Leihbibliothek Eduard Ottmann in Gießen, 3 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und Ieſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 5 pfangnahme und käube der Bücher jeden Tag von Morgens futr bis Abends 8 Uhr offen. 3 I 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von zjedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3 3. Gaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Sechentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Nt.— Pf. 1 Nk. 50 Sf. 2 Nk.— Pf. 5 1 3„—„„„„—„, 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückfendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. “ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und udefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der 7 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 ——*—-— Aus der Geſellſchaft. Geſammt⸗Ausgabe der Romane von Ida Graäfin Hahn⸗Hahn. 2 Erſter Theil. Ilda Schönholm. Berlin. Verlag von Alexander Duncker, Königl. Hofbuchhändler. 1845. Von Ida Gräfin Hahn⸗Hahn. Zweite Auflage. Berlin. Verlag von Alexander Duncker, Königl. Hofbuchhändler. 1845. — Erſtes Kapitel. Ein bepackter Reiſewagen fuhr langſam und ſchwerfällig zur letzten Höhe des Wormſer Jochs hinauf. Es war Ende Au⸗ guſt, vielleicht ein wunderſchöner Sommertag in den Thälern von Tyrol und Graubündten, aber in dieſer Höhe, zwiſchen dieſen gewaltigen, ſchneebedeckten Bergen, hingen ſchwere trübe Nebel, und wehte ein ſcharfer Wind. Man ſage was man wolle! auf dem Hochgebirge iſt es im höchſten Grade unbe⸗ haglich, und wenn man dafür in der Majeſtät des Anblicks Erſatz zu finden hoft, ſo wird man ſehr oft getäuſcht; denn es ſind nicht nur Nebel und Stürme in dieſen Regionen hei⸗ miſch und den An⸗ und Ausſichten ſehr nachtheilig, ſondern es fehlen die Kontraſte, es fehlt ein Maßſtab für die Maje⸗ ſtät. Hier iſt Alles ſo hoch, ſo ſchroff, ſo gewaltig, ſo über den Wolken; hier fehlen ſo ganz liebliche Thäler, tiefe däm⸗ mernde Seen, belaubte Hügel und friedliche Dorfſchaften, daß das Auge nicht vergleichen kann, und mehr mit Staunen als mit Bewunderung, mehr mit Grauſen als mit Entz zücken, dieſe in Granit ausgeprägte Natur betrachtet. Gelangweilt durch die Langſamkeit der Fahrt, hatte die Gräfin Schönholm den Wagen verlaſſen und ging raſch vor⸗ an; neben ihr der junge Polydor. Ein eiſiger Nordwind Ilda Schönholm. 1 wehte ihnen grade entgegen, und wühlte in Schleier und Shawl der Gräfin. Sie preßte ihr Taſchentuch vor den Mund und bog die ſchlanke Geſtalt vornüber, ohne jedoch ihren Schritt zu mäßigen. „Aber Sie erkälten ſich gewiß,“ ſagte Polydor. Sie ſchüttelte den Kopf. 5 „ Es iſt doch nur Eigenſinn das Wormſer Joch erklet⸗ tern zu wollen““ Sie nickte. „Und wie kann es Ihnen Spaß machen bei ſo unbedeu⸗ teenden Dingen Eigenſinn zu haben?“ —„Weil ich bei großen keinen habe!— Uebrigens iſt es unmöglich hier eine Converſation zu machen.“— Sie gingen ſchweigend weiter. Die Gräfin Schönholm kehrte nach zweijährigem Auf⸗ enthalt in Italien nach Deutſchland zurück. Sie war unab⸗ hängig, jung und reich, liebte weder das Clima noch das Leben des Nordens, wäre weit lieber jenſeit der Alpen ge⸗ blieben; aber ſo wenig frei iſt man trotz ſeiner Unabhängig⸗ keit, daß man ſich vom irdiſchen Beſitz feſſeln, lenken und beſtimmen läßt! Sie kehrte auf ihre großen glänzenden Herr⸗ ſchaften zurück, wo ihre Anweſenheit zwar nicht nothwendig, aber doch wünſchenswerth war. Polydor war ein junger Bildhauer, gebürtig aus Welſch⸗ throl, den ſie in Rom hatte kennen lernen, und von dort mit⸗ genommen, weil er nach Wien zu gehen wünſchte. Auf dem Culminationspunkt ſtand endlich die Gräfin ſtill, kehrte ſich nach Süden und ſagte:„Wenn ich binnen Jahresfriſt nicht todt bin, ſo ziehe ich wieder dort hinab.“ „Und ich mit Ihnen, rief Polydor, denn ich glaube nicht, daß ich's länger in Deutſchland aushalte.“ — „Ich gewiß nicht! nur in Italien kann ich glücklich ſein; aber da bin ich es auch ganz, und deshalb thut es mir un⸗ ſäglich leid es zu verlaſſen. Wer weiß was in der Heimat meiner harrt!“— „Was überall Ihrer harrt: Freude und Liebe. Denn wenn Sie auch ein wenig eigenſinnig ſind, ſo bleiben Sie doch ewig ein anbetungswerther Engel.“ „Mein guter Polydor, daß Sie ſo denken iſt natürlich; allein daß Andere nicht ſo denken iſt ebenfalls natürlich.“ Der Wagen hatte ſie erreicht; ſie ſtiegen ein; es ging bergab. Da kam ihnen eine andre bepackte und dicht ver⸗ ſchloſſene Kutſche entgegen. Als die Wagen an einander vor⸗ überfuhren, blickte die Gräfin aus dem Fenſter. „Mein Gott,“ rief ſie,„das iſt ſeltſam! an jenem Wa⸗ gen war ein Alliancewappen, und eins derſelben war das meinige. Mein Wappen aber führt Niemand als mein Vet⸗ ter Askanio, und der kann es nicht geweſen ſein, der weiß ja, daß ich zu ihm komme. Er würde mir gewiß geſchrieben haben, wenn er eine Reiſe nach Italien für dieſen Herbſt beabſichtigt hätte.“ „Der Wagen iſt noch nicht fern,“ ſagte Polydor;„be⸗ fehlen Sie, ſo hält der Poſtillon, und Sie ſchicken Ihren Kammerdiener um ſich nach dem Namen jener Wappenräuber zu erkundigen.“ „Sie haben Recht, es iſt kindiſch! Engländer können es ja geweſen ſein, oder weiß Gott wer. Heut' zu Tage reiſ't ja alle Welt, und alle Welt hat auch ſein Wappen. Wenn Sie erſt der Baron von Polydoro ſein werden, bekommen Sie auch eins. Bis dahin ſiegeln Sie⸗ aber Ihre Briefe mit einem Pettſchaft, das ich für Sie machen laſſen werde. Eine 1* , himmelanſteigende Rakete ſoll darauf geſtochen werden, mit dem Motto: da l'ardore P'ardire. Sie ſehen, was ich für Hofnungen für Sie hege. By ihe by wüßte ich doch gern wer die Leute in jenem Wagen geweſen.“ „Vielleicht erfahren Sie es auf der nächſten Poſt.“ „Ach, es iſt ein beklemmendes Gefühl nach jahrelanger Abweſenheit in den Kreis alter Bekannter heimzukehren. Wie viel kann ſich verändert haben, was kann Alles geſchehen ſein, wovon wir keine Ahnung haben. Briefe gehen verlo⸗ ren, und Manches, oft das Wichtigſte, mögen wir keinem Briefe anvertrauen. So tritt man oft als ein Fremdling in den Kreis ſeiner Freunde.“ „Darum ſollte man ihn vielleicht nie verlaſſen.“ „Ja, wenn es möglich wäre, nie das geliebte Dach des Vaterhauſes zu verlaſſen! Doch iſt das einmal geſchehen, ſo iſt damit auch ſchon der erſte Schritt in die Fremde gethan und die Scheu vor ihr überwunden. Dann zieht ſie uns an, lockend und magiſch, und bleibt es ſo lange bis wir uns mit ihr vertraut gemacht haben. Sind wir heimatlich in ihr eingebürgert, oder vollends bequem eingeniſtet, ſo hat ſie ihren Reiz verloren, und ſieht uns mit ſolchem Alltagsgeſicht von Langweiligkeit an, daß wir über Meere ſchiffen und über Berge klettern müſſen, um wieder die Fremde zu ſuchen.“ „ Aber wie drückend iſt dies Umhertreiben in dem be⸗ grenzten Kreiſe, für die unbegrenzte Sehnſucht! Und wenn wir über die ganze Erde dahingewandelt ſind, ſo iſt dieſe Sehnſucht nicht befriedigt, höchſtens ermattet, und wir haben nichts weiter geſehen, als Sonne, Mond und Sterne, auf zwei⸗ und vierbeinige Geſchöpfe herabſcheinend, was wir ganz genau auch ſehen, wenn wir in unſerm heimatlichen Dörf⸗ chen bleiben.“ „Und warum ſind Sie nicht in dem Ihren geblieben?“ „O, ich! ich bin Künſtler! ich muß in den ewig wech⸗ ſelnden Formen die Offenbarung der Schönheit ſuchen und finden lernen.“ „Sehen Sie woll! weder Sie noch irgend Einer mag ſich mit dem heimatlichen Dörfchen begnügen. Der Gelehrte ſagt: ich muß meine Wiſeenſchaft bereichern; der Staats⸗ mann: ich muß mich erholen von dürren Geſchäften; der Di⸗ plomat: ich muß fremde Höfe und Kabinette in der Nähe obſerviren; der Soldat: ich mögte gern wiſſen ob die Pe⸗ ſcherähs auch eine Idee von Fortification und Taktik haben; und jeder Mann: ich muß die Welt ſehen. Die Frauen, die ſich emancipiren ſo gut ſie können, wollen auch die Welt ſe⸗ hen, nicht um Taktik, Kabinette, Bibliotheken und Muſeen zu ſtudiren, ſondern um ſich zu amüſtren— und ein Grund iſt ſo gut wie der andere.“ „Und warum wollen Sie die ganze Welt ſehen?“ „Die Griechen nannten den einen Unglückſeligen, der den olympiſchen Jupiter nicht geſehen. Ich bin ungefähr ih⸗ rer Meinung, und mag nicht zu den Unſeligen gehören, die nie das Schneegebirge im Abendroth und das Koliſeum im Mondlicht erblickt haben, nie den St. Stephan, und Ma⸗ donnen von Rafael und Bettelbuben von Murillo.“ „Und nie Thorwaldſen und andere Unſterbliche der Mitwelt.“ „Nun, Thorwaldſen gewiß ausgenommen, dieſen liebens⸗ würdigſten und wolwollendſten aller Menſchen„— im All⸗ gemeinen ſollte man nicht die perſönliche Bekanntſchaft ſolcher — 6— Männer ſuchen, wenn man nicht zu ihrem Fach gehört und etwa von ihnen zu lernen wünſcht. An der Statue, an dem Gedicht, iſt Alles ſo harmoniſch, ſo edel, ſo kräftig, daß ſie uns durch und durch heben und erquicken; der Bildhauer und der Dichter hingegen können ſo viel Schroffheiten, Lau⸗ nen und Schwächen im Character, oder doch wenigſtens in der augenblicklichen Stimmung haben, daß wir uns nicht von ihnen angeſprochen, ja oft verletzt fühlen. Dann ſchreien wir, als ob uns groß Unrecht geſchähe! iſt aber Logik darin, 3u folgern: weil jene Menſchen vortreflich in ihrem Atelier und an ihrem Schreibtiſch ſind, müſſen ſie auch liebenswür⸗ dig in unſern Salons ſein?“ „Die Freundſchaft eines ſolchen Menſchen iſt mehr werth, als alle Berge und Tempel und Bilder der Erde bewundert zu haben.“ „Das will ich meinen! aber an ihnen vorüberſtreifen und drei Worte mit ihnen wechſeln, iſt nicht ihre Freund⸗ ſchaft gewinnen! Ja, über das Glück ein Jünger Platos oder ein Schüler Rafaels geweſen zu ſein, geht doch nichts..— „Als das Glück Plato und Rafael ſelbſt geweſen zu ſein.“. „Kaum! bewundern iſt ſeliger, als bewundert werden. Sie aber als Künſtler dürfen nicht ſo denken. Ueberdas mag es wol himmliſche Befriedigung geben von einer Welt bewundert zu werden. Man muß das erfahren haben um darüber urtheilen zu können und jezt macht Niemand mehr, glaub' ich, dieſe angenehme Erfahrung. Die Welt iſt zu groß, zu getheilt, zu zerriſſen. Wo eine Größe auftaucht, wird ſie gleich gepackt, und gleichſam als Feldherr eines Ar⸗ meecorps in den großen Krieg der Parteien geſchickt, folglich von den Gegnern gehaßt, und mörderiſch verfolgt. Da hat⸗ ten wiederum die Alten es beſſer. Griechenland war ihre Welt. Der olympiſche Jupiter und die Oreſtea wurden von der Welt bewundert. Was kümmerte man ſich um die Bar⸗ baren rechts und links.“ „Für uns aber giebt es keine Barbaren mehr, und da iſt es wol etwas drückend, in Europa eine Sommität, und in Afrika unbekannt zu ſein! wie ungeheuer ehrgeizig Sie ſind! ich würde mich vor der Hand mit der Bewunderung Europa's zufrieden ſtellen.“ „Ich mit gar keiner!— Aber ich freue mich herzlich den Askanio wieder zu ſehen und meine liebliche Ondine und die beiden herzigen Knaben. Was wollen Sie denn eigent⸗ lich in Wien, Polydor? kommen Sie mit mir nach Schloß Ohlau, und ſehen Sie dort tüchtige, ſchöne und glückliche Menſchen.“ „Nein, es geht nicht! ich muß verſuchen mir eine ſelb⸗ ſtändige Exiſtenz zu gründen. Und dann verwöhne ich mich auf der einen Seite bei Ihnen, indeſſen ich mich auf der an⸗ dern doch etwas beſchränkt durch Sie fühle. Sie ſind zu eminent um nicht den Menſchen, die viel mit Ihnen leben, eine Richtung zu geben, und ich bin noch zu jung und un⸗ erfahren, um zu wiſſen, ob dieſe Richtung auch die mei⸗ nige iſt.“ „Keine Mutter kann die Erziehung ihres Sohnes voll⸗ enden und muß ihn ziehen laſſen— wie ſollt' ich Sie bei mir behalten können! Nur ängſtigt es mich, daß Sie nach Wien gerade gehen, wo man nur vermittelſt einer coloſſalen Reputation, oder einer eben ſo mächtigen Protection ſeinen Weg macht. Nur hätte ich Ihnen die Freude gegönnt, ein⸗ 3 mal recht nahe an das Bild des Glücks heranzutreten. Mich hat es immer in tiefſter Seele erquickt. Mein Vetter iſt ein durch und durch tüchtiger Menſch, vom Scheitel zur Sohle nicht blos Edelmann, ſondern von Adel, tadellos in jedem Verhältniß, glücklicher Gatte und Vater, mein Stolz und meine Freude.“ 3„Sie lieben ſehr den Grafen Ohlau.“ „Wie meinen Vetter und Freund, d. h. wir ſind uns gegenſeitig von Herzen gut und zählen in Noth und Trübſal auf einander. Uebrigens aber bin ich ihm etwas zu genial, wie er es artiger Weiſe nennt; denn ich glaube es ſoll hei⸗ ßen excentriſch. Wir ſind oft in kleine Fehden verwickelt, allein die ſtören uns nicht. Mir iſt doch ſtets bei ihm zu Muth, als ob ich die Zweige einer Eiche über mir rauſchen hörte, und er betrachtet mich mit verwunderten, freundlichen Augen, wie irgend ein buntes, ſtachlichtes Tropengewächs in ſeinem Garten. Und ſeine Frau! o dies holdſelige Weſen würde Sie entzücken. Ich begreife nicht, wie irgend ein Mann ſie erblicken und nicht von ihr hingeriſſen ſein kann. Zum Glück lebt Askanio immer auf ſeinem Schloß; dieſe dunkeln, zauberhaften Augen würden viel Unheil in der Män⸗ nerwelt ſtiften.“ „Meinen Sie, daß man ſich auf dem Lande nicht in eine ſchöne Frau verlieben könne?“ „O a, aber man ſieht ſich nicht ſo viel; in der Stadt hingegen täglich, wenn man will. Uebrigens iſt mein Vetter dieſen Winter hindurch mit ſeiner ganzen Familie in der Re⸗ ſidenz geweſen. Wie es ihnen gefallen hat, weiß ich nicht. Ondine hat mir nur einmal geſchrieben, wir correſpondiren nicht eifrig.“ „Aber mir werden Sie oft und viel ſchreiben, nicht wahr?“ „Wie's kommt! vorher verſprechen kann ich nichts, weil ich nicht weiß ob ich's halten kann.“ 3 „Sie müſſen doch wiſſen was Sie thun werden?“ „Nein; denn ich weiß nicht was mir begegnen wird.“ „Alſo wär' es möglich, daß Sie mich über einen an⸗ dern Gegenſtand oder eine neue Idee total vergäßen?“ „Nein; aber in den Hintergrund können Sie allerdings geſtellt werden.“ „Frau Gräfin, Sie ſind von einer deſolanten Aufrich⸗ tigkeit.“ „Wenn Sie wahr ſein wollen, ſo fühlen Sie ganz daſſelbe.“ 4 „Möglich; aber ich ſag' es Ihnen nicht.“ „Ich aber ſag' es Ihnen abſichtlich, damit Sie Sich nicht etwa jugendlich einbildeten, Sie wären mir lieber, als Sie es wirklich ſind.“ „Gräfin, warum ſagen Sie mir ſo harte Dinge?“ „Weil Sie ein Mann ſind, mein armer, guter Polydor, folglich ein wenig eitel und ſelbſtvertrauend. In jedem Ver⸗ hältniß zwiſchen Frauen und Männern halte ich es für das Beſte, wenn beide Theile ſo genau und klar wie möglich wiſſen, was ſie einander ſind. Sonſt kommen leicht Miß⸗ verhältniſſe und Mißſtimmungen, die ſehr weh thun können.“ „Ich bewundere eine neue Vollkommenheit an Ihnen: die Verſtändigkeit.“ „Ja, mein Lieber, für Andere bin ich die Verſtändig⸗ keit und Vernunft ſelbſt“— ſagte die Gräfin lachend, und gab freundlich ihrem Gefährten die Hand. Er ſchüttelte ſie — 10— zwar, doch mit einem kühlen Lächeln. Er hatte nie an die Möglichkeit eines Herzensverhältniſſes zur Gräfin gedacht, er wußte, daß ihre Liebe einem andern Gegenſtande geweiht war; allein daß irgend etwas Neues ihn in den Schatten. rücken könne, oder eigentlich, daß ſie es ihm unverholen er⸗ klärte— war ihm verletzend, für ſein Gefühl: ſo meinte er — für ſeine Eitelkeit: ſo meinen wir. Sie kamen in Landeck an, ermüdet, erfroren, verdüſtert vom langen Nebel⸗Reiſetag. Auch der Gaſthof war unbe⸗ haglich, ſchmutzig, mit wüſten, großen Zimmern. Der Wind ſauſ'te und der Nebel löſ'te ſich in ſchwere Regentropfen auf, die klirrend an die Fenſterſcheiben ſchlugen. Die Gräfin nickte Polydor eine gute Nacht zu, ging in das ihr angewie⸗ ſene Zimmer, wickelte ſich feſt in ihren großen Shawl, ſetzte ſich auf den erſten beſten dürren, lederbeſchlagenen Stuhl, 4 und lehnte den Kopf zurück an die weiße Kalkwand. Es war ein ſeltſamer Kopf, gar nicht ſchön, doch ſehr anziehend, der Schnitt einer Madonna und der Ausdruck einer Sibylle; fatiguirte Züge, die auf mehr als ſieben und zwanzig Jahr ſchließen machten, und ein durchſichtiges, wech⸗ ſelndes Colorit, das den Hauch erſter Jugend über ſie zau⸗ berte; Augen, wechſelnd im Ausdruck wie die eines Kindes, und verſchieden im Glanz ſchillernd wie das Meer, wenn Wolken am Mittag darüber hinlaufen; aber zwiſchen den Augen, und im Aufſchlag der langbewimperten Augenlider, ein Zug von unausſprechlicher Schwermuth. Lauter Kon⸗ traſte und doch Harmonie, wie in den großen Bildern, welche die Natur vor uns aufrollt. Das war der Kopf von Ilda Schönholm; das war die analoge Form, welche ihre Seele nicht verhüllte, ſondern leicht umfloß. — 11— Ein alter Kammerdiener, der ſeit zehn Jahren daran gewöhnt war auf allerlei Weiſe für ſie zu ſorgen, war ge⸗ räuſchlos ab und zu gegangen, hatte eine Decke auf den Tiſch gebreitet, Wachslicht angezündet, das Theegeſchirr nicht blos hingeſtellt, ſondern auch den Thee eingeſchüttet und das Waſ⸗ ſer darauf gegoſſen. Nun legte er ein Polſter auf einen der unbequemen Stühle, rückte ihn an den Tiſch, legte einen zier⸗ lich geſtickten Fußſack unter denſelben und ein großes Porte⸗ feuille von Maroquin mit Stahlbeſchlag rechts, eine ſilberne Handſchelle links vom Sitz auf ihn, überzeugte ſich mit einem Blick, daß Alles zweckmäßig geordnet ſei, und fragte mit einer Verbeugung: „Gnädige Gräfin haben weiter nichts zu befehlen?“ „Ich danke,“ ſagte ſie mit maſchinenmäßiger Ge⸗ wohnheit. „Gnädige Gräfin befehlen morgen keine Pferde?“ „Ja wol! um acht Uhr früh nach Inſpruck. Und dann erkundigen Sie Sich doch, was für Reiſende die letzte Nacht hier zugebracht haben, und bringen Sie mir ſogleich die Antwort.“ Sie ſetzte ſich an den Theetiſch. Albrecht ging und brachte nach wenigſtens zehn Minuten erſt Antwort: „Bitte unterthänigſt um Verzeihung; aber es hält ſchwer ſich mit dieſen Leuten zu verſtändigen, denn ſie ſprechen kein gutes Deutſch und gar nicht franzöſiſch; daher hat es ſo lange gewährt.“ „Nun, wer war hier?“ „Eine vornehme Herrſchaft mit zwei Kindern.“ „Wie hieß ſie? wohin reiſ'te ſie?“ rief lebhaft die Gräfin.. „Den Namen wußte die Wirthin nicht; aber die Reiſe ging aus Italien an den Bodenſee.“ „Ah ſo! ſagte ſie erleichtert; und weiter?“ „Vier junge Studenten aus Baiern; und ganz ſpät iſt noch gekommen eine Dame in tiefer Trauer mit mehren Domeſtiken in tiefer Trauer“...— „Es iſt gut. Ich danke Ihnen.“ „Wünſche unterthänigſt wol zu ruhen.“ Albrecht ging leiſen Trittes. Die Gräfin legte den Kopf in ihre aufgeſtützte Hand, und ſah ſtill in die ruhige Flamme des Lichts. Nichts regte ſich, es herrſchte eine Tod⸗ tenſtille im Zimmer. „Aber es iſt unheimlich hier, ſagte ſie plötzlich laut, wie es mitunter ihre Gewohnheit war— ich will an As⸗ kanio ſchreiben.“ Da fuhr plötzlich ein heftiger Windſtoß an das Fenſter, riß einen ſchlecht verwahrten Flügel auf, pfiff ſchneidend durch das Zimmer und löſchte eins der Lichter aus. Ilda ſtand ruhig auf, ſchloß das Fenſter, zündete die Kerze wieder an und ſchrieb an Graf Ohlau: „Lieber Askan!. „Im Junius hab' ich vom Comerſee Ondinen geſchrieben, „mich für die erſten Septembertage bei Euch angemeldet „und keine Antwort erhalten. Daraus ſchloß ich, daß ich „Euch willkommen ſein würde; denn wenn ich es nicht „wäre, müßtet Ihr es mir freilich ſagen. Jezt ſage ich „Dir genau den Tag meiner Ankunft, damit Ihr Alle „hübſch zu Hauſe ſeid, und ich auf einmal Eure lieben „Geſichter ſehe. Es wird der vierte September ſein; denn — 413— „da ich Inſpruck, München, und alle bedeutende Städte „kenne, die ich auf meiner Heimreiſe berühre, ſo werd' ich „mich nirgends lange aufhalten, z. B. in München nur: „um die Pinakothek kennen zu lernen und mit meinem ge⸗ „liebten Adonis von Thorwaldſen ein Liebeswörtchen zu „plaudern; in Nürnberg: um Lebkuchen für Deine Kinder „zu kaufen und um mich zu erquicken an dieſer in Stein „ausgehauenen Blüte der deutſchen Städtezeit. Das iſt „das Angenehme beim vielen Reiſen: man ſieht nicht, was „der Guide und der Lohnlakey uns empfehlen, ſondern „das, was uns anſpricht.“ „Ich habe viel Euch zu erzählen und zu zeigen, und „ich hoffe auch viel zu hören. Sollte Ondine mir zür⸗ „nen, daß ich ihren Brief vom November erſt im Junius „beantwortet habe? Nun, das wird ſich Alles bald aus⸗ „gleichen. Bis dahin küſſe ich ſie und die Knaben, und „drücke Deine gute, feſte Hand. Wenn ich Euch nicht „hätte, wie viel ginge mir verloren!— Ade, lieber Menſch! „Ich ſchreibe Dir vom Unwetter umtobt, im wüſten Zim⸗ „mer eines unſaubern Tyroler Gaſthofes, nachdem ich „heute ſchon dem Himmel ſehr viel näher geweſen bin, als „Du, nämlich 8000 Fuß über dem mittelländiſchen Meer „auf dem Wormſer Joch, dieſem koloſſalſten aller Alpen⸗ „päſſe. Deutſchland hat mich ſogleich mit dem unfreund⸗ „lichſten ſeiner Abgeſandten, dem Nordwind, empfangen, „der eben, wie der Arm eines böſen Geiſtes, mein Fen⸗ „ſter aufriß. Ich finde, Dentſchland könnte graziöſer ſein „für eine ſeiner„berühmten Frauen“, um ſo mehr, da „ich es im Lauf des Winters mit einem ſehr intereſſanten „Album erfreuen werde.“ 8 — 44— „Aber kann ich denn nie aufhören mit Dir zu plau⸗ „dern? ich nehme den Brief bis Inſpruck mit, dann macht „er ſeinen Weg allein, wie meine opera omnia, und ich „komme bald ihm nach. Ilda.“ Zweites Kapitel. Der ſchönſte Sommermorgen weckte die Reiſenden. Nicht mehr dicke graue Wolken, ſondern leichte ſilberne Nebel hin⸗ gen um die Berge, welche Landeck und das Innthal einfaſſen. Sie flatterten in der Morgenluft hin und her, kokett wie ein Schleier um ein ſchönes Antlitz, und zertheilten ſich endlich ganz, als die Sonne hoch genug geſtiegen war, um ſie mit ihren ſtralenden Geſchoſſen in die Hölen der Nacht zurückzu⸗ ſcheuchen. Polydor hatte ſeine Empfindlichkeit verſchlafen und die Gräfin jene trübe Stimmung, welche unfreundliches Wetter ſtets in ihr erzeugte. Sie ließ den Wagen zurückſchlagen und fuhr fröhlich in der grünen Landſchaft dahin. O, es iſt ſehr lieblich am ſchönen Sommermorgen durch eine anmuthige Gegend raſch zu fliegen wie ein Vogel, der auch nichts von der Welt will, als über ihr ſchweben. Das Fahren iſt wirklich die höchſte Annehmlichkeit des Reiſens. Das Gaſthofleben iſt unruhig; das Durchſtreichen der Städte iſt ermüdend; das Bewundern der Kunſtſchätze und Merk⸗ würdigkeiten iſt eine Sache, von der man ſich gern durch einen Tag Holzſägen oder Waſſertragen loskaufen würde. Aber ſich unbeweglich in den Wagen zurückzulehnen, indeſſen er leicht und bequem auf einer guten Chauſſee rollt; vor den Augen bunte Bilder zu haben, die wechſelnd, wie Träu⸗ me, nie lang genug hängen bleiben um uns zu langweilen; durch den Sinn Gedanken fliegen zu laſſen, die ſich bald an jene Bilder knüpfen, bald durch die wunderlichſten Ideenver⸗ bindungen erzeugt werden; von keiner irdiſchen Bedürftigkeit gebunden zu ſein, weil man weiß daß man überall einen ge⸗ deckten Tiſch findet, und— ſollte man einmal kein Bett fin⸗ den— recht gern à la belle étoile, vom Wagen wie von einer Wiege geſchaukelt, ſchläft; immer das Rollen der Rä⸗ der zu hören, das, gleich dem Rauſchen eines Bachs, und dem Klappern einer Mühle, und dem Plätſchern des Ruder⸗ ſchlags, durch ſeine Einförmigkeit ein beruhigendes Accom⸗ pagnement für die in's Unendliche ſchweifenden Gedanken wird; das iſt eine Wonne, an die, wie der Liebende an die Liebe, nur der ächte Reiſende glaubt. Und außer ächten Lie⸗ benden iſt gewiß nichts ſeltener auf der Welt zu finden, als ächte Reiſende. Denn wer da reiſ't aus Neugier, oder aus Langerweile, oder der Geſundheit und Mode wegen, oder um Bücher darüber zu ſchreiben— der gehört nicht zu ihnen und weiß nichts von jenem ſeligen Quietismus. Ehe man Inſpruck erreicht, fährt man an der Martins⸗ wand vorüber. Ilda wies hinauf und ſagte: „Sehen Sie, da oben hat gewiß der gute Kaiſer Max, den die Hiſtoriker ſo verachten und den die Dichter ſo lieben, betend geſtanden und ſeine Seele dem Herrn empfohlen. Und drüben, jenſeit des Inn, verſammelte ſich das geängſtigte, theilnehmende Volk, ſchrie und zeigte empor, und wußte tau⸗ — 16— ſend unausführbare Rathſchläge zu geben. Und als der Kai⸗ ſer an jeder Hülfe verzagt und auf den Tod gefaßt war, und als der Prieſter unter ihm die Monſtranz hoch empor hielt, und alle Glocken dazu läuteten, und alles Volk ſich auf's Angeſicht warf, und er ſelbſt ſein Knie vor dem Allerheilig⸗ ſten beugte— da kam der Engel und rettete ihn auf unbe⸗ kannten Wegen vom gräßlichen Hungertode. Lieber Poly⸗ dor, das iſt doch eine wunderhübſche Geſchichte!“ „Ich bekenne Ihnen, daß ich ſie eben ſo hübſch finde, wenn der Hirt, Jäger, Bergmann, oder wer ſonſt der fremde Retter geweſen, darin figurirt ſtatt des Engels. Ja, ſie ge⸗ winnt durch die menſchliche Einwirkung des Unbekannten, durch den Gedanken an die Gefahren, denen er ſich dabei ausgeſetzt haben mag, durch ſein ſpurloſes Verſchwinden, welches jeden Dank ablehnt, vielleicht ein höheres Intereſſe.“ „Gewiß! aber mich freut am meiſten, daß man damals in dem Retter ſogleich den Engel erkannte, den Boten einer höhern Macht, deren Reich beginnt, wo der Menſchenwitz das ſeine verliert. Ein Engel war jener Hirt oder Jägers⸗ mann für Kaiſer Max und ſein treues Volk, und in dem Bilde iſt die ſterbliche Erſcheinung ganz untergegangen. Die⸗ ſer Boden iſt überhaupt intereſſant für die Habsburger. Jenſeit Inſpruck liegt Schloß Ambras auf einer Höhe, jezt eine Kaſerne, einſt der Ort, wo der Erzherzog Ferdinand in langer glücklicher Ehe mit der ſchönen Philippine Welſer, der Kaufmannstochter aus Augsburg, lebte. Sie war ſo weiß, daß man, wenn ſie trank, den rothen Wein in ihren Hals herabgleiten ſah.“ „Solche ätheriſche Geſtalten findet man nur diesſeit der Alpen; aber der Maler kann ſich mehr an ihnen freuen, als 2 4. — 1 der Bildhauer. Dieſe Zartheit läßt keine prächtige Entwicke⸗ lung der Formen zu.“ „Das ſieht man recht an den altdeutſchen Gemälden, ehe die Meiſter in Berührung mit italieniſcher Kunſt gekom⸗ men waren. Die Formen ſind von ängſtlicher Dürftigkeit. Aber wiſſen Sie, ich kann mir noch gar nicht vorſtellen, daß Sie übermorgen nach Oſten fahren wollen, während ich nach Norden fahre. München würde ſo merkwürdig für Sie ſein, und ich würde ſo gern ſehen, welchen Eindruck die reichſte Kunſtſtadt Deutſchlands auf Sie macht! Ob gar überhaupt einen auf Ihr verwöhntes Auge!“ „München muß mir bleiben als Troſt, als Hofnung und Erquickung, wenn es in Wien mir nicht nach Wunſch geht. Und die Trennung von Ihnen iſt mir ja doch gewiß.“ Sie fuhren mit dem Abendläuten in Inſpruck ein, das wunderlieblich zwiſchen Maisfeldern und einige tauſend Fuß hohen Bergen liegt. Sie verplauderten den Abend, ſprachen Manches von der Vergangenheit und viel von der Zukunft, formten un⸗ zählige Plane zu künftigen Reiſen und Arbeiten, ordneten und ſonderten allerlei Papiere, Bücher und Geräthſchaften, die bei längerem Zuſammenſein und auf der Reiſe unter ein⸗ ander gemengt waren; und als das Alles abgethan war, kniete Polydor vor der Gräfin nieder und ſagte: „Nun ſegnen Sie mich, denn ich fahre gleich fort, die Poſt geht.“ Sie ſah ihn wehmüthig lächelnd an, legte die Hand auf ſeine Stirn, und ſagte:. „Gott behüte Sie, und wende, wenn auch nicht den Schmerz, doch Unglück und Schuld gnädig von Ihrem Haupt. Ilda Schönholm. 2 6 .— 18—— Ich bleibe unter allen Umſtänden Ihre Freundin, die immer ein Aſyl für Sie haben wird.“ Er küßte demüthig ihre Hand, ſtand auf und ſprach mit feuchten, verklärten Augen: „Sie ſind wie eine Gottheit in mein dunkles Daſein getreten. Seit ich Sie kenne, iſt mir das Leben eine Luſt, ſeit ich mit Ihnen zuſammen geweſen bin, eine Wonne ge⸗ weſen. Das iſt das Himmliſchſte was ein Menſch dem An⸗ dern geben kann, und das haben Sie mir gegeben. Wenn die Welt Sie verwundet, wenn die Freunde Sie kränken, wenn das Liebſte Sie betrübt— ſo denken Sie an Ihren armen Polydor, der Sie ſegnet, und das wird Ihnen ein Balſamtropfen ſein.“. Er drückte nochmals ihre Hand an ſeine Lippen, ſeine Stirn, und verſchwand.. Ilda war nun allein, und fühlte ſich ſehr einſam. Sie hatte Polydor lieb wie ihren Schützling, ihr Pflegekind, und die Künſtlerſeelen Beider hätten ſich zuſammen gefunden auch ohne jene Beziehungen. Polhdor war der Sohn armer Landleute bei Botzen. Von früheſter Jugend an mußte er viel arbeiten, in den Weinbergen, auf den Feldern, im Hauſe, und dann, ſtatt auszuruhen, eine Schaar jüngerer Geſchwiſter warten. Aber er that Alles willig, wenn er nur an Sonn⸗ und Feſttagen aus Lehm allerlei Thiere kneten durfte, oder Soldaten mit Gewehr, und hübſche Mädchen mit Blumenſtrauß und Ge⸗ betbuch, in weißer Kreide an braune Thüren und Schränke und Wände zeichnen durfte. Niccht blos ſeine Geſchwiſter und Spielkameraden, ſon⸗ dern auch die Nachbarn bewunderten ſeine Kunſtfertigkeit. — 49— Eines Tages hatte ſeine Schweſter Walpurge von ihrer Frau Pathe allerlei Herrlichkeiten und darunter auch einen Bogen buntfarbenen Papiers bekommen. Das Band wurde an den Hut geſteckt, die Nadeln ſollten beim Nähen gebraucht werden, und ging eine verloren oder zerbrach ſie, ſo durfte keine neue von der Mutter erbeten werden, die nie eine gab, ohne über die Flüchtigkeit der Walpurge zu ſchmälen. Aber was konnte man mit dem ſchönen, glänzenden, himmelblauen Papier machen? „Das will ich Dir zeigen“— ſagte Polydor, nahm ein ſauber zugeſpitztes Stück weißer Kreide, und zeichnete darauf die Walpurge wie ſie die Hühner füttert. Die Aehnlichkeit war ſprechend, die Stellung leicht und natürlich. Walpurge lief triumphirend bei ihren kleinen Freundinnen umher, und ließ ihr Bild bewundern, was ihr ungefähr ſo vorkam, als ob ſie ſelbſt bewundert werde. Polydor ward ein zweiter van Dykv; alle kleine Mädchen wollten von ihm konterfeit ſein, und verſchafften ſich dazu, oft mit größter Mühe, die unerläßlichen Bogen bunten Pa⸗ piers. Sein Künſtlerlohn war ihr Dank und ſeine Zufrie⸗ denheit, wenn Alles ſchrie:— „Das iſt die Thereſel mit ihrer ſchwarzen Gais!“— oder:„Das iſt Nannerl wie ſie zur Meſſe geht!“ Die Feld⸗ und Hausarbeit ging inzwiſchen immer ihren tüchtigen, raſchen Gang, und wenn Polydor auch Zeit fand ſeine künſtleriſchen Uebungen zu machen, ſo hatte er doch gar keine um irgend etwas Anderes zu lernen. Bei ſechs⸗ zehn Jahren war ihm nur eine Wiſſenſchaft bekannt, die Grur el aller übrigen: er konnte nothdürftig leſen. , er vor der Thür und ſchnitzte 2* — 20—— mit einem ſcharfen Meſſer aus Lindenholz einen ſaubern Löf⸗ fel, bei dem er ſich viel Mühe gab ihn mit Laubgewinden zu verzieren. Er ſollte die Mutter zum Namenstag erfreuen. Da kam des Nachbars Tochter gegangen, ſchön Trautel, die Braut des reichen Joſeph. Sie trug ein Gefäß mit Waſſer auf dem Kopf und hielt es mit dem rechten Arm. Ihre volle, hohe Geſtalt entwickelte ſich prächtig in dieſer Stellung. Die Anſtrengung ermüdete ſie nicht, ſondern färbte nur ihre Wangen mit glänzendem Roth. Als Polydor ſie kommen ſah, ließ er die Hände ſinken und ſtarrte ſie an. Auf ein⸗ mal blieb ſchön Trautel vor ihm ſtehen. Ob ſie glaubte, daß er ihr etwas zu ſagen habe, ob ſie geſchmeichelt durch ſeine unverholene Bewunderung ihm Gelegenheit geben wollte ſie noch mehr zu bewundern— kurz, ſie blieb ſtehen, wünſchte ihm freundlich guten Abend und fragte, als er un⸗ beweglich ſitzen blieb: „Aber was gaffſt mich denn ſo an?“ Nun kam auf einmal Leben in die verſteinerte Geſtalt, er ſprang auf, ſchlug die Hände verwundert zuſammen und rief: „Heilige Mutter Gottes, was iſt die Trautel ſchön!“ — dann wurde er blutroth. Trautel aber ſprach lächelnd und ruhig: „Willſt Du mich morgen nach der Meſſe auf ein gol⸗ diges Papier malen für meinen Schatz?“ „Ich will wol“— ſagte Polydor, und ſchön Trau⸗ tel ging. Dies war die erſte ſchlafloſe Nacht ſeines Leben⸗ ſächlich beſchäftigte ihn der Gedanke len ſolle— ob ſo wie er ſie geſte — 21— Lieblingskuh, die große Braune geſtützt, oder andächtig mit Roſenkranz und Blumenſtrauß, oder gar als Engel mit einem Lilienzweig, wie er ein Bild in der Kirche geſehen. Die Vorſtellung würde ihm am Beſten gefallen haben, wenn Trautel nicht dazu ihre Augen hätte niederſchlagen müſſen — und ihre Augen waren ſo ſchön! Ach, er hätte gern hun⸗ dert verſchiedene Bilder von ihr gemacht. Endlich, endlich kam die Stunde nach der Meſſe und er ging hin. Trautel eilte ihm entgegen und bedingte ſich aus mit der großen Braunen zuſammengeſtellt zu werden. Ihr Wunſch machte ſeinen Schwankungen ein Ende. Die Sitzung begann. So aufmerkſam war er nie geweſen; ſo viel Mühe hatte er ſich nie gegeben; ſo feſt und lange hatte er nie ein Mädchen angeſehen— daher war ihm auch noch nie ein Bild ſo gelungen. 4 „Nun iſt's fertig!“ rief er und warf die Kreide fort. Trautel ſprang herzu, ſah es an, brach in ein freudiges: „Ah!“ aus, hüpfte umher und klatſchte in die Hände, ein⸗ mal über's andre rufend:„Wie wird der Sepperl ſich freuen.“ Endlich als ihr Jubel ſich gemäßigt hatte, ſprach ſie: „Nun ſchönen Dank und gieb her.“ Sie ſtreckte die Hand aus. Aber Polydor hielt das Blatt feſt, ihre. Hand dazu, und ſagte keck:„Du mußt mir einen Kuß geben, ſonſt behalt' ich's.“. „Da haſt Du den Kuß,“ ſagte Trautel, und drückte ihre friſchen Lippen auf ſeinen Mund,„nun gieb.“ Alles Blut war ihm ins Geſicht geſtiegen und ſein Herz ſchlug heftig. Schön Trautel hatte das Bild, Polydor den Kuß. — 22— Bald verbreitete es ſich unter den jungen Mädchen, daß Polydor ſich für jedes Bild einen Kuß geben laſſe, und die Anfoderungen än ſeine Kunſt wurden nicht dadurch vermin⸗ dert. Die Bilder waren ſo hübſch und Polydor war auch ſo hübſch. Indeſſen bat er ſich nur von ſchönen Mädchen ſeinen Lohn aus. Häßliche zeichnete er umſonſt, und weiß der Himmel wie es zuging! ſie waren nie mit dem Bilde zu⸗ frieden. 3 Der Vater fand, Polhdor ſei alt genug ſich ſein Brod ſelbſt zu verdienen, und er verdingte ſich als Knecht bei einem Gaſtwirth einige Stunden ſüdwärts von Botzen auf der Straße von Trident. Alle Fuhrleute, die aus Italien ka⸗ men, auch geringe Handelsleute kehrten dort ein, und Poly⸗ dor hörte ihren Erzählungen von Italien mit großen Augen und offenem Munde zu. Sein Talent fand auch hier Bei⸗ fall. Wie oft ſagten ihm die Italiener, er müſſe in ihr Va⸗ terland gehen und ſehen, was man dort für Bilder in Far⸗ ben male und in Stein haue! Dann ſeufzte Polydor; und es war nicht der Wunſch allein dieſe geprieſenen Herrlichkei⸗ ten in Augenſchein zu nehmen, was ihm dieſen Seufzer aus⸗ preßte.. Der Gaſtwirth hatte ein einziges Kind, Apollonia, de⸗ ren Lieblichkeit nicht wie Trautel ſeine Augen— ſondern ſein ganzes Herz erfreute. Daher hatte er auch noch nie ſie ſo ſtarr, wie einſt jene angeſchaut. Aber er wußte darum doch genau, wie ſie ausſah, wie ſie die Augen ſo lieblich aufſchlug, wie ſie erröthete, wenn ein Fremder— und freund⸗ lich lächelte, wenn ein Bekannter ſie anſprach. Er hatte nie ſie angeſprochen. Was hätte er ihr auch ſagen ſollen? allein — 238— gezeichnet hatte er ſie wie oft ſchon! aber ganz heimlich und es keinem gezeigt. Ein italieniſcher Tabuletkrämer hatte ihm ſchwarze Kreide und einige Bleiſtifte geſchenkt. Dieſe Schätze wurden für Apollonias Bild verwendet. Höchſtens brauchte er ſie, wenn er eine Zeichnung machen mußte, für die er gewiß war etwas Geld zu verdienen. Zu einer ſolchen Höhe war ſein Ruf ſchon geſtiegen, und er ſann wol darauf etwas Geld zu ſammeln, denn im Hintergrund ſeiner Seele lag, wie hinter fernem Gebirg, Apollonia, oder Italien— viel⸗ leicht Beides. Apollonia war nicht Braut und hieß nicht„die Schöne“ wie Trautel hieß; daher war ſie ſchüchtern und zaghaft dem Polydor gegenüber, der ſie mit ſeinen feurigen ſchwarzen Au⸗ gen immer nur verſtohlen anſah,— denn das hatte ſie trotz ihrer Schüchternheit doch bemerkt. Mit einiger Ueberwin⸗ dung alſo trug ſie ihm eines Tages ihre Bitte vor: er möge doch ihre Schutzheilige für ſie malen; ſie wolle dann das Bild über ihrem Bett aufhängen und Morgens und Abends zu ihr beten. Er verſprach es freudig. Nach einiger Zeit war Apollonia eines Abends im Wein⸗ berg, als Polydor hinaufſtieg und ihr ein blaues Papier reichte. Sie nahm es, und erkannte die heilige Apollonia, in ſchwarzer und weißer Kreide lebendig von dem blauen Hintergrund hervorgehoben, aber— mit ihren eigenen Zü⸗ gen. Sie ſchwieg vor Freude und Verlegenheit, und wen⸗ dete beſchämt ihren Kopf von ihm ab. Ihr weiches Profil zeichnete ſich lieblich auf dem goldnen Abendhimmel, und der Wind wehte ihr Haar über die Stirn, daß ſie wie verſchleiert war. Da bog ſich Polhydor raſch zu ihr und küßte ganz flüchtig ihre Wange, und in demſelben Augenblick packte ein - 4—, 24— mächtiger Arm den ſeinen, und ſchleuderte ihn fort, daß er die Weinbergſtiege hinabtaumelte. Apollonias Roſenwange aber, ſo eben erſt ſcheu von den Lippen der Liebe berührt, empfand die Schwere der zürnenden, väterlichen Hand, und in Polydors Ohr tönte der Schrei, den Schmerz oder Schreck dem armen Kinde abpreßte. Sein Entſchluß war gefaßt. Der Gedanke wieder der⸗ jenigen vor Augen zu treten, die unſchuldiger Weiſe ſeinet⸗ wegen mißhandelt worden war, vertrieb ihn aus ihrer Nähe. In der Dämmerfrühe des nächſten Morgens wanderte er mit einem Bündelchen auf dem Rücken Italien zu. Da er gehört hatte, daß man einen Paß haben müſſe, um nicht als Land⸗ ſtreicher verdächtig und eingeſteckt zu werden, ſo ließ er ſich in Trident einen Paß geben, für den er einige Gulden mehr zahlte, als nöthig war— um läſtigen Fragen zu entgehen — und fühlte ſich zum erſten Mal in ſeinem Leben vollkom⸗ men frei und ſein eigener Herr. Der Geldbeutel war leer, aber die Bruſt voll Hofnung und Muth. Bei achtzehn Jah⸗ ren iſt das genug. Zehn Jahre ſpäter iſt der gefüllte Beu⸗ tel nothwendig um Hofnung und Muth friſch zu erhalten, und abermals zehn Jahre ſpäter hat man, trotz aller Geld⸗ ſäcke der Welt, keinen Jugendmuth und keine Jugendhofnun⸗ gen mehr. Polydor wollte nach Rom. Wie weit das war, auf welchen Wegen man dahin gelange— das wußt' er nicht. Immer nach Süden! hatte ſein Freund der Tabuletkrämer, ein geborner Römer geſagt, und ihm von der Rieſenſtatue des Kaiſer Marcus Aurel und den Roſſebändigern auf Monte Cavallo erzählt, als Polhdoy ihm ein liegendes und ein ga⸗ loppirendes Pferd, beide. in Thon geknetet, vorzeigte. — 25— So ging er denn immer nach Süden. Manches Nacht⸗ lager, manches Mittagseſſen bezahlte er mit einem Porträt von Menſch oder Thier. Ja, hatte er des Hausvaters ſchöne, junge Frau, oder die hübſchen Kinder der Hausfrau, oder irgend eine garſtige Pantippe von Wirthin recht ſauber ge⸗ zeichnet, ſo gab: man ihm noch einen Zehrpfennig oder ein Frühſtück mit auf die Reiſe. In Schenken und auf Jahr⸗ märkten war er gern. Wenn da die Bauern und Bürger Abends beim Wein zuſammen ſaßen, ſo trat er auf mit ſei⸗ ner Kunſt, ward immer gelobt und oft bezahlt. Hatte er dann wieder eine kleine Summe beiſammen, die ihn vor Mangel ſchützte— und dazu brauchte er ſehr wenig— ſo arbeitete er nur, was ihm eben einfiel. In und vor ſchönen Kirchen konnt' er tagelang ſitzen, und Alles ſo ſauber und genau er's nur vermogte nachzeich⸗ nen, oder noch lieber nachkneten. Dann kaufte er ſich Thon beim Töpfer, und formte mit geſchickter Hand Altäre, Säu⸗ lenreihen, gar Bildſäulen, oder Einzelheiten der Ausſchmük⸗ kung, die ihm wol gefielen. Zu Verona ſaß er einſt dem wunderlichen Grabmal der della Scala gegenüber und verſuchte es nachzuzeichnen. Es wollte ihm nicht gelingen, er warf unwillig den Hut vom Kopf, ſein Auge flammte, ſeine Wangen brannten, er ſah ſehr ſchön aus. Da kamen Fremde mit ihrem Cicerone. Er bemerkte ſie nicht, aber eine junge Dame aus der Geſellſchaft bemerkte ihn, und ſtatt das Grabmal anzuſehen, ſchaute ſie ſeinem emſigen Treiben zu. Endlich redete ſie ihn deutſch an— denn ſein Tyroler⸗Hut lag neben ihm— richtete mehre Fragen an ihn, ermunterte ihn zum Fleiß, lobte ſeine Arbeit, beſtärkte ihn darin nach Rom zu gehen. Ach, — 26— hätte ſie doch daran gedacht ihm die Mittel dazu zu erleich⸗ tern! Aber daran denken die Vornehmen nicht! Doch war Ida Schönholm dieſe junge Frau. Endlich nannte ſie ihm ihren Namen, fügte hinzu, er möge ſie in Rom beſuchen und ging mit ihrer Geſſellſchaft fort. Eine Stunde ſpäter war Polhdor zufrieden mit ſeiner Zeichnung und hatte darüber gänzlich die deutſche Gräfin und ihren Namen vergeſſen. Er zog weiter, nach Bologna, nach Florenz. Je mehr er ſah, deſto heißer wurde ſein Durſt etwas zu können, zu wiſſen, zu lernen, deſto mehr widerte es ihn an die langwei⸗ ligen Bilder zu zeichnen, mit denen er ſich ſein kümmerliches Brod erwarb. Oft hungerte er lieber. Oft, wenn er ein Geldſtückchen hatte, kaufte er lieber Thon, als Brod. Sein Anzug war ſo ſchmutzig und zerriſſen, ſo ganz bettelhaft, daß er nicht in die Gallerieen und Muſeen durfte, von deren Schätzen er doch reden gehört hatte auf ſeiner Künſtler⸗Pil⸗ gerfahrt. Aber er lag in der Loggia de Lanzi, und bor den Thüren des Battisterio, und im Dom und in Santa Croce, überall wo Bettler auch ſein dürfen— und unter ſeinen Lumpen zitterte und bebte er vor Entzücken, daß ſo Schönes auf der Welt ſei. Seine Sehnſucht nach Rom ſtieg immer höher. Sein einziger Gedanke war: welche Herrlichkeiten werd' ich dort finden. Nie fiel ihm ein: wie wird es mir dort gehen; und fuhr ihm das ja einmal durch den Sinn, ſo dachte er an die deutſche Gräfin, deren Namen er vergeſſen hatte— und das beruhigte ihn. Seine Wanderung durch die Romagna war entſetzlich. Er kämpfte mit Hunger, Hitze und Ermüdung. Das Por⸗ — 223— trätiren war ihm theils zuwider, theils fand er nicht hier die frühere Theilnahme. Die Leute waren weniger gaſtfrei — denn er ging jezt auf der großen Landſtraße, um den nächſten Weg nicht zu verfehlen— er ſelbſt, krankhaft reiz⸗ bar und matt, war nicht ſo freundlich und traulich wie ſonſt, gefiel nicht mehr den Frauen, dieſer mitleidigen Halbſcheid des Menſchengeſchlechts. Die Anſtrengung zehrte ihm das Mark aus den Knochen, die Sonne das Blut aus den Adern. Die verſengende Atmoſphäre färbte ihn braun. Seine Züge wurden welk und ſchlaff, ſein Gang ſchleppend. Aber er ging und ging. Einſt hob er ſein trübes Auge, und ließ es gedankenlos in der Ferne umherſchweifen. Ein runder Berg am Horizont feſſelte es. Oder war es kein Berg? zu abgezirkelt, zu re⸗ gelmäßig war die Maſſe. Er ſtrengte ſeine Sehkraft an— Gott! es war die Kuppel von St. Peter! ſo hatte man ſie ihm beſchrieben.„Rom! Rom!“ rief er und breitete ſeine Arme aus und die Thränen ſtürzten ihm aus den Augen. Nun fühlte er keine Erſchöpfung. Er ſah das erſehnte Ziel. Ach, Meilen lagen noch dazwiſchen, aber er wußte, er d fübli⸗ daß er es nun erreichen werde. Ein alter Hirt gab ihm barmherzig einen Trunk Zie⸗ genmilch. Das war ſein einziges Nahrungsmittel für den Tag. Wenn er eine halbe Stunde gegangen war, mußte er ſich niederſetzen und ausruhen, und immer ſchwerer wurde ihm das Aufſtehen. Ein Reiſewagen kam ihm entgegen. Ein verdrießlich ausſehender junger Mann ſaß darin, und beachtete nicht die Jammergeſtalt am Wege. Ein andrer Wa⸗ gen mit zwei hübſchen blonden Frauen fuhr an ihm vor⸗ über; ſie wendeten unwillig die Köpfe von dem ſchmutzigen, — 228 halbnackten Menſchen ab. Allein der Wagen fuhr nach Rom, und Polydor verſuchte ſich hinten auf die Koffer zu ſchwin⸗ gen. Es gelang. Er ſaß fünf Minuten oben und dankte ſeinem Glück. Da entdeckte das wachſame Auge des Bedien⸗ ten am Schatten, den der Wagen warf, den verdächtig aus⸗ ſehenden Mitreiſenden, und er rief dem Poſtillon zu, mit ſeiner langen Peitſche einmal herumzuſchlagen. Polydor ſtieg eilig von ſeinem Sitz. Ein Landmann auf einem zweirädrigen Karren, in dem nur Ackergeräth und etwas Kraut lag, fuhr langſam hinterher, ſah wie mühſam Polhdor ſich fortſchleppte, und hieß ihn ſich auf den Karren ſetzen. Er fuhr ihn bis eine Viertelſtunde vor der porta del popolo, dann führte ihn ſein Weg in die Campagna hinein, und Polydor, etwas ausgeruht, verließ dankbar den Karren, und betrat darauf nun endlich wirklich— Rom. Da war er! aber in welchem Zuſtand von Elend! Schuh und Strümpfe hatte er ſchon lange nicht mehr gehabt. Ueber⸗ flüßigkeiten des Anzugs, wie ein ſeidenes Halstuch, ein Paar bunte Tragbänder, waren verwendet um Nachtquartier und Zehrung zu bezahlen. In den letzten Tagen hatte er auch ſeine verblichene Jacke dafür hingegeben. So beſtand denn ſein Anzug aus zerriſſenen Hoſen, und den Fragmenten eines Hemdes und eines Hutes, die beide von ungefähr derſelben Farbe waren. Dabei war er ſo hungrig wie man iſt, wenn man in vielen Tagen keine ordentliche Mahlzeit, und in zwei⸗ mal vierundzwanzig Stunden gar keine gehalten hat. Er fing an in Rom umher zu irren; allein er ſah mehr nach Bäckerladen, als nach Bau⸗ und Bildwerken. Schaa⸗ ren von Bettlern erblickte er überall, aber Niemand, der ih⸗ nen eine Gabe reichte. Hätte er das geſehen, ſo würde er — 20— wol auch gebettelt haben. Nun war es ja umſonſt!— Seine Füße waren ſchwer wie Blei, krampfhaft zuckte es ihm durch die Glieder; in ſeinem Kopfe hammerte es, vor ſeinen Ohren ſauſ'te es. Er taumelte fort. Da war es ihm als ſtellten ſich alle Paläſte in einen Kreis um ihn, fingen an zu wanken, brachen ein—— er verlor die Beſinnung, und lag ohnmächtig im Koliſeum. Der Mond ging auf, glanzvoll wie er nur am ſüdlichern Himmel ſtralt. Gelaſſen, wie das Aug' eines ſeligen Gei⸗ ſtes, der die Ewigkeit vor ſich hat, blickte er nieder auf die Spuren einer Vergangenheit voll unſäglicher Größe, und einer Gegenwart voll unſäglichen Elends. Da ſauſ'te es wieder vor Polydors Ohren, denn er er⸗ wachte allmälig aus ſeiner Ohnmacht, und durch das Ge⸗ braus ertönten ihm Menſchenſtimmen: italieniſche Bettlerſtim⸗ men, deutſche Männerſtimmen, endlich eine Frauenſtimme. Die ſagte:„Ich kann durch dieſen Frieden in der Natur kein Menſchenweh klagen hören! einer der Herren leiht mir gewiß ſeinen Geldbeutel.“. „Sehr gern, war die Antwort, aber das Bettlervolk wird Sie unverſchämt verfolgen, wenn es weiß, daß Sie geben.“ „Thut nichts!“ ſagte die Frau ein wenig ungeduldig, und die Dankgebete der Beſchenkten ſagten, wie freigebig ſie geweſen. Da nahm Polydor alle ſeine Kraft zuſammen, ſtreckte die Hand aus und ſprach:„Ich hab' in zwei Tagen nicht gegeſſen.“ „Himmel! rief die junge Frau, das iſt der Throler von Verona!“ — 309— Sie erkannten ſich. Polydor war gerettet, er bekam ein Stück Brod, das ſie von einem der andern Bettler theuer erkaufte. Ihr Bediente mußte bei ihm bleiben, ihn in ein Wirthshaus führen, die Nacht ihn bewachen, daß er nicht durch unmäßiges Eſſen ſich ſchade, für anſtändige Kleidung ſorgen, für ein Bad, für einen Arzt— wenn es nöthig ſei — ſie bedachte Alles. Am nächſten Morgen ſollte Polydor zu ihr kommen. „Nun! den Menſchen hat ſein guter Stern hiehergeführt, ſagte im höchſten Erſtaunen einer von Ilda's Begleitern; Sie würdigen dieſen Bettler einer Aufmerkſamkeit, deren ſich We⸗ nige rühmen dürfen.“ „Soll ich einen Menſchen vor meinen Augen Hungers ſterben laſſen?“ fragte Ilda unwillig. „Und einen ſo ſchönen Menſchen!“ ſagte der andere Herr. „Richtig, lieber Baron! er hat es ſeinem ſchönen, ehr⸗ lichen Geſicht zu danken, daß ich ihn in Verona bemerkte Solche treuherzige Augen müſſen jeden erfreuen.“ „Haben Sie denn ſo gar tief hineingeſchaut?“ „Tief genug um zu wiſſen, daß ich ihm helfen kann.“ „Ich bewundre nur das außerordentliche alent der Da⸗ men, die Schönheit in Lumpen zu erkennen. „Ich habe daſſelbe Talent, nur in erhöhtem Grade, ſtets bei Männern, wenn nicht bewundert, doch gefunden.“ Dies Geſpräch war im ſcherzenden Ton geführt. Da hob der Herr, der zuerſt geſmrochen, in etwas ſchulmeiſtern⸗ dem Tone an: „Ich muß Sie aufmerkſam machen, meine gute Gräſ* daß Ihre große enüihenlieh Sie in Gefahr bringt“. 4 — „Moralprediger zu hören,“ ſagte ſie mit einer kurzen, wegwerfenden Kopfbewegung, und ging raſchen Schrittes zu ihrem Wagen. 3 Andern Tages erſchien Polydor gewaſchen und gekämmt, gekleidet und geſtärkt vor Ilda, und mußte ihr ſein ganzes vergangenes Leben erzählen. Dann ſollte er ihr ſeine Plane und Ausſichten mittheilen. Er hatte keine andre, als Bild⸗ hauer zu werden. Sie fragte nach ſeinen Kenntniſſen. Er hatte wiederum keine, konnte nothdürftig leſen und Buchſta⸗ ben ſchreiben. Aber zeichnen könne er— fügte er zuver⸗ ſichtlich hinzu. Sie begehrte Proben, und er brachte einige zerknitterte Blätter zum Vorſchein, die er ſeit Florenz in den Beinkleidertaſchen getragen. Alles war ſo verwiſcht, ſo be⸗ ſchmutzt und zerdrückt, daß es unmöglich war zu erkennen, geſchweige zu beurtheilen. Sie gab ihm Papier und eine Reisfeder— und mit leuchtenden Augen fing er an zu zeich⸗ nen: wie ſie da ſaß in ihrem Fauteuil, den linken Arm über ein Tiſchchen gelegt, worauf Bücher, Blumen und kleine Ge⸗ räthſchaften lagen, mit der Rechten ein Wachtelhündchen ſtreichelnd, das, die Vorderfüße an ihre Knie geſtemmt, auf den Hinterbeinen ſtand, und ſie verſtändig anſchaute. In leichten, kühnen Zügen, vollkommen ungezwungen, von un⸗ verkennbarer Aehnlichkeit war die Zeichnung. Dann zeich⸗ nete er noch einmal die Gräfin, größer, doch nur den Kopf, büſtenartig mit einer Draperie umgeben;— dieſelbe freie Hand und dieſelbe Aehnlichkeit! Ildas Herz ſchlug vor Freude über dieſen entſchiedenen Beruf. Sie fragte ihn, ob er nicht eben ſo gern Maler werden wolle; der verdiene leichter ſein Brod, und könne durch Porträtiren ſchnell berühmt werden. „Nein, ſagte Polydor, die Farben blenden mich.“ ¹ — 32— „Alſo Bildhauer! Aber nebenbei viel, viel lernen!“ Sie ſetzte ihm auseinander, wie nothwendig es ſei, daß er die Verhältniſſe des menſchlichen und thieriſchen Körpers genau kenne, damit er Rechenſchaft über das Warum ablegen könne, wenn Kunſtverſtändige und Meiſter ihn danach fragten. Eben ſo nothwendig ſei es, daß er die Gegenſtände kennen lerne, die von Malern und Bildhauern dargeſtellt wären, damit er ſelbſt beurtheilen möge, inwiefern die Ausführung und Auf⸗ faſſung ihnen gelungen ſei. Dies Alles ſei hauptſächlich in Büchern zu leſen und zu lernen, und er müſſe ſich viel Mühe geben um es zu verſtehen. Wenn er dazu entſchloſſen ſei, ſo wolle ſie ihm Lehrer geben, die ihm dabei behülflich wä⸗ ren, auch ſelbſt ihn von dem belehren, was ſie wiſſe; aber Anſtrengung dürfe er nicht ſcheuen. Polydor ſagte, er ſcheue keine. Durch die thätige Mitwirkung des deutſchen proteſtanti⸗ ſchen Predigers in Rom gelang es, für Polydor ein Unter⸗ kommen bei einem deutſchen Kupferſtecher zu finden, wo er als ein Glied der Familie aufgenommen und behandelt, und etwas unter Aufſicht geſtellt wurde. Dann wurde für den Unterricht Sorge getragen. Er mußte, wie ein Kind, ſchrei⸗ ben und rechnen lernen, und er lernte auch leicht und willig wie ein Kind, theils weil er es ſeiner Wolthäterin verſpro⸗ chen, theils weil er ſeinen Hauptzweck dadurch zu fördern hofte. Zuweilen ließ die Gräfin ihn rufen; dann war er ſtolz ihr irgend einen Beweis ſeiner Fortſchritte vorlegen zu können, und ihr Lob war ihm ein neuer Sporn. Oft nahm ſie ihn mit auf ihren Spazierfahrten und in Muſeen, und erzählte ihm von dem Leben und Treiben der alten großen Meiſter, und von den Zeiten des alten großen Roms. — 33— „Es geht mit meinem Throler,“ ſagte ſie oft froh zu ihren Bekannten, mit jenem kleinen unwillkürlichen Egoismus des Herzens, der uns den Gegenſtand unſerer Wolthaten als unſer Eigenthum betrachten läßt. 3 Nachdem ſie für Polhdor Anſtalt zum gründlichen Stu⸗ dium der bildenden Künſte getroffen, ging ſie im November nach Neapel. Aber, obwol Briefe der Lehrer und derjenigen Perſonen, denen ſie ihn empfohlen hatte, von ſeiner Entwik⸗ kelung und ſeinen glänzenden Fortſchritten ihr erzählten: ſo war ſie doch nicht darauf vorbereitet ihn ſo zu finden, wie er vor ihr erſchien, als ſie im April nach Rom zurückkam. Sein junger Genius hatte die Raupenhülle abgeſtreift, war aufgefahren und wiegte ſich auf friſchen Flügeln. In ſeinem treuen, glänzenden Auge funkelte geiſtiges Licht; ſeine Züge waren edler und feſter, die Geſtalt gehoben, die Bewegung frei. Ein unbeſchreiblicher Ausdruck von Glück lieh ſeinem Weſen einen eigenen Zauber. Dies war nicht die Heiterkeit, die Zuverſicht, die unbefangene Sorgloſigkeit, die uns auf jungen Geſichtern ſo erquickend und wehmüthig anſprechen, und die ſo lieblich ſind, weil ſie bewußtlos wie die Unſchuld ſind. Polydors Ausdruck war der ruhige des bewußten Glückes. Er wußte, daß er auf der Bahn ging, die die Vorſehung ihm beſtimmt.-. Mit einem Eifer, dem nur ſeine Ausdauer gleich kam, hatte er geſtrebt ſich zu unterrichten. Vom frühen Morgen bis in die ſpäte Nacht trieb er ſeine Studien, und fühlte weder geiſtige noch körperliche Ermüdung. Trat je ein Au⸗ genblick der Abſpannung ein, ſo ſuchte er in der Praris der Kunſt wieder die friſche Anregung zu finden, die von der Theorie zuweilen gelähmt wird, und nur als Erholung hatte Ilda Schönholm. 4 — 3 4— er den Winter hindurch gezeichnet und modellirt. Da jezt aber auch die Ausübung der Kunſt in ihre Rechte treten ſollte, führte Ilda ihren Schützling zu Thorwaldſen, der ihn mit jenem Wolwollen aufnahm, das aus dem großen Künſt⸗ ler einen ſo liebenswürdigen Menſchen macht. Unzählig ſind die Züge ſeiner Menſchenfreundlichkeit. Einſt kam ein junger Maler aus den Wäldern von Litthauen nach Rom, fremd, unbemittelt, ohne Schutz. Er wandte ſich an Thorwaldſen, der ſich ſogleich von ihm malen ließ, um ihm dadurch nicht nur eine Unterſtützung, ſondern auch einigen Ruf zu ver⸗ ſchaffen. Wenn man ſo viel von dem Hochmuth und der ſtarren Unzugänglichkeit großer Künſtler reden hört, ſo er⸗ freuen dergleichen kleine Züge doppelt. Polydor arbeitete bei Thorwaldſen, Ilda brachte den Sommer in der Schweiz zu, und führte ihn im Winter auf ein Paar Monate nach Neapel und Sicilien, damit ihm die üppige Natur des Südens und die Rieſentrümmer doriſcher Baukunſt nicht fremd blieben. Den letzten Sommer vor ih⸗ rer Abreiſe aus Italien war ſie in der Lombardei, meiſt auf einer Villa am Comer⸗See, wo Polhdor ſich einige Zeit bei ihr aufhielt, ehe beide den Weg über die Alpen ſuchten. Er war jezt zwanzig Jahr und wollte ſelbſtändig in der Welt ſein. Nicht als ob Ildas Wolthaten auf irgend eine Weiſe dn drückten! für natürliche, unverdorbene Menſchen iſt Dankbarkeit keine Laſt; und ihre freie, ſtolze Seele hätte es nie begriffen, daß man mit der einen Hand geben könne, um mit der andern in Feſſeln zu ſchlagen. Sie liebte zu ſehr die eigene Unabhängigkeit, und hatte zu große Frende an ſelbſtändiger Entwickelung, um ſie nicht gern andern zu gön⸗ nen. Was Polydor als armer Bauerknabe gethan um ſein Leben zu friſten, das wollte er nun im größern Styl fort⸗ ſetzen: porträtiren, Büſten machen. Sein außerordentliches Talent die Aehnlichkeit zu treffen, ſchien ihm Fortkommen auf dieſer Bahn zu verbürgen, und das Glück einiger Wie⸗ ner Maler, die für ein in zwei Tagen gefertigtes Aquarel⸗ Porträt 15 Dukaten erhielten, ein ähnliches ihm zu verhei⸗ ßen. Darum ging er nach Wien. Vielleicht zog auch noch ein heimliches Intereſſe, aus der Kindheit mit herüber ge⸗ bracht, ihn nach der Kaiſerſtadt ſeines Vaterlandes. Ilda kannte Niemand dort; alſo konnte ſie nichts weiter thun, als für den Augenblick ſeine Exiſtenz ſicher ſtellen. Drittes Kapitel. Der gewöhnliche Aufenthaltsort der Gräfin Schönholm war ein freundliches Schloß von einem ſehr großen und ge⸗ ſchmackvollen Park umgeben, der unmittelbar vor den Thoren einer bedeutenden Seeſtadt Norddeutſchlands, und an dem Ufer eines vielbeſchifften Fluſſes lag. Der Park war zu jeder Zeit allen Beſuchern offen. Ani großen Eingang, von der Chauſſee aus, lag die Wohnung des Portiers im Ge⸗ ſchmack einer Cottage erbaut. Er hatte ſchon vom verſtorbe⸗ nen Grafen die Erlaubniß erhalten den Beſuchern des Parks, auf deren Begehr, Erfriſchungen vorſetzen zu dürfen, und machte ein gutes Geſchäft als Kaffeewirth, denn der Park war von jeher der Lieblingsſpaziergang der Stadtbewohner 3* — 36— 1— in dieſer an Naturſchönheiten nicht reichen Gegend geweſen. Er war ſo weitläuftig, daß man in den Hauptalleen reiten und fahren durfte, und daß gewöhnlich verſchloſſene und nur an einem Wochentag geöfnete Abcheilungen deſſelben, die Orangerie und der Blumengarten der Gräfin, nicht die Pro⸗ menade beeinträchtigten. Gräfin Ohlau, Ilda's Mutter, be⸗ wohnte immer das Schloß. 3 Ein Spätſeptembertag mit linder Luft und wolkenloſem Himmel hatte alle Welt nach Ruhenthal hinausgelockt, und man ging und ſaß, ritt und fuhr unter den dünnbelaubten und allmälig bunt ſich färbenden Lindenalleen und Buchen⸗ hainen. Der Platz vor der Cottage war ſehr belebt. Grup⸗ pen ſaßen um Thee⸗ und Kaffeetiſche. Herren, mit und ohne Cigarren, hatten ſich in Zeitungslectüre vertieft— denn der Portier war ein Mann von Weltkenntniß und wußte, welch ein Magnet Journale heutzutage wären— und manches Frauenauge blickte mit unverholenem Erſtaunen zu den Le⸗ ſern hinüber, nicht begreifend, wie man einen Journalartikel über ſpaniſche Zuſtände ihrer Converſation vorziehen könne, obgleich das etwas iſt, woran ſie ſich nach gerade gewöhnt haben ſollten. 3 Zu einem jungen Mann im blauen Ueberrock, der in einem kleinen Buch leſend einſam daſaß, flogen ſehr oft die Blicke der Frauen. Bemerken mogte er es, aber er beachtete es nicht. Die Geſellſchaft war ihm in dieſer Stadt zu un⸗ beholfen, zu kleinſtädtiſch, zu langweilig. Er miſchte ſich nur gerade genug unter ſie um nicht aufzufallen. Ein Miniſter hatte ihn kürzlich hergeſchickt um ein gewiſſes Archio zu ord⸗ nen und darin zu arbeiten. Einige ſagten, er ſei die rechte Hand des Miniſters; Andere, er ſei deſſen natürlicher Sohn — 37— und zu einer glänzenden Carriere beſtimmt; noch Andere gar, er ſei der eines Prinzen des Hauſes. Von Allem war keine Sylbe wahr. Otto hieß dieſer junge Mann. „Sie kommt! Sie kommt!“ rief ein ältlicher, ziemlich beleibter Herr, aus dem Innern des Parks an einen Tiſch eilend, wo mehre junge Männer plauderten. Dieſe riefen durcheinander:„Wer?— Wann?— Die Cholera?— Iſt die Königin von Spanien entwiſcht?— Kommt die Schröder⸗Devrient aus England zurück?“— „Was Königin! Was Sängerin! ſie iſt beides in einer Perſon! kurz ich ſag' Ihnen, Gräfin Schönholm kommt näch⸗ ſtens. Sie hat es heute früh ihrer Mutter geſchrieben, und ich komme ſo eben von der. Nun, freut ſich Niemand?“ Wieder erhoben ſich mehre Stimmen:„Ja, wenn ſie uns gute Diners geben wird.— Wenn die italieniſche Sonne ihren Hochmuthspanzer geſchmolzen hat.— Was geht ſie mich an!— Langweilige Perſon!— Die Schröder⸗Deorient wäre mir hundert Procent lieber.— Andre Nachrichten, Baron!“— „Weiß nichts!“ brummte dieſer verdrießlich, ſetzte ſich, nahm den Hut ab, um mit einem Foulard die Stirn zu wi⸗ ſchen, drückte ihn dann tief in die Augen, rief mit Stentor⸗ ſtimme:„Kaffee!“ und ſchien entſchloſſen zu ſchweigen. Da ertönte eine Frauenſtimme vom nächſten Tiſch:„Iſt's wahr, lieber Baron, kommt die Schönholm bald?“ Der Baron fuhr herum:„Ja, Gnädigſte, noch im Laufe dieſes Monats!“— und als die Dame eine winkende Hand⸗ bewegung machte,— weil ſie ſchon lieber von einer hüb⸗ ſchern jüngern Frau, als gar nicht, reden hören und ſelbſt -— 38— r reden wollte— ſo folgte er dem Wink, und ſetzte ſich zu ihr und ihrer unſchönen Tochter. „Nun was ſchreibt ſie?“ fragte die Dame weiter. „Außerordentlich niedergeſchlagen über den furchtbaren Tod ihres Vetters, und vielleicht noch mehr über das Schick⸗ ſal ihrer Couſine— was ſie Beides erſt in Schloß Ohlau erfahren hat. Dann macht ſie ihrer Mutter leiſe Vorwürfe, daß ſie ihr dieſe Begebenheit verſchwiegen.“ „Wie konnte die Mutter ihr das verſchweigen! Alle Welt wußte es, jeder Zufall konnte es offenbaren!“ „Sie wiſſen, wie die gute Mutter iſt! Ich gab ihr auch meine Verwunderung zu erkennen; da erwiderte ſie mir, ſie habe nicht ihrer Tochter die Trauerbotſchaft mittheilen mö⸗ gen, weil ſie gefürchtet, daß ſie dann nicht für dieſen Winter nach Deutſchland kommen⸗ oder wol gar, daß ſie zur Gräfin Ondine gehen werde.“ „Und wo iſt dieſe abſcheuliche Frau gegenwärtig?“ „Still, ſtill, ums Himmelswillen! man weiß nichts, ſag ich Ihnen, gar nichts! man vermuthet nur.“ „Aber auf keinen Fall könnte die Schönholm daran denken zu dieſer Frau zu gehen.“ „Ach, Allergnädigſte, ſie denkt und thut Dinge, die man ſich nicht träumen läßt, und es liegt ganz in ihrem Cha⸗ rakter, daß ſie ihre Couſine aufſuchen würde, weil ſie un⸗ glücklich iſt.“ „Sie brauchen ein mildes Wort, guter Baron.“ „Warunm ſollt' ich nicht! ich gleiche darin den Griechen, von denen ich einmal geleſen habe, daß ſie aus Liebe für den Wolklang den Dieb einen Liebhaber genannt hätten. In unſern Tagen ſollte man die Liebhaber Diebe nennen— - — 39— nicht?“— Er gab ſich Mühe ſchlau zu lächeln und mit den Augenlidern zu zwinkern, was ſeinem gutmüthigen breiten Geſicht ſehr poſſirlich anſtand. Die Dame bemühte ſich eben ſo vergeblich impoſant aus⸗ zuſehen, und fragte weiter:„Da die Schönholm in tiefer⸗ Trauer iſt, wird ſie wol wenig Geſellſchaft ſehen?“ „Vor der Hand— wahrſcheinlich! indeſſen— petit à petit Poiseau fait son nid— um die Mitte des Winters wird doch Alles wieder bei ihr ſein, und daher war mein Staunen groß, als die jungen Herren vorhin mit ſolcher Gleichgültigkeit die Nachricht aufnahmen, daß ein ſo gutes Haus ſich ihnen wieder öfne.“ „Sie wiſſen, Gräfin Schönholm iſt ſehr wenig zuvor⸗ kommend gegen junge Leute“...— „Sie iſt es gar nicht, was noch mehr iſt, und nur für ältere Männer die Artigkeit ſelbſt. Sie findet es artig ge⸗ nug jungen Leuten, die oft noch ſo ungeſchickt ſind, ihren Salon zu öfnen. Aber freilich muß man ſich da mehr ge⸗ niren, wie in dem einer Tänzerin! zu meiner Zeit war es doch anders.“ „Nein, guter Baron, es war eben ſo. Die Männer waren immer am liebſten dort, wo ſie à peu de frais für charmant galten. Uebrigens ſcheint es mir ſehr ſchwer der Gräfin Schönholm zu gefallen. Ausgezeichnete Männer ſol⸗ len ſich umſonſt bei ihr bemühet haben.“ „Man ſagt es.“ „Ich kenne ſie wenig, denn Sie wiſſen, daß ich nur ein Jahr vor ihrer Abreiſe nach Italien mich hier etablirte; doch ich habe von einigen Perſonen gehört, ſie wolle eine Incli⸗ nationsheirath oder gar keine ſchließen.“ — 40— „Da würde ſie vollkommen Recht haben.“ „Wenn es aber wahr iſt, daß ſie im Fall einer Ehe den Genießbrauch des glänzenden Vermögens ihres verſtor⸗ benen Mannes verliert: ſo müßte ſie bei dieſer Inclinations⸗ partie doch auch andre Rückſichten nehmen.“ „Mein Gott, wer redet denn von einer ſolchen?“ rief der Baron ungläubig und doch neugierig. „Ich nicht, denn ich kenne ſie zu wenig. Allein ich habe von einem Künſtler gehört, einem Violinſpieler, glaub' ich, den ſie hat erziehen laſſen— daraus ſoll eine heftige Paſ⸗ ſion von beiden Seiten erwachſen ſein.“ „Der kleine Polhdor! nimmermehr! Ich war mit ihr in Rom, als ſie ſich ſeiner annahm. Der gute ſteife Gene⸗ ral Krück auch, der jezt ſchon todt iſt, und damals noch den Liebenswürdigen zu ſpielen verſuchte, was ihn ſehr unliebens⸗ würdig machte. Polydor? der junge Bildhauer?— ich glaub' es nicht.“ „Wie er heißt und was er iſt, weiß ich nicht. Doch Sie ſagten ja ſelbſt ſo eben, es läge im Charakter der Grä⸗ fin Schönholm das Ungewöhnliche zu thun.“ „Nun ja— doch dies wäre geradezu eine Tollheit. Dieſer Menſch hat nichts, iſt nichts— Sie machen mich ganz unruhig.“ „Alſo halten Sie es nicht für unmöglich?“ „Gott, Napoleon iſt auf St. Helena geſtorben, und der Sohn eines gascogniſchen Advokaten trägt die Krone der Waſa— was iſt unmöglich, Allergnädigſte?“ „Aber gewiß iſt es noch nicht? die Mutter hat noch nicht davon geſprochen?“ „Auf Ehre nicht! keine Sylbe. Der Brief war ſo traurig.“ — 41— „Guten Abend, Baron. Es wird kühl, ich fahre.“ Mutter und Tochter gingen mit freundlichem Gruß. Der Baron blieb einſam bei ſeinem Kaffee mit dem Hamburger Korreſpondenten. „Das lügt Alles durcheinanderl⸗ rief er endlich und ſtand auf.„Ach, mein lieber Otto, Sie noch hier? das iſt gut. Laſſen Sie uns zuſammen gehen und plaudern. Dar⸗ über werd' ich meinen Aerger vergeſſen. Ein ſo ſchöner Abend, und die dummen Leute laufen herein, weil es dunkel wird! Sie wiſſen nichts Gutes zu ſchätzen.“ „Doch! wenn es ihnen zu gut kommt.“ „Das Gute kommt gewiſſermaßen Allen zu gut.“ „Aber Keinem excluſiv, und darum gerade iſt es gut, und wird wenig anerkannt.“ „Das iſt wahrhaftig auf ſie anzuwenden!— ich meine auf die Gräfin Schönholm.“ „Gewöhnlich auf das Genie.“ „ Aber ſie iſt nicht blos ein Genie, ſie iſt auch ein En⸗ gel! man kann mit ihr ſcherzen, ſie nimmt's nicht übel; man kann von ernſten Dingen mit ihr reden, es langweilt ſie nicht; ſie hat ſo viel Unglück gehabt und ſteht immer friſch im Leben da; ſie hat ſo viel geweint und iſt doch nicht lar⸗ mohant; ein zartes Herz und eine mächtige Seele!— Ich behaupte nicht, daß ſie keine Schwächen und Fehler habe, z. B. etwas Hochmuth, etwas viel Selbſtvertrauen; aber dennoch iſt ſie himmliſch gut. Haben Sie das Buch geleſen, das ſie unter dem Titel: Ein Denkmal— herausgegeben?“ „Ja, ſo eben noch. Es iſt unvergleichlich an Grazie der Phantaſie und Tiefe des Gefühls. Wem hat ſie dies Denkmal geſetzt?“ — 412— „Einem Todten, dem Lord Henry Killarneh. Ich weiß die Geſchichte, ich werde ſie Ihnen erzählen— wenn es Sie nicht langweilt. Verdreht und verſtümmelt haben Sie ſie vermuthlich ſchon gehört.“ „Deſto lieber hör' ich jezt die Wahrheit.“ „Der Vater der Gräfin Schönholm hieß Graf Ohlau, war mein lieber alter Freund, aber ein leichtſinniger Patron. Er ſtarb gerade zu rechter Zeit, nachdem er ſein Vermögen, das nie bedeutend war, in alle vier Winde geſtreut hatte. Es wurde geordnet und gerettet was irgend möglich war, und ſeine Wittwe lebte eingezogen, aber anſtändig und erzog ihre Tochter aufs Vollkommenſte. Indeſſen vermuthete Kei⸗ ner von uns, was aus dem Kinde werden würde, und ſie ſelbſt wol am wenigſten. Manche Mütter müſſen ſich ver⸗ wundern, wie ſie zu ſo ganz von ſich verſchiedenen Kindern kommen! Väter weniger— nicht?“ Und wieder machte der Baron die poſſirliche Grimaſſe, die er annahm, wenn er glaubte einen kecken Scherz gewagt zu haben. Otto lachte laut über ſeine komiſchen Mienen und der Baron ſagte: „Ja, ja, Sie lachen jezt! dereinſt wird Ihnen die Sache weniger ſpaßhaft vorkommen!“— dann lachte er ſelbſt herz⸗ lich über ſeinen unerſchöpflichen Witz, und fuhr endlich fort: „Nun, Gräfin Ohlau iſt die Tugend ſelbſt, aber in Sorgen und Mühen iſt ſie jung geweſen und alt geworden, und von dem Geiſt und der Lebhaftigkeit ihrer Tochter hat ſie nichts. Als dieſe ſiebzehn Jahr alt war, war ſie an Schönheit und Huldgeberden elne Wunderſage auf Erden— wie ich geſtern in einem orientaliſchen Gedicht geleſen— und Graf Schönholm ein reicher, braver rechtſchaffener Mann 43— warb um ſie und heirathete ſie ſogleich. Mit einer ſolchen Ruhe und Unbefangenheit, wie die kleine Ilda, habe ich nie heirathen ſehen. Sie freute ſich nicht, ſie betrübte ſich nicht, ſie zeigte ihrem Verlobten weder Zu⸗ noch Abneigung, ſie äußerte weder Furcht noch Bedauern. Die Heirath ſchien ihr zum Gang ihres Lebens zu gehören. Aber bald ſtellte ſich die Sache anders, denn die beiden Menſchen harmonir⸗ ten ſo wenig wie Luft und Erde, und die Ehe blieb kinder⸗ los. Darüber war Graf Schönholm ſehr verdrießlich, und man kann nicht wiſſen was für Szenen vorgefallen ſind, denn etwas roh war er. Aber Ilda klagte nie, ſagte kein Wort, obgleich die Mutter in der Stadt lebte; nur verfiel ihre Geſundheit und ſie ward außerordentlich ernſt und im⸗ mer ſtiller und ſtiller. Auf einmal brach ein unerhörter Ju⸗ bel aus, ſie ſei guter Hofnung. Napoleon traf große An⸗ ſtalten für die Geburt des Königs von Rom; Graf Schön⸗ holm— proportion gardée— desgleichen. Er rechnete auf einen Sohn mit einer Gewißheit, die mich ärgerte, denn wenn der liebe Gott ein Mädchen beſcheerte, ſo hätte die Frau es wahrſcheinlich wieder verſchuldet und Hartes darum gelitten. Ich fragte ihn auch einmal, ob er glaube, daß der Himmel ein eben ſo lebhaftes Intereſſe an der Geburt der Töchter, wie an der der Söhne nähme; ich für mein Theil bezweifelte es, wenn ich ſähe, wie die Väter ſich geberdeten. Er machte ein Paar fürchterliche Augen und ſagte:„Herr Baron, Sie ſind nicht der Letzte Ihres Namens und Stam⸗ mes.“— Ilda ſprach weder Wunſch, Freude noch Hofnung aus; ſie war und blieb ſchweigend. Endlich kam ſie nieder und richtig mit einem Sohn. Schönholm triumphirte. Mit ſolchem Jubel iſt wol ſelten ein kleiner Erdenbürger empfan⸗ — 44— gen worden, und ſtellen Sie Sich die Verzweiflung vor, als er nach fünf Wochen ſtarb. Acht Tage ſpäter brachte man Graf Schönholm mit einer tödtlichen Kopfwunde nach Ru⸗ henthal. Er pflegte wie ein Wahnſinniger zu reiten, ſein wildes Pferd hatte ſich geſcheut und ihn an den Eckſtein einer Brücke geſchleudert. Er ſtarb binnen vierundzwanzig Stunden. Sein Teſtament bewies Gleichgültigkeit für ſeine Frau und Intereſſe für ſeinen Namen; es gab ihr den Ge⸗ nießbrauch des ganzen Vermögens, ſo lange ſie Gräfin Schön⸗ holm blieb; verheirathete ſie ſich aber, ſo ging es gleich an irgend eine entfernte Verwandtenfamilie in Schweden über, gerade ſo als ob ſie todt ſei.— Dies iſt die äußere Ge⸗ ſchichte der orei Eheſtandsjahre der Gräfin. Nun giebt es noch eine innere, von der aber freilich ein Dritter wenig zu erzählen weiß, wie überhaupt von jeder Liebesgeſchichte, bei der es keine Duelle, Scheidungen und Scandal gegeben. Ungefähr ein Jahr vor dem Tode Schönholms kam Lord Killarneyh nach Ruhenthal. Dies war ein junger Irländer, den der Graf auf einer Reiſe nach England kennen gelernt, und mit ſeiner gewohnten Gaſtfreiheit— ſeine liebenswür⸗ digſte Eigenſchaft— zu ſich eingeladen hatte, wenn er je le grand tour auf dem Continent machen wolle. Aus ſeiner vaterländiſchen Provinz Connaught kam er plötzlich mit dem Dampfſchiff von London herüber. Hab' ich je einen melan⸗ choliſchen Menſchen geſehen, ſo war es dieſer Lord Henry. Der Jammer ſeines Vaterlandes nagte ihm am Herzen. Er kam des wolfeileren Lebens wegen auf den Continent, denn er mogte nicht ſeinen armen Unterthanen das abpreſſen und entziehen, was er in London verbrauchte, wo ſeine Geſchäfte und Verhältniſſe ihn bisweilen in das große Leben der Rei⸗ chen warfen. Dabei hatte er Augen wie die Porträts von Lord Byron, und ſo ein napoleonfarbenes Colorit, wie die Büſten der alten Imperatoren.— Sie haben ein ähnliches, Sie ſehen, ich bin nicht ganz umſonſt in Italien geweſen. Nun, um es kurz zu machen— Lord Henry und die Grä⸗ fin liebten ſich, das war unverkennbar und nicht zu leugnen. So wie ſie ins Zimmer trat, nein, ſo wie nur ihr Name, nur eine Beziehung auf ſie genannt wurde— verklärte ſich ſein Geſicht, und mit ihr war es derſelbe Fall. Er blieb und blieb, ging mit Schönholm auf die Jagd, ſpielte Billard und Schach mit ihm, hielt Schieß⸗ und Reitwetten mit ihm — kurz, die Sache ſchien richtig zu ſein. Sie müſſen wiſſen, daß ich, wenn ich von einem Verhältniß der Art höre, nie und nichts glaube, als bis der Gemal anfängt ſich mit dem Aspirant zu liiren. Sind die beiden Männer erſt dicke Freunde, dann glaube ich, und unter hundert Fällen habe ich neunundneunzig Mal Recht gehabt. Es iſt ſeltſam, wie der Eheſtand die Männer verdummt und die Frauen klug macht. Letztere werden ſo ſchlau, daß, wenn nicht ihre Leidenſchaft⸗ lichkeit zuweilen die Oberhand gewönne, und wenn nicht die Anbeter durch Unvorſichtigkeit oder Prahlerei Blößen gäben — Alles nur bei vagen Vermuthungen bleiben müßte; nun, das iſt zu begreifen. Warum aber die Männer in eine ſo ſtupende Dummheit verfallen, daß ſie nicht ſehen, nicht hören, nicht ahnen, was weltkundig und doch wahrhaftig für ſie ſelbſt von Wichtigkeit iſt— das habe ich nie begreifen kön⸗ nen. Edles Vertrauen! warum nicht gar! länger als die Flitterwochen hindurch hegt es keiner. Eitelkeit und Gleich⸗ gültigkeit— voilà! man ſieht die Frau nicht mehr mit den⸗ ſelben Augen an, aber man meint, ihr Auge müſſe immer daſſelbe bleiben.“ „Sie ſind wahrſcheinlich nie oder mit einem Engel ver⸗ mält geweſen, um ein ſo eifriger Ritter der Frauen zu ſein, beſter Baron.“ „Nie, mein Lieber, nie! eben ſo wenig bin ich ein Rit⸗ ter der Frauen. Ein Geſchlecht iſt heutzutage gerade ſo ver⸗ derbt wie das andere, und nur das weibliche hat den Vor⸗ zug der Klugheit, denn es gehört zu den mirakulöſen Aus⸗ nahmen, daß eine Frau einfältig genug iſt ſich mit derjeni⸗ gen zu liiren, der ihr Gemal den Hof macht.“ „Alſo war das Verhältniß der Gräfin Schönholm und des Irländers wie alle andre der Art?“ „Ich hab' geſagt: die Sache ſchien richtig zu ſein. Auf einmal aber verſchwand Lord Henry, zum allgemeinen Er⸗ ſtaunen und zur Betrübniß Schönholms, von dem er nur einen kurzen, herzlichen, ſchriftlichen Abſchied nahm, und den abgebrauchten Vorwand von plötzlicher trauriger Nachricht angab. Am frühen Morgen war er fortgefahren; Abends las Schönholm den Brief einem ziemlich großen Kreiſe vor, der laut in Bedauern über die Entfernung des liebenswür⸗ digen Lord Henry ausbrach und heimlich mit unendlicher Neugier das Ehepaar beobachtete. Einige meinten ſpäter, der Graf Schönholm habe ſeine Rolle vortreflich geſpielt; aber er war de bonne foi dabei; denn erſtens, wenn er Lord Henry hätte gehen heißen, wie hätte er ihn zwingen können, ein ſo herzliches Billet zu ſchreiben. Und zweitens ſprach er den ganzen Abend ununterbrochen von ihm, fing ſtets von ihm wieder an, ſobald etwas Neues auf's Tapet gebracht wurde— wie das ſeine langweilige Gewohnheit bei — 47— allen Dingen war, die ihn intereſſirten;— hätte er etwas gewußt, ſo würde er nicht gewagt haben die Faſſung ſeiner Frau auf eine vierſtündige Probe zu ſtellen. Nein, er war vollkommen unbefangen! Die Gräfin blaß wie ein Geiſt, aber ruhig! Aller Augen wendeten ſich auf ſie, als man nach dem Grund der Abreiſe fragte. Sie ſchlug die ihren groß und feſt auf, und ſagte blos: Ich weiß nur, was Ludwig weiß, und kann keine genauere Auskunft geben.— Nach zwei Mo⸗ naten erhielt Schönholm einen Brief von Lord Henry aus Norwegen; doch man hatte ihn ſchon ziemlich vergeſſen. Dann kam die Niederkunft der Gräfin, wobei allerdings ſein An⸗ denken wieder aufwachte und viel von ihm geſprochen ward, bis die beiden Todesfälle jedes andre Geſpräch verſchlangen. Ilda war niedergeſchlagen und betrübt über den Verluſt von Sohn und Gemal, doch nicht faſſungslos. Da erhielt ſie in der letzten Hälfte ihres Trauerjahres plötzlich die Nachricht von Lord Killarneys Tod; er hatte nach dem Orient reiſen wollen und war bei einem Schiffbruch im atlantiſchen Meer umgekommen. Nun brach ſie zuſammen. Sechs Monat hat ſie in faſt klöſterlicher Abgeſchiedenheit, weiß Gott wie! ver⸗ lebt, und kaum ihre Mutter geſehen, dann machte ſie mit der eine Reiſe nach England, wobei Schottland und Irland das Hauptziel waren, und von dort kehrte ſie zurück ungefähr ſo wie ſie jezt iſt: entſchloſſen mit dem Leben fertig zu werden und es auf einer ihr homogenen Bahn zu durchwandeln. Nach und nach kam ſie mit einer Menge Blüten ihrer Phantaſie zum Vorſchein, Zeichnungen, Gedichte, Novellen, womit ſie im Stillen ſich zerſtreut und getröſtet, und die ſie ſorgſam verborgen hatte, weil Graf Schönholm über der⸗ gleichen Beſchäftigungen die Achſeln zuckte; und ſei es die — 48— Theilnahme befreundeter, oder der Beifall fremder Perſonen, oder der Drang des Genius, der für eine Welt ſchaffen mögte, oder— was weiß ich! kurz, ſie gab vor drei Jahren dies phantaſtiſche Denkmal heraus, wo Alles ſo arabesken⸗ artig um ein verhülltes Bild gereiht iſt, wie Blumenkränze, Votiobilder, Kerzenglanz und Weihrauch um einen Heiligen⸗ ſchein. Dieſe Phraſe hätte ich nicht ſo ſchön erfunden; ich habe ſie mir aus einer Recenſion gemerkt. Nächſtens kommt ſie und bringt neue Schätze mit, und Niemand freut ſich, und man erfindet alberne Geſchichten über ſie.“ „Wie kann Sie das ärgern? die Welt iſt weder geiſt⸗ reich noch witzig und macht Erfindungen, wie ſie's eben verſteht.“ „Ja, wenn ſie nur einigermaßen in dem Sinne und Charakter der Gräfin wären! aber ſie iſt keine Freundin der Ehe und ſoll heirathen! iſt ariſtokratiſch geſinnt, und ſoll den kleinen Tyroler Bauerbuben heirathen! Sie ſehen wol, das geht nicht.“ „Sie ſcheint eine ſtarke Seele zu haben, drum muß ſie mächtiger Liebe fähig ſein, und wenn ſie den kleinen Tyroler Bauerbuben, wie Sie ihn nennen, liebt, ſo mag ſie ſich ja wol über Vorurtheile hinwegſchwingen können.“ „Vorurtheile, Beſter? ach, Sie ſind auch junges Deutſch⸗ land.“ „Nur halb, denn Widerwill gegen die Ehe ſcheint mir ein Vorurtheil. 4 „Weiß Gott, ob's auch ihr Ernſt iſt denn ſie ſagt oft ernſthafte Dinge mit ſcherzhaftem Ton, und luſtige ſo ernſt, daß man nie ſeiner Sache, ich meine ihrer Anſicht, gewiß iſt. Aber das letzte Wort, was ich bei einem Heirathsantrag, — 49— den ſie ausſchlug, von ihr hörte, war in Italien, und ſie ſagte: Himmel, iſt's denn nicht thöricht genug, daß ich Dich⸗ terin bin zu einer Zeit, wo Niemand den Dichter achtet? und man verlangt, daß ich mich verheirathe und kein Menſch achtet die Ehe?— Dabei blieb es. Ich glaube, ſie kann Lord Henry nicht vergeſſen.“ „Gewiß nicht, ſo lange die Richtung, welche dieſe Liebe ihr gegeben, ihr genügt.“ „Mein Gott, kennen Sie ſie etwa? Sie ſprechen ſo be⸗ ſtimmt.“ „Ich kenne nur ihr Buch, aber unwillkürlich formt man ſich das Charakterbild eines intereſſanten Schriftſtellers aus und nach deſſen Werken.“ „Ach, intereſſant iſt ſie im höchſten Grade! nicht wahr?“ „Sie iſt es durch dieſe glühende und doch ſo zarte Liebe, die ſie mit einer Unbefangenheit ausſpricht, wie einſt Heloiſe es gethan. Aber was mich noch mehr hinreißt, iſt, daß ſie nicht blos auf das Klopfen ihres Herzens hört, ſon⸗ dern dem Schmerz der Menſchheit und der Klage eines Vol⸗ kes zugänglich geblieben iſt. Die Geſänge aus Erin ſind vielleicht die ſchönſten der Sammlung, und die Zeichnungen dazu gewiß die tiefſinnigſten.“ „Sie können ſich aber auch nicht vorſtellen, welche er⸗ greifende Schilderungen Lord Killarneh davon zu machen pflegte.“ „Ich will gern glauben, daͤß ihre Phantaſie durch ihn auf dieſen Gegenſtand gelenkt und erregt iſt; allein, wie ſie ihn in ihrer Seele aufgenommen und dann ihn wiedergege⸗ ben hat, das geht aus eigener Kraft und eigener Anſchauung hervor.“ Ilda Schönholm. 4. 4 — 5o— „Mein beſter Otto, ſo wie die Gräfin angekommen iſt, werde ich Sie ihr vorſtellen, und ich glaube, Sie werden ſich Beide gut conveniren.“. Sie ſchüttelten die Hände und trennten ſich. Nach we⸗ nigen Tagen traf Ilda wirklich in tiefer Trauer und ſehr niedergeſchlagen in Ruhenthal ein, und beglückte ihre Mut⸗ ter, den Baron und einige Perſonen ihres engeren Kreiſes durch die Verſicherung, ſie werde den ganzen Winter hier zubringen. Doch vor der Hand wollte ſie keine Geſellſchaft ſehen, ſie wäre zu traurig, zu beſchäftigt, und könne an nichts Theil nehmen, bevor ſie nicht einige Gewißheit über das Schickſal ihrer unglücklichen Couſine habe. Viertes Kapitel. Ungefähr ein Jahr vor dieſer Epoche begann die Wen⸗ dung von Ondinens ſonſt ſo friedlichem Schickſal. Der Va⸗ ter ihres Gemals war ihr Vormund geweſen, und hatte ſie, die elternloſe, arme Waiſe, mit Liebe in ſeinem Hauſe erzo⸗ gen. Er ſtarb als ſie vierzehn Jahr alt war. Die Zukunft dieſes einſamen ſchönen Geſchöpfs wäre unausſprechlich trau⸗ rig geweſen, wenn nicht Askanio ihr ſeine Hand geboten hätte, den Schutz und Schirm ſeines Namens, und die Zu⸗ flucht an ſeinem edlen, feſten Herzen, das von inniger Liebe für Ondine bewegt war. Sie warf ſich in ſeine Arme, jung, kindiſch, unerfahren, nichts wiſſend, nichts kennend, — 51— nicht einmal Askanio, den ſeine Studien fünf Jahre hindurch fern vom Vaterhauſe gehalten, und am wenigſten ſich ſelbſt. Aus der Kinderſtube trat ſie vor den Altar. Ihre flattern⸗ den, lichtbraunen Locken wurden zum erſten Mal aufgeſteckt, damit der Myrthenkranz graziöſer ſitze. Sie ward Gattin wie im Traum, und wie im Traum Mutter. Ihre Söhne waren ihre Puppen, dann ihre Geſpielen; ſie zu erziehen fiel ihr nicht ein; das war Askanios Sache. Von Sorgen und Mühe, von Ernſt und Anſtrengung wußte ſie nichts; ſie flatterte durchs Leben fröhlich und lieblich wie ein Schmet⸗ terling. Askanio war auch erſt einundzwanzig Jahr, als ſein Vater ſtarb, aber er war aus anderm Stoff und nach an⸗ derm Zuſchnitt geformt. Er wußte, was er auf ſich nahm, als er ſich entſchloß in ſo früher Jugend das Haupt einer Familie zu ſein, und nicht blos für ſich, ſondern für Frau und Kinder, feſt und ſicher dazuſtehen. Erfahrung hatte er wenig, jedoch den eiſernen Willen das Beſte zu thun und nie zu ſchwanken, wenn eigene und fremde Wolfahrt auf der Wagſchaale lägen. Mit einem Ernſt, der weit über ſeine Jahre, mit einer Sicherheit, die nur das Erzeugniß ſeines edlen Selbſtbewußtſeins war, nahm er ſeinen Standpunkt in der Welt. Seine Liebe für Ondine war keine vorüberrau⸗ ſchende Leidenſchaft geweſen. Er freute ſich ihrer Schönheit, aber ihn feſſelte dies weiche, ſchmiegſame, hülfsbedürftige We⸗ ſen, das bei jedem Schritt ſeine leitende Hand ergriff. Er empfand für ſie die innige Zärtlichkeit eines Gatten, er han⸗ delte für ſie mit der faſt mitleidigen Sorgfalt eines Vaters; aber demonſtrativ war er nicht. Ondine wußte und fühlte ſich geliebt, allein ſie hätte es auch gern von ihm gehört, .. 4* — 52— und Askanio ſagte es nie, weil ihm das Wort überflüſſig ſchien, ſobald die Handlungsweiſe es offenbare. Ach, gegen⸗ ſeitiges Mißverſtehen iſt ſo leicht! und kaum trägt etwas An⸗ deres die Schuld, als die Verſchiedenheit der Verhältniſſe! Der Mann kann auf hundertfache Weiſe durch Vorſorge und Thätigkeit, handelnd und gebend, ſeine Liebe bezeigen; die Frau empfängt und nimmt nur, kann nichts thun, darum ſpricht ſie von ihrer Liebe. Und weil ſie meint— und mit Recht— ihre Liebe ſei eben ſo viel werth, wie die des Mannes, und habe doch tauſend ſüße Worte, und Schmei⸗ cheleien, und Liebkoſungen, ſo findet ſie ihn oft kalt und gleichgültig, während er meint, ſie mache kindiſche Anſprüche. So lange die tiefe, allverſöhnende und ausgleichende Liebe in beiden Herzen lebt, ſo trägt ſie über ſolchen kleinen Zwie⸗ ſpalt hinweg; aber iſt ſie von einem Blitzſtral geblendet oder durch einen Sturm erſchüttert, ſo können aus der Kluft Ne⸗ bel emporſteigen, die das ganze Leben verfinſtern. Es giebt ein Buch voll wunderbar tiefſinniger Vor⸗ ſchriften— bisweilen ſind es nur Andeutungen— für alle menſchlichen Zuſtände. Der Himmel mag wiſſen, wer die Schuld trägt, daß es bei einem großen Theil der Menſchen aus der Mode, und bei einem eben ſo großen Theil in die Mode gekommen iſt, und daher theils nicht verſtanden, theils nicht richtig angewandt wird. Dies Buch iſt die Bibel. Darin ſteht:„Ihr ſollt beſitzen, als beſäßet ihr nicht.“ Ge⸗ wiß iſt das Goldplättchen dieſes Spruches in Predigten, Troſt⸗ und Erbauungsſchriften, Andachtsbüchern ꝛc. zu einem Goldfaden von einigen hunderttauſend Klaftern bereits ver⸗ dünnt und verbraucht, und beim Verluſt von irdiſchen Gü⸗ tern und beim Tode von geliebten Menſchen als eine zu ſpäte — 53— Ermahnung uns Allen vorgetragen worden und, wie ge⸗ wöhnlich Troſtgründe, ziemlich am unrechten Ork. Aber wenn zwei Menſchen die ſich lieben und beſitzen, ſich ent⸗ ſchließen könnten, jene Worte zur Richtſchnur ihres Daſeins zu machen— wenn es möglich wäre, die Grazie, die Zart⸗ heit, die Sehnſucht, die Flamme des Nichtbeſitzes mit der Glut und Hingebung des Beſitzes zu verbinden— wer wollte dann nicht gern an das Glück in der Ehe glauben, und in ihr den Himmel auf Erden ſehen?— Doch nun kühlt der Beſitz nur ab, ohne zu befriedigen. Ilda und Askanio waren ungefähr in einem Alter, und Beider Väter— Brüder geweſen. Askans Verheirathung fiel in die Zeit von Ilda's herben Schmerzen, und ſo lern⸗ ten ſie ſich eigentlich erſt nach der Rückkehr der Letztern aus England kennen. Damals hatte ſie die erdrückende Schwer⸗ muth, die wie ein Mehlthau auf der Blüte ihrer Jugend lag, abgeſtreift, ſich entſchloſſen in jede freundliche Verbin⸗ dung einzugehen, welche das Schickſal ihr bieten würde, und ſich vor Allem dabei ihres Vetters erinnert, der ihr immer ſo wol gefallen hatte, wenn er bisweilen Ferien der Studien zu einem Beſuch in Ruhenthal benutzt. Sie lud ihn herz⸗ lich ein ihr ſeine Frau vorzuſtellen, und Askanio und On⸗ dine folgten ſo bereitwillig der Einladung, als ob ſie den Gewinn ahnten, der für ſie Beide aus Ilda's Freundſchaft entſpringen würde. Er war groß; denn nicht nur, daß ihr reicher, vielſeitig gebildeter Geiſt für Askan ein anziehender Umgang und für Ondine ein Sporn ward, ihr etwas nach⸗ zuſtreben— ſondern oft auch ward ſie eine Vermittlerin zwiſchen dem etwas zu gebieteriſchen Gemal und der zu de⸗ müthigen Ondine. Nie war Askan ein liebenswürdigerer .— 534— „Herr“, als wenn Ilda neben Ondine ſtand, und weil Letz⸗ tere das fühlte, und dankbar erkannte, wie Ilda ſie zu heben ſuchte, ſo hing ſie an ihr wie an ihrem Schutzgeiſt, und weinte drei Tage nach jedem Abſchied. Dann aber vergaß ſie ihren Schmerz von ſelbſt. Der Verkehr zwiſchen den Be⸗ wohnern von Ruhenthal und Schloß Ohlau war ununter⸗ brochen herzlich. Ilda richtete ihren Reiſeplan ſtets ſo ein, daß ſie kommend und gehend ihre Freunde beſuchte; aber kor⸗ reſpondirt wurde wenig. Askan hatte keine Zeit dazu; On⸗ dine, wie die meiſten Frauen— nicht Mädchen— liebte nicht zu ſchreiben; und Ilda behauptete, ſie ſchriebe ihren Freunden ſo viel, und ſo viel beſſer en gros, daß ihnen das en detail nicht genügen könne. Während Ilda's Aufenthalt in Italien traten in der Regierung und in der Landesverwaltung Wechſel ein, die Askanios Gegenwart in der Hauptſtadt erfoderten. Keiner hatte ſich ſo eifrig und thätig für das Wol ſeiner Provinz gezeigt, darum ward er einmüthig als Stellvertreter derſelben bei wichtigen Berathungen ernannt, die während einiger Mo⸗ nate in der Reſidenz gehalten werden ſollten. Die Trennung von Ondinen und den Knaben ſchien ihm eben ſo unmöglich als ihr, darum nahm er ein Haus und richtete ſich vollſtän⸗ dig für den ganzen Winter in der Reſidenz ein. Ondine hatte zwar wochenlange Reiſen gemacht, ſie kannte die ſchönſten Punkte Deutſchlands, ſie war in Ruhen⸗ thal auf langen Beſuch geweſen; allein dieſe förmliche Ueber⸗ ſiedelung ihrer Häuslichkeit in eine große, fremde Stadt war ihr, vielleicht der erſten Unbehaglichkeit wegen, nicht lieb, und obwol es Anfangs November, alſo höchſt traurig auf dem Lande war, ſo vergoß ſie doch heiße Thränen, als ſie — 55— in den Reiſewagen ſtieg, und der zurückbleibende Theil der Dienerſchaft weinte ihr nach, denn ſie war eine milde und geliebte Herrin. Askanio begriff nicht dieſe Trauer; er war ja bei ihr, die Knaben waren bei ihr! er meinte, das hei⸗ matliche Schloß oder der Wigwam eines Indianers müßten unter dieſen Umſtänden Ondinen gleichgültig ſein. Doch. ließ er ſie ungeſtört weinen, und begann erſt dann freundlich ihr zuzuſprechen, als ihre Thränen minder heftig floſſen. Sie hörte anfangs nicht ſehr auf ihn; doch als er Vorſchläge für ihr häusliches und geſelliges Leben machte, wurde ſie theilnehmend, und erreichte am nächſten Tage in heiterſter Stimmung das Ziel ihrer Reiſe, wo ein bequem eingerich⸗ tetes Haus ſie empfing und ſie vollends ganz zufrieden ſtellte. Es war nicht ihre Abſicht viel in die Welt zu gehen. Askanio war ſo durch Geſchäfte in Anſpruch genommen, daß ſie die wenigen Stunden des Beiſammenſeins nicht an die Geſellſchaft verſchwenden mogten, ſondern ſich auf den Um⸗ gang derjenigen Perſonen beſchränken wollten, mit denen As⸗ kan in nähere Berührung kam, oder die ihn beſonders an⸗ ſprachen. Ondine freute ſich auf das Schauſpiel, das ſie leidenſchaftlich liebte, und Askanios erſte Sorge war, eine Loge zu nehmen, damit ſie täglich ihre Unterhaltung habe. Als ſie zum erſten Mal das Theater beſuchte, wurde eine der ſchönſten Belliniſchen Opern gegeben; doch weder die hinreißende Muſik, noch das bezaubernde Spiel der Prima⸗ donna, noch die ergreifende Stimme des erſten Tenors mach⸗ ten auf das Publikum einen ſolchen Eindruck, als Ondinens Erſcheinung. Alle Lorgnetten hafteten wie verzaubert an ih⸗ rer Loge. Eine fremdartigere, feenhaftere Schönheit hatte man lange nicht geſehen. Es herrſchte die Mode des geſchei⸗ —— —56— telten Haars, die freilich höchſt bequem, aber vortheilhaft nur für ganz junge, oder regelmäßig ſchöne Geſichter iſt, weil ſie die Züge nicht blos, ſondern zugleich die ganze Form des Kopfes und Nackens enthüllt. Ondine aber trug ihr brau⸗ nes, wie mit glänzenden Goldfunken beſtreutes Haar, an bei⸗ den Seiten des Geſichts in langen, natürlichen Locken bis auf die Bruſt herabfallend. Ihre ſchwarzen, ſammetweichen Augen ruhten ſo friedlich, wie überhüllte Sterne unter den langen Wimpern, und die Grübchen in den Wangen und die geſchwungene kurze Oberlippe gaben den zarten, edlen Zügen einen lieblich kontraſtirenden Ausdruck von Schelmerei. Wie Geſtalt und Anzug waren, konnte Niemand beurtheilen; ſie hatte ſich warm und bequem in einen tiefpurpurrothen Shawl gehüllt, und da ſie weder Lorgnette noch Opernglas brauchte, ſo blieb ihre Figur, ſogar ihre Hand unſichtbar— woraus die Damen den logiſchen Schluß zogen: die Geſtalt entſpreche nicht der Schönheit des Kopfes. Die Männer hoften das Gegentheil. In der Loge neben Ondine ſaß Fürſt Caſimir P. Da er während der ganzen Oper eben ſo unbeweglich den Rük⸗ ken gegen die Bühne kehrte, wie ſie das Geſicht: ſo hatte Niemand ſie beſſer und näher geſehen, als eben er, und auf Niemand hatte ihre Schönheit einen lebhafteren Eindruck gemacht.— „Gott ſei Dank, ſagte er zu einem Freunde, da iſt end⸗ lich einmal ein neues, frappantes Geſicht. Nun kann man doch wieder acht Tage lang mit Intereſſe in's Schauſpiel gehen!“. 4 „Vielleicht länger.“ „Nein, denn entweder ſie reiſ't oder bleibt; in jedem = 52— Fall ſucht man ihre Bekanntſchaft zu machen. Ich wünſchte, ſie reiſ'te ab und ich wäre genug von ihr hingeriſſen um ihr nachzureiſen— denn dies langweilige Leben iſt beim Him⸗ mel nicht mehr zu ertragen. Wenn ich nicht meinen Onkel erwarten müßte, wär' ich längſt fort.“ „Aber ſeit wann nimmſt Du ſolche Rückſichten auf den Onkel?“ „Diable! ſeit mein Geld zu Ende geht.“ „Excellent! wann haſt Du denn je etwas gehabt?“ „Wenn ich ſage„mein Geld“, ſo verſteht es ſich von ſelbſt, daß ich meinen Credit meine. Vielleicht wird meine Liebe heftig genug, um den Onkel und die Juden zu planti⸗ ren, und jenen göttlichen Augen nachzuziehen. Wer kann es ſein? Engländerin? ſie ſieht zu ſchelmiſch aus; Deutſche? zu ungezwungen; Franzöſin? ſie hat keine Toilette gemacht! Polin? Diable, wenn's eine Landsmännin wäre!“ „Du magſt Recht haben! ich mögte den Mann an⸗ reden.“ „Den Mann, mein Lieber? was geht uns der an?“ „Vielleicht kann der Logenmeiſter Auskunft geben, we⸗ nigſtens den Namen nennen.“— Ladislav zog auf Erkun⸗ digungen aus, und war ſo glücklich zu erfahren, daß der Graf Ohlau dieſe Loge auf ſechs Monate genommen habe und ſich darin befinde. „Alſo warte ich vor der Hand ſehr gern auf den On⸗ kel“, ſagte Caſimir, nachdem ihm der Freund ſeine Nachrich⸗ ten mitgetheilt. „Die göttliche Frau wird die Königin dieſes Winters werden.“ Aber Ladislav's Prophezeiung ſchien nicht wahr werden zu ſollen, denn Ondine kam nicht in die Geſellſchaft, — 58= und das Theater war, außer der Promenade, der einzige Ort, wo die Herren Gelegenheit hatten ſie aus der Ferne zu bewundern. Ihre Lebensweiſe war ihrem Plan gemäß, und ſie wünſchte nicht ſie zu verändern. „Giebt es denn etwas Stupideres auf der Welt, als einen eiferſüchtigen Gemal?“ fragte einſt Caſimir in einem Zirkel ſeine Freunde. „Ja! einen gefälligen.“ „Aber etwas Unbequemeres giebr's nicht.“ „Und ſo hors de saison! wer iſt denn jezt von ſo ſchlechtem Ton eiferſüchtig zu ſein?“ „Und wozu hifft's⸗ über lang oder kurz wird er doch düpirt.“ „Gegen wen richtet ſich denn eigentlich dieſe Diatribe?“ fragte einer, der noch nicht ſo recht in das Intereſſe des Kreiſes eingeweiht war. „Quel chinois!“ murmelte Caſimir. „Gegen den Mann der ſchönſten Frau in Europa.“ „Bahl! bah! nur nicht ſo koloſſale Uebertreibungen.“ „Was Uebertreibungen! Caſimir verſteht ſich auf Wei⸗ berſchönheit und behauptet die Ohlau ſei das nec plus ul- ira. He, Caſimir?“ „Ja, rief dieſer, ich bleibe dabei! und ich finde es ſchändlich und barbariſch, daß der Ohlau ſie gleich einer Odaliske in's Serail ſperrt. Aber ich ſetze Himmel und Hölle in Bewegung, ſie ſoll heraus! iſt ſie aber erſt her⸗ aus— „Oho, nicht vorſchnell! ſie ſoll ihren Gemal zäértlich lieben.“ „Noch immer? der älteſte der beiden deliziöſen Knaben, — 59— mit denen ſie täglich ſpazieren fährt, iſt doch wenigſtens fünf Jahr.“ „Und wenn auch! L'un n'empéêche pas Pautre. Die Frauen, die ihren Gemal zärtlich lieben, ſind des Liebens ſo gewohnt, daß man am leichteſten bei ihnen reüſſirt.“ „Könnte ſie nicht zufällig tugendhaft ſein?“ „Deſto beſſer! ſo iſt man vielleicht der Einzige, und ge⸗ wiß der Erſte. Ich bete die tugendhaften Frauen an.“ „K leur tour! es wäre traurig, wenn das Tugendhaft⸗ ſein das Angebetetwerden ausſchlöſſe.“ „Bah, Caſimir! wozu das Adjektio? Sie beten die Frauen an.“ „Bewahre! vom Anbeten iſt nicht viel bei mir die Rede, wenigſtens nicht lange, weil den Frauen im Allgemeinen nicht damit gedient iſt. Aber da die tugendhaften die Laune haben, daß die Liebe ſich ihnen nur im Gewande der Anbe⸗ tung nahen dürfe, ſo kann man ihnen wol den Spaß der Maskerade machen.“ „Bei der Ohlau lohnt es ſich wenigſtens der Mühe. Sie war heute im violetten Sammetpelz auf der Promenade unvergleichlich ſchön. Da ihr Mann ſie begleitete, ſo verlie⸗ ßen ſie den Wagen, und gingen einige Mal in der großen Allee auf und nieder. Sie hat einen ganz ſchwebenden Gang und einen wahrhaften Elfenfuß. Wir drängten uns auch Alle an den Wagen um ſie einſteigen zu ſehen.“ „Diable! daß mich die einfältige Euphemie ſo lange feſt⸗ halten mußte! Ich habe ſie nicht geſehen! wie ſah ſie aus— ich meine die Ohlau.“ „Sie lächelte ein wenig verlegen.“ „Das Lächeln war natürlich, die Verlegenheit Koketterie.“ — 60— „Möglich, obwol es nicht ſo ausſah.“ Ondinens Verlegenheit am Morgen war keineswegs Ko⸗ ketterie geweſen; ſie fand wirklich die Herren außerordentlich unbeſcheiden, ſie mit und ohne Brillen und Lorgnetten anzu⸗ ſtarren, als ob ſie eine Tänzerin ſei. „Daran mußt Du Dich gewöhnen, ſagte Askanio; wenn man Dich kennt, wird es aufhören.“ „Es iſt wahr, ich habe nicht bemerkt, daß ſie andre Damen ſo impertinent angegafft hätten,“ erwiderte ſie unbe⸗ fangen. Fürſt Caſimir machte aufs Eifrigſte der ſchönen einfäl⸗ tigen Frau des erſten Miniſters den Hof. Sie langweilte ihn aufs Aeußerſte, und er ſann nur darauf, ſie vor der Hand zu ſeinen Abſichten zu brauchen, und wenn dieſe er⸗ reicht wären, mit ihr zu brechen. Eines Abends kam er in ihre Loge, ſetzte ſich mit dem Rücken gegen das Publikum und ſchwatzte ihr tauſend Fadaiſen vor, die ſie ſehr dnniüiien. Auf einmal ſagte er: „Ihrer Loge gegenüber ſitzt die Gräfin Ohlau. Sagen Sie mir, ob Sie ſie auch ſo ſchön finden, wie man es hier will.“ Die Miniſterin entgegnete:„Frauen ſind nicht unpar⸗ teiiſch, wenn es die Beurtheilung ſchönerer Frauen gilt.“ „Schönerer— à la bonne heure! indeſſen— dieſe iſt Ihnen nicht gefährlich, ſie wird Niemand ecraſiren. Dulden Sie ſie immerhin neben Sich.“ „Dulden? mein Gott, ich habe gar nichts mit ihr zu thun.“ „Wiſſen Sie wol, daß Graf Ohlau geſagt hat, die hie⸗ — 8 ſige Damengeſellſchaft ſei deshalb ſo wenig zuvorkommend gegen ſeine Frau, weil ſie ihre Schönheit fürchte?“ „Abgeſchmacktes Geſchwätz! wenn er ſeine Frau zu Nie⸗ mand führt, wie ſoll man denn zuvorkommend gegen ſie ſein oder nicht.“ „Ja wol, abgeſchmacktes Geſchwätz! denn ich weiß aus ſicherer Quelle. daß er herzlich froh iſt, wenn ſich Niemand um ſeine Frau bekümmert, theils weil er eiferſüchtig wie ein Türk, theils weil ſie von unbeſchreiblicher Gaucherie iſt.“ „Wirklich? woher wiſſen Sie das?“ „Er hat einige gute Freunde, die öfter bei ihm ſpeiſen, und die nicht mehr das allgemeine Entzücken theilen, ſeit ſie die Frau in der Nähe geſehen und ſie geſprochen haben. So etwas wird denn bald durch die guten Freunde bekannt.“ „Wie ſchade, daß eine ſo hübſche Perſon ſo gauche iſt.“ „Und doppelt muß es neben dem Mann auffallen, denn er iſt liebenswürdig und gewandt wie wenige.“ Nach einigen Tagen drang der Miniſter, der häufig in Geſchäften mit Askanio zuſammenkam, lebhaft in ihn, ſeiner Frau doch ſo bald als möglich die Bekanntſchaft der Gräfin zu gönnen.„Ihre Frau Gemalin muß ſich hier außeror⸗ dentlich langweilen, da ſie Ihre Geſellſchaft faſt ganz ent⸗ behrt; erlauben Sie uns etwas zu ihrer Unterhaltung beitra⸗ gen zu dürfen— ſagte er, und fügte lächelnd hinzu: oder ſollte es wahr ſein, was man behauptet, daß jede innige Liebe mit Eiferſucht verwebt ſei?“ Askanio antwortete auch ſcherzend, verſprach jedoch ſeine Frau recht bald zur Miniſterin zu führen, und theilte dann Ondinen dies Vorhaben mit.— „Gut, ſagte ſie, die Frauen ſind hier bielleicht liebens⸗ würdiger wie die Männer; wir wollen ſie kennen lernen.“ Und ſie gingen in eine glänzende Soiree der Miniſterin. Das war der Sprung über den Rubikon. Eine Bekannt⸗ ſchaft zieht funfzig andere nach ſich. Wer einen Fuß in das Rad der Geſellſchaft geſtellt hat, wird mit fortgewirbelt. On⸗ dine ward es; anfangs unwillkürlich, ſpäter weil dies ganz neue Leben ſie amüſirte. Sie ritt und tanzte, ging auf Bälle und Soireen, putzte ſich und mediſirte ein wenig— ganz wie die andern Frauen, und dennoch ganz anders: abſicht⸗ los. Askanio gönnte ihr gern dieſe Vergnügungen, und freute ſich, daß ſie ſich ſo leicht und unbefangen in dieſer fremden Welt bewegte. Für ihn war ſie immer dieſelbe an Zärtlichkeit und Hingebung. Wünſchte er einen Abend zu Hauſe zu bleiben, ſo blieb ſie, auch wenn der glänzendſte Ball und das friſcheſte Ballkleid ihrer warteten, und war eben ſo heiter und anmuthig ihm allein gegenüber, als umringt von dem eleganteſten Männerkreiſe. 1 Fürſt Caſimir war natürlich einer der erſten, der ihr ſeine Huldigung darbrachte. Schön und gewandt, und mit jenem Glanz geſchmückt, den das Unglück ſeines Vaterlandes, worin auch das ſeiner Familie verwickelt war, ihm lieh, konnte es nicht fehlen, daß er auch von Ondinen, wie von allen Frauen, bemerkt ward. Sie tanzte gern mit ihm, ſie hörte ihn noch lieber ſingen— allein es blieb bei dieſem ge⸗ ſellſchaftlichen Intereſſe. So lange er von allgemeinen Din⸗ gen ſprach, ging ſie theilnehmend in die Unterhaltung ein; ſobald er noch ſo leiſe, noch ſo verſteckt, ſie inniger für ſich zu gewinnen ſuchte, ſah ſie ihn mit Augen voll ſo deſolanter Munterkeit an, daß er bisweilen heimlich ſich ſagte: ſie iſt nicht zu gewinnen, ſie durchſchaut mich. Indeſſen verſuchte er auf anderem Wege zum Zweck zu kommen, und die Un⸗ gewißheit ſeines Sieges, ſo wie die Anſtrengung, welche es ihn koſtete, um dies arme kleine Herz zu erringen, gab ihm eine innere Aufregung, die in der That einen Anſtrich von mächtiger Leidenſchaft hatte. Er zog ſich von Ondinen zurück. Man kann ſicher ſein, daß jede Frau ein ſolches Zurückziehen bemerkt, und was mehr iſt— höchſt ungern bemerkt, ſchon dann, wenn ſie frühere Huldigung gleichgültig oder abweiſend aufgenommen; wie viel mehr, wenn der Mann ihr intereſſant oder ange⸗ nehm iſt. Gewöhnlich werden dann Minen angelegt, um ſeine Verſchanzungen in die Luft zu ſprengen; doch Ondine ließ ſich nicht darauf ein, ſie brauchte keine Argliſt, weil ſie keine ahnte. Sie fragte den Fürſten, weshalb er unſichtbar für ſie werde. Er antwortete ernſt:„Was ſoll ich bei Ihnen? Sie brauchen mich nicht.“— „O doch! z. B. am Piano. Täglich mögte ich Sie Ihre ſchönen Lieder ſingen hören.“ „Für ein Paar Dukaten ſingt Luigi Ihnen ſchönere vor.“ „Nun gut! aber für ein Paar Dukaten kann ich mir keinen Mazurkatänzer kaufen.“ „Das iſt auch nicht nöthig, weil alle Männer ſich zu dem Glück drängen werden.“ „Sie ſind langweilig!“ ſagte ſie verdrießlich und kehrte ihm den Rücken. Caſimir jubelte heimlich:„Bravo! dies iſt doch endlich einmal etwas Anderes, als ihre ewige Munter⸗ keit.“— Er blieb ihr fern. Ondine fing an darüber nach⸗ zudenken, ob ſie auf irgend eine Weiſe ihn gekränkt haben V — 64— r könne; allein ſie brachte nichts heraus. Dann fiel ihr ein, er könne üble Nachrichten von ſeiner Familie erhalten haben, und ihr Mitleid ward rege. Abends in einer Soiree rief ſie ihn zu ſich, wies auf einen Sitz, der hinter ihr leer gewor⸗ den war, und fragte ihn ſo freundlich, ob ihm Unangeneh⸗ mes widerfahren ſei, ſah ihm ſo treuherzig in die Augen, daß Caſimirs innerſtes Herz gerührt worden wäre, wenn er nur ein Herz gehabt hätte. Er entgegnete:„Mir iſt nichts Unangenehmes begegnet; im Gegentheil! aber.... was fragen Sie mich!“ „Ich frage nicht mehr“, ſagte ſie erſchrocken. 2 „Ich dächte auch, es wäre unnütz, und Sie Auüßten wiſſen, for swift such Knowledge comes.“ „Laſſen Sie doch von der Gewohnheit, ſtets den Byron zu eitiren“— ſagte ſie verlegen. „Sobald Sie mir einen Dichter nennen, der ein beſſe⸗ rer Dolmet ſcher meiner Empfindungen ſein könnte“ „Wie, der tiefe, glühende, melancholiſche Byron? unter⸗ brach ſie ihn ſtaunend; das hätte ich nimmer gedacht.“ Weil Sie mich nicht kennen.“ „Warum ſind Sie auch ſo verſteckt?“ fragte ſie heiter und wollte in ihren alten Ton der Munterkeit zurückfallen; aber er rief ſchnell:„Darf ich denn reden?“ mit einem ſol⸗ chen Ausdruck von Glück in Stimme und Blick, daß ſie un⸗ beſonnen heftig den Kopf ſchüttelte. Hätte ſie kalt geſagt: „Warum denn nicht?“ oder eine ähnliche abweiſende Phraſe, ſo wäre er nicht im Vortheil geweſen. Jezt nahm er ihn wahr und ſagte traurig: „Sie heißen mich ſchweigen und wollen mich nicht ver⸗ ſtehen, alſo müſſen Sie fühlen, daß Ihre Nähe, ſogar Ihre Freundlichkeit mich nur elend machen können, und darum halte ich mich fern von Ihnen.“ Um Ondinens Lippen ſchwebte ein kleines ſpöttiſches Lächeln, doch es verſchwand, als ſie die Augen aufſchlug und Caſimir anſah. Was die Liebe an Glut, und die Anbetung an Tiefe, und die Wahrheit an Treue hat— das lag auf ſeinem Geſicht. Er liebt mich wirklich— dachte Ondine, und raſch ſtand ſie auf. Jezt glaubt ſie an mich— dachte Caſimir und verließ den Saal. Ilda's Freund, der alte Baron, hat zwar vollkommen Recht: die Männer ſind einfältig in der Ehe. Hingegen iſt nicht zu leugnen, daß die Frauen in der Liebe wo möglich noch einfältiger ſind. Der Gedanke, wirklich geliebt zu wer⸗ den, iſt eine Zauberformel, die einen magiſchen Kreis um ſie zieht, innerhalb deſſen ſie blind und taub daſtehen. Kommt noch gar die Vorſtellung hinzu, daß der Liebende ſchweigt, und wie ein Held, ohne Bitte wie ohne Klage, liebt und leidet, ſo niſtet ſich Mitleid in das ſchwache, weiche Herz. Das ſollten die Männer bedenken bei ihren Koketterieen, und ihre Triumphe nicht blos der weiblichen Eitelkeit und ihrer eigenen Unwiderſtehlichkeit zuſchreiben. Im Gegentheil! die Frauen werden viel mehr von der Fülle und Wärme des eigenen, als des fremden Herzens hingeriſſen; indeſſen der Mann in der Liebe allenfalls noch ſich beherrſchen, aber nie der Liebe der Frau widerſtehen kann. Seit jenem Geſpräch näherte ſich Caſimir wieder⸗ der Gräfin, d. h. er erſchien, wo ſie erſchien, und behielt ſie un⸗ abläſſig im Auge, ſtand auch bisweilen hinter ihrem Stuhl, und redete einige banale Phraſen mit ihr; übrigens aber tanzte und ſang er nicht mehr, und war verfunken in ſeine Ilda Schönholm. 3 5 5 r Leidenſchaft. Wohin Ondine den Blick wendete, begegnete ſie dem ſeinen. Sie mogte mit Andern plaudern oder tan⸗ zen, er wußte ſich ſo zu ſtellen, daß er ihr auffallen mußte. Dies ruhige Benehmen, und vor Allem ſein Schweigen, ver⸗ fehlten nicht ihre Wirkung. Wie plump, wie ungeſchickt, wie zudringlich erſchienen andere Männer dagegen!„Was thut es denn ob er mich liebt?“ fragte ſie ſich oft heimlich. Sie wollte ſich überreden, daß es ihr vollkommen gleichgültig ſei; und ach! unausgeſetzt flogen die Gedanken zu ihm, und ſie war unruhig und zerſtreut, wenn er nicht in der Geſellſchaft war, und ſo froh, wenn er dann plötzlich erſchien. Nun wurde er gar krank und mehre Tage unſichtbar. „Was fehlt Ihrem Freunde?“ fragte ſie beſorgt Ladislav. „Weiß der Himmel! erwiderte der; er ſchweigt, man erfährt nichts. Seelenſchmerz iſt der Grund der Krankheit, davon bin ich überzeugt, und ich nicht allein.“ Er ſah ſie ſcharf an. Sie rief heftig:„Sagen Sie ihm, er müſſe bis nächſten Montag geſund ſein; dann habe ich ein wunderhübſches Con⸗ zert bei mir, und ich habe auf ihn gerechnet.“ Ladislab richtete dem Fürſten dieſe Botſchaft aus.„Sie war ſehr zerſtreut, fügte er hinzu, die Langeweile war deut⸗ lich auf ihr allerliebſtes Geſichtchen gemalt. Ich habe nie ein pikanteres Weſen geſehen. Wärſt Du nicht mein Freund, bei Gott, ich träte mit Dir in die Schranken.“ „Verſuch' es“, ſprach Caſimir kalt. Am Montag Morgen ließ ſich der Fürſt bei Ondinen melden. Ein heller Freudenſtral überflog ihr Antlitz und blieb in ihrem Auge hängen, als er eintrat. Er bat um Verzeihung, daß ſein Befinden ihm noch nicht geſtatte am Abend zu erſcheinen; er habe ihr aber für ihre freundliche Erinnerung danken müſſen. Das Piano war offen; er ſetzte ſich daran, fing an wunderſchön zu phantaſiren, und endlich zu ſingen. Nie hatte er mit dieſem Feuer, dieſer Innigkeit geſungen. Bald war Glut in ſeiner Stimme, bald fühlte man Thränen darin. Aus Ondinens Augen rollten ſie längſt über die blühenden Wangen. Da kcehrte er ſich plötzlich zu ihr:„Weinen Sie um mich?“ fragte er mit tiefer, gepreßter Stimme. Sie ant⸗ wortete nicht, ſondern legte die Hand über ihre Augen und weinte heftiger. Da ſtand er raſch auf, ergriff dieſe Hand, bedeckte ſie mit heißen Küſſen, und eilte fort. Als Ondine ſich ein wenig erholt hatte, war ihr erſter Gedanke ſich in Askanio's Arme zu werfen und ihm Alles zu ſagen; ihr zweiter die Frage: was ſie ihm zu ſagen habe?— Sonſt erzählte ſie ihm lachend alle Fadaiſen, alle Schmeicheleien, die ſie im reichen Maaß zu hören bekam; allein von Caſimir ſagte ſie nichts, es wäre ihr unmöglich geweſen, ihren Mann dabei anzuſehen, geſchweige ſich darüber luſtig zu machen. Das verdiente der arme, edle Caſimir nicht. Und dann— er ſagte ja kein fades Wort! Das Conzert fand ſtatt; eine berühmte Pianiſtin ließ ſich hören, Luigi ſang himmliſch; alle Welt betete an. On⸗ dine fand, daß die Künſtlerin einen harten Anſchlag, und Luigi noch nie ſo ausdruckslos geſungen habe. Am nächſten Morgen war ſie in unbeſchreiblicher Un⸗ ruhe. Sie fing einen Brief für Ilda an; aber Ilda hatte ja kaum den erſten aus der Reſidenz erhalten. Sie nahm ein Pack neuer Muſikalien vor; aber beim geſtrigen Conzert waren zwei Saiten auf dem Piano geſprungen. Ihre Söhne . 3— 5* — 68— ſollten zu ihr kommen; aber ſie hatten Unterricht. Sie ging aus einem Zimmer in's andere und begoß ihre Blumen. So kam ſie an das ihres Mannes.„Wenn ich ihn bäte eine recht lange Promenade mit mir zu machen!“ fiel ihr ein. Sie klopfte leiſe an, dann ſtärker, dann drückte ſie die Thür auf und blickte hinein. Er war nicht da, und ſein Schreibtiſch ſo arrangirt, daß ſie ſah, er habe nicht daran gearbeitet.„Warum iſt er nicht da, wenn ich ihn brauche!“ ſeufzte ſie, und ging in den Salon zurück. Fürſt Caſimir ward gemeldet. Sie ſetzte ſich ermattet nieder mit jener Ab⸗ ſpannung, die immer auf eine heftige innere Aufregung folgt. „Muß ich Sie denn ewig um Vergebung bitten! ſprach er; heute geſchieht es der albernen melancholiſchen Romanzen wegen, mit denen ich Sie geſtern ſo traurig machte, wie ich ſelber bin. Es ſoll nicht wieder geſchehen. 44 „Ach, ſagte Ondine, die Traurigkeit iſt mir lieber, als alle Fröhlichkeit der Welt.“ „Doch war es das erſte Mal, daß ich Sie traurig ſah und— vergeben Sie dem Egoismus— es that mir wol.“ „Ich war ſonſt auch immer fröhlich, ich bin es noch, nur zuweilen kommt eine unbegreifliche Trauer ohne allen Grund über mich. Ich glaube, daß ich mich langweile, daß mich dies bunte Treiben abſpannt und nervenſchwach macht, und oft ſehne ich mich in die Einſeifeit meines Schloſſes zurück.“ „Aber Sie denken doch nicht daran uns zu verlaſſen: „Nein. Mein Mann würde es nicht gern ſehen.“ „Und ich— und wir Alle... o Gräfin, wie können Sie Sich fortſehnen, da Sie doch wiſſen, daß mich Ihre Gegenwart beglückt, daß ich nur in den Stunden lebe, wo — 69— ich Sie ſehe, daß Sie meine ganze Exiſtenz durch die Magie Ihres Daſeins verklären? Ondine, Sie dürfen und können Sich nicht fortſehnen.“ Er kniete halb ernſthaft, halb ſcherzend auf ein Polſter zu ihren Füßen nieder und fuhr fort:„Ich flehe um Wi⸗ derruf.“.. „Frauen gelten nun einmal für inconſequent, alſo kann ich ſchon mein Wort zurücknehmen. Aber ſtehen Sie auf, und ſingen Sie; dann ſind Sie am liebenswürdigſten.“ „Man iſt es immer, wenn man ſich ohne Hehl zeigt. Aber ich kann heute nicht, ich habe Bruſtweh, bin ſchon ganz in der Frühe zwei Stunden lang heftig geritten, und es war kalt.“ „Wie unvorſichtig! und weshalb?“ „Es zerſtreut mich; in der heftigen Bewegung bin ich keines Gedankens fähig. Doch ich will verſuchen ob“... „Nein, nein! nicht heute! morgen wird es beſſer ſein — dann!“ „Alſo morgen“, ſagte Caſimir mit freudeſtralenden Augen. Und ſo kam er täglich, und täglich wurde er Ondinen unentbehrlicher. Die beiden Stunden zwiſchen eins und drei abſorbirten ſie ganz und gar. Sie wußte von keinem Abend und keinem Morgen, von keiner Vergangenheit und keiner Zukunft mehr. Sie dachte nichts, als dieſe zwei Stunden. Die Gegenwart ihres Mannes war ihr peinlich, denn ſie hatte ihm nichts zu ſagen; an Caſimir ſagte ſie Alles, was ihr eben einſiel, er war nachſichtiger, freundlicher, er liebte ſie, wie Askanio ſie nie geliebt hatte, nie lieben konnte. Auch war ihr Mann mehr als je von Arbeiten und geſell⸗ — 0— r ſchaftlichen Pflichten in Anſpruch genommen. Auch ihre Söhne ſah ſie weniger. Der Vater wollte, daß ſie früh an ernſte Beſchäftigung ſich gewöhnten und hatte einen Gouver⸗ neur bei ihnen angeſtellt. Ob es möglich ſei, daß ſie Caſi⸗ mix liebe, daran dachte ſie nicht. Wozu auch? er hatte ſie ja nie darum gefragt, und würde es nie thun— deſſen war ſie gewiß. Weshalb hätte wol Caſimir ſie fragen ſollen? Er wußte längſt, daß ſie ihn liebte— und wie liebte! Askanio trat eines Abends in das Kabinet ſeiner Frau. Es war unerleuchtet, nur die Straßenlaternen warfen einen röthlichen Schein hinein, ſo daß er Ondine erkennen konnte, die auf der Chaiſe longue lag. „Biſt Du krank?“ fragte er beſorgt. „Nein.“ „Weshalb denn ohne Licht? unangekleidet? was fehlt Dir?“ „Ich bin— ich war bei den Kindern, das hat mich aufgehalten.“. „Aber wenn Du mit mir zur Miniſterin gehen willſſt, ſo kleide Dich an; es iſt gleich zehn Uhr.“ Er ſchellte der Kammerfrau und ging in den Salon, während ſie ſich zur Toilette begab. Als ſie nach kurzer Friſt eintrat, in licht⸗ blau und Silber gekleidet, ſah ſie aus wie eine Libelle, die im Sommer über dem Waſſer ſchwebt, ſo zart, ſo graziös, daß Askanio den Verſuch machte, ſie zu umarmen. Sie wand ſich aber ſchnell aus ſeinem Arm und ſagte faſt ängſt⸗ lich:„Laß mich! laß mich!“— und als er ſie verwundert anſah, ſetzte ſie hinzu:„Du chiffonnirſt das Kleid.“ „Nun, nunl! erwiderte er, es würde nicht das erſte — 21— Mal ſein! aber Ondine, Du biſt ſo blaß— was fehlt Dir?“ „Nichts, gar nichts! ich glaube, dies blaſſe Blau ſteht mir nicht, dann iſt es auch ſehr dunkel hier. Komm' nur.“ Sie langten ſpät auf dem Balle an; dennoch war Ca⸗ ſimir nicht da. Ondine hatte mit einem Blick die Zimmer durchſpäht, dann den Tanzſaal— er war noch nicht da. Aber er mußte kommen! Wie konnte er ſie heute warten laſſen— gerade heute, wo er wichtige Briefe von ſeinem Onkel erwartete! O wie wichtig waren ihr dieſe Briefe! wenn der alte General kam, ſo ſtand ihr dielleicht der Ab⸗ ſchied von Caſimir ſehr nah. Das hatte er ihr am Morgen geſagt, und immer, immer wiederholt, weil ſie es gar nicht begreifen konnte. Und jezt ließ er ſie warten! Sie ſchlug einen Tanz aus; es ſchien ihr eine Marter in Reih' und Glied gebannt zu ſein und Caſimirs Eintritt nicht ſogleich zu gewahren. Dann nahm ſie einen Tänzer an, in der Hofnung, der lebhafte Walzer werde ſie betäuben. Sie tanzte, ſie ſprach— ohne auf die Muſik noch auf die Unterhaltung ihres Tänzers zu achten. Plötzlich trat Caſi⸗ mir in die Thür und lehnte ſich ruhig an den Pfeiler, weil er ſie tanzen ſah. Sie walzte eben, aber ſie nahm ihn doch wahr, und die Freude lieh ihr Flügel, daß ſie wie ein Elf dahin flog; denn Caſimir ſah heiter aus, alſo hatte er gute Nachrichten für ſie. „Ich weiß Alles, rief ſie, als er nach dem Walzer ſie begrüßte; der Onkel kommt noch nicht— vor der Hand. Nun iſt Alles gut.“ Ddie Liebe kennt keine Zeit, nur eine Ewigkeit; deshalb iſt ihr ein Tag ſo lang wie Jahrhunderte. „Dreiwöchentliche Friſt hab' ich, ſagte Caſimir, dann“.. „Still!“ rief Ondine, krampfhaft den Finger auf den Mund drückend. In dieſen drei Wochen that ſie Alles um ihn zu feſſeln, und Caſimir hätte ſich glücklich nennen können, wenn nicht ein Hauch von Reue oder Mitleid bisweilen ſtörend durch ſeinen Sinn geflogen wäre. Dann ſagte er ſich zwar heim⸗ lich, wie zur Beruhigung: ſie iſt ſo ſchwach, ſie wird ſich tröſten und mich vergeſſen, denn was vergißt nicht ein Weib! — Doch wenn er zu ihr kam und ſah, mit welchem Deli⸗ rium von Freude ſie ihn empfing, und hörte, mit welchem Entſetzen ſie jede Möglichkeit einer Trennung abwies, ſo durchrieſelte ein Schauer von Bangigkeit den ſonſt ſo leicht⸗ ſinnigen, übermüthigen Mann. „Du kannſt nicht gehen, Caſimir, ſagte Ondine, jezt nicht mehr, und Du willſt auch nicht. Hätteſt Du wirklich gewollt, ſo wärſt Du früher gegangen. O Du kannſt nicht wollen! Sprich doch, Caſimir! ſage nein!“ „Lieber Engel!“ „Nenne mich nicht immer ſo! Du könnteſt es am Ende glauben und mit mir umgehen, als ob ich ein Engel wäre, der nichts von Schmerzen und Verzweiflung weiß, und in ſeinem ewigen Himmel keine Hölle ahnt. Ich bin kein En⸗ gel!— Aber ſage doch nein, Caſimir! was kann Dir denn an dem armſeligen Wörtchen liegen?“ S „Wenn Du mich bitteſt, ſag' ich tauſend Nein, On⸗ dine.“ „Recht, o Recht! ſo mußt Du immer ſprechen“ ſagte ſie mit gepreßter Stimme, durch die der innere Jubel herauszitterte, denn ſie glaubte an dies zweideutige Nein, für den Augenblick wenigſtens, und warf ſich mit ſo triumphi⸗ render Glut in Caſimirs Arme, daß er ſelbſt unſicher war, ob er herrſche oder beherrſcht werde. Und Askanio?— Askanio dachte: es iſt nichts! es kann und darf ja nicht ſein! ich müßte ſie verachten, und mein Weib iſt nicht dazu geſchaffen, um von mir verachtet zu wer⸗ den; aber bei einer ſchicklichen Gelegenheit ſoll ſie fort.— Er konnte nicht fragen, noch forſchen— ſein ganzer Stolz lehnte ſich dawider auf, ihr eine Ahnung von Mißtrauen zu zeigen. Aber derſelbe Stolz verhinderte ihn auch auf irgend eine Weiſe mit ſeiner alten Liebe gegen die neue Liebe in die Schranken zu treten. Er mogte ſich keine Mühe geben, um das wieder zu gewinnen, was er als ſein unverlierbares Eigenthum anſah; er mogte es ſich nicht geſtehen, daß er auf dem Punkte ſei es zu verlieren. Aber die Rettung eines geliebten, vom Untergang bedrohten Geſchöpfes ſollte der Ueberwindung des Stolzes werth ſein! Ach, er wird bis⸗ weilen überwunden, wenn der rechte Moment verfehlt, wenn es zu ſpät iſt. Es verging ein Morgen, ohne daß Caſimir bei Ondi⸗ nen erſchien, ein Tag, ohne ihr Brief oder Botſchaft von ihm zu bringen. Was war ihm geſchehen? ein Unglück? vielleicht fort...— Kalter Schauer ſchüttelte ſie. Ihre Hofnung war auf den Abend geſtellt, wo er in der Soiree des ruſſiſchen Geſandten gewiß erſcheinen würde. Eine Stunde vor der Zeit wollte ſie ſchon an ihre Toilette gehen, da trat Askanio in ihr Kabinet und ſagte: „Ich bringe Dir eine Nachricht, die Dich freuen wird. Ich habe auf einige Wochen mich beurlaubt und in den er⸗ — 2— 1 - ſten Tagen können wir nach Ohlau gehen und uns am Früh⸗ ling erquicken.“ „Himmel, warum ſo plötzlich!“ „Wir bedürfen Beide der Erholung, Ondine, wir wer⸗ den ſie dort finden, freie friſche Luft athmen, grüne Bäume ſehen— Du freuſt Dich nicht?“ „Morgen, Askanio, morgen!“ „Morgen? was ſoll das heißen, Ondine? Du delirirſt.“ „Ich meine— morgen wollen wir von der Sache ſpre⸗ chen und ſie arrangiren— heute bin ich ſo unwol, das heißt ſo fatiguirt... und nun muß ich mich ankleiden.“ „Ich verberge Dir nicht, daß ich hauptſächlich Deinet⸗ wegen gehe, denn Du biſt in einem Zuſtand von nervöſer Aufregung, der— nicht ſein ſollte. Einſamkeit, Ruhe und Stille werden Dir wol thun, hoffe ich, wünſche ich.“ „Außerordentlich wol! ich glaub' es auch. Aber mein Kopfweh macht mich heute jedes Gedankens unfähig.“ „So dächte ich, Du bliebeſt zu Hauſe und gingeſt zu Bett.“ „Im Gegentheil, ich muß mich betäuben. A revoir.“ Sie entſchlüpfte. Eine Stunde darauf trat ihr im Sa⸗ lon des Geſandten Caſimir entgegen und flüſterte ihr zu: „Ich war keiner Minute Herr— darum Vergebung! mein Onkel iſt gekommen.“ Leichenbläſſe legte ſich auf ihr Antlitz und zitternd mußte ſie ſich ſetzen. Um jedoch kein Auffehen zu machen, ſuchte ſie einen heitern Ton und eine lächelnde Miene anzunehmen und fragte: „Wohin geht die Reiſe nun?“— „Nach Paris.“ — 25— „Wann wird ſie angetreten?“ „Am nächſten Dinstag.“ „Dann gehe ich auch.“ „Wohin?“ „Nun, nach Paris! wohin denn ſonſt? ſeltſame Frage.“ Caſimir prallte zurück. Der Ton war ſcherzend, doch in ihrem Blick lag ein fürchterlicher Ernſt. „Unmöglich! ſtammelte er, das iſt ganz, ganz un⸗ möglich!“ „Wenn ich aber will, wer kann mich hindern?“ „Ich.“ Sie ſah ihn durchbohrend an, dann ward ihr Auge ſtarr, und mit einem dumpfen Seußzer ſank ſie ohnmächtig zuſammen. Es entſtand großes Geräuſch, gewaltiges Ge⸗ dränge.„Was iſt's? was giebt es?“ fragte Alles. Da durchbrach ein junger Mann die zuſammengehäufte Menge, warf fich nach Luft ſchnappend auf ein Sopha und ſagte zu einigen Eintretenden: „Es iſt gar nichts. Die Ohlau liegt in Ohnmacht, weil Fürſt Caſimir vom Abreiſen ſpricht.“ Askanio ſtand hinter ihm.— Ondine war in das Schlafzimmer der Frau vom Hauſe gebracht, und lag ſtarr und bleich, mit Blumen bekränzt, wie eine geſchmückte Leiche auf dem Bett. Es dauerte lange, bis ſie ſich erholte. Da trat ihr Mann ein, dankte den ſie umgebenden Damen, warf ihr einen Mantel um, und trug ſie die Treppe hinab und in den Wagen, ohne eine Sylbe zu ihr zu ſprechen. Auch er ſtieg ein und ſchweigend fuhren ſie fort. Auf ihrem ein⸗ ſamen Zimmer, das Askan ſogleich verließ, nachdem er ſie in ſichern Händen wußte, kehrte Ondine erſt zu voller Be⸗ ſinnung und zum Schmerz zurück. Caſimir wollte ſie ver⸗ laſſen— das war ihr klar— wenn durch die fieberhafte Zerrüttung ihres Kopfes ein Stral von Beſinnung drang. Caſimir hatte die Soiree gleich nach Ondinen verlaſſen. In ſeinen Mantel gewickelt, ging er die Straße vor ihrem Hauſe hinab. Vielleicht war noch die Thür offen, vielleicht konnte er noch ihre Leute ſprechen, die Kammerfrau, ſie ſelbſt, und ſie wenigſtens ſo weit beruhigen, daß ſie jeden zerſtö⸗ renden éclat vermiede. Wie er das bewerkſtelligen wolle, wußte er noch nicht; er vertraute aber ſeiner Gewalt über ſie, wenn er ſie nur ſprechen könne. Ihm folgen, ihm nachreiſen, Alles für ihn verlaſſen, ihre ganze Exiſtenz rui⸗ niren— das durfte ſie nicht; denn was ſollte er mit ihr anfangen.„Hätte ich ahnen können, daß ein Verhältniß dieſer Art ſolch eine diablement ernſte Wendung nehmen könne— nie hätte ich es angeknüpft“— murmelte er vor ſich hin. Und das ſagen ſehr viel Männer in ähnlichen Au⸗ genblicken; als ob ſie, die immer ihre Abſichten verfolgten, wirklich hingeriſſen worden wären! Ondinens Haus war ganz unerleuchtet, die Vorhalle und ihr Zimmer in tiefem Dunkel; nur in Askanio's Zim⸗ mer war Licht.„Das hilft mir nichts!“ ſagte Caſimir un⸗ muthig, nachdem er mehre Minuten in Ungewißheit und Er⸗ wartung dageſtanden, und ging in ſeine Wohnung. Kaum war er am nächſten Morgen aufgeſtanden, als Askanio ungemeldet, und den Kammerdiener bei Seite ſchie⸗ bend, in ſein Zimmer trat. Er ſah ſehr blaß und ſehr ru⸗ hig aus und ſagte:„Ich komme ohne Ceremonie; bei un⸗ ſerm Geſchäft, mein' ich, wäre ſie überflüſſig.“ Caſimir erhob ſich eben ſo ruhig, trat an einen — 2,zn— . 8 Schrank und nahm ein Paar Piſtolen heraus. Aber As⸗ kanio rief: „Nichts da! wenn Blut die Schuld abwaſchen könnte, ſo würde ich Sie auf der Stelle niederſchießen, und Sie ſe⸗ hen, ich habe keine Waffen mitgebracht.“ „Und was kann ſonſt zu Ihren Dienſten ſtehen?“ fragte Caſimir kalt. „Ich erſuche Sie auf der Stelle ein Billet an... an die Gräfin Ohlau zu ſchreiben, worin Sie von ihr Abſchied nehmen und ihr ſagen, daß Sie in zwei Stunden dieſe Stadt verlaſſen und ſie nie wiederſehen werden. Ferner wer⸗ den Sie mir ihr Ehrenwort geben, daß dies pünktlich geſche⸗ hen wird.“ „Es war meine Abſicht, in einigen Tagen zu reiſen, ich ſehe nicht ein, weshalb ich meinen Entſchluß ändern ſoll.“ „ Weil es nothwendig iſt“ ſagte Askan eiſig. „Sind Sie das Fatum!“ fuhr Caſimir auf. „ Ich bin die ſichtbare Vorſehung der Frau— die Sie elend gemacht haben. Ich handle nur in deren Intereſſe, und wenn Sie nicht der erbärmlichſte der Menſchen ſind, ſo ſind Sie ihr ein Gleiches ſchuldig.“ „Was wollen Sie mit der Gräfin beginnen?“ fragte unruhig Caſimir. „Nichts, ſagte Askanio und lächelte bitter; aber ſie ſoll die Ueberzeugung gewinnen, daß es unmöglich iſt, Sie je wieder zu ſehen.“ „Es mag ſo am Beſten ſein“— ſprach Caſimir nach⸗ denkend, ſetzte ſich an den Schreibtiſch und ſchrieb haſtig: „Um Dir die Todesqual des Abſchieds zu ſparen und mir „die Folter Dich leiden zu ſehen, reiſe ich heute, jezt, — 2= 1 „gleich, meine geliebte Ondine. Wenn Du dieſe Zeilen „erhältſt, bin ich ſchon fern, fern auf immer, wir dürfen „uns nicht wiederſehen. Mache mir nicht den unſäglichen „Schmerz, mir vorwerfen zu müſſen, daß ich Deine äu⸗ „herliche Exiſtenz ſo zertrümmert, wie ich Dein zartes, „ſchönes Herz zerriſſen habe. Vergiß, Du lieblicher En⸗ „gel, den Menſchen, der Dich grauſam aus Deinem Him⸗ „mel geſtürzt hat, und vergieb ihm dieſen neuen Schmerz. Caſimir.“ Er wollte das Blatt ſiegeln; aber Askan, der während des Schreibens im Zimmer auf und nieder gegangen war, rief: „Das iſt nicht nöthig! ich bringe ihr ſelbſt das Blatt, denn ſie ſoll wiſſen, daß ich Alles weiß.“ Er nahm es, überflog es, ſagte bitter:„Gut ſo!“ und wandte ſich dann zu Caſimir: „Jezt Ihr Ehrenwort, daß Sie binnen zwei Stunden die Stadt verlaſſen und nie den Verſuch machen werden die Unglückſelige je wiederzuſehen.“ „Ich geb' es“— ſagte Caſimir, und ohne Gruß ging Askanio. Der Fürſt ſchellte ſeinem Kammerdiener.„Pferde! Ein⸗ packen auf der Stelle! Je ſchneller fort, deſto beſſer!“— Ihm war eine Centnerlaſt von der Bruſt gehoben; nach ſei⸗ ner Meinung war Alles beendet. Er flog zu ſeinem Onkel, um ihm zu ſagen, daß er denſelben funfzig Meilen von hier erwarten würde, bat ihn überall Abſchiedskarten für ihn hin⸗ zuſenden, ſeine Geldangelegenheiten zu berichtigen, und als der Onkel Alles verſprochen hatte, eilte er zurück, um beim — 29— Packen ſelbſt Hand anzulegen und die Abreiſe zu beſchleu⸗ nigen. Askanio ging während der Zeit zu Ondinen, fand ſie in fieberhafter Aufregung, doch völlig gekleidet, als ob ſie Jemand erwarte, reichte ihr das Blatt, ſagte:„Lies, und faſſe Dich; es iſt unwiderruflich“— und verließ ſie. Sie entfaltete es mechaniſch, dann erkannte ſie Caſimirs Hand und las, aber zerſtreut; denn wie kam ihr Mann dazu? Sie las es aber einmal, zwei⸗ und dreimal; da hatte ſie es ver⸗ ſtanden. Ihre Hände waren eiskalt, krampfhaft ſchlugen ihre Zähne aneinander, eine kalte Fauſt krallte nach ihrem Her⸗ zen; da raffte ſie ſich auf und ſagte;„Es iſt nicht ſein Ernſt, Askan hat ihn gezwungen! ich muß das wiſſen— ehe es zu ſpät iſt.“ Sie holte ſich Handſchuh und Hut, zog den Schleier vor's Geſicht und ſchlüpfte behend die Treppe hinunter, aus dem Hauſe. In Caſimirs Vorzimmer war Alles in haſtiger Ver⸗ wirrung: Da ſtanden halbgefüllte Koffer, da lagen Kleider, Bücher, Papiere, Waffen, da kramten die Bedienten aus und ein, und trugen Sachen ab und zu. Da trat Ondine ein und ſah, daß es Ernſt war. Die Leute, an ähnliche Beſuche bei ihrem Herrn gewöhnt, ſahen ſie kaum an. Einer machte ihr flüchtig die Thür des Zimmers auf, und wies nach einem Kabinet. Da ſaß Caſimir, den Rücken ihr zugewendet, Kaſ⸗ ſetten und Portefeuille ordnend, und ihren leiſen Tritt nicht beachtend. Sie ſchlug mit der einen Hand den Schleier zu⸗ rück und legte die andre auf ſeine Schulter; er fuhr empor und erkannte ſie mit Entſetzen. Sein erſter Gedanke war: „Sollte Sie wahnſinnig ſein!“— denn Aug' und Wange — 80— brannten in krankhafter Glut, und ihre ganze Erſcheinung war vollkommen haltungslos. „Ondine, Du quälſt mich fürchterlich, ſprach er beäng⸗ ſtigt; was willſt Du hier?“ „Dich ſehen, ſehen, o nur ſehen, Caſimir“— ſagte ſie mit unendlich ſchmerzvollem Ausdruck, ſchlang den Arm um ſeinen Nacken, lehnte den Kopf an ſeine Bruſt, und ſchien ruhig entſchloſſen ſo zu leben oder zu ſterben. Caſimir war auf der Folter. „Beſinne Dich, Ondine! Welch gräßlicher Zuſtand... ich gab Deinem Mann mein Ehrenwort Dich nicht zu ſehen ... Du mußt bei ihm bleiben. Nicht wahr, Engel? Sieh, ich gehe fort, weiß Gott wohin, nach Algier, nach Amerika — Du mußt bleiben— „Bei Dir“, ſagte ſie faſt unhörbar. Da blies der Po⸗ ſtillon. 1 „Nun ſo komm' mit mir zu Deinem Mann, rief Caſi⸗ mir in Verzweiflung, er ſoll entſcheiden.“ Er ließ ſie auf ein Sopha nieder, während er ſein Por⸗ tefeuille ordnete, dann gab er den Leuten ſeine Befehle, und als der Wagen gepackt war, führte er Ondinen hinab, ließ ſie einſteigen, und hielt in wenigen Minuten vor ihrem Hauſe. Askan ſah Beide mit kalter Verachtung in ſein Zim⸗ mer treten, und ſagte zum Fürſten: „Ich hätte mir vorſtellen können, daß Sie Ihr Ehren⸗ wort auf dieſe Weiſe halten würden.“ „Davon iſt gar keine Rede mehr!“ ſagte der ungeduldig. „Und Sie wollen ein Edelmann ſein! rief Askan em⸗ pört; der geringſte meiner Stallbedienten handelt nicht ehr⸗ loſer!“ — 8 „Askanio! rief Ondine zu ſeinen Füßen ſinkend, es iſt nicht ſeine Schuld— ich ſuchte ihn auf! ich liebe ihn, ich kann nicht von ihm laſſen.“ „Und das wagſt Du mir zu ſagen?“ „Ich muß es Dir ſagen, damit Du mir meine Freiheit giebſt.“ „Und dieſe Freiheit willſt Du benutzen, um aus den Armen eines Mannes in die eines andern zu ſinken? nim⸗ mermehr! das entwürdigt Dich!“ „Und wenn ich— „Schweig! rief er heftig, und dunkler Zorn flammte in ſeinem Auge; laß mich nicht vergeſſen, daß Du die Mutter meiner Söhne biſt— denn das bleibſt Du, wenn Du auch aufhörſt meine Frau zu ſein.“ „Ich kann Dir nichts, gar nichts mehr ſein, Askanio; ich war ein Kind, als ich Dich heirathete, wußte von nichts, am wenigſten von der Liebe— gieb mir meine Freiheit.“ „Hab' ich Dich je gekränkt, Ondine? war ich Dir nicht immer ein treuer, ſorgſamer Freund? haſt Du je bei mir eine Ahnung von Kummer gehabt? ruht denn etwas Ande⸗ res als eine lange, liebliche Erinnerung auf dieſen ſieben Jahren der Blütenzeit Deines Lebens, wo Du unſchuldig und glücklich warſt?“ „O das iſt ja vorbei, Askanio!“ „Wol iſt's vorbei, Unglückliche, aber darum trage das Schickſal, das Du Selbſt verſchuldet haſt, und verſuche nicht mit frecher Hand aus dem zertrümmerten Göttertempel Dei⸗ nes Glücks Dir eine klägliche Hütte zu erbauen. Mit Dei⸗ nen Erinnerungen fängt man kein neues Leben an— fängſt Ilda Schönholm. 3 6 — 32— 1 Du keines an, denn Du wirſt bereuen, und dann erſt recht elend ſein.“. „Ob elend, ob ſelig, gilt gleich— wenn ich nur bei ihm bin.“ „Und wäre er ein andrer Mann, ein ſtarker, feſter, der Dich ſchirmte und ſchützte— aber dieſer verläßt Dich und Du gehſt unter. Du mußt enden, wie Du begonnen haſt, denn eine zerriſſene Exiſtenz iſt keine mehr, iſt nur— eine Schmach, und wenn Du ſie auch ertragen könnteſt, ich könnte es nicht.“ „Graf, unterbrach ihn Caſimir, Ihre Ehe iſt zu löſen. Sie ſehen, wie entſchieden die Gräfin iſt, alſo geben Sie ihr die Freiheit, und von demſelben Augenblick an bin ich ſtolz, wenn ſie mir ihre Hand reichen will.“ 4 „Ondine, Du ſcheideſt von Allem, von Frieden, Ehre, Glück und Ruhe, von Deinen Kindern”...— „Ich kann nicht Mutter Deiner Kinder ſein, Askanio! Barmherzigkeit! gieb mir die Freiheit!“ „Wolan, ſie ſoll Dir werden“...— „Großmüthigſter, edelſter der Menſchen!“ rief Ondine in Thränen ausbrechend. Auch Caſimir wollte etwas von Dank ſtammeln, doch Askan ſprach abwehrend: „O nichts, nichts davon! Es bleibt dabei, daß Sie, Fürſt, vor der Hand reiſen— die kurze Trennung wirſt Du ertragen können, Ondine!— Die Welt hat dann weniger zu reden, und das iſt immer gut. Du bleibſt hier. Ich gehe, wie es meine Abſicht war, nach Ohlau, und von dort leite ich Alles ein, wie Du es gewünſcht haſt. Jezt reiſen — —,— 83— Sie, Fürſt, von dieſem Augenblick an ſtehe ich Ihrer Liebe nicht mehr entgegen.“ Caſimir ſchloß Ondine ſtürmiſch in ſeine Arme und der Wagen rollte mit ihm fort auf dem Wege nach Paris. „Diable, wie wird das enden!“ rief er. 3 Einige Tage darauf trat Askanio nach kurzem Abſchied von Ondinen ſeine Reiſe an. Sie ſah ihn nie wieder. Mit einem zertrümmerten Glück, einem gekränkten Ehrgefühl, einem vernichteten Lebenszweck, einem zerriſſenen Herzen, einem in Grund und Boden, von Innen und Außen zerſtör⸗ ten Daſein— mogte Askanio nicht mehr leben.„Ich kann nicht die eine Hälfte meines Lebens durch die andre Lügen ſtrafen— das war ſein einziger Gedanke— kann nicht ver⸗ leugnen, was ich geliebt, kann nicht verachten, was ich geehrt habe.“ Nach vier Wochen erhielt Ondine die Nachricht, daß der Graf auf der Jagd verunglückt ſei. Es fand ſich keine Zeile des Abſchieds für ſie, keine Schrift, in welcher auf ihre pro⸗ jektirte Scheidung hingewieſen wäre, auch in ſeinem kürzlich abgefaßten Teſtament nichts, was auf eine Spannung zwi⸗ ſchen ihnen ſchließen ließ. Denn obgleich er ihr nicht die Vormundſchaft und Erziehung der Söhne anvertraute, ſo ſagte er doch nur, es geſchehe, theils um ihr die Sorgen der Geſchäfte zu erſparen, theils weil ihr weicher nachgebender Sinn es ihr unmöglich machen würde, eine Knabenerziehung glücklich zu leiten. Ein glänzendes Witthum, das ſie unter allen Umſtänden behielt, war ihr ſchon früher ausgeſetzt. Niemand konnte vermuthen, daß er ſich ſelbſt den Tod gege⸗ ben. Als Ilda im Gaſthof zu Landeck ihm ſchrieb, ruhte er längſt in der Gruft ſeiner Ahnen.. 6* — 84— — Sein Tod traf Ondinens Herz. Sie war zerſchmettert. Heftige Krankheit beſiel ſie. Kaum geneſen übergab ſie ihre Söhne den dazu beſtellten Vormündern, und ging nach Ita⸗ lien, wo ſie mit Caſimir zuſammentreffen wollte. Ihr Wa⸗ gen war es, deſſen Wappen Ilda auf der Höhe des Worm⸗ ſer Joches ſo beunruhigte. Fünftes Kapitel. Es giebt eine Trauer, die durch die Zeit geſchärft, eine andre, die durch die Zeit geſtillt wird. Ildas Trauer um Askan und Ondine empfand den wolthätigen Einfluß der Zeit, denn ihr Herz war durch dies unglückliche Ereigniß tief verwundet zwar, doch nicht zerriſſen; und für Wunden giebt es Balſam und Heilung, aber für Zerſtörung nichts. Ilda hatte durch die Geſandtſchaft Ondinens Aufenthalt in Italien erfahren, und ihr ſogleich nach Florenz geſchrieben, wo ſie in einer kleinen Villa am Ufer des Arno einſam lebte. Ondinens Antwort war voll Dank, Rührung und Liebe für Ilda, und da ſie Caſimir erwartete, ſo ſprach ſie hoffende Zuverſicht aus. Ilda wußte nichts von Caſimir, daher hofte auch ſie, und faßte Vertrauen für die Zukunft ihrer Couſine. Die Geſellſchaftszimmer im Ruhenthaler Schloß waren glänzend erleuchtet, und Ada empfing die Gäſte, die ſie zum Ball eingeladen und nicht eingeladen hatte, denn ihre nähe⸗ — 85— ren Freunde durften heute diejenigen Perſonen einführen, welche ihre Bekanntſchaft wünſchten. Sie ſtand in einem Halbkreis von hohen, prächtigen ausländiſchen Gewächſen, an den Sockel einer großen Marmorvaſe gelehnt, ganz einfach weiß gekleidet. Der leichte Muſſelin, die zarten weißen Fe⸗ dern, ihren Kopfputz bildend, und der Fächer von weißen Federn ließen ihre Geſtalt wie aus einem Nebelwölkchen her⸗ vortreten und zeichneten ſie lieblich auf den grünen Hinter⸗ grund ab. Figur, Haltung und Bewegungen hatten jene unnachahmliche Grazie, die aus dem vollkommenen Ebenmaß der Geſtalt und aus der vollkommenen Sorgloſigkeit, ſie gel⸗ tend zu machen, entſpringt. Sie ſah freundlich aus; es war nicht die banale Freundlichkeit des Salons, die nur herge⸗ brachte Maske für die Gleichgültigkeit iſt, ſondern ſie freute ſich wirklich, alle dieſe Menſchen, die ihr theils bekannt, theils befreundet waren, nach Jahren wieder bei ſich verſam⸗ melt zu ſehen. Bisweilen lächelte ſie; dann war ſie bezau⸗ bernd; aber dies Lächeln war ſelten, wie ein Meteor. Ein Herr von Werffen war ihr vorgeſtellt worden, ein Mann, von dem ſie viel hatte reden hören als geiſtreich und talentvoll, tüchtiger Muſiker, hübſch komponirend, ſchön zeich⸗ nend. Er hatte einige ihrer Gedichte in Muſik geſetzt und ſie dankte ihm dafür. Er ſagte: „Ich ſchmeichle mir in der That, daß mir die Auffaſ⸗ ſung geglückt iſt.“ „Von einem gewiſſen Standpunkt aus— gewiß! ent⸗ gegnete ſie mehr aufrichtig als ſchmeichelhaft; es iſt eine eigene Sache mit der richtigen Auffaſſung eines Liedes. Zel⸗ ter, Reichardt und Beethoven haben alle drei„Freudvoll und — 86— - leidvoll“ komponirt, und wer die Worte nicht hört, glaubt nimmermehr, daß es ein und daſſelbe Lied ſein könne.“ „Und wer hat es, Ihrer Meinung nach, am richtigſten aufgefaßt?“ „Das entſcheiden Sie Selbſt! Zelters Lied, hausbacken, proſaiſch und kühl, ſingt eine gute Hausfrau, Mutter von ſechs bis acht Kindern, wenn ſie einmal ſingt. Reichardts Lied ſingt das bebende, ſelige, in Jubel und Weh zerſchmel⸗ zende, jungfräuliche Herz. Beethovens Lied aber muß die Seele ſingen, vor der ſich die Liebe in ihrer Unendlichkeit wie ein Himmel oder ein Meeresabgrund ausbreitet; da hin⸗ ein muß ſie, ob zum Untergang oder zur Verklaͤrung— gleichviel! ſie fragt nicht, ſie zögert nicht, ſie ſtürzt ſich in ihr Element, und das wird ihr Triumph, wenn auch ihr Tod, ſein!— Nun?“ „Sie haben ſo eben ein neues Gedicht gemacht, gnädige Gräfin, jedoch ſind Sie ungerecht, wenn”... „Ach, lieber Baron, rief Ilda ihrem alten Freunde zu, kommen Sie denn heute gar nicht!“ „Brao von Ihnen, daß Sie mich vermißt haben! für graues Haar und ſechszig Jahre haben die Damen ſelten dieſe Aufmerkſamkeit. Nun erlauben Sie mir, Ihnen den Herrn Otto vorzuſtellen, der ſeit Monaten ſich nach dem Glück Ihrer Bekanntſchaft ſehnt“...— „Um vielleicht enttäuſcht zu werden“— ſagte Ilda zwi⸗ ſchen Spott und Ernſt, und wandte ſich zu Otto. Der trat lebhaft ihr näher und ſagte: „Unmöglich, gnädige Gräfin! Sie ſtehen längſt ſchleier⸗ los vor mir.“ „Das freut mich, erwiderte ſie unbefangen, ich glaube, — 87— daß ich nur dadurch gewinnen kann.“— Und jenes zauber⸗ hafte Lächeln, das einigen Bildern Leonardos ſolche wunder⸗ bare Magie verleiht, glitt über ihre Züge. Es war etwas in Ottos Erſcheinung, das ſie außerordentlich frappirte.„Der Menſch ſieht aus wie ein Menſch, nicht wie eine Puppe“— dachte ſie heimlich. Das iſt aber etwas höchſt Seltenes; denn der Profeſ⸗ ſor, der Lieutenant, der Kammerherr, der Präſident, ſehen immer ganz genau aus wie Profeſſor, Lieutenant, Kammer⸗ herr und Präſident, aber gar nicht wie ein Ich, wie ein be⸗ ſtimmtes Individuum. Von Rang, Stand und Beruf laſſen ſie ſich einen hergebrachten Stempel aufdrücken, weil ihnen eben Rang, Stand und Beruf mehr gelten als ihre innere Perſönlichkeit, und daher ſind die meiſten Menſchen wie im Atelier die Gliederpuppe, welche disgraziös das Gewand trägt, das ihr der Maler umgeworfen hat, um den Faltenwurf zu ſtudiren. Bei Otto war es unmöglich zu erkennen, welchem Stande er angehöre, welchen Beruf er gewäͤhlt. Sein Be⸗ nehmen hatte eine durchaus ariſtokratiſche Aiſance, ohne die ſchlaffe, langweilige Nachläſſigkeit der Ariſtokratie; ſein Ton war frei und lebhaft, ohne, die brüsken, harten, ungalanten, bürgerlichen Manieren. In Gang und Haltung war dieſelbe Friſche und Ungezwungenheit. Der Kopf war prächtig, von jenem marmorfarbenen, durchſichtigen Colorit, das blonde Maänner nie, und brünette höchſt ſelten haben, und das, mit dunkeln Augen und Haar kontraſtirend, den ftralenden Licht⸗ effekt hervorbrachte, der auf Gemälden von Rembrandt ſo häufig und ſo magiſch iſt. Wenn er ſchwieg, war der Aus⸗ druck des Geſichts nachdenkend und ſehr ernſt; wenn er ſprach, heiter, faſt übermüthig, weil die ſehr kurze, ſcharf⸗ — 88 1 geſchnittene Oberlippe und die blendend weißen Zähne dem Munde einen leiſen Anflug von Ironie gaben. Dieſer kleine Zug brachte ihn um das Glück, von allen Frauen für einen ſchönen Mann erklärt zu werden. Frauen haſſen nichts ſo ſehr, als die Ironie, wahrſcheinlich deshalb weil ſie ihnen nicht zu Gebot ſteht, und ungern laſſen ſie die Männer mit dieſem Ausdruck oder dieſer Richtung für ſchön oder liebens⸗ würdig gelten. Es wurde lebhaft getanzt, und Jeder unterhielt ſich wie er konnte und wollte. Otto trat aus einer Männergruppe heraus, und ſah mit untergeſchlagenen Armen dem Tanze zu. Ilda, die eben durch den Saal ging, blieb vor ihm ſtehen und fragte: „Warum tanzen Sie nicht?“ „Aber welcher Mann iſt ſo glücklich heutzutage bei drei⸗ ßig Jahren noch tanzen zu können? fragte er dagegen;— man hat einſt getanzt, als man jung war.“ „O nur nicht alt ſein! das iſt zu langweilig!— Und langweilen Sie Sich nicht hier?“ „Nein! mit meinen Gedanken langweil' ich mich nie.“ „Laſſen Sie hören, ob Ihre Gedanken wirklich unter⸗ haltend ſind. Was dachten Sie vorhin?“ „Wie es möglich iſt, daß alle dieſe Leute ſo munter tanzen, da ſie ja eigentlich in tiefem Schlaf liegen.“ „Nachtwandler ſind im Schlaf am geſchickteſten. Und dann?“ „Ich denke nicht ſo viel auf einmal“— ſagte er lachend. „Seltſam, was die Menſchen ſich für Mühe geben ihre Gedanken zu verbergen!“ —— — „Gar nicht ſeltſam! denn wem liegt daran, daß ich ihm die meinen offenbare?“ „Wenn Alle ſo dächten, würde Niemand ein Buch her⸗ ausgeben.“ 4 „Das Genie hat Recht das Gegentheil vorauszuſetzen.“ „Dann iſt es immer im Nachtheil! es giebt ſich hin, es enthüllt ſich— und findet keine Wahrheit.“ „Sagen Sie: im Vortheil— denn um ſeiner Wahr⸗ heit willen wird es angebetet.“ „Da könnte ja ein Jeder für dieſen Preis die Wonne der Vergötterung genießen.“ „Nein, ſo dumm ſind Gottlob die Menſchen nicht, daß ſie vor der Offenbarung einer gemeinen oder alltäglichen Na⸗ tur knieten.“ „Doch umtanzen ſie jedes goldene Kalb!“ Herr von Werffen trat heran und miſchte ſich in das Geſpräch. Otto zog ſich zurück. Im Lauf des Abends hatte die Gräfin nur Gelegenheit ihm flüchtig zu ſagen, daß ſie ſich freuen würde ihn öfter bei ſich zu ſehen. „Wie gefällt Ihnen Otto?“ fragte ſie der Baron. „Gut. Er ſpricht. Man braucht nicht jedes Wort müh⸗ ſelig wie Funken aus dem Kieſel herauszuſchlagen.“ „Und Werffen?“ „So, ſo! Er hat noch nicht ſein Licht leuchten laſſen können. Wir wollen erſt hören, wie er das Piano ſpielt. Es können nicht alle Leute auf dieſelbe Weiſe liebenswürdig ſein, und ich bin ganz froh, wenn ſie es überhaupt auf ir⸗ gend eine ſind.“ „Er iſt wirklich ein ſehr ſchöner Menſch.“ „Wer, lieber Baron?“ „Nun Werffen! ich meine Sie ſprechen von ihm.“ „Sie wiſſen ja längſt, daß ich keine Blondins liebe.“ „Und Polhdor mit ſeinen ſchönen blonden Locken?“ „Ach meinen Polydor hab' ich lieb ohne ihn ſchön zu ſinden. Ich hatte heute Briefe von ihm. Es geht ihm fort⸗ während gut. Meine kleine Büſte, die er in der erſten Kunſthandlung aufgeſtellt, hat glänzenden Beifall gefunden, und alle Frauen wollen von ihm gemeißelt ſein. Er kann fodern, welche Bezahlung er will— man giebt ſie ihm.“ „Wenn er nur nicht übermüthig wird.“ „Wol möglich! doch das iſt bei einem ächten Künſtler nur eine Uebergangsepoche— er muß hindurch.“ „Und wenn ihn die Frauen nur nicht verderben, eitel und fade machen;— ſie haben ein eigenes Talent dafür die Männer zu verderben!“ „Ach die armen, unſchuldigen Männer!“ rief ſie lachend. „Nun, wenn Sie Polydor als eitlen Gecken, als homme à honnes fortunes wiederfänden, ſo würden 8 doch den Frauen die Schuld beimeſſen.“ „Nie einem Theil allein! Unkraut kann nur in dem Erd⸗ reich wuchern, das ihm zuſagt.“ „Und glauben Sie wirklich, daß Polydor rein und un⸗ angetaſtet durch die Welt gehen werde?“ „Was nennen Sie rein? ſoll er keinen Champagner winken, keine Schulden machen, keine Duelle haben, in keine hübſche Frau ſich verlieben?“ „Nun, gute Gräfin, wenn Sie das Alles Ihrem Schütz⸗ ling geſtatten, ſo ſeh' ich nicht ein, was ihm übrig bleibt, um ſich bei Ihnen in Mißkredit zu ſetzen.“ „Gegen ſeine Ueberzeugung handeln.“ — — „Man braucht nicht gegen ſeine Ueberzeugung zu han⸗ deln, um doch von Leidenſchaft zerriſſen und befleckt zu werden.“ „O das weiß ich,“ ſagte ſchmerzlich Ilda, Ondinens eingedenk;„aber was haben Sie gegen Polydor?“ ſetzte ſie plötzlich hinzu. „Nichts, gar nichts... es iſt nur... ich ärgere mich...— „O Himmel, reden Sie! was wiſſen Sie von ihm, über ihn!“ „Gar nichts, auf Ehre! Ich mögte nur wiſſen— ob Sie wirklich geſonnen ſind ihn zu heirathen.“ Ilda trat einen Schritt zurück, ließ die erhobenen Hände ſinken und ſagte mit einer wegwerfenden Kopfbewegung:„Ah bah!”“— Dann ließ ſie den Baron ſtehen, der ſich vergnügt die Hände rieb. Am Tage nach dem Ball waren Ilda und der Ball ganz natürlich Gegenſtand des Geſprächs. Die Damen fanden, daß die Gräfin doch ſehr verändert ſei. Da ſie aber hoften alsdann weniger von ihr verdunkelt zu werden, ſo lobten ſie ihre Schönheit. „Es iſt wahr, ſie iſt mager worden, und das pflegt alt zu machen; aber es giebt ihr eine Leichtigkeit, die ihr ſehr gut ſteht;“ ſagte eine Dame von prächtigem Embonpoint. Eine andre, lang und mager zum Erſchrecken, meinte: „Solche Figuren allein ſind comme il faut.“ „Aber gar nicht ſchön! rief ein Herr impertinent da⸗ zwiſchen. „O mit den Herren kann man nie über Frauenſchön⸗ heit disputiren— ſagte die fette Dame— die haben ihren eigenen Geſchmack. Was uns gefällt, mißfällt ihnen, und umgekehrt.“ „Fleiſch und Knochen iſt Alles— ſagte einer der Män⸗ ner— ſchön wird es nur durch die glücklichen Proportionen der einzelnen Theile zum Ganzen.“ „Es iſt entſetzlich, beſter Doctor, bei einer lieblichen Schönheit von ihren Knochen reden zu hören“— entgegnete eine Dame. „Wie ſo, Gnädigſte? um Ihnen einen Begriff von der Zartheit und Anmuth der Knochen beizubringen, werde ich nächſtens die Ehre haben Ihnen eine ſkelettirte Kinderhand vorzulegen.“ Die Dame ſchrie auf; die übrigen machten Chorus mit ihr. Der Doctor fuhr gelaſſen fort:„Was die Gräfin Schönholm betrift, ſo hat ſie eine ſehr ſchöne Knochenbildung — ſo weit man es nämlich beurtheilen kann.“ Die Männer lachten; eine geſcheute Frau unterbrach ihn: „Aber lieber Doctor, der Geiſt, der die Form beſeelt, macht ſie ſchön.“ „Um Vergebung, gnädigſte Frau! wenn die Seele eines Engels in dem Körper eines Bucklichen wohnt, ſo widerſtrebt doch dieſer Buckel den Begriffen von Schönheit.“ „Brav! brav!— Richtig, lieber Doctor!— Und wie er poſſirlich iſt!— Toujours le mot pour rire!“— rief man durch einander, und dann ſagte Jemand: „Aber der Walzer war doch geſtern ſehr poſſirlich, in welchem ein Champagnerkork zu gewiſſen Takten ſprang.“ „Göttliche Tanzmuſik dieſer Strauß!“ „Nein, es war'ein Lanner; die Gräfin hat ihn aus Wien bekommen, und auch den zweiten Galop.“ —. 93— „Der junge Bildhauer, den ſie ſtudiren läßt, hat ihn ihr geſchickt.“ „Sie muß doch außerordentlich reich ſein, um ſolche Unterſtützung geben zu können.“ „Freilich iſt ſie das! aber ſobald ſie heirathet, hat ſie nichts.“ „ Die Männer ſind doch immer von empörender Grau⸗ ſamkeit.“ „Ganz und gar nicht!— ſagte ein Mann— der Schönholm hat ſie glänzend geſtellt, ſo lange ſie ſeinen Na⸗ men trägt und, ſo zu ſagen, dadurch noch ihm angehört. Giebt ſie ihn auf, ſo geht ſie ihn nichts mehr an, alle Ver⸗ pflichtungen ſind gelöſöt und ein Anderer mag für ſie ſorgen.“ „Aber kann ſie denn nicht einen armen Mann lieben?“ „Um Verzeihung, Gnädigſte! keine elegante und vor⸗ nehme Frau liebt einen armen Mann.“ „Läſterung! von den Männern iſt das zu behaupten.“ „Ah, da kommt Herr Otto. Bon soir! nun ſagen Sie, wie hat Ihnen die Gräfin Schönholm gefallen?“ „Gut.“ „Wie? nur gut!— Eine ſo liebliche Erſcheinung!— Eine ſo geiſtreiche Perſon!— Von ſolcher Grazie!“— riefen die Frauen, heimlich froh, daß ſie nur gut gefallen hatte.. „Sie hat einen gewiſſen Stolz in ihrem Benehmen, in ihren Kopfbewegungen, der nicht anmuthig iſt“— ſagte Einer. „Gerade der hat mir ſehr gefallen, erwiderte Otto. Ich liebe den Stolz an Srnuen⸗ er zeugt von Selbſtbewußt⸗ ſein.“ „Nun daran fehlt es der guten Schönholm nicht.“ „Sollte es je einem Menſchen fehlen? Vollends für eine hoch⸗ und einſamſtehende Frau iſt es ein ſtralender, ſchützen⸗ der Schild.“ „Aber es giebt dem Charakter leicht einen männlichen Anſtrich.“ „Den Eindruck hat die Gräfin nicht auf mich gemacht.“ „Ich glaube, daß es ſehr ſchwer iſt Ihnen zu impo⸗ niren,“ ſagte eine hübſche Frau, die keineswegs dies Talent beſaß. „Schönheit imponirt mir. immer“— ſagte er leicht, und freundlich lächelte ſie ihn für dieſe Fadaiſe an. Ilda ging ſeit jenem Ball in die Geſellſchaft, und em⸗ pfing an gewiſſen Tagen der Woche bei ſich. Der Zirkel war bald größer bald kleiner, wie es ſich eben traf. Otto ging häufig hin; ihm war es am liebſten, wenn wenig Per⸗ ſonen da waren, dann ſetzte man ſich rund um den Theetiſch und die Unterhaltung war oft ſehr lebhaft und angenehm. Im zahlreichen Zirkel hingegen, beſonders wenn viel Frauen da waren, die Ilda und ihren Theetiſch verſchanzten, war es ihm ſelten möglich bis zu ihr zu gelangen, weil er ſich nie vordrängte. Werffen fehlte an keinem Abend; ſein muſikali⸗ ſches Talent machte ihm überall und immer einen guten Em⸗ pfang, und er übte es aus ohne Ziererei und Launen. Einſt rief Ilda Otto zu ſich heran und ſprach: „Weshalb bleiben Sie an Abenden wie der heutige im⸗ mer im dritten Gliede ſtehen, da Sie doch wiſſen, daß ich gern mit Ihnen ſpreche?“ „Ich habe keine Gelegenheit mich Ihnen zu nähern.“ „Das iſt aber ſehr unbequem für mich, dann muß ich Sie ſtets rufen— wie eben jezt. Nun wollen wir plaudern während Werffen ſingt. Die Muſik accompagnirt das Ge⸗ ſpräch ſo angenehm.“ „Wollen Sie die Gnade haben mir eine Frage zu be⸗ antworten?“ „Das verſteht ſich— ſo gut ich kann!“ „Es wird in Ihrem Salon über alles mögliche Inter⸗ eſſante und Unintereſſante geſprochen— warum nie, aber wörtlich nie! eine Sylbe über Politik?“ „Weil ich mich höchſt ungern langweilen laſſe.“ „Wie können die Intereſſen, welche jezt das Menſchen⸗ geſchlecht in Bewegung ſetzen, einen Geiſt, ein Herz wie die Ihren, langweilen!“ „Wer behauptet das! aber die geſcheuteſten Leute wer⸗ den langweilig, ſobald ſie ſich in das Gebiet der Politik be⸗ geben; dann ſtürzt ſich Jeder in ſeine Partei und kämpft auf Tod und Leben gegen die fremde. In der Hitze des Gefechts ſieht er oft durch die Staubwolken verdunkelt Windmühlen für Rieſen an. Einmal, iſt das lächerlich; wiederholt es ſich, langweilig. Davon hat Niemand Genuß“...— „Als die ſtreitenden Parteien.“ „Ich will aber keine Parteien! in meiner Nähe ſoll Friede ſein.“ „Sie dekretiren ihn ziemlich despotiſch.“ „Ach, es muß ja irgend Jemand in der Geſellſchaft Despotismus üben, welcher Art er ſei, damit ſie einigerma⸗ ßen in Gang komme; warum nicht ich ſo gut wie jeder Andere.“ „Sie eignen Sich gewiß beſſer dazu wie jeder Andere, weil Sie, abgeſehen vom Uebrigen, mit Ihrem Widerwillen — 96— gegen Parteien, wahrſcheinlich keiner angehören, ſondern alle verſchmelzen, wie im Sonnenlicht die Farben untergehen.“ „Im Salon gehöre ich ſicherlich keiner an.“ „Und im Leben?“... „Bin ich Ariſtokratin vom Scheitel zur Sohle, und danke dem Himmel, daß ich es bin, denn jede edle Seele iſt geboren ariſtokratiſch und hält ſich ſeitab vom Pöbel. Uebri⸗ gens ſtehe ich jezt feſter denn je in den Reihen meiner Ge⸗ noſſen, da die Tage ihres Glückes augenſcheinlich zu Ende gehen und eine neue Aera beginnt.“ „Aber die ſtarken, freiheitsdurſtigen Seelen ſollten ſich ihr zuwenden wie dem Morgenroth, und dem jungen Tag ihre Kraft weihen.“ „Das mag ſehr verdienſtlich ſein; aber es iſt leichter den alten Göttern treu zu ſterben, als mit den neuen, frem⸗ den, zu leben; und Sie werden doch nicht von mir begehren, daß ich mir Mühe geben ſoll?“ „Ich nicht!— wenn das Schickſal es nur nicht verlangt.“ „O es hat's gethan, und ich gehorchte, gab mir Mühe — und mißlang.“ „Ich glaube doch, daß wir durch Mühe viel erreichen und gewinnen können, nur nichts— gegen unſer Herz.“ „Und alle andre Mühe iſt ja keine! aber Anſtrengung überwindet das Herz, obgleich ſie es zermalmen kann!“ „Es muß ſich wunderlich leben mit einem zermalmten Herzen.“ „Kläglich! und dieſe Kläglichkeit iſt nicht zu ertragen. Wer leben will, muß friſch und ganz daſtehen, und bereit ſein das Leben am Fuß feſtuhalten⸗ wenn die Flügel uns aus der Hand ſchlüpfen.“ „Iſt das entſchloſſene Kraft oder— Leichtſinn?“ „O ich bin nicht ſo genau in mir ſelbſt zu Hauſe! Ich weiß nur, daß ich vorwärts muß, daß die Zukunft mein Reich iſt und nicht die todte Vergangenheit, daß mein Auge ſtets offen ſein muß, weil immer neue Erſcheinungen des Le⸗ bens an ihm vorüberziehen. Wie dürftig und ungerecht wär' ich für mich und Andere, wenn ich mein Auge nur einmal hätte öfnen, und dann auf immer ſchließen wollen.“ „Auf die Weiſe ſcheint mir, daß Sie gar keine Ahnung von der Eigenſchaft haben können, die Treue heißt“— ſagte er lachend „Doch! entgegnete ſie ernſt, ich ſuche mir ſelbſt treu zu ſein. Ich muß mich durch die Welt hindurch bringen, ſo frei wie möglich; ich muß mein innerſtes Weſen entfalten, ſo reich wie möglich— das iſt mein Streben. Noch iſt viel Unentwickeltes, viel Unfreies in mir— wenn ich das je ver⸗ geſſen könnte, ſo wäre ich mir ſelbſt untreu.“ „Sie haben einen Muth, als ob Sie keine Schmerzen kennten.“ „Ich kenne ſie! aber wie Homers Götter und Miltons Engel, ohne ſie zu fürchten, denn ſie bringen mir nicht den Tod. Ich ſtelle mich auf den Schmerz und er hebt mich höher. Nachdem ich tüchtig mit ihm gekämpft habe, wird er mein Sklave, und als ſolcher der Fußſchemel des Ueber⸗ winders.“ Es lag ein wunderbarer Contraſt in ihren Worten und in dem leiſen, bebenden Ton, womit ſie ſprach; in der in⸗ nern Entſchloſſenheit, und der weichen, ätheriſchen Geſtalt; Otto heftete verſtummend den glanzvollen Blick auf ſie, und als Ilda ruhig und ſanft ihm ins Antlitz ſah, war ihm, als Ilda Schönholm. 7 1 - müſſe er freudig untergehen in das tiefe unergründliche Meer ihres Auges. Plötzlich, wie ſich beſinnend, kehrte ſie haſtig den Kopf ſeitwärts zum Piano, und Otto, um irgend etwas zu ſagen, ſagte raſch: „Der Werffen hat beſſer als je geſungen!“ Ilda ſprach lachend:„Ich ſchmeichelte mir ſchon, Ihr Ohr vollkommen captivirt zu haben; doch der Triumph ſollte mir nicht werden.“ Er entgegnete in demſelben Ton:„Ein Ausgangspfört⸗ chen muß immer offen bleiben, wenn auch das Portal ge⸗ ſchloſſen iſt.“ „Ja, ſagte Ilda, ſo ſind die Männer! immer halb, oder dreiviertel, höchſtens ſiebenachtel— nie ganz.“ „Diesmal thun Sie mir Unrecht! ich war ganz“... „Nun ſchnell die Wahrheit!— was?“ „Ganz Ohr für Werffen.“ „Bravo!— ſagte ſie mit einer Welt von Heiterkeit im Blick— das wird ihn freuen, den guten Werffen; gehen Sie ihm es ſagen.“ „Sie ſind boshaft, Gräfin“— entgegnete Otto und zog ſich zurück. Aber mächtig feſſelte ihn dieſe Frau! Er hatte Viele geſehen, die ſie an Schönheit übertrafen, Einige an Geiſt, Einige auch die an Anmuth ihr gleich waren— und doch ſtand ſie vor ſeiner Seele in einſiedleriſcher Abge⸗ ſchiedenheit, mit Keiner zu vergleichen, geſchweige zu verwech⸗ ſeln. Die ſcharfen Umriſſe, mit denen ihre Weſenheit gezeich⸗ net war, prägten ſich feſt in ſeine Bruſt. Ueber den Spie⸗ gel und den hellpolirten Stahl rollen die äußern Gegenſtände ſpurlos hinweg, und die Oberfläche wirft nur ihre bunten Farben und Formen zurück; aber der Diamant gräbt ſich — 99— hinein. Otto war feſt und hell wie Stahl. Die Erſchei⸗ nungen des Lebens beherrſchten ihn nicht, weil er ſich nicht wollte beherrſchen laſſen. Sie ſpiegelten ſich lebhaft in ihm ab, denn er war von großer Regſamkeit; aber ſie bogen und lenkten ihn nicht.„Es muß noch etwas Anderes aus dem Leben zu machen ſein“— ſprach er zu ſich ſelbſt, wenn ihm ſchien, daß irgend ein Einfluß zu merklich auf ſeine Rich⸗ tung wirkte, und dann entzog er ſich ihm, ſei es mit Leich⸗ tigkeit, ſei es mit Ueberwindung. Er war ohne Namen, ohne Vermögen und Rang, durch nichts ausgezeichnet, als durch ſeine Perſönlichkeit, aber er ſtellte ſich in der Geſell⸗ ſchaft mit einer Ruhe, mit einer Sicherheit des Ueberge⸗ wichts, als habe er die höchſten Siegeszeichen nicht zu em⸗ fangen, ſondern zu vertheilen. Die Welt nimmt den Men⸗ ſchen ſtets für das, wofür er ſich giebt. Jede Ueberlegenheit imponirt ihr; ſo erkannte ſie auch ſtillſchweigend Ottos Au⸗ torität an. Seine äußerſt gefälligen Formen machten, daß ſeine Suprematie nie verletzend für Andre wurde. Man gab ihm höchſtens etwas jugendlichen Uebermuth Schuld. Werffen fand ihn unerträglich; d. h. Werffen, ein Mann de la vieille roche, ärgerte ſich über dieſe Erſcheinung der Zeit.„Vor funfzig Jahren wäre ſo etwas unmöglich gewe⸗ ſen, ſagte er einſt zu Ilda; damals blieb ein Herr Otto in der Schreibſtube oder wo er ſich ſonſt placirt hatte, und figurirte nicht im Salon auf glänzende Weiſe.“ „Warum ſo neidiſch, mein lieber Werffen?“ fragte ſie boshaft. 1. „Bei Gott nicht! rief er lebhaft; im Gegentheil! dieſer Menſch iſt mir angenehm, achtungswerth, als Menſch; ich . 7* — 100— will auch gern glauben, daß er durch Wiſſen und Verſtand ausgezeichnet iſt— nur bleibe er in ſeiner Sphäre.“ „Wie wollen Sie in unſern Zeiten einen ausgezeichne⸗ ten Menſchen aus irgend einer Sphäre verbannen, da der Grafenſohn und der Schuſterſohn auf derſelben Schulbank ſitzend für dieſelbe Beſtimmung erzogen werden, und nur da⸗ durch verſchieden ſind, daß der Schuſterſohn gewöhnlich beſ⸗ ſere Fähigkeiten hat?“ „Und iſt das nicht ein ungeheures, gar nicht zu über⸗ ſehendes Unglück?“ „Ja woll für die Ariſtokratie, denn ſie hat keine Kraft im Blut mehr und kann ſich nicht regeneriren. Sie vergeht allmälig, gleich den uralten Bäumen des Waldes, und der ners-état hebt ſich in der Bureaukratie als eine neue An⸗ pflanzung hervor über den mächtigen, kahlen, verdorrten Stämmen. Sie iſt nichts weniger als impoſant, glänzend und vertrauenerweckend, dieſe Bureaukratie, aber ſie hält doch einigermaßen der Herrſchaft des gemeinen Geldſacks das Gleichgewicht.“ „Ich halte es auch für dieſe Leute vom tiers- état für ein Unglück, daß die Schranken des Turnierplatzes ſich ihnen öfnen. Die Zahl der Aſpiranten wird dadurch zu Legionen, mithin auch die der Unzufriedenen, der Unruhigen. Es giebt unter ihnen, wie unter den Ariſtokraten, meiſtens Mittelgut, manche Tröpfe, ſelten ein Genie. Das drängt nun vor⸗ wärts, voll Ehrgeiz, voll Vergnügungsſucht, voll Neid. Das erſtickt ſich untereinander, und uns mit, die wir an Zahl ihnen nach⸗ und in ihre Reihen gemiſcht ſtehen. Wenn un⸗ ter uns ein eminenter Kopf auftaucht, ſo ſtellen ſie uns ſo⸗ gleich drei bis vier oder noch mehr gegenüber, was ganz — 101— natürlich aus dem verſchiedenen Zahlenverhältniß entſpringt; — ſo iſt's unmöglich ihnen den Nang abzulaufen, denn in der Bureaukratie herrſcht, wie in allen Kaſten, der Nepotis⸗ mus. Das ſtützt ſich, hebt ſich, reicht ſich die Hand gegen⸗ ſeitig, drängt und ſchiebt, unwiderſtehlich wie die mazedoni⸗ ſche Phalanr. Wenn das ſieben Söhne hat, ſo müſſen alle ſieben ſtudiren, und ſechs davon wären eben ſo gut mit der Elle und der Muskete an ihrem Platz. Kinder haben dieſe Leute ohnehin in erſchreckender Menge! im vorigen Sommer war ich mit einem Präſidenten im Bade, der ſieben Töchter hatte. Zwei davon bereits verheirathet, fünf ledig, recht hübſche Mädchen, wolerzogen; und ich bin überzeugt, ſie ver⸗ heirathen ſich alle, vielleicht zum Theil in altadelige Fami⸗ lien, deren Söhne eine Carriere im Staatsdienſt machen wollen— denn der Papa kann pouſſiren, und ohne ſolche Hülfe durchbricht Keiner die Maſſe. Die undankbaren Für⸗ ſten laſſen den Adel fallen, nachdem er ſich an ihren Höfen ruinirt hat, oder protegiren ihn nur verſtohlen, was noch übler iſt, weil es ausſieht, als ob er es nicht verdiene. Geld hat er auch nicht mehr, um mit der brutalen Pracht der Finanz wetteifern zu können. Die älteſten, edelſten Geſchlech⸗ ter ſterben aus. Andere opfern den uradeligen Namen und den Vorzug des pur sang der Erhaltung ihrer Beſitzungen auf, und verheirathen ſich mit bürgerlichen Mädchen, die reich ſind— kurz, Entartung überall.“ „Aber die datirt aus alter Zeit herüber, guter Werf⸗ fen! als der Adel ſo dumm war ſich von den Fürſten aus Eitelkeit und Vergnügungsſucht in die Erbärmlichkeit des Hofdienſtes locken zu laſſen— als er die ſtolze Unabhängig⸗ keit ſeines Schloſſes und des Kriegsdienſtes mit der Sklaverei — 102— — am Throne vertauſchte— da begann ſeine Entartung. Als die Könige von Frankreich ihre Pairs hatten— was etwas Anderes iſt, als wenn Louis Philippe Herrn Thiers und Herrn Couſin zu Pairs creirt— als der deutſche Ritter ein Mitglied des heiligen römiſchen Reichs war:— da war der Glanzpunkt der Ariſtokratie, da hatte ſie Bedeutung, Sinn, Gewicht, Würde. Jezt kann nur noch die Perſönlich⸗ keit eines Ariſtokraten ihm das geben, was früher ihm ſein Stand verlieh, und es iſt freilich kläglich zu ſehen, wie ſel⸗ ten ihm das gelingt.“ „Nun, Frau Gräfin, Sie ſind wenigſtens keine blinde Verfechterin Ihrer Partei.“ „Da ich kein Mann bin, keine Kinder habe, und über⸗ haupt nichts dabei zu gewinnen oder zu verlieren, ſo bin ich ohne perſönlichen Egoismus, alſo ziemlich ohne Verblendung in dieſem Punkt. Käme mein liebes Ich auf irgend eine Weiſe dabei ins Spiel, ſo würde ich ſchwerlich meine Lei⸗ denſchaftloſigkeit bewahren. Glauben Sie aber nicht, daß meine Mäßigung mich gleichgültig machte gegen den gewalti⸗ gen Umſturz der alten, einſt ſo herrlichen Zeit, und gegen das gräßliche Nivellirungsſyſtem der neuen, das nicht aus einem friſchen, allgemeinen Vorwärtsſtreben, ſondern aus einer allgemeinen Erſchlaffung und Ueberreizung hervorgeht. Daher kann ich kein Heil in ihm ſehen. Aber, guter Werf⸗ fen, wenn doch einmal der Scepter aus unſerer Hand fallen muß— muß, weil ſie zu ſchwach iſt, um ihn unter neuen, fremden Umſtänden und Zuſtänden zu führen— ſo freue ich mich, ſobald ich geſchickte, feſte, edle Hände auf der andern Seite finde, die ihn vielleicht mit in Empfang nehmen und würdig halten werden.“ — 103— „O Gräſin, wenn Sie Sich entſchließen könnten, mit Ihrem Genius unſer Aller Organ zu ſein!“ „Nein, dazu iſt der Genius mir zu heilig, und bin ich ſelbſt zu un wiſſend. Der Rädelsführer einer Partei muß praktiſch⸗gelehrt ſein, wenn er nicht ſich und die Seinen lächerlich machen will, und ich bin zu ſtolz um mich dieſer Möglichkeit auszuſetzen— vielleicht auch zu ruhmbegierig. Der Dichter gehört allen Zeiten und Völkern an; der Publi⸗ ziſt, der Journaliſt— einem Moment. Ihr Ruhm gleicht dem St. Elmsfeuer, das im Sturm auf der Spitze der Maſt⸗ bäume flammt und heller iſt als die Sterne; allein, hat das Unwetter ausgetobt, ſo verſchwinden die wunderlichen Flam⸗ men, und die alten Sterne treten in ihre Rechte, und lächeln nach wie vor auf die Schiffer herab. Wenn es auch nur ihrer wenige, nur einige erſter Größe ſind, nach denen die Schiffer ihre Bahnen erkennen und lenken: ſo hat doch noch nie ein Stern ihnen Verderben gebracht. Kurz und ver⸗ ſtändlich in Proſa geſprochen: daraus wird nichts.“ „Das iſt zu kurz! geben Sie Gründe an! dieſe waren Poeſie.“ „Ich kann nicht dafür, wenn Sie meine Gründe nicht gelten laſſen. Uebrigens giebt der liebe Gott keine und Fal⸗ ſtaff keine— weshalb ſoll ein armer Weiberkopf ſich damit plagen.“ 3 „Es iſt wirklich traurig, gute Gräfin, daß Sie, wie man zu ſagen pflegt: nie bei der Stange bleiben, ſondern immer rechts und links abſchweifen.“ „Behüte!— ſagte Ilda ſehr ruhig— ich habe keine Abſchweifungen gemacht, ſondern Sie. Ich bin noch mit — 104— meinen Gedanken bei dem Punkt, von dem wir ausgingen — bei Otto.“ Sie ſagte da keine Neckerei, keine Naivetät, ſondern die Wahrheit. Dieſe beiden Menſchen begegneten und verſtanden ſich in ihrem raſtloſen Streben, und ihre Seelen gingen frü⸗ her Hand in Hand, als ihre Herzen. Ilda ſagte oft zu Otto: „Welch ein Glück Sie gefunden zu haben! es iſt bei Ihnen, als ob der Morgenwind durch den Wald ſtreife, und alle Bäume friſch aufblättere und ihnen die Träume der Nacht aus den Zweigen ſchüttele. Ich glaube, ich wäre ohne Sie in einem Quietismus fortgewandelt, der am Ende zur Dumpfheit führt.“ Auf eine ähnliche Aeußerung erwiderte er einſt beinah finſter:„Wer darf ſich ſchmeicheln Ihnen mehr zu ſein, als eine momentane, wolthuende Erſcheinung! Wie der Mor⸗ genwind verweht, wenn die Sonne höher ſteigt, ſo werden Sie mich vergeſſen.“ Sie ſah ihn betroffen an und ſprach beſtimmt:„Nie.“ Sechstes Kapitel. Polhdor ſchrieb der Gräfin häufig, und mit einer ju⸗ gendlichen Lebensfreudigkeit, die klarer als ſeine Worte dar⸗ that, daß er unverſtimmt und ohne Schwankungen auf ſei⸗ ner Bahn wandelte. Das Geſchick war ihm günſtig; was er begann, gelang. Ueber die Dornen ſeines frühern Pfa⸗ — — 105— des war längſt weiches Gras gewachſen. Nur ſchrieb er einſt: „Wenn ich meine Kunſt nicht immer angebetet hätte, ſo „würde ich es jezt thun, da ſie mir Gelegenheit giebt die „Züge eines Engels in Marmor feſtzuhalten. O Ma⸗ „donna, wenn Sie wüßten welche Erquickung es iſt, zwi⸗ „ſchen ſo vielen gemeinen, plumpen, thieriſchſinnlichen, be⸗ „wußtloſen Geſichtern eins zu finden, das in ſeiner reinen „Vollkommenheit der Form und des Ausdrucks, ſelbſt dem „Künſtler nichts zu wünſchen übrig läßt: ſo würden Sie „mir aus voller Seele„Glück auf!“ zurufen. Gräfin „Regine heißt die Frau, die vom Himmel die Krone der „Schönheit empfing. O woll das iſt ein Königthum von „Gottes Gnaden, das Jeder willig anerkennt! mit einem „ſolchen Vorzug iſt man die geborne Königin der Seelen, „und die Welt ſinkt vor ihr anbetend in den Staub. Ich „zuerſt— und ich bin glückſelig es zu können. Ich ar⸗ „beite zum zweitenmal ihre Büſte. Die erſte, mit einem „Blumenkranz, gefiel ihr nicht, als ſie vollendet war, hatte „einen zu modernen Charakter. Ich hatte es ihr im Vor⸗ „aus geſagt— ſie wollte es nicht glauben, meinte, es ge⸗ „höre antike Schönheit zu der antiken Einfachheit, und „beſtand auf einige Acceſſoires. Nun ſieht ſie ein, daß „ich Recht hatte, und ich darf ſie ſo modelliren, wie ich „es zuerſt ihr vorgeſchlagen: das Haar leicht nach rück⸗ „wärts hin aufgeneſtelt, daß die ganze Form des Kopfes „und die unausſprechlich anmuthige Wendung des Halſes „ ſich degagirt. Ach, ich bin glücklich, ſo glücklich wie noch „nie. Ich werde mir hier eine feſte, unabhängige Stel⸗ „lung gründen können; das macht mich über meine Zu⸗ — 106— 1 „kunft ſo ruhig. Es giebt hier keinen bedeutenden— „wenigſtens keinen anerkannt bedeutenden Künſtler in mei⸗ „nem Fache. Ich kann vielleicht in Wien werden, was „Schwanthaler in München, Rauch in Berlin iſt. Außer „meinen verſchiedenen Büſten hab' ich viel Arbeiten im „Kopf, einige unter den Händen, z. B. ein Basrelief: die „Zuſammenkunft Sobieskys mit Kaiſer Leopold I. nach „der Befreiung Wiens von den Türken. Dann ein jun⸗ „ges Mädchen, das einen Schmetterling auf ihrer linken „Hand betrachtet, und den Vorfinger der rechten auf ihre „Lippen legt, damit ihr Athem ihn nicht verſcheuche;— „kann ſehr graziös werden, verſichere ich Sie. Dann ein „Genius, der von einer zerbrochenen Säule eine Leier em⸗ „porhebt und die Schwingen zum Aufflug entfaltet hat; „ das ſoll mein Monument für Beethoven ſein. Jezt iſt „das Alles nur Thon und Gyps. Steht es dereinſt in „Marmor da, ſo ſollen Sie Freude erleben an Ihrem Polydor.“ — Ilda antwortete auf der Stelle:. „Sein Sie glücklich, lieber Polydor, dann iſt das Leben „leicht; beten Sie an, dann iſt das Herz befriedigt; aber „denken Sie nicht daran Sich in Wien zu fixiren, wenn „die Gräfin Regine auch nur einen Gran dafür in die „Wagſchaale legt. Jezt ſind Sie in der Mode, geehrt und „geſchmeichelt, geſucht und belohnt; aber— Sie können „aus der Mode kommen, wenn Ihre Kunſt ſich nur auf „das Porträt beſchränkt; und finden Ihre übrigen Arbei⸗ „ten Beachtung? Anerkennung? wird etwas Anderes in „Ihrem Atelier bewundert, als die Büſte des Prinzen X. „und der Fürſtin Z.2 Auf was gründen Sie Ihre Hof⸗ — 107— „nungen für eine ſichere, unabhängige Stellung? Ich kann „aus Ihrem Brief nicht eine Ausſicht entnehmen, und „Ihr Gedanke, Sich in Wien zu fixiren, würde mir ſpaß⸗ „haft vorkommen, wenn er mich nicht ängſtigte. Wie „kann ein Menſch, ein Künſtler von einundzwanzig Jah⸗ „ren ſich ſchon irgendwo Hütten bauen wollen, ohne etwas „zu wiſſen und zu kennen. Guter Polydor, kränken Sie „Sich nicht über den Ausdruck. Wie gut ich Ihnen bin, „welche Freude ich an Ihrem ſchönen Talent habe, brauch' „ich Ihnen nicht zu wiederholen; aber von der Welt wiſ⸗ „ſen Sie nichts und die Menſchen kennen Sie nicht, und „über Sich Selbſt ſind Sie in allen Dingen, die außer⸗ „halb Ihrer Kunſt liegen, ſo wenig ſicher— wie man „eben in Ihrem Alter iſt. Darum bewundern Sie die „ſchöne Gräfin Regine, machen Sie ihre Büſte hundert⸗ „mal verändert, berauſchen Sie Ihr Künſtlerauge, dem „ſelten ſolche Genüſſe zu Theil werden— doch weiter ge⸗ „ſtatten Sie ihr keinen Einfluß, nicht auf Ihr Leben, nicht „auf Ihr Herz. Ich weiß nichts von dieſer Frau; ſie iſt „vielleicht glückliche Gattin, frohe Mutter, vielleicht ein „junges unbefangenes Mädchen, ich kann alſo durchaus „kein Vorurtheil gegen die Perſon haben; allein ich will „überhaupt keine Gräfin Regine Ihnen gegenüber— es „ſei denn, daß ſie Ihnen Sitzung gäbe. Die Liebe zu „einem ſolchen Weſen kann Sie grenzenlos elend machen, „weil Sie dadurch aus Ihrer Sphäre geſchleudert wer⸗ „den, und in Zwieſpalt zwiſchen Sehnſucht und Beſtim⸗ „mung kommen können. Das iſt aber der Tod für eine „Künſtlerſeele!— Ach, ich mag wol für eine ſehr leicht⸗ „ſinnige Rathgeberin gelten, aber dennoch muß ich Ihnen — 108— 1 „ſagen, daß es mir weit weniger gefährlich für Sie ſcheint, „wenn Sie Sich zwanzigmal verlieben, als wenn Sie „eine heftige, unglückliche Leidenſchaft faſſen, an deren „Ueberwältigung oder Betäubung Sie Ihre Kraft ver⸗ „ſchwenden müſſen. Werden Sie nur nicht unglücklich, „mein guter Polydor, es iſt ein großes Elend unglücklich „zu ſein. Denn wenn auch die eine Hälfte unſers We⸗ „ſens, vom Unglück emporgetrieben, Adlerflügel findet, mit „denen es über die Wolken hinauf fliegt, ſo windet ſich „doch die andere im Staube, und das Herz verblutet, „während der Genius triumphirt, und durch die Sieges⸗ „hymnen toͤnt zuweilen ein greller Schrei der Verzweif⸗ „lung. Einheit, Lieber, tiefe, ſelige Einheit, das iſt des „Künſtlers Element.— Von mir und meinem Leben heute „nur das eine Wort: es geht mir überraſchend gut.— „Gott mit Ihnen.“ 4. Von allen ſchönen Frauen Wiens war Gräfin Regine in der That die ſchönſte, ſeit drei Jahren Wittwe von einem ſehr alten und ſehr reichen Mann, mit dem ſie bei ſechszehn Jahren vermält ward, und deſſen Namen ſie tadellos trug. Nicht ein Hauch, geſchweige ein Wort, hatte je ihren Ruf getrübt. Kein Mann konnte ſich der geringſten Auszeichnung von ihrer Seite rühmen. Bei zweiundzwanzig Jahren, in voller Blüte der Jugend und in unvergleichlicher Pracht der Schönheit, ſtand ſie einſam, kühl, rein in der verderbten Ge⸗ ſellſchaft. Ueber ihr großes, braunes Auge ſenkten ſich die breiten Augenlider ſo ruhig herab, als gäbe es nichts für ſie zu ſehen, und ihr mildes, ſtilles Lächeln erfreute jedes Herz, weil es friedlich war, wie das eines Kindes oder eines En⸗ gels. Nur wer ſie aufmerkſam beobachtete, hätte bemerken 109 können, daß zuweilen, ganz flüchtig, ganz ſelten, ihr Blick oder ihr Lächeln mit verändertem, fascinirenden Ausdruck hierher oder dorthin fiel. Auf wen? das war nicht zu er⸗ gründen. Aber Jeder, den dieſer Blick traf, glaubte an die Offenbarung, die Verheißung, die in ihm lag.. Keine Eigenſchaft Reginens kam ihrer Schönheit gleich, als nur ihre Eitelkeit, und Beiden wiederum die Kälte ihres Herzens. Man hatte ſie ganz für die Anfoderungen der Welt erzogen, gebildet, vermält. Sie hatte keinen andern Begriff von Glück, als in dieſer Welt auf einem Throne ſte⸗ hen, der aus allen Requiſiten erbaut iſt, deren eine Frau bedarf, um unerreichbar von andern Frauen zu ſein. Dahin gehörte: zu der Schönheit— Anmuth, zu dem Verſtand— Güte, zu dem Rang— Reichthum, zu der Liebenswürdigkeit — Tugend. Einen andern Begriff von Tugend, als den eines makelloſen Rufes, hatte Regine nicht. Da ſie aber in der Geſellſchaft ſah, wie ſchwer es für Frauen war, dieſe Tadelloſigkeit zu bewahren, ſobald ihr Herz bewegt ward: ſo faßte ſie früh den Entſchluß, die Männer nur als Weſen zu betrachten, deren Huldigungen, nein, mehr!— deren Ver⸗ götterung ihr als Tribut zukam, und ſich feiern, adoriren, lieben zu laſſen, ohne je in ihrem Buſen auch nur den Schat⸗ ten einer Neigung zu dulden. Ihr Grundſatz ward: eine Frau, die liebt, iſt eine Närrin, denn ſie kommt gänzlich da⸗ durch aus dem Gleichgewicht, findet immer Unruhe und Qual, häufig Entwürdigung, und für tauſend Opfer keinen Erſatz. Da ſie keine Ahnung von der tiefen Seligkeit der Liebe hatte, und nicht das Bedürfniß kannte, aus dem Glück eines ge⸗ liebten Weſens das eigene zu erhöhen und zu verklären: ſo wäre jenes Raiſonnement gut und richtig für ſie geweſen, — 110— wenn ſie zu gleicher Zeit nicht hätte geliebt ſein wollen. Al⸗ lein, da ſie für andere Frauen mächtige Leidenſchaften ſich entzünden und tiefe Neigungen ſich begründen ſah, ſo wollte ſie ähnliche Gefühle erwecken und nur klüger wie jene, die Leidenſchaft nicht erhören, und die Neigung nicht erwidern. Sie ſtieß Niemand zurück und begünſtigte Niemand; aber Niemand war hofnungslos, obgleich er nicht angeben konnte, weshalb und was er hoffe, denn auch der Kühnſte war nicht kühn genug zu glauben, daß dieſe Lilie ſich vor ihm in den Staub neigen werde. So trieb die Gräfin Regine ihr Spiel, düpirte alle Männer, überſtralte alle Frauen, und galt für die vollkommenſte ihres Geſchlechts. In den Bereich dieſer Circe gerieth Polydor, mit ſeinem friſchen Herzen, ſeinem offenen Auge, ſeinem erregbaren Sinn. Leicht entzündlich durch Weiberſchönheit ſank er unbefangen, wie vor einer Göttin, vor Regine nieder. Aber ſie begnügte ſich mit dieſem Cultus nicht. Polydor war ihr eine fremd⸗ artige, erquickende Erſcheinung. Sie wollte dieſe kräftige Al⸗ penpflanze in ihre Region verſetzen, wollte, daß die halbge⸗ ſchloſſene Blüte für ſie ihre Blätter entfalte, für ſie ihren Duft aushauche, unbekümmert, ob die Atmoſphäre der Pflanze gedeihlich ſei oder nicht. Anfangs hatte ſie nur, weil es eben Mode war und weil ihre Freunde ſie darum baten, ihm zu ihrer Büſte geſeſſen; aber als ſie ihn öfter ſah und hörte, ſchien der Jüngling ihr hoch über der Maſſe ſeines Gleichen zu ſtehen, ſie ahnte, daß er zu ungewöhnlichem Standpunkt ſich emporſchwingen werde, weil er es mit aller Kraft wolle, ſie betrachtete das Außerordentliche als ihr Eigenthum, wo⸗ mit ſie nach Belieben ſchalten dürfe— und ſo begann ſie um Polhdor ihre Feſſeln zu winden. Er hatte nie in einer — 111— Verbindung mit Frauen geſtanden, nicht weil es ihm dazu an Gelegenheit, ſondern an Zeit gefehlt hatte. Die letzten Jahre waren ſo voll, ſo reich, ſo anregend geweſen, hatten ihn in eine ſo neue, glanzvolle Welt eingeführt, daß er keine Muße hatte, von den lockenden italieniſchen Augen ſein Herz entflammen zu laſſen. Wie einſt im günſtigen Moment Apol⸗ loniens Kuß, ſo nahm er auch jezt die ſüße Gabe des Au⸗ genblicks, nur mit etwas mehr Kühnheit— und das genügte ihm. An Liebe dachte er nicht bei den Geſtalten, die ihm bisher begegnet waren. Apollonia war die Einzige, die einſt ſein kindiſches Herz hatte ſchlagen machen; allein ſeitdem wa⸗ ren ſolche Veränderungen in ihm vorgegangen, daß er deut⸗ lich fühlte, eine Apollonie könne ihm nicht mehr genügen. Was er begehrte von ſeiner künſtigen Geliebten, wußte er nicht, weil Niemand das weiß; aber wenigſtens— Alles! aber wenigſtens ein großes, warmes, ganzes Herz!„und dann gebe ich ihr das meine, ohne Rückhalt, wie der Gott⸗ heit.“ Das war das résumé und ſo hatte er auch biswei⸗ len in Stunden des Vertrauens zu Ilda geſprochen, die ſeine Hoheprieſterin war, die durch ihre Beſtätigung ſeine Gedan⸗ ken und Gefühle kräftigte und läuterte. Dann ſah Ilda ihn mit unſäglicher Freudigkeit an und erwiderte:„So iſt's recht! unumſchränkt, wie der Gottheit!“ Aber ſie hätte ſa⸗ gen ſollen:„nur der Gottheit,“— denn die Menſchen ha⸗ ben keinen Sinn für die Unermeßlichkeit eines ſolchen Ge⸗ ſchenks; ihre Hand faßt es nicht, ſie laſſen es in den Staub fallen. Regine hatte ihr Bild im Profil und in ſehr kleinem Maßſtab für eine ferne Freundin von Polydor ausführen laſſen. Es war ein Meiſterwerkchen, der Alabaſter hinge⸗ 112— haucht wie Meerſchaum. Im Rahmen von mattem Gold ſah das Bildchen aus wie eine köſtliche Perle. Polydor brachte es Reginen. Sie war ſehr erfreut und rief:„Ach, bin ich denn wirklich ſo ſchön?“: „Einen ſolchen Kopf erdenke ich mir nicht, antwortete er, ich habe Mühe ihn nachzubilden.“ „Wie wird meine gute Leonie ſich freuen!— Es iſt doch himmliſch, Ihr Talent! Sie können Andere ſo glücklich machen, denn nichts vermag die Trennung und Ferne ſo zu verwiſchen, als wenn unſer Auge auf den geliebten Zügen ruht. Und welche Kunſt iſt ſchöner und befriedigender als die, wodurch wir Andere beglücken!“ „Zum Glück bedarf es dazu keiner Kunſt! die reicht nicht aus. Ein ſchönes Sein beglückt mehr und in weiteren Kreiſen, als alle Leiſtungen der Kunſt mittelbar und unmit⸗ telbar.“ „O das iſt etwas Anderes!“ „Wol iſt's anders, aber tiefer, aber ſeliger und beſeli⸗ gender. Wenn Sie in Ihrem Kreiſe ſich umſchauen, und der Wonne gedenken, die Sie verbreiten, nur dadurch verbreiten, daß Sie ſind, ſo ſollten Sie wahrlich den armen Künſtler nicht glücklich preiſen, der nur Freude macht durch das, was er thut.“ „Ich glaube, das Thun giebt rößteden Genuß als das Sein. Wenn ich glücklich mache, wie Sie ſagen, was weiß ich davon?“ „Wenn Sie nichts davon wiſſen, ſ iſt das nur, weil Sie gleichgültig dagegen ſind.“ „Ich gleichgültig gegen das fäßeſte menſchlichſte Gefühl? — Wie Sie mir Unrecht thun!“ rief Regine lebhaft, und — 113— hob betheuernd ihre ſchöne Hand. Sie hatte groß und frei die immer halbgeſenkten Augenlider aufgeſchlagen, und die ſtralenden Augen hafteten vorwurfsvoll auf Polydor. Aus⸗ druck und Stellung waren ſo edel, wahrhaft, unwillkürlich, daß der geübteſte Menſchenkenner ſich bei dem Gedanken ent⸗ ſetzt hätte, daß dies nur eine beliebige Maske ſei. In Po⸗ lydors Seele fand ſolche Vorſtellung keinen Eingang. Er ſagte aufgeregt: „Nein! wenn auch ſiegsgewohnt— gleichgültig ſind Sie nicht! Jeden Moment des Glückes, den ich Ihnen danke, werd' ich mit glühender Dankbarkeit Ihnen vorzählen; dann werden Sie wiſſen, und Sich freuen.“ „O wol werd' ich mich freuen! Mögten es nur viel ſolcher Augenblicke ſein!“ „Es ſteht jezt in Ihrer Macht, Gräfin! Laſſen Sie mir dies Bild. Ich hab' es mit unſäglicher Liebe gemacht, wie eine Blüte iſt es unter meinen Fingern empor gekeimt. Mir iſt, als würde es aus meiner Bruſt gebrochen, wie die Perle aus der Muſchel, nun da es in fremde Hände übergehen ſoll. Ich werde es für Ihre Freundin ſo ſchnell als möglich ko⸗ piren wenn Sie es mir laſſen.“ Regine hatte ſchnell überlegt. Sie würde unter keiner Bedingung einem andern Mann ihr Bild gegeben haben; aber erſtens war ſie überzeugt, daß Polydor dieſen Schatz fremden Blicken entziehen werde, und zweitens: wenn ein Zufall ihn offenbarte, was war zu thun, daß der Künſtler nicht die Porträts für ſich machte, die ihm wolgefielen? Sie ſagte alſo: „Ich begreife, daß der Künſtler ſich vorzugsweiſe an das eine oder andere ſeiner Werke gefeſſelt fühlt! ich will Ilda Schönholm. 3 8 — 144— nicht ſo grauſam ſein, ihm eine ſolche Spielerei zu mißgön⸗ nen. Für Leonie wird die Ueberraſchung und Freude auch nach vier Wochen dieſelbe ſein, alſo“. Sie nahm die elegante Maroquin⸗Kapſel vom Tiſch und gab ſie an Polydor mit einer ſo unbefangenen Fröh⸗ lichkeit, als ob ein Kind ſeinen Kuchen mit dem lieben Ge⸗ ſpielen theilt. Er küßte heftig die Kapſel, heftiger die ge⸗ bende Hand, die Regine ihm entzog, um mit gehobenem Fin⸗ ger ſcherzend zu drohen, als ſie ſprach: „Aber nun machen Sie Sich auch ſchleunig und mit Liebe an die Kopie, denn ich wäre troſtlos, wenn die gute Leonie ein weniger ähnliches Porträt erhielte.“ Doch Polydor war zu fleißig und zu froh, um dies außerordentliche Leid über ſie zu verhängen. Das Bild war in überraſchend kurzer Zeit fertig, eben ſo ähnlich, eben ſo ſchön, und er ging eines Abends zu ihr, um ſich ihre Be⸗ fehle wegen des Rahmens zu erbitten. Er fand ihren Wagen angeſpannt; indeſſen wurde er nicht abgewieſen, ſondern in den Salon geführt, während ein Bediente ging ihn zu melden.„Sie iſt bei der Toilette— wird mich nicht annehmen“— dachte Polydor. Aber der Bediente brachte die Bitte der Gräfin, nur zwei Minuten zu verziehen. Es dauerte kaum ſo lange, ſo öfnete ſich raſch die Thür und Regine trat ein in roſenfarbenen Flor geklei⸗ det, einen Roſenſtrauß in der Hand, die ſchwarzen Haare von einer goldenen Kette umſchlungen, welche ein großer Diamant über der Stirn feſthielt. Sie ſah aus wie die Aurora mit dem Morgenſtern über dem Haupt. Das weite leichte Kleid, und eine ebenfalls roſenfarbene Echarpe, die loſe um ihre Schultern hing, umflatterte ſie wie duftiges —— — 115— Gewölk, worin ſie mit ihrem fliegenden Gang zu ſchweben ſchien. Der Duft der Roſen— doppelt lieblich, da Eis und Schnee die Erde bedeckten— und der Parfümerien, die in Deutſchland und Frankreich das Zeichen der Eleganz, den Römerinnen aber verhaßt ſind, und von den Engländerinnen für unanſtändig gehalten werden— verbreitete eine feine nebelhafte Atmoſphäre um ſie, wie um Götterbilder im Tempel. Polydor ſtand wie angezaubert, ſprach keine Sylbe, und ſah ſie an. „Nun, was bringen Sie mir? warum bleiben Sie denn ſo unbehaglich mitten im Salon ſtehen?“ ſagte Regine, ihm freundlich zunickend, und ſetzte ſich auf eine Chaiſe longue am Kamin. Polydor ſagte was er zu ſagen hatte, Regine gab ihm ihre Aufträge und fuhr dann fort zu plaudern. Sie war am Morgen mit einer engliſchen Familie im Belvedere ge⸗ weſen, und ganz ſtolz über dieſen Schatz ihrer Vaterſtadt. „Von Murillos kleinem Johannes Battiſta konnte ich mich gar nicht losreißen, ſagte ſie. Dieſe Verſchmelzung des Propheten und des Kindes hat etwas Ueberirdiſches. Ich liebe Murillo inſtinktmäßig und vielleicht iſt nur das die rechte Liebe. Rafael lieb⸗ ich um ſeiner himmliſchen Grazie willen, Francia wegen ſeiner heiligen Schönheit— da weiß ich Gründe anzugeben. Bei Murillo nicht! aber er ſagt mir immer heimlich tauſend Dinge ins Ohr, die kein Anderer mir ſagt.“ „Es könnte vielleicht ſeine großartige Naivetät, ſeine tiefſinnige Wahrheit ſein, die Sie feſſelten. Niemand iſt we⸗ niger als er auf den Effekt bedacht, daher machen Wenige 8* — 116— einen mächtigeren Eindruck. Von den Legionen Eoce homos, die ich geſehen, hat mir keiner ſo gefallen wie der von Mu⸗ rillo hier in der Gallerie Czernin. Als ich ſie zum erſten Mal beſuchte, war das Gemälde zufällig von ſeinem Platz genommen, und einer Reihe geöfneter Thüren gegenüber an die Wand gelehnt. Es hat vielleicht nur halbe Lebensgröße, aber als ich dies Kruzifix in der Ferne gewahrte, ganz ein⸗ ſam, ganz dunkel, Nacht und Abgeſchiedenheit um den blei⸗ chen, göttlichen Sterbenden— da bebte ich zuſammen und beſchleunigte meinen Schritt, um ihm noch einmal ins Auge zu ſehen, bevor er ſtürbe.“ „Ich will mit Ihnen unſre herrlichen Gallerien beſuchen. Sie werden mich aufmerkſam machen— nicht auf die Schön⸗ heit, die erkennt auch der Laie— aber auf einzelne Schön⸗ heiten, die nur der Künſtler zu würdigen weiß. Und ich will nicht blos mit dem Herzen, auch mit dem Verſtand be⸗ wundern! Haben Sie aber auch Zeit für mich? woran ar⸗ beiten Ihre Hände jezt, und woran Ihre Gedanken?“ „Die Hände das Basrelief von dem ich Ihnen ſchon geſprochen, und mehre Büſten; die Gedanken immer und im⸗ mer an Ihrer zweiten Büſte.“ „Bitte, ſchellen Sie“— ſagte Regine nach der Uhr auf dem Kamin ſehend, und als ein Bedienter auf den Ruf der Glocke eingetreten war, ſagte ſie zu dem: „Ich bleibe jezt zu Haus. Um eilf Uhr vorfahren.“ „Warum ſchicken Sie mich nicht fort? fragte Polydor; iſt es nicht zu viel begehrt, daß ich von ſelbſt gehen ſoll?“ „Ich begehre es auch gar nicht. Ich wollte nur in eine Soiree gehen, um den Abend bis zum Ball hinzubringen. Sie ſind jezt hier, da ſuche ich keine andere Unterhaltung. — — 117— Ueberdas iſt es zehn Uhr, da dürften Sie wol nirgends mehr Thee finden— als hier. Wir wollen in mein Zim⸗ mer gehen; der Salon iſt unbehaglich wüſt für zwei Per⸗ ſonen.“ 1 Sie ging voran. Er folgte, und betrat zum erſten Mal ihr Zimmer. Es war durchaus modiſch und elegant, d. h. dermaßen mit Möbeln aller Art angefüllt, daß es mehr einem Magazin als einem Wohnzimmer glich, und daß man nur in Schlangenwindungen ſeinen Weg von der Thür zum Sopha machen konnte. Eine außerordentliche Profuſion von exotiſchen Gewächſen ſowol, wie von Frühlingsblumen, in Vaſen auf Tiſchen und Etageren machte die Luft heiß und ſchwer. b „Hier wohnen Sie?“ ſagte Polydor, befremdet umher⸗ blickend. „Ja, das iſt mein Schreibtiſch! an jenem Tiſchchen hin⸗ ter dem chineſiſchen Schirm male ich; dort am Kamin früh⸗ ſtücke ich⸗.— „Aber ums Himmels Willen, wo athmen Sie? Eine ſolche Wohnung ohne Luft, ohne Licht, würde mich erſticken.“ „Sie iſt ſo traulich, ich habe Alles ſo hübſch nah bei⸗ ſammen. Und Sie— Sie werden ſich an dieſe Enge ge⸗ wöhnen. Braucht man's denn ſo gar weit und hoch um ſich zufrieden zu fühlen?“ Sie ſetzte ſich und wies auf einen Fauteuil ihr gegen⸗ über. Polydor nahm den Platz ein; aber die Lampe, der Samovar, das ganze Theegeſchirr ſtand auf dem Tiſch, zwi⸗ ſchen ihm und ihr. Er konnte ihr nicht gerade ins Geſicht ſehen, drum ſprang er auf und ſetzte ſich neben ſie auf ein Tabouret. — 118— „Kein bequemer Platz“— ſagte ſie. „Ja, gerade ſehr bequem für mich.“ Sie hatte ihre Handſchuhe ausgezogen und zu dem Ro⸗ ſenſtrauß gelegt. Er ſpielte damit, wie die Männer gern thun, wenn ſie eeben nichts zu reden wiſſen, und der arme Polydor wußte in dieſem Augenblick gar nichts zu reden. „Zerpflücken Sie nur nicht die Roſen, ſagte Regine, die Handſchuhe gebe ich Ihnen ſchon eher preis.“ Polydor wickelte ſchweigend einen Handſchuh zuſammen und ſteckte ihn in ſeine Bruſttaſche. „Sie ſind unglaublich kindiſch“— ſagte ſie lachend. „Das iſt möglich! aber glücklich bin ich— o glücklich! das iſt gewiß.“ Er legte ſein Geſicht in ſeine gefaltenen Hände auf den Rand des Tiſches. Regine ſah ihn an; aber ſie ſah nichts als ſeine krauſen, glänzendbraunen Haare, und ſeine friſche junge Stirn. Sie hatte beinah Mitleid mit ihm; ihr guter Genius verſuchte ſie zu warnen vor dem Un⸗ heil, das ſie im Begriff war zu ſtiften. Da ſtreifte ihr Blick über ſeine Hand, an der er einen Ring mit Turquoiſen trug. Dieſen Ring hatte nur eine Frau ihm gegeben, und zwar als Andenken, als Erinnerung, als Liebespfand— nicht als Geſchenk; denn er war ſehr einfach. Sie hatte jezt kein Mitleid mehr. „Glauben Sie, daß der Türkis die Farbe verliert, fragte ſie, wenn der Geber eines Ringes, wie Sie ihn da tragen, dem Empfänger treulos wird?“ „Ich habe die Sage nie gehört, aber ſie iſt ſchön wie alle Sagen, welche die Natur in Sympathie mit dem Men⸗ ſchenſchickſal bringen.“ — 419— „Um dieſer Eigenſchaft willen tragen Liebende ſo gern den Stein.“ „Ich erhielt ihn an meinem letzten Namenstag von dem Schutzengel meines Lebens. Der Stein bringt Glück, ſprach ſie, deshalb gebe ich ihn Ihnen.“ 1 „Sie?— wer iſt das?“ fragte Regine ſchelmiſch. „Ach, Sie wiſſen nichts von ihr! erwiderte er ſtaunend. Freilich wie ſollten Sie auch wiſſen, in welchem Verhältniß ich zu der Gräfin Schönholm ſtehe!“ Und er fing an zu erzählen, ſein ganzes Leben, ſeine Kindheit, ſeine Jugend, ſeine Entwickelung, ausführlich, genau und lebendig. Regine hörte mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu. Den Kopf in ihre aufgeſtützte Hand gelegt, verlor ſie keinen Blick, kein Wort Polhdors; ſie mußte wiſſen, ob er, wie er ſie liebe. Als er ſchwieg, fragte ſie theilnehmend: „Und ſo iſt denn wol dies feenhafte Weſen Ihr Ideal einer Frau?“ 3 „Wenigſtens habe ich keine gefunden, die ich mit ihr vergleichen mögte— bis jezt!— und jezt kann ich nicht vergleichen.“ „Und iſt ſie ſehr ſchön?“ „Schön wie Eine, und lieblich wie... wie Keine, ſagte er raſch und dann ſtockend; aber, fügte er betheuernd hinzu, nicht ſchön wie Sie, nicht mit dieſer Vollkommenheit der Züge, nicht... o ich darf Ihnen das nicht auseinander⸗ ſetzen.“ 3 „Es iſt vorgefahren“— meldete der Kammerdiener. „GutV ſprach Regine, lehnte ſich in ihrem Sopha zu⸗ ruck, ſchlug die Arme übereinander und ſagte zu Polhdor: „Fahren Sie fort, mir von Ihrer liebenswürdigen, edlen — 120— Freundin zu erzählen. Auf ſolche Frauen darf unſer armes Geſchlecht ſtolz ſein.“ „O wenn Sie Ilda kennten, wie würden Sie ſie lieben um ihres königlichen Herzens willen! Dieſer Reichthum, dieſe Fülle, dies unendliche Haben, dies unermeßliche Geben, das, wie es die Herrlichkeit und Freudigkeit eines Königs aus⸗ macht— beſitzt ſie. Giebt es Menſchen, die eine angeborne Krone tragen, ſo trägt Ilda ſie.“ 8„Und nie hat man verſucht dieſe Krone in den Staub zu treten?“ „Wie ſo?“ fragte er befremdet und ſah ſie groß an. „Frauen, die auf einer ſolchen geiſtigen Höhe ſtehen, ſind tauſend neidiſchen und ſpähenden Blicken des eigenen wie des fremden Geſchlechts, und außerdem hundertfältiger Ver⸗ lockung ausgeſetzt, wovon wir Uebrigen nichts wiſſen. Da wird denn die Stralenkrone bisweilen leider! ach leider! von der eigenen Schwäche und der freinden Scheelſucht ver⸗ dunkelt.“ Polydor ſprach nachdenkend:„Möglich, daß ſie irren und im Irrthum fehlen kann;— aber ich habe nie gedacht, daß man einem ſolchen Weſen aus einem abſichtloſen Irr⸗ thum einen Vorwurf machen könne.“ „Polydor— ſagte Regine mit unendlich weicher, ſüßer Stimme— Sie verſtehen zu lieben.“ „Glauben Sie das! rief er, und ſeine Stimme bebte vor dem mächtigen Schlage ſeines Herzens;— o ja, glau⸗ ben Sie es nur feſt!... allein Ilda lieb' ich nicht, denn unſere Seelen berühren ſich nur, ohne in einander zu ſchmelzen.“ „Und iſt das nicht genug?“ V — — 121— „Genug, wenn noch ein Wunſch übrig bleibt? Nein, nein, tauſendmal nein! das iſt nicht genug, denn die voll⸗ kommene Liebe iſt: Eins ſein. Das iſt genug, denn es iſt der Himmel.“ 3 „Ach, wie dürfen Sie hoffen, den zu verdienen?“ „Ich weiß wol, daß ich ihn nicht verdiene.“ „Und wie glauben Sie ihn denn zu erringen?“ „Wenn ich recht liebte.“ „Nun ſo lieben Sie nur recht,“— ſprach Regine und es war als ob eine innere Sonne über ihrem ſchönen Ant⸗ litz aufginge. Sie dachte bei ſich: er liebt mich, ich werde ihn feſſeln, es iſt der Mühe werth. Polydor ſprang auf.„Der Ball erwartet Sie— die Tänzer ſehen Ihnen mit Ungeduld entgegen, und ich— lang⸗ weile Sie.“ 1 „O laſſen wir den Ball! ich bin jezt in einer Stim⸗ mung, die weder zur Tanzmuſik noch zum Salongeſchwätz taugt. Wenn eine Seele ſich uns offenbart hat, ſo iſt es doppelt ſchwer mit Larven zu verkehren.“ „Und doch thun Sie es Ihr Lebenlang.“ „Ja, weil ich muß, und aus Gewohnheit, und weil alle meine Freunde in dem Tourbillon leben. Ich bin ohnehin ſchon einſam genug, ohne Eltern, ohne Gemal— ich würde ganz iſolirt ſein, wenn ich mich aus dem Getümmel zurück⸗ zöge, und die Einſamkeit iſt nur dann ſüß, wenn unſer Herz befriedigt iſt und ſie mit einem geliebten Weſen theilt.“ „Ich kann nicht glauben, daß Sie Sich ohne große Ueberwindung aus einem Kreiſe entfernen würden, deſſen Herrin Sie ſind.“ „Ich habe keine Veranlaſſung dazu!— doch um Ihnen * — 122— einen winzigen Beweis zu geben, daß es mir nicht allzu ſchwer wird“...— Sie ſchellte und rief dem eintretenden Kammerdiener zu: „Ausſpannen!“ „Ums Himmels Willen! rief Polydor, meinetwegen ent⸗ ſagen Sie dem Ball?“ „Sie ſehen wenigſtens, daß ich's nicht mit großer An⸗ ſtrengung thue.“ „Umſonſt hätten Sie dieſe reizende Toilette gemacht, die Ihnen ſo ſchön ſteht, wie ich Sie nie geſehen zu haben meine?“ „Umſonſt?“ fragte ſie langſam und ſah ihm tief ins Auge. Auf dieſe Frage, mehr noch auf den Blick, wußte Polydor nichts zu antworten Regine ſagte abbrechend: „Können Sie nicht einen Tag feſtſetzen, an dem wir eine Gemäldeſammlung beſuchen könnten.“ 3 „Beſtimmen Sie, denn ich würde ſagen— morgen.“ „Nun, es iſt doch wol ganz natürlich, daß ich mit mei⸗ nem nichtsthueriſchen Leben mich nach Ihrem thätigen, be⸗ ſchäftigten richte, und deshalb bleibt es bei Ihrer Beſtim⸗ mung. Ueberdas habe ich morgen zum Diner einige inter⸗ eſſante Fremde bei mir, die ſich über Ihre Bekanntſchaft freuen würden— dann ſpeiſen Sie mit uns, nicht wahr?“ „Nein, Gräfin, o nein, nur das nicht! Verurtheilen Sie mich nicht dazu, mit andern Perſonen zuſammen bei Ihnen zu ſein.“— „Seltſamer Menſch, was kann es Ihnen ſchaden!“ „O gar nicht ſchaden— rief er ſtolz— aber langwei⸗ len, über alle Maßen langweilen, Andere ſehen und hören zu müſſen, wenn Sie da ſind. Nein, ich komme nur zu — 123— Ihnen, wenn ich weiß, daß Sie allein ſind... wenn Sie's erlauben.“ „Wie gern! es plaudert ſich gut mit Ihnen, ſo leicht, ſo bequem, und nicht dies ewige Geſchwätz über Tagesbege⸗ benheiten, über Vorfälle in der Geſellſchaft. Aber heute müſſen Sie gehen, es iſt ſpät.“. „Sie ſagen, es plaudere ſich gut mit mir— und ſchik⸗ ken mich fort?“ „Nur für heute!— Gute Nacht, lieber Polydor.“ Er machte eine Bewegung als wolle er etwas erwidern; da ſie ihn aber anſah mit dem höchſten Befremden, daß ihr Befehl noch nicht vollzogen ſei, ſo verbeugte er ſich ſchwei⸗ gend und ging. Regine ſah ihm nach, horchte auf ſeinen ſich entfernenden Schritt, und ſprach zu ſich ſelbſt:„man muß ſtreng ſein gegen dieſen kleinen Polydor, er hat keine Luſt zu gehorchen.“ Siebentes Kapitel. 1 Die matte Mittagſonne eines Wintertages fiel durch hohe Fenſter und leichte weiße Vorhänge hell in Ildas Gemach. Da war keine Spur von beängſtigender, modiſcher Ueberfül⸗ lung, von elegantem Wirrwarr! Alles ruhig, bequem, wie eine unabhängige Seele es bedarf!— Ein Schreibtiſch, auf dem nichts Anderes ſich befand als was zum Schreiben erfo⸗ derlich iſt; ein Bücherſchrank, in welchem ein Paar hundert — 124— Bücher in verſchiedenen Sprachen Platz fanden; ein breites, niedriges Sopha; im Fenſter ein Tiſch mit Zeichengeräth; ſeitwärts daneben Polydors Büſte, in Marmor ſehr ſchön von ihm ſelbſt gearbeitet, und über derſelben das Porträt eines Mannes; dieſem gegenüber in Lebensgröße das Ge⸗ mälde ihres verſtorbenen Gemals, wie er mit einem ſeiner Lieblingshunde zur Jagd ging; ein ſehr ſtarker, weicher Fuß⸗ teppich, der keinen Schritt hörbar werden ließ;— das war Ildas Zimmer. Eine Elegante würde es von ganz ſchlech⸗ tem Geſchmack gefunden haben. Ilda ſaß in einem großen Fauteuil, deſſen Lehne, mit ſauberem Schnitzwerk gekrönt, ihren Kopf überragte und gleichſam einen Rahmen um ſie ſchloß. Die geſenkten Augen, das geſcheitelte Haar, das vio⸗ lette enganſchließende Kleid, aus dem die ſchmalen Hände ohne Schmuck von Ringen und Armbändern hervorſahen, gaben ihr etwas von einem altdeutſchen Bilde. Aber das bewegliche Mienenſpiel, wechſelnd nach den Worten des Brie⸗ fes, den ſie in Händen hielt, gab der ſtillen Geſtalt einen er⸗ höhten Reiz. Sie hatte längſt zu leſen aufgehört und war in Nachſinnen verfallen, als ſie ſich plötzlich erhob und halb⸗ laut ſprach: „Es iſt nichts zu machen! er muß hindurch, der arme Polydor.“ Dann nahm ſie einen großen Shawl und ging in den Garten hinab. Es war nicht kalt. Dünner Schnee lag leicht auf die hartgefrorne Erde geſtreut. Die Sonnen⸗ ſtralen fielen ſchräg durch die kahlen Aeſte. Die Natur hat in dieſem Zuſtand etwas unſäglich Karges, Dürftiges. Il⸗ das Bruſt war gepreßt.„O Gott, eine kleine Erquickung! ſeufzte ſie— die Welt iſt ſo öde!“— Sie bog in eine an⸗ — 125— dere Allee ein, und Otto kam ihr entgegen; er pflegte zuwei⸗ len hier ſpazieren zu gehen. „Willkommen tauſendmal, rief ſie, das iſt mir eine an⸗ genehme Ueberraſchung! Erzählen Sie mir etwas, ich bin verſtimmt.“. B „Ich bin es auch! einer meiner Freunde ruinirt ſich durch eine wahnſinnige Leidenſchaft und Niemand kann ihn retten! er geht in ſeiner Raſerei unter.“ „Sie ſprechen ſehr hart von Ihrem Freunde und von der Liebe.“ „Weil der Mann nicht ausſchließlich für die Liebe ge⸗ ſchaffen iſt.“ „Weil die Männer ſo denken, ſind auch die Frauen es nicht.“ „Eine Frau darf an der Liebe ſterben, der Mann nur für ſie, wie für all ſeine Ideen— darin beſteht ſeine Tugend.“ „Otto!“ ſagte ſie mit leiſem Jubel im Ton. „Nicht?“ fragte er überraſcht. „O wol! woll ich freue mich aber ſo ſehr über Sie.“ „Unſere Ideen ſind unſere Hausgötter, fuhr er fort; die müſſen wir mitnehmen bei jedem Auszug aus Egypten, bei jeder Einwanderung in eine neue Welt, bei jedem Sprung über den Rubikon, ja auch bei jedem vierzig Jahre langen Zug durch die Wüſte. Die müſſen wir tragen als unſere koſtbarſten Schätze. Sie ſind ſchwer zu tragen! ſie druͤcken wund, gar todt; die Arme ſinken oftmals herab, die Füße verſagen den Dienſt, der Kopf ſchwindelt, das Herzblut ſtockt — menſchliche Kraft reicht nicht aus. Nun, ſo ſterbe man für ſie, doch nimmermehr ohne ſie.“ — 126— „Sie ſind ſtark, und ich liebe die ſtarken Seelen. Aber dürfen Sie von Andern das verlangen, was Sie fähig ſind zu thun?“ „Wer wenig von Andern verlangt, gewöhnt ſich an einen ſo kleinen und dürftigen Maßſtab, daß er keinen gro⸗ ßen an ſich ſelbſt legen kann.“ „Aber die Gaben und Kräfte ſind ſo verſchieden! So wenig man bei phyſiſchen Meſſungen dem Zwerg und dem Rieſen gleiches Gewicht auflegt, eben ſo wenig darf es auch bei moraliſchen geſchehen. Würden Sie von allen Frauen begehren eine Charlotte Corday, von allen Männern ein Brutus oder Timoleon zu ſein?“ „Nein, denn ich glaube, daß es in der ſittlichen wie in der geiſtigen Welt Genies giebt, deren Sphäre nicht zu be⸗ rechnen, noch zu beſchränken und zu regeln iſt, und daß de⸗ ren höheren Inſpirationen unſere Einſichten höchſtens folgen können, ohne daß wir im entſcheidenden Moment ſo Herr unſers innerſten Weſens wären, um zu ſagen: ich werde ein Gleiches thun.— Aber fern von mir ſolche Brutusthaten von irgend Jemand zu begehren!“ „Doch, doch! Sie wollen von Ihrem Freunde das Opfer eines theuern Weſens— und glauben Sie denn, daß Bru⸗ tus gleichgültig den geliebten Cäſar mordete, und Timoleon kalt den Bruder ſterben ſah?“ „Ich fodere von meinem Freunde nur das Opfer ſeiner Wünſche, ſeiner Hofnungen, ſeiner Freuden, kurz— ſeines Herzens, nicht eines anderen.“ „In der Liebe haben aber zwei Menſchen nur ein Herz, und das Elend des einen bedingt nothwendig Elend des andern.“ — 127— „Dann ſehe ich wahrhaftig kein Rettungsmittel, ſagte Otto lächelnd, als ſo verſtändig und glücklich zu lieben, daß ſolche Unfälle unmöglich gemacht werden.“ „Noch ſicherer iſt's: gar nicht zu lieben; denn die nek⸗ kenden Schickſalsgötter wiſſen die Sachen ſo wunderlich ſchlau zu drehen, daß das Unheil aufſchießt wie Pilze in einer Nacht.“ „Ich habe jezt erzählt; die Reihe iſt nun an Ihnen.“ „Seltſam, daß unſere Verſtimmung den nämlichen Grund hat! und ach, daß wir ſo viel um Andere leiden müſſen, ohne ihnen helfen, ohne ſie tröſten zu können— denn ihnen bleibt ihr Weh. O, ich würde mich ja gern beſcheiden und keine Anſprüche an ein beſonderes Glück machen, wenn ich nur die Welt glücklich ſehen könnte! Haben Sie wol je daran gedacht, wie ſelig Gott ſein muß?“ „Niemals.“ „Ich ſehr oft! Sehen Sie, dieſe Zeit, dieſen Raum zu haben, in der und für den er ſchaffen könne— allen Krea⸗ turen einen Balſamtropfen zu ſpenden, wenn auch nur Einen, aber doch Allen— jedem Gebilde des Lebens ſeinen Mo⸗ ment lieblichſter Blüte und Vollendung zu bereiten— un⸗ zählige Hände flehend zu ihm emporgehoben, unzählige Her⸗ zen dankbar für ihn ſchlagend, unzählige Weſen, mit und ohne Bewußtſein, erfüllt von ſeinem Geiſt, verſenkt in ſeine Anbetung— das iſt Seligkeit.“ „Und genießen Sie ſie nicht mit Ihrem Herzen, das das Weltall umfaßt?“ „Nein; mir fehlt dieſe Welt, für die ich ſchaffen, der ich etwas ſein könnte, und darum bin ich in dem Grund meiner Seele melancholiſch, wie alle Weſen die ihre Zeit und — 128— ihren Platz verfehlten. Ich ſpreche nicht von meinem gegen⸗ wärtigen Standpunkt in der Geſellſchaft, noch von meiner Laufbahn— ſagte ſie raſch, als ſie ſah, daß Otto etwas einwenden wollte— denn in der Gegenwart gab es keine andere Exiſtenz für mich; das iſt meine feſte Ueberzeugung. Aber ich hätte in andern Zeiten leben ſollen! Zwiſchen dem auserwählten Volke Jehovas im Zionstempel hätte ich Mir⸗ jam oder Debora, die Prophetin, die Pſalmenſängerin, ſein können; zwiſchen dem Volk der Kunſt und Schönheit eine Diotima, von deren Lippen ſelbſt Socrates liebliche Worte der Weisheit vernahm;— und als chriſtliche Glaubensglut die Herzen entzündete, als das katholiſche Dogma in alter, unangetaſteter Herrlichkeit und Herrſchaft waltete— da war noch ein Moment für mich, da hätte ich eine heilige Thereſe ſein können. In ſolchen Epochen hat eine Perſönlichkeit Einfluß. Jezt— fügte ſie hinzu und ließ mit ſanftem trau⸗ rigen Lächeln die Hände ſinken— jezt bin ich Staub und nichts.“ Sie ſtand ſtill und ſah ſchweigend zu Boden. Otto ſtand auch und ſchwieg auch. Er wußte nichts zu antwor⸗ ten. Er kam ſich ſelbſt dumm, einfältig, ſtupid vor, er hätte ſein Blut für ein paſſendes Wort, für eine richtige Bezeich⸗ nung gegeben— umſonſt! Aber Ilda vermißte ſie nicht. Sie hatte geſprochen, wie es bisweilen geſchah, wenn das Herz ihr zu mächtig im Buſen ſchlug, und doch der Genius nicht über ihr ſchwebte, der ihre Sprache in Geſang verwandelte. Dann wollte ſie nichts, keine Erwiderung, keine Beſchwichti⸗ gung, keine Huldigung, nichts— als eine Seele, vor wel⸗ cher die ihre frei und unbekümmert um Lob oder Tadel die Kleinodien des Lebens ausbreiten durfte. Sie blickte — 129— auf und in ſein Auge, das mit tiefem Ernſt ihrem Blick be⸗ gegnete. „Otto, ſprach ſie, ich will Ihnen etwas ſagen, nur Ihnen! die Menſchen würden Zeter über mich ſchreien, der eine: Blasphemie! und der andere: Narrheit! aber es iſt doch wahr. Man ſagt von Chriſtus und ſeinem Tode— ſehen Sie, wenn ein Menſch dadurch glauben oder lieben lernte, ſo laſſe ich mich gleich an's Kreuz ſchlagen.“ „Ich muß geſtehen, daß Sie mir andere Dinge zu er⸗ zählen wiſſen, als ich Ihnen. Nur müſſen Sie keine Be⸗ merkungen von mir begehren, als höchſtens die Frage: was hat Sie ſo aufgeregt? was iſt Ihnen widerfahren?“ Sie ſtrich haſtig mit der Hand über die Stirn und ſchüttelte den Kopf.„Widerfahren? Nichts! Ich habe nur den Fehler, daß ſo wie manche Menſchen ſich ſelbſt nicht ge⸗ nug ſind, ſo bin ich mir ſelbſt— wenigſtens nomentan— zu viel. Wenn der Sommerhimmel zu ſehr von elektriſchen Dünſten erfüllt iſt, ſo hilft er ſich durch Wetterleuchten. Dann iſt er wieder blau und klar, bis neues Gewölk, weiß Gott aus welchen verborgenen Hölen, an ihm aufzieht. Dies Mirſelbſtzuvielſein hat mich zur Dichterin gemacht, denn wenn ich dichte, mit Feder oder Bleiſtift, ſo bin ich mir ſelbſt ge⸗ rade genug, und das iſt ein angenehmer Zuſtand, von dem man, wie vom Opiumeſſen, nicht laſſen kann. Was für Welten gehen da auf und unter— was für Geſtalten ſchwe⸗ ben da vorüber— was für Ahnungen und Hofnungen wer⸗ den da zur Wirklichkeit— mit welcher königlichen Freiheit (ich meine königlich, wie es in alten Zeiten Mode war) ſchal⸗ tet man über Leben und Tod“— Ilda Schönholm. 9 — 139— „Wie wird die Eitelkeit befriedigt! mit welcher Leichtig⸗ keit ſchreibt man Goldminen aus!“ „Nicht in Deutſchland— vielleicht in London und Pa⸗ ris. Wenn ich nicht eine unabhängige Erxiſtenz hätte, die Herren Brockhaus und Mittler hätten ſie mir nicht verſchaft. Und die Eitelkeit? Ich gebe Ihnen mein heiliges Wort, daß mein kleiner Fuß mir unvergleichlich mehr ſüße Lobſprüche errungen hat, als meine großen Bücher, und daß la femme au beau pied, la femme auteur in den Schatten ſtellt.“ „Und mit dieſer Ueberzeugung ſchreiben Sie? laſſen Sie Ihre Bücher drucken?“ „Warum denn nicht? für mich begehre ich ja nichts. Ich bin ſo glücklich mit dem Genius verkehren zu dürfen, daß ich keinen Lohn dafür verlange, ſo wie man ſich nicht für Liebe belohnen läßt. Aber der feſte Glaube, daß es durch die Welt zerſtreut Seelen giebt, denen ich Erhebung, Freudigkeit, Richtſchnur, Troſt bieten— denen ich ein Prie⸗ ſter an heiligen Altären, ein Organ für ihre Liebe, ihre Wonne und ihren Schmerz ſein könne: dieſer Glaube, ohne den der Beruf zum Handwerk ohne Würde wie ohne Kraft herabſinkt, und an deſſen Seite ich ſicher, wie an der eines Gottes dahingehe, voll Zuverſicht auf mein Recht, voll Muth für meine Zukunft, der, mein lieber Otto, macht, daß ich nicht blos Bücher ſchreibe, ſondern ſie auch herausgebe. Ich wollte, ich hätte es hiemit allen Leuten geſagt, denn ſchon einige haben mich nach dem Warum? gefragt, und es iſt langweilig immer daſſelbe zu erwidern.“ „Laſſen Sie es drucken, dann iſt's ein für alle Mal ab⸗ gethan.“ Sie ſtanden am Ende des Parks vor einem Thurm, der — 131— als gothiſcher Wartthurm die Gegend beherrſchte, und von ſeiner Zinne einen ſchönen Blick auf den breiten Fluß und das ferne Meer geſtattete. „Ich kam von hier, ſagte Otto, als ich das Glück hatte Ihnen zu begegnen. Ich liebe dieſe freie, weite, unendliche Ausſicht.“ „Ja, ich auch, aber nur auf drei Minuten. Die Ein⸗ förmigkeit erdrückt mich. Da ich ſehr träge bin, ſo wird meine Seele zu träumeriſch dieſem Bilde der Unendlichkeit gegenüber. Sie mit Ihrer Thätigkeit hingegen ruhen Sich nur dabei aus. Und dann— an den Anblick des Meeres knüpfen ſich ſehr ſchmerzliche Erinnerungen— auf ein ande⸗ res Mal davon”“... 3 „O warum nicht jezt, nicht gleich?“ bat er dringend. „Es wird kalt, ſpät— aber gewiß recht bald, wenn es Sie intereſſirt, und doch iſt es kaum des Intereſſes werth.“ Sie beſchleunigte heimwärts ihre Schritte. Otto fühlte ſich nicht glücklich. Ilda feſſelte ihn auf eine ihm ſelbſt unbegreifliche Weiſe. Seine ganze frühere Exiſtenz hatte plötzlich jeden Reiz verloren, ſchien ihm dürf⸗ tig und ſchaal. Nur wenn er ſie ſah, mit ihr ſprach, ja blos an ſie dachte, ſo ſtand er da in der alten Energie, und mit dieſer vollen Energie hätte er ſich ihr zu Füßen werfen und ſie anbeten mögen. Allein der Gedanke:„ſie liebt mich nicht, ich bin ihr nichts als eine freundliche Erſcheinung, an der ſie gern vorübergeht“— trieb ihm alles Blut nach dem Herzen zurück und ſtreifte wie ein eiſiger Nordwind über ſein Geſicht, daß es zuweilen einen Ausdruck von ſtrenger Ent⸗ ſchloſſenheit annahm, gerade dann, wenn Ilda ihm am Hold⸗ .9* 3 — 132— ſeligſten in voller Unbefangenheit erſchien. Die ariſtokrati⸗ ſchen Frauen—(man muß dies Beiwort unerträglich oft brauchen, ſeitdem vornehm nicht mehr für die höhern Stände gelten ſoll)— haben eine nur ihnen eigenthümliche Eigen⸗ ſchaft: es iſt ihr Aplomb im Sichgehenlaſſen. Er fehlt bür⸗ gerlichen Frauen; ſie ſind unendlich viel ſteifer und förm⸗ licher, oder gehen auf der andern Seite leicht in ungeſchickte Luſtigkeit über. Die Gewohnheit der guten Geſellſchaft, mit den runden, abgeglätteten Formen, giebt jenen dieſen Aplomb; wohingegen dieſe oft in Berührungen mit Perſonen kommen, deren Herkunft, Erziehung oder Stand ſie nicht fähig macht, in einen leichten Ton einzugehen; ſie würden plump oder zudringlich werden. Jene ſetzen immer voraus, daß die Per⸗ ſonen, welche ſich ihnen nähern, von den beſten Manieren ſind, denn es kommen keine andere in ihre Geſellſchaft. Dieſe müſſen es erſt abwarten.„Es liegt eine außerordentliche Grazie in dieſer ſichern Unbefangenheit, in dieſem Bewußt⸗ ſein, daß ſie ungefährdet an den Grenzen hinſtreifen dürfe, ohne einem brutalen Feinde zu begegnen. Daß ſie mitunter oder— häufig in Dreiſtigkeit, gar in Impertinenz ausarte, darf nicht verwundern, denn nicht alle ariſtokratiſchen Frauen ſind edle Naturen. Ildas Anmuth beſtand größtentheils in ihrem Sichgehen⸗ laſſen.—(Ich würde lieber laisser aller ſagen, aber ich fürchte, man wirft mir zu viel Einmiſchung franzöſiſcher Worte vor.)— Es ward dadurch ihrem Weſen der Stem⸗ pel der Natürlichkeit und Wahrheit aufgedrückt; und ein ſol⸗ ches Weſen, wenn es auch Einzelnen mißfällt, vermag nur allein hinzureißen, zu entzücken und einen unauslöſchlichen Eindruck zu machen. Weil ſie ihre beſondere Eigenthümlich⸗ — 133— keit bewahrt haben, ſind natürliche Menſchen unvergleichlich, und nur die unbergleichlichen ſind unvergeßlich. Ilda dachte nicht daran, ihr Intereſſe für Otto zu verbergen. Sie meinte: was ſchön, liebenswürdig, herrlich, großartig ſei, ge⸗ höre Jedem an, deſſen Sinn fähig ſei dies wahrzunehmen und ſich daran zu erfreuen, und ſie habe nie eingeſehen, weshalb ein ausgezeichneter Menſch das Unglück haben ſolle, daß man für ihn eine Ausnahme mache. „Die Damen haben, wenn auch nicht immer, ein gro⸗ ßes, doch ein ſo weites Herz, daß dieſer Grundſatz recht für ſie erfunden zu ſein ſcheint“— ſagte der alte Baron einſt mit ſeiner bekannten pfiffigen Miene. „Verſteht ſich, lieber Baron! erwiderte Ilda; ich folge dem Beiſpiel der Männer, die ſeit ſechstauſend Jahren lauter Prinzipien zum Vortheil ihres Geſchlechts erfunden haben. Warum ſoll ich nicht für mein Geſchlecht ſorgen! wenn man ſich emanzipiren will, muß man vor allen Dingen esprit de corps haben, feſt an einander halten, und da die Männer ihre Hand wider uns aufheben, die unſere drohend wider ſie ausſtrecken. Weſſen Waffen die ſtärkeren ſind, muß die Zeit lehren, nicht der Augenſchein— denn der iſt mit ihnen im Bunde.“ Sie nahm des Barons fette, breite, ſtarkgliederige Hand, legte ſie auf den Tiſch, und ihre ſchmale mit ſchlanken Fin⸗ gern und roſenrothen Nägeln daneben. Der Baron küßte ihre Hand und ſprach: „Ach, theure Gräfin, die Frauen ſind ſolche Engel, warum wollen ſie durchaus Männer ſein?“ .„Warum will der Schulknabe Throne umſtürzen? war⸗ um will der Stiefelputzer dem Könige Geſetze vorſchreiben? — 134— warum will die Jugend nicht jung mehr und das Alter nicht weiſe ſein? warum iſt unſere ganze verſchrobene Zeit außer Rand und Band?— Wie wär' es möglich, daß ein ſolches Zerfallen und Verachten des Beſtehenden nicht einen heftigen Eindruck auf die Weiberköpfe machte! Wie ſollten ſie unan⸗ getaſtet von der Verkehrtheit der Zeit bleiben! Wie ſollten ſie nicht unter dem verderblichen Einfluß des Tagesgötzen, der erbärmlichſten Eitelkeit, leiden! In den Zeiten, wo die Män⸗ ner klein ſind, ſind die Weiber verdorben, und wer verdor⸗ ben, iſt ſich ſelbſt in der tiefſten Seele ein Greuel und mögte gern ein neues Daſein anfangen.“ „Still! wenn das die Frauen hörten!— Welche Felo⸗ nie! Sie ſtellen Sich nur in ihre Reihen um ſie zu verra⸗ then, und vergeſſen ganz, daß Sie Selbſt zu ihnen gehören, daß Sie wider ſich ſelbſt reden!“. „Da ich gegen mein eigenes Intereſſe rede, ſo wird man einſehen, daß es Wahrheit iſt.“ „Und was wird es nützen?“ „Nichts— als daß ich meine Meinung geſagt habe, um welche Sie mich befragten.“ „Wir ſcherzten aber, hielten ein kleines unſchädliches Turnier mit ſtumpfen Lanzen und Schwertern, und plötzlich machen Sie einen Ausfall mit ſcharfen Waffen! das hat mich erſchreckt. Gönnen Sie doch den Frauen ihre kleine char⸗ mante Citelkeit, die ſie ſo liebenswürdig macht.“ Ilda lachte.„Bravo, lieber Baron, rief ſie, Sie ſind ein aufrichtiger Mann! Sie geſtehen ehrlich ein, welche Freude es Ihnen macht, daß all die kleinen Künſte der Eitel⸗ keit für Sie in Bewegung geſetzt werden.“ — 435— „Nun ich mögte den Mann kennen, der ſich nicht da⸗ durch geſchmeichelt fühlt.“ Otto war eben in den Salon getreten; Ilda nickte ihm ihren freundlichen Gruß zu. Er antwortete dem Baron: „Es wird wol jeder Mann ſich geſchmeichelt fühlen, ſo lange ſein Herz nicht von einer großen Leidenſchaft erfüllt iſt.“ Der Baron ſagte hartnäckig:„Selbſt dann.“ Ilda klatſchte vergnügt in die Hände und rief:„Immer beſſer! Jezt kann ich Ihnen den Vorwurf der Felonie zu⸗ rückgeben.“ „Ich dulde ihn gern! ich leide ja, wie ein ächter Ritter, für die holden Frauen, und bleibe dabei, daß ſie Recht haben das zu thun, was uns erfreut und ſie beglückt.“ „Beglückt? fragte Ilda langſam und ernſt— glauben Sie wirklich, daß die kleinen Triumphe der Eitelkeit beglücken können? Es ſind ja nur einzelne vorüberfließende Waſſer⸗ tropfen, und die Citelkeit leidet tantaliſche Durſtesqualen.“ „Nein, liebſte Gräfin, ſagte der Baron beruhigend— ſo arg iſt es nicht! Sie haben immer einen wunderlich ko⸗ loſſalen Maßſtab in Ihren lieben, feinen Händchen. Einzelne ſeltene Weſen, von gewaltigen Leidenſchaften, wiſſen über⸗ haupt nur etwas von tantaliſchen Qualen; aber die Maſſe n'est pas de l'étoffe dont on fait les grandes passions. Sie begnügt ſich damit, um äußerer vergänglicher Vorzüge und Eigenſchaften willen gefeiert und bewundert zu werden, und weil ſie ſich begnügt, iſt ſie beglückt.. „Ich glaube aber nicht, daß etwas an ſich Hohles und Leeres beglücken könne, erwiderte Ilda. Wenn Sie mir ſa⸗ gen: das indianiſche Weib iſt glücklich im Wigwam ihres barbariſchen Gatten— ſo begreif' ich das, denn ſie ſteht — 136— innerhalb der Grenzen ihrer Beſtimmung, und das genügt ihr. Aber mit der ganzen Welt ſchön thun und kokettiren, und ſich in Liebenswürdigkeit abmühen, damit ein Dutzend Fats ſage: Deliziöſe Frau! Charmante Perſon! das befrie⸗ digt nicht— und darum eben ſind die Frauen unſerer Zeit ſo unglücklich daran, wie vielleicht noch nie, weil das allge⸗ meine Streben nach Glänzen in der Geſellſchaft hin gerichtet iſt— und das iſt nicht ihre Beſtimmung.“ „Wollen Sie ſie denn einſperren in das Gynäceum der Alten, oder in den Harem der Orientalen, oder in die Burg des deutſchen Ritters?“ „Eben ſo gern, als ſie in unſere Salons hinausſtoßen!“ „Sollen ſie Sklavinnen ſein oder Mägde?“ „Glauben Sie wirklich, daß Porcia, Arria, Cornelia, Sklavinnen ihrer Gatten waren? und nennen Sie die deut⸗ ſche Rittersfrau Magd, weil ſie dem Willen ihres Herrn Und Gemals gehorchte? Lieber Baron, glauben Sie mir, es iſt für keine Frau ein Unglück, wie Porcia Sklavin des Bru⸗ tus, oder die Hausfrau eines Götz von Berlichingen zu ſein.“ „Barmherzigkeit, theuerſte Gräfin! führen Sie doch nicht dieſe barbariſchen Geſtalten in unſere cioiliſirte Welt“... „Wo die Männer vor dem Bilde eines Mannes er⸗ ſchrecken!“ „Ja, ich bekenne mich der tiefſten Averſion gegen Fauſt⸗ recht und Raubritter ſchuldig“— ſagte der Baron, ſchüt⸗ telte ſich mit komiſchem Graus, und verließ ſeinen Platz. Otto hatte ſchweigend zugehört, ja im Grunde nicht auf das Geſpräch, ſondern auf Ildas Ton und Stimme gehört. Nun fragte er: „Was wollten Sie denn eigentlich dem Baron beweiſen?“ — 137— „Daß es wenig glückliche Frauen gebe.“ „Frauen? ſagen Sie Menſchen. Ich kenne z. B. eine ſehr glückliche Frau.“ „Eine! was will das ſagen! und iſt ſie nicht vielleicht auch in der Manier des guten Barons glücklich?“ „Ganz und gar nicht; denn Sie ſind dieſe Frau.“ „Ich?“ rief Ilda überraſcht und legte die Hand auf die Bruſt. „Ja; denn Sie ſind ſicher und klar, wie ein Stern in ſeiner Sphäre.“ „So lange nichts Verwirrendes und Dunkles kommt— allerdings.“ „Und was könnte Sie verwirren und verdüſtern?“ „Schmerzen, Schwäche, Leidenſchaft— Alles was An⸗ dre elend macht. Bin ich nicht Menſch wie Sie? Halten Sie den Genius für ein Antidot gegen alle Uebel?“ „Ach! rief er, wenn ich Sie ſehe, ſo mein' ich, Sie müßten unſäglich glücklich ſein. Ich begreife nicht, daß ein ſolches Weſen die Qualen und Sorgen der Erde tragen könnte. Sagen Sie mir, daß Sie glücklich ſind!“ „Ich bin ſehr glücklich jezt“— ſprach Ilda mit einem Lächeln, das in ſeinem Herzen verborgene Quellen der Se⸗ ligkeit aufgehen ließ. „Und wann waren Sie es nicht?“ fragte er weiter. Er hatte den Arm auf den Tiſch geſtützt, und hielt die Hand vor die Stirn über die Augen, theils um ungeblendet von den Lampen Ilda anzuſehen, theils um ſein Geſicht vor frem⸗ den neugierigen Blicken zu ſchützen. Seine überſchatteten Augen ſtralten wie überhüllte Sterne Ilda an. Sie ſagte lebhaft: — 138— „Ich wollte, ich könnte Sie ſo malen, aber ich berſtehe mich zu wenig auf das Porträtiren!“— Dann fuhr ſie langſam ſort:„Ich war nicht glücklich, als mein Weſen in eine ihm nicht homogene Richtung gerathen, als ich ohne Liebe verheirathet war, als ich mich nicht in meine Pflicht zu finden wußte, als ich einem Mann begegnete, den ich nicht lieben durfte und doch liebte, als ich dieſen Mann fortſchickte, in den Tod ſchickte“...— „Sie? Lord Henry?“ „Er ging, weil ich es wollte. Er irrte umher und ſtarb— zufällig, ganz zufällig, nicht am Gram, nicht an verzehrender Krankheit, nicht durch die eigene Hand, er ſtarb mit hundert Andern im Schiffbruch— dennoch iſt der Ge⸗ danke furchtbar, daß ihn die Liebe zu mir in den Tod ge⸗ jagt. Aber ich konnte nicht anders; ich mußte mich retten aus dem innern Zwieſpalt. In dem Moment, als ein Ge⸗ ſtändniß ſeiner Lippe entfloh, mußte er mich verlaſſen, wenn ich nicht untergehen ſollte. Er ſah das ein und ging. Nach Jahresfriſt ward mir die Nachricht ſeines Todes durch ſeine Mutter, der er bei ſeiner Abreiſe von Irland einen verſiegel⸗ ten Brief gegeben, welchen ſie nur im Fall ſeines Todes er⸗ öfnen durfte. Dieſer Brief enthielt nichts als die Bitte, mir mitzutheilen, daß er nicht mehr unter den Lebenden ſei. Da ging ich nach Irland, ſeiner geliebten Heimat. Da beſchloß ich dieſem edlen Menſchen vor der Welt ein Monument zu errichten, wie ich es in meinem Herzen gethan. Da gab er meinem Genius die Richtung, und da hörte ich auf unglück⸗ lich zu ſein.“ „Und ſeitdem?“ „Geht es mir gut auf der Welt, denn es iſt kein neuer — 1439— Zwieſpalt über mich gekommen, und das iſt viel, wol gar Alles, für Menſchen wie ich, die immer Unendliches begeh⸗ ren, immer nach der Ewigkeit die Hand ausſtrecken, ſtets heiß verlangend und vielleicht nie zu befriedigen ſind“...— „Denn der Menſch hat nur die Wahl zwiſchen beſchränk⸗ ter Zufriedenheit und raſtloſer Hoheit.“ 3 „Nein, Otto, die Wahl hat er nicht! das Bedürfniß ſein innerſtes Weſen zu entfalten iſt weit mächtiger für Man⸗ chen, als das Bedürfniß ſtiller Zufriedenheit, worin ſeine Kräfte ſtagniren. Ich glaube nicht, daß Napoleon ſeinem gegenwärtigen Schickſal ein anderes vorgezogen hätte, in wel⸗ chem er es etwa zum Kavallerie⸗Oberſt gebracht, zum glück⸗ lichen Gatten und Hausvater, zum hohen Alter und zum ſanften Tode allgemein geachtet und geliebt.“ „Ich glaub' es auch nicht; allein er würde vielleicht ſehr unrecht gewählt haben.“ „Nein, wer in ſich fühlt, daß er die Meere durchſchiffen müſſe, der ſpringt in den kleinen, lecken Kahn, und erreicht mit ihm eine neue Welt oder geht unter. Aber er wäre eben ſo wol untergegangen, nur troſtloſer, in der dumpfen Fiſcherhütte am Ufer.“ „Und wer macht denn für uns die Wahl und leitet uns ſo unwiderſtehlich auf ihr dahin? meiſtens— die Leiden⸗ ſchaft, häufig— der Egoismus“ „Das iſt nicht Ihr Ernſt! Es geſchieht in einzelnen Momenten, aber der Gang unſers Lebens, wie er in gewiſ⸗ ſen, ſeligen Augenblicken innerer Klarheit und Beſtimmtheit vor uns liegt, ſo deutlich, daß wir ihn erkennen müſſen, ihn nicht verfehlen können— der ward von einem andern Geiſt, als der unſers Egoismus iſt, uns vorgezeichnet. Nennen — 140— 4 Sie ihn die Hand aus den Wolken, die Vorſehung, die Schik⸗ kung, das Verhängniß— ich nenne ihn Gott.“ Plötzlich trat Herr von Werffen an den Tiſch und bat die Gräfin um ein halbes Dutzend Shawls und Schleier; mehre junge Perſonen wollten Tableaur darſtellen.“ „Charmanty ſagte ſie, ich helfe arrangiren, und bringe hier einen unbezahlbaren Rembrandt mit. Kommen Sie, Otto.“ Werffen ärgerte ſich, daß er mit ſeinen Talenten, ſeinem Namen und Vermögen, ſeiner ſchönen Geſtalt, gar keinen Eindruck auf Ilda machte. Sie bewunderte ſeine Zeichnun⸗ gen, ſie ſagte ihm viel Schönes über ſeinen Geſang— aber es belebte ſich weder ihre Unterhaltung, noch ihr Geſicht ihm gegenüber, er blieb ihr vollkommen gleichgültig und durfte gehen oder kommen, ohne daß ſie hinſah. Sie hingegen in⸗ tereſſirte ihn außerordentlich, und ſelbſt ihre freundliche Kälte, obgleich ſie ſeine Eitelkeit verletzte, ſpornte ihn zum Verſuch an, ob ſie auf keine Weiſe zu beſiegen ſei. Einſt fragte er den Baron, ob Ilda wol je ſich wieder verheira⸗ then werde. Achſelzuckend antwortete der: „Verſuchen Sie Ihr Glück, mein Beſter.“ „Nur wenn ich hoffen kann es zu erreichen“— ſagte Werffen piquirt. „Nun, nun! ich kann Ihnen ja keine Hofnungen geben.“ „Warum nicht? Sie kennen die Gräfin ſo lange, ſo genau.“ „Lange? ja. Aber genau— deſſen ſchmeichle ich mir nicht. Welche Frau kann man denn gründlich kennen! die klügſten machen dumme Streiche, die tugendhafteſten erlauben ſich kleine écarts gerade in den Augenblicken, wo man für — 141— ihren Verſtand und ihre Tugend die Feuer⸗ und Waſſer⸗ probe machen würde. Darum ſage ich nie, daß ich den Cha⸗ rakter einer Frau approfondirt habe.“ „Sie ſind diplomatiſch, mein lieber Baron, und weil Sie es ſind, könnten Sie wol einmal bei ſchicklicher Gele⸗ genheit zu ergründen ſuchen, wie die Gräfin Schönholm dar⸗ über geſinnt iſt.“ „Das kann ich Ihnen ſagen: ſie glaubt nicht an Glück in der Ehe.“ „Im Allgemeinen wol!— aber für einen ſpeziellen Fall“..— „Kann man allerdings Ausnahmen machen! das wollte ich ja vorhin andeuten.“ .„Sie iſt nicht mehr in dem Alter, wo man ein chimä⸗ riſches Glück vom Leben verlangt, ſie kennt die Anſprüche der Welt, ſie wird allmälig das Bedürfniß fühlen, einen Kreis um ſich zu bilden, den der Hauch des Zufalls nicht zerſtören kann— den Familienkreis“...— „Hat ſie je etwas der Art gegen Sie geäußert?“ „Behüte! niemals!— aber ſie muß über kurz oder lang zu dieſer Anſicht kommen, denn ſie liegt in dem Gang unſerer Entwickelung.“ „Nun das wollen wir bald erfahren“— und der Ba⸗ ron rieb ſich vergnügt die Hände, wie er zu tthun pflegte, wenn er etwas vor hatte, was ihn amüſirte, und er unter⸗ hielt ſich immer, ſobald er mit Ilda in irgend eine Berüh⸗ rung kam. Er ging zu ihr und fand ſie vergraben in Pa⸗ pieren, gelangweilt, ermattet und ziemlich verdrießlich. Sie rief ihm entgegen: „„Dieſe Geſchäfte bringen mich um! Den ganzen Mor⸗ 8 — 142— gen hab' ich damit hingebracht Papiere durchzuſehen, die ich unterſchreiben ſoll. Der Kopf iſt mir ganz wüſt! dieſe Ge⸗ ſchäftsmänner haben einen Styl“...— „Der freilich nicht ſehr poetiſch iſt!“ „Ach, wer begehrt das! aber klar, verſtändlich, bündig ſollte er ſein, damit man wiſſen könne, woran man ſei. Aber das verklauſulirt ſich, wie hinter Barrikaden! aber das macht Perioden von einer unabſehbaren Länge, daß man beim Ende den Anfang vergeſſen hat! Wenn ich bei einem Punkt anlange, iſt meine Beſinnung außer Athem und ich ſchnappe nach Luft, wie der Fiſch auf dem Trocknen.“ „Solche Geſchäfte ſind nicht für Damen, am wenigſten für Sie.“ „Das weiß der Himmel!“ „Sie ſollten auf ein Mittel denken, Sich davon zu be⸗ freien.“ 5 „Das habe ich wirklich ſchon gethan.“ „Wirklich? ei ſieh!“ rief der Baron überraſcht, der nur ein Mittel im Kopf hatte. „Ja, es iſt— rund heraus! auf Sie dabei abgeſehen!“ „Auf mich? guter Gott!“ rief er voll Schreck. „Indem ich Sie zu meinem bevollmächtigten Miniſter ernenne und Ihnen carte blanche für alle Unterſchriften gebe.“ „Ah ſo! aber ich weiß noch ein heſſeres Mittel. Ich bin zwar Ihr treuergebener Freund— aber nicht ſo nahe⸗ ſtehend— wie ein Gemal. Heirathen Sie!“ „Wen denn? Sie haben gewiß Jemand im Sinn.“ „Da Sie fragen, geſteh' ich's ein. Aber rathen Sie doch wen!“ 4 — 443— „Es iſt zu ſchwer Ihre Gedanken zu rathen; alſo?“ „Eine in jeder Hinſicht excellente Partie: Werffen.“ Ilda fuhr zuſammen:„Werffen? welch ein Einfall! er denkt ſo wenig wie ich daran— hoffe ich; oder— haben Sie einen Auftrag?“— Sie firirte den Baron. „Keineswegs! erwiderte er gelaſſen; ich würde nur dieſe Partie für beide Theile höchſt vortheilhaft finden.“ „Ich verheirathe mich nicht um des Vortheils willen, ſondern— gar nicht. Und vollends Werffen!“ „Nun, Werffen? ſehr reich, ſehr talentvoll, ſehr hübſch“..— „Freilich! eine Maſſe guter Eigenſchaften! aber was will das ſagen! Nicht dieſe oder jene Eigenſchaft feſſelt uns, ſon⸗ dern die ganze Perſönlichkeit.“ „Aber er gefällt aller Welt.“ „Eben darum nicht mir.“ „Das nenne ich Caprice, Eigenſinn, Ungerechtigkeit.“ „Wie Sie wollen! aber ich liebe ihn nicht; und da ich einmal ohne Liebe verheirathet und ſehr elend geweſen bin, ſo werde ich nicht zum zweitenmal dieſe Thorheit begehen.“ „Es würde jezt vielleicht keine Thorheit ſein, denn Sie ſind älter geworden, ernſter, feſter.“ „Wol bin ich älter geworden, ſagte Ilda, und Thränen traten in ihr Auge— wol weiß ich, daß ich, ohne Jugend und Schönheit, Keine Anſprüche habe, um geliebt zu werden; alſo wird es mir doppelt ſchwer einzuſehen, weshalb ich mich verheirathen ſoll.“ Der Baron dachte im Stillen: es iſt doch ſeltſam, wie die Frauen empfindlich im Punkt des Alters ſind. Laut ſprach er: — 144— „Man heirathet um einen feſten Stand in der Geſell⸗ ſchaft zu haben“ „Wie könnte der der reichen Gräfin Schönholm fehlen.“ „Um einen großen Namen glänzend zu tragen.“ „Der Name: Ilda Schönholm, hat einen guten Klang.“ „Um im Schutz und Schirm eines treuen Freundes zu ſein.“ „Nach außen hin bedarf ich keines Schutzes, und vor mir ſelbſt kann mich Niemand ſchützen, als ich ſelbſt.“ „Um die Freuden der Häuslichkeit zu genießen.“ „Sie ſprechen ja wie die Leute in Ifflandſchen Schau⸗ ſpielen— ſagte Ilda allmälig beluſtigt durch den Ernſt des Barons— die langweilen mich außerordentlich.“ „Um allerliebſte Kinder zu haben“— fuhr er uner⸗ müdlich fort, entſchloſſen ihr alle Vortheile auseinander zu ſetzen. 5 Ildas Lächeln verſchwand, um ihren Mund zuckte etwas wie Schmerz oder Verachtung; dann ſah ſie den Baron feſt an und fragte:„Verſtehen Sie das, Baron, wenn ich ſage: man kann es ertragen ohne Liebe Gattin zu ſein; aber Mut⸗ ter— nimmermehr!“ Der Baron ſagte verblüfft:„Warum ſollte ich das nicht verſtehn?“ „Weil die Männer, überhaupt die Menſchen, in dieſem Punkt etwas ſchwer von Begriffen ſind, und meinen, Kinder zu haben ſei das Höchſte, was eine Frau erwünſchen könne. Wenn Sie mich aber verſtanden haben, ſo iſt unſer Geſpräch zu Ende.“. Der Baron ließ ſeine ernſthafte Miene fallen, lehnte ſich auf dem Sopha zurück, und ſagte erſchöpft:„Gottlob! ich — 145— war mit meinen Gründen zu Ende— ſo trift ſich das ja recht gut. Ihren Trotzkopf beugt doch Niemand.“ „Ich bin nicht trotzig, nur feſt.“ „So ſagen alle eigenſinnige Leute.“ „Die Liebe würde meinen Trotzkopf, wie Sie ihn nen⸗ nen, doch, und ſogar ins Ehejoch beugen können.“ „Was will das ſagen, da Sie Sich ſorgfältig vor der Liebe in Acht nehmen und die angenehmſten Menſchen lang⸗ weilig finden.“ „Aber man liebt ja nur wen man kann.“ „Gräfin! Gräfin! nun haben Sie Sich verrathen! nun weiß ich— „Nichts! Sie müßten denn mehr wiſſen als ich.“ „Das wäre wol möglich.“ „Wenn ich Ihnen aber ſage, daß Sie nichts wiſſen.“ „So werde ich verſuchen Ihren Worten zu glauben.“ „Das iſt mein Freund!“ ſprach Ilda und klopfte den Baron auf die Schulter. Er aber dachte im Stillen; ich werde wahrhaftig ſchweigen und gegen Jedermann, denn da⸗ bei kann ja doch nur Unheil herauskommen, und das erfah⸗ ren Alle früh genug. Zu Herrn von Werffen ſagte er ſpä⸗ ter lakoniſch: 3 „Die Gräfin Schönholm iſt bis jezt noch nicht zu der Anſicht gekommen, die in dem Gang unſerer Entwicke⸗ lung liegt.. „Nun, ſo wird ſie dahin kommen— ſprach Werffen ruhig; mit ſolchen Weſen muß man Geduld haben.“ Aber Ilda hatte nach zehn Minuten ihn und den Ba⸗ ron vergeſſen und ihre Gedanken zu Otto gekehrt. Er war das Licht ihrer Augen, er machte ihr das Leben leicht und Ilda Schönholm. 10 3 die Welt hell. Ob er ſie liebe— daran dachte ſie nicht, denn wenn ſie es that, ſo zweifelte ſie, weil er immer auf der Hut, nie ſo offen, ſo hingebend, ſo vertrauungsvoll war, als ſie. Aber ſie war glücklich blos durch ſein Daſein, und lebte wie ein Kind in der Gegenwart. Sie hegte nicht mehr ihre frühere ängſtliche Sorge um Polydor und Ondine. Was kann ihnen Böſes widerfahren? dachte ſie;— ſie lie⸗ ben ja! dafür kann man wol etwas leiden.— Wenn ſie ih⸗ res eigenen Schickſals gedachte, ſo fragte ſie ſich nie: Wie ſoll es werden?— ſondern ſprach ruhig: es iſt gut ſo. Einmal ſagte ſie zu Otto: „Sie denken doch wol nicht daran im Frühling von hier zu gehen?“ „Ich hänge nicht von mir ſelbſt ab und muß fremden Beſtimmungen folgen; indeſſen iſt meine Arbeit hier noch unvollendet, und ſo lange bleibe ich wahrſcheinlich.— Jedoch Sie, Gräfin, werden gehen, reiſen“... „Und wiederkehren! das iſt der Unterſchied zwiſchen uns. Denn wenn Sie einmal fort ſind, kehren Sie nicht wieder. Ich mögte einen Zauberſpruch wiſſen, um Sie hier zu binden.“ „Sehr gnädig— aber ganz unmöglich!“ „Unmöglich? weshalb?“ fragte Ilda erblaſſend. „Weil meine Stellung und Verhältniſſe andrer Art ſind.“ „O die verhaßten ſtörenden Verhältniſſe!“ rief ſie in heftiger Ungeduld. „Und was liegt Ihnen daran, ob ein Menſch mehr oder weniger Ihren Salon beſucht?“ fragte er kalt; aber ein Ausdruck von tiefer Trauer glitt über ſein ſchönes edles Geſicht. — 147— „Alles— o Alles!“ rief Ilda und legte zuverſichtlich die Hand aufs Herz. Dann voerließ ſie ihn ſchnell. Wenn ſie mich liebte! jubelte heimlich ſeine ganze Seele.— Und wenn?— ſetzte eine warnende Stimme beſonnen hinzu. Achtes Kapitel. Polydor lebte in der Bezauberung fort, die die Gräfin Regine über ihn verhängte, froh, ſelig, hofnungsreich. Es iſt doch etwas Wunderliches um die Liebe! Otto, der beob⸗ achtende Mann, voll Menſchenkenntniß, voll Selbſtvertrauen, immer der offenen, edlen Ilda gegenüber, die nie daran dachte ihr reines ſtolzes Herz zu verhüllen, aus deren ganzem We⸗ ſen unwillkürlich die Liebe wie der Duft aus der Roſe brach, Otto wagte nicht Zuberſicht zu Ildas Liebe zu haben, weil ihm dies Glück unermeßlich ſchien. Und Polhdor, eben ſo durchdrungen von dem Himmel ſeines Glückes, den ſchöne falſche Augen ihm mit trügeriſchen Farben vorſpiegelten, zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß Regine ſeine Ge⸗ fühle theile. Sie widerſteht dem nicht, was ich im Herzen habe, rief er ſich oftmals in leidenſchaftlicher Aufregung zu — ſie liebt mich, und darum wird ſie mir angehören, wie ich ihr.— Aber an dieſe Reziprozität dachte Regine nicht. Die ſich ſelbſt aufopfernde Zärtlichkeit einer Frau macht aus dem Liebenden einen Gleichgültigen;— an dieſer Marime hielt ſie feſt; denn daß Polydor je gleichgültig für ſie ſein * 10* — 148— könne, der anbetende Polydor, der ihren Schritten wie den Spuren einer Gottheit folgte— das junge, neue, heiße Herz, das ſich mit jedem Gefühl, jedem Wunſch, jeder Hof⸗ nung an ſie wandte— die Vorſtellung war ihr unerträglich. Daß ſeine Exiſtenz, ſchwebend zwiſchen der ewig unbefriedig⸗ ten und ewig neu erregten Sehnſucht, darüber in Trümmer gehen könne, glaubte ſie nicht, weil ſie es nicht glauben wollte. Mit dem ſüßeſten Lächeln ſchnitt ſie ihm Wunden in ſein hochklopfendes Herz und nähte ſie dann ſauber mit roſenfar⸗ bener Seide zu. Das konnte ihm doch unmöglich weh thun! — Er ließ ſich Alles gefallen, ertrug jede Tyrannei, jede Laune, jede Härte, wodurch ſie vorgab ſeine Liebe prüfen zu wollen, kehrte mit immer gleicher Demuth und gleicher Wonne auf ihren erſten Wink zurück, breitete immer auf ihr Begeh⸗ ren die Schätze ſeiner Liebe, gleichſam in baarem Golde, ſo feſt, ſo lauter vor ihr aus, und ſie nahm es hin wie ſchul⸗ digen Tribut, ohne Dank, ungerührt. War es denn nicht Glücks genug für ihn, daß ſie ſich lieben ließ? Zuweilen war er muthlos, dann ſchrieb er an Ilda: „Ich will zu Ihnen kommen; hier gehe ich unter wie die „Verdammten, in Höllenqualen von Glut und Eis. Die „Frauen lieben anders als wir, ſie haben auch vielleicht „ganz Recht, ich ſehe es wenigſtens zuweilen ſehr deutlich „ein— aber daß ſie Recht haben, macht mich elend. Re⸗ „gine liebt mich, gewiß! nie hat ſie's mir geſagt, aber „dazu braucht's keiner Worte, ich weiß es doch. Allein „wie kühl liebt ſie mich, wie matt, ohne Vertrauen, Feuer „und Hingebung. Iſt denn das Liebe? Ach, wenn ich in „ihr himmliſches Antlitz ſehe— ſo ruft meine ganze „Seele: es iſt Liebe!— doch entfernt von ihr klagt mein — 149— „Herz: ſie wird dich nie und nie ganz verſtehen. Dann „bin ich ſehr unglücklich. O ſagen Sie mir, ob Sie auch „den Menſchen unglücklich machen, den Sie lieben?— „Tauſendmal hab' ich es ſchon beklagt Sie verlaſſen zu „haben mit kindiſchem Vorwitz. Aber aus der Hütte un⸗ „ſerer Kindheit, aus dem Tempel unſerer Jugend müſſen „wir ja Alle heraus— und wenn wir nur in Kämpfe „und Schlachten geſchleudert würden, ſo wär' es ſchon zu „ertragen— aber in die Hölle!... Ja in die Hölle! denn „da die Sehnſucht ewig der Seligkeit gewärtig iſt, ſo iſt „ihre Nichtbefriedigung— Hölle. Verſtehen Sie das, „Himmliſche? Ach, wenn nicht Sie— wer ſonſt auf der „Welt! Ich habe früher wol gemeint, daß die Liebe in „ihrer Kühnheit, mit ihrer Unendlichkeit, allein das Ver⸗ „ſtändniß der Dinge in und außer uns erſchließe, aber „ſeit ich ſelbſt liebe, meine ich es nicht mehr. Den Mann „verwirrt ſie und die Frau verdirbt ſie, macht ſie ſchlau, „verſteckt, berechnend, liſtig, eitel— bei Gott, ſo iſt's! „Haben will eine Jede— Namen, Rang, Triumphe, Her⸗ „zen, kurz die ganze olla potrida von niedriger Eigenſucht. „Geben will Keine!— denn was iſt das: ein Paar Ge⸗ „danken oder ein Paar Stunden, ein ſüßes Lächeln oder „ein ſüßes Wort dem Geliebten geben?— das tiefſte „Weſen, das eigenſte Leben geben ſie ihm nicht, und ich „glaube gar ſie nennen das: Tugend. Dadurch könnte „man dahin kommen das Laſter anzubeten!— O warum „habe ich Sie verlaſſen? Wären wir doch geblieben am „Comer⸗See, nirgends konnte es ja ſchöner ſein. Wenn „wir in den ſtillen Mondnächten auf den kühlen Wellen „fuhren, was war da für ein Friede in mir und um — 450— „mich. Die Wellen rauſchten ſo träumeriſch, als ob ſie „ſich Liebesworte zulispelten; die Ruder plätſcherten drein, „wie Neckereien, die der Liebenden Geflüſter ſtören; der „Nachtwind hatte immer mit den Bäumen am Ufer zu „koſen, und oft ſchüttelten die haſtig ihr Laub, wie weiche „Locken, wenn er ihnen gar zudringlich ward und wollü⸗ „ſtiges Grauen ſie überrieſelte. Der Mond zerſchmolz zu „goldenen, zitternden Gluten in der bewegten, dunklen „Flut, wie die Liebe in der Sehnſucht zerſchmilzt und das „ganze Herz verklärend überſtrömt. Aber die hohen, ſtil⸗ „len Sterne glänzten wie unantaſtbare Götter, und küm⸗ „merten ſich nicht um das Rauſchen, Flüſtern, Beben und „Zerſchmelzen in der Tiefe. Nur zuweilen fiel einer aus „ſeinem Himmel. Wiſſen Sie noch? ich hatte immer gro⸗ „ßes Mitleid für die armen, heiligen, aus ihrem Himmel „gefallenen Sterne. Aber Sie ſagten, der Stern verlaſſe „ſeine Sphäre vielleicht nur, um zu einem fernen geliebten „Stern hinzufliegen, und in ihm und für ihn unterzuge⸗ „hen— und wenn Sie ſo ſprachen, wie waren Sie „ſchön! wie oft drückte ich dann inbrünſtig den Saum „ihres Shawls an meine Lippen, und wie vor einem „Gnadenbilde tauchte ich mich in ſeliges Vergeſſen alles „Irdiſchen. Aber weil Sie ſo ſprachen und dabei lächel⸗ „ten wie die Heiligen, die in Qualen ſterben: ſo weiß ich „daß Sie mich verſtehen und meine Liebe. Darum werf' „ich mich jezt wieder vor Ihnen nieder, Madonna, gna⸗ „denreiche, mit meinem wilden, zerriſſenen, gefolterten Her⸗ „zen, und jammere wie ein Kind oder wie ein Narr, daß „ich den Saum Ihres Schleiers verlaſſen habe, unter dem „ich ſo ruhig gebettet lag. Ach in den letzten Zeiten war — 151— „ich glücklich, darum ſchrieb ich Ihnen nicht. Es war „ſolch ein heißes, berauſchendes Glück, ſolch ein Tropen⸗ „Klima mit Palmen und brennenden Blumen und leuch⸗ „tenden Vögeln, ſo fremd Alles, ſo zauberhaft— daß ich „mich auf nichts beſinnen konnte, und auf und über der „Erde nichts wußte, als mein Glück. Aber ich bin nur „durch eine Oaſe gewandelt, um in eine Wüſte zu gera⸗ „then, wo die Sonne mich verbrennt, die mir früher durch „grüne Palmenzweige gelächelt hat. Könnten Sie doch „Ihre Hand, ſchmal und zart wie ein Lilienblatt, auf „meine Stirn legen— es würde mein Fieber kühlen. „Darum ſchreibe ich Ihnen ja. Sie werden und müſſen „einen Balſam für Ihren Polydor erſinnen.“ Ilda antwortete ihm ſogleich; aber das Grauenhafte der Entfernung iſt, daß ein Brief faſt nie in dem Moment ein⸗ trift, wo er von guter Wirkung ſein könnte, ſondern erſt dann, wenn die Stimmung längſt vergangen iſt, für die er berechnet war. Daher macht er den Eindruck, den ein Be⸗ ſchwörer macht, welcher am hellen, luſtigen Tag Geſpenſter zitirt, nämlich— gar keinen. Polydor konnte ſich kaum be⸗ ſinnen, weshalb Ilda ihm ſchrieb: 4 „Zu mir, mein armer Polydor, immer zu mir, wenn's „Ihnen übel auf der Welt geht. Es rührt mich ſo, daß „Sie Ihr wundes Herz an das meine ſchmiegen, wie an „Schwanenfedern, und daß ich doch gar nichts für Sie „thun kann!— Ach, Menſchen, die viel gelitten haben, „wiſſen, daß kein anderer Menſch ihre Schmerzen von „ihnen nehmen kann, und das macht ſie verſchloſſen; ſie „biegen ihre Seele um den Schmerz zuſammen, feſt und „ſtill; aber die Anſtrengung macht, daß ſie die Zähne —— — 152— „über einander drücken müſſen, und dann kann man nicht „ſprechen. Sie ſind ſo jung, daß Sie noch Alles hoffen, „auch Troſt von der Freundin hoffen, und ſie kann Ihnen „doch keinen geben!— Ich kann nicht einmal ſagen: Sie „haben Recht ſo zu klagen;— weil ich nicht weiß, wie „Regine mit Ihnen verfährt, denn es iſt eben ſowol mög⸗ „lich, daß ſie Ihnen lügt, als daß ſie bang und zitternd, „von Ihrer Leidenſchaftlichkeit erſchreckt, Sie liebt. Es „wäre unnütz, in Ihrem gegenwärtigen, aufgeregten Zu⸗ „ſtand mit Ihnen diskutiren zu wollen, ob die Liebe des „Mannes oder die des Weibes edlerer Art ſei, nur fragen „will ich Sie: wo iſt der Mann, der fähig iſt ein Opfer „wie Sie es begehren, wie es Ihnen natürlich ſcheint, in 1. „ſeinem ganzen Umfang zu begreifen, und— zu ehren? „Wo iſt der Mann, der nicht unwillkürlich bebt vor der „rückſichtloſen Hingebung einer fremden Exriſtenz an ihn? „Wenn Sie ihn mir zeigen, ſo werd' ich warlich nicht „leugnen wollen, daß jegliches Opfer ihm gebührt. Jezt „werden Sie kühn, die Hand auf die Bruſt gelegt, ver⸗ „ſichern: ich bin der Mann! Armes Kind! erſt nehmen „Sie das Opfer und dann antworten Sie mir. Wo die „höchſte Zurückhaltung, iſt in den Augen der Männer die „höchſte ſittliche Grazie, und wol wiſſen die Frauen dieſe „Meinung ſchlau zu ihrem Vortheil zu benutzen, und thun „ganz Recht daran; denn ein geiſtreicher Schriftſteller*) „ſagt zwar: La femme qui vient à vous est une courti- — „sane, ou quelque chose qui m'est pas vulgaire— al⸗ „lein unter Millionen Männern iſt nicht Einer edel genug — *) Capefigue: Jacques II. à St. Germain. 153— „das Letztere vorauszuſetzen. Glauben Sie mir, Sie ha⸗ „ben kein Recht zu klagen, aber ich hatte es, als ich Sie „beſchwor: keine Gräfin Regine!— Möge ſie Ihre Liebe „erwidern oder nicht— ſie wirkt verderblich auf Sie, „denn ſie bringt Sie aus Ihrem äußern und innern „Gleichgewicht. Sie verzehren Sich in Zweifel, Unruhe, „Sehnſucht, Furcht, und Ihr Genius flieht erſchrocken den „Tummelplatz ſo unbehaglicher, zerſplitternder Empfindun⸗ „gen. Können Sie Sich nicht losreißen? Ach, die erſte „Leidenſchaft eines Jünglings wie Sie täuſcht ihn ſo oft, „iſt ſo oft mehr Drang und Durſt der Seele nach Liebe, „als wirklich die Liebe ſelbſt. Verſuchen Sie eine Tren⸗ „nung, ob die Sie nicht heilt. Laſſen Sie lieber eine „Saite in Ihrem Herzen ſpringen, als das ganze Herz „für immer in ſchneidenden Diſſonanzen ertönen. Und „darum ruf' ich; zu mir, armer Polydor! zu mir.“ Wie ich den treuen Schutzengel erſchreckt habe— dachte Polydor, nachdem er dieſen Brief geleſen— und wie nutz⸗ los, Regine liebt mich ja, worüber hab' ich denn geklagt?— Und er lehnte ſeine Stirn an die Marmorwange ihrer Büſte und verharrte ein Paar Minuten ſinnend oder ruhend in die⸗ ſer Stellung. Dann warf er den Kopf mit einem Lächeln voll Melancholie und Bitterkeit zurück, und murmelte: ich weiß es wol, Marmor und immer Marmor dort! und hier! . und hier?— Er ſchüttelte ſo heftig den Kopf, daß ſein dunkelrothes Sammetmützchen mit Goldfaden geſtickt, ein Ge⸗ ſchenk Reginens, von ſeinen Locken zur Erde fiel. Er hob es raſch auf, küßte es und ſagte: lieblich wie ſie, und ver⸗ ſengt mir das Hirn wie ſie!— Er legte es auf den Stuhl, warf den Rock und die Halsbinde ab, zog ein Arbeitsjäckchen — 154— von grauem Nanking an, und begann an einem Basrelief zu arbeiten, das er in den letzten Tagen entworfen: Ganymed vom Adler entführt. Dies Werk erfreute ihn. Er dachte: große Gedanken ſind Boten der Götter; ſie tragen uns auf Fittigen des Adlers über den Nebel der Erde empor, und legen uns zitternd aber kühn, demüthig aber jubelnd zu den Füßen der geliebten Gottheit nieder. Darum ſollen wir uns ſorglos ihnen überlaſſen! mächtige Gefühle, erhabene Ideen und große Gedanken heben in den Olymp; tiefe Ruhe, ſelige Unbefangenheit ſoll auf den Zügen meines Ganymedes herr⸗ ſchen. Er ahnt in ſich den Liebling des Zeus, und was ſchadet es denn, daß die Krallen des Adlers ihm den Buſen blutig reißen! Liebling des Zeus zu ſein, iſt der Triumph des Sterblichen und macht ihn unſterblich— das iſt Alles. Wer am Nektar des Ewigen ſich berauſcht hat, kann der den ſchaalen Wein des Vergänglichen verlangen? Auf, Po⸗ lydor!— Und die Begeiſterung trug ihn, wie den Adler des Ganymed, zu Regionen, in denen das Waffengeklirr der Lei⸗ denſchaft verhallte Er war ein Paar Augenblicke ganz glück⸗ lich. Als ob Regine geahnt hätte, daß er etwas Höheres als ſie gefunden— war ſie in ſeiner Nähe. Man klopfte an ſein Atelier. Auf ſein Herein erſchien der Jäger der Gräfin, meldend, daß ſie ihm auf dem Fuß folge. Wirklich trat ſie ein mit einer andern Dame, und Polydor ſank aus ſeinem Olymp vor ihr nieder. Sie war ſo königlich ſchön, die Wangen lebhaft geröthet von der fri⸗ ſchen Luft, die Geſtalt herrlich gezeichnet in dem Sammet⸗ kleid, das die Büſte eng umſchloß, und vom Gürtel an in breiten, vollen Falten bis zur Erde herabſank, ſo daß kaum er — 455— beim Gehen der ſchmale Fuß ſichtbar ward. Sie ſagte zu Polydor: „Wie lange war ich nicht in Ihrem Atelier! nun wünſchte dieſe Dame es zu ſehen, da benutze ich denn froh die Gelegenheit. Nicht wahr, Sie zeigen uns Ihre Ar⸗ beiten?“ Er gehorchte dem Wunſch, ward gelobt und geprieſen; aber es lag ein ſchwerer Druck vor ſeiner Stirn, auf ſeiner Bruſt; er war blaß wie ſeine Bilder, und wenigſtens eben ſo ſchön. Daß ſie ſo plötzlich vor ihm erſchien, und immer mit derſelben lieblichen Unbefangenheit, verſtörte ihn. Sie fragte: „Sie ſind doch nicht krank? Ihr Auge iſt trübe und die Stirnader geſchwollen.“ „Ich denke nur ſehr ſcharf darüber nach, ob alle mäch⸗ tige Gefühle uns zum Olymp erheben.“ „Aber Sie deliriren!“ rief Regine erſchrocken und ihre Gefährtin ſtarrte ängſtlich ihn an. „O gar nicht, ſagte er, ich habe jezt meine volle Be⸗ ſinnung.“ „Sie arbeiten zu angeſtrengt, ſagten beide Damen um die Wette, Sie gönnen Sich keine Erholung, Sie müſſen Sich Bewegung machen, gehen, reiten— wollen Sie mit uns fahren?“ ſchloß Regine. „Gern! rief er; der Frühling kommt, da bin ich immer in krampfhafter Aufregung, wie der Vogel im Käfig.“ Er wollte hinausſtürmen. „Halt! halt! rief Regine lachend; Sie ſind zwar ein Genie, aber die Hände müſſen Sie Sich doch waſchen und — 156— das Jäckchen ausziehen. Die Sonne des April iſt warm, die Luft kalt. Wir warten hier.“ Er flog in ſein Zimmer.„Ein wunderbarer Menſch“ — ſagte die andere Dame. „Nicht wahr? Künſtler vom Scheitel zur Sohle, aber durch und durch brav.“ „Und ein höchſt intereſſanter Kopf von ſeltener Schön⸗ heit.“ Als Polydor aus ſeinem Zimmer ins Atelier zurück⸗ kam, rechtfertigte er vollkommen den Ausſpruch der Dame. Seine hohe, ſchlanke Geſtalt, die er trotz ſeiner Jugend feſt und kräftig aufgerichtet trug, zeigte ſich aufs Vortheilhafteſte in dem kurzen, ſchwarzen, bis oben hinauf zugeknöpften Ueberrock, und ſein Geſicht mit den großen, etwas tiefliegen⸗ den Augen, der geraden ſcharfen Naſe mit breiter Wurzel, über der ſich eine frei entwickelte Stirn erhob, und den prächtigen braunen Locken, war ſo edel, daß ſelbſt die kalte Regine ihn nicht ohne Bewunderung und mit heimlicher Freude anſah. Aber dieſe Empfindungen ſtimmten ſie nicht weicher. Die Bewunderung galt ſeiner Schönheit; die Freude dem Triumph, daß ein Menſch von dieſer Schönheit, dem unwillkürlich jedes Frauenauge nachfolgte, und der vielleicht nur ſich zu zeigen brauchte, um unwiderſtehlich zu ſein— keinen Blick, keinen Sinn, keine Aufmerkſamkeit für das ganze weibliche Geſchlecht hatte, als einzig für ſie. Aber in Polydors Seele reifte allmälig ein Entſchluß. Er wollte Gewißheit haben, das Geſtändniß ihrer Liebe. Die Unſicherheit war ihm Folter. Ich muß wiſſen, woran ich mit ihr bin, ob ſie nie, nie, mir angehören will! ſprach er für ſich, und ging auf und ab in ſeinem Zimmer. Seit — 157— ſechs Monaten faſt bin ich nichts, als weiches Wachs in ihrer Hand, und ich weiß nicht einmal, welche Geſtalt ſie mir geben will. Dies Weib kann einen Teufel aus mir ma⸗ chen. Sagt mir denn Ilda nicht, ob das die Art zu lieben aller Frauen iſt? Sie ſollte doch ihr Geſchlecht kennen und mir Wahrheit geben— o nur Wahrheit!— Er nahm ih⸗ ren letzten Brief; da bemerkte er im Umſchlag ein kleines Papier, das er noch nicht geleſen hatte. Haſtig es entfal⸗ tend, las er: Vorſchlag. Du willſt ſein mein eigen? So höre mich an, Treu will ich Dir zeigen, Wie's Schickſal ſein kann, Treu will ich Dir ſagen Vom Dunkel, vom Licht, Und kannſt Duss nicht tragen, So liebſt Du mich nicht. Wild ſind meine Pfade, Voll Felſen und Dorn; Iſt's göttliche Gnade? Iſt's göttlicher Zorn? Vom Blitze zerſtöret Hab' oft mich geglaubt, Dann hat er verkläret Mir wieder das Haupt. Wie fern in den Lüften Die Lerche hinſchwebt, — 155— Wis einſam aus Klüften Der Aar ſich erhebt: So iſt auch mein Leben Und Daſein, denn ſieh! Muß ſingen, muß ſchweben So einſam wie ſie. Doch ſteig' ich zur Sonne Oft kräftig empor, Genieße der Wonne, Wenm Glück ich verlor. Doch bad' ich in Lüften Beſeligt die Bruſt, Hoch über den Grüften Voll irdiſchem Wuſt. In Leben und Sterben, Durch Ruhm und durch Schmach, Durch Sieg und Verderben Mußt folgen mir nach, Begegnen dem Hohne Wie bitter er ſei, Und tragen die Krone, Als wär's einerlei. Und haſt Du die Seele Voll ruhigem Muth, Daß ſtill ſie ſich ſtähle In jeglicher Glut: Nimm hin denn mein Leben, Sei mein, ich bin Dein! Doch fühlſt Du ein Beben— So laß mich allein. 159— Ja, ſagte Polydor, das iſt Ilda! ihr Brief iſt nicht ſie, denn er iſt geſchrieben mit Rückſicht auf mich und weiß Gott was! Sobald ſie aber einen Akkord auf ihrer Harfe an⸗ ſchlägt, ſo wird ſie wie durch Zauberwort befreit vom Wuſt der Welt, und ſteht da in ihrer eigentlichen wahren Geſtalt. O warum lieb' ich nicht ſie? Wird denn nie ein Menſch kommen, ein Denker, ein Dichter, ein Prophet, ein Forſcher— der die Frage: warum liebt man wenn man liebt? genügend beantworten wird. Iſt denn der tiefe dunkle Schatten, der über dieſem Gefühl ſchwebt, wie die Urnacht über der Entſtehung der Welt, durch keine Forſchung und Berechnung zu lichten? Nero ließ ſeine geliebte Cäſonia foltern, um von ihr das Geheimniß zu erpreſſen, weshalb er ſie liebe. Das war— neroniſch. Aber Res giebt Augenblicke, wo man fühlt, daß das Joch zu eiſern wird, daß man es abſchütteln muß; und wie würde dieſe Anſtrengung erleichtert werden, wenn man wüßte, weshalb man es getragen, weshalb man ſich von einem und demſel⸗ ben Gefühl in den Staub hat beugen und in ein Paradies erheben laſſen. Sobald der Arzt den Grund der Krankheit kennt, weiß er auch richtige Mittel anzuwenden um ſie zu heben; wo nicht— tappt er im Finſtern und richtet oft großes Unheil an durch verkehrte Arzneien. Ob aber die Liebe etwas Anderes iſt, als eine mächtige Krankheit mit Fie⸗ ber, Ermattung, wilden Paroxrismen, doldenen zahnntaſſeen Erſchlaffung, Tod— 2—— Gräfin Regine lag auf der Chaiſe fongue und las ziem⸗ lich gelangweilt einen engliſchen Roman, der kühl war, wie ihr Herz. Vielleicht langweilte er ſie eben darum. Sie war durch Polhdor in eine ſo warme Atmoſphäre verſetzt, daß — 160— ihr Alles außerhalb derſelben matt und dürftig vorkam. Wie man im Winter um ſich zu wärmen die Sonne aufſucht, ſo dachte ſie an Polydor. Da flog die Thür auf und er trat ein. Die Stunde war ungewöhnlich früh. Obgleich ſie ſich freute ihn zu ſehen und eine angenehmere Unterhaltung zu haben, als die der engliſchen See⸗Cadets, ſo war es ihr doch ärgerlich, daß er ohne ausdrückliche Erlaubniß dieſe Freiheit nahm, und ſie ſagte verdrießlich: „Wie hat man Sie denn im Vorzimmer nicht abge⸗ wieſen!“ „Ich gab vor Ihren Befehl zu haben“— entgegnete Polhydor. „Aber Sie wiſſen, daß ich um dieſe Stunde Niemand zu ſehen pflege, und daß es mehr wie auffallend iſt, wenn ich für Sie eine Ausnahme mache.“ „Laſſen Sie nur heute ſie gelten, bat er demüthig, es ſoll nicht wieder ohne Ihre Zuſtimmung geſchehen.“ „Und was giebt es denn?“ fragte ſie milder, verſöhnt durch ſeine bittende Stimme, die faſt zitternd klang. Er wechſelte die Farbe, kniete vor der Chaiſe longue nieder, legte die Stirn auf deren Rand und antwortete nicht. Re⸗ gine kannte das. Sein Herz war zu voll, zu ſchwer. Sie mußte reden. „Nun Polhydor, ſagte ſie ſehr lieblich, ſoll ich wieder einen Sturm beſchwören, noire dame de la garde? Wenn Sie wüßten, wie Sie mich erſchrecken mit Ihrer brauſenden Heftigkeit. Man iſt in der Welt ſo wenig daran gewöhnt — die Form mäßigt Alles, und das iſt gut. Glichen alle Menſchen Ihnen, ſo könnte gar keine Geſellſchaft beſtehen. Und doch— wer freut ſich nicht einer Ausnahme wie Ihnen — 4161— zu begegnen?—— Aber ſtehen Sie auf, ſetzen Sie Sich auf den Seſſel und ſagen Sie mir, was Ihnen widerfahren iſt. Stehen Sie doch auf, lieber Polydor.“ Sie ſtreifte leicht mit der Hand über ſeine Locken. Aber er verharrte in ſeiner Stellung, und ſie ſagte un⸗ geduldig: „Sie werden mich ganz böſe machen mit dieſem ennu⸗ hanten Schweigen.“ „Und verſprechen Sie mir, nicht böſe zu werden, wenn ich rede?“ fragte er leiſe und hob den Kopf empor. „Ich bin daran gewöhnt Geduld mit Ihnen zu haben“ — entgegnete ſie freundlich. Er blieb auf den Knieen liegen, aber er richtete den Oberleib auf, ſchöpfte tief Athem, ſah ihr feſt ins Auge und ſprach beſtimmt: „Geben Sie mir Ihre Hand.“ „Recht gern“— antwortete ſie gleichgültig, und ſtreckte aus dem weiten Ermel ihres weißen Morgenkleides gelaſſen ihre Hand. Er nahm ſie mit einem eiſernen Griff, ſo daß ein Ausdruck von Unbehagen über ihre Züge glitt. Dann ſagte er wieder:. „Jezt geben Sie mir einen Kuß und ſagen Sie: ich liebe dich Polydor!“ 3 „Sie ſind aber in der That zu kindiſch“— erwiderte die Gräfin, gleichgültig wie vorhin. „Es iſt mein Ernſt, Regine! ich will es, ich verlang' es. Ich werde Sie nicht eher verlaſſen.“ „Ah!“ ſagte Regine mit ungeheucheltem Erſtaunen. Sie hatte bis jezt ihre nachläſſige Stellung auf der Chaiſe longue beibehalten; nun richtete ſie ſich auf, ſtützte ſich auf Ilda Schönholm.. 11- — 162— den Elbogen und wartete, was kommen werde. Aber er wiederholte nur: „Es iſt mein Ernſt.“ „Sie ſollten wiſſen, daß ich dergleichen Demonſtrationen nicht liebe“— ſprach ſie kalt. „Dergleichen Demonſtrationen!“ rief er heftig; aber ſich bezwingend fuhr er ruhiger fort:„Sie wiſſen, daß und wie ich Sie liebe! So lange ich Sie kenne, habe ich es Ihnen durch Wort und That bewieſen. Ja, durch die That— wiederholte er, weil ſie ihn fragend anſah— denn ich hab' Ihnen vertraut, habe mein ganzes Herz zu Ihren Füßen nie⸗ dergelegt und meine ganze Seele vor Ihnen ausgebreitet, und Sie haben in Beidem nichts gefunden, als Ihr Bild, und ich habe nie gefragt: welch Bild wohnt in Deiner Seele. Ich glaube an Dich, glaube, daß keine Frau ungerührt von einer ſo tiefen Liebe bleiben kann, oder glaube, daß, wenn ſie ungerührt bleibt, ſie doch edel genug ſein wird, um es offen zu ſagen. Du aber biſt freundlich meiner Liebe begeg⸗ net, haſt lieblich auf ihre Geſtändniſſe gelauſcht; aber geſpro⸗ chen haſt Du nie. Nun laß mich zum erſten Mal das ein⸗ zige Wort hören, das mir zu meiner Seligkeit fehlt: ich liebe dich.“ „Die Frauen ſprechen ſich nicht gern ſo unumwunden aus— ſagte ſie ausweichend— warum zweifeln Sie denn an mir?“ „Weil ich ein Menſch bin! rief er mit ausbrechender Heftigkeit, weil ich ohne tiefe, feſte, heilige Gewißheit dieſe Exiſtenz nicht tragen mag.“ „Sehen Sie, dieſe Heftigkeit allein reicht hin, mich auf — 163— ewig einzuſchüchtern. Was hab' ich von ſolcher Raſerei nicht zu fürchten!“ „Fürchten? ach, Sie beherrſchen mich mit einem halben Gedanken! was fürchtet die Königin von ihrem armen Scla⸗ ven!— und wenn ich raſend bin— wer trägt die Schuld? Sie können mich ſanft machen, ſanft und fromm wie ein Kind— nur ein Wort!“ „Die ausgeſprochene Liebe nimmt immer einen andern Charakter an, ſtürmiſcher, leidenſchaftlicher, drum zögert die Frau.“ „Ich will es glauben, will Alles, Alles glauben! aber wenn der Geliebte fleht, wie in Todesqual um Barmherzig⸗ keit fleht, ſo iſt die Frau, die dann noch zögert— ein Un⸗ geheuer.“ „Polydor!“ ſagte Regine ſanft und traurig. „O vergieb— rief er, ihre Hand an ſeine Stirn le⸗ gend— vergieb und ſchweig, wenn Du nicht reden magſt! Aber... kannſt Du mir Deine Seele nicht in einem Wort geben, ſo gieb ſie mir ſüßer und ſeliger noch— in einem Kuß.“ „Davon iſt vollends gar nicht die Rede“— ſagte ſie die Hand zurückziehend mit Ungeduld. Polydor ſtand auf und ſprach erſchöpft: „Du weißt, ich war einmal ein armer Bettelknabe und lag ſterbend vor Hunger und Mattigkeit im Koliſeum; da ſchickte Gott mir einen ſeiner Engel: eine Frau rettete mich. Jezt bin ich wieder dem Untergang nahe und wieder hat Gott mir einen Boten zugedacht. Regine, entziehe Dich nicht dem himmliſchen Beru, das Geſchöpf zu ſein, hinter wel⸗ 11* — 164— chem der Schöpfer ſich verbirgt— rette mich, gieb mir ein Liebeszeichen.“ „Genug!— rief Regine, heftig aufſtehend— nichts auf der Welt iſt meiner Natur verhaßter, als dieſe Sinn⸗ lichkeit.“ „Brauch nicht das Wort, Regine, jezt nicht!— wenn das ganze Weſen in einem Punkt zuſammenbrennt und in einer wehenden Glut ſteht: ſo hat es einen dürftigen Klang! Oder brauch' es, fuhr er fort, vor ihr niederſinkend und ihre Knie umfaſſend, nenn' es wie Du willſt, aber ſei gnä⸗ dig, gieb mir ein Liebeszeichen.“ „Verlaſſen Sie mich auf der Stelle“— ſprach ſie un⸗ willig. „Regine! rief er außer ſich— Du erhörſt meine Bitte nicht? nun denn— ich will ein Liebeszeichen.“ „Ich verachte Sie“— ſprach die Gräfin eiskalt. Wie von einem elektriſchen Schlag getroffen, ſanken ſeine Arme herab, ſo daß Regine zurücktreten konnte. Sie ſetzte ſich wieder gleichgültig auf die Chaiſe longue. Polydor(hatte ſeine knieende Stellung verlaſſen und richtete ſich in ſeiner ganzen Höhe vor ihr auf; aber er zitterte ſo, daß der Tiſch bebte, auf den er ſeine Hand legte um Haltung zu gewinnen. Seine Züge waren tief und ſcharf, als habe ihn der Augen⸗ blick um zehn Jahr älter gemacht, und es lag auf ihnen ein unbeſchreiblicher Ausdruck von Schmerz und Zorn. Aber mit ruhiger Stimme und ernſt ſie anblickend ſagte er: „Das ändert freilich Alles— gnädige Gräfin.“ Dann verbeugte er ſich und verließ das Gemach. Regine ſchöpfte Athem, als ob ihr eine ſchwere Laſt von der Bruſt falle. Himmel, welch ein furioſer Menſch, dachte ſie; ich glaube, — 165— er könnte mich umbringen! welch Glück, daß mir das letzte Wort einfiel. Neuntes Kapitel. Ondine lebte in tiefſter Zurückgezogenheit am Ufer des Arno in einer kleinen, freundlichen Villa. Aber Caſimir kam nicht, wie er es ihr geſchrieben und wie ſie ſelbſt gehoft hatte. So lange ſie die erſte Trauer trug, wünſchte ſie nicht einmal ſeine Gegenwart und bat ihn in Paris zu bleiben; allein nach ſechs Monaten, mit dem Beginn des neuen Jah⸗ res, hätte er kommen dürfen, wollte er kommen, jeder Brief verhieß es— und ein Tag reihete ſich an den andern, ohne ihn zu bringen. Dann traf wieder ein Brief ein, voll Ent⸗ ſchuldigungen, Vorwänden, neuen Verſprechungen, und ſie glaubte und hofte bis zu dem feſtgeſetzten Zeitpunkt, wo abermals eine Täuſchung ihrer wartete, und wo die Ahnung eines entſetzlichen, unabwendbaren Unglücks allmälig ſie be⸗ ſchlich. Die Einſamkeit laſtete fürchterlich auf ihr. Es gehört nicht immer ein ſtarker Geiſt oder eine ernſte Beſchäftigung dazu, um lange Zeit hindurch Einſamkeit zu ertragen; auch Menſchen von gewöhnlichen Fähigkeiten haben ſie oftmals gern, entweder weil ſie blaſirt und abgeſtumpft für die Freu⸗ den der Geſellſchaft ſind, oder weil ſie auf eine oder die an⸗ dere Weiſe die Mittel verloren haben, in ihr zu glänzen, — 166— 1 oder weil viel Unglück ſie umgetrieben und bedürftig der Stille gemacht hat; ihnen iſt die Einſamkeit bequem, beſchat⸗ tend, beruhigend. Für Menſchen von großen Gaben und ungewöhnlichen Talenten iſt ſie, von Moſes an bis auf By⸗ ron, zu Zeiten ein ſchmachtendes Bedürfniß, ein Durſt, der geſtillt werden muß, weil ſie wiſſen, daß auf Pathmos Of⸗ fenbarungen geſchrieben werden, und weil das Leben ſie mehr in Anſpruch nimmt und ihre Kräfte mehr anregt und ra⸗ ſcher verbraucht, als es bei der Menge der Fall iſt. Für die Maſſe der Menſchen aber, nicht gewöhnt ſich mit großen Ideen zu beſchäftigen, ſondern am Täglichen hangend, das Nächſte verlangend, mit mannigfachen Wünſchen und Erwar⸗ tungen, welche nur im beſtändigen Verkehr mit der Außen⸗ welt befriedigt werden können, in ihrem Innern zuweilen unſicher, gar zerfallen— für ſie iſt Einſamkeit nicht er⸗ quickend. 4 Und nun gar für die arme, ſchwache, ſchutzbeduürftige, liebende Ondine! Ach, ſie war nicht blos einſam— ſie war verlaſſen. Sie hatte Niemand, als ihre Dienſtboten, treue Seelen zwar— aber Diener! Ihr Kammermädchen, das einige Jahre älter wie ſie, mit ihr erzogen und nie von ih⸗ rer Seite gewichen war, ward ihre einzige Geſellſchaft. Mit ihr ſprach Ondine von Deutſchland, von ihren Söhnen, von Schloß Ohlau, und oftmals netzten heiße Thränen das Auge der Herrin und Dienerin bei ſolchen Geſprächen. Je mehr ihre Hofnung, den Mann wiederzuſehen, dem ſie ihre ſtra⸗ lende Exiſtenz geopfert, gleich einem bleichen Geſtirn unter⸗ ging, deſto feuriger erhob ſich am Horizont die drohende Kometenruthe der Reue. Ondine hatte geglaubt, ihr Daſein ſei durch die unüberwindlichſte Liebe ſo innig mit Caſimir — 167— verwebt, daß ſie nur in ſeiner Nähe, wie er in der ihren, denken und empfinden, ja athmen und leben könne. Nun war ſie von ihm getrennt— ach, wie lange ſchon! und ſie lebte, und er lebte: alſo war Trennung nicht Tod! alſo war die Liebe nicht mächtig genug, daß ſie ſagen durfte: ich wollte nicht ſterben, darum warf ich mich in ihre rettenden Arme. Bisweilen wollte ſie auf einen Zug den Giftbecher leeren, und freiwillig von Caſimir zurücktreten; dann aber trat er in ſeiner ganzen Anmuth vor ihre Seele, und es ſchien ihr unmöglich, daß dieſer Menſch, der mit ſolcher Innigkeit und ſolcher Glut an ihr hing, durch etwas Anderes als durch Zufälligkeiten von ihr entfernt gehalten werden könne. Dann entſchloß ſie ſich wieder zu hoffen. Ach nein! nicht zu hof⸗ fen— aber zu warten. Wer hat nicht gewartet? wem hat dieſe Folter nicht das Blut mit Fieberangſt, bis zum Wahn⸗ ſinn, bis zur Ohnmacht, durch die Adern gejagt? Giebt es ein vom Himmel ſo begnadigtes Weſen, ſo wird es freilich nicht begreifen können, daß dieſer Zuſtand, gleich einer um⸗ ſchlingenden Boa, Ondine aller Kraft, jeder Fähigkeit be⸗ raubte, ihr Herz zermalmte, an ihrem Leben zehrte. Ihr Auge wurde trübe, ihre Haltung gebeugt, ihr Gang ſchlep⸗ pend; das Federwerk ihres Daſeins war zerſtört und das Räderwerk ging noch eine Zeitlang ſeinen Gang fort, bis es langſam und immer langſamer wurde. Ihre Schönheit ver⸗ blühte. Der duftige, friſche Teint ging über in ein krank⸗ haftes Gelb; Auge und Schläfen ſanken ein, um den Mund legten ſich die unauslöſchlichen Züge des Grams;— ſie glich einer verwelkten, blaßrothen Hyazinthe. Die treue Hedwig grämte ſich unſäglich über Ondine. „Sie wird hier ſterben— ſagte ſie oft mit bittern — 168— Thränen zu dem Kammerdiener— hier in der Fremde, in der Verlaſſenheit, ohne Verwandte und Freunde! ach Lud⸗ wig— eine ſolche Dame! bedenken Sie nur, wie das ihr wehe thun muß.“ „Ja, ſagte Ludwig, ſeit dem Tode des ſeligen Grafen haben wir kein Glück mehr. Und wären wir nur in Deutſch⸗ land geblieben, oder zur Gräfin Ilda gegangen!“ „Ach, Gräfin Ilda! wenn die unſer Elend kennte, ſie käme.“ „So ſchreiben Sie es ihr doch, Hedwig.“ „Ich habe wol ſchon daran gedacht, aber— ich weiß nicht, es macht mich verlegen, und dann kann ein Brief auf ſo viel hundert Meilen leicht verloren gehen.“ „Ich will ihn hinbringen, Tag und Nacht reiſen! in vierzehn Tagen ſollte man doch wol nach Ruhenthal kommen!“ „Ganz gewiß; aber wenn Sie fortgehen, wird ſie ſich nicht betrüben?“ fragte Hedwig mit einem Zartgefühl, das weit über ihren Stand war. „Wenn Gräfin Ilda kommt, freut ſie ſich aber gewiß; und die kommt, wenn ich ihr Alles erzähle. Die iſt ſo! ſteigt in den Wagen und fährt nach Florenz, als ob ſie zum Ball führe. Wiſſen Sie noch, wie ſie'mal in Schloß Oh⸗ lau ankam, als der kleine Graf Ulrich auf den Tod danieder lag? Niemand wußte was davon— da war ſie!“ „Ja, ſeufzte Hedwig, wäre unſere Gräfin wie Gräfin Ilda, ſo würde es uns nicht ſo übel gehen. Die entſchließt ſich wie ein Mann, und ſieht doch aus wie ein Engel ſo zart. Das kommt daher, Ludwig, daß der liebe Gott manche Menſchen ſtark gemacht, und manche nicht— wie er ſie ge⸗ rade braucht, und das können Sie mir glauben, mit der — 169— Gräfin Ilda hat er beſondere Abſichten. Sie ſieht anders aus wie die übrigen Menſchen.“ „Das wüßt ich doch nicht.“ „Wahrhaftig!— Hüätten Sie ſie geſehen, wenn ſie in das Toilettenzimmer unſerer Gräfin kam— ſie zieht ſich im⸗ mer ſehr raſch an, ohne ein Wort mit ihrer Kammerjungfer zu ſprechen— und wie ſie ihr dies und das erzählte, ich weiß nicht was, denn ſie ſprachen immer engliſch zuſammen — ſo würden Sie es auch finden. Sie hat ſo etwas Kla⸗ res, Hohes! Ich glaube, ſie gab unſerer Gräfin gute Rath⸗ ſchläge, denn die hörte meiſtens freundlich zu.“ „Ueber den Anzug und die Kleider?“ „Nein, Ludwig, das iſt nicht ihr Fach!— ich meine über Kinder oder dergleichen Wichtiges, weil es immer im Toilettenzimmer war, wohin Niemand kommen durfte, ſelbſt nicht der ſelige Graf. Ach, wenn ich an die Zeit gedenke, mögte mir das Herz brechen.“ „Kann ich nicht ſchon morgen abreiſen?“ „Ich will gleich mit ihr ſprechen.“ Hedwig ging auf die Terraſſe, wo Ondine ihre Tage in dumpfer Apathie hinbrütete. Sie ſaß zuſammengeſunken in einem tiefen Lehnſtuhl, und hielt auf ihrem Schooß eine Platte von ſchwarzem, zierlich geſchnitztem Ebenholz, in welche vier Miniatur⸗Porträts eingelegt waren: ihre Söhne, As⸗ kanio und Ilda. Auf einem Tiſchchen neben ihr lag in grü⸗ nem Maroquin⸗Etui das Porträt Caſimirs. Nachdem ſie die vier Bilder lange betrachtet, nahm ſie die Platte in die rechte, das Etui in die linke Hand, bewegte ſie langſam ge⸗ gen einander, als ob ſie ſie wäge, und ließ endlich die Rechte auf der Seitenlehne des Seſſels ruhen, indeſſen die Linke, — 170— wie in Ermattung, tief herabſank. Es lag etwas vollkom⸗ men Gedankenloſes und unſäglich Troſtloſes in Ondinens Ausdruck und Bewegung. Sie hatte nichts dabei gedacht und gewollt; es war die unwillkürliche Richtung ihrer Seele, die ſich offenbarte. Als die linke Hand herabſank, ward ſie ſich ihrer bewußt, und ein Lächeln von zerreißender Bitter⸗ keit zuckte um ihre Lippen. Da erblickte ſie Hedwig und ſagte: „Bringe mir recht kaltes Waſſer, die Hitze verzehrt mich.“ „Es iſt ein böſes Klima, gnädige Gräfin— verſetzte Hedwig— der Ludwig iſt auch ganz krank und ſchwach.“ „Was fehlt ihm? er ſoll gleich in die Stadt und zum Arzt gehen.“ „Er will nicht. Er ſagt kein Doctor könne ihm helfen und er würde erſt in Deutſchland, eigentlich aber in Schloß Ohlau, von ſelbſt wieder geſund werden.“ „Das iſt das Heimweh, Hedwig, daran kann man ſter⸗ ben, eben ſo gut wie an jeder übermächtigen Sehnſucht— der Ludwig muß fort— gleich! ich brauche ihn nicht. Der alte Gärtner iſt ja hier mit ſeinem Sohn.— Geh und ſchicke mir den Ludwig.“ Hedwig entfernte ſich und murmelte mit gefaltenen Händen: „Guter Gott, vergieb mir die Lüge.“ Und nach fünf Minuten trat Ludwig vor die Gräfin. Sie ſagte ſehr freundlich: „Ich danke Ihnen, daß Sie ſo lange brav und treu in meinem Dienſt gelebt haben, darin ſterben ſollen Sie nicht. Gehen Sie nach Schloß Ohlau zurück, unter den ſchönen — 471— grünen Eichen und Buchen werden Sie wieder geſund wer⸗ den. Ach, ich würde es bielleicht auch.“ „Befehlen gnädige Gräfin abzureiſen, ſo iſt Alles“... „Nein, mein guter Ludwig, das geht nicht. Reiſen Sie gleich ab, und wenn Sie nach Schloß Ohlau kommen, ſo grüßen Sie alle Leute von mir— die mich noch nicht ver⸗ geſſen haben... Alle! und ſagen Sie ihnen”...— Ihre Stimme brach in Thränen. Sie drückte das Ta⸗ ſchentuch vor das Geſicht und winkte ihm zu gehen. Er küßte demüthig ihre Hand und ging mit raſchen Schritten zu Hedwig. „Hedwig— ſagte er zornig, und fuhr mit dem Finger über ſeine naſſen Augen— Donnerwetter! ich muß heulen wie ein Schulbube. Sie weinte, Hedwig! Nun, ich will nichts ſagen— aber Gott vergebe es dem hündiſchen— Schurken.“ Einige Stunden ſpäter ſaß Ludwig mit einem Reiſegeld von Ondinen verſehen im Eilwagen, der ihn nach Norden führte. Aber ehe er in Ruhenthal anlangte, entſchied ſich On⸗ dinens Schickſal. Nachdem ſie während ſechs Wochen ohne Nachricht von Caſimir geweſen war, erhielt ſie einen Brief von unbekannter Hand. Der Stempel: Paris, erfüllte ſie mit tödtlicher Beſorgniß. Noch ehe ſie ihn geleſen, ſtand faſt ihr Herz ſtill vor lähmender Angſt. Sie rief: „Hedwig! bleibe bei mir! mir iſt als ob ich ſterben könnte.“ Dann nahm ſie ſich zuſammen und erbrach den Brief. Er war von Caſimirs Oheim, der ihr in den ehrfurchtsvoll⸗ ſten Worten ſagte, daß ſein Neffe von einer verzehrenden — 172— Leidenſchaft für eine junge, ſchöne Engländerin, Erbin einer Million, durchglüht ſei, und der glücklichſte Gatte werden könne, wenn ſie— Ondine— dieſem Glück kein Hinderniß entgegenſtellen wolle. Sein Neffe, voll unwandelbarer Ver⸗ ehrung ihrer himmliſchen Güte, habe nicht den Muth, ſelbſt dieſe Worte an ſie zu richten, wol wiſſend, daß er die Ge⸗ fühle der Huld, welche ſie für ihn hege, durch dieſen Schritt verletze. Daher halte er es für ſeine Pflicht, ohne des Nef⸗ fen Vorwiſſen, ſie von der Lage der Dinge zu benachrichti⸗ gen, in der feſten Vorausſetzung, daß ihr großmüthiges Herz nicht ſchwanken werde in der Wahl zwiſchen fremdem und eigenem Glück.— Dieſe Geſchichte war richtig, inſofern ſie die Heirath, wenngleich nicht die Leidenſchaft, betraf. Uebrigens hatte der Oheim auf Caſimirs Bitte den Brief geſchrieben. „Diable! ſagte er— ich muß endlich kurz und gut mit ihr brechen! Lieber Onkel, Sie wiſſen Briefe ſüperb zu tour⸗ niren— reißen Sie mich aus dieſer Verlegenheit, denn foi de gentilhomme— um die Betheuerung des großen Frauen⸗ verehrers Franz I. zu brauchen— verlegen bin ich, wenn ich an dieſe Frau denke.“ So wie Ondine den Brief geleſen, ſtand ſie auf, ging zu ihrem Schreibtiſch, ſchrieb mit feſter Hand auf ein Blatt Papier:„Fürſt Caſimir P. iſt, was mich betrift, durchaus frei; möge er glücklich ſein“— couvertirte und adreſſirte mit höchſter Faſſung, ſandte den Brief zur Stelle ab— und ſank in tiefe wolthätige Ohnmacht. Es iſt gewiß, daß ein Nervenſchlag oder eine in der Bruſt ſpringende Ader zu Zeiten ſehr à propos wären, um eine qualvolle Exiſtenz zu enden; und die Romanciers, ob⸗ — 173— ſchon ſie kein Mitleid mit ihren Leſern haben, empfinden es dennoch mit den Gebilden ihrer Phantaſie, und gönnen ih⸗ nen gern den Nervenſchlag oder ähnlichen plötzlichen Tod— beſonders wenn ſie nicht wiſſen, was weiter mit ihnen an⸗ fangen.— Aber in der Wirklichkeit iſt's anders! da ſterben meiſtens nur die Leute, die nicht gern ſterben wollen, und diejenigen, für welche der Tod eine Wolthat wäre, leben und leben. Das Schickſal iſt gleichgültiger gegen ſeine Menſchen, als die Romanciers. Ondine erwachte aus ihrer Ohnmacht. Hedwig kniete an ihrem Bette und bedeckte die Hand der ge⸗ liebten Herrin mit Küſſen und Thränen. „Weine nicht, ſagte Ondine, nun iſt Alles entſchieden — und gut.“ „Gut?— rief Hedwig überwältigt von Schmerz— gut? und Sie vergehen in Kummer? ach, gnädige Gräfin, ſchlecht iſt es vom Fürſten Caſimir!“ „Still, Hedwig, das darfſt Du von Niemand ſagen! Jeder folgt ſeinem Herzen, und da es ſchwache, thörichte, ſündhafte Herzen giebt, warum nicht auch harte. Das meine war einſt mehr wie hart— es war verſtockt, und weil es ſich nicht freiwillig opfern wollte, ſo wurde es zermalmt. Siehſt Du, wie das Alles ganz natürlich iſt!“ „Sprechen Sie nicht ſo, gnädige Gräfin, rief Hedwig ſchluchzend, ich kann's nicht aushalten! ich weiß nicht was ich Ihnen darauf antworten ſoll! O wäre doch erſt Frau Gräfin Ilda hier!“ „Ilda? was fällt Dir ein?“ fragte Ondine befremdet. „Ach Gott ja, der Ludwig iſt hingereiſ't um ihr zu ſa⸗ gen.. wir fürchteten, daß gnädige Gräfin ihr nicht ſchrei⸗ — 174— ben würden wie krank und niedergeſchlagen Sie Sich hier befinden... darum“..— „Hedwig, Gott ſegne Dich!“ rief Ondine, und beide Arme um den Hals des Mädchens ſchlingend, zog ſie ſie an ihre Bruſt und weinte ohne Bitterkeit—— ſeit langer Zeit die erſten ſanften Thränen. „Nicht wahr, das haben wir recht gemacht?“ fragte Hedwig froh. „O freilich habt Ihr, Ihr treuen Seelen! Ich konnte nicht an Ilda ſchreiben. Hüte Dich vor der Schuld, Hed⸗ wig! ſie entfremdet uns von den geliebteſten Weſen, wir ha⸗ ben kein Vertrauen mehr zu ihnen; wir glauben nicht mehr an uns, wie ſollten wir an Andere glauben! ach— kaum an Gott.“ „Das iſt ſündlich, gnädige Gräfin“— ſagte Hedwig ernſt. „Ich weiß es, Kind— aber wo das Leben ſündhaft, da ſind es die Gedanken auch.“. „Die Frau Gräfin Ilda wird kommen und Troſt bringen.“ „Kommen wird ſie— das weiß ich! aber wie lange kann das nicht währen! ich will zu ihr— will ihr ent⸗ gegen.“ „Ach, in dieſem Zuſtand von Schwäche?.. und es giebt verſchiedene Wege nach Deutſchland“...— „Kühlere Luft wird mich ſtärken;— und der nächſte Weg geht über Inſpruck— den nimmt ſie.“ Was auch Hedwig ſagen mogte, Ondine widerlegte Al⸗ les mit nervöſer Heftigkeit, und trieb ſelbſt, in krankhafter Aufregung momentane Kräfte findend, allerlei Vorkehrungen zur baldigen Abreiſe. Lieblich wehte die Frühlingsluft durch den grünenden Park von Ruhenthal und trug den Duft der Hyazinthen, Tazetten und Tulpen aus dem Blumengarten in den Salon, deſſen Thüren nach der Terraſſe hin geöfnet waren. Es wa⸗ ren außer Ilda und ihrer Mutter nur der Baron, Werffen und Otto anweſend; aber Alle waren in heiterſter Laune und man ſcherzte und lachte viel. Da trat Ildas alter Kam⸗ merdiener, Albrecht, ein, mit einem Geſicht, das Dienſtboten annehmen, wenn ſie etwas Bedenkliches zu verkünden haben, und welches allein ſchon hinreicht das Blut in den Adern gefrieren zu machen, wenn ſie auch nicht hinzuſetzen, wie ſie zu thun pflegen, und wie auch Albrecht that: „Erſchrecken gnädige Gräfin nur nicht! der Ludwig iſt da.. „Wer iſt der Ludwig? was will er?“ fragte Ilda; aber ihre Hände zitterten. „Es iſt der Kammerdiener der Frau Gräfin Ohlau aus Florenz.“ „Sie iſt todt!“ ſchrie Ilda, bleich vor Angſt. „Nein, Gott behüte, ſie lebt“...— „In mein Zimmer— gleich!“ rief Ilda und verließ den Saal. Der Baron ſagte phlegmatiſch:„Ich begreife, daß üble⸗ Nachrichten kommen müſſen, indem allerlei Unglück auf der Welt geſchieht. Weshalb ſie aber ſtets gerade dann kom⸗ men, wenn man vergnügt und guter Dinge iſt und nicht im Entfernteſten an ſie denkt— das werde ich nie begreifen.“ „Iſt auch nicht nöthig, meinte Otto, wenn man nur begreift, wie man ſich dabei zu benehmen hat; und dazu ge⸗ hört wirklich unerhört viel Genie, weil man immer über⸗ — 176— raſcht wird, ſich nie vorbereiten kann und auf dem Fleck ſei⸗ nen Entſchluß faſſen muß.“ 1 „Man kann ſich einigermaßen vorbereiten, ſagte Werf⸗ fen, wenn man ſich in alle mögliche traurige Situationen hineindenkt.“ „Ja, erwiderte Otto, aber man kann ſicher ſein, daß man in die Situation nicht geräth, in die man ſich gedacht hat. Der liebe Gott iſt der geſchickteſte Romancier, den ich kenne! ſeine Stellungen, Wendungen und Auflöſungen zeugen von einem höchſt erfindungsreichen Kopf.“ „Ich bin überzeugt, daß meine Tochter zu ihrer Cou⸗ ſine geht, ſagte Ildas Mutter, und ich geſtehe, es iſt mir ziemlich unangenehm. Die Frau iſt krank und verloren, Ilda kann ihr nicht helfen und vielleicht ſich ſelbſt ſchaden.“ Ilda trat ein, todtenblaß, und ſagte mit zitternder Stimme: 4 „Ondine iſt vollkommen unglücklich nach der Ausſage ihres treuen Dieners; in drei Tagen, liebe Mutter, werde ich reiſen.“ „Wir dachten es!“ rief der Baron. „Das hoffe ich“— entgegnete ſie freundlich; aber ihr Blick fiel mit unausſprechlicher Trauer auf Otto. „Liebes Kind, ſagte die Mutter, da Askanio Dein Freund war, ſo begreife ich nicht, wie Du Dich noch ſo lebhaft für Ondine intereſſiren kannſt.“ „Weil er mein Freund war, liebe Mutter, muß ich in ſeinem Sinn für ſie handeln. Und dann habe ich Ondine geliebt, als ſie glücklich, glänzend, geehrt und tadellos war, und ſehe nicht ein, weshalb ich ſie nicht mehr lieben ſoll, da — 177— ſie das Alles nicht mehr iſt. Ach, wer ſoll denn Nachſicht mit uns haben, wenn nicht die Freunde?“ „Nachſicht wol— auch Entſchuldigung, Erbarmen und Hülfe; aber Ondine darf ſich kaum in Deutſchland ſehen laſſen— „Drum gehe ich ja zu ihr nach IJtalien, gute Mutter — ſagte Ilda melancholiſch. Wenn ein geliebtes Weſen auf dem Schaffot— nein, unter dem Galgen ſtände, ich müßte hin und es umarmen.“ „Wie grauenhaft!“ riefen die Mutter und Werffen aus einem Munde. „Das können Sie nicht im Voraus behaupten, rief Otto, es giebt Verbrechen, die ſolch Erbarmen faſt fündlich machen würden, andere, die das Erbarmen tödten“...— „Wer ſpricht von Erbarmen? ich thät' es aus Liebe; die kennt keine Sünde und keinen Tod.“ „Meine tapfre Gräfin, ſagte der Baron ſpöttiſch, weil er gerührt war, Amazonen wie Sie brauchen freilich keinen Beſchützer; aber ein Reiſemarſchall iſt für Jedermann eine bequeme Kreatur, und als ſolcher werde ich Sie nach Flo⸗ renz begleiten, wenn es Ihnen recht iſt. Ich ſähe gern ein⸗ mal das ſchöne Italien wieder.“ Mutter und Tochter reichten ihm dankbar die Hand. Werffen ſagte: 3. „Der Baron iſt beneidenswerth.“ Otto ſagte nichts; ſein Blick hing an Ilda.„Gehen wir in den Park! rief ſie, ich bin ganz nervenſchwach geworden.“ Und raſch eilte ſie über die Terraſſe in den Garten. Ohne ſich einen Au⸗ genblick zu befinnen, folgte Otto ihr eben ſo raſch, und ſie Ilda Schönholm.— 12 3 gingen durch die langen Alleen mit fliegender Geſchwindig⸗ keit. Nach langem Schweigen ſagte Otto gepreßt: „Warum eilen Sie ſo, Gräfin? früh genug werden Sie fern ſein.“ „Um mich zu betäuben“— ſagte ſie; es waren Thrä⸗ nen in ihrer Stimme. „O, rief er, Sie werden Sich leicht betäuben! aber ich — ich! wenn Sie wiederkehren, bin ich fern— und dann ². vergeſſen!“ Sie ſtand plötzlich ſtill und ſah ihn faſt zürnend an. „Ja, ja! vergeſſen!“ wiederholte er mit melancholiſchem Lächeln. „O nur nicht lügen!“ rief ſie, und noch raſcher ging ſie vorwärts bis zum Wartthurm am Ende des Parks. „Da oben iſt's luftig und frei,“ ſagte ſie. Otto drückte die ſchwere Thür von Eichenholz mit gothiſchem Schnitzwerk verſehen auf, und ſie ſtiegen die Wendeltreppe empor zur Platteform. Es war wunderſchön. Die grünende, duftige Erde mit wehenden Wäldern und wogenden Saaten lag vor ihnen ausgebreitet; der blaue Strom, aus Weſten kommend, ſchien ein Bote der eben untergegangenen Sonne an das Meer zu ſein, das wie ein Gott mit ſtarken Armen die ge⸗ liebte Erdgöttin empfing; und der Mond ging leiſe wie ein Traum im Oſten auf. Und dann war es Frühling. Im Frühling iſt die ganze Welt ſchön, wie alle Menſchen es in der Jugend ſind. Ilda lehnte ſich an die Bruſtwehr; ihr Herz ſchlug hör⸗ bar; die Meerluft wehte ihr Haar zurück, das hellblaue Kleid, den rothen Shawl'; es lag die tiefe geiſtige Glut auf ihren Wangen, die aus der lebhafteſten innern Bewegung — 179— entſpringt, und die nur bei Menſchen von äußerſt zarter Conſtitution und äußerſt lebendiger, ja leidenſchaftlicher Em⸗ pfindungsweiſe gefunden wird. Dieſe Glut gleicht den ge⸗ meinhin ſogenannten ſchönen Farben gerade ſo, wie die Roſe von Damaskus der Centifolie. Otto ſtand mit untergeſchla⸗ genen Armen neben ihr, und würde ſich nicht ſehr gewun⸗ dert haben, wenn ſie auf ihrem rothen Shawl, wie auf Flammen, gen Himmel gefahren wäre. Aber er ſagte kein Wort. Da faßte ſie ihren ganzen Muth zuſammen, trat zwei Schritte zurück, ſah ihm ins Auge und ſagte, die Hand gegen ihn ausgeſtreckt, ſehr entſchloſſen, doch leiſe: „Sie dürfen nicht von hier gehen, Otto, denn... (ihre Stimme bebte und ihre Hand zitterte, aber das Auge ſchlug ſie nicht nieder)—„denn... wir lieben uns.“— Und es flog ein Lächeln über ihr Antlitz, das ſie himmliſch ſchön machte. Otto ſtieß ein leiſes heftiges Ah! aus und ſank über⸗ wältigt zu ihren Füßen nieder. „O, rief er mit jener gepreßten Stimme, die ebenſoviel von unterdrückter Klage wie von unterdrücktem Jauchzen hat — o ſage mir, daß Du mich liebſt, damit ich mein Glück faſſe und daran glaube. Siehſt Du, Ilda, davon kann man ſterben.“ „Nicht ſterben, rief ſie, leben und immer leben, lange Ewigkeiten durch die Liebe leben!— und vor Allem: keine Trennung.“ Er ſprang auf, faßte ihre beiden Hände in ſeiner Rech⸗ ten, drückte ſie mit dem linken Arm feſt an ſein Herz, und ſagte:„Doch!“ „Wenn ich aber nicht will“— ſagte Ilda ſorglos. .. 12* — 180— Er umfaßte mit beiden Händen leicht ihren Kopf und rief:„O dieſer Kopf könnte mich wahnſinnig machen.“ „Sie ſind es, wenn Sie noch jezt von Trennung reden.“ „Ich rede nichts, denke nichts, will nichts— als hö⸗ ren, daß Du mich liebſt. Sage mir das! dann iſt mir, als hätte ich auf die höchſte Zinne des Lebens mein Panier ge⸗ pflanzt.“ „ Ich kann es wol ſagen, hör' zu— aber ſieh mich an.“ Er ſah ſie an— doch Ilda fand keine Worte. Sie ſank an ſein Herz. O ſie war glücklich!— Es war ein Moment, aber ein Moment ganz reinen, ſeligen Glücks! Vorher und nachher ein Leben voll Schmerz und Entbehrung! Auf dem Todbette gedachte Ilda dieſes Moments— und er war viel⸗ leicht die einzige Erinnerung, die ſie mit in die Ewigkeit hinübernahm. „O mein Engel, ſo laß mich von Dir ſcheiden“— bat Otto. „Aber Du biſt ein Thor! Liebende ſcheiden nicht... oder, Herr des Himmels! nein, Otto, das iſt unmöglich— Du biſt nicht verheirathet?“— Er ſchüttelte traurig lächelnd den Kopf. „Oder verlobt?“— Er verneinte abermals ſchweigend. „Nun dann biſt Du gewiß ein großer Thor!“ ſagte ſie wieder mit jenem zauberhaften Lächeln. Er hielt ſie feſt, ganz feſt in ſeinen Armen. Ihr Kopf ruhte auf ſeiner Bruſt. Sie ſagte: „Dein Herz iſt meiner Meinung: es will zu mir, ich fühl' es.“ „Ilda, fragte er plötzlich, willſt Du mein Weib ſein?“ — 181— „Wenn Du es wünſcheſt“— erwiderte ſie langſam. Er ſah auf ſie nieder, und eine leichte Bläſſe bedeckte ihre Wangen. „Weshalb ſiehſt Du plötzlich ſo bleich aus, Ilda?“ „Vor Schreck, glaub' ich“— entgegnete ſie unbe⸗ fangen. „Ah, Du erſchrickſt vor dem bloßen Gedanken! Dann kannſt Du es ja nicht ſein.“ „Ich will es verſuchen.“ „Verſuchen? und wenn der Verſuch mißlingt? und wenn Du unglücklich Dich fühlteſt vor meinen Augen?“... „Ich will nicht unglücklich werden? rief ſie lebhaft und trat zurück— es iſt entſetzlich, unglücklich zu ſein!“ „Und glaubſt Du nicht an Dein Glück in einer Ver⸗ bindung mit mir?“ „Die Ehe iſt nun einmal desenchantirt für mich! Der Gedanke an die Vergangenheit wird immer wie eine geſpen⸗ ſtiſche Hand über die Gegenwart ſtreifen und mir mit jenen Schreckniſſen drohen.“ „Qu liebſt mich nicht, Ilda.“ „Kann ich mehr thun als es verſuchen wollen?“ „Nein, armer Engel, Du kannſt nicht mehr thun, aber ich darf es nicht auf den Verſuch ankommen laſſen.“ „Deſto beſſer!“ ſagte ſie ruhig.— Nach einer Pauſe fragte er: „Ilda, willſt Du meine Geliebte ſein?“ „Wenn Du es wünſcheſt.“ „Aber— rief er ungeduldig— vinichen Du denn nichts?“ „Nichts— als wih zu lieben und bei dir zu ſein.“ — 182— „Und wenn das unmöglich iſt? unmöglich... auf jede Weiſe?“ Sie hob mit einer ſtolzen Bewegung den Kopf und ſprach zwiſchen Scherz und Ernſt:„Ich liebte einen Mann und befahl ihm unglücklich zu ſein: er gehorchte. Ich liebe einen Mann und befehle ihm glücklich zu ſein: er wird ge⸗ horchen. Der, den ich liebe, widerſteht mir nicht.“ „Welche kühne Zuverſicht!“ ſagte Otto überraſcht. „Ja, ſagte ſie, der, dem man einen goldenen Kelch reicht mit perlendem funkelnden Purpurwein gefüllt, und nichts von ihm begehrt, weder Dank noch Lohn, nichts, als ihn zu nehmen— der nimmt ihn; aber mein Herz iſt der goldene Kelch. Uebrigens bin ich freilich nur die arme Ilda— ſetzte ſie demüthig hinzu— ohne Jugend, ohne Schönheit, und zu keinen Anſprüchen berechtigt, das weiß ich ſehr wol.“ „O nur nicht lügen!“ rief er ſie parodirend, mit jener Heiterkeit, die das Bewußtſein des Glücks ſogar in ſehr ern⸗ ſten Momenten giebt. „Wir wollen gehen, ſagte ſie ihren Shawl zuſammen⸗ ziehend, es wird Nacht und kalt.“. „Einen Augenblick noch, Ilda! o nur einen einzigen kleinen Augenblick! er kommt nicht wieder, nie, Ilda!— weißt Du, daß das Wörtchen nie! eine gräßliche Bedeu⸗ tung hat?“ „Wol weiß ich's! aber es paßt nicht auf uns! Wir ha⸗ ben eine andere Deviſe, die heißt: immer— und weil wir ſie haben, ſo wollen wir jezt gehen.“ „Nicht gehen! rief Otto— ſondern bleiben, hier, auf dieſer Stelle! ſieh mich an, Ilda! o wenn Du gehſt— ſehe ich Dich ja nie wieder.“ — 183— „So wollen wir bleiben, ſeltſamer Menſch*— ſprach ſie ſanft. Er legte den Arm um ihre Schulter und ſeine bren⸗ nende Wange auf ihr lockiges Haupt. So ſtanden ſie ſchwei⸗ gend, unbeweglich, in und an einander ruhend. Endlich fragte Otto. „Iſt Dir nicht zu kalt, Ilda?“ „Nein, Herz!“— Er küßte leiſe ihre Locken und Stirn und rief erſchrocken: „Aber Dein Haar iſt feucht und Deine Stirn kühl wie Marmor.“ „Es thut nichts— Du wollteſt ja bleiben.“ „Du biſt ein Engel, und ich— ich werde Dich töd⸗ ten! ſag' mir Ilda, wirſt Du mir vergeben, wenn ich Dich tödte?“ „O Alles, Alles, Herz! ſagte ſie ſanft und traurig und ſah ihn mit unſäglicher Liebe an;— aber warum fragſt Du ſo ſeltſam?“ „Komm jezt, entgegnete Otto gewaltſam ſich faſſend— es wird Nacht, das könnte Dir ſchaden.“ Sie ſtiegen vom Thurm herab. Unten rief er mit einem Ton als ob ſein Herz bräche:„Nun wird es wirklich Nacht!“ Dann gab er ihr den Arm, behielt ihre Hand in der ſeinen, drückte ſie zuweilen an Mund und Herz, und führte ſie nach dem Schloß zurück. Sie wechſelten kein Wort. Wenn man ſich verſteht, ſind Worte eben ſo überflüſſig als plump.— Dann ging Otto durch den Park in die Stadt zurück; Ilda in ihr Zimmer. Sie ließ ſich im Salon entſchuldigen. Werffen dachte, daß dieſer Zeitpunkt ihm günſtig ſein könne. Wer durfte ihn hindern auch nach Italien zu reiſen? — 184— dieſe Ergebenheit mußte Ilda freuen. Die Anerbietung des Barons hatte ſie ſo gerührt! Selbſt die unabhängigſten Frauen fühlen bisweilen das Bedürfniß, die Wolthat des männlichen Schutzes. Er traf in der Stille ſeine Vorkeh⸗ rungen. Der Schlaf mag wol ſelten ein leichteres, ſeligeres Herz in ſein Reich entführt haben, als Ildas in dieſer Nacht. Und golden wie ihr Schlummer war auch ihr Erwachen. Aber es bedeutet Regen, wenn die Frühſtunden des Tages von ſtralendem Morgenlicht erhellt ſind! Sie war kaum an⸗ gekleidet, als ſie einen Brief erhielt, auf dem ſie mit Ueber⸗ raſchung Ottos Hand erkannte. Sie las: „Lebe wol, Engel! hab' ich Dir nicht geſagt, daß ich Dich „tödten würde? ich halte Wort, Ilda— aber Du haſt „mir Alles, Alles vergeben. Wir werden uns nie wieder⸗ „ſehen. Ich bin nicht wahnſinnig, ich habe Alles wol „bedacht, geprüft, erwogen, die ganze lange Nacht hin⸗ „durch. Was geſtern Abend eigentlich ſchon unwiderruf⸗ „lich vor meiner Seele ſtand, das ſpreche ich Dir jezt „deutlich aus: wir ſehen uns nie wieder. Ich will Dir „Alles auseinanderſetzen, damit Du nicht fürchten mögeſt, „daß ich dennoch wahnſinnig geworden. Meine Frau „kannſt Du nicht werden, ſelbſt wenn Du wollteſt. Du „biſt an Beſchränkung keiner Art gewöhnt, biſt frei, reich, „gebietend, kurz das Alles, was ich Deiner Eriſtenz nicht „ſchaffen kann, und was Du mir opfern müßteſt. Du „biſt ganz unbekannt mit einer Lage, die Dir durch Stand, „Verhältniſſe und Erziehung fremd bleiben mußte, und in „die Du Dich nie finden würdeſt, nie! trotz Deiner Liebe „für mich, trotz Deines guten Willens. Das bürgerliche — 185— „Leben iſt wie ein Hühnerhof, geſchäftig, emſig, thätig! „armer, weißer Schwan, Du biſt an die kühle, friſche „Einſamkeit auf Deinem blauen See gewöhnt, wo Du in „träumeriſcher Ruhe von den Wellen Dich ſchaukeln läßt. „Und ich ſollte Dich einfangen? nimmermehr! ich will lie⸗ „ber Schmerzen über Dich bringen, als Unglück, und Un⸗ „glück für Dich iſt: in eine Deinem Weſen widerſtrebende „Richtung gerathen. So ſprachſt Du einſt.“ „Du könnteſt mir angehören— eben ſo feſt, eben ſo „tief, eben ſo heilig, und nicht mein Weib ſein; das „weiß ich; aber ich will es nicht. Weil Du ein weißer „Schwan biſt, ſo ſoll kein fremder, unreiner Hauch über „Dein lichtes Gefieder ſtreifen. Daß es meinetwegen ge⸗ „ſchähe, würde mein Leben vergiften. Vergieb mir, ich „kann nicht anders!— Ich kann auch nicht von der Liebe „erzählen, die ich für Dich im Buſen trage. Mir iſt als „wäre dieſe Liebe Eins mit meinem Herzen, als müſſe es „ſtilleſtehn ohne ſie. Schweigend habe ich Dich geliebt „und ſchweigend werde ich Dich lieben.“ „Die Stunden des geſtrigen Abends werden wie eine „unvergängliche Aurora an meinem Horizont ſtehen. Du „biſt die Sonne, die ſie dahin gezaubert hat. Ich mögte „den Staub unter Deinen Füßen küſſen, daß Du mich „liebſt, ſo liebſt— feſt, demüthig, opferfreudig, nichts „verlangend. Die großen, heißen Herzen lieben ſo. Aber „ich bin Deiner Liebe werth, und darum, Engel, ſehe ich „Dich nie wieder, obgleich ich— aus der Ferne— im⸗ „mer Dich im Auge behalten werde.“ „Eines halte feſt, Ilda: es iſt unmöglich, daß zwei „Menſchen wie wir umſonſt ſich könnten begegnet ſein. 4 — 186— „Der Keim iſt geſtreut, die Blüte muß ſich entfalten. „Wo?— in der Ewigkeit gewiß. Darum laß mir den „Troſt, die Hofnung, daß ſich an dieſer Zuverſicht Dein „ſchönes Weſen emporranken werde. Nimm aus meiner „Seele den Dorn, daß ich Deine helle Bahn verfinſtert „ habe. Laß keinen Haß zwiſchen uns ſein, noch Unmuth, „Groll oder Bitterkeit. Nur Liebe, meine Ilda. Deine „Liebe wird, wie ein Segen des Himmels, für's ganze „Leben ſich auf mein Haupt niederlaſſen, und meine Liebe „jeden Deiner Schritte ſegnend geleiten. Und nun— fahre „wol, mein Engel.“ Ein kondulſiviſches Lächeln glitt über Ildas Lippen, krampfhaftes Zittern durch ihre Glieder; dann blieb ſie un⸗ beweglich.—— Einige Stunden mogten vergangen ſein, und der alte Baron trat bei ihr ein, um zu fragen, ob übermorgen der Reiſetag ſei. Er prallte entſetzt zurück vor ihrer geiſterhaf⸗ ten Bläſſe, ihren entſtellten Zügen. Er wollte Hülfe rufen. Sie legte den Finger auf die Lippen. Er nahm ihre Hand, ſie war eiskalt. Er ſchrie: „Um Gottes Willen, ſterben Sie nicht!“ Ilda lachte kurz und hell auf; dann ſagte ſie mit heiſe⸗ rer Stimme: 1 „Behüte der Himmel, ich ſterbe nicht! mein Herz iſt nur geſtorben, und das thut weh, weh! ohl— Sie legte einen Finger aufs Herz. Der Brief fiel zu Boden. Der Baron raffte ihn auf: „Was iſt das für ein Unglücksbrief? darf ich leſen?“ „Warum nicht.“ Er las, faltete ihn zuſammen, legte ihn vorſichtig in ein — 187— Portefeuille auf dem Schreibtiſch, drückte dann heftig Ildas Hand und ſagte: „Er iſt ein edler Menſch.“ „Kann ſein! entgegnete ſie mit eiſiger Bitterkeit— al⸗ lein er hat einen fürchterlichen Fehler, der ſeinen ganzen Edelmuth zu Schanden macht: er kann kein Opfer anneh⸗ men, und wer keins annimmt, iſt unfähig eins zu bringen.“ „O Gräfin, er opfert ſein Herz für das, was er als Ihr Glück erkennt.“ „Mein Glück? rief ſie heftig, guter Baron! nur keinen Spott. Wer von meinem Glück ſpricht, macht ſich luſtig über mich.“ Der Baron ſetzte ſich betrübt, ſchweigſam aufs Sopha; er wollte ſie jezt nicht verlaſſen. Sie ſchien ihn gar nicht mehr zu bemerken, ſtand auf und ging im Zimmer hin und her, den Kopf mit beiden Händen haltend, raſchen, unſichern Schrittes, leiſe weinend oder ſingend— es war nicht genau zu unterſcheiden. Plötzlich blieb ſie ſtehen: „Aber hat mir dieſer Menſch nicht eine unerhörte Schmach angethan? fragte ſie den Baron;— hätten Sie je gedacht, daß man zu mir ſagen könne: ich will dich nicht! — zu mir!— Ich habe doch ſchon viel gedacht, doch das — niemals!— zu mir!“— Sie richtete ſich hoch und ſtolz auf, ihr Auge flammte vor Zorn. Der Baron glaubte ſie auf irgend einen beſtimmten Weg hinleiten zu können und ſagte: 3 „Recht ſo! nehmen Sie Ihre Kraft zuſammen und ver⸗ achten Sie den augenblicklichen Schmerz.“ „Den augenblicklichen Schmerz? ja, wenn er augen⸗ blicklich wäre! Aber kann ich's je verſchmerzen, daß ich die⸗ 8 — 188— ſen Menſchen verloren habe? Sehen Sie, Baron, wenn ich mich gedemüthigt fühlte oder gekränkt, ſo würde ich mich in den Stolz hüllen wie in ein Panzerhemd, das man auf der Bruſt trägt. Aber, bin ich von Eiſen und nicht in den Staub zu beugen— oder bin ich von Staub und fliege ſo hoch empor, daß keine Kränkung mich erreicht— gewiß iſt's, daß ich mich gar nicht gedemüthigt fühle.“ „Weil Sie auch gar keine Urſach dazu haben.“ „O, Urſach genug! warum weiſ't er mein Herz in dem⸗ ſelben Augenblick zurück, wo ich es vor ihm enthülle?— Nein, das iſt's!— enthüllt war es ihm längſt, er iſt ſo klug und kennt ſeine Menſchen!— aber, wo ich es vor ihm niederlege?“ „Weil ihm erſt da die Unmöglichkeit klar worden iſt.“ „Sagen Sie nicht: Unmöglichkeit!— Wenn ſeine Liebe ſo ſtark geweſen wäre, wie ſeine Seele, ſo gab es keine Un⸗ möglichkeit. Ach, bei mir hat die Liebe die Seele abſorbirt, bei ihm umgekehrt. Das iſt der einzige Unterſchied zwiſchen uns.“ Auf einmal ſchwieg ſie, horchte, wechſelte die Farbe— ſie hörte einen raſchen Männerſchritt und Albrechts Stimme, der fröhlich Jemand begrüßte. „O mein Gott, was iſt das?“ fragte ſie ängſtlich. Der Baron ging zur Thür, öfnete vorſichtig— Poly⸗ dor ſtürzte zu Ildas Füßen, und wie Bruder und Schweſter hielten ſie ſich umfaßt, und Beide weinten, als ob ſie ihre Seelen in den Thränen ausgießen wollten; Beide weinten zum erſtenmal nach einem vernichtenden Schmerz. „Gott iſt gnädig,“ ſagte der Baron und ging zu Otto. Der ſaß unthätig, den Kopf in die aufgeſtützte Hand gelegt, — 189— auf dem Sopha. Die durchwachte Nacht, Anſtrengung, Kampf und Schmerz hatten ſeine Züge ſchärfer, ſeine Farbe bleicher noch gemacht. Er ſah körperlich erſchöpft aus; al⸗ lein auf den fatiguirten Zügen lag eine noch ernſtere Ent⸗ ſchloſſenheit, als gewöhnlich. Eintretend ſagte der Baron: „Ich komme ſo eben von“...— „Barmherzigkeit!“ rief Otto, wie durch eine Feder vom Sopha aufgeſchnellt, und ſeine Hand ſo feſt auf des Barons Mund legend, daß der verdrießlich zurücktrat;—„ich ſehe an Ihrer Miene, welchen Namen Sie nennen wollten und daß Sie Alles wiſſen. Aber aus Barmherzigkeit, ſchweigen Sie, denn Vorwurf, Billigung— Alles würde mir weh thun.“ „Meiner Meinung nach haben Sie Recht gethan.“ „Bleibt es bei der Abreiſe?“ fragte Otto, ſeine frühere Stellung nehmend. „Ich denke, ja. Und eben iſt Polydor überraſchend ge⸗ kommen.“ „Das iſt gut.“ „Als er kam, weinte ſie. Bis dahin aber— keine Thräne! ſie ſah aus wie eine Niobide.“ Otto drückte heftig ſein Geſicht in die Polſter des So⸗ phas und machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. „Nicht einmal von ihr ſprechen ſoll ich?“ fragte der Baron.— „Mit wem Sie wollen!— nur nicht mit mir... nicht jezt.“ „Die Menſchen ſind ſo verſchieden! den einen verletzt, was den andern erquickt. Dieſer findet Troſt, wo jener Bit⸗ terkeit. Ich meine es gut mit Ihnen, lieber Otto.“ — 190— „Das weiß ich“— erwiderte er gleichgültig. „Und wenn Sie vielleicht Nachrichten haben wollen— wenden Sie Sich nur immer an mich; ich bleibe in ihrer Nähe“—. „Nichts will ich— ſagte Otto dumpf— weder jezt, noch einſt. Die Nektarſchaale habe ich zurückweiſen müſſen; ein Tropfen daraus würde meinen Durſt immer von neuem aufreizen. Mein Herz muß ſchlafen lernen, immer und ewig ſchlafen, und das Gewirr des Lebens iſt ein gutes Opiat, das man zur Betäubung nehmen muß; denn wenn es je er⸗ wachte, ich würde umkehren und eine Luſt darin finden, zu ihren Füßen nicht zu leben, ſondern zu ſterben.“— Er fuhr mit der Hand über die Stirn, um die Gedanken zurück⸗ zudrängen. Der Baron ſagte ängſtlich:„Mein lieber Otto, Sie ſind fürchterlich erſchüttert und im Innerſten aufgeregt—. was werden Sie beginnen, wenn wir abgereiſ't ſind?“ „Arbeiten.“. „O GSott ja, arbeiten— das iſt ſehr gut, aber... etwas ſteril.“ „O, rief Otto ungeduldig, todt arbeiten, todt lieben, todt leben, todt ſchießen— das kommt ja Alles auf Eins heraus!“ Der Baron dachte: Solche heftige Menſchen müſſen auf ihre eigene Weiſe mit ſich ſelbſt fertig werden. Laut ſagte er, Otto's Hand herzlich ſchüttelnd:„Morgen nehme ich erſt Abſchied von Ihnen.“ Ilda vergaß ihre Schmerzen, ſo lange Polydor von ſei⸗ ner Leidenſchaft für Regine erzählte, und von dem ſeltſamen Ende, das dieſe Leidenſchaft genommen.„Denn ſie iſt vor⸗ — 191— bei und todt, ſagte Polydor; das letzte Wort dieſer fürchter⸗ lichen Frau war ein Dolchſtich, der mich vom Wahnſinn be⸗ freite. Ich fand meine Kraft wieder in der tödtlichen Krän⸗ kung. Das hab' ich nicht verdient.“ „Ihr Gefühl hat es nicht verdient, antwortete Ilda, aber dielleicht Ihr Betragen. Denn da Sie Selbſt von Ih⸗ rem Wahnſinn reden, ſo iſt es natürlich, daß ſich Regine entſetzt hat.“ „O, was konnte ſie fürchten, rief Polydor ſchmerzlich; fürchtete ſie ihre Füße von meinen Thränen benetzt zu füh⸗ len? fürchtete ſie in meinen Augen unausſprechliche Dank⸗ barkeit zu leſen? fürchtete ſie den Anblick eines glücklichen Menſchen, glücklich durch ſie, wie er einſt durch ſie elend war?— O, ein Weſen, das ſich davor fürchtet, ſollte nur nicht Geſtalt und Namen eines Weibes haben, und Sie ſoll⸗ ten ſie nicht vertheidigen.“ „Ich vertheidige nie eine kokette Frau, am wenigſten, wenn ſie Ihnen weh gethan. Ich wünſchte nur, daß Sie ohne Haß an ſie denken mögten, denn Haß erzeugt Bitter⸗ keit, und unſere Schmerzen ſollen die Seele läutern, aber nicht vergiften.“ „O Madonna, rief Polydor mit tiefer, freudiger Zu⸗ verſicht— nun bin ich geborgen! nun ruhe ich wieder unter den Falten Deines Schleiers, und Jammer und Klage wei⸗ chen vor Deinem Lächeln.“ 3 „Nicht ſo, Polydor, ſprechen Sie nicht ſo zu mir! rief Ilda, und zwei große Thränen ſielen wie ſchwere Perlen von den langen Wimpern— es klingt wie Hohn! ach, ich habe von mir ſelbſt das Weh nicht fern halten können!— was — 092— kann ich, in jeder Empfindung mein Lebenlang verletzt oder zurückgeſtoßen, noch für Andere ſein?“ „Gnadenreiche— ſagte Polydor wehmüthig— der Spruch, der geſchrieben ſteht, lautet: und es wird ein Schwert durch Deine Seele gehen!— Die Glorreiche unter den Wei⸗ bern war auch die Schmerzenreiche, aber dennoch liegt eine halbe Welt zu ihren Füßen voll Anbetung, Vertrauen und Liebe.“ „O nur keine Liebe mehr!“ rief Ilda mit heißem Schmerz und verhüllte ihr Angeſicht. Zehntes Kapitel. Drei Tage waren vergangen, ohne daß Polydor bei Gräfin Regine erſchien. Das fiel ihr auf. Sie war daran gewöhnt ihn täglich zu ſehen, und ſie empfand eine unbe⸗ ſchreibliche Leere. Ich bin zu hart gegen ihn geweſen— dachte ſie— das hat ihn gekränkt, drum zieht er ſich ſtolz zurück. Er hat Recht! ich muß den erſten Schritt zur Ver⸗ ſöhnung thun. Sie ſuchte das eleganteſte, parfümirteſte, mit Gold und Vignette verzierte Papier, und ſchrieb nichts als: „Die Zeit wird mir lang ohne Sie. Wenn auch Ihnen „— ſo beſuchen Sie mich heute Mittag. 3 Regine.“ Am Morgen des vierten Tages ſchickte ſie dies lakoniſche Billet zu Polydor und harrte in ſchwebender Ungeduld der — 193— Antwort.„Die Langſamkeit der Bedienten iſt wirklich zum Verzweifeln!“ rief ſie hundertmal, ohne zu bedenken, daß man Flügel haben müßte, um vom hohen Markt nach der Roßau ſchneller als in Dreiviertelſtunden hin und her zu gehen. „Nun, Joſeph?“ fragte ſie erwartungsvoll den endlich wiederkehrenden Bedienten. „Herr Polydor ſagte, es wäre gut“— antwortete Joſeph.. „Es wäre gut? wiederholte ſie befremdet;— und wird er kommen?“ „Das hat er nicht geſagt, gräfliche Gnaden.“ Sie winkte dem Menſchen ſich zurückzuziehen, und dachte bei ſich: natürlich wird er kommen, alſo braucht er es nicht ausdrücklich zu ſagen. Es war erſt zehn Uhr, ſie konnte alſo bis zwölf leſen, malen, ſticken, ſchreiben; aber ſie that nichts, ſie dachte nur: wär' es doch erſt Mittag! ich lang⸗ weile mich zu ſehr!— Es ſchlug zwölf, und nun ging ihre Langeweile in Ungeduld über, denn es verging eine Viertel⸗ ſtunde nach der andern und Polhdor kam nicht. Aber es kamen andere Beſuche, und ſie plauderte und ſcherzte ſehr liebenswürdig, um ihre Zerſtreutheit zu verbergen. Um vier Uhr dachte ſie: er iſt zu beſchäftigt geweſen und wird heute Abend kommen. Das beruhigte ſie etwas. Sie machte eine ſehr gewählte Toilette und fuhr zum Diner zu einer Couſine. 3 „Wenn Du nicht in die Oper gehſt, ſo könnten wir eine Spazierfahrt machen“— ſagte dieſe zu Regine. „Nein, guter Engel, rief Regine lebhaft, Beliſario iſt meine Lieblingsoper, die Brambilla ſingt und ſpielt hin⸗ Ilda Schönholm. 13- — 194— reißend— verzeih mir, daß ich Deinen Vorſchlag nicht än⸗ nehme.“ „Freilich wenn ich bedenke, daß die Italiener bald ge⸗ hen, und daß der Prater uns bleibt, ſo hätte ich auch Luſt den Beliſario zu hören. Ich habe heute meine Loge weg⸗ gegeben, allein Du nimmſt mich mit, nicht wahr, Liebe?“ „Meine Loge iſt Dir natürlich immer geöfnet; aber mit⸗ nehmen kann ich Dich nicht, denn ich muß erſt nach Hauſe fahren und einige Briefe ſchreiben, zu denen ich ſpäter keine Zeit finden mögte.“ „Was haſt Du denn heute noch vor, beſter Engel?“ „O nichts! ich meine nichts Beſtimmtes— aber Du weißt, das findet ſich gewöhnlich, wenn man dringend be⸗ ſchäftigt iſt.“ „Alſo auf Wiederſehen in Deiner Loge.“ Dieſe Converſation hatten beide Damen nach dem Diner und Regine fuhr ſogleich fort. „Niemand hier geweſen?“ fragte ſie ihren Portier. „Niemand, gräfliche Gnaden.“ Sie ging in ihr Zimmer und ließ Joſeph kommen. „Gehen Sie um acht Uhr in meine Loge im Kärnthnerthor⸗ Theater und machen Sie der Fürſtin Gabriele mein Kom⸗ pliment, ich hätte die Migräne, könnte nicht ausgehen und Niemand ſehen.“ Ihre Vorkehrungen waren nun getroffen zu Polydors Empfang. Aber er kam nicht, und ihre Ungeduld ging in Angſt über. Er mußte krank ſein! Nach zehn Uhr Abends war alle Hofnung ihn zu ſehen verſchwunden, und ſie über⸗ legte, ob ſie nicht zu ihm ſchicken und ſich nach ſeinem Be⸗ finden erkundigen ſolle. Es würde ihn freuen, wenn er krank — 195— iſt— aber er ſchläft vielleicht ſchon, und gewiß wenn der träge Joſeph hinauskommt. Morgen ganz früh lieber! Am andern Morgen ſtand Regine zum erſten Mal in ihrem Leben und zum Entſetzen ihrer Kammerfrauen um ſie⸗ ben Uhr auf und ſchrieb an Polydor: „Ihr geſtriges Schweigen und Nichtkommen läßt mich „fürchten, daß Sie krank ſind. In dem Fall bitte ich Sie „herzlich, lieber Polydor, meinem Bedienten ausführlich „zu ſagen, wie es Ihnen geht, wenn Sie nicht ſchrei⸗ „ben können. Sind Sie aber nicht krank, ſo bitte ich „noch herzlicher, daß Sie Alles bei Seite werfen und im „Laufe dieſes Morgens zu mir kommen mögen. Ich habe „oiel Ihnen zu ſagen und vor allen Dingen— Sie um „Vergebung zu bitten.“ Nicht der träge Joſeph, ſondern ein anderer Bedienter wurde mit dieſem Billet abgeſendet und die größte Eile ihm empfohlen. Doch auch dieſer kehrte erſt nach Dreiviertel⸗ ſtunden zurück, und antwortete auf der Gräfin athemloſes: „Nun?“— „Herr Volydor ſagte, es wäre ganz gut.“ „Und iſt er nicht krank?“ „Ich glaube nicht, gräfliche Gnaden, er ſchaute recht munter aus.“ „Und was that er, als Sie ihm das Billet brachten?“ „Er trank Chocolade, gräfliche Gnaden.“ „O Gott nein! als er es nahm!“ 3 „Er las es, legte es auf einen Arbeitstiſch und ſagte: es iſt ganz gut.“ Regine ſtarrte den Bedienten an, ſank auf eine Otto⸗ mane und rief:„Unmöglich!“ 13 K⸗ — 196— „Was befehlen gräfliche Gnaden?“ fragte der Menſch verlegen. „Nichts! Gehen Sie.“— Sie begriff Polydor nicht. Er war ganz wol, ſah munter aus, frühſtückte— aber darum muß er ja heute kommen! ſchloß ſie den Gang ihrer Ideen. Um zehn Uhr ließ ihre Schneiderin ſich melden; ſie brachte neue Muſter zu Sommerkleidern. Es war höchſt unwahrſcheinlich, daß Polhdor ſo früh kommen würde, allein Regine hatte keine Zeit für die Schneiderin.„Ich habe zu thun, ſagte ſie verdrießlich zu ihrer Kammerfrau, ſtören Sie mich nicht mit Ihren einfältigen Fragen.“ 3 Was ſie zu thun hatte, war: im Fenſter zu ſtehen und alle Leute ins Auge zu faſſen, die über den hohen Markt gingen, um Polydors Ankunft zu erſpähen, damit ſie nicht durch ihn überraſcht würde. Sie verſiel dabei in eine ner⸗ vöſe Aufregung, die ſie zwang das Fenſter zu verlaſſen und unruhig auf und ab zu gehen. Als die Beſuchſtunde gekommen und Polydor noch im⸗ mer nicht erſchienen war, befahl ſie, ihre Thür für Jeder⸗ mann außer für ihn zu ſchließen. Eine Stunde ſpäter dachte ſie: O hätte ich doch die Beſuche angenommen, ſie würden mich zerſtreut haben.— Sie widerrief den Befehl. Zufällig aber kam Niemand mehr, und auch Polhdor nicht. Das Fieber der Angſt packte ſie; ihre Wangen brannten, ihre Lip⸗ pen waren trocken, die Adern ſchlugen wie Hämmer an Hals und Stirn. Sie befahl anzuſpannen und nach ſeinem Ate⸗ lier zu fahren. Die Pferde flogen, aber nicht raſch genug für ihre flammende Ungeduld. Endlich hielt ſie vor ſeiner Thür und ſchickte den Bedienten hinein. Nach zwei Minuten — 197— kam er wieder: das Atelier war verſchloſſen, ſein Zimmer auch, und Niemand im Hauſe wußte, wohin er gegangen. „Zu mir!“ rief Regine ganz laut, und ſetzte hinzu: „nach Hauſe— mein' ich, ſchnell!“ Und mit derſelben Ra⸗ pidität ging es heim. Sie fragte nicht den Portier, nicht die Bedienten im Vorzimmer; er mußte ja da ſein, er war ja nicht zu Hauſe!— Athemlos ſtand ſie endlich mitten in ihrem Zimmer und ſah ſich um— Polydor war nicht da. Ein dumpfer Schrei drängte ſich aus ihrer Bruſt. Die Kammerfrau, die nach einiger Zeit erſchien um nach Toilettenbefehlen zu fragen, fand Regine auf der Ottomane, zitternd, glühend, und ſagte: „Gräfliche Gnaden ſind krank, das kommt vom frühen Aufſtehen.“ „Ja, ich bin krank, ich will zu Bett gehen.“— Sie ließ ſich halb entkleiden; dann fiel ihr ein, daß es eine große Zögerung verurſachen würde, wenn Polhdor käme und ſie ſich wieder ankleiden müßte;— alſo ſagte ſie:„Ich will nicht zu Bett gehen, ſondern mich auf die Chaiſe longue legen. Geben Sie mir nur den Peignoir mit hellrothem Tafft gefüttert und gehen Sie.“ Die Kammerfran gehorchte, und Regine warf ſich in dumpfer Betäubung auf die Polſter. Als man ihr meldete, daß ihr Diner bereit ſei, rief ſie⸗ „Iſt es ſchon ſo ſpät?— Ich will nicht eſſen, bin krank!“ — Und Stunde auf Stunde verging, langſam, bleiern, ſchleppend. Die Sonne ſank, die Dämmerung kam, dann die Nacht. „Ich muß ihn ſehen! rief ſie, ſprang auf, ſchellte, und ſagte zur Kammerfrau:„Mich erſtickt die Zimmerluft, ich will fahren— nach dem Lichtenſteinſchen Palais, und ein wenig — 198— im Garten dort ganz einſam ſpazieren gehen.“ Das Mäd⸗ chen ging den Wagen zu beſtellen, und bald rollte Regine, zum höchſten Erſtaunen ihrer Leute, nach dem Lichtenſtein⸗ ſchen Palais. Aber der Weg dahin führte an Polydors Wohnung vorbei. Sie ſah hin;— alle Fenſter verſchloſſen und dunkel. Sollte ſie halten, fragen laſſen?— ſie ſchämte ſich vor ihren Leuten. Am Gitter des Gartens, der das Palais umgiebt, ſtieg ſie aus und ging zehn Minuten darin umher, theils weil ſie es geſagt hatte, theils um zu überlegen, ob es nicht möglich ſei, von hier unbemerkt nach Polydors Wohnung zu ſchlüpfen. Ermattet ſagte ſie endlich:„Nein, heute noch nicht!“— Sie hatte alſo unwillkürlich ihre Hofnungsloſigkeit ſich ein⸗ geſtanden. Beim Heimkehren bemerkte ſie mit. Grauen Po⸗ lydors dunkle Fenſter.„Wenn er fort wäre“— dachte ſie. Ihre Zunge klebte am Gaumen, ihr Herz ſtand ſtill.„Un⸗ möglich kann er fort ſein! weshalb ſollte er auch! was iſt denn ein Wort— ein einziges, kleines, armſeliges Wort? O warum habe ich nicht das ausgeſprochen, um das er ſo flehend, ſo rührend, ſo verzweiflungsvoll bat! aber ich liebte ihn ja nicht— damals nicht! o ich Unglückſelige!“— Kaum angelangt, ſetzte ſie ſich an den Schreibtiſch und warf mit unſicherer, fliegender Hand dieſe Zeilen auf's Papier: „Wenn ein Funke von Barmherzigkeit in Ihrer Bruſt „lebt, Polydor, ſo vergeben Sie mir und bringen Sie „Selbſt mir Ihre Vergebung. Es iſt möglich— o nein! „es iſt ganz gewiß, daß ich ſehr gegen Sie gefehlt habe, „weit mehr, als durch das eine, letzte, unglückliche Wort; „aber dieſe zwei Tage haben mich zur Genüge beſtraft. — 199— „Laſſen Sie Sich verſöhnen, Polydor, ſeien Sie nicht „grauſam, das ſteht dem ſtarken Mann ſo ſchlecht. Die „Frauen ſind es, weil ſie ſchwach ſind, ſich bisweilen nicht „zu helfen wiſſen— o Vergebung! Vergebung Ihrer 3 Regine.“ Sie ſchellte ihrem Kammerdiener und ſagte: „Damian, dies Billet iſt von der höchſten Wichtigkeit, darum müſſen Sie es beſorgen. Bringen Sie es morgen früh nach ſeiner Adreſſe, aber ſo früh, Damian, daß ich beim Aufſtehen, um neun— nicht doch, um acht Uhr, Ant⸗ wort habe, eine ſchriftliche Antwort!— ſagen Sie dem Herrn, Sie hätten den ausdrücklichen Befehl, ohne ſchriftliche Antwort nicht zurückzukommen. Wollen Sie das pünktlich ausrichten?“ „Zu Befehl, gräfliche Gnaden!“ ſagte Damian, verſtei⸗ nert über Reginens Thränen, die in Strömen aus ihren Augen floſſen. Am nächſten Morgen um ſieben Uhr klopfte Damian an Polydors Thür, und als er öfnete, übergab er ihm das Billet. „Es iſt gut,“ ſagte Polydor. „Ich bitte unterthänig um Verzeihung— aber ich. habe den Befehl, eine ſchriftliche Antwort zurückzubringen.“ „Ganz recht! warten Sie einen Augenblick im Vorzim⸗ mer;“— und bald brachte Polydor einen verſiegelten Brief, den Damian vergnügt in Empfang nahm— denn die Grä⸗ fin würde arg geſchmält haben, käme er mit leerer Hand. Nach einer qualvollen, halb durchwachten, halb in Fie⸗ ber verträumten Nacht war Regine endlich eingeſchlafen, als die Sonne hoch am Himmel ſtand. Da ſie aber ſtreng be⸗ — 200— fohlen hatte, man ſolle ſie wecken, ſobald Damian mit einem Brief komme, ſo hatte ſie kaum eine halbe Stunde geruht, als eine Kammerfrau leiſe den Brief auf ihre Decke legte. Mit einer wahnſinnigen Freude rief ſie: „Vorhänge auf!“ und zerriß den Umſchlag. Ihre drei Billets an Polydor fielen heraus, die beiden erſten erbrochen, das letzte— unerbrochen; außerdem— keine Zeile.„Es iſt vorbei!“ ächzte ſie und kalter Schweiß perlte auf ihrer Stirn. Dann zerriß ſie maſchinenmäßig die Billets in tau⸗ ſend winzige Stückchen und ſtreute ſie auf den Teppich. Dann ſagte ſie:„Vorhänge zu!“ und vergrub ſich in ihre Decken, um nur nichts— nichts von der Welt zu hören und zu ſehen. Regungslos blieb ſie den ganzen Tag im Bett. Sie aß nicht, ſie trank nicht, ſie bewegte ſich nicht. Ihre Augen waren geſchloſſen. Aber ſie ſchlief nicht. Der Gedanke Po⸗ lydor wiederzuſehen hielt ihre ganze Seele wie auf der Fol⸗ ter wach. Sie mußte zu ihm!— Daß ihre Leute es bemer⸗ ken, und wenn ſie es bemerkten, daß die Welt es erfahren würde— war ihr ganz gleichgültig. Sie mußte Polydor ſprechen, damit er ſeine Verachtung von ihr nehme. Unge⸗ leſen ihren Brief zurückzuſenden!— das brach ihren Stolz. Aber wodurch bin ich denn plötzlich ſo elend geworden? fragte ſie ſich ſelbſt;— bin ich nicht die ſchöne, herrliche, angebetete Regine? beugen nicht Alle das Knie vor mir? werd' ich nicht gefeiert wo ich erſcheine, weil ich tadellos bin an Leib und Seele? und dieſer Menſch, der von dem Blick meiner Augen lebte, mein Sclav war, mein Geſchöpf— macht mich elend, weil er es wagt mich zu verachten! Aber — 201— das ſoll anders werden! er ſoll mich lieben— o lieben, wie ich ihn liebe! Es war neun Uhr Abends als Regine aufſtand, ein ſchwarzes Kleid ſich geben ließ und einen ſchlichten Strohhut mit grünem Schleier, und dann befahl, daß der Kutſcher ſie wieder nach dem Lichtenſteinſchen Palais fahre. An Poly⸗ dors Wohnung vorüber rollend, bemerkte ſie mit frohem Herzklopfen Licht in ſeinem Zimmer; ſo war er denn Gott⸗ lob zu Hauſe!— Wieder ſtieg ſie am Garten aus und ging umher. Ihre Leute genirten ſie fürchterlich, beſonders der Bediente, der wie eine Schildwach beim Gitter auf und ab ging. Da fiel ihr ein, daß ſie den ganzen Tag keinen Biſ⸗ ſen gegeſſen! ſie rief ihn, und befahl ihm aus irgend einem Bäckerladen ihr ein Brödchen zu bringen. Er ging. Der Kutſcher ſaß halb eingeſchlafen auf dem Bock— ſie nahm den Moment wahr, und huſchte, als ob ſie Flügel an den Sohlen gehabt, leiſe und geſchwind über die Straße nach Polydors Wohnung. Unruhe, Angſt, Spannung raubten ihr faſt die Beſinnung. Als ſie die Thür des Ateliers öf⸗ nen wollte, war ſie verſchloſſen. Sie hörte aber in Poly⸗ dors Zimmer reden. O Gott, er war alſo nicht allein! Sie ließ den Schleier fallen und klopfte an die zweite Thür, doch ſo leiſe, daß es Niemand hören konnte. Da ging die Thür auf, und ein Frauenzimmer trat heraus. Regine fragte faſt unhörbar nach Polydor. Die Frau maß ſie von Kopf zu Fuß und ſagte:„Der Herr iſt heute Morgen um zehn Uhr abgereiſ't; wir richten die Wohnung für anderweitige Ver⸗ miethung her.“ Ein Blick in das Zimmer überzeugte Regine von der Wahrheit der Ausſage; es herrſchte darin die ganze Unord⸗ — 2⁰2— nung, welche einer neuen Ordnung voranzugehen pflegt. Bunte Feuerfunken tanzten vor Reginens Augen, die Wände des Zimmers drehten ſich, ein Sauſen wie von hefſtigem Wind ſchwirrte um ihren Kopf; ſie lehnte ſich an die Mauer, denn ihre Kniee wankten; aber das Bewußtſein ihrer Lage ſchützte ſie vor einer Ohnmacht. Sie raffte ſich auf und entfloh pfeilgeſchwind. Die Frau ſah ihr nach, ſtemmte beide Arme bedächtig in die Seite und ſprach kopfſchüttelnd zu der, welche im Zimmer beſchäftigt war: „Ein heilloſes Volk, die Männer! Nanny, das ſag ich Dir, wenn Du Dich je mit einem einläßt, der nicht ſagt: dann und dann iſt die Hochzeit, ſo— hier mag wieder mal ein Unglück auf Lebenszeit geſchehen ſein, denn das Frauen⸗ zimmer ſah nicht aus, als ob ſie gewohnt ſei Nachts auf den Straßen herumzulaufen. Nanny, merk' Dir das: nur ein Ehemann taugt was; alle andern Männer taugen nichts für die Mädel.“ Nanny ſeufzte; ſie mogte es ſchon gemerkt haben. Regine langte eine halbe Minute vor ihrem Bedienten beim Gitter an. Er präſentirte ihr zwei kleine Brode, doch ſtatt ſie zu nehmen, löſ'te ſie die Hutbänder, ſtammelte: „Luft!“ und ſank beſinnungslos vor dem Bedienten nieder⸗. „Sackerment! ſagte der, ſie ſtirbt vor Hunger, denn ſie hat heute und geſtern nichts gegeſſen.“ Er hob ſie in den Wa⸗ gen, und im geſtreckten Trabe ging es fort. Es war, als ob die innere Aufregung ihr nicht einmal die Ruhe der Ohnmacht verſtattete. Regine erholte ſich im Wagen, vielleicht durch die Erſchütterung.„Fort!— Wo⸗ hin?“ das war der Gedanke, auf den ſie ihr ganzes geiſti⸗ ges Vermögen richtete, ſo wie ſie es in den letzten drei Ta⸗ — 203— gen auf:„Ihn ſehen!“ gerichtet hatte. Aber war er auch wirklich fort? konnte er nicht blos die Wohnung gewechſelt haben? Wien iſt ſo groß!— Zu Hauſe angelangt, mußte Damian ſogleich kommen, um auf der Stelle ihre Befehle auszuführen. Er ſollte auf dem Paßbureau, bei der Polizei, an allen Thoren, auf der Poſt, bei Polydors Hauswirthin, Nachforſchungen machen, wo er geblieben ſei. Damian erwiderte, es ſei fruchtlos um dieſe Stunde, wo alle Bureaus und alle Häuſer geſchloſſen wären.„Es iſt zehn Uhr, gräfliche Gnaden,“ ſetzte er ach⸗ ſelzuckend hinzu. „Alſo iſt er ſeit zwölf Stunden fort, jammerte Regine, und gewinnt immer mehr Vorſprung durch dieſe Verzö⸗ gerung!“ Aber ſie mußte ſich ergeben.— Das war eine Nacht! Sie ließ in allen ihren Zimmern Licht anzünden und wan⸗ delte darin umher, raſtlos, einſam, wie ein Geſpenſt oder eine Wahnſinnige. Bisweilen verſagten die Füße den Dienſt, dann ſank ſie zuſammen auf dem Platz wo ſie eben ſtand, willenlos, niedergedrückt von körperlicher Erſchöpfung, und doch unfähig Ruhe zu finden. Einmal, in der tiefen Nacht, von Strauß; es klang ſchauerlich; ihr graute vor den wil⸗ den Jubeltönen, die wie verkappte Verzweiflung klangen; ſie brach mitten im Satz ab, und die unaufgelöſ'te Diſſonanz ſchwirrte unheimlich durch den Saal, wie ein aufgeſcheuchter Nachtvogel.— Ein anderes Mal ſetzte ſie ſich ſterbensmüde auf den Teppich, und legte den Kopf vornüber gebogen auf ihre Knie, endlos wie die am Pol. Regine dachte an keinen Schlaf. ſetzte ſie ſich an's Piano und ſpielte einen raſenden Walzer — 204— die ſie mit beiden Armen umſchlang. Dabei fiel ihr reiches, ſchwarzes Haar auseinander, und rollte ſchwer über Schul⸗ tern und Buſen herab. Sie erſchrak fürchterlich, wie man in nervöſer Ueberreizung vor der lindeſten Berührung zu thun pflegt, und ſagte halblaut: „Das ſind Schlangen, die unter meinem Hirn gewohnt haben und nun nach meinem Herzen kriechen.“ Sie ſtand auf, wickelte das Haar zuſammen, band ein Foulard darüber und murmelte: „So, ſo, ſo! nun ſind ſie eingeſperrt und können mir nichts thun. Beſſer im Kopf, als im Buſen!“ Mit der Morgendämmerung befiel ſie ein Fröſteln.„Es mag ſehr kalt ſein auf dem Poſtwagen, der ihn fährt— weiß Gott wohin!“ dachte ſie.—— Das war eine Nacht!—— Kaum war es Tag, ſo ſchellte ſie. Ihre Leute mußten auf, heraus, in allen Richtungen ſich zerſtreuen, forſchen, fragen, ſpähen, und wo möglich in drei Minuten Antwort bringen. Die Kammerfrauen beſchworen ſie zu Bett zu ge⸗ hen, irgend etwas zu nehmen, ſich wenigſtens wärmer zu kleiden, denn ihre Hände und Füße waren eiskalt, weil ſie die ganze Nacht im leichten Peignoir verbracht hatte. „Sobald ich Nachricht habe, will ich Alles thun.“ Da⸗ bei blieb Regine. Aber es vergingen Stunden darüber, denn alle Bedien⸗ ten, die ſchnell wiederkehrten, hatten nichts erfahren. Endlich brachte Damian genauen Bericht: Polydor hatte ſich einen Paß über Berlin nach Rom ausfertigen laſſen und war mit dem Eilwagen abgereiſ't.— Ueber Berlin— alſo ging er zu Ilda; dann nach Italien! Dies war ein Haltpunkt. Die unerhörte Spannung ihres Weſens ließ nach, die Kraft brach zuſammen, man mußte ſie ins Bett tragen, es wäre ihr un⸗ möglich geweſen den Fuß zu heben, die Hand zu regen— ſie lag wie in Starrſucht. Ein heftiges Fieber löſ'te dieſen Krampf und rettete ſie vielleicht vor Geiſteszerrüttung. Es verging eine Woche be⸗ vor ſie ſich erholte. Nun fing ſie wieder an nachzudenken über den einen Gegenſtand: ſie mußte Polhdor wiederſehen, wiſſen, daß er ſie noch liebe, ihm ſagen, daß ſie ihn liebe. Sie mußte ihn aufſuchen, ihm begegnen. O Gott, wie war die Welt ſo groß und weit. Aber er wollte ja nach Italien. Bei Botzen lebten ſeine Eltern, die er nicht geſehen, ſeit er vor drei Jahren Throl verlaſſen! gewiß beſuchte er ſie! viel⸗ leicht erſt im Herbſt— aber über Botzen ging er gewiß! Dahin mußte ſie. Von dort aus konnte ſie ja an Ilda ſchreiben, an dieſe Frau, die Polydor nie anders als ſeinen Schutzengel genannt. Ilda wird helfen!— Regine erklärte ihrem Arzt, daß ſie Wien verlaſſen und ſich nach Iſchl begeben werde. Er fand die Jahreszeit viel zu früh, um ſich ſchon jezt zwiſchen die hohen Berge von Iſchl zu wagen. So wolle ſie einſtweilen in Salzburg und Tyrol etwas umherreiſen, denn Veränderung der Luft und Umgebung ſei ihr durchaus nothwendig. Das fand auch er. Hofnungsvoll trat Regine ihre Reiſe an. — 2056— Elftes Kapitel. Zu Ildas höchſtem Erſtaunen ließ ſich Werffen am Tage vor ihrer Abreiſe mit der Bitte bei ihr melden, ſie allein zu finden. Erwartungsvoll und doch innerlich zerſtreut ſah ſie ihn an, als er etwas prätentiös bei ihr eintrat. Ottos Un⸗ ſichtbarkeit in dieſen letzten Tagen, vielleicht auch eine unvor⸗ ſichtige Aeußerung des Barons, hatten ihm einen ſeltſamen Muth gegeben. Er debütirte mit der Bitte, Ilda möge ihm erlauben in ihrer Geſellſchaft die Reiſe nach Florenz zu machen, weil er ſich davon den höchſten Genuß verſpreche. Ilda erwiderte: „Ich kann Ihnen nicht verbieten Sich dem Baron und mir anzuſchließen, da Sie aber wiſſen in welcher Abſicht ich nach Italien gehe, ſo werden Sie mich entſchuldigen, lieber Werffen, wenn Sie in mir nicht die gehofte angenehme Ge⸗ ſellſchafterin finden.“ „Ich habe auch noch eine andere Abſicht dabei.“ „Das iſt denn freilich recht gut,“ ſagte ſie gleichgültig. „Es iſt die Hofnung, daß Sie mich näher— und viel⸗ leicht den Mann in mir kennen lernen werden, dem Sie Ihr künftiges Glück anvertrauen.“ Ilda ſtarrte ihn ſprachlos mit großen Augen an. Er fuhr fort: „Warum denn nicht? ich habe eine aufrichtige, innige Verehrung für Sie, Gräfin, das wiſſen Sie längſt; Ihr Herz zieht mich an, Ihr Geiſt feſſelt mich, Ihr ganzes Sein erfreut mich. Ich bin ein Menſch wie Sie ihn als Freund und Stütze brauchen, ruhig, kalt, feſt— geben Sie mir Hofnung!“ „Nein, denn ich liebe Sie nicht.“ „Das weiß ich! aber die Liebe als Leidenſchaft, d. h. als übermächtiges Gefühl, wünſche ich mir nicht in der Ehe, weil es Anſprüche macht, die unmöglich erfüllt werden kön⸗ nen. Hingegen dürfen Sie mir Ihre Achtung nicht verſagen, nicht das Vertrauen, daß ich unter allen Umſtänden Sie ſchirmen und ehren werde. Sie aber— abgeſehen von Ih⸗ ren großen Gaben, Gräfin— können mit dieſer Glut Ihres innern Weſens und dieſem Glanz Ihrer Geſtalt jeden Mann beglücken.“ Ein helles Roth flammte über Ildas Wangen, ſie warf einen Blick voll unſäglicher Verachtung auf Werffen und ſagte kalt: „Ich danke Ihnen für Ihre gute Meinung, um ſo mehr da ich ſie nicht von mir habe.“ Er ſagte traurig:„Ihre Vorurtheile machen, daß Sie Ihre Beſtimmung verfehlen und außerhalb— ſei es darun⸗ ter oder darüber— aber ſtets außerhalb der Sphäre des Weibes ſtehen.“ „Auf die Weiſe, wie Sie es mir vorſchlagen, habe ich vor zehn Jahren ſchon verſucht meine Beſtimmung zu erfül⸗ len, und ward nicht glücklich und machte nicht glücklich. Da⸗ mals konnte man mit meiner Jugend und Unerfahrenheit, mit meiner Unwiſſenheit über die Verhältniſſe und mich ſelbſt — 208— Nachſicht haben; jezt aber kenne ich mich; was einſt nür Leichtſinn war, würde jezt Lüge ſein— ich kann nur den Mann beglücken, den ich liebe, und was ich beglücken nenne, iſt ſein Weſen ergänzen, ſeine Sehnſucht befriedigen, ſeiner Richtung mich anſchmiegen, ſeinem Winke folgen, ſein Leben in Noth und Tod durchleben, einen Weg haben, einen Zweck, eine Hofnung, ein Grab. Es iſt ganz gewiß, Herr von Werffen, daß ich nie auf dieſe Weiſe einen Mann beglücken werde, aber— ich begreife nun einmal keine andere. End⸗ lich— fügte ſie ein wenig ungeduldig hinzu— kennen Sie ja längſt meinen Widerwillen gegen die Ehe. Ich mag nicht den Champagner durch Waſſer nüchtern machen.“ „Ich bewundere Ihre gute Laune, Frau Gräfin; doch erlauben Sie mir Ihnen zu bemerken, daß vielleicht in ſpä⸗ tern Jahren Reue Sie heimſuchen wird, wenn Ihr Herz nicht mehr ſo heiß ſchlägt und Ihr Genius nicht mehr ſo hoch fliegt.“ 3 „Wenn Herz und Genius matt geworden ſind, bin ich die ächte Ilda nicht mehr, und was ich alsdann bereue und bedaure, kann nur gleichgültig ſein. Doch das glauben Sie mir gewiß: nie werde ich bereuen nach meiner Ueberzeugung gehandelt zu haben.“ „Theure Gräfin, beſinnen Sie Sich nur, ob es wirklich Ueberzeugung und keine vorüberrauſchende Leidenſchaft iſt, die Sie ſo ſprechen und handeln läßt.“ „Herr von Werffen, ſagte Ada nach kurzem Beſinnen— ein Wort wird unſer Geſpräch enden: nicht nur, daß ich Sie nicht liebe— ich liebe einen Andern.“ „Das weiß ich“— ſagte er ruhig. Ilda rief in höchſter Ueberraſchung:„Wenn ich Sie — 209— begriffe, würde ich Sie vielleicht bewundern— jezt aber kann ich mich nur verwundern.“ Mit unerſchütterlicher Ruhe entgegnete Werffen:„Sie ſehen, daß eine Liebe, die kein beſtimmtes, erreichbares Ziel hat, zum Unheil oder zum Unglück führt. Das ſollte Sie beſtimmen, Sich gegen ähnliche Fälle gleichſam zu verſchan⸗ zen in den Schranken des Familienlebens. Sie ſtehen hoch und einſam, wie jede geiſtige Größe; Sie ſind unwiderſteh⸗ lich anziehend für Männer d'une ceriaine trempe; von Liebe und Anbetung wird man Ihnen gern und viel ſprechen“... Ilda ſagte halb beluſtigt, halb geärgert:„Sie irren Sich ganz und gar, Herr von Werffen; denn ich bin weder Tänzerin noch Kunſtreiterin, und imponire viel zu ſehr um Liebe einzuflößen.“ „So iſt es doppelt traurig für Sie, wenn Sie lieben ohne Gegenliebe! und deshalb eben mögte ich Sie ſo gern für eine Sphäre gewinnen, wo das Herz des Weibes ſein Genügen hat.“ „Ihre Güte verdient meine ganze Dankbarkeit, aber wir verſtehen einander nicht, unſere Seelen bleiben ſich für alle Ewigkeit fremd; denn Sie meinen das Herz könne je ſein Genügen haben, und das glaube ich nicht. Ach, Werffen, das Herz iſt eine Gottheit! es liebt, es weiß, es ſieht, es verzeiht; es durchdringt die Zukunft, es tödtet, es beſeelt— o es iſt viel zu mächtig für unſere dürftige Erde, und jene unſägliche Melancholie, die in den ſeltenen flüchtigen Momen⸗ ten unſers höchſten Glückes über das innerſte Weſen ſich ausbreitet— ſagt uns das deutlich genug. Vielleicht haben nicht alle Menſchen ſolche flammende Herzen— ich wünſche und glaube es— und vielleicht haben die es beſſer auf der Ilda Schönholm. 3 14 — 210— Welt; aber iſt es denn unſere Beſtimmung es gut und be⸗ haglich zu haben? Unſer Weſen müſſen wir durchbringen, retten, aus Kämpfen und Stürmen, das göttliche Gepräge in uns darf nicht abgegriffen werden durch die Betaſtung der Welt, und wem von Gott das flammende Herz gegeben ward, der darf keine Aſche darauf ſtreuen.“ „Fern von mir das zu begehren! nur in einer natür⸗ lichen Richtung ſoll es flammen“— rief Werffen, angeregt durch Ildas Lebhaftigkeit, und wollte ihre Hand ergreifen. Aber ſie zog die Hand zurück und entgegnete:„Das Geliebte giebt uns die Richtung— für alles Andere iſt man unbeugſam.“ „Sie ſind es wirklich! und iſt es Ihr letztes Wort zu mir?“ „Ueber dieſen Gegenſtand— ja.“ „So iſt es überhaupt Ihr letztes, denn ohne Hofnung mag ich nicht in Ihrer Geſellſchaft leben— dann gehe ich morgen nach Paris.“ „Mögen Sie glücklich leben.“ So trennten ſie ſich auf immer— Ilda vollkommen gleichgültig; Werffen mehr über⸗ raſcht als betrübt. Der Baron ging Abends zu Otto und fand ihn nicht. Wunderlicher Menſch! dachte er; hätte doch wol Abſchied von mir nehmen können. Er ſchrieb auf ſein Viſitenbillet ein Paar freundliche Worte, und die Nachricht, daß die Reiſe am nächſten Morgen um ſechs Uhr angetreten werde.„Wo iſt denn Herr Otto?“ fragte er die Leute im Hauſe. „Spazieren geritten mit mehren Herren— Nachmit⸗ tags ſchon.“ „Spazieren geritten! comme si de rien n'était!“ — 211— Otto war der Auffoderung einiger guten Freunde ge⸗ folgt, die höchlichſt dadurch überraſcht waren. Sie hatten ſicher geglaubt, er werde den letzten Abend vor Ildas Ab⸗ reiſe in Ruhenthal zubringen, und ihn nur aus Neckerei oder Zufall eingeladen. Sie hätten ihn gern gefragt— aber er imponirte ihnen ſo, daß Keiner dieſe Verwegenheit hatte. Leiſe Anſpielungen überhörte er mit einem Gleichmuth, als ob ſie ihn ſo wenig wie den Kaiſer von China angehen könnten. Er war in der Unterhaltung ganz wie gewoͤhnlich, vielleicht etwas ironiſcher. Das geſchärfteſte Auge— das der Liebe ausgenommen, wie ſich von ſelbſt verſteht— hätte nicht ſeinen Seelenzuſtand erſpäht. Es war Nacht, als er heimkehrte. Die Stille, die Fri⸗ ſche, die Einſamkeit, weckten die heiße, den ganzen Tag zu⸗ rückgedrängte Sehnſucht, Ilda noch einmal, aus der Ferne wenigſtens, zu ſehen, ihre Stimme zu hören!— er ging nach Ruhenthal. Der Portier am Gitter des Parks öfnete gern, obgleich nach zehn Uhr Abends kein Beſuch mehr er⸗ laubt war, und verſprach auch, nach einem freundſchaftlichen Händedruck, das Gitter offen zu laſſen. Otto ging zuerſt auf den Thurm am Fluß, wo Ilda mit jener heiligen Zu⸗ verſicht, die nur eine edle Seele haben kann, geſagt hatte: „Wir lieben uns.“ Doch bald durchſtreifte er die Alleen und ſtand vor dem Schloß. Der Salon war dunkel, ein⸗ zelne Fenſter erleuchtet; es hatten ſich alſo die Bewohner in ihre Zimmer zurückgezogen. Er ging nach der andern Seite, die Ilda bewohnte. Da war Licht und die langen Glasthü⸗ ren, die in den Blumengarten führten, ſtanden geöfnet. Große Etageren mit Blumentöpfen bedeckt, waren in dieſem Gärt⸗ chen zwiſchen den Beeten und ſeltenen Geſträuchen gruppirt, 3 14*. — 242— und verſchatteten leicht eine Geſtalt; er konnte unbemerkt nä⸗ her treten. Ilda war in ihrem Zimmer mit einem jungen Mann— alſo Polydor! Otto ſah ihn an mit einer leiſen Aufwallung von Neid und Eiferſucht, aber ſie verſchwand, als er bemerkte, daß Ilda Polydor ſo ganz anders anſah, als ſie ihn angeſehen. Ilda wählte Zeichnungen aus einem großen Portefeuille, und Polydor legte ſie ſorgſam in ein kleineres. Auf einmal rief er: „Aber was iſt das für ein Kopf, der nun ſchon auf dem dritten Blatt wiederkehrt und der Mittelpunkt der gan⸗ zen Arabeske zu ſein ſcheint? Ein Porträt— nicht wahr? denn es ſind Nüancen in dieſer Phyſiognomie, die man ſchwerlich erfindet.“ „O, nicht fragen! ſagte Ilda bittend; unterwegs werde ich Ihnen Alles erzählen.“ Polydor ſchwieg betroffen, und ſchweigend vollendeten Beide ihr Geſchäft. Dann nahm er das kleine Portefeuille und ſagte:. „Wir wollen dieſen Bildern einen ſichern Platz beim Aufpacken geben, drum nehm' ich ſie mit. Gute Nacht, Ma⸗ donna.“ Idda nickte ihm freundlich zu und er entfernte ſich. Otto konnte jede Miene ſehen, jedes Wort hören. Er war ihr ſo nahe und ſie wußte es nicht. Giebt es denn keinen Zug der Geiſter? fragte er ſich ſchmerzlich; ahnt ſie wirklich meine Nähe nicht? Auf einmal trat er beſtürzt zurück, denn Ilda verließ das Zimmer und wandelte langſam auf dem breiten, mit Hhazinthen eingefaßten Wege vor ihren Fenſtern auf und ab. Es war unmöglich, ſie konnte ihn nicht geſehen haben, im Zimmer helles Licht, draußen Finſterniß, denn die 213 Sterne funkeln nur und leuchten nicht— doch war ihm als ob ſie zu ihm komme, und er wollte ihr unſichtbar bleiben: darum trat er betroffen zurück. Ach, ſie hatten ſich ja nichts mehr zu ſagen. Und er würde doch ſeine Seligkeit darum geben, noch einmal zu ihren Füßen liegen, noch einmal ſie in ſeine Arme ſchließen zu dürfen. Aber würde ſie es ihm noch jezt erlauben, wie an jenem Abend? konnte er es in ihren Augen noch verdienen?—— Er drückte die Hand aufs Herz und ſtand regungslos, mit ſeinem Blick auf ihr ruhend, als wolle er ſie in ſeine Seele hineinziehen. Sie ſah ganz feenhaft aus in dieſer tiefen, ſtillen Abgeſchiedenheit, von Nie⸗ mand beachtet ſich wähnend, mit dieſem magiſchen, tiefſinni⸗ gen Blick, mit dieſen unbegreiflich graziöſen Bewegungen. Wenn Polydor da geweſen wäre, ſo hätte er jede Stellung nachzeichnen können, mit denen ſie ihre Gedanken begleitete, oder eigentlich: in welche ihre Gedanken ſie warfen. Mitun⸗ ter vergaß Otto ganz, daß er ſie liebe, und bewunderte ſie nur, wenn ſie wie eine Göttin oder eine Prieſterin, das Haar aus der Stirn ſtrich, den Kopf emporhob und zu den Ster⸗ nen hinauf ſah, ſtolz, kühn, beinahe herausfodernd. Und wenn dieſer Kopf, wie vom Blitz getroffen, herabſank, und die Hände ſich ſchmerzlich auf Bruſt und Stirn legten, oder wenn ſie in banger Troſtloſigkeit ſie rang, ſo zerſchmolz ſeine Seele in Mitleid, und ihm war, als müſſe er ſie zurückrei⸗ ßen von dem Altar, an dem ſie geopfert werden ſollte. Aber dann ſtand ſie bisweilen da, das Haupt nicht geknickt, nur ſanft geſenkt, weich zur Seite gewendet, lieblich und zart wie eine Perle, träumeriſch lächelnd— ol ſo hatte ſie an jenem unvergeßlichen Abend vor ihm geſtanden! und warum zog er ſie denn nicht an ſeine Bruſt?... ſie liebte ihn ja. Und — 214— dann hob ſie den Arm und ſchlang ihn mit einem Ausdruck von endloſer Ermüdung um ihren Kopf, und der andere hing herab, als gebe es für ſie nichts mehr zu thun: ſo glich ſie einem Schwan, der zum Schlaf den Kopf unter den Flügel legt; der weite weiße Ermel verhüllte halb ihr Geſicht.— O komm zu mir! rief ſeine ganze Seele; ruhe bei mir! Aber Ilda hörte ihn nicht. Endlich drückte ſie die Finger⸗ ſpitzen ihrer beiden Hände mit einer Inbrunſt an die Lippen, als ob ſie ihr tiefſtes Weſen in dem Kuß aushauchen wolle, und breitete dann ſchnell und heftig die Arme aus, damit die Nachtluft den Kuß von ihren Fingern ſtreifen und zu ſeiner Beſtimmung tragen möge. Otto trat einen Schritt vorwärts. Ilda fuhr zuſammen, lauſchte, blickte erwartungsvoll in das Dunkel hinein— Alles ſtill! Wehmüthig ſchüttelte ſie den Kopf und trat in ihr Zimmer zurück, die Glasthür hinter ſich ſchließend. Es ſchlug zwölf Uhr und ſie ging in ein Nebenzimmer, deſſen geſchloſſene Jalouſien ihm nicht erlaub⸗ ten hineinzublicken; aber es war Licht darin. Otto wartete mit brennender Ungeduld auf ihre Rückkehr, denn ſie mußte wiederkommen— die Lampen brannten noch auf ihrem Ar⸗ beitstiſch. Er wußte ſelbſt nicht, was er wünſchte und wollte — dielleicht den Kuß ihr wiedergeben! auf jeden Fall ſie ſe⸗ hen— zum allerletzten Mal!— Statt ihrer erſchien nach einer Weile ihre Kammerfrau, ordnete die umherliegenden Sachen, verſchloß einige, löſchte dann die Lampen und ver⸗ ließ das verfinſterte Zimmer. Es iſt vorbeil ich ſehe ſie nicht wieder! ſeufzte Otto. Doch entſchloſſen ſetzte er hinzu: Ich will aber!— Der matte Schein hinter den grünen Jalou⸗ ſien verrieth eine Nachtlampe. Er dachte: Ich werde warten bis ſie ſchläft, und dann noch einmal ſie ſehen! Es iſt Ra⸗ ſerei, glaub' ich— aber damit kann man Alles wagen! Er ging auf und ab wo Ilda gegangen war, und pflückte Blu⸗ men gedankenlos, oder um die Zeit hinzubringen. Das letzte Viertel des Mondes ſchwebte langſam und melancholiſch am Himmel empor, und hing als Nachtlampe der Erde zwiſchen den Baumwipfeln, die ſich unter dem ſilbernen Nachen wie dunkle Wellen hin und her bewegten. Otto öfnete die Glasthür und ſtand in Ildas Zimmer. Der Teppich verhehlte jeden Schritt. Er warf ſich auf den breiten, niedrigen Divan und lauſchte. Todtenſtille herrſchte im ganzen Schloß; es war wie ausgeſtorben. Nun, dachte er, ich weiß wol daß es Raſerei iſt— aber was thut's denn!— Er ſtand auf und legte die Hand an das Thür⸗ ſchloß des Nebenzimmers. Himmel, wenn ſie erwachte!— ſein Arm ſank kraftlos herab und er hörte ſein Herz klopfen. Dann ſagte er feſt: Sie ſoll aber ſchlafen;— und öfnete vorſichtig. Ilda ſchlief. Das Nachtlicht warf einen matten Perlenglanz, aber zugleich tiefe Schatten auf ihr Geſicht, das, nicht durch die Augen gelichtet und erheitert, unſäglich traurig war, der Mund ſo melancholiſch, und vollends die breiten, langbewimperten Augenlider! Im Schlaf trägt das Geſicht das Gepräge der gewöhnlichen Seelenſtmmung. O mein Engel, dachte Otto bittend, wenn Du mich anlächeln könnteſt!— Und ſelbſt im Traum ſeinem Wunſch folgend, glitt über ihre Züge ein zauberhaftes Lächeln, wie der Sil⸗ berblick über das zerſchmelzende Metall. Sein Herz drohte zu brechen in Wonne und Wehmuth. Unhörbaren Schritts nahte er ſich und blieb am Fußende des Bettes ſtehen, ernſt, ſchwermüthig, ſchön wie ein Genius, der den Schlummer der geliebten ſtillen Geſtalt bewacht. Ihre Hände lagen auf der — 26— Decke, rein, weich und ſorglos, wie weiße Lilien; wenn auch Herz und Seele— die Hände wenigſtens hatten nie mit dem harten Leben gerungen. Er bog ſich nieder und küßte loſe, leiſe die Hand. Dann blickte er im Zimmer umher— Al⸗ les ſo einfach, ſchneeweiß, ruhig, wie die Zelle einer Nonne. Er wollte etwas mitnehmen aus dieſem Zimmer, was ſie oft berührt oder in Händen gehabt. Da ſtanden ihre kleinen ſchwarzen Schuhe; auf dem Tiſch vor ihrem Bett lag ein Taſchentuch— das nahm er, ihr Name war darin geſtickt. Aber, o Himmel! wenn er das könnte! warum nicht? ſie ſchlief ganz feſt. Ihr lockiges Haar war in Zöpfen um ih⸗ ren Kopf gelegt, wodurch Stirn und Schläfen, jung und friſch wie bei einem Kinde, frei waren; aber eine Locke war nachläſſig nicht mit aufgeflochten, hing an der Wange herab — und dieſe Locke wollte er haben. Zwiſchen den kleinen Geräthſchaften auf der Toilette griff er behend eine Scheere heraus und ſchnitt mit ſicherer leichter Hand die Locke ab. Nun hatte er Alles!... Nun konnte er, mußte er gehen!... Einen Augenblick flog ihm der Gedanke durch den Sinn: Wecke ſie auf, ſie liebt dich ja, du biſt ein Thor daß du es nicht thuſt—— oder ein Wahnſinniger wenn du es thuſt! Das war der Schluß. Er drückte die geballte Hand vor die Stirn, küßte noch einmal ihre Hand, und verließ das Ge⸗ mach, ohne ſich umzublicken. Die Thür zwiſchen beiden Zimmern ſchloß er nicht, um Geräuſch zu vermeiden. Als er die in den Garten führende Glasthür hinter ſich zu⸗ drückte, erwachte Ilda und rief, ſei es in Folge eines Trau⸗ mes, ſei es daß ſein Name ihr erſter Gedanke war: Otto! Otto!— Aber er hörte ſie nicht und eilte davon durch die verſchwiegene Nacht. Als die Kammerfrau in der Frühe eintrat, war ſie nicht wenig überraſcht die Thür geöfnet und den Fußteppich mit zerſtreuten Blumen bedeckt zu ſehen. Das iſt ein wunder⸗ licher Einfall vom Gärtner, dachte ſie. Ilda ſah die Blu⸗ men, vermißte die Locke, das Taſchentuch— aber ſie wußte nichts. Ahnen mogte ſie die Wahrheit.— Um ſechs Uhr ertönten zwei luſtige Poſthörner. Der Baron und Polydor fuhren in zurückgeſchlagener Kaleſche voran. Erſterer blickte nach Ottos Fenſter hinauf, ohne ihn zu erſpähen, der hinter dem zugezogenen Vorhang ſtand. Ilda folgte im andern Wagen, aber er war verſchloſſen und ihr Schleier herab⸗ gelaſſen, damit Niemand die Thränen ſehen möge, die in Strömen aus ihren Augen floſſen. So fuhr ſie unſichtbar an ihm vorüber, wie eine verhüllte Gottheit. Und das ſollſt Du mir bleiben, Engel! ſagte er laut, als der Wagen ver⸗ ſchwunden war, und legte Ildas Taſchentuch auf ſeine bren⸗ nenden Augen. — 218— Zwölftes Kapitel. Sie reiſ'ten durch den erwachenden Frühling dem hei⸗ tern Süden zu; aber Keiner war in wirklich heiterer Stim⸗ mung. Polydors Leidenſchaft für Regine war wol erloſchen, wie die Rakete, die feurig zum Himmel ſteigt, und wenn ſie ihren Kulminationspunkt erreicht hat, todt zur Erde fällt; aber es war doch, wie Ilda ihm einſt geſchrieben, eine Saite in ſeinem Herzen geſprungen; dieſe Saite war das Bewußt⸗ ſein der fürchterlichen Täuſchung über ſeine eigene und die fremde Liebe. Wenn das Lüge ſein konnte, wo werd' ich Wahrheit finden? und welch ein vernichtender Gedanke, durch die Sehnſucht nach der Wahrheit getrieben, vielleicht von einer Täuſchung in die andere zu fallen! Nein— nichts lie⸗ ben, als die Kunſt, die lügt nicht, die quält nicht, die lohnt mit himmliſchen Entzückungen dem der ihr huldigt..— Aber keine Frauen mehr!— So dachte Polydor. Auf Ilda lag eine unbeſiegliche Traurigkeit. Sie war zuweilen ſehr munter, ſcherzend, geſprächig— aber von einer zu gewaltſamen Lebhaftigkeit. Sie warf ſich in die Außen⸗ welt, Zerſtreuung ſuchend, Betäubung erſehnend; ſie wollte ſich unterhalten, um die unſägliche Leere in ihrem Buſen auszufüllen, und daß ihr dies mühſame Streben doch miß⸗ lang, daß ſie die ganze Kraft ihres Seins aufbieten mußte, um ſie nutzlos zu verſchwenden, das drückte ſie zu Boden. „O, ſagte ſie zu Polydor, nachdem ſie ihm Wort gehalten und ihre Liebe ihm erzählt hatte— das Leben iſt ſo ſchön, wenn es ſchön iſt! und jezt erſcheint es mir wie ein Ga⸗ leerenſelav, an den ich durch eine Kette geſchmiedet bin. Wir müſſen unſern Weg zuſammen machen, ich muß arbeiten, ringen, flehen, verzweifeln, und immer wieder arbeiten, und der Unhold an den ich gefeſſelt bin hilft mir nicht, geht pfeifend neben mir, verſpottet mich und mein Elend durch ſeine grelle Luſtigkeit, höhnt mich, indem er ſagt: es wird beſſer werden, du gewöhnſt dich, du biſt ſtark!... O Poly⸗ dor, nie hab' ich geglaubt, daß das Leben ein ſolcher Unhold ſein könne.“ Der gute Baron ſah Ildas Anſtrengungen an ihrem Schmerz ſcheitern, und betrübte ſich aufrichtig, ohne doch im Stande zu ſein ihr irgend einen Troſt zu bieten, und dieſe Unzulänglichkeit ſehr gut fühlend. Seit zehn Jahren, ſeit⸗ dem er aufgehört hatte gleichſam auf eigene Rechnung ſich mit Frauen zu beſchäftigen, hatte er ſich an Ilda attachirt, anfangs aus langer Weile, ſpäter aus Intereſſe für ihre an⸗ muthige Perſönlichkeit, endlich aus Gewohnheit. Sie war ihm lieb wie ein Kind, vielleicht ſchmeichelte es auch ſeiner Eitelkeit in freundſchaftlicher Verbindung mit ihr zu ſtehen — kurz, ſie war die Sonne um die er ſich als kleiner dunk⸗ ler, doch treuer Mond drehte. Die Nebel und Wolken, welche ſeine Sonne verdüſterten, ängſtigten ihn, weil er fürch⸗ tete, ſie werde nicht Licht genug behalten, um ſie endlich doch zu durchbrechen. Und durchbrechen mußte ſie das Gewölk; das lag in ihrer Natur; das hatte ſie bewieſen nach Lord Henrys Tod. Er ſagte ihr das auch einmal und fügte hinzu: — 220— „Ein Weſen wie Sie iſt nicht von Sich Selbſt nöch von Andern zu berechnen; es überraſcht immer; es wird auch jezt wieder eine neue Wendung machen, die es noch ſchöner, noch vielfältiger darſtellt.“ Ilda entgegnete:„Ich weiß wol, daß wir Statuen glei⸗ chen, die der Cicerone langſam auf ihren Poſtamenten dreht, damit gehörig ihr ſchönes Profil und ihr ſchöner Rücken be⸗ wundert werde; aber ich bin's entſetzlich müde dieſe Wendun⸗ gen zu machen, denn an der Bewunderung liegt mir nichts, und ich bemerke, daß man dabei etwas aus dem Gleichge⸗ wicht, und in ſo heftige Schwankungen geräth, daß die Welt mitzuſchwanken ſcheint. Und ich verſichere Sie, das iſt ein unbehagliches Gefühl.“ „Sie werden ſagen wie einſt: ich will mit meinem Schmerz fertig werden— dann hören alle Schwankun⸗ gen auf.“ „O, ich will nichts mehr! ich will auch nicht ihn lie⸗ ben, ſondern nur frei ſein, ein Lüftchen im Aether, ein Tro⸗ pfen im Meer!— Ich denke immer an den alten Götz von Berlichingen, der ſagt: Wen Gott niederwirft, richtet ſich nicht ſelbſt wieder auf. Mich hat Gott niedergeworfen. Ich glaubte mich unverwundbar, wie Achill; ich glaubte der Pfeil des Schmerzes würde von mir abprallen; dieſe Zuverſicht machte mich vermeſſen und ich glaubte mich unwiderſtehlich. Das war Hochmuth und ich bin von ihm geheilt— aber ich habe den Glauben an meine Kraft verloren.“ Sie kamen nach Nürnberg, von der Ilda zu Polydor als von ihrer Lieblingsſtadt in Deutſchland geſprochen, und er fand, daß ſie dieſen Vorzug verdiene. Er verlebte zwei ſelige Tage zwiſchen den Gebilden voll Kraft, Anmuth und — 221— Phantaſie, die aus den Mirakelhänden von Peter Viſcher und Adam Kraft hervorgegangen— und in der Lorenz⸗ kirche, die an Grazie ohne Gleichen zwiſchen ihren deutſchen Schweſtern iſt. Ilda begleitete ihn, verſuchte zu zeichnen, wie er— verſuchte zu ſchreiben— es ging nicht! ſie ſagte: „Ich habe nicht Seele genug mir zu Gebot, um den Stein zu beleben— und ſo bleibt er mir eben... Stein.“ In München war es daſſelbe. Es giebt Stimmungen, in denen die Meiſterwerke der Kunſt keinen andern Eindruck machen, als die eines Schattenſpiels an einer weißen Wand. Ueber Inſpruck und den Brenner kamen ſie nach dem ſchö⸗ nen, warmen, von ſüdlicher Vegetation umgebenen Botzen— Polydors freundlicher Vaterſtadt, einſt ſeinem kindiſchen Auge die herrlichſte der Erde. Im Gaſthof empfing ſie eine junge, wunderhübſche Wir⸗ thin— wunderhübſch, obwol in einem Zuſtand, welcher der Frauenſchönheit höchſt ungünſtig iſt— kurz vor der Nieder⸗ kunft. Kaum war Polydor aus dem Wagen geſprungen und in die Thür getreten, ſo rief er freudig: „Grüß Dich Gott, Apollonie!“ und ſchüttelte herzlich ihre Hand. Die junge Frau konnte in dem vornehmen Herrn mit ſchwarzem Reiſemützchen und hellbraunen Handſchuhen unmöglich den Knecht ihres Vaters erkennen; ſie hielt ihn für einen Reiſenden, der vielleicht ſchon öfter ihren Gaſthof beſucht, denn allerdings kam er ihr nicht ganz unbekannt vor — und ſie machte ihm ihre beſte Verbeugung. „Aber kennſt Du mich denn gar nicht mehr, Apollo⸗ nie? ich bin ja der Polydor“— ſagte er, ihre Hand feſt⸗ haltend. „Jeſus Marie, der Polydor!“ jauchzte Apollonie, und — 222— die Freude gab ihren Wangen die früheren Farben zurück, „freilich erkenne ich Dich nun! aber Du biſt groß und ſchön worden!“ „Und Du— glücklich, wie ich ſehe.“ „Ich hab' einen gar braben Mann“— ſagte ſie zwi⸗ ſchen Verlegenheit und Stolz ſchwankend. Ildas Wagen fuhr vor. Polydor ging ihr entgegen und ſagte: „ Hier bring' ich Ihnen Apollonie, meine erſte Liebe! aber geſtehen Sie, daß ich kein ſonderliches Glück mit meiner Liebſten habe; es iſt höchſt verdrießlich, ſie gerade dann wie⸗ derzufinden, wenn ſie in Wochen kommen ſoll.“ „Ich lobe die Apollonie drum, entgegnete Ilda lachend; ſo machen es verſtändige Leute.“ Aber Apollonie hatte ſich ſchon bei dem Baron entſchul⸗ digt, daß die Herrſchaften nicht ſehr bequem logirt ſein wür⸗ den, weil ihr Haus bereits Gäſte habe— und wiederholte jezt auch vor Ilda ihre Entſchuldigung.. „Im Nothfall wohne ich bei meinen Eltern, ſagte Po⸗ lydor, und werde gleich hinausgehen, um mir ein Plätzchen auszubitten.“ „Nun, die werden eine Freude haben! rief Apollonie; aber wohnen kannſt Du doch nicht mehr bei ihnen. Ich will ſchon ein Kämmerlein für Dich herrichten.“ Polydor eilte zu ſeinen Eltern; der Baron ließ ſich Kaf⸗ fee geben und bereitete ſich an Ildas Mutter zu ſchreiben; Ilda wollte ſpazieren und in der Stadt umher gehen. Es war ein lieblicher Abend. Linde Luft thut einem traurigen Herzen ſo innig wol. Wenn das Schickſal es hart angefaßt und blutig gedrückt — 223— hat, ſo iſt die linde Luft wie ein Gruß, durch welchen die Natur ihm ſagen läßt:„Ich bin dir gut, du liebes Kind meiner Elemente! verwirf nur nicht die Verwandtſchaft mit mir, denn ſiehe, wenn dein Vater dir ernſt und ſtreng iſt und dich durch eine ſchwere Schule gehen läßt, ſo bin ich ja da wie eine treue Mutter, der ins Auge zu ſehen Troſt und Erquickung iſt.“— Darum lieben alle Menſchen, die viel gelitten haben, die Natur ſo ſehr, weil ſie ihnen gütig iſt wie eine Mutter, die des Vaters Strenge minder fühlbar machen mögte. Sie haben eine Sehnſucht, einen Drang zu ihr, der Manchen unbegreiflich, Andern übertrieben oder lä⸗ cherlich erſcheint; aber was wiſſen ſie denn von den Liebes⸗ ſchätzen, mit denen eine Mutter ihr leidendes, troſtbedürftiges Kind überſchüttet? Ilda ging an einer Kirche vorbei, durch deren geöfnete Thür ein heißer Stral der Abendſonne auf ein Madonnen⸗ bild mit herrlichen Blumen geſchmückt wie eine Vergoldung fiel. Sie betrat die Kirche und fand ſie leer; nur eine Be⸗ terin lag kniend vor dem Altar dieſes Bildes, den Rücken Ilda zugekehrt, in der Stellung der höchſten Andacht. Und doch war in der prächtigen Geſtalt, mit den ſchönen, nicht ſehr verhüllten Schultern, und mit der ungewöhnlichen Zier⸗ lichkeit des Anzugs, etwas ſo Weltliches, daß Ilda unwill⸗ kürlich dachte:„Dieſe Magdalene wird große Sünden zu büßen haben.“ 4 Ilda ſetzte ſich auf den Stufen des Chors nieder, ur⸗ ſprünglich in der Abſicht, das Antlitz der ſchlanken Beterin zu ſehen; da es aber von einem blaßrothen Hut ganz ver⸗ ſteckt war, ſo vergaß ſie ihre Abſicht, und die Gedanken nah⸗ men ihren gewohnten Lauf. Das Kirchlein voll Weihrauch⸗ — 24— duft und Sonnengold war wie ein einziger Altar. Es wurde einen Augenblick Sabbat in ihrer Seele; da zeichnete ſie in ein kleines Buch die Worte: Es ſteht in der Bibel geſchrieben Ein ernſtes, gewichtiges Wort: Den bitterſten Feind ſollſt du lieben, Dies heiſcht des Geſetzes Spruch dort. Ich bin bis zum Tode betrübet Und hing dem Gebot treu doch an— Er, den ich am meiſten geliebet, Er hat mir am weh'ſten gethan. Sie hatte ihren Hut abgenommen. Nun ſchloß ſie die Augen und legte den Kopf zurück an das Gitter, welches den Chor vom Schiff der Kirche trennt.„O, dachte ſie, iſt denn für mich lieben und klagen, beten und dichten nur Eins?“—— Plötzlich ſagte eine ſanſte Stimme:„ Gräfin Schön⸗ holm?“ Ilda ſchlug die Augen auf und ſah die Beterin vor ſich ſtehen. Sie war daran gewöhnt, gekannt zu ſein, ohne zu kennen, und deshalb nicht durch die Anrede, wol. aber durch die Schönheit der Redenden überraſcht. Dieſe fuhr fort: „Ich habe Sie an der Aehnlichkeit mit Ihrer kleinen Büſte erkannt, und an dem beſchriebenen Blättchen, und an dem Klopfen meines Herzens, als ich Sie ſah, nachdem ich um Rettung mich müde gebetet. Nicht wahr, Sie ſind Ilda Schönholm, Polydors Schutzengel?“ — 225— „O, rief Ilda mit lebhafter Bewegung, gönnen Sie doch dem armen Polydor Frieden— jezt kenne ich Sie, ohne daß Sie mir Ihren Namen zu nennen brauchten! Aber ich beſchwöre Sie, laſſen Sie ihn gehen, ziehen Sie ihn nicht in die Feſſeln zurück, die er gebrochen, weil ſie ihn wund drückten. Verſuchen Sie es nicht! er glaubt ſich geheilt, viel⸗ leicht iſt er's auch— aber Sie dürfen, Sie ſollen keinen neuen Verſuch mit ihm anſtellen.“ „Ach, ſagte Regine, ihr Geſicht mit beiden Händen ver⸗ deckend, ich liebe Polydor.“ Ilda ſah ſie mitleidig an und erwiderte ſanft:„Das glaub' ich nicht.“ „Sie haben ein Recht daran zu zweifeln— aber ich liebe ihn doch. Seit ich ihn nicht mehr ſehe, ſeit er mit ſeiner unbegreiflichen Liebe und ſeinem unerſchütterlichen Glauben mich nicht mehr verſöhnt mit der Kälte und Falſch⸗ heit der Welt, ſeit die Furcht auf mir laſtet— nein die To⸗ desangſt, daß dieſer goldreine Menſch nichts in mir ſieht, als ein erbärmliches, gefallſüchtiges Weib— o ſeitdem lieb' ich ihn doch.“ Sie ſank in Thränen ausbrechend auf die Stu⸗ fen nieder. Ilda fragte: „Iſt es denn aber möglich einen geliebten Menſchen zu quälen?“ „O ja, rief Regine, immer heftiger weinend, denn ge⸗ quält hab' ich ihn, aber ich liebe ihn doch.“ „Und was wollen Sie denn jezt von ihm— mit ihm?“ „Von ihm? mit ihm? nichts!... ich will ihn.“ „Das wird Polydor entſcheiden!“ ſagte Ilda kalt, ſtand auf und wollte die Kirche verlaſſen. Aber Regine hielt ſie am Kleide feſt und rief heftig: Ilda Schönholm. 15 — 226— „Ich laſſe Sie nicht gehen, denn Sie wollen Sich ſtel⸗ len zwiſchen ihn und mich, Sie wollen uns trennen! O Grä⸗ fin, ſeien Sie barmherzig und laſſen Sie ihn mir!... O wenn Sie wüßten, was ich gelitten, ſeit ich ihn nicht mehr ſehe— welch ein Fieber das Leben geworden— gewiß, ge⸗ wiß, Sie würden ihn mir nicht rauben.“ „Sie irren, entgegnete Ilda kalt, nicht ich— Sie Selbſt haben Sich Polydors beraubt.“ „Und giebt es denn kein Mittel, ihn wieder zu ge⸗ winnen?“ „Wenn Sie ihn wirklich lieben, ſo werden Sie vielleicht „Mittel finden. Ich weiß keine, mir fehlt— die Uebung.“ „Sie haſſen mich“, jammerte Regine und ließ Ildas Kleid los—„was hab' ich Ihnen denn gethan, daß Sie mich haſſen?“ „Ich bin zum Lieben geſchaffen, nicht zum Haſſen, er⸗ widerte Ilda ſanft und trübe; aber ich kann nicht wünſchen, daß Polydor wieder eine Verbindung eingeht, die bis jezt ſo feindlich auf ihn gewirkt hat, und darum beſchwöre ich Sie — gönnen Sie ihm Frieden!“ „Wo iſt er?“ rief Regine, raſch ſich erhebend. „Bei ſeinen Eltern— armen Landleuten“..— „Ich weiß! ich weiß! ich war draußen bei ihnen, ich habe ihnen geſagt, ſie ſollten mich wiſſen laſſen wenn ihr Sohn käme, denn ich müßte ihn ſprechen. Seit acht Tagen bin ich hier und warte, aber ich hätte gewartet bis zum Herbſt, bis zum Tode, bis zur Ewigkeit. Wiſſen Sie was warten heißt?“ Ilda ſagte mit gebrochener Stimme:„Ich warte nicht mehr— oder doch! ſetzte ſie nach einer Pauſe hinzu und — 227— ſah mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck gen Himmel— ich warte bis zur Ewigkeit.“ Da ſchlang Regine beide Arme um Ildas Nacken und bat mit ſanften Thränen:„O, Vergebung! Vergebung! ich ſehe nun, daß Sie nicht zwiſchen mir und ihm ſtehen.“ Sie verließen die Kirche Hand in Hand. Regine fragte: „Ob er wol ſchon von den Eltern heimgekehrt iſt? Wann wollte er wiederkommen? Hat er nichts geſagt? Aber er wird doch heute Abend noch wiederkommen, damit ich endlich, endlich einmal ſchlafen könne, denn ich finde keine Ruhe bis ich ihn geſehen. Nicht wahr, er kommt bald?“ „Ich weiß nicht“— ſagte Ilda zerſtreut. Reginens Aufgeregtheit ermüdete ſie, denn es war mehr nervöſe Un⸗ ruhe darin, als mächtige Bewegung der tiefen Leidenſchaft. Sie nahten dem Hauſe. Apollonie ſtand in der Thür. Ilda ſagte, um Reginens Aufmerkſamkeit anderweitig zu be⸗ ſchäftigen:. „Sehen Sie, die hübſche kleine Frau iſt Polhdors erſte Liebe.“ Regine drückte die Hände vor die Augen und rief:„O das thut weh! ſo hat er mir doch nicht die Wahrheit ge⸗ ſagt, wenn er mich ſo ehrlich verſicherte, ich ſei ſeine erſte Liebe!“ „Beruhigen Sie Sich! dieſe zog nur wie ein roſenrothes Wölkchen an dem Frühhimmel ſeiner Jugend dahin. Mit einem Kuß war ſie beendet.“ „Mit einem Kuß?— So hatte ich wol Recht ihm einen Kuß zu verweigern!... Doch jezt ſcheint mir, ein Kuß müſſe ſie ins Leben rufen.“ . 15* — 228— Apollonie war verſchwunden, als ſie die beiden Damen kommen ſah, und hatte den Baron von Ildas Ankunft be⸗ nachrichtigt. Er kam ihr an der Treppe mit einem ganz verſtörten Geſicht entgegen und ſagte ohne Weiteres:„On⸗ dine iſt hier.“ Ilda rief:„Wo? wo?“ und flog die Treppe hinan. „Um Gottes Willen! flehte der Baron athemlos ihr nachkeuchend, erſchrecken Sie nur die Arme nicht und nicht Sich Selbſt, ſie iſt“..— „Was?“ fragte Ilda mit leiſem Schauder ſtillſtehend. „Krank im Gemüth— verwirrt“— „Wahnſinnig! allmächtiger Gott!“ rief Ilda, todten⸗ bleich gegen die Wand ſinkend. „Nein, nicht gerade wahnſinnig, entgegnete der Baron, ſie bei der Hand in ihr Zimmer führend; aber geiſtig zer⸗ brochen, gemüthskrank. Der Kammerdiener der Gräfin On⸗ dine, den Sie wieder mitgenommen haben, erkannte einen kleinen italieniſchen Gärtnerburſchen, den Ondine als Bedien⸗ ten bei ſich hat, und ſo kamen wir denn ſchnell genug zur Kenntniß ihres deplorablen Zuſtandes. Sie bewohnt die Zimmer im Hof. Ich war ſchon da. Der Ludwig führte mich zu dem Kammermädchen, das mich innig gerührt hat“— „Kommen Sie, lieber Baron, bringen Sie mich zu ihr! o meine Ondine!“— ſagte Ilda erſchöpft. Sie ſtand auf; aber ſie zitterte an allen Gliedern und ihre Lippen bebten krampfhaft. Der Baron ſah ſie bekümmert an und ſprach: „Sie ſind ſo angegriffen, warten Sie noch ein wenig.“ „Nein, wenn ich ſie ſehe, wird mir beſſer ſein.“ *⁴ 2»* * — 229— Sie gingen. Der Baron klopfte leiſe. Ludwig öfnete. Ilda erblickend, ſtürzten ihm die Thränen aus den Augen und er zeigte nach dem zweiten Zimmer. Sie drückte die Hände gefaltet auf die Bruſt und trat gefaßt ein. Ondine ſaß in einem Lehnſtuhl am Fenſter, wachsgelb, mit ſcharfen, eingeſunkenen Zügen, und dem unheimlich zerſtreuten Blick der Geiſteskranken; neben ihr Hedwig, die mühſam ihre Thrä⸗ nen verhielt. „Ilda! ſagte Ondine tonlos und ſchauerlich ruhig, da biſt Du ja; ich hab' es immer der Hedwig geſagt, daß wir uns hier treffen würden. Wann kommt Askanio?“ Sie hatte ihre welke, magere Hand nach Ildas Hand ausgeſtreckt, ergriff ſie, drückte ſie an ihre Lippen und ſprach mit Blick und Ton aus früherer Zeit: „Meine liebe, vielgetreue Ilda verläßt mich nicht.“ Ilda war vor ihr auf die Knie geſunken, verbarg das Geſicht in ihrem Schooß nnd ſchluchzte konvulſiviſch. Da ſagte Ondine verdrießlich: „Ich mag nicht, daß man weint; ich bin des Weinens ganz überdrüßig— und recht luſtig! und wenn Askanio erſt kommt“...— Sie ſah zum Fenſter und zum Himmel hin⸗ auf und lächelte geheimnißvoll, unbeſtimmt, ſchauerlich; denn nur die Nerven, nicht die Seele bewegten ihre Züge. Die Seele ſchien verbraucht zu ſein. Ohne irgend ein Zeichen von Theilnahme oder Freude ſaß ſie da und murmelte dann und wann:„Wenn Askanio gekommen iſt, will ich.— oder: Askanio wird bald kommen, und dann”...— Es ſtörte ſie gar nicht, daß Hedwig zu Ilda ſagte: „Gewiß war die fürchterliche Unruhe, mit der ſie dar⸗ auf drang Ihnen entgegen zu reiſen, gnädige Gräfin, ſchon * — 230— Krankheit; aber, lieber Himmel! wie konnte ich unerfahrnes Mädchen das ahnen! Sie führte wol Reden, die ich nicht verſtand— aber das war mir ſchon den ganzen Winter hin⸗ durch paſſirt. So reiſten wir denn in Gottes Namen ab und nahmen den Carlo mit als Bedienten, ein guter, willi⸗ ger Burſche! So wie wir in dem Wagen ſaßen, verfiel die Gräfin in ihren gegenwärtigen Zuſtand, ſie war nämlich ganz ſtill und ſprach in drei oder vier Tagen kein Wort. Natürlich wagte ich nicht ſie durch Fragen zu ſtören, ich gönnte ihr die Ruhe. Aber als ſie endlich anfing zu reden, und ſtets von Ihnen, gnädige Gräfin, und vom ſeligen Gra⸗ fen— doch ſo zerſtreut und verwirrt— ach, da erkannte ich wol unſer Elend, und Gott weiß, wie ich mich geängſtigt habe! Ich nahm mir auch gleich die Freiheit Ihnen zu ſchreiben, um mir Ihre Befehle zu erbitten, allein der Brief kann lange noch nicht in Ruhenthal ſein. In Inſpruck wollte ich Ihre Ankunft abwarten, denn man hatte mir geſagt, das ſei die nächſte Straße aus Norddeutſchland nach Italien, und ich wußte wol, daß gnädige Gräfin die nächſte wählen würden.“ „Doch als wir vorgeſtern hier anlangten, erklärte die Gräfin ſehr beſtimmt, hier wolle ſie bleiben, und keine Bit⸗ ten noch Vorſtellungen konnten ſie bewegen, ihren Entſchluß zu ändern. Die Wirthin hier im Gaſthof, die wirklich en⸗ gelsgut iſt, hat Alles gethan, um es uns ſo bequem als möglich zu machen, auch einen Arzt herbeirufen laſſen— doch der verſchrieb calmirende Pulver, und damit iſt nicht geholfen.“ „ Nein, gute Hedwig, damit i*ſt nicht geholfen! ich werde⸗ 3 jezt an den Comer⸗See gehen und meine arme Couſine mit ¹ ** mir nehmen. Da iſt reine Luft, ſchöne Gegend, ärztliche Hülfe, Stille, vielleicht wirkt das günſtig. Wo nicht, ſo gehe ich mit ihr nach Florenz oder Rom zu berühmten Aerzten.“— In ſolchen Geſprächen verging die Zeit. Da kam der— Baron, wieder ganz verſtört, ins Zimmer und ſagte zu Ilda: „Es iſt ein Frauenzimmer da, eine Dame, was weiß ich! die mit der größten Heftigkeit Sie zu ſprechen verlangt. Ihre Leute haben ſie zu mir geführt, weil ſie nicht im Stande waren ſie zu beruhigen. Doch ich konnte mich nicht mit ihr verſtändigen, und ich weiß noch nicht, ob ſie eigentlich Sie oder Polhdor zu ſehen wünſcht. Dies Botzen iſt ein unru⸗ higer Ort.“ Ilda küßte Ondine auf die Stirn und verließ ſie ſeuf⸗ zend. An der Thür ihres Gemachs flog Regine ihr entge⸗ gen und rief: 3 „Es wird Nacht und Polydor kommt nicht! Erbarmen Sie Sich und laſſen Sie ihn rufen!“ „Es wird das Beſte ſein“, erwiderte Ilda, und ſie ſchrieb ihm haſtig: „Durch Ihre Eltern werden Sie wiſſen oder ahnen, daß „Gräfin Regine Sie hier erwartet, und ganz entſchloſſen „iſt ſich mit Ihnen zu verſtändigen; verſchieben Sie alſo „nicht die unabwendbare, peinliche Szene, und kommen „Sie gleich, denn ſie iſt wie auf der Folter, aber— wun⸗ „derbar ſchön.“ „Mein Bedienter ſoll das Billet hinbringen, ſagte Re⸗ gine, er kennt den Weg, er kennt Polhydor. Eine halbe Stunde werde ich wol noch warten müſſen— die Kraft habe ich, mehr nicht... wenn er kommt, ſchicken Sie ihn gleich zu mir— nicht wahr?“ Ilda gab ihr die Verſicherung. Regine ging mit dem Billet. Fünf Minuten ſpäter trat Polydor in Ildas Gemach und ſagte:. „Regine iſt hier; meine Eltern haben ſie mir beſchrie⸗ ben, den Namen wußten ſie zwar nicht— aber nur ſie kann es ſein.“ „Freilich harrt ſie Ihrer und hat Ihnen ſo eben Bot⸗ ſchaft geſchickt.“ „Da will ich gleich zu ihr gehen.“ „Sind Sie feſt, mein armer Polydor?“ „Feſt und ruhig.“ „So gehen Sie— und Gott mit Ihnen.“ Regine lag in ihrer gewöhnlichen Stellung auf dem Sopha, als der Bediente Polydor bei ihr einführte. Doch kaum war die Thür hinter ihm geſchloſſen, als ſie vom Sopha herab und auf ihre Knie glitt, und die Arme zu ihm erhebend, flehend ſagte: „Polhdor, können Sie mir vergeben?“ „Demüthigen Sie mich nicht, gnädige Gräfin“— ſprach er ſanft, hob ſie auf und ließ ſie auf dem Sopha nieder. „Ach, ſagte ſie weinend, da Sie ſo ruhig zu mir reden, ſehe ich, daß Sie mich nicht mehr lieben.“ Er ſchwieg. „Haben Sie denn weder ein tröſtendes noch ein freund⸗ liches Wort für mich, Polydor, und ſehen doch, wie ich Ih⸗ retwegen leide?“ „Hatten Sie einſt ein tröſtendes Wort für mich?“ fragte er hart. „Nein! aber daß ich es nicht hatte, macht mich ja elend.“*. „O Gräfin, was kann ich Ihnen ſagen? jedes Wort, mein Anblick ſogar, muß Ihnen weh thun!“ „So iſt die Liebe ganz todt in Ihrem Herzen— dieſe Liebe, die einſt nur mein kindiſcher Triumph war und jezt mein Stolz wie meine Seligkeit ſein würde?“ Polydor ſtand wie damals vor ihr, hoch aufgerichtet, blaß und bewegt— aber ohne Zorn, und ſo ſagte er auch: „Der Glaube iſt todt! und was iſt Liebe ohne Glau⸗ ben? Sie haben mit mir geſpielt, mich gequält, mich tödtlich verwundet, das vergebe ich Ihnen gern— doch vergeſſen kann ich es nicht, kann kein Vertrauen zu der Frau faſſen, die mich mit kalter Verachtung von ſich wies, nachdem ſie mich mit füßer Liebesvorſpiegelung angezogen. Und wenn Sie mir auch jezt tauſend Zeichen und Beweiſe der Liebe geben— ich könnte Ihnen doch nicht mehr glauben, würde jezt unter Ihren Schwüren und Küſſen mir ſagen: ſie liebt dich nicht— ſie ſpielt nur mit, dir.— Ich muß an das Weib glauben können, das ich lieben ſoll. Mag ſie irren, mag ſie fehlen, mag ſie mir weh thun— ich werde nicht blos vergeben, ſondern auch vergeſſen; doch reines⸗ Herzens muß ſie ſein, ohne Falſchheit, ohne Lüge.“ „Sie ſprechen mein Todesurtheil“— ſprach Regine dumpf. „Nein, Sie ſind ſo jung und ſchön, daß das Leben noch in ſeiner ganzen Herrlichkeit vor Ihnen liegt, wenn Sie nur dieſe Herrlichkeit erkennen, und nicht Flittergold und — 234— Puppenſpiele dafür anſehen wollen. Sie können noch ſehr glücklich werden, ſobald Sie Sich entſchließen, glücklich zu machen.“ 4 4 Sie ſah ihn an mit einem ihrer faseinirenden Blicke, der vor vier Wochen ihn zu ihren Füßen hinabgezogen ha⸗ ben würde. Doch heute glitt er an ſeinem Buſen ab, wie der Blitz am Marmor. Sie verhüllte das Geſicht, und winkte ihm mit der Hand ſie zu verlaſſen. Da ſagte er bewegt: „Gott ſegne Sie“— und ging. Als er an der Thür war, rief ſie: 4 „Polydor!“— Er blieb ſtehen. Sie flog durch das Zimmer, warf den Arm um ſeinen Hals, drückte ihn heftig an ihre Bruſt, und noch heftiger einen Kuß auf ſeine Lip⸗ pen, und drängte ihn aus der Thür. Nachts um zwei Uhr verließ Regine Botzen. „Ward Ihnen der Abſchied ſchwer?“ fragte Ilda am nächſten Morgen Polydor. 4 „Nein!— Die Liebe iſt todt.“— „Aber ihr?“ „Sie war anfangs ſehr niedergeſchlagen, dann ſehr hef⸗ tig, aber ſie wird ſich faſſen und tröſten.“ „Wie ſie mir erzählte, hat ſie wirklich nach Ihrem Ver⸗ ſchwinden Unglaubliches gethan und gelitten“ „Die Ueberraſchung war groß, das böſe Gewiſſen quälte ſie, die Unruhe, was aus mir geworden ſei, die Unwiſſenheit, welch Ende die ganze Sache nehmen würde— kurz, die Neuheit der Situation brachte ſie aus der Faſſung. Nun, da Alles und auf immer abgethan iſt, wird ſie ſehr ſchnell ihre frühere Haltung gewinnen.“ „Ich glaube auch nicht, daß ſie von dem Stoff iſt, aus dem man die großen Leidenſchaften macht. Schmerzliche Aufwallungen mag ſie haben, aber keinen unvergänglichen Schmerz.“ „Jeder Schmerz iſt vergänglich, denn wir ſind glücks⸗ bedürftig, und ein Sternchen Glück macht eine ganze Schmer⸗ zensnacht hell.“ „Das iſt brav! ſo muß man denken bei einundzwanzig Jahren.“. „Wir ſind ſchon wieder bei unſerer alten Gewohnheit des Disputirens, denn ich behaupte, daß man ſtets ſo denken und nie ſich einbilden muß, mit Schmerz oder Freude die Rechnung abgeſchloſſen zu haben.“ „Lieber, die Stelle welche vom Blitz getroffen war, blieb den Alten heilig, ſie überbauten, ſie nie, ein Gott hatte ſie berührt. So mein' ich ſolle auch der Menſch das Plätz⸗ chen heilig achten, das in ſeiner Seele vom Blitz verſengt ward. Auf andern Stellen mögen Blumen erblühen und Altäre ſtehen— auf dieſer nicht. Es können allerlei Freu⸗ den und Schmerzen kommen, aber die eine, beſeligende— aber der eine, vernichtende— die kommen nicht wieder, und es iſt gut ſich darüber keine Illuſtonen zu machen.“ „Die Reſignation ſteht Ihnen ſeltſam, Gräfin.“ „O, ich bin nicht reſignirt, gar nicht, guter Polhdor! ich mag ja nicht meinen Schmerz tragen, ſondern ich mögte zu ihm ſprechen: Du ſollſt meine Wonne ſein und mein Triumph!— und vielleicht gelingt es mir. Wenn ich nur erſt ſo viel Kraft gewonnen habe, um unter den ewigen Freiheitsbaum der Poeſie mich zu flüchten— dann, Poly⸗ dor, iſt es mir gelungen.“ 4 7— 236— Der Baron endete nach drei Tagen des Aufenthalts in Botzen ſeinen Brief an Ildas Mutter: „Und ſo reiſen wir denn morgen früh mit der armen „Kranken an den Comer⸗See, wo Ihre Tochter eine Villa „zu bewohnen denkt, die ſie auch im vorigen Sommer „bewohnt hat. Polydor wird nicht lange dort verweilen, „ſondern nach Rom gehen zu ſeiner Kunſt. Ilda hat „großes Verlangen nach Stille und Einſamkeit; gar keins „nach der Geſellſchaft. Ach, theure Gräfin, die Welt iſt „langweilig, kalt und ſchwerfällig, zuweilen grauſam, wie „ein Maſchinen⸗Räderwerk. Die lieblichſten Erſcheinun⸗ „gen gehen darin zu Grunde. Ondine zerbricht; Ilda „flieht. Ich bin ganz trübſinnig, und die Erde iſt doch „ſo ſchön.“ Seitdem ſind zwei Jahre vergangen. Polydor ſchreitet fort auf ſeiner glänzenden Laufbahn, und die Kunſt iſt ſeine Geliebte Ildä lebt in Italien und der Schweiz, bewundert, gefeiert, ſorgſum den Purpurmantel über ihrem Herzen zu⸗ ſammenhaltend. Ondine ſchlummert an der Pyramide des Ceſtius. Regine ſteht im Begriff, eine glänzende Vermäh⸗ lung aus herzlicher, gegenſeitiger Neigung zu ſchließen. Und Otto?— Otto macht ſicher und ruhig ſeinen Weg durch die Welt; der Mann, der ſich ſelbſt beherrſchen kann, iſt geſchaf⸗ fen um ſie zu beherrſchen. —— Gedruckt bei J. Petſch in Berlin.