4 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8 Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 3 Uhr offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 n„—„ 3„ ⸗„ 5. 5. Auswärtige Abonnenten baben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 3 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. ſnsſetheeri. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. .“ 5 8 — 3 — Fausend und Ein Tag. Mhaaeuinaſs⸗ Cathunae Aus dem Persischen, Turkischen und Arabischen nach Petis de la Croix, Galland, Cardonne Chawis und Cazotte, dem Grafen Caylus und Anderen, ü b er ſ e t von F. H. von der Hagen. gebnter Band. Prenzlau, Druck und Verlag der Ragoczyſchen Buchhandlung. 1 8 2 9. Tauſend und Ein Tag. Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. Zehnter Band. Inhalt des zehnten Bandes. Geſchichte des Laſttraͤgers-⸗ ⸗ Fünfhundert und zwei und neunzigſter Tag Geſchichte eines Raͤubers in Seiſtan. 593ſter Tag 7 7 2 7 2 2 Beſchluß der Geſchichte des gaſträgets. 594ſter Tag⸗ ⸗ ⸗ Geſchichte des Juwelenbändlers 595ſter Tag⸗ ⸗ ⸗ Abenteuer des Prinzen Abdulſelam und der zeſſinn Schelniſſa. 596ſter Tag 7 2 27 9 u 3 597 ſter Tag 2 2 2 Geſchichte der Lhinzeſinn u von elins 5 ͦſter Tag ⸗ 2- ⸗ 5 09ſter Tag ⸗ ⸗ ,⸗ ⸗ ⸗ 600ſter Tag Abdulſelam nads Schelniſa. Fortezuns 6oIſter Tag⸗ ⸗ ⸗ Geſchichte des Baders ⸗. e. 24 Abdulſelam und Schelniſg. Beſchluß. 602ter Tag ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 603ter Tag 604ter Tag 605ter Tag 606ter Tag 607ter Tag 608ter Tag 600ter Tag 610ter Tag 61Iter Tag 612ter Tag 613ter Tag 614ter Tag Die Braut ihrer 615ter Tag 616ter Tag Geſchichte Ak⸗ Beyn 617ter Tag 618ter Tag 619ter Tag 620ſter Tag 62 Iſter Tag 622ſter Tag 623ſter Tag 624ſter Tag 8* NNRNnVyn n Nn K u n u 8 a N ANN N R u 625ſter Tag 626ſter Tag . Nu mUnn B A n w u uA A WNN u N 2 2 2 62 U V A v NVUu N N wM ruͤder u N NunN A uNu n h a 1 u NKNu N N A A N K w Ka n NNu a /N u Geſchichte der drei Buckligen. — nnNungnn n u A R NU A 3, Tachter Abd AN NuaRu AU N u u A n uUn N a K V N N N AAn u n 9 8 A N n RN N u A U a. u vnu u V ANA A NN d NNN n d9 nu N u u u 5 U N N n d u A uNuDn uu u nNa nn 8 RK 9 N R Unu8un n n ANNn Rn n N a A a NNn An n N uN A d Nu Ann u 627 ſter Tag 628ͤſter Tag 62 9ſter Tag 630ſter Tag 63 1ſter Tag 632ſter Tag ⸗ vn NNn u U A. N Das fuͤrwitzige Paar. 633ſter Tag ⸗ 634ſter Tag ⸗ 635ſter Tag ⸗ Harun Alraſchid und die beiben Bettler. 636ſter Tag ⸗ Mehemet Aly. 637 ſter Tag 638ͤſter Tag 639ſter Tag 640ſter Tag Die vierzig Veſyre. 641ſter Tag 642ſter Tag 643ſter Tag 644ſter Tag un un u Geſchichte der beiden Koͤnig 645ſter Tag ⸗ 646ſter Tag ⸗ Die beiden Koͤnige. 642 ſter Tag ⸗ 7 VU N n NN u u n u nhalt. 2, ⸗ 2 r ⸗ ⸗ „ 2⸗ 2. 2 2 2 2 2 21 ⸗ 2* 2 2 2— 2 2 2 1* 2 ⸗ 2 2 ⸗ * 5 ⸗ 2 ⸗ ⸗ 2⸗ u n u N R „ un n nU nu u u BU NU U V u u d N N u NNaunn u un u n a uN u n u u d nn n V A u N„ u u Un un n vu u u u NnAnn u u U N n u n u VII Seite 130 134 137 142 146 149 154 158 161 164 167 170 175 180 183 187 191 195 198 200 203 207 VIII Inh a — — 648ſter Tag ⸗ 649ſter Tag ⸗ 650ſter Tag ⸗ Der Prophet Elias. 65 1ſter Tag ⸗ 652ſter Tag⸗⸗ ⸗ Geſchichte des Oberſtallmeiſte 653ſter Tag 65 4ſter Tag 655ſter Tag 656ſter Tag 657 ſter Tag ⸗ Geſchichte von dem angenommenen Sohne⸗ 658ſter Tag ⸗ ⸗ ⸗ u u N C NA N u d H uu AA u u d A N R 8 u d Saddyk u 8 u NG* da u d g A A KNNR ahn NA A a N a a a NRun u NGn G A N N N GK nR N N 3 NN 65ſter Tag⸗⸗ ⸗ 2 ⸗ 660ſter Tag 7 2 Geſchichte von einem Schneider und ſener Frau. 66 1ſter Tag 662ſter Tag 663ſter Tag 664ſter Tag Geſchichte von der 665ſter Tag 2 666ſter Tag ⸗ 662 ſter Tag ⸗ Geſchichte des alten Kdnigs 1 von Aethiopien und ſeiner drei Soͤhne. Au N N NA 3 u Gn N G N d9 9 an Nn A NA Voͤgeln Salor N N u u—nn n u Au K n N un A — uR u A A A Seite 210 213 216 218 221 224 227 231 235 237 239 240 243— 246 2490 252 256 258 261 265 Inhale. IX Seite 668ſter Tagg⸗⸗⸗ ⸗ ⸗ 2 ⸗ 266 66 9ſter Tag 5 7 2 2 269 67 oſter Tag= 2= 223 67 Iſter Tag⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 277 Geſchichte des 3Koͤnigs Tagrul⸗Vev und ſeiner Söhne 627 2ſter Tag⸗⸗ ⸗ ⸗ 280 Geſchichte von einem Moͤnch und einem Muſelmanne. 67 Zſter Tag ⸗ 7 2 2 7 2 2 284 b 74ſter Ta 2*. ⸗ ⸗ ⸗ 2 285 Togrul⸗Bey und ſeine drei Süßne Beſchluß. 67 5ſter Tag ⸗ ⸗ 2 2 2 ⸗ 291 67 6ſter Tag⸗ ⸗ ⸗ ⸗* 293 Geſchichte des Santons Barßißa. 677 ſter 2 Tag 7 7 ⸗ 296 67 Sſter Tas 299 67 oſter Tag⸗ ⸗ ⸗ 2 ⸗ ⸗ 302 Geſchichte von dem Kͤnig Kutbeddin und der ſchoͤnen 4 Guͤlruch. 680ſter Tag ⸗ 2 2 7 304 681ſter Tag ⸗ 2 ⸗ 2 2⸗ 2 307 b Tauſend und Ein Tag. Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. Geſchichte des Laſttraͤgers. In Bagdad lebte ein Steinmetz, namens Abdul⸗ lah Dſcherberi, der nur einen Sohn hatte, welchem er eine ſo gute Erziehung gab, wie ihm nur moͤglich war. Als er fuͤhlte, daß der Engel des Todes ſich ihm nahete, ließ er dieſen geliebten Sohn, den einzi⸗ gen Gegenſtand ſeiner Zaͤrtlichkeit, zu ſich kommen, um nooch den Troſt ſeiner Umarmung zu haben. Er hatte auch noch Zeit, ihm gute Lehren zu geben, welche er ihm, bei ſeiner großen Jugend, noͤthig erachtete. Nach⸗ dem er ihn ermahnt, niemals von den goͤttlichen Ge⸗ ſetzen abzuweichen, beſchwur er ihn vor allen Dingen, nicht am Abend zu ſorgen, was er am naͤchſten Tage 9 1 2 591. Ta g. thun ſolle. Er umarmte hierauf ſeinen Sohn, und verſchied.. Der junge Dſcherberi, der noch nicht zwanzig Jahr alt war, hegte in ſeinem Herzen nicht lange den Stachel des Schmerzes, welchen der Verluſt eines ſo guten Vaters ihm haͤtte tief eindruͤcken ſollen. Außer der fahrenden Habe und den Haͤuſern, welche er erbte, fand er noch in einem Gewoͤlbe des Wohnhauſes fuͤnf mal hunderttauſend Zeckienen, welche in funfzig Gefaͤßen, jedes zu zehntauſend Stuͤck, bewahrt lagen. Dieſe Summe daͤuchte dem Juͤngling, der noch keine Be⸗ griffe von Reichthuͤmern hatte, die Schaͤtze Indiens; er uͤberließ ſich alſo jeglicher Verſchwendung, die ſich ihm darbot; er kaufte Frauen zu ſeinem Vergnuͤgen, und kleidete ſie praͤchtig; er hielt offene Tafel fuͤr alle junge Leute ſeines Alters, welche ihm beſtaͤndig den Hof machten und unablaͤßig ſeine Eitelkeit naͤhrten durch Lobpreiſungen ſeines Aufwandes, ſeiner Muſik, der Kdſtlichkeit ſeiner Weine und der Feinheit ſeiner Gerichte. Eine ſolche Lebensweiſe hatte bald ſein ganzes Erbtheil verſchlungen. Als er alle ſeine Goldgefaͤße er⸗ ſchoͤpft hatte, verkaufte er ſeine Haͤuſer in der Stadt und ſeine Landhaͤuſer, und behielt noch die Frauen ſo lange als moͤglich. Aber zuletzt war er genoͤthigt, auch dieſe zu veraͤußern, um voͤllig ſeine Schulden zu —y . Der Laſttraͤger. 3 bezahlen; denn ſein Herz war auf die Saͤulen der Ehre und der Redlichkeit feſt gegruͤndet. So war er denn binnen kurzer Zeit ohne Gut, und folglich ohne Freunde. Gluͤcklicherweiſe hatte die Natur ihn mit einer Staͤrke und Geſundheit begabt, welche durch die Ueppigkeit nicht geſchwaͤcht waren. Weil ihm nun keine andere KHuͤlfsmittel uͤbrig blieben, ſo ergriff er das Gewerbe eines Laſttraͤgers; und es waͤhrte nicht lange, ſo wurde er allen ſeinen Hand⸗ werksgenoſſen in Bagdad vorgezogen, wegen der unge⸗ heuren Laſten, welche er tragen konnte, wegen ſeines Verſtandes, und wegen der Munterkeit, womit er ſeine Arbeit verrichtete. Denn zu dem Rathe ſeines Vaters, der ihm empfohlen hatte, am Abend nicht fuͤr den kuͤnftigen Tag zu ſorgen, befolgte er noch den Grund⸗ ſatz, heute zu vergeſſen, was er geſtern gethan hatte. Auch war er bald der gluͤcklichſte Mann in ganz Bag⸗ dad. Seine Arbeit machte ihm keine Beſchwerde; und er war nicht mehr von den Luͤſten abhaͤngig, deren Sklave er geweſen war. Er kannte nun die Falſchheit der Freunde; man achtete ihn in ſeinem Stande; und er arbeitete nicht mehr, als er nothwendig zu ſeinem Unterhalte bedurfte; er hatte keine Weiber, keine Kin⸗ der, und blieb nuͤchtern. Kurz, er war der gluͤcklichſte aller Muſelmaͤnner. Als er einſt um Mitternacht von einem Landhauſe kam, wohin er einen Ballen getragen hatte, und am 4 4 591. Tag. uUfer des Tigris hin ging, hoͤrte er eine Frauen⸗ ſtimme aus der Mitte des Stromes her; ſie rief: „Um Gottes willen, kommt mir zu Huͤlfe!“ Der Ton dieſer Stimme war ſo ruͤhrend, daß Dſcherberi ſich nicht beſann, ſondern ſeine Kleider ab⸗ 1 warf, ins Waſſer ſprang, hin ſchwamm, und ſo gluͤck⸗ lich war, die Ungluͤckliche zu retten, in demſelben Au⸗ genblick, da ſie ſich noch kaum uͤber dem Waſſer er⸗ hielt, und ihre Kraͤfte ſie eben verlaßen wollten. Er brachte ſie, trotz dem reißenden Strome, ans Land. Und als ſie ſich etwas von ihrer Angſt erholt hatte, bat ſie ihn, ſie bis zu ihrem Hauſe zu begleiten, wel⸗ ches ſie ihm bezeichnete. Oſcherberi that es willig. Als er an die Thuͤre kam, hoͤrte er drinnen Kinder weinen, welche nach ihrer Mutter verlangten. Er trat mit ihr in das Haus; die gerettete Frau erſchien hier dem Dſcherberi von hinreißender Schoͤnheit; ſie noͤthigte ihn zum ſitzen, ließ Feuer anzuͤnden, ſeine Kleider zu trocknen, und erzaͤhlte ihm ihre Geſchichte, welche ſie tauſendmal unterbrach, um ihm ihre uͤberſchwaͤngliche Dankbarkeit zu bezeugen: „Es ſind nun ſieben Monate, daß eine alte Frau in mein Haus trat und zu mir ſagte: „Ich habe noch niemals die Predigt verſaͤumt, welche in der großen Moſchee gehalten wird: aber heute ſind Geſchaͤfte dazwiſchen gekommen, welche mich abgehalten haben, meine Abwaſchung zu verrichten. Der Laſttraͤger. 5 Du weißt, daß ich, ohne die Erfuͤllung dieſer Pflicht, die Moſchee nicht betreten darf. Ich bitte dich alſo,“ fuhr ſie fort,„mir einen Topf voll Waſſer zu leihen.“ Ich gewaͤhrte ihr ihre Bitte; ſie wuſch ſich, be⸗ gab ſich nach der Moſchee, und kam darauf wieder, mir zu danken. Ich lud ſie zum Mittagseſſen bei mir ein, weil ich nichts beſſeres thun zu koͤnnen dachte, als eine Frau in mein Haus zu ziehen, welche mir ſo andaͤchtig erſchien, und die ich vermoͤgen konnte, Gott fuͤr meinen abweſenden Mann zu bitten. Sie aber lehnte es ab, und erwiederte mir: „Meine Tochter, ich werde Gott bitten, dir den Dienſt zu vergelten, welchen du mir erwieſen haſt; aber es ziemt ſich nicht fuͤr eine Frau meines Alters, außer ihrem Hauſe zu eſſen.“ Nachdem ſie mir tauſend Segnungen angewuͤnſcht hatte, verließ ſie mich. Fuͤnfhundert und zwei und neunzigſter Tag. Seit dieſer Zeit hat ſie mich jeden Freitag beſucht; auch vorgeſtern kam ſie, wie gewoͤhnlich, und ſprach zu mir: „Du haſt mich ſchon oft eingeladen, laͤnger bei dir zu verweilen; wenn es dir nun recht iſt, ſo will ich dieſen Abend deinen Wunſch erfuͤllen, ich will beirn 6„ 592. Tag. dir ſpeiſen, und dann wollen wir die Nacht im verein⸗ ten Gebet fuͤr die Heimkehr deines Mannes zubringen. Ich mache aber dabei eine Bedingung, naͤmlich, daß du morgen mich ganz fruͤh nach einem Landhauſe be⸗ gleiteſt, wo das Verloͤbnis einer von meinen Verwand⸗ ten ſoll gefeiert werden. Ich verſpreche dir noch, dich wieder heim zu begleiten.“ Ich nahm ihr Erbieten an: wir gingen geſtern mit Anbruch des Tages aus meinem Hauſe, wir fanden ein Boot, welches uns uͤber den Tigris ſetzte, und kamen in eine wenig bewohnte Gegend. Ein abgelebter und ſehr ſchlecht gekleideter Greis nahm uns beim Ausſtei⸗ gen in Empfang, und fuͤhrte uns nach einer Schaͤferei, wo wir eine Geſellſchaft von etwa funfzehn Frauen antrafen. Ungeachtet der Freundlichkeit, womit ſie mich bewillkommneten, erweckte mir jedoch alles, was ich hier ſah, Verdacht, und uͤberzeugte mich, daß die Alte mich betrogen hatte. Ich fragte ſie mit großer Unruhe, wo denn die Hochzeit waͤre, welche ſie mir angekuͤndigt hatte. Sie verſicherte mich, dieſelbe faͤnde am Abend ſtatt, wenn die Liebhaber aller der Maͤdchen, die ich hier ſähe, angekommen waͤren.„Alsdann,“ fuͤgte ſie hinzu,„ſpeiſen wir zuſammen; wir trinken Wein, und du kannſt dich auch demjenigen zugeſellen, der dir am meiſten gefaͤllt.“ —.— Mehr bedurfte ich nicht, um zu begreifen, in wel⸗ chen Abgrund des Unheils dieſe boshafte Alte mich ge⸗ — ,— Der Laſttraͤger. 7 ſturzt hatte. Indeſſen unterdruͤckte ich meinen Schmerz und verbarg meine Unruhe; aber ich wandte mich in der Stille meines Herzens an Gott und flehte zu ihm: „Du, der du die Unſchuldigen und Bedraͤngten beſchirmeſt, errette mich aus der graͤßlichen Noth, in welche ich gerathen bin!“ Dieſes Gebet zerſtreute meine Angſt und ich ſagte zu der Alten mit weniger Beklommenheit: „Ich bin dir ſehr verbunden, daß du mich an ei⸗ nen Ort gefuͤhrt haſt, wo ſich Vergnuͤgungen darbieten, welche ich in meiner Einſamkeit nicht erwarten durfte.“ Dieſe Worte taͤuſchten die Alte, und wir unterhiel⸗ ten uns den ganzen uͤbrigen Tag nur von den Freu⸗ den, welche die Nacht mit ſich bringen wuͤrde. Als die Sonne untergegangen war, ſah ich von verſchiedenen Seiten her etwa zwanzig Raͤuber ankom⸗ men, die meiſt verſtuͤmmelt waren. Sie gruͤßten die Alte, und fragten ſie, warum ſie ſo lange ausgeblie⸗ ben waͤre. Dieſe entſchuldigte ſich, mit der Muͤhe, welche ſie ſich gegeben, mich ihnen zu verſchaffen. Hierauf ſtellte ſie mich ihnen vor, und ſie geſtanden, daß ſie ihnen noch nie eine Frau zugefuͤhrt haͤtte, welche mehr nach ihrem Geſchmacke geweſen waͤre. Man trug das Abendeſſen auf, und ich bekam keinen andern Platz, als den Schooß des Anfuͤhrers der Bande, auf welchen ich mich ſetzen mußte. Ich machte keine Schwierigkeit; ich ſiellte mich ſogar, als 8 592. Ta g. wenn ich ſehr vergnuͤgt waͤre. Indeſſen ſann ich ſtaͤts auf Mittel, dem Unheil zu entſchluͤpfen, welches mir drohte. Als ich ſah, daß derjenige, deſſen Beute ich geworden war, mich eben ſo verliebt in ihn waͤhnte, als er es in mich war, ſo gab ich ein Beduͤrfnis vor. 5 Dn R⸗ nahm ein Licht, und fuͤhrte mich aus dem au e. „Ich wußte wohl,“ ſprach ſie zu mir,„daß du nicht lange auf mich boͤſe ſein wuͤrdeſt; man muß an⸗ fangs zwar etwas zuͤrnen, das iſt ſo Gebrauch: aber morgen wirſt du mir ſogar herzlich danken.“ Ich wuͤrdigte die Alte keiner Antwort; als ich aber weit genug von dem Hauſe zu ſein glaubte, um meinen Entwurf auszufuͤhren, ſo wußte ich geſchickt das Licht auszuloͤſchen, als wenn es zufaͤllig geſchaͤhe, und bat ſie hin zu gehen und es wieder anzuzuͤnden. Sie that es: und nun lief ich hurtig nach der Stelle hin, wo wir ans Land geſtiegen waren. Ich war noch nicht doort angelangt, als ich ſchon mehrere jener Unſeligen ſchreien hoͤrte, die mir nachliefen, mir riefen, und hoͤhn⸗ ten, daß man ihnen nicht ſo leicht entginge, als ich mir ſchmeichelte. Dieſe Worte verdoppelten meine Angſt; ich nahm meine Zuflucht zu Gott, und betete zu ihm: „Mein Gott, du fennſt die Rechtſchaffenheit mei⸗ nes Herzens: ich erwaͤhle einen gewaltſamen, aber ſchuldloſen Tod vor einem laſterhaften Leben!“ Der Laſtträger. 9 Mit dieſen Worten ſchloß ich die Augen, und ſtuͤrzte mich von dem hohen Ufer, auf welchem ich ſtand, in den Strom.— Du haſt mein Rufen ge⸗ hoͤrt, und Gott hat ſich deiner bedient, mich zu erret⸗ ten. Ich werde nimmer den Dienſt vergeſſen, welchen du mir geleiſtet haſt, und gegen dich ſtaͤts dieſelbe Ehr⸗ erbietung hegen, wie gegen einen Vater.“ Hierauf bot ſie ihm einen Boetſchalik*) und hundert Goldſtuͤcke dar, mit Bedauern, daß ſie ihm nicht mehr geben koͤnnte. Dſcherberi wollte das Geld nicht nehmen; um ihren guten Willen jedoch nicht ganz zu verſchmaͤhen, nahm er den Boetſchalik an, pries ſich gluͤcklich, daß Gott ihn zu einem ſo guten Werk aus⸗ erſehen hatte, und ging heim.“ *²) Eine Art Teppich. 10 592. Tag. „Dieſes Benehmen,“ ſagte hierauf Huͤddſchadſch, „iſt doch etwas zu ſtark fuͤr einen Laſttraͤger; du erzaͤhlſt mir lauter unglaubliche Geſchichten.“. „Mein hoher Gebieter,“ erwiederte Moradbak, „ſich bin nicht faͤhig, deine Hoheit ſo zu taͤuſchen: aber glaubſt du, daß die Natur bei Austheilung der Gemuͤ⸗ ther den Stand anſieht? Was wuͤrde deine Majeſtaͤt ſagen, wenn ſie das Zartgefuͤhl eines Raͤubers von Handwerk vernaͤhme?“ „Laß doch hoͤren,“ antwortete Huͤddſchadſch, in⸗ dem er ſich auf ſeinem Lager umdrehte. „Was ich dir jetzt erzaͤhlen will,“ fuhr Moradbak fort,„wird in den zuverlaͤßigſten Geſchichtsbuͤchern be⸗ richtet, und kann niche bezweifelt werden.“ „Erzuͤhle nur immer,“ unterbrach ſie Huͤddſchadſch; „gleich viel, wo du es her haſt.“ 4 Moradbak begann alſo: — —ᷣ—ᷣ—ᷣ Geſchichte eines Raͤubers in Seiſtan. Fuͤnfhundert und drei und neunzigſter Tag. Leiſch war ein bloßer Handarbeiter in der Landſchaft Seiſtan; als er ſah, daß er nicht genug erwarb, ſich zu erhalten und zu ernaͤhren, wie er wuͤnſchte, geſellte er ſich zu einer Raͤuberbande, deren Vertrauen er ſich bald durch ſeinen Muth und ſeine Gewandheit erwarb. Dieſe Bande machte ſich ſehr furchtbar; und durch ihre Erfolge dreiſt geworden, faßten dieſe Raͤuber den An⸗ ſchlag, den Schatz des Koͤnigs von Seiſtan, namens Dirhem und Sohn Naſirs, zu ſtehlen. Sie ſpreng⸗ ten die Thuͤre, und packten alles zuſammen, was ſie nur fortſchleppen konnten, Gold, Silber und Edelge⸗ 12 593. T a g. ſteine. Sie waren ſchon im Begriff, ungehindert mit ihrer Beute abzuziehen, als Leiſch etwas Glaͤnzendes an der Decke hangen ſah; er zweifelte nicht, daß es ein unſchaͤtzbarer Edelſtein waͤre, und gab ſich viel Muͤhe, ihn herab zu holen. Als er ihn nun mit der Zunge beruͤhrte, erkannte er, daß es ein Stuͤck Stein⸗ ſalz war; er rief ſogleich ſeine Geſellen zuſammen, und verwies ihnen das Verbrechen, welches ſie begingen. Sie waren ſehr erſtaunt uͤber ſeine Vorwuͤrfe; er aber er⸗ wiederte ihnen: „Ich habe hier von dem Salze des Koͤnigs ge⸗ geſſen, und ihr wißt wohl, daß Salz und Brot, die beiden groͤßten Geſchenke, welche uns Gott verliehen hat, jedermann verpflichten, demjenigen getreu zu ſein, von dem er ſie empfangen hat.*) Demnach beſchwoͤre ich euch, wenn ihr irgend Freundſchaft fuͤr mich hegt, alles hier liegen zu laßen, was ihr ſchon aufgepackt habt, ſo wie ich ſelber thue.“ Seine Geſellen ließen ſich uͤberreden, und mach⸗ ten die Thuͤre wieder zu, ohne irgend etwas von dem Schatze mit zu nehmen. Als am folgenden Morgen der Schatzmeiſter kam, den Schatz zu beſichtigen, und an der Unordnung, in welcher er alles fand, wohl ſah, daß man eingebro⸗ chen war, ſo benutzte er dieſe Gelegenheit, und ließ *) Daher noch der Brauch, in manchen Städten, dem beſtehenden Sberherrn Salz und Brot darzubringen. —,— Der Raͤuber in Seiſtan. 13 alle fertigen Ballen in ſein Haus tragen. Hierauf lief er zu dem Konige, zerraufte ſich den Bart, und ſchrie: „Herr, man hat deinen Schatz geſtohlen, die Raͤu⸗ ber haben die vergangene Nacht dazu benutzt!“ Es wurden ſogleich alle moͤglichen Nachforſchun⸗ gen angeſtellt, und demjenigen große Belohnungen ver⸗ ſprochen, welcher die Raͤuber ausſpuͤren koͤnnte. Leiſch, der alles vernahm, was vorging, merkte wohl, wer die Verwirrung verurſachte; als er aber ſah, daß unſchuldige Leute deshalb nicht nur in Ver⸗ dacht kamen, ſondern auch taͤglich verhaftet wurden, erregte es ſein Mitleid, ſeine natuͤrliche Gutmuͤthigkeit uͤberwog die Gefahr, welcher er ſich durch Entdeckung der Wahrheit ausſetzte, er trat entſchloſſen vor den Veſyr, und ſprach zu ihmt: „Herr, ich weiß, wer den Schatz geſtohlen hat; fuͤhre mich zu dem Koͤnig, ich will es ihm entdecken.“ Der Veſyr fuͤhrte ihn auf der Stelle zu dem Kö⸗ nig, und Leiſch bekannte dieſem aufrichtig alles, was vorgegangen war; er fuͤgte hinzu, daß ohne Zweifel der Schatzmeiſter dieſe Gelegenheit benutzt habe, ſeinen Diebſtahl zu verdecken; und ſetzte ſein Haupt zum Pfande, daß, wenn der Koͤnig das Haus deſſelben durch⸗ ſuchen ließe, man darin das von dem Schatze Geraubte finden wuͤrde. 3 Der Koͤnig, von des Raͤubers Ausſage betroffen, folgte ſeinem Rath; und man fand, daß er richtig ver⸗ 235 393. Dag. muthet hatte. Der Schatzmeiſter wurde nach dem Palaſte gefuͤhrt; Dirhem warf ihm ſeine Treuloſigkeit vor, und ſagte zu ihm: „Ich pflegte dein von deiner Kindheit an, ich uͤberhäufte dich mit Wohlthaten: gleichwohl bezahleſt du mich mit Undank; und ſetzeſt mich in Gefahr, Un⸗ ſchuldige zu verurtheilen, und du ſelbſt beſtiehlſt mich, waͤhrend ein Raͤuber, dem ich nie eine Gnade erwieſen, und der nur zufaͤllig von meinem Salze gegeſſen, ſeine ganze Beute liegen laßen, und was noch mehr iſt, durch ſein Beiſpiel und ſeine Reden auch ſeine Geſellen vermocht hat, nichts weg zu ſchleppen.“ b Der Schatzmeiſter konnte nichts zu ſeiner Recht⸗ fertigung vorbringen, und wurde von dem Koͤnige zum Tode verurtheilt, der ſein Amt nun dem Leiſch uͤber⸗ gab. Dieſer entſprach dem Vertrauen des Fuͤrſten, und bewies ihm alle moͤgliche Treue. Nachdem er ſein Amt ſo mehrere Jahre verwaltet hatte, erhub der Koͤnig ihn zum Feldherrn ſeiner Kriegs⸗ heere. Leiſch erwarb ſich auch in dieſer neuen Stel⸗ lung großen Ruhm; und die drei Kinder, welche er nachließ, zeichneten ſich durch ihren Heldenmuth aus, und gelangten endlich auf den Thron, welchen ihre Nachkommen lange Zeit eingenommen haben. Moradbal. 15 Ich glaube,“ fuhr Moradbak fort,„Euer Maje⸗ ſtaͤt wird nunmehr durch das Betragen Leiſchs ſich uͤber⸗ zeugt haben, daß Dſcherberi wohl die hundert Piaſter ausſchlagen konnte; und wenn ihr noch Luſt habt, den weiteren Verlauf ſeiner Geſchichte zu hoͤren, ſo will ich ſie morgen erzaͤhlen.“ Huͤddſchadſch ließ es ſich gefallen; und am folgen⸗ den Tage fuhr Moradbak alſo fort: 16 593. Tag.⸗ —8* Beſchluß der Geſchichte des Laſttraͤgers. Dſcherberi hatte, wie geſagt, ſehr große Staͤrke, und durch die Arbeit dieſelbe ſo ungeheuer vermehrt, daß die uͤbrigen Laſttraͤger in der Stadt, voll Verdruß, daß er allein faſt all ihre Arbeit verrichtete, und daß jedermann lieber auf ihn wartete, als einen andern an⸗ nehmen wollte, ſich entſchloſſen, zu ihm zu gehen, und zu ihm ſagten: „Dſcherberi, wenn du nicht mehr arbeiten, ſon⸗ dern ruhig und muͤßig daheim bleiben willſt, ſo ver⸗ pflichten wir uns, dir taͤglich zehn Aſper zu geben.“ Dſcherberi willigte ein, und die Laſttraͤger bezahl⸗ ten ihm puͤnktlich dieſes Tagegeld; er lebte ruhig da⸗ von, und hielt ihnen ſeinerſeits auch Wort. Aber der Muͤßiggang erſchlaffte ſeine Kraͤfte, welche die Arbeit geſtaͤrkt hatte. Sein ganzes Weſen veraͤnderte ſich, und er ward krank. Da er nun niemals an den naͤch⸗ ſten Tag gedacht hatte, ſo gerieth er bald in Duͤrftig⸗ —2— u ⅓n ☛ ——ᷣ△ A Du a u Der Laſttraͤger. 17 keit. Die Laſttraͤger, welche ihn ſo geſchwaͤcht ſahen, wollten ihm nicht mehr die bedungene Summe reichen; und Oſcherberi nahm in ſeinem Ungluͤcke ſeine Zuflucht zu Gott. Und im Schlaf erſchien ihm der heilige Pro⸗ phet in ſtrahlender Herrlichkeit, und ſprach zu ihm: „Dſcherberi, du biſt nur krank geworden, weil du nicht fuͤrder deine Kraͤfte gebraucht haſt, welche dir Gott verliehen hat: demuͤthige dich, arbeite, und du wirſt ſie wieder finden.“ Von Stund’' an wurde ſein Herz geruͤhrt und ſeine Geſundheit hergeſtellt; aber er war noch zu ſchwach, ſein Gewerbe wieder ſo glaͤnzend aufzunehmen, als er es angefangen hatte, und vor allen ſich an den Laſt⸗ traͤgern zu raͤchen. Er ſaß eines Tages vor der Thuͤre des Groß⸗ veſyrs, als eine Frau, ganz in Thraͤnen, ſich an ſeine Seite ſetzte, um auf Zutritt bei dem Miniſter zu war⸗ ten. Dſcherberi befragte ſie um die Urſache ihrer Thraͤ⸗ nen. 1 3 „Ach!“ antwortete ſie,„geſtern iſt mein Sohn ermordet worden, und von mehreren Dolchſtichen durch bohrt, vor meiner Hausthuͤre todt niedergeſtuͤrzt, ohne daß er noch ſeinen Moͤrder zu nennen vermochte; ſter⸗ bend rief er nur aus:„ich bin ermordet!“ Er war meine einzige Stuͤtze. Ich will jetzo den Veſyr bitten, X. 2 h A 18 593. Ta g. ſeinen Moͤrder aufſuchen zu laßen, damit wenigſtens ſein Tod nicht ungerochen bleibe.“ „Kannſt du ihm irgend eine Nachweiſung daruͤber geben?“ fragte ſie Dſcherberi. 7„Leider, nein!“ antwortete ſie;„und das verdop⸗ pelt noch meinen Schmerz; ich bin die Witwe eines ſ Kaufmanns; mein Sohn war jung, und meine ganze Hoffnung. Der Veſyr wird mir ohne Zweifel antwor⸗ A ten, daß es in einer ſo großen Stadt wie Bagdad unnmsͤglich iſt, den Moͤrder eines unbekannten Menſchen aufzufinden.“— „Hore ihn mit aller ſeinem Range ſchuldigen Ehr⸗ erbietung an; aber wenn er kein Mittel findet, dir zu helfen, ſo ſprich zu ihm, daß Oſcherberi der Laſttraͤger dir geſagt habe, wenn er Veſyr waͤre, er wuͤrde ſchon den Moͤrder deines Sohns zu finden wiſſen.“ Ddie troſtloſe Mutter gab zwar nicht viel auf ei⸗ nen ſo ſchwachen Zuſpruch, jedoch dankte ſie ihm dafuͤr. Alles was ſie vorausgeſehen hatten, traf ein; dem Veſyr wurden die Wehklagen dieſer Frau ſogar uͤber⸗ laͤſtig, und er befahl, ſie hinaus zu fuͤhrenz ſie aber ſiel ihm zu Fuͤßen, und ſagte zu ihm: „Gnaͤdiger Herr, geruhet Oſcherberi den Laſttraͤ⸗ ger zu befragen, und ich werde den Moͤrder meines Sohnes auffinden.“ Der Laſttraͤger. 29 „Das iſt doch wenigſtens eine Nachwelſung, welche du mir gibſt,“ erwiederte der Veſyr;„du klagſt ihn alſo an, deinen Sohn umgebracht zu haben?“ „Nein, gnaͤdiger Herr,“ antwortete ihm die Frau; naber er ſagte zu mir, wenn er Veſyr waͤre, ſo wuͤrde er ſchon Mittel finden, den Moͤrder zu faſſen.“ Der Veſyr wandte ſich ſogleich zu einem von ſei⸗ nen Leuten, und ſagte: 1 „Geh hin und hole dieſen geſchickten Mann, fuͤhre ihn mir vor; und wenn er denjenigen nicht findet, den man ſucht, ſo ſoll er auf eine Weiſe beſtraft werden, daß er ſich ein andermal nicht einbilden wird, mehr zu wiſſen, als die Veſyre der Koͤnige.“ Die Leute des Veſyrs blieben nicht lange mit Dſcherberi aus. „Kennſt du dieſe Frau?“ fragte ihn der Veſyr, als er herein trat. „Nein, gnaͤdiger Herr,“ antwortete ihm DOſcher⸗ eri.— 1 „Du kennſt doch ihren Sohn?“ „Noch weniger,“ antwortete er. „Weißt du irgend etwas von ſeinem Moͤrder?— „Ich weiß nicht mehr von ihm, als du,“ fuhr der Laſttraͤger fort. „Wie willſt du ihn denn auffinden?“ fragte der Veſyr ungeduldig.. 20 593. 594. Tag. „Wenn ich deine Macht haͤtte,“ antwortete Dſcher⸗ beri mit zuverſichtlichem Tone,„ſo wollte ich morgen ſchon wiſſen, wer den Sohn dieſer armen Frau ge⸗ toͤdtet hat.“ „Ich uͤberlaße ſie dir bis dahin,“ erwiederte der Veſyr,„und du magſt alles verfuͤgen, was dir beliebt, um den Moͤrder auszuforſchen: wenn es dir aber nicht gelingt, ſd verheiße ich dir fuͤnfhundert Streiche auf die Fußſohlen.“ „Ich bin es zufrieden,“ antwortete der Laſttraͤger. Dſcherberi befahl ſogleich einem Gerichtsdiener, nach der dem Hauſe der troſtloſen Mutter zunaͤchſt ge⸗ legenen Moſchee zu gehen, dort bei anbrechender Nacht den Muͤeſin**) von dem Minaretthurm zu erwarten, ihn beim Heraustreten etliche Maulſchellen zu geben, und ihn herbei zu fuͤhren. Der Gerichtsdiener befolgte genau die Befehle Dſcherberi's.. [—— Fuͤnfhundert und vier und neunzigſter Tag. Als der Muͤeſin ihm vorgefuͤhrt wurde, entſchul⸗ digte der neue Veſyr ſich ſehr, daß man ihn ſo mis⸗ handelt habe, und ließ ihm zehn Zeckienen zur Entſchaͤ⸗ ——— *) Ausrufer der Stunden, beſonders des Gebets. Der Laſttraͤger. 21 digung reichen. Hierauf hieß er jedermann hinaus gehen, und befahl ihm, allen Leuten, die ihn wegen ſeiner Verhaftung befragen wuͤrden, zu ſagen, man habe ihn fuͤr einen andern genommen. Aber vor allen Dingen befahl er ihm, auch waͤhrend der Nacht zum Gebete zu rufen, alsdann ſogleich vom Thurme herab zu ſteigen und allen Rede zu ſtehen, die ihn befragen wuͤrden, warum er zu einer ſo ungebuͤhrlichen Stunde ausrufe; und ſchaͤrfte ihm dabei ein, genau Acht zu ge⸗ ben, wer zuerſt kommen wuͤrde, ihn deshalb zu befragen. Der Muͤeſin ging ſehr zufrieden weg, und that alles, was ihm befohlen war. Er hatte kaum in der Nacht zum Gebete gerufen, als ein junger Menſch ha⸗ ſtig zu ihm kam, und ihn fragte, warum er geſtern waͤre verhaftet worden. Der Muͤeſin antwortete bloß, daß man ihn fuͤr einen andern genommen habe. Als man Dſcherberi dieſen Vorgang berichtet hatte, ließ er ſich den jungen Menſchen, der eine ſo große Neugier bezeigt hatte, vorfuͤhren, und ließ ihm ſo viel Streiche auf die Fußſohlen geben, bis er mit allen Umſtaͤnden bekannte, auf welche Weiſe er den Todtgefundenen ermordet hatte; er fuͤgte hinzu, daß die Furcht vor der Entdeckung ihn auf alle ungewoͤhn⸗ liche Vorgaͤnge aufmerkſam gemacht, und ihn bewogen habe, ſich zu erkundigen, warum der Muͤeſin zu einer ſo ungebuͤhrlichen Stunde zum Gebete gerufen, indem 22 594. Tag. ihm, nach dem begangenen Verbrechen, alles verdaͤch⸗ tig vorgekommen. Dſcherberi uͤberlieferte, dem Geſetze gemaͤß, der Mutter den Moͤrder ihres Sohns; und ſie forderte ſeinen Tod, der ihr auch gewaͤhrt wurde. Der Veſyr bewunderte Oſcherberi's Verſtand und Scharfſinn, und verlangte ſeine Geſchichte zu wiſſen. Oſcherberi erzaͤhlte ſie ihm. Der Miniſter machte ihm Vorwuͤrfe, daß er ein ſo niedriges Gewerbe, wie das eines Laſttraͤgers, ergriffen, und bewog ihn, in das Kriegsheer einzutreten, welches der Chalyf gegen die Gebern*) ausſchickte. Er war froh, auf dieſe Weiſe das Anſehen zu haben, als wenn er das Ver⸗ dienſt belohnete, waͤhrend er einen Menſchen aus der Stadt entfernte, welchen der Chalyf in ſeine Naͤhe und zu Aemtern berufen konnte, wenn er etwa von ihm reden hoͤrte. Dſcherberi that in dem Feldzuge gegen die Gebern Wunder der Tapferkeit und der Staͤrke. Aber weil er ſeinem Muthe zu ſehr vertraute, fiel er in Gefangen⸗ ſchaft. Waͤhrend nun die Feinde ſich uͤber die Todesart beriethen, welche ſie ihm anthun wollten, um ſich fuͤr den großen Schaden zu raͤchen, welchen er ihnen ge⸗ than hatte, betete er das hundert und funfzehnte Ka⸗ pitel des Korans, zerſprengte ſeine Ketten, erwuͤrgte *²) Die Perſiſchen Feueranbeter, die den Muſelmännern ſo ver⸗ haßt ſind. Der Laſttraͤger. 23 den Gefangenwaͤrter, der ſich ſeiner Flucht wiederſetzen wollte; und aus Furcht, wieder in die Haͤnde ſeiner Feinde zu fallen, entfloh er in die Wuͤſte, wo er lange Zeit von Fruͤchten und Wurzeln lebte. Zuletzt gerieth er in einen Wald am Geſtade des Meeres, und ſtieg auf einen Baum, um ſicher zu ſchlafen, und ſich vor den wilden Thieren zu bewahren, die ihn haͤtten an⸗ fallen koͤnnen. In der Nacht ſah er aus dem Meer einen ſchwar⸗ zen Stier hervor ſteigen, der entſetzlich bruͤllte und ſich dem Baume naͤherte, auf welchem er ſaß. Er be⸗ merkte dabei, daß dieſes furchtbare Thier aus ſeinem Munde einen Stein fallen ließ, welcher den ganzen Wald erleuchtete, und ihm dazu diente, die Kraͤuter zu erkennen, welche ihm am meiſten gefielen, wie der Saffran und die Hyacynthen. DOſcherberi, der von Kindheit an mit Edelſteinen vertraut war, womit ſein Vater einen ſtarken Handel getrieben hatte, zweifelte nicht, daß der Stein, welchen er hier ſah, ein echter Karfunkel waͤre, jener koſtbare und ſeltene Stein, da⸗ von er ſo oft reden gehoͤrt, ihn aber nie geſehen hatte; und geblendet von dem Glanz und der Groͤße deſſelben, ſann er, nachdem er ſich ein wenig von ſeinem Schreck erholt hatte, nur auf Mittel, ſich eines ſolchen Wun⸗ derkleinods zu bemaͤchtigen. So bald der Tag anbrach, nahm der ſchwarze Stier den Stein wieder zu ſich, und ging ins Meer 24 1 594. T a g. zuruͤck. Oſcherberi ſtieg von dem Baume, verrichtete ſein Gebet, pfluͤckte etliche Fruͤchte, und begab ſich ans Geſtade des Meeres, wo er etwas Erde einweichte und ſie ſorgfaͤltig auf den Baum trug, auf welchem er die Nacht geſchlafen hatte.— In der folgenden Nacht erſchien der ſchwarze Stier wieder; er legte den Stein auf die Erde, und als er ſich etwas davon entfernt hatte, ſich ſchmackhafte Weide zu ſuchen, warf Oſcherberi den Leimen, welchen er aufgerafft hatte, auf den Stein herab und bedeckte ihn damit. Als dem Stiere ſo ſeine Leuchte entſchwand, ſtuͤrzte er ſich ins Meer, nachdem er ein entſetzliches Gebruͤll ausgeſtoßen hatte, und Oſcherberi bemaͤchtigte ſich des Karfunkels, der ſeinesgleichen nicht in der Welt hatte. G Mit dieſem Gluͤcke zufrieden, dachte Dſcherberi jetzo nur darauf, wieder in ſein Vaterland zu kom⸗ men. Er war auch ſo gluͤcklich, ein Schiff zu finden, welches ihn nach Ormus brachte. Er durchreiſte ganz Perſien; und weil er wußte, daß der Koͤnig von Perſien ein Liebhaber von koſtbaren Steinen war, und von allen Enden der Welt her dergleichen ſammelte, ſo ließ er ſich ihm, als einen Mann anmelden, wel⸗ cher ihm das ſchoͤnſte Kleinod zeigen wollte, ſo man jemals geſehen habe. Der Koͤnig hatte damals gerade einen Kaufmann aus Balſora bei ſich, der ihn durch die Schoͤnheit Der JIuwelenhaͤndler. 25 und Menge der Edelſteine, welche er ihm vorzeigte, in Erſtaunen ſetzte, Er freute ſich, die Eitelkeit eines Kaufmanns beſchaͤmen zu koͤnnen, der ſich auf eine ſo ruhmredige Weiſe ankuͤndigen ließ, wie DOſcherberi, in⸗ dem er gerade Edelſteine beſchaute, welche er fuͤr die ſchoͤnſten auf der Welt hielt; er ließ alſo den Ankoͤmm⸗ ling ſogleich eintreten. Oſcherberi erſchien in demſelben Augenblick, als der Juwelenhaͤndler von Balſora zu dem Koͤnige ſagte: —„Euer Majeſtaͤt darf ſich nicht verwundern, daß ich euch hier alle dieſe Meiſterſtuͤcke der Natur vorzeige. Wenn ihr wußtet, auf welche Weiſe ich dazu gekom⸗ men bin, ſo wuͤrdet ihr es ſehr natuͤrlich finden.“ Nachdem der Koͤnig ihm bezeugt hatte, daß er mit Vergnuͤgen vernehmen wuͤrde, wie er ſo viele Reichthuͤmer erworben haͤtte, nahm der Kaufmann alſo das Wort: Fuͤnfhundert und fuͤnf und neunzigſter Tag. Geſchichte des Juwelenhaͤndlers. „Mein Vater war arm und ſeines Gewerbes ein Fiſcher; ich und meine drei Bruͤder waren eines Tages bei ihm in dem Kahn und wir warfen die Netze aus, nachdem wir den großen Propheten um einen gluͤckli⸗ chen Fiſchzug angerufen hatten; nur mit großer Mühe — 26 595. Ta g. zogen wir die Netze wieder heraus, ſo ungeheuer ſchwer waren ſie. Endlich brachten wir ſie ans Land; aber wie groß war unſer Erſtaunen, als wir einen Fiſch in Menſchengeſtalt darin erblickten. Mein Vater ſchlug uns vor, denſelben nach der Stadt zu bringen, und ihn fuͤr Geld ſehen zu laßen: aber der Meermann, der uns anblickte, als ob er uns verſtanden haͤtte, ſetzte uns noch mehr in Erſtaunen, als er alſo anfing zu ſprechen: „Ich bin ein Bewohner der Gewaͤſſer und ein Ge⸗ ſchopf Gottes, wie ihr; gebet mir die Freiheit wieder, und misbrauchet es nicht, daß mich der Schlaf in eure Netze gebracht hat. Wenn ihr mir dieſe Bitte gewaͤhret, ſo will ich euch binnen ſehr kurzer Zeit et⸗ was bringen, das euer Gluͤck machen ſoll.“ Der Meermann ruͤhrte uns durch ſein Flehen; er ſchwur bei dem großen Gotte, daß es zwoͤlf tauſend Muſelmaͤnner im Meere gebe, und daß er hin gehen und eine große Menge derſelben aufforden wolle, die reichen Geſchenke aufzuſuchen, welche er uns zuge⸗ dacht habe, aus Erkenntlichkeit dafuͤr, daß wir ihm die Freiheit geſchenkt. Kurz, wir willigten in ſein Be⸗ gehren. Er ſagte uns Lebewohl, mit der Bitte, uns nach zwei Tagen an demſelben Orte ein zu finden, wo wir damals waren; und alsbald ſahen wir ihn ſich ins Meer hinab ſchwingen. Wir ſtellten uns am beſtimm⸗ ten Tage wieder ein, und der Meermann erſchien * * Der Laſttraͤger. 27 auch wieder, im Gefolge mehrerer anderer Maͤnner ſeiner Art, welche ſich ſogar ſehr unterwuͤrfig gegen ihn bezeigten. Sie waren mit einer ungeheuren Menge Edelgeſteine beladen, welche uns der von uns in Frei⸗ heit geſetzte Meermann darbot.— Die Steine, welche Euer Majeſtaͤt hier vor ſich ſieht, ruͤhren daher; wir gaben unſer Fiſchergewerbe auf, nachdem wir unſern Vater ſo verſorgt hatten, daß es ihm an nichts fehlen konnte; wir vier Bruͤder theilten das ganze Geſchenk des Meermannes in vier Looſe, und fingen damit in den verſchiedenen Staͤdten, wo wir uns niederließen, einen Juwelenhandel an.“ Der Laſttraͤger. „Die Schoͤnheit der Edelſteine hier beſtaͤtigt die Wahrheit dieſer Geſchichte;“ verſetzte der Koͤnig mit Tewunderung: und ſich zu Dſcherberi wendend, fuhr er fort: „Was ſagſt du zu dem, was du hier ſo eben ge⸗ hoͤrt haſt und noch ſiehſt? Ohne Zweifel wird die Be⸗ trachtung ſo großer Koſtbarkeiten dich zuruͤckhalten, dei⸗ nen Stein zu zeigen, welchen du mir ſo ruhmredig haſt ankuͤndigen laßen.“ „Herr,“ antwortete ihm Dſcherberi,„wenn ich Euer Majeſtaͤt auch nicht verheißen haͤtte, euch ein Wunder der Welt ſehen zu laßen, ſo wuͤrde ſchon dieſe Geſchichte, und alle die Edelſteine, welche ich hier 28 595. Tag. ſehe, mich dazu bewegen. Die Abenteuer dieſes Kauf⸗ manns und die meinigen beweiſen, daß der Zufall guͤn⸗ ſtiger iſt, die koͤſtlichſten Dinge zu finden, als die muͤh⸗ ſamſte Nachforſchung.“ Mit dieſen Worten enthuͤllte er ſeinen wundervol⸗ len Karfunkel: der Koͤnig war ganz geblendet von dem Glanz, und der Kaufmann von Balſora packte ſogleich alle ſeine Juwelen wieder ein und entfernte ſich. Dſcher⸗ beri ſprach hierauf zu dem Koͤnige: „Mein Furſt, dieſes einzige Kleinod, welches ohne Zweifel dem groͤßten Koͤnige der Erde beſtimmt iſt, darf nicht wieder aus eurem Palaſte kommen: ich flehe, Euer Majeſtaͤt, es von mir anzunehmen, und ſchaͤtze mich gluͤcklich, daß ein guͤnſtiges Geſchick mich erwaͤhlt hat, es euch darzubieten.“ Der Koͤnig, durch dieſe Rede geſchmeichelt und von ſeiner Großmuth geruͤhrt, befahl ſeinem Veſyr, ihm ſogleich fuͤnfmal hunderttauſend Drachmen Silbers, tauſend Stuͤcke Goldſtoff, zwei Pferde, und zehn Ehren⸗ kleider zu geben. „Das iſt noch nicht alles,“ fuͤgte der Koͤnig hinzu: „Ich will wiſſen, auf welche Weiſe dieſer praͤchtige Karfunkel in deine Haͤnde gekommen iſt. „Nicht das allein ſoll Euer Hoheit erfahren,“ antwortete Dſcherberi,„ſondern alles, was einem eu⸗ rer treuſten Sklaven begegnet iſt, wenn ihr die Ge⸗ faͤlligkeit habt, ihm einen Augenblick Gehoͤr zu ſchenken.“ K 4* Der Laſttraͤger. 29 Der Koͤnig gewaͤhrte: Oſcherberi erzaͤhlte ihm ge⸗ nau alles, was ich ſo eben Euer Majeſtaͤt erzaͤhlt habe; und der Koͤnig, eingenommen durch die große Gutmuͤthigkeit und den geſunden Verſtand, welchen er in ihm entdeckte, wollte ſich fortan nicht mehr von ihm trennen, und machte ihn zu ſeinem Veſyr, indem ſein bisheriger Veſyr ihm aus gewiſſen Urſachen nicht mehr anſtand. Dſcherberi verwaltete dieſes Amt lange Zeit mit großen Ehren, und behielt es bis an ſeinen Tod.“ 3⁰ 595. Tag. „Ich billige ſehr die Wahl dieſes alten Perſerköͤ⸗ nigs,“ ſagte Huͤddſchadſch,„und ich glaube, daß ein vom Ungluͤck gepraͤfter Mann, der ſeine Seele ſtaͤts in vollkommenem Gleichmuth erhalten hat, wuͤrdig iſt, die Welt zu beherrſchen. Ich wuͤnſchte wohl, daß ich ſo gluͤcklich waͤre, einen ſolchen Miniſter zu finden.“ Moradbak, hocherfreuet uͤber dieſe Worte des Koͤ⸗ nigs, ergriff dieſe Gelegenheit, ihre Erkenntlichkeit fuͤr den weiſen Abumelek auszudruͤcken, und ihn aus den Feſſeln zu befreien: „Herr,“ ſagte ſie hierauf,„Euer Majeſtaͤt beſitzt einen ſolchen Schatz.— Wenn eure Sklavinn,“ fuͤgte ſie hinzu, indem ſie ſich ihm zu Fuͤßen warf,„vor euren Augen Gnade gefunden hat, ſo geruhet, dem Abumelek die Freiheit wieder zu geben, welcher ſeit zehn Jahren in Ketten ſchmachtet. Er iſt es, Herr, dem ihr die erwuͤnſchte Beruhigung verdankt, welche euren Sinnen wiedergegeben zu ſein ſcheint. Seitdem ich das Gluͤck habe, vor euch erſcheinen zu duͤrfen, hat er jeden Tag mich das gelehrt, was ich Euer Maje⸗ ſtaͤt erzaͤhlen ſollte.“ Huͤddſchadſch rief ſich jetzo das Andenken Abume⸗ leks zuruͤck, und machte ſich Vorwuͤrfe, daß er den tugendhaften und freimuͤthigen Mann ſo lange unter⸗ druͤckt hatte. Ihn gereuten auch alle die Grauſamkei⸗ ten, welche er bisher begangen hatte, Aber nicht min⸗ Moradbak. 31¹ der war er von Erkenntlichkeit gegen Moradbak durch⸗ drungen: „Deine Schoͤnheit,* ſprach er zu ihr,„hatte ſchon Eindruck auf mein Herz gemacht, deine Tugend unterwirft es dir vollends.“ Die Urkunden des alten Perſerreichs fuͤgen hinzu, daß der Koͤnig Huͤddſchadſch fortan nur nach dem Rathe des Weiſen Abumeleks und der ſchoͤnen Moradbak herrſchte, daß er dieſe auf den Thron erhub, ſie foͤrm⸗ lich heirathete, und daß er nun wieder ſchlief. Abenteuer des Prinzen Abdulſelam und der Prinzeſſinn Schelniſſa. Fuͤnfhundert und ſechs und neunzigſter Tag. In Indien herrſchte ein maͤchtiger Koͤnig, welcher der gluͤcklichſte aller Fuͤrſten geweſen waͤre, wenn ihm der Troſt gewaͤhrt worden, ſich in einem Sohne wie⸗ der zu verjuͤngen. Seit langer Zeit flehte er den Him⸗ mel um dieß koͤſtliche Geſchenk an. Endlich wurde er erhoͤrt; und es fehlte nun nichts mehr an ſeiner Gluͤckſe⸗ ligkeit. Er ließ ſeinen Sohn in allen Wiſſenſchaften unterrichten; und da ſeine Sorgfalt fuͤr die Sitten und die Seele des Zoͤglings gleichen Erfolg wie die Aus⸗ bildung ſeines Geiſtes hatte, ſo ward aus dem jungen Prinzen etwas Vollkommenes. Vor allen waren ſeine I Abdulſelam und Schelniſſä. 33 Menſchlichkeit, ſeine gefuͤhlvolle Seele und alle Eigen⸗ ſchaften ſeines Herzens nicht genug zu loben: im hoͤch⸗ ſten Grade beſeelte ihn die allgemeine Menſchenliebe, unnd hatte in ſeinen Augen ſo viel Anziehendes, daß er den Koͤnig ſeinen Vater um die Erlaubnis bat, eine Karavanſerei, oder freie Herberge fuͤr die Reiſenden und Fremden zu erbauen. Der Koͤnig willigte ein; und als das Gebaͤude vollendet war, wurden alle an— kommende Fremde und Reiſende darin aufgenommen und praͤchtig bewirthet: alles auf Koſten Abdulſe⸗ lamsz ſo hieß der junge Prinz. Eines Tages kamen drei Derwiſche an. Abdulſe⸗ lam beſuchte, wie er haͤufig zu thun pflegte, ſeine Ka⸗ ravanſerei, und die Derwiſche prieſen, in ſeiner Gegen⸗ wart, ſeine Menſchenfreundlichkeit gegen die Fremdlinge. In dem Geſpraͤche, das ſich zwiſchen ihnen und dem Prinzen entſpann, ruͤhmten ſie ſo ſehr den Nutzen der Reiſen, daß der Prinz auf der Stelle den Entſchluß faßte, auch zu reiſen. Die Derwiſche willigten ein, ihn zu begleiten, riethen ihm aber dabei unter fremden Namen zu reiſen, und deshalb auch ein Derwiſchkleid anzulegen. 3.le., Der Koͤnig war uͤber den Vorſatz ſeines Sohns ſehr betruͤbt; als er aber ſah, daß nichts ihn davon abbringen konnte, ſo willigte er ein, aber unter drei ſehr ſeltſamen Bedingungen. X. 5 8 t 34 596. Tag. Die erſte war, daß er nimmer nuͤchtern eine Stadt beträͤte; die zweite, daß er in keine Stadt nach dem Nachmittagsgebete*) einginge; und drittens, wenn er in der Naͤhe einer Stadt, demnach außerhalb derſelben uͤbernachten muͤßte, er auf dem Friedhofe**) ſchlafen ollte. Apbdulſelam ſchwur ſeinem Vater, dieß alles genau zu beobachten. 6 Am noͤchſten Tage reiſte er ab, als Derwiſch ver⸗ kleidet; damit ihm aber unterweges nichts abginge, ver⸗ ſah er ſich mit vielen Diamanten von großem Werthe, welche er in ſeinen Kleidern verbarg; zugleich bewaff⸗ nete er ſich mit einem Dolche. Nachdem die Derwiſche uͤberein gekommen waren, dem jungen Prinzen China zu zeigen, und ihn ver⸗ ſichert, daß dieſes Reich wohl ſeines Beſuchs wuͤrdig waͤre, machten ſie ſich auf den Weg; und nach einer langen Reiſe, ſo wohl zur See als zu Lande, gelang⸗ ten ſie endlich in dieſes ungeheure Reich. Sie befanden ſich um Mittag, gar nicht mehr weit von der Hauptſtadt; und als nun der Prinz ſah, daß ſie hineingehen wollten, da erinnerte er ſich, daß er dieſen Tag noch nicht gegeſſen hatte, und weigerte ſich, fuͤrder zu gehen, mit der Betheurung, daß er nim⸗ *) Welches gewöhnlich um fünf Uhr Abends verrichtet wird. *⁵½) Li Orebinler der muſelmänniſchen Todtenäcker bieten Gemach Abdulſelam und Schelniſſa. 35 mer nuͤchtern eine Stadt betreten werde. Die Der⸗ wiſche verwunderten ſich, und ſtellten ihm vergeblich vor, daß er in der Stadt alles finden wuͤrde, was er verlangen moͤchte; er antwortete ihnen, daß ihm der Koͤnig ſein Vater dieſe Bedingung auferlegt habe, und daß er ihm nicht ungehorſam ſein koͤnne. Die Derwiſche verließen ihn, und lachten uͤber dieſe wunderliche Bedingung, verſprachen indeß, ihm alsbald aus der Stadt alles Noͤthige zu bringen, um ihn in den Stand zu ſetzen, dieſelbe auch betreten zu koͤnnen. Einige Stunden verſtrichen, und die Derwiſche kamen mit dem Verſprochenen wieder zu Abdulſelam. Nachdem dieſer nun gegeſſen hatte, ſchickte er ſich an, mit ihnen in die Stadt zu gehen, als er gerade das Volk zum Nachmittagsgebete zuſammen rufen hoͤrte. Auf der Stelle blieb der Prinz ſtehen, und beſchwur die Derwiſche, den naͤchſten Morgen abzuwarten. Wie viel ſie ihm auch vorſtellten, daß dieſe aͤngſtliche Be⸗ folgung der Befehle ſeines Vaters hoͤchſt laͤcherlich waͤre, er beharrte darauf; und die Derwiſche verließen ihn unwillig und gingen in die Stadt. Als es nun Nacht ward, erfuͤllte Abdulſelam auch die dritte ihm auferlegte Bedingung, begab ſich auf den Friedhof vor der Stadt, und nahm ſein Nachtlager in einem Grabmale. Tauſenderlei aͤngſtliche Betrach⸗ tungen verſcheuchten die Ruhe von ihm: um Nitter⸗ 6 696. 597. Tag. nacht hoͤrte er Geraͤuſch; er trat aus dem Grabmale, und naͤherte ſich der Gegend, woher das Geraͤuſch kam. Nachdem er etliche Schritte gethan hatte, ge⸗ wahrte er zween Maͤnner, welche von der Stadtmauer einen Kaſten an Stricken herabließen; einer von ihnen, der uͤber die Mauer herab geſtiegen war, nahm den Kaſten von ſeinem Gefaͤhrten in Empfang, und trug ihn in die Naͤhe des Ortes, wo unſer junger Reiſender verborgen war. Beide machten hier ein Grab, und nachdem ſie ihre Laſt darin verſcharrt hatten, ſtiegen ſie wieder uͤber die Mauer, vermittelſt ihrer Leiter, welche ſie ſodann nach ſich zogen. Fuͤnfhundert und ſieben und neunzigſter Tag. Abdulſelam blieb noch einige Zeit in ſeinem Ver⸗ ſteck, aus Furcht, daß er von jemand bemerkt wuͤrde; dann ſchlug er ſich mit einem Feuerſtahle, welches er bei ſich trug, Licht an, und ging gerade nach der Stelle, wo er den Kaſten hatte eingraben ſehen. Er wuͤhlte die Erde auf, und ſah blutige Spuren; er ſtieß den Deckel des Kaſtens ein, und wie groß war ſein Erſtaunen, als er ein junges Maͤdchen erblickte, welche von mehreren Dolchſtichen durchbohrt, in ihrem Blute ſchwamm! Er betrachtete ſie naͤher, und uͤberzeugte ſich, doß ſie noch athmete, hub ſie aus dem Kaſten, Abdulſelam und Schelniſſa. 37 legte ſie auf die Erde, zerriß ſeinen Turban, verband damit ihre Wunden und ſtillte das Blut. Die Friſche des Morgens brachte ſie bald wieder zu ſich; ſie ſchlug die Augen wieder auf, und konnte ſich nicht enthalten, ihr Erſtaunen zu bezeigen, als ſie einen jungen Der⸗ wiſch bei ihr ſah. „Wer biſt du?“ fragte ſie Abdulſelam:„und wer ſind die Grauſamen, die dich auf eine ſo unmenſch⸗ liche Weiſe behandelt haben?“ „Ich muß eine guͤnſtigere Gelegenheit abwar⸗ ten, dir meine Unfaͤlle zu erzaͤhlen,“ antwortete die junge Schoͤne:„aber ſei ſo großmuͤthig, mir ferner deine menſchenfreundliche Huͤlfe zu gewaͤhren, und rechne auf meine ganze Dankbarkeit.“ Abdulſelam unterdruͤckte ſeine Neugierde; er begab ſich alsbald in die Stadt, miethete eine Wohnung, kam mit einer Saͤnfte zuruͤck, und fuͤhrte die junge Schoͤne dahin. Ein geſchickter Wundarzt wurde ge⸗ holt; der vorgebliche Derwiſch ſagte ihm, daß er mit ſeiner Schweſtrr unterweges von Raͤubern angefallen und ſie verwundet worden. Der Arzt unterſuchte und verband die Wunden, und verſicherte, daß keine dar⸗ unter toͤdtlich waͤre, und daß ſie binnen kurzer Zeit wieder hergeſtellt ſein wuͤrde. Als ſie voͤllig wieder geheilt war, drang Abdul⸗ ſelam in ſie, daß ſie ihm ihre Abenteuer erzaͤhlen und 38. 597., Tag. ihm entdecken moͤchte, durch welchen Unfall ſie ſo er⸗ dolcht, in einen Kaſten gelegt und begraben worden. „Es iſt noch nicht Zeit dazu,“ antwortete ſie ihm,„dir meine Unfaͤlle mitzutheilen; du ſollſt ſie eines Tages ſchon erfahren. Willſt du mir aber gefaͤllig ſein, ſo nimm dieſe Diamanten, geh hin und ver⸗ kaufe ſie, alsdann werde ich dir ſagen, wozu du das daraus geloͤſete Geld anwenden ſollſt.“ Abdulſelam gehorchte; und als er mit dem Erlds der Diamanten zuruͤckkam, ſagte ſie zu ihm: „Geh auf den Baſar*), in einem großen Laden zur Linken wirſt du einen reichen Kaufmann finden, laß dir die beiden beßten Stuͤcke Goldſtoff vorlegen, welche er hat, erkaufe ſie, ohne zu handeln, und bringe ſie mir her. 4 Abdulſelam that ohne Widerrede alles, was ſie verlangte, und bezahlte die beiden Stuͤcke Goldſtoff mit zweihundert Zeckienen. Als er damit zurüuͤck kam, dankte ihm das ſchoͤne Fraͤulein fuͤr ſeine Willfaͤhrig⸗ keit; und am folgenden Morgen gab ſie ihm abermals denſelben Auftrag, welchen er auch eben ſo ausrichtete, wie den erſten. Der Kaufmann, der neugierig war, zu wiſſen, wer dieſer Fremde ſein moͤchte, der ſo koſt⸗ bare Waaren kaufte, forderte fuͤr die beiden letzten Stuͤcke den doppelten Werth, und war nicht wenig *) Markt. Abdulſelam und Schelniſſa. 39 erſtaunt, als ihm die geforderte Summe, ohne zu handeln, gezahlt wurde. Einige Tage darnach drang der Prinz abermals in das Fraͤulein, ihm ihr Abenteuer zu erzaͤhlen; ſie willigte ein, unter der Bedingung, daß er nochmals zu demſelben Kaufmann ginge und zwei Stuͤcke Gold⸗ ſtoff kaufte; und er gehorchte. Der Kaufmann behielt ihn, aus Erkenntlichkeit, bei ſich zum Mittagseſſen und bewirthete ihn praͤchtig. Der Prinz kam erſt am Abend nach Hauſe, und erzaͤhlte dem Fraͤulein alles, was vorgegangen war. Sie bezeugte daruͤber die groͤßte Freude, und ſagte zu ihm: „Geh morgenfruͤh wieder zu ihm; ſage ihm, du habeſt bei dir eine junge, ſehr reiche Japaniſche Prinzeſſinn, eine große Liebhaberinn von Koſtbarkeiten; bezeigt er ſich nun neugierig, ſie zu ſehen, ſo lade ihn bei ihr zum Mittagseſſen. Abdulſelam ging alsbald wieder auf den Baſar, und der Kaufmann nahm die Einladung an. Als er mit ihm nach Hauſe kam, fuͤhrte er den Kaufmann in ein Vorzimmer, und ging zu dem Fraͤu⸗ lein, ihn anzumelden. Sie ſagte darauf: „Laß ihn allein herein treten und bleib in dem Vor⸗ zimmer: uͤbrigens hege keinen Verdacht gegen meine Tugend.“ 40 597. Tag. Dieſe letzten Worte reichten hin, Abdulſelam vol⸗ lends zu uͤberzeugen, daß der Kaufmann der Geliebte des Fraͤuleins waͤre; und waͤhrend er noch uͤber die Rolle nachdachte, welche ſie ihm eben ſpielen ließ, trat der Kaufmann in das Zimmer des Fraͤuleins, welche ſogleich die Thuͤre abſchloß. Dieſer letzte Umſtand be⸗ ſtaͤrkte unſern Reiſenden noch mehr in ſeiner Vermu⸗ thung. Indeſſen lauſchte er, und hoͤrte ploͤtzlich den Kaufmann einen lauten Schrei ausſtoßen. Abdulſelam ſprengte hierauf die Thuͤre, und erblickte das Fraͤulein, wie ſie eben dem Kaufmanne den Kopf abgehauen hatte, welchen ſie noch in Haͤnden hielt. Empoͤrt uͤber dieſe Grauſamkeit zog er ſeinen Dolch und wollte auf ſie los ſtuͤrzen, ſie zu durchbohren: „Halt ein!“ rief ſie ihm zu,„hoͤre mich an, und zutun du mich ſchuldig findeſt, ſo ſchalte uͤber mein eben. Geſchichte der Prinzeſſinn von China. Fuͤnfhundert und acht und neunzigſter Tag. Ich bin die einzige Tochter des Kaiſers von China; mein Vater, der mich mit der groͤßten Zaͤrtlichkeit liebt, hat fuͤr mich außerhalb der Stadt einen Palaſt erbauen laßen, mit den koͤſtlichſten Gaͤrten umher; dort wohnte ich einen Theil des Jahres, umgeben von einigen Verſchnittenen und Sklavinnen. Eines Tages kam eine alte Frau dorthin, um mir koſtbare Stoffe und andere Kleinode zu zeigen; ich ließ ſie herein fuͤh⸗ ren, und kaufte von ihr etliche Kleinode. Sie kam oft wieder, und brachte mir immer einige Seltenheiten. Endlich verlangte ſie insgeheim mit mir zu ſprechen, und ich willigte ein. Ich mußte ihr ſchwoͤren, daß ich 4² 598. Tag. niemand die wichtigen Dinge mittheilen wollte, welche ſie mir entdecken wuͤrde, und ſagte mir nun: ein jun⸗ ger ſehr reicher Kaufmann, ihr einziger Sohn, ſei in heftiger Liebe fuͤr mich entbrannt, und ſie hielte mich fuͤr zu menſchenfreundlich, als daß ich ihn ſterben laßen wuͤrde. Ich war uͤber einen ſolchen Antrag entruͤſtet; aber weil ich ihr Verſchwiegenheit gelobt hatte, ſo begnuͤgte ich mich, ihr zu verbieten, mir jemals wieder vor Au⸗ gen zu kommen. Die Alte ging hierauf zu einem Schwarzkuͤnſtler, welchen ſie kannte, und bewog ihn, vermuthlich durch ein bedeutendes Geſchenk, ſich ihrer anzunehmen. Der Zauberer ſchrieb etliche Worte auf ein Stuͤck Perga⸗ ment, und gebot der Alten, daſſelbe in einem Kohlen⸗ becken unter die Aſche zu ſtecken. Sie that es, und legte ſo dieß Pergament in ein großes eiſernes Kohlen⸗ becken, in welchem zu dieſer Jahreszeit kein Feuer ge⸗ macht wurde. O wuuderbare Macht der Zauberei! in demſelben Augenblick bemaͤchtigte ſich meiner die hef⸗ tigſte Liebe; ein unbekanntes Feuer ſchlich in meinen Adern, und verzehrte mich: kurz, ich ward ſterblich verliebt in den Sohn der Alten, ohne ihn einmal zu kennen. Ich ließ ſie heimlich zu mir rufen, und be⸗ kannte ihr meine Schwachheit. Ich verabredete mit ihr eine Zuſammenkunft: ſie ſollte den jungen Kauf⸗ mann in der Nacht durch eine geheime Thuͤre in mein Die Prinzeſſinn von China. 43 Zimmer bringen. Meine Amme, die ich zu meiner Vertrauten machte, ſollte an dieſer Thuͤre warten und meinen Geliebten herein laßen.. Zu ſeinem Ungluͤcke bekam an dieſem Tage meine Mutter Luſt, mich zu beſuchen, und kam, im Gefolge von Sklavinnen und Verſchnittenen, bei mir zu Nacht zu eſſen. Mit Leidweſen ſah ich meinen Entwurf ge⸗ ſtoͤrt. Indeſſen ſchmeichelte ich mir noch, wenn Alle wieder weg gegangen waͤren, mit dem zuſammen zu kommen, den ich ſehnlich erwartete. Waͤhrend wir bei Tiſche ſaßen, kam meine Amme, und fluͤſterte mir ins Ohr, daß er ſchon in meinem Zimmer waͤre. Ich war in Verzweiflung; meine Mut⸗ ter, die ſich bei mir gefiel, blieb bis tief in die Nacht. Andrerſeits hatte mein Geliebter, zu voll von ſeinem Gluͤcke, den ganzen Tag nicht ans Eſſen gedacht, und litt ſchrecklichen Hunger; er war ganz ſchwach davon; und in Verzweiflung, daß ich ſo lange ausblieb, und befuͤrchtend, daß ich ihn angefuͤhrt haͤtte, ging er end⸗ lich, ohne ein Wort zu ſagen, wieder heim. Ich flog nach meinem Zimmer: aber ich fand denjenigen nicht mehr, den ich darin ſuchte. Ddie Alte ermangelte nicht, am folgenden Morgen wieder zu erſcheinen; ſie brachte mir von Seiten ihres Sohnes tauſend Entſchuldigungen, und bat mich um eine zweite Zuſammenkunft, die ich auch bewilligte. Mein Geliebter, von Wohlgeruͤchen duftend und praͤch⸗ 44 598. Ta g. tig gekleidet, um mir zu gefallen, wurde abermals in mein Zimmer gefuͤhrt, und erwartete mit Ungeduld, bis meine Mutter, welche auch dieſen Tag bei mir zum Beſuche gekommen war, ſich wieder entfernte, weil meine Amme ihn darauf vorbereitet hatte, daß ich erſt ſpaͤt in der Nacht zu ihm kommen koͤnnte; und damit er nicht wieder weg ginge, wie das vorigemal, ſo hatte ſie ihn eingeſchloſſen. In dem Zimmer, wo der junge Kaufmann war⸗ tete, ſtand eine Flaſche voll Dinte, mit Ambra und Roſenwaſſer vermiſcht; mein Geliebter fand, beim Um⸗ herſtoͤbern, dieſe Flaſche, roch daran, und in der Mei⸗ nung, es ſei Ambra und Roſenwaſſer rieb er ſich da⸗ mit das Geſicht, die Haͤnde und die Kleider ein. Ue⸗ brigens hatte er, um nicht dieſelbe Widerwaͤrtigkeit zu erfahren, wie das erſtemal, ſehr ſtark zur Nacht ge⸗ geſſen: nun befiel ihn aber ein heftiges Bauchgrim⸗ men; die Thuͤre war verſchloſſen, er wußte nicht, was er thun ſollte, und die Noth draͤngte ihn ſehr. Nach⸗ dem er uͤberall umher geſucht hatte, fand er endlich einen ſehr kuͤnſtlich gearbeiteten Binſenkorb, und be⸗ diente ſich deſſelben, ſein Bauchgrimmen zu erleichtern. Nachdem dieß Geſchaͤft verrichtet war, wollte er ſich des Ganzen entledigen. Durch eine Oeffnung an der Decke ſchien das Mondlicht gegen eine Wand: in ſei⸗ ner Angſt hielt er den Widerſchein des Mondes fuͤr ein Fenſter, und wollte den Korb ſammt deſſen Inhalt Die Prinzeſſinn von China. 45 durch dieſe vermeinte Oeffnung hinaus werfen: er ſchleu⸗ derte ihn alſo mit Macht von ſich, der Korb ſchlug gegen die Wand, fiel auf denjenigen zuruͤck, der ihn geworfen hatte, und verſetzte ihn in einen Zuſtand, der ſich leichter denken, als beſchreiben laͤßt. Fuͤnfhundert und neun und neunzigſter Tag. Unterdeſſen flog ich nach dem Zimmer, worin mein Geliebter ſich befand: ich trete hinein, ein ab⸗ ſcheulicher unertraͤglicher Geſtank kam mir entgegen; alles Geraͤth im Zimmer war beſchmutzt und verpe⸗ ſtet: endlich, anſtatt eines artigen und liebenswuͤrdigen jungen Mannes, erblickte ich jemand, der kaum noch die Geſtalt eines Menſchen hatte: die Dinte, womit er ſich das Geſicht, die Haͤnde und die Kleider einge⸗ rieben hatte, der Unfall mit dem Korbe,— dieß alles entſtellte ihn zum eckelhaften Scheuſal. Beim Scheine der Lichter, welche man vor mir her trug, erblickte der junge Menſch ſeine Geſtalt in dem Spiegel, er entſetzte ſich vor ſich ſelber, und ſo beſpruͤtzt mit dem Schmutz des Korbes, wie er war, machte er ſich ſchleunigſt aus dem Staube. Daheim in ſeinem Hauſe war ſein erſtes Geſchaͤft, ſich zu waſchen. Seine Mutter war abweſend; er rief einen Sklaven und befahl ihm Waſſer warm zu ma⸗ 46 599. Da g. chen. Der Sklave zuͤndete ſogleich in dem Kohlen⸗ becken, worin das Pergament mit dem Zauber ver⸗ borgen lag, Feuer an, ſo daß es verbrannte: und in demſelben Augenblicke wurde mein Herz wieder von der Liebe befreiet, womit der Schwarzkuͤnſtler mich fuͤr den jungen Kaufmann bezaubert hatte. Seine Mutter, die bald darnach auch heim kam, wollte ihm zu den Freuden, welche er genoſſen haben ſollte, Gluͤck wuͤnſchen: er aber erzaͤhlte ihr ſein un⸗ gluͤckliches Abenteuer und die Folgen, welche es ge⸗ habt hatte. „Und wo habt ihr denn Feuer gemacht?“ fragte die Alte.— „In dieſem Kohlenbecken.“. „Ha, Ungluͤcklicher! alles iſt verloren: der Zauber iſt vernichtet; denn darin lag die Zauberſchrift ver⸗ borgen.“ Sie lief ſogleich hinzu, fand aber in der That nichts mehr als Aſche. Der junge Kaufmann war uͤber ſein Verſehen ſehr betruͤbt. Seine Mutter unterließ indeſſen nicht, am näͤch⸗ ſten Morgen wieder zu mir zu kommen, um ihn bei mir zu entſchuldigen: ich aber ließ ſie fort jagen. Ihr Sohn, voll Verzweiflung, wollte mich gleich⸗ wohl wieder beſuchen: von ſeiner Liebe geleitet, begab er ſich eines Nachts an die Mauer meiner Gaͤrten, Die Prinzeſſinn von China. 47 befeſtigte eine Leiter daran, und ſprang dreiſt heruͤber, indem die Mauer nach der Gartenſeite niedriger war, als von außen: aber er hatte das Ungluͤck, auf einen der Bienenkoͤrbe zu fallen, welche in dieſer Gegend ſtehen; ſein Fuß ſtieß den Korb ein, die Bienen fuhren beraus, fielen uͤber ihn her und zerſtachen ihn von allen Seiten, ſo, daß ſein ganzer Leib alsbald nur eine Wunde war. Meine Verſchnittenen, die Geraͤuſch hoͤr⸗ ten, liefen herbei, zerpruͤgelten ihn tuͤchtig und warfen ihn vor die Thuͤre hinaus. Er kam wieder zu ſich, und ſchleppte ſich mit großer Muͤhe nach ſeinem Hauſe. Nachdem die Mutter dieß neue Ungluͤck ihres Sohnes vernommen, ihn ſehr beklagt, und etwas aus⸗ geſcholten hatte, begab ſie ſich wieder zu dem Zauberer, welcher ihr ſchon ſo gut gedient hatte, und ſuchte ihn von neuen zu bewegen, mit ihrem Sohne Mitleid zu haben. Der Zauberer antwortete ihr, weil ſie das Pergament, welches die Prinzeſſinn von China in ihn verliebt gemacht, habe verbrennen laßen, ſo vermoͤchte er durch keinen andern Zauber der Prinzeſſinn dieſe Liebe abermals einzufloͤßen; jedoch koͤnnte er vermittelſt ſeiner Kunſt ihn zu ihrem Beſitze verhelfen, ſei es gutwil⸗ lig oder mit Gewalt. In der That verfertigte er einen neuen Talisman, und verſicherte die Mutter, daß gleich in der naͤchſten Nacht die Prinzeſſinn von China in das Zimmer ihres Sohnes verſetzt werden ſolle, ſo 599. L a g. daß es alsdann auf ihn ankaͤme, daß Abenteuer zu ſeinen Gunſten zu lenken. In derſelben Nacht wurde ich, nachdem ich auf einem Sopha, noch nicht voͤllig entkleidet, und noch mit einem Theile meiner Diamanten geſchmuͤckt, einge⸗ ſchlafen war, durch die Kraft jenes Talismans in das Gemach des Argliſtigen verſetzt. Wie groß war mein Erſtaunen, als ich bei meinem Erwachen ihn neben mir erblickte und mich an einem Orte befand, welcher mir ganz unbekannt war! „Wohlan!“ ſprach er zu mir, indem er mich mit irren Augen anblickte,„jetzo kann ich mich raͤchen: aber ich verzeihe dir, wenn du dich mir uͤberlaßen willſt.“ „Ungeheuer!“ erwiederte ich ihm:„der Tod ſelber koͤnnte mich nicht zwingen, in deine ſchaͤndlichen Ab⸗ ſichten zu willigen: hinweg!“ Die Art, mit welcher ich dieſe Worte ausſprach, machte ihm begreiflich, daß ich ihn verabſcheute. Be⸗ ſchaͤmung und Zorn verſetzten ihn außer ſich; er ging binaus, und kam mit einem Dolche bewaffnet wieder herein. Er drang nun von neuen in mich, mich ſeinen Begierden hinzugeben, und wollte endlich Gewalt brau⸗ chen: ich vertheidigte mich, und ſchrie aus Leibeskraͤf⸗ ten, und dabei geſchah es, ſei es, weil ich mich ſelber ſeinen Streichen darbot, oder aus Grauſamkeit von ſeiner Seite, daß ich von mehreren Stichen hinſank. Die Prinzeſſinn von China. 49 Ich lag in Ohnmacht; er hielt mich fuͤr todt; und um nun den an der Tochter ſeines Kaiſers begangenen Mord zu verbergen, legte er mich, mit Hülfe eines vertrauten Sklaven, in einen Kaſten, und nachdem beide mich darin aus dem Hauſe gebracht, ließen ſie mich uͤber die Stadtmauer hinab. Der Himmel hat dich her geſandt, mich zu retten; ich habe das Unge⸗ heuer beſtraft, wie du geſehen, und ſeine Beſtrafung ſagt dir das Uebrige meiner Geſchichte.— Aber nun, wer biſt du ſelber?“— Sechshundertſter Tag. Ich erzaͤhlte ihr meine Abenteuer. Die Prinzeſ⸗ ſinn von China erzaͤhlte mir hierauf viel von dem Hofe ihres Vaters, von den ſchoͤnen Frauen, welche die Zierde deſſelben waren, und vor allen von der Prinzeſſinn Schelniſſa, der Tochter des Groß⸗Man⸗ darins. Das reizende Bild, welches ſie mir von der⸗ ſelben entwarf, entzuͤndete mich; ich ſtellte mir eine Goͤttinn darin vor, und die Prinzeſſinn gab mir zu verſtehen, daß die Hand dieſes ſchoͤnen Fraͤulein oder Prinzeſſinn,— denn ſie war eine Nichte des Kaiſers,— der wuͤrdigſte Lohn waͤre, welchen der Alleinherrſcher von China dem Retter ſeiner Tochter gewaͤhren koͤnnte. „Ich will dich dem Kaiſer meinem Vater vor⸗ 83 4 5⁰ 600. T a g. ſtellen,“ fuͤgte ſie hinzu,„und ihm die wichtigen Dienſte ruͤhmen, welche du mir geleiſtet haſt; er ſoll erfahren, daß ich dir das Leben verdanke, und wird es ſeinem Groß⸗Mandarin zur Pflicht machen, dir ſeine Tochter zur Gemahlinn zu geben.“ Daruͤber war es Nacht geworden, Abdulſelam nahm den Leichnam des Kaufmanns, welchen die Prinzeſſinn getoͤdtet, trug ihn nach derſelben Grube, in welche der Boͤſewicht ſie ſelber zuvor verſcharret hatte, und kam wieder zuruͤck, ohne daß ihn jemand bemerkt hatte. Am folgenden Morgen miethete Abdulſelam ein praͤchtig aufgeſchirrtes Pferd, ließ es die Prinzeſſinn beſteigen, und fuͤhrte es ſelber am Zuͤgel nach dem Palaſte. Sobald man ſie erkannte, verkuͤndigte man es dem Kaiſer ihrem Vater, der mit allen Großen des Reichs ſeiner Tochter entgegen ging. Mit unbeſchreib⸗ lichem Entzuͤcken wurde ſie empfangen. Als dieſe Neuigkeit ſich in der Stadt verbreitete ward die Freude allgemein. Der Kaiſer und die Kaiſerinn, die ihre ein⸗ zige Tochter unwiederbringlich verloren zu haben glaub: ten, konnten nicht muͤde werden, ſie zu umarmen und ſie mit Fragen zu beſtuͤrmen. Abdulſelam und Schelniſſa. Fortſetzung. Unterdeſſen war Abdulſelam an dem Thore des Palaſts geblieben, und wartete, bis er gerufen wuͤrde: Abdulſelam und Schelniſſa. 5²* aber die Prinzeſſinn vergaß ihn im freudigen Entzuͤcken, ihre Aeltern wiederzuſehen; und nachdem er lange ge⸗ harret hatte, entfernte er ſich, unter Verwuͤnſchungen der Weiber und ihrer Undankbarkeit. Als er nach Hauſe kam, nahm er das Geraͤth⸗ welches in der zur Heilung der Prinzeſſinn gemietheten, und fuͤr ihn allein zu großen und zu theuren Wohnung zuruͤck geblieben war, und miethete ſich eine kleinere in einem andern Stadtviertel. Die Prinzeſſinn von China erinnerte ſich endlich, nach Verlauf einiger Tage, Abdulſelams, und ließ ihn nun uͤberall ſuchen, aber weil er ſeine Wohnung ver⸗ aͤndert hatte, ſo war er nicht zu finden; und es that ihr Leid, ſo wie man es am Hofe bedauert, die Ge⸗ legenheit zu einer Handlung der Gerechtigkeit und der Wohlthaͤtigkeit verſaͤumt zu haben. Der junge Prinz, der ſchon laͤngſt ſein Derwiſch⸗ kleid abgelegt hatte, machte ſeinerſeits es ſich zur Pflicht, die Prinzeſſinn von China zu vergeſſen: aber anders verhielt es ſich mit der Prinzeſſinn Schel⸗ niſſa; an dieſe dachte er unaufhoͤrlich; und alles was er von denen hoͤrte, welche er uͤber dieſe Schoͤnheit befragte, vermehrte nur ſeine Liebe. Aber er verzwei⸗ felte, jemals zu ihrem Anblicke gelangen zu koͤnnen, und empfand daruͤber den tiefſten Kummer. Um dieſe Betruͤbnis zu zerſtreuen, beſuchte er ſo haͤufig die Schenkſtuben und andere Vergnuͤgungsoͤrter, daß er 5² 600. T a g. binnen kurzer Zeit alles verthat, was er noch beſaß, und ſich zuletzt dem bitterſten Mangel preisgegeben ſah. Sein Zuſtand war um ſo elender, da er nicht wußte, zu wem er in dieſem fremden Lande ſeine Zu⸗ flucht nehmen ſollte. Zum Uebermaaße des Ungluͤcks begann der Win⸗ ter ſeine Strenge fuͤhlen zu laßen; erſtarret vor Kaͤlte und von allen Huͤlfsmitteln entbloͤßt, fluͤchtete er ſich in eine Badſtube. Der Bader, der gerade abweſend war, kam nach einiger Zeit heim; der ungluͤckliche Prinz ſprach ihn an und beſchwur ihn, ihn nicht eher binaus zu jagen, als bis er ſich ein wenig erwaͤrmt haͤtte. Der Bader betrachtete ihn, und da er etwas Vornehmes in ſeiner Geſtalt zu erkennen glaubte, trotz des Zuſtandes, in welchen er verſetzt war, erbot er ſich, ihn bei ſich zu behalten, wenn er ihm Huͤlfe leiſten wollte: was der Prinz mit großen Freuden an⸗ nahm. So lebte Abdulſelam ſchon einige Zeit bei dem Bader, als dieſer, der von Anfang her an ſeinem Gaſt einen tiefen Kummer bemerkt hatte, eines Tages zu ihm ſagte: „Ich ſehe wohl, daß du Ungluͤck erlitten haſt; und die tiefe Schwermuth, in welche du verſenkt biſt, beweiſet, daß das Andenken daran dir ſtaͤts gegenwaͤr⸗ tig iſt: vertraue dich mir; vielleicht kann ich dir Lin⸗ derung verſchaffen.“ Abdulſelam und Schelniſſa. 55 Abdulſelam glaubte ſeinem Wohlthaͤter nichts ab⸗ ſchlagen zu duͤrfen, und erzuͤhlte ihm ſeine Lebensge⸗ ſchichte und vertraute ihm ſeine Liebe zu der Prinzeſ⸗ ſinn Schelniſſa. „Ich habe verſprochen, dir zu dienen,“ ſagte der Bader hierauf,„und ich will es und kann es.“ Zu gleicher Zeit zog er eine hoͤlzerne Schachtel hervor, welche gewiſſe Pflaͤſterchen enthielt, die in die Augenwinkel gelegt werden; er nahm eins davon her⸗ aus, klebte es dicht neben Abdulſelams rechtes Auge, und ſagte zu ihm: ſns„Geh und zeige dich ſo in dem Palaſte des Kai⸗ ers. Sechshundert und erſter Tag. Abdulſelam verließ ſich auf ſein Wort, und ging hinaus, ohne weiter nachzuforſchen. Aber kaum war er auf der Gaſſe erſchienen, als alles Volk ſich um ihn verſammelte und ihm folgte. Abdulſelam, der von der Wirkung des Pflaſters nichts wußte, verwunderte ſich ſehr uͤber die Volksmenge, welche ſich ihm nach⸗ draͤngte. Er ſchritt indeſſen fuͤrder, ohne inne zu wer⸗ den, daß er zur Haͤlfte unſichtbar war; denn dieſes Pflaſter, welches die Kraft hatte, die Gegenſtaͤnde, auf welche es geheftet wurde, den Blicken zu entziehen, und ihm von dem ſchalkhaften Bader nur an das eine 54 601. T A g. Auge geklebt war, ließ von ihm nur einen halben Men⸗ ſchen ſehen, der auf Einem Beine einher ſchritt. Die Volksmenge folgte ihm ſo bis an den Palaſt des Kaiſers. Seine Erſcheinung erregte hier neues Erſtaunen. Der Kaiſer, die Kaiſerinn und alle Frauen des Hofes wollten ein ſolches Wunder ſchauen. Der Groß⸗Mandarin wollte auch die Prinzeſſinn Schelniſſa ſeine Tochter eines ſo bewundernswuͤrdigen Anblicks nicht berauben; und als Abdulſelam nun diejenige vor ſich ſah, von welcher man ihm ſo große Schilderun⸗ gen gemacht hatte, fand er ſie noch viel wunderſchoͤ⸗ ner als er ſich eingebildet hatte. Dieſer Anblick machte einen ſolchen Eindruck auf ihn, daß er einen tiefen Seufzer ausſtieß und in Ohnmacht ſank. Als er wieder zu ſich gekommen war, verließ er ſchleunig den Palaſt, und verbarg ſich, bis es Nacht ward; denn er fuͤrchtete wieder in den Gaſſen verfolgt zu werden, wenn er am Tage zu ſeinem Wirthe heim kehrte. Der boshafte Bader empfing ihn mit Lachen, und Abdulſelam ſprach zu ihm: „Was habe ich dir denn gethan, daß du mich zum Maͤhrchen der ganzen Stadt gemacht haſt? Gib mir meine vorige Geſtalt wieder, ich beſchwoͤre dich darum.“ „Mistraue mir nicht,“ antwortete ihm der Bader; „ich habe dir verſprochen, dir zu dienen, und ich werde Der Bader. 55 dir Wort halten: aber zuvor vernimm meine Abenteuer, und lerne meine ganze Macht kennen. Geſchichte des Baders. Mein Vater war ein ſehr reicher Mann, er ſtarb fruͤhzeitig, und ich verſchwendete in kurzer Zeit das Erbtheil, welches er mir hinterlaßen hatte. Eines Tages, als ich hinaus ging auf ein Dorf, um Korn zu kaufen, wurde ich unterweges von einem ſtarken Regen uͤberfallen. Ich hatte einen Scheffel bei mir, damit das Korn zu meſſen, welches ich kau⸗ fen wollte; und um meine Kleider nicht durchnaͤſſen zu laßen, zog ich ſie aus, that ſie in den Scheffel, kehrte ihn um, und ſetzte mich darauf. Als der Regen vor⸗ uͤber war, kleidete ich mich wieder an und ſetzte mei⸗ nen Weg fort. Nachdem ich etliche Schritte gethan hatte, erblickte ich eine ſcheußliche Geſtalt, welche mir entgegen kam; ſie war ganz durchnaͤßt, und vom Kopf bis zu den Zehen uͤber und uͤber mit Koth beſpritzt. Dieß ſchreck⸗ bare Weſen erſtaunte, mich ſo trocken zu ſehen, als wenn es gar nicht geregnet haͤtte, und nachdem es mich ſehr aufmerkſam betrachtet hatte, ſprach es zu mir: „Ich bin ein Geiſt und kann alle moͤglichen Zau⸗ bereien und Kunſtſtuͤcke: aber ich weiß nicht, wodurch 56 601. T a g. du dich vor dem Regen bewahren konnteſt, welcher jetzt eben gefallen iſt.“. 16 „Herr,“ antwortete ich ihm,„es iſt die Wirkung eines Spruches, gewiſſer Worte.“— „Lehre ſie mich.“ „Ich will es thun, mit der Bedingung, daß du mich zuvor die ſchoͤnſten von den geheimen Kuͤnſten lehreſt, welche du verſtehſt.“. Der Geiſt willigte ein, und lehrte mich auf der Stelle viele Hexereien, Beſchwoͤrungen und Zauber⸗ ſpruͤche. Dagegen verlangte er nun auch von mir den Spruch zu wiſſen, wodurch ich im Regen wandern koͤnnte, ohne naß zu werden. Ich erzaͤhlte ihm hierauf die Geſchichte mit meinem Scheffel: voll Wuth, ſich ſo angefuͤhrt zu ſehen, machte er Miene, ſich zu raͤchen: aber ich ſprach ſchleunig einige Worte aus, welche er mich gelehrt hatte, und im Augenblick befand ich mich in das Dorf verſetzt, wo ich Korn kaufen wollte. Ich weiß nicht, was aus dem Geiſte geworden iſt; indeſſen gelobte ich, mich meiner Wiſſenſchaft nur zu bedienen, um Gutes zu thun, und ich habe bisher mein Wort nicht gebrochen. Zwar bin ich es, welcher der Mutter des Kauf⸗ manns, von welcher du mir erzaͤhlt haſt, das zauberi⸗ ſche Pergament gab, und darnach die Prinzeſſinn von China in das Zimmer ihres Sohnes verſetzte: aber ich —— Abdulſelam und Schelniſſa. 87 wußte nichts von ihren boͤſen Abſichten. Was dich betrifft, ſo ſei ganz ruhig; ich will dir in deiner Liebe behuͤlflich ſein. Das Pflaſter, welches ich dir an das Auge geklebt habe, hat die Kraft, dich unſichtbar zu machen: jedoch um die Aufmerkſamkeit des Hofes auf dich zu ziehen, und dir Gelegenheit zu verſchaffen, deine geliebte Prinzeſſinn zu ſehen, habe ich dir fuͤr dießmal nur zur Haͤlfte dieſen Dienſt erwieſen; nun⸗ mehr aber will ich mein Werk vollenden.“ Sechshundert und zweiter Tag. Abdulſelam und Schelniſſa. 4 Beſchluß. In der That ging Abdulſelam am folgenden Mor⸗ gen wieder mit dem Pflaſter aus, wie geſtern, aber jetzt an beiden Augen, dergeſtalt, daß er gaͤnzlich un⸗ ſichtbar war; und ſo begab er ſich in den Palaſt des Groß⸗Mandarins, des Vaters der Prinzeſſinn Schel⸗ niſſa. Er tritt ein; niemand haͤlt ihn auf; durch die Saͤle der Maͤnner fliegt er in die Zimmer der Frauen; er dringt endlich bis in das Gemach der Prinzeſſinn, er ſieht ſie, er betrachtet ſie nach Gefallen, ohne daß man argwoͤhnet, es ſei jemand in dem Zimmer. Als die Nacht heran kam, entkleidete man die Prinzeſſinn und brachte ſie, in Gegenwart des gluͤckli⸗ 58 6⁰a. Tag. chen Abdulſelam zu Bette. Ihre Amme zuͤndete zwei Wachslichter an, ſtellte ſie zu den Fuͤßen der Prinzeſ⸗ ſinn, und entfernte ſich; und Abdulſelam, nachdem er voll Ungeduld abgewartet hatte, bis ſeine Geliebte ein⸗ geſchlafen waͤre, ſchluͤpfte zu ihr in das Bette, um⸗ armte ſie und druͤckte ſie feſt an ſich. Die Prinzeſſinn erwachte davon und ſtieß ein durchdringendes Geſchrei aus. Die Amme lief herbei und fragte ſie, noch halb im Schlafe: „Was ſchreieſt du denn ſo laut?“ „Ich fuͤhlte,“ antwortete Schelniſſa,„wie ein Mann mich in ſeine Arme druͤckte.“ „Ho ho!“ erwiederte die Amme,„wir wollen doch ſehen, wo dieſer Verwegene ſich hat verbergen koͤnnen.“ Nachdem ſie in allen Winkeln des Zimmers geſucht hatte, ohne jemand zu finden, ſagte die Amme: „Beruhige dich, mein Kind; du ſiehſt wohl, daß kein Mann hier iſt: du haſt nur einen boͤſen Traum gehabt. Gute Nacht, ſchlafe wohl, und traͤume nicht wieder.“ Die Prinzeſſinn ſchlief wieder ein, und Abdulſelam begann von neuen ſie nach Herzensluſt zu umarmen. Sie erwachte abermals, ſtraͤubte ſich, und ſchrie noch ſtaͤrker, als das erſtemal. Die Amme kam wieder herbei, ſuchte abermals, und fand abermals nichts. Abdulſelam und Schelniſſa. 59 „Biſt du toll geworden?“ ſagte endlich die Amme, die daruͤber verdrießlich ward.„Eil wie ſoll dich denn ein Mann umarmt haben, da doch keiner hier zu fin⸗ den iſt?“ Um ſich zu rechtfertigen, zeigte ihr die Prinzeſſinn auf ihren Wangen die Spuren der Kuͤſſe, welche ſie empfangen hatte. Die Amme war jetzo von dem Grund ihrer Klagen uͤberzeugt; da ihr aber die ganze Sache unbegreiflich blieb, ſo lief ſie hin zu dem Groß⸗Man⸗ darin und benachrichtigte ihn von dem, was vorge⸗ gangen war. Dieſer begab ſich ſogleich in das Ge⸗ mach ſeiner Tochter; und da er nicht mehr, als die Amme von dieſem ſeltſamen Vorfalle begriff, verfuͤgte er ſich am naͤchſten Morgen zu dem Koͤnig, und be⸗ nachrichtigte ihn davon, indem er ihn ein aͤhnliches Schickſal fuͤr ſeine Tochter befuͤrchten ließ. Sechshundert und dritter Tag. Der Koͤnig verſammelte ſeinen Rath, aber man wußte nicht, welchen Beſchluß man bei dieſer ſeltſamen Anzeige faſſen ſollte. Endlich ſagte einer der Reichs⸗ raͤthe, er kenne eine Zauberinn, und ſei uͤberzeugt, wenn man ſie wollte kommen laßen, ſo⸗wurde ſie dieß Wunder zu erklaͤren wiſſen. Der Koͤnig und der ganze Rath ſtimmten ihm bei; die Zauberinn wurde vorge⸗ 60 63. Ta g. fordert, und erſchien bald darauf. Man legte ihr den Fall vor, und ſie antwortete: „Dieſes ſeltſame Ereignis iſt das Werk eines großen Zauberers in dieſem Lande: all meine Macht, all meine Wiſſenſchaft vermag nicht zu vernichten, was er hervorgebracht hat: aber ich will verſuchen, die Wirkung deſſelben abzuwehren. Wenn jener Unver⸗ ſchaͤmte dieſe Nacht ſich wieder in dem Schlafgemache der Prinzeſſinn einſtellt, ſo verſchließe man alle Thuͤren deſſelben, und ſtelle Wachen davor; die Prinzeſſinn muß ſich weniger ſtraͤuben, und wir wollen ſehen, ob er die Frechheit hat, uns zu entſchluͤpfen.“ Man befolgte ganz genau die Vorſchriften der Alten. Als es Nacht geworden war, kam der Prinz wieder und legte ſich zu Schelniſſa, welche ihm weni⸗ ger Widerſtand zu leiſten ſchien. Bald aber rief ſie die auf der Lauer ſtehenden herbei; die Thuͤre wurde verſchloſſen und die Wachen ſtellten ſich ſogleich vor die Fenſtern und vor alle uͤbrigen Ausgaͤnge des Zim⸗ mers, und bewachten ſie mit dem bloßen Saͤbel in der Hand. Als Abdulſelam die Gefahr bemerkte, welche ihn bedrohte, ſuchte er vergeblich zu entſchluͤpfen. In demſelben Augenblick befahl die Zauberinn die Decke des Zimmers, aus welchem die Prinzeſſinn ſich eilfer⸗ tig gefluͤchtet hatte, aufzuheben, und ließ Schwefel und andere angebrannte Sachen von oben hinein wer⸗ Abdulſelam und Schelniſſa. 61 fen. Alsbald wurden die Naſe, der Mund und die Augen des Prinzen von einem dicken Rauch erfuͤllt, er war nahe daran, zu erſticken; dicke Thraͤnen rollten ihm aus den Augen, ohne daran zu denken, wiſchte er ſie ſich mit der Hand ab: dadurch fiel eins von den geheimnisvollen Pflaſtern, das ſeine Thraͤnen losge⸗ weicht, ab, und es erſchien nun wieder die eine Haͤlfte eines Menſchen. Sogleich bemaͤchtigten die Soldaten ſich ſeiner und banden ihn mit Stricken. Als Abdul⸗ ſelam ſich ſo gefangen ſah, konnte er ſich nicht enthal⸗ ten zu weinen: das Pflaſter an dem andern Auge ver⸗ lor auf dieſelbe Weiſe ſeine Wirkung, und man ſah nun mit Erſtaunen, daß der gefangene halbe Mann ein ganz vollſtaͤndiger war. Er wurde alsbald vor den Koͤnig geſchleppt, der ihn zu dem Galgen verurtheilte. Einige Stunden darauf wurde er nach dem Richt⸗ platze gefuͤhrt; eine zahlloſe Volksmenge folgte ihm dahin. Als er dort ankam, ging zufaͤllig einer der drei Derwiſche, mit denen er die Reiſe hieher angetreten hatte, und der in der Stadt geblieben war, und ihn bisher vergeblich geſucht hatte, uͤber den Platz, und erkannte ihn, trotz des klaͤglichen Zuſtandes, in welchen er verſetzt war. „Wenn du mir das Leben retten willſt,“ ſprach Abdulſelam zu ihm,„ſo eile nach jenem Stadtviertel in das dortige Bad, benachrichtige den Bader von 62 6. Tag. meiner traurigen Lage, und bitte ihn, mir zu Huͤlfe zu kommen.“ Sechshundert und vierter Tag. Der Derwiſch flog zu dem Bader, und ſetzte ihn in Kenntniß von Abdulſelams Gefahr. Der Bader oͤffnete hierauf einen großen Kaſten, murmelte einige Zauberſpruͤche, und alsbald ritt eine ſo große Menge Reiter aus dem Kaſten hervor, daß der ganze Hof da⸗ von voll war. Dann nahm er aus demſelben Kaſten etwas weiße Erde, rieb ſich damit das Geſicht, und augenblicklich legte er ſeine eigene Geſtalt ab, und nahm die des Groß⸗Mandarins an. Er beſtieg nun ein praͤchtiges Roß, und ſprengte mit ſeinem ſtattlichen und trefflich berittenen Gefolge, nach dem Platze, wo Abdulſelam hingerichtet werden ſollte. Der Henker wollte ihn eben ſchon erwuͤrgen, als der Bader ankam: „Halt! halt!“ rief er mit gebieteriſchem Tone: „der Koͤnig hat ſich von der Unſchuld dieſes jungen Menſchen uͤberzeugt, und begnadigt ihn.“ Die Gerichtsbeamten, welche ihn fuͤr den Groß⸗ Mandarin anſahen, gehorchten, und ſchnitten ſogleich den Strick ab, welcher ſchon um den Hals des Prin⸗ zen lag. Dieſer war ohnmaͤchtig geworden; man be⸗ ſprengte ihn mit Waſſer, und er kam wieder zu ſich. Abdulſelam und Schelniſſa. 63 Der vorgebliche Groß⸗Mandarin ließ ihn ein ſehr ſchoͤnes Pferd beſteigen, und befahl den Gerichts⸗ beamten, nach dem Palaſte des Koͤnigs zuruͤck zu keh⸗ ren, er ſelber wuͤrde ihnen bald nachfolgen. Er nahm aber den Weg nach ſeinem Hauſe. Als er wieder in ſeinem Hofe angekommen war, murmelte er wieder andere Zauberſpruͤche, und die Reiter und Pferde gin⸗ gen von ſelber wieder in den Kaſten, aus welchem ſeine erſte Beſchwoͤrung ſie hervor gerufen hatte. Er rieb ſich hierauf mit derſelben weißen Erde, deren er ſich zu ſeinem Auszuge als Groß⸗Mandarin bedient hatte, und nahm ſeine gewoͤhnliche Geſtalt wieder an. Ab⸗ dulſelam erkannte ihn jetzt, und fiel ſeinem Retter dankbar zu Fuͤßen. Sechshundert und fuͤnfter Tag. Unterdeſſen waren die Schergen und Gerichtsbe⸗ amten im Palaſt angekommen, und waren ſehr er⸗ ſtaunt, den Groß⸗Mandarin dort zu finden, welchen ſie eben verlaßen, und einen andern Weg hatten neh⸗ men ſehen, als den nach dem Palaſt. Der Koͤnig fragte ſie, ob ſie ſeinen Befehl vollzogen haͤtten; ſie antworteten, der Groß⸗Mandarin ſelber ſei mit einem zahlreichen Gefolge gekommen und habe ihnen ange⸗ kuͤndigt, daß Seine Majeſtaͤt den Schuldigen begnadigt. Der Koͤnig gerieth in heftigen Zorn, und erwiederte 605. Ta g. ihnen, der Groß⸗Mandarin habe ihn gar nicht ver⸗ laßen. Die Gerichtsbeamten, die fuͤr ihren Kopf fuͤrch⸗ teten, ließen ſogleich eine große Menge Leute herbei holen, welche zugegen geweſen waren, und vor dem Koͤnig alle bezeugten, daß der Groß⸗Mandarin in ſei⸗ nem Namen den Verbrecher befreiet habe. Man nahm jetzt abermals ſeine Zuflucht zu der alten Zauberinn. Dieſe erkundigte ſich genau nach dem Wege, welchen der falſche Mandarin und ſein Gefolge genommen, und nachdem ſie erfahren hatte, wohin ſie gezogen waren, ſo errieth ſie gleich, daß dieß wieder eine Bezauberung des Baders geweſen. Der Koͤnig befahl ſogleich den Mandarinen ſich nach dem Hauſe dieſes Menſchen zu verfuͤgen und ihn mit dem Verbrecher herbei zu fuͤhren. Der Groß⸗Mandarin ſtieg zu Pferde, mit einer zahlreichen Begleitung, und kam bei dem Hauſe des Baders an. Dieſer aber hatte ihn ſchon von weiten kommen ſehen, und ſprach ſogleich gewiſſe Zauberworte aus. Augenblicklich verſchwand das Bad vor dem Man⸗ darin, und er ſah anſtatt deſſelben einen wonniglichen Garten, und darin mehrere Luſthaͤuſer, welche mit Allem was die Kunſt zu erfinden vermag, ausgeſtattet und geziert waren. Der Bader trat ihm hoͤflich ent⸗ gegen und lud ihn ein, ſich auszuruhen. Der Man⸗ darin nahm dieſes Erbieten an; und da es ſehr heiß war, ſo legte er ſeine Muͤtze und ſein Kleid ab. Bald Abdulſelam und Schelniſſa. 65 darauf ſah der Mandarin etwa zwanzig Edelknaben herein treten, alle praͤchtig gekleidet und von blendender Schoͤnheit; ſie trugen goldene Schuͤſſeln mit koͤſtlichen Speiſen; die Tafel wurde damit beſetzt; und eben ſo praͤchtig war die ganze uͤbrige Bewirthung. Der erſtaunte Mandarin betrachtete lange alle dieſe Wundererſcheinungen, und wollte eben von einigen der vor ihm ſtehenden Gerichte koſten: da erbebte ploͤtz⸗ lich die Erde, der Donner rollte, der Garten ver⸗ ſchwand, und der erſchrockene Groß⸗Mandarin befand ſich mitten auf dem großen Baſar der Stadt, umgeben von den ſchoͤnen Edelknaben, welche ſich in bellende Hunde verwandelt hatten. Das Volk lief herbei, um⸗ ringte ihn, und begleitete mit ſeinem Hohngeſchrei das Bellen der Hunde. Der Mandarin, der ſich ſo von dem Zauberer gefoppt ſah, ergriff die Flucht, und der Poͤbel verfolgte ihn. Gluͤcklicherweiſe begegnete er ei⸗ nem ſeiner Freunde, und fluͤchtete ſich in deſſen Haus. Sechshundert und ſechster Tag. Waͤhrend er hier die Kleider wechſelte, bedachte er, wenn er dem Koͤnig erzaͤhlte, was ihm widerfahren waͤre, ſo wuͤrden alle Mandarine ſich uͤber ihn luſtig machen; er beſchloß alſo ſein Geheimnis zu bewahren, damit ein andrer eben ſo angefuͤhrt wuͤrde, als er. X. 5 5 66 606. Tag. Demnach erſchien er vor dem Koͤnige, und berich⸗ tete ihm, er habe den Verbrecher und den Bader in einem Bade des von der alten Zauberinn bezeichneten Stadtviertels geſehen: weil er aber allein geweſen, ſo habe er ſie nicht verhaften koͤnnen. „Es fehlt dir an Herzhaftigkeit;“ ſagte ein andrer Mandarin zu ihm: wenn der Koͤnig es mir erlaubt, ſo will ich augenblicklich dieſe Frevler zu ſeinen Fuͤßen her ſchleppen.“ Der Koͤnig bewilligte es. Der Mandarin machte ſich ſogleich auf den Weg, und kam bei dem Bade an; er ſtieg vom Pferde: aber in demſelben Augenblick verwandelte ſich das Badehaus in einen praͤchtigen Palaſt. Eine Menge ſchoͤner Sklaven beiden Geſchlechts kam ihm tanzend entgegen, und fuͤhrte ihn zu einem Thron, auf welchen er ſich ſetzen mußte. Erſtaunt und geblendet, ſtrengte er ſich vergeblich an, dieſes Wunder zu begreifen. Aber ploͤtzlich folgte tiefes Dun⸗ kel auf das Tageslicht; Donner und Blitz vermehrten das Grauen der naͤchtlichen Finſternis, und der zitternde Mandarin befand ſich an der Mauer des Schloſſes, umgeben von einem Rudel Katzen, welche ihn anmjau⸗ ten und krallten. Er rannte davon, was er laufen konnte, und fluͤchtete ſich ſo ſchleunig und heimlich als moͤglich in das Haus eines ſeiner Verwandten, wech⸗ ſelte die Kleider, und kehrte nach dem Palaſt zuruͤck. Abdulſelam und Schelniſſa. 67 Unterweges bedachte er, daß ſeinem Vorgaͤnger ohne Zweifel ein aͤhnliches Ungluͤck begegnet waͤre, der⸗ ſelbe ſich aber deſſen nicht geruͤhmt haͤtte. Er hielt es alſo fuͤr rathſam, ſeine Schweigſamkeit nachzuahmen; und als der Koͤnig ihn fragte, ob er die Schuldigen mit braͤchte, antwortete er ihm: „Herr, ich kam an die Thuͤre des Bades, ich ſah ſie beide, aber ſie verſchloſſen ihre Thuͤre ſo feſt, daß ich ſie nicht zu ſprengen vermochte, und auch nicht konnte einſtoßen laßen, weil alle Nachbarn umher dieſe Menſchen als Zauberer fuͤrchteten, und ſich weigerten, Hand an ſie zu legen. Der Groß⸗Mandarin gerieth in wuͤthenden Zorn: „Waͤre es nicht ſchon Nacht,“ ſagte er zu dem andern Mandarin,„ſo wuͤrde ich dir heute noch durch mein Beiſpiel beweiſen, daß du ein Feigling biſt, eben ſo wie jener, der zuvor bei dem verwuͤnſchten Bader war: aber morgen fruͤh will ich mich ſelber hin bege⸗ ben, und da ſollt ihr ſehen, ob ſeine Hexereien mir Furcht einjagen koͤnnen. Sechshundert und ſiebenter Tag. Wirklich begab er ſich am naͤchſten Morgen fruͤh nach dem Hauſe des Baders. In demſelben Augen⸗ blick aber, wo er eintreten wollte, erblickte er einen 68 607. Tag. paradieſiſchen Park, deſſen Mauern von weißem Marmor waren: eine Pforte von Ebenholz, mit Schloß und Angeln von Silber, zeigt ſich vor ihm; der Bader tritt in der Geſtalt eines ehrwuͤrdigen Greiſes ihm entgegen, und der Groß⸗Mandarin fraͤgt ihn, wem dieſer wun⸗ dervolle Garten gehdre. „Es iſt der meinige,“ antwortete der Bader. „Iſt es moͤglich?“ erwiederte der Mandarin:„der Kaiſer ſelber hat keinen ſo ſchoͤnen.“ „Herr,“ verſetzte der Bader,„macht es euch Vergnuͤgen, darin zu luſtwandeln, ſo will ich euch die Pforte oͤffnen.“ Sogleich drehte der Zauberer einen goldenen Schluͤſ⸗ ſel um, die Thuͤre drehte ſich in ihren ſilbernen An⸗ geln, und der Mandarin trat ein. Der Glanz und der Duft der Blumen, die Laͤnge der Baumgaͤnge, kurz die ganze Anordnung dieſes Zaubergartens entzuͤckt den Groß⸗Mandarin. Er thut einige Schritte, da bietet ſich ſeinen Blicken ein Becken von ungeheurem Um⸗ fange, voll Waſſer, klarer wie Diamanten: er bleibt ſtehen, und betrachtet mit Vergnuͤgen alle dieſe Wun⸗ der. Unterdeſſen hatte der Bader am Fuße eines Bau⸗ mes einen Perſiſchen, von Gold und Seide durchwirk⸗ ten Teppich ausgebreitet; der Mandarin ſetzte ſich darauf, und der Bader lud ihn ein, ſich in dem Becken zu baden, und lobte ihm die Eigenſchaften dieſes Waſ⸗ ſers. Der Mandarin konnte dem Verlangen darnach Abdulſelam und Schelniſſa. 69 nicht widerſtehen, und der Zauberer reichte ihm ein Badetuch mit Gold und Perlen geſtickt. Der Mandarin entkleidete ſich, bedeckte ſich mit dem Tuche, und trat in das Becken; er ſchwamm darin umher, tauchte un⸗ ter, und ſchien an dieſem Bade großes Vergnuͤgen zu finden: aber ploͤtzlich verſchwindet alles, und er befin⸗ det ſich nackt in einer großen Lache ſtinkenden Waſſers am Ende der Stadt. Sechshundert und achter Tag. Das Volk fand es hoͤchſt anſtoͤßig, einen nackten Menſchen in dieſem abſcheulichen Bade ſich ergetzen zu ſehen; die Maͤnner verhoͤhnten ihn mit Ziſchen und Pfeifen, und ſelbſt mit Steinwuͤrfen, und die Weiber verſpotteten und beſchimpften ihn. Zu ſeinem Gluͤcke wurde er nicht erkannt. Tief beſchaͤmt, wie man ſich wohl denken kann, floh er, ſo ſchleunig er konnte, von dannen, und erreichte endlich ſeinen Palaſt. Kaum konnte er ſich ſeinen eigenen Leuten kennt⸗ lich machen, die ihm nicht ſeine Thuͤre oͤffnen wollten. Endlich gelangte er in ſein Zimmer; er kleidete ſich eiligſt an, und begab ſich zu dem Kaiſer. Aufrichtiger, als die beiden vorigen Mandarine, berichtete er alles, was ihm eben begegnet war. Die beiden anderen, die gegenwaͤrtig waren, folgten nun ſeinem Beiſpiel, und 70 608. Ta g. erzaͤhlten ebenfalls umſtaͤndlich, welche Streiche ihnen der Zauberer geſpielt hatte. „Ihr ſetzet mich in Erſtaunen,“ ſprach der Koͤnig zu ihnen:„aber ich will daruͤber aufgeklaͤrt ſein, und mich auf der Stelle ſelber zu dem frevelhaften Bader begeben.“ Er machte ſich in der That ſogleich auf den Weg, in Gefolge ſeines ganzen Hofes und der drei Mandarine. Der Bader ſtand mit Abdulſelam an der Thuͤre ſeines Hauſes. „Warum haſt du dieſen Elenden bei dir aufge⸗ nommen?“ fragte ihn der Koͤnig. „Herr,“ antwortete der Schwarzkuͤnſtler,„er iſt wider meinen Willen herein gekommen. Und wie haͤtte ich es ihm auch verwehren koͤnnen? er iſt ſo ſtark, daß er mit einem Naſenſtuͤber einen Menſchen mitten durch⸗ ſpaltet und ihn todt zu ſeinen Fuͤßen hin ſtreckt.“ „So wollen wir doch ſehen,“ erwiederte der ent⸗ ruͤſtete Fuͤrſt,„ob er der Schaͤrfe meines Saͤbels zu widerſtehen vermag.“ Mit dieſen Worten drang er mit gezuͤcktem Saͤbel auf den Prinzen ein. Der Bader aber murmelte ſo⸗ gleich einige Zauberſpruͤche her, und der Arm des Koͤ⸗ nigs blieb in der Luft ſchwebend. Der linke Arm wollte nun dem rechten zu Huͤlfe kommen, blieb aber daran feſt geheftet, ſo daß der Kaiſer weder den einen, noch den andern regen konnte. Der Groß⸗Mandarin ſprang Abdulſelam und Schelniſſa. 71 jetzo ſeinem Herrn bei: aber ſeine Hand blieb nun feſt am Arme des Kaiſers kleben, der vergeblich den Man⸗ darin draͤngte, ihn los zu laßen und ſich zu entfernen. Kurz, auch die beiden anderen Mandarine und nach einander alle Begleiter des Kaiſers, und ſeine ganze Leibwache, wollten bei dieſer Gelegenheit ihren Dienſteifer bethaͤtigen, und wurden durch die Wirkung deſſelben Zaubers, wie eine Kette, an ein ander gehef⸗ tet, und ſtanden mit aufgehobenen Armen da, wie ihr Herr, ohne ihre Stellung veraͤndern zu koͤnnen. Jetzo bat der Kaiſer, trotz ſeines ganzen Stolzes, den Bader flehentlich, dieſe Bezauberung aufzuheben. „Ich will es thun,“ antwortete der Schwarzkuͤnſt⸗ ler,„aber nur unter zwei Bedingungen.“ „Worin beſtehen ſie?“ fragte der Kaiſer:„ich be⸗ willige ſie zum voraus, ohne ſie noch zu kennen, und ich gebe dir mein kaiſerliches Wort darauf: aber be⸗ freie mich ſchleunigſt.“ „Die erſte iſt,“ fuhr der Bader fort,„daß du dieſem jungen Manne hier“(indem er auf Abdulſelam zeigte)„die Tochter deines Groß⸗Mandarins zur Ge⸗ mahlinn gebeſt; und die andere Bedingung iſt, daß du die alte Hexe, welche dir meine Wohnung verrathen hat, durch die ganze Stadt auspeitſchen kaßeſt.“ „Ich habe ſchon alles bewilligt, und ich beſtaͤtige es nochmals,“ ſagte der Koͤnig, hoͤchſt ermuͤdet von 72 608. 609. Ta g. ſeiner Stellung:„aber zoͤgere nicht laͤnger, mir den Gebrauch meines Arms wieder zu geben.“ Auf der Stelle hauchte der Zauberer ſie an, und der Zauber war geloͤſet. Sechshundert und neunter Tag. Der Kaiſer, ſeinem Worte getreu, fuͤhrte Abdulſe⸗ lam und den Bader mit in ſeinen Palaſt, und ließ bei⸗ den allerlei Ehren erweiſen. Abdulſelam erzaͤhlte nun⸗ mehr dem Kaiſer ſeine Abenteuer, und dieſer, hoͤchſt erfreuet, zu vernehmen, daß er der Prinzeſſinn Schel⸗ niſſa ebenbuͤrtig war, und daß er ihm das Leben ſeiner eigenen Tochter verdankte, uͤberhaͤufte ihn mit den zaͤrt⸗ lichſten Liebkoſungen, und fuͤhrte ſelber ihn zu ſeiner Shrheer⸗ die entzuͤckt war, ihren Retter wieder zu ehen. Die Vermaͤhlung Abdulſelams mit Schelniſſa wurde mit der groͤßten Pracht gefeiert; die Feſte dauerten mehrere Tage, und Abdulſelam war ſo gluͤcklich, Schel⸗ niſſa dieſelbe Liebe einzufloͤßen, welche er fuͤr ſie em⸗ pfunden hatte. Er verlebte ein ganzes Jahr in dem Rauſche der Freuden; aber nach Verlauf dieſer Zeit meldete ſich das Heimweh bei ihm. Er ſann unablaͤßig auf Mit⸗ tel, wodurch er den Kaiſer von China, den Groß⸗Man⸗ — — Abdulſelam und Schelniſſa. 73 darin ſeinen Schwiegervater, und ſeine Gattinn ſelber bewegen koͤnnte, in dieſe Reiſe zu willigen. Endlich gelang es ihm, ſie dahin zu bereden; das Verlangen, ſeinen Vater und ſeine Mutter wieder zu ſehen, die uͤber ſein Schickſal ſehr in Sorgen ſein muͤßten, diente ihm zur Entſchuldigung. Sechshundert und zehnter Tag. Er reiſte alſo mit Schelniſſa heim. Sein Schwie⸗ gervater begleitete ſie bis an den Hafen, wo ſie ſich zur Fahrt nach Indien einſchiffen mußten. Ein wohl ausgeruͤſtetes Schiff erwartete ſie hier. Die beiden jungen Gatten nahmen mit weinenden Augen Abſchied von ihrem Vater und Schwiegervater. Das Schiff ging unter Segel, und mehrere Tage hatten fie den günſtigſten Wind. Aber ploͤtzlich ſchwaͤrzte ſich der Himmel, der Donner rollte, ein furchtbarer Sturm erhub ſich, und bald war das Schiff verſunken. Der Prinz und die Prinzeſſinn faſt allein retteten ſich in einem Boote, welches noch drei Tage lang umher geworfen wurde, bis es ſie an ein unbekanntes Land brachte. Sie ſtiegen auf der Kuͤſte aus, und ihre erſte Sorge war, dem Himmel fuͤr ihre Rettung Dank zu agen. 74 610. Tag. Sie gingen tiefer ins Land hinein, ohne zu wiſſen, wo ſie waren. Schelniſſa, von dem langen Weg er⸗ muͤdet, welchen ſie ſchon gemacht hatte, und von der Hitze und vom Hunger gequaäͤlt, bat Abdulſelam, et⸗ was anzuhalten: ſie ſetzten ſich in den Schatten einer Pinie, und die Prinzeſſinn ſchlief auf Abdulſelams Schooß ein, der zu beſorgt und aufgeregt war, um der mindeſten Ruhe zu genießen. Waͤhrend Schelniſſa ſo ſchlief, bemerkte er in ih⸗ rem Buſen ein Tuch, welches etwas zu verwahren ſchien: er zog es hervor, und ſah, daß es allerdings Rubinen, Perlen und Diamanten von wundervoller Schoͤnheit enthielt. Er betrachtete ſie mit Vergnugen; denn alle uͤbrigen Reichthuͤmer, welche er aus China mitgenommen hatte, waren von den Wellen des Mee⸗ res verſchlungen. Er wollte darnach alles wieder an ſeinen Ort ſtecken: aber in demſelben Augenblick ſtieß ein Falke, der ohne Zweifel die Rubinen fuͤr ein Stuͤck rohes Fleiſch hielt, hoch aus den Luͤften ſpeilſchnell hernieder, ergriff ſie, und flog damit hinweg. Der Prinz fuͤrchtete, ſeine Gattinn aufzuwecken, legte ihr Haupt ſanft auf die Erde, ließ das Tuch, und was noch darin war, neben ihr liegen, und lief dem Falken nach, welchen er nicht aus dem Geſichte verloren hatte. Er verfolgte ihn lange von Baume zu Baume, bis er wieder an das Ufer des Meeres kam. Da ſah Abdulſelam, daß der Falke nach einem 8 Abdulſelam und Schelniſſa. nahen Eilande hinuͤber flog. Gluͤcklicherweiſe fand er hier noch daſſelbe Boot, welches ſie hieher gerettet hatte; er ſprang hinein, und ließ ſich von zwei Ma⸗ troſen, die zur Bewachung des Bootes zuruͤckgeblieben waren, nach dem Eilande hinuͤber rudern; hier ſetzte er die Verfolgung des Falken von Baume zu Baume fort, bis endlich der Vogel ſich hoch in die Luͤfte er⸗ hub, und den Augen des verzweifelnden Prinzen gaͤnz⸗ lich entſchwand.. Traurig beſtieg Abdulſelam nun wieder das Boot, und wollte dahin zuruͤck kehren, wo er ſeine Gattinn verlaßen hatte. Aber Seeraͤuber erblickten ihn, bemaͤch⸗ tigten ſich ſeiner ſogleich, legten ihn in Feſſeln, und nachdem ſie ihn mit Mishandlungen uͤberhaͤuft hatten, ſchifften ſie rings um die Inſel, und kamen an eine auf der entgegengeſetzten Seite liegende Stadt, wo ſie ihn an einen Greis verkauften. Sechshundert und eilfter Tag. Nachdem Abdulſelam demſelben ſeine Unfaͤlle er⸗ zaͤhlt hatte, verſprach der mitleidige Greis ihm die Freiheit, unter der Bedingung, daß er ein Jahr lang ſeiner Tochter treulich dienete. Der ungluͤckliche Prinz willigte ein, aber da dieſe Tochter huͤbſch und verfuͤh⸗ reriſch war, ſo konnte er ihren Reizen und Anlockun⸗ gen nicht widerſtehen, und beide benahmen ſich ſo un⸗ vorſichtig, daß der Vater ihr Einverſtaͤndnis bemerkte, und aufgebracht daruͤber, ihn zu den niedrigen Dien⸗ ſten eines Gaͤrtnerburſchen und Maurers verurtheilte, und ihn nach einem ſeiner Gaͤrten auf dem Lande ſchickte, wo er allein ein altes Gebaͤude einreißen ſollte. Der junge Prinz, von Kummer, Reue und An⸗ ſtrengung niedergebeugt, arbeitete dort ſchon lange, als er eines Tages beim Einreiſſen der alten Huͤtte einen Stein erblickte, an welchem ein Ring befeſtigt war. Er hub ihn auf, und entdeckte darunter ein tiefes Ge⸗ woͤlbe, in welches eine kleine Treppe hinab fuͤhrte. Er ſtieg hinunter und fand darin ſechs große Gefaͤße voll Goldſtuͤcke. Er verſchloß das Gewoͤlbe ſorgfaͤltig wie⸗ der, und erwartete einen guͤnſtigeren Augenblick, ſich dieſes Schatzes zu bemaͤchtigen. Einige Zeit darnach entſchloß ſich ſein Herr, ge⸗ ruͤhrt von ſeinen Unfaͤllen und ſeiner Reue, ihm die Freiheit zu ſchenken, und hieß ihn, ſich bereiten, um mit einem Schiffe abzufahren, welches nach Indien ſegeln ſollte, und unterweges gegen die Mitte der Ue⸗ berfahrt, in Kochin⸗China, noethwendig anlegen mußte, um die zur Vollendung der Reiſe guͤnſtige Jah⸗ reszeit abzuwarten. Abdulſelam, hoͤchſt erfreuet, holte jetzo ſeine ſechs mit Goldſtuͤcken gefuͤllten Gefaͤße hervor, nahm einen Theil Goldſtuͤcke heraus und bedeckte die uͤbrigen mit 8 Abdulſelam und Schelniſſa. 77 einer Lage Salz; und nachdem er alle Vorkehrungen zu ſeiner Reiſe getroffen, ließ er alles einſchiffen. Aus Beſorgnis, beſtohlen zu werden, gebrauchte er die Vor⸗ ſicht, dem Schiffshauptmann zu erklaͤren, daß die ſechs Kruͤge nur mit Salz gefuͤllt waͤren. Der Wind war noch widrig, und das Schiff lag noch etliche Tage vor Anker. Abdulſelam ging alle Morgen hin, um nach ſeinen Kruͤgen zu ſehen, und zu hoͤren, ob man bald abſegeln wuͤrde; er kehrte alsdann zu ſeinem Herrn zuruͤck. Aber der Schiffshauptmann ging waͤhrend einer Nacht unter Segel, ohne an Ab⸗ dulſelam zu denken, der am Morgen wieder nach dem Hafen eilte, und in Verzweiflung gerieth, als er ver⸗ nahm, daß das Schiff abgeſegelt war. Hoͤchſt betruͤbt kam er wieder zu ſeinem Herrn, der ihm ſagte, daß vor ſechs Monaten kein Schiff wieder nach Indien ab⸗ ginge, er alſo ſo lange warten muͤßte. Sechshundert und zwoͤlfter Tag. Aber wir muͤßen jetzo zu der Prinzeſſinn Schel⸗ niſſa zuruͤckkehren. Nach einem langen Schlaf erwachte ſie, und da ſie ihren Gatten nicht bei ihr fand, rief ſie und ſuchte ihn uͤberall vergeblich. Als ſie ſah, daß alles fruchtlos war, gab ſie ſich der grimmigſten Ver⸗ zweiflung hin; ſie waͤhnte, ſie waͤre betrogen und ihr 78 612. Tag. Gatte haͤtte ſie verlaßen, nachdem er ihr die koſtbarſten von ihren Edelſteinen entwandt. Allein, in einem un⸗ bekannten Lande, wußte ſie nicht, was ſie nun an⸗ fangen ſollte. Sie wanderte auf gut Gluͤck weiter, und nach einer dreitaͤgigen Wanderung gelangte ſie in eine Stadt namens Haiſſan: eine alte Frau nahm ſie hier bei ſich auf, und fragte ſie, wer ſie waͤre.— Schelniſſa entdeckte ihr nicht ihre Geburt, ſondern ſagte ihr nur, daß ſie Schiffbruch gelitten und das Gluͤck gehabt habe, ſich zu retten. Indeſſen lebte die Prinzeſſinn, die durch Vermittelung dieſer guten Frau ihre noch uͤbrigen Juwelen verkaufte, einige Zeit bei ihr; und entſchloſſen, ihre Reiſe nach Indien fortzu⸗ ſetzen, um ſich zu uͤberzeugen, ob ihr Gemahl ſie wirk⸗ lich betrogen haͤtte, oder um ihn daſelbſt wieder zu finden, im Fall er vor ihr dorthin gelangt, oder in der Folge noch ankaͤme, erkundigte ſie ſich, wann ein Schiff nach jenen Gegenden abginge. Einige Tage darnach kam die gute Alte und ver⸗ kuͤndigte ihr, daß unverzuͤglich ein Schiff dorthin ab⸗ fuͤhre; ſie bemerkte ihr aber dabei, daß daſſelbe in Kochin⸗China anlegen muͤſſe, um die guͤnſtige Jahres⸗ zeit zur Vollendung der Fahrt abzuwarten. Man wird ſich hiebei erinnern, daß das Schiff, welches Abdul⸗ ſelam mitnehmen ſollte, ebendaſelbſt, und aus demſel⸗ ben Grunde, anlegen mußte. Schelniſſa machte Abdulſelam und Schelniſſa. 79 ſogleich reiſefertig, und legte, bevor ſie ſich einſchiffte, Mannskleider an. Ihr Vorhaben war, ſich ſo an den Hof des Koͤnigs der Malayen zu begeben; ſie zwei⸗ felte nicht, daß dieſer Koͤnig, deſſen Sohn Abdulſelam ſich genannt hatte, einer Prinzeſſinn ſeine Theilnahme nicht verſagen wuͤrde, welche dieſer ſo grauſam betro⸗ gen haͤtte, und daß er ihr folglich Mittel gewaͤhren wuͤrde, nach China heim zu kehren, wenn ſie die Hoff⸗ nung aufgeben muͤßte, einen ihrer wuͤrdigen Gemahl wieder zu finden. Sechshundert und dreizehnter Tag. Das Schiff erreichte wirklich den Hafen der Haupt⸗ ſtadt von Kochin⸗China, wo es anlegte, wie es ſich vorgeſetzt hatte. Nachdem Schelniſſa hier einige Zeit von dem noch uͤbrigen Gelde aus dem Erldos ihrer Ju⸗ welen gelebt, ſah ſie endlich ihre Boͤrſe erſchoͤpft, und wußte nicht, wie ſie hier ferner beſtehen ſollte, bis das Schiff ſeine Fahrt nach Indien fortſetzen wuͤrde. Eines Tages, als ſie bei einem Speiſewirth ein maͤßiges Mahl einnahm, und dieſer ſie dabei in tiefe Schwermuth verſunken ſah, nahm er Theil an ihrem Schickſal, und that mehrere Fragen an ſie. Die ver⸗ idete Prinzeſſinn geſtand ihm, daß alle ihre Huͤlfs⸗ erſchoͤpft ſeien, und ſie nicht wiſſe, wovon ſie 80 613. Tag. die nachſte Mahlzeit bezahlen ſollte, welche ſie einneh⸗ men muͤßte. „Wohlan, junger Menſch,“ ſprach hierauf der Speiſewirth zu ihr,„dein Ausſehen gefaͤllt mir; bleib bei mir, als Aufwaͤrter; ich will dich ernaͤhren, und dich ferner dergleichen Sorgen uͤberheben.“ Schelniſſa nahm dieß Erbieten an; und obwohl ſie ſich eben nicht ſonderlich auf die Kuͤche verſtand, ſo ermangelte ſie jedoch nicht, durch ihre anmuthige Geſtalt, und durch den Anſtand, womit ſie die Tiſch⸗ gaͤſte bediente, das Haus ihres Herrn ſehr in Aufnahme zu bringen. Nach Verlauf einiger Monate, langte auch das Schiff, auf welchem Abdulſelam mitfahren wollte, im Hafen an. Der Schiffshauptmann, welcher waͤhnte, daß die ſechs Kruͤge voll Gold, welche Abdulſelam eingeſchifft hatte, nur Salz enthielten, beſchloß, ſich hier derſelben zu entledigen; und da er mit Schelniſſa im Hauſe des Speiſewirths, wo er oft gegeſſen, Be⸗ kanntſchaft gemacht hatte, ſo bot er ſie ihr zum Ge⸗ ſchenk an; was Schelniſſa um ſo lieber annahm, als das gute Salz in dieſer Stadt ſehr ſelten war, ſo daß ſie einiges Geld daraus zu loͤſen hoffte. Jetzo wenden wir uns wieder zu Abdulſelam. Endlich, als die ſechs Monate um waren, fand er wieder Gelegenheit ſich nach Indien einzuſchiffen, nachdem er dem Greiſe, deſſen Sklave er geweſen war, Abdulſelam und Schelniſſa. 81 ſeine herzliche Dankbarkeit bezeugt hatte. Unterweges hielt das Schiff bei einer kleinen Inſel an, und die geſammte Schiffsmannſchaft begab ſich ans Land, um ſich mit der Jagd zu vergnuͤgen. Abdulſelam durchſtreifte auch die Inſel und be⸗ merkte dabei auf einem Baume ein Falkenneſt. Da ein Falke Urſach geweſen, daß er ſeine Gattinn ver⸗ loren, ſo hatte er geſchworen, alle Voͤgel dieſer Art zu vertilgen, die ihm vorkaͤmen; demnach druͤckte er ſogleich einen Pfeil auf das Neſt ab, und ſchoß es herunter. Aber wie groß war ſein Erſtaunen, als er darin Schelniſſa's Rubinen erblickte, welchen ein Falke ihm entfuͤhrt hatte! Dieſes unerwartete Gluͤck ließ ihn hoffen, daß ſeine Leiden nunmehr zu Ende gingen. Sechshundert und vierzehnter Tag. Er ſchiffte ſich hoͤchſt vergnuͤgt wieder ein, und einige Tage darnach langte ſein Schiff in der Hafen⸗ ſtadt an, wo Schelniſſa ſich aufhielt. Alle begaben ſich ans Land; und noch denſelben Abend kam Abdul⸗ ſelam, beim Durchwandern der Stadt, an den Laden des Speiſewirths. Er erblickte darin einen Aufwaͤrter, deſſen Bildung ihm alle Zuͤge ſeiner geliebten Gattinn wieder vergegenwaͤrtigte. Dieſe Aehnlichkeit war ihm x. 1 6 1 82 614. Tag. auffallend; aber die Mannskleider, welche ſie verhuͤll⸗ ten, noͤthigten ihn alsbald die angenehme Vorſtellung aufzugeben, welche er zu faſſen wagte. Die Prinzeſſinnn ihrerſeits erkannte ihn auf der Stelle: aber ſie verbarg ihre Freude, und lud ihn ein, dieſen Abend bei ihrem Herrn zu eſſen, mit der Ver⸗ ſicherung, man werde ihn mit koͤſtlichen Gerichten be⸗ dienen, welche jedermann gut ſchmeckten, und womit, wie ſie hoffe, auch er zufrieden ſein werde. Er willigte ein. Waͤhrend des Eſſens, da die verkleidete Schelniſſa mit ihrem Gatten allein war, und ihn bediente, erſuchte ſie ihn, ihr ſeine Abenteuer zu erzaͤhlen; und er that es. Schelniſſa, die ihn fuͤr treulos gehalten, war entzuͤckt uͤber ihren Irrthum, vergaß von Stund an all ihre Leiden, und rief aus: „Ah Abdulſelam! wenn ich dir nun deine Gattinn zeigte. „Große Goͤtter,“ antwortete ſtracks der Prinz von Indien:„wie gluͤckſelig wuͤrde ich mich ſchaͤtzen!“ Augenblicklich nahm die Prinzeſſinn ihren Turban ab, und ließ ihre ſchoͤnen Haare um ihre Schultern wallen. Abdulſelam erkannte ſie, und beide umarm⸗ ten ſich, in Freudenthraͤnen zerfließend. Sie erzaͤhlte ihm hierauf, was ihr ſeit ihrer Tren⸗ nung begegnet war, und auf welche Weiſe die ſechs mit Salz bedeckten Goldkruͤge, deren Verluſt Abdulſe⸗ lam in ſeiner Erzaͤhlung bedauert hatte, in ihre Haͤnd Abdulſelam und Schelniſſa. 8³3 gekommen. Dieſes Geld diente ihnen nun dazu, ihre Reiſe anſtaͤndig fort zu ſetzen. Schelniſſa legte den⸗ ſelben Tag noch wieder die Kleidung ihres Geſchlechts an; der Prinz kaufte ihr Sklaven zur Bedienung, und der Speiſewirth, der ſie aufgenommen hatte, wurde freigebig belohnt. Sie reiſten ab, und gelangten gluͤcklich in die Staaten von Abdulſelams Vater, der ſie mit der herz⸗ lichſten Freude empfing. Abdulſelam herrſchte, nach dem Tode ſeines Va⸗ ters, lange mit großem Ruhm in Indien uͤber die Ma⸗ layen, und theilte ſeinen Thron mit Schelniſſa, welche er immerdar liebte, und die ihm mehrere Kinder gebar, die alle menſchenfreundlich und wohlthaͤtig waren, nach dem Muſter ihrer Aeltern.“ Die Braut ihrer Bruͤder. Sechshundert und funfzehnter Tag. Mir⸗Badahin, Koͤnig von Ormus, hatte ge⸗ woͤhnlich ſeinen Sitz zu Dagma, einer kleinen Stadt ſeines Reichs, fuͤr welche er eine beſondere Vorliebe hegte. Dieſer Fuͤrſt pflegte ſich haͤufig, zur Erholung, nach einem Schloſſe am Ufer des Meeres zu begeben, und als er eines Abends ziemlich ſpaͤt zu Fuße von der Jagd kam, wobei er ſich verirrt hatte, erblickte er einen alten etwa ſechzigjaͤhrigen Kalender,*) vor welchem ein ſchwarzer Sklave her ging, der einen gro⸗ ßen Lederſack auf dem Ruͤcken trug. Der Koͤnig von Ormus wollte wiſſen, was in den Sacke waͤre, und legte ſich ſammt ſeinem Gefolge, das *) Eine Art fahrender Geiſtlichen bei den Mahomedanern. Die Braut ihrer Bruͤder. 85 nur aus einem ſeiner Veſyre und zwei Sklaven be⸗ ſtand, platt auf die Erde. Da hoͤrte er nach einiger Zeit den Schwarzen, indem er den Sack auf den Bo⸗ den ſetzte, alſo zu dem Kalender ſprechen: „Dieſer Sack iſt ſehr ſchwer, Herr; erlaubet, daß ich mich ein wenig ausruhe und verſchnaufe.“ „Maſaul,“ erwiederte der Kalender,„du haͤltſt ſehr zur Unzeit an, wir haben nur noch einige Schritte bis zur Barke, welche uns erwartet: auf! damit wir uns des Ungeheuers, das in dieſem Sacke ſteckt, ent⸗ ledigen.“ „Aber, Herr,“ entgegneke der Schwarze,„beden⸗ ket wohl, daß dieſes Ungeheuer eure Tochter iſt; ich fuͤr mein Theil geſtehe es, nur ungern gehorche ich eurem ſo grauſamen Befehle, und ich kann nicht glau⸗ ben, daß ihr ſo unmenſchlich ſeid, das Vollkommenſte, was die Natur jemals gebildet hat, ins Meer werfen zu laſſen.“ „Sage vielmehr das Verderblichſte und Abſcheu⸗ lichſte: wie ſchlecht kennſt du Ak⸗Beyas!*) die Schoͤnheit iſt nur lobenswerth, wenn ſie mit einer ſchoͤ⸗ nen Seele verbunden iſt; und dieſe Ungluͤckliche, welche ich mich ſchaͤme meine Tochter zu nennen, hat ſich dergeſtalt mit ihren Verbrechen befleckt, daß ihr, nach⸗ dem ſie den Tod ihrer Bruͤder verurſacht-hat, zur Er⸗ *) Bedeutet glänzendes Weiß⸗ 4 86 615. Tag. fuͤllung ihres Horoſkops, nur noch uͤbrig bleibt, auch mir das Herz zu durchbohren. Nimm alſo deinen Sack wieder auf, mein lieber Maſaul, und laß uns unſere Schritte verdoppeln, damit wir bald wieder das Ufer des Meeres erreichen.“ Maſaul ſchlckte ſich an, obwohl mit Widerwillen, den Sack wieder auf die Schultern zu laden, als Ak⸗Beyas, die darin ſtak, und bis dahin Stillſchwei⸗ gen beobachtet hatte, den Kalender in den zaͤrtlichſten und demüuͤthigſten Ausdruͤcken um ihr Leben bat. Wenn dieſe Stimme, deren Toͤne den roheſten Unmenſchen erweicht haͤtten, auch keine Wirkung auf das Herz ihres Vaters hatte, ſo machte ſie jedoch auf das Herz Mir⸗Bahadins einen ſolchen Eindruck, daß er, ohne Bedenken, aufſprang, den Sack ergriff, und mit dem Saͤbel in der Hand ausrief: „Grauſamer Greis, gib deinen verruchten Vorſatz auf, den ich ſo eben gehoͤrt habe: ich nehme deine Tochter in meinen Schutz, ſie ſoll nicht ſterben!“ Der Kalender war von dieſer Begegnung, deren er ſich nicht verſah, zwar uͤberraſcht, zog aber ſogleich ſeinen Dolch, und ſprach: „Wer du auch ſeiſt, du ſollſt mich nicht hindern, an meinem eignen Blute Gerechtigkeit zu vollſtrecken.“ Zu gleicher Zeit ſtuͤrzte er auf den Sack los und durchbohrte ihn mit mehreren Stichen. Die Braut ihrer Bruͤder. 87 Durch das Geſchrei der in dem Sacke ſteckenden Frau, die ſich verwundet fuͤhlte, wurde der Koͤnig von Ormus ſo bewegt, daß er dem Kalender einen Saͤbel⸗ hieb auf den Kopf gab, welcher ihn zu Boden ſtreckte und wehrlos machte. Hierauf ließ er den Schwarzen mit dem Sacke ergreifen, oͤffnete dieſen ſelber, und zog eine halb ohnmaͤchtige Frau daraus hervor, welche er bei der Dunkelheit der Nacht zwar nicht deutlich er⸗ kennen konnte, die aber von blendender Weiße erſchien. Er befahl hierauf ſeinem Veſyr, dieſe Frau auf⸗ zuheben und zu tragen; und nachdem er ſich Maſaul zu erkennen gegeben hatte, hieß er ihn den verwunde⸗ ten Kalender auf den Ruͤcken nehmen, ließ ſein ganzes Gefolge ſeine Schritte verdoppeln, und langte bald in ſeinem Schloſſe an. Kaum war der Fuͤrſt eingetreten, ſo ließ er ſeine Wundaͤrzte kommen. Ak⸗Beyas war nur leicht von mehreren Dolchſtichen am Arme verwundet; der Ka⸗ lender aber hatte einen Streich von ſo gewaltiger Hand empfangen, daß man ihm nur noch wenige Stunden zu leben gab: wirklich, ſtarb er bald darnach beſin⸗ nungslos. Sechshundert und ſechzehnter Tag. „Als nun Ak⸗Beyas aus ihrer Ohnmacht wieder zu ſich gekommen, war der Koͤnig von Ormus hoͤchſt er⸗ 88 616. Tag. ſtaunt uͤber die große Schoͤnheit, welche er an ihr wahrnahm. In der That, niemals hatte die Natur ein Weſen ſo verſchwenderiſch mit ihren Gaben aus⸗ geſtattet; und die Sultaninnen des Koͤnigs, ſo groß auch ihre Anzahl war, verdienten nicht mit einer Schoͤn⸗ heit in Vergleichung zu treten, welche ſelbſt uͤber die Huri's*) den Preis davon getragen haͤtte. Sie ſehen, und ſterblich in ſie verliebt werden, war bei Mir⸗Bahadin eins. Wie ſehr er auch uͤber die letzten Worte des Kalenders betroffen war, doch ſchwankte er keinen Augenblick, dieſer ſchoͤnen Frau ſein Herz zu ſchenken. „Wie!“ rief er aus:„ein Vater kann ſo grauſam ſein, dieſem Wunder der Natur das Leben rauben zu wollen! Ha, unmenſchlicher Vater! wie viel Dank bin ich nicht dem großen Propheten ſchuldig, daß ich gerade bei der Hand war, um dich an der Vollfuͤh⸗ rung eines ſo ſchwarzen Verbrechens zu verhindern! Du haſt den Tod, welchen du von meiner Hand em⸗ pfangen, nur zu ſehr verdient.— Du Maſaul,“ fuhr er zu dem Sklaven fort,„weil du durch deine Zoͤgerung und durch dein Erbarmen das Leben dieſes goͤttlichen Geſchoͤpfes gerettet haſt, empfange von dei⸗ nem Koͤnige dieſen Diamantring und die Freiheit; das *) So heißen die wunderſchönen ewigen Jungfrauen, deren Genuß Mahomed in ſeinem Paradieſe allen guten Muſelmännern verheißt. Die Braut ihrer Bruͤder. 89 iſt der geringſte Lohn, welchen dein Mitleid mit dem Schickſale deiner Herrinn verdient.“ Maſaul empfing mit tiefer Ehrfurcht den Dia⸗ mantring, der wenigſtens zehntauſend Goldſtuͤcke werth war, und entfernte ſich dann, um den Koͤnig ungeſtoͤrt mit Ak⸗Beyas ſich unterhalten zu laſſen. Dieſe ſchoͤne Jungfrau betrachtete mit Erſtaunen alles, was in dem Palaſte des Koͤnigs vorging. Die Gegenwart ihres todten Vaters war nicht im Stande, ihre Freude uͤber das Entzuͤcken Mir⸗Bahadins zu mindern; ſie erkannte alsbald den ganzen Umfang ſei⸗ ner Liebe, und entſchloſſen, die Gewalt zu benutzen, welche ſie ſchon uͤber das Herz des Koͤnigs hatte, und den ſchlimmen Eindruck zu vertilgen, welchen die Re⸗ den des Kalenders darin moͤchten zuruͤckgelaßen haben, ſprach ſie zu dem Sultan, der ihr mit innigſter Zaͤrt⸗ lichkeit die Haͤnde kuͤßte: „Herr, ich bin dieſer uͤberſchwaͤnglichen Liebe nicht wuͤrdig; obwohl ich unſchuldig an dem Tode meiner Bruͤder bin, ſo ſchreiet doch ihr Blut, ſo wie das des Kalenders, wider mich: erlaube alſo, daß ich mich in die Einſamkeit zuruͤckziehe und immerdar die Verbrechen beweine, deren allein die Geſtirne mich ſchuldig ge⸗ macht haben.“ „Nein, reizendes Licht meines Lebens,“ erwiederte der Koͤnig,„deine Entfernung wuͤrde dich vor unſerm 90 616. Ta g. Propheten noch ſchuldiger machen, als du gegenwaͤrtig biſt, wenn man deinem Vater glauben ſoll: du wuͤrdeſt unfehlbar den Tod eines Koͤnigs bewirken, welcher nicht mehr einen Augenblick von deinen ſchoͤnen Augen ent⸗ fernt leben kann.“ Ak⸗Beyas erroͤthete bei dieſen Worten, und wollte aufſtehen, ſich vor Mir⸗Bahadin niederzuwerfen; er aber verhinderte ſie daran, und noͤthigte ſie auf dem Sopha zu bleiben. „Herr,“ ſagte ſie nun,„es iſt mir unmoͤglich, nicht all meiner Leiden zu vergeſſen, du laͤßt dich ſo weit herab, deine Sklavinn zu lieben...“ „Ha, ich will ſie zu einem ſo hohen Range er⸗ heben,“ rief der Koͤnig von Ormus aus,„daß ſie fort⸗ an der Neid aller Schoͤnheiten der Erde ſein ſoll.“ Hierauf faßte er ſie bei der Hand, und fuͤhrte ſie in das naͤchſte Zimmer, waͤhrend man den Leichnam des Kalenders hinweg ſchaffte. Man hatte auch Ak⸗Beyas Wunden verbunden, welche die Haut nur leicht geritzt hatten; und da der Koͤnig von Ormus ſehr neugierig ſchien, ihre Aben⸗ teuer zu vernehmen, wofern die Anſtrengung ihrer Ge⸗ ſundheit nicht nachtheilig waͤre, ſo erzaͤhlte ſie ihm dieſelben mit folgenden Worten: Geſchichte der Ak⸗Beyas, Tochter Abdallah⸗ Juſſuf's. Sechshundert und ſiebzehnter Tag. „Bevor ich meine Geſchichte beginne, Herr, iſt es noͤthig, dich an einige Begebenheiten zu erinnern, de⸗ ren Andenken nur ruhmvoll fuͤr dich ſein kann. Es ſind ungefaͤhr vierzehn Jahre, daß Amir Maſſod*) den Thron von Ormus einnahm: dieſer Faͤrſt hatte ſich durch tauſend unerhoͤrte Grauſamkeiten dermaßen zum Graͤuel ſeiner Voͤlker gemacht, daß ſie beſchloſſen, ihn zu entſetzen. Du, Herr, wareſt da⸗ mals Statthalter von Kalayata,*) wo deine Weis⸗ *) Dieſer Fürſt herrſchte in Ormus um das Jahr 1291. Er wurde durch Rir⸗Bahadin⸗Ayas⸗Seyfin, der ein Sklave des Königs Noßerat, und darnach Statthalter von Kalayata ge⸗ weſen war, vom Throne geſtoßen. **) Ein Hafen Arabiens. 92 617. T d g. heit, deine Gerechtigkeit, und ſo viele ſchoͤne Eigen⸗ ſchaften, die man an dir bewundert, dir die Anbetung aller Voͤlker erwarb, die unter deiner Pflege ſtanden. Die Großen des Reichs, der Bedruͤckung Maſſod's muͤde, nahmen zu dir, Herr, ihre Zuflucht, und du ſtellteſt dich an die Spitze eines zahlreichen Heeres, mit welchem du Maſſod zwangeſt, zu entfliehen; ſeine beiden Bruͤder verſuchten fruchtlos, ihn wieder auf den Thron zu erheben, deſſen er ſich unwuͤrdig gemacht batte: deine Tapferkeit ließ ſie in ihrer verwegenen Unternehmung den Tod finden, und die Unterthanen Maſſod's, die alle deine trefflichen Eigenſchaften kann⸗ ten, beſchwuren dich, ihr Koͤnig zu ſein. Mein Vater, der Abdallah⸗Juſſuf hieß, und den Euer Majeſtaͤt nun des Lebens beraubt hat, war einer der Guͤnſtlinge Maſſod's; geheimer Diener ſeiner Grauſamkeiten, ließ er allen Abſcheu derſelben auf die Veſyre oder den Koͤnig ſelber fallen. Entſchuldige, Herr, wenn ich ſo von dem Manne rede, der mir das Leben gegeben hat; die grauſame Art, auf welche er mich deſſelben berauben wollte, laͤßt mich vergeſſen, daß er mein Vater geweſen iſt: ich weiß nur erſt ſeit einigen Stunden, daß ich ihm das Leben verdanke, und ich hatte die Umſtaͤnde, welche ich dir eben erzaͤhlt habe, nur aus dem allgemeinen Geruͤchte, und zu ei⸗ ner Zeit vernommen, wo ich noch nicht wußte, daß ich ſeine Tochter waͤre. Ak⸗Beyas. 9³ Es konnte nicht fehlen, daß Abdallah⸗Juſſuf, bei ſo boͤſen Neigungen, reich wurde: er hatte die ſchoͤn⸗ ſten Sklavinnen in Ormus, und eine derſelben, na⸗ mens Indſchi,*) ward, vor beinahe neunzehn Jah⸗ ren, meine Mutter. Als Abdallah⸗Juſſuf bemerkte, daß meine Mutter waͤhrend ihrer Schwangerſchaft ſehr unwohl war, hatte er die Neugier, einen alten Muſel⸗ mann, namens Mubarek, n) welcher den Ruf eines geſchickten Sterndeuters hatte, uͤber meine Geburt zu befragen. 1 Dieſer gute Greis antwortete ihm: die Frau, von der die Rede waͤre, wuͤrde eine Tochter gebaͤren, welche den Tod ihrer Bruͤder und ihres Vaters verurſachen wuͤrde. Mein Vater, aͤber eine ſolche Weiſſagung erſchro⸗ cken, ging hin, und theilte ſie Indſchi mit, die, weni⸗ ger aberglaͤubig als er, ſeine Leichtglaͤubigkeit durch ſo ſtarke Gruͤnde bekaͤmpfte, daß ſie ihn davon abbrachte, mir das Leben zu rauben, welches ich noch nicht ein⸗ mal voͤllig empfangen hatte. Kurz, Herr, ich erblickte zur beſtimmten Zeit das Licht der Welt, und ich er⸗ ſchien ſo ſchoͤn, daß auch der Unmenſchlichſte nicht den grauſamen Beſchluß vollzogen haͤtte, welchen Abdallah⸗ Juſſuf wenige Tage vor meiner Geburt im Sinne hatte. 4 *) D. h. Detb **) D. h. Geſegnet. 94 617, Tag. Ich wurde bis ins dritte Jahr mit aller erdenkli⸗ chen Sorgfalt aufgezogen: da trennte der Engel des Todes die Seele meiner Mutter von ihrem Leibe, und mein Vater ward daruͤber ſo tief betruͤbt, daß er faſt den Verſtand verloren haͤtte. Um nichts vor Augen zu haben, was ihm ein ſo ſchmerzliches Andenken zu⸗ ruͤckrufen koͤnnte, ließ er mich nach einem Dorfe un⸗ weit Ormus bringen. Hier wurde ich einer guten Frau uͤbergeben, der man verbarg, wer ich waͤre, und es wurde ihr befohlen, mich als ihre eigene Tochter auf⸗ zuziehen. Abdallah⸗Juſſuf hatte von einer anderen ſeiner Frauen zwei Soͤhne; und ſo bald er mich aus dem Geſichte verloren hatte, wandte er alle ſeine Zuneigung auf dieſe, und ſchenkte ihrer Mutter die ganze Zaͤrt⸗ lichkeit wieder, welche er vor der Liebe zu Indſchi fuͤr ſie gehegt hatte. Obgleich Kalaf⸗Haray,*)— ſo hieß dieſe Frau,— ein boshaftes Gemuͤth und ein grauſames Herz hatte, ſo war dennoch Abdallah⸗Juſſuf⸗ in der Verblendung uͤber ihre ſchlimmen Eigenſchaften, ihr dermaßen zugethan, daß ſie eine unumſchraͤnkte Gewalt uͤber ihn ausuͤbte. Eines Tages, als mein Vater, in einem Augen⸗ blicke der Zaͤrtlichkeit und herzlichen Hingebung, ihr die Weiſſagung Mubareks erzaͤhlt, und ihr den Ort *) D. h. gallenfarbiges Herz. —— —,— —,— ———— Ak⸗Beyas. 95 entdeckt hatte, wohin er mich verwieſen, um die Er⸗ fuͤllung derſelben zu verhindern, bezeugte Kalaf⸗Haray ihm ihr hoͤchſtes Erſtaunen uͤber ſein Erbarmen mit mir. „Wie, Herr,“ ſprach ſie zu ihm,„du miſſeſt der Verkuͤndigung dieſer goͤttlichen Stimme des Himmels ſo wenig Glauben bei, und erhaͤltſt einem Ungeheuer das Leben, welches dir und meinen Kindern den Tod geben ſoll?— Ha, Herr, ich ſchwoͤre dir bei unſerm großen Propheten, wenn dieſer von Gott begabte Mann daſſelbe von den Kindern verkuͤndigt haͤtte, wel⸗ chen ich das Licht gegeben habe, ſo wuͤrde ich ſelber, um ſolchen entſetzlichen Vatermorde zuvorzukommen, ihnen ſchon einen Dolch in die Bruſt geſtoßen haben.“ Abdallah⸗Juſſuf war ſehr aufgeregt durch dieſe ſo nachdruͤcklich ausgeſprochenen Worte der Sultaninn; gleichwohl hielt die Natur, die vermuthlich in ihm noch ſtarker war, als die Thraͤnen der Kalaf⸗Haray, ihn zuruͤck, zu einer ſo grauſamen Entſchließung die Hand zu bieten, und auf folgende Weiſe ſtellte er es an, um mir das Leben zu retten, und zugleich das Gemuͤth ſeiner Frau zu beruhigen. Der erſte Veſyr hatte ein praͤchtiges Schloß vier Meilen von Dagma; dort ließ er im dickſten Walde einen finſtern Thurm bauen, und nachdem er mich in einer dunklen Nacht, nach dieſer traurigen Wohnung hatte bringen laſſen, wurde ich hier, allein mit der 96 617. 618. Ta g. Frau, welche mich in der Kindheit gepflegt hatte, ein⸗ geſperrt, und vierzehn Jahre lang mit der groͤßten Be⸗ hutſamkeit verwahrt. —— Sechshundert und achtzehnter Tag. Da ich kaum drei Jahre alt war, als ich in den Thurm kam, ſo gewoͤhnte ich mich, ohne Widerſtreben, an eine ſo traurige Lebensart; ich betrachtete die Frau, welche fuͤr mich ſorgte, als meine Mutter, und ſie liebte mich mit eben ſo viel Zaͤrtlichkeit, als wenn ich ihre Tochter geweſen waͤre. Als ich, bei vorgeruͤcktem Alter, anfing nachzudenken, that ich ihr tauſend Fra⸗ gen, auf welche ſie ſtaͤts ſchwieg. Die Thraͤnen tra⸗ ten ihr oft in die Augen, wenn ich ſie fragte, ob wir immerdar in dieſem Thurme bleiben wuͤrden, und aus welchem Grunde wir darin verſperrt waͤren; ſie wußte nicht, was ſie mir antworten ſollte, und haͤufig waren ihre Antworten ſo rathſelhaft, daß ich nichts davon verſtand. Ich hatte ſie oft ſagen gehoͤrt, daß wir von unerbittlichen Maͤnnern darin bewacht wuͤrden; weil dieſe ſich aber außerhalb des Thurmes befanden, ſo hatte ich ſie niemals geſehen, und ich konnte mir nicht einmal einbilden, was ein Mann ware. Die Neugier ließ mich auf allerlei Mittel ſinnen, um dieſe Ent⸗ Ak⸗Beyas. 97 becns zu machen, was meiner Aufſeherinn unmoͤglich duͤnkte.— Man ſchob uns das Eſſen durch ein niedriges und vergittertes Fenſter herein, welches ſogleich wieder ver⸗ ſchloſſen wurde, ohne daß wir die Hand ſehen konnten, welche uns bediente, und es gab keine einzige Oeff⸗ nung in dem Thurme, durch welche ich mein Verlan⸗ gen befriedigen konnte. Ich empfand daruͤber einen toͤdtlichen Verdruß; aber endlich fand ich ein Stück Eiſen, welches dazu diente, die Erde eines kleinen Gartens aufzulockern, der auf dem flachen Dache des Thurmes war, und ich verſuchte, mir damit ein kleines Loch durch die Mauer zu machen. Nach einer anhaltenden Arbeit von mehr als einem Monat, gelang es mir endlich einen Stein von zwel Fuß ins Gevierte, in einem kleinen Gemache auf der Hoͤhe des Thurmes, herauszubrechen. Die Mauer war an dieſer Stelle bei weiten nicht ſo dick, als im uͤbrigen, ſo daß es mir in kurzer Zeit gelang, eine Oeffnung durch zu arbeiten, durch welche ich den Kopf ſtecken konnte. Obwohl mein Geſichtskreis ſehr beſchraͤnkt war, ſo waͤhnte ich doch, eine neue Welt zu erblicken: wie groß war aber mein Erſtaunen, als ich, anſtatt der Maͤnner, von welchen meine Aufſeherinn mir geſagt hatte, nur ſcheußliche Ungeheuer erblickte, naͤmlich, die haͤßlichſten ſchwarzen Sklaven, welche X. 7 98 618. Tag. man hatte auffinden koͤnnen. Ich bildete mir ein, daß die ganze Erde nur von ſolchen ſcheußlichen Geſtalten erfuͤllt ware; und in dieſem Wahne, fing ich an, mich nicht mehr uͤber meine Gefangenſchaft zu beklagen. 9 Aber, obwohl mein Abſcheu vor dieſen Schwarzen ſich nicht verminderte, doch gewoͤhnte ich mich allmaͤhlich daran, ſie mit weniger Grauen zu betrachten, und ich brachte den groͤßten Theil des Tages an meinem klei⸗ nen Fenſter zu. Aber wie ward mir, als ich eines Morgens, es ſind ungefaͤhr zwei Jahre, am Fuße meines Thurms einen Juͤngling erblickte, tauſendmal ſchoͤner als der Liebesgott. Ich rief ſogleich Lelaluͤ(ſo hieß meine Aufſeherinn): ſie konnte ſelber ihn nicht ohne Bewun⸗ derung betrachten, und ſagte mir nun, das waͤre einer 1 von jenen Maͤnnern, wovon ſie mir manchmal erzaͤhlt, ſie haͤtte aber niemals einen ſo vollkommenen geſehen, . als dieſen hier. Mein Herz wurde bei dieſem Anblicke ſo aufge⸗ I regt, daß ich mich ſelber nicht mehr kannte. „Ach! meine gute Mutter,“ rief ich aus,„ich muß vor Verzweiflung ſterben, wenn du nicht Mittel findeſt, daß ich mit dieſem jungen Manne reden kann.“ Lelalu ward ſehr beſtuͤrzt, als ſie mich alſo re⸗ den hoͤrte; ſie liebte mich unendlich; und da ſie ſah, daß meine Sehnſucht immer zunahm, ſo ſagte ſie zu mir: Ak⸗Beyas. 99 „Meine liebe Tochter, ich will verſuchen, dich zu⸗ frieden zu ſtellen.“ Hierauf nahm ſie ein Knaͤuel weißer Seide, welche zu unſerer Stickerei diente, wickelte in ein Stuͤck gel⸗ ben Tafft einen Roſinenkern, ein Stuͤckchen Ingwer, Kohle und Alaun, und ließ es an dem Faden des Knaͤuels durch das von mir gemachte Loch hinab. Der Juͤngling beſchaute aufmerkſam dieſen Thurm, als er das Paͤckchen bis auf den Boden herablaſſen ſah; er zweifelte nicht, daß es an ihn gerichtet waͤre, und den Schlaf der Thurmwaͤchter benutzend naͤherte er ſich, nahm es und wickelte es auf. Ich war ſehr aufmerkſam auf ſeine Gebaͤrden, welche mir ganz außerordentlich vorkamen, und ich fragte Lelalu um die Bedeutung derſelben. Sie ſagte mir, er druͤcke ſeine Verwunderung aus und ſein Verlangen, diejenige Perſon naͤher zu ſehen, welche ihm dieſes geheimnis⸗ volle Poͤckchen geſandt habe⸗ Hierauf wäre ich faſt vor Freuden geſtorben, als ich ihn ſeinen Ring vom Finger ziehen und denſelben, anſtatt aller Antwort, an den Seidenfaden knuͤpfen ſah, welchen wir noch in der Hand hielten. Ich zog ihn haſtig in den Thurm hin⸗ auf, und im freudigen Entzuͤcken kuͤßte ich dieſen Ring tauſendmal. Aber der junge Mann zog ſich ſchleunig zuruͤck, weil er Laͤrm hoͤrte, und ließ viich ſehr in Unruhe uͤber ſeine Entfernung. — 100 3 619. T a g. Sechshundert und neunzehnter Tag. Lelalu ſah mich traurig an, und ſagte zu mir, indem ſie mich umarmte: „Ach! meine liebe Tochter, welchen Leiden ſehe ich dich entgegen gehen durch eine ſo heftige und ploͤtz⸗ liche Leidenſchaft! Alle Hoffnung, hier heraus zu kommen, iſt dir abgeſchnitten, und der Eingang dieſes Thurmes iſt deinem Geliebten unzugaͤnglich: du wirſt dich alſo in vergeblicher Sehnſucht fuͤr einen Mann verzehren, der dir vielleicht nur Zeichen ſeiner Zaͤrtlich⸗ lichkeit gibt, um die Erklaͤrung hoͤflich zu beantworten, welche ich ihm in deinem Namen gemacht, als ich je⸗ nes Päͤckchen an dieſer Seide hinabgelaſſen habe.“ „Wie!“ rief ich aus:„dieſe Kleinigkeiten, welche du in ein Stuͤck Tafft gewickelt haſt, bedeuten etwas?“ „Ohne Zweifel,“ antwortete mir Lelaluͤ,„und ich will es dir auslegen. Es gibt mancherlei Arten die Liebe auszudruͤcken; die Natur, die allgemeine Lehrmeiſterinn, iſt die erſte Schule in der Welt; ſie hat allerlei Mittel erfunden, um dem geliebten Gegenſtande die Bewegungen zu erkennen zu geben, welche er in der liebenden Seele hervorbringt. Die Schrift oder die Stimme dienen dazu, in lebhaften und ruͤhrenden Ausdruͤcken die Glut zu ſchildern, die zwei Liebende verzehrt, welche in einem freien Lande leben, wo ſie ſich ſehen und ſprechen koͤn⸗ Ak⸗Beyas. 101 nen: weil man aber im ganzen Morgenlande dieſes Vortheiles entbehrt, ſo nimmt man ſeine Zuflucht zu Erfindungen, deren Anwendung dir noch unbekannt iſt. Die Liebenden in dieſem Lande, empfaͤnglicher fuͤr die Liebe, als jedes andere Volk, treiben ihre Leidenſchaft bis zur Wuth; ſie uͤberlaſſen ſich ihr ohne Ruͤckhalt, und machen daraus ihr hoͤchſtes Vergnuͤgen. Man darf ſich alſo nicht wundern, wenn die Gefangenſchaft, in welcher man hier die Frauen haͤlt, den Maͤnnern tauſend ſinnreiche Mittel an die Hand gibt, ſich mit⸗ zutheilen. Die Natur allein fuͤhrt ſie auf außerordent⸗ liche Erfindungen dieſer Art. Faſt alles was in dem taͤglichen Verkehr vorkoͤmmt, dient auch zum Verkehr der Liebe: Gold, Silber, Fruͤchte, Thierchen, mit Ei⸗ nem Worte, die einfachſten Dinge, haben neben ihrer natuͤrlichen, auch ihre ſinnbildliche Bedeutung. Das iſt es, was man in unſerer Sprache den Selam nennt; und auf ſolche Weiſe enthaͤlt oft ein Paͤckchen wie ein Finger groß, eine ſehr ausdrucksvolle Erklaͤrung, welche auf das Herz mehr Wirkung macht, als die zaͤrtlichſten Schriftzuͤge eines Briefes. Die ſtumme Liebe findet hier in jedem Liebenden ein hoͤfliches und geiſtreiches Woͤrterbuch;*) und im ganzen Morgen⸗ — *) Nämlich, der Name jedes Dinges hat einen beſtimmten⸗ gemeinſam bekannten Reimſpruch, z. B. etwa: blaue Seide— du biſt meine Augenweide.— Vgl. die Anm. hinter Tag 646, Bd. 9.— Nan ſeeht hieraus, die Benen⸗ 102 619. Tag. lande ſind die Maͤdchen dermaßen in die Geheimniſſe des Selams eingeweihet, daß man ſelten eine von zwoͤlf Jahren antrifft, welche nicht auf dieſe Weiſe an den Gegenſtand ibrer Zaͤrtlichkeit zu ſchreiben wuͤßte. Man zieht dieſe Schrift ſogar der gewoͤhnlichen vor, weil, ſelbſt wenn die ſchaͤrfſten Waͤchter einen Selam faͤnden, ſie doch niemals genau wiſſen koͤnnen, von wem er koͤmmt, noch an wen er gerichtet iſt.“ Ich hoͤrte dieſe Rede der Lelalu mit hoͤchſter Ue⸗ berraſchung an:„Wie!“ rief ich aus:„iſt es möglich, daß ein Roſinenkern, Ingwer, Kohle, weiße Seide, und ein Stuͤck gelben Taffts etwas bedeuten?“ „Ja, meine liebe Tochter,“ antwortete mir meine Hofmeiſterinn,„und hier iſt Wort fuͤr Wort ihre Aus⸗ legung:— „Ich wuͤnſchte, dir die Zaͤrtlichkeit mitzutheilen, welche ich fuͤr dich empfinde; ich gehore mir ſelber nicht mehr an, ſeitdem ich dich erblickt habe: aber in meiner qualvollen Lage muß ich verſchmachten, waͤh⸗ rend du dich eines behaglichen Lebens erfreueſt. Ant⸗ worte mir, und endige wo moͤglich alle meine Leiden.“ nung Blumenſprache gilt nur von einem Cheile dieſes Reimwörterbuchs, und iſt ebenfalls durch die Blume zu ver⸗ ſtehen. Einige unſerer Blumennamen ſind ſelber ſchon ſol⸗ che Sinnſprüche, nur ohne Endreim: Vergißmeinnicht! Rührmichnichtan! Männertreue, Augentroſt ꝛc. Ak⸗Beyas. 105 „Und was bedeutet der Ring, welchen dieſer Juͤng⸗ ling mir geſchickt hat?“ fragte ich Lelaluͤ. „Daß du ihm ganz vertrauen kannſt,“ antwortete ſie mir,„und daß er alle ſeine Kraͤfte aufbieten will, um dich aus dieſem Aufenthalte zu befreien.“ „Ach!“ rief ich mit freudigem Entzuͤcken aus: „nun verwundre ich mich nicht mehr uͤber ſeine Ge⸗ baͤrden, als er das Stück gelben Tafft aufwickelte. Das iſt fuͤrwahr eine ſehr wunderbare Art, ſich zu verſtaͤndigen: ich bitte dich, unterrichte mich ſogleich in dieſer Sprache; die Liebe verliert uͤber die Haͤlfte ihrer Kraft, wenn ſie eines Dolmetſchers bedarf.“ Sechshundert und zwanzigſter Tag. Was ſoll ich dir mehr ſagen, Herr,“ fuhr Ak⸗ Beyas in ihrer Erzaͤhlung an den Koͤnig von Ormus fort:„ich war ſo ungeduldig, dieſe ſtumme Sprache zu erlernen, daß ich in weniger als vier Tagen beinahe eben ſo viel davon wußte, als Lelalu.. Mein Geliebter benutzte die gluͤhende Hitze des Tages, waͤhrend welcher die Schwarzen ſich dem Schlaf uͤberließen, und verfehlte nie, ſich am Fuße des Thur⸗ mes einzufinden. Der Selam ging zwiſchen uns hin und her, und wir ſagten uns die artigſten Sachen von der Welt, bis der Juͤngling mir zu verſtehen gab, daß 4 104 620. Tag. er, ungeduldig, mich nur in der Ferne zu ſehen, ein Mittel gefunden habe, ſich bei dem Huͤter des Thur⸗ mes einzufuͤhren, und daß er nach einigen Tagen in voller Freiheit mit mir zu ſprechen hoffte. In der That ſchwaͤrzte er ſeinen ganzen Leib, und nachdem er ſich meinem Gefaͤngniswaͤchter anſtatt eines ihm ge⸗ ſtorbenen Sklaven dargeboten hatte, wurde er von dem⸗ ſelben mit Freuden angenommen. Schon waren drei Tage verſtrichen, ohne daß ich etwas von ihm vernommen hatte, als ich um Mitter⸗ nacht die Thuͤre am Fuße meiner Treppe oͤffnen hoͤrte: ich horchte aufmerkſam auf ein ſo angenehmes Ge⸗ raͤuſch, als ich meinen Geliebten mit einer Lampe in der Hand erblickte. Seine Farbe erſchreckte mich nicht, denn er hatte mich davon unterrichtet, daß dieſe Schwaͤrze leicht wieder zu vertilgen waͤre: ich trat ihm raſch entgegen; er aber, Herr, wurde durch ei⸗ nige Zuͤge von Schoͤnheit, welche er auf meinem Ge⸗ ſicht erblickte, dermaßen geblendet, daß er ſich an der Seitenmauer der Treppe ſtuͤtzte, und ich ihn nahe dar⸗ an ſah, in Ohnmacht zu ſinken. Ich hielt meinen Geliebten mit meinen Armen auf, und fuͤhrte ihn in mein Zimmer, wo ich, nachdem ich ihm das Geſicht abgewaſchen hatte, dieſe reizenden Zuͤge wieder erkannte, welche mein Herz getroffen hatten. „Schoͤnes Weſen!“ rief er jetzt aus, indem er ſich zu meinen Fuͤßen warf:„Licht meines Lebens, laß Ak⸗Beyas. 105 uns den Schlaf benutzen, in welchen ich alle deine Waͤchter durch einen Schlaftrunk verſenkt habe, und komm mit mir an einen Ort, welcher wuͤrdig iſt, dich als meine Gemahlinn aufzunehmen.“ Hierauf nahm er mich bei der Hand, und half mir mit meiner Hofmeiſterinn hinabſteigen; wir verließen den Thurm ohne Hindernis, und nachdem wir im Wal⸗ de eine gute Stunde fortgegangen waren, kamen wir an eine Koͤhlerhuͤtte, wo wir Pferde bereit fanden, und den uͤbrigen Theil der Nacht und den folgenden Tag darauf verwandten, die Vorſtaͤdte von Dagma zu er⸗ reichen. Hier fuͤhrte mich mein Geliebter in ein ſehr artiges Haus und ließ mich einige Erfriſchungen ge⸗ nießen; dann begab er ſich ins Bad, waͤhrend ich und Lelalu uns von den Beſchwerden der Reiſe ausruhten. Sobald Agib(ſo nannte ſich mein Geliebter) be⸗ merkte, daß ich wieder aufgewacht war, trat er in mein Zimmer, noch tauſendmal glaͤnzender, als die Sonne. „Meine geliebte Seele,“ ſprach er zu mir,„willſt du noch laͤnger mein Gluͤck aufſchieben?“ Mein Schweigen gab ihm genugſam zu erkennen, daß ich mich ſeinem Verlangen nicht widerſetzte; wor⸗ auf er zu mir ſagte: „Erlaube, daß die einzige Perſon, welche ich faſt eben ſo ſehr liebe, wie dich, Zeuge unſerer Vermaͤh⸗ lung ſei.“ 106 620. Tag. Hierauf ging er hin, und fuͤhrte einen jungen Perſer herein, welchen er mir als ſeinen Bruder vor⸗ ſtellte, und mich beſchwur, ihm alle Freundlichkeit zu erweiſen. Ich verſicherte ihn meiner vollkommenen Hochach⸗ tung; und nachdem etliche Sklaven ein ſehr anſtaͤndi⸗ ges Mahl aufgetragen hatten, ſchickten wir ſie hinaus, damit ſie nicht Zeugen unſerer Vergnuͤgungen waͤren. Dieſe erwartete ich wenigſtens, Herr: aber wie weit war ich von meinen Hoffnungen entfernt! Wir waren ſchon vier oder fuͤnf Stunden bei Ti⸗ ſche: mein Gemahl ſaß neben mir auf demſelben So⸗ pha; er wuͤrzte alle ſeine Reden mit ſo zaͤrtlichen Lieb⸗ koſungen, daß ſein Bruder unſer Gluͤck nicht ohne Neid anſehen konnte. Der Wein hat ihm ſchon den Kopf erhitzt, er ſetzte ſich auch an meine Seite, und glaubte ſich bei mir dieſelben Freiheiten nehmen zu duͤr⸗ fen, wie ſein Bruder. Ich nahm es anfangs unbe⸗ fangen auf, als ich aber ſah, daß er den Anſtand aus den Augen verlor, bat ich ihn ernſtlich, artig zu ſein. Agib ward durch die Dreiſtigkeit ſeines Bruders gereizt, und ſprach zu ihm: „Reſensé, ich bitte dich, bedenke, daß dieſe Schoͤ⸗ ne meine Braut iſt, und es dir nicht geziemt, ſich dergleichen bei ihr herauszunehmen.“ „Noch iſt ſie nicht deine Frau,“ antwortete Re⸗ ſené, berauſcht von Wein und Liebe, welche er zu —— Ak⸗Beyas⸗ 107 mir gefaßt hatte:„und ich habe nicht Luſt, dir ein Maͤdchen zu uͤberlaßen, auf welche du nicht mehr Recht haſt, als ich. Bildeſt du dir denn ein, daß ich nicht recht gut weiß, daß dieſe Hochzeit nur eine Taͤu⸗ ſchung, und daß dieſe Schoͤne eine von jenen Maͤdchen iſt, welche ſich fuͤr Geld dem erſten beſten uͤberlaßen? Sei ſo gut, Agib, und tritt ſie mir fuͤr heute nur ab: morgen ſoll ſie ganz fuͤr dich ſein.“ Sechohundert und ein und zwanzigſter Tag. Wir waren uͤber dieſe unverſchaͤmten Reden Reſe⸗ né's dermaßen erſtaunt, daß wir anfangs unbeweglich blieben. Ich wollte hierauf aufſtehen und mich in ein anderes Gemach begeben: Reſené aber hielt mich zu⸗ rüͤck. Agib verſuchte vergeblich die Guͤte bei ſeinem Bruder: es ſchien, als wenn ein boͤſer Geiſt ſich ſei⸗ ner Sinne bemaͤchtigt haͤtte; und als Lelaluͤ, welche ich zu Huͤlfe rief, ihn zu Vernunft bringen wollte, erhielt ſie, anſtatt aller Antwort, einen Dolchſtich, welcher ihr den Arm durchbohrte. Ich that einen Schrei des Entſetzens, als ich das Blut meiner Erzie⸗ herinn fließen ſah, und ich befahl ihr, Agibs Sklaven herbei zu rufen; ſie waren aber ſchon, auf ſein Ge⸗ heiß, nach Dagma zuruͤckgekehrt. Vergeblich ſuchten wir den wuͤthigen Reſené zu entwaffnen; der Treuloſe 108 3 621. Tag. vergaß in dieſem Augenblicke aller Bruderliebe gegen meinen Gatten, ſtuͤrzte uͤber ihn her, und ſtieß ihm den Dolch in die Gurgel. Als Agib ſich ſo toͤdtlich verwundet fuͤhlte, ergriff er den Saͤbel, gerieth nun auch in Wuth, und ſpaltete ſeinem Bruder den Kopf, welcher todt zu meinen Fuͤßen hinſtuͤrzte. Urtheile, Herr, wie groß mein Schmerz war,“ fuhr Ak⸗Beyas fort, in Thraͤnen zerfließend,„als ich Reſené leblos und meinen Gatten ſterbend vor mir ſah. Dieſer hatte nur noch ſo viel Kraft, einige Schritte zu thun, und ſank auf das Sopha nieder; er reichte mir die Hand, und ſagte zu mir: „Ak⸗Beyas, meine geliebte Ak⸗Beyas, ich habe nur noch wenige Augenblicke zu leben, und ich weiß nicht, durch welches geheime Gefuͤhl ich mich getroͤſtet fuͤhle, daß ich nicht voͤllig dein Gatte geworden bin. Ich wuͤnſchte dieſes Gluͤck mit ſolcher Leidenſchaft, daß ich die Urſache dieſer Gleichguͤltigkeit nicht begreife. Ich erwartete mit Anbruch des Tages einen Imam, um mich foͤrmlich mit dir zu vermaͤhlen; aber, meine geliebte Seele, jetzt iſt uns ſeine Gegenwart ſehr un⸗ nuͤtz; flieh aus dieſem grauenvollen Hauſe; nimm alle Edelſteine von meinem Turban und meinen Klei⸗ dern, und hier in dieſer Boͤrſe ſind noch zweitauſend Goldſtuͤcke: vergiß, wo moͤglich, das Verbrechen mei⸗ nes treuloſen Bruders, und gedenke manchmal des Ak⸗Beyas⸗ 109 zaͤrtlichen Agibs. Ich ſehe ſchon den Modard,*) wie er die Hand nach mir ausſtreckt. Lebe wohl, mei⸗ ne angebetete Ak⸗Beyas, lebe wohl.“. Verzeih, Herr, ich kann hier meine Thraͤnen nicht zuruͤckhalten, welche mein geliebter Agib mit ſo vielem Rechte verdient: ihm verging in dieſem Augen⸗ blicke die Stimme, und er uͤbergab ſeine Seele den Haͤnden des Todesengels. Ich ſank ohnmaͤchtig uͤber meinen Gemahl hin. Lelaluͤ verlor, ungeachtet ihrer Wunde am Arme, nicht die Beſinnung, ſie brachte mich aus meiner Ohnmacht wieder zu mir, und ich verband ihr den Arm mit Oel und Wein. Sie loͤſte alle Edelgeſteine von Agibs und Reſe⸗ né's Kleidung ab, that ſie in die Boͤrſe zu den Gold⸗ ſtuͤcken, und fuͤhrte mich aus dieſem Hauſe, ungeach⸗ tet der Dunkelheit der Nacht; und nachdem wir die Thuͤre verſchloſſen hatten, nahmen wir den erſten Weg, welchen wir vor uns fanden. Der Tag begann ſchon zu grauen, und die Thore von Dagma wurden gedff⸗ net: wir gingen hinein, und begegneten einer guten Frau, namens Sumana, welche Lelaluͤ kannte, und ſie bat, uns bei ſich aufzunehmen. Matt und müͤde traten wir bei ihr ein; ich warf mich auf ein kleines *) So heißt bei den Perſern der Todesengel; er iſt eins mit Asrail. 2 110— 621. Tag. Bette, wo ich alle Leiden, welche ſeit dem erſten Au⸗ genblicke meiner Geburt mich niederdruͤckten, uͤberdachte, und meinen Thraͤnen und Seufzern freien Lauf ließ. Ich fiel in eine ſchwere Krankheit, und nur durch Le⸗ laluͤ's Sorgfalt konnte ich ſo viel Unfaͤlle uͤberleben. Wir blieben in dieſem Hauſe beinahe ein Jahr, das heißt, bis Euer Majeſtaͤt ihren Sitz in dieſer Stadt nahm, welche ſeitdem immer durch die Gegenwart ih⸗ res Herrſchers geehrt worden iſt. Das Haus, wo ich wohnte, lag in dem Stadt⸗ viertel des Palaſtes Euer Majeſtaͤt; ich beſchloß daher, mich aus dem Gewuͤhl und Geraͤuſch zu entfernen, um ſo mehr, als ein hitziges Fieber mir nach einigen Ta⸗ gen auch meine Lelalk entriß. Ich war untroͤſtlich uͤber ihren Verluſt; aber Sumana gab mir ſo viele Beweiſe einer wahrhaften Zaͤrtlichkeit, daß ſie bald in meinem Herzen die Stelle ausfullte, welche Lelalu eingenom⸗ men hatte. Dieſe gute Frau hatte ein Haͤuschen in einem Dorfe zwei Stunden von Dagma: ſie ſchlug mir vor, dort zu wohnen, und mit Vergnuͤgen begab ich mich dahin, und fand die Lage deſſelben ſo anmu⸗ thig, daß ich es verſchoͤnern ließ, um bequemer darin zu wohnen. Ak⸗Beyas. 111 Sechshundert und zwei und zwanzigſter Tag. Da ich binnen der zwei Jahre, welche ich in die⸗ ſem Dorfe verlebte, und waͤhrend meines Aufenthalts in Dagma, viel Geld ausgegeben hatte, ſo fing es an mir zu fehlen; ich beſchloß alſo, einige von den Edel⸗ ſteinen meines Gemahls zu verkaufen, und bat Su⸗ mana, bei den Juden in Dagma umher zu gehen, und ihnen einen ſchoͤnen Smaragd zu zeigen, welchen ich veraͤußern wollte. Auf dem Wege nach der Stadt begegnete ſie ei⸗ nem Kalender, welcher einen Sack auf dem Arme trug; er naͤherte ſich ihr, es entſpann ſich ein Geſpraͤch zwi⸗ ſchen beiden, und als die Frau ihm erzaͤhlt hatte, daß ſie einige Edelſteine nach Dagma zum Verkaufe truͤge, verſicherte er ſie, daß er ſich vollkommen darauf ver⸗ ſtaͤnde, und daß er ſelbſt Handel damit triebe. „Du, ein Kalender,“ ſagte Sumana zu ihm, „und ein Juwelenhaͤndler? Ich glaubte euer ganzes Gluͤck beſtaͤnde in der hoͤchſten Armut: es ſcheint aber, daß ihr ganz andere Vorſtellungen von eurem Stande habt.“— Der Kalender, uͤber ihre Antwort betroffen, ge⸗ ſtand ihr, er waͤre ein Juwelenhaͤndler; um ſich vor den Raͤubern in Sicherheit zu ſetzen, naͤhme er eine ſo einfache Verkleidung an, und wenn ſie ihm die 112 622. Tag. Steine zeigen wollte, welche ſie zu verkaufen häͤtte, ſo wuͤrde er ihr den wahren Werth derſelben ſagen. Sumana machte keine Schwierigkeit, ihm meinen Smaragd in die Haͤnde zu geben; aber kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, als er die Farbe ver⸗ aͤnderte: „Niemand,“ ſagte er,„kanm beſſer den Werth dieſes koſtbaren Steines kennen, als ich, weil ich ihn, nebſt mehreren anderen, vor drei Jahren einem jungen Herrn in Ormus verkauft habe; er hat mir nur hun⸗ dert Zeckienen dafuͤr bezahlt, aber ich wuͤrde jetzo gern wieder hundert und dreißig dafuͤr geben.“ Die Alte glaubte nichts beſſeres thun zu koͤnnen, als ihm den Stein fuͤr dieſe Summe zu uͤberlaßen, welche er baar bezahlte. „Du ſiehſt,“ ſagte der Kalender zu ihr,„daß ich ein Mann von Wort bin; wenn du noch mehr Edel ſteine haſt, ſo kaufe ich ſie dir alle ab.“ „Nicht mir gehoͤrt dieſer Smaragd,“ antwortete ihm Sumana;„aber die Frau, welche ihn mir uͤber⸗ geben, hat noch mehrere andere, welche ſie ohne Zwei⸗ fel nach einander verkaufen wird.“ „So thu mir den Gefallen, und bringe mich zu ihr,“ fuhr der Kalender fort. Sumana machte keine Schwierigkeit, ihn zu mir zu fuͤhren; er beſah alle meine Juwelen, und verſi⸗ Ak⸗Beyas. 215 cherte mich, er haͤtte dieſelben an einen jungen Perſer namens Agib verkauft. Dieſer Name erneuerte meinen Schmerz; ich konnte meine Thraͤnen nicht zuruͤckhalten, und der Ka⸗ lender ſah mich mit Verwunderung an. „Duͤrfte ich, ſchoͤne Frau,“ ſprach er zu mir, „euch um die Urſache einer ſolchen Betruͤbnis fragen?“ „Ach! mein Vater,“ antwortete ich ihm, indem ich meine Thraͤnen verdoppelte,„fordert von mir keine ſo ſchmerzliche Erzaͤhlung: es genuͤge dir zu wiſſen, daß Agib mein Gemahl war, aber nur auf wenige Au⸗ genblicke, und daß ein grauſames Schickſal ihn mir in demſelben Augenblicke eutriſſen hat, als ich ihm die letzten Beweiſe meiner Zaͤrtlichkeit geben wollte.“ „Sein und ſeines Bruders Tod haben in Dagma Aufſehen gemacht,“ fuhr der Kalender fort;„aber man weiß nichts von den Urhebern dieſes Meuchel⸗ mordes.“ „Sie wurden nicht ermordet,“ rief ich aus;„ich bin die einzige Urſache ihres Todes.“ Ich vermochte in dieſem Augenblicke nicht, die Neugier des Kalenders zu befriedigen; ich wurde von Schmerz ſo ergriffen, daß ich ohnmaͤchtig Sumana in die Arme ſank. Als aber dieſe gute Frau in ein Seitengemach getreten war, um mir eine Herzſtaͤrkung zu holen, ſo ſchloß der Kalender zweimal hinter ihr X. 8 114 622. 625. Tag. ab, ſteckte mich ſchleunig in ſeinen Sack, warf mich uͤber ſeine Schulter, und trug mich nach einem kleinen Hauſe, welches nicht weit von dieſem Schloſſe entfernt ſein muß.. Ich war ſehr erſtaunt, nachdem ich aus meiner Ohnmacht wieder zu mir gekommen war, mich an ei⸗ nem ganz unbekannten Orte zu finden, umgeben von vier ſchwarzen Sklaven und dem Kalender, welcher einen Dolch in der Hand hielt, um ihn mir ins Herz zu ſtoßen. „Abſcheuliche,“ ſprach er zu mir,„erkenne in mir den ungluͤcklichen Vater Agibs und Reſené's, und be⸗ reite dich, den Tod zu erleiden, welchen du, laut dei⸗ nes eigenen Bekenntniſſes, verdieneſt.“ Das Leben war mir ſo gleichguͤltig, daß ich ihn nicht um Schonung deſſelben bat:„Ach!“ ſagte ich zu ihm:„nachdem ich meinen geliebten Agib verloren habe, ſo ſterbe ich gern; aber verſtatte mir wenigſtens, dir zu erzaͤhlen, auf welche Weiſe mein Gemahl und ſein Bruder umgekommen ſind.“ Sechshundert und drei und zwanzigſter Tag. Er that ſeiner Wuth noch einen Augenblick Ein⸗ halt, und befahl mir, zu reden. Ich erzaͤhlte ihm nun die Geſchichte von dem Thurme, mein Liebesver⸗ V Ak⸗Beyas⸗ 115 ſtaͤndnis mit Agib, meine Entfuͤhrung, Reſené's Trun⸗ kenheit, und auf welche grauſame Weiſe dieſe unſeligen beiden Bruͤder ſich den Tod gegeben hatten. Die Augen des Kalenders verdunkelten ſich bei dieſer Erzaͤhlung, und er ſank nun ebenfalls ſeinen Sklaven in die Arme. Aber dann, als er ſeiner Sin⸗ ne wieder maͤchtig war, gerieth er in die aͤußerſte Wuth: „Verworfene Ak⸗Beyas,“ rief er aus,„ſo erken⸗ ne in mir den ungluͤcklichen Abdallah⸗Juſſuf, der dir das Leben gegeben hat. Ich hatte dich in einen Thurm verſperrt, um die Verkuͤndigung der Geſtirne abzuwenden, welche mich verſichert hatten, daß du den Tod deiner Bruͤder und ſelbſt deines Vaters ver⸗ urſachen wuͤrdeſt. Die Umwaͤlzung, welche in dieſem Reiche vorgegangen iſt, hat mich verhindert, der Er⸗ fuͤllung dieſes Unheils vorzubeugen: ich war genoͤthigt, mit Maſſod zu entfliehen, deſſen Thron jetzt ein ande⸗ rer einnimmt; ein Freund hatte es uͤbernommen, dich in feſtem Verwahrſam zu halten; und deine beiden Bruͤder waren ſeiner Sorgfalt anvertraut. Ach! in dieſer Verkleidung als Kalender beſuchte ich ſie von Zeit zu Zeit; ſie verſprachen alles, was man von ſo edelgeborenen Juͤnglingen erwarten darf; ſie hatten da⸗ hin gearbeitet, gegen den Thronraͤuber”“(—„verzeihe, Herr,“ ſagte Ak⸗Beyas bei dieſer Stelle,„wenn ich hier dieſelben Worte meines Vaters wiederhole“—) „eine maͤchtige Partei zuſammen zu bringen. Maſſod 116 623. Tag. ſollte am zweiten Tage nach dem Tode meiner Soͤhne Dagma uͤberfallen: und da biſt du es, blutſchaͤnderi⸗ ſche Tochter, die mir meinen theuern Agib und Reſe⸗ né ermordet. Hal ich haͤtte Kalaf⸗Haray, ihrer Mut⸗ ter, folgen ſollen: wenn ich ihren weiſen Rath ange⸗ nommen, ſo häͤtte ich ſchon vor funfzehn Jahren ein ſolches Ungeheuer erwuͤrgt, wie du biſt, und meine ge⸗ liebten Soͤhne wuͤrden noch leben; Maſſod haͤtte ohne Zweifel wieder den Thron beſtiegen, welchen die durch einen ſo ploͤtzlichen Todesfall ihrer Anfuͤhrer erſchreck⸗ ten Verſchworenen dem Mir⸗Bahadin ruhig uͤberlaßen; und ich wuͤrde nicht fluͤchtig umherirren und gezwun⸗ gen ſein, durch dieſe ſchnoͤde Verkleidung, welche ich verabſcheue, mich vor der Wuth meiner Feinde zu verbergen. Aber nicht weiter ſollſt du Verworfene dei⸗ ne Graͤuel treiben, und ich will jetzo die voͤllige Erfuͤl⸗ lung der Weiſſagung Murabeks verhindern.“ Nachdem er mir mit wenigen Worten ſeine Liebe zu meiner Mutter und alles das mitgetheilt hatte, was ich zu Anfang meiner Geſchichte zu erzaͤhlen die Ehre gehabt habe, fuhr er fort: „Dein Tod iſt meine einzige Sicherheit; jedoch will ich meine Hand nicht in dein Blut tauchen: ich weiß ein anderes Mittel, die Erde von einem Unge⸗ heuer zu reinigen, welches ich nie das Licht der Welt hatte ſollen erblicken laſſen.“ Ak⸗Beyas. 117 Hierauf, Herr, ließ er mich, ohne auf meine Bitten, noch auf meine Thraͤnen zu achten, durch ſei⸗ ne Sklayen in einen Sack ſtecken, lud denſelben dem Maſaul, einem von ihnen, auf die Schulter, und ging mit ihm hin, mich ins Meer zu werfen: als gluͤckli⸗ cherweiſe Euer Majeſtaͤt ſich ſeinem grauſamen Vorha⸗ ben widerſetzte. Seine Unmenſchlichkeit, Herr, hat dich mit Entſetzen erfuͤllt: du haſt ihm das Leben genom⸗ men, und es einem Weſen wiedergegeben, welches ſtaͤts die heißeſten und aufrichtigſten Waͤnſche fuͤr die Erhaltung des deinigen thun wird.— Dieß, Herr, iſt die wahrhafte Erzaͤhlung von den Abenteuern der ungluͤcklichen Ak⸗Beyas, deren einziges Gluͤck bis dahin geweſen, daß ſie nicht auch in Blut⸗ ſchande gefallen iſt, und welche ihr ganzes uͤbriges Leben die Geſtirne anklagen muß, ſie zur Erfuͤllung eines ſo grauſamen Schickſals gezwungen zu haben, daß ſie den Tod ihres Vaters und ihrer beiden Bruͤder verurſachen mußte.“ Sechshundert und vier und zwanzigſter Tag. Der Sultan von Ormus hatte mit geſpannter Aufmerkſamkeit die Geſchichte der Ak⸗Beyas angehoͤrt; die Thraͤnen ,welche ihr im Ueberfluß entſtroͤmten, er⸗ weichten ihn vollends, und er umarmte ſie mit allem Ausdruck einer innigen Liebe. 118 6²2 4. Ta g. „Ach! reizende Ak⸗Beyas,“ ſprach er zu ihr, „wie grauſam haben die Verhaͤltniſſe, in denen du dich mit Agib befunden, mein Herz getroffen! Nein, ob⸗ wohl er todt iſt, dennoch wuͤrde deine Zaͤrtlichkeit ge⸗ gen ihn mir die heftigſte Eiferſucht erregt haben, wenn das Ende deiner Unfaͤlle mich nicht belehrt haͤtte, daß er dein Bruder war. Ich weiß, daß die Weiſſagun⸗ gen Mubareks faſt immer in Erfuͤllung gegangen ſind, aber ich tadle diejenigen ſehr, die ihn zu befragen ge⸗ hen. Das Gute und das Boͤſe, das uns auf Erden begegnet, koͤmmt von unſern guten oder boͤſen Neigun⸗ gen; und da unſere Freiheit nicht bezwungen werden kann, ſo haben wir mehr von unſerer eigenen Boͤsar⸗ tigkeit zu fuͤrchten, als von dem boͤſen Einfluſſe der Geſtirne.— Unſere Handlungen ſtehen auf der Tafel des Lichts geſchrieben, warum wollen wir in die Zu⸗ kunft eindringen, welche uns meiſtentheils nur betruͤ⸗ ben kann? Sollen wir gluͤcklich ſein, ſo benimmt die Ungeduld, mit welcher wir dieſen durch die Geſtirne verkuͤndigten gluͤcklichen Augenblick zu erreichen ſtreben, uns mehr als die Haͤlfte dieſes Gluͤcks; verkuͤndigt das Schickſal uns aber etwas Ungluͤckſeliges, ſo truͤben dieſe traurigen Vorſtellungen alle Freuden unſers Le⸗ bens, und die Vorkehrungen, welche wir treffen, um das uns beſtimmte Ungluͤck abzuwenden, fuͤhren es ge⸗ rade erſt herbei: es iſt ſelbſt nicht immer Wirkung der Weiſſagung, ſondern vielmehr Strafe der Neugier, Ak⸗Beyas. 119 welche darnach forſchet, oder der Leichtglaͤubigkeit, welche ſie annimmt. So iſt es dem Abdallah⸗Juſſuf ergangen, wel⸗ chen der große Prophet durch die in ihm erregte Neu⸗ gier, den Mubarek zu befragen, fuͤr alle ſeine Verbre⸗ chen beſtrafen wollte; hatte er nicht in die Zukunft eindringen wollen, ſo wuͤrdeſt du mit Agib und Reſe⸗ né auferzogen ſein, du haͤtteſt ſie als deine Bruͤder ge⸗ kannt; der erſte, weit entfernt, eine blutſchaͤnderiſche Liebe fuͤr dich zu fuͤhlen, häͤtte dich nur mit Ehrfurcht betrachtet; Reſené haͤtte ſeinem Bruder nimmer den Beſitz einer Perſon ſtreitig gemacht, welche zu lieben goͤttliche und menſchliche Geſetze ihm verboten; beide haͤtten einander nicht ſo grauſam getoͤdtet, und Abdal⸗ lah⸗Juſſuf haͤtte ſein Ende nicht unter der Schaͤrfe meines Schwertes gefunden. Goͤttliche Ak⸗Beyas, laß uns nun, ich beſchwoͤre dich, alle dieſe traurigen Vorſtellungen entfernen, und denke fuͤrder nur an den liebevollen Koͤnig von Ormus; finde in ihm allein alle deine Freuden, und ſei verſi⸗ chert, daß er ſein einziges Gluͤck darin ſetzt, dir zu ge⸗ fallen und allein von dir geliebt zu ſein.“ Ak⸗Beyas gehorchte dem Sultan, ſie trocknete ihre Thräͤnen, und konnte ſich nicht enthalten, mit freudigem Entzuͤcken zu erkennen zu geben, wie ſehr ſie die Liebe Mir⸗Bahadins erwiederte. 120 624. Tag. Der Koͤnig war entzuͤckt uͤber die Zaͤrtlichkeit die⸗ ſer ſchoͤnen Jungfrau, und wollte ſein Gluͤck keinen Augenblick laͤnger aufſchieben; er ließ ſeinen Imam kommen, und nachdem er ſich mit allen erforderlichen b Feierlichkeiten mit der ſchoͤnen Ak⸗Beyas vermaͤhlt hatte, ward er der gluͤcklichſte aller Gatten, und die reizende Sultaninn war ihr lebelang darauf bedacht, allen Wuͤnſchen ſeines Herzens zuvorzukommen. Ihre Groͤße und Erhebung ließen ſie auch Su⸗ mana nicht vergeſſen, welche der Kalender in dem Landhauſe zuruͤckgelaßen hatte; ſie ließ ſie zu ſich kommen, und uͤberſchuͤttete ſie mit Gunſtbezeigungen. Und dieß iſt dieſelbe Sultaninn, welche die ſchoͤne Moſchee zu Dagma erbaute, die man noch dort ſieht, und in welcher, ſo lange ſie lebte, ſechs Derwiſche un⸗ aufhoͤrlich, einer um den andern, zu dem erhabenen Propheten fuͤr ihren Vater und fuͤr ihre beiden Bruͤder beteten.. ͤö—ſö—öſoſͤöoſͤſſſ ————— Geſchichte der drei Buckligen. Sechshundert und fuͤnf und zwanzigſter Tag. Unter dem Chalyfen Vatik⸗Billah,*) Harun Alraſchids Enkel, lebte zu Damask*) ein Greis namens Behemrillah, der muͤhſelig ſeinen Unterhalt durch Anfertigung von Stahlboͤgen, Degen, Saͤbeln und Meſſerklingen erwarb. Von dreizehn Kindern, wel⸗ che er mit ſeiner einzigen Frau erzeugt hatte, waren zehn in ihrem erſten Jahre geſtorben; und die drei *) Dieſer Chalyf, der ſeinen Sitz zu Bagdad hatte, regierte nur fünf Jahre und einige Monate, und ſtarb im J. 845. *) Damask, in Syrien, am Fuße des Berges Libanon, vier⸗ zig Stunden von Halep⸗ iſt eine der älteſten Städte der Welt. Sie liegt an dem kleinen Fluſſe Barda, und treibt einen ſtarken Handel mit Meſſern, Bögen und Säbeln: der Damaszener Staht iſt vor allen geſchätzt, auch bei uns. 122 625. Tag. ihm uͤbrig gebliebenen waren von ſo ſonderbarer Ge⸗ ſtalt, daß man ſie nicht ohne Lachen anſehen konnte. Sie waren alle drei bucklig hinten und vorn, blind auf dem linken Auge, und am rechten Fuße lahm; und ſie glichen ſich von Geſicht, Wuchs, und auch von Kleidung, worin ſie gewoͤhnlich etwas ſuchten, ſo voll⸗ kommen, daß ſelbſt ihr Vater und ihre Mutter ſie manchmal verwechſelten. Von dieſen drei Soͤhnen Bemrillahs hieß der aͤl⸗ teſte IJbad, der zweite Syahuk, und der dritte Ba⸗ bekan; und wenn dieſe drei kleinen Buckligen in der Werkſtatt arbeiteten, ſo fehlte es faſt niemals, daß ſie den voruͤber gehenden Kindern zum Spotte dienten. Eines Tages, als der einzige Sohn eines reichen Kaufmanns, namens Murad,*) mit einigen jungen Leuten ſeines Alters, von einem Spaziergange zuruͤck⸗ kam, und uͤbermuͤthiger war, als gewoͤhnlich, ſtuͤtzte er ſich auf die Bruͤſtung der Werkſtaͤtte, darin die drei Buckligen arbeiteten, und verhoͤhnte ſie ſo bitter, daß Babekan, der in dieſem Augenblicke an einer Meſſer⸗ klinge arbeitete, alle Geduld verlor; er lief dieſen Knaben nach, drang auf ſeinen Hauptfeind unter ih⸗ nen ein, und ſtieß ihm das Meſſer in den Bauch; und als er ſich hierauf von dem Volke verfolgt ſah, *) Murad bedeutet im Arabiſchen Verlangen. — Die drei Buckligen. 125 kluͤchtete er ſich in ſeine Werkſtatt, welche er ſogleich hinter ſich verſchloß. Da Murad gefaͤhrlich verwundet war, ſo umringte man das Haus Bemrillahs von allen Seiten, bis der Kadi*) kaͤme, welchen man zu holen gegangen war. Dieſer eilte mit ſeinen Aſſa's**) herbei; und nach⸗ dem die Thuͤre, welche man zu oͤffnen weigerte, auf ſeinen Befehl eingeſchlagen war, trat er in die Werk⸗ ſtatt, und fragte diejenigen, welche Zeugen des Vor⸗ ganges geweſen, wer von den drei Buckligen der Moͤr⸗ der waͤre. Keiner derſelben vermochte aber einen von dem andern zu unterſcheiden: alle drei waren ſich ſo gleich, daß man ſie verwechſelte. Der Kadi befragte nun Ibad; dieſer verſicherte, er ſei es nicht, der den jungen Murad verwundet ha⸗ be; er koͤnne aber auch nicht ſagen, ob es Syahuk oder Babekan geweſen waͤre. Syahuk behauptete die⸗ ſelbe Ausſage; und Babekan, der ſich ſo außer Ge⸗ fahr ſah, hatte die Dreiſtigkeit, ebenfalls zu laͤugnen, daß er irgend einen Theil an dieſer That haͤtte. Der Kadi befand ſich jetzt in großer Verlegenheit: nur einer war der ſchuldige, es ſchienen aber ihrer *) Die Kadi's ſind im ganzen Morgenlande die Richter in bürgerlichen und peinlichen Sachen; ſie erkennen ſelbſt über Angelegenheiten, welche die Religion betreffen. *⸗*) Die Aſſa's ſind eine Art Häſcher, welche gewöhnlich den Kadi begkeiten. 124 625. T A g. drei, und keiner bekannte ſich als Urheber des Verbre⸗ chens. Er glaubte nicht beſſer thun zu koͤnnen, als den Koͤnig von Damask von einem ſo ſeltſamen Falle zu unterrichten. Er ließ alſo die drei Buckligen vor den Thron des Koͤnigs fuͤhren; und dieſer befahl, nachdem er ſie ſel⸗ ber befragt hatte, ohne von ihnen die Wahrheit erfor⸗ ſchen zu koͤnnen, ihnen hundert Stockſchlaͤge auf die Fußſohlen zu geben, um ſie zum Geſtaͤndnis zu brin⸗ gen. Zuerſt kam Syahuk daran, dann Ibad; aber da keiner von beiden gewiß wußte, ob Babekan der ſchuldige waͤre,— ſo groß war ihre Aehnlichkeit unter einander,— ſo erduldeten ſie die Baſtonnade, ohne daß der Koͤnig dadurch aufgeklaͤrt wurde. Babekan kam nicht wohlfeileren Kaufs davon; weil er aber Richter in ſeiner eigenen Sache war, ſo hielt er es nicht fuͤr rathſam, die That einzugeſtehen: er betheuerte ſeine Unſchuld. Da ſolchergeſtalt der Koͤnig den wahren Urheber des Verbrechens nicht zu erforſchen vermochte, und nicht zwei Unſchuldige mit einem Schuldigen be⸗ ſtrafen wollte, ſo begnuͤgte er ſich, ſie alle drei fuͤr immer aus Damask zu verbannen. Jbad, Syahuk und Babekan waren gezwungen, dieſem Ausſpruch auf der Stelle Folge zu leiſten. Sie verließen alſo die Stadt; und indem ſie nun mit ein⸗ ander uͤberlegten, welchen Entſchluß ſie faſſen ſollten, I meinten Syahuk und Ibad, ſie muͤßten ſich nicht von Die drei Buckligen. 3 125 einander trennen. Babekan aber ſtellte ihnen vor, wenn ſie beiſammen blieben, ſo wuͤrden ſie uͤberall, wohin ſie kaͤmen, immer wieder denſelben Uebelſtand haben und den Leuten zum Gelaͤchter dienen; wenn ſie dagegen einzeln waͤren, ſo wuͤrde man weniger auf jeden von ihnen Acht geben. Dieſe Gruͤnde uͤberwo⸗ gen die Meinung der beiden anderen: ſie trennten ſich, An jeder von ihnen dreien nahm einen verſchiedenen eg. Sechshundert und ſechs und zwanzigſter Tag. Babekan kam, nachdem er mehrere Staͤdte von Syrien durchwandert hatte, endlich nach Bagdad,*) wo damals, wie geſagt, der Chalyf Watik⸗Billah, Harun Alraſchids Enkel, herrſchte.— Der kleine Bucklige hatte erfahren, daß in dieſer Stadt ein Meſſerſchmid von bedeutendem Ruf war; er ging zu ihm, um Arbeit zu ſuchen, und ſagte ihm, er waͤre aus Damask, und beſaͤße ein ganz beſonderes Geheimnis, den Stahl zu haͤrten. Der Meſſerſchmid wollte es verſuchen, ob Babekan ſo geſchickt waͤre, *) Am Tigris, in der Provinz Jrak. Wird von Einigen für das alte Babylon gehalten, welches aber am Eupyrat lag. Bagdad war lange Zeit der gewöhnliche Sitz der Cha⸗ lyfen. 126 626. Dag. wie er ſich ruͤhmte; er oͤffnete ihm ſeine Werkſtatt: und als er wirklich erkannte, daß der Stahl, welchen Babekan verarbeitete, nicht allein noch einmal ſo hart und viel ſchaͤrfer war, als der in Bagdad gewoͤhnliche, ſondern daß auch ſeine Arbeit viel feiner und vollkom⸗ mener war, ſo nahm er ihn in ſeinen Dienſt, und ſuchte ihn durch gute Behandlung aller Art darin zu behalten. Seit dieſer Zeit war ſein Laden noch einmal ſo ſtark von Kaͤufern beſucht, als zuvor, ſo daß der klei⸗ ne Bucklige kaum alle die Arbeit beſtreiten konnte. Der Meſſerſchmid verkaufte ſeine Saͤbel und Boͤgen ſo theuer er wollte; und waͤre er nicht ein Trunkenbold und Verſchwender geweſen, ſo haͤtte er ein anſehnliches Vermoͤgen erworben. Es waren noch nicht voll zwei Jahre, daß Ba⸗ bekan ſich in Bagdad aufhielt, da ward ſein Meiſter, in Folge einer ſtarken Ausſchweifung, gefaͤhrlich krank. Seine Geſundheit war durch den Wein, den Brand⸗ wein und die Weiber dermaßen erſchoͤpft, daß alle Bemuͤhungen ſeiner Frau und Babekans ihm nicht das Leben friſten konnten: er ſtarb in ihren Armen. Obwohl Nohouͤd,— ſo hieß die Frau des Meſ⸗ ſerſchmids,— keinesweges huͤbſch war, ſo hatte ſich Babekan doch ſchon lange in ſie verliebt; und da der Tod des Meiſters eine guͤnſtige Gelegenheit darbot, ſeiner Wittwe die Neigung zu erklaͤren, welche er fuͤr Die drei Buckligen. 127 ſie hegte, ſo ſtand er nicht an, ihr ſeine Empfindungen bekannt zu machen. Sie war daruͤber nicht ſehr er⸗ ſchrocken; denn, außerdem daß ſie waͤhrend ſeines Auf⸗ enthalts bei ihr ſich an ſeine auffallende Geſtalt ge⸗ woͤhnt hatte, ſo bedachte ſie noch, daß, wenn Babe⸗ kan ſie verließe, ihr Laden nicht mehr denſelben Ruf behalten, und der geringe Gewinn, welchen ſie mit ihrem Manne erworben hatte, bald zerronnen ſein wuͤrde. Dieſe Gruͤnde bewogen ſie, als eine Frau von geſundem Verſtande, daß ſie Babekan zuſagte, ihn zu heiraten, ſobald es der Wohlſtand zuließe. Sie that es auch wirklich einige Monate darnach; und Babe⸗ kan begnuͤgte ſich nun nicht mit ſeinem Gewerbe als Meſſerſchmid, in welchem er in kurzer Zeit anſehnlichen Gewinn machte, ſondern legte ſich auch auf den Han⸗ del mit Dattel⸗Brandwein, wovon er ſehr großen Ab⸗ Die Verbindungen, in welchen ſo dieſer kleine Bucklige mit mehreren Staͤdten des Morgenlandes ſtand, kamen auch zu den Ohren ſeiner beiden Bruͤ⸗ der, welche, nachdem ſie fuͤnf Jahre lang im aͤußer⸗ ſten Elende gelebt, ſich endlich in Derbent*) wie⸗ dergefunden hatten. Hier vernahmen ſie mit Freuden Babekans Niederlaßung; und ohne zu zweifeln, daß *) Derbent iſt eine Stadt der Perſiſchen Provinz Servan, am Fuße des Kaukaſus. 128 626. Ta g. er ihnen in ihrer Armut helfen wuͤrde, faßten ſie den Entſchluß, zuſammen nach Bagdad zu gehen. Kaum waren ſie hier angekommen, ſo ließen ſie ihn durch eine arme Frau, welche ſie aus Mitleid bei ſich auf⸗ genommen hatte, zu ſich holen. Babekan war beim Anblicke ſeiner Bruͤder aͤußerſt betroffen:„Erinnert ihr euch nicht mehr daran,“ ſprach er zu ihnen in heftigem Zorne,„was uns zu Damask widerfahren iſt? wollt ihr mich auch zum Ge⸗ lächter dieſer ganzen Stadt machen? Ich ſchwoͤre es euch bei meinem Haupte, ich will euch, einen wie den andern, zu Tode pruͤgeln laßen, wenn ihr euch erdrei⸗ ſtet, meinem Hauſe zu nahen, und nicht unverzuͤg⸗ lich Bagdad verlaßet.“ Ibad und ſein Bruder waren uͤber eine ſo uner⸗ wartete Aufnahme beſtuͤrzt; vergeblich ſtellten ſie ih⸗ rem Bruder ihr Elend vor, und demuͤthigten ſich vor ihm: er ließ ſich nicht erweichen; und alles was ſie von ihm erlangen konnten, waren zehn oder zwoͤlf Goldſtuͤcke, damit ſie im Stande waͤren, in irgend ei⸗ ner anderen Stadt ein Unterkommen zu ſuchen.! Als Babekan wieder nach Hauſe kam, bemerkte ſeine Frau ſeine Gemuͤthsbewegung auf ſeinem Ge⸗ ſichte; ſie fragte ihn freundlich nach der Urſache der⸗ ſelben, und vernahm, daß ſie von der Ankunft ſeiner beiden Bruͤder herruͤhrte, und daß er, aus Furcht, zu Bagdad dieſelben Spoͤttereien auszuſtehen, wie zu 1 Die drei Buckligen. 129 Damask, ihnen ſein Haus verboten und ſie genoͤthigt hatte, die Stadt zu verlaßen. Nohoüͤd ſtellte ihm vergeblich die Haͤrte ſeines Verfahrens vor, der Zorn ihres Mannes verdoppelte ſich bei ihren Fuͤrbitten. „Ich ſehe wohl,“ ſprach er zu ihr,„daß du nicht uͤbel Luſt haͤtteſt, ſie hier aufzunehmen, waͤhrend der Reiſe, welche ich nach Balſora*) machen muß: aber du ſollſt wiſſen, wenn das geſchaͤhe, ſo wuͤrde es dein Leben koſten. Ich ſage dir nicht mehr darz⸗ ber: hüͤte dich nur, mir ungehorſam zu ſein.“ Babekans Frau kannte zu wohl das heftige Ge⸗ muͤth ihres Mannes, um ihm zu widerſprechen; ſie hatte ſchon oft genug erfahren, wie ſchwer ſeine Hand war. Sie verſprach ihm, allen ſeinen Befehlen aufs genauſte nachzuleben. Aber dieſe Verſprechungen mach⸗ ten Babekan nicht ruhiger; er brachte faſt die ganze Nacht ſchlaflos hin, und begab ſich am folgenden Morgen mit Tages Anbruche zu der Frau, welche ſeine Bruͤder beherbergt hatte, und vernahm mit gro⸗ *) Balſora oder Baſſora iſt die Haupeſtade des ebenſo ge⸗ nannten Königreichs, am Eingange des Wüſten Arabien und an der Gränze der Provinz Irak. Man kann bingen vierzehn Tagen von Bagdad nacg Balſora hin und zurſc reiſen. 9 130 627. Tag. ßer Freude, daß ſie ſo eben Bagdad verlaßen haͤtten, in der Abſicht, nie wieder zuruͤck zu kommen. —ᷣᷣᷣᷣↄ Sechshundert und ſieben und zwanzigſter Tag. Ibad und Syahuk waren auch wirklich abgereiſet, mit dem Vorſatze, anderswo ihr Gluͤck zu ſuchen: aber zwei Tagereiſen von Bagdad ward der letzte krank, und da beide dadurch genoͤthigt wurden, beinahe drei Wochen dort zu bleiben, ſo war ihr Reiſegeld bald verzehrt. Sie ſahen ſich bald wieder in ihrem vorigen Elende; und da ſie nicht wußten, wohin ſie ſich wen⸗ den ſollten, ſo faßten ſie den Entſchluß, nach Bagdad zuruͤck zu kehren. Sie kamen alſo wieder zu ihrer vo⸗ rigen Wirthinn, und baten ſie, noch einmal zu ihrem Bruder zu gehen und zu verſuchen, ihn zu bewegen, daß er ſie bei ſich aufnaͤhme, oder wenigſtens wieder einiges Geld von ihm zu erlangen, das zu ihren Rei⸗ ſekoſten dienen koͤnnte. Die Frau konnte ihnen dieſen Dienſt nicht verſa⸗ gen; ſie ging zu Babekan, und als ſie in ſeinem La- den vernahm, daß er ſchon vor zwoͤlf Tagen nach Balſora gereiſet waͤre, um mehrere Waarenballen dort abzuholen, ſo kam ſie eilig zuruͤck, und brachte dieſe Nachricht ihren Gaͤſten, welche in einer ſo bedraͤngten Lage waren, daß ſie keinen Augenblick anſtanden, ſel⸗ Die drei Buckligen. 131 ber hinzugehen, um die Huͤlfe ihrer Schwaͤgerinn an⸗ zuflehen. Nohouͤd konnte ſie nicht verkennen: ſie waren in allen Stuͤcken Babekan ſo aͤhnlich, daß jedermann ei⸗ nen von ihnen fuͤr den andern genommen haͤtte. Aber wie ſehr ihr Mann es ihr verboten hatte, ihnen Ein⸗ gang bei ihr zu verſtatten, ſo wurde ſie jedoch von ih⸗ rem Elend und ihren Thraͤnen geruͤhrt: ſie nahm ſie auf, und ließ ihnen zu eſſen bringen. Es war ſchon Mitternacht, und kaum hatten Ibad und Syahuk ihren erſten Hunger geſtillt, als ſehr ſtark an die Hausthüre gepocht wurde. Die Stimme Ba⸗ bekans, der erſt drei Tage ſpaͤter heim kommen ſollte, war ein Donnerſchlag fuͤr ſeine Frau und fuͤr ſeine Bruͤder: ſie waren bleicher, als der Tod; und No⸗ houd, die nicht wußte, wie ſie dieſelben dem Zorn ih: res Mannes entziehen ſollte, kam auf den Einfall, ſie in einem kleinen Keller hinter fuͤnf oder ſechs kleine Brandweinfaͤſſer zu verſtecken. Babekan ward unduldig vor der Thuͤre, er ver⸗ doppelte ſeine Schlaͤge; man oͤffnete ihm endlich, und im Argwohne, daß ſeine Frau einen Liebhaber bei ſich verborgen haͤtte, nahm er einen Stock und pruͤgelte ſie derbe durch. Hierauf trieb ihn ſeine Eiferſucht, das ganze Haus zu durchzuſuchen; er that es mit großer Emſigkeit, ohne daß er jedoch daran dachte, hinter die Brandweintonnen zu ſchauen, obwohl er auch in den 7 132 627. Tag. Keller gekommen war. Endlich, da er nichts entdeckt hatte, beruhigte der boshafte Bucklige ſich ein we⸗ nig; er verſchloß alle Thuͤren, deren Schluͤſſel er ſammtlich, nach ſeiner Gewohnheit, an ſich nahm, und legte ſich mit Nohoud zu Bette. Am folgenden Tage verließ er das Haus nicht, bis zur Stunde des Abendgebets; da ſagte er zu ſeiner Frau, er ginge bei einem ſeiner Freunde zum Abendeſſen.. Er war nicht ſo bald aus dem Hauſe, ſo lief Nohouͤd ſchleunig in den Keller hinab: ſie gerieth aber in die groͤßte Beſtuͤrzung, als ſie Ibad und Syahuk leblos darin liegen fand. Ihre Verlegenheit wuchs, da ſie nicht wußte, was ſie mit dieſen beiden Leichnamen anfangen ſollte. Jedoch faßte ſie auf der Stelle ih⸗ ren Entſchluß: ſie verſchloß ihren Laden, und lief nach der Bruͤcke zu einem Laſttraͤger aus Sivri⸗Hiſ⸗ ſard,*) der als ein junger Einfaltspinſel bekannt war; ſie erzaͤhlte ihm, daß ein kleiner Buckliger, der in ihren Laden gekommen, um etliche Meſſer zu kau⸗ fen, ploͤtzlich dort geſtorben waͤre, und weil ſie fuͤrch⸗ tete, deshalb in Ungelegenheit zu kommen, ſo verſpräͤ⸗ che ſie ihm vier Zeckienen, wenn er mit ihr kommen, jenen in einen Sack ſtecken, und ihn dann in den Ti⸗ gris werfen wollte. *) Siori⸗Hiſſard heißt eine kleine Stadt in Nazolien, de⸗ ren Einwohner in dem Rufe groser Einfalt ſtehen. Die drei Backligen. 135 Der Laſttraͤger nahm ihr Erbieten an, und nach⸗ dem Nohouͤd ihn in ihr Haus gefuͤhrt hatte, gab ſie ihm zum Handgelde zwei Zeckienen, und ließ ihn trin⸗ ken, bis es Nacht ward; dann ließ ſie ihn den einen Buckligen in ſeinen Sack ſtecken, lud ihm denſelben auf den Ruͤcken, und verſprach ihm die beiden andern Zeckienen, ſobald ſie gewiß waͤre, daß er ſeinen Dienſt ausgerichtet haͤtte.— Der Laſttraͤger, mit dem Buckligen auf der Schul⸗ ter, begab ſich auf die Bruͤcke, oͤffnete ſeinen Sack, und warf ſeine Laſt in den Strom. Dann kehrte er ſogleich zu Nohouͤd zurück, und ſagte laͤchelnd zu ihr: „Der iſt abgethan, der gute Freund dient ſchon den Fiſchen zum Fraße: gebet mir nun die verſproche⸗ nen zwei Zeckienen.“. Nohound trat hierauf in den Hintergrund ihres La⸗ dens, unter dem Vorwande, das Geld zu holen: aber ploͤtzlich ſtuͤrzte ſie mit einem lauten Schrei wieder her⸗ vor, und ſtellte ſich, als wenn ſie in Ohnmacht ſaͤnke. Der erſtaunte Laſtträger fing ſie in ſeinen Armen auf, und nachdem er ſie aus ihrer Ohnmacht wieder zu ſich gebracht hatte, fragte er ſie nach der Urſache ihres Schrecks.— „Ach!“ antwortete ihm die Liſtige, die ihre Rolle vollkommen ſpielte,„tritt nur in dieſes Gemach, und du wirſt alsbald die Urſache davon erkennen.“ — 234 628. T a g. Sechshundert und acht und zwanzigſter Tag. Der Laſttraͤger trat hinein, und ſtand unbeweg⸗ lich, als er beim ſchwachen Schimmer einer Lampe denſelben Leichnam wieder erblickte, welchen er ſchon in den Tigris geworfen zu haben waͤhnte; je mehr er ihn betrachtete, je hoͤher ſtieg ſeine Verwunderung. „Ich habe ſicher und gewiß,“ ſagte er zu Nohouͤd, „dieſen unſeligen Buckligen von der Bruͤcke hinab ge⸗ ſturzt: wie koͤmmt er denn nun wieder hieher? Das kann nicht ohne Hexerei zugehen. Aber gleichviel,“ fuhr er fort:„laß ſehen, ob er noch einmal wiederkoͤmmt.“ Hierauf ſteckte er den zweiten Buckligen in denſel⸗ ben Sack, trug ihn auf die Bruͤcke, und nachdem er die tiefſte Stelle des Tigris ausgeſucht hatte, oͤffnete er ſeinen Sack und ſtuͤrzte den armen Syahuk hinunter. Er ging ſodann voller Freuden wieder zu Nohouͤd, und zweifelte nicht, daß der Bucklige in den Strom verſenkt waͤre, als er beim Umbiegen um eine Stra⸗ ßenecke einen Mann auf ſich zukommen ſah, der eine Art von Laterne in der Hand trug: und er dachte vor Schrecken des Todes zu ſein, als er den Babekan er⸗ blickte, der etwas angetrunken heim ging. Er folgte ihm jedoch einige Schritte, und als er ihn den Weg nach dem Hauſe nehmen ſah, wo er ſchon zwei Buck⸗ lige abgeholt hatte, packte er ihn ungeſtuͤm bei dem Kragen, und ſagte zu ihm: Die drei Buckligen. 135 „Ho ho, Gevatter! ihr denkt wohl, mich die ganze Nacht hindurch ſo zu foppen! ſchon zweimal habt ihr mich zum beſten gehabt: aber es muͤßte ein großes Ungluͤck ſein, wenn ihr mir auch noch zum drittenmal entwiſchtet.“ Hiemit warf er ihm ſeinen Sack uͤber den Kopf, und da er ſtark war, ſo ſteckte er den Buckligen, trotz ſeinem Straͤuben hinein, band ihn mit einem dicken Stricke zu, lief gerade auf die Bruͤcke, und warf den Buckligen ſammt dem Sacke hinab. Hierauf wanderte er eine ganze Weile in der Gegend dieſer Stelle auf und ab, um zu ſehen, ob der Bucklige nicht etwa noch einmal wieder kaͤme, um ihn um ſeinen verdienten Lohn zu prellen. Da er aber nichts vernahm, ſo ging er endlich wieder zu der Meſſerſchmidsfrau, und be⸗ gehrte nun die ihm noch verſprochenen beiden Zeckienen. „Fuͤrchte nicht,“ ſprach er beim Hereintreten zu ihr,„daß er nochmal wiederkomme: der Spaßvogel wollte ſich abermals auf meine Koſten luſtig machen und ſtellte ſich nur todt, um mich bis an den Tag ſo auf den Beinen zu halten: aber ich habe ihn dießmal ſo gut gefaßt, daß du nicht fuͤrchten darfſt, er werde jemals wieder in dein Haus kommen.“ Nohouͤd war verwundert uͤber dieſe Rede, und bat den Laſttraͤger um naͤhere Erklaͤrung.. „Ich hatte,“ antwortete dieſer,„den boshaften Buckligen ſchon zum zweitenmal in den Tigris gewor⸗ 236 628. Tag. fen, als ich auf dem Wege hieher, um mir meinen Lohn abzuholen, fuͤnf oder ſechs Straßen weit von hier, ihn abermals mit einer Laterne in der Hand er⸗ blickte: er ſtellte ſich betrunken und ſang; ich aber ge⸗ rieth in einen ſolchen Zorn, daß ich ſogleich uͤber ihn her ſtuͤrzte, ihn, trotz ſeinem Widerſtande, in meinen Sack ſteckte, welchen ich mit einem dicken Stricke zu⸗ band, und ſo warf ich ihn dann in den Tigris, aus welchem er, wie ich glaube, nimmer wieder zum Vor⸗ ſchein kommen kann, wenn er nicht der Deddſchal*) ſelber iſt.“ Babekans Frau war durch dieſe Neuigkeit aufs hoͤchſte uͤberraſcht.„Wehe! Ungluͤckſeliger,“ ſprach ſie zu ihm,„was haſt du gethan! du haſt jetzt eben mei⸗ nen Mann erſaͤuft, und verlangſt nun noch, daß ich dich fuͤr dieſen Mord belohne? Nein, nein, ich will ſeinen Tod raͤchen, und gehe ſtehendes Fußes hin zum Kadi, es ihm zu klagen.“ Der Laſttraͤger war eben nicht verwundert uͤber dieſe Drohungen; er waͤhnte, Nohouͤd thaͤte nur ſo, um ſich davon loszumachen, ihm den verſprochenen Lohn zu bezahlen.„Scherz beiſeite!“ ſprach er zu ihr:„gib mir die zwei Zeckienen, welche ich redlich verdient habe: ſchon all zu lange diene ich dir zum Spielwerk, es iſt Zeit, daß ich heim gehe.“ *) Der Deddſchal iſt der Antichriſt der Mohamedaner. — — Die drei Buckligen. 137 Als die Frau ihm die Bezahlung dennoch verwei⸗ gerte, fuhr er im heftigſten Zorne fort:„Ich ſchwdre bei meinem Haupte, wenn ich nicht auf der Stelle die zwei Zeckienen bekomme, ſo will ich dich alsbald dem Buckligen Geſellſchaft leiſten laßen. Ja, ja, ich ſehe wohl,“ fuͤgte er hinzu,„daß man mir meine Be⸗ zahlung noch ſtreitig macht; aber ich bin nicht ſo dumm, wie ich ausſehe: ich will auf der Stelle be⸗ zahlt ſein, oder ich will dir uͤbel mitſpielen.“ Je mehr der Laſttraͤger in ſie drang, je lauter ließ Nohouͤd die Nachbarſchaft von ihrem Geſchrei er⸗ ſchallen. Er war endlich ihrer Weigerungen muͤde, er⸗ griff ſie bei den Haaren, ſchleppte ſie auf die Straße hinaus, und ging mit ihr fort, um ſie auch in den Tigris zu werfen, als einige Nachbaren ihr zur Huͤlfe herbei liefen... Sechshundert und neun und zwanzigſter Tag. Der Laſttraͤger gerieth in Furcht, und entfloh, ſehr misvergnuͤgt, daß er, wie er waͤhnte, von dieſer Frau ſo geprellt worden, und nahm ſeinen Weg uͤber die Bruͤcke, um nach Hauſe zu gehen: da begegneten ihm drei Maͤnner, die, ſo viel man in der Dunkelheit unterſcheiden konnte, jeder eine Laſt uͤber den Schul⸗ 138 629. Tag.. tern trugen. Der Vorangehende hielt ihn beim Arme an, und fragte ihn:„Wo willſt du ſo ſpaͤt noch hin?“ „Was geht's dich an?“ erwiederte der Laſttraͤger verdrießlich,„ich gehe, wohin es mir beliebt.“ Du irreſt dich ſehr:“ verſetzte dieſer Mann:„du wirſt hin gehen, wohin es mir gefaͤllt; nimm dieſes Pack, welches ich auf dem Kopfe trage, und geh da⸗ mit vor mir her.“ Der Laſttraͤger, ſtutzig uͤber dieſe Reden, wollte noch widerſtehen: als aber derſelbe Mann ihm einen vier Finger breiten Saͤbel in die Augen blitzen ließ, und ihm den Kopf abzuhauen drohte, wenn er noch zauderte zu gehorchen, ſo war er gezwungen, die Laſt auf ſich zu nehmen, und mit den beiden anderen Traͤ⸗ gern zu gehen, deren einer ihm ein Sklave und der andere ein Fiſcher ſchien. —— Sie waren noch nicht zehn Straßen weit gegan⸗ V gen, als ſie an eine kleine Thuͤre gelangten, welche ihnen augenblicklich von einer alten Frau gedffnet wurde; ſie gingen durch einen ſehr dunklen Baum⸗ gang, und kamen endlich in einen praͤchtigen Saal. Aber wie groß war das Erſtaunen des Laſttraͤgers, als er bei dem Scheine von mehr als vierzig Wachskerzen, womit der Saal erleuchtet war, die drei Buckligen er⸗ blickte, welche er eben erſt in den Tigris geworfen hatte, und von denen zwei der Sklave und der Fiſcher auf den Ruͤcken trugen, und er ſelber den dritten auf — Die drei Buckligen. 139 dem Kopfe getragen hatte. Er wurde von ſo heftigem Schrecken ergriffen, daß er am ganzen Leibe anfing zu zittern. Er bildete ſich nun noch feſter ein, als zuvor, daß ein ſo außerordentliches Ereignis nicht ohne Hexerei zuge⸗ hen koͤnnte; als er ſich aber ein wenig erholt hatte, rief er mit einem hoͤchſt poſſierlichen Tone der Stimme aus: „Zum Teufel mit dem verfluchten Buckligen! Ich glaube, ich ſoll die ganze Nacht nichts anders thun, als ihn ins Waſſer werfen, ohne ſein los werden zu koͤnnen. Der Spitzbube iſt ſo boshaft geweſen und ſchon zweimal wieder gekommen, um mich zu verhin⸗ dern, die zwei Zeckienen zu erhalten, welche die Meſ⸗ ſerſchmidsfrau mir verſprochen hat: und nun finde ich ihn hier abermals, in Geſellſchaft von zwei andern, die kein Haar beſſer ſind, als er. Aber, Herr,“ fuhr er fort, indem er ſich zu demjenigen wandte, welcher der Herr dieſes Hauſes zu ſein ſchien,„ich bitte euch, leihet mir euern Saͤbel auf einen Augenblick, ich will nur jedem von ihnen den Kopf abhauen, und ſie dann alle drei in den Tigris werfen, um zu ſehen, ob ſie noch⸗ mals wieder kommen werden. Der Teufel treibt heute ſein Spiel mit mir ſo, daß ich verſichert bin, er bringt ſie abermals zu der Meſſerſchmidsfrau oder zu mir.”“ Ueber dieſe Worte des Laſttraͤgers gerieth der Cha⸗ lyf Vatik⸗Billah in das groͤßte Erſtaunen:— denn er ſelber war es, der, nach dem Beiſpiele ſeines Groß⸗ vaters Harun Alraſchid, ſehr oft des Nachts die Stra⸗ 140 6529. Ta g. ßen von Bagdad durchwanderte, um zu ſehen, was vorginge, und ſelber zu erfahren, ob man mit ſeiner Regierung zufrieden waͤre. Er war dieſe Nacht, als Kaufmann verkleidet, mit ſeinem erſten Veſyr ausge⸗ gangen, und einem Fiſcher begegnet, welchen er fragte, wo er hin ginge. „Ich gehe,“ antwortete dieſer Mann,„meine Ne⸗ tze heraus zu ziehen, welche ſeit geſtern Abend im Ti⸗ gris liegen.“ „Und was willſt du mit deinem Fange machen?“ fuhr der Chalyf fort. „Ich will ihn morgen,“ antwortete jener,„auf dem Markte von Bagdad verkaufen, um meine Frau und drei Kinder zu ernaͤhren.“ „Willſt du einen Handel mit mir eingehen uͤber das, was du ſchon in deinen Netzen haben magſt, und uͤber die beiden naͤchſten Zuͤge, nachdem du ſie wieder ausgeworfen haſt?“ fragte Vatik⸗Billah. „Sehr gern,“ antwortete der Fiſcher. „Wohlan“ fuhr der Chalyf fort,„hier ſind zehn Goldſtuͤcke fuͤr den erſten Fang, und ich gebe dir eben ſo viel fuͤr jeden der beiden folgenden: biſt du zu⸗ frieden?“ Der Fiſcher war erſtaunt uͤber eine dolche Groß⸗ muth: er wußte nicht, ob es ein Traum waͤre; aber die Zeckienen in ſeiner Taſche fuͤhlend, antwortete er mit Entzuͤcken: Die drei Buckligen. 141 „Herr, wenn ich fuͤr jeden Zug mit meinen Re⸗ tzen ſo viel empfinge, ſo wuͤrde ich bald reicher und maͤchtiger ſein, als der erhabene Beherrſcher der Glaͤu⸗ bigen.“ Der Chalyf laͤchelte uͤber dieſe Vergleichung. Er ging mit dem Fiſcher ans Ufer des Tigris, ſtieg in ſein Boot, und indem er mit ſeinem Veſyr ihm drei⸗ mal die Netze herausziehen half, war er nicht wenig erſtaunt, als er, anſtatt der Fiſche, darin die zwei kleinen Buckligen von Damask, und einen Sack fand, in welchem der dritte ſtak. Ein ſo uͤberraſchendes Abenteuer ſetzte ihn in Ver⸗ wunderung:„da nun dieſer Fang mir gehoͤrt,“ ſprach er zu dem nicht weniger verwunderten Fiſcher,„ſo will ich ihn auch mit nach Hauſe nehmen; aber du mußt uns dabei die Hand reichen.“ Der Fiſcher hatte ſchon zu ſtarke Beweiſe von der Großmuth des Chalyfen in Haͤnden, um Schwierigkeit zu machen, ihm zu gehorchen. Der Veſyr und er nahmen, einer den Ibad, der andere den Syahuk, bei den Fuͤßen und warfen ſie ſich uͤber die Schultern; der Chalyf ſelber belud ſich mit dem Sacke, worin Babekan war, und ſo gingen ſie nach dem Palaſt zu⸗ ruͤck, als ſie dem Laſtträͤger begegneten, welcher kurz zuoer erſt die drei Buckligen in den Tigris geworfen hatte. 142 629. 630. Tag. Da Vatik⸗Billah ganz durchnaͤßt war von dem Waſſer, welches aus dem Sacke hervor drang, ſo hielt er den Laſttraͤger an, und nachdem er ihn ge⸗ zwungen, ſeine Buͤrde zu uͤbernehmen, hatte er ihn nach einem Hauſe gefuͤhrt, welches mit ſeinem Palaſt in Verbindung ſtand. Und hier war es nun, wo der Laſttraͤger durch ſeine Worte uͤber die drei Buckligen die Neugier des Chalyfen noch mehr erregte, und dieſer ihm befahl, ſich uͤber ein ſo ſeltſames Abenteuer naͤher zu erklaͤren. Sechshundert und dreißigſter Tag. „Herr,“ ſagte hierauf der Laſttraͤger,„die Auf⸗ klaͤrung, welche du von mir verlangſt, iſt nicht ſo leicht, als man wohl glauben ſollte; je mehr ich dar⸗ uͤber nachdenke, je weniger entdecke ich die Wahrheit in dieſem Abenteuer. Auf gut Gluͤck will ich dir aber erzaͤhlen, wie ich glaube, daß die Sache zugegangen iſt. Kennſt du, Herr,“ hub hierauf der Laſttraͤger an, „die Frau des Meſſerſchmids, der an der Ecke der Ju⸗ welierſtraße wohnt?“ „Nein,“ erwiederte der Chalyf. „Du verlierſt auch nichts dabei,“ fuhr der Laſt⸗ traͤger fort:„das iſt das boshafteſte Thier in ganz Bagdad: wahrhaftig, ich gaͤbe die zwei Zeckienen, die Die drei Buckligen. 143 ich habe, fuͤr die Erlaubnis hin, ihr nur nach mei⸗ nem Willen ſechs oder ſieben Naſenſtuͤber zu geben, fuͤr die Muͤhe, welche dieſe Hexe mir dieſe Nacht ge⸗ macht hat; obwohl ich ſehr arm bin, doch wollte ich zufrieden ſchlafen gehen. Dieſes Meſſerſchmidsweib alſo Aber wahrlich, weil du ſie nicht kennſt, ſo will iich dir ihr Bildnis entwerfen. Denke dir, Herr, ein langes hageres Weib, deren Geſichtsfarbe ſo ſchwarz iſt, wie eine geraͤucherte Ochſenzunge; ſie hat faſt gar keine Stirn, ihre Augen liegen ſo tief im Kopfe, daß man eine Brille haben muß, um ſie zu ſehen; ihre Naſe hat eine ſo große Zuneigung zu ihrem Kinne, daß beide ſich beſtaͤndig kuͤſſen; und ihr Maul, das einen Schwefelgeruch ausdampft, iſt ſo groß, daß es dem Rachen eines Krokodils nicht unaͤhnlich iſt: alles dieß, bildet das nicht ein liebliches Weſen?“ „Sicherlich,“ antwortete der Chalyf, der, zwar ungeduldig, die Geſchichte der drei Buckligen zu wiſſen, doch uͤber die naive Schilderung des Laſttraͤgers faſt vor Lachen erſtickte.„Du biſt ein ſo vortrefflicher Ma⸗ ler, daß ich dieſe Meſſerſchmidsfrau leibhaftig vor mir zu ſehen waͤhne, und ich darauf wetten wuͤrde, ſie un⸗ ter Tauſenden zu erkennen.“ „Gut alſo,“ fuhr der Laſttraͤger fort,„da du ſie nun kennſt, als wenn du ſie ſchon geſehen haͤtteſt, ſo denke dir dieſes liebenswuͤrdige Weib noch mit einem Schleier behangen, der alle ihre Vollkommenheiten ver⸗ 144 630, Ta g. huͤllt: ſo angethan koͤmmt ſie in der Abenddaͤmmerung zu mir an die Bruͤcke, wo ich mit fuͤnf oder ſechs mei⸗ ner Genoſſen ſtehe, und verſpricht mir ins Ohr vier Zeckienen, wenn ich ihr folgen wolle. Der Reiz des Gewinnes verfuͤhrt mich, ich eile mit ihr nach ihrem Hauſe, trete hinein, und ſie legt ihren Schleier ab: bei ihrem Anblick ergreift mich ein Schauder, ſie be⸗ merkt es ohne Zweifel, und um mich zu beruhigen, beginnt fie damit, mir eine große Flaſche voll Wein vorzuſetzen. Ich geſtehe dir, Herr, er war vortrefflich, und ohne mich zu bekuͤmmern, wo er her waͤre, leerte ich die Flaſche aus; ich trank ihn gleichwohl nur mit Zittern: ich fuͤrchtete, ſie wollte mich berauſchen, um mich alsdann zu verfuͤhren, daß ich die Nacht mit ihr zubraͤchte; und das war nicht ohne Grund, wie ich mir einbildete, denn ſie machte mir Liebkoſungen ge⸗ nug, um mich in dieſem Glauben zu beſtuaͤrken. Nach dem Weine ſetzte ſie eine große Flaſche voll Dattel⸗ Brandwein auf den Tiſch, ſchenkte mir liebkoſend ein großes Glas davon ein, welches ich ohne Umſtaͤnde verſchluckte; und hierauf machte ſie mir den Antrag... Aber warte, Herr, ich glaube wahrhaftig, daß ich zwei Glaͤſer davon trank.“ „Ei ſo trink ihrer ſieben,“ unterbrach ihn der Cha⸗ lyf,„und beendige, wenn du kannſt, deine Geſchichte.“ „Ho, ho, wie du ins Zeug hinein gehſt, Herr! der Brandwein trinkt ſich nicht ſo geſchwinde: er ſteigt Die drei Buckligen. 145 in den Kopf; ich bin ſchon halb berauſcht, nachdem ich nur zwei Glaͤſer davon getrunken habe: und du willſt gar, daß ich, nach all dem Weine, welchen ich ſchon im Leibe habe, auch noch eine Flaſche Brand⸗ wein austrinken ſoll. Nein, Herr, das werde ich nicht thun, und wenn ſelbſt der erhabene Beherrſcher der Glaͤubigen mich auf den Knien darum baͤte.— Aber laß uns wieder auf unſere Rede kommen: als das Meſſerſchmidsweib mich gehoͤrig vorbereitet ſieht, giebt ſie mir zu verſtehen, daß ein kleiner Buckliger, der in ihren Laden gekommen, um einige Schmiedearbeit zu kaufen, ploͤtzlich darin geſtorben ſei, und ſie nun fuͤrchte angeklagt zu werden, daß ſie ihn getoͤdtet habe. Sie wollte mir die verſprochenen vier Zeckienen geben, wenn ich ihn nach dem Tigris truͤge und hinein wuͤrfe. Ich hatte nicht ſo viel getrunken, um mich der Belohnung nicht zu verſichern; ich forderte zwei Zeckienen als Handgeld, und ſie gab ſie mir: hierauf ſteckte ich den Buckligen in einen Sack, vollzog ihren Auftrag, und kam, mir die uͤbrige Haͤlfte meiner Belohnung zu ho⸗ len, als ſie mir dort den näͤmlichen Buckligen zeigte. Du kannſt dir denken, Herr, wie groß meine Ueberra⸗ ſchung war: ich ſtecke ihn wieder in den Sack, trage ihn zum zweitenmal auf die Bruͤcke, ſuche die reißend⸗ ſte Stelle des Stromes aus, ſtuͤrze ihn hinab, und gehe wieder zu dem Meſſerſchmidsweibe, als ich den X. 10 146 630, 631. TDag. verwuͤnſchten Buckligen abermals erblicke, mit einer Laterne in der Hand und ſich berauſcht ſtellend: ich aber, ſo vieler Foppereien muͤde, packe ihn ungeſtuͤm beim Kragen, ſtecke ihn, wie ſehr er ſich ſtraͤubte, in meinen Sack, den ich feſt zuband, und warf ihn ſo zum drittenmal in den Tigris, verſichert, daß der Sack, worin er ſtak, ihn verhindern wuͤrde, zum drit⸗ tenmal wieder zu kommen. So gehe ich wieder zu dem Weibe, und erzaͤhle ihr, wie ich den Buckligen nochmals lebendig angetroffen, und auf welche Weiſe ich mich ſeiner entledigt habe: aber anſtatt mir die zwei Zeckienen zu geben, welche ich von ihr erwartete, ſtellt ſie ſich, als wenn ſie ſich vor Verzweiflung die Haare ausraufte, und drohte mir mit dem Kadi, weil ich ihren Mann erſaͤuft haͤtte. Ich ſpottete ihrer Thraͤ⸗ Nachbaren kamen auf ihr Geſchrei herbei, ich fluͤchtete mich, und ging ganz traurig heim, als ich dir begeg⸗ nete, Herr, und du mich zwangeſt, dieſen Sack auf den Kopf zu nehmen und hieher zu tragen. Sechshundert und ein und dreißigſter Tag. Du kannſt nunmehr, Herr,“ fuhr der Laſttraͤger fort,„leichtlich meinen Schreck ermeſſen, als ich mich bei meiner Ankunft hier wieder mit demſelben Buckli⸗ / nen, wollte bezahlt ſein, und machte Laͤrmen: die — — Die drei Buckligen. 147 gen beladen ſehe, welchen ich ſchon dreimal in den Ti⸗ gris geworfen habe, ja, noch zwei andere Bucklige ſehe, welche ihm ſo voͤllig gleichen, daß man ſie nur an den Kleidern unterſcheiden kann.“ Obgleich der Chalyf dieſem Abenteuer noch nicht auf den Grund ſchauen konnte, ſo gewaͤhrte die Er⸗ zaͤhlung des Laſttraͤgers ihm jedoch großes Vergnuͤgen. Als er hierauf die drei Buckligen naͤher betrach⸗ tete, glaubte er in ihnen noch einige Zeichen des Le⸗ bens zu ſpuͤren, und befahl, ſchleunig einen Arzt her⸗ bei zu holen. Dieſer kam ſogleich, und da er bemerkte, daß Ibad und Syahuk unter dem Waſſer, das ſie ver⸗ ſchluckt hatten, auch eine große Menge Brandwein auswarfen, ſo vermuthete er, wie es die Wahrheit war, daß nur ihre Betrunkenheit ſie fuͤr todt halten ließ; den Babekan hatte die Beraubung der Luft bei⸗ nahe erſtickt; aber ſobald er wieder den Kopf aus dem Sacke hatte, kam er auch allmaͤhlich wieder zu ſich: dergeſtalt, daß nach Verlauf einer halben Stunde ſei⸗ ne Bruͤder und er ſich außer Gefahr befanden. Niemals iſt jemand ſo erſtaunt geweſen, wie Ba⸗ bekan hier bei dem Anblicke ſeiner Bruͤder, die auf dem Sofa neben ihm lagen: er riß die Augen weit auf, und weil er nicht begreifen konnte, wie er ſich mit ihnen an einem unbekannten Orte befaͤnde, ſo ließ er ſich, ohne ein einziges Wort zu ſagen, entkleiden, waͤhrend man daſſelbe mit Ibad und Syahuk vornahm. ⸗ * 148 631. Tag. Der Chalyf ließ nun die drei Buckligen in drei verſchiedene Zimmer tragen, ſie ins Bette legen, und die Zimmer verſchließen. Er entließ ſodann den Fi⸗ ſcher, befahl aber dem Veſyr, den Laſttraͤger zuruͤckzu⸗ halten und ihn auf alle Weiſe gut zu behandeln, in der Abſicht, ſich auf Koſten der drei Buckligen und der Meſſerſchmidsfrau, welche er mit Anbruche des Tages verhaften ließ, eine Kurzweil zu bereiten. Um den Spaß vollſtaͤndig zu machen, ließ der Chalyf noch waͤhrend der Nacht zwei Kleider anferti⸗ gen, welche den Kleidern ganz aͤhnlich waren, die Ba⸗ bekan trug, als ihn der Laſttraͤger in den Tigris warf. Damit ließ er Ibad und Syahuk bekleiden, deren Rauſch nun gaͤnzlich verflogen war. Als ſie ſo alle drei ganz gleich gekleidet waren, ließ er ſie hinter die Vorhaͤnge von drei Thuͤren ſtellen, welche in einen praͤchtigen Saal des Palaſts fuͤhrten, mit dem Be⸗ fehl, ſie erſcheinen zu laßen, ſobald er ein gewiſſes Zeichen gaͤbe. Der Veſyr, der mit dem Laſttraͤger und einigen von der Wache in aller Fruͤhe hingegangen war und die Meſſerſchmidsfrau verhaftet hatte, ließ ſie in den Saal fuͤhren, wo der Chalyf ſchon auf ſeinem Thro⸗ ne ſaß. le. Chalyf befragte ſie uͤber das, was zwiſchen ihr und dem Laſttraͤger vorgegangen waͤre. Sie er⸗ zaͤhlte ihm alles, was ihr begegnet war, ohne ſich von 1 6 Die drei Buckligen. 149 der Wahrheit zu entfernen, und bezeugte ihm ihr Leid uͤber den Verluſt ihres Mannes. „Aber,“ ſagte der Chalyf zu ihr,„iſt das nicht eine zum Scherz erdichtete Geſchichte, welche du mir da erzaͤhlſt? wie iſt es moͤglich, daß dieſe Buckligen ſa. ſo aͤhnlich ſind, daß der Laſttraͤger ſich getaͤuſcht at? „Ach, Herr,“ antwortete Nohouͤd,„er war halb betrunken, als ich ihm dieſen Auftrag gab; und uͤber⸗ dieß waren mein Mann und ſeine Bruͤder allerdings einander ſo aͤhnlich, daß, wenn ſie alle drei auch noch gleich gekleidet geweſen waͤren, vielleicht ich ſelber ſie nicht haͤtte unterſcheiden koͤnnen.“ „Das waͤre doch ſehr ſpaßhaft,“ ſagte hierauf der Chalyf, indem er in die Haͤnde klatſchte;„und ich moͤchte wohl Zeuge einer ſolchen Erkennung ſein.“ Dieß war das von Vatik⸗Billah beſtimmte Zei⸗ chen, die drei Buckligen erſcheinen zu laßen: in dem⸗ ſelben Augenblick wurden die Thuͤrvorhaͤnge aufgehoben, und die Meſſerſchmidsfrau dachte bei dieſem Anblicke vor Schrecken zu vergehen. Sechshundert und zwei und dreißigſter Tag. „d Himmel,“ rief ſie aus,„welches Wunder zeigt ſich hier! ſeit wann ſieht man die Todten wieder auf⸗ 150 632. Tag. erſtehen? Iſt es keine Täuſchung„Herr, und darf ich meinen Augen trauen?“ „Du tauſcheſt dich nicht,“ erwiederte Vatik⸗Bil⸗ lah;„einer von dieſen drei Buckligen iſt dein Mann, und die beiden andern ſind ſeine Bruͤder: es iſt nun an dir, denjenigen zu erkennen, welcher dir angehoͤrt. Betrachte ſie wohl, alle drei; aber ich verbiete ihnen bei Lebensſtrafe, zu reden oder irgend ein Zeichen zu geben.“ betrachtete ſie einen nach dem andern: ſie konnte aber ihren Mann ſchlechterdings nicht herausfinden. Der Chalyf, der ſie jetzo ſelber nicht mehr unterſcheiden konnte, befahl nun demjenigen unter den dreien, der Babekan waͤre, ſeine Frau zu umarmen, und ward hoͤchſt uͤberraſcht, als er hierauf die drei Buckligen zu gleicher Zeit der Frau an den Hals ſpringen ſah, und jeder von ihnen verſicherte, er waͤre ihr Mann. Ibad und Syahuk wußten wohl, daß ſie ſich in der Gegenwart des erhabenen Beherrſchers der Glaͤu⸗ bigen befanden; aber wie groß auch ihre Ehrfurcht vor ihm war, doch glaubten ſie ſich nicht beſſer an Babekan raͤchen zu koͤnnen, als wenn ſie ſich jetzo fuͤr ihn ausgaͤben, und dieſer mochte noch ſo ſehr in Zorn gerathen, ſeine beiden Bruͤder blieben dabei, ihn um ſeinen Namen zu bringen. Die Meſſerſchmidsfrau, im hoͤchſten Erſtaunen, 1 Die drei Buckligen. 151 Der Chalyf konnte ſich nicht enthalten, uͤber die⸗ ſen poſſierlichen Wettſtreit der drei Buckligen zu la⸗ chen; nachdem er aber wieder ſeine ernſte Miene an⸗ genommen hatte, ſprach er zu ihnen: „Ihr wuͤrdet euch vielleicht nicht ſo ſehr beeifern, alle drei Babekan ſein zu wollen, wenn ihr wuͤßtet, daß ich ihn nur erkennen will, um ihm tauſend Stock⸗ pruͤgel geben zu laßen, fuͤr ſeine Haͤrte gegen ſeine Bruͤder, und dafuͤr, daß er ſeiner Frau verboten hat, ſie in ſeiner Abweſenheit aufzunehmen.“ Vatik⸗Billah ſprach dieſe Worte mit einem ſchein⸗ bar ſo ſtrengen Ton aus, daß Ibad und Syahuk ihr Spiel aufgaben.— „Wenn es ſo iſt, Herr,“ ſprachen beide,„ſo ſind wir nicht mehr, was wir zu ſein vorgaben, um unſern Bruder fuͤr ſeine uͤble Behandlung zu beſtrafen. Wenn es Schlaͤge zu empfangen gibt, ſo mag er allein ſie hinnehmen, er verdient ſie. Was uns betrifft, Herr, ſo flehen wir deine Großmuth an, und wir hoffen von deiner erhabenen Majeſtaͤt, von deren Angeſicht ſich noch niemand unzufrieden entfernt hat, daß du die Gnade haben wirſt, unſer aͤußerſtes Elend zu lindern.“ Der Chalyf warf jetzo den Blick auf Babekan, und ſah ihn in groͤßter Verwirrung. „Wohlan, was haſt du darauf zu antworten?“ ſprach er zu ihm. 152 632. Tag. „Großmaͤchtiger Koͤnig der Koͤnige,“ erwiederte dieſer Bucklige, indem er ſich mit dem Geſicht auf den Boden warf,„welche Strafe ich auch von deiner Gerechtigkeit zu erwarten habe, ſo bin ich doch nicht minder der Mann dieſer Frau. Mein Vergehen gegen meine Bruͤder iſt um ſo groͤßer, als ich die alleinige Urſache ihrer Verbannung aus Bagdad bin, wegen ei⸗ nes Mordes, deſſen wahren Urheber zu erkennen unſere vollkommene Aehnlichkeit verhinderte; demnach ich eben ſo mein Gluͤck haͤtte mit ihnen theilen ſollen, wie ſie mein Ungluͤck mit mir theilten. Wenn aber eine auf⸗ richtige Reue mir Verzeihung erlangen kann, ſo erbiete ich mich von ganzem Herzen, mit ihnen alle Habe zu theilen, welche ich in Bagdad erworben habe, und ich hoffe, deine Majeſtaͤt wird meine Undankbarkeit verzei⸗ hen, in Ruͤckſicht auf die Reue, welche daruͤber em⸗ pfinde.“ Der Chalyf, der keinesweges die Abſicht hatte, den Babekan zuͤchtigen zu laßen, war ſehr zufrieden, ihn in dieſer Geſinnung zu ſehen; er begnadigte ihn, und um Ibad und Syahuk fuͤr das Vergnuͤgen, welches ſie ihm gewaͤhrt hatten, ſeine Freigebigkeit genießen zu laßen, ließ er in Bagdad ausrufen, wenn ſich Maͤdchen faͤnden, welche dieſe beiden Buckligen heiraten wollten, ſo wuͤrde er jeder zehntauſend Goldſtuͤcke mitgeben.“ Es fanden ſich bald ihrer mehr als zwanzig, wel⸗ che ſich gluͤcklich ſchaͤtzten, eine ſo anſehnliche Aus⸗ Die drei Buckligen. 153 ſteuer zu erhalten. Syahuk und JIbad, nachdem ſie unter dieſer Anzahl ſich diejenigen ausgewaͤhlt hatten, welche ihnen am beſten gefielen, empfingen von dem Chalyfen noch zwanzigtauſend Goldſtuͤcke, welche ſie in Gemeinſchaft mit Babekan anlegten; und dieſe drei Bruͤder verlebten ihre uͤbrigen Tage ruhig unter dem Schutze des erhabenen Beherrſchers der Glaͤubigen, welcher auch dem Laſttraͤger ſo viel Wohlthaten erzeigte, daß derſelbe fortan bequem leben konnte, ohne ſein bis⸗ heriges Gewerbe noͤthig zu haben. Das fuͤrwitzige Paar. Sechshundert und drei und dreißigſter Tag. Ein Chalyf aus dem Hauſe der Abbaſſiden,*) der wegen ſeiner Gerechtigkeit ſehr beruͤhmt war, hatte ſich eines Tages auf der Jagd in der Umgegend von Bagdad verirret, und ritt die ganze Nacht in einem dichten Walde umher. Er war genoͤthigt, bei Anbru⸗ che des Tages ſein Pferd mit dem Zaum anzubinden, und ſich auf den Raſen hinzuſtrecken, um ſich etwas auszuruhen, als er durch die bitteren Klagen einer Frau geſtoͤrt wurde.. „Ungluͤckſelige Eva,“ rief ſie aus,„warum biſt du die Urſache meines Elends! konnteſt du dich nicht ent⸗ halten, deinem Herrn ungehorſam zu ſein?“ *) Man zählt ſieben und dreißig Chalyfen aus dieſem Ge⸗ ſchlechte, deren erſter Abbul⸗Abbas⸗Saffahi und der letzte Moſtaſem hieß. ——— —,— Das fuͤrwitzige Paar. 155 Zu dieſen fuͤr unſere Stammmutter ſo ſchmaͤhli⸗ chen Worten fuͤgte ein Mann, welcher der Gatte die⸗ ſes Weibes zu ſein ſchien, noch folgende: „Es war dir nicht genug, Undankbare, die Ge⸗ bote deines Schoͤpfers zu uͤbertreten, du mußteſt auch noch durch deine verfuͤhreriſchen Liebkoſungen den Men⸗ ſchen in einen Abgrund von Elend ſtuͤrzen! Ungehor⸗ ſamer Adam, warum koſtet dein ſchwacher Widerſtand mir ſo viel Muͤhſal und Arbeit!“ Der Chalyf, hoͤchſt verwundert, naͤherte ſich die⸗ ſen beiden Leuten, welche ſeine unverſehene Erſchei⸗ nung ſehr erſchreckte. 1 „Warum laͤſtert ihr ſo?“ ſprach der Fuͤrſt zu ih⸗ nen:„und was noͤthigt euch, anſtatt den Herrn fuͤr euern Stand der Unſchuld zu preiſen, euern erſten Aeltern ein Vergehen vorzuwerfen, fuͤr welches ſie ſo ſtrenge geſtraft worden ſind?“ „Was hilft's mir,“ antwortete ungeſtuͤm das Weib,„daß ſie durch lange Buße ihre Uebertretung geſuͤhnt haben? warum hatten ſie nicht Kraft genug, einer ſo leichten Verſuchung zu widerſtehen? Ihre Luͤſternheit koſtet mich meine Ruhe: und was habe ich denn verbrochen, um täglich den Unfreundlichkeiten des Wetters ausgeſetzt zu ſein? Ohne auf die Jahreszeit zu achten, muͤſſen wir, um nur kuͤmmerlich zu leben, unſern Unterhalt damit erwerben, daß wir Holz hauen und es nach der Stadt tragen. Waͤren ſie im Para⸗ 156 633. Tag. dieſe Gott nicht ungehorſam geweſen, ſo haͤtten wir nicht noͤthig, uns ſo abzumuͤhen.“ „Meine Frau hat Recht,“ fuhr der Mann fort, „haͤtten ſie ihrer ſinnlichen Luſt widerſtanden, ſo waͤre ich nicht genoͤthigt, heute wie ein Elender zu arbeiten: die Erde wuͤrde uns von ſelbſt alles im Ueberfluſſe lie⸗ fern; die Jahreszeiten, in gleicher Maͤßigung, wuͤrden uns Kaͤlte und Hitze ertragen laßen, ohne daß wir uns zu beklagen brauchten: kurz, wir wuͤrden eben ſo zufrieden und eben ſo muͤßig leben, wie der Chalyf zu Bagdad.“ Der Beherrſcher der Glaͤubigen konnte nicht um⸗ hin, ſich uͤber die laͤcherliche Empfindlichkeit dieſer Holzhacker zu verwundern; er gab ſich ihnen auf der Stelle zu erkennen, und ſprach zu ihnen: „Ich bin dieſer ſelbe Chalyf, deſſen Loos ihr ſo beneidet: folget mir nach meinem Palaſt, ich will in einem Augenblick euern Zuſtand veraͤndern, und ihn ſo glaͤnzend machen, daß das ganze Morgenland daruͤber erſtaunen ſoll.“ Nerus und Muͤnas(ſo hieß der Holzhauer und ſeine Frau) gedachten vor Freuden zu ſterben, als ſie eine ſo unerwartete und ſo von aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit entfernte Neuigkeit vernahmen; ſie war⸗ fen ihr Arbeitszeug weit von ſich, ſtuͤrzten mit dem Geſicht auf die Erde, und umfaßten mit Freudenthraͤ⸗ nen die Fuͤße ihres Wohlthaͤters, der ſie ſogleich aufhub. ——O˖QQ˖—O—B—B—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ÿ;——— —O⏑——.— Das fuͤrwitzige Paar. 167 Sie nahmen nun ſein Pferd beim Zuͤgel, und fuͤhrten ihn auf den Weg, welcher aus dem Holze nach der Stadt ging; ſie huͤpften ſo leicht dahin, daß ſie kaum die Erde beruͤhrten. Kaum waren ſie zu Bagdad angekommen, als ſie, auf Befehl des Chalyfen, ins Bad gefuͤhrt, ihnen die 1 praͤchtigſten Kleider angelegt, und ſie in den Stand geſetzt wurden, vor dem ganzen Hofe zu erſcheinen. Der Holzhauer war ein ſtattlicher Mann, von hoͤch⸗ ſtens fuͤnf und dreißig Jahren; ſeine Frau aber, ob⸗ wohl ihre Zuͤge ziemlich regelmaͤßig waren, hatte et⸗ was im Geſichte, das nicht zu ihrem Staate paßte: und beide waren mit ihrer Perſon ſo in Verlegenheit, daß ſie allen Hofleuten zum Gelaͤchter dienten; bis endlich der Chalyf in den Saal trat, wo dieſes Luſt⸗ ſpiel aufgefuͤhrt wurde, worauf jeder wieder eine ernſt⸗ hafte Miene annahm. Nachdem der huſ den Nerus umarmt hatte, er⸗ nannte er ihn zu ſeinem erſten Veſyr, beſtimmte ihm eine Wohnung in ſeinem Palaſt, und ließ ihn in ein großes Zimmer fuͤhren, welches von den koſtlichſten Wohlgeruͤchen duftete, und wo er ſich mit Muͤnas an die Tafel ſetzen mußte, und von den eigenen Beam⸗ ten des Chalyfen bedient wurde. Der Holzhauer und ſeine Frau konnten vor Ue⸗ berraſchung gar nicht zu ſich ſelber kommen; ſie waͤhn⸗ ten zu traͤumen: aber allmaͤhlich gewoͤhnten ſie ſich an 158 633. 63 44. Tag. die Ehrfurcht und Unterwuͤrfigkeit der vornehmſten Her⸗ ren; ſie bildeten ſich ein, daß alle dieſe Ehrenbezei⸗ gungen ihnen gebuͤhrten, und wurden daruͤber uner⸗ traͤglich hochmuͤthig. Sechshundert und vier und dreißigſter Tag. Der Chalyf fand unendliches Vergnuͤgen daran, daß Nerus und Muͤnas ihre Rolle ſo laͤcherlich ſpiel⸗ ten: aber er wollte ſie nur auf die Probe ſtellen, und benutzte eine leichte Unpaͤßlichkeit der Frau, ſie beide fuͤr ſich ſpeiſen zu laßen. Sie wurden eben ſo reich⸗ lich bedient, wie bisher, mit dem einzigen Unterſchiede, daß eine Schuͤſſel mitten auf dem Tiſche verdeckt ſtand. Muͤnas wollte alsbald die Hand darnach ausſtrecken; aber der Beamte des Chalyfen hielt ſie zuruͤck, und ſagte ihr im Namen ihres Herrn, daß es ihnen bei⸗ den bei Lebensſtrafe verboten wuͤrde, dieſe Schuͤſſel zu beruͤhren, weil der Fuͤrſt in einer ſo geringfuͤgigen Sa⸗ che ihren Gehorſam pruͤfen wolle. Dieſes Verbot uͤber⸗ raſchte Muͤnas, gleichwohl nahm ſie ſich vor dem Beamten zuſammen, der ſich hierauf zuruͤckzog und ſie in voͤlliger Freiheit allein ließ. Kaum war dieſer Menſch aus dem Zimmer, als die Frau, welche ſchon gaͤnzlich die Eßluſt verloren hatte, in tiefes Nachdenken verſank. Nerus, der un⸗ Das fuͤrwitzige Paar. 159 bekuͤmmert aß, bemerkte nicht ſogleich die Traurigkeit ſeiner Frau; als er dann aber ihre Gebäaͤrde ſah, ſprach er zu ihr: „Wie denn, Muͤnas, macht das Verbot des Cha⸗ lyfen dich ſo nachdenklich? und haſt du nicht andere Schuͤſſeln genug auf dem Tiſche, um deine Eßluſt zu befriedigen, ohne durchaus von derjenigen koſten zu wollen, welche verdeckt iſt?“ „Es iſt wahr,“ ſagte Muͤnas;„aber ich kann die Ungerechtigkeit des Chalyfen nicht ertragen: warum uns, aus bloßem Eigenſinn, einen ſolchen Zwang auf⸗ legen?“ „Er iſt unſer Gebieter,“ erwiederte der neue Ve⸗ ſyr;„uͤberhaͤuft er uns nicht mit ſeinen Gunſtbezei⸗ gungen, ohne daß wir es verdient habend hat er uns nicht allein durch ſeine Guͤte aus unſerm Elende, ſo zu ſagen, bis auf den Thron erhoben 2...“ „Ich geſtehe es,“ unterbrach ihn Muͤnas:„aber ich vergeſſe in dieſem Augenblick alle ſeine Gnaden, er laͤßt ſie uns zu theuer erkaufen, er iſt ein Tyrann!“ Kurz, Nerus bemuͤhte ſich vergeblich, ſeine Frau zu Vernunft zu bringen, er fand ſie durchaus ſeinen Weiſungen entgegen. Umſonſt ſtellte er ihr das Wohl⸗ leben vor, welches ſie genoͤſſen, und den gerechten Zorn des Chalyfen, wenn er ihren Ungehorſam ver⸗ naͤhme: Minas blieb ſtaͤts hartnaͤckig auf ihrem Sin⸗ ne; und da ſie viel Gewalt uͤber ihren Mann hatte, 16⁰0 634. Tag. ſo brachte ſie es durch ihre Thräaͤnen und Liebkoſungen bald dahin, daß er auf ihre Seite trat. Wie groß indeſſen des Nerus Nachgiebigkeit gegen ſeine Frau war, jedoch hielt die Furcht vor Beſtra⸗ fung ihn noch zuruͤck, und er wagte nicht, die Schuͤſ⸗ ſel anzuruͤhren. Aber Muͤnas nahm das Wort und ſagte zu ihm, indem ſie hin ging und die Thuͤre ver⸗ riegelte: „Was fuͤrchteſt dud wir ſind allein, niemand kann uns ſehen, und ich will nur meine Neugier be⸗ friedigen und die geheimnisvolle Schuͤſſel ein wenig aufdecken.“ „Ich kann deinen gerechten Klagen nicht wider⸗ ſtehen,“ rief der neue Veſyr aus:„fuͤrwahr, der Cha⸗ lyf hat nicht Urſache, uns dieſes laͤcherliche Gebot aufzulegen.“ Hierauf legten beide zugleich die Hand an den Deckel der Schuͤſſel, und ſie hatten ihn nicht ſobald aufgehoben, als ein halb Dutzend Mauſe ungeſtuͤm die⸗ ſem Gefängniſſe entſprangen, im Zimmer umher lie⸗ fen, und bald Mittel und Wege fanden, vor ihren Augen zu verſchwinden. Das fürwitzige Paar. 161 Sechshundert und fuͤnf und dreißigſter Tag. Wie groß war die Beſtuͤrzung des Holzhauers und ſeines Weibes! ſie ſanken beide faſt ohne Beſin⸗ nung auf ihren Sopha zuruͤck. Als aber Nerus wie⸗ der zu ſich kam, gab er der Muͤnas eine ſo wuͤthende Maulſchelle, daß ihr Geſicht ganz von Blut uͤberfloß: „Treuloſe!“ rief er aus,„da ſiehſt du nun die Folgen deiner Neugier! wir werden alsbald den Zorn des Chalyfen empfinden, und wir verdienen ihn voͤllig.“ Kaum hatte der Holzhauer dieſe Worte ausge⸗ ſprochen, als die Thuͤre des Zimmers geſprengt wurde, und der Chalyf, welcher aus einem mit Gaſe verklei⸗ deten Seitengemache beide behorcht hatte, ploͤtzlich her⸗ ein trat, und mit Blicken voll des ſtrengſten Ernſtes zu ihnen ſprach:. „Ungluͤckſeliger Holzhauer, und du fuͤrwitziges Weib, ſo alſo achtet ihr meine koͤniglichen Befehle! Waret ihr des Wohllebens in meinem Palaſte ſchon uͤberdruͤſſig? Wie! ihr habt nicht die Kraft, einer ſo geringen Verſuchung zu widerſtehen, und die Todes⸗ ſtrafe, welche ich euch androhte, war nicht im Stande, eure Neugier zu beſiegen, nachdem ich euch beide mit meinen Wohlthaten uͤberhaͤuft habe? Ich bin alſo ein Tyrann, ihr Unverſchaͤmten? Ihr waret ſo verwegen, auf eure erſten Aeltern zu ſchmaͤhen und ſie zu ver⸗ X. 11 162 635. Tag. wuͤnſchen wegen ihres Ungehorſams: und ihr zeiget euch noch viel ſtrafbarer und undankbarer. Elen⸗ des Erdgewuͤrm, ihr ſeid nur geboren, im Staube zu kriechen: ich hatte euch zu hoch erhoben, aber euer Tod... „Ach, Herr,“ rief Nerus aus, indem er ſich dem Chalyfen zu Fuͤßen warf:„nach dem Beiſpiel unſerer erſten Mutter hat mein Weib mich verfuͤhrt; wir ver⸗ dienen die ſtrengſte Beſtrafung, aber ſind wir wohl deines Zornes wuͤrdig?“ „Ja, ihr Nichtswuͤrdigen, ihr verdienet den Tod,“ erwiederte der Beherrſcher der Glaͤubigen;„es iſt nicht die Beſchaffenheit eures Verbrechens, welches euch ſchuldig macht, ſondern eure aͤußerſte Undankbarkeit: ſchnoͤde Holzhacker, welche ich aus ihrem tiefen Elende ziehe, ſie auf die hoͤchſte Stufe der Ehre erhebe, ſie mit Wohlthaten uͤberhaͤufe, die ſind mir ungehorſam bei einem ſo leichten Gebote, auf Gefahr ihres Lebens! Was wuͤrde erſt geſchehen, wenn es um mein Leben ginge, und wenn mein Kopf von einem Geheimniſſe abhinge, welches ich euch anvertraut haͤtte? Ich waͤre ſchon laͤngſt das Opfer eures Verraths. Aber ich will euch noch mehr Gnade widerfahren laſſen, als ihr Un⸗ dankbarkeit gegen mich bewieſen habt: gehet hin, ihr Elenden, ich ſchenke euch das Leben, fort aus meinen Augen, kehret in euer Nichts zuruͤck, aus welchem ich euch hervor gezogen habe, und die Erinnerung des Das fuͤrwitzige Paar. 163 Gluͤckes, welches ihr, durch eure Schuld, nur ſo kurze Zeit genoſſen habt, ſei eure einzige Beſtrafung.“ Hierauf ließ der Beherrſcher der Glaͤubigen Nerus und Muͤnas ihre reichen Kleider ausziehen, und ihnen diejenigen wiedergeben, in welchen ſie an ſeinen Hof gekommen waren; ſodann ließ er ſie wieder in den Wald, auf dieſelbe Stelle fuͤhren, wo er ſie angetrof⸗ fen hatte; hier fanden ſie all ihr Werkzeug wieder, mit welchem ſie von neuen anfingen zu arbeiten, um ihren Unterhalt zu erwerben; und ſie thaten keinen Schlag mit der Axt, ohne daß ihre Seufzer und Thraͤnen ihre bittere Reue uͤber ihren Ungehorſam zu erkennen gaben. Harun Alraſchid und die beiden Betrler. Sechshundert und ſechs und dreißigſter Tag. Der erhabene Beherrſcher der Glaͤubigen Harun Al⸗ raſchid ſtand eines Tages an einem Fenſter ſeines Palaſtes, welches die Ausſicht auf den großen Platz von Bagdad hatte: da erblickten ihn zwei ſeiner Un⸗ terthanen, welche um Almoſen baten. Der eine von ihnen rief aus:„Gluͤcklich der, dem Gott wohlthut!“ waͤhrend der andere mit lauter Stimme ſagte:„Gluͤck⸗ lich der, auf den der Chalyf mitleidig herabblickt!“ Der Ausruf dieſer beiden Armen drang bis zu den Ohren dieſes großen Fuͤrſten, und er ließ ihnen auf Harun Alraſchid. 168 der Stelle zwei Brote geben: ein Weißbrot demjenigen, der den Chalyfen anrief, und ein Schwarzbrot demje⸗ nigen, der ſein Vertrauen auf Gott allein ſetzte. Das Weißbrot war ſehr klein, und der es empfing, konnte nicht ohne Neid anſehen, daß ſein Gefaͤhrte ein zwar ſchwarzes, aber viermal groͤßeres Brot hatte; er bot ihm einen Tauſch an, und da er ihn dazu ganz willfaͤhrig fand, ſo vertauſchten beide ihre Broͤte, und gingen heim. Der Inhaber des Schwarzbrotes lachte bei ſich ſelber uͤber die Thorheit des andern; aber dieſer war ſehr uͤberraſcht, als er beim Zerbrechen ſeines Weiß⸗ brotes, welches er nur aus Gefaͤlligkeit gegen ſeinen Gefaͤhrten eingetauſcht hatte, darin hundert Goldſtuͤcke fand; woruͤber er fortfuhr Gott zu preiſen, der ihn auf ſolche Weiſe aus dem Elende zoͤge. 1 Am folgenden Morgen fand ſich jener, der von dem Koͤnige das Weißbrot empfangen hatte, unter dem⸗ ſelben Fenſter ein, und um nicht wieder ein ſo kleines Brot, wie geſtern zu bekommen, rief er aus aller Macht:„Gluͤcklich derjenige, dem Gott wohlthut!“ Der Chalyf war verwundert, als er dieſen Aus⸗ ruf hoͤrte; er ließ den Bettler vor ſich kommen, und fragte ihn, weshalb er ſich dießmal lieber an Gott, als an ihn, gewandt, wie er geſtern gethan, und was er mit ſeinem Weißbrote gemacht haͤtte. 166 636. Tag. „Herr,“ antwortete ihm der Elende,„ich habe es gegen das Brot meines Gefaͤhrten vertauſcht, welchem Gott viel mehr zugetheilt hatte, als mir.“ Der Chalyf konnte ſich jetzo nicht enthalten, die Augen zum Himmel emporzuheben, und die gottliche Vorſehung zu preiſen. „Es iſt gut,“ ſprach er hierauf,„ſich den Fuͤr⸗ ſten und maͤchtigen Leuten zu empfehlen: aber immer erwaͤhlt derjenige das beſſere Theil, der ſein Vertrauen auf Gott allein ſetzt.“ Sodann ließ er dieſem armen Manne ebenfalls hundert Goldſtuͤcke reichen und ihn damit ſehr vergnüͤgt heim gehen.— ———— Mehemet Aly. Sechshundert und ſieben und dreißigſter Tag. Ein reicher Kaufmann in Smirna hatte einen Sohn, welchen er ebenfalls zum Handelsſtande beſtimmte und anleitete. Aly aber(ſo hieß dieſer Sohn), als er ſich durch den fruͤhzeitigen Tod ſeines Vaters, in dem Be⸗ ſitz all ſeiner Guͤter ſah, wollte nicht laͤnger Zwang leiden, ſondern uͤberließ ſich gaͤnzlich allen Vergnuͤgun⸗ gen ſeines Alters. Er ſchaffte ſich einen Harem an, und eine Menge junger Wildfaͤnge, wie er, bildete ſeine Geſellſchaft. Alles dieß war ſehr herrlich; aber es ko⸗ ſtete viel. So lange noch Geld im Kaſten klang, war man liebenswuͤrdig, man war geiſtreich, man machte Verſe, man war das Schooßkind der Weiber. Weil aber dieſe Quelle nicht unerſchoͤpflich war, ſo verſchwan⸗ den, nach Verlauf von ſechs Monaten uͤber drei Vier⸗ 168 637. Tag. theile ſeines Vermoͤgens, und mit ihnen alle Freuden, und alle Freunde. Da nichts ſchneller witzigt, als Un⸗ faͤlle, ſo erinnerte ſich Aly wieder des Gewerbes ſeines Vaters: er war gendthigt, den Anſchein des Reichthums und das ungebundene Leben aufzugeben. Er begab ſich nach Aegypten, verband ſich mit einem Kaufmann in Kahiro, und legte das Wenige, was ihm noch uͤbrig blieb, im Handel an. Mit Be⸗ triebſamkeit und Geſchick konnte es ihm nicht fehlen, er kam wieder in Wohlſtand, und blieb in Kahiro an⸗ ſaͤßig. Indeſſen beſchaͤftigte ſein Gewerbe zwar ſeinen Geiſt, erfuͤllte jedoch nicht ſein Herz; es fehlte ihm eine Gattinn: wo ſollte er die her nehmen. Er beur⸗ theilte alle nach denen, welche er gekannt hatte; und diejenige, welche ihm beim truͤglichen Scheine der Glut der Leidenſchaften zum Gluͤcke des Mannes geſchaffen duͤnkte, erſchien ihm nicht mehr ſo bei dem Lichte der Vernunft; er war verſucht, ledig zu bleiben. Aber der ledige Menſch, erfuͤllt er die Verpflichtungen, welche er durch ſeine Geburt ſchon mit der Geſellſchaft eingeht? Eines Tages, als er in dieſe Betrachtungen ver⸗ ſunken war, trat eine verſchleierte Frau bei ihm herein, unter dem Vorwande, Waaren zu kaufen: ihre Geſtalt, ihr Gang, der Ton ihrer Stimme machten einen leb⸗ haften Eindruck auf Mehemet; er war nicht mehr bei ſich. Man forderte einen Soff von ihm, und er legte einen andern vor; aber ſeine Zerſtreuung misfiel Mehemet Ali. 169 nicht. Er war nicht mehr Herr ſeiner Augen, und der Gegenſtand ſeiner unverwandten Blicke verwirrte ihn ſo, daß er wie im Finſtern unter ſeinen Waaren um⸗ her ſtoͤhrte. Nach langem Suchen war er nicht weiter gekommen: das Herz allein vor geruͤckt. Endlich brach er das Stillſchweigen, und ergoß ſich in Lobeserhebun⸗ gen der Reize der Schoͤnen, obwohl er ſie nur durch⸗ ſchimmern ſah; er betheuerte, daß nichts auf der Welt ihn ſo begluͤcken wuͤrde, als die Schaͤtze zu ſchauen, welche ihr Schleier ihm verberge. Amira,— ſo hieß die Schoͤne,— laͤchelte bei dieſer Anrede, antwortete in demſelben Ton, und ließ ihren Schleier ſinken. Jetzt konnte ſich Mehemet nicht laͤnger halten; er brannte vor Liebe, bot der Schoͤ⸗ nen ſein Herz dar, und warb um ihre Hand. Die Schoͤne, welche nicht reich war, fand den Antrag an⸗ nehmlich: die Einwilligung ihrer Angehoͤrigen erfolgte, der Ehevertrag wurde aufgeſetzt und unterzeichnet, und die Liebenden wurden vermaͤhlt. Alles dieß geſchah in weniger als Monatsfriſt. Ein unerwarteter Zufall truͤbte dieſes Gluͤck und ſchien die Freuden der Hochzeit zu ſtoͤren. Amira fuͤhlte ſich unwohl und erkrankte: ſie wurde wieder her ge⸗ ſtellt, und man glaubte, es wuͤrde keine weiteren Fol⸗ gen haben. Die Nacht kam, und die beiden jungen Gatten uͤberließen ſich daheim in ihrem Gemache ihren zaͤrtlichen Gefuͤhlen. Mehemet, zu Amira's Fuͤßen, 170 637. 638. Tag. ſchwur ihr, daß es ihren Reizen allein aufbehalten wor⸗ den, ihn um ſeine Freiheit zu bringen; und Amira, uͤber die Annaͤherung eines Mannes erroͤthend, verſicherte ihn, daß ſie ſtaͤts einen entſchiedenen Widerwillen gegen jede Art von Verbindung gehegt:„ohne dich, mein ge⸗ liebter Aly,“ fuͤgte ſie hinzu,„wuͤrde ich noch zweifeln, ob ich auch ein Herz haͤtte; und wenn die Liebe eine Tugend iſt, ſo habe ch ſie von dir...“ Bei dieſen Worten befiel ſie ein heftiger Schmerz. Erſchrocken rief ihr Gatte nach Huͤlfe; alles im Hauſe war alsbald auf den Beinen, das Uebel ward immer aͤrger, Wehgeſchrei folgte,. und das Ende davo war, daß Amira entbunden wurde... 3 „Wie?“ rief Mehemet wuͤthend aus:„welche Rolle ſpiele ich hier? Und du zweifelteſt wirklich, ob du auch ein Herz hatteſt?“ Amira ihrerſeits begriff nicht, was ihr widerfuhr; ſie betheuerte ihren Gatten, daß ſie nimmer einen Mann erkannt habe. Dieſer dagegen machte ihr die bitterſten Vorwuͤrfe, und verſtieß ſie. Sechshundert und acht und dreißigſter Tag. Die junge ſchmachvoll aus ſeinem Hauſe gejagte Frau, ſuchte eine Zuflucht bei ihrem Vater; ſie hoffte hier Aufnahme zu finden, taͤuſchte ſich aber: die Stimme Mehemet Ali. 171 des Blutes war durch Menſchenfurcht erſtickt. Amira war in den Augen des Greiſes nur noch ein Gegen⸗ ſtand der Verachtung: er gab ihr einen trockenen und bittern Verweis, und wies ſie zuruͤck zu ihrem Manne. Was ſollte ſie nun beginnen? was ſollte aus ihr wer⸗ den? wo ſollte ſie eine Zuflucht finden, wenn ſie ihr im Vaterhauſe verſagt wurde? Dieſer letzte Schlag warf ſie ganz darnieder; ſie verließ die Stadt, und uͤberließ ſich dem Schickſale, welches ihre ungewiſſen Schritte in einen tiefen Wald fuͤhrte. Hier, huͤlflos und ver⸗ laßen, ohne andere Nahrung als ihre Thraͤnen, erwar⸗ tete ſie den Tod, und ſah ihm, als einer beſondern Gunſt des Himmels, entgegen. Indem ſie ſo dahin ging, hoͤrte ſie Klagetoͤne; die natuͤrliche Neugierde fuͤhrte ſie nach dem Orte, woher ſie kamen, und da erblickte ſie eine junge ſchoͤne Frau in ihrem Blute ſchwimmend. Amira, die einen Augen⸗ blick zuvor ſich uͤber ihr Schickſal beklagte, ſah jetzo nur noch die Leiden dieſer Ungluͤcklichen; ſie zerriß ihre Kleider, bedeckte ſie damit, und fuͤhrte ſie, ſo gut ſie vermochte, aus dem Walde. Der Himmel, der ein⸗ zige Zeuge dieſer liebreichen Handlung, wollte dieſelbe nicht unbeguͤnſtigt laßen, und leitete ihre Schritte zu der Huͤtte eines Santons. Mitleid und Liebe zu⸗ gleich erfuͤllten beim Anblicke der beiden Frauen dieſen Einſiedler: da er aber feſte Grundſaͤtze hatte, ſo gebot ſeine Seele bald ſeinem Herzen Stillſchweigen. Er 172 638. Tag. leiſtete ihnen alle Huͤlfe, welche in ſeiner Macht ſtand; er wuſch ihnen die Fuͤße, er verband die Wunden der Blutenden; und als dieſe etwas erquickt war und ſich erholt hatte, bat er ſie beide, ihm zu ſagen, welchem Unfall er das Gluͤck verdankte, ihnen nuͤtzlich ſein zu koͤnnen. Amira nahm zuerſt das Wort, erzaͤhlte ihre Ge⸗ ſchichte, und beſchloß ſie mit der Verſicherung ihrer Unſchuld. Ob ſie den Alten davon uͤberzeugte, iſt un⸗ gewiß. Die Reihe war jetzt an der Unbekannten, welche alſo begann: „Ich heiße Anaſia: ſeit dem ſiebenten Jahre eine Waiſe, ohne Vermoͤgen, ſelbſt der Nothdurft er⸗ mangelnd, erregte ich das Mitleid eines großen Herrn; er ſorgte fuͤr meine Erziehung, mein huͤlfloſes Alter, gluͤckliche Anlagen, und vielleicht einige Annehmlichkei⸗ ten meiner Perſon nahmen ihn fuͤr mich ein; er verab⸗ ſaͤumte nichts, und hatte die Genugthuung, ſeine Sorg⸗ falt nicht fruchtlos angewendet zu ſehen. Unterdeſſen wuchs meine Anhaͤnglichkeit an meinen Wohlthaͤter in dem Maaße, wie mein Verſtand ſich entwickelte; ich erkannte den Werth ſeiner Wohlthaten, und ich fuͤhlte in meinem Herzen etwas Lebhafteres aufkeimen, als bloße Dankbarkeit. Unmerklich liebte ich ihn, und ichh wagte es, an ſeine Hand zu denken, ohne den Abſtand zu erwaͤgen, welchen Geburt und Vermoͤgen zwiſchen uns befeſtigten. Nahem las in meinen Augen, und Mehemet Ali. 173 durch ſie in meiner Seele, er ſchaute darin ſich ſelber, Zug fuͤr Zug; und die Gewißheit der Gegenliebe, im Bunde mit der Liebe, welche ich ihm eingefloͤßt hatte, bewirkten, daß ich ſeine Gattinn ward. Wir waren gluͤcklich. Warum aber muß dasjenige, das die Wonne des Lebens ausmachen ſollte, unaufhoͤrlich durch Un⸗ faͤlle in der Verkettung der Begebenheiten getruͤbt werden?. Nahem hatte einen jungen, wohlgebildeten Freund, namens Ramyr: kaum hatte dieſer mich erblickt, als er fuͤr mich entbrannte. Von Stund' an war die Freundſchaft geſtoͤrt, die Offenherzigkeit verſchwand, Ramyr ſprach zwar noch verbindliche Redensarten zu meinem Gatten, aber man hoͤrte ihnen den Zwang an. Nahem, der es bemerkte, aͤnderte jedoch ſein Betragen nicht, und ſprach ſtaͤts in demſelben Tone mit Ramyr. Unterdeſſen wuchs in dieſem die Leidenſchaft, und erwartete nur eine guͤnſtige Gelegenheit zum Ausbruch. Dieſe blieb auch nicht lange aus. Nahem mußte ver⸗ reiſen und zwei Tage auf dem Lande zubringen. Ra⸗ myr erfuhr es; er ſpendete Gold aus, beſtach damit meine Frauen, und dieſe benutzten die Stunde ddes er⸗ ſten Schlafs, ihn in mein Bette zu verhelfen. Ich erwache, gerathe in Wuth, und rufe nach Huͤlfe; aber niemand koͤmmt: da ergreife ich ſeinen Dolch, und drohe, ihm denſelben ins Herz zu ſtoßen, wenn er ſich nicht entferne. Ramyr, verwundert uͤber meinen Muth, 174 638. Ta g. und vielleicht uͤber ſeine eigene Unbeſonnenheit, verließ die eingenommene Stelle, und als wenn meine Tugend die ſeine wieder erweckt haͤtte, ſank er vor meinem Bette auf die Kniee, und beſchwur mich mit Thraͤnen in den Augen, ihm ſeinen Frevel zu verzeihen, und meinem Gemahle nichts davon zu ſagen. Ich verſprach es ihm, aber nur unter der Bedingung, daß er nie mehr einen Fuß in mein Haus ſetzen durfte. Schon am naͤchſten Tage, ehe ich es erwartete, kam Nahem zuruͤck, und in der folgenden Nacht hatte ich einen ſehr unruhigen Schlaf: ein ſchreckhafter Traum beaͤngſtigte mich, und in den heftigen Ausbruͤchen einer erhitzten Einbildungskraft ergreife ich den Dolch meines. Gatten und will ihn damit durchbohren. Er wendet den Stoß ab; ich erwache von dieſer Bewegung, und erblicke Nahem mit Glut in den Augen und Blaͤſſe auf dem Antlitz. Er macht mir Vorwuͤrfe uͤber meinen Angriff, drohet mir, geht hinaus, koͤmmt wieder, und um das Ungluͤck voll zu machen, faͤllt Ramyrs Guͤrtel, welchen dieſer vorige Nacht vergeſſen hatte, in ſeine Haͤnde. Ich wollte mich rechtfertigen: aber das Wort erſtarb auf meinen Lippen, und mein Stillſchweigen wurde uͤbel gedeutet; Nahem waͤhnte ſich uͤberzeugt. Er faßte aber den Entſchluß, ſich zu verſtellen; er that, als wenn er ſich von meiner Unſchuld uͤberzeugt haͤtte, und ſo lebten wir die beiden naͤchſten Tage im beßten Einverſtaͤndniſſe. Ich wurde dadurch getaͤuſcht: Mehemet Ali. 175 am dritten Tage gingen wir in den Wald, zu luſtwan⸗ deln; ſo bald wir uns tief in demſelben befanden, hielt der grauſame Nahem mir nochmals den Guͤrtel Ramyrs vor, ſtieß mir ſeinen Dolch in die Bruſt und entfernte ſich. Ich waͤre, ohne Huͤlfe, verſchieden; der Himmel aber, der Zeuge meines ungluͤcklichen Schickſals iſt, hat ſie mir durch Amira geſandt.“ 4 Sechshundert und neun und dreißigſter Tag. Der Santon konnte bei dieſer Erzaͤhlung ſeine Thraͤnen nicht zuruͤck halten. Er widmete unablaͤßig den beiden Frauen die zaͤrtlichſte Pflege; und als die Kranke wieder hergeſtellt war, bat er beide, ihn zu ver⸗ laßen, indem er mit Beſcheidenheit und ſchmeichelhaft zugleich hinzu fuͤgte, daß er das einſame Leben nur deshalb ergriffen, um ſich gegen die Gewalt der Schoͤn⸗ heit ſicher zu ſtellen. Die beiden Ungluͤcksgefaͤhrten nahmen demnach Abſchied von ihm, und nahmen die groͤßte Vorſtellung von ſeiner Guͤte und von ſeiner Tu⸗ gend mit ſich hinweg. Da ſie nicht wußten, wohin ſie ſich wenden ſoll⸗ ten, ſo fiel ihnen ein, zu Schiffe zu gehen; und um dieß deſto ſicherer zu koͤnnen, legten ſie Mannskleider an. Das Schiff aber, auf welchem ſie ſich befanden, wurde von einem Seeraͤuber genommen. Dieſer brachte 176 639. Tag. es nach Kahiro, und ſtellte hier ſeine beiden neuen Sklaven zum Verkauf aus. Ramyr kam herbei, und wollte ſie kaufen. Anaſia hatte Muͤhe ihre Verwir⸗ rung zu verbergen, um nicht entdeckt zu werden. Der Handel wurde bald abgeſchloſſen, und Ramyr fuͤhrte beide heim. Die Geſichtszuͤge Bethsna's(ſo hatte Anaſia ſich genannt) waren ihm aufgefallen; er fand darin Aehnlichkeit mit einer geliebten Frau. Auf gleiche Weiſe wurde Nahem jedesmal betroffen, wenn er den Sklaven ſeines Freundes erblickte: das Bild Anaſias wich nicht aus ſeinem Gedaͤchtniſſe. Eines Tages, als er ihm in der Stadt begegnete, bat er ihn um eine beſondere Unterredung. Bethsna nahm ihn mit nach Ramyrs Hauſe, und bat ihn, ſich hier nur fuͤr einige Augenblicke verborgen zu halten. Bald darauf kam auch Ramyr nach Hauſe, und da er ſich mit ſeinem Sklaven allein waͤhnte, ſprach er mit ihm, wie gewoͤhnlich, von Anaſia; diesmal ſetzte er die Unterhaltung weiter fort, und fuͤgte hinzu:„ſage mir die Wahrheit, und entdecke mir dein Geſchlecht; ich kann nicht laͤnger im Zweifel bleiben, deine Geſtalt iſt ganz die eines Weibes, welche ich liebte, und noch liebe... „Du liebſt ſie,“ unterbrach ihn Bethsna, wer hat dich denn von ihr getrennt?“ „Meine Unbeſonnenheit und ihr Edelmuth: ſte hat lieber Schmach und den Tod leiden wollen, als Mehemet Ali. 177 7 einen Frevel entdecken, welcher zu meinem Verderben ihren Gatten von ihrer Unſchuld uͤberzeugt haͤtte... Doch ich ſage zuviel..“ „O mein theurer Herr, ſei unbeſorgt; dein Ge⸗ heimnis iſt bei mir wohlverwahrt. Anaſia, der du ein ſo ſchoͤnes Zeugnis gibſt, liegt zu deinen Fuͤßen: ſie er⸗ wartet von deinem Edelmuthe, daß du ſie dem zurüuͤck gebeſt, den ſie liebt.“ 4 Bei dieſen Worten ſprang Nahem, ganz außer ſich, hervor, hub ſie auf, und indem er ihr zu Fuͤßen fiel, beſchwur er ſie, ihm die begangene Unthat zu ver⸗ zeihen.“ Ramyr ſtand erſtaunt da, und verwirrt uͤber das Geſtändnis, welches er eben abgelegt hatte. Sein Freund, der es bemerkte, ergriff ihn bei der Hand, druͤckte ſie herzlich, und ſagte: „Sei getroſt! was du mir, ohne es zu wollen, geſtanden haſt, iſt von der Art, daß es dich in meinen Augen ehrt. Nichts iſt gewoͤhnlicher, als die Verblen⸗ dung der Leidenſchaft: aber es iſt eben ſo ſelten, als ruͤhmlich, daß ein Mann eine Frau noch ruͤhmt, welche er hat verfuͤhren wollen, und die ſeinen zuͤgelloſen Be⸗ gierden nur Verachtung entgegen geſetzt hat.“ Mit dieſen Worten umarmten ſich beide, und Nahem empfing Anaſien aus der Hand ſeines Freundes. X. 12 178 639. Tag. Unterdeſſen blieb Amira noch immer Sklave. Was eben vorgegangen war, gab ihr einige Hoffnung: weil dieſe aber weit ausſehend war, ſo hatte ſie einen an⸗ dern Einfall. Sie ging zu einem Arzt, und befragte ihn, ob eine Jungfrau wohl Mutter werden koͤnnte, ohne jemals einen Mann erkannt zu haben. Dieſer legte die Frage einer Verſammlung von gelehrten Aerz⸗ ten in Kahiro vor. Die Doctoren ſprachen daruͤber hin und her, und entwickelten in ihren Reden tiefe Ge⸗ lehrſamkeit. Die eine Haͤlfte bejahte die Frage, und behauptete, ein Luftgeiſt vermoͤchte wohl einen ſolchen uͤbeln Dienſt zu leiſten, und ſolches waͤre nicht ohne Beiſpiel: die andre Haͤlfte aber war ganz entgegenge⸗ ſetzter Meinung, und es kam zu keinem Beſchluſſe. Dieſe Frage machte aber großes Aufſehen in der Stadt: ſie wurde in allen Geſellſchaften verhandelt; und die Aegyptiſchen Frauen waren ſehr fuͤr die Lehre von den Luftgeiſtern. Eine dieſer Frauen, namens Thala, ſprach eines Tages hieruͤber im Vertrauen mit zweien ihrer Freun⸗ dinnen, und beſtaͤtigte, daß die Sache keinesweges un⸗ moͤglich waͤre, indem ſolches einem jungen Maͤdchen von ihrer Bekanntſchaft wirklich begegnet ſei; und als die beiden Freundinnen in ſie drangen, um die naͤheren Umſtaͤnde davon zu erfahren, erzäͤhlte ſie Folgendes: „Meine Freundinnen, ich glaube nicht noͤthig zu haben, euch Verſchwiegenheit an zu empfehlen: ich Mehemet Ali. 279 wurde unter der Aufſicht eines aͤltern Bruders ſehr ſtreng erzogen: aber alle ſeine Vorſicht vermochten nicht mein Herz vor zaͤrtlichen Gefuͤhlen zu bewahren. Ein Juͤngling gefiel mir; die Liebe war uns dienſtfertig, und meine Schwachheit hatte ernſtliche Folgen. Es wurde entdeckt; und mein Bruder mishandelte mich. Was mich aber am meiſten demuͤthigte, waren die Spoͤttereien ſeiner Tochter, einer kleinen Sproͤden, die hoͤchſt eingebildet auf ihre Schoͤnheit und Tugend war, welche letzte ſie vielleicht nur der Wachſamkeit ihres Vaters verdankte. Es waͤre verlorene Muͤhe geweſen, mich rechtfertigen zu wollen: ich ließ alſo die Zeit wal⸗ ten, aͤnderte aͤußerlich mein Betragen, und mein Bru⸗ der ſchenkte mir ſeine Gunſt wieder, und verheirathete mich bald darauf. So ſtand ich nun in der Reihe der tugendhaften Frauen, und mein Ruf ward mir theuer. Es blieb mir nur noch uͤbrig, mich fuͤr die Verachtung meiner Nichte zu raͤchen. Eine achttaͤgige Reiſe mei⸗ nes Mannes bot mir dazu Gelegenheit: ich lud das junge Maͤdchen ein, bei mir zu ſchlafen; ſie willigte ein. Ich hatte mit meinem Geliebten alles verabredet, dem ich das tiefſte Stillſchweigen empfahl, und er ſtellte ſich zur beſtimmten Stunde ein. Meine Nichte, der ich einen Schlaftrunk eingegeben hatte, mußte meine Stelle einnehmen, und ward ſchwanger, ohne es zu wiſſen. Sieben Monate darauf wurde ſie verheirathet, und gerade in der Hochzeitnacht kam ſie nieder. 180. 640. Tag. Sechshundert und vierzigſter Tag. Dieſer Streich kam den Freundinnen ſehr luſtig vor; ſie lachten viel daruͤber, und gelobten abermals Ver⸗ ſchwiegenheit. Das war aber zu viel verſprochen, und denſelben Abend noch war die Geſchichte die Neuigkeit des Tages. Am folgenden Tage hatte ſich das Geruͤcht davon durch die ganze Stadt verbreitet, und kam ſo auch Amira zu Ohren. Dieſe ging ſogleich der Quelle deſſelben nach, und glaubte ſich nun am Ziel ihrer Lei⸗ den, wenn ſie die Bosheit ihrer Muhme Thala bewaͤh⸗ ren koͤnnte. Sie ging zu dem Kadi, fiel ihm zu Fuͤ⸗ ßen, und flehte ihn um Gerechtigkeit. Der Kadi war erſtaunt uͤber ihre Schoͤnheit, und verhieß ſie ihr. Anaſia, die von allem, was vorging, unterrichtet war, ſprach daruͤber mit ihrem Gemahl, und entdeckte ihm, daß der andre Sklave Ramyrs auch ein Weib, und zwar die verſtoßene Gattinn Mehemet Aly's, und Thala's Nichte ſei. Nahem ließ ſogleich den Aly ru⸗ fen, und ſagte zu ihm: „Die Neungkeit, welche jetzt in der Stadt um⸗ laͤuft, geht dich ſehr nahe an: man erzoͤhlt von einer Jungfrau, die, ohne ihr Wiſſen, durch Veranſtaltung ihrer Muhme entehrt worden, und nennet dich dabei.“ Mehemet erinnerte ſich nun, daß er wirklich der Geliebte der einen, und als ſolcher Schuld an dem Mehemet Ali.— 1281 Ungluͤck der andern geweſen, welche er nachmals ge⸗ heirathet hatte. „Gerechter Himmel!“ rief er aus:„ſollte es Amira ſein?“ Dieſe letzten Worte ſtieß er mit einem Schrei der Verzweiflung aus. Reue, Liebe, Gewiſſensbiſſe, alles beſtuͤrmte ihn auf einmal.. „Wie wird Amira noch die Gegenwart eines Man⸗ nes ertragen, der ſie ſo vielfach auf einmal beleidigt hat, und der auf den bloßen Anſchein.?“ „Verlaß dich auf mich,“ unterbrach ihn Nahem: „Amira liebt dich noch; geh hin und fordre ſie von dem Kadi wieder; er iſt gerecht: ich verbuͤrge dir den Erfolg.“ Mehemet flog dahin; er fand guͤnſtige Aufnahme: aber bevor der Kadi ihm ſeine Frau zuruͤckgab, wollte er ihre Unſchuld oͤffentlich bewaͤhrt ſehen. Zu dieſem Zwecke ließ er Thala und ihre beiden Freundinnen vor ſich kommen. Dieſe beiden zeugten gegen ſie, und Thala bekannte ihr Verbrechen. Der Kadi vergab es ihr, nach einem ſcharfen Verweiſe, und Mehemet em⸗ pfing nun Amira aus ſeiner Hand. Sie verbanden ſich zum zweitenmale feierlich; und die beiden einander wieder geſchenkten Gatten gaben ſich gegenſeitige Be⸗ weiſe aufrichtiger Verſdhnung. Anaſia und Amira wurden immer inniger mit ein⸗ ander; die Bande der Freundſchaft, welche ihr gemein⸗ 182 640. Tag. ſames Ungluͤck geknuͤpft hatte, ſchlangen ſich jetzo noch feſter um ſie. So bald beide wieder ſich ſelber zuruͤck⸗ gegeben waren, ſchickten ſie dem Santon reiche Ge⸗ ſchenke, und theilten ihm die gluͤckliche Veraͤnderung ihrer Lage mit. Der gute Einſiedler wurde beim Leſen ihrer Briefe bis zu Thraͤnen geruͤhrt, und rief in einer Art von Begeiſterung aus: „Gluͤcklich der Sterbliche, der weiſe genug iſt, ſich nicht durch falſchen Anſchein verleiten zu laßen! man ſoll niemand verurtheilen, bevor nicht die ihm an⸗ geſchuldigten Vergehen voͤllig erwieſen ſind.“ Die vierzig VBeſyre. Sechshundert und ein und vierzigſter Tag. Die Jahrbuͤcher der Koͤnige gedenken eines maͤchtigen Koͤnigs von Perſien, namens Häfikin: ſeine Herr⸗ ſchaft erſtreckte ſich uͤber den ganzen Erdkreis; die Ge⸗ ſtirne*) hatten ihre gluͤcklichſten Einfluͤſſe uͤber ihn ausgegoſſen, und ihm mit einer großmuͤthigen Seele alle koͤniglichen Eigenſchaften und Tugenden verliehen. Der Himmel kroͤnte alle dieſe Beguͤnſtigungen damit, daß er ihm einen Sohn ſchenkte, der durch ſeine Schoͤn⸗ heit alle Herzen feſſelte, und deſſen Anmuth alle Augen bezauberte: ein getreuer Spiegel allein vermochte eine *) Man wird in dieſem Buche mehr als einma! Gelegenheit haben, zu bemerken, wie ſehr die Sterndeutung und die geheimen Wiſ⸗ ſenſchaften im Morgenlande in Anſehen ſtehen. 184— 641. Tag. eben ſo ſchoͤne Geſtalt aufzuweiſen. Dieſe Gaben der Natur waren mit andern Vollkommenheiten verbunden; der Jaͤngling glaͤnzte zugleich in den Wiſſenſchaften, wie in den Leibesuͤbungen; ſein Lob ertoͤnte von allen Lippen, und ſeine Gegenwart verſetzte die Seele des Koͤnigs ſeines Vaters, mit ſtaͤts wachſender Zaͤrtlichkeit, in das innigſte Entzuͤcken. Dieſes Gluͤck wurde durch den Tod der Koͤniginn, der Mutter dieſes jungen Prinzen, eine Weile unter⸗ brochen. Nachdem ihrer Aſche der gewoͤhnliche Zoll der Thraͤnen und Klagen dargebracht worden, beſaͤnftigte ſich indeß der Schmerz des Koͤnigs wieder. Und in der That iſt die Geduld nicht die einzige Wehr, welche man den Schlaͤgen des Schickſals entgegen halten kann? Bald darnach vermaͤhlte Häfikin ſich wieder mit der Tochter eines benachbarten Koͤnigs. Die junge Koͤniginn konnte den Sohn ihres Gemahls nicht ſehen, ohne ihn zu lieben; eine zeitlang wußte ſie jedoch die Heftigkeit ihrer Leidenſchaft in ihrem Herzen zu ver⸗ ſchließen. Der Prinz beſchaͤftigte ſich damals gerade mit der Sternkunde und Sterndeutung; ſeine Emſigkeit, ſein durchdringender Geiſt und Scharfſinn ließen ihn bis auf die hoͤchſte Stufe dieſer Wiſſenſchaften gelangen; auch die Geſchickteſten erkannten ſeine Ueberlegenheit an. Unterdeſſen wuchs die Liebe der Koͤniginn im Stil⸗ len, und kannte keinen Zuͤgel mehr. Noch hatte ſie Die vierzig Veſyre. 185 den Prinzen nicht allein ſprechen koͤnnen, weil dieſer ſich niemals von ſeinem Lehrer entfernte. Sie beklagte ſich bei dem Koͤnig uͤber die Gleichguͤltigkeit ſeines Sohns.— „Warum,“ ſprach ſie zu ihm,„beſucht er mich ſo ſelten? Muß er mich nicht als ſeine Mutter betrach⸗ ten? Es ſcheint mir dagegen, daß er mich mit Wider⸗ willen und misguͤnſtigen Augen anſieht.“ Dieſe Worte waren mit dringenden Bitten beglei⸗ tet, daß der Koͤnig ihr erlauben moͤchte, den jungen Prinzen in ihren Zimmern zu empfangen.**) Der Koͤnig rechtfertigte die Geſinnungen ſeines Sohns, und entſchuldigte ſeine Nachlaͤßigkeit durch ſei⸗ nen Eifer fuͤr die Wiſſenſchaften; zugleich verſprach er, ihn aufzufordern, daß er ſich morgen ſeiner Schuldig⸗ keit gegen die Koͤniginn entledigte. Hierauf begaben beide ſich zur Ruhe. Schon begann das Tagesgeſtirn den Rand des Himmels zu vergolden, da erhub ſich der Koͤnig, und nachdem er den verſchiedenen Vorſchriften der Religion genuͤgt hatte, begab er ſich zu ſeinem Sohn, und em⸗ *) Die Geſetze des Harems ſind im Morgenlande ſo ſtrenge, daß, zumal bei den Vornehmen, Knaben, ſobald ſie zu mannbaren Jahren kommen, beſondere Erlaubnis haben müßen, die Zimmer ihrer Mütter oder Schweſtern zu betreten. 186 641. TC a g. pfahl ihm freundlich, das Verlangen der Koͤniginn zu erfuͤllen, welche ſeinen Beſuch erwartete; er umarmte ihn, und verließ ihn wieder, mit der Zuſicherung des Gehorſams. Der junge Prinz ſetzte unverzuͤglich ſeinen Lehrer in Kenntnis von der Einladung der Koͤniginn und den Befehlen ſeines Vaters. Der Lehrer dachte einen Augenblick nach, nahm dann ein Fernrohr, be⸗ rechnete die Geſtirnung bei der Geburt ſeines erlauch⸗ ten Zoͤglings, und entdeckte, daß derſelbe vierzig Tage lang großen Unfaͤllen ausgeſetzt ſein, und ſelbſt ſein Leben in Gefahr ſchweben wuͤrde. Von Schmerz durch⸗ drungen, rief er aus: „O mein Prinz, dein Geſtirn bedroht dich mit Unheil und furchtbaren Gefahren: aber du kannſt ih⸗ nen entgehen, wenn du genau meine Vorſchriften be⸗ folgeſt.“ Der Prinz, uͤber dieſe Weiſſagung beſtuͤrzt, uͤber⸗ ließ ſich ruͤckhaltlos der Fuͤhrung des Weiſen, welcher alſo fortfuhr: „Du mußt waͤhrend der vierzig bevorſtehenden ungluͤckſchwangeren Tage dich ſtumm ſtellen und nicht ein einziges Wort ſprechen, und ſollteſt du ſogar ein Schwert uͤber deinem Haupte ſchweben ſehen; huͤte dich mit der groͤßten Anſtrengung, ein Stillſchweigen zu brechen, von welchem die Erhaltung deines Lebens ab⸗ haͤngt.“ Die vierzig Veſyre. 187 Er empfahl ihm zuletzt noch, einige heilige Namen Gottes her zu ſagen, und begab ſich hierauf ſelber nach einer unzugaͤnglichen Freiſtaͤtte. Sechshundert und zwei und vierzigſter Tag. Der Prinz trat an die Thuͤre des Harems; er wurde von den Verſchnittenen in das Gemach der Koͤ⸗ niginn gefuͤhrt, welche ihm entgegen ſtuͤrzte, und in⸗ dem ſie ihn mit Liebkoſungen uͤberhaͤufte, ihn an ihre Seite ſitzen ließ. Die Gegenwart des Prinzen, welche den bewundernden Blicken der Koͤniginn eine engliſche Schoͤnheit und unausſprechliche Anmuth darbot, voll⸗ endete ihre Niederlage. Sie befragte ihn mit zaͤrtlicher Theilnahme uͤber ſeine Geſundheit; er ſenkte das Haupt, und antwortete nichts. Ein Wink entfernte alle Ge⸗ genwaͤrtigen, und als ſie ſich mit dem Abgott ihres Herzens allein ſah, ſchlang ſie ſanft ihre Arme um ſeinen Hals, und ſprach zu ihm: „O meln Prinz, Seele meines Lebens, wie liebe ich dich! Wie viel Naͤchte ſind vergangen, in welcher kein Schlaf meine Augenlieder geſchloſſen hat! Ver⸗ zehrt von aller Glut des Verlangens, muß ich Gott Dank ſagen, daß er dich fuͤr meine Liebe empfaͤnglich gemacht hat. Moͤge nun der Kummer verſchwinden, welcher dich umwoͤlkt, und nur die Freude von deinem 188 642. Tag. Antlitze ſtrahlen! Alles was deinem Vater gehoͤrt, ſteht mir zu Gebote: verbinde dich mit mir, und nimm Theil an meinen Entwuͤrfen. Du ſtehſt in der Bluͤte der Jugend; ich bin jung und Koͤniginn: die Schwach⸗ heiten und das hinfaͤllige Alter ſind das Loos deines Vaters; vermag ein von den Jahren gebeugtes Haupt noch die Laſt einer Krone zu tragen? Und welche Huͤlfe iſt von einem durch das Alter erſtarrten Arme zu erwarten? Wenn du, auf mein Unternehmen ein⸗ gehend, ſchwoͤreſt, mich zu heirathen, ſo vermag ich es, den Kdnig aus dem Wege zu raͤumen, und dich an ſeine Stelle zu ſetzen. Verbinde dich durch dieſen Eid mit mir, und ich will dir meinen geheimen An⸗ ſchlag enthüͤllen.“ Da der Prinz ſtumm blieb, ſo fuhr die Königinn „Du biſt vielleicht nachdenklich uͤber die Mittel, welche wir anwenden muͤßen, um uns des Koͤnigs zu entledigen? hier ſind ſie: wir laßen ihn ein langſames Gift trinken, welches binnen zwei bis drei Monate ſein noch uͤbriges Leben aufzehrt. So ſtirbt er, ohne daß der geringſte Verdacht uns treffe; du beſteigeſt den Thron, und ſchalteſt nach deinem Gefallen uͤber ſeine Schaͤtze und ſeine Reiche.“ Die Koͤniginn empfing noch keine Antwort, und hub wieder an: Die vierzig Veſyre. 189 „Fuͤrchteſt du etwa, das Misvergnuͤgen der Voͤl⸗ ker zu erregen, wenn du dich mit der Witwe deines Vaters vermaͤhlſt? Befiehl, mich nach meiner Heimat zuruͤck zu fuͤhren; laß einen Vertrauten, an der Spitze etlicher als Raͤuber verkleideten Leute, mir am Wege auflauern, mein Gefolge angreifen und zerſtreuen; das Geruͤcht meines Todes wird durch dein Zuthun ſich bald uͤberall verbreiten; dann kaufeſt du mich unter der Verkleidung einer Sklavinn; ſo wird unſere Vereini⸗ gung vollendet, und wir haben zugleich beiderſeits un⸗ ſere Verpflichtungen erfuͤllt.“ Die Koͤniginn, durch das Schweigen des Prinzen, welches ſie vergeblich zu brechen verſuchte, ermuthigt, und von der Gewalt der Leidenſchaft hingeriſſen, wollte ihn jetzt an ſich ziehen, und ihm einen Kuß geben: aber ein Backenſtreich hemmte ihre Verwegenheit, und das Blut floß ihr vom Munde. Ihr durch dieſe Schmach tief verwundetes Herz wurde ploͤtzlich von allen Auf⸗ wallungen der Wuth erfuͤllt, welche ſich in folgenden Vorwuͤrfen Luft machte: „Undankbarer Prinz! ich wollte dich zum Manne und Koͤnige machen, und du vergreifeſt dich an mir! zittere, und fuͤrchte meine Rache!“ Hierauf lief ſie mit aufgeldſten Haaren bald hin und her, uͤberall Spuren des Blutes verſtreuend; bald ſetzte ſie ſich, und wehklagte, nach Art der Weiber. 190 642. Tag. Der junge Prinz hatte ſich wieder nach ſeiner Wohnung begeben. Der Kdoͤnig, voll Ungeduld, den Erfolg des Beſuchs ſeines Sohnes zu vernehmen, kam in den Harem. Als er hier das Gewand ſeiner Ge⸗ mahlinn mit Blut beſudelt, ihre Haare aufgeloͤſt, und den tiefen Schmerz auf ihrem Angeſicht ausgedruͤckt ſah, fragte er ſie aͤngſtlich nach der Urſache dieſer Ver⸗ wirrung. „O mein Koͤnig,“ antwortete ſie,„dein ſtrafbarer Sohn hat dieß alles angerichtet. Aber was ſage ich, dein Sohn! das kann er nimmer ſein.“ Deer Koͤnig drang in ſie, ihm mehr Aufklaͤrung hieruͤber zu geben, und ſie fuhr fort: „Ich ſaß hier, als der Boͤſewicht ſich mir nahte; Truͤbſinn umwoͤlkte ſein Angeſicht. Ich befahl, uns allein zu laßen, um ihn daruͤber zu befragen. Alsbald wagte er ſeine ſtrafbare Hand an mir zu legen: ich ſtieß ihn zuruͤck; darauf ſprach er zu mir: „Warum bezeigeſt du dich ſo ſtrenge gegen mich? Wenn deine Geſinnungen mit den meinigen uͤberein⸗ ſtimmten, und du mir ein ſicheres Pfand davon gaͤ⸗ beſt, ſo haͤtte der Koͤnig bald aufgehoͤrt zu leben: wir beide wuͤrden uns durch das Band der Ehe vereinigen, und du wuͤrdeſt die alleinige Gebieterinn ſeiner Schaͤtze und ſeiner Reiche werden.“ Als er aber ſah, daß ſein Andringen fruchtlos und meine Treue unerſchuͤtterlich war, da verſuchte er 45 Die vierzig Veſyre. 191 es, mich zu ermorden, ohne Zweifel, um ſein unſeli⸗ ges Geheimnis mit mir zu begraben. Mein Geſchrei noͤthigte ihn jedoch, die Flucht zu ergreifen. Du ſiehſt nun die Wirkungen der Mishandlungen, welche er an mir veruͤbt hat; ſeine frevelhaften Antraͤge gegen dich haben ſich deutlich verrathen: komm ihnen zuvor, und ſichere durch ſeinen Tod dir Thron und Leben, welche er dir zu entreißen trachtet. Bei dieſer Erzaͤhlung bemeiſterten Zorn und Wuth ſich voͤllig der Seele des zu leichtglaͤubigen Koͤnigs, und erſtickten jedes andre Gefuͤhl in ihm. Er ging weg, und befahl einem Diener ſeines Grimmes, den Prinzen herbei zu ſchleppen.— Sechshundert und drei und vierzigſter Tag. Dieſe traurige Neuigkeit kam bald zu den Ohren der Veſyre. Sie begaben ſich insgeſammt zu dem Koͤ⸗ nige, welcher hierauf die Ausfuͤhrung ſeines Befehls noch aufſchieben hieß. „Machtiger Herrſcher,“ ſprachen ſie zu ihm, „ſollte es wahr ſein, daß dein ungluͤcklicher Sohn dei⸗ nen Zorn verdient haͤtte?“ Als der Koͤnig hierauf ihre Frage beantwortet und ihnen die Anklage der Koͤniginn mitgetheilt hatte, nahm der erſte Veſyr das Wort, und ſprach: 19² 643. Tag. 1 „O Koͤnig! verurtheile deinen Sohn nicht auf die Anklage eines Weibes. Wollteſt du ſtrenger ſein, als Gott und ſein Prophet, deſſen Geſetze das Zeugnis eines einzelnen Angebers verwerfen? Wenn die Kbni⸗ ginn gegen den Prinzen zween unverdaͤchtige Zeugen aufſtellt, ſo habe die Gerechtigkeit ihren Lauf! du wirſt alsdann kein unſchuldiges Blut vergoſſen haben. Ein ungluͤckliches Ende iſt ſtaͤts die Strafe einer ſolchen Frevelthat. Gedenke des goͤttlichen Spruchs:„Wer den Moͤrder nicht beguͤnſtigt, wird von Gott beſchir⸗ met.“ Nach einem Grundgeſetze der ſittlichen Welt, ſind die Koͤnige verantwortlich fuͤr die Handlungen der Unterdruͤckung und Gewaltthaͤtigkeit, welche in ihrem Namen in ihren Reichen veruͤbt werden; es iſt ſtrenge Pflicht fuͤr ſie, dieſe Geiſeln ihrer Unterthanen zu ent⸗ fernen: aber mit noch mehr Sorgfalt muͤßen ſie uͤber ihre eigenen Handlungen wachen. Laßen ſie die Unge⸗ rechtigkeit unbeſtraft, ſo ſind vier Arten von Zuͤchti⸗ gungen uͤber ſie verhaͤngt: erſtens, ihr Leben wird ver⸗ kuͤrzt; zweitens, Ungluͤck erfuͤllt deſſen traurigen Lauf; drittens, ihre Feinde ſind ſtaͤts ſiegreich; und viertens, werden ſie bei der Rechenſchaft am Tage des juͤngſten Gerichts, weil ſie die Frucht ihrer guten Werke verei⸗ telt haben, der Rache des Himmels uͤberliefert werden. Alſo draͤuete Gott dem Propheten David:„Ich habe dir das Koͤnigthum anvertrauet, um unter den Men⸗ ſchen Gerechtigkeit zu pflegen, und nicht deinen Leiden⸗ ——QO—O—QOꝭ——Q— Die viertig Veſyre. 195 ſchoften zu froͤhnen, welche dich vom Wege des Him⸗ mels ablenken wuͤrden. Wehe denen, die ſich davon entfernen, und des Tages der Rache vergeſſen! ſie werden ſtrenge beſtraft werden.“— O Koͤnig, dieſe furchtbaren Worte ſind an einen Propheten gerichtet, was duͤrfen wir erſt nicht befuͤrchten? Es iſt vernuͤnf⸗ tig, nicht die ewige Seligkeit gegen die Freuden dieſes verganglichen Lebens zu vertauſchen. Der Abgeſandte Gottes machte, nachdem er den Beduͤrfniſſen der Na⸗ tur genuͤgt, zuerſt ſeine Reinigung mit Erde; darnach verrichtete er die vorgeſchriebenen Abdeſt.*) Als er von ſeinen Gefaͤhrten befragt wurde, warum er ſich der erſten Reinigung bediente, welche nur geſetzlich waͤre, wenn man die erſte nicht verrichten koͤnnte, antwortete er:„O meine Freunde, ich fuͤrchte, daß der Tod mich *) Im Geiſte des Muhammedaniſchen Geſetzes wird die Reinlichseit des Leibes als ein Sinnbild der Reinheit der Seele betrachtet. Sobald etwas Unreines, oder für unrein erklärtes die Kleider oder den Leib eines Muſelmannes berührt hat, iſt er unfähig, die verſchiedenen Religionsübungen vorzunehmen, bis er ſich, nach dem Maaße der Verunreinigung, durch völlige oder theilweiſe Abwaſchung wieder gereinigt hat. Dieſe Abwaſchungen dürfen nur mit reinem und klarem Waſſer geſchehen, es ſei denn durch⸗ aus unmöglich, ſich dergleichen zu verſchaffen, oder daß man we⸗ gen Krankheit ſich deſſelben nicht bedienen darf. In ſolchen Fäl⸗ len muß reine und von allen unreinen Dingen gefäuberte Erde die Stetze des Waſſers vertreten. Abdeſt iſt eine Abwaſchung durch Waffer. X. 13 194 645. Ta g. uͤberraſche, bevor ich die Abwaſchung durch Waſſer verrichten kann.“ Dieſe Antwort fuͤhrte ihnen die Un⸗ beſtaͤndigkeit aller menſchlichen Dinge zu Gemuͤthe, und ſie brachen in dieſe Wehklage aus: Laßt uns weinen auf dieſer Welt; denn alle ihre Werke ſind eitel. Wo ſind ſie, die hochmuͤthigen Herrſcher, die Be⸗ ſitzer unermeßlicher Schaͤtze? Das Nichts hat ſie verſchlungen, und ihre Reichthuͤmer ſind zerſtoben.“ Wozu leiten uns dieſe traurigen Betrachtungen anders, als zur Erkenntnis, daß die Sterblichen ſich nicht den Herrlichkeiten dieſer Welt hingeben, noch den Pfad der Gerechtigkeit verlaßen ſollen. Ein andrer merkwuͤrdiger Spruch lautet: „Die Weiber werden ſtaͤts fuͤr die Maͤnner die er⸗ giebigſte Quelle des Unheils ſein.“ Huͤte dich alſo, o Koͤnig, daß der Prinz dein Sohn das Schlachtopfer der Bosheit eines Weibes werde. Wie viele Beiſpiele koͤnnte ich davon anfuͤhren! Es ſei mir nur vergoͤnnt, dem Kͤnige die Geſchichte von dem traurigen Ende des Scheichs Schehabeddin zu erzaͤhlen: „Ich bewillige es,“ ſagte der Koͤnig. Und der Veſyr fuhr alſo fort...*) *) Die hier folgende Geſchichte ſteht ſchon in 1001 Nacht, Bd. 1. der Scheich kömmt hier aber wirklich um, und hat daher auch den Beinamen Maktul, d. h. der Getödtete, und ſteht bei den Ara⸗ bern in großem Rufe wegen ſeiner Zauberkünſte. Die vierzig Veſyre. 195 O Koͤnig,“ fuͤgte der Veſyr hinzu,„dieſe Geſchichte muß dich lehren, wie boshaft und gefaͤhrlich dieſes Geſchlecht iſt. Laß deinen Sohn nicht auf die allei⸗ nige Anklage eines Weibes hinrichten, oder fuͤrchte eine fruchtloſe zu ſpaͤte Reue. Erlaube uns, den jungen Prinzen zu befragen; vielleicht gelingt es ihm, ſich zu rechtfertigen.“ Sechshundert und vier und vierzigſter Tag. Der Koͤnig genehmigte dieſen Antrag, und ließ ſeinen Sohn kommen. „Prinz,“ ſprach der Veſyr, zerſtreue den Irrthum und den Zorn des Koͤnigs durch ein aufrichtiges Ge⸗ ſtändnis, was zwiſchen dir und der Koͤniginn vorge⸗ gangen iſt.“ G— Der Prinz antwortete nichts. Da alle dringenden Bitten der uͤbrigen Veſyre und des Koͤnigs ſelber eben ſo fruchtlos waren, ſo wurde nach dem Lehrer des Prinzen geſchickt, um dieſes Stillſchweigen zu erklaͤren: aber man vermochte trotz der genauſten Nachforſchun⸗ gen nicht ſeinen Zufluchtsort zu entdecken. Der Zorn des Koͤnigs beſaͤnftigte ſich indeſſen auf die Vorſtellun⸗ gen der Veſyre, welche zur Unterſuchung dieſer Sache noch einen Tag Aufſchub erhielten. Der erlauchte An⸗ 196 644. Ta g⸗ geklagte wurde ins Gefaͤngnis gefuͤhrt; und der Koͤnig ſetzte ſich zu Pferde und ritt auf die Jagd. Gegen Abend kam er wieder zuruͤck in den Palaſt, und begab ſich zu der Koͤniginn. Nach dem Abend⸗ eſſen ſprach ſie folgendermaßen zu ihm: „O Köoͤnig, du haſt heute nur deiner Gnade Ge⸗ hör gegeben: morgen aber erſticke unverzuͤglich den Keim immerwaͤhrender Unruhe; laß die menſchliche Geſellſchaft von einem, ohne Hoffnung der Heilung ausſaͤtzigen Gliede befreien! Vorſicht iſt eine weiſe Tugend. Wir haben zween geheime Feinde, welche uns zugleich ſehr lieb ſind, unſere Soͤhne und unſere Schaͤtze; wie es in dieſem Spruche lautet: „Eure Reichthuͤmer und eure Kinder ſind eure grimmigſten Feinde: ſeid auf eurer Hut vor ihnen.“ Wird die Wahrheit dieſer Lehre nicht durch das Betragen deines Sohnes beſtaͤtigt, welchen ich auch den meinigen nennen darf, weil ich ſtaͤts die aͤngſtlichſte Sorgfalt und alle Zaͤrtlichkeit einer Mutter an ihm verſchwendet habe. Aber von dem ſchwaͤrzeſten Un⸗ danke beſeelt, hatte er gegen uns einen Anſchlag im Sinne, vor welchem jeder andere ſelbſt gegen einen Feind erröthet waͤre. Ein Dichter ſagt: „Mit vieler und langer Mühe hatte ich ein Huͤnd⸗ leln aufgezogen: es ward groß, ſiel mir ins Bein und biß mich.“ Die vierzig Veſyre. 197 Die Anwendung dieſes Verſes auf die Miſſethat des Prinzen ſcheint mir ſo natuͤrlich, daß ich mich nicht erwehren konnte, ihn dir her zu ſagen. Und was wird, nach ſolchem Frevel an ſeinen Wohlthaͤtern, der Boͤſe⸗ wicht erſt beginnen? Die Geſchichte jenes Koͤnigsſohns, deſſen Zuͤgelloſigkeit beiſpiellos war, hat viel Aehnlich⸗ keit mit der deines Sohnes: vielleicht iſt dir dieſe Ge⸗ ſchichte nicht bekannt?“ Der Koͤnig bezeugte ſein Verlangen, ſie zu ver⸗ nehmen, und die Koͤniginn begann alſo: Geſchichte der beiden Koͤnigsſohne. „Ein maͤchtiger Koͤnig hatte einen zaͤrtlich geliebten Sohn. Er hatte ihm einen Lehrer gegeben, welcher ihn in den Wiſſenſchaften, und vorzuͤglich in der Sit⸗ tenlehre anleiten ſollte.„Es iſt beſſer,“ ſagt ein Sprich⸗ wort,„das Herz zu bilden, als den Geiſt.“ Die Uebungen der Wiſſenſchaften, ohne die der Tugend ſind mehr ſchaͤdlich, als nuͤtzlich. Zugleich hatte ein Hofmeiſter von bewaͤhrter Weisheit die Aufſicht uͤber die Auffuͤhrung des Prinzen. Indem der Koͤnig dieſen beiden Maͤnnern die Erziehung ſeines Sohns anver⸗ traute, hatte er ihnen eingeſchaͤrft, kein Vergehen ihres Zoͤglings ungeſtraft hin gehen zu laßen, wenn ſie ſich Die beiden Koͤnigsſoͤhne. 199 nicht ſeinem Zorn ausſetzen wollten. Obſchon nun beide ſorgfaͤltig uͤber die Handlungen des Prinzen wachten, ergriff doch der Koͤnig ſelber noch den geringſten An⸗ laß, und ließ ihm bald eine leichte Baſtonnade*) ge⸗ ben, bald verurthellte er ihn zum Gefaͤngnis auf einen Tag und eine Nacht, ohne Nahrung. Auf die Frage eines ſeiner Guͤnſtlinge, warum er gegen den jungen Prinzen ſo ſcharfe Zuͤchtigungen anwendete, antwor⸗ tete er: „Mein Sohn ſoll nach mir den Thron beſteigen; es iſt alſo nuͤtzlich, daß er gegenwaͤrtig die ganze Strenge dieſer Strafen empfinde, damit diejenigen ſeiner Unterthanen, welche dieſelben verdienen, die Wir⸗ kungen ſeiner Gnade und ſeines Mitleids erfahren; denn die Saat der Gerechtigkeit gedeihet ſicherer in einem dem Gefuͤhle nicht verſchloſſenen Herzen, und dieſes Gefuͤhl wird in einer jungen Seele durch haͤufige Zuͤch⸗ tigungen unablaͤßig erwecket.“ Als der Prinz zu reiferen Jahren kam, entwickelte ſich ſein Geiſt, ſein Verſtand, ſeine Beſcheidenheit und alle ſchoͤnen Eigenſchaften ſeiner Seele und erwarben ihm die Liebe und Segnungen des Volks. 1 * In mehreren Königreichen Aſiens, beſonders in China, wird dieſe Strafe(Stockſchläge auf die Fußſohlen,) welche nichts Ent⸗ ehrendes hat, ſelbſt den vornehmſten Perſonen ertheilt. 200 645. T a 9. Sechshundert und fuͤnf und vierzigſter Tag. Der Koͤnig ſein Vater hatte einen Nachbar der nicht minder maͤchtig war, als er: dieſer hatte eben⸗ falls einen Sohn, den er aber mit ſolcher Verblendung liebte, daß er ſeinem Lehrer und Hofmeiſter aufs nach⸗ druͤcklichſte verboten hatte, ihn zu ſchlagen oder ihm auf irgend eine Weiſe entgegen zu ſein. Seine Befehle wurden mit Bedauern befolgt. Wenn man ihm auch manchmal oorſtellte, daß er durch ſolches Verfohren die boͤſen Neigungen ſeines Sohnes beguͤnſtige, ſo wurde doch nicht darauf geachtet: auch ſchwiegen alle, die den Mißshandlungen des Verzogenen ausgeſetzt wa⸗ ren, aus Furcht, dem Koͤnige zu misfallen. Die La⸗ ſter des jungen Prinzen wucherten mit den Jahren; ſelbſt die Kinder der Vornehmen waren nicht ſicher vor ſeinen Mishandlungen; und wenn ſie es wagten, daruͤber zu murren, ſo liefen ſie Gefahr, ihr Leben ein⸗ zubuͤßen. Unterdeſſen kamen dem Koͤnige doch Klagen zu Ohren; er ereiferte ſich gegen ſeinen Sohn, und gab ihm Verweiſe, welche aber ohne Erfolg blieben; denn man muß den Baum biegen, wenn er jung iſt. Dieſer entartete Sohn faßte endlich den Anſchlag, ſich ſeines Vaters zu entledigen, drang in der Nacht in ſein Schlafgemach und ſtieß ihm einen Dolch in den Buſen. Er bemaͤchtigte ſich des Thrones, und laſtete auf ſeinen Voͤlkern mit eiſernem Scepter. Die Erde Die beiden Koͤnigsſöhne. 201 wurde mit unſchuldigem Blute getraͤnkt; Tag und Nacht waͤlzte der Wuͤthrich ſich in Trunkenheit und Wolluſt, und ſaͤttigte ſeine ehrloſen Luͤſte mit den Frauen und Toͤchtern der Großen ſeines Hofes. Mitten in einem Gelage ergriff er oft einen Bogen, und machte ſich ein Vergnuͤgen daraus, ſeine Geſchicklichkeit zu zei⸗ gen, indem er einen ſeiner ungluͤckſeligen Gaͤſte mitten⸗ durch ſchoß; und dann zwang er die uͤbrigen zu Bei⸗ fallsbezeigungen. Entſchluͤpfte einem von ihnen ein Zeichen des Unwillens, ſo ließ er ihn nackt an einen Pfahl binden und mit den graͤulichſten Martern hin⸗ richten, welche er eigenhaͤndig vollzog. Die Unſchuld war kein hinreichender Grund, ſeiner Grauſamkeit zu entgehen. Zuweilen ſtieg er zu Pferde, ritt auf den Marktplatz, ſprengte mitten unter die hier verſammelte Volksmenge und zerſtreute ſie durch Pfeilſchuͤſſe. Seine Unterthanen von allen Staͤnden verfluchten das Anden⸗ ken ſeines Vaters, weil er die junge Seele des Prin⸗ zen nicht zur Menſchlichkeit und zur Tugend erzogen hatte. In Verzweiflung uͤber eine ſo unertraͤgliche Be⸗ druͤckung, wandten ſich einige Oberhaͤupter an den Kö⸗ nig, der ſeinen Sohn mit ſo ausgezeichneter Sorgfalt erzogen hatte, und ſandten ihm ſchriftlich folgende Botſchaft: 1 „O Koͤnig! ſende den Prinzen deinen Sohn uns zum Retter; er komme, das Ungeheuer zu ſtuͤrzen, welches uns ausſaugt: wir wollen es ihm gebunden 65. Tag. uͤberliefern; und von einem verhaßten Joche erloͤſet, wollen wir deinem Sohne Gehorſam ſchwoͤren, welcher, wie wir wiſſen, ein Freund der Gerechtigkeit und der Menſchlichkeit iſt: o Koͤnig, erhoͤre unſere Bitte!“ Wirklich zog der junge Prinz an der Spitze der Truppen ſeines Vaters in das Land des Nachbarn. Als beide Heere einander gegenuͤber ſtanden, wurde der Wuͤthrich ploͤtzlich von Anfuͤhrern ſeines eigenen Heeres ergriffen und zu den Fuͤßen ſeines Feindes geſchleppt. Der ſiegreiche Prinz befahl, ihn nackt auszuziehen, zu binden und den Haͤnden eines Juͤnglings zu uͤberliefern, deſſen Vater dieſer blutgierige Koͤnig ermordet hatte: „Raͤche dich,“ ſprach er zu ihm,„und beſtrafe den Moͤrder deines Vaters mit derſelben Todesart.“ Der mit einem Dolche bewaffnete Juͤngling ver⸗ ſetzte dem Wuͤthrich mehrere Stiche, als dieſer drin⸗ gend um Gehoͤr bat. Die Hinrichtung wurde aufge⸗ ſchoben, und er ließ ſich alſo vernehmen: „Großer Gott, wie ungluͤckſelig war meine Be⸗ ſtimmung auf dieſer Welt! Haͤtte man mir Mitgefuͤhl eingefloͤßt mit den Leiden, welche ich gegenwaͤrtig er⸗ dulde, ſo wuͤrde mein Leben verfloſſen ſein, ohne daß ich mir vorzuwerfen haͤtte, ſo viel Ungluͤckliche quaal⸗ voll hingerichtet zu haben. Sei drum ewig verflucht, du Urheber meiner Tage! Du, der du meine Erziehung ſo vernachlaͤßigt und mir nicht in der Jugend die Leh⸗ ren der Menſchlichkeit eingepraͤgt, und mich nicht mit Die vierzig Veſyre. 203 den Leiden vertraut gemacht haſt! Du wuͤrdeſt wenig⸗ ſtens noch leben, und ich wuͤrde nicht einem ſchmach⸗ vollen Tode verfallen ſein, welchem meine Grauſamkeit ſo viele Schlachtopfer darbrachte.“ Zuletzt bat er, ſeine Quaal abzukuͤrzen; und er wurde dem Scharfrichter uͤberlaßen, der ihm den Kopf abſchlug. Seine Staaten wurden einem Prinzen zu Theil, in deſſen Herzen die Keime einer ſtrengen Er⸗ ziehung ſo gluͤcklich gefruchtet hatten, und der durch die Weisheit und Gerechtigkeit ſeiner Regierung mit dem weiſen A'bd⸗al⸗mumen verglichen zu werden verdient. Sein Vorgaͤnger dagegen, deſſen laſterhafte Neigungen niemals durch heilſame Zuͤchtigungen gezuͤ⸗ gelt waren, ermordete ſeinen Vater, uͤberließ ſich dem Frevel und der Ungerechtigkeit, kam um, und ſein und ſeines Vaters Andenken wurde von ihren Voͤlkern ver⸗ flucht. Sechshundert und ſechs und vierzigſter Tag. § Koͤnig! moͤge die Aehnlichkeit zwiſchen dieſem Vatermoͤrder und deinem Sohne dich erſchrecken! Du haſt ſchon erfahren, wie ſchnoͤde dieſer letzte auf deine Fragen zu antworten verſchmaͤhet. Ja, ich muß es dir ſagen, du haſt dir eine ſtrafbare Nachſicht mit den Vergehungen ſeiner Kindheit vorzuwerfen. Welche Fruͤchte haben ihm die trockenen Wiſſenſchaften gebracht, welche 204 646. Ta g. du ihn haſt lehren laßend? Er iſt zum Verraͤther und Empoͤrer gegen ſeinen Vater geworden, er bedrohet dein Leben, und entehrt deine Gattinn. Kann man ei⸗ nen ſtrafbarern Anſchlag faßen? Ich habe jetzt zwar dein Leben gerettet: aber ich wiederhole es, deine ei⸗ gene Sicherheit, und das Heil deiner Voͤlker, alles fordert den Tod des Schuldigen. Laß ihn hinrichten! Wo nicht, ſo wird binnen kurzer Zeit dein und deines Reiches Untergang vollendet ſein.“ Der Koͤnig, eingeſchreckt durch dieſe Reden der Koͤniginn, verſprach ihr, daß am naͤchſten Tage ihre gemeinſame Beleidigung ſollte gerochen werden. Hierauf gingen beide zu Bette. So bald die Nacht dem Tage wich, beſtieg der Koͤnig, ſtrahlend von Majeſtaͤt, ſeinen Thron. Er ließ den jungen Prinzen vorfuͤhren, und oerurtheilte ihn ohne Erbarmen zum Tode. In dieſem Augenblicke trat der zweite Veſyr herein, und bat um das Wort. „O Köoͤnig, laß dich nicht zum erſtenmal zu einer aͤbereilten und ungerechten Handlung hinreißen. Straf⸗ bar iſt, wer die Pfeile der Zwietracht ſchaͤrft, und die Fackel der Verfolgung anzuͤndet; es iſt ein Mordbren⸗ ner, der, nachdem er ungeſtraft ein einzelnes Haus niedergebrannt, bald ein Dorf, ja eine ganze Stadt den Flammen uͤbergibt. Die Koͤnige muͤßen darauf bedacht ſein, die Heuchler zu entlarven, und auf ihrer Hut ſein gegen die Schmeicheleien und Argliſt derſel⸗ Die vierzig Veſyre. 2⁰5 ben; ſie muͤßen die Verbrechen im Zaume halten und ſich nicht als blindes Werkzeug eines uͤbermaͤchtigen Einfluſſes der Reue ausſetzen; gleich jenem, der „unfaͤhig, einen weiſen Entſchluß zu faſſen, die Gelegenheit entſchluͤpfen laͤßt, und hinterher das Schickſal anklagt.“ 3 Weiß denn ein ſolcher nicht, daß Gott, als er dem Menſchen den freien Willen ließ, geſagt hat: „Waͤhnet nicht, daß dem Unterrichteten geſchehen werde, wie dem Unwiſſenden!“ O Koͤnig, uͤberlege reiflich die Sache des Prinzen deines Sohns; und, wie der Prophet geſagt hat:„huͤte dich vor den Luͤgnern; ihre Zahl wird groß heim Herannahen des juͤngſten Tages.“ Aber vor allen iſt die Bosheit der Weiber zu fuͤrch⸗ ten; denn ihr Geiſt iſt fruchtbar an Betrug und Arg⸗ liſt. Unter tauſend und abermal tauſend Beiſpielen, mochte ich nur eins auswählen.“ Mit Bewilligung des Koͤnigs, fuhr der Veſyr al⸗ ſo fort:.*) „Ermiß aus dieſem Beiſpiel, o Koͤnig, die ganze Schlauheit der Weiber; verurtheile deinen Sohn nicht, ohne ihn gehoͤrt zu haben, noch ohne der Wahrheit verſichert zu ſein. Du wuͤrdeſt dich in dieſer Welt der Stüͤtze deines Alters berauden, und in der andern Welt *) Hier folgt die aus Boccaccio's Decamerone bekannse Geſchichte von dem Papagei, weſche ſchon in 1001 Tag Bd. 1. ſeeßt. 206 646. Tag. die Strafe erleiden, welche denjenigen beſtimmt iſt, die unſchuldiges Blut vergießen. Es iſt wohlgethan, die Vollziehung deines Befehls ſo lange aufzuſchieben, bis der Lehrer des Prinzen wieder erſcheint.“ Der Koͤnig billigte die Vorſtellung des Veſyrs; und nachdem er den jungen Prinzen wieder hatte ins Gefaͤngnis fuͤhren laßen, ſtieg er zu Pferde. Mit anbrechender Nacht kam der Koͤnig heim von der Jagd, begab ſich in das Harem, und ließ das Abendeſſen auftragen. Der Gegenſtand der darauf folgenden Unterhaltung war der am Morgen dem Prin⸗ zen gewaͤhrte Aufſchub, und die Koͤniginn hub alſo an: „Bei einer Sache von ſolcher Wichtigkeit darfſt du nicht deine Vorſicht einſchlaͤfern laßen und gleich⸗ guͤltig jeglichen Einfluͤſterungen nachgeben. Selten wird der unvorſichtige Menſch dem Vorwurf der Thor⸗ heit oder Unwiſſenheit, und beſonders nicht dem Unheile entgehen.„Die Sorgloſigkeit,“ ſagt ein weiſer Spruch, „zeugt, weit entfernt fuͤr eine gute Eigenſchaft geach⸗ tet zu werden, vielmehr von Schwaͤche des Urtheils.“ Huͤte dich, jenem Fuͤrſten zu gleichen, der aus Man⸗ gel an Vorſicht fuͤnfmal ſeinem Feinde in die Haͤnde fiel. Die beiden Koͤnige. Sechshundert und ſieben und vierzigſter Tag. Ein Koͤnig, der ſchon oft die Uebergewalt der Waffen eines maͤchtigen Nachbarn erfahren hatte, verſammelte, auf die Nachricht von neuen Kriegsruͤſtungen ſeines Feindes gegen ihn, ſelber ſeine Truppen, und fuͤhrte ſie dem Angreifenden entgegen. Er hatte demſelben ſchon oͤfter Vorſtellungen gemacht uͤber die Ungerech⸗ tigkeit und die unſeligen Folgen dieſes Krieges, deſſen Urheber folgender Spruch des Korans verflucht:„Wenn zween Muſelmaͤnner das Schwert gegen einander zuͤcken, ſo wird die Rache Gottes eben ſo den Beſiegten, wie den Moͤrder treffen.“ Aber die Fruchtloſigkeit ſei⸗ ner Bemuͤhungen gab ihm zu erkennen, daß er die Waffen der Vernunft aufgeben und dieſen Streit mit dem Schwert in der Hand endigen muͤßte. Er ging 238 647. Tag. alſo mit den drei Veſyren, welche die Laſt der Regie⸗ rung mit ihm theilten, zu Rathe. Der eine von ihnen gab folgendes Gutachten. „Das Uebergewicht der Kriegskunſt und der Tapfer⸗ keit muß nothwendig den Sieg zu Gunſten der Feinde entſcheiden; die Klugheit raͤth alſo, Zeit zu gewinnen. Ziehe dich in das Herz deiner Staaten zurüuͤck; und wenn du verfolgt wirſt, ſo wirf dich in eine befeſtigte Stadt, bis es dir vergoͤnnt iſt, die Wiederkehr des Gluͤckes zu hoffen, deſſen Unbeſtaͤndigkeit in dieſem Spruche ausgedruͤckt iſt:„Heute dir, morgen mir: auf Regen folgt Sonnenſchein.“— „Wie beſonnen die eben vorgetragene Meinung ſcheint,“ ſagte der zweite Veſyr, dennoch kann ich dem Nathe nicht beiſtimmen, ſich jetzt im Augenblicke des Treffens durch Feigheit zu entehren, und ohne Schwert⸗ ſchlag das Feld zu raͤumen, welches man noch ſtreitig machen kann: wenn dein Feind auch wirklich das Gluͤck fuͤr ſich hat, ſo verſuche wenigſtens, es dir jetzo wieder günſtig zu machen. Dein Ruͤckzug koͤnnte nur, durch Enthullung deiner Schwaͤche, den Feinden neue Vor⸗ theile gewäͤhren. Verzichte alſo fortan noch mit an⸗ dern Waffen zu fechten, als mit der Schaͤrfe des Schwertes, und wenn der Sieg auch zu den feindlichen Fahnen uͤberginge, ſo wuͤrdeſt du doch ſicherlich den Tod nicht fuͤrchten.“ Die beiden Koͤnige. 2⁰9 Der dritte Veſyr nahm endlich anch das Wort und ſprach: 1„Was mich betrifft, ſo ſchaͤtze ich an einem Krie⸗ ger die Gewandtheit eben ſo hoch, als die unbeſonnene Tapferkeit; wenn ein Feldherr in Hinſicht der erſten beruͤhmt iſt, ſo muß man eine offene Feldſchlacht mit ihm vermeiden. Eine Kriegsliſt iſt oft eben ſo viel werth, als ein ganzes Heer. Drum laßt uns dieſe Nacht den Feind in ſeinem Lager uͤberfallen; wir wer⸗ den ohne Widerſtand und Erbarmen alles niederhauen, und morgen ſiegreich heim ziehen.“ Dieſer letzte Rath gefiel dem Fuͤrſten; auf ein ge⸗ gebenes Zeichen, ſtuͤrzten ſeine Truppen von allen Sei⸗ ten uͤber das Lager des Feindes her; auf ein furcht⸗ bares Gemetzel, welches bis an den Morgen waͤhrte, folgte eine voͤllige Zerſtreuung des Feindes. Der Sie⸗ ger, wie der Beſiegte, zog heim nach ſeiner Haupt⸗ ſtadt. 3 Der letzte aber erſchien bald darauf wieder an der Spitze eines neuen Heeres, und zwang ſeinen friedli⸗ chen Feind, ihm abermals entgegen zu treten. Als beide Heere einander gegenuͤber ſtanden, wurde wieder Kriegsrath gehalten; und auf den Rath des Veſyrs, dem man den erſten Sieg verdankte, wurde beſchloſſen, eine andre Kriegsliſt anzuwenden, weil ohne Zweifel ein zweiter Ueberfall unthunlich geweſen waͤre. X. 1 14 210 647. 648. T a g.— „Man muß einen Hinterhalt legen,“ ſagte der Veſyr:„wir ziehen uns in verſtellter Flucht und Un⸗ ordnung zuruͤck; der Feind, dadurch angelockt, wird uns hitzig verfolgen. Sobald er uns dann erreicht, bieten wir ihm die Stirne, und in demſelben Augenblicke wird er aus unſerm Verſteck von hinten her angefallen, und laͤßt ſo vielleicht ſeinen Anfuͤhrer und ſeine Fahnen in unſeren Haͤnden.“ Sechshundert und acht und vierzigſter Tag⸗ Dieſer Anſchlag gelang groͤßtentheils, und der An⸗ greifer wurde abermals in die Flucht geſchlagen. Er hielt ſich aber noch nicht fuͤr gaͤnzlich geſchlagen, und wollte einen dritten Feldzug verſuchen. Als beide Theile wieder ſchlagfertig gegen einander ſtanden, rieth der ſinnreiche Veſyr ſeinem Heern, dießmal ſeine Sicherheitz in dem Tode ſeines Feindes zu ſuchen. In dieſer Abſicht begab ſich ein ſicherer und entſchloſſener Mann in das feindliche Lager; er drang bis in das Zelt des unvorſichtigen Koͤnigs, und nachdem er dieſem meh⸗ rere Dolchſtiche beigebracht, wurde er ſelber von der Wache in Stuͤcken gehauen. Die Wunden des Koͤnigs wa⸗ ren zwar nicht toͤdtlich, verſetzten ihn jedoch in einen ſo bedenklichen Zuſtand, daß die uͤber dieſen Unfall er⸗ ſchrockenen Truppen, ſich aufloͤſten. Somit war denn auch dieſer Feldzug beendigt. —,— —— Die beiden Koͤnige.— 211 Nach der voͤlligen Herſtellung des Koͤnigs began⸗ nen die Feindſeligkeiten von neuen; und bald ſtanden die beiden Heere wieder gegen einander. „Welche Kriegsliſt,“ fragte der friedliche Koͤnig, ſollen wir dießmal anwenden?“ „Ich bin der Meinung,“ antwortete der Veſyr, „daß du einen Geſandten ernenneſt, der dem feindlichen Koͤnige deine vorgebliche Unterwerfung verkuͤndige, und ihm reiche Geſchenke von Gold und Silber und ſchoͤnen Sklavinnen darbringe. Einigen von dieſen Schoͤnhei⸗ ten wird aufgetragen, mit Vorſicht deinem Feinde einen Gifttrank beizubringen, deſſen Wirkungen dir gewiſſen Sieg verſchaffen.“ Auch dieſer Entwurf wurde genehmigt, und aus⸗ gefuͤhrt. Das an Zahl uͤberlegene Heer wurde in dem⸗ ſelben Augenblick angegriffen, wo ſein Oberhaupt in den Zuckungen des Schmerzes lag, und konnte dem Anlaufe der ſehr ungleichen Kraͤfte nicht widerſtehen, denen das Beiſpiel ihres Anfuͤhrers voranleuchtete. Wie ſollten denn auch die Fuͤße nicht den Bewegun⸗ gen des Hauptes gehorchen? Nur mit Noth, und in⸗ dem er ſich in eine feſte Stadt einſchloß, entging der feindliche Koͤnig dem Gift und der Verfolgung des Siegers. Seine Geſundheit kehrte endlich wieder, und damit das Verlangen der Rache. Er ließ ein fuͤnftes Heer ausruͤſten und machte ſich damit auf. 212 648. Tag. Der an Kraͤften immer ſchwaͤchere Gegner, dachte jedoch an die Abwehr, und bediente ſich ſeiner gewoͤhn⸗ lichen Mittel. Aber die Erfahrung hatte den Gegner unfehlbar gewitzigt, und ſo vorſichtig gemacht, daß man jeden verdaͤchtigen Ankoͤmmling verhaftet haͤtte. Der erfindungsreiche Veſyr faßte jetzo den Gedanken, einen Brief unterzuſchieben, welcher an die Befehlshaber und Großen am Hofe des feindlichen Fuͤrſten gerichtet war, und, nach der hoͤflichen Anrede und den Begruͤßungen, alſo lautete: 1 „Wiſſet, daß eure Botſchaft uns zugekommen und ihr Inhalt von uns beherzigt iſt. Den Wuͤnſchen fuͤr meine Wohlfahrt fuͤget ihr das Anſuchen um meinen Schutz bei: ihr ſollt alsbald die Wirkungen deſſelben erfahren. Aber auch ihr ſelber muͤßt euch thatkraͤftig erweiſen: ergreifet und uͤberliefert mir euern Unterdruͤcker, und ich verbuͤrge euch den ſichern Beſitz desjenigen Theils eurer Staaten, welchen jeder von euch ſich aus⸗ bedungen hat.“ Dieſe ſcheinbare Antwort, wohlverſiegelt, und in einen geſpaltenen Stock gethan, deſſen Stuͤcke wieder zuſammen geleimt waren, ſollte durch einen Unterhaͤnd⸗ ler dem feindlichen Koͤnig in die Haͤnde geſpielt wer⸗ den. Der falſche Inhalt, welcher alle ſeine Befehls⸗ haber und Beamten, ohne Unterſchied, verdaͤchtig machte, mußte zwiſchen ihnen Mistrauen und darnach Tren⸗ nung hervor bringen. Die vierzig Veſyre. 215 Das Gewebe ſchien ſo gut angeſponnen, daß man ſeine Faͤden ohne Aufſchub in Bewegung ſetzte. Der Brief wurde aufgefangen: ſein Inhalt erfuͤllte die Seele des Koͤnigs mit Furcht; er hub das Feldlager auf, und ließ zum Ruͤckzuge blaſen. Seine wuͤthende Grauſam⸗ keit gegen die vermeinten Urheber des Anſchlages gegen ihn hatte die Folge, daß alle Bey's ſeines Reichs ihm den Gehorſam aufkuͤndigten. Eine wahrhafte von ihnen an den benachbarten friedlichen Koͤnig gerichtete Bot⸗ ſchaft, welche ihn um ſeinen Beiſtand anflehte und ihre Unterwerfung betheuerte, bewog dieſen Fuͤrſten, mit ſei⸗ nem Heere in das feindliche Gebiet zu ziehen. Als es hier zum Treffen kommen ſollte, bemaͤchtigten die Ver⸗ ſchworenen ſich ihres Koͤnigs und uͤberlieferten ihn den Haͤnden ſeines Feindes, den ſie fortan als ihr Ober⸗ haupt anerkannten.. Auf ſolche Weiſe gelang es dem Schwaͤchern, ſeinem uͤbermuͤthigen Gegner Reich und Leben abzugewinnen. Sechshundert und neun und vierzigſter Tag. Ich habe durch dieſe Erzaͤhlung den Koͤnig auf⸗ fordern wollen, auf ſeiner Hut zu ſein gegen die ſtum⸗ men Umtriebe eines argliſtigen Sohnes, der ſein Leben und das Gluͤck ſeiner Voͤlker bedrohet. Unvorſichtigkeit und Sorgloſigkeit werden oft dem verderblich, der ſich ihnen hingibt.“. 214 649. T a g. Dieſe Worte befeuerten den Zorn des Koͤnigs wie⸗ der, und er betheuerte, morgen ſollte der letzte Tag des Schuldigen ſein. Als das Licht die Finſternis vertrieben hatte, er⸗ ſchien der Koͤnig in der ganzen Herrlichkeit der Macht und des Todes; ſein ungluͤcklicher Sohn war ſchon den Haͤnden des Scharfrichters uͤberliefert, als der dritte Veſyr herein trat, und alſo anhub: „O Koͤnig, uͤbereile dein Urtheil nicht auf die bloße Anklage eines Weibes gegen den jungen Prinzen. „Die Uebereilung,“ ſagt der Prophet,„iſt ein Werk des Teufels: Beſonnenheit dagegen iſt Gott angenehm.“ Der Weiſe leitet mit Umſicht und Bedacht jede Unter⸗ nehmung; ſo wuͤrde derſelbe, bei der Pflege eines Men⸗ ſchen, der ſich den Fuß durch einen Dorn verwundet, zuerſt das leidende Glied auf ſeine Knie ſetzen, dann mit ſeinem Munde die verletzte Stelle befeuchten, end⸗ lich mit Vorſicht und Schonung eine Nadelſpitze an⸗ wenden, und, zwar nicht ohne große Schmerzen, den ſchaͤdlichen Stachel herausziehen, der ſonſt noch uner⸗ traͤglichere Schmerzen verurſachen wuͤrde. Kannſt du wohl vergeſſen, daß dein Sohn ein Theil deiner ſelbſt und der Troſt deiner Voͤlker iſt? Wenn deine eigene Wohlfahrt dir gebietet, dieſe Sache mit der groͤßten Bedachtſamkeit zu behandeln, ſo erheiſcht es auch die Pflicht deiner getreuen Diener, dir mit ihrem Rathe bei zu ſtehen und den Misgriffen vorzubeugen, auf Die vierzig Veſyre. 215 welche du gerathen koͤnnteſt. Sie wuͤrden ſich fuͤr deine Feinde erklaren, wenn ſie anders handelten. Solches hat ein Dichter in folgenden Verſen ausgedruͤckt: „O du, der du den Großen dieneſt, richte deine Anſtrengungen ſtaͤtig auf Wachsthum ihres Zutrauens und deiner Wuͤrdigkeit: Aber wenn du bei ihren Handlungen ſchweigeſt, welche du fuͤr ſie ſelber als ſchaͤdlich erkenneſt, ſo biſt du ein Verraͤther und ein Feind der Wahr⸗ heit.“ Alle Folgen einer Handlung erwaͤgen, heißt dem Rathe der Klugheit folgen; und wie ein Dichter, der ſeine Verſe, die Frucht langer Arbeiten und ſtaͤten Nach⸗ ſinnens, dem Papiere anvertrauet, ſie noch feilet und Aberarbeitet, bevor er ſie der Genehmigung ſeines Herrn unterwirft: eben ſo ziemt es jedem Beſonnenen, alle ſeine Entwuͤrfe tief in ſein Herz einzugraben, ſie zu reifen, die dabei entdeckten Irrthuͤmer zu verbeſſern und erſt nachdem er ſich die ihm abgehenden Aufklaͤrungen verſchafft hat, zur Ausfuͤhrung zu ſchreiten. Nur durch Befolgung ſolcher Vorſchriften kann man ſich vor dem Unheile bewahren, welches die Unbeſonnenheit herbei zieht. Die Geſchichte jenes Koͤnigs, der in der Unge⸗ wißheit uͤber die Wahl ſeines Nachfolgers, nicht abließ, ſich Rathes zu erholen, bis er ſeine eigene Gluͤckſelig⸗ 216 649. 650. Ta g. keit und die Wohlfahrt ſeines Volks geſichert zu haben glaubte, moͤchte dem Koͤnige wohl gefallen... 4) Durch die Erzaͤhlung dieſer Geſchichte habe ich dir, o Koͤnig, das Betragen dieſes Herrſchers zum Vorbilde aufſtellen wollen. So wie er, ziehe deine getreuen Ve⸗ ſyre zu Rathe, oder die oͤffentliche Meinung, oder end⸗ lich die Stimme der Gerechtigkeit, und du wirſt dir in dieſem Leben Reue, und furchtbare Strafe in jenem Leben erſparen.“ Deer Veſyr warf ſich hiemit vor dem Koͤnige nie⸗ der, und flehte noch fuͤr dieſen Tag um Gnade fuͤr den Prinzen. Der Koͤnig, in welchem dieſe Erzaͤhlung die Un⸗ beſtaͤndigkeit der menſchlichen Dinge wieder lebhaft an⸗ geregt hatte, erhoͤrte die Bitte ſeines Veſyrs, und ließ ſeinen Sohn wieder den Haͤnden ſeiner Waͤchter uͤber⸗ geben. Sceechshundert und funfzigſter Tag. Als der Koͤnig wieder zu der Koͤniginn gekommen war, nahm ſie das Wort und ſprach alſo zu ihm: „Weil ich die Entwuͤrfe deiner Veſyre durchkreuze, indem ich ſie durch das Sieb einer ſtrengen Pruͤfung *) Hier ſteht ſchon die weiterhin folgende Geſchichte von dem alten König und ſeinen drei Söhnen, nur umſtändlicher.* * Die vierzig Veſyre. 217 gehen laſſe, und weil meine unbeſtechliche Treue alle ihre Umwege ausſpaͤhet, und ſie entſchleiert, eben des⸗ halb klagen ſie wechſelsweiſe mich der Unwiſſenheit, der Luͤge und der Treuloſigkeit an. Um die Ausfuͤhrung ih⸗ rer ehrloſen Anſchlaͤge zu ſichern, nehmen ſie ſelber die Maske der Anhaͤnglichkeit und Treue vor. Wenn du mir Stillſchweigen gebieteſt, ſo ſchweige ich, und moͤ⸗ gen ſie allein volle Freiheit haben zu handeln. Ich kann mich indeſſen nicht erwehren zu bemerken, daß unter ihnen einige ſind, welche du erſt aus dem Nichts hervor gezogen und zu der Wuͤrde des Veſyrs erhoben haſt, zu welcher ſie nicht berufen waren; denn, wollte man ihren Urſprung unterſuchen, ſo wuͤrden ſie viel⸗ leicht jenen Veſyren gleichen, deren niedrige Herkunft durch den Propheten Elias*) enthuͤllt wurde. Wenn dem Koͤnige dieſe Geſchichte etwa unbekannt iſt....“ „Ich will ſie gern anhoͤren,“ ſagte der Koͤnig. *) Der Propheten⸗Name, welchen der Koran auf die erſten Erzvä⸗ ter der Juden ausdehnt, wird jedoch von Mahomed auf die kleine Zahl derjenigen beſchränkt, welchen die Bibel eine göttliche Sen⸗ dung beilegt. Unter dieſen iſt auch der Prophet Elias einer der vornehmſten: die Ueberlieferung von der unſterblichen Fortdauer ſeines Lebens hat ſich auch bei den Muſelmännern erhalten. Der Prophet Elias. Sechshundert und ein und funfzigſter Tag. „ Ein großer Koͤnig wurde von dem Verlangen gequuͤlt, den Propheten Elias zu ſehen. Er wiederholte oft⸗ mals, wer ihm dieſe Freude verſchaffen koͤnnte, dem wuͤrde er freigebig jede Bitte gewaͤhren. Ein unter⸗ nehmender Sophi*) machte den Anſchlag, ſich drei Jahre lang auf Koſten des Fuͤrſten nach Gefallen un⸗ terhalten zu laßen, indem er ihm verſprach, alsdann ſeinen Wunſch zu erfuͤllen. Er ſchloß naͤmlich alſo: vor Ablauf der drei Jahre bin ich entweder ſchon todt, oder der Koͤnig erleidet irgend einen großen Unfall, oder ich bekenne am Ende meinen Betrug, und erhalte Verzeihung.“ Er erſchien alsbald in dem Palaſte des Koͤnigs, der ſein Erbieten annahm, ihn aber mit einem unver⸗ *) Nahomedaniſcher Geiſtlicher. Der Prophet Elias. 2¹9 meidlichen Tode bedrohte, wenn er nicht Wort hielte. Der Sophi, mit dieſem Vertrage zufrieden, wurde in beſondere Zimmer gefuͤhrt, und ihm hier ſogleich alles gewaͤhrt, was er irgend wuͤnſchte. Die drei Jahre verliefen, und es trat nichts von alle dem ein, was der Moͤnch voraus geſetzt hatte. Die Furcht trieb ihn zur Flucht; er fluͤchtete ſich auf einen Gottesacker, und ſetzte ſich dort nieder. Da nahte ihm ein Juͤngling, weiß gekleidet und von freundlicher Geſtalt, gruͤßte ihn, und fragte ihn nach der Urſache ſeiner Traurigkeit. Der Sophi antwortete nicht; der Juͤngling aber drang weiter in ihn, und ſagte: „Vielleicht gibt es fuͤr deinen Kummer noch ein Heilmittel.“ Der Sophi vertraute ihm endlich alles, und der Juͤngling uͤbernahm es, fuͤr ihn den Koͤnig zu befriedi⸗ gen, und hieß ihn nach dem Palaſte folgen. Waͤhrend beide auf dem Wege dahin waren, hatte der Koͤnig ſchon ſeinen Leuten befohlen, ihm den Sophi zu bringen. Dieſer wurde nun ergriffen und vor den Koͤnig gefuͤhrt, der ihn nochmals aufforderte, ſein Wort zu loͤſen, oder ihn mit dem Tode bedrohte. G „O Koͤnig,“ ſagte der ungluͤckliche Moͤnch,„wird man immerdar unerbittlich ſein bei leichten Vergehun⸗ gen, und ſollen immer nur die großen Schuldigen Ver⸗ zeihung erlangen?“ 226 651. Tag. „So lautet unſer Vertrag,“ erwiederte der Koͤ⸗ nig:„die Todesſtrafe gebuͤhrt dir. Auf welche Weiſe iſt dieſer Unverſchaͤmte zu beſtrafen?“ fuͤgte er hinzu, indem er ſich zu ſeinem Groß⸗Veſyr wandte. „Ich wollte,“ antwortete der Veſyr,„daß er in Stuͤcken gehauen und an den Hacken einer Schlacht⸗ bank aufgehaͤngt wuͤrde, um durch dieſen Anblick alle diejenigen abzuſchrecken, die durch ſein Beiſpiel verſucht wuͤrden, deine Majeſtaͤt zu hintergehen.“ „Wie treffend dieſer Veſyr geſprochen hat!“ ſagte der Juͤngling, der den Sophi begleitet hatte:„jedes Ding kehrt zu ſeinem Urſprunge zurüuͤck.“ Als der zweite Veſyr auf dieſelbe Frage des Koͤ⸗ nigs vorgeſchlagen hatte, den Schuldigen lebendig in ſiedendes Waſſer zu ſtuͤrzen und ſein Fleiſch den Hunden vorzuwerfen, billigte der Juͤngling auch dieſe Meinung, und wiederholte die Worte:„Jedes Ding kehrt zu ſei⸗ nem Urſprunge zuruͤck.“ Jetzo war die Reihe an dem dritten Veſyr, er nahm alſo das Wort und ſprach zu dem Koͤnige: „Wenn du dieſem Elenden Wohlthaten erwieſen haſt, ſo ſei es um Willen des Propheten Elias geſche⸗ hen. Du wirſt fuͤr dieſe Gutthat in jenem Leben be⸗ lohnt werden. Ich meine, daß du dieſem Schuldigen die Freiheit ſchenken mußt.“ Der Koͤnig verwunderte ſich, als er den weißge⸗ kleideten Juͤngling auch dieſe letzte Meinung billigen, Die vierzig Veſyre. 221 und ſeinen Spruch wiederholen hoͤrte:„Jedes Ding kehrt zu ſeinem Urſprunge zuruͤck.“ Er redete ihn alſo an: „Wie kannſt du die drei verſchiedenen Meinungen meiner Veſyre vereinigen und ſie alle gut heißen?“— „Dein erſter Miniſter ſtammt aus dem Gewerbe der Schlaͤchter: ſeine urſpruͤnglichen Neigungen walteten wieder vor, und er war dem Mitleid unzugaͤnglich. Der zweite Veſyr, deſſen Vater ein Koch war, hat, von der urſpruͤnglichen Richtung hingeriſſen, ſein Ur⸗ theil ſeinem Geſchmacke gemaͤß abgefaßt. Aber der dritte Veſyr, aus einem edlen Stamme entſproßen, hat fuͤr den Schuldigen um Gnade gebeten. Du ſiehſt alſo, daß in Wahrheit jedes Ding zu ſeinem Urſprunge zuruͤckkehrt.“ Nachdem er noch viele weiſe Lehren hinzu gefuͤgt, gab der Prophet Elias ſich zu erkennen, und ver⸗ ſchwand. Sechshundert und zwei und funfzigſter Tag. Ich ziehe aus dieſer Geſchichte den Schluß, daß deine Veſyre, als Menſchen von dunkler Herkunft, der Treue und der Dankbarkeit unfaͤhig ſind. Huͤte dich zumeiſt, ihren Reden Glauben zu ſchenken.... Komm dem Streiche zuvor, der des drohet. Aber die Zeit entſchluͤpft, und du haſt einen Geier genaͤhrt, der dir im Schlafe das Herz abfreſſen wird.“ 222 652. Tag. Der Koͤnig Hafikin wurde durch die Neden der Sultaninn dermaßen erſchreckt, daß er verſprach, un⸗ fehlbar am naͤchſten Morgen den Prinzen enthaupten zu laßen. Hierauf ging er zu Bette. So bald die Morgenroͤthe erſchien, ſtand er auf und begab ſich in ſeinen Rathsſaal. Er beſprach ſich mit ſeinen Veſyren uͤber die Reichsangelegenheiten, und fragte ſie dann, ob Nurgehan,(ſo hieß ſein Sohn,) ſein Stillſchweigen gebrochen haͤtte, um ſich zu recht⸗ fertigen. Sie antworteten nein, und was ſie ihm auch zugeredet, er habe durchaus nicht ſprechen wollen. Da gerieth der Koͤnig in Zorn, und befahl dem Scharfrich⸗ ter ihm den Prinzen vorzufuͤhren und ihn auf der Stelle hinzurichten. Aber der vierte Veſyr trat jetzo hervor und hub alſo an: „O Konig der Welt! uͤbereile dich nicht ſo ſehr, ein dir ſo theures Blut zu vergießen; huͤte dich, einem unſchuldigen Prinzen das Leben zu nehmen; mistraue derjenigen, die den Sturm in dieſem Meere der Em⸗ poͤrung aufregt, und das Feuer in dieſe Saaten ſchleu⸗ dert. Die Weiber ſind fruchtbar an Lug und Trug. Mit gekreuzten Beinen auf einem Sopha ſitzend und ihre Zehen in der Hand haltend, ſinnen ſie den ganzen Tag nur auf Liſten, die Maͤnner zu betruͤgen. Moͤge deine Majeſtaͤt ſich der Worte erinnern, welche Maho⸗ med ſterbend ausſprach: Die vierzig Veſyre. 3 2253 „Ich hinterlaße,“ ſagte er,„den Menſchen keinen andern Keim der Verwirrung, als die Weiber. Ich habe getrachtet, durch ſtrenge Einſchaͤrfung meiner Ge⸗ ſetze, alle Gebrechen der Welt auszutilgen: aber ich habe die tiefſte Wurzel derſelben nicht ausrotten koͤnnen, naͤmlich, dieſes fuͤr die Ruhe des Menſchengeſchlechts ſo verderbliche, als fuͤr ſeine Erhaltung nothwendige Geſchlecht.“ 3 Wenn ich dir, mein Koͤnig, die Geſchichte des Oberſtallmeiſters Saddyk erzaͤhlte, welche einer von unſeren Schriftſtellern beſchrieben hat, ſo wuͤrdeſt du nicht ſo eilig ſein, den blutduͤrſtigen Rath der Sul⸗ taninn zu befolgen. Der Koͤnig, in dem, ſo erzuͤrnt er auch war, doch nicht minder ein Vaterherz ſich regte, hoͤrte mit Wohlgefallen alles, was man ihm ſagte, um ihn von der Unſchuld ſeines Sohnes zu uͤberzeugen. Er hieß den Veſyr die Geſchichte Saddyks erzaͤhlen; was dieſer denn auch folgendermaßen that. Geſchichte des Oberſtallmeiſters Saddyk. Sechshundert und drei und funfzigſter Tag. „Man erzaͤhlte eines Tages dem Togaltimur⸗ Chan, Koͤnig der Tatarei, daß in ſeinem Reiche ein Mann lebte, der ein ſo großer Feind der Luͤge waͤre, daß er ſtaͤts die Wahrheit redete. Der Koͤnig wollte ihn um ſich haben, und gab ihm in ſeinem Palaſte das Amt des Oberſtallmeiſters. Ein Hofmann von einer ſo ungewoͤhnlichen Denkart erwarb ſich bald Feinde, die nichts unverſucht ließen, ihn zu verderben; aber der Koͤnig war nicht einer von jenen Fuͤrſten, die ſich vorweg einnehmen laßen, ſondern wollte ſich von Saddyk. 225 allem ſelber uͤberzeugen; er pruͤfte alſo ſeinen Ober⸗ ſtallmeiſter bei verſchiedenen Gelegenheiten, und befand ihn ſtaͤts ſo freimuͤthig und aufrichtig, daß er ihm den Beinamen Saddyk gab.*) Unter allen Feinden Saddyks war der Veſyr Tan⸗ girbirdi am meiſten auf ſeinen Untergang erpicht. Es gab keine Argliſt, welche dieſer Miniſter nicht an⸗ wendete, um ihn bei Togaltimur anzuſchwärzen; und da ihm dieß nicht gelingen wollte, ſo aͤußerte er eines Tages ſeinen Verdruß daruͤber gegen ſeine Tochter Hoſchendam.) „Wie ungluͤcklich bin ich!“ ſprach er zu ihr: „Wol tauſend alte Hoͤflinge habe ich ſchon in Ungnade gebracht, und vermag jetzo nicht einmal einen Men⸗ ſchen zu ſtuͤrzen, der kaum erſt an den Hof gekommen iſt. Saddyk ſiegt uͤber alle meine Anſtrengungen, ſein Gluͤck zu untergraben.“ Hoſchendam, welche nicht minder boshaft war, als ihr Vater, ſagte darauf, anſtatt ihn abzumahnen, Saddyks Gluͤck fuͤrder zu untergraben: „O mein Vater! laß ab, dich deshalb zu betruͤ⸗ ben: wenn du durchaus den Saddyk bei dem Koͤnige ſtuͤrzen willſt, ſo darfſt du mich nur gewaͤhren laßen.“ 2) Saddyk heißt, der Wahrhafrige. **) Hoſchendam bedeutet im Perſiſchen ſchöner Wuchs. 3 X. 15 226 653. Ta g. „Und wie willſt du das anfangen, meine Tochter?“ verſetzte der Veſyr. „Frage mich nicht weiter darum,“ antwortete ſie: verlaube mir nur, zu dem Oberſtallmeiſter zu gehen, und ich verſpreche dir, es dahin zu bringen, daß er vor dem Koͤnig eine Luͤge ſagen ſoll.“ „Thu alles was dir gefaͤllt, meine Tochter,“ ſagte der Veſyr in der Verblendung ſeines Haſſes:„ich gebe dir jede Erlaubnis; halte mir nur dein Wort, ggleich viel um welchen Preis.“ Hoſchendam dachte ſofort nur an die Ausfuͤhrung eines Anſchlages, welchen ſie erſonnen hatte. Sie legte ihre ſchoͤnſten Kleider an, ſchmuͤckte ſich mit allen ih⸗ ren Juwelen, faͤrbte ſich die Augenbrauen mit Veß⸗ mé,**) und die Augenlieder mit Suͤrmé;*) ſie vergaß auch nicht, ihre Haͤnde mit Kna*mn) zu rei⸗ ben. Nachdem ſie endlich ihre angeborene Schoͤnheit durch alle moͤglichen Reize der Kunſt erhoͤhet hatte, ging ſie bei Nacht aus dem vaͤterlichen Hauſe, im Ge⸗ folge mehrerer Sklaven, welche ſie nach dem Hauſe des Oberſtallmeiſters begleiteten. Als ſie hier an der Thuͤre war, entließ ſie alle ihre Sklaven; hierauf klopfte *) Veßmé iſt der Indigo von Agra, der ohne Zumiſchung ge⸗ braucht wird, folglich ins Schwarze ſpielt. 2*) Sürms iſt zubereiteter Spleßglanz.. ***½) Kna im Türkiſchen, und Henna im Arabiſchen iſt eine Art der Indiſchen und Arabiſchen Filaria, mit einer rothen Frucht, welche getrocknet und zerrieben wird. Saddyk. 227 ſie an, und es wurde geoͤffnet. Sie ſagte, ſie wuͤnſchte mit Saddyk uͤber eine ſehr wichtige Angelegenheit zu ſprechen. Man ließ ſie ein, und fuͤhrte ſie in das Zimmer des Oberſtallmeiſters. Er ſaß auf einem Sopha; ſie gruͤßte ihn, naͤherte ſich, ſchlug den Schleier zuruͤck, der ihr Antlitz verhuͤllte, und ſetzte ſich zu ihm auf den⸗ ſelben Sopha, ohne ein einziges Wort zu ſagen. Sechshundert und vier und funfzigſter Tag. Saddyk, der noch niemals, ſelbſt im Traume nicht, ein ſo ſchoͤnes Weib geſehen hatte, wurde von ihrem Anblicke ſo tief getroffen, daß er ſtarr vor Er⸗ ſtaunen ſaß. Die Schoͤne, welche nur deshalb ge⸗ kommen war, ihm Liebe einzufloͤßen, ſparte kein Mit⸗ tel, es dahin zu bringen. Sie blickte ihn liebaͤugelnd an; und als ſie uͤberzeugt war, daß ſie gluͤhende Be⸗ gierden in ihm aufgeregt hatte, und daß er faͤhig waͤre, alles zu thun, um ſich die Befriedigung derſelben von ihr zu verdienen, brach ſie endlich das Schweigen mit folgenden Worte: „O Saddyk! wundere dich nicht, in der Nacht eine Frau in dein Haus kommen zu ſehen, welche dich liebt; ich will dir gefaͤllig ſein: aber zuvor mußt du mir ge⸗ waͤhren, was ich dich bitten will.“ 8 228 654. Tag. „Seele meiner Seele,“ rief der Oberſtallmeiſter aus, ganz außer ſich vor Liebe:„du darfſt nur reden. Was kann ich dieſen maͤchtigen Reizen, die mich ge⸗ fangen haben, noch verſagen? Gebiete deinem Scla⸗ ven; was forderſt du von ihm?“ „Ich moͤchte mir gerne guͤtlich mit dir thun,“ antwortete Hoſchendam:„ich habe ein unwiderſtehliches Geluͤſt auf Pferdefleiſch.*) Du mußt auf der Stelle das fetteſte aller Pferde im koͤniglichen Marſtalle ſchlach⸗ ten; wir ſchneiden das Herz und die Leber aus, laßen ſie braten, und eſſen ſie zuſammen.“ „Reizendes Fraͤulein,“ erwiederte Saddyk,„fordre lieber mein Leben, und du ſollſt es haben: aber alles was dem Koͤnige meinem Herrn gehoͤrt, muß mir hei⸗ lig ſein. Wir wollen das Mahl bis Morgen verſchie⸗ ben; ich kaufe ein ſpeckfettes Roß, und wir wollen uns fuͤrſtlich damit bewirthen.“ „Nein, nein,“ verſetzte Hoſchendam,„ich will von einem Pferde des Koͤnigs eſſen; das iſt nun einmal mein Geluͤſt, welches du mir zu gefallen befriedigen mußt.“. „Ich kann mich nicht dazu entſchließen,“ erwie⸗ derte Saddyk,„ich liebe den Koͤnig meinen Herrn zu ſehr, um ihm den geringſten Verdruß zu verurſachen; *) Es iſt bekannt, daß die Tataren Pferdefleiſch eſſen, ſo wie Stuten⸗ milch trinken.— Das erſte thaten auch die heidniſchen Skandi⸗ navier.. Saddyk. 229 uͤberdieß wuͤrde ich ihn nicht ungeſtraft beleidigen. Wenn ich die Schwachheit haͤtte, deinem Begehren nachzuge⸗ ben, ſo bin ich verſichert, er wuͤrde mich nicht unbe⸗ ſtraft laßen.“ „Du haſt nichts zu fuͤrchten,“ ſagte Hoſchendam; „wenn der Koͤnig dich nach dieſem Pferde fragt, ſo darfſt du ja nur ſagen, daß du, weil du daſſelbe un⸗ heilbar krank befunden, fuͤr raͤthlich erachtet, es zu toͤdten, damit es die uͤbrigen nicht mit ſeiner Krankheit anſtecke. Der Koͤnig, der dir vorzugsweiſe den Na⸗ men Saddyk beigelegt hat, wird dir alles aufs Wort glauben, und ſogar deine Vorſicht loben.“ Dieſe Worte machten den Oberſtallmeiſter wankend. Was ſoll ich thun?“ ſprach er bei ſich ſelber.„Einer⸗ ſeits haͤlt die Ehrfurcht, welche ich vor dem Koͤnige hege, und die Furcht vor der Strafe mich zuruͤck; andrerſeits verſuchen mich die Reize dieſes mondgleichen Angeſichts.“ Als Hoſchendam ihn wanken ſah, erneuerte ſie ihre Bitten und begleitete ſie mit ſo lebhaften Liebko⸗ ſungen, daß er endlich ihrem Begehren nachgab. Beide begaben ſich hierauf in den Marſtall des Koͤnigs. Hier ſagte Hoſchendam zu Saddyk: „O mein Furſt! weil du mir nun dieſe Gnade bewilligſt, ſo mache ſie vollſtaͤndig. Ich bitte dich, ſchlachte dieſes ſchwarze Roß, welches ich von den aͤbrigen abgeſondert ſtehen ſehe.“ 230 654. Tag. „O meine Koͤniginn! meine Sultaninn!“ rief der Stallmeiſter aus:„was erkuͤhnſt du dich, zu fordern? du ſtelleſt meine Liebe auf eine all zu harte Probe. Weißt du, daß dieſes ſchwarze Roß dasjenige iſt, wel⸗ ches der Koͤnig mehr als alle uͤbrigen liebt? Es iſt mir unmoͤglich, dir zu genuͤgen: waͤhle dir ein andres aus, und ich will es auf der Stelle ſchlachten; das iſt alles was mir verſtattet iſt, fuͤr dich zu thun; oder vielmehr, es iſt alles was du von meiner Nachgiebig⸗ keit erwarten darfſt.“ Die Schoͤne ließ ſich damit nicht abſpeiſen; im Gegentheil, ſie ſchlang ihre Arme um Saddyks Hals, und ſagte zu ihm: „O mein Koͤnig! mein geliebter Stallmeiſter! ver⸗ ſage mir nicht, was ich von dir bitte, ich beſchwoͤre dich darum. Ich weiß wohl, daß der Beweis der Liebe, welchen ich von dir fordere, einigermaßen deine Pflicht verletzt: aber die Frauen ſind wunderlich und eigenſin⸗ nig; und wenn ſie leidenſchaftlich etwas begehren, ſo wollen ſie es durchaus erlangen. Sei alſo etwas ge⸗ faͤllg gegen meine Einfaͤlle: ich will dich mehr als mein Leben lieben, wenn du thuſt, was ich von dir erwarte.“ Sie begleitete dieſe Worte mit ſo viel Zaͤrtlichkeits⸗ bezeigungen und mit ſolchem Ungeſtuͤm, daß der Stall⸗ meiſter nicht laͤnger widerſtehen konnte: er nahm ein Meſſer, und ſchlachtete eigenhaͤndig das ſchwarze Roß; Saddyk. 231 er ſchnitt ihm das Herz und die Leber aus, ließ beides braten, und verzehrte es in ſeinem Gemache mit Ho⸗ ſchendam, welche aus Erkenntlichkeit die ganze Nacht bei ihm blieb. Sechshundert und fuͤnf und ſunfzigſter Tag. So bald der Tag graute, nahm die Schoͤne Ab⸗ ſchied von dem Stallmeiſter, und ging heim zu ihrem Vater, dem ſie alles erzaͤhlte, was vorgegangen war. Der Veſyr war ſo voll Freuden daruͤber, daß er unbekuͤmmert um den Preis, wofuͤr ſeine Tochter dieſe naͤchtliche Rolle geſpielt hatte, alsbald aufſtand und ſich nach dem Palaſte begab, wo er dem Koͤnige dieſes Abenteuer erzaͤhlte. Aber er huͤtete ſich wohl zu ſagen, das Hoſchendam die bewußte Schoͤne geweſen, noch daß ſie, um ſeinem Haß und ſeiner Eiferſucht zu die⸗ nen, die Rechtſchaffenheit Saddyks in Verſuchung ge⸗ fuͤhrt hatte. Waͤhrend der Veſyr Tangribirdi dem Koͤnige dieß mit aller der Bosheit eines alten Hoflings erzaͤhlte, der ſeinen Feind ſtuͤrzen will, war der Oberſtallmeiſter daheim wieder zur Beſonnenheit gekommen, und ſtellte ſehr bittere Betrachtungen uͤber die ſuͤßen Freuden an, deren er dieſe Nacht genoſſen hatte:„Wie unſinnig ſind die Menſchen,“ ſagte er ſich,„ſich mit ſolcher Wuth 232 655. Dag. ihren Leidenſchaften preis zu geben! Ich haͤtte viel beſſer gethan, die Schoͤne mit einer Weigerung heim zu ſchicken, als ihr zu gefallen ein Roß zu toͤdten, welches die Luſt des Koͤnigs meines Herrn war: ich wuͤrde dann nicht von allen den grauſamen Gedanken gequaͤlt ſein, welche gegenwaͤrtig meine Ruhe ſtoren. Wehe mir! was ſoll aus mir werden? Was ſoll ich meinem Koͤnige antworten, wenn er mich nach ſeinem Lieblingspferde fragt? Ich, der ich mir bisher zum Geſetze gemacht habe, ſtaͤts die Wahrheit zu ſagen, ſoll ich zu der Luͤge meine Zuflucht nehmen? das hieße ein neues Verbrechen dem begangenen hinzufuͤgen. Auf der andern Seite, wenn ich aufrichtig alles bekenne, ſo wird meine Offenherzigkeit mir das Leben koſten. Wozu ſoll ich mich nun entſchließen? Zur Luͤged Wohlan: ſtellen wir uns vor, ich komme in den Pa⸗ laſt,“ fuhr er fort, indem er ſeine Muͤtze vom Kopfe nahm und ſie vor ſich auf die Erde ſetzte:„nehmen wir an, meine Muͤtze ſei Togaltimur; und nun wollen wir ſehen, ob ich die Dreiſtigkeit habe, vor einem Koͤ⸗ nig eine Luͤge zu behaupten. Ich trete ein, und ver⸗ neige mich vor ihm. „Saddyk,“ redet er mich an,„geh und ſattele mein ſchoͤnes ſchwarzes Roß, ich habe Luſt, es heute zu reiten.— „Herr, es iſt ihm ein Unfall zugeſtoßen: geſtern Abend wollte es durchaus nicht freſſen, was man ihm Saddyk. 233 auch darbot, und um Mitternacht iſt es ſchon ver⸗ ſchieden, ohne das ich die Urſache ſeines Todes weiß.“— „Wie! mein ſchwarzes Roß, das ſich geſtern noch ſo wohl auf befand, iſt geſtorben? Warum mußte es gerade dieſes unter ſo vielen anderen in demſelben Mar⸗ ſtalle ſein? Was erzaͤhlſt du mir da fuͤr ein Maͤhr⸗ chen? Geh, du biſt ein Luͤgner, du haſt gewiß mein Roß an einen Fremdling verkauft, der es dieſe Nacht heim in ſein Land gefuͤhrt hat: oder du ſelber haſt es im Uebermuthe deines Herzens getoͤdtet. Waͤhne nicht, dich meiner Rache zu entziehen, du ſollſt beſtraft wer⸗ den, wie du es verdienſt: herbei, man haut dieſen Spitzbuben in Stuͤcken!“ Togaltimur wird ohne Zweifel,“ fuhr Saddyk in ſeinem Selbſtgeſpraͤche fort,„mich auf ſolche Weiſe anreden, und dieß wird der Lohn ſein fuͤr die erſte Luͤge, welche ich Zeit meines Lebens ausgeſprochen habe.— Jetzo wollen wir ſehen, ob ich, wenn ich die Wahrheit ſage, eine beſſere Behandlung von dem Koͤ⸗ nig erfahre.— „O Saddyk! man bringe mir mein ſchwarzes Roß; ich will aus der Stadt reiten.“— „O Kdnig! du ſiehſt deinen Diener in der tiefſten Betruͤbnis: es hat mich dieſe Nacht ein ſchoͤnes Fraͤu⸗ lein beſucht, die von mir das Herz und die Leber deines ſchwarzen Roſſes gefordert, und ich habe es ihr nicht verſagen koͤnnen.“—. 234 655. Tag. „Wie, du biſt faͤhig geweſen, mein ſchoͤnes Roß zu ſchlachten, um dir die Gunſt eines Weibes zu ver⸗ dienen? Ha, wahrlich, das freuet mich! Man rufe den Scharfrichter herbei, damit er hier ſein Amt ver⸗ richte!“— So iſt der Empfang beſchaffen,“ beſchloß der Stallmeiſter,„welchen ich von dem Koͤnige zu erwar⸗ ten habe. Sei es, daß ich luͤge, oder ſei es, daß ich die Wahrheit ſage, der Tod iſt mir gewiß. O ich Elender! verflucht ſeien die Reize, welche mich in dieſe Lage verſetzt haben!“ Waͤhrend er noch mit dieſen truͤbſeligen Gedanken beſchaͤftigt war, trat ein Mann herein, der ihn vor den Koͤnig forderte. Saddyk gehorchte ſogleich dieſem Be⸗ fehl, und begab ſich zu dem Fuͤrſten, bei welchem er den Veſyr, ſeinen Feind, antraf. „O Stallmeiſter!“ ſprach der Koͤnig zu ihm, nich will mich heute mit der Jagd erluſtigen, geh und ſat⸗ tele mir mein ſchwarzes Roß.“ Dieſe Worte verurſachten dem armen Saddyk ei⸗ nen toͤdtlichen Schreck, und er antwortete ganz ver⸗ wirrt: „O Herr, es iſt dieſe Nacht deinem Knecht ein unſeliges Abenteuer begegnet: wenn deine Majeſtaͤt mir gebietet, es zu erzaͤhlen, ſo werde ich gehorchen.“ „Wohlan, rede,“ erwiederte der Koͤnig. — Saddyk. 255 Sechshundert und ſechs und funfzigſter Tag. „Geſtern Abend,“ fuhr der Stallmeiſter fort,„ſaß ich in meinem Gemache, als eine verſchleierte Frau herein trat; ſie ſetzte ſich zu mir auf das Sopha, ent⸗ ſchleierte ſich und zeigte mir einen Buſen und Nacken von hinreißender Schoͤnheit. Sie machte mir tauſend Liebkoſungen; und als ſie meine Begierden in volle Flammen geſetzt hatte, verhieß ſie mir, ſie zu befrie⸗ digen, wenn ich ihr zuvor das Herz und die Leber dei⸗ nes ſchwarzen Roſſes gaͤbe. Wie groß meine Begier war, meine Luſt zu buͤßen, dennoch antwortete ich un⸗ bedenklich, daß ich mich nimmer dazu entſchließen koͤnnte ein Roß zu toͤdten, welches mein Koͤnig und Herr ſo ſehr liebte. Da ſchlang ſich aber die Schoͤne um mei⸗ enen Hals und ſagte mir tauſend ſo leidenſchaftliche Dinge, daß ich ihrem Andringen nicht laͤnger zu wi⸗ derſtehen vermochte.— Das iſt, o Herr, die aufrich⸗ tige Erzaͤhlung meines Abenteuers; ich bekenne mein Vergehen, und weit entfernt, durch Luͤgen mich der verdienten Strafe entziehen zu wollen, komme ich, mich ſelber ihr darzubieten. Hier iſt das Schwert und mein Haupt.“ Der Koͤnig wandte ſich hierauf zu ſeinem Veſyr, und fragte ihn, um ſeine Meinung, auf welche Weiſe Saddyk beſtraft werden muͤßte. 236 656., Tag. „Herr,“ antwortete ihm der Veſyr, voll Freuden uͤber dieſe Aufforderung, nich bin der Meinung, daß er bei langſamem Feuer gebraten werde; ein Menſch, der es gewagt hat, ſeinen Luͤſten ein dir ſo theures Roß zum Opfer zu bringen, verdient keine Verzeihung.“ „Ich bin nicht deiner Meinung, Veſyr,“ erwie⸗ derte Togaltimur;„ich halte es fuͤr vernuͤnftiger, das erſte Vergehen eines Mannes zu verzeihen, als es zu beſtrafen.“ Hierauf wandte er ſich zu dem Stallmeiſter und ſagte zu ihm: „O Saddyk! ich bewundre deine Aufrichtigkeit, und ich entſchuldige deine Schwachheit; waͤre ich an deiner Stelle geweſen, ich wuͤrde nicht allein mein ſchwarzes Roß, ſondern meinen ganzen Marſtall hin⸗ gegeben haben: die Anreizung war zu ſtark, um ihr zu widerſtehen; kein Mann haͤtte ſich derſelben erwehrt. Ich verzeihe dir alſo den Tod meines Pferdes, und ich rechne es dir ſo hoch an, mir in dieſem Falle die Wahrheit geſagt zu haben, daß ich befehle, dir zur Stunde ein Ehrenkleid zu bringen.“ Als der Veſyr Tangribirdi ſah, daß der Stall⸗ meiſter, anſtatt beſtraft zu werden, vielmehr noch be⸗ lohnt wurde, und daß ſeine Tochter ſich fruchtlos preis⸗ gegeben hatte, um ſeinem Haſſe gegen den Stallmei⸗ ſter zu dienen, empfand er daruͤber ſo tiefen Verdruß, daß er krank ward; ja er ſtarb ſelbſt wenige Tage dar⸗ Die vierzig Veſyre. 237 nach, und der gluͤckliche Saddyk⸗ wurde an ſeiner Stelle zum Veſyr erwaͤhlt. Sechshundert und ſieben und funfzigſter Tag. Herr,“ fuhr der vierte Veſyr des Koͤnigs von Perſien fort,„ſei nicht minder nachſichtig, als der Koͤ⸗ nig Togaltimur, verzeihe einen erſten Fehltritt; aber was ſage ich einen Fehltritt? Welchen Beweis gibt es, daß der Prinz das Verbrechen hat begehen wollen, deſſen man ihn anklagt? Du glaubſt alles, was dir die Koͤniginn davon geſagt hat, und auf ihr Wort allein willſt du dich in dem Blute deines Sohnes baden. Der Himmel bewahre dich vor dieſem unſeligen Vorhaben! Mindeſtens, o König des Erdkreiſes, mindeſtens befiehl, bevor du es ausfuͤhreſt, daß man Abunaſchar, den Lehrer des Prinzen, nochmals uͤberall ſuche; er wird uns den wahren Grund des geheimnisvollen Stillſchwei⸗ gens Nurgehans entdecken; denn es iſt nicht daran zu zweifeln, daß er darum weiß.“ Der Koͤnig fand dieſe Rede ſehr vernuͤnftig; er gab Befehl, den Abunaſchar uͤberall aufzuſuchen, und er verſchob die Hinrichtung des Prinzen bis auf Morgen. Nachmittag verließ Hafikin ſeinen Palaſt, und ging, wie gewöhnlich, auf die Jagd; als er am Abend heim kam, ſpeiſte er mit der Sultaninn, welche nach dem Mahle alſo zu ihm ſprach: 238 657. Tag. „O Herr, zu lange verſchiebſt du Nurgehans Hin⸗ richtung; dich wird deine Nachſicht noch gereuen, wie einſt dem Sultan Bajaſet. Dieſer Fuͤrſt ſah einen kleinen raͤudigen Hund, der vor Hunger verſchmachtete, er hatte Mitleid mit ihm, hub ihn auf, und trug ihn an einen Ort, wo er ihn naͤhren und ſorgfaͤltig pfle⸗ gen ließ. Als der Hund groß geworden, biß er eines Tages ſeinen Wohlthaͤter, der zu ihm ſagte: „O du undankbares Thier! ich habe dir gutes ge⸗ than, warum beißeſt du mich?“ Augenblicklich ließ Gott zu, daß der Hund ihm antwortete: „ Bajaſet! angeborene Bosheit wird nimmer gebeſſert.“ Beherzige wohl, was ich dir ſage, Herr,“ fuͤgte die Sultaninn hinzu,„und komm durch ſchleunige Be⸗ ſtrafung dem traurigen Schickſale zuvor, welches ein König erfuhr, deſſen Geſchichte ich dir erzaͤhlen will. Geſchichte von dem angenommenen Sohne. Sechshundert und acht und funfzigſter Tag. Ein Kodſcha*) bekam eines Tages Luſt zu reiſen. Er machte ſich auf den Weg mit ſeiner Frau, welche jung und ſchoͤn war, und beide nahmen all ihre Habe mit. Unterweges wurden ſie von einem Raͤuber ange⸗ fallen, der ſie in ſein Gebirge fuͤhrte, welches ihm zum Schlupfwinkel diente. So bald er hier angelangt war, band er dem Kodſcha die Haͤnde auf den Ruͤcken, und that ſeiner Frau Gewalt an, welche ſchwanger ward. Er behielt beide lange dort bei ſich, und entließ ſie nicht eher, als bis er ſah, daß die Frau ihrer Ent⸗ bindung nahe war.. ») Kodſcha bedeutet im Türkiſchen einen Doctor. 240 658. 659. Tag. Als der Doctor frei war, begab er ſich nach der naͤchſten Stadt, und nahm Herberge in einer Karavan⸗ ſerei, wo ſeine Frau bald darauf mit einem Sohne niederkam. „Was wollen wir mit dieſem Kinde anfangen?“ ſagte ſie:„wollen wir es auf erziehen?“ „Davor will ich mich wohl huͤten,“ antwortete der Kodſcha;„da es nicht von mir iſt, ſo will ich mich auch nicht damit belaͤſtigen.“ Mit dieſen Worten nahm er das Kind in den Windeln und trug es ſelber nach einer Moſchee, an deren Thuͤre er es ausſetzte. Sechshundert und neun und funfzigſter Tag. Zufaͤllig kam der Koͤnig des Landes an dieſer Mo⸗ ſchee vorbei; er erblickte das Kind, und fragte, warum es da laͤge. Man antwortete ihm: „Herr, es iſt ein Kind, welches niemand fuͤr das ſeine erkennen will, und welches hier ausgeſetzt iſt, damit irgend ein wohlhabender Mann ſich ſeiner er⸗ barme und es mit nehme, es aufzuziehen, in Hoffnung der ewigen Gluͤckſeligkeit.“ Der Koͤnig fuͤhlte alle Regungen des Mitleids, deren ein von Natur menſchenfreundlicher Fuͤrſt nur faͤhig iſt. Er that noch mehr: er ſtieg vom Pferde, Der angenommene Sohn. 241 nahm das Kind, ließ es durch den Kragen ſeines Hem⸗ des ziehen,*) d. h. er nahm es an Kindes Statt an, indem er ſagte: „Weil ich keinen Erben habe, ſo will ich dieſen Knaben aufziehen laßen: vielleicht wird er einſt noch die Stuͤtze meines Thrones. Und wenn er es ver⸗ dient, kann ich ihm wohl gar meine Krone hinter⸗ laßen.“ Man trug das Kind in den Harem, nahm ihm die Windeln ab, und legte ihm feinere, noch unge⸗ brauchte an. Man ſuchte ihm auch eine Amme, kurz, man pflegte ſeiner mit ſolcher Sorgfalt, als wenn es des Koͤnigs leiblicher Sohn waͤre. Es ward ein ſchoͤ⸗ ner Knabe, von ſtattlichem Wuchs. So bald er fuͤnf Jahre alt war, uͤbergab man ihn einem geſchickten Leh⸗ rer, der ihn in den ſchoͤnen Wiſſenſchaften unterrichtete; hierauf lernte er die Waffen fuͤhren, reiten und allerlei Leibesuͤbungen. Beſonders zeichnete er ſich aus im Kugelſpiel. Es war ein Vergnuͤgen, ihm bei ſeinen Uebungen zuzuſehen; er zeigte dabei ſolche Geſchicklich⸗ keit, daß es alle Welt entzuͤckte. Seine Lehrmeiſter ſelber waren nicht minder erſtaunt, als die Uebrigen, uͤber ſeine Gewandheit und Kraft. Der Koͤnig wuͤnſchte *) Dieß war ein altperſiſcher Gebrauch bei der Annahme an Kin⸗ des Statt.— X. 146 659. Tag. ſich Gluͤck, einen Juͤngling auf erzogen zu haben, der ſeiner Pflege ſo wohl entſprach, und in der Folge hatte er noch mehr Urſache, mit ihm zufrieden zu ſein; denn als einige benachbarte Koͤnige ihm den Krieg erklaͤrt hatten, ſandte er ſeinen angenommenen Sohn gegen ſie aus, und dieſer ſchlug ſie und verrichtete ſo glaͤn⸗ zende Thaten, daß er bald fuͤr den ſtreitbarſten Mann im ganzen Heere galt. Nichts konnte ſeiner Tapferkeit und der Staͤrke ſeines Saͤbels widerſtehen. Es iſt noch zu bemerken, daß der Koͤnig, kurze Zeit nach der Annahme des Knaben an Kindes Statt, von einer ſeiner Frauen eine Tochter erhalten hatte. Dieſe junge Prinzeſſinn war von ausnehmender Schoͤn⸗ heit. Der Juͤngling hatte, als Bruder, die Freiheit ſie zu ſehen, und verliebte ſich leidenſchaftlich in ſie. Aber der Koͤnig verſprach ſie dem Sohn eines Sultans, und es war nahe daran, daß dieſe Heirath vollzogen wer⸗ den ſollte. Der Juͤngling empfand daruͤber einen toͤdt⸗ lichen Verdruß, und als er eben einem Derwiſch be⸗ gegnete, ſagte er zu ihm: „Guter Derwiſch, ich habe eine Frage an dich: oll ein Mann die erſten Fruͤchte ſeines Gartens ge⸗ nießen, oder ſie von einem andern verzehren laßen?“ Der Derwiſch, welcher die Kunſt Mekaſchefa*) beſaß, errieth ſeine Gedanken, und antwortete ihm: *) Mekaſchefa heißt die Wiſſenſchaft, welche ſich vermißt, die geheimſten Gedanken der Menſchen zu erforſchen. s, Die vierzig Veſyre. 243 „Prinz, zuvor muß man wiſſen, ob in dem Gar⸗ ten etwa ein Baum ſteht, von deſſen Fruͤchten zu eſſen der Allerhoͤchſte verboten hat, ſo wie er Adam und Eva verbot, von dem Getreide*) zu eſſen.“ Der Juͤngling, unzufrieden mit dieſer Antwort des Derwiſches, und von ſeiner Leidenſchaft geſtachelt, ent⸗ fuͤhrte die Prinzeſſinn mit Gewalt, nahm etwa zwei tauſend ihm ergebener Soldaten aus dem Palaſt mit, und zog damit nach einer andern Stadt. Als der Koͤnig dieſe Neuigkeit vernahm, gerieth er in Wuth; er verſammelte ſchleunig ein Heer, und verfolgte den Raͤuber ſeiner Tochter. Aber dieſer, nach⸗ dem er die Prinzeſſinn in Sicherheit gebracht hatte, legte ſich am Fuß eines Berges in einen Hinterhalt, und uͤberfiel den Koͤnig, der ſich deſſen gar nicht ver⸗ ſah. Er hieb alle ſeine Truppen in Stuͤcke, nahm ihn ſelber gefangen, toͤdtete ihn eigenhaͤndig, und ſo beſtieg dieſer undankbare Sohn den Thron eines Fuͤrſten, dem er ſo viel ſchuldig war. Sechshundert und ſechzigſter Tag. Du erſiehſt uns dieſer Geſchichte, Herr,“ fuhr die Königinn fort,„daß du den Prinzen Nurgehan als *) Die Mahomedaner glauben, die verbotene Frucht ſei Getreide geweſen. 4 244 660. Tag. deinen Feind betrachten mußt. All ſein Trachten iſt aͤhnlich dem jenes boshaften Pflegeſohnes. Wenn der eine ſeinen Vater getoͤdtet und ſeine Schweſter gehei⸗ rathet hat, ſo will der andre ebenfalls ſeinen Vater eermorden und ſeine Stiefmutter zur Gattinn nehmen.“ „Wohlan! es bedarf keiner Worte mehr, meine Liebe,“ ſagte hierauf der Koͤnig:„morgen ſoll Nur⸗ gehan ſterben.“ Mit dieſen Worten begab ſich der Koͤnig in ſein Zimmer und legte ſich zur Ruhe. Am folgenden Tage trat er in den Reichsſaal, wo er ſchon alle Veſyre verſammelt fand. Er fragte ſie, ob ſie Abunaſchars Aufenthalt entdeckt haͤtten; und als ſie mit Nein antworteten, ſagte er: „Weil dem alſo iſt, ſo fuͤhre man den Prinzen meinen Sohn vor, und haue ihm auf der Stelle den Kopf ab; auch habe ich der Sultaninn verſprochen, ihn heute hinrichten zu laßen.“ Hierauf trat der fuͤnfte Veſyr hervor und ſprach zu dem Koͤnige: „O Beherrſcher der Welt! beſudle dich nicht mit dem Blute deines Sohnes; beherzige die Vorſtellungen deiner Veſyre: es ſind Fiſcher, welche die koͤſtlichſten Perlen aus dem Meere der Beredtſamkeit herauf holen, um ſie dir zu Fuͤßen zu legen. Der Engel, welcher Die vierzig Veſyre. 245 die ſieben Planeten leitet*) wuͤrde ihre Weisheit be⸗ wundern. Sie wuͤrden ſich deinem Vorhaben, den Prinzen hinrichten zu laßen, nicht widerſetzen, wenn nicht ein Prophet geſagt haͤtte, daß derjenige, der ſei⸗ nen Herrn im Begriff einer boͤſen Handlung ſieht, und ihn nicht daran zu verhindern trachtet, aus der Liſte der Glaͤubigen ſoll geſtrichen werden. Es iſt ein alter Spruch, daß man jedem neuen Sklaven, er ſei Mann oder Weib, mistrauen muͤße, weil beide Schmeichler ſind und ſich der Luͤge und Argliſt bedienen, um zu ihren Zwecken zu gelangen. Wenn deine Majeſtaͤt es mir erlaubt, ſo will ich dir eine Geſchichte erzaͤhlen, welche das beſtaͤtigt, was ich eben dir vorzuſtellen die Ehre gehabt habe.“ „Erzaͤhle ſie mir,“ ſagte Hafikin; und der Veſyr hub alſo an: 3 *) Die Muhamedaniſchen Kabbaliſten nehmen an, daß jeder Planet einen leitenden Engel hat, und daß dieſe Engel ein Sberhaupt haben namens Koryayl. Geſchichte von einem Schneider und ſeiner Frau.*) Sechsundert und ein und ſechzigſter Tag. Zur Zeit des Propheten Aëßa lebte ein Schneider, der eine ſehr ſchoͤne Frau hatte; ſie hieß Guͤlendam.*) Beide liebten ſich leidenſchaftlich. Eines Tages, als ſie ſich gegenſeitige Beweiſe ihrer Zaͤrtlichkeit gaben, gelobte der Mann im Entzuͤcken der Liebe, ſeiner Frau, wenn ſie zuerſt ſtuͤrbe, wollte er vier und zwanzig *) In Namen und einzelen Zügen abweichend, und in ganz anderem Zuſammenhange, ſteht dieſe Geſchichte in 1007 Nacht. Bd. 15, S. 66: *½) Gül⸗endam heißt Roſen⸗Wuchs. Der Schneider und ſeine Frau. 247 Stunden auf ihrem Grabe weinen; und die Frau uͤber⸗ bot ihren Mann noch in Zaͤrtlichkeit und ſchwur ihm, wenn er zuerſt ſtuͤrbe, wollte ſie Hungers ſterben, um nicht das Leid zu haben, ihn zu uͤberleben. Durch Gottes Allmacht ſtarb die Frau ſchon ein Jahr darnach. Sie hatte ungluͤcklicherweiſe ein Ham⸗ melbein verſchluckt, welches ihr in der Kehle ſtecken blieb, ohne daß man es wieder heraus ziehen konnte; ſo daß ſie daran erſtickte. Der Schneider war tief be⸗ truͤbt uͤber dieſen Unfall. Er ließ die Todte ſo praͤch⸗ tig beſtatten, als er vermochte, und nachdem die Leiche in der Grabſtaͤtte beigeſetzt war, warf er ſich neben dem Sarge nieder, und weinte und wehklagte unab⸗ laͤßig, ſeinem Geluͤbde getreu. Noch denſelben Abend kam der Prophet Aéßa uͤber den Gottesacker, ſtand ſtill, betrachtete den Schnei⸗ der, und ſprach zu ihm: „Du guter Menſch! warum gibſt du dich ſo un⸗ maͤßig deinem Schmerze hin?“ Der Schneider antwortete ihm, er ſei untroͤſtlich, eine Gattinn verloren zu haben, welche er liebte, und von welcher er ſo zaͤrtlich wiedergeliebt worden. „So, daß es dir alſo eine große Freude gewaͤhrte,“ fuhr der Prophet fort,„wenn dieſe geliebte Gattinn wieder ins Leben gerufen wuͤrde?“ 248 661. Tag. „Der Himmel,“ antwortete der Schneider,„wuͤrde alle meine Wuͤnſche erfuͤllen, wenn er mir zu Liebe die⸗ ſes Wunder thun wollte.“ „Wohlan!“ ſagte Aëßa,„troͤſte dich: deine innige und aufrichtige Betruͤbnis ruͤhrt mich; ich will dir deine Gattinn wiedergeben, mit der Bewilligung desjenigen, der ſie erſchaffen und ſie hat ſterben laßen.“ Er ſprach nun ein Gebet, und ſchlug ſodann mit einer kleinen Ruthe, welche er in der Hand hielt, auf das Grab. Alsbald that die Gruft ſich auf, und Guͤlendam trat im Leichentuche daraus hervor. Der Schneider, entzuͤckt uͤber dieſes Zeichen der goͤttlichen Allmacht, wollte dem Propheten Aéßa dafuͤr danken; dieſer aber hieß ihn Gott fuͤr dieſes Wunder Dank ſa⸗ gen, und ohne ſich laͤnger auf zu halten, ſetzte er ſeinen Weg fort. Als Guͤlendam ſich ſo wieder ins Leben gerufen ſah, fragte ſie, auf welche Weiſe ein ſo wunderbares Ereignis geſchehen waͤre; und nachdem ihr Mann ſie davon unterrichtet hatte, rief ſie aus: „Wie! du biſt es, der mich dem Tode entreißt! deine Liebe bewirkt, daß ich das Licht wiederſehe! O, wie iſt mein Herz von dieſem Beweiſe deiner Zaͤrtlich⸗ keit durchdrungen! ich werde es nimmer vergeſſen. Ich freue mich weniger uͤber die Wiederkehr ins Leben, als uͤber deine herzliche Liebe, welche die Urſache davon iſt. Dir ſollen alle Augenblicke des neuen Lebens gewidmet Der Schneider und ſeine Frau. 249 ſein, welches ich dir verdanke; ich kann keinen beſſern Gebrauch davon machen.“. Sechshundert und zwei und ſechzigſter Tag. Der Schneider war entzuͤckt, ſeine Frau in ſo zaͤrtlichen und dankbaren Ausdruͤcken reden zu hoͤren; er umarmte ſie tauſendmal; weil ſie aber nur in ein ſehr kurzes Leichentuch gehuͤllt, und daher faſt nackt war, ſagte er zu ihr: „Sitz meiner Leber, Licht meiner Augen, Inhalt meines Lebens!*) Wie viel Dank ſind wir nicht Gott und ſeinem Propheten ſchuldig! Der Himmel hat mir dadurch, daß er dich meinen Wuͤnſchen wie⸗ der geſchenkt, die hoͤchſte Gluͤckſeligkeit gewaͤhrt, deren nur irgend ein Menſch faͤhig iſt. Laß uns jetzo heim gehen, und uns wieder der Wonne unſerer Vereinigung, und der ſuͤßen Freuden genießen, deren der Tod uns beraubt hat, nun aber wieder zu geben gezwungen worden.— Aber ich denke nicht daran,“ fuͤgte er er hinzu,„daß du nicht im Stande biſt, mit mir durch die Stadt zu gehen, weil du weder Hemde, noch Kaf⸗ tan**) anhaſt. Erwarte mich einen Augenblick hier *) Türkiſche Ausdrücke der Zärtilchkeit, wörtlich überſetzt. *2) NRock. 250 662. Tag. hinter dieſen Steinen verborgen; ich komme alsbald mit den noͤthigen Kleidungsſtuͤcken zuruͤck, und dann wollen wir froͤhlich heim kehren, und Gott preiſen, der ohne Zweifel unſere Treue hat belohnen wollen.“ Mit dieſen Worten ging er weg. Kaum hatte er ſie verlaßen, als der Sohn des Koͤnigs, der von einem Abendeſſen auf dem Lande ziemlich ſpaͤt nach der Stadt zuruͤck kehrte, uͤber den Todtenacker kam. Da ihm ei⸗ nige Fackeln voran gingen, ſo erblickten ſeine Leute beim Scheine derſelben eine faſt nackte Frau, die ihnen gar ſchoͤn vorkam, wie ſie denn auch wirklich war. Sie ſagten es ſogleich dem Prinzen, der ſehr verwundert war, eine Frau im Leichentuche zu ſehen, die jedoch nicht, wie die anderen Todten, da lag. Er trat naͤher, und als er ihre große Schoͤnheit und ſie in der Fuͤlle des Lebens ſah, betrachtete er ſie ſehr aufmerkſam, und fuͤhlte bei ihrem Anblick zaͤrtliche Bewegungen in ſeinem Herzen aufſteigen. „Schoͤne Frau,“ ſprach er zu ihr,„durch welchen Zufall befindeſt du zu dieſer Stunde und in ſolchem Zu⸗ ſtande dich an dieſem Orte?“ „Herr,“ antwortete ihm Guͤlendam,„ich kann dir nicht antworten, in dem Zuſtande, worin ich mich befinde.“ „Alsbald zog der Prinz ſeinen eigenen Kaftan aus, bekleidete ſie damit, und fragte ſie weiter, ob ſie ver⸗ heirathet waͤre:„biſt du frei,“ fuhr er fort,„ſo komm . Der Schneider und ſeine Frau. 251 mit in mein Harem; du wirſt die Zierde deſſelben ſein und Freuden aller Art darin genießen.“ Die Schoͤne, die an dem präͤchtigen Aufzuge wohl den Koͤnigsſohn erkannte, ließ ſich durch die Ausſicht, anſtatt des kleinen Hauſes ihres Mannes, einen praͤch⸗ tigen Palaſt zu bewohnen, verfuͤhren und antwortete dem Prinzen: „Ich bin durch nichts gebunden, und werde mich gluͤcklich ſchaͤtzen, die geliebteſte deiner Sklavinnen zu ſein.“ Der Sohn des Sultans, vergnuͤgt uͤber dieſe Ant⸗ wort, fuͤhrte ſie mit in ſein Harem, wo ihr ſogleich das praͤchtigſte Gewand angelegt wurde. Unterdeſſen kam der arme Schneider mit den noͤ⸗ thigen Kleidungsſtuͤcken zuruͤck, fand aber ſeine Frau nicht mehr dort. Es fehlte nicht viel, daß er daruͤber von Sinnen gekommen waͤre; ſeine Thraͤnen floſſen jetzo noch heftiger, als zuvor: „O Himmel!“ rief er aus:„was iſt aus ihr ge⸗ worden? Koͤnnte der Prophet, der ſie erweckt hat, ſie nur deshalb wieder ins Leben gerufen haben, um ſie den Armen eines andern zu uͤberliefern? Ach! wenn das waͤre, ſo waͤre ich jetzo noch ungluͤcklicher, als da ich ihren Tod beweinte. Aber was ſage ich: wenn es ſo waͤre? Kann ich noch daran zweifeln? Ihre Schoͤnheit hat gewiß einen Voruͤbergehenden ge⸗ reizt, der ſich kein Gewiſſen daraus gemacht, ſie mir 252 663. Tag. zu entfuͤhren.— Guͤlendam!“ fuͤgte er hinzu:„meine geliebte Guͤlendam, ich laße dir Gerechtigkeit wider⸗ fahren, ich bin feſt uͤberzeugt, daß du, ſo lange du vermocht, muthig der Gewalt widerſtanden haſt, welche an dir veruͤbt worden. An welchem Orte du auch ſeieſt, ich bin verſichert, du wehklageſt, du biſt in Verzweif⸗ lung, du rufſt mich zu Huͤlfe. Ach! mich duͤnkt, ich hoͤre dein Geſchrei, es dringt mir durch die Seele, ich werde dich nimmer in Stich laßen: uͤberall will ich dich aufſuchen, und wenn du auch unter der Erde waͤ⸗ reſt, doch werde ich dich entdecken!“ Er hielt Wort; er lief uͤberall in der Stadt und der Gegend umher, ſuchte und forſchte unablaͤßig, voll Unruhe und Betruͤbnis, weil es ihm lange nicht gelingen wollte, etwas von ihr zu erfahren. Erſt nach einigen Monaten, als einer von den Sklaven des Prin⸗ zen ihm erzaͤhlte, das die Lieblingsfrau ſeines Herrn auf einem Todtenacker gefunden worden, kam er auf die Spur; und nach einigen Erkundigungen, konnte er nicht laͤnger an der Wahrheit ſeiner Vermuthungen zweifeln. Sechshundert und drei und ſechzigſter Tag. Sogleich rannte, flog er nach dem Palaſt, wandte ſich an die Veſyre, an den Sultan, an den Prinzen Der Schneider und ſeine Frau. 253 ſelber. Er warf ſich dieſem zu Fuͤßen, und ſagte zu ihm: „O Prinz! du liebſt zu ſehr die Gerechtigkeit, um mit Gewalt etwas zu behalten, das dir nicht ange⸗ hoͤrt. Du haſt ſeit zwei Monaten meine Gattinn bei dir: ich beſchwoͤre dich, gib mir ſie wieder!“ „Gib wohl Acht, was du da ſageſt,“ antwortete der Koͤnigsſohn:„ich habe keine Frau wider ihren Wil⸗ len in meinem Harem, noch weniger eine Ehefrau.“ „Prinz,“ erwiederte der Schneider,„ich behaupte nichts, wovon ich nicht voͤllig uͤberzeugt waͤre.“ Auf weitere Erklaͤrung, geſtand der eben ſo ge⸗ rechte, als wolluͤſtige Prinz zwar, daß er eine ſeiner Frauen auf einem Todtenacker gefunden, ſie habe ſich aber fuͤr voͤllig frei erkloͤrt.— „Ich weiß, daß es die meine iſt,“ verſetzte der Schneider,„ſie hat jenes wohl nur in der Verwirrung geſagt, und du wirſt ſehen, wie ſie, ſo bald ſie mich erblickt, mir an den Hals fliegt und mich umarmt: es iſt die treuſte und zaͤrtlichſte Frau von der Welt.“ „Hoͤre,“ ſagte endlich der Prinz,„ich will dich wohl alle meine Frauen ſehen laßen: aber ich warne dich, wenn die deine nicht darunter iſt, ſo koſtet es dein Leben.“. „Immerhin,“ beharrte der Schneider,„du magſt mich alsdann nach deinem Gefallen toͤdten laßen: ich wage nichts dabei.“ 4 254 663. Tag. „So ſoll dir denn dein Recht widerfahren,“ be⸗ ſchloß der Prinz:„wohlan, man fuͤhre alle meine Frauen vor, und uͤbergehe keine einzige.“ 2 Alle wurden nun, eine nach der andern dem Schnei⸗ der vorgefuͤhrt, und der Prinz fragte ihn:„Iſt es dieſe?“ Der Schneider antwortete ſtaͤts mit Nein, bis Guͤlendam erſchien, da rief er ſogleich aus: „Ah! da iſt ſie, die reizende Gattinn, deren Ver⸗ luſt ich ſo ſehr beweint habe.“ „Schoͤne Frau,“ ſagte hierauf der Prinz zu Guͤ⸗ lendam,„kennſt du dieſen Mann da?“ Guͤlendam die beim Anblicke ihres Mannes etwas in Verwirrung gerathen war, faßte ſich jedoch bald wieder, und mit einer Frechheit, welche ihrer Treuloſig⸗ keit entſprach, antwortete ſie auf dieſe Frage:⸗ „Ja, ich erkenne ihn wohl, es iſt ein Naͤuber, der mich beraubt und in den Zuſtand verſetzt hat, in welchem du mich gefunden haſt. Dieſer Elende, welchen Gott verdamme! wollte mich, nachdem er mir alles genommen, was ich hatte, lebendig begraben, damit ich ihn nicht vor dem Kadi belangen koͤnnte. Ich flehe dich um Gerechtigkeit gegen ihn, mein Prinz, laß ihn nach der Strenge der Geſetze beſtrafen; ich bin nicht eher zufrieden, als bis er gehaͤngt worden.“ Deer Schneider war uͤber dieſe Antwort ſeiner ge⸗ liebten Guͤlendam ſo beſtuͤrzt, daß er nicht im Stande war, ein Wort hervor zu bringen. Sein Verſtummen Der Schneider und ſeine Frau. 255 und ſeine Verwirrung beſtaͤrkten dem Koͤnigsſohne ſeine Schuld, und er rief aus: „Ha, Boͤſewicht! wie kannſt du dich erfrechen, hieher zu kommen und eine Frau zuruͤck zu fordern, welche dir nicht bloß nicht gehoͤrt, ſondern die du ſogar lebendig haſt begraben wollen? du verdienteſt, daß man ganz neue Martern zu deiner Beſtrafung erſoͤnne. — Man ſchleppe ihn auf der Stelle zum Galgen,“ fuͤgte er hinzu,„und thue ihn ab!!“ Der Schneider wollte den Mund oͤffnen, ſich zu entſchuldigen, aber der Koͤnigsſohn unterbrach ihn und gebot ihm Stillſchweigen: „Nein, nein, ich will nichts weiter hoͤren, du biſt ein Boͤſewicht, ein Miſſethaͤter, belaͤſtige mein Ohr nicht noch mit deinen Luͤgen.— Noch einmal,“ ſprach er zu ſeinen Beamten,„man haͤnge ihn augenblicklich auf! gehorchet mir, oder ich laße euch alle anſtatt ſeiner aufknuͤpfen!“ Als die Beamten den Prinzen ſo im Zorne ſahen, und lieber den Schneider am Galgen ſahen, als ſelber gehaͤngt werden wollten, bemaͤchtigten ſie ſich des un⸗ gluͤcklichen Ehemanns, banden ihm die Haͤnde auf den Ruͤcken, und fuͤhrten ihn zum Galgen. In demſelben Augenblick als der Henker ihn von der Leiter ſtoßen wollte, erſchien der Prophet Aëßa auf dem Richtplatze, und rief dem Henker zu, er ſollte inne halten, weil der Schneider unſchuldig waͤre. 256 663. 66 4. Tag. Die Ehrfurcht, welche man fuͤr den Propheten hegte, hemmte ſogleich die Hinrichtung: dagegen beſtan⸗ den die Beamten des Koͤnigs auf die Vollſtreckung der⸗ ſelben, weil, wie ſie ſagten, ihr Herr ſie befohlen habe. Aößa aber offenbarte nun laut das ganze Aben⸗ teuer des Schneiders und ſeiner Frau. Man erkannte die Unſchuld des erſten, und er wurde in Begleitung einer großen Volksmenge nach dem Palaſt zuruͤck ge⸗ fuͤhrt. Der Koͤnigsſohn erkannte ebenfalls ſeine Un⸗ ſchuld, und uͤberhaͤufte ihn mit Geſchenken und Ehren. Unterdeſſen war die unſelige Guͤlendam abermals und fuͤr immer geſtorben, und wurde wieder in daſſelbe Grab gelegt, aus welchem der Prophet Asßa ſie er⸗ weckt hatte, und ihr Mann war nicht mehr ſo gut⸗ muͤthig, ſie zu beweinen. Sechshundert und vier und ſechzigſter Tag. Du ſiehſt aus dieſer Geſchichte, Herr,“ beſchloß der fuͤnfte Veſyr,„daß die Weiber ſehr abgefeimt ſind, und daß ein kluger Mann ſelbſt denen mistrauen muß, welche die vernuͤnftigſten ſcheinen. Befiehl, daß man noch fortfahre, den Abunaſchar aufzuſuchen.“ „Es ſoll geſchehen,“ ſagte der Koͤnig:„aber wenn man ihn heute nicht findet, ſo laße ich morgen dem Prinzen den Kopf abſchlagen. Der Schneider und ſeine Fran. 257 Mit dieſen Worten, verließ der Koͤnig die Raths⸗ verſammlung und ging auf die Jagd. Als er am Abend heim kam, ſpeiſte er mit der Sultaninn, die ihn fragte, warum er den Prinzen noch nicht habe hinrichten laßen. „Meine theure,“ antwortete ihr Hafikin,„ich konnte nicht widerſtehen, ihm noch bis morgen das Leben zu friſten. Wenn ich dich hoͤre, ſo verurtheile ich ihn: aber ich kann mich auch nicht erwehren, ihn wieder zu begnadigen, wenn meine Veſyre zu ſeinem Gunſten reden. Ich bin in einer qualvollen Ungewiß⸗ heit; und du mußt einem Vater verzeihen, daß er ſich nicht ſo ſchleunig entſchließen kann, ſeinen einzigen Sohn hinrichten zu laßen.“ „Herr,“ verſetzte die Sultaninn,„du mußt mir mehr glauben, als deinen Veſyren; ſie verleiten dich durch ihre Reden, weil du ſie mit dem Ohre des Va⸗ ters, und nicht des Koͤnigs anhoͤreſt. Es wird dich gereuen, aber zu ſpaͤt, delnen Sohn zu ſehr geliebt zu haben. Ich muß dir eine Geſchichte erzaͤhlen, welche dir Anlaß geben wird, hieruͤber nachzudenken. Geſchichtte von den Voͤgeln Salomons. Sechshundert und fuͤnf und ſechzigſter Tag. Jch habe von meiner alten Erzieherinn erzaͤhlen ge⸗ hoͤrt, daß Salomon unter vielen Wunderdingen auch Voͤgel beſaß, welche die Landesſprache vollkommen ver⸗ ſtanden und redeten. Einer dieſer Voͤgel, welcher ſich durch ein flachs⸗ blaues Gefieder und tauſend Anmuthigkeiten vor allen uͤbrigen auszeichnete, verließ eines Tages Salomon, um ſein Weibchen zu beſuchen, die in einem benachbar⸗ ten Gehoͤlze bruͤtete. Er nahte ſich ihr ſehr zaͤrtlich, ſtreckte ſeine Fluͤgel aus, oͤffnete ſeinen Schnabel, und bot ihr den lieblichſten Kuß. Das Weibchen aber ver⸗ ſchmaͤhte ſeine Liebkoſungen, und ſagte zu ihm: Die Voͤgel Salomons. 259 „Geh, treuloſer, kehre zuruͤck zu Salomon, du liebſt ihn mehr, als mich, weil du mich ſeinetwegen verlaͤßt. Aber was reizt dich, ſo oft an den Hof zu gehen? es iſt nicht das Gold, aus welchem du ißt; es ſind nicht die goldfunkelnden Gemaͤcher, in welchen du ruheſt: ſolche wunderlichen Geluͤſte koͤnnen nur den Menſchen anlocken. Die Liebe iſt die einzige Leiden⸗ ſchaft der Voͤgel, ſie allein macht ihr Leid oder ihre Freude, ſie allein hat dich bei dem Propheten zuruͤck gehalten. Denn wenn ich keine Nebenbuhlerinn haͤtte, warum biſt du, wohlwiſſend, in welchen Zuſtand deine letzten Liebkoſungen mich verſetzt haben, nicht her ge⸗ kommen und haſt mir an dem Neſte fuͤr unſere Kinder arbeiten helfen? Ich mußte, um es zu vollenden, mich meiner eigenen Federn berauben. Ach! deine Treuloſigkeit iſt nur zu gewiß! Siehe, was die Ver⸗ zweiflung in dem Herzen einer zaͤrtlichen verſchmaͤhten Gattinn vermag!“ Mit dieſen Worten trat das Weibchen mit ſolcher Wuth auf ihre Eier, daß das Maͤnnchen nur eins davon retten konnte. Er beſchirmte es mit ſeinen Fluͤgeln, er hackte ſogar einigemal mit dem Schnabel nach dem Weibchen, die immer wieder auf ihn eindrang: aber als er ſich beſann, daß der weibliche Zorn ein Sturz⸗ bach iſt, welchen der Widerſtand nur anſchwellt, ließ er alles uͤber ſich ergehen, blickte ſein Weibchen mit Augen voll zaͤrtlicher Hingebung an, und ſagte zu ihr: 665. Tag. „Liebenswuͤrdige und innigſt' geliebte Gattin, be⸗ vor du deinem eiferſuͤchtigen Argwohn dieſes ungluͤck⸗ liche Ueberbleibſel unſerer Ehe aufopferſt, toͤdte mich; ich wehre mich nicht mehr.“ Das Weibchen, durch dieſe Worte ungemein ge⸗ ſchmeichelt, wurde geruͤhrt; ganz ihrer Wuth beraubt, fuhlte ſie ſich nun ſehr ungluͤcklich. Das Maͤnnchen hatte Mitleid mit ihr, unterdruͤckte ſeinen Schmerz, und fand ſelbſt ſeine Kinder durch die Reue ihrer Mut⸗ ter hinlaͤnglich gerochen. Das eine unverſehrt geblie⸗ bene Ei troͤſtete ihn uͤber den Verluſt der uͤbrigen. Ein junger Vogel von ungemeiner Schoͤnheit kroch den⸗ ſelben Tag noch aus der Schaale, als waͤre er unge⸗ duldig, in dem Herzen ſeines Baters die erſte Glut der Liebe wieder anzufachen, und ſeine Mutter wieder ganz zu beruhigen. Dieſer kleine Vogel hatte einen gelben Kopf, blauen Hals, weißen Leib, veilchenblaue Fluͤgel und rothen Schwanz. Vater und Mutter prieſen ſich gluͤcklich aber ein ſo ſchones Kind. Dieſes neugeborne Pfand ihrer erſten Zaͤrtlichkeit vollendete ihre Verſoͤhnung, und beide lebten fortan in vollkommener Eintracht, ſtaͤts liebevoll, ſtaͤts zufrieden mit einander. Die Voögel Salomons. 251 Sechshundert und ſechs und ſechzigſter Tag. Unterdeſſen war Salomon, als er ſeinen geliebten flachsblauen Vogel nicht mehr um ſich ſah, ſehr be⸗ kuͤmmert, was aus ihm geworden ſein moͤchte. Er ließ ihn in allen Waͤldern ſuchen; und als er nirgends zu finden war, ſchickte er zwei rothe Voͤgel von der⸗ ſelben Gattung ab.— Ich habe dir ſchon geſagt, Herr, daß es mehr dergleichen gab. Dieſe rothen wa⸗ ren minder ſchoͤn, als Flachsblau, dagegen waren ſie ſehr ſchlau. Ihrer bedurfte es auch, um den Auftrag des Propheten auszufuͤhren, dem ſie ſeinen flachshlauen Vogel wieder bringen ſollten; es konnte ſolches nicht durch Gewalt geſchehen, es war alſo noͤthig, Beredt⸗ ſamkeit dabei anzuwenden.— Nachdem die rothen Voͤgel vierzehn Tage lang umher geflogen waren, fanden ſie endlich den flachs⸗ blauen mit ſeiner Gattinn und ihrem Sohn den veil⸗ chenblauen Vogel. Die rothen Voͤgel gaben vor, ſie waͤren vom Hofe verjagt worden, weil, wie ſie ſagten, Salomon aus Verzweiflung uͤber den Verluſt ſeines Lieblings, keinem andern ihrer Gattung ſeine Gunſt ſchenken wolle. Sie fuͤgten hinzu, daß ſie ſehr zu be⸗ klagen waͤren, weilk ſie, am Hofe und im Wohlleben aufgewachſen, nicht in den Waͤldern zu leben vermoͤchten. „In Wahrheit, meine Bruͤder,“ erwiederte ihnen der flachsblaue Vogel,„ich verlebe hier ſehr angenehme 666. T ag. Tage. Ich liebe mein Weib, mein Weib liebt mich, und wir beide lieben unſer Kind, welches uns wieder liebt. Wir ſind von niemand abhaͤngig. Iſt dieſes alles nicht der truͤgeriſchen Gluͤckſeligkeit des Hofes vorzuziehen, worauf ihr ſo erpicht ſeid? und vermoͤchte Salomon, ſo maͤchtig er auch iſt, mir wohl eins von dieſen Guͤtern aufzuwiegen? Ah! wenn er nur einen Au⸗ genblick an meiner Stelle ſein koͤnnte, ſo wuͤrde er ein⸗ geſtehen, daß er bei all ſeiner Weisheit und Herrlichkeit, doch ſehr ungluͤcklich iſt. Folget mir, meine Bruͤder, und bleibet hier: ich fuͤr mein Theil, habe ein Geluͤbde gethan, hier zu ſterben.“ Dieſe Rede war ſehr niederſchlagend fuͤr die rothen Voͤgel, welche nunmehr verzweifelten, den flachs⸗ blauen Vogel durch ihre ſinnreiche Luͤge umzuſtimmen, und offenherzig bekannten, daß der Prophet ſie abge⸗ ſchickt habe. Den flachsblauen Vogel betruͤbte dieſer Umſtand. Da er von Salomon tauſend Beweiſe wahrhafter Zaͤrt⸗ lichkeit empfangen hatte, ſo fiel es ihm ſchwer, ſich durch eine Verſagung undankbar gegen ihn zu erzeigen, hoch mehr, als ſeine Gattinn und ſeinen Sohn zu ver⸗ aßen. Von dieſen truͤben Betrachtungen eingenommen, antwortete Flachsblau den rothen Voͤgeln nicht; aber ſeine Gattinn nahm das Wort, und ſagte zu ihnen: Die Voͤgel Salomons. 263 „Gehet hin und ſaget dem Propheten, daß Flachs⸗ blau nicht an den Hof zuruͤck kehren wird, und daß ich es bin, der ihn daran verhindert. Salomon kennt die Frauen zu gut, um meinen Mann nicht zu ent⸗ ſchuldigen, daß er thut, was ich will.“ Flachsblau, der unter den Hoͤflingen die Kunſt er⸗ lernt hatte, alles hoͤflich einzukleiden, ſagte zu ſeiner Gattinn, man muͤßte wenigſtens ihren Sohn mit den rothen Voͤgeln hin ſchicken, um Salomon ſeine Ent⸗ ſchuldigung zu uͤberbringen, indem eine Ablehnung dieſer Art doch einige Hoͤflichkeiten erforderte. Das Weibchen wehklagte, weinte, zankte: aber das Maͤnn⸗ chen forderte Gehorſam. Der veilchenblaue Vogel reiſte alſo mit den Abgeſandten hin, nachdem ſein Vater ihn unterrichtet hatte, auf welche Weiſe er ſich am Hofe betragen ſolle. Er faßte ſeine ganze Belehrung in drei Hauptſaͤtzen zuſammen, damit ſein Sohn ſie deſto beſſer behielte:„Vermeide die in Ungnade,“ ſagte er ihm; „liebkoſe den Guͤnſtlingen, und vertraue niemand.“ Der veilchenblaue Vogel wurde von dem Prophe⸗ ten ſehr freundlich empfangen. Indeſſen konnte Salo⸗ mon des flachsblauen Vogels nicht vergeſſen, deſſen Anmuthigkeiten ihn ſo ſehr vergnuͤgt hatten. Veilchen⸗ blau hatte allerdings ein ſchoͤneres Gefieder, aber er hatte nicht ſo viel Verſtand; und alle Liebkoſungen des Propheten bezweckten nur, ſeinen Vater wieder zuruͤck zu bringen. Die rothen Voͤgel ſagten, es wuͤrde nim⸗ 264 666., Tag. mer gelingen, ihn zur Ruͤckkehr zu bewegen, wenn der Sohn nicht mit im Einverſtaͤndniſſe waͤre. Man ſprach alſo mit dem veilchenblauen Vogel daruͤber, und bedrohte ihn mit ewigem Gefaͤngniſſe, wenn er nicht ſeinen Va⸗ ter her lieferte. Veilchenblau ließ ſich durch dieſe Dro⸗ hung ſchrecken, und willigte in alles, was man verlangte. Er kehrte zu ſeinen Aeltern zuruͤck, und ſtellte ſich ſehr unzufrieden mit Salomon:„O mein Vater! o meine Mutter!“ ſprach er zu ihnen, wie freue ich mich, euch wieder zu ſehen! ich bin gluͤcklicherweiſe ei⸗ nem engen Gefaͤngnis entkommen, in welchem ich feſt⸗ gehalten wurde. Der Prophet hatte mich in einen Kaͤ⸗ fig ſetzen laßen, mit dem Vorſatze, mich zeitlebens darin zu laßen. Dem Himmel ſei gedankt! ich habe Mittel gefunden, zu entfliehen, und zu meiner groͤß⸗ ten Freude komme ich noch zeitig genug, euch zu war⸗ nen, daß der auf euch erzuͤrnte Prophet Jaͤger ausge⸗ ſchickt hat, um euch beide zu toͤdten. Folget mir alſo, und fliehet mit mir; ich will euch an einen ſichern Ort bringen, welchen ich auf dem Herwege entdeckt habe: die Jaͤger ſind nicht mehr weit.“ Der Vater und die Mutter, beide verwirrt durch die Freude des Wiederſehens ihres Sohnes, und durch die Furcht, welche er ihnen einjagte, antworteten nicht, und folgten ihm. Der unnatuͤrliche Sohn aber fuͤhrte ſie ſelber in die Netze, welche die Jaͤger ihnen geſpannt hatten. Die viertig Veſyre. 265 Sechshundert und ſieben und ſechzigſter Tag. Dieſe Geſchichte, Herr,“ fuhr die Sultaninn von Perſien fort,„gibt dir zu erkennen, daß die Kinder keine Liebe fuͤr ihre Aeltern hegen, und ſogar im Stande ſind, dieſelben ihrer Ehrſucht oder ihrem Geize auf⸗ zuopfern. Du wirſt ſolches bald durch deine eigene Er⸗ fahrung inne werden, und alsdann ausrufen:„Warum habe ich der Koͤniginn nicht geglaubt, als ſie mich ge⸗ gen meinen Sohn bewaffnete! Leider, mistraute ich ihr, und ich haͤtte mir ſelber mistrauen ſollen.“ Kurz, die Sultaninn vermochte es abermals, den Koͤnig zu uͤberreden, daß er ſeinen Sohn toͤdten ließe. Wirklich ließ der Koͤnig am folgenden Morgen, nachdem er im Reichsrathe die Geſchaͤfte abgethan hatte, den Scharfrichter kommen und befahl ihm, den Prinzen herbei zu fuͤhren. Da nahm aber der ſechste Veſyr das Wort und ſprach: 8 „Herr, das Eigenthuͤmliche der Weisheit iſt, alles mit der hoͤchſten Aufmerkſamkeit zu erwaͤgen, was zu thun oder zu vermeiden iſt. Ein Koͤnig von Aethio⸗ pien befolgte dieſen weiſen Grundſatz in einer eben ſo bedenklichen Lage, als die, worin deine Majeſtaͤt ſich befindet. Geſchichte des alten Koͤnigs von Aethiopien und ſeiner drei Sohne. Sechshundert und acht und ſechzigſter Tag. Diefer Koͤnig wollte in einem Alter von hundert und zwanzig Jahren die Herrſchaft niederlegen und eine ruhmreiche Regierung durch die Wahl eines wuͤrdigen Nachfolgers beſchließen. Er hatte drei Soͤhne von drei verſchiedenen Frauen, die alle drei noch lebten. Jede derſelben ſprach fuͤr ihren Sohn, dergeſtalt, daß der Koͤnig, der ein eben ſo guter Gatte, als guter Vater Der Aethiopiſche Koͤnig und ſeine drei Soͤhne. 267 war, in der peinlichſten Unentſchloſſenheit ſchwebte, welche man ſich nur denken kann. „Was ſoll ich beſchließen?“ ſprach er bei ſich ſel⸗ ber:„die Geſetze ſprechen fuͤr den erſtgeborenen; meine Lieblingsſultaninn fuͤr den zweiten, und ich ſelber bin dem juͤngſten vor allen geneigt. O allzu liebenswuͤr⸗ dige Sultaninn! ich habe die Wirkungen deiner ſuͤßen und ſchmeichleriſchen Blicke erfahren! O ſchwache Na⸗ tur! du weicheſt meiner Liebe! Aber weder die eine, noch die andre ſoll uͤber die Geſetze ſiegen: ich will auf dem Throne ſterben, damit nach meinem Tode die Ge⸗ ſetze entſcheiden.. Aber die Geſetze werden nichts entſcheiden, ein Krieg wird ſich zwiſchen meinen Soͤh⸗ nen entzuͤnden, meine Voͤlker werden das Schlachtopfer ihres Ehrgeizes ſein, und meinen Voͤlkern bin ich alles ſchuldig. Schoͤne Sultaninn, ich muß mit dir begin⸗ nen, um mich ſelbſt dem Wohle meiner Unterthanen zu opfern. Ich uͤberlaße es ihnen ſelbſt, ſich einen Beherrſcher zu waͤhlen.“ In Folge dieſer Betrachtungen, verſammelte er ſeine Veſyre, die Großen des Reichs und das Volk. „Ich ſtehe,“ redete er zu ihnen,„mit einem Fuß auf dem Throne und mit dem andern im Grabe: aber ich wuͤnſchte, wo moͤglich, nicht mit der Krone auf dem Haupte in den Abgrund der Ewigkeit hinab zu ſteigen; ihr Gewicht belaſtet und demuͤthigt mich: hier 268 668. T a g. gebe ich ſie euch zuruͤck, waͤhlet euch nun ſelber einen Herrn.“ Da erſchien tiefe Traurigkeit auf allen Geſichtern: das Volk rief einſtimmig aus: „Es lebe, es lebe der Koͤnig! unſer Vater, unſer Freund.“ „Seid nicht ſo empfindlich,“ unterbrach ſie der Koͤnig,„ihr ſeid meine Eingeweide, ihr koͤnnt nichts erleiden, was ich nicht mit fuͤhle. Zu großer Schmerz wuͤrde mein Leben verkuͤrzen.“— Aber das Geſchrei verdoppelte ſich, und der Koͤnig konnte ſeine Thraͤnen nicht zuruͤckhalten. „Um nicht mehr daran zu denken,“ ſprach er dar⸗ auf,„was ihr verlieren muͤßt, ſo blicket auf das, was euch bleibt. Die Prinzen meine Soͤhne haben alle Ei⸗ genſchaften, welche große Maͤnner bilden: rufet denje⸗ nigen von ihnen dreien zum Koͤnige aus, der euch der wuͤrdigſte ſcheint, den Thron einzunehmen.“ Ein tiefes Schweigen folgte jetzo den Wehklagen und Seufzern. Alle Welt hub die Augen zum Thron empor: da ſah man die drei Prinzen auf den Stufen ſitzen; jeder bewunderte ſie, man konnte keinen dem andern vorziehen. Alles blieb unentſchloſſen. Endlich trat der Großveſyr hervor, und ſprach folgendermaßen: „Weiſer Koͤnig, tapferer Koͤnig, hochherziger Koͤ⸗ nig! Moͤge derjenige, der das Licht aus der Dunkelheit Der Aethiopiſche Koͤnig und ſeine drei Söhne. 269 erweckt, der das Grauen der Nacht in einen heitern lieblichen Morgen verwandelt, dich in ſeiner heiligen Obhut behalten und deine Nachkommenſchaft verewi⸗ gen! Nimm mit deiner gewohnten Huld einen Vorſchlag deines treuen Knechtes auf. Laß jeden deiner drei Soͤhne nur drei Tage herr⸗ ſchen, und darnach wollen wir entſcheiden, weil deine erhabene Majeſtaͤt es verſtattet; unſere Wahl wird be⸗ gruͤndet ſein; denn im Gluͤck und bei dem Weine gibt der Menſch ſich zu erkennen, wie er iſt. Derjenige iſt wahrhaft weiſe, den weder das eine, noch der an⸗ dre jemals verfuͤhren konnten.“ Sechsundert und neun und ſechzigſter Tag. Dieſer Rath des Großveſyrs wurde angenommen, und ſiegte bei dem Koͤnige uͤber die feinſten Kunſtgriffe ſeiner drei Frauen, welche dadurch ihre dringenden Verwendungen vereitelt und ihre Entwuͤrfe durchkreuzt ſahen. Der aͤlteſte Prinz wurde zuerſt mit dem königlichen Purpur bekleidet und nahm das Scepter in die Hand. Seine Mutter empfahl ihm Herablaßung und Freige⸗ bigkeit, nicht an der Staatseinrichtung zu ruͤhren, und den Schuldigen zu verzeihen:„dadurch,“ ſprach ſie, 270 669, Tag. „wirſt du jedermann fuͤr dich gewinnen, den Koͤnig, die Großen und das Volk.“ 1 Belehrungen nach ſolchen Grundſaͤtzen ſchienen ei⸗ nen gluͤcklichen Erfolg zu verheißen. Der Prinz be⸗ folgte ſie genau: aber man mistraute einem Betragen, welches nur angenommen erſchien. Als die drei Tage ſeiner Herrſchaft verfloſſen wa⸗ ren, beſtieg der zweite Prinz den Thron. Seine Mut⸗ ter gab ihm ganz entgegengeſetzte Lehren: „Setze deine Veſyre ab, jage die Geſetzgelehrten weg, und erhebe ehrgeizige Maͤnner zu den hoͤchſten Wuͤrnden, welche dir, um ſich in ihren Aemtern zu er⸗ halten, die Nachfolge zu erkennen werden; wenn du dich ſo erſt auf dem Throne recht befeſtigt haſt, dann rufen wir die Veſyre und Geſetzgelehrten wieder zuruͤck, und die Reichthuͤmer, welche deine ehrſuͤchtigen Beam⸗ ten zuſammen gerafft haben, werden dazu dienen, dir das Vertrauen der Abgeſetzten wieder zu gewinnen und ihren Eifer neu zu beleben.“ Auch dieſer Rath wurde befolgt: aber das Volk fuͤrchtete alles von einem Prinzen, der nach der Krone trachtete, und ſich ſo wenig darum kuͤmmerte, ſie zu verdienen. Jetzo kam die Reihe an den dritten Sohn des Kd⸗ nigs, und er uͤbernahm die Herrſchaft, wollte aber kei⸗ nen Rath von ſeiner Mutter. Oer Aethiopiſche Koͤnig und ſeine drei Soͤhne. 271 „Ein Arabiſcher Derwiſch,“ ſprach er zur Ver⸗ wunderung aller, die es hoͤrten,„hat ſehr weiſe in Betreff der Frauen geſchrieben, daß Gott fuͤr ſie ein beſonderes Paradies bereitet hat, weil, wenn ſie in das Paradies der Maͤnner eingingen, ſie daraus eine Hoͤlle machen wuͤrden. Ich verehre meine Mutter unendlich, ich halte ſelbſt ihre Weiſungen fuͤr ſehr gut: aber es ſind die Geſetze, welchen ich folgen will; und wo es Dunkelheiten darin gibt, da werden unſere weiſen Veſyre und Schriftgelehrten, welche ich in ihre Aemter wieder einſetze, mich unterſtuͤtzen, ſie zu erklaͤren.“ Nachdem er den erſten Tag und einen Theil des zweiten dazu angewendet hatte, ſeinen Voͤlkern gute Richter, den Soldaten alte erfahrene Hauptleute zu ge⸗ ben, ſchickte der Koͤnig ſein Vater die Schriftgelehrten zu ihm, um ihn oͤffentlich zu pruͤfen, ob er die Geſetze und die Regierungskunſt verſtuͤnde. Die Schriftgelehr⸗ ten begannen damit, ihm allerlei Fragen vorzulegen. Der eine fragte ihn: „Welche Leute ſind dem Koͤnige unentbehrlich um ſeine Perſon?“ „Acht Arten,“ antwortete der Prinz:„ein weiſer Veſyr; ein großer Feldherr; ein geſchickter Kanzler, der vollkommen Tuͤrkiſch, Arabiſch und Aethiopiſch ſchreiben kann; ein in der Naturkunde und Heilkunde vollkommen erfahrener Arzt; Schriftgelehrte, die ihn in den Geſetzen gruͤndlich unterrichten; erleuchtete Derwiſche, um 272 669. Ta g. ihm die Dunkelheiten ſeiner Glaubenslehre auszulegen; und geſchickte Tonkuͤnſtler, um durch die Lieblichkeit ih⸗ rer Stimmen und der Harmonie ihrer Inſtrumente ſei⸗ nen von den Staatsgeſchaͤften zerſtreuten Geiſt wieder zu ſammeln.“ „Prinz, womit vergleichſt du einen Koͤnig, ſeine Bey's,*) ſein Reich und ſeine Feinde?“ „Ein Reich,“ antwortete der Prinz,„gleicht einer Weide, der Koͤnig dem Hirten, die Unterthanen den Schaafen, ſeine Bey's den Hirtenhunden, und ſeine Feinde den Woͤlfen.“ Der alte Koͤnig von Aethiopien brach vor Ent⸗ zuͤcken uͤber die Antworten ſeines jungen Prinzen in Freudenthraͤnen aus, und ſagte bei ſich ſelber: „Mein dritter Sohn iſt der weiſeſte und des Throns am wuͤrdigſten. Aber bevor ich meine Meinung kund thue, will ich die meiner Voͤlker erforſchen.“ Er ließ nun alle Einwohner der Stadt entbieten, ſich den naͤchſten Morgen draußen auf dem Felde ein⸗ zuſinden. Hier erſchien er ſelber auf einem ſtolzen Roſſe, in Begleitung ſeiner drei Soͤhne und ſeines Hof⸗ ſtaates; und als er ſich in der Mitte ſeines Volks be⸗ fand, hub er alſo an zu reden: „O meine Mitbuͤrger! meine Verwandte! meine Unterthanen! Achtet nicht auf das, was ich heute *). Herren, Barone, Grafen ꝛc. des Reichs. Der Aethiopiſche Koͤnig und ſeine drei Soͤhne. 273 noch bin: niemand iſt geringer vor Gott, als ich. Wie viele ſind unter euch, die Morgen, das heißt, am Tage des juͤngſten Gerichts, an welchen wir alle glauben, im Beſitze hoher Wuͤrden im Himmel, zu mir ſagen werden, indem ſie meine Kleider zerreißen: „Ha! du Wuͤthrich, was haſt du uns waͤhrend deiner langen und verhaßten Regierung alles leiden laßen!“ Anſtalt auf eure Vorwuͤrfe zu antworten, werde ich ſchaamvoll verſtummen, und nicht wagen, eure er⸗ zuͤrnten Blicke auszuhalten.“ Mit dieſen Worten zog der gute Koͤnig ſein Schweiß⸗ tuch heraus und bedeckte ſich damit das Geſicht, indem er heiße Thraͤnen vergoß. Seine Soͤhne und ſeine Hofleute weinten mit ihm, und die ganze Volksmenge, von Wehmuth und Miileiden durchdrungen, erfuͤllte die Luft mit Geſchrei und Geheul. Sechshundert und ſiebzigſter Tag. Endlich trocknete der alte Koͤnig ſeine Thraͤnen, und fuhr alſo fort: 4 „O meine Freunde! ich ſtehe im Begriff, dieſe Welt zu verlaßen und den Palaſt der Ewigkeit zu be⸗ treten. Ich beſchwoͤre euch, mein Gewiſſen von den X. 18 274 670o. Tag. Vorwuͤrfen zu entlaſten, welche ihr mir machen koͤnn⸗ tet, damit ich von den Engeln Munkir und Nekir*) nicht in meinem Grabe noch Pein erleide, ſondern ſie mich verlaßen und mir eine Huri bis zum Tage des juͤngſten Gerichts zugeſellen. Zugleich erwaͤhlet nun⸗ mehr denjenigen meiner drei Soͤhne zu meinem Nach⸗ folger, der euch am beßten gefaͤllt.“ Alles Volk rief:„Moͤgen die Tage des Koͤnigs ſo lange dauern, als die Welt! wir haben ihm keinen Vorwurf zu machen; moͤge er auch Gott wohlgefallen! Unter ſeinen Soͤhnen mag der Koͤnig ſelber denjenigen auf den Thron ſetzen, der ihm beliebt, wir bieten die Hand dazu: wenn er uns jedoch durchaus befiehlt, zu ſagen, welchen wir fuͤr den wuͤrdigſten erkennen, ſeine Stelle einzunehmen, ſo verhehlen wir nicht, es iſt der juͤngſte von den dreien.“ Nach dieſer Erklaͤrung, kehrte der Koͤnig nach der Stadt zuruͤck, ging in ſeinen Palaſt, und ertheilte alle noͤthigen Befehle zur Kroͤnung des dritten Prinzen. Gleichwohl wollte er noch einmal deſſen Wuͤrdigkeit *) Dieſe beiden Engel befragen, nach der Vorſtellung der Mahome⸗ daner, die Todten über ihren Gott, ihren Propheten, ihren Glauben und ihre Sitten. Antwortet der Todte gut, und hat er gut gelebt, ſo geben ihm die Engel eine Huri, d. h. eine Jungfrau des Paradieſes, zur Geſellſchaft bis zum Tage des jüngſten Ge⸗ richts. Der Aethiopiſche Koͤnig und ſeine drei Soͤhne. 275 pruͤfen, er ließ deshalb drei Miſſethaͤter vorfuͤhren, und ſprach zu ihm: „Prinz, richte uͤber dieſe drei Maͤnner und ver⸗ urtheile ſie nach den Geſetzen.“ 1 Es war ein Naͤuber, ein Moͤrder und ein Ehe⸗ brecher. Der Prinz hoͤrte die Ausſagen der Anklaͤger an, und ſprach: „Das Verbrechen hat verſchiedene Stufen, welche mehr oder minder Strenge erfordern; ein ausgelaſſener oder hinzugefuͤgter Umſtand erſchwert oder verringert es. Dieſer Raͤuber hat einem Schatzmeiſter eine Truhe voll Gold geſtohlen, und gleichwohl verdient er nicht, daß ihm die Hand abgehauen werde, wie ein andrer der nur zehn Drachmen geſtohlen haͤtte. Der Grund hievon iſt, daß die Truhe nicht mit dem Stempel des Koͤnigs bezeichnet iſt, ſo wie die Drachmen damit ge⸗ praͤgt ſind. Haͤtte er aber die Truhe geoffnet und das Geld heraus genommen, ſo muͤßte ihm die Hand ab⸗ gehauen werden. Dieſe Entſcheidung iſt vom großen Propheten Mahomed ſelber.“ Mit demſelben Scharfſinne richtete der Prinz den Moͤrder.„Es iſt ein großer Unterſchied,“ ſprach er, „zwiſchen einem beabſichtigten und einem vollzogenen Verbrechen. Dieſer Menſch hier hat in der Nacht ſei⸗ nem Vater aufgelauert, um ihn zu ermorden: aber es hat ihn gereuet, und er hat ſeinen Vater nicht getoͤd⸗ tet, obſchon es in ſeiner Gewalt ſtand. Ich ſpreche 276 670. Tag. ihn frei; denn ein beabſichtigtes Verbrechen, welches nicht vollzogen worden, weil man davon abgeſtanden, verdient Verzeihung. Die Anklaͤger haͤtten mir dieſen Menſchen nicht als einen Moͤrder vorfuͤhren ſollen; ſie haͤtten vielmehr ſagen muͤßen, daß er einen boͤſen Vorſatz gehabt, nicht aber, daß er eine Miſſethat be⸗ gangen.“ Sodann unterſuchte er die Sache des dritten Ge⸗ fangenen, und ſprach folgendermaßen: „Zum Beweiſe des Ehebruchs werden vier Zeugen erfordert, welche ausſagen, daß ſie es ganz genau ge⸗ ſehen, und zwar, daß ſie es zufaͤllig geſehen, weil, wenn ſie zwei Leute belauert haben, um ſie zu ertap⸗ pen, ſie ſelber ſtraffaͤllig ſind, laut dieſer Worte des Propheten:„Gott verflucht den, der belauſcht, und den der ſich belauſchen laͤßt.“ Ihr ſeid nun vier ſolche Anklaͤger, welche fuͤr ihre verbrecheriſche Neugier die gegen die von euch ertappten Ehebrecher feſtgeſetzte Strafe verdienen. Sprechet ſelber ihr und euer Urtheil.“ Alle baten hierauf um Gnade. „Ich verzeihe euch,“ ſetzte der Prinz hinzu:„mer⸗ ket euch, wie ſchwierig es iſt, den Ehebruch zu be⸗ weiſen.“ „Jetzo nahm der alte Koͤnig von Aethiopien den jungen Prinzen bei der Hand, ließ ihn den Thron be⸗ ſteigen, und ſprach zu ihm: Die vierzig Veſyre. 277 „O mein Sohn, nimm meine Stelle ein, welche ich dir mit Freuden einraͤume, du biſt wuͤrdig, zu herrſchen.“ Alsbald rief alles Volk dieſen Prinzen zum Koͤnig aus, der es ſo ſehr zu ſein verdiente, und alle Großen wuͤnſchten ihm Gluͤck zu ſeiner Thronfolge, und baten Gott, ſeine Herrſchaft zu ſegnen. —— Sechshundert und ein und ſiebzigſter Tag. Du erſiehſt aus dieſer Geſchichte, fuhr der ſechste Veſyr des Koͤnigs Hafikin fort,„wie ſchwierig es iſt, uͤber den Ehebruch zu richten: gleichwohl will deine Majeſtaͤt auf eine einfache Anklage dem Prinzen Nur⸗ gehan das Leben rauben, der ein lebendiges Ebenbild des Aethiopiſchen Königsſohns iſt. Anſtatt ihn, auf die leichtſinnige Ausſage eines Weibes, hinrichten zu laßen, ſollteſt du ihm lieber verzeihen, ſelbſt wenn du unwiderſprechliche Beweiſe ſeines Verbrechens haͤtteſt, weil, nach einem Spruche des Korans, der fuͤr uns Gottes Wort iſt, diejenigen, die ihre Heftigkeit zuͤgeln, wenn es in ihrer Gewalt ſteht, ſich zu raͤchen, wohl verdienen, daß Gottes Zorn gegen ſie ſelber ſich beſaͤnftige.„Wohl dem Manne,“ ſpricht Mahomed, 278 671. Tag. „der ſeinem Zorne Zaum und Gebiß anlegt, und der ſeinem Feinde verzeihet, welchen er verderben kann. Am Tage des Weltgerichts wird er mitten durch alle Auferſtandenen eine Stimme vernehmen, die zu ihm ſpricht:„O mein Diener! weil du ſo gut deine Lei⸗ denſchaften zu baͤndigen wußteſt, ſo magſt du dir un⸗ ter allen dieſen Huri's diejenige auswaͤhlen, welche dir am meiſten gefaͤllt, ich gebe ſie dir zum Lohne.“ Man ſagt noch, o Herr,“ beſchloß der Veſyr ſeine Rede,„daß an dieſem ſelben Tage ein Herold ausrufen wird:„Nie⸗ mand erhebe ſich, als wer ſeinen Feinden verziehen hat!“ Der Koͤnig von Perſien war durch dieſe Rede in⸗ nig bewegt, und beſchloß, den Tod des Prinzen ſeines Sohnes noch aufzuſchieben. Nach der Rathsverſammlung erluſtigte er ſich mit der Jagd, und als er am Abend heim kam, ſpeiſte er mit der Koͤniginn ſeiner Gemahlinn, welche ihm abermals Vorwuͤrfe machte, daß er dem Prinzen noch nicht habe den Kopf abſchlagen laßen. „Meine Liebe,“ erwiederte ihr Haͤfikin,„einer von meinen Veſyren hat mir eine Geſchichte erzaͤhlt, nach welcher ich fuͤrchte, den Zorn des Himmels gegen mich zu reizen, wenn ich meinen Sohn toͤdten laße.“ Die vierzig Veſyre. 279 „Herr,“ antwortete die Sultaninn,„du haͤltſt deine Veſyre fuͤr große Lichter, du laͤßt dich von ihrer falſchen Beredtſamkeit blenden. Du befindeſt dich gegen ſie in dem⸗ ſelben Irrthume, wie ein muſelmaͤnniſcher Koͤnig gegen einen Schriftgelehrten ſeines Hofes. Vernimm ſeine Geſchichte. Geſchichte des Königs Togrul⸗Bey und ſeiner Soͤhne. Sechshundert und zwei und ſiebzigſter Tag. Als Togrul⸗Bey, Laſt der Jahre gebeugt, beſchloſſen hatte, ſein Reich ſeinen drei Soͤhnen zu uͤberlaßen, zog er mit ihnen einen beruͤhmten Santon ³) zu Rathe, der ſich in eine Hoͤhle in der Naͤhe der Hauptſtadt zuruͤckgezo⸗ gen hatte. „Mann Gottes,“ ſprach er zu ihm,„gib dieſen drei Prinzen, welche nach mir den Thron beſteigen ſol⸗ len, deinen Segen un ſolche Vorſchriften, wonach Sultan von Karism, von der *) Eine Art mahomedaniſcher Propheten. Togrul⸗Bey und ſeine Söhne. 281 ſie mit Ruhm herrſchen und ihre Voͤlker begluͤcken werden.“ Der Santon, nachdem er eine Viertelſtunde in Gebet und Betrachtung verharret, ſagte zu dem Sul⸗ tan: „Ich kenne die drei Prinzen deine Soͤhne und weiß ihre Gemuͤthsart; demnach ertheile ich ihnen fol⸗ gende Vorſchriften: Du, Herr,“ ſprach er zu dem aͤlteſten,„baue in jeder Stadt deines Reichs einen Palaſt, und zwar von Marmor und Eiſen, ſchmuͤcke ihn ſogar mit Zieraten von Gold und Diamanten; und du wirſt fuͤr den gluͤck⸗ lichſten und ruhmreichſten aller Sultane geachtet werden.“ Zu dem zweiten Prinzen ſagte er: „Du heirathe taͤglich eine Jungfrau, und behalt ſie dann in deinem Harem; aber laß keinen Tag ohne dieſe Luſt voruͤber gehen, und du wirſt der gluͤcklichſte und freudenreichſte Sultan auf Erden ſein.. Was dich betrifft,“ ſagte er endlich zu dem drit⸗ ten,„ſo iß durchaus keine andere Speiſen, als ſolche, die mit Milch, Butter und Honig zugerichtet ſind: ſo wirſt du dich vollkommener Geſundheit erfreuen, und deine Unterthanen werden dich ſegnen.“ Togrul⸗Bey und ſeine Soͤhne waren hoͤchlich ver⸗ wundert uͤber dieſe Vorſchriften: aber der Santon ſtand in ſo hohem Rufe der Heiligkeit, daß man nicht umhin konnte, ihm zu gehorchen. Die drei Prinzen befolgten 282 672. Tag. demnach ſeine Weiſungen, um ſo leichter, als bald darauf durch den Tod ihres Vaters das Reich Karism in ihre Gewalt kam. Der aͤlteſte Sultan ließ in allen Staͤdten ſeines Reiches praͤchtige Palaͤſte bauen: aber dieß konnte nicht geſchehen, ohne ſeine Voͤlker zu druͤcken und mit Auflagen zu uͤberladen, und er war dadurch weder gluͤcklicher, noch ruhmreicher, weil man ſeine uͤbel angewandte Pracht und ſeine Wuth verſpottete, ſich uͤberall Denkmaͤler uͤber ſeinen Reichthum und uͤber ſeine Kraͤfte hinaus zu errichten. Der zweite Sultan, der jung und lebhaft war, befolgte ebenfalls die Lehre des Santons, anfangs mit großem Vergnuͤgen, bald mit Unluſt, endlich mit Wi⸗ derwillen; und nach Verlauf von zwei Jahren ſah er ſich von mehr als ſiebenhundert Sultaninnen und einer großen Menge Kinder umgeben, welche ihn mehr be⸗ laͤſtigten, als vergnuͤgten. Der dritte Sultan verleidete ſich bald nicht min⸗ der die weichlichen Gerichte, auf welche er ſich be⸗ ſchraͤnken mußte: ihn geluͤſtete nach Salz, Pfeffer und Ingwer, er wagte jedoch nicht, aus Ehrfurcht vor dem Santon, dergleichen zu genießen. Endlich war durch dieſe unſchmackhaften Nahrungsmittel ſein Magen ſo geſchwaͤcht, daß ſeine Geſundheit darunter litt. Die drei Prinzen erkannten nun, daß die Vor⸗ ſchriften des frommen Mannes ihnen durchaus nicht Togrul⸗Bey und ſeine Soͤhne. 283 frommten; ſie begaben ſich alſo nach der Hoͤhle des Santons, und trugen ihm ihre Klagen vor. „Prinzen,“ antwortete ihnen der Santon,„ihr ſeid ſelber Schuld, wenn ihr euch bei meinen Vorſchrif⸗ ten ſo uͤbel befunden habt. Als ich euch dieſelben er⸗ theilte, war meine Abſicht nicht, daß ihr dieſelben ſo buchſtaͤblich befolgen ſolltet. Ihr habt die wahre Be⸗ deutung derſelben nicht verſtanden. Ich will ſie euch jetzt auslegen: aber zuvor muß ich euch eine Geſchichte erzaͤhlen, welche mit der eurigen in gewiſſer Beziehung ſteht. Geſchichte von einem Moͤnch und einem Muſelmann. Sechshundert und drei und ſiebzigſter Tag. Ein muſelmaͤnniſcher Koͤnig ſchickte ſeine Beamten hin, den Karadſch*) von den Chriſten einer Provinz ein⸗ zufordern. Die Chriſten verſammelten ſogleich ihre Mönche, und befragten ſie, was unter dieſen Umſtaͤn⸗ den zu thun waͤre. Unter ihnen befand ſich ein vor⸗ nehmer Geiſtlicher, welcher folgendermaßen zu ihnen ſprach: *) Abgabe, Steuer. Der Moͤnch und der Muſelmann. 285 „Sendet mich an den Hof des Koͤnigs, ihm ei⸗ nen Vorſchlag zu machen: ich will ihm ſagen, daß wir bereit ſind, die Steuer zu bezahlen, wenn ſeine Veſyre eine Frage beantworten, welche ich ihnen vorlege.“ Die Chriſten ſtimmten alle dieſem Vorſchlage bei, und der Geiſtliche reiſte mit einer vollen Börſe, worin die Steuer enthalten war, und mit einigen Geſchenken der Chriſten fuͤr den Sultan, nach Hofe. 2 Sechshundert und vier und ſiebzigſter Tag. Als er vorgelaßen wurde, uͤberreichte er dem Fuͤr⸗ ſten ſehr ehrerbietig die Geſchenke ſeines Landes, und ſprach zu ihm: „Herr, wir ſind bereit, deiner Majeſtaͤt den Ka⸗ radſch zu entrichten, wenn du ſelber, oder deine Veſyre und Schriftgelehrten eine Frage beantworten, welche ich vorlegen werde: wenn aber niemand dieſelbe beant⸗ wortet, ſo wirſt du vergoͤnnen, daß ich ohne Zahlung heim kehre.“ „Ich bin es zufrieden,“ antwortete der Koͤnig, „denn ich habe ſehr gelehrte Maͤnner an meinem Hofe, und deine Frage muͤßte gar ſchwierig ſein, wenn keiner von ihnen ſie zu beantworten wuͤßte.“ Der Koͤnig berief alsbald alle ſeine Veſyre und Schriftgelehrten, und ſprach zu dem Moͤnche: 4 286 6743. Tag. „Chriſt, jetzo thu deine Frage.“ Hierauf hub der Moͤnch die fuͤnf Finger ſeiner Rechten empor, hielt den Verſammelten ſeine flache He vor, ſenkte dann dieſelben Finger zur Erde, und agte:. „Rathet, was dieſe Gebaͤrde bedeute; das iſt meine Frage.“ „Was mich betrifft,“ antwortete der Koͤnig,„ſo verzichte ich darauf; ich bekenne, daß ich ſie nicht ver⸗ ehe, und fuͤrwahr ſie ſcheint mir nicht leicht zu er⸗ rathen.“ Alle Veſyre und Gelehrten dachten nun daruͤber nach; aber ſie mochten noch ſo viel in ihrem Ge⸗ daͤchtniſſe die Auslegungen des Korans, ſo wie die Sunna*) durchlaufen, ſie fanden auf die Frage keine Antwort. Alle ſtanden noch im beſchaͤmenden Stillſchweigen da, als einer von ihnen, unwillig, ſo viele große Män⸗ ner von einem Unglaͤubigen in Verwirrung geſetzt zu ſehen, hervor trat, und zu dem Koͤnige ſprach: eine ſolche Kleinigkeit hier zu verſammeln. Der Moͤnch wiederhole ſeine Frage gegen mich, und ich will ſie beantworten.“ *) Die Sunna enthält Mahomeds Worte aus mündlicher Ueberlle⸗ ferung, neben dem Koran. „Herr, es war nicht noͤthig, ſo viel Leute, um Der Moͤnch und der Muſelmann. 287 Hierauf ſtreckte ihm der Moͤnch ſeine offene Hand hin mit aufgerichteten Fingern; und ſogleich zeigte der gelehrte Muſelmann ihm ſeine rechte Fauſt. Als der Moͤnch dann ſeine Finger wieder zur Erde ſenkte, oͤff⸗ nete dagegen der Muſelmann ſeine Hand wieder und ſtreckte die Finger in die Hoͤhe. Der Moͤnch war mit dieſer Antwort des Muſelmanns zufrieden, zog den Beutel mit der Steuer unter ſeinem Kleide hervor, uͤber⸗ gab ſie dem Koͤnig und ging weg. Der Koͤnig war neugierig zu wiſſen, was alle dieſe Gebaͤrden der Hand bedeuteten, und fragte des⸗ halb ſeinen Gelehrten. Dieſer antwortete: „O Koͤnig, als der Moͤnch mir die offene Hand vorhielt, wollte er damit ſagen: „Ich werde dir eine Ohrfeige geben.“ Da ballte ich ſogleich meine Fauſt, um ihm zu verſtehen zu ge⸗ ben, daß, wenn er mir eine Ohrfeige gaͤbe, er von mir einen Fauſtſchlag empfangen wuͤrde. Als er dar⸗ auf die Hand ſenkte und die Fingerſpitzen gegen den Boden ſtreckte, bedeutete dieſes:„Wohlan! wenn du mir einen Fauſtſchlag gibſt, ſo werde ich dich zu mei⸗ nen Fuͤſſen hinſtrecken, und dich wie einen Wurm zer⸗ malmen.“ Alsbald hub ich meine Finger empor, um ihm zu antworten: wenn er das thaͤte, ſo wuͤrde ich ihn ſo hoch in die Luft ſchleudern, daß die Voͤgel ihn freſſen wuͤrden, bevor er wieder zur Erde kaͤme.— Auf ſolche Weiſe, Herr,“ fuͤgte der Gelehrte hinzu, 288 674. Tag. „haben wir uns beide, der Moͤnch und ich, gar wohl verſtanden.“ Kaum hatte er ausgeredet, als ſich in der ganzen Verſammlung lauter Beifall vernehmen ließ; alle Veſyre bewunderten ſeinen Scharfſinn, und alle Schriftgelehrten bekannten, trotz dem Aerger, daß ſie ſelber nicht die Gebaͤrden des Möoͤnchs verſtanden hatten, laut die Ue⸗ berlegenheit ihres Genoſſen an. Der Koͤnig ſelber war noch mehr daruͤber erfreuet; er konnte lange nicht von ſeiner Ueberraſchung wieder zu ſich kommen, und be⸗ trachtete den Gelehrten als einen unvergleichlichen Mann. Er begnügte ſich nicht, ihm große Lobeserhe⸗ bungen zu machen, er oͤffnete auch den Beutel, wel⸗ chen der Moͤnch dargebracht hatte, nahm fuͤnfhundert Goldſtuͤcke heraus, und uͤbergab ſie ihm, mit den Worten: „Da, nimm, Doctor! weil du bewirkt haſt, daß die Chriſten mir den Karadſch entrichtet haben, ſo iſt billig, daß ich dir dafuͤr meine Erkenntlichkeit bezeige.“ Darnach ging der Sultan, noch ganz voll von dieſem Abenteuer, zu der Koͤniginn ſeiner Gemahlinn, und erzaͤhlte es ihr. Dieſe Fuͤrſtinn, die viel Verſtand und Scharfſinn beſaß, hörte den Koͤnig ihren Gemahl mit großer Aufmerkſamkeit an; ſobald er aber ſeine Erzaͤhlung beendigt hatte, fing ſie ſo heftig an zu la⸗ chen, daß ſie ſich die Seiten halten mußte und auf ein Sopha niederſank. Der Möoͤnch und der Muſelmann. 289 „Ich dachte wohl, meine Liebe,“ ſagte der König zu ihr,„daß du die Sache ſehr luſtig finden wuͤrdeſt.“ „Ja, das luſtigſte dabei iſt,“ verſetzte die Koͤniginn, „daß dein Doctor dich zum beßten gehabt hat.“ „Das iſt nicht moͤglich,“ erwiederte der Koͤnig. „Schicke auf der Stelle hin und laß den Moͤnch her holen,“ fuhr die Koͤniginn fort,„mehr will ich jetzo nicht daruͤber ſagen.“ Der Konig befahl ſogleich einem ſeiner Beamten, in der Stadt nachzuforſchen, ob der Moͤnch noch da waͤre. Man fand ihn im Begriff heim zu gehen, und fuͤhrte ihn vor den Koͤnig und die Koͤniginn. „Chriſt,“ ſprach die Fuͤrſtinn zu ihm,„unſer Ge⸗ lehrter hat zwar den Sinn deines Raͤthſels errathen: aber wir wuͤnſchten wohl, daß du ſelber es uns noch erklaͤrteſt.“— „O Koͤniginn,“ ſagte der Moͤnch:„als ich meine fuͤnf Finger aufhub, bedeutete das:„ſind die fuͤnf Ge⸗ bete, welche ihr Muſelmaͤnner verrichtet, aus Gottes Gebot?“ Da zeigte mir euer Doctor die Fauſt, und wollte damit ſagen:„Ja, das ſind ſie, und ich bin bereit, es zu behaupten.“ Als ich darauf meine Fin⸗ ger wieder ſenkte, fragte ich ihn:„Woher koͤmmt es, daß der Regen auf die Erde faͤllt?“ Und er antwor⸗ tete mir ſehr treffend durch Aufheben ſeiner Finger: es regne, damit das Gras aufſprieße und alle Fruͤchte der X. 19 29⁰ 674. Ta g. Erde gedeihen. Auch findet ſich dieſe Antwort in euren Buͤchern.“ Als der Moͤnch, nach dieſer Erzaͤhlung, ſich ent⸗ fernt hatte, brach die Koͤniginn abermals in lautes Gelaͤchter aus; und der Koͤnig, der nun wohl erkannte, daß ſie nicht ohne Grund lachte, gelobte, fortan ſeinen Schriftgelehrten zu mistrauen, um nicht mehr von nen hinters Licht gefuͤhrt zu werden. Togrul⸗Bey und ſeine Sohne. 291 Beſchluß der Geſchichte von Togrul-Bey und ſeinen drei Soͤhnen. Sechshundert und fuͤnf und ſiebzigſter Tag. Ebenſo, meine Prinzen,“ beſchloß der Santon ſeine Rede zu den drei Soͤhnen Togrul⸗Bey's,„habt ihr meine bedeutſamen Worte misverſtanden.“ Auf die Bitte der Prinzen, ihnen das Verſtaͤndnis zu eroͤffnen, fuhr er fort: „So hoͤret denn: als ich dir rieth,“ ſagte er zu dem aͤlteſten,„in jeder Stadt deines Koͤnigreichs einen Palaſt zu bauen, wollte ich dir dadurch zu verſtehen geben, daß man ſich in jeder Stadt die Freundſchaft eines maͤchtigen Mannes erwerben muͤße, deſſen Haus im widerwaͤrtigen Gluͤcke eine Zuflucht gewaͤhren koͤnnte. Als ich den zweiten Prinzen hieß, taͤglich eine Jung⸗ frau zu heirathen, ſo meinte ich das: 3 292 675. Tag. Lege dich keine Nacht nieder ohne das Bewußtſein, am Tage ein gutes Werk gethan zu haben; weil einer unſerer Dichter das Vergnuͤgen einer ſolchen guten Hand⸗ lung mit der Heirath einer Jungfrau vergleicht. Endlich, als ich dem dritten Prinzen empfahl, Honig und Butter in alle ſeine Speiſen zu thun, be⸗ deutete das:„ſei leutſelig und freundlich; ſprich mit je⸗ dermann ſo liebreich, daß man deine Guͤte uͤberall preiſe. Wenn ihr mich nun nicht gleich recht ver⸗ ſtanden habt, ſo iſt doch jetzo noch Zeit, meine Lehren zu befolgen.“ Die vierzig Veſyre. 295 Sechshundert und ſechs und ſiebzigſter Tag. Dieſe Geſchichte, Herr,“ fuhr die Sultaninn von Perſien fort,„muß dich behutſam machen vor der taͤu⸗ ſchenden Beredtſamkeit deiner Veſyre. Laß ihre Maͤhr⸗ lein nicht laͤnger den Raͤcherarm zuruͤck halten, welchen meine Vorſicht und der warme Antheil, welchen ich an deinem Leben nehme, gegen einen nur zu ſtrafbaren Sohn bewaffnet hat.“ Die boshafte Fuͤrſtinn fuͤgte dieſen Worten noch ſo viele andere voll Argliſt bei, daß der Koͤnig ſich da⸗ von einnehmen ließ. Er verſprach ihr abermals, daß der naͤchſte Tag der letzte des Prinzen ſein ſolle. Aber am folgenden Morgen, als er nach aufgeho⸗ bener Reichsverſammlung dem Scharfrichter befahl, den Prinzen Nurgehan vorzufuͤhren, trat der ſiebente Veſyr an die Stufen des Throns, und flehte den Koͤnig an, ihm noch fuͤr dieſen Tag das Leben des Prinzen zu gewaͤhren. „Aber wenn ich deinen Bitten nachgebe, Veſyr,“ erwiederte ihm Hafikin,„ſo wird die Sultaninn mir ſo⸗ gleich von neuem Vorwuͤrfe machen.“ „Ach, Herr!“ verſetzte der Miniſter,„iſt es moͤg⸗ lich, daß dir die Glaubwuͤrdigkeit der Fuͤrſtinn nicht verdaͤchtig wird? Wollte Gott, daß ihre Liebe zu dir 29S 676. Ta g. eben ſo aufrichtig waͤre, als du dir einbildeſt! Aber die Weiber koͤnnen ſich ſehr verſtellen. Unſere Schrift⸗ ſteller erzaͤhlen nur von ihren Treuloſigkeiten. Wenn deine Majeſtaͤt es mir verſtattet, ſo will ich dir eine Geſchichte erzaͤhlen, welche dir beweiſen wird, daß die Maͤnner, die auf ihre Treue bauen, ſehr unklug ſind. „Ich bin geneigt, dich anzuhoͤren,“ ſagte Hafikin. Sogleich begann der Veſyr folgendermaßen.*) Am achten Morgen, als der Koͤnig auf ſeinem Throne ſaß, befahl er abermals, den Prinzen zur Hin⸗ richtung vorzufuͤhren. Aber der achte Veſyr trat her⸗ vor und ſprach alſo: „O Beherrſcher der Welt! ſiehe wohl zu, was du thun willſt. Wenn du ein langes Leben, und eine gluͤckliche Regierung wuͤnſcheſt, ſo verſchmaͤhe nicht die warnende Stimme deiner getreuen Veſyre. Laß den Prinzen nicht toͤdten, der das Herz deines Herzens iſt, damit du dich nicht einer allzu ſpaͤten Reue ausſetzeſt. Es koͤnnte dich ſogar das Leben koſten. Die Frau, welche dir einen ſo unmenſchlichen Rath gibt, wird ſich *) Dieſe Geſchichte(vom Prinzen Maliknaſir) ſteht ſchon in 100r Nacht,(Bd. XIII., S. 42 ff.) nur abweichend in einzelen Namen und umſtänden,(z. B. von dem gefundenen Beutel, wie in 1001 Nacht, Bd. XII., S. 214.), und verflochten mit drei ande⸗ ren Geſchichten(darunter die obige von dem Schneider und ſeiner Frau.) Ebendaſelbſt(Bd. I., S. 126) findet ſich die darauf fol⸗ gende Erzählung der Königinn, von den beiden Nachteulen. Die vierzig Veſyre. 295 nicht mit dem Blute begnüͤgen, welches du jetzo ver⸗ gießen willſt, ſie muß auch noch das deinige haben, um ihre Wuth zu ſaͤttigen. Ueber kurz oder lang wird ſie dich ſelber verderben, wie der Teufel einen Santon verderbte, deſſen Geſchichte ich dir erzaͤhlen will, wenn du es mir erlaubeſt.“ Der Koͤnig bewilligte es, und der Veſyr hub al⸗ ſo an: Seſchichte des Santons Balßißa. Sechshundert und ſieben und ſiebzigſter Tag. „Es war einmal ein Santon, namens Barßißa, der ſchon hundert Jahre lang inbruͤnſtig dem Gebete oblag. Er verließ ſeine Hoͤhle faſt niemals, aus Furcht, er moͤchte in Gefahr kommen, Gott zu beleidigen. Am Tage faſtete er, des Nachts wachte er; und alle Be⸗ wohner der Gegend hatten ſo große Verehrung fuͤr ihn, und legten ſolchen Werth auf ſein Gebet, daß ſie ſich gemeinlich an ihn wandten, wenn ſie den Himmel um eine Gnade zu bitten hatten. Wenn er fuͤr die Ge⸗ ſundheit eines Kranken betete, ſo war derſelbe hald ge⸗ . Der Santon Barßißa. 297 neſen. Die Heiligkeit ſeines Lebens war ſogar durch mehrere Wunder bewaͤhrt worden. Da geſchah es, daß die Koͤnigstochter des Landes erkrankte, ohne daß die Aerzte die Urſache des Uebels entdecken konnten. Sie unterließen zwar nicht, auf gut Gluͤck, Mittel zu verordnen: aber anſtatt der Prin⸗ zeſſinn Linderung zu verſchaffen, vermehrten ſie nur ihr Uebel. Der Koͤnig war untroͤſtlich daruͤber, denn er liebte ſeine Tochter leidenſchaftlich. Eines Tages, als er ſah, daß alle menſchliche Huͤlfe vergeblich waͤre, außerte er, man muͤßte die Prinzeſſinn zu dem Santon Barßißa ſenden. Alle Großen ſtimmten dieſer Meinung bei; und die Leute des Koͤnigs fuͤhrten die Prinzeſſinn zu dem Santon. Dieſer konnte, ungeachtet des Froſtes der Jahre, ein ſo ſchoͤnes Weib, wie die Prinzeſſinn war, nicht ohne Aufregung anſehen. Er betrachtete ſie mit Luſt; und der Teufel benutzte die Gelegenheit und fluͤſterte dem Einſiedler ins Ohr: „O Santon! laß ein ſo gutes Gluͤck nicht ent⸗ ſchluͤpfen. Sage den Leuten des Koͤnigs, daß die Prin⸗ zeſſinn eine Nacht in deiner Hoͤhle zubringen muͤße: du wuͤrdeſt uͤber ſie beten und ſie, mit Gottes Huͤlfe, hei⸗ len, ſo daß man ſie morgen fruͤh wieder abholen koͤnnte.“ Wie ſchwach iſt der Menſch! der Santon folgte dem Rathe des Teufels und that, was er ihm einfluͤ⸗ 298 677. Ta g⸗ ſterte. Aber die Leute des Koͤnigs ſchickten, bevor ſie die Prinzeſſinn in der Hoͤhle ließen, einen von ihnen zu dem Koͤnige, ihn zu fragen, was ſie thun ſollten. Der Fuͤrſt, der in Barßißa vollkommenes Zutrauen ſetzte, ſtand nicht an, ihm ſeine Tochter anzuvertrauen: „Ich willige ein,“ antwortete er,„daß ſie bei dem Heiligen bleibe: er mag ſie ſo lange bei ſich behalten, als ihm gut duͤnkt; ich bin deshalb unbeſorgt.“. Als die Begleiter der Prinzeſſinn dieſe Antwort des Koͤnigs vernahmen, entfernten ſie ſich alle, und die Prinzeſſinn blieb allein bei dem Einſiedler. In der Nacht erſchien der Teufel dem Santon und ſprach zu ihm: „Wohlan! du Narr, was warteſt du noch, dir guͤtlich zu thun? Wem fiel jemals ein ſo reizendes Weib in die Haͤnde? Fuͤrchte nicht, daß ſie ſich uͤber die Gewalt beklagen wird, welche du ihr anthuſt: wenn ſie auch thoͤricht genug waͤre, ſie zu entdecken, wer wird ihr glauben? Der Hof und die Stadt, und alle Welt iſt zu ſehr fuͤr dich eingenommen, um einer ſol⸗ chen Angabe Glauben beizumeſſen. Bei der hohen Meinung, in welcher du wegen deiner Heiligkeit ſteheſt, darfſt du alles ungeſtraft thun.“ Der unſelige Barßißa war ſo ſchwach, dem Feinde des Menſchengeſchlechts zu gehorchen. Das Fleiſch ſiegte uͤber den Geiſt; er legte ſich zu der Prinzeſſinn, Der Santon Barhißa. 299 nahm ſie in ſeine Arme, und in Einem Augenblick ver⸗ gaß er ſeiner hundertjaͤhrigen Tugend. Er hatte kaum ſeine Luſt gebuͤßt, als ſchon tau⸗ ſend Gewiſſensbiſſe raͤchend in ſeiner Seele aufſtiegen und ihn zerfleiſchten. Er rief den Teufel an: „Ha, Boͤſewicht!“ ſagte er zu ihm,„du biſt es, der mich verderbt hat. Schon ein Jahrhundert lang umſchleichſt du mich und ſuchſt mich zu verfuͤhren: end⸗ lich iſt es dir gelungen!“ „O Santon!“ antwortete ihm der Teufel,„mache mir keine Vorwuͤrfe uͤber die Luſt, welche du genoſſen haſt; du kannſt noch wieder Buße dafuͤr thun: aber, was ſchlimmer fuͤr dich iſt, die Prinzeſſinn iſt ſchwan⸗ ger. Dein Verbrechen wird offenkundig, und du wirſt das Maͤhrlein derjenigen werden, die dich jetzo verehren und bewundern; und der Koͤnig wird dich ſchmaͤhlich hinrichten laßen.“ Sechshundert und acht und ſiebzigſter Tag. Barßißa erſchrack uͤber dieſe Rede.„Was ſoll ich thun,“ fragte er den Teufel,„um zu verhindern, daß dieſe That ruchtbar werde?“. „Um dein Verbrechen aller Kunde zu entziehen,“ antwortete ihm der Satan,„mußt du ein neues be⸗ gehen: toͤdte die Prinzeſſinn, verſcharre ſie in einem und alles vernommen hatte, hub er an zu weinen und 300 678. Tag. Winkel deiner Hoͤhle, und wenn morgen die Beamten des Koͤnigs kommen, ſie dir abzufordern, ſo ſage ihnen, du habeſt ſie geheilet und ſie habe ſchon ganz fruͤh morgens deine Hoͤhle verlaßen; ſie werden deinen Wor⸗ ten glauben, und ſie uͤberall auf dem Gefilde und in der Stadt ſuchen; der Koͤnig ihr Vater wird ſehr be⸗ kuͤmmert um ſie ſein, aber nach mehreren fruchtloſen Nachforſchngen, wird er zuletzt nicht weiter daran denken. Der von Gott verlaſſene Einſiedler folgte auch dieſer Anweiſung, er toͤdtete die Prinzeſſinn, verſcharrte ſie in einem Winkel ſeiner Hoͤhle, und am folgenden Morgen ſagte er ihren Leuten, was der Teufel ihm eingegeben hatte. Dieſe ermangelten nicht, die Koͤnigs⸗ tochter uͤberall aufzuſuchen, und waren in Verzweif⸗ lung, als ſie keine Spur von ihr entdecken konnten. Aber der Teufel trat zu ihnen und ſagte ihnen, daß ſie die Prinzeſſinn vergeblich ſuchten: er erzaͤhlte ihnen, was der Santon mit ihr vorgenommen, und bezeich⸗ nete ihnen den Ort, wo ſie verſcharrt waͤre. Die Leute des Koͤnigs kehrten ſogleich nach der Hoͤhle zuruͤck, ſie traten hinein, ergriffen den Einſiedler, und fanden den Leichnam der Prinzeſſinn in dem vom Teufel bezeichne⸗ ten Winkel; ſie huben ihn auf, nahmen ihn mit, und fuͤhrten den Santon nach dem Palaſt. Als der Koͤnig die Leiche ſeiner Tochter erblickte, Der Santon Barßißa.⸗ 3e1 jammerlich zu wehklagen. Darnach verſammelte er alle ſeine Geſetzkundigen, legte ihnen das Verbrechen des Santons vor, und fragte ſie, auf welche Weiſe der⸗ ſelbe beſtraft werden muͤßte. Alle erkannten einſtimmig auf den Tod, ſo daß der Koͤnig befahl, ihn zu henken. Es wurde ein Galgen errichtet, der Einſiedler beſtieg die Leiter, und als er ſchon ſollte hinab geſtoßen wer⸗ den, nahte ſich ihm der Teufel nochmals und fluͤſterte ihm zu: „O Santon! wenn du mich anbeteſt, ſo will ich dich aus dieſer Gefahr befreien und dich zweitauſend Meilen von hier in ein Land bringen, wo du von den Menſchen eben ſo geehrt werden ſollſt, wie du es vor dieſem Abenteuer hier wareſt.“ „ Ich will es gern;“ ſagte Barßißa,„befreie mich, und ich will dich anbeten.“ „Gib mir zuvor ein Zeichen der Verehrung,“ fuhr der Satan fort. Der Santon verneigte ſein Haupt vor ihm und ſprach,„ich ergebe mich dir.“ Da erhub der Teufel die Stimme und ſagte zu ihm:„O Barßißa! jetzo bin ich zufrieden: du ſtirbſt als ein Abtruͤnniger, und ich habe meinen Zweck er⸗ reicht.“ Mit dieſen Worten ſpie er ihm ins Antlitz, und verſchwand, und der unſelige Santon wurde gehenkt. 3⁰² 679. Ta g.. Sechshundert und neun und ſiebzigſter Tag. Herr,“ fuhr der achte Veſyr des Koͤnigs Hafikin fort,„die Sultaninn iſt dem Teufel zu vergleichen, oder vielmehr es iiſt der Teufel ſelber, der dieſe Fuͤr⸗ ſtinn plagt. Er bedient ſich ihrer, um dich zu einer ungerechten That zu verfuͤhren und dir Nachreue zu bereiten, welche die Ruhe deines Lebens ſtoͤren wird.“ Nachdem der Koͤnig einige Augenblicke nachgedacht hatte, bewilligte er dem achten Veſyr das Leben des Prinzen noch fuͤr dieſen Tag. Als er am Abend von der Jagd heim kam, ſprach die Sultaninn, hoͤchſt erboſt gegen ſeine Veſyre, fol⸗ gendermaßen: „Du haſt aus Gefaͤlligkeit gegen deine Veſyre den Prinzen nochmals begnadigt. O uͤber die Boͤſewichter! ich durchſchaue ihre Abſicht wohl. Eiferſuͤchtig auf das Vertrauen, welches du deiner Gattinn ſchenkeſt, Herr, ſparen ſie nichts, dich gegen ſie einzunehmen. Ich bin, wollte man ihnen Glauben beimeſſen, ein grauſames und argliſtiges Weſen; ſie dagegen wollen rechtſchaffene Maͤnner, eifrige und getreue Diener ſein, welche du nicht genug ſchaͤtzen kannſt. Gleichwohl weiß ich, daß ſie ſich dem Tode des Prinzen nur deshalb widerſetzen, weil ich ihn fordere. Nicht aus Mitleid mit ihm, oder weil ſie ihn fuͤr unſchuldig halten, ſon⸗ dern bloß, um mich fuͤhlen zu laßen, daß ihre Macht Die vierzig Veſyre. 3⁰5 groͤßer iſt, als die meine. Es ſteht ihnen auf recht an, gegen mein Anſehen in die Schranken zu treten! Sie ſind meiſt nichts anderes, als Elende, welche du aus ihrem Nichts hervor gezogen haſt. Wenn du ih⸗ rem Urſprunge nachſpuͤrteſt, wuͤrdeſt du eben ſo ver⸗ wundert ſein, wie es eines Tages Harun Al⸗Ra⸗ ſchid, der Chalyf von Bagdad, war. Ich muß dir dieſe Geſchichte erzaͤhlen...*) Am folgenden Tage warf der neunte Veſyr ſich zu den Fuͤßen des Throns nieder, bat um das Leben des Prinzen, und erzaͤhlte folgende *) Es iſt die ſchon oben erzählte von dem Propheten Elias. Geſchichte . von dem 4. Koönig Kutbeddin und der ſchonen Guͤlruch. Sechsundert und achtzigſter Tag. „Ein Koͤnig von Syrien, namens Kutbeddin, hatte einen Veſyr, der eine Frau aus Kaſchemir heirathete, und mit ihr eine Tochter von hinreißender Schoͤnheit erzeugte. Sie wurde Guͤlruch*) genannt. Der Ko⸗ nig, der von ihr reden hoͤrte, war neugierig, ſie zu ſehen, und wurde von ihrer Anmuth ſo entzuͤckt, daß er ſie in ſeinem eigenen Palaſte ſorgfaͤltig erziehen ließ. *) Gül⸗ruch bedeutet Roſen⸗Wange. Kutbeddin und Guͤlruch. 305 In dem Maaße wie ſie heran wuchs, wuchs auch ſeine Liebe zu ihr, und ſtieg allmaͤhlich aufs hoͤchſte. So bald er nur einen Augenblick von ihr entfernt war, ſehnte er ſich ſchon wieder nach ihr: kurz, er konnte nicht mehr leben ohne Guͤlruch. Der Vater und die Mutter dieſer reizenden Tochter liebten ſie auch ſehr zaͤrtlich; und ſie haͤtten wohl gewuͤnſcht, ſie um ſich zu haben: aber die Furcht, dem Koͤnig zu misfallen, hielt ſie ab, ihn um ſeine Einwilligung zu bitten. Es geſchah eines Tages, als Kutbeddin mit eini⸗ gen ſeiner Bey's ſich beim Mahle guͤtlich that, daß er ſich berauſchte; und in dieſer Trunkenheit erblickte er die junge Guͤlruch, wie ſie unſchuldig mit einem Hof⸗ knaben ſcherzte. In der Wuth der Eiferſucht uͤber die⸗ ſen Anblick, ließ er ſogleich den Scharfrichter rufen, und ſagte zu ihm: „Geh hin, haue Guͤlruch den Kopf ab, und bringe ihn mir in mein Zimmer.“ Der Scharfrichter fuͤhrte das ungluͤckliche Schlacht⸗ opfer aus dem Palaſt, um ſie zu enthaupten. Einige Stunden darnach kam er mit einem bleichen und blu⸗ tigen Haupte zuruͤck, und erſchien ſo vor dem Koͤnig, der zu ihm ſprach: „Nimm dieß Haupt mit; ich bin mit dir zufrieden, du ſollſt ein Ehrenkleid haben, weil du meinen Befehl ſo gut ausgerichtet haſt.“ X. 20 3⁰⁶ 680. T a g. Aum folgenden Morgen, als der Fuͤrſt ſeinen Rauſch ausgeſchlafen hatte, fragte er nach Guͤlruch. Man antwortete ihm: „Herr, du haſt dem Scharfrichter befohlen, ſie zu enthaupten. Er hat dir gehorcht, und darnach den Kopf ſammt dem Rumpfe in den Strom geworfen.“ Bei dieſen Worten zerriß der Koͤnig ſein Kleid von oben bis unten, und ſtieß ein lautes Geſchrei und Ge⸗ heul aus. Es gereute ihn, daß er ſich von der erſten Aufwallung ſeines Zorns hatte hinreißen laßen, und er zog ſich in die Einſamkeit zuruͤck, um ſeinem Schmerze ungeſtoͤrt nachzuhangen. Der Veſyr, Guͤlruchs Vater, kam ihn zu beſu⸗ chen. Bei ſeinem Anblicke fuͤhlte der Koͤnig ſeinen Schmerz verdoppelt, und rief aus: „Ach, Veſyr! was habe ich gethan! deine Tochter, deine ungluͤckliche Tochter...“ Mehr konnte er nicht ſprechen vor Schluchzen und Weinen. Der Veſyr ſeufzte ebenfalls und vergoß Thraͤ⸗ nen; darnach ging er wieder weg. Kutbeddin that zween Monate lang nichts als Seufzen und ſich haͤrmen. Die Naͤchte brachte er hin, ohne ein Auge zu ſchließen, und wiederholte unaufhoͤrlich: „O mein Gott, gib mir den Tod! das Leben iſt mir unertraͤglich, nachdem ich meine liebe Guͤlruch ver⸗ loren habe.“. Kutbeddin und Guͤlruch. 307 Sechshundert und ein und achtzigſter Tag. Er vernachlaͤßigte die Regierungsgeſchaͤfte und ward duͤrrer, als eine Diſtel in der Wuͤſte. Endlich begann ſchon ſein Verſtand zu leiden, als eines Tages der Vater Guͤlruchs in das abgelegene Zimmer trat, worin er ſich aufhielt, und zu ihm ſagte: „O Beherrſcher der Welt! wie lange willſt du dich von einer ſo truͤbſeligen Verzweiflung beherrſchen laßen? ich bin Vater, und die Zeit hat mich ſchon ge⸗ troͤſtet.“ „Ach, Veſyr!“ antwortete ihm Kutbeddin,„wie gefuhllos biſt du! was mich betrifft, ich bin keines Troſtes faͤhig. Dieſelbe Zeit, welche deinen Schmerz geheilt, hat den meinen nur noch geſchaͤrft; vergeblich kömmſt du, mir zu rathen, ich will nichts davon hoͤ⸗ ren, beherrſche meine Staaten nach deinem Gefallen; erwaͤhle dir einen andern Herrn, ich kann an nichts mehr Theil nehmen, ich verzichte auf mein Reich; ich verwuͤnſche das Licht, weil Gaͤlruch es nicht mehr mit mir theilt. O Guͤlruch! Inhalt meines Lebens, was iſt aus dir geworden? ich halte dich nicht mehr auf meinen Knieen. Ich werde nie mehr deine Schoͤnheit bewundern, die nicht ihresgleichen hatte, und die allein mich reizen konnte.“ Mit dieſen Worten warf der Koͤnig ſich zu Bo⸗ den, und gebaͤrdete ſich wie ein wahnſinniger Menſch. 308 681. Tag. „Herr,“ ſprach der Veſyr zu ihm,„deine Maje⸗ ſtaͤt befindet ſich in einem bejammernswerthen Zuſtande. Wenn nun Gott, von deinen Leiden geruͤhrt, dir meine Tochter wiedergaͤbe, mit welchem Auge wuͤrdeſt du ſie anſehen? wuͤrdeſt du ihr ihren Fehler verzeihen?“ „O Himmel!“ antwortete Kutbeddin,„wie groß wuͤrde meine Freude ſein, wenn er dieſes Wunder fuͤr mich thaͤte! ich ſchwoͤre, ich wuͤrde Guͤlruch zu meiner Gattinn erheben, wenn er ſie meiner Zaͤrtlichkeit wie⸗ derſchenkte.“ „Wohlan, ſo troͤſte dich, Herr,“ fuhr der Veſyr fort,„du ſollſt ſie wiederſehen.“ Zu gleicher Zeit erhub er die Stimme und rief Guͤlruch, und alsbald trat die ſchoͤne Jungfrau in das Gemach, mit ihren reichſten Kleidern angethan, und bluͤhender noch, als die Blume, deren Namen ſie trug. Sobald der Koͤnig ſie erblickte, ſank er in Ohn⸗ macht, und das Uebermaaß der Freude ſchien ihm ein Leben zu rauben, welches ſo lange dem heftigſten Schmerze widerſtanden hatte. Der Veſyr lief ſogleich hin und holte Roſenwaſſer herbei, er rieb damit das Geſicht Kutbeddins, der allmaͤhlich wieder ins Leben zuruͤckkehrte. Mit Entzuͤcken umarmte er Guͤlruch; ihr Anblick erquickte und erfriſchte ſein Herz, welches die Entbehrung dieſes geliebten Weſens faſt verzehrt hatte. Darnach fragte er den Veſyr, durch welche gluͤckliche Mittel er Guͤlruch dem ungerechten Tode habe Kutbeddin und Guͤlruch. 309 entziehen koͤnnen, zu welchem er ſelber in ſeiner Trun⸗ kenheit ſie verdammt habe.- „Herr,“ antwortete der Veſyr,„auf die Nachricht von dem grauſamen Befehle, welchen du ertheilt hat⸗ teſt, lief ich hin zu dem Scharfrichter; ich ſtellte ihm vor, daß dieſer Befehl dir in der erſten Aufwallung des Zornes entfahren ſei, und daß er dich in der Folge unfehlbar gereuen werde. 2 „Geh,“ ſprach ich zu ihm,„in die Gefaͤngniſſe der Stadt, enthaupte irgend eine der zum Tode verur⸗ theilten Weiber, und bringe das Haupt dem Koͤnige, der in dem Zuſtande, worin er ſich befindet, die Taͤu⸗ ſchung nicht erkennen wird.“ Der Scharfrichter that, wie ich ihm ſagte; ich verbarg meine Tochter, welche du fuͤr todt hielteſt; aber bevor ich ſie dir wiedergaͤbe, wollte ich deine Zaͤrt⸗ lichkeit fuͤr ſie pruͤfen: dieß, o Herr, iſt die unſchuldige Liſt, wodurch ich deiner Liebe gedient habe.“ Der Koͤnig Kutbeddin lobte die Klugheit ſeines Ve⸗ ſyrs, uͤberhaͤufte ihn mit Wohlthaten, vermaͤhlte ſich feierlich mit der ſchoͤnen Guͤlruch, ließ ſie als Koͤniginn von Syrien kroͤnen und verlebte mit ihr ſeine uͤbrigen Tage in unvergaͤnglicher Liebe und Freude.“ 310 681. Tag. Nachdem der neunte Veſyr dem Koͤnige von Per⸗ ſien dieſe Geſchichte erzaͤhlt hatte, machte er davon die Anwendung, und ſprach ſo eindringlich zu Gunſten Nurgehans, daß der Koͤnig Hafikin den Reichsſaal ver⸗ ließ, ohne dem Scharfrichter etwas zu ſagen. Am Abend nahm die Sultaninn ein ſehr hochmuͤ⸗ thiges ſtolzes Weſen an, und ſprach zu ihm: „Herr, ich werde nicht fuͤrder in dich dringen, den Prinzen toͤdten zu laßen; ich ſehe wohl, daß du den Rath einer Frau verachteſt, gleichwohl iſt er nicht im⸗ mer zuruͤck zu weiſen. Huͤte dich, daß ich dir nicht ei⸗ nes Tages denſelben Vorwurf mache, wie der Prophet Muſa den Iſraeliten, bei einer Begebenheit, welche ich dir erzaͤhlen will. fffffffſfüff 7ii⁰ůi½f⁰łffffffffffffffffn 8 29 10 11 12 13 14 15 16 17 18 1