O AA —-—-—y——= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..— 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 3 „„—. 3„ 1„=—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr felbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterperleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5 1 V 6 ——* Tausend und Ein Tag. 3 Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. Aus dem Persischen, Türkischen und Arabischen nach Petis de la Croix, Galland, Cardonne, Chawis und Cazotte, dem Grafen Caylus und Anderen, li berſezz t von F. H. von deer Hagen. Achter Band. 9 Prenzlau, Druck und Verlag der Ragoczyſchen Buchhandlung. I. 8 2 8. Tauſend und Ein Tag. Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. Achter Band. οeSSSe Vorbericht. — In dieſem Bande beginnen, mit der Geſchichte Morad⸗ vaks, die vom Grafen von Caylus bearbeiteten Erzäh⸗ lungen. Der durch mannigfaltige, die Alterthumskunde be⸗ treffende Werke rühmlich bekannte Verfaſſer(geſt. 1765.) hat dieſen Erzählungen, die in ſeinen Oeuvres badines complettes(Amsterd. et Paris 1787. 8.) T. VII.— VIII. und in dem Cabinet des Fées T. XXVI. gedruckt ſind, folgende Zueignung vorgeſetzt, worin er erklärt, daß er dieſelben nur geſammelt habe: wozu er durch ſeine Rei⸗ ſen im Morgenlande, namentlich in Klein⸗Aſien(1715— 17), gute Gelegenheit hatte. Daß ſolches kein bloßes Vorgeben iſt, erhellet hauptſächlich aus dem echt morgenländiſchen Ge⸗ präge aller dieſer Erzählungen, welche auch manche Züge mit anderen ſchon bekannten dieſer Art gemein haben. —% IV Vorbericht. An Frauv...— Gnädige Frau, Sie lieben die morgenländiſchen Er⸗ zählungen ſo ſehr, daß Sie ſchon oft Sich derſelben angenommen haben, und mehr als einmal habe ich Sie mit Anmuth die Spöttereien mehrerer Perſonen beant⸗ worten hören, die, mit mehr Ernſthaftigkeit als Gründ⸗ lichkeit, das Vergnügen verdammten, welches dieſe Scherze gewähren können. Solchen aus übler Laune entſprungenen Urtheilen Ernſt entgegenſetzen, würde ſie nachahmen heißen, nicht ſie widerlegen. Indeſſen muß man geſtehen, daß man für dieſe Erholung des Geiſtes nicht eher empfänglich werden kann, als bis man ſich an den Franzöſiſchen Romanen und kleinen Geſchichten, ſo zu ſagen übernommen hat. Die letzten haben ge⸗ wöhnlich eine Verwickelung, einen Plan und ein Ziel, das ſich wohlgeordnet entfaltet: aber die Gewohnheit, dergleichen immer wieder zu leſen, läßt uns nur zu leicht ihre Entwickelung vorausſehen; dagegen die mor⸗ genländiſchen Erzählungen oft keinen andern Zweck haben, als durch Ueberraſchung zu wirken, indem man ſieht, wie die kleinſten Umſtände die größten Umwälzun⸗ gen hervorbringen. Hierin beſteht faſt ihr ganzer Zau⸗ ber; zugleich erhöhet die Darſtellung ihren Reiz: man fühlt die Wärme des Himmelsſtrichs, welche eine für Europäiſche Leſer ſo anziehende Eigenthümlichkeit lher⸗ vortreibt. Das Wunderbare anlangend, welches ſich Vorbericht. V in einigen dieſer Erzählungen findet, ſo würde es unnütz ſein, daſſelbe mit anderem zu vergleichen: hier⸗ über muß der beſondere Geſchmack entſcheiden. Kurz, Gnädige Frau, die Natur hat Sie ſo glück⸗ lich begabt, daß Sie eine leichte Erheiterung den ſo⸗ genannten ernſthaften Sachen vorziehen; Sie haben mir mehr als einmal bewieſen, daß ein heiterer Geiſt ſich willig zu allem hergibt; und ich würde mich glücklich ſchätzen, Ihre Einbildungskraft auf einige Augenblicke zu vergnügen: dieß iſt mein Ziel bei Ueberreichung dieſer Erzählungen. Tauſend und Eine Nacht, Tauſend und Ein Tag, die vierzig Veſyre, Abdallah der Sohn Hanifs, und ſo viele andere lebensvolle Gebilde dieſer Art ſind Ihnen ſo gegenwärtig, daß ich Sie oft nach ſolchen verlangen gehört habe, die Ihnen noch unbekannt wären. Ich rechne ſehr auf die Neuheit dieſer hier; ich könnte denſelben ſogar, ohne die Beſcheidenheit zu verletzen, eine noch ſtärkere Lobrede halten, weil ich an dieſer Sammlung keinen andern Theil habe, als eben den des Sammlers. Ich ergreife dieſe Gelegenheit, Sie zu verſichern, wie ſehr mir alles am Herzen liegt, was Sie in Ihrer Abgeſchiedenheit ergetzen kann. Ich habe die Ehre zu ſein ꝛc.“ Inhalt des achten Bandes. Geſchichte Shahadildins, Prinzen von Damask.⸗ 1 Vierhundert und ſieben und funfzigſter Tag⸗ 11 458ſter Tag„ ⸗ 156 45 9ſter Tag Ee, ⸗ 5„ 23 460ſter Tag z 2„. 2 23 46 1Iſter Tag ⸗ 2 ⸗ 7 2 ⸗ 34 462 ſter Tag-⸗„ 22 ⸗ 38 463ſter Tag ⸗ e„ 44 46 4ſter Tag 2 e- 50 465ſter Tag e 5 56 466ſter Tag o8ooͤſ 61 467ſter Tag 2 2 27 ⸗ A- 2 2 2 7 27 66 46 8ſter Tag r r e e„ 1 Liebesgeſchichte des Mograby mit Planeten⸗Schwe⸗ ſter, Tochter des Koͤnigs von Aegypten. 469ſter Tag⸗-⸗⸗ ⸗. 470ſter Tag ⸗ 3 2 7 ⸗* 28 83 N U N VIII Inhalt. 47 Iſter Tag 2 7 2 47 2ſter Tag 7 7 2 2 2 2 2 2 ⸗ 2 2 47 3ſter Tag„ ⸗ ⸗, ⸗ ⸗ 2⸗-⸗ 47 4ſter Tag 2,, 7⸗, 2 ⸗ 2 47 5ſter Tag 2 ⸗ ee e⸗e ⸗-⸗-⸗ 476ſter Tag ⸗ ,. 5 Geſchichte der Geburt des Mograby. 47 7ter Tag⸗⸗ ⸗⸗ ⸗ ⸗3 2ſente Teiſe 42 8ſter Tag. z 2 Fortſetzung der Geſchichte der Aegyptiſchen Koͤnigs⸗ tochter, genannt Planeten⸗Schweſter ⸗ ⸗ u 47 Oſter Tag 7 ⸗ ⸗ 48oſter Tag-⸗ ⸗ ⸗ ⸗⸗. ⸗ 48 Iſter Tag · · 7 7 2 2 2 2 2 2 ⸗ 482 ſter Tag 7 2⸗ 2 ⸗ e ⸗ Fortſetzung der Geſchichte Habed⸗il⸗Rumans und ſeiner Gefaͤhrten, und Ende des Mograby ⸗ „ 483ſter Tag⸗⸗⸗⸗ ⸗ ⸗« e⸗ 484ſter Tag ⸗ 2 2 2⸗ 485 fter Tag ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 282 486ſter Tag* ⸗ 2. ⸗ ⸗ ⸗2 ⸗ ⸗ ⸗ 487 ſter Tag ⸗- ⸗. 2⸗ 488ſter Tag 2„ ⸗ Inhalt. 3 IX Seite Beſchluß der Geſchichte Habed⸗il⸗ Numgus und der Prinzeſſin von Aegypten ⸗⸗ 2 185 489ſter Tag- 7 7 7 7 7⸗ 27 ⸗ ⸗ 2 186 490ſter Tag ⸗⸗ 102 Geſchichte Moradbaks. 49 1Iſter Tag 7= 109 Die Aepfelrechnung. 492 ſter Tag ⸗ Die Weinquelle. 493ſter Tag 7. ⸗ ⸗ 2 2 2 202 Geſchichte des Dakianos und der Siebenſchlaͤfer. ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 204 N v 8 d v 1 8 v 494ſter Tag 7 2 7 2 2 2 2 2 2 212 495ſter Tag z ⸗,, 7⸗ ⸗ 2⸗ 2 2 217 496ſter Tag 2 2 3 2 2 2 27 2 2 7 2 222 492 ſter Tag 7 27 2 2 2 2 2 2 2 ⸗ 226 49 8ſter Tag 2 7 2 2 2 2⸗ 27 27 2 220 49 9ſter Tag ⸗, ⸗ ⸗ 7⸗ ⸗ ⸗ 2 233 50oſter Tag, ⸗ 2 23 237 50 1ſter Tag 7 ⸗ ⸗ ⸗ 2 2 242 502ter Tag 7 2 27 2= 2 2⸗ 2 247 503ter Tag 2.„ ⸗ ,. ⸗ ⸗ 252 504ter Tag 4 ⸗ ⸗ ⸗ ⸗⸗ 252 505ter Tag ⸗ ⸗ 506ter Tag ⸗ ⸗ 507 ter Tag ⸗ ⸗ Geſchichte der Geburt 508ter Tag 509ter Tag 2 7 510ter Tag ⸗ 51Iter Tag ⸗ ⸗ 512ter Tag 7 27 actu N G R N A u N N AV 8 K Au KEAN Au R A 262 266 270 27 2 277 282 286 290 1 . Tauſend und Ein Tag Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. G eſchichte Schahadildins, Prinzen von Damask. „O meine Bruͤder!“ hub er an:„meine edlen und traurigen Ungluͤcksgefaͤhrten! welche Empfindungen habt ihr in meinem Herzen aufgeregt! wie viel Licht habt ihr meinem Geiſte angezuͤndet, das mich uͤber meine eigenen Abenteuer aufllaͤrt! Ich errathe nunmehr die Dinge, welche mir un⸗ begreiflich ſchienen, und ich erkenne unter den verſchie⸗ denen Larven, deren Spiel ich euch erzäͤhlen will, den⸗ ſelben Boͤſewicht, der unſer Verderben ſo ſchlau ange⸗ VIII. 1 V 2 3 455. T a g. zettelt hat, und werde ihm ſeinen wahren verruchten Namen geben, welcherlei Geſtalt er auch angenommen hat, ſeine frebelhaften Abſichten zu erreichen. Um in die Ereigniſſe, welche mir alle innig mit einander verknuͤpft ſcheinen, nicht Verwirrung zu brin⸗ gen, will ich, nach dem Beiſpiele des Prinzen der Ta⸗ tarei, in meiner Erzuͤhlung etwas weit ausholen. Meine Mutter verlor im funfzehnten Jahre die ihrige, die fuͤnf und dreißig Jahre alt war, und blieb unter der Vormundſchaft ihrer Großmutter, meiner Urgroßmutter. Dieſe ſchien ſich damals meiner ſorg⸗ fältig anzunehmen, und ich glaubte, ihr viel Dank ſchuldig zu ſein: aber wenn ich an die hier gehoͤrten Erzaͤhlungen zuruͤck denke, ſo ſehe ich wohl, daß ich ihr mein ganzes Ungluͤck zu verdanken habe. Ich ſehe ferner, daß ſie gegen mich unſchuldig, aber ſo wohl in Betreff meiner, als ihrer ſelbſt, im hoͤchſten Grade verblendet war. Ich muß euch eine getreue Schilderung derjenigen entwerfen, welche ich meine Urgroßmutter nannte; aber ſo, wie ihr mich gegenwaͤrtig in den Stand ge⸗ ſetzt habt, ſie zu betrachten, naͤmlich, als Werkzeug des Mograby, zu meinem Verderben und vielleicht zum fortwaͤhrenden Ungluͤcke meiner Familie. Ich will die verſchiedenen Zuͤge, welche ich von ihr behalten habe, zuſammenfaſſen, und ſie euch vor Augen ſtel⸗ Schahadildin von Damask. 3 len, um euch weder uͤber ſie, noch uͤber mich zu taͤuſchen. Sie hieß Haméné, und war, mit einer einzi⸗ gen Tochter, ſehr fruͤhzeitig Wittwe eines Kaufmanns zu Damask geworden. Ich erinnere mich, daß ein Edelknabe, den der Koͤnig, mein Großvater, liebte, einſt zu mir ſagte: „Nimm dich in Acht, daß deine Urgroßmutter dich durch ihre Froͤmmigkeit nicht unter die Erde bringt, wie ſie es mit ihrem Mann und mit ihrem Schwiegerſohn gemacht hat.“ Ich zweifle nicht, daß der Edelknabe dieſe Be⸗ merkung uͤber meine Urgroßmutter anderweitig gehoͤrt hatte; indem man ſie nur die heilige Haméné, oder die Heilige von Damask nannte; und nie⸗ mals trieb ein Menſch es weiter in den Aeußerlichkei⸗ ten der Heiligkeit. Sie ging nie anders aus, als mit einem Schleier, der groͤßer und dichter war, als ihn alle andern Frauen trugen; und ihre ganze Kleidung von duͤſtern Farben, ihre lange, duͤrre und, ungeachtet ihres Alters, gerade Geſtalt, haͤtten ſie ſchon genugſam kenntlich gemacht, wenn nicht das dicke Buch des Korans, welches ſie ſtaͤts unter dem Arme trug, und ein Roſenkranz,*) *) Solche Roſen kränze, Masphaha genannt, rragen die Derwiſche und Santone um den Hats. 4 4 455. TDag. deſſen Kugeln ſo groß waren, wie Eier, ſie ausgezeich⸗ net haͤtten. Sie legte bei allen Leichenbegaͤngniſſen Trauer an und folgte denſelben; ſie miſchte ſich unter die An⸗ gehdrigen des Todten, und deren wahrhaftes Leid war nichts in Vergleich mit dem, wovon ſie ſich durchdrun⸗ gen zeigte. Kurz, wenn man die Betruͤbnis einer Frau ſchildern wollte, welche ihren Mann verloren hatte, pflegte man zu ſagen: „Sie weinet eben ſo herzlich, wie die Heilige thun wuͤrde.“ Eines Tages, als ſie bei dem Leichenbegaͤngnis eines Kadi's, von welchem jedermann ſchlecht ſprach, untroͤſtlich war, ſagte ich zu ihr: „Aber, liebe Urgroßmutter, warum betrüͤbſt du dich ſo ſehr uͤber den Tod eines Mannes, der nicht gut „Eben deshalb,“ antwortete ſie mir,„weil er nicht gut war: wenn ich nur die Menſchen beweinen wollte, welche gut ſind, ſo wuͤrde ich nicht eine Thraͤ⸗ ne zu vergießen haben; denn ſieh, die Maͤnner tau⸗ gen nichts, und die Weiber ſind noch hundertmal ſchlimmer; alles das ſtirbt dahin, wie die Fliegen, und verſinkt in den Unflat, wie die Schweine; der Engel des Todes koͤmmt, rafft ſie weg und fuͤhrt ſie an einen Ort, woraus Mahomed ſie nicht erretten kann: nun ſieh, ob man da nicht weinen muß.— Schahadildin von Damask. 35 Die Boͤſeſten,“ fuhr ſie fort,„ſind am meiſten zu be⸗ klagen. Ach! wie ſehr beduͤrfen ſie es, daß man hin⸗ gehe, auf ihren Graͤbern zu beten, um die Voͤgel der Hoͤlle von ihnen zu verſcheuchen, welche an ihren Herzen und Eingeweiden nagen, ohne daß man es gewahrt.“ Auch haͤtte ſie, durchdrungen von dem Gedanken, daß die Todten ihres Gebetes ſo ſehr beduͤrften, ſich nimmer zu Bette gelegt, ohne daß ſie um und auf den Grabſtaͤtten umher geſtreift waͤre, um ſich, wie ſie ſagte, der einzigen wahren Pflicht zu entledigen, wiſche denjenigen oblaͤge, die noch auf Erden wan⸗ elten. 3 Dort erbaute ſie das Volk durch die andaͤchtige Miene, womit ſie die gewoͤhnlichen Gebete verrichtete. Als die Fakire und Derwiſche, in deren Gewerbe ſie eingriff, ſahen, daß man ſich der Gebete wegen lieber an die Heilige, als an ſie wandte, und daß ſie Be⸗ zahlung dafuͤr nicht verſchmaͤhte, wurden ſie zugleich von Eiferſucht und Eigennutz getrieben, bei dem Na⸗ kib*) Klage zu fuͤhren. *) So heißt das Oberhaupt der Kadi's, der Oberrichter. —— 1 6 456. Ta g. Vierhundert und ſechs und funfzigſter Tag. Die Oberhaͤupter dieſer beiden Genoſſenſchaften erſchienen nicht mit leeren Haͤnden; ſie brachten Hand⸗ ſalbe fuͤr den Richter mit. Nachdem ſie denſelben ge⸗ hdrig unterrichtet hatten, daß ſie eines guͤnſtigen Aus⸗ ſpruchs von ihm beduͤrften, beſtieg er feierlich ſeinen Richterſtuhl, und forderte ſie auf, ihre Sache vor⸗ zutragen. „Herr,“ ſprachen ſie,„ein altes Weib, welches eure Weisheit zu Schanden machen moͤge, begnuͤgt ſich nicht damit, mit aufgeloͤſten Haaren allen Leichen⸗ begaͤngniſſen nachzulaufen, dabei ein Geheul auszuſto⸗ ßen, welches die Aufmerkſamkeit von unſern Gebeten abzieht, kurz, noch ein Scheuſal mehr im Gefolge des Todes zu ſein: ſie begibt ſich auch auf alle Todten⸗ acker von Damask, dringt in die Grabſtaͤtten ein, und erfrecht ſich, dort ganz laut Il⸗fathea und Il⸗ kathmé ³²) zu ſprechen, was eigentlich unſers Am⸗ s iſt. Verleitet durch ihre Grimaſſen und Verzuckungen, verſchmaͤht das Volk die Huͤlfe, welche wir den ver⸗ ſtorbenen Glaͤubigen gewaͤhren koͤnnen, und ſetzt ſein ganzes Vertrauen auf die Uebertreibungen dieſes ſchein⸗ heiligen Geſchoͤpfs. 1 *) Fisfathea iſt der Eingang zum Gebete; Jlekathmé iſt das Geber für die Todten⸗ Schahadildin von Damask. 7 Verbietet, Herr, der alten Haméné, die man nur aus Spott die Heilige nennen kann, ſich mit ſolchen heiligen Werken zu befaſſen; ihr werdet Gott und ſei⸗ nem großen Propheten damit einen Dienſt leiſten, und ein durchaus nothwendiges Werk thun, um die den heiligen Gebraͤuchen ſchuldige Ehrfurcht aufrecht zu erhalten.“ Ich glaube jetzo, daß der Nakib, auch wenn man ihn nicht beſtochen haͤtte, eine ſo billige Forderung nicht abweiſen durfte; ſelbſt wenn er die wahren Be⸗ weggruͤnde derſelben durchſchaute. Der Richter be⸗ durfte aber noch ſtaͤrkere Entſcheidungsgruͤnde, ihn zu bewegen, daß er ſich das Misfallen des Volks zuzoͤge, indem er es der oͤffentlichen Gebete der Heiligen be⸗ raubte; das Gewicht des Goldes ſenkte voͤllig die Waage zum Nachtheile Haméné's, und es erging an ſie ein foͤrmliches Verbot, kuͤnftighin die Gebete der Fakire und Derwiſche in den Grabſtaͤtten zu ſtoͤren, unter Androhung der ſtrengſten Zuͤchtigung, wenn ſie ſich auch nur erdreiſtete, dort zu erſcheinen. Oh! wie ſchlug dieſer Befehl ſie zu Boden! Sie hatte große Luſt, unter das Volk zu treten, um es aufzuwiegeln, daß es gegen den Nakib und deſſen Schuͤtzlinge ſeine Stimme erhuͤbe, und zwar ſo laut, daß der Koͤnig von Damask es hoͤrte, als ſie durch die einladendſte Botſchaft von dieſem Vorhaben ab⸗ wendig gemacht wurde. 8 456. Tag. „Seid ihr nicht die gute heilige Haméné?“ fragte ſie eine Sklavinn von ſehr gutem Ausſehen und vollkommen wohlgekleidet. „Ja,“ antwortete ſie. „Wenn das iſt,“ fuhr die Abgeſandte fort,„ſo wuͤrdet ihr meinen Herrn, einen reichen Armeniſchen Kaufmann, der hier nahebei im Chan*) wohnt, un⸗ endlich verbinden, wenn ihr ihm die Gnade erwieſet, zu ihm zu kommen: er bedarf hoͤchlich eurer Gebete, und wird fuͤr die Gnade, welche ihr ihm erzeiget, ſehr erkenntlich ſein.“ „Hurtig ans Werk!“ ſprach meine Urgroßmutter bei ſich ſelber,„damit die Fakire uns nicht zuvorkom⸗ men: die Laͤden und Waarenlager des Chans von Da⸗ mask wiegen wohl die Grabſtaͤtten um die Stadt auf, und bis ich mich anderswo und auf andere Weiſe raͤ⸗ chen kann, will ich den Kaufleuten, wenn ſie mich an⸗ hoͤren, wie ſie ſollen, meine Feinde ſchon gehͤrig ſchildern. 5. Ich wuͤrde ſie zu Freunden haben, wenn ich mit ihnen haͤtte theilen und ihnen meine Thuͤr oͤffnen wol⸗ len: aber ich habe eine Tochter zu erziehen und zu verheirathen; ſie haͤtten mein Haus in uͤbeln Geruch gebracht, und ich gewinne mehr an meinem Rufe, wenn ich in meinem Stadtviertel einige wohlange⸗ *) Herberge und Waarenlager für fremde Kaufleute. Schahadildin von Damask. 9 brachte Almoſen vertheile, als wenn ich taͤglich drei⸗ ßig ſolche Tagediebe ernaͤhrte, wie ſie.“ Indem die alte Haméné ſo ihren Vortheil be⸗ rechnete, gelangte ſie nach dem Chan. Sie fand dort auf einem reichen Sopha einen dem Anſcheine nach ſchon ſehr bejahrten Mann, von hoher Geſtalt, mit einem langen und dicken weißen, ehrwuͤrdigen Bart, einem Turban vom groͤßten Umfange, und in einem Armeniſchen Rocke mit weiten Falten. Dieſer Mann kam meiner Urgroßmutter, ſo bald er ſie erblickte, ehr⸗ erbietig bis an die Thuͤre ſeines Waarenlagers ent⸗ gegen... „Ich danke es, ehrwuͤrdige Frau,“ ſprach er zu ihr, indem er ihr die Hand reichte, um ſie nach dem Sopha zu fuͤhren,„ich danke es meinem Gluͤcksſterne, daß er mich nach Damask gefuͤhrt hat, um hier in der Huͤlfe der heiligen Frau, welche mich mit ihrem Beſuche beehrt, ein Mittel gegen meine Beaͤngſti⸗ gungen zu finden.“ „Nicht Alle, lieber fremder Herr,“ antwortete Haméné,„denken ſo, wie ihr; die Fakire und die Santone 1 2 4— „Bekuͤmmern wir uns nicht, ehrwuͤrdige Frau, wie jene Leute die Dinge anſehen; man iſt in dem Chan von ihren Raͤnken gegen euch unterrichtet: ſie haben wieder ihren bekannten Charakter bewaͤhrt, ohne 10 456. Tag. dem eurigen ſchaden zu koͤnnen; und das Vertrauen, welches ich in euch ſetze, iſt der Beweis davon. Ich habe kuͤrzlich das Ungluͤck gehabt, meinen Bruder zu verlieren; er hat mir ſeine Erbſchaft hin⸗ terlaßen, mir, der ich ſelber ohne Erben bin. Sein Grab iſt zwar ſehr weit von hier, tief in den Arme⸗ niſchen Bergen: aber man kann uͤberall beten, und ich habe euch, heilige Frau, zu mir einladen laßen, um hieſelbſt eure wirkſamen Gebete fuͤr ihn zu ver⸗ richten.“ „Herr,“ antwortete meine Aeltermutter,„ich habe ſchon meine Abwaſchungen und meine beiden Morgen⸗ gebete verrichtet, und bin bereit, euer Verlangen zu erfuͤllen. Ich wuͤnſchte nur zu wiſſen, welches Ge⸗ werbe der Verſtorbene trieb, und zu welchen Fehlern er geneigt ſchien.“— „Er war Kaufmann, wie ich, hier ſind ſeine Handlungsbuͤcher, welche mir uͤbergeben worden. Ue⸗ brigens mochte er den Frauen etwas zu ſehr ergeben ſein; ich glaube ſogar, daß dieſes ſein Ende beſchleu⸗ nigt hat: aber ich hoffe, daß Mahomed es ihm ver⸗ geben wird.“ „Und ich auch,“ ſagte ohne Zweifel Haméné im Stillen.—„Reichet die Handlungsbuͤcher von der Stelle herab, wo ich ſie ſtehen ſehe; ich will ſie mit meinem Roſenkranz umgeben. Der Menſch hat in dem Gewerbe, welches er treibt, eine fortwaͤhrende Schahadildin von Damask. 11 Verſuchung, die ihn reizt, ſeine Pflichten zu uͤberſchrei⸗ ten: wenn etwa der Vorſtorbene ſolchen Verſuchungen unterlegen hat, ſo wollen wir Vergebung fuͤr ihn er⸗ bitten. Den Tod anlangend, ſo koͤmmt er immer zur beſtimmten Stunde; das Schickſal ſendet ihn, und weder das Schwert des Feindes, noch die Liebe der Frauen vermoͤchten ihn um einen Augenblick zu be⸗ ſchleunigen.“ d „Goͤttlich,“ rief der Armeniſche Kaufmann aus: „hier ſind die Buͤcher!“ Haméné nahm hierauf ihre kleinen Feierlichkeiten vor, warf ſich auf die Knie, oͤffnete den Koran, und ſagte die Gebete laut her. 5 Der Armenier ſchien, waͤhrend ſie ſo beſchaͤftigt war, ganz von Ehrfurcht erfuͤllt und in geiſtliche Be⸗ trachtungen verſunken. — Vierhundert und ſieben und funfzigſter Tag. Als das Gebet beendigt war, zog er zwei Gold⸗ Kacs aus ſeiner Boͤrſe, gab ſie Haméné, und ſagte zu ihr: „Heilige Frau, eure Geſellſchaft wuͤrde mir in dem Zuſtande, worin mein Herz und mein Geiſt ſich befinden, eine große Troͤſtung ſein: erzeiget mir die Ehre, mit mir zu Mittag zu ſpeiſen.“ 22 457. T a g. Meine Urgroßmutter konnte eine ſo verbindliche Einladung nicht ausſchlagen, und war bald ſehr zu⸗ frieden, daß ſie dieſelbe angenommen hatte; denn das Mahl war auserleſen. „So lebe ich gewoͤhnlich,“ ſagte der Armenier; „aber ich habe nicht immer das Gluͤck, deſſen ich mich heute erfreue, mich mit einer ſo erbaulichen Geſellſchaft unterhalten zu koͤnnen. Wenn ich jemand aus dem Chan bei mir zu Tiſche lade, ſo wird nur von Han⸗ delsſachen geredet, und ich geſtehe, daß es mich ſehr gluͤcklich macht, meiner gewoͤhnlichen Beſchaͤftigungen vergeſſen zu koͤnnen. Ich kenne uͤberdieß niemand zu Damask, noch kennet mich jemand hier, und ich ſcheue mich, neue Verbindungen anzuknuͤpfen.“ „Ihr habt Recht, lieber fremder Herr,“ ſagte meine Urgroßmutter;„es wuͤrde euch ſchwer werden, vielleicht unmoͤglich, hier jemand zu finden, der euch angemeſſen waͤre; es ruhet ein Fluch auf dieſer Stadt. Ohne die Gebete einer und der andern frommen Seele, die ich nicht nenne, welche ſich aber Tag und Nacht zum Himmel erheben, wuͤrde Damask laͤngſt durch die feurigen Pfeile des Himmels vertilgt ſein. Es gibt hier keine andre Religion, als die des Goldes, keine andre Gerechtigkeit, als die des Eigennutzes. Der Handel iſt eine faſt offenbare Spitzbuͤberei. Wenn Leute aus Damask in euer Waarenlager kommen, ſo Schahadildin von Damask. 15 muͤßt ihr auch Augen hinten am Kopfe haben; ſie ha⸗ ben ſo viel lange Finger, euch eure Kleinode zu ſteh⸗ len, als eine Spinne Fuͤße hat. Wenn ſie einen Tauſch mit euch machen wollen, ſo geben ſie euch gefaͤrbtes Glas fuͤr einen Karfunkel aus. „Tretet ihr in ihre Laͤden, um ein Stuͤck Zeug zu kaufen, ſo werden ſie euch mit Bewillkommungen und Hoͤflichkeiten, mit Hoͤflichkeiten und Bewillkom⸗ mungen ſo lange in dem Gemache umherfuͤhren, bis ſie mit einem unvermerkten Schub ein Fenſter ge⸗ ſchloſſen haben, welches zu viel Licht auf die Maͤngel desjenigen werfen wuͤrde, was ſie euch vorlegen ſol⸗ len. So ſind die Maͤnner hier beſchaffen; man muß ſie fliehen: und vertrauet ihr den Weibern, da kommt ihr noch ſchlechter an!“ „Ich habe ſagen gehoͤrt,“ erwiederte der Arme⸗ nier,„daß ſie ſehr zutraulich und ſehr ſchoͤn ſind.“ „Zutraulich!“ antwortete meine Urgroßmutter: „warum ſagt ihr nicht lieber verbuhlt? Aber alles iſt nur angenommenes Weſen bei ihnen; man weiß wohl, warum es ihnen zu thun iſt. Und wenn ſie huͤbſch ſcheinen, ſo iſt das mehr eine Wirkung der Kunſt, als der Natur. Ihr Geſicht iſt unten bleich und oben ge⸗ ſchminkt; und die ſchwarzen Fleckchen, welche ſie aus Uebermuth auf ihrer Haut zu verſtreuen ſchel⸗ 8 14 457. Ta g. nen,*) um den Glanz derſelben zu erhoͤhen, ſind ab⸗ ſichtlich dahin geſetzt, um die Spuren irgend einer Krankheit zu bedecken. Alles an ihnen, ſogar ihre Launen ſind berechnet. Es gibt kein Spiel, worin ſie euch nicht betruͤgen. Ich wuͤrde erroͤthen, von ihrem Geſchlechte zu ſein, wenn ich mich nicht fruͤhzeitig be⸗ muͤht haͤtte, alle Fehler deſſelben an mir zu verbeſſern.“ „Ehrwuͤrdige Frau,“ ſagte der Kaufmann,„ihr gebt mir den hoͤchſten Begriff von eurer Tugend durch die Staͤrke des Eindrucks, welchen die Fehler der An⸗ dern auf euch machen. Ungern trenne ich mich von euch, und nur in der Hoffnung, daß ihr, nachdem ihr dieſen Abend euch mit dem beſchaͤftigt habt, was meinem armen Bruder Noth thut, morgen wieder kommen werdet, um hier euer gutes Werk von neuem vorzunehmen.“ Die alte Heilige verließ den Chan, zum Theil ge⸗ troͤſtet uͤber das vom Kadi an ſie ergangene Verbot: „Ich lobe mir,“ ſprach ſie auf dem Heimwege bei ſich ſelber,„einen Armeniſchen Kaufmann! Dieſe Leute haben doch noch eine gruͤndliche Religion und wiſſen die Tugend zu ehren, wie es ihr gebuͤhrt.“ *) Die Arabiſchen Frauen machen ſich kleine ſchwarze Flecke im Geſicht: unſere taftenen Schönpfläſterchen kamen aus Arabien. 4 Schahadildin von Damask. 15 Sie ſtellte ſich am folgenden Tage noch vor der Zeit ein, und wurde nur um ſo freundlicher empfan⸗ gen. Die Gebete wurden mit verdoppeltem Eifer und ausgezeichneter Inbrunſt wiederholt. „Mein armer Bruder!“ ſagte von Zeit zu Zeit der Armenier mit geruͤhrter Stimme:„ich haͤtte nim⸗ mer erwartet in einer wegen ihrer Sitten ſo verrufe⸗ nen Stadt, wie Damask, ſolchen Troſt zu finden!“ Hamsns verdoppelte bei dieſen Worten, die ihr nicht entgingen, ihre Gebaͤrden der Froͤmmigkeit. Aber die Stunde des Mittageſſens kam; es war noch erleſener, als geſtern. Gegen das Ende hatte ein vierſchroͤtiger Sklave die Unbedachtſamkeit, eine Flaſche Wein auf den Tiſch zu ſetzen. „Jladſch⸗Kadahe,“ ſagte ſein Herr zu ihm, „du ſetzeſt die Ehrfurcht aus den Augen, du gibſt der heiligen Frau ein Aergernis.“ Der Afrikaner that, als ob er die Flaſche wieder wegnehmen wollte; meine Urgroßmutter aber ſagte zu ihm: „Nein, laßt ſie nur ſtehen, fremder Herr; wehe dem, der Aergernis nimmt! Das Verbot Mahomeds betrifft nicht Leute von eurem Alter, ſondern nur ſol⸗ che, die von ungezuͤgelten Leidenſchaften aufbrauſen. Mein Arzt hat mir den Wein als Arzenei verordnet, ſeitdem ich an Magenſchwaͤche leide: aber ich wuͤrde 15 457. 458. Tag. ihn zur Zeit des Ramaſan ¹) nicht anruͤhren, und ſollte ich auch davon des Todes ſein; denn zu jener Zeit iſt es beſſer, zu ſterben, als die Faſten zu brechen.“ „Ihr beruhiget mich, heilige Frau,“ ſagte der Armenier,„und ich will mit euch davon trinken, in dem Vertrauen, nicht gegen die Vorſchrift zu handeln. Ich bewundere, welch ein Gewinn es iſt, mit unter⸗ richteten Leuten zu leben, um ſich von ungegruͤndeten Bedenken zu befreien.“ Vierhundert und acht und funfzigſter Tag. Waͤhrend dieſer Geſpraͤche leerte man die Flaſche, und aus Vorſicht wurde noch ein Glas trefflichen Brandweins hinzugefuͤgt, um die Vorſchriften des Arz⸗ tes zu verſtaͤrken. Das Mahl waͤhrte laͤnger als ge⸗ ſtern, aber die Sitzung wurde auch doppelt bezahlt; denn die alte Heilige empfing vier Goldſtuͤcke, mit ei⸗ ner ſehr freundlichen Einladung auf morgen. Man kann leicht denken, daß meine Urgroßmut⸗ ter mehr als puͤnktlich war, daß ſie ihre Pflicht mit einer Inbrunſt ohnegleichen erfuͤllte. Da ſie taͤglich in der Art zu beten ſich ſelber uͤberbot, ſo blieb der Armenier auch nicht zuruͤck in der Art ihrer Bewir⸗ *) Des Faſten⸗ Monats. Schahadildin von Damask. 17 thung, und Iladſch⸗Kadahé wurde nicht mehr geſchol⸗ ten, als er den Wein ſchon um die Mitte des Mah⸗ les aufſetzte.— Man ſagte ſich gegenſeitig verbindliche Reden; und noch beſſer war das Ende davon, als der Arme⸗ nier ſeine Boͤrſe aufthat und acht Goldſtuͤcke, anſtatt der geſtrigen viere, ſpendete. Nach abermaliger Ein⸗ ladung auf morgen, kehrte meine Urgroßmutter faſt ganz verdreht heim. „Aber,“ ſagte ſie bei ſich ſelber,„es iſt nicht anders moͤglich, dieſer Mann muß in mich verliebt ſein. Wenn er mich heiraten wollte. Ei nun, ich wuͤrde ihn heiraten; es geſchaͤhe nicht meinetwe⸗ gen, ſondern um meiner Enkelinn Gutes zu thun.“ Als ſie am naͤchſten Tage wieder erſchien, ihr kleines Amt zu verrichten, hatte ſie ihre Kleidung ſorgfaͤltig gewaͤhlt und ihre auffallendſten Runzeln ver⸗ ſteckt. Dem Armenier konnte nicht unbemerkt bleiben, welche Muͤhe man ſich gegeben hatte, ihm zu gefallen; ſeine verbindlichen Reden„ der Ueberfluß ſeiner Tafel, und ſechzehn Goldſtuͤcke ſchienen von ſeiner Empfin⸗ dung Zeugnis zu geben: aber es entſchluͤpfte ihm nichts von den Antraͤgen, welche man erwartete, end⸗ lich aus ſeinem Munde zu vernehmen. Fuͤnf Tage vergingen ſo, ohne daß von einer oder der andern Seite die geringſte Veraͤnderung in beider VIII. 2. 18 458. Tag. Benehmen gegen einander vorging, außer in einem einzigen Stuͤcke: weil naͤmlich die Guͤte des Mahles und die Goldſtuͤcke ſich taͤglich verdoppelten, ſo wankte meine Urgroßmutter, der der Wein etwas in die Bei⸗ ne geſchlagen war, unter der Summe, welche ſie nach Hauſe ſchleppte. Sie trat wie gewoͤhnlich zu ihrer Enkelinn herein, der ſie ihr gutes Gluͤck und ihre Hoffnungen nicht hatte verbergen koͤnnen: „Sieh,“ ſprach ſie zu ihr,„ob er mich nicht hei⸗ raten wird? nach und nach gibt er mir den Braut⸗ ſchatz, und es wird nicht lange mehr anſtehen, ſo wirſt du den Armenier zum Stiefgroßvater haben.“— Ich habe meine Mutter manchmal mit meinem Vater uͤber die Thorheiten lachen gehoͤrt, welche ihre Großmutter dieſen Abend vornahm; was mich jetzt aber wundert, iſt, daß ſie alsdann hinzuſetzten:„Und gleichwohl iſt ſie eine Heilige; ganz Damask ſagt es; und ſie hat es wohl bewaͤhrt, ihr Roſenkranz hat. Wunder gethan.“ Nach neun Tagen war die Rolle meiner Urgroß⸗ mutter beendigt; es war nun an dem vorgeblichen Ar⸗ menier, die ſeinige zu ſpielen. Als ſie wieder in dem Chan erſchien, kam er ihr mit erheitertem Antlitz entgegen und ſagte zu ihr: „Kommet, heilige Frau, den Lohn meiner Er⸗ kenntlichkeit zu empfangen; ſetzen wir uns: die An⸗ Schahadildin von Damask. 19 Pelegenbeſ meines Bruders iſt abgethan, Dank euren eebeten. Ich will euch nicht verhehlen,“ fuhr er fort,„daß ich, aus Beſorgnis, euch zu große Schwierigkeiten bei dieſem Unternehmen blicken zu laßen, euch Um⸗ ſtaͤnde verſchwiegen habe, welche ſehr ſchmerzlich fuͤr mich waren: denn in drei auf einander folgenden Traͤu⸗ men war mir mein Bruder, mit Ketten belaſtet und von ſchrecklichen Qualen gepeinigt, erſchienen. Ohne daß ich wußte, welches Mittel ich ergreifen ſollte, ihm Linderung zu verſchaffen, wies eine geheime Stimme mich nach Damask. Ich glaubte, daß ſie mich zu der großen Wallfahrt aufforderte: aber ich 6. habe hier mehr gewonnen, als ich auf jener Reiſe fin⸗ den konnte; und dieſe Nacht iſt mir im deutlichſten Geſichte mein Bruder wieder erſchienen, gekleidet in Linnen von unendlicher Feinheit und glaͤnzender Weiße; euer Roſenkranz bildete einen Heiligenſchein um ſein Haupt, und die Kugeln daran ſtrahlten, wie eben ſo viel Sterne.— Fordert von meiner Erkenntlichkeit, heilige Frau, alles was ihr wollt. Der ganze Nachlaß meines Bru⸗ ders iſt euer: wir preiſen uns gluͤcklich, wenn wir uns dadurch mit dem Himmel abfinden koͤnnen, deſſen Werkzeug ihr ſeid.“— Meine Urgroßmuttee hat nachmals ihrer Enkelinn geſtanden, daß ſie bis dahin ſich nicht geſchmeichelt 20 8 4 458. T a g. batte, ſo gut mit dem Himmel zu ſtehen:„Sieh,“ ſagte ſie zu ihr,„was es heißt, demuͤthig ſein! man glaubt immer, zu wenig werth zu ſein.“ Obwohl ein wenig betroffen uͤber ihr gutes Gluͤck, faßte ſie jedoch bald den Entſchluß, ſich in alles, was ihr davon auf Erden beſcheert wuͤrde, ſo gut als moͤg⸗ lich zu ſchicken; mit vergnuͤgter Miene legte ſie ihren Roſenkranz und ihren Schleier auf den Tiſch, und ſagte: „Gott iſt guͤtig, Herr, und er erweiſet Gnade, wenn es ihm gefaͤllt; die, welche euer Bruder em⸗ pfangen hat, iſt ſchon ein großer Theil meiner Beloh⸗ nung: aber wir wollen uns zu Tiſche ſetzen, und uns aͤber das beſprechen, was ſich weiter thun laͤßt.“ Es wurde koͤſtlich geſpeiſet, und Iladſch⸗Kadahé wagte es, etliche Flaſchen Wein auf den Tiſch zu ſe⸗ tzen, ohne deshalb geſcholten zu werden. Meine Ur⸗ großmutter aß und trank, und machte ſich dabei ſo niedlich, als ihr immer moͤglich war; und es hat keinen Zweifel, daß ihr Wirth ſich hoͤchlich daran er⸗ getzte, wie er ſie ſo ſich zieren ſah. Aber der Augen⸗ genblick der gegenſeitigen Erklaͤrungen kam endlich, als der Tiſch abgedeckt wurde. Der Armenier faßte Haméné ehrerbietig bei beiden Haͤnden, fuͤhrte ſie auf ein Sopha, und ſprach zu ihr: „Heilige Frau, zeiget mir nun ein Mittel, mich fuͤr die Verpflichtungen erkenntlich zu beweiſen, welche ich gegen euch habe.“. Schahadildin von Damask. 21 „Aber,“ antwortete meine Urgroßmutter,„wenn das Alter ungefaͤhr gleich iſt, wenn die Gemuͤther uͤber⸗ einſtimmen, wenn man dieſelben Grundſaͤtze hat.— „Was wollt ihr mir zu verſtehen geben, ehrwuͤr⸗ dige Frau? Ihr vermehret noch mein Leidweſen. Ach! ohne Zweifel waͤre ich euch ſchon zuvorgekommen; aber vernehmet mein ganzes Ungluͤck: als ich von dem un⸗ ſeligen Zuſtande, in welchem mein Bruder ſich befand, unterrichtet wurde, und die Beſtrafung, welche er ſich zugezogen, ſeiner uͤbermaͤßigen Frauenliebe zuſchrieb, in Anſehung welcher ich mir ſelber Vorwuͤrfe zu ma⸗ chen hatte, da that ich das Geluͤbde, wenn es mir ge⸗ laͤnge, ihn von der Strafe zu befreien, mich niemals wieder zu vermaͤhlen.“ „Das iſt freilich ſehr ernſthaft,“ erwiederte meine Urgroßmutter:„aber auch hier gibt es Mittel; man wallfahrtet nach Mekka, um ſich von einem ſolchen Geluͤbde entbinden zu laßen, und ohne Bedenken, wenn es darauf ankoͤmmt, eine verſtaͤndige Verbin⸗ dung zu knuͤpfen.“ „Sehr verſtaͤndig, ohne Zweifel,“ antwortete der Armenier.— „Ich will euch begleiten.“— 4„Sammt eurem Roſenkranz; das iſt nicht zu ver⸗ abſaͤumen: aber ungluͤcklicherweiſe iſt vor einem Jahre nicht daran zu denken; denn eben erſt iſt die diesjaͤh⸗ rige Karavane abgereiſet. Indeſſen, in Erwartung der 22 458. T a g. Karavane des naͤchſten Jahres, laßt ſehen, meine theure Heeilige, was ich ſonſt fuͤr euch thun kann.“— „Mich raͤchen helfen an den Fakiren, den Derwi⸗ ſchen, ihren Oberhaͤuptern und dem Nakib.“— „Soll man euch etwa von all dieſem Volk auf einmal befreien? Das wuͤrde zu ſehr das Anſehen ei⸗ ner Vertilgung haben; und ich gebiete nicht nach mei⸗ nem Gefallen uͤber die Geißel der Peſt. Jedoch waͤh⸗ net nicht, daß ich die Rache misbillige; ſie iſt noth⸗ wendig fuͤr die Ruhe des Menſchengeſchlechts, und ich will es euch mit zwei Worten beweiſen. 3 Waͤrde nicht, wenn heute jedermann ſeinen Feind umbraͤchte, morgen alles in Frieden auf Erden ſein? und wahrlich, es iſt nichts andres zu wuͤnſchen, als das. Auch gedenke ich nicht, wenn ich es vermag, eurer Feinde zu ſchonen: aber es iſt eine heilſame Lehre, derjenigen zu ſchonen, die nicht gefaͤhrlich ſind; uͤberdieß bedarf ich, um euch einen ſolchen Dienſt zu leiſten, einiger Zeit, bis ich heimkehre. Doch laßt ſe⸗ ben, ob es mir nicht moͤglich iſt, etwas fuͤr euch zu thun, das nur euch ſelber betrifft. Solltet ihr keine Kinder haben?“ „Leider, Herr, iſt mir nur noch eine Enkelinn uͤbrig.“— „Wie alt iſt ſie?“— „Sechzehn Jahre.“— Schahadildin von Damask. 23 „Sechzehn Jahre! das iſt ein ſchoͤnes Alter; ſie muß nach euch ſchlachten, reizend ſein.“— „Ihr ſeid ſehr guͤtig: aber die Wahrheit zu ſa⸗ gen, kein Auge moͤchte auf Erden noch eine erblicken, die ihr an Schoͤnheit und Sittſamkeit gleich kaͤme.“ Vierhundert und neun und funfzigſter Tag. Der Kaufmann ſtand ruhig vom Sopha auf, ſtieg auf eine Leiter, nahm eine ſehr hoch ſtehende Schachtel herunter, oͤffnete ſie, und zog daraus ein Halsband von Perlen hervor, welche durch ihr Waſ⸗ ſer, ihre Geſtalt und Gleichheit von unſchaͤtzbarem Werthe waren. „Hier iſt,“ ſprach er,„ein Roſenkranz fuͤr eure ſchoͤne und fromme Enkelinn; beruͤhret ihn mit dem eurigen, um ihm Werth mitzutheilen, dann wollen wir hingehen und ihn ihr bringen.“ Haméné, Wittwe eines Kaufmanns, der mit Perlen gehandelt hatte, ſah ein Geſchenk vor ſich, wel⸗ ches einer Koͤniginn wuͤrdig geweſen waͤre; ſie be⸗ dachte, daß ein Mann, der ihr ein Geſchenk von ſol⸗ chem Werthe gab, fuͤr ein Maͤdchen, welches er nicht einmal kannte, auf die er alſo keine Abſicht haben konnte, nicht anſtehen wuͤrde, die Reiſe nach Mekka zu machen. Die Freude funkelte in ihren Blicken. 24 459. T A g. „So kommt,“ ſagte ſie;„ihr bietet eure Gaben auf eine ſo freundliche Weiſe, daß es nicht moͤglich iſt, euch etwas abzuſchlagen. Ihr werdet der erſte Mann ſein, der meine liebe kleine Yatiſſa geſehen hat.“ Es iſt unnoͤthig, das Benehmen des Armeniers in dem Hauſe meiner Urgroßmutter zu ſchildern. Er uͤberhaͤufte Haméné und ihre Enkelinn mit Ehrenbe⸗ zeigungen und Artigkeiten; er bezauberte beide, und er kehrte nicht eher heim, als bis er meine Urgroß⸗ mutter eingeladen hatte, den folgenden Tag bei ihm zuzubringen. Die Alte nahm mit Freuden eine Einladung an, ſchon als Abſchlag auf die kuͤnftige Wallfahrt. Sie verſaͤumte nicht, ſich bei guter Zeit einzufinden; der Armenier ſchloß eben einen Juweelen⸗Handel ab. „Ich bin zu euren Dienſten, ehrwuͤrdige Frau,“ ſagte er zu ihr, entließ augenblicklich die Kaufleute und machte ſeine Kaͤſtchen zu. Darauf wandte er ſich zu ſeinem erſten Sklaven und ſagte zu ihm:. „Jladſch⸗Kadahé, du wirſt wiſſen, daß wenn dieſe ehrwuͤrdige Frau hier iſt, kein Ueberlaͤſtiger mich ſtoͤ⸗ ren darf.“ Sie ſetzten ſich auf das Sopha:„Ihr habt mir,“ ſprach der Armenier zu meiner Urgroßmutter,„die Bekanntſchaft eines reizenden Weſens verſchafft. Ich hege dieſelben Geſinnungen gegen eure Enkelinn, wie gegen euch; der Gedanke, ihr Gluͤck zu machen, iſt Schahadildin von Damask. 25 mir die ganze Nacht durch den Kopf gegangen, und nach Tiſche will ich euch alle meine Entwuͤrfe mit⸗ theilen.“ Die Hoffnungen, welche eine ſolche Anrede in Ha⸗ méné's Herzen erregte, war geeignet, ihr Heiterkeit und Eßluſt mitzutheilen: auch ließ ſie beides glaͤnzen, jedoch mit einer gewiſſen Ungeduld, den Tiſch aufgeho⸗ ben zu ſehen. „Laßt uns auf unſre Enkelinn zuruͤckkommen,“ ſprach der Armenier:„wißt ihr wohl, daß das ein Biſſen fuͤr den einzigen Sohn eines Koͤnigs waͤre?“ „Wahrlich,“ erwiederte ſie,„ich glaube es wohl: aber die Koͤnige muͤßen ſchon darauf Verzicht thun, weil wir uns nicht bis zu ihnen erheben koͤnnen.“— „Und doch! meine gute Heilige, ich habe mehr Huͤlfsmittel, als ihr euch einbildet. Eure Anſtren⸗ gungen richten ſich gegen den Himmel, ich dagegen vermag etwas auf Erden: was gaͤbet ihr mir wohl, wenn durch meine Vermittelung eure Enkelinn die Ge⸗ mahlinn des Erben eines maͤchtigen Koͤnigs wuͤrde?“— „Ich gaͤbe euch... aber nach der Pilgerfahrt ſeid ihr ja Herr meines Leibes; ich habe alſo nichts mehr, als meine Seele euch zu geben.“ „Eure Seele, meine gute Heilige! ich kenne ſie, und nehme das Geſchenk an, im Namen desjenigen, fuͤr den alles geſchieht, was ich thue, dem ich alles verdanke, was ich beſitze und was ich vermag: gebet 26 459. Tag. mir eine Kugel eures Roſenkranzes, ich habe ſie als⸗ bald durch eine andre erſetzt.. So, nun bin ich zu⸗ frieden, wir werden euch ganz und gar beſitzen. Nunmehr ſchlafet ruhig; eure Enkelinn gehort fortan uns beiden allein an. Ich reiſe ab, um un⸗ ſere Angelegenheiten zu beſorgen; ich erklaͤre mich jetzo nicht weiter uͤber meine Entwuͤrfe, aber ihr werdet mich nicht eher wiederſehen, als in dem Augenblicke, wo ſie zur Reife gediehen ſind.“ Mieine Urgroßmutter kam nach Hauſe, den Kopf voll ſo ſchmeichelhafter Hoffnungen, daß ſie haͤtte naͤr⸗ riſch werden moͤgen.— „Meine liebe Yatiſſa,“ ſagte ſie zu meiner Mut⸗ ter, von welcher ich euch bald mehr erzaͤhlen werde, als bisher geſchehen,„gib wohl Acht auf dich, iß kein gruͤnes Obſt, um nicht deine ſchoͤne Farbe zu verder⸗ ben; lege zwei Kiſſen unter deine Arme, wenn du ein⸗ ſchlaͤfft, damit deine Haͤnde hoch liegen und ihre Weiße behalten. Ich werde dir morgen eine Salbe fuͤr deine Haare geben, wodurch ſie wachſen ſollen, wie das Gras vom Thaue des Mai's. Bilde dir ein, daß du einem Koͤ⸗ nigsſohne beſtimmt biſt; ſieh, hier bringe ich dir ein Halsband, welches ſchoͤner iſt, als das der Koͤniginn von Damask; wir werden zuſammen die Wallfahrt nach Mekka machen, und ich kann dich dahin reiſen Schahadildin von Damask. 27 laßen, wie eine Indiſche Prinzeſſinn, auf einem wei⸗ ßen Elephanten. Sei recht fromm, mein Kind; verrichte gewiſſen⸗ haft die fuͤnf Gebete; bedenke, daß du dieß alles der Inbrunſt der meinigen verdankeſt; und gib Acht, ob die Fakire, welche mich an denſelben verhindern woll⸗ ten, nicht noch dafuͤr beſtraft werden, wie ſie es ver⸗ dienen?... Sie werden es, meine Tochter, daruͤber koͤnnen wir ganz ruhig ſein.“ Sie ſprach dieß alles in der Verwirrung, worin die Freude ſie verſetzte; darnach wiederholte ſie alles noch umſtaͤndlich. Waͤhrend dieſer Unterhaltungen, die einige Tage dauerten, ſchloß der Armeniſche Kaufmann, nachdem er ſeine Rechnungen berichtigt, ſein kleines Waaren⸗ lager, und reiſte von Damask ab. Damask iſt eine Stadt, wo die Fremden von al⸗ len Seiten ab- und zuſtroͤmen. Waͤhrend der Mann, von dem die Rede iſt, ſich durch eins der Thore dar⸗ aus zu entfernen ſchien, kam ein andrer durch ein an⸗ dres Thor herein, von noch ehrwuͤrdigerem Anſehen, der jedoch nicht von der Beſchaffenheit war, mit der Heiligen von Damask in Verbindung zu ſtehen: es war ein Juͤdiſcher Rabbin; man erkannte ihn an ſei⸗ nem bis an die Schlaͤfe geſchorenen Kopf, an dem 28 459. 460. Tag. großen Thaleb,*) welcher denſelben bedeckte und bis auf die Schultern herab hing; ſeine Haare, die er uͤber den Ohren lang hatte wachſen laßen, fielen auf ſeine Bruſt herab, und vermiſchten ſich mit einem Bart, der, weiß wie ſie, ihm bis auf den Leib reichte; ein Kameel, von einem Mohren von ungewoͤhnlicher Groͤße gefuͤhrt, trug mit abgemeſſenen Schritten die⸗ ſen ehrwuͤrdigen Mann. Sobald er innerhalb der Stadtthore war, ſprach er zu dem Schwarzen: „Iladſch⸗Kadahs, frage, wo der Herr Sa⸗ muel wohnt, der Schatzmeiſter des Koͤnigs von Damask.“ 1 Vierhundert und ſechzigſter Tag. Samuel war ein Jude, welchen der Koͤnig zum Obereinnehmer aller ſeiner Einkuͤnfte beſtellt hatte; die Wohnung eines ſo wichtigen Mannes konnte alſo niemand unbekannt ſein, und der Rabbin hielt bald vor der ihm bezeichneten Thuͤre. *) Thaleb heißt ein Stück Zeug, womit die Jüdiſchen Rabbinen ihren Kopf bedecken, anſtatt des Turbans oder Hutes. 4 Schahadildin von Damask. 29 „IJladſch⸗Kadahs, geh und melde dem Juden Samuel, daß Ben⸗Moſes, der demuͤthige Diener der Synagoge von Saphad,*) ſein Bruder, die Heerde von Damask auf einige Tage beſuchen will; bitte ihn um Herberge.“ Samuel ſtuͤrzte ſogleich aus ſeinem Hauſe hervor, um eine Ehre anzunehmen, auf welche Anſpruch zu machen er ſich nicht wuͤrdig geachtet hatte. „Ich bin nicht zu dem Rabbin von Damask ge⸗ kommen,“ ſprach der von Saphadnora;„denn ich will hier keine Amtsverrichtungen vornehmen, noch die ſei⸗ nigen ſtoͤren: die Aerzte haben mir zu meiner Geſund⸗ heit eine Reiſe verordnet; die treffliche Luft von Da⸗ mask iſt auf der ganzen Erde beruͤhmt, und ich kom⸗ me, ſie einzuathmen, und mich hier von der Laſt mei⸗ ner gewoͤhnlichen Arbeiten zu erholen; und dein gu⸗ ter Ruf hat mich vor allen zu dir hingezogen.“ Der Schatzmeiſter war entzuͤckt von der Gnade, welche ihm von dem erſten und vornehmſten aller Rab⸗ binen der Erde widerfuhr; er vergaß, daß er ein Jude war, und machte großen Aufwand, um ſich in den Stand zu ſetzen, einen Gaſt von ſolcher Wichtigkeit wuͤrdig zu bewirthen. ²) Der Rabbin von Saphad oder Kapharnaon iſt der erſte Rabbin der Welt. 80 4 460. T d g. Er verſammelte die Vornehmſten ſeines Glau⸗ bens, um ſeinen Gaſt deſto mehr zu ehren; einige unter ihnen erinnerten ſich, ihn zu Saphadnora geſe⸗ hen zu haben; keiner aber kannte ihn naͤher. Er ſtellte ſich etwas angegriffen von den Beſchwerden der Reiſe, ſprach ſehr wenig, aber angemeſſen, und bat ſeinen Wirth, ihm nur ſeine Geſellſchaft allein zu ſchenken. „Ich bin nicht her gekommen,“ ſprach er zu ihm, „um meine Lungen anders anzuſtrengen, als auf Luſt⸗ wanderungen; bringe mich nicht in den Fall, daß ich viel ſprechen muß, beſonders mit erhobener Stimme. Morgen wollen wir ausgehen; ich will meine kranken oder beduͤrftigen Bruͤder beſuchen, ich habe etwas mit⸗ gebracht, ſie zu erquicken. Der Jude Samuel war gar nicht boͤſe daruͤber, daß man ihm den Aufwand erſparte, und daß der in der Meinung der Hebraͤer angeſehenſte Mann ſich mit ſeiner Geſellſchaft begnuͤgen wollte.. Dau haſt ſehr viel Geſchäfte,“ ſagte ſein ehrwuͤr⸗ diger Gaſt zu ihm;„laß dich ja nicht darin ſtoͤren: du gibſt mir einen von unſeren Leuten mit, und der fuͤhrt mich uͤberall umher; denn ich will hier alles ſehen.“ Am Abend kam der Rabbin wieder nach Hauſe, und unterhielt ſich mit Samuel von allem, was er den Tag uͤber gethan und geſehen hatte. Dieſer wuͤnſchte Schahadildin von Damask. 31 nun Aufklaͤrung einiger dunkelen Stellen des Tal⸗ muds zu haben, und Moſes gab ſie ihm ſehr ein⸗ leuchtend. „Ich ſehe hier ſchoͤne Dinge, ich verlange Auf⸗ ſchluͤſſe uͤber vieles,“ ſprach er zu ſeinem Wirthe;„ich werde dir Abſchrift von allen den Bemerkungen geben, welche ich zu meinem und zu unſerm gemeinſamen Nutzen aufzeichne; denn du weißt, daß wir unter die Menſchen verſtreut ſind, wie ein fremdes und ſchaͤdli⸗ ches Korn, welches man uͤberall auszurotten trachtet: wir muͤßen alſo gelegentlich etwas zu unſrer Verthei⸗ digung haben, und koͤnnen wir durch unſre Perſon nicht Achtung gebieten, ſo muͤßen wir uns durch un⸗ ſre Einſicht furchtbar machen.“ Samuel wußte nicht, was dieſe Bemerkungen enthalten moͤchten; er erfuhr es erſt am Tage vor der Abreiſe des Rabbinen. Jladſch⸗Kadahé, der Fuͤh⸗ rer ſeines Kameels, trat herein, ſich Befehl wegen der Abreiſe zu holen. „Morgen fruͤh fuͤhrſt du das Kameel her,“ ſagte er zu ihm. Hierauf wandte er ſich zu dem Schatz⸗ meiſter des Koͤnigs, zog unter ſeinem langen und fal⸗ tigen Rock eine anſehnliche Rolle hervor, uͤbergab ſie ihm und ſagte dabei: „Hier iſt die Geſchichte der allgemeinen und be⸗ ſonderen Verwaltung eurer milden Stiftungen und Moſcheen, an welchen unſere Bruͤder ſehr geringen 32 460. Sag. Theil haben. Man wuͤrde ihrer gern gaͤnzlich entra⸗ then, wenn man anderswo wohlfeiler dazu kommen koͤnnte: aber wenn die Unſrigen ſich mit einem ſehr geringen Gewinn begnuͤgen, ſo haben ſie Mittel ge⸗ nug, ſich mancherlei Aufſchluͤſſe uͤder die Gewinne der Anderen zu verſchaffen. Ich uͤbergebe dir hier einen Schatz fuͤr den Koͤnig von Damask; verſteht er ihn zu benutzen, ſo wird er der reichſte Koͤnig in Aſien. Eure milden Stiftun⸗ gen ſind praͤchtig; die zu ihrer Unterhaltung beſtimm⸗ ten Reichthuͤmer ſind das erſtaunlichſte unter den be⸗ kannten Wirkungen der Begeiſterung der Muſelmaͤn⸗ ner fuͤr ihr Geſetz. Die Stiftung fuͤr die Ausſätzi⸗ gen*) hat allein ſo viel Einkuͤnfte, daß man dreißig tauſend Reiter davon unterhalten koͤnnte: und gleich⸗ wohl iſt die geſunde Luft und die Enthaltſamkeit die einzige Pflege, welche die Kranken darin finden, ſelbſt die Kranken von den Karavanen, welche doch dieſe Stiftung beſonders im Auge hatte! Alles wird geſtoh⸗ len, verſchleppt und ſchamlos von den Verwaltern und ihren Leuten unter ſich getheilt. Du haſt hier die kla⸗ ren Beweiſe ihres Unterſchleifs in Haͤnden; hier ſind die angeblichen Kaͤufe, welche ſie zum Schein abſchlie⸗ ßen, und die wirklichen Käͤufe, die ihren Beutel fuͤllen. *) Das Hospital der Ausſätzigen, von Omareil⸗Aſchab, Mahomeds Nachfolger, gegründet; man erzählt Wunder⸗ dinge von den darin bewirkten Heilungen. Schahadildin von Damask. 33 Ich habe nicht die Kaͤufe aufgefuͤhrt, welche eben erſt geſchloſſen ſind, ſondern die, welche den fruͤheren Rechnungen beigefuͤgt waren; nebſt dem klaren Be⸗ weiſe des Vorſchubs, welchen die Richter dieſem Raube leiſten, deſſen Gewinn ſie, wie man ſieht, getheilt ha⸗ ben. Jlyatam 6,*) die große Moſchee, und die uͤbri⸗ gen, ſaͤmmtlich ſo reich ausgeſtatteten Moſcheen, wer⸗ den nicht beſſer verwaltet; das wirſt du hier ſehen, ſo wie die Urſache, weshalb die Fakire und Derwi⸗ ſche die Anzahl der Armen in einer Hauptſtadt ver⸗ mehren, wo es keinen Duͤrftigen geben muͤßte, dem die milden Stiftungen nicht das Noͤthige gewaͤhrten. Ein Koͤnig, der die Betruͤger beſtrafte, und ſie ih⸗ ren Raub wieder ausſpeien ließe, wuͤrde unermeßliche Reichthuͤmer erwerben, und zugleich Gerechtigkeit hand⸗ haben; und wenn er die Einkuͤnfte der Stiftungen durch uneigennuͤtzige Haͤnde verwalten ließe, ſo koͤnnte er, waͤhrend er viermal mehr gutes thaͤte, als bisher, ſeine Einkuͤnfte wenigſtens verdoppeln; und die Ka⸗ ravanen wuͤrden ſeinen Ruhm bis jenſeit der entlegen⸗ ſten Gebirge Armeniens ausbreiten.“ *) So heißt die große, ebenfalls von Omar geſtiftete Moſchee. VIII. 3 34 461. Tag. Vierhundert und ein und ſechzigſter Tag. 3 Nachdem der vorgebliche Rabbin dieſe Rolle dem Samuel uͤbergeben hatte, umarmte er ihn und ſagte: „Lebe wohl, mein Bruder; meine Heerde zu Sa⸗ phad erwartet mich mit Ungeduld.“ Mittheilungen ſolcher Art dem Samuel machen, hieß ſeine Habgier erweitern. Er verſchlang faſt eine Denkſchrift, welche ſo kurz, ſo gut abgefaßt und ſo buͤndig war, daß man ſich nicht weigern konnte, den Gruͤnden, worauf ſie ſich ſtuͤtzte, beizupflichten, wenn die Thatſachen, welche ſie anfuͤhrte, bewieſen waren; und ſie waren es durch die eigenen Unterſchriften der Schuldigen. Welche Reichthuͤmer ſollten nun in den koͤniglichen Schatz fließen, deſſen Verwaltung er hatte! Wie viel Guͤter ſollten eingezogen werden, von wel⸗ chen er ſeinen Theil zu erhalten ſich ſchmeichelte! un⸗ gerechnet, was ihm der Einfluß abwerfen konnte, wel⸗ chen er bei der neuen Verwaltung haben wuͤrde. Er hatte dabei ſelbſt das Vergnuͤgen, ſich an einigen ſei⸗ ner Feinde zu raͤchen. Dem Hebraͤer ſchwindelte der Kopf. Sobald nun der Koͤnig einige Unzufriedenheit uͤber die Beſchraͤnktheit der Huͤlfsquellen ſeines Scha⸗ tzes bezeugte, welche ſich ſeinen großen Entwuͤrfen in den Weg ſtellte, und ihn ſogar noͤthigte, bei ſeinen Belohnungen ſparſam zu ſein, ſo legte Samuel ihm das Gemäͤlde und die Beweiſe der Veruntreuungen Schahadildin von Damask. 55 vor, welche in der Hauptſtadt vorgingen, und zeigte ihm, welche unermeßlichen Reichthuͤmer er durch die Einrichtung einer neuen Verwaltung erwerben koͤnnte. Sineb⸗il⸗Murath, Koͤnig von Damask, ließ ſich leicht verfuͤhren und blenden. Er ließ die Betruͤ⸗ ger vorfordern und gebot ihnen, Rechnung abzulegen; ſie thaten es, auf den Grund der laͤngſt vorbereiteten falſchen Belege: er hielt ihnen dagegen andere vor, welche ſehr geſchickte Haͤnde, ohne ihr Wiſſen, ihren appen entnommen hatten. Ihre Beſtuͤrzung bei Anblick dieſer Beweisſtuͤcke verrieth ſie; ſie verſtummten. Nun flogen die Koͤpfe, es hagelte Baſtonnaden; in allen Winkeln von Da⸗ mask wurden Reichthuͤmer eingezogen, und Haͤuſer ge⸗ ſchleit. Die Gruͤnde der vollſtreckten Beſtrafungen wurden an allen enaßfbeceen angeſchlagen; die Kran⸗ ken in den Krankenhaͤuſern freuten ſich daruͤber, ſo viel ihre vom Faſten ausgemergelten Leiber es zuließen; und das Volk, dem die Reichen ſtaͤts verhaßt ſind, weidete ſich an allen Demuͤthigungen, denen ſie unterworfen wurden. Meine Urgroßmutter hatte das Vergnuͤgen, den Nakib, und die Oberhaͤupter der Fakire und Derwiſche mit in dieſen Untergang verwickelt zu ſehen; ſie durch⸗ lief mit ihrem Roſenkranz die Straßen. „Sehet,“ ſprach ſie zu allen, die ihr begegneten, „wie die Rache des Himmels auf die Boſen herab faͤllt, 36 461. Ta g. welche die guten Seelen verhindern wollen, fuͤr die Todten zu beten! aber huͤtet euch wohl, fuͤr diejenigen zu beten, welche der Koͤnig beſtraft.“ Der Jude Samuel frohlockte; er ließ ganze Wa⸗ gen, mit Gold und koſtbarem Geraͤth beladen, in den Schatz fahren: aber waͤhrend dieſer Zeit zog ſich in Bagdad ein Gewitter zuſammen, welches bald alle ſeine Entwuͤrfe zertruͤmmern ſollte. Die Genoſſenſchaften der Fakire und Derwiſche hatten ihre Klagen zu den Fuͤßen des Chalyfen ge⸗ bracht; unter den Geiſtlichen dieſes letzten Ordens gab es ſogar Prinzen; ſie hatten von den Ar⸗ men, welche ſich, krank oder auch geſund, in den Krankenhaͤuſern zu Bagdad befanden, eine Bittſchrift unterzeichnen laßen. Die Bedraͤngten hatten ihre Un⸗ terſchrift nicht verweigert; Maͤnner von der hoͤchſten Bedeutung hatten die ihrige hinzugefuͤgt, und alle ſtell⸗ ten nun vor, daß die praͤchtigen Stiftungen des heili⸗ gen Omar⸗il⸗Aſchab zum Unterhalte der großen Mo⸗ ſchee und der Krankenhaͤuſer zu Grunde gingen, wenn ein Koͤnig von Damask ſich eigenmaͤchtig des Rechts anmaßen koͤnnte, uͤber die Einkuͤnfte zu verfuͤgen, wel⸗ che der heilige Chalif dazu beſtimmt haͤtte; daß die Urkunde, wodurch ſie gegruͤndet worden, gegen denje⸗ nigen den Fluch ausſpraͤche, der es wagte, die durch ſie vorgeſchriebene Verwaltung derſelben zu verletzen, indem der Chalif allein das Recht haͤtte, ſich von der Schahadildin von Damast. 3, Verwaltung dieſer Stiftungen Rechenſchaft ablegen zu laßen, welche zu Gunſten aller Glaͤubigen auf Erden gemacht worden. Dieſe Klage allein war vermoͤgend, den Koͤnig Sineb⸗il⸗Murath in große Verlegenheit zu bringen: aber ſie mußte ſein Haupt vollends in die groͤßte Ge⸗ fahr ſetzen, weil einer von ſeinen Verwandten die Toch⸗ ter des Großveſyrs des Chalifen geheiratet hatte, und nun der Neuvermaͤhlte einer Krone bedurfte. Bis dahin hatte Sineb⸗il⸗Murath nur uͤberwie⸗ ſene Schuldige beſtrafen laßen; er hatte zwar weitere Schritte zur Ungebuͤhr im Sinne, aber noch nicht aus⸗ gefuͤhrt. Er hatte von allem, was er gethan, Rechen⸗ ſchaft abgelegt: aber der Veſyr unterſtuͤtzte nur die gegen ihn eingereichte Bittſchrift und ließ ſeine Recht⸗ fertigung ganz beiſeite. Das Gewitter zog ſich ſo dro⸗ hend zuſammen, daß Sineb⸗il⸗Muraths Untergang faſt unvermeidlich ſchien. Seine Freunde in Bagdad ſetzten ihn davon in Kenntnis: aber wenn er jetzt auch in die Wuͤſte entflohen waͤre, ſo wuͤrden ihn ſeine Feinde, die ihn bewachten, auch dort von allen Seiten umſtellt haben. Alles war in Damask in Verwirrung; man hetzte das Volk gegen die Juden auf; und dieſe kamen und ſtellten den Schatzmeiſter Samuel deshalb zu Rede: „Wer hat dich zu dieſem Unternehmen bewogen?“ fragten ſie ihn. 38 461. 462. Tag. „Unſer großer Rabbin von Saphad,“ antwortete er ihnen..— „Ei, ja doch!“ erwiederten ihm die Juden:„ein ſolcher Menſch iſt niemals in Damask geweſen: der Ober⸗Rabbin, wir wiſſen es, hat nie ſeinen Wohn⸗ ort verlaßen, und du machſt uns zum Schlachtopfer eines Betruͤgers.“ Vierhundert und zwei und ſechzigſter Tag. Waͤhrend Samuel ſich gegen dieſe Vorwuͤrfe ver⸗ theidigte, ſchickte der Koͤnig und ließ ihm, um den Volksaufſtand ſo viel als moͤglich zu beſchwichtigen, ſeinen Kopf abfordern: aber dieſes Opfer vermochte den Fuͤrſten noch nicht zu beruhigen, als ploͤtzlich meine Urgroßmutter in den Palaſt gelaufen kam und, mit ihrem koſtbaren Roſenkranz um den Hals, ſich dem Koͤnige zu Fuͤßen warf. Aber ich muß euch, meine Prinzen, zuvor erklaͤ⸗ ren, welcher Beweggrund die Heilige, die ich euch ſchon kennen gelehrt habe, zu den Fuͤßen des bedraͤng⸗ ten Fuͤrſten fuͤhrte. Nachdem ſie ihre fromme Wanderſchaft um die Graͤber gemacht, war ſie frohlockend uͤber die Hinrich⸗ tungen, welche an ihren Feinden vollſtreckt worden, nach Hauſe gekommen. Sie hatte eben ihren großen Schleier abgenommen, ihren Koran auf den Tiſch ge⸗ Schahadildin von Damask. 39 legt, und wollte ihren Roſenkranz dazu legen, als ſie ihren Pilger eintreten ſah:. „Schon zuruͤck?“ fragte ſie ihn.— „Ja, der Eifer und das Verlangen, euch zu die⸗ nen, und die Gelegenheit, welche ſich dazu bietet, fuͤh⸗ ren mich ſchon wieder her. Leget euern Roſenkranz nicht ab, meine Heilige, wir beduͤrfen bald noch ſei⸗ ner. Erlaubet, daß ich mit der Scheere ein kleines Ende von der Schnur abſchneide, worauf er gezo⸗ gen iſt; ihr werdet ſehen, daß alles, was gut an ſich iſt, auch ſeinen Nutzen hat. Setzen wir uns und re⸗ den weiter davon. G Der Koͤnig von Damask iſt verloren, wenn ihr ihm nicht zu Huͤlfe eilet: aber unter der Bedingung, wenn er ſeinen Sohn zum Gemahl eurer Enkelinn ma⸗ chen will, ſo koͤnnt ihr ihm ſeinen Kopf und ſeine Krone verbuͤrgen, und daß er an ſeinen Feinden voll⸗ ſtaͤndig ſoll gerochen werden.“ „Und worauf hin ſollte ich ihm dieſe Zuſicherung geben?“ fragte meine Urgroßmutter.— „Ihr muͤßt folgende Wendung dabei nehmen: er habe euch an euren Feinden, dem Nakib und den Ober⸗ haͤuptern der Fakire und Derwiſche gerochen, und der Himmel habe euch zu erkennen gegeben, daß er euch dazu erkoren, ihn an den ſeinignn zu raͤchen. Meine Gebete, Herr,“ muͤßt ihr ſagen,„und vor allen mein Roſenkranz, den ihr hier ſehet, ſind das 4⁰ 462. T a g. Mittel dazu; dieß iſt ein Zeughaus niederſchmettern⸗ der Waffen gegen alle diejenigen, die euch zu ſchaden trachten. Ich laße ihn in den Haͤnden Euer Maje⸗ ſtaͤt; ſetzet auf alle Kugeln deſſelben euer Siegel, und laßt ihn zehn Fuß tief unter die Erde vergraben und ihn mit einer eben ſo dicken Mauer bedecken: und wenn ich morgen nicht wieder mit demſelben um den Hals vor euch erſcheine, ſo laßt mich ins Nar⸗ renhaus ſperren. Wenn ich ihn aber wieder her bringe, ohne daß eine Kugel daran fehlt, und ihr mir eine freundliche Bitte, welche ich an euch thun werde, nicht verſa⸗ get, ſo verbuͤrge ich euch mit meinem Kopfe, daß die Wohlfahrt eurer Herrſchaft ſelbſt eure Hoffnungen uͤber⸗ treffen wird. Das iſt alles, was ihr zu thun und zu ſagen habt; gehet dreiſt hin, meine gute Heilige; ich bleibe zum Pfande hier in eurem Hauſe; ſchließet mich ein; und wenn man euch als eine Verruͤckte behandelt, ſo leiſte ich euch Geſellſchaft.“ In Folge dieſer Aufmunterung war nun meine Urgroßmutter gekommen und hatte ſich Sineb⸗il⸗Mu⸗ rath zu Fuͤßen geworfen. Sie befolgte hier Schritt fuͤr Schritt die ihr gegebene Vorſchrift. Der Koͤnig, von Unruhe geaͤngſtigt, ging gern dem ſchwachen Schimmer von Hoffnung nach, der ſich ihm zeigte; er nahm den Roſenkranz, begab ſich damit in ein ab⸗ Schahadildin von Damask. 4r gelegenes Gemach, und hier bemuͤhte er ſich, auf jeder Kugel mit der Spitze ſeines Dolchs ſeltſame Zeichen einzuritzen. Dieß war am Abend ſein Geſchaͤft, welches er damit endigte, daß er das ihm zuruͤckgelaßene Pfand in ein goldenes Kaͤſtchen verſchloß, welches mit drei Stahlſchloͤſſern verwahrt war und neben ſeinem Bette fuand⸗ wo es ihm nicht aus dem Geſichte kommen ollte.— Waͤhrend dieſer Zeit hatten der Pilger und die Pilgerinn ſich zu einem ſehr guten Abendeſſen nieder⸗ geſetzt. Jladſch⸗Kadahé, der unzertrennliche Ge⸗ faͤhrte ſeines Herrn, hatte dafuͤr geſorgt. Meine Mut⸗ ter Patiſſa wurde dazu gezogen, und der Armenier benahm ſich ſo artig gegen ſie, daß ſie, wie ich ſie nachmals ſagen höorte, nicht begreifen konnte, wie ein Mann von ſo vielen Verdienſten, dem Anſcheine nach, ſich durch die Liebe zu einer ſo alten Frau, wie un⸗ ſere Großmutter, konnte bethoͤren laßen, und meinte, der Geruch der Heiligkeit muͤßte alle andere Ruͤckſichten uͤberwogen haben.—. Als das Mahl geendigt war, ſtand der Armenier auf, und ſagte zu meiner Urgroßmutter: „Meine ehrwuͤrdige Frau, wir haben hier noch ein kleines Werk zu verrichten, um unſere Angelegen⸗ heiten zu foͤrdern; wir wollen deshalb unſer Kind nicht entfernen. 462, TDag. Man ſucht den Kindern gewoͤhnlich die Gegen⸗ ſtaͤnde zu entziehen, welche ihre Faſſungskraft uͤber⸗ ſteigen moͤgen: meine Weiſe aber iſt es, ſie ſo viel als moͤglich damit vertraut zu machen. Unſre ſchoͤne Patiſſa iſt verſtaͤndig: aber ich moͤchte ſie lieber fuͤr⸗ witzig als unwiſſend ſehen. Bringet,“ fuhr er fort, „ein Kohlenbecken her; ihr werdet wohl etwas Raͤucher⸗ werk hier haben, nehmet davon eine Zange voll, wer⸗ fet es in die Glut mit dem abgeſchnittenen Stuͤcke von der Schnur des Roſenkranzes, welches ich euch aufbewahren hieß, und ſprechet ganz laut und feſt: „Im Namen desjenigen, der hier alles wirkt, zum beßten unſerer Abſichten, ge⸗ biete ich, daß mein Roſenkranz von dort, wo er ſich befindet, wieder zu mir her komme!“ Indem Haméné dieſe Worte ausſprach, deren Sinn wir alle hier verſtehen, umhuͤllte ſie rings der aufſteigende Rauch: ſobald ſich derſelbe zerſtreute, er⸗ blickte man den Roſenkranz wieder an ihrem Halſe. Der Armenier machte ihr die Zeichen bemerklich, welche der Koͤnig darauf gemacht hatte, um ihn deſto ſicherer wieder zu erkennen.„Sehet,“ ſprach er zu meiner Urgroßmutter,„wie alle Vorkehrungen zu unſern Gunſten ausſchlagen: ihr ſeid nun ausgeruͤſtet, euern Fuͤrſten gegen Alle und Jede zu vertheidigen. Morgen fruͤh muͤßt ihr hin eilen, bevor er aufgeſtan⸗ Schahadildin von Damask. 4 den iſt, ohne daß ihr befuͤrchten duͤrfet, ſeinen Schlaf zu ſtoͤren; denn er ſchlaͤft nicht. Ihr muͤßt euch dann kurz faſſen, mit folgenden Worten: „Mein Roſenkranz, den ihr hier ſehet, koͤnnte alle eure Feinde erdroſſeln; Mahomed wuͤrde ihn den Ra⸗ chegeiſtern in die Haͤnde geben: aber ihr muͤßt mit Ruhm aus einer mit Gerechtigkeit begonnenen Unter⸗ nehmung hervorgehen. Eure Hand iſt ſchwer auf ei⸗ nen Haufen Betruͤger und Raͤuber niedergefallen: wol⸗ let ihr nunmehr in Frieden uͤber Damask herrſchen und eure Krone auf eure Nachfolger vererben?“ Er wird ohne Zweifel ſagen, daß er dieß wuͤnſche, und ihr fahret dann fort: „Ich ſtrenge alle meine Kraͤfte an, euch zu die⸗ nen; ich will die Krone euch und eurer Nachkommen⸗ ſchaft verſichern: dafuͤr hoffe ich aber, werdet ihr mir eine Bitte nicht verſagen, naͤmlich, eurem Sohne mei⸗ ne Enkelinn Yatiſſa, die ſchoͤnſte und ſittſamſte aller Jungfrauen in Damask, zur Gattinn zu gebend Schik⸗ ket den Oberſten eurer Verſchnittenen nach meinem Hauſe: man wird dort einen ehrwuͤrdigen Greis fin⸗ den, der unſer Verwandter iſt. Der Oberſte der Ver⸗ ſchnittenen ſoll meine Tochter abholen und ſie ver⸗ ſchleiert in einer Saͤnfte herbringen; und der Ver⸗ wandte ſoll die Erlaubnis haben, ihr zu folgen. Zu gleicher Zeit laßt den Kadi holen: und wenn unſere Kinder ſich gegenſeitig gefallen, ſo iſt alles abgethan. 44 462, 463. T a g. Aber die Sache iſt zu ernſthaft fuͤr mich, als daß ich mich darauf einlaßen koͤnnte, ohne dieſen Vortheil da⸗ von zu haben.“ Vergeſſet nichts von dem was ich euch geſagt habe,“ fuhr der Armenier zu meiner Urgroßmutter fort;„und befehlet, daß man in eurer Abweſenheit mich in euer Haus einlaße, wenn ich es noͤthig habe.“ Vierhundert und drei und ſechzigſter Tag. Die Alte fuͤhrte gluͤcklich alles aus, was ihr auf⸗ getragen war. Sineb⸗il⸗Murath, voll Erſtaunen, ſie. am naͤchſten Morgen mit demſelben Roſenkranze er⸗ ſcheinen zu ſehen, den er gezeichnet und unter drei Schloͤſſer verwahrt hatte, warf abwechſelnd einen Blick auf dieß wunderſame Halsband und auf das Kaͤſtchen, worin er es verſchloſſen. Dieß Wunder beſtimmte ihn, ſich in allem der Heiligen von Damask zu uͤberlaßen, gegen welche er bisher eben nicht die groͤßte Verehrung gehegt hatte; denn er konnte ſeinen Feinden und den Neidern ſeiner Krone nur durch ein Wunder entrinnen. Er ging demnach auf alle Erbietungen ein, die ihm gemacht wurden, ſo wie auf den Preis, den man dafuͤr forderte. Der Verſchnittene kam in feierli⸗ chem Aufzuge meine Mutter Yatiſſa abzuholen, deren Schahadildin von Damask. 45 Anblick vollends jeden Schein von Bedenken hob. Sie trug am Halſe ihren praͤchtigen Perlenſchmuck, und wie ſie aus der Saͤnfte ſtieg und den Fuß auf die er⸗ ſten Stufen des Palaſts ſetzte, gab ihre hohe Geſtalt, obſchon mit einem Schleier bedeckt, ihr das Anſehen, als wenn ſie von einem Throne herabſtiege, um ſich auf einen andern zu ſetzen. Der Kadi verrichtete ſein Amt; man bekleidete den Armenier mit einem Pelze; und ſo war die Ver⸗ maͤhlung geſchloſſen. Die Umſtuͤnde erlaubten nicht, ſie mit Gepraͤnge zu vollziehen, noch mit Feſten zu feiern. Aber waͤhrend die jungen Gatten auf einem Sopha neben dem Koͤnige Bekanntſchaft mit einander machten, und man an einer Tafel den Kadi und die Zeugen bewirthete, unterhielten ſich der Pilger und die ilgerinn in einem Fenſter. „Ihr ſeht jetzo,“ ſprach er,„die Angelegenheit eurer Enkelinn beendigt: ich uͤbernehme nunmehr die Sache des Koͤnigs von Damask; ihr werdet aus der Folge ſehen, daß ich euch alle wie meine Blutsfreunde behandle: aber wir, wir beide, haben uns noch nicht dabei bedacht; ſollten wir ſo thoͤricht ſein, uns zu vergeſſen? Bei der Heimkehr von unſrer Pilgerfahrt werden wir ſehr alt ſein, und folglich ohne Kinder und ohne Troſt: thut deshalb, was ich euch ſage. Wenn die jungen Gatten im Bette liegen, ſo werfet ihnen bei⸗ 46 463. Tag. den auem Roſenkranz uͤber den Kopf und ſprechet dabei: 3„Meine geliebten Kinder, ich verbinde euch mit einander und mit uns durch das, was unſer aller Gluͤck gemacht hat: gewaͤhrt mir eine Bitte; ſchenket mir und demjeni⸗ gen, dem ich mich ergeben habe, das erſte maͤnnliche Kind, welches aus eurer Ehe ge⸗ boren wird; ich bleibe hier, um es bei euch aufzuziehen.“ Wenn ſie nun eingewilligt haben, ſo umarmet ſie, und kommet und ſaget es mir; denn dieſes nur liegt mir noch am Herzen, und demnaͤchſt die Pilgerſchaft.“ Meine Urgroßmutter war weit entfernt, etwas zu verweigern, was ihr von dem Manne befohlen wurde, der ſie ſeinem Willen ſo voͤllig unterworfen hatte; und mein Vater und meine Mutter, als ſie in der unſeligen Schlinge des Roſenkranzes gefangen waren, verſprachen alles mit den Worten, die ihre Aeltermutter ihnen vorſagte. Der Armenier hatte nun keine Geſchaͤfte mehr in Damask; es war zu erwarten, daß er verſchwinden wuͤrde: aber er nahm nur eine andre Geſtalt an, und wir werden ihn bald wieder auftreten ſehen. Waͤhrend zu Damask eine ſehr ſtille Hochzeit ge⸗ feiert wurde, arbeitete der Großveſyr in Bagdad an dem Untergange des Koͤnigs Sineb⸗il⸗Murath. Der Schahadildin von Damask. 47 dieſem Fuͤrſten beſtimmte Nachfolger bereitete ſich ſchon zur Abreiſe; als Ueberbringer des Firmans,*) welcher denjenigen verurtheilte, deſſen Stelle er einnehmen ſollte, ſollte er von der Haͤlfte der Leibwache des Cha⸗ lyfen begleitet werden. Niemand ſprach zu Gunſten Sineb⸗il⸗Muraths, und er hatte in Bagdad alle ge⸗ gen ſich, von dem Mufti bis zu den Muͤeſins; 2*) von dem Oberhaupte der Polizei bis zu deſſen niedrig⸗ ſten Beamten. Der Chalyf, ſonſt ein Herr von ruhiger Gemuͤths⸗ art, und geneigt zur Billigkeit, ließ ſich von der Ge⸗ walt der rings um ihn herrſchenden Leidenſchaften fort⸗ reißen. Zuruͤckgezogen in das Innere ſeines Palaſts, deſſen kleine Angelegenheiten hinreichten, ſeine Auf⸗ merkſamkeit zu beſchaͤftigen, bedurfte es ſtaͤts eines außerordentlichen Anlaßes, ihn zu erwecken, und ihm ſeine Thatkraft wieder zu geben. Seine einzige Tochter war nicht ſowohl krank, als hinwelkend; beſonders mangelte es ihr an Eßluſt. „Aber, liebe Tochter,“ ſprach ihr Vater zu ihr, „du ſollteſt eſſen; ſinne doch auf etwas, wozu du wohl Luſt haͤtteſt.“— *) Befehl des Chalyfen. **) Die auf den Thürmen der Moſcheen die Stunden des Gebets ausrufen. 463. Ta g. „Das einzige, was ich zu eſſen vermoͤchte,“ ant⸗ wortete ſie,„waͤre Karmut, und niemand kann mir einen Karmut verſchaffen.“ Indeſſen ließen die Lieferanten des Palaſts in allen zehn Stroͤmen a) die Netze auswerfen, ohne daß man den Fiſch fangen konnte, auf welchen die Prinzeſſinn ein Geluͤſt hatte. Es war damals nicht die Jahres⸗ zeit, wo dieſer Fiſch in den Stroͤmen herauf ſteigt, und die Erwartung der Lieferanten wurde immer ge⸗ taͤuſcht. Da trafen ſie am Ufer des Waſſers einen großen Mann, der eine Angelruthe auf der Schulter trug und unverwandt auf den Strom ſchaute, als wenn er jede voruͤber rauſchende Welle zaͤhlte. „Was machſt du dad“ ſprachen ſie zu ihm:„wa⸗ rum wirfſt du deine Angel nicht ins Waſſer?“ „Ich muß erſt wiſſen,“ antwortete der Fiſcher, „welche Art Fiſche ihr verlanget: nicht alle beißen an einerlei Koͤder.“... „Wir brauchen einen Karmut,“ antworteten die Hoflieferanten.— „Wenn einer in dem Strome iſt, ſo ſollt ihr ihn haben: aber fuͤr wen iſt dieſer Fiſch?“ *) Man hat die beiden Flüſſe und den ſchönen Bach, welche die Gefilde von Bagdad bewäſſern, in zehn verſchiedene Betten geleitet.. Schahadildin von Damask. 49 „Fuͤr die Tochter des Chalyfen, die Prinzeſſinn Sad⸗il⸗Draide.“—. „Wohlan, ich ſtecke den Koͤder an, und werfe die Angel aus, im Namen der Prinzeſſinnn Sad⸗il⸗ Draide!“ Zwei Minuten darnach ſah man das Waſſer um die Angel aufrauſchen: der Fiſcher zog die Schnur an, und brachte einen Karmut ans Land, den ſchoͤnſten, ſo man jemals geſehen hatte. Die Lieferanten jauchz⸗ ten bei dieſem Anblick. „Es darf euch nicht wundern,“ ſagte der Fiſcher zu ihnen,„daß er ſo ſchoͤn iſt. Wenn es in dieſer Jahreszeit noch einen Fiſch dieſer Gattung in dem Strome gibt, ſo iſt das ein traͤger, der nur darauf denkt, ſich zu maͤſten; daher ſind ſolche immer kdſt⸗ lich, wenn man ſie fangen kann.“ Die Lieferanten wollten den Fiſcher bezahlen. „Laßt nur,“ erwiederte er ihnen;„wenn die Prinzeß⸗ ſinn noch einen eſſen will, ſo findet ihr mich morgen wieder hier; wir verſuchen unſer Gluͤck nochmals, und wenn es mir gelingt, ſo bezahlt ihr mir beide zu⸗ ſammen.“ Die Palaſtbeamten, voll Freuden, ihrer Prinzeſſinn dieſe Befriedigung verſchaffen zu koͤnnen, gingen weg, oh⸗ ne den Fiſcher zu bezahlen, und ohne zu bedenken, daß man nichts annehmen muß aus einer Hand, VIII. 4 5⁰ 463. 464. Tag. welche man nicht kennt. Dieß iſt ein Spruͤch⸗ wort, welches mir meine Urgroßmutter oft wiederholte, indem ſie zuweilen Reden fuͤhrte, die kluͤger waren, als ihr Betragen. Vierhundert und vier und ſechzigſter Tag. Den Fiſcher betreffend, von welchem ich euch eben erzaͤhlt habe, meine Prinzen, ſo argwoͤhne ich gegen⸗ waͤrtig, daß er Eine Perſon iſt mit dem Armenier und dem Rabbin Ben⸗Moſes. Er hatte kaum das Ufer des Stromes verlaßen, ſo trat er ſchon, da er ohne Zweifel alles zur neuen Vermummung bei der Hand hatte, in den Palaſt, faſt zu gleicher Zeit mit dem Fiſche, welchen er ver⸗ kauft hatte. Er hatte jetzo die Geſtalt eines Maͤnnleins, von einer mehr poſſierlichen, als angenehmen Geſichtsbil⸗ dung, von leichtem und beweglichem Gliederbau; ſeine Haltung, ſeine Reden, ſein ganzer Aufzug verkuͤndig⸗ ten einen von jenen gewandten Balſamtraͤgern, welche den Karavanen folgen, und deren vornehmſte Beſchaͤf⸗ tigung iſt, durch ihre Taſchenſpielerkuͤnſte die Reiſen⸗ den zu beluſtigen, und den Kameelen und anderen u Laſt thieren Arzeneien einzugeben. Schahadildin von Damask. 5¹ Dieſe Leute verrichten oft in den abgelegenen Ka⸗ ravanſereien Wunderdinge, oder vielmehr die Natur dient ihnen manchmal eben ſo gut, wie viel geſchickte⸗ ren Aerzten als ſie. Der Balſamkraͤmer, der die Welt kannte, drang vermittelſt eines Goldſtuͤcks durch die Wache des aͤußer⸗ ſten Hofes des Palaſts; im Umſehen hatte er ein ſchoͤnes, aber haarſchlechtiges Pferd geheilt, welches man nur zum Staat in dem Marſtall behielt. Er beſchnitt zweien Hunden die Ohren, zweien Katzen die Schwaͤnze, und half einem Papagei, der die fallende Sucht hatte. Ein alter Verſchnittener kam, und ließ ſich drei Zahnſtumpfen ausziehen; der Zahnbrecher hielt ſie in der Hand, zeigte ſie, und ſagte dabei mit einem mehr als ſpaßhaften Ton: „Wer hat noch dergleichen zu viel? ich ziehe ſie aus: wem beliebt davon? ich habe Vorrath.“ Als der Fiſch, nachdem er dem Chalyfen gezeigt worden, in die Hände des Kochs uͤberging, war der gewandte Marktſchreier, vermittelſt einer Menge kleiner Kunſtſtuͤcke, ſchon bis in den dritten Hof des Palaſts gedrungen. Hier ward er auf der Stelle ein Gegen: ſtand der Beluſtigung fuͤr die jungen Edelknaben; ſie warfen alle Baͤlle nach ihm, womit ſie eben ſpielten; er fing ſie in der Luft auf und ſammelte ſie in ſeiner Muͤtze. Sie kamen heran und thaten als wollten ſie die Baͤlle wieder von ihm nehmen, hefteten ihm aber 62 464. Tag. eine lange Feder hinten auf den Ruͤcken. Das war ſein Triumph: er nahm ſich die Feder ab, ſtellte ſie auf ſeine Naſe, und ließ ſie da im Gleichgewicht ſchweben, indem er umhertanzte und uͤberall den Haͤn⸗ den entſchluͤpfte, welche ihn feſthalten wollten, und dabei die Baͤlle in ſeiner Muͤtze trug. Das laute Gelaͤchter, welches er erregte, erſcholl bis in den Palaſt, wo ſich zu gleicher Zeit der Ruf von ſeinen kleinen Kunſtſtuͤcken verbreitete. Ein ſchwar⸗ zer Verſchnittener kam zu ihm heran, zupfte ihn beim Aermel, oͤffnete eine kleine Thuͤre, und ließ ihn in ein ſauber eingerichtetes Gemach eintreten. Hier kam eine wohlgebildete und ſehr gut gekleidete Sklavinn zu ihm,„ die noch einige Anſpruͤche auf Jugend machen konnte, und ſagte zu ihm: „Habt ihr etwa ganz fertige Gebiſſe von falſchen Zähnen?“ „Ob ich dergleichen habe?“ antwortete der Tau⸗ ſendkuͤnſtler;„es gibt keine dergleichen Huͤlfsmittel fuͤr Frauen, welche nicht in meinem Krame zu finden waͤren: aber euch, meine Schoͤne, ſcheint gar nichts zu mangeln.“— 1 4 „Oh! ihr denkt, weil ich volle Wangen habe: aber ein Fluß hat mich um alle meine Zaͤhne gebracht; das iſt mir ſehr verdrießlich; denn ich bin von Natur froͤhlich, und jetzo wage ich nicht mehr zu lachen.“— ——.,— Schahadildin von Damask. 53 „Ich will euch eure gute Laune und alle Anmuth derſelben wieder verſchaffen, ſie ſoll durch zwei und dreißig aufgereihte Perlen hervor leuchten: laßt mich mit dem Finger in euern Mund fuͤhlen.— Oh! welches Gluͤck! es iſt kein einziger Stift ſtecken geblieben. Noch niemals hatte ich eine beſſere Gelegenheit, Ehre einzulegen. Setzet euch.“ Hierauf zog er aus einer Schachtel drei oder vier Gebiſſe, waͤhlte eins aus, und ſagte: „Dieß hier paßt gerade fuͤr euch. Als ich es verfertigte, dachte ich an einen ſo niedlichen Mund, als der eurige; ihr ſeht, daß ich zuweilen huͤbſche Gedanken habe.“ Indem er dieß ſagte, befeſtigte er ihr mit ge⸗ ſchickter Hand das Gebiß in dem Munde, welches durchaus fuͤr ſie gemacht ſchien; und es war, als wenn es darin Wurzel gefaßt haͤtte, ſo feſt ſchien es darin zu haften. Die Sklavinn nahm einen Spiegel, beſchaute ſich, und war entzuͤckt: f Wie⸗“ ſprach ſie,„und ich koͤnnte auch damit eſſen? „Verſuchet es nur, hier ſteht Obſt und Kuchen auf dem Tiſche.“— „Aber... wahrhaftig ich eſſe; ach! das iſt koͤſt⸗ dch. Ah! ich werde nimmer lachen, ohne an euch zu denken.“— 54 364. Tag. „Das ſoll mich freuen; denn man denkt nicht immer mit Lachen an mich.“— 24 „Ich bezahle euch jetzo nicht; denn ich will durch⸗ aus, daß ihr alsbald wieder hieher kommet. Saget nur dem Verſchnittenen an der Pforte, daß ihr zu Thalidé wollet; ich bin die erſte Kam⸗ merfrau bei der Tochter des Chalyfen, und alle Pfdrtner ſollen Befehl erhalten, euch zu mir einzu⸗ laßen. Jetzt verlaße ich euch; denn meine Herrinn wird ſich gleich zu Tiſche ſetzen, und ich muß gehen, ſie zu bedienen.“ Es war auch nicht Geld, was der ſchlaue Zahn⸗ arzt verlangte, er wollte nur Zutritt in den innern Palaſt: jetzo ſollte er ihn haben, man ſollte bald nach ihm verlangen; aber das war ihm noch nicht genug, er mußte auch noch auf ſich warten laßen. Als Thalidé wieder zu ihrer jungen Gebieterinn kam, trug man ihr das Mittagsmahl auf, und der Karmut ſtand auf dem Tiſche. Die Sklavinnen er⸗ zaͤhlten der Prinzeſſinn die Spaͤße des poſſierlichen Arztes, welche am Morgen die Jugend im Palaſt be⸗ luſtigt hatten. Als Thalidé, die gerade ihrer Gebiete⸗ rinn gegenuͤber ſtand, von dem Schweben der großen Feder auf der Naſenſpitze hoͤrte, brach ſie in ein ſo unmaͤßiges Gelaͤchter aus, daß es ihr Gelegenheit gab, —,— ** Schahadildin von Damask. 55 auf einmal den ganzen Reichthum glaͤnzen zu laßen, womit ihr Mund eben erſt geſchmuͤckt war.— „Was iſt das, Thalidé?“ ſagte die Prinzeſſinn; „ſind dir dieſe Nacht die Zaͤhne wieder gewachſen?“ „ Das iſt mir nicht uͤber Nacht geſchehen, Her⸗ rinn, ſondern am Tage.“— „Komm her; wie! das ſind ja wirkliche Zaͤhne; beiß einmal auf meine Fingerſpitze.... Wahrhaftig, ſie machen ſich ſehr fuͤhlbar; das iſt außerordentlich: er⸗ klaͤre mir, wie iſt es damit zugegangen?“— „Derſelbe Mann, uͤber den man ſich luſtig machte, Herrinn, hat mir in einem Augenblick dieſes Geſchenk gemacht; es ſitzt ein wenig feſter, als die Feder, wel⸗ che man ihm auf die Schulter geheftet hatte.“ Die Neugierde der Prinzeſſinn haͤtte ſie ohne Zwei⸗ fel noch weiter gefuͤhrt, aber eine Graͤte des Fiſches, welchen ſie koͤſtlich fand, und von welchem ſie mit zu großer Begier aß, blieb ihr in der Kehle ſtecken, und ſie war genoͤthigt, vom Tiſche aufzuſtehen. Anfangs machte die Natur ſelber alle Anſtrengun⸗ gen, um den fremdartigen Koͤrper auszuwerfen, aber vergeblich. Hierauf wandte man allerlei kleine Mittel an, deren man ſich bei ſolchen Zufaͤllen zu bedienen pflegt, aber gleichfalls fruchtlos. —— 56 465. Tag. Vierhundert und fuͤnf und ſechzigſter Tag. Der verſchnittene Wundarzt, zu Dienſten der Prinzeſſinn, verſuchte nun ſeine Geſchicklichkeit, und dann ſeine Werkzeuge: aber er verurſachte nur neue Schmerzen, und nicht die geringſte Linderung. Endlich kam der Chalyf ſelber, im Gefolge aller Hofaͤrzte: aber vergeblich wurden die Huͤlfsmittel der Kunſt erſchoͤpft; der Chalyf ſah ſich in Gefahr, ſeine Tochter zu verlieren, und war untroͤſtlich. Seine Ge⸗ mahlinn, die Mutter der Sad⸗il⸗Draide, vermehrte durch ihren unmaͤßigen Jammer noch die allgemeine Betruͤbnis uͤber den verzweifelten Zuſtand der jun⸗ gen und ſchoͤnen Prinzeſſinn. „Ach Gebieterinn,“ ſprach Thalidé zur Gemah⸗ linn des Chalyfen,„wenn nur der Zahnarzt hier waͤre, der dieſen Morgen her kam, und verſprochen hat, nach Mittag wieder zu kommen, er wuͤrde alsbald unſrer theuren Prinzeſſinn geholfen und alle unſere Beſorg⸗ niſſe zerſtreuet haben.“ „Wie iſt das wahrſcheinlich, was du ſagſt, Tha⸗ lidé?“ erwiederte die troſtloſe Mutter:„verſteht jener Menſch denn mehr, als alle Aerzte des Palaſts, ja von ganz Bagdad, welche man hieher berufen hat? mit welchem Werkzeuge vermoͤchte er die Graͤte zu faſ⸗ ſen, wo ſie ſteckt?“— 1 Schahadildin von Damask. 57 „Mit ſeiner Hand, Gebieterinn; ſie iſt ſo klein und niedlich, daß ſie ſich in einem Ei umdrehen koͤnnte; er hat ſo feine Finger, daß ſie ſich wie ein Stuͤckchen Seide in ein Nadeloͤhr einfaͤdeln ließen, und ſeine Haut iſt ſo weich, daß ſie alles zu liebkoſen ſcheint, was ſie beruͤhrt: dieſer Menſch muß gar keine Kno⸗ chen haben.“ „Aber wo iſt er?“ fragte die Sultaninn. „Es ſind vier Stunden,“ antwortete Thalidé, „ſeitdem er von hier weg gegangen iſt; es iſt ihm ſel⸗ ber noch ſehr daran gelegen, wieder her zu kommen: aber da man ihm den Eintritt in den Palaſt verweh⸗ ren koͤnnte, ſo will ich ihm entgegen gehen, um alle Hinderniſſe zu heben.“ Mit dieſen Worten ging Thalidé nicht, ſondern flog hinaus, und trat bald darnach wieder herein, mit dem Kuͤnſtler an der Hand, der ſeine Geſchicklichkeit bewaͤhren ſollte. Es war wohl noch die leichte und ſchwanke Ge⸗ ſtalt von heute Morgen; aber ihre Haltung war ern⸗ ſter geworden, und ihre Geſichtsbildung, weit ent⸗ fernt, einen Ausdruck von Poſſierlichkeit zu haben, verkuͤndigte einen verſtaͤndigen Kopf. „Iſt dieſer da,“ ſagte der Chalyf zu Thalidé, „der Mann, von dem du geſprochen haſt?“ „Ja,“ antwortete Thalidé;„er wird ſie retten, ich hafte mit meinem Kopfe dafuͤr.“ 58 4665. Tag. „Dieſer Arzt, weil er denn einer iſt, muͤßte ſel⸗ ber mit ſeinem Kopfe dafuͤr haften,“ verſetzte der Chalyf. „Herr,“ antwortete der Schuͤtzling Thalidé's, „mein Kopf iſt fuͤr mich ein ſehr ernſthaftes Ding, obgleich er vielen Leuten eures Hofes nur einem Schalks⸗ narrn anzugehoͤren ſchien. Euer Majeſtaͤt erlaube, daß ich mich der Prinzeſſinn naͤhere, um zu ſehen, wie tief die Fiſchgraͤte eingedrungen iſt.“ „Wenn du es geſehen haſt,“ erwiederte der Cha⸗ lyf,„wirſt du auch wie alle die andern reden.“— „Beherrſcher der Glaͤubigen, ich werde nur, wie ich ſelber reden; ich ahme niemand nach.“ Nach dieſer Antwort naͤherte ſich der geſchickte Mann der Prinzeſſinn, und betrachtete ſie; einen Au⸗ genblick darnach kam er wieder zu dem Chalyfen, und ſagte: „Wenn ich dem maͤchtigſten Herrſcher der Erde meinen Kopf verpfaͤnde, daß ſeine eine einzige Tochter in einem Augenblick hergeſtellt ſein ſoll, darf ich da von eurer Gnade erwarten, daß ihr mir Kopf fuͤr Kopf bewilligt, und daß ich ein andres Haupt vom Tode rette, welches mir eben ſo theuer iſt, wie das mei⸗ nige?“. „Ja,“ rief der Chalyf aus,„und wenn es das Haupt eines Verbrechers waͤre, der ſich erfrecht haͤtte, die Hand gegen mich ſelber zu erheben.“ Schahadildin von Damask. 59 „Wir ſind weit entfernt,“ ſagte der Wundarzt, „einem Verbrecher das Leben retten zu wollen. Aber das iſt noch nicht alles, erhabener Fuͤrſt: wenn die Prinzeſſinn in einem Augenblicke von der Graͤte befreit, zu gleicher Zeit ihre Friſche, ihre Froͤhlichkeit, ihre Eß⸗ luſt wieder erhielte, waͤre es da nicht ſtatthaft, daß der Mann, deſſen Erhaltung das Ziel meines Beſtrebens iſt, wieder in eure Gunſt gelangte, wenn Raͤnke ihn daraus entfernt haͤtten, und ich den Beweis hievon fuͤhren koͤnnte?“ „Ich weiß nicht,“ antwortete der Chalyf,„fuͤr wen du dich bei mir verwenden magſt: aber heile mei⸗ ne Tochter, und ich verſpreche dir alles.“— Ihr koͤnnt euch mit mir wohl denken, meine Prinzen,“ unterbrach ſich hier der Prinz von Damask, „daß es dem Tauſendkuͤnſtler leicht war, die Fiſchgraͤte da wieder herauszuziehen, wo er ſelber ſie hatte hin⸗ ein fahren laßen; denn dieſen Wundermann, der un⸗ ter Geſtalt eines Fiſchers den Karmut in den Palaſt geſchafft hatte, darf man wohl in Verdacht haben, daß er durch ſeine Kuͤnſte den Zufall hervor gerufen, welcher ihn in den Stand ſetzte, ſich zu gleicher Zeit ſo geſchickt und dienſtfertig zu zeigen.. Im Augenblicke hatte er die Graͤte in der Hand; es war, als wenn dieſer fremde Koͤrper ihm von ſel⸗ ber entgegen gekommen waͤre, ſo wenig Unbequemlich⸗ keit empfand die Prinzeſſinn bei dem Herausziehen deſſelben. 65 465. Ta g. Ein Glas Waſſer, welches man eingeſchenkt hatte, und einige Tropfen eines ſehr heilkraͤftigen Safts vollendeten die ſchleunige Herſtellung. Ein mit demſelben Safte getraͤnktes Linnentuch vertrieb die Geſchwulſt der Augenlieder und die Roͤthe der Augen, und gab der Haut ihre ganze Friſche wieder. Die Prinzeſſinn erſchien ſchoͤner, als jemals; ſie fuͤhlte lebhaft ihre Eßluſt wiederkehren, welche der Unfall vertrieben hatte. Thalidé frohlockte uͤber den Erfolg ihres Schuͤtzlings; der Chalyf und die Fuͤr⸗ ſtinn Mutter waren in Entzuͤcken; die Hofaͤrzte wa⸗ ren beſchaͤmt und entfernten ſich; und Freudengeſchrei erſcholl durch den ganzen Palaſt. Ein Menſch allein ſchien nicht berauſcht; naͤmlich der Urheber dieſes Kunſtſtuͤcks, welches alle Koͤpfe verdreht hatte. Er wartete ab, bis der Chalyf zu wiederholten Malen ſeine Tochter umarmt und ihr Gluͤck gewuͤnſcht hatte, trat dann hervor und warf ſich zu ſeinen Fuͤßen, ſobald er ſah, daß er es thun konnte, ohne beſchwerlich zu fallen. „Beherrſcher der Glaͤubigen!“ ſprach er zu ihm, „ihr ſeid mir die Begnadigung eines Menſchen ſchul⸗ dig; ſie wird eurer Gerechtigkeit nichts koſten, wenn Euer Majeſtaͤt einen Blick auf die Rechtfertigung des⸗ jenigen zu werfen geruhet, welchen Raͤnke eurem gan⸗ zen Zorne ausgeſetzt haben. Hier ſind die Beweis⸗ ſtuͤcke, von welchem eine Abſchrift an euern Großveſyr Schahadildin von Damask. 61 geſchickt worden: aber dieſer Miniſter wollte uͤber den Thron von Damask ſchalten, um ſeinen Schwieger⸗ ſohn damit zu bedenken. In der That, mein Gebie⸗ ter, hat der Koͤnig von Damask nur die ungetreuen Verwalter beſtraft, welche die Einkuͤnfte der milden Stiftungen unter ſich theilten, die von frommen Mu⸗ ſelmaͤnnern zur Unterſtuͤtzung der Armen und zur Ver⸗ herrlichung des Gottesdienſtes gemacht ſind. Er mußte ſich der Rechnungsbuͤcher einer betruͤgeriſchen Verwal⸗ tung bemaͤchtigen, und die Verwalter abſetzen, um alles wieder zur Ordnung zuruͤckzufuͤhren: dieſen Au⸗ genblick hat man ergriffen, ihn zu verleumden. Ihr findet die Unterſchriften derjenigen, die ſolches gewagt haben, mitten unter den Namen der vornehmſten Be⸗ truͤger, in den Beweisſtuͤcken, deren Urſchriften ich hier zu euern Fuͤßen niederlege. Gerechtigkeit, großer Fuͤrſt, Gerechtigkeit meinem Herrn, dem Koͤnige von Damask! Der niedrigſte ſeiner Sklaven, der ſich uͤber⸗ gluͤcklich fuͤhlt, daß er euch zu dienen vermochte, kann auf keine andre Belohnung von euch Anſpruch machen.“ Vierhundert und ſechs und ſechzigſter Tag. Derr Chalyf ſtand erſtaunt da. Man hatte ihm einen Schalksnarrn angekuͤndigt; und dieſer Narr hatte ihn durch ein Wort zu binden gewußt. Er hatte die 6² 466. Tag. Krone von Damask dem Schwiegerſohne ſeines Veſyrs verſprochen, und derjenige, der ſie trug, konnte ſie nur mit dem Leben verlieren: nun aber machte man ihm bemerklich, daß er ſolches zu voreilig gethan, und man uüͤbergab ihm die Urkunden, welche ihn davon uͤberzeugen ſollten. Er oͤffnete ſie und durchlief ſie. Er ſah die empoͤrenden Spitzbuͤbereien, uͤber welche man es nicht angemeſſen befunden hatte, ihn aufzu⸗ klaͤren. Er ging in ſein Zimmer, und befahl demjenigen, der ſo eben ſeine Tochter hergeſtellt hatte, ihm zu folgen. Hier fragte er dieſen Unbekannten nach ſei⸗ nem Namen. „Herr,“ antwortete dieſer,„ich heiße Boka⸗ mar; ich bin Sklave und Wundarzt Sineb⸗il⸗ Mu⸗ raths.— „Warum hat er dich hieher geſchickt? und wa⸗ rum hat er Papiere von ſolcher Wichtigkeit ſeinem Wundarzte uͤbergeben?“— „Mein Herr hat mich weder abgeſchickt, noch mir die Papiere uͤbergeben. Ich war zuvor Wundarzt bei einem Juden, namens Samuel; gegen dieſen wie⸗ gelte man das Volk auf, und er ſah, daß ſein Kopf ein nothwendiges Opfer fuͤr die oͤffentliche Ruhe war: er uͤbergab mir dieſe Denkſchrift und dieſe Papiere. „Der Koͤnig,“ ſprach er zu mir,„hat die Abſchriften davon; aber bewahre du dieſe Urſchriften: ſie koͤnn⸗ Schahadildin von Damask. 65 ten ihm eines Tages noch nuͤtzlich werden.“ Als ich vernahm, daß die Feinde meines Herrn ihn bei Euer Majeſtaͤt anſchwaͤrzten, beruhigte ich mich anfangs, und vertraute auf eure Gerechtigkeit und ſeine Unſchuld: aber bald verriethen mir der Uebermuth und die Zuver⸗ ſichtlichkeit ſeiner Feinde, daß ſie ihres Sieges uͤber ihn gewiß waͤren. Da begab ich mich hieher; ich ſpielte eine Rolle, welche mich in den Stand ſetzen konnte, uͤberall hin⸗ zugelangen, um euch zu unterrichten. Sie hat mir das Gluͤck verſchafft, Euer Majeſtaͤt nuͤtzlich zu ſein; und wenn ich von euch erlange, daß mein guͤtiger Herr Sineb⸗il⸗Murath in eure Gunſt hergeſtellt wird, ſo werde ich mich uͤber mein Verdienſt und uͤber meine Hoffnungen belohnt achten.“ „Békamar,“ ſprach der Chalyf,„dein Herr iſt gluͤcklich, einen ſo geſcheuten und ſo ergebenen Unter⸗ thanen zu haben, wie du biſt. Wenn deine Anhaͤng⸗ lichkeit dich nicht an ſeiner Seite feſthielte, ſo wuͤrde ich dir an meinem Hofe alle die Vortheile anbieten, welche du dort vermiſſen moͤchteſt. Fuͤrchte nicht, daß ich auf die von Damask mir zugeſandten Anklagen meine Entſcheidung uͤbereilen werde; denn ich will nicht eher den Ausſpruch thun, als bis ich die Sache gruͤndlich unterſucht habe, dergeſtalt, daß ich meinen Divan von der Verderbnis ſaͤubern kann, welche dar⸗ in eingeſchlichen iſt; und der Koͤnig von Damask ſoll 64 466. Ta g. erfahren, was du fuͤr ihn gethan haſt.— Aber welche Anweiſung ſoll ich dir auf meinen Schatzmeiſter geben?“ „Der kleinſte der Ringe, welche Euer Majeſtaͤt getragen haben, genuͤgt mir,“ antwortete Béka⸗ mar;„eine andre Belohnung wuͤrde meine Selbſtzu⸗ friedenheit vermindern, daß ich euch einen Dienſt zu leiſten vermochte.“ Der Chalif zog einen koſtbaren Ring von ſeinem kleinen Finger, und reichte ihm denſelben. „O Beherrſcher der Glaͤubigen,“ ſprach Bokamar, indem er ſich tief verneigte,„ein minder ſchoͤner wuͤr⸗ de mich vollkommen belohnt haben: aber der hohe Werth des Geſchenks zeigt mir den Gebrauch, welchen ich davon machen ſoll.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich. Thalidé wartete auf ihn an der Thuͤre des Zim⸗ mers des Chalyfen, um ihm noch zu danken, ſich mit ihm Gluͤck zu wuͤnſchen, und noch naͤhere Bekannt⸗ ſchaft mit ihm zu machen. „Liebenswuͤrdige Frau,“ ſprach er zu ihr mit ei⸗ nem Tone, welcher nicht mehr jener des Zahnarztes war,„der Chalyf hat mir, nachdem er mir alles ge⸗ waͤhrt, was ich von ihm begehrte, noch ein Geſchenk gemacht, um es derjenigen zuzuſtellen, welche in Wahr⸗ heit das Leben der Prinzeſſinn gerettet hat: und das ſeid ihr. Ich habe nur meine Hand dazu hergegeben: alſo gehoͤrt dieſer Ring hier euch zu.“ Schahadildin von Damask. 65 Waͤhrend Thalidé noch die Pracht des Brillanten betrachtete, entſchluͤpfte der großmuͤthige Geber und begab ſich in einen Winkel von Bagdad, den Verfolg der Ereigniſſe zu beobachten. Der Großveſyr, ſeiner Unredlichkeit uͤberwieſen, wurde enthauptet. Der Oberpfoͤrtner des Palaſts wurde nach Damask abgefertigt mit den ſchmeichel⸗ hafteſten Beweiſen fuͤr den Koͤnig, und mit den Be⸗ fehlen, alle die Schuldigen hinrichten zu laßen, die bisher noch verſchont geblieben waren. Ein beſonderes Schreiben ertheilte der Geſchicklich⸗ keit und dem Eifer des Wundarztes Békamar tauſend Lobſpruͤche. Der Koͤnig von Damask konnte nicht er⸗ rathen, wer dieſer Mann ſein moͤchte, von welchem der Abgeſandte von Bagdad und ſein Gefolge tauſend Dinge erzaͤhlten, und an welchen zugleich ein, ohne Zweifel etwas zaͤrtliches Briefchen von Thalidé mitkam, ohne daß man wußte, an wen man es abgeben ſollte. Mein Vater und meine Mutter unterhielten ſich hieruͤber mit unſerer Urgroßmutter. Dieſe kannte ih⸗ ren Pilger noch nicht recht, und argwoͤhnte keineswe⸗ ges, daß er mehr als Ein Geſicht haͤtte. Es waͤre zu gefaͤhrlich fuͤr ſeine eigenen Abſichten geweſen, wenn er ihr gezeigt haͤtte, was er vermochte. Indeſſen ſagte ſie, wie aus Eingebung: VIII. 5 66 466. 467. Ta g. „Dieſer Bokamar, von dem der Kdonig euch er⸗ zauͤhlt, der Pilger, und ich, liebe Kinder, das iſt alles eins. Hat der Koͤnig nicht die Gunſt des Chalyfen wieder erlangt? das mußte doch durch irgend eine Vermittelung geſchehen; und der Koͤnig ſieht wohl, daß man, da er ſeine Pflicht gegen uns erfuͤllt hat, nichts mehr von ihm begehrt; man hat ſelbſt nicht einmal das Geſchenk des Chalyfen annehmen wol⸗ len. Das iſt ein bedeutſamer Zug.“ Vierhundert und ſieben und ſechzigſter Tag. Der Koͤnig von Damask, ſeiner Feinde und ſei⸗ ner Furcht entledigt, und in dem Wahne, die Her⸗ ſtellung ſeines Gluͤcks vor allen den Gebeten unſrer Großmutter zu verdanken, gab ihr eine Wohnung im Palaſt, in der Naͤhe ſeiner Enkelinn, und ließ ſie, ſo viel ihr beliebte, den Leichenbegaͤngniſſen fol⸗ gen, und hingehen und auf den Graͤbern beten. Sie verdoppelte in dieſer Hinſicht ihren Eifer, nahm alles an, was man ihr gab, als wenn es ihr an allem gemangelt haͤtte, und vertheilte, was ſie empfangen hatte, unter die Armen. Man draͤngte ſich in den Straßen um die Heilige: dieſer Triumph, und die Hoffnung, mit der naͤchſten Karavane nach Mekka zu wallfahrten, machte ſie zur gluͤckſeligſten Frau von — Schahadildin von Damask. 67 der Welt. Sie machte jeden Tag einen Gang nach dem Chan, um die Ruͤckkehr ihres Pilgers zu erſpaͤhen. Meine Mutter ward ſchwanger und hatte eine ſehr gluͤckliche Niederkunft, deren Frucht ich war, aber ohne Zweifel unter dem Einfluß eines boͤsartigen Ge⸗ ſtirns, weil ich ſchon bei meiner Geburt unſerm arg⸗ liſtigen Feinde uͤberliefert wurde. Meine Urgroßmut⸗ ter wankte und murmelte ſtaͤts um meine Wiege her; ſie war unverruͤckter dabei, als meine Amme. Sie leitete mich, ſobald ich die erſten Schritte machen konnte; ſobald ich die Augen aufſchlug, ſuchte ſie dieſelben durch angenehme Gegenſtaͤnde zu zer⸗ ſtreuen, und mein Ohr durch Maͤhrchen zu vergnuͤgen. Kurz, ſie bemaͤchtigte ſich meiner dergeſtalt, daß es unmoͤglich war, uns zu trennen. Die Familie meines Vaters und meiner Mutter vermehrte ſich alljaͤhrlich; ſie wachten ſorgfaͤltig uͤber die Erziehung meiner Bruͤder und meiner Schweſtern; ich aber blieb ganz der Pflege meiner Urgroßmutter uͤberlaßen. Dieſe ſelber lehrte mich leſen und ſchrei⸗ ben; denn da ſie gewohnt war, auf einzelnen Blaͤt⸗ tern Spruͤche des Korans zu ſchreiben, ſo war ſie da⸗ hin gelangt, die Schriftzuͤge mit großer Sauberkeit zu bilden. Um dieſe Zeit nun hielt ſie ſich fuͤr Witwe: „Wehe! mein armer Pilger!“ ſprach ſie;„er war ſchon bejahrt, er wird ſich zu ſehr angeſtrengt haben! „ — Du haſt einen guten Großvater verloren, mein Kind, der dich gar ſchoͤne Dinge gelehrt haͤtte, der⸗ gleichen ich ihn habe verrichten ſehen.“ „Aber, Großmutter,“ erwiederte ich,„die Zau⸗ berer in den Maͤhrchen, welche du mir erzaͤhlſt, ver⸗ richten dergleichen: war er denn ein Zauberer?“— „Die Zauberer lieben nicht auf ſo ehrbare Weiſe die Frauen, wie jener theure Mann mich liebte. Aus Ehrerbietung, mein Kind, hat er niemals die Spitzen meiner Finger beruͤhrt; uͤberdieß machen die Leute, von denen du ſprichſt, keine Wallfahrt nach Mekka: ſie wiſſen wohl, daß ſie vom Koran verflucht ſind.“ Als ich alt genug war, meine Großmutter auf ihren Wanderungen zu begleiten, ſo ſtellte ſie mich, wenn ich nicht bei ihr in dem Gewuͤhle des Leichen⸗ zuges ſein konnte, auf den Armen meiner Amme und unter dem Schutze zweier ſtarken Sklaven, an einen Ort, wo ich bewundern konnte, wie ſie den Schmerz nachzuahmen vermochte. Darnach fuͤhrte ſie mich auf den Grabſtaͤtten mit umher, und ließ mich ganz laut ihr Il⸗fathea und Il⸗kathmé*) nachbeten. Ich hatte ſehr wenig Anfmerkſamkeit bei dieſem Gepraͤnge, da ich von Natur ſehr flatterhaft war: aber z ur Ermunterung erzaͤhlte ſie mir, wenn wir nach Hauſe kamen, Maͤhrchen, welche mir ſehr gefie⸗ *) Vergl. Anm. zum 466. Tag. —,— —,— Schahadilbdin von Damask. 69 len; und das iſt die einzige Bildung, welche ſie mei⸗ nem Geiſte zu geben vermochte. Uebrigens war ſie nur liebreich gegen mich und gegen meine Mutter; wir konnten durchaus nicht Unrecht bei ihr haben: aber mit ihren eigenen Sklaven ging ſie unbarmherzig um: da ich ſie nun von dem Volke eine Heilige nennen hoͤrte, ſo gab mir dieß einen gar ſeltſamen Begriff von der Heiligkeit. Die Jahre kamen und fuͤhrten endlich die Zeit herbei, wo meine Augen zum Theil uͤber mein Schick⸗ ſal geoͤffnet, und mein Vater und meine Mutter, ohne zu wiſſen durch wen, noch wie, dafuͤr geſtraft werden ſollten, daß ſie mich ſo thoͤricht hingegeben hatten, vorausgeſetzt, daß dieſe Handlung von ihrer Seite voͤl⸗ lig frei geweſen waͤre. Ich war beinahe funfzehn Jahre alt; weil ich an dem Hofe meines Großvaters als einer von jenen Prinzen betrachtet wurde, die ſich dem Derwiſchſtande weihen, ſo haͤngte ſich niemand an mich, ſondern man uͤberließ mich ganz der Geſellſchaft meiner Ur⸗ großmutter. Eines Tages, als ich mit ihr aus einer Grab⸗ ſtaätte kam, welche wir beide allein betreten hatten, erſchien uns etwas, das noch fuͤrchterlicher war, als ein Geſpenſt: es war der Armeniſche Kaufmann, wel⸗ chen ich nur aus der Schilderung meiner Urgroßmut⸗ 70 467. Ta g. ter kannte, aber deſſen Ausſehen und Geſichtsbildung mir ſo unheimlich vorkamen, als ſein Bart weiß war. Bei dieſem Anblick war meine Urgroßmutter nahe daran, in Ohnmacht zu ſinken:„Das iſt ein Todter! das iſt ein Todter!“ rief ſie aus. „Nein, es iſt kein Todter,“ erwiederte ihr der falſche Armenier, indem er ſie unſanft beim Arme ſchuͤt⸗ telte:„du aber ſollſt gleich des Todes ſein, wenn du dich nicht in Acht nimmſt.“— „Ei, wo koͤmmſt du her, du elender Boͤſewicht, nachdem du mich funfzehn Jahre haſt warten laßen? Eine ſo tugendhafte Frau zu betruͤgen, wie ich bin!“— „Schweig, raſende Heilige, oder ich klebe dir⸗ mit Einem Worte die Zunge an den Gaumen. Ich habe hier keine Zeit zu verlieren: ich komme, meinen Sohn abzuholen.“— „Deinen Sohn! wann haſt du mich denn geheira⸗ tet, du Schaamloſer, daß du ein Kind von mir haben ſollteſte Komm mit mir vor den Kadi und loͤſe deine Verpflichtung gegen mich, dann ſollſt du das Kind haben.“ „Ich dich heiraten, alte Naͤrrinn! klapperduͤrres Gerippe! ſprechendes Archiv des Alters der Erde! Schandmal der Schoͤpfung! Ausgeburt des Schlam⸗ mes der Suͤndflut! Gib mir mein Kind.“— „Eher ſollſt du mein Leben haben, Boͤſewicht! Ich will dich hier ans Kreuz ſchlagen laßen, als ei⸗ 5 Schahadildin von Damask. 71 nen Meuchelmoͤrder gegen deinen angeblichen Sohn und gegen mich.“ Mit dieſen Worten ſchloß ſie mich feſt in ihre Arme. Der Schreck hatte mich unfaͤhig gemacht, ir⸗ gend ein Glied zu ruͤhren. Ploͤtzlich flammten die Blicke des Armeniers, ſein Bart dampfte, und er gab meiner Urgroßmutter eine Maulſchelle, welche uns beide zu Boden ſtuͤrzte, ohne daß wir uns von ein⸗ ander getrennt haͤtten. 4 Bald nach unſerm Falle oͤffne ich die Augen: meine Urgroßmutter iſt in einen Weidenkorb verwan⸗ delt, lang genug, daß ich ausgeſtreckt darin liege; ihre Arme und Beine bilden Feſſeln, welche mich dar⸗ in feſthalten; und ihr Roſenkranz, in zwei Haͤlften getheilt, macht die beiden Handhaben.“ Vierhundert und acht und ſechzigſter Tag. Unſer Henkersknecht gab dem Korb elnen Fußtritt mit ſolcher Gewalt, daß er wohl einen Berg fortge⸗ ſchleudert haͤtte. Wir durchſauſten die Luft, und ka⸗ men nicht eher daraus herab, als bis wir in den verhaͤngnisvollen Brunnen geſtuͤrzt wurden. Ich erlitt bei dem Falle einen ſo fürchterlichen Stoß, daß alle Gliedmaßen meines Leibes davon zerſchmettert waren: 72 468. T a g. aber man ließ mir das Bewußtſein, damit ich meine arme Urgroßmutter ganz blutig an einem Baume auf⸗ gehaͤngt ſaͤhe, den Raben zum Fraße. Bald darauf ſank ich in Ohnmacht.— Ich glaube, meine theuern Ungluͤcksgefaͤhrten, daß ich durch eine umſtaͤndliche Erzaͤhlung aller der Leiden, welche dieſes Ungeheuer mich erdulden ließ, nur die eurigen vermehren wuͤrde. Nachdem er mich hieher gebracht hatte, ließ er mich drei ganzer Wochen zwiſchen Leben und Tod ſchweben, wobei ich unſaͤgli⸗ che Schmerzen litt von allen den Quetſchungen, wel⸗ che er ſelber mir an vielen Theilen meines Leibes ver⸗ urſacht hatte. Ich lag dem Anſcheine nach ohne Em⸗ pfindung da, ich konnte weder ſprechen, noch die min⸗ deſte verſtaͤndliche Gebaͤrde machen. Er benutzte dieſe Zeit, um mich zu uͤberreden, daß er mein wahrer Vater waͤre, und mich nur den fuͤr mich ſo gefaͤhrli⸗ chen Leuten entriſſen haͤtte, die mir eine ſo ſchlechte Erziehung gegeben und mir ſo falſche Grundſaͤtze ein⸗ gepraͤgt; mit Einem Worte, daß es nothwendig geweſen, mich ſo zu zermalmen, um mich ganz von neuem zu formen. Er ſagte alles dieß auf abgeriſſene Weiſe, als wenn er mit ſich ſelber ſpraͤche; er miſchte darein ſchmerzliches Bedauern des klaͤglichen Zuſtandes, worin er mich ſaͤhe. Uebrigens wachte er Tag und Nacht ——— Schahadildin von Damask. 73 bei mir, verband mich, und pflegte mich mit allem Anſcheine der groͤßten Zaͤrtlichkeit. Aber es war ihm nicht moͤglich, mich dadurch zu taͤuſchen; das Schick⸗ ſal meiner armen Urgroßmutter hatte mich das Un⸗ geheuer zu gut kennen gelehrt. Ich habe aus den verſchiedenen Erzaͤhlungen, wel⸗ che ich hier gehoͤrt, wohl abnehmen koͤnnen, daß ich allerdings eine ſehr vernachlaͤßigte Erziehung erhalten hatte; und in dieſem Stuͤcke habe ich ihm eine Art von Verpflichtung: ein angeborner Starrſinn, der nie bekämpft worden, ließ mich niemals von einer vorge⸗ faßten Meinung zuruͤckkommen; ebenſo war ich ein Sklave meines Eigenwillens. Ihr koͤnnt euch nunmehr leicht vorſtellen, wie ich, nachdem mein vorgeblicher Vater mich wieder ins Le⸗ ben gerufen, und durch mancherlei ſcheinbar liebreiche, in der That aber allzumal ſchmerzliche Behandlungen gepruͤft hatte, all ſeiner anderweitigen Sorgfalt fuͤr mich entſprach. Ueberall ward es ihm unmoͤglich mich zu gewinnen: er liebkoſte mir, und ich ſchmollte; er zuͤchtigte mich, und ich war unempfindlich, weil ich zu viel gelitten hatte. Er wollte mich zur Arbeit anhalten, ich wollte nichts thun:„Was habe ich noͤthig,“ ſprach ich, „rechnen zu lernen? Ich bin ein Koͤnigsſohn, An⸗ dere werden ſchon fuͤr mich rechnen.“ 468. Tag. Er gab mir eine Maulſchelle:„Gib mir eine noch ſtaͤrkere,“ ſagte ich;„behandle mich, wie du meine Urgroßmutter behandelt haſt: erinnerſt du dich ihrer nicht? warſt du nicht ihr Pilger?“ Er hatte ohne Zweifel ſchon ſeinen Entſchluß uͤber mich gefaßt, denn unverzuͤglich antwortete er mir: „Du laͤßt dir Gerechtigkeit widerfahren; du taugſt nicht mehr, als ſie, und du ſollſt auch ebenſo behan⸗ delt werden.“ Mit dieſen Worten gab er mir abermals eine Maulſchelle, deren Folge eine Ohnmacht war, und dieſe benutzte er, mich in ſeine ſcheusliche Mord⸗ grube ſchleppen zu laßen. Ich vermag ſo wenig, als ihr, meine Prinzen, anzugeben, wie lange ich darin geſchmachtet habe. Aber weil ich noch keinen Bart hatte, als ich hinein kam, und ich hier mit einem langen Bart erwacht bin, ſo muß mein Todesſchlummer nicht kurz gewe⸗ ſen ſein. Ich ſehe, daß er nichts uͤber meine Geiſteskraͤfte vermocht hat. Mein Gedaͤchtnis hat mir zwar nur Bilder der Kindheit zuruͤckgefuͤhrt; aber mein Geiſt hat aufgehoͤrt, ſie anzuſehen, wie ein Kind. Ihr habt hier keinen Vorgang erzaͤhlt, welcher nicht Nach⸗ denken in mir erweckt haͤtte, und binnen zwei Stun⸗ 74 Schahadildin von Damask. 75 den habt ihr mir die Erfahrung von ſechs Jahren ge⸗ geben, welche ich hier mag zugebracht haben. Ich ſehe nun, worin alle die Urheber unſerer Tage gefehlt haben; und aus meinem Beiſpiele koͤnnt ihr euch ihr Betragen erklaͤren, wie ich euch noch das Benehmen meiner Urgroßmutter erklaͤren will. Sie wurde in einen Weidenkorb verwandelt; ich lag darin, ihre Arme und Beine waren meine Feſ⸗ ſeln, und ihr Roſenkranz bildete die Handhaben des Korbes. Beim Anblick dieſes Bildes wird es mir klar, daß meine Urgroßmutter mich mit gebundenen Fuͤßen und Haͤnden dem Mograby aͤberliefert hat, und daß der Roſenkranz das Mittel dazu geweſen iſt. Die gute Frau murmelte beſtaͤndig Worte und Spruͤche. Das iſt nicht bloßes Sprechen: es iſt, wie ich ſehe, nichts ſo gefaͤhrlich, als Zeichen zu machen und Worte auszuſprechen, ohne zu wiſſen, was man thut, noch was man ſagt. Uebrigens, meine Prinzen, hat ein gemeinſames Ungluͤck uns vereinigt; aber wir duͤrfen, nach dem was der Himmel ſchon fuͤr uns gethan hat, das Ver⸗ trauen hegen, daß er uns den Klauen unſers Wuͤth⸗ richs entreißen wird, ſollte dieſer auch ploͤtzlich mit all ſeiner Macht ausgeruͤſtet hier erſcheinen. Wenn wir alle ſechs uns im Namen Mahomeds ſeinem Beginnen widerſetzen, ſo hoffe ich, werden wir ihn ſchmaͤhlich zu⸗ 76 468. Tag. rüͤckſchlagen: aber wir ſind damit noch nicht gerochen, noch unſern Aeltern wiedergegeben; und darnach muͤ⸗ ßen wir doch alle trachten. Der Prinz Habed⸗il⸗Ru⸗ man hat uns geſagt, daß ein am Fuße gefeſſelter Hara ihn aufgefordert, uns zu Hulfe zu eilen. Wir muͤßen nunmehr uns beeilen, dieſem wohlthaͤtigen Rathgeber zu helfen, der uns vielleicht noch andere Aufklarungen geben kann, und der ſich ſicherlich mit une gegen unſern gemeinſchaftlichen Feind verbinden wird. Habed⸗il⸗Ruman und die vier uͤbrigen Prinzen folgten mit Vergnuͤgen dem Rathe, welchen der Prinz von Damask ihnen hier gab. Sie gingen in die Woh⸗ nung des Mograby, traten in das große Vogelhaus, und umringten den Hara, der bei ihrem Anblicke mit den Fluͤgeln ſchlug. Sie wollten ihn von ſeinen Ketten befreien, der edelmuͤthige und im Ungluͤck duldſam gewordene Vogel aber ſagte:. „Das iſt euch unmoͤglich; ich will aber gern meinen Zuſtand ertragen, wenn ihr mich nur aus die⸗ ſem widerwaͤrtigen Gefaͤngniſſe befreiet. Traget mich auf meiner Stange hinaus, und ſetzet euch mit mir an einem bequemeren Orte, wo ich durch Erzaͤhlung meiner Unfaͤlle euch die ſicheren Mitttel anzeigen kann, die Abweſenheit unſers Peinigers zu benutzen, um die uns bedrohenden Gefahren abzuwenden.“ Schahadildin von Damask. 77 Die ſechs Prinzen trugen den Hara mit ſich hin⸗ aus nach dem Saale der Springbrunnen. Hier ſetz⸗ ten ſich Alle dem Vogel gegenuͤber, und dieſer nahm nun das Wort und begann die Erzaͤhlung ſeiner eige⸗ nen Abenteuer. Liebesgeſchichte des Mograby mit Planeten⸗Schweſter, 9) Tochter des Koͤnigs von Aegypten. Vierhundert und neun und ſechzigſter Tag. „Ich bin eine Frau und geborne Prinzeſſinn. Mein Vater war Beherrſcher des maͤchtigen Koͤnigreichs Aegypten. Er herrſchte mit Weisheit und Guͤte, war aber dem Goͤtzendienſte des Baal ſo ergeben, daß er ſeinen Schatz erſchoͤpfte, um demſelben in ſei⸗ nem eigenen Palaſt einen Tempel zu erbauen, deſſen Peacht nicht ſeinesgleichen auf Erden hatte. *) Im Arabiſchen Auheta⸗il⸗Kuakib⸗ Mograby und Planeten⸗Schweſter. 79 Das rieſengroße Bild der vermeintlichen Gottheit war ganz von Gold, mit Edelſteinen von unſchaͤtzba⸗ rem Werthe bedeckt, und ſeine Augen beſtanden aus zwei in Diamanten gefaßten Karfunkeln. Taͤglich wurde der Altar des Baal durch friſche Blutopfer beſudelt. Ich war das einzige Kind, welches meinem Va⸗ ter uͤbrig geblieben. Im neunten Jahre verlor ich zu gleicher Zeit meine Mutter und meine Hofmeiſterinn. Dieſe, eine geborne Muſelmaͤnninn und im Grunde des Herzens ihrem Glauben ſehr zugethan, verſuchte es heimlich, mich die Vorzuͤge deſſelben kennen, und die Gebote lieben zu lehren. Als ſie ihr Ende herannahen fuͤhlte, ſprach ſie zu mir: „Mein liebes Kind, ungern verlaße ich dich in der Gefahr, der du ausgeſetzt biſt. Man wird dich in alle Graͤuel des Goͤtzendienſtes einweihen. Nimm we⸗ nigſtens von mir dieſes Buch; verſtecke es eben ſo ſorgfaͤltig, als ich gethan habe, und ſo oft du dich meiner erinnerſt, lies ein Kapitel darin; aber nimm dich in Acht, daß es niemand gewahr wird.“ Ich nahm aus ihren Haͤnden den Koran, wel⸗ chen ſie mir uͤbergab, und legte ihn in ein Kaͤſtchen, wovon ich allein den Schluͤſſel hatte. Aber ungluͤckli⸗ cherweiſe verlor ich bald die Luſt, in dieſem Buche nach Wahrheiten zu ſuchen. 80 469. Tag. Meine Hofmeiſterinn wurde bald durch eine Per⸗ ſiſche Sklavinn erſetzt, die mein Vater vor kurzem erkauft hatte, und die mit allerlei angeborenen und erworbenen Vorzuͤgen ausgeſtattet war. Sie gah ſich ungemeine Muͤhe, meine Zuneigung zu gewinnen und mich zu unterrichten. In meinem zwoͤlften Jahre hatte ſie ſchon aus mir gemacht, was man ein Wun⸗ der meines Geſchlechts nennt, in Kenntniſſen aller Art, deren es nur faͤhig iſt. Nichts waͤre gluͤcklicher fuͤr mich geweſen, als wenn ſie dabei ſtehen geblieben waͤre: aber ſie erregte meine Neugierde auf eine Wiſſenſchaft, welche Geo⸗ mantie heißt, und benahm ſich mit unglaublicher Ge⸗ wandtheit, um mir einen entſchiedenen Geſchmack fuͤr dieſe gefaͤhrliche Wiſſenſchaft beizubringen. Ich war von aͤngſtlichen Traͤumen belaͤſtigt, und beklagte mich gegen ſie daruͤber. Sie erbot ſich, mich davon zu befreien, ohne ein Heilmittel anzuwenden: „Ihr ſollt kuͤnftig,“ ſagte ſie zu mir,„ſo ange⸗ nehm traͤumen, wie ihr nur wuͤnſchet, durch Anwen⸗ dung eines ſehr einfachen Mittels. Ihr muͤßt einen Blumenſtrauß zuſammen ſetzen,*) aus den verſchiedenen Blumen, welche ich euch nen⸗ *) Dieſe finnbildliche Art, durch Blumen ſeine Gedanken auszudrücken, iſt in manchen Gegenden Aſiens ſehr in Gebrauch. Mograby und Planeten⸗Schweſter. 81 neu und deren Bedeutung ich euch kennen lehren will; und dieſe Blumen verbindet ihr, wie ich euch zeigen werde, auf ſolche Weiſe, daß je eine unter der andern ſtehende Blume ihr gleichſam unterworfen bleibt. Dieſen Blumenſtrauß bringet ihr am Abend zu den Fuͤßen des Baal dar, durch die Thuͤre eures Ge⸗ machs, welche mit dem Tempel in Verbindung ſteht. Ich will euch dahin begleiten, und euch mit Weih⸗ rauch fuͤr die Gottheit verſehen. Ich werde euch zwei Worte lehren, welche euch anſtatt des Gebets dienen ſollen; und dieß wird vernommen und erhoͤrt werden. Ihr kehret dann mit eurem Blumenſtrauße nach eu⸗ rem Zimmer zuruͤck, ſteckt ihn unter euer Kopfkiſſen, und anſtatt aͤngſtlich zu traͤumen, werdet ihr den an⸗ genehmſten Traum haben. Was euch verwundern moͤchte, meine Prinzeſſinn, das iſt, daß ich euch mor⸗ gen Wort fuͤr Wort wieder ſagen werde, was ihr ge⸗ traͤumt habt: aber nichts iſt wunderbar dabei, als die Guͤte und die Macht des Gottes, der euch alles das hat ſehen oder hoͤren laßen, was in dem Strauße vor⸗ gebildet lag. Nachdem wir den erſten Verſuch gemacht haben, will ich euch lehren, durch die Anordnung der Blu⸗ men eure Gedanken ebenſo auszudruͤcken, wie durch die Schrift. Dieß ſind gar reizende Schriftzeichen, und ihre Anwendung bietet zugleich eine ſehr angeneh⸗ VIII. 6 8² 469. Tag. me Unterhaltung. Wir Frauen in Perſien, wenn wir einen Geliebten haben, ſo laßen wir einen Strauß aus dem Fenſter fallen, und geben ihm durch die Zuſam⸗ menſetzung deſſelben zu erkennen, was wir im Sinne haben.“ Die Perſiſche Sklavinn vergiftete durch Mitthei⸗ lung ihres Geheimniſſes mein Herz; ich machte auf der Stelle den Verſuch mit dem Blumenſtrauße, und er hatte ganz den erwuͤnſchten Erfolg. Am folgenden Morgen kam meine Hofmeiſterinn, als ich noch im Bette lag: ich war entzuͤckt von der Nacht, welche ich zugebracht hatte. Sie ſteckte die Hand unter mein Kopfliſſen, zog den Blumenſtrauß hervor, den ich darunter geſteckt hatte, und ſchien darin zu leſen. Als ſie ſich auf die erforderliche Weiſe von allem in Kenntnis geſetzt hatte, ſprach ſie zu mir: „Nun hoͤret euern Traum: ihr befandet euch an einem der reizendſten Orte in der Umgegend von Maſ⸗ ſer, am Ufer des großen Kanals; ihr ſaßet auf wei⸗ chem, mit Blumen bedecktem Raſen. Mit Vergnuͤgen beſchautet ihr die Boote, welche den Kanal hinauf⸗ und hinabruderten. Neben euch ſtand ein Birnbaum, mit den herrlichſten Fruͤchten beladen, welche ſeine reichen Zweige zu euch herabbogen; ihr pfluͤcktet da⸗ von, und ſie ſchmeckten euch koͤſtlich. Euch gegenuͤber ſtand ein großes Bienenhaus; daraus kamen Bienenſchwaͤrme hervor, welche ſich in 2 Mograby und Planeten⸗Schweſter. 8³ die Luft erhuben, die ſie mit ihrem Geſumſe erfuͤllten. Sie begannen unter ſich einen Kampf, welcher euch ſehr beluſtigte, und als er zu Ende war, ſeid ihr erwacht.“ Vierhundert und ſiebzigſter Tag. Man kann denken, mit welchem Vergnuͤgen ich mir meinen Traum mit allen ſeinen Umſtaͤnden wieder⸗ erzaͤhlen hoͤrte. Von dieſem Augenblick an ward ich, ſo zu ſagen, die Sklavinn meiner Sklavinn. Ich ver⸗ ſchlang alles, was ſie mir beizubringen ſuchte, und unter dem Vorwande, mich in der Kunſt der Geoman⸗ tie zu vervollkommnen, ward ich durch ihre Vermit⸗ telung eine Zauberinn von der erſten Groͤße, dergeſtalt, daß ich alle dergleichen Buͤcher, wie die hier befind⸗ lichen, gelaͤufig erklaͤren, und alle darin angezeigten Verrichtungen vornehmen konnte. Aber vor allen be⸗ reitete ich waͤhrend eines Theils des Tages mit Sorg⸗ falt den Blumenſtrauß, welcher mir angenehme Naͤchte verſchaffen ſollte. Ach! wie theuer habe ich ſie bezah⸗ len muͤßen! zumal ſeitdem ich, von Verirrung zu Verirrung fortgeriſſen, meiner gefäͤhrlichen Hofmeiſte⸗ rinn mein ganzes Vertrauen ſchenkte, und das Herz wie das Ohr willig ihren Erzaͤhlungen leihend, mich von der Vorſtellung jener Geiſter⸗Menſchen bethoͤren 34 Tag. ließ, deren Liebesabenteuer ſie mir erzaͤhlte, und es bis zu der unſeligen Neugierde trieb, daß ich in ei⸗ nem meiner Straͤuße eine ſolche Zuſammenſetzung der 470. Blumen machte, welche ein ſolches Weſen zu mir heranziehen ſollte, und dieſes verhaͤngnisvolle Mach⸗ werk dem Goͤtzenbilde zu Fuͤßen legte. Ich vermag nicht die Taͤuſchung zu ſchildern, welche die gefaͤhrliche Frucht dieſer Unvorſichtigkeit fuͤr mich war: alle meine Sinne waren davon entzuͤckt; und unter andern Gegenſtaͤnden, welche ſie mir vor⸗ fuͤhrte, war, was mich vollends zu Grunde richtete, der Anblick eines Weſens, welchen ich fuͤr einen Mann gehalten haͤtte, waͤre mir ſein Leib nicht ganz ſtrah⸗ lend erſchienen. Er warf ſich zu meinen Fuͤßen, reichte mir einen Blumenſtrauß, in welchem die zaͤrtlichſten Empfindungen der Liebe ausgedruͤckt ſchienen. Ich loͤſte den mir gebotenen Blumenſtrauß auf, um eine Antwort daraus zu bilden; einen Augenblick darnach fuͤgten ſie ſich wieder von ſelber dergeſtalt zu⸗ ſammen, daß ſie die ſchmeichelhaften und ruͤhrenden Ausdruͤcke noch uͤberboten, welche ſchon eine ſo ſtarke Wirkung auf mein Herz gemacht hatten. Ich erwachte, ſterblich in das eingebildete Weſen verliebt, um deſſen Naͤhe ich zu den Fuͤßen des Baal gefleht hatte; ich war einige Tage hindurch nur mit ihm beſchaͤftigt. Mograby und Plaueten⸗Schweſter. 3⁵ Ich dachte darauf, die Erſcheinung durch eine neue Zuſammenſetzung der Blumen abermals heranzu⸗ ziehen, als ich in einer Nacht, wo ich genoͤthigt war, mich ohne Blumenſtrauß niederzulegen, von einem Traum aufgeſchreckt wurde, der ganz und gar nicht denjenigen glich, welche ich mir verſchafft hatte. Meine alte Hofmeiſterinn erſchien mir in dieſem Traume, ſie nahm in meiner Gegenwart alle die Buͤ⸗ cher, auf welche die Perſiſche Sklavinn meine eifrige Beſchaͤftigung gelenkt hatte, und warf ſie in einen Schlund, aus welchem ein verzehrendes Feuer hervor loderte, fuͤhrte mich zu meinem Kaͤſtchen und zwang mich, den Koran herauszunehmen. Ich warf die Au⸗ gen auf dieſes Buch, und vermochte nicht einmal die erſte Zeile davon zu leſen. Meine alte Hofmeiſterinn hob die Augen zum Himmel empor, und rief aus: „O Gott! meine Tochter, du biſt verloren; du haſt den Baal zum Herrn uͤber dich gemacht!“ Die Perſiſche Sklavinn trat herein, und fand mich aufgeregt und ganz in Schweiß; ich theilte ihr mein Geſicht mit; ſie brach in lautes Gelaͤchter aus, und ſagte: „O meine theure Prinzeſſinn, das iſt ein liſtiger Streich Nakaronkirs,*) eines der boshafteſten Geiſter, welche aus der Schoͤpfung hervorgegangen *) Vgl. Anm. zum 429. Tag. 86 470. Tag. ſind; eines der nichtswuͤrdigſten Knechte jenes Maho⸗ med, der, um die Erde zu bekehren, die Haͤlfte der⸗ ſelben durch das Schwert verwuͤſtete. Wenn man, wie ihr und ich, meine Prinzeſſinn, durch Huͤlfe der hohen Wiſſenſchaft und durch die ver⸗ mittelnden Geiſter ſich den himmliſchen Sphaͤren zu naͤhern ſucht, ſo iſt man den Angriffen dieſes teufli⸗ ſchen Mahomed und ſeines Nakaronkirs ausgeſetzt, welche euch durch fuͤrchterliche Traͤume von dem gu⸗ ten Wege abzulenken trachten, welchen ſie ſelber nicht zu betreten vermochten. Ich will einen Blumenſtrauß und ein Raͤucher⸗ werk bereiten, welches euch aller ihrer Angriffe uͤber⸗ heben ſollen; und weil ihr, wie ihr ſaget, einen Ko⸗ ran habt, ſo wollen wir ihn heute Abend zu Baals Fuͤßen verbrennen, und brauchen dann kein andres Raͤucherwerk.“ Meine gefaͤhrliche Hofmeiſterinn hatte mich gaͤnz⸗ lich verblendet; ich ließ ſie den Blumenſtrauß zuſam⸗ menſetzen, ohne mich viel zu bemuͤhen, in den Sinn deſſelben einzudringen; ich uͤbergab ihr meinen Koran, ohne das Buch einmal zu oͤffnen, und wir gingen nach dem Tempel. Ein Schauer befiel mich, ſobald ich eintrat, aber ich ſchrieb ihn der Kuͤhle des Orts zu; wir legten unſere Blumen am Fuße des Altars nieder, und meine gottloſe Lehrmeiſterinn ließ mich das Buch des muſel⸗ Mograby und Planeten⸗Schweſter. 87 maͤnniſchen Glaubens in ein hellloderndes Feuerbecken werfen. „Verfluchet den Mahomed mit mir,“ ſprach ſie, „verfluchet ſeine gottloſen Anhaͤnger, daß ſie in Rauch aufgehen moͤgen, wie dieſes abenteuerliche Buch, wel⸗ ches ſeine Traͤumereien enthaͤlt.“ Leider gehorchte ich. Das Buch verbreitete im Verbrennen den ange⸗ nehmſten Geruch. „Sehet,“ ſprach die frevelhafte Perſerinn zu mir, „wie ſchmeichelhaft dieſer Weihrauch dem Baal ſein muß, welchen wir ihm darbringen.“ 1 Als aber der Rauch bis zu dem Kopfe des Goͤ⸗ tzenbildes emporſtieg, bebte ploͤtzlich die Erde unter unſeren Fuͤßen. „Laßt uns alles von unſerm Opfer erwarten,“ ſagte froͤhlich das Weib, durch welche ich mich taͤu⸗ ſchen ließ;„wenn ein Gott zum Zeichen der Zufrie⸗ denheit ſein Haupt neigt, ſo erbebt das Weltall davon. Gehen wir heim, meine theure Prinzeſſinn; unſer Sieg iſt gewiß.“ 1 Mein blinder Glaube an alle Vorſpiegelungen die⸗ ſes Weibes ließ mich nicht wahrnehmen, wie gezwun⸗ gen ihre Erklaͤrung der Ereigniſſe war, von welchen wir Zeugen geweſen. Ich erinnerte mich in der Folge noch eines ſolchen Umſtandes, welcher mir damals nicht auffiel, naͤmlich, daß mein Blumenſtrauß, als 88 470. 471. Tag. ich ihn wieder aufnahm, ſeine Friſche verloren hatte. In mein Zimmer zuruͤckgekommen, eilte ich, ihn unter mein Kopfkiſſen zu ſtecken, wo er mir in der Nacht ein Traumgeſicht verſchaffte, welches mich voͤllig ver⸗ wirren ſollte. Vierhundert und ein und ſiebzigſter Tag. Sobald meine Augen vom Schlafe befallen wa⸗ ren, ſah ich einen großen Mann auf einer Art von Thron ſitzen: er trug einen ungeheuern Turban von weißem Mußelin; die eine Hand ſtuͤtzte er auf eine Menge uͤber einander geſchichteter Buͤcher, und die andre auf einen Haufen bloßer und blutiger Saͤbel. Ihm zur Seite ſtand ein Maulthier an einen Pfahl gebunden; Leute in mannigfaltigen Trachten ka⸗ men und knieten vor ihm nieder, und beteten ihn an. Er uͤbergab einem jeden ein Buch und einen Saͤ⸗ bel, und entließ ſie mit einer grimmigen Miene und mit einer Gebaͤrde, welche ihnen ankuͤndigte, daß er ſie ausſendete, zu ſchlagen und zu vertilgen. Das Wort Al⸗Koran ſtand auf den Nuͤcken der Buͤcher geſchrieben. 6 „Ddiieſe ganze Erſcheinung zeigte ſich mir wie von einem Nebel umhuͤllet.. Mograby und Planeten⸗Schweſter. 89 Auf einmal ſtrahlte ein helles Licht vom Aufgan⸗ ge her; ein leuchtender Gegenſtand, der von dort herniederfuhr, ſchien es hervorzubringen: ich erkannte ihn fuͤr den Geiſt, welcher mir zuvor im Traum er⸗ ſchienen war. Bei ſeinem Anblicke ſchien der auf dem Throne ſitzende Mann ſich zu beunruhigen; er ſtand ſchleunig auf. Sein Turban fiel ab, und ließ einen voͤlligen Kahlkopf ſehen. Er band ſein Maulthier los, um es zu beſteigen und zu entfliehen; in der Beſtuͤrzung ſetzte er ſich verkehrt auf, den Kopf nach dem Schwanze gewendet, und ſchlug mit den Fuͤßen die klapperdür⸗ ren Rippen ſeines Thiers: aber er konnte nicht ſo ſchnell fliehen, daß ein ihn verfolgender ſchwarzer Sklave ihn nicht ins Geſicht geſpien haͤtte; und ich hoͤrte von allen Seiten Freudengeſchrei und Hohnge⸗ laͤchter erſchallen, das mich aus meinem Schlaf auf⸗ weckte, und mir noch in den Ohren gellte, als ich ſchon voͤllig erwacht war. Wie ſehr mich dieſer Laͤrm auch aufſchreckte, doch ſchlief ich faſt augenblicklich wieder ein, und wurde von neuen Traumgeſichtern eingewiegt, die alle ſo eingerichtet waren, daß ſie mir ſchmeichelten. Ich er⸗ innere mich davon nur eines deutlich: naͤmlich, mein ertraͤumter Geliebter reichte mir einen Blumenſtrauß, deſſen Bedeutung mir unendlich wohlgefaͤllig war, be⸗ ſtieg dann ploͤtzlich eine Art von Triumphwagen, auf 9⁰ 471. Tag. welchem er in die Luft emporgehoben wurde, und ſo verſchwand. Aber nicht alles war mit ihm verſchwun⸗ den; denn als ich am Morgen meinen Blumenſtrauß ſuchte, den ich ſo ſorgfaͤltig unter mein Kopfkiſſen ge⸗ ſteckt hatte, fand ich ihn nicht wieder, aber den mir im Traume dargebotenen an ſeiner Stelle. Wir haben, meine Prinzen, uns hier zu ernſt⸗ bafte Dinge zu ſagen, als daß ich euch umſtaͤndlich bei allen Kunſtgriffen meines Verfuͤhrers aufhalten ſollte. Er benutzte mit unglaublicher Schlauheit alle Mittel, meinen Kopf zu verwirren, mein Herz zu verderben, und ſich meiner Seele zu bemeiſtern, in Erwartung eines Ereigniſſes, welches mich zwingen wuͤrde, ihm auch meine Perſon mit meiner Freiheit zu verpfaͤnden; und dieß traf bald ein. Der Koͤnig mein Vater, der keine Kinder hatte, außer mir, wollte mir einen Gemahl geben, der im Stande waͤre, Aegypten zu beherrſchen. Er warf die Augen auf einen meiner Vettern, einen Mann von reifen Jahren, und von allen Aegyptern wegen ſeiner Tapferkeit, ſeiner Thaͤtigkeit in Geſchaͤften, und we⸗ gen ſeiner ganzen Auffuͤhrung hoch geachtet. Er ge⸗ dachte, durch dieſe Vermaͤhlung ihm die Sorge der Regierung gaͤnzlich anzuvertrauen. Die ernſthafte Sinnesart meines Vetters hatte ihm wohl meine Achtung erwerben koͤnnen, aber mich ſtaͤts abgeſchreckt, andere Empfindungen fuͤr ihn zu Mograby und Planeten⸗Schweſter. 91 hegen. Seine Geſtalt, voll Adel und Wuͤrde, gebot mir Ehrfurcht, vermochte jedoch nicht, mich zu reizen; und in dem Zuſtande, worin meine gefaͤhrlichen Traumgeſichte mich verſetzt hatten, wuͤrde ich auch dem ſchoͤnſten Prinzen auf der Erde nicht meine Hand gereicht haben. Als ich vernahm, daß meine Vermaͤhlung mit meinem Vetter beſchloſſen war, warf ich mich, in Thraͤnen gebadet, meiner Hofmeiſterinn in die Arme. Die Perſerinn troͤſtete mich bald, und ſagte: „Es iſt nicht moͤglich, meine Prinzeſſinn, daß man uͤber euch, die ihr ſo gelehrt und von den Geiſtern beguͤnſtigt, und vorzuͤglich von dem Gotte Baal be⸗ ſchutzt ſeid, wie uͤber eine gewoͤhnliche Frau, ſchal⸗ ten ſollte.. Ich will eine Arbeit vornehmen, um den himm⸗ liſchen Geliebten, welchen ihr an euch zu feſſeln ge⸗ wußt habt, naͤher kennen zu lernen. Ich will ſeine Abſichten in Anſehung eurer erforſchen, und vielleicht kann ich euch darthun, daß die Krone Aegyptens tief unter euch iſt. G— Wir wollen,“ fuhr ſie fort,„gemeinſchaftlich ei⸗ nen Blumenſtrauß zuſammenſetzen, und denſelben zu den Fuͤßen des Baal darbringen; ich will ihn dann unter mein Kopfkiſſen ſtecken, er wird euern Gelieb⸗ ten zu mir heranziehen, und vielleicht erfahre ich von ihm viele Dinge, uͤber welche die Reinheit ſeiner Ab⸗ 9² 471¹. 2 a g. ſichten und das Zartgefuͤhl ſeiner Liebe ihn moͤgen ab⸗ gehalten haben, ſich frei gegen euch zu erklaͤren.“ Ich ging blindlings in dieſe neue Schlinge; nnd am naͤchſten Morgen kam meine Hofmeiſterinn zu mir, und ſchien ſo von Zuſriedenheit erfuͤllt, daß ſie ſich nicht zu halten vermochte. Sie ſetzte ſich zu Fuͤßen meines Bettes, und ſprach zu mir: „Oh! hoͤret, hoͤret! Es gibt keine ſo gluͤckliche, ſo mächtige, ſo erhabene Sterbliche auf Erden, als ihr ſeid. Nein, meine Prinzeſſinn, obſchon ich von euren Reizen, euren Geiſtesgaben, euren Tugenden alles erwartete, ſo haͤtte ich mir doch niemals ge⸗ ſchmeichelt, daß ſie das hochbegabteſte Weſen unter dem Himmel an euch feſſeln wuͤrden. Wie haͤtten wir's glauben koͤnnen, daß der große Mograby, der einzige Sohn der himmliſchen Nan⸗ dar, der Enkelinn Kokopileſobeh's,*) des Ober⸗ herrn aller Geiſter, welche die Erde beherrſchen, fuͤr euch die innigſte und wahrhafteſte Leidenſchaft empfin⸗ den wuͤrde, ſo es jemals gab! Als ihr durch eure Blumenſtraͤuße und euer Raͤu⸗ cherwerk einen Geiſt von himmliſchem Urſprunge zu euch herabzuziehen getrachtet, hat derjenige, der zu⸗ gleich an der Macht der koͤrperloſen Weſen und an der dem Menſchen erreichbaren Macht Theil nimmt, zu *) Vgl. die Geſchichte Simuſtapha's, Tag 528. Bd. 5. Mograby und Planeten⸗Schweſter. 93 den Fuͤßen Baals um das Gluͤck angehalten, euch er⸗ ſcheinen zu duͤrfen. Er brannte ſchon in Liebe zu euch, bevor ihr noch die geringſte Kunde davon haben konn⸗ tet: und wenn ihr euch ihm ganz ergebet, ſo wird er ebenſo ganz der eurige ſein. Eure Hochzeit mit eurem Vetter wird ſchon zu⸗ geruͤſtet; ſie ſoll an dem Altar zu Fuͤßen des Stand⸗ bildes des Gottes Baal gefeiert werden. Ihr werdet nach dem Gebrauche des Landes von zwei Prinzeſſin⸗ nen, euren Muhmen, und mit einem Gefolge von jun⸗ gen Maͤdchen, welche ihren Nacken noch nicht unter das Joch der Ehe gebeugt haben, dem Oberprieſter zugefuͤhrt werden. Ein Blumenkranz wird euer Haupt ſchmuͤcken: aber ich will dieſen Kranz winden. Derje⸗ nige, der euer Gemahl zu werden waͤhnt, wird an der Spitze eines Gefolges von der glaͤnzendſten Ju⸗ gend des Hofes erſcheinen. Aber noch bevor er ſich euch nahen kann, wird euer Geliebter vor euch er⸗ ſcheinen, ein Blumengewinde, womit er umguͤrtet iſt, abloͤſen, und euch darbieten; ihr werdet es annehmen, und ihm dagegen euern Blumenkranz geben. Das euch uͤberreichte Blumengewinde wird aus⸗ druͤcken, daß der Mograby ſich durch unauflosliche Bande mit euch verbindet, und euer Kranz gibt ihm von eurer Seite dieſelbe Zuſicherung: Baal ſelber wird euern Bund beſtaͤtigen, ihr werdet beide vor den Au⸗ gen der Verſammlung verſchwinden, und bald darnach 94 472. Tag. werden wir uns an dem Orte der Glluͤckſeligkeit wie⸗ derſehen, wo man euch erwartet.“ 4 Vierhundert und zwei und ſiebzigſter Tag. Vom Morgen bis zum Abend durch die Perſe⸗ rinn mit Zaubergeſchichten unterhalten, durch kleine Hexereien, welche wir zuſammen verrichteten, mit all dem Wunderbaren vertraut, das bei meiner Entfuͤh⸗ rung obwalten ſollte, zweifelte ich nicht an der Moͤg⸗ lichkeit, noch an dem Erfolge des mir gemachten An⸗ trages. Waͤhrend man alles zuruͤſtete, um meine Hochzeit mit Glanz und Feierlichkeit zu begehen, machte ich meinerſeits auch meine kleinen Vorbereitungen, und half mit aller meiner Geſchicklichkeit den verhaͤngnis⸗ vollen Blumenkranz winden, durch welchen ich mich meinem Entfuͤhrer ruͤckſichtslos uͤbergab. Als der Augenblick gekommen war, und ich zu den Fuͤßen des Goͤtzenbildes des Baal hintrat, um den feierlichen Bund zu ſchließen, erſchien mir ploͤtzlich der Mograby: wir tauſchten unſere Blumen aus, und das Blumengewinde, welches er mir gab, erhub ſich leichter von der Erde, als der Wind einen Stroh⸗ halm forttraͤgt. Mograby und Planeten⸗ Schweſter. 95 Ich fuhr auf einem ganz von Aſur, Gold und Rubienen ſtrahlenden Wagen dahin. Mein Entfuͤhrer, ſchimmernder als der Morgenſtern, ſaß mir zur Seite, und ſechs Roſſe, welche aus Feuerſtoff gebildet ſchie⸗ nen, gelenkt von der Perſerinn, der eine Bezauberung große weiße Fluͤgel gegeben hatte, trugen uns im reißenden Fluge bis an den Fuß eines Berges, wo alle diejenigen, die ich hier ſehe, hingefuͤhrt worden, und der leuchtende Wagen trug mich von ſelber hin⸗ durch nach dieſem Palaſt, indem er auf meinem un⸗ terirdiſchen Wege einen Glanz verbreitete, welcher mit dem Tageslichte wetteiferte. Man fuͤhrte mich in ein Zimmer, deſſen Pracht meine Augen blendete, wie ſehr ſie auch an den Glanz in dem Palaſte meines Vaters gewoͤhnt waren. Da die Thuͤren und Fenſter deſſelben feſt ver⸗ mauert worden, ſeitdem ich daraus verwieſen bin, ſo glaube ich nicht, daß ihr es geſehen habt, obwohl es von jeher in Verbindung mit dem Vogelhauſe ſtand, in welchem ihr mich gefunden habt. 1 „Ein praͤchtiges Mahl erwartete mich; mein Aus⸗ erwaͤhlter fuͤhrte mich auf ein Sopha von erſtaunli⸗ chem Reichthum unter einen ſo glaͤnzenden Thronhim⸗ mel, daß meine Augen davon geblendet wurden. Ich bemerkte, daß wir allein waren, und der Zauberer ſprach zu mir: 96 472. TC a g. „Gebiete, und du wirſt von unſichtbaren Haͤnden bedient werden. Fuͤrchte dich nicht vor der Einſamkeit, in welcher du dich befindeſt, und vor allen, meine theure Planeten ⸗Schweſter, empfinde ſie nirgend, wo ich bei dir bin, und wo du das Weltall fuͤr mich biſt.“ Ich will euch hier nicht, meine Prinzen, alle die Reden wiederholen, welche dieſer verſchmitzte Betruͤger, den euer Ungluͤck euch genugſam kennen gelehrt hat, an mich richtete, um mich in der Taͤuſchung zu er⸗ halten, in welche er mich verſetzt hatte: aber er hatte mich durch Blumen verfuͤhrt, und fuhr fort, derglei⸗ chen uͤberall vor mir auszuſtreuen. Es entſchluͤpfte mir im Geſpraͤche mit ihm die Aeußerung, daß ich die Muſik liebte: auf der Stelle toͤnte eine herrliche Symphonie, die aus einem Neben⸗ zimmer zu kommen ſchien, in meine Ohren; bald miſch⸗ ten Maͤnner⸗ und Frauenſtimmen ſich darein, und führten ein Konzert auf, welches alles uͤbertraf, was ich bisher in dieſer Art gehoͤrt hatte. Derjenige der mir dieſe Unterhaltung verſchaffte ſchien entzuͤckt uͤber das Vergnuͤgen, welches ich daran zu finden ſchien. Von Zeit zu Zeit bemerkte ich, daß er, um das Spiel abwechſeln zu laßen, ein Staͤbchen auf ſeine Fingerſpitzen ſetzte, welches ſich mit großer Lebendigkeit darauf umdrehte, ohne daß er es beruͤhrte. Ich trug mein Zauberſtaͤbchen auch unter meinem Mograby und Planeten⸗Schweſter. 97 Kleide bei mir: aber es fiel mir damals nicht ein, mich in einen Wettkampf mit ihm einzulaßen. Mit ſolchen Vergnuͤgungen unterhielt er mich bis zu dem Augenblick, wo das Brautbette mich aufneh⸗ men ſollte. Er reichte mir die Hand, mich dahin zu fuͤhren. Ich wurde entkleidet, faſt ohne die unſicht⸗ baren Haͤnde zu fuͤhlen, welche mich beruͤhrten, und ſo zogen ſie die Vorhaͤnge uͤber uns zu. Ihr werdet nicht erwarten, meine Prinzen, daß ich euch hier von den verliebten Entzuͤckungen und Be⸗ weiſen der Zaͤrtlichkeit eines Ungeheuers unterhalte, an welchem nichts wahr iſt, als das Boͤſe. Ich komme gleich zu dem außerordentlichen Traume, welchen ich hatte, ſobald der Schlaf meine Augenlieder geſchloſſen hatte, vorausgeſetzt, daß es ein Traum war. Ich befand mich vor einem Palaſt von einer ſo kuͤhnen, ſo erſtaunlichen Bauart, daß die Einbildungskraft ſich nicht ſo weit emporſchwingen kann, ſie zu faſſen. So⸗ bald ich hineintreten wollte, kam eine Menge praͤchtig gekleideter Leute in der ſchoͤnſten Ordnung mir entge⸗ gen, und bezeugte mir und auch meinem Gemahl durch die ausdrucksvollſten Gebaͤrden die tiefſte Ehrer⸗ bietung. Hierauf gingen ſie vor uns her, und wir ſchritten durch unabſehliche Saͤle, wo Maͤnner und Frauen noch praͤchtiger gekleidet und von großer Schoͤn⸗ heit beiſammen ſaßen. Sobald ſie uns erblickten, VIII. 7 98 472. Tag. 1 ſtanden ſie auf und verneigten ſich ſo lange, bis wir voruͤber gegangen waren. 3 5 Ich unterlaße es, euch die wundervolle Pracht zu ſchildern, welche uͤberall mein Auge traf, bis ich end⸗ lich in den Saal des Thrones gelangte, auf welchem 1 ein Weſen von menſchlicher Geſtalt ſaß, aber ſo licht⸗ ſtrahlend, daß ſein Anblick den Augen faſt wehe that. Seine Krone, ganz von Diamanten, verbreitete einen hellen Glanz, welchen aber noch der Glanz ſeines Antlitzes verdunkelte. Der ganze zahlreiche Hof⸗ ſtaat, der ihn umgab, ſchien davon erleuchtet zu ſein. Ich hub die Augen zu dem Gewoͤlbe des Saales em⸗ por: es war aus Regenbogen gebildet, deren Halb⸗ kreiſe ſich durchſchnitten und ein glaͤnzendes Licht ver⸗ breiteten. Als wir an den Fuß des Thrones gelangten, ſprach der Mograby zu mir: „Dieß hier iſt nicht das Bild des Baal, ſondern Baal ſelber: beuge deine Knie vor ihm.“. Hierauf kniete er ſelber nieder und redete ihn alſo an: „Fuͤrſt der Welt, hoͤchſter Beherrſcher aller Gei⸗ ſter, hier iſt die Gattinn, welche du mir gegeben haſt.“ „Mograby,“ antwortete der vorgebliche Gott Baal,„du biſt mein Veſyr auf Erden, und der erſte aller meiner Unterthanen. Ich wuͤnſche, daß deine Gattinn ſich in den Stand ſetze, die Macht mit dir Mograby und Planeten⸗Schweſter. 99 zu theilen, welche ich dir verleihe; aber eure Vereini⸗ gung ſoll ein Feſt fuͤr meinen ganzen Hof ſein. Da die Vermaͤhlungsfeierlichkeiten ſchon vollzogen ſind, ſo bleibt uns nur noch uͤbrig, uns der Freude zu uͤberla⸗ ßen, daß wir dich mit dem Gegenſtande deiner Liebe vereinigt ſehen.“ Viierhundert und drei und ſiebzigſter Tag. Mit dieſen Worten klaſchte der gefaͤllige Herrſcher in die Haͤnde, und ſtand auf. Jeder folgte ſeinem Beiſpiel, und die Maͤnner, vermiſcht mit den Frauen, verließen den Thronſaal, und begaben ſich, ohne Ord⸗ nung, in die zehn anſtoßenden Saͤle. Man gerieth auf allen Seiten in lebhaftes Geſpraͤch und brach in unmaͤßiges Gelaͤchter aus. Mein Gemahl bemerkte einige Verwunderung daruͤber in meinen Augen, und ſagte zu mir: „Du erkenneſt hier nicht den ernſthaften und ab⸗ gemeſſenen Hof deines Vaters: um auf Erden zu herrſchen, muß man ſich durch Ehrfurcht in Anſehen ſetzen: unſer allmaͤchtiger Beherrſcher, uͤber jede Furcht erhaben, hat nicht noͤthig, weder ſich in Zuruͤckhaltung einzuhuͤllen, noch dieſelbe einzufloͤßen. Die Bande, welche ſeine Unterthanen an ihn knuͤpfen, ſind die 100 473. Ta g. Freude und die Freiheit: aber jetzo wollen wir uns zu Tiſche ſetzen.“. Zu gleicher Zeit naͤherten wir uns einer unabſeh⸗ baren Tafel, welche augenblicklich mit Speiſen beſetzt war. Der Fuͤrſt ſaß unter einem Thronhimmel allein an der ſeinigen. Der Mograby und ich, wir ſaßen an dem gemeinſchaftlichen Tiſche, aber ihm zunaͤchſt, der eine zur Rechten, der andre zur Linken. Niemals hatte ich ein Gaſtmahl von ſolchem Aufwand, von ſolchem Ueberfluſſe geſehen; der Tiſch wurde unauf⸗ hoͤrlich von neuem beſetzt, und jedermann ſchien nicht ſowohl zu eſſen, als vielmehr zu verſchlingen. Was mich betrifft, ſo reizte der Anblick unbe⸗ kannter Gerichte meine Neugier; es ſchien mir uͤber⸗ haupt, daß dem Auge mehr Genuͤge geſchah, als dem Geſchmacke, weil alles was ich aß, ſich wieder zu verfluͤchtigen ſchien, ſobald es uͤber den Gaumen ge⸗ gangen war, und der Wein nicht ſtaͤrkere Wirkung auf mich machte. Ich aberließ mich der Unmaͤßigkeit, der ich die Uebrigen ergeben ſah, und die nur durch die ſich mannigfaltig durchkreuzenden Geſpraͤche und durch ſchallendes Gelaͤchter unterbrochen wurde, deſſen Beweggrund ich nicht zu errathen vermochte. Unterdeſſen wurde der Tiſch ſo oft von neuem beſetzt, daß ich die Zahl vergeſſen habe. Am Ende langweilte man ſich, zu ſprechen, ohne etwas zu ſa⸗ gen, und ohne Grund zu lachen; ich ſelber fuͤhlte Mograby und Planeten⸗Schweſter. 101 mich unbehaglich, und waͤhrend ich den anderen nach⸗ ahmte, das Schwatzen und Gelaͤchter ausgenommen, begann ich ſchon, das Mahl zu lang zu finden, als der Fuͤrſt aufſtand und in die Haͤnde klaſchte, und je⸗ der ſeinem Beiſpiele folgte. Von dem Speiſeſaale ging es in eine unabſehbare Galerie, welche zum Tanz eingerichtet war. Mein gefaͤlliger Gemahl fuͤhrte mich dahin: die Lacher gebaͤrdeten ſich hier wie naͤr⸗ riſch, und die Frauen, ſo kam es mir vor, verletzten den Anſtand auf eine empoͤrende Weiſe. Ich wurde unan⸗ genehm davon betroffen, und es entfuhr mir daruͤber ein Wort: „Der Anſtand,“ verſetzte mein Gemahl,„iſt ein Geſetz, welches dazu gemacht iſt, die Neigungen zu feſſeln, die gefaͤhrlich werden koͤnnten. Hier waͤre es nur ein unnuͤtzer Zwang. Du ſiehſt hier lauter gluͤck⸗ liche Gatten, wie wir beide ſind, deren Gluͤck nie⸗ mand ein Aergernis ſein kann. Man genießt hier ohne Vorwurf, weil man ohne Unruhe iſt, ſowohl fuͤr ſich, als fuͤr die andern; und je mehr Gluͤckliche man um ſich ſieht, je gluͤcklicher iſt man ſelber. Uebrigens iſt die Schaam dort nichts als ein Unding, wo es kein Laſter gibt. Wie un⸗ gluͤcklich machet ihr euch doch ihr Sterblichen durch das, was ihr Wohlanſtaͤndigkeit nennet! Laß uns genießen, meine geliebte Planeten⸗Schweſter, komm und tanze mit mir, und laß deine Anmuth leuchten.“ 102 473. Tag. „Ich fuͤhle mich ſo ſchwer,“ antwortete ich,„daß ich mich kaum noch fortſchleppen kann, und die Luft muß hier nicht ſehr gut ſein, denn es iſt mir, als wenn ſie mich erſtickte.“ „Du haſt dich geſtern ſehr ermuͤdet,“ erwiederte er mir,„und einen weiten Weg gemacht, und das mag dich verſtimmt haben. Komm, laß uns wieder zu Bette gehen.“ Er hatte nicht ſobald dieſe Worte ausgeſprochen, als ich erwachte, mich aufrichtete, und mich im Bette fand. Mein Gemahl lag mir zur Seite und ſchien zu ſchlafen. Ich blieb bewegungslos in tiefes Nachden⸗ ken uͤber die Seltſamkeit meines vermeintlichen Trau⸗ mes verſunken. Ich koͤnnte euch nur Ueberdruß erregen durch die Schilderung der Sorgfalt, der Aufmerkſamkeit, durch welche man mich bei meinem Erwachen vollends zu verderben ſuchte, und von den Vergnuͤgungen, welche mir bereitet waren. Ich darf nur bei einem Umſtande verweilen, der mich in den Stand ſetzte, eine Beob⸗ achtung zu machen, welche mich mein Unglüuͤck haͤtte ſollen vorausſehen laßen. Wir wiſſen alle, meine Prinzen, daß unſer Wuͤth⸗ rich kein Geſicht, folglich keine Geſichtszuͤge hat, welche ihm eigen ſind. Er kann nur den Ausdruck der Leidenſchaft haben, welche ihn gerade beherrſcht; auch iſt er im Zorn, in der Wuth, im Grimm, in Mograby und Planeten ⸗Schweſter. 103 der Rache noch ſchrecklicher und ſcheußlicher, als dieſe Leidenſchaften ſelber. Wenn er eine Graͤuelthat begeht, ſo ſieht man die Bosheit ſelber aus ihm athmen. Seinen irdiſchen Leib anlangend, ſo hat dieſen das Alter laͤngſt aufgezehrt: ſeine unreine Seele geht un⸗ aufhoͤrlich aus einer Truggeſtalt ſeiner Schoͤpfung in eine andere uͤber. Mein vermeintlicher Traum hatte auf mich eine ſehr unbehagliche Wirkung gemacht, gegen die Abſicht desjenigen, der mir alle dieſe Dinge gezeigt hatte. Ich war faſt von Kindheit auf als kuͤnftige Koͤniginn er⸗ zogen, und dem Befehle meines Vaters zufolge hatte man mir meinem Stande gemaͤße Geſinnungen und Grundſaͤtze eingepraͤgt: die Ausgelaßenheit, von wel⸗ ccher ich Zeuge geweſen, hatte mich empoͤrt; was mir als ein Gott gezeigt worden, war mir nur als der aͤußere Glanz ſeiner Hoheit erſchienen. Sobald ich mich demnach allein in meinem Bette befand, fuhr ich mit der Hand unter mein Kopfkiſſen, um den wunderlichen Blumenſtrauß hervorzuziehen, der mir ein ſo ausſchweifendes Traumgeſicht verſchafft haben mußte: als ich keinen fand, ſo ſchrieb ich meiner in Unordnung gerathenen Einbildungskraft den Traum zu, der mich geaͤngſtigt hatte; und weil ich ſagen ge⸗ hoͤrt hatte, daß man auf natuͤrlichem Wege nur von Dingen traͤume, mit denen man ſich zu viel beſchaͤf⸗ tigt habe, ſo nahm ich mir feſt vor, mich nicht wie⸗ 104 473. 474. Tag. der willig ſolchen unordentlichen Traͤumereien hinzuge⸗ ben, und meinen Traum niemand mitzutheilen. Mein Bezauberer kam und fragte mich mit dem liebreichſten Tone, wie ich die Nacht geſchlafen haͤtte. „Nicht allzu gut,“ antwortete ich ihm;„ich bin von Traͤumen geaͤngſtigt worden, welche gar nicht angenehm waren.“ Bei dieſem Wort verzerrte der Ingrimm ſein Ant⸗ litz, aber nur fuͤr einen Augenblick; denn die Heiter⸗ keit ſtellte ſich ſogleich wieder auf demſelben her, und er erwiederte mir eben ſo ſchnell: „Das koͤmmt daher, daß du geſtern etwas ermuͤ⸗ det wareſt. Erinnerſt du dich nicht, was dir in dei⸗ nem Traume misfallen hat?“ Vierhundert und vier und ſiebzigſter Tag. Indem er dieſes ſagte, bedeckte er ſich die Augen mit ſeiner Hand, aber ſeine Blicke blieben auf die meinen geheftet. Ich antwortete, ſo unbefangen als moͤglich, es waͤre mir alles ſo verworren durch den Kopf gegangen, daß mir nichts davon erinnerlich ge⸗ blieben, außer daß es mir vorgekommen, als wenn ich ſehr viel gegeſſen und getrunken haͤtte. „In meiner Kindheit,“ fuͤgte ich hinzu,„war ich ſehr mit boͤſen Traͤumen behaftet, die mit Magen⸗ Mograby und Planeten⸗Schweſter. 105 beſchwerden begleitet waren. Gluͤcklicherweiſe ſpuͤre ich dießmal nichts davon.“ Mein verkappter boͤſer Feind verſetzte darauf: „Ruhe, ein Spaziergang, und geſunde Speiſen werden dieſe Zerruͤttung bald wieder herſtellen. Ich will dir deine Hofmeiſterinn ſchicken: ſie iſt noch hier. Ich gehe, die Belohnungen fuͤr ſie aus⸗ zuſuchen, mit welchen ich ſie fuͤr das unſchaͤtzbare Gluͤck, welches ſie mir verſchafft hat, zu uͤberhaͤufen gedenke; unterdeſſen kannſt du dich noch mit ihr un⸗ terhalten. Ich ſchicke ſie dann aber wieder heim, das ſage ich dir zum voraus; wir haben ihr große Ver⸗ bindlichkeiten: aber ſie iſt eine Zauberinn, und jede an⸗ dre Macht, außer der meinigen und der deinigen, iſt mir hier verdaͤchtig; auch muͤßen wir ſtaͤts einſtim⸗ mig handeln.“ Bei dieſen Worten ſenkte ich nur die Augen und bezeigte keine Kraͤnkung daruͤber, daß ich der Geſell⸗ ſchaft meiner Vertrauten beraubt werden ſollte. Ich liebte meinen Verfuͤhrer noch leidenſchaftlich, und mein Wille blieb noch an dem ſeinen gefeſſelt.— Bald kam die Perſerinn, ſetzte ſich auf mein Bette und ſagte zu mir: „Ihr muͤßt aufſtehen, meine Koͤniginn, und den Unpaͤßlichkeiten dadurch zuvorkommen, daß ihr hinaus geht, die geſunde Luft dieſes Orts einzuathmen.“ „Aber du willſt mich verlaßen?“ ſagte ich zu ihr: 306. z. Tag. „Ja,“ erwiederte ſie;„die Klugheit erfordert, daß wir uns trennen; aber es wird nicht fuͤr immer ſein: mein Herz wuͤrde toͤdtlich verwundet ſein, wenn ich mir nicht ſchmeichelte, daß wir noch haͤufig Ge⸗ legenheit haben werden uns wieder zu ſehen. Uebri⸗ gens iſt hier alles eurer Herrſchaft unterworfen, und ihr werdet nicht Urſache haben, meine Gegenwart zu vermiſſen.— Aber,“ fuhr ſie fort,„was habe ich vernommen? ihr habt einen unruhigen Schlaf gehabt? Ihr wißt, ich verſtehe mich gut darauf die Traͤume zu deuten: ſuchet euch doch des eurigen wieder zu er⸗ innern.“ Er ſchwebte mir faſt ſchon auf den Lippen, als mir einfiel, daß, nachdem ich ihn dem Mograby nicht vertrauet hatte, dem ich es ſchuldig zu ſein waͤhnte, ich mir nicht erlauben durfte, ihn jemand anders zu entdecken.— „Ich erinnere mich nichts mehr davon,“ antwor⸗ tete ich ihr alſo:„er ſchwebte wie ein Gewoͤlk an mir voruͤber, und verſchwand ebenſo wieder; aber es thut mir eben nicht Leid, Dinge vergeſſen zu haben, welche mir unangenehm und falſch vorkamen.“ Es entſchluͤpfte der Perſerinn ein kleiner Aus⸗ bruch der Verwunderung, welche ich mir ſeitdem wohl zu erklaͤren gewußt habe: was darauf angelegt war, um meine Verfuͤhrung zu vollenden, und mich in gaͤnz⸗ liche Verderbnis hinabzuziehen, hatte ſeine Wirkung Mograby und Planeten⸗Schweſter. 107 verfehlt. Mein Herz und mein Kopf waren verfuͤhrt, meine Sinne verwirrt: aber das Gift war noch nicht bis in die Seele gedrungen, und ich war noch beſſer beſchirmet worden, als ich es verdiente. Ich mußte nun aufſtehen; zwanzig zierliche Mor⸗ genanzuͤge wurden mir dargeboten; ich waͤhlte den, der mir am meiſten gefiel. „Oh! wie ſchoͤn ſeid ihr, meine Koͤniginn!“ ſagte die Perſerinn zu mir;„man ſollte nicht errathen, daß ihr eine unangenehme Nacht zugebracht habt. Aber befehlet Wagen und Pferde zu einer Spazierfahrt, und vergeſſet nicht, daß hier, wo ihr ſeid, hundert Arme bereit ſind, euch zu dienen, und daß die Waͤnde Ohren haben.“ Ich gab den Befehl, und auf der Stelle wieder⸗ holte eine unendlich liebliche Stimme: „Wagen und Pferde fuͤr unſre Koͤniginn!“ Im Augenblick ſtand, was ich verlangte, vor dem Thore meines Palaſts. Als ich niemand ſah, der den Wagen lenken ſollte, fragte ich: „Wer wird uns denn fahren?“ „Die Zuͤgel,“ antwortete die Perſerinn,„ſchwe⸗ ben auf dem Halſe der Pferde, welche euch alsbald nach dem Orte fuͤhren werden, wohin ihr wollt.“ „Ich will friſche Luft ſchoͤpfen,“ ſagte ich un⸗ willkuͤhrlich. Hierauf ſchienen die Zuͤgel emporgezogen zu werden, und der Wagen flog durch die Gefilde da⸗ 108 474. T a g. hin, welche mir hoͤchſt reizend erſchienen. Ich kam an große Gehoͤfte, und fragte nach ihrer Beſtimmung. „Hier ſehet ihr,“ ſagte die Perſerinn zu mir, „den Ort fuͤr eure Elephanten, dort ſind eure Ka⸗ meele; da ſind die Marſtaͤlle, weiterhin die anderen Staͤlle.“ „Aber,“ verſetzte ich,„es gibt kein anderes menſch⸗ liches Weſen hier, wozu dienen alle dieſe Thiere?“ „Es gibt hier,“ antwortete ſie mir,„ebenſo viel Menſchen, als Thiere, aber ſie haben hier nicht ihre eigene Geſtalt, welche man ihnen nur wiedergibt, wenn es ndthig iſt; außerdem bleiben ſie hier unter der Ge⸗ ſtalt des einen oder andern Thiers.“ „Aber welche Grauſamkeit!“ verſetzte ich. „Haltet ein, meine Koͤniginn,“ antwortete leb⸗ haft die Perſerinn;„ihr ſeid nunmehr zu dem Range der Geiſter erhoben, lernet nun die Menſchen mit ei⸗ nem andern Auge betrachten, als bisher: meinet ihr nicht, daß dreiviertel von ihnen ſehr gluͤcklich ſind, in ihrer Verwandlung von einem dunkeln aber ſichern Triebe geleitet zu werden, der ſie aller der Unfaͤlle uͤberhebt, in welche ihre falſche Vernuͤnftelei ſie ſtuͤr⸗ zen wuͤrde? In dem Zuſtande, worin ſie ſich hier be⸗ finden, ſind ſie befreiet von den Erinnerungen der Vergangenheit, den Plagen der Gegenwart und den Befuͤrchtungen der Zukunft; ſie genießen, ohne durch den Gedanken geſtoͤrt zu werden. Es gibt kein ſo Mograby und Planeten⸗Schweſter. 109 wuͤnſchenswerthes Daſein, als das eines Geiſtes oder eines dumpfen Thieres; die Mitteldinger ſind in einem troſtloſen Zuſtande: wahre Gegenſtaͤnde des Mitleids fuͤr erleuchtete Weſen, ſind ſie nur zu ſehr geeignet, der Spielball der Boͤſen zu werden.“ Mein Geiſt vertiefte ſich darin, das Wahre oder Falſche dieſer Darſtellung zu entdecken, als mein Ver⸗ fuͤhrer, ſchoͤn wie der Tag, welcher ihn beleuchtete, auf einem ſtolzen Roſſe erſchien, welches er mit un⸗ glaublicher Anmuth lenkte. Er erreichte bald den Wa⸗ gen, auf welchem wir ſaßen; ſchnell, wie ein Pfeil, ſchwang er ſich in denſelben, nachdem er von ſeinem Pferde geſprungen war. Mein Rauſch war noch nicht verflogen, und er ſuchte ihn noch zu verſtaͤrken durch alles was irgend Einnehmendes in Gebaͤrden, Schmei⸗ chelhaftes in Reden, Leidenſchaftliches und Zaͤrtliches in Blicke gelegt werden kann. Ich vergaß alle meine Beobachtungen und meines Traumes, um mich dem Zau⸗ ber zu uͤberlaßen, durch welchen ich hingeriſſen wurde. Wir kehrten nach dem Palaſte zuruͤck. Obwohl ich einen Theil der Nacht beim Mahle zugebracht hatte, kam ich doch wieder mit verzehrendem Hunger zu Ti⸗ ſche, der mit unglaublichem Ueberfluß und Kdſtlichkeit beſetzt wurde, und uͤberließ mich dem Vergnuͤgen des Eſſens und Trinkens, wie ich bei dem naͤchtlichen Schmauſe gethan hatte, welchen ich fuͤr eine Taͤu⸗ ſchung anſah. 110 474. 475. Tag. Ich betaͤubte meine Vernunft, und naͤhrte nur meine thoͤrichte und ungluͤckſelige Liebe. Aber ſchon mit dem uͤbrigen Theil des Tages und der darauf fol⸗ genden Nacht ſollte ich alles verrinnen ſehen, was es Reizendes in dem Blendwerke meines Lebens gab, und ich ſollte den begangenen Fehltritt und einige Augen⸗ blicke der Freude, welche er mir verſchafft hatte, durch viele Thraͤnen buͤßen. —— Vierhundert und fuͤnf und ſiebzigſter Tag. Ich vernahm am folgenden Morgen, daß die Perſerinn abgereiſet waͤre; mein Kerkermeiſter, den ich noch fuͤr meinen Geliebten hielt, brachte mir die Nachricht davon. Zu gleicher Zeit kuͤndigte er mir an, daß er ſelber genoͤthigt waͤre, mich auf zwei Tage zu verlaßen; er gab mir eine Vorſtellung der Vergnu⸗ gungen, welche ich mir zu meiner Zerſtreuung ver⸗ ſchaffen koͤnnte. Sie waren unendlich mannigfaltig; ich war die Herrinn vom Hauſe: meine Stimme konnte alles beleben, und noͤthigenfalls ein Steinbild zum Sprechen bringen. 8 „Du mußt mir,“ fuhr er fort,„in meiner Ar⸗ beit helfen; hier ſind Buͤcher, welche dir die Mittel dazu darbieten: belehrt, wie du ſchon biſt, wird die Mograby und Plaueten⸗Schweſter. 112 leichteſte Beſchaͤftigung damit fuͤr dich hinreichen, deine Fortſchritte zu beſchleunigen und dich zu vervollkommnen. Aber waͤhrend meiner Abweſenheit vergiß nicht, daß wir einander zugehoͤren, und daß du nichts vor⸗ nehmen darfſt ohne mich, ſo wahr es iſt, daß du hier alles thun kannſt in meinem Namen.“ Wir blieben noch einen Theil des Tages beiſam⸗ men, und am Abend, vor Sonnenuntergang, ver⸗ ſchwand er. Ich fuͤhlte die Erde beben und hoͤrte das Getoͤſe eines unterirdiſchen Donners, wie in dem Au⸗ genblicke, wo der Berg ſich aufgethan hatte, um uns den Durchgang durch ſeine Eingeweide zu gewaͤhren. Als ich mich allein ſah, hatte ich nicht den Muth in der Einſamkeit, welche mich umgab, irgend etwas zu beleben: im Gegentheil fand ich ſie der Stimmung angemeſſen, in welcher damals meine Seele und mein Geiſt ſich befanden, und ich uͤberließ mich gaͤnzlich den Betrachtungen, welche ich bis dahin abgewieſen atte. Jener Zug der Vorſicht, welche die Perſerinn gezwungen hatte, ſich von mir zu entfernen, kam mir ſehr befremdlich vor. Wodurch konnte eine Zauberinn mehr hier gefuͤhrlich werden, welche mir zur Geſell⸗ ſchaft, zur Troͤſtung, zur Rathgeberinn gedient haͤtte an einem Orte, wo alles praͤchtig war, und deſſen Herr ſo maͤchtig erſchien? 112 475. Tag. Dann fielen mir die Reden dieſes Weibes wieder ein, welche bezweckten, mich zur Verachtung der Menſchheit zu verleiten, von welcher ſie mir vormals eine hoͤhere Vorſtellung zu geben ſuchte. Ich verge⸗ genwaͤrtigte mir wieder alle die mannigfaltigen Bilder, welche mir in meinem Traume waren gezeigt worden, unter andern jenes Bild des Baal, der meinen Ge⸗ mahl, den Mograby, fuͤr ſeinen Veſyr anerkannt hatte: nichts ſtimmte hier zu der Vorſtellung, welche ich mir von der Gottheit gemacht hatte. Ich erinnerte mich der Geſpraͤche, welche ich gehoͤrt, der Unanſtaͤndigkeiten, von welchen ich Zeuge geweſen, und der Wendung, deren mein Gemahl ſich bedient hatte, ſie zu ent⸗ ſchuldigen. „Gluͤcklicherweiſe,“ ſprach ich bei mir ſelber,„war alles das Taͤuſchung, ſo wie es nur Taͤuſchung war, daß ich ſo viel gegeſſen, weil ich bei meinem Erwa⸗ chen ſo große Eßluſt hatte.“ Indeſſen fand ich in dem Ganzen dieſes Trau⸗ mes die Handlungen und Reden in ſolchem Zuſammen⸗ ge unter einander, daß ſie auf einmal den Anſchein einer Wahrheit annahmen, welche mich ſehr in Ver⸗ legenheit ſetzte. Ermuͤdet von dem innern Widerſtreit meiner eigenen Gedanken, legte ich mich fruͤh zu Bette, und ſuchte meine Unruhe uͤber meine wahre Lage da⸗ durch zu beſchwichtigen, daß ich mich dem Schlaf aͤberließ, indem ich mich unwillkuͤrlich jenes mehr als Mograby und Planeten⸗Schweſter. 23 widrigen Blicks erinnerte, welcher dem Mograby ent⸗ ſchluͤpft war, als ich ihm mein Misvergnuͤgen uͤber jenen Traum bezeigte. „Himmel!“ ſprach ich bei mir ſelber,„das Licht und die Finſternis ſind weniger einander entgegenge⸗ ſetzt, als die verſchiedenen Blicke dieſes Weſens; der eine entzuͤndete mich in Liebe zu ihm, der andre ver⸗ moͤchte mir den Tod zu geben.“ Endlich verſank ich in den Schlaf. Die Bilder, welche ſich mir jetzt im Traume dar⸗ ſtellten, ruͤhrten anfangs von der Verwirrung her, in welcher meine Seele ſich befand: es war der Mogra⸗ by, ſtrahlend wie die Sonne, und brennend von Liebe fuͤr mich. Ich gab mich ſeinen ſtuͤrmiſchen Liebkoſun⸗ gen, daß er mir ſo wehe gethan haͤtte: aber da ſah ich nur ein ſcheußliches Geſpenſt vor mir, deſſen Blicke mich mit Schauder erfüllten. Er verwandelte ſich in einen Tieger, um mich zu erwuͤrgen. Einen Augenblick darnach war es eine ſchreckliche Schlange, welche mir tauſend Wunden verſetzte, in⸗ dem ſie mich mit den Windungen ihres giftigen Leibes umſchlang. Ich befand mich in einem Zuſtand un⸗ ausſprechlichen Entſetzens; all mein Blut war in mei⸗ VIII. 8 114 475. Tag. nen Adern erſtarrt. Da erſchien mir meine ehemalige Hofmeiſterinn, und ſagte zu mir: 3 „ Ach, ungluͤckliche Prinzeſſinn, du biſt verloren! du haſt den Koran verbrannt, um ihn deinem grim⸗ migſten Feinde zu uͤberliefern; erinnere dich, wenn du es vermagſt, an die erſte Zeile deſſelben: „Gott allein iſt Gott, und Mahomed iſt ſein Prophet!“ Indem ſie dieſe Worte ausſprach, verſchwand ſie. Ich wiederholte dieſelben, und wurde von mei⸗ nem entſetzlichen Traumgeſicht erloͤſt. Zugleich er⸗ wachte ich, und fuͤhlte meinen ganzen Leib mit kaltem Schweiße bedeckt. Man kann ſich nicht vorſtellen, welcher Schreck mich ergriffen hatte; meine erſte Bewegung war, je⸗ mand zu Huͤlfe zu rufen: ich bedachte jedoch bald, daß ich nur von Feinden umringt ſein konnte. Ich ſprach von neuem innerlich die Worte aus, welche meine ehemalige Hofmeiſterinn mir ins Gedaͤchtnis zu⸗ ruͤckgerufen hatte, und gluͤcklicherweiſe konnte ich wie⸗ der einſchlafen, nachdem ich ſie mehrmals wieder⸗ holt hatte. Sobald es Tag war, ſtand ich auf; das erſte beſte Gewand, das mir in die Hand kam, war mir recht, und ich eilte allein hinaus ins Feld, ohne Bei⸗ ſtand und ohne alle andre Geſellſchaft und Huͤlfsmit⸗ Mograby und Planeten⸗Schweſter. 145 tel, als mein Zauberſtaͤbchen, von welchem ich Ge⸗ brauch zu machen gedachte. „Der Mograby,“ ſprach ich bei mir ſelber,„hat mir zwar verboten, ohne ihn etwas vorzunehmen: aber das Verbot eines Feindes iſt nicht mehr zu ach⸗ ten, als ſein Rath. Wenn ich Urſache habe, alles zu fuͤrchten, fo iſt es mir auch verſtattet, alles anzuwenden, um mich aus der Gefahr zu befreien, in welche meine Unbeſon⸗ nenheit mich geſtuͤrzt hat.“ — Vierhundert und ſechs und ſiebzigſter Tag. Meine Macht hatte mir vorlaͤngſt einen Erdgeiſt unterworfen; er ſchien mir ſo wenig Verſtand zu ha⸗ ben, daß ich ihm keine anderen Auftraͤge gab, als mir Blumen zu ſammeln. „Ich will ihm nur befehlen,“ ſprach ich bei mir ſelber,„mich auf der Stelle von hier wegzufuͤhren; das iſt keine große Anſtrengung fuͤr einen Geiſt, und er wird es mir wohl leiſten; denn er iſt mir nicht boshaft vorgekommen, ich habe ihn ſogar gefaͤllig gefunden.“ Sobald ich meinen Entſchluß gefaßt hatte, eilte ich mit ſchnellen Schritten nach der einſamſten Stelle, ſo zu finden war; als ich ſie gefunden zu haben 116 476. T a g. glaubte, erhub ich, bevor ich mein Zauberſtaͤbchen her⸗ vorzog, meine Stimme und rief laut aus: „Wenn Augen und Ohren mich umgeben, ſo moͤ⸗ gen ſie vernehmen: Gott allein iſt Gott, und Mahomed iſt ſein Prophet!“ Ich hoͤrte ein dumpfes Getoͤſe um mich her, Seufzer miſchten ſich drein; ich ſah, daß meine An⸗ rufung wirkte, und erwartete alles von dem, was ich im Sinne hatte. Ich zog mit meinem Staͤbchen ei⸗ nen weiten Kreis um mich her, und ſchrieb rings um denſelben die Worte, welche ich ſo kuͤhn ausgeſpro⸗ chen hatte. Dann trat ich in den Mittelpunkt, zog hier einen andern kleinern Kreis um mich, und rief dreimal Kathety, indem ich in meinen Haͤnden das Staͤbchen umdrehte, dem ich ihn unterworfen hatte, und ſtampfte vor Ungeduld mit dem Fuße, als ich ſah, daß er mir nicht gehorchte. Ich wiederholte fruchtlos meinen Ruf, und end⸗ lich, faſt im Zorne, beſchwur ich den widerſpenſtigen Geiſt in Mahomeds Namen. Da bildete ſich ein Gewoͤlk hoch uͤber meinem Haupte; ploͤtzlich ſenkte es ſich herab, und zerriß mit einem Gekrache, gleich ei⸗ nem Donnerſchlage. Es ließ in den groͤßern Kreis, den ich gezogen hatte, einen unfoͤrmlichen Dunſtklum⸗ pen niederfallen, aus welchem Kathety in ſeiner ge⸗ woͤhnlichen Geſtalt hervortrat, aber ſo von Schrecken Mograby und Plaueten⸗Schweſter. 217 erfuͤllt, daß ſeine Augen ſtarrten und ihm die Haare zu Berge ſtanden. „Ungehorſamer Geiſt,“ ſprach ich zu ihm,„wer hat dich taub gemacht fuͤr meinen Ruf?“ „Gebieterinn,“ antwortete mir das zitternd vor mir ſtehende Weſen,„ich gehorche auch jetzo noch nicht von ſelber, ich bin von einer hoͤhern Macht hie⸗ her gefuͤhrt worden. Wie haͤtte ich die Schranken durchbrechen koͤnnen, welche jedem andern Geiſte, als denen, die der Mo⸗ graby ſich unterworfen hat, den Eingang in dieſes Ge⸗ biet verwehren? 3 Wie haͤtte ich, den ſeine Mutter ſo lange in Ge⸗ fangenſchaft gehalten hat, mich der Gefahr ausſetzen ſollen, wieder unter das Joch der haͤrteſten, der ſcheuß⸗ lichſten Sklaverei zu ſinken? Denn nur eine ſolche gibt es bei ihm; und derſelben haſt du ſelber dich un⸗ terworfen, unbeſonnene und ungluͤckliche Prinzeſſinn!“ Erſtaunt daruͤber, dieſen Kathety alſo reden zu hoͤren, den ich fuͤr unfaͤhig gehalten hatte, zwei Vor⸗ ſtellungen zuſammen zu faſſen, ſagte ich zu ihm: „Warum haſt du, Unſeliger, als die Perſiſche Sklavinn mich jene Blumenſtraͤuße winden lehrte, die mich zu Grunde gerichtet haben, mich nicht vor der Gefahr gewarnt, welcher ich mich ausſetzte?“ „Ich haͤtte Gefahr gelaufen;“ antwortete Ka⸗ thety,„durch ſie dem Mograby uͤberliefert zu werden. 118 476. Tag. Weißt du denn noch nicht, daß ſie ſeine Sklavinn iſt? ſie iſt die Tochter eines Koͤnigs und einer Koͤniginn, wie du, und ſeit langer Zeit das Spielzeug derſelben Launen, denen du dich preisgegeben haſt: ich habe vor ihr den Bloͤdſinnigen ſpielen muͤßen, um ihrer Auf⸗ merkſamkeit zu entſchluͤpfen.“ „Wohlan!“ erwiederte ich,„da du nicht biſt, wofuͤr ich dich hielt, ſo bringe mich auf der Stelle von hinnen, denſelben Weg, den du hergekommen biſt.“ „Die Sklaven Mahomeds,“ verſetzte der Geiſt, „haben mich in ein Gewoͤlk gehuͤllt und mich hier her⸗ abgeworfen, wo du mich ſiehſt. Meiner Natur nach kann ich ſelber ihn wieder verlaßen: aber ich vermoͤchte auch nicht einen Strohhalm, der dem Mograby ange⸗ hoͤrte, mit zu nehmen.— Prinzeſſinn,“ fuͤgte er hinzu,„meine Knechtſchaft und meine Dienſte ſind dir fortan unbrauchbar: aber die Weiſungen, welche ich dir geben kann, werden es nicht ſein. Ich habe dieſen Ort gruͤnden ſehen, wo du dich gegenwaͤrtig befindeſt. Ich war damals Sklave der Yandar, der Mut⸗ ter des Mograby. Kann ich dich auch nicht der Ge⸗ fahr entreißen, in welche du dich geſtuͤrzt haſt, ſo kann ich ſie dir doch zeigen und dich auffordern, ſie um ſo mehr mit Standhaftigkeit zu ertragen, als es ſcheint, daß Mahomed dich nicht verlaßen hat, wie ſo viele Andere. Mograby und Planeten⸗Schweſter. 119 Gib mir meine Freiheit wieder, ich verſpreche dir, keinen Misbrauch davon zu machen; ich bin es muͤde, durch Boͤſes thun mich der Gefahr auszuſetzen, noch un⸗ endlich mehr Boͤſes zu leiden, als ich Andern zufuͤge. Man hat mir Zeit gelaßen nachzudenken, in jenem harten Ge⸗ faͤngniſſe, worin ich verſperrt war, und welches ich kaum verlaßen hatte, als ein Zufall deine Augen auf mein Zeichen lenkte, und dich veranlaßte, mich dir zu unterwerfen. Edelmuͤthige und ungluͤckſelige Prinzeſſinn, nenne mich nicht Kathety, ſondern Kardaſch, das iſt mein wahrer Name; ſprich, indem du mich mit deinem Staͤbchen auf die Stirn ſchlaͤgſt: „Kardaſch, ich ſchenke dir die Freiheit, und uͤbergebe dich den Haͤnden derjenigen, die dich hieher gebracht haben!“ Und augenblicklich will ich, von aller Furcht be⸗ freiet, dir alles berichten, was dich aufklaͤren kann.“ Entruͤſtet gegen die Schwarzkunſt, deren Kennt⸗ nis und Erforſchung mein Ungluͤck gemacht hatte, ſtand ich nicht an, die Bitte des Geiſtes zu erfuͤllen; iſt ſtreckte den Arm aus, ſchlug mit meinem Staͤbchen Kardaſchs Haupt, und ſprach dabei die mir von ihm vorgeſagten Worte aus, „Nunmehr,“ ſagte der Geiſt,„will ich es verſu⸗ chen, dir meine Dankbarkeit zu beweiſen. Zudoͤrderſt, meine Prinzeſſinn, wuͤnſche ich dir Gluͤck, daß du mich 120 46. Tag. zufaͤllig an einem Freitage gerufen haſt, an welchem Tage der Mograby und die Seinigen unmaͤchtig ſind, ohne daß wir die Urſache davon wiſſen. Er kann an dieſem Tage nicht hieher zuruͤckkehren, weil er, wie gewoͤhnlich, der Natur Gewalt angethan hat, um dieſen Ort zu verlaßen: alſo habe ich Zeit, dir von ihm zu erzaͤhlen, und du wirſt Muße haben, daruͤber brczadenken, Ich beginne mit der Geſchichte ſeiner Zeburt. Geſchichte der Geburt des Mograby. ——— Vierhundert und ſieben und ſiebzigſter Tag. In der Stadt Harenai in Afrika lebte ein ver⸗ waiſter Juͤngling, der ein anſtaͤndiges Vermoͤgen beſaß, von ſehr ſchoͤner Geſtalt war, und beſonders nicht jene braͤunliche Farbe hatte, welche den Afrikanern eigen iſt. Er fuͤhrte eine ſitzende Lebensart, liebte die Buͤ⸗ cher und hatte bis dahin noch kein Gefallen an Frauen bezeigt. Sein Vergnuͤgen beſtand in der Sorgfalt fuͤr den Landbau ſeines Erbes, und unter andern fuͤr eine anſehnliche Pflanzung von Oelbaͤumen, welche rings 122 477. Tag. um ein artiges kleines Landhaus, eine halbe Tagereiſe von Harenar angelegt war. Zweimal woͤchentlich beſtieg Hal⸗il⸗Mograby morgens ſein Kameel, und nahm Vorrath fuͤr den gan⸗ zen Tag mit; er brachte dieſen damit zu, die Pflege ſeiner Baͤume zu leiten oder die Fruͤchte derſelben ein⸗ ſammeln zu laßen. Wenn die Hitze des Tages ihm zu druͤckend war, begab er ſich in eine Bogenlaube von Wein, welche von einer vollſtroͤmenden, in ein weites und tiefes Becken ſich ergießenden Quelle be⸗ waͤſſert war. Eines Tages, als er unter dieſem Laubgitter ſchlief, erſchien ihm im Traum eine Frau von wun⸗ derbarer Schoͤnheit, und die Reize, in welchen ſie ſtrahlte, trafen ihn um ſo ſtaͤrker, als es eine Sel⸗ tenheit iſt, dergleichen unter den Afrikanerinnen zu fin⸗ den. Dieſes entzuͤckende Weſen neigte ſich uͤber ihn, ihn zu umarmen, und brachte auf die Sinne und die Seele des Schlaͤfers einen ſo lebhaften und ſo ploͤtzli⸗ chen Eindruck hervor, daß er ſich erhub, um den Lieb⸗ koſungen entgegen zu eilen, welche die ſchoͤne Frau ihm erzeigen wollte. Er wachte auf, und waͤhnte ſie in ſeinen Armen zu halten, aber er druͤckte nichts als die Luft an ſich: nur glaubte er ein leichtes Flaͤmm⸗ chen zu gewahren, welches auf der Stelle emporſtieg und verſchwand. —-— Die Geburt des Mograby. 123 Von dieſem Augenblick an vermochte der verliebte Hal⸗il⸗Mograby nicht mehr ſeine Gedanken von dem bezaubernden Bilde abzuwenden, welches ſich ſeines Herzens bemaͤchtigt hatte: „Du lebeſt,“ rief er aus,„goͤttliches Weſen! du biſt kein taͤuſchendes Traumbild. Du ſtreckteſt deine choͤnen Arme nach mir aus; deine Augen ſchienen von Liebe erfuͤllt; du haſt in mir eine Leidenſchaft er⸗ regt, welche mir das Leben koſten wird, wenn du mich nicht wuͤrdigſt, meinen Augen wieder zu er⸗ ſcheinen.“ Hal⸗il⸗Mograby's Kameel weidete ruhig auf der Wieſe, aber ſein Herr hatte alle Luſt zum Eſſen und Trinken verloren. Die Augen feſt auf die Stelle ge⸗ heftet, wo er das Licht hatte erſcheinen ſehen, ſprach er unaufhoͤrlich zu dem Zaubergebilde, von welchem ſeine Seele eingenommen war, und unterbrach ſich nur, um ſeinen Seufzern und Thraͤnen freien Lauf zu laßen. Drei Tage waren verſtrichen, ohne daß er einige Nahrung zu ſich genommen, ohne daß er ein Auge geſchloſſen hatte; endlich hatte ihn die Erſchoͤpfung in eine Art von traumaͤhnlichen Zuſtand verſetzt, da hoͤrte er eine liebliche und wohllautende Stimme, die zu ihm ſagte: 124 4 h2. Tag. „Nandar, die Koͤniginn der Geiſter, kann ſich keinem Anbeter des falſchen Propheten Mahomed of⸗ fenbaren. 3 Verbrenne und verfluche den Koran, in welchem du ſo fleißig lieſeſt, bete das maͤchtigſte aller Weſen naͤchſt Gott an, naͤmlich, meinen Ahnherrn, den gro⸗ ßen Kokopileſobeh; und wenn du ſchwoͤreſt, mir getreu zu ſein bis in den Tod, ſo kann ich wohl deine Gattinn werden.“ Hal⸗il⸗Mograby erwachte und rief aus: „Ja, theures Weſen, das mich bezaubert hat, ich will alles thun, was du mir gebieteſt: ich verflu⸗ che von Stund' an den Betruͤger Mahomed und alle ſeine Werke!“ „Wohlan!“ hub die unſichtbare Stimme wieder an, aber mit einem Tone, der geeignet war, bis zum Herzen zu dringen,„mein theurer Hal⸗il⸗Mograby, kehre heim nach Harenat, errichte in deinem Hauſe ei⸗ nen Altar, opfere naͤchſten Freitag dem großen Ko⸗ kopileſobeh eine Kuh, wirf den Koran in ein Kohlen⸗ becken, deſſen Glut du ſo ſtark als moͤglich angefacht haſt, gelobe deiner zaͤrtlichen Yandar Treue, und ſo⸗ bald die Aſche des verfluchten Korans in alle vier Winde zerſtreuet worden, iſt die Geliebte dein.“ Der Afrikaner fuͤhlte ſich alsbald ſtark genug das Bette zu verlaßen, an welches die Kraftloſigkeit ihn wie gefeſſelt hielt; er fiel gierig uͤber die noch uͤbri⸗ 1* Die Geburt des Mograby. 125 gen Speiſen her, welche er mitgebracht hatte, kehrte ſchleunig nach Harenai zuruͤck, errichtete in dem ge⸗ heimſten Winkel ſeines Hauſes einen Altar, vollzog dort das ihm befohlene Opfer, und kaum war die letzte Hand voll Aſche, welche er zerſtreuen ſollte, ſeinen Haͤnden entfahren, als er ſich in einen praͤchtigen Palaſt verſetzt fand, und der Gemahl der Yandar ward. Der Fleiß, welchen er bisher dem Landhau und der Wiſſenſchaft gewidmet, hatte nun einen ganz an⸗ dern Gegenſtand gefunden; Vandar war ſeine Lehr⸗ meiſterinn, und er ward bald einer der gefaͤhrlichſten Schwarzkuͤnſtler auf Erden. Niemals hatten wir haͤrtere Gebieter, als ihn und ſeine Gattinn; niemals hatte Kokopileſobeh erge⸗ benere Diener. Ich habe davon die unſelige Erfah⸗ rung gemacht: ich war boshaft von Geburt, und ſie zuͤchtigten mich, weil ich es noch nicht genug war. Dieſe beiden ſind es, Prinzeſſinn, welche in Afrik den ſo furchtbaren Dom⸗Daniel gegruͤndet, und darin die hohe Schule der Schwarzkunſt geſtiftet ha⸗ ben, welche die Geiſter meiner ungluͤckſeligen Gattung verknechtet und die Welt verwuͤſtet; durch ſie iſt Afrika mit ſcheußlichen Ungeheuern bevoͤlkert worden. Aber die Bemuͤhungen der grauſamen Yandar und ihres Gatten wuͤrden die verderbliche Anſtalt, welche ſie ge⸗ gruͤndet, und deren Grundpfeiler unter dem Meere 126 477. Tag. ſtehn, nicht zum Gipfel der Vollendung gefuͤhrt ha⸗ ben, wenn ſie nicht den Mograby zum Nachfolger gehabt haͤtten, welchen du dir zum Gemahl erkoren haſt. 4 Dieſer vereinigte die Bosheit mit der Falſchheit und mit allen den ſcheußlichen Eigenſchaften, womit er ſchon dei der Geburt ausgeſtattet wurde; alles was ſein Vater und ſeine Mutter davon beſaßen, haben ſie auf ihn vererbt, und alle Vorkehrungen getroffen, daß dieſe Gaben unwandelbar in ihm erhalten wurden. Ich will dir ſogleich mehr davon ſagen. Ich hatte ungluͤcklicherweiſe Gelegenheit, in ihre Geheim⸗ niſſe einzudringen, beſonders nach dem Tode Hal⸗il⸗ Mograby's, und kann mich nicht anders an ihnen raͤ⸗ chen, als daß ich ſie dir enthuͤlle, in der Hoffnung, daß du unter dem Schutze, in welchem du ſtehſt, der⸗ einſt das Gebaͤude ihrer Bosheit zertruͤmmern koͤnneſt. Welche Anſtrengungen Yandar auch machte, das Leben eines ihrer ſo wuͤrdigen Gatten zu erhalten, dennoch konnte ſie ſeine Tage nicht verlängern, die gezaͤhlt waren; ſie hatte ihn zum Herrn von halb Afrika gemacht. In Harenai, das ſeine Hauptſtadt geworden war, ſtellte ſie ihm eine Leichenfeier an, wel⸗ che eines ſo großen Koͤnigs wuͤrdig geweſen waͤre, und bewahrte ſeine Aſche, um ſie mit der Aſche des Leibes zu vermiſchen, welchen ſie ſelber bald den Elementen zuruͤckgeben mußte, weil ſie denſelben nur aus Liebe zu ihm angenommen hatte. Unterdeſſen ließ ſie durch V — Die Geburt des Mograby. 127 uns andere Geiſter das Grabmal erbauen, welches die Urne, worin ihre beider Aſche vermiſcht ruhen wuͤrde, einſchließen ſollte.— Ich war gluͤcklicherweiſe einer der Aufſeher dieſes Baues; es waren noch nicht zwei Drittel davon aus⸗ gefuͤhrt, als ein leichtes Verſehen von meiner Seite mir den Zorn meiner abſcheulichen Gebieterinn zuzog. Ich will dir nicht den Anlaß ihrer Entruͤſtung erzaͤh⸗ len: aber auf folgende Weiſe zuͤchtigte ſie mich. Vierhundert und acht und ſiebzigſter Tag. Sie machte allerlei Verſuche, eine Urne zu berei⸗ ten, welche dieſe vermiſchte Aſche enthalten ſollte, um ſie unverletzlich zu machen; da zwang ſie mich in eine von dieſen Urnen hinein, verſchloß mich darin, verſiegelte ſie im Namen Kokopileſobehs, und ließ mich ſo in den Perſiſchen Meerbuſen ſtuͤrzen, wo ich, in einer unſaͤglich gezwungenen Lage, die Umwaͤlzun⸗ gen der Zeiten und Dinge haͤtte abwarten muͤßen, wenn der Zufall nicht Taucher der Perlenfiſcher an einen Ort gefuͤhrt haͤtte, wo eigentlich keine Perlen zu ver⸗ muthen waren, wegen ſeiner Tiefe. Sie brachten mich herauf, zerbrachen die Urne, die mich verſperrte, und ich ſah, wider alle Erwar⸗ tung, das Tageslicht wieder. Ich bekenne, daß meine 128 478. Tag. erſte Sorge war, zu erfahren, was aus meiner grau⸗ ſamen Feindinn und ihrem Sohne geworden. Ich ver⸗ nahm von anderen Geiſtern, die an der Vollendung ihrer Werke geholfen hatten, alle die Vorkehrungen, welche ſie getroffen, um die Bezauberung zu vollenden, wodurch dem Mograby die unumſchraͤnkte Gewalt ge⸗ ſichert wird, welche er gegenwaͤrtig noch zu deinem und ſo vieler Anderen Ungluͤck ausuͤbt. Ich vernahm, daß ſie die letzte Hand an die Einrichtung der Zauber⸗ wohnung gelegt, in welcher wir uns befinden; daß er, ſchon Beherrſcher von ganz Afrika, deſſen Koͤnige nur ſeine Statthalter ſind, darauf bedacht waͤre, hier Kraͤfte aller Art zu verſammeln, um wo moͤglich ſich der ganzen Erde zu bemaͤchtigen. Ich erfuhr endlich die vornehmſten Bezauberungen, welche dieſer Ort ein⸗ ſchließt; man gab mir eine vollſtaͤndige Schilderung ſeiner Entwuͤrfe und ſeiner Huͤlfsmittel. V Er noͤthigt, ſo viel er vermag, die Koͤnige der Erde, ihm ihre erſtgebornen Soͤhne abzutreten, um ſich Werkzenge von der groͤßten Staͤrke zu verſchaffen. Aber um Unterthanen aller Art zu bekommen, um⸗ ſchweift er ſtaͤts alle diejenigen, die ihm misvergnuͤgt erſcheinen. Wenn es zum Beiſpiel einem durch ſeine Kinder ungluͤcklich gewordenen Vater begegnet, dieſe zu verfluchen, ſo wirft er ſich ſogleich auf dieſe Beute; wenn hingegen die Verfluchung von dem mit ſeinem Vater unzufriedenen Kinde ausgeht, ſo wird ebenfalls Mograby and Planeten⸗Schweſter. 129 das Kind ſeine Beute; geraͤth ein Mann gegen ſeine Frau in Zorn, ſo huͤtet der Mograby ſich wohl, ſich gleich drein zu miſchen, ſondern er wartet den Augen⸗ blick ab, wo der Mann aufs Aeußerſte getrieben und gezwungen iſt, ſich ſelber zu verfluchen. G as ſoll ich dir mehr ſagen? eine Karavane macht ſich auf, um nach Oberaͤgypten zu ziehen, mitten durch gluͤhende Sandwuͤſten: er beſteigt den den Wind Schirak,*) um ſie ſchneller dorthin zu fuͤhren und zu verderben. Wenn dieſe ungluͤckſelige Schaar zur Verzweiflung gebracht iſt, ſo bietet er ſich als ein Retter dar, aber als ein ſo eigennuͤtziger, daß man ſich ihm, dem Satanai, und dem großen Koko⸗ pileſobeh, ſeinem Herrn, ergeben muß, um Huͤlfe zu erlangen, und aus der Wuͤſte gefuͤhrt zu werden: die Karavane gelangt dann nicht weiter, als bis in ſein Gebiet; und wenn ſie dort iſt, ſo zaͤhlt man, an⸗ ſtatt zwei oder drei hundert Laſtthiere, deren vier hun⸗ dert, weil er die Fuͤhrer derſelben, ſo wie die Kauf⸗ leute, in Thiere verwandelt hat. enn er einem Fuͤrſten ſeinen Sohn oder ſeine Tochter entriſſen hat, und er ſie eben ſo verderbt zu machen vermag, wie er ſelber iſt, ſo macht er ſie zu ſeinen Sklaven. So ſind ſein Fladſch⸗Kadahsé, 2) Italieniſch Scirocco. —· 9 130 478. Tag. ſeine Medſchine, und die Perſerinn, welche letzte du um dich gehabt haſt, eben ſo viel Soͤhne und Toͤch⸗ ter von Koͤnigen; und ich koͤnnte dir noch mehr der⸗ gleichen nennen. Diejenigen aber, die er nicht gaͤnzlich verderben kann, wirft er in einen Brunnen, deſſen Verzauberung ich dir noch, ſamt den uͤbrigen Zauber⸗ werken, erklaͤren werde. BMe brigens iſt der Mograby, ſchoͤn von Geburt, doch ſo ſcheußlich geworden, wie ſeine Seele; er iſt abgelebt, uͤber ſein Alter, welches ſchon anderthalb Jahrhunderte uͤberſchreitet; ſein menſchlicher Leib iſt nur noch ein Unding; aber er nimmt mit unglaublicher Leichtigkeit allerlei Geſtalten an: ſein Blick allein kann ihn entlarven. Dieß iſt, Prinzeſſinn, das ſcheußliche Bildnis des Ungeheuers, in deſſen Haͤnde du gefallen biſt, und von dem du die graͤulichſte Behandlung zu gewaͤrtigen haſt: aber ich vertraue auf dein Geſtirn, auf euern Muth, und empfehle euch unſer aller Rache.“ Fortſetzung der Geſchichte der Koͤnigstochter von Aegypten, genannt Planeten⸗Schweſter. Kardaſch hielt hier einen Augenblick inne, ſodann lehrte er mich mit der groͤßten Genauigkeit das Ge⸗ heimnis, wie ich alle Bezauberungen dieſes Schauſpiels zerſthren koͤnnte, wenn ich ſo gluͤcklich waͤre, Gehuͤlfen dabei zu finden. Er drang in mich, ihn zu entlaſſen, aber ich ver⸗ langte, daß er mir noch beſſer erklaͤrte, als er ſchon gethan hatte, warum er, der ſo unterrichtet war, ſich 132 478. Tag. gegen mich ſo beſchraͤnkt gezeigt haͤtte; warum er mir unter einem angenommenen Namen erſchienen waͤre. „Prinzeſſinn,“ antwortete er mir,„ich war von Schrecken ergriffen, als ich mich von einer Schuͤlerinn der Neakia, vormals Prinzeſſinn von Aderbeid⸗ ſ Ga⸗*) gegenwaͤrtig Mograbys Sklavinn, beſchwo⸗ ren ſah. 4 Wenn dieſe letzte mich erkannt, wenn ſie ihrem Meiſter entdeckt haͤtte, daß ein Zufall mich aus mei⸗ nem Gefangnis erldſet haͤtte, ſo wuͤrde er mich ver⸗ folgt haben, um mich auf der Stelle in ein noch haͤr⸗ teres Gefangnis zu verſperren; aus Furcht befuͤrchtet haben, daß ich die Geheimniſſe ſeiner Mutter und ſeine eigenen verrathen moͤchte, wie ich denn jetzo wirk⸗ lich thue. Der Zufall ließ deinen Blick, beim durchlaufen deiner Buͤcher, bei meinem Zeichen verweilen; du ſchriebſt es in einen Zauberkreis, und beſchwurſt den an dieſes Zeichen gebundenen Geiſt, vor dir zu erſcheinen. Ich war gezwungen zu gehorchen: aber um der Gefahr zu entgehen, womit ich mich bedrohet ſah, nahm ich den Namen und die Gebaͤrde eines der Bloͤdſinnigſten unter uns Geiſtern an, naͤmlich des Kathety, der auf der Erde umher kriecht, und ſich damit beſchaͤftigt, Traͤume fuͤr diejenigen anzufertigen, denen ihr Gedaͤcht⸗ *) Name eines Perſiſchen Landes. Planeten⸗Schweſter. 133 nis und ihre Einbildungskraft keine zu ſchaffen ver⸗ mag. Ich ahmte ſeinen Bloͤdſinn ſo gut nach, daß Neakia, der du mich ebenſo beſchriebſt, dadurch ge⸗ taͤuſcht wurde. Du wareſt zu dieſer Zeit damit be⸗ ſchaͤftigt, Blumenſtraͤuße zu winden; deine Hofmeiſterinn fand mich ſehr brauchbar dazu, die Blumen herbei zu ſchaffen, deren du dich bedienen ſollteſt, unter der Bedingung, daß ich nicht das geringſte von dem mei⸗ nigen in die Zuſammenſetzung miſchte, welche ſie dich ſollte machen laſſen. Dieſes unſelige Geſchoͤpf hat dir viel boͤſes gethan: erinnere dich des Kranzes, welchen du dem Mograby geſchenkt haſt, und ſeines Blumenguͤr⸗ tels, womit er dich umſchlungen hat; er hat dir beide alsbald wieder entzogen: es ſind die beiden Sinnbilder des verhaͤngnisvollen Knotens, welcher dich an ihn ge⸗ knuͤpft hat; du wirſt ſie aber gewiß beide wiederſehen, und dann gib wohl Acht, was man damit vornimmt.“ „ Aber Kardaſch,“ ſagte ich zu ihm,„kannſt du mir keine Mittel angeben, mich den Bezauberungen zu entziehen, womit ich bedrohet bin?“— „Nein, Prinzeſſinn, weil es unmoͤglich iſt, voraus zu ſehen, was unſer grimmiger Feind beginnen wird. Vierhundert und neun und ſiebzigſter Tag. Anlangend die Bezauberungen, welche hier und bei der Stadt Harenar von ſeiner Mutter und von ihm 134 479. Tag. gemacht ſind, ſo will ich ſie dir alle enthuͤllen, ſo wie die Mittel, ſie zu vernichten; laß dir von mir lieber zweimal wiederholen, was dir ſchwer zu behalten ſcheint, als daß du in Gefahr kommeſt, ein Wort davon zu vergeſſen: denn jedes iſt dabei weſentlich und unent⸗ behrlich.“ Hierauf entdeckte er mir alle Geheimniſſe, welche dieſer Ort umſchließt. Bei jeder Enthuͤllung dieſer Arbeiten, welche des erſten Veſyrs des Fuͤrſten der Finſternis wuͤrdig ſind, ſchauderte mich; endlich hatte ich doch den Muth, ihm noch eine letzte Frage zu thun, wegen meines Traumes, in welchem ich ſo auffallende Dinge geſehen hatte. „Du haſt nicht getraͤumt,“ ſagte Kardaſch;„er hat dich unter das Meer in die Gewoͤlbe verſetzt, welche mit dem Dom⸗Daniel von Tunis in Verbindung ſtehen. Du haſt den Asmodius ²) geſehen, einen der Fuͤr⸗ ſten Kokopileſobehs, und eine Zuſammenkunft der Zau⸗ bererer, wie ſie daſelbſt bei abnehmendem Monde ge⸗ halten wird. Er hat verſucht, dich in ſeine verruchte Lebensweiſe einzuweihen und dir Geſchmack daran bei⸗ zubringen.“ Es waͤhrte ſchon lange, daß Kardaſch ſo mit mir redete; ich hoͤrte ihm ſtehend zu, und meine Knie be⸗ gannen unter mir zu wanken. *) Bgl. Bd. 5, Tag 328. wuͤrde.“ Planeten ⸗Schweſter. 133 „Du ermatteſt, Prinzeſſinn,“ ſprach er;„aber du mußt deinen Muth zuſammen raffen. Wir ſind ſicher, daß unſer Geſpraͤch tauſend entfernte Zeugen hat, die zwar nichts von dem vernehmen, was ich dir ſage, weil der Kreis, welcher uns umſchließt, unſere Worte nicht zu ihren Ohren gelangen laͤßt: aber du wirſt von allen den Sklaven und Genoſſen, welche der Mograby hier hat, verrathen werden, und ich wuͤrde verloren ſein, wenn es nicht in deiner Gewalt ſtaͤnde, mich zu retten. Vergilt mir den Dienſt, welchen ich dir jetzt geleiſtet habe, indem du ganz laut folgende Anrufung und Befehl ausſprichſt: „Ihr Geiſter, Sklaven des großen Mahomed! die ihr den Kardaſch gezwungen habt, hieher zu kom⸗ men, fuͤhret dieſen Sklaven zu den Fuͤßen der Fuͤrſten des großen Salomon.“ Sobald ich dann hier heraus bin, ſo zerbrich dieſen Zauberkreis, und wenn du noch beſſer thun willſt, auch deine Zauberruthe, weil ſie dir dennoch entriſſen Ich that ohne Bedenken, was Kardaſch empfoh⸗ len hatte zu thun. Ich ſah ihn durch daſſelbe Ge⸗ woͤlk hinweg gefuͤhrt werden, aus welchem er ſo ploͤtz⸗ lich herab gefallen war; ich zerſtoͤrte mein Werk, brach mein Staͤbchen in Stuͤcken, und kehrte nach meinem Zimmer zuruͤck, indem ich, um mich zu ſtaͤrken, die erſte Zeile des Korans wiederholte, welche meine vor⸗ 136 479. Tag. malige Hofmeiſterinn mir wieder ins Gedaͤchtnis geru⸗ fen hatte. Vielleicht war es eine Wirkung meiner aufgereg⸗ ten Einbildungskraft, aber, ſo wie ich vorwaͤrts ſchritt, um mich aufs Bette zu werfen, war es mir, als hoͤrte ich ein Getoͤſe um meine Ohren, welches wie ein ver⸗ hoͤhnendes Gemurmel klang. Ich trat in mein Zim⸗ mer, warf mich auf mein Bette, angekleidet wie ich war, ohne irgend eine Huͤlfe herbeizurufen. Der ein⸗ zige Troſt, den ich hier ſuchte, war, mein von Schmerz und Bitterkeit erfuͤlltes Herz zu Gott und ſeinem Pro⸗ pheten zu erheben: aber die darauf laſtende Vorſtel⸗ lung meiner Abtruͤnnigkeit war ein ungeheures Gewicht, welches daſſelbe zu Boden druͤckte; es war mir un⸗ moͤglich, die Augen zum Himmel auf zu heben, die Arme zu ihm emporzuſtrecken, ich war ganz regungs⸗ los. Bald umhuͤllte mich die Dunkelheit der Nacht, und niemals war ſie mir fuͤrchterlicher vorgekommen. Das um mich herrſchende Stillſchweigen machte ſie mir noch graunvoller; die ganze Schoͤpfung ſchien mich meiner Angſt, meiner Reue, meinen Gewiſſensbiſſen zu uͤberlaſſen. Ich habe ſeitdem durch die an mir veruͤbten Unmenſchlichkeiten unendlich gelitten, aber niemals ſo viel, als in dieſer graͤßlichen Nacht. Endlich erſchien der Tag und brachte einige Ver⸗ aͤnderung in meiner Lage hervor. Meine Seele fuͤhlte ſich beim Anblick der Gegenſtaͤnde, welche er um mich Planeten ⸗Schweſter. 137 her beleuchtete, wieder etwas belebt: aber bald be⸗ trachtete ich mit Entſetzen dieſe Anhaͤufung von Reich⸗ thuͤmern, welche ſchon zur Verfuͤhrung ſo vieler Anderen mitwirken mußten, und es fiel mir ein, alles was ich um mich ſaͤhe, mit meiner Zauberruthe zu ſchlagen, aus meinem Zimmer ein dem Tage unzugaͤngliches Grabmal und aus meinem Bette einen Sarg zu ma⸗ chen, und die Rache des Wuͤthrichs zu verhoͤhnen, in⸗ dem ich ihr zuvor kaͤme. Ich richtete mich auf im Bette, um meinen Vor⸗ ſatz auszufuͤhren: aber da erinnerte ich mich, daß ich meine Zauberruthe zerbrochen hatte. Ein Gedanke be⸗ freite mich aus dieſem peinlichen Zuſtande: Kardaſch hatte mir Geheimniſſe mitgetheilt, deren Gebrauch dereinſt zur Rache des Himmels und der Erde mit⸗ wirken koͤnnte, indem dadurch die Vertilgung des Un⸗ geheuers erleichtert wuͤrde. „Wohlan!“ ſprach ich jetzo zu mir ſelber,„ſo trotze denn allen Grauſamkeiten, welche dein unmenſch⸗ licher Feind an dir ausuͤben mag; erhalte dich, um eines Tages, wenn es ſein ſoll, das Werkzeug ſeines Unterganges zu ſein; erinnere dich ſorgfaͤltig alles deſſen, was dir geſagt worden, grabe es in dein Ge⸗ daͤchtnis ein, dergeſtalt, daß nichts es daraus verwi⸗ ſchen kann.“ 4 Von Stund' an wiederholte ich mir unaufhoͤrlich die Belehrung des Geiſtes und verwandte einen ſo ſtäͤ⸗ 138. 480. TC A g. tigen Fleiß darauf, daß alle Worte der Beſchwoͤrungen, welche mir vorgeſagt worden, ſich feſt in einander ver⸗ ketteten. Der Tag ging zu Ende, und ich war noch mit dieſer Arbeit beſchaͤftigt, als das Erdbeben mir die Ruͤckkehr des Mograby ankuͤndigte. Ich dachte, daß er mit Blitzesſchnelle auf mich einfahren wuͤrde; ich taͤuſchte mich: er wurde ohne Zweifel durch die Berichte aufgehalten, welche ſeine Spaͤher ihm erſtatteten. Endlich erſchien er; nimmer ſah man eine entſetzlichere und ſeltſamere Verzerrung, als jetzt an ihm ausbrach, in dem Widerſtreite zwiſchen dem Glanz und der Hoheit, welche er ſeiner Geſtalt ertheilen wollte, und der grimmigen Leidenſchaft, welche in ihm wuͤthete. „Treuloſes Weib!“ redete er mich an:„du ver⸗ bindeſt dich mit meinen Feinden! du ziehſt Kreiſe, um die unreinen Geiſter Mahomeds bei mir eintreten zu laſſen: empfang die Strafe deines Frevels.“ Vierhundert und achtzigſter Tag. Zu gleicher Zeit ſchlang er mir den Blumenkranz, welchen ich ihm an unſerm verhaͤngnisvollen Hochzeit⸗ tage gegeben hatte, um den Hals, und den Blumen⸗ guͤrtel, womit er mich damals umwunden hatte, um —Q———QC———— Planeten⸗Schweſter. 139 die Beine, ohne daß ich mich dem widerſetzen konnte. Hierauf hauchte er mich nur an, und ich war in ei⸗ nen Vogel verwandelt, wie ihr mich noch ſehet; dieſes Halsband von gruͤnen, rothen und gelben Federn, wel⸗ ches ihr um meinen Hals bemerket, iſt mein Blumen⸗ kranz; aus dem Blumenguͤrtel iſt dieſe Kette gewor⸗ den, welche meinen Fuß feſſelt. Der Wuͤthrich ſchleppte mich hierauf an dieſer Kette nach dem Gemache, welches ihr kennet, er ſchlug die dort ſtehende Bildſaͤule ins Geſicht, ließ ſich die Thuͤre des Vogelhauſes oͤffnen, und befeſtigte mich auf der Stange, auf welcher ich noch ſitze. Durch die Kunde welche ich habe, weiß ich, daß es mir unmoͤglich iſt, die menſchliche Geſtalt und Freiheit anders, als durch ſeinen Tod, wieder zu erhalten: das iſt die Folge mei⸗ nes begangenen Fehltritts, als ich ihn, aus eigener Bewegung, zum unbeſchraͤnkten Herrn meiner Selbſt gemacht habe. Noch verliebt in mich, wie ihr vernehmen werdet, hat er nicht fuͤr gut befunden, mich der Vernunft zu berauben, wie alle die Weſen, in deren Mitte ich mich befand; er wollte, daß die ſchreckliche Langeweile mei⸗ ner Lage mich dahin braͤchte, ihn um Gnade zu bitten und wieder mit ihm als ſeine Gattinn zu leben, wenn auch nicht am Tage, doch wenigſtens des Nachts. Es war demnach dem Prinzen von Syrien moͤglich, mir die Sprache wieder zu geben. 140 480. Ta g. Als der Mograby mich in dem Vogelhauſe allein gelaſſen hatte, mitten unter den andern Voͤgeln, wollte ich Gott und Mahomed preiſen fuͤr die Befreiung von der Gegenwart meines boͤſen Feindes: aber ich brachte nur das dem Vogel eigene Geſchrei hervor, deſſen Geſtalt ich hatte, und ſprach deutlich das Wort Hara aus, welches ſogleich alle Voͤgel des Vogelhau⸗ ſes wiederholten. Ich waͤhnte, ſie haͤtten ihren Verſtand behalten, ſo wie ich, ungeachtet deſſen, was mir Kardaſch von dem dumpfen Zuſtande geſagt hatte, worin alle menſch⸗ lichen Weſen hier mit ihrer Verwandlung verſetzt wor⸗ den: aber ich habe mich ſeitdem uͤberzeugt, daß ihnen nur die hohle Faͤhigkeit geblieben war, das Wort zu wiederholen, welches eben ausgeſprochen wurde, oder das ſie am haͤufigſten gehoͤrt hatten. Auf meiner Stange ſitzend, begann ich uͤber mei⸗ nen Zuſtand nachzudenken. Bis auf meine Kette, glaubte ich ihn dem der uͤbrigen Thiere aͤhnlich, die mich umgaben, und fand ihn ertraͤglicher, als denjeni⸗ gen, in welchen zuvor meine Angſt mich verſenkt hatte: wie viel vorzuͤglicher erſchien er mir, als der Graͤuel, mich den Liebkoſungen meines grauſamen und gottloſen Raubers ausgeſetzt zu ſehen! Aber, ach! ich taͤuſchte mich ſehr: ich war keinesweges davon befreiet. Zwei Tage gingen hin, ohne daß er meinen Blick durch ſeine verhaßte Gegenwart beleidigte. Am Abend Planeten⸗Schweſter. 141 des dritten trat er in das Vogelhaus, indem er ſo viel als moͤglich die Geſtalt und das Weſen feſthielt, wo⸗ durch er mich verfuͤhrt hatte. „Planeten⸗Schweſter,“ ſprach er zu mir,„du haſt dich ſehr gegen mich vergangen, du biſt von Baal ab⸗ gefallen, aber mein Herz iſt gebrochen durch die ſtrenge Zuͤchtigung, welche ich genoͤthigt war, an dir zu voll⸗ ſtrecken; ich gebe dir deine menſchliche Geſtalt wieder, komm und theile mein Bette mit mir, betrage dich als gehorſame Gattin gegen mich; und wenn du dein Un⸗ recht lebhaft fuͤhlſt, wenn du mir verſprichſt, allem zu entſagen, was die verruchte, welche man dir zuerſt zur Hofmeiſterinn gegeben, dich gelehrt hat, ſo will ich es verſuchen, den Gott zu beſaͤnftigen, welchen du beleidigt haſt.“— Mit dieſen Worten warf er einige Koͤrner auf ein Rauchfaß, und machte die Kette von der Stange los, auf welcher ich ſaß: da ſtand ich ganz nackt und auf⸗ recht vor ihm. „Graͤulicher Mograby!“ ſagte ich zu ihm,„ich will nichts mehr, weder von dir, noch von deiner Lei⸗ denſchaft, noch von deinem Baal hoͤren, der mich dir uͤberliefert hat: gib mich meinem Vater wieder, und mache, daß ich dein vergeſſen kann.“ Die Kaltbluͤtigkeit und Trockenheit meiner Antwort ſetzte meinen Verderber in Wuth. 1 1 14² 480. T a g. „Fort, folge mir Weib,“ ſprach er zu mir,„du, viel graͤulicher, als ich!“ Damit ſchleppte er mich bei der Kette weg, welche mir an den Fuͤßen gelieben war. Ich wollte Wider⸗ ſtand thun, aber er wuͤrgte mich mit einer andern Kette, welche ich um den Hals hatte, und verurſachte mir unſaͤgliche Schmerzen, und ſo wurde ich auf ſein Bette getragen. Er nahte ſich, mir zu liebkoſen; ich wollte ihm ins Geſicht ſpeien, aber alle meine Kraͤfte waren ge⸗ laͤhmt; es blieb mir nur noch der freie Gebrauch des Geſichts, des Geruchs und des Gehoͤrs, und alle drei litten Hoͤllenpein. Ich ſah das ſcheußliche Ungeheuer, welches nur die Einbildungskraft im Wahnſinn erzeugen kann; ich war davon verpeſtet, und mein Ohr wurde durch einen Strom von Schimpfreden und Gotteslaͤſterungen ver⸗ wundet. In dieſem Zuſtande war ich gezwungen, die graͤßlichen Liebkoſungen des Unmenſchen zu dulden, dem ich durch meine Vernichtung gaͤnzlich verfallen war. Der entſetzliche Auftritt, welchen ich euch hier beſchrieben habe, wiederholt ſich nun ſeit fuͤnf Jahren taͤglich, mit noch ſcheußlichern Umſtaͤnden. Ich habe nur Ruhe, wenn er gendthigt iſt, ſich zu entfernen, um ſich mit der Fortſetzung ſeiner verruchten Entwuͤrfe zu beſchaͤftigen, oder ſich unter den Grund des Meeres — Planeten⸗Schweſter. 143 zu begeben, um ſich in dem Kothe ſeines ſcheußlichen Asmodius zu waͤlzen. 1 Wenn die Erde bebt und mir die Wiederkehr des Wuͤthrichs ankuͤndigt, dann wuͤrde ich mir das Herz durchbohren, wenn mein Schnabel ein Schwert wäͤre: aber ich erkenne heute die Wohlthat der Vorſehung, welche mir alle Mittel benahm, mich umzubringen, damit ich die unbeſiegbaren Waffen den Haͤnden mei⸗ nes Retters uͤberliefere, welchen ſie mir in einem Lieb⸗ linge Mahomeds, in dem Prinzen Habed⸗il⸗Ruman, hergeſandt hat. Juͤngling, den der Himmel zum Raͤcher der Menſch⸗ heit auserſehen hat,“ fuͤgte die Prinzeſſinn von Aegyp⸗ ten hinzu, indem ſie ſich zu dem Prinzen von Syrien wandte,„du mußt dich ſogleich aufmachen, um dich der Aſche Hal⸗il⸗Mograby's und der Yandar zu be⸗ maͤchtigen, welche unter der Ebene am oͤſtlichen Ein⸗ gange der Stadt Harenai verborgen liegt: vernimm das Mittel, mit der noͤthigen Eile dorthin zu ge⸗ langen. In dem Baumgarten, welchen du kennſt, befindet ſich ein Vogel, genannt Feſſefſé: vor Zeiten ſchickte ihn Salomon nach dem Berge Libanon, um ihm dort das Holz zu holen, aus welchem er ſeinen Herr⸗ ſcherſtab machen wollte; ſeitdem iſt er dieſem Prophe⸗ ten ſtaͤts werth geblieben, der Gefallen daran gefun⸗ den hat, ſein Herz, ſein Fleiſch und ſein Gefieder mit 144 480. 481. T a g⸗ beſonderen Eigenſchaften zu begaben. Dieſer Vogel iſt ſchwerfaͤllig, gleich dem Strauße, iſt er wehrlos: die fuͤnf Prinzen muͤßen dich begleiten; ihr umringet ihn, und rufet alle ſechſe zugleich: „Laß dich fangen, im Namen Salomons, zum Dienſte des großen Propheten!“ Alſobald wird er euch in die Häͤnde laufen. Ma⸗ chet euch kein Bedenken, ihn zu toͤdten; durch Bezau⸗ berung hieher entfuͤhrt, iſt ihm das Leben unertraͤglich. Bewahret ſeine Federn; verbrennet ſein Herz und ſei⸗ nen uͤbrigen Leichnam, jedes abgeſondert, und hebet ſorgfaͤltig die Aſche auf. Die Aſche des Herzens wer⸗ fet auf Raͤucherwerk von Ambra, und ſie wird euch den Weg durch den Berg eroͤffnen, auf welchem allein man von hier hinaus kann. Behaltet einen Theil die⸗ ſer Aſche zu eurer Ruͤckkehr hieher, und bewahret ſorg⸗ faltig die Aſche des uͤbrigen Leichnams. Vierhundert und ein und achtzigſter Tag. Wenn der Berg ſich aufgethan hat, euch den Durchgang zu verſtatten, ſo nehmet jeder eine von den Schwanzfedern, zwei von den Fluͤgeln und zwei von dem Kopfe des Vogels, haltet ſie alle zugleich uͤber dem Dampfe des Raͤucherwerks; und der Prinz Habed⸗ il⸗Ruman muß dann allein ausſprechen: ————— Planeten⸗Schweſter. 145 „Ihr Federn der Boten Salomons, brin⸗ get die Arbeiter der Propheten Gottes an das Werk.“ Damit laßt euch von ihnen hinweg tragen; ſie werden euch vor dem Thore der Stadt Herenai in ei⸗ nen Baumgang von Olivenbaͤumen bringen, welche Hal⸗il⸗Mograby dort angelegt hat. Darunter findet ihr einen Oelbaum, der alle die anderen an Groͤße uͤbertrifft: an dieſen Baum müßt ihr euch machen, un⸗ ter ſeiner Wurzel iſt die Thuͤre des verzauberten Grab⸗ mals; aber der Ort des Eingangs dazu wechſelt mit jedem Monde; noch eine Vorſicht, welche Yandar ge⸗ braucht hat, um den Zauberort unzugaͤnglich zu ma⸗ chen. Ziehet einen Kreis von dreißig Fuß im Durchmeſ⸗ ſer rings um den Baum; dann ſtellet euch dicht an dieſen Kreis in gleichen Abſtaͤnden, und werfet jeder in ein Raͤucherfaß, das ihr mitnehmen muͤßt, etwas Aſche von dem Leichnam des Vogels: alsbald wird die Erde unter euren Fuͤßen erbeben, und ſich an der Stelle oͤffnen, wo der Eingang iſt. Habed⸗il⸗Ruman muß nun einen der Prinzen mit ſeinem Saͤbel bewaffnet an den Eingang der Oeff⸗ nung ſtellen, mit den Worten: „Streiter Mahomeds, thu deine Pflicht, vertheidige den Eingang!“ VIII. 10 146 481. Tag. Hierauf befehlet gemeinſam den Federn des Vo⸗ gels, auch ihre Pflicht zu thun. Laßt von den Herr⸗ lichkeiten aller Art, mitten durch welche ihr hinſchrei⸗ tet, nicht einen einzigen Augenblick eure Neugierde anziehen. Schließet euer Ohr dem Geſange, womit die Voͤgel euch verlocken wollen. Auch der bren⸗ nendſte Durſt, wenn ihr ihn fuͤhlet, darf euch nicht zu den Gewaͤſſern hintreiben„deren ſcheinbare Reinheit und Friſche euch in Verſuchung fuͤhren moͤchte. Alles was ſich euch darbietet, iſt gefahrvoll. Der Prinz Habed⸗ il⸗Ruman muß an eurer Spitze gehen, bis ihr alle, mit dem Saͤbel in der Hand, an den Fuß einer Hochebene gelanget, auf welcher die praͤchtige Kuppel ſich erhebt, darunter die verhaͤngnisvolle Urne ſteht, deren Eroberung euer Ziel iſt. 1e Ein hundert Fuß breiter Graben, deſſen Tiefe kein Auge ergruͤndet, umgibt dieſe Hochebene, und ihr uͤberſchreltet ihn durch Huͤlfe der Vogelfedern. Vier Treppen fuͤhren hinauf; ihr beſteiget diejeni⸗ ge, die ihr im gangbaren Stande findet; aber ihr muͤßt ſie zuvor verſuchen, indem ihr auf der erſten Stufe einer jeden eine Fingerſpitze voll Aſche vom Leichname des Vogels werfet. Ihr muͤßt alle fuͤnfe da⸗ bei Hand anlegen, aber Habed⸗il⸗Ruman allein ſpricht: „Falle, entdecke dich!“ Hierauf wird die feſte Stiege an ihrer Stelle bleiben, die anderen aber wer⸗ den vor euren Blicken verſchwinden. Planeten⸗Schweſter. 147 Wenn ihr droben ſeid, ſo gehet rings um das Ge⸗ baͤude her. Betrachtet aufmerkſam die Zierraten deſſel⸗ ben. Wiſſet, daß man, um in das Innere einzudrin⸗ gen, zunaͤchſt die Thuͤre finden muß, welche gegen Morgen iſt, und daß das falſche, obſchon glaͤnzende Tageslicht, welches euch zu beleuchten ſcheint, nur dazu dienet, euch zu blenden. Der Prinz Habed⸗il⸗Ruman muß wieder Raͤu⸗ cherungen vornehmen und vor den vier Thuͤren Finger⸗ ſpitzen voll Vogel⸗Aſche in das Kohlenbecken werfen: alsdann werden die Thuͤren ihre bisherige Farbe und den goldigen Anſchein verlieren, und die unſerm Mor⸗ gen entſprechende Thuͤre wird weiß ſein, und die ge⸗ gen Abend roth; die ſchwarze Farbe wird die mittaͤg⸗ liche, ſo wie die gelbe die mitternaͤchtliche Thuͤre be⸗ zeichnen. Jeder Thuͤre gegenuͤber muß eine bewaffnete Schildwacht geſtellt werden, und der Prinz Habed⸗il⸗ Ruman allein an die Thuͤre gegen Morgen treten. Er muß dreimal mit der Klinge ſeines Saͤbels an⸗ pochen. Ich kann nicht ſagen, welche Erſcheinung ihm, nachdem die Thuͤre ſich geoͤffnet hat, ihm den Eintritt wird ſtreitig machen, weil die Hauptvertheidi⸗ gung dieſes von Zaubereien erfuͤllten Ortes in einer ſtaͤtigen Verwandlung beſteht. Welches Geſpenſt ſich aber auch, auf Habed⸗il⸗ Rumans Anpochen an die weiße Thuͤre, zeigen moͤge, I 48 er muß es bei den vier und zwanzig Buͤchern des Hananias*) beſchwoͤren. Sobald die Erſcheinung verſchwunden iſt, muß er eine Schildwacht auf die Schwelle zwiſchen den beiden Thuͤrfluͤgeln ſtellen. Er geht von hier zu der rothen Thuͤre, und nach⸗ dem er ſie eroͤffnet hat, muß er die Ungethuͤme, welche ihm entgegentreten, ihn zu erſchrecken und zu vernich⸗ ten, bei dem maͤchtigen Inſiegel auf dem Ringe des Propheten Salomon beſchwoͤren: die Erſchei⸗ nung wird ihm ebenfalls freien Eingang verſtatten; aber er muß ſich begnuͤgen, ihn nur bewachen zu laſſen, und weiter nach der ſchwarzen Thuͤre gehen, deren Beſchwoͤrung bei den Zeichen geſchieht, welche auf dem Saͤbel Mahomeds eingegraben ſtehen. Die vierte Thuͤre wird bei der Macht des Stabes Moſes beſchworen. Prinz von Syrien, wenn du dich alſo der vier Thuͤren bemeiſtert haſt, ſo tritt durch die von Oſten binein. Du befindeſt dich nun in dem Grabmale wo die Aſche des Vaters und der Mutter des Mograby, in einer mit dem Siegel des Kokopileſobeh verſchloſſe⸗ nen Urne, auf dem Schooße einer Bildſaͤnle ruhet, welche dieſes Oberhaupt der gegen Gott und Maho⸗ med empoͤrten Geiſter vorſtellt. 481. Tag. *) Das ſind die Bücher der 12 großen und ꝛc kleinen Propheten. Planeten⸗Schweſter. 149 Vierhundert und zwei und achtzigſter Tag. Dieſes Bild haͤlt in der Hand einen goldenen Bo⸗ gen, der beſtaͤndig geſpannt und mit einem zum Ab⸗ druͤcken bereiten Feuerpfeil bewaffnet iſt. Deine Be⸗ ſchwoͤrung dieſer drohendſten aller Gefahren, muß durch die heiligen Schriftzuͤge auf der Stirnbinde des Hohenprieſters der Juden geſchehen. Als⸗ bald wird der feurige Pfeil in Rauch verfliegen, und das Bild iſt wehrlos; zieh' ihm vom Finger einen Ring, welchen einſt Nandar trug, und ſtecke ihn an den klei⸗ nen Finger deiner linken Hand. Jetzo nimm die kleine goldene Urne, welche auf dem Schooße des Bildes ſteht, und ſtecke ſie in deinen Guͤrtel: damit biſt du Herr uͤber die ganze Macht des Mograby. Beruͤhre die Geſtalt mit dem Ringe, durch deſſen Macht ſie gebildet wurde, und dieſes Rieſenbild von Gold, ſo wie der erhabene Thron, auf welchem es ſitzet, werden in Rauch verfliegen. Um nun auch meine Feſſeln zu zerbrechen, nimm drei Federn aus meinem Halsbande, wirf ſie in bren⸗ neendes Raͤucherwerk und ſprich dazu: „Menſchliches Geſchoͤpf, ich gebe dir die Freiheit wieder, im Namen Mahomeds!“ Sobald dies alles vollbracht iſt, gebietet den Fe⸗ dern des Vogels Feſſefſé, euch wieder zu mir hieher zu bringen. Ihr werdet mich befreiet, und beſchaͤftigt 150 482. T a g. finden, auf alles ein wachſames Auge zu haben, was ſich eurer gluͤcklichen Ruͤckkehr in den Weg ſtellen koͤnnte. 2 Behalt wohl, mein Prinz, was ich dir geſagt, habe. Ich betrachte es als eine Gnade des Himmels, daß ich die ganze Belehrung, welche Kardaſch mir gab, im Gedaͤchtniſſe behalten konnte. Aber ſeitdem ich in den Zuſtand verſetzt bin, in welchem ihr mich hier ſehet, habe ich ſie mir taͤglich, abends und mor⸗ gens, wiederholt. Die Hoffnung, daß ſie dereinſt dem Menſchengeſchlechte und mir ſelber nuͤtzlih werden koͤnnte, war mein einziger Troſt.“ Habed⸗il⸗Ruman und ſeine Gefahrten. 151 Fortſetzung der Geſchichte Habed⸗il⸗Rumans und ſeiner Gefaͤhrten, und Ende des Mograby. Habed⸗ il⸗Ruman war mit eben ſo viel Gedaͤcht⸗ nis als Einſicht begabt. Alles was er eben vernom⸗ men hatte, blieb in ſeinem Herzen eingegraben. Er erkannte, daß bei der allgemeinen Gefahr, worin die noch beſtehende Macht des Mograby ſie verſetzte, kein Augenblick zu verlieren war. Er geht ſogleich mit ſeinen Ungluͤcksgefaͤhrten an die Jagd des Vogels Feſſefſé. Bald hatten ſie ſich deſſelben bemaͤchtigt; ſie todten ihn, und nehmen ſeine Federn und theilen ſie unter ſich. Sie verbrennen ſein Herz und den uͤbrigen Leichnam, jedes beſonders, und heben die Aſche zu dem vorgeſchriebenen Gebrauche auf. 15² 482, Tag. Darnach bewaffnen ſie ſich, verſehen ſich mit Raͤucherwerk, und ſobald alles zur Fahrt geruͤſtet iſt, begeben ſie ſich an den Fuß des Berges, welchen ſie zwingen, ihnen freie Durchfahrt zu gewaͤhren. Sobald ſie hinaus ſind, geben ſie, gemeinſam, den Federn des Vogels Feſſefſfé den ihnen aufgegebenen Befehl, und fuͤhlten ſich mit der Leichtigkeit eines Vo⸗ gels von der Erde emporgehoben, und durch die Luft getragen. Sie ſenken endlich ihren Flug bei einer großen Stadt, welche ſie mitten auf einer Ebene vor ſich ſehen, und laßen ſich in die ihnen bezeichnete Oel⸗ baumpflanzung nieder.. Habed⸗il⸗Ruman erkennet bald den Oelbaum, an deſſen Fuß er die ihm empfohlene Arbeit vorneh⸗ men ſoll; der wahre Eingang zu den unterirdiſchen Bezauberungen zeigt ſich: ein ſchwarzer Marmorſtein bedeckt ihn, und vermittelſt eines Ringes wird er em⸗ porgehoben. So begab ſich nun der Prinz von Syrien, an der Spitze ſeiner Gefaͤhrten, in die Finſternis eines unter⸗ irdiſchen Weges; aber fortgetragen von den Federn des Vogels Feſſefſé. Jeden Augenblick rief er jeden ein⸗ zelnen ſeines Gefolges bei Namen, und uͤberzeugte ſich, daß ſie alle bei ihm waren, außer dem, der zur ache am Eingange zuruͤckgeblieben war. Bald folgte helles Tageslicht auf die Dunkelheit, welche ſie umhuͤllte; ſie traten unter einen leuchtenden Habed⸗il⸗Ruman und ſeine Gefaͤhrten. 155 Himmel heraus, und das lachendſte Gefilde bot ſich ihren Blicken dar. Hunger und Durſt begannen ſich nun einzuſtellen; und ſie befanden ſich auf einem Wege, in deſſen Naͤhe durchſichtige und friſche Baͤche rieſelten; Beete mit Melonen aller Art bedeckt, faßten die Ufer ein; Birn⸗ baͤume, Aepfelbaͤume und Orangenbaͤume ſtanden am Wege, und ſie mußten mit den Haͤnden die mit Fruͤch⸗ ten beladenen Zweige zuruͤckbeugen, welche ihnen den Weg verſperrten. „Streiter Mahomeds,“ rief von Zeit zu Zeie Habed⸗il⸗Ruman,„wir ſind nicht hier, um zu eſſen und zu trinken; das Beduͤrfnis, welches wir fuͤhlen, und die Mittel, welche ſich uns darbieten, daſſelbe zu ſtillen, ſind Fallſtricke fuͤr uns. Begehret nicht dieſes Waſſers: ſtoßet dieſes Obſt zuruͤck, tretet es mit Fuͤßen; wir haben dulden gelernt, laßt uns die Pein ertragen, welche uns verzehrt.“ Aber ein neues Ungemach folgte auf die bisheri⸗ gen: ſie wanderten jetzt auf einem ſandigen Boden, und die Sonne, welche gerade uͤber ihrem Scheitel zu ſtehen ſchien, brannte ſo heiß auf ſie hernieder, daß ſie uͤber gluͤhende Kohlen zu gehen glaubten. Zur Rech⸗ ten und zur Linken des Weges, dem ſie folgten, wa⸗ ren zwei mit Baͤumen beſetzte und mit ſo friſchen Ra⸗ ſen bedeckte Pfade, daß ſie wohl die Aufmerkſamkeit ſo erſchoͤpfter Wanderer, wie dieſe hier, anziehen mußten. 154 482. 483. Tag. „Verſchmaͤhet, verwerfet die truͤgeriſchen Er⸗ quickungen, welche ſich euch darbieten,“ rief der Prinz von Syrien aus.„Alles dies hier gleichet den liebko⸗ ſenden Blicken und Reden unſers unverſoͤhnlichen Feindes.“ Die jungen Prinzen, die Habed⸗il⸗Ruman folg⸗ ten, bedurften eines ſo muthigen Anfuͤhrers, der gegen die Tuͤcken des Feindes ſo gut auf ſeiner Hut war. Vierhundert und drei und achtzigſter Tag. Die letzte aller dieſer Verſuchungen war die uͤber⸗ raſchendſte und gefaͤhrlichſte: der Weg fuͤhrte die Wan⸗ derer durch weite bluͤhende Mohnfelder, und der Schlum⸗ mer befiel unwiderſtehlich ihre Augenlieder. Der Prinz von Syrien, der den neuen Zauber gewahrte, rief ſeinen Gefaͤhrten zu: „Streiter Mahomeds! haltet einen Augenblick an, und tretet in ſeinem Namen dieſe Blumen mit Fuͤßen.“ Man gehorchte ihm, und die Schlaͤfrigkeit ent⸗ ſchwand. Sie ſetzten nun ihre Wanderung fort, und entdeckten mitten auf der Ebene die Kuppel des Ge⸗ baͤudes, welches ſie zu zerſtoͤren kamen.— Wir wollen uns nicht dabei aufhalten, dieſe zau⸗ beriſchen Herrlichkeiten zu ſchildern, an welchen alles Taͤuſchung war, ſondern die Thaten Habed⸗ il⸗Rumans —Q—QO.ęp———‧——————— 1 Habed⸗il⸗Ruman und ſeine Gefaͤhrten. 255 und ſeiner Gefaͤhrten verfolgen. Sie gelangten an das Ufer des fuͤrchterlichen Grabens; auf den Vogel⸗ federn leicht hinuͤber getragen, erſtiegen ſie die Hoͤhe, worauf der Wunderbau ſtand. Sie erforſchten die Weltgegenden der vier Thuͤren, auf die ihnen vorge⸗ zeichnete Weiſe. Als die Thuͤren ihre wahren Farben wieder ange⸗ nommen hatten, und Habed⸗il⸗Ruman an die weiße Thuͤre pochte, oͤffnete ſie ſich mit ſchrecklichem Krachen. Ein Rieſe von ſcheußlicher Geſtalt erſchien, und wollte den Prinzen mit der Lanze durchbohren, welche er fuͤhrte: aber bei den vier und zwanzig Buͤchern des Hananias beſchworen, verwandelte das Ungethuͤm ſich in einen ſchwarzen Dampf, zertheilte ſich und verflog. Nachdem Habed⸗il⸗Ruman dieſe erſte Thuͤre mit einer Wache beſetzt hatte, ging er zu der zweiten. Zwei Loͤwen mit aufgeſperrten Rachen wollten auf ihn los ſtüuͤrzen: aber durch die Beſchwoͤrung bei dem Siegel⸗ ringe Salomons, zerſtob dieſe Erſcheinung noch ſchnel⸗ ler, als die erſte. Die Beſchwoͤrung bei den auf Ma⸗ homeds Saͤbel eingegrabenen Zeichen erſtickte eine fuͤrch⸗ terliche Schlange mit drei Koͤpfen, welche die dritte Thuͤre bewachte. Endlich, vor der Beſchwoͤrung bei dem Stabe Moſes zerſchmolz das Stahl eines haar⸗ ſcharfen Beils, welches auf den Nacken des jungen 156 483. Tag.— Prinzen von Syrien herab fiel, in dem Augenblick, als die vierte Thuͤre ſich ſeinen Geboten offnete. Damit war er nun Meiſter aller Zugaͤnge zu dem furchtbaren Rieſenbilde. Er hatte bei jedem eine Wache hingeſtellt, welche die Sorge fuͤr ihre eigene Sicherheit ſehr aufmerkſam machte. Sie hatten Be⸗ fehl, bei dem geringſten Laͤrmen, welchen ſie außerhalb hoͤrten, ihren Saͤbel im Namen Mahomeds empor zu ſchwingen; und dieſe Vorſicht war der Weisheit des Prinzen wuͤrdig, der ſie gebot, denn ſo bald er den Fuß uͤber die Schwelle der weißen Thuͤre ſetzte, um bis unter die Kuppel vorzudringen, wurden die Geiſter der vier Elemente losgelaſſen, um dem Bilde Kokopi⸗ leſobehs zu Huͤlfe zu kommen.. Waͤren nun die Eingaͤnge frei geweſen, ſo wuͤrden dieſe Geiſter durch die vier Thuͤren eingedrungen ſein, und mit dem Goͤtzenbilde zugleich die Urne, worinn die Aſche des Hal⸗ il⸗Mograby und der Yandar bewahrt lag, binweg gefuͤhrt haben.. Habed⸗ il⸗Ruman ſtand jetzo dem goldenen Rie⸗ ſenbilde gegenuͤber, welches auf einem goldenen Throne ſaß, und deſſen Haupt faſt das Gewoͤlbe der Kuppel beruͤhrte. Seine Augen waren gleich einem Blitze, der, in einen engen Raum eingeſchloſſen, aus welchem er hervor zu brechen ringt, im unaufhoͤrlichen Kampfe gegen ſich ſelber ſcheint. Habedil⸗Ruman und ſeine Gefaͤhrten. 157 Der feurige, gegen Habed⸗il⸗Rumans Bruſt ge⸗ richtete Pfeil, war im Begriff abzuſchnellen: aber bei den heiligen Schriftzuͤgen auf der Binde des Hohenprie⸗ ſters der Juden beſchworen, ſank er nieder, und der Bogen, der den Haͤnden des Goͤtzenbildes entfuhr, ſtuͤrzte zugleich mit ihm zu Boden. Der Prinz von Syrien ſchwingt ſich nun auf den Thron empor, entreißt dem Rieſenbilde den Ring, deſ⸗ ſen ungeheurer Umfang ſich auf der Stelle ſeinem klei⸗ nen Finger anfuͤgt. Er ergreift nun die Urne, deren Beſitz das eigentliche Ziel ſeiner Unternehmung iſt. Hierauf ſchlug er, in einem Ausbruche der Begeiſterung, das Götzenbild mit der verkehrten Hand, an welcher er den Ring trug, und ſprach dabei: „Verruchtes Ebenbild des frevelhafte⸗ ſten aller Weſen, moͤgeſt du eben ſo vertilgt werden, wie du erzeugt wurdeſt!“ Das Rieſenbild des Kokopileſobeh war durch die dem Ringe unterworfenen Geiſter gemacht: ſie wurden nun durch dieſen, ohne Zweifel aus Eingebung, er⸗ theilten Befehl gezwungen, ihr eigenes Werk zu zer⸗ ſtoͤren, deſſen Sturz und Zertruͤmmerung ein entſetzli⸗ ches Getoͤſe verkuͤndigte; dicke Finſternis brach zugleich mit dieſem Gekrache herein, und vermehrte noch das Grauen. Die ganze Staͤrke der Bezauberung beruhte in dem Götzenbilde: ſobald dieſer Zauber vernichtet war, hoͤr⸗ — 66. 485. Tag. ten die Taͤuſchungen aller Art auf, einen Ort zu ſchmuͤcken, der in einer jener unermeßlichen Hoͤhlen in den Eingeweiden der Erde angelegt war; aber ſie en⸗ deten nicht, ohne Erſchuͤtterung des Bodens, der ſie bedeckte. Waͤre der Eingang, der zu dieſer furchtba⸗ ren Einoͤde fuͤhrte, nicht von einem der ſechs Waffen⸗ gefaͤhrten, Habed⸗il⸗Rumans bewacht worden, ſo wuͤrde er verſchuͤttet worden ſein. 134 abed empfahl ſich und ſeine Bruͤder Gott und ſeinem großen Propheten, indem er mitten in der Zer⸗ ſtoͤrung, die ihn umgnb, und in der Finſternis, in welcher er wie vergraben war, die groͤßte Gegenwart des Geiſtes behielt. Er bemerkte bei einer Bewegung, welche er machte, daß der Ring, welchen er jetzt a Fiuger trug, Licht ausſtrahlte. Er rieb ihn, und verſuchte, noch mehr Huͤlfe von ihm zu gewinnen: Augenblicklich ſpruͤhte der Ring Funken; ein Geiſt, in Menſchengeſtalt erſchien ihm, in Begleitung von vier anderen, von denen der eine ein Tieger, der andere ein Fiſch, der dritte ein Vogel, und der letzte ein Salamandar war. „Gebeut den vier Elementen,“ ſprach der Geiſt zu ihm;„du biſt ihr Herr, weil du den Ring des gro⸗ Ben Kokopileſobeh haſt.“ „Ich will,“ antwortete Habed⸗il⸗Ruman mit Feſtigkeit,„daß dieſer Ort erhellet werde, damit ich Habed⸗il⸗Ruman und ſeine Gefaͤhrten. 159 ſehe, wo ich bin, und wo die Prinzen, meine Gefäͤhr⸗ ten, ſich befinden.“ „Salamander,“ ſprach der Geiſt,„thu deine Pflicht!“ Augenblicks war dieſe unermeßliche Hoͤhle durch tauſend kuͤnſtliche Lichter erhellt, welche ſich von ſelber in die Kluͤfte der Felſen ſtellten, und die ſechs nicht weit von einander getrennten Gefaͤhrten, vereinigten ſich wieder, und konnten ſich berathen. Es war noch uͤbrig, dort auf der Stelle die Feſſeln der Prinzeſſinn von Aegypten zu zerbrechen. Habed⸗il⸗ Ruman zuͤndete ein Feuer an, verbrannte Raͤucherwerk, warf die ihm uͤbergebenen Federn vom Halsbande der Prinzeſſinn hinein, und ſprach dabei die Worte aus, welche die Aufloͤſung des Zaubers vollenden ſollten. Das Raͤucherwerk, welches er auf die Flamme gewor⸗ fen, verbreitete einen ſo lieblichen Wohlgeruch, daß er daraus die guͤnſtigſte Vorbedeutung fuͤr ſein Werk zog. Vierhundert und vier und achtzigſter Tag. Hierauf beſchloß er, ſich nach dem Wohnorte des Schwarzkuͤnſtlers zuruͤck bringen zu laſſen, durch die⸗ Phlben Mittel, welche ſeinen Ausgang dorther bewirkt atten. „Wo denkeſt du hin?“ ſagten die Prinzen zu ihm:„Wir wuͤrden uns der Gefahr ausſetzen, aber⸗ mals in die Haͤnde unſers unverſoͤhnlichen Feindes zu fallen! Waͤhrend die Federn des Vogels Feſſefſé uns in den Stand ſetzen, daß jeder von uns in das Reich ſeines Vaters heimkehren kann; waͤhrend der Ring, welchen du traͤgſt, dir die Macht gibt, den Geiſtern zu gebieten, welchen die vier Elemente un⸗ terworfen ſind!“ „Und wenn ich auch nur die Prinzeſſinn von Aegypten befreien muͤßte,“ erwiederte Habed⸗il⸗Ru⸗ man,„ſo wuͤrde ich es, ſchon als Muſelmann, fuͤr meine Pflicht achten, ihr zu Huͤlfe zu kommen, waͤre ich auch unempfindlich fuͤr die Regungen der Menſch⸗ lichkeit und der Dankbarkeit: aber, meine Bruͤder, die Federn des Vogels Salomons ſind nur dazu beſtimmt, den Dienern des Propheten zu dienen. Der Ring Kokopileſobehs ziemt nur dem Finger eines Zauberers, und eure Erfahrung hat euch zur Genuͤge mit der Zauberei bekannt gemacht: ich habe zwar jetzt eben ihre Huͤlfe angewendet, aber nur, um ſie gegen ſich ſelbſt zu kehren, und ich wuͤrde mich fuͤr ſchuldig ach⸗ fen, wenn ich dabei nur meinem eigenen Vortheile nachgegeben haͤtte. Aus dem, was wir zu thun vermochten,“ fuhr er fort,„erkennet, meine Bruͤder, ob unſere Pflichten nicht dort oben vorgeſchrieben ſtehen. Wir haben uns E Habed⸗il⸗Ruman und ſeine Gefährten. 161 des Talismans bemeiſtert, welcher die Macht des Mo⸗ graby in ſich ſchließt, wir muͤßen uns nun auch ſeines Lebens bemaͤchtigen. Wir wuͤrden ein Verbrechen be⸗ gehen, wenn wir es ihm ließen, und fruͤher oder ſpaͤ⸗ ter wuͤrden wir dafuͤr beſtraft werden, ja, vielleicht wuͤrde er ein Werkzeug der goͤttlichen Rache gegen uns werden. Wir muͤßen alle die ungluͤcklichen Menſchen befreien, welche er in Thiere verwandelt hat, und alle ſeine Bezauberungen zerſtoͤren.“ Die Prinzen waren etwas beſchaͤmt, daß ſie nicht ſelber dieſen edelmuͤthigen Entſchluß gefaßt hatten, und verſprachen dem Prinzen von Syrien, ihm aus V allen ihren Kraͤften in ſeiner Unternehmung beizuſtehen. Auf der Stelle wurde nun beſchloſſen, vermittelſt der Federn des Vogels Feſſefſé zu der Prinzeſſinn von Aegypten zuruͤckzukehren. Die dem Befehle gehorſamen Federn trugen ſie mit der reißendſten Schnelligkeit aus dem Bauche der Hoͤhlen, dem Schauplatz der Bezau⸗ bbeerungen der Yandar. Das zauberiſche Licht, wodurch ddiſſelben erhellet wurden, zeigte ihnen jetzt alle Gegen⸗ ſtaͤnde in ihrer Wahrheit. Endlich gelangten ſie zu dem Ausgange, der in das Feld fuͤhrte. Es war damals Nacht. Habed⸗il⸗ Ruman ſchlug vor, auf der Stelle nach dem Palaſte des Mograby abzureiſen; und die Federn des Vogels VIII. 11 —— 16² 484. Tag. erhuben ſie alsbald in die Luft und brachten ſie dort⸗ hin zuruͤck. Mit Anbruche des Tages befanden ſie ſich am Ufer jener Quelle, in welche ſie alle ſechs waren ge⸗ ſtuͤrzt worden. „Ich erkenne,“ ſprach der Prinz von Damask, „den Baum, an welchem das Scheuſal meine arme Urgroßmutter aufgehaͤngt hatte; es iſt nicht die ge⸗ ringſte Spur mehr von ihrem Leichnam uͤbrig ge⸗ blieben.“ Bei dem Anblick eines Ortes, wo ſie alle ſo un⸗ ſaͤglich gelitten hatten, beſtaͤrkten die fuͤnf von Habed⸗ il⸗Ruman befreiten Prinzen ſich in ihrem Haſſe, in ihrem Grimme gegen den Mograby: aber dieſer junge Prinz beſchaͤftigte ſich mit den Mitteln, wieder in den Aufenthalt ihres unmenſchlichen Feindes einzudringen, um dort ihre Rache zu vollſtrecken. Er zuͤndet Feuer an, verbrennet Raͤucherwerk, wirft Aſche von dem Herzen des Vogels darauf, und der Fuß des Berges oͤffnet ſich und gewährt ihm freien Durchgang, er tritt hinein und die Prinzen folgen ihm. Der Tag brach eben an, als die Prinzeſſinn von Aegypten im Innern des Palaſts, wo ſie die Nacht auf ihrer Stange zugebracht hatte, das gewoͤhnliche Getoͤſe vernahm, welches verkuͤndigte, daß man der Natur Gewalt anthat, um an den Ort zu gelangen, wo ſie ſich befand. Habed⸗il⸗Ruman und ſeine Gefaͤhrten. 163 Ihrer Feſſeln jetzt entledigt, flog ſie aus einem Fenſter des Palaſts den Ankommenden entgegen, ohne Furcht, daß es der Mograby ſein koͤnnte; denn ſie zweifelte nicht, daß Habed-il⸗Ruman, dem ſie ihre Befreiung verdankte, geſiegt haͤtte. Sie nahm jedoch ihren Flug aus Vorſicht hoch genug, um fernher er⸗ kennen zu koͤnnen, wer aus dem Berge hervor traͤte. Bald ſahen die Prinzen einen Vogel uͤber ihren Koͤpfen ſchweben, der ihnen nicht fremd war. Eine ihnen allen wohlbekannte Stimme redete Habed⸗ il⸗Ru⸗ man an, und erklang von oben herab, als wenn ſie aus dem Himmel kaͤme:— „Prinz von Syrien, haſt du die Urne und den Ring?“ „Ja, ich habe ſie,“ antwortete der junge Prinz, indem er den Vogel erkannte, der ſich eben bei ihm niedergelaſſen hatte. „Wenn das iſt,“ fuhr der Hara fort, indem er vor Freuden mit den Fluͤgeln ſchlug,„ſo reibe den Reif des Ringes, welchen du am Finger traͤgſt, und befiel dem Geiſte, der darauf erſcheinen wird„ dir das aͤlteſte und raͤudigſte Schaaf aller Heerden zu bringen, welche hier ſindꝛ: wir haben ein Opfer zu verrichten. Jetzo wollen wir uns nach dem Palaſte begeben, wohin eure Beduͤrfniſſe euch rufen muͤßen; ihr koͤnnet ſie jetzt ohne Beſorgnis befriedigen, denn ihr ſeid un⸗ umſchraͤnkter Herr hier, und euer Feind liegt ſchon unter 164 484. Tag. euren Fuͤßen; ihr traget in eurem Buſen den Talis⸗ man, in welchem ſeine ganze Macht beruhet: bald werdet ihr auch den gewinnen, an den ſein Leben ge⸗ knuͤpft iſt.“ Es waren beinahe zwei Tage, daß die Prinzen keine Nahrung zu ſich genommen hatten, aber ſie fuͤhl⸗ ten Abſcheu, ſich von dem Fleiſche der Thiere zu ſaͤtti⸗ gen, welche ſie um ſich ſahen:„Wiſſen wir denn,“ ſprach Habed⸗il⸗Ruman,„ob wir nicht ungluͤckliche, in Thiere verwandelte Menſchen des Lebens berauben? wenigſtens ſind die Fruͤchte und Wurzeln uns nicht ſo verdaͤchtig.“ „Ihr koͤnnet euch alles Gevoͤgels und Rothwildes bedienen, welches ihr hier ſehet,“ ſprach Planeten⸗ Schweſter zu ihnen;„es ſind wirkliche Thiere, ebenſo wie diejenigen, welche in dem großen Vogelhauſe ver⸗ ſperrt ſind: gebiete hier, ſei es durch die Macht des Ringes, welchen du am Finger haſt, oder des Talis⸗ mans, welchen du auf der Bruſt traͤgſt; alles muß dir gehorchen. Habed⸗il⸗Ruman beruͤhrte die Urne an ſeiner Bruſt, und augenblicklich erſchien ein großer Mohr mit einem goldenen Halsbande. „Ah! da iſt Jladſch⸗Kadahé,“ rief der Prinz der Tatarei aus:„ſprich, abſcheulicher Mohr, der du mich ſo unmenſchlich behandelt haſt, wie hat dein ver⸗ — — Habedoil⸗Ruman und ſeine Gefaͤhrten. 165 ruchter Herr ſich von dir trennen koͤnnen, da du ihm ſo treulich dienteſt?“ 3 „Ich habe keinen andern Herrn,“ antwortete der Mohr,„als den Herrn der Urne, der ich unterworfen bin: hier iſt mein Herr, und ich komme, ſeine Befehle zu empfangen.“ Hierauf wandte er ſich zu dem Prinzen von Sy⸗ rien und fuhr fort: „Was gebieteſt du dem Sklaven der Aſche des Hal⸗il⸗Mograby und der YPandar?“ „Laß uns ein Mittagsmahl auftragen, Sklave,“ ſagte der Prinz von Syrien. ſchwand. Vierhundert und fuͤnf und achtzigſter Tag. In demſelben Augenblick brachte der Geiſt des Ringes zu den Fuͤßen Habed⸗il⸗Rumans ein altes raͤudiges Schaf, welches kein Floͤckchen Wolle mehr hatte; es war an allen Vieren gebunden: der eine Hin⸗ terfuß war kuͤrzer, als die anderen, und an demſelben ſchien der Schenkel geſchwollen. „Ha, das iſt ein boshaftes Thier!“ ſagte der Geiſt; nich dachte ſchon, daß wir es nicht ſchen wuͤrden, obgleich es von allen Seiten umringt war. „Ich gehorche,“ erwiederte der Mohr und ver⸗ 166 485. Tag. Yandar hat dieſes Thier gefaiet, als ſie in deſſen Schenkel den Talisman einſchloß, an welchen das Le⸗ ben ihres Sohnes geknuͤpft iſt: es laͤuft vorwaͤrts, ruͤckwaͤrts und ſeitwaͤrts, mit gleicher Geſchwindigkeit; keine Muͤcke vermoͤchte durch die Oeffnungen zu krie⸗ chen, durch welche es entſchluͤpft, und mit dem Kopf und mit den Fuͤßen gibt es Stoͤße, welche den Mar⸗ mor zermalmen wuͤrden.“ „Geiſt,“ ſprach Habed⸗il⸗Ruman,„ich befehle dir, dieſes Thier zu toͤdten.“ „Das vermag ich nicht,“ antwortete der Geiſt: „du ſelber mußt es mit deinem Ring erſchlagen.“ Habed⸗il⸗Ruman that, was der Geiſt ihm ſagke; das Thier ſtieß ein graͤßliches Geſtoͤhn aus, und blieb bewegungslos liegen. Jetzo beruͤhrte der Prinz von Syrien den aufgeſchwollenen Schenkel mit dem Ringe, und gebot dem Talisman, daraus hervor zu kommen: der Schenkel oͤffnete ſich, und es kam ein Goldblech mit Zaubercharakteren beſchrieben zum Vorſchein. Habed⸗il⸗Ruman betrachtete ſie mit Aufmerkſam⸗ keit, und erkannte dieſelben Zuͤge, welche auf dem Ringe an ſeinem Finger eingegraben ſtanden. Als er nun die Macht und das Leben des Ungeheuers in ſei⸗ ner Gewalt ſah, ging er zu Rathe, auf welche Weiſe man die Erde von demſelben befreien ſollte: aber waͤh⸗ rend er ſeine Meinung aus einander ſetzte, ließ das gewoͤhnliche Getoͤſe und Erdbeben ſich hoͤren, welches Habed⸗il⸗Ruman und ſeine Gefaͤhrten. 167 ſtaͤts der Ruͤckkehr des Schwarzkuͤnſtlers in ſeinen Pa⸗ laſt voran ging. Der Mograby war durch den Ungehorſam ſeines Zauberſtaͤbchens ſeines Unſterns inne geworden. Er befand ſich gerade zu Muſſul mit einer ſeiner ge⸗ woͤhnlichen Unternehmungen beſchaͤftigt; er wollte ſei⸗ ner Medſchine, die gewoͤhnlich alles fuͤr ihn ausrichtete, etwas Wichtiges auftragen, als das Staͤbchen, anſtatt ſich auf ſeinen Fingern zu drehen, ihm entglitt und zerbrach. Da ergriff ihn Schrecken; er beſchloß, ſich auf der Stelle nach dem gewoͤhnlichen Mittelpunkt ſeiner Zau⸗ bereien zu begeben, um ſeine Buͤcher zu befragen. Seine eigenthuͤmliche Macht war vernichtet, aber die Mittel, welche er jetzt anwenden wollte, ob⸗ gleich ſie nicht von ihm kamen, leiſteten ihm noch die verlangten Dienſte. Es waren Federn des Vogels Feſſefſs, von welchen der Verruchte Gebrauch zu ma⸗ chen wagte, indem er ſie bei dem Namen Salomons beſchwur, dem ſie allen Gehorſam ſchuldig waren. Sie trugen ihn alsbald an den Fuß des Berges, deſſen Eingeweide ſich aufthaten, genoͤthigt durch das Ver⸗ brennen des gewoͤhnlichen Raͤucherwerks. Bei ſeiner Ankunft daheim, regte ſich nichts, ihm entgegen zu kommen, ſelbſt nicht einmal Jladſch⸗Ka⸗ dahé, der unterwuͤrfigſte und kriechendſte aller ſeiner Sklaven. Er wollte anhalten, um nachzuſinnen: aber 168 485. Tag. die Federn riſſen ihn mit Gewalt vorwaͤrts, und ſchleu⸗ derten ihn durch ein Fenſter mitten in das Zimmer, worin die Prinzen beim Mittagsmahle ſaſſen und ſich uͤber ſein Schickſal beriethen. Die Prinzeſſinn ſaß auf ihrer Stange dem Fen⸗ ſter gegenuͤber: da ſah ſie eine ſcheußliche Geſtalt wie einen Ballen herein plumpen, und trotz ſeiner laͤcherli⸗ chen Verkleidung, erkannte ſie ihn doch am Geruch, und rief aus: „Ahl da iſt unſer Scheuſal!“ Zu Muſuul hatte der Mograby ſich als Fakir verkleidet; ein ſchlechtes, ſchaͤbiges und zerriſſenes Schaaf⸗ fell bedeckte ſeinen halben Leib, der durch Wunden entſtellt war, von welchen etliche noch bluteten. Die Haare auf ſeinem Kopfe waren roth, ſtruppicht, und ſtarrten, ſo wie ſein Bart von derſelben Farbe, von dem ekelhafteſten Schmutze. Seine Augen waren die eines Beſeſſenen, und in ſeinen Zuͤgen malte ſich zu⸗ gleich Wuth, Schrecken und Verzweiflung: er hielt in der Hand noch das Meſſer, deſſen er ſich bedient hatte, ſeinen Leib zu zerfetzen, und trug um den Hals den Roſenkranz der Urgroßmutter des Prinzen von Damask, welchen er ſich zugeeignet hatte, und von welchem er ohne Zweifel Gebrauch machen wollte. Wen hatte er unter dieſer widerwaͤrtigen Geſtalt in Muſſul verfuͤhren wollend Man weiß es nicht: aber er war damals ſo ſcheußlich, daß ſein Anblick Habed il⸗Ruman und ſeine Gefaͤhrten. 169 auch minder ſtandhafte Seelen mit Entſetzen erfuͤllt haͤtte, als die der Gefaͤhrten, vor deren Augen er ge⸗ zwungen war zu erſcheinen. Er hatte noch ſo viel Kraft, ſich von ſeinem Falle aufzurichten; und als er ſeine Gattinn erblickte, die er wohl erkannte, hub er mit drohender Miene ſeinen mit dem Meſſer bewaffneten Arm auf, und ſprach: „Ihr Federn des Vogels Feſſefſé, ich befehle euch, mich gegen dieſe verruchte Hexe zu tragen!“ Habed⸗il⸗Ruman ſtand auf, machte eine Bewe⸗ gung mit der Hand, und rief aus: „Ihr Geiſter des Ringes, feſſelt dieſen Wuͤthenden!“. „Ha! Schlange, die ich an meinem Buſen naͤhrte, und zu lange ſchonte!“ ſprach der Schwarzkunſtler, ndu biſt es, der ſich gegen mich bewaffnet hat!“ „Hoͤr' auf zu laͤſtern, Verworfener! und noch mehr zu drohen,“ ſagte der Prinz von Syrien:„das Maaß deiner Graͤuel und Frevelthaten iſt erfuͤllt, und der Tod wird dich der Strafe uͤberliefern, welche du verdienſt. Moͤge das Grauſen vor den Qualen, welche dich erwarten, hier ſchon deine Pein beginnen! bedenke, wie boshaft du ſelber biſt, und daß du in die Haͤnde eines eben ſo boshaften Geiſtes fallen wirſt, und zit⸗ tere! Was mich betrifft, verruchter Schwarzkuͤnſtler! V Habedil⸗Ruman und ſeine Gefaͤhrten. 71 finden, aus der Schmach zu befreien, und ihnen die Freude gewaͤhren, den Tod des Wuͤthrichs mit anzu⸗ ſchauen?“ 3 „Prinz,“ antwortete Planeten⸗Schweſter,„um zu entzaubern, was ſich hier befindet, bedarf es einer Miſchung der Aſche des Mograby mit der ſeiner Ur⸗ heber in die Urne. Befiehl, daß er auf ſolche Weiſe verbrannt werde, daß ſeine Aſche nicht mit der Holz⸗ aſche des Scheiterhaufens um ihn vermengt werde. Du wuͤrdeſt uͤberdieß ſehr in Verlegenheit gerathen mit allen den Leuten, welche du dadurch auf dem Arme haͤtteſt. Wie reichlich auch die Vorraͤthe ſein moͤgen, uͤber welche wir zu ſchalten haben, ſo muß man ſich doch nicht in Nothwendigkeit verſetzen, dieſes Heer einen Tag laͤnger zu ernaͤhren, als noͤthig iſt, bevor ſie ſich zerſtreuen, und jeder in ſein Land heim kehren kann; und die bewohnten Gegenden ſind auf zwanzig Stunden von dieſem Berge entfernt. Die Maͤnner, wie die Frauen, welche ſich hier befinden, haben nicht die geringſte Vorſtellung von der Gewalt, welche ſie hieher gefuͤhrt hat, und die Todes⸗ ſtrafe des Schuldigen wuͤrde ſie nur erſchrecken, ohne ſie zu belehren. Man muß ſogar die Bezauberungen, welche uns umgeben, eher zerſtoͤren, als man ihnen die Augen oͤffnet. Viele von ihnen, mein Prinz, feh⸗ len ſchon ſeit langer Zeit den Ihrigen: ſie muͤßen Wohlſtand mit Heim bringen; und du haſt hier uner⸗ 1⸗0 485. 486. Tag. ſo wiſſe, daß der große Prophet mich zum Herrn dei⸗ ner Macht und deines Lebens gemacht hat.“ „Ich verfluche deinen Propheten!“ ſchrie der Mo⸗ graby mit raſender Stimme. „Geiſter des Ringes, leget dieſem Laͤſtermaul ei⸗ nen Knebel an!“ ſagte kaltbluͤtig der Prinz von Sy⸗ rien;„man ſchleppe ihn mitten auf den Hof ſeines Palaſts, dort werde er in vier Ketten geſchlagen und rings um ihn ein Scheiterhaufen errichtet, der ihn le⸗ bendig verbrennen ſoll. Erinnert euch, daß ich euch durch den Ring gebiete, welchen ich hier trage, aber im Namen Mahomeds, und daß ich ſelbſt den Anſchein des Ungehorſams ſtrenge ahnden werde.“ Vierhundert und ſechs und achtzigſter Tag. Auf dieſen Befehl, bei welchem die Geiſter ſelber vor Furcht zitterten, ergriffen ſie den Mograby, fuͤhr⸗ teu ihn hinweg, und feſſelten ihn mit vier Eiſenketten an einen ſtaͤhlernen Pfeiler, der mitten auf dem Hofe errichtet war. Als der Zauberer fort geſchafft war, wandte ſich Habed⸗il⸗Ruman zu der Prinzeſſinn von Aegypten, und ſagte zu ihr: „Prinzeſſinn, ſollen wir nicht auf der Stelle daran arbeiten, die menſchlichen Weſen, welche ſich hier be⸗ ——— 172 486, Tag. ſchoͤpfliche Schaͤtze, welche dich in den Stand ſetzen, dich großmuͤthig gegen ſie zu bezeigen.“ Kaum hatte die Prinzeſſinn von Aegypten dieſe Worte ausgeſprochen, als der Geiſt des Ringes er⸗ Mien und meldete: daß der Scheiterhaufen errichtet nde. „Man zuͤnde ihn an,“ gebot Habed⸗il⸗Ruman; paber man nehme dem Frevler nicht den Knebel ab: ich will, daß ſeine Gotteslaͤſterungen in ihm erſticken.“ „Du biſt gendthigt,“ ſagte die Prinzeſſinn,„ſeine Beſtrafung durch deine Gegenwart zu verſchaͤrfen. Du mußt den Talisman, an welchem ſein Leben haͤngt, mitten in die Glut werfen. Ich rathe dir, ſeinen Ring hinzu zu fuͤgen; man muß ſich einer ſo gefaͤhrlichen Macht entaͤußern als diejenige iſt, welche er dir ge⸗ waͤhrt: vermoͤchte ſie, mein Prinz, den Dom⸗Daniel zu zerſtoͤren, ſo wuͤrde ich dich auffordern, ihn zu be⸗ wahren; aber das iſt der Macht Mahomeds vorbehales ten. Geh mit den Prinzen, deinen Kampfgefaͤhrten, hin und holet alle Buͤcher des Schwarzkuͤnſtlers herbei: er ſoll alle Fruͤchte ſeiner Arbeiten mit ihm vernichtet ſehen; und moͤge ſeine verderbliche Kunſt mit ihnen zugleich vertilgt werden!“ Der Prinz von Syrien befolgte dieſen von der Klugheit angegebenen Rath. Der Talisman, die Buͤ⸗ cher, die Zaubertraͤnke, die Werkzeuge, kurz, alles was dem Mograby bei ſeinen Arbeiten gedient hatte, Habed⸗il⸗Ruman and ſeine Gefaͤhrten. 275 wurde alsbald von den Prinzen in die Glut geworfen, welche den Schwarzkuͤnſtler von allen Seiten umloderte. Aber das Leben verließ ihn nicht eher, als bis der aus dem Schenkel des raͤudigen Schaafs hervorgezogene Talisman durch die Gewalt des Feuers anfing zu ſchmelzen. Als hierauf auch der Ring zerſchmolz, ſah man den Palaſt und alle Gebaͤude und Anlagen ringsumher in Rauch aufgehen. Die vierfuͤßigen Thiere, die Voͤ⸗ gel, welche darin eingeſperrt waren„ kamen von allen Seiten hervor, und vermiſchten ſich mit dem Rothwild und anderen wilden Thieren; aber ein hoͤherer Trieb verſammelte binnen kurzer Zeit alle menſchlichen Ge⸗ ſchoͤpfe, die hier verwandelt waren, um die Prinzen, ihre Befreier. Dieſe ſahen ſich mit einmal von Pfer⸗ den, Kameelen und Elephanten umgeben, und darun⸗ ter ſogar Loͤwen und Tieger, ohne die ihnen eigene Wildheit. Der Leichnam des Schwarzkuͤnſtlers war nun in Aſche verwandelt; aber die ungeheure Hitze der Brand⸗ ſtaͤtte verſtattete noch nicht, ſich zu nahen, um ſie zu ſammeln. Unterdeſſen benutzte die Prinzeſſinn von Aegypten ihre gegenwaͤrtige Kleinheit und Leichtigkeit, erhub ſich uͤber dieſe neubelebte Menge, betrachtete ſie, kan dann wieder zu Habed⸗il⸗Ruman, und ſagte zu mt 174 486. Tag. „Prinz, dieß ſind die bisher ſo ungluͤcklichen We⸗ ſen, welche du ihrer Heimath, den Ihrigen, und ſo zu ſagen dem Leben wieder ſchenken wirſt; ſie werden zwar minder leicht zu regieren ſein, wenn du ihnen ihre natuͤrliche Geſtalt zuruͤckgegeben, als ſie es gegenwär⸗ tig zu ſein ſcheinen: aber du biſt durch Mahomed und dein Geſtirn zu dem Rechte berufen, ihnen allen zu gebieten. Du ſiehſt ſie hier erwarten, daß die Aſche des Schwarzkuͤnſtlers mit der Aſche ſeines Vaters und ſeiner Mutter vermiſcht werde und dir dazu diene, die Bezauberung zu vernichten, welche ſie unter ihre Gat⸗ tung hinab geſtoßen hat. Unterdeſſen, bis du dich mit dieſem troͤſtlichen Werke beſchaͤftigen kannſt, komm, in Begleitung deiner Gefaͤhrten, die Reichthuͤmer in Au⸗ genſchein zu nehmen, welche der Frevel des Schwarz⸗ kuͤnſtlers in ſeine Gewalt gebracht hatte; jedermann wird hier das ihm gehoͤrige wieder erkennen: aber alles das, was keinen Herrn findet, iſt allein dein Eigen⸗ thum.“ Die Prinzen gingen ſogleich unter Anfuͤhrung des Vogels nach den Schatzkammern des Schwarzkuͤnſt⸗ lers: die ſeltenſten und koſtbarſten Waaren lagen hier aufgeſpeichert; man ſah hier Haufen von goldenem und ſilbernem Geſchirre, Berge von Goldmuͤnzen in Beuteln, Gefaͤße von koͤſtlichen Steinen, mit Diamanten von der groͤßten Schoͤnheit gefuͤllt, und Vorraͤthe von Lebens⸗ mitteln, hinreichend ein ganzes Heer ins Feld zu ſtellen. Habed⸗il⸗Ruman und ſeine Gefaͤhrten. 175 „Hier iſt die Fäͤlle,“ ſagte die Prinzeſſinn,„um die Habgier minder edelmuͤthiger Prinzen zu reizen, als die ſind, mit denen ich rede. 1 Jeder von euch wird hier welche von ſeinen Un⸗ terthanen finden; dem Prinzen Habed⸗il⸗Ruman ge⸗ buͤhrt es, ihnen zu gebieten, daß ſie ſich unter den Fahnen ihrer angeſtammten Oberherren ſammeln; als⸗ dann werden die Rechte eines jeden anerkannt werden. Bevor wir aber nach dem Scheiterhaufen des Schwarzkuͤnſtlers zuruͤckkehren, will ich meinen Antheil von der Beute nehmen.“ 4 Mit dieſen Worten flog die Prinzeſſinn von Aegyp⸗ ten auf ein Stuͤck Flor herab, ergriff es mit ihrem Schnabel, faßte es in eine ihrer Krallen, und flog da⸗ mit weg. 3 Alle kehrten nach der Stelle zuruͤck, wo die Hand⸗ voll Aſche lag, in welche der ganze Leichnam des Mo⸗ graby verwandelt war. Habed⸗il⸗Ruman bemaͤchtigte ſich derſelben, zerbrach die goldene Urne, welche er in ſeinem Buſen trug, und brachte nun die Miſchung zu Stande.. „Damit iſt noch nicht alles gethan,“ ſagte der Vogel, auf dem Flortuche ſitzend, welches er mitge⸗ nommen hatte:„zuͤnde Raͤucherwerk an, mein Prinz, wirf alle Federn des Vogels Feſſefſé hinein, welche du. und deine Gefaͤhrten bewahrt habt, und gebeut ihnen, 276 486. 487. Tag. im Namen Salomons, die Aſche, welche du in die Luft werfen mußt, in alle vier Winde zu zerſtreuen.“ Der Prinz von Syrien gehorchte; und kaum war die Aſche verſtoben, als man ein wunderſames Ge⸗ toͤſe vernahm: es war ein Ausruf des Erſtaunens von zehntauſend Menſchen, welchen unvermuthet ihre menſch⸗ liche Geſtalt wiedergegeben worden. Vierhundert und ſieben und achtzigſter Tag. Habed⸗il⸗Ruman verlor keinen Augenblick: „Syrer,“ rief er,„ſammelt euch hinter mir! Tataren! das iſt euer Furſt; Chineſen, dieß hier iſt der eurige! Ihr Leute von Damask! Leute von Ci⸗ nigaé! ſammelt euch unter euren Oberhaͤuptern!“ Auf dieſen kurzen und beſtimmten Befehl ſah man das ganze Gewuͤhl, indem jeder ſich die Augen rieb, als wenn er aus einem tiefen Schlaf erwachte, ſich entwirren, und mit wunderſamer Geſchwindigkeit ge⸗ horchen. Als jedermann an ſeinem Platze war, kuͤn⸗ digten die Prinzen ihren Unterthanen an, daß auf den folgenden Tag die Abreiſe beſtimmt waͤre, und alle ſich bereit halten ſollten.. Da haͤtte man das Gewuͤhl ſehen ſollen! ein jeder tief im Gefilde umher nach ſeinen Kameelen, ſeinen Pferden, ſeinen Elephanten; und die Frauen nahmen Habed⸗il⸗Ruman und ſeine Gefaͤhrten. 177 Kinder bei der Hand, welche ſie nicht kannten, und beſorgten ihre kleinen Reiſebeduͤrfniſſe. Nach zwei Stunden hatte ein jeder heraus gefunden, was ihm gehoͤrte, und es herrſchte allgemeine und vollkommene Ordnung. 2 Dieſe, wie neugeborenen Menſchen fragten ſich unter einander:„Wo ſind wir?“ und keiner von ih⸗ nen wußte darauf zu antworten: aber alle waͤhnten, erſt geſtern an den Ort gekommen zu ſein, wo ſie ſich jetzo befanden. Habed⸗il⸗Ruman ward Herr von dreißig Elephan⸗ ten, ſechzig Kameelen, und von einer bedeutenden An⸗ zahl Pferde und Maulthiere. Seine Unterthanen muß⸗ ten die Schaͤtze des Mograby hervor holen und ſie auf die Laſtthiere vertheilen. Die Frauen und die fuͤr die Beſchwerden der Reiſe noch zu ſchwache Jugend ſollten in den kleinen Thuͤrmen auf den Ruͤcken der Elephan⸗ ten ſitzen. Fuͤr die ſechs Prinzen ſtanden praͤchtige Roſſe bereit. MNiitten in der allgemeinen Unruhe und der Sorge eines jeden fuͤr ſich felbſt, hatte man die Hara aus den Augen verloren: da erblickte Habed⸗il⸗Ruman auf einmal ein vom Haupte bis zu den Fuͤßen verſchleier⸗ tes Frauenbild, einige Schritte von ihm auf der Erde ſitzen und an einen Baum gelehnt. Er naͤherte ſich ihr, redete ſie an, und fragte: nVIII. 12 178 487. Tag. „Wer ſeid ihr, liebe Frau?“ „Eine arme Aegypterinn,“ antwortete die Frau. Auf dieſe kurze Antwort wollte der Prinz, wel⸗ cher die Stimme erkannte, ſeine Gefaͤhrten herbei ru⸗ fen, um ihr die gebuͤhrende Huldigung dar zu bringen, und ſagte zu ihr: 3 „Große Prinzeſſinn,—“ „Ich bin nichts,“ unterbrach ſie ihn;„mein Ungehorſam hat mich meiner Anſpruͤche auf die Krone, und was noch truͤbſeliger iſt, auf die vaͤterliche Zaͤrt⸗ lichkeit, verluſtig gemacht. Ich war durch freie Wahl das Weib des Mograby. Meine Augen wagen es nicht, ſich zum Himmel zu erheben, noch kann ich ſie ohne Beſchaͤmung gegen die Erde richten. Die Schande iſt mein Loos, und die Reue mein Troſt. Aber, edler Prinz, wenn ich gleich in allen Stuͤcken gefehlt habe, und wenn mir auch alles fehlt, ſo ſei du jedoch ſo großmuͤthig, dich meiner anzunehmen: ſetze mich auf einen dieſer Elephanten neben Frauen, welche durch meine Geſellſchaft nicht erniedrigt werden; ſorge du fuͤr die Aegypter, welche ſich hier unter der Menge befinden moͤgen: ich gehoͤre ganz meinem Wohl⸗ thaͤter an, ich bin nichts mehr fuͤr Aegypten. Ich wuͤnſchte, daß mein Vater nimmer das graͤß⸗ liche Schickſal vernaͤhme, welches ich mir bereitet hatte: aber ich habe ihn noch in der Verblendung des Goͤtzen⸗ dienſtes verlaſſen; ich muß eine Wallfahet nach Mekka Habed⸗il⸗Ruman und ſeine Gefaͤhrten. 279 und Buße thun, bis ich von dem großen Propheten die Gnade erlangt habe, den ungluͤcklichen und ehr⸗ wuͤrdigen Urheber meiner Tage den graͤulichen Irrthuͤ⸗ mern zu entreißen, in welche er verſunken iſt.“ Der Prinz Habed⸗il⸗Ruman war von dieſen Re⸗ den bis zu Thraͤnen geruͤhrt. Dieſer junge Prinz hatte noch keine anderen Frauen kennen gelernt, als die Koͤniginn ſeine Mutter; die Liebe war fuͤr ihn noch eine durchaus unbekannte Leidenſchaft. Die Erzaͤhlung der Aegyptiſchen Prinzeſſinn von ihren Abenteuern hatte ihm große Hochachtung und herzliche Theilnahme fuͤr ſie eingefloͤßt; die Klugheit, die Kenntnis, das edle Betragen, wovon ſie hier ſo ſtätige Beweiſe gegeben, hatten noch die Gefuͤhle er⸗ hoͤhet, welche er ſchon fuͤr ſie hegte; mit einem Worte, er war, bevor er ſie noch geſehen hatte, ohne es ſel⸗ ber zu wiſſen, leidenſchaftlich fuͤr ſie eingenommen. „Große Prinzeſſinn,“ ſprach er zu ihr,„zweifelſt du einen Augenblick daran, daß du unumſchraͤnkte Ge⸗ bieterinn alles deſſen biſt, was hier iſt? denkſt du, daß wir dieß Volk, ſo bald es ſich von ſeiner Betaͤubung erholt hat, in Unwiſſenheit daruͤber laſſen werden, wel⸗ chen Dank es dir ſchuldig iſt? und daß einer von uns einen Augenblick der Pflichten vergeſſen koͤnnte, welche dieß Gefuͤhl von ihm erheiſcht? Deer Thurm, in welchem du reiſen ſollſt, wird der Gegenſtand unſerer herzlichſten Huldigungen, ſo wie 487. Tag. unſerer ſorgfaͤltigſten Aufmerkſamkeit ſein. Deine klein⸗ ſten Wuͤnſche werden fuͤr uns Befehl, und unſer Ge⸗ horſam ohnegleichen ſein.“ 5 „Ach! Prinz,“ antwortete Planeten⸗Schweſter, „bedenke, daß du zu einer Frau redeſt, welche eine ausſchweifende Leidenſchaft, der ſie ſelber ſich hingege⸗ ben, der heiligſten aller Pflichten hat vergeſſen laſſen!“ Je mehr die ſchoͤne Prinzeſſinn von Aegypten ſich demüthigte, je hoͤher ſchien ſie ſich in den Augen Ha⸗ bed⸗il⸗Rumans zu erheben. Indeſſen ließ dieſer junge Prinz ſich durch eine aufkeimende Leidenſchaft nicht von der Erfullung ſeiner Pflichten abhalten. Als An⸗ fuͤhrer eines kleinen Heeres hatte er viel Arbeit, die Ordnung zu erhalten, den Marſch einzurichten, und fuͤr alle Beduͤrfniſſe zu ſorgen. Die Aſche des Vogels mußte zwar wieder den Berg zwingen, ihm den Durchgang zu eroͤffnen: aber er begriff nicht, wie die mit ihren Thuͤrmen beladenen Elephanten durch die unterirdiſchen Gewoͤlbe kommen ſollten, welche er kannte. Er hoffte alles von Salomons Gunſt. Er ſchmei⸗ chelte ſich, daß dieſer große Prophet die Mittel und Wege befoͤrdern wuͤrde, durch welche er den Auszug der zahlreichen, durch ſo viele Wunder erhaltenen Ka⸗ ravane zu erleichtern gedachte. Er beſprach ſich dar⸗ uͤber mit Planeten⸗Schweſter, bevor ſie ſich in ihren Thurm zu Ruhe begab.. ——.,— —j—— Habed⸗il⸗Ruman und ſeine Gefaͤhrten. 281 Der Prinz von Syrien theilte ihr zugleich eine Bemerkung mit, welche er gemacht hatte. Die Luft des Himmelſtrichs, worin ſie ſich befanden, hatte ſich ſehr veraͤndert; die Hitze war viel ſtaͤrker geworden. Die Sandhaufen, welche bisher auf den Hoͤhen der Berge zuruͤckgehalten waren, drohten bald, von hefti⸗ gen Winden getrieben, uͤber die Ebene herab zu ſtuͤrzen und ſie unfruchtbar zu machen, ſo daß die jetzo da⸗ ſelbſt verſammelten Thiere, aus Mangel an Nahrung, umkommen mußten: man mußte ihnen alſo einen Weg bahnen, um aus dieſem fuͤr ſie unbewohnbaren Orte zu entkommen. —— Vierhundert und acht und achtzigſter Tag. Waͤhrend er ſich mit dieſen Gedanken beſchaͤftigte, verfloß die Nacht, und der Klang von Kriegsmuſik, welche ſich in den ſechs kleinen Laͤgern hoͤren ließ, kuͤndigte an, daß alles ſich mit Anbruch des Tages in Bewegung ſetzen ſollte. Der Tag erſchien, und die Schaar der Syrer, welche Habed⸗il⸗Ruman anfuͤhrte, bildete die Vorhut, und brach auf. Der Prinz ſetzte ſein Roß in Galopp, und ſprengte ſeiner Schaar vor⸗ aus, um den Berg zu zwingen den Durchgang zu er⸗ oͤffnen; bei welcher Arbeit er keine Zeugen haben wollte. Bei der heftigen Erderſchuͤtterung gerieth das ganze 182 488. T a g. kleine Heer, welches ihm folgte, in Schrecken. Aber die Prinzen ſprengten durch die Reihen und hatten bald alle wieder beruhigt; nur ein Umſtand uͤberraſchte ſie ſelber, naͤmlich, das Forttreiben des Sandes, wel⸗ cher jetzo von den Hoͤhen der Berge herab ſtuͤrzte. Die daruͤber erſchrockenen Thiere des Feldes folgten dem Heereszuge nach. Der Prinz von Syrien hatte der Erde geboten, einen bequemen Durchgang zu eroͤffnen; ſie war ge⸗ horſam geweſen, und man traf nirgend auf ein Hin⸗ dernis, ſelbſt nicht in der Dunkelheit. Man gelangte an das Ufer der vormals ſo furchtbaren Quelle, und waͤhrend man ſich hier erfriſchte, verbot Habed⸗il⸗Ru⸗ man im Namen Salomons der Erde, ſich wieder zu ſchließen, damit auch den Thieren, welche dem Heere nachzogen, freier Durchgang bliebe. Der Weg, welchem die Prinzen folgten, fuͤhrte zu den Graͤnzen des Koͤnigreichs Tafilet.*) Man mußte zwanzig Stunden durch die Wuͤſte ziehen, bevor man in bewohnte Gegenden kam. Von dort konnte man in drei Tagen Nareka erreichen, die Hauptſtadt des Reichs, und den Sitz des Koͤnigs. In fuͤnf Tagen hat⸗ ten die Prinzen dieſen ganzen Weg zuruͤckgelegt, auf welchem ihnen keine Widerwaͤrtigkeit zuſtieß. *z Königreich und Stadt im Süden des Atlasgebirges. Habed⸗il⸗Ruman und ſeine Gefaͤhrten. 183 Der Koͤnig von Tafilet wurde von dem Anzuge der zahlreichſten und ſeltſamſten Karavane, ſo man je⸗ mals in ſeinen Staaten geſehen hatte,(benachrichtigt. Er ſchickte ihr Beamte entgegen, welche Habed⸗il⸗Ru⸗ man mit Geſchenken uͤberhaͤufte, indem er um Erlaub⸗ nis bitten ließ, auſſerhalb der Mauern der Hauptſtadt ſeine Schaaren lagern, und ſeine Waaren abladen zu laſſen, welche ſie geleiteten. Er war mit den Prinzen uͤberein gekommen, zu ſagen, ſie kaͤmen aus dem Koͤnigreiche Tombut*) und zoͤgen nach dem Meere, ſich dort einzuſchiffen. Das Anſehen des Anfuhrers und der Prinzen, welche mit ihm die Geſandten des Koͤnigs empfingen, floͤßte dieſen Ehrfurcht ein; und die praͤchtigen Waffen, wo⸗ mit man alle ausgeruͤſtet hatte, die im Stande waren, dergleichen zu tragen, erregten eine hohe Meinung von dieſem Zuge. Die gezaͤhmten Elephanten mit den Thuͤr⸗ men auf ihren Ruͤcken, waren ein neues Schauſpiel füͤr ein Volk, welches nur gewohnt war, ſie ganz wild zu ſehen. Angelangt in Nareka, begaben ſich die Prinzen zu dem Koͤnig, ihm ihre Ehrerbietung zu bezeigen. Auf ſeine Fragen erhielt derſelbe von ihnen keine andere Antwort, als daß ſie zu ihrer Belehrung reiſeten, un⸗ ter Anfuͤhrung des kundigſten von ihnen. Die praͤch⸗ *) Das jetzt eben ſo eifrig geſuchte Tombuktu im Herzen Afrika's. 184 488. Tag. tigſten Geſchenke begleiteten dieſe Erklaͤrung und gaben ihr Gewicht.. 7 1 Nach etlichen Ruhetagen ſetzten ſie ihren Weg fort, und erreichten die Kuͤſte, wo ein jeder Schiffe fuͤr ſich und die Seinen antraf. Es war nun die Stunde der Trennung gekommen; aber zuvor uͤber⸗ haͤufte Habed⸗il⸗Ruman noch ſeine Gefaͤhrten mit Reichthuͤmern, und verbreitete ſeine Wohlthaten uͤber alle diejenigen, welche er deren beduͤrftig erachtete. Die kluge und liebreiche Planeten⸗Schweſter hatte ſich im Stillen nach allem erkundigt, ſo daß ſie die Um⸗ ſtaͤnde aller Einzelnen der Karavane kannte, und war allem zuvor gekommen. Staͤts mit ihrem Schleier be⸗ deckt, leitete ſie den Prinzen von Syrien bei ſeinen Handlungen der Wohlthaͤtigkeit, und ließ ihm tauſend⸗ fachen Genuß in der Ausuͤbung dieſer Tugend finden; um ſo mehr, als ſie ihm dadurch Gelegenheit gab, ſich noch mehr ihre Hochachtung zu verdienen, auf welche er ſchon eiferſuͤchtig zu werden begann. Die Prinzen trennten ſich mit großen Freund⸗ ſchaftsverſicherungen, und verſprachen einander bei allen Gelegenheiten Beweiſe davon zu geben. Sie ſchifften ſich ein, und fuhren, jeder nach ſeinem vaͤterlichen Reiche, wo ihre Heimkehr und die Abenteuer, welche ſie zu erzaͤhlen hatten, eine ſehr angenehme Ueberra⸗ ſchung, und ſogar eine Veraͤnderung in der Denkweiſe hervorbringen mußten: aber es iſt uns unmoͤglich, ihre Habed⸗il⸗Ruman und Planeten⸗Schweſter. 185 ferneren Schickſale zu verfolgen, weil wir es hier in⸗ ſonderheit nur mit der Geſchichte des Prinzen von Syrien, des Vertilgers des verruchten Mograby, zu thun haben; und ſeine ͤbrigen Abenteuer wollen wir nun noch erzaͤhlen. Habed⸗il⸗Ruman und Planeten⸗ Schweſter. Da er keinen Aufwand zu ſcheuen brauchte, ſo hatte er bald zwoͤlf Fahrzeuge erkauft, worin er alle ſeine Leute einſchiffen konnte. Er behielt von allen Thieren, welche das kleine Heer ſeiner Karavane be⸗ gleitet hatten, nur den weißen Elephanten, auf wel⸗ chem die Prinzeſſinn den Landweg gemacht, und ſein eigenes Roß. Nach der gluͤcklichſten Ueberfahrt, landete er an den Kuͤſten von Syrien. Sobald Habed⸗il⸗Ruman den Erdboden ſeines vaͤterlichen Reichs betreten hatte, ſandte er, aus Furcht vor einer zu ploͤtzlichen Ueberraſchung, an die Urheber ſeiner Tage einen vornehmen Syrer mit einem Briefe, der ihnen ſeine Ankunft verkuͤndigte. Die Kette der Begebenheiten hat uns ſo weit von dem Hofe von Syrien verſchlagen, daß es uns nicht moͤglich war, ſeitdem wir Habed⸗- il⸗Kalib und Elmennur durch die Entfuͤhrung ihres Sohnes in 186 488. 489. Tag. tiefen Schmerz verſenkt ſahen, einen Blick auf dasje⸗ nige zu werfen, was weiter dort vorgegangen iſt. Wir haͤtten da viele Thraͤnen vergießen ſehen: aber der Rath des Scheichs, der Habed⸗il⸗Rumans Hofmei⸗ ſter war, bewahrte die zaͤrtlichen Aeltern davor, ſich der Verzweiflung hinzugeben. Er forderte den Koͤnig auf, oͤffentliche Gebete anſtellen zu laſſen; es verging kein Augenblick des Ta⸗ ges oder der Nacht, wo nicht ein Muſelmann auf ſeinen Knieen in der großen Moſchee den Schirm Mahomeds fuͤr den jungen und ungluͤcklichen Prinzen anflehte. „Herr,“ ſagte der fromme Scheich,„Satanai bat in gewiſſen Stunden eine ſehr große Macht auf Er⸗ den; man muß alſo durch einen ununterbrochenen Wi⸗ derſtand bewirken, daß er zu keiner Zeit freie Gewalt habe, deinem Sohne Boͤſes zu thun, und du wirſt end⸗ lich uͤber ihn den Sieg davon tragen.“ Der Koͤnig ſelber brachte ein Drittheil des Tages in der großen Moſchee zu, und Elmennur haͤtte Nacht und Tag darin bleiben moͤgen, um unablaͤßig fuͤr das Heil ihres Kindes zu wachen. Vierhundert und neun und achtzigſter Tag. In dieſer Lage befand ſich alles an dem Hofe von Syrien, und noch hatte nichts Erheiterung darin ge⸗ Habedoil⸗Ruman und Planeten⸗Schweſter. 187 bracht, als eines Tages der Hofnarr, in demſelben Augenblick, wo ſeine Naſe ihn ungemeinem Gelaͤchter ausſetzte, ploͤtzlich die große Warze, welche ſie ſo ſehr entſtellte, verſchwunden fuͤhlte. Jedermann erſtaunte über dieß Ereignis. Es kam auch zur Kenntnis des Scheichs, und dieſer begab ſich auf der Stelle zu dem Koͤnige. „Herr,“ ſprach er zu ihm,„ein Gluͤck koͤmmt niemals allein. Der Mograby hatte euern Verſchnit⸗ tenen wahrhaft gekraͤnkt, indem er ihn alſo entſtellte; die Bosheit dieſes verruchten Zauberers iſt nothwendig beharrlich: und ſiehe, eine ihrer Wirkungen iſt gegen⸗ waͤrtig verſchwunden; ich ahne daraus die Abnahme ſeiner Macht. Laßt uns in der Moſchee Dank dafuͤr ſagen.“ Einen Monat darauf empfing Habed⸗il⸗Kaleb den Brief ſeines Sohnes. Er befehligte auf der Stelle viertauſend Mann ſeiner Reiterei, Habed⸗il⸗Ruman entgegen zu ziehen. Man warf im Palaſt, in der Stadt die Trauer ab. Elmennur war außer ſich vor Freuden; der alte Veſyr, ihr Vater, wollte ſelber die Anfuͤhrung der entgegengeſandten Leibwache uͤbernehmen, und der alte Scheich ruͤſtete ſich, ihm gemaͤchlich auf einem Kameele zu folgen. Die zur Einholung des Prinzen von Syrien ab⸗ geſchickte Schaar war uͤberraſcht durch die ſchoͤne Ord⸗ 188 439. Tag. nung, in welcher ſie die ſeinige daher ziehen ſah; er ſelber auf einem praͤchtigen Roſſe, ritt an der Spitze, und zeichnete ſich vor allen aus. Er ſprengte voraus, und warf ſich in die Arme ſeines Großvaters und ſei⸗ nes Lehrers, und alle ſetzten nun vereinigt den Weg nach der Hauptſtadt fort. Das Volk ſtroͤmte haufenweiſe daraus hervor, ſei⸗ nem kuͤnftigen Beherrſcher entgegen, zog mit Freuden⸗ geſchrei vor ihm her, und beſtreute ſeinen Weg bis zum Palaſt mit Blumen. Er kam endlich dort an, und wurde von Habed⸗il⸗Kalib und Elmennur als der einzige Gegenſtand ihrer Zaͤrtlichkeit empfangen, welchen eine beſondere Gnade des Himmels ihnen wieder geſchenkt hatte. Sie badeten ihn in ihren Thraͤ⸗ nen der Freude und der Zaͤrtlichkeit, und wurden von den ſeinigen gebadet. Habed⸗ il⸗Ruman erſuchte hierauf, in einem ru⸗ higen Augenblick, ſeine Mutter, das Oberhaupt der Verſchnittenen mit einer Saͤnfte der Prinzeſſinn von Aegypten entgegen zu ſchicken, und bat ſie, dieſelbe freundlich bei ſich aufzunehmen, und ſie als diejenige zu behandeln, der er, naͤchſt Gott und Mahomed, ſeine Rettung verdankte. Im Palaſt erzaͤhlte er ſodann, in Gegenwart des Veſyrs und des Scheichs, ſeine Aben⸗ teuer und die anziehende Geſchichte der Planeten⸗ Schweſter. Von neuem floſſen die Thraͤnen, deren 5 1 —— Habed⸗il⸗Ruman und Planeten⸗Schweſter. 289 Quelle wechſelsweiſe Mitleid, Furcht und Ruͤhrung waren. H Ban Elmennur eilte der Prinzeſſinn entgegen, deren Ankunft ihr verkuͤndigt wurde, und fuͤhrte ſie auf der Stelle, ſo wie ſie es wuͤnſchte, in die fuͤr ſie beſtimm⸗ ten Zimmer. n Planeten⸗Schweſter legte jetzt zum erſtenmale den Schleier ab, ſeitdem ſie ſich auf den Hoͤhen des Atlas⸗Gebirges damit bedeckt hatte. Sie hatte ſich nicht einmal den Syriſchen Frauen gezeigt, welche Habed⸗il⸗Ruman ihr zur Bedienung gegeben; ſie wollte ſogar das Geruͤcht vermeiden, welches ihre ungemeine Schoͤnheit haͤtte erregen koͤnnen. Elmennur, welche ſie zaͤrtlich umarmte, war ganz in Erſtaunen daruͤber. „Ach, Koͤniginn,“ ſagte die Prinzeſſinn mit ſchmerz⸗ lichem Tone,„laſſet ab, dasjenige zu preiſen, was mein Verderben verurſacht hat. Ohne dieſes unſelige Geſchenk waͤre ich meinem Vater gehorſam, geehrt und tugendhaft geblieben; ich waͤre noch eine Koͤnigs⸗ tochter, ſelber dereinſt zu herrſchen beſtimmt: und jetzo bin ich nichts, als die ſchuldvolle Wittwe eines Unge⸗ heuers, fuͤr mein ganzes uͤbriges Leben dem Schmerz und der Reue hingegeben; gezwungen, allem zu ent⸗ ſagen, außer dem Gebet und der Zuruͤckgezogenheit.— Erzeiget mir die Gnade, Koͤniginn,“ fuhr die untrͤſt⸗ liche Schoͤnheit fort,„und gewaͤhret mir Mittel, durch einen Brief die Verzeihung meines Vaters anzuflehen; 489. Tag. erlaubet mir dazu einen eurer Eilboten. Die Ehre eures Schutzes iſt es allein, was mich zu dieſem kuͤh⸗ nen Schritte ermuntern konnte, und ich kann ihn nicht bald genug thun, um mein Herz von der druͤckendſten aller Laſten zu befreien.“ Elmennur, innigſt geruͤhrt, erbot ſich zu allem was ſie nur von ihr verlangen koͤnnte, und kam allen ihren Wuͤnſchen zuvor. Im Vertrauen hierauf, bat die Prinzeſſinn um Erlaubnis, auf der Stelle an ihren Vater zu ſchreiben. „An den Koͤnig von Aegypten. Herr, eine ungehorſame Sklavinn, welche das Recht verſcherzt hat, Euch ihren Vater zu nennen, fleht euer Mitleid an: nachdem ihr Ungluͤck ſie uͤber ihre Pflichten belehrt hat, iſt ſie Muſelmaͤnnin gewor⸗ den, und durch die ausgezeichnete Obhut des großen Propheten, deſſen Grab zu beſuchen, ſie Euch um Er⸗ laubnis bittet, dem ungluͤckſeligen Zuſtande entriſſen, welchen ſie ſich ſelber zugezogen hat. Mit meiner ver⸗ haͤngnisvollen und ſtrafbaren Elnwilligung, wurde ich Euch, Herr, durch einen Zauberer entfuͤhrt, welcher das boshafteſte Ungeheuer auf Erden, und ein Genoſſe des graͤulichen Goͤtzen Baal war; ich habe Gelegen⸗ beit gehabt, die falſchen Gottheiten ſeiner Art, ſo wie ihre Guͤnſtlinge und Diener kennen zu lernen. Ich — — Habedo⸗il⸗Ruman und Plaueten⸗Schweſter. 291 verzeihe mir die Dreiſtigkeit, an Euch zu ſchreiben, weil ich es thue, damit Ihr gegen diejenigen auf Eu⸗ rer Hut ſeid, welche mich verderbt haben, und Euch gleichfalls verderben wollen. Wenn die Zauberin, welche Ihr mir zur Hofmeiſterinn gegeben habt, ſich wieder blicken laͤßt, ſo laßt ſie verbrennen, zugleich mit dem Bllde ihres Goͤtzen. Ich ſchreibe Euch dieß, mein Vater, am Hofe des Koͤnigs von Syrien, wo ich mit zuviel Guͤte auf⸗ genommen worden; hier will ich Eure Befehle erwarten. Nehmet keinen Anſtand, ich beſchwoͤre Euch darum, Euch einen Koran geben zu laſſen; dieß Buch allein iſt wahrhaft: alle Buͤcher Eurer Prieſter enthalten nur Lug und Trug. Eine einzige Zeile dieſes Werks hat Eure ſchuldbeladene Tochter von einer Qual befreiet, von welcher es unmdglich iſt ſich eine Vorſtellung zu machen; moͤchtet Ihr dieſelbe mit Vertrauen, mit Ueberzeugung leſen! ſie lautet alſo:„Gott allein iſt Gott, und Mahomed iſt ſein Prophet!“ Planeten⸗Schweſter uͤbergab dieſen Brief an Elmennur; die ſchoͤne Koͤniginn und Habed⸗il⸗Kalib fuͤgten ihrerſeits Briefe bei, und ein Bote wurde da⸗ mit an den Koͤnig von Aegypten abgefertigt. Unterdeſſen bereitete man in Thadmor alles zu der Wallfahrt der Prinzeſſinn von Aegypten: zehntau⸗ 192 489. Tag. ſend auserleſene Reiter waren zu ihrer Begleitung be⸗ ſtimmt, und Habed⸗il⸗Ruman, durch eigene Andacht und durch ein ehrerbietiges, aber zugleich ſehr zaͤrtli⸗ ches Gefuͤhl für eine Frau angetrieben, welche er noch nicht geſehen hatte, und niemals hoffte zu ſehen, trach⸗ ber nach der Ehre an der Spitze dieſer Bedeckung zu ehen. O—9Bô Vierhundert und neunzigſter Tag. Elmennur kannte den Zuſtand des Herzens ihres Sohnes beſſer, als er ſelber, und konnte ihn nicht ta⸗ deln, ſo hinreißend fand ſie die Reize der Planeten⸗ Schweſter: aber ſie verzweifelte daran, daß ihr Sohn dieſe Prinzeſſinn jemals bewegen koͤnnte, ihrem gefaß⸗ ten Entſchluſſe zu entſagen, wodurch ſie ſich gaͤnzlich einem bußfertigen Leben weihete. „Ah! Prinzeſſinn,“ ſprach ſie zu ihr,„wollt ihr euch denn mit ein und zwanzig Jahren lebendig begra⸗ ben? wollt ihr die Erde ihrer ſchoͤnſten Zierde berau⸗ ben? Wollt ihr den Koͤnig von Aegypten, der ſo gluͤck⸗ lich iſt, euch wieder gefunden zu haben, nachdem er ſchon waͤhnte, euch fuͤr immer verloren zu haben, der Genugthuung berauben, euch auf ſeinen Thron zu ſehen, fuͤr welchen ihr geboren ſeid? Ihr ſeid zu ſtrenge gegen euch ſelber; eure Jugend, eure Unerfah⸗ Habed⸗il⸗Ruman und Planeten⸗Schweſter. 193 renheit, und die faſt unwiderſtehliche Gewalt der zu, eurer Verfuͤhrung angewandten uͤbernatuͤrlichen Mittel, alles zuſammen entſchuldigt euch. „Nein, Koͤniginn,“ antwortete die Prinzeſſinn; „und wenn ich glauben koͤnnte, was ihr mir da ſaget, ſo wuͤrde ich zittern, in euren Augen eben ſo veraͤcht⸗ lich zu erſcheinen, als ich es in den meinigen ſein wuͤrde. Ich habe das Gift gierig eingeſogen, welches ſich in mein Herz einſchlich. Ich ſcheute den ernſten Sinn eines Gatten, welchen der Koͤnig mein Vater mir geben wollte, wohl wiſſend, welche treffliche Wahl er fuͤr die Beherrſchung ſeines Volks getroffen hatte. Endlich, indem ich mich meinem Entfuͤhrer hingab, em⸗ poͤrte ſich mein Blut in meinen Adern und mahnte mich an meinen Vater: aber ich hoͤrte nicht auf dieſe uͤbernatuͤrliche Warnung; ich gab mich der Zauberei und dem Zauberer hin, und trotzte den heilſamen Wei⸗ ſungen, welche mir im Traume gegeben wurden, und einer geheimen Stimme, welche mich zum Mistrauen aufforderte. Die Unwiſſenheit mag zu entſchuldigen ſein: ich aber, verehrte Koͤniginn, ich bin es nicht; der Mis⸗ brauch, welchen ich von den Gaben, die miir die Na⸗ tur verliehen, und von den mir vom Himmel geſandten Rettungsmitteln gemacht habe, verurſacht gegenwaͤrtig VIII. 13 194 490. Tag. meine tiefeſte Beſchaͤmung. Koͤnnte es uͤbrigens irgend einen Prinzen von Hoheit der Seele auf Erden geben, welcher die Hand der Wittwe des Mograby annehmen wollte, einer Frau, welche ſich mit dem Laſter ſelber vermaͤhlt hat?“ „Ah! Prinzeſſinn,“ ſagte Elmennur,„reichet mir dieſe ſchoͤne Hand, daß ich ſie auf mein Herz lege! Wenn alle Menſchen ſich ſelber ſo pruͤften, wie ihr es thut, ſo wuͤrden ſie von dem Gerichte des Himmels nichts zu fuͤrchten haben.“ Alles war nun in Thadmor zur Abreiſe der er⸗ lauchten Pilgerin in Bewegung: eine unzaͤhlbare Menge wollte ſie begleiten, die aus den Haͤnden des Mograby durch Mahomeds Macht erretteten Syrer aus Schul⸗ digkeit, und funfzigtauſend andere Unterthanen des Koͤnigs von Syrien aus Dankbarkeit fuͤr die Wohlthat, daß ihnen der Himmel ihren liebenswuͤrdigen Prinzen wiedergeſchenkt hatte. Das Gerucht, welches ſich in den benachbarten Gegenden von der Schoͤnheit und der Sicherheit einer Karavane verbreitete, deren Bedeckung von dem einzi⸗ gen Sohn eines maͤchtigen Koͤnigs befehligt wurde, bot der Andacht der Muſelmaͤnner eine ſo ſchoͤne Gelegen⸗ heit dar, daß von allen Seiten Pilger herbei ſtroͤmten: aber es kam noch jemand von ganz anderer Bedeu⸗ tung herbei, naͤmlich, der Koͤnig von Aegypten. Habed⸗il⸗Ruman und Planeten⸗ Schweſter. 195 Dieſer Fuͤrſt wurde ſeit der Entfüͤhrung ſeiner Tochter, welche ihm ein unbegreifliches Ereignis blieb, uͤber den Verluſt eines ſo geliebten Kindes, in Gram verzehrt. Die Goͤtzen⸗Prieſter, welche er befragt hatte, ver⸗ ſicherten vergeblich, daß er es als das groͤßte Gluͤck an⸗ ſehen muͤße, weil ſeine Tochter in die Gewalt des Gottes ſelber entruͤckt, und aller ſeiner Ehren und aller ſeinen Guͤnſtlingen beſchiedenen Gluͤckſeligkeit theilhaf⸗ tig geworden: ein tiefes Gefuͤhl in ihm widerſtrebte dieſer Ueberredung, und dieſe Stimmung ſeiner Seele wurde fortwaͤhrend durch Traͤume unterhalten. Man kann ſich nun denken, welche Wirkung der Brief der Tochter auf dieſen Fuͤrſten machte. Die Freude, ſie wiedergefunden zu haben, war ſein erſtes Gefuͤhl: aber ſie klagte ſich ſelber als ſchuldig an; aber ein Verfuͤhrer war dabei im Spiel, und Baal war ſein Gehuͤlfe geweſen; aber durch die Argliſt ih⸗ rer Hofmeiſterinn war ſie in ein graͤßliches Ungluͤck geſtuͤrzt, aus welchem eine einzige Zeile des Korans ſie errettet hatte. Er las dieſe Zeile zu wiederholten Malen:„Ganz Aſien,“ ſprach er,„hat ſich dem Geſetze Mahomeds unterworfen, und es verkuͤndigt einen einzigen Gott: ſollte Baal nur ein Hirngeſpinſt ſein? was ſage ich? ein Hirngeſpinſt nimmt nicht an Schandthaten Theil!“ 1 1965 490, Tag. Dieſe Betrachtungen verwickelten ihn in ſeltſame Widerſpruͤche. Nach dem Briefe ſeiner Tochter, las er auch die Schreiben des Koͤnigs und der Koͤniginn von Syrien, welche ſich Gluͤck wuͤnſchten, daß ſie einen ſolchen Schatz von Schoͤnheit, Wiſſenſchaft, Klugheit und Tugend fuͤr ihn aufbewahren koͤnnten, und dieſer Schatz war die reizende Planeten⸗Schweſter, war ſeine Tochter, fuͤr welche man ein ihres Ranges und ihrer Geburt wuͤrdiges Gefolge ausruͤſtete: der Koͤnig waͤhnte zu traͤumen. Unterdeſſen blieb ſeiner Neugierde noch uͤbrig, den Geſandten, der ihm die Briefe uͤber⸗ bracht, zu befragen: er vernahm von ihm, daß die Prinzeſſinn mit dem Prinzen Habed-⸗il⸗Ruman und dreitauſend Syrer und Syrerinnen in Syrien ange⸗ kommen, nachdem ſie durch die Gnade Gottes und ſeines Propheten aus den Gefaͤngniſſen eines Zauberers, genannt der Mograby, und Sklave und Guͤnſtling aller Teufel der Hoͤlle, befreiet worden. Die Ungeduld erlaubte dem Koͤnige nicht, laͤnger zu Maſſer zu verweilen: er ließ ſeinen zum Nachfolger beſtimmten Neffen rufen, der damals das Amt des Groß⸗BVeſyrs verſah; er hatte ihn mit einer Verwand⸗ ten vermaͤhlt, und ſchenkte ihm ſein ganzes Vertrauen. Er theilte ihm alle ſeine Neuigkeiten mit, ſo wie ſeinen Vorſatz, ſich auf der Stelle nach Syrien zu begeben: die Zuruͤſtungen waren bald gemacht, und die Reiſe wurde ſchleunigſt angetreten. 1 b I V V —— Habed⸗il⸗Ruman und Plaueten ⸗Schweſter. 197 Planeten⸗Schweſter ſah, anſtatt einer Antwort auf ihren Brief, ihren Vater ſelber ankommen: der Koͤnig und die Koͤniginn von Syrien waren Zeugen ihres ruͤhrenden Wiederſehens. Ah! wie viel leichter fand die ſchoͤne Suͤnderinn in den Augen ihres Vaters Gnade, als in den ihri⸗ gen! Er umarmte ſie mit Entzuͤcken der Zaͤrtlichkeit, und beſchloß damit, daß er ſich ſelber alle ihre Ver⸗ gehen zurechnete. Miit großer Ungeduld verlangte er den Prinzen Habed⸗il⸗Ruman zu ſehen, dem ſeine Tochter ſo viel Verpflichtungen hatte. Planeten⸗Schweſter erſchien jetzo zum erſtenmal ohne Schleier vor Habed: ſie ſchlug die Augen bei ſeinem Eintritte nieder, aber eine flam⸗ mende Roͤthe, welche das Geſicht der einen, wie des andern uͤberzog, konnte wohl wahrnehmen laſſen, daß, wenn gleich ihr Mund ſich noch nicht erklaͤrt hatte, ihre Herzen ſich doch ſchon laͤngſt verſtanden. Der Koͤnig von Aegypten machte dem jungen Prinzen alle erdenklichen Liebkoſungen, und kuͤndigte an, daß er ſelber der Karavane folgen wollte, welche im Begriff waͤre nach Mekka zu ziehen: ſeine reizende Tochter war nunmehr auf dem Gipfel der Freude. Die Wallfahrt nach Mekka iſt eine gar ernſtliche Handlung; mancherlei Gnaden ſind damit verknuͤpft. Die ſchoͤne Prinzeſſinn von Aegypten wurde daſelbſt von ihrem uͤbertriebenen Bedenken wegen einer neuen Vermaͤhlung geheilt; ſie entſchloß ſich, die Wuͤnſche des Prinzen Habed, ihres Andachtsgefaͤhrten, zu er⸗ hoͤren: ſie that ohne Zweifel wohl daran, aber ſie hatte auch Zeit gehabt, den Pilger kennen zu lernen,— beſſer als die Scheinheilige von Damask den ihrigen. ———— Geſchichte Moradbaks. ——— Vierhundert und ein und neunzigſter Tag. Huddſchadſch, einer der beruͤhmten Koͤnige von Perſien, litt an einer ſo großen Schlafloſigkeit, wie noch nie erhoͤrt war; ſie erhitzte ihm das Blut ſo un⸗ geheuer, daß er grauſam und unmenſchlich ward, da er zuvor guͤtig und menſchlich war, als er noch der Ruhe genoß, wie die uͤbrigen Menſchen. Er hatte ſeit zwanzig Jahren alle Mittel der Weiſen und der beruͤhmten Aerzte des Morgenlandes angewandt: aber alle ihre Rathſchlaͤge, alle ihre Ver⸗ ordnungen waren fruchtlos geweſen. Zuletzt, da er gar nicht mehr mußte, zu welchem Mittel er greifen ſollte, um den Schlaf wieder zu finden, befahl er ſei⸗ nem Veſyr, der gewoͤhnlich bei ihm wachte, einen Mann Namens Fitsad herauf kommen zu laſſen, 200 491. T a g. der die Thuͤren ſeines Palaſts und eines beſondern, damit verbundenen Gefaͤngniſſes zu bewachen hatte. Huddſchadſch glaubte, daß ein Menſch von einer ſo ſitzenden Lebensart, wie ein Thuͤrhuͤter und Kerker⸗ meeiiſter, von vielen Leuten die Geſchichte ihres Lebens oder ihrer Unfaͤlle gehoͤrt haben muͤßte, und daß dieſe Erzaͤhlungen ihm vielleicht den Schlaf wieder verſchaf⸗ fen wuͤrden. Als Fitéad ihm vorgefuͤhrt war, ſprach er zu ihm: „Ich kann nicht ſchlafen, und du ſollſt mir Ge— ſchichten erzaͤhlen.“ „Ach! mein erhabener Gebieter,“ ſagte Fitéad, „ich kann nicht leſen, und habe gar kein Gedaͤchtnis; ich habe mich ſtaͤts damit begnuͤgt, die Palaſtthuͤren Euer Majeſtaͤt puͤnktlich zu oͤffnen und zu ſchließen, und die mir anvertrauten Gefangenen treulich zu be⸗ wachen; ich habe niemals an ſonſt etwas gedacht.“ „Ich glaube, daß du die Wahrheit ſagſt,“ er⸗ wiederte Huddſchadſch:„aber wofern du mir nicht jemand verſchaffſt, der mir Geſchichten erzaͤhlt, welche mich einſchlaͤfern, oder mich ergetzen koͤnnen, wenn ich nicht ſchlafen kann, ſo laſſe ich dich hinrichten. Geh; ich gebe dir vier Tage Zeit, mir zu gehorchen: wo nicht, ſo halte ich dir Wort.“ Fitéad ſagte im Weggehen bei ſich ſelber: „Nimmer kann ich das leiſten, was der Koͤnig von mir fordert; es bleiht mir nichts anderes uͤbrig, Moradbak. 201 als das Land zu verlaſſen und mein Heil anderswo zu ſuchen.“ Indeſſen durchwanderte er die Stadt und fragte alle, die ihm begegneten, ob ſie niemand kennten, der Geſchichten oder Maͤhrchen zu erzaͤhlen wuͤßte, welche einzuſchlaͤfern vermoͤchten: aber jedermann verlachte ihn uͤber ſeine Frage, und ließ ihn in ſeiner Verlegen⸗ heit. Sehr betruͤbt und kummervoll kam er heim. Fitéad war Wittwer, und hatte eine Tochter von etwa zwoͤlf Jahren, die ſehr ſchoͤn war und viel Geiſt hatte; ſie hieß Moradbak.*) Sie bemerkte bald den Kummer, der ihren Vater verzehrte, und befragte ihn deshalb ſo theilnehmend, daß er ſogleich ihre Neu⸗ gierde befriedigte. Moradbak beſchwur ihn, ſich nicht deshalb zu betruͤben, ſondern ſein Vertrauen auf Gott zu ſetzen, und verſicherte dabei, daß ſie am naͤchſten Tage ſchon zu finden hoffe, was der Koͤnig binnen drei Tage verlangte; und Fitéad erwartete mit Unge⸗ duld die Erfuͤllung der Zuſage ſeiner Tochter. 1 Als die Nacht gekommen war, ging Moradbak in ihr Zimmer; ſie hub die Matte zwiſchen ihrem Bette und der Wand auf, ſtieg in das unterirdiſche Gefaͤng⸗ nis hinab, bis an das Eiſengitter, um den weiſen Abum lek uͤber eine ſo bedenkliche Angelegenheit zu befragen. 4 *) Moradbak bedeutet erfülltes Verlangen. 202 491. Tag. Zum Verſtaͤndniſſe dieſes Schrittes, muß man wiſſen, daß der Koͤnig Huddſchadſch vorlaͤngſt dieſen großen Mann hatte ins Gefaͤngnis werfen laſſen, mit dem Befehl, ihm nichts anders als Waſſer und Brot zur Nahrung zu reichen, und ihn mit niemand reden zu laſſen, wer es auch ſein moͤchte. Der Fuͤrſt hatte des weiſen Mannes, ſo wie ſeiner eigenen Befehle gaͤnzlich vergeſſen, welche er ſchon vor funfzehn Jah⸗ ren ertheilt hatte. Dieſer Weiſe, der es keinesweges darin war, daß er einen Koͤnig zurecht weiſen wollte, war in der Hoffnung an den Hof dieſes Koͤnigs ge⸗ kommen, ſeine Schlafloſigkeit heilen zu koͤnnen; und um dieß zu bewirken, hatte er ihm vorgeſtellt, wie ſehr die Grauſamkeit die Schaͤrfe des Bluts vermehrte, und den Schlaf verſcheuchen muͤßte: aber er war fuͤr dieſe heilſame Warnung durch ein Gefaͤngnis beſtraft worden, welches grauſamer war, als der Tod. Es war damals ungefaͤhr drei Jahre, daß die junge Mo⸗ radbak in ihrem Zimmer mit einem Vogel ſpielte, der ſeit einigen Tagen ihr einziger Zeitvertreib war; nun hatte ſie hinter ihrem Bette eine Matte, und hinter dieſer Matte eine Stelle der Wand entdeckt, welche ſo ſchlecht gemauert war, daß ſie einige Oeffnungen hatte, in welche ihr geliebter Vogel hineinſchluͤpfte. Vergeblich ſuchte ſie ihn durch ihren Ruf wieder hervor zu locken, und geruͤhrt von den Klagelauten des klei⸗ nen Thiers, nahm ſie einige Steine aus der Wand, Moradbak. 203 und zwar mit ſolcher Leichtigkeit, daß ſie binnen kur⸗ zer Zeit in ein Gewoͤlbe gelangte, deſſen Thuͤre ſo nachlaͤßig vermauert worden war. Moradbak fing ſo ihren Vogel wieder, und aus Furcht, geſcholten zu werden, daß ſie die Mauer zerbrochen, verdeckte ſie ſorgfaͤltig den Eingang des Gewoͤlbes mit der Matte, ſo daß man ihn gar nicht bemerken konnte. Die Ju⸗ gend iſt aber neugierig. Dieſes Gewoͤlbe, ſo grauen⸗ voll es bei dem erſten Anblicke ſchien, war breit und hoch genug, daß ein Menſch durchkriechen konnte. Moradbak gewoͤhnte ſich allmaͤhlich daran, es ohne Grauen zu betreten. Ein Wehklagen, welches ſie im Hintergrunde des Gewoͤlbes hoͤrte, verurſachte ihr an⸗ fangs Furcht, welche ſich aber legte; ſie wollte wiſſen, woher es kaͤme; zwanzigmal ſchritt ſie vorwaͤrts, und zwanzigmal trat ſie wieder zuruͤck: aber endlich ent⸗ deckte ſie, daß das Gewoͤlbe nach dem Gefaͤngniſſe fuͤhrte, in welchem der weiſe Abumelek verſperrt war, und nur durch zwei furchtbare Eiſengitter davon ge⸗ trennt war. „Wer du auch ſeieſt,“ rief der Weiſe ſie an,„er⸗ barme dich meines Elends!“— „Ach!“ antwortete ihm Moradbak,„was kann ich fuͤr dich thun? Ich bin die Tochter Fitséads und erſt neun Jahre alt, und mein Vater wird mich viel⸗ leicht ſchelten, daß ich mit dir geſprochen habe.— Biſt 205 491. 492. Ta g. du,“ fuhr ſie fort,„der Gefangene, dem er taͤglich Waſſer und Brod bringt, und den ich nicht ſehen ſoll?“ „Ich bin es,“ antwortete ihr Abumelek. Da ward Moradbak dreiſter, ſie kam an das Ei⸗ ſengitter, und bald brachte ſie ihm fortan alles, was ſie vermochte, und alle die kleinen Erquickungen, deren ſie ſich ſelber oft beraubte, um die harte Gefangen⸗ ſchaft des Weiſen zu lindern. Dieſe Gutherzigkeit zu vergelten, beſchloß er ſeinerſeits, ihre Seele zur Tu⸗ gend und zu hoͤheren Kenntniſſen zu erheben. Zu diez ſem Zwecke, und um ihr die Lehren der Tugend deſto angenehmer zu machen, hatte er ihr mancherlei Ge⸗ ſchichten erzaͤhlt.. Vierhundert und zwei und neunzigſter Tag. Demnach hatte Moradbak, als ſie ihrem Vater verſprach, ihm einen ſolchen Mann zu verſchaffen, wie er ſuchte, anfangs nur daran gedacht, ihm den weiſen Abumelek dazu vorzuſchlagen; ſie hatte ſogar das Ver⸗ langen des Koͤnigs als ein Mittel angeſehen, ihm die Freiheit zu verſchaffen, und als eine Gelegenheit, welche ſie benutzen muͤßte, dasjenige zu vergelten, was ſie ihm verdankte. Indeſſen wollte ſie ſich erſt mit ihm beſprechen, bevor ſie ihrem Vater einen Vorſchlag machte, um zu wiſſen, wie ſie von ihm reden muͤßte, Moradbak. 2⁰5 ohne ihm nachtheilig zu werden, und wie ſie ihren Vater bewegen koͤnnte, ſich ſeiner bei dieſer Gelegen⸗ heit, auf eine ſo natuͤrliche Weiſe zu bedienen, daß dadurch keiner von beiden in Ungelegenheit geriethe. In dieſer Abſicht nun ſtieg ſie in das Gewoͤlbe hinab, kam an das Gefaͤngnisgitter und theilte dem Weiſen den ganzen Vorgang, ſo wie ihren Entwurf mit. Abumelek erwiederte ihr, Huddſchadſch moͤchte ſich vielleicht noch der Drohungen erinnern, welche er ihm gemacht, und dieſer Vorſchlag ihn ſelber nur unnuͤtz in Gefahr bringen; es waͤre alſo beſſer, wenn ſie ſelber ſich dazu erboͤte, die verlangten Geſchichten zu erzaͤhlen. „Du haſt Gedaͤchtnis,“ fuͤgte er hinzu;„ich habe dir ſchon mancherlei Geſchichten erzaͤhlt, und will dir noch ſo viel andere erzaͤhlen, als du deren immer be⸗ darfſt. Geh, und vergiß nicht, daß du keine Gefahr ſcheuen darfſt, um das Leben deines Vaters zu retten.“ Dieſe Worte machten tiefen Eindruck auf die junge Moradbak, die, ungeachtet ihrer Vorzuͤge, nicht ein⸗ gebildet war, und beſtimmten ſie, ſich am folgenden Morgen ihrem Vater ſelber anzutragen.“ „Mein Vater,“ ſprach ſie zu ihm,„ich bin ſo gluͤcklich, dich aus deiner Noth zu reißen, und deine Tage vor der Grauſamkeit des Koͤnigs zu ſichern.“ „Ach! meine Tochter, wie viel Dank bin ich dir ſchuldig!“ erwiederte er ihr, indem er ſie mit Thraͤnen 206 492, Tag. in den Augen umarmte.„Wo finde ich den außeror⸗ dentlichen Menſchen, dem ich alſo verpflichtet ſein ſoll? Ich will hin gehen, mich zu ſeinen Fuͤßen werfen und ihm die Beweiſe meines innigſten Dankes darbringen.“ „Du haſt nicht weit zu gehen,“ verſetzte Morad⸗ bak,„um ihm fuͤr etwas zu danken, was Pflicht und Gefuͤhl ihn mit Freuden unternehmen laͤßt.— Ich bin es ſelber,“ fuhr ſie fort. „Du biſt es?“ erwiederte Fitéad mit einer Ueber⸗ raſchung, in welche Verdruß ſich mißte;„ich danke dir fuͤr deinen guten Willen: aber wenn du mir kein andres Huͤlfsmittel zu bieten haſt, ſo ſehe ich wohl, daß ich mich entſchließen muß, das Land zu verlaßen. Bereite dich, mir auf der Flucht zu folgen; es bleibt mir kein andrer Ausweg uͤbrig, und vielleicht ſind wir anderswo gluͤcklicher.“ „Wenn du gendthigt waͤreſt, das Vaterland zu verlaſſen,“ erwiederte ihm Moradbak mit Zaͤrtlichkeit, „ſo wuͤrde ich dir gewiß mit Freuden folgen: aber du biſt noch nicht bis zu dieſem Elende gebracht. Sei ruhig, lieber Vater, ich ſtehe dir fuͤr alles. Der Koͤ nig kann nicht ſchlafen, und ich gedenke keinesweges ihm ſchwierige Aufgaben vorzulegen, welche den Geiſt aufregen; nach Art der Indiſchen Weltweiſen, z. B. „Eine Frau iſt in einem Garten, wo ſie Aepfel aufgeleſen hat: dieſer Garten hat vier Thore, deren — jedes von einem Manne bewacht wird; da gibt die Frau Moradbak. 207 dem erſten die Haͤlfte dieſer Aepfel; dem zweiten gibt ſie wieder die Haͤlfte von den noch uͤbrigen; daſſelbe thut ſie bei dem dritten, und eben ſo theilt ſie auch noch mit dem vierten, ſo daß ſie zuletzt nur noch zehn Aepfel uͤbrig hat: und nun fraͤgt man, wie viel ſie deren uͤberhaupt aufgeleſen hatte.“ Fitéad, voll Verwunderung, wollte heraus brin⸗ gen, wie viel Aepfel, die Frau wirklich gehabt haͤtte, aber Moradbak unterbrach ſeine Berechnung, und ſagte: „Es waren hundert und ſechzig.— Sei alſo verſichert,“ fuhr ſie fort,„daß ich in den gehoͤrigen Schranken zu bleiben weiß, welche meine Unterneh⸗ mung erfordert; fuͤrchte nicht, daß ich es machen werde, wie die Frau, deren Gluͤck Ebuali Sina gemacht hatte, und die ſich nicht in den von dem Wei⸗ ſen vorgeſchriebenen Schranken zu halten vermochte. Willſt du ihre Geſchichte hoͤren? 3 Fitsad willigte ein, und Moradbak fuhr alſo ort: Vierhundert und drei und neunzigſter Tag. „Ebuali Sina, ein weiſer Derwiſch, und ſehr be⸗ liebt bei dem großen Propheten, brachte eine Nacht bei einer armen Frau zu, welche alle Pflichten der — 2⁰8 493. Ta g. Gaſtfreundſchaft an ihm uͤbte. Er war geruͤhrt von dem ungluͤcklichen Zuſtande, worin ſie ſich befand, und um ihr Elend zu erleichtern, loͤſte er einen Stein aus der Wand eines Hauſes, und ſprach gewiſſe Worte uͤber demſelben aus; dann ſetzte er ihn wieder an ſeine Stelle, bohrte durch ihn eine kleine Roͤhre, an deren Ende er einen Hahn anbrachte. Hierauf ſagte er zu der Frau, indem er ihr dankte und Abſchied von ihr nahm: „Meine gute Mutter, wenn du Permez ⁴) haben willſt, ſo oͤffne dieſen Hahn, und zapfe daraus ſo viel, als dir beliebt. Nimm davon, was du zu deinem Gebrauche noͤthig haſt, das Uebrige trage zu Markte; und ſei verſichert, daß dieſe Quelle nie verſiegen wird: das einzige, was ich von dir fordere, iſt, daß du die⸗ ſen Stein nicht wieder losmacheſt und nicht nachfor⸗ ſcheſt, was ich dahinter gethan habe.“ Die gute Frau verſprach es ihm, und eine Zeit lang beobachtete ſie, was der heilige Mann ihr gebo⸗ ten hatte. Sie kam wieder zu Kraͤften, bald herrſchte Wohlſtand in ihrem kleinen Haushalt; endlich aber ward die Neugierde ſo maͤchtig in ihr, daß ſie unter⸗ lag: ſie machte den Stein los, und fand nichts da⸗ hinter, als eine Weintraube. Sie fuͤgte alles wieder *) So heißt ein gekochter Wein, der ſehr berühmt iſt. Maradbak. 2⁰9 ein, wie ſie es gefunden hatte, aber der Permez floß nicht mehr, ſondern war fuͤr immer verſiegt. Sei alſo uͤberzeugt, mein lieber Vater,“ fuhr Mo⸗ radbak fort,„daß ich nicht, aus allzu ſtarker Begierde, Gutes zu thun, den Stein losbrechen, ſondern meine Unterredungen mit dem Koͤnige wohl benutzen werde, und daß es dich nicht gereuen wird, mich zu ihm ge⸗ fuͤhrt zu haben, damit ich ihm Geſchichten erzaͤhle.“ Fitsad war hoch erfreuet uͤber die Verſtaͤndigkeit ſeiner Tochter, umarmte ſie mehrmals, und gab ihren Bitten nach, in der Ueberzeugung, daß er keine Vor⸗ d wuͤrfe davon haben wuͤrde. Er ging alſo am Morgen zum Koͤnig, als dieſer ſeinen erſten Divan*) hielt, was immer ſehr fruͤh ge⸗ ſchah, weil er nicht ſchlief; er warf ſich vor ihm nie⸗ der und ſprach: „Euer Majeſtaͤt gab mir geſtern drei Tage Zeit, jemand fuͤr euch zu finden, der euch Geſchichten er⸗ zaͤhlen koͤnnte: indeſſen bin ich im Stande, euch ſchon heute jemand vorzuſtellen„ womit ihr zufrieden ſein werdet.“ „Du haſt wohl gethan,“ erwiederte Huddſchadſch, „dein Kopf haftete mir dafuͤr. Aber wen willſt du mir her fuͤhren?“ *)) Rathsverſammtung. VIII. 14 210 493. Ta g. „Herr,“ antwortete Fitéad,„es iſt meine Tochter.“ „Deine Tochter?“ verſetzte der Kaͤnig:„wie alt iſt ſie?“ „Zwoͤlf Jahre,“ antwortete Fitéad. „Du treibſt deinen Scherz mit mir unterbrach der Koͤnig ihn zornig:„was kann man in einem ſol⸗ chen Alter erzaͤhlen?— Veſyr,“ fuhr er fort, laß dieſen unverſchaͤmten auf der Stelle beſtrafen.“ Der Veſyr ſtellte ihm mit großer Behutſamkeit vor, daß es ja immer in ſeiner Macht ſtuͤnde, ihn zu beſtrafen, wenn er das Vertrauen des Koͤnigs gemis⸗ braucht haͤtte. Der Koͤnig gab ihm Recht, und ſagte zu ſeinem Thuͤrhuͤter. „So komm denn heute Abend, und bringe deine Tochter: ich will mit dem Veſyr doch die ſchoͤnen Er⸗ zaͤhlungen anhoͤren, welche ein Kind machen kann. Du ſollſt ſogar ſelber,“ ſagte er, indem er ſich zu Fitéad wandte,„Richter uͤber den Werth derſelben ſein, dem gemaͤß du, das ſchwoͤre ich bei meinem Barte, be⸗ ſtraft oder belohnt werden ſollſt.“ Fitéad trat ab, und unterrichtete ſeine Tochter von dem, was vorgegangen war, und ſagte dabei, daß nun ſein Leben in ihrer Hand ſtuͤnde. Sie aber hatte ſo viel Vertrauen auf die Worte des weiſen Abumelek, Moradbak. 211 daß ſie ihrem Vater alles ſagte, was zu ſeiner Be⸗ ruhigung dienen mußte. Als der Abend gekommen war, fuͤhrte ſie Fitsad in das Zimmer des Koͤnigs, den ihre Erſcheinung in Verwunderung ſetzte: ihre hohe Geſtalt und ihre Schoͤn⸗ heit beſaͤnftigten etwas ſeine Wildheit; indeſſen ſagte er zu ihr: „Erzaͤhle mir ein Maͤhrchen, welches mich ein⸗ ſchlaͤfere, oder mich ergetze: laß ſehen, ob du deinem Vater das Leben zu retten vermagſt.“ Moradbak verwunderte ſich nicht uͤber einen ſo we⸗ nig zuvorkommenden Empfang; Abumelek hatte ihr des Koͤnigs Gemuͤthsart geſchildert; ſie nahm alſo, nachdem der Koͤnig ihr, ſo wie dem Veſyr und Fitéad befohlen hatte, ſich zu ſetzen, mit Zuverſicht das Wort, und begann folgendermaßen: Geſchichte des Dakianos und der Siebenſchlaͤfer. Vierhundert und vier und neunzigſter Tag. „Die Geſchichtbuͤcher erzaͤhlen, daß vor Alters in Perſien ein Schaͤfer Namens Dakianos lebte, der ſchon ſeit dreißig Jahren ſeine Schafe weidete, ohne jemals die fromme Gewohnheit der taͤglichen Gebete vernachlaͤßigt zu haben. Alle die ihn kannten ließen ſeiner Redlichkeit Gerechtigkeit widerfahren; und die Natur hatte ihn mit einer natuͤrlichen Beredſamkeit begabt, welche ihn faͤhig gemacht haͤtte, ſich zu den hoͤchſten Aemtern empor zu ſchwingen, wenn er in der großen Welt gelebt haͤtte. Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 213 Eines Tages, als er eben ſein Gebet verrichtete, gerieth ſeine Heerde in Schrecken und zerſtreute ſich. Dakianos rannte nach allen Seiten hin, ſie wieder zu ſammeln, und fand dabei, daß eins ſeiner Schafe mit halbem Leibe in ein Loch gekrochen war, aus wel⸗ chem es nicht wieder zuruͤck konnte; er lief hinzu, und zog es heraus: aber da funkelte ihm ein ſehr helles Licht aus dieſer Oeffnung entgegen; er unterſuchte, woher es kaͤme, und erkannte ohne Muͤhe, daß es von einer goldenen Platte oder Tafel von maͤßigem Um⸗ fange herruͤhrte. Er erweiterte das Loch, und kam dadurch in ein Gewoͤlbe, welches nicht uͤber ſieben Fuß hoch und vier bis fuͤnf Fuß weit war. Er betrachtete nun die goldene Tafel mit großer Aufmerkſamkeit; weil er aber nicht leſen und nicht heraus bringen konn⸗ te, was die vier Zeilen, welche er darauf geſchrieben ſah, enthielten, ſo nahm er ſie mit, um ſich daruͤber aufzuklaͤren; und als die Nacht kam, verſteckte er die Tafel unter ſein Kleid und kehrte nach der Stadt zuruͤck. 4 1 Seine erſte Sorge war, dieſelbe einigen Gelehrten zu zeigen, an welche man ihn wies: aber wie bewan⸗ dert dieſe auch in den Wiſſenſchaften waren, doch war keiner darunter, der dieſe Inſchrift auslegen konnte. Indeſſen ſagte einer der Gelehrten zu ihm: „Hier iſt niemand, der dieſe Schriftzuͤge deuten kann: geh aber nach Aegypten, dort wirſt du einen 214 494 T a g. dreihundertjährigen Greis finden, welcher die aͤlteſten Schriften zu leſen vermag und aller Wiſſenſchaften maͤchtig iſt; er allein kann deine Neugierde befriedigen.“ Dakianos uͤbergab die Heerde ihrem Herrn, und reiſte auf der Stelle nach Aegypten. Sobald er dort angelangt war, erkundigte er ſich nach dem Greiſe. Dieſer war ſo beruͤhmt, daß jeder⸗ mann ihm ſeine Wohnung zeigte. Er ging zu ihm, eroͤffnete ihm den Zweck ſeiner Reiſe, und legte ihm die goldene Tafel vor. Der Greis nahm ihn freundlich auf, und wurde beim Anblick dieſes Wunders in Erſtaunen verſetzt. Er las die Schriftzuͤge mit der groͤßten Leichtigkeit; aber nachdem er einige Zeit nachgedacht hatte, richtete er ſeine Augen auf Dakianos und ſprach zu ihm: „Wie iſt dieſe Tafel in deine Haͤnde gerathen? Dakianos erzaͤhlte ihm alles.„Dieſe Inſchrift,“ hub der Greis wieder an,„verheißt demjenigen, der ſie findet, Dinge, welche wahrſcheinlich dir nicht be⸗ gegnen werden. Du haſt,“ fuhr er fort,„eine gluͤck⸗ liche Geſichtsbildung, und dieſe Inſchrift ſpricht von einem Abtruͤnnigen, der ein furchtbares, grauenvolles Ende nehmen ſoll: aber weil das Schickſal dir dieſe Tafel beſchert hat, ſo betrifft, was darauf geſchrieben ſteht, ohne Zweifel auch dich.“ Ned Dakianos antwortete voll Verwunderung auf dieſe ede: Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 225 „Wie kann das geſchehen, was du da ſageſt? Ich bete ſeit dreißig Jahren taͤglich zu Gott; niemals bin ich ihm abtruͤnnig geworden: wie ſollte ich ſo ver⸗ worfen werden?“ „Und waͤren es auch ſchon dreihundert Jahre,“ erwiederte ihm der Greis,„daß du Gott dieneſt, doch wuͤrdeſt du nichts deſto weniger der Hoͤlle verfallen.“ Dieſe letzten Worte durchbohrten Dakianos das Herz; er ſtieß Seufzer aus, er weinte ſogar, und rief aus: „Wollte Gott, daß ich nimmer dieſe goldene Ta⸗ fel gefunden, daß ich ſie dir nie gezeigt, und daß ich biner⸗ einen ſo ſchrecklichen Ausſpruch vernommen aͤtte!“ „Was häͤtte es dir geholfen,“ ſagte hierauf der weiſe Mann zu ihm,„wenn du ſie mir auch nicht gebracht haͤtteſt? die Vorbeſtimmung Gottes iſt von Ewigkeit her; was in dem Buche des Lebens geſchrie⸗ ben ſteht, iſt unaustilgbar: ich aber kann mich irren; das Wiſſen der Menſchen iſt oft zweifelhaft, Gott allein iſt unfehlbar. Ich kann dir indeſſen noch ſagen, daß dieſe Tafel einen der reichſten Schaͤtze nachweiſt, und daß alle dieſe Reichthuͤmer dem Beſitzer der Ta⸗ fel gehoͤren.“. Dieſe Verheißung der Reichthuͤmer troͤſteten Da⸗ Ganns und in der Freude daruͤber, ſagte er zu dem reiſe: 216 494. Tag. „Laßt uns ungeſaͤumt den Schatz ſuchen; wir wollen ihn theilen, wie zwei Bruͤder.“ Aber der Greis erwiederte ihm ſeufzend:„du wirſt nicht ſo bald der Beſitzer all dieſer Reichthuͤmer ſein, als du derſelben misbrauchen wirſt. Es iſt nicht leicht, den Reichthum zu ertragen,— und ich werde vielleicht der erſte ſein, der es bereuet, dir einen Dienſt geleiſtet zu haben.“ „Was ſageſt du mir dar“ rief Dakianos aus: „Wie! ich verdanke dir den Beſitz des Schatzes, du machſt mein Gluͤck, und du meineſt, daß ich nicht er⸗ kenntlich ſein werder Kein Unglaͤubiger waͤre einer ſolchen Undankbarkeit fuͤhig, und ich kann nicht einmal den Gedanken daran faſſen. Ich ſchwoͤre alſo bei dem großen Gott, dich als meinen Vater zu betrachten, und treulich alle Reichthuͤmer mit dir zu theilen; oder vielmehr, du magſt mir davon geben, was dir beliebt, und ich werde immer damit zufrieden ſein.“ Dieſe Betheuerungen wuͤrden den Greis nur halb beruhigt haben: aber der Geiz, die einzige Leidenſchaft, welche ſich in einem gewiſſen Alter noch fuͤhlbar macht, beſiegte ſeine Bedenklichkeiten, und er willigte in die Abreiſe. Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 2¹⁷ Vierhundert und fuͤnf und neunzigſter Tag. Sie gelangten an den Ort, wo Dakianos die goldene Tafel gefunden hatte. Der Greis befahl ihm, etwa zwanzig Fuß tief in die Erde zu graben: bald entdeckte ſich eine ſtaͤhlerne Thuͤre, und der Alte hieß ihn dieſelbe oͤffnen. Dakianos gehorchte mit ſolchem Eifer, daß er die Thuͤre mit dem Fuß einſtieß, obwohl der Schluͤſſel im Schloſſe ſtak. Sie traten nun beide in ein Gewoͤlbe, ohne ſich von der darin herrſchenden Dunkelheit abſchrecken zu laſſen. Nachdem ſie etliche Schritte gethan hatten, ließ ein ſchwaches Licht ſie die Gegenſtaͤnde umher unterſcheiden. Je weiter ſie vorſchritten, je ſtaͤrker ward das Licht. Sie befanden ſich endlich vor einem großen und praͤchtigen Palaſte, deſſen ſieben Thuͤren verſchloſſen waren, uͤber welchen aber die Schluͤſſel dazu hingen. Dakianos nahm den Schluͤſſel der erſten Thuͤre und ͤffnete ſie. Das erſte Zimmer, in welches ſie eintraten, enthielt Kleider und Schmuck von der groͤßten Koſtbarkeit, und vorzuͤglich goldene Guͤrtel mit Edelſteinen beſetzt. Sie oͤffneten das zweite, und fanden es voll Saͤ⸗ bel, deren Gefaͤß und Scheide mit den koſtbarſten Steinen bedeckt waren. Das dritte war angefuͤllt mit einer Anzahl von Bruſtharniſchen, Panzerhemden und goldenen Helmen 218 495. Tag. von manigfaltiger Geſtalt; und alle dieſe Waffen wa⸗ ren mit Edelſteinen geſchmuͤckt. 1 Das vierte Zimmer, enthielt Pferdeharniſche, welche der Pracht des uͤbrigen Ruͤſtzeugs entſprachen. In dem fuͤnften lagen Gold- und Silber⸗Barren aufgeſchichtet. Das ſechste enthielt Haufen gemuͤnzten Goldes; und kaum konnte man in das ſiebente eintreten, ſo voll war es von Saphiren, Amethyſten und Smaragden. Dieſe unermeßlichen Schaͤtze blendeten Dakionas: und von Stund an verdroß es ihn, einen Zeugen ſei⸗ nes Gluͤcks zu haben.. „Du fuͤhlſt wohl,“ ſprach er zu dem Greiſe,„wie wichtig es iſt, dieſe Sache geheim zu halten.“ „Ohne Zweifel,“ antwortete ihm jener. „Aber,“ hub Dakianos wieder an,„wenn der Koͤnig die mindeſte Kunde von dieſem Schatze bekaͤme, ſo wuͤrde ſeine erſte Sorge ſein, ihn einzuziehen: biſt du deiner ſelbſt wohl gewiß? Farchteſt du nicht fuͤr deine eigene Verſchwiegenheit?“ „ Das Verlangen, die Haͤlfte dieſer Reichthuͤmer zu beſitzen,“ erwiederte Greis,„muß dir ein ſicherer Buͤrge dafuͤr ſein.“ „Die Haͤlfte dieſer Reichthuͤmer!“ unterbrach ihn Dakianos mit einer Art von Ereiferung:„aber dieſe Haͤlfte uͤberſteigt die Schaͤtze der groͤßten Koͤnige.“ Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 219 Der Greis bemerkte dieſe Ereiferung, und ſagte zu ihm:„Wenn du findeſt, daß die Haͤlfte zu viel fuͤr mich iſt, ſo magſt du mir nur ein Viertel geben.“ „Sehr gern,“ verſetzte Dakianos:„aber welche Vorſicht willſt du anwenden, es ſicher weg zu bringen? a wirſt dich verrathen und Urſache unſers Ungluͤcks ein. „Nun wohl,“ antwortete ihm der Greis,“ ob⸗ gleich du mir viel mehr verſprochen haſt, ſo gib mir nur eins dieſer Zimmer, ich will mich damit begnuͤ⸗ gen.— Du antworteſt nicht auf meinen Vorſchlag.“ „Wir wollen mit Muße deinen Vorſchlag beherzi⸗ gen,“ verſetzte Dakianos: es freuet mich jedenfalls, daß du ſchon vernuͤnftiger biſt und anfaͤngſt, dir Ge⸗ rechtigkeit widerfahren zu laſſen.“ Dakianos betrachtete nun von neuem alle dieſe Reichthuͤmer mit noch groͤßerer Habgier, und ſeine Au⸗ gen wurden noch ſtaͤrker davon verblendet. Nachdem er das praͤchtige Zimmer der Edelſteine, in welchem beide ſich jetzo befanden, recht beſchauet hatte, ſagte er zu dem Greiſe: „Du ſiehſt wohl, daß dieſes hier unwiderſprechlich das reichſte Zimmer iſt, und daß es unnatuͤrlich waͤre, dir ſo wohl begruͤndete Rechte daran, wie die meini⸗ gen, abzutreten.“ „Du haſt Recht,“ erwiederte der Greis,„und ich verlange es nicht von dir.“ 280 495. Tag. Sie gingen nun in das Zimmer voll gemuͤnzten Goldes:„dieſer Schatz,“ ſagte Dakianos, nachdem er ihn eine Weile betrachtet hatte,„iſt ohne Zweifel derjenige, welcher am wenigſten in Verlegenheit ſetzt, und welchen man am leichteſten ausgeben kann; auch kann er dazu dienen, alle die uͤbrigen Schaͤtze zu bewahren, ſei es, daß man fuͤr ſie eine Wache beſtellt, oder feſte Gebaͤude errichtet: demnach halte ich dich fuͤr zu verſtaͤndig, als daß du nicht einſehen ſollteſt, wie nothwendig ich ihn behalten muß.“ „Ich ſehe es ein,“ antwortete der Greis:„laß uns weiter gehen.“ „Dieſe aufgeſchichteten Gold⸗ und Silber⸗Barren brauchſt du doch nicht alle,“ ſagte der Greis, als ſie in dem fuͤnften Zimmer waren. „Nein,“ antwortete Dakianos,„ich koͤnnte aller⸗ dings etliche davon entbehren: aber ich bin dir zu viel Dank ſchuldig, als dich dadurch in Gefahr zu ſetzen: wie wollteſt du ſie weg bringen? Welche Muͤhe wuͤr⸗ deſt du haben, ſie umzuſetzen?“ „Das iſt meine Sache,“ erwiederte ihm der Greis. „Nein, nein,“ fuhr Dakianos fort,„ich habe dich zu lieb, als das zuzugeben. Ueberdieß wuͤrde es Anlaß geben, mich zu verrathen: man wuͤrde dich ver⸗ haften, und du wuͤrdeſt dich nicht weigern, mich an⸗ zugeben. Laß uns weiter ſehen.“ Dakianos und die Siebenſchläfer. 227 Sie oͤffneten das vierte Zimmer:„dieſe Pferderü⸗ ſtungen koͤnnen dir durchaus nicht nutzen, dein Alter hindert dich, Gebrauch davon zu machen.“ Er machte ihm dieſelbe Schwierigkeit, um ihm die Harniſche und Ruͤſtungen im dritten Zimmer zu ver⸗ ſagen. Nachdem er es eben ſo ſorgfaͤltig, wie die vor⸗ hergehenden verſchloſſen hatte, befanden ſie ſich in dem Zimmer, wo die Saͤbel waren, und der Greis ſprach zu Dakianos: „Dieſe Waffen ſind leicht fort zu bringen, ich will damit zu dem Koͤnige von Indien gehen und ſie ihm anbieten; ich will ſie einzeln verkaufen, und du haſt nichts dabei zu befuͤrchten.“ „ Du haſt Recht,“ verſetzte Dakionas,„ich kann dir etliche davon geben.“ Mit dieſen Worten betrachtete er die Saͤbel, er⸗ wog bald das Gold, bald den Werth der Edelſteine daran; endlich zog er einen aus der Scheide. Jetzo verglich er alle die Reichthuͤmer, deren alleiniger Be⸗ ſitzer er ſein konnte, mit dem Kdpf eines Menſchen; er konnte nicht begreifen, wie er nur ſo lange haͤtte ſchwanken koͤnnen, ſtuͤrzte auf den Greis los, und rief: „Ich traue dir nicht!“ 4 Vierhundert und ſechs und neunzigſter Tag. Der Greis umfaßte ſeine Knie und ſagte zu ihm: „Laß mein Alter dich ruͤhren! die Schaͤtze haben keinen Reiz mehr fuͤr mich, und ich verlange gar nichts davon.“ „Das glaube ich wohl,“ erwiederte ihm Dakia⸗ nos„„ſie gehoͤren mir, die goldene Tafel ſchenkt ſie mir. Der Greis erinnerte ihn an ſeinen Eid:„aber ich entbinde dich davon,“ fuhr er fort;„zur Vergeltung des Dienſtes, welchen ich dir geleiſtet habe, bitte ich dich nur um mein Leben.“ „Ich habe dich zu ſchwer beleidigt,“ verſetzte Da⸗ kianos,„dein Leben waͤre mein Tod, es wuͤrde mir zu viel Unruhe verurſachen. Mein Geheimnis gehoͤrt nur mir!“ rief er, indem er dem gelehrten Greiſe den Kopf von der Schulter fliegen ließ. Dakianos erſte Sorge war nun, eine Grube zu machen und darin das ungluͤckliche Schlachtopfer ſeiner Habgier zu verſcharren. Er fuͤrchtete nur Zeugen, nicht Gewiſſensbiſſe. Sein Herz war nur von dem Schatz erfuͤllt, welchen er nun allein beſaß, und ſein Geiſt nur mit den Mitteln beſchaͤftigt, denſelben zu verwahren. Aber nachdem er ihn mit den Augen verſchlungen und alles genoſſen hatte, was die Habgier befriedigen Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 225 kann, in welcher Verlegenheit befand er ſich da nicht, als er ſich genoͤthigt ſah, wegzugehen, um ſich Lebens⸗ mittel zu holen! Wie viel Vorwuͤrfe machte er ſich nicht, daß er keine mitgebracht hatte! Und wenn er ja noch des Greiſes gedachte, ſo geſchah es nur, ihn zu beſchuldigen, daß er boͤſe Abſichten gehabt, weil er ihn nicht auf etwas aufmerkſam gemacht haͤtte, was man wohl voraus ſehen konnte, ohne ſo gelehrt zu ſein, als er wirklich war. 6 Um in dem unterirdiſchen Gewoͤlbe nicht Hungers zu ſterben, mußte er es verlaſſen: welche Huͤlfe war aber in einem ſo oͤden Gefilde zu finden, wie ihn rings umgab? Er mußte alſo weit weg gehen. Aber wie konnte er ſich dazu entſchließen, zumal jetzt, wo die friſch aufgewuͤhlte Erde die Neugierde der Voruͤberrei⸗ ſenden anziehen mußte? Dakianos war nahe daran, auf der Stelle ſein Leben zu laßen, um nicht ſeinen Schatz aus den Augen zu verlieren. Das einzige was er thun konnte, ſeine Unruhe zu beſchwichtigen, war, erſt nach Anbruch der Nacht weg zu gehen. Er ſteckte ein paar Haͤnde voll gemuͤnzten Goldes zu ſich, und begab ſich damit nach der Stadt. Er kaufte dort ein Pferd, belud es mit Zwieback und einem Faͤßchen Waſ⸗ ſer, und kam noch vor Anbruch des Tages zu ſeinem Schatze zuruͤck, welchen er mit eben ſo viel Vergnuͤgen in demſelben Zuſtande, worin er ihn verlaßen, wieder⸗ 224 496. Tag. fand, als es ihm Schmerz verurſacht hatte, ſich davon zu entfernen. Seenn erſtes Geſchaͤft war, daß er ſelber mit un⸗ glaublicher Anſtrengung einen ſehr tiefen Graben rings um die Hoͤhle machte. Er ließ einen unterirdiſchen Eingang, deſſen Oeffnung er mit ſeinen uͤbrigen Klei⸗ dern bedeckte, auf welchen er in den erſten Naͤchten ſchlief. Darnach machte er ſich eine Erdhuͤtte, um ſich gegen die Witterung zu ſichern. Es iſt unglaub⸗ lich, was er bei der Ausfuͤhrung ſo betraͤchtlicher Ar⸗ beiten ausſtehen mußte; und wer ihn ſo abgemergelt von Sorge und Arbeit geſehen, haͤtte ihn nimmer fuͤr den reichſten Bewohner der Erde gehalten. Als er ſeine Arbeiten ſo weit gebracht hatte, daß er ſich ohne Furcht davon entfernen konnte, begab er ſich nochmals nach der Stadt, aber mit derſelben Vor⸗ ſicht, das heißt, nur in der Nacht. Er wandte ſie an, ſich etliche Sklaven zu kaufen, durch deren Huͤlfe er ſich allmaͤhlich alle Dinge herbei ſchaffen ließ, welche ihm zu ſeiner Sicherheit und Bequemlichkeit noͤthig waren. Bald verſammelte er nun Arbeitsleute, welche ſeine angefangenen Werke noch dauerhafter ausfuͤhrten. Er errichtete drei Steinmauern rings um ſeine Hoͤhle, und ſchlief ſtaͤts zwiſchen der erſten und zweiten. Er bemüuͤhte ſich hierauf ſehr, das Geruͤcht zu verbreiten, daß er auswaͤrtigen Handel triebe, und ſprach viel von dem Gewinne, welchen er in Aegypten gemacht haͤtte. Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 225 Unter dieſem Vorwande,— denn der Reichthum be⸗ darf eines ſolchen,— erbaute er einen praͤchtigen Pa⸗ laſt: jener Palaſt der tauſend Saͤulen, welchen Me⸗ lik Dſchoͤnna, ein alter Indiſcher Koͤnig, erbaute, war nichts in Vergleichung damit. So viel Pracht machte ihn bald bei aller Welt angeſehen und beliebt; und die Muͤhe, welche er ſich zur Bewahrung ſeiner Reichthuͤmer gegeben, ſchmei⸗ chelte nicht nur ſeiner Eigenliebe, ſondern uͤberredete ihn auch leichtlich, daß er ſich dieſelben erworben haͤtte, und ſich ihrer ohne Vorwurf erfreuen koͤnnte; auch dachte er nicht mehr an den Greis. Es ward ihm auf ſolche Weiſe leicht, alle Schaͤtze aus der Hoͤhle hervor zu ziehen, deren Geheimnis er niemand vertraute. Er ſchickte nach allen Gegenden Indiens Karavanen aus, um ſeinen Aufwand an Ge⸗ baͤuden, Sklaven, Frauen und Pferden, zu begruͤnden; und das Gluͤck beguͤnſtigte ſogar noch einen Handel, an welchem ihm wenig gelegen war. Sein Herz, ſo von Reichthuͤmern geſaͤttigt, blieb nicht lange unem⸗ pfindlich fuͤr den Ehrgeiz. Die Hoͤfe der Fuͤrſten ha⸗ ben fuͤr die Reichen ſehr viel Anziehendes; man em⸗ pfaͤngt ſie hier ſo zuvorkommend, man lobt ſie auf ſo feine und artige Weiſe, daß ſie gewoͤhnlich davon be⸗ zaubert werden; und Dakianos, der bei ſeinem Reich⸗ thum einen unmaͤßigen Ehrgeiz hegte, vernachlaͤßigte VIII.. 15 226 496. 497. Tag. nichts, ſich am Hofe des Koͤnigs von Perſien einzu⸗ fuͤhren. Er brachte den Veſyren Geſchenke dar, um ſich ihre Gunſt zu erwerben, und machte ſich dadurch zu ihrem Sklaven. Seine Pracht und Freigebigkeit gelangten, wie er es voraus geſehen und gewuͤnſcht hatte, bis zu den Ohren des Koͤnigs, und dieſer wollte ihn ſehen. Vierhundert und ſieben und neunzigſter Tag. Dakianos wurde ſogleich vorgelaßen, als er er⸗ ſchien; aber um einen vortheilhaften Eindruck hervor zu bringen und ſich die Gunſt des Koͤnigs zu erwerben, uͤberbrachte er ihm Geſchenke, welche die groͤßten Koͤ⸗ nige vielleicht nicht haͤtten aufbringen koͤnnen. Gewoͤhn⸗ lich werden ſolche Geſchenke neunfach dargebracht, wenn man die Pracht aufs hoͤchſte ſteigern will; er ließ dem⸗ nuch neun praͤchtiggeſchmuͤckte Kameele vor ſich her ühren. Das erſte trug neun Anzuͤge von Goldſtoff, mit den edelſten Steinen beſetzt, von welchen vor allen die Guͤrtel glaͤnzten. Das zweite trug neun Saͤbel, deren goldene Ge⸗ faͤße mit Diamanten beſetzt waren. 4 Auf dem dritten waren neun Waffenruͤſtungen von derſelben Pracht. Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 227 Die Laſt des vierten beſtand aus neun Pferderuͤ⸗ ſtungen, welche den uͤbrigen Geſchenken gemaͤß waren. Neun Kaͤſtchen voll Saphirn befanden ſich auf dem fuͤnften. Neun andere Kaͤſtchen, mit Rubinen angefuͤllt, beluden das ſechste. Eine gleiche Laſt Smaragden brachte das ſiebente. Amethyſten, in eben ſo viel Kaͤſtchen, trug das achte. Endlich, auf dem neunten Kameele, ſah man neun Kaͤſtchen mit Diamanten. Neun Maͤdchen von der groͤßten Schoͤnheit und praͤchtig gekleidet, begleiteten dieſe kleine Karavane, und acht junge, noch bartloſe Sklaven, gingen unmittelbar vor Dakianos her. Mitten unter dem Glanze, womit dieſe Geſchenke den Koͤnig und den ganzen Hof blendeten, wollte einer der Hofleute, der, nach Gewohnheit derſelben, gern alles durchhechelte, entweder um demjenigen wehe thun, der ſich ſo allgemeinen Beifall erwarb, oder er wollte vielleicht auch nur ſeinen Scharfſinn zeigen, und fragte, wo denn der neunte Sklave wäͤre. Dakianos, der dieſe Frage erwartete, trat als ſolcher hervor. Der Koͤnig, durch die feine Wendung, womit Dakianos ſo koſtbare Geſchenke begleitete, einge⸗ nommen, empfing ihn mit groͤßter Auszeichnung, und des Dakianos natuͤrliche Beredtſamkeit erwarb ihm 228 497. Tag. vollends die Gunſt des Koͤnigs, ſo, daß dieſer bald nicht mehr ohne ihn leben konnte. Er ließ ihn an ſei⸗ ner Seite ſitzen, gab ihm Feſte mit Muſik, und ſchickte ihm taͤglich Schuͤſſeln und die koͤſtlichſten Weine von ſeiner Tafel; und Dakianos ſeinerſeits erwiederte ſo viel Freundlichkeit durch Geſchenke, deren Menge ſo ſehr, wie ihre Koſtbarkeit, in Erſtaunen ſetzte. Seine fortwaͤhrende Freigebigkeit und ſeine Beredtſamkeit ver⸗ ſchafften ihm endlich ſo große Gewalt uͤber den Geiſt des Koͤnigs, daß dieſer ihn zu ſeinem Veſyr machte, um ſich gar nicht mehr von ihm zu trennen; aber das Vertrauen und die Freundſchaft, welche der Koͤnig ihm bezeugte, gab ihm noch mehr Gewicht, als das Amt, womit er bekleidet war.— Dakianos beherrſchte auf ſolche Weiſe Perſien mit unumſchraͤnkter Gewalt; er haͤtte ſich mit einem Gluͤcke begnuͤgen ſollen, welches ſeine Eitelkeit befriedigte: aber kann der Ehrgeiz jemals geſaͤttigt werden? Das Gebirge Kaf*) kann die Welt begraͤnzen, aber nim⸗ mer die Entwuͤrfe und Wuͤnſche eines Ehrgeizigen. Zu dieſer Zeit meldete man dem Koͤnige die An⸗ kunft eines Geſandten aus Griechenland; er ließ ihn ſogleich vor, und der Geſandte, nachdem er den Fuß des Thrones gekuͤßt hatte, uͤbergab ihm einen *) Welches, nach morgentändiſcher Vorſtellung, den Erdkreis unt⸗ 1 gürtet. Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 229 Brief, welchen er ſeinen Kanzler mit lauter Stimme vorleſen ließ. Derſelbe lautete alſo: „Ich, der Kaiſer, und Beherrſcher der ſieben Klimate, an dich, den Koͤnig von Perſien. Sobald dieſer mein kaiſerlicher Brief dir uͤberge⸗ ben worden, ſaͤume nicht, mir den ſiebenjaͤhrigen Zins zu ſenden: machſt du aber Schwierigkeiten, mir genug zu thun, ſo wiſſe, daß mein Kriegsheer voͤllig bereit ſteht, gegen dich auszuziehen.“ ⸗ Vierhundert und acht und neunzigſter Tag. Dieſer Brief ſetzte den Koͤnig dermaßen in Be⸗ ſtuͤrzung, daß er nicht wußte, was er darauf antwor⸗ ten ſollte. Dakianos, um den Koͤnig aus der Verle⸗ genheit zu ziehen, und ihm die Faſſung wieder zu ge⸗ ben, erhub ſich von ſeinem Platz, beruͤhrte mit der Stirne den Boden, und ſprach: „Der Brief des Kaiſers von Griechenland darf dich nicht beunruhigen; es iſt leicht, darauf zu ant⸗ worten, und ihn ſeine Drohung und ſeinen Uebermuth bereuen zu laßen: gebiete deinen treuſten Unterthanen, ſich bei mir, dem geringſten deiner Sklaven, zu ſtellen, und ich will ihnen ſagen, was ſie zu thun haben.“ „Dieſe Worte troͤſteten den Koͤnig; er ertheilte dem gemäͤße Befehle, und Dakianos hub mehr als hundert⸗ 230 498. Tag. tauſend Mann zum Dienſte des Koͤnigs aus, waͤhrend er fuͤr ſich allein zehntauſend Mann aufbrachte, welche er auf ſeine Koſten ausruͤſtete. Der Koͤnig verſtaͤrkte dieſe auserwaͤhlten Truppen durch zwei tauſend der erfahrenſten Krieger von ſeiner Leibwache, und bildete daraus eine Wache fuͤr Dakianos, welchen er zum An⸗ fuͤhrer dieſes ganzen Kriegsheeres von hundert und zwoͤlf tauſend Mann ernannte. Der neue Feldherr beurlaubte ſich von dem Koͤnig, und ſtellte ſich an die Spitze ſeiner Truppen, welche ihm als Bedeckung aller ſeiner Schaͤtze dienten, die er ſehr ſorgfaͤltig mit ſich fuͤhrte, und die kaum von zehn⸗ tauſend Kameelen getragen wurden. Der Koͤnig von Per⸗ ſien, der ſich ungern von ſeinem Veſyr trennte, begleitete ihn drei Tagereiſen weit, und ſchied nur mit Thraͤnen in den Augen von ihm, indem er ihm tauſend Heil und Segen wuͤnſchte, und ihm unaufhoͤrlich wieder⸗ holte, er waͤre ſeine Staͤrke und ſeine Stuͤtze, und der Freund ſeines Herzens. Dakianos hob in allen Staͤdten, durch welche er zog, noch die tapferſte Mannſchaft aus, ruͤſtete ſie auf ſeine Koſten, und gab ihnen ſo viel Sold, als ſie verlangten. Das Geruͤcht, welches ſich von dieſer Peeigebigkeit verbreitete, zog von allen Gegenden der elt Leute herbei, und bald war ſein Heer bis auf dreimal hunderttauſend Mann angewachſen. Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 231 Der Kaiſer von Griechenland zog, auf die Kunde von dem Heerzuge der Perſer, ſchleunig ſeine Truppen zuſammen, und ging dem Dakianos mit ſiebenmal hunderttauſend Mann entgegen. Sobald er den Feind erblickte, theilte er ſein Heer in zwei Schaaren, und gab das Zeichen zum Kampfe. Die Truppen des Da⸗ kianos ſchritten mit ſolcher Tapferkeit vor, und ihr er⸗ ſter Anfall war ſo fuͤrchterlich, daß das Heer des Grie⸗ chiſchen Kaiſers kaum Zeit hatte ſich zu beſinnen; es wurde faſt eben ſo ſchnell in die Flucht geſchlagen, als angegriffen. Dakianos ließ den Griechiſchen Kaiſer, den er zum Gefangenen gemacht hatte, enthaupten, und bemaͤchtigte ſich ohne Muͤhe aller ſeiner Staaten, in denen er ſich ſelber zum Beherrſcher ausrufen ließ. Die erſte Sorge dieſes neuen Fuͤrſten war nun, folgenden Brief an den Koͤnig von Perſien zu ſchreiben: „Ich habe den Kaiſer) beſiegt und vernichtet, ich habe ſeine Staaten erobert, ſeinen Thron beſtiegen, und bin als Beherrſcher ſeines Reichs anerkannt wor⸗ den. Sobald mein Brief dir uͤberantwortet iſt, ſaͤume keinen Augenblick, mir den ſiebenjaͤhrigen Zins zu ſen⸗ den: machſt du aber die geringſte Schwierigkeit, ihn mir zu entrichten, ſo ſoll es dir eben ſo ergehen, wie dem Kaiſer.“ *) Dieſen Namen(Caeſar) geben die Morgenltänder allen Beherr⸗ ſchern von Griechentand. 1 23² 498. Tag. Dieſer Brief brachte mit Recht den Koͤnig von Perſien ganz außer ſich. Ohne Zeit zu verlieren, ſam⸗ melte er ſeine Truppen. Bevor er ſich aber an ihre Spitze ſtellte, und gegen Griechenland 486jos, ſchrieb er dem Dakianos folgende Antwort: „Kann ein ſo nichtswuͤrdiger Menſch, wie du biſt, ſich Griechenlands bemaͤchtigt haben? Du haſt mich verrathen, mich, der ich dein Koͤnig bin und auf dem goldenen Throne meiner Voraͤltern ſitze; du greifſt mich an, trotz der Treue und der Dankbarkeit, welche du mir ſchuldig biſt: ich aber komme, dich bis auf deines Namens Gedaͤchtnis auszutilgen, Griechenland in ſei⸗ nen vorigen Stand herzuſtellen, und es ſeinem recht⸗ maͤßigen Herrn wieder zu geben.“ Dieſe veraͤchtliche Antwort des Koͤnigs von Per⸗ ſien verſetzte den Dakianos in einen wuͤthenden Zorn; er ſchickte auf der Stelle zweimal hunderttauſend Mann ſeines Heeres ab, den Koͤnig von Perſien zu ſchlagen. Bald ſtießen dieſe Truppen auf das Perſiſche Heer, der Kampf war ſehr hartnaͤckig: aber er endete damit, daß der Koͤnig von Perſien beſiegt, gefangen und vor Dakianos gefuͤhrt wurde. t Als dieſer Fuͤrſt ſo vor ihn trat, ſprach er zu ihm: „Boͤſewicht, wie kannſt du meine Blicke aushal⸗ ten? du, der undankbarſte aller Menſchen?“ Dakianos und die Siebenſchläͤfer. 233 „Ich undankbar?“ erwiederte Dakianos:„ich habe Truppen auf meine Koſten ausgeruͤſtet, ich habe den groͤßten Theil meiner Schaͤtze aufgewendet, ich habe ſomit dieſe Eroberung bezahlt; noch mehr, ich habe gekaͤmpft, ich habe deinen Streit ausgefochten: was haſt du mir vorzuwerfen?“ „Ich habe dich geliebt,“ erwiederte der Koͤnig. Ungern ertraͤgt man ſo gegruͤndete Vorwuͤrfe, wenn man die Macht in Haͤnden hat. Dakianos befahl alſo, anſtatt aller Antwort, ihm den Kopf abzuſchlagen. Alsbald ſchickte er auch Truppen nach Perſien und be⸗ maͤchtigte ſich aller Staaten des Koͤnigs. Vierhundert und neun und neunzigſter Tag. Er waͤhlte nun Epheſus zu ſeinem Sitze; aber weil er dieſe Stadt nicht praͤchtig genug fand, ſo ließ er ſie prachtvoll umbauen, und wandte all ſeine Sorg⸗ falt auf die Erbauung eines Palaſts, der nicht ſeines⸗ gleichen hatte an Feſtigkeit, Umfang und Pracht. In der Mitte deſſelben ließ er einen Kiosk*) auffuͤh⸗ ren, deſſen Mauern zweihundert Klaffter lang, und daran die Fugen und Verbindungen mit Gold und Silber bekleidet waren. Dieſes Kiosk enthielt tauſend Zimmer, und in jedem ſtand ein goldener Thron, und *²) Gartenhaus. 23⁴4 499. Tag. darauf ein Bette, ebenfalls von Gold. Er ließ daran dreihundert fuͤnf und ſechzig Thuͤren von Kryſtall ma⸗ chen, welche ſo angebracht waren, daß die aufgehende Sonne taͤglich eine derſelbe beſchien. Sein Palaſt hatte ſiebenhundert Thuͤrhuͤter. Sechzig Veſyre beſorgten die Staatsgeſchaͤfte. In dem großen Reichsſaale ſah man beſtaͤndig ſechzig Throne, auf welchen diejenigen ſaßen, die ſich im Kriege vor allen ausgezeichnet hat⸗ ten. Es befanden ſich am Hofe ſieben tauſend Stern⸗ deuter, welche dem Herrſcher jeden Augenblick die ver⸗ ſchiedenen Einfluͤſſe der Geſtirne angaben. Er war ſtaͤts von zehntauſend Iſchoglans umringt, welche goldene Kronen und Guͤrtel trugen, und auch uͤbrigens praͤchtig gekleidet waren; ſie hatten keine andre Ver⸗ richtung, als ſtaͤts zu ſeinen Befehlen bereit zu ſtehen. Er ſetzte ſechzig Paſcha's ein, welche zweitauſend wohl⸗ gebildete Juͤnglinge unter ihren Befehlen hatten, deren jeder wieder zweitauſend Mann befehligte. Eines Tages, als Dakianos im Schooße all ſei⸗ ner Herrlichkeit da ſaß, trat ein Greis unter dem Throne hervor, auf welchem er ſaß. Der Koͤnig, ver⸗ wundert, fragte ihn, wer er waͤre: aber weit entfernt, es zu bekennen, weil er ein abtruͤnniger Geiſt war, antwortete jener: „Ich bin der Prophet Gottes, auf deſſen Befehl ich zu dir herab komme: wiſſe, daß er mich zum Gott Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 2535 des Himmels gemacht hat, und will, daß du der Gott der Erde ſein ſollſt.“— Dakianos erwiederte ihm:„Wer wuͤrde glauben, daß ich es ſei?“ Und alsbald verſchwand der Geiſt. Einige Zeit darnach hatte Dakianos wieder die⸗ ſelbe Erſcheinung, und der Geiſt wiederholte dieſelben Reden; Dakianos aber entgegnete ihm: „Du taͤuſcheſt mich: wie koͤnnte ich der Gott der Erde ſein?“ „Deine Macht,“ antwortete der Greis,„deine Großthaten, und die Obhut, in welche Gott dich ge⸗ nommen hat, muͤßen dich davon uͤberzeugen: aber wenn du mir nicht glauben willſt, ſo thue, was ich dir ſage, und du wirſt bald davon uͤberzeugt ſein.“ Dakianos, deſſen Stolz ſich geſchmeichelt fuͤhlte, und dem von Seiten menſchlicher Groͤße nichts mehr 5 wuͤnſchen uͤbrig blieb, verſprach ihm, alles zu be⸗ olgen. „So laß deinen Thron ans Geſtade des Meeres bringen,“ fuhr der Greis fort. Sein Gebot wurde ſogleich ausgefuͤhrt, und als Dakianos ſich dort niedergeſetzt hatte, ſprach der Geiſt zu ihm:. „Mein Fuͤrſt, es gibt im Grunde des Meers ei⸗ nen Fiſch, deſſen Groͤße Gott allein kennt, und der taͤglich ans Land koͤmmt, dort bis Mittag verweilt, um Gott anzubeten, und niemand unterbricht ihn in 236 409. Tag. ſeinen Gebeten. Sind ſie beendigt, ſo verſenkt er ſich wieder in den Grund des Meers.“. Der Fiſch erſchien, wie gewoͤhnlich, und der Geiſt ſagte zu Dakianos: „Obgleich der Fiſch an deine Macht nicht glauben will, ſo hat er jedoch allen Fiſchen des Meeres er⸗ klaͤrt, daß du der Gott der Erde biſt; er befuͤrchtet nichts, und koͤmmt heute, ſich darnach zu erkundigen. — Du wirſt die Wahrheit von dem, was ich dir ſage, beſtaͤtigt ſehen,“ fuhr der Geiſt fort,„wenn du nur ſo dreiſt biſt, zu ihm zu ſagen:„Ich bin der Gott der Erde!“ Deine furchtbare Stimme wird ihm Schrecken einjagen, er wird ſie nicht ohne Ingrimm boͤren koͤnnen, und ohne Zweifel die Flucht ergreifen.“ Dieſer Vorſchlag gefiel dem Dakianos, er rief dem Fiſch, und ſprach zu ihm:„Ich bin der Gott der Erde!“ Dieſe gotteslaͤſterlichen Worte ſcheuchten den Fiſch zuruͤck auf den Grund des Meeres, voll Furcht, der allmaͤchtige Gott wuͤrde ſeine Blitze herab ſchleudern, den Frevler zu beſtrafen. Dakianos uͤberredete ſich leicht, der Fiſch waͤre ein Abtruͤnniger und durch ſeine bloße Gegenwart in die Flucht gejagt worden; von Stund' an glaubte er den Trugworten des Geiſtes, und zweifelte bald nicht mehr an ſeiner Gottheit. Nicht bloß ſein Volk betete ihn an, ſondern man kam auch aus allen Winkeln der Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 237 Erde herbei, ihm die Verehrung zu erweiſen, welche er verlangte; denn er ließ alle diejenigen ins Feuer werfen, die ſich weigerten, ihn anzubeten. Unter den zehntauſend jungen Sklaven, welche beſtaͤndig mit uͤber der Bruſt gekreuzten Haͤnden vor ihm ſtanden, befanden ſich ſechs Griechen, welche ſein ganzes Vertrauen beſaßen, und zunaͤchſt um ſeine Perſon waren; ſie hießen Dſchemlicha, Mekſchi⸗ liana, Meſchlima, Debermuſch und Schas⸗ nuſch. Sie ſtanden gewoͤhnlich, drei zu ſeiner Rech⸗ ten und drei zu ſeiner Linken, und Dſchemlicha war unter ihnen derjenige, den er am meiſten liebte. Dis Natur hatte dieſen mit all ihrer Gunſt ausgeſtattet, ſein Geſicht war ſchoͤn, ſeine Worte waren fuͤßer als Honigſeim, ſein Geiſt war glaͤnzend und anmuthig: mit Einem Worte, dieſer Juͤngling vereinigte in ſich alle Vollkommenheiten, und er mußte, eben ſo wie ſeine Genoſſen, dem Dakianos die Verehrung bezeigen, welche Gott allein gebuͤhrt.. Fuͤnfhundertſter Tag. Eines Tages, als Dakianos zu Tiſche ſaß, und Dſchemlicha mit einem Wedel neben ihm ſtand, ihm die Fliegen abzuwehren, die ihn belaͤſtigen moͤchten, war eine Fliege ſo erpicht auf eine Schuͤſſel, von wel⸗ x233 500. Tag. cher er aß, daß er ſie aufgeben mußte. Dſchemlicha, von dieſem Ereignis betroffen, fand es laͤcherlich, daß ein Menſch, der nicht einmal eine ihm uͤberlaͤſtige Fliege verjagen konnte, auf die Gottheit Anſpruch machte:„mich duͤnkt,“ fuhr er in ſeiner Betrachtung bei ſich fort,„einen ſolchen Gott braucht man nicht ſonderlich zu achten.“ Etliche Tage darnach begab Dakianos ſich in eins ſeiner Gemaͤcher, um darin einige Stunden zu ſchlafen; und Dſchemlicha ſtand wieder bei ihm mit dem Fliegenwedel: da ſandte Gott dieſelbe Fliege, und dießmal ſetzte ſie ſich auf das Geſicht des Fuͤr⸗ ſten. Dſchemlicha wollte ſie weg jagen, aus Furcht, daß ſie ſeinen Schlaf unterbrechen moͤchte: aber alle ſeine Bemuͤhungen waren vergeblich, die Fliege weckte den Koͤnig auf und verſetzte ihn in die peinlichſte Un⸗ geduld. Dſchemlicha, von dieſem Ereignis abermals betroffen, ſagte bei ſich ſelber:„dieſer Menſch iſt ſicher⸗ lich eben ſo wenig ein Gott, als ich es bin: es kann nur Einen Gott geben, und das iſt derjenige, der die Sonne erſchaffen hat, welche mich beſcheinet.“ Seit dieſer Zeit hatte Dſchemlicha die Gewohnheit, alle Abend beim Schlafengehen zu ſagen:„der wahre Gott iſt derjenige, der den Himmel erſchaffen hat, welcher ohne Stuͤtzen empor gehalten wird.“ Es iſt ſehr ſchwer, ernſthafte Beobachtungen zu machen, ohne ſie ſeinen Freunden mitzutheilen. Dſchem⸗ Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 239 licha machte ſeine Gefaͤhrten mit allen ſeinen Zweifeln bekannt. „Hat ein Menſch,“ ſprach er zu ihnen,„der ſich nicht einmal von einer Fliege befreien kann, wohl viel Gewalt uͤber die Natur?“ Hierauf erzaͤhlte er ihnen die Geſchichten von der Fliege. „Aber wenn unſer Koͤnig nicht Gott iſt,“ fragten ſie ihn,„wen ſoll man denn anbeten?“ Dſchemlicha ſagte ihnen, wie er daruͤber dachte; ſie wurden uͤberzeugt, und ſeit dieſem Tage brachten ſie alle Naͤchte im Gebete mit ihm zu. Ihre Zuſammenkuͤnfte an abgelegenen Oertern wurden bald Gegenſtand des Geredes. Dakianos wurde davon unterrichtet, ließ ſie vor ſich kommen, und befragte ſie: „Ihr betet einen andern Gott an, als mich?“ Sie begnuͤgten ſich, ihm za antworten:„Wir beten den unumſchraͤnkten Beherrſcher des Weltalls an. Der Koͤnig, der dieſe Antwort auf ſich bezog, uͤberhaͤufte ſie mit Liebkoſungen, und ſchenkte jedem ein Ehrenkleid. Sie entfernten ſich, bedeckt mit den Gunſtbezeigungen ihres Herrn, und ihre erſte Sorge war, hin zu gehen, und den großen Gott anzubeten und ihm fuͤr ſeine Wohlthaten zu danken. Dſchem⸗ licha ſagte darauf zu den uͤbrigen: 20 500. Ta g. „Wenn man dem Kdinig abermals eine ſolche Anzeige macht, wie diejenige, welche uns in ſo große Gefahr geſetzt hat, ſo duͤrfen wir keine Gnade mehr von ihm erwarten. Ich glaube alſo, das einzige Ret⸗ tungsmittel, welches uns uͤbrig bleibt, iſt, dieſes Land zu verlaßen und ein andres aufzuſuchen, wo wir Gott ohne Furcht anbeten koͤnnen.“ „Aber wie ſollen wir die Flucht ergreifen?“ ent⸗ gegneten ihm ſeine Gefuͤhrten:„wir kennen ja kein andres Land, als dieſes hier.“ „Laßt uns unſer Vertrauen auf Gott ſetzen,“ erwiederte Dſchemlicha,„und die Umſtaͤnde benutzen: wir folgen dem Koͤnige nicht, wenn er an der Spitze ſeines Heeres auf ſeine großen ſechstaͤgigen Jagden geht; wer hindert uns, dieſe Zeit zu unſrer Flucht zu benutzen? Wir begehren von den Verſchnittenen, welche uns bewachen, die Erlaubnis Tehoͤkian*) zu ſpie⸗ len, wir ſchlagen die Kugel ſehr weit weg, verlaßen die Bahn, und ergreifen auf den guten Pferden, welche man uns gewohnlich dazu gibt, die Flucht.“ Alle billigten dieſen Entwurf, und erwarteten mit Ungeduld die Zeit, ihn auszufuͤhren. Endlich zog Da⸗ kianos mit ſeinem maͤchtigen Heer aus und empfahl den Verſchnittenen, ſeine ſechs jungen Sklaven wohl zu bewachen. *) Spiel mit Kolbe und Kugel zu Pferde⸗ Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 241 Am Tage nach der Abreiſe des Koͤnigs fuͤhrten dieſe ihren Vorſatz aus. Die Verſchnittenen jagten ihnen nach, und wollten ſie zwingen, nach dem Palaſte zuruͤck zu kehren; ſie aber antworteten ihnen: „Wir ſind eures Koͤnigs uͤberdruͤßig; er gibt ſich fuͤr den Gott der Erde aus: wir aber beten nur den⸗ jenigen an, der alles geſchaffen hat, was wir ſehen.“ Die jungen Sklaven hatten den Saͤbel in der Hand, und ſetzten in einem Augenblick die Verſchnit⸗ tenen außer Stand, ſie weiter zu verfolgen. „Meine Freunde,“ ſagte jetzo Dſchemlicha zu ſei⸗ nen Gefaͤhrten,„wir ſind verloren, wenn wir nicht eilen, ſo hurtig wir koͤnnen.“ Sie trieben alſo ihre Pferde an, und dieß geſchah mit ſo wenig Schonung, daß ſie bald unter ihnen ſtuͤrzten. Die Fluͤchtlinge waren jetzo genoͤthigt, ihren Weg zu Fuße fortzuſetzen: aber zuletzt, erſchoͤpft von Anſtrengung, Hunger und Durſt, blieben ſie am Wege liegen, und baten Gott vertrauensvoll, ihnen aus der Noth zu helfen. Glaͤubige Geiſter hoͤrken ſie, und von ihrer Lage geruͤhrt, gaben ſie Dſchemlicha den Gedan⸗ ken ein, auf einen Berg zu ſteigen, an deſſen Fuße ſie ſich befanden. Nicht ohne Muͤhe gelangte er hin⸗ auf; aber endlich erblickte er dort eine Quelle, deren klares und reines Waſſer das Waſſer des Lebens war, und daneben ſaß ein Schaͤfer und ſang, waͤhrend ſeine VIII. 16 242 500. 501, Tag. Heerde weidete. DOſchemlicha rief ſeinen Gefaͤhrten; die wenigen Worte, welche er ihnen verſtaͤndlich ma⸗ chen konnte, vermehrten ihre Kraͤfte, und ſtaͤrkten ſie hinlaͤnglich, daß ſie auch den Berg erklimmen konnten. Fuͤnfhundert und erſter Tag. Der Schaͤfer, welcher Kefſchtetiuſch hieß, gab ihnen einige Lebensmittel, und ſie tranken aus der Wunderquelle. Dieſe Huͤlfe ſtellte ihre Kraͤfte wieder her, und ihre erſte Sorge war, Gott dafuͤr Dank zu ſagen. Hierauf ſagte Kefſchtetiuſch zu ihnen: „Wie habt ihr den Weg zu einem Orte gefunden, wo ich noch niemand geſehen? Irre ich nicht, ſo ſeid ihr auf der Flucht: vertrauet mir eure Noth, vielleicht kann ich euch von einigem Nutzen ſein.“ Dſchemlicha erzaͤhlte ihm alles, was ihnen begeg⸗ net war. Dieſe Worte entzuͤndeten das Licht des Glaubens in der Seele des Schaͤfers; Gott erleuchtete ihn, und auf der Stelle lernte und wiederholte er die Gebete der Ankoͤmmlinge. Hierauf ſprach er zu ihnen: „Ich will euch nimmer verlaſſen; Epheſus iſt aber hier ſo nahebei, daß ihr ſtaͤts in Gefahr ſchweben wuͤrdet; denn zweifelt nicht, daß Dakianos alles an⸗ ſtrengen wird, euer wieder habhaft zu werden. Ich weiß hier in der Naͤhe eine Hoͤhle, welche man viel⸗ Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 245 leicht nicht finden wuͤrde, wenn man auch vierzig Jahre darnach ſuchte: dort will ich euch hin fuͤhren.“ Und ohne laͤnger zu weilen, machten ſie ſich auf den Weg. Der Schaͤfer hatte einen kleinen Hund, der Kat⸗ nier hieß, und ihnen folgte; ſie wollten ihn nicht mit nehmen, und boten alles auf, ihn zuruͤck zu ſcheu⸗ chen. Sie warfen einen Stein nach ihm, der ihm ein Bein zerſchmetterte; aber er folgte ihnen hinkend. Sie warfen noch einen Stein nach ihm, der ihn jedoch nicht abſchreckte, obwohl er ihm den andern Vorderfuß zer⸗ ſchmettert hatte, ſondern auf den beiden Hinterpfoten forthuͤpfend, lief er ſo ſchnell, als zuvor. Als hierauf der dritte Stein ihm noch einen Fuß zerſchmettert hatte, war er zwar nicht mehr im Stande zu laufen: aber Gott, um ſeine Allmacht zu beweiſen, gab die⸗ ſem treuen Huͤndlein die Sprache, und es rief ihnen zu: „Wehe! ihr eilet, Gott zu ſuchen, und habt mir alle Hoffnung geraubt, mit euch zu ihm zu gelangen! Bin ich denn nicht auch ein Geſchoͤpf Gottes? Seid ihr denn allein verpflichtet, ihn zu erkennen?“ Alle waren erſtaunt uͤber ein ſo großes Wunder, und ſo geruͤhrt von dem Zuſtande, worin ſie das Huͤndlein verſetzt hatten, daß ſie ihn aufhuben und ihn, einer um den andern trugen, Gott bittend, ſie zu beſchuͤtzen. So gelangten ſie endlich zu der Hoͤhle, nach wel⸗ cher der Schaͤfer ſie fuͤhrte. Bei ihrer Ankunft waren 244 501. Tag. ſie ſo ermuͤdet, daß ſie ſich ſogleich niederlegten und entſchliefen; aber durch eine beſondere Zulaßung Got⸗ tes ſchliefen ſie mit offenen Augen, ſo daß man nim⸗ mer geglaubt haͤtte, daß ſie in ſo tiefem Schlafe laͤgen.. Die Hoͤhle war dunkel, die Sonnenhitze konnte nicht eindringen und die Schlafenden belaͤſtigen; ein ſanfter und leichter Luftzug kuͤhlte ſie unaufhoͤrlich ab; eine lange und ſchmale Spalte ließ die Strahlen der Sonne bei ihrem Aufgange einfallen, und die Guͤte Gottes ging ſo weit, daß er ihnen woͤchentlich zwei⸗ mal einen Engel herabſandte, der ſie bald auf die eine, bald auf die andere Seite wendete, damit der Erdbo⸗ den ihnen nicht zu hart wuͤrde. 1 Unterdeſſen kamen die Verſchnittenen, welche den Schwertſtreichen der jungen Sklaven entronnen waren, ſchleunig zu Dakianos, und berichteten ihm den Vor⸗ gang. Er war uͤber ihre Flucht in Verzweiflung; und indem er an alle die Guͤte dachte, welche er ihnen er⸗ zeigt hatte, und ſie der groͤßten Undankbarkeit anklagte, trat derſelbe abtruͤnnige Geiſt, welcher ihm ſchon mehr⸗ mals erſchienen war, wieder vor ihm hin, und ſprach zu ihm: „Deine Sklaven haben dich nur verlaſſen, um einen andern Gott anzubeten, auf welchen ſie all ihr Vertrauen geſetzt haben.“ Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 243 Dieſe Rede erweckte den Zorn des Dakianos; er beſchwur den Geiſt, ihm wenigſtens ihren Zufluchtsort anzuzeigen. „Ich allein kann dich dahin fuͤhren,“ erwiederte der Geiſt,„alle Menſchen wuͤrden ſie vergeblich auf⸗ ſuchen; du mußt aber an der Spitze deines Kriegshee⸗ res dahin ziehen.“ Sie machten ſich ſogleich auf, und gelangten bald an die Hoͤhle. Da ſprach der Geiſt zu Dakia⸗ nos: „Dieß hier iſt ihr Zufluchtsort.“ Dakianos, der nur mit dem Gedanken ſeiner Rache beſchaͤftigt war, kam naͤher, und wollte hinein treten. In demſelben Augenblick aber ſtieg ein ent⸗ ſetzlicher Qualm aus der Hoͤhle, dem ein wuͤthender Sturm folgte, und Dunkel verbreitete ſich uͤber die ganze Gegend. Das Kriegsheer wich vor Schrecken zuruͤck: aber der Zorn verdoppelte den Muth des Da⸗ kianos, und er drang bis an den Eingang der Hoͤhle vor. Dieß geſchah ſchon mit unſaͤglicher Muͤhe; aber trotz aller ſeiner Anſtrengungen, war es ihm durchaus unmoͤglich, hinein zu treten, ſo undurchdringlich war die Luft. Er erblickte das Huͤndlein Katnier, welches, den Kopf auf die Pfoten gelegt, ebenfalls ſchlief, und unterſchied ganz deutlich die ſechs Griechiſchen Juͤng⸗ linge und den Schaͤfer, die alle im ſuͤßen Schlafe la⸗ gen: aber er ahndete nicht, daß ſie ſchliefen, weil ſie 4 246 50Or. T a g. die Augen offen hatten. Dakianos war nicht ſo ver⸗ wegen, ſeine Anſtrengungen zu verdoppeln; ein gehei⸗ mer Schauer hielt ihn zuruͤck; der Anblick dieſer Hoͤhle, und alle die Wunder des Himmels, erfuͤllten ſein Herz mit Grauen. Endlich kehrte er zu ſeinem Kriegsheere zuruͤck, und gab vor, er haͤtte ſeine Sklaven gefun⸗ den, die ſich vor ihm niedergeworfen, ohne daß ſie den Muth gehabt, ein Wort zu reden, und ſo häͤtte er ſie als Gefangene in der Hoͤhle gelaßen, bis er uͤber ihre Beſtrafung einen Beſchluß gefaßt. In der That berieth er ſich mit ſeinen ſechzig Ve⸗ ſyren, und befragte ſie, welche Rache er an den jun⸗ gen Sklaven nehmen ſollte: aber keiner ihrer Vor⸗ ſchlaͤge genuͤgte ihm. Er wandte ſich alſo an ſeinen boͤſen Geiſt, und dieſer rieth ihm, ſeinen Baumeiſtern, die ihn ſtaͤts begleiteten, zu befehlen, daß ſie eine ſehr dicke Mauer auffuͤhrten, welche den Eingang der Hoͤhle voͤllig verſchloͤſſe, um ſo den darin Verſperrten jede Huͤlfsleiſtung abzuſchneiden:„zur Verherrlichung deines Namens,“ fuͤgte er hinzu,„muß eine Inſchrift auf dieſer Mauer die Zeit, das Jahr und die Urſachen anzeigen, welche dich zu ihrer Erbauung bewogen ha⸗ ben: dadurch wirſt du der Nachwelt kund thun, wie großartig du dich zu raͤchen gewußt haſt.“ Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 24 Fuͤnfhundert und zweiter Tag. Dakianos befolgte dieſen Rath, und ließ eine eben ſo dicke Mauer auffuͤhren, wie die von Alexandrien war; er hatte aber die Vorſicht gebraucht, eine Oeff⸗ nung darin machen zu laßen, welche ihm allein be⸗ kannt war, in der Hoffnung, ſich doch eines Tages noch ſeiner Sklaven wieder zu bemaͤchtigen, und in der Abſicht, dadurch die Ereigniſſe in der Hoͤhle zu beo⸗ bachten, mit welchen er unwillkuͤhrlich ſtaͤts beſchaͤf⸗ tigt war. Außer dieſen Vorkehrungen, hatte er eine Wache von zwanzigtauſend Mann aufgeſtellt, welche vor der Mauer gelagert waren. Alle ſeine Kriegsheere waren entboten, jeden Monat dieſe Wache abzuloͤſen; und dieſe hatte den Befehl, jeden zu toͤdten, der es wagte, einem Orte zu nahen, worin diejenigen ver⸗ ſperrt waren, deren Widerſetzlichkeit und Flucht das erſte Ungluͤck in ſeinem Leben war; denn bis zu die⸗ ſem Augenblick war ihm noch alles gelungen. Die Schoͤnheiten, welche man ihm aus allen Gegenden der Erde zufuͤhrte, die Erholungen und Feſte, welche ſein Harem ihm taͤglich gewaͤhrte, die Vergnuͤgungen mit den Juͤnglingen ſeiner Leibwache, konnten den gelieb⸗ ten Dſchemlicha in ſeinem Herzen nicht erſetzen, noch ihm ſein und ſeiner Gefaͤhrten Betragen aus dem Ge⸗ daͤchtniſſe bringen. Zugleich brannte er vor Verlangen, die Beleidigung zu raͤchen, welche ihm von ihnen wi⸗ 248 5 2. Tag. derfahren war, und welche ihm um ſo groͤßer erſchien, als ihm bisher noch nichts widerſtanden hatte. Fuͤr einen von Ruhm Trunkenen, der ſelber der Schoͤpfer ſeiner Herrlichkeit geweſen, war eine ſo offenbare Wi⸗ derſetzlichkeit gegen ſeinen Willen unerträglich; auch konnte ihn nichts abhalten, taͤglich nach der Hoͤhle zu gehen und von neuen den Eintritt in dieſelbe zu ver⸗ ſuchen, oder wenigſtens doch ſeine Augen an den Ge⸗ genſtaͤnden zu weiden, an welchen er ſich zu raͤchen gedachte. Die Ruhe, deren diejenigen genoſſen, welche er immer noch als ſeine Sklaven betrachtete, verdoppelte ſeine Wuth. Ihre offenſtehenden Augen, ihr Still⸗ ſchweigen, auf alle die Vorwuͤrfe und Schmaͤhungen, womit er ſie uͤberhaͤufte, ihre Stellungen ſogar, alles erſchien an ihnen, als Ausdruck der groͤßten Verach⸗ tung. 3 Eines Tages, als er ſeinen gewoͤhnlichen Reden noch Gotteslaͤſterungen hinzu fuͤgte, ließ der große Gott zu, daß das Huͤndlein Katnier, ohne ſich zu ruͤhren, ihm antwortete: „Boͤſewicht! wie kannſt du einen Gott laͤſtern, der dich noch leben laͤßt, trotz den Frevelthaten, welche du begangen haſt? Waͤhnſt du, daß er vergeſſen habe, den Tod des gelehrten Aegypters zu raͤchen, welchen deihe, Habſucht, trotz deinen Eidſchwuͤren, gemordet at? Dakianos und die Siebenſchläfer. 249 Dakianos, in ſeinem ohnmaͤchtigen Zorn, ging hinweg, hoͤchſt ergrimmt uͤber die ſchweren Vorwuͤrfe, welche er von dem Hunde ſeiner Sklaven hinnehmen mußte. Welche tiefe Erniedrigung! Aber weit ent⸗ fernt, zu Gott ſeine Zuflucht zu nehmen, und ſeine Gnade anzuflehen, empoͤrte ſich ſein Stolz nur um ſo mehr; und nach der Weiſe der Boshaften, welche ge⸗ woͤhnlich die ihnen Unterworfenen dasjenige entgelten laſſen, was ihre Eitelkeit verletzt hat, ließ er bei ſei⸗ ner Ruͤckkehr zwei tauſend Menſchen hinrichten, die ſich geweigert hatten, ihn anzubeten. Dieſe Grauſamkeit entzuͤndete aber das Feuer der Empdrung, welches ploͤtzlich uͤberall in dem ungeheue⸗ ren Umfange ſeiner Staaten hervor brach: aber unge⸗ geachtet der Anſtrengungen, welche die Unterdruͤckung dieſer Unruhen ihm verurſachte, fuͤhrte ein unwider⸗ ſtehlicher innerer Trleb ihn taͤglich nach der Hoͤhle. „Was ſuche ich denn dort?“ ſprach er bei ſich ſelber.„Die Vorwuͤrfe und Schmaͤhungen eines der veraͤchtlichſten Thiere, waͤhrend man mich von allen Seiten anbetet, und jedes Wort meines geheiligten Mundes verehrt wird! Was bin ich indeſſen in Ver⸗ gleich mit einem Thiere, welches Gott beſchuͤtzt? Ein ohnmaͤchtiges Weſen. Ha! Dakianos, welche Schmach! Aber wenigſtens habe ich ſie zu verbergen gewußt, trotz dieſem Gotte, der mich peinigen will, und ſeine Macht ſoll gegen meine Vorkehrungen nichts ausrich⸗ 25⁰ 502, Tag. ten. Wie gluͤcklich bin ich, daß ich meinen Untertha⸗ nen die Kenntnis meines Ungluͤcks entzogen habe! Welch ein guter Einfall war es, daß ich eine Mauer auffuͤhren ließ, welche den Eingang der Hoͤhle verſperrt, und daß ich durch meine aufgeſtellten Wachen jeden verhindere, ſich derſelben zu nahen! Aber wie koͤnnen meine Sklaven darin am Leben bleiben, ſeitdem ich ſie ſo verſperrt habe? Ohne Zweifel haben ſie irgend ei⸗ nen Ausgang ins Feld, welcher mir unbekannt iſt. Um ihnen dieſen abzuſchneiden, muß ich den ganzen Berg mit meinen Truppen umringen.“ Sogleich befehligte er ſechsmal hundert tauſend Mann, den Berg ringsumher feſt einzuſchließen, und niemand dieſem ihm ſo verhaßten Orte nahen zu laßen. Nachdem er dieſe neuen Vorkehrungen getroffen, kam er wieder an den Eingang der Hoͤhle, und rief mit lauter und trotziger Stimme: „Nunmehr ſeid ihr genoͤthigt, euch meiner Macht zu uͤbergeben!“ Katnier antwortete ihm wiederum:„Wir fuͤrch⸗ ten dich nicht: Gott beſchirmt uns. Aber folge mei⸗ nem Rathe, kehre zuruͤck nach Epheſus, deine Gegen⸗ wart iſt dort ſehr noͤthig.“ Als Dakianos ſah, daß keine weitere Antwort folgte, kehrte er nach der Stadt zuruͤck, und fand hier mehrere Verſchnittene ſeines Harems ermordet, ſeine Weiber geſchaͤndet und entfuͤhrt. Ergrimmt uͤber die⸗ Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 251 ſen Frevel, konnte Dakianos ſich jedoch nicht enthalten, nach der Hoͤhle zuruͤck zu kehren; er ſagte zu dem Hunde, weil dieſer allein ihm antwortete: „Wenn dein Gott mir die geraubte Ehre wieder⸗ geben koͤnnte, ſo wuͤrde ich ſehen—“ Katnier unterbrach ihn:„Gott kann die verlo⸗ rene Ehre nicht wiedergeben. Geh nach Epheſus zu⸗ ruͤck, andere Unfaͤlle erwarten dich dort.“: Dieſe Worte beunruhigten Dakianos, er kehrte auf der Stelle zuruͤck, und fand, daß der boͤſe Geiſt des Haſſes in ſeine drei Soͤhne gefahren und ihnen den Saͤbel gegen einander in die Hand gegeben hatte, und daß der Engel des Todes ſie ihm zu entreißen kam, was noch vor ſeinen Augen geſchah. Welcher Schmerz fuͤr einen Vater! welches Herzeleid fuͤr einen Ehrgeizigen, der einem jeden von ihnen einen Welttheil zum Reiche geben wollte! In dieſer tiefen Trauer konnte er ſich jedoch nicht enthalten, nochmals nach der Hoͤhle zu kommen: „Ihr Boͤſewichter,“ ſprach er zu den Schlaͤfern, „welche Quaalen ſoll ich euch anthun, wenn ich euch in meiner Gewalt habe? Aber gebet mir meine Kin⸗ der wieder, und alles ſoll euch verziehen ſein, was ihr mir zu Leide gethan habt.“ 252 11 111565. T ag. Fuͤnfhundert und dritter Tag. Katnier nahm fortwaͤhrend das Wort, und ant⸗ wortete ihm: „Gott gibt keine Kinder wieder, wenn er ſie der Welt entriſſen hat, um ihren Vater fuͤr ſeine Frevel zu beſtrafen. Kehre nach Epheſus zuruͤck, du verdienſt noch neue Ungluͤcksfaͤlle zu erfahren.“ „Das iſt doch zu viel,“ rief Dakianos aus, in⸗ dem er weg ging; und in der Wuth und Verzweiflung ſeines Herzens befahl er allen ſeinen Truppen und al⸗ len Einwohnern von Epheſus, daß jedermann Scheiter oder Reiſicht herbei bringen ſollte. Sein Befehl wurde erfuͤllt; er ließ dieſe ungeheure Menge Holz vor der Hhle aufthuͤrmen, in der Hoffnung, die darin Ver⸗ ſperrten zu erſticken: aber der Wind wehte alle Flam⸗ men dieſes großen Feuers gegen das Heer, ſo daß es entfloh, und trieb ſie bis gegen die Stadt hin. In dieſer wurde zwar kein Haus von dem Feuer beſchaͤ⸗ digt, aber es ergriff den Palaſt des Dakianos und legte ihn gaͤnzlich in Aſche: alle Reichthuͤmer, welche er unablaͤßig mit ſo großer Muͤhe aufgehaͤuft hatte, verſchwanden vor ſeinen Augen, waͤhrend die Hoͤhle nicht den geringſten Schaden litt. Dieß letzte Wunder bewog ihn, daß er die ſieben Schlaͤfer, und ſogar den Hund Katnier anflehte, ſich fuͤr ihn zu verwenden. Das Huͤndlein antwortete: Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 253 „Es iſt nur die Furcht, nicht die Froͤmmigkeit, welche die Haͤrtigkeit deines Herzens zu erweichen ſcheint: hebe dich weg, Gott kennt dein Herz, du kannſt ihn nicht taͤuſchen.“ Dakianos entfernte ſich, beſtuͤrzt uͤber dieſen letz⸗ ten Vorwurf, aber noch mehr ergrimmt daruͤber, daß er ſich ſo gedemuͤthigt hatte. 3. Mitten unter dieſen Unfaͤllen, welche ſich Schlag auf Schlag folgten, um dieſen Feind Gottes nieder zu ſchmettern, war die Empoͤrung maͤchtig angewachſen, und forderte abſchreckende Beiſpiele, und die innere Verfaſſung des Dakianos trieb ihn an, dieſelben in der groͤßten Strenge aufzuſtellen. Er ließ, zu dieſem Zwecke, mitten auf dem oͤffentlichen Platz und uͤber der Aſche ſeines Palaſts, einen eiſernen Thron errichten, befahl ſeinem ganzen Hofe und allen ſeinen Truppen, ſich in Roth*) zu kleiden, und ſchwarze Turbane aufzuſetzen: er ſelber kleidete ſich ebenſo an, um ſo in einem Augen⸗ blick fuͤnf- bis ſechsmal hunderttauſend Menſchen hin⸗ richten zu laßen, welche er zugleich der Sicherheit ſei⸗ nes Throns, den Seelen ſeiner Soͤhne, ſeiner verlo⸗ renen Ehre, und was noch mehr iſt, den Gewiſſens⸗ biſſen, welche ſein Herz zerriſſen, opfern wollte. Aber vor dieſer entſetzlichen Metzelei wollte er nochmals die Hoͤhle beſuchen; er hoffte noch, daß ſeine *) Roth iſt im Morgenlande die Rache⸗Farbe der Fuͤrſten. 254 1 5⁰3. Tag. Waffen, welche gemeinlich die Zuverſicht der Boͤſen ſind, diejenigen einſchrecken wuͤrden, von denen er we⸗ der durch Bitten, noch durch Drohungen etwas hatte erlangen koͤnnen. Bei ſeiner Ankunft verdoppelte er ſeine Laͤſterungen. „Zittere, Boͤſewicht,“ ſprach nochmals Katnier zu ihm, ohne ſich mehr, als bisher, zu ruͤhren, ja ohne den Kopf zu erheben, welchen er auf die Pfoten ge⸗ legt hatte. „Ich ſoll zittern?“ verſetzte Dakianos:„Gott kann mich nicht dazu bringen, zu zittern.“ „Aber er kann dich ſtrafen,“ fuhr Katnier fort: „du biſt deinem letzten Augenblicke nah.“ Dakianos hoͤrte jetzo nur noch auf ſeinen Ingrimm, ergriff ſeinen Bogen und ſeine Pfeile, und ſagte: „Wir wollen doch ſehen, ob ich mindeſtens nicht fruchtbar bin.“ Hierauf ſchnellte er mit aller Kraft ſeines Arms einen Pfeil von der Senne: aber eine uͤbernatuͤrliche Macht ſchleuderte dieſen zu den Fuͤßen desjenigen zu⸗ ruͤck, der ihn abgeſchoſſen hatte, und in demſelben Augenblick ſtuͤrzte aus der Hoͤhle eine ungeheure Schlange hervor, die uͤber hundert und zwanzig Fuß lang war, und vor deren furchtbaren Flammenblicken Dakianos erzitterte; er wollte fliehen, aber die Schlange hatte ihn bald eingeholt, packte ihn bei der Mitte des Lei⸗ bes und ſchleifte ihn ſo durch die Straßen der Stadt, Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 259 damit alle ſeine Unterthanen Zeugen ſeiner grauenvol⸗ len Beſtrafung waͤren. Sie ſchleppte ihn ſo auf den eiſernen Thron, welchen er zu ſeiner grauſamen Rache hatte errichten laßen: hier verzehrte ſie ihn ſtuͤckweiſe, die aͤußern Gliedmaßen zuerſt, und ſo ward Dakianos durch ſeine Quaalen ein furchtbares Beiſpiel der goͤtt⸗ lichen Strafe, welche ſeine Undankbarkeit und ſeine Gottloſigkeit verdient hatten. Die Schlange begab ſich hierauf wieder nach der Hoͤhle, ohne irgend jemand das geringſte Leid anzuthun, und alle Einwohner von Epheſus riefen ihr Dankſagungen nach, als ſie ſie nach der Hoͤhle zuruͤckkehren ſahen. Mehrere Koͤnige folgten binnen hundert und vier⸗ zig Jahren dieſem Dakianos auf dem Thron, nach wel⸗ cher Zeit er von den alten Griechen eingenommen wurde, die ihn noch hundert neun und ſechzig Jahre beſaßen. Als nun die Zeit des Schlafes der ſieben Schlaͤ⸗ fer erfuͤllet war, geſchah mit ihnen, was in den Buͤ⸗ chern dort oben geſchrieben ſtand: einer der ſieben er⸗ wachte in dem Augenblick, als die Morgenroͤthe an⸗ brach; er richtete ſich auf, und ſprach bei ſich ſelber: „mich duͤnkt, ich habe wenigſtens vier und zwanzig Stunden geſchlafen.“ Und allgemach erwachten auch die uͤbrigen, und waren in demſelben Wahne. Dſchemlicha, ſtaͤts lebhafter, als die uͤbrigen, ſprang auf, und war ſehr erſtaunt, als er den Zugang 256 5 3. Tag. der Hoͤhle durch eine Mauer von großen Werkſtuͤcken 4 feſt verſchloſſen fand; er kam wieder zu ſeinen Gefaͤhr⸗ ten und erzaͤhlte ihnen, was er zu ſeiner Verwunde⸗ rung geſehen haͤtte. Ungeachtet dieſes Uebelſtandes, mußten ſie durchaus jemand nach der Stadt ſchicken, Lebensmittel fuͤr ſie zu kaufen. Sie warfen ihre Au⸗ gen auf den Schaͤfer und Dſchemlicha gab ihm Geld, und ſagte zu Pn„du kannſt dich dort ohne Gefahr, ſehen laßen.“ Der Schaͤfer ſtand auf, ihnen dieſen Dienſt zu leiſten. In dieſem Augenblick erwachte auch Katnier,*) voͤllig geheilt an ſeinen drei Pfoten, kam heran und liebkoſte ihn. Der Schaͤfer bemuͤhte ſich aber vergeb⸗ lich, einen Ausgang zu finden; denn die Oeffnung, welche Dakianos fuͤr ſich gelaßen hatte, war verſchuͤttet; in⸗ dem er nun alles genau unterſuchte, bemerkte er auch die großen Werkſtuͤcke der Mauer, und erkannten nicht ohne Erſtaunen, daß ein Theil der Baͤume abgeſtorben, andere umgefallen waren, und daß das Waſſer der Quellen das Rinnſal veraͤndert hatten; mit Einem Worte, er war uͤber die großen Veraͤnderungen, welche *³) Es gibt zehn Thiere, welche ins Paradies eingehen: der Walkfiſch der den Propheten Jonas in ſeinen Bauch verſchlungen hatte; die Ameiſe Salomons; der Widder JSmaels: Belkiz Kukkuk; das Kameel Mahomeds; der Eſel der Aſis, Kö⸗ niginn von Saba; das Kalb Abrahams; das Kameil des Sfep hereng Saleh; der Ochſe des Moſes; und der Hund der iebenſchläfer. Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 257 er wahrnahm ſo betroffen, daß er in die Hoͤhle zuruͤck trat, um ſeinen Gefaͤhrten ſein Erſtaunen mitzutheilen. Sie ſtanden alle ſogleich auf, und gingen hinaus, ſich zu uͤberzeugen: aber jeder Gegenſtand, den ſie betrach⸗ teten, verdoppelte nur ihre Verwirrung. Dſchemlicha ſprach hierauf zu dem Schaͤfer:“ „Gib mir deine Kleider, ich will ſelber nach der Stadt gehen, zu holen, was wir beduͤrfen, und uns uͤber dasjenige aufzuklaͤren, was wir nicht begreifen koͤnnen.“ ⸗ Fuͤnfhundert und vierter Tag. Der Schaͤfer gab ihm ſeine Kleider, und nahm dagegen die ſeinigen. Dſchemlicha arbeitete ſich mit großer Muͤhe durch die Truͤmmer dieſer dicken Mauer, nahm dann den Weg nach der Stadt, und bemerkte uͤber dem Thore eine Fahne mit der Inſchrift:„Es gibt keinen andern Gott, als den wahren Gott!“ Er war ſehr erſtaunt, wie eine Nacht eine ſolche Veraͤnderung hervor gebracht haͤtte:„Iſt dieß nicht ein Traumgeſicht?“ ſprach er bei ſich ſelber: wache ich wirklich? oder taͤuſchet mich ein Traum?“ Waͤhrend er dieſe verwirrenden Betrachtungen an⸗ ſtellte, ſah er einen Mann aus der Veſte kommen, er VII. 17 258 5 ¾%. Tag. naͤherte ſich ihm, und fragte ihn, ob dieſe Stadt nicht Epheſus hieße. Jener antwortete ihm ganz einfach, ja ſo hieße ſie. „Und wie heißt derjenige der ſie beherrſcht?“ fragte Oſchemlicha ſogleich weiter. „Sie gehoͤrt dem Koͤnig Enkuſch, der darin ſei⸗ nen Sitz hat,“ antwortete ihm derſelbe Mann. Dſchemlicha, mit ſteigender Verwunderung, fuhr fort zu fragen:„Was bedeutet die Inſchrift auf die⸗ ſer Fahne?“ Jener befriedigte ſeine Neugier, und ſagte ihm, ſie enthielte die wahren Namen Gottes. „Aber mich duͤnkt,“ unterbrach ihn Dſchemlicha mit Lebhaftigkeit,„daß Dakianos der Koͤnig dieſer Stadt iſt und ſich darin wie einen Gott anbeten laͤßt.“ „Ich habe niemals von einem Koͤnige dieſes Na⸗ mens gehoͤrt,“ verſetzte der Einwohner der Stadt. „ In welchem ſeltſamen Traume bin ich gegen⸗ waͤrtig befangen!“ rief Dſchemlicha aus:„Wecke mich auf, ich beſchwoͤre dich darum,“ fuhr er fort. „Der Mann, jetzo ſeinerſeits verwundert, konnte ſich nicht enthalten, ihm zu erwiedern: „Wie! du thuſt mir ſo verſtaͤndige Fragen, du haſt meine Antworten darauf vernommen, und du waͤhneſt, daß du ſchlaͤfeſt?“ Dociſchemlicha, beſchäͤmt uͤber die Meinung, welche er von ſich erregte, verließ den Mann, und ſprach bei heit.“ Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 259 ſich ſelber:„Großer Gott, haſt du mir denn den Verſtand geraubt?“ In dieſer Verwirrung der Vorſtellungen, trat er in die Stadt, welche er durchaus nicht wieder er⸗ kannte: die Haͤuſer, die Tempel, die Palaͤſte erſchie⸗ nen ihm in ganz neuer Geſtalt. Endlich blieb er am Laden eines Baͤckers ſtehen, ſuchte ſich mehrere Brote aus, und bot ſein Geld dafuͤr dar. Der Baͤcker ſah es an, und betrachtete Dſchem⸗ licha mit großer Aufmerkſamkeit. Dieſer wurde da⸗ durch beunruhigt, und ſagte zu ihm: „Was ſtarrſt du mich an? gib mir dein Brot, nimm dein Geld, und bekuͤmmere dich nicht um an⸗ dere Dinge.“. Der Baͤcker fragte ihn mit großer Neugierde: „Wo haſt du dieſes Geld gefundenf“ „Was geht es dich and“ verſetzte Dſchemlicha. „Ich kenne dieſes Geld nicht,“ erwiederte ihm der Baͤcker:„es iſt nicht mit dem Stempel des jetzo herrſchenden Koͤnigs gepraͤgt. Laß mich Theil nehmen an dem Schatze, welchen du ohne Zweifel ſo gluͤcklich geweſen biſt zu finden, ich verſpreche dir Verſchwiegen⸗ 4 Dſchemlicha begann ungeduldig zu werden, und ſagte zu ihm:„dieſes Geld iſt mit dem Stempel des Dakianos geprägt, des unumſchraͤnkten Beherrſchers dieſes Landes; mehr weiß ich dir nicht zu ſagen.“ 260 5. Tag. Aber der Baͤcker, noch mehr beſtaͤrkt in ſeiner Meinung, fuhr alſo fort: „Du koͤmmſt vom Lande herein, glaube mir, dein Schaͤferhandwerk hat dich nicht genug gewitzt, mich zu betruͤgen, noch mich abzuſchrecken. Gott iſt ſo gnaͤ⸗ dig gegen dich geweſen und hat dich einen Schatz fin⸗ den laßen: verſtehſt du dich nicht dazu, ihn mit mir zu theilen, ſo werde ich dich bei dem Koͤnig angeben, er wird dich verhaften laßen, deine Reichthuͤmer wer⸗ den dir genommen, und es koſtet dich vielleicht das Leben, weil du den Fund nicht angezeigt haſt.“ Dſchemlicha, voll Ungeduld uͤber alle dieſe Reden des Baͤckers, wollte das Brot nehmen und weggehen: der Baͤcker aber hielt ihn zuruͤck; der Streit ward hitzig, das Volk ſammelte ſich um ſie und hoͤrte ihnen zu. Dſchemlicha ſagte zu dem Baͤcker: „Ich bin erſt geſtern aus der Stadt gegangen, und heute komme ich wieder herein: wie kannſt du dir nur einbilden laßen, daß ich einen Schatz gefunden abe? j„Nichts iſt gewiſſer,“ erwiederte der Baͤcker,„und ich will meinen Theil davon haben.“ Einer von den Leuten des Koͤnigs, war auf den Laͤrmen auch herbei gelaufen, und in der Ungewißheit uber dieſes Ereignis, hatte er die Wache geholt, welche Dſchemlicha ergriff und ihn vor den Koͤnig fuͤhrte. Dakianos und die Siebenſchlaäͤfer. 261 Man erklaͤrte dem Koͤnige den Gegenſtand des Streites, und der Fuͤrſt fragte Dſchemlicha: „Wo haſt du die alten Muͤnzen gefunden von denen die Rede iſt?“ „Herr,“ antwortete ihm Dſchemlicha,„ich habe ſie geſtern mit aus der Stadt gebracht: aber Epheſus hat in einer Nacht eine ſo veraͤnderte Geſtalt ange⸗ nommen, daß ich ſie gar nicht wieder erkenne; alle, denen ich begegnet bin, alle die ich ſehe, ſind mir un⸗ bekannt: gleichwohl bin ich in dieſer Stadt geboren, und kann nicht beſchreiben, wie verwirret mich dieß alles macht.“ Der Koͤnig verſetzte:„du ſcheinſt Verſtand zu beſitzen, du haſt eine gluͤckliche Geſichtsbildung, und nichts Verſtoͤrtes darin: wie kannſt du nun ſo unver⸗ ſtaͤndig reden? Willſt du mich etwa dadurch taͤu⸗ ſchen, daß du dich wahnwitzig ſtelleſt? Ich will durch⸗ aus wiſſen, wo du den Schatz verborgen haſt, welchen dein gutes Gluͤck dich hat finden laßen. Der fuͤnfte Theil gehoͤrt mir davon von Rechtswegen, und ich will dir das uͤbrige laßen.“ „Herr,“ antwortete ihm Oſchemlicha, ich habe keinen Schatz gefunden, aber ich glaube, ich habe den Verſtand verloren.“ — 262 505. Ta g. Fuͤnfhundert und fuͤnfter Tag. Dſchemlicha wagte nicht deutlicher zu ſprechen, denn er fuͤrchtete immer noch, der Koͤnig, welchen er nicht kannte, waͤre einer von Dakianos Veſyren, wel⸗ cher ihn zu dieſem, etwa abweſenden Fuͤrſten, wuͤrde fuͤhren laßen. Zu ſeinem Gluͤcke hatte Enkuſch einen Veſyr von durchdringendem Verſtande, der zugleich eine ſehr große Kenntnis der Vorſchriften des Geſetzes und der Ge⸗ ſchichte hatte; ihm war auch die Geſchichte des Dakia⸗ nos nicht unbekannt, und man hatte ſomit einige Kunde von den ſieben Schlaͤfern, welche man noch in der nahen Hoͤhle glaubte. Die Reden Dſchemlicha's er⸗ regten ihm Verdacht, und um ſich daruͤber aufzuklaͤ⸗ ren, ſagte er ganz leiſe zu dem Koͤnige: „Ich muͤßte mich ſehr taͤuſchen, oder dieſer junge Menſch war bei Dakianos in Dienſten: Gott erleuch⸗ ttete ihn, er verließ den Frevler, und fluͤchtete ſich mit fuͤnf Gefaͤhrten, einem Schaͤfer und einem Huͤndlein in eine Hoͤhle; die ſieben Maͤnner ſollen, nachdem ſie dreihundert und neun Jahre geſchlafen haben, wieder aus der Hoͤhle hervor gehen, ihr Erwachen ſoll das Volk im Gebete beſtaͤrken: und alles bewegt mich, zu glauben, daß dieſer junge Mann derjenige iſt, welchen Dakianos ſo leidenſchaftlich liebte.“ Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 263 Enkuſch ſetzte, mit Recht, großes Vertrauen in ſeinen Veſyr; er wandte ſich alſo zu Dſchemlicha, und ſagte zu ihm: „Erzaͤhle uns doch deine Geſchichte ohne alle Ent⸗ ſtellung, oder ich laße dich ſogleich ins Gefaͤngnis werfen.“ 1 Dſchemlicha, der wohl fuͤhlte, wie noͤthig ſeinen Freunden ſeine Ruͤckkehr war, gehorchte ihm, trotz der Furcht, welche er noch immer vor Dakianos hegte, und ſeine Erzaͤhlung entſprach ganz demjenigen, was der Veſyx in den Jahrbuͤchern geleſen hatte. Was aber den Koͤnig noch mehr davon uͤberzeugen konnte, waren die Worte, welche Oſchemlicha hinzu fuͤgte: „Euer Majeſtaͤt muß wiſſen, daß ich ein Haus, ein Kind und Verwandte in dieſer Stadt habe, ſie werden von allem dem Zeugnis ablegen, was ich eben erzaͤhlt habe.“ „Bedenke aber,“ ſagte hierauf der kluge Veſyr zu ihm,„daß, was du dem Kdynig erzaͤhlt haſt, vor dreihundert und neun Jahren geſchehen iſt.“ „Du mußt uns alſo einen andern Beweis geben,“ hub der Koͤnig wieder an. —„Ich erwiedere nichts hierauf, aus Ehrfurcht,“ ſagte Dſchemlicha:„aber um euch von allem zu uͤber⸗ zeugen, was ich angegeben habe, bekenne ich, daß ich in meinem Hauſe einen ſehr anſehnlichen Schatz ver⸗ borgen habe, um welchen ich allein weiß.“ 264½ 5⁰5. Ta g. Der Koͤnig mit ſeinem ganzen Gefolge machte ſich ſogleich auf den Weg nach dieſem Hauſe. Aber Dſchem⸗ licha, der voran ging, ſie hin zu fuͤhren, ſah ſich nach allen Seiten um, und erkannte weder ſein Stadtvier⸗ tel, noch ſein Haus. In dieſer Verwirrung verſtattete Gott, daß ein Engel, in Geſtalt eines Juͤnglings, ihm zu Huͤlfe kam, und zu ihm ſagte: Diener Gottes, du ſcheinſt mir ſehr verwun⸗ dert. „Wie ſollte ich nicht verwundert ſein?“ antwortete ihm Dſchemlicha:„dieſe Stadt iſt in einer Nacht der⸗ geſtalt verwandelt worden, daß ich mein Haus nicht wiederfinden kann, ja nicht einmal das Stadtviertel, worin es liegt.“ „Folge mir,“ ſprach der Engel Gottes,„ich will dich hin fuͤhren.“ 3 Dſchemlicha, ſtaͤts begleitet von dem Koͤnige, den Bey's und den Veſyren, folgte nun dem Engel Got⸗ tes, der nach einiger Zeit vor einer Thuͤre ſtill ſtand, und dann mit den Worten verſchwand: „Dieß hier iſt dein Haus.“ Dſchemlicha, im feſten Vertrauen hierauf, trat ein, und fand darin einen Greis, der ihm ganz unbe⸗ kannt war, umgeben von mehreren jungen Leuten; er begruͤßte ſie ſehr hoͤflich, und ſprach zu dem Greiſe mit Sanftmuth: Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 265 „Dieſes Haus gehoͤrt mir, ſo viel ich weiß: war⸗ um finde ich euch hier, und was machet ihr hier?“ „Ich glaube, du irreſt dich,“ antwortete ihm der Greis mit derſelben Sanftmuth:„dieſes Haus gehoͤrt ſchon ſeit langer Zeit unſerm Geſchlechte: mein Groß⸗ vater hat es meinem Vater vererbt, der noch lebt, ob⸗ gleich nur noch ein leiſer Hauch des Lebens in ihm iſt.“ Die jungen Leute wollten auch antworten und entruͤſteten ſich ſogar gegen Dſchemlicha; der Greis aber ſagte zu ihnen: „Entruͤſtet euch nicht, meine Kinder; der Zorn iſt niemals vonndthen: er hat uns vielleicht gute Gruͤnde vorzulegen, wir wollen ihn anhoͤren.“ f Hierauf wandte er ſich zu Dſchemlicha, und fuhr ort: „Wie kann dieſes Haus dir angehoren? Mit welchem Rechte machſt du Anſpruch darauf? Wer biſt du?⸗ „Ach, mein guter Alter,“ verſetzte Dſchemlicha, „wie koͤnnte ich dich von meiner Geſchichte uͤberzeugen, da noch niemand, dem ich ſie erzaͤhlt habe, ſie hat glauben wollen: ich ſelber begreife nichts davon, du kannſt alſo denken, in welcher Lage ich mich befinde.“ — Sde Greis, von ſeinem Kummer geruͤhrt, ſprach zu ihm: „Faſſe Muth, mein Kind, du erregſt meine Theil⸗ nahme, dein Anblick hat mein Herz geruͤhrt.“ 266 5⁰5. 5⁰6. T a g. Dſchemlicha, durch dieſe Worte ermuthigt, erzaͤhlte dem Greiſe nun alles, was ihm begegnet war; und dieſer hatte nicht ſo bald ſeine Geſchichte vernommen, als er hin ging und ein Bildnis herbei holte, um es mit Dſchemlicha zu vergleichen. Als er es eine zeit⸗ lang betrachtet hatte, ſeufzte er; ſeine Unruhe und ſeine Bewegung verdoppelte ſich; er kuͤßte mehrmals das Bildnis, warf ſich dann Dſchemlicha zu Fuͤßen, und indem er ſein tief gefurchtes Antlitz rieb und ſei⸗ nen von den Jahren gebleichten Bart hielt, rief er aus: „Ach! mein theurer Großvater!“ Thraͤnenſtroͤme, die aus ſeinen Augen hervor brachen, verhinderten ihn, mehr zu ſagen. Fuͤnfhundert und ſechster Tag. Der Koͤnig und ſeine Veſyre, welche dieſer Auftritt ſehr aufmerkſam auf ihr Geſpraͤch gemacht hatte, ſagten jetzo zu dem Greiſe: „Wie, du erkenneſt ihn fuͤr deinen Großvater?“ „Ja, Herr,“ antwortete er dem Koͤnige,„er iſt der Vater meines Vaters:“ aber er konnte dieſe Worte nicht ausſprechen, ohne nochmals in Thraͤnen zu zer⸗ fließen. Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 267 Hierauf nahm er ihn bei der Hand, und fuͤhrte ihn durch das Haus. Beim Erblicken eines Cypreſſen⸗ balkens ſagte Dſchemlicha: 1 „Ich habe dieſen Balken her legen laßen; unter ſeinem Ende wird man einen großen Granatſtein fin⸗ den, er bedeckt ſechs ſolche Gefaͤße, wie in den Schatz⸗ kammern der Koͤnige ſtehen; dieſelben ſind voll Gold⸗ muͤnzen mit dem Gepraͤge des Dakianos, und jede dieſer Goldmuͤnzen wiegt hundert Drachmen.“ Waͤhrend man nun daran arbeitete den Balken weg zu nehmen, naͤherte ſich der Greis ſeinem jugend⸗ lichen Großvater mit der groͤßten Ehrfurcht, und ſagte zu ihm: „Mein Vater, der dein Sohn, iſt noch am Leben: aber er iſt ſo kraftlos, daß ich genoͤthigt geweſen, ihn in Baumwolle zu huͤllen und ihn ſo in einen Korb zu legen, den ich an einen Nagel gehaͤngt habe: von ihm habe ich einiges von dem vernommen, was du mir jetzo erzaͤhlt haſt.„Komm,“ fuhr er fort,„meinen Vater und deinen Sohn zu ſehen.“ Dſchemlicha folgte ihm in ein Seitengemach; er hakte einen kleinen Korb los, und zog daraus ein Paͤk⸗ chen Baumwolle hervor: dieſes enthielt einen Greis, der jetzo nicht groͤßer war, als ein neugeborenes Kind. Man floͤßte ihm etwas Milch ein, er oͤffnete die Augen, und er erkannte noch DOſchemlicha, ſeinen geliebten Vater. Er konnte ſich nicht erwehren, 268 1 5⁰06, T a 9. einen Strom von Thraͤnen zu vergießen, und Dſchem⸗ licha konnte die ſeinigen nicht zuruͤck halten. Welches Erſtaunen fuͤr Alle, die einen jungen Mann vor ſich ſahen, deſſen Sohn ſo zuſammen ge⸗ ſchrumpft, deſſen Enkel ein hochbejahrter Greis, und deſſen Urenkel an Jugend und Kraft ihrem Urgroßva⸗ ter ſo aͤhnlich waren. Das Volk konnte ſich beim An⸗ blicke dieſes Wunders nicht erwehren, die Groͤße und Allmacht Gottes zu bewundern. Man ſchlug die Jahr⸗ buͤcher nach, und erſah, daß mit eben dieſem Tage die dreihundert und neun Jahre abgelaufen waren. Als der Cypreſſenbalken weg genommen war, fand man darunter alles was Dſchemlicha vorausge⸗ ſagt hatte; er machte einen Theil dieſes Schatzes dem Koͤnige zum Geſchenk, und gab das uͤbrige ſeinen Enkeln. Der Koͤnig ſprach hierauf zu Dſchemlicha:„Wir ſind gegenwaͤrtig von der Wahrheit deiner Geſchichte uͤberzeugt: wir wollen nun zu deinen Gefaͤhrten in der Hoͤhle gehen und ihnen Huͤlfe bringen.“ „Ich habe keinen andern Wunſch, als dieſen,“ antwortete ihm Dſchemlicha. Der Fuͤrſt ließ viele Lebensmittel mit hinaus fuͤh⸗ ren, und begab ſich, in Begleitung des Volks und ſeines Heeres, nach der Hoͤhle. Dieſe erſchien allen ſo fuͤrchterlich, daß niemand das Herz hatte, hinein zu treten. Man verſichert indeſſen, daß der Koͤnig Dakianos und die Siebenſchlaͤfer. 269 ſelber ſich dazu entſchloß, daß er auch die Gefaͤhrten Dſchemlicha's erblickte, aber gerade in demſelben Au⸗ genblick, als dieſer ſelber darin, zugleich mit den uͤbri⸗ gen und dem Huͤndlein, ihren Geiſt aufgaben. Er hoͤrte ſie ſogar noch den allgewaltigen Herrn der Welt anrufen, und mit dieſen Worten verſcheiden. Enkuſch ließ nun alles herbei bringen, was noͤ⸗ thig war, ihnen die letzte Ehre zu erweiſen, und ließ ſie in derſelben Hoͤhle beerdigen, worin ſie ſo lange geſchlafen hatten. Nachdem alle Leute die Hoͤhle wie⸗ der verlaßen hatten, ſchloß ſich durch eine beſondere Zulaßung Gottes der Eingang der Hoͤhle, ſo daß es ſeitdem niemand moͤglich geweſen ſie wieder zu betreten. Der Koͤnig ließ einige Schritte davon eine Saͤule errichten, auf welcher die Geſchichte der Siebenſchlaͤfer eingegraben ſtand, damit die Allmacht Gottes erkannt, den Menſchen Abſcheu vor der Undankbarkeit erregt, und an dieſem Beiſpiele einleuchtend wuͤrde, wie groß die Kraft des Gebets iſt.“ Fuͤnfhundert und ſiebenter Tag. Der Koͤnig von Perſien, dem waͤhrend Morad⸗ baks Erzaͤhlung die Augen zugefallen waren, ermun⸗ terte ſich wieder, als ſie aufhoͤrte zu reden: wie dieje⸗ nigen, welche ein gleichfoͤrmiges Geraͤuſch einſchlaͤfert, durch den Stillſtand deſſelben erweckt werden. „Ich bin ziemlich zufrieden mit deiner Erzaͤhlung,“ ſprach er zu der Tochter Fitéads,„und ich fange an zu hoffen, daß meine Krankheit nicht unheilbar iſt. Ich habe den Anfang der Geſchichte ziemlich aufmerk⸗ ſam angehoͤrt: aber dein Huͤndlein hat mich eben nicht angezogen, und ich bin faſt mit Dſchemlicha einge⸗ ſchlafen, als waͤre ich mit in ſeiner Hoͤhle geweſen: alſo weiß ich nicht recht, was darin vorgegangen iſt.“ „Wenn Euer Majeſtaͤt es zu wiſſen verlangt, ſo will ich meine Erzaͤhlung bei jener Stelle wieder an⸗ heben.“, „Nein, nein,“ ſagte der Koͤnig,„ich habe fuͤr das erſtemal genug; ich bin zufrieden, daß es mir einige Beſaͤnftigung verſchafft hat, und es iſt nicht noͤthig, mir zu wiederholen, auf welche Weiſe dieß geſchehen iſt: wenn die Heilmittel, welche mein Arzt Moradbak. 271 mir gibt, nur gute Wirkung hervorbringen, ſo kuͤm⸗ mert es mich wenig, woraus ſie zuſammen geſetzt ſind. Gott befohlen! komm morgen zu derſelben Stunde wieder.“ Moradbak verließ ihn mit ihrem Vater, der von der groͤßten Bewunderung erfuͤllt war, und nicht be⸗ griff, wie er eine ſo vollkommene Tochter haben koͤnnte. Moradbak kam, mit derſelben Einfalt, am fol⸗ genden Abend wieder. Der Koͤnig bezeugte bei ihrem Anul einiges Vergnuͤgen; ſie ſetzte ſich, und hub alſo an: Geſchichte der V Geburt Mahomeds. Fuͤnfhundert und achter Tag. „Lange Zeit nach dem Tode des Propheten Salo⸗ mon lebte ein Iſraelit, Namens Uſcha, mehrere Jahre in der heiligen Stadt Jeruſalem, ſeiner Heimat. Er war Lehrer des Geſetzes; und ſeine Verehrung der Buͤcher Moſes war ſo groß, daß er unablaͤßig dar⸗ uͤber nachſann; die Weiſſagungen, welche die Ankunft Mahomeds verkuͤndigten, und die Lobpreiſungen, welche Gott ſelber ihm ertheilte, erfuͤllten ihn mit Be⸗ wunderung. Das Verlangen, ſich zu belehren, trieb/ ihn an, ſehr großi Reiſen zu unternehmen, welche ihm alle Wiſſenſchaften erdffneten, und ihm alle Geheim⸗ Mahomeds Geburt. 275 niſſe der Natur offenbarten. Auf ſolche Weiſe ſtaͤts beſchaͤftigt mit der Ankunft des großen Propeeten, wurde er je mehr und mehr von den Segnungen Gottes durch ſeinen hohen Freund uͤberzeugt, und von der Groͤße der Lehre durchdrungen, welche er den Men⸗ ſchen bringen wuͤrde: aber er unterwarf ſich der Noth⸗ wendigkeit, dieſelbe nicht zu offenbaren. Seine Forſchung hatte ihn belehrt, daß Maho⸗ med zu Mekka ſollte geboren werden; und dieſer Grund bewog ihn, ſeinen Aufenthalt in dieſer Stadt zu nehmen, welche durch ſolche Vorbeſtimmung vor allen anderen Staͤdten geheiligt worden, die jemals geweſen, noch ſind, und ſein werden.. Nachdem er die Stadt mit jenem heiligen Eifer durchwandert, welcher ihn dahin gefuͤhrt hatte, ent⸗ deckte er einen Raum, der nur ein großer verwilderter Garten war; er kuͤßte den Boden deſſelben dreimal, und gab dem Beſitzer alles, was er dafuͤr forderte: darf zu heiligen Zwecken das Geld in Betrachtung kommen? Er baute auf dieſem Boden ein ſchoͤnes Haus, und ſetzte ſich vor, darin ſeine Tage zu be⸗ ſchließen. Seeine Verdienſte und der Ruf der Weisheit, wel⸗ chen er ſich wohl erworben hatte, ließen ihn auch bald eine Gattinn finden, welche ihr ecklich machte. Sie gebar ihm gleich im erſten Ja⸗ ne Kochter, welche VIII. 28 274 5⁰08. Tag. Sesbet genannt wurde, und, der Gegenſtand ſeiner Zaͤrtlichkeit und ſeiner Pflege, ſchon in jungen Jahren, in den Stand geſetzt war, die Tugend zu kennen und zu uͤben. Eine ſo gute Erziehung erhub ihr Herz noch uͤber ihre Schoͤnheit, obwohl ſie alle Vorzuͤge der Ge⸗ ſtalt beſaß. Ihre Farbe, weißer als morgenlaͤndiſcher Alabaſter, ihre Augen, ſchwaͤrzer als Rabengefieder, ihre Wangen, roͤther als der Perſiſche Mohn,— dieß alles bildete eine der ſeltenſten Schoͤnheiten. Uſcha hatte den Iſraeliten zu Mekka haͤufig die Zukunft des großen Propheten verkuͤndigt: aber weit entfernt, ſich uͤberzeugen zu laßen, hatten ſie die Blaͤt⸗ ter, worauf dieſes große Ereignis ſo deutlich geweiſe ſagt ſtand, zerreißen wollen, und Uſcha hatte ſogar viel Muͤhe gehabt, die mit dieſen goͤttlichen Stellen geheiligten Blaͤtter ihrer Wuth zu entreißen. Er hatte ſie ſorgfaͤltig bewahrt, und als ſeinen groͤßten Schatz verſchloſſen, um die uͤberzeugenden Beweiſe der Guͤte Gottes und des Ruhms des großen Propheten nicht der Gottloſigkeit der Iſraeliten preis zu geben. Der Weiſe Uſcha beſaß durch ſeine tiefen Kennt⸗ niſſe unermeßliche Reichthuͤmer, deren Quelle man nicht kannte; in ſeinem Hauſe herrſchte Ueberfluß, er hatte eine Menge Sklaven, er nahm die Fremdlinge wie ſeine Kinder bei ſich auf, und niemals verſagte er ein Almoſen. Er ſagte haͤufig zu ſeiner Tochter, wenn ſie ihn wegen ſeiner guten Handlungen lobte, Mahomeds Geburt. 275 und ihn gluͤcklich pries, daß er reich genug waͤre, ſie auszuuͤben: „Meine Tochter, es iſt nicht der Werth der Gabe, welche die Wohlthaͤtigkeit empfehlenswerth macht: die Armen koͤnnen dieſelben Tugenden uͤben, wie die Rei⸗ chen: erhebt der Rauch des Sandel⸗ und Aloeholzes ſich hoͤher, als der des Harzes?“ Uſcha ſtarb endlich, in einem hundertjaͤhrigen Al⸗ ter; ſeine von Schmerz ergriffene Gattinn uͤberlebte ihn nur kurze Zeit. Der Verluſt ihrer geliebten Ael⸗ tern war Sesbet unendlich ſchmerzhaft: der noch fri⸗ ſchen Trauer ſchrieb man die Zuruͤckgezogenheit zu, in welcher ſie ſeitdem lebte: aber das Erſtaunen aller, welche auf ihren Beſitz Anſpruch machten, verdoppelte ſich, als man ſie nach einigen Monaten dieſe Lebens⸗ weiſe nicht aͤndern ſah. Das Erſtaunen machte hierauf der Bewunderung Platz, und die Bewunderung endigte in Vergeſſenheit; denn die Welt gibt diejenigen ſehr leicht auf, die ſie ernſtlich meiden wollen. Sesbet war erſt funfzehn Jahre alt; aber ihr Geiſt war ſchon voͤllig ausgebildet. Ihr Vater hatte ihr, als er ihr das letzte Lebewohl ſagte, dringend empfohlen, niemals das Haus zu verkaufen, welches er ihr hinterließ, was auch immer ihr begegnen moͤchte; und dieſe Empfehlung war hinreichend, daß ſie be⸗ ſchloß, zeitlebens darin wohnen zu bleiben. Nachdem ſie ſich einige Zeit ihrem lebhaften Schmerze hingege⸗ 276 508. T a g. ben hatte, forderten die Umſtaͤnde, daß ſie ihre Ange⸗ legenheiten in Ordnung brachte. Ihr war die Quelle des Reichthums ihres Vaters verborgen; alle Sklaven ihres Hauſes waren nicht beſſer davon unterrichtet. Man kannte auch keine Verwandten des beruͤhmten Uſcha, und Sesbet ſtand, ſo zu ſagen, ganz allein in der Welt. Sie verwandte mehrere Tage darauf, das ganze Haus zu durchſuchen; es blieb kein Winkel un⸗ beachtet, aber alles war vergeblich, man hatte kaum ſo viel Geld gefunden, um die Begraͤbniskoſten zu be⸗ ſtreiten. In dieſer Lage bedachte ſich Sesbet nicht, allen Sklaven beides Geſchlechts die Freiheit zu ſchen⸗ ken, und behielt nur eine alte Sklavinn zu ihrer Be⸗ dienung. Sie ließ hierauf alles Geraͤth, das ſie im Hauſe fand, verkaufen; aber das Hausgeraͤth eines Weiſen iſt gewoͤhnlich nicht von großem Werthe. Auch loͤſte Sesbet daraus nur eine maͤßige Summe, von welcher ſie in dem abgelegenſten Winkel des Hauſes zu leben beſchloß, in Erwartung der Gnade des Himmels, auf welchen ſie ihr Vertrauen geſetzt, zufolge den Wor⸗ ten, welche ihr Vater oft zu ihr geſagt hatte:„der Himmel belohnt fruͤh oder ſpaͤt diejenigen, welche den Lehren der Weisheit folgen, und den Pfad der Tugend nicht verlaßen.“ Die Vorſchriften und das Beiſpiel eines ſo weiſen Vaters waren alſo ſtaͤts ihrem Geiſte gegenwaͤrtig; und ungeachtet ihres geringen Wohlſtandes, der ihr Mahomeds Geburt⸗ 29 kaum das Nothduͤrftige gewaͤhrte, klopfte doch kein Armer vergeblich an ihre Thuͤre, noch ſprach er ſie vergeblich an, wenn ſie zum Gebete ging; und jeder Kranke, von welchem ihre alte Sklavinn hoͤrte, wenn ſie das Noͤthige fuͤr ſie einholte, war ihrer Huͤlfe ver⸗ ſichert. Indeſſen nahm das Geld ab, und Sesbet, außer Stande ihre alte Sklavinn laͤnger zu ernaͤhren, ſah ſich genoͤthigt, auch ihr die Freiheit zu geben. Dieſe Trennung war auf beiden Seiten ſehr ſchmerzlich, aber ſie war unerlaͤßlich. Fuͤnfhundert und neunter Tag. Die ſchoͤne Sesbet, der jedermann gewetteifert haͤtte zu Huͤlfe zu kommen, und gern ihr Sklave ge⸗ worden waͤre, ſah ſich alſo in der vollſtaͤndigſten Ein⸗ ſamkeit vergeſſen von allen Einwohnern Mekka's und von allen jungen Leuten, welche ſie im Hauſe ihres Vaters geſehen hatten. Die Vorſtellung von ihren Schaͤtzen hatte ſie ohne Zweifel eben ſo ſehr angezogen, als ihre Schoͤnheit. Es waren ungefaͤhr zwei Jahre, daß der tugend⸗ hafte Uſcha hinuͤber gegangen war, ſich mit den En⸗ geln des Lichts der Anſchauung des großen Propheten zu erfreuen, als alle Hulfsquellen Sesbets erſchoͤpft 278 5 9. Tag. waren, und ſie ſich ganz ohne Geld und ohne alle Lebensmittel ſah.„Wer nicht auf Gott ver⸗ trauet, kann nicht gluͤcklich werden.“ Dieſe große Wahrheit uͤbte Sesbet mit ſolchem Erfolg, daß ſie auch dieſen Tag ſo ruhig als gewoͤhnlich ſchlief, und auch bei ihrem Erwachen nicht einmal das geringſte Verlangen ſpuͤrte, das Haus zu verkaufen, welches ſie bewohnte, obwohl der Erloͤs daraus mehr als hinrei⸗ chend geweſen waͤre, ſie aus der Noth zu ziehen. Uſcha hatte ihr befohlen, es zu behalten; und das war genug, um ſie zu vermoͤgen, lieber alles zu dulden. Mit Anbruche des Tages, ſtand ſie mit jener Seelenruhe auf, welche derjenige nicht kennt, der ſich etwas vorzuwerfen hat, und ging noch einmal in das Zimmer ihres Vaters, es zu durchſuchen. Dieſer Ort erinnerte ſie wieder an die ganze Groͤße ihres Verluſts und an ihre ſchreckliche Lage; ſie vergoß einige Thraͤ⸗ nen. Endlich erblickte ſie in einem hinteren Gemache am Fußboden deſſelben einen alten ledernen Riemen, welchen ſie zuvor niemals bemerkt hatte. Aus einer natuͤrlichen Anwandlung der Neugierde, oder aus einer dunkeln Hoffnung, welche den Menſchen nie verlaͤßt, zog ſie an dieſem Riemen, hob vermittelſt deſſelben einige Bretter weg, welche ihr eine Fallthuͤre entdeck⸗ ten, und erblickte darunter einen Kaſten von Cedern⸗ holz. Wer koͤnnte ihre Freude beſchreiben? Wer koͤnnte ſagen, welche Muͤhe es ihr koſtete, ihn zu erͤffnen? Mahomeds Geburt. 1 279 Endlich indeſſen gelang es ihr, ihn aufzubrechen: aber welcher Verdruß fuͤr die arme Sesbet, als ſie ſah, daß darin wieder ein anderer Kaſten von Ebenholz ſtand! Neue Arbeit, und neue Unruhe, was ſie in dieſem finden wuͤrde; zwanzigmal war ſie genoͤthigt, ſich auf den Boden nieder zu laßen, vor Mattigkeit, Schwaͤche und Erſchoͤpfung; endlich gelang es ihr, auch den zweiten Kaſten zu eroͤffnen. Derſelbe ent⸗ hielt nichts weiter als einzelne Blaͤtter aus der Hand⸗ ſchrift der Bibel, welche Uſcha mit ſo viel Muͤhe der Wuth der Gottloſen entriſſen hatte. Jeder andere als Sesbet, waͤre in dem Zuſtande, worin ſie ſich befand, in Verzweiflung geweſen uͤber ihr Schickſal, und wuͤrde dieſe koſtbaren Ueberbleibſel gering geachtet haben, welche ſie mit Moſchus verſiegelt fand; aber Uſcha hatte dieſe Blaͤtter ſo werth gehalten, und ſie las ſie mit Ehrfurcht, unterwarf ſich den Befehlen ihres Va⸗ ters und uͤberließ ſich fernerhin der Vorſehung. End⸗ lich entdeckte ſie in einem Winkel des großen Kaſtens noch ein Pergamentblatt, auf welchem mehrere Zeilen geſchrieben ſtanden, in verſchiedenen Schriftzuͤgen, welche ihr faſt alle unbekannt waren; aber leicht konnte ſie die Ueberſchrift dieſes Blattes leſen, welche lautete: „Faſſe Muth, Sesbet, vertraue auf den großen Propheten, und erinnere dich der Lehren deines Vaters.“ 280 5⁰9. C a g. Dieſer leichte Troſt war noch von einem andern begleitet; und dieß war ein kleines Goldſtuͤck, welches ſie auf dem Boden des Kaſtens entdeckte; ſie nahm es, legte alles uͤbrige wieder ſo zuſammen, wie ſie es gefunden hatte, und ging hin, Lebensmittel und was ſie nothwendig bedurfte, zu kaufen. Solches geſchah aber nicht, ohne daß ſie die Haͤlfte dieſes Goldſtuͤcks unter die Armen vertheilte, welche ſie anſprachen. Auch ſah ſie ſich bald wieder in ihrer vorigen ungluͤcklichen und beduͤrftigen Lage. Indeſſen uͤberredete ſie ſich, ſie haͤtte noch nicht genug in dem Kaſten von Ebenholz geſucht, und weil ſie kein anderes Huͤlfsmittel hatte, ging ſie nochmals hin, ihn zu durchſuchen. Sie las wieder die Blaͤtter aus der Bibel; ſie warf wieder ihre Augen auf das Pergamentblatt, welches an ſie ſelber gerichtet war, und war ſehr erſtaunt, Schriftzuͤge darauf zu finden, welche ſie das erſtemal nicht be⸗ merkt hatte, und weiter zu leſen: „Was man Gott gibt, vergilt er hun⸗ dertfaͤltig.“ In der That fand ſie jetzo hundert Goldſtuͤcke, von welchen ſie nun wieder eine zeitlang lebte. Kurz, der Kaſten ließ es ihr fortan nimmer daran fehlen, dergeſtalt, daß es ihr leicht ward, den Armen nach ihrem Gefallen zu helfen, und ihre alte Sklavinn wieder zu ſich zu nehmen, welche nicht von ihr getrennt leben konnte; denn die Anhaͤnglichkeit, welche die Tugend einfloͤßt, kann durch nichts erſetzt werden. Mahomeds Geburt. 281 Alſo lebte Sesbet in der Ausuͤbung guter Werke und im Gebet, ohne ſich einzubilden, daß ſie noch auf andre Weiſe ihre Tage beſchließen wuͤrde; indeſſen weil ſie auf jenem Pergamentblatte Schriftzuͤge gele⸗ ſen, welche ſie das erſtemal nicht entdeckt hatte, ſo ging ſie oft hin, daſſelbe um ſo ſorgfaͤltiger zu betrach⸗ ten, als ſie darin die einzige Vorſchrift ihres Betra⸗ gens ſah. Es waren ungefaͤhr drei Jahre, daß Sesbet ſo in Mekka lebte, wie mitten in einer Einoͤde, als ſie eines Tages, bei Betrachtung des Pergamentblatts, auf deniſelben ganz deutlich las: „Sesbets Gluͤck nahet heran, ſie muß ſich verheiraten.“ Sesbet hatte niemals Luſt gehabt, ſich zu verhei⸗ raten: aber ein ſo entſchiedener Befehl, und welchen ſie allein Uſcha zuſchreiben konnte, beſtimmte ſie, ob⸗ wohl mit Muͤhe, denſelben zu befolgen. Wie indeſſen ſollte ſie es anſtellen, dazu zu gelangen? Die Sache war ſchwierig; ſie kannte niemand, und man hatte ihrer in der Welt vergeſſen; an wen ſollte ſie ſich nun wenden? Aber was vermag nicht die Ehrfurcht, welche man dem Vater ſchuldig iſt, wenn ſie dem Herzen tief eingepraͤgt ſteht! Sie faßte demnach den Entſchluß, den Koͤnig anzutreten, der in Mekka ſeinen Sitz hatte, und Nophallach hieß. Dieſer durch ſeine Tugenden bekannte Fuͤrſt war leicht zugaͤnglich. B2 510. Tag. Fuͤnfhundert und zehnter Tag. Sesbet ging alſo eines Morgens, mit ihrem Schleier bedeckt, hin; und um nicht das Anſehen zu haben, daß ſie nur etwas vorſpiegele, nahm ſie be⸗ daͤchtig das Pergamentblatt mit, welchem ſie gehorchen wollte, und worauf jetzo noch vier Zeilen ſtanden, welche ſie jedoch nicht leſen konnte. Sesbet trat vor den Koͤnig, der ſelber vor der Thuͤre ſeines Palaſts jedermann Gehoͤr gab, und ſprach zu ihm: „Herr, ich bitte dich, mir einen Mann zu geben.“ Dieſe Forderung uͤberraſchte den Koͤnig, er laͤchelte und gab ihr einen freundlichen Wink, das Ende der Sitzung abzuwarten. Als dieſe beendigt war hieß der Koͤnig, der viel Verſtand hatte, aber gewoͤhnlich ſeinen Veſyr fuͤr ſich reden ließ, und dann uͤber ſeine Antworten entſchied, Sesbet naͤher treten; denn ſie hatte ſich bis⸗ her ſtaͤts in ihrem Schleier abſeiten gehalten. Sie gehorchte, und Nophailach fragte ſie nun, warum ſie denn einen Mann von ſeiner Hand haben wollte. „Herr,“ antwortete ſie,„ich habe keine Aeltern mehr, und ein Koͤnig ſoll der Vater ſeiner Unterthanen ſein: es koͤmmt alſo dir zu, mich zu verheiraten.“ „Das iſt billig, Veſyr, wie mich duͤnkt,“ ſprach der Koͤnig zu ihm. „Ja, Herr,“ antwortete der Veſyr,„das folgt richtig: aber erlaube mir, ihr einige Fragen zu thun.“ —,— —.— Mahomeds Geburt. 283 Sesbet beantwortete dieſe Fragen eben ſo treffend, als verſtaͤndig; und als ſie endlich erklaͤrte, ſie ſei die Tochter Uſcha's, rief der Veſyr aus: „O Sproͤßling eines Stammes ohnegleichen! Wie, du biſt die ſchoͤne Sesbet! Ich glaubte, du waͤreſt deinem Vater in den Schooß der Seligen gefolgt: wie iſt es moͤglich, daß man gar nicht mehr von dir redet?“ Sesbet, jetzt vertrauensvoller als anfangs, erzaͤhlte alle ihre Abenteuer, und zeigte das Pergamentblatt vor, welches ihr befahl, ſich zu verheiraten. Der Koͤnig betrachtete es; aber die vier letzten Zeilen zu entziffern war ihm eben ſo unmoͤglich, als ſeinem Veſyr. „Was ſollen wir thun?“ hub Nophailach wieder an, indem er ſich zu ihm wandte. „Ich glaube,“ antwortete ihm dieſer, nachdem er ein wenig nachgedacht hatte,„daß dieſe vier Zeilen von demjenigen ſollen geleſen werden, welchen der Himmel ihr zum Gatten beſtimmt. Warum ſollten ſie ſonſt in ſo ganz andrer Schrift daſtehen?“ „Da haſt Recht,“ fuhr der Koͤnig fort,„denn ich bin derſelben Meinung: wie aber ſollen wir denje⸗ nigen finden, den der Himmel ihr beſtimmt?“ „Man muͤßte,“ antwortete der Veſyr,„durch die ganze Stadt ausrufen laßen, daß du eine eben ſo ſchoͤne, als verſtaͤndige Jungfrau demjenigen zur Gat⸗ 284 510. Tag. tinn geben willſt, welcher die dir unbekannten Schrift⸗ zuͤge leſen kann. Sesbet muß alle Morgen,“ fuhr er fort,„in der oͤffentlichen Verſammlung vor dir erſchei⸗ nen und allen denjenigen die Schriftzuͤge vorhalten, welche ſie leſen wollen, und Deine Majeſtaͤt wird ent⸗ ſcheiden, ob ſie richtig geleſen ſind, entweder aus dem Sinne, welche man ihnen beilegt, oder aus den Schrift⸗ zuͤgen und aus den Fragen, welche du an denjenigen thun kannſt, der ſich dazu erboten hat.“ „Das hat zwar immer ſeine Schwierigkeiten,“ erwiederte Nophailach;„aber es bleibt uns nichts ande⸗ res uͤbrig.“ Alsbald ertheilte er den Befehl, und dieſer ward uͤberall kund gemacht. Indeſſen beunruhigte den Koͤ⸗ nig noch etwas, bevor er Sesbet entließ:„Veſyr,“ ſprach er,„man muͤßte doch, wie mich duͤnkt, zuvor ihre Schoͤnheit ein wenig in Augenſchein nehmen. Wir verkuͤndigen ſie als ſchoͤn; ich will wohl glauben, daß du ſie als ſolche geſehen haſt: aber, woher weißt du, daß ſie ſich nicht veraͤndert hat? Sagt nicht ein alter Perſiſcher Dichter, daß es nur eines Nichts be⸗ darf, um eine Schoͤnheit zu zerſtoͤren?“„Ich erkenne ſtaͤts deine Weisheit und deine Billigkeit,“ ant⸗ wortete ihm der Veſyr, mit einer tiefen Verneigung.— „Sesbet, laß den Koͤnig von deinen Reizen urtheilen,“ ſprach er zu ihr. — — Mahomeds Geburt. 285 Sie gehorchte, und beide fanden ſie ſo ſchoͤn, daß ſie nur von ihren Reizen ſprachen, ſogar noch lange, nachdem ſie ſich ſchon beurlaubt hatte. Schon hatte Sesbet mehrere Tage in Gegenwart des Koͤnigs ihre unbekannte Schrift vergeblich jeder⸗ mann vorgehalten, als ein junger ſehr ſchoͤner und wohlgebildeter Mann erſchien, der ohne Muͤhe die erſte der vier bisher unbekannten Zeilen las, und mit lau⸗ ter Stimme ausſprach: „Mahomed iſt der Freund Gottes, er iſt hoͤher, als die Wolken.“* Aber er geſtand, daß er die drei uͤbrigen Zeilen nicht entziffern koͤnnte. Dieſes Geſtuaͤndnis uͤberzeugte den Koͤnig und den Veſyr, daß, was er geleſen, wirklich da geſchrieben ſtaͤnde. Indeſſen wollte der Koͤnig ihm vor der Ent⸗ ſcheidung noch etliche Fragen thun; er fragte alſo, welchem Lande die Schriftzuͤge angehoͤrten, die er eben geleſen haͤtte. „Herr,“ antwortete jener,„es iſt die Schrift ei⸗ ner der aͤlteſten Sprachen, welche man nach dem Thurmbau von Babel redete; es iſt eine der Spra⸗ chen, deren ſich die Weiſen bedienen, und ſie wuͤrde mir unbekannt ſein, wenn mein Vater, der ſich ſtaͤts mit tiefen wiſſenſchaftlichen Forſchungen beſchaͤftigte, ſie mich nicht gelehrt haͤtte.“ 286 510. 511. T a g. „Ganz gut,“ fuhr der Koͤnig fort:„aber wer iſt der Mahomed, welchen du da genannt haſt?“ „Herr,“ antwortete jener,„ich glaube, es iſt ein Prophet, den Gott auf die Erde ſenden wird: es gibt ſogar gewiſſe Buͤcher, welche, von Weiſen verfaßt, ſei⸗ ner Erwaͤhnung thun.“ 3 Nophailach fragte hierauf den Sohn des Weiſen, wie er hieße. „Ich heiße Abdal Motallab,“ antwortete je⸗ ner,„und bin aus Mekka.“ „Wohlan,“ fuhr der Koͤnig fort:„Abdal Mo⸗ tallab, ich gebe dir Sesbet; du haſt mehr von der Schrift geleſen, als irgend einer derjenigen, die ſich dazu erboten: mache Sesbet gluͤcklich, und fuͤhre ſie heim in ihr Haus.“ Und damit verließ er ſie. Fuͤnfhundert und eilfter Tag. Die beiden Neuvermaͤhlten begaben ſich nach Ses⸗ bets Hauſe. Als ſie dort waren, theilte ſie ihm auf⸗ richtig ihre ganze Geſchichte mit: aber alles was ſie ihm hoͤchſt umſtaͤndlich erzaͤhlte, verwunderte ihn weni⸗ ger, als der Name Uſcha; dieſer war ſo beruͤhmt unter den Weiſen, daß ſein Vater ihm oft tauſend Lobpreiſungen ertheilt hatte; ſeinem Verlangen miſchte ſich Bewunderung bei, als er in Sesbet die Tochter ₰ —————— —,— Mahomeds Geburt. 287 dieſes großen Mannes vor ſich ſah. Aber indem er das Pergamentblatt aufmerkſam betrachtete, welches mit ſolcher Kunſt geſchrieben war, daß die Schrift nur zufolge der Ereigniſſe geleſen werden konnte, bemerkte er auf der Kehrſeite folgende grauſame Worte: „ Der Gatte Sesbets darf ſich ihr nicht nahen, bevor er nicht den großen Propheten geſehen hat; ſie wird ihm ein Jahr lang ge⸗ treu bleiben.“ „Ach, geliebte Sesbet,“ rief Abdal Motallab voll Zaͤrtlichkeit aus:„warum habe ich dich geſehen? Ich gehe, den Propheten aufzuſuchen, ich kenne die Wichtigkeit der Vorſchriften weiſer Maͤnner, um mich der Gefahr auszuſetzen, laͤnger bei dir zu bleiben.“ Und damit ging er weg.. Sesbet blieb ſehr erſtaunt zuruͤck; indeſſen ſtaͤts in den Willen Gottes ergeben, ſo wie den Befehlen ihres Vaters. Aber als ſie das Jahr verlaufen, und Abdal Motallab nicht heim kehren ſah, ging ſie wieder zu dem Kdnige, der ſie mit derſelben Freundlichkeit aufnahm, und den erſten Befehl abermals kund ma⸗ chen ließ. Nach mehreren vergeblichen Verſuchen las ein Schriftgelehrter aus der Stadt Medina, Namens Abutelab, die Zeile, welche auf die erſte, von Ab⸗ dal Motallab geleſene folgte, und alſo lautefe: 288 11r 5rs. Tag. „Mahomed iſt das Gefaͤß der Geſetze Gottes; er wird die Erde mit ſeinem Wort erfuͤllen.“ Aber weiter konnte er auch nicht leſen. Sesbet wurde ihm aus denſelben Gruͤnden gegeben; ſie bewies ihm daſſelbe Vertrauen, und erzaͤhlte ihm alles, wie dem Abdal Motallab; und als hierauf auch er den Befehl der Trennung geleſen hatte, verließ er ſie mit demſelben Bedauern. Das Jahr verging, er erſchien nicht wieder, und Sesbet heiratete nun auf dieſelbe Weiſe den Yarab, einen Verwandten des Kadi's von Medina, welcher die dritte Zeile las; und dieſe lautete: „Mahomed, der Heiland der Glaͤubigen, iſt eine ſchwimmende Inſel, welche ihren Hafen allen Schiffbruͤchigen oͤffnet.“ Auch dieſer unterwarf ſich dem Befehle der Tren⸗ nung; und weil er, nach Verlaufe des Jahres, eben ſo wenig wieder kam, als die beiden anderen, ſo hei⸗ ratete Sesbet endlich den Temimdari, welcher die vierte Zeile las; und dieſe lautete: „Mahomed, der Geſandte Gottes, koͤmmt demjenigen entgegen, deſſen Herz ihn ſu⸗ chet.“ Die drei erſten Gatten Sesbets waren Soͤhne von Weiſen; der vierte war zwar auch von einem der be⸗ ruͤhmteſten Gelehrten an Sohnes ſtatt angenommen, Mahomeds Geburt. 289 aber niemals in die Geheimniſſe der Wiſſenſchaften eingeweihet worden; er hatte ſich den Waffen gewidmet und diente in dem Heere Nophailachs; ſeine Pflicht hatte ihn von Mekka, ſeiner Heimat, entfernt, waͤh⸗ rend die drei erſten Gatten Sesbets die drei erſten Zeilen der verborgenen Schrift geleſen hatten, er hatte ſogar niemals etwas von dieſem ganzen Ereignis erfahren. Sesbet, ſtaͤts den Befehlen ihres Vaters gehor⸗ ſam, fuͤhrte ihn in ihr Haus, wie ſie die vorigen heim gefuͤhrt hatte: aber er war nicht ſo folgſam in Hinſicht des Gebots der Trennung. „Ich will gerne glauben, daß dein Vater ein weiſer Mann war,“ ſprach er zu ihr mit Lebhaftig⸗ keit;„ich gebe zu, daß Mahomed dereinſt von Gott herab geſandt werde: wie kann mich aber das gegen⸗ waͤrtig bewegen, von meiner Gattin zu ſcheiden?“ „Fuͤrchte eine gerechte Beſtrafung dieſer gottloſen Re⸗ den,“ ſagte Sesbet mit liebenswuͤrdiger Sanftmuth zu ihm. — Aber achtet ein Befangener, ein von Begierde entbrannter Menſch wohl irgend auf die verſtaͤndigſten Vorſtellungen? Kann man dieß auch nur verlangen? Temimdari alſo, feſt entſchloſſen, ſich nicht ſo abſpei⸗ ſen zu laßen, wie ſeine Vorgaͤnger, ging eines Beduͤrfniſſes wegen in den Hof, und ſich ſtellend, als wenn er ſich von Sesbets Warnungen betroffen fuͤhlte, ſagte er zu ihr: „Ich fuͤrchte mich, liebeFrau, ſprich, und beruhige mich.“ VIII. 19 290 511. 512. Tag. Sie ihrerſeits, ohne ſich etwas dabei zu denken, ſagte ſcherzend:„Ihr Geiſter, hebet ihn hinweg!“ Und von Stund' an hoͤrte man nicht mehr von ihm reden. Wie uͤberraſchend dieß Ereignis ihr vorkam, doch betrachtete ſie, eingedenk ihrer Pflichten, dieſelbe Treue gegen ihn, und wollte den Ablauf des Jahres abwar⸗ ten, bevor ſie einen neuen Entſchluß faßte; denn auf dem Pergamentblatte ſtand nun keine Zeile weiter zu leſen. Sie verlebte alſo auch dieſes Jahr in der ge⸗ wohnten Ausuͤbung ihrer Tugenden; und als ſie am Tage des abgelaufenen Jahres keine neue Schrift er⸗ ſcheinen ſah, bereitete ſie ſich, auszugehen, um den Koͤnig und ſeinen Veſyr um Rath zu fragen; denn die Worte lauteten ganz beſtimmt:„Sie ſoll ſich verheirathen.“ Fuͤnfhundert und zwoͤlfter Tag. Sie ſtand in dieſem frommen Vorſatz, als ſie auf ihrem Hofe einen lauten Laͤrmen hoͤrte; ſie lief hinaus, und erblickte mit dem groͤßten Erſtaunen ihre vier Maͤn⸗ ner, deren Jugend und Schoͤnheit ſich nicht veraͤndert hatte, ſie ſahen bloß etwas ermüͤdet aus. Gluͤcklicher⸗ weiſe hatten ſie keinerlei Waffen bei ſich; denn da ſie ſich allzumal in dem Hauſe ihrer Gattinn befanden, ſo entflammte die Eiferſucht ſie zu einer Wuth, welche — — Mahomeds Geburt. 291 nichts haͤtte ſtillen koͤnnen. Gleichwohl ſtanden ſie, in Er⸗ mangelung der Waffen, in Begriff, ſich anzufallen, wie verſtaͤndig ſie ſonſt auch waren: ſo wenig vermag die Weis⸗ heit uͤber leidenſchaftliche Herzen! Aber Sesbet redete zu ihnen mit jener Sanftmuth, welche die Uebung der Tugend und die Wahrheit ſtaͤts einfloͤßen, und ſagte: „Hoͤret mich an; es iſt wahr, daß ich euch alle viere geheirathet habe; ihr kennet die Befehle, welche mich mit euch verbunden haben; ich habe euch nichts verhehlt, und bin euch gewiſſenhaft treu geblieben.“ „Nach dem was wir fuͤr dich gelitten haben,“ rie⸗ fen alle zugleich aus,„dich verheiratet zu finden, nicht nur mit einem, ſondern mit drei Maͤnnern, iſt das auszuhalten!“ „Ihr wuͤrdet Recht haben,“ erwiederte ihnen Sesbet, „wenn alles, was uns begegnet, in der gewoͤhnlichen Ord⸗ nung der Dinge waͤre: aber iſt euch ſchon je etwas vor⸗ gekommen, das mit unſeren Abenteuern zu vergleichen woͤre? Ich habe die Befehle meines Vaters befolgt, ich kann es nicht bereuen; ich weiß ſo gut, wie ihr, daß ich in jedem andern Falle uͤbel gethan haͤtte: aber, was die Hauptſache iſt, bringet ihr Kunde von Mahomed?“ „Ja,“ antworteten alle aus Einem Munde. „Habt ihr ihn geſehen?“ fragte ſie weiter. „Du kannſt dich davon uͤberzeugen, wenn du ver⸗ nehmen willſt, was uns begegnet iſt,“ antworteten alle mit gleicher Lebhaftigkeit. 292 612. Tag. Sesbet wollte ſie gern anhoͤren; das Loos ent⸗ ſchied, in welcher Folge ſie erzaͤhlen ſollten, nachdem ſie ſie hatte ſchwoͤren laßen, ſich dem zu unterwerfen und ſich gegenſeitig friedlich anzuhren.“ „Wir wollen doch ſehen,“ unterbrach ſie Huddſchadſch, indem er ſich umwandte,„wie alles dieß ſich entwirren wird.“ „Herr,“ erwiederte Moradbak,„ich befuͤrchte ſehr, daß es deine Majeſtaͤt nicht befriedigen wird; die Geſchichten dieſer vier Ehemaͤnner haben etwas Einfoͤrmiges, ſie ſind voll von geheimnisvollen Dingen, welche gleichwohl jeder gute Muſelmann wiſſen ſollte...“ „Gleichviel,“ verſetzte der Koͤnig, nalle dieſe Dinge da, ſo ſchoͤn und nothwendig ſi ſie ſein moͤgen, ſchlaͤfern eben ſo gut ein, wie jedes andere. Erzaͤhle immer weiter, du weißt, daß ich nur einzuſchlafen wuͤnſche.“ „Aber, Herr,“ fuhr Moradbak fort,„ich wuͤnſchte wohl, daß deine Majeſtaͤt die Guͤte haͤtte, nachdem du die Geſchichten der vier Ehemaͤnner gehoͤrt, mir zu ſagen, welche davon dir am meiſten gefallen hat.“ „Das will ich dir ohne Muͤhe ſagen,“ antwortete ihr der Koͤnig:„entſcheiden iſt eins von den Dingen, welche ich am liebſten thue. Du kannſt immer an⸗ fangen, ich hoͤre dir zu.“ „Sesbet ſetzte ſich alſo in die Mitte ihrer vier Maͤn⸗ ner,“ fuhr Moradbak fort;„und da das Loos zuerſt auf Abdal Motallab gefallen war, nahm er alſo das Wort: