliches völlig aufgegeben habe, und nichts beabſichtige, als ihre Ruhe und ihr Glück. Sie ſah das auch wirklich. Weder ſie noch ihr Mann brachten es in Anſchlag, daß Ignaz bei ihnen ſo unabhängig, und in geſelliger Beziehung ſo angenehm lebe, wie nur irgendwo. Wohin der General kam— überall hatte er Freunde oder Bekannte; überall öfnete ſich für Tosca ein ihr entſprechender ſocialer Kreis, und da er für ſie Zer⸗ ſtreuung und Erheiterung liebte, ſo trat ſie in jene Kreiſe, und Ignaz mit ihr. Ignaz war nicht ans Krankenzimmer gefeſſelt, nicht einmal ans Haus des Generals; zuweilen wohnte er mit ihm zuſammen, dann auch wieder nicht— wie nun eben die Localität es mit ſich brachte. Der General hatte ihm mit liebenswürdiger Güte geſagt: „Du mußt Freiheit haben, zu kommen und zu gehen, Du mußt Luft und Athem ſchöpfen, und Deine eignen Allüren haben dürfen, Ignaz, und die ſind bei einem jungen Mann anders, als bei einem alten und kranken. Du würdeſt immer auf mich Rückſicht nehmen, wenn Du bei mir wohnteſt, alſo richte Dich ein, wo und wie es Dir gefällt.“ Dafür allerdings hatte Ignaz die größten Aufmerkſam⸗ keiten für den General, und war bei ihm ſtets von bewun⸗ dernswerth heitrer Laune— was Tosca ihm als ein großes Zeichen von Selbſtüberwindung anrechnete, weil er bei ihr oft ſchwermüthig und niedergeſchlagen war— während er doch durch beide Stimmungen wie ein Schauſpieler durch ſeine Rollen ging. Wie die Dinge jezt ſtanden, ſo war ihr künf⸗ tiges Schickſal in ſeiner Hand— doch ihr Herz nicht. Der Zuſtand des Generals währte nun ſchon drei Jahr. Auf eine ſo lange Zeit war Ignaz nicht vorbereitet geweſen; er fand, daß der Onkel entſetzlich lange lebe. Aber er durfte ihn doch nicht verlaſſen, weil jeder Augenblick ſein letzter ſein konnte. Den Aufenthalt in Berlin wollte er benutzen, um Tosca den Schritt thun zu laſſen, der ihm die Erbſchaft in die Hände gab.„Hab' ich ſte,“ ſprach er zu ſich ſelbſt,„ſo geb' ich ihr eine Penſion, und mache dann mit meinem Na⸗ men und meinem Vermögen eine ganz ungeheuer reiche und glänzende Heirath.“— Er fing an, ungeduldig zu werden, und ſehnſüchtig in die Zukunft zu ſchauen; daher langweilte ihn die Gegenwart, und aus Langerweile dachte er:„In dieſem triſten nordiſchen Neſt würde es meine allzu einfar⸗ bigen Verhältniſſe doch ein klein wenig pikant machen, wenn ich ſie dahin brächte, ſich in mich zu verlieben.“ An jenem Morgen, als ſie ihn unwillig verließ, dachte er:„Sacriſti! die Weiber! nie iſt man mit ihnen ſicher, nie! jahrelang kann man ſich abgemüht haben, um ſie auf einen Punkt hinzu⸗ bringen; eine Laune kommt über ſie, und ſiehe da! als wär's ein Kartenhaus, ſo plötzlich, ſo leicht, werfen ſie unſern kunſt⸗ vollen, wolſtudirten und überlegten Bau über den Haufen. Ich haſſe die Weiber, ſobald ſie etwas Andres ſind, als mein Spielwerk! ich haſſe ihre inſtinktmäßige Schlauheit, gegen welche wir mit unſrer feinſten Liſt nichts ausrichten. Dumme Weiber— das ſind göttliche Geſchöpfe! denn für Liebes⸗ intriguen haben auch noch die dümmſten Verſtand genug, — 76— und über die brauchen ſie nicht hinauszugehen. Sacriſti! dieſe hochfahrende Tosca! es iſt gar kein Weib! ſie hat kein Herz, keine Seele... ah bah! Herz? Seele? bahl ſie hat kein Blut, keine Sinne! Dreißig Jahr iſt ihr Mann alter als ſie, und niel! nie! hat ſie einen Liebhaber gehabt... nie! das iſt ja eine monſtröſe Tugend.—— Aber wie kam denn dieſer Herr... Forſter, oder wie er heißt! mit einem Mal hieher! und gar in der Nacht? Es iſt wol der, der unſertwegen eine Treppe höher geſtiegen iſt! Nun, ich hab' nicht Luſt, ſeinet⸗ wegen herabzuſteigen! Aufgepaßt, Ignaz!“—— Am Abend kam Sigismund. Der General empfing ihn mit großer Freundlichkeit. „Ihnen danke ich es, daß ich mich hier ſo behaglich fühle, wie ein Kranker ſich fühlen kann,“ ſagte er und gab ihm die Hand. 3 Tosca warf ihm ihr prächtiges Lächeln zu. Sigismund fühlte ſich ganz beglückt und ſprach es unbefangen aus. „Denn es kommt ſo ſelten im Leben vor, daß man noch andern Menſchen, als den Freunden, durch Kleinigkeiten wol⸗ thun darf,“ ſagte er, und ein heitrer Glanz legte ſich über ſein ernſtes, faſt ſtrenges Geſicht, und erinnerte Tosca an den Sigismund Forſter, welcher ſie einſt ſo dringend um einen Walzer bat. Er ſprach mit dem General. Sie ſaß zurückgeſunken in einem Fauteuil, hatte den Ellbogen auf die Seitenlehne geſtützt, und das Kinn auf die Hand gelegt; ihr Blick haftete auf Sigismund, und mit dieſem Blick ſchob ſie ihn gleichſam tief, tief in die Vergangenheit zurück. Sie ſah ihn, wie er damals war, wie er ihr kindiſches Herzchen über⸗ wältigt und zerknickt hatte, wie ſie mehr durch ihn gelitten hatte, als je durch einen Menſchen, und ohne daß er es wußte. — 1— Und nun ſah ſie ihn wieder, unter ganz veränderten Verhält⸗ niſſen! Da ſaß er— ihrem Gemal gegenüber. Das waren die Männer, welche ihrem Leben die Richtung beſtimmt hat⸗ ten. Es kam ihr unvollkommen vor— das Leben; ſie be⸗ dauerte nichts, ſie beklagte nichts, ſie wünſchte nichts; aber die Halbheit oder Unvollkommenheit der Zuſtände, welche uns doch zuweilen ſo befriedigend erſcheinen, glitt ihr durch die Seele, und machte, daß ſie in die Zukunft einen traurigen fragenden Blick warf. Ihre langen blonden Locken rieſelten ihr über den Arm herab, und die breiten Augenlider deckten halb die großen Augen zu. „Warum ſo ſchweigſam, Tosca?“ fragte der General. Sigismund ſah ſie an und ſein Herz bebte; denn dieſen un⸗ ſäglich traurigen Ausdruck hatte Tosca damals gehabt, als er ſte zum letzten Mal in Bonn zwiſchen ihren Blumen am Fenſter ſah. Und langſam, auch wie damals, wendete ſie den Kopf, und er würde ſich nicht gewundert haben, eine Thräne aus ihrem Auge fallen zu ſehen. Im Gegentheil! er wun⸗ derte ſich, als ſie die Locken zurückwarf und die Augen auf⸗ ſchlug, daß ſie ganz munter ſagte: „Ich glaub', ich bin ſchläfrig, denn ich habe ein weni geträumt.“ „Ich finde, es träumt ſich am Beſten ohne Schläfrigkeit, mit recht wacher Seele,“ ſagte Sigismund. „Was hör' ich!“ rief Tosca und ſchlug die Hände mit komiſchem Erſtaunen zuſammen;„Sie wiſſen von Träumen, die man mit offenen Augen träumt? Sie? ein Mann! ein Regierungsrath!— Aber ſagen Sie mir, thut das Ihrer Carriere keinen Schaden?“ „Was die betrift,“ entgegnete Sigismund,„ſo iſt ſie der⸗ maßen miſerabel, daß meine kleinen Liebhabereien oder Abſur⸗ ditäten ihr keinen Eintrag zu thun im Stande ſind.“ „Die Klage rührt mich gar nicht!“ ſagte Tosca.„Alle Frauen klagen, daß ſie nicht verſtanden werden, und alle Manner, daß ſie eine elende Carriere machen; das iſt ſo in der Ordnung, denn unſer Herz und Ihr Ehrgeiz ſind nicht zu befriedigen.“ „So ſind wir zwiefach beklagenswerth, gnädige Frau,“ antwortete Sigismund lächelnd;„denn auf dieſe Weiſe leiden wir und machen leiden.“ „O was das Leidenmachen betrift,“ rief Tosca,„darüber tröſten ſich die Männer gar leicht, und durch den Ehrgeiz zu leiden, das, denk' ich mir, muß ein recht angenehmer Stachel ſein, weil er zu lebhaften Beſtrebungen anregt.“ „Kein Stachel iſt angenehm,“ ſagte Sigismund,„denn er überreizt uns leicht.“ „So?“ rief Tosca ſpottend;„Sie ſind alſo, wie ich ſehe, bequem und gemächlich für Roſen ohne Dornen?“ Plötzlich fiel ihm ein, daß ſein Schwager Friedrich ehe⸗ dem Tosca Dornenröslein zu nennen pflegte, und daß ſie wol noch jezt ganz den lieblichen Namen verdienen möge. Er antwortete lächelnd: „Ich würde es vielleicht ſein, wenn ich das wunderſame Glück hätte, eine ſolche Roſe zu finden.“ „Dann müßte aber noch das Mirakel geſchehen,“ ſagte Tosca,„daß die Roſe Ihnen nicht fade erſchiene.“ „Mirakel gehört zu jedem Glück, gnädige Frau! oder vielleicht iſt jedes Glück ein Mirakel, das uns in Sphären — — wirft, oder zu Zielen führt, die wir ohne ſie, durch Mühſal, Anſtrengung und Berechnung, nimmer erreicht hätten.“ „Ob ſolche Mirakel ſelten ſind?“ fragte ſie nachdenklich. „Ich denke wol ſehr ſelten! man muß die Seele haben, um ſie aufzufaſſen, und das Auge, um ſie zu erkennen; ach, und im Leben wird jene ſo leicht matt, und dieſes ſo früh ſtumpf“..— „Denn wir tragen Brillen!“ rief Tosca neckend. „Leider!“ ſagte Sigismund mit Achſelzucken. „Wie kann ein ehrlicher Mann Brillen tragen!“ rief ſie. „Tosca!“ ſprach der General ein wenig ermahnend. „Ich frage: wie kann er?“ fuhr ſie fort und wendete ſich zu ihm;„ich ſehe Dir ins Auge und Du mir, und wir leſen ſo das Seelenaccompagnement zu unſern Worten. Wer Bril⸗ len trägt, lieſ't es ebenfalls im fremden Auge, während das ſeine verſteckt hinter einem gläſernen Wall liegt. Das iſt ein Kampf mit ungleichen Waffen, und iſt der ehrlich?“ „Ohne dieſen kleinen gläſernen Wall,“ ſagte Sigismund und nahm ſeine Brille ab,„iſt mein Gegner im entſchiedenen Vortheil— denn er ſieht, und ich bin blind.“ „Darum,“ ſprach Tosca lieblich,„ſollen Sie ſie auch draußen in der Welt, wo es Gegner giebt, tragen, doch nicht zwiſchen Freunden.— Und ſchon aus Eitelkeit ſollten Sie es nicht thun!“ fuhr ſie fort, ohne ihm Zeit zur Antwort zu laſſen;„eine ſolche Maſchine im Geſicht entſtellt ja, und es giebt nichts Anmuthigeres, als den ſanften, kurzſichtigen Blick einer Frau! da ich ſcharf wie ein Falke ſehe, ſo darf ich das ſagen.“ „Ja, einer Frau!“ wiederholte Sigismund, der an Aga⸗ thens ſammetſchwarzes und ſammetweiches kurzſichtiges Auge — 80— erinnert ward;—„aber was bei einer Frau reizend iſt, kann bei einem Mann linkiſch ausſehen.“ „Das iſt wahr!“ rief Tosca lachend. Ignaz trat ein. Unwillkürlich, als fühle er ſich dem Gegner, von dem er geſprochen, gegenüber, ſetzte Sigismund ſeine Brille wieder auf. Die Unterhaltung nahm eine andre Wendung. Ignaz kam aus der italieniſchen Oper. „Einen Act hab' ich anhören können,“ ſagte er,„mehr nicht. Eine italieniſche Oper, die nicht erſter Ordnung iſt, iſt unaushaltbar. Dieſe Art der Muſik begehrt die Perfektion des Vortrags. Sie würden nicht zufrieden ſein, ſchöne Tante.“ „Dann geh' ich lieber gar nicht hin,“ ſagte Tosca. „Sie ſollten doch— um ſelbſt zu hören und zu urthei⸗ len, 4 ſagte Sigismund. „Wie mühſelig!“ rief ſie, und legte den Kopf bequem auf die Rückenlehne des Stuhls. „So träge?“ fragte Sigismund lächelnd. „O ganz unglaublich träge!“ rief Ignaz,„träge wie eine Orientalin. Nur keine Mühe, d. h. nur keine Langeweile! nicht wahr, ſchöne Tante?“ 8 „Wozu auch?“ fragte ſie. „Um ein eignes Urtheil zu haben,“ entgegnete Sigis⸗ mund. „Sie protegiren die italieniſche Oper, Herr Regierungs⸗ rath?“ fragte Ignaz. 4 „Nein, Herr Graf,“ erwiderte Si gismund,„ich liebe viel⸗ leicht zu exeluſiv deutſche Muſik, und nur im Allgemeinen ſprach ich meine Anſicht aus.“ — 81— „Das Publikum war ſehr entzückt,“ erzählte Ignaz wei⸗ ter.„Es rief bravo! und brava! genau wo es hingehörte, und ſchien in dieſer Darlegung tiefen Kunſturtheils große Befriedigung zu finden.“— So plauderte er weiter. Tosca lachte, der General lächelte; Sigismund mußte es auch zuweilen, faſt widerwillig, thun, denn Ignaz mißfiel ihm über allen Ausdruck. Das iſt ein Menſch, dachte er heimlich, dem ich mit Vergnügen eine Impertinenz ſagen würde. Aber Ignaz war von der äußer⸗ ſten Höflichkeit. Obwol ihn das ein wenig verſtimmte, fühlte er ſich dennoch ſehr wol, faſt glücklich. Das iſt die Macht der Schönheit und Grazie. Wer ihr unbefangen gegenüber tritt, wer nichts von ihr begehrt, als ſich an ihr zu erfreuen, wie an Duft und Farbenſpiel einer Blume— den wird ſie immer wolthätig berühren. Durch ſie hat der Himmel den Frauen einen lieblichen Zauberſtab verliehen. Wie gute Feen könnten ſie herrſchen. Aber ach! wer hat die Herrſchaft nie mißbraucht? Als Sigismund ging, dankte ihm der General ſo herz⸗ lich, daß er ihn dadurch zum baldigen Wiederkommen faſt verpflichtete; und das war ihm ſehr lieb. Er lebte ziemlich einſam in Berlin; er war noch nicht lange da, hatte keine Anverwandte, keine näheren Freunde dort; er arbeitete ſehr fleißig. Ueberdas gingen ſeine Intereſſen aus der Gegenwart heraus. Oberflächliche geſellige Verbindungen waren ihm grade jezt gleichgültig, wo all ſeinen Verhältniſſen durch ſeine Heirath ein großer Wechſel bevorſtand. Dieſer Umgang, mit Fremden, kam ihm höchſt erwünſcht. Die alte Theilnahme für Tosca mogte denn wol auch dabei im Spiele ſein. Ge⸗ wiß iſt's, daß wäre Tosca im ehrwürdigen Alter ihres Gemals S. Forſter. 6 geweſen, Sigismund ſich ſchwerlich der Ausſicht gefreut haben würde, einige Mal wöchentlich den Thee bei ihr zu trinken. Nun that er das. Er kam um ſieben Uhr Abends, und er ging um halb zehn. Das war die Stunde, in welcher Tosca in die Geſellſchaft zu gehen pflegte— denn der General und Ignaz hatten nicht eher mit Bitten nachgelaſſen, als bis fie ſich dazu entſchloß. Ihr Mann entbehrte ſie nicht zu ſo ſpäter Stunde; er ſuchte dann die Ruhe, wenn auch nicht den Schlaf. Für Sigismund war jeder ſolcher Abend ein Feſt, beſonders wenn Ignaz fehlte; und das kam häufig vor, denn er machte einer ruſſiſchen Fürſtin lebhaft den Hof, und fehlte nicht gern im Schauſpiel, wenn ſie es beſuchte. Daß andre Perſonen öfter bei dem General waren, ſtörte Sigismund nicht; nur eben Ignaz machte ihm Unbehagen, ſo wie es manchen Menſchen unbehaglich iſt, mit einer Katze im nämli⸗ chen Zimmer zu ſein, oder mit einer Spinne, oder mit einer Maus. Zuweilen warf er ſich dieſen Widerwillen als ein Unrecht vor; ſah er aber, wie ſich Tosca von Ignaz beherr⸗ ſchen ließ, zwar nicht in Meinung und Anſichten, jedoch in all den tauſend kleinen Vorkommenheiten des Lebens, welche grade dem Beherrſchenden eine außerordentlich große Gewalt gaben: ſo erwachte er verſtärkt. Tosca zog ihn grade ſo an, wie vor zwölf Jahren, vielleicht noch mehr. Damals war er unbewußt ihrer Magie gefolgt; jezt ſagte ihm der Verſtand, welch' eine ſeltene und ſchöne Erſcheinung ſie ſei. Ihr dia⸗ mantenes Herz war ihm gleichſam eine Beruhigung, wenn er es ſich auch nicht eingeſtand, daß das ſeine derſelben be⸗ durfte. .— 15 Eines Abends kam er ſpäter als gewöhnlich herunter. Es waren mehre Perſonen beim General, und um Niemand — 33— zu ſtören, ſetzte ſich Sigismund ſeitwärts hinter Tosca. Sie hatte eine Theeroſe in der Hand und ſpielte damit. „SGnädige Frau!“ ſagte er bittend. Tosca wendete ſich zu ihm. „Ich wollte nur fragen, ob Sie ein gutes Gedächtniß ha⸗ ben?“ fuhr er fort und ſah die Roſe an. Tosca folgte ſeinem Blick, verſtand ihn und rief: „O ein ganz excellentes! beſonders für fremde Sünden.“ „Und ich hab' es für die eigenen; werden Sie mich denn nicht etwas beklagen?“ „Behüte der Himmel! gerechte Strafe zu leiden iſt ſehr heilſam!— Sagen Sie mir,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich ganz zu ihm wendete,„was hatte ich Ihnen denn eigentlich damals zu Leide gethan? ich hab' Sis ſchon immer danach fragen wollen.“ „Gnädige Frau, es iſt eine ndiſche Geſchichte!“ „Gleichviel!“ rief Tosca;„die Kindereien liegen jezt ſo weit hinter uns, daß wir uns ihrer nicht mehr zu ſchämen brauchen.. denn ſonſt müßte auch ich es thun.“ „Und werden Sie in dieſer kleinen Geſchichte auch das entſchuldigen, was— nicht kindiſch iſt?“ „Gewiß! denn es iſt verjährt,“ ſagte ſie erröthend. Sie erröthete ſehr oft. Wenn ſie lebhaft ſprach, wenn ſie Partei für und wider etwas nahm, wenn ſie ſich freute oder erſchrak, wenn ſie gar mit eigenen ſtillen Gedanken be⸗ ſchäftigt war— all' Augenblick zeigte ein raſcher, feiner Far⸗ benwechſel, daß die geiſtige Anregung ihr ans Herz klopfe. Dieſe reizende Gabe verlieren die Frauen faſt Alle ſehr früh, entweder weil ſie durch ſo heftige Emotionen gehen, daß ge⸗ ringe keinen Effekt auf ſie machen, oder wei ſte in Lagen — 4— kommen, welche ihnen die Beherrſchung der Empfindung zur Pflicht und ſomit die des Ausdrucks zur Nothwendigkeit machen. Eine friſche unangetaſtete Seele hat immer etwas Erquickendes; darin beſteht der Zauber der jungen Mädchen; er iſt doppelt groß da, wo man ihn nicht mehr vorausſetzen darf. 3„So müſſen Sie denn gleich zuerſt wiſſen, gnädigſte Frau,“ ſprach Sigismund entſchloſſen,„daß ich Sie anbetete, ſo wie ich das Glück hatte Sie zu ſehen.“ „Dieſe Sünde vergiebt jede Frau,“ ſagte Tosca lachend; „geſtehen Sie aber, daß Sie mir nicht Gelegenheit gegeben haben, dieſe Empfindung in Ihnen zu ahnen.“ „O doch, gnädige Frau, doch!“ rief er lebhaft.„Im Anfang unſrer flüchtigen Bekanntſchaft gewiß.“ Das war ſo wahr, daß Tosca faſt verlegen ſagte: „Nun? wo bleibt die kindiſche Geſchichte?“ „Sie hängt damit zuſammen, gnädige Frau. Ihr Name verwandelte meine Anbetung in— ich weiß ſelbſt nicht was für ein Gefühl von Haß, Entſetzen, Schmerz, gar Ver⸗ zweiflung.“ Tosca ſah ihn ungläubig an. 3 „Sie zweifeln, gnädige Frau? Sie werden es noch unbe⸗ greiflicher finden, ſobald ich Ihnen den geheimen Grund, den Urgrund dieſer plötzlichen Verwandlung ſage; aber dennoch: ich ſage Ihnen die Wahrheit. Ich war ein eitler Knabe, gnädige Frau, ein verzogenes, übermüthiges Kind; ich be⸗ herrſchte meine Eltern, meine Geſchwiſter; mein Vater konnte nicht meine Erziehung lenken; ich hielt mich für ſchöner, klü⸗ ger, beſſer, als die ganze Welt. Was nicht meinen Eltern, nicht meinen Lehrern, nicht meinen Kameraden gelungen war, das gelang einem kleinen Mädchen: es demüthigte mich. Es war eine kleine Gräfin H., ein Kind von zwölf bis dreizehn Jahren. Ich ſehe ſie noch lebhaft vor mir, mit ihren fun⸗ kelnden dunkelblauen Augen, ihren dicken hellbraunen Locken, die ihr bis zum Gürtel herabfielen. Sie hieß Antonie. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden iſt; aber das Kind, gnä⸗ dige Frau, war meine erſte Liebe! Ich war damals fünfzehn Jahr, und mein Vater hatte mich mit nach Pyrmont genom⸗ men, wo er die Kur brauchen mußte und wo er nicht ganz allein ſein mogte. Dort war auch die kleine Antonie mit ihren Eltern, und wir bewohnten daſſelbe Haus. Ich will Sie nicht langweilen mit der Beſchreibung dieſer knabenhaften Leidenſchaft— doch wie in der grünen Knospe die ganze duftende ſtralende Roſe eingewickelt liegt— und wie eine Ouvertüre alle Melodien der Oper enthält— ſo entwickelte ſie in mir alle Gefühle, welche ſpätern Jahren eigen zu ſein pflegen. Bedenke ich, wie früh und wie vehement das Leben meines Herzens begann, ſo muß ich mir unwillkürlich ſagen, daß es auch früh enden müſſe.“ „Nein!“ unterbrach ihn Tosca;„es giebt immerblühende Roſen, und das Herz iſt mehr, iſt ſtärker und ſchöner als eine Blume.“ „Und gehorcht andern Geſetzen, gnädige Frau. Ein Leben, das früh und vehement beginnt, endet faſt immer früh und matt. Nur ſeltene und hochbegabte Naturen machen Aus⸗ nahmen. Ich darf mich nicht zu ihnen rechnen, und ſo iſt mein glühendſter Wunſch denn der: ſo ſei es früh, nur aber nicht matt!— Jenes Kind warf mich in alle Emotionen, von der unſäglichſten Freude bis zur namenloſeſten Traurigkeit; von der glühendſten Eiferſucht bis zum blindeſten Vertrauen. — 86— Wenn ſtie mich anlächelte, traten mir zuweilen die Thränen in die Augen; wenn ſie fröhlich umherhüpfte, jauchzte ich vor Vergnügen. Sie ſpielte leidenſchaftlich gern Ball und Vo⸗ lant; wir trieben das ſtundenlang. Dann liefen wir um die Wette in der großen Allee von Pyrmont, ſie lief, wie ein Vogel fliegt, ſo leicht, ſo geſchwind; es ward mir ſchwer, ſie zu überholen. Zuweilen ließ ich ihr abſichtlich den Spaß, früher am Ziel anzulangen, als ich. Aber das merkte ſie jedes Mal, und dann ſchüttelte ſie ärgerlich das ſchöne glü⸗ hende Lockenköpfchen. Einmal ſollte ich ſie haſchen, und ziem⸗ lich ungeſchickt fing ich ſie bei ihren flatternden Locken und that ihr weh, ſo daß ſie einen kleinen Schrei ausſtieß.„O, ich bitte um Verzeihung!“ rief ich troſtlos, und küßte ihre Locken, wie um den Schmerz wieder gutzumachen. Allein ſie nahm es heftig übel! ſie ging ſtolz von dannen, und ich dachte den ganzen einſamen Abend darüber nach, ob ich nicht am Beſten thun würde, auf und davon zu gehen, in die weite Welt, um ihr nie mehr vor die ſchönen erzürnten Augen zu kommen. Als ſie mir am nächſten Morgen am Brunnen freundlich Guten Morgen ſagte, war mir zu Muth, als ſei ich von einem Verbrechen freigeſprochen.“ „Mein Gott!“ rief Tosca, und ſchlug erſtaunt die Hände 4 zuſammen,„welch ein bezauberndes Kind muß das geweſen ſein, und welch eine intereſſante Frau mag ſie geworden ſein!“ „Sie vergeſſen, daß die kleine Antonie ihren Zauber an einem fünfzehnjährigen Knaben übte, der ſie jezt vermuthlich ſelbſt mit ganz andern Augen betrachten würde. Ich habe nie wieder von ihr gehört. Nun aber, um zum Ende zu kommen! Die Fürſtin von Waldeck gab einen Kinderbal. b Antonie, mit einem friſchen Roſenkranz auf ihren prächtigen Locken, und mit einem langen roſenfarbenen Gürtel, ſah aus wie Pſyche, ſo lieblich und ätheriſch. Ich bat ſie um den erſten Walzer; und einen Augenblick nach mir bat ein andrer Knabe ſie darum, und ſie ſchlug es mir ab, und tanzte mit ihm, mit ihm, der kaum ſo groß als ſie, und ein blaſſer, unſchöner Knabe war, der ein wenig ſtammelte, und auf den ich mit unſäglicher Geringſchätzung herab ſah. Eine ihrer Geſpielinnen wollte ihr zu meinen Gunſten Vorwürfe machen und ihr vorſtellen, daß ich doch im Grunde das erſte Recht hätte.„Nein, nein!“ rief ſie ſehr entſchieden,„er iſt kein Graf!“ Hätte ſie geſagt:„Der Andre iſt hübſcher, oder iſt mir lieber“— das hätte ich ihr vergeben, denn es wäre nun einmal ihr Geſchmack geweſen, und mein Selbſtgefühl hätte mir vielleicht zugeflüſtert, ihr Geſchmack ſei nicht der richtige. Aber dies Wort demüthigte mich fürchterlich, erſtens, weil ich in der That kein Graf war und nicht wußte, welch Gewicht ich dagegen in die Wagſchaale werfen könnte; zweitens, weil dieſer Grund mir ihrer ganz unwürdig ſchien. Es kränkte mich über allen Ausdruck, meine Zärtlichkeit, meine Vergöt⸗ terung an ein Mädchen verſchwendet zu haben, das, als es zu wählen hatte, nur nach einer ganz inhaltloſen Aeußerlichkeit ſeine Wahl traf. Leidenſchaftlich, wie ich war, fühlte ich mir förmlich das Herz im Buſen umgedreht, und ein unerhörter Widerwille ſetzte ſich darin gegen Frauenzimmer Ihres Stan⸗ des feſt. Sobald ich in Bonn erfuhr, Sie ſeien die Tochter einer Gräfin und eines Freiherrn, wachte meine alte Abnei⸗ gung um ſo heftiger auf, je ſtärker die Anziehungskraft war, und von meiner firen Idee beherrſcht, benahm ich mich wie ein Verrückter, oder wenn Sie lieber wollen, wie ein dummer doch ſo gewichtigen Verbindung Menſchen zu einander ſtehen, Junge. Und nun beſchwör' ich Sie, gnädige Frau, lachen Sie mich tüchtig aus.“ „Alſo ich war ganz, aber wirklich ganz unſchuldig an Ihrem Benehmen, ſo daß, wäre mein Vater nicht Baron ge⸗ weſen, Sie mit mir getanzt und meine Blumen nicht ver⸗ ſchenkt hätten?“ „O nimmermehr!“ „Gott! Gott! wie freut mich das!“ ſagte Tosca mit ſtil⸗ lem Jubel und legte die Hand über die Augen. Dann er⸗ zählte ſie ihm, wie ſie eigentlich durch Friedrichs Bericht ver⸗ anlaßt worden ſei, ihm eine heimliche Freude machen zu wol⸗ len, und wie ſie ſich ſpäter halb todt gegrämt über ihre Un⸗ beſonnenheit, und über den Vorwurf, den ſein Benehmen ihr darüber gemacht.„Aber dennoch bin ich Ihnen Dank ſchuldig, tiefen innigen Dank,“ ſchloß ſie,„denn dieſe ſcharfe Warnung vor jeder Unbeſonnenheit habe ich nie vergeſſen! Ohne es zu wollen, ſind Sie vielleicht ein guter Schutzgeiſt für mich geweſen.“ „So wie Antonie mein böſer Engel,“ ſprach Sigismund traurig. „Und was halten Sie denn jezt von uns?“ fragte ſie neckend.„Ihre Strafe ſei eine Beichte.“ „Ich denke, daß in jedem Stande holdſelige Erſcheinungen ſelten— aber dennoch zu finden ſind.“ „Sagen Sie das nur, oder denken Sie es wirklich?“ „Ich denk' es! mein Wort darauf!“ „Das iſt gut! man muß nicht excluſiv ſein, denn man thut Andern weh und ſich ſelbſt nicht wol. Aber iſt es nicht ungemein intereſſant, in welcher feinen, geheimnißvollen und — 39— welche äußerlich und flüchtig aneinander vorbei geſtreift ſind? Wir ſollten doch wirklich mehr auf uns und unſer Thun und Laſſen achten, da wir gar nicht wiſſen können, in welcher vor⸗ theilhaften oder nachtheiligen Weiſe wir dadurch auf Andre einwirken.“ „Die Schickſale blitzen vom Himmel herab,“ ſagte Sigis⸗ mund,„unbekümmert ob wir uns ſo oder ſo beachten! Einen unbeachteten Punkt giebt's ohnehin immer in uns, und der wird getroffen oder trift.“ „Dann ſind wir willenloſe Maſchinen in Ihren Augen?“ „Nein! der Wille bleibt uns, um die Schickſale zu zer⸗ brechen, oder uns ſelbſt. Aber um zu ſagen: in dieſer oder jener Weiſe will ich wirken— dazu, mein ich, iſt unſer Wille nicht ſtark genug, obgleich wir uns in der Jugend ein⸗ bilden, nichts ſei leichter, und wir dürften nur immer grade⸗ aus gehen und ſehen, um zu dieſem Ziel zu gelangen.“ „Wie traurig, daß aus den kühnen, hochfliegenden Träu⸗ men der Jugend nichts wird, als eine lahme, matte Wirk⸗ lichkeit.“ „O, ſie iſt nicht matt, gnädige Frau!... wenigſtens nicht immer. All unſer Heil liegt in ihr, und ein tieferes, ein ächteres, als in unſern jugendlichen Träumen; denn die Wirk⸗ lichkeit iſt nicht die ſchaale und mittelmäßige Alltäglichkeit, die wie Staub und Nebel an uns vorüber weht und uns keinen beſtimmten Eindruck zurückläßt; das Bleibende und Wahrhafte in ihr: das iſt die Wirklichkeit, und ich geſtehe Ihnen, ich habe ſie ſchöner gefunden, als meine Träume.“ „Das freut mich ſehr! dann müſſen Sie Sich ungemein glücklich fühlen.“ — 90— „Zuweilen, wenn dieſe Ueberzeugung recht klar in mir aufwacht— ja! Zuweilen, wenn ich mir ſagen muß: ſie iſt ſchöner, aber ſie gehört mir nicht! dann— nein!... Und wo wäre der, der ſich das nicht ſehr oft ſagen müßte?“ „Mit nichten!“ rief Tosca;„man ſage ſich doch lieber immer, daß man das Schönſte und Beſte erreicht habe, was auf dem eingeſchlagenen Wege zu erreichen war.“ „Kann man das nicht mit Ueberzeugung ſagen, ſo iſt es Eigenſinn und bleibt nutzlos.“ „Nutzlos— wie ein Wiegenlied, das von wundervollen goldnen Herrlichkeiten, die nie exiſtirt haben, uns vorſingt und in den Schlaf lullt.“ „Iſt ſchlafen— glücklich ſein, gnädige Frau?“ „O Sie machen mich traurig,“ ſagte Tosca lebhaft. Sie hatte ſich bis daher ſo geſetzt, daß ſie ihm grade ins Geſicht ſah; nun wendete ſie ſich ab, und dem Kreiſe zu, der um den Tiſch verſammelt war. Sie miſchte ſich in die Unterhaltung, und ſprach ſehr munter und ſcherzend. Sigismund hörte ihr zu. Sie hatte eine reine biegſame Stimme, ein friſches Lachen, unbefangene Bewegungen, den natürlichſten Ausdruck.„Iſt ſchlafen— glücklich ſein?“ wiederholte Sigismund heimlich für ſich,„ſchläft ſie?... aber ſo ſelbſtbewußt! wacht ſie?... aber ſo bewußtlos!“— Er vertiefte ſich in ſeine Gedanken, wie einem das wol in der Geſellſchaft geſchehen kann, wenn man in ſchweigſamer Laune iſt, und das Geſpräch der Uebri⸗ gen, wie einen zum Nachſinnen auffodernden, murmelnden Bach, an ſich vorübergleiten läßt. Es überfiel ihn eine bren⸗ nende traurige Sehnſucht nach Agathen.„Denn ſie liebt mich!“ dachte er. Hätte er gedacht:„denn ich liebe ſie!“ ſo wäre die Sehnſucht wol brennender, aber nicht traurig geweſen. — 91— „Und Sie gehen morgen auch mit, nicht wahr?“ wandte ſich Tosca plötzlich zu ihm. „Mit dem größten Vergnügen,“ ſagte er faſt erſchreckt auffahrend;—„aber wohin, gnädige Frau?“ Tosca drohte ihm mit dem Finger:„Iſt das recht, ſo zerſtreut, ſo theilnahmlos zu ſein? Wo waren Sie denn mit Ihren Gedanken?“ Er wollte ſchon antworten:„Bei meiner Braut;“— aber ſie ſetzte ſogleich hinzu:„Und warum ſehen Sie denn über⸗ haupt ſo eiſern ernſt heute aus?“— Da paßte die Antwort nicht mehr, und er ſagte: „Das Geſpräch von vorhin hat mich ſo ernſt geſtimmt, denn die Erinnerungen ſind in mir wach geworden, und die haben die melancholiſche Magie des Mondlichts über mich. Ich bitte, haben Sie die Gnade, mir zu ſagen, wohin ich morgen gehen werde?“ „Ins Conzert, zu Liszt; ich denke, Sie thun es gern.“ Er verbeugte ſich. Ignaz kam, und ſetzte ſich zu ihm; aber das Geſpräch belebte ſich nie zwiſchen ihnen. Man fin⸗ det bisweilen mit gewiſſen Perſonen durchaus keine Berüh⸗ rungspunkte, welche nach beiden Seiten hin eine vibrirende Saite anſchlügen, und dann bleibt man bei den dürftigſten Aeußerlichkeiten haften. Ignaz hatte ſeine eiferſüchtige Grille aufgegeben, weil Tosca nicht mehr noch weniger Intereſſe für Sigismund, als für jeden andern Mann ihrer Bekanntſchaft an den Tag legte. Aber als Sigismund gehen wollte, ward Ignaz förmlich erſchreckt durch den Ton, mit welchem Tosca zu ihm ſagte: „Ich dank Ihnen tauſend und aber tauſend Mal.“ „Wofür?“ fragte Sigismund, ſelbſt überraſcht. „Für Ihre Erzählung,“ ſagte ſie. „Schöne Tante, Sie haben mich unerhört neugierig auf jene Erzählung gemacht,“ ſagte Ignaz, nachdem Sigismund fort war. „Das kann ich mir vorſtellen,“ ſagte ſie gleichmüthig. „Aber Sie dürfen ſie mir wol nicht wieder erzählen?“ „Dürfen iſt Eines— mögen ein Anderes.“ „Und warum mögen Sie nicht?“ „Weil Sie die Geſchichte gar nicht verſtehen würden.“ „Iſt ſie ſo hoch in den Wolken, oder ſo tief unter meinem Horizont?“ „Ignaz,“ rief ſie ganz ungeduldig,„Sie ſind warlich ein Inquiſitor.“ „Wenn meine Fragen Sie ärgern, ſchöne Tante, ſo war die Geſchichte gewiß ausnehmend... intereſſant.“ „Es iſt keine Möglichkeit, von Ihnen los zu kommen,“ ſagte ſie lachend;„alſo hören Sie zu.“ Sie erzählte ihm Sigismunds Liebe zu Antonien, aber ohne die Folgen, welche ſich ſpäter für ihn daraus entwickelt hatten. 3 „Und dafür dankten Sie dem Regierungsrath Forſter ſo herzlich, als ob er Ihnen weiß Gott was für eine Freude ge⸗ macht hätte?“ ſagte Ignaz, nachdem ſie zu Ende war. Tosca hatte keineswegs ihren Dank auf dieſen Abſchnitt von Sigismunds Erzählung bezogen, doch ſie ſagte: „Und warum nichte ſolche kleine unſchuldige Herzens⸗ regung hat etwas Rührendes und Erfreuliches zwiſchen der Abgeſtorbenheit ſpäterer Jahre.“ „Sie hatten ganz Recht,“ entgegnete er;„ſolche Kinde⸗ reien verſtehe ich nicht, und ich glaube, daß ſie die Abgeſtor⸗ — 93— benheit vorbereiten und beſchleunigen, von der Sie ſprechen, ſchöne Tante.“ Tosca ſah ihn an. Er ſaß auf dem Platz, wo Sigis⸗ mund geſeſſen. Sein ſchönes Geſicht mißfiel ihr, wenn Sie es mit Sigismunds ernſtem Antlitz verglich. Sie ſagte gleich⸗ gültig:„Das kann wol ſein, und geht mich nichts an.“ Dann gingen ihre Gedanken zu Sigismund zurück.„Seltſam!“ dachte ſie;„die heftigſten Emotionen meines Lebens kommen mir durch dieſen Mann, und von ihm! einſt— Schmerz, Beſchämung, Gram; jezt— Freude, aber unglaubliche Freude, denn der einzige Moment in meinem Leben, an den ich mit einem kleinen Gefühl von peinlicher Bitterkeit dachte— der iſt jezt hell und licht worden! und dafür hab' ich ihm ge⸗ dankt, und noch lange nicht genug.“ Sigismund kam am andern Abend und fand den General allein, der ihm ſagte, ſeine Frau ſei noch bei der Toilette, welche heute beſondere Sorgfalt erheiſche, da ſie aus dem Conzert auf einen großen Ball gehen müſſe. Nach zehn Minuten etwa trat Tosca ein. Sie trug ein Kleid von blaß⸗ blauem Moor mit Fluten von Spitzen garnirt, einen Schmuck von Türkiſen und Perlen, und in den Locken einige hellrothe Camelien. Sie trat raſch ein, und ſagte zu ihrem Mann, ohne Sigismund zu ſehen, den ſie noch nicht erwartete: „Da bin ich!... nun? bin ich hübſch?“ „Wie eine Email von Petitot,“ antwortete der General freundlich,„glänzend und zart.“ „O Himmel!“ rief ſie, Sigismund gewahrend;„ſehen Sie, ſo macht man's, um ſich Complimente ſagen zu laſſen.“ Sigismund hatte unwillkürlich einen Moment die Augen geſchloſſen. Ihm war als fliege ein Meteor vorüber. Sie ſah ganz ungewöhnlich ſchön aus, das Auge noch leuchtender, die Farbe noch duftiger, die Haltung noch ätheriſcher als ſonſt.„Wo ſind die Flügel, von denen ſie getragen wird?“ fragte er ſich heimlich;„ſo ſteht man im gleichgültigen Zu⸗ ſtand nicht aus!“ „d ich freue mich!“ ſagte ſie und ihr Lächeln glitt über ihn hin, wie der Sonnenſtral. Sigismund hätte ihr gern geſagt, daß ihre Freude ihm weh thue, denn ihm war trübe zu Sinn; er fragte nur: „Und wozu, gnädige Frau?“ „Zum Conzert! wozu denn ſonſt?“ „Nicht auch zum Ball?“ „Bah! mit achtzehn Jahren freut man ſich zum Ball.“ Es kamen ein Paar alte Bekannte des Generals, um ihm Geſellſchaft zu leiſten; Tosca empfahl ihnen ihren Mann; es war ihr ungewohnt, ihn um dieſe Stunde zu verlaſſen. Dann fuhr ſie fort mit Sigismund und Ignaz. Der Saal war gedrängt voll Menſchen. Sigismund ſetzte ſich hinter Tosca; der Platz war ihm willkommen; er brauchte ihr nun nicht in die ſtralenden Augen zu ſehen, die ihm weh thaten. Er dachte an Agathens linde, ſanfte Au⸗ gen; aber ihr Blick blieb nicht in ſeiner Seele haften, glitt hinein, und erloſch, und war doch ſo lieb, ſo gut! Ihm war, als müſſe er zu ihr, ſie um Vergebung bitten, ſie be⸗ ſchwören, ſich zwiſchen ihn und Tosca Beiron zu ſtellen. Dann fragte er ſich unwillig:„Aber wozu? ich werde doch nicht vor dem Lächeln einer ſchönen Frau zerſchmelzen?“— Dann heftete er feſt den Blick auf Tosca, wie ſte da vor ihm ſaß; auf den zierlichen Kopf mit der Lockenfülle, den der ſchlanke Hals ſo ſtolz und ſo graziös trug, auf den ſchönen — 5— Nacken, um den ihr dunkler Sammetſhawl ſich in weichen, breiten Falten legte, auf die ganze Geſtalt, bei der jede Be⸗ wegung von biegſamer Elaſtizität war. Er that es mit einem ſtrengen, kritiſchen Blick; er wollte ſich überzeugen, daß er ſchönere Frauen geſehen, daß Agathe reizender ſei. Allmälig aber vergaß er die beabſichtigte Kritik, und Alles entſchwand ihm, wie zwiſchen Nebeln im Hochgebirg: die Frauen, die Menſchen, die Welt; nur nicht Tosca Beiron, die er als Jüngling geſehen und geliebt hatte, und die er jezt als Mann wiederſah— und nicht mehr lieben durfte! denn ſie war ge⸗ feſſelt an einen ſiechen Griis, und er an ein blühendes Mäd⸗ chen; denn ihre Wege gingen weit, weit auseinander, und hätten doch einſt ſich vereinigen können! Damals, als Tosca Beiron, um mit ihm zu tanzen, ein anderes Engagement brach; damals, als ſie ihm täglich, wie aus dem Himmel, einen Guten Morgen zuwinkte; damals, als ſie ihm, den ſie krank und niedergeſchlagen wähnte, mit ſüßer Theilnahme das Beſte und Liebſte ſchickte, was ſie hatte— ihre Blumen .die er mit Füßen trat; denn damals— o jal da liebte ſie ihn, mit jener aufdämmernden Empfindung, welche nur der Gewißheit der Erwiderung bedurft hätte, um in roſigen Flammen aufzuſchlagen. Liszt ſpielte und ſpielte. Sigismund wußte nicht was, und fragte auch nicht danach; ihm war, als ſpiele er ihm ſeine ganze Vergangenheit wie eine ſtralende Fata Morgana aus den grauen Wellen ſeiner Erinnerung empor. Und aus der Vergangenheit ging er in die Gegenwart über, in die des Augenblicks; es lag eine Berauſchung in dieſem Tonmeer, wie ſie in jeder überſchwenglichen Fülle liegt, und überdas giebt es wol keine feinere, zauberiſchere Seligkeit, als einen — 96— geiſtigen Genuß mit einer ſehr geliebten Perſon zu theilen. Wie vor der Pforte des Paradieſes findet man ſich mit ihr zuſammen, lautlos, anbetungsdurſtig, bebend vor Sehnſucht, der ewigen Schönheit ins Sonnenantlitz zu ſchauen. Die Klänge, die ſein Ohr berauſchten, zogen auch in ihre Seele! die Melodien, die ihm das Herz umwogten, ſchaukelten auch das ihre! Es war eine unirdiſche, und doch wunderſam ſüße Gemeinſchaft! vielleicht iſt die Liebe ſo auf irgend einem höhe⸗ ren und glückſeligeren Geſtirn, als unſre Erde iſt. Tosca's Sammetſhawl war von ihrem Nacken auf die Lehne ihres Stuhles geglitten. Sigismund legte die Hand darauf, wie um ſich an etwas zu halten, das im Stande ſei, ihm wirklich einen Halt zu geben, denn ihm war, als könne er in die Unermeßlichkeit fortgeſchleudert werden. Durch den Handſchuh hindurch fühlte er den Sammet wie eine linde Berührung, wie eine Beſchwichtigung. Er zog geſchwind den Handſchuh aus, und lehnte die Stirn auf die Hand, die auf dem Shawl lag. Ganz leiſe berührte er den Sammet mit ſeinen Lippen. Ein feiner, faſt unmerklicher Duft von vétivert war darin. Sigismund ſchloß die Augen; er vergaß die Unermeßlichkeit der Welt und des Lebens— aber nicht die des Glücks. Liszt ſpielte und ſpielte. Goldne Wolken legten ſich um Sigismunds Seele. Was war ihm Vergangenheit, Gegen⸗ wart, Zukunft? es ſchmolz zuſammen in dem ſeligſten Be⸗ wußtſein der Nähe der ſchönen Geliebten. Ja, ſie gehörte einem andern Mann! Ja, ſie war ihm verloren... was man ſo verloren nennt! Aber ſie war auf der Welt! aber fie war da! In ihrem bloßen Daſein ſchien ihm eine unendliche Verheißung zu liegen. Konnten ſich nicht die Schickſale wen⸗ den? gab es nicht wunderbare, göttliche Fügungen? Fremde Geſtalten blitzten wie Geiſter in ſeine wachen Träume: Agathe, das liebe Mädchen; der General, ſterbend, todt; Ignaz, lauernd, ſchlangenhaft, als ſinne er darauf, Tosca zu verderben. Sigismund fuhr verſtört empor: Liszt hatte den Schlußakkord gemacht. Tosca kehrte ſich zu ihm; ſie ſah beinah blaß aus. „Nicht wahr,“ fragte ſie,„das iſt kaum auszuhalten? Der Menſch ſpielt einem die Seele fort.“ „Ob er nicht eine neue Incarnation des alten Ratten⸗ fängers von Hameln iſt,“ ſprach Sigismund, aber mit ſo be⸗ klemmter Stimme und bleichen Lippen, daß Tosca beſorglich und freundlich ſagte: „Sie werden doch nicht ohnmächtig werden? wollen Sie mein Flacon? er fängt gleich wieder an zu ſpielen.“ Sie gab ihm das Flacon. Sigismund behielt es in der Hand, ohne es zu brauchen. Ohnmächtig wäre er nicht gern geworden— doch geſtorben recht gern; nur eine Gewißheit wollte er. „Sagen Sie mir,“ fing er an,„ich bitte, ſagen Sie mir aufrichtig— haben Sie mir vergeben?“ „Rührt die Muſik Ihr Gewiſſen?“ fragte ſie. „Alſo haben Sie mir nicht vergeben!“ rief er. Sis legte den Finger an die Lippen, und ſagte dann⸗ „Ich habe Ihnen vergeben.“ „Und warum haben Sie es gethan?“ „Weil Sie gutgemacht haben.“ „Wodurch?“ „Durch Ihre Erzählung von geſtern Abend.“ „Und nun?“ S. Forſter. 7 —— — 98— „Und nun?“ wiederholte ſie und ſah ihm mit ihren großen mächtigen Augen grad' ins Antlitz. Es glitt ein Roſenſchimmer, wie der Wiederſchein einer hohen Freude, über ihre Wangen; ſie ſah aus wie innerlich illuminirt, und ſagte endlich:„O... nun iſt's gut.“ Die Muſik begann von Neuem.„Sie hat Recht!“ dachte Sigismund;„nun iſt's gut.... zwiſchen ihr und mir. Ihr ſchönes lichtes Weſen bedarf des Friedens! weil es ſo friedlich iſt wie der Regenbogen, und ſo hoch wie der Regenbogen— darum iſt's auch magiſch und herzſtärkend, wie er. Du biſt ſehr göttlich, Tosca Beiron.“——— Das Conzert war zu Ende..— „Nun? hat es Ihnen gefallen?“ ſagte Ignaz zu Tosca, als ſie fortgingen.— „Nein!“ antwortete ſie kurz. „Nein?“ rief Ignaz;„nun, meine ſchöne Tante, dann wiederhol' ich Ihnen, was ich ſchon oft geſagt, Sie haben kein Herz.“ 3 Sie ſchwieg. Ignaz ſprach mit Sigismund weiter. Als ſie in den Wagen ſtieg, ſagte Tosca: „Nach Hauſe!“ „‚Noch eine Ueberraſchung!“ rief Ignaz verwundert; wol⸗ len Sie nicht auf den Ball?.. oder etwa ſpäter?“ „Nein!“ ſagte ſie wieder. Ignaz ſchüttelte den Kopf. Zu Hauſe angelangt, ſagte Tosca zu Sigismund: „Mein Neffe geht auf den Ball; kommen Sie zu meinem Mann, wir wollen ihm erzählen und Thee trinken.“— Er folgte ihr ſtumm.. — 99— „Nun, biſt Du befriedigt, liebe Tosca?“ fragte der Ge⸗ neral, als ſie eintraten. Tosca ließ ſich neben ihm in einen Lehnſtuhl fallen, holte tief Athem, küßte ihm dann die Hand und ſagte: „Befriedigt! ja, das iſt das Wort!.. befriedigt, mein Ignaz— wendete ſie ſich zu dieſem— und zwar ſo ſehr, daß ich nicht im Stande bin, heute Abend Tanzmuſik zu hören. Ich bleib' daheim.“ Sie zog die Handſchuh aus, legte Shawl und Fächer ab, und ſagte zum General: „Ich weiß nicht... bin ich entſeelt, bin ich neubeſeelt, aber genugl irgend etwas iſt meiner Seele geſchehen.“ „Sie iſt den Launen zugänglich worden,“ ſprach Ignaz lachend. „Lachen Sie immerhin, beau neveu!“ entgegnete ſie ſehr gleichmüthig, und dann zu Sigismund:„Nicht wahr, er warf auch Sie in ganz überwältigende Emotionen? Sie ſehen noch ganz angegriffen aus.“ „Haben Sie ſo ſchwache Nerven, Herr Regierungsrath?“ fragte Ignaz immer noch lachend. „DieNerven ſind gut, Herr Graf,“ erwiderte Sigismund eben ſo gleichmüthig als Tosca;„aber die Emotionen gehen bei mir tiefer, als bis zur Erſchütterung der Nerven.“ „Lieber Onkel,“ ſagte Ignaz,„wie ein ſchlichter Menſch, der ich bin, habe ich Liszt's Spiel in jeder Beziehung meiſter⸗ haft gefundenz; allein ſo erſchüttert, wie dieſe Herrſchaften, bin ich nicht davon, und darum werde ich auch tout honnemeunt auf den Ball gehen.“ 7* „Wo Sie, als ein eleganter Tänzer, der Sie ſchlichter Menſch ſind— auch viel nothwendiger ſind, als ich,“ ſagte Tosca freundlich, und nickte ihm ihren Abſchiedsgruß zu. „Sie bekommt Launen,“ dachte Ignaz, während er zum Ball fuhr:„das iſt ein Zeichen von Herzensunruh. Aber durch wen?... Der Mann?... unmöglich! Doch wen ſieht ſie denn ſonſt noch?“— Er durchlief die Reihe der Männer, welche ſie kannte, und wiederholte bei Jedem: unmöglich! Endlich blieb er bei ſich ſelber ſtehen:„mir däucht, ſie ant⸗ wortete mir ein Paar Mal kurz und verdrießlich; das pflegt ein Zeichen von Mißfallen zu ſein— allein das Mißfallen entſpringt oft nur aus einer Unzufriedenheit mit dem gegen⸗ wärtigen Moment, und nicht mit dem, gegen welchen es ſich äußert.“ Dennoch brachte er es in dieſem Punkt nicht bis zur Ueberzeugung; immer tauchte Sigismund wieder auf, ſo oft er auch ſein: unmöglich! vor ihm wiederholte. Sigismund blieb nur kurze Zeit beim General. Alles, was Tosca ſagte, wie ſie es ſagte, ihr Blick, ihre Bewegun⸗ gen, magnetifirten ihn, machten ihn kraft⸗ und willenlos. Sie ſaß ihm und dem General grade gegenüber und hatte beide Arme auf den Tiſch gelegt. Zuweilen hob ſie den einen, ſtützte den Kopf in die Hand, oder ſtrich mit der Hand über die Stirn. Die Lampe warf ihr helles Licht auf ſie und ins Zimmer hinein; ſie ſchwamm in Glanz; nach der Seite des Generals war die Lampe mit einem Schirm bedeckt, ſo daß die beiden Männer im Finſtern ſaßen. Tosca ſprach viel über die Muſik; Sigismund antwortete nur einſylbig, nur grade genug, um ſie reden zu machen. Er konnte nicht anders. Er ſaß da, und blickte zu ihr hinüber, aus ſeiner Finſterniß in ihr Licht, wie von der Erde zu irgend — 4101— einem goldnen Stern. Nichts ſtand zwiſchen ihnen als der Tiſch; er meinte ſich durch Welten von ihr getrennt, und dennoch war's ein Durſt, ein Drang nach der Sphäre dieſes ſchönen Sternes, daß auch Welten den Gang zu ihm nicht hemmen würden. „Wollen Sie ſchon ſchlafen gehen?“ fragte Tosca, als er den Hut nahm. „Nicht ſchlafen— arbeiten!“ ſagte er mit ſo beſondrem Ausdruck, daß Tosca ſagte:. „Ach, das wird Ihnen zu ſchwer werden! Sie ſeufzen ja, wenn Sie nur daran denken! laſſen Sie die Arbeit, ſie gelingt Ihnen nicht.“ „Gnädige Frau,“ erwiderte Sigismund in ganz heiterm Ton,„ich muß arbeiten, um morgen wieder ein vernünftiger Menſch zu ſein.“ „Glück zu!“ ſagte ſie lieblich, und der General ſprach: „Geben Sie Sich nicht allzu viel Mühe, um ein vernünf⸗ tiger Menſch zu werden!— es kommt eine Zeit, und früh genug, und ganz von ſelbſt, in der wir tief bedauern, nicht mehr unſrer früheren ekſtatiſchen Thorheiten und ſublimen Schwäͤrmereien fähig zu ſein.“ „So iſt's!“ entgegnete Sigismund,„aufs Bedauern ſtud wir unſer Lebelang angewieſen.“ Als er auf ſein Zimmer kam, ſiel er tödtlich erſchöpft in den Sopha.„Laſſen Sie die Arbeit, ſie gelingt Ihnen nicht!“ hörte er unabläſſig Toscas Stimme in ſein Ohr flüſtern. Er verſiel in einen Zuſtand zwiſchen Wachen und Traum. Eine ſchwere, fieberhafte Aufregung brütete über ihm. Unbe⸗ weglich lag er da, und fühlte ſich beängſtigt, wie in ſchweren Ketten, und kraftlos, um ſie abzuſtreifen. Plötzlich wehte — 102— ihn Erquickung an; Töne erklangen, er wußte nicht wo; ſie kamen ihm bekannt vor und doch ſo, als ob er ſie noch nie gehört. Er athmete freier, das Herz klopfte ihm ruhiger! allmälig kehrte ihm das volle Bewußtſein zurück. Er richtete ſich auf und fuhr mit der Hand über Stirn und Augen, um ſich zu überzeugen, daß er wache; dann horchte er. Es war Schuberts„Ave Maria,“ das Liszt geſpielt hatte— und das jezt Tosca Beiron ſang!— Dieſe ſtillen innigen Töne, in tiefer Nacht von ihr geſungen, von ihm gehört, überwältigten ihn. Er warf beide Hände vors Geſicht, wie um ſich zu verbergen; dann ſprang er heftig auf, und ſagte ganz laut: „Ja, es iſt ſo! ich ſchmelze in ihre Weſenheit hinüber.. aber ich will nicht!— ich will fort! Agathe, zu Dir!“ Tosca hatte aufgehört zu ſingen. Es war ſo ſtill im Hauſe und auf der Straße, daß er hörte, wie ſie die Thür aus dem Salon nach ihrem Zimmer auf⸗ und zumachte. „Nun geht ſie ſchlafen!“ dachte er;„Gott ſegne Dich, unver⸗ geßliches Geſchöpf!“— und mit einem traurigen Rückblick auf ſich, fügte er den Schluß eines Liedes hinzu:„Und die Nacht, und die Nacht— Hat ſie ſchlafend verbracht!“— Dann traf er geſchwind einige Anordnungen, warf ſich aufs Bett, und fuhr in der Frühe des nächſten Morgens nach Magdeburg auf der Eiſenbahn— die, was das Zuſammen⸗ kommen betrift, eine eben ſo wundervolle Veranſtaltung, als hinſichtlich des Reiſens widerwärtig iſt. Im Wagen bemäch⸗ tigte ſich ſeiner eine Art von Betäubung, die ihm ſehr wol that, ein Seelenſchlaf, aus dem er geſtärkt zu erwachen hofte. Endlich griff er ungeduldig nach der Uhr, um zu ſehen, wie lange er denn noch bis Magdeburg zu fahren habe. Außer der Uhr fand er in ſeiner Bruſttaſche Toscas Flacon. Es — 103— war von hellblauem Hyalith, mit goldnen chineſiſchen Zeich⸗ nungen, platt und flach, bequem in der Taſche zu tragen. Als Sigismund es betrachtete, die glänzende Farbe, die phan⸗ taſtiſchen Figuren, fiel ihm ein, ob es nicht ein Amulet ſein möge, ein Talisman, und ob er es nicht lieber aus dem Wagen werfen ſolle; aber der Gedanke, daß es ihm ja nicht gehöre, hielt ihn zurück. Dies Flacon warf ihn wieder in ſeinen geſtrigen Ideenkreis! er dachte wieder an Tosca, an den holdſelig gedankenvollen Blick, womit ſie„Und nun?“ geſagt, an die Muſik, an ihren Sammetſhawl, an den leichten Duft von vétivert. Er öfnete das Flacon; richtig! es war vétivert darin. Er goß einen Tropfen auf ſeinen Rock. Zwei junge Leute ſaßen neben ihm. Er hatte bis daher ihr Geplauder nicht beachtet; als aber der Eine den Dom von Magdeburg erblickte, und zum Andern ſcherzend ſagte, indem er auf die Stadt wies: „Da wohnt Deine künftige Liebſte!“ 3 Da erſchrak Sigismund faſt, denn ſeine Liebſte wohnte da, und ſeine Gedanken gingen nicht zu ihr— ſondern zu⸗ rück! zurück!—— Er eilte zu Agathen. Er ſchellte; ihre Mutter öfnete ihm die Thür und empfing ihn mit herzlicher Freude. Er fragte ungeduldig nach Agathen. „Sie plättet;“ ſagte die Mutter, und rief in ein andres Zimmer hinein:„Agathe, komm einmal her, geſchwind!“ Agathe kam munter hereingelaufen und ſtieß einen hellen Freudenſchrei aus, als Sigismund ihr entgegen trat. Es war ein wunderhübſches Mädchen, groß, voll und ſchlank von Geſtalt, mit einem prächtigen blaßgelben Teint, deſſen Colorit ebenſo warm und friſch als die roſigere Farbe der Blondinen — 104— iſt, mit rabenſchwarzem Haar, in welchem das farbloſe Antlitz wie eine Perle auf Sammet lag, und mit guten ſanften ſchwarzen Augen, die das Geſicht, welches durch Züge und Farbe hätte hart ſein können, ganz weich machten. Jezt ſah ſie überdas ſehr glücklich aus, ſo wie man bei zwanzig Jah⸗ ren dem Geliebten gegenüber auszuſehen pflegt. Dieſer Aus⸗ druck von Glück rührte Sigismund. Iſt es Dankbarkeit? iſt es Eigenliebe? nichts feſſelt den Menſchen ſo an einen andern, als das Bewußtſein, ihn bis ins innerſte Herz zu beglücken. „O Sigismund!“ ſagte Agathe,„Du hätteſt doch lieber vorher ſchreiben ſollen, denn jezt freu' ich mich ſo ſehr... daß ich gar nichts ſagen kann.“ Sie ſetzte ſich, nahm ſeine Hand in die ihren und ſah ihn an. Er erzählte ihr, daß er nicht vorher ſeine Ankunft hätte beſtimmen können, weil er den Entſchluß gern von au⸗ genblicklicher Stimmung abhangen laſſe, von einer unüber⸗ windlichen Luſt, oder von tiefer Sehnſucht, oder von der plötzlichen Ueberzeugung: jezt ſei es grade an der Zeit. Zu Allem, was er ſagte, nickte Agathe freundlich mit dem Kopf; ſte hörte auf ſeine Stimme, auf ſeine Worte nicht. Was er ſprach, war ihr höͤchſt gleichgültig; daß er da war, beſeligte ſie. Sie unterbrach ihn plötzlich: „Sigismund!“ rief ſie,„haſt Du mich lieb?“ Das iſt eine unſelige Frage! Unter hundert Malen ſtimmt ſie den, an welchen ſie gerichtet wird, neunundneunzig Mal traurig. Liebt er aus voller Seele, mit tiefſter Hinge⸗ bung, ſo ſcheint ihm die Frage zu alltäglich, um nicht über⸗ flüſſig zu ſein. Thut er das nicht, ſo ſetzt er im Andern Mißtrauen und Zweifel voraus und fühlt ſich gekränkt, we⸗ nigſtens verſtimmt, weil— er es verdient. Die Frauen — 103— haben eine unglückliche Leidenſchaft für dieſe Frage, denn ſie lieben Demonſtrationen des Gefühls, ſie ſind demonſtrativer als die Männer— vielleicht, weil ſie mehr Zeit dazu haben, vielleicht weil es eine ihrer Grazien iſt. Eine Frau weiß unter vier Augen unendlich viel mehr Liebliches zu ſagen als ein Mann; darauf ſollte ſie ſich beſchränken, das hört er immer gern. Aber die Frage:„haſt Du mich lieb?“ ſollte ſte nie an ihn richten, höchſtens in den allerernſteſten Mo⸗ menten oder in fröhlichem Uebermuth, ſpottend, neckend;— nur dann wird er zu antworten wiſſen.— Dies rathe ich den Frauen ſehr wolmeinend. Ueber Sigismund legte ſich ein Schatten, als er ſagte: „Ja, liebe Agathe; aber warum fragſt Du?“ „Weil ich dies Ja lieber hören mag, als Alles, was Du ſonſt ſagſt, mög' es noch ſo geſcheut und klug ſein,“ erwiderte Agathe aus ſo vollem Herzen, daß er ſie gerührt und zärtlich umfaßte und ſagte: „Bei Dir hab' ich's gut, meine Agathe.“ „Und wo denn nicht, Sigismund?“ „Nirgends— wo Du nicht biſt.“ „Nun, das muß ja auch ſo ſein.— Aber,“ fügte fie hinzu und ſah ihn beſorgt an,„mir däucht, Du ſiehſt ange⸗ griffen aus. Biſt Du krank? hat Dir Jemand was zu Leide gethan?“ Sigismund lachte.„Das iſt doch keine ordentliche Ant⸗ wort,“ ſagte Agathe kopfſchüttelnd. „O,“ rief Sigismund,„ſteh mich an, Agathel ſieh mich an mit Deinen guten lieben Augen! und freundlich, Agathe, nicht beſorgt! Glaube mir, wenn ich bei Dir bin, ſo fehlt — 106— mir nichts, und wenn ich nicht bei Dir bin, ſo fehlt mir auch nichts— als Du.“ Agathe verſuchte ihn anzuſehen, aber ihre Augen füllten ſich mit Thränen; um ſie zu verbergen, ſchlug ſie die Augen nieder. Es war ein ſo milder ſanfter Ausdruck in ihrer ganzen Erſcheinung, daß Sigismund vor dem Gedanken bebte, dieſem Mädchen auf irgend eine Weiſe weh zu thun. Der Abend verging gut. Die Erinnerung an den geſtri⸗ gen ſtieg zwar ein Paarmal lebhaft in Sigismund auf, wenn er deſſen ekſtatiſche Emotionen mit dem Stillleben des heuti⸗ gen verglich. Aber er ſchob ſie gewaltſam zurück, und wie⸗ derholte heimlich: heute iſt's beſſer!— In dem Glanz des geſtrigen Abends ſtand Tosca wie die Roſe in einem perſi⸗ ſchen Gedicht; in dem Frieden des heutigen erſchien ihm Agathe wie das Veilchen in irgend einem deutſchen Frühlingsliede. Spät ging er fort, und zu ſeinem Schwager, bei dem er wohnte. Er fühlte ſich recht zufrieden, und ſeines Entſchluſſ e herzlich froh. Einige Tage bei Agathen, und die Arbeit ein vernünftiger Menſch zu werden war dennoch gelungen— trotz Toscas Prophezeihung, oder vielleicht wegen ihres„Glück zu!“ — Denn mächtig iſt ſie! dachte Sigismund; und ob ſie wol an mich denkt.... an ihr Flacon, das bei mir geblieben iſt? — So dachte er vor dem Einſchlafen, wenn der Geiſt und der Wille nicht mehr im Stande ſind die vagabondirenden Gedanken zu beherrſchen; ſie flogen zu Tosca, nicht zu Agathen. Am andern Morgen, nachdem Sigismund eine Weile bei Agathen geweſen war, ſagte ſie: „Aber, lieber Sigismund, warum parfümirſt Du Dich ſo ſtark? ich bin das gar nicht an Dir gewohnt.“ — 107— Er griff unwillkürlich nach der Bruſttaſche, um ſich zu überzeugen, ob das Flacon ſich nicht geöfnet habe; denn er hatte ſich ſchon ſo an den Geruch gewöhnt, daß er ihn nicht mehr bemerkte. Agathens Blick folgte ſeiner Hand. „Bitte, zeige mir, was es iſt,“ ſagte ſie Er gab ihr das Flacon, aber ein wenig widerwillig. Sie rief: „O das iſt allerliebſt! doch die Eſſenz wollen wir aus⸗ gießen; die mag ich nicht.“ „Gnade für die Eſſenz, liebe Agathe! ſie wird Dir gewiß gefallen, wenn ich Dir ſage, daß es die alten Narden find, die Narden, welche die heiligen drei Könige ſamt Gold und Spezereien dem Chriſtuskinde darbrachten. Jezt heißen ſie vétivert.“ „O, im vetivert iſt gewiß nichts mehr von den alten Narden enthalten! ich kann oiriich nicht ertragen, daß Du Dich damit parfürmirſt“. „Ich will es weglegen, liebe Agathe,“ ſagte Sigismund und ſtreckte die Hand danach aus. Aber Agathe behielt es in der ihren, die ſie zurückzog, und ſagte: „Bitte, Sigismund, o bitte, ſchenke mir das Flaconk e es iſt gar niedlich.“ „Ich werde Dir ein andres geben, liebe Agathe, ein grö-⸗ ßeres, eleganteres, mit irgend einer Eſſenz, die Du gern magſt.“ „Nein, ich danke Dir! ein eleganteres will ich nicht... und es giebt auch keines! und die größeren find nur un⸗ bequem.“ „Du kannſt ein größeres auf Deine Toilette ſtellen.“ — 108— „Ich hab' keine Toilette, zu welcher ein elegantes Flacon paßt, Sigismund. Ich mögte nur dies... um es immer bei mir zu tragen... ſo wie Du es getragen haſt.“ „Aber Du magſt nicht den Parfüm, Agathe.“ „Nein gar nicht! drum will ich ihn Dir nehmen.“ „Ich könnte ihn mir ja wieder bei jedem Parfümeur kaufen.“ 3 „O das thuſt Du nicht, wenn es mir unangenehm iſt. Bitte, Sigismund, ſchenke mir das Flacon.“ Er hätte einfach ſagen können, es gehöre ihm nicht; aber ihm graute vor den Erörterungen, wie, wann, von wem er es bekommen habe, und er fühlte, daß er nicht im Stande ſei, irgend eine kleine erklärende Geſchichte, wie die Männer ſie ſonſt immer bereit zu haben pflegen, in dieſem Augen⸗ blick zu erfinden. Wie man das denn immer höchſt unge⸗ ſchickt macht: um aus der Verlegenheit zu kommen wird man heftig. „Ich bitte ſehr um Verzeihung,“ ſagte er kurz,„allein das Flacon iſt mir lieb.“ „Eben darum!“ ſagte ſie bittend. „Mein Gott!“ rief er heftig,„wenn Du eine ſo große Liebhaberei für Flacons haſt, will ich Dir ein Dutzend kaufen!“ Kaum hatte er's geſagt, ſo that es ihm leid, denn Agathe ſagte ſehr traurig: „Du willſt es mir alſo nicht geben?“ „Laß es mir, liebe Agathe!“ bat er ſanft. „Da!“ ſprach ſie. Doch noch ehe er es nehmen konnte, machte ſie ihre Hand auf und ließ es fallen, zu abſichtlich um den Zufall anklagen zu dürfen. Sigismund wurde blaß, — 109 ſtand auf und nahm ſeinen Hut. Als Agathe das gewahrte, ſprang ſie ihm in den Weg, faltete die Hände, und ſagte zitternd:. „Sigismund!“ „Es thut nichts, liebe Agathe,“ erwiderte Sigismund mit etwas gezwungenem Lächeln.„Ich bin ungeſchickt geweſen — nicht Du.“ „O Du biſt erzürnt!“ rief ſie mit tiefem Schmerz. „Gar nicht! mein Wort darauf! ein Flacon iſt ja etwas ſehr Zerbrechliches! In einer halben Stunde bin ich wieder hier, Agathe— jezt muß ich einen Gang durch die Stadt machen.“ „O nicht jezt.. nicht ſo im Zorn!“ bat ſie.„Geh nicht fort, ohne mir einen Kuß zu geben— das iſt noch nie ge⸗ ſchehen, Sigismund!“— Sie ſagte das aus tiefer, trauriger Liebe, doch es berührte ihn unangenehm. „Laß mich gehen, gute Agathe, ich bitte Dich!“ ſprach er im halb gereizten, halb befehlenden Ton. „O Himmel!“ ſagte Agathe und trat zurück. Sie bebte vom Scheitel zur Sohle, ſchloß die Augen, und lehnte ſich an die Wand neben der Thür. Das ging ihm durchs Herz. Agathe hatte ja nicht Unrecht; ſie hatte nur den un⸗ begreiflich feinen und richtigen Inſtinkt der Liebe. Er! er hatte Unrecht gegen ſie, und fügte jezt noch die herbſte Krän⸗ kung dazu! Er warf den Hut fort, er umfaßte Agathe, ließ ſie niederfitzen, kniete vor ihr, gab ihr tauſend ſüße Namen und liebe Worte. Sie hielt unabläſſig beide Hände vor dem Geficht. Er bat ſie ihn nur anzuſehen, wenn auch nicht freundlich.. „Nein!“ ſagte ſie,„ich bin beſchämt, ich kann nicht.“ „Du ſtrafſt mich hart, Agathe,“ ſagte er, wieder etwas heftig. „Es ſollte nicht Strafe ſein, Sigismund,“ ſprach ſie und ließ die Hände ſinken.„Aber höre! wenn ich zu Dir ſpreche: Gieb mir einen Kuß! ſo mußt Du es thun— denn Du kannſt Dir vorſtellen, daß mir ſo viel daran liegt... ſo viel... wie vorhin. Verſprich mir das.“ „Ja, liebe Agathe.“ „Dafür verſprech' ich Dir, daß ich es nie wieder thun will— nie wieder.“ „Aber wenn ich Dich um einen Kuß bitte— was wirſt Du thun?“ „Ich werde immer thun, was Du wünſcheſt,“ entgegnete ſie, und die Trauer auf ihrem Geſicht machte einer wunder⸗ holden Freundlichkeit Platz.„Und jezt bleibſt Du hier? nicht wahr?“ fragte ſie.. „Ich habe meiner Schweſter verſprochen bei ihr zu Mit⸗ tag zu eſſen,“ antwortete er. „O nicht bei Deiner Schweſter!“ rief Agathe ängſtlich; „iß bei uns, Sigismund.“ „So muß ich ihr doch ſagen, daß ich nicht komme.“ „Ja, thue das! aber komm' bald wieder; denn Deine Schweſter mag mich nicht.“ „Sie mag Dich nicht?“ rief er befremdet. „O, ſie mag nicht, daß Du mich heiratheſt! ich bin ihr für Dich nicht reich und vornehm genug. Sie meint, Du könnteſt eine ganz andre Partie machen— was ich freilich auch ſehr gern glaube.“ „Eine Partie machen!“ rief Sigismund;„aber ich will gar keine Partie machen! Heirathen will ich!... und zwar Dich, Agathe!“ — 111— Er umarmte ſie und ging. Sie ſprang an das Fenſter und blickte ihm nach, wie er dahin ging, feſt, raſch, mit we⸗ nigen Bewegungen. Ihr ſchien, als habe ſie nie Jemand ſo ſicher und ruhig gehen ſehen. So lange ſie ihn ſah, fühlte ſie ſich froh und leicht; als er verſchwand, als ſie ins Zim⸗ mer zurücktrat, als ſie die himmelblauen und goldnen Scher⸗ ben des Flacons gewahrte, fiel ihr Herz gleichſam in namen⸗ loſe Beklommenheit zurück. Sie grämte ſich, daß Sigismund ihr nicht das Flacon hatte geben wollen, daß ſein Wunſch, es zu behalten, größer war, als ſein Wunſch, ihr eine Freude zu machen.„O wenn er es mir gegeben hätte,“ ſagte ſie halblaut,„ſo hätte ich es ihm ja auf der Stelle zurückge⸗ geben! behalten wollte ich es gar nicht, nur wiſſen, ob das, was ſein iſt, auch mein iſt.“ Als die Mutter eintrat, fand ſie Agathe am Boden kniend, und weinend die Scherben in ihrer Schürze ſammelnd. Sie fragte, was ihr widerfahren ſei? Agathe ſagte nur, es thue ihr ſo leid, daß ſie Sigismunds allerliebſtes Flacon habe zu Boden fallen laſſen, und dabei weinte ſie, als wolle ſie mit ihren Thränen die Erinnerung daran überfluten. Das ſind unſre bitterſten Schmerzen, die, welche wir Keinem anvertrauen mögen, weil wir ſie in uns ſelbſt nicht zum Bewußtſein kom⸗ men laſſen mögten. Sigismund fühlte ſich mißgeſtimmt.„Es liegt doch etwas Krittliches, Kleinliches, Eiferſüchtelndes im Frauencha⸗ rakter,“ ſprach er zu ſich ſelbſt. Sein Beſuch bei ſeiner Schweſter erhöhte dieſe Mißſtimmung; ſie machte ihm Vor⸗ würfe, daß er ſie um ſeiner Braut willen vernachläſſige;— ſehr zärtlich, ſehr freundlich that ſie das; die Intimität eines halben Menſchenlebens, ihre lange vertrauliche, durch die — 112— Kindheit und erſte Jugend fortgeſetzte Freundſchaft rechnete fie ihm vor, welche jezt durch eine Bekanntſchaft von ſechs Monaten in Schatten geſtellt werde. Sie war eine ſehr hübſche und elegante Frau, durch die günſtigen Verhältniſſe ihres Mannes in eine glänzende Lage verſetzt. Wie das zu⸗ weilen geht zwiſchen Geſchwiſtern, ſo ging es auch hier: eins von ihnen iſt der Liebling der übrigen— bald iſt es das älteſte, bald das jüngſte, bald der einzige Bruder oder die einzige Schweſter, bald nichts von dem Allen, ſondern eben nur der allgemeine Familienliebling; für den erſinnen ſich die übrigen ganz beſondre Schickſale voll Glück und Segen und Glanz, und malen ſeine Wege mit ſo idealiſchen Farben aus, wie ſie ihn ſelbſt in eine Glorie der Vollkommenheit ſtellen. Sucht er dann auf ganz gewöhnlichen Pfaden und zwiſchen gewöhnlichen Verhältniſſen ſein Glück, ſo liegen die unter der Erwartung der Geſchwiſter, und ſie fühlen ſich ein wenig gedemüthigt in ihren hochfliegenden Hofnungen. Wirft er ſich aufs Ungewöhnliche, ſo liegt das, wenn nicht über— doch außerhalb der Kreiſe ihrer Wünſche, und es verletzt ſie, daß er etwas ergriffen hat, was ſie nicht für ihn ausge⸗ dacht. Und dies Alles aus lauter Liebe!— Sigismunds Schweſter fand, daß Agathe durch ihre Heirath ein namen⸗ loſes Glück mache, zu welchem ſie durch nichts berechtigt ſei⸗ „Es iſt ein hübſches gutes Kind,“ ſagte ſie oft zu ihrem Mann,„doch ich dächte, mein Bruder dürfte wol andre An⸗ ſprüche machen.“— Und jezt fand ſie ſich in ihrer ſchweſter⸗ lichen Zärtlichkeit beeinträchtigt um Agathens willen! Ge⸗ ſchwiſterliebe iſt ein geliehenes Gut; ſie kann ſo lange genü⸗ gend, ja, exeluſiv ſein, bis das Herz zur Erkenntniß gekom⸗ men. Iſt das geſchehen, weiß es, was es fodern— oder — 113— beſſer, was es geben kann: ſo tritt die geſchwiſterliche Liebe in ihre Schranken zurück, kann Troſt, Freude, Beruhigung gewähren, aber nicht das unermeßliche Glück, nach welchem das Herz durſtig worden iſt, ach! oft ohne Befriedigung zu finden. Um Familien⸗ und überhaupt alle intimen Verhält⸗ niſſe in einer Sphäre zu erhalten, wo ſie nicht allzu ſehr vom dicken Staube der Alltäglichkeit zu leiden haben, iſt nichts ſo nothwendig, als gewiſſe Fühlfaden an der Seele, welche auf manchen Punkten vor der lindeſten Berührung ſich zuſammen⸗ ziehen, und vor dem Vorwärtsdringen warnen. Wir haben auch ſolche Fühlfaden; wir empfinden auch ihre Einwir⸗ kung; dennoch übertäuben wir oft ihre Warnung, weil über⸗ triebene Eigenliebe uns zuflüſtert, daß wir mehr geben, als empfangen, daß Kälte und Mangel an Vertrauen uns gegen⸗ über ſtehen. Das kann wol ſein! aber der Bruder iſt Mann, aber die Schweſter iſt Weib; tauſend und aber tauſend feine, unſichtbare und dennoch unzerreißbare Rückſichten weben eine leicht verletzliche Schranke. Ich glaube, daß die Menſchen, um ſich nur als Geſchwiſter zu fühlen, immer in der Kinder⸗ ſtube bleiben müßten. Sigismund hatte für die zärtlichen Vorwürfe ſeiner Schwe⸗ ſter keine Antwort. Er verſuchte mit ihr darüber zu ſcherzen, aber ſie nahm die Sache tragiſch, als ſie ſah, daß er ſie luſtig nehmen wollte— ſo, aus bloßem Widerſpruchsgeiſt, der ſich bisweilen wie eine nervoſe Irritation der Frauen bemeiſtert, und ſie faſt gegen ihren Willen Dinge thun und ſagen läßt, welche ſie hinterdrein herzlich bereuen. Ich habe ſehr nach⸗ gedacht, woher das kommen möge; ich glaube, es iſt, weil die Frauen ſich nothgedrungen ſo ſehr fügen und ſchicken, der fremden Meinung unterordnen, der fremden Anſiht folgen, S. Forſter. das Gegentheil von dem thun und laſſen müſſen, wie es ihnen ums Herz iſt. All die heimlichen Proteſtationen, welche ſie einreichen, und welche vom Schickſal nicht angenommen wer⸗ den, ſammeln ſich in ihrer Seele auf, und bilden darin eine Oppoſition, welche nur darum bei erbärmlichen Kleinigkeiten hervortritt, weil ſie es bei wichtigen Dingen nicht immer darf. Um Vieles verſtimmter, als er gekommen war, verließ Sigismund ſeine Schweſter. Vor der Thür begegnete ihm ſein Schwager, und hielt ihn am Arm feſt. „Was Teufel fehlt Dir, daß Du mich faſt über den Hau⸗ fen rennſt?“ fragte er. „Frag' mich nur nicht!“ rief Sigismund;„denn Deine Frau hat mich geärgert!“. „Meine Frau iſt Deine Schweſter,“ entgegnete Friedrich äußerſt gelaſſen;„und wie kannſt Du Dich überhaupt ärgern laſſen? ſo lange Du das noch thuſt, biſt Du nicht reif für die Ehe. Ich ärgere mich nie über meine Patienten; ſie ſind eben krank.“ „Seelenunarten kann ich nicht Krankheit nennen„“ erwi⸗ derte Sigismund. 1 „ Ich thue es, und ich befinde mich ſehr wol dabei,“ ent⸗ gegnete Friedrich.„Deine Schweſter iſt eine ſo gute Frau, wie eine! das hindert aber nicht, daß ich häufig Gelegenheit hätte, mich über ſie zu ärgern. Oben hinaus will ſie, immer oben hinaus.... und das hat denn doch ſeine Grenzen! da ſetz⸗ ich ihr eine unerſchütterliche, eiſerne Ruhe entgegen.— „Und reizeſt ſie dadurch immer heftiger auf,“ unterbrach Sigismund;„nein, Freund! von ſolcher Ruhe kann eine Frau ganz deſperat werden.“ — un— „Ich werde mich doch nicht mit ihr zanken ſollen? Das iſt ganz gegen meine Grundſätze.“ Sigismund machte eine ungeduldige Bewegung. „Es iſt kalt hier draußen, nicht wahr?“ ſagte Friedrich; „komm zu mir, wir wollen ſchwatzen.“. „Nein!“ rief Sigismund,„heut komm ich nicht zu Dir! heut hab' ich Unglück! es giebt ſolche verwünſchte Tage, die im Kalender eines ſchadenfrohen Dämons übel angeſtrichen ſein müſſen— und ein ſolcher iſt der heutige.“ „Was haſt Du denn mit der Auguſte gehabt?“ fragte Friedrich bedächtig. „Sie iſt eiferſüchtig auf Agathe! ich bitte Dich, bringe ihr doch bei, daß die Eiferſucht nicht in geſchwiſterliche und freundſchaftliche Verhältniſſe gehört, ſondern zur Liebe, zur Ehe“— „Den Teufel auch!“ rief Friedrich;„Eiferſucht zur Ehe; ein horrender Gedanke, der! beſonders in meinen Verhältniſſen. Nein! wenn meine Frau eiferſüchtige Launen haben will, ſo gönne ich ſie Dir von ganzem Herzen, lieber als mir— Denn ein Bruder fragt doch weniger danach, als ein Mann. Adieu, mein Alter.“ Er ging ins Haus, und Sigismund zu Agathen. Agathe hatte ſo heftig geweint, daß ihre Augenlider noch ganz roth und geſchwollen waren, und daß ihre Stimme noch das leiſe Zittern hatte, das nach ſtarkem Weinen eine Zeit⸗ lang währt. Davon wiſſen die Männer nichts— ſchon darum nicht, weil ſie nicht zu weinen pflegen. Thränen ſind ihnen nun einmal verhaßt. Bei ſich ſelbſt ſchämen ſie ſich ihrer, weil ſie als weibiſche Schwäche ſie Batrachtenz bei den Frauen find ſie ihnen unerträglich, theils weil ſie allzu ge⸗ rührt durch deren Thränen werden— was ihnen wieder weibiſch vorkommt— theils weil ſie der Aufrichtigkeit dieſer Thränen mißtrauen. Das Aeußerſte, was ein Mann in die⸗ ſer Beziehung für eine Frau thut, iſt, daß er ſie weinen läßt, ohne ihr darüber Vorwürfe zu machen. Hat er ihr das ge⸗ ſtattet, wie man einem verzogenen Kinde ſtillſchweigend eine Unart nachſieht, ſo ſoll ſie dafür, wenn ſie ſich kaum die Augen abgetrocknet hat, flugs fröhlich und freundlich ſein. Könnte ſie das ſein, ſo wären ihre Thränen wirklich nur aus einer Unart, nicht aus einem Schmerz entſprungen, und die Männer begreifen nun einmal nicht, daß man aus Schmerz weint. Begriffe es einer, ſo würde er mild gegen die Thrä⸗ nen ſein. Aber es giebt Punkte, in denen der Mann und das Weib ſich gegenſeitig durch und durch unverſtändlich ſind, und aller Mühe ungeachtet auch bleiben werden. Das rührt nicht von der Erziehung, von den Geſetzen der Welt und der Geſellſchaft her; es liegt an der geiſtigen und körperlichen Organiſation: von ſeinem Geſchlecht kann keiner ſich losreißen, und das Geſchlecht iſt an gewiſſe Bedingungen geknüpft, die ſich ewig gelten machen. Je größer die Liebe, um deſto tiefer wird das gegenſeitige Verſtändniß ſein; doch auf ein vollſtän⸗ diges rechne nur Niemand. Es giebt gute Momente; da kann man ſagen:„Siehſt Dul ſo und ſo und ſo bin ich, denk' ich, fühl ich; haſt Du das begriffen?“— Und der Andre wird mit Ueberzeugung Jal ſagen, und dennoch nach fünf Minuten handeln, als ob er Nein! geſagt hätte. Das iſt um ſich todt zu grämen! Kämen wir gleich beim erſten Schritt ins Leben zu dieſer Erkenntniß, ſo würden wir vielleicht wirk⸗ lich durch ſie überwältigt und zerknickt werden; aber die — 117— Schule der Enttäuſchung iſt ſo lang, und wir find ſo un⸗ gemein wißbegierige Schüler, daß wir ſelbſt nicht auf der Schwelle zuſammenſinken mögen. Agathe hatte eine ſanfte Seele und ein liebendes Herz; ſie empfing alſo Sigismund ſehr freundlich, nur aber fröhlich, ſo wie ſie ſonſt zu ſein pflegte, und wie er ſie immer geſehen, fröhlich war ſie nicht. Bisher war zwiſchen ihr und Sigis⸗ mund die vollkommenſte Einigkeit geweſen; die Ueberzeugung, daß zwei Wünſche, zwei Willen bei ihnen exiſtiren, und von jedem bis zur letzten Conſequenz durchgeführt werden könn⸗ ten, drängte ſich wie ein Stachel in ihre Bruſt. Sie dachte nicht daran, ob er Unrecht habe, oder ſie; auch nicht, worin es beſtehe; ſie dachte nur: O Gott, wie iſt es möglich, daß ich nicht ganz glückſelig bin, wenn Er da iſt!— Durch nichts wird eine Frau ſo traurig, als wenn ſie ſich das zum erſten Mal eingeſteht. Was für Schmerz und Weh und Leid ihr auch widerfahren möge: damit iſt nichts zu vergleichen! es iſt doch Alles höchſtens nur der Verluſt einer Welt; aber jenes Gefühl iſt der Untergang der ganzen goldnen, ſeligen, unerſchütterlich gewähnten Liebeswelt. In der Ehe— da ſind denn die Kinder dazu da, um den Stachel minder fühl⸗ bar zu machen, ſo heißt es; ſo ſpricht der Menſch, der ſich nun einmal entſchloſſen hat, mit ſeinen Schmerzen fertig zu werden. Aber vor der Ehe, wenn man das Herz in die Liebe getaucht hat, wie in das Weltmeer, deſſen Küſten man nicht kennt— wenn man jung und ſtark genug iſt, um nicht an Erſatz zu glauben und um Troſt zu verſchmähen— welche wolklingende, halbwahre, oberflächliche Redensart ſpricht da der Menſch? Am Beſten iſt's noch, wenn er die Achſeln zuckt und ſchweigt, Die Rückwirkung von Agathens Niedergeſchlagenheit auf Sigismund war heftig. Sonſt neben ihr wie unter dem lichten blauen Himmel, fühlte er ſich jezt wie unter einer Wolke, und der Gedanke, daß ſeine Anweſenheit ſie nicht mehr durch und durch erfreue, daß ſie ſich gegenſeitig weh gethan, daß er ſie verletzt, daß ſie um ihn geweint habe— lag lähmend auf ſeinem Herzen. Indeſſen, er verſtand mehr, ſich zu beherrſchen, als die junge unerfahrne Agathe. Er wollte nicht die Nebel, die zwiſchen ihnen aufdämmerten, ſich verdichten laſſen. Er gab ſich die größte Mühe, Agathe heiter zu ſtimmen, indem er mit ihr Plane für die Zukunft machte, und ſie ſo roſenroth ausmalte, wie ſeine Liebe für ſie es ihm geſtattete. Er war ſehr geſprächig, ſehr herzlich, ſehr theil⸗ nehmend, ſehr munter— und dadurch ſehr liebenswürdig, weil ſein gewohnter Ernſt dabei zerſchmolz und in den Hin⸗ tergrund trat, wie die Gletſcher in einem Alpenthal. Und Agathe widerſtand dieſer Liebenswürdigkeit nicht. Die un⸗ ruhigen Wellen ihres Herzens legten ſich. Sigismund war der Zauberer, der ſie zur Ruhe ſprach. Sigismund war der Stern, der das Gewölk in ihrem Innern lichtete. „Sigismund!“ rief ſie;„o, ich liebe Dich.“ Sie warf die Arme um ſeinen Hals; ſie ſah ihn an, ſo feſt, ſo lang, ſo tief, als ob ſie mit dem Blick in ſeine Seele hinein gleiten wollte. „Wol mir!“ ſagte Sigismund. Aber er ſagte es nicht triumphirend, ſondern erſchöpft; es klang wie ein Seufzer, nicht wie ein Jubelruf. Agathe ſtrich leiſe mit der Hand über ſeine Stirn. Er fragte: „Was iſt da?“ — 119— „Ich weiß nicht,“ entgegnete ſie,„aber Etwas iſt da, was ich wegſchaffen mögte.“ „Falten, Agathe?“ „O nein!l ich weiß nicht, was es iſt! ſag' es mir, Sigis⸗ mund.“ „Kind! Kind!“ ſagte er lächelnd,„grabe doch nicht ſo in die Tiefe! da giebt's ja Särge und Leichen.“ „Ja,“ rief ſie lebhaft,„und deren Geſpenſter kommen auf die Oberwelt, und ich mögte ſie verſcheuchen.“ „Was meinſt Du eigentlich?“ fragte er und ſah ſie ein wenig befremdet an. „Ol daß ich Dich liebe, Sigismund!“ ſagte ſie ſanft. Als er Agathe in ihrer Liebe beſtärkt und beruhigt ſah, that er einen langen innerlichen Athemzug, als fühle er ſich von einer Sorge befreit. Später kam ſeine Schweſter mit ihrem Mann. Sie ſagte freundlich: „Wenn Du mich nicht aufſuchſt, lieber Sigismund, ſo ſuch' ich Dich auf— verwöhnter Menſch, der Du biſt. Wir können nun einmal Alle nicht von Dir laſſen.“ Das rührte und erfreute ihn. Sein Herz hob ſich wieder, um aus der Beklommenheit herauszutreten, die ihn den gan⸗ zen Tag umſpannt gehalten. Dieſe Frauen, Auguſte und Agathe, beide ſo verſchieden, und einander ſo fremd im inner⸗ ſten Weſen, ſchienen ſich nur in der Liebe zu ihm zu begegnen und zu verſtehen. Die Schweſter freute ſich an der Adora⸗ tion, mit der die Braut zu ihm emporſah; und die Braut an der huldigenden Zärtlichkeit der Schweſter. Ihm wurde wol, er fing an, ſich heimiſch zu fühlen. Plötzlich fragte ihn ſein Schwager: 3 — 120— „Biſt Du denn nicht in Berlin der Tosca Beiron begeg⸗ net? ſie ſoll ja da ſein— hört ich heute.“ Sigismund war zu Muth wie Jemand, der dem Ufer nah in den Strudel der Wellen ſich zurückgeriſſen fühlt. Er ſagte entſchloſſen: „Ich wohne mit ihr in demſelben Hauſe und habe ſie öfter geſehen.“ „Und das ſagſt Du mir nicht!“ rief Friedrich;„aber nun erzähle! wie ſieht ſie aus, wie geht's ihr, wie lebt ſie? hat ſie wirklich einen alten kränklichen Mann? Tosca Beiron mußt Du wiſſen, Guſtchen— wandte er ſich an ſeine Frau— war in Bonn meine Göttin, und Sigismunds erſte Liebe, Fräulein Agathe“— ſagte er zu dieſer. „Ich kann mir keine Perſon vorſtellen,“ entgegnete Au⸗ guſte,„die auf Euch Beide einen gleich tiefen Eindruck machen könnte.“ „Das war er auch mit nichten!“ ſagte Friedrich;„ich behielt immer den Kopf oben; aber Sigismund war weg— rein weg. Sigismund bei einundzwanzig Jahren, als Student zu Bonn, Fräulein Agathe, war nicht der ernſthafte Regie⸗ rungsrath zu Magdeburg, der Ihnen jezt zur Seite ſitzt, und ich war damals auch ein ganz Andrer.“ „Ich glaube gar, Du ſeußzeſt,“ rief Auguſte.„Wenn ich mit Dir zufrieden bin, ſo wie Du jezt biſt, ſo ſeh' ich nicht ein, was Du zu ſeufzen haſt.“ „Es iſt eine ganz ſchlechte Gewohnheit,“ ſagte Sigis⸗ mund,„bei der Erinnerung an die Jugendzeit zu ſeufzen. Wir ſollten lieber lachen, daß wir ihre Freuden gehabt haben, und daß ihre Thorheiten hinter uns liegen.“ — 121— „Aber Sigismund— wer iſt Tosca Beiron?“ fragte Agathe. „Erlauben Sie mir Ihre Frage zu beantworten!“ nahm Friedrich ſchnell und neckend das Wort;„den armen Sigis⸗ mund dürfte es verlegen machen.“ „O!“ rief Sigismund,„es wäre übel mit mir beſtellt, wenn ich um jedes Frauenzimmer verlegen werden ſollte, das mir gefallen hat.“ „Gefallen hat!“ rief Friedrich lachend;„das nennt er gefallen hat! Fräulein Agathe, die Zeiten ſind längſt vor⸗ über, und ein Student hat ein andres Herz als ein Mann, aber glauben Sie mir: Ihr Sigismund war dermaßen ernſt⸗ haft verliebt in Tosca Beiron, wie zu ſeiner Zeit von den ſechshundert Studenten zu Bonn nicht ein einziger verliebt war.“ „Das gefällt mir von meinem Bruder!“ ſagte Auguſte. „Würd'’ es Dir auch von Deinem Mann gefallen?“ fragte Friedrich. „Gewiß!“ entgegnete ſie,„lieber tüchtig, als matt ver⸗ liebt ſein.“ „Guſtel! ſo ſpricht eine alte Ehefrau aus der temperirten Zone des ehelichen Lebens heraus,“ ſagte ihr Mann.„Eine Braut wird immer wünſchen, daß ihr Herzliebſter wo mög⸗ lich gar nicht— oder doch nur ſo matt wie möglich verliebt geweſen ſei, bis er ihr gegenüber in Flammen ſteht. Gelt, Fräulein Agathe?“ „O Himmel, Sigismund! wer iſt Tosca Beiron?“ ſagte Agathe und faltete bittend ihre Hände gegen ihn zuſammen. Es war ihr unmöglich, auf Friedrichs Scherze einzugehen. Sie konnte das ſonſt, zuweilen, wenn ſie grade recht fröh⸗ licher Laune war. Die gehört dazu, um ſolchen Neckereien zu begegnen, welche manche Menſchen die Gewohnheit haben gegen ein Brautpaar, und vorzugsweiſe gegen die Braut zu richten. Eine gräßliche Gewohnheit! ganz genügend, wenn man glücklich iſt, einem die neckenden Leute— und wenn mans nicht iſt, einem den Bräutigam unerträglich zu machen. „Sie iſt die Frau des General Beiron,“ antwortete Si⸗ gismund,„lebt dieſen Winter in Berlin, und ich habe unſre durch zwölf Jahre unterbrochene Bekanntſchaft wieder ange⸗ knüpft, weil wir in demſelben Hauſe wohnen, und weil ich ihr— oder eigentlich ihrem Mann— eine kleine Gefällig⸗ keit erzeigen durfte.“— Er erzählte darauf den Wechſel ſeiner Wohnung, und Agathe hörte ihm mit geſpannter Theilnahme zu. „Und iſt ſie denn noch ſchön?“ fragte Auguſte. „O wunderſchön!“ entgegnete Sigismund;„es iſt viel⸗ leicht zu viel Licht in dem Antlitz; die Augen, die Farben, die Zähne, die Lippen, das Haar— Alles iſt Glanz, nirgends Schatten! aber es iſt der Glanz des Diamants. Und ſo iſt auch ihr Weſen, ihr Blick, ihr Lächeln, ihre Stimme— nichts Dunkles in der ganzen Erſcheinung.“ „So war ſie ſchon damals!“ rief Friedrich;„ganz genau ſo! mirakulös, daß ſie ſich ſo gut conſervirt hat! die Blondi⸗ nen verblühen meiſtens mit fünfundzwanzig Jahren, und ſie muß wol dreißig ſein.“ „Ah, ſie iſt ſchon dreißig Jahr alt?“ rief Agathe mit einem freudigen Seufzer. „Ich ſchmeichle mir,“ ſagte Auguſte,„daß ich mit meinen dreißig Jahren nicht blos gut conſervirt ausſehe, was bei⸗ — 123— läufig eine ganz unerträgliche Redeweiſe iſt, lieber Friedrich, ſondern ſehr bezaubernd.“ „Es iſt eine alte Erfahrung,“ ſprach Sigismund lächelnd, „daß die Bezauberung völlig unabhängig von Jugend und Schönheit ſein kann. Cleopatra war eine kleine magre ſchwarze Frau: Prinzeſſin Eboli hatte nur ein Auge; Diane de Poitiers hätte bequem die Mutter ihres königlichen Ge⸗ liebten ſein können. Die Bezauberung fängt eben da an, wo die gewöhnlichen Mittel um zu gefallen aufhören.“ „Das iſt recht troſtreich für uns!“ rief Auguſte. „Ach nein!“ ſagte Agathe;—„man müßte denn das Bewußtſein eines Zaubermittels in ſich tragen.“ „Ich weiß etwas,“ ſagte Friedrich,„worauf ſolch' ein Zauber ſich weſentlich ſtützt. Aber Ihr werdet mich Alle dermaßen anſchreien, daß ich es Euch nicht zum Beſten gebe.“ „O ich errathe ſchon, was das iſt!“ entgegnete Auguſte; „Geiſt, Güte, Grazie— dies Kleeblatt, welches Ihr uns immer in vollen Sträußen anwünſchet, und an welchem Ihr doch häufig ſo gleichgültig vorüberſtreift.“ „Sehr natürlich!“ erwiderte Friedrich neckend.„Geiſt?— unbequem! Güte?— langweilig! Grazie?— überflüſſig! am Heerd und in der Kinderſtube total überflüſſig!— Nein, Guſtel, das war ſchlecht gerathen! denk' Dir was Andres aus!“ „Ich verſtehe gar nicht zu rathen,“ ſprach Agathe bit⸗ tend;„ſein Sie gut! ſagen Sie mir das Mittel.“ „Gut denn! ich werd' es ſagen! Paßt auf und glaub mir,“ ſprach Friedrich.„Die Geſundheit iſt's.“ „Das nenn ich wie ein Arzt geſprochen!“ rief Auguſte. „Wie ein Menſchenkenner, liebes Kind,“ entgegnete ihr Mann gelaſſen,„was freilich ſynonym mit Arzt iſt. Ich ſage Euch: ohne Geſundheit, ohne die Friſche, die Kräftigkeit, die Unverwüſtlichkeit der leiblichen Organiſation iſt gar keine Verzauberung möglich. Ja, die ſchöne Eboli hatte nur ein Augel ja, die ſchöne Diana war vierzig Jahr alt! und ge⸗ weint, und geſorgt, und ſich gegrämt haben Beide gewiß in reichlichem Maß— denn umſonſt iſt Niemand bezaubernd! das merkt Euch, und man muß dafür zahlen mit Schmerzen und Thränen!— aber was ſchadet das? die ſchönſte Gabe des Himmels, eine unzerſtörbare Geſundheit, machte, daß ſie durch Sorgen, Unruh und Aengſte nicht häßlich wurden. Eine Frau kann ein halbes Jahr in Thränen zerſchmelzen, und es wird ihrer Schönheit bei Weitem weniger Eintrag thun, als wenn ſie drei Tage den Magenkrampf hat. Geſund muß ſie ſein! in einem welken und gebrechlichen Körper iſt der Seele ſchlecht zu Muth, hat ſie nicht ihre Fähigkeiten, ihre Gaben rund und klar und friſch beiſammen! weder die leiblichen noch die geiſtigen Grazien können hervortreten. Der Geiſt iſt ohne Spannkraft, ohne Energie; in lahmen, mürriſchen oder ſentimentalen Launen ſchleicht er dahin— matt wie der Puls, der das Blut nur nothdüftig durch ie Adern treibt, ſo daß das Auge nicht ſtralen, die Wange nicht glühen kan. Wenn ich von einer ungewöhnlich ſchönen und liebenswürdigen Frau höre, ſo ſchreib' ich flugs ſieben Achtel ihrer Herrlichkeit ihrer guten Geſundheit zu, und freue mich einen Beruf gewählt zu haben, der dies Fundament aller Vortreflichkeit im Menſchengeſchlecht herzuſtellen oder zu be⸗ gründen ſtrebt. Gewiß hat Tosca Beiron eine wundervolle Geſundheit.“ — 125— Sigismund lachte hell auf, klopfte ſeinen Schwager auf die Achſel und ſagte zu ſeiner Schweſter: „Straf' ihn Lügen, liebe Auguſte, weil er vorhin geſagt hat: ein Mann hat ein andres Herz als ein Student. Glaube Du mir: er hat noch ganz daſſelbe wie vor zwölf Jahren! da fing er auch ſeine Reden mit Galenus, Boerhave und Pa⸗ racelſus an, und endete ſie unfehlbar mit Tosca Beiron.“ „Ich mögte ſie wol ſehen,“ ſprach Agathe. „Uns würde ſie nicht verzaubern, liebe Agathe,“ rief Auguſte.„Frauen, die allen Männern gefallen, gefallen uns nicht.“ „Sehr natürlich!“ ſprach Friedrich;„Ihr beneidet ſie.“ „Neid? weil ſie Euch gefallen?“ ſagte Auguſte ſpöttiſch. „Ach nein! das gelingt Jeder, die es darauf anlegt; und eben dieſe Koketterie iſt's, welche uns Andere abſtößt.“ „Euch Andere, die Ihr nicht kokett ſeid; nicht wahr, Guſtel, das willſt Du ſagen?“ ſprach Friedrich.„Liebes Kind, wenn Dirs nur einer glaubte! Koketterie iſt Euer Fach, Eure Beſtimmung, Eure Neigung, Eure Glorie. Ihr ſollt und wollt gefallen— dazu ſeid Ihr von der Natur be⸗ ſtimmt. Eine Frau, die keinem Mann gefällt, iſt ein un⸗ glückſeliges Geſchöpf, eine unifrathen⸗ Creatur, ein Mon⸗ ſtrum-e— „Welche Uebertreibung!“ unterbrach Auguſte ihn ver⸗ drießlich.„Was Du eine mißrathene Creatur nennſt, iſt oft ein liebes beſcheidenes Weſen, das ſich nicht vordrängt, nicht breit macht, nicht ihre kleinen Vortreflichkeiten herausſtellt, dafür von Euch überſehen, aber von uns mit den allerfreund⸗ lichſten Augen angeſehen wird.“ 3 „Das glaub' ich gern!“ rief Sigismund lachend. — 126— „Und was hat das liebe beſcheidene Weſen davon, daß Ihr ſie freundlich anſeht?“ fragte Friedrich. „Du biſt allzu impertinent, Friedrich!“ ſagte Auguſte geärgert. „Ich würde mich und jeden Mann heftig bedauern,“ ſagte Sigismund,„der nur ſeinem Geſchlecht gefiele. Das läßt eine überwiegend plumpe, bärenhafte, brutale Natur voraus⸗ ſetzen, die Euch durch und durch zuwider iſt; aber es ſchließt freilich nicht gewiſſe Verdienſte und eine gewiſſe Tüchtigkeit aus, die wir zu ſchätzen wiſſen. Wenn ich von Jemand ſagen höre: Er iſt ein prächtiger Junge! oder auch: Er iſt ein guter Kerl!— ſo weiß ich ſchon, daß ihm die Bärentatzen zu ſchaffen machen, wenn er auch zwölf Paar gelbe Hand⸗ ſchuh über einander zöge, und daß er den Frauen ein Greuel ſein wird. Nun ſag' mir, liebe Auguſte, was hat der arme Teufel davon, daß ein Paar von uns ſagen: Er iſt aber doch ein guter Kerl!— Ihr müßt ein lobendes und beifälli⸗ ges Wort über uns ſagen; das erquickt, das erfreut, das giebt Sicherheit, Feinheit, Takt, endlich gar— Glück!— Und das ſollte bei Euch anders ſein?“ „Lieber Sigismund,“ erwiderte Auguſte,„gefallen wollen und kokettiren hat mit dem Glück nichts zu ſchaffen.“ „Wer weiß!“ entgegnete er;„man muß der Koketterie nur keine böswillige Bedeutung beilegen, ihr keine heuchle⸗ riſche Abſicht unterſchieben; was iſt ſte dann anders, als eine graziöſe Geſchicklichkeit, liebliche und einnehmende Gaben herauszuſtellen, und das am rechten Ort thun— kann tiefes Glück begründen.“ p „Aber welch' ein Studium, welche Abſichtlichkeit und Be⸗ rechnung läßt das vorausſetzen!“ rief fie. — 127— „Nichts von dem Allen!“ ſagte Sigismund;„dafür habt Ihr Euern wundervoll feinen Inſtinkt! Nämlich die Begab⸗ ten unter Euch haben ihn! die gemeinen und ſchwerfälligen Naturen machen aus dem reizenden Scherz der Koketterie eine plumpe abſtoßende Berechnung, die oberflächlichen ein ödes gedankenloſes Spiel, die eiteln ein leichtſinniges“.— „Und was ſollen wir denn eigentlich daraus machen, Si⸗ gismund?“ fragte Agathe ganz ernſtlich. „Bravo, Agathe!“ rief Auguſte ſchadenfroh. „Eure ſchöne, liebenswürdige Natur ſollt Ihr zeigen,“ entgegnete Sigismund;„ſollt nicht prüde thun, wie vorhin mein Schweſterchen gegen die Frauen, welche uns gefallen; ſollt nicht die prächtigen unter Euch beneiden, und die alltäg⸗ lichen herausſtreichen, was, beiläufig geſagt, ein ganz abge⸗ brauchtes Mittel iſt; kurz, lieblich ſollt Ihr ſein.“ „O,“ rief Auguſte,„wie kannſt Du das Sein Koketterie nennen!“ „Nicht das Sein— das Zeigen!“ ſagte Sigismund. „Ich nenne nur das Scheinen ſo,“ entgegnete fie. „Es iſt umſonſt, Sigismund!“ ſprach Friedrich;„gegen manche Dinge, Worte, Perſonen, haben die Frauen Vorur⸗ theile, und es iſt leichter, eine Welt von Männern zu bekeh⸗ ren, als das Vorurtheil einer einzigen Frau zu beſiegen. Auguſte hat ſich nun einmal entſchloſſen, der Koketterie ihren Platz im tiefſten Höllenpfuhl anzuweiſen. Da könnte unſer Herrgott ſie des Paradieſes würdig erachten; Auguſte würde ſprechen: Unſer Herrgott thut ſehr übel daran. Und das geſchieht, um mir einen Beweis ihrer Aufrichtigkeit zu geben, ihrer himmelklaren Geſinnung, welche jede Schminke verachtet, jeden Um⸗ und Nebenweg verſchmäht, jede Huldigung abweiſtt. Und das ſoll ich glauben! O Ihr Frauen! wenn's Euch mög⸗ lich wäre, aufrichtig zu ſein, ſo wärt Ihr göttlich.— „Und folglich viel zu gut für Euch!“ unterbrach ihn Auguſte.„Ihr könnt ſo wenig unſre Aufrichtigkeit vertra⸗ gen, daß wir ſehr geſcheut daran thun, Euch nicht zu tief in unſre Gefühle, ſogar für Euch ſelbſt, einzuweihen. Das macht Euch auf der Stelle gleichgültig. Eigenliebig, wie Ihr nun einmal im erſchreckendſten Grade ſeid, denkt Ihr alsbald: „So hoch liebt ſie mich nur? ſo tief liebt ſie mich nur? Aber da ſind ja Schranken und Grenzen! Nein, ich muß ganz anders geliebt werden! Wollen es mal mit einer An⸗ dern verſuchen.“ Was Euch feſſeln ſollte, ſtößt Euch ab, Euch verkehrte Leute! und wenn wir Takt genug haben, unſre Seele vor Euch zu verſchleiern, um Euch Euer Glück zu bewahren, ſo klagt Ihr, wir wären nicht göttlich genug für Euch. Das iſt zum Todtlachen!“ „Ach! zum Todtweinen eher!“ rief Agathe.. „Nun grämt ſich dies arme unſchuldige Kind,“ ſagte Auguſte lachend.„Tröſte ſie doch, Sigismund. Sag' ihr doch, das, was ich geſagt habe, ſei nicht wahr. Sie wartet ja nur auf ein halbes Wort von Dir, um auf deſſen Wahr⸗ heit zu ſchwören, und um meine Wahrheiten Blasphemie zu nennen.“ „Es iſt doch etwas Traurig⸗Wahres in ihnen!“ entgeg⸗ nete Sigismund;„es paßt auf die allgemeinen Fälle, aber Jeder behauptet, für ſeinen beſondern Fall ſei eine Ausnahme zu machen.“ „Und glaubſt Du nicht an ſolche Ausnahme, Sigis⸗ mund?“ fragte Agathe dringend. „Ich hoffe auf ſie, liebe Agathe,“ ſprach er freundlich. — 129— „Ich wüßte aber doch gern noch mehr von Tosca Beiron,“ hub Friedrich wieder an;„erzähle mir von ihr, von ihrem Mann, ihren Verhältniſſen...— „Ach!“ rief Auguſte,„Du wirſt langweilig! wie kannſt Du Dich ſo lebhaft für eine Frau intereſſtren, die Du in zwölf Jahren nicht geſehen haſt?“ „Ich dächte, Guſtel, das müßte Dir angenehmer ſein, als wenn ich ſie in zwölf Tagen nicht geſehen hätte,“ antwortete Friedrich. „Nein!“ entgegnete ſie;„diesmal will ich aufrichtig ſein und Dir ſagen, daß ſolche unvergeßliche Perſonen mich geniren. Gegen eine ſo lange Erinnerung kann nichts— nichts in die Schranken treten, und die Gegenwart am we⸗ nigſten, weil grade deren Mangelhaftigkeit uns den Erin⸗ nerungen gegenüber doppelt fühlbar wird.“ Bei jedem Wort ſeiner Schweſter fühlte Sigismund ſein Herz ſchwerer und immer ſchwerer werden. Er dankte ihr und dem Himmel, als ſie ſich ſofort mit einer Frage nach Liszt an ihn wendete, und ihn auffoderte von ihm zu erzäh⸗ len, wie er geſpielt habe, und was. „Schuberts Ave Maria hat er geſpielt,“ antwortete Si⸗ gismund. „Weshalb iſt Dir das beſonders im Gedächtniß geblieben? war es vorzugsweiſe ſchön?“ fragte Agathe. „Es war Alles ſchön!“ entgegnete Sigismund auswei⸗ chend;„ich hab' Euch den Conzertzettel mitgebracht— da könnt Ihr ſehen, was er geſpielt hat.“ Er zog ſein kleines Portefeuille aus der Taſche und nahm den Zettel heraus. S. Forſter. 9 — 130— „O wie verbraucht ſieht Dein Schreibtäfelchen aus!“ rief Agathe.„Ich werde Dir ein anderes arbeiten. Zeig' her! ich will genau das Maß nehmen.“ 1. Sigismund gab es ihr. „Darf ich wol ein wenig darin blättern?“ ſetzte ſie neu⸗ gierig hinzu. „O ſehr gern,“ erwiderte er;„es iſt nur gar nichts drin, was Dich unterhalten könnte. Auf der einen Seite ein Paar Viſitenbillets, auf der andern ein Paar Thalerſcheine.“ Agathe hatte mit der äußerſten Geſchwindigkeit die Pa⸗ piere durch ihre Finger gleiten laſſen. „Und das?“ fragte ſie plötzlich,„was iſt das für eine getrocknete Blume?“ Sie nahm aus der Tiefe des einen Seitentäſchchens die Tazette heraus, welche am Neujahrstag aus Toscas Blumenſtrauß gefallen war, und welche Sigis⸗ mund wirklich ganz und gar vergeſſen hatte— nicht aus Vergeßlichkeit, ſondern weil er des dürren Erinnerungszeichens an Tosca nicht bedurfte. „Was iſt das für eine Blume?“ wiederholte ſie. „Eine Tazette!“ ſagte er gedankenlos. Agathe ſah ihn raſch mit tief fragendem Blick an; dar⸗ auf ſchlug ſie eben ſo raſch die Augen nieder. Sie wollte nicht in Sigismunds Augen leſen, daß ſeine Gedanken nicht bei ihr waren. Sie hielt die arme Tazette krampfhaft zwi⸗ ſchen ihren Fingern. Sie hatte Luſt, ſie in Staub zu zer⸗ reiben und unter ihre Füße zu werfen. Da ſiel ihr das Flacon ein, und die Szene, welche darauf gefolgt war, und auf einmal fühlte ſich das arme Maädchen in ihre Beſtim⸗ mung eingeweiht: zu ſchweigen und zu leiden. Sie ließ die Tazette zwiſchen die Viſitenbillets zurückgleiten, ſchloß — 131— das Portefeuille, gab es ſanft an Sigismund zurück und ſagte: „Ich werde Dir eins von violettem Maroquin mit gold⸗ nen Schnürchen machen; das trägt ſich ſehr bequem, und dann wirſt Du es brauchen— nicht?“ Er nahm ihre Hand und bedeckte ſie mit Küſſen. Er fühlte ſich innerlichſt zerknirſcht durch dieſe Selbſtverleugnung, und durch ſeine Undankbarkeit; denn Freude darüber, daß ſie nicht weiter fragte, hatte großen Theil an ſeinem innigen Dank: das verhehlte er ſich nicht.„Aber ich bin ein Unge⸗ heuer!“ ſprach er immerfort heimlich zu ſich ſelbſt, während er laut eine muntere Unterhaltung mit ſeiner Schweſter und ihrem Mann fortſetzte. Die Zeit wurde ihm lang, unermeß⸗ lich lang. Ihm war, als ſei er bereits Wochen in Magde⸗ burg geweſen. Die Gegenwart drückte ihn, und doch graute ihn vor der Rückkehr nach Berlin. Erſchöpft, wie von der mühſeligſten Arbeit, verließ er Agathe am ſpäten Abend, und ſo wie der geſtrige ihn beru⸗ higt hatte, eben ſo aufgeregt hatte ihn der heutige. Der ganze Tag war qualvoll geweſen.... qualvoll durch die un⸗ endliche Erinnerung an Tosca, die ſich zwiſchen ihn und die arme Agathe wie eine Wolke drängte... qualvoll durch die Sorge, Agathen weh gethan zu haben in Allem, was er ge⸗ ſagt, und nicht geſagt.... qualvoll durch die Vorwürfe, die er ſich ſelbſt nicht ſparte über ſeine Kälte gegen die Liebe eines ſo jungen, friſchen, zärtlichen Herzens. Er hatte nie eine leidenſchaftliche Neigung für Agathe gehabt; aber er hatte ſich auch ſonſt noch nie darüber entſetzt, daß er ſie nicht habe. Jung, ſchön, intelligent, von tiefem Gefühl, einfach und anſpruchlos erzogen, wie Agathe war, konnite er unmög⸗ — 132— lich an einem häuslichen Glück, an einer zufriedenen Ehe mit ihr zweifeln. In dieſer tiefen Zuverſicht hatte er ihr ſeine Hand geboten.... und durch die Begegnung mit einer Frau, welche die Gattin eines Andern war, und von der er gar nicht wußte, ob ſie andre, als gleichgültige Geſinnungen gegen ihn hege— war dieſe Zuverſicht im Fundament erſchüttert. Er ſtellte die beiden Frauen neben einander; er führte ſich Alles vor die Seele, was zu Agathens Gunſten ſprach. Ja, Tosca war zehn Jahr älter! war verwöhnt durch die Welt und die Menſchen! machte Anſprüche, hatte Wünſche, welche Agathen vielleicht ewig fern bleiben würden!— Aber wenn er ſich die Möglichkeit dachte, ſie die Seine nennen zu dürfen, wie Agathe es werden ſollte: ſo kam ihm auf einmal das Leben durchſtralt und verklärt vor, und zu einer Sphäre em⸗ vorgehoben, die ſich zu ſeinem gewohnten Zuſtand verhielt, wie der volle Mittſommertag zu einem ſtillfreundlichen Herbſt⸗ tag;— ſo fluteten ihm namenloſe Freudigkeiten durch die Seele, wie Naphthaquellen, unauslöſchlich, flammend;— ſo erſchien ihm ſein ganzes Daſein klar, abgerundet, ein Weg zu ihr, ein Streben nach ihr, befriedigt und beſeligt durch ſie, die ihm die Krone des Lebens reichen würde. Für ſie würde die Anſtrengung ein Reiz und der Ehrgeiz ein Genuß ſein. Weil ſie fliegende Wünſche und große Anſprüche hatte, weil ſte vom materiellen Leben nichts kannte, als Sammt und Atlas, ſo wär' es ihm eine Wonne geweſen, ſie wie eine Kö⸗ nigin unter einen ſammtnen Baldachin zu ſtellen.„Denn ich liebe ſie!“ ſprach er ganz laut in der ſtillen Nacht, und fuhr zuſammen bei dem Schall ſeiner Stimme, bei dem Wort, durch welches er von ſicherm Glück ſich ſchied, um ungewiſſen Qualen entgegen zu gehen. Die Arme fielen ihm ſchlaff — 13. herab.„Nein!“ rief er dann plötzlich ermannt,„es ſoll und darf nicht ſein! iſt bei ihr die Macht, ſo ſei bei mir die Kraft. Ich gehöre Agathen an; ich habe kein Recht mehr auf mich ſelbſt.“ Kaum war es Tag, ſo eilte er zu Agathen. Freudig überraſcht fiel ſie in ſeine Arme. Er drückte ſie heftig an ſich und ſagte beklommen: „Agathe, liebe einzige Agathe! ich hab' eine Bitte, eine glühende, dringende Bitte. Heirathe mich heute, gleich, auf der Stelle.“ „Um Gottes willen, Sigismund, was iſt Dir widerfah⸗ ren!“ rief Agathe und blickte mit Angſt in ſein bleiches Ant⸗ litz, in ſein tiefliegendes Auge, das von der ſchlafloſen Nacht und der bittern Seelenpein zugleich müde und fieberhaft ausſah. „Nichts! ich ſchwör' Dir— nichts!“ ſagte er.„Es ſind mir nur Gedanken gekommen von der Nutzlöſigkeit unſrer ferneren Trennung. Wo iſt Deine Mutter, liebe Agathe? hilf mir bitten, bis ſie Ja ſagt!... Denn Du ſagſt Jal nicht wahr?“ „Ich weiß nicht, Sigismund,“ entgegnete ſie ſchüchtern; „aber ich werde die Mutter rufen.“ Sie ging. „Gott lenke ihr Herz!“ dachte Sigismund.„In dem Bewußtſein, mein Wort nicht gebrochen und Agathens Glück begründet zu haben, werd' ich all' meine Kraft und Beſonnen⸗ heit wiederfinden.“— Agathe kam mit ihrer Mutter, und weniger ſtürmiſch, doch ebenſo dringend, legte Sigismund ihr ſeine Bitte ans Herz. „Das iſt ganz unmöglich,“ entgegnete die Juſtizräthin Gertner höchſt gelaſſen,„denn Agathens Ausſteuer iſt nicht fertig.“ „Ums Himmels willen!“ rief Sigismund,„laſſen Sie doch nicht von ein Paar unfertigen Kleidern das Glück meines Lebens abhängen.“ „Aber was ſoll denn dieſe unſtatthafte Eile vorſtellen?“ ſagte die Juſtizräthin mißvergnügt.„In die erſten Tage des April war Ihre Hochzeit geſetzt; darauf hab' ich mich einge⸗ richtet, und dabei muß es bleiben. Sie haben ja weder Dach noch Fach für eine Frau.“ „Ich hab' meine Wohnung!“ rief Sigismund;„drei freundliche Zimmer! was braucht Agathe mehr?“ „Küche, Keller, Kammern,“ erwiderte die Juſtizräthin „Und was zahlen Sie für Ihre Wohnung?“ „Monatlich ſieben Louisd'or,“ ſagte Sigismund ein wenig ungeduldig. „Da das jährlich vierundachtzig Louisd'or ſein würden, und da man das Sechsfache von dem, was die Wohnung koſtet, als ganz nothwendig zur Beſtreitung des Hausweſens annimmt— die ungewöhnlichen und unvorhergeſehenen Aus⸗ gaben abgerechnet— ſo iſt Ihre jetzige Wohnung ganz ge⸗ wiß zu koſtbar für Ihre Verhältniſſe, mein lieber Forſter,“ ſagte die Juſtizräthin. „So können wir eine andre nehmen,“ rief er. Aber ſo warten Sie doch bis zum April,“ ſagte ſie er⸗ mahnend.„Das iſt die Zeit, wo man Wohnungen fürs Jahr zu nehmen pflegt. Sie haben dann eine größere Aus⸗ wahl, und bekommen ſie obenein viel billiger, als wenn Sie nur monatweiſe ſie nehmen. Gönnen Sie doch Agathen die Annehmlichkeit, in eine ruhige, geordnete Wohnung einzuzie⸗ hen, in der es an nichts fehlt, und die ihr den Eindruck eines Hauſes und ihres Eigenthums macht. So wie Sie jezt ein⸗ gerichtet ſind, mit lauter fremden Sachen, ohne Wirthſchaft, ohne Hausweſen— da hinein findet ſich kein verſtändiges, ordnungsliebendes Frauenzimmer. Das iſt eine Art von Gaſthofsleben, welches ſich nicht für die Ehe ſchickt.“ „Es würde ja nur auf kurze Zeit ſein, liebe Mutter;“ wandte Agathe ſchüchtern ein, da ſie ſah, daß die mütterliche Predigt keineswegs nach Sigismunds Geſchmack war;„und ich würde mich recht gut darein finden, wenn er es wünſcht.“ „Dieſer Wunſch iſt wirklich nicht zu begreifen, mein beſter Forſter— ſagte die Juſtizräthin. „Ich find' es in der That noch unbegreiflicher,“ unterbrach Sigismund ſie lebhaft,„daß Sie Sich ſo ſehr darüber ver⸗ wundern. Wir ſind jezt ſechs Wochen verlobt, und die Zeit iſt mir lang genug geworden, um zu wünſchen, daß ſie auf⸗ hören möge. Agathe lebt hier, ich lebe in Berlin; ich kann nicht ſo oft herüber kommen, als es uns Beiden lieb wäre; — die Heirath bringt das in Ordnung.“ „Ich bin nicht für ſolche eilfertige Heirath, ohne vorher⸗ gegangenen Brautſtand,“ ſagte die Juſtizräthin ſehr trocken, und fügte die hergebrachte Phraſe hinzu:„Ihr müßt Euch doch Beide ein wenig kennen lernen, ehe Ihr Euch hei⸗ rathet.“ „Das geſchieht viel gründlicher in der Ehe,“ verſicherte Sigismund.. „Aber laſſen Sie mir meine Tochter doch noch die zwei armſeligen Monate!“ rief die Juſtizräthin. Sie hatte nun einmal ihre Einrichtungen für die erſten Apriltage gemacht; pünktlich und bedächtig, wie ſie war, ſhenen es ihr Frevel, an dieſer wolüberlegten Veranſtaltung zu rütteln. Da ſie durch ihre Gründe Sigismund nicht überzeugte, ſo nahm ſie zur — 136— mütterlichen Zärtlichkeit ihre Zuflucht, wol wiſſend, daß dies die letzte Epoche ſei, in welcher der künftige Schwiegerſohn auf dieſelbe Rückſicht nehmen würde. „Auf dieſen Ausſpruch darf ich freilich keine Bitte mehr folgen laſſen,“ ſagte Sigismund ſehr niedergeſchlagen;„aber Sie wiſſen nicht, Frau Juſtizräthin, wie weh Sie mir thun.“ „Mein beſter Forſter,“ erwiderte ſie begütigend und froh, weil ſie den Sieg davon getragen,„wie kommen Sie, ein ver⸗ ſtändiger Mann, zu ſolcher kindiſchen Ungeduld? Das Gute trift ja immer früh genug ein, ſobald wir nur ſicher wiſſen, daß es eintrift, und wir haben das Glück um deſto lieber, je länger wir uns danach geſehnt haben.“ Sigismund konnte ihr nicht antworten, daß dieſe Sehn⸗ ſucht aber zuweilen verſchwinde, und daß es das höchſte Glück des Glückes ſei, wenn es grade im rechten Moment eintreffe; denn heute kann dasjenige Wonne bereiten, was morgen Angſt bereitet, und das Ereigniß, das uns jezt als ein Segen trift, hätte ein Jahr früher ein Fluch ſein koͤnnen. Die Juſtiz⸗ räthin erzählte ihm weitläufig, wie die Wohnung beſchaffen ſein müſſe, die er zu wählen habe: nicht unten im Hauſe, da ſei es leicht kellerhaft und feucht; und auch nicht zu viel Treppen hoch, das ſei beſchwerlich für die Wirthſchaft; nicht unter den Linden, wo es wenigſtens um ein Drittel theurer ſei, aber auch nicht zu tief in der Stadt, weil die Abgelegen⸗ heit auch ihre großen Unbequemlichkeiten mit ſich bringe. Dann ging ſie auf die Meubles über, auf Tiſche und Stühle; ob von Mahagoni, ob von weniger koſtbarem Holz. Zuletzt auf das Küchendepartement! Sigismund wurde immer ein⸗ ſylbiger und einſylbiger. Vorgeſtern noch, vielleicht noch geſtern, hätte er lebhaften Antheil an dieſen kleinen Verhand⸗ — 137— lungen genommen, die allen Perſonen intereſſant ſind, welche ſich ihr Haus begründen wollen, weil ſich dabei viel Eigen⸗ thümlichkeit des Geſchmacks und der Neigungen offenbart. Je enger die Verhältniſſe ſind, um deſto mehr nehmen ſie den Charakter der Wichtigkeit an, denn es gehören Studium und Combinationen dazu, um mit beſchränkten Mitteln auszulan⸗ gen. In leichter Stimmung fühlt man dieſe Beſchränkung nicht wie einen Druck; im Gegentheil! nur wie einen Reiz, um ihn zu beſiegen. In trüber Stimmung wird ein uner⸗ träglicher Druck daraus! Ein ſchweres Herz iſt gleichgültig gegen die materiellen Aeußerlichkeiten des Lebens, die ihm nicht anders als nebenſächlich erſcheinen können, und durch dieſen höchſt natürlichen Mangel an Theilnahme, den Andre ſich freilich nicht erklären können, kommt er ihnen, und wol gar ſich ſelbſt, lieblos vor. Was lag Sigismund in dieſem Augenblick daran, ob ein Tiſch von Polixandre⸗ oder von Tannenholz ſei? Agathe nahm ſeine Verſtimmung wahr, und ſie grämte ſich darum. Sie hatte ihre alte Zuverſicht zu Sigismund verloren. Der geſtrige Tag, voll Unbehagen und Schmerz⸗ lichkeit; dann ſeine heutige übereilte Bitte, auf welche eine ſo große Abſpannung, wie eben jezt folgte— brachte ſie ganz aus ihrem Gleichgewicht. Sie hätte ihm gern etwas Herz⸗ liches geſagt; aber ſie fürchtete, zu viel zu ſagen. Sie hätte auch eben ſo gern geſchwiegen; aber dann erfuhr ſie noch we⸗ niger Sigismunds Gedanken, der gar nicht in mittheilender Laune zu ſein ſchien. Am liebſten unzweifelhaft hätte ſie ge⸗ weint; aber ſie ſchämte ſich ſo zu weinen ohne beſtimmten Grund. Endlich ging die Juſtizräthin, um einen Blick in die Küche zu werfen, und Sigismund ſprach ganz erſchöpft: „Liebe Agathe, ſpiele mir etwas auf dem Piano vor, das wird mir gut thun.“ „Ach Sigismund,“ ſagte ſie,„kannſt Du mir denn wirk⸗ lich nicht ſagen, was Dir eigentlich geſchehen iſt? Schon vor⸗ geſtern kamſt Du mir vor, als habe man Dir etwas zu Leid gethan.... und heute noch mehr! und dazu Deine ſeltſame Bitte!— „Agathe!“ unterbrach er ſie,„ſprich nicht wie Deine Mutter! Dir kann die Bitte unmöglich ſeltſam vorkommen, wenn Du mich lieb haſt.“ 1 „Ich meinte nur die heftige, faſt angſtvolle Art und Weiſe,“ entgegnete ſie erröthend. „Ich bin ſehr heftig, Agathe, wenn ich's einmal bin,“ ſagte er.„Und daher thut es mir bitter leid, daß Deine Mutter keine Rückſicht auf meinen glühenden Wunſch genom⸗ men hat. Es giebt Wünſche von ſo unerhörter Gewalt, daß ſie vielleicht Fingerzeige des Schickſals ſind, und daß an ihrer Erfüllung Leben und Tod hängen mag.“ „Sigismund!“ ſagte Agathe mit bebenden Lippen,„Du ängſtigſt mich todt.“ Er nahm ihre Hände und drückte ſie vor ſeine heiße Stirn.„Das thut gut!“ ſagte er;„was haſt Du für präch⸗ tig kalte Hände! O ängſtige Dich nicht, Agathe! mir wird beſſer. Der plötzlich zurückgedrängte Wunſch machte mir ein flüchtiges Fieber.“ „Aber wie iſt er nur ſo plötzlich in Dir aufgewacht?“ fragte ſie. „Ich dachte daran, wie das glücklich wäre, wenn ich Dich morgen mit mir nach Berlin nehmen dürfte. Dann wäre Alles abgethan, ſicher und feſt. Nun bin ich in ewiger — 139— Spannung; ich mögte zu Dir, und kann nicht; nichts iſt mir recht, weil ich weiß, daß es bald ſo ganz anders ſein wird. Das einſame Leben iſt mir zur Laſt, macht mich un⸗ ruhig, und die Menſchen... geben mir auch nicht die Ruhe, nach der mich ſo tief verlangt. Es iſt eine zernagende Sehn⸗ ſucht in mir, die ſich zuweilen ins Unglaubliche, und immer ins Unſägliche ſteigert;— und der Gedanke, daß ſie mich noch ganze Tage, Wochen, Monate, zernagen ſoll, macht mich unglückſelig. In mir, vor mir, um mich, muß Alles klar und beſtimmt ſein: dann bin ich in meinem Element! dann kann ich ertragen, thun, handeln, auch leiden— wenn's ſein muß!— nur aber die Schwankungen vernichten mich.“ „O Sigismund, wie iſt das traurig, daß eine ſüße Er⸗ wartung Dir zur Qual wird. Aber ich ſehe doch wirklich keinen Grund zu Schwankungen um uns herum! was Du für heute gewünſcht haſt, wird in zwei Monaten ſtatt finden: das iſt ja ganz feſt beſtimmt.“ „Du haſt Recht! ich bin ein Thor, Agathe! ob heut, ob in zwei Monaten— darauf kommt im Grunde nichts an.“ Er richtete den Kopf auf, und hielt ihre Hände feſt, während er das ſagte. „Ich werde Dich auszanken, Sigismund,“ rief Agathe ganz fröhlich,„daß Du Dich ſo nutzlos in einen Anfall von Spleen, und mich dadurch in tiefe Bekümmerniß verſenkſt. Biſt Du denn oft in ſolcher Stimmung, ſag' mir? Ich weiß wirklich nicht, wie ich mich dabei benehmen werde, wenn ich Deine Frau bin! muß ich dann ſchweigen, oder reden, oder fortgehen, oder Dich zerſtreuen, oder was ſonſt?— ſprich!“ Während ſie plauderte, war ſein Blick auf ihre Hände gefallen. Agathe, wie die meiſten jungen Mädchen, hatte rothe Hände. Darüber gräme ſich doch Keine! ſie werden mit der Zeit ſchon weiß werden, aber freilich ſchön, ſo daß das Innere der Hand und die Fingerſpitzen roſenfarben bleiben— ſchön werden nicht alle. Nun, rothe Hände machen unnützer Weiſe manchen jungen Mädchen Sorge, und auf manche Männer einen ſchlechten Eindruck. Sigismund würde ſie dennoch nicht mißfällig bei Agathen bemerkt haben, wenn ihm nicht zum Unglück ein Wort von Ignaz an Tosca ein⸗ gefallen wäre. Als ſie einmal die Theemaſchine aufheben wollte, und damit nicht zu Stande kam, rief er mit ſchein⸗ barer Ungeduld, indem er ihr Hülfe leiſtete:„Aber muthen Sie doch dieſen Händen von weißem Muſſelin mit roſenfar⸗ benem Tafft gefuttert keine ſolche Anſtrengung zu!“ Der Gedanke an dieſe Hände von weißem Muſſelin machte ihn ganz, aber ganz zerſtreut. „Sprich!“ wiederholte Agathe;„was muß ich thun?“ „Ein wenig das Piano ſpielen,“ ſagte Sigismund, der nicht auf ihre Worte geachtet hatte, und dem ſeine frühere Bitte einftel. „O das iſt leicht! das thue ich gern!“ rief ſie und ging zum Flügel. Sie ſpielte ungewöhnlich gut. Sie hatte noch immer einen Lehrmeiſter, der ſeine höchſte Ehre darin ſetzte, daß ſie mit Geſchmack und Gewandtheit die krauſen wirbeln⸗ den Compofitionen der neuſten Zeit zu ſpielen verſtehe, welche mehr Auge und Finger, als den muſtkaliſchen Sinn ausbil⸗ den. Sie ſtudirte und übte die Muſik, auch gern, auch mit innerem Genuß; aber noch nie hat ein junges Mädchen, ſo⸗ bald nicht der Genius der Kunſt ſie beſeelt, an ein Talent ihre ganze Seele verſchwendet. Sie kann Anmuthiges leiſten, ſie kann zu ſchönen Hofnungen berechtigen; allein ihre Pro⸗ V ductionen werden dämmerig und unvollſtändig ſein, und nie einen befriedigenden Eindruck machen. Was kannſt du wer⸗ den? iſt die Frage, die man in jeder Beziehung an ein junges Mädchen richten muß; und nie: Was biſt du? Da liegt das Räthſel, und daneben— der Irrthum. Agathe ſetzte ſich an den Flügel und ſpielte mit bewun⸗ dernswerther Fertigkeit höchſt ſchwierige Variationen von Chopin, bei denen Sigismund alle Gedanken an Muſik ver⸗ gingen. Es war ihm ein wirres Getön, das ihn weder erfreute noch beruhigte. Keine Melodie umſchmiegte ihn! keine Harmonie trug ihn! Er dachte an Tosca, wie ihr Ave Maria in ſtiller Nacht ihn erquickt hatte. Agathe erſchien ihm oberflächlich. Er verfiel in namenloſe Traurigkeit.„Es geht nicht!“ ſprach er dumpf zu ſich ſelbſt. Trotz ihres Spiels hatte Agathe ſein halblautes Wort gehört, und es auf eine ſchwierige Variation beziehend rief ſie eifrig: „Aber es ſoll gehen!“ und ſpielte ſie noch einmal. Dann ſprang ſie fröhlich auf und ſagte: „Nun lobe mich, Sigismund! hab' ich meine Sache nicht ſehr gut gemacht?“ 3 „Unbegreiflich gut!“ ſprach er zerſtreut. Sein kühler Ton that ihr weh; weher noch die Vorſtel⸗ lung, daß ſie nicht das Rechte getroffen, um ihn zu zerſtreuen, und daß ſie doch nichts Andres habe auffinden können. Sie ſetzte ſich und nahm eine Arbeit zur Hand, ſchweigend, nie⸗ dergeſchlagen. Auch Sigismund ſchwieg. In ſolchem Mo⸗ ment iſt das Schweigen höchſt bedenklich. Iſt man ganz vertraut mit einander— ich meine ſeelenvertraut— ſo iſt es nicht läſtig; ja, in Momenten tiefen Glückes kann es ſehr füß ſein. Aber in einem vertraulichen Verhältniß wie zwi⸗ — 12— ſchen Sigismund und Agathen, wenn da das Schweigen aus Befangenheit, aus Mangel an Hingebung eintritt: ſo iſt's ein böſes Zeichen. Jeder hat dann Zeit, ſich in ſeine ein⸗ ſamen ſtörenden Gedanken wie in Nebel einzuhüllen, welche ihn dem Andern unerkennbar und unerreichbar machen. Zu⸗ weilen fällt ein günſtiger Sonnenſtral auf die Nebel, und verjagt ſie, wenn es grade noch Zeit iſt. Aber das iſt ein hohes Glück. Sigismund fühlte wol, daß er Agathen irgend etwas ſagen müſſe. Sie nähte emſig; ſie mogte in ihre Arbeit ver⸗ tieft ſein! aber er! er ſaß auf dem Sopha, den Kopf in die Hand geſtützt, und that nichts! er hatte gar keinen Vorwand um ſchweigen zu dürfen. O Gott! dachte er heimlich, was das für ein unſchätzbares Glück iſt— nähen zu können, und was für Vortheile die Stellung der Frauen ihnen bringt! hinter ſolchem Stückchen Leinwand oder Tapiſſerie ſind ſie wolverſchanzt und kümmern ſich um nichts, während wir uns abängſtigen müſſen!— Während er ſo dachte, bekämpfte Agathe mühſam ihre Thränen; aber freilich! ſo eine Hand⸗ arbeit iſt ein Ableiter für die innere Aufregung. Die mecha⸗ niſche Regelmäßigkeit, die mit ihr verbunden iſt, übt eine beſchwichtigende Gewalt über Manche. Ueber Andere übt das Gehen eine ſolche, und die iſt vielleicht noch kräftiger, weil ſte zugleich den Leib müde macht. Gewiß aber bleibt es, daß eine mechaniſche Bewegung Beſchwichtigung auf die leidende Seele ausübt. Endlich fiel Sigismund auf das unglücklichſte Thema, welches er zum Geſpräch mit Agathen hätte wählen können. Er ſagte: „Was war denn das, was Du mir geſtern ſagteſt, Agathe? meine Schweſter wäre Dir nicht freundlich geſinnt— oder dergleichen. Davon hab' ich doch wirklich nichts bemerkt.“ „O nein!“ ſagte Agathe unbefangen,„wenn Du da biſt, ſo iſt ſie freundlich... Deinetwegen.“ Dieſe Antwort verdroß ihn, weil er die Ueberzeugung hatte, daß ſie ganz wahr ſei. Auguſte hatte ihm ſeit mehren Jahren verſchiedene Partien vorgeſchlagen, die ſie glänzend und daher wünſchenswerth nannte. Als ſeine Wahl über⸗ raſchend auf Agathe ſiel, hatte ſie ſich in prima furia ſchwe⸗ ſterlicher Theilnahme für Agathe paſſionirt, und ihr eine Menge von Vortreflichkeiten angedichtet, welche Sigismunds Neigung motiviren ſollten. Aber von ſolcher excentriſchen Vorliebe kommt man ebenſo ſchnell zurück, als man ſie heftig gefaßt hat, und dann erſcheint einem die Perſon doppelt in⸗ ſtpid mit dem illuſoriſchen Bilde verglichen, das wir uns von ihr ausgemalt haben. So ging es Auguſten, und Sigis⸗ mund kannte ſie zu gut, um an Agathens Wahrhaftigkeit zu zweifeln. Doch wenn er auch innerlich einſtimmte— es ſchien ihm Pflicht, äußerlich die Schweſter zu vertheidigen, und er ſagte: „Ich habe doch niemals Auguſte ſo falſch gefunden.“ „Ach!“ rief Agathe,„ſie iſt nicht falſch! ſie zeigt ſich jedes Mal, wie ihr eben ums Herz iſt.“ „Dann wäre ſie doch ſehr launenhaft!“ Agathe ſchwieg; ſie mogte nicht Ja— und konnte nicht Nein ſagen. „Biſt Du nicht etwa ein wenig mißtrauiſch, liebe Agathe?“ fragte Sigismund „Wie käm' ich dazu?“ entgegnete ſie unbefangen. — 144— „Du biſt das einzige Kind Deiner Mutter, ein wenig verzogen als ſolches, durch Liebe verwöhnt, das kann gar nicht anders ſein. Aber wenn Dir Andere nicht mit ähn⸗ licher Liebe entgegen kommen, ſo ſetzeſt Du ſofort eine Miß⸗ ſtimmung gegen Dich bei ihnen voraus. Iſt das wol recht? und beſonders gegen meine Schweſter, die eine ſo ganz brave und angenehme Frau iſt, und mich ſo zärtlich liebt, daß Du ihr ſchon deshalb gut ſein müßteſt!“ Er hatte ganz freund⸗ lich und ſanft geſprochen, nicht ermahnend, viel weniger er⸗ zürnt; aber Agathe war in ſchmerzlich gereizter Stimmung! die Thränen, welche ſie den ganzen Morgen mühſam verhal⸗ ten hatte, brachen hervor, und ſie ſagte weinend: „Ich bitte Dich, Sigismund, mache mir keine Vor⸗ würfe.... ich verdiene ſie nicht.“ „Es fällt mir nicht ein, Dir Vorwürfe zu machen,“ ſagte er gelaſſen;„aber Du ſiehſt, daß ich Recht habe, Dich ein wenig verwöhnt zu nennen: der bloße Gedanke an einen möglichen Tadel kränkt Dich.“ Die arme Agathe ſuchte nicht ſich zu entſchuldigen; ſie nahm den Vorwurf hin, aber ſie fragte: „O Sigismund! warum biſt Du denn ſo ſehr unzufrieden mit mir?“— und weinte, als ob ſie ſich in ihren Thränen auflöſen wolle. „Wenn Du bei der geringſten Diskuſſion ſofort anfängſt zu weinen, Agathe, ſo iſt es ganz unmöglich, mit Dir ver⸗ nünftig zu ſprechen.“ „Vernünftig wol!.. aber nicht hart.“ Er war ſich bewußt, weder in Ton, noch Worte, noch Ausdruck, die geringſte Härte gelegt zu haben. Er ſtand auf und ſagte: 8 „Einer ſo übertriebenen Empfindlichkeit gegenüber kann ich nur ſchweigen, denn was ich ſagen mögte, würde Dich in Deiner gegenwärtigen Stimmung kränken oder betrüben.“ Er nahm den Hut und ging. Geſtern, bei einer ähn⸗ lichen Szene, hatte Agathe ihm den Weg vertreten und ihn nicht fortgehen laſſen; heute hatte ſie nicht mehr den Muth dazu, weil ſie nicht die Zuverſicht zu ſich ſelbſt hatte, ihn feſthalten zu können. Sie ließ ihn gehen; aber es war ihr, als ob er über ihr Herz wegginge. Sigismund dachte traurig: Ach! warum hält ſie mich denn nicht bei ſich zurück?—— Er ging zu ſeiner Schweſter. Er wollte mit ihr plau⸗ dern, von der Heimat, der Mutter, den Geſchwiſtern, den alten gemeinſchaftlichen Jugendfreunden. Er wollte ſich recht ausruhen, recht ſtill werden, um ganz gelaſſen wieder vor Agathe zu treten. O Himmell welch' einen Tumult fand er bei ſeiner Schweſter! Die Köchin und die Kinderwärterin hatten ſich aufs Heftigſte mit einander verzankt, und ſchrien zu der Frau Doctorin um Recht und Gerechtigkeit, indem Jede begehrte, daß die Gegnerin auf der Stelle das Haus verlaſſe, und im entgegengeſetzten Fall es zu verlaſſen drohte. Die Doctorin ſuchte die Megären, die übrigens höchſt ſchätz⸗ bare Eigenſchaften hatten, zu beſchwichtigen, weil ſie keine von ihnen verlieren wollte. Ihr Töchterchen weinte bitter⸗ lich, weil ſie die zärtlichgeliebte Wärterin weinen ſah; ihre Knaben benutzten den Zuſtand allgemeiner Verwirrung, um ſich einmal recht gründlich und ungeſtört gegenſeitig durchzu⸗ prügeln. Es war eine häusliche Szene, die auf den glühend⸗ ſten Enthuſtaſten für die Freuden der Häuslichkeit abkühlend wie ein Sturzbad gewirkt hätte. Hilf Himmell dachte Si⸗ S. Forſter. 10 — 146— gismund, können denn auch ſolche widerwärtige Ereigniſſe dereinſt unter meinem Dach vorfallen? eine empfindliche, weinende Frau, und zänkiſche Dienſtboten, und ſchreiende Kinder— das iſt mehr, als ein Mann billiger Weiſe ertra⸗ gen kann!— Er betrat nicht das Zimmer ſeiner Schweſter, in welchem ſie ihren Gerichtshof hielt. Er begnügte ſich aus dem Vorzimmer einen Blick hineinzuwerfen, und zog ſich dann ſchleunig in das ſeine zurück. Nach fünf Minuten lockte ihn ein heftiges Gepolter, durchdringendes Geſchrei, und die Donnerſtimme ſeines Schwagers wieder heraus. Die Schlacht der beiden Knaben hatte ſich bis zur Treppe gezogen, und der älteſte hatte den jüngſten hinabgeſtoßen, ſo daß der die Stufen hinab dem eben heimkehrenden Vater vor die Füße kollerte. Auguſte ließ die keifenden Mägde im Stich, um zu den ſchreienden Kindern zu eilen. Ihr Mann trat ihr heftig er⸗ zürnt entgegen. Der Kleinſte war ſein Liebling, weil er ihm am ähnlichſten war; der Aelteſte war Liebling der Mutter. Der Kleine blutete aus Naſ' und Mund, und ſchrie, daß er ganz blau im Geſicht war, und ohne Weiteres gab der Vater dem Großen einen tüchtigen Schlag und ſagte: „Auguſte, Du verziehſt den Heinrich ſo unmenſchlich, daß er Deinetwegen ungeſtraft den Theophil umbringen dürfte.“ „Aber der Theophil kann ja von ſelbſt die Treppe herab⸗ gefallen ſein!“ ſagte ſie ärgerlich. „Ei was!“ rief ihr Mann erzürnt,„wenn ein Bube von fünf Jahren ſich über einen dreijährigen hermacht, ſo fällt der nicht von ſelbſt die Treppe herunter! Und es iſt überhaupt unverantwortlich, daß Du den Buben ſolche Streiche geſtat⸗ teſt, bei denen ſie ums Leben kommen können.“ — 147— „Wie ſoll ich's anfangen!“ rief ſie heftig;„ſie find ſo un⸗ bändig, daß ſie mir nicht gehorchen.“ „Ja, das kommt von Deiner verkehrten Erziehungsweiſe her! es iſt doch wirklich miſerabel, ein Paar Würmern, hoch wie der Tiſch, keinen Reſpect beibringen zu können.“ Die häusliche Szene hatte ſich in eine eheliche verwandelt. Auguſte ſchien auf der Stelle der Ermahnung ihres Mannes Folge leiſten zu wollen. Sie nahm den Theophil heftig von ſeinem Arm, und ſagte zu dem ſchreienden Kinde ſehr zornig: „Schweig' auf der Stelle, Junge! ſonſt giebt es die Ruthe.“ Mit großen Schritten trug ſie ihn ins Zimmer zurück, während ihr Mann den widerſtrebenden Heinrich beim Arm nahm, und ihn fortführend ebenſo zornig ſagte: „Warte! ich werde Dich lehren, Deinen kleinen Bruder von der Treppe zu ſchleudern!“ Sigismund, über die Schickſale der Kinder beruhigt, hatte ſich ſogleich wieder zurückgezogen. In einer andern Stimmung hätten all dieſe kleinen Ungewitter ihn vielleicht höchlichſt beluſtigÄt. Wenn die Verhältniſſe uns vor ihnen ſicher ſtellen, ſo ſieht man ihnen aus der Ferne oder als Beobachter mit demſelben Behagen zu, welches man im war⸗ men Zimmer empfindet, wenn es draußen regnet und ſtürmt. Das warme Zimmer kommt einem paradieſiſch vor gegen das Unwetter; und ſo auch die einſamen ſtillen Verhältniſſ para⸗ dieſiſch gegen die gemeinſchaftlichen geräuſchvollen. Steht man in dieſen mitten drin, ſo hat man ſie dennoch lieb, trotz des Verdruſſes und der Widerwärtigkeiten, die ſie mit ſich bringen, ſo treibt man doch Abgötterei n dn ſchreienden 448— Kindern, ſo fühlt man ſich doch dem heftigen Mann oder der empfindlichen Frau ans Herz gekettet. Aber Sigismunds Herz war wund: dann erſcheint das Alltägliche ſchwer, und das Schwere unaushaltbar. Wie ein Roſenknöspchen hatte ihm die Neigung zu Agathen vor Augen geſtanden; wie eine Roſe mit all' ihren Reizen und all' ihren Dornen, drang ihm die Liebe zu Tosca in die Seele. Bei ruhigen und mäßigen Anſprüchen an Glück, wenn man ſich in der Welt umgeſehen und erkannt hat, daß die poſitiven Verhältniſſe ſich ſelten über die Mittelmäßigkeit erheben— da kann man ſich in ihr und ihren Beſchränkungen zurechtfinden, ohne ſich verletzt zu fühlen. Man kommt nicht auf den Gedanken, eine Aus⸗ nahme vom allgemeinen Geſetz für ſich zu begehren, was eine höchſt günſtige Stimmung iſt, um eine Ehe zu ſchließen. Je geringer die Erwartung, deſto geringer die Enttäuſchung; und das iſt in einem Verhältniß, welches lang und feſt und dau⸗ ernd ſein ſoll, und welches ganz poſitive Zwecke hat, die Hauptſache. Alles, was man von der Ehe hoffen darf, iſt: daß man ſich gegenſeitig achte und ertrage. Die Leute wer⸗ den ſprechen, wie ſie das denn auch ſchon thun: ich ſei ge⸗ müthlos, ich ſei in Vorurtheil befangen, es gebe unendlich viel Glück in der Ehe. Gott hat den Wurm ſo eingerichtet, daß er in einem Regentropfen ertrinken kann, als ob es das Weltmeer ſei; Gott hat den Menſchen ſo eingerichtet, daß er aus und in den engſten Verhältniſſen, den trübſten und dürf⸗ tigſten Lagen, etwas Erfreuliches und Erleichterndes finde; daß er ſich ſtets bereit zeige mit Erſatz vorlieb zu nehmen; daß er ſchmiegſam genug ſei, ſeine eigenen Wünſche e zu ver⸗ geſſen. So mag er denn in der Ehe manche Freude, manchen Genuß, ja ſogar große Zufriedenheit— mehr noch! er mag — 149— Glück finden; aber das Glück, was er geträumt hat, das hohe, ſelige, unermeßliche— das hat er nicht gefunden. Vielleicht iſt es nirgends; das iſt möglich! Aber eben darum frag' ich: weshalb ſoll es denn in der Ehe ſein? Da iſt Keiner, aber nicht ein Einziger, der ſich mit einem Jubelruf in ſie hineingeworfen, und dem ſich nicht der Freudengeſang in einen Schmerzensſchrei verwandelt hätte. Er mag ihn erſtickt haben, er mag ihn ſich ſelbſt nicht eingeſtehen wollen— und daher iſt es auch ganz begreiflich, daß er ihn mir nicht ein⸗ geſtehen will;— allein die Prahlerei, die ſollte er denn auch dafür bei Seite laſſen und, wenn nicht offenherzig, doch we⸗ nigſtens ehrlich ſein. Die Ehe iſt eine ernſthafte Veranſtaltung, zu der zwei Menſchen ſich entſchließen, um mit Anſtand Kinder zu haben, und um ein mühſames, ſorgenvolles Leben gemeinſchaftlich zu führen, und durch die Gemeinſchaft zu erleichtern und zu er⸗ heitern. Dies Leben fördert ihre innere Entwickelung und entſpricht ihrer Beſtimmung, die da auf Erden heißt: viel Arbeit und wenig Genuß; und ich denke, es wäre recht gut, wenn die Menſchen mit dieſen ſeriöſen Anſichten die Ehen eingingen. Statt aber an die ungeheuren und ſchweren Ver⸗ pflichtungen zu denken, die ſie über ſich nehmen, denken ſie an ein ungeheures Glück, in das ſie geradesweges ohne ſonder⸗ liche Mühe hineinſchweben werden; denn ſie ſind nun einmal ſo beſchaffen, daß ſie in den Zuſtand, den ſie nicht kennen, die Seligkeit verlegen. Bis zu dem Augenblick, wo Sigismund Tosca Beiron wiederſah, war ihm die Ehe in einem ernſten und wolthätigen Licht erſchienen, das den Anſprüchen des Verſtandes, und mäßigen Foderungen des Herzens genügte, und Agathe als — 150— eine Frau, welche in ſolcher Ehe vollkommene Befriedigung finden und geben müßte. Jezt auf einmal war das anders. Aſpirationen nach einem namenloſen Glück, nach endloſen Freuden, nach ungeahnten Verſtändniſſen, nach ekſtatiſchen Offenbarungen, gingen wie Götterbilder leuchtend durch ſeine allerinnerſte Seele, wohin der Gedanke Agathe! nie gedrungen war, und jezt erſchien ihm die Ehe— bald in einem Licht, das aus dem Himmel ſtralte, und für das es keine irdiſche Verfinſterungen gab, und bald in ſo grauen, matten Farben, daß kein Sonnenſtral im Stande war, ſie zu verklären. Die kleinen Verdrießlichkeiten des Alltaglebens, unvermeidliche Momente, wie die, deren Zeuge er ſo eben geweſen war, wälzten ſich ihm wie unüberwindliche Laſten auf die Bruſt, und beklemmten ihm den Athem. Ihm fiel ein Wort ein, welches ihm einſt eine liebenswürdige Frau geſagt hatte: „Eine glückliche Ehe beſteht darin, daß man ſich alle Tage zankt und alle Abend wieder verſöhnt.“ Er war ein feinge⸗ bildeter und nervenzarter Menſch; er litt geiſtig und körper⸗ lich durch die kleinen Szenen dieſer Tage mit Agathen. Er ſuchte nicht vor ſich ſelbſt zu verleugnen, daß er Veranlaſſung dazu gegeben; aber die Art, wie Agathe ſich dabei benommen, war ihm peinlich. Wie ſie liſtig das Flacon fallen ließ, das ihm lieb war! wie ſie weinte nur bei dem Gedanken, daß er ſie tadeln könne! Das iſt ſo recht der Frauencharakter nach kleinem Zuſchnitt— dachte er. Ich denke, er hätte ſagen müſſen: nach allgemeinem Zuſchnitt. Sein Unbehagen wuchs von einer Minute zur andern. Ihm war zu Muth, als müſſe er ſchnurſtracks nach Berlin zurückfahren, und nie wie⸗ derkommen.„Aber einer Frau das gegebene Wort brechen, das iſt ehrlos!“ ſagte er plötzlich ganz laut.— Wenn zwi⸗ 1 ſchen Verlobten das Frauenzimmer ihr Wort zurücknimmt, ſo ſieht es unter hundert Fällen neunundneunzig Mal nur launenhaft und leichtſinnig, und höchſtens ein Mal gehäſſig aus; thut's der Mann, ſo iſt's grade umgekehrt! Das iſt das einzige Verhältniß auf der Welt, bei dem man die Frau leichter entſchuldigt, als den Mann, wahrſcheinlich deshalb, weil ihre Zukunft mehr dadurch gefährdet wird, als die ſeine. Er wird über einer ſolchen Kränkung nimmermehr am ge⸗ brochenen Herzen ſterben; aber bei Frauen iſt das geſchehen. Er ſoll überlegt und beſonnen zu Werk gegangen ſein, wäh⸗ rend ſie oftmals nur gehorcht hat. Das Alles ſtürmte ihm durch die Gedanken, und jagte ſich wild, wie Wolken vom Sturm getrieben. Kein beſtimmtes Bild, keine klare Geſtalt tauchte empor; nicht einmal Tosca. Er wußte gar nicht, ob Tosca ihn lieben könne, lieben werde; er glaubte es nicht; er wagte nicht es zu hoffen; aber er— er liebte ſie! ihn ſchwin⸗ delte bei der Vorſtellung, der Gatte einer Andern werden zu müſſen, denn er fühlte, neben ſeiner eigenen Verzweiflung darüber, das Unheil, welches nothwendig für Agathe daraus erwachſen müſſe, ſobald ſie früher oder ſpäter in der Ehe zur Erkenntniß ſeiner Geſinnung kommen werde.„Aber ſo weit kann's nicht kommen!“ ſagte er ganz gefaßt;„denn es iſt mir ſchlechterdings unmöglich, ſie zu heirathen! ſterben will ich, wenn ſie's verlangt; heirathen kann ich ſie nicht.“ Er hörte den Schritt ſeines Schwagers ſich ſeiner Thür nähern. Er hatte große Luſt, den Riegel vorzuſchieben, um ungeſtört allein zu ſein; doch bevor er es thun konnte, trat Friedrich ein, die Cigarre im Munde, die Cigarrentaſche in der Hand, welche er ſogleich Sigismund anbot. Der dankte. Friedrich ſetzte ſich bequem im Sopha zurecht, nahm mit einer gewiſſen nachläſſigen Leichtigkeit, welche nur eingefleiſchten Rauchern eigen iſt, die Cigarre zwiſchen Vor⸗ und Mittel⸗ finger aus dem Munde, ließ ebenſo nachläſſig den Rauch zwiſchen ſeinen Lippen hervorgehen, und ſagte: „Die Wolthat einer Cigarre wirſt Du erſt ſchätzen lernen, mein lieber Sigismund, wenn Du Ehemann biſt. Als Stu⸗ dent raucht man aus jener unwiderſtehlichen Liebhaberei der Studenten, alles Andre lieber zu thun, als zu ſtudiren. Iſt jene Oppoſitionszeit vorüber, ſo ſinken Pfeife und Cigarre häufig in die Vergeſſenheit hinab, bis die Ehe ihnen wieder ihren Ehrenplatz anweiſ't. Sokrates ohne Cigarre ſeiner holdſeligen Gemalin gegenüber, ſcheint mir ein bewunderns⸗ werther Kauz; mit der Cigarre ein ganz alltäglicher, ſo wie ich ſelber es bin. Sie giebt eine gewiſſe hausherrliche Würde, die von ganz vortreflichem Effect auf die Frauen iſt. Mit der Cigarre zwiſchen den Lippen iſt es nicht gut möglich, anders als in kurzen Sätzen zu reden— das klingt ſo ma⸗ jeſtätiſch. Nimmt man ſie zwiſchen die Finger, ſo darf man auch ſo gar viel Worte nicht machen, ſonſt erliſcht ſie, und man muß ſie wieder anrauchen, was unbequem iſt, ſobald nicht beſtändig ein Licht im Zimmer brennt— was beiläufig geſagt, meiner Frau aus angeborner Sparſamkeit ein Greuel iſt. Sie behauptet zwar, ſie löſche es nur aus, weil das Kerzenlicht im Tageslicht fahl und widerwärtig ausſehe, aber da ſie ſehr gelaſſen rohes blutiges Fleiſch und geſchundenen Fiſch ohne ſonderliche Beleidigung ihres Schönheitsſinnes an⸗ ſchaut, ſo weiß ich ſehr gut, woran ich bin; allein ich thue ihr den Gefallen, denn ich finde es zweckmäßig für unſern häuslichen Frieden, daß kein Licht bei Tage brenne. Je we⸗ niger Worte der Mann bei gewiſſen Diskuſſionen der Frau gegenüber macht, um deſto mehr imponirt er ihr. Und dann! welch ein niederdonnernder Moment der, wo meine Geduld dermaßen erſchöpft und meine Langmuth ſo ganz aufgezehrt iſt, daß ich meine Cigarre bei Seite werfe, mich gar nicht um ihre ferneren Schickſale kümmere, nicht hinſehe, ob ſie ein Loch in die Tiſchdecke brennt, oder uns das Haus über dem Kopf anzündet,— und nun meine Meinung ſage. So wie meine Frau gewahr wird, daß ich Miene mache, meine Ci⸗ garre fortzuwerfen, ſo ſucht ſie faſt immer einzulenken, denn ſie erkennt daran, daß ſie zu weit gegangen. Die Bewegun⸗ gen meiner Cigarre ſind das Queckſilber im Barometer unſers häuslichen Lebens. Fällt ſte, ſo giebts Unwetter.“ Sigismund ſagte faſt traurig:„Ich muß Dir geſtehen, lieber Friedrich, daß ich bis daher Eure Ehe immer für eine recht glückliche gehalten habe, und daß es mich betrübt, mehr als ich's ſagen kann, daß ſie es nicht ſo ganz iſt.“ „Aber, zum Teufel! wo nimmſt Du das her?“ fragte Friedrich mit ungeheuchelter Verwunderung.„Meine Ehe iſt nicht blos eine recht glückliche— wie Du bis daher gemeint haſt; ſondern eine ganz außerordentlich glückliche. Was? weil man verſchiedener Meinung iſt, weil man Fehler und Schwächen hat, weil man gegenſeitiger Nachſicht bedarf, weil hie und da ein heftiges Wort fällt— darum müßte man ſofort eine unglückliche Ehe führen? Aber was für erxtra⸗ vagante Foderungen ſtellſt Du denn überhaupt an die Ehe? welch ein idealiſches Glück ſoll ſie Dir gewähren, wenn Dir die ſimpelſte 3 hattenſels jedes intimen Verhältniſſes: zwei Köpfe, die bisweilen ein wenig Mühe und Arbeit haben, um ſich unter einen Hut zu bringen,— wie ein gramwerthes Unglück erſcheint? Da beklag' ich Dich, mein Alter! und — 154— noch mehr beklag' ich die Agathe. Sei doch nicht ſo unge⸗ recht, von ihr zu begehren, daß ſie zu Allem, was Du thuſt, denkſt, ſprichſt, wünſcheſt, ein willenloſes Ja ſage.“ „Das begehre ich keinesweges!“ rief Sigismund erſtaunt; „wie kannſt Du das von mir glauben! Aber ich will nur keinen Zank, keinen Streit, keine Heftigkeit, keine Vorwürfe, keinen Hader“...— „Dann laß Dir eine Wachsfigur antrauen, denn eine ſolche Frau exiſtirt nicht.“ „Aber ich verlange ja von meiner Seite ganz daſſelbe! ich begehre ja nichts von ihr, was ich nicht bereit wäre für ſie zu thun!“ „Ah Du willſſt urplötzlich in die Vollkommenheit hinein⸗ ſpringen!“ ſagte Friedrich gleichmüthig.„Das iſt ſo eine ächte Bräutigamslaune, die Du drei Wochen nach der Hoch⸗ zeit total vergeſſen haſt.“ „So wiederhol' ich Dir, daß mich das ſehr betrübt,“ ſagte Sigismund ernſt. „Du mißverſtehſt mich abſichtlich!“ rief Friedrich unge⸗ duldig.„Niemand iſt mehr als ich der Meinung, daß man ſich in jedem Verhältniß bemühen müſſe, brav und tüchtig zu ſein; nur muß man dabei die menſchliche Natur, die bürger⸗ lichen Einrichtungen im Auge behalten, und ſich nicht einbil⸗ den, urplötzlich, durch den Zauberſpruch des gewechſelten Rin⸗ ges, das Kleid des Alltagmenſchen, das wir vielleicht dreißig Jahr getragen haben, mit dem idealen Gewande eines Halb⸗ gotts vertauſchen zu können. Das werden wir eben ſo wenig, als das arme junge Mädchen, das wir heirathen, ein Engel wird. Aber eine brave und treue Frau und eine ſorgſame Mutter kann ſie werden, und uns dadurch ſo glücklich machen, — 155— wie der Menſch es nur ſein kann, und wie ich es mit Deiner Schweſter bin.“ Indem kratzte etwas an der Thür. Sigismund öfnete. Es waren die beiden Knaben, welche Auguſte ſchickte, um die Männer zum Speiſen rufen zu laſſen. „Nun, Ihr Buben,“ ſagte der Vater freundlich,„habt Ihr Euch denn auch mit einander vertragen?“ In Kinderſeelen wechſeln die Affecte mit ſolcher Blitzes⸗ ſchnelle, wie Erwachſene es ſich gar nicht vorſtellen können. Die Knaben hatten nicht daran gedacht, ſich wieder zu ver⸗ tragen, weil ſie vergeſſen, daß ſie ſich verzankt hatten. Als aber der Vater ſie daran erinnerte, umarmten und küßten ſie ſich mit jener unnachahmlichen Lieblichkeit der Bewegungen und des Ausdrucks, welche faſt allen Menſchen als Kind, und ſpäter höchſtens einer oder der andern Frau eigen iſt. „So macht man's, um ſich zu verſöhnen, wenn man ſich gezankt hat,“ ſprach Friedrich und nahm ſeinen Schwager lachend unter den Arm, während Sigismund nicht umhin konnte, bei dieſer Erklärung an die Definition einer glücklichen Ehe zu denken, die ihm vorhin ſchon in den Sinn gekom⸗ men war. Es wäre nicht freundlich geweſen, wenn er nicht bei ſeiner Schweſter zu Mittag gegeſſen hätte; aber es that ihm doch leid, Agathe in Thränen verlaſſen zu haben, und ſie jezt mehre Stunden nicht zu ſehen. Wenn der Nachtfroſt den Abendthau auf den Blumen in Eistropfen verwandelt, ſo er⸗ frieren die armen Blumen. Es geht auch zuweilen mit Thrä⸗ nen ſo. Während ſie bei Tiſche waren, bekam Auguſte einen Brief von der Mutter mit Beilagen von den Geſchwiſtern. Die Schweſter war im erſten Wochenbett, und ſchrieb glück⸗ — 156— ſelig über ihr Kind. Der jüngſte Bruder hatte ſein erſtes Duell auf der Univerſität gehabt, war im kleinen Finger ver⸗ wundet, und ſchrieb ebenſo glückſelig über dieſe Wunde. Der andere Bruder ſchrieb traurig, niedergeſchlagen, man wußte nicht warum; die Mutter wußte es auch nicht; das machte ſolchen Contraſt mit den zwei Jubelbriefen— Contraſte, an denen das Leben ſo reich iſt. Sigismund und Auguſte ver⸗ tieften ſich ganz in die Briefe, und in Plaudereien und Muth⸗ maßungen über deren verſchiedenen Inhalt. Wenn das Ge⸗ ſpräch innig und lebhaft iſt, vergeht die Zeit gar ſchnell. Dem Doctor wurde ſein Wagen gemeldet, um die gewohnte Abendrundfahrt bei den Kranken zu machen. Sigismund er⸗ ſchrak, daß es ſchon ſo ſpät ſei. Er lief zu Agathen. Er kam an einem Blumenladen vorüber; er trat hinein, um irgend eine recht ſchöne Blume für ſie zu kaufen. Das Pracht⸗ ſtück des Magazins, worauf ſein Auge ſogleich fiel und haften blieb, war ein Topf voll wunderſchöner blaßrother Camelien. Keine Blume auf der Welt kam ihm ſo ſchön vor, als die blaßrothe Camelie, ſeit er ſie in Toscas Locken geſehen. Er kaufte den Topf und ließ ihn ſich nachtragen, und ganz heiter kam er zu Agathen. Sie empfing ihn eiskalt. Sein Benehmen, ſein ſteter Wechſel von Freundlichkeit und Gleichgültigkeit, heut früh die dringende Haſt, darauf die Apathie, und dann gewiſſe Räthſel oder Falten in ſeiner Seele, die ſie nicht zu ergründen ver⸗ mogte— das Alles ſchien ihr ſo unbehaglich, ſo launenhaft, ſo ganz unähnlich dem ernſt ruhigen Sigismund, den ſie bis dahin gekannt, daß ſie zu ſich ſelbſt ſprach:„Es iſt etwas Fremdes in ihn hineingedrungen, und das Fremde, mir Un⸗ verſtändliche, iſt mir feindlich; ſo lange alſo das in ihm iſt, ⸗ — muß er mir fern bleiben.“— Aber der Schmerz, den ſie über dieſe Erkenntniß oder über ihren Entſchluß empfand, machte ſie herb und ſtreng. Nur ſchmerzgeprüfte Seelen, nur ſolche, die den Schmerz wie einen Segen empfangen, ganz ſtill, ganz klagelos, aber die ſich dennoch von ihm weder beugen noch brechen laſſen, nur die macht er mild. Und wie kann man von dem unerfahrnen, auf Glück rechnenden jungen Gemüth erwarten, daß der erſte Schmerz es ſchon ſo reif mache? „Da bin ich, liebe Agathe,“ ſprach Sigismund freundlich, „und bringe Dir eine Blume mit, die Deinen Platz dort im Fenſter in die prächtigſte Laube verwandeln wird.“ Er ließ die Camelie hinſtellen, und rückte ſie ſorgſam zu⸗ recht, um ſie ſchön zu präſentiren. „Ich danke Dir,“ ſagte Agathe. Er erzählte ihr darauf von den Briefen der Seinigen, und Agathe war froh, daß er ſprach, und von einem Gegenſtand, der ihm lieb war, und daß ſie ſchweigen, oder höchſtens eine Frage thun durfte, um die Unterhaltung nicht fallen zu laſſen. Sie ſah ſo heftig verweint aus, daß Sigismund erſchrak, als Licht in das dämmerige Zimmer gebracht wurde.„Aber ſie wird ſich grämen, vielleicht krank werden, vielleicht ſterben.... Gott, mein Gott! ſie wird ſich fürchterlich grämen, wenn es zum Bruch zwiſchen uns kommt!“ dachte er heimlich, indem er ſie unſäglich traurig anſah. Vor wenig Stunden hatte er es für eine Unmöglichkeit gehalten, ſie zu heirathen; jezt, dieſer lieben, ſtillen Geſtalt gegenüber, ſchien es ihm noch un⸗ möglicher. Sie gefiel ihm, er hatte ſie lieb, ſo wie am Ende jeder Mann ein wunderhübſches, anmuthiges, junges Mäd⸗ chen, das ihn von ganzer Seele liebt, lieb hat; aber weder in ihrem Weſen, noch in ihrer Erſcheinung lag etwas Hinrei⸗ — 158— ßendes für ihn. Agathe war keine Macht für Sigismund. Er konnte mit ihr gehen, ihr entgegenkommen; doch niemals — ihr folgen! niemals in dem Drang, in der Nothwendig⸗ keit ihr folgen zu müſſen, und nicht zu ſollen, nicht zu dürfen, Qual und Befriedigung finden. Er fühlte ſich nicht ihr unterworfen, ſondern ſeinem Wort, und durch nichts an ſie gefeſſelt, als durch die Pflicht.„Aber Wort und Pflicht einer Frau, einem jungen Mädchen gegenüber— find hochheilig!“ ſprach er leiſe. Wie das manchen Perſonen geht: wenn ſie traurig ſind, ſehen ſie ſtatt deſſen verdrießlich aus, ſo ging es auch Agathen. Es kommt darauf an, wohin der Ausdruck der Trauer ſich flüchtet. Iſt es in die Augen— ich meine nicht blos in den Blick— ſondern in die ganze Umgebung, in die Augenhöhle, Brauen, Lider: ſo kann er von unbeſchreiblich ſchöner Me⸗ lancholie ſein; iſt es auf die Stirn, ſo wird er meiſtens ſtreng und finſter ſein, wie die Knochen, die Falten das mit ſich bringen; iſt es um Mund und Wangen, ſo herrſcht die Ver⸗ drießlichkeit vor, und das macht ſehr unſchön. Agathe ſtellte ſich ſo unvortheilhaft als möglich dar; und grade das rührte Sigismund, denn er ſtellte ſich vor, wie ſchwer und bitter das arme junge Herz zerwühlt ſein müſſe, um zu dieſem ihm ſo fremden Ausdruck zu kommen. „Agathe,“ ſagte er plötzlich,„vergieb mir.“ Manchen Menſchen iſt nichts in der Welt geläufiger, als zu ſagen:„Vergieb mir!“ Ob ſie Jemand auf den Fuß, oder aufs Herz treten— ſie ſagen ganz unbefangen:„Vergebung! es thut mir ſehr leid! es ſoll nicht wieder geſchehen!“ 2c. und damit haben ſie Alles gut gemacht nach ihrer Meinung, und nach drei Tagen beginnt dieſelbe Geſchichte von Neuem. Ich — 159— bin für die Menſchen, die nicht um Vergebung bitten, und ſich dafür in Acht nehmen, nicht wieder Andern weh zu thun. Aber es giebt doch Momente und Menſchen, wo es ſehr ſchön und ſehr ſtark iſt, wenn man die Bitte um Vergebung aus⸗ ſpricht, und eine ſolche muß man immer erhören. Freilich muß man tiefe Erkenntniß ſeiner ſelbſt ſowol als des Andern haben, um zu wiſſen, ob ſie am rechten Ort iſt, um zu erwägen, welche Selbſtüberwindung, welch Opfer ſie koſtet. Die arme Agathe hatte nie Gelegenheit gehabt, das zu ermeſſen. Sie hatte wol tauſend Mal im Leben die Mut⸗ ter um Vergebung gebeten, die Lehrer, die Geſpielinnen, um kleiner armſeliger Vergehen willen; und unter dem Einfluß dieſer Erinnerungen, des Flacons gedenkend, der getrockneten Blume, des Namens Tosca Beiron, der Fieberhaſt des heuti⸗ ggen Morgens, rief ſie ganz troſtlos: „O Sigismund, was haſt Du denn gethan?“ „Gethan!“ ſagte Sigismund fürchterlich verletzt;„o ganz und gar nichts, liebe Agathe.“ „Weshalb bitteſt Du mich denn um Verzeihung?“ „Du haſt geweint, Agathe, und ſiehſt betrübt aus— da denk' ich, daß das meine Schuld ſein muß.“ Das hätte Agathe annehmen ſollen. So etwas ſagt ein Mann ſelten, und ſagt es nie zum zweiten Mal. Aber Agathe hätte begehrt die ganze Geſchichte von dem Flacon, von der getrockneten Blume, von Tosca Beiron, von Allem, was ihr ſeit zwei Tagen verwirrend durch den Kopf ging. Als ſie hörte, daß nur von ihrer Betrübniß die Rede war, ſagte ſie kalt: „Ich verſtehe Dich nicht, Sigismund!“— und ſetzte dann abbrechend hinzu, indem ſie zur Camelie trat:„Eine — 160— prächtige Blume, aber recht ſtolz, recht kalt... findeſt Du nicht?“ „Die Roſe iſt allerdings lieblicher,“ ſagte er ſanft; aber ſeine gerührte Stimmung war dahin. Die Juſtizräthin kam herein und ſagte froh und neckend: „Ah, da ſind Sie, mein lieber Forſter, das iſt gut! ich dachte ſchon, Sie wären in Ihrem Raptus von heute früh auf und davon gefahren. Mit den Dampfwagen iſt das jezt ſo, daß man im Nu verſchwinden und hundert Meilen von einander ſein kann, ohne daß der Andre eine Ahnung davon hat. Jezt wollen wir ein wenig von Ihrer künftigen Ein⸗ richtung reden. Heute morgen waren Sie gar nicht dazu aufgelegt, und ich verſichere Sie, daß es noch ganz entſetzlich viel zu bedenken und zu beſprechen, zu beſchaffen und zu thun giebt bis zur Hochzeit.“ „Sie haben ganz Recht, Frau Juſtizräthin, und nichts kann wichtiger für mich ſein,“ entgegnete Sigismund geduldig⸗ und freundlich, und ſetzte ſich zu ihr, um mit ihr Berathun⸗ gen zu pflegen. Agathe ſetzte ſich auch an den Tiſch, aber mit ihrer Arbeit, obwol ſie wußte, daß Sigismund es uner⸗ träglich fand. Er meinte, Abends, wenn man traulich bei⸗ ſammen ſitzt, um zu plaudern, da dürften die Hände ruhen und das Tagewerk ſei vollbracht. Stricken— das ließ er noch gelten; das beſchäftigt nicht die Gedanken, läßt das Auge, das Geſicht frei, verkrümmt nicht die Haltung; ſtricken iſt ebenſo mechaniſch, als mit dem Fächer oder der Lorgnette ſpielen; aber zu nähenden Frauen zu reden, die geſenkten Hauptes daſitzen, und mit Nähnadel und Faden in den Lüften herumfahren,— das war ihm ein Greuel. Agathe wollte ihn aber nicht anſehen, ein wenig um ihn zu ſtrafen, ein we⸗ — 161— nig— weil ſie eben verdrießlich war. Sie umbaute ſich mit Arbeitskäſtchen und Körben, und nähte. Zuweilen blickte ſie beobachtend auf ihn, und horchte genau auf die Inflexionen ſeiner Stimme. Zuweilen, wenn er gradezu das Wort an ſie richtete, ſah ſie ihn an, aber gleichſam nur gezwungen durch ſeine Auffoderung. Ganz unwillkürlich ſtellte ſich für Sigismund Toscas Bild, wie er ſie am letzten Abend geſehen, neben Agathe, und wurde immer heller und heller. Wie hatte er einſt ſie verletzt, ſie, die Schöne, die Gefeierte, und in ihrem zarteſten, ihr ſelbſt faſt unbewußten Gefühl, und welch einen ſtillen Mater dolorosa-Blick hatte ſie ihm dafür zugeworfen! und welch einen heiligen und heiligenden damals, als er ſte fragte:„Und nun?“ Und welche Seele wohnte überhaupt in dieſer Frau, um in ſo ſchwierigen Verhältniſſen, wie die ihri⸗ gen unleugbar waren, zwiſchen den Verlockungen der Welt und den Vorſpiegelungen der Eitelkeit, in dieſer wundervollen, unangetaſteten Klarheit zu bleiben. Bei zwanzig Jahren ein Engel zu ſein— das iſt ſehr leicht; bei dreißig— ſehr ſchwer. Allmälig gingen all' ſeine Gedanken zu ihr. Er ſchob Ja und Nein, ganz gewiß! und: meinen Sie? mit me⸗ chaniſcher Geläufigkeit zwiſchen die Auseinanderſetzungen der Juſtizräthin, aber ſeine ganze Seele war bei ihr, der Frühge⸗ liebten, der Verlornen, der Wiedergefundenen, der Einzig⸗ und Ewiggeliebten. Und jezt, grade jezt, wo ſie nicht da war, wo ihr Blick ſich nicht wie eine Sonne über ihn legte, wo ihr Lächeln ihm nicht Morgenröthe und Geſtirne vor's Auge und in die Seele zauberte— jezt, mit dem ungeſtörten klaren Gedanken an ſie, jezt war's erſt recht, als ob die Liebe ihre ſtillen und unlöſchbaren Naphthaquellen in ihm er⸗ ſchließe. S. Forſter. 11 4— „Liebe Mutter, Du ermüdeſt Sigismund,“ ſagte Agathe plötzlich zur Juſtizräthin. „Das iſt wahr!“ rief dieſe gutmüthig;„wenn man in Einzelheiten übergeht und auf Kleinigkeiten kommt, ſo ſind die Mäͤnner gleich gelangweilt. Merke Dir das, mein liebes Kind. Aber haſt Du denn ſchon heute dem Sigismund etwas vorgeſpielt?“ „Ja,“ ſagte Agathe trocken. „Nicht genug,“ ſagte Sigismund. „Es iſt gewiß ein hübſches Talent, das meine Agathe hat,“ fuhr die Juſtizräthin fort,„und das allerangenehmſte für's Haus. Mufſik erheitert Alle; jedes andre Talent nur den, der es treibt. Was hat der Mann davon, wenn die Frau ſchön malt, oder ſchön dichtet? nichts als Langeweile in den Stunden, die ihr ſehr kurz und ſehr angenehm ſcheinen. Muſik allein verbindet die Herzen; jedes andre Talent ſchei⸗ det ſie.“ 3 Zu dieſer etwas einſeitigen, d. h. mütterlichen Lobprei⸗ ſung des Talentes ihrer Tochter lächelte Sigismund und bat Agathe, ein wenig Muſik zu machen. „Soll ich ſingen oder ſpielen?“ fragte ſie und ſtand be⸗ reitwillig auf, ganz froh, ſeinen Gedanken eine andre Richtung geben zu dürfen. „Ich bitte Dich— finge, liebe Agathe,“ ſprach er. Sie blätterte in ihren Noten; wählte und ſang. Ihr erſter Ton traf ſein Herz wie ein elektriſcher Schlag. Es war Schuberts Ave Maria. Eine Muſtk, die wir in gewiſſen Momenten gehört haben, und die uns damals durch ihre Uebereinſtimmung oder durch ihren Contraſt mit unſrer Stim⸗ mung frappirte, werden wir nie wieder hören, ohne in jene — 163— Stimmung zurückverſetzt zu werden. Ich erinnere mich, daß ich einmal in Baden bei Wien, auf der Straße, unter meinem Fenſter, von einer vorübergehenden friſchen jungen Stimme ganz gedankenlos:„Freut euch des Lebens“ ſingen hörte. Seitdem, wenn ich das Lied höre, gar nur an die Melodie denke, geht mir ein Schauer durch die Seele, Thränen treten mir in die Augen, und ich meine, nie ein melancholiſcheres gehört zu haben. Doch iſt es nur tout bonnement ein Gaſ⸗ ſenhauer. Was uns trift— ſei's ein Sandkorn, ſei's eine Krone— hat keine Bedeutung für uns. Wie es uns trift, darin liegt das Gewicht! das kann das Sandkorn zum Mont⸗ blanc machen, wie es den Gaſſenhauer zum Grablied macht. Sigismund wagte nicht, Agathe zu ſtören. „Das iſt ein überwältigendes Lied,“ ſagte er nachdem fie geendet. „Meinſt Du wegen der Compoſition, oder weil Du es neulich gehört haſt?“ fragte ſie. „Woher weißt Du, daß ich's gehört habe?“ rief er ganz erſtaunt, denn er dachte an Tosca. „Du ſagteſt, nichts in dem ganzen Conzert habe Dir ſo hinreißend geſchienen.“ „Das iſt wahr,“ ſprach er zerſtreut;„es mag alſo wol ſein, weil ich es gehört habe und nicht wegen der Com⸗ poſition.“— 1 Agathe ſpielte und ſang noch Einiges; der Abend ging hin. In der Frühe des nächſten Morgens wollte Sigismund wieder abreiſen. Er ſagte es.— „Du kommſt wol fürs Erſte nicht wieder?“ fragte Agathe. „Wenn es Dir keine Freude macht, gewiß nicht,“ ſagte Sigismund. — 164— „Mein Gott, liebſter Forſter! wie ſollt' es der Agathe keine Freude machen!“ rief die Juſtizräthin ganz erſtaunt über den kühlen Ton der beiden Verlobten. Sie ſah erſt Si⸗ gismund, dann ihre Tochter an, und fragte endlich beſorgt: „Aber was iſt denn zwiſchen Euch vorgefallen?“ Wie vorhin Agathens Frage:„Was haſt Du gethan?“ — ebenſo erkältend traf die der Juſtizräthin auf Sigismund. Er wunderte ſich, daß die Frauen ſo poſitiv im Inquiriren ſind, und das mißfiel ihm über alle Maßen. Eine fragende, ſpähende, forſchende Schwiegermutter war der Schlußſtein der Marterkammer, Ehe genannt, in die er heute einen andern Blick, als bisher, geworfen. Die Möglichkeit eines unge⸗ heuern Glückes in ihr, zu deren Realiſtrung für ihn auch nicht die allergeringſte Hofnung da war, hatte ſein Verlangen nach mittelmäßigem und alltäglichem Glück für immer ausge⸗ löſcht. Vorgefallen aber, wie die Juſtizräthin ſagte, war nichts, gar nichts. Nur ſein Herz war näher zu Tosca ge⸗ drungen— ſein äußeres Leben um kein Haar breit. Er be⸗ antwortete nicht die Frage der Juſtizräthin; er ſprach ebenſo⸗ wenig davon, daß und wann er wiederkommen werde. Er ſprach allerlei Oberflächlichkeiten, wie man thut, um die Zeit hinzubringen. Dann nahm er Abſchied mit trauriger Freund⸗ lichkeit. Er fühlte— es war aus und vorbei. Als die Thür hinter ihm zugefallen war, ſank Agathe der Juſtizräthin in die Arme und rief in lauter Verzweiflung: „Mutter, o Mutter, er liebt mich nicht!“—— „Die Schwankungen in mir müſſen aufhören,“ dachte Sigismund in dieſer Nacht.„Es iſt ja ganz miſerabel, die Sachen um acht Uhr anders zu ſehen, als um ſieben, und — 165— um neun wieder anders. Ich breche mein Wort, ich thue Agathen weh, ich zerſtöre ihr und mir das ruhige Leben, welches ich ſo friedlich für uns zu begründen hofte, ich ſtelle mich vor der Welt als ein wankelmüthiger, leichtfinniger Menſch dar— und das Alles.... um mich nicht in Zwie⸗ ſpalt mit meinem Gefühl zu bringen. Iſt das Gefühl ſolcher Opfer werth? werde ich nie bedauern, nie bereuen, ſie gebracht zu haben? Nicht heut, nicht morgen— aber in zehn oder zwanzig Jahren? Reue thut weh, und das Leben iſt lang.... lang und einſam ohne Liebe, ohne die Liebe, die Hütten bauen läßt.“ Das ſagte er ſich Alles, ernſt, überlegt, gelaſſen. Er führte ſich Agathe vor, wie ſie war, lieb und gut, jung und ſchmiegſam, bereit Alles zu ſein, zu werden, was er wünſchte; wie ſie auf keine Weiſe die bittere Kraänkung, den tiefen Schmerz verſchuldet hatte, die ſie bedrohten; wie er vielleicht ihre ganze Zukunft in Grund und Boden verderbe, indem er ihre Zuverſicht auf die Treue, ihren Glauben an Liebe unter⸗ grabe. Aber immer und immer kam er auf den Schluß zu⸗ rück: Es iſt doch unmöglich, meine Hand Agathen zu geben, während mein Blick ſie ſucht und, wenn nicht außer mir, doch ewig in mir ſie findet. Denn in mir— da hat ſie ge⸗ lebt, die langen, langen Jahre hindurch, und nur zuletzt.... ge⸗ ſchlafen, eingewiegt von dem monotonen Geſchwirr des Lebens, das mich umfing. Hätte ſie nicht immer in mir gelebt, wie würde ſie denn urplötzlich ſo göttlich lebendig geworden ſein? Es giebt Menſchen, in denen lebt nichts; deshalb können ſie für Alles leben, was außerhalb ihnen liegt. Andre fühlen ſich gedrungen für das zu leben, was in ihnen lebt; die nennt man thöricht, oder egoiſtiſch, oder... groß, je nachdem — 166— ihre Weſenheit ſich an ihrer inwohnenden Idee ausbildet. Die Größe giebt Gott ſeinen Begnadigten; die erwirbt man nicht, man empfängt ſie nur. Aber tüchtig kann man auf ſeine eigene Hand werden; auch wenn man ſeinen Ideen nach⸗ geht, auch wenn es thöricht ausſieht. Und egoiſtiſch? wer ſich elend fühlt, und ein fremdes Weſen an dies Bewußtſein ſchmiedet, macht es um ſo elender, je zarter es empfindet, und bei zwanzig Jahren wiegen ein Paar Tage voll Schmerz nicht ſo ſchwer, als bei vierzig ein Leben voll Bitterkeit, Mißſtim⸗ mung und Jammer. Und egoiſtiſch? ich erreiche nichts, ich gewinne nichts! ſie denkt nicht an mich. Aber ich, o Gott, bin frei, an ſie denken zu dürfen. Er verſuchte ſogleich an Agathe zu ſchreiben. Doch Herz und Hand zitterten ihm. Es iſt ein fürchterlicher Entſchluß für einen beſonnenen Menſchen, einem Unſchuldigen weh zu thun. Auch ſchien es ihm gar ſo übereilt. Er verbrannte den Brief. Drei Tage nach ſeiner Rückkehr nach Berlin wollte er lieber ſchreiben. Es kam ihm kein Zweifel ein, daß auch dann ſein Brief in demſelben Sinne lauten würde, denn ſein Herz war wie erfroren gegen Agathe. Er hatte ſie im Schmerz geſehen: das iſt ein ſcharfer Probirſtein für die Seelen. Die Freude nicht! ihrer Natur nach verklärt ſie, ſo wie der Schmerz ſeiner Natur nach verdüſtert. Wie ſtralend muß die Seele beſchaffen ſein, welche mit ihrem Licht die Ver⸗ düſterung des Schmerzes beſiegt. Als er im Ausbruch des tiefſten und wahrſten Gefühls ſie um Vergebung bat, da fragte Agathe:„Was haſt Du gethan?“— und vergab nicht, und blieb verdrießlich. Das iſt das Uebelſte, was eine Frau thun kann. Die Verdrießlichkeit iſt etwas ſo ganz Un⸗ erträgliches, daß ihr gegenüber der Mann ſich ſelbſt ganz — 167— gerechtfertigt vorkommt, auch wenn er weiß Gott was für Unthaten begangen hätte. Tags darauf ging Sigismund Forſter von der Eiſenbahn kommend die Linden herauf. Er ging unter den Bäumen. Er ſah ſich nicht um, als auf dem Reitweg raſches Pferdege⸗ trappel erſcholl, aber als Tosca Beiron, ihr Pferd an die Barriere lenkend, ihm zurief: „Guten Morgen! aber ſchönen guten Morgen!“ Da mußte er freilich aufſehen. Er that's; er nahm den Hut ab. Es war ihm eine ſelige Befriedigung ſo, mit dieſem Zeichen der Ergebenheit, und zu ihr emporſchauend, vor ihr ſtehen zu dürfen. Sein erſtes Gefühl ihr gegenüber war, wie einſt, das der unermeßlichſten Bewunderung; nur aber war es nicht, wie einſt, in das kleine Wort zu faſſen: ſie iſt ſchön! ſondern— in gar keines. „Wie geht's denn?“ fragte ſie. Er antwortete nicht. Er ſah ſie an— wer kann ſagen, mit welchem Blick! Blitzſchnell berührte ſie den Hals ihres Pferdes mit der Neitgert⸗ und ſprengte fort; Ignaz ihr nach. Ignaz ſagte zum General, als er mit Tosca bei ihm eintrat: „Stellen Sie Sich vor, lieber Onkel, meine ſchöne Tante hat den Regierungsrath Forſter entdeckt. Ja, ja, entdeckt! wir waren eben ins Brandenburger Thor hineingeritten, und er war ungefähr zwanzig Schritte von unſerm Hauſe“..— „Wie Sie übertreiben, Ignaz!“ rief ſie lachend. „Und, wolverſtanden, den Rücken uns zugewendet, als meine ſchöne Tante ſich plötzlich, allen Polizeigeſetzen zuwider, in Carriere ſetzt, oder, daß ich nicht übertreibe! in train de — 168— chasse, weil ſie in dieſer unerhörten Entfernung, unter dieſen vielen Menſchen, den Regierungsrath Forſter erkannt hat— vermuthlich mit einem ſechsten oder ſtebenten Sinn, denn die gewöhnlichen fünf reichen unmöglich dazu aus— und eben deshalb nannte ich dieſe Erkennung eine Entdeckung.“ „Ich war ganz neugierig, zu erfahren, was ihn ſo lange unſichtbar gemacht hat,“— ſagte Tosca unwillkürlich ein wenig verlegen und ein wenig unwahr; denn mogte ſie auch noch ſo neugierig geweſen ſein, als ſie Sigismund gewahrte, empfand ſie nichts— als Freude. „Nun? und was ſagte er?“ fragte der General. „Ich hatte nicht Zeit, ihn zu fragen,“ entgegnete ſie noch etwas verlegener;„Ignaz ritt ſo raſch fort“....— „Ich? himmliſche Tante! wie ein Lamm ſo ruhig verhielt ich mich neben Ihnen! Aber die Wahrheit iſt, lieber Onkel, daß der Regierungsrath Forſter nicht ſehr bei Laune zu ſein ſchien, und noch ernſthafter als gewöhnlich ausſah. Da ver⸗ lor meine ſchöne Tante die Geduld, und ſprengte von dannen, wie ſie gekommen war— da es gewiß höchſt verdrießlich iſt, keine Antwort auf die freundlichſten Fragen zu erhalten.“ „Ignaz! was erfinden Sie für Geſchichten!“ ſprach Tosca lächelnd; aber ſie ſah ihn mißtrauiſch an, nicht wiſſend, ob Scherz oder Bosheit im Spiel ſei. „Aber welch ein Scharfblick! aber welch ein Adlerauge!“ fuhr er fort;„woran erkannten Sie ihn nur? nicht wahr, am ſchwarzen Ueberrock und an den gelben Handſchuhen, welche alle Welt genau ſo trägt?“ „Trägt; aber vermuthlich nicht ſo trägt,“ entgegnete ſie gelaſſen;„denn am Gang und an der Haltung muß ich doch wol den Regierungsrath Forſter erkannt haben, da Sie Selbſt — 169— ja meinen, an der Allerweltslivree von ſchwarzem Rock und gelben Handſchuhen könne es nicht ſein. Uebrigens wundre ich mich auch über mein ſcharfes Auge. Ich habe nie dieſe Fähigkeit in ſolchem Grad bei mir bemerkt.“ „Vielleicht weil Sie kein Intereſſe hatten, ſie zu be⸗ achten.“ Sie ſah ihm ſcharf in die Augen; ſie fand darin den kleinen lauernden Ausdruck, den ſie immer hatten, und an den ſie dermaßen gewöhnt war, daß ſie ſich wunderte, wie ſie ihn bemerkte; auf ſeinen Lippen lag ſein gewohntes Lächeln, das, obgleich in Gewohnheit ausgeartet, dennoch auf ſeinem ſchönen Munde hübſch war. Es war nichts, gar nichts in dem Geſichte, was ſie plötzlich hätte frappiren können. Sie ſagte ſcherzend: „Mein Ignaz, Sie ſind neidiſch.“ Er fuhr innerlich zuſammen, und ſprach mit unveränder⸗ ter Miene:„Und wenn ich's wäre?“ „So würde ich Ihnen rathen, den fatalen Fehler abzu⸗ legen,“ antwortete ſie halb ernſt, halb ſchelmiſch, und ging ihrem Zimmer zu. „Bleib hier, Tosca!“ rief der General,„und hadert noch ein wenig mit einander, liebe Kinder! ich verſichere euch, daß nichts in der Welt mir ergötzlicher anzuhören iſt.“ „Ich werfe nur das ſchwere Reitkleid ab,“ ſagte Tosca. Als ſie nach zehn Minuten wiederkam, fand ſie Be⸗ ſuch vor. Am Abend, zur gewohnten Stunde, erſchien Sigismund. Der General ſagte freundlich: „Wir haben Sie recht vermißt.“ „Und ſind ganz beſorgt um Ihr Verſchwinden geweſen,“ ſagte Ignaz noch freundlicher. „Das iſt viel,“ ſagte Sigismund zum General und„Zu viel“ zu Ignaz. „Und iſt Ihre Arbeit gelungen?“ fragte Tosca. „Welche Arbeit, gnädige Frau?“ entgegnete er. „Nun die, welche Sie am Abend nach Liszts Conzert mit ſchwerem Herzen unternehmen wollten, und zu der ich Ihnen Glück zu! wünſchte.“ „Ah die!“ rief er, plötzlich ſich auf die Unterhaltung be⸗ ſinnend;—„ja, gnädige Frau, ich ſchmeichle mir“... „O wenn Schmeichelei dabei im Spiele iſt, dann irrt man ſich leicht!“ rief ſie. „Aber welch' erſtaunenswerthes Gedächtniß haben Sie,“ ſagte Sigismund. „Ja!“ rief Ignaz,„merkwürdige Gaben aller Art hat meine himmliſche Tante, und es iſt wirklich eine Gnade von Gott, daß er ihr eine verſagt hat. Rathen Sie, Herr Re⸗ gierungsrath, was das iſt, ich bitte.“ „Sie werden es nie errathen,“ ſagte Tosca und ſah Si⸗ gismund vertrauend an. „Ich bitte, rathen Sie doch!“ fuhr Ignaz fort;„was meinen Sie wol das meiner ſchönen Tante fehlen dürfte?“ „Ich wüßte nichts— als Menſchenkenntniß etwa,“ ſagte Sigismund etwas trocken. Der General neigte mit bejahender Zuſtimmung den Kopf, und Tosca rief ſehr vergnügt: „Mit dieſer Löſung bin ich ungemein zufrieden, um ſo mehr da mein Mann ganz derſelben Meinung iſt. Nun, beau neveu, haben Sie noch Luſt mit Ihrer Behauptung hervorzutreten?“ — 171— „Hervortreten? nein! denn ich könnte Ihnen doch am Ende damit etwas zu Leide thun, ſchöne Tante; aber behaup⸗ ten— jal! in aller Demuth, verſteht ſich.“ Der kleine gewohnte Kreis fand ſich zuſammen. Ignaz ging fort. Sigismund nahm lebhaft an der Unterhaltung Theil, und es machte ſich von ſelbſt, daß er von ſeiner Fahrt nach Magdeburg, von ſeinem Beſuch bei ſeiner Schweſter er⸗ zählte, und dabei Tosca die Huldigung ſeines Schwagers darbrachte, welche dieſer im Augenblick des Abſchieds ihm dringend aufgetragen, mit der banalen Anhängſelphraſe: Falls ſie ſich noch meiner erinnert. Tosca nahm es dankbar an; ſie freute ſich bei der Gelegenheit erfahren zu haben, wo und bei wem er geweſen ſei. Sigismund hatte gefühlt, daß ſie das zu wiſſen wünſche. Nun ward er ſchweigſamer. Er verſank in ein ihm ganz neues Glück: er fühlte ſich innerlichſt frei, frei ſie anbeten zu dürfen, und er dachte mit tiefſter Auf⸗ richtigkeit, daß, wenn er ſie alle Abend in ſeinem Leben ſo wie heute ſehen dürfe, ſo fehle ihm nichts, um glücklich zu ſein. Sie war gar nicht übernatürlich geiſtreich, ſie hatte auch keine ungewöhnlichen Talente, ſie war ſchön— wie man es bei dreißig Jahren ſein kann. Aber wie ſie iſt, ſo iſt ſie ein Lichtgeiſt, der nicht unſrer Zeit und unſrer Welt angehört!— dachte Sigismund— und welche himmliſche Gabe könnte ihr fehlen? was Ignaz Mangel nennt, iſt gewiß nur eine Herr⸗ lichkeit mehr. Zuletzt ſchwieg er ganz. Die Minuten, in welchen er ſie hören und ſehen durfte, kamen ihm wie Jahr⸗ hunderte vor, zu wichtig, zu inhaltſchwer, um oberflächliche Worte in ſie zu verflechten. Es ſollte eine Schachpartie organiſtrt werden; der Gene⸗ ral ſah ihr gern zu. Sigismund wechſelte ſeinen Platz mit — — 172— einem der Anweſenden, und ſetzte ſich zu Tosca, welche die in ſeinen Augen wundervolle Gewohnheit hatte, Abends niemals Tapiſſerie zu nähen. Sie ſagte freundlich: „Ich werde Sie bei Gelegenheit um mein kleines blaues 1 Flacon bitten.“ „Ach Gott!“ rief er,„das iſt zerbrochen.“ Er hatte ganz und gar das unglückliche Flacon vergeſſen, und daß Tosca daran ein Recht habe. Die Aufrichtigkeit in ſeinem Ton überzeugte ſie. „Nun wennss zerbrochen iſt, ſo iſt's gut!“ ſagte ſie be⸗ ruhigend. „Sie würden es mir alſo nicht laſſen?“ „Ich weiß, daß Sie Sich nichts aus kleinen Geſchenken machen,“ erwiderte ſie mit heiter ſpöttiſchem Lächeln. „Gnädige Frau,“ entgegnete Sigismund ganz ernſthaft, „wenn man einmal huld⸗ und gnadenreich Vergebung der Sünden ertheilt hat, ſo darf man nicht mehr auf ſie zurück⸗ kommen. Das heißt nutzlos martern.“ „Da haben Sie wol Recht,“ antwortete ſie ſanft,„aber ich ſcherzte nur, denn glauben Sie mir, es iſt kein Vorwurf mehr in meiner Seele, nur Dank.“ „Dank, weil ich Ihnen Schmerz gemacht?“ fragte er un⸗ gläubig. „Als der Schmerz über mich kam, da nahm ich mir vor, beſſer zu werden als ich war, damit mich künftig kein ähn⸗ licher treffen möge; denn in all' unſern Schmerzen liegt eine ganz heimliche, ganz kleine, oft vor uns ſelbſt verborgene Schuld. Je beſſer der Menſch, um deſto weniger Schmerz hat er, weil innerer Vorwurf der Giftzahn des Schmerzes iſt— und keinen Schmerz hat er, der ihn zernichtet. Ich — 173— denke doch ein wenig tüchtiger geworden zu ſein, als ich da⸗ mals war, und iſt es da nicht ſehr natürlich, demjenigen Dank zu wiſſen, der mir dazu geholfen hat?“ „Mit dieſen Gefühlen wird man Märtyrin,“ ſagte Sigis⸗ mund, der es beſſer fand, im Scherz als im Ernſt zu ant⸗ worten. „O behüte!“ rief ſie,„um das zu werden, müſſen ſich dieſe Gefühle einzig und allein Gott zuwenden.“ „Wenn ich Sie reden höre, ſo gut, ſo klar, ſo einfach, ſo wünſchte ich wol von Graf Adlercron zu erfahren, welche Vollkommenheit Ihnen fehlen ſollte.“ „Er meint, daß ich kein Herz hätte,“ ſagte ſie unbe⸗ fangen. „Da iſt er im großen Irrthum!“ rief er. „Nicht wahr?“ fragte ſie; und mit wundervoller Klarheit legten ſich ihre Blicke auf ſein Auge. „Ich meine, daß Sie es da haben, wohin es gehört— und nirgends ſonſt,“ ſagte Sigismund faſt feierlich. „Haben Sie zu vielen Menſchen ſo tiefes Vertrauen?“ fragte Tosca. 3 „Nein, o nein!“ rief er raſch;„nur zu Ihnen.. denn ein Charakter, wie der Ihre, rechtfertigt jede Zuverſicht dieſer Art“— ſetzte er gefaßter hinzu. Seeine Worte, ſein Ton, ſein Ausdruck fielen tief und ſtark in ihre Seele; ſie meinte plötzlich in ſich eine Schatz⸗ kammer von ungeahnten Reichthümern gewahr zu werden, und um ſich eine Frühlingswelt voll duftender, glänzender, freudiger Blüten. Es überlief ſie der wunderſam geheimniß⸗ volle Schauer, der über uns hinrieſelt, wenn wir fühlen, ohne es zu denken, daß unſerm innerlichſten Leben eine Krifis —ͤ ———— — — 174— bevorſteht. Es iſt, als hörten wir die Würfel fallen, die den Gang unſrer zukünftigen Schickſale bezeichnen, und wir ſchauern in uns ſelbſt zuſammen, wie die alten Propheten, wenn der Finger Gottes ſie berührte. Ja, ſie waren mächtig, die alten Propheten, mit tiefſinnigem Blick, mit weisheitvollen Lippen, ſie wußten die Geſchicke der Völker und die Umwand⸗ lungen der Welt;— und wir ſind ſchwach und blind! aber wenn der Finger Gottes uns berührt, ſo ſind wir Alle gleich klein oder gleich groß;— und er berührt Jeden von uns. Mit bewundernswerther Kraft deckte Tosca, wie eine Nonne mit ihrem Schleier, ihre mächtige Bewegung zu, und ſagte in ihrer heitern Weiſe, die Ignaz, nur weil er herzens⸗ unkundig war, herzlos nannte, und ohne Sigismund an⸗ zuſehen: 4 „Ah! ich hab' alſo einen Charakter! das iſt mir lieb zu erfahren! ich geſteh' Ihnen, ich hab' ihn mir nicht zuge⸗ traut.“ 3 „Das iſt die Art und Weiſe tüchtiger Menſchen: ſie ſind, ſie haben; allein ſie trauen es ſich nicht zu.“ „Sagen Sie mir nicht ſolche Sachen!“ rief ſie faſt unge⸗ duldig;„oder ſagen Sie ſie in einem Ton, womit man Fadaiſen zu ſagen pflegt! denn jezt mit Ihrem ernſten Ton geſprochen, da machen Sie mich am Ende glauben, daß Sie aus Ueberzeugung ſprechen.“ „Und das iſt's grade, was ich wünſche und was Sie, gnädige Frau... ſollt' ich meinen, wünſchen müßten. Man hört und ſagt ſo unermeßlich viel Fadaiſen, daß man ihrer, nach einer Reihe von Jahren, ſo überdrüſſig wird, wie ge⸗ wiſſer allzu ſüßer Speiſen.“ — 475— „Sie ſind aber wirklich nicht für die Fadaiſen, das merk ich!“ rief Tosca lachend.„Wer in aller Welt hat je zu einer Frau, die ſich einbildet noch ſehr ſchön und ſehr jung zu ſein, von„einer Reihe von Jahren“ geſprochen?“ „Sie ſind ſo ganz anders, als die Frauen zu ſein pflegen, daß man unwillkürlich auch anders zu Ihnen redet, freier, zuverſichtlicher, des Verſtändniſſes gewiſſer— und daher un⸗ befangen.“ „Und das Alles zu Ehren meines Charakters?“ „Ja, denn er iſt das, was ich am höchſten im Menſchen ſchätze.“ „Ach,“ ſagte Tosca mit einem leichten Seufzer,„er mag doch ſchwer durchzuführen ſein, ein Charakter, ſobald das Leben ſchwer wird. Was am Morgen leicht war, kann am Mittag mühſelig ſein! wie ſchwierig, unter allen Umſtänden immer Daſſelbe zu thun!“ „Nicht— immer Daſſelbe thun, das kann auch der ur⸗ theil⸗ und einſichtsloſe Eigenſinn. Aber— immer das Rechte thun, unter allen Umſtänden: das macht den Cha⸗ rakter.“ „Haben Sie Charakter?“ fragte ſie mit gedankenvollem Ernſt. „Gnädige Frau, Sie Selbſt wiſſen am Beſten, daß ich keineswegs zu jeder Zeit das Rechte gethan,“ erwiderte er lächelnd. „O ich denke nicht an die Kindergeſchichten!“ rief ſie un⸗ geduldig. „Sie bereiten doch vielleicht den Charakter vor,“ antwor⸗ tete er gelaſſen.„Trotz, Eigenſinn, Uebermuth können wol⸗ — 176— durcharbeitet zum Charakter heraufgebildet werden, und un⸗ durcharbeitet ein wüſtes Chaos bleiben.“ „Nun? und Sie?“ „Ich arbeite!“ ſagte er. Sie blickte ihn an; ſein ungewöhnlich ſtrenger Ausdruck überraſchte ſte.„O Verzeihung, wenn ich Ihnen weh gethan!“ ſprach ſie ſchüchtern. „Sie thun mir nie anders als wol,“ erwiderte er, und ein Lächeln glitt in ſeine Augen, ohne bis zu den Lippen herab zu ſteigen. Tosca ſchlug die ihren zu Boden und fragte:„Reiten Sie nie ſpazieren?“ Es iſt bedenklich, wenn ſo abgebrochene und unzuſammen⸗ hängende Fragen plötzlich ins Geſpräch hineinſpringen, weil fie eben zeigen, daß es durchaus unterbrochen werden ſoll. Sigismund kam und ging, und ging und kam. Er hatte in dieſen Tagen keine Gelegenheit zu einer beſondern Unter⸗ haltung mit Tosca. Er fand ſie immer allein mit ihrem Mann; aber grade dann kam ſie ihm am allerbewunderns⸗ wertheſten vor. Immer die gleiche freundliche Laune, immer das liebe herzliche Wort, und eine Geſchicklichkeit ohne Glei⸗ chen, um den Geſprächen die Wendung zu geben, welche dem General die liebſte war. Gottes Engel müſſen ſo klar, ſo mild ausſehen— dachte Sigismund— aber iſt es denn möglich, daß dies zarte, ſchöne, tiefe Herz nichts geliebt hat, als die Pflicht? Ihn hatte es geliebt, und nach ihm— die Pflicht; ſonſt nichts. Seelen wie Tosca ſind aus einem Stück. Sie lieben ganz, wenn ſie lieben und was ſie lieben, ohne zu handeln, zu feilſchen, oder Conceſſionen zu machen. Sie ſehen ſtolz aus, weil ſie hoch— und kalt, weil ſte tief ſind; wenigſtens urtheilen ſo die oberflächlichen, an die gewöhnlichen Allüren gewohnten Menſchen.„Sie iſt nicht ſtolz, ſie iſt nicht kalt,“ dachte Sigismund. Aber:„Mich hat ſie geliebt!“— das wagte er nicht zu denken, denn das konnte bei einer Ge⸗ ſinnung, wie die ihre, wol heißen:„Und mich würde ſie lieben.“ Der General befand ſich ſo gut, wie lange nicht. Die Aerzte hatten nicht grade Hofnung zur Geneſung, aber doch zu einem beſſern Zuſtand gegeben. Tosca ſprach vom Früh⸗ ling, von ſommerlichen Reiſen, um dem armen Kranken immer mehr Zuverſicht einzuflößen, als ob es nur ſeines Entſchluſſes bedürfe, um in den Wagen zu ſteigen. „Anfang April, gewiß! da werden wir abreiſen können,“ ſagte ſte,„und nach dem Rhein— nicht wahr?— Dort iſt's am ſchönſten auf der ganzen Welt.. ſo weit ich ſie kenne.“ Ein unſäglicher Schmerz legte ſich wie eine Geierkralle auf Sigismunds Bruſt. Anfang April, da wollte ſie gehen! wenn der Frühling kam, wollte ſie fort, und dann ſah er ſte vielleicht nie wieder— wahrſcheinlich ſogar. Dann ſank das Leben wieder in die Schatten zurück, die ſie, wie die Sonne, zertheilt hatte. Aber äußerlich ruhig ſprach er mit ihr vom Rhein, von Bonn und vom Profeſſor Zeller. Später ging er auf ſein Zimmer und ſchrieb: „Agathe! Du ahneſt gewiß, was ich Dir zu ſagen habe. „Nein! Sie wiſſen es, Agathe, ohne daß ich es Ihnen zu „ſagen brauchte. Vergebung. Aber es iſt ſo: lieber kein „Herz, als ein halbes. Das Leben führt uns bisweilen zu „überraſchenden Wendepunkten, von wo man die Dinge anders, S. Forſter. 12 —— „in anderm Licht, in andrem Zuſammenhang betrachtet. Das „iſt mir geſchehen, und Sie haben es nur zu wol bemerkt. „Ein Name iſt genannt, auch in Ihrer Gegenwart; der Name „iſt's. Ich ſage das, weil ich nicht lügen kann, noch mag, „und weil ich wünſche, daß Sie mir nun auch glauben, wenn „ich ferner ſage: der Name zerſtört meine Gegenwart, ohne „mir eine Zukunft zu verheißen, und er hat nichts für mich „gethan, als daß er, wie ein Geſtirn, wieder aus dem Meer „der Vergangenheit aufgetaucht iſt. Weiter nichts! und auch „ferner wird es heißen: weiter nichts! Sie ſehen, ich weiſe „das ſtille, ſchöne Glück, das Sie mir verſprachen, nicht für „die Hofnung auf ein chimäriſches Glück fort, ſondern— für „gar keine. Es muß alſo wol aus Ueberzeugung ſein. Aber „ich fühle, daß ich Ihnen nichts Andres ſagen kann und darf, „als— Vergebung!— Sigismund Forſter.“ Er verſiegelte und adreſſirte den Brief. Am andern Tage wollte er ihn nach ſeiner Gewohnheit ſelbſt auf die Poſt bringen. Eh das geſchah, empfing er einen von der Juſtiz⸗ räthin Gertner. „Mein lieber Forſter,“ ſchrieb ſie,„da ich keine Ahnung „davon habe, was eigentlich zwiſchen Ihnen und meiner Toch⸗ „ler vorgefallen ſein mag, und da Agathe mit unglaublicher „Hartnäckigkeit darüber ſchweigt, ſo habe ich Ihnen nichts „weiter zu ſagen, als das, was Aoathe mir aufträgt. Sie „bittet Sie, ihr binnen drei oder vier Wochen nicht zu ſchrei⸗ „ben, keine Zeile, kein Wort, und noch viel weniger herzu⸗ „kommen. Sie ſagt: bis dahin werde ſie ruhig ſein und „Ihnen ſchreiben, und dann würde Alles gut werden; doch „jezt könne ſie nichts hören, nichts denken, nichts ſchreiben, „nichts, gar nichts; und ſie hoft, daß Sie dieſen Wunſch nehren werden, indem Sie ihm nachkommen. Sie ſei übri⸗ „gens ganz wol und geſund, läßt ſie Ihnen ſagen, und ich „beſtätige das, weil ich meine, daß Sie dieſe Beruhigung „brauchen.“ 3 Eine freudige Aufregung bemächtigte ſich Sigismunds. Zwar that es ihm leid, daß der Brief an Agathe nicht auf der Stelle Alles zwiſchen ihm und ihr klar machen ſolle; aber der Gedanke, daß ſie wahrſcheinlich ſelbſt die Vorſtellung der gelöſ'ten Verbindung in ſich keimen und wachſen laſſen, daß ſie ſelbſt ihr Wort zurücknehmen wolle, machte ihn faſt glück⸗ lich. Auf welche Weiſe der Bruch geſchehen ſolle, je weniger peinlich und ſchmerzlich für Agathe— deſto willkommner ihm! und alle Citelkeit, alle eigenliebige Härte, welche im Mann ſo mächtig ſind, verſtummten gänzlich vor der unſäg⸗ lichen Freude— frei zu werden ohne zerknickende Härte. Er wollte hinaus, in die friſche Luft, unter den heitern blauen Himmel. Ihm war, als höre er ſchon die Lerche ihren kleinen jubelnden Auferſtehungsgeſang tiriliren. Er ſprang die Treppe hinab, und traf auf dem Vorſaal des erſten Stockwerks mit Tosca zuſammen. „Da bin ich!“ ſagte er mit ganz beſondrer Freudigkeit. Was lag ihm jezt daran, ob ſie einſt fortging. Jezt war ſie da, und er bei ihr. 3 4 „Himmel!“ rief ſie,„Sie ſehen aus wie vor zwölf Jah⸗ ren— ſo gewiſſermaßen glückſelig übermüthig.“ „Fahren Sie aus, gnädige Frau?“ fragte er, denn ſie war im Pelz und ein Diener ſtand hinter ihr.— „Ich gehe aus, es iſt ſo ſchön! ich muß in die Stadt, muß etwas kaufen für Ignaz, deſſen Geburtstag morgen iſt— ich weiß nur nicht, was und nicht wo.“ 12* — 180— „Darf ich Sie zu Rey führen?“ „O ja... aber ich ſchäme mich Ihrer ein wenig, denn Sie ſehen warlich aus, als hätten Sie nicht übel Luſt, un⸗ ter den Linden einen Freudenſprung zu machen.“ Sigismund verſicherte, ganz geſetzt einher wandeln zu wollen. Sie gingen zuſammen aus. Es war ein prächtiger Wintertag. Lauter Kryſtall, und die Sonne durchfunkelte ihn. Und die Herzen waren auch friſch und hell wie Kryſtall, und die Aurora der Liebe dämmerte ihren bezaubernden Prismaſchein in ſie hinein. Aber ſie ſprachen von den aller⸗ gleichgültigſten Dingen, und amüſirten ſich dennoch vortreflich. Ich geſtehe, nichts hat mir einen höhern Begriff von der Zaubermacht der Liebe beigebracht, als die Bemerkung, daß wenn zwei Menſchen unter ihr ſtehen, kluge, geſcheute, geiſt⸗ reiche Menſchen, die ſonſt ziemlich viel Aufwand von Ver⸗ ſtand begehren oder machen, wenn ſie ſich bei einem Geſpräch unterhalten ſollen,— daß die ganz befriedigt ſind, und die Converſation vollkommen nach ihrem Geſchmack zu finden ſcheinen, wenn der Eine ſpricht:„Heut iſt ſchön Wetter!“— und der Andre antwortet:„O wunderſchön.“— So gewiß iſt's, daß man nicht durch den Geiſt glücklich iſt... nur durch das Herz. Aber dennoch glaub' ich auch, daß auf die Dauer ein wenig Geiſt der Liebe keinen Schaden thut. Sie hat nur ſo ihre kindlichen Momente, wo ſie gleichſam in der Wiege liegt und lallt. Da iſt ſie noch nicht bis zum Geiſt, bis zum Bewußtſein vorgedrungen, da hat der Schmetterling erſt eben. ſeine Raupenhülle abgeſtreift, und die Schwingen noch nicht verſucht; und da meint er noch, in dem Roſenkelch, wo er ge⸗ boren ſei, müſſe er leben und ſterben. Später wagt er denn — 181— doch den Flug, und bis zum Himmel hinauf; und dazu ge⸗ hören denn freilich alle Kräfte der Pſyche. Tosca war nicht zufrieden mit den Sachen, die man ihr bei Rey zeigte.„Was ſoll ein Mann mit all ſolchen Kinkerlitzchen anfangen?“ fragte ſie.„Lieben Sie dergleichen Kram?“ „Als Geſchenke von lieben Händen— ſehr.“ „Das iſt was Anders! auf dem Fuß ſteh' ich nicht mit Ignaz. Warum lachen Sie?“ rief ſie, als Sigismund nicht ein Lächeln unterdrücken konnte. „Weil ich mich wundre, daß Sie Sich zu täuſchen ſuchen. Sie wiſſen ſehr wol, welchen Werth Graf Adlercron auf Ihre Huld legt.“ „Ja, in wichtigen Dingen! aber bei ſolchem Plunder“.. „Für dies Gefühl giebt es keinen Plunder! die Krone oder der Bonbon ſind von gleichem Werth.“ „Wenn ich Ihnen aber ſage, daß grade von dieſem Gefühl nicht die Rede iſt, und daß mein Neffe, ſo ſehr er mir auch ergeben iſt, und ſo gern er auch Bonbon ſpeiſ't, dennoch lieber eine Krone von mir annimmt, als ein Schreib⸗ zeug?“ „So beklag' ich ihn.“* „Aber das wußten Sie ja längſt.“) „Wie hätte ich das wiſſen ſollen, gnädige Frau?“ fragte Sigismund unbarmherzig. Tosca erröthete und rief:„Sie haben mich auf einen guten Einfall gebracht! ich werde Bonbon für Ignaz kaufen. Er ißt leidenſchaftlich gern Bonbon. Begreifen Sie dieſe Liebhaberei?“ — 182— „Jede Liebhaberei iſt ſchwer zu begreifen, wenn man ſie nicht theilt; indeſſen ſcheint ſie mir doch viel unſchuldiger, als für den Wein z. B., oder für Cigarren, oder für Schnupf⸗ taback.“ „Ach!“ rief ſie lachend,„die Unſchuld iſt ſo entſetzlich unpaſſend für einen Mann! Ja, jal ich ſpreche ernſthaft. Es giebt allerlei kleine Dinge, die ihm nicht gut ſtehen, und die er den unſchuldigen Kindern oder den ſchwachen Frauen überlaſſen muß.“ „Ich weiß nicht,“ rief Sigismund,„wie Ihr Geſchlecht zum Prädikat des ſchwachen gekommen iſt, gnädige Frau! da es doch unleugbar das ſtärkere iſt. Wir haben freilich die Kraft, aber bei der Frau iſt die Macht.“ „Die Leute ſehen ſich nur auf der Oberfläche um und nach außen: da tritt ihnen die Kraft überwältigend entgegen. Um die Macht zu erkennen, muß man tiefer gehen, muß ei⸗ gene Beobachtungen und Erfahrungen gemacht haben, wozu ich, als Frau, natürlich nie Gelegenheit hatte.“ Sigismund ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Jede Frau iſt ſich ihrer Macht bewußt— „Vielleicht in ſehr glücklichen Verhältniſſen,“ unterbrach ihn Tosca.„Im Allgemeinen ſcheitert dies Bewußtſein an der Kraft des Mannes, die oft.... Härte iſt.“ Ihm ſchien, als ob ſich eine Wolke über ihre ſchönen Augen legen wolle. Darum fragte er haſtig und ſcherzend: „Ich bitte, gnädige Frau, bin ich etwa auch mit einigen von den„kleinen Dingen“ behaftet, die Sie unpaſſend für einen Mann finden?“ „Ich kann's nicht leiden,“ entgegnete ſie,„wenn ein Mann Bonbon liebt, Parfüms braucht, helle, bunte Farben — 183— im Anzug trägt, und kleine Hände hat. Das Alles hat einen gewiſſen gebrechlichen Anſtrich, den ich nur uns ge⸗ ſtatte.“ Ignaz hatte heute viel zu leiden, obgleich Tosca Geburts⸗ tagsgeſchenke für ihn einkaufte; denn dies Alles war gegen ihn geſagt. 3 „Wie Sie mich demüthigen, gnädigſte Frau!“ rief Si⸗ gismund;„die einzige Schönheit, welche ich mir ſchmeichelte zu beſitzen, eine wolgebildete Hand— belegen Sie mit dem Anathema.“ „Ja,“ ſagte Tosca lachend,„wenn Ihre Hand nicht durch⸗ gearbeitet, ſtark und geſchmeidig ausſieht— wenn ſie nicht ausſieht feſt und beſtimmt, als wiſſe ſie zu halten, was ſie er⸗ griffen, zu ſtützen, was ſich ihr anvertraut, durchzuführen, was ſie begonnen hat: ſo haben Sie eine ganz unſchöne Hand, zu der Niemand auf der Welt Vertrauen haben wird.“ 3 Sie wußte ſehr genau, welch eine ſchöne, edelgebildete Hand Sigismund hatte, und er freute ſich unglaublich, daß ſie es ihm in dieſer Weiſe ſagte. „Alſo eine ganze Theorie über die Bildung der Hände ſteht Ihnen zu Gebot?“ fragte er. „Gewiß! ich kenne Jemand, der aus dem Fuß und dem Gang der Menſchen Schlüſſe auf ihren Charakter macht; weshalb ſollt' ich nicht aus der Hand und ihren Bewe⸗ gungen?“ „Für den Scherz iſt das Alles ſehr gut, für den Ernſt ſehr gefährlich.“ „Ach!“ rief Tosca,„mit all meinen Beobachtungen komme ich doch nicht vom Fleck! es iſt mir nicht Ernſt damit. Ich — 184— frage meinen Mann, was er von Dieſem und von Jenem hält; und danach richt' ich mich ein. Das iſt ungleich be⸗ quemer.“ Während ſie das ſagte, ſiel ihr ein, daß ſie bei Sigis⸗ mund eine Ausnahme von dieſer Gewohnheit gemacht, und den General nie um ſeine Meinung über ihn gefragt hatte. „Denn ich kannte ihn früher,“— ſagte ſie ſich heimlich, wie zu ihrer Rechtfertigung. „Und warum verſchmähen Sie, durch eigene Beobachtung zu einem Urtheil zu kommen?“ fragte er. „Weil ich ihm ſo gern dankbar und verpflichtet mich fühle,“ entgegnete ſie ruhig. Sigismund antwortete nichts. Er ſah ſie an mit einem Blick voll Ehrfurcht und Huldigung. Könnte ein demüthi⸗ ges Herz je triumphiren, ſo würde dies Gefühl jezt Toscas Herz bewegt haben, denn zum erſten Mal fiel es ihr ein, daß ihr Leben ſchön und edel ſein möge. Sie hatte nie daran gedacht; ſein Blick ſagte es ihr.„Aber das Schöne und Edle wird geliebt“— ſprach heimlich eine Stimme in ihr— „und nur das!“ Sie fuhr zuſammen und ſagte faſt ängſtlich: „Der Wind hebt an recht ſcharf zu wehen;“ und ſie gingen nach Hauſe. Auf dem Vorſaal trat Toscas Kammermädchen ganz ver⸗ ſtört ihr entgegen, und ſagte, der General ſei plötzlich heftig erkrankt. Tosca eilte zu ihm. Ignaz war ſchon da; der Arzt auch. Es war derſelbe Zufall, wie in jener Nacht; nur ſtärker, bedenklicher. „Er ſtirbt!“ rief Tosca, als ſie ihn ohne Bewegung und Befinnung fand. Der Arzt ſagte nicht Nein. Es vergingen einige fürchterliche Tage. Es iſt eine un⸗ ermeßliche Folter, am Krankenbett nicht mehr hoffen zu dür⸗ fen! unwillkürlich taucht der Gedanke auf, der Tod ſei unter dieſen Umſtänden ein Erlöſer, und doch kommt Einem ſolch ein Wunſch wie ein Mord vor. Tosca litt unſäglich. Sie warf ſich die anderthalb Stunden ihrer Entfernung als ein Verbrechen vor, obgleich es ihre tägliche Promenade war. Sie glaubte eine Strafe des Himmels für jedes Wort zu empfangen, welches ſie zu Sigismund geſagt hatte.„Mit der Liebe für einen Andern im Herzen, ſitz' ich am Sterbebett des beſten und edelſten Mannes“— ſprach ſie langſam und ſchwer zu ſich ſelbſt. Sie war erdrückt, wie von einer unge⸗ heuern Schuld. Sie flehte zu Gott um das Leben ihres Mannes, und wenn ſie der Erhörung ihres Gebets gewiß zu ſein glaubte, ſo ergriff ſie ein namenloſer Schmerz, denn ſie fühlte, daß ihr innerſtes Leben umgewandelt ſei, und daß ſie in Zukunft Dornen finden werde, wo ſie bisher nur Blumen gekannt. Sie war die unermüdliche Pflegerin des Generals. Sie verließ nie freiwillig ſein Zimmer. Wenn ſie überwältigt vom Schlaf, oder halbohnmächtig zuſammenſank, ſo trugen Ignaz und die Krankenwärterinnen ſie nach ihrem Zimmer, wo ſie ein Paar bleierne Stunden verſchlief. Ignaz ſtand ihr treu zur Seite. .„Sie ſind ſublim, Ignaz!“ ſagte ſie einmal und gab ihm die Hand. Er ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Und Sie ſind es wol nicht, Tosca?“ „Oh... ich!“ rief ſie, und faltete demüthig die Hände. — 186— Sie hatte keinen andern Gedanken, als der ſich auf die Pflege ihres Mannes bezog. Ignaz ſprach zu ſich ſelbſt: „In der Stimmung wäre ſie, um die Donation zu machen; aber! aber! der Moment iſt nicht günſtig! ich darf mir jezt, am Sterbebette, nicht merken laſſen, woran ich denke. Sie muß für mich in ihrer gegenwärtigen Stimmung bleiben.“— Sie ſah Sigismund nicht. Er hatte den Takt, nicht zu kom⸗ men. Er fragte die Dienſtboten.... wol zwanzig Mal täg⸗ lich; zuweilen den Arzt. Bei den Fragen nach dem General erfuhr er beiläufig etwas über Tosca. Er war in qualvoller Angſt, daß ihre Geſundheit leiden möge, und die Sorge, welche er zuerſt um ſie gehabt, erwachte mit erneuter Stärke: Ignaz werde ihre Rührung und Trauer benutzen, um ſie zu einem, hinſichtlich ihres Vermögens nachtheiligen Schritt zu bewegen— im Fall der General ſtürbe. Im Fall der General ſtürbe! ſein Herz ſchlug hoch auf. „O wenn ſie mich liebte!“ dachte er unter jenem Strom des Entzückens, der wie der Tod den ganzen Menſchen zugleich vernichtet und verklärt.„O wäre doch mein Brief an Agathe damals fortgegangen!“ dachte er gleich darauf. Ehe er ſich ihr gegenüber nicht frei hingeſtellt hatte, fühlte er ſich nicht frei. Am ſiebenten Tage ſtarb der General. Tosca benahm ſich ernſt und ruhig, eben ſo fern von Verzweiflung, als von Gleichgültigkeit. In ſeinen letzten Stunden war ihm das Dämmerlicht des Bewußtſeins aufgeflackert, und er hatte ihr Worte des Dankes, der Anerkennung, der Liebe geſtammelt, die ſie zu hören verdiente, und die ſie mit heiliger Rührung anhörte. Er war todt. und begraben. Bis dahin hatte ſie Nie⸗ mand geſehen, nicht Ignaz, nicht Sigismund; ſie wollte nicht. Ihr war beklommen zu Muth, wenn ſie an Sigismund dachte. Sie verſuchte nachzudenken, wie ſie ſich ihm gegenüber zu benehmen, was ſie zu thun habe. Der Schluß davon war: Nichts hab' ich zu thun, denn ich liebe ihn.... und Er?—— Am Tage nach dem Begräbniß des Generals kam ſie aus ihrer Klauſur hervor. Sie wollte ſich nicht den Anſchein einer Untröſtlichkeit geben, die ſie nicht wirklich empfand. Sie ließ Ignaz zu ſich bitten. Sie ſagte ihm, ſie gedächte die erſten ſechs Wochen der tiefen Trauer in Berlin zuzu⸗ bringen, und dann zur Teſtamentseröfnung nach Trier zu gehen, wo der General das ſeine gemacht und niedergelegt habe. Während der Zeit wolle ſie hier mit Rechtsgelehrten ſprechen über die Arr und Weiſe, wie ſie ſich mit ſeiner Fa⸗ milie am beſten in der Erbſchaftsangelegenheit auseinanderzu⸗ ſetzen habe. Sie hatte nicht vergeſſen, was Sigismund ihr in jener Nacht gerathen. Sie ſprach und erſchien ganz ſelb⸗ ſtändig und überlegend. Sie ſchien zu fühlen, daß ſie für die Zukunft allein auf ſich ſelbſt angewieſen ſei, und für ſich ſelbſt ſorgen müſſe. Sie ſprach ſo klar und beſtimmt, daß Ignaz ſeine Hofnungen ſchwinden ſah. Kein Rechtsgelehrter auf der Welt, das wußte er ſehr gut— würde ihr je zu der Donation rathen. Durch dieſe Donation allein konnte er Herr des ganzen Vermögens werden; alsdann gab er der Mutter, den Geſchwiſtern, an Tosca ſelbſt, nur eine Rente; die Maſſe blieb ſein, und er konnte mit dieſem Vermögen An⸗ ſpruch auf eine große und reiche Heirath machen. Ohne die Donation, wenn es zu einem Vergleich kam, ja, wenn Tosca ſogar die Hälfte der Erbſchaft abtrat, war immer ſeine Mut⸗ ter die Erbin, und er ging mit ſeinen Geſchwiſtern dereinſt nur zu gleichen Theilen aus. Das war ein ganz miſerables — 188— Loos! Er dachte, da ſei es doch ſchon beſſer, Tosca zu hei⸗ rathen, und er freute ſich unausſprechlich, daß er von jeher Worte hatte fallen laſſen, welche auf eine tiefe und heimliche Liebe zu ihr deuteten. Er hatte freilich einer Andern lebhaft den Hof gemacht, und ſogar in Toscas Gegenwart von der Möglichkeit einer Verbindung mit ihr geſprochen; aber das ließe ſich vielleicht als eine nothwendige Zerſtreuung darſtellen. Auf einmal fuhr über dieſe geiſtige Rechentafel ein naſſer Schwamm. Es war der Gedanke an Sigismund Forſter. „Tosca!“ rief Ignaz ſehr lebhaft,„warum ſprechen Sie mit mir von Hab und Gut? Haben Sie keine andre Worte für mich?“. „Ihre Zukunft liegt mir ſehr am Herzen, guter Ignaz,“ erwiderte ſie,„denn Sie haben die ſchwere Vergangenheit treu mit mir getheilt. Ich mögte jene gern ſicher ſtellen und leicht machen. Und wir haben ja auch ſchon früher darüber gere⸗ det!— Uebrigens wiſſen Sie wol, daß mir für meinen Dank nur die Worte fehlen, und daß ich ihn in Geſinnung und That auszuſprechen wünſche. Wie kann Sie das plöͤtzlich kränken?“ „Nicht kränken— nur tief betrüben, daß Sie mich nicht verſtehen wollen. Bergebung!“ rief er, als ſie ihn ernſt und mißbilligend anſah;„Vergebung! ich ſchweige.... jezt!— Aber,“ fuhr er in ſeinem gewohnten Ton fort,„weshalb wollen Sie hier ſechs lange Wochen verbringen? Sie haben hier keine nähern Freunde und da draußen am Rhein ſo viele, welche ſich alle beeifern würden Sie zu zerſtreuen.“ „Wozu das?“ fragte Tosca;„die Zerſtreuung kommt immer früh genug.“ — 189— „Jezt, bei dem friſchen Winterwetter würde das Reiſen nicht beſchwerlich ſein.“ „Das Hierbleiben iſt es auch nicht, lieber Ignaz, und ich mag mich nicht gern ohne Noth in meinen tiefen Trauerklei⸗ dern auf der Landſtraße und in Gaſthöfen umhertreiben.“ Ignaz ergrimmte innerlichſt. Es quoll ein bittrer Haß gegen Sigismund in ihm auf. Iſt er denn nicht aus dem Wege zu ſchaffen? dachte er. Aber er verſuchte nicht Toscas Plänen länger zu widerſprechen, er wußte wol, daß nichts den Menſchen ſo feſt an ſeine Meinung ſchmiedet, als der fremde Widerſpruch. Nachdem Ignaz gegangen war, ließ Tosca an Sigismund ſagen, es würde ihr lieb ſein, wenn er zu ihr kommen könne. Er kam ſogleich. Er war ganz ſchwarz gekleidet, und ſah ſehr blaß und ſehr ernſt aus. Seit jenem heitern Morgen hatten ſie ſich nicht geſehen. Nun ſtanden ſie einander gegen⸗ über, die zwei edlen Geſtalten, und die Herzen voll verſchwie⸗ gener Liebe waren mit den Trauerkleidern zugedeckt. Ein leichtes Zittern überglitt Tosca; ſie ſetzte ſich. Da trat Si⸗ gismund zu ihr heran, kniete vor ihr nieder, und reichte ihr ſeine Hand. Sie legte die ihre hinein, und er hielt ſte einen Augenblick, wie man ein Geſchenk empfaͤngt, ohne ſie anzu⸗ faſſen, ohne ſie zu drücken. Dann ließ er ſie ſanft fallen, ſtand auf, und ſetzte ſich ihr gegenüber. Das Alles war ernſt und langſam geſchehen, faſt feierlich. Kein Wort war gewechſelt, nur ein Blick. „Gnädigſte Frau,“ ſagte Sigismund darauf mit feſter Stimme,„wenn Sie bei irgend einer Angelegenheit eines ergebenen Menſchen bedürfen, ſo befehlen Sie nur über mich.“ — 190— Es war eine große Erquickung für Tosca, daß es ihm nicht einftel, ihr ſein Bedauern oder ſeine Theilnahme anders auszuſprechen, als durch ſeine Erſcheinung. Sie ſprach von der großen Dankbarkeit, die ſie Ignaz ſchuldig ſei, und wie ihr ſo ſehr daran liege, mit ihm und ſeiner Familie in freund⸗ lichem Vernehmen zu ſein. Sie ſagte in Bezug auf den General: „Er hatte gewichtige Gründe, um zu handeln, wie er eben that, und wenn er in den letzten Jahren ſein Teſtament nicht verändert hat, ſo geſchah das ganz gewiß, weil er wol wußte, daß ich der Veränderung ſeines Sinnes gemäß han⸗ deln würde. Ignaz hat ſich wie ein Sohn für ihn benom⸗ men, und ſo denk' ich, daß er auch in die Rechte eines Soh⸗ nes treten muß.“. „Thun Sie Alles, was Sie für recht und gut halten, gnädige Frau, nur begeben Sie Sich nicht in irgend eine Abhängigkeit von dem Grafen Adlercron. Dergleichen Ver⸗ hältniſſe ſind immer peinlich, auch bei den edelſten, den rein⸗ ſten Gefinnungen auf beiden Seiten, und es können Umſtände eintreten, welche ſie unerträglich machen. Daher beſchwör' ich Sie, den Gedanken an eine Donation, den Sie einmal flüchtig gegen mich äußerten, aufzugeben.“ „Ich hab' es gethan,“ ſagte ſte erröthend;...„aber ich mögte doch gern ohne einen Prozeß davon kommen.“ „Wer ſind die nächſten Blutsverwandten des Generals?“ „Seine einzige Schweſter, Gräfin Adlercron.“ „Wenn Sie die Erbſchaft mit ihr theilen, ſo wird ſie die⸗ ſen friedlichen Ausgang dem unfriedlichen und unſichern eines langwierigen Prozeſſes vorziehen... ſollt' ich meinen.“ — 191— „Ignaz hat mir geſtanden,“ ſagte Tosca ein wenig ver⸗ legen,„daß ſeine Mutter ſehr... ja, ganz außerordentlich an Geld und Gut hange; da würde ſie vielleicht doch nicht damit zufrieden ſein.“ „Es wäre doch des Verſuches werth, gnädigſte Frau. Ich geſtehe Ihnen, ich zweifle nicht an friedlicher Ausglei⸗ chung.“ „Und das wäre vielleicht ein Mittel, um ſie mit ihrem Sohn zu verſöhnen!“ rief Tosca lebhaft. „Iſt ſie mit ihm entzweit?“ fragte Sigismund. „Ja,“ ſagte Tosca, vertrauenvoll nacherzählend, was Ignaz ihr vorerzählt hatte;—„weil ſie mit ihrem Bruder geſpannt war, ſo mißbilligte fie es, daß Ignaz zu uns kam, und hat ihn in den ganzen drei Jahren nicht ſehen wollen. Da ſie aber ſo am irdiſchen Gut hangen ſoll, ſo mein ich, wird ſte ihm ſeinen Ungehorſam verzeihen, wenn ſie einſteht, daß ſie ihm das erſehnte Vermögen verdankt. Dann, welch' eine Freude für Ignaz!“ Sigismund dachte auf der Stelle, daß Ignaz, wenn er wirklich nicht im guten Vernehmen mit ſeiner Mutter lebe, wol im Stande ſein könne, die Erbſchaft für ſich allein zu wünſchen und.. zu behalten. Eingedenk der eilf Geſchwiſter, welche ihn damals in Toscas Mund ſo heftig erſchreckt hat⸗ ten, beſtärkte er Tosca in ihrer Anſicht, die Erbſchaft mit Gräfin Adlercron und nicht mit ihrem Sohn zu theilen, weil ſie die natürliche Erbin des Generals ſei. An der Freude, welche Ignaz nach Toscas Meinung empfinden würde, zwei⸗ felte Sigismund heimlich; aber er ſprach den Zweifel nicht aus. Möge ſie ihn immerhin für gut und redlich halten, — 192— dachte er, ſobald Ignaz dies Vertrauen nicht mißbrauchen kann, ſo ſchadet es ihr nichts. Tosca bat Sigismund ihr einen verſtändigen und zuver⸗ läſſigen Mann zuzuführen, dem ſie dieſe Angelegenheit über⸗ tragen könne. Er verſprach es. Dann wechſelten ſie noch ein Paar Worte über ihr Befinden, und Sigismund ging ernſt und gelaſſen, wie er gekommen war, und ebenſo blickte Tosca ihm nach; aber Beiden war zu Muth, als hätten ſie ein neues Leben angetreten. Tosca war ein Paar Tage hindurch nicht wol. Der Rückſchlag der heftigen Emotionen machte ſich durch nervöſe Abſpannung fühlbar. Sie litt nichts Beſtimmtes, aber ſie fühlte ſich durch und durch leidend, wie das zart organiſirten Perſonen geht, welche nicht an ſchmerzlich aufregende Er⸗ ſchütterungen gewöhnt ſind. Sie ſah Ignaz alle Tage auf kurze Zeit, und Sigismund gar nicht. Daraus ſchöpfte Ignaz Hofnung, und als ſie ſich eines Abends beſſer befand, ſprach er ihr ſein Entzücken darüber ſo lebhaft aus, daß er ſich dafür einen kleinen Vorwurf von ihr zuzog. „Wie kann ich anders!“ rief er, und kniete neben dem Sopha nieder, auf dem ſie lag;„Sie wiſſen ja, daß mein Herz voll von Ihnen iſt.“ „Ja, nebenher!“ ſagte Tosca lächelnd. „Sie haben mich nie verſtehen wollen, immer den Aus⸗ bruch des Gefühls in mich zurückgedrängt,“ ſprach er mit niedergeſchlagenem Ton.„Früher mogten Sie Gründe haben, die ich ehrte; doch jezt martern Sie mich nicht länger— es wäre eine ganz nutzloſe Grauſamkeit. Ich liebe Sie, Tosca,“ fuhr er lebhaft fort, ohne ſich von ihr unterbrechen zu laſſen; „ich habe Sie geliebt, drei Jahr an Ihrer Seite, täglich, ſtündlich Sie ſehend, in Ihrer größten Intimität lebend, hab' ich Sie ſchweigend geliebt, und gewiß nur in ganz überwäl⸗ tigenden Momenten meine Liebe verrathen. Aber nun iſt's vorbei mit der Kraft! ich kann nicht mehr ſchweigen! ach! zürnen Sie mir nicht; ich ſehe Ihre Trauerkleider, ich kenne die kühle abwehrende Außenſeite, welche Sie wie einen Schild hervorkehren; ich begehre ja auch vor der Hand keine Gewiß⸗ heit, nur Hofnung, Tosca!“ Während er ſprach, ſah ſie ihn gelaſſen an. Sigismund hatte vor einigen Tagen auch vor ihr gekniet, nichts geſagt, nichts gethan, nichts erfleht; und ſie hatte ihn verſtanden und ihm geglaubt. Von Allem, was Ignaz ihr ſagte, glaubte ſie kein Wort. „Sie täuſchen ſich, Ignaz!“ antwortete ſte ruhig;„bis daher hab' ich immer geglaubt, daß Sie mir gut wären; jezt, glaub' ich, daß Sie Sich für mich fanatifirt haben, durch die traurigen und ſchmerzenreichen Situationen, in denen Sie mich geſehen, durch meine tiefe Einſamkeit, welche mich ohne Eltern, ohne Kinder, ohne Brüder ins Leben geſtellt hat, und mich jezt der treuſten und ſicherſten Stütze— des Gemals beraubt. Aber lieben?... nein, Ignaz, Sie lieben mich nicht!“ 4 „Aber was verſtehen Sie denn unter Liebe, Tosca, wenn eine ſo grenzenloſe Ergebenheit, wie die meine, Ihnen nicht dieſen Namen zu verdienen ſcheint!“ rief Ignaz heftig;„und wenn Sie doch eben ſo wenig die Ausbrüche der Leidenſchaft, die in mir wohnt, dafür gelten laſſen werden.“ „Die grenzenloſe Ergebenheit und die Glut der Leiden⸗ ſchaft gehören auch zur Liebe,“ ſagte ſie gedankenvoll, aber S. Forſter. 13 — 194— ohne an Ignaz zu denken.„Allein... wie ich ſie mir vor⸗ ſtelle, muß ſie doch noch etwas Andres ſei.— „Und was muß ſie ſein, Tosca! wie ſtellſt Du Dir vor, daß die Liebe ſein müſſe?“ fragte Ignaz, ganz bereit auf ihre Vorſtellung einzugehen. „Ignaz!“ ſagte Tosca ungeduldig,„ich hab' Ihnen ſchon einmal verboten mich Du zu nennen.“ Ignaz drückte die Zähne zuſammen; aber er ſagte nur: „Nun, Tosca?“ Sie ſtützte ſinnend den Kopf in die Hand, legte feſt und tief ihre prächtigen Augen auf die ſeinen und ſagte langſam: „Die Liebe muß ein unvergänglicher Austauſch von uner⸗ ſchöpflichen und magnifiken Gefühlen ſein.“ Hätte ſie alles Andre geſagt— auch auf die koloſſalſte Sentimentalität, auch auf die höchſte Ueberſpannung wäre Ignaz eingegangen! Er war gefaßt auf irgend eine grandioſe Phraſe der Art. Aber, daß ſie keine leere Phraſe ſagte, ſon⸗ dern die Wahrheit; aber daß ſie auf den Tauſch, auf die Gegenſeitigkeit, die Liebe baſirte: das machte ihn ſtumm. „Alſo lieben Sie mich nicht,“ ſetzte Tosca nach einer Pauſe hinzu,„und Sie werden früher oder ſpäter zu dieſer Erkenntniß gelangen. Auf morgen, lieber Ignaz, morgen werd' ich ganz geſund ſein.“ Sie wünſchte es lebhaft— um die Geſchäfte zu ordnen! ſprach ſie heimlich. Doch weit lebhafter um Sigismund wie⸗ derzuſehen. Ach, liebt er mich denn wirklich? fragte ſie ſich wol tauſendmal in dieſen Tagen. Aber das war nur nervöſe Unruh. Ihr Herz zweifelte nie. Dieſe innere Gewißheit, welche keines Wortes, keines Zeichens bedarf, ja, zuweilen ſie verſchmäht, erhebt die Liebe zu einer göttlichen Eigenſchaft: zur Allwiſſenheit; denn ihr All' iſt das geliebte fremde Herz. Ignaz war im heftigſten Zorn. Ein Tauſch von magni⸗ fiken Gefühlen! rief er; Gott! wie kommt nur ſolcher Unſinn in den Kopf einer ſonſt ziemlich verſtändigen Frau. Ein Tauſch von Ringen— à la bonne heure! unter dieſen Um⸗ ſtänden gehörte der weſentlich zu meiner Anſicht von der Liebe. Aber iſt es denn möglich, daß ſie dieſem widerwärti⸗ gen, langen, blaſſen, finſtern Regierungsrath gegenüber auf jenen magnifiken Tauſch verfallen kann? Wenn's eine paſſende Partie wäre— oder wenn der Mann ebenſo brillant und bezaubernd wäre, wie er nicht iſt— dann ließ' ichs gelten! ich könnt' es begreifen! Jezt iſt's unbegreiflich! Und welchen Einfluß er auf ſie hat! Sie denkt nicht mehr an die Dona⸗ tion. O Himmel, warum ließ ich ſie nicht früher machen, ehe unberufene Rathgeber ſich hinein miſchten! es wäre als⸗ dann ein freundſchaftliches Uebereinkommen zwiſchen uns ge⸗ weſen! Jezt, wenn die Gerichte dabei ins Spiel kommen, wenn ſie ein Paar Dutzend Advokaten, oder Juſtizräthe, oder wie die Rechtsverderber heißen mögen! darum befragt: jezt verwandelt ſich die pompöſe Donation in einen magern Ver⸗ gleich... der meiner eigenſinnigen Mama zu gut kommt und.. dem Herrn Regierungsrath Forſter! Sacriſti! Grade dieſen Vergleich beſprach Tosca am nächſten Mor⸗ gen mit einem Rechtsgelehrten, den Sigismund ihr empfohlen hatte, und den ſie zu ſich bitten ließ; dann ließ ſie Ignaz rufen, und ſagte, indem ſie ihm mit freudeſtralendem Geſicht entgegentrat: „Mein lieber Ignaz, ich mache mir ein wahres Feſt dar⸗ aus, Ihnen etwas zu ſagen, das Ihnen lieb ſiin wird, weil 13: — 196— es meinen unbehaglichen Zwieſpalt mit Ihrer Mutter unfehl⸗ bar beendet. Der Herr Juſtizrath hier hat mir geſagt, daß ihr die Hälfte der Erbſchaft zukomme“— „Ich habe nicht geſagt: zukomme! gnädige Frau,“ unter⸗ brach ſie der Juſtizrath. „Entſchuldigen Sie meine ungeſchickte Weiſe mich auszu⸗ drücken,“ ſagte Tosca,„und Sie, lieber Ignaz, ſchreiben Sie das Ihrer Mutter, und bitten Sie ſie in meinem Namen, die kleine Spaltung zu vergeſſen, welche bis daher, ohne meinen Willen, ſtattgefunden hat. Der edle Todte, den wir Alle be⸗ trauern, wird dann mit uns Allen zufrieden ſein.“ Milde Thränen floſſen über ihr ſchönes klares Antlitz, als ſte ihre Hand an Ignaz gab und die ſeine herzlich drückte. Er ſprach ſich auch höchſt gerührt und höchſt dankbar aus; aber ihm war zu Muth, als müſſe er ſeiner Mutter rathen einen Prozeß gegen Tosca zu beginnen. Wer weiß, ob er nicht zu unſern Gunſten ſich entſchiede! dachte er—— Sigismund war durch die Ankunft ſeines Schwagers überraſcht worden. Er erſchrak förmlich, als er ihn bei ſich eintreten ſah; ſein Kommen ſchien ihm in Verbindung mit Agathen zu ſein. Aber keineswegs. „Stell' Dir vor!“ ſagte Friedrich,„dies verdammt feuchte Wetter, und ein Paar nothgedrungene Fahrten längs der Elbe, während ihrer pernizibſen Nebel, haben mir ein Paar Anfälle von kaltem Fieber zugezogen. Kein Chinin iſt dage⸗ gen ſo wirkſam, als Luftveränderung: drum komm ich her! morgen geh' ich zurück.“ „Das iſt zu ſchnell,“ ſagte Sigismund;„Du haſt ja nicht Zeit, die Wirkſamkeit Deines Mittels zu erpro⸗ ben.“ — 197— „Nicht hier, aber in Magdeburg!— Und nun komm, mein Alter! wir wollen zu Sala Taroni Auſtern eſſen, und zu Meinhard ſpeiſen gehen. Ich habe ſchon Dieſen und Jenen beſucht und begegnet, und ihnen geſagt ebenfalls da⸗ hin zu kommen.“ „Wie?“ ſagte Sigismund lachend,„Auſtern eſſen und bei Meinhard diniren? ein Fieberkranker?“ „Wenn man reiſ't wie ein Geſunder, muß man ſich auch übrigens wie ein Geſunder geriren!“ rief Friedrich.„Und glaubſt Du, daß ich nur Andern, nicht mir ſelbſt, ein Rezept zu ſchreiben verſtehe? und glaubſt Du, daß ſo ein Rezept ſich ſchwerer einnimmt gegen die Auſtern, als gegen das kalte Fieber? Allons! zu Sala Taroni!“ Er nahm Sigismund unter den Arm. In der Thür be⸗ gegneten ſie einem Diener, der Sigismund bat, gegen Abend zur Frau Generalin zu kommen; ſie wünſche ihn in Geſchäf⸗ ten zu ſprechen. „Was iſt das für eine Generalin?“ fragte Friedrich ganz neugierig. „Frau von Beiron,“ entgegnete Sigismund. „Was Wetter! Tosca Beiron? und in Geſchäften!“ „Der General iſt vor vierzehn Tagen geſtorben und ich habe ihr den Juſtizrath Kleber empfohlen,“ ſagte Sigismund; „darauf werden ſich vielleicht die Geſchäfte beziehen.“ „Ich würde ihr für mein Leben gern meine Aufwartung machen, wenn ich nur wüßte, daß ſie mich empfinge!“ rief Friedrich.„Könnteſt Du ſie nicht fragen?“ Sigismund war tödtlich erſchrocken über dieſen Vorſchlag. „Sie hat noch gar keine Beſuche in dieſer Zeit angenommen,“ ſagte er ein wenig verlegen. — 198— „So ſo!— Nun, mein Junge, Agathe läßt Dich vielmal grüßen!“ ſagte Friedrich etwas boshaft. Sigismund ſah ihn ganz erſtaunt an. „Ja ja,“ fuhr Friedrich lachend fort,„Du magſt es wol nicht um ſie verdienen, aber ſie läßt Dich doch grüßen— gutmüthig wie ſie iſt— und läßt Dir ſagen, daß ſie Dir ſehr bald ſchreiben würde.“ „Gottlob!“ rief Sigismund aus tiefſter Seele. „Was Wetter? habt Ihr Euch verzankt? und ſchon vor der Hochzeit?“ ſagte Friedrich geſpannt. „Nein, beſter Friedrich,“ ſagte Sigismund kurz. Ihm ſchwebte auf den Lippen dem Schwager zu ſagen, wie er mit Agathen ſtehe; aber er dachte, es ſchicke ſich nicht, daß er ſich früher gegen einen Andern, als gegen ſie ſelbſt darüber aus⸗ ſpreche. Darum bog er ferneren Neckereien durch die abge⸗ brochene Antwort vor. Nachdem die Herren die Auſtern bei Sala Taroni excellent gefunden hatten, gingen ſie zu Meinhard hinüber, wo ſich ein Paar gute Freunde Friedrichs zu ihnen fanden, und wo ſie ſehr munter zuſammen ſpeiſ'ten. An einem Tiſch neben dem ihren ſaß Ignaz mit zwei an⸗ dern Herren. Um fünf Uhr verließ Sigismund die fröhliche Geſellſchaft, und verſprach ſeinem Schwager, ihn ſpäter in der italieniſchen Oper aufzuſuchen. Tosca ſagte, als er bei ihr eintrat:„Ich freue mich recht Sie wiederzuſehen, jezt wo mir ſo viel beſſer und leichter ums Herz iſt.“ „O es iſt eine Seligkeit, ſich leichten Herzens zu fühlen, und wenn es auch nur, wie das Ihre, von einem Sonnen⸗ — 199— ſtäubchen gedrückt worden iſt,“ ſagte Sigismund. Sein Herz war ſchwer. Die ungelöſ'te Verbindung mit Agathen zer⸗ marterte ihn. Während er vor der Welt noch ihr Verlobter war, während ſie ihm Grüße ſchickte wie einem Geliebten— hatte er ſich mit Herz und Hand einer Andern anverlobt. Gern hätte er keine fernere Rückſicht auf ihre Bitte genom⸗ men, und ihr geſchrieben; allein ſein Brief, der noch immer verſiegelt im Schreibtiſch lag, und der vor drei Wochen die Wahrheit ſagte— war jezt nicht mehr wahr! Er konnte nicht mehr ſagen:„weiter nichts;“ denn eine Zukunft, reich, voll, glänzend wie das Paradies, hatte ſich ihm erſchloſſen, und Tosca ſtand in deſſen Mitte und winkte ihn zu ſich hinein. Er liebte, und Liebe macht das Herz zart und empfindlich, auch für Andere; daher fühlte er, daß jener Brief Agathe wol ſehr traurig gemacht hätte; daß es aber eine unerhörte Krän⸗ kung für ſie ſein würde, wenn er heute die volle Wahrheit ſchriebe. Und ſo entſchloß er ſich denn, immer wieder auf Agathens Beſchluß zu warten, und die quälende Pein, die er bis dahin leiden mußte, als eine Buße für den etwaigen Leichtſinn, den er ſich bei ſeiner Verlobung zu Schulden hatte kommen laſſen, hinzunehmen. Daß Agathe ihm nicht ſein Wort zurückgeben werde, fiel ihm nicht ein: ſo gänzlich und durch und durch fühlte er ſich von ihr abgelöſ't, auch wenn er nicht, wie jezt, ſich Tosca gegenüber befand. Tosca kannte nicht die Qualen eines zerſpalteten Herzens; ihr Geſchick hatte ſie anders geführt. Ja, ſie kannte nicht einmal ein großes Leid, denn jener eine frühe Schmerz ihrer Jugend, der wie das Hyadengeſtirn trübe an ihrem Horizont geſtanden hatte, war untergegangen, ſeitdem ſie jezt Sigis⸗ mund kennen gelernt;— und ihre gegenwärtige Trauer um — 200— den Gemal war kein herzbrechendes Weh, und ſie ſuchte auch nicht es vor ſich ſelbſt als ein ſolches darzuſtellen, aufrichtig, wie ſte war. Daher kannte ſie im Grunde nur Aeußerlich⸗ keiten, peinliche Verhältniſſe zu Andern etwa, welche das Herz bedrücken konnten, und theilnehmend fragte ſie Sigis⸗ mund, ob er vielleicht in und mit ſeiner Familie Unannehm⸗ lichkeiten habe. Ihm war zu Muth, als müſſe er vor ihr niederknien und ihr Alles ſagen, ſeine Liebe zu ihr, ſein Ver⸗ hältniß zu Agathen, das doch keins mehr war.„Aber nein!“ dachte er;„wenn ich frei bin— dann will ich ſprechen, von Lieb' und Leid, von Allem! weshalb ſoll ich ſie jezt aus ihrem Himmel voll Frieden in meine Unruhe hinabziehen?... und wie lange kann es dauern? zwei, drei Tage vielleicht, ſo bin ich frei.“ Er ſagte zu Tosca: „Nein, gnädige Frau, Unäannehmlichkeiten hab' ich nicht in meiner Familie, und auch nie gehabt. Wir ſind unſer fünf Geſchwiſter und die Mutter, Alle vollkommen einig unter einander; aber Sorgen hat man doch, wo ſo Viele ſind, an deren Wol und Weh man Theil nimmt. Ich habe zwei Brüder; der jüngſte iſt ein Glückskind: der würde vom Thurm herunterfallen und wolbehalten, wie eine Katze, auf ſeinen Füßen auf dem Boden anlangen; das iſt ein lieber guter un⸗ bedeutender Menſch, der es aber doch einmal zu etwas ganz Tüchtigem bringen mag. Der Andere hat große Gaben, Geiſt, Schönheit, Charakter— aber kein Glück“.— „Und darüber wundern Sie ſich?“ rief Tosca;„wo die Gaben ſind, iſt nie das Glück! In großen Gaben iſt immer ein gewiſſer Stolz, der zum Glück zu ſagen ſcheint:„Geh', ich brauch' dich nicht.“ Wo ſie fehlen, da hat das Glück ſo recht freie Hand, und es liebt, wie alle Despoten, Alles für — 201— ¹ den Schützling zu thun. Die Menſchen mit großen Gaben würden ja die ganze Welt an ſich reißen, verbrauchen, beherr⸗ ſchen, zernichten, wenn ſie auch noch Glück hätten! nein, Gott ſorgt auch für ſeinen Mittelſchlag.“ „Nennen Sie die Reichbegabten weniger ſein?“ fragte Sigismund lächelnd. „Ach,“ ſagte Tosca,„ſie ſind es vielleicht mehr. Jede Gabe iſt ja eine Gnade.“ „Mein Bruder hat nicht nur kein Glück,“ fuhr Sigis⸗ mund fort,„ſondern ein entſchiedenes und beängſtigendes Unglück. Er hatte eine große Liebe— und die Liebſte ſtarb, als nach fünf Jahren ihre Eltern endlich ihre Einwilligung gaben. Er hatte ein Duel, und ſein Gegner fiel. Er flößte einem jungen Mädchen niedrigen Standes, als er in Folge dieſes Duels auf der Feſtung ſaß, ohne es zu wollen, ja, ohne eine Ahnung davon zu haben, eine ſo heftige Leiden⸗ ſchaft ein, daß ſie geiſteskrank ward und noch iſt— „Gott behüte mich vor dem unheimlichen Menſchen!“ rief Tosca.„Lieſ't man ſolche Schickſale in Romanen, ſo meint man, der Autor habe ſie ſich hinter ſeinem Schreibtiſch zuſammen gedacht.“ „Es iſt doch traurige Wirklichkeit bei meinem armen Bruder,“ entgegnete Sigismund. „Nur das Eine muß ich bezweifeln,“ ſagte ſie,„daß Ihr Bruder keine Ahnung von jener Leidenſchaft des armen Mäd⸗ chens gehabt haben ſoll. Solche Ahnung haben Männer.... nein! ich will ehrlich ſein! hat man immer.“. „Wie konnte er! er hat ſie nie geſprochen.... kaum geſe⸗ hen. Wenn auch das Wort überflüſſig iſt— der Blick iſt es nicht. Das Mädchen war die Tochter des Thorſchreibers. 4½ — 202— Sie ſah meinen Bruder täglich. Morgens und Abends, mit hypochondriſcher Pünktlichkeit, machte er einen Spaziergang um die Wälle der Feſtung, und ging dabei immer an ihrem Häuschen, ihrem Fenſter vorüber. Er war immer allein, denn er floh dazumal die Menſchen; er ſah zergrämt und melancholiſch aus; ſchön iſt er, wie ich ſelten einen Mann geſehen. Auf welche Weiſe ſich die Liebe in ein Herz von ſechszehn Jahren ſchleicht, mit welchem Gefolge von Mitlleid, von Theilnahme, vielleicht von Romanlectüre— wer hat das ergründet! Als mein Bruder nach einem Jahr die Feſtung verließ, wurde das Mädchen immer ſtiller und ſtiller, dann tieffinnig, und jezt halten die Aerzte ſie für unheilbar, weil ſie in Stupidität verſunken iſt.“ „O Himmel, wie iſt denn Ihrem Bruder dabei zu Muth?“ rief Tosca ſchaudernd. „Wie einem Manne, der, ohne es zu wollen, großes Un⸗ heil geſtiftet hat: traurig und ruhig.“ „Iſt es Ihrem Bruder nie eingefallen, das arme Mädchen herzuſtellen, indem er es heirathet?“ „Das glaub' ich wol nicht, gnädige Fraul! ſie war ganz ungebildet, ganz unſchön, fremd ſeinem Weſen, ſeinem Her⸗ zen— „Aber da ſie ihn ſo ſehr liebte!“ „Was liebte ſie, gnädige Frau? ſeine Erſcheinung! ſeine geſenkte Stirn, ſeinen melancholiſchen Ausdruck! iſt es nicht ſehr leicht möglich, daß ihr exaltirter Kopf aufgehört hätte, ihn zu lieben, ſobald ſie ihn hätte lachen hören oder Cham⸗ pagner trinken ſehen?— Um ein ſolches Opfer ſublim zu machen, muß es am rechten Ort gebracht werden.“ — 203— „Ach,“ ſagte Tosca,„wird der klügelnde Verſtand nicht immer behaupten, es ſei nicht der rechte Ort?“ „Wol dem, den die Verhältniſſe in einfache Situationen bringen!“ ſagte Sigismund ſchwer. „Und was iſt jezt Ihrem Bruder widerfahren?“ fragte Tosca. Sie meinte, es müſſe Sigismund erfriſchen, ſich ihr mittheilen zu dürfen. „Jezt wiſſen wir nichts Beſtimmtes von ihm. Er ſpricht ſich ſelten aus, und in gewiſſen Fällen nie. Wir haben nur gehört— wie ſich denn das ſo herum zu ſprechen pflegt— und wie wir das nach ſeinen Briefen vielleicht ſchließen dür⸗ fen, daß jezt er von einer heftigen und unglücklichen Leiden⸗ ſchaft ergriffen iſt, die ihm ſeine Stellung, ſeinen Beruf, ja ſeine ganze Exiſtenz unerträglich macht.“ „Mein Gott!“ rief Tosca,„wenn ich aus meinem ſtillen, kühlen, friedlichen Winkel heraus in die Wirbel⸗Eriſtenz ſol⸗ cher Kinder des Sturmes ſehe, wie preiſe ich dann mein Schickſal, das mich nie mit ihnen zuſammen geführt hat! Sie würden mich vernichten oder zerbrechen.— „Oder auch Sie würden ihnen Ihren Frieden, Ihre licht⸗ volle Klarheit geben, und wie ein Regenbogen in die Gewit⸗ terwelt hineintreten. Einer Seele wie der Ihren begegnet zu ſein, iſt ein unermeßlicher Segen, denn er wird zum Polns⸗ ſtern,— und ſolch ein Glück iſt's, das der Menſch braucht; denn Kind der Stürme oder nicht, Glückskind oder nicht, ſeine umdunkelten Tage und Wege hat Jeder, und da hält es ſchwer, ſich ohne ſolchen Stern zurechtzufinden.“ Er hatte mit ſolchem tiefen Ernſt geſprochen, daß Tosca nicht daran dachte, zu erröthen oder verlegen zu werden. Aber eine Thräne trat ihr ins Auge. War es Freude? war — 204— es Wehmuth? ſie wußte es nicht. Aber ſie dachte, indem ſie Sigismund anblickte, daß er ihrem ganzen Leben die unwan⸗ delbare Richtung gegeben habe. Sigismund wurde ruhiger bei ihr. Seine Niedergeſchla⸗ genheit wich, die Beklommenheit ließ nach. Er fühlte ſich neben ihr wie auf dem Gebirg, in einer freiern, reineren, herzſtärkenderen Atmoſphäre. Unabläſſig wollten ihm die Worte, wie glücklich er ſei, welche huldigende Liebe er für ſie empfinde, über die Lippen gleiten. Er dräͤngte ſie gewaltſam Zurück. Ihm ſchien, als ſei er noch nicht werth, ſie auszu⸗ ſprechen. Aber dieſer verhehlte Kampf machte ihn ſchwer⸗ müthig, und als er jene Thräne in Toscas Auge ſah, warf er zerbrochen und überwältigt beide Hände vors Geſicht, und ſank zu ihren Füßen nieder. Sie legte ſanft ihre Hand auf ſein Haupt. Es war, als erlöſe ihn die linde Berührung von den ſpröden Feſſeln der Qual. Er ließ die Hände fallen, und blickte zu ihr empor, während ſie zu ihm herabblickte. Magnetiſch ſanken ihre Lippen auf einander; es war ein ſchüchterner, zitternder Kuß, den das Uebermaß und nicht der Mangel an Liebe ſo ſcheu und ſo flüchtig machte. „Gehen Sie,“ ſagte Tosca mit einer ſo ſüßen Inflexion der Stimme, wie er ſie nie gehört, und ſo ſanft, daß es ihm unmöglich war, ihr nicht zu gehorchen. Als er ſie verlaſſen hatte, als er ſich wiederfand unter dem Himmel voll blitzender Sterne und mit einem Himmel in der Bruſt; da wollt' er ſich beſinnen, wie das Glück über ihn gekommen ſei. Er legte die Hand an die Stirn. Da tauchte es wie ein Blitz in ihm auf, das Wort, welches er einſt im kindiſchen Uebermuth ge⸗ ſagt:„Meine Lippen ſollen verdorren, wenn ſie Tosca Beiron küßten.“—„O Thorheit!“ ſprach er zu ſich ſelbſt;„die Fülle des Lebens erſchließt ſich.... und jezt erſt recht!“—— Er ſuchte in der Oper ſeinen Schwager auf und brachte den Abend mit ihm zu. Tosca hätte ſehr gewünſcht, allein und ungeſtört bleiben zu dürfen; aber ſie wollte Ignaz nicht abſichtlich kränken und ihn abweiſen laſſen, wenn er nach ſeiner Gewohnheit käme, um ihr guten Abend zu wünſchen. „Mein Gott!“ rief er entgegen, als er kaum ins Zimmer getreten war,„was iſt Ihnen widerfahren, ſchöne Tante, Sie ſehen ſtralend aus!“ „Ich habe geleſen,“ ſagte ſie ein wenig verlegen und legte das Buch fort, welches ſie in der Hand hielt. „Wenn Sie geleſen haben, ſo iſt’s gewiß zwiſchen den Zeilen geweſen— was allerdings manchem Autor öfter wi⸗ derfahren mag, als ihm lieb iſt.“ „Aber Sie ſelbſt, Ignaz, ſehen ungewöhnlich heiter aus,“ ſagte Tosca. „Ich hab' auch geleſen, meine ſchöne Tante.“ „Und darf man fragen, welchen Autor?“ „Einen anonymen.“ „So? anonym? iſt denn das heut zu Tag noch Mode? ich meinte, in unſerm vom quasi beherrſchten Jahrhundert ſei man lieber pſeudonym.“. „Briefe erlauben ſich noch zuweilen die Anonymität.“ „Ach, Ignaz! einen anonymen Brief haben Sie bekommen? was ſteht darin? darf ich ihn nicht ſehen?“. „Es iſt ein Rendezvous“— „Und das plaudern Sie aus!“ rief ſie, ſcherzend mit dem Finger drohend.„Es iſt gewiß, daß die Männer ihr Glück gar nicht zu ſchätzen wiſſen— denn es iſt Glück, mein Ignaz, in eine gewiſſe Spannung und Erwartung verſetzt zu wer⸗ den, und ein Paar Stunden der Ungeduld und Neugier zu haben.“ „Ach, ich glaube, die ganze Sache geht mich wenig oder gar nichts an,“ ſagte Ignaz, und nahm einen Brief aus dem Portefeuille.„Was ſagen Sie zu der Handſchrift?“ Tosca ſah ſie an und ſagte:„Das iſt ein abſichtliches Gekritzel und keine Handſchrift.“ „Leſen Sie, wenn es Ihnen Spaß macht,“ ſagte Ignaz gleichgültig. „Sie ſcheinen mir ſehr blafirt zu ſein,“ ſagte Tosca lachend, und las den Brief, der nur die Worte enthielt: „Wenn Graf Adlercron Mittheilungen zu haben wünſcht, „welche ihm wichtig ſein werden, weil ſie eine Perſon intereſ⸗ „ſiren, für die er ſich ganz außerordentlich intereffirt: ſo muß „er morgen früh um 9 Uhr im Thiergarten bei der Statue „der Venus von Milo ſein.“ „O,“ ſagte Tosca,„das iſt nur eine Redensart! die Per⸗ ſon, für welche er ſich ganz außerordentlich intereſſirt, wird wol... er ſelbſt ſein.“ „Und wenn Sie es wären, Tosca?“ „Ich!“ rief ſie ſehr erſchrocken. „Es iſt doch ganz gewiß, daß ich mich lebhafter für Sie, als für mich ſelbſt intereſſire.“— „Was wiſſen Ihre anonymen Correſpondenten davon!“ ſagte ſie ſtolz und warf den Brief auf den Tiſch. „Die Welt weiß Alles, erfährt Alles, miſcht ſich in Al⸗ les“— ſprach er kalt.„Perſonen, die in ihr eine gewiſſe Stellung einnehmen, werden ſehr beobachtet“...— „Jezt wollen Sie mir erzählen, daß die Augen von ganz Berlin, vielleicht vom ganzen preußiſchen Staat auf meine arme Perſon gerichtet ſind— nicht wahr? während ich doch die Ueberzeugung habe, daß höchſtens ein Dutzend Menſchen ſich ſehr oberflächlich um mich kümmern.“ „Es iſt eine Schwäche der unbedeutenden Menſchen, ſich einzubilden, daß die Augen der ganzen Welt auf ſie gerichtet ſind; und es iſt eine Manie gewiſſer ausgezeichneter Perſonen, ſich einzubilden, daß ſie unſichtbar, wie verhüllte Gottheiten, durch die Welt gehen. Hier, wie dort, iſt es ein Irrthum, aber dort iſt er ſchmeichelhaft, hier bequem.“ „Das mag fein und richtig bemerkt ſein,“ entgegnete Tosca ruhig;„nur ich.. gehöre nicht zu denen, die ſich durch fremde Augen geſchmeichelt oder genirt fühlen, und ich bleibe bei meiner Meinung, daß der Brief Sie allein betrift.“ „Dann lohnt's nicht der Mühe, hinzugehen.“ „O bitte, bitte! lieber Ignaz, gehen Sie hin! erzählen Sie mir, wie man ſich benimmt bei ſo einem geheimnißvollen Rendezvous.“ „Ob es nicht Spitzbuben ſind, die mich ausplündern wol⸗ len? der Thiergarten ſoll nicht ganz geheuer ſein.“ „Laſſen Sie Uhr und Geldbeutel zu Haus und nehmen Sie ein Piſtol mit.“ „Oder ob es nicht tout bonnement eine Bettelei ſein wird?“ „Nun, ſo nehmen Sie den Geldbeutel mit.“ „Und ſo früh! neun Uhr! da muß ich um ſieben auf⸗ ſtehen.“ „Wenn Sie ſo lange Zeit auf Ihre Toilette verwenden wollen,“ rief Tosca lachend,„ſo iſt das ein unverkennbares — 208— Zeichen, daß Sie ſich weder auf Spitzbuben, noch auf Bettler gefaßt machen.“ „Aber ich muß doch frühſtücken, ſchöne Tante! Sie wer⸗ den mir doch nicht zumuthen, dieſe enorme Promenade zur Venus von Milo in der Morgenkälte nüchtern zu machen?“ rief Ignaz, und begann an ſeinen Knöpfen zu zählen:„Soll ich— ſoll ich nicht— „Sie ſollen!“ unterbrach ihn Tosca;„ich übernehme den Ausſpruch des Schickſals.“ „Sie haben es gewollt... ich werde gehorchen,“ ſprach Ignaz. Er hatte bei Meinhard ganz genau zugehört, wie Friedrich erzählte, nachdem Sigismund fortgegangen, daß und mit wem ſein Schwager verlobt, und daß die Hochzeit ganz nah ſei. Kein Wort war ihm entfallen. Sein Herz ſchlug hoch auf vor Freude. Es war nicht ſeine Gewohnheit, in irgend einer Angelegenheit ehrlich zu Werk zu gehen. Darum fiel es ihm nicht ein, dieſe Nachricht an Tosca, wie eine Neuigkeit etwa, zu erzählen. Er wollte ſie ängſtigen; durch die Heimlichkeit, die immer noch eine gewiſſe Unſicherheit zuließ, abquälen; gegen Sigismund erbittern; darum erfand er Brief und Rendezvous. Und dann war es möglich, ja wahrſcheinlich, daß Sigismund die anonymen Beſchuldigungen leugnen würde; und that er das: ſo wollte Ignaz ſchließlich Friedrichs Namen nennen. Dann hatte er ſich an Sigismund gerächt, und Tosca geſtraft; dann hofte er die Gewalt wieder über ſie zu gewinnen, die er unleugbar nur verloren hatte, ſeitdem Sigismund in ihrer Nähe lebte; und dann gab ſie ihm viel⸗ leicht in Zorn und Schmerz ihre Hand— und ſomit das halbe Vermögen, welches doch immer beſſer war, als nichts. — 209— Jezt war er von ganz beſonders liebenswürdiger und ſcherz⸗ hafter Laune; denn er fühlte ſich ſeines Triumphes gewiß. „Gott!“ dachte Tosca, nachdem Ignaz endlich gegangen war;„er iſt wirklich ein recht angenehmer und guter Menſch.. aber ich ſehe wirklich nicht ein, weshalb er noch immer wie an mich geſchmiedet iſt! wenn er doch zu ſeiner Mutter ginge... oder wohin er ſonſt wollte. Ich kann ja ſehr gut allein nach Trier reiſen.“ Wenn ein tiefes und mächtiges Intereſſe ſich des Herzens bemeiſtert, ſo werden dadurch die Bande der gewöhnlichen freundſchaftlichen Theilnahme ſehr gelockert. Es müſſen eben ſo tiefe und mächtige Freundſchaften ſein, welche friſch wie der Phönix aus dem Scheiterhaufen auffliegen, den das Herz aus ſeinen früheren Schätzen und Kleinodien erbaut, und den es von den Flammen der Liebe gleichgültig verzehren läßt. Der Juſtizrath Kleber kam früh am andern Morgen zu Tosca, und brachte ihr die Acte, die er für ſie nach ihrer Angabe aufgeſetzt hatte. Sie war ganz damit zufrieden, und behielt ſie, um ſie erſt an Sigismund, dann an Ignaz zu zeigen. Sie wünſchte, Jenen früher als Dieſen zu ſprechen, für den Fall, daß er irgend eine Bemerkung oder Aenderung an der Acte zu machen habe; und dann... hauptſächlich!... ſie wünſchte ihn zu ſehen. Er war ſeit dem Tode des Ge⸗ nerals noch nie zu ihr gekommen, ohne daß ſie ihn darum hatte bitten laſſen; und ſo that fie es auch jezt. Sigismund kam ſogleich. Er hatte ſeinem Schwager zur Eiſenbahn das Geleit gegeben, und Agathe durch ihn dringend beſchwören laſſen, ihm morgen zu ſchreiben, ihn nicht länger zu quälen; er ſei wie auf der Folter. S. Forſter. 4 „Ich ſehe Dir wol die Aufregung an, mein Alter,“ er⸗ widerte Friedrich.„Warte nur! ich werde es der Agathe ſo beweglich vorſtellen, was und wie Du leideſt“.— „Nein, nein! um Gottes willen, ſag' ihr nichts, gar nichts, als daß ſie mir zwei Zeilen ſchreiben ſoll!“ rief Si⸗ gismund heftig. Und kopfſchüttelnd verſprach Friedrich den Auftrag aus⸗ zurichten. Tosca erſchrak über Sigismunds Ausſehen. Es giebt einen gewiſſen fatiguirten Zug um Mund und Wange, der deutet auf körperliche Erſchöpfung, und einen fatiguirten Zug um die Augen, der auf ſeeliſche deutet. Dieſer Zug in einem geliebten Antlitz iſt herzzerſchmelzend oder herzzerreißend— je nachdem man das Bewußtſein hat, ihn verſcheuchen zu können, oder nicht. Tosca wagte nicht, ſich dieſe Kraft zu⸗ zutrauen. Sie fragte ſchüchtern und traurig: „Wie geht es?“ „Schlecht..— ſchlecht!“ antwortete Sigismund lang⸗ ſam und gepreßt. Tosca hätte gern weiter gefragt: Schlecht? und ich liebe dich! Aber liebſt du mich denn nicht?— Allein Sigismund imponirte ihr durch ſeine unerſchütterlich gleichmäßige Hal⸗ tung, ſo daß ſie ihm höchſtens auf ähnliche Fragen geant⸗ wortet, jedoch nimmer den Muth gehabt hätte, ſie an ihn zu richten. Sie nahm all' ihre Kraft zuſammen, gab ihm die Acte, und bat ihn ſte durchzuſehen. Sigismund that es, aber ſeine Hand, die das Papier hielt, zitterte. „O Sie ſind krank!“ rief Tosca, ſtand auf und nahm das Papier. — 211— Sigismund ſprang lebhaft auf, ergriff ihre Hand und rief überwältigt:„Aber Tosca, könnten Sie mich denn lieben?“ 4 Indem trat Ignaz ins Zimmer. Als er Tosca und Si⸗ gismund Hand in Hand gewahrte, warf er ihnen ein hämi⸗ ſches Lächeln zu. Tosca zog ihre Hand langſam und unver⸗ legen zurück, nachdem ſie Sigismunds gedrückt hatte, und Sigismund ſetzte ſich wieder, nachdem er Ignaz begrüßt hatte, und fuhr fort die Acte zu leſen. Dieſe große Ruhe und der Gedanke, daß Sigismund es ſei, der ihn um ein Vermögen bringe, welches er als das ſeine betrachtet hatte, erweckte den bitterſten Groll in Ignaz. Als Tosca zu ihm ſagte: „Das iſt das Papier, lieber Ignaz, das Alles zwiſchen mir und Ihrer Familie aufs Reine bringt;“ erwiderte er höhniſch:„Wie glücklich iſt der Regierungsrath Forſter, daß Sie ihm in einer ſo wichtigen Angelegenheit Ihr unbedingtes Vertrauen ſchenken.“ Sigismund hob den Kopf und ſah Ignaz an. Tosca ſagte ruhig:„Sie haben ganz Recht, Ignaz! der Regierungsrath Forſter beſitzt allerdings mein volles Ver⸗ trauen. Doch in dieſer Angelegenheit hab' ich auch noch einen Rechtsgelehrten zu Rath gezogen, und er hat jene Acte aufgeſetzt.“ „Schöne Tante,“ ſagte Ignaz mit ſeinem verbindlichſten Lächeln,„ſollte volles Vertrauen nicht gegenſeitig ſein? und hat der Regierungsrath Forſter Ihnen wol je anvertraut, daß er verlobt iſt?“ Sigismund ſtand grade in die Höhe auf und ſagte ge⸗ laſſen:„Herr Graf, Sie ſind ein Nichtswürdiger.“ Tosca warf einen prächtigen Blick von oben herab auf Ignaz und ſprach mit unſäglicher Verachtung:„Ah, Sie kommen von Ihrem Rendezvous.“ „Herr Regierungsrath,“ ſagte Ignaz,„darauf werde ich Ihnen zu ſeiner Zeit antworten.“ Dann wandte er ſich zu Tosca:„Nein, ſchöne Tante! die Anonymität würde Sie nicht überzeugen; aber das eigene Geſtändniß des Regierungs⸗ rath Forſter ſoll es. Fragen Sie ihn doch, ich bitte, ob er ſich nicht Mitte Dezember vorigen Jahres mit Fräulein Agathe, einzigen Tochter der verwittweten Juſtizräthin Gert⸗ ner verlobt hat, und ob ſeine Hochzeit nicht auf die erſten Tage des April angeſetzt iſt, und ob ſein Schwager, der Doctor Friedrich zu Magdeburg, etwa dieſe Geſchichte nur erfunden hat. Ich würd' es Ihnen gönnen, Herr Regie⸗ rungsrath,“ ſagte er mit dem bitterſten Hohn zu dieſem, „wenn Sie jezt: Lügner! ſprechen dürften.“ Während Ignaz ſprach, hatte Tosca ihn ſo ſcharf und durchbohrend angeſehen, als wolle ſie in den Grund ſeiner Seele dringen und dort die Wahrheit leſen. Es war etwas in ſeinem Ausdruck, das wie vollkommne Ueberzeugung klang, daher warf ſie einen faſt flehenden Blick auf Sigismund, um ihn zu beſchwören, Ignaz mit einem Worte zu wider⸗ legen. Sigismund ſtand da, wie in die Erde gewurzelt, wie verſteint, nur lebend in dem Blick, den er auf Tosca heftete. Als ſie dieſem Blick begegnete, ſchrie ſie hell auf. Sie fühlte, daß Sigismund das Wort: Lügner! das ſie hofte und er⸗ ſehnte, mit einem andern Ausdruck geſagt haben würde. „Tosca!“ rief Sigismund und fiel vor ihr auf die Knie. Sie trat zu ihm heranz ſie blickte ihn feſt an, legte feſt ihre beiden Hände auf ſeine Schultern, als ob ſie ihn damit zu Boden drücken wollte, und ſagte mit feſter Stimme: „Sigismund Forſter! Du fragteſt mich, ob ich Dich lieben köͤnnte. Siehl ſo tief, ſo ſtark, ſo unauslöſchlich ich Dich geliebt habe— ſo tief, ſo ſtark, ſo unauslöſchlich ver⸗ achte ich Dich.“ Langſam ging ſie in ihr Zimmer. Sigismund und Ignaz wechſelten einige Worte. Dann ging Sigismund herauf. Ein Brief von Agathen lag auf ſeinem Schreibtiſch. Er er⸗ brach ihn mechaniſch, gedankenlos; ihm war, als habe er mit der Welt und dem Leben abgethan, als ſei er begraben unter Toscas Verachtung. Agathe ſchrieb: „Ich habe ruhig werden wollen, um ohne Zorn und ohne „Uebereilung den letzten Schritt zu thun, den, der uns trennt, „und den Sie gewiß von mir erwarten. So lange ich glück⸗ „lich war, habe ich mich über Ihre Gefühle für mich täuſchen „können; jezt, da ich es nicht mehr bin, kann ich es nicht. „Sie haben mich nie geliebt, nie mit dem ganzen Herzen, ſo „wie Sie lieben können, geliebt. Das iſt nicht Ihre Schuld, „und nicht die meine, die Herzen liegen in Gottes Hand. „Daß Sie ſich mit mir verlobten, war Ihre Schuld, und die „vergeb' ich Ihnen aus voller Seele. Gott ſegne Sie— „denn es iſt meine feſte Ueberzeugung, daß Sie ſeinen beſten „Segen verdienen. 4 Agathe Gertner.“ — 214— „Der Himmel hat meine Schuld an Dir gerächt, Agathe!“ ſprach Sigismund zu ſich ſelbſt.„Vor 24 Stunden wär' ich mit dieſem Blatt zu ihren Füßen, frei, ſelig, niedergeſunken; jezt. iſt Alles, was ich ihr fagen möge, nur eine matte Entſchuldigung.“ Ignaz ſchickte ſeinen Sekundanten zu ihm. Sigismund erklärte ſich mit Allem zufrieden: das Duell ſollte auf Piſto⸗ len ſein, und in der Frühe des nächſten Morgens auf der mecklenburgiſchen Grenze ſtattfinden. Ignaz ſelbſt wollte zu Tosca; ſie ließ ihm ſagen, ſie könne ihn nicht ſehen. Sie war zermalmt. Sigismunds unerhörte Falſchheit ätzte ſich in ihr Herz, wie nach einer Sage Gift den Diamanten zer⸗ freſſen ſoll. Dazwiſchen tauchte, wie bei einem Fieberkranken die Beſtnnung, ſo bei ihr die Zuverſicht auf, daß es ſich an⸗ ders verhalten könne, müſſe. Aber weshalb ſprach er nicht, als es Noth that! weshalb ſprach er nicht! er konnte ſich nicht entſchuldigen!— wiederholte ſie wol tauſend Mal, während ſie mit jener qualvollen Raſtloſigkeit, welche immer das Unbehagen der Seele zu begleiten pflegt, auf und ab in ihrem Zimmer ging. Als ihre Kammerfrau mit zwei Briefen eintrat, entſetzte ſte ſich dermaßen, daß ſie halbohnmächtig ins Sopha fiel: ſie erkannte auf dem einen Sigismunds Schrift. Sie dachte, ob es nicht beſſer ſei, ihn uneröfnet zurückzuſenden. Aber, beſſer oder nicht, zu dieſem Grad von Heroismus hat es noch nie ein liebendes Herz gebracht. Schriftzüge der geliebten Hand ſind magiſche Zeichen, welche zu uns in andrer Sprache reden, als die, womit man gewöhnlich zu reden pflegt. Und dann: indem unſer Blick auf ihnen ruht, hat er die Wirkung, welche das Feuer auf ſympathetiſche Dinte hat: unſichtbare — 2——— — 215— Worte kommen zum Vorſchein. Als Tosca ihre Adreſſe auf dem Brief las, kam ihr Name ihr geadelt und verklärt vor. „Ach! heiße ich denn wirklich ſo prächtig?“ fragte ſie ſich zweifelhaft. Und es war doch nur der Name, den ſie ihr ganzes Leben hindurch getragen hatte. Sie vergaß Alles: Schmerz, Zorn, Kraͤnkung. Sie erbrach den Umſchlag. Zwei andre Briefe fielen heraus; der eine, von Sigismund an Agathe, den er ihr nach ſeiner Rückkehr von Magdeburg ge⸗ ſchrieben und nicht geſendet hatte; der andre, den er heute von Agathen empfangen. Von ihm an ſie— keine Zeile, kein Wort; weder Entſchuldigung noch Bitte; nichts! Tosca las die Briefe, verglich das Datum, dachte nach, an welchem Tag Sigismund geſchrieben, und das Eine, das eine Noth⸗ wendige wurde ihr klar: Sigismund liebte ſie! mogte er Agathe gekränkt, mogte er unbeſonnen und leichtſinnig ge⸗ handelt haben— ſie durfte es ihm nicht vorwerfen, denn unter dem Einfluß ſeiner Liebe zu ihr, und einer damals auf jede Weiſe hofnungsloſen Liebe, hatte er geſtanden.„O, er liebt mich.. er liebt mich doch! nur mich!“ rief ſie; und die Thränen, welche bis daher vom bittern Schmerz erſtarrt, wie Eis in ihrer Bruſt gelegen hatten, brachen hervor und er⸗ quickten ſie, wie ein Frühlingsregenſchauer nach einem be⸗ klemmenden Gewitter. Sie las die Briefe unzählige Mal. Abwechſelnd jauchzte ſie, dankte Gott, und weinte wieder. „Aber ich liebe ihn wol zu ſehr?“ fragte ſie ſich plötzlich, und der andre Brief ſiel ihr in die Augen. Er war von Ignaz. Sie erbrach ihn mit einem Gefühl, als ob eine Natter über ihre Hand gleite.„Heimtückiſcher Menſch!“ murmelte ſie. Sie wurde ſtarr vor Entſetzen, nachdem ſie den Brief geleſen. Sie ſchrie nach Ignaz. In der Viertel⸗ ſtunde, die bis zu ſeiner Ankunft verging, hatte die Zeit für Tosca ihren realen Werth verloren, und Jahrhunderte rollten vernehmlich über ihrem Haupt dahin.——— „Ignaz!“ rief ſie bebend dem Eintretenden entgegen;„aus dem Duel kann nichts werden! Sie müſſen ihn um Ver⸗ zeihung bitten!... Ja, Sie müſſen, Ignaz! denn es iſt nicht wahr, was Sie gehört und geſagt haben! Alles, Alles, Alles iſt nicht wahr!“ „Und was iſt denn wahr?“ fragte er eiſig. „Das!“ rief ſie und warf ihm die Briefe hin. „Gut!“ ſprach er kalt, nachdem er ſie geleſen;„und was wird dadurch gehoben?“ „Die Veranlaſſung zum Duel.“ „Mit nichten! er— wie Sie den Regierungsrath Forſter zu nennen belieben— hat mich beleidigt.“ „Aber Sie haben ihn gereizt, verleumdet“..— „Nur geſagt, was damals Wahrheit war! und wer weiß denn, ob die Briefe nicht falſch ſind.“ „Ignaz.. Sie ſind ſchlecht!“ rief Tosca empört. „Ah bah, ſchöne Tante!“ rief Ignaz heftig,„ich handle für Sie, zu Ihrem Heil, für Ihr Glück, ich warne Sie, ich rette Sie— und Sie machen mir die ſeltſamſten Vorwürfe in einem Augenblick, wo ich vielleicht für Sie ſterben werde.. das iſt um die Geduld zu verlieren!“ „O Ignaz!“ rief Tosca ganz außer ſich,„nur nicht ſter⸗ ben! nicht Sie, nicht er ſollen ſterben. Es geht nicht, ich will's nicht!... O Ignaz! Gott will es nicht!“ „Einer von uns Beiden muß ſterben!“ ſprach eiſig Ignaz. „Nun, ſo hab' ich die Hofnung, daß er der Ueberlebende ſein wird,“ ſagte Tosca ruhig mit einem Blick voll unüber⸗ windlichem Haß auf Ignaz. „Lieben Sie ihn ſo ſehr?“ „Ja!“ ſprach ſie triumphirend. „Und Sie werden ihn heirathen?“ „Ja. „Und das ſagen Sie— Sie in der erſten, tiefen Witt⸗ wentrauer um den kaumverſtorbenen edlen Gemal?“ „Warum fragen Sie mich?“ ſagte ſie ſtolz;„ich habe es bis zu dieſem Moment mir ſelbſt noch nicht geſagt.“ „Und kennt er Ihr Herz?“ „Ich hoffe es.“ „Gut, gut!“ ſprach Ignaz gelaſſen;„dies Alles iſt im glücklichen Fall meines Todes. Aber ich habe den erſten Schuß, meine ſchöne Tante, und Sie wiſſen, wie ich treffe.“ „Ignaz!“ ſchrie ſie und fiel auf die Knie. „Ein Mittel giebt's,“ ſprach er und hob Tosca gelaſſen auf,„und ich würde bereit zur Verſöhnung, zu jeder Art von Ausgleichung auf friedlichem Wege ſein. Nur meine Liebe zu Ihnen, Tosca, giebt es mir ein: verſprechen Sie mir Ihre Hand...— 4 „Ihnen?“ ſagte ſie gedankenlos. „Dann retten Sie ihn und machen mich glücklich.“ „Dann rette ich ſeinen Leib und tödte ſein Herz. Nein, nein, und abermals nein!“ ſprach ſie beſtimmt. „Sein Blut über Sie!“ ſagte Ignaz feierlich. — 248— „Gott wird gnädig ſein,“ erwiderte ſie ruhig und winkte ihm zu gehen. Sie ſchrieb drei Worte an Sigismund— die uralte, ewig neue Zauberformel des Glücks:„Ich liebe Dich!“ „Es iſt nun ſo!“ ſprach ſie, als er gleich darauf zu ihren Füßen lag, und ſah ihn an mit himmliſcher Zärtlichkeit;— „Du biſt meine erſte, Du biſt meine letzte, Du biſt meine all⸗ einzige Liebe.“ Sie klagte nicht mehr, ſie weinte nicht mehr; ſie wollte ihm nicht das Herz ſchwach und das Auge trübe machen. In ihrer Seele war das Bewußtſein ernſten und heiligen Glückes; ſie ruhte in ihrer Liebe. Sie hatten keine Zeit, um von Tod und Gefahr und Furcht zu ſprechen. Sie waren glücklich. Im Himmel weiß man nur von der Seligkeit. Dem Juſtizrath Kleber ſchickte Tosca die Acte zu, mit dem Auftrag, ſie in dieſer Form zu vollziehen. Dann ſchrieb ſie ihrem Arzt und bat ihn um den Freundſchaftsdienſt, heut Abend um zehn Uhr zu ihr zu kommen, und ſie auf einer kurzen Reiſe zu begleiten. „Wozu? wohin?“ fragte Sigismund bebend. „Mit Dir!“ antwortete ſie gelaſſen. „O nimmermehr!“ rief er. „Soll die einſame Qual mich tödten?“ fragte ſie. „Starkes Herz!“ ſagte er bewundernd. „Sprich: liebendes Herz— Sigismund.“ Um zehn Uhr Abends fuhr Ignaz mit ſeinem Sekundan⸗ ten und ſeinem Arzt von Britiſh Hotel ab, und Sigismund mit ſeinem Sekundanten, und Tosca mit ihrem Arzt, fuhren um dieſelbe Stunde von dem grauen Hauſe, an der Linden⸗ —— —— und Kirchſtraßenecke fort. Es war eine feuchte, kalte März⸗ nacht. Durch die halb mit Schnee, halb mit Nebel gefüllte Luft ſchimmerten die Laternen der drei Wagen roth und trübe wie Trauerfackeln. Gegen Morgen kamen ſie im Gehölz von Dannenwalde auf der mecklenburgiſchen Grenze an. Sigis⸗ mund ſtieg zu Tosca in den Wagen, um ſie zu beſchwören, nach dem Gaſthaus des Dorfes zu fahren. „Nein!“ ſagte ſie,„ich bleibe Dir ſo nah ich kann.“ Sie war weiß, kalt, feſt wie Marmor. Es war ein fürchterlicher Abſchied zwiſchen ihnen. Dann verließ er ſie. Tosca ließ die Fenſter ihres Wa⸗ gens herauf, und die Stores herunter, und kniete nieder. Gott allein weiß, ob ſie gebetet haben mag. Es fiel ein Schuß. „Sigismund!“ ſchrie Tosca. Es fiel kein zweiter. Die Aerzte und Sekundanten brach⸗ ten Sigismund getragen. Ignaz fuhr mit Courierpferden gen Hamburg; ſeine Kugel hatte Sigismund dicht über dem Herzen getroffen. Die geringſte Bewegung und er mußte ſterben. „Unrettbar?“ fragte Tosca. Die Aerzte ſchwiegen. „Tosca!“ rief Sigismund, richtete ſich auf und ſtreckte die Arme nach ihr aus. Sie umſchlang ihn und küßte ihn;— ſo ſtarb er. Drei Tage und drei Nächte wachte ſie neben der geliebten Leiche; dann ließ ſie auf dem Gottesacker zu Dannenwalde ſie beſtatten. Als Erde den Sarg bedeckte, der Alles umfing, was ſie je geliebt hatte, ſagte ſie: „Sigismund! bei Dir iſt mein Herz erwacht und mit Dir iſt’'s geſtorben. Was es von Schmerz und von Glück auf der Welt gekannt hat, kam von Dir.... Alles von dem Einen! Friede mit Dir... und mit mir.“ Sie ſtieg in ihren Reiſewagen. „Wohin befehlen Sie zu fahren?“ fragte ihr Arzt, der mitleidig bei ihr geblieben war. „Die Welt iſt groß!“ ſprach ſie gleichgültig. Druck von Bernh. Tauchnitz jun. in Leipzig. — ————— ͤ DIIurcraaaazamnwmmmmmqrauanwnn ffffffffffffffffffffff 17 18 19 20 14 15 16 * “ — 2 8 — —.—————— 4