O/ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8. Eduard Otktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe ) ſſen Zurückgabe von mir zuröückerſtattet Jhinterlegen, welche bei deſſ wird.— * 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5 5 13·⸗———.—— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3„„„ 3.„ 4„— „ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 3 6. Schadenersatz. Fuür beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der * Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zumn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen )ſ der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 9 „ ——— — ſ * Tausend und Ein Fag. Nhnawnänahe euu ungen. Aus dem Persischen, Türkisrhen und Arabischen nach Petis de la Croix, Galland, Cardonne, Chawis und Cazotte, dem Grafen Caylus 3 und Anderen, überſetz von F. H. von der Hagen. Neunter Band Prenzlau, Druck und Verlag der Ragoczyſchen Buchhandlung. I1 8 2 8. Tauſend und Ein Tag. Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. Neunter Band. Inhalt des neunten Bandes. Seite Geſchichte Abdal Motallabs des Weiſen. Fünfhundert und neunzehnter Tag--⸗⸗ 1 520ſter Tag 2e= ⸗⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 5 52 1ſter Tag- 2 2-⸗ 8 Geſchichte Yarabs, des Rihtas. 522ͤter Tag-⸗-⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 13 523ſter Tag 2 2 2 2 2 2 17 524ſter Tag⸗⸗ ⸗ ⸗ 21 Geſchichte Temim Dari's, des Subdate ⸗ ⸗ 25 25ſter Tag 2* 2 7⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 26 Baßſur Tag ⸗ 2 2-⸗- ⸗ ⸗ 30 527ſter Tag⸗- ⸗ ⸗ 2 34 Geſchichte batalabe des Schrſtgelehrten 2822 38 528ͤſter Tag ⸗ 2 ⸗ 40 52 9ſter Tag 7 2⸗ ⸗ 7 ⸗ 2 2 43 530ſter Tag⸗ ⸗ 48 Beſchluß der Geſchichte: von Mabomeds Geburt. 53 1ſter Tag⸗⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 52 Geſchichte Naurs Koͤnigs von aſchemir 7⸗* 55 532 ſter Ta.⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 57 533ſter Tag. ⸗⸗ ⸗= ⸗ 63 VI Inhal e. Geſchichte Naerdans und Guͦſülbeks 534ſter Tag⸗ ⸗ 535ſter Tag⸗ ⸗ 536ſter Tag⸗ ⸗ 532ſter Tag⸗ ⸗ u N u Nn u 1 AN B u N a 2 u un u A Fortſetzung der Geſchichte Koͤnig Naurs Kaſchemir. 538ͤſter Tag⸗ ⸗ Geſchichte des Derwiſche 539ſter Tag⸗ ⸗ 540ſter Tag⸗⸗ ⸗ d 8 4 Fortſetzung der Geſchichte Konig Kaſchemir. 54 1ſter Tag⸗ ⸗ Geſchichte des Greifen 542ſter Tag⸗ ⸗ 543ſter Tag⸗ ⸗ A N a a u U A Nuaum un u bunadar un Beſchluß der Geſ ichte Konig Naurs ſchemir⸗⸗ ⸗ 544ſter Tag ⸗ u Au u 545ſter Tag⸗ ⸗ ⸗ Geſchichte Nurdſchehans und vier Talismane⸗⸗ ⸗ 546ſter Tag⸗-⸗ ⸗ ⸗ Imadil Doͤle Saß der Schneider 547ſter Tag 2 7 2 Der Toͤpfer un der Veſht G. 8 u A N A A a amakes d VU NR Naurs „ a u N u d A &u η 1a NV n n N u u R d u KR u A A A uu un Nn u A d u a 58 * Æ — 88 Naäun a u a aun u n 548ſter Sag⸗ ⸗ ⸗ ⸗ Der Lama und das Tatarenmobchen. 549ſter Tag⸗⸗ ⸗„ 550ſter Tag⸗ ⸗ 55 1ſter Tag⸗ ⸗ 552ſter Tag⸗ ⸗ 553ſter Tag ⸗ Der goldene Fiſch. 55 4ſter Tag⸗⸗ ⸗ 555ſter Tag⸗⸗ ⸗ Der Zauberdolch 556ſter Tag Sete Tag 558ſter Tag Dſchahia und Meimune 559ſter Tag 560ſter Tag 56 1ſter Tag 562ſter Tag ⸗ Geſchichte von einem Dermiſc 563ſter Tag⸗⸗ ⸗ Geſchichte des Kaufmanns von 564ſter Tag⸗ ⸗ u a 4 N N u A N Ann Vnn un a u Vu u u d V dnn Au un N a 9 nun d en Beſchluß 85 Seaige Dſchabir und 565 266 e 5 ⸗ 562 ſter Tag⸗ n u n „ u uNn wN we n u u n 3,5& n u u n R V n u a B Uu N u nAn n un u u u u 9A N u n uA n u u u n u A NA — —2 eimunes 203 — 835 VIII IZnh a 568fter CLagg⸗⸗ ⸗ ⸗⸗ 215 1 569ſter Tag⸗-⸗⸗⸗ ⸗⸗ ⸗ ⸗ 219 57 oſter Tag 7 7. ⸗ ⸗ 2 27 7 2 222 57 Iſter Tag 2 7 7 3 ⸗ ⸗ 2 227 Geſchichte von dem Korbe⸗s⸗⸗ ⸗ ⸗ 232 572ſter Tag 2 ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 7 5 234 573ſter TCag-⸗⸗⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 239 57 4ſter Tag⸗⸗⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 7 242 575ſter Tag 2 27 ⸗ ⸗ 2 72 2 2-⸗ 2 246 5„6ſter Tag⸗⸗⸗ ⸗ ⸗„ 250 572 ſter Tag ⸗ ⸗. ⸗, 2 254 57 8ſter Tag 7, ⸗ 2 2 257 57 9ſter Tag, ⸗, ⸗ 7 261 3 58oſter Tag, ⸗. 2 267 581ſter Tag-⸗⸗⸗ ⸗ ⸗ 271 582ſter Tag ⸗ ⸗ 7 27 7 ⸗ 2 275 583ſter Tag 7 2.- 278 584 fer Tag 7 ⸗ ⸗, ⸗ ⸗.-⸗ 7⸗ 232 5585ter Tag„ ⸗,.. 286 586ter Tag ⸗ s 2 4 e 2 ⸗ 291 Heſchichee Guͤlſums und des Königs der Geiſter. 295 ſter Tag v„ 2. 2 s 3 2 3. 297 Beſchtuß der Geſchichte von dem Korbe⸗⸗ ⸗ 301 588fter SCag⸗2 ⸗ 303 580ſter Tag„ ⸗ ⸗ ⸗ 3038 3 59oſter Tag 7 7 ⸗ 312 59 1ſter Tag.„ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 2 ⸗„ 316 Tauſend und Ein Tag. Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. Geſchichte Abdal Motallabs, des Weiſen. Fuͤnfhundert und neunzehnter Tag. „Ucberzeugt von allem, was die ſchoͤne Sesbet mir geſagt hatte, und in dem Glauben, daß der weiſe Mann ſich gaͤnzlich der Vorſehung unterwerfen muß, reiſte ich ab: Wer auf Gott vertraut, der nicht ruͤckwaͤrts ſchaut. Zwar hatte ich kein beſtimmtes Ziel meiner Reiſe: aber weil Gott uberall iſt, und Maho⸗ med,— der immerdar lebe! im Schooße der Herrlich⸗ keit ruhet, ſo waren alle Wege mir gleich. Ich dachte nur, daß Gott ſich ſeltener in dem Gewuͤhle der Staͤdte IX. 1 2 519. Tag. offenbart, und daß ich ſie alſo vermeiden und die Ein⸗ oͤden aufſuchen muͤßte. Ich durchwanderte dieſe lange mit unglaublicher Muͤhſeligkeit, ohne mich von der Anſtrengung, der Langenweile und der elenden Nah⸗ rung abſchrecken zu laßen. Endlich, nach Verlauf einer gewiſſen Zeit, begeg⸗ nete ich einem Engel, ich verneigte mich tief vor ihm, und fragte ihn nach Kunde von Mahomed. Er ant⸗ wortete mir: „Es iſt noch nicht Zeit, die Menſchen davon zu unterrichten; es genuͤge dir, daß du Gnade vor Gott gefunden, der dir erlaubt hat bis hieher zu gelangen, und mache dich darauf gefaßt, große Wunder zu ſchauen: wandere fuͤrder auf deinem Wege.“ Bevor ich ſeiner Weiſung folgte, ſtand ich voll Verwunderung uͤber ſeine Gebaͤrde: er hielt einen Arm gen Aufgang und den andern gen Niedergang ausge⸗ ſtreckt. Ich bat ihn, mir zu ſagen, wer er waͤre. Seine Antwort war: „Ich heiße Muhail; der Tag und die Nacht ſind mir untergeben. Ich halte,“ fuhr er fort,„den Tag in der Rechten, und die Nacht in der Linken; ich ſetze beide ins Gleichgewicht, und ich muß all meine Gewalt anwenden, um ſie darin zu erhalten; denn wenn eins oder das andere uͤberwoͤge, ſo wuͤrde das Weltall entweder durch die Glut der Sonne in 7142 Abdal Motallab, der Weiſe. 5 Flammen, oder durch die Erſtarrung der Kaͤlte in der Finſternis zerſtoͤrt werden.“ Ich bemerkte, waͤhrend der Engel alſo zu mir ſprach, daß er eine Tafel vor Augen hatte, auf wel⸗ cher zwei Zeilen eingegraben ſtanden, eine weiße und eine ſchwarze. Ich befragte ihn, wozu ihm dieſelbe diente, und er hatte noch die Guͤte, mir zu antworten: „Ich betrachte unablaͤßig dieſe Tafel, und die beiden Zeilen lehren mich, wann ich den Tag oder die Nacht verlaͤngern oder verkuͤrzen ſoll; auch belehren ſie mich uͤber die Abwechſelung, welche ich dem einen oder der andern ertheilen ſoll.“ Ich dankte ihm fuͤr ſeine Belehrung, und verließ ihn. Kaum hatte ich ihn aus dem Geſichte verloren, als ich einen andern Engel antraf, der da ſtand, die eine Hand zum Himmel emporgeſtreckt und die andere ins Waſſer hernieder geſenkt. Er ſagte mir ſeinen Na⸗ men Aumkat „Aber,“ fragte ich ihn,„warum ehſt du in die⸗ ſer Stellung?“ 9 ee, f „Ich halte,“ antwortete er mir,„mit der in die Luft geſtreckten Hand die Winde in Schranken, und vor allen verhindere ich den Wind Haͤddſché vom Himmel herab zu ſtuͤrmen: wenn ich ihm Freiheit ließe, ſo wuͤrde er das Weltall in Staub verwandeln. Mit der Hand, welche ich ins Waſſer ſenke, verhindere ich 8 4 5⁰9. Tag. das Meer ſeine Ufer zu uͤberſteigen: ohne dieſe Vorſicht wuͤrde es die ganze Oberflaͤche der Erde bedecken.“ Mit dieſen Worten gab er mir einen Wink, mei⸗ nen Weg fortzuſetzen. Ich ſchritt raſtlos vorwaͤrts, und gelangte an das Gebirge Kaf, welches rings die Welt umgibt und nur aus einem einzigen Stuͤcke gruͤnen Saphirs beſteht: dort traf ich wieder einen Engel, der mich fragte, was ich wollte. Ich antwortete ihm: „Ich ſuche den Propheten Mahomed; ich habe mein Vaterland verlaßen, ich habe Laͤnder und Meere durchſtrichen, und kann ihn nicht finden; ich weiß nicht mehr, wo ich ihn ſuchen ſoll, und doch laͤßt der Ge⸗ danke an Sesbet mich nicht ruhen und raſten. Der Engel antwortete mir:„Hoffe, und beharre im Glauben.“ „Waͤrdige mich wenigſtens, mich zu belehren, wer du biſt,“ erwiederte ich bittend. 4 Er antwortete mir mit derſelben Freundlichkeit, welche ich bisher angetroffen hatte: „Der große Gott hat mir die Aufſicht dieſes wich⸗ tigen Gebirges anvertrauet 54* „Wozu dient dir,“ fragte ich weiter,„dieß flam⸗ mende Schwert, womit dein Arm bewaffnet iſt?“ „Wenn Gott,“ antwortete er,„gegen ein Volk erzuͤrnt iſt, und daſſelbe das Gewicht ſeiner Rache will fuͤhlen laßen, ſo ſchwinge ich die Flammen dieſes Abdal Motallab, der Weiſe. 5 Schwertes, und alsbald verwuͤſten Hungersnoth oder Peſt das Land; zuweilen bewirke ich ſogar Erdbeben, deren Urſachen dir bisher unbekannt geblieben ſind. Aber wenn Gott die Menſchen belohnen will, alsdann lege ich dieſes furchtbare Schwert ab, und ſogleich herrſcht Friede auf Erden und uͤberall iſt Ueberfluß; die Erde wird fruchtbar und kommt den Wuͤnſchen der Menſchen zuvor.“ Fuͤnfhundert und zwanzigſter Tag. Erfreuet, dieſe Wunder zu vernehmen, war ich noch ſo neugierig zu fragen, was denn jenſeits des Gebirges waͤre. „Dort findet man,“ ſagte er mir,„noch vierzig andere Welten, alle von dieſer hier verſchieden; jede hat viermal hunderttauſend Staͤdte, und jede Stadt hat viermal hunderttauſend Thore; die Einwohner ſind frei von allen Leiden der Menſchen dieſer Welt hier; ſtaͤts iſt es dort Tag; der Erdboden iſt ganz von Gold, und die Enden aller dieſer Welten ſind durch große Vorhaͤnge verhuͤllt; die Staͤdte ſind nur von Engeln bewohnt, welche unaufhoͤrlich das Lob Gottes und ſeines Propheten Mahomed ſingen.“ Die Freundlichkeit des Engels machte mich noch dreiſter in meinen Fragen; ich wollte wiſſen, was hin⸗ 6 520. Tag. ter jenen Vorhaͤngen waͤre, von welchen er mir geſagt hatte; und er antwortete mir: „Du fraͤgſt mich, was uns unerforſchlich iſt, und wir beobachten uͤber das, was wir nicht wiſſen koͤn⸗ nen, ein ehrerbietiges Stillſchweigen. Alles was ich davon entſchleiern kann, beſteht darin, daß das Volk Gottes an jenem Orte verſammelt iſt, und daß die goͤttliche Allmacht ſich daſelbſt mehr, als anderswo, offenbart.“ Ich bewunderte mit ihm die Groͤße Gottes; aber bevor ich ihn verließ, bat ich ihn noch, mir zu ſagen, worauf das Gebirge Kaf ruhe. „Es ruhet zwiſchen den Hoͤrnern eines weißen Stiers, Kirnit genannt; ſein Kopf beruͤhrt den Auf⸗ gang und ſein Schwanz den Niedergang; der Raum zwiſchen ſeinen beiden Hoͤrnern iſt gleich dem Wege, welchen man im Verlaufe von tauſend Jahren zuruͤck⸗ legen koͤnnte.“ Meine Wißbegierde zu befriedigen, that ich ihm noch die letzte Frage, wie viel Erden und Meere es gaͤbe, und wo die Hoͤlle waͤre. „Es gibt ſieben Erden,“ antwortete er mir,„und eben ſo viel Meere; die Hoͤlle befindet ſich eben ſo wohl uͤber jenen, als unter dieſen.“ Nach dieſer Antwort verließ ich ihn, und gelangte bis an den Vorhang, welcher die Welt begraͤnzt; uͤber dieſem Vorhange ſah ich den Himmel, und unter ihm das Meer; in der Mitte deſſelben bemerkte ich eine Abdal Motallab, der Weiſe. 7 verſchloſſene Thuͤr, deren Schloß verſiegelt war; die beiden Engel, welche ſie bewachten, erlaubten mir den Durchgang; und indem ich immer auf dem Meere fort wanderte, gelangte ich an einen Ort, desgleichen ich auf meiner Reiſe noch keinen angetroffen hatte. Der erſte Bewohner, welchem ich daſelbſt begegnete, war ein Mann, ſchoͤn wie der Vollmond; ich fragte ihn, wer er waͤre. Er antwortete mir ohne Zaudern: „Der hinter mir koͤmmt, wird es dir ſagen.“ Nachdem ich einen Tag und eine Nacht fortge⸗ wandert war, traf ich den Mann, an welchen der erſte mich verwieſen hatte; er war ſchoͤn wie der Halb⸗ mond; ich that ihm dieſelbe Frage, und er gab mir dieſelbe Antwort, wie der erſte. Endlich gelangte ich zu dem dritten, welcher dem Monde im erſten Viertel glich; ich beſchwur ihn, zu verweilen; er that es, und fragte mich, was ich von ihm verlangte. Ich antwortete ihm, daß ſeine beiden Vorgaͤnger mich an ihn verwieſen, um zu erfahren, wer ſie waͤren, und er ſprach hierauf zu mir: „Der erſte heißt Israphil, und gebietet uͤber die Menſchen; der zweite heißt Michael und gebietet uͤber Reichthum und uͤber die Jahreszeiten; ich ſelber heiße Gabriel, und bin ein Diener des allmaͤchtigen Gottes. Folge meinem Rathe,“ fuhr er fort,„und kehre um, du kannſt nicht weiter kommen.“ 3 8 520. 521. Tag. „Ich ſoll alſo Mahomed nicht ſehen,“ rief ich ſchmerzvoll aus,„und bin fuͤr immer von Sesbet ge⸗ ſchieden?“ 1 „Du weißt nicht, was du geſehen haſt,“ antwor⸗ tete er mir,„die Abſichten Gottes ſind undurchdring⸗ hus du wirſt auf Erden Troſt finden,“ fuͤgte er inzu. Ich bat ihn aber, mir den Weg zu zeigen, um meine Nachforſchung fort zu ſetzen. Er zeigte ihn mir, indem er ſich von mir entfernte.. Fuͤnfhundert und ein und zwanzigſter Tag. Nachdem ich ungeheuer lange fort geſchritten war, befand ich mich auf einer Wieſe von unabſehlichem Umfange, bedeckt mit Safranblumen und Anemonen, und von Baͤchen bewaͤſſert, deren Ufer zahlloſe Lo⸗ wen vertheidigten; meine Blicke hefteten ſich auf einen Greis, der inmitten der Wieſe auf einem Throne ſaß; er gab mir einen Wink, naͤher zu kommen; die Loͤwen, an die ich kam, demuͤthigten ſich vor mir und ließen mich hinuͤber. Ich trat vor den Thron hin; der Greis empfing mich freundlich; er verlangte meine Abenteuer zu wiſſen, und ich erzaͤhlte ſie ihm. Darauf ſagte er zu mir: —— —— Abdal Motallab, der Weiſe. 9 „Du ſiehſt, welcher Herrlichkeit ich mich durch die Guͤte des großen Gottes erfreue; ich bin der Fuͤrſt Daniel. Auch dich hat der Allerhoͤchſte mit Gnaden uͤberhaͤuft; fahr fort, ſie zu verdienen, du biſt nicht fern vom Ziele, laß den Muth nicht ſinken.“ „Aber, mein Fuͤrſt,“ ſprach ich zu ihm,„der du mich ſo großer Theilnahme wuͤrdigſt, ſage mir, wie lange bin ich ſchon unterweges? die Zeiten ſind in den himmliſchen Raͤumen, welche ich durchwandert habe, ſo verflogen, daß ich fuͤrchte, die ſchoͤne Sesbet iſt nicht mehr an mich gebunden.“ „Es ſind vier Jahre, weniger einige Tage, daß du von Mekka abweſend biſt,“ antwortete mir der Greis. „Vier Jahre!“ rief ich ſchmerzvoll aus. „Das Maaß der Zeit,“ hub er freundlich wieder an,„iſt nicht feſtzuhalten, wenn man mit myſtiſchen Dingen beſchaͤftigt iſt; und die Weiſen, die einen guten Gebrauch von ihr machen, ſind unbekuͤmmert um ſie, wenn ſie beſchaͤftigt ſind, ſich Kenntniſſe zu erwerben. — Fahr wohl,“ fuͤgte er hinzu,„hoffe, nimm dieſen Weg hier, und troͤſte dich durch die großen Dinge, welche dir aufbehalten ſind.“ Dieſe Worte waren meinem Herzen noͤthig, um mich zu ſtaͤrken, daß die Furcht, Sesbet zu verlieren, mich nicht zu Boden druͤckte; dieſe Sesbet, fuͤr welche ich ſtaͤts die zaͤrtlichſte und die reinſte Liebe gefuͤhlt 10 521. Tag. hatte, und die nicht das grauſame Schickſal verdient, welches ſie jetzt erfaͤhrt. Erfuͤllt von dieſen Vorſtel⸗ lungen, wanderte ich noch einige Tage fuͤrder, und erblickte einen ſehr großen Vogel auf einem Baume; ſein Kopf war golden, ſeine Augen Saphire, ſein Schnabel von Perlen, ſein Leib von Rubinen, und ſeine Fuͤße von Topaſen; oben auf dieſem Baume ſtand eine wohlbeſetzte Tafel, beſonders mit Fiſchen. Ich naͤherte mich, ſtieg mit großer Leichtigkeit auf den Baum, gruͤßte den Vogel, und ſagte zu ihm: „Du biſt der ſchoͤnſte Vogel, welchen ich jemals geſehen habe.“ Hierauf fragte ich ihn, wer er waͤre. Er antwortete mir, er waͤre einer von den Voͤgeln des Paradieſes, welchen Gott mit dieſem Tiſche auf die Erde entſandt, um Adam Geſellſchaft zu leiſten und mit ihm zu eſſen, nachdem er aus dem Paradieſe vertrieben worden:„ſeitdem Adam todt iſt,“ fuhr er fort,„bin ich, auf Gottes Befehl, hier geblieben um die heiligen Wallfahrer in ihrer Vorbeſtimmung zu foͤr⸗ dern; ich werde hier wohnen, bis zum Tage des juͤng⸗ ſten Gerichts.“ „ Aber,“ ſagte ich zu ihm,„verderben die Spei⸗ ſen auf dieſer Tafel nicht? Wie erſetzeſt du ſie, wenn ſie verdorben oder verzehrt ſind?“ „Kann denn, was aus dem Paradieſe koͤmmt, ſich veraͤndern?“ antwortete er mir. Abdal Motallab, der Weiſe. 11 Ich bat ihn um die Erlaubnis, mich an den Tiſch zu ſetzen, und nachdem ich ſie erhalten, aß ich von den Speiſen, welche ich koͤſtlich befand. Darnach wollte ich wiſſen, ob er ſtaͤts allein waͤre. Er ant⸗ wortete mir, Abuxlabas, einer der groͤßten Prophe⸗ ten Gottes, kaͤme manchmal, ihn zu beſuchen. Kaum hatte er dieß ausgeſprochen, als ich dieſen heiligen Propheten wirklich ankommen ſah; er war weiß gekleidet, ſein Bart von großer Laͤnge und hoher Schzibeir der weichſte Raſen ſproß unter ſeinen Trit⸗ ten. naͤherte ſich mir, und wollte von mir wiſſen, wie ich hieher gekommen waͤre. Er vernahm aus meiner Erzaͤhlung, wie ſehr mein Herz ſchwankte zwi⸗ ſchen dem Wuͤnſche, wieder in Mekka bei meiner ge⸗ liebten Sesbet zu ſein, und dem Verlangen, den hei⸗ ligen Propheten zu ſehen. Ich war in Verzweiflung, als er mich belehrte, daß ich hundert und funfzig Jahre zu wandern haͤtte, um wieder hieher zu kom⸗ men; indeſſen erbot er ſich, mich heim zu geleiten. „Ich kann nicht heimkehren,“ ſagte ich zu ihm, nohne den Propheten geſehen zu haben.“ „Wohlan,“ ſagte er darauf,„ich will ſehen, was ich thun kann, dir zu dienen.“ In der That, nachdem er einige Zeit in einem kleinen Buche geleſen, welches er aus ſeinem Buſen zog, ſprach er zu mir: 1³ 521. T a 9. „O du von der Vorbeſtimmung auserſehener Menſch, du mußt nach Mekka heim kehren: ich kann dich in hundert und funfzig Monaten dahin bringen.“ „Und ich,“ ſprach der Vogel,„ich will dich den Weg dahin in hundert und funfzig Tagen zuruͤcklegen laßen.“ Der Prophet verſetzte:„Und ich mache mich anheiſchig, dich in weniger als ſechs Tagen dahin zu verſetzen.“ Der Vogel, der nicht hinter ihm zuruͤckbleiben wollte, ſagte endlich, er wolle mich binnen einer Stunde heim bringen. Ich nahm ſein Erbieten an; er trug dem Propheten Abuxlaba auf, in ſeiner Abweſenheit den Wirth an der Tafel zu machen, und hieß mich die Augen verbinden. Aber kaum war ich auf ſeinen Ruͤcken geſtiegen, als er mich die Binde ſchon wieder ablegen hieß, und mit der aͤußerſten Ueberraſchung ſah ich mich daheim auf meinem Hofe. Dieſe Freude war jedoch nicht von langer Dauer, indem ich hier Maͤnner erblickte, welche eben ſo viel Recht an Sesbet behaup⸗ teten, als der Himmel mir verliehen hatte. Theile uns jetzt auch deine Abenteuer mit,„be⸗ ſchloß er ſeine Erzaͤhlung, indem er ſich zu YParab wandte; und dieſer begann hierauf alſo: ——— — Geſchichte Narabs, des Richters. Fuͤnfhundert und zwei und zwanzigſter Tag. „Voll Verzweiflung, die ſchoͤne Sesbet verlaßen zu muͤßen, und nur darauf bedacht, den großen Prophe⸗ ten anzutreffen, ſchied ich von dir, du ſchoͤne Roſe des Paradieſes! So ungewiß ich war, welchen Weg ich einſchlagen ſollte, vertraute ich jedoch auf die Weis⸗ heit des beruͤhmten Uſcha, daß er nicht etwas Unmoͤg⸗ liches vorgeſchrieben haͤtte, und ſprach bei mir ſelber: „man muß Mahomed ſehen koͤnnen, weil Uſcha dieß zur Bedingung der Verheirathung ſeiner Tochter macht.“ Es waͤhrte nicht lange, ſo kam ich in die Wuͤſte; ich hatte viel von der Hitze, der Ermuͤdung und der ſchlech⸗ ten Nahrung zu leiden. Dennoch ſchlief ich eines Ta⸗ 1 522. Tag. ges bis Sonnenaufgang, und mit neuem Vertrauen machte ich mich auf den Weg. Kaum hatte ich etliche Schritte gethan, als ich ein Thier erblickte, welches eine Zuſammenſetzung aller vierfuͤßigen Thiere darſtellte, ſich mir naͤherte, und zu mir ſagte:. „Mann von Medina, ſei willkommen! Gott hat mir befohlen, hieher zu kommen, um dir den Weg zu zeigen.“ Das Thier duftete von Moſchus und Ambra; ich bezeugte ihm meinen Dank, und zugleich mein Erſtau⸗ nen. „Du willſt wiſſen, wer ich bin,“ hub es wieder an. Ich geſtand meine Neugierde, und es fuhr fort: „Ich heiße Abetuͤl, und muß hier verbleiben bis zum Tage des Gerichts; der große Gott hat mich geſchaffen um die Verirrten zurecht zu weiſen, und ich habe keine andre Beſchaͤftigung.“ Hierauf zeigte er mir den Weg, welchen ich ver⸗ folgen ſollte, und verließ mich. Ich wanderte vier Tage und vier Naͤchte, ohne alle andere Nahrung, als Wurzeln, welche ich noch mit Muͤhe auffand. Endlich erblickte ich die Huͤtte ei⸗ nes Einſiedlers auf dem Gipfel eines Felſens, von wel⸗ chem der Blick das Meer beherrſchte; ich verdoppelte meine Schritte, um dahin zu gelangen. Als ich an die Thuͤre kam, bat ich um Herberge, und ſah einen ehrwuͤrdigen Greis hervor treten. Er fragte mich, Yarab, der Richter. 15 wer ich waͤre, wo ich her kaͤme, und was ich in die⸗ ſer Einoͤde ſuchte, wo er noch niemand von der Land⸗ ſeite her kommen geſehen. Ich erzaͤhlte ihm die Be⸗ weggruͤnde und Urſachen meiner Reiſe, und als er daraus erſah, wie großes Verlangen ich hatte, den heiligen Propheten zu ſehen, ſagte er zu mir: „Wollte Gott, es koͤnnte dir gelingen: ſechzig Jahre in Gebet und Andacht haben mir noch nicht eine ſolche Gunſt erwerben koͤnnen; indeſſen haſt du uͤber alles zu gebieten, was ich vermag.“ Ich fragte ihn, wie er in der Wuͤſte Lebensmittel faͤnde.„Dieſe Frage,“ antwortete er mir,„verraͤth mir, daß du Hunger haſt. Steig in dieß Thal hinab,“ fuhr er fort,„da wirſt du Vorrath finden, dein Be⸗ duͤrfnis zu ſtillen; darnach komm wieder zu mir.“ Ich ſtieg in das bezeichnete Thal hinab, und fand dort einen Garten voll der ſchoͤnſten Fruͤchte aller Art; und von mehreren lebendigen und klaren Baͤchen be⸗ waͤſſert: ich aß von dieſem Obſt, trank von dieſem Waſſer, und kam zu dem Greiſe zuruͤck, dem ich meine Erkenntlichkeit bezeugte. Ich fragte ihn noch, wie er in dieſer Einoͤde die uͤbrigen ihm noͤthigen Dinge faͤnde. Er antwortete mir, die Schiffe, welche zuweilen an dieſer Kuͤſte vorbei kaͤmen, verſchafften ihm uͤberfluͤſſig alles Noͤthige. Wir erblickten in demſelben Augenblicke ein Fahrzeug, dem der Einſiedler Zeichen gab; alsbald 16 5a2. T a g. hielt das Schiff an, und das Boot kam ans Land, den Greis zu fragen, was er zu befehlen haͤtte. „Ich verlange, daß ihr dieſen jungen Mann ein⸗ nehmet,“ ſagte er zu ihnen, indem er mich ihnen vor⸗ ſtellte;„erweiſet ihm alle Achtung, denn er iſt ein Liebling Gottes.“ „Wir werden ſtaͤts vollbringen, was du befiehlſt,“ antworteten ſie ihm. Wir nahmen hierauf Abſchied von dem Einſiedler, und ſchifften uns ein. In der naͤchſten Nacht ging das Schiff in einem furchterlichen Sturm unter, und ich war der einzige, der dem Tode entrann, mit Huͤlfe eines Brettes, wel⸗ ches ich ergriffen hatte. Ich kaͤmpfte ſieben Tage lang mit den Wellen, und am achten war ich endlich ſo gluͤcklich an einer Inſel zu landen. Indem ich hier am Geſtade des Meeres hin ging, ſah ich mitten aus dem Waſſer ein Thier hervor ſteigen, welches einen Schrei ausſtieß, der mich ſo erſchreckte, daß ich auf den laubigſten Baum ſtieg, mich zu verſtecken. Ich boͤrte waͤhrend der Nacht dreimal eine Stimme, welche wie ein Donner erſcholl und in Arabiſcher Sprache den Preis Gottes und ſeines Propheten verkuͤndigte. Der Tag erſchien, und ich ſah eine ungeheure Schlange hervor ſteigen und an den Fuß des Baumes kommen, auf welchem ich ſaß; ſie hub das Haupt empor, gruͤßte mich, und fragte mich, wen ich anbetete. Yarab, der Richter. 17 „Ich bete den großen Gott an,“ antwortete ich ihr. Es ſchien, als wenn dieſe Antwort ſie beſaͤnftigte, und ſo war ich, in meiner Wißbegierde beherzt genug, ſie zu befragen, was das fuͤr Stimmen geweſen, welche ich waͤhrend der Nacht gehoͤrt hatte. „Du haſt,“ antwortete ſie mir,„die Fuͤrſten des Meeres gehoͤrt, welche jede Nacht ſo empor ſteigen und das Lob Gottes verkuͤndigen.— Es iſt dein Gluͤck,“ fuͤgte ſie hinzu,„daß du ein Glaͤubiger biſt, ſonſt wuͤrde ich dich vertilgt haben.“ 5 Indem ſie dieſe Worte ausſprach, ſchwang ſie ſich in das Meer und verſchwand. 3 Fuͤnfhundert und drei und zwanzigſter Tag. Ich ſtieg von dem Baume herab, der mir als Zuflucht gedient hatte; ich pfluͤckte mir Fruͤchte, und wanderte fuͤrder, bis es Nacht ward. Da erblickte ich in der Ferne ein Licht, dem ich mich naͤhern wollte: aber es entfernte ſich eben ſo von mir, wie ich auf daſſelbe zuſchritt. Endlich, nach unglaublicher Anſtren⸗ gung, naͤherte ich mich, und ſah einen ſo praͤchtigen Palaſt vor mir, daß meine Augen ſeinen Glanz nicht auszuhalten vermochten. Jedoch verdoppelte ich meine Anſtrengungen, und ſtand beinahe ſchon im Begriff IX. 2 18 523. Tag. hinein zu treten, als ich in demſelben Augenblick einen Drachen erblickte, der mich anziſchte und auf mich los ſtuͤrzen wollte. Ich hatte keine andre Zuflucht, als ſchleunigſt den erhabenen Namen Gottes auszu⸗ ſprechen. Alsbald kam eine Stimme aus dem praͤch⸗ tigen Palaſt, welche zu mir ſagte: „O Mann von Medina, vernimm, daß dieſer Palaſt das fuͤr die Glaͤubigen beſtimmte Paradies iſt; wir preiſen darin unaufhoͤrlich Gott, und befinden uns hier ſeit der Zeit des Propheten Noah. Verdiene durch deine guten Werke, eines Tages bei uns zu wohnen, und erfreue dich des Gluͤcks, daß du bei dei⸗ nen Lebzeiten die Pforten des Paradieſes wenigſtens haſt ſehen duͤrfen.“ Ich verließ, obwohl ungern, einen ſo ſchoͤnen Ort, wo ich Mahomed eher als irgendwo anders, finden durfte, und ich wanderte vier Tage und vier Naͤchte, ohne daß mir etwas begegnete. Am fuͤnften Tage er⸗ ſchien ein Juͤngling, der ſich freundlich mir nahte und mich fragte, wer ich waͤre. Waͤhrend ich ihm meine Geſchichte erzaͤhlte, ſetzte er mir zu eſſen vor, und lud mich ein, drei Tage und drei Naͤchte bei ihm zu blei⸗ ben. Ich willigte ein, denn ſeine Geſellſchaft beduͤnkte mich lieblich und ſuͤß wie Honigſeim. Am vierten Tage ſprach er zu mir: „Wenn ich dich wieder in deine Heimat braͤchte, was wuͤrdeſt du fuͤr mich thun?“ Yarab, der Richter. 10 „Es gibt nichts, was ich nicht im Stande waͤre zu thun, um noch einmal die ſchoͤne Sesbet zu ſehen,“ antwortete ich:„aber zuvor will ich den großen Pro⸗ pheten ſuchen.“ „Wir wollen ſehen,“ unterbrach er mich,„ob ich dir dieſen Vorſatz nicht ausreden kann; faſſe Vertrauen zu mir.“ Alsbald ſchuͤttelte er ſich und verwandelte ſich in einen Adler.— „Halt dich feſt an meinen Fuͤßen,“ ſagte er zu mir. Ich gehorchte ihm, er oͤffnete die Fluͤgel und ſchwang ſich in die Luft; er durchflog weite Raͤume mit mir, und ſetzte mich auf einem Berge nieder. „Man muß ſich ein wenig ausruhen,“ ſagte er zu mir, indem er ſich abermals ſchuͤttelte und ſeine erſte Ge⸗ ſtalt wieder annahm; darauf bat er mich, einige Au⸗ genblicke auf ihn zu warten. Ich hatte ihn, ſo lange ich bei ihm war, nicht beten ſehen; ſeine Verwandlung und ſeine Reden zu mir wurden mir verdaͤchtig; und um mich zu berubigen, erinnerte ich mich eines Gebets, welches ich vormals von dem Weiſen gelernt, der mich erzogen hatte, und welches gegen alle boͤſe An⸗ ſchläge abtruͤnniger Geiſter verwahrte. Als nun der Juͤngling wieder zu mir kam, ſprach ich daſſelbe, auf alle Faͤlle, aus. Er hatte es nicht ſo bald vernom⸗ men, als er einen entſetzlichen Schrei ausſtieß und derſchwand. Ich dankte Gott, daß ich dem Ungluͤck 20 5²3. T a g. entgangen war, worin die Geſellſchaft der Boͤſen noth⸗ wendig ſtuͤrzet. Ich ſetzte hierauf meinen Weg allein fort, und es waͤhrte nicht lange, ſo erblickte ich eine Hoͤhle, welche immer ſchoͤner ward, je mehr ich mich ihr naͤherte, und welche mir endlich als ein großes mit Gold und Edelſteinen geſchmuͤcktes Schloß erſchien. Die Neu⸗ gier trieb mich, das Innere deſſelben zu beſehen: alles darin athmete Freude und Wolluſt; alle Bewohner deſſelben, Sklaven, wie Herren, empfingen mich freund⸗ lich, alle waren zuvorkommend; endlich ſah ich mitten in einem großen Saale ein Sopha, auf welchem ein ſchoͤnes Fraͤulein ſaß; ſie hatte hundert Sklavinnen um ſich, welche uͤberall anderswo den Preis der Schoͤnheit davon getragen haͤtten, aber neben ihrer Herrinn nur als die Sterne neben dem Vollmond erſchienen. Von ihrer Schoͤnheit betroffen, blieb ich ſtehen; ſie winkte mir, naͤher zu treten; und ich that es mit großer Ehr⸗ erbietung. Sie befahl mir, mich an ihre Seite zu ſetzen; dann gab ſie ihren Sklavinnen einen Wink, ihre Inſtrumente zu nehmen, und alsbald hoͤrte ich eine Muſik in den fuͤr Liebeslieder beſtimmten Weiſen Oſchak und Oſſuͤl, welche mein Herz entzuͤckten. Zugleich bot eine ſchoͤne Sklavinn mir eine Schale voll des koͤſtlichſten Weines dar. Kurz, ich uͤberließ mich allmäͤhlich allen Freuden, als ich mich ploͤtzlich Sesbets erinnerte und alles deſſen, was ich fuͤr ſie gethan hatte. Yarab, der Richter. 21 Durchdrungen von der Gnade, welche der Allmaͤchtige mir erwieſen hatte, konnte ich mich nicht enthalten, ihm fuͤr ſeine Guͤte zu danken. Das ſchoͤne Fraͤulein hatte mich bei dieſer Handlung belauſcht, und ſagte zu mir: „Du wirſt auf Erden nie gluͤcklich werden, und biſt auch nicht geeignet, bei uns zu wohnen: demnach rathe ich dir, hier nicht laͤnger zu verweilen. Aber,“ fuͤgte ſie hinzu,„wenn du mir wenigſtens einen Ge⸗ fallen thun willſt, ſo erzaͤhle mir alles, was dir begeg⸗ net iſt.“ „Ich war bereit dazu, und bemerkte, daß mehrere Stellen meiner Erzaͤhlung ſie geruͤhrt hatten. Ich wollte dieß benutzen, um ſie zur Anbetung des wahren Got⸗ tes zurüͤck zu fuͤhren. Sie raͤumte alles ein, was ich ihr ſagte: aber ſie konnte ſich von den Luͤſten nicht losreißen. Ich bat ſie nun, ihrerſeits mir etwas von ihrer Geſchichte mitzutheilen; und ſie hatte die Gefaͤllig⸗ keit mir Folgendes zu erzaͤhlen: Fuͤnfhundert und vier und zwanzigſter Tag. „Ich bin die Tochter eines großen Koͤnigs von Indien; ſeit einem Jahre bin ich von ſeinem Hof entfuͤhrt worden, durch einen Geiſt, der, allem Anſcheine nach, derſelbe iſt, welcher ſich in einen Adler verwan⸗ 22 524. Tag. delt hat, und welchen du durch dein Gebet gezwungen haſt, die Flucht zu ergreifen. Dieſer Geiſt entfuͤhrte gewoͤhnlich alle Maͤdchen, welche ihm gefielen, und brachte ſie hieher. Ich war anfangs betruͤbt, mich hier zu befinden; aber er liebte mich mehr, als alle die anderen, welche er hier zu ſeiner Luſt zuſammen gebracht hatte, und machte mich zu ihrer Gebieterinn. Dieſer Sieg meiner Reize ſchmeichelte meiner Eitelkeit. Er iſt jung, liebenswuͤrdig und aufmerkſam; ich liebte ihn bald ebenſo, wie er mich, und betaͤubte mich leicht uͤber die Lebensweiſe, welche ich hier fuͤhrte, und welche den Eindruͤcken, die ich von Kindheit an empfangen hatte, ſehr widerſprechend war. Zwar mache ich mir oft im Innern Vorwuͤrfe uͤber dieſes Leben: aber wer vermag ſich von der Freude loszureißen? Wer kann der Liebe entſagen? Was wuͤrde aus mir werden, wenn ich deinem Rathe folgte? Was wuͤrde mir dieſe Freuden erſetzen? Folge mir, und verlaß mich; du kannſt mir nur Gewiſſensbiſſe erwecken. Indeſſen, um deinen Eifer und dein Vertrauen zu belohnen, welches du mir bezeigt haſt, will ich dir einen Dienſt leiſten. Alles was ich thun kann, iſt, dich ſchleunigſt wieder nach deiner Heimat zu bringen. Ich fuͤrchte, daß der Geiſt dich hier betreffen und ſich an dir raͤchen moͤchte.“ „Wer auf Gott vertrauet,“ erwiederte ich hr,„fuͤrchtet nichts. Indeſſen, wie ſehr wuͤrde Yarab, der Richter. 25 ich dir verpflichtet ſein, wenn du mir dazu verhuͤlfeſt, den Propheten zu ſehen! Dieß iſt das einzige Mittel, mir den Beſitz Sesbets zu verſchaffen.“ „Ueberlaß dich der Vorſehung,“ ſagte ſie hierauf; „ich vermag nichts anderes fuͤr dich zu thun; und weil dir kein andres Mittel uͤbrig bleibt, ſo muß man glau⸗ ben, nach allem was dir begegnet iſt, daß du dieſes ergreifen mußt.“ Ich dankte ihr fuͤr ihre Guͤte, und bequemte mich nach ihrer Einſicht. „Wenn du an den Ort gekommen biſt,“ hob ſie wieder an,„wo man dich hin bringen wird, ſo gib dieſen Ring“(und damit gab ſie mir den ihrigen,) „dem Drachen, der dich in meinem Wagen dort hin fuͤhren wird; er iſt ein Geiſt, dem ich ſogleich dieſen Auftrag geben will. So bin ich gewiß, daß er dich in Sicherheit bringt.“ Ich dankte ihr tauſendmal, und die ſchoͤne Prin⸗ zeſſinn ließ alsbald den Drachen rufen, der ein un⸗ tergeordneter Geiſt war, und gab ihm ſehr gemeſſene Befehle fuͤr meine Sicherheit, mit dem Zuſatze, daß ſe ſich deshalb auf ſeine Einſicht verließe. 4 Dieſen Morgen beſtieg ich den Wagen, und der Drache flog mit einer ſo reißenden Geſchwindigkeit, daß ich keinen Gegenſtand wahrnehmen konnte, und mich ganz betaͤubt hier auf meinem Hofe wiederfand; ich habe ſogar nicht einmal bemerkt, daß der Drache 24 524. Tag. mir den Ring des ſchoͤnen Fraͤuleins abgezogen, und doch trage ich ihn nicht mehr am Finger. Aber je lebhafter ich das Vergnuͤgen empfinde, Sesbet wieder zu ſehen, je ſtaͤrker fuͤhle ich auch die abſcheuliche Lage, in welcher ich mich befinde, indem ich ihr Herz getheilt und ſie anderweitig verlobt ſehe.“ „Jetzt iſt die Reihe zu erzaͤhlen an dir, Temim Dari,“ ſagte Sesbet zu ihm, als Yarab geendigt hatte, und Temim Dari hub alſo an: Geſchichte Temim Dari's, des Soldaten. „Es ſind heute gerade zwei Jahre, ſchoͤne Sesbet, daß ich dich heirathete. Du kannſt uͤberzeugt ſein, daß ich damals gar keine Luſt zu reiſen hatte, und wirſt dich erinnern, daß ich, nach einer nur zu haͤufigen Ge⸗ wohnheit der Genoſſen des Waffenhandwerks, aus Ei⸗ telkeit den Beherzten ſpielte, indem ich mich gegen die Weiſſagungen des weiſen Uſcha auflehnte, ohne mich um die Ankunft des großen Propheten zu kuͤmmern, der immerdar geſegnet ſei, und den die Himmel prei⸗ ſen! Aber die Grundlehren der Erziehung entſchwin⸗ den nie gaͤnzlich aus unſerm Herzen. Ich wollte mich gegen mich ſelber betaͤuben: eine dumpfe Stimme, der ich nicht widerſtehen konnte, ſprach in meinem Innern. Ich trat einen Augenblick in eben dieſen Hof; der Re⸗ gen, der Sturm, der Donner und die Blitze erfuͤllten 26 524. 525. Tag. mich, ich geſtehe es, mit Furcht Gottes, und machten mir Vorwuͤrfe uͤber die Reden, welche ich gefuͤhrt hatte. Ich konnte alſo nur mit Muͤhe und indem ich mir ſogar Gewalt anthat, ein leichtſinniges und be⸗ herztes Weſen annehmen und zu dir ſagen:„Rede nur immerfort, Sesbet, und ſprich mir Muth ein.“ Sehr uͤberraſcht ward ich, als ich dich darauf ſagen hoͤrte: „Auf, ihr Geiſter, und fuͤhret ihn von hinnen!“ Noch waren dieſe Worte nicht ganz ausgeſprochen, als ich die Mauer zuſammen ſtuͤrzen ſah; ich erblickte hinter derſelben ein großes Feuer, in deſſen Mitte eine Menſchengeſtalt ſaß, mit ſchwarzem Antlitz und rothen feurigen Augen; ſie war ſo groß, als der hoͤchſte Thurm, und von mehreren kleinern Geiſtern begleitet. Dieß Ungeheuer ergriff mich, und trug mich nach einer In⸗ ſel, dem Wohnort abtruͤnniger Geiſter, welche nicht an die Einheit Gottes glauben. Fuͤnfhundert und fuͤnf und zwanzigſter Tag. Ich blieb nicht lange bei ihnen, denn es kam ein Heer glaͤubiger Geiſter und griff ſie an. Der Rieſe, der mich her gebracht hatte, wurde in dem Kampfe erſchlagen, und die Sieger fuͤhrten mich mit den Ge⸗ fangenen als Sklaven hinweg. Jetzo, mit Ketten be⸗ Temim Dari, der Soldat. 27 laſtet und gezwungen unter ſo boshaften Geiſtern zu leben, bereute ich tauſendmal, daß ich die weiſen Leh⸗ ren meines Pflegevaters, und noch mehr, daß ich die Warnungen der ſchoͤnen Sesbet ſo in den Wind ge⸗ ſchlagen hatte. Ich hielt noch ſtandhaft genug das Jahr aus, waͤhrend deſſen Sesbet mir treu bleiben ſollte; als ich dieſes aber ablaufen ſah, bemaͤchtigte Verzweiflung ſich meines Herzens, und ich wuͤnſchte taͤglich das Ende meines ſo ungluͤckſeligen Lebens her⸗ bei. Endlich, nach achtzehn Monaten eines ſo fuͤrch⸗ terlichen Zuſtandes, wollte der Geiſterkoͤnig, deſſen Sklaven wir waren, eine Muſterung der Gefangenen vornehmen. Sobald er mich erblickte, ſprach er zu mir:. „Du biſt ein Menſch: was machſt du unter den abtruͤnnigen Geiſtern?“ Ich erzaͤhlte ihm, auf welche Weiſe ich hinweg gefuͤhrt und wie ich zum Sklaven gemacht worden war. Aber Sesbet ſchwebte mir ſtaͤts in Gedanken, und ich wollte mein Ungluͤck wenigſtens in dieſer Hinſicht benutzen; ich fragte alſo nach Kunde von Mahomed. Folgendes war ſeine Antwort: „Es iſt ſehr ſchwer, ihn zu ſehen; ich ſelber habe ihn niemals geſehen,“ fuͤgte er hinzu,„er ruhet in dem Schooße Gottes! Wir leben nach dem Geſetze, welches er verkuͤndigen wird; das iſt alles, was ich dir davon ſagen kann.“ 28 525. T a g. „Ich bin der ungluͤckſeligſte der Menſchen,“ rief ich aus, mit einem Schmerze, welcher ihn zu ruͤhren ſchien;„wenn ich den Propheten nicht ſehe, muß ich auf die vollkommenſte der Frauen Verzicht leiſten.“ „Wo biſt du her?“ fragte er mich. „Herr, ich bin aus Mekka,“ antwortete ich ihm. „Weißt du, daß deine Heimat ſiebenzig Jahre Weges von hier entfernt iſt?“ Bei dieſer Nachricht vergingen mir die Sinne. Als ich mich wieder erholt hatte entſtroͤmten die Thraͤ⸗ nen ſo uͤbermaͤßig meinen Augen, daß der Koͤnig zu mir ſagte: 3 „Betruͤbe dich nicht, ſondern faſſe Muth, Temim Dari; ich werde dich dieſe Nacht zu einem Weiſen fuͤhren laßen, der dich beſſer unterrichten kann, als ich, was du zu thun haſt.“ Hierauf faßte er mich bei der Hand und fuͤhrte mich in einen Garten, auf welchen das Gefaͤngnis der vor⸗ nehmſten zu Sklaven gemachten Geiſter die Ausſicht hatte. Der Kerkermeiſter oͤffnete auf Befehl die Thuͤre, und ließ einen der Gefangenen heraus, welchen der Koͤnig ihm bezeichnet hatte. Er war fuͤrchterlich; ſein Antlitz war ſchwarz wie Pech, ſeine rauhe Stimme erklang wie Donner. Er warf ſich vor dem Koͤnige nieder, und dieſer ſagte zu ihm: „Ich verſpreche dir die Freiheit, wenn du dieſen Menſchen zu dem weiſen Tulukia bringſt. Wie 1 Demim Dari, der Soldat. 29 viel Zeit gebrauchſt du, um ihn in deſſen Wohnung zu bringen?“ Der Geiſt antwortete:„Ich kenne ſie; ich bin oft dort geweſen, in der Abſicht, ihn zu verſuchen: ich mache mich anheiſchig,“ fuhr er fort,„ihn binnen drei Stunden dahin zu bringen.“ Dieſe Antwort machte mir große Freude. Hierauf ſah der Koͤnig mich freundlich an, und ſagte zu mir: „Temim Dari, ich haͤtte ſehr gewuͤnſcht, dich bei mir zu behalten: aber deine Sehnſucht iſt gegruͤndet; geh und ſuche dir Mittel, wieder zu derjenigen zu ge⸗ langen, welche du ſo ſehr wieder zu ſehen wuͤnſcheſt; ich kann dir nur noch empfehlen, wohl auf deiner Hut zu ſein. Dieſer hier iſt ein abtruͤnniger Geiſt; ich will dich ein Gebet lehren, welches ihn dir unterwirft und ihn zwingt, dich ohne alle Gefahr fort zu tragen. Merke dir wohl, wenn du einen Augenblick ablaͤßeſt, es zu wiederholen, ſo laͤßt er dich fallen, und entflieht.“ Ich lernte das Gebet leicht; es war nicht lang. Der Koͤnig empfahl mich nochmals dem Geiſte; dieſer nahm mich auf die Schulter und ſchwang ſich mit mir in die Luͤfte. Er flog uͤber Meere, Berge und Thaͤler dahin, und ich wiederholte beſtaͤndig mein Ge⸗ bet. Endlich ſchwang er ſich ſo hoch empor, daß die Erde mir nicht groͤßer als ein Apfel vorkam, die Sterne aber erſchienen vor meinen Augen ſo groß als Berge. Der Geiſt wollte mehr als einmal mich fallen laßen, 5̃0 525. 526. Tag. aber die Kraft des Gebets bewahrte mich ſtaͤts vor ſeiner Tuͤcke. Unterdeſſen ermuͤdete mich die Stellung, worin ich war, und entkraͤftete mich ſehr, als ich in der Luft eine ſo große Menge von Engeln erblickte, daß Gott allein ihre Zahl wiſſen kann. Sie trugen alle eine feurige Lanze in der Hand und ſangen das Lob Gottes. Ihr Anblick machte mir ſo große Freude, daß ich mein Gebet unterbrach und das Lob Gottes mit ihnen zu ſingen begann. Der Geiſt gewahrte, daß ich die Worte nicht mehr wiederholte, welche ſei⸗ nen boͤſen Willen baͤndigten, ſchuͤttelte mich ab, und flog davon. Ich fiel, mich uͤberſtuͤrzend, ſo, daß bald der Kopf, bald die Fuͤße oben waren, ſieben Tage lang, an deren Ende Gott einen Wind aufſtehen ließ, der mich auffing und mich ſanft am Ufer des Meeres niederließ. Es war Nacht. Ich wollte weiter gehen, aber ich fuͤhlte mich ſo betaͤubt, daß ich mich auf den Boden niederlegte. Fuͤnfhundert und ſechs und zwanzigſter Tag. Ich ſchlief bis Sonnenaufgang; bei meinem Er⸗ wachen fuͤhlte ich mich ganz hergeſtellt; und nachdem ich Gott gedankt hatte, ging ich laͤngs dem Geſtade des Meeres hin, und erblickte ein Kameel, welches ſich mir naͤherte und zu mir ſprach: Demim Dari, der Soldat. 51¹ „Mann von Mekka, ſei willkommen!“ Ich erwiederte ſeinen Gruß mit Verwunderung. Aber ich erſtaunte noch mehr, als es hinzufuͤgte: „Gott hat mir befohlen, hieher zu kommen, um dich uͤber das Meer zu bringen. Mache dich darauf gefaßt, wundervolle Dinge zu ſehen.“ „Ach! gutes Kameel,“ rief ich aus,„laß mich Mahomed ſehen, und verſchaffe mir Mittel und Wege, baldigſt meine geliebte Sesbet wieder zu ſehen.“ „Ich dringe nicht in die Abſichten Gottes,“ ant⸗ wortete mir einfaͤltig das Kameel;„unterwirf dich, ſo wie ich, ſeinem Willen.“ Dieſe Worte bewogen mich, es mit großer Auf⸗ merkſamkeit zu betrachten: ſein Bauch war roth und ſchwarz, und ſeine Augen vom ſchoͤnſten Gelb; es ver⸗ breitete einen wunderſamen Wohlgeruch. Ich konnte mich nicht enthalten ihm meine Verwunderung zu be⸗ zeugen, welche ſein Anblick mir erregte. Es ſchien ſehr wenig auf meine Lobeserhebungen zu achten, und nahm mich auf ſeinen Ruͤcken. Nachdem es mich mit unglaublicher Schnelligkeit uͤber das Meer gebracht hatte, ſagte es mir Lebewohl, und verließ mich. Ich wanderte nun vier Tage und vier Naͤchte, ohne andere Nahrung, als Muſcheln, welche das Meer mir ſehr kaͤrglich gewaͤhrte. Endlich erblickte ich eine Hoͤhle, welche ſiebenzig Thuͤren hatte. Ich ſtieß leiſe eine derſelben auf; da ſah ich, daß die Hoͤhle von un⸗ 32 626. Ta g. geheurem Umfange, und voll zahlloſer Geiſter von mannigfaltiger Geſtalt war, welche alle gefeſſelt und mit den ſtaͤrkſten Ketten belaſtet waren. Vermuthlich haͤt⸗ ten ſie, ohne dieſe Vorſicht, ſich unter einander zer⸗ riſſen; denn ſie laͤſterten und uͤberhaͤuften ſich mit Verwuͤnſchungen. Ich naͤherte mich einem Greiſe, deſſen Geſichtszuͤge einen hoͤchſt verwegenen Ausdruck hatten; er lag auf der Seite, und hatte nur ein Auge; aber dieſes Auge funkelte. Er fragte mich, wo ich her kaͤme, und aus welchem Lande ich waͤre! Als er vernahm, daß Mekka mein Geburtsort, wollte er wiſſen, ob Mahomed ſchon erſchienen waͤre. Ich ſagte ihm, ich wuͤßte es nicht. „Du luͤgſt,“ ſprach er darauf; indeſſen hieß er mich naͤher kommen, und fragte, ob die Welt noch immer laſterhaft waͤre. Ich verſicherte ihn, daß ſie mehr, als jemals, mit Laſtern befleckt waͤre. Sogleich machte er eine Bewegung, um ſich aufzurichten, indem er ſagte:.. „Weil dem ſo iſt, ſo iſt meine Stunde kommen.“ Aber in demſelben Augenblick ſah ich einen Engel erſcheinen, mit einer feurigen Keule in der Hand, wo⸗ mit er ihm mehrere Schluͤge auf den Kopf gab, und dabei dieſe Worte ausſprach: „Du Verfluchter, deine Stunde iſt noch nicht kommen: ich habe dich noch lange in Banden zu halten.“ Temim Dari, der Soldat. 33 Ich fragte den Engel ſehr demuͤthig, wer dieſer Geiſt waͤre, und an welchem Ort ich mich befaͤnde. Er antwortete mir: „Dieſer da iſt der Antichriſt, und du biſt am Eingange der Hoͤlle. „Mahomed, den ich ſuche,“ ſagte ich beim Hin⸗ ausgehen,„fann hier nicht ſein: wo werde ich ihn finden?“ fragte ich. „Gott iſt groß,“ antwortete mir der Engel,„laß den Muth nicht ſinken, ſondern ſetze deinen Weg fort.“ Ich befolgte ſeinen Rath, und kam in eine Wuͤſte, welche ſo duͤrr war, daß ich meine Thraͤnen nicht zu⸗ ruͤck halten konnte. Indeſſen wanderte ich ruͤſtig wei⸗ ter, und erblickte ein viereckiges Schloß, welches von jeder Seite einen hellen Glanz ausſtrahlte. Die Hoff⸗ nung, Bewohner darin zu finden, verlieh mir neue Kraͤfte; und ich entdeckte, als ich naͤher kam, daß die Werkſtuͤcke, aus denen es erbauet war, abwechſelnd von Gold und Silber waren. Sodann ſah ich fol⸗ gende Worte uͤber der Thuͤre geſchrieben ſtehen: „Es gibt nur Einen Gott; Mahomed iſt ſein hoher Freund; Adam iſt das reine und wahrhafte Geſchoͤpf Gottes.“ Dieſe Worte floͤßten mir großes Vertrauen ein, und ich trat ohne Anſtand in den Palaſt, wo ein mir bisher noch ganz unbekannter Wohlgeruch mich um⸗ IX. 3. 526. 527. Tag. ſtroͤmte. Ich ſah drinnen viele große Sopha's, mit den reichſten in Gold und Silber gewirkten Teppichen bedeckt. Ich hub einen eben ſo praͤchtigen Vorhang empor, vor welchen dieſe Sopha's ſtanden, und er⸗ blickte eine große Menge ſehr ſchoͤner Juͤnglinge mit bloßen Saͤbeln an der Seite; einige ſtanden, andere ſaßen, aber das Blut entſtroͤmte maͤchtig den Wunden, womit ſie bedeckt waren. Weiterhin fand ich einen aͤhnlichen Vorhang, welchen ich ebenfalls aufhub, und da ſah ich einen Bach rieſeln, deſſen Waſſer ſuͤßer als Honig, friſcher als Schnee, und weißer als Milch war. Am Geſtade dieſes Stromes ſtanden mehrere wohlbe⸗ ſetzte Tafeln, welche ich mir zu Nutze machte. Ich hatte gar keine Luſt einen ſo wonnevollen Ort wieder zu verlaßen; aber ein großer gruͤner Loͤwe, auf deſſen Seiten das Lob Gottes und Mahomeds geſchrieben ſtand, ſtuͤrzte auf mich los, und die Furcht, welche er mir einjagte, zwang mich zu fliehen und das Schloß zu verlaßen.. Fuͤnfhundert und ſieben und zwanzigſter Tag. Nachdem ich etliche Schritte gethan hatte, erblickte ich einen Juͤngling, der zu Gott betete, und ganz gruͤn gekleidet war; er hielt vor ſich eine große Rolle von derſelben Farbe. Aus Ehrfurcht wagte ich nicht Temim Dari, der Soldat. 35 hin zu ſehen, was darauf geſchrieben ſtand. Ich naͤherte mich ihm, und fragte ihn nach dem Namen des Schloſſes, aus welchem ich kam. Seine Ant⸗ wort lautete alſo: „Mahomed hat, zur Belohnung der Muͤhe, welche du dir gibſt, ihn zu ſuchen, von Gott die Erlaubnis erlangt, dich ein Bild des Paradieſes ſchauen zu laßen, welches er denjenigen beſtimmt hat, welche im Kampfe fuͤr ihren Glauben umkommen. Danke Gott dafuͤr,“ fuͤgte er hinzu,„daß dir eine ſolche Gnade zu Theil geworden iſt.“ Ich gehorchte ihm. „Nimm dieſe Granate,“ fuhr er fort,„und iß ſie. Ich nahm ſie, und niemals habe ich eine Frucht ſo koͤſtlich befunden. Wir waren nahe bei einer Quelle, aus welcher ich meinen Durſt ſtillte, und deren Waſſer mir himmliſch ſchmeckte. Er wollte meine Geſchichte wiſſen, ich erzaͤhlte ſie ihm, und als er mir nun ſagte, er waͤre Enoch, welchen Gott von der Erde entruͤckt hatte, verdoppelte ſich meine Ehrfurcht und Bewun⸗ derung. Aber ich konnte mich nicht enthalten, ihm zu bezeugen, wie großes Verlangen ich haͤtte, Mahomed zu ſehen:„Alles was ich erduldet habe,“ ſagte ich zu ihm,„dieſes Verlangen zu befriedigen, ſcheint, an⸗ ſtatt es zu erſticken, es vielmehr verdoppelt zu haben.“ „Faſſe Muth, von Gott begnadigter Menſch,“ ſprach er zu mir,„du wirſt bald dort ſein, wo du hin wuͤnſcheſt, und wirſt diejenige wiederſehen, nach welcher dein Herz verlangt; man findet Gott, und er⸗ faͤhrt ſeine Guͤte, wenn man es ſich am wenigſten verſieht.“ Waͤhrend er ſo zu mir ſprach, ſah ich eine ſchwarze Wolke uͤber unſeren Koͤpfen erſcheinen; ſie wurde von Engeln empor gehalten. Der Juͤngling hub die Au⸗ gen auf, gruͤßte die Engel, und fragte ſie, wohin ſie zoͤgen. Sie antworteten ihm, ſie waͤren abgeſandt, das Land der Goͤtzendiener zu verwuͤſten. Enoch ſprach zu ihnen: „Erfuͤllet die Befehle Gottes, und ſetzet euren Weg fort.“: Dieſer Wolke folgte eine andre von der glaͤnzend⸗ ſten Weiße. Enoch gruͤßte auch die Engel, welche ſie fuͤhrten, und that ihnen dieſelbe Frage. Die Engel antworteten ihm: „ Wir gehen hin, Freude uͤber das Land zu brin⸗ gen, welches dem hohen Freunde Gottes das Leben geben ſoll.“ 1. Da zeigte Enoch auf mich und ſagte zu ihnen: „Betrachtet dieſen jungen Mann, und bringet ihn nach dem Orte ſeiner Beſtimmung; ihr habt ſelber Einſicht genug, um zu wiſſen, was ihm gebuͤhrt, und was ihr mit ihm machen ſollt.“ Sogleich ließen die Engel ſich mit der Wolke nie⸗ der, um mich aufzunehmen. Ich dankte dem Prophe⸗ ten Enoch abermals, und faſt in einem Augenblicke Temim Dari, der Soldat. 37 hatte die Wolke mich in den Hof meines Hauſes ge⸗ bracht. Meine Ungeduld, es wieder zu ſehen, und alles was ich ausgeſtanden, verdiente nicht dasjenige, was ich hier gefunden habe.“ „ Nunmehr iſt es an dir, Abutaleb,“ ſagte Ses⸗ bet zu ihm,„uns zu erzaͤhlen, was du geſehen haſt.“ Alsbald begann er folgendermaßen: Geſchichte Abutalebs, des Schriftgelehrten. „Verwundert uͤber alles, was die ſchoͤne Sesbet mir geſagt hatte, und begierig, alles zu erforſchen, was man von Mahomed wiſſen koͤnnte, der einſt zum Heil der Menſchen ſollte geboren werden, reiſte ich heute vor einem Jahre von hier ab. Vergeblich durchſtrich ich einen großen Theil von Indien. Die Weiſen, welche ich waͤhrend mehr als ſechs Monate befragte, lehrten mich nur, was ich ſchon wußte. Endlich be⸗ ha⸗ ich mich auf das große Meer; und da ich keine eſtimmte Richtung hatte, ſo erwaͤhlte ich das erſte beßte Schiff, welches zum Abſegeln bereit war. Nach einer ziemlich gluͤcklichen Fahrt von etlichen Monaten, litt ich Schiffbruch und entrann allein der Wuth der Abutaleb, der Schriftgelehrte. 39 Wellen, indem ich mich auf einem Brette rettete, wel⸗ ches mich an das Geſtade eines Eilandes trug, das ganz voll Schlangen war. Ich betrachtete dieſe Schlan⸗ gen aufmerkſam, und erblickte mitten unter ihnen eine kleine gelbe Schlange von bewunderungswuͤrdigem Farbenglanz, welche von einer der groͤßern Schlangen auf dem Ruͤcken getragen wurde. Aber was mich am meiſten erſtaunte, war, daß alle die anderen Schlan⸗ gen aus der weiteſten Ferne, ſo bald ſie die gelbe Schlange erblickten, herbei liefen und ſich um dieſe verſammelten, als wenn ſie ihr zur Wache dienen wollten. Sie ziſchte, und alle die anderen Schlangen verſchluͤpften, von Furcht ergriffen, unter die Erde. Ich betrachtete dieſe Wunder, als die kleine Schlange mich fragte, wer ich waͤre. Ich befriedigte ihre Neu⸗ gierde, und bat ſie dann, auch die meinige zu be⸗ friedigen. „Ich heiße Temlicha,“ antwortete ſie mir, „und meine Macht uͤber alle Schlangen iſt ſo unum⸗ ſchraͤnkt, daß ich ſie mit einem Worte in die Gewoͤſſer unter der Erde verſcheuche; das iſt der Wille des gro⸗ ßen Gottes; hielte ich ſie nicht ſo im Zaume, ſie wuͤr⸗ den laͤngſt ſchon die Kinder Adams vertilgt haben.“ Ich fragte ſie nach Kunde von Mahomed. Sie ſagte mir, er waͤre beſtimmt, den Menſchen das wahre Wort Gottes zu verkuͤndigen, aber ſie haͤtte ihn noch nicht geſehen. Darauf bat ich ſie, mir zu ſagen, wie 4⁰ 5²7. 528. T a g. ich von der ihr unterworfenen Inſel kommen koͤnnte. Alsbald rief ſie eine ihrer groͤßten Schlangen, und befahl ihr, mich ſchleunigſt und ohne mir irgend Lei⸗ des zu thun, ans Geſtade des Feſtlands zu bringen, welches nicht weit entfernt war. Fuͤnfhundert und acht und zwanzigſter Tag. Ihr Befehl wurde vollzogen; und als ich am Lande war, wollte ich der Schlange Dank ſagen; aber ohne mich anzuhdren, entfernte ſie ſich ſchleunig von mir. Ich dankte Gott fuͤr alle ſeine Guͤte; und im Herzen ſtaͤts mit der ſchoͤnen Sesbet beſchaͤftigt, und mit den Mitteln, den großen Propheten zu ſehen, um ſie zu beſitzen, kam ich wieder nach Aſſyrien und begab mich nach Babylon, um dort einen der be⸗ ruͤhmteſten Weiſen, Namens Uffan zu beſuchen. Ich war kaum in ſeine Wohnung getreten, als er zu mir ſprach: „Abutaleb, du ſuchſt vergeblich den großen Pro⸗ pheten; ich weiß indeſſen ein Mittel, welches dich be⸗ friedigen koͤnnte, ungeachtet noch viele Jahre bis zu Mahomeds Geburt verfließen werden; ich glaube nicht, daß du dich jemals des Beſitzes der ſchoͤnen Sesbet erfreuen wirſt, wenn du meinen Vorſchlag nicht an⸗ nimmſt. Ich weiß aus meinen Buͤchern, daß du die 3 Abutaleb, der Schriftgelehrte. 42 Schlangeninſel kenneſt, wo die Koͤniginn Temlicha herrſcht. Willſt du mich dahin fuͤhren, ſo weiß ich Mittel zu finden, uns beide reich und beruͤhmt in der Welt zu machen, und uns ein ſo hohes Alter zu ver⸗ ſchaffen, daß wir Mahomed noch lange ſehen, ſeine erſten Schuͤler und die getreuſten Beobachter ſeines Geſetzes werden.“ Ich war hocherfreut uͤber die Vorſchlaͤge des wei⸗ ſen Uffan, nahm ſie willig an, und verſprach, ihn nach der Inſel der gelben Schlange zu fuͤhren. Von Stund' an waren wir mit den Vorkehrungen fuͤr un⸗ ſere Reiſe beſchaͤftigt, und waren bald damit fertig. Uffan nahm Bogen und Pfeile; er fuͤllte zwei kleine ſilberne Gefaͤße, eins mit Wein, das andre mit Milch, und that ſie alle in ein eiſernes Kaͤſtchen, welches er mit nahm. Wir kamen ohne Hindernis an das Ge⸗ ſtade, wohin die große Schlange mich auf Temlicha's Befehl gebracht hatte. Wir kauften eine kleine Barke mit einigen Lebensmitteln, ſetzten uns beide ans Ru⸗ der, und langten in kurzer Zeit auf der Schlangen⸗ inſel an. Uffans erſte Sorge war, die kleine eiſerne Kiſte ans Land zu bringen und ſie zu oͤffnen. Hierauf ver⸗ ſteckten wir uns in einem Winkel, dergeſtalt, daß wir, ungeſehen, alles beobachten konnten was vorging. Die von dem Weine und der Milch angelockte kleine Schlange kam eilig herbei, und ſchluͤrfte beides mit 4² 528. T a g. Gierigkeit ein; aber der Wein hatte ſie betaͤubt, und ſie fiel in die Kiſte. Sie ſank aus der Trunkenheit bald in Schlaf: ſogleich lief Uffan leiſe herbei, ſchlug die Kiſte zu, und trug ſie weg. Wir durchſtrichen hierauf die ganze Inſel, um ein Kraut zu finden, wel⸗ ches der weiſe Uffan eifrig ſuchte. Als wir an dieſes Kraut kamen, ſprach daſſelbe, vermoͤge der Allmacht Gottes, alſo zu dem weiſen Uffan: „Schneid und quetſche etliche von meinen Zwei⸗ gen, ſie werden ein ſo wunderkraͤftiges Oehl geben, daß, wenn man ſich die Fußſohlen damit einreibt, mnan ohne alle Gefahr uͤber das Waſſer dahin gehen ann. „Dich gerade ſuche ich,“ ſagte Uffan darauf, gund du ſollſt mir den Erfolg meines Unternehmens ſichern.“ Err that auf der Stelle, was das Kraut ihm ge⸗ heißen, und ſammelte das Oehl in einer Flaſche, welche er vorſorglich mit genommen hatte. Da die kleine Schlange ihm nur dazu gedient hatte, ihn das Kraut, welches Féars hieß, finden zu laßen, oͤffnete er das Kaͤſtchen, und ſetzte ſie wieder in Freiheit. Alsbald erhub ſie ſich in die Luͤfte, indem ſi ausrief:„der große Gott weiß die Frevler zu ſtrafen!“ und damit verſchwand ſie. „Du darfſt dich daruͤber nicht beunruhigen,“ ſagte hierauf Uffan zu mir;„wir haben das weſentlichſte Abutaleb, der Schriftgelehrte. 43 Mittel in Haͤnden, um uns das zu verſchaffen, was ich dir verheißen habe. Laß uns nun ſchleunigſt ans Geſtade des Meeres gehen,“ fuͤgte er hinzu. Wir waren alsbald dort angelangt; wir ſalbten uns nun die Fuͤße mit dem Féars⸗Oehle, und wur⸗ den leicht von ſeiner wunderbaren Wirkung uͤberzeugt;z denn wir gingen uͤber das Meer dahin, ohne einmal unſere Fuͤße zu benetzen. Fuͤnfhundert und neun und zwanzigſter Tag. Nachdem wir einen ziemlich langen Weg gemacht hatten, erblickten wir einen Felſen, der jedoch keiner von den hoͤchſten, und deſſen Gipfel mit einer weißen Wolke bedeckt war. Als wir bei demſelben ankamen, ging Uffan gerades Weges nach einer Hoͤhle, deren Thuͤre mit einem goldenen Schloſſe verwahrt war; er ſchoß einen Pfeil auf dieſe Thuͤre ab, und ſie that ſich auf; er trat hinein, ich folgte ihm. Da kamen zwei grimmige Loͤwen zum Vorſchein, auf welche Uffan wieder zwei Pfeile abdruͤckte, worauf ſie verſchwanden. Wir kamen hierauf an eine andere verſchloſſene Thuͤre; ein Pfeilſchuß oͤffnete ſie ebenfalls. Da ſtuͤrzten zwei Drachen hervor, welche vor Uffans Pfeilen eben ſo wie die beiden Loͤwen verſchwanden, und nichts hin⸗ derte uns nunmehr, an die Stufen eines praͤchtigen 44 529. Tag. Thrones zu gelangen, der mit bunten Farben verziert, und mit einem reichen ſeidenen, goldgeſtickten Teppich bedeckt war: auf dieſem Throne lag ein Mann von ehrwuͤrdiger Geſtalt auf dem Ruͤcken hingeſtreckt; am kleinen Finger der rechten Hand trug er einen Ring, welcher den ganzen Saal erleuchtete. Auf dieſem Ringe las man deutlich die Worte: „Es gibt nur einen alleinigen Gott, und Salomon iſt ſein Prophet.“ Eine goldene Lampe hing uͤber dem Haupte dieſes Fuͤrſten; zwei Drachen ſaßen zu ſeinen Fuͤßen und zwei zu ſeinen Haͤupten; Uffan zwang ſie vermittelſt ſeiner Pfeile, gleichfalls zu verſchwinden. Darnach wandte er ſich zu mir, und ſprach: „Jetzo, Abutaleb, mein theurer Bruder, bedarf ich deiner Dienſte; gelingt mir meine Unternehmung, ſo erreichen wir alles, was ich dir verheißen habe, und du wirſt Sesbet gluͤcklich machen.— Ich werde mich dieſem Fuͤrſten naͤhern,“ fuhr er fort,„um ihm den Ring von dem Finger zu ziehen: aber ich weiß, daß in demſelben Augenblick eine Schlange auf mich los ſchießen und mich toͤdten wird; drum nimm meinen Bo⸗ gen und dieſe drei Pfeile,“ ſagte er, indem er ſie mir uͤbergab,„und wenn du mich todt hingeſtreckt ſiehſt, ſo druͤcke einen dieſer Pfeile auf mich ab, und ich werde wieder auferſtehen.“— Abutaleb, der Schriftgelehrte. 45 Ich verſprach ihm, genau alles zu thun, was er mir empfahl; unterdeſſen bat ich ihn, mir den Namen desjenigen zu ſagen, den wir auf dem Throne liegen ſahen. „Es iſt,“ antwortete er mir,„der Prophet Sa⸗ lomon ſelber; ſein Ring iſt allmaͤchtig; vermittelſt deſ⸗ ſelben hat er ſich die Menſchen, die Geiſter und alle Thiere unterworfen, und ſich zum Herrn der ganzen Welt gemacht, indem er ſich die Kenntnis aller Ge⸗ heimniſſe der Natur erworben: und wenn ich dieſen Ring an meinen Finger zu ſtecken vermag, ſo bin ich ein zweiter Salomon.“ 7 Mit dieſen Worten ſetzte er den Fuß auf den Thron, und machte alle Anſtrengungen, ſich des Rin⸗ ges zu bemaͤchtigen. Alsbald kam unter dem Thron eine Schlange hervor, welche durch das bloße Gift ihres Hauchs den Uffan todt nieder ſtreckte. Als ich ihn in dieſem Zuſtande ſah, ſchoß ich ei⸗ nen Pfeil auf ihn ab, der ihn ſogleich ins Leben rief. Uffan wiederholte nun ſeine Anſtrengungen, ſie hatten aber nicht mehr Erfolg, als die erſten; der giftige Hauch der Schlange toͤdtete ihn abermals. Ich be⸗ diente mich mit Erfolg deſſelben Mittels. „Wenn du mich noch einmal wieder erweckſt,“ ſagte Uffan zu mir,„ſo habe ich nichts mehr zu fuͤrch⸗ ten, und bin der gluͤcklichſte der Menſchen.“. 4 46 529. Tag. Er wollte nun nochmals den Ring ergreifen, die Schlange toͤdtete ihn wiederum, und in demſelben Au⸗ genblick, da ich den dritten Pfeil abſchießen wollte, verfinſterte ſich der Himmel, fuͤrchterlich rollte der Donner, der ganze Felſen erbebte; ich ſtuͤrzte mit dem Geſicht auf den Boden, und als ich wieder zur Be⸗ ſinnung kam, blickte die Schlange mich mit Unwillen an und ſprach zu mir:. „Biſt du denn ein Abtruͤnniger? Was bewegt dich, dieſem Ruchloſen Dienſte zu leiſten? Staͤndeſt du nicht unter dem Schutze des großen Freundes Got⸗ tes, ſo ſollteſt du ſein Schickſal mit ihm theilen.“ Ich warf ſchleunig meinen Bogen mit meinem dritten Pfeile weg; dieſe Unterwerfung bewog die Schlange, ſich zu entfernen; die Luft ward wieder heiter, und ich war nur darauf bedacht, dieſen ſchrecklichen Ort zu verlaßen. Ich ſalbte mir die Fuͤße mit dem wunderbaren Oehle, welches mir Uffan gluͤcklicherweiſe lhescehen hatte, und ging von dannen uͤber das Meer n. Ich durchwanderte ſo ſechs Meere, ohne daß mir etwas aufſtieß. Erſt als ich auf das ſiebente Meer kam, erblickte ich eine Inſel, welche von Gold ſchien. Als ich dieſelbe erreichte, ſah ich, daß ſie mit Saffran, Palmen und Granaten bedeckt war. Beim Anblick dieſer Fruͤchte glaubte ich in den Garten Eden ge⸗ kommen zu ſein. Ich pfluͤckte mir von den Fruͤchten, Abutaleb, der Schriftgelehrte. 47 welche meine erſchoͤpften Kraͤfte wieder herſtellten: aber ich erſchrak ſehr, als ich mich auf der Inſel umſah, und Menſchen von ſeltſamer Geſtalt erblickte, welche von allen Seiten mit dem Saͤbel in der Fauſt herbei liefen, mich anzugreifen. Ich ſprach den Namen Got⸗ tes aus, und ſie ſtanden augenblicklich ſtill, ſteckten ihren Saͤbel in die Scheide, und wiederholten ſelber den Namen Gottes. „Was ſucheſt du auf dieſer Inſel?“ fragten ſie mich. „Ich ſuche Mahomed,“ antwortete ich ihnen. Bei dieſem geheiligten Namen verdoppelten ſie ihre Aufmerkſamkeit fuͤr mich, und ſagten mir, ſie waͤ⸗ ren Geiſter, welche vormals bei den Engeln des All⸗ maͤchtigen gewohnt, nun aber auf die Erde geſandt worden und hier bleiben muͤßten, bis zum Tage des jüͤngſten Gerichts, um die Goͤtzendiener und alle die⸗ jenigen zu vertilgen, welche in der Folge nicht an das Geſetz des großen Propheten glauben wuͤrden. Sie fuͤgten hinzu, daß es mir nicht verſtattet waͤre, bei ihnen zu bleiben, ſondern daß ich mich baldmoͤglichſt entfernen moͤchte. Ihr Oberhaupt nahm hierauf das Wort und ſagte zu mir, weil Gott erlaubt haͤtte, daß ich auf ihre Inſel gekommen, ſo muͤßten ſie alles an⸗ wenden, weiter fuͤr mich Sorge zu tragen, er wuͤrde mir demnach Mittel verſchaffen, die Inſel zu verlaßen. Ich bezeugt ihm meine Erkenntlichkeit, und bat ihn, 48 529. 550. Tag. mich ſo bald als moͤglich nach dem Orte zu bringen, wo er glaubte, daß ich den Propheten begruͤßen koͤnnte. 3„Ich kann dir,“ erwiederte er mir,„uͤber dieſen Punkt nichts verſprechen; ich will aber das einzige füͤr dich thun, was in meiner Macht ſteht.“ Alsbald befahl er, eins von ihren Pferden zu ſatteln, und ihm die Augen zu verhuͤllen; denn ohne dieſe Vorſicht waͤre es keinem Sterblichen moͤglich ge⸗ weſen, daſſelbe zu beſteigen. Er empfahl mir, mein Vertrauen auf Gott zu ſetzen, und verſicherte mich, ich wuͤrde gluͤcklich nach einem Hafen des Rothen Meeres gelangen, und dort einen Greis und einen Juͤngling antreffen, denen ich das mir anvertraute Pferd uͤbergeben ſollte.„Sie werden dir,“ fuhr er fort,„alle Dienſte leiſten, welche in ihrer Macht ſtehen, und dich vielleicht uͤber das belehren, was du ſuchſt, und was mir ſelber verborgen iſt.“ Fuͤnthundert und dreißigſter Tag. Nachdem ich ihnen alle Beweiſe meiner Erkennt⸗ lichkeit gegeben, reiſte ich ab. Meine Reiſe ging ſehr gluͤcklich; aber das Pferd erhub ſich ſo hoch in die Luͤfte, daß ich keinen Gegenſtand unterf heiden konnte: es ließ ſich endlich an einem Seehafen tarder, wo ich Abntaleb, der Schriftgelehrte. 49 die beiden mir angekuͤndigten Maͤnner antraf, und ih⸗ nen das Pferd uͤbergab. Der Greis fragte mich, ob es ſchon lange her waͤre, daß ich die Geiſterinſel verlaßen. Ich antwor⸗ tete ihm, ich waͤre um Mittag von dort abgereiſet. „Wie viel Meilen waͤhnſt du ſeitdem gemacht zu haben?“ hub der Greis wieder an. „Fuͤnf oder ſechs,“ antwortete ich ihm. „Du haſt mehr, als achttauſend Meilen zurüͤck⸗ gelegt,“ ſagte er darauf. Ich konnte nicht muͤde werden, alle die Wunder anzuſtaunen, welche wir nach einander begegnet wa⸗ ren. Ich ſtimmte mit dem Greiſe ein, daß bei Gott kein Ding unmoͤglich waͤre: aber ſtaͤts mit dem Ver⸗ langen beſchaͤftigt, Mahomed zu ſehen, ſchien ich ihn zu ruͤhren:„Man muß fuͤr einen ſo guten Zweck alles thun,“ ſagte er zu mir, und fuͤgte ſodann hinzu: „Obgleich unſer Pferd ſehr ermuͤdet und nicht gewohnt iſt, eine ſo große Laſt zu tragen, als die deinige, ſo iſt jedoch der Ort, wohin du, nach den Beſchluͤſſen der Vorſehung, dich begeben ſollſt, in ſo geringer Ent⸗ fernung von hier, daß ich ihm befehlen will, dich dort⸗ hin zu bringen; in der That ſind funfzig Meilen, welche uns davon trennen, eine Kleinigkeit, um ſo mehr, als die Zeit uns draͤngt.“ 1X. 4 50 530, TDag. Ich bezeugte ihm meine Erkenntlichkeit durch meine Thraͤnen; ich wollte ſeine Knie umarmen; er verhinderte mich aber daran, und als das Pferd vor⸗ gefuͤhrt war, raunte er ihm ein Wort ins Ohr. Ich beſtieg es mit derſelben Vorſicht, wie das erſtemal; und in einem Augenblick brachte es mich hieher, warf mich im Hofe ab, und entſchwand meinen Blicken. Wenn ich nun auch Mahomed nicht geſehen habe,“ beſchloß Abutaleb ſeine Geſchichte,„ſo mußt du jedoch eingeſtehen, ſchoͤne Sesbet, daß es nicht meine Schuld iſt; daß ich nichts geſpart habe, um dahin zu gelan⸗ gen; daß die drei Nebenbuhler, welche mein Ungluͤck mir zugezogen hat, und die den Vortheil gehabt, fruͤher abzureiſen, als ich, in Betreff des vornehmſten Ge⸗ genſtandes ihrer Reiſe nicht gluͤcklicher geweſen ſind; und daß ſie nicht die Guͤte und Beguͤnſtigung des All⸗ maͤchtigen erfahren haben, deren ich mich ruͤhme.“ Mahomeds Geburt. 51 Hierauf nahm Sesbet das Wort, und ſprach zu ihren vier Maͤnnern: „Ihr ſeid Zeuge meiner Unterwerfung unter die Befehle meines Vaters, ihr ſehet ſie hier von ſeiner Hand geſchrieben, das Wunder iſt uͤberzeugend, und die Guͤte Gottes offenbart ſich an euch: ich ſchwoͤre euch nun, daß ich euch alle viere gleich gern nehme; indeſſen kann ich nur denjenigen heirathen, der Maho⸗ med geſehen hat. Keiner von euch iſt alſo mein Mann.“ Dieſe Demuth und dieſe Gleichheit der Geſinnung gegen alle Viere diente nur dazu, anſtatt die Neben⸗ buhler zu beſchwichtigen, jedem von ihnen die Gewiß⸗ heit zu geben, daß der Gegenſtand ſeiner Wuͤnſche ihn annehmen wuͤrde, wenn er die uͤbrigen entfernen köͤnnte, die ſeinem Gluͤcke in dem Wege ſtaͤnden, und vermehrte alſo noch ihre Erbitterung gegen einander. Sesbet bemerkte dieß, mit einer Beaͤngſtigung, welche ſie nicht verbergen konnte, als ploͤtzlich ein Donnerſchlag, der ſich bei ganz heiterem Himmel ver⸗ nehmen ließ, ihre ganze Aufmerkſamkeit anzog. Zu⸗ gleich erſchien ein Greis, wuͤrdevoll durch die Schoͤnheit ſeiner Geſichtszuͤge und durch die Laͤnge ſeines Bartes, deſſen Weiße ſich mit der Weiße ſeines Gewandes ver⸗ 5² 530, 531. Tag. ſchmolz. Er ſtuͤtzte ſich auf einen bloßen Saͤbel, in welchen er ſein Vertrauen ſetzte; eine weiße Wolke trug ihn, und ihn begleitete ein Strahl der Herrlich⸗ lichkeit Gottes, der ſich in die Unermeßlichkeit des Himmels verlor. Bei dieſer Erſcheinung warfen ſich Alle auf den Boden nieder, und keiner wagte, zu dem⸗ jenigen empor zu blicken, der in einem ſolchen Glanze erſchien. Fuͤnfhundert und ein und dreißigſter Tag. „Stehet auf,“ ſprach er zu ihnen. Sie gehorchten, und ſtanden in der tiefſten Ehrfurcht vor ihm, waͤh⸗ rend er alſo fortfuhr: „ Abdal Motallab, Yarab, Abutaleb, Temim Dari, ihr habt Gnade vor dem Allmäͤchtigen funden; alles was ihr durch ſeine Zulaßung geſehen habt, iſt Belohnung dafuͤr, daß ihr mich geſucht habt. Betrachtet mich: ich bin Mahomed, ich bin der große Freund Got⸗ tes; derjenige, der mit ſeiner Erlaubnis einſt das Licht üͤber die Erde verbreiten ſoll; und erfreuet euch eines Gluͤcks, welches gegenwaͤrtig kein andrer außer euch auf der Welt zu kennen vermag, und welches euch alle folgende Zeitalter beneiden werden. Die Verhe ßungen des weiſen Uſcha werden durch dich in Erfuͤllung gehen, Sesbet; deine Tugenden und 1 Mahomeds Geburt. 55 deine Schoͤnheit haben mich bewogen, dich allen Jung⸗ frauen Mekka's vorzuziehen; du ſollſt fortan Amina genannt ſein.“ Hierauf wandte er ſich zu ihren Maͤnnern, und fuhr fort:„Ihr habt mich nun geſehen, und ſie iſt euer, arbeitet mit heiligem Eifer daran, daß ich das Tageslicht erblicke, um das Weltall zu erleuchten. Alle die dem Geſetze folgen werden, welches ich ver⸗ kuͤndigen ſoll, koͤnnen vier Frauen nehmen: Sesbet aber iſt die einzige Frau, welche geſetzmaͤßig vier Maͤn⸗ ner zugleich haben darf; das iſt das wenigſte, was derjenigen gebuͤhrt, von der ich will gebohren werden.“ Mit dieſen Worten verſchwand Mahemed wieder; Alle folgten ihm mit den Augen, ſo lange ſie konn ten, und ſahen ihn in die Herrlichkeit Gottes aufgehen. Sesbet unterwarf ſich mit Ergebung den Geboten des Himmels, und uͤberließ ſich den vier Ehemaͤnnern, welche die Vorſehung ihr beſtimmt hatte. Das Loos entſchied uͤber die beſondere Einrichtung dieſer Ehe; ſie lebten alle fuͤnfe in der vollkommenſten Eintracht, im Schooße des Ueberfluſſes, welchen die Schaͤtze des beruͤhmten Uſcha ihnen gewaͤhrten, die ſich nun ihren Augen entdeckten: und ſo wurde der große Prophet gebohren. 531. Tag. Nachdem Moradbak ihre Erzaͤhlungen beendigt hatte, ſah ſie aufmerkſam hin, ob der Koͤnig nicht ein⸗ geſchlafen waͤre. Und da ſie ihn wach ſah, fragte ſie ihn, was er von dieſen wunderbaren Abenteuern und dieſem großen Wunder urtheilte. „Ich glaube,“ ſagte der große Koͤnig zu ihr,„daß dieſe Geſchichte fuͤr mich nicht minder heilſam geweſen waͤre, als die vorige, wenn ich mir nicht vorgeſetzt haͤtte, aufmerkſam zu ſein, um uͤber den Vorzug der einen oder andern zu urtheilen. Aber mein Kopf iſt dermaßen angefuͤllt von Geiſtern und Wundern, daß ich nicht im Stande bin zu entſcheiden. Anſtatt von mir zu verlangen, uͤber dieſe ausſchweifenden Geſchich⸗ ten zu urtheilen, haͤtteſt du lieber bemerken ſollen, daß ich faſt immer geſchlummert habe, und daß nur das Ende mich wieder etwas erweckt hat. Immerhin erzaͤhle mir nur deine Geſchichten und bekuͤmmere dich um weiter nichts. Aber fuͤr heute iſt es genug, geh zur Ruhe, morgen erwarte ich dich wieder.“ Sie gehorchte, und am naͤchſten Tage begann ſie folgendermaßen: 4— 54 Geſchichte Naurs Koͤnigs von Kaſchemir. „Naur, Koͤnig von Kaſchemir, beherrſchte ſeit ſei⸗ nem funfzehnten Jahre dieſes gluͤckliche Land mit Ge⸗ rechtigkeit, aber mit Strenge; er wollte ſeine Unter⸗ thanen gluͤcklich machen und ſie ſollten es verdienen gluͤcklich zu ſein. Der Muͤßiggang fand nimmer Gnade vor ſeinen Augen; er ließ die Verminderung der Ab⸗ gaben durch fleißige Arbet erkaufen, welche auf ſolche Weiſe eine doppelte Quelle des Wohlſtandes fuͤr ſeine Unterthanen ward. Er forderte den puͤnktlichſten Ge⸗ horſam, befahl aber nichts ohne guten Grund; und nothwendigerweiſe mußten diejenigen, denen er Beweiſe ſeiner Großmuth gab, die ſtrengſte Pruͤfung ihres Ver⸗ 56 531. T a g. dienſtes beſtehen. Das Gluͤck ſeiner Waffen hatte ihn zum Eroberer gemacht. Sein ſtolzer Sinn bewaͤhrte ſich uͤberall, bei ſeinen Eroberungen und in ſeiner Staatskunſt; ſeine Nachbarn fuͤrchteten ihn, und ſeine Voͤlker bewunderten ihn mit Furcht: das iſt das Schick⸗ ſal der allzu ſtrengen Tugend. Auf ſolche Weiſe herrſchte Naur ſchon zwanzig Jahre, und ſeine Macht ſchien ſo feſt gegruͤndet, daß man ſich nimmer eingebildet haͤtte, ſie koͤnnte einen Umſchwung des Gluͤckes erfahren. Dieſem Koͤnige waren bisher die Wirkungen der Liebe ganz unbekannt geblieben, er hatte dieſe Leiden⸗ ſchaft ſtaͤts als eine Schwaͤche der menſchlichen Natur betrachtet; die zahlloſen Schoͤnheiten, welche ſeinen Harem, den heimlichen Sitz ſeiner ſuͤßeſten Vergnuͤ⸗ gungen, fuͤllten, hatten ihn niemals ahnden laßen, daß man dem Willen derjenigen unterworfen ſein koͤnnte, welche man dem ſeinigen unterwarf, daß man der Sklave ſeiner Sklavinn werden koͤnnte. Er war mehr als jemals in dieſem Irrthume befangen, als der Auf⸗ ſeher ſeines Harems ihm die unvergleichliche Fatmé vorſtellte; ſie erſchien vor ihm, ſtolzer auf die Vorzuͤge, womit die Natur ſie uͤberhaͤuft hatte, als Naur es auf die Vorzuͤge des Thrones war. Die Geiſtes⸗ ſtaͤrke dieſes Fuͤrſten, der alle Gegenſtaͤnde ſo ſtrenge beurtheilte, die Standhaftigkeit ſeines Herzens, wel⸗ ches nur fuͤr uͤbernatuͤrliche Verdienſte empfind⸗ lich war, alle dieſe ihm angeborenen und durch Naur, Koͤnig von Kaſchemir. 57 die Gewohnheit und die Eitelkeit ihrer Anwendung verſtaͤrkten Geſinnungen, waren in Einem Augenblicke vor ſeiner reizenden Sklavinn gedemuͤthigt. Gleichwohl zeigte ſie nicht einen Stolz, der ihn haͤtte empoͤren koͤnnen; alles in ihrer ganzen Erſcheinung war An⸗ muth und Schoͤnheit; der Stolz war vielmehr noth⸗ wendig zu der Hoheit ihrer Geſtalt und zu dem Adel ihrer Geſichtszuͤge. Fuͤnfhundert und zwei und dreißigſter Tag. Naur fuͤhlte ſeine Niederlage, er war daruͤber un⸗ willig, und wollte ſie ſich verbergen, und in der Hoff⸗ nung, ihr zu entgehen, wollte er einen ſo gefaͤhrlichen Gegenſtand von ſich entfernen: aber die Liebe fuͤhrte ihn bald wieder zu ihr zuruͤck. Fatms ſtellte ſich, als gewahrte ſie die Bewegungen nicht, welche ſie in ei⸗ nem ſo ſtolzen Herzen hervorbrachte; ſie frohlockte daruͤber, es ſchmeichelte ihrer Eigenliebe, und ſie er⸗ gab ſich nicht eher dem ſtuͤrmiſchen Verlangen ihres Herrn, als nachdem ſie uͤber ihn triumphirt hatte. Der Koͤnig von Kaſchemir war nur zu ſehr zu entſchuldigen, daß er einer ſo vollkommenen Schoͤnheit huldigte: ihre langen ſchwarzen Haare wetteiferten mit der dunkelſten Nacht, und ihr ſtrahlendes Antlitz ſprach zu dem Monde, an ſeinem vierzehnten Tage:„ſchein! 58 532. Tag. oder ich ſcheine.“ Wenn ein Derwiſch, der die Nacht im andaͤchtigen Gebete zubringt, auch nur im Traum ihr Ebenbild geſehen haͤtte, wuͤrde er den Verſtand da⸗ von verloren haben. Ihre Zaͤhne ſtanden noch ſchoͤner an einander gereihet, als die ſchoͤnſte Perlenſchnur; das Gruͤbchen ihres Kinnes war die Fallgrube der Her⸗ zen; der Wohlgeruch, welchen ihre ganze Perſon von Natur rings um ſich verbreitete, uͤberduftete den koͤſt⸗ lichſten Moſchus; und das ſchwarze kleine Mal, wel⸗ ches neben ihrem linken Auge ſtand, war einer der verfuͤhreriſchſten Reize, welche die Liebe uͤber ihre ganze Geſtalt ausgegoſſen hatte.. Naur, der ſtolze Naur, war binnen kurzer Zeit leidenſchaftlich entbrannt fuͤr die ſchoͤne Fatmè, ſelbſt noch mitten in dem innigſten Genuſſe, ſo daß er nicht mehr leben konnte, ohne ihre Schoͤnheiten zu betrach⸗ ten, ohne ihre langen Haarflechten zu bewundern. Er war erſtaunt uͤber alle dieſe Gefuͤhle, deren Neuheit ſie ſeinem Herzen noch angenehmer machte; er gab ſich unablaͤßig der zaͤrtlichſten Liebe hin, und berauſchte ſich in den Reizen ſeiner ſchoͤnen Sklavinn, welche er taͤg⸗ lich mit neuer Luſt anſchaute. Das ſchwarze Mal, welches ihn noch mehr als alle ihre uͤbrigen Reize an⸗ gezogen hatte, war ein in ſein Herz geſaͤetes Korn, welches darin eine unendliche Liebe hervor trieb. In dem Entzuͤcken ſeiner Leidenſchaft dichtete der Fuͤrſt Naur, Konig von Kaſchemir. 59 dieſes zaͤrtliche Lied, welches in Perſien heute noch ge⸗ ſungen wird. „Es waͤre vergeblich, wollte ich ihr nicht folgen: ihre ſchoͤnen Haare haben mich umſtrickt, und ziehen mich wieder meinen Willen dahin.“ Naur, zum erſtenmale verliebt, kannte noch nicht das Mistrauen, noch die Eiferſucht; ſeine Sinnesart hatte ihn bisher die Frauen nur mit einer Art von Verachtung anſehen laßen, und in ſeiner Liebe uͤber⸗ ließ er ſich alsbald dem vollſten Vertrauen. Selbſt was ihm bei der Geliebten noch von Stolz uͤbrig blieb, ließ ihn nicht an ihrer Erkenntlichkeit und Zaͤrt⸗ lichkeit zweifeln.„Weil ich nun endlich liebe,“ ſprach er bei ſich ſelber,„ſo werde ich auch geliebt.“ Als die ſchoͤne Sklavinn der Wirkung ihrer Reize wohl verſichert war, und ſie ihre Gewalt uͤber den Geiſt ihres Herrn hinlaͤnglich befeſtigt, und ſein Herz unterjocht glaubte; als ſie über ihre Eroberung nicht mehr in Unruhe war, da genuͤgte ihr dieſe Eroberung ihres Gebieters nicht mehr; ſie war derſelben gewiß; ſie bedurfte nun einer andern zu ihrem eigenen Gluͤcke, und wenig geſchmeichelt durch einen Liebenden, in wel⸗ chem ſie ſtaͤts einen Herrn erkannte, wollte ſie ein Herz erobern, welches nur ſeinem eigenen Verdienſte das Geſchenk des ihrigen verdankte. In dieſen Zeiten, da Kaſchemir einen eigenen Koͤ⸗ nig hatte, wurden die Harems nicht mit großer Strenge 60 532. Tag. bewacht; es gab darin ſogar mehrere Beamte zum Dienſte des Fuͤrſten, die keine Verſchnittene waren, und in den innerſten Palaſt freien Zutritt hatten. Naur hatte einen Guͤnſtling, namens Abukaſir, der ſtaͤts um ihn ſein mußte: er war groß, wohlgebauet, und von hinreißender Schoͤnheit. Seine Worke waren ſuͤß wie Honig, und ſein Antlitz war mit einem ſo weichen Flaum bezogen, daß es dem Raſen an den Ufern der Milchbaͤche zu vergleichen war, welche im Paradieſe rieſeln. Er bediente ſtaͤts den Koͤnig, wenn er im Harem bei Fatmé war, und niemals kam ein andrer Beamter an ſeine Seite, wenn er mit der ſchoͤnen Sklavinn zu Nacht aß. Auf dieſen Abukaſir nun warf Fatmé ihr Auge: ſie ſpaͤhte tauſendmal in ſeinen Blicken, um den Knoten ſeiner Gedanken zu entwickeln; —. manchmal glaubte ſie einen Strahl von Hoffnung darin zu erſehen; aber dann ſah ſie alsbald wieder in ſeinem ganzen Benehmen nur den Ausdruck einer Ehrfurcht, welche ſie in Verzweiflung ſetzte. Dieſe Quaalen ihres Herzens verſcheuchten endlich alle Ruhe von ihr, ihre Schoͤnheit ſogar wurde davon angegriffen. Naur ge⸗ rieth daruͤber auch in lebhafte Beſorgnis: aber bald bedauerte ſie ſelber nicht mehr die Verminderung ihrer Reize, die zaͤrtlichen und theilnehmenden Blicke, mit welchen Abukaſir ſich nicht erwehren konnte, ſie anzu⸗ ſehen, belehten ſie bald wieder, gleich den wohlthaͤtigen Strahlen der Sonne, welche eine zarte Blume wieder Naur, Koͤnig von Kaſchemir. 61 aufrichten, die ein Unwetter niedergebeugt hat. Zwar waren dieſe Aeußerungen ſo beſcheiden und ſo gemaͤßigt, daß Fatmé nur eine leichte Hoffnung daraus ziehen konnte: gleichwohl uͤberließ ſie ſich derſelben mit Ent⸗ zuͤcken. Fuͤnfhundert und drei und dreißigſter Tag. Dieſe erſten Schritte gewoͤhnten bald die beiden Liebenden ſich ihrer Augen und der Blicke zu bedienen, um einander zu fragen und zu antworten, in Erwar⸗ tung einer guͤnſtigen Gelegenheit, ſich noch anders dieſe zaͤrtlichen Vorwuͤrfe, dieſe ſußen Fragen und dieſe lieblichen Zuſicherungen auszudruͤcken, welche der Reiz 55 Liebe, und zum voraus der beginnenden Liebe ſind. Die guͤnſtigſte Zeit fuͤr ſie war die des Abend⸗ eſſens, weil ſie ſich dann am laͤngſten und am naͤhe⸗ ſten ſahen. Fatmé, die nicht mehr ohne die Gegen⸗ wart ihres Geliebten leben zu köoͤnnen glaubte, war nur darauf bedacht, dieſe Abendgeſellſchaft ſo oft als moͤglich zu veranſtalten; und ihre Einladungen, welche der Koͤnig ihrem Verlangen zuſchrieb, ihn ſo oft als moͤglich zu ſehen, dienten nur dazu, ihn noch mehr fuͤr ſie zu entzuͤnden. 62— 533. Tag. Eines Tages als der Fuͤrſt und die ſchoͤne Skla⸗ vinn zu Tiſche einander gegenuͤber ſaßen, ließ Fatmé ihre Blicke, ſo oft ſie es ohne Gefahr thun konnte, auf Abukaſir hinuͤbergleiten. Dieſer bediente ſeinen Herrn, und freier mit ſeinen Blicken, weil er hinter ihm ſtand und von ihm nicht geſehen werden konnte, verſchlang er die Schoͤne faſt mit den Augen, waͤhrend Nauͤr ſel⸗ ber ſie mit ſolcher Leidenſchaft betrachtete, daß er nur ſie in der ganzen Natur ſah und auf ihren Roſenwan⸗ gen die Stelle des goͤttlichen Korans zu leſen waͤhnte: „das Weib iſt das ſchoͤnſte Werk des Schoͤ⸗ pfers.“ Blicke genuͤgten aber bald nicht mehr dem Herzen Fatmé's zur Nahrung, und dieſe Schoͤnſte der Schoͤnen wollte ſich nun nicht nur das Vergnuͤgen verlaͤngern, ihren neuen Geliebten zu ſehen und von ihm geſehen zu werden, ſondern ſie ſann zugleich auf Mittel, ihm die Staͤrke ihrer Liebe zu erkennen zu ge⸗ ben und die ſeine dreiſter zu machen; ſie ſchlug alſo dem Koͤnige vor, ihm eine Geſchichte zu erzaͤhlen. „Ich bin es zufrieden,“ erwiederte er,„wenn wir von Tiſche aufgeſtanden ſind; mit Vergnuͤgen will ich auch die Zauber deines Geiſtes kennen lernen; ich bin ſicher, daß ſie denen gleichen werden, welche deine ganze Erſcheinung meinen Augen darbietet.“ „Wenn ich es wagte, meinem Gebieter, dieſen Vorſchlag zu machen,“ erwiederte die Schoͤne,„ſo geſchah es, weil eine Erzaͤhlung bei Tiſche um ſo an⸗ Naur, Koͤnig von Kaſchemir. 65 nehmlicher iſt; wo ſie minder anziehend wird, da nimmt man eine Frucht, oder fordert Scherbet oder einige Schalen Schiras⸗Wein; das erhoͤhet die Lebhaftigkeit des Erzaͤhlers, und entſchaͤdigt den Zuhoͤrer bei den langweiligen Stellen; und ich fuͤhle, daß mir dieſe Huͤlfsmittel durchaus nothwendig ſind.“ Dieſe verſtellte Beſcheidenheit zog ihr die dafür erwarteten Lobeserhebungen zu, und erregte nur noch mehr die Luſt, ſie anzuhoͤren; die Blicke Abukaſirs und die Reden des Koͤnigs bezeugten ihr, wie ſehr ſie ſich darauf freuten. Die Heiterkeit und Anmuth, womit ſie dieſen Vorſchlag begleitete, beſtrickte die Geiſter der beiden mit ihrem maͤchtigſten Zauber. Da nun Fatmé durch nichts mehr gehindert wurde, zu erzaͤhlen, ſo hub ſie alſo an: Geſchichte Naerdans und Guͤſulbeks. „Haͤſſendſchar, ein reicher Juwelenhaͤndler in Er⸗ ſerum*), war ſchon in bejahrtem Alter, und hatte von allen ſeinen Sklavinnen und Frauen nur eine ein⸗ zige Tochter. Konnte dieſe auch nicht ſeinen Hoffnun⸗ gen in Betreff ſeines Handels entſprechen, ſo begluͤckte ſie ihn jedoch durch die Anmuth, womit die Natur ihre Geſtalt geſchmuͤckt und zugleich ihren Geiſt fuͤr jede Ausbildung empfaͤnglich gemacht hatte. Sie war erſt ſechs Jahr alt, als Ali, mit dem Beinamen Timur, der ſtaͤts einer von Huͤſſendſchars Freunden geweſen, ſtarb, ohne ſeinem einzigen Sohn ein Erbe zu hinterlaßen, ungeachtet er immer im Rufe des Reichthums geſtan⸗ den hatte. Indem Ali in Huͤſſendſchars Armen ſeinen ³) Bekannte Stadt in Klein⸗Aſien an der Perſiſchen Gränze⸗ Naerdan und Guͤſuͤlbek. 865 Geiſt aufgab, empfahl er ihm dieſen Sohn, als den einzigen Gegenſtand ſeiner Kuͤmmernis. Dieſer wahre Freund uͤbernahm es mit Vergnuͤgen; er verwandte anfangs lediglich um der Freundſchaft ihr Recht anzu⸗ thun, alle Sorgfalt auf dieſes Kind: aber Naerdan, — ſo hieß der Sohn Timur Ali's— wußte ſich die⸗ ſelbe bald zu verdienen. Er war von ſanfter Gemuͤths⸗ art, und ſeine Einſicht war ſeinem Alter zuvor geeilt; Erkenntlichkeit war das erſte Gefuͤhl ſeines Herzens. Huͤſſendſchar wuͤnſchte ſich Gluͤck uͤber dieß Vermaͤcht⸗ nis ſeines Freundes, und theilte ſeine Zaͤrtlichkeit zwi⸗ ſchen Naerdan und Guͤſuͤlbek, ſeiner einzigen Toch⸗ ter. Beide wurden zuſammen aufgezogen; ihre Kind⸗ heit, welche ſie durch gemeinſame Spiele vereinigte, die Freiheit ſtaͤts bei einander zu ſein, oder vielmehr die aufbluͤhenden Reize Guͤſuͤlbeks und die Bildung Naerdans befeſtigte in ihren Herzen eine gegenſeitige Zuneigung, welche durch nichts zerſtoͤrt werden konnte. Huͤſſendſchar gewahrte dies wohl; aber weit entfernt, ihrer Neigung irgend ein Hindernis in den Weg zu legen, ſchien er ſie vielmehr zu billigen. Der Himmel, der ihm einen Nachfolger verſagt hatte, ſchenkte ihm hier einen in dem Sohne ſeines Freundes, der ſich deſſen taͤglich wuͤrdiger machte, und Huͤſſendſchar hatte das Vergnuͤgen, einen Zoͤgling ganz nach ſeinen Wuͤn⸗ ſchen zu bilden. 3 IX. 5 66 534. TSag. Fuͤnfhundert und vier und dreißigſter Tag. Als Naerdan, der wenige Jahre aͤlter war, als Guͤſuͤlbek, das zwoͤlfte Jahr erreicht hatte, erlaubte man ihm nicht mehr, ſie zu ſehen; ſie wurde in dem Frauen⸗Zimmer verſperrt, und Naerdan wurde denje⸗ nigen anvertrauet, welche ihm eine Erziehung geben ſollten, wie ſie den Abſichten Huͤſſendſchars in Be⸗ treff ſeiner kuͤnftigen Beſtimmung angemeſſen war. Dieſe Trennung war ihm ſehr ſchmerzlich, aber ſie war es nicht minder fuͤr Guͤſuͤlbek, die weniger durch die Umgebung zerſtreut, als er, ſich nur mit einer Liebe beſchaͤftigte, welche jetzo durch die Entziehung des ge⸗ liebten Gegenſtandes ihre ganze Gewalt offenbarte. Sie wuchs in der Einſamkeit immer mehr, und da Guͤſuͤlbek es nicht wagte, an ihren Geliebten zu ſchrei⸗ ben, ſo blieb ihr kein andres Mittel, ihn in ihrem Herzen leſen zu laßen, als die Salam's,*²) welche ſie ihm durch eine Sklavinn ſchickte, die das Geheim⸗ nis derſelben nicht kannte. Der erſte Brief dieſer Art war ein Paͤckchen Ingwer.**) Das war allerdings ein ſtarkes Entgegenkommen: aber eine ſo innige Lei⸗ denſchaft, wie die ihrige, achtete nicht mehr auf Zu⸗ ruͤckhaltung. Mit Zittern erwartete ſie die Antwort; *) Vergl. die zu Ende der Geſchichte des Königs von Kaſchemir(pag. 646) ſtehende Anmerkung... **) Bedeutet:„Mein Herz brennet nur für dich.“ Naerdan und Güfulbek. 67 ſie fuͤrchtete nicht mehr geliebt zu werden. Wie groß war ihre Freude, als man ihr von Naerdan ein Stuͤck⸗ chen blaues Tuch brachte!*) Dieſes Zeichen druüͤckte zwar kein ſo zaͤrtliches Gefuͤhl aus, wie ſie gewuͤnſcht haͤtte; aber ſie ward doch nicht vergeſſen, man liebte ſie noch. Der Reiz dieſer Vorſtellung dauerte jedoch nicht lange; ihre Stelle nahm Sehnſucht und Verlan⸗ gen ein, welche um ſo lebhafter waren, als ſie nicht zweifelte, daß Naerdan ſie theilte.“— Indem Fatmé dieſe letzten Worte ausſprach, rich⸗ tete ſie dieſelben an Abukaſir, und begleitete ſie mit den zaͤrtlichſten Blicken. 4 „Man muß geſtehen,“ ſagte ſie dann, indem ſie ſelber ihre Erzaͤhlung unterbrach, und ihre ſchoͤnen Augen auf den Koͤnig von Kaſchemir richtete, welche ſie unmerklich wieder zu dem aufmerkſamen Abukaſir hinuͤber gleiten ließ,— man muß geſtehen,“ fuhr ſie fort,„daß die ungluͤckliche Guͤſuͤlbek zu beklagen war; eingeſperrt in einem von ihrem Geliebten zu gewiſſen⸗ haft gemiedenen Frauen⸗Zimmer, zaͤhlte ſie die Augen⸗ blicke ihrer Jugend und ihrer Schoͤnheit:„Welche fruchtlos verſchwendeten Gaben und Schaͤtze!“ ſprach ſie bei ſich ſelber:„Mit welcher Erwiederung ſollte meine Zaͤrtlichkeit nicht belohnt werden! Ach! wie viel Zweige wuͤrde der von mir gepflegte Keim der Liebe *) Bedeutet:„Sch liebe dich immerdar.“ 68 534. Tag. getrieben, und wie wuͤrden dieſe ſich unter der Laſt der köſtlichſten Fruͤchte gebogen haben! Aber nein, er, den ich anbete, er liebt mich nicht, weil eine uͤbertriebene Ehrfurcht...“— 3 „Ich will dir nicht wiederholen, Herr,“ fuhr Fatmé fort,„welcher Verdacht auf dieſe Klagen der betruͤbten Guͤſuͤlbek folgte; ich habe dir ihre Geſchichte verſprochen, und nehme ſie wieder auf. Als Naerdan funfzehn Jahr alt war, verſtand er ſchon die Vortheile des Handels ſo vollkommen, und benutzte den empfangenen Unterricht ſo gut, daß er, vermoͤge ſeiner Dankbarkeit gegen Huͤſſendſchar, verbun⸗ den mit ſeiner natuͤrlichen Einſicht, ſich deſſen Ge⸗ ſchaͤfte beſonders angelegen ſein ließ. Dieſer vaͤterliche Herr vertraute ihm dieſelben waͤhrend mehreren Reiſen, welche er nach Indien machte. Sie gediehen unter— ſeinen Haͤnden, und der Verkauf der in den Waaren⸗ lagern zu Erſerum gebliebenen Waaren brachte fuͤr Huͤſſendſchar noch mehr Gewinn, als ſeine Reiſen.. Unterdeſſen hatte Naerdan aus Zartgefuͤhl und Treue, wie ſie ſelten in einem verliebten Herzen zu finden ſind, ſeinen Verkehr mit Guͤſuͤlbek abgebrochen. Seine Liebe war keineswegs erloſchen: aber er legte ihr Stillſchweigen auf, und opferte alle Aeußerungen derſelben der Rechtſchaffenheit. Er wagte es nicht mehr, auf eine Heirath mit der Tochter ſeines Herrn Anſpruch zu machen, dem der Himmel, wider alles Naerdan und Guͤſulbek. 569 Verhoffen, jetzt eben noch einen Sohn geſchenkt hatte. — Dieſer Edelmuth,“ fuhr Fatmé fort,„weit ent⸗ fernt Guͤſuͤlbek's Liebe zu vermindern, diente nur da⸗ zu, ſie noch mehr zu entflammen. Huͤſſendſchar konnte, mitten in der Freude, welche die unerwartete Geburt eines Sohns ihm verurſachte, ſich jedoch nicht in Lo⸗ beserhebungen der Verdienſte Naerdans erſchoͤpfen, und ſagte laut, daß der Erbe, wodurch die Natur ſeine Wuͤnſche in vollem Maaße erfuͤllt habe, allein vermoͤge, ſeine zu Naerdans Gunſten gemachten Entwuͤrfe zu ſtoͤren; er fuͤgte hinzu, ſeine Tugenden, ſeine Red⸗ lichkeit und ſeine Geſchicklichkeit wuͤrden ihn bewogen haben, ihm ſeine Tochter mit all ſeiner Habe zu ge⸗ ben: aber er hoffe nun, das Gluͤck eines ſeiner Freunde zu machen, indem er ihm einen ſolchen Schwiegerſohn gaͤbe. Dieſe Lobeserhebungen vermochten Kara Mehem⸗ met, Huͤſſendſchars Schwager, ihn um Naerdan fuͤr ſeine Tochter zu bitten; er erbot ſich ſelbſt, die Hei⸗ rath gleich nach ſeiner Heimkehr von einer Reiſe nach Indien, welche wenigſtens acht bis neun Monate er⸗ forderte, zu vollziehen. Da er ſeines Gewerbes eben⸗ falls ein Juwelenhaͤndler war, ſo nahm Naerdan die⸗ ſen Antrag an, nicht aus Verlangen nach Reichthum oder nach einem eigenen Geſchaͤfte, ſondern um ſich von einer Liebe zu heilen, welche er jetzo nur noch als eine Undankbarkeit anſehen konnte. 70 535. Tag. Fuͤnfhundert und fuͤnf und dreißigſter Tag. Dieſe Neuigkeiten kamen auch zu Guͤſuͤlbeks Ohren; ſie bedeckten ihr Herz mit Suͤrme; ²) vergeblich ſandte ſie ihrem Geliebten einen Apfel,**) ein Stuͤck Zeug von der Farbe des Morgenroths, nn) eine Olive †) und eine Holzkohle. † †½) Dieſe zaͤrtlichen Sinnbilder des Uebermaaßes ihres Schmerzes und ihrer Eiferſucht machten den allzu tugendhaften Naerdan in ſeiner grau⸗ ſamen Entſchließung nicht wankend.“ Hiier unterbrach ſich Fatmé abermals, indem ſie ſich einer Betrachtung nicht enthalten konnte, deren Sinn, ſo einfach dieſelbe nur fuͤr den Koͤnig von Ka⸗ ſchemir war, einen bitteren Vorwurf fuͤr Abukaſir ent⸗ hielt. „Man mag wohl,“ ſagte ſie,„das begreife ich, ſich ſelber einer ſchuldigen Dankbarkeit aufopfern: aber verſtattet die Tugend uns auch andere Opfer? Man freuet ſich, in dem geliebten Herzen die Grundſaͤtze der Tugend zu finden, aber dieſe entarten ins Unmenſch⸗ liche, wenn man ſie uͤbertreibt. Wie kann man ſich —— *) So heißt ein Kraut, womit die Frauen ſich die Haare und Au⸗ genbrauen ſchwärzen, und welches ein Bild des Schmerzes und des Kummers iſt. 4 **½) Bedeutet:„Entferne dich nicht von mir, o du Lenz meines Lebens!“ ***)„Nimm mir lieber das Leben!“⸗ 18„Ich möchte dich lieber todt ſehen, als lebend und unbeſtändig.“ „Doch nein! ich will ſterben, und mögeſt du lange leben!** Naerdan und Guͤſulbek. 72 doch entſchließen, das aufzuopfern, was man liebt? denn allerdings mußte Naerdan wiſſen, daß Guͤſuͤlbek ihr Ungluͤck nicht uͤberleben wuͤrde. Aber der gerechte Himmel, der minder ſtrenge Himmel, als er, ließ ih⸗ ren Untergang nicht zu. Voll Verzweiflung vertraute dieſe zaͤrtliche Liebende, da ſie nicht wußte, an wen ſie in ihrem Ungluͤcke ſich wenden ſollte, ihren Kummer einer alten Juͤdinn, welche ihr dfter auslaͤndiſche Klei⸗ node verkaufte. Die Alte ſchien von ihrem Zuſtande ge⸗ ruͤhrt, aber noch mehr von der Belohnung, welche ihr verheißen wurde, wenn ſie die Heirath verhindern koͤnnte. „Nimm alles, woruͤber ich zu ſchalten habe,“ ſagte die zaͤrtliche Guͤſuͤlbek zu ihr;„mache nur, daß Naerdan nicht einer andern angehre; und ich ſchwoͤre dir bei dem heiligen Propheten, daß ich nichts beſitze, was dir nicht angehoͤren ſoll. Warum habe ich nicht alle Schaͤtze Indiens, um dich zu vermoͤgen, mir zu dienen!“ Die Juͤdinn verließ ſie mit dem Verſprechen, ihr zu helfen, und mit der Verſicherung, daß ſie bald von ihr weiter hoͤren ſollte.. Am Tage darauf, nachdem die Juͤdinn Guͤſulbek ſo troͤſtliche Verſprechungen gegeben, begegnete Huͤſſend⸗ ſchar in den Straßen von Erſerum dem Kara Mehem⸗ met, der die Stadt erſt vor vier Monaten verlaßen hatte. Er bezeugte ihm ſeine Ueberraſchung wegen ei⸗ ner ſo baldigen Ruͤckkehr. Kara Mehemmet antwortete 7² 535. Tag. ihm, er waͤre einem ſeiner Handelsfreunde auf halbem Wege begegnet, haͤtte dieſem ſeine Forderungen in In⸗ dien auf eine ſehr vortheilhafte Weiſe abgetreten, und waͤre entſchloſſen, ſich fuͤrder nicht ſo großen Muͤhſelig⸗ keiten auszuſetzen, welche ſein Alter ihm nicht mehr er⸗ laubte, ſondern endlich der Ruhe zu genießen, welche ſeine Reichthuͤmer ihm in der Heimath zuſicherten. Huͤſſendſchar erinnerte ihn auf der Stelle an die Abrede welche ſie beide wegen Naerdans Verheirathung mit ſeiner Tochter genommen. Kara Mehemmet erklaͤrte ſich bereit, dieſelbe zu erfuͤllen, wollte aber, daß die Hochzeit in einem Landhauſe gefeiert wuͤrde, welches er erkauft hatte. Huͤſſendſchar willigte ohne Schwierig⸗ keit in dieſe Bedingung, und beide gingen ſofort hin, Naerdan aufzuſuchen. Sie fanden ihn mit Huͤſſendſchars Angelegenheiten beſchaͤftigt, und Kara Mehemmet ſprach zu ihm: „Mein Sohn, wenn du mir folgen willſt, ſo will ich dir meine Tochter zeigen; ſie iſt erſt funfzehn Jahr alt, und du ſollſt ſie heirathen, wenn ſie dir gefaͤllt.“ Naerdan antwortete mit Hoͤflichkeit, aber zugleich mit Kaͤlte, und folgte beiden, mit einer Art von Freude, weil er auf dieſe Weiſe eine Leidenſchaft zu vertilgen wahnte, der ſich hinzugeben, er nicht mehr fuͤr erlaubt hielt. Naerdan und Guͤfuͤlbek. 7⁵ Fuͤnfhundert und ſechs und dreißigſter Tag. Kara Mehemmet fuͤhrte beide hinaus vor das Thor. Als ſie draußen waren, fragte ihn Huͤſſend⸗ ſchar: „Aber, Freund, was hat es denn fuͤr Bewandt⸗ nis mit dieſem Landhauſe, von welchem ich noch gar nichts weiß?“ Kara Mehemmet antwortete ihm:„Man muß ſich ſeine Reichthuͤmer zu nutze machen; du wirſt ſehen, wie meine neue Wohnung ausgeſchmuͤckt iſt; ſchon ſeit lan⸗ ger Zeit freute ich mich auf die Ueberraſchung, welche ich dir bereitete, und die Hochzeit meiner Tochter mit Naerdan iſt zur Offenbarung des Geheimniſſes beſtimmt, welches ich bis heute aus einem reizenden Wohnſitze gemacht habe, deſſen ich nunmehr in Ruhe zu genießen gedenke, indem ich meinem Schwiegerſohn mit allen Vortheilen meines Geſchaͤfts auch alle Sorgen deſſel⸗ ben uͤbergebe.“ Indem er dieſe Worte ausſprach, gelangten ſie vor ein großes Haus, deſſen Pforte durch zwei Thuͤr⸗ huͤter bewacht war. Naerdan war erſtaunt, als er am Fuße der Treppe eine zahlreiche Dienerſchaft von Pagen ſah; alle waren praͤchtig gekleidet, ihre Hemden waren von Seide, ihre Beinkleider von Atlas, ihre Waͤmſer von Indiſchen Stoffen, ihre Kaftane von ge⸗ mohrtem Taft, und ihre Guͤrtel von Edelſteinen, nach 74 556. Ta g. Indiſchem Schnitt. Dieſe Pagen gingen mit großer Ehrerbietung vorauf, und fuͤhrten ſie in einen pracht⸗ voll ausgeſtatteten Geſellſchaftsſaal. Als ſie auf dem Sopha Platz genommen, brachte man ihnen Kaffee und Eingemachtes; und bald darnach wurde ein praͤchtiges und koͤſtliches Mahl aufgetragen; die Schuͤſſeln waren von Silber, und alles Linnenzeug war reich geſtickt. Nach dieſem Mittagseſſen bat Kara Mehemmet den Huͤſſendſchar, ſich in ein Nebenzimmer zu begeben, und ihn mit Naerdan allein zu laßen, dem er noch manches insgeheim mitzutheilen haͤtte. Huͤſſendſchar verließ ſie, und Kara Mehemmet oͤffnete nun einen Schrank, deſſen Thuͤre in das Frauen⸗Zimmer fuͤhrte, und rief ſeiner Tochter. Sie antwortete auf der Stelle mit einer Stimme, wie die Stimme eines Engels, und ſo lieblich, daß ſie ſogar eine Art von Bewegung in Naerdans Herzen hervorbrachte. Bald erſchien auch dieſe Schoͤnheit ſelber, und nicht ohne blendende Reize; denn der Glanz ihres Antlitzes uͤberſtralte den Voll⸗ mond. Als ſie heran kam, warf ſie ſich ihrem Vater zu Fuͤßen, umfaßte ſie, und ſprach: vinn?“ „Es freuet mich,“ antwortete ihr Kara Mehem⸗ met,„dich in der Stimmung zu finden, wie ich ſie „Was begehrſt du, mein Vater, von deiner Skla⸗ wuͤnſche. Ich will dich verheirathen, mit Naerdan, welchen du hier ſiehſt; biſt du es zufrieden?“ Naerdan und Guͤſülbek. 75 „Ich habe meinem Vater ſchon geſagt,“ erwiederte die junge Schoͤne,„daß ſeine Sklavinn alles thun wird, was er ihr gebietet; ſie iſt bereit, nicht nur Naerdan zu heirathen, welchen er ihr darbietet, ſondern ſelbſt den niedrigſten ſeiner Diener. Das Vergnügen, meinem unumſchraͤnkten Gebieter zu gehorchen,“ fuͤgte ſie hinzu,„wird meinem Herzen ſtaͤts die groͤßte Ge⸗ nugthuung ſein.“ Mit dieſen Worten, zog ſie ſich zuruͤck und ver⸗ ließ das Zimmer. „Wohlan, mein Sohn,“ ſagte hierauf Kara Mehemmet,„was ſagſt du zu meiner Tochter? biſt du mit ihr zufrieden?“ „Welchem Manne,“ antwortete ihm Naerdan,„koͤnnte wohl eine ſolche Schoͤnheit nicht gefallen?“ Kara Mehemmet, mit dieſer Antwort zufrieden, ſchickte ſogleich nach dem Imam des Stadtviertels, nahm dann eine Boͤrſe von dreitauſend Goldſtuͤcken, und ſagte zu Naerdan: „Nimm dieß Geld, mein Sohn, und wenn ich dich in Gegenwart des Imams frage, was du meiner Tochter an Heirathsgut zubringeſt, ſo antworte mir: „dreitauſend Zeckinen,“ und uͤbergib mir dann dieſe Boͤrſe, als ihre Morgengabe.“ Der Imam ließ nicht auf ſich warten; er kam in Begleitung des Schulmeiſters und des Muͤk⸗ ſins.*) Es wurde ſogleich ein Tiſch gedeckt, und nach Beendigung dieſer zweiten Mahlzeit, ſagte Mehem⸗ met zu dem Imam: 3„Ich verheirathe meine Tochter an Naerdan, wel⸗ chen du hier ſiehſt, wenn er dreitauſend Zeckinen hat, ihre Morgengabe zu ſichern. Huͤſſendſchar wollte ſie ſogleich bezahlen, aber Naerdan bot ſelber die Boͤrſe dar, welche ſein Schwie⸗ gervater ihm gegeben hatte; und da dieſes Geſchaͤft weiter keine Schwierigkeiten hatte, ſo wurde es alsbald beendigt. Der Heirathsvertrag wurde demnach aufge⸗ ſetzt, und dieſer Feierlichkeit folgte wieder ein neues Mahl. Gegen das Ende deſſelben naͤherte Naerdan ſich Huͤſſendſchar und ſagte zu ihm: 5 „Ich werde dieſe Nacht nicht allein ſchlafen; waͤre es da nicht ſchicklich, daß ich zuvor ins Bad ginge?““ Kara Mehemmet wollte wiſſen, was ſein Schwie⸗ gerſohn vorhaͤtte; und als er es vernommen, billigte er nicht nur ſein Vorhaben, ſondern verſicherte ihn auch, daß dieſe Reinigung nach der eben vollzogenen Feierlichkeit ſogar nothwendig waͤre. Er rief Sklaven herbei, und ließ ihn in ein praͤchtiges Bad fuͤhren, wel⸗ ches in dem Hauſe ſelber angelegt war, und blieb un⸗ terdeſſen bei Tiſche. Naerdan kam nach dem Bade *) Der auf den Minarets(Moſcheeenthürmen) die Stunden des Ge⸗ bets ausruft, anſtatt 845 Wlcheee 3 2 1 Naerdan und Guͤſülbek. 77 wieder zu ihm dahin, und ſein Schwiegervater fuͤhrte ihn nun in das Frauen⸗Zimmer zum Beilager mit ſeiner Braut. „Nachdem Naerdan Freuden genoſſen hatte, von welchen er waͤhnte, daß ſie das Andenken Guͤſuͤlbeks aus ſeinem Herzen verbannen ſollten, gewahrte er mit Kummer, daß er ihr nicht minder ergeben blieb, als zubor. Dieſe Vorſtellungen beſchaͤftigten ihn einige Zeit; aber endlich mußte er ſich auch dem Schlaf uͤber⸗ laßen. Der Tag erweckte ihn nicht ſo wohl, als ein dringendes Beduͤrfnis; indeſſen konnte er es nicht be⸗ friedigen; denn er wagte weder aufzuſtehen, noch die geringſte Bewegung zu machen, ſein Arm lag unter dem Kopfe ſeiner reizenden Gattinn, welche er aufzu⸗ wecken fuͤrchtete. Endlich, da er es nicht laͤnger aus⸗ halten konnte, zog er ſeinen Arm ſo leiſe als moͤglich zuruͤck: aber wie groß war ſeine Ueberraſchung, als er die⸗ ſen ſchoͤnen Kopf, dieſen Kopf der ein Meiſterſtuͤck der Natur war, ſich von dem Rumpfe abloͤſen, aus dem Bette fallen und bis an die Thuͤre rollen ſah? Bei dieſem entſetzlichen Anblicke vergaß er aller ſeiner Beduͤrfniſſe, und blieb an allen Gliedern erſtarrt liegen. Fuͤnfhundert und ſieben und dreißigſter Tag. Er befand ſich einige Zeit in dieſer ſchrecklichen Lage, als Kara Mehemmet hinſchickte, um erah zu 78 537. Tag. laßen, wie die Neuvermaͤhlten die Nacht zugebracht haͤtten. Man fand die Thuͤre verſchloſſen; der ungluͤck⸗ liche Naerdan war nicht im Stande, ſie zu oͤffnen, ja er hoͤrte nicht einmal anklopfen. Man war alſo ge⸗ noͤthigt, ſie einzuſtoßen. Beim Anblicke des entgegen rollenden Kopfs und des Blutſtromes brachen alle Skla⸗ ven in lautes Geſchrei aus, und dieß Geſchrei zog Kara Mehemmet herbei, der ſich nicht minder entſetzte, und ſogleich den Kadi holen ließ. Naerdan wurde ins Gefaͤngnis geworfen und mit Ketten belaſtet, um ihn bald dem Scharfrichter zu uͤberliefern. Das boͤſe Ge⸗ rüͤcht, welches mit reißender Schnelle umlaͤuft, unter⸗ richtete Guͤſuͤlbek bald von dieſen ſchrecklichen Ereig⸗ niſſen; es durchbohrte ihr das Herz, als ſie vernahm, in welcher Gefahr ihr Geliebter ſchwebte. Die Juͤdinn blieb nicht lange aus, und ſagte beim Eintritte zu ihr: „Nun, biſt du mit mir zufrieden? du haſt jetzo keine Nebenbuhlerinn mehr zu fuͤrchten, und....“ „Ha, Grauſame!“ erwiederte ihr die zaͤrtliche Guͤ⸗ ſulbek,„gib ihr das Leben wieder, und ſetze nicht das Leben meines Geliebten in Gefahr. Du ſollſt meiner, gerechten Rache nicht entgehen,“ fuhr ſie fort, ſie mit wuthfunkelnden Augen anblickend; wie ſich denn in aͤhn⸗ lichen Lagen ſanfte Gemuͤther nicht minder furchtbar ausdruͤcken, als die heftigſten. Die Juͤdinn entfernte ſich eilig. Naerban und Güſülbek. 79 Unterdeſſen war Huͤſſendſchar nicht ſo bald von dem Ungluͤck Naerdans unterrichtet, als er nach dem Gefaͤngniſſe eilte, denn er konnte nicht glauben, daß er ſich eines Verbrechens ſchuldig gemacht haͤtte; er kam, ihn zu troͤſten, und zu erfahren, welche Dienſte er ihm leiſten koͤnnte. Naerdan gab ihm einen getreuen Bericht von ſei⸗ nem Abenteuer; Huͤſſendſchar wußte nicht, was er da⸗ von denken ſollte, und ging eilig wieder weg, um Mittel zu Naerdans Rechtfertigung aufzuſuchen, ohne eben zu wiſſen, wie er dazu gelangen ſollte. Seine erſte Sorge war, zu Kara Mehemmet in ſeinem neuen Hauſe zu gehen, wo das Ungluͤck ge⸗ ſchehen war, um zu erfahren, was man dort davon hielte. Aber er war ſehr erſtaunt, als er auch nicht die mindeſte Spur von dieſem praͤchtigen Gebaͤude er⸗ blickte, ſondern an der Stelle deſſelben eine alte Huͤtte ſah, in welcher er einen ehrwuͤrdigen Greis antraf, der ihn fragte, was er ſuchte. „Ich ſuche,“ antwortete ihm Huͤſſendſchar,„ein großes Haus, welches, wie mich duͤnkt, geſtern Abend noch hier ſtand.“. „Es iſt wahr, daß hier eins geſtanden hat,“ er⸗ wiederte der Greis,„aber du ſiehſt deutlich, daß ge⸗ genwaͤrtig keins mehr da iſt.— Dein Erſtaunen wird aufhoͤren,“ fuhr er nach einigem Stillſchweigen fort, „wenn du erfaͤhrſt, daß ich ein Geiſt bin, und daß die 537. Tag. Liebe deiner Tochter Guͤſuͤlbek zu Naerdan mich geruͤhrt hat; ich nahm die Geſtalt einer Juͤdinn an, um mich naͤher daruͤber aufzuklaͤren; dann nahm ich die Geſtalt Kara Mehemmets an, der heut Abend erſt in dieſer Stadt ankommen wird; ich habe das Haus erbauet, in welchem du geſtern Abend gegeſſen haſt, und wo die vorgebliche Hochzeit Naerdans gefeiert worden.— Geh, und verſprich ihm deine Tochter,“ fuhr er in einem ernſten Tone fort;„ein redlicher Mann in deiner Verwandtſchaft iſt mehr werth, als alle Schaͤtze; Naer⸗ dan wird zugleich fuͤr deinen Sohn ſorgen; ſeine Tu⸗ gend wird alles in deinem Hauſe gedeihen machen. Wollteſt du mir aber eine ſo gerechte Forderung nicht bewilligen, ſo wuͤrde ich dich tauſendmal taͤglich deine Weigerung bereuen laßen.“ Huͤſſendſchar verſprach dem Geiſt alles, was er von ihm verlangte; und der luftige Geiſt ſagte zu ihm: „Du mußt zu dem Kadi gehen, der Naerdan hat ins Gefaͤngnis werfen laßen; bewege ihn, daß er hie⸗ her komme; und nachdem er die Oertlichkeit beſichtigt und ſie ſo verſchieden von jener, wie ſie heute Morgen war, befunden hat, wird er nicht daran zweifeln koͤn⸗ nen, daß Naerdans Abenteuer eine Bezauberung gewe⸗ ſen; und alsdann wirſt du ſehr leicht von ihm die Los⸗ laßung des unſchuldig Eingekerkerten erlangen.“ Raerdan und Güfulbek. 31 Huͤſſendſchar gehorchte dem Greiſe; alles erging, wie dieſer es voraus geſehen hatte. Die Ankunft des wahren Kara Mehemmet, der in eben dieſem Augen⸗ blicke zu Pferde an der Spitze ſeiner Sklaven erſchien, beſtaͤtigte dem Kadi die Wahrheit des Berichts, welchen man ihm gemacht hatte. Kara Mehemmet entband Kuͤſſendſchar von dem Verſprechen, Naerdan mit ſei⸗ ner Tochter zu verheirathen. Dieſer zaͤrtliche Geliebte wurde ſeiner getreuen Guͤſuͤlbek wiedergegeben, und der Himmel, der ſie in ſeinen Schutz genommen hatte, ſeg⸗ nete ihre Vereinigung mit aller Gluͤckſeligkeit.— V IX. 6 8² 538. Ta g. Du ſiehſt hier, mein Gebieter,“ fuhr hierauf Fatmé fort,„alles was eine recht innige Liebe eingiebt, um ſich verſtaͤndlich zu machen, und alles was ſie an⸗ wendet, um gluͤcklich zu werden. Zuweilen ſetzt ſie ſo⸗ gar durch eine uͤbel angebrachte Furchtſamkeit den ge⸗ liebten Gegenſtand in Gefahr. Wenn Guͤſuͤlbek und Naerdan ſich Huͤſſendſchar entdeckt haͤtten, vielleicht haͤt⸗ ten ſie ihn geruͤhrt. Naerdan haͤtte auch Guͤſuͤlbek ent⸗ fuͤhren koͤnnen: ja, was weiß ich, das ſie ſonſt noch haͤtten thun koͤnnen. Alles,“ beſchloß ſie,„nur nicht unthaͤtig bleiben; denn ohne den Geiſt, weiß ich nicht, was aus ihnen geworden waͤre.“ „Goͤttliche Fatmé,“ antwortete ihr Naur, entzuͤckt uͤber das neue Vergnuͤgen, welches ſie ihm gewaͤhrt hatte,„ich denke gerade ebenſo, wie du: indeſſen kann ich Naerdan nicht tadeln; ſeine Beſcheidenheit und ſeine Zuruͤckhaltung haben mich erfreuet. Aber ich denke nur an das einzige Vergnuͤgen, neue Reize an der Ge⸗ liebten zu entdecken. Ich rechne darauf, daß du es nicht bei dieſer einen Erzaͤhlung wirſt bewenden laßen, ſondern ein andermal....“ „Ja, Herr,“ unterbrach ihn Fatmé,„es macht mich uͤbergluͤcklich, dich vergnuͤgen zu koͤnnen: aber ich bitte dich um eine Gnade. „Worin beſteht die d“ fragte Naur liebevoll:„und was begehrt die Koͤniginn meines Herzens und die Luſt meiner Augen?“— Naur, Koͤnig von Kaſchemir. 63 „Es ſchien mir, Herr,“ antwortete ſie ihm,„daß Abukaſir mir mit einer Aufmerkſamkeit zuhoͤrte, welche bezeugt, daß er dieſe Art Geſchichten liebt: wenn man ſie aber liebt, ſo weiß man auch dergleichen, und ich wuͤnſchte wöhl, ihn eine erzaͤhlen zu hoͤren.“ Fatmé wollte dem allzu furchtſamen Abukaſir ein Mittel an die Hand geben, ihr zu antworten; ſie erwartete aus einigen Zuͤgen einer fremden Geſchichte ſeine Geſinnungen gegen ſie zu erkennen, und da ſie eine von ihr ſelber ſo geſchickt herbei gefuͤhrte Gelegen⸗ heit nicht verlieren wollte, ſo drang ſie in den Koͤnig, hren Geliebten zu gebieten, daß er ihren Wunſch er⸗ uͤllte. „Ich bewillige, was du verlangeſt,“ ſagte Naur; und Abukaſir mochte ſich noch ſo viel dagegen ſtraͤu⸗ ben, der Koͤnig ſagte beim Weggehen zu ihm: „Ich befehle dir, morgen zu Ende unſers Abend⸗ eſſens eine Geſchichte zu erzaͤhlen. Ich verzeihe dir zum voraus, wenn du uns nicht vergnügeſt; nicht je⸗ dermann kann gut erzaͤhlen. Moͤchteſt du dich nicht eben ſo gut deiner Aufgabe entledigen, wie Fatmé?“ Abukaſir bezeugte ihm mit tiefer Ehrfurcht, daß er gehorchen wuͤrde; und am folgenden Abend, nach⸗ dem er durch die zaͤrtlichen Blicke Fatme's tauſendfaͤl⸗ tig beruhigt worden, nahm er alſo das Wort: Geſchichte des Derwiſches Abunadar, oder der Wunderleuchter. „Ein durch ſein Alter ehrwuͤrdiger Derwiſch, lag krank bei einer Frau, welche ſchon lange Witwe war, und in der Vorſtadt von Balſora in großer Armut lebte. Er war ſo geruͤhrt von dem Eifer und von der Sorg⸗ falt, womit ſie ſeiner pflegte, daß er, als er wieder geneſen war, bei ſeiner Abreiſe zu ihr ſagte: „Ich habe bemerkt, daß du wohl fuͤr dich allein zu leben haſt, aber nicht ſo viel, um es mit deinem Sohne, dem kleinen Abdalla, zu theilen: willſt du mir dieſen anvertrauen, ſo will ich mein moͤgliches Der Wunderleuchter. 85 thun, um mich an ihm fuͤr die Wohlthaten erkenntlich zu beweiſen, welche ich deiner Pflege verdanke.“ Die gute Alte willigte mit Freuden in ſeinen An⸗ trag; und der Derwiſch nahm den Juͤngling mit, und kuͤndigte ihm an, daß ſie eine Reiſe machen wuͤrden, welche beinahe zwei Jahre dauern koͤnnte. Waͤhrend er nun mit ihm die Welt durchſtrich, ließ er ihn im Ueberfluſſe leben, gab ihm treffliche Lehren, und pflegte ſein in einer toͤdtlichen Krankheit, welche ihn befiel; kurz, er ſorgte ſo fuͤr ihn, als wenn er ſein leiblicher Sohn geweſen waͤre. Abdalla bezeugte ihm tauſend⸗ mal ſeine Erkenntlichkeit fuͤr ſo viel Guͤte; aber der Greis ſagte dann immer zu ihm:, „Mein Sohn, durch die That bewaͤhrt ſich die Lrayntlichtet: wir werden ſehen, koͤmmt Zeit und rt. Eines Tages befanden ſie ſich, indem ſie ſo fort wanderten, an einem abgelegenen Ort, und der Der⸗ wiſch ſprach zu Abdalla: „Mein Sohn, wir ſind hier am Ziel unſerer Wan⸗ derungen; ich werde durch meine Gebete bewirken, daß die Erde ſich oͤffne und dir Eingang verſtatte zu einem der groͤßten Schaͤtze, welche ſie in ihrem Schooße ver⸗ birgt: wirſt du wohl den Muth haben, in dieſes unter⸗ irdiſche Reich hinab zu ſteigen?“ Abdalla ſchwur ihm, daß er auf ſeinen Gehorſam und ſeinen Eifer rechnen doͤnnte, Hierauf zuͤndete der 36 538. 539. Tag. Derwiſch ein kleines Feuer an, warf Weihrauch hin⸗ ein, las und betete einige Augenblicke, und die Erde that ſich auf. Da ſagte der Derwiſch zu dem Juͤng⸗ ling: 3„Jetzo kannſt du hinab ſteigen, mein theurer Ab⸗ dalla: bedenke, daß es nur von dir abhaͤngt, mir ei⸗ nen großen Dienſt zu leiſten, und daß dieß vielleicht die einzige Gelegenheit iſt, mir zu beweiſen, daß du kein Undankbarer biſt: laß dich von allen den Reichthuͤ⸗ mern, welche du antreffen wirſt, nicht verblenden; ſei nur darauf bedacht, dich eines eiſernen Leuchters mit zwoͤlf Armen zu bemaͤchtigen, welchen du neben einer Thuͤre finden wirſt, der iſt mir durchaus nothwendig; drum komm ſogleich damit zurück, und bringe ihn mir her.“ Fuͤnfhundert und neun und dreißigſter Tag. Abdalla verſprach alles, und ſtieg dreiſt in den unterirdiſchen Gang hinab: aber er vergaß, was ihm ſo nachdruͤcklich war eingeſchaͤrft worden, und waͤhrend er ſeine Kleider mit Gold und Diamanten anfuͤllte, wovon dort unten große Haufen lagen, ſchloß die Oeff⸗ nung ſich wieder, durch welche er eingetreten war. Er behielt indeſſen noch ſo viel Gegenwart des Geiſtes, den eiſernen Leuchter zu ergreifen, welchen der Derwiſch Der Wunderleuchter. 87 ihm ſo dringend empfohlen hatte; und obwohl die Lage, worin er ſich befand, eine der Schrecklichſten war, ſo gab er ſich doch nicht der Verzweiflung hin, ſondern dachte nur auf Mittel, aus einem Orte hinaus zu kommen, der ſein Grab werden konnte: er begriff wohl, daß die Oeffnung ſich nur wieder geſchloſſen, weil er nicht genau die Befehle des Derwiſches befolgt hatte; er gedachte an die Guͤte und an die Sorgfalt, womit er war uͤberhaͤuft worden, warf ſich ſeine Un⸗ dankbarkeit vor, und endigte damit, daß er ſich vor Gott demüͤthigte. Endlich, nach vieler Muͤhe und Angſt, war er ſo gluͤcklich, einen engen Gang zu finden, wel⸗ cher ihn aus dieſer dunkeln Hoͤhle fuͤhrte: aber erſt nachdem er lange darin fortgetappt war, erblickte er eine kleine mit Dornengebuͤſch bewachſene Oeffnung, durch welche er wieder ans Tageslicht kam. Er blickte ſich nach allen Seiten um, ob der Derwiſch nicht zu ſehen waͤre: aber ſein Bemuͤhen war vergeblich; er wollte ihm gern den Leuchter geben, danach er ſo ſehr verlangt hatte, und nahm ſich vor, ſich deſſelben zu entledigen, weil er durch die mitgenommenen Schaͤtze doch reich genug waͤre. 4 Als er keinen Derwiſch erblickte und auch nichts von der Gegend wieder erkannte, durch welche er ge⸗ kommen war, ſo ging er auf gut Gluͤck eine Zeitlang vorwaͤrts, und war hoͤchſt erſtaunt, als er ſich ploͤtz⸗ lich vor dem Hauſe ſeiner Mutter befand, von welchem 88 539. T d g8⸗ er ſich ſehr fern waͤhnte. Sie fragte ihn alsbald nach dem heiligen Derwiſch. Abdalla erzaͤhlte ihr unbefan⸗ gen alles, was ihm begegnet, und die Gefahr, in welche er gerathen war, um eine ſo thoͤrichte Grille des Derwiſches zu befriedigen; ſodann zeigte er ihr die Reichthuͤmer, womit er beladen war, Die Mutter ſchloß aus dem Anblicke derſelben, daß der Derwiſch nur den Muth und Gehorſam ihres Sohns hatte pruͤ⸗ fen wollen, und daß man der Gaben ſich erfreuen muͤße, welche das Gluͤck ihm dargeboten hatte; ſie fuͤgte hinzu, daß ſolches ohne Zweifel die Abſicht des heiligen Derwiſches geweſen waͤre. Indem beide nun dieſe Schaͤtze mit Gierigkeit be⸗ trachteten, davon verblendet waren„ und tauſend Ent⸗ wuͤrfe darauf gruͤndeten„ verſchwand auf einmal alles vor ihren Augen. Jetzt erſt warf Abdalla ſich ſeinen Undank und ſeinen Ungehorſam vor; und als er ſah, daß der eiſerne Leuchter allein der Bezauberung, oder vielmehr der Beſtrafung widerſtanden hatte, welche derjenige verdient, der nicht erfuͤllt, was er verſpro⸗ chen hat, rief er aus, indem er ſich niederwarf: „Was mir geſchieht, iſt gerecht; ich habe verloren, was ich nicht Luſt hatte, wiederzugeben; und der Leuch⸗ ter, welchen ich dem Derwiſch uͤbergeben wollte, iſt mir geblieben: das iſt ein Beweis, daß er ihm gehoͤrt, und daß das Uebrige uͤbel erworbenes Gut war.“ Der Wunderleuchter. 89 Die erſten Fehltritte, welche man begeht, ſind gewoͤhnlich von Gewiſſensbiſſen begleitet; aber dieſe ſind nicht von langer Dauer. Nachdem Abdalla dieſes geſprochen hatte, ſtellte er den Leuchter mitten in ihrem Haͤuschen auf. Als die Nacht kam, ſteckte er, ohne weiter etwas dabei zu denken, auf dieſen Leuchter das Licht ,welches ihnen leuchten ſollte: alsbald ſahen ſie einen Derwiſch erſcheinen, der ſich eine Stunde lang um den Leuchter drehte, und wieder verſchwand, nachdem er ihnen einen Asper*) zugeworfen hatte. Der Leuchter hatte zwoͤlf Arme: Abdalla, der den ganzen Tag mit dem beſchaͤftigt war, was er den Abend zuvor geſehen hatte, war begierig zu ſehen, was ge⸗ ſchehen wuͤrde, wenn er am Abend auf jeden Arm ein Licht ſteckte; er that es, und augenblicklich erſchie⸗ nen zwoͤlf Derwiſche, ſie drehten ſich gleichmaͤßig eine Stunde lang umher, und warfen ihnen beim Verſchwin⸗ den jeder einen Asper zu. Abdalla wiederholte nun taͤglich dieſelbe Beleuchtung, und ſie hatte jedesmal denſelben Erfolg; aber nimmer konnte er dieß mehr als einmal binnen vier und zwanzig Stunden wiederholen. Dieſe maͤßige Summe, welche die Derwiſche ihnen ga⸗ ben, war hinreichend, ihm mit ſeiner Mutter einen ge⸗ wiſſen Wohlſtand zu verſchaffen; lange Zeit hindurch *) Eine kleine Münze. 95 539. Tag. hatten ſie auch nicht mehr begehrt, um gluͤcklich zu ſein: aber es reichte nicht hin, um ihren Gluͤcksſtand bedeutend zu veraͤndern; und es iſt immer gefaͤhrlich, wenn die Einbildungskraft ſich an der Vorſtellung von Reichthuͤ⸗ mern weidet. Der Anblick deſſen, was ſie ſchon zu beſitzen gewaͤhnt; die Entwuͤrfe, welche ſie zur Ver⸗ wendung deſſelben gemacht hatten, alles dieß hatte ſo tiefe Eindruͤcke in Abdalla's Geiſt zuruͤck gelaßen, daß nichts ſie wieder austilgen konnte. Als er demnach den geringen Vortheil ſah, welchen er von dem Leuch⸗ ter ziehen konnte, faßte er den Entſchluß, denſelben dem Derwiſch zu bringen, in der Hoffnung, fuͤr dieſes Kleinod, nach welchem er ein ſo großes Verlangen bezeigt hatte, entweder den Schatz zu erlangen, welchen er unter der Erde geſehen hatte, oder wenigſtens die Reichthuͤmer wieder zu finden, welche vor ſeinen Augen verſchwunden waren. Er hatte gluͤcklicherweiſe den Namen des Derwiſches und der Stadt, worin er wohnte, behalten. Er nahm alſo Abſchied von ſeiner Mutter, machte ſich ſchleunigſt auf den Weg nach Magrebi, und nahm ſeinen Leuchter mit, um welchen er alle Tage die Derwiſche ſich drehen ließ, und der ihm auf ſolche Weiſe die Wegezehrung verſchaffte, ohne daß er die Huͤlfe und das Mitleid der Glaͤubigen anzuſprechen brauchte.— Der Wunderleuchter. 91 Fuͤnfhundert und vierzigſter Tag. Als er in Magrebi angelangt, war ſeine erſte Sorge, ſich zu erkundigen, in welchem Kloſter, oder in welchem Hauſe Abunadar wohnte; dieſer war ſo bekannt, daß jedermann ihm ſeine Wohnung anzeigte. Er begab ſich ſogleich dahin, und fand funfzig Thuͤr⸗ ſteher, welche den Eingang ſeines Hauſes bewachten; ein jeder von ihnen trug einen Stab mit einem golde⸗ nen Knopf in der Hand; die Hoͤfe dieſes Palaſts wim⸗ melten von Sklaven und Dienern; kurz, der Palaſt keines Fuͤrſten trug jemals ſo viel Pracht zur Schau. Abdalla, von Erſtaunen und Bewunderung erfuͤllt, konnte ſich nicht entſchließen, fuͤrder zu gehen:„Si⸗ cherlich,“ ſprach er bei ſich ſelber,„habe ich mich nicht recht ausgedruͤckt, oder diejenigen, an die ich mich ge⸗ wandt, haben ſich mit mir, als einem Fremden, einen Spaß machen wollen: dieß hier iſt doch die Wohnung keines Derwiſches, vielmehr eines Koͤnigs.“ Er ſtand noch in dieſer Ungewißheit da, als ein Mann zu ihm heran trat und ihn anredete: „Abdalla, ſei willkommen! mein Herr Abunadar erwartet dich ſchon lange.“ Hierauf fuͤhrte er ihn in einen angenehmen und praͤchtigen Gartenſaal, in welchem Abunadar ſaß. Ab⸗ dalla, erſtaunt uͤber alle Reichthuͤmer, welche er uͤber⸗ all ſah, wollte ſich vor ihm niederwerfen; aber Abu⸗ 92 sSjo. T a g. nadar verhinderte ihn daran, und unterbrach ihn, als er ſich ein Verdienſt daraus machen wollte, daß er ihm hier den Leuchter uͤberbraͤchte. „Du biſt nichts weiter als ein Undankbarer,“ ſprach er zu ihm,„waͤhnſt du mich zu taͤuſchen? Kei⸗ ner deiner Gedanken iſt mir verborgen; und haͤtteſt du die Kraͤfte dieſes Leuchters gekannt, ſo wuͤrdeſt du ihn mir nicht gebracht haben. Ich will dich ſeinen wahren Gebrauch kennen lehren.“ Alsbald ſteckte er ein Licht auf jeden Arm des Leuchters; nnd als die zwoͤlf Derwiſche ſich eine Weile umher gedrehet hatten, gab er einem jeden einen Schlag mit einem Stock, und augenblicklich wurden ſie in zwoͤlf Haufen von Goldſtuͤcken, Diamanten und andern Edelſteinen verwandelt. „„Da ſiehſt du,“ ſprach er zu Abdalla,„welchen Gebrauch man von dieſem Wunderwerk machen ſoll. Uebrigens habe ich bloß deshalb darnach getrachtet, um es in meiner Sammlung aufzuſtellen, als einen Talisman, welchen ein Weiſer verfertigt hat, den ich hoch verehre; und weil es mir Vergnuͤgen macht, es denjenigen zu zeigen, welche mich von Zeit zu Zeit be⸗ ſuchen. Um dir aber zu beweiſen,“ fuͤgte er hinzu, „daß bloß Neugierde der Beweggrund meiner Nach⸗ forſchung geweſen, ſo nimm hier die Schluͤſſel meiner Kammern, oͤffne ſie, und du wirſt ſehen, wie groß Der Wunderleuchter. 9³ meine Reichthuͤmer ſind, und mir ſagen, ob der uner⸗ ſattlichſte Geizhals ſich nicht damit begnuͤgen wuͤrde.“ Abdalla that es, und durchlief zwoͤlf ſehr geraͤu⸗ mige Gewoͤlbe, ſo voll von Reichthuͤmern aller Art, daß er gar nicht mehr unterſcheiden konnte, welche davon ſeine meiſte Bewunderung verdienten; denn alles verdiente und reizte ſeine Begierde. Indeſſen zerriß der Aerger, daß er den Leuchter zuruͤck gegeben und nicht den Gebrauch deſſelben gekannt hatte, Adalla's Herz. Abunadar ſtellte ſich, als wenn er es nicht gewahrte, im Gegentheil uͤberhaͤufte er ihn mit Lieb⸗ koſungen, behielt ihn mehrere Tage in ſeinem Hauſe, und ließ ihn ſo behandeln, wie ſich ſelber. Am Vorabend des Tages, welcher zu ſeiner Ab⸗: reiſe beſtimmt war, ſprach er zu ihm: „Abdalla, mein Sohn, ich glaube, daß du durch alles was dir begegnet iſt, von dem haͤßlichen Laſter des Undanks geheilt worden; indeſſen bin ich dir ein Zeichen meiner Erkenntlichkeit ſchuldig fuͤr die weite Reiſe, welche du unternommen, um mir etwas zu brin⸗ gen, wonach ich ſo ſehr getrachtet hatte. Du kannſt nun heim kehren, ich halte dich nicht laͤnger zuruͤck; morgen wirſt du vor der Thuͤre meines Palaſts eins meiner Pferde bereit finden; beſteig es, ich ſchenke es dir, gleich wie einen Sklaven, der zwei Kameele, die, nach deiner eigenen Auswahl unter meinen Schätzen, 94 540. T a 9. mit Gold und Edelſteinen beladen ſind, dir nach deinem Hauſe fuͤhren wird.“ Abdalla ſagte ihm alles, was ein von Geiz ein⸗ genommenes Herz nur ausſprechen kann, wenn man ſeine Leidenſchaft befriedigt, und legte ſich nieder, in Erwartung des Tages ſeiner Abreiſe. Die ganze Nacht lag er unruhig und konnte an gar nichts anderes denken, als an den Leuchter und an die Wirkungen deſſelben:„Ich habe ihn,“ ſprach er bei ſich ſelber,„ſo lange in meiner Gewalt gehabt; ohne mich waͤre Abunadar niemals zu dem Beſitze deſ⸗ ſelben gelangt. Welche Gefahren habe ich in den un⸗ terirdiſchen Gewoͤlben nicht beſtanden? Warum ſoll er nun dieſen Schatz der Schaͤtze beſitzen? Weil ich ſo redlich, oder vielmehr ſo thoͤricht geweſen bin, und ihn demſelben zuruͤck gebracht habe; er hat den Vortheil von meiner Muͤhe und von den Gefahren, denen ich mich auf einer ſo weiten Reiſe ausgeſetzt habe. Und was gibt er mir nun zum Lohne dafuͤr? zwei elende mit Gold und Edelſteinen beladene Kameele! In ei⸗ nem Augenblick gewaͤhrt der Armleuchter zehnmal mehr: Abunadar ſelber iſt ein Undankbarer. Welches Unrecht wuͤrde ich ihm thun, wenn ich den Leuchter ihm wie⸗ der naͤhme? Wahrlich, gar keins; denn er iſt ſo reich: ich dagegen, was beſaß ich?“ Dieſe Vorſtellungen beſtimmten ihn zuletzt, ſich, wo moͤglich, des Wunderleuchters wieder zu bemaͤchti⸗ * Der Wunderleuchter. 95 gen; es ward ihm nicht ſchwer, denn Abunadar hatte ihm die Schluͤſſel ſeiner Schatzkammern anvertrauet; er wußte, wo der Leuchter ſtand, er nahm ihn, und verbarg ihn ganz unten in einem Sacke, den er mit Goldſtuͤcken und anderen Reichthuͤmern anfullte, welche ihm erlaubt waren mitzunehmen, und ließ ihn, ſammt allem uͤbrigen, auf die Kameele laden. Dann hatte er nichts eiligeres zu thun, als ſich zu entfernen; und nachdem er von dem großmuͤthigen Abunadar kurzen Abſchied genommen, gab er ihm die Schluͤſſel zuruͤck, beſtieg ſein Pferd, und reiſte mit ſeinem Sklaven und ſeinen beiden Kameelen ab. Als er noch einige Tagereiſen von Balſora war, verkaufte er ſeinen Sklaven, um keinen Zeugen ſeiner vormaligen Armut, noch der Quelle ſeines jetzigen Reichthums zu haben. Er kaufte dafuͤr einen andern, und kam ohne Hindernis heim zu ſeiner Mutter, welche er kaum eines Blicks wuͤrdigte, ſo ſehr war er mit ſeinen Schaͤtzen beſchaͤftigt. Seine erſte Sorge war, die Ladungen ſeiner Kameele und den Leuchter in eine Kammer im Innerſten des Hauſes zu ſchaffen; und voll Ungeduld, ſeine Augen an dem wirklichen Reich⸗ thume zu weiden, ſteckte er die Lichter auf den Arm⸗ leuchter; die zwoͤlf Derwiſche erſchienen, er gab einem jeden einen Stockſchlag aus aller Macht, um ja den Geſetzen des Talismans zu genuͤgen. Aber er hatte nicht bemerkt, daß Abunadar beim Schlagen den Stock 96 540. Ta g. in der linken Hand hielt, ſondern bediente ſich, wie ge⸗ woͤhnlich, der Rechten: alsbald zogen die Derwiſche, anſtatt ſich in Gold⸗ und Edelſtein⸗Haufen zu verwan⸗ deln, jeder unter ſeinem Rock einen furchtbaren Pruͤgel hervor, und ſchlugen damit ſo lange und ſo ſtark auf Abdalla los, daß ſie ihn faſt todt liegen ließen, und im Verſchwinden zugleich die Kameel⸗Ladungen, die Kameele, das Pferd, den Sklaven und den Leuchter mit hinweg nahmen. Auf ſolche Weiſe, Herr, wurde Abdalla durch Armut und faſt durch den Tod fuͤr ſeine unmaͤßige Habſucht beſtraft, welche vielleicht noch zu verzeihen geweſen waͤre, wenn er ſie nicht mit einer Undankbar⸗ keit verbunden haͤtte, die eben ſo ſtrafwuͤrdig als frech war, weil er keine Mittel beſaß, ſeine Treuloſigkeit den allzu ſcharfſichtigen Augen ſeines Wohlthaͤters zu ent⸗ ziehen.“„ Naur, Koͤnig von Kaſchemir. 97 Naur ſchien mit dieſer Gſſchichte zufrieden, und ſagte zu Abukaſir, daß ſie ihm um ſo mehr Vergnuͤ⸗ gen gemacht, als ſie ein Beiſpiel aufſtellt von einer gerechten Beſtrafung des ſchwaͤrzeſten aller Laſter, wel⸗ ches nur zu gemein iſt unter den Menſchen, abrr durch nichts jemals entſchuldigt werden kann. Fatmé war zu nahe betheiligt bei dieſer Geſchichte, um nicht ihre Meinung daruͤber zu ſagen. Sie hatte ſich wohl erkannt unter dem Bilde des Kleinods deſſen Beſitz vor allen wuͤnſchenswerth iſt; ſie zweifelte nicht, daß ſie in Abukaſirs Augen koͤſtlich waͤre: aber in dem Gemaͤlde, welches er von Abukaſirs Undankbarkeit enk⸗ worfen, hatte ſie, nur allzu ſehr fuͤr ihre Wuͤnſche, die ganze Furchtſamkeit ihres Geliebten erkannt; ſeine Treue gegen ſeinen Herrn war jedoch nicht dasjenige, was ſie am meiſten beunruhigte, und die Worte, wo⸗ mit er ſeine Erzaͤhlung beſchloſſen hatte, bewieſen ihr, daß er minder verlegen waͤre, ihn zu verrathen, als ihn zu taͤuſchen. „Ich raͤume ein,“ ſprach ſie,„daß die Geſchichte, welche man uns erzaͤhlt hat, eben ſo unterhaltend als lehrreich iſt: aber ich kann mich nicht erwehren, darin eine von Abukaſir beabſichtigte Beurtheilung meiner Erzaͤhlung zu erkennen. Ich habe Naerdan wegen ſei⸗ IX. 7 5 98 541, T a g. ner Zaghaftigkeit getadelt, welche eine misverſtandene Dankbarkeit ihm eingefloͤßt, und ihm beinahe ſein Gluͤck und das Gluͤck ſeiner Geliebten gekoſtet haͤtte: Abu⸗, kaſir wuͤrde aber mit Unrecht waͤhnen, daß ich die Un⸗ dankbarkeit habe zu einer Tugend machen wollen: da⸗ von bin ich ſo weit entfernt, daß mir vielmehr Ab⸗ dalla's Undank noch nicht genug beſtraft ſcheint; und daß iſt ein Mangel in Abukaſirs Erzaͤhlung. Der Ei⸗ gennutz, der ſelber nicht Gegenſtand der Tugend ſein kann, vermag noch weniger das Laſter zu entſchuldi⸗ gen. Was dagegen die Liebe manchmal verleitet zu thun, muß minder ſtrenge verurtheilt werden. Sie macht die Schuldigen nur allzu beklagenswerth, und alle Welt iſt in ſolchen Faͤllen bei der Nachſicht bethei⸗ ligt. Abdalla haͤtte,“ fuͤgte ſie hinzu,„durch Anhaͤng⸗ lichkeit an den Derwiſch deſſen Reichthuͤmer theilen und gluͤcklich ſein koͤnnen; es war Thorheit, ſich einzubilden, daß er ihn taͤuſchen koͤnnte: dieſe Kunſt und Geſchick⸗ lichkeit muß man den Liebenden uͤberlaßen, denen allein ſie erlaubt ſind; ſie wiſſen dieſelben ſo gut anzuwen⸗ den, daß es keine Waͤchter gibt, welche ſie nicht zu taͤuſchen vermoͤchten.“ 1 Abukaſir ſenkte die Augen, um einen Blick zu vermeiden, welcher den Koͤnig uͤberraſchte, ohne ihn genugſam aufzuklaͤren; indeſſen aufgeregt, und in Betrach⸗ tungen verſenkt, welche ihm ganz neu waren, ſagte er, Naur, Koͤnig von Kaſchemir. 99 er wolle ſchlafen gehen; aber er ließ zuvor noch Fatmé verſprechen, ihm eine Geſchichte zu erzaͤhlen, welche das bewaͤhrete, was ſie behauptet hatte. Und am fol⸗ genden Abend, nachdem ſie gegeſſen und der leichte Eindruck, welchen der Koͤnig empfangen hatte, wieder verwiſcht war, erzaͤhlte ſie ihm, wie folget: Geſchichte de s Greife n. „Als Sulten Suleiman ²) den Thron beſtieg, er⸗ klaͤrte er den Greifen, der auf dem Gebirge Kaf**) wohnte, zum Koͤnig aller Voͤgel. Obwohl nun dieſem klugen Thiere ſiebzehnhundert Arten Voͤgel unterwor⸗ fen waren, blieb es doch ſtaͤts dieſem Fuͤrſten unter⸗ than, und erſchien alle Morgen an ſeinem Hofe. —Eines Tages war der Greif zugegen bei einem Streit, oder vielmehr bei einer Berathung, welche die Schriftgelehrten in Gegenwart Suleimans hielten. Einer derſelben behaupteke, daß man die Rathſchluͤſſe *) So nennen die Morgenländer den Salomon. 2*) Welthes, nach morgentändiſcher Worſtellung, die Eede rings gürtet. Der Greif. 101 Gottes nicht zu vereiteln vermoͤchte. Der Greif, ver⸗ wundert uͤber dieſen Satz, unterbrach ihn, und ſprach mit lauter Stimme:. „Ich behaupte, daß ich etwas verhindern kann, was Gott beſchloſſen hat.“ Vergeblich ſtellten die Schriftgelehrten ihm die Thorheit und die Gottloſigkeit ſeiner Behauptung vor; und Gott, der ihn gehoͤrt hatte, wollte ſehen, was er im Sinne haͤtte, und welche Maaßregeln der Vogel ergreifen wuͤrde, um das zu vereiteln, was er, der Schoͤpfer, beſchloſſen haͤtte.„Ich will,“ ſprach Gott, „die Tochter des Koͤnigs vom Niedergang mit dem Sohne des Koͤnigs vom Aufgang vermaͤhlen.— Geh,“ ſprach er zum Engel Gabriel, und thu meinen Wil⸗ len Suleiman kund: wir wollen doch ſehen, was der Greif anſtellen kann, um dieſe Heirath zu verhindern.“ Suleiman theilte dem Greifen den Willen Got⸗ tes mit, und machte ihm nochmals Vorſtellungen um ihm das Lacherliche ſeines Unterfangens einzuſchaͤrfen: aber der Greif beharrte ſtaͤts lin ſeinem Vorſatz, und ſagte, daß er ſchon Mittel finden wuͤrde, dieſe Heirath zu hintertreiben. „So wiſſe denn,“ fuhr der Koͤnig fort,„daß die Koͤniginn des Niedergangs in dieſem Augenblick von der Tochter entbunden wird, welche dem Sohne des Kai⸗ ſers des Aufganges beſtimmt iſt.“ 102 542, Tag. Fuͤnfhundert und zwei und vierzigſter Tag. Der Greif flog ſogleich hinweg, ohne daß er je⸗ mand anders als die Nachteule gefunden haͤtte, die ihm beiſtimmte. Dieſe war die einzige unter allen Voͤgeln, welche behauptete, daß dem Greifen ſein Un⸗ ternehmen gelingen werde. Der Greif durchſchnitt die Luͤfte mit der reißendſten Schnelligkeit, und bald ge⸗ langte er in das Abendland, und ſpaͤhte einige Zeit umher, die Gegend auszuforſchen, wo die kleine Prin⸗ zeſſinn wohnte: endlich erblickte er ſie in der Wiege, umgeben von ihren Ammen. Er ſtieß hoch aus den Luͤften darauf hernieder, die Frauen umher nahmen die Flucht, und er ergriff unverwehrt die Prinzeſſinn, uih trug ſie auf das Gebirge Kaf, wo er ſein Neſt atte. 1 Dieſer Greif war ein Weibchen; er gab alſo dem Kinde alle Naͤchte die Bruſt, und ſeine Milch war ſo gut, daß es bald entwoͤhnt werden konnte. Kurz, die Prinzeſſinn genoß fortwaͤhrend einer trefflichen Ge⸗ ſundheit, und ward eben ſo groß, als ſchoͤn; der Greif unterließ ſogar nichts, ihr eine angemeſſene Erziehung zu geben, indem er ſie im Leſen und Schreiben un⸗ terrichtete, und dann ſich mit ihr uͤber das beſprach, was er ihr zu Leſen aufgegeben hatte. Die Prinzeſſinn, welche den Greifen, wie ihre Mutter anſah, gehorchte ihm blindlings, und war in ihrer Einſamkeit taͤglich Der Greif. 3 103 mit ihrem Neſte beſchaͤftigt; denn der Greif fuhr fort, ſich taͤglich zu Suleiman zu begeben und ihm die Dienſte zu leiſten, welche dieſer Fuͤrſt von ihm forderte. In⸗ deſſen kam er jeden Abend heim, ſeiner geliebten kleinen Tochter zu eſſen zu geben und ſich mit ihr zu unter⸗ halten. Sie kam endlich zu mannbarem Alter; und gerade zu dieſer Zeit nahm der Koͤnigsſohn des Morgen⸗ landes nach dem Tode ſeines Vaters Beſitz von dem Throne. Der junge Fuͤrſt war ein ſo leidenſchaftlicher Jaͤ⸗ ger, daß er keinen Tag hingehen ließ, ohne ſich dieß Vergnuͤgen zu machen; aber zuletzt langweilte es ihn, ſtaͤtz an denſelben Orken und dieſelben Thiere zu ja⸗ gen, und er ſprach zu ſeinen Veſyren: „Wir wollen zu Schiffe gehen, um in entlegenen Gegenden zu jagen, die wir noch nicht betreten haben; waͤhrend unſrer Abweſenheit kann ſich dieſes Land hier wieder mit Wild bevoͤlkern.“ Die Veſyre antworteten ihm:„Fuͤrſt, du haſt zu gebieten, und uns liegt ob, deine Befehle zu voll⸗ ziehen.“ Sie ließen ſogleich kleine Fahrzeuge ausruͤſten, um uͤberall bequem anlanden zu koͤnnen. Der junge Koͤnig ſchiffte ſich mit ſeinem Gefolge und ſeinen Veſyren ein, und ging unter Segel. Da er kein beſtimmtes Ziel hatte, ſo war jeder Wind ihm willkommen. Nachdem er auf mehreren Inſeln gejagt hatte, wo ſeine Flotte 104 542. Tag. anlegte, erhub ſich ein ſo wuͤthender Sturm, daß alle Schiffe zerſchmettert oder zerſtreuet wurden: aber durch Gottes Fuͤgung gelangte das einzige Schiff, auf wel⸗ chem der Fuͤrſt ſich befand, an den Fuß des Gebirges Kaf. Einige ſeiner Leute gingen mit ihm ans Land, und waren ſehr verwundert, daſſelbe unbewohnt und nur furchtbare und ſchroffe Gebirge zu finden. In⸗ deſſen fingen ſie trotz der wuͤſten Gegend an zu jagen. Der Fuͤrſt trennte ſich unvermerkt von ſeinen Gefaͤhr⸗ ten und verirrte ſich. Er wanderte einige Zeit auf gut Gluͤck fort; endlich erblickte er einen Baum, der ihm durch ſeine Groͤße auffiel: vierhundert Mann haͤtten ihn nicht umklafftern koͤnnen, und ſeine Hoͤhe war dem Umfange ſeines Stammes gemaͤß; und mit nicht weni⸗ ger Verwunderung entdeckte er oben auf dem Baume ein Neſt. Dieſes beſtand aus mehreren Stockwerken, und uͤbertraf an Umfang die groͤßten Schloͤſſer; es war aus Balken und Brettern von Cedern⸗ und San⸗ del⸗Baͤumen, und anderen durch ihren Wohlgeruch be⸗ ruͤhmten Hoͤlzern gezimmert. Der junge Fuͤrſt betrach⸗ tete dieſe Wunder der Kunſt und der Natur mit der groͤßten Aufmerkſamkeit, als er durch eine Fenſter⸗Oeff⸗ nung in der Wand dieſes wunderſamen Neſtes ein jun⸗ ges noch wunderbareres Maͤdchen erblickte. Es wäͤhrte nicht lange, daß ſie ihrerſeits auch ihn erblickte. Nach⸗ dem beide ſich eine Weile angeſehen, ohne ein Wort vorbringen zu koͤnnen,— ſo ſehr waren ſie gegenſeitig — ——᷑—— — Der Greif. 3 105 uͤberraſcht und entzuͤckt,— da fuͤgte es Gott, daß je⸗ des die Sprache des andern verſtand. Der Prinz rief aus: „O du Sonne der Schoͤnheit, was machſt du in einer Wohnung, die deiner Reize ſo wenig wuͤrdig iſt?“ „Ach!“ antwortete ſie,„ich bin am Tage allein hier, und des Nachts iſt meine Mutter bei mir. Sie ſteht in Suleimans Dienſten,“ fuͤgte ſie hinzu. Der Koͤnig erſtaunte einmal uͤbers andre; aber ſeine Verwunderung ſtieg aufs hoͤchſte, als ſie ihm ſagte, ihre Mutter haͤtte Fluͤgel, und das Gebirge, auf welchem ſie ſich befaͤnden, waͤre das in der Welt ſo beruͤhmte, aber ſo wenig bereiſete Gebirge Kaf. Der Koͤnig erzaͤhlte ihr ſeinerſeits, wie ein gluͤcklicher Zufall ihn zu ihr gefuͤhrt haͤtte. Waͤhrend er ſie dann uͤber ihre Beſtimmung unterrichtete, ſprach die junge Prin⸗ zeſſinn bei ſich ſelber:„Dieſer junge Mann iſt von meiner Gattung, er gleichet mir: wie gluͤcklich wuͤrde ich ſein, bei ihm zu leben! Meine Mutter iſt nicht ſo gluͤcklich, ſo gebildet zu ſein, wie wir beide, und ihre Geſtalt iſt bei weitem nicht ſo ſchoͤn. Zwar,“ fuhr ſie fort,„hat ſie Fluͤgel. Ah, wenn ich auch welche haͤtte, wie bald wuͤrde ich an ſeiner Seite ſein, um mich nie⸗ mals wieder von ihm zu trennen!“ Nach dieſer zaͤrtlichen Betrachtung, ſagte ſie zu dem Fuͤrſten:— 106 542. 543. Tag. „Koͤnnteſt du nicht Mittel finden, herauf zu ſteigen in das Neſt? Wir koͤnnten uns dann bequemer unter⸗ halten.“ „Leider, vermag ich es nicht,“ erwiederte der Fuͤrſt;„wenn es thunlich waͤre, wuͤrde ich da erſt deine Aufforderung dazu abgewartet haben? haͤtte ich mir zuvor kommen laßen? „Ich bin nur zweifelhaft,“ hub die Prinzeſſinn wieder an,„ob meine Mutter es gut heißen wuͤrde, daß du bei mir waͤreſt, ſonſt glaube ich wohl, ein Mittel gefunden zu haben, dich ohne ihr Wiſſen hier bei mir zu ſehen.“. Du ſiehſt Herr,“ unterbrach ſich hier Fatmé, in⸗ dem ſie Abukaſir einen flammenden Blick zuwarf, wel⸗ cher ihn aufforderte, alles zu wagen,„du ſiehſt,“ ſagte ſie,„wie das natuͤrliche Gefuͤhl diejenigen unter⸗ weiſet, welche nicht im mindeſten von der Welt be⸗ lehrt ſind.— Fuͤnfhundert und drei und vierzigſter Tag. Der Fuͤrſt,“ fuhr Fatmé in ihrer Erzaͤhlung fort, „fragte die Prinzeſſinn, welches Mittel ſie erſonnen haͤtte:„es gibt keins, welches ich nicht anwenden wollte, um dich zu ſehen und dich anzubeten.“ „Es freuet mich,“ erwiederte ſie ihm,„daß ich deine Geſinnung ſo uͤbereinſtimmend mit der meinigen 2 Der Greif. 107 finde.— Weide das Kameel aus,“ fuhr ſie fort, „welches wenige Schritte von dir liegt und eben ge⸗ ſtorben iſt; die Sonne wird es bald ausgetrocknet ha⸗ ben, fuͤlle es mit allen wohlriechenden Kraͤutern, welche umherwachſen, verbirg dich hierauf ſelber in den hoh⸗ len Leib, ſo daß man dich nicht gewahrt; ich will dann meine Mutter bittten, mir das Kameel herauf zu brin⸗ gen, um ſeinen Bau zu betrachten, ſie wird es mir nicht verſagen, und morgen fruͤh wird ihre Abweſen⸗ heit uns alle erwuͤnſchte Freiheit gewaͤhren.“ Alles geſchah, wie ſie es erſonnen hatte; und als der Fuͤrſt oben in dem Neſte war, hinderte beide nichts mehr, die gluͤckſeligſten Augenblicke mit einander zu verleben. Als die Mutter nach ihrem Neſte zuruͤck kam, erblickten ſie ſie leicht in der Ferne, und der Fuͤrſt verſteckte ſich ſogleich wieder in ſein Kameel, und kam erſt wieder hervor, als jene wieder weg geflogen war. Unterdeſſen ward die Prinzeſſinn ſchwanger; und als ſie ihrer Niederkunft nahe war, befahl Gott wie⸗ der dem Engel Gabriel, Suleiman alles zu offenbaren. Dieſer ließ ſogleich den Greifen rufen und fragte ihn, ob er denn die Vermaͤhlung des Koͤnigs von Morgen⸗ iin mit der Koͤnigstochter des Abendlandes verhindert tte. „Ohne Zweifel,“ antwortete er ihm;„die Prin⸗ zeſſinn iſt ſeit langer Zeit in meinem Gewahrſam; und ich fordere jeden auf, zu behaupten, daß er ſich ihr ge⸗ 108 543. Tag. nahet habe; ſie befindet ſich in meinem Neſte auf dem Gebirge Kaf: das iſt genug, um zu verſichern, daß ſie bisher nur mich allein geſehen hat.“ „Geh und bringe ſie auf der Stelle her,“ gebot ihm der Koͤnig,„ich will ſie ſehen und mich ſelber uͤberzeugen, daß du mich nicht tauſcheſt.“ 1 Der Greif war mit Freuden dazu bereit; und Suleiman befahl, um nicht hintergangen zu werden, zweien anderen großen Voͤgeln, ihn zu begleiten„ um Zeugnis von ſeinem Thun zu geben. Die Voͤgel flogen hin, und Suleiman ließ einen Divan berufen, in welchem faſt ſein ganzer Hof und alle Schriftgelehrten verſammelt waren, um Zeuge von allem zu ſein, was vorginge. Die junge Prinzeſſinn hoͤrte gluͤcklicherweiſe das Geraͤuſch, welches der Flug der Voͤgel verurſachte; ſie war ſehr erſtaunt daruͤber; denn noch niemals war ihre Mutter um dieſe Stunde heim gekommen. Sie hatte nur noch ſo viel Zeit, den Prinzen, der ſich eben mit ihr unterhielt, zu entfernen, und ihn wieder in ſeinem Kameele zu verbergen. Indeſſen konnte ſie, ohne etwas von dem gehabten Schrecke zu verrathen, ſich doch nicht erwehren, ihrer Mutter ihre Verwunde⸗ rung uͤber ihre Heimkehr, und uͤber die Ankunft der beiden Voͤgel zu bezeigen, von welchen ſie begleitet war. „Meine Tochter,“ antwortete ihr der Greif,„Su⸗ leiman will dich ſehen, wir muͤßen augenblicklich fort, Der Greif. 109 und ich komme nur, dich abzuholen und an ſeinen Hof zu bringen.“— Die Prinzeſſinn, voll Erſtaunen, aber noch mehr voll Beſorgnis um ihren Geliebten, den ſie nicht ver⸗ laßen konnte, verlor jedoch nicht die Beſonnenheit, ſon⸗ dern erwiederte: 2 „Auf welche Weiſe, meine Mutter, willſt du mich denn dorthin bringen?““ „Ich will dich auf meinem Ruͤcken tragen,“ ant⸗ wortete ihr der Greif. „Aber bei dem hohen Fluge uͤber ſo viele Meere und Gebirge dahin,“ wandte ſie ein,„wird mir ohne gweifel der Kopf ſchwindeln; der neue Anblick aller der mannigfaltigen Gegenſtaͤnde, und die reißende Schnel⸗ ligkeit deines Fluges werden unfehlbar machen, daß ich hinab ſtuͤrze; mein Tod iſt gewiß, und ich kann mich nicht entſchließen, auf eine ſolche Weiſe zu reiſen.— Setze mich lieber in dieſes todte Kameel,“ fuͤgte ſie hinzu,„da werde ich gar nichts ſehen, und folglich in keiner Gefahr ſchweben.“ Der Greif fand dieſen Vorſchlag vortrefflich, und lobte ſeine Tochter uͤber die Erfindſamkeit und den Ver⸗ ſtand, welchen ſie an den Tag legte. Die Prinzeſſinn ſchluͤpfte in das Kameel, worin der Prinz mit groͤßter Unruhe, das Ende einer fuͤr ſeine Herrinn und fuͤr ihn ſelber ſo wichtigen Unterredung erwartete. Der 110 543. Tag. Greif trug beide ſo dahin, und die Geſchichte verſichert, daß die Prinzeſſinn unterweges eines Knaͤbleins genas. Als die Voͤgel wieder vor Suleiman angekommen waren, der ſie inmitten ſeines Divans erwartete, be⸗ fahl er dem Greifen, ſelber das Kameel zu oͤffnen. Dieſer that es: aber wie groß war ſein Erſtaunen, als er den Fuͤrſten und die Prinzeſſinn mit ihrem Kinde auf dem Arme hervor treten ſah! „Auf ſolche Weiſe alſo,“ ſprach Suleiman zu ihm,„vereitelſt du den Willen Gottes?“ Die Beſchaͤmung, der Aerger und das unmaͤßige Gelaͤchter des ganzen Divans verurſuchten dem Greifen einen fuͤrchterlichen Ingrimm; er flog hinweg: und ſeit der Zeit koͤmmt er nicht mehr aus dem Gebirge Kaf hervor.. Suleiman fragte nun nach der Nachteule, welche die Behauptung und das Unterfangen des Greifen ge⸗ billigt hatte. Aber ſie hatte ſich kluͤglich zuruͤck gezo⸗ gen: und ſeit dieſer Zeit hauſet ſie nur in abgelegenen Winkeln, und koͤmmt nur des Nachts zum Vorſchein. Naür, Koͤnig von Kaſchemir. 111 Beſchluß der Geſchichte Koͤnig Naurs von Kaſchemir. Du wirſt geſtehen Herr,“— beſchloß Fatmé ihre Erzaͤhlung, indem ſie ſich zu dem Koͤnige wandte, aber Abukaſir mit Augen anblickte, in welche ſie ihre ganze Seele legte, und die ihm ſagten:„benutze meine Lehre.“ Und dieſer Blick war von einem ſo ſuͤßen Laͤcheln be⸗ gleitet, daß es gleichſam die Luft mit Honig und Zucker erfuͤllte. Abukaſir ſeinerſeits erwiederte mit einem ſo feurigen, ſein Verlangen ſo lebhaft ausdruͤckenden Blicke, daß ſie im Innerſten davon getroffen wurde; ihre vor Zaͤrtlichkeit und Entzuͤcken halbgeſchloſſenen Augen, blie⸗ ben indeſſen noch offen genug, um zu ſprechen, ſich verſtaͤndlich zu machen, und zu Herzen zu dringen. Alle dieſe Vorgaͤnge, die ſo ſchwer wiederzugeben und ſo lang zu beſchreiben, ſind Blitze der Liebe. Nauͤr fuͤhlte die ganze Staͤrke derſelben: aber er wußte die Aufwallungen ſeiner Eiferſucht zu beſchwich⸗ tigen, und ohne Fatmé zu unterbrechen, wie uͤberzeugt 112 543. 544. Ta g. er auch ſchon von dem war, was ſie ſagen wollte, hoͤrte er, dem Anſcheine nach, ruhig weiter:—„du wirſt geſtehen Herr,“ ſagte ſie alſo,„daß zweien Lie⸗ benden, die wirklich ſich lieben, nichts unmoͤglich iſt?“ Abukaſir, der die Unruhe gewahrte, welche ſich in den Augen des Koͤnigs malte, welche Muͤhe er ſich auch gab, ſie zu unterdruͤcken, wollte ihn auf andere Gedanken bringen, und ſagen: „Erlaube mir, Herr, dem nicht beizuſtimmen, was Fatmé eben ausgeſprochen hat.“ 1 Fuͤnfhundert und vier und vierzigſter Tag. Naur aber ſagte kaltſinnig:„Folge mir,“ und ging weg, ohne Fatmé anzublicken, dieſe Fatmé, der er ſonſt immer ſo viel zu ſagen hatte.. Die Gefuhle gewinnen nur um ſo mehr Staͤrke, je tiefer man ſie verſchließt; und es ſcheint, daß die Worte, welche ihnen Luft machen, ſie zugleich ſchwaͤ⸗ chen. Naur, obgleich er nichts geſagt hatte, faßte jedoch nicht minder den Entſchluß, allen Umgang mit ſeiner Ungetreuen abzubrechen. Der Zwang, welchen er ſich einen Augenblick anthat, hatte keinen andern Grund, als die Schaam, eiferſuͤchtig zu erſcheinen. . Als Naur in ſeinem Zimmer allein war, gab er ſich allen Stuͤrmen und Quaalen der Eiferſucht hin. Naur, Koͤnig von Kaſchemir. 113 Das verſchwundene Vertrauen, der Verluſt deſſen, was man noch wider ſeinen Willen liebt; die heftigen Ent⸗ ſchluͤſſe, welche unaufhoͤrlich einander folgen; dieſe grau⸗ ſame Zerruͤttung aller Sinne, welche unfaͤhig macht zu jedern andern Vorſtellung, außer dem einzigen Ge⸗ genſtande, welchen man liebt und haßt zugleich; die Entwuͤrfe der Rache und der Verzeihung; endlich die Schwaͤche, welche man ſich ſelber zum Vorwurfe macht: alles dieß quaͤlte den Koͤnig, welchen ein Augenblick ungluͤcklich gemacht hatte, ihn, den man wenige Au⸗ genblicke zuvor als den gluͤcklichſten Menſchen der Erde betrachten konnte. Indeſſen, um nicht mit Uebereilung zu verfahren, ſondern die Vorſicht zu gebrauchen, welche ihm ſo na⸗ tuͤrlich war, wollte er ſich mit ſeinem Veſyr berathen, auf welche Weiſe er die Schuldigen beſtrafen ſollte. Seine durch Fatmé's Betragen gekraͤnkte Eigenliebe wollte ſich wenigſtens dadurch troͤſten, daß er eine Ge⸗ duld anwandte, welche auszuuͤben ihm ſo ſchwer ſchien. So bald die Sonne ihr weißes Banner aufgeſteckt, und die Nacht, die Koͤniginn der Geſtirne, ſich zuruͤck gezogen hatte, beſtieg der Koͤnig ſeinen Thron, und ſtrenge gegen ſich ſelbſt, ſo wie gegen Andere, wollte er, trotz ſeiner Seelenunruhe, doch nicht die Pflichten verſaͤumen, welche er ſich auferlegt hatte, und ließ, wie gewoͤhnlich, kund machen, daß alle ſeine Unter⸗ IX., 8 114 544. T a g. thanen auf ſeine Gerechtigkeit rechnen koͤnnten. Frei⸗ lich empfanden Alle, die ſich jetzt an ihn wandten, wenn ſie auch keine Ungerechtigkeit erlitten, durch die Haͤrte ſeiner Entſcheidungen, den Grimm, welcher ihn in dieſem Augenblick gegen die ganze Menſchheit be⸗ ſeelte. Der Eiferſuͤchtige ſondert ſich von dem Men⸗ ſchengeſchlecht ab, er betrachtet alle Andern, als eben ſo viel Feinde. Die Leidenſchaften laßen ſonſt, wenn ihr Taumel verflogen iſt, in der Seele nur ſanfte Empfindungen zuruͤck, welche nachſichtig gegen diejeni⸗ gen machen, die noch in den Irrthuͤmern verſunken ſind, von welchen man ſelber geheilt iſt: aber Naur war weit entfernt von dieſer gluͤcklichen Seelenruhe, welche zu der Lebensweisheit fuͤhrt, die allein dem Menſchen in ſolchen Lagen zur Selbſtbeherrſchung er⸗ heben und ihn in den Stand ſetzen kann, diejenigen zu verachten, welche ihn beleidigt haben. Als Naur dieſe wahre Pflicht der Koͤnige, das Richteramt ſelber auszuuͤben, erfuͤllt hatte, blieb er allein mit ſeinem Veſyr, welchen er ſeit langer Zeit als ſeinen Freund betrachtete. Die Klugheit rieth mehr als einmal, ſeinem Miniſter nichts zu entdecken, und uͤber die Wahl der Rache mit ſich ganz allein zu Rathe zu gehen: aber er vermochte ſeinen Grimm nicht laͤn⸗ ger in ſich zu verſchließen, und weil er vielleicht in der Mittheilung ſeines Herzeleides einige Erleichterung ſuchte, und ſeine Eiferſucht ihm um ſo mehr Qugal Naur, Koͤnig von Kaſchemir. 115 verurſachte, jemehr er ſie unterdruͤckte, ſo vertraute er ſeinem Miniſter ruͤckhaltlos alles, was vorgegangen war, und fragte ihn darnach um ſeine Meinung. Der Veſyr rieth ihm unbedenklich, Abukaſir und Fatmé am Leben zu ſtrafen; und weil man nur noch uͤber die Art der Vollziehung dieſer Rache, welche beſchloſſen wurde, verlegen war, ſo kamen beide uͤberein, daß man den Schuldigen am naͤchſten Tage einen Gifttrank geben ſollte. Naur, der nur eine Handlung der Gerechtigkeit zu vollſtrecken waͤhnte, konnte kaum ſeine Rache bis dahin aufſchieben: aber man bedurfte Zeit, um einen ſo unſeligen Trank zu bereiten; man mußte Gelegen⸗ heit finden, denſelben ohne Aufſehen beizubringen; und der Koͤnig, der den aͤußern Anſtand beobachten wollte, einzig und allein, um ſeine Schmach und Entehrung zu verhuͤllen, war gendthigt, einzuwilligen. Beide ge⸗ lobten ſich gegenſeitig Stillſchweigen, um die Ehre des Fuͤrſten aufrecht zu erhalten: wenn Geheimniſſe dieſer Art ruchtbar werden, ſo vermehren ſie die Reue, welche das Verbrechen allein erregen ſoll. Fuͤnfhundert und fuͤnf und vierzigſter Tag. Als der Veſyr den Koͤnig verlaßen hatte und nach Hauſe kam, war ſein erſter Gang zu ſeiner einzigen 116 545. Tag. Tochter, welche er bis zur Narrheit liebte: die Trau⸗ rigkeit, welche er auf ihrem Geſichte bemerkte, betruͤbte ihn, und lebhafte Unruhe bemaͤchtigte ſich ſeines Her⸗ zens. Er wollte die Urſach ihres Kummers wiſſen; und ſogleich erzaͤhlte ſie ihm, daß ſie aus dem Harem des Koͤnigs kaͤme, wo Fatmé ſie mit einer Verachtung behandelt hatte, von welcher ungluͤcklicherweiſe alle uͤbrigen Frauen Zeuge geweſen waren. Der Veſyr, gereizt durch die Kraͤnkung ſeiner Toch⸗ ter, und hingeriſſen von jener blinden Vertraulichkeit, deren Folgen oft eben ſo gefaͤhrlich ſind als die der heftigſten Feindſchaft, vergaß, wie wichtig das ihm von ſeinem Herrn anvertraute Geheimnis war, und ſagte zu ſeiner Tochter: 3— „Troͤſte dich, mein Kind, die Roſe ihres Lebens wird bald verwelkt ſein, und der Name Fatmé ſoll unverzuͤglich aus dem Buche der Lebenden vertilgt werden.“ Die Neugierde der Tochter wurde durch ſo allge⸗ meine Reden, von welchen ſie ſo wenig verſtehen konnte, nur um ſo mehr gereizt, und trieb ſie an, ihren Va⸗ ter deshalb weiter zu befragen, und ihn zu beſchwoͤren, daß er ihr hieruͤber Aufklaͤrung gaͤbe: koͤnnte er be⸗ denklich ſein,(ſagte ſie zu ihm,) ihr ein Geheimnis anzuvertrauen? ein Geheimnis, woran vielleicht die Ehre und das Leben eines ſo geliebten Vaters hange? Mit Einem Worte, ſie wußte es dahin zu bringen, Naür, Koͤnig von Kaſchemir. 117 daß der Veſyr ihr nicht allein alles entdeckte, was vor⸗ gegangen war, ſondern auch, welche Rache der Koͤnig dafuͤr zu nehmen beſchloſſen hatte. Die Tochter des Veſyrs, entzuͤckt vor Freuden,— denn die Rache iſt das lebhafteſte Gefuͤhl gewoͤhnlicher Weiber,— dankte ihrem Vater tauſendmal, und ver⸗ ſprach ihm, immerdar ein fuͤr ſeine eigene Wohlfahrt ſo wichtiges Geheimnis zu bewahren. Ihr Vater ver⸗ ließ ſie, freute ſich nur, daß er ſie beruhigt hatte, und ging an die Geſchaͤfte, welche ſein Amt ihm auferlegte. Kaum war er weg gegangen, als Fatmé, ſelber betreten uͤber eine Behandlung, zu welcher die Gedan⸗ ken an ihre Liebe ſie gegen die Tochter des Veſyrs ver⸗ leitet hatte, einen Beamten des Palaſts zu ihr ſandte, um ihr uͤber das Vorgefallene Entſchuldigungen zu machen. Dieſe aber ließ den hoͤflichen Boten nicht aus⸗ reden, ſondern unterbrach ihn mit folgenden Worten: „ Alle Welt wird eingeſtehen, daß die mir wider⸗ fahrenen Beleidigungen nicht wieder gut zu machen ſind, ſondern Zuͤchtigung verdienen. Indeſſen denke ich nur noch wenig daran, weil ſie ſich bald nicht mehr wird ruͤhmen koͤnnen, daß ſie mich ſo mishandelt hat, und weil ihr Tod mich hinlaͤnglich raͤchen wird.“ Der Palaſtbeamte ſchien erfreut uͤber dieſe Neuig⸗ keit, und ſagte zu ihr: „Wie ſuͤß klingt mir deine Rede! Mein Herz huͤpft vor Freuden bei der Hoffnung, welche du ihm 118 545. Tag. erregſt. Wann werden wir doch ſo gluͤcklich ſein, den Koͤnig eines ſo feſten Entſchluſſes faͤhig zu ſehen? Aber er iſt gar zu ſehr eingenommen fuͤr Fatmé.“ —„Wenn du im Stande waͤreſt,“ erwiederte die Veſyrs⸗Tochter,„ein Geheimnis zu bewahren, ſo wollte ich dir wohl alle Umſtaͤnde einer Begebenheit erzaͤhlen, von welcher ich mich ſelber kaum erholt habe, ſo ſehr hat ſie mich uͤberraſcht.“ Der Beamte verſprach ihr mehr, als ſie verlangte, und bald hatte ſie ihr Herz erleichtert. Er war nicht ſobald hievon unterrichtet, als er zu Fatmé eilte, und ihr alles wieder erzählte, was er vernommen hatte; ſeine Anhaͤnglichkeit an ſie, die Verpflichtungen, welche er ihr hatte, und die Freundſchaft, welche er ſeit lan⸗ ger Zeit fuͤr Abukaſir hegte, trieben ihn an, keinen Augenblick zu verlieren, um ſie von allem zu unter⸗ richten und dieſe Art von Treuloſigkeit zu begehen. Wie anders wuͤrde der Aufenthalt an den Hoͤfen ſein, wenn die Falſchheit oder Schwatzhaftigkeit nur gebraucht wuͤrden, um ſeinen Freunden zu dienen! Fatmé war bei dieſer ſchrecklichen Nachricht hoͤchſt beſtuͤrzt; ſie haͤtte, wie alle Liebende, wohl geſchworen, daß ſie ihre Liebe genugſam verborgen und der Koͤnig nichts haͤtte bemerken koͤnnen. Aber die Nachricht war ſo entſchieden und ſo umſtaͤndlich, daß ſie nur noch das ihr drohende Ungluͤck im Auge behielt, und mit ſolcher Gewalt und Lebhaftigkeit zu dem Palaſtbeam⸗ — Naur, Koͤnig von Kaſchemir. 119 ten redete, daß ſie ihn bewog, Abukaſir in ihr Zimmer zu fuͤhren. Dieſer kam, als Sklave verkleidet; die Unterredung war lang und wichtig, Was vollfuͤhrt nicht die um das Leben des geliebten Gegenſtandes beſorgte Lieber Dieſe Liebe ſchien alle ihre Entwuͤrfe zu beguͤnſtigen, und beide brachten es dahin, daß ſie die Unzufriedenen, welche unter allen Regierungen zu finden ſind, aufwiegelten. Abukaſir und Fatmé ver⸗ banden zugleich ihre Freunde mit dieſen Unzufriedenen, und noch in derſelben Nacht wurde Naur und ſein Veſyr, die ſich nichts verſahen, unbarmherzig ermordet.“ 120 545. Tag. „Das iſt ihm ſchon Recht,“ ſagte Huͤdſchadſch; „was hatte er auch noͤthig, vorſichtig zur Unzeit zu ſein, und einen Veſyr um Rath zu fragen? die ſo be⸗ gierig nach unnuͤtzem Rathe ſind, fragen niemals da⸗ nach, wann ſie ihn wohl noͤthig haͤtten.“ „Das iſt wahr, Herr,“ antwortete Moradbak; „aber wenn uͤbermaͤßige Vorſicht ein Fehler iſt, ſo ſind die Gefahren einer Frau, welche von ihrer Pflicht ab⸗ weicht, noch bedeutender.“ „Sie ſind nicht alle, wie du,“ erwiederte Huͤd⸗ ſchadſch, mit einem Ausdruck von Freundlichkeit, wie er vielleicht ſeit zwanzig Jahren nicht hatte blicken laßen;„auch haben unſere Vaͤter wohl befunden, daß man ſie nicht genug beſchraͤnken und verſperren kann. — Es iſt aber genug fuͤr heute,“ fuͤgte er hinzu; n„gehet Alle zur Ruhe, und verfehlet nicht, euch morgen zur gewoͤhnlichen Zeit einzuſtellen.“ „Wir werden hier ſein,“ ſagte Moradbak,„und ich werde die Ehre haben, dir eine Mogoliſche Ge⸗ ſchichte zu erzaͤhlen.“ „Auf das Land koͤmmt es dabei nicht an,“ ſagte er noch darauf. „Ich hoffe,“ erwiederte die ſchoͤne Tochter Fitéads, indem ſie ſich beſcheiden entfernte,„daß ſie Euer Maje⸗ ſtaͤt vergnuͤgen wird.“ 3 — — Tauſend Ein Tag. 121 Zum beſſern Verſtändniſſe einer Stelle in der vorſtehen⸗ den Erzählung(Tag 535) und zur Befriedigung der Neu⸗ gierde des Leſers über den dort vorkommenden Gebrauch des Morgenlandes, hat man es für dienlich erachtet, ihm eine Liſte ſolcher Salam's oder Mané's zu geben, welches einfache Geſchenke aller Art und zugleich Zeichen ſind, wo⸗ durch die Liebenden überein gekommen, die Wachſamkeit derjenigen zu täuſchen, die ſich ihrem Glücke widerſetzen. Bei den Perſern herrſcht mehr der Gebrauch, durch die mannigfaltigen Arten der Blumen, ihre Farben und ihre Zuſammenſtellung zu ſprechen, und ſie dienen ihnen zu dem⸗ ſelben Zwecke, wovon wir mehrere Beiſpiele in Ueberſetzun⸗ gen oder Auszügen von Werken dieſes Volks finden.*) Doch iſt in unſeren Büchern bisher noch nicht die Rede ge⸗ weſen von den Mané's, und ich finde ſie nur in der Reiſe von La⸗Motheraye erwähnt.**) Zuvor iſt noch nöthig zu wiſſen, daß nicht bloße Willkür oder Uebereinkunft allein eine Sache vor der andern zum Mané macht, ſon⸗ dern, daß die Benennung des überſandten Geſchenks gemein⸗ lich auf einen Spruch oder auf eine bekannte Dichter⸗Stelle reimen muß, wie wenn man 3. B. ſagt: Roſenroth: Liebe bis in den Tod, u. dgl. *) Iernl. auch die Geſchichte des Zauberers Mograby, Tag 469, 2⁸) Nunmehr unter andern auch in des Grafen Raczynski⸗s Reiſe inn Hömneniſchen Reich, aus v. Hammers Fundgruben 122 Tauſend Ein Tag. I. Liſte einiger Mané's, oder ſprechender Geſchenke der Männer. Etwas Blaues: ich bin von dir bezaubert. Je klarer das überſandte Zeug oder Ding iſt, je ſtärker iſt der Ausdruck. Eine Perle: du betrügſt mich, du biſt eine Treuloſe. Maſtix: ich liebe dich, o reizendes Mädchen. Ingwer: mein Herz brennet nur für dich. Aloéholz: o du ſüßes Heilmittel meines Herzens! Eine Weintraube: meine beiden Augen. Blei: meine Liebe iſt auf dich geheftet; oder: ich bin be⸗ rauſcht von Liebe zu dir. Ein Faden: meine Prinzeſſinn wiſſe, daß ich ihr Lieben⸗ der bin. Mirtenreis: der Himmel gewähre dich meinem Verlangen! Cypreſſe: du haſt mir viele Leiden verurſacht. Eine Rübe: dein Herz leiſtet einen grauſamen Widerſtand. Ein Haar: welchen Fehltritt habe ich denn begangen? Sendet es eine Frau, ſo bedeutet es: entführe mich! Schasmin: haſt du geſchworen, gegen meine Leiden un⸗ empfindlich zu ſein? Eine Feige: du haſt alle meine Sinne gefeſſelt. Papier: entferne von dir alle meine Nebenbuhler. Mehl: du haſt mein Herz gemartert. hee: Sonne meiner lichteſten Tage, und Mond meiner heiterſten Nächte. ———ʒ;ʒ—ñ˖ꝛ]ñ—˖— Tauſend Ein Tag. 123 Drachenblut: Seele meiner Seele. Salz: das Feuer meines Herzens brennet für dich Tag und Nacht; die Sonne und die Geſtirne ſind des mein Zeuge. Gerſte: daß ich dich geſtern nicht geſehen habe, iſt eine Nacht für meine Liebe, welche unüberſteigliche Hinderniſſe gefunden hat. Taback: mein Herz iſt aufrichtig und getreu. Moſchus: ich bin unfähig zu lügen. Eine Taſſe Kaffee: ich würde vielmehr tauſend Leben für dich aufopfern. Koralle: ich lege dir alles, was ich habe, zu Füßen. Zimmet: gebiete unumſchränkt über mich. Ein Nagel: dein Sklave. Geſchenke der Frauen. Eine Birn: du kannſt einige Hoffnung hegen; biſt du Rubin, ſo bin ich Smaragd. Eine Feder⸗ fürchte nicht, du ſollſt getröſtet werden. „Erder entledige dich deiner alten Liebſchaften. Honig: komm und nimm Beſitz von meinem Herzen. Eine Zwiebel: deine Arme ſollen mein Gürtel ſein. Eine Haarlocke: o du Krone meines Hauptes! Rothe Bruſtperlen: mache mit mie alles, was du willſt. Faden: getreue Sklavinn deines Bettes. Roſenfarbe: ſüße Nachtigall meines Herzens! 124 Tauſend Ein Tag. Gelber Ambra: du haſt andere Augen, als die meinigen. Flachsknoten: iſt mein Herz böſe auf mich? ſollte es mich verlaßen haben? „Ein Apfel: entferne dich nicht von mir, du Lenz meines eebens. 3 Eine Gurke: die Nebenbuhlerinnen bringen mich zur Verzweiflung. Goldfaden: es iſt lange her, daß ich dich nicht geſehen habe. Weinfarbe: warum entferneſt du dich von mir? Eine Bohne: ich habe dieſe Nacht ſchlaflos zugebracht. Kreide: du haſt mich um den Verſtand gebracht. Cypreſſe: Komm ſchleunigſt zum verabredeten Ort. Farbe des Morgenroths: nimm mir denn das Leben. Eine Olive: ich möchte dich lieber leblos, als treulos ſehen. Holzkohle: möge ich ſterben, und du lange leben! — Am folgenden Abend begann Moradbak alſo die Geſchichte Nurdſchehans und Damaké“/ die vier Talismane. „Als Abu⸗ali Nabul,*) Kaiſer der Mogolen, ſein hohes Alter bedachte und wohl ſah, daß er ſich nicht mehr lange des Lebenslichtes erfreuen wuͤrde, da ließ er ſeinen einzigen und vielgeliebten Sohn Nurd⸗ ſchehan**) kommen, und ſprach zu ihm: „Nurdſchehan, ich hinterlaße dir meinen Thron; ich habe ſo eben befohlen, mir den Todestrank zu be⸗ reiten, demnach wirſt du bald meine Stelle einnehmen. Das heißt Aroßpat 8 *) Das heißt Lich Welt. 126 545. 546. Tag. Vergiß niemals, dem Armen, wie dem Reichen, Ge⸗ rechtigkeit angedeihen zu laßen; begnüge dich mit dem Beſitz eines bluͤhenden Kaiſerreichs; trachte nicht nach den Laͤndern eines andern Fuͤrſten, laß jeden im Beſitze des Erbes ſeiner Vaͤter: mit Einem Worte, bedenke ſtaͤts, daß du ſterben mußt, und daß die Milde und die Gerechtigkeit die ſchoͤnſten Ehrennamen eines Fuͤr⸗ ſten ſind. Nachdem er dieſe Worte geſprochen, ſtieg er vom Throne, ließ ſeinen Sohn denſelben beſteigen, und be⸗ gab ſich in ein Gemach, in welchem er ſeine ſchoͤnſten Tage verlebt hatte: hier nahm er den Todestrank, und erwartete mit der groͤßten Ruhe den Augenblick, der ſeine ſchoͤne und reine Seele, die von keinen Gewiſſens⸗ biſſen gequaͤlt war, dem Himmel zufuͤhren ſollte. Fuͤnfhundert und ſechs und vierzigſter Tag. Nachdem Nurdſchehan einem ſo guten Vater alle Ehren erwieſen, welche kindliche Liebe und Dankbarkeit ihm nur eingeben konnte, war er mit nichts mehr be⸗ ſchaͤftigt, als mit der Sorge, die letzten Lehren, welche er von ihm empfangen hatte, zu befolgen. Sein Herz war gut, ſein Verſtand richtig: aber wenn alle Men⸗ ſchen der Erfahrung beduͤrfen, ſich zu bilden, um wie viel nothwendiger iſt ſie nicht denjenigen, die zum Throne Nurdſchehan und Damake. 127 beſtimmt ſind? Nurdſchehan, von dieſer wichtigen Wahrheit uͤberzeugt, war weit entfernt von der bei den Fuͤrſten nur zu gewoͤhnlichen Einbildung. Eines Tages, als er ſich mit ſeinen Hofleuten uͤber die Regierung der Koͤnige unterhielt, pries er vor allen diejenigen, die am meiſten die Gerechtigkeit ge⸗ liebt hatten. Salomon wurde als der gerechteſte genannt. „Dieſes Beiſpiel,“ erwiederte Nurdſchehan,„kann nicht angefuͤhrt werden: Salomon war Prophet, und konnte den Uebeln abhelfen, welche er vorausſah: aber ein gewoͤhnlicher Menſch kann nur ſeinen guten Willen anwenden, ſeine Schwachheiten zu verguͤten; und ich befehle euch allen, nicht nur, mich ohne Schmeichelei an meine Pflichten zu mahnen, ſondern auch durch euern Rath meinen Fehlern zuvor zu kommen oder ſie zu verbeſſern.“ Wenn ein Koͤnig die Tugend liebt, werden bald alle ſeine Unterthanen tugendhaft. Kaum hatte Nurd⸗ ſchehan ausgeredet, als Aburaſi ſich erhub und ſagte: „Großer Fuͤrſt, wenn du willſt daß in deinem Reiche die Gerechtigkeit vollkommen gehandhabt werde, ſo mußt du dir einen uneigennuͤtzigen Veſyr erwaͤhlen, der nur deinen Ruhm und das Wohl des Staates im Auge hat, und dem das Bewußtſein gut zu handeln fuͤr Belohnung gilt.“ 128 546. Ta g. „Du haſt ſehr Recht, Aburaſi,“ erwiederte Nurd⸗ ſchehan;„aber die Schwierigkeit iſt, einen ſolchen Mann zu finden.“ „Du haſt, Herr,“ verſetzte der Hofmann,„einen unter deinen Unterthanen, welcher ſeine Beſcheidenheit und ſeine Weisheit auf alle Aemter unter der Regie⸗ rung deines erlauchten Vaters hat verzichten laßen, und deiner Majeſtaͤt iſt vielleicht unbekannt, was ihm in der Stadt Schiras begegnete.“ Auf des Koͤnigs Aufforderung, ihn davon zu un⸗ terrichten, fuhr Aburaſi alſo fort: Imadil Doͤlé und der Schneider. „Imadil Ddlé*) trug in dem letzten Kriege, welchen wir gegen Perſien fuͤhrten, unſere Waffen ſiegreich bis nach Schiras, welches er einnahm, und aus Gefuhl der Menſchlichkeit vor der Pluͤnderung be⸗ wahrte; indeſſen forderten die Soldaten von ihm eine Belohnung zur Entſchaͤdigung der Beute, welche ſie dabei haͤtten machen koͤnnen, und ſprachen zu ihm in einem ſolchen Tone, daß er genoͤthigt war, ſie ihnen zu verſprechen, obwohl er noch nicht wußte, wo er ſie hernehmen ſollte. Eines Tages, als er in ſeinem Pa⸗ laſt mit den Gedanken daran beſchaͤftigt war, bemerkte er ein Loch, aus welcher er eine Schlange hervor und „) Das heißt Stütze und Stab der Glückſeligkeir. Imadil Doͤls und der Schneiber. 129 wieder hineinſchluͤpfen ſah; er rief die Verſchnittenen ſeines Harems herbei, und befahl ihnen: „Erweitert dieſes Loch, und fanget die Schlange, welche ich habe hinein ſchluͤpfen ſehen.“ Die Verſchnittenen gehorchten, und fanden ein Gewoͤlbe, an deſſen Waͤnden Schraͤnke und Kaſten uͤber einander aufgeſchichtet ſtanden. Man oͤffnete dieſe, und fand ſie mit Goldſtuͤcken, und die Schraͤnke mit den koſtbarſten Stoffen angefuͤllt. Imadil Doͤlé dankte Gott fuͤr dieſe Entdeckung, und vertheilte dieſen Schatz unter ſeinen Soldaten. Hierauf ließ er einen Schneider beſtellen, der von den Stoffen Kleider machen ſollte, womit er die Verdienſte der unter ſeinem Befehle ſtehenden Offtziere belohnen wollte. Man brachte ihm den geſchickteſten Schneider der Stadt, denſelben, der fuͤr den letzten Statthalter gearbeitet hatte. Imadil Doͤlé ſprach zu ihm: „Wenn du dieſe Kleider ſorgfaͤltig machſt, ſollſt du nicht allein gut bezahlt werden, ſondern will ich dir auch noch eine Belohnung und Kaſſonade*) geben laßen.“ Dieſer Schneider, der auf einem Ohre taub war, verſtand, daß man ihm die Baſtonnade geben wollte, fing an zu weinen, und da er ſich zugleich einbildete, *) Eine Art Scherbet, mit braun geſchmolzenem Zucker vermiſcht. IX. 9 13⁰ 546. 547. Tag. daß man wegen der Kleider des vorigen Statthalters, welche er in ſeiner Verwahrung gehabt hatte, Rechen⸗ ſchaft von ihm forderte, bekannte er, daß er nur zwoͤlf Kiſten voll davon haͤtte, und daß diejenigen, welche ihn angegeben, mehr davon zu haben, die Unwahrheit geſagt haͤtten. Imadil Odlé konnte ſich nicht erwehren uͤber die Wirkung zu lachen, welche die Furcht auf den ar⸗ men Schneider hervorgebracht hatte; er ließ ſich indeſſen dieſe Kleider bringen, welche er praͤchtig und noch ganz neu befand. Sie dienten ihm, nebſt den Stoffen aus den Schraͤnken, allen Offizieren ſeines Heeres Kleider zu ſchenken.— Ich glaube demnach, daß ein ſo uneigennüͤtziger Mann das Vertrauen deiner Majeſtaͤt verdient.“ Fuͤnfhundert und ſieben und vierzigſter Tag. düls Aburaſi ausgeredet hatte, ſagte Nurdſchehen zu ihm: „Imadil Doͤlé ſoll nicht mein Veſyr werden;“ ich halte ihn fuͤr einen edelmuͤthigen Mann: aber er iſt nicht vorſichtig genug, und ich halte ihn nicht fuͤr faͤ⸗ hig, mein Anſehn geltend zu machen: er hatte die Siegel des Reichs in ſeiner Hand, und wußte doch nicht alles zu berechnen und anzuordnen, was er zu ſeinem Der Toͤpfer und der Veſyr. 131 Feldzuge noͤthig hatte; mit Einem Wort, es fehlte ihm an Geld, und die Soldaten vermochten es, ihm Geſetze vorzuſchreiben. Was wuͤrde ohne den Zufall mit der Schlange, welchen auch jeder andre als er benutzen konnte, aus ihm geworden ſein? Und der Schneider iſt hiebei ein ganz uͤberfluͤſſiges Maͤhrlein. Nurdſchehan fuhr fort, ſich mit ſeinen Hofleuten zu unterhalten, die ihm noch mancherlei Vorſchlaͤge machten, welche aber zu gewoͤhnlich waren, als daß ſie verdienten, wieder erzaͤhlt zu werden. Indeſſen, ſtaͤts erfuͤllt von dem Vorſatze, gerecht und gut zu regieren, verließ er haͤufig, zu allen Ta⸗ gesſtunden, ſeinen Palaſt, um ſich uͤberall ſelber von der Wahrheit zu uͤberzeugen. Der Toͤpfer und der Veſyr. In der Naͤhe des Palaſts wohnte ein alter Töͤpfer. Nurdſchehan, dem es auffiel, daß er taͤglich mit heili⸗ ger Inbrunſt betete, blieb eines Tages ſtehen vor dem kleinen Hauſe, das er bewohnte, und ſprach zu ihm: „Sage mir, was du wuͤnſcheſt, und ich verſpreche es dir zu gewaͤhren.“ „Beſiehl,“ antwortete ihm der Toͤpfer,„allen deinen Beamten, daß jeder einen Topf von mir kauft und ihn mir ſo theuer bezahlt, als ich fordere; ich werde keinen Misbrauch von dieſer Verguͤnſtigung ma⸗ 132 547. Tag. chen, um ſo weniger, als ich von jedem, der einen Topf kauft, verlangen will, daß er denſelben bewahre, und ihn zu deinem Dienſt anwende.“ Nurdſchehan bewilligte ihm ſeine Bitte, und be⸗ fahl ſeiner Wache, auf den Verkauf der Toͤpfe Acht zu haben, und beſonders alles zu thun, was der Toͤpfer ihr befehlen wuͤrde. Dieſer benutzte die ihm ertheilte Gnade ſehr be⸗ ſcheiden; begnuͤgt mit dem Abſatze ſeiner Waare, for⸗ derte er nicht mehr dafuͤr, als den Werth; er war gluͤcklich, ſich in Arbeit zu erhalten, und hoffte, ſeinem Koͤnige noch einſt ſeine Erkenntlichkeit beweiſen zu koͤnnen. Der Veſyr Nurdſchehans war geizig; aber aus Furcht, ſeinem Herrn zu misfallen, verbarg er dieß Laſter mit aͤußerſter Sorgfalt. Eines Tages ging er zu dem Kaiſer, als der Toͤpfer von ihm ein Goldſtuͤck fuͤr einen Topf forderte, welchen er ihm darbot. Der Veſyr wies ihn zuruͤck, und ſagte, er ſcherze wohl, eine ſolche Summe fuͤr ein Ding zu fordern, welches mit der kleinſten Muͤnze hinlaͤnglich bezahlt waͤre. Als der Toͤpfer ſah, daß er auf die Weigerung Drohungen folgen ließ, erwiederte er ihm, weil er aus ſolchem Tone ſpraͤche, ſo wollte er tauſend Goldſtuͤcke fuͤr ſei⸗ nen Topf haben, und fuͤgte hinzu, er ſollte nun nicht eher zum Kaiſer eintreten, als bis er den Topf um den Hals haͤngte, und ihn ſelber auf ſeinen Ruͤcken naͤhme Der Toͤpfer und der Vefyr. 133 und in das Zimmer des Kaiſers truͤge, um dort ſeine ſeine Klage wegen der Weigerung und der gegen ihn ausgeſtoßenen Drohungen anzubringen. Der Veſyr machte viele Schwierigkeiten und Ein⸗ wendungen, um eben ſo aͤrgerlichen als erniedrigenden Forderungen auszuweichen: aber die ihm vom Kaiſer beſtimmte Stunde nahte heran, und die Wache wollte ihn nicht eher einlaßen als bis er den Willen des Toͤpfers erfuͤllt haͤtte; er war alſo genoͤthigt, die tau⸗ ſend Goldſtuͤcke zu verſprechen, ſeinen Topf um den Hals zu haͤngen, und was noch mehr iſt, den Toͤpfer auf ſeinem Ruͤcken in den Palaſt zu tragen; eine For⸗ derung, wovon dieſer durchaus nicht abſtehen wollte. Der Kaiſer verwunderte ſich, ſeinen Veſyr in ei⸗ nem ſo laͤcherlichen, und ſeiner Wuͤrde ſo wenig ge⸗ maͤßen Aufzuge ankommen zu ſehen, und wollte wiſſen, was vorgegangen waͤre. Als er davon unterrichtet worden, noͤthigte er den Veſyr die tauſend Goldſtuͤcke auf der Stelle zu bezahlen; und in Erwäͤgung, wie wichtig es fuͤr einen Fuͤrſten waͤre, keinen geizigen Mi⸗ niſter zu haben, ſetzte er ihn ab, und wußte es dem Toͤpfer großen Dank, daß er ihn von einem Umſtand unterrichtet hatte, welcher ihm vielleicht noch lange unbekannt geblieben waͤre. Nurdſchehan ſetzte einen Staatsrath ein, welchen er aus den edelſten Maͤnnern des Reichs erwaͤhlte; er 134 547. 548. Tag. gab weiſe und vorſichtige Geſetze, und bereiſete die einzelen Landſchaften, um ſein Volk vor einer Gewalt zu ſichern, welche ſtaͤts gefaͤhrlich iſt, wenn diejenigen, welche ſie ausuͤben, zu weit entfernt von dem Koͤnige ſind. Dieſer, mit allen Tugenden begabte Fuͤrſt, hatte kein andres Ziel, als ſich nach ſeinem Tode auch die ſchoͤne Grabſchrift jenes Perſiſchen Koͤnigs zu verdienen, auf deſſen Denkſteine man einfach lieſt:„Schade um Schah⸗Schuja!“ Fuͤnfhundert und acht und vierzigſter Tag. Nurdſchehan hatte bei der Bereiſung ſeines Reichs ſchon den groͤßten Theil deſſelben gemuſtert und zahl⸗ loſe Misbraͤuche abgeſtellt, als ihn die Neugierde trieb, die Tataren, ſeine Nachbarn, zu beſuchen.*) Da er ſo nahe an ihrer Graͤnze war, ſo hatte er Luſt, dieſe Tataren zu ſehen und kennen zu lernen, welche gebildeter ſind, als die uͤbrigen; denn ſie haben Staͤdte und buͤrgerliche Verfaſſung; uͤberdieß ſind ihre Frauen nicht verſperrt, wie bei den andern morgenlaͤndiſchen Voͤlkern. Als die Tataren die Ankunft des Kaiſers der Mogolen vernahmen, zogen ſie ihm entgegen; ein *) Das Reich Tangut gränzt weſtlich an das Mogoliſche Reich; es beſteht aus zwei Theilen, von welchen der ſüdliche eigentlich Tangut, und der nördliche Tiber heißt. Nurdſchehan und Damaks. 135 Theil ſtellte ihm zu Ehren Pferderennen an; andere fuͤhrten mit ihren Frauen Taͤnze auf, welche, obſchon ein wenig wild, dennoch eine gewiſſe Anmuth hatten, und beſonders Kuͤhnheit und Hochſinn ausdruͤckten. Unter der Menge Tatariſcher Frauen, welche vor Nurdſchehan erſchienen, fiel ihm vor allen ein junges funfzehnjaͤhriges Maͤdchen auf, welche Damaké*) hieß. Sie vereinigte in ſich edle Geſtalt, Schoͤnheit, geiſtvolle Geſichtzuͤge, und Sittſamkeit. Nurdſchehan huldigte ſo vielen Reizen, und ließ ihr eine Stelle in ſeinem Harem antragen; aber ſie ſchlug es aus. Er wollte ſie durch koſtbare Geſchenke bewegen; aber ſeine Erbietungen wurden nicht einmal angehoͤrt. Die Liebe bewirkt oft die groͤßten Gemuͤthsveraͤnderungen; dieſer ſo weiſe und bisher ſo gemaͤßigte Fuͤrſt ließ ſich durch ſeine Leidenſchaft hinreißen, und fuͤgte Drohungen hin⸗ zu; ja er ging ſo weit, daß er laut ſagte, er wuͤrde mit einem furchtbaren Kriegsheere kommen, um eine Schoͤnheit zu erobern, deren Sproͤdigkeit ihn nicht hof⸗ fen ließe, ſie auf anderm Wege zu gewinnen. Freilich aͤußerte er ſich ſo heftig nur gegen Da⸗ maké allein. Haͤtten die Tataren, dieſe auf ihre Frei⸗ heit eiferſuͤchtigſten Voͤller, die mindeſte Kunde davon gehabt, ſo waͤre von Stund' an der Krieg erklaͤrt ge⸗ weſen. Aber Damaké antwortete ihm ſtaͤts mit der *) Das heißt Fröhlichkeit des Herzens. 136. 548. Tag. groͤßten Sanftmuth, ohne einige Furcht zu zeigen und ohne die einem Faͤrſten ſchuldige Ehrfurcht aus den Augen zu ſetzen; und in dieſem einfachen und feſten Tone, welchen Muth und Wahrheit ſtaͤts einfloͤßen, erzaͤhlte ſie ihm folgende kleine Geſchichte: Der Lama und das Tatarenmaͤdchen. „Einer von den Groß⸗Lama's,“ hub ſie an,„de⸗ ren Allgewalt in dieſem Lande dir bekannt iſt, ver⸗ liebte ſich, in eben dieſer Gegend, in ein Maͤdchen deſſel⸗ ben Stammes, dem ich angehoͤre. Sie wies nicht allein alle ſeine Anerbietungen von ſich, ſondern auch ſogar den Antrag, ſie zu heirathen; ſo ſehr war er von ſeiner Leidenſchaft verblendet. Ihre Liebe zu ei⸗ nem Spielmann, der ſelbſt nicht einmal ſehr wohlge⸗ bildet war, bewog ſie einzig zu dieſer Weigerung; ſie geſtand dieß dem Lama, in der Hoffnung, ihm dadurch ſeiner Zuneigung unwuͤrdig zu erſcheinen. Aber dieſer Fuͤrſt,(denn als ſolche werden ſie angeſehen,) ließ, von Grimm hingeriſſen, ſeinen unwuͤrdigen Nebenbuhler umbringen; und unter dem Vorwande, daß die Schoͤne fuͤr den Dalay⸗Lama geeignet waͤre, machte er ſich kein Gewiſſen daraus, ſie ſelber zu entfuͤhren; denn du weißt, Herr, daß in dieſem Lande alles ſchon bei dem Namen eines Mannes zittert, welcher als ein Der Lama und das Tararenmaͤdchen. 137 Gott betrachtet wird.*) Aber der Lama zog keinen großen Gewinn von ſeiner Grauſamkeit und Ungerechtigkeit; denn, nachdem das Maͤdchen ihm verſprochen hatte, ſich ſeinen bruͤnſtigen Nachſtellungen zu ergeben, um da⸗ durch etwas mehr Freiheit zu erlangen, ſtuͤrzte ſie ſich von der Spitze eines Felſens, welcher von hier aus zu ſehen iſt, und welchen man in dieſem Lande noch immer als ein Denkmal der Beſtaͤndigkeit und Entſchloſſenheit zeigt, deren die Tartariſchen Maͤdchen faͤhig ſind.— *) Der Dalay⸗Lama wird bei den Tataren dieſes Gebiets für un⸗ ſterblich gehalten; er lebt zurückgezogen von der Welt, ohne ſich im geringſten um das zeitliche Wohl ſeiner Staaten zu bekümmern: zwei mächtige Chane der Kalmukken liefern ihm alles, deſſen er zu ſeiner Hofhaͤltung bedarf. Die Tataren, welche ſich zu ihm beken⸗ nen, glauben, daß er niemals ſtirbt, ſondern ſich erneuet, wie der Mond. Folgender Kunſtgriffe bedient man ſich, um dem Volke dieſes Mährchen einzubilden. Wenn der Dalay⸗Lama in den letzten ügen liegt, ſucht man im ganzen Tangut denzenigen Lama auf, er ihm am ähnlichſten iſt und läßt ihn ſeine Stelle einnehmen⸗ nachdem man die Leiche des Verſtorbenen ſorgfältig verſteckt bar. Auf dieſe Weiſe behaupten ſie, habe der Lama ſchon ſiebenbundert Jahr gelebt und werde auch ewig leben. Alle Fürſten der Tatarei⸗ welche ſich zu ihm bekennen, ſenden ihm vor ihrer Tbronbeſteigung reiche Geſchenke, und ſtellen oft Wallfahrten an, um ihn anzube⸗ ten, wie den lebendigen und wahrhaften Gott. An einem gehei⸗ men Orte ſeines Kloſters, umleuchtet von vielen Lampen, läßt er ſich ſehen, und zeigt ſich nie anders, als ganz mit Gold und Edel⸗ ſteinen bedeckt, erhoben auf einer Art von Schaubühne, mit rei⸗ chen Teppichen geſchmückt, und ſitzt auf einem Kiſſen mit gekreuz⸗ ten Beinen, nach Tatariſcher Weiſe. Man wirft ſich vor ihm mit dem Geſicht auf den Boden nieder, ohne daß es erlaubt wäre, ſich ihm zuenahen, und ihm die Füße zu küſſen; und die vornehm⸗ ſten Herren, die Chane ſelbſt, ſchätzen ſich glücklich, wenn ſie ver⸗ mittelſt reicher Geſchenke, etwas von ſeinem Unflat erlangen kön⸗ nen, welchen ſie dann in einer goldenen Kapſel, am Halſe als ein Schußzmittel gegen allerleillebel tragen. S. Relation de la grande artarie. 138 549. Ta g. Fuͤnfhundert und neun und vierzigſter Tag. Es iſt keine aͤhnliche fruͤhere Zuneigung,“ fuhr Damaké fort,„welche mich bewegt, die Erbietungen deiner Majeſtaͤt zuruͤck zu weiſen. Mein Herz war noch frei bis auf den heutigen Tag; lerne es ganz kennen, Herr: es iſt ſtolz, und vielleicht der Guͤte werth, womit du mich zu beehren wuͤrdigſt; meine ſchwachen Reize haben dich eingenommen: aber eine Frau, welche kein andres Verdienſt hat, iſt, meiner Meinung nach, etwas ſehr geringes!“ „Vielleicht,“ erwiederte ihr Nurdſchehan,„ſteht die Verſchiedenheit unſerer Religion meinem Gluͤck im Wege?"“ „Nein, Herr, ich bin auch Muſelmaͤnnin,“ ant⸗ wortete Damaké;„waͤhneſt du, daß ich meinen Geiſt unter den Vorſtellungen habe gefangen nehmen koͤnnen, welche man uns von dem Dalay⸗Lama gibt? Kann man denn glauben, daß ein Menſch unſterblich ſei? Der Kunſtgriff, deſſen man ſich bedient, um es uns einzu⸗ bilden, iſt zu grob; mit einem Wort, er iſt zu augen⸗ ſcheinlich, als daß ich irgend noch ſchwanken koͤnnte, zwiſchen jenen von Prieſtern ausgebruͤteten Vorſtellun⸗ gen und den Lehren von der wahren Gottheit Gottes, welche ſein erhabener Freund gepredigt hat. Uebrigens,“ fuhr ſie fort,„kenne ich wohl die Gefahr bei deiner Herablaßung zu mir. Die Zeit Nurdſchehan und Damaks. 139 bringt die Nachtigall, dieſen lieblichen Vogel, zum trauern; ſie macht, daß die Roſe, dieſe reizende Blume, mitten unter Dornen wohnet; ſie laͤßt den Mond in der Nacht leuchten, um ſein Licht wieder zu verdun⸗ keln, ſobald der Tag erſcheint; die Nacht vertreibt die Sonne, dieſe Koͤniginn der Welt; ein bis zum Koͤnig⸗ thum erhobener Mann wird in tiefe Armut verſenkt. Trotz allen dieſen Betrachtungen, bekenne ich gleich⸗ wohl, Herr, daß es mir ſchmeicheln wuͤrde, einem Manne zu gefallen, an welchem ich mehr ſeine Tu⸗ genden, als ſeine Groͤße ſchaͤtze: aber ich moͤchte ihm gern durch andere Eigenſchaften gefallen; ich moͤchte mich durch ſo wichtige Dienſte ſeiner wuͤrdig machen, daß eine ſo ungleiche Heirat, anſtatt Vorwuͤrfen aus⸗ geſetzt zu ſein, nur ſeine Wahl billigen ließe. Erwaͤge nun, Herr,“ fuͤgte ſie hinzu,„ob jemand, von dem Beiſpiele durchdrungen, welches ich dir er⸗ zaͤhlt habe, und dem ich beiſtimme, und trotz der Ver⸗ achtung, die eine ſolche Erhebung errregen muß, ſich durch Anerbietungen verfuͤhren, oder durch Gewalt be⸗ zwingen laßen kann.“ Nurdſchehan, voll Freuden, ſo viel Verſtand und Gefuͤhl in einem Weſen zu finden, welches ihre Ge⸗ ſtalt allein ſchon liebenswuͤrdig machte, bewunderte ihre Tugend, gab ihr ſein koͤnigliches Wort, ſie niemals zu zwingen, und wollte ſich nicht mehr von ihr trennen. 140. 549. Tag. Er ſchenkte der ſchoͤnen Damaké Sklaven und Kameele, und ſie folgte ihm mit allen den Ihrigen. Sie wuͤrde nimmer in dieſen Schritt gewilligt haben, waͤre ſie genoͤthigt geweſen, ihre Verwandten zu ver⸗ laßen, bei denen ſie lebte, und deren Gegenwart ihren Ruf uͤber den geringſten Verdacht erheben konnte. Der Konig ſah ſie nun taͤglich, und konnte nicht einen Au⸗ genblick ſein, ohne nach ihr zu verlangen. Indeſſen kam das Gerede des Volks und des Ho⸗ fes daruͤber Damaké zu Ohren; ſie war ſich bewußt, wie ſehr man ihr Unrecht that: um jedoch dieſem Mis⸗ verhaͤltniſſe abzuhelfen, beſchloß ſie, alle dergleichen Vorſtellungen zu vernichten, und die Gemuͤther zu ih⸗ ren Gunſten zu ſtimmen. In dieſer Abſicht bat ſie Nurdſchehan, die Weiſen ſeines Reichs zu verſammeln, um ihre Fragen zu beantworten, und ihr ebenfalls Fragen vorzulegen. Nurdſchehan fuͤrchtete, daß ein ſo junges Weſen, wie Damaké, ſich zu leichtſinnig bloß geben, und mit Schimpf aus einem ſolchen Wett⸗ ſtreite ſcheiden moͤchte, er bot alſo alles auf, um ſie von ihrer Forderung abzubringen; denn die Eigenliebe fuͤr ein geliebtes Weſen iſt unwiderſprechlich viel ſtaͤr⸗ ker, als die man fuͤr ſich ſelber hegt. Aber alle ſeine Vorſtellungen waren vergeblich. Die Weiſen wurden, zwoͤlf an der Zahl, zuſam⸗ men gerufen; und in der oͤffentlichen Sitzung, welche er mit ihnen hielt, ſaß der Koͤnig in ſeinen Feierklei⸗ Nurdſchehan und Damakée. 141 dern auf einem ſehr hohen Thron; Damaké ſaß etwas niedriger, ihm gegenuͤber, auf Kiſſen, hoͤchſt einfach gekleidet, aber ſtrahlend in allen Reizen der Jugend und Schoͤnheit, womit die Natur ſie ausgeſtattet hatte, und umgeben von den zwoͤlf Weiſen, ehrwuͤrdig durch ihr Alter und durch ihre langen Baͤrte, und auf eine große Tafel geſtuͤtzt, an welcher ſie mit ihr ſaßen. Dieſe Weiſen wußten nicht, weshalb ſie Nurdſchehan berufen hatte, und waren ſehr erſtaunt, als er ihnen Damake's Vorhaben eroͤffnete; ſie betrachteten ihre Gegnerinn, die ihnen vorgeſtellt wurde, und wollten nicht reden, weil ſie nicht zweifelten, daß der Koͤnig ſie verſpotten wollte. Nurdſchehan ſprach zu ihnen: „Ich ſehe euch an, was ihr denket: aber ich habe mein koͤnigliches Wort gegeben, und ihr muͤßt es idſen. Richtet ohne Schonung, die ſchwierigſten Fragen an dieſe Schoͤne, welche ſich anheiſchig macht, alle Knoten aufzuloͤſen, welche eure tiefe Wiffenſchaft ihr vorzule⸗ gen vermag.“ Jetzo nahm einer der Weiſen das Wort, wandte ſich zu Damaké und ſprach: 8. „Was iſt dasjenige, deſſen Bruſt eng iſt, und das gleichwohl zum Vergnuͤgen der Welt dient; deſſen Kopf voll Feuer, der Bauch voll Waſſer und deſſen Ruͤcken in der Luft iſt?“ Damaké antwortete ohne beſinnen:„Es iſt ein Bad.“ 142 549. Tag. Der Weiſe war eben ſo beſchaͤmt, als Nurdſche⸗ han entzuͤckt vor Freuden. Der zweite Weiſe fragte ſie nun:„Was iſt das fuͤr ein Ding, das die Farbe desjenigen annimmt, der es anblickt, ohne welches der Menſch nicht leben kann, und das weder Leib noch Farbe hat?“ „Es iſt das Waſſer,“ antwortete Damaké. Der dritte ſprach zu ihr:„Kannſt, du Wunder des Geiſtes und der Schoͤnheit, mir ſagen, was fuͤr ein Ding das iſt, das weder Thuͤre noch Grund hat, und innen gelb und weiß iſt?“ „Es iſt das Ei,“ antwortete ihm dieſer Volle mond der Gluͤckſeligkeit.. Der vierte Weiſe hub an, nachdem er ein wenig nachgedacht hatte, in der Hoffnung ſeine Mitbruͤder zu uͤbertreffen,(denn die Mogoliſchen Gelehrten haben von jeher viel Eigenliebe gehabt:) „In einem Garten ſteht ein Baum; dieſer Baum traͤgt zwoͤlf Aeſte; an jedem Aſt ſtehen dreißig Blaͤtter, und an jedem Blatte ſtehen fuͤnf Fruͤchte, von welchen drei im Schatten und zwei an der Sonne ſind: was iſt dieſer Baum? und wo befindet er ſich?“ „Dieſer Baum,“ erwiederte Damaké,„iſt das Jahr: die zwoͤlf Aeſte ſind die Monate, die dreißig Blaͤtter die Tage, und die fuͤnf Fruͤchte ſind die fuͤnf taͤglichen Gebete, von welchen zwei am Tage und drei in der Nacht verrichtet werden.“ Nurdſchehan und Damaké. 145 Der Weiſe war beſchaͤmt, und die Hoͤflinge, deren Geſinnungen ein Nichts umſtimmt, begannen inner⸗ lich von dem uͤberzeugt zu werden, was ſie anfangs nur aus Verſtellung bewundert hatten. Die uͤbrigen Weiſen, die noch nicht geſprochen hatten, wollten ſich von neuen entſchuldigen, und ihr Schweigen hinter den Lobeserhebungen verſtecken, welche ſie dem hohen Verſtande derjenigen zollten, die ihre Vorgaͤnger ſo beſchaͤmt hatte. Aber Nurdſchehan be⸗ fahl ihnen, auf Damake's Bitte, in dem Wettkampfe fortzufahren, und der eine von ihnen fragte nun, was ſchwerer ſei als ein Berg; der andre, was ſchaͤrfer als ein Schwert; der dritte, was ſchneller als ein Pfeil. Damaké antwortete mit einer ſtaͤts gleichen Ge⸗ genwart des Geiſtes, das erſte ſei die Zunge eines Menſchen, der ſich beklagt; das zweite die Ver⸗ laͤumdung; das dritte der Blick. Nurdſchehan fuͤrchtete, daß Damaké endlich ihren Scharfſinn erſchoͤpfen und die Ehre dieſer langen Reihe treffender Antworten dennoch einbuͤßen wuͤrde: indeſſen dieſer ſchoͤne Mond der Welt ſchien weder ermattet, noch uͤbermuͤthig durch etwas, welches der Eitelkeit der meiſten Menſchen genuͤgt haͤtte; und weil es die Ei⸗ genheit der Liebe iſt, ſich dem Willen des geliebten Weſens zu unterwerfen, ſo befahl Nurdſchehan, ob⸗ ſchon durch die bisherigen Erfolge noch nicht vor Be⸗ 144 549. 550. Ta g. ſorgnis und Unruhe geſichert, mit einem Winke des Hauptes, dem die Weiſen nicht zu widerſtehen wagten, daß ſie fortfahren ſollten. Der erſte fragte ſie nun, was fuͤr ein Thier das iſt, welches die Welt flieht, das von ſieben verſchiede⸗ nen Thieren etwas an ſich hat, und an einſamen Oer⸗ tern wohnt. Der zweite wollte wiſſen, wer diejenige ſei, deren Kleid mit Lanzenſpitzen gewaffnet iſt, die ein ſchwarzes Kleid traͤgt, und ein gelbes Hemde, deren Mutter uͤber hundert Jahr alt wird, und welche gleichwohl all Welt gern hat.. Der dritte bat ſie, ihm diejenige zu nennen, die nur einen Fuß hat, dabei ein Loch im Kopf, einen Guͤrtel von Leder traͤgt, und das Haupt emporhebt und gegen ſich ſelbſt zuͤrnet, wenn man ihr die Haare ausreißt und ihr ins Angeſicht ſpeiet. Endlich der vierte that folgende Frage: „Wer iſt die mehr als hundertjaͤhrige Frau, die jaͤhrlich mehr als tauſend Toͤchter gebiert, jedoch keinen Gatten hat, und Gift ausſpeiet, wenn ſie den Mund dffnet, waͤhrend die Lippen ihrer Toͤchter von Honig aͤberfließen?“ Fuͤnfhundert und funfzigſter Tag. Damaké antwortete dem erſten:„Es iſt die Heu⸗ ſchrecke, die von ſieben Thieren etwas aun ſich hat; Nurdſchehan und Damaks. 145 denn ſie hat den Kopf des Pferdes, den Hals des Rindes, die Fluͤgel des Adlers, die Fuͤße des Kameels, den Schwanz der Schlange, die Hoͤrner des Hirſches und den Bauch des Scorpions.“ Die Schoͤne hatte ein wenig mehr Muͤhe, die Frage des zweiten zu beantworten; es gab ſogar einen Augenblick, wo die ganze Verſammlung ſie ſchon fuͤr beſiegt hielt. Dieſer Gedanke, welchen ſie in den auf ſie gehefteten Augen las, machte ſie erroͤthen; ſie er⸗ ſchien dadurch nur um ſo ſchoͤner, und Nurdſchehan war entzuͤckt, als er den Weiſen, der dieſe Frage vor⸗ gelegt hatte, geſtehen hoͤrte, daß ſie dieſelbe mit ihrer gewohnten Richtigkeit beantwortet haͤtte, als ſie ihm geſagt:„es iſt die Kaſtanie.“ Sie loͤſte ohne beſinnen das dritte Raͤthſel: es waͤre eine Spindel; und nicht mehr bedurfte ſie, den vierten zu verſichern, daß ſein Raͤthſel den Feigen⸗ baum meinte. So viel Kenntniſſe, ſo viel Geiſtesgegenwart, ver⸗ bunden mit ſo viel natuͤrlicher Anmuth, ſetzten alle Gemuͤther in ſolche Verwirrung, daß, ungeachtet der Ehrfurcht, welche die Gegenwart Nurdſchehans ein⸗ floͤßen mußte, jedermann laut ſeine Bewunderung und ſeine Freude ausdruͤckte, daß er Zeuge eines ſo ſeltenen Auftrittes geweſen. 4 IX. 10 146 550. Tag. Hierauf machte Damaké ein Zeichen, daß ſie ih⸗ rerſeits nun auch reden wollte, und ſie forderte die Weiſen auf, ihr zu ſagen, was ſuͤßer waͤre, als Honig. e. Einige antworteten, es waͤre die Befriedigung ſei⸗ ner Wuͤnſche; Andere erklaͤrten das Gefuͤhl der Dank⸗ barkeit dafuͤr; und noch Andere meinten, die Freude, jemand zu dienen. Nachdem Damaké ſie alle hatte ausreden laßen, lobte ſie, was ſie Verſtaͤndiges und Wohlbedachtes vor⸗ gebracht hatten: ſie beſchloß aber mit der Frage, ob ſie ſich taͤuſchete, wenn ſie fuͤr das aller ſuͤßeſte auf der Welt die Liebe der Mutter zu ihrem Kinde erklaͤrete. gedenk erſcheinen muß, ſo angemeſſene, und dabei ſo beſcheiden ausgeſprochene Aufloͤſung, gewann ihr vol⸗ lends alle Herzen. Aber Damaké, die bei dieſem Wettkampfe keine andre Abſicht hatte, als ſich die Ge⸗ muͤther guͤnſtig zu machen, und ſo die ihr von Nurd⸗ ſchehan bewieſene Herablaßung zu rechtfertigen, wollte einem Auftritte die Krone aufſetzen, welchen ſie nicht Eine fuͤr eine Frau, die ſtaͤts ihrer Pflichten ein⸗ zu wiederholen gedachte, um ſich fortan nur mit hoͤhe ren Dingen zu beſchaͤftigen. Damaké ließ ſich alſo ein Saitenſpiel bringen und ſang und ſpielte in den beiden Weiſen, welche man Neva und FJrak nennt, und beſchloß ihren Geſang in der ſo bekannten Weiſe Nurdſchehau und Damake. 147 Seagiulé, der zu der großen Weiſe Chußeini ge⸗ hoͤrt,*) mit folgendem Liede, welches ſie mit aller nur erdenklichen Anmuth begleitete: „Ich werde nicht muͤde anzuſchauen, was ich liebe; wenn man mich davon trennte, wuͤrde ich ſterben vor Schmerz; Mein Herz und mein Lelb, entzuͤndet von Liebe zu ihm, wuͤrden von dem Feuer der Trennung ver⸗ zehrt werden. Er iſt mir ſtaͤts gegenwaͤrtig im Geiſt, und ſein Name ſchwebt unablaͤßig auf meinen Lippen; Ich kann nicht leben ohne ihn: ſeine Liebe und ſein Leid ſind die Quelle und der Inhalt meines Troſtes.“ Nurdſchehan, im Entzuͤcken der Freude, welche die wiederholten glaͤnzenden Erfolge der Geliebten zu erregen vermoͤgen, entließ ſo ſchleunig als moͤglich die Verſammlung, was nicht ohne große Geſchenke an die Weiſen geſchah; und als jedermann ſich entfernt hatte, fiel er vor Damaké auf die Knie, und ſprach zu ihr: „Du biſt die Fackel meines Herzens, und das Leben meiner Seele: ſchiebe nun mein Gluͤck nicht laͤn⸗ ger auf.“ Dieſe ſtrahlende Schoͤnheit erwiederte ihm, ſie waͤre ſeiner noch nicht wuͤrdig. *) Vergl. Tag 32(Bd. 1.) 148 550. Ta g. „Was willſt du noch mehr?“ rief der verliebte Fuͤrſt aus. „Du haſt meinen ganzen Hof bezaubert, du haſt das Wiſſen der durch ihre Weisheit und Gelehrſamkeit beruͤhmteſten Maͤnner zu Schanden gemacht. Die Rich⸗ tigkeit deiner Antworten, und die Beſcheidenheit, mit welcher du den Sieg eines ſo großen Tages davon ge⸗ tragen, hat ſie voͤllig nieder geſchmettert; aber nicht zufrieden, ſo viel Scharfſinn zu bewaͤhren, welche Kunſt haſt du nicht noch auf dem Saitenſpiel bewieſen? wel⸗ chen Geſchmack haſt du nicht in deinem Geſange hoͤ ren laßen? Wer hat jemals ſo viel Bildung mit ſo viel Schoͤnheit vereinigt, wie Damaké?— Aber ich ſehe wohl, du liebſt mich nicht,“ fuhr der verliebte Faͤrſt zaͤrtlich fort,„weil du dich weigerſt, dich fuͤr immer mit mir zu verbinden, und ohne Zweifel bin ich dir zuwider.“ 1 „Ich bin weit entfernt,“ antwortete ihm dieſe Schoͤne der Schoͤnen,„dieſen Vorwurf zu verdienen, du ſollſt dich alsbald davon uͤberzeugen: das groͤßte Vergnuͤgen und die groͤßte Genugthuung dieſes Ta⸗ ges, welchen deine Vorliebe fuͤr mich ſo glaͤnzend fin⸗ det, beſtand fuͤr mich darin, daß ich im Angeſichte deines ganzen Hofes auf eine ſchickliche Weiſe die Ge⸗ fuͤhle, womit du mein Herz erfuͤllt haſt, in dem Liede des beruͤhmten Enneveri*) ausdruͤcken konnte. *) Einer der größten Perſiſchen Dichter. ———— Nurdſchehan und Damakses. 49 Fuͤnfhundert und ein und funfzigſter Tag. „Was zoͤgerſt du denn noch, mich zum gluͤcklich⸗ ſten Manne der Erde zu machen?“ rief Nurdſchehan zuaͤrtlich aus.„Du liebſt mich, und ich bete dich an. Was bedarf es noch mehr? Mein Verlangen nach dir iſt zu einem uferloſen Weltmeere geworden.“ „Ich will dich verdienen, Herr,“ erwiederte ſie ihm,„durch empfehlenswerthere Geſchicklichkeiten, als die in der Tonkunſt; durch eine nuͤtzlichere Anwendung des Verſtandes, als die, wovon deine Weiſen ſo viel Aufhebens machen, und die nur eine mehr blendende, als weſentliche Spitzfuͤndigkeit iſt. Ich will mich in deinem Herzen auf tieferen Grundlagen befeſtigen, als die Schoͤnheit und die oberflaͤchlichen Geſchicklichkeiten, welchen du die Guͤte haſt Beifall zu geben; kurz, ich will, daß die Liebe in dir nur ein Uebergang zur Hoch⸗ achtung und zur Freundſchaft ſei, welche ich mir zu verdienen trachte. Erlange mir dieſe Gnade von dei⸗ ner Ungeduld; es koſtet mir vielleicht mehr, dich darum zu bitten, als deiner Majeſtaͤt, ſie mir zu gewaͤhren: laß mich alſo noch einige Zeit im Schatten deiner Gluͤck⸗ ſeligkeit leben.“ „Ich vermag nur,“ antwortete ihr Nurdſchehan, gdich zu lieben und dir zu gehorchen. Aber minde⸗ ſtens,“ fuͤgte er hinzu,„erlaube mir, dir einen glaͤn⸗ zenden Beweis davon zu geben, weliche Gerechtigkeit 150 4 551. Tag. ich deinem Verſtande widerfahren laße: ſei im Divan gegenwaͤrtig, nimm den Vorſitz bei allen Staatsge⸗ ſchaͤften ein, und ertheile mir deinen Rath; ich kann keinem weiſern, keinem einſichsvollern folgen.“ „Der Diamant,“ erwiederte ihm Damaké,„hatte ſich geruͤhmt, daß kein andrer Stein, ihm an Kraft und an Haͤrte gleich kaͤme: Gott, der den Stolz nicht liebt, verwandelte die Eigenſchaft des Diamanten in Beziehung auf das Blei, und ertheilte dieſem die Kraft, ihn zu ſchneiden. Abgeſehen von dem Hochmuthe, deſſen ich mich durch die Annahme deines verbindlichen Erbietens ſchul⸗ dig machen wuͤrde,“ fuhr dieſe ſchoͤne Roſe der Schoͤn⸗ heit fort,„ſo verhuͤte Gott, daß ich meinem unum⸗ ſchraͤnkten Gebieter das Leid anthun ſollte, durch mein Betragen die Vorwuͤrfe zu rechtfertigen, welche er ſich etwa zuziehen koͤnnte; ſie wuͤrden gegruͤndet ſein, wenn man ſagte, daß er von einer Frau beherrſcht werde. Ich raͤume es ein,“ fuͤgte ſie hinzu,„das deine Majeſtaͤt eines Veſyrs bedarf; du kannſt nicht alles ſelber thun, und ich glaube einen nachweiſen zu koͤn⸗ nen, der Nurdſchehans wuͤrdig iſt.“ „Nenne ihn mir,“ ſagte Nurdſchehan hierauf, „und auf der Stelle gebe ich ihm das Amt.“ „Deine Majeſtaͤt muß ihn erſt kennen, bevor ſie ihn annimmt,“ erwiederte die ſchoͤne Damaké;„du wirſt, wie ich glaube, in demjenigen, den ich dir vor⸗ Nurdſchehau und Damaké. 151 ſchlage, die Tugenden und Gaben finden, welche ein mit einem ſo wichtigen Amte bekleideter Mann haben muß. Er hat ſich nach der Stadt Balk*) zuruͤck⸗ gezogen, und heißt Diafer. Das Veſyrsamt eines der maͤchtigſten Koͤnige Indiens hatte ſich ſeit tau⸗ ſend Jahren in ſeinem Geſchlechte vererbt: daraus kannſt du ermeſſen, Herr, welche Menge von wun⸗ dervollen Denkwuͤrdigkeiten uͤber die Staatsverwaltung er beſitzen muß. Gleichwohl hat ein durch die boͤſen Rathſchlaͤge ſeiner Guͤnſtlinge verblendeter Fuͤrſt ihn abgeſetzt, und er verlebt in Balk Tage, welche gluͤck⸗ lich zu nennen, waͤre er nicht bisher ſtaͤts der Arbeit gewohnt geweſen, und zwar in den hoͤchſten Staats⸗ geſchaͤften, welche gemeinlich nichts erſetzen kann.“ Nurdſchehan antwortete ihr ſogleich:„Diafer iſt mein Miniſter: wie koͤnnte Damaké ſich taͤuſchen?“ Auf der Stelle ſchrieb er an den Statthalter von Balk, und ſchickte ihm eine Anweiſung von hunderttauſend Zeckinen, um ſie Diafer zu uͤbergeben und die Koſten ſeiner Reiſe zu beſtreiten; und mit demſelben Eilboten ſandte er einen Brief an Diafer, in welchem er ihn in⸗ ſtaͤndig bat, die ihm zugedachte Wuͤrde anzunehmen. Diafer machte ſich auf den Weg; er wurde in allen Staͤdten praͤchtig empfangen, und der Kaiſer ſandte ihm alle Herren ſehnes Hofes entgegen, um ihn *) In der Usbekiſchen Tatarel, zwiſchen Samarkand und Kandahar. 152 551. 552. C a g. in den Palaſt zu fuͤhren, welchen er ihm in dem Koͤ⸗ nigreiche Viſapur,*) wo er ſich damals befand, beſtimmt hatte. Er wurde hier drei Tage hindurch mit unglaublicher Pracht bewirthet; worauf er in den Palaſt des Koͤnigs gefuͤhrt und ihm vorgeſtellt wurde. Nurdſchehan war hoͤchſt erfreut, nun einen Mann zu beſitzen, welchen Damaké ſo hoch achtete: aber die Freude war nicht von langer Dauer; denn dieſer von Natur ſo ſanftmuͤthige und fuͤr den Ankoͤmmling ſo eingenommene Fuͤrſt, gerieth in einen entſetzlichen Zorn, ſobald derſelbe vor ihm erſchien:„Hinweg!“ rief er ihm zu,„aufs ſchleunigſte; und komm mir nie wieder vor Augen!“ Diafer gehorchte, und entfernte ſich, voll Ver⸗ wirrung, Schmerz und Erſtaunen uͤber einen ſolchen Empfang; er begab ſich wieder nach ſeiner Wohnung, ohne ſich erklaͤren zu koͤnnen, warum der Koͤnig ſo er⸗ zuͤrnt waͤre, der hierauf in der Rathsverſammlung die Staatsgeſchaͤfte vornahm, ohne etwas weiter daruͤber zu aͤußern, was eben mit demjenigen vorgegangen war, der zu ſeinem Veſyr beſtimmt geweſen. Fuͤnfhundert und zwei und funfzigſter Tag. Darnach begab er ſich zu Damaké, die ſchon von einem Ereigniſſe unterrichtet war, welches den *) Mit der gleichnamigen auptſtadt in Dekkan auf der Halbinfel dieſſeit des Gangem gen Hauptſtad 2 2 1 — — Nurdſchehyan und Damaks. 155 ganzen Hof beſchaͤftigte, und ſie zweifelte nicht, daß in dem Geiſte desjenigen, dem ſie ſo ganz ergeben war, irgend eine Irrung vorgegangen waͤre. Der Schmerz, welchen dieſer Gedanke ihr erregte, hatte ſie in ſolche Niedergeſchlagenheit verſenkt, daß ſie kein Wort zu reden vermochte. Indeſſen that ſie ſich Gewalt an, und ſprach zu dem Koͤnige, nach einigem Still⸗ ſchweigen: „Wie iſt es moͤglich, Herr, daß du, nach allen Koſten, welche du aufgewendet haſt, nach aller Muͤhe, welche du dir gegeben, Diafer an deinen Hof zu brin⸗ gen, nach allen Ehren, welche du ihm haſt erweiſen laßen, und womit du ſelber ihn uͤberhaͤuft, ihn nun ſo uͤbel empfangen haſt?“ „Ach! Damaké,“ rief Nurdſchehan aus,„ohne Ruͤckſicht auf alles, was ich fuͤr ihn gethan, auf die Beruͤhmtheit ſeines Geſchlechts, und auf die Beſchwer⸗ den ſeiner Reiſe hieher, haͤtte ich ihn in demſelben Au⸗ genblicke, da er vor mir erſchien, den Kopf abhauen laßen, wenn ich nicht einzig um deinetwillen mich be⸗ gnuͤgt haͤtte, ihn fuͤr immer aus meiner Naͤhe zu ver⸗ bannen.“ „Aber wodurch konnte er ſich nur deinen Unwillen zuziehen?“ fuhr Damaké fort. „Denke dir doch,“ antwortete Nurdſchehan,„daß er, als er vor mir erſchien, das feinſte Gift, ſo es gibt, bei ſich trug.“ 1254 552. Tag. „Darf ich dich fragen, Herr,“ verſetzte Damaké, welche Gewißheit du uͤber eine ſolche Thatſache haben kannſt? und ob du nicht etwa die Treue desjenigen in Zweifel ziehen darfſt, der dir ſolches hinterbracht hat?“ Nurdſchehan antwortete ihr:„Ich weiß es durch mich ſelbſt; du ſcheinſt daran zu zweifeln, ich will es dir aber erklaͤren, und du wirſt ſehen, ob ich mich ge⸗ taͤuſcht habe.“ Hierauf verließ Nurdſchehan Damaké'n, die nun zwar uͤber ſeinen Gemuͤthszuſtand mehr beruhigt, jedoch daruͤber noch in Sorge war, daß er ſich ſo leicht durch neue Eindruͤcke konnte hinreißen laßen. Sie ſchickte nach Diafer, der vom ſchwerſten Kummer nie⸗ dergedruͤckt vor ihr erſchien. Sie unterhielt ſich einige Zeit mit ihm, und als ſie ſab, wie tief die vom Koͤ⸗ nig ihm widerfahrene Mishandlung ihm den Dolch des Schmerzes in den Buſen geſtoßen hatte, ſagte ſie ihm, er thaͤte Unrecht, ſich ſo ſehr zu betruͤben, Nurdſche⸗ hans Zorn wuͤrde nicht lange dauern, und bald wuͤrde er den ihm angethanen Schimpf wieder gut zu machen wiſſen. Sie fuͤgte hinzu, die Fuͤrſten haͤtten manchmal Augenblicke, welche man ihnen nachſehen und ſelbſt entſchuldigen muͤßte. Nachdem ſie ſo ſeinen Schmerz etwas beſaͤnftigt hatte, ſagte ſie zuletzt zu ihm: „Wenn ich dein Vertrauen verdient habe, und wenn du glaubſt, daß ich mich bemuͤhen muͤße, die dich betroffene Kraͤnkung wieder zu verhuͤten, weil ich Nurdſchehan und Damaké. 155 es bin, die dadurch, daß ſie deinen Geiſtesgaben Ge⸗ rechtigkeit widerfahren ließ, die unſchuldige Urſache deines Unfalles geworden: wenn ich alſo etwas bei dir gelte, ſo wuͤrdige mich, mir zu entdecken, warum du Gift bei dir trugeſt, als du vor Nurdſchehan erſchieneſt?“ — Diafer war uͤber dieſe Frage betroffen, und nach⸗ dem er eine Weile ſich bedacht hatte, antwortete er ihr: „Es iſt wahr, daß ich Gift bei mir fuͤhrte; aber mein Herz war dabei rein, wie Morgenthau; ich trage es ſogar noch dieſen Augenblick, daß ich mit dir rede, bei mir.“ Zugleich zog er einen Ring vom Finger, und fuhr fort:„die Faſſung dieſes Ringes ſchließt eins der fein⸗ ſten Gifte in ſich; dieß iſt ein Erbſtuͤck, welches ſeit tauſend Jahren in unſerm Geſchlechte vom Vater auf den Sohn gekommen; meine Altvaͤter haben es ſtaͤts bei ſich getragen, um ſich dadurch dem Zorne der Fuͤr⸗ ſten, denen ſie dienten, entziehen zu koͤnnen, im Falle ſie bei der Ausuͤbung ihres Veſyramtes das Ungluͤck haͤtten, ihnen zu misfallen. Du kannſt wohl denken,“ fuhr er fort,„daß ich, als der Kaiſer, ohne mich zu kennen, mich zu dieſem Amte bei ihm berufen ließ, und ich wohl wußte, welche Feinde ſich ein Fremdling gemeinlich zuzieht, daß ich nicht vergeſſen habe, dieſen Schatz mit mir zu nehmen. Der Schmerz, welchen mir Nurdſchehans grauſame Behandlung verurſacht, und die Schmach, womit er mich bedeckt hat, machen 156 55². 553. S a 9. mir denſelben nur um ſo koſtbarer, weil ich nicht lange mehr anſtehen werde, ihn anzuwenden.“ Damaké erlangte von ihm, daß er ein ſo truͤbſe⸗ liges Vorhaben nur noch etliche Tage verſchoͤbe, und bat ihn, in ſeinem Palaſte Botſchaft von ihr abzu⸗ warten. Fuͤnfhundert und drei und funfzigſter Tag. Sie begab ſich ſchleunig zu Nurdſchehan, und be⸗ richtete ihm alles, was ſie erforſcht hatte. Als der⸗ ſelbe aus ihrem Bericht erſah, daß Diafer keine boͤſe Abſicht gehabt hatte, und daß die Grauſamkeit der Fuͤrſten insgemein ſolche Vorſicht nur zu ſehr recht⸗ fertigte, da gereute es ihn, Diafer ſo uͤbel empfangen zu haben, und er verſprach Damaké, den nächſten Tag die ihm angethane Kraͤnkung wieder gut zu ma⸗ chen. Sie billigte dieſen Entſchluß; aber bevor ſie den Fuͤrſten verließ, beſchwur ſie ihn, ihre Neugierde zu befriedigen, und ſie zu unterrichten, auf welche Weiſe er gewahr worden, daß Diafer wirklich Gift bei ſich truͤge. Nurdſchehan antwortete ihr: „Nimmer werde ich der Gebieterinn meines Her⸗ zens etwas geheim halten: wiſſe denn,“ fuhr er fort, nich trage beſtaͤndig ein Armband, welches mein Vater mir hinterlaßen hat, und welches ſeit unvordenklicher Nurdſchehan und Damaké. 157 Zeit in meinem Stamme iſt, ohne daß ich zu ſagen wuͤßte, wie der Weiſe hieß, der es verfertigt hat, noch wie es in die Haͤnde meiner Ahnen gekommen. Es iſt aus einem Stoffe, welcher ſehr der Koralle gleicht, und der die Eigenſchaft hat, ſogar in ziemlicher Ent⸗ fernung, jedes Gift zu verrathen: es wird unruhig und zittert, wenn ein Gift ſich ihm nahet; und als Diafer zu mir heran trat, fehlte wenig, daß mein rmband gar zerbrochen waͤre, ſo ſtark und gewaltig war das Gift, welches er bei ſich trug. Ich haͤtte jeden andern, der mir nicht von dir empfohlen waͤre, auf der Stelle enthaupten laßen; und ich war um ſo ſicherer, daß Diafer dieſes gefaͤhrliche Gift bei ſich fuͤhrte, als mein Armband ſich ſogleich wieder beruhigte, als er den Saal verlaßen hatte, worin ich ihn empfan⸗ gen wollte.“ Nurdſchehan nahm das Band von ſeinem Arm und gab es Damaké. Sie unterſuchte es mit großer Aufmerkſamkeit, und ſprach darauf zu ihm: „Dieſer Talisman, Herr, iſt ohne Zweifel bewun⸗ derungswuͤrdig: indeſſen muß dieſes Abenteuer auch bewaͤhren, wie ſehr diejenigen, welche unumſchraͤnkte Gewalt in Haͤnden haben, auf ihrer Hut ſein müßen gegen den Anſchein, und wie wichtig es iſt, nicht ſo leichthin zu verurtheilen.“ Damaké entfernte ſich, und Nurdſchehan befahl nun das groͤßte Gepraͤnge und die praͤchtigſten Anſtal⸗ 158 553. Ta g. ten, um Diafer am naͤchſten Tage bei ihm einzufuͤh⸗ ren. Alles wurde vollzogen; Nurdſchehan empfing ſei⸗ nen neuen Veſyr mit aller moͤglichen Freundlichkeit, und bezeugte ihm ſein herzliches Bedauern uͤber den fruͤheren Vorfall. Hierauf ließ er ihm ein goldenes Schreibzeug, eine Feder und Papier uͤberreichen. Auf der Stelle ſchrieb der Veſyr mit den ſchoͤnſten Schrift⸗ zuͤgen erhabene Ausſpruͤche, auf welche Weiſe ein Veſyr in ſeinem Amte ſich benehmen ſoll. Nurdſchehan be⸗ wunderte ſeine Geſchicklichkeit, ließ ihn mit dem Ve⸗ ſyrsrocke bekleiden, und kroͤnte ſeine Huld noch damit, daß er ihm das Geheimnis ſeines Armbandes anver⸗ traute. Diafer rieth dem Fuͤrſten ſehr, ſich nimmer davon zu trennen; und Nurdſchehan voll Bewunderung und Vergnuͤgen uͤber den Beſitz eines ſo koſtbaren Schatzes, fragte ſeinen neuen Veſyr, ob er wohl glaubte, daß es in der ganzen Welt noch ein ſo wunderbares. Werk gaͤbe. „Großer Koͤnig,“ antwortete ihm Diafer,„ich habe in der Stadt Diul*) ein andres Wunderwerk geſehen, welches zwar minder nuͤtzlich, aber in Betreff der Tiefe der Kunſt und der Wiſſenſchaft, mit welcher 5 Weiſer es verfertigt hat, ihm verglichen werden ann. 6) Sonſt Dobil zenannt. Der goldene Fiſch. 159 „Und was iſt dieß?“ fragte Nurdſchehan:„das moͤchte ich gerne wiſſen.“ Diafer nahm hierauf alſo das Wort: Fuͤnfhundert und vier und funfzigſter Tag. Der goldene Fiſch. „Als ich von Deiner Majeſtaͤt den Befehl erhielt, mich zu dir zu verfuͤgen, reiſte ich ab, und war ge⸗ nothigt, in Diul etwas anzuhalten, welche Stadt auf meinem Wege nach Viſapur lag, wo ich wußte, daß ich Deine Majeſtaͤt antreffen wuͤrde. Trotz meiner Un⸗ geduld mußte ich dort noch mehrere Sachen einkaufen, welche zu meiner Reiſe noͤthig waren. Ich benutzte dieſe Zeit, um die Schoͤnheiten dieſer Stadt zu betrache ten. Der Statthalter, deſſen Reichthum und Ueppig⸗ keit mich in Erſtaunen ſetzte, kam am Tage meiner Ankunft mir entgegen, und fuͤhrte mich in ſeinen Pa⸗ laſt; er uͤberhaͤufte mich mit Ehren, und bezeigte mir wahrend meines Aufenthalts die ausgeſuchteſte Auf⸗ merkſamkeit. Indeſſen war dieß alles von einem ge⸗ zwungenen Weſen begleitet, welches mir ſeine Aufrich⸗ tigkeit verdaͤchtig machte. Unter den Luſtbarkeiten, welche er für mich veranſtaltete, lud er mich auch zu einer Luſtfahrt auf dem Meere, ich willigte ein, und 160 554. TC d g. wir beſtiegen am naͤchſten Morgen eine kleine Fregatte, welche er zu dieſem Zwecke hatte ausruͤſten laßen; das Wetter war ſo ſchoͤn, wie wir es nur wuͤnſchen konn⸗ ten, und wir unterhielten uns ſehr angenehm. Der Statthalter von Diul ſaß oben auf dem Hinterdeck und ich ihm zur Seite; ein Knabe, ſchoͤn wie die Sonne, kitzelte ihm die Fußſohlen; die koͤſtlichſten Weine ſtanden auf dem Tiſche vor uns; ihre Friſche und der Schnee, womit alle Fruͤchte umgeben waren, erhoͤhten die weichlichſte Ueppigkeit, als ſchoͤne Skla⸗ vinnen Gelegenheit gaben, noch an etwas anderes zu denken, als an ihre Dienſte oder an die Kunſt, mit welcher ſie ſangen und auf mancherlei Inſtrumenten ſpielten. Unſre Luſtfahrt war demnach von allem be⸗ gleitet, was ſie reizend machen konnte; und waͤhrend ich dem Statthalter etwas Angenehmes daruͤber ſagte, bemerkte ich an ſeinem Finger einen ſo praͤchtigen Ru⸗ bin, daß ich mich nicht erwehren konnte, ihn zu ruͤh⸗ men. Der Statthalter zog ſeinen Ring ab, und reichte ihn mir; ich betrachtete ihn aufmerkſam, und gab ihn dann zuruͤck: aber ich hatte die groͤßte Muͤhe von der Welt, ihn zu bewegen, daß er ihn wieder nahm. Zwar brachte ich es endlich dahin, aber als er ſah, daß ich mich durchaus weigerte, ihn zu behalten, war er ſo ärgerlich darob, daß er ihn ins Meer warf. Es ge⸗ reute mich jetzo, daß ich ein ſo vollkommenes Werk der Natur nicht angenommen hatte, und ich bezeugte Der goldene Fiſch. 161 es dem Statthalter, der mir antwortete, es waͤre meine Schuld. „Indeſſen,“ fuhr er fort,„wenn du verſprichſt, ihn anzunehmen, ſo ſoll es mir nicht ſchwer werden, dieſen Ring wieder zu finden, welcher in Wahrheit ſchoͤn genug iſt, um ihn dir anzubieten.“ Ich glaubte, er wuͤrde mir nun einen andern, aͤhnlichen Ring darbieten; aber ohne mir weiter etwas zu ſagen, befahl er, ſogleich das Schiff ans Land zu ſteuern. Als wir anlangten, ſchickte er einen Sklaven hin, von ſeinem Schatzmeiſter ein Kaͤſtchen zu holen, welches er ihm beſchrieb; man warf die Anker, und erwartete die Ruͤckkehr des Sklaven. Dieſer war raſch, den empfangenen Befehl zu vollziehen; und der Statt⸗ halter zog aus ſeiner Taſche einen kleinen goldenen Schluͤſſel, oͤffnete das Kaͤſtchen, und nahm daraus ei⸗ nen kleinen goldenen Fiſch von bewundernswuͤrdiger Arbeit: dieſen warf er ins Meer; er tauchte ſogleich unter, und erſchien nach einiger Zeit wieder auf der Oberflaͤche des Waſſers mit dem Ringe zwiſchen den Zaͤhnen. Die Matroſen in dem Boote fingen ihn mit der Hand auf, und brachten ihn dem Statthalter, dem er den Ring uͤbergab, und dabei den Schwanz bewegte; kein andrer als er haͤtte ihm denſelben entreißen koͤn⸗ nen. Der Statthalter bot mir nun den Ring von neuem dar, und ich konnte ihn nicht mehr ausſchlagen, IX. 11 162 554. TC A g. zumal da ich ſah, daß er ſein dringendes Bitten noch verdoppelte. Der Fiſch wurde wieder in ſein Kaͤſtchen gethan, und nach dem Schatze zuruͤckgeſendet.“ Diafer zog, nachdem er dieſe Geſchichte erzaͤhlt hatte, den Ring von ſeinem Finger, und uͤberreichte ihn Nurdſchehan, der ihn ſehr ſchoͤn fand, und hierauf zu Diafer ſagte: „Entaͤußere dich niemals eines Kleinods, welches durch die Kraft des Talismans, der dich zum Beſitzer deſſelben macht, noch wunderbarer iſt, als durch ſeine natuͤrliche Schoͤnheit. Aber,“ fuhr er fort,„du haͤtteſt wohl erforſchen ſollen, zu welcher Zeit und von wem dieſes wunder⸗ ſame Meſſterſtuͤck verfertigt worden?“ „Ich habe alle Muͤhe angewendet,“ antwortete Diafer,„um mich daruͤber aufzuklaͤren, aber es iſt vergeblich geweſen. Ueber ein ſo ſeltſames Ereignis erſtaunt, dachte ich nicht mehr an die Luſtfahrt; und als der Statthalter mich ſo in Nachdenken verſunken ſah, ſagte er zu mir: „Das Leben iſt kurz, benutze jeden Augenblick deſſelben, und genieße. Unſre Seele iſt wie ein Vogel in den Kaͤfig unſers Leibes geſperrt; ſie ſoll ihn bald wieder verlaßen; erfreue dich, ſo lange du kannſt, du weißt nicht, ob du morgen noch lebſt.“ Ich geſtand ihm, daß ich von Neugierde durchdrun⸗ gen waͤre; er antwortete mir darauf:. Der goldene Fiſch. 163 „Es thut mir unendlich Leid, daß ich ſie nicht befriedigen kann.“ Und dieſe Worte ſprach er in einem Tone aus, wie jemand, der nicht beſtimmter antwor⸗ ten will,„denken wir nur daran,“ fuhr er fort,„uns zu vergnuͤgen.“ Ich befolgte ſeinen Rath, ſo viel es mir moͤglich war, und ich habe Diul verlaßen, ohne von dem Statthaltter irgend Aufklaͤrung uͤber dieſes Ereignis erlangen zu koͤnnen, aber in der Ueberzeugung, daß dieſer Talisman die Quelle aller Schaͤtze waͤre, welche er beſitzt.“ Fuͤnfhundert und fuͤnf und funfzigſter Tag. Nurdſchehan beſchloß dieſe Aufnahme Diafers da⸗ mit, daß er ihn ſeiner Freundſchaft verſicherte, wenn er der Handhabung der Gerechtigkeit alle ſeine Sorg⸗ falt widmete. Hierauf ging er zu Damaksé, ihr ſeine Unterredung mit ſeinem Veſyr mitzutheilen, und er⸗ zaͤhlte ihr die Geſchichte von dem kleinen Fiſche. „Ich liebe die Talismane,“ fuͤgte der Fuͤrſt hinzu, „und dieſer kleine Fiſch erregt meine hoͤchſte Neugierde; ich wuͤnſchte wenigſtens nur den Urheber deſſelben zu wiſſen.“ Damaks, dieſes ſchoͤne Geſtirn des Himmels, ver⸗ ſprach ihm, alle ihre Kraͤfte anzuwenden, um gruͤnd⸗ lich davon unterrichtet zu werden. r * 165½ 555. TC a g. Inn der That ſagte Damaké ihm am folgenden Tage, daß von allen Talismanen, welche der große Seidel⸗Bekir verfertigt, nur noch viere vorhanden waͤren: ſein(Nurdſchehans) Armband; der kleine Fiſch, von welchem Diafer ihm erzaͤhlt hatte, und welchen ſie ihm von Seiten des Statthalters von Diul äberreichte, hinzufugend, daß derſelbe von Nurdſchehans getreuen Unterthanen verhaftet worden und dieſes Ge⸗ ſchenk darboͤte, um ſein Leben zu behalten, welches er verwirkt hatte, da er mit den Waffen in der Hand gefangen worden. Zugleich uͤberreichte ſie ihm einen unſcheinbar verzierten Dolch, und bat ihn, denſelben von ihr anzunehmen. „Die uͤbrigen Talismane,“ fuhr ſie fort,„ſind entweder aufgeloͤſet,— denn du weißt, Herr, daß ſie nur fuͤr eine beſtimmte Zeit verfertigt waren,— oder ſind durch mancherlei Zufaͤlle vernichtet worden.“ „Warum,“ verſetzte Nurdſchehan,„wollte denn der Statthalter von Diul dem Diafer nicht ſagen, das Seidel⸗Bekir der Urheber des goldenen Fiſches waͤre?“ „Er weiß es nicht, Herr,“ unterbrach ihn Damaké; „bielleicht hat er, aus Schaam, davon nicht unter⸗ richtet zu ſein, ſich geſtellt, als wenn er es nicht ent⸗ decken duͤrfe; wie ſo viele andere Menſchen thun, welche ihre Unwiſſenheit hinter ſcheinbare Geheimhaltung ver⸗ ſtecken.“ 1— Der Zauberdolch. 168 „Aber was hat der Talisman, welchen du mir darbieteſt, fuͤr eine Kraft?“ fragte Nurdſchehan, indem er den Dolch in die Hand nahm. „ Ich will dich davon unterrichten, Herr,“ antwor⸗ tete Damaké,„indem ich dir erzaͤhle, was ich von dem goldenen Fiſche habe erfahren koͤnnen. Der Zauberdolch. Es mag etwa dreitauſend Jahre her ſein, daß in dieſem Theile Aſiens, welchen wir bewohnen, ein Mann namens Huna erſchien, welcher ſo gewaltig war, daß er Seidel⸗Bekir benannt wurde. Er war ein Weiſer, der unter den Geiſtesgaben, welche ihm die allgemeine Ehrfurcht erwarben, auch die Wiſ⸗ ſenſchaft der Talismane beſaß, aber in einem ſo hohen Grade, daß er vermittelſt derſelben den Geſtirnen und ihren Einfluͤſſen gebot. Ungluͤcklicherweiſe ſind ſeine Schriften verloren gegangen; daher kann man gegen⸗ waͤrtig nicht mehr dergleichen Talismane verfertigen. Antiomur, Kdnig von Indoſtan, hatte Mittel ge⸗ funden, mit ihm Freundſchaft zu ſtiften, und Seidel⸗ Bekir ſchenkte ihm, aus Dankbarkeit fuͤr dieſe Zunei⸗ gung und fuͤr einige kleine Dienſte, welche er ihm ge⸗ leiſtet, den kleinen goldenen Fiſch, von welchem dein Veſyr dir erzaͤhlt hat. Derſelbe iſt ſtaͤts in dem Schatze Antiomurs geblieben, ſo lange ſein Stamm bluͤhte. Einer der Altvaͤter des Statthalters von Diul 1 166 555. 556. 82 a g. war Veſyr des letzten Koͤnigs dieſes Stammes, als dieſer durch eine Staatsumwaͤlzung, welche die Ge⸗ ſchichte von Indien weitlaͤuftig beſchreibt und jeder⸗ mann weiß, ausgerottet wurde, ſich dieſes Wunder⸗ werks bemaͤchtigte, welches ſeine Nachkoͤmmlinge bis auf dieſen Tag ſorgfaͤltig bewahrt haben. Dieſer Ta⸗ lisman holt ſeinem Beſitzer nicht allein alles wieder, was man ins Meer hat fallen laßen, ſondern auch wenn man ihm Dinge anzeigt, welche man aus dem Waſſer hervorziehen moͤchte, bringt er ſie mit der groͤß⸗ ten Genauigkeit herauf.“ „So kenne ich nun dieſe beiden Talismane,“ er⸗ wiederte ihr Nurdſchehan;„nimmer beſaß ein Fuͤrſt ſo große Reichthuͤmer, und ich kann mich in Wahrheit den Koͤnig des Meeres nennen. Was verdanke ich dir nicht alles, Gebieterinn meines Herzens! Aber von welchem Nutzen iſt dieſer Talisman, womit die ſchoͤne Damaké mich eben beſchenkt hat?“ „Herr,“ antwortete ſie ihm,„wenn ich dir ſage, zu welchem Zweck er verfertigt wurde, ſo wirſt du auch ſeine Eigenſchaft erfahren. Fuͤnfhundert und ſechs und funfzigſter Tag. Man lieſet in den Jahrbuͤchern von Indoſten, daß Antiomur ungerechterweiſe von Keiramur einen Zins wird, unſichtbar zu machen, nicht bloß denjenigen, der Der Zauberdolch. 167 forderte. Dieſer war zu ſchwach, der Gewalt ſeines Feindes zu widerſtehen; und da er ſich nicht anders zu helfen wußte, ſo beſchloß er, ſich an den Weiſen Seidel⸗Bekir zu wenden; er ſandte ſeinen Veſyr mit koſtbaren Geſchenken zu ihm; der Weiſe lehnte die letz⸗ ten ab, wurde aber ſo geruͤhrt durch die Lage, in welcher der Koͤnig, ſein Freund, verſetzt war, daß er ſchwur, Antiomur ſolle ſein Vorhaben nicht gelingen. Auf der Stelle verfertigte er eben dieſen Dolch, welchen ich meinem Gebieter uͤberreicht habe,“ unterbrach ſich Damaké,„und gab ihn dem Veſyr, mit den Worten: „Sage deinem Herrn, daß er zwanzig der tapfer⸗ ſten Krieger ſeines Reichs auswaͤhle, und dem Anfuͤh⸗ rer derſelben dieſen Dolch uͤbergebe. Dieſer Dolch,“ fuͤgte er hinzu,„hat die Kraft, wenn er ausgezogen ihn traͤgt, ſondern auch alle die, welche derſelbe an der Kraft des Talismans will Theil nehmen laßen; ſein bloßer Wille bewirkt dieß. Keiramur,“ fuhr er fort, „ſoll dieſe zwanzig Mann zu Antiomur ſchicken, mit einem Briefe, in welchem er den geforderten Zins ver⸗ ſagt. Antiomur wird im Ausbruche ſeines Zorns den Abgeſandten verhaften wollen. So bald ſo das Voͤlker⸗ recht verletzt wird, muß derjenige, der den Dolch traͤgt, ſich ſammt ſeiner Schaar unſichtbar machen, indem er ihn herauszieht, und ſeinen Saͤbel in die andre Hand 168 556. Tag. nimmt, und kann alsdann alles thun, was ſeine Ta⸗ pferkeit ihm eingibt.“ Der Veſyr kam heim zu Keiramur, und alles was Seidel⸗Bekir geboten hatte, wurde ausgefuͤhrt. Dem Sohne des Koͤnigs wurde der Befehl bei dieſer wichti⸗ gen Unternehmung uͤbertragen. Antiomur gerieth bei Leſung des ihm uͤbergebenen Briefes in Wuth: „Man verhafte,“ rief er aus,„dieſen unver⸗ ſchaͤmten Abgeſandten!“ Da zog der Koͤnigsſohn ſchleu⸗ nig den Dolch, ſchwang den Saͤbel mit der andern Hand; und hieb Antiomur den Kopf ab; desgleichen that ſein Gefolge den im Divan Gegenwaͤrtigen; und hierauf durchliefen ſie die Stadt, in welcher man eine Anzahl Koͤpfe von den Ruͤmpfen fliegen ſah, ohne zu begreifen, wer ſie abſchluͤge. Nach dieſem fuͤrchterli⸗ chen Blutbade, machte der Abgeſandte mit ſeinem Ge⸗ folge ſich wieder ſichtbar, und erklaͤrte nun dem Volke, ſie koͤnnten einem gewiſſen Tode nur dadurch entgehen, daß ſie ſich Keiramur unterwuͤrfen; was denn auch alle mit Freuden thaten. Dieſer Dolch,“ fuhr Damaké fort,„iſt ſeitdem lange in dem Schatze der Koͤnige dieſes Landes aufbe⸗ wahrt worden; allmaͤhlich hat man ſeinen Werth ver⸗ kannt, und ſeine wunderbare Eigenſchaft ganz aus dem Gedaͤchtniſſe verloren; und als deine Majeſtaͤt uͤber die Talismane Aufklaͤrung verlangte, wußte ich, daß der Dolch ſich in Balſora befand, bei einem Juͤdiſchen Nurdſchehan und Damaks. 169 Kleinkraͤmer, der auf der Bruͤcke dieſer Stadt allerlei Eiſenwerk und alten Plunder verkauft; es iſt mir nicht ſchwer geworden, mich in ſeinen Beſitz zu ſetzen, alſo habe ich kein Verdienſt dabei, daß ich meinem Gebieter einen Talisman uͤbergeben, der mir durchaus unnuͤtz ſein wuͤrde, waͤhrend die Beſtimmung der Koͤnige ihnen ungluͤcklicherweiſe dergleichen Vorſichtsmittel noͤthig macht.“ Nurdſchehan konnte ihr nicht genug danken fuͤr ihre unerſchopfliche Freigebigkeit, und ſagte zu ihr: „Gebieterinn meines Herzens, bedenkeſt du wohl alles, was du mir da geſagt haſt? Bedenkeſt du wohl, wenn dieſe Talismane, welche, ſo bedeutend ſie an ſich, jedoch in Vergleichung mit dir ſo gering ſind, ſchon mein Verlangen erregt haben, wie groß das Ver⸗ langen iſt, welches ich nach dir fuͤhle? Nein, alle Weiſen, und Seidel⸗Bekir ſelber, haben nichts ſo wunderbares hervorgebracht, wie du biſt; du wußteſt geſtern noch kein Wort von der Geſchichte dieſer Ta⸗ lismane, und heute biſt du vollkommen davon unter⸗ richtet. Dieſer Dolch,“ fuhr er fort, indem er ihn aufhub,„war noch vor nicht vier und zwanzig Stun⸗ den in Balſora, und trotz der Entfernung dieſer Stadt von uns, gibſt du mir jetzo dieſen Dolch: biſt du etwa eine Tochter Seidel⸗Bekirs, oder gar ſelber ein ſolcher Weiſer??“ 170 556. 557. T a g. Damaksé erroͤthete bei dieſen Fragen, und da Nurdſchehan noch weiter in ſie drang, ſagte ſie zu ihm: „Herr, das ſicherſte und vollkommenſte Mittel, um zu erfahren was ein geliebtes Weſen begehrt, iſt ohne Zweifel die Liebe: aber ich darf dir nichts ver⸗ bergen. 4 Fuͤnfhundert und ſieben und funfzigſter Tag. Kurze Zeit nach meiner Geburt ſaß meine Mut⸗ ter mit mir am Fuß eines Palmbaumes, und genoß mit mir der Morgenkuͤhle, ohne an etwas anderes zu denken, als durch ihre Kuͤſſe meine kindlichen Liebkoſun⸗ gen zu erwiedern, als ſie ſich auf einmal von einem Hofſtaat umgeben ſah, der einer ſchoͤnen, hehren und reichgekleideten Koͤniginn folgte, die ſelber ein Kind auf den Armen trug. Ungeachtet ihres feierlichen Gefolges und der ganzen koͤniglichen Erſcheinung, liebkoſte ſie mir, ſo klein ich auch noch war. Nach einigem Ver⸗ weilen, ſprach die Koͤniginn zu meiner Mutter: „Das Kind, welches du hier ſiehſt und mir ge⸗ hoͤrt, muß durchaus die Milch einer Sterblichen ſau⸗ gen; ſo will es ein Gebot des großen Gottes, welches uns auferlegt worden, und ich weiß keine Amme zu finden, die demuͤthiger und verſtaͤndiger, und deren Nurdſchehan und Damaké. 171 Milch reiner waͤre: thu mir alſo den Gefallen,“ fuͤgte ſie hinzu,„und gib meinem Kinde einige Augenblicke die Bruſt.“ Meine Mutter willigte mit Vergnuͤgen ein, und die Koͤniginn ſprach darauf, zum Danke fuͤr dieſen Liebesdienſt, zu ihr: „So oft du irgend ein Leid oder einen Wunſch haſt, ſo begib dich an den Fuß eines maͤnnlichen Palm⸗ baums, ſchneid ein Blatt ab, verbrenne es, und rufe mich dabei: ich bin die Dive Malikatada,*) und werde dir alsbald zu Huͤlfe kommen; uͤberdieß verleihe ich dieſelbe Gabe deiner kleinen Tochter, ſo bald ſie zu verſtaͤndigen Jahren koͤmmt.“ Meine Mutter,“ fuhr Damaké in ihrer Erzaͤh⸗ lung fort,„hat die Dive nicht weiter belaͤſtigt, außer in Angelegenheiten meiner Erziehung; und ich ſelber, Herr, hatte mich, bevor ich dich kannte, noch gar nicht an ſie gewendet, und in meinem Herzen ſtieg kein Verlangen auf. Seitdem aber,“ ſprach ſie erroͤthend, „fuͤrchte ich, ihr uͤberlaͤſtig geworden zu ſein, ſo ſehr haben ſich Beſorgnis und Unruhe meiner Seele be⸗ maͤchtigt! Sie iſt es, wie du nun wohl denken kannſt, die mich Diafer kennen gelehrt, die mir die Antwor⸗ ten auf die Fragen der Weiſen eingegeben, die den Statthalter von Diul hat gefangen nehmen laßen, und die dich um ſein Leben bittet, zum Danke fuͤr den *) Die morgenländiſchen Diven entſprechen unſeren Feen. 172 557. Ta g. Fiſch, welchen ich dir aus ihrer Hand uͤbergeben habe; ſie wollte ſelbſt....“ „Vollende doch, ſchoͤne Damaké“,“ ſprach Nurd⸗ ſchehan zaͤrtlich zu ihr;„kannſt du mir, wenn du mich liebſt, nur irgend etwas verbergen?“ „Sie wollte,“ fuhr Damakeé fort,„mir einen von ihr gemachten Talisman geben, damit ich ſtaͤts von deiner Hoheit geliebt wuͤrde, aber ich habe ihn ausgeſchlagen: gibt es in der Liebe einen andern Ta⸗ lisman, als das Herz?“ 4 Nurdſchehan, je mehr und mehr von ſo viel Tu⸗ genden und ſo viel Beweiſen der Anhaͤnglichkeit hinge⸗ riſſen, wollte nun ſein Gluͤck nicht laͤnger aufſchieben. Er ließ auf der Stelle ſeinen ganzen Hofſtaat und die Großen ſeines Reichs zuſammen rufen, und ſprach zu ihnen: „Ich darf mich ruͤhmen, der gluͤcklichſte Fuͤrſt auf Erden zu ſein: ich beſitze ein Armband, welches mich vor allen Giften bewahrt; alle Schaͤtze des Meeres ſind mein, vermittelſt eines Fiſches, der ſie, auf meinen Befehl, aus den Tiefen der Gewaͤſſer herauf⸗ holt, und dieß iſt ein Geſchenk, welches Damaké mir gemacht hat: wo iſt die Prinzeſſinn, welche mir eine aͤhnliche Ausſteuer zubringen koͤnnte? Das iſt noch nicht alles: ſie hat mir auch dieſen Dolch geſchenkt, welcher unſichtbar macht; die Probe, welche ich vor euren Augen mit dieſem unſchaͤtzbaren Talisman an⸗ Nurdſchehan und Damaké. 173 ſtellen will, wird euch zugleich von der Wunderkraft des kleinen goldenen Fiſches uͤberzeugen, mit welchem die Probe zu lang und beſchwerlich ſein wuͤrde.“ Hiemit zog er den Dolch, und verſchwand ſogleich vor ihren Augen. Das Erſtaunen der Zuſchauer war noch nicht voruͤber, als der Koͤnig zugleich mit allen ſeinen Offizieren verſchwinden wollte, und fragte dann die anderen Beamten: „Sehet ihr noch meinen General, den und den?“ „Nein,“ antworteten ſie auf jede Frage. Er machte ſich hierauf auch ſeinen Kriegern unſichtbar, und ver⸗ ſchwand mit den Veſyren und allen Schriftgelehrten, um alle voͤllig zu uͤberzeugen und keine Eiferſucht zu erregen. 2 „Danket alſo mit mir dem großen Gott und ſei⸗ nem Propheten,“ ſprach er alsdann,„daß er mich zu dem maͤchtigſten Fuͤrſten auf Erden gemacht hat.“ Und er verrichtete ſeine Dankſagung mit einer In⸗ brunſt, welche der Gaben wuͤrdig war, die ihm der Himmel verliehen hatte; und alle Hofleute folgten ſeinem Beiſpiele. Fuͤnfhundert und acht und funfzigſter Tag. Nachdem er dieſe große Pflicht erfuͤllt hatte, ſprach er zu ihnen: 174 558. Tag. „Das groͤßte Laſter des menſchlichen Herzens iſt gewißlich die Undankbarkeit. Damaké iſt es, der ich ſo große Schaͤtze verdanke; ihre Schoͤnheit allein ſchon, ihr Verſtand, ihre Tugenden, wuͤrden die Erkenntlich⸗ keit verdienen, welche ich ihr mein lebelang bewahren werde: aber die Erkenntlichkeit muß auch von Bewei⸗ ſen begleitet werden: ich will ſie demnach heute noch fuͤr immer mit mir verbinden.“ Der ganze Hof und alle Großen gaben ſeiner Wahl lauten Beifall; und Nurdſchehan befahl ſogleich, Da⸗ maké herein zu fuͤhren. Sie erſchien in aller der be⸗ ſcheidenen Anmuth, womit die Natur ſie ausgeſtattet hatte. Nachdem der Fuͤrſt ihr in Gegenwart des Groß⸗ Imans die Hand gereicht hatte, warf Damaké ſich vor ihrem Gemahl nieder, und ſprach zu ihm mit lauter Stimme: 1 „Als ich dir, mein Herr und Gemahl, von den Talismanen des großen Seidel⸗Bekir Bericht gab, ſagte ich dir, daß ihrer noch viere auf der Welt waͤ⸗ ren: indeſſen haſt du erſt dreie davon.“”“ „Bin ich nicht reich genug durch deinen Beſitz?“ erwiederte ihr Nurdſchehan;„du biſt offenbar der vierte: aber du wiegeſt ſie alle auf.“ „Nein, Herr,“ erwiederte ihm Damaké, die Au⸗ gen niederſchlagend,„der dir noch fehlende Talisman iſt ein ſtaͤhlerner Ring, welcher im Grunde des Her⸗ zens leſen lehrt. Andere an meiner Stelle wuͤrden die⸗ Nurdſchehau und Damakéä. 475 ſen Talisman fuͤr gefaͤhrlich halten, aber ich betrachte ihn als ein Gluͤck, wenn dir lange daran gelegen iſt, die Empfindungen zu leſen, welche du meinem Her⸗ zen ſo tief eingedruͤckt haſt; und wenn ich das Un⸗ gluͤck haͤtte, nicht mehr dieſe Aufmerkſamkeit zu ver⸗ dienen, ſo wird der Ring dich doch die Geſinnung und die Treue deiner Unterthanen kennen lehren.“ In dieſem Augenblick erſchien die Dive Malikatada mit ihrem ganzen Hofſtaat, und bat den Koͤnig, ſich in einen Garten zu begeben, welchen ſie durch ihre Macht und durch ihre dienſtbaren Geiſter mit vollen⸗ deter Pracht und Geſchmack ausgeſchmuͤckt hatte. Sie ehrte das Hochzeitfeſt durch ihre Gegenwart, und Nurdſchehan lebte gluͤckſelig, mehr durch die Liebe und den guten Rath ſeiner Gattinn, als durch alle Talis⸗ mane, welche er noch denjenigen haͤtte beifuͤgen koͤnnen, die er ſchon beſaß.“ 1 176 558. Ta g. Nachdem Moradbak alſo ihre Erzaͤhlung beſchloſ⸗ ſen hatte, ſprach Huͤddſchadſch zu ihr: „Das ſind gar ſchoͤne Geſchenke; ein Maͤdchen, die dergleichen zubringen kann, hat leicht unter den Maͤnnern zu waͤhlen.“ „Damaké war ſo gluͤcklich,“ antwortete ihm Mo⸗ radbak,„im Schutz einer Dive zu ſtehen, welche ſie in den Stand ſetzte, ihre Geſinnungen auf eine ſo un⸗ zweideutige Weiſe an den Tag zu legen.“ „Ich wuͤrde nicht ſo viel Werth auf alle dieſe Ta⸗ lismane legen, als man ſich einbilden moͤchte,“ ſagte Huͤddſchadſch;„man muß raſende Furcht vor Vergif⸗ tung haben, um ein ſolches Armband zu tragen, und dieſe Furcht iſt ſelber das grimmigſte Gift. Auch wuͤrde ich mir wenig aus den Reichthuͤmern machen, welche der kleine Fiſch verſchaffen koͤnnte, ich liebe nicht ſo leicht erworbene Guͤter. Die Menge und die Tapfer⸗ keit meiner Krieger iſt mehr werth, als der Dolch; und der Ring wuͤrde nur dazu dienen, mir zu zeigen, daß niemand etwas taugt. Erzaͤhle mir morgen eine minder wunderbare Geſchichte; alle dieſe Begebenheiten ſind zu ſchwer zu glauben, und die einfachſten ſagen meinem Zuſtande weit mehr zu.“. Moradbak gehorchte, und erzaͤhlte am naͤchſten Abend folgende Geſchichte:. — Dſchahia und Meimuné. „Unter der Regierung Selims II, und in der Zeit ſeines hoͤchſten Glanzes, lebte in Konſtantinopel ein junger Riemer, namens Ilmené Oſchahia. Er wohnte mit ſeiner Mutter, der er ſehr ergeben war, nahe am Thore, und war eben ſo bekannt durch die Geſchicklichkeit in ſeinem Handwerk, als durch die An⸗ muth ſeiner Geſtalt. Er war ſchoͤn und wohlgebildet; und ſein fuͤr Freundſchaft gefuͤhlvolles Herz trieb ihn, ſo oft als moͤglich nach Scutari*) hinuͤber zu fah⸗ ren, um einige Tage bei ſeinem Freunde Muham⸗ med zuzubringen, und ſich mit ihm zu vergnuͤgen.. Eines Tages machte er wieder dieſe kleine Reiſe, nachdem er ſeiner Mutter die Hand gekuͤßt und ihr faſt alles Geld, das er erworben, uͤbergeben hatte. Er *) Auf der Aſiatiſchen Küſte, Konſtantinopel gegenüber. IX. 12 178 558. Tag. ſetzte ſich in ein Boot; und ſobald er in Scutari an⸗ gekommen war, eilte er nach dem Hauſe ſeines Freun⸗ des, der ſich hoͤchlich freute, ihn zu ſehen, und zu ihm ſagte: „Du koͤmmſt zur gluͤcklichen Stunde, mein lieber Dſchahia; ich bin dieſen Abend bei einem meiner Nach⸗ barn zur Hochzeit geladen; du gehſt mit mir dahin, und wir wollen recht luſtig ſein.“ „Da man dich eingeladen hat,“ erwiederte Dſcha⸗ hia,„ſo iſt es eben ſo gut, als wenn man mich ſelber gebeten haͤtte; jedermann kennt uns als Freunde, alſo wird man nicht verwundert ſein, uns ſelbander kom⸗ men zu ſehen.“ Fuͤnfhundert und neun und funfzigſter Tag. Sie begaben ſich alsbald dahin, und wurden gaſt⸗ lich aufgenommen; und als die Stunde des Abendge— betes gekommen war, begleiteten ſie die Braut nach der Moſchee, und gingen bei der Ruͤckkehr vor ihr her, nach Muſelmaͤnniſchem Gebrauche. Die Gebetſinger und Imame begleiteten ſie bis an die Thuͤre, wo das ganze Gefolge von ihr Abſchied nahm. Nach den ge⸗ woͤhnlichen Gebeten, wurde die Braut in die Kammer ¹ mit Scherbet, worauf jedermann nach Hauſe ging. des Braͤutigams gefuͤhrt; man bewirthete alle Gaͤſte Dſchahia und Meimune. 179 Dſchahia und Muhammed gingen noch mit etlichen jungen Leuten von ihrer Bekanntſchaft in ein beſonderes Haus, ſich zu beluſtigen und Wein zu trinken. Ihre Koͤpfe begannen ſchon, ſich zu erhitzen, als derjenige, der es uͤbernommen hatte, einzuſchenken, zu ihnen agte: 3 „Was machen wir nun, meine Freunde? wir ha⸗ ben eben den letzten Trunk gethan.“ Dieſe Nachricht betruͤbte alle um ſo mehr, als es hoͤchſt gefaͤhrlich war, Wein zu holen;*) denn das Verbot, welchen herbei zu bringen, iſt ſo ſcharf, daß man alles zu fuͤrchten hat, ſelbſt am Tage; und wenn man gar das Ungluͤck hat, des Nachts, ohne Licht mit Wein beladen von den Stadtwaͤchtern betroffen zu werden, ſo darf man nicht die mindeſte Gnade erwar⸗ ten. Nachdem ſie alle dieſe Uebelſtaͤnde bedacht hat⸗ een, wiederholte einer aus der Geſellſchaft mehrmals, ohne das jemand darauf antwortete: „Waͤre es moͤglich, daß keiner von uns ſo viel Herz haͤtte, hin zu gehen und Wein zu holen?““. Dſchahia von dieſen Worten betroffen, ſprach bei ſich ſelber:„Ich bin hier der einzige Fremde, dieſe Worte koͤnnen nur auf mich gerichtet ſein;“ und als⸗ bald ſtand er auf, und erbot ſich, ihnen dieſen Dienſt zu leiſten. *) Er wird nur an den Küſten des Meeres verkauft; und ſie waren weit entfernt davon. 280 559. Tag. Muhammed druͤckte auf ſeinem Geſichte die Be⸗ ſorgnis aus, welche dieſe Antwort ihm erregte; er nahm das Wort, und ſagte zu ihm: „Haſt du niemals geſehen, daß man einem Frem⸗ den die Obliegenheiten der Einheimiſchen aufgetragen habe? Drum, mein theurer Freund, werde ich nim⸗ mer in dein Erbieten willigen. Ueberdieß wuͤrdeſt du, weil du den Weg nicht weißt, noch mehr Gefahr lau⸗ fen, als ein andrer.“ Die ganze Geſellſchaft ſtimmte dem bei, und man bat ihn, von dieſem Vorſatz abzuſtehen. Aber indem die jungen Leute ſeinen Muth lobten, und ſeine Dienſtfertigkeit bewunderten, thaten ſie alles moͤgliche, ihn in ſeinem Vorhaben zu beſtaͤrken, obwohl ſie ihm das Gegentheil zu ſagen ſchienen. Dſchahia, als ein junger Menſch, zweifelte nicht, daß ſeine Ehre bei dieſem Unternehmen betheiligt waͤre; er beſtand alſo dringend darauf; und die Uebrigen, die nur auf Mit⸗ tel dachten, Wein zu bekommen, und wohl ſahen, daß kein andrer ſich dazu erbot, welchen zu holen, ſagten endlich zu Muhammed: „Widerſetze dich nicht ſeinem Vorhaben, er hat Muth und Geſchicklichkeit, ſicherlich wird es ihm ge⸗ lingen.“ Muhammed ſah ſich genoͤthigt, einzuwilligen, und Dſchahia nahm zwei Kruͤge, mit welchen er gluͤcklich —— Oſchahia und Meimune. 181 nach dem Weinhauſe kam, ſie fuͤllen ließ, und ſogleich wieder umkehrte, ſie ſeinen Geſellen zu bringen. Die Stunde des Abendgebetes war ſchon laͤngſt voruͤber, alſo die Straßen leer. Indeſſen bemerkte Dſchahia von weitem noch eine Laterne, als er eben auf einen kleinen Platz bei der Validé⸗Moſchee trat. Dieſes Licht kam dergeſtalt auf ihn zu, daß er weder entfliehen, noch ausweichen konnte; denn waͤre er um⸗ gekehrt, ſo haͤtte nicht nur das Geraͤuſch, welches er machte, Verfolgung veranlaßt, ſondern er waͤre auch bald durch das Ufer des Meeres gehemmet worden. Andrerſeits konnte er die Kruͤge, womit er beladen war, nicht im Stiche laßen; das hieße nicht ſich eines uͤbernommenen Auftrages entledigen, und er wuͤrde ſich geſchaͤmt haben, wieder vor ſeinen Freunden zu erſchei⸗ nen, ohne ihnen Wein zu bringen. Waͤhrend er dieſe Betrachtungen anſtellte, und fuͤrchtete, es moͤchte die Laterne der Wache ſein, naͤherte ſich derjenige, der ſie trug, immer mehr, und er erkannte nun, daß es ein junger Mann war, der vor einem Greiſe her ging, dem ein andrer Sklave folgte. Das Antlitz dieſes Grei⸗ ſes hatte einen Ausdruck von hoher Weisheit; ſein weißer Bart hing ihm bis auf den Guͤrtel herab; er trug in der einen Hand einen Stab und in der andern einen Roſenkranz. 3 182 560. Tag. Fuͤnfhundert und ſechzigſter. Dſchahia druͤckte ſich an die Mauer, um ſie vor⸗ uͤber gehen zu laßen, in der Hoffnung, daß ſie ihn nicht bemerken wuͤrden. Als ſie aber nahe bei ihm waren, hoͤrte er, daß der Greis zu Gott betete und ſprach: „Herr, im Namen aller Himmel, der ſieben Er⸗ den Adams und Eva's, der ſeligen Propheten, der Heiligen, der Gerechten und Tugendhaften, ich habe heute mein achtzigſtes Jahr erreicht; die ſchoͤnſte Zeit meines Lebens iſt voruͤber, und du haſt mir bisher die Gnade erwieſen, daß es mir niemals an einem Gaſte gefehlt. Es waͤre heute das erſtemal, daß ich allein zur Nacht aͤße, und du weißt, großer Gott, wie un⸗ moͤglich mir das iſt! Ich flehe demnach deine himm⸗ liſche Majeſtaͤt an, wenn die Huldigungen ihr wohlge⸗ fallig ſind, welche ich ihr in einer ſo langen Reihe von Jahren dargebracht habe, mir auch heute jemand zu beſcheren, mit dem ich zur Nacht eſſen und mich unterhalten koͤnne!“ Dſchahia betrachtete ihn mit einem Grauen, das ihn unbeweglich machte, und der Inhalt ſeines Gebetes erregte ihm Zittern und Beben:„Sollte das nicht irgend ein großer Prophet ſein?“ ſprach er bei ſich ſel⸗ ber.„Was wird aus mir werden, wenn er gewahrt, daß ich Wein trage!“ Dſchahia und Meimuns. 183 Dieſe Betrachtungen aͤngſtigten ihn, als er ſah, daß der Scheich(denn als einen ſolchen erkannte er ihn) ſich, ungeachtet der Dunkelheit der Nacht, die Gegenſtaͤnde zu erkennen bemuͤhte, und als er ihn ſelber gewahrte, ſogleich ſeinem Begleiter befahl, mit der Laterne naͤher heran zu gehen. Hierauf betrachtete er ihn mit großer Aufmerkſamkeit; und Oſchahia, der ſich gern ihm zu Fuͤßen geworfen haͤtte, vermochte dieß jedoch nicht we⸗ gen der Kruͤge, womit er beladen war. Der Scheich dankte zuvoͤrderſt Gott fuͤr dieſe Begegnung, und ſagte darauf zu ihm: „Du ſiehſt, junger Freund, wie ſehr ich dem gro⸗ ßen Gott danke, und wie ſehr ich ihm dafuͤr verpflich⸗ tet bin, daß er mir die Gnade erwieſen hat, dich hier anzutreffen. Ohne dich, wuͤrde ich heute nicht zu Nacht gegeſſen haben; komm alſo mit mir in mein Haus, und ſchlag meine dringende Einladung nicht aus.“ Dieſe Worte verdoppelten Dſchahias Verlegenheit: „ſicherlich,“ ſagte er bei ſich ſelber,„iſt dieſer Greis ein Heiliger; ich habe ſchon den Zorn Gottes verdient, dadurch, daß ich Wein geholt: und wenn ich mir nun auch den Zorn des Scheichs zuziehe, indem ich ſeine Einladung ausſchlage, ſo vergroͤßere ich noch meine Schuld. Aber wenn ich ſeine Einladung annehme, ſo darf ich mich nimmer wieder vor denen ſehen laßen, die mich erwarten. In dieſer Ungewißheit ſtand er 184 560. Tag. eine Weile ſchweigend da; und als der Scheich ge⸗ wahrte, daß er die Haͤnde unbeweglich unter dem, Ge⸗ wande hielt, merkte er wohl, daß er etwas verſteckte, und um ſeine Verlegenheit zu endigen, ſtreckte er die Hand aus und hub DOſchahia's Rock auf: da erblickte er die Weinkruͤge, und ſprach zu ihm: „Ich merkte es wohl, daß der Wein dich verle⸗ gen machte: aber du darfſt dich vor mir nicht ſchaͤmen. Wo willſt du damit hin? Ich will dich begleiten, oder dir wenigſtens von ferne folgen, um dir zum ſichern Geleite zu dienen: mit Einem Worte, ich will alles thun, was dir beliebt; aber ich erklaͤre dir, daß ich nicht ohne dich nach meinem Hauſe zuruͤckkehren werde.“ 18 Dſchahia, durch die Freundlichkeit des Greiſes be⸗ ruhigt, und erfreuet, uͤber eine ſo ſtrenge verbotene Sache keine Vorwuͤrfe zu hoͤren, erzaͤhlte ihm aufrich⸗ tig, weshalb er dieſen Auftrag uͤbernommen hatte: „meine Freunde erwarten mich mit Ungeduld,“ fuͤgte er hinzu:„entſcheide nun ſelber, was ich zu thun habe, und befiehl.“ Der Greis antwortete ihm:„Mein Sohn, deine Rede zu vernehmen macht mir eben ſo viel Vergnuͤ⸗ gen, als die ſchoͤnſte Perle mir gewaͤhren wuͤrde. Du mußt alle Welt hinreißen und haſt mein Herz gewon⸗ nen: wiſſe denn, daß derjenige, dem du ſo viel Hoch⸗ achtung einfloͤßeſt, der Scheich Ebulk iar, aus Mag⸗ Dſchahia und Meimune. 185 neſia gebuͤrtig, iſt. Seit meinem ſiebenten Jahre habe ich mich hier in Scutari niedergelaßen, und bin achtzig Jahr alt geworden, ohne jemals allein zu Nacht gegeſſen zu haben; und durch Gottes beſondere Gnade bringt man mir ſo viel Geluͤbde und Gaben dar, daß ich meine Gaͤſte wohl bewirthen kann. Wenn zufaͤllig kein Fremder angekommen, und das Abendgebet ſchon voruͤber, alſo nicht mehr zu hoffen iſt, daß noch je⸗ mand ſich einfinden werde, ſo gehe ich in die Moſchee und erwaͤhle mir denjenigen, der mir am meiſten ge⸗ faͤllt. Heute indeſſen iſt nicht allein niemand zu mir gekommen, ſondern auch alle diejenigen, welche ich in der Moſchee einlud, hatten triftige Entſchuldigungen, meine Bitte abzulehnen. Da ich nun keine Hoffnung mehr hatte, ſo wandte ich mich an den großen Gott; er hat mich erhoͤrt, und mir, nach meinem Wunſche, einen ſo angenehmen Gaſt beſchert, wie du biſt.— Aber,“ fuhr er fort,„es iſt billig, daß du das Ver⸗ dienſt, welches du dir durch Ausfuͤhrung eines ſo ſchwie⸗ rigen Auftrags erworben haſt, nicht einbuͤßeſt: ich will dich hier erwarten, geh hin, und bitte deine Freunde um Erlaubnis, ſie zu verlaßen; du kannſt ihnen ſagen, du fuͤrchteſt, der Wein werde dir zu Kopfe ſteigen, du habeſt ſchon zu viel davon getrunken. Dann koͤmmſt du wieder zu mir, und deine Gefaͤlligkeit ge⸗ gen mich wird dich nicht gereuen. Ich ſchwoͤre dir bei dem großen Gott, daß ich bis zu deiner Ruͤckkehr 186 560. 561. T a g. hier bleibe, Ich baue auf dein Wort; du haſt es alſo in deiner Gewalt, mich hier die ganze Nacht harren zu laßen.“ Hiermit ſetzte er ſich auf einen Stein, und ſagte noch zu ihm, indem er ihm einen Wink gab, ſich zu entfernen:„du wirſt mich auf eben dieſer Stelle wie⸗ der finden.“ Dſchahia, je mehr und mehr beruhigt, konnte ſich nicht erwehren, bei ſich ſelber zu ſagen:„Ich muß Gott danken, einen ſo dienſtfertigen Mann getroffen zu haben, der mir ſo viel Theilnahme bezeigt.“ Er nahm alſo Abſchied von dem Scheich, und ſagte: „Ich gehe hin, mich meines Auftrags zu entledi⸗ gen, und verſpreche dir, ſo bald als moͤglich wieder zu dir zu kommen; und ohne meinen Freunden etwas von meiner gluͤcklichen Begegnung zu ſagen, gedenke ich, dich nicht wieder zu verlaßen, dir meine uͤbrigen Tage zu weihen, deine Haͤnde zu kuͤſſen, mich beſſer als bis⸗ her aufzufuͤhren, und dadurch, daß ich mich zeitlebens deinem Dienſte widme, mir den Eingang in das Para⸗ dies der Muſelmaͤnner zu verdienen.“ Fuͤnfhundert und ein und ſechzigſter Tag. Mit dieſen Worten verließ er den Greis. Er war bald wieder bei ſeinen Freunden; ſeine erſte Sorge war, Dſchahia und Meimuns. 187 ihre Glaͤſer zu fuͤllen, und die Kruͤge auf den Tiſch zu ſtellen. Die Freude uͤber ſeine Ruͤckkehr war um ſo groͤßer, als ſie ſchon alle Hoffnung aufgegeben hat⸗ ten, ihn wiederzuſehen. Sein Freund Muhammed, der am meiſten von allen beunruhigt geweſen, war nicht der letzte, der ihn umarmte; Alle ertheilten ihm Lobſpruͤche, welche ihn uͤber die groͤßten Maͤnner erhu⸗ ben. Aber wie ſehr ſie in ihn drangen, ſeinen Platz wieder einzunehmen, doch konnten ſie es nicht erlangen. „Alles,“ ſagte er zu ihnen,„was ich mir von euch zur Belohnung des kleinen Dienſtes erbitte, welchen ich euch geleiſtet habe, beſteht in der Erlaubnis, mich entfernen zu duͤrfen. Ich bin nicht nur ermuͤdet; ſon⸗ dern etliche meiner Freunde, welche ich in der Schenke antraf, wo ich den Wein holte, haben mich in der Eile ſo viel mit ihnen trinken laßen, daß mir der Kopf etwas eingenommen iſt: deshalb will ich, mit eurer Erlaubnis, nach dem Hauſe meines Freundes Muham⸗ med gehen, mich auszuruhen.“ SiieEe willigten ſehr ungern in ſeine Entfernung; indeſſen drangen ſie um ſo weniger in ihn, als er ſich etwas berauſcht ſtellte: nicht ſo leicht konnte er ſich des Dienſteifers ſeines Freundes erwehren, der ihn heim begleiten wollte. So bald er ſich losgemacht hatte, begab er ſich ſchleunig wieder nach dem Orte, wo er den Scheich verlaßen hatte, der ihn dort erwartete, wie er ihm 188 verſprochen. Durchdrungen von ſeiner Guͤtigkeit, und entſchloſſen, ſein Schuͤler zu werden, warf er ſich vor ihm nieder und kuͤßte ihm die Fuͤße. Der Scheich hub hi auf, druͤckte ihn an ſeinen Buſen, und ſprach zu ihm: „O mein Sohn, warum thuſt du das?“ Als⸗ dann lobte er ſeinen Eifer, nahm ihn bei der Hand, und ſagte zu ihm mit groͤßter Zaͤrtlichkeit: „Laß uns nun nach dem Kloſter eilen.“ Sie verließen Scutari, gingen an dem Hospital der Ausſaͤtzigen vorbei, und gelangten an einen Gar⸗ ten, deſſen Thor den Pforten eines Koͤnigspalaſts aͤhn⸗ lich, und deſſen Mauer von erſtaunlicher Hoͤhe war. „Wir ſind endlich ans Kloſter gekommen,“ ſagte der Greis,„und haben nunmehr nichts als Vergnuͤ⸗ gen zu gewaͤrtigen.“ Hierauf klopfte er ans Thor; ein Maͤdchen fragte: „Wer da?“ und öͤffnete, als ſie die Stimme des Scheichs erkannte. Dſchahia war außer ſich vor Entzuͤcken, als er ſie ſo ohne Schleier ſah; denn ſie war jung und huͤbſch: ſie leuchtete ihnen mit einer ſilbernen Lampe, in welcher ein wohlriechendes Oehl brannte. Dieß Haus erſchien Dſchahia wie ein Ort der Wonne. In jeder Ecke der Vorhalle, die durch eine Menge ſilberner Lampen erhellet war, ſtand ein gro⸗ ßes Sopha an einem Erkerfenſter;*) die Mitte nahm *) Schanſiſchin. 4 6 561. Sag. Oſchahia und Meimune. 189 ein Becken ein, welches mit dem ſeltenſten Marmor bekleidet und voll ſo klaren Waſſers war, daß man deutlich ein Gewimmel von Fiſchen ſah, deren Bewe⸗ gung das Auge ergetzte. Das Becken ſchmuͤckten rings⸗ un er mannigfaltige Blumen, lieblich von Farbe und eeruch. Dſchahia ſetzte ſich auf ein Sopha; indeſſen war ſein Geiſt von allen Gegenſtaͤnden um ihn her ganz eingenommen; er konnte nicht begreifen, warum der Scheich, der nur von einem Kloſter zu ihm geredet hatte, ihn in einen ſo praͤchtigen Palaſt fuͤhrte. Der Greis, der ſeine Verwunderung gewahrte, ſagte zu ihm:.. „Vertraue mir, was dich ſo nachdenklich macht; habe ich dir nicht geſagt, daß ich dich als meinen Sohn anſaͤhe? Sei verſichert, daß es vielleicht ein groͤßeres Gluͤck iſt, von einem Scheich an Kindes Statt angenommen zu werden, als wirklich ſein Sohn zu ſein; die Einkindſchaft iſt frei, ſie oͤmmt von Herzen, folglich muß ſie ſchmeichelhaft ſein. Sei alſo ruhig; du biſt in meinem Hauſe, du wirſt mir Geſellſchaft leiſten, und wir werden einen Theil der Naͤchte damit zubringen, uns zu vergnuͤgen. In Erwartung, daß der Engel des Todes mich bald abfordern wird, hin⸗ terlaße ich dir all mein Gut; nichts ſoll dir abgehen. Aber da du ein Juͤnglig nach meinem Herzen biſt,“ fuͤgte er hinzu,„ſo wuͤnſche ich nichts weiter, als daß du 190 561. T a g. einſt meine Stelle einnehmeſt, und daß man dich die alten Gebraͤuche unſerer Religion herſtellen ſehe.“ Mit dieſen Worten ging er in ein Nebenzimmer, aus welchem er nach einiger Zeit in einem ſo mit Gold und Silber bedeckten Kleide wieder hervor trat, daß man ihn fuͤr einen Koͤnig anſehen konnte. Als er ſich ſo neben Oſchahia nieder gelaßen hatte, trugen Skla⸗ ven große mit Edelſteinen geſchmuͤckte Porzelanſchuͤſſeln herein, voll der koͤſtlichſten Speiſen, von Ambra und Moſchus umduftet. 2 Dſchahia war ganz erſtaunt uͤber dieſe Pracht, und die Betaͤubung aller ſeiner Sinne machte, daß er verſtummte. Der Scheich ſagte jetzt zu ihm: „Ich bin ſo alt geworden, wie du mich hier ſiehſt, ohne mich jemals auf dieſe Weiſe gekleidet zu haben; ich habe immerdar Gott gebeten, mir einen Sohn zu ſchenken; aber mein hohes Alter zwingt mich, alle Hoff⸗ nung dazu aufzugeben. Ich habe ihn nun dieſen Morgen um einen liebenswuͤrdigen jungen Mann ge⸗ beten, welchen ich an Kindes Statt annehmen koͤnnte, und er hat meine Wuͤnſche erhoͤrt, indem er dich mir zugeſandt; demnach thue ich alles, was ich nur erſin⸗ nen kann, um meine Freude und Erkenntlichkeit fur dieſes Gluͤck an den Tag zu legen. Uebrigens ſind die Scheiche ſo geuͤbt in der Beobachtung der Frem⸗ den, welche ſie bei ſich aufnehmen, daß ich ohne Muͤhe alle gute Eigenſchaften in dir erkannt habe. Ich habe Dſchahia und Meimuns. 191 geſehen, daß du Glauben, und Liebe zur Tugend haſt. Aber vernimm, zur Verringerung des Erſtaunens, worin ich dich ſehe, daß wir in unſerm Stande uͤber alle Pracht, welche du hier ſiehſt, weit erhaben ſind, durch den geringen Werth, welchen wir darauf legen. Uebrigens, wenn du den Wein liebſt, ſo kannſt du hier deine Luſt buͤßen; du weißt, daß den Derwiſchen ſein Gebrauch erlaubt iſt; das oͤffentliche Aergernis iſt ohne Zweifel das einzige, was man dabei zu vermeiden hat. Betrachte mich demnach in allen Stuͤcken als deinen Vater, und ergreif die Lebensweiſe, welche ich von Kindheit an getrieben habe.“ Fuͤnthundert und zwei und ſechzigſter Tag. Dieſe Rede erneuerte in Dſchahia die erſte Vor⸗ ſtellung, welche bei der Erſcheinung des Scheichs in ihm aufgeſtiegen war: er hielt ihn fuͤr einen Prophe⸗ ten, und zwar eher fuͤr den Propheten Elias, 80 als für jeden andern, wegen der Aehnlichkeit, welche er in ihm mit dieſem Heiligen fand. Indeſſen wider⸗ ſtritten dieſe Ueppigkeit, dieſe Reichthuͤmer, dieſe Edel⸗ ſteine, die große Menge von Frauen und Sklaven, welche ab⸗ und zugingen, ihn zu bedienen, und die *) Auch die Türken erkennen diefen für einen Propheten.— Wergl. Tag. 106. 190, Bd. 3. 4. 3 19² 562. T a g. Fuͤlle des Weins, welchen man aufgeſetzt hatte, dieſer Vorſtellung. Manchmal bildete er ſich ein, der Scheich waͤre ein Zauberer, der nach Gefallen allerlei Geſtalten annaͤhme:„aber was kann ſeine Abſicht dabei ſein, daß er mich hieher gefuͤhrt hat?“ ſprach er bei ſich ſelber.„Was haͤtte er fuͤr einen Grund, mich zu taͤuſchen? Was habe ich zu fuͤrchten? Mein Geld und meine Reichthuͤmer koͤnnen niemand reizen; und ich bin nicht ſchoͤn genug, daß er etwa eine andre Ab⸗ ſihe haben ſollte: laß ſehen, wo dieß alles hinaus will. Der Wein, welcher in den Kloͤſtern bei Lebens⸗ ſtrafe verboten iſt, erregte am meiſten Dſchahia's Ver⸗ wunderung; deshalb blickte er ſtaͤts nach den glaͤnzen⸗ den damit angefuͤllten Gefaͤßen. Der Scheich errieth ſeine Gedanken, und ſagte zu ihmtm: 1 „Waͤhne nicht, mein Sohn, daß ich faͤhig bin, Wein zu trinken; ich habe ihn fuͤr dich allein bringen laßen. Der Wein, welchen wir Scheiche trinken, iſt ein Wein des Paradieſes.— Man bringe mir alsbald davon!“ gebot er; und ſogleich reichte man ihm eine goldene Flaſche dar. Jetzo ſetzten ſie ſich zu Tiſche; und um die Mitte des Mahles ſchenkte der Scheich ſeinem Gaſte von dieſem Wein ein; und Oſchahia fand, daß derſelbe ei⸗ nem Scherbet von Zucker, Ambra und Moſchus aͤhn⸗ lich waͤre, und folglich einen angenehmeren Geruch Dſchahia und Meimuns. 193 hatte, als der Wein. Jemehr erſtaunliche Dinge DOſchahia hier erblickte, je mehr war er uͤberzeugt, daß der Scheich ſelber noch alle dieſe Wunder uͤbertraͤfe; demnach war ſeine Ehrfurcht vor ihm ohnegleichen. „Warum denn,“ fragte ihn der Scheich,„biſt du ſtaͤts in tiefen Gedanken verſunken, anſtatt dich der Freude zu uͤberlaßen?“ „Herr,“ antwortete ihm Dſchahia,„das Ueber⸗ maaß deiner Guͤte ſetzt mich in Erſtaunen; ich fuͤrchte immerdar, daß mein Gluͤck nur ein Traum ſei, und ich kann mich nicht erwehren, mich an eine Geſchichte zu erinnern, welche einige Beziehung auf meine Lage 71 „Ich liebe Erzaͤhlungen,“ erwiederte der Scheich, „und finde, daß ſie noch das Vergnuͤgen bei Tiſche wuͤrzen.“ Er drang in ihn, ihm die Geſchichte zu erzaͤhlen, und Oſchahia begann folgendermaßen: IX. 5 Geſchichte von einem Derwiſche. „Mauſlapha, Paſcha Stambul Effendi, oder Oberrichter von Konſtantinopel, hatte mehrmals hinter einander eine anſehnliche Zahl ſeiner Freunde zum Nachteſſen eingeladen. In dieſer Geſellſchaft be⸗ fand ſich auch ein Derwiſch, der fuͤr einen Mann von Verſtand galt, obgleich er noch kein einziges Wort ge⸗ ſprochen, was auch immer man vorgebracht hatte. Sein Stillſchweigen war ſo ſonderbar, daß es oft allen uͤbrigen Gaͤſten zur Unterhaltung diente, die ſich ſogar daruͤber luſtig machten: man war aber ſehr erſtaunt, als, nach Verlauf einiger Zeit, der Derwiſch auf ein⸗ mal ſeine Stimme erhub und er alle, die ſich an der Jafel befanden, bat, ſich einen Tag zu waͤhlen, an welchem ſie bei ihm zu Nacht aͤßen und ſich vergnuͤg⸗ 4 Der Derwiſch. 195 ten. Die Furcht vor einer ſchlechten Bewirthung machte die Geſellſchaft ſchwierig; und als ſie endlich die Ein⸗ ladung annahm, ſo geſchah es zugleich mit der Bitte, etwas Geld anzunehmen, um ihn in den Stand zu ſetzen, eine Ausgabe zu beſtreiten, welche ſeine Kraͤfte zu uͤberſteigen ſchien; er aber lehnte es ab; man be⸗ ſtimmte den Tag, und man bat ihn, zu ſagen, wo man ſich einfinden ſollte. Er antwortete, ſie wuͤrden ihn in der Moſchee des Sultans Mehemmed an⸗ treffen, von wo er ihnen zum Fuͤhrer dienen wollte. Fuͤnfhundert und drei und ſechzigſter Tag. Man ſtellte ſich puͤnktlich ein, beobachtete aber die Vorſicht, unterweges einige Vorraͤthe zu kaufen, um der Mittelmäaͤßigkeit des Mahles zu Huͤlfe zu kommen, deſſen man ſich bei dem Derwiſch verſah. Er erſchien zur beſtimmten Stunde in der Moſchee. Mit Erſtaunen ſah man ihn ſehr ſauber gekleidet und mit einer Schuͤrze von Indiſcher Leinwand geputzt. Er empfing die Geſellſchaft mit groͤßter Hoflichkeit, und fuͤhrte ſie nach ſeinem Hauſe. Dieſes ſchien ein wahrer Palaſt; und als man an die Thuͤre kam, tra⸗ ten dreißig Pagen daraus hervor, faßten die Gaͤſte un⸗ ter den Arm, und halfen ihnen zu einem Saale em⸗ porſteigen, deſſen Sopha's mit Goldſtoff bedeckt wa⸗ 196 563. Tag. ren. Dieſelben Pagen fuͤhrten ſie von hier in ein an⸗ dres noch praͤchtigeres Zimmer; man trug vor jedem Gaſt ein ſilbernes Kohlenbecken, mit Schaufel und Zange von demſelben Erze. Als man ſich geſetzt hat, ſah man mit eben ſo viel Beſchaͤmung als Verwirrung einander an, indem man ſich erinnerte, daß man in einen ſo praͤchtigen Palaſt Lebensmittel mitgebracht hatte. Einige Zeit darnach wurden vier ſilberne Ta⸗ feln errichtet; das Tiſchzeug, womit man ſie bedeckte, war ein Goldgewebe. In dem koſtbarſten Chineſiſchen Porzelan wurden die Gerichte aufgetragen. Vierzig verſchiedene Schuͤſſeln wurden auf jede Tafel geſetzt, und die Pagen vernachlaͤßigten nichts, wodurch ſie ihre Bedienung angenehm machen konnten. Der Nachtiſch war noch koͤſtlicher, als alles was ihm voran gegan⸗ gen war. Das Eingemachte war das vollkommenſte in ſeiner Art; und der Derwiſch begnuͤgte ſich nicht damit, daß alle davon aßen, ſondern wollte auch noch, daß jeder davon in Fuͤlle mit nach Hauſe nahm. Als das Abendeſſen, welches ſehr lange waͤhrte, zu Ende war, bereitete man Betten, welche ganz der bisher geſehenen Pracht entſprachen. Die Decken und Tuͤcher waren mit Gold geſtickt; und als man ſich niederlegen wollte, verkuͤndigte der Derwiſch der ganzen Geſellſchaft, daß die Pagen eben ſo viele Maͤdchen waͤren, welche er zu ihrem Vergnüuͤgen beſtimmt haͤtte. Jeder erwaͤhlte ſich nun die, welche ihm am beſten Der Derwiſch. 197 gefiel, und legte ſich nieder. Auf die Luſt folgte end⸗ lich der Schlaf: aber wie groß war Aller Erſtaunen am folgenden Morgen, als ſie ſich in einem verfalle⸗ nen Thurme, auf der Erde liegend, mit einer elenden Binſenmatte bedeckt, fanden; Steine waren ihre Kopf⸗ kiſſen, und ein dicker Holzblock lag an ihrer Seite. Ihre Kleider aber lagen noch ſo neben ihnen, wie ſie dieſelben hingelegt hatten. Sie hatten große Muͤhe, ſich aus den Truͤmmern und Kothlachen, welche ſie umgaben, hervor zu arbei⸗ ten. Und als ſie den Thurm verließen, rief eine Stimme ihnen nach: „Spottet ein andermal nicht uͤber diejenigen, die das Stillſchweigen beobachten.“ 563. Tag. Dem Scheich gefiel dieſe Geſchichte, er lobte ſehr die Art, wie ſie war erzaͤhlt worden, und trank mehrere Glaͤſer ſeines Paradiesweines auf Dſchahia's Geſund⸗ heit, den ſo viel Freundlichkeit ganz verwirrt machte. Endlich faßte er ihn bei der Hand, und ſprach zu ihm: „Mein Sohn, mache es dir bequem mit mir; dein Geſicht ſei offen, wie eine Roſe, und erkenne, ſo wie ich, Gottes Guͤte; ich habe dich von ihm erbeten, und er hat dich mir gewaͤhrt. Vertraue auf Gott; ver⸗ traue auf ſeine Diener, welche ſein lebendes Abbild ſind; mache es, wie jener Kaufmann, von welchem die Jahrbuͤcher Wunder berichten, und deſſen Geſchichte ich dir erzaͤhlen will.. Geſchichte des Kaufmanns von Bagdad. Ein Kaufmann in Bagdad, der, um Handel zu treiben, nach Indien reiſte, verkaufte alles, was er beſaß, und verließ ſein Land mit allem Gelde, ſo er nur aufbringen konnte. Nachdem er ſich in Gottes Schutz befohlen hatte, deſſen eifriger Diener er war, gluͤckte es ihm anfangs ziemlich: aber zuletzt wurde er einige Tagereiſen von Maßuͤlipatan von Raͤubern angefallen, welche ihm gar nichts ließen und ihn alſo in die Nothwendigkeit verſetzten, Almoſen zu betteln, um nach der Stadt zu gelangen. Als er dort angekommen war, erkundigte er ſich ſorgfaͤltig nach dem Hauſe des reichſten Kaufmannes dieſer Stadt, und begab ſich zu ihm. Er erzaͤhlte ihm 200— 563. 564. T a g. ſein Ungluͤck, und bat, ihm tauſend Zeckinen zu leihen. Der Kaufmann wollte wiſſen, ob er Sicherheit oder eine gute Buͤrgſchaft zu geben haͤtte. Der Kaufmann von Bagdad antwortete ihm: „Die Raͤuber haben mir gar nichts gelaßen; aber du wirſt mit meinem Buͤrgen zufrieden ſein: das iſt Gott ſelber, der dir fuͤr alles gut ſagt, was du mir leiheſt.“. Der Kaufmann von Maßulipatan, durch dieſe Antwort geruͤhrt, gab ihm die tauſend Goldſtuͤcke auf ſeine bloße Verſchreibung, in welcher allerdings mit beider Uebereinkunft erklaͤrt wurde, daß Gott fuͤr dieſe Summe Buͤrge waͤre. Fuͤnfhundert und vier und ſechzigſter Tag. Der Kaufmann von Bagdad ging damit weg; und das geliehene Geld war ſo geſegnet, daß er am Ende des Jahrs ſich in Ormus befand und fuͤnftau⸗ ſend Zeckinen beſaß. Er waͤre gern hin gereiſet, ſich ſeiner Verpflichtung zu entledigen, denn die Zeit der Ruͤckzahlung war beinahe abgelaufen; aber ungluͤckli⸗ cherweiſe war es in der ſtuͤrmiſchen Jahreszeit, und es war kein Fahrzeug da, welches ſich jetzt aufs Meer hinaus wagen wollte. Dieſe Widerwaͤrtigkeit ging ihm ſo zu Herzen, daß er aus Kummer daruͤber krank Der Kaufmann von Bagdad. 201 ward. Endlich ſetzte er all ſein Vertrauen auf Gott, nahm ein Stuͤck Holz, hoͤhlte es aus, und that die tauſend Zeckinen hinein mit einem Briefe an den Kauf⸗ mann von Maßuͤlipatan, deſſen Schuldner er war. Er verpichte dieſes Stuͤck Holz ſehr ſorgfuͤltig, und warf es in das Meer, mit den Worten: „Mein Gott, du biſt mein Buͤrge, geruhe, dieſes Geld demjenigen zuzufuͤhren, der es mir allein auf Tr und Glauben deines heiligen Namens geliehen hat!“ Von Stund' an gab die Beruhigung, ſeine Ver⸗ pflichtung erfuͤllt zu haben, ihm ſeine Geſundheit wie⸗ der. Gott erhoͤrte auch willig ſein Gebet; und noch denſelben Tag erblickte der Kaufmann von Maßuͤlipatan, der in einem Boot an der Kuͤſte eine Spazierfahrt machte, ein Stuͤck Holz, deſſen Geſtalt ihm auffiel. Einige ſeiner Sklaven wollten es auffangen, aber es entſchluͤpfte ihnen immer wieder; endlich griff er ſelber darnach, und fing es mit der groͤßten Leichtigkeit auf. Er war hoͤchſt erſtaunt, als er auf dem Peche die Zu⸗ ſchrift an ihn ſelber erblickte; er betrachtete das Holz forgfaͤltig, oͤffnete es, und fand darin das Geld und den Brief, welcher ihm keinen Zweifel mehr uͤbrig ließ, und ihn mit Bewunderung der Allmacht und Guͤte Gottes erfuͤllte. Als die ſtuͤrmiſche Jahrszeit voruͤber war, machte der Kaufmann von Bagdad, in Beſorgnis, daß Gott 202 56 8. Ta g. ſeine Bitte nicht erhoͤrt haͤtte, ſich mit den geliehenen tauſend Goldſtuͤcken auf den Weg, und kam ſo zu ſei⸗ nem Glaͤubiger. Dieſer aber rief ihm ſchon von fern entgegen: „Derjenige, der fuͤr dich gut geſagt hat, hat mich ſchon bezahlt; ſieh deine Schuldverſchreibung iſt zer⸗ riſſen; und du biſt mir nichts mehr ſchuldig, ſondern allein Gott. Erkenne alle Wohlthaten, welche er dir erwieſen hat, und bete ihn an und diene ihm unablaͤßig.“ — —— Dſchahia und Meimuns. 203 Beſchluß der Geſchichte Dſchahia's und Meimunsé's. Dſchahia, von dieſer Geſchichte durchdrungen, ver⸗ doppelte die Betheuerungen ſeiner Zuneigung fuͤr den Scheich und ſeiner Dankbarkeit gegen Gott. „Nun genug davon,“ ſagte der Scheich mit freund⸗ cher Miene zu ihm. Hierauf ließ er eine große Menge koͤniglicher Klei⸗ der bringen, und als man dieſelben auf dem Sopha aufgehaͤuft hatte, ſagte er zu Dſchahia: „Ich ſchenke dir alle dieſe Kleider; und alle meine Sklavinnen ſtehen zu deinen Dienſten.“ Dieß letzte Erbieten machte den jungen Muſel⸗ mann erroͤthen. Aber um ſeine Verlegenheit zu zer⸗ ſtreuen, fuͤllte der Scheich ein Glas mit jenem himm⸗ lichen Weine, und DOſchahia trank ihn, ohne faſt zu wiſſen, was er that. Endlich, als der Scheich be⸗ merkte, daß der Wein ſeinem Gaſt etwas zu Kopfe 204. 564. T a g. ſtieg, hieß er alle ſeine Sklavinnen ihre Inſtrumente nehmen, auf welchen ſie die zaͤrtlichſten, fuͤr Liebes⸗ lieder beſtimmten Weiſen ſpielten. Dſchahia wurde dadurch aufgeregt, er begann, die Augen etwas mehr aufzuſchlagen und aller der Freuden zu genießen, welche ihm denen des Sultans vergleichbar duͤnkten. Indeſſen hatte er noch nicht genug getrunken, um ganz ſorglos zu ſein, er wagte nicht die ſchoͤnen Sklavinnen zu be⸗ trachten, welche den Tiſch umgaben. Der Scheich, der ihn ſtaͤts beobachtete, und leichtlich ſeine Gedanken errieth, machte ihm Vorwuͤrfe uͤber dieſe Zuruͤckhaltung, unn indem er ihm nochmals einſchenkte, ſagte er zu ihm: 4 „O mein Sohn, warum betrachteſt du nicht dieſe Sklavinnen? Habe ich dir nicht geſagt, daß ſie dir gehoͤren? Waͤhle dir diejenige aus, welche dir am beßten gefaͤllt, und ich gebe ſie dir dieſe Nacht zur Beiſchlaͤferinn.“ 1 Dſchahia, der fuͤrchtete, daß dieſe letzten Worte nur deshalb geſagt worden, um den Grund ſeines Herzens zu durchdringen, warf ſich dem Scheich zu Fuͤßen, und ſchwur ihm zu, daß er nicht faͤhig waͤre, daß geringſte Verlangen nach den ſeiner Hoheit ange⸗ hoͤrigen Frauen zu fuͤhlen, und daß er zu gut die ihm ſchuldige Ehrfurcht kenne. „Was ſoll ich dir mehr ſagen, mein Sohn,“ ant⸗ wortete ihm der Greis,„waͤhle, ich beſchwoͤre dich Dſchahia und Meimuns. 205 darum. Du begreifſt wohl, daß alle meine Begierden erloſchen, und daß folglich dieſe Sklavinnen mir un⸗ nuͤtz ſind. Mit Einem Wort, alles was ich mir von Gott erbitte, iſt, daß er dir Kinder beſchere, welche ich noch mehr lieben wuͤrde, als du ſelber.“ Fuͤnfhundert und fuͤnf und ſechzigſter Tag. Dſchahia gab allem dieſem Zureden nach; er be⸗ trachtete die Sklavinnen, und waͤhlte ſich eine aus; aber um nichts von ſeiner Schuldigkeit zu vernachlaͤßi⸗ gen, warf er ſich dem Scheich nochmals zu Fuͤßen, und ſagte zu ihm: „Ich war nicht faͤhig, daß geringſte Verlangen nach den Frauen deiner Hoheit zu fuͤhlen: aber weil du es durchaus willſt, ſo waͤhle ich dieſe hier neben mir. Der Scheich erwiederte ihm mit der vergnügteſten Miene von der Welt: „Ich danke Gott, daß du ſo gut gewaͤhlt haſt; ich ſehe, daß du wohl zu unterſcheiden weißt; du kannſt ſie als ein Geſchenk Gottes und als ein Werk ſeiner Guͤte anſehen: jede andre Wahl wüuͤrde mir nicht ſo viel Freude gemacht haben; denn ſie iſt eine Circaſ⸗ ſierinn.— Komm naͤher, Meimuné, komm her,“ ſprach er zu ihr, indem er ſie bei der Hand nahm; 206 565. Tag. und ſo uͤbergab er ſie Dſchahia mit fuͤnftauſend Gold⸗ ſtuͤcken, welche er in einem Becken herein bringen ließ; er fuͤgte hinzu: 3 „Dafuͤr, daß du mir dieſe Nacht Geſellſchaft ge⸗ leiſtet haſt, mache ich dir alle dieſe Geſchenke. Be⸗ trachte mich ſtaͤts als deinen Vater; verlaß mich nie mehr, und alle meine Wuͤnſche ſind erfuͤllt. Morgen will ich hingehen und den Kadi von Scutari bitten, her zu kommen, um dir in ſeiner Gegenwart, eine Schenkung aller meiner Güter auszuſtellen. Du kannſt dir noch nicht vorſtellen, wie unermeßlich dieſelben ſind: was mich betrifft, ſo begnuͤge ich mich, bei dir zu le⸗ ben, und werde in meiner Abgeſchiedenheit fortan nur mit dem Dienſte Gottes beſchaͤftigt ſein.“ Dieſe Worte ließen nicht mehr die geringſte Be⸗ ſorgnis in Dſchahia's Geiſte zuruͤck; er betrachtete nun alle dieſe Guͤter als eine Gabe der Guͤte Gottes, und ſagte zu dem Scheich: „Und wenn ich tauſend Jahre zu deinem Dienſte lebte, mein Herr und mein Vater, ſo wuͤrde das noch nicht genuͤgen, deine Wohlthaten zu vergelten. Sei verſichert, daß ich dir bis zum letzten Athemzuge voll⸗ kommen zugethan ſein werde.“ Sie wiederholten einander die Betheurungen und Schwuͤre der Freundſchaft, und tranken dabei einen guten Theil der Nacht hindurch. Endlich, als Dſcha⸗ hia ſchlaͤfrig ward, befahl der Scheich, uͤber einem der Dſchahia und Meimuns. 2⁰⁷ Sopha's einen geſtickten Vorhang zu befeſtigen, Decken von Gold und Seide zu bringen, und ein Bette von Silberſtoff auszubreiten. Als alle ſeine Befehle mit unglaublicher Sorgfalt vollzogen worden, ſprach der Scheich zu Dſchahia:— „Mein Sohn, du ſollſt dich jetzo mit deiner Gat⸗ tinn zu Bette legen; eine der groͤßten Freuden des Al⸗ ters iſt es, ſeine Kinder zu vermaͤhlen; ihr beide ge⸗ hoͤrt mir an, und ſo habe ich dieſen Augenblick das Vergnuͤgen, euch zu vereinigen.“. Dſchahia weigerte ſich nicht, bald hatte er ſich mit Meimuns niedergelegt, und der Greis verließ das Gemach. So bald er weit genug entfernt war, daß er ſie nicht mehr hoͤren konnte, ſprach die ſchoͤne Sklavinn ſeufzend zu Dſchahia: „Junger Mann, du haſt nicht mehr lange zu leben, ſei auf deine Rettung bedacht.“ Dieſe Worte kuͤhlten Dſchahias Blut wieder gaͤnz⸗ lich ab; er zitterte an allen ſeinen Gliedern, und be⸗ ſchwur Meimunsé, ihm dieſes Raͤthſel zu loͤſen. „Mir geht dein Schickſal zu Herzen,“ ſagte ſie zu ihm,„ich fuͤhle Liebe fuͤr dich, und dieſe Liebe ver⸗ doppelt noch den Abſcheu, den mir ſtaͤts die Graͤuel⸗ thaten eingefloͤßt haben, welche hier begangen werden. — Verſprichſt du mir,“ fuhr ſie fort,„mich mit dir hinweg zu fuͤhren, und mich nicht zu verlaßen, wenn 208 565. 566. Tag. ich dich aus der Gefahr befreien kann, in welcher du ſchwebſt?“ Dſchahia verſprach alles, was ſie verlangte, und beſtaͤrkte ſeine Worte durch die heiligſten Schwuͤre; die ſchue Sklavinn vertraute ſich ihm gaͤnzlich, und fuhr ort:. „Du wirſt bald den Gipfel des Frevels und der Bosheit kennen lernen; beide ſind in der Perſon dieſes Greiſes vereinigt: wenn du aber dein Leben retten willſt, ſo mußt du genau alles thun, was ich dir vor⸗ ſchreibe. Der Scheich wird bald zuruck kommen, und ſo oft er dir auch ruft, ſo antworte doch nicht. Er wird mir befehlen, dich aufzuwecken, ich werde mich ſtellen, als gehorchte ich ihm: du ſage aber immer noch nichts, bleib in dem Bette, und du wirſt Zeuge von allem ſein, was vorgeht.“ Dſchahia verſprach ihr, willig ihre Befehle zu vollziehen und ihrem Rathe zu folgen. Füͤnfhundert und ſechs und ſechzigſter Tag. Einige Zeit darnach kam der Scheich wieder her⸗ ein, trat hinter einen der Vorhaͤnge, und rief Dſchahia, der ihm aber nicht antwortete. Er befahl nun Mei⸗ muné, ihn aufzuwecken; ſie aber verſicherte, all ihr Bemuͤhen waͤre vergeblich. 48 Dſchahia und Meimuné. 209 „Du haſt die Stricke,“ ſagte er nun zu ihr,„ihn auf dem Sopha neben dir feſtzubinden, bedenke, daß ich um ſo vorſichtiger zu Werke gehen muß, als ich, ſo zu ſagen, der einzige Mann in meinem Hauſe bin. Ich habe gegenwaͤrtig funfzehn Gefangene: was wuͤrde aus mir werden, wenn man dieſe in Freiheit ſetzte? Bewache ihn alſo ſorgfaͤltig, und vergiß nicht, daß mein Leben dabei auf dem Spiele ſteht.“ Mit dieſen Wor⸗ ten trat er in ſein Gemach zuruͤck. Dſchahia fuͤhlte unterdeſſen alle Wirkungen des Entſetzens; und als Meimunsé kein Geraͤuſch mehr im Hauſe hoͤrte, ſagte ſie zu ihm: „Steh jetzt auf, ich will dir zeigen, an welchen Ort dein Ungluͤck dich gefuͤhrt hat.“ Er gehorchte, ſie faßte ihn bei der Hand, und ließ ihn eine kleine Treppe hinab ſteigen; als ſie unten waren, hieß ſie ihn durch ein kleines Loch in der Mauer ſehen. Da erblickte er ein ſehr finſteres Ge⸗ faͤngnis, und darin vierzehn Gefangene von verſchiede⸗ nem Alter, alle mit Ketten um den Hals, an Haͤnden und Fuͤßen feſtgeſchloſſen. Der junge Menſch, der dem Scheich die Laterne vortrug, als Dſchahia ihm begegnete, trat in dieſem Augenblick in das Gefaͤngnis. Die Gefangenen riefen bei ſeinem Anblick aus: „Warum laͤßt man uns an dieſem ſchrecklichen Orte verſchmachten? Der Scheich hat uns betrogen IX. 14 210 566. Tag. als er uns fuͤnf tauſend Zeckinen und die Wahl einer von ſeinen Sklavinnen erbot; er hat uns alles genom⸗ men, was wir bei uns hatten, und uns in Ketten ge⸗ worfen!— Bring' uns ſchleunigſt um,“ fuhren ſie fort;„der Tod wird wenigſtens unſere Qualen endigen.“ Der junge Menſch antwortete ihnen:„Ihr tra⸗ get dieſe Ketten nur dafuͤr, daß ihr Reue uͤber eure Suͤnden und Liebe zum geiſtlichen Leben bezeugt, und gleichwohl von dem Weine getrunken habt, welchen. der Scheich euch nur angeboten, um euch zu pruͤfen. Das iſt noch nicht alles: er hat euch Frauen angebo⸗ ten; und ihr wolltet dieſelben misbrauchen. Um euch alſo fuͤr dieſe ungeheuern Frevel zu zuͤchtigen, hat er euch in Ketten geworfen. Ich darf jede Nacht nur einen von euch daraus befreien:— ſeid ruhig,“ ſprach er zu den Anderen,„die Reihe wird auch an euch kommen.“— Damit nahm er den einen, und fuͤhrte ihn hinaus. Meimuns ſagte hierauf zu Dſchahia, welchen alles was er ſo eben geſehen hatte, in hoͤchſte Beſtuͤrzung verſetzte:— „Der Scheich wird bald wieder in das Zimmer kommen, worin wir lagen, wir muͤßen ſchleunig dahin zuruͤck kehren.“— Dſchahia ließ ſich hinfuͤhren; ſie legten ſich wie⸗ der nieder; und einige Augenblicke darnach ſah er wirk⸗ lich den Scheich abermals eintreten: er war jetzt ent⸗ Dſchahia und Meimune. 211 kleidet, und im Begriff zu Bette zu gehen. Da ſprach er zu Meimuné mit furchtbarer Stimme: „Jetzt iſt es Zeit, denjenigen der bei dir liegt ins Gefaͤngnis zu werfen.“ Sie antwortete ihm, er koͤnnte ſich deshalb auf ſie verlaßen, ſie wuͤrde ſchon ihre Pflicht thun. Der Scheich rief nun dem jungen Menſchen, der ihn be⸗ diente, und hieß ihn herein treten; was derſelbe auch ſogleich that: er hatte eine Schuͤrze vor, und große Meſſer im Guͤrtel ſtecken. Er brachte den Gefangenen mit, welchen er aus dem Gefaͤngniſſe geholt, und nachdem er ihm aus Vorſicht einen Knebel in den Mund geſteckt, um ihn am Schreien zu verhindern, entkleidete er ihn, auf Befehl des Scheichs, bis auf den Guͤrtel; dann gab er ihm einen Meſſerſchnitt, wel⸗ cher den Leib vom Nabel bis zur Kehle aufſchlitzte: er riß ihm das Herz heraus, welches er in zwei Stuͤcke ſchnitt, und es ſeinem Herrn darbot; hierauf reinigte und fegte er den Ort, bevor er den Leichnam weg⸗ ſchleppte. Der Scheich nahm unterdeſſen das Herz des ungluͤcklichen Muſelmanns, trocknete es mit einem Schwamm ab, und verſchlang es ganz und gar; dar⸗ auf trank er ein großes Glas Wein, und ſagte noch⸗ mals zu Meimuns: „Binde den Dſchahia recht feſt, und gib Acht, ſo lieb dir dein Kopf iſt, daß er dir nicht entwiſche.“ 212 566. 567, T a g. Kaum hatte er dieſe Worte aus geſprochen, als er auf ein Sopha niederſank, und bald im tiefſten Schlafe lag. Fuͤnfhundert und ſieben und ſechzigſter Tag. Als Oſchahia ſah, daß der Scheich unfaͤhig war, etwas zu vernehmen, warf er ſich Meimuné zu Fuͤßen und beſchwur ſie, zu vollenden, was ſie ſo gut begon⸗ nen hatte, und ihm das Leben zu retten, und zur Freiheit zu verhelfen. Meimuns, die ihn pruͤfen wollte, antwortete ihm: „Ich habe verſprochen, dich zu befreien, aber ich moͤchte doch nicht gern der ganzen Wuth und dem Grimme des Scheichs ausgeſetzt bleiben: die Hoͤhe der Mauern und die Einrichtung des Hauſes machen meine Flucht faſt unmoͤglich.“ 1 „Ich verlange meine Freiheit nicht ohne dich,“ erwiederte Dſchahia mit Innigkeit;„und ich will lieber ſterben, als mich von dir trennen.“ „Weil du mir ſo liebevolle und edelmuͤthige Ge⸗ ſinnungen bezeugſt,“ erwiederte ihm die ſchoͤne Skla⸗ vinn,„ſo verſpreche ich auch, dich nie zu verlaßen, und dich zu befreien, oder mit dir zu ſterben.“ Dieſe zuͤrtliche Betheurung belebte Dſchahia's Hoffnung wieder. Meimuns kleidete ſich eilig an, ls en Dſchahia und Meimuns. 213 waͤhrend er ſeinerſeits daſſelbe that; hierauf nahm ſie ihn bei der Hand, und fuͤhrte ihn in ein andres Zimmer; hier oͤffnete ſie ein Fenſter, und ſagte zu ihm: „Die Zweige dieſes hohen Granatenbaums werden uns behuͤlflich ſein, in den Garten hinab zu ſteigen. Ich gehe hin, den Schluͤſſel einer kleinen Thuͤre zu holen, welche ſich in der Gartenmauer befindet; bleib ſo lange hier, ich werde dich ſo wenig als moͤglich warten laßen, daruͤber kannſt du dich auf meine Liebe zu dir verlaßen.“ Als Dſchahia alleln war, verſank er in einen Meer von Gedanken. Die Furcht, was alles geſchehen koͤnnte, wenn es Meimunsè nicht gelaͤnge; ſeine herz⸗ liche Zuneigung fuͤr ſie, und das entſetzliche Schau⸗ ſpiel, von welchem er eben Zeuge geweſen war, be⸗ ſtuͤrmten ihn wechſelsweiſe. Aber was ihm am meiſten Leid that, war, daß er keine Waffen hatte, um ſich im Nothfalle zu vertheidigen.. Endlich erſchien die ſchoͤne Sklavinn wieder mit zwel großen Buͤndeln; ſie gab ihm die Hand und half ihm durch das Fenſter hinab ſteigen; dann reichte ſie ihm die beiden Buͤndel zu, und bat ihn, ſie noch eine Weile am Fuße des Baums zu erwarten. Es waͤhrte nicht lange, ſo hoͤrte er wieder Geraͤuſch, und ſah den Baum ſich bewegen; zugleich beruhigte ihn die Stimme der zaͤrtlichen Meimuné, welche ihm zufluͤſterte: 214. 567. Tag. „Jetzo laß uns fliehen, mein geliebter Dſchahia, wir haben keine Zeit mehr zu verlieren.“. Sie oͤffneten die kleine Gartenthuͤre, und kamen gluͤcklich hinaus; Dſchahia mit den beiden Buͤndeln und Meimuné mit einer kleinen Schachtel beladen. Sie erreichten ohne Hindernis das Haus Muham⸗ meds, der ſeine Freunde noch nicht verlaßen hatte; ſie klopften an die Thuͤre, eine alte Sklavinn oͤffnete, und ſie traten nun in das Gaſtzimmer, wo Dſchahia Gott dankte, daß er ihn aus einer ſo großen Gefahr befreiet hatte. Er uͤberließ ſich ganz dem Entzuͤcken ſeiner Freude, und bezeugte Meimuns ſeine herzlichſte Er⸗ kenntlichkeit. Aber das ſchoͤne Maͤdchen war traurig und ſeufzte unaufhoͤrlich. „Was fehlt dir denn?“ fragte er ſie,„du Seele meiner Gedanken; was bleibt uns noch uͤbrig zu wuͤn⸗ ſchen? ſind wir nicht außer aller Gefahr?“ „O mein geliebter Oſchahia,“ antwortete ſie ihm, „ich hielt dich fuͤr einſichtiger: kannſt du ſo ruhig blei⸗ ben, nur drei Schritte von einem Menſchen, als der Scheich iſt? Bedenke doch, daß er bei unermeßlichen Reichthuͤmern auch ein ſo großes Anſehen beſitzt, wel⸗ ches der Ruf ſeiner Heiligkeit ihm verſchafft; er wird eins wie das andre anwenden, um uns wieder zu fin⸗ den, und dann ſind wir ohne Rettung verloren. In dieſem Augenblicke ſchlaͤft er: aber wenn er bei ſeinem Erwachen uns vermißt, ſo wird er hingehen und dich Dſchahia und Meimuns. 2¹15 beim Kadi von Scutari anklagen, daß du Wein geholt haſt; und dieſe einzige Anklage reicht hin, dich verhaf⸗ ten zu laßen. Und mich wird er, als ſeine Sklavinn in Anſpruch nehmen. Mit Einem Worte, wir haben alles zu fuͤrchten, was ſeine grauſame Einbildungs⸗ kraft in der Wuth, in der Verzweiflung und in der Ge⸗ fahr, welcher unſre Flucht ihn ausſetzt, zu erſinnen vermag. Laß uns alſo dem Bereiche ſeiner Wuth ent⸗ fliehen und nach Konſtantinopel uͤberſetzen, bevor der Tag anbricht; es bleibt uns nichts anderes uͤbrig.“ Fuͤnfhundert und acht und ſechzigſter Tag. Waͤhrend dieſes vorging, kam Muhammed heim, und ſeine erſte Sorge war, die alte Sklavinn nach ſeinem Freunde Dſchahia zu fragen. Sie antwortete ihm, er waͤre in dem Gaſtzimmer. Muhammed wollte nun nicht ſeine Ruhe ſtdren, und ging ſelber ſchlafen. Meimuné fuhr unterdeſſen fort, in Dſchahia zu driingen, nach Konſtantinopel uͤber zu fahren. Er aber antwortete ihr: 4 „Wenn es von mir abhinge, du ſtrahlender Mond der Nacht, ſo wuͤrde ich augenblicklich mit dir uͤber das Meer ſetzen, ja wuͤrde ich noch ganz andere Dinge thun, bloß um dir zu genuͤgen. Aber die Sache iſt unthunlich; alle Boote ſind aufs Land gezogen; alle 2¹6 568. Dag. Stadtthore ſind verſchloſſen; noch mehr, weißt du nicht, daß der Boſtandſchi⸗Baſchi,*) der die Nachtwache haͤlt, wenn er ein Boot auf dem Meere ſieht, bevor der Tag angebrochen iſt, es ohne weitere Unterſuchung in den Grund bohren laͤßt? Warte alſo noch einige Augenblicke; ruhe dich aus; der Tag kann nicht mehr fern ſein; und ſei verſichert, daß ich nicht ruhig ſein kann, ſo lange ich dich in Unruhe weiß.“ Dieſe Worte bewogen Meimuns, ſich ein wenig in Geduld zu faſſen; und Dſchahia benutzte dieſe Zeit, ſie zu fragen, was den Scheich antriebe, ſo die Herzen derjenigen zu freſſen, welche er umbraͤchte. „Waͤhrend der drei Jahre, welche ich bei ihm ver⸗ lebt habe,“ antwortete ſie,„habe ich ihn taͤglich genau daſſelbe thun ſehen; die großen Reichthuͤmer, welche er beſitzt, beſtehen aus allem, was er denen raubt, welche er in ſein Haus lockt; und was ihn antreibt, die Un⸗ menſchlichkeit an ihnen zu veruͤben, von welcher deine Augen Zeuge geweſen ſind, iſt eine Krankheit, an wel⸗ cher er fruͤher litt, und welche ihm durchaus alle Ruhe raubte: das Herz eines Menſchen vermag allein die Unruhe ſeines Geiſtes zu ſtillen.“ 3 Indem Meimuns ſo die Neugierde Dſchahia's be⸗ friedigte, war ſie doch aufmerkſam genug, den erſten Tmfuhrer der zur Leibwache des Sultans gehörigen Boſtand⸗ Dſchahia und Meimune. 217 Hahnenſchrei zu hoͤren. Sogleich ſtand ſie auf, nahm ihr Kaͤſtchen, und machte ſich fertig, weg zu gehen; und Dſchahia war genoͤthigt, die beiden Buͤndel zu nehmen und ihr zu folgen. Sie verließen Muhammeds Haus, ohne ihm et⸗ was ſagen zu laßen, und erreichten bald das Geſtade. Da ſie aber keine Barke antrafen, ſo waren ſie gend⸗ thigt, einige Zeit am Ufer auf und nieder zu wandeln. Endlich erblickten ſie das Licht eines Mannes, der fiſchte: Dſchahia beſchwur ihn mitt flehender Stimme, ans Land zu kommen. Der Fiſcher erſtaunt, zu einer Stunde, wo ſonſt niemand voruͤber ging, reden zu hoͤ⸗ ren, wurde von Furcht ergriffen, und zweifelte nicht, daß es ein Geiſt waͤre, der zu ihm ſpräͤche. Alsbald fing er an zu beten; aber Dſchahia, den Meimuné's Sehnſucht ſich einzuſchiffen, beredt machte, ſprach ſo dringend und verhieß ihm beſonders alles, was er nur fordern wuͤrde, daß der alte Fiſcher beide in ſein Boot aufnahm. Meimuné nahm ſogleich eine Zeckine aus ihrem Kaͤſtchen und gab ſie ihm. Sie ſagten ihm, er moͤchte ſo thun, als wenn er fortfuͤhre zu fiſchen, ſich aber dabei ſtaͤts Konſtantinopel zu naͤhern; wo ſie denn auch in demſelben Augenblick anlangten, als man zum Morgengebete rief. Doſchahia, nunmehr ooͤllig beruhigt und zufrieden, ging nach ſeiner Wohnung, und fand ſeine Mutter ſchon aufgeſtanden; ſie oͤffnete die Thuͤre, hoͤchſt erfreuet 218 568. Ta g. ihren Sohn wiederzuſehen, und zwar in Geſellſchaft einer Frau; denn er pflegte ſonſt nur einen oder den andern von ſeinen jungen Freunden mit zu bringen. Sie ruhten einen Theil des Tages aus, aßen dann, was Oſchahia's gute Mutter ihnen zugerichtet hatte, und unterſuchten den Inhalt der beiden Buͤndel und des Kaͤſtchens. In jenen befanden ſich Meimuné's Kleider; ſie waren praͤchtig; und dieſes enthielt! alles Geld, was ſie im Dienſte des Scheichs, deſſen Ha⸗ ſinadar*²) ſie geweſen, ſich geſammelt hatte. Aber DOſchahia, mehr von ihrer Schoͤnheit, als von all dieſem Glanze geblendet, bezeugte ihr in dem Entzuͤcken ſeiner Liebe, die Ungeduld ſeines Herzens, und ſein Verlangen, ſich nie mehr von ihr zu trennen, ſondern ſie zu heirathen. Darauf erwiederte ſie mit Zaͤrtlichkeit:. „Du biſt nicht bedaͤchtig, mein theurer Dſchahia, und die Vernunft hat wenig Herrſchaft uͤber dich. Wir ſind vor der Gefahr noch keinesweges geborgen, und du willſt mich heirathen? So lange der Scheich, der grauſamſte und gefaͤhrlichſte aller Menſchen, noch einen Hauch des Lebens hat, werde ich nicht in dein Ver⸗ langen willigen.“ — *) Schatzmeiſterinn. Dſchahia und Meimuns. 219 Fuͤnfhundert und neun und ſechzigſter Tag. Dſchahia, der die herzliche Liebe fuͤr ſie fuͤhlte, wurde von ihrer Weigerung mit Schmerz durchdrungen, und ſagte zu ihr: „So ſoll ich denn mein lebelang ungluͤcklich ſein, meine geliebte Meimuné! denn am Ende vermag Gott allein die Welt von einem ſolchen Ungeheuer zu be⸗ freien, deſſen Gewalt mich mit Grauen erfuͤllt. In⸗ deſſen duͤnkt es mir unmoͤglich, daß er uns in dem abgelegenen Stadtviertel, welches wir bewohnen, ent⸗ decken koͤnne. Warum willſt du alſo meinem Gluͤcke ein unerreichbares Ziel ſetzen? Koͤnnte ich es nicht auch unternehmen, uns zu raͤchen? Rede nur; um dich zu beruhigen, bin ich faͤhig zu allem.“ Meimuné nahm hierauf das Wort und erwie⸗ derte ihm: „ und wenn wir im Mittelpunkte der Erde waͤren, wuͤrde der Scheich uns auffinden, um uns ſeiner Wuth zu opfern; bedenke doch, wie ſchrecklich die Rache eines entlarvten Heuchlers ſein muß. Ich fuͤr mein Theil bekenne dir, daß ich nimmer einen Augenblick Ruhe haben werde, ſo lange ich dich einer ſo großen Gefahr ausgeſetzt ſehe. Indeſſen, wenn du mir folgen willſt, ſo koͤnnen wir uns in dieſer peinlichen Beſorgnis doch vielleicht noch troͤſten, ohne andre Unruhe zu empfin⸗ den, als die, welche die Liebe uns etwa erregt.“ 220 569. Tag. „Blicke nie mehr auf mich, du Sohne meiner Ge⸗ danken,“ erwiederte Dſchahia mit Entzuͤcken,„wenn ich nicht genau alles thue, was du mir befiehlſt.“ „Dieſe Antwort beruhigt mich,“ fuhr Meimuné fort;„man muß Mittel finden, deinem Freund Muham⸗ med Botſchaft zu ſenden und ihn einzuladen, uns zu beſuchen.“ Dſchahia erbot ſich, ſelber hin zu gehen und ihn zu holen: aber ſeine Geliebte ſtellte ihm vor, welche nutzloſe Verwegenheit ſeine unzeitige Herzhaftigkeit in ihrer Lage waͤre: „Du erinnerſt,“ fuͤgte ſie hinzu,„an jene Verſe des Perſiſchen Dichters Dſchelaledin Rumi, welche ſagen: ein Kameel ſtieg auf einen Minaretthurm, und rief aus:„ich habe mich hier verborgen, entdecket nicht den Ort meines Verſtecks!“ Und um ihn voollends dieſen Gedanken aus dem Kopfe zu vertreiben, erinnerte ſie ihn daran, daß er geſchworen haͤtte, alles zu thun, was ſie ihm geboͤte. Augenblicklich ſchrieb er nun an ſeinen Freund, der denn auch bald ankam. Meimuné, mit ihrem Schleier bedeckt, ließ ihn auf ein Sopha Platz nehmen, und erzaͤhlte ihm die Gefahr, in welcher ſein Freund geſchwebt hatte. Er rief alle Augenblicke aus: „Heiliger Prophet! kann es Gott zulaßen, daß ſolche Scheuſale ans Sonnenlicht hervorgehen duͤrfen! Dſchahia und Meimuns. 22¹ Aber als ſie am Schluſſe der Erzaͤhlung den Scheich Ebulkiar nannte und ihn als den Urheber ſolcher Graͤuel anklagte, da konnte er ſich durchaus nicht davon uͤberzeugen.. „Wie iſt's moͤglich, daß ein Mann, der ſeine fuͤnf Gebete verrichtet; der den Armen ſpendet; der die Beobachtung des Geſetzes predigt, mehr noch durch ſein lebendiges Beiſpiel, als durch ſeine unablaͤßigen Auslegungen des Korans; kurz, der als einer der groͤß⸗ ten Lieblinge unſers heiligen Propheten erſcheint,— ſo große Frevel veruͤben koͤnne?“ „Ich weiß nicht,“ erwiederte Dſchahia,„ob die⸗ ſer Greis ein Scheich iſt, und ob der, welchen du meinſt, derſelbe iſt, von welchem Meimuné ſpricht; denn ich habe ihn nur einmal geſehen.“ „Wie kann man daran zweifeln?“ verſetzte Mei⸗ muné mit einer Art von Ungeduld.„FIch bin ſeit drei Jahren ſeine Sklavinn, und jeden Tag ſind meine Au⸗ gen Zeugen neuer Grauſamkeit geweſen.“ „Sicherlich,“ unterbrach ſie Muhammed,„hat ein abtruͤnniger Geiſt dir die Augen verblendet, um den Ruf des heiligſten Mannes unſerer Tage zu be⸗ flecken.“ „Sei er nun Scheich oder nicht,“ ſagte hierauf die zaͤrtliche Meimuné mit Entruͤſtung,„genug, es gibt einen ſolchen Menſchen, der dergleichen Graͤuel veruͤbt, und der das Leben deines Freundes in Gefahr 222 569. 570. Tag. ſetzt. Wie kannſt du noch einen Augenblick anſtehen? Die Sache Gottes und die Stimme der Freundſchaft, ſind ſie nicht im Stande dich zu ruͤhren?“ „Ich will es unterſuchen,“ antwortete ihr Muham⸗ med,„ich will das Betragen des Scheichs beobachten: aber ohne voͤllig uͤberzeugt zu ſein, werde ich meine Haͤnde nicht in das Blut des Freundes Gottes tauchen.“ Als Meimunsé ſah, daß nicht mehr zu erlangen war, und die Freundſchaft nicht die Eindruͤcke der Heuchelei in Muhammeds Herzen zu beſiegen ver⸗ mochte, ſagte ſie zu ihm: „So verſprich uns mindeſtens und ſchwoͤre es uns auf dem heiligen Koran, unſer Geheimnis zu bewah⸗ ren.“ Dabei rief ſie aus: „Wer Dſchahia am meiſten liebt, an dem iſt es, ihn zu befreien!“ Muhammed leiſtete den Eid, und kehrte heim nach Seutari. Fuͤnfhundert und ſiebzigſter. Am folgenden Morgen ging Meimuné in ihrem Mantel nach dem Baſar in dem Schneider⸗Viertel; ſie ſuchte ſich einen vollſtaͤndigen Anzug eines Ikog⸗ lans aus, erhandelte ihn, und verbarg ihn, nebſt mehreren anderen Einkaͤufen, unter ihrem Mantel.⸗ Dſchahia und Meimune. 223 Waͤhrend der zwei bis drei naͤchſten Tage war ihr Herz beklommen, ihr Geiſt unruhig; ſie antwortete ſogar auf Dſchahia's Liebkoſungen mit Ruͤhrung, und ihr Truͤbſinn, der ſtaͤts ihre Weigerungen begleitete, ſetzte ihren Geliebten in Verzweiflung. Endlich, als ſie glaubte, daß es Zeit waͤre, ging ſie zwiſchen dem erſten und zweiten Gebete aus. Dſchahia, der ſie nicht wieder kommen ſah, obſchon die Nacht heran nahte, gerieth in die groͤßte Unruhe. Seine Mutter, geruͤhrt von dem Zuſtande, worin ſie ihn ſah, fragte ihn: „Was fehlt dir denn, mein Sohn?“ „Ach, meine Mutter,“ antwortete ihr Dſchahia, „Meimuné koͤmmt nicht wieder!“ 3 „Es ziemt ſich zwar nicht fuͤr eine Frau, einem Manne Lehren zu geben,“ erwiederte ſie:„aber wenn du dieß liebenswuͤrdige Maͤdchen verloren, ſo haſt du es ſicherlich wohl verdient. Die Frauen wollen nicht mit ſo viel Sanftmuth behandelt ſein; ſie misbrauchen ſtaͤts die Nachſicht, welche man mit ihnen hat, und be⸗ ſonders die Freiheit, welche man ihnen laͤßt. Ich muͤßte mich ſehr irren,“ fuhr ſie fort,„oder du wirſt Mei⸗ muné nie wiederſehen.“ „Ach, meine Mutter,“ unterbrach ſie Dſchahia, „ſie gleicht nicht den anderen Frauen: ihr Herz iſt rei⸗ ner, als der Morgenthau.“ „Ich will es wuͤnſchen,“ antwortete ihm die Mutter:„aber du liebteſt ſie; ſie verſicherte dich der⸗ 224 570. Tag. ſelben Gefuͤhle; nichts that euch hier Zwang an: was konnte ſie nun hindern, dir davon Beweiſe zu geben, oder dich zu heirathen, wie du ſie ſo oft dringend ge⸗ beten haſt? Warum ward ihre Miene immer ernſt⸗ hafter und nachdenklicher? Warum hat ſie ſo geheim⸗ nisvoll eine Mannskleidung, einen Kandſchar,*) und andere Sachen her gebracht, welche ich unter dem Sopha gefunden habe, und die nun verſchwunden ſind Sei verſichert, mein Sohn, ſie hat zu viel Verſtand, um etwas ohne Abſicht zu thun.“ „Ach, meine Mutter,“ unterbrach ſie Dſchahia wiederum,„ich bin verloren, ich zittere! Meimuné wollte ohne Zweifel...“ Er wagte nicht mehr zu ſagen, aus Furcht, ſein Geheimnis zu entdecken. Aber ungeachtet ſeiner Un⸗ ruhe und Beſtuͤrzung, kuͤßte er ſeiner Mutter die Hand, nahm ſeinen Saͤbel und ging weg. Einen Augenblick ſpaͤter haͤtte er kein Boot mehr gefunden, nach Scutari uͤber zu ſetzen. Jetzo kam er noch mit ſinkendem Tage dort an. Er ſetzte ſich am Ufer des Meeres nieder, und ohne auf etwas anderes zu hoͤren, als auf ſeine Liebe, ohne einen ſo von Vor⸗ urtheilen eingenommenen Freund, wie Muhammed, um die geringſte Huͤlfe anzuſprechen, beſchloß er, den Scheich auf ſeinem Wege zu erwarten und ihn trotz ) Langen Dolch. Ofchabia und Meimuns. 225 der beiden Sklaven, welche ihn gewoͤhnlich begleiteten, anzugreifen. Der Kummer, die Unruhe, die Angſt, welche dieſer Unmenſch ſeiner theuren Meimuné erregt, dadurch ſein Gluͤck verzoͤgert, und das Leben der Ge⸗ liebten unaufhoͤrlich in Gefahr geſetzt hatte, waren hinreichend, ihn zu dieſem Entſchluſſe zu beſtimmen. Aber ſein Vertrauen auf Gott und das Gebet, welches er jetzt an ihn richtete, benahmen ihm allen Zweifel⸗ muth und ſtellten ihm das Opfer eines ſolchen Unge⸗ heuers von Grauſamkeit, als die dem heiligen Pro⸗ pheten wohlgefaͤlligſte Handlung dar. Dieſe Gedanken beſchaͤftigten ihn bis zur Stunde des letzten Gebets. Als dieſe gekommen, ging er in die Straße, wo er damals dem Scheich begegnet war. Er traf ihn auch wieder an, aber ſchon voraus auf dem Heimwege, mit einem Menſchen; ohne Zweifel ein neues Opfer, welches zur Schlachtbank geſchleppt wurde, und von ſtattlicher Groͤße zu ſein ſchien. Dſcha⸗ hia verwunderte ſich uͤber die große Eilfertigkeit des Scheichs, und wagte nicht, ihm nachzulaufen, um ſo weniger als er in den Straßen und in den benachbar⸗ ten Haͤuſern noch reden und gehen hoͤrte. Indeſſen folgte er ihm auf gut Gluͤck, und holte den hinten gehenden Sklaven auf einem Todtenacker ein, uͤber welchen der Weg fuͤhrte. Er benutzte einen Umweg und verſetzte dem Sklaven unverſehens einen ſo gewal⸗ IX. 15 226 570. Tag. tigen Saͤbelſtreich, daß ihm der Kopf vom Rumpfe 4 flog, ohne daß er ein einziges Wort von ſich gab. In demſelben Augenblick nahm er den Talpaſch*) des Sklaven, warf ſeinen Turban weg, und kam ſo zu dem Scheich, in demſelben Augenblick, als dieſer, wie gewoͤhnlich geſagt hatte:„Oeffne, ich bin's!“ Man oͤffnete die Thuͤre, und Dſchahia folgte ihm, ohne ein Wort zu ſagen, und ohne erkannt zu werden. Er benutzte die Dunkelheit durch den Vorſaal zu gehen und ſich in einem Winkel des Hofes zu verbergen; feſt entſchloſſen, alles zu wagen, und uͤber den Scheich her zu fallen, nachdem er einzeln ſeine Sklaven abgethan haͤtte. Er hoͤrte die Zuruͤſtungen zum Nachteſſen, er beobachtete jeden Fortſchritt deſſelben; er ſah die Ge⸗ ſchenke hinein tragen; er unterſchied die Stimmen und die Inſtrumente der Sklavinnen; und weil er den Schlaf des Scheichs fuͤr den guͤnſtigſten Augenblick hielt, ſo erwartete er mit der lebhafteſten Ungeduld die Entwickelung dieſes Abenteuers. Endlich ließ man den Fremdling mit der Sklavinn, welche er ſich er⸗ waͤhlt hatte, zu Bette gehen, und kurze Zeit darnach hoͤrte er das durchdringende Geſchrei einer Frau, die um Huͤlfe rief. Er vernahm hierauf die Stimme des Scheichs, der ſeinem Sklaven rief und ihm befahl, ſeine Waffen zu bringen. Mitten in dieſem Laͤrmen *) Mit Leder gefütterte Mütze. Dſchahia und Meimuns. 227 glaubte er die Stimme ſeiner geliebten Meimuné zu erkennen: da konnte ihn nichts mehr zuruͤckhalten; er ſtieg die kleine Treppe hinauf, welche ihn vormals zu dem Gefaͤngniſſe gefuͤhrt hatte; er rannte mit ſolcher Gewalt gegen die Zimmerthuͤr, daß er ſie einſtieß, und erſchien ſo in demſelben Augenblicke vor dem Scheich, als dieſer auf einen Menſchen im Bette los ſtuͤrzte, um ihm einen Dolch zu entreiſſen, womit er bewaffnet war, waͤhrend eine Frau in demſelben Bette in ihrem Blute zu ſchwimmen ſchien. „Du biſt des Todes, Unſelige!“ ſchrie der Scheich, „und ich will nun der ſuͤßen Luſt der Rache genießen.“ „Die Liebe und die Gerechtigkeit, die mich her gefuͤhrt haben, verdienten gluͤcklicher zu ſein,“ erwie⸗ derte hierauf Meimuné mit ihrer natuͤrlichen Stimme; „ich habe meine Pflicht gethan, du magſt nun die deinige thun.“ Fuͤnthundert und ein und ſiebzigſter Tag. Dſchahia ließ ihm aber nicht die Zeit dazu; mit all' dem Ungeſtuͤm, welchen die Liebe in der Todesnoth der Geliebten verleiht, ſtuͤrzte er mit dem Saͤbel in der Fauſt herbei, ergriff den Scheich bei dem Barte und durchbohrte ihn mit mehreren Stichen, in demſel⸗ ben Augenblick, als ſein Lieblingsſklave ihm, ſeiner 5mn. T a g. graͤulichen Gewohnheit nach, einen Gefangenen zum Schlachtopfer vorfuͤhrte; Dſchahia ſtuͤrzte zugleich uͤber V jenen her, und beſtrafte ihn ebenfalls fuͤr alle ſeine Verbrechen, trotz der Meſſer, womit er bewaffnet war. Hierauf warf er ſich ſeiner Meimuné zu Fuͤßen, welche er mit Muͤhe wieder erkannte; ſo hatte die Farbe, womit ſie ſich beſtrichen, ihr Antlitz entſtellt. Indem er ſie in dieſem Zuſtande, und hier in dem Hauſe des Scheichs wiederfand, gab ſich deutlich alles kund, was ſie Liebevolles und Edelmuͤthiges unter⸗ nommen hatte. Wirklich war es Meimuns ſelber, welche ſich in Mannestracht dem Scheich in den Weg geſtellt und die er zum Nachteſſen mit ſich heim ge⸗ fuͤhrt hatte. Dſchahia wollte ihr ſeine Dankbarkeit und ſeine Liebe ausdruͤcken, Meimuné aber ſagte zu ihm: Es iſt noch nicht Zeit, uns der Freude zu uͤber⸗ 71 laßen; was wuͤrde unſer Schickſal ſein, wenn man uns an dieſem Orte des Entſetzens faͤnde! Wenn der Kadi uns hier betrafe, wie wollten wir ihn von unſrer Unſchuld uͤberfuͤhren?— Ich habe dieſe Ungluͤckliche getoͤdtet,“ fuͤgte ſie hinzu,„weil ſie mich nicht vor der moͤrderiſchen Abſicht des Scheichs gewarnt hat, und weil ihr Tod nothwendig war, um dein und mein Leben zu ſichern.“ Oſchahia zerſchnitt nun die Stricke, welche den ungluͤcklichen Gefangenen feſſelten, der, ſchon ergeben in das traurige Loos, das ihn erwartete, jetzo hundert⸗ Oſchahia und Meimune. 229 mal die Knie ſeines Befreiers umarmte. Sie ſtiegen dann zuſammen in das Gefaͤngnis hinab, um auch die uͤbrigen Muſelmaͤnner, welche der Scheich fuͤr ſeine Graͤuelmahtzeiten beſtimmt hatte, in Freiheit zu ſetzen. Indem Meimuné ihre Kleider wieder anlegte, zeigte es ſich, daß die Korkſohlen, welche ſie in ihre Halbſtiefeln gelegt, ihr einen ſo hohen Wuchs gaben; die veraͤnderte Tracht, die Anfaͤrbung des Geſichts, und die ſorgfaͤltige Verſtellung ihrer Stimme, uͤber⸗ zeugten Dſchahia genugſam, wie leicht es ihr geworden, den Scheich ſelber zu taͤuſchen. Meimuns ließ nun alle Gefangene vor ſich kom⸗ men, und ſagte ihnen, ſie ſollten damit anfangen, al⸗ les wieder zu nehmen, was ihnen gehoͤrte, und deſſen der Scheich ſich bemaͤchtigt hatte. Sie gab allen ſeinen Sklavinnen die Freiheit. Alsdann machte ſie mehrere Buͤndel von Silberzeug, Kleinoden und Edelſteinen. Aber das Haus war ſo voll von Reichthuͤmern, daß, nachdem ſie und Dſchahia ſo viel genommen als ſie nur fortbringen konnten, nachdem ſie den Sklavinnen und Gefangenen alles preis gegeben, was ſie nehmen wollten, ſie dennoch eine ungeheure Menge Sachen von ſehr hohem Werthe darin zuruͤckließen. Meimuné ließ den Leichnam des Scheichs und der beiden Sklaven in denſelben Brunnen werfen, deſſen er ſich zur Todtengruft der guten und glaͤubigen Mu⸗ 571. Sag. ſelmaͤnner bedient hatte, die taͤglich und ſeit ſo langer Zeit, auf ſeinen Befehl, geſchlachtet wurden. Ueber dieſe Verrichtungen kam der Tag heran. Jetzo verließen Alle dieſen Ort des Graͤuels und des Entſetzens; ſie verſchloſſen die Thuͤre, und trennten ſich. Dſchahia wollte nicht ſeinen Freund Muhammed beſuchen; es wuͤrde dieſem nur zum Vorwurfe gereicht haben, daß er in der Freundſchaft ſo ſchwach und ſo eingenommen fuͤr den Heuchler geweſen. Die zaͤrtlichen beiden Geliebten kamen ohne Un⸗ fall wieder nach Konſtantinopel. Dſchahia beſchwur nun Meimuné oon neuen, ſein Gluͤck zu machen, und ſich ihm auf immer zu ſchenken. Sie antwortete ihm: „Ich willige nunmehr von ganzem Herzen darein, mein theurer Oſchahia; wir wollen ein Gaſtmahl ge⸗ ben, zu welchem wir den Imam einladen, und uns nach der Vorſchrift des großen Propheten vermählen.“ Die Hochzeit wurde den naͤchſten Freitag auf eine den bisherigen Umſtaͤnden Dſchahia's angemeſſene Weiſe gefeiert. Denn er wollte ſein Handwerk nicht aufge⸗ ben; aber er legte das Geld, welches Meimuns im zugebracht, und was er ſelber aus dem Hauſe des Scheichs mitgenommen hatte, ſehr vortheilhaft in ſei⸗ nem Gewerbe an. So fuͤhrten ſie, im Wohlſtande, und ohne ſich uͤber ihren anfaͤnglichen Stand erheben zu wollen, ein vergnuͤgtes Leben, und lebten gluͤcklich.“ 230 Moradbak. 231 Kaum hatte Moradbak ihre Erzaͤhlung geendigt, als der Koͤnig, der allmaͤhlich mehr von ihrer Schoͤn⸗ heit und ihrem ganzen Weſen, als von ihren Geſchich⸗ ten geruͤhrt wurde, und dem es mehr Vergnuͤgen machte, ſie zu ſehen, als zu hoͤren, zu ihr ſagte, er fuͤhle allmaͤhlich Ruhe in ſeiner Seele ſich verbreiten; „aber ich verdanke es ohne Zweifel nicht deinen Ge⸗ ſchichten,“ fuͤgte er verbindlich hinzu,„daß ich der Ruhe mich zu erfreuen beginne; denn die Geſchichte, welche du mir eben erzaͤhlt haſt, hat mich mit Unwil⸗ len durchdrungen. Ich will nimmer Scheiche in mei⸗ nen Staaten dulden, oder wenigſtens doch jeden, wel⸗ chen man nachts auf der Straße betrifft, auf ein Jahr ins Gefaͤngnis werfen laßen. Aber welchen Geſchmack fand dieſer unſelige Dſchaur daran, Menſchenherzen zu freſſen! Ich verlange, daß du, um alle die ſchwar⸗ zen Bilder zu zerſtreuen, welche dieſe Erzuͤhlung mir erregt, und welche deine Gegenwart allein erheitert hat, mir morgen eine minder ſchreckliche Geſchichte erzaͤhleſt, als manche von denen ſind, welche du mir bisher erzaͤhlt haſt, und vor allen dieſe letzte.“ „Ich werde morgen die Ehre haben, dir die Ge⸗ ſchichte von dem Korbe zu erzaͤhlen,“ antwortete Moradbak, indem ſie ſich entfernte. „Gut denn, von dem Korbe,“ erwiederte ihr Huͤdd⸗ ſchadſch. Und am naͤchſten Abend begann ſie folgende Geſchichte: Geſchichte von dem Korbe. „ Die Geſchichte alter Zeiten erzaͤhlt uns von einem muſterhaften jungen Koͤnige, namens Kemßerai, der ſich durch gute Eigenſchaften aller Art empfahl, und ſich nur mit dem Gluͤcke ſeiner Unterthanen beſchaͤftigte. Da Gerechtigkeit die einzige Richtſchnur ſeiner Hand⸗ lungen war, ſo hatten die Armen noch mehr Zutritt bei ihm, als die Reichen. Die Kenntnis der Vergan⸗ genheit, welche gemeinlich die großen Fuͤrſten bildet, war der hauptſachliche Gegenſtand ſeiner Wißbegierde. So hatte er, in der Abſicht, daß kein wichtiges Er⸗ eignis, das in den Reichen Aſiens vorginge, ihm un⸗ bekannt bliebe, eine Karavanſerei bauen laßen, welche man mit Recht als einen praͤchtigen Palaſt betrachten konnte. Dort nahm dieſer liebenswuͤrdige Fuͤrſt die Der Korb⸗ 235 Fremden gaſtlich auf; er ließ ſie von ſeiner eigenen Tafel bewirthen; da waren Sklaven beiden Geſchlechts, bloß dazu beſtimmt, ihren Wuͤnſchen und Beduͤrfniſſen zuvor zu kommen. Die Fremden ſtroͤmten demnach von allen Seiten nach ſeiner Hauptſtadt, wo nichts anderes von ihnen verlangt wurde, als den Koͤnig von ihren eigenen Abenteuern, oder von anderen, welche ihnen bekannt waren, zu unterhalten. Auf ſolche Weiſe ſpann der Koͤnig goldene Tage und herrſchte gluͤckſelig in einer Welt, worin jedoch alles vergaͤnglich iſt. Das Gluͤck ward endlich muͤde, ihn mit ſeiner Gunſt zu uͤberhaͤufen, und wandte ihm den Ruͤcken. Zugleich verließ ihn auch ſeine Seelenruhe, und die Zufriedenheit, welche das Bewußtſein ſeiner guten Handlungen uͤber ſein ganzes Weſen ausgoß; kurz, die⸗ ſer liebenswuͤrdige Frohſinn, ohne welchen man ihn ſonſt niemals ſah. Eine innere Unruhe, welche nichts beſchwichtigen konnte, ein tiefer Truͤbſinn, eine ſtaͤte Abweſenheit des Geiſtes nahmen die Stelle der liebens⸗ wuͤrdigſten Gemuͤthlichkeit ein; ſeine Augen verloren ihren Glanz; Blaͤſſe uͤberzog ſein Antlitz; bald glich er einer ſchoͤnen Roſe, welche am Morgen noch die Zierde eines Gartens ausmacht, aber in der Glut des Tages hinwelkt, und faſt im Augenblick des ſchoͤnſten Lebens erſtirbt. 571. 572. Ta g. Dieſe Stoͤrung ſeiner Geſundheit des Leibes, wie des Geiſtes, uͤberzeugte zuletzt alle ſeine Hofleute, daß ſie, ungeachtet ſeiner großen Jugend, bald das Un⸗ gluͤck haben wuͤrden, auf ſeinem Grabe zu weinen, als er unverſehens den Augen ſeiner Unterthanen ent⸗ ſchwand, und niemand wußte, wo er hin gekommen war. Die Großen des Reichs vernachlaͤßigten nichts, ſich uͤber ſein Schickſal aufzuklaͤren: als ſie aber ſahen, daß all ihre Muͤhe vergeblich war, ſo entſchloſſen ſie ſich, einen Reichstag einzuſetzen, welcher waͤhrend ſei⸗ ner Abweſenheit regierte. Dieſe dauerte ſchon zwoͤlf Monde, als er ploͤtz⸗ lich wieder erſchien, da man ſich deſſen am wenigſten verſah. Er war ſchwarz gekleidet, und in tiefe Trau⸗ rigkeit verſunken; nichts konnte ihn erheitern; kurz, ſeine Unempfindlichkeit hatte nimmer ihresgleichen. 23 ½ Fuͤnfhundert und zwei und ſiebzigſter Tag. Die Großen des Reichs und ſeine Veſyre kamen, ſeine Befehle zu empfangen; aber er wollte ihnen durchaus keine ertheilen. Seine Gleichguͤltigkeit war ſo groß, daß er die ungemeine Anhaͤnglichkeit, von welcher ſeine Unterthanen ihm ſo viele Beweiſe gaben, gar nicht erkannte. Indeſſen war er von allen ſo ge⸗ liebt, daß der Reichsrath keinen andern Koͤnig erwuͤh⸗ Der Korb. 235 len wollte, ſondern beſchloß, zehn Jahre zu warten, ob der Fuͤrſt ſeinen Geiſt, ſein liebenswuͤrdiges Ge⸗ muͤth, kurz, alle die Eigenſchaften wieder finden wuͤrde, welche bewirkten, daß er angebetet wurde. Aber wie inſtaͤndig man ihn auch bat, ihn zu bewegen, wenig⸗ ſtens in ſeiner Hauptſtadt zu bleiben, dennoch konnte man ſeinen Vorſatz nicht wankend machen, dieſelbe zu verlaßen. Und als er ſah, daß man ſeine Thronent⸗ ſagung durchaus nicht annehmen wollte, da bezog er ein kleines Haus auf einem einſamen Berge, wo er ſeine Tage beſchließen wollte, ohne alle andre Geſell⸗ ſchaft, als eine ſeiner Schweſtern namens Sahidé. Dieſe Prinzeſſinn liebte ihn von Kindheit an aufs zaͤrt⸗ lichſte; ihre Schoͤnheit, ihre Jugend, und ihr Verſtand waren preiswuͤrdig, und noch mehr ihre Froͤmmigkeit und Verehrung fuͤr den heiligen Koran, welchen ſie von Anfang bis zu Ende auswendig wußte. Niemand kannte die Urſache der Betruͤbnis des Koͤnigs; er hatte hartnaͤckig allen denjenigen, die in ſeiner Naͤhe waren und ihn befragen durften, Aufklaͤ⸗ rung daruͤber verweigert. Nachdem er nun einige Zeit in ſeiner Einſamkeit gelebt hatte, ward er gefaͤhrlich krank, ohne ſich von jemand anders bedienen und pfle⸗ gen zu laßen, als von ſeiner theuren Sahidé, welche ihre Gebete fuͤr die Geneſung eines einzig geliebten Bruders verdoppelte. Ihre Liebe verblendete ſie nicht uͤber die Fruchtloſigkeit aller ihrer Heilmittel; und da 236. 572, Tag. ſie den unſeligen Augenblick, der ihm die Augen ſchlie⸗ ßen ſollte, heran nahen ſah, ſo trat ſie an ſein Bette, und beſchwur ihn bei all ſeiner Liebe fuͤr ſie, ihr die Urſache ſeiner Traurigkeit zu entdecken: „Geliebter Bruder,“ ſprach ſie zu ihm,„warum willſt du, erliegend unter der Laſt des Unglucks, mir nicht die Urſache deiner Schmerzen mittheilen? Dieſe Schmerzen, welche du empfindeſt, fuͤhlt mein Herz bundertfaͤltig; wuͤrdige mich einiges Vertrauens; viel⸗ lelcht finde ich irgend eine Erleichterung deiner Leiden. Wer weiß, ob nicht ſogar der Große Prophet, geruͤhrt von meinem Schmerze, mir ein Heilmittel fuͤr dich eingibt?“ Der Koͤnig antwortete ihr, indem er einen tiefen Seufzer ausſtieß: „Meine Geſchichte iſt laͤnger, als die des Fered⸗ baad,*⁴) und trauriger, als die des Wamak⸗ weasra.*) Dennoch will ich deiner zaͤrtlichen Sorgfalt fuͤr mich, und der Liebe, welche du mir ſtaͤts bewieſen haſt, deine Bitte gewaͤhren. Du ſollſt alſo den Grund meiner Leiden erfahren; du ſollſt vernehmen, wie ich *) Troſt in Trübſal; ſo heißt ein Arabiſches Buch von Ali und Halſan benannt d heiſt ei von dem Arabiſchen Stamme **) So heißt ein Roman in Perſiſchen Verſen, enthaltend die Liebesgeſchichte Wamaks und Asra's, eines berühmten Lie⸗ despaaͤres vor Einführung des Muhamedanismus. Der Korb⸗. 257 in einem Augenblick vom Gipfel der Freude in tiefe Traurigkeit verſank, und wie mein Herz von furchtba⸗ rem Schmerze durchbohrt wurde. Aber alles, was ich dir zu ſagen vermag, wird dir nur eine ſchwache Vorſtellung von meinen Abenteuern geben; keine Worte ſind ſtark genug, um auszudruͤcken, was ich geſehen habe: aber du willſt es, und ich will dir genuͤgen. Du weißt, daß ich in den gluͤcklichen Zeiten mei⸗ nes Lebens einen Theil des Tages mit Fremdlingen zubrachte, die mir ihre eigenen Abenteuer, oder andere erzaͤhlten, welche ſie erfahren hatten. Unter den Rei⸗ ſenden, die unaufhoͤrlich meine Karavanſerei fuͤllten, fand ich einſt auch eine Art Derwiſch in ſchwarzer Tracht. Ungeachtet ſeiner Trauer⸗Kleidung, war ſeine Erſcheinung jedoch ſo anziehend, wie ſeine Unterhal⸗ tung angenehm; ſie war mir ſogar, mit einem unſerer Dichter zu reden, wie ein Meer von Lieblichkeit, in welchem ich mit Luſt untertauchte; es war ein Roſen⸗ garten, der einen Duft der Freundſchaft verbreitete, worin ſich mein Herz berauſchte. Kurz ich war be⸗ zaubert von den Geſchichten, welche er nurr erzaͤhlte, ſo ſehr war die Kunſt der anmuthigen Rede ihm ver⸗ liehen. Er weigerte ſich aber ſtaͤts, mir zu entdecken, warum er unaufhoͤrlich in ſo tiefes Sinnen verſenkt waͤre, und was ihn bewoͤge, ſo tiefe Trauer zu tra⸗ gen. Ich unterließ nichts, ihn durch Geſchenke zum Geſtaͤndnis bringen: ich gab ihm praͤchtige Kleider, 572. Tag. Diamantenguͤrtel, Boͤrſen voll Gold und Silber; mit einem Worte, ich bot alles auf, was ihn dazu vermoͤ⸗ gen konnte, mir zu genuͤgen. Meine Beharrlichkeit und mein Andringen ruͤhrten ihn noch mehr, als meine Geſchenke: „Du willſt alſo,“ ſagte er endlich zu mir, mit verdoppeltem Schmerze,„du willſt durchaus wiſſen, was mir begegnet iſt. Es wuͤrde mir leichter ſein, dir die Geſchichte des Vogels Anka*) zu erzaͤhlen, als dich von meinem Ungluͤck zu uͤberzeugen. Du ſollteſt lieber wuͤnſchen, daß dergleichen Abenteuer fuͤr immer vergeſſen wuͤrden; und vor allen Dingen huͤte dich, dich ſelber davon uͤberzeugen zu wollen.“ Ich beſtand aber auf meine Bitte, ich verdoppelte meine Liebkoſungen, und ſo erzaͤhlte er mir denn Folgendes: *) Dieß iſt ein Vogel, den die Perſer Simurg, und die Araber Anka nennen: unſer Greif. Nach der Vorſtellung der Morgen⸗ länder, ſpricht dieſer ungeheuerliche Vogel alle Sprachen; er ha Vernunft, und iſt der Religion fähig. Thamurah, der dritte König von Perſien aus dem Stamme der Piſchdadier, wurde auf demſelben in die eingebildeten Regionen getragen(wie Ale⸗ rander, nach den Romanen des Mittelalters.) Die Morgentän⸗ der ſagen, dieſer Vogel habe ſich ſeit langer Zeit auf das Gebirge Kaf zurück gezogen, welches rings die Welk umgibt, und dieſer Ort ſei unbekannt. Daher haben ſie das Sprichwort:„es wäre eben ſo leicht, dir die Wohnung des Anka nachzuweiſen, oder dir von ihm Nachricht zu geben.“ Der Korb. 259 Fuͤnfhundert und drei und ſiebzigſter Tag. „In dem Kdͤnigreiche China liegt die Stadt Medhuſchan; faſt alle Einwohner derſelben ſind weit und breit bekannt durch ihre Trauer; ſie legen das Schwarz nicht ab, und alle Fremdlinge, welche ihr Ungluͤck oder die hoͤchſte Verwegenheit in dieſe Stadt fuͤhrt, finden ſchwer Gelegenheit zu geſelligem Umgange. Kurz, nur in dieſer Stadt kann man das Ungluͤck vernehmen, welches mich betroffen hat; dort kann man den gerechten Gegenſtand meiner Leiden und der Leidenſchaft erfahren, welche mein Herz zerreißt, und kann ſich von meinem wahren Zuſtand uͤberzeugen, welchen alle Erzaͤhlungen nicht zu ſchildern vermoͤchten.“ Mit dieſen Worten beurlaubte ſich der Derwiſch, nahm alle Geſchenke, welche ich ihm gemacht hatte, und ließ mich in der peinlichſten Neugierde. Die Dunkelheit dieſer Erzaͤhlung, und die wenigen Umſtaͤnde in derſelben vermehrten nur mein Verlangen, dieſe wunderſamen Dinge zu vernehmen und kennen zu lernen. Ich war demnach nur mit dem Gedanken be⸗ ſchaͤftigt, mich ſelber von einem ſo außerordentlichen Vorgang zu uͤberzeugen; und dieſes Verlangen, welches die Urſache meiner veraͤnderten Gemuͤthsſtimmung war, wuchs dermaßen, daß ich mich nicht erwehren konnte, die Reiſe nach Medhuſchan zu unternehmen. Ich ver⸗ ſah mich mit Edelgeſteinen, reiſte in einer Verkleidung 240 ab, und nahm mit großer Befriedigung den Weg nach China, auf welchem ich unglaublich ſchnell dahin rei⸗ ſete. Meine Vorkehrungen, welche ich getroffen hatte, um von niemand erkannt zu werden, gelangen voll⸗ kommen. Kurz, ich gelangte in das Reich China, wo die unſeligſte Neugierde mich mit unbegreiflicher Ge⸗ walt hin zog. Der neue Anblick dieſes Landes ent⸗ zuͤckte mich, weil es meine Neugierde befriedigen ſollte. Es waͤhrte nicht lange, ſo traf ich hier eine zahlreiche Karavane, der ich mich anſchloß; ſie fuͤhrte mich mitten in dieſes große Reich; ich verließ ſie, um den Weg nach der Stadt Medhuſchan einzuſchlagen, wo ich endlich ankam, nachdem ich mit Freuden alle Anſtrengungen einer ſo langen und muͤhſeligen Reiſe ertragen hatte. In der That waren faſt alle Bewohner dieſer Stadt ſchwarz gekleidet, wie der Derwiſch mir ver⸗ kuͤndigt hatte; uͤberall herrſchte die tiefſte Traurigkeit; nirgends fand man Bewillkommung, man wurde nicht einmal eines Blickes gewuͤrdigt; und Alle gingen in ihrer Trauerkleidung ihren Geſchaͤften nach, mit nieder⸗ geſchlagenen Augen, bedecktem Haupt, und ſo zu ſa⸗ gen in ihre Kleider verhuͤllt. Ich war alſo genoͤthigt, mehrere Tage in der Karavanſerei zu bleiben, wo ich eingekehrt war, ohne andere Beſchaͤftigung, als fort⸗ waͤhrend die Stadt zu durchwandern, und jemand auf⸗ zuſuchen, der meine Fragen beantworten wollte. Ich 573. Tag. Der Korb. hatte alle moͤglichen Mittel angewendet, um mit den⸗ jenigen, die ich in Trauer gekleidet ſah, ein Geſpraͤch anzuknuͤpfen; aber ſie hoͤrten mich nicht an, oder ant⸗ worteten mir nur durch einen Seufzer. Ich uͤber⸗ zeugte mich nun, daß jemand, der nicht in Trauer waͤre, mir eher Rede ſtehen wuͤrde. Ich machte alſo, nach Verlauf einiger Tage, Bekanntſchaft mit einem jungen Kaufmann; er war geſpraͤchig und ſehr hoͤflich gegen Fremde; er ſang wunderſchoͤn, und ſpielte ebenſo mehrere Inſtrumente; ſein Antlitz war ſchoͤner, als die Sonne. Er war mit meiner Unterhaltung ſo zu⸗ frieden, daß er, nachdem er mir viel Artigkeiten er⸗ wieſen, mich durchaus in ſein Haus fuͤhren wollte. Ich nahm ſein Erbieten an, und gleich am erſten Tage, daß ich in ſein Haus zog, gab er ein großes Mahl, bei welchem ich mit eben ſo viel Geſchmack als Pracht bewirthet wurde. Binnen kurzer Zeit ward ich ſein Freund und Vertrauter. Gleichwohl umging er ſtaͤts alle Fragen, welche meine Neugierde uͤber die Betruͤb⸗ nis und Trauerkleidung die ich uͤberall in der Stadt ſah, an ihn that; da umfaßte ich eines Tages ſeine Knie, und beſchwur ihn bei der Gaſtfreundſchaft, welche er ſo großmuͤthig gegen mich uͤbte, mich daruͤber auf⸗ zuklaͤren, und den Zweck einer ſo weiten Reiſe nicht zu vereiteln, welche ich lediglich in dieſer Abſicht un⸗ ternommen. IX. 16 573. 574. Ta g. Der junge Mann hoͤrte mich mit tiefem Kummer euanaud antwortete mir mit theilnehmender Freund⸗ aft: „Laß ab, mein Bruder, nach einem Gegenſtande zu forſchen, welcher dir nur endloſes Leid verurſachen kann; folge meinem Beiſpiel; ich habe ihn nie durch mich ſelber kennen lernen wollen; der Zuſtand, in wel⸗ chen ich diejenigen verſetzt ſah, die dieſes Abenteuer ver⸗ ſuchten, der Verluſt ihres Frohſinns und aller Heiter⸗ keit, haben mich vorſichtig gemacht, auf ihre Koſten. Sei es ebenfalls, ich bitte, ich beſchwoͤre dich darum; ſei verſichert, daß dasjenige, wonach du trachteſt, dir — gefaͤhrlich und durchaus von keinem Nutzen ſein ann. Fuͤnfhundert und vier und ſiebzigſter Tag. Dieſe Weigerung erhoͤhte nur noch meine Neugier; ich erzaͤhlte ihm meine Geſchichte, ich verbarg ihm nicht meinen Stand. Dieß Geſtaͤndnis bewog ihn, mehr Ruͤckſicht auf meine Bitten zu nehmen; er hatte Mitleid mit meiner Hartnaͤckigkeit, und ſagte zu mir mit einem ſchmerzlichen und zugleich liebreichen Laͤcheln: „O Freund meines Herzens! man kann dir dieſes Geheimnis nicht erklaͤren; um dich davon zu unterrichten, mußt du vor die Stadt hinaus gehen: Der Korb. 243 dort wird, wie man mir geſagt hat, alles deinen Au⸗ gen enthuͤllt werden.“ „So laß uns augenblicklich hingehen,“ erwiederte ich ihm mit Lebhaftigkeit. Er hatte Mitleid mit meinem Zuſtand; er ging voraus, und ich folgte ihm. So gelangten wir an einen wuͤſten Ort, ziemlich nahe bei der Stadt. Die Einſamkeit dieſer Gegend erregte ein geheimes Grauen. Als wir hier einige Zeit fortgewandert waren, kamen wir an die Truͤmmer eines Palaſts, in deren Mitte man einen Korb an einem Seile ſchweben ſah, welches von dem Gipfel einer halb verfallenen Kuppel herab hing. Der junge Kaufmann wies mich auf den Korb hin, und ſagte mit weinenden Augen zu mir: „Setze dich in den Korb, und weil du es denn durchaus willſt, ſo erleichtere dein beklommenes Herz.“ Kaum hatte ich mich in den Korb geſetzt, als ich mich mit Blitzesſchnelle empor gehoben ſah; es war, als wenn ein Greif ſich mit mir in die hoͤchſten Luͤfte auf ſchwaͤnge. In einem Augenblicke war ich ſo un⸗ geheuer hoch empor getragen, daß ich bald den Him⸗ mel beruͤhrte; ich wollte auf die Erde zuruͤck blicken: aber wie groß war mein Erſtaunen, als dieſe zuvor fuͤr mich ſo unermeßliche Welt, mir gegenwaͤrtig nur als ein Punkt erſchien. Da bereute ich meine Verwe⸗ genheit, aber es war nun zu ſpaͤt. Von wem konnte ich mitten in den Luͤften Huͤlfe erwarten? Ich uͤber⸗ 244. 574. Tag. ließ mich alſo der Verzweiflung, und ſenkte das Haupt, indem ich zu der Gluͤcksgoͤttinn ſprach:„So ſchlag denn zu, Grauſame! ich bin bereit, deinen Streich zu empfangen.“ In dieſer fuͤrchterlichen Lage ſchwebte ich, als der Korb ploͤtzlich an einem wonnevollen Ort anhielt, und ſich mitten in einem Garten niederließ, deſſen Schoͤn⸗ heit die Sonne ſelbſt uͤberſtrahlte. Ich ſtieg ſchleunig aus einem Fahrzeuge, welches mich in ſo große Un⸗ ruhe verſetzt hatte: alsbald erhub es ſich wieder in die Luͤfte, und entſchwand meinen Augen. Du kannſt dir wohl vorſtellen, daß meine Angſt bald in Vergnuͤgen verwandelt wurde, als ich mich an einem Orte befand, deſſen Boden ein Schmelz der mannigfaltigſten Blumen bedeckte, deren Miſchung die reizendſte Augenweide darbot, waͤhrend der Geruch ſich der ſeltenſten Duͤfte erfreute. Ich ſagte Gott tauſendfaͤltig Dank, daß er mich ſo gluͤcklich in dieſes entzuͤckende Paradies ver⸗ ſetzt hatte. Nachdem ich dieſen Garten durchwandert hatte, kam ich in einen andern, der ganz von Roſen erfullt war. Zahlloſe Voͤgel verkuͤndigten durch ihren Geſang das Vergnuͤgen, welches ihnen dieſer Wohnort gewaͤhrte. Mitten in dieſem zweiten Garten ſah man ein weites Becken, deſſen kryſtallhelle Gewaͤſſer ſich mit ſuͤßen Gemurmel in unzaͤhligen Rinnen verbreiteten, welche uͤberall mit Roſen und Veilchen beſetzt waren. Sanfte und kuͤhlende Luͤftchen liebkoſten mit den * Der Korb. 245 Blumen dieſes wonnevollen Gartens, und maͤchtige Pappelbaͤume erſchienen ſtolz auf den Schatten, wel⸗ chen ſie ihnen gewaͤhrten. Der Grund des Waſſer⸗ beckens war heller, als die Leuchter, welche man dem Koͤnige von Indien vortraͤgt, und ſein Rand war mit den reichſten Teppichen geſchmuͤckt; darunter waren welche mit Gold geſtickt, andere von Goldſtoff, noch andere waren geſchmackvoller als praͤchtig. In einer Ecke dieſes Gartens zeigte ſich ein goldener Thron, unter einem Zelte von Atlas, umgeben von den praͤchtigſten Sopha's; eine große Menge Gefaͤße voll Scherbet und der erleſenſten Weine, ſtand zu beiden Seiten des Thrones; die Kdſtlichkeit der Tafeln, welche unter den ſchoͤnen Baͤumen ſtanden, ſchien mit ihrer Verſchwen⸗ dung und Pracht zu wetteifern; ſie waren mit einer Unzahl feiner Gerichte beſetzt, welche mehr geeignet waren, die Ueppigkeit zu reizen, als einen Reiſenden zu ſtaͤrken. Ich zauderte nicht lange, den Hunger und gluͤhenden Durſt zu ſtillen, der mich verzehrte. Nach⸗ dem ich meine erſchoͤpften Kraͤfte wieder hergeſtellt hatte, dankte ich nochmals Gott fuͤr all ſeine Guͤte, und erſah mir den Schatten eines Pappelbaums, um der erquicklichen Ruhe zu genießen, deren ich bedurfte, und um ungeſtoͤrt uͤber alles das nachzudenken, was ich hier ſah und den Vorſtellungen, welche der Der⸗ wiſch und der Kaufmann mir beigebracht hatten, ſo entgegengeſetzt war. Ich konnte ihren Irrthum nicht 245 574. 575. Tag. begreifen; denn ſie waren mir zu ehrlich erſchienen, als daß ſie mich haͤtten taͤuſchen wollen; endlich, da man ſo gern ſich ſelber ſchmeichelt, bildete ich mir ein, daß mir ein Vorzug zu Theil wuͤrde, welchen noch kein andrer verdient haͤtte. Fuͤnfhundert und fuͤnf und ſiebzigſter Tag. Die Sonne war ſchon der dunkelſten Nacht, ge⸗ wichen, und der Vogel des Mondes hatte ſchon mit ſeinem lieblichen Geſange aufgehoͤrt, als ich erwachte: da ſah ich durch die Dunkelheit unter den Baͤumen mehrere Fackeln leuchten, deren Licht heller als die Sterne ſchien; ich hoͤrte ein verworrenes Geraͤuſch in der Luft, und erblickte eine große Menge Jungfrauen von wundervoller Schoͤnheit; ihre von tauſend Reizen erhoͤhte Sittſamkeit haͤtte auch die unempfindlichſten Herzen geruͤhrt, und der Glanz ihrer Schoͤnheit uͤber⸗ ſtrahlte ſelbſt die Engel; ihr Buſen war blendend weiß und duftete wie Schasmin; ihre Augenbrauen glichen geſpannten Boͤgen; ihr Antlitz war leuchtender, als der Mond; ihre ſchoͤnen Haare wallten nachlaͤßig um ihre Schultern, deren Weiße ſelbſt das Elfenbein beſchaͤmt, und welche die Engel ſich gewuͤnſcht und beneidet hat⸗ ten. Jede dieſer Jungfrauen trug eine Kerze, weißer als Schnee; und dieſes Licht diente dazu, ſo viel Wun⸗ Der Korb. 247 der der Anmuth und Schoͤnheit zu unterſcheiden. In der Mitte dieſes himmliſchen Hofſtaates erblickte ich eine praͤchtig gekleidete Prinzeſſinn, deren Schoͤnheit ihren Schmuck noch weit uͤberſtrahlte; ſie verbreitete weit umher den hellſten Glanz. Die himmliſchen Gei⸗ ſter ſelber wurden durch ihren Anblick beſchaͤmt; ihre Augen glichen den Augen eines jungen Hirſches; ihre Haare waren ſo ſchwarz, wie die Haare einer Indierinn, und ihre Haut ſo weiß, wie die Haut einer Griechinn. Mit eben ſo viel Anmuth als Hoheit, ſchritt ſie daher, und beſtieg ihren goldenen Thron. Alsbald legte ſie ihren Schleier ab, welcher bisher ihre Schultern um⸗ wallte; und alle Jungfrauen, welche ſie bedienten, ſtanden gleich den Sternen um dieſen ſtrahlenden Mond; ſie erwarteten nur die Befehle, welche dieſe Roſe der Schoͤnheit ihnen ertheilen wuͤrde. Auf den erſten Wink errichteten ſie Tafeln, welche ſie mit Eingemachtem be⸗ ſetzten; goldene und ſilberne Schuͤſſeln erſchienen au⸗ genblicklich von allen Seiten, und ihren Glanz uͤber⸗ boten noch die Kryſtrallgefaͤße voll koͤſtlicher Getraͤnke, welche wie die Diamanten des Moguls ſtrahlten. Ei⸗ nige der ſchoͤnen Jungfrauen beeiferten ſich, die Prin⸗ zeſſinn zu bedienen; andere wetteiferten um die Ehre, ihre Ohren durch die zaͤrtlichſte und wohllautendſte Muſik zu vergnuͤgen. Sie hatten mancherlei Inſtru⸗ mente, welche ſie ſo vollkommen ſpielten, daß die En⸗ gel ſelber vor Eiferſucht ihre himmliſchen Harfen zer⸗ 248 575. Tag. brachen. Indeſſen ſprach dieſe Koͤniginn der Schoͤnheit, dieſe ſuͤße Roſe, kein einziges Wort; die koͤſtlichen Weine, und die Toͤne der Inſtrumente waren eine zeitlang ihr einziges Vergnuͤgen. Endlich erhub ſie ihre ſchoͤnen Augen, wandte ſich zu einer der Jungfrauen ihres Gefolges, und ſagte zu ihr mit einem himmliſchen Ton der Stimme: „Geh ſchleunig und durchſuche den Garten; fin⸗ deſt du einen Fremdling darin, ſo fuͤhre ihn mir vor.“ Die ſchoͤne Jungfrau verneigte ſich tief vor der Prinzeſſinn, verließ ihre Stelle, und durchflog den Garten, wie ein leichter Lufthauch, welcher die gluͤhen⸗ den Fruͤchte erfriſcht. Sie machte mehrere vergebliche Guaͤnge; aber endlich fand ſie mich am Fuße des Pap⸗ pelbaums, welchen ich nicht verlaßen hatte. Sie naͤherte ſich mir, begruͤßte mich, und ſagte zu mir: „Steh auf Fremdling, die Prinzeſſinn will dich ſehen.“ Ich gehorchte auf der Stelle, folgte ihr, und gelangte bald vor den Thron der Prinzeſſinn. Ich verſicherte ſie, daß ich mich gluͤcklich ſchaͤtzte, der ge⸗ ringſte ihrer Sklaven zu ſein, und blieb dann mit uͤber die Bruſt gekreuzten Armen vor dieſer himmliſchen Schoͤnheit ſtehen. Ich wagte es, ſie zu betrachten, und das Entzuͤcken, welches ihre Reize mir erregten, verſetzte mich außer mir. Die Prinzeſſinn unterließ nicht, mich bald mit unendlicher Lieblichkeit anzureden, Der Korb. 249 und mir alle Beweiſe der Hoͤflichkeit und Freundlichkeit Zu geben, indem ſie zu mir ſagte: „Nimm Platz auf dem Sopha; beruhige dich; wir verachten nicht die Fremdlinge, welche ſo hoͤflich ſind, und die ſo viel Verſtand zu haben ſcheinen, wie du licken laͤßt.“ Ihre Rede klang mir ſo aufrichtig, daß ich ge⸗ horchte. Hierauf ließ ſie mir eine Schaale eines ſo koͤſtlichen Getraͤnkes reichen, daß ich mich davon wie neugebohren fuͤhlte, ſo bald ich es genoſſen hatte. So vergaß ich leicht alle traurigen Vorſtellungen, welche man mir gemacht hatte, um mich abzuhalten, einen ſo wonnevollen Ort zu beſuchen. Die Prinzeſſinn ließ die Muſik von neuen anfangen; die ſpielenden Jung⸗ frauen ſtellten ſich um ſie her, und ihre Floͤten und Handpaucken noͤthigten mich alle Augenblicke, ſie durch meinen lauten Beifall zu unterbrechen; ihre Cithern floͤßten Zaͤrtlichkeit ein, und ihre Harfen ſchienen zur gegenſeitigen Hingebung einzuladen. Waͤhrend dieſer Zeit ließen zwei junge Sklavinnen goldene Schaalen voll koͤſtlichen Weins umher gehen. Bald darnach er⸗ huben ſich die Schoͤnen und tanzten mit eben ſo viel Anmuth und Kunſtfertigkeit, als ſie bei ihrem Ton⸗ ſpiele bewieſen hatten. Bald unterbrachen ſie ihre Be⸗ wegungen dadurch, daß ſie einander zutranken, bald durch tauſend zaͤrtliche und wolluͤſtige Kuͤſſe. Der Wein gab ihnen eine liebliche Roͤthe, welche ſie noch 250 575. 676. Tag. verſchoͤnte und die Weiße ihres Buſens erhoͤhte. Den Kopf dieſer ſchoͤnen Jungfrauen ſchmuͤckten ſanft auf die Schlaͤfe herabſinkende Muͤtzen, und unaufhoͤrlich gaben oder empfingen ſie tauſend liebevolle Kuͤſſe. Die Freude und die Luſt ſchienen in ihren Herzen eine ewige Wohnung aufgeſchlagen zu haben; ſie erfuͤllten die Luft mit allen Toͤnen, welche Freude und Wonne ausdruͤcken koͤnnen; und bei all ihrem Vergnuͤgen un⸗ ter einander bezeugten mir ihre Blicke unaufhoͤrlich auch ihr Wohlgefallen, mich zu ſehen. Fuͤnfhundert und ſechs und ſiebzigſter Tag. Unterdeſſen betrachtete die Koͤniginn mich auch mit Freundlichkeit, und that mir mehrere Fragen, welche ich auf eine Weiſe beantwortete, die ſie zu befriedigen ſchien. Sie wollte meinen Namen und mein Vater⸗ land wiſſen; ich verbarg ihr nichts. Sie fragte weiter, was mich bewogen haͤtte, dieſes Abenteuer zu verſu⸗ chen. Ich geſtand ihr, wie ſehr jener Derwiſch meine Neugierde aufgeregt haͤtte, und daß ſeitdem die Welt mir zuwider geworden waͤre, ſo, daß ich der Luſt nicht haͤtte widerſtehen koͤnnen, mich ſelber von einer Sache zu uͤberzeugen, welche auf alle diejenigen ſo tiefen Ein⸗ druck gemacht, die dieſelbe erlebt hatten.„Aber was mich verwundert,“ fuͤgte ich hinzu,„iſt das Stillſchwei⸗ Der Korb. 231 gen aller uͤber eine ſo wundervolle und uͤberraſchende Erſcheinung, als du, ſchoͤne Prinzeſſinn!“ „Ich bin nicht daruͤber verwundert,“ antwortete ſie mir,„faſt alle, die hieher kommen, ſind durch die Freuden der Tafel, oder der Muſik, oder des Tanzes, oder zuletzt durch die Schoͤnheit meiner Sklavinnen hingeriſſen. Ueberdieß, waͤhnſt du, daß ich ſie einer Unterhaltung mit mir wuͤrdige?“ Ich dankte ihr fuͤr einen ſo ſchmeichelhaften Vor⸗ zug; ich verſicherte ſie, ich wollte mein ganzes Leben ihrem Dienſt, ihrer Anbetung widmen; und ich be⸗ merkte, daß dieſe Betheurungen ſie in Nachdenken verſenkten. „Nimm Theil an den Vergnuͤgungen, deren man hier genießt,“ ſagte ſie hierauf zu mir,„und gedenke mein, wenn wir dereinſt wieder getrennt ſind.“— „Wie, du Koͤniginn der Schoͤnheit! wie koͤnnte ich je dein vergeſſen, waͤhrend ſo viele deiner unwuͤr⸗ dige Leute ihre Entfernung von dir beſeufzen?“— „Nicht nach mir ſeufzen ſie,“ erwiederte ſie;„ich wiederhole es dir noch einmal, und ich verdenke es ih⸗ nen nicht, es ſind die Freuden hier, welche ſie nicht verſchmerzen koͤnnen.“ „Wie kann man dieſelben von dir trennen?“ ver⸗ ſetzte ich mit Lebhaftigkeit:„Biſt du hier nicht alle Freude zuſammen?“ 252 576. Tag. „Du ſagſt mir zu viel, um mich davon zu uͤber⸗ zeugen,“ erwiederte die Prinzeſſinn:„morgen werden wir uns wiederſehen; dieſer angenehme Garten iſt zu meinen Luſtwanderungen und Abendmahlzeiten beſtimmt; alle die Jungfrauen, welche du hier ſiehſt, ſind in meinen Dienſten, und du kannſt frei uͤber diejenigen ſchalten, die dir am beßten gefallen.“ Ich wollte ein Erbieten ablehnen, welches meinem Herzen misfiel und den Empfindungen ſo widerſtrebte, welche ſie mir eingefloͤßt hatte; ich bezeugte ihr durch die zaͤrtlichſten Blicke, wie ſehr ſie mich entzuͤndet hatte. „Begnuͤge dich,“ ſagte ſie zu mir,„mit dem, was ich fuͤr dich gethan habe; werde nicht ungeduldig, und ſei verſichert, wenn du dich jemals von zuͤgelloſen Begierden hinreißen laͤßt, ſo wirſt du das traurige Opfer derſelben.“ Ich verſprach ihr alles, was ſie verlangte, aus Furcht, dasjenige zu verlieren, was ſie mir gewaͤhrte. „Ich wiederhole dir nochmals,“ ſagte ſie zu mir, „daß ich dir alle Jungfrauen in meinen Dienſten uͤber⸗ laße; waͤhle dreiſt; maͤßige mit ihnen dieſes Feuer, welches dich entzuͤndet; es iſt dir ſogar geboten, dich derſelben zu bedienen: es iſt ein nothwendiges Geſetz fuͤr dich, weil du dich an dieſem Orte befindeſt.“ Jetzt erfuͤllte ſich meine Einbildungskraft mit allen den Freuden, welche ich bald zu genießen hoffte; mein Herz ſchwamm in einem Meere von Luſt und Wonne. Der Korb. 265 Die Prinzeſſinn entfernte ſich, und alle Jungfrauen ihres Gefolges, gleich dem Siebengeſtirn, folgten ihr; aber diejenige, deren Wahl mir geboten war, blieb zuruͤck. Ich reichte ihr die Hand, wir legten uns auf ein Sopha, und verlebten hier die Nacht in der Freu⸗ den Fuͤlle, indem wir mit langen Zuͤgen das Waſſer des Lebens und der Luſt einſchluͤrften. Aber alle dieſe Genuͤſſe berauſchten nicht meine Seele: das Bild der Prinzeſſinn erfuͤllte mich gaͤnzlich. Als die Sonne am Geſichtskreis erſchien und die Gipfel der Berge zu vergolden begann, verließ mich die Schoͤne, welche meine Seele mit dem ſuͤßen Dufte der Wolluft durchſtroͤmt hatte, und ſagte zu mir: 3„Wir ſehen uns dieſen Abend wieder, wenn du mich waͤhleſt.“ Ich hatte nicht Zeit, ihr zu antworten; leichtfuͤßig entſchwebte ſie. Der Gedanke an das Wiederſehen der Prinzeſſinn verließ mich den ganzen Tag nicht; ich brachte ihn einſam am Ufer eines der Baͤche hin, ohne andere Troͤſtung, als koͤſtlichen Wein und gemaͤchliches Um⸗ herwandeln. Ich uͤberließ mich allen den Hoffnungen, welche die Bilder der vorigen Nacht mir heut Abend verhießen; und dieſe Gebilde ſtellten ſich meiner Seele in ſolcher Mannigfaltigkeit und voruͤberrauſchender Schnel⸗ ligkeit dar, wie die Gewaͤſſer des Baches, deren Ge⸗ murmel mich unterhielt, ohne mich zu beſchaͤftigen. 254 576. 577. Tag. Bald waͤhnte mein Herz den Gipfel des Gluͤcks zu erreichen; bald fuͤhlte es ſich wieder weit davon ent⸗ fernt, und ſah ſtaͤts voll Furcht unuͤberſteigliche Hin⸗ derniſſe voraus. „Großer Gott!“ ſprach ich bei mir ſelber,„ich bin in den Hafen der Gluͤckſeligkeit eingelaufen; ohne Muͤhe habe ich den großen Schatz gefunden. Aber ach! ich habe ihn nicht recht benutzt; ich habe vielleicht dieſe uͤberſtrdmende Quelle des Weines nur wie gemei⸗ nes und geſchmackloſes Waſſer gekoſtet!“ Fuͤnfhundert und ſieben und ſtebzigſte Tag. Tauſend Gedanken beſtuͤrmten unaufhoͤrlich mei⸗ nen Geiſt. Endlich, nachdem ich jeden Augenblick gezaͤhlt, und mir ſelber eine Geduld empfohlen hatte, welche ſich nicht einfand, kam die Nacht heran, und ich ſah wieder die Fackeln erſcheinen, deren ſtrahlendes Licht die ganze Welt erhellen ſollte. Ich war, wie außer mir, als ich die Koͤniginn der Schoͤnheit er⸗ blickte, umgeben von ihrem reizenden Hofe, und ich eilte hin und warf mich zu ihren Fuͤßen. Dieſe himmliſche Schoͤnheit bewies mir heute noch mehr Huld und Zaͤrtlichkeit, als geſtern; ſie ver⸗ langte durchaus, daß ich mich auf ihren Thron an ihre Seite ſetzen ſollte, und ich war genoͤthigt, ihr zu ge⸗ Der Korb. 255 horchen. Es wurden wieder Tiſche errichtet, man reichte Trinkſchalen umher, und die Koͤniginn der Schoͤ⸗ nen trank ſelber auf meine Geſundheit. Dieſe neue Gunſt warf mich ſogleich zu ihren Fuͤßen; die Liebe, welche mich entflammte, konnte ſich nicht mehr zuruͤck⸗ halten, und ich beſchwur ſie, mir ihre Hand zu reichen, um durch dieſes Labſal die Glut zu loͤſchen, welche mein Herz verzehrte. Da warf die liebenswuͤrdige Prinzeſ⸗ ſinn mir einen feurigen Blick zu, welchen ein holdſeli⸗ ges Laͤcheln begleitete, und bezeugte durch ein beredtes Stillſchweigen, daß ſie mich nicht mit Gleichguͤltigkeit anſaͤhe. gleich bot ſie mir ihre Wange zum Kuſſe dar. Ich ſah ſie mit Lilien und Roſen beſaͤet, und nicht mehr Herr meines Entzuͤckens, umſchlang ich ſie, und kuͤßte nicht bloß ihre Wange, ſondern auch ihre Lippen, roͤther als Korallen. Ein ſo hohes Guͤck ließ mir nicht mehr den Gebrauch meiner Vernunft; ich ſprach ohne Scheu und ohne Rüuckhalt alles aus, was eine graͤnzenloſe Liebe und Begierde mir eingeben konnte: „Koͤniginn der Liebenden,“ ſagte ich zu ihr,„wie huldvoll biſt du gegen einen Fremdling, der deiner Guͤte nicht wuͤrdiger iſt, als ich! Aber was ſage ich? Ich nenne dich huldvoll, und du biſt die Huld ſelber! ja vielleicht druͤcke ich mich noch zu ſchwach aus. Wer biſt du denn, Schoͤnſte der Schoͤnen? Biſt du ein Engel, oder ein himmliſcher Geiſt? Biſt du eine 256 577. Tag. Sonne, oder das glaͤnzende Geſtirn des Sternenhim⸗ mels? Befriedige, ich beſchwoͤre dich darum, eine ſo wohl begruͤndete Neugierde.“ Die Prinzeſſinn erhub hierauf ihr Haupt mit aller nur erdenklichen Anmuth und Holdſeligkeit, und ſagte zu mir: „Misbrauche nicht, ich beſchwoͤre dich darum, meine Guͤte.“ „Nein, ſchoͤne Koͤniginn; heißt das ſie misbrau⸗ chen, wenn man ſie empfindet, und ſie verdienen will? Da reichte ſie mir ihre rechte Hand, blickte mich mit einem Antlitz voll Freundlichkeit und Kebrei an, ſchlang den linken Arm um meinen Hals, und ſagte zu mir: „Du gefaͤllſt mir, aber maͤßige dich ſtaͤts gegen mich.“ Fetzo brachte man uns koͤſtliche Weine und die ausgeſuchteſten Gerichte; die Kryſtallglaͤſer glichen den Narciſſen, man ließ ſie rings umher gehen, und ſie belebten die Freude in allen Herzen dieſer Sonnen der Schoͤnheit. Sie legten praͤchtige Kaftane an und fuͤhr⸗ ten Choͤre von Taͤnzen und Geſaͤngen auf, und die anderen ſpielten auf ihren Inſtrumenten eben ſo rei⸗ zende als manigfaltige Weiſen. Alle dieſe ſchoͤnen Jungfrauen tranken dabei in vollen Zuͤgen, wurden dald erhitzt, und verloren zuletzt Kraft und Beſinnung. Sie begaben ſich beiſeite, um ſich zu erholen. Der Korb. 257 Fuͤnfhundert und acht und ſiebzigſter Tag. So blieb die Koͤniginn der Schoͤnen allein bei mir, und beſeligte mich mit tauſend Kuͤſſen. „Jetzt iſt eine ſchoͤne Gelegenheit,“ ſprach ich bei mir ſelber;„geſtern vermochte ich, mich zuruͤck zu hal⸗ ten, ich habe gehorcht: nun ſoll meine Geduld belohnt werden.“ Dieſe Hoffnung, welche meinem Herzen ſchmei⸗ chelte, trieb mich, mein Andringen zu erneuen. Ich warf mich abermals zu ihren Fuͤßen, ich umarmte ſie zaͤrtlich; ich begleitete dieſe ſtummen Liebesbetheurun⸗ gen mit tauſend heißen Seufzern: bald kannte ich mich ſelber nicht mehr; endlich brach ich dieſes quaalvolle Stillſchweigen, und rief in einer raſenden Verzuͤckung der Liebe aus: 1 „Ach! duͤrfte ich nur einmal, ſchoͤne Koͤniginn, Herz an Herz, Seele an Seele legen! Duͤrfte ich endlich unbeſchraͤnkt deiner genießen! duͤrfte ich—“ Ich wuͤrde noch viel mehr geſagt haben, aber ſie unterbrach mich, und ſagte zu mir: „So alſo erfuͤllſt du Undankbarer deine Verhei⸗ ßungen? ſo erwiederſt du die Auszeichnung, welche ich dir gewaͤhre? Welches Vertrauen kann ich zu dir faſ⸗ ſen? Wie kann ich deiner Zuruͤckhaltung und deines Gehorſams verſichert ſein? Ich habe dich zu meinem IX. 1) 578. Tag. Geliebten erwaͤhlt, ich habe dich mit Freundlichkeiten und Gefälligkeiten uͤberhaͤuft: gleichwohl biſt du ſo grauſam, meine Ehre anzutaſten. Sind meine Kuͤſſe und meine Liebkoſungen dir zu wenig?“ Ich antwortete ihr ſogleich:„Schoͤnheit ſonder⸗ gleichen, Gottheit der Welt! betrachte den traurigen Zuſtand, worin die Glut mich verſetzt, welche mich verzehrt: ich ſchmachte nur nach dem gluͤckſeligen Au⸗ genblicke, wo ich dieſen Wonnebecher trinke, deſſen Ur⸗ quelle du biſt. Das Schwert des Schmerzes, oder vielmehr der vergiftete Pfeil der Liebe hat mein Herz unheilbar verwundet. Du biſt das Waſſer Suͤlal;*) welcher Kranke wuͤrde nicht auf der Stelle geſund, wenn er davon traͤnke? Ja, wer von brennendem Durſte gequaͤlt, wuͤrde mit einem Tropfen Wein in der Hand kieber verſchmachten, als mit Wonne ihn einſchluͤrfen?“ Die Prinzeſſinn ließ mir nicht Zeit, fortzufahren, ſondern ſprach im erzuͤrnten Tone zu mir:— „Du biſt ein Unverſchaͤmter! du biſt ein Unſinni⸗ ger, der den Werth meiner Huld nicht erkennt! Du verſchmaͤheſt die Troͤſtung, welche ich dir gewaͤhre, deine Ungeduld zu maͤßigen, in der Hoffnung, dich ſo lange als moͤglich hier zu behalten. Ich uͤberlaße dir meine Jungfrauen, um dieſes verzehrende Feuer zu „ Sütat heißt das ſüße, kryſtallhelle und köſtliche Waſſer, welches man im Paradieſe trinkt. Der Korb. 259 ſtillen, von welchem dein Herz entbrannt und deine Seele gequaͤlt iſt: ſie ſind alle weißer als der Schnee; ihr Mund iſt roth, ihre Lippen gleichen den Korallen; der Glanz ihrer Zaͤhne, die wie eine ſchoͤne Perlen⸗ ſchnur ſtehen, wird noch durch den Glanz ihrer Augen erhoͤhet, welche die Sterne uͤberſtrahlen: gleichwohl bleibſt du unempfindlich fuͤr ihre Schoͤnheiten, und nimmſt auf nichts Ruͤckſicht, was ich von dir fordere!“ „Hinreißende Schoͤnheit, unumſchraͤnkte Herrinn der Herzen,“ antwortete ich ihr zaͤrtlich,„ſei uͤberzeugt, daß man fuͤr die Huld, womit du mich uͤberhaͤufeſt, nicht erkenntlicher ſein kann, als ich bin; aber ich kann mich nicht erwehren, dich zu lieben, dich anzubeten. Du geruheſt, mich an die ſchoͤnen Jungfrauen zu er⸗ innern, welche du mir dargeboten haſt: aber koͤnnen die Sterne ſich der Sonne vergleichen? Koͤnnen die Heiligen irgend mit den himmliſchen und ewigen Gei⸗ ſtern verglichen werden? Nein, reizende Zauberinn der Herzen! nein, ich bekenne es, ich habe einen deiner Augaͤpfel lieber, als alle dieſe Schoͤnheiten zuſammen. Wer den Garten deiner Schoͤnheit geſchauet hat, hegt nicht mehr den Wunſch, das Waſſer des ſuͤßen Koͤſer zu trinken.*) Elend und truͤbſelig, wie ich war, nahm ich meine Zuflucht zu meiner Fuͤrſtinn, zu meiner Koͤ⸗ — *) So heißt einer der Flüſſe in Mahomets Paradieſe, deſſen Waſſer dechtiendgee ienſe lhe 13 7d 260 578. Tag. niginn; obſchon ein Fremdling, habe ich das Gluͤck, das Herz meiner reizenden Herrin zu beſitzen. Schoͤn⸗ heit ſondergleichen, holdſelige Geliebte, alles, was ich beſitze, habe ich von deiner Huld; du biſt die Gebieterinn meines Herzens; ich bin ein ungluͤcklicher Fremdling; entſcheide mein Schickſal; alles was du gebieteſt... Aber ach! iſt es mir denn unmdͤglich, die hoͤchſte Gunſt von dir zu erlangen?“ Hierauf nahm die Prinzeſſinn das Wort, und ſagte ſeufzend zu mir: „Welch unſeliges Verlangen! du biſt der ungluͤck⸗ lichſte aller Menſchen! Zu welcher Verirrung laͤßt dein Herz ſich fortreißen? du liebſt mich, ſagſt du: warum denn widerſtrebſt du meinen Abſichten? Warum willſt du ſo auf einem unfruchtbaren und undankbaren Boden ſaͤen? Alles an mir iſt dir hingegeben: nur eins behalte ich mir vor, was du vernuͤnftigerweiſe nicht fordern kannſt, und was ich ohne Schmach nicht gewaͤhren kann. Fliehe lieber; meide mich, oder du biſt der unſinnigſte aller Menſchen. Laß ab, das von mir zu fordern, was ich dir nicht bewilligen kann: fuͤrchte dieſen Genuß eines Augenblicks; dein ganzes uͤbriges Leben wuͤrde nur eine Verkettung von Unglüͤck und Leiden ſein.“ Mit dieſen Worten ſchlang ſie zaͤrtlich ihre ſchoͤnen Arme um meinen Hals, und beſchwur mich, zu ver⸗ geſſen, was das Ungluͤck meines Lebens machen würde. Der Korb. 261 Ich wollte ihr nochmals mein gluͤhendes Verlangen ſchildern, und in ſie dringen: ſie aber antwortete mir ſtaͤts auf eine ſo entſchiedene Weiſe, daß ich nicht im Stande war, ihr zu widerſprechen; ſie gab mir Hoff⸗ nungen fuͤr die Zukunft, und verſchoͤnte ſie durch die Verheißung der Erfuͤllung meiner Wuͤnſche. Endlich, nachdem ſie mich ſo zu dem verliebteſten aller Men⸗ ſchen gemacht hatte, nahm ſie die Hand einer ihrer Jungfrauen, welche ſie herbei rief, legte ſie in die meinige, und entfernte ſich, um der Suͤßigkeit des Schlafes zu genießen, indem ſie mir noch empfahl, mich mit dieſem reizenden Weſen uͤber ihre Abweſenheit zu troͤſten. Ich brachte die uͤbrige Nacht mit dieſer ſchoͤnen Sklavinn zu, und ergab mich, aus bloßem Gehorſam, den geſchmackloſen Freuden, wie ſie nur ein von einem andern Gegenſtand erfuͤlltes Herz genießen kann. Ich ſuchte ſogar meine Liebkoſungen zu verdoppeln, um am naͤchſten Tage leichter meiner Prinzeſſinn gehorchen zu koͤnnen. Fuͤnfhundert und neun und ſiebzigſter Tag. Mit Sonnenaufgange ſchied dieſe ſchoͤne Jungfrau von mir, welche um ihrer ſelbſt willen geliebt zu wer⸗ den verdient haͤtte, und entſchwand, wie die geſtrige; 262 579. Ta g. mit der Leichtigkeit eines voruͤberrauſchenden Windhauchs flog ſie dahin, wieder zu ihren Gefaͤhrtinnen. Ich be⸗ fand mich alſo wieder allein in dem Garten, deſſen Einſamkeit mir immer unertraͤglicher ward. Mannig⸗ faltige Gedanken beſchaͤftigten mich; aber alle bezogen ſich auf die Prinzeſſinn.„Ich habe ſie durch mein Bitten und Beſtuͤrmen zu ſehr gequäͤlt,“ ſprach ich bei mir ſelber;„dieſe ſchoͤne Cypreſſe wird nicht mehr in dem Garten erſcheinen wollen.“ Bald folgten wieder andere Vorſtellungen; ich ſchmeichelte mir, daß ſie mich nur deshalb in einen ſo truͤbſeligen Zuſtand ver⸗ ſetzte, um die Innigkeit und Aufrichtigkeit meiner Liebe zu pruͤfen.„Großer Gott! kann ſie nur daran zwei⸗ feln?“ rief ich jetzt aus.„Aber was ſage ich?“ hub ich dann wieder an,„ich ſchmeichle mir mit eitelen Taͤuſchungen: ſie hat mich nicht zaͤrtlich genug befun⸗ den; ich habe ihr vielleicht zu empfaͤnglich fuͤr die koͤſt⸗ lichen Weine geſchienen, welche ſie mir darbieten ließ; ich haͤtte die Sklavinnen abweiſen ſollen, welche ſie mir gegeben hat; ſie muß mich fuͤr einen von der Sinnen⸗ luſt hingeriſſenen Mann anſehen. Ohne Zweifel wird ſie mir alles verſagen, was ich von ihr bitten mag; ſie wird noch mehr thun, ſie wird mich meiden, und ich werde ſie nimmer wieder ſehen. Ich habe mich geirrt; was Gold war, habe ich in Silber verwandelt. Ich habe mich durch die falſchen Liebkoſungen dieſer Grau⸗ ſamen taͤuſchen laßen. Ich waͤhnte, ihr zu gefallen; Der Korb. 263 warum habe ich nicht an ihre Unbeſtaͤndigkeit gedacht? Aber, ach! das Gift ihres Anblicks wird mich toͤdten.“ Alsdann zerſchlug ich mir den Kopf, und verfluchte den Tag, wo ich mich einer ſo unſeligen Liebe hinge⸗ geben hatte, und machte mir die bitterſten Vorwuͤrfe. Auf ſolche Weiſe brachte ich dieſen zweiten Tag hin. Und als der Himmel von ſeinen funkelnden Ge⸗ ſtirnen erleuchtet wurde, erblickte ich die ſchoͤnen Be⸗ gleiterinnen der Prinzeſſinn, welche wie gewoͤhnlich mit ihren Fackeln in den Garten traten. Die Koͤniginn der Schoͤnheit erſchien in ihrer Mitte, wie eine erha⸗ bene Cypreſſe, welche ihr ſtolzes Haupt bis zu den Wolken empor ſtreckend, alles um ſie her beherrſcht. Da begann mich das Feuer der Liebe ſtaͤrker als je zu durchgluͤhen, ich warf mich ihr zu Fuͤßen, mit einem Ungeſtuͤm, wie ein reißender Strom, der von einem hohen Felſen herab ſtuͤrzt. Siee ſchien von meiner Heftigkeit geruͤhrt; mit freundlicher und theilnehmender Miene hub ſie mich auf, reichte mir die Hand, und ließ mich abermals auf ihrem Thron an ihrer Seite ſitzen; dann befahl ſie, wie gewoͤhnlich, das Feſtmahl zu beginnen. Als⸗ bald wurden die Tiſche aufgeſtellt und beſetzt; die Taͤnze, die Geſaͤnge und die Inſtrumente ließen ſich wieder hoͤren; der Wein begann ſchon alle Jungfrauen zu durchgluͤhen, und dem Spiegel ihrer Herzen ſeinen Glanz wieder zu geben, welchen Unmuth getruͤbt ha⸗ 26 ⁵ 579. Tag. ben mochte, als die Koͤniginn der Schoͤnheit ihnen be⸗ fahl, zur Ruhe zu gehen.— Als ich mich ſo wieder allein mit ihr ſah, zau⸗ derte ich nicht lange, meine Liebkoſungen, mein drin⸗ gendes Bitten zu wiederholen, wobei ich Thraͤnen ver⸗ goß, wie ſie allein die Liebe hervor zu rufen vermochte. Ich erinnere mich ſelbſt, daß ich mit aller moͤglichen Zaͤrtlichkeit und Hingebung zu ihr ſagte: „ du ſtrahlende Sonne, o du Meer der Schoͤn⸗ heit! welchen Schaden kann eine Ameiſe in einer Fuͤlle des Zuckers anrichten? Welchen Schaden kann eine Biene in einem vollen Blumenbeete thun? Ich war todt, ohne dich: du haſt mich durch das Waſſer des Lebens erweckt. Koͤnnteſt du mir nun den Dolch der Verzweiflung ins Herz bohren? Du haſt mich durch die Huld, womit du mich aufgenommen, bis in den Himmel erhoben, und gegenwaͤrtig ſtelleſt du dem lei⸗ denſchaftlichſten Liebesdrange, dem gluͤhendſten Verlan⸗ gen eine Sproͤdigkeit entgegen, welche mich bis in den Mittelpunkt der Erde hinab ſchleudert. Ich beſchwoͤre dich bei der Gaſtlichkeit, welche du ſo edelmuͤthig mir bewieſen haſt, mich auf den Gipfel meines Gluͤcks zu erheben!“. „Warum,“ erwiederte ſie mir,„reißt doch deine Ungeduld dich ins Verderben hin? Koͤnnte denn wohl jemand, der mit dir ſo umgeht, wie ich, der dir noch nichts verweigert hat, koͤnnte er wohl eine ſolche Der Korb. Ungerechtigkeit gegen dich begehen, ja koͤnnte er dir nur das geringſte Leid zufuͤgen, wenn er nicht dazu genoͤthigt waͤre? Du wirſt eines Tages erlangen, was du heute mit Unrecht von mir begehreſt; ich gebe dir mein Wort darauf; gegenwaͤrtig aber kann ich deine Liebe noch nicht befriedigen.“ 1 „O Schoͤnheit ſondergleichen,“ rief ich ſeufzend aus,„die Zeit iſt wetterwendiſch; die Tage und die Naͤchte ſind nicht beſtaͤndig dieſelben, und das Gluͤck iſt ſchwankend. Wenn man ſo viel Verſtand beſitzt, als du, ſo muß man erkennen, daß die groͤßte Thor⸗ heit iſt, eine guͤnſtige Gelegenheit entſchluͤpfen zu laßen. Koͤnnteſt du das mir gegebene Wort widerrufen? Nein, du biſt nicht im Stande, mich zu betruͤgen. Warum es nun aufſchieben? Warum, reizende Koͤniginn, es nicht dieſe Nacht noch erfuͤllen? Warum willſt du noch laͤnger dich weigern und mir noch einen Aufſchub gebieten, deſſen Grund ich nicht begreifen kann? Die Zeit gleicht einem Sturmwinde, welcher in einem Au⸗ genblick die Aernte meiner Liebe zerſtoͤren kann. Was wuͤrde aus mir werden, wenn mein Gluͤck, wenn meine Hoffnungen vernichtet wuͤrden? Ich kann den Anblick deiner Sklavinnen nicht ertragen; du allein haſt mein Herz gefangen; habe Mitleid mit dem Zuſtand, in welchen du mich verſetzt haſt: gewaͤhre mir die Freu⸗ den, nach welchen ich ſo inbruͤnſtig ſchmachte. Ich kann mich nicht laͤnger zuruͤck halten, meine Geduld 265 266 579. Tag. iſt erſchoͤpft, ſchon zu lange habe ich eine ſo ſchoͤne Gelegenheit entſchluͤpfen laßen, ich will heute nicht wieder ſo thoͤricht ſein, ſondern meine Leidenſchaft be⸗ friedigen, was auch daraus entſtehen mag.“ Ihre Bitten und ihr Widerſtand waren vergeblich: ich wollte dieſen koͤſtlichen Schatz beſitzen, und ſollte es mich auch das Leben koſten. Die Schoͤne ſah nun wohl, in welchen Zuſtand die Leidenſchaft mich verſetzt hatte, und daß es ihr nicht leicht ſein wuͤrde, mir zu entſchluͤpfen, und gewaͤhrte mir bald aus Furcht, bald verſagte ſie mir wieder aus Schaam. Aber nichts konnte mich von meinem Vorhaben abwendig machen; ich wollte durchaus die Glut loͤſchen, welche mich ver⸗ zehrte. Eine ſolche Hartnaͤckigkeit reizte die Prinzeſſinn, eine gluͤhende Roͤthe, theils von Zorn, theils von Schaam, ſtieg ihr ins Antlitz, und ſie ſagte zu mir: „Wohlan, du ſollſt befriedigt werden; nur thue mir keine Gewalt an; ich widerſetze mich deinem Be⸗ gehren nicht laͤnger. Aber ich bitte dich um eine Gunſt, naͤmlich, daß du die Augen ſchließeſt, waͤhrend ich dir die Thuͤre zu der Schatzkammer der Liebe erͤffne, dich ihrer Reichthͤmer zu bemaͤchtigen. Kein andrer hat je daruͤber geſchaltet, noch ſoll daruͤber ſchalten, als du.“ Dieſe ſchmeichelhaften und ſuͤßen Worte bewogen mich, mein Haupt mit dem Zipfel meines Rocks zu bedecken, ich ſchloß die Augen, wie ich es verſprochen Der Korb. hatte, und voll Erwartung des Gluͤcks, welches ich genießen ſollte, waͤhnte ich mich den gluͤcklichſten aller Menſchen. Da ſagte die Prinzeſſinn in betruͤbtem Tone:„Oeffne die Augen!“— 267 Fuͤnfhundert und achtzigſter. Ich gehorchte ihr mit Entzuͤcken,— und ſiehe, ich befinde mich wieder in dem unſeligen Korbe, wel⸗ cher mich her gebracht hatte. Verzweiflung und Wuth bemaͤchtigten ſich meiner, mir ſchwanden die Sinne, und ich ſank in Ohnmacht; dann kam ich wieder zu mir. Unterdeſſen erhub ſich der Korb in die Luͤfte, und brachte mich wieder in die Truͤmmer des Palaſts, wo ich ihn gefunden hatte. Ich wollte ſogleich dieſen truͤbſeligen Ort verlaſſen, indem ich alle nur erſinnli⸗ chen Verwuͤnſchungen gegen den Himmel und gegen mein Schickſal ausſtieß: ich war aber ſehr erſtaunt, hier den jungen Kaufmann wieder zu finden, der taͤg⸗ lich hergekommen war und mich erwartet hatte, weil er mein Ungluͤck wol ahndete. Sein Anblick regte mein Innerſtes auf, und meine Augen glichen dem von Sturmwinden bewegten Meere. Dieſer wahrhafte Freund ſagte zu mir, indem er ſich an die Bruſt ſchlug 99 ungluͤcklicher Fuͤrſt, den jetzt eine ſchwarze Schwermuth verzehrt! geſtehe, und wenn ich dich tau⸗ 268 580. Tag. ſend Jahre lang von dem unterhalten haͤtte, was du nun geſehen haſt, ſo wuͤrde ich dich doch nicht belehrt, und nur deine Neugier noch erhoͤhet haben. Du haſt die unſelige Verwegenheit gehabt, dich ſelber davon zu uͤberzeugen, du haſt es geſehen, und dein Herz iſt nunmehr vom tiefſten Schmerze durchdrungen. Aber erinnere dich, daß du es gewollt, ja ſelbſt darauf ge⸗ drungen haſt.“ Ich antwortete ihm nur durch Seufzer und Thraͤ⸗ nen, und da ich ſeinen Anblick nicht ertragen konnte, ſo begab ich mich auf den Weg nach der Stadt zuruͤck; er wollte mich nicht verlaßen. Ich legte ſogleich die tiefſten Trauerkleider an; ich wollte nun taͤglich wieder nach dem Korbe gehen: aber mein zaͤrtlicher Freund verſicherte mich, daß derſelbe fuͤr mich ſtaͤts unbeweg⸗ lich ſein werde, und niemals diejenigen wieder aufnehme, die er ſchon einmal empor gehoben habe. „Ahme nicht,“ fuhr er fort,„die Thorheit aller derjenigen nach, welche du hier in der Stadt ſiehſt, und die ſich nicht von derſelben entfernen koͤnnen: ſuche vielmehr dich zu troͤſten, oder wenigſtens irgend eine Zerſtreuung zu finden, ſei es durch Reiſen, oder da⸗ durch, daß du in den Schooß der Deinigen heim keh⸗ reſt und dich der Regierung deines Landes widmeſt.“ Seine Gruͤnde waren einleuchtend, und da der Korb mir ſtaͤts die Aufnahme verſagte, wie er mir vorausgeſagt hatte, ſo ſchied ich von ihm, nachdem Der Korb. 269 ich ihn tauſendmal umarmt hatte, und ich bin nun wieder heim gekommen, wo du Zeuge des Schmerzes geweſen biſt, welchen ich tief im Herzen bewahrt habe, und der nur mit meinem Leben endigen kann.“ . Als der Koͤnig Kemßerai hiermit ſeine Geſchichte beſchloſſen hatte, ſprach die ſchoͤne Sahidé, tief ge⸗ ruͤhrt davon, zu ihm: „Troͤſte dich, mein Bruder, wie außerordentlich zauch dein Ungluͤck ſei, doch halte ich es nicht fuͤr un⸗ beilbar. Folge mir, und faſſe dich in Geduld, nach dem Beiſpiele jenes klugen Vogels, der da ſagte:„es iſt unnuͤtz, ſich zu ſtraͤuben, wenn man einmal gefan⸗ gen iſt; aber mit Geduld kann man ſich wieder be⸗ freien.“ „Du willſt mir ſchmeicheln,“ verſetzte ſeufzend der Koͤnig;„aber ich werde ſie nie wiederſehen, dieſen ſchoͤnen Mond der Welt.“ Damit entſtuͤrzte ein Thraͤnenſtrom ſeinen Augen, ſtaͤrker als jemals. Sahidé ließ ſeinem Schmerz eine zeitlang freien Lauf, dann fuhr ſie fort: „Verſprich mir wenigſtens, nichts gegen dein Le⸗ ben zu unternehmen, waͤhrend einer Abweſenheit, deren ich zur Ausfuͤhrung eines Entwurfs bedarf, welchen ich fuͤr deinen Zuſtand heilſam erachte. Meine Liebe zu dir kennt nichts Unmoͤgliches: alles was du mir erzaͤhlt haſt, iſt uͤbernatuͤrlich; ich werde den Schleier zu zer⸗ reißen wiſſen, der uns die Wahrheit verhuͤllt; wenig⸗ 270 580. Tag. ſtens will ich alle meine Kraͤfte dazu aufbieten; und wenn ich dich nicht daruͤber aufklaͤren, noch deine Trau⸗ rigkeit vermindern kann, ſo will ich,— das ſchwoͤre ich bei dem großen Propheten,— weit entfernt, deine Verzweiflung zu verdammen, die erſte ſein, dir beizu⸗ ſtimmen und dir Mittel zu gewaͤhren, ein ſo truͤbſeli⸗ ges Leben zu enden.“ „Ach!“ antwortete ihr der Koͤnig mit einer von Schluchzen unterbrochenen Stimme,„ich werde auch noch den Troſt einer geliebten Schweſter verlieren; ich werde nicht die Beruhlgung haben, in ihren Armen zu ſterben: das iſt alles, was ihr Eifer und ihre Liebe fuͤr mich bewirken wird.“— „Woher weißt du,“ verſetzte ſie,„daß deine Au⸗ gen nicht getaͤuſcht worden, daß nicht ein auf dein Gluͤck eiferſuͤchtiger Geiſt dich bezaubert hat? Ja, wer weiß, ob du nicht einen Eindruck auf das Herz dieſer ſchoͤnen Prinzeſſinn gemacht haſt?“ „Ach!“ ſagte der Koͤnig,„dieſes Gluͤck iſt keinem Sterblichen beſchieden: ich darf nicht darauf Anſpruch machen; und ohne Zweifel habe ich eine der Huri's des großen Propheten geſehen; die gluͤhende Sehnſucht nach ihr, welche mich unablaͤßig verzehrt, iſt ein ſiche rer Beweis davon.“ Der Vogel der Hoffnung niſtet ſtaͤts in dem Her⸗ zen eines Liebenden; Sahidé redete ſo eindringlich zu dem Koͤnige, daß er ihr verſprach, nichts gegen ſein Der Korb. 271 Leben zu unternehmen, vielmehr es zu friſten, um ſie noch einmal wieder zu ſehen, bevor er ein ſo qual⸗ voll hinſchmachtendes Leben endigte. Hierauf bereitete ſie alles zu ihrer Abreiſe, und beim Abſchied umarmte ſie Kemßerai und ſagte zu ihr: „Moͤge der Stern des Gluͤcks uͤberall deine Schritte geleiten!“ Aber das Herz der Prinzeſſin empfand die Bitter⸗ keit der Trennung ſo tief, daß ſie nicht im Stande war, ein Wort auszuſprechen. Fuͤnfhundert und ein und achtzigſter Tag. Sie erkundigte ſich ſo genau nach der Lage der Stadt Medhuſchan, daß ſie ohne Hindernis dorthin gelangte; um ſo leichter, als ſie Mannskleidung an⸗ legte, ihre Geſichtsfarbe ſchwaͤrzte, und ihre ſchoͤnen Haare unter einen Turban verbarg, mit Einem Worte, durchaus nichts von der Schoͤnheit blicken ließ, womit der Himmel ſie geſchmuͤckt hatte. Sie fand alles der Erzaͤhlung des Koͤnigs, ihres Bruders, entſprechend; ſie fragte den erſten Mann in Trauer, dem ſie begeg⸗ nete, nach dem Wege zu dem Korbe. Aber er ant⸗ wortete ihr nur durch einen Seufzer. Sie bemerkte, daß er aus der Stadt ging, ſie folgte ihm, und bald gelangte ſie an die Truͤmmer des Palaſts, in welchen 272 581. Tag. ſie wohl zwanzig ſchwarzgekleidete Maͤnner antraf, die alles vergeblich verſuchten, in den Korb zu ſteigen. Sahidé aber wurde, ſo bald ſie ſich nahte von dem Korbe aufgenommenz ſie ſtieg raſch hinein, und wurde wie der Blitz empor gehoben, begleitet von dem Ge⸗ ſchrei und Wehklagen derjenigen, die vergeblich gekom⸗ men waren. Sie gelangte ſo in den Garten der Prinzeſſinn. Die Erzaͤhlung ihres Bruders von demſelben war ſo genau, daß ſie leicht alles wieder erkannte. Als die Nacht gekommen war, und die Jungfrauen ihre Plaͤtze eingenommen hatten, kam man, ſie aufzuſuchen, und fuͤhrte ſie vor die Prinzeſſinn; da wurde ſie von dem Anblick einer Schoͤnheit betroffen, welche den Zuſtand ihres Bruders genugſam entſchuldigte. Indeſſen be⸗ merkte ſie Niedergeſchlagenheit auf ihrem Antlitze, Be⸗ truͤbnis in ihren Augen, und eine Schwermuth. uͤber ihr ganzes Weſen verbreitet, welche ſie vergeblich zu verbergen ſuchte. Sie empfing ſie hoͤflich, aber kalt und verlegen. 8 Sahidé hielt es, zur Befriedigung ihrer Neugierde, fuͤr noͤthig, ihr eine ſolche Leidenſchaftlichkeit zu bewei⸗ ſen, als wenn ſie wirklich geweſen waͤre, was ſie ſchien. Die Zuneigung, welche ſie fuͤr die Prinzeſſinn zu fuͤhlen begann; das Mitleid mit dem Zuſtande ihres Bruders; das Verlangen, ihm zu dienen; alle dieſe Gefuͤhle, verbunden mit der Neugierde, ertheilten ihr Der Korb. 273 eine Lebhaftigkeit, welche die Prinzeſſinn bei der Gleich⸗ gaͤltigkeit, welche ſie zeigte, um ſo leichter taͤuſchte. Sahidé wollte ſich hierauf einige Freiheiten nehmen, und ſich einige Liebkoſungen erlauben: ſie wurden ihr aber ſtreng unterſagt. Die Taͤnze und Muſik wurden eben ſo aufgefuͤhrt, wie der Koͤnig ſie geſehen hatte; in goldenen Schalen wurde Wein in Ueberfluß umher gereicht; und die Prinzeſſinn, die ſich beeilte, das Mahl zu endigen, bot dem Gaſt eine ihrer Sklavin⸗ nen dar. „Erlaube mir, ſie abzulehnen,“ erwiederte ihr die reizende Sahidé;„das Bild deiner Schoͤnheit iſt mei⸗ nem Herzen zu gegenwaͤrtig, um mich nicht bis zu dem Augenblicke zu beſchaͤftigen, wo ich dich wiederſehe.“ Abgeſehen davon, daß dieſe Sklavinn ihr zu nichts dienen konnte, aͤußerte ſie auch ein ſolches Zartgeftihl, um zu entdecken, ob ſich ihr Bruder etwa durch die Annahme der ihm gebotenen Sklavinnen einen Vorwurf zugezogen haͤtte. Aber die Prinzeſſinn erwiederte ihr mit einer Unruhe und Aengſtlichkeit, welche ſie nicht zu verbergen vermochte:. 39zer du ſchlaͤgſt eine dieſer ſchoͤnen Jungfrauen aus?. „Das iſt das einzige, Gebieterinn der Schoͤnheit,“ antwortete Sahidé,„was ich von allem, ſo du deinem Sklaven zu erbieten wuͤrdigſt, ablehnen muß.“ IX.— 18 274 581. T a g. „Dieſe Weigerung iſt hier nicht verſtattet,“ unter⸗ brach ſie die Prinzeſſinn.„Daſſelbe Geſetz, welches dir erlaubt, hieher zu kommen!“ fuhr ſie fort,„ver⸗ pflichtet dich auch, eine Sklavinn zu waͤhlen und die Nacht mit ihr zuzubringen: widrigenfalls mache dich darauf gefaßt, uns wieder zu verlaßen.“ Sahidé gab dieſer Drohung nach, fuͤgte aber hinzu: „So geruhe wenmgſtens, ſelber die Wahl zu treffen, du Seele meiner Gedanken!“ „Sie ſind mir alle gleich,“ unterbrach ſie die Prinzeſſinn mit Unmuth:„nimm, welche dir am beß⸗ ten gefaͤllt.“ „Weil ich denn durchaus eine waͤhlen, oder dich nicht mehr ſehen ſoll,“ fuhr Sahidé fort,„ſo wuͤnſchte ich wohl zu wiſſen, welche dir am wenigſten gefaͤllt; ihr wuͤrde ich den Vorzug geben, um dir den Eindruck zu bewaͤhren, welchen du auf mein Herz gemacht haſt.“ — Die Prinzeſſinn ſagte hierauf mit ungeduldiger jene: „Niemals hat ein Gaſt hier ſo viel Kaltbluͤtigkeit und Hartnaͤckigkeit gezeigt, als du. Nimm, ſage ich dir noch einmal, welche dir gefaͤllt, aber waͤhle eine. Als Sahidé ſah, daß dieſe Wendung nichts fruch⸗ tete, ſie weiter aufzuklaͤren, ſo gab ſie derjenigen den Vorzug, welche die lebhafteſte zu ſein, und folglich den meiſten Verſtand zu haben ſchien. Der Korb. 275 „Schoͤne Muna, bleib bei dem Gaſte,“ ſprach ſogleich die Prinzeſſinn zu ihr, indem ſie ſich ent⸗ fernte. Fuͤnfhundert und zwei und achtzigſter Tag. Muna und Sahidé legten ſich auf das Sopha, und beobachteten eine zeitlang tiefes Stillſchweigen. Die eine erwartete mit Ungeduld, daß man ihren Reizen die verdiente Huldigung darbraͤchte, und brannte in⸗ deſſen vor Verlangen, ihr entgegen zu kommen; die andere dagegen ſann auf Mittel, ihre Neugierde zu befriedigen. Endlich naͤherte ſich Muna und wollte ihre beider Bekanntſchaft und Unterhaltung mit Liebko⸗ ſungen und Kuͤſſen beginnen. Sahidé erwiederte dieß mit einer Kaͤlte, welche die lebhafte und ungeduldige Muna verwunderte und verdroß. „Verſpare noch deine Huld gegen mich,“ ent⸗ gegnete die liebenswuͤrdige Sahidé;„gib mir Zeit, ſie zu verdienen: aber zuvor geruhe, mir mitzutheilen, was du von der Prinzeſſinn und von dem geheimnis⸗ vollen Korbe weißt.“ „Lieber Fremdling,“ antwortete ſie ihr,„moͤge eine Kette von Gluͤckſeligkeit alle Tage deines Lebens umwinden! ich wuͤnſchte, deine Neugierde befriedigen zu koͤnnen. Folge mir, und laß uns lieber dem Ver⸗ 276 5382. Tag. langen unſerer Seele genuͤgen; halt das deine nicht laͤnger zuruͤck, und laß dem meinigen freien Lauf; be⸗ nutze eine ſo gluͤckliche Gelegenheit.“ Sahidé bedeutete ſie, daß ſie zuvor ihre Fragen beantworten muͤßte. Muna nahm darauf wieder das Wort, und ſprach mit Ungeduld: „Wir, meine Gefaͤhrtinnen und ich, ſind hier verwahrt, ohne etwas von dem zu wiſſen, was du mich fraͤgſt. Es ſind nun ſechs Jahre daß ich von Sklavenhaͤndlern entfuͤhrt wurde, welche mich in dieſes Land her verkauften; man geſellte mich denen zu, die du hier geſehen haſt: wir bewohnen ein von dem Pa⸗ laſte der Prinzeſſinn abgeſondertes Gebaͤude, und ha⸗ ben keine Verbindung mit ihr; wir ſehen ſie nur in der Stunde des Abendeſſens; und am Morgen, wenn wir den angekommenen Gaſt verlaßen und hingehen, um der Prinzeſſinn und dem Koͤnige, in Gegenwart des Reichsraths, von allem Bericht abzuſtatten, was der Gaſt mit uns geſprochen hat, werden wir mit außerſter Vorſicht von Verſchnittenen in den Palaſt, und wieder in unſre gewoͤhnliche Behauſung gefuͤhrt; es iſt bei Lebensſtrafe jedermann, wer es auch ſei, ver⸗ boten, mit uns zu ſprechen, ſo wie uns, ihm zu ant⸗ worten. Du ſiehſt demnach wohl,“ fuhr ſie fort,„daß dieſer Bericht nicht verdiente, die Freuden zu unter⸗ brechen, welche uns frei ſteht, zu genießen. Komm alſo, du Sonne meiner Gedanken,“ beſchloß ſie, indem Der Korb. 277 ſie ihre Liebkoſungen erneute und ihre Augen vor Ver⸗ langen gluͤhten,„komm, mich mit Freuden zu uͤber⸗ ſchuͤtten; komm, meine Seele zu entzuͤcken!“ Sahidé, die ſich niemals in einer ſolchen Lage befunden hatte, ſagte zu ihr: „Meine theure Muna, deine Schoͤnheit und deine gefuͤhlvolle Seele wuͤrden leicht mein Herz hinreißen; ich laße beiden Gerechtigkeit widerfahren, aber ich bin außer Stande, ſie zu benutzen.“ 3 „Wer hindert dich daran?“ verſetzte Muna mit eben ſo viel Lebhaftigkeit, als Unruhe. „Die Schoͤnheit der Prinzeſſinn hat meine Seele ſo ſehr gefeſſelt,“ erwiederte die reizende Sahidé,„ſie beherrſcht mein Herz ſo unumſchraͤnkt, daß ich unfaͤhig bin, mich irgend einer andern Vorſtellung hinzugeben.“ „Wie ungluͤcklich bin ich!“ rief die zaͤrtliche Muna aus, indem ſie in Thraͤnen zerſchmolz:„was vermag ich zu thun, um dir zu gefallen, du grauſamſter aller Maͤnner?“— „Verzweifle an nichts, ſchoͤne Muna; ich werde vielleicht noch deinen Reizen huldigen; laß aber nun auch deinen Geiſt glaͤnzen, er vermag eben ſo viel Ein⸗ druck auf das Herz zu machen, als deine Schoͤnheit. Die Prinzeſſinn hat, ſo ſchoͤn ſie auch iſt, vielleicht doch nicht ſo viel Lebhaftigkeit und Anmuth.“ „Sie iſt ſondergleichen,“ antwortete ihr Muna, indem ſie ihre Thraͤnen verdoppelte;„ſie iſt eine Sonne 278 582. 583. Tag. der Vollkommenheit. Zwar ſcheint uns ſeit einiger Zeit ihr Frohſinn nicht mehr derſelbe, und laͤßt ſie viel Ungleichheit in ihrer Stimmung blicken. Es ent⸗ ſchluͤpfen ihr Seufzer, welche ſie vergeblich zu unter⸗ druͤcken ſtrebt; ihre Abendvergnuͤgungen ſind kuͤrzer als ſonſt, ſie koͤmmt ſpaͤter in den Garten, und ſcheint nur darauf bedacht, ihn wieder zu verlaßen; mit Einem Worte, die Heiterkeit und die Froͤhlichkeit, die ihr an⸗ geboren ſind, beleben nicht mehr unſere Beluſtigungen.“ Fuͤnfhundert und drei und achtzigſter Tag. „Aber ſeit welcher Zeit,“ fragte ſie Sahidé, „haſt du eine ſo ſtarke Veraͤnderung bemerkt?“ „Seit ſechs Monaten ohngefaͤhr,“ antwortete Muna,„als ein Gaſt bei uns drei Tage verblieb, was ſonſt nicht gewoͤhnlich iſt; denn oft werden ſie uns ſchon gleich nach der erſten Nacht wieder entfuͤhrt.“ Nachdem Sahidé ſie gebeten, ihr dieſen Fremd⸗ ling zu ſchildern, und Muna ihr das Ebenbild des Koͤnigs, ihres Bruders, entworfen hatte, verdoppelte jene ihre Fragen, und die Sklavinn fuhr, obwohl hoͤchſt ungeduldig, alſo fort: „Er leiſtete ihr offenbar beſſer Geſellſchaft, als alle die uͤbrigen; denn ihre Gefaͤlligkeit gegen ihn er⸗ ſtreckte ſich weiter. Er war ſelbſt den Verſuchungen Der Korb. 279 meiner Gefaͤhrtinnen erlegen, und folglich haͤtte er noch denſelben Tag uns verlaßen muͤßen: aber die Prinzeſſinn, die ohne Zweifel an ſeinem Anblicke gro⸗ ßes Vergnuͤgen fand, verbot den beiden Sklavinnen, welche die Nacht mit ihm zubrachten, vor dem Koͤnige, ihrem Bruder und dem Reichsrath etwas davon aus⸗ zuſagen. Er waͤre gluͤcklich geweſen, wenn er am dritten Tage das Feuer haͤtte daͤmpfen koͤnnen, welches ihn fuͤr die Prinzeſſinn verzehrte: aber er vergaß ſich, und ſeine Verwegenheit wurde beſtraft. Seit dieſer Zeit ſind unſere Herzen mit Suͤrmeh*) bedeckt, und alle unſere Freuden ſind mit ihm entflohen; wir duͤrfen nicht hoffen, ihn wieder zu ſehen, und uns bleibt nichts anderes zu wuͤnſchen, als daß ſein Andenken fuͤr im⸗ mer erloͤſchen moͤge. „Wie kann ich glauben,“ verſetzte Sahidé,„daß die Prinzeſſinn dieſem gluͤcklichen Fremdling ein ſo lebhaftes Andenken bewahrt hat? Die Freuden dieſes Gartens der Luſt, und die Gefaͤlligkeit, welche ſie je⸗ dem erweiſt, den der Korb taͤglich her fuͤhrt, wider⸗ ſprechen dem Berichte, welchen du mir gibſt.“ „Es iſt leicht, dir hierauf zu antworten,“ erwie⸗ derte Muna;„es kommen nicht taͤglich Fremde her; ſeit einiger Zeit ſind ſie ſogar ſeltener, als je; und die *) Sürmé heißt eine ſchwarze Farbe, womit die Türken ſich die Augenbrauen zu färben pflegen, und die ihnen zugleich zum Bilde der Trauer und des Kummers dient. 280 1 583. Tag. Prinzeſſinn hatte noch keinem den Garten ihrer Huld ſo weit aufgethan, als jenem Fremdlinge, an welchem du ſo viel Theil zu nehmen ſcheinſt. Es iſt wahr, er verdiente alles, was man ihm gewaͤhren mochte; mei⸗ nen beiden Gefaͤhrtinnen, die zwei Naͤchte mit ihm zugebracht haben, iſt er noch ſtaͤts gegenwaͤrtig im Geiſt, ſie ſprechen unaufhoͤrlich davon, und du allein kannſt meine Seele mit einem aͤhnlichen Duft durch⸗ ſtroͤmen, wenn du mein Verlangen erwiederſt.“ „Fahre fort in deiner Erzaͤhlung,“ unterbrach ſie Sahide:„die Prinzeſſinn hatte alſo noch keinem an⸗ dern Gaſte ſo viel Huld bewieſen?“ „Nein, gewiß nicht,“ antwortete Muna;„zuvor begnuͤgte ſie ſich, ihre Schoͤnheit zu zeigen, die Wir⸗ kungen derſelben zu bewundern, wie ein wohlthaͤtiges Geſtirn, einige Blicke aus ihren ſchoͤnen ſchmachtenden Augen fallen zu laßen oder zu werfen, und zu erlau⸗ ben, daß man auf ihre Geſundheit trank; jedoch ſel⸗ ten gewaͤhrte ſie dieſe Gunſt; endlich ſagte ſie zuweilen ein ſchmeichelhaftes oder verbindliches Wort. Seitdem aber hat ſie dieſe Gunſt ſehr eingeſchraͤnkt, wie du ſelber wirſt bemerkt haben; uͤbrigens werden gemeinlich alle, welche hier auftreten, ſchon allein durch ihre Schoͤnheit, ihre Anmuth, ihren Glanz, die koͤſtlichen Weine, die Wohlgeruͤche, die Taͤnze, die Muſik und den Anblick der Jungfrauen, die jedem Gaſte zu Ge⸗ — Der Korb. 281 bote ſtehen, von Liebe und Luſt berauſcht. Die Ehr⸗ furcht hat ſie gegen die Prinzeſſinn ſtaͤts in Zaum gehalten: aber alle ſind der Verſuchung mit der Skla⸗ vinn, welche man ihnen zu behalten gebot, unterlegen, oder haben ſich im Uebermaaße den koͤſtlichen Weinen ergeben, welche man ihnen in Fuͤlle einſchenkte: und von dem Augenblick an ſehen wir ſie nicht wieder; man verſichert ſogar, ſie werden daruͤber untrſtlich, und dieſer Luſtgarten mache ihnen alle Freuden der Welt geſchmacklos. Bisher ward es mir ſchwer, eine ſolche Verleidung zu begreifen: aber jetzo fuͤhle ich, daß deine Abweſenheit mir den Aufenthalt hier bald unertraͤglich machen wuͤrde.— Das iſt alles, was ich weiß,“ fuhr ſie fort,„das ſchwöre ich dir bei dem Koͤnige der Geiſter.“ „Du willſt dich alſo von mir trennen und mich fuͤr immer verlieren?“ verſetzte darauf Sahidé:„du willſt mich nicht laͤnger hier ſehen, weil du verlangeſt, daß ich deinem Verlangen nachgebe.“ „Deine Kaltbluͤtigkeit ſetzt mich in Verzweiflung,“ antwortete ihr die ſchoͤne Muna,„ich fuͤhle die Rich⸗ tigkeit deſſen, was du ſagſt: aber wie macht man es, bei Verſtand zu bleiben, wenn man in voller Freiheit bei einem geliebten Weſen iſt?“ „Ich habe nur noch eine Frage an dich zu thun, 2 unterräch ſie Sahidé. 262 583. 584. Ta g. „Wie! du willſt mich immerfort nur fragen?" rief Muna ſchmerzlich aus,„und nimmer willſt du mir deine Zaͤrtlichkeit beweiſen?“ „Du wirſt eines Tages mit meiner Zaͤrtlichkeit zufrieden ſein,“ antwortete ihr Sahidé:„ich werde alles thun, das ſchwoͤre ich dir, was in meinen Kraͤf⸗ ten ſteht.“ Und als ſie ſah, daß dieſe Verſicherung die auf⸗ geregten Geiſter der zaͤrtlichen Muna etwas beruhigte, fuhr ſie alſo fort: Fuͤnfhundert und vier und achtzigſter Tag. „Du ſcheinſt mir noch ſehr jung, und biſt doch ſchon ſechs Jahre hier?“—., „Ich war zwoͤlf Jahr alt, Herr, als ich hieher kam. Aber was mich ſelber verwundert,“ fuͤgte ſie hinzu,„iſt, daß mit meinem ganzen Weſen ſeitdem durchaus keine Veraͤnderung vorgegangen iſt.“ „Das geht nicht natuͤrlich zu,“ unterbrach ſie Sahidé,„du ſcheinſt in der That noch nicht aͤlter als zwoͤlf Jahre zu ſein. Gleichwohl ſollte die zahlloſe Menge von Fremden, die hieher gekommen, und denen man dich preisgegeben hat,— „Ach! waͤre es ein wuͤnſchenswerthes Loos meiner Gefaͤhrtinnen, erwaͤhlt zu werden, ſo waͤre ich ſehr Der Korb. 283 ungluͤcklich geweſen: du biſt der erſte, der mir einen Vorzug gegeben hat, welchen ich nicht ſo grauſam zu finden gedachte: ja, geliebter Sultan meines Herzens, er wird das Ungluͤck meines Lebens machen. Eine ge⸗ heime Ahndung hatte mich bisher bewahrt, darnach zu verlangen: du aber haſt beim erſten Anblick den Wunſch deſſelben in mir erzeugt. Ich ſchmachtete, deine ſchoͤ⸗ nen Augen zu kuͤſſen, ich ſehnte mich, dich zu umar⸗ men, mich nimmer von dir zu trennen. Die Roſen im Garten meines Lebens ſind noch nicht verwelkt; du geſteheſt es ſelbſt: warum denn, du Grauſamer, behandelſt du mich mit ſolcher Haͤrte? Was werden meine Gefaͤhrtinnen ſagen? Wie werde ich vor ihnen erſcheinen koͤnnen, wenn ſie die Schmach erfahren, womit du mich uͤberhaͤufſt? Ich waͤre gluͤcklicher ge⸗ weſen, wenn ich nicht gewaͤhlt worden,“ fuͤgte ſie hinzu, in Thraͤnen zerfließend. „Troͤſte dich, meine theure Muna,“ erwiederte Sahidé mit unbeſchreiblicher Freundlichkeit,„ich kann mich noch nicht entſchließen, dich zu verlaßen; bekenne deinen Geſpielen, daß ich ſterblich in die Prinzeſſinn verliebt bin; deine Eitelkeit wird dadurch um ſo weni⸗ ger gekraͤnkt werden. Uebrigens verſpreche ich dir, Zaͤrtlichkeit mit Zaͤrtlichkeit zu vergelten, wenn du mir einen wichtigen Dienſt leiſten willſt.“ „Was thaͤte ich nicht, um deine Gunſt zu verdie⸗ nen?“ antwortete ihr Muna mit Thraͤnen der Zaͤrtlichkeit. 284 584. Sag. „Du mußt,“ fuhr Sahlidé fort,„die Beſchaffen⸗ heit des geheimnisvollen Korbes zu erforſchen ſuchen, und weshalb die Prinzeſſinn gezwungen ſcheint, alle, welche durch ihn hieher gebracht werden, ſo zu em⸗ pfangen. Was ich hier geſehen habe; das wenige, was du mir davon erzaͤhlt haſt; das Geheimnis, wel⸗ ches man uͤber die Berichte beobachtet, welche dem Koͤnig in Gegenwart ſeines Reichsraths erſtattet wer⸗ den; alles dieß ſcheint mir ſeltſame Dinge zu verhuͤllen. Du mußt mir morgen erzaͤhlen, was du entdeckt haſt, ich verſpreche dir, keine andre Sklavinn zu erwaͤhlen, alſo haben wir Zeit, wieder beiſammen zu ſein.“ „Wenn das ein Mittel iſt, dich fuͤr mich zu er⸗ weichen,“ erwiederte darauf die ſchone Muna,„ſo ſei verſichert, daß ich alles aufbieten werde, um dir ge⸗ nuͤgende Kunde zu bringen.“ 4 Hierauf legte ſich Sahidé in die eine Ecke des Sophas zum Schlafe, und ſagte zu Muna, ſie ſollte 1 ſich in die andere Ecke legen. „Wie!l ich ſoll nicht einmal an deiner Seite ſchla⸗ fen?“ rief Muna aus, von Schmerz durchdrungen. „Nein,“ antwortete Sahidé,„es wird nicht an⸗ ders; du mußt thun, was ich verlange.“ Muna war alſo genoͤthigt, zu gehorchen, aber ſie brachte die ganze Nacht in Thraͤnen und Seufzer hin. Als der Vogel mit den goldenen Fittigen in all ſeiner Herrlichkeit im Begriff war, aus ſeinem gluͤckſe⸗ Der Korb. 285 ligen Neſte emporzuſteigen, entriß ſich Muna dieſem Orte, nicht ohne ihr Herz durch einen Kuß zu erleich⸗ tern, welchen ſie der ſchoͤnen Sahidé gab, die ſich ſo⸗ gar nur mit vieler Muͤhe ihren Umarmungen entwand. Indeß beſchwur Sahidé die Scheidende, ſich forgfaͤl⸗ tig nach den Dingen zu erkundigen, welche ſie wiſſen wollte, und vertroͤſtete ſie auf ihr Wiederſehen am Abend. 1 Muna entfernte ſich mit Muͤhe von dem Gegen⸗ ſtand ihrer Liebe; und Sahidé, jetzt wieder allein, uͤber⸗ ließ ſich ungeſtoͤrt den Betrachtungen, welche alles, was ſie umgab und die Theilnahme an dem Schickſale ihres Bruders ihr erregte. Sie durchwanderte die bei⸗ den Gaͤrten; ſie beſchaute das Gartenhaus mit dem Throne, in der Hoffnung, irgend etwas zu bemerken, das ihr dienlich ſein koͤnnte. Aber alle ihre Bemuͤhun⸗ gen waren vergeblich; das Thor, durch welches die Prinzeſſinn mit ihrem Hof in den Garten trat, war praͤchtig, mit Marmor bekleidet und mit Bronge ge⸗ ziert; es war feſt verſchloſſen und gewaͤhrte nirgends eine Durchſicht. Mit der Beſchauung aller dieſer Ge⸗ genſtaͤnde und unter mancherlei Betrachtungen brachte Sahidé dieſen zweiten Tag zu. 286 585. Tag. Fuͤnfhundert und fuͤnf und achtzigſter Tag. Als die Nacht gekommen war, erſchien die Prin⸗ zeſſinn, wie gewoͤhnlich, aber mit noch weniger Froͤh⸗ lichkeit, als geſtern Abend. Sahidé eilte ihr entge⸗ gen, und bezeugte ihr um ſo mehr lebhaftere Freude, als ſie die Urſache ihres Kummers wußte. Die Prin⸗ beſſinn gab ihr auf ihre ſchmeichelnden Reden zur ntwort: „Wie denn, Fremdling, alſo erkennſt du meine Guͤte? Du ſcheinſt ſanftmuͤthig und hoͤflich, du be⸗ ſtrebſt dich, mir zu gefallen: indeſſen entſprechen deine Handlungen nicht deinem Anſcheine.“ „Worin kann dein Sklave dir misfallen haben?“ rief die ſchoͤne Sahidé aus, indem ſie ihr zu Fuͤßen fiel.. „SDu haſt meine Sklavinn mit Schmach uͤber⸗ haͤuft,“ erwiederte die Prinzeſſinn verdrießlich:„was kann der Grund einer ſolchen Kaͤlte ſein?“ „Die Liebe, welche du mir eingefloͤßt haſt,“ ant⸗ wortete Sahidé zaͤrtlich:„ja, du ſchoͤner Mond der Welt, dieſe Liebe macht mein Herz zu allem andern unfaͤhig; die ſchoͤnſte der Huri's wuͤrde mir gegenwaͤr⸗ tig gleichguͤltig ſein. Reiche mir deine ſchoͤne Hand, gewaͤhre mir, durch einen Kuß darauf die Glut zu lindern, welche mich verzehrt; wuͤrdige einen Ungluͤck⸗ Der Korb. lichen deines Mitleids, welchen deine Hartherzigkeit ins Grab bringen wird.“ Je mehr die Prinzeſſinn in Verlegenheit gerieth, je zufriedener wollte ſie mit ihrer Eroberung ſcheinen, und je mehr verdoppelte Sahidé ihre lebhaften Aus⸗ druͤcke, ihre zaͤrtlichen Betheuerungen, und Liebeswer⸗ bungen. Wenn die Liebe das Herz beherrſcht, kann es ſich da noch in Eroberungen gefallen? Die Prinzeſſinn gab alſo Sahidé ihre Hand, ſagte ihr ein zaͤrtliches Wort, oder blickte ſie lieblich an: aber ihr Herz warf ihr ſogleich eine Handlung vor, welche ſie nicht ein⸗ mal begangen hatte. Sie ſuchte Sahidé von ihrer Liebe abzulenken, indem ſie ſie auf eine Sklavinn auf⸗ merkſam machte, bald um ihren Tanz und ihre Ge⸗ ſchicklichkeit, bald um ihre Geſtalt zu bewundern; dann pries ſie ihr wieder einen Geſang, oder die Verſe deſ⸗ ſelben an. Manchmal ging Sahidé aus Mitleid auf dieſe von der Liebe eingegebene Wendungen und Aus⸗ fluͤchte ein. Der Grund derſelben war ihr zu lieb, als daß ſie nicht dieſe Gefaͤlligkeit gehabt haͤtte. In⸗ deſſen, um ſich voͤllig von dem Gluͤck ihres Bruders zu uͤberzeugen, dankte ſie ihr bald fuͤr ihre Huld, bald legte ſie die gleichguͤltigſte Gebaͤrde oder Rede zu ihren Gunſten aus; und dieſes Benehmen ſetzte die Prinzeſ⸗ ſinn in Verzweiflung, um ſo mehr, als Sahidé eben ſo vermieden hatte, ſich der Lockung des koͤſtlichen Weins hin zu geben, welchen man ihr unaufhoͤrlich 288 585. Tag. darbot. Die Prinzeſſinn hatte ihren Sklavinnen ein⸗ geſchaͤrft, dieſes Mittel nicht zu vernachlaͤßigen. Als die Stunde der Trennung kam, bot die Prin⸗ zeſſinn, wie gewoͤhnlich, dem Gaſt wieder eine Skla⸗ vinn an; dieſer aber lehnte es ab, als eine Beleidigung. Die Prinzeſſinn ward daruͤber aufgebracht; ſie beſtand mit großer Heftigkeit auf das Geſetz, und Sahidé ſagte zu ihr:. „Sultaninn nieines Herzens, weil du mich denn zwingſt, abermals eine deiner Sklavinnen zu waͤhlen, ſo will ich gehorchen, obſchon ſie mir voͤllig unnütz iſt, und ich werde keine andre nehmen, als die ſchoͤne Muna.“ Die Prinzeſſinn entfernte ſich hierauf; aber ſie rief noch Muna zu ſich, und ſagte zu ihr, ohne daß es jemand hoͤrte:.— „Wenn du mich liebſt, meine liebe Muna, ſo biete alles auf, dieſem Fremdling zu gefallen; niemals haben wir einen uͤberlaͤſtigeren hier geſehen; du allein kannſt mein trauriges Leben retten, es ſteht in deiner Hand.“. Muna bedurfte zu dem Beſtreben, dem jungen Fremdlinge zu gefallen, nicht noch des Antriebes, daß ſie ihre Gebieterinn dadurch verpflichtete. Sie ver⸗ ſprach der Prinzeſſinn von ganzem Herzen, nichts zur Ausfuͤhrung ihres Auftrags zu verſaͤumen. Der Korb. 2989 Als Sahidé wieder mit Muna allein war, be⸗ gann ſie: 3 „Nun, weißt du heute mehr, als geſtern?“ „Ach nein!“ antwortete ihr die zaͤrtliche Sklavinn: „aber ich liebe dich, und ich habe nichts unterlaßen, dich zu befriedigen. Unter den Sklavinnen, die uns bedienen, beſindet ſich eine, deren Alter ſo hoch, und deren Treue ſo bekannt iſt, daß man ihr manchmal erlaubt, aus unſerem Frauenpallaſt in die Stadt zu gehen; an dieſe habe ich mich gewandt, und ſie gebe⸗ ten, ſich nach dem zu erkundigen, was du zu wiſſen wuͤnſcheſt. Da ich ſah, daß ſie auch nur unvollkom⸗ men hievon unterrichtet war, ſo hat mich die Liebe zu dir, trotz der Gefahr, welche wir beide bei ſolchen Nachforſchungen laufen, ſo beredt gemacht, und ich habe ſie durch kleine Geſchenke ſo zu gewinnen gewußt, daß ſie heute Nachmittag zu einer ihrer Freundinnen, einer Kaufmannsfrau, gegangen iſt, welche mit der verſtorbenen Koͤniginn in einer Art von Vertraulichkeit lebte; und ſie hat mir verſprochen, dieſelbe zu bewe⸗ gen, ihr alles zu ſagen, was ſie von dem weiß, ſo hier vorgeht. Das iſt alles, geliebter Fremdling, was ich zu deiner Befriedigung habe thun koͤnnen.“ Sahidé bezeugte ihr ihre Erkenntlichkeit, und noͤ⸗ thigte ſie, ein Schmuckkaͤſtchen mit Diamanten anzu⸗ IX. 19 3 290 585. Tag. nehmen, um, wie ſie ſagte, die alte Sklavinn und die Kaufmannsfrau damit zu belohnen. „Behalt deine Diamanten,“ wiederholte die zaͤrt⸗ liche Muna tauſendmal;„wenn ich ſie auch brauchen koͤnnte, woͤgen ſie wohl einen Kuß auf, welchen nichts dich hindert mir zu geben? eine Liebkoſung, welche du mir gewaͤhren, eine Zaͤrtlichkeit, welche du mir bewei⸗ ſen koͤnnteſt? Warum willſt du die Verbindlichkeit verringern, welche du mir haben magſt? Aber du biſt nichts als ein Undankbarer. Rede, kann ich dir wohl mehr Liebe beweiſen? kann ich mich groͤßeren Gefahren ausſetzen, um die Kaͤlte und Undankbarkeit deines Her⸗ zens aufzuthauen?“ „Nichts kann meiner Erkenntlichkeit gleich kom⸗ men,“ antwortete ihr Sahidé:„aber du ſiehſt wohl ein, daß ich, indem ich mich uͤber die Erſcheinungen hier aufklaͤren will, mich nicht einer ſchleunigen Ent⸗ fernung ausſetzen darf: demnach kann ich jetzo noch nicht deine Liebe erwiedern, weil ich uͤber die Ge⸗ heimniſſe des Korbes, der Prinzeſſinn und des Gartens noch keinesweges im Klaren bin: das iſt mein feſter Vorſatz. Folge mir alſo,“ fuhr ſie fort,„und laß uns dieſe Nacht, wie die geſtrige zubringen.“ Wie truͤbſelig dieſer Vorſchlag auch fuͤr die ſchoͤne Sklavinn ſein mochte, ſo gab ihr der entſchiedene Ton Sahidé's doch zu erkennen, daß ſie ſich bequemen muͤßte; und dieſe den Freuden beſtimmte und durch Der Korb. 291 die voͤlligſte Freiheit beguͤnſtigte Zeit wurde abermals von ihr mit Thraͤnen, Seufzen und Schluchzen hin ge⸗ bracht. Als aber die Nacht abließ, die Welt in ihren Trauermantel zu huͤllen, rief Sahidé, um ſie anzu⸗ feuern, daß ſie nichts verſaͤumte, ihr die verſprochenen Aufklaͤrungen zu verſchaffen, ſie zu ſich heran und gab ihr einen herzlichen Kuß, deſſen ſich Muna nicht ver⸗ ſah, und der ſie auf den Gipfel der Freude erhub. Fuͤnthundert und ſechs und achtzigſter Tag. Sahidé brachte dieſen Tag in noch groͤßerer Un⸗ ruhe hin, als den geſtrigen; ſie ſah wohl ein, daß ſie durch alle ihre Bemuͤhungen nicht verhindern konnte, daß entweder der verhaͤngnisvolle Korb ſie am naͤch⸗ ſten Tage wieder nach Medhuſchan entfuͤhren, oder, daß ihre Verkleidung entdeckt wuͤrde. Beides bekuͤm⸗ merte ſie auf gleiche Weiſe, weil es ſie in die Noth⸗ wendigkeit verſetzte, ſich zu entfernen, ohne daß ſie et⸗ was Trͤſtliches fuͤr ihren Bruder entdeckt hatte. Alles was ſie thun konnte, beſtand darin, ſich mit einer un⸗ beſtimmten Hoffnung zu troͤſten, und den Entſchluß zu faſſen, nach den Umſtaͤnden alles zu benutzen, was ſie in der folgenden Nacht erfahren wuͤrde. Endlich verſtattete die Sonne den Sternen zu leuchten, und die Prinzeſſinn erſchien, unruhiger und 29² 586. Tag. bekuͤmmerter, als je zuvor. Sahidé ihrerſeits war auch nachdenklich, und ihr Abendeſſen war noch ernſt⸗ hafter, als die beiden vorigen. Die ſchoͤnen Jung⸗ frauen blickten ſich unaufhoͤrlich voll Verwunderung an; die voͤllige Stille, welche haͤufig eintrat, war gaͤnz⸗ lich gegen den Gebrauch hier im Garten. Als die Prinzeſſinn ſolches Schweigen auch bemerkte, unter⸗ brach ſie es ploͤtzlich durch die erſte beßte Rede, welche nicht immer ihres treffenden Geiſtes wuͤrdig war. Sahidé unterdeſſen, um die angefangene Rolle durchzufuͤhren, ſagte zu ihr: „Was iſt das, ſchoͤne Gebieterinn meines Willens? es ſcheint, du biſt heute zuruͤckhaltender gegen mich, als an den vorigen Tagen. Warum truͤbſt du durch deine Unruhe mein Gluͤck, die Koͤniginn meiner Gedan⸗ ken zu ſehen?“”“. „Was ſoll ich,“ erwiederte die Prinzeſſinn,„einem Menſchen ſagen, der vorgibt, mich zu lieben, und ſich meinen Sklaven nennt, und der gleichwohl nur mir zu misfallen trachtet?“ 3 „Ich! ich trachte dir zu misfallen?“ rief Sahide mit Lebhaftigkeit aus.„Ich, der ich willig mein Le⸗ ben hingab, um dir einen Augenblick Vergnuͤgen zu gewaͤhren.“ „Das iſt eine gewoͤhnliche Rede,“ unterbrach ihn die Prinzeſſinn; du fuͤhlſt wohl ſelber, daß ſie das Un⸗ recht nicht wieder gut machen kann, welches dein Be⸗ Der Korb. nehmen gegen meine Sklavinn bei mir verſchuldet hat. Mit Einem Worte,“ fuhr ſie fort,„wenn derjenige, der um meine Liebe wirbt, mir nicht gehorſam iſt, was darf ich erſt von ihm erwarten, wenn ich das Ungluͤck haͤtte, ihn zum Manne zu haben? Sei alſo verſichert, daß ich lieber das Leben verlieren will, als mich einem Manne unterwerfen, uͤber den ich ſo wenig vermag, und der meine Geſchenke verſchmaͤht.“ „Wie ungerecht biſt du doch!“ rief Sahidé aus...— „Glaube mir, deine Klagen ſind unnutz; ſie wer⸗ den mich nicht uͤberzeugen,“ fuhr die Prinzeſſinn auf⸗ gebracht fort:„waͤhle eine Sklavinn, und laß uns von einander ſcheiden; das iſt das beßte, was wir thun koͤnnen.“ Sahide bat ſie aber, ihr wieder ihre treue Muna zu laßen, und ſie wurde ihm bewilligt, trotz dem Er⸗ ſtaunen, welches dieſe Beſtuͤndigkeit den uͤbrigen Jung⸗ frauen erregte, und trotz der geringen Hoffnung, welche die Prinzeſſinn daraus ſchoͤpfte. Als das Gartenthor wieder verſchloſſen war, be⸗ ſeelte die beiden Zuruͤckbleibenden ein gleicher Eifer, die eine, zu fragen, und die andre, darauf zu ant⸗ worten. „Schͤner Fremdling,“ ſagte Muna zu ihm mit all der Lebhaftigkeit des Gefuͤhls, welche die Zuverſicht 295 29 586. Tag. hegt, daß es ihr gelungen iſt,„die Liebe hat mich alles entdecken laßen.“ „Ach! meine theure Muna, wie viel Dank bin ich dir ſchuldig!!“ unterbrach ſie Sahidé. Deſe zaͤrtlichen Worte belohnten der Sklavinn all ihre Muͤhe: „Hoͤre,“ begann ſie nun,„was die Alte mir wie⸗ der erzaͤhlt hat; und das iſt, meine ich, alles, was wir irgend davon erfahren koͤnnen: Geſchichte Guͤlſums und des Koͤnigs der Geiſter. — Der Koͤnig von Medhuſchan, Vater der Prinzeſſinn Suluſch und des Prinzen Badanaſer, der gegen⸗ waͤrtig Koͤnig iſt, ſtarb vor etwa zehn Jahren, und die ſchoͤne Guͤlſum, ſeine Witwe, beherrſchte ſeitdem ſein Reich mit einem aus den Veſyren beſtehenden Rathe, welchen der Koͤnig vor ſeinem Tode eingeſetzt hatte, weil ſeine Kinder noch zu jung waren, um ei⸗ ner ſo weiſen Vorſicht zu entrathen. Gaͤlſum war ſchoͤn und noch jung; der Ruf ihrer Schoͤnheit wurde bald noch durch die Weisheit ihrer Regierung, und durch die Sorgfalt, womit ſie ſich ganzlich der Erziehung ihrer Kinder widmete, vermehrt; 296 586. T a g. denn die Tugenden des Herzens erhoͤhen ſtaͤts die aͤußeren Reize. So gelangte die Kunde von den Vollkommenheiten dieſer Koͤniginn auch zu dem Koͤnige der Geiſter; er zweifelte lange, ob ihre Lobpreiſungen nicht uͤbertrieben waͤren. Um ſich ſelber davon zu uͤberzeugen, erſchien er an ihrem Hofe, und die Bewunderung ihrer treffli⸗ chen Eigenſchaften verwandelte ſich bald in die unbaͤn⸗ digſte Leidenſchaft; aber je ſtaͤrker dieſe ward, deſto ungluͤcklicher machte ſie ihn. Die Koͤniginn hatte ihrem Gemahl ewige Treue gelobt; und der Koͤnig der Geiſter konnte fuͤr die Dienſtleiſtungen, zu welchen er ſich un⸗ ablaͤßig erbot, und fuͤr alle die Aufmerkſamkeiten, wo⸗ mit er ſie gewiſſermaßen ſtaͤts uͤberhaͤufte, nichts wei⸗ ter erlangen, als Aeußerungen der Erkenntlichkeit. Die Erkenntlichkeit allein aber iſt fuͤr einen Liebenden nur Verſchmaͤhung; und ſo verwandelte ſich die Liebe dieſes furchtbaren Koͤnigs bald in Wuth. Er ſann lange nach, was er thun ſollte, um ſich fuͤr die Gleichguͤl⸗ tigkeit der Koͤniginn zu raͤchen, und beſchloß endlich, ſie auf eine empfindliche Weiſe zu beſtrafen; ohne daß es jedoch ſie ſelbſt traͤfe. Die weiſe und durchaus tu⸗ gendhafte Koͤniginn hatte alle ihre Sorgfalt darauf ge⸗ wendet, auch ihre Tochter, die Prinzeſſinn Suluſch, zu allen Tugenden zu erziehen, welche ſie ſelber uͤbte; und weil der Geiſterkoͤnig nicht die dem zarten Gemuͤthe tief eingepraͤgten Lehren derſelben austilgen Gulſum und der Geiſterkoͤnig⸗ 297 konnte, ſo beſchloß er, ſie wenigſtens des aͤußern An⸗ ſcheins der Tugend zu berauben, und dadurch die zaͤrt⸗ liche und tugendhafte Mutter zu betruͤben. Fuͤnfhundert und ſieben und achtzigſter Tag. Zur Ausfuͤhrung dieſes Vorhabens ſtiftete er die Mitglieder des Reichsrathes auf, ſie ſollten es nimmer zugeben, daß das Reich Medhuſchan getheilt wuͤrde; was die Koͤniginn durch Vermaͤhlung der Prinzeſſinn Suluſch unfehlbar beabſichtige: „Weil es aber keine richtige Staatskunſt iſt,“ fuͤgte er hinzu,„die Vorrechte und Gebräuche eines Landes auf einmal zu beſchraͤnken, ſo muß man mit der Vermaͤhlung der Prinzeſſinn ſo große Schwierig⸗ keiten verknuͤpfen, und ihrer Lebensweiſe einen ſo ab⸗ ſchreckenden Anſchein geben, daß Suluſch niemals ei⸗ nen Prinzen findet, der ſie heirathen moͤchte. Und wenn ſie etwa eine Mißheirath eingeht, ſo kann der Reichsrath ſich mit vollem Rechte widerſetzen, ihr die Haͤlfte des Reichs mitzugeben.“ Weil er indeſſen ein⸗ ſah, daß es ungerecht ſein wuͤrde, einer jungen Prin⸗ zeſſinn, die nichts verbrochen hatte, ein beklagenswer⸗ thes und trauriges Leben zu bereiten, ſo, fuhr er fort, glaube er, ein Mittel gefunden zu haben, allen dieſen Uebelſtaͤnden abzuhelfen. 298 587. C a g. Der Reichsrath dankte ihm fuͤr dieſe freundliche Theilnahme an der Groͤße und Erhaltung des Staats, und bat ihn, ſeinen ganzen Entwurf darzulegen, wel⸗ chen er auszufuͤhren entſchloſſen waͤre. Hierauf machte der Geiſterkoͤnig den Vorſchlag, in einem wonniglichen Garten, welchen er ſelber her⸗ vorzubringen uͤbernahm, Luſtbarkeiten aller Art, Taͤnze, Feſte und ſchoͤne Sklavinnen zu verſammeln; und zum Troſte der Prinzeſſinn und ihres Hofes, verſprach er, daß ſie, ſo lange ſie dieſen Zauber⸗Garten bewohnten, nimmer eine Spur der Jahre gewahren, ſondern die⸗ ſelbe Friſche, Jugend und Schoͤnheit behalten ſollten, wie ſie im Augenblick der Errichtung des Gartens gehabt hatten. „Das iſt noch nicht alles,“ fuhr er fort:„die Fremdlinge ſollen nur durch einen Korb hieher und wieder weg gebracht werden. Dieſer Korb ſoll nur die⸗ jenigen aufnehmen, die ſich freiwillig dazu entſchloſſen haben, und niemals mehr als einen; und wer einmal wieder ſo hinweg getragen worden, dem iſt jeder an⸗ dere Ruͤckweg dorthin durchaus unzugaͤnglich.“ Um indeſſen die Mitglieder des Reichsraths noch voͤllig zu beruhigen, verſprach der Geiſterkoͤnig, daß alle, die den Reizen der Sklavinnen oder den koͤſtlichen Weinen erlaͤgen, ſofort durch den Korb wieder weg gebracht, jedoch nicht ſo ſtrenge behandelt werden ſollten, als diejenigen, welche die Ehrfurcht gegen die Prinzeſſin inn aus den Augen ſetzten.“ Gülſum und der Geiſterkoͤnig. 299 Muna huͤtete ſich wohl, ihres eigenen Vortheils wegen, Sahidé auch zu ſagen, daß derjenige, der ſo enthaltſam waͤre, drei Tage hindurch den Lockungen des Gartens zu widerſtehen, ſich das Recht erwuͤrbe, die Prinzeſſinn Suluſch zu heirathen. „Dieſe Vorſchlaͤge wurden angenommen; der Gei⸗ ſterkdnig hatte hier bald alles ſo eingerichtet, wie es deinen Augen erſchienen iſt, und um die Fremden her⸗ bei zu ziehen, ließ er in der Stadt Medhuſchan ausru⸗ fen, daß, wer Wunder ſchauen und uͤberſchwaͤngliche Freuden ſchmecken wollte, ſich in den Korb ſetzen ſollte. Eine ſolche Verheißung hatte bald von allen Seiten Neugierige herbei gelockt, deren Menge ſchwerlich zu zaͤhlen ſein moͤchte. Der Geiſterkoͤnig fuͤhrte alſo, mit Zuſtimmung des Reichsrathes, ſeinen Entwurf aus; Suluſch wurde den Armen ihrer zaͤrtlichen Mutter entriſſen, und den Freuden des Gartens uͤberliefert; und Guͤlſum war von tiefem Schmerz durchdrungen, als ſie die naͤheren Umſtaͤnde von den naͤchtlichen Fe⸗ ſten ihrer Tochter vernahm. Der Geiſterkoͤnig ent⸗ fernte ſich, um den Vorwuͤrfen zu entweichen, womit ſie ihn uͤberhaͤufen wollte; ſie bezeigte den Mitgliedern des Reichsrathes ihren Unwillen: dieſe aber entſchuldig⸗ ten ſich mit der Wohlfahrt des Staats; und als die edle Koͤniginn ſah, daß ihr Ungluͤck nicht abzuwenden war, ſo konnte ſie es nicht uͤberleben, und ſtarb, nach⸗ den ſie eine zeitlang hin geſchmachtet war. 3⁰⁰ 587. Tag. Der Koͤnig Badanaſer hat bei ſeiner Thronbeſtei⸗ gung ein ſeinem Vortheile zuſagendes Geſetz beſtaͤtigt, und beobachtet es genau; und dieß gebietet den Skla⸗ vinnen, jeden Morgen vor ihm zu erſcheinen und ihm von dem Betragen des Fremdlings, der ſie gewaͤhlt hat, Bericht abzuſtatten. Der Korb. Beſchluß der Geſchichte von dem Korbe. Das iſt alles, Herr,“ fuͤgte die zaͤrtliche Muna hinzu,„was ich habe entdecken koͤnnen. Wie leicht kannſt du mich der Gefahren vergeſſen machen, wel⸗ chen meine Nachforſchungen mich ausſetzen! halte mir nun dein gegebenes Wort, mache mich gluͤcklich!“ „Ich wuͤnſchte, es zu koͤnnen,“ erwiederte Sahide freundlich. „Wer verhindert dich daran, Grauſamer?“ fuhr die Sklavinn fort.„Sprich mir nicht mehr von der Liebe, welche du fuͤr die Prinzeſſinn empfindeſt; be⸗ denke, daß du ſie nie wiederſehen wirſt. Das Herze⸗ leid, welches ihre Abweſenheit dir erregen wird, ver⸗ heißt mir eine Rache, welche, leider! mich nicht befrie⸗ digen kann; ich ſehe, daß du in dein Verderben renneſt; ich bin zum voraus daruͤber bekuͤmmert, ich, die gern ihr Blut fuͤr dein Gluͤck hin goͤbe.“ 1 587. Tag. „Aber,“ erwiederte ihr Sahidé,„welche Gewißheit kannſt du mir uͤber die Wahrheit deiner Erzaͤhlung ge⸗ ben? Du haſt Verſtand; wer verbuͤrgt mir, daß du ſie nicht erfunden haſt, um Erkenntlichkeit von mir zu fordern?“ „Vollende, Grauſamer, vollende, meine Schmach!“ unterbrach ſie die Sklavinn, indem ſie einen Strom von Thraͤnen vergoß; lege mir Geiſtesgaben bei, um mir Laſter anzudichten. Die wahre Liebe iſt unfaͤhig zu luͤgen; du kennſt ſie nicht; du liebſt nur, mir wehe zu thun: aber ich weiß, mich zu raͤchen!— Wie ungluͤcklich bin ich!“ rief ſie dann wieder aus:„ver⸗ geblich alſo, du Treuloſer, habe ich, um dich zu be⸗ friedigen, ein Geheimnis erforſcht, welches ich nicht 302 haͤtte durchdringen ſollen; vergeblich habe ich es dir verrathen; ich ſehe wohl, du wirſt die Treuloſigkeit ſo weit treiben und der Prinzeſſinn entdecken, was ich dir anvertrauet habe, und ohne Bedauern wirſt du ein Maͤdchen ſterben ſehen, welche dich anbetet. Aber ich will dich ſchon verhindern, ſie wieder zu ſehen. Ich hoffte, du wuͤrdeſt mir wenigſtens die letzten Augen⸗ blicke deines Bleibens in dieſem Garten ſchenken, wel⸗ cher fortan nur ein Ort des Abſcheus fuͤr mich ſein wird. Liebſt du die Prinzeſſinn, ſo ſoll ein Wort, das ich dir ſagen will, dich eben ſo ungluͤcklich machen, wie mich; die Liebe hatte mich verleitet, dir ein Ge⸗ heimnis davon zu machen. Wiſſe denn, daß morgen die Prinzeſſinn dein iſt, wenn du ſie heirathen willſt, und wenn ich dir Gerechtigkeit will widerfahren la⸗ ßen: aber eher, als ich das Gluͤck meiner Nebenbuh⸗ lerinn zugebe, will ich meineidig werden.(Wozu iſt die uͤberſchwaͤngliche Liebe nicht faͤhig!) Ich will vor dem ganzen Hofe erklaͤren, daß du dieſe Nacht erle⸗ gen biſt; du wirſt ſo das Gluͤck einbuͤßen, dem du mich aufopfern willſt; und ich werde der Prinzeſſinn einen Dienſt leiſten, indem ſie mehr als den Tod fuͤrchtet, dich zu heirathen. Kurz, was es mich auch koſten mag, du ſollſt nicht uͤber mein Ungluͤck frohlocken; trotz deiner Kaͤlte, will ich mit Freuden verſichern, daß du mir haſt Gerechtigkeit widerfahren laßen, und du wirſt in dem Korbe heim kehren, um dich der Trauer und der Sehnſucht hinzugeben.“ Fuͤnfhundert und acht und achtzigſter Tag. Sahidé gerieth durch dieſe Drohungen in große Verlegenheit; es war nicht leicht fuͤr ſie, hier einen Entſchluß zu faßen. Was ſollte aus ihr werden, wenn ſie genoͤthigt wuͤrde, die Prinzeſſinn zu heirathen? Die geringe Hoffnung, ihrem Bruder nuͤtzlich zu werden, und die Furcht, nutzlos fuͤr ihn zu ſterben, ließ ſie demnach die Rache, welche Muna im Sinne hatte, als das einzige Mittel betrachten, welches ſie aus der 3⁰½ 588., Tag. Verlegenheit ziehen koͤnnte, indem es ſie wieder in dem Korbe heim ſendete. „Beſinnſt du dich zu meinen Gunſten?“ fragte Muna, die ihre innere Bewegung gewahrt hatte. „Nein,“ antwortete ihr Sahidé,„keine deiner Drohungen hat mich geſchreckt; laß uns zu Ruhe gehen. Du magſt thun, was dich gut duͤnkt,“ ſetzte ſie mit Stolz hinzu;„ich fuͤrchte dich nicht.“ b Muna, betroffen uͤber eine ſolche Standhaftigkeit in ihrer Verſchmäͤhung, und noch mehr betruͤbt durch dieſe letzten Worte, welche zugleich ihre Eigenliebe be⸗ leidigten, faßte den Entſchluß, ihr zu gehorchen, trotz der Wuth, welche ſie im Herzen trug, und druͤckte ſich in die außerſte Ecke des Sopha's, beunruhigt von tauſend ſich durchdringenden Gedanken. Sahidé war nicht minder von mancherlei Gedanken veſturmt. Indeſſen gewaͤhrten ihr die Muͤdigkeit und das Beduͤrfnis, welche ſich einem von Leidenſchaften freien Herzen leicht fuͤhlbar machen, ſich dem Schlafe hinzugeben. Muna dagegen, die nicht ſchlief, und ſie ſtaͤts beobachtete, konnte dieſen Schlaf nur als den letzten Beweis der Verſchmaͤhung anſehen; es fehlte wenig, ſo haͤtte ſie die ungluͤckliche Prinzeſſinn ihrer Rache aufgeopfert, mit dem Vorſatze, ſie ſelber nicht zu überleben; zwanzigmal ſtand ſie ſchon im Begriff es zu thun; zwanzigmal betrachtete ſie ihren Dolch: aber endlich, als ſie den Tag anbrechen ſah, wollte ſie Der Korb. 3⁰5 denjenigen wenigſtens noch mit den Augen verſchlingen, von dem ſie ſich jetzo fuͤr immer trennen ſollte. Sie ſtand auf, und naͤherte ſich; ſie betrachtet ihn mit Entzuͤcken, ſie will ihm wenigſtens noch einen Kuß ge⸗ ben; ſie ſucht emſig nach irgend einer Kleinigkeit, die dem Geliebten angehoͤrt, um daraus ihren groͤßten Schatz, ihren Troſt in der Trennung zu machen: da gehen ihr, bei der Verwirrung des Schlafs, endlich die Augen auf, und Sahidé ſcheint ihr ein Weib; je mehr ſie es unterſucht, je mehr uͤberzeugt ſie ſich davon; kaum trauet ſie ihren Augen: ſie kann aber nicht mehr daran zweifeln, ein bewundernswuͤrdiger halb entbloͤßter Buſen iſt ihr geringſtes Kennzeichen. Ploͤtz⸗ lich ſinkt ihr die Zauberbinde der Leidenſchaft von den Augen; ihre Begierden erloͤſchen, ihre Unſchuld kehrt zuruͤck, kurz, es war auf einmal eine ganz andere Muna. Ihre durch die erfahrene Behandlung nun nicht mehr beleidigte Eitelkeit, fuͤhrte die Gerechtig⸗ keit in ihr Herz zuruͤck, und ſtellte ihr ihre Pflicht im ganzen Umfange vor Augen. Sie ging leiſe weg, und ließ die Prinzeſſinn aufwecken, um ihr ihre Entdeckung mit zu theilen. Suluſch,— ſtaͤts erfuͤllk von ihrer Leidenſchaft fuͤr den Fremdling, uͤberdruͤßig der Pruͤfungen, wozu ihre ungluͤckliche Lage ſie noͤthigte, und welche ihre Liebe zu dem Koͤnige Kemßerai ihr noch unertraͤglicher IX. 20 1 3⁰6⁵ 588. T a g. machte, uͤberdieß befuͤrchtend, einſt gezwungen zu ſein, einem der Fremdlinge ihre Hand zu reichen, welche der Korb ihr unaufhoͤrlich zufuͤhrte,— wurde von Muna's Entdeckung entzuͤckt, und entſchloß ſich auf der Stelle, den Fremdling zu heirathen, der allem An⸗ ſcheine nach nimmer wagen wuͤrde, ſein Geſchlecht zu entdecken, welches zu verbergen er eben ſo viel Urſache haͤtte, als ſie. Dieſes Vorhaben entſprach voͤllig den Gefuͤhlen ihres Herzens, und gab ihr einen guͤltigen Vorwand, eine Lebensweiſe zu verlaßen, welche ſie nicht laͤnger ertragen konnte. Sie verſprach alſo Muna, ihr die Freiheit zu ſchenken, und ihr Gluͤck zu machen, wenn ſie nicht ausſagte, was ſie von dem Fremdling entdeckt hatte, ſondern ſich begnuͤgte zu bekennen, daß er auch dieſe dritte Nacht der Verſuchung nicht erle⸗ gen waͤre. 3 Muna gehorchte ihr; und als ſie vor dem Koͤnige Badanaſer und dem Reichsrathe ihre Erklaͤrung, dem Willen der Prinzeſſinn gemaͤß, abgelegt hatte, ſprach der Koͤnig: „So laßt uns denn den ſo lange erwarteten Ge⸗ mahl der Prinzeſſinn, den enthaltſamſten der Maͤnner, in Augenſchein nehmen.“ Alsbald befahl er zween Veſyren, hin zu gehen und im Gefolge aller Beamten der Krone und ſeines Hauſes in dem Zaubergarten den Fremdling auf zu Der Korb. 3⁰7 ſuchen, der die Prinzeſſinn ſeine Schweſter heirathen ſollte. Sein Befehl wurde vollzogen, und die Veſyre fanden die Prinzeſſinn noch feſt im Schlafe. Alle ſtellten ſich in tiefer Stille, mit allen Zeichen ihrer Wuͤrde, um ſie her, blieben ſo mit niedergeſchlagenen Augen ſtehen, und wagten nicht, denjenigen anzublicken, der ihres Koͤnigs Schwager werden ſollte. Unterdeſſen erwachte Sahidé, und gerieth in das hoͤchſte Erſtaunen, als ſie ſich von einem ſo glaͤnzen⸗ den Hofſtaat in ehrfurchtsvollem Schweigen umgeben ſah, waͤhrend ſie ſchon erwartete, ſich in dem verhaͤng⸗ nisvollen Korbe zu befinden. „Wo bin ich?“ wiederholte ſie mehrmals. Der Groß⸗Veſyr, der ſich vor ihr niedergeworfen hatte, antwortete auf ihre Frage nur durch Ehrfurchts⸗ bezeigungen und durch die Bitte, daß ſie geruhete, ihm zu folgen. Sahidé gab ſeiner Aufforderung nach; nichts was ſie hier ſah, durfte ſie beunruhigen: ſie folgte alſo dieſem praͤchtigen Hofſtaate, und gelangte bald in den Palaſt des Koͤnigs, der ſie auf ſeinem Throne, ſeine Hehwefſe Suluſch zur Seite, empfing, und zu ihr prach: „Komm, Fremdling, deſſen Treue und Enthalt⸗ ſamkeit belohnt zu werden verdienen; nenne uns we⸗ nigſtens deinen Namen, dein Vaterland und dein Ge⸗ 3⁰⁸ 588. 589. Tag. werbe; deinem Schwager darf deine Geſchichte nicht unbekannt bleiben: gib uns vor allen eine naͤhere Kunde von deinen Reichen und weitlaͤuftigen Staaten.“ Sahidé, die an den ſpoͤttiſchen Ton, deſſen man ſich gegen ſie bediente, nicht gewoͤhnt war, warf ſich dem Koͤnige zu Fuͤßen, und ſprach: „Euer Majeſtaͤt verzeihe den Antrieben, welche mich hieher gefuͤhrt haben; ich bin zu aufrichtig, um laͤnger daruͤber zu taͤuſchen.“ Fuͤnfhundert und neun und achtzigſter Tag. Suluſch, die befuͤrchtete, daß ſie ein Geheimnis entdecken wuͤrde, auf welches ſie ihre Ruhe gruͤndete, wollte ſie unterbrechen; aber Sahidé wollte der Prin⸗ zeſſinn wenigſtens den traurigen Zuſtand zu erkennen geben, in welchen ihre Liebe ihren Bruder verſetzt hatte, und fuhr fort mit den Worten: „Herr, Kemßerai..“ Bei dieſen Worten erroͤthete Suluſch; Sahidé that, als bemerkte ſie es nicht, und fuhr fort: „Mein Buuder iſt ein junger, ungluͤcklicher Koͤnig, der aus Liebe zu der Prinzeſſinn Suluſch ſtirbt; er hat den Lockungen nicht widerſtehen koͤnnen, welche in deinen Staaten den Fremdlingen bereitet ſind, und der Korb, der ihn wieder von hinnen fuͤhrte, hat ihn zum Der Korb. 3⁰9 ungluͤcklichſten der Menſchen gemacht. Ich liebe ihn ſo zaͤrtlich, daß ich ihn nicht wollte hinſchmachten laßen, ohne zu verſuchen, ob ich ihm keinen Troſt gewaͤhren koͤnnte. Ich habe alſo, wie du ſiehſt, dieſe Verkleidung angenommen, mich allen Zufaͤllen einer ſo weiten Reiſe ausgeſetzt, und das Abenteuer mit dem Korbe gewagt.“ „Wiel! du biſt alſo kein Mann?“ rief der Koͤnig aus. „Nein, Herr; ich heiße Sahidé,“ antwortete ſie ihm, indem ſie ſich das Geſicht mit einer Feuchtigkeit abwiſchte, welche ſie zu dieſem Zwecke mit genommen hatte; zugleich nahm ſie den Turban ab, der die ſchoͤnſten Locken von der Welt hinab wallen ließ, und erſchien ſo ſchoͤn, daß der Koͤnig Badanaſer davon ganz ent⸗ zuͤckt wurde und zum erſtenmal in ſeinem Leben Liebe empfand. Es fehlte nicht viel, ſo waͤre er ihr zu Fuͤßen gefallen. Indeſſen wollte er ſich doch nicht auf einmal ſo verſchieden von ſeinem bisherigen Betragen zeigen, und erroͤthete noch uͤber ein ihm unbekanntes Gefuͤhl; er ſprach alſo mit einer erzwungenen Wuͤrde: „Der Betrug, welchen du, Sahidé, uns geſpielt haſt, verdiente den Tod; ja wer weiß, ob du uns gar die Wahrheit ſagſt in Betreff deiner erlauchten Geburt: aber ich verzeihe deinen Reizen. Lebe hier bei Suluſch, ohne Hoffnung, jemals deinen Bruder wieder zu ſehen, noch in deine Staaten heim zu kehren. Du aber, 310 589. Tag. meine Schweſter, fahre fort, dir einen Gemahl zu ſuchen; Sahidé entſpricht dem Geſetze nicht.“ Die beiden Prinzeſſinnen entfernten ſich; und Su⸗ luſch, die ungeachtet der Uebereinſtimmung des Namens, ſich doch nicht zu ſchmeicheln wagte, daß der, den ſie liebte, derſelbe waͤre, von welchem Sahidé geſprochen hatte, that deshalb ſo viele Fragen an ſie, und Sahidé erinnerte ſie an ſo viele einzelne Umſtaͤnde, daß Suluſch, voll Entzuͤcken, von demjenigen geliebt zu werden, den ſie anbetete, den Entſchluß faßte, ſich lieber allem auszuſetzen, als in den Garten des Geiſterkoͤnigs zuruͤck zu kehren. Badanaſer ſaͤumte nicht lange, diejenige zu beſu⸗ chen, nach der er ſeufzte. Er wollte ihr ſeine Liebe erklaͤren; aber ſie, obſchon ſie ihn ſehr liebenswuͤrdig fand, behandelte ihn mit großer Strenge. Der Fuͤrſt beklagte ſich daruͤber, und Sahidé erwiederte ihm, wenn er ihr gefallen wollte, ſo wuͤrde ſie auf die Prin⸗ zeſſinn Suluſch die Anſpruͤche geltend machen, wozu die von dem Geiſterkoͤnige eingefuͤhrten und durch den Reichsrath gebilligten Geſetze ſie hinlaͤnglich berechtig⸗ ten. Badanaſer machte einige Schwierigkeiten, jedoch ſagte er ihr zuletzt: „Ich willige in alles, was du verlangſt, ſo fern es von mir abhaͤngt, und ich habe fortan keinen an⸗ dern Willen, als den deinigen.“ Der Korb. 311 „So verbiete ich,“ fuhr ſie fort,„von dieſem Augenblick an die naͤchtlichen Feſte in dem Garten, und will nicht, daß der Korb noch fuͤrder Fremdlinge herbei hole.“ „Ich muß dich erinnern,“ erwiederte der Koͤnig, „daß alles, was du verbieteſt, den Geiſterkoͤnig an⸗ geht; du magſt ſelber mit ihm ſprechen,“ fuͤgte er hinzu,„ich kann ihn leicht herbei rufen: alles was ich in dieſer Sache thun kann, beſteht darin, daß ich meine Bitten mit den deinigen vereinige.— Aber meine Schweſter,“ fuhr er fort,„ſoll ſie ſich denn nie vermaͤhlen?“ „Warum denn nicht du verſetzte Sahidé. „Das Geſetz gebietet mir,“ unterbrach ſie der Koͤnig,„den vom Schickſale fuͤr meine Schweſter be⸗ ſtimmten Gemahl in den von dem Geiſterkoͤnig einge⸗ richteten Gaͤrten pruͤfen zu laßen.“ „Jeder Eid, der ein unmoͤgliches Ding zum Gegenſtande hat, iſt nichtig,“ antwortete ihm Sahidé mit einem Ausdruck von Hoheit, welche den Koͤnig ganz in Erſtaunen ſetzte.„Ich will einen viel einfachern Eid ablegen, und einen den ich gewiſſen⸗ haft halten will,“ fuhr ſie fort.„Du liebſt mich, Herr?“ ſagte ſie mit Beſcheidenheit.„Wohlan, ich gelobe, mich mit dir zu vermaͤhlen, wenn du dich aus Liebe zu mir drei Tage lang einer Sache enthalten kannſt, 589. 590. Tag. zu deren Genuß dich Beduͤrfnis und Vergnüͤgen ge⸗ meinſam antreiben.“ „Ich gehe es ein,“ erwiederte Badanaſer;„was iſt es, deſſen ich mich enthalten ſoll? Es gibt nichts, ſo ich nicht im Stande waͤre zu thun, um dir zu be⸗ weiſen, wie ſehr ich dich liebe.“ „Ich kenne dich noch nicht genug,“ fuhr ſie fort, um beſtimmte Opfer von dir zu verlangen: aber wenn du mich wahrhaft liebſt, ſo koͤnnteſt du dich ohne Zweifel einer Sache enthalten, welche ich dir nennen wuͤrde; indeſſen verlange ich jetzo keinen andern Rich⸗ ter, als dich ſelber, und ich berufe mich deshalb le⸗ diglich auf deine Redlichkeit.“ Fuͤnfhundert und neunzigſter Tag. Badanaſer verließ ſie, um mit ſeinem Miniſter Ruͤckſprache zu nehmen, und irgend eine auffallende Enthaltſamkeit zu erſinnen. Er hatte von den Prin⸗ zeſſinnen bis zum folgenden Abend Abſchied genommen, weil er auf die Jagd gehen wollte. Nachdem er ſich lange bedacht hatte, glaubte er gefunden zu haben, was er ſuchte: ,„Du weißt es, Veſyr, ich liebe nur die Tieger⸗ jagd: nun will ich auf die Gaſellenjagd gehen, welche ich nicht leiden kann; das iſt ein Opfer, welches ich Der Korb. 5¹⁵ der ſchoͤnen Sahidé bringe; es iſt eine Enthaltſamkeit, die ich mir auferlege; wir wollen ſehen, was ſie dazu ſagen wird. Nein, und wenn hundert Tieger morgen bei mir vorbei kaͤmen, ich wuͤrde nicht einen davon toͤdten, darauf ſchwoͤre ich; das iſt ein Vorſatz, der ſie ſo wohl von meiner Liebe, als von der Kraft einer Verſuchung zu widerſtehen, uͤberzeugen wird.“ Waͤhrend der Koͤnig dieſe Anſtalten machte, fan⸗ den die Prinzeſſinnen Mittel, jemand zu gewinnen, der den Koͤnig auf die Jagd begleitete, und ihre Auftraͤge ausrichten ſollte; ihr beider Vortheil war zu innig ver⸗ flochten, als daß ſie nicht gemeinſchaftliche Sache ſoll⸗ ten gemacht haben. Sahidé war einen Theil der Nacht hindurch beſchaͤftigt, dasjenige vorzubereiten, was jener Vertraute, der des Landes vollkommen kundig war, ihr verſprach, den Koͤnig antreffen zu laßen. Hierauf legten ſich die Prinzeſſinnen zur Ruhe, und erwarteten die Ruͤckkehr Badanaſers. Frohlockend kam er heim, und ſagte zu der Schwe⸗ ſter Kemßerai's: „Du behaupteſt alſo, ſchoͤne Sahidé, daß man nicht enthaltſam ſein kann? Wahrlich, heute habe ich's bewieſen, ich habe mich, dir zu gefallen, auf eine der langweiligſten Jagden beſchraͤnkt. Ich meine, man ſoll mich ſobald nicht wieder dabei betreffen.“ „Du biſt alſo mit dir ſelber zufrieden?“ verſetzte Sahidé:„laß doch ſehen, was du vollbracht haſt?“ 3 ½ 590. Tag. „Ich habe Gaſellen gejagt,“ antwortete er mit Zuverſicht.— „In welche Gegend hat die Jagd dich gefuͤhrt?“— „In den Palmenwald,“ antwortete er.„Aber, beilaͤufig geſagt, du weißt wohl nicht, was ich dort an⸗ getroffen habe: koͤſtlichen Scherbet, mit Schnee um⸗ geben, in Gefaͤßen, welche die reizendſte Erſcheinung in dieſer Gegend bildeten. Du ſollſt ſelber die Koͤſtlich⸗ keit dieſes Getraͤnks ſchmecken,“ fuͤgte er hinzu,„ich habe befohlen, etwas davon mit zu nehmen.“ „Du haſt alſo davon genoſſen?“ unterbrach ihn die Prinzeſſinn. „Ohne Zweifel,„ antwortete der Koͤnig.„Meine Begleiter haben mir zwar vorgeſtellt, daß ich nicht von einem Getraͤnke genießen ſollte, deſſen Zubereitung man nicht geſehen haͤtte: aber es war heiß, der Scherbet ſchien ſo kuͤhl, und er wurde mir auf eine ſo einla⸗ dende Weiſe dar geboten, daß ich alle ihre Einwen⸗ dungen verlachte. Ich habe mich wohl dabei befun⸗ den; niemals hat man mir etwas ſo Koͤſtliches vorge⸗ ſetzt, noch etwas, das mir ſo viel Genuß gewaͤhrt haͤtte.“— „Dieſes Bekenntnis genuͤgt mir, mein Fuͤrſt, und du haſt dein mir gegebenes Wort geldſet.“ „Was willſt du damit ſagen?“ fragte der Köͤnig lebhaft, obwohl ein wenig betroffen: nds war heiß, Der Korb. 3¹5 und ich habe getrunken; iſt es eine Suͤnde, zu trinken, wenn man Durſt hat?“ „Damit iſt dein Urtheil geſprochen,“ erwiederte Sahidé, beſcheiden die Augen nieder ſenkend;„ent⸗ ſcheide du ſelbſt. Du kannſt dich nicht entſchuldigen, daß du nicht genugſam gewarnt worden vor der un⸗ ſchuldigen Schlinge, welche man dir gelegt hat, und in welche du gefallen biſt, ungeachtet aller der Gruͤnde, welche dich davon haͤtten zuruͤck halten ſollen. Uebri⸗ gens bin ich es, die den Scherbet bereitet hat, wel⸗ chen du angetroffen, und es freuet mich, daß er dir ſo gut geſchmeckt hat.“ Als die Verwirrung des Koͤnigs ſich etwas gelegt hatte, empfand er nur noch die geiſtige Anmuth und die reizende Geſtalt der ſchoͤnen Sahidé, ſank ihr zu Fuͤßen, und ſagte zu ihr: „Ich bin uͤberwunden: aber wie gern ich auch deinen Willen thun wollte, ſo vermag ich doch nichts von dem, was du verlangſt, ohne den Koͤnig der Gei⸗ ſter; ſeine Erlaubnis iſt durchaus erforderlich; du ſiehſt wohl ein,“ fuhr er fort,„daß der Reichsrath nichts aufzuheben wagen darf, was nur auf ſeinen Antrag feſtgeſetzt iſt. Indeſſen will ich nichts verſaͤumen, zu bewirken, was die ſchoͤne Sahidé begehrt. Ich kann den Geiſterkoͤnig auffordern, hieher zu kommen; in ei⸗ nigen Augenblicken koͤnnet ihr beide ſelber mit ihm re⸗ den,“ ſetzte er hinzu. 3¹6 590. 591. Tag. Die Prinzeſſinnen willigten mit Freuden ein; und auf der Stelle ſchrieb Badanaſer den Namen des Koͤ⸗ nigs der Geiſter und den ſeinigen auf einige Blaͤtter des ſchoͤnſten gemalten und vergoldeten Papiers, ſo nur in ſeinem Palaſte zu finden war. Er verbrannte ſie in einem Feuer von Aloé⸗ und Sandelholz, und alsbald erſchien der Geiſt. Fuͤnfhundert und ein und neunzigſter Tag. Die Prinzeſſinnen ſtellten ihm die Lage ihrer Her⸗ zen und die Quaal vor, worin die Grauſamkeit ſeines Befehls ſie verſetzte. Sahidé gab ihm ſogar auf eine feine Weiſe zu verſtehen, daß er bei dieſer Angelegen⸗ heit der uͤblen Laune freien Spielraum gegeben habe. Er geſtand, daß er ſich ſelber mehr als einmal die Haͤrte ſeines Benehmens vorgeworfen habe:„aber, ſchoͤne Suluſch,“ fuͤgte er hinzu,„wenn ich nun die Bezauberung des Korbes aufloͤſe, bedenkſt du nicht, daß die ſeitdem verfloſſenen Jahre alle ihre Rechte an eurer Jugend und Anmuth werden geltend machen?“ „Ja, Herr, ich denke wohl daran, und unter⸗ werfe mich dem. So lange ich noch gefalle, werde ich das allgemeine Loos nicht gewahren: und wenn ich aufhoͤre zu gefallen, wird es mir dann nicht gleich⸗ guͤltig ſein?“ Der Korb. 31⁷ Der Geiſterkoͤnig, ſelber gerührt durch dieſen Be⸗ weis der Liebe, machte ſich anheiſchig, zur Verguͤtung des von ihm geſtifteten Unheils, in jedem, der ſich ruͤhmen koͤnnte, die geringſte Gunſtbezeugung der Prin⸗ zeſſinn empfangen zu haben, das Andenken an dieſes Abenteuer zu vertilgen, ſie die Trauer ablegen zu laßen, kurz, gar keine andere Erinnerung an dieſe Ereigniſſe uͤbrig zu laßen, als die allgemeinen Vorſtellungen von Wonne und Luſt. „Das iſt noch nicht alles,“ fuhr er fort:„der Korb ſoll nur noch einmal ſeinen Dienſt thun.“ Als er aber ſah, welche Furcht dieſer verhaͤngnisvolle Korb der Prinzeſſinn erregte, ſetzte er raſch hinzu:„Ich werde ihm naͤmlich Befehl geben, den Koͤnig Kemßerai herbei zu bringen. Biſt du es nicht zufrieden, ſchoͤne Sahidé? Und du, ſchoͤne Suluſch, willſt du mich daran verhindern? fragte er laͤchelnd.“ Die Freude der einen und das Stillſchweigen der andern zeigten ihm, daß dieſes Erbieten ihnen unend⸗ lich angenehm war. Waͤhrend ſo die Hoffnung eben ſo die Herzen der Prinzeſſinnen, als das Herz des Koͤnigs Badanaſer be⸗ ſeelte, und der Geiſterkoͤnig das Vergnuͤgen genoß, die Beſeligung der Liebe zu ſehen, welche im Begriff ſteht, gluͤcklich zu werden, machte ſich der Korb auf die Fahrt, und befand ſich bald in dem Zimmer des Koöͤ⸗ nigs Kemßerai. In dieſem Fuͤrſten war kaum noch ein 3¹8 591. Tag. Hauch des Lebens: aber der Anblick des Korbes belebte alle ſeine Hoffnungen, und verlieh ihm die Kraft, ſich ohne Huͤlfe hinein zu ſetzen. Sogleich flog der Korb mit ſeiner gewoͤhnlichen reißenden Schnelligkeit dahin, und brachte ihn in den Saal des Palaſtes, wo der Koͤnig Badanaſer, die Prinzeſſinnen und der Geiſter⸗ koͤnig ihn erwarteten. Bei dem Anblicke der geliebten Suluſch ſank Kem⸗ ßerai in Ohnmacht. Der Geiſterkoͤnig floͤßte ihm ſo⸗ gleich einen Trank ein, ohne welchen er rettungslos waͤre verloren geweſen: augenblicklich gab ihm derſelbe ſeine volle Geſundheit wieder. Die Liebe und die Prin⸗ zeſſinn Suluſch haͤtten ohne Zweifel auch dieſes Wun⸗ der bewirkt: aber ſie haͤtten laͤnger damit zu thun gehabt. Der Geiſterkoͤnig vollzog ſelber die Vermaͤhlungs⸗ feierlichkeit dieſer vier Geliebten; und da er ihnen bei ſo bewandten Umſtaͤnden nicht weiter noͤthig war, flog er hinweg, um ſie der Liebe zu uͤberlaßen, welche, nach ihrem Gefallen und ohne alle Beſorgnis, ihre Gewalt uͤber ſie ausuͤbte.“ Moradbak. 319 Als Moradbak dieſe Geſchichte beendigt hatte, ſagte der Sultan, der ſtaͤts ſehr munter geſchienen, obgleich er an einigen Stellen wohl haͤtte einſchlafen koͤnnen: „Ich bin ziemlich zufrieden mit deiner Erzaͤhlung; ſie hat mich zwar nicht eingeſchlaͤfert, aber ſie hat mich vergnuͤgt; und ich glaube, daß das Vergnuͤgen ein noch beſſeres Mittel gegen mein Uebel iſt, als der Schlaf. Ich muß dir indeſſen ſagen, daß es ein gro⸗ ßes Gluͤck war, daß Kemßerai eine Schweſter hatte; und daß die Prinzeſſinn Gefahr lief, Jungfrau zu blei⸗ ben, wenn ſie nur einen Mann haͤtte heirathen ſollen, der gegen die Verſuchung unempfindlich geweſen waͤre. Ich zweifle ſogar, daß ein Mann, der ſich dermaßen haͤtte beherrſchen koͤnnen, jemals ein guter Ehemann geworden waͤre.“ Nachdem Huͤddſchadſch der ſchoͤnen Moradbak ei⸗ nen Wink gegeben, ſich zu entfernen, und befohlen hatte, morgen wieder zu kommen, gehorchte ſie, und erzaͤhlte ihm die folgende Geſchichte. Subſcriptions⸗Einladung. Meyrfäͤltig ausgeſprochenen Wünſchen zu genügen, die den neueſten deutſchen Ueberſetzungen der vorzüglichſten griechiſchen und römiſchen Dichter und Proſaiker beigegebenen Bildniſſe derſelben, ſämmtlich nach Zeichnungen von Antiken, Gemmen und Münzen geſtochen, auch allein abzugeben, hat ſich die unterzeichnete Verlagshanoͤlung nunmehr dazu entſchloſſen, und wird dieſelben unter dem Titel: Fünf und achtzig Bildniſſe der vorzüglichſten griechiſchen und römiſchen Schriftſteller, in 14 Lieferungen, jede 6 Blloͤniſſe(die letzte 7) enthaltend, in 8v. Format, ſo daß ſie zu allen vorhandenen Ausgaben und Ueberſetzungen paſſen, auf feinem Schweizerpapier ſauber gedruckt, herausgeben. Der Subſcriptionspreis beträgt für jede in einem ſau⸗ bern Umſchlage geheftete Lieferung nicht mehr als 6 ggr. (7 ½ ſgr. oder 27 Kr.), worauf von allen Buchhandlungen Deutſchlands, der Schweiz, Niederlande, Holſteins, Ungarns und Dänemarks ꝛc. Beſtellungen angenommen werden. Da⸗ mit indeß das Publikum zuvor ſehe, was dafür geliefert und wie der Stich ausgeführt wird, ſind in den namhafte⸗ ſten Buchhandlungen der genannten Länder Probehefte nie⸗ dergelegt worden. Das erſte Heft iſt bereits erſchienen, dem von 6 zu 6 Wochen ein neues Heft folgen wird. Prenzlau, den Iſten März 1828.„ Ragoczyſche Buchhandlung.