5E ——-———— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vd n 5. Ednard Ofkmann in Gießen, Scchloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 8 4 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 59 Pf. 2 Mk.— Pf. . 5 w„„ 3„ 4„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Tnsunnezen Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — TVausend und Ein Tag. Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. Aus dem Persischen, Turkischen und Arabischen nach 3 Petis de la Croix, Galland, Cardonne, Chawis und Cazotte, dem Grafen Caylus und Anderen, ü b erſetzt von F. H. von der Hagen. Siebenter Band. Prenzlau, Druck und Verlag der Ragoczy ſchen Buchhandlung. 182 3. Tauſend und Ein Tag. Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. Siebenter Band. 6,ESE Se 7 Inhalt des ſiebenten Bandes. Fortſetzung und Beſchluß der eſchichte Habibs und Doratil⸗Goaſens⸗⸗ Dreihundert und neunzigſter Tag-⸗ ⸗ 4 39 1Iſter Tag ⸗⸗ e⸗ 9 392ſter Tag ⸗ ⸗⸗ e e ⸗⸗ 44 393ſter Tag= z 2 2 19 39 4ſter Tag ⸗= 2 2 s i⸗ ⸗ 25 3 395ſter Tag„ ⸗ ⸗ 30 396ſter Tag ⸗*£ 35 392 ſter Tag r=⸗s, ⸗ 39 39 8ſter Tag-=s⸗⸗ ⸗-⸗ 44 309ſter Tag 48 4 400ſter Tag 52.⸗⸗ ⸗ ⸗ 2⸗ 53 40 1Iſter Tag- ⸗ ⸗ 58 402ter Tag 2 ⸗ ⸗ ⸗ 62 403ter Tag 2 62 404ter Tag 2IEIEe ⸗⸗⸗ ⸗ 72 405ter Tag 7 5* ⸗ ⸗ 76 Q halt. 406ter Tgs ⸗ 2 407 ter Tag 7 ⸗,. 2⸗ 408ter Tag, ,⸗ ,⸗ ⸗ 409ter Tag C 410ter Tag e e ⸗ ⸗ ⸗ Geſchichte des Mograby, oder der Schwarzkuͤnſtler . aurrter Tag-⸗⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 412ter Tag ,, ⸗ ⸗ 413ter Tag 7 ⸗ ⸗) z= 2 414ter Tag 2 ⸗ 7⸗-⸗ 2 ⸗ 2 2 415ter Tag ⸗ 7 ⸗ ⸗ 2⸗ 2 2 416ter Tag zz,, ⸗ e ⸗ 417 ter Tag ⸗ ⸗ ⸗ 2. ⸗ ⸗ ⸗ 418ter Tag ⸗ ⸗, ⸗ ⸗ 2 41 9ter Tag ½ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 7 ⸗ 420ſter Tag 2 ⸗ ⸗ ⸗ 42 Iſter Tag ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 422ſter Tag ⸗ ⸗ ⸗ 423ſter Tag ⸗ ⸗ ⸗ ⸗,.⸗ ⸗ 424ſter Tag 2 7 5 ⸗. ⸗ 425ſter Tag 7 z ⸗-⸗ 426ſter Tag z ⸗.ee 427 ſter Tag„= 2 Geſchichte Halajaddins, des Prinzen von Perſien 428ͤſter Tag ⸗.= 2 —— —— 8 4 Inhaltt. 429ſter Tag 430ſter Tag 43 1ſter Tag 432ſter Tag ⸗ u Nu w Uu n u n Nnu u Geſchichte Jamaladdins, Katai. 433ſter Tag 434ſter Tag 435ſter Tag 436ſter Tag 437 ſter Tag 8 438ſter Tag 4309ſter Tag 440ſter Tag 44 1ſter Tag 442ſter Tag 443ſter Tag 444ſter Tag ⸗ An dRnnunnnnuan nndandaonna a — 445ſter Tag 446ſter Tag An y wn A u u n u u des Prinzen „ u u An n un aA n d udan AGnn a N uu u a Nn Bu A u n An u N N Annn a n n un n n u n a u u n N N n u W u von Groß⸗ KRnNnouaunnunun u A8Nn v n u n nͤ A d n. w dSanynn un u A Geſchichte Baha⸗Ildins, des Prinzen von Cinigaé n A u Geſchichte Badvildins, des Prinzen der Tatarei. 447ſter Tag⸗ ⸗ 216 222 228 VIII 448ſter Tag 449ſter Thg 450ſter Tag 45 Iſter Tag 452ſter Tag 453ſter Tag 454ſter Tag 455ſter Tag NAnNnan u a 27 nhalt. - 2 2 2⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 2 72„ 41= ⸗ AN Ananuua a „ N u A N w NUun A NnN a n u u NAn AKnun a v u nang u n a Seite 295 299 304 3⁰0 314 319 323 327 4 4 Tauſend und Ein Tag. Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. Forrtſetzung der Geſchichte Habibs und Doratil⸗Goaſens. Indem ſie dieſe letzten Worte ausſprach, zerſchmolz ſie in Thraͤnen, und mit einer gewohnten unwillkuͤhrli⸗ chen Bewegung fuhr ſie mit den Fingern in ihre ſchoͤ⸗ nen Haare, als wenn ſie ſie kaͤmmen wollte. Habib hatte bisher keine anderen Leiden gekannt, als die ſeinen: die Erzaͤhlung der Fuͤrſtinn durchdrang ihn mit neuen Gefuͤhlen fuͤr ſie: ſein Herz ward be⸗ wegt, ſeine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen. Ilſaide fing an zu ſchluchzen, und ſtand vom Tiſche auf. Ihre altere Schweſter folgte ihr, und fragte ſie: VII. 1 2 389. Tag. „Was fehlt dir? muͤßige dich.“ „Ich vermag es nicht,“ antwortete die juͤngere Schweſter:„die Fuͤrſtinn verurſacht dem Arabiſchen Ritter zu viel Herzeleid. Du biſt nicht, wie ich, meine Schweſter: ich wollte, daß man ihm nur Vergnuͤgen gewaͤhrte.“ Ilſaide wurde, waͤhrend ſie dieſe Antwort gab, wie⸗ der zu Tiſche zuruͤckgefuͤhrt.. Die Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren bemerkte den Eindruck, welchen ſie hervorbrachte, und faßte ſich; und Habib, nachdem er ſeiner innern Bewegung Herr ge⸗ worden, konnte wieder reden, und ſagte zu ihr: „Fuͤrſtinn, ich ſchwoͤre bei dem mir anvertrauten Schwerte, daß ihr euern Gemahl wiederhaben ſollt, und daß ich die gegen Doratil⸗Goas und gegen euch ver⸗ uͤbten Frevel auch an dem Kopf des letzten Empoͤrers raͤchen will, der euch beleidigt hat. Niſabik leidet ſchon, wenn ich ihm ſelber glauben darf, zum Theil die Strafe fuͤr ſeine abſcheulichen Fel⸗ ſenhaufen, womit er mich bedecken wollte; ich bin fuͤr das Boͤſe, welches er mir zugedacht, mehr als gerochen: aber der Himmel, Doratil⸗Goas, und ihr, Herrinn, ſeid es noch nicht genugſam. Wir wollen zuſammen nach dieſem Steinhaufen gehen, unter welchem er mich zu zerſchmettern waͤhnte, und ich will zu ſeiner Beſtrafung daſſelbe Mittel anwenden, welches er erſonnen hatte, um ſich, ſeiner Sterndeuterei zufolge, uͤber ſeinesgleichen Der fahrende Ritter. 3 emporzuſchwingen. Geruhet, mich zu begleiten, Her⸗ rinn; in Erwartung, daß ich, unter Beguͤnſtigung des Himmels und ſeiner Lieblinge, allen euren Leiden ein Ziel ſetzen koͤnne, will ich euch jetzo ſchon das Vergnuͤ⸗ gen der Rache ſchmecken laßen.“ Indem er dieß ſagte, ging er mit der Fuͤrſtinn Schoͤn⸗ haar und den drei Meerfraͤulein nach den zuſammenge⸗ ſtuͤrzten Felſen, welche den durch den Berg gehauenen Weg verſperrten, der von der Bruſtwehr des Schloſſes nach dem Ufer des Meeres fuͤhrte. So bald ſie dort angekommen waren, zog Habib ſein Schwert und ſchlug dreimal damit auf die uͤber einander gerollten Felsbloͤcke, und rief dann mit lauter Stimme: „Niſabik, wenn du unter dieſen Steinlaſten ſtoͤh⸗ neſt, ſo gib ein Zeichen von dir: der Arabiſche Ritter koͤmmt, dir ſein Wort zu halten.“ In demſelben Augenblick ſchien der Felſenhaufe ſich etwas zu luͤften, und ein graͤßliches Geſtoͤhne ſtieg dar⸗ aus hervor: die Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren er⸗ kannte die Stimme, und zitterte. Habib fuhr fort: „Abtruͤnniger Geiſt! ich kannte noch nicht alle deine Frevel, und bevor ich dich, ſie zu buͤßen, nach den Hoh⸗ len des Kaukaſus entſende, mußt du noch vor den Au⸗ gen einer Koͤniginn beſtraft werden, welche du ſo ſchmaͤh⸗ lich beleidigt haſt.“ Nach dieſen an den Geiſt gerichteten Worten, hielt der Ritter inne, und wandte ſich wieder zu der Koͤniginn: —— —————— 4 589. 390. Ta g. „Herrinn, dieſer Gottloſe wollte ſich eurer Haare bedienen, um andere geiſtige Weſen zu unterjochen und zu feſſeln. Sein Hochmuth und ſein unſinniges Ver⸗ langen muß durch eben den Gegenſtand beſtraft wer⸗ den, welcher ihm zum Mittel dienen ſollte.— Habib ſchlug abermals auf die Felſen, erhub die Stimme, und rief: „Du ſollſt drei von den verlangten Haaren haben, unſeliger Boſewicht! ſie ſollen aber drei Eiſenketten wer⸗ den, welche dich am Halſe, an den Haͤnden und an den Fuͤßen feſſeln.“ Hierauf warf er die drei Haare in die Luft, und ſprach mit feierlicher und verſtarkter Stimme die Worte aus: „Edle Geſchoͤpfe Gottes, erhaltende Geiſter der Ur⸗ ſtoffe, Diener des großen Mahomed, und Freunde Sa⸗ lomons! feſſelt den Frevler, werfet ihn zu Fuͤßen der von ihm beleidigten Fuͤrſtinn, und ſchleppet ihn dann in die Gefaͤngniſſe des Kaukaſus!“ —— Dreihundert und neunzigſter Tag. Ein furchtbares Geſchrei erſcholl aus der Tiefe; die Felſen thaten ſich auf. Niſabik, mit Ketten belaſtet, erſchien einen Augenblick, mit zu Boden geneigter Stirne, vor der Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren: und ploͤtzlich verſchwand dieß Geſicht wieder. Der fahrende Ritter. 5 Wäaͤhrend der Zeit, daß der fuͤrchterliche Geiſt ſich aller Blicken zeigte, hielt Ilſaide ſich hinter dem Ritter verſteckt. Die Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren konnte ſich einer Anwandlung des Entſetzens und der Furcht nicht erwehren; Habib ſprach zu ihr: „Beruhiget euch, Herrinn; ihr ſehet, daß eure Locken ein koſtbarer Schatz ſind; eure Haare ſollen euch dieſen Abend noch von allen den Feinden befreien, welche die Gefaͤngniſſe eurer Burg mit ihrem unreinen Athem ver⸗ peſten, und ſelbſt von denjenigen, welche vor meiner Rache entflohen ſind, wenn ſie ſo unklug geweſen, auf dieſer Inſel eine Zuflucht zu ſuchen. 1 „Wir wollen noch mehr thun: ich ſehe hierin ein icheres Mittel, alle Empoͤrer der Blauen Inſel zu un⸗ erwerfen, ohne daß man die Muͤhe habe, ſie aufzuſn⸗ hen. Warum darf ich mir nicht ſchmeicheln, mich eben dieſes Mittel gegen Abarikaf ſelber zu bedienen, und auf Koſten aller Feinde Doratil⸗Goaſens und der eurigen, die Sterndeutung zu erfuͤllen, welche eure Haare zu Feſſeln zahlloſer Geiſterſchaaren beſtimmte! Ihr duͤrft ſie nicht ſparen, Fuͤrſtinn, uͤberliefert ſie ihrer Beſtim⸗ mung, und ihr werdet darnach nur um ſo ſchoͤner ge⸗ ſchmuͤckt ſein.“ Die Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren begab ſich wieder in ihr Gemach, und die drei Meerfraͤulein be⸗ dienten ſie abermals bei ihrem Anzuge fuͤr den Abend. Voll Vertrauen auf die Weisheit des Ritters raufte ſie 6 390. Tag. ſich eine Handvoll ihrer ſchoͤnen Haare aus, ſich gluͤck⸗ lich preiſend, dieſelben zu einem ſo edlen Zwecke dienen zu ſehen. Ilſaide nahm ſie, ging damit zu Habib, und uͤbergab ſie ihm. Dieſer lisß ſi nun nach dem Ein gange der Gefaͤngniſſe fuͤhren; er wiederholte dort die⸗ ſelbe Handlung, wie bei dem Felſenſturz, und alle Em⸗ pdrer wurden auf der Stelle emporgehoben und gefeſ⸗ ſelt in die Gewoͤlbe des Berges Kaukaſus gebracht. Er beſtieg hierauf die Zimmern des Schloſſes und ſtreute von den Haaren einige in die Luͤfte, indem er ſie den Dienern des Propheten anvertraute, damit ihre Wirkung ſich uͤber alles erſtreckte, was noch von Fein⸗ den auf der Gruͤnen Inſel uͤbrig waͤre, ſo wie uͤber die⸗ jenigen, welche noch die Blaue Inſel in Beſitz hatten. Ein Getoͤſe, welches von entferntem Geaͤchze herruͤhrte, ließ ſich vernehmen und verſicherte Habib des voͤlligen Erfolges ſeiner That. 8 Jetzo hielt er einen Augenblick inne, ſich ſeines Weges zu erfreuen, und nachzudenken: 1 „Wenn ich gegenwaͤrtig vor dir erſchiene, mein theu⸗ rer Il⸗Habul, ſo wuͤrde ich weniger gedemuͤthigt ſein, als zuvor; aber ich wuͤrde nicht ſtolz ſein. Hohe Worte gingen uͤber meine Lippen, Wunder⸗ werke folgten ihnen. Ich habe geſiegt: ſoll ich mich deſſen ruhmen? Meine Worte ſind Wind, ich habe nicht die Kraft eines einzigen dieſer Haare, die ich hier in der Hand halte.“ 8 Der fahrende Ritter. 7 Indem er dieß ſagte, ſchob er vorſichtig alle ihm noch uͤbrigen Haare der Fuͤrſtinn in ſeinen Buſen, und begab ſich wieder zu ihr in den Saal, wo ſie ſich mit den drei Meerfraͤulein befan „Beruhiget euch, Herrinn,“ ſprach er zu ihr, indem er ſich ihr naͤherte;„ihr ſeid von euren Feinden be⸗ freiet. Wenn ihr, fuͤr den Thron geboren, meiner Huͤlfe bedurft habt, ſo iſt nunmehr mein Rath fuͤr euch uͤber⸗ fluͤſſig: mein Geſtirn und meine Pflicht zwingen mich morgen mich von euch zu trennen; aber wenn der Himmel meine Waffen begaͤnſtigt, ſo ſeid verſichert, daß ich eure mir theure Angelegenheit nicht aus dem Geſichte ver⸗ lieren werde. Ich will morgen der Blauen Inſel eure Befehle uͤberbringen, wenn ihr mich damit beehren wollt. Ich entfuͤhre euch meine liebenswuͤrdigen Gefaͤhrtinnen: aber ich habe noch zwei Meere zu durchſchiffen, und in einem Gebiete, wo die Zwingherrſchaft jegliche Schif⸗ fahrt vernichtet hatte, werde ich noch ferner ihrer freund⸗ lichen Huͤlfe beduͤrfen. Die Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren vernahm mit Bedauern, daß der junge Held, dem ſie ſo große Ver⸗ pflichtungen hatte, ſich von ihr ſo ſchleunig trennen wollte: aber ſie konnte nicht anders als mit Ehren den erbetenen Urlaub gewaͤhren, deſſen Beweggrund ſie ſo ſehr billigen mußte; und beide nahmen mit den Ver⸗ ſicherungen der vollkommenſten Hochachtung Abſchied von einander. 3 faͤhrtinnen abreiſen; ſie flogen uͤber die Gewaͤſſer dahin, und erreichten gegen Mittag das Geſtade der Blauen Inſel. Die daſelbſt verſammelten Einwohner uͤberließen ſich der Freude ihrer unerwarteten Befreiung; ihre Un⸗ terdruͤcker waren faſt ſichtbarlich vor ihren Augen zu Boden geſtuͤrzt und durch die Luͤfte hinweggefuͤhrt wor⸗ den. Habib kam, ihre Freude noch zu vermehren, in⸗ dem er ihnen die gluͤckliche Befreiung ihrer ſchoͤnen Ko⸗ niginn verkuͤndigte; und da ſie die naͤchſten Anwohner der Schwarzen Inſel waren, ſo ſuchte er ſich bei ihnen zu erkundigen, ob ſie nichts von dem erfahren haͤtten, was dort vorginge; und von dem Erfolge des Angriffs, welchen Abarikaf gegen die der Koͤniginn Doratil⸗Goas treugebliebene Inſel unternommen hatte. „Herr!“ antworteten ihm die Einwohner,„ſeitdem die Empoͤrer ſich dieſer Inſel bemaͤchtigt, haben ſie auch nicht einmal eine Fiſcherbarke uͤbrig gelaßen. Selber im Beſitz aller Mittel der Verbindung unter einander, haben ſie uns jeglicher Mittel des Verkehrs mit anderen lebenden Weſen unſrer Art beraubt; wir koͤnnen uns nicht von unſrer Kuͤſte entfernen, und es iſt uns unmoͤg⸗ lich, etwas von dem zu erfahren, was auf ihrer Inſel vorgeht: aber der Meeresarm, der uns davon trennt, iſt ſeit einigen Tagen viel ſchwaͤrzer, als gewoͤhnlich ge⸗ geworden, ohne daß ſolches die Wirkung eines nahen oder fernen Sturmes ſein koͤnnte; die Fluten des Mee⸗ Der anbrechende Tag ſah Habib mit ſeinen Ge⸗ —— Der fahrende Ritter. 9 res ſind in ungleicher Bewegung, ohne daß der Wind oder eine Seeſtroͤmung ſie aufregte; und wir glau⸗ ben, ohne den wahren Grund dafuͤr angeben zu koͤn⸗ nen, daß die Ueberfahrt von hier nach der Schwarzen Inſel gegenwaͤrtig hoͤchſt gefaͤhrlich iſt, wenn nicht ohne dieß ſchon die Wuth des dort herrſchenden Ungeheuers Alle abſchreckte, welche ſie unternehmen wollten.“ Der Arabiſche Ritter ſetzte ſich vor, am naͤchſten Tage mit eigenen Augen zu ſehen, was man ihm be⸗ richtete, und nahm die ihm erbotene Gaſtfreundſchaft an: und ohne etwas von ſeinem Vorhaben kund zu ge⸗ ben, uͤberließ er ſich den Ergetzungen eines Feſtes, zu welchem die Befreiung der Inſel Gelegenheit gegeben hatte. Er entwand ſich, vor Wiederkehr der Sonne, dem Lager, beſtieg ſein Floß, fuhr laͤngs der Kuͤſte der Blauen Inſel hin, bis an ihre aͤußerſte Spitze, und ſuchte uͤber die Meerenge, welche ſie von der Schwarzen Inſel ſchied, weeiter zu ſchiffen: aber das Meer vor ihm ward ſo ungeſtuͤm, daß die Delphine, welche ſein Floß zogen, in Schrecken geriethen und auf den Strand der Blauen Inſel zuruͤckgeſcheucht wurden. Dreihundert und ein und neunzigſter Tag. Habib ſchlug vergeblich mit ſeinem Schwert in die Fluten; vergeblich ſprach er jenes Machtwort aus, wo⸗ ganz neuen Schauſpiele doch dermaßen erſchreckt, da 10 391. T a g. durch es bisher alle Zaubereien beſiegt hatte: der Zau⸗ ber, welchen er hier bekaͤmpfte, wirkte nicht in der Luft, und die Gewalt, welche ſein Fahrzeug auf den Strand warf, war durchaus natuͤrlich, obwohl durch eine Urſache in Bewegung geſetzt, welche nicht natuͤrlich war. Alle Fiſche und Ungeheuer, welche die Meere um⸗ her bewohnten, waren in der Meerenge verſammelt, die er uͤberſchiffen mußte. Die Fluten darin wimmelten von ihnen; ihre ungeheuren Maſſen, von der ihnen mitge⸗ theilten Unruhe bewegt, wuͤrden ein großes Schiff in Gefahr des Verſinkens gebracht haben; das Meer, worin ſie ſich draͤngten, war fuͤrchterlich. So gewohnt die Meerfraͤulein des Anblicks der graͤulichſten Seeungeheuer waren, und obgleich die Ge⸗ genwart eines Helden ſie beruhigte, der gemacht war, die Unerfahrenheit und Furchtſamkeit ſelber zu ermu⸗ thigen, ſo wurden ſie von dieſem fremden und ihne ſie ſchleunig ans Land flohen, und auf dem Geſtade ſich um den Arabiſchen Ritter ſtellten, der einen Augen⸗ blick in Gedanken vertieft ſtand. „Welche Gefahr,“ ſprach er,„hat die Delphine und die Fraͤulein erſchreckt? Was iſt das fuͤr ein Hin⸗ dernis, welches das Ausſprechen des mir verliehenen Machtwortes nicht zu heben vermochte? Das Schwert Salomons iſt unnuͤtz in der Hand deszjenigen, der nicht Der fahrende Ritter. 11 ſeine Weisheit hat. O, mein theurer Il⸗Habul! wo biſt du? belehre mich... 1 Man muß die Gefahr naͤher ſehen, um ſie zu beur⸗ theilen; durch den Verſuch der Gegenmittel ermißt man ihre Groͤße. Schwert Salomons, oͤffne mir die Ab⸗ gruͤnde des Meeres, wenn ich ſie durchdringen ſoll! laß mich die Fluten deſſelben uͤberwinden, wenn es noͤthig iſt.“ Der Held ſtand jetzt auf der Spitze eines ſteilen Felſens: er ſtuͤrzte ſich, mit dem Kopf voran, ins Meer, und war ſogleich auf allen Seiten von Seethieren umringt, welche ihn draͤngten, ihm jedoch keinen Schaden thaten. Ueberall, wo das Schwert ſie erreichte, toͤdtete es; und bald war das Meer von Blute gerͤthet: aber ihr Gedraͤnge mehrte ſich, anſtatt ſie zu zerſtreuen; ſie wur⸗ den durch Schranken verhindert, zu entfliehen, und Ha⸗ bib war auf allen Seiten von ihnen eingeengt. Der Held bedeckte das Meer mit ſchwimmenden Leeichen, und muͤhte ſich ab, waͤhrend die ſchuppenge⸗ Panzerten Schaaren um ihn her ſich ſtaͤts zu verſtaͤrken ſchienen. Er erhub ſich einen Augenblick uͤber Leichen⸗ haufen, die ihn umgaben, und rief aus: „Im Namen Salomons! durch welche Macht auch immer dieſe Seethiere hier zuſammengepreßt ſind, ich gebiete, daß ſie ſich in die entfernteſten Meere dieſes Welttheils zuruͤckziehen!“ Dieſem Befehle folgte die ſchleunigſte Wirkung: es entſtand in den Fluten eine gewaltige Bewegung, 12 391. Tag. und das Gedraͤnge der Seethiere zerſtreute ſich. Der Nitter ſchwamm nun mitten in einem offenen Meere, auf welchem nur noch lebloſe Thiere umhertrieben; alles was Leben hatte, war daraus entwichen. Die drei Meerfraͤulein beobachteten von dem Felſen herab alles was vorging. Ilſaide hatte das Meer mehr⸗ mals ſich roͤthen geſehen, und jedesmal einen Schrei des Schreckens ausgeſtoßen. Als ſie aber den Arm mit dem Schwerte ſich uͤber dem Waſſer erheben ſah, beru⸗ higte ſie ſich wieder, und ſagte: „Da iſt wohl Blut, aber nicht das ſeinige.“ Endlich ſchien ihr das Meer ſtiller zu werden, und ſie ſah den Helden ſchwimmen, aber ins offene Meer hmaus:„da iſt er!“ ſagte ſie;„er wagt's, das Meer zu durchſchwimmen: er wird ertrinken!“ Und damit ſtuͤrzte ſie ſich in die Fluten. Ihre Schweſtern riefen ihr vergeblich, und ſprangen ihr end⸗ lich ſelber nach ins Meer. Zwei von dem Floſſe geloͤſte Delphine, die gewoͤh lich mit ihr ſpielten, ſchwammen ihr zur Seite, ihre Anhaͤnglichkeit trieb ſie dazu, und die beruhigten Fluten ſetzten ſo geuͤbten Schwimmern keine Hinderniſſe mehr entgegen. Flſaide gedachte bald im Stande zu ſein, dem Hel⸗ den, deſſen Schickſal ſie beunruhigte, Huͤlfe zu leiſten: aber auf einmal ſah ſie ihn untertauchen und verſchwin⸗ den. Sie tauchte auch hinab, und ward drunten Zeuge Der fahrende Ritter. 13 eines furchtbaren Kampfes. Habib war handgemein mit Abarikaf, der den Leib eines Wallfiſches angenom⸗ men hatte und darin ungeheure Anſtrengungen machte. Als der Held ſich ihm naͤhern wollte, oͤffnete das Unthier einen unermeßlichen Rachen, und ſpie einen Waſſerſtrom aus, der ihn zuruͤcktrieb. Habib erſchien wieder uͤber dem Waſſer, tauchte abermals hinab, ſchwang ſich auf den Ruͤcken des Ungeheuers, und ſein Schwert, dem nichts Widerſtand leiſten konnte, drang durch die Seiten bis in das Innere, der ungeheuren belebten Maſſe, mit welcher er kaͤmpfte. Das Rieſenthier zappelte, bedeckte das Meer mit Blut und Schaum, und ſenkte ſich in die Abgruͤnde hinab. Habib war genoͤthigt, nochmals uͤber der fluͤſſigen Um⸗ gebung Athem zu ſchoͤpfen, beobachtete jedoch ſtaͤts die blutige Spur, welche dem von ihm durchbohrten Leibe eentſtroͤmte: aber die Kraͤfte begannen ihm zn ſchwinden, als er Ilſaide'n herbei kommen ſah. ,„Beſteiget einen Delphin, Herr Ritter,“ ſagte ſie zu ihm;„ihr waget euch zu ſehr. Wie! ihr, der ihr doch nur ein Menſch ſeid, ihr koͤnnt euch ins offene Meer hinauswagen, und darin alle dieſe Thaten ver⸗ richten?“ 14 392. Tag. Ddrreihundert und zwei und neunzigſter Tag. Der Arabiſche Ritter erkannte in der ihm geſende⸗ ten Huͤlfe die Obhut des Himmels; er befolgte Ilſai⸗ dens Rath, und bald war er mit ihrer Huͤlfe, auf dem „Delphin reitend, im Stande, gemaͤchlicher die Folgen des furchtbaren Kampfes zu beobachten, aus welchem er ſiegreich hervorgegangen war. Als Abarikaf ihn angriff, war dieſer Empoͤrer von ihm aͤhnlichen und anderen noch ſcheußlicheren Unge⸗ heuern umgeben, die alle von ihm und den Genoſſen ſeiner Frevel unterjocht waren: ſeine Gefahr hatte ſie aber alle von ihm verſcheucht. Von Schrecken verblendet, waͤhnten ſie ihre Sicher⸗ heit in der Flucht zu finden; ſie wollten ſelbſt die Lei⸗ ber der Schwertfiſche, der Sturmfiſche, der Seeloͤwen verlaßen, welche ſie durch Zauberei angenommen hat⸗ ten: aber ein maͤchtigerer Zauber hielt ſie darin zuruͤck. Dieß waren die Haare der Koͤniginn von der Gruͤ⸗ nen und Blauen Inſel, von welchen Habib, in einem Augenblick der Ungeduld, einen Theil ins Meer gewor⸗ fen, und dabei geſagt hatte: „Moͤgen dieſe Haare durch Salomon eben ſo viel Sklaven Gottes machen, als der verruchte Niſabik ſich ſelber Sklaven dadurch zu machen waͤhnte, um ſeine ei⸗ 4 gene Macht zu gruͤnden!“ Der fahrende Ritter. 15 Der mit den Haaren verknuͤpfte Zauber hatte ſeine Wirkung gethan; und von dem Augenblick an waren die Geiſter in den Leibern der Meerbewohner feſtge⸗ bannt, welche eine Bezauberung ihnen undienſtbar ge⸗ macht hatte. Der Wallfiſch, in welchen Abarikaf fich befand, war endlich durch den voͤlligen Blutverluſt erſchoͤpft, und er⸗ ſchien wie ein entſeelter Leichnam auf. der Oberflaͤche des Waſſers, und ſchwamm darin, wie eine Inſel. Der Arabiſche Ritter ſchwang ſich von ſeinem Delphin auf den Ruͤcken des beſiegten Feindes, und dankte auf dieſer Stelle demjenigen, der den Sieg verleihet: „Ich hatte mein Vertrauen auf ihn geſetzt,“ ſagte er,„und ich habe mich nicht gefuͤrchtet, in die Tiefen des Meeres hinabzutauchen; er hat mir dort die Augen offen und die Arme frei erhalten. Ich bekaͤmpfte ein rieſengroßes Ungeheuer, er hat mein Schwert bis in das Herz meines Feindes dringen laßen. Als meine Kraͤfte erſchoͤpft waren, hat er mir Ilſaide'n zu Huͤlfe geſandt: ein Kind, das in ſeinem Namen koͤmmt, wiegt ein ganzes Heer auf.“ In dieſem Augenblick hatte ſich auch Ilſarde, durch das Beiſpiel des tapfern Ritters ermuthigt, auf den Ruͤcken des ungeheuren Fiſches geſchwungen; ihre Schweſtern ſahen ſie dort, eilten im Gefolge von ſechs anderen Delphinen herbei, und erkuͤhnten ſich, ihrem Beiſpiele zu folgen. 2 16 392. T a g. unnterdeſſen war die lebloſe Maſſe, welche ſie alle trug, von einer Seeſtroͤmung ergriffen, aus dem Mee⸗ resarme getrieben, uͤber welchen die Fahrt zu der Schwar⸗ zen Inſel ging. Habib, nachdem er mit Dankbarkeit und Beſcheidenheit die Gluͤckwuͤnſchungen der Gefaͤhr⸗ tinnen ſeiner Abenteuer angenommen, fragte ſie, was das fuͤr ein Land waͤre, welches fern am Geſichtskreiſe erſchien. 4 „Es iſt,“ antwortete ihm die Aelteſte,„die Inſel von Medinas⸗ilbalor, in deren Hauptſtadt unſre Kd⸗ niginn wohnt.“ Bei dieſen Worten hatte Habib Muͤhe, ſeine Freude zuruͤckzuhalten: 1 „Wie!“ ſagte er,„ich habe endlich das Gluͤck, die⸗ ſes erſehnte Land zu ſehen? Wenn ich mit dem Unge⸗ heuer unter unſeren Fuͤßen dorthin gelangen koͤnnte, wie angenehm wuͤrde ſein Anblick eurer Koͤniginn ſein! denn ich zweifle nicht, daß der Empoͤrer Abarikaf in den Ein⸗ geweiden des Wallfiſches gefeſſelt liege.“ „Das koͤnnt ihr wohl,“ ſagten die drei Schweſtern; „es wird zwar ein etwas plumpes Floß ſein, aber wir wollen aus dem Grunde des Meeres Gewaͤchſe herauf⸗ holen, aus welchen wir Geſchirre fuͤr die Delphine ma⸗ chen koͤnnen.“ Auf der Stelle ſprangen ſie hinab in die Fluten, und verſchwanden. Ihre Gewandtheit und ihr Eifer vollfuͤhrten im Augenblick ihr Vornehmen: die Delphine Der fahrende Ritter. 17 unablaͤßig uͤber Doratil⸗ Goaſens Wohlfahrt im gan⸗ Ilbarakas hatte einige Bewegungen im Meere be⸗ merkt, aber von ſeiner Hoͤhe herab nicht die Urſache empor kommen und auf den Wellen daher ſchwimmen. Er wagte es, vorſichtig von ſeiner Hoͤhe herabzuſchwe⸗ ben, und die Luft ſchien ihm jetzo ganz frei zu ſein; ſtaͤts auf ſeiner Hut gegen ekwanige Schlingen, naͤherte VII. 3 2 28 392. TC a g. er ſich der Erde noch mehr; die Nebel, welche die Kuͤſten und das Meer von Medinas⸗ ilbalor umhuͤllten, hatten ſich alle auf die Schwarze Inſel geworfen, und ſich dermaßen darauf herabgeſenkt, daß ſie davon er⸗ druͤckt ſchien. Allmaͤhlich dehnte der Gegenſtand ſich aus, den er mit den Augen verfolgte, und erſchien wie eine kleine ſchwimmende Inſel, welche den Hafen von Medinas⸗ ilbalor zu verſperren drohte, dem ſie, wie er waͤhnte, von der Seeſtroͤmung zugetrieben wurde; und dieſe Inſel war nicht unbewohnt, obwohl ſie uͤbrigens durch⸗ aus kahl erſchien. Ilbarakas flog eilig hin, Doratil⸗ Goaſen ſeine Entdeckung zu verkuͤndigen. „Große Koͤniginn,“ ſprach er zu ihr,„ich habe dich ſchon benachrichtigt, daß ich auf der Schwarzen Inſel und auf dem Meere, welches uns davon ſcheidet, ungewoͤhnliche Bewegungen wahrgenommen: heute, bei Sonnenaufgang, habe ich dieſe Fluten wieder gewaltig empoͤrt geſehen, ohne daß es von Winden herruͤhrte, und dieſe Aufwallungen ſchienen ſich zu widerſtreiten. Auf einmal erhub ſich ein Eiland aus ihrem Schooße, und dieſes wird jetzt, ich weiß nicht wie, an deine Kuͤſten und auf deinen Hafen zu getrieben, welchen ſie ver⸗ ſperren kann; und auf ihrer Oberflaͤche habe ich menſch⸗ liche Geſtalten unterſchieden. Uebrigens hat Abarikaf alle ſeine Wachen eingezogen; alle ſeine Streitkraͤfte ſcheinen ſich auf der Schwarzen Inſel verſammelt zu Der fahrende Ritter. 19 haben, wo ſie das Tageslicht verdunkeln muͤßen. Das heranſchwimmende Eiland koͤnnte ein verſteckter Angriff ſein, deſſen Anſchein zwar nichts Drohendes hat: da es aber das Werk einer Bezauberung ſein muß, ſo darf deine Weisheit nichts verabſaͤumen, um ihren Wirkun⸗ gen zuvorzukommen und ſie zu vereiteln.“ Dreihundert und drei und neunzigſter Tag. Doratil⸗Goas ließ ihre beiden Miniſter und ihren Großvater Illabuſatru hievon benachrichtigen: und in einem Augenblicke war die Kuͤſte mit allen Truppen des Landes beſetzt. Illabuſatru verſammelte um ſich die ihm treugebliebenen Geiſter, um im Stande zu ſein, die Angriffe zuruͤckzuſchlagen, welche Abarikaf an der Spitze der von ihm aufgewiegelten Empoͤrer verſuchen koͤnnte. Alles in Medinas⸗ilbalor war in Bewegung, um ſich zur tapferſten Gegenwehr zu ruͤſten, im Falle, daß die ungeheure ſich naͤhernde Maſſe in ihrem Bauche zahl⸗ reiche Kriegesſchaaren verbuͤrge, und ſie auf einmal ans Land ſpeien wuͤrde. Habib, der ſtaͤts die Augen auf dieſes ſo heiß er⸗ ſehnte Land geheftet hielt, erkannte bald an dem was er dort vorgehen ſah, die Unruhe, welche er erregte. Der Zufall fuͤhrte ihn, bei der Einfahrt in die Rheede von Medinas⸗ilbalor dicht an einer mit Mandelbaͤumen 20 393. Ta g8. bewachſenen Inſel vorbei: er ergriff einen Aſt davon, hieb ihn mit dem Schwerte ab, gab ihn Ilſaide'n, und ſagte zu ihr: „Geh ans Land, mein holdes Kind, zeige dich mit dieſem Zweige, als Friedenszeichen, laß dich zur Koͤniginn Doratil⸗Goas fuͤhren, und ſage ihr, daß ein Arabiſcher Ritter, der ihr zeitlebens geweihet iſt, ſie um Erlaubnis bittet, ſich ihr zu Fuͤßen zu werfen.“ Ilſarde nahm den Zweig und ſchwamm damit un⸗ ter dem Waſſer nach einem Felſen am Eingange des Hafens. Hier ordnete ſie ihren Anzug, und zeigte ſich ploͤtzlich, ihren Friedenszweig in der Hand, denjenigen, welche die Kuͤſte bewachten, und bat ſie, ſie zur Ko⸗ niginn zu fuͤhren. Man kann ſich denken, von welchem freudigen Entzucken Doratil⸗Goas beim Anblick und bei der Rede aines ſo anmuthigen Geſandten ergriffen wurde. In⸗ deſſen hielt ihr Groß⸗Veſyr ſie noch zuruͤck, als ſie ſogleich nach dem Ufer fliegen wollte, und ſagte zu ihr: „Herrinn, euer Feind iſt unterrichtet, daß die Geſtirne dir die Huͤlfe eines Arabiſchen Ritters verhei⸗ ßen; er koͤnnte wohl dieſe unſchuldigen Lippen mis⸗ brauchen, um dir eine Schlinge zu legen: laß mich alſo dieſem Abgeſandten einige Fragen vorlegen. „Junges Meerfraͤulein,— denn ich ſehe wohl, daß du eine ſolche biſt,— kannſt du uns wohl ſagen, durch welches Mittel der angekuͤndigte Ritter hieher zu kom⸗ Der fahrende Ritter. 21 men gedenkt? Er koͤnnte mit dem Eilande, worauf er daher ſchwimmt, nicht ohne Gefahr, den Hafen zu verſchuͤtten, hier anlanden. „Haltet ihr denn das fuͤr Land,“ erwiederte Il⸗ ſaide, was nur ein ſchnoͤder großer Wallfiſch iſt, den ich ihn toͤdten geſehen habe, und welchen wir, ich und meine beiden Schweſtern, mit ihm beſtiegen haben? Er ſagte, dieſes graͤuliche Ungeheuer waͤre der grimmigſte Feind, der Koͤniginn, welchen er ihr nun darbringen will. „und du erkennſt nicht Habib an dieſer That?“ ſagte lebhaft die Koͤniginn zu ihrem Miniſter. „Noch nicht, Herrinn, antwortete der Miniſter; „Abarikaf koͤnnte unter der Geſtalt eines Wallfiſches herkommen, ſich deines Hafens zu bemaͤchtigen, und dir dann in ſeiner eigenen Geſtalt Geſetze vorſchreiben.“ „Abarikaf!“ verſetzte lebhaft Ilſaide,„er, ſammt den Seinigen, hat uns viel Boͤſes gethan: aber ich meine, er kann uns fuͤrder nicht ſchaden. Ich glaube, er iſt es, den man in dem Bauche des Wallfiſches wimmern hoͤrt; wenigſtens ſagt der Held es.“ „Und wer iſt dieſer Held, mein ſchoͤnes Kind?“ fragte der Veſyr. Er iſt,“ antwortete Ilſaide noch lebhafter,„der⸗ jenige, der jenen grimmigen Hay Ilraſcham⸗Scham, ſeinen Sohn den Tieger, und einen ganz ehernen Rie⸗ ſen getoͤdtet; der die Fuͤrſtinn mit den wunderſchoͤnen 22 393. Tag. Haaren befreiet, und alle die Ungeheuer vertilgt hat, die unſere Plage waren. Er thut alles im Namen un⸗ ſrer Koͤniginn Doratil⸗Goas; meine Schweſtern ſagen, er iſt ein Held; ich weiß nicht, was ein Held iſt: aber wenn Du ihn eben ſo liebteſt, wie ich, ſo wuͤrdeſt Du bald hineilen, ihn zu ſehen.“ Doratil⸗Goas freute ſich, ungeachtet ihrer Unge⸗ duld, dieſe unſchuldigen Lobpreiſungen des Abgottes ih⸗ res Herzens zu hoͤren. Sie wandte ſich jetzo zu Ilba⸗ rakas, und ſagte: 1. „Flieg hin, du kennſt ja Habib, empfang ihn in deiner natuͤrlichen Geſtalt, und laß ihn durch zwei dei⸗ ner dienſtbaren Geiſter gemaͤchlich hieher bringen; den Wallfiſch laß auf den Strand laufen.“ „Und meine Schweſtern, Herrinn,“ ſagte Ilſaide, „mußt du auch her kommen laßen; ſie ſind ſtaͤts bei dem Helden geweſen, und werden ihn nicht verlaßen wollen.“ „Ja, mein holdes Kind,“ ſagte die Koͤniginn, „deine Schweſtern ſollen, ſo wie du, hier willkommen ſein, wir wollen euch mit Liebkoſungen uͤberhaͤufen.“ Ilbarakas flog hinweg; dieſer alte Staatsmann war beruhigt, da er den anmuthigen Abgeſandten als Geißel zuruͤckbleiben ſah: die Wahrheit der uͤberbrach⸗ ten Botſchaft ſchien faſt nicht mehr zu bezweifeln. Da kam auch Illabuſatru, und ſagte:„Es iſt dein Arabiſcher Ritter, meine Tochter, den wir jetzt em⸗ Der fahrende Ritter. 23 pfangen wollen; ich habe mich ſo eben davon verſi⸗ chert, und weiß, daß er alle dir geraubte Kronen wie⸗ der auf dein Haupt geſetzt hat.“ Die ſchoͤne Koͤniginn war vor Entzuͤcken ganz au⸗ ßer ſich; ſie befahl ihrem Veſyr, und bat ihren Groß⸗ vater, alle Anſtalten zu treffen, um ihren Ritter, ihren Raͤcher, ihren Helden, ihren Geliebten, ihren Gemahl, als Sieger frohlockend zu empfangen; und von der un⸗ befangenen Ilſaide ließ ſie ſich alle naͤheren Umſtaͤnde erzaͤhlen, wobei ihr freudiges Entzuͤcken mit zaͤrtlicher Beſorgnis wechſelte. Ilbarakas kam unterdeſſen zu dem Helden, be⸗ gruͤßte ihn, und erbot ſich, ihn auf der Stelle nach dem Palaſte der Koͤniginn bringen zu laſſen. „Ich muß hier zuvor noch,“ antwortete Habib, „fuͤr die Sicherheit der Koͤniginn ſorgen. Du ſollſt den Wallfiſch hier ſtranden laſſen, und ich muß dabei zuge⸗ gen ſein; ich habe einmal die noͤthige Vorſicht ver⸗ ſaͤumt, und das hat mir fuͤr die Folge zur Lehre ge⸗ dient. Ich argwoͤhne, daß der grimmige Feind eurer Koͤniginn noch in den Eingeweiden dieſes Ungeheuers ſteckt, welches er gegen mich belebt hatte. Ich muß mich davon verſichern, um mich gegen ihn als ein Werkzeug Salomons zu gebrauchen, gegen den er ſich empoͤrt hatte, und zugleich die Ruhe eurer Herrſche⸗ rinn ſicher ſtellen.“ 24 393. Tag. Ilbarakas ließ den Wallfiſch nach einer Gegend des Strandes ziehen, wo es leicht war, ihn mit ver⸗ doppelten Kraͤften ans Land zu ziehen. Worauf Habib ſich naͤherte und mit lauter Stimme das Ungeheuer an⸗ redete:. „Schnoͤder Feind Gottes! Frevler gegen ihn, und gegen ſeinen Propheten, Abtruͤnniger des Geſetzes, dem du dich unterworfen hatteſt, biſt du in dieſer Huͤlle verborgen?“ Man hoͤrte hierauf ein graͤßliches Zaͤhneknirſchen, welches aus dem Bauche des Thieres hervorzukom⸗ men ſchien. „Sprich,“ fuhr Habib nachdruͤcklich fort,„oder ich uͤberliefere dich den grimmigſten Qualen.“ Jetzo hoͤrte man aus dem Nachen ein ſchmerzli⸗ ches und klaͤgliches Ja herauftoͤnen. Habib zog nun aus ſeinem Buſen die noch uͤbri⸗ gen Haare, und ſprach: „Ich gebiete, daß die Anſchlaͤge jener Unſinnigen hiemit vollends auf ſie ſelber zuruͤckfallen; daß dieſe Haare zu ehernen Banden werden, welche dich aller Thaͤtigkeit berauben: werde du, ſammt allen den Dei⸗ nigen, den dienſtbaren Geiſtern Salomons uͤberantwortet, und in die tiefſten Hoͤhlen des Kaukaſus hinabgeſtuͤrzt!“ Indem Habib dieſes Gebot ausſprach, knuͤpfte er die Haare an die Barten des Wallfiſches, und das Ungeheuer machte noch eine Anſtrengung, als wenn Der fahrende Ritter. 25 es ſich aufrichten wollte; aber es ließ bald nach, und die dem Haupte der Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren geraubte Zierde entſchwand auf der Stelle, ohne Zwei⸗ fel um anderswo gebraucht zu werden. „Meine Koͤniginn iſt in Sicherheit,“ ſagte Habib zu Ilbarakas;„nunmehr kann ich mich dem Vergnü⸗ gen hingeben, ſie zu ſehen; und ich bitte dich, mich zu ihr zu fuͤhren.“ Dreihundert und vier und neunzigſter Tag. Waͤhrend der Arabiſche Ritter beſchaͤftigt war, die Ruhe Doratil⸗Goaſens zu ſichern, machte man in dem Palaſt und in der Stadt Medinas⸗ilbalor alle Anſtalten, um einen ſiegreichen Befreier, einen Raͤcher, der bald ihr Beherrſcher ſein ſollte, mit Siegesgepränge zu em⸗ pfangen. Und die ſchoͤne Koͤniginn beſchwichtigte ihre zaͤrtliche Ungeduld dadurch, daß ſie ſich von Ilſaide'n die Thaten wiederholen ließ, deren Zeuge ſie geweſen war, bis auf die geringſten Worte, welche das junge Maͤdchen von ihrem geliebten Retter behalten hatte. Da es hieruͤber Nacht geworden war, geſchah es bei dem Glanz einer praͤchtigen Erleuchtung, daß Ha⸗ bib nach dem Saale gelangte, wo er erwartet wurde. Man kann ſich die koͤnigliche Pracht vorſtellen, welche rings um ihn her entfaltet wurde: aber ſein und der 26 394. Tag. gefuhlvollen Koͤniginn inniges und erhebendes Entzuͤcken iſt uͤber allen Ausdruck, uͤber alle Beſchreibung.— Niemals hatte eine durch die Beſtimmung bewirkte Liebe in zwei Herzen gewurzelt, die ſo vollkommen fuͤr einander geſchaffen waren; noch nie waren ſo viel Schoͤnheit und ſo viel aͤußere Vorzuͤge mit ſo viel Ver⸗ dienſten und Tugenden vereinigt geweſen. Habib war vom Uebermaaße ſeines Gluͤcks ganz in Verzuͤckung, und Doratil⸗Goas rief aus: „Und ich kann dir nichts weiter ſchenken, mein geliebter Habib, als mein Herz, meine Krone und meine Hand: welch ein geringer Lohn fuͤr ſo große Dienſte! welch ein Preis fuͤr ſo viel Muͤhſeligkeiten und Heldentugend!“ Derſelbe Abend, der Zeuge ihres Wiederſehens war, ſollte auch Zeuge der Feierlichkeit ſein, welche ihre Vereinigung vollendete; dieſelbe Nacht ſah ſie als Liebende und gluͤckliche Gatten; und am Morgen be⸗ leuchtete die Sonne, mit den Entzuͤckungen ihrer Gluͤck⸗ ſeligkeit, zugleich den freudigen Jubel der ganzen In⸗ ſel von Medinas⸗ilbalor. Aber Habibs Gluͤck ließ ihn nicht die uͤbernom⸗ menen Verbindlichkeiten aus den Augen ſetzen. Der Fuͤrſt Dal⸗Ilſcha, Gemahl der Fuͤrſtinn mit den ſchoͤ⸗ nen Haaren, mußte noch in den Gefaͤngniſſen der Schwarzen Inſel ſchmachten, und dieſes ungluͤckliche Land, wenn es auch nicht mehr von der Gegenwart Der fahrende Ritter. 27 und den Freveln Abarikafs verpeſtet war, mußte je⸗ doch großen Verwirrungen preisgegeben ſein. Er hatte der Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren ſein Wort gegeben, ihren Gemahl zu befreien, und er war der von den Geſtirnen auserſehene Friedensſtifter aller Laͤnder Doratil⸗Goaſens. Er bediente ſich dazu. keiner anderen Mittel, als der von dem Schickſal ihm in die Haͤnde gegebenen, um ſeine Unternehmungen zu beginnen und zu vollfuͤhren. Die drei Meerfraͤulein waren bei Doratil⸗Goas, von der ſie mit Wohltha⸗ ten uͤberhaͤuft wurden. Er wandte ſich zu der aͤlteſten und ſprach: „Wir haben hier etliche Fahrzeuge, welche ich koͤnnte ins Meer bringen laſſen, um nach der Schwarzen Inſel uͤberzuſchiffen: aber ich ziehe eure Erfindung vor, welche uns bisher ſo gluͤcklich gedient hat. Wenn eine Sache vom Schickſal beſtimmt iſt, ſo gefaͤllt es ſich, den Erfolg von den kleinſten Mitteln abhaͤngig zu ma⸗ chen, damit der Menſch wiſſe, wem er die Ehre geben ſoll. Laßt uns, meine holden Fraͤulein, unſer Floß wieder aufſuchen; wenn es euch etwa nicht leichter iſt, ein neues zu bauen. Ich habe eher keine Ruhe, als bis ich die Thraͤnen der Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haa⸗ ren getrocknet, und die Verwirrungen abgeſtellt habe, welche die Ruhe meiner noch uͤbrigen Unterthanen auf der Schwarzen Inſel ſtoͤren moͤgen.“ 28 394. Tag. Die drei Schweſtern vernahmen dieſe Aufforderung mit Freuden. Sie ſahen ſich als Mitgenoſſen des Ruhms, deſſen ſich Habib erfreute. Ilſaide war et⸗ was ernſthafter geworden, ſeitdem ſie die Hochzeit des Helden erlebt hatte: aber da ihre Neigung zu ihm wahrhaft war, ſo liebte ſie ihn noch von ganzem Herzen, obgleich ſie wohl ſah, daß er einer andern angehoͤrte, der ſie nichts ſtreitig machen konnte. Habib ging nun mit ſeiner ſchoͤnen Koͤniginn und ſeinen liebenswuͤrdigen Gefaͤhrtinnen zu Rathe, und es wurde beſchloſſen, daß er abfahren ſollte, ſo bald das Floß fertig waͤre. Aber Doratil⸗Goas nahm ſich vor, auf ihrem Vogel Rock uͤber dem Fahrzeuge zu ſchwe⸗ ben, deſſen Lauf zu bewachen und vor Gefahren zu warnen, wenn dergleichen aufſtoßen ſollten; und Ilba⸗ rakas, der anhaͤnglichſte aller ihrer Geiſter und ihr Liebling, ſollte mit zwei andern Geiſtern ſie begleiten. Am folgenden Morgen war das Floß bereit, und Habib ſchon vor Sonnenaufgang auf der See. Die vorgeſpannten Delphine ſchienen ihre Staͤrke und Schnel⸗ ligkeit zu verdoppeln, und bald erſchien die ganze Kuͤſte der Schwarzen Inſel. Ilbarakas bemerkte mit Vergnuͤgen, und machte Doratil⸗Goas darauf aufmerkſam, daß die Kuͤſten voͤllig frei waren von jenem ſchwarzen Wolkenvorhange, der in den vorhergehenden Tagen den Anblick derſelben ſo grauenvoll machten. Der fahrende Ritter. 29 Habib landete mit der groͤßten Bequemlichkeit, und erblickte einige von Magerkeit entſeelte Einwohner, die am Geſtade umherſchweiften. Er rief ihnen, und ſie kamen heran. Er fragte ſie, welche Neuigkeiten ſie von Abarikaf, ihrem Zwingherrn, haͤtten. „Er iſt beſiegt worden,“ antworteten ſie;„wir muͤſſen es glauben, nach dem entſetzlichen Geſchrei, welches alle die Seinigen ausgeſtoßen haben. Vorge⸗ ſtern waren wir genoͤthigt, in die Gebirge zu fliehen; denn ploͤtzlich bedeckten die fuͤrchterlichſten Meerunge⸗ heuer alle unſere Kuͤſten. In der Wuth, von welcher ſie befallen waren, zerriſſen ſie ſich unter einander, und der Strand iſt noch von ihrem Blute beſudelt, welches ſie ſelber dort vergoſſen haben. Wir anderen armen, ſeit ſo langer Zeit von allen dieſen Ungeheuern unterjochten Sclaven ſuchten uns ih⸗ rer Wuth und dieſem ſcheußlichen Anblicke zu ent⸗ ziehen. Ihr Gebruͤll, ihr Geheul, von dem Wieder⸗ hall ringsumher verſtaͤrkt, toͤnte noch in unſeren Oh⸗ ren, und fuhr fort, uns zu entſetzen, als wir ploͤtz⸗ lich einen Lichtglanz, wie von etlichen Blitzen, zu er⸗ blicken glaubten, und das Getoͤſe ſchwieg. Wir haben noch vorige Nacht in Unruhe und Schrecken zugebracht, in welche wir verſetzt waren: aber dieſen Morgen ſa⸗ hen wir nichts zweiter, als einen verpeſteten Dampf, der aus dem vergoſſenen Blute aller der Ungeheuer 30 394. 395. Tag. emporſtieg. Gluͤcklicherweiſe hat die Glut der Sonne ihn aufgeſogen, und die Winde haben ihn verwe⸗ het: ſonſt wuͤrde der Aufenthalt hier toͤdtlich ſein.“ Dreihundert und fuͤnf und neunzigſter Tag. Waͤhrend Habib ſich mit den Einwohnern beſprach, ſchwebte der Rock in einer gewiſſen Hoͤhe uͤber der Inſel, und ihre ungluͤcklichen Bewohner, von ſo viel Wundern eingeſchreckt, erhuben nur mit Beſorgnis ihre Augen zu dieſer neuen Erſcheinung. Der Held beruhigte ſie, und ſagte zu ihnen: „Ihr ſehet hier nichts, das euch feindſelig waͤre. Ich bin der Gemahl eurer Koͤniginn Doratil⸗Goas, und fortan euer Herrſcher. Die in der Luft ſchwebende Erſcheinung iſt ein Vogel Rok, auf deſſen Ruͤcken meine Gemahlinn ſitzt, die mich begleitet, um euch die noͤ⸗ thige Huͤlfe zu bringen und hier unter euch die Ord⸗ nung und den Frieden wieder herzuſtellen. Aber wo iſt der Palaſt, welchen Abarikaf bewohnte 35 „Herr,“ antworteten die Einwohner,„wir ſind in Betreff dieſes Palaſtes hoͤchſt erſtaunt: er ſtand auf dieſer Ebene hier, und gegenwaͤrtig ſehen wir ſelbſt nicht einmal Truͤmmer davon. Alles daran war ge⸗ ſpenſtiſch, ſo wie die Geſtalten, welche Abarikaf taͤg⸗ lich annahm; denn auf der Erde war er manchmal „ Der fahrende Ritter. 32 eine Dogge von furchtbarer Groͤße, in der Luft war er ein ungeheurer Vogel, und im Waſſer ein Wallfiſch.“ „Er hatte Viele ins Gefaͤngnis geworfen,“ fuhr Habib fort,„was iſt aus denen geworden?“ „Herr,“ antworteten die Einwohner,„ſie muͤſſen hier irgendwo ſtecken und in großem Elend ſchmachten: der Wuͤthrich hielt ihren Tod auf, ließ ſie aber auch nicht leben.“ „Kennet ihr den Fuͤrſten Dal⸗Ilſcha?“ fragte Ha⸗ bib weiter.— „Wir haben von ihm reden gehoͤrt, Herr. Aba⸗ rikaf belaſtete ihn mit Ketten, wegen der ſchoͤnen Haare ſeiner Gemahlinn, deren er und ſeine Genoßen ſich be⸗ meiſtern wollten. Er hat nie eingewilligt, ſie ihm zu uͤberlaßen.“— „Gehet,“ ſagte hierauf Habib zu ihnen,„und verbreitet euch uͤberall: ich verheiße demjenigen reiche Belohnung, der mir zur Auffindung dieſes ungluͤckli⸗ chen Fuͤrſten verhilft.“ Die Einwohner gehorchten, und fanden Dal⸗Il⸗ ſcha auf dem Graſe hingeſtreckt, nahe bei dem Orte, wo die durch Abarikafs Zaubereien erbauten Gefaͤngniffe in der Naͤhe ſeines Palaſts geſtanden hatten; ſie mach⸗ ten in der Eile einen Trageſtuhl, und brachten den verſchmachteten und faſt ſterbenden Fuͤrſten zu Habib. Die Meerrfraͤulein waren um dieſe jammervolle Erſcheinung huͤlfreich geſchaͤftig. Doratil⸗Goas be⸗ 3²³ 393. Tag. merkte von ihrer Hoͤhe die Bewegung, welche dieſer Gegenſtand veranlaßte: neugierig die Urſache davon zu wiſſen, und durch die Gegenwart ihres Helden gegen jegliche Furcht geſichert, lenkte ſie ihren Rock abwaͤrts, und ließ ſich neben der Gruppe nieder, deren Geſchaͤf⸗ tigkeit ſie ſo anzog. Auf der Stelle vereinigte ſie ihre Sorgfalt mit der der drei Schweſtern. Ilbarakas half auch dabei, und heilkraͤftige Traͤnke gaben dem Gatten der Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren bald wieder ſo viel Kraft, daß er aufſtehen, ſich bewegen, ſprechen, und fuͤr die ihm geleiſtete Huͤlfe danken konnte. Er vernahm nun die Befreiung ſeiner Gattinn und ſeiner Unterthanen; erkannte, daß er alles dem vor ihm ſtehenden Ritter, dem Gemahle ſeiner Verwand⸗ tinn Doratil⸗Goas, verdankte, und bezeugte ihnen ſeine uͤberſchwaͤngliche Dankbarkeit, und das Vergnuͤ⸗ gen ſie zu ſehen, ſo wie die Ungeduld, in die Arme ſeiner Gattinn zu eilen. Doratil⸗Goas und Habib mußten erſt fuͤr die Re⸗ gierung der Schwarzen Inſel ſorgen, und dieſe wurde Ilbarakas uͤbertragen. Es bot ſich hiebei aber eine Gelegenheit dar, die Dienſte der Meerfraͤulein zu be⸗ lohnen, und der Arabiſche Ritter benutzte dieſelbe und gab die aͤlteſte der drei Schweſtern dem neuen Statt⸗ halter zur Gemahlinn. Der fahrende Ritter. 35 Ilſaide wuͤnſchte, ohne Neid, ihrer Schweſter Gluͤck zu dieſer Erhebung. Sie begriff nicht, wie man Luſt haben koͤnnte ſich zu verheiraten, waͤre es nicht mit einem Helden. Sie vergnuͤgte ſich recht herzlich bei der Hochzeit ihrer Schweſter, ohne jedoch ihren Lieblingswunſch, naͤmlich einen Helden zu heiraken, aus den Augen zu verlieren. Die Inſel war waͤhrend der Herrſchaft der abtruͤn⸗ nigen Geiſter ganz verwuͤſtet; ihre Gebieter beriethen ſich nun mit dem ihr gegebenen Statthalter, um die Bewohner wieder zum Vertrauen und Wohlſtande zu⸗ ruͤckzufuͤhren; und nach dieſen Vorkehrungen beſchloß Doratil⸗Goas, auch die uͤbrigen ihrer Herrſchaft wie⸗ der unterworfenen Inſeln zu beſuchen, und ſelber den Prinzen Dal⸗Ilſha nach der Gruͤnen Inſel zu bringen, und ſeiner Gattin wieder zuzufuͤhren, aber den Weg dahin uͤber die Blaue Inſel zu nehmen, damit er ſich uͤber die Mittel verſtaͤndigen koͤnnte, die Schiffart zwi⸗ ſchen beiden ihm untergebenen Inſeln wieder herzuſtellen. Am folgenden Morgen war Habib mit den beiden Meerfraͤulein wieder auf dem Floſſe und ſchwamm auf dem Meere dahin. Der Rok mit Doratil⸗Goas, ſchwebte uͤber ihm in den Luͤften; Dal⸗Ilſha, von ſeinen langen Leiden etwas hergeſtellt, leiſtete der Koͤ⸗ nigemn Geſellſchaft; und von der in dieſer Jahreszeit 3 34 395. Tag. gewoͤhnlichen Heiterkeit beguͤnſtigt, war die Ueberfahrt ſchleunig vollendet. Das Herrſcherpaar und der ihnen dienſtpflichtige Fuͤrſt fanden die Bewohner der Blauen Inſel in voller Thaͤtigkeit, ihre Wohnungen wieder aufzubauen, und voll Verlangen, ſich, unter dem Schutze der weiſen Geſetze, deſſen ſie vor der Empoͤrung genoſſen, von den Zerruͤttungen zu erholen, dvelche unter ihnen ge⸗ wuͤthet hatten. Eine Fiſcherbarke, die einzige, ſo auf der Gruͤ⸗ nen Inſel noch uͤbrig war, hatte die Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren an ſie abgeſchickt, mit der Zuſicherung, daß ſie die in dem ſtaͤhlernen Schloſſe des Wuͤthrichs gefundenen Schaͤtze mit ihnen theilen wollte, ſobald ein Fahrzeug, welches ſie eben bauen ließe, das Meer beſchiffen koͤnnte. Dal⸗Ilſha erkannte hierin die weiſe Vorſorge ſeiner Gattinn. Habib und Doratil⸗Goas prieſen die⸗ ſelbe, und Alle entſchloſſen ſich, ſogleich nach der Gruͤ⸗ nen Inſel uͤberzufahren. Die Thräaͤnen der Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haa⸗ ren wurden getrocknet: ſie ſah ihren ſo grauſam ihr entriſſenen Gemahl wieder. Die beiden reizenden Muh⸗ men vergoſſen bei ihrer Umarmung Thraͤnen der Zaͤrt⸗ lichkeit, und theilten das ſie durchdringende Gefuͤhl ihrem tapfern Befreier mit. Der fahrende Ritter. 35⁵ Von hier ging die Fahrt zur Weißen und Gelben Inſel. Die beiden Muhmen wollten ſich nicht eher trennen, als hier, wo das Ziel ihrer Reiſe zu ſein ſchien. Dreihundert und ſechs und neunzigſter Tag. Als die Reiſenden auf der Weißen Inſel waren, erblickte Doratil⸗Goas, der Habib unaufhöͤrlich alle einzelne Umſtaͤnde ſeiner Abenteuer und Muͤhſeligkeiten wiederholen mußte, den Gipfel des Kaukaſus, der ſich in die Wolken verlor. „Wie!“ ſprach ſie,„dort wohnt unſer treuer Il⸗Habul? Ah! Habib, du haͤtteſt mich nicht ſo weit fuͤhren ſollen, wenn ich den Aufenthalt unſers beßten Freundes nur von fern erblicken, und wieder umkehren ſoll, ohne der Dankbarkeit fuͤr ſo viele uns geleiſtete Dienſte, unſre Schuld abzutragen. Laß dein Floß mit den Meerfraͤulein hier, beſteig mit uns den Rok, und laß uns, zur Abwechſelung unſerer Freu⸗ den, auch der Suͤßigkeit der Freundſchaft genießen.“ Dieß Verlangen der ſchoͤnen Koͤniginn ſtimmte mit den heißeſten Wuͤnſchen ihres Gatten, und die Reiſe wurde ſogleich begonnen. 1 So wie ſich der Rok dem ſchroffen Meeresufer am Kaukaſus naͤherte, zeigte Habib der Koͤniginn die 36 396. Tag. Stelle, wo ihm, nach ſeinem Hervortreten aus den Hohlen des Kaukaſus, die Meerfraͤulein zu Huͤlfe ge⸗ kommen waren. Die zaͤrtliche Doratil⸗Goas ſchau⸗ derte bei der Vorſtellung, welche dieſer ſchreckliche Aufenthalt ihr von der Lage ihres Geliebten gab. Als ſie uͤber dem Kaukaſus ſchwebten, zeigte er ihr einen Theil der Wuͤſten, welche er durchwandert hatte, und ſagte dabei: „Es freuet mich, daß meine Geliebte ſieht, um welchen Preis ich mein Gluͤck erkauft habe. Dieſes iſt ſo groß, daß es mich alles vergeſſen laͤßt, was es mich gekoſtet hat.“— Unterdeſſen uͤberflog das luftige Fahrzeug den Gip⸗ fel des Kaukaſus, der Rok ſenkte nun ſeinen Flug ab⸗ waͤrts, und ließ ſich am Eingange der Hoͤhle Il⸗Ha⸗ buls nieder. Dieſer gute Geiſt war ſchon benachrichtigt worden, daß man in der Luft einen Gegenſtand bemerkt, der zu ihm zu kommen ſchien; denn wem anders, als ihm, konnte ein Beſuch in dieſer den Menſchen unzu⸗ gaͤnglichen und fuͤr ſie unbewohnbaren Gegend gelten? Er befand ſich bei dem Felſen, der den Eingang ſeiner Hoͤhle verdeckte, und durchraͤucherte, ſeiner Ge⸗ wohnheit nach, die Luft aus einem Rauchfaſſe, deſſen Zauberduͤfte ihr die uͤbermaͤßige Strenge in dieſem ſtaͤts eiſigen Himmelsſtriche benahm. Er vernahm bald durch einen ſeiner Boten, daß Habib und Doratil⸗Goas die Der fahrende Ritter. 37 ihm nahenden Gaͤſte waͤren. Dieß verkuͤndigte ihm zu⸗ gleich die Vereinigung der beiden Liebenden. Er ging der Koͤniginn entgegen, half ihr von ih⸗ rem Rok abſteigen, druͤckte Habib zaͤrtlich die Hand, und bezeugte dem Prinzen Dal⸗Ilſha und deſſen Ge⸗ mahlinn ſeine Freude, ſie bei ſich zu ſehen, fuͤhrte ſie alle in das Innere ſeiner Wohnung, und ſetzte ſich mit ihnen an eine ſchon fuͤr ſie bereitete Tafel. Der auf dem Kaukaſus ſelber geborene Rok war hier kein Fremdling. Il⸗Habul hatte bald die wich⸗ tigſten Begebenheiten des gluͤcklichen Feldzuges ſeines jungen Zoͤglings gegen die empoͤrten Geiſter vernom⸗ men. Den groͤßten Theil davon wußte er ſchon. Seit einiger Zeit hatten die nach der Meereskuͤſte fuͤhrenden Pforten der Hoͤhle nicht aufgehoͤrt ſich zu oͤffnen, um die auf Habibs Gebot dorthin geſendeten Gefangenen aufzunehmen. Der Boͤſewicht Abarikaf und alle Ober⸗ haͤupter ſeiner Empoͤrung waren darunter. Als er von ſeinen Gaͤſten vernommen, was er zu wiſſen wuͤnſchte, ſich mit ihnen der Suͤßigkeiten der Freundſchaft und Traulichkeit erfreuet, und nachdem er Doratil⸗Goas und die Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haa⸗ ren in ein fuͤr ſie eingerichtetes bequemeres Gemach ge⸗ fuͤhrt hatte, nahm er Habib und Dal⸗Ilſha bei Seite und ſprach zu dem erſten alſo: „Mein theurer Zoͤgling,— denn ich ehre mich fortan durch den Namen deines Lehrers,— du haſt 58 396. T a g. bis hieher deine edle und muͤhſelige Beſtimmung erfuͤllt. Es bleibt dir nur noch uͤbrig, den Gefuͤhlen und Pflich⸗ ten der Natur Genuͤge zu leiſten. In deiner Geſchichte giebt es eine fuͤr dich ſehr betruͤbende Stelle, welche ich dir enthuͤllen muß.“ Habib bezeugte ſein Erſtaunen und Unruhe hieruͤber. „Fahre fort,“ ſprach der Geiſt zu ihm,„dich Doratil⸗Goaſens, des großen Salamis, deines Va⸗ ters, der Gnade des Himmels und des beſondern Schutzes des Propheten Salomon, wuͤrdig zu beweiſen, waffne deine Seele mit neuem Muthe. Staͤhle ſie ge⸗ gen zu große Empfindlichkeit. Nur derjenige ertraͤgt ſtandhaft das Ungluͤck, der ihm die Stirne bieten und es beſiegen kann.“ Nach dieſem Eingange unterrichtete Il⸗Habul ſei⸗ nen Zoͤgling von der Luͤge, womit die vier und zwan⸗ zig Ritter, bei ihrer Heimkehr, Salamis getaͤuſcht hatten, von der Verzweiflung dieſes zaͤrtlichen und tugendhaften Vaters, bei der Nachricht von dem Tode ſeines Sohnes, des einzigen Gegenſtandes, welcher ihn an das Leben feſſelte. Der Schmerz dieſes Fuͤr⸗ ſten war ſo lebhaft geweſen, daß er ſeine Augen in zwei Baͤche verwandelt, deren Schaͤrfe ihn des Ge⸗ ſichts beraubt hatte. 1 1 Durch dieſes Gebrechen war er unfaͤhig geworden, einen der Staͤmme, welchen er vormals mit gewaff⸗ neter Hand gebaͤndigt hatte, wie bisher durch ſeine Der fahrende Ritter. 59 Thaͤtigkeit, Kraft und Muth, in Zaum zu halten, derſelbe hatte alſo die Fahne des Aufruhrs gegen ihn erhoben, und andere Staͤmme mit in ſeinen Aufſtand verwickelt. Die dem Emir treu verbliebenen Staͤmme hatten ſchon mehrere Schlachten verloren, und wenn ihm keine ſchleunige Huͤlfe kam, ſo befand er ſich in Gefahr, ſeinen Feinden in die Haͤnde zu fallen. 3 Dreihundert und ſieben und neunzigſter Tag. Bei dieſer Erzaͤhlung Il⸗Habuls ging eine ge⸗ waltige Bewegung in Habibs Seele vor, wo die hef⸗ tigſten, ſo wie die edelſten Leidenſchaften herrſchten; aber er hatte ſich zum voraus gegen ſie gewaffnet, und ſagte zu ſeinem Lehrer: „Gib mir deinen Rath, o mein theurer Schutz⸗ geiſt, und du wirſt ſehen, daß ich nur meine Pflicht kenne.“ „Hier iſt er,“ antwortete Il⸗Habul:„reiſe auf der Stelle nach Arabien ab. Dein Vater hat zwar gaͤnzlich das Geſicht verloren, aber ſeine Augen ſind noch nicht zerſtoͤrt. Das Mittel, welches ſie herſtel⸗ len kann, muß von derſelben Hand aufgelegt werden, welche Urſache ſeines Ungluͤcks iſt, und das iſt die Hand Doratil⸗Goaſens. 397. Tag. Dieſes geheimnisvolle Mittel befindet ſich unter den Schaͤtzen Salomons, und du mußt dorthin, es aufzuſuchen. Ihr Zugang kann keine Gefahr mehr, noch Schwierigkeit fuͤr dich haben: du fuͤhreſt den Schluͤſſel dazu auf der Zunge; er iſt das auf dem Ta⸗ lismann geſchriebene Wort. Ueberdieß hat das Ruͤſt⸗ zeug des Propheten alle Vorrechte bei ihm.“ „Aber,“ verſetzte Habib,„wenn ich mit meiner Gattin abreiſe, was ſoll aus Dal-Ilſha und ſeiner Gattinn werden? Koͤnnen ſie uns begleiten, waͤhrend ſie ſo nothwendig in ihren Staaten ſind? und wer wird in den meinigen die Beunruhigung ſtillen, welche dort unſere Abweſenheit verurſachen muß?“ „Als du ſo muͤhſelig zum Kaukaſus her wander⸗ teſt, mein theurer Habib, was ſchickte ich dir da zu Huͤlfen Mir ſtehen noch dieſelben Mittel zu Gebote, die Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren ſammt ihrem Gemahl heimzuſenden. Derſelbe Sklave des Prophe⸗ ten, der ſie auf dem Rok zuruͤckgeleitet, ſoll auch euerm Großvater Illabuſatru und euren Veſyren Nachricht von euch uͤberbringen, und du kannſt dich ruhig nach Arabien auf den Weg machen. Ich kann euch nicht begleiten, meine Pflichten halten mich hier zuruͤck, um ſo mehr, als ſeit deinem Feldzuge meine Geſchaͤfte ſich faſt verdoppelt haben. Es iſt mir ſogar unmoͤglich geweſen, den Kummer Der fahrende Ritter. 41 deines tugendhaften Vaters durch Kunde von dir zu beſchwichtigen. Weeil du dich nun,“ fuhr Il⸗Habul fort,„nach meiner Weiſung richten willſt, ſo mußt du dich mit dem Rok nicht auf dem Gebiete deines Vaters nieder⸗ laſſen, ſondern bringe deine Gemahlinn nach unſrer kleinen Einſiedelei in den Bergen. Da ſich dort nichts findet, was die Habgier reizen kann, ſo iſt ſie in den Unruhen der Empoͤrung unverletzt geblieben. Das Ge⸗ raͤth, welches Doratil⸗Goas in ihrem Gezelt auf dem Rok mitfuͤhrt, iſt hinreichend zur Bequemlichkeit da⸗ rin, und du darfſt dich nicht beunruhigen, wie die Enkelinn eines Geiſtes an einem Orte leben koͤnne, wo es Fiſche, Wildprett und Fruͤchte gibt. Du wirſt genoͤthigt ſein,“ fuͤgte der Geiſt noch hinzu,„beim Eintritt in die Schatzkammer Salomons, das Schwert, welches dir zur Bekuͤmpfung ſeiner Feinde verliehen war, ſeiner dort zum Siegesmal auf⸗ geſtellten Ruͤſtung wiederzugeben. Es iſt kein gewoͤhn⸗ liches Schlachtſchwert, und du wirſt keinen anderen Vortheil uͤber deinesgleichen haben wollen, als den, welchen dir die Umſicht, die Erfahrung, die Staͤrke, welche du dir im Kampfe erworben, und dein Muth dir gewaͤhren. Aber du ſollſt nicht waffenlos zu dei⸗ nem Zelte kommen; es hat allen Anſchein, daß du zu kaͤmpfen haben wirſt, und ich will dir zwei voll⸗ ſtaͤndige Ruͤſtungen geben, von der Art wie die Par⸗ 397. Tag. ther ſie fuͤhren, und derjenigen aͤhnlich, welche ich trug, als ich an den Schranken euers Lagers erſchien; Roßharniſche und Geſchirr ſoll dabei ſein, und du wirſt davon den Gebrauch machen, welchen deine Einſicht dir eingiebt.“ „ Theurer Il⸗Habul,“ ſagte Habib,„ich bin im Innerſten aufgeregt. Ich lebe erſt wieder in dem Augenblicke, wo ich meinem Vater Huͤlfe leiſten kann. Oeffne mir noch einmal die Pforte, welche zu dem Talismann fuͤhrt, der dem theuern Urheber meines Lebens das Geſicht wiedergeben ſoll. Die Verzoͤgerung eines Augenblicks iſt eine ungeheure Laſt auf meinem Herzen, und ich zweifle nicht, daß meine geliebte Doratil⸗Goas meine Ungeduld theile.“ Unbedenklich war die reizende Koͤniginn nur zu geneigt, in die Abſichten eines Gatten einzugehen, mit dem ſie alle Empfindungen theilte. Man machte Anſtalten zur Reiſe.— Habib ſtieg zu der Hoͤhle hinab, wo die Waffen Salomons bewahrt wurden. Niemand trat ihm ent⸗ gegen, ihm den Eingang ſtreitig zu machen. Als er ſich der zuſammengeſtellten Ruͤſtung naͤherte, um das Schwert wieder hinzu zu fuͤgen, bemerkte er auf dem Viſtere des Helmes zwei flache Opale, die in der Weite der Menſchenaugen durch einen Goldfaden mit einander verbunden waren. Sie ſtrahlten in blendendem Glanze. Er erkannte ſie fuͤr den angedeuteten Talismann, nahm Der fahrende Ritter. 43 ſie, und kehrte damit zuruͤck, bedauernd, daß er nicht laͤnger an einem Orte verweilen durfte, wo er ſo viel Belehrung ſchoͤpfen konnte: aber das Gefuͤhl der kindlichen Liebe erſtickte damals alle anderen Leidenſchaf⸗ ten. Er wuͤnſchte nur, Dal⸗Ilſcha mit ſeiner Gat⸗ tinn abreiſen zu ſehen, um auf der Stelle dorthin zu fliegen, wo ſeine Zaͤrtlichkeit und ſeine Pflicht ihn riefen. Aber eine Sorge beſchaͤftigte ihn noch: er hatte die Meerfraͤulein auf der Weißen Inſel gelaſſen; er machte es alſo den beiden Gatten zur Pflicht, dort anzuhalten, und ſie mit ſich zu nehmen. 1 Die Morgenrͤthe des naͤchſten Tages ſah die bei⸗ den Roke ſich in die Luͤfte erheben„ und in entgegen⸗ geſetzter Richtung dahin fliegen. Gegen Abend des dritten Tages konnten die Kin⸗ der des Emirs Salamis ſeine Zelte entdecken, und der Vogel, der ſie trug, ließ ſich in der Naͤhe der Ver⸗ zaͤunung nieder, welche die von Habib und Il⸗Habul angelegte Einſiedelei verſchloß. Das gluͤckliche Paar ging hinein. Der den Rok leitende Geiſt, entledigte ihn ſeiner Laſt und ließ ihm Freiheit, ſeine Nahrung zu ſuchen. Habib und Dora⸗ til⸗Goas ſchlugen hier ihr Nachtlager auf, und ſo bald dn da erſchien, machte Habib ſich auf, ihn zu be⸗ nutzen. — 398. Ta g. Dreihundert und acht und neunzigſter Tag. Habib mußte unerkannt zu den Zelten ſeines Va⸗ ters kommen, um ihn und Amirala der Gefahr ei⸗ ner zu ploͤtzlichen Erkennung zu uͤberheben. Augenblick⸗ lich ſetzte er ſeine Verkleidung ins Werk. Der Zufall ließ ihn unter ſeinem alten Geraͤthe dort ein Paar alte Schuhe finden, welche ihm bei der Arbeit gedient hatten: dieſe zog er an. Seine Schultern bedeckte er mit einer Gemshaut; mit einer andern umguͤrtete er ſich: das war ſeine Kleidung. Er rieb ſich das Geſicht und den Hals mit einer dunkelgelben Erde, welche ſeine bluͤhende Ge⸗ ſichtsfarbe verdeckte, machte ſich den Bart und die Haare ſtruppicht; und alſo angethan, ſeinen Dolch im Guͤrtel und einen Stock in der Hand, ging er, mit einem Kdrbchen voll Fruͤchte, durch die Schranken des Lagers, und gelangte an den Eingang der Zelte, wo⸗ rin die Sklavinnen ſeiner Mutter wohnten. DDort lag ein breiter und bequemer Stein, auf welchen er ſich niederſetzte, als wenn er ſich ausru⸗ hen wollte, ſeinen Fruchtkorb zu ſeinen Fuͤßen hin⸗ ſtellte, und that, als wenn er ſchliefe. e n Mehrere Sklavinnen gingen voruͤber, aber er ſah darunter nicht diejenige, die er in ſein Vertrauen ziehen durfte. Endlich erſchien ſie; es war ſeine alte Wäͤrterin; er rief ihr beim Namen:„Eßeka!“ Det fahrende Ritter. 45 „Kennſt du mich, junger Menſch?“ fragte ihn die gute Alte. „Ja,“ antwortete Habib;„und wenn du mit mir hinter dieſen dicken Baum treten willſt, ſo will ich dir eine Neuigkeit kund thun, welche unſrer Herrſchaft viel Vergnuͤgen machen wird. Setze meinen Korb in dein Zelt, und wenn du mit dem, was ich dir ſagen will, nicht zufrieden biſt, ſo ſoll er ſammt den Fruͤch⸗ ten dein ſein.“ Die Sklavinn, noch neugieriger, als begehrlich, nahm jedoch die Fruͤchte, und trat hinter den Baum, der dicht an dem Gezelte ſtehend, ihre Unterredung dort fremden Blicken entzog. „Jetzt koͤnnen wir mit einander reden: laß hoͤren, was haſt du mir zu ſagen?“— „Verſprichſt du mir, wenn das, was ich dir ſage, dir auch noch ſo viel Vergnuͤgen machte, es doch nicht laut werden zu laſſen und nicht den gering⸗ „Ei, ſeht doch den Schwarzkuͤnſtler!“ ſagte die Alte:„du waͤhnſt alſo wohl Gold im Munde zu fuͤh⸗ ren? Es iſt doch eben nicht an deinem Mantel, noch an deinem Fußwerke zu ſehen. Haſt du ſchon viele Frauen zum Schreien gebracht, bloß dadurch, daß du „Nein, meine Gute. Wenn du dich aber nicht in Acht nimmſt, ſo biſt du die erſte. 1 46 398. Ta g. „Nun ſeht mir den Landſtreicher mit ſeinem Pflau⸗ menkorbe,“ ſagte die Alte,„der mich ſeine Gute nennt, und mir gar nicht misfaͤllt. Wirſt du mir endlich das erſtaunliche Vergnuͤgen beſcheeren, welches ich ungeduldig erwarte?“ „Du liebteſt wohl den armen Habib recht ſehr?“— „Koͤmmſt du her, um mich zum Weinen zu bringen?“— „Im Gegentheil; wenn du ihn liebſt, ſo troͤſte dich, er iſt nicht todt.“ Indem er dieß ſagte, hielt er ihr die Haͤnde vor den Mund, und hinderte ſie, laut aufzuſchreien: „Still, ſtill!“ fuhr er fort;„gib keinen Laut von dir: ich ſelber bin Habib. Ich will dir das Mal an meinem Halſe, und das auf meiner Bruſt zeigen; ich will dir das Liedchen ſingen, welches ich fuͤr dich gemacht hatte.“ „Wied wie?“ ſagte die gute Alte, welche ſchon der Ton ſeiner Stimme durchdrang; und Habib hielt ihr mit der Hand den Mund zu: „Nimm dich in Acht! du koͤnnteſt meiner Mutter durch die ploͤtzliche Ueberraſchung den Tod bringen. Ich komme, meinen Vater aus den Haͤnden ſeiner Feinde zu befreien, und du wuͤrdeſt meinen Anſchlag vereiteln, wenn du es ruchtbar machteſt, daß ich hier bin. Der fahrende Ritter. 47 Schweig! ſchweig! zwing dich, um Gottes wil⸗ len, meine Gute. Zeige mir ein Zelt, worin ich mich verbergen kann. Wenn ich nicht durch die Thuͤr ein⸗ treten darf, ſo will ich durch die Seitenwaͤnde hinein⸗ ſchluͤpfen; dort will ich dir anzeigen, wie du dich zu verhalten haſt, damit die Kunde von meiner Heimkehr, welche du uͤberbringen ſollſt, keinen Aufſtand verur⸗ ſache, ſondern unter uns Vieren geheim bleibe: das iſt durchaus nothwendig zu unſerer Sicherheit, ſo viel wir unſer ſind.“ Die gute Alte war faſt erſtickt; jetzo konnte ſte nicht mehr reden, ſondern nur weinen. Es war nie⸗ mand in ihrem Zelte, ſie fuͤhrte alſo ihren Pflegling hinein. Nachdem er ſie unterrichtet hatte, wie ſie ſei⸗ ner Mutter die Nachricht beibringen ſollte, verbarg er ſich hier ſo, daß er nicht entdeckt werden konnte, und ſeine gute Pflegerinn ging hin, den Augenblick wahr⸗ zunehmen, wo ſie mit Amirala ſprechen konnte, die ihren Gatten Salamis faſt gar nicht mehr verließ. Habib blieb allein zuruͤck, in ſchmerzlichen Betrach⸗ tungen, indem er den vormaligen Ehrfurcht gebieten⸗ den Zuſtand des Lagers ſeines Vaters mit demjenigen verglich, worin er es gegenwaͤrtig wiederfand. Es war um dreiviertel zuſammengeſchmolzen. Nicht mehr umgaben es bloß einfache Schranken, ſondern verſchanzte Umpfaͤhlungen; und wenn man noch, ſo weit er es durchſchritten hatte, mit kriegeriſchen Vor⸗ 48 398. 399. Tag. kehrungen beſchaͤftigt war, ſo geſchah es ſichtlich bloß zur Vertheidigung. Man kann ſich nicht vorſtellen, wie groß die Un⸗ geduld des Helden war, ſeinen Vater und ſeine Mut⸗ ter zu umarmen, ſie zu troͤſten, dem verehrungswuͤr⸗ digen Urheber ſeiner Tage das Geſicht wiederzugeben, und ſich mit den Undankbaren und Nichtswuͤrdigen zu meſſen, welche die Krankheit ihres Beherrſchers mis⸗ braucht hatten, ſich zu empdren, und den Frevel ſo weit trieben, daß ſie ſogar ſeine Freiheit bedrohten. Gluͤcklicherweiſe kuͤrzte die baldige Ruͤckkehr der guten Alten dieſe traurigen Betrachtungen ab. Dreihundert neun und neunzigſter Tag. Der Schlummer hatte fuͤr einige Stunden die Augen des Emirs geſchloſſen, und Amirala war in ihr eigenes Zelt gegangen, um darin Erfriſchungen und Ruhe zu genießen. Die Alte folgte ihr, ſchloß ſich mit ihr ein, und ſprach zu ihr: „Herrin, ihr habt viel Vertrauen auf meine Traͤume. Seit langer Zeit habe ich nur traurige Traͤume gehabt, und ungluͤcklicherweiſe ſind ſie einge⸗ troffen: aber derjenige, den ich euch jetzt erzaͤhlen will, hat mich mit Troſt und Hoffnung erfuͤllt. ☛☛— Der fahrende Ritter. 49 Die zwanzig Ritter, die unſern jungen Herrn in die Wuͤſte begleitet haben, ſind Boͤſewichter und Luͤg⸗ ner. Unſer theurer Habib iſt nicht todt; er befindet ſich wohl. Ich habe die Male gekuͤßt, welche er auf der Bruſt und am Arme traͤgt.“ „uUnd wenn du auch dieſe Male im Traume ge⸗ kuͤßt haſt,“ ſagte Amirala,„kann das jene Ritter zu Luͤgnern und unſer Kind lebendig machen?“ „Oh, Gebieterinn!“ antwortete die Alte,„meine Lippen haben feſt darauf gehaftet, und er hat mich kraͤftig an ſein Herz gedruͤckt, welches lebhaft klopfte. Das war nicht das Herz eines Todten, Herrinn, ich verſichere es euch.“— „Aber wo und wann haſt du dieſen Traum ge⸗ habt?“ Jetzt eben, Herrinn;— aber trinket erſt dieſe Schale friſchen Waſſers, dann will ich euch mehr ſagen.“ Amirala trank aus Gefaͤlligkeit.„Gut,“ fuhr die Alte fort,„jetzo darf ich ohne Gefahr deutlicher zu euch ſprechen. Faſſet euch, Herrinn, damit ihr nicht vor Freuden des Todes ſeid. Ich habe nicht getraͤumt, ich habe unſern Habib leibhaftig geſehen und zuͤrtlich umarmt. Er iſt wieder gekommen nach ſeiner kleinen Einſiedelei, wie er es nennt, und hier iſt ein Korb voll Pflaumen, die er mir von dort mitgebracht hat; verkleidet als ein Ar⸗ VII. 4 1½ 8 3 50 399. TSag. mer, das Geſicht mit Erde beſchmiert, hat er ſich in das Lager eingeſchlichen. Er will von niemand erkannt ſein, als von ſeinem Vater und von uns. Dieſes, ſagt er, iſt hoͤchſt wichtig fuͤr die Wohlfahrt ſeines Va⸗ ters, und ihr wißt, daß unſer Habib verſtaͤndig iſt: wir muͤſſen thun, was er ſagt.“ Ungeachtet der Vorſicht mit dem Trunke Waſſer, war Amirala doch ſehr ergriffen. Sie warf die Augen auf den Korb mit Fruͤchten, und konnte nur die Worte hervorbringen:„das ſind Fruͤchte aus ſeinem Garten.“ Da hielt die Alte ihr wohlriechendes Waſſer vor, und ſagte zu ihr: „Erholet euch, Herrinn, ein großes Gluͤck ſteht uns bevor und wird uns alle unſere Leiden verguͤten; mein Habib hat es mir verkuͤndet, ihr werdet heute Abend mit allen euren Augen keinen Stern erblicken, der nicht uns guͤnſtig ſchiene.“ „Aber wo iſt er?“ fragte Amirala, nachdem ſie ſich etwas erholt hatte.— „In meinem Zelte hinter jenem großen Binſen⸗ korbe, welchen ihr einſt mit Stoffen aus China bekom⸗ men habt. Faſſet euch, ſammelt eure Kraͤfte, Herrinn, und kommet mit mir zu ihm. Wir wollen uns mit ihm einſchließen, wollen ihm die Haare kaͤmmen, ihm das Geſicht abwaſchen, und ich wuͤßte mich ſehr taͤu⸗ ſcchen, oder wir umarmen ihn noch weit ſchoͤner, als ſ zuvor.“. dergeben!“ rief A Der fahrende Ritter. 51 Amirala verſuchte ihre Kraͤfte. Sie trugen ſie ſchon bis zum Zelte der guten Alten. Hier wurde, nach der noͤthigen Vorſicht gegen Ueberraſchung oder Stoͤrung, der Korb weggeſchoben, und Habib lag zu den Fuͤßen ſeiner Mutter, die auf dem Bette der Alten ſaß. Dieſe mußte abermals wohlriechendes Waſſer zur Huͤlfe nehmen, um Mutter und Sohn aus gemeinſa⸗ mer Ohnmacht zu erwecken. 8 Endlich kamen beide, einander in den Armen lie⸗ gend, wieder zu ſich. „Und welche Gnade des Himmels ſchenkt dich uns wieder, mein geliebter Habib?“ ſprach Amirala.— „Diejenige, die mir durch die Sterne verheißen war, geliebte Mutter: du ſiehſt hier vor dir den gluͤck⸗ lichen Gatten Doratil⸗Goaſens, den Koͤnig der ſieben Meere, das zwar unwuͤrdige Werkzeug des großen, Salomon, den Beſieger der Feinde Gottes und ſeiner Propheten; der aber all dieſes Gluͤck beweinen wuͤrde, wenn er nicht den Arzt mitbraͤchte, welcher ſeinem Va⸗ ter auf der Stelle das Geſicht wiedergeben wird.“ „Wie! meine ebten Salamis das Geſicht wie⸗ aus. „Ja, liebe Mutter,“ antwortete Habib;„und dieſer Arzt iſt meine Gattinn ſelber, welche durch den Rathſchluß des Himmels dazu beſtimmt iſt, unfegnan dieſes Wunder zu wirken.“ 52 599. T a g9. „Deine Gattin!“ wiederholte Amirala:„und wo iſt ſiehn „In meinem Gartenhauſe, Sie erwartet dort eine Arabiſche Kleidung. Sende deren zwei hin, eine fuͤr ſie und eine fuͤr mich, damit ſie ihr Geſchlecht verber⸗ gen und ich unerkannt bleiben kann. Es koͤmmt darauf an, liebe Mutter, im Ange⸗ ſicht des ganzen Lagers, einen Arabiſchen Arzt mit ſei⸗ nem Sklaven zu meinem Vater zu fuͤhren. Befiehl demjenigen unter den Knappen des Emirs, auf deſſen Verſchwiegenheit du am meiſten vertraueſt, daß er mir mit drei Maulthieren nach meiner kleinen Einſiedelei folge, wohin ich mich ſogleich wieder begeben will; er muß es aber am Thore des Lagers beſtellen, daß es ihm bei der Ruͤckkehr wieder geoͤffnet werde. Du verkuͤndigſt zugleich deinem Sklaven, daß du nach einem Arzte geſandt habeſt, dem zur Nacht ein Zelt bereitet werden muͤße. Wir werden gegen Son⸗ nen⸗Untergang hier utbmmen⸗ und du beſtelleſt al⸗ lein dieſe vertraute Alte zu unſe Bedi „Unterdeſſen, liebe Mutter, berei durch irgend ein Maͤhrchen vor, nungen in Betreff meiner wieder bel Vertrauen zu einem geſchickten dent zen zu ſehen und ſie leiſe mit d uhe en erlange, und ſich ſchmeichele Der fahrende Ritter. 53 Stelle das Geſicht wiederzugeben. Erſt nach der Heilung, werde ich mich zu erkennen geben.“ Vierhundertſter Tag. Alles was Habib anordnete, wurde ausgefuͤhrt, und er begab ſich auf der Stelle wieder nach ſeiner Einſiedelei, indem er, ohne ein Wort zu ſagen, dem Knappen ſeines Vaters voranging. Als ſie an die Umzaͤunung kamen, rief er ihm bei Namen; der Knappe ſtutzte bei dem Tone der Stimme. „Erhole dich von deinem Erſtaunen,“ ſprach Ha⸗ bib zu ihm,„ich rief dir mit Habibs Stimme, weil ich Habib ſelber bin. Du wirſt da drinnen etwas ſe⸗ hen, was dein Erſtaunen noch vermehren wird, naͤm⸗ lich, die Koͤniginn, meine Gemahlinn; ſei gewaͤrtig, alles auszurichten, was wir dir zum Dienſte deines Emirs, meines Vaters, befehlen.“— Der Knappe waͤhnte zu traͤumen; aber die Ar⸗ beit, welche ihm aufgetragen wurde, uͤberzeugte ihn bald, daß es keine Taͤuſchungen eines Traums waͤren. Habib befahl ihm, die Ruͤſtungen und das Pferdege⸗ ſchur, welches er von Il⸗Habul mitgebracht hatte, auf die beiden Maulthiere zu packen. Er ſelber und Doratil⸗Goas legten ihre Verkleidung an.. 4 4 4 5ʃ6 400. Tag. Der junge Arzt beſtieg das beßte der drei Maul⸗ thiere. Sein Sklave fuͤhrte, zu Fuße, das eine der bepackten Maulthiere, und der Knappe das andre. Die Waffenruͤſtung wurde mit Loͤwen- und Tiegerhaͤuten be⸗ deckt, welche in der Huͤtte zum Geraͤthe gedient hatten, und ſo erſchien der kleine Zug, mit einbrechender Nacht, am Thore des Lagers, und wurde eingelaßen. Waͤhrend dieſer Zeit war Amirala und die Alte um Salamis beſchaͤftigt, der erwacht war. Sie nah⸗ ten ſich ihm mit minder traurigem Ton, als bisher. e gute Emir ſchien daruͤber zufrieden, und ſagte zu nen: „Der Himmel hat mich gedemuͤthigt, ich war von ſeinen Wohlthaten zu hochmuͤthig geworden, und er hat ſie mir alle wieder entzogen, damit ich mein Nichts erkenne. Ich ſegne ihn, o meine theure Amirala! wenn ich dich eben ſo ergeben ſehe, wie ich bin. Meines Ruhms und meiner Macht, ſo wie des erfreulichen Lichts, beraubt, wie ich bin, koͤnnte ich ſelbſt der Knechtſchaft Trotz bieten, womit man mich bedrohet, ſobald du mir alles ertragen huͤlfeſt. Meine niedertraͤchtigen Feinde fuͤrchten nicht mehr meine Lanze; aber ſie werden nicht der Lanze des großen Propheten entrinnen, und wir werden gerochen ſein; er wird uns mit unſerm Habib wieder vereinigen, und wir werden gluͤcklich ſein.“. * Der fahrende Ritter. 55 „Oh, wahrlich!“ ſagte die Alte;„nach dem Traume, welchen wir gehabt haben, die Gebieterinn und ich, bin ich verſichert, daß wir unſern Habib wie⸗ derſehen werden!“ „Was iſt das fuͤr ein Traum?“ fragte Salamis: „wer hat jemals von einem Traume gehoͤrt, welchen zweie gemeinſchaftlich gehabt haben?“ „Gleichwohl haben ihn zweie gehabt,“ antwor⸗ tete die Alte,„und die eine genau, wie die andre. Wir haben Habib geſehen; er war ſchoͤn, er war Kd⸗ nig, er hatte eine Gemahlinn, ſchoͤn wie die Huri's. Er liebte ſeinen Vater und uns mit aller Zaͤrtlichkeit ſeines Herzens; er gedachte, hieher zu kommen, ſich euch zu zeigen...“ „Sich mir zu zeigen?“ fiel Salamis ein:„das wird alſo nicht hier auf Erden ſein; meine Augen ſind hier fuͤr immer verſchloſſen.“ „Ihr moͤchtet euch vielleicht doch, Herr,“ fuhr die Alte fort,„in dieſer Hinſicht auf hoͤchſt angenehme Weiſe taͤuſchen: man hat uns einen Arzt, einzig in ſeiner Art, angekuͤndigt. Sobald der Augenſtern nicht erloſchen iſt, vermag er in einem Augenblicke das Ge⸗ ſicht wiederzugeben, und zwar ohne Schmerz zu ver⸗ urſachen.“— „Ich bin ſchon mehr als zu viel das Opfer der Pfuſcher und Sterngucker geweſen.“— 56 40. Tag. „Dieſer Arzt aber iſt weder das eine noch das an⸗ dre. Er erbietet ſich, tauſend Goldſtuͤcke niederzulegen, bevor er die Heilung beginnt. Gelingt ſie ihm nicht, thaͤt er euch im geringſten wehe, ſo will er das Geld verlieren.“ „Man laße ihn kommen und das Pfand niederle⸗ gen,“ ſagte Salamis;„ich will zum Beſten derjenigen von meinen armen Unterthanen, denen man die Heer⸗ den geraubt hat, tauſend Goldſtuͤcke gewinnen. Es wird mich nur ein wenig Geduld koſten, und der Wun⸗ dermann wird fuͤr ſeine Großprahlerei beſtraft.“ Dieſe Gefalligkeit von Seiten Salamis, war al⸗ les, was Amirala nur verlangen konnte. Habib und Doratil⸗Goas waren angekommen und wurden in das Gemach des Emirs gefuͤhrt, wo der Knappe auch die mit den Fellen bedeckten Waffenruͤ⸗ ſtungen niederlegte. Der Heilungsverſuch an den Augen des Emirs ſollte beginnen; aber alle Neugierigen, wer ſie auch waren, draͤngten ſich vergeblich herzu; ſie wurden ent⸗ fernt. Es war ein Abendmahl bereitet, wobei allein die alte Vertraute aufwarten durfte, und der Knappe war an die Thuͤr des Zeltes geſtellt und hielt Wache, damit niemand hereintraͤte. Amirala kuͤndigte nun ihrem Gatten den Beſuch des Arztes an, und gab ihm zugleich eine Boͤrſe voll Gold in die Hand. uc 1 Der fahrende Ritter. 57 „Nimm hin, Emir,“ ſprach ſie zu ihm,„und waͤge, ob das Unterpfand, welches der Arzt dir gibt, hinreichend iſt; behalt es, um damit nach Gefallen zu ſchalten, im Falle das Unternehmen des Arztes mislingt. Aber, weil du ein Fuͤrſt biſt, ſo findet er, daß deine Perſon nicht fuͤr einen ſo geringen Preis als die⸗ ſer da, aufs Spiel geſetzt geſetzt werden darf, und um einigermaßen ein Verhaͤltnis herzuſtellen, ſo bittet er dich um die Erlaubnis, ſein Haupt zum Pfande zu ſetzen.“ „Meine theure Amirala,“ ſagte Salamis,„willſt du mich eben ſo traͤumen laßen, wie ihr beide, du und die Alte, eben erſt getraͤumt habt? Soll es ein Traum zu Dreien werden?“— „Ich hoffe, mein theurer Emir, es wird bald ein Traum zu Fuͤnfen ſein, und zwar der lieblichſte und mindeſt taͤuſchende, welchen wir je haben koͤnnen. Aber hier iſt nun der Arzt.“ „Komm naͤher,“ ſagte der Emir zu ihm.„Iſt es wahr, daß du ſolcher biſt, mich zu heilen?“— „So ſicher, als ich es von meinem Daſein bin.“— „Du haſt die Stimme eines Engels, und nicht eines Arztes. Sollteſt du mir eine Gnade vom Him⸗ mel herab bringen? nur von ihm erwarte ich ſie, und kann ich ſie erwarten.“— 8K „Du taͤuſcheſt dich uͤber mein Weſen; aber du ſprichſt richtig meinen Auftrag aus.“— 58 400, 401. Tag. „Ich weiß nicht, wie, aber deine Worte bezau⸗ bern mich, und erfuͤllen mich mit Hoffnung. Betrachte meine Augen.“— 1 „Ich ſehe ſie. Vergoͤnnet, daß ich ſie beruͤhre und die Daͤume meiner Haͤnde darauf druͤcke.“— „ Ich fuͤhle eine angenehme Waͤrme... Ohl! welch ſuͤßes Gefuͤhl! Es geht wahrlich eine voͤllige Umwandlung in meinem Haupte vor; ſie theilt ſich allen meinen Nerven mit; es iſt mir, als wenn alle meine Gliedmaßen und mein ganzer Leib ſich neu beleben.“ Vierhundert und erſter Tag. „Die Heilung muß geſchehen ſein, Herr,“ ſagte Habib,„oͤffnet ohne Furcht die Augen; die Strahlen der Sonne werden euch jetzt minder wehe thun, als jemals.“ „Himmell! ich ſehe,“ rief der gute Emir aus; und bevor er etwas anſah, ſtuͤrzte er ſich mit dem Antlitz auf den Boden, um dem Himmel zu danken. Nachdem er ſein Gebet gethan, richtete er ſich wieder auf, und ſprach, in einer Art von Verzuͤckung: „Wo iſt mein Arzt? wo iſt der Abgeſandte Gottes?“”“ „Ich bin es.“— „Himmliſches Weſen!“— Der fahrende Ritter. 59 „Ich bin kein himmliſches Weſen, mein verehrungs⸗ wuͤrdiger Vater! ich bin Doratil⸗Goas, deine Toch⸗ ter, der das Schickſal dich aufgeopfert hatte: ich bin die Gattin deines theuern Habib.“— „Gattinn Habibs!... komm naͤher. Ami⸗ rala! unterſtuͤtze mich... mein Sohn iſt verheira⸗ tet und lebt! wo iſt er?“ „Zu euren Fuͤßen,“ ſagte Habib, indem er ſich vor ihm niederwarf. „O Himmel!“ rief Salamis aus:„ich fuͤhle, daß du mir meine Kraͤfte wiedergegeben haſt: aber es fehlt mir noch viel daran, um das Uebermaaß meines Gluͤckes ertragen zu koͤnnen!“ Und er lag wie beſinnungslos in den Armen der beiden jungen Gatten, ſeiner Kinder.— Doch war dieß nur ein augenblicklicher Uebergang, welcher zwei Stroͤmen von Thraͤnen der Zaͤrtlichkeit den Weg eroͤffnete, die ſeinen Augen entquollen. Sie ver⸗ miſchten ſich bald mit den Thraͤnen, welche die Wan⸗ gen ſeiner Kinder und ſeiner Gattinn uͤberſtroͤmten; und die gute Alte, von ihrer Anhaͤnglichkeit fortgeriſſen, miſchte zutraulich auch die ihrigen ein. Die Natur behauptete alle ihre Rechte, und das Gefuͤhl der Zaͤrtlichkeit unterdruͤckte lange den Reiz der Neugier. Endlich erinnerte ſich Amirala daß man ſich mit etwas erfriſchen muͤßte, und die Alte verrichtete auf 60 401. Tag. ihren Befehl dabei den Dienſt. Der Vater ſaß nun zwiſchen ſeinen beiden Kindern zu Tiſche; Amirala ge⸗ genuͤber, war vollkommen gluͤcklich im Anſchauen ei⸗ ner Gruppe, welche alle Gegenſtaͤnde ihrer Zaͤrtlichkeit in ſich vereinigte. Bisher war ſeit langer Zeit ihr Athem von Seuf⸗ zern beſchwert; ihr Mund oͤffnete ſich nur zu Klagen; ihr Herz war in Gram verſunken, ihr Geiſt von Schreckbildern gequäaͤlt; ſie weinte herzzerreißende Thraͤ⸗ nen; ſie war todt fuͤr jegliche Freude, und lebte nur, um den Stachel des Schmerzes zu empfinden: das Ungluͤck ſchien alle ihre Schritte zu bezeichnen. Dieß alles war nnn in Einem Augenblick verwan⸗ delt, und der Thraͤnenſtrom welchen ſie vergoß, war ein ſeliger Genuß. Eine hohe Begeiſterung ergriff ſie, und ergoß ſich uͤber ihre Lippen: „Oeffne dich der Freude, mein Herz, es iſt nicht mehr Zeit, dich gegen die Eindruͤcke zu verſchließen, gegen welche du dich bisher verwahren mußteſt! In dieſem Augenblick, oͤffne dich, und laß die Thraͤnen in Fuͤlle uͤberſtroͤmen. Als ich keine Thraͤne vergoß, welche mir nicht ei⸗ nen Schmerzeslaut auspreßte, konnte ich damals den⸗ ken, daß ich eines Tages noch ſo große Wonne im Weinen finden wuͤrde? O Lachen! du biſt trügeriſch; du vermagſt nicht das Gluͤck der Seele auszudruͤcken; du haſt nichts mit dem Gefuͤhle zu ſchaffen: Geh hin, Der fahrende Ritter. 61 male deine thoͤrichte Freude auf das Angeſicht der ge⸗ fuͤhlloſen Weſen, welche dich ſuchen. Entferne dich von denen, welche die Suͤßigkeit zu ſchmecken wiſſen, die in den Thraͤnen zu finden iſt. Doratil⸗Goas! Ha⸗ bib! o wie ſchoͤn ſind eure Thraͤnen! wie verklaͤren ſie die himmliſche Bildung eures Antlitzes!“ Amirala haͤtte noch laͤnger in dieſer Begeiſterung fortgeſprochen, denn die Freude, welche ſie empfand, beſeelte ſie wieder mit all ihrem Jugendfeuer: aber die Gruppe, welche ihr am Tiſche gegenuͤber ſaß, loͤſte ſich nun auf: das Mahl war nur kurz; die Alte zog ſich zuruͤck; und es war nun Zeit, daß Salamis aus dem Munde ſeines Sohnes ſelber vernahm, wie er ihm von dem Himmel wiedergeſchenkt worden. Der junge Held erzaͤhlte ſeine Geſchichte, von ſei⸗ ner Abreiſe nach dem Kaukaſus an, ſchilderte das Be⸗ tragen der zwanzig Ritter bis zu dem Augenblicke, wo ſie ihn in der Wuͤſte verließen und ihn dem Grimm der Witterung, dem Hunger, dem Durſte und den wilden Thieren preisgaben. Er ſchilderte gemuͤthlich ſeine Muͤhſeligkeiten und Thaten, bis zu ſeinem, wie er ſagte, unverzeihlichen Fehler in den Gebirgs⸗Hoͤhlen, welche er durchwan⸗ dern mußte, und die Folgen, welche derſelbe nach ſich gezogen hatte. 1 Er kam auf ſeine, ohne Zweifel vorherbeſtimmte Begegnung der Meerfraͤulein, deren Huͤlfe ihm alle * 62 401. 402. Tag. Unternehmungen erleichtert, und ihm gewiſſermaßen das Leben gerettet hatte. Endlich ſchilderte er das Gluͤck, welches ihm zu Theil geworden, als das Schickſal ihn wieder mit ſeiner geliebten Doratil⸗Goas vereinigt hatte. Er ging dann zu den Gruͤnden uͤber, welche ihn nach dem Kaukaſus zuruͤckgefuͤhrt, wo er zuerſt durch Il⸗Habul das Ungluͤck und die Bedraͤngnis ſeines Va⸗ ters, ſeiner Mutter und ſeines Stammes vernommen, und auf der Stelle den Entſchluß gefaßt, nach Ara⸗ bien heimzukehren. Salamis hoͤrte alles an, ohne ihn zu unterbre⸗ den ſobald Habib aber geendigt hatte, ſprach er zu ihm: „Gedenkeſt du nicht, mein Sohn, an den nichts⸗ wuͤrdigen Rittern Rache zu nehmen, die deinen voͤlligen Untergang beſchloſſen hatten?“ Vierhundert und zweiter Tag. „Mein Vater, antwortete Habib,„ich halte dieß fuͤr ſehr uͤberfluͤßig: ich uͤberlaße ſie ihren Gewiſſens⸗ biſſen und der Rache des Himmels; dergleichen Unge⸗ heuer ſind zu tief unter mir, als daß die Rache, wel⸗ che ich an ihnen nehmen koͤnnte, mich nicht herabwuͤr⸗ digen ſollte.“ Der fahrende Ritter.. 65 „Was du da ſagſt, mein Sohn, iſt hochherzig,“ antwortete Salamis;„du denkeſt, wie ein Held: aber du mußt auch denken, wie ein Koͤnig. Dem gebornen Raͤcher des Frevels duͤrfen Miſſethaͤter kein Gegenſtand der Schonung ſein. Soll ich's dir noch ſagen? ſeit ihrer niederträͤchtigen Verraͤtherei iſt ihre Feigheit, nach⸗ dem ich mein Geſicht verloren, die Urſache der gegen⸗ waͤrtigen Zerruͤttung unſers Stammes geweſen: nicht einer von ihnen hat es gewagt, dem Feinde entgegen zu treten. Sie haben ſich hier, ich weiß nicht durch wie viel Ungerechtigkeiten befleckt. Der Frevel, welchen ſie ge⸗ gen dich und gegen mich begangen, hat in ihrem Her⸗ zen gehaftet und herrſcht noch darin, und du ſetzeſt unſern Stamm in Gefahr, wenn du ſie am Leben laͤßt. Ueberdieß wird ihre Treuloſigkeit, ſobald als du erſcheinſt, offenbar werden, und du biſt ihre Beſtra⸗ fung den Geſetzen ſchuldig. Und wenn ich nicht wuͤßte, wie ſehr du uͤber alle Furcht erhaben biſt, ſo wuͤrde ich hinzufuͤgen, daß ſie fuͤr uns noch gefaͤhrliche Feinde werden können.“ Habib ließ ſich uͤberzeugen. Er bat hierauf ſeinen Vater, ihn von den naͤheren Umſtaͤnden der Umwaͤl⸗ zung in Arabien zu unterrichten, welche Il⸗Habul ihm nur angedeutet, und deren traurige Folgen er bei ſeiner Ankunft erfahren hatte. 64. 402. Tag. „O mein Sohn,“ fuhr der biedere Emir fort, hich fordere dich zur Beſtrafung von Ungeheuern auf, deren Daſein der Menſchheit verderblich iſt, und wenn ich dich zwinge, deinem Edel⸗Sinne Gewalt anzuthun, um die Ruhe deiner Unterthanen zu ſichern, wie wi⸗ derſtrebend iſt es mir dagegen, dir von dieſen eine em⸗ poͤrende Schilderung zu machen, die aus deinem Her⸗ zen das Gefuͤhl des Wohlwollens gegen ſie entfernen koͤnnte, welches einen echten Muſelmann beſeelen ſoll! Als meine Augen des Tageslichts beraubt waren, als die Araber ſich nicht mehr ſchmeicheln konnten, mit mir und durch mich zu ſiegen, blieb ich in ihren Au⸗ gen nur noch eine unnuͤtze Laſt auf Erden. Die mir ihre Erhebung verdankten, alle entfernten ſich von mir. Die Zwietracht kam unter ſie, und ſie achteten auch nicht einmal mehr auf meinen Rath. Unter meinem Befehle, durch meine Anſtrengun⸗ gen, durch meine Leitung und Ausfuͤhrung war es ih⸗ nen gelungen, den zahlreichen und furchtbaren Stamm Kleb zu unterwerfen, welcher ganz aus Unglaͤubigen, Anbetern der Sonne und der Geſtirne beſtand. Wir waren genoͤthigt geweſen, ſie in Knechtſchaft zu erhal⸗ ten, indem wir ihnen eine ſtarke jaͤhrliche Abgabe auf⸗ legten, welche ſie unwillig ertrugen. Unter ihnen hat ſich ein Kriegsmann, namens Sir, erhoben, ein Menſch von faſt ungeheurer Ge⸗ Der fahrenbe Ritter. 65 ſtalt, von außerordentlicher Staͤrke, ehrgeizig, aufruͤh⸗ reriſch, verwegen, tapfer und grauſam. Dieſer Sir hat ſeine Stammgenoſſen aufgewiegelt; ſie haben die Waffen ergriffen. Waͤhrend die unter einander zwietraͤchtigen Emire ſich die eitle Ehre des Oberbefehls ſtreitig machten, hat er ſie beſiegt, zer⸗ ſtreuet, ihre Heerden fortgetrieben, und diejenigen, die er nicht voͤllig unterjocht hat, irren in den Wuͤſten umher. hühn allen Feinden befreiet, welche ihn haͤtten beunruhigen koͤnnen, hat nun der furchtbare Sir ſich gegen mein Lager gewendet, um noch den wichtigſten Streich ſeines Anſchlags auszufuͤhren. Der Stamm Ben⸗Hilak, welcher unſerm heiligen Propheten ſo wich⸗ tige Dienſte leiſtete, iſt den Augen der Unglaͤubigen der verhaßteſte. Sir will ihn in der Knechtſchaft un⸗ terwerfen, aus welcher er ſeinen Stamm befreiet hat, beobachten laße, die Mittel, welche ich angebe, die Angriffe zu erſchweren und Ueberfaͤlle zu vereiteln, ha⸗ ben bisher meine Niederlage aufgehalten: aber wir zehren uns mit jedem Tage mehr auf, und was uns von Heerden noch uͤbrig iſt, findet in der Umgegend kaum noch Nahrung. VII. 5 66 402. Ta g. Ohne deine Ankunft, mein Sohn, ohne die Gnade des Himmels, welche mir das Geſicht wiedergeſchenkt hat, blieb uns nur die Erwartung des Todes oder der ſchimpflichſten Knechtſchaft. Wenn ſchon der Feind, der unſre Lage kennt, aufgehoͤrt hat, uns in unſerm feſten Lager anzugrei⸗ fen, ſo zeigt er ſich doch jeden Morgen an unſeren Thoren, um durch Ausforderungen die Feigheit unſerer Krieger zu verhoͤhnen. Nicht einer, nein, auch nicht einer der Meinigen wagt es, ihre Beſchimpfungen zu⸗ ruͤckzuweiſen; es iſt, als wenn der Stamm Ben⸗Hilak nur noch aus Kindern und Weibern beſtehet.“ Dieſe Erzaͤhlung machte auf Habibs Herz eine zerreißende Wirkung: ſein Vater verlaßen, ſein Stamm herabgewuͤrdigt, das waren unertraͤgliche Vorſtellungen fuͤr ihn. Aber der empoͤrende Spott, welchen ihr Feind, das Oberhaupt des Stammes Kleb, mit den Seinen trieb, erfuͤllte ihn mit Grimm. 1 „O mein Vater,“ ſprach er,„ich vertraue, die erſten Strahlen der naͤchſten Sonne ſollen ſchon die Streiche beleuchten, welche unſre beginnende Rache fuͤhrt. Unter dieſen Tiegerhaͤuten, welche deine Aufmerk⸗ ſamkeit noch nicht angezogen haben, ſind Waffenruͤ⸗ ſtungen von ungewoͤhnlicher Bildung verborgen, welche Il⸗Habul, bei meinem letzten Beſuche des Kaukaſus mit gegeben hat. Dein Schildknappe ſoll mir ein Der fahrende Ritter. 67 Streitroß zuruͤſten, und ich will darauf morgen fruͤh die Ausforderung der Unverſchaͤmten annehmen, wenn ſie wiederkommen. Erſcheinen ſie aber nicht, ſo werde ich zu den Zelten Sirs hinreiten, und ihn ſelber her⸗ ausfordern.“ „ und was muͤßte aus Salamis geworden ſein,“ rief der hochherzige Greis aus,„wenn er nicht ſeinen Sohn bei einem ſo edlen Unternehmen begleitete! Da ſind ja zwei Ruͤſtungen unter den Tiegerhaͤuten: iſt die eine denn etwa fuͤr deine Gattinn, oder fuͤr meine Gattinn hergeſandt worden? Iſt einer von unſeren Arabern wuͤrdig ſie zu tragen? Wer unter ihnen ver⸗ moͤchte es, dieſe Lanze emporzuheben?“ Vierhundert und dritter Tag. Zu gleicher Zeit ſchwang er die Lanze in der Luft, auf eine Weiſe, welche Schrecken einjagte. Trotz ih⸗ rer ungeheuren Schwere, war ſie in ſeinen Haͤnden nur wie ein Rohr in den Haͤnden eines Kindet. „O Mahomed!“ rief er aus:„du gibſt jetzo dei⸗ nem geliebten Stamme wieder zwei Haͤupter: du wirſt ihm auch die Tapferkeit und Kraft wieder verleihen!“ Amirala und Doratil⸗Goas, anſtatt ſich hiebei zu beunruhigen, freuten ſich vielmehr, als ſie ihre Gatten ſich gegenſeitig beim Anlegen der Waffen hel⸗ 68 403. Tag. fen, und wechſelsweiſe das Gewicht und die Guͤte der⸗ ſelben pruͤfen ſahen. Als beide ſich mit den Ruͤſtungen bekleidet hatten, umarmten ſie ſich, und Salamis ſprach: „Du warſt mein Sohn, ich war dein Vater: fortan ſind wir Bruͤder und Mitbewerber der Ehre. Warum haben wir nur gegen Knechte zu kaͤmpfen? Aber wir wollen uns troͤſten, well es darauf ankoͤmmt, unſerm großen Propheten zu dienen: wir muͤßen un⸗ ſern Ruhm in dem ſeinen finden.“ Alsbald ließ Salamis ſeinen Stallmeiſter rufen und ſagte zu ihm: „Nimm zwei der beßten Streitroſſe, lege ihnen dieſe Harniſche auf und fuͤhre ſie vor dein Zelt. Mit Anbruche des Tages halt ſie bereit. Dort wollen wir ſie dann beſteigen. Gott hat mir, wie du ſiehſt, mit dem Geſichte meine Kraͤfte wiedergeſchenkt. Mein Sohn und ich, wir wollen morgen fruͤh die Ausforderung der ſoge⸗ nannten Ritter von Sirs Heerhaufen annehmen. Wenn wir von deinem Zelte wegreiten, kannſt du uns in ei⸗ niger Entfernung folgen; und wenn man dich im La⸗ ger fraͤgt, wer wir ſind, ſo antworte:„es ſind zwei fremde Ritter, die gekommen ſind, Salamis ihre Dien⸗ ſte anzubieten.“ Der Knappe ging hin, den ihm ertheilten Befehlen zu gehorchen, und benutzte die Dunkelheit und die Der fahrende Ritter⸗ 69 Ruhe, welche im Lager herrſchten, ſie unbemerkt in Ausfuͤhrung zu bringen. Die Wache bei den Zelten des Emirs ſah zwei Roſſe von einem bekannten Diener deſſelben heraus⸗ und hereinziehen, und machte nicht die geringſte Be⸗ wegung. Mit Anbruche der Morgenroͤthe traten die beiden Helden, ganz geharniſcht, nachdem ſie ihre Gattinnen umarmt hatten, an einer unbewachten Stelle hinaus. Sie gingen zu dem Zelte des Knappen, ſtiegen zu Pferde, und ritten hin, innerhalb des Lagers die von Sir ausgeſandten Ritter und die gewoͤhnliche Wieder⸗ holung ihrer Prahlereien zu erwarten. Dieſe ließen auch nicht auf ſich harren. Man ſah ihrer ſechs ankommen, vollſtaͤndig geruͤſtet, und von einem kleinen Gefolge, vermuthlich zu ihren Dienſten, begleitet; ſo naͤherten ſie ſich den Thoren des Lagers. Einer von ihnen ſtieg ab, und fuͤhrte gegen die da drinnen alſo das Wort: „Maͤnner Arabiens, ſeid ihr denn von Sinnen ge⸗ kommen, daß ihr hier ſo ſchmaͤhlich verſperrt bleiben wollt, wie euer Vieh, welches ihr vollends aufzehrt? Wollt ihr drinnen bei einem alten Blinden Hungers ſterben? Die Eiſen, welche wir euch darbieten, ſind ehrenvoll: wir beſtimmen ſie den tapferſten Voͤlkern der Erde, und indem ihr euch ihnen unterwerfet, thei⸗ let ihr nur ein gemeinſames Loos. Eilet, ſie aufzu⸗ 70 4⁰³3. Tag. nehmen, und ihr werdet den Vortheil haben, einer der Fußtritte zu dem Throne des großmaͤchtigen Emirs Sir, unſers ruhmreichen Beherrſchers, zu ſein. Ver⸗ laßet einen unmaͤchtigen Alten, welcher nur Schwach⸗ heit, Mangel und Schmach mit euch zu theilen hat. Wir wollen euch unſeren Stäͤmmen einverleiben und ihr werdet darin der Schmach des eurigen vergeſſen. Was machet ihr noch bei einem ſo verlaßenen Manne, daß ihm nicht mehr ein einziger Ritter uͤbrig geblieben iſt, der im Stande waͤre, dem ſchwaͤchſten von den unſeren die Stirne zu bieten?“— „Das luͤgſt du, ſchnoͤder Knecht eines empoͤrten Knechts!“ ſprach Habib, indem er ploͤtzlich aus der Verzaͤunung hervorritt, und aus aller Macht einen ſei⸗ ner Handſchuhe gegen den Helm des Ritters ſchleuderte. „Da iſt mein Unterpfand des Kampfes,“ fuhr er fort;„wage, es aufzuheben, und einen Ritter des großen Emirs Salamis, zu Fuß oder zu Roſſe, zu erwarten!“ Zu gleicher Zeit ſprang der tapfere Gatte Dora⸗ til⸗Goaſens uͤber die Schranken hinaus, und erreichte ſeinen Gegner, bevor dieſer noch Zeit hatte, wieder zu Pferde zu ſteigen, oder ſeinen Schild zu ergreifen. Habib, jeden Vortheil verſchmaͤhend, warf ſeinen Schild auch von ſich, und der Kampf begann auf der Stelle: aber er war ſehr bald beendigt. Der Sohn des Emirs Salamis that keinen Streich, der nicht Der fahrende Ritter. 71 tief durch die Nuͤſtung ſeines Gegners drang, und dieſer lag todt zu ſeinen Fuͤßen hingeſtreckt, bevor noch die anderen Ritter vom Stamme Kleb herbeigekommen waren, ihrem Waffengefaͤhrten Huͤlfe zu leiſten. Der zuerſt herangekommene ſprengte, uneingedenk der Geſetze des Kampfes, auf Habib ein, um ihn mit der Bruſtwehr ſeines Pferdes niederzurennen: der tap⸗ fere Sohn des Emirs Salamis aber entwich dem An⸗ laufe, verſetzte ſeinem Gegner den Todesſtreich, und ſtuͤrzte ihn zu Boden. Salamis ritt nun auch hervor, dem dritten Rit⸗ ter entgegen, und ſtreckte ihn auf den Sand. Sein Sohn, dem der Knappe unterdeſſen ſein Roß zugefuͤhrt hatte, geſellte ſich zu ihm, und beide ſprengten den drei noch uͤbrigen Rittern vom Stamme Kleb entgegen. Dieſe waͤren entflohen, wenn die Schaam vor ih⸗ ren gegenwaͤrtigen Leuten ſie nicht zuruͤckgehalten haͤtte. Aber der Schreck hatte ſie ergriffen, ſie waren beſtuͤrzt und die fuͤrchterlichen Hiebe, welche auf ſie gefuͤhrt wurden, machten ihnen bald den Garaus. Salamis und ſein Sohn ritten darnach in ihr La⸗ ger zuruͤck. Alles was im Stamme Ben⸗Hilak den Namen Ritter fuͤhrte, umringte ſie, halb bewaffnet. Freude, mit Eiferſucht und Beſchaͤmung gemiſcht, be⸗ deckte das Antlitz dieſer entmuthigten Krieger. Sie wollten woiſſen, wer diejenigen waͤren, die daher kaͤmen, ſich fuͤr ſie mit ſo viel Zuverſicht und Unerſchrockenheit 72² 4⁰3. 404. Tag. hervorzuthun, und ihrer zwei gegen ſechs einen eben ſo ſchleunigen, als ungleich beſtrittenen Sieg davonzu⸗ tragen. Vierhundert und vierter Tag. Die beiden Ritter aber luͤfteten nicht das Viſier ihres Helms. Sie verneigten ſich hoͤflich gegen diejeni⸗ gen, die ſie mit Lobeserhebungen uͤberhaͤuften. Ihr Mund war ſtumm, und der Knappe, der fuͤr ſie ſprach, ſagte nichts weiter, als daß dieſe beiden edelen und tapferen Fremdlinge eben erſt angekommen waͤren, dem Emir ihre Dienſte anzubieten, zu deſſem Gezelte ſie nun gefuͤhrt zu werden wuͤnſchten, um ſich ihm zu erkennen zu geben und ſich in ſeine Dienſte auf⸗ nehmen zu laßen. Die beiden Helden beſtiegen wieder ihre Roſſe, und ritten nach dem Zelte des Emirs. Der Knappe ritt voran, ging vor ihnen ins Zelt, als wenn er ſie anmelden wollte, und einen Augenblick darnach wurden ſie geheimnißvoll hinein gefuͤhrt. Hier ſanken ſie in die offenen Arme Amirala's und Doratil⸗Goaſens. Das Eiſen, das ſie umkleidete, ſchien ſich zu erweichen und der Gewalt und der Zaͤrt⸗ lichkeit der Umarmungen nachzugeben. * — Der fahrende Ritter. 75 Ein Ritter als Sieger iſt ein hinreißender Anblick fuͤr ſeine Herrinn. Und wie viel Grund hatten nicht dieſe beiden Frauen zu den ſuͤßeſten, ja zu den uͤber⸗ ſchwaͤnglichſten Liebkoſungen! Die beiden gluͤcklichen Paare uͤberließen ſich ihnen jetzt ohne Ruͤckhalt: aber die durch die Tugend verklaͤrte Liebe geht uͤber alle Schranken hinaus, ohne jemals zum Uebermaaß aus⸗ zuſchweifen. Unſere beiden Helden wurden von ihren Gattinnen entwaffnet, und ein Mahl wurde aufgetragen, deſſen ſie wohl bedurften. Salamis vernahm, daß ſein Zelt von Neugierigen aller Staͤnde umringt war. Er ließ ihnen ſagen, daß er, weil er die Nacht ſchlecht ge⸗ ſchlafen, Ruhe noͤthig haͤtte. Zugleich befahl er, in dem ganzen Lager bekannt zu machen, daß er nach dem Mittags⸗Gebete mit ſeiner geſammten Ritterſchaft eine Rathsverſammlung halten wuͤrde. Das Geruͤcht von dem Arzte welcher die Heilung der Augen des Emirs verſuchen wollte, hatte ſich ver⸗ breitet; aber dieſer Menſch, ſammt ſeinem Sklaven war verſchwunden, und man waͤhnte, der Emir haͤtte, ohne Vertrauen zu der ihm angetragenen Heilung zu faſſen, den Menſchen, der ſich zu dem Verſuche erbo⸗ ten, unwillig wieder weggeſchickt. Auf der andern Seite fragte man ſich, zu welcher Stunde, und durch welches Thor zwei vollſtaͤndig ge⸗ ruͤſtete Ritter in das verſchloſſene Lager kommen und 74 4 4ℳ. Tag. bis zu dem Gezelte des Emirs gelangen konnten, ohne von jemand bemerkt zu werden, ſelbſt von der Wa⸗ che nicht. Waͤhrend man ſich uͤber dieſe beiden Begebenhei⸗ ten in Muthmaßungen erſchoͤpfte, genoſſen Salamis, Almirala, Habib und Doratil⸗Goas die Erquickungen einer Ruhe, welche ihnen durchaus nothwendig war. Alles was zu der angekuͤndigten Rathsverſamm⸗ lung Zutritt hatte, war darauf geſpannt, dort eine Neuigkeit, von welcher Art ſie auch ſein moͤchte, her⸗ vorbrechen zu ſehen, und niemand verſaͤumte, ſich zur geſetzten Stunde einzufinden. Salamis empfing die Ritter auf dem Sopha ſitzend, die Stirn auf die Hand geſtuͤtzt, um nicht das friſch wieder angefachte Feuer ſeiner Augen blicken zu laßen. Sobald die Verſammlung vollzaͤhlig war und ein jeder ſeinen Sitz eingenommen hatte, hub Salamis alſo an: „Emire und Ritter, die ihr den Ruhm des Stam⸗ mes Ben⸗Hilak ausmachtet, bevor er noch dem Zorne des großen Propheten verfallen war, ich ſchmeichelte mir nicht mehr, jemals den Grund zu vernehmen, der ſo viel Unheil uͤber uns gebracht hat, noch die trauri⸗ gen Fortſchritte deſſelben gehemmt zu ſehen. Staͤts mein Vertrauen auf Gott ſetzend, habe ich mich ganz in ſeinen Willen ergeben, und er hat ihn mir jetzt eben kund gethan, indem er mir zugleich die Der fahrende Ritter. 75 ſcheußliche Frevelthat enthuͤllt, deren einige Kinder die⸗ ſes Stammes ſich ſchuldig gemacht haben: ſie haben den Zorn des Himmels dermaßen gereizt, daß ſie uns alle die Unfaͤlle zugezogen, deren Opfer wir gewe⸗ ſen ſind. Emire! und vor allen ihr, Arabiſche Ritter, die ihr mich hoͤret! ihr berget unter euch feige und falſche Herzen; Seelen, die ſich mit Hochverrath, mit dem frevelhafteſten Treubruche befleckt haben. Von dem Augenblick an, wo ſie ſich deſſen ſchul⸗ dig gemacht, hat Mahomed uns ſeine Blicke entzogen, der Himmel hat ſich von uns abgewandt, die Geſtirne ſind uns feindſelig geworden, und wir ſind den Un⸗ glaͤubigen in die Haͤnde gegeben. Ich, obſchon unſchuldig, jedoch euer Oberhaupt, ich wurde mit Blindheit geſchlagen, auf daß ich, da⸗ durch unfaͤhig zur Thaͤtigkeit, ſogar meine Rathſchlaͤge verachtet ſaͤhe. Das Vertrauen auf eure eigenen Kraͤfte iſt euch benommen worden; ihr habt nicht mehr ge⸗ wagt, dem Feinde die Stirne zu bieten: ihr ſeid ihm zum Gelaͤchter geworden; und diejenigen, die vormals alles von der Staͤrke ihres Arms erwarteten, haben ihre Knie unter ſich wanken gefuͤhlt, und ſich hinter die Bruſtwehren verborgen. Die Staͤmme, welche uns unterworfen waren, haben ſich von uns losgeriſſen, ohne jedoch dem Flu⸗ che des Unheils zu entgehen, welches der Frevel uͤber 76 4oz. 405. T a g. die Zelte der Araber gebracht hat; eben ſo muthlos als wir, aber noch unkluger, unter ſich entzweiet, ha⸗ ben ſie ihre Bruͤder unter den Schwertern aufruͤhriſcher Knechte fallen ſehen; und diejenigen, die in der Em⸗ poͤrung nicht ihren Gewinn betrieben, haben zu den grauenvollſten Wuͤſten ihre Zuflucht genommen und dort eine ſchmaͤhliche Sicherheit geſucht. Unſer faſt aufs hoͤchſte geſtiegenes Ungluͤck hat endlich die Blicke des Erbarmens auf uns gezogen, und die goͤttliche Gerechtigkeit erwartet von uns nur noch die Beſtrafung des Verbrechens, welches ſie un⸗ gern an Unſchuldigen heimſucht, um auch uͤber das feindliche Lager ihr Strafgericht zu verhaͤngen. Williget ihr ein, auf der Stelle diejenigen der Strafe zu uͤberantworten, die uͤberwieſen werden, die ſchrecklichen Unfaͤlle uͤber die glaͤubigen Muſelmaͤnner Arabiens gebracht zu haben, von welchen ſie heimge⸗ ſucht worden?“ Vierhundert und fuͤnfter Tag. Der Emir hatte dieſe Rede mit einem Ton von Feſtigkeit und Wuͤrde gehalten, wie man nicht von dem niedergeſchlagenen Zuſtande erwartete, in welchem man ihn noch waͤhnte; die Verſammlung war erſtaunt dar⸗ uͤber; einige ſchlugen die Augen nieder: aber alle er⸗ Der fahrende Ritter. 77 klaͤrten, wie es ſchien, einſtimmig, daß das ſchreckliche Verbrechen, deſſen Rache der Himmel verfolgte, auf der Stelle mit dem Tode derjenigen beſtraft werden muͤßte, die der That uͤberwieſen wuͤrden. „Hier iſt der lebendige Beweis,“ ſagte der Emir, indem er ſich erhob, und Habib hinter einem Vorhange, wo er verborgen geſtanden, vortreten ließ:„erſcheine, mein Sohn, komm und uͤberfuͤhre neunzehn hier ge⸗ genwaͤrtige Ritter von der Falſchheit des Berichts, welchen ſie von deinem Tode mir und dem ganzen Stamme heimgebracht haben.“ Hierauf wandte er ſich zu den Schuldigen:„Nie⸗ dertraͤchtige und grauſame Betruͤger, waget es zu leug⸗ nen, daß ihr, vor allen von mir auserwaͤhlt und beauf⸗ tragt, euern Prinzen zu geleiten, von der Feigheit zur Bosheit uͤberginget und beſchloſſet, ihn zu verlaßen, um euch gegen unſre ſchmaͤhliche Rache ſicher zu ſtel⸗ len, und daß ihr ihn wirklich verließet, nachdem ihr ihn im Schlaf aller Huͤlfsmittel beraubt, bis auf die Waffen, ihn zugleich dem Hunger, dem Durſte, dem Grimm der Elemente und der Wuth der reißenden Thiere preisgebend!“ Habib trat hervor; die ſchuldigen Ritter ſtanden wie vom Blitze geruͤhrt da, und Salamis fuhr fort in ſeiner Rede: „Ritter des Stammes Ben⸗Hilak, die Verurthei⸗ lung und Beſtrafung dieſer Verbrecher ſteht euch zu; 78 405. Tag. es iſt eure Sache, alle Kinder Mahomeds an denjeni⸗ gen zu raͤchen, die in das Herz ſeines Lieblingsſtam⸗ mes Entehrung gebracht, und die Zornruthe des Him⸗ mels uͤber ihn und alle die uͤbrigen Staͤmme herabge⸗ zogen haben.“ Die Schuldigen brachten nicht ein Wort hervor; was haͤtten ſie zu ihrer Entſchuldigung anfuͤhren koͤn⸗ nen? Auf der Stelle wurden ſie umringt, gebunden, und ihnen die Ruͤſtung Stuͤck fuͤr Stuͤck abgeriſſen. Die Nachrichter bemaͤchtigten ſich ihrer, und fuͤhrten ſie vor das Lager hinaus, wo der Saͤbel ihre Koͤpfe vom Rumpfe fliegen ließ; ihre Leichnam blieben dort liegen, den wilden Thieren zum Raube. Rabir war ſchon, bald nach ſeiner Heimkehr, durch den Tod vor dieſer ſchimpflichen Hinrichtung be⸗ wahrt. Die Vorſtellung des Verbrechens, in welches er eingewilligt, hatte ihm keine Ruhe gelaßen, und ſeinen Tod beſchleunigt, der unter allen anderen Um⸗ ſtaͤnden als zu fruͤhzeitig erſcheinen mußte. Nachdem die Ritter ſo die ihren Beherrſchern ſchul⸗ dige Gerechtigkeit ausgeuͤbt hatten, beeiferten ſie ſich, ihre Freude uͤber Habibs Heimkehr zu bezeugen. Waͤhrend Salamis zu ihnen geſprochen, hatte die Wichtigkeit ſeiner Rede ganz ihre Aufmerkſamkeit gefeſ⸗ ſelt, und ihnen nicht verſtattet, das Feuer zu bemer⸗ ken, welches wieder in ſeinen Blicken glaͤnzte. Aber nach ihrer Ruͤckkehr von der Hinrichtung redete Sala⸗ Der fahrende Ritter. 79 mis ſie einzeln an, und ſie gewahrten mit Erſtaunen, daß er ſein Geſicht wiedererlangt hatte. „Ihr muͤßt,“ ſprach der Emir zu ihnen,„von einem Arzte gehoͤrt haben, den man zu mir gefuͤhrt; durch die Gnade Gottes und ſeines Propheten hat ſeine Kunſt mich geheilt: aber dieß iſt nicht die einzige Gna⸗ de, welche uns zu Theil geworden iſt. Der Sieg, der uns dieſen Morgen gewaͤhrt wor⸗ den, mir und meinem Sohn, iſt das Unterpfand aller nachfolgenden Siege, welche wir erwarten duͤrfen. Tap⸗ fere Araber! der Flecken des Frevels haftet nicht mehr auf euch; ergreifet, mit dem Vertrauen auf eure Kraͤfte, auch wieder all eure Tapferkeit und euern gewohnten Eifer; ruͤſtet euch, gegen das Lager des Empoͤrers Sir aufzubrechen. Ich will nur die Reiterei dorthin mit⸗ nehmen; die uͤbrigen Krieger ſollen zum Schutze der Heerden auf den entlegenen Weiden zuruͤckbleiben, zu welchen man ſie fuͤhren wird, und das Lager ſoll ſorgfaͤltig bewacht werden. Denjenigen von unſeren Staͤmmen, die in der Wuͤſte umherirren, mache man kund, daß morgen das Schrecken unter den Zelten unſerer Feinde wohnen und aus den Herzen derjenigen verbannt ſein ſoll, die ſich unter Salamis Fahne vereinigen. Unterdeſſen bis wir ſo bedeutende Streitkraͤfte ge⸗ ſammelt haben, deren Anblick ſchon das Herz unſerer Feinde entmuthigen, und uns den Widerwillen erſparen 30 405. Ta g. kann, einen zu blutigen Krieg zu fuͤhren, erfreuet euch mit mir, und laßt, wo moͤglich, alle der Verehrung des wahren Gottes getreue Araber der Gnaden ſich erfreuen, welche ich von ihm empfangen habe. Habibs Heimkehr und das Gluͤck des wiederge⸗ ſchenkten Geſichts ſind nicht die einzigen Gnaden, wel⸗ che mir zu Theil geworden ſind: es iſt uͤberdieß die Koͤ⸗ niginn der ſieben Meere im aͤußerſten Aufgang, es iſt Doratil⸗Goas, die Gattinn, welche die Geſtirne mei⸗ nem Sohne verheißen, und welche der Himmel auser⸗ waͤhlt hat, hieher zu kommen und mir, mit der Staͤrke meiner ſchoͤnſten Jahre, die Kraft wiederzugeben, daß ich meine von dem Dunkel, welches ſie umnach⸗ nachtete, befreiten Augen zum Himmel emporheben kann. Die Kunde davon erſchalle in allen dem Geſetze des Korans unterworfenen Laͤndern, damit Gott und ſeinem Propheten Dank dafuͤr geſagt werde. Ueberall ſtelle man gottesdienſtliche Feier an. Nicht ſind es die Leiber, es ſind die Seelen, welche ſich der wieder uͤber uns verbreiteten Segnungen erfreuen ſol⸗ len, die uns durch ſo außerordentliche Gnaden, durch ſo erſtaunliche Wunder angekuͤndigt werden. Laßt die Ausbruͤche unſrer Dankbarkeit laut wer⸗ den, und ihre Stimme in den Zelten Sirs wiederhallen, damit alle Herzen erſchuͤttert werden, die ihm zuge⸗ than blieben.“ Der fahrende Ritter. 81 Vierhundert und ſechſter Tag. Einſtimmig und oͤffentlich wurden in dem ganzen Lager des Emirs Salamis die Dankſagungen darge⸗ bracht, mit einer Feierlichkeit und einer Pracht, welche zu der gluͤcklichen Veraͤnderung ſtimmte. Doratil⸗ Goas empfing die Ehrenbezeigungen und Huldigungen des ganzen Stammes Ben⸗Hilak, und das Lager er⸗ ſcholl von freudigem Zujauchzen, welches ſich mit dem lauten Getoͤſe der Freudenfeſte vermiſchte. Das Lager hatte wieder den Anſchein der groͤßten Wohlfahrt angenommen. Die freudigen Neuigkeiten verbreiteten ſich ſchnell, und zogen allmaͤhlich die Rit⸗ ter der uͤbrigen Staͤmme herbei, welche das Ungluͤck von dort entfernt hatte. Salamis nahm ſie auf, und bat Habib und ſeine Gattinn, ſie auch guͤtig zu empfangen. Er ſelber kam ihren Entſchuldigungen zuvor, und erſparte ihnen die Beſchaͤmung, indem er das ganze Benehmen gegen ihn als eine vom Himmel verhaͤngte Strafe betrachtete. Binnen vierzehn Tagen ſah der Emir ſich von ei⸗ ner zahlreichen Ritterſchaft umgeben, die vor Begierde brannte, durch Waffenthaten die Schmach wieder aus⸗ zutilgen, womit auf der einen Seite der Abfall und auf der andern die Unthaͤtigkeit ſie bedeckt hatten. VII. 6 8²2 406. T a g. Dem Empoͤrer Sir konnte dieſe Umwaͤlzung, und die Niederlage ſeiner ſechs Ritter, welche ſie eingeleitet hatte, nicht unbekannt bleiben; drei von dieſen waren todt auf dem Kampfplatze geblieben, und die drei an⸗ deren noch Gefangene in Salamis Lager; dieſe letzten theilten ihrem Stamme die Neuigkeiten mit, welche bis in ihr Gefaͤngnis drangen; und Sir ging von einem Erſtaunen zum anderen uͤber, als er mit der ploͤtzli⸗ chen Heilung des Emirs Salamis, auch die Heimkehr Habibs mit einer Koͤniginn vernahm, deren Gemahl er geworden. Er erkannte nun wohl, wer die beiden Ritter ge⸗ weſen, welche ſeine ſechs Ritter bekaͤmpft hatten, und er machte ſich Vorwuͤrfe, daß er nicht ſelber vor den Schranken ſeines Feindes erſchienen waͤre, um dort ei⸗ nen Kampf zu beſtehen, in welchem die Seinigen ſol⸗ chen Ungewinn gehabt hatten. Die Meinung, welche er von ſich ſelber hegte, ließ ihn nicht zweifeln, er wuͤrde als Sieger daraus hervorgegangen ſein; und er ſetzte ſich vor, die Schmach, welche ſo auf ſeine Waffen gekommen war, wieder ab⸗ zuwaſchen, und ſelber hinzureiten, den Emir Salamis im Angeſichte ſeines Lagers herauszufordern. Jemana, ſeine Schweſter, eine ſchoͤne und ver⸗ ſtaͤndige Prinzeſſinn, obwohl ſie die Staͤrke und den Muth ihres Bruders fuͤr uͤbermenſchlich hielt, theilte jedoch nicht ſeine Meinung. — Der fahrende Ritter. 8³ „Mein Bruder,“ ſprach ſie zu ihm,„du betrach⸗ teſt vielleicht mein Gefuͤhl als eine Folge der Anhaͤng⸗ lichkeit an Grundſaͤtze, welche nicht die deinigen ſind. Wie groß auch die Staͤrke desjenigen mag geweſen ſein, den wir ſo lange den großen Salamis genannt haben, und wenn ich auch dem Gluͤcke dabei etwas einraͤumte, doch wuͤrde ich dich fuͤr geeignet achten, daſſelbe zu zwingen, zwiſchen euch beiden zu ſchwanken. Aber ich ſchreibe vieles den Geſtirnen zu. Ihre boͤsartigen Ein⸗ fluſſe hatten den Stamm Ben⸗Hilak niedergedruͤckt; er und alle andere ihm unterworfene Staͤmme waren dir in die Haͤnde gegeben, und du haſt geſiegt. Aber, mein Bruder, der Himmel drehet ſich, und der Einfluß der Geſtirne wandelt mit ihm. Es iſt be⸗ kannt, daß einem Ungluͤcke faſt immer ein anderes folgt; man ſpricht von einem Gluͤcke, welches nie allein kommt: doch niemals geht man bei Erforſchung der Gruͤnde auf die wahre Urſache davon zuruͤck. Erwaͤge gegenwaͤrtig die gluͤcklichen Begebenheiten, die faſt an ein Wunder graͤnzen, und die ſich zu Gun⸗ ſten deiner Feinde hinter einander gedraͤngt haben, und denke auf Mittel, dein Schickſal ſammt dem des Stammes Kleb, deſſen wahre Staͤrke du allein biſt, zu ſichern, ohne deinen Ruhm aufs Spiel zu ſetzen.“ „Ich will daran denken, meine Schweſter,“ ant⸗ wortete er,„wenn ich Salamis beſiegt habe; ſein Ruhm erboſt mich mehr, als ſeine Macht: ich habe 84 406. Tag. ihn niedergeſchmettert geſehen, und er ſteigt aus ſeiner Aſche wieder empor. Mit ihm erhebt ſich ſein Sohn, um der Ausbreitung meines Ruhms wo moͤglich noch ein neues Hindernis entgegen zu ſetzen. Ganz Arabien wird mir ſchon zu enge; alſo magſt du ermeſ⸗ ſen, ob ich die Vorſtellung von zwei Nebenbuhlern darin ertragen koͤnnte. Liebe Schweſter, deine Geſtirne moͤgen ſich erklaͤren, fuͤr wen ſie wollen: aber wenn ſie mir entgegen ſind, ſo will ich ſie zwingen, daß ſie aus Furcht fuͤr die Kaͤmpen, welche ſie mir vorziehen, erbleichen.“ 4 Waͤhrend Jemana mit ihrem Bruder dieſes Ge⸗ ſpraͤch fuͤhrte, ruͤckte der Emir Salamis, an der Spitze ſeiner Vaſallen, gegen die Zelte des Stammes Kleb heran, die nur drei Meilen von den ſeinigen entfernt ſtanden. Dieſer Zwiſchenraum war bald zuruͤckgelegt; Sir, von dieſem Anzuge unterrichtet, hatte ſeine Krieger, ungefaͤhr in gleicher Anzahl, ausruͤcken laßen, und die beiden Heere ſtanden nur etwas uͤber einen Pfeilſchuß aus einander. Sir, der durch ſeine Groͤße kenntlich war, ſprengte an der Spitze ſeiner Reiterſchaaren auf ſeinem Roſſe hochmuͤthig daher. Salamis wollte heranreiten, ihn herausfordern und mit ihm kaͤmpfen; der junge Held aber ſagte: 1 Der fahrende Ritter. 85 „Nein! mein Vater, nein! der Himmel, der mich erhalten und dir wiedergegeben, hat mir die Vollſtrek⸗ kung deiner Rache anvertrauet.“ „Du biſt zu jung, Habib!“ erwiederte der zaͤrt⸗ liche Vater;„deine Glieder haben noch nicht voͤllig die noͤthige Staͤrke erlangt, dich mit einem Rieſen zu meſſen.“ „Ah!“ ſprach hierauf Doratil⸗Goas,„du, unſer kapferer Vater, ſollteſt zweifeln, daß der von dir er⸗ zeugte Held deiner nicht wuͤrdig waͤre! Ruhe du auf dem ſchon erworbenen Ruhme, und vertraue meinem Habib deinen Streit, und du wirſt ſehen, daß es fuͤr ihn keine Rieſen gibt.“ Vierhundert und ſiebenter Tag. Die Bitten Habibs, Amirala's und Doratil⸗Goa⸗ ſens bewogen endlich den tapfern Emir, ſeinem Sohne die Ehre des Zweikampfs abzutreten. Habib ver⸗ ſchmaͤhte nun die nach Parthiſcher Art gebildete Lanze und nahm eine Arabiſche, um mit ſeinem Feinde glei⸗ che Waffen zu fuͤhren: ſo ſprengte er, mit offenem Helme, hervor, und rief dem Gegner die Ausforde⸗ rung zu. 4 eer ritt heran, und ſagte mit ſpoͤttiſchem Tone zu ihm: 86 407. Da g. „Du haſt ja eine rechte Silberſtimme: ſollteſt du nicht ein Weib ſein?“ 1 „Du ſollſt mich bald kennen lernen, wer ich bin,“ antwortetete Habib ſtolz.— „Ah! ich kenne dich, mein huͤbſches Kind! ich habe dich auf Amirala's Schooße geſehen, du warſt ein artiges Buͤbchen: dein Vater ſendet dich wohl nicht, um mit mir zu fechten; man muß wiſſen, daß ich die Jugend liebe: geh hin und ſag' ihm, daß ich ihn ſelber erwarte, und daß ich mich nur mit Maͤnnern meſſe.“ „Mein Vater,“ verſetzte Habib,„iſt nicht ge⸗ macht, mit einem empoͤrten Sklaven zu fechten; ich lernte auf dem Schooße meiner Mutter die Großſpre⸗ cher verachten.“— „Aber, junger Menſch, ich wuͤrde deine Mutter abermals in Trauer verſetzen, und du mußt bedenken, daß ſie dieſelbe nie wieder ablegen wuͤrde. Geh, ſage ich dir, und hole deinen Vater: wie eingebildet er auch auf ſeine alten Siege ſein mag, ſollten die Trophaͤen meiner Waffen, wenn er ſie zu erringen vermag, nicht praͤchtig genug ſein Zelt von außen ſchmuͤcken?“— „Ich habe dir ſchon geſagt, Sklave, daß mein Vater dir nicht die Ehre anthun kann, deine Ausforde⸗ rung anzunehmen. Du biſt ihm dreißigmal unter Sie⸗ gesliedern uͤber wuͤrdigere Gegner, als du biſt, in den Kampf gefolgt: deine Beſiegung wuͤrde ſeinem Ruhme nichts hinzufugen. Ich will dich der Muͤhe uͤberheben, Der fahrende Ritter. 87 meiner Mutter ein Trauerkleid zu ſchicken. Deiner Mutter koͤnnte ich ein aͤhnliches Geſchenk nicht ma⸗ chen; denn man weiß, daß du ſie nie gekannt haſt: aber ich verſpreche ein recht reichliches deiner Schwe⸗ ſter Jemana.“ „Tollkuͤhner!“ rief jetzo Sir, indem er ſich wuͤ⸗ thig auf ſeinem Roſſe gebaͤrdete,„es iſt wahr, ich bin unter Siegesliedern deines Vaters zum Kampf gefuͤhrt worden, der Stamm Kleb war damals in Knechtſchaft und die Sklaven werden zum Singen gezwungen: eben ſo ſoll morgen deine Mutter und deine Landſtreicherinn, die Koͤniginn, welche du in der Wuͤſte aufgeleſen haſt, meine Siegeslieder ſingen; ſie ſollen meine Feſſeln tra⸗ gen, ſich unter meinen Willen beugen, oder ich will mit ihrem Blute dieſelbe Erde traͤnken, welche das deinige und das deines Vaters getrunken hat.“ Indem er dieß ſagte, ſchleuderte er aus aller Macht ſeine Lanze auf Habib. Der junge Held ſah die Richtung des Wurfes voraus, er ließ ſein Roß eine raſche Schwenkung ma⸗ chen, bog ſelber eben ſo gewandt aus, und die Lanze flog an ihm voruͤber und ſiel dreißig Schritte von ihm nieder.— Habib ritt nun mit aufgehobener Lanze heran, und ſprach zu ihm:. „Du haſt dich erfrecht, den Namen meiner Mut⸗ ter und meiner Gemahlinn auszuſprechen, du haſt ſie 88 4%q4. Tag. beſchimpft, was nur ein Schurke gegen Frauen thut! Deine Schweſter iſt ein ſchwaches Weſen, ſie wird es nach deinem Tode noch mehr ſein, und das gibt ihr alle Anſpruͤche auf mein Mitleid. Sodann gab er ihm mit ſeiner Lanze drei leichte Schlaͤge auf die Schulter, und ſagte dabei: „Geh hin und hole dir deine Lanze wieder, wo ſie deine Ungeſchicklichkeit hingeſchleudert hat. Warum bindeſt du ſie dir nicht an die Fauſt, da du deines Wurfeſt ſo unſicher biſt? Bewaffnet, verachte ich dich, und unbewaffnet, biſt du fuͤr mich ein Gegenſtand des Spottes.“ Sir, außer ſich vor Wuth, rannte nach ſeiner Waffe, raffte ſie auf, eilte damit wieder zu Habib, und ſchleuderte ſie auf ihn mit aller Macht, welche der Ingrimm noch ſeiner natuͤrlichen Staͤrke verlieh, die fuͤr ungeheuer groß galt. Habib wich mit der groͤßten Gewandtheit aus, in⸗ dem er ſich mit geſchloſſenen Beinen ſeitwaͤrts von ſei⸗ nem Roſſe hinabſchwang. Der Wurf fuhr einen hal⸗ ben Fuß hoch uͤber den Sattel hin, und die Lanzen⸗ ſpitze durchbohrte einen Baumſtamm einige Schritte von dort. Jetzo warf Habib ſeine eigene Lanze weg, und Sir, nur noch wuͤthender durch dieſe Schonung, welche er fuͤr ein Zeichen der Verachtung anſah, riß ſein Det fahrende Ritter. 89 Schwert heraus und ließ auf den Leib ſeines Gegners einen Hagel von ungemeſſenen Schlaͤgen niederfallen. Hier mochte die Staͤrke der beiden Kaͤmpfer gleich ſein; aber keineswegs waren ſie ſich gleich an Kalt⸗ bluͤtigkeit, noch an Gewandtheit. Alle Streiche Sirs wurden vorhergeſehen und abgewehrt; waͤhrend ſein Gegner keinen Schlag that, der nicht ein Stuͤck von Sirs ſtarker Ruͤſtung mit hinwegnahm: bald bot ſie auf allen Seiten Bloͤßen dar, und in dem Augenblick, daß Sir den Arm emporhub, um Salamis Sohn zu treffen, kam die Hand des jungen Helden ihm mit ei⸗ nem jaͤhen Streiche zuvor und hieb ihm die Fauſt ab. Jetzo wollte Sir ſein Heil in der Flucht ſuchen, aber mit einem zweiten Streiche flog ſein Kopf zu den Fuͤ⸗ ßen ſeines Siegers herab. Vierhundert und achter Tag. Die beiden Laͤger, und ſelbſt die Frauen waren Zeuge des Zweikampfs zwiſchen Habib und Sir. Die beiderſeitige Ritterſchaft hatte mit Bewunderung die Reden, das Benehmen und die Thaten des tapfern Sohnes Salamis angehoͤrt und mit den Augen beglei⸗ tet:„Welche Kuͤhnheit!“ ſagte man:„welche Maͤßi⸗ gung! welche Zuruͤckhaltung! welche Geſchicklichkeit! 9⁰ 4 8G. Tag.. wie viel Staͤrke mit Anmuth gepaart! Nichts kann dieſem Helden widerſtehen.“ Aber wenn gleich bei der Beurtheilung dieſes Zwei⸗ kampfes die Stimmen nicht getheilt, ſo waren jedoch die Wirkungen, welche der Ausgang deſſelben hervor⸗ brachte, ſehr verſchieden. Der Stamm Kleb war be⸗ ſtuͤrzt; er fuͤhlte ſich in einem einzigen Mann, und durch einen einzigen Kaͤmpfer beſiegt. Alle Ritter Sirs kehrten, wie verabredet, in ihr Lager zuruͤck, und dach⸗ ten auf Mittel und Wege, ihre beßte Habe der Pluͤn⸗ derung zu entziehen, welche die unvermeidliche Folge einer voͤlligen Niederlage war, der ſie ſich ansgeſetzt ſahen. Das Volk verbreitete ſich ſchon truppweiſe auf dem Felde, und ſuchte einer noch haͤrtern Knechtſchaft zu entfliehen, als diejenige, von welcher ſie ſich hatten befreien wollen. Auf der andern Seite brach das von Salamis befehligte Heer in voller Ordnung auf, um den Vortheil zu benutzen, welchen der Sohn ſeines Emirs ihm verſchafft hatte, und die Verwirrung, wel⸗ che ſie vor ſich ſahen. Habib ſelber, voll Vertrauen auf ſein Gluͤck, auf ſeine Staͤrke und auf ſeinen Muth, ritt in das Lager des Stammes Kleb, hinter die Ritter drein, deren kei⸗ ner ſich umwandte, ihm die Stirn zu bieten, und ließ ſich nach dem Zelte der Prinzeſſinn Jemana fuͤhren. Der fahrende Ritter. 9r Die Prinzeſſinn hatte, im Geleite von funfzig Mann ihrer Leibwache, von einem hohen nnd beque⸗ men Sitz auf ihrem Kameele, dem Kampf aus der Ferne zugeſehen.*) Kaum ſah ſie ihren Bruder zu Boden geſtreckt, als ſie nach dem Lager zuruͤckkehrte; ſie ritt nach ih⸗ rem Zelte, um ihre Koſtbarkeiten mit ſich zu nehmen. Sie empfing dieſe gerade aus den Haͤnden ihrer Leute, als Habib zu ihr heran kam. Die Wache, welche ſie umringte, ſetzte ſich in Bereitſchaft, ſie zu vertheidigen. „Wer ſeid ihr,“ ſprach ſie aber zu ihnen,„daß ihr dem Sieger meines Bruders, dem Leeblinge des Himmels widerſtehen wollet? Sparet euer Leben, wel⸗ ches ihr nur umſonſt aufs Spiel ſetzen wuͤrdet. Ich will lieber freiwillig ſeine Sklavinn ſein, als eine mit Gewalt unterjochte Prinzeſſinn.“ Hierauf wandte ſie ſich zu Habib, und fuhr fort: „Tapferer Emir, wer die Ceder niedergeſtuͤrzt hat, verſchmaͤhet, ſeine Art an den ſchwaͤchſten Zweig *) Die Frauen reiten auf Kameelſtuten, genannt Hetnakka; auf dem Rücken derſelben werden zuſammengerollte Teppiche im Kreiſe befeſtigt, in deren Mitte die Frau mit ihrer Skla⸗ vinn einen bequemen Platz hat: dieſes nennt man Ho⸗ dadſche. 4 408. Ta g. des koͤniglichen Baums zu legen, welchen er umge⸗ hauen hat.“ Zu gleicher Zeit ſtieg ſie, mit Huͤlfe ihrer Stall⸗ leute, von ihrem Kameele herab, naͤherte ſich Habib, faßte ſeine Hand und ſagte zu ihm: „Prinz, ihr ſehet hier eine jammervolle Frau vor euch, die im Vertrauen auf eure Tugenden, ſich auf Gnade und Ungnade unterwirft.“ Der Held hub ſie mit Zeichen der Ehrerbietung auf, und antwortete ihr: „Niemals, Prinzeſſinn, hat der Sohn des Emirs Salamis von ſeinem edelmuͤthigen Vater das Ungluͤck einer Frau misbrauchen gelernt: ich gebe euch, in ſei⸗ nem Namen, euern Rang zuruͤck, und ich ſchmeichle mir, ſeinen Beifall damit zu verdienen. Ihr ſeid frei, Prinzeſſinn, und Fuͤrſtinn eures ganzen Stammes; zur Beherrſchung dieſes Volkes geboren, heilet es von ſei⸗ ner Unruhe, und klaͤret es uͤber ſeine Pflichten auf; mein Vater,— ich ſage es mit Erhebung,— trach⸗ tet, als tugendhafter Muſelmann, nur das Gluͤck ſei⸗ ner Unterthanen zu machen, und ſelbſt derjenigen, wel⸗ che zum Aufſtande gegen ihn verblendet worden. Helfet mir, Fuͤrſtinn, die Verwirrung ſtillen, wel⸗ che ich hier ſehe; ſie wuͤrde nur die Pluͤnderung be⸗ guͤnſtigen, welche ich verhindern will; befehlet eurer Wache, waͤhrend ich ſelber euch anſtatt derſelben diene, eure Krieger und alle eure Leute, bis auf die Frauen, Der fahrende Ritter. 9³ welche vor Schrecken fliehen, um euch zu verſammeln; gebietet ihnen als Fuͤrſtinn, und laßt eure Zelte wieder den Glanz, die Wuͤrde und alle die Zierden ſchmuͤcken, deren man ſie zu berauben eben bemuͤht iſt. 3 Jemana, uͤber ein ſo heldenwuͤrdiges Betragen verwirrt, jedoch weniger uͤberraſcht, als jede andre, weil ſie eine hohe Seele hatte, nahm alsbald den Ton der Gebieterinn an, wozu Habib ſie ermaͤchtigt hatte, und ertheilte alle noͤthigen Befehle zur Herſtellung der Ordnung in ihrem Lager. Vierhundert und neunter Tag. Der Vortrab des von Salamis gefuͤhrten Heeres langte bei dem jungen Fuͤrſten an; Habib ließ einen Theil davon bei Jemana bleiben, die anderen ſchickte er hin, die Pluͤnderung zu verhindern, und denjenigen ſeiner Leute die Beute wieder abzunehmen, die ſchon damit beladen waͤren. Salamis ſah die zerſtreuten Haufen des Stammes Kleb ſich friedlich wieder zu ihren Zelten begeben, als er eben im Begriff ſtand, den Befehl zu ihrer Verfolgung zu ertheilen. Da vernahm er, dieß waͤre die Wirkung der von ſeinem Sohne hergeſtellten Ordnung; er zog mit Ami⸗ rala und Doratil⸗Goas in das eroberte Lager ein, und wurde nach Jemang's Zelten gefuͤhrt. Als die 409. Ta g. Fuͤrſtinn des Stammes Kleb ſie ankommen ſah, ſtand ſie auf und ging ihnen mit demuthiger Gebaͤrde entge⸗ gen; aber Habib verhinderte ſie, ſich niederzuwerfen, er trat vor ſeinen Vater hin, und ſprach zu ihm: „O mein ruhmreicher Gebieter, ich habe Jemana, der Fuͤrſtinn des Stammes Kleb, deine Huld verhei⸗ ßen; ſie beſitzt alle erforderlichen hohen Eigenſchaften, ihn zu beherrſchen. Wenn auch ihr Bruder ſich von ſeiner Pflicht losriß, und uns beleidigte, ſo nahm ſie doch niemals den geringſten Theil daran, und ich darf ſagen, daß ſie ſo viel Anſpruͤche auf deine Huld hat, daß ich ſie ihr in deinem Namen verheißen habe, ſo wie im Namen meiner Mutter und meiner geliebten Doratil⸗Goas.“. Salamis, zum voraus fuͤr Jemana eingenommen, billigte alles, was ſein Sohn zu Gunſten dieſer Fuͤr⸗ ſtinn gethan hatte; er wußte, daß ſie keinen der Feh⸗ ler ihres Bruders theilte, und daß ſie ſogar geneigt war, ſich den Vorſchriften des Korans zu unterwerfen. „Ich unterſchreibe,“ ſprach er zu ihr,„mit Freu⸗ den alles was mein Sohn fuͤr euch gethan hat, und achte euch dieſer Beguͤnſtigung ſo wuͤrdig, daß ich ſie, wo moͤglich, noch erhoͤhen werde.“ Zu gleicher Zeit umarmten Amirala und Doratil⸗ Goas die neue Fuͤrſtinn von Kleb mit allen Aeußerun⸗ gen der aufrichtigſten Zuneigung. Der fahrende Ritter. 95 Man haͤtte ſie gern mit nach den Zelten des Stammes Ben⸗Hilak gefuͤhrt, um ſie durch Freund⸗ lichkeiten zu erheitern, daß ſie den Verluſt ihres Bru⸗ ders, dem ſie ſehr zugethan war, um ſo eher ver⸗ ſchmerzen moͤchte: aber ſie mußte die Befehle zu ſei⸗ nem Leichenbegaͤngniſſe ertheilen, die bei ſeinem Stam⸗ me herkoͤmmlichen Trauerfeierlichkeiten veranſtalten, und fur die Herſtellung der Ordnung unter ihren Leuten ſorgen, weil es ihr nunmehr oblag, dieſelbe aufrecht zu erhalten. Habib ließ, um ſie hierin zu unterſtuͤtzen, hundert Ritter zu ihrem Befehle dort; und der ehrwuͤrdige Emir, nachdem er von ihr Abſchied genommen, kehrte mit den Seinigen nach den Zelten von Ben⸗Hilak zu⸗ ruͤck, wo er mit Siegesgeſaͤngen empfangen wurde. Von allen Seiten hoͤrte man den Namen Habibs in Liedern erſchallen, die ſeinen Sieg uͤber Sir beſan⸗ gen. Da ſagte Doratil⸗Goas: „Aber, was hat denn mein Gatte gethan, das man nicht von dem Sohne des großen Salamis haͤtte erwarten ſollen? Leute! ihr irret euch: wenn ihr eine oͤſtliche Frucht eſſet, ſo muͤßt ihr fuͤr den Genuß der ſelben dem Baum euern Preis darbringen, der ſie her⸗ vorgebracht hat.“ Man ſah zehn Tage hindurch in dem Lager von Ben⸗Hilak nichts als Freudenfeſte. Die Araber, die aus Furcht, in die Knechtſchaft des Emprers Sir zu 96 409. Ta g.. fallen, entwichen waren, ſammelten ſich wieder um ih⸗ ren alten Emir; ihre Laͤger naͤherten ſich wieder dem ſeinigen; er ſtand von neuem an der Spitze von ſechs und ſechzig Staͤmmen, und der Himmel, der ihm ſeine vorige Kraft wiedergeſchenkt hatte, ſetzte ihn in den Stand, ihnen mit mehr Anſehn als jemals zu ge⸗ bieten.— Nach Verlauf von zehn feſtlichen Tagen, kam Jemana, an der Spitze der Vornehmſten ihres Stam⸗ mes, ihrem Oberherrn ihre Huldigung darzubringen. Sir war noch in Trauer gekleidet, und erſchien dar⸗ in nur um ſo ſchoͤner. Sie wurde von dem Emir und von Habib mit allen ihrem Geſchlecht und ihrem Ran⸗ ge gebuͤhrenden Ehren, und von Amirala und Doratil⸗ Goas mit allen Beweiſen der herzlichſten und aufrich⸗ tigſten Theilnahme empfangen. Salamis hatte einen Neffen, ſeines Bruders Sohn, namens Saphé, einen jungen Krieger von den groͤß⸗ ten Hoffnungen: da faßte der Emir den Gedanken, ihn Jemana zum Gemahl zu geben und ihn zum Emir des Stammes Kleb zu machen. Jemana nahm mit Dank dieſe neue Wohlthat aus ſeiner Hand an, und die Erlaßung der jaͤhrlichen Abgabe ihres Stammes war das Hochzeitgeſchenk. Neue Freudenfeſte begleiteten dieſe Vermaͤhlung, welche allen Anſchein der Knechtſchaft des Stammes Kleb aufhob. Die Ritter, welche ihre Fuͤrſtinn beglei⸗ Der fahrende Ritter. 97 tet hatten, waren voll Erſtaunen uͤber eine ſo uner⸗ wartete Gnade. „Das iſt die Weiſe,“ ſagte ihre Fuͤrſtinn zu ih⸗ nen,„wie ein echter Muſelmann ſich raͤcht!“ Und von dieſem Tage an zeigten ihre Unterthanen weniger Abneigung gegen ein Geſetz, welches zu ſo tu⸗ gendhaften Handlungen aufforderte; fortan entſagte der Stamm Kleb der Unwiſſenheit und der Wildheit; man hörte auf, dergleichen Helden, wie Sir, zu bewundern, deren ganzes Verdienſt in der Staͤrke und Gewaltthaͤ⸗ tigkeit beſteht, und die da waͤhnen, daß man nur in dem Maaße groß ſein kann, als man gefuͤrchtet wird. Als Jemana mit ihrem jungen Gemahle nach ih⸗ rem Lager heimgezogen war, empfanden Doratil⸗Goas und Habib einige Ungeduld, nach ihren Staaten zu⸗ ruͤckzukehren, um fuͤr ihre Voͤlker dort zu ſorgen, welche kaum erſt durch die Niederlage Abarikafs vom ſchwe⸗ ren Joche erloͤſt waren. Salamis erkannte zu gut die Pflichten eines Herr⸗ ſchers, als daß er ihre Abſicht misbilligt und von ihnen verlangt haͤtte, das Gluͤck ihrer Voͤlker ſeinen Wuͤnſchen zum Opfer zu bringen. —— VII. ₰ 98 410. Tag. Vierhundert und zehnter Tag. Habibs und ſeiner Gattinn Abreiſe wurde feſtge⸗ ſetzt; ſie ſollten erſt nach ihrer kleinen Einſiedelei zu⸗ rüͤckkehren, und von dort insgeheim auf dieſelbe Weiſe abreiſen, wie ſie angekommen waren. Salamis und Amirala haͤtten ſie gern bis dorthin begleitet, um ſie deſto ſpaͤter von ſich ſcheiden zu ſe⸗ hen: aber das haͤtte zu viel Aufſehen erregt; und es gibt viele Dinge, woruͤber man das Volk in Unwiſſen⸗ heit laßen muß; es entzuͤndet ſich leicht fuͤr das Au⸗ ßerordentliche und ſetzt ſeine Pflichten aus den Augen. Die jungen Gatten ſchieden mit Thraͤnen in den Augen von dem edeln Emir und ſeiner Gattinn, und nachdem ſie die Mittel und Wege einer ſtaͤtigen Mit⸗ theilung verabredet hatten, welche ihnen allen vieren die Trennung ertraͤglich machte, beſtiegen beide ein Kameel, und begaben ſich, in Begleitung des vertrau⸗ ten Stallmeiſters, nach der kleinen Einſiedelei, von wo ſchon am folgenden Morgen, vor Tages Anbruch, der b8 ſeinen Flug nach den Hoͤhen des Kaukaſus zuruͤck nahm. Sie ſahen ihren getreuen Il-Habul wieder, und erfreuten ihn hoͤchlich durch die Erzaͤhlung ihrer gluͤck⸗ lichen Abenteuer. Habib trug den Talisman in die Schatzkammer Salomons zuruͤck. Der fahrende Ritter. 99 Als er dieſen geheimnißvollen Ort betrat, zog eine zuvor nicht bemerkte Bilderſchrift ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit an, und verſenkte ihn in tiefes Nachdenken. Die Geſtalt dieſes Sinnbildes war folgende: an einem reinen und lichtſtrahlenden Himmel ſchien ein Adler ſich zur Sonnenſcheibe emporzuſchwingen, waͤhrend un⸗ ten auf der Erde eine kriechende Schlange ſich zum Neſte des Vogels aufrichtete und ſeine Eier verzehrte. Habib kam gedankenvoll zu ſeinem Lehrer zuruͤck, und erzaͤhlte ihm von dem Bilde, welches ſeine Blicke angezogen und ſeinen Geiſt gefeſſelt hatte. „Du beſchreibſt mir das Bild,“ ſagte Il⸗Habul; „aber es koͤmmt darauf an, den Sinn deſſelben zu deuten.“ „Ich glaube, ihn gefunden zu haben,“ erwiederte Habib,„hoͤre, was es mir bedeutet: Wer ſich zu hoch erhebt, laͤuft Gefahr, von ſeinem Gluͤcke verblendet zu werden und ſeinen wahren Vortheil aus den Augen zu verlieren.“ „Daran erkenne ich meinen alten Zoͤgling,“ ſagte Il⸗Habul;„er wird niemals ohne einen Gewinn mit heimzubringen, die Thuͤre durchſchreiten, welche die Schaͤtze Salomons verſchließt. Wie ſchade iſt es, daß man die Wahrheiten dort nur eine nach der andern er⸗ lernt, weil man ſie nicht in ihrem Urgrunde zu faſſen vermag!“ 100 410, Tag. Nachdem die beiden Gatten zwei Tage bei dem ehrwuͤrdigen Pfoͤrtner des Propheten, der Freundſchaft geweihet hatten, flog der Rok wieder nach der Weißen Inſel, und dann nach der Gelben Inſel, wo man ſchon, durch die Sorgfalt des alten Geiſtes Ilbahis wieder Zeichen der Wohlfahrt wahrnahm. Endlich gelangten die beiden Gatten an den klei⸗ nen Hof der Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren und ih⸗ res Gemahls Dal⸗Ilſcha. Alles zeigte hier von Ueber⸗ fluß; die beiden Meerfraͤulein waren hieher gefuͤhrt, und erwarteten mit großer Ungeduld die Ruͤckkehr des Hel⸗ den, dem ſie ſo freundlich ihre Dienſte gewidmet hat⸗ ten, und beſonders Ilſaide, die bis dahin die Lange⸗ weile noch nicht gekannt hatte, und ſich nun verwun⸗ derte, ſie uͤberall zu finden, wie eifrig ſie ſich auch be⸗ muͤhete, ſie zu fliehen. Habib und Doratil⸗Goas blieben einige Tage bei ihren Verwandten; dann begaben ſie ſich nach Me⸗ dinasilbalor, und nahmen Ilſaide und ihre Schweſter mit, auf einem Wege, wo ihre Delphine ihnen nicht folgen konnten. Alles hatte in der Hauptſtadt des Reichs Doratil⸗ Goaſens das Anſehen des Gluͤcks gewonnen, und die Heimkehr ihres Herrſcherpaares ſetzte ihm die Krone auf: die beiden Gatten, immerdar zugleich Liebende, —,— — Der fahrende Ritter. 101 erhoͤhten ihre eigene Gluͤckſeligkeit, indem ſie ſich be⸗ muͤhten, der Wohlfahrt ihrer Voͤlker neue Quellen zu eroͤffnen. Illabuſatru ſeinerſeits erfreute ſich des Gluͤckes der Seinigen, und ſah mit Vergnuͤgen ſeinen großen Entwurf der Erfuͤllung entgegengehen. Jeder Tag machte ihn zum Zeugen der geſetzmaͤ⸗ ßigen Verbindung eines ſeiner Geiſter mit einem der Kinder Adams; er ſah ſie zu einem Looſe uͤbergehen, welches das vortheilhafteſte fuͤr ſie war, obwohl, dem Anſcheine nach, zum Nachtheile ihrer Macht. Bald heiratete auch eine der Meerfraͤulein einen Verwandten Doratil⸗Goaſens; und es war ſogar von Ilſaidens Verheiratung die Rede. „Mit wem denn?“ verſetzte ſie;„es gibt hier kei⸗ ne Helden; man muß mich erſt nach Arabien bringen, von dort kommen ſie her.“. „Mein holdes Kind,“ erwiederte Doratil⸗Goas, „wir wollen dich gern mit dahin nehmen, wenn wir wieder hinreiſen, unſere guten Aeltern zu beſuchen: aber du biſt im Meere geboren, und wie willſt du, an dieſes Element gewoͤhnt, in einem Lande deſſelben entbehren, wo es nur Sandflaͤchen gibt?“ „Die Liebe begnuͤgt ſich mit allem,“ antwortete Ilſaide lebhaft,„die Elemente ſelber treten ihr die 102 410. Dag. Herrſchaft ab; wenn der Ritter, dein herrlicher Ge⸗ mahl, ſich gefurchtet haͤtte, ihnen zu trotzen, ſo wuͤr⸗ deſt du ihn heute nicht beſitzen: und ich will es an Herzhaftigkeit und Großmuth mit allen Rittern der Welt aufnehmen, wenn es darauf ankoͤmmt, einen Helden zu erobern, der ihm gleich iſt.“ — Geſchichte des Mograby, oder der Schwarzkuͤnſtler. Vierhundert und elfter Tag. Dieſer Mograby*) war das verworfenſte Ge⸗ ſchoͤpf auf dem ganzen Erdboden. Satanai,*) dem er ſich gaͤnzlich ergeben, hatte ihm die Schatzkam⸗ mer ſeiner Reichthuͤmer, ſo wie ſeiner Bosheit, erͤff⸗ net, und ihn ſehr groß in Miſſethaten gemacht; auch gab es nimmer einen treuern Diener Satana''s, und *) Mogra by bedeutet Barbar, eigentlich barbariſch. **) Satanar iſt ſo viel als Satan. 104 411. EC a g. Mograby's Name, der bei ſeinem Leben Schrecken ver⸗ breitete, iſt noch heute ein Ausdruck der Verwuͤnſchung.*) Dieſer Boͤſewicht durchſtrich die Erde, und ſuchte uͤberall fuͤr ſeinen Herrn Eroberungen zu machen, in⸗ dem er abwechſelnd die verruchteſte Argliſt, und die feinſten Beſtrickungen ins Spiel ſetzte. Wenn ein Ehe⸗ paar, beſonders unter reichen Leuten, kinderlos war, da fand Mograby Mittel und Wege, ſich einzuſchlei⸗ chen, und ſeine Huͤlfe zur Abſtellung der Unfruchtbar⸗ keit anzubieten und annehmlich zu machen. Wenn es etwa gar darauf ankam, einem fuͤrſtlichen Hauſe einen Erben zu verſchaffen, alsdann verdoppelte er ſeinen Eifer und ſeine Kuͤnſte. Damals herrſchte Habed⸗il⸗Kalib in Syrien und hielt ſeinen Hof in der Hauptſtadt Thadmor. Noch als Goͤtzendiener geboren, war er von Bein⸗ Habas⸗Moſtaſer⸗Billas, dem achten Chalyfen, zum Lichte des Muſelmaͤnniſchen Glaubens bekehrt, der ihn den Namen Sankir Balleyn hatte ablegen und den Namen Habed⸗il⸗Kalib annehmen laßen. Dieſer Fuͤrſt konnte dreimal hundert tauſend Reiter unter ſeinen Fahnen ins Feld ſtellen, und hatte deren ſtaͤts ſiebenzig tauſend zu ſeiner Leibwache um ſich; *) Man flucht noch in der Provence und in Languedoc mit maugraby; und anderswo in Frankreich mit maugre- bleu.— In dem Indiſch⸗Perſiſchen Religionsbuche Oup⸗ nekhata heißt maghreb Weſten. Der Schwarzkuͤnſtler. 105 ſeine Hauptſtadt war mit Denkmalen der Baukunſt aller Art geziert; die ausgeſuchteſte Pracht glaͤnzte in ſeinem Palaſt; und alle Arten Baͤume, auf welche die reiche Gegend von Damask ſtolz iſt, verſchoͤnten ſeine Gaͤrten. 8 Er hatte ſechzig Frauen, die aus den ſchoͤnſten des ganzen Morgenlandes erleſen waren: aber all ſeine Macht und alle um ihn verſammelte Gegenſtaͤnde des Genuſſes, waren ihm uberdruͤſſig geworden; das Alter ruͤckte heran, und trotz aller Bemuͤhungen und Ge⸗ bete, war er noch ohne Nachkommenſchaft. Mograby ergriff dieſe Gelegenheit, ihm zu nahen und ſeine eigennuͤtzige Huͤlfe anzubieten. Er erſchien an dem Thore des Palaſts in der Verkleidung eines Landmanns; auf dem rechten Auge blind, das linke triefig, gewaͤhrte er einen hoͤchſt laͤcherlichen Anblick. Er hatte ein Koͤrbchen am Arm, und rief mit lauter Stimme: „Aepfel, Aepfel, die Weiber fruchtbar zu machen!“ Die Sklaven des Palaſts verſpotteten den Kauf⸗ mann, und ſagten zu ihm:. „Warum rufſt du nicht Pflaumen, anſtatt der Aepfel ausd die wuͤrden vielleicht noch mehr helfen.“ Indem dieſes vorging, kam der Großveſyr nach dem Palaſt, um ſich mit dem Koͤnig uͤber Staatsge⸗ ſchaͤfte zu beſprechen. Er hoͤrte den Mograby ſchreien, rief ihn heran, und fragte ihn: 106 411. Tag. „Was haſt du da zu verkaufen?“— „Herr, es iſt ein Obſt, welches die Weiber frucht⸗ bar macht.“ „Du wuͤrdeſt alsbald reicher ſein, als alle Koͤ⸗ nige der Erde,“ erwiederte ihm der Veſyr,„wenn du dergleichen Fruͤchte beſaͤßeſt.“ „Ich wuͤrde keinesweges ſo reich ſein, als ihr waͤhnet,“ ſagte der Mograby;„mein Baum traͤgt jaͤhr⸗ lich nur Eine Frucht; aber es iſt auch eine ſehr koͤſt liche und ſchoͤne.“ 1 3 „Du traͤgſt ſie ohne Zweifel in dem Korbe an dei⸗ nem Arme?“ fuhr der Veſyr fort:„laß ſie mich doch ſehen.“ Der Mograby gehorchte, und deckte den mit Laub belegten Apfel auf; der Veſyr ſchien ihn mit Wohl⸗ gefallen zu betrachten, als ein Verſchnittener, der im Palaſt den Hofnarren machte, das Wort nahm, und zu dem Miniſter ſagte: „Herr, kaufet nichts von dieſem garſtigen Einaͤu⸗ gigen: auf dem einen Auge ſieht er gar nicht, und mit dem andern ſchielt er: ſehet ihr nicht, daß er trief⸗ aͤugig iſt? ſein Augenſtern verderbt alles, was er an⸗ ſtarrt.“— Hierauf wandte er ſich zu dem Einaͤugigen, und fuhr fort: „Sprich, du Wunderhaͤndler! haſt du kein Ge⸗ heimnis, mich fruchtbar zu machen, mich?“ ——— Der Schwarzkuͤnſtler. 107 „Nein,“ antwortete der Mograby:„aber du haſt eine herrliche Naſe, und ich weiß ein Mittel, ſie frucht⸗ bar zu machen, willſt du es verſuchen?“ „Sehr gern,“ antwortete der Verſchnittene;„denn mein bisheriges Geſicht langweilet mich ſchon.“ „Nimm dieſe Haſelnuß,“ fuhr der Fruchthaͤndler fort,„halte ſie an deine Naſenſpitze an der Stelle, wo die Nuß feſtwachſen ſoll, und ſprich dabei: „Was es mich auch koſte und woher es auch komme, ich nehme von ganzem Herzen das Geſchenk des Mograby an!(denn das iſt mein Name mußt du wiſſen): da du ein Luſtigmacher ſein willſt, ſo wirſt du alsdann nur um ſo kurzweiliger ſein.“ Vierhundert und zwoͤlfter Tag. Der Hofnarr waͤhnte, ſich eine neue Gelegenheit zu verſchaffen, den Einaͤugigen laͤcherlich zu machen, nahm die Nuß, und hielt ſie an ſeine Naſenſpitze: ſie aber haftete daran, und bildete dort die wunderliche Geſtalt einer kleinen Naſe, die aus der großen hervor⸗ gewachſen war. Alle Gegenwaͤrtigen brachen in lautes Gelaͤchter aus: die Haſelnuß war zu Fleiſch geworden und hatte auf der Stelle, wo ſie angeſetzt worden, Wurzel gefaßt. 108 412. T a g⸗ Der Verſchnittene war ſo thoͤricht geweſen, die von Mograby vorgeſagten Worte auszuſprechen, ſie hat⸗ ten auf der Stelle gewirkt, und der Spaßmacher ſah ſich nun den Spoͤttereien aller derjenigen preisgegeben, welche der Laͤrm herbeigezogen hatte. Der Veſyr, der von dem Abenteuer mit der Ha⸗ ſelnuß Zeuge geweſen war, ging in den Palaſt, und verkuͤndigte dem Koͤnige die unfehlbaren Wirkungen ei⸗ nes Apfels, welchen die Klugheit um jeglichen Preis zu kaufen gebiete. „Es iſt nicht das erſtemal, Herr,“ ſprach er zu ihm,„daß die Koͤnige ihre Zuflucht zur Zauberei ge⸗ nommen haben, um ſich zu verſchaffen, was ſie nicht anders erlangen konnten: die Wichtigkeit eures Zwek⸗ kes koͤnnte eine Thorheit entſchuldigen. Vergeblich habt ihr die bei eurem Hofe angeſtellten Sterndeuter in Thaͤ⸗ tigkeit geſetzt; alle ihre Arbeiten waren fruchtlos: da bietet ſich ein Mann dar, geſchickter als ſie alle, und ihr duͤrfet ſeine Dienſle nicht verſchmaͤhen; der Vortheil des Staates verpflichtet euch dazu, weil es darauf an⸗ koͤmmt eur« Nachfolge auf dem Throne zu ſichern.“ Habed il⸗Kalib gerieth bei dieſer Rede ſeines Groß⸗ veſyrs in große Bewegung; er ſah ſich endlich mit der Erfuͤllung ſeiner heißeſten Wuͤnſche geſchmeichelt: er befahl, auf der Stelle den Apfelhaͤndler und den Hof⸗ narren vor ihn zu fuͤhren. Der Schwarzkuͤnſtler. ¹ 109 Dieſer trat zuerſt heran, und ſagte zu dem Koͤnige: „Wir bringen dir, Herr, hier einen boshaften Ein⸗ aͤugigen; geſagt und gethan iſt bei ihm eins; wenn er einen Korb voll Aepfel hier haͤtte, ſo koͤnnten alle deine Frauen ſich nach Ammen umthun.“ Die Geſtalt des Hofnarren, welche durch die Aus⸗ geburt ſeiner Nafe vollkommen laͤcherlich geworden war, in Verbindung mit dieſer Anrede, brachten den Koͤnig aus ſeinem Ernſt. Endlich nahm ſich der Fuͤrſt wieder zuſammen, und ließ den Mograby in ein beſonderes Gemach eintreten, wo allein der Großveſyr mit zuge⸗ laſſen wurde. „Kaufmann,“ ſprach hier der Koͤnig zu ihm,„zei⸗ ge mir deinen Apfel.“— „Hier iſt er, Herr.“— Niemals hatte der Koͤnig eine ſo ſchoͤne Frucht geſehen, an Geſtalt, Feinheit, Durchſichtigkeit der Schale, Farbe und Geruch. „Wenn man eine ſo koͤſtliche Waare zu verkaufen hat,“ ſagte der Koͤnig,„muß man ſich auch auf eine Weiſe ankuͤndigen koͤnnen, welche Achtung erwirbt.— Veſyr,“ ſagte der Koͤnig hierauf zu ſeinen Miniſter, n„gib dem Großſchatzmeiſter Befehl, dem Manne, der mit mir handeln ſoll, einen anſtaͤndigen Rock und Turban zu ſenden.“ Der vom Veſyr uͤberbrachte Befehl litt keinen Auf⸗ ſchub, und auf der Stelle wurde der Mograby in ei⸗ 412. Tag. nem Seitengemache ſo gekleidet, wie es einem wichti⸗ gen Manne ziemte, der einer beſonderen Unterredung mit einem großen Koͤnige gewuͤrdigt wird. „Nunmehr laß uns den Handel machen,“ ſagte Habed⸗il⸗Kalib;„gib mir deinen Apfel, und ſo bald du mir Gewaͤhr leiſteſt, daß ich vermittelſt deſſelben, Erben bekommen werde, laße ich dir viertauſend Zeckie⸗ nen dafuͤr auszahlen.“. „Ich lege,“ erwiederte der Mograby,„einen Dia⸗ mant von zehntauſend Zeckienen an Werth in die Haͤnde Euer Majeſtaͤt: wenn die Frucht, welche ich euch gebe, nicht die davon verheißene Wirkung thut, ſo ſoll dieſes Kleinod fuͤr mich verfallen ſein. Aber ich kann meinen Apfel nicht fuͤr Gold hingeben, deſſen ich nicht bebarf.“ „Und welchen andern Preis ſetzeſt du darauf?“ fragte der Koͤnig.— „Ihr fuͤhlt euer Beduͤrfnis, Herr, und ich das meinige. Ich habe eine große, eine wichtige Erbſchaft zu hinterlaßen, und habe keine Erben; die Mittel, wo⸗ durch ich euch welche verſchaffen kann, ſind unzulaͤng⸗ lich fuͤr mich ſelbſt. Hoͤret alſo meine Bedingungen, und ich halte ſie nicht fuͤr laͤſtig: iſt das erſte Kind, welches euch geboren wird, eine Tochter, ſo gehoͤrt ſie euch; iſt es ein Knabe, ſo gehoͤrt er mir.“ Der Koͤnig war im Begriff, bei dieſem Vorſchlag in Wuth zu gerathen; aber der Großveſyr zupfte ihn ſanft am Arm, und bewog ihn, ſich mit ihm nach ei⸗ 110 Der Schwarzkuͤnſtler. 111 nem Sopha zuruͤckzuziehen, welches im Hintergrunde des Saales ſtand. Hier ſprach er ſo leiſe, daß der Fremde es nicht verſtehen konnte, Folgendes zu ihm: „Der Antrag, welchen man euch gemacht hat, Herr, iſt ſehr unverſchaͤmt, und der Menſch, der ihn ſo frech gewagt, verdiente den Tod: aber er erbietet euch das einzige Mittel, um nicht ohne Nachkommen⸗ ſchaft zu ſterben; und geſetzt auch, ihr haͤttet einge⸗ willigt, euern Sohn, wenn euch einer geboren wuͤrde, dieſem Menſchen zu geben, welche Macht ſtaͤnde ihm zu Gebote, denjenigen zum Worthalten zu zwingen, der mit dreimal hunderttauſend Reitern ins Feld ruͤk⸗ ken kann? Verlangt er einen Erben, ſo mag er her kommen, ſich ihn hier zu ſuchen; und wenn er nun euer Kind liebgewinnt, ſo werdet ihr euch dem nicht widerſetzen, daß er es mit den Schaͤtzen uͤberhaͤufe, wovon er, wie er ſagt, belaͤſtigt iſt. Verſtellet euch alſo, Herr, und nehmet euern Vortheil in Acht: die Verſprechungen der Maͤchtigen ſind ja nur Worte.“ Habed-⸗il⸗Kalib, durch ſein eigenes Verlangen verblendet, ließ ſich leicht uͤberzeugen und verleiten, den Handel mit dem Mograby einzugehen. Er willigt ein, ihm die erſte maͤnnliche Frucht zu uͤberlaßen, welche ihm durch die Wirkung des Apfels zu Theil werden moͤchte, und auf der Stelle wurde ihm der Apfel uͤber⸗ geben: dabei mußte er aber von der Art ſeines Ge⸗ brauchs unterrichtet werden. 112 412., 413. Tag. „Herr,“ ſagte der Mograby zu ihm,„damit die Frucht ihre Wirkung thue, muß Euer Majeſtaͤt eine bluͤhende Jungfrau heiraten; ihr begebet euch mit ihr ins Bad, und wenn ihr das Hochzeitbette beſteigen wollt, ſo ſchneidet den Apfel in zwei Haͤlften, und ge⸗ bet die eine eurer Gattin, und indem ihr ſelber die an⸗ dre eſſet, ſprechet ganz laut die folgenden Worte aus: „Unumſchraͤnkte Macht, die du ſolche Kraft dem Apfel mitgetheilt haſt, ſchaffe, daß ſie ſich zu unſern Gunſten entfalte, und gewaͤhre uns ein Kind!“ Vierhundert und dreizehnter Tag. Mit dieſen Worten verneigte ſich der Fremdling, um ſich zu beurlauben, und fuͤgte noch hinzu: „Herr, wenn euch nur eine Tochter geboren wird, ſo verſpreche ich euch einen zweiten Apfel; verlaßet euch auf mein Wort, ſo wie ich auf das Wort bauen darf, welches Euer Majeſtaͤt mir gegeben hat.“ Der Anblick und Wohlgeruch des Apfels berauſchte Habed⸗il⸗Kalib, und ſein Veſyr ſagte zu ihm: „Sehet, Herr, welchen Kauf Euer Majeſtaͤt ver⸗ fehlt haben wuͤrde! wenn man,— wie viele andere, minder vorſichtige, als ihr, gethan haͤtten,— auf euern Befehl einen Menſchen hingerichtet haͤtte, der euch einen ſcheinbar verwegenen Antrag machte, ſo wuͤr⸗ Der Schwartkuͤnſtler. 113 det ihr durch Gewalt in den Beſitz eines Apfels ge⸗ kommen ſein, der in euren Haͤnden unnuͤtz geweſen waͤre, weil euch die Art ſeines Gebrauchs unbekann geblieben.“ Der Koͤnig geſtand ein, er waͤre vergnuͤgt, daß er ſich habe maͤßigen koͤnnen; aber voll Ungeduld, das geheimnisvolle Mittel zu erproben, befahl er auf der Stelle dem Oberſten ſeiner Verſchnittenen, ihm in Thadmor eine ſolche Jungfrau zu ſuchen, wie der Fremde ſie ihm geſchildert hatte. „Sie iſt ſchon gefunden,“ antwortete ihm der Ver⸗ ſchnittene:„es gibt in euern Staaten keine ſchoͤnere, keine ſittſamere Jungfrau, keine, die der Ehre, eurer Krone einen Erben zu geben, wuͤrdiger waͤre, als El⸗ mennur, die Tochter euers Großveſyrs.“ „Ich bin hocherfreut,“ ſprach hierauf der Koͤnig zu ſeinem Veſyr,„daß du den Schatz beſitzeſt, deſſen ich bedarf: geh hin, und bereite deine Tochter darauf vor, daß ſie mir ihre Hand reiche; ich habe bisher noch kein Band geknuͤpft, von welchem ich mich mit ſchoͤneren Hoffnungen haͤtte ſchmeicheln duͤrfen.“ Der Veſyr legte, zum Zeichen ſeines Gehorſams, die Haͤnde auf ſein Haupt, und ging hinaus. Der Mograby war noch an der Pforte des Pa⸗ laſts, wo die Menge ſich um ihn und um den ver⸗ ſchnittenen Luſtigmacher geſammelt hatte, und der letzte VII. 8 114 413. Tag. ihn bat, ihn von der Zierde zu befreien, womit ſems Naſe bereichert war. „Ich werde es nicht thun, Narr,“ erwiederte der Mograby;„ich wuͤrde dich zu Grunde richten: macheſt du nicht Handwerk vom Luſtigmachen? du liefſt oft Gefahr, deinen Zweck zu verfehlen: gegenwaͤrtig darfſt du dich nur zeigen, und es muß dir gelingen.“ Da die Luſtigmacher vom Handwerk nicht eben be⸗ liebt ſind, ſo brachen die zuſammen gelaufenen Neu⸗ gierigen in ein ſo unbaͤndiges Gelaͤchter aus, daß der Mograby entſchluͤpfen, und der Hofnarr ſich mit ſei⸗ ner Doppelnaſe in den Palaſt retten konnte. Der Großveſyr kam, etwas gekraͤnkt durch den ihm ertheilten Auftrag, in ſeinen Palaſt zuruͤck. El⸗ mennur war ſeine einzige Tochter, deren Gluͤck er auf eine andere Weiſe zu machen gedachte, als ſie einem ſchon bejahrten Fuͤrſten zu geben, deſſen ein und ſech⸗ zigſte Frau ſie werden ſollte. Er beſorgte, ihr ein tiefes Herzeleid zu verurſa⸗ chen, wenn er ihr kund thaͤte, wozu ſie unvermeidlich beſtimmt waͤre; ſeine Unruhe, ſeine Verwirrung, ſei⸗ ne Verlegenheit, ſein Verdruß, offenbarten ſich in ſei⸗ nen Blicken. Elmennur, die ihren Vater kannte, ge⸗ wahrte, daß er von einem geheimen Kummer verzehrt wuͤrde, und wußte es ſo geſchickt anzuſtellen, daß ſie ihm ſein Geheimnis entriß. Der Schwarzkuͤnſtler. 115 „Wie! mein Vater,“ ſprach ſie darauf zu ihm, „du⸗betruͤbeſt dich uͤber eine Verbindung, in welcher ich nur Ehre und Vortheil fuͤr dich und fuͤr mich ſehe? Habed⸗il⸗Kalib iſt dreimal aͤlter, als ich; aber er be⸗ ſitzt Tugenden, welche ich hochachte; mein Herz iſt frei, und wird ſich ohne Zwang mit ihm verbinden. Wenn jener Wunderapfel, von dem du mir eben geſagt haſt, uns wirklich ein Kind verſchafft, ſo wird von Stund' an die ein und ſechzigſte Frau, als Mutter des Thronerben, die erſte von allen ſein, und ich werde die Genugthuung haben, dich zum Schwiegervater und Großvater von Koͤnigen gemacht zu haben; meine Un⸗ terwerfung wird dann zugleich dein Gluͤck befeſtigen, und ich werde dich aller Unfaͤlle uͤberhoben ſehen, de⸗ nen ein Hofmann und ein Miniſter ausgeſetzt ſind. Geh hin und melde dem Koͤnige, daß deine Tochter Elmennur ſich ſehr geſchmeichelt fuͤhlt durch die Ehre, welche er ihr anthut, indem ſein Blick ſie eines ſolchen Vorzuges wuͤrdigt.“ Der Veſyr entſchuldigte ſeine hieruͤber bezeigte Un⸗ ruhe durch ſeine Zaͤrtlichkeit; und vergnuͤgt, daß er in der Neigung ſeiner Tochter keine Schwierigkeit gefun⸗ den hatte, ging er hin, und berichtete dem Koͤnig mit welcher Zufriedenheit die Befehle aufgenommen wor⸗ den, die Seine Majeſtaͤt ihm aufgetragen habe. Es wurden ſogleich alle Anſtalten zur Hochzeit ge⸗ macht, wobei die volle koͤnigliche Pracht ſich entfal⸗ 116 413. 414. Tag. tete. Nach allen Feierlichkeiten und Feſten kam end⸗ lich die Stunde des Beilagers: der Apfel des Mograby wurde vorſichtig in zwei Haͤlften getheilt, und jedes der beiden Gatten aß ſein Theil, nachdem Habed⸗il⸗ Kalib gewiſſenhaft die Worte ausgeſprochen hatte, wel⸗ che die Wirkung des Zaubers ſichern ſollten. Die zur Hochzeit des Koͤnigs mit der ſchoͤnen El⸗ mennur angeſtellten Feſte waren kaum beendigt, als ſchon die erſten Anzeichen der Schwangerſchaft ſich ein⸗ ſtellten, welchen bald ſolche Zeichen folgten, die uͤber die Gewißheit eines ſo lange erſehnten Ereigniſſes kei⸗ nen Zweifel mehr ließen. Vierhundert und vierzehnter Tag. Die neun Monden verliefen endlich, und Elmen⸗ nur gebar einen Prinzen, ſchoͤn wie der Tag. Das Kind wurde einer erwaͤhlten Amme uͤbergeben, und ge⸗ noß der ſchoͤnſten Geſundheit; es wuchs zuſehens, er⸗ litt keine von den Krankheiten, welche die Kinder faſt beim Eintritt in die Welt ſchon in Lebensgefahr ſetzen, und alles an ihm gewaͤhrte ſo viel Zufriedenheit, daß nichts dem Koͤnig und ſeinem Veſyr das immer etwas beunruhigende Andenken des Mograby zuruͤckgerufen haͤtte, wenn nicht die Naſe des Hofnarrn von Zeit zu Zeit an ihn erinnert haͤtte. Der Schwarzkuͤnſtler. 117 Aber, indem ſo die Jahre verfloſſen und der Prinz, welcher beſchnitten und Habed⸗il⸗Ruman genannt worden, eben ſo an Geiſt als an Leibe zunahm, und je mehr und mehr zu den ſchmeichelhafteſten Hoffnun⸗ gen in aller Hinſicht berechtigte, ſo beluſtigte man ſich bald nur noch an dem laͤcherlichen Geſichte des Ver⸗ ſchnittenen, ohne desjenigen zu gedenken, der es verur⸗ ſacht hatte; und geſchah es ja einmal, ſo dachte man an ihn jedoch nur, wie an einen Mann, welcher in Betracht ſeines hohen Alters, nicht mehr unter den Lebendigen wandelte. Es war nun Zeit, daß Habed⸗il⸗Ruman zur Schule gehalten wurde: ein Scheich, der gelehrteſte im ganzen Reiche, der zugleich Imam der großen Moſchee war, ſtand damals an der Spitze des Unterrichts zu Thadmor: ihm wurde der junge Prinz anvertrauet. Dieſer ehrwuͤrdige Greis behielt ihn ſtaͤts bei ſich, und verſtattete ihm nur die Geſellſchaft der jungen Prin⸗ zen, Soͤhne der Kronvaſallen ſeines Vaters und ande⸗ rer Großen des Reichs. Der junge Habed hatte nun ſein vierzehntes Jahr erreicht; er uͤbertraf alle ſeine Schulgenoſſen eben ſo weit in Fortſchritten aller Art, als durch aͤußere Vor⸗ zuͤge der Starke, des Wuchſes und der Geſtalt. Er war der Abgott ſeines Vaters und ſeiner Mutter, und die Hoffnung des ganzen Volkes, durch die gluͤcklichen Eigenſchaften, welche ſich in ihm entwickelten, als ploͤtz⸗ 4 118 4 414. Tag. lich ein unerwartetes Ereignis dieſe Ruhe und Sicher⸗ heit und faſt Aller Hoffnung ſtoͤrte. Der Mograby erſchien, in anſtaͤndiger Kleidung, zum Theil nach Art der Schriftgelehrten, und der Beamten bei den Moſcheen, und bat um Zutritt bei Habed⸗il⸗Kalib, der ein ſehr zugaͤnglicher Fuͤrſt war; er bedeckte das Auge, auf welchem er blind war, mit der Hand, und der in ſeinem Dienſte noch neue Thuͤr⸗ huͤter kannte ihn nicht. Nachdem der Beamte die Erlaubnis dazu erhalten hatte, fuͤhrte er ihn zu dem Koͤnige, der gerade auf ſeinem Throne ſaß, und ſeinen Großveſyr bei ſich hatte; und hinter ihm ſtand der Oberſte der Verſchnittenen mit der gewoͤhnlichen Palaſtwache. Der Mograby trat heran, verneigte ſich dreimal tief, erhub ſich dann wieder auf, und zeigte ſein ver⸗ haßtes Angeſicht, welches dem Koͤnig einen Schrei des Entſetzens auspreßte. „Wer biſt du? was willſt du?“ fragte Habed⸗il⸗ Kalib, uͤber alle Beſchreibung beſtuͤrzt:„wer hat dir die Erlaubnis gegeben, vor mir zu erſcheinen, ohne an⸗ gemeldet zu ſein?“— „Ich weiß,“ antwortete der Mograby,„daß alle, deren Recht klar iſt, vor dir kommen duͤrfen, dich um Gerechtigkeit zu bitten, und waͤre es gegen dich ſelbſt. Es ſind nun dreizehn Jahre und druͤber, daß du mein Schuldner biſt: das Kind, welches Elmennur dir gebar, 4 Der Schwarzkuͤnſtler. 119 gehoͤrt mir. Ich habe dich lange genug deſſelben er⸗ freuen laßen; du haſt es nach deiner Weiſe erzogen, ich muß es nunmehr nach der meinigen unterrichten; und wenn ich meine Pflicht als Lehrmeiſter erfuͤllt ha⸗ be, wie du als Vater die deine gethan haſt, ſo kann ich dir ihn wiederſenden.“ Der Koͤnig biß ſich in die Lippen, ſeine Augen gluͤhten vor Zorn: der Veſyr aber hielt ihn durch einen Wink zuruͤck, und nahm das Wort fuͤr ihn: „Wer du auch ſein magſt, o Fremdling,“ ſprach er zu dieſem,„du machſt dich der ſtrafbarſten Vermeſ⸗ ſenheit ſchuldig: wageſt du es, her zu kommen und von einem maͤchtigen Fuͤrſten zu fordern, daß er dir ſeinen Sohn anvertrauen ſoll, der dem Staat angehoͤrt „Veſyr,“ verſetzte der Mograby,„ich habe mit deiner Rede nichts zu ſchaffen; ich ſpreche mit dem Koͤ⸗ nig, und nicht mit dir.“ „Verwegener!“ rief der Veſyr:„Hola, Wache! man haue dieſem Elenden auf der Stelle den Kopf ab!“ Die Wache umringte den Mograby, band ihn, und fuͤhrte ihn in einen Hof des Palaſtes, der zu den Hinrichtungen beſtimmt war. Habed⸗il⸗Kalib trat an ein Fenſter, um vor ſei⸗ nen Augen dieſen ihm ſo verhaßten Kopf fliegen zu ſe⸗ hen. Ein Saͤbelhieb trennte ihn von dem Rumpfe, und er rollte auf der Erde hin: als aber der Koͤnig ſich an dem Anblick eines todten Feindes zu weiden * 120 414. Tag. waͤhnte, ſah er nichts weiter, als einen in zwei Stuͤcke gehauenen Kuͤrbis. Man naͤherte ſich dem Rumpfe, und ſah keinen Tropfen Blut; es war ſogar nicht mehr ein Leichnam, ſondern ein Sack voll geſchwefelten Reisſtrohs, welches ſich entzuͤndete, flackerte und den ganzen Hof mit ei⸗ nem ſtinkenden Rauche verpeſtete: bald darauf ver⸗ ſchwand alles, und es blieb auch nicht die geringſte Spur der eben vollzogenen Hinrichtung uͤbrig. Habed⸗il⸗Kalib und ſein Miniſter ſtanden beſtuͤrzt da; der Tag verging unter leeren Berathſchlagungen, und der Koͤnig faßte den Entſchluß, am naͤchſten Mor⸗ gen in die Moſchee zu gehen und durch heiße Gebete zu Gott und zu ſeinem Propheten Huͤlfe zu erflehen. Als nun der Koͤnig mit den erſten Strahlen der Sonne, zu Fuß, und zum groͤßeren Zeichen der De⸗ muͤthigung, ohne Schuhe, jedoch von ſeiner Leibwache umgeben, nach der Moſchee ging, kam ihm ploͤtzlich ein Derwiſch in den Weg, trat ihm unter die Augen, und ſprach zu ihm: „Koͤnig, erkenne mich: ich bin der Mograby, ich komme, mir mein Kind abzufordern.“ „Hal verfluchter Schwarzkuͤnſtler,“ rief Habed⸗il⸗ Kalib aus,„moͤge der Himmel mich von dir befreien!”“ Und zu gleicher Zeit befahl er ſeiner Wache, uͤber den falſchen Derwiſch herzufallen und ihn auf der Stelle zu erdroſſeln. Der Schwarzkuͤnſtler. 121 Die Wache gehorchte; der Leib, auf den man ſchlug, hatte nicht Raum genug fuͤr alle Streiche, die auf ihn gethan wurden; man trat ihn unter die Fuͤße: aber bald gewahrte man, daß dieſer vermeinte Leich⸗ nam, den man zerſtampfen wollte, nur ein an bei⸗ den Enden offener Sack voll Erbſen war, deſſen In⸗ halt uͤber den ganzen Platz auslief. Die Erbſen roll⸗ ten uͤberall dahin, und bald war auch nicht eine ein⸗ zige mehr zu ſehen. Vierhundert und funfzehnter Tag. Der Koͤnig, durch dieſes letzte Schauſpiel abge⸗ ſchreckt, gab den Vorſatz auf, nach der Moſchee zu gehen, und kehrte in den Palaſt zuruͤck. Nachdem er ſich hier mit ſeinem Veſyr berathen hatte, wurden beide einig, auf der Stelle einen Sterndeuter holen zu laßen, der zu Thadmor wohnte und in dem Rufe der Zau⸗ berei ſtand, und ſo dieſe Kunſt durch ſich ſelber zu be⸗ kaͤmpfen. Man entriß den Sterndeuter ſeinen For⸗ ſchungen, und noͤthigte ihn, nach dem Palaſt zu kom⸗ men. Er kam, und vernahm die Wunder, deren er andere entgegen ſetzen ſollte, um ſie zu vernichten. DDieſer Gelehrte war voll Eigenduͤnkel, und ſagte zu dem Koͤnige: 122 415. Tag. „Herr, ich werde eine Schlinge bezaubern, und wenn der Schwarzkuͤnſtler wieder vor Euer Majeſtaͤt erſcheint, ſo muß eine geſchickte Hand ſie ihm ſchleunig um den Hals werfen; und wenn dieſe Hand ſo hurtig iſt, einen zweiten Knoten zu ſchuͤrzen, bevor er drei Worte ausſprechen kann, ſo iſt der Schwarzkuͤnſtler in eurer Gewalt. Erneuet euern Vorſatz, morgen in die Moſchee zu gehen, und ich werde euch dahin begleiten. Der Koͤnig hatte bald den ihm noͤthigen Menſchen gefunden, der die Schlinge uͤberwerfen und in einem Augenblick noch einen Knoten mehr darin ſchuͤrzen konnte: es war der Hofnarr, ein großer Taſchenſpieler von Handwerk. 7 Man ließ ihm einen Verſuch der von ihm erwar⸗ teten Geſchicklichkeit machen. Einem Sklaven, der zu⸗ vor davon unterrichtet war, und ſich dagegen wehrte, wurde dennoch die Schlinge uͤbergeworfen, und darin ein dreifacher Knoten geſchuͤrzt, bevor er noch den Na⸗ men Mahomed ausſprechen konnte; man zweifelte alſo nicht mehr an dem Erfolg der Erfindung fuͤr den naͤch⸗ ſten Morgen. Habed⸗il⸗Kalib war zu Pferde, als er ſich wie⸗ der nach der Moſchee begab; der Sterndeuter und der Hofnarr waren an ſeiner Seite. Keine menſchliche Ge⸗ ſtalt ließ ſich auf dem Wege blicken: aber ploͤtzlich ſprang ein Eſel, von ſtarkem Wuchs, aus einem Stalle, * Der Schwartkuͤnſtler. 123 an dem der Koͤnig vorbeiritt, ſtellte ſich vor ihm hin, und bruͤllte mit ſchrecklicher Stimme: „Gib mir mein Kind! ich bin der Mograby!“ Der gewandte Hofnarr hatte alsbald ſein ganzes Spiel vollzogen, und dem Sterndeuter den Strick in die Hand gegeben: aber augenblicklich iſt der Eſel in die Erde verſunken, und ein ſeltſames Schauſpiel bie⸗ tet ſich den Blicken dar: der Hofnarr iſt in einen klei⸗ nen raͤudigen Eſel verwandelt, ohne Schwanz und oh⸗ ne Ohren, die ſich an den Hintern und an den Kopf des Sterndeuters verſetzt finden, und dieſer haͤlt das Ende des vermeintlichen Zauberſtricks in der Hand, welches der ſchaͤbige Eſel um den Hals hatte. Der Koͤnig war zu beſtuͤrzt, die Wache und das Volk zu ſehr uͤberraſcht, als daß jemand uͤber dieſe ſo ploͤtzliche und ſo ſeltſame Verwandlung haͤtte lachen koͤnnen. Unterdeſſen hatte der Hofnarr allmaͤhlig ſeine eigene Geſtalt wieder bekommen, ohne daß man es gewahrt hatte; der Staub, welcher von ſeinem Fuß⸗ trampeln in die Luft emporſtieg, hatte die vorgehende Verwandlung den Blicken entzogen; der Schwanz und die Ohren des Gelehrten waren ebenfalls verſchwunden. Der Syriſche Sterndeuter,“ ſagte die Amme, in⸗ dem ſie ihre Erzaͤhlung unterbrach, und ſich zu der Prinzeſſian von Kaſchemir wandte,„hatte ſich, wie ihr gehoͤrt habt, unterfangen, ohne es zu wiſſen, ge⸗ gen den gelehrteſten, wie gegen den gefaͤhrlichſten 124 415. Tag. Schwanzkünſfle zu kaͤmpfen, ſo damals auf Erden ebte. Solches war der Mograby. Satanat, deſſen ge⸗ treuer Sklave er war, hatte ſelber ihm die acht und vierzig Pforten der Wiſſenſchaft eroͤffnet, deren Ge⸗ wahrſam der Dom⸗Daniel zu Tunis war, bevor dieſer in der ganzen Barbarei beruͤhmte Ort durch Sanate Kalifé zerſtoͤrt und ſammt allem was er enthielt, den Flammen uͤbergeben wurde.*). Der Mograby war alſo,“ fuhr die Amme fort, nunter den geſchickteſten Schwarzküͤnſtlern ſeiner Zeit, was das Licht des Mondes in der Nacht unter dem ſchwachen Schimmer der Sterne; er wollte den Stern⸗ deuter, der gegen ihn aufgetreten war, und deſſen Ge⸗ noſſen, den Hofnarrn, auf eine Weiſe zuͤchtigen, wel⸗ che ſie laͤcherlich machte, ohne ſie zu witzigen. Waͤhrend der augenblicklichen Verwandlung, wel⸗ che er mit ihnen vorgehen ließ, konnten alle Zuſchauer wohl erkennen, daß er ſie als Eſel behandelte: ſie ſel⸗ ber aber gewahrten keinesweges die laͤcherliche Maske, in welche er ſie ſteckte, und behaupteten gegen diejenkt⸗ ³⁴) Sanate Kalifé wurde von den Arabiſchen Calyfen zur Eroberung Mauritaniens und der Küſten der Barba⸗ rei ausgeſchickt. Die Götzendiener dort waren gänzlich dem Aberglauben und der Zauberei ergeben, der öffentlich in ei⸗ ner Schule gelehrt wurde, genannt der dom⸗Daniel. Der Schwarzkuͤnſtler. 125 gen, die ihnen davon ſprachen, daß ihre Augen be⸗ hext geweſen.— Habed⸗il⸗Kalib war durch dieſen letzten fruchtlo⸗ ſen Verſuch, ſich von den Verfolgungen des Mograby zu befreien, ganz zu Boden geſchlagen, und beſchloß, ſeinen Weg nach der Moſchee fortzuſetzen, um dort die Huͤlfe Gottes und des großen Propheten anzuflehen. Einer von ſeinen Thuͤrhuͤtern ging voran und ent⸗ bot dem Oberhaupte der Imame, alle Diener der Re⸗ ligion zu verſammeln, um dadurch den Gebeten noch mehr Nachdruck und Feierlichkeit zu geben. Das Oberhaupt der Imame war eben jener ehr⸗ wuͤrdige Scheich, dem die Erziehung des Prinzen Ha⸗ bed⸗il⸗Ruman war anvertrauet worden. Der Scheich gehorchte dem empfangenen Befehle, legte ſein Feier⸗ kleid an, und verfuͤgte ſich nach der Moſchee: ſeinen Zoͤgling ließ er mit einigen ſeiner Schulgenoſſen beim Spiel in einem Hofe, deſſen ſaͤmmtliche Thuͤren ſorg⸗ fäͤltig verſchloſſen waren. Dieſe Vorkehrungen gegen den Mograby waren zu ſchwach. Er ſaß in eine Nachteule verwandelt auf ei⸗ nem großen Baume mitten im Hofe, und erwartete den Augenblick, wo die Reihe an den jungen Prinzen kam, ſich hinter den Baum zu ſtellen, waͤhrend man ein Tuch verſteckte, welches er ſuchen ſollte: da ließ der gefaͤhrliche Nachtvogel ihm aus einem Flaͤſchchen, 415. Tag. welches er im Schnabel hielt, einen einzigen Tropfen auf das Haupt fallen und verwandelte ihn dadurch in eine Maus. Das kleine Thier ſprang, ſeinem natuͤrlichen Triebe gemaͤß, ganz erſchrocken hinter dem Baume hervor und ſuchte einen Winkel, ſich zu verbergen: da ſahen die Spielgenoſſen Habed⸗il⸗Rumans ganz deutlich, wie eine große Nachteule mitten im Hofe auf eine flie⸗ hende Maus herabſtieß, ſie ergriff und durch die Luft hinweg fuͤhrte. Habed⸗il⸗Kalib kehrte unterdeß, von Unruhe ge⸗ peinigt und von Furcht beklommen, in den Palaſt zu⸗ ruͤck, und ließ ſeinen Großveſyr rufen, um ſich mit ihm zu berathen, welches Mittel er in der aͤngſtlichen Lage, worin er ſich befand, ergreifen ſollte. Vor der Ankunft des Miniſters, warf er einen Blick auf ſeinen Schreibtiſch, und erblickte da ein ent⸗ faltetes und beſchriebenes Blatt; er betrachtete es naͤ⸗ her, und las Folgendes: d „Der Mograby an Habed⸗il⸗Kaleb den Koͤnig von Syrien. 4 Wortbruͤchiger Fuͤrſt! nicht ich bin es, dem du waͤhnteſt das mir Schuldige vorzuenthalten, indem du mir das Kind verſagteſt, welches dau mir geſchenkt hatteſt, ſondern es iſt die Macht ſelber, welche du anriefeſt, indem du den Apfel Der Schwarzkuͤnſtler. 127 aßeſt: dein Sohn gehoͤrt ihr an, und ich habe mich ſeiner bemaͤchtigt, um ihn ihr zuzuſtellen.“ Vierhundert und ſechzehnter Tag. Als der Koͤnig noch das ſchreckliche Blatt in der Hand hielt, trat der Großveſyr ein, und las es auch: Beſtuͤrzung uͤberfiel ſie, und in dieſer Geiſtesverwir⸗ rung befahlen ſie dem Oberſten der Verſchnittenen, mit der Wache hinzugehen und den jungen Prinzen aus dem Hauſe des Scheichs abzuholen, dem er war anvertrauet worden. 3 Hier traf man aber alles in Verwirrung: der ehr⸗ wuͤrdige Erzieher Habed-il⸗Rumans raufte ſich mit vollen Haͤnden den Bart und die greiſen Haare aus, indem er die Erzaͤhlung der jungen Spielgenoſſen ſei⸗ nes Zoͤglings anhoͤrte, wie dieſer ihren Augen ent⸗ ſchwunden, und ploͤtzlich eine Nachteule erſchienen war, welche eine Maus ergriffen und entfuͤhrt hatte. Der Scheich begab ſich nach dem Palaſt, und kam, ſeine Thraͤnen mit denen des Koͤnigs, des Ve⸗ ſyrs und der untroͤſtlichen Elmennur zu vermiſchen. Das erklaͤrende Blatt fand ſich nicht mehr, aber der Inhalt deſſelben, der ihnen den erlittenen Verluſt an⸗ kuͤndigte, blieb ihrem Gedaͤchtnis eingegraben. 128 416. Dag. „O Himmel!“ rief der Koͤnig aus,„welcher un⸗ menſchlichen Macht habe ich meinen Sohn hingegeben! welchem ſchrecklichen Misgeſchick hat meine Unklugheit ihn uͤberliefert!“ 5 Der Großpveſyr machte ſich im Stillen Vorwuͤrfe, und ſagte bei ſich ſelber:„Ich bin es, der dieſem ver⸗ fluchten Schwarzkuͤnſtler Eingang verſchafft, und den Gebrauch ſeines unſeligen Mittels empfohlen hat; ich habe das Ungluͤck meines Koͤnigs, meiner Tochter, mein eigenes, und das eines unſchuldigen Geſchoͤpfs geſtiftet.“ Elmennur, von ihren Seufzern erſtickt, konnte nichts als die Worte ausſprechen:„Mein Sohn! mein Sohn! mein lieber Sohn!“ Der Scheich ließ dieſen erſten Ausbruͤchen des Schmerzes freien Lauf. Endlich nahm er eines Augen⸗ blicks wahr, um zu reden, und ſagte: „Wir ſind alle mitſchuldig, und der Himmel be⸗ ſtraft uns dafuͤr: aber waͤhnet ihr, ſeine Gerechtigkeit werde es zulaßen, daß ein Muſelmann, welcher den ihm durch ſeine Beſchneidung auferlegten Geſetzen nach⸗ lebt, in die Gewalt eines andern falle, als des großen„ Propheten, deſſen Siegel er an ſich traͤgt? Mein theu⸗ rer Zoͤgling Habed⸗il⸗Ruman birgt den Keim aller Tugenden in ſeinem Herzen; er iſt ein wohlgearteter Sproͤßling, der ſeine Zweige gen Himmel zu erheben ſtrebt, und der Thau von oben wird auf ihn hernieder Der Schwartkuͤnſtler. 129 ſteigen, an welchem Ort er auch ſein mag. Kann er den Augen des Ewigen entzogen werden, der ihn fuͤr ſeinen Dienſt bezeichnen ließ? Man muß alle Mo⸗ ſcheen oͤffnen laßen, und gegen eine uͤbernatuͤrliche und hoͤllſche Macht die Gewalt aufrufen, der nichts zu wi⸗ derſtehen vermag.“ Die Rede des Scheichs brachte einigen Troſt her⸗ vor, indem er die Hoffnungen der betruͤbten Aeltern wieder etwas belebte; und in Thadmor, ja in ganz Syrien, wurden oͤffentliche Gebete angeordnet. Unterdeſſen war der junge Habed⸗il⸗Ruman ſehr zu beklagen: der unmenſchliche Mograby hatte ſich mit ihm mitten in eine Wuͤſte geſchwungen; hier gab er ihm ſeine Geſtalt wieder, und erſchien vor ihm, ein⸗ aͤugig, triefaͤugig und ekelhaft, wie er zum erſten Mal an dem Palaſtthore zu Thadmor erſchienen war: „Kennſt du mich?“ fragte er den erſchrockenen Prinzen. Von Natur ſanftmuͤthig, antwortete Habed⸗il⸗Ru⸗ man dem, der ihn ſo rauh fragte:„Nein; ich weiß nicht, wer ihr ſeid.“ „Du ſollſt es vernehmen;“ verſetzte der harther⸗ zige Schwarzkuͤnſtler, indem er ihm eine Maulſchelle gab:„ich bin der Mograby: haſt du niemals von mir reden gehoͤrt?“ VII. 9 1230 416. Tag. Habed⸗il⸗Ruman, der zum erſtenmal in ſeinem Leben einen Schlag fuͤhlte; der, als Koͤnigsſohn, ſelbſt bei Verweiſen uͤber Fehler, immer nur mit der groͤß⸗ ten Schonung behandelt worden, gerieth hieruͤber in das hoͤchſte Erſtaunen. Er beſann ſich und rieb ſich die Augen, um den unangenehmen Traum zu zerſtreuen, in welchem er ſich befangen waͤhnte. Der Mograby errieth, was in ihm vorging, und ſagte zu ihm:„du ſchlaͤfſt nicht; merk' auf die Frage, welche ich dir thue! ich bin der Mograby, haſt du niemals von mir reden gehoͤrt?“ „Ich habe,“ antwortete der junge Prinz,„meine Mutter, und noch oͤfter meine Waͤrterinn von einem Apfel erzaͤhlen gehoͤrt, welchen der Mograby meinem Vater gebracht hatte.“ „Was ſchwatzeſt du da von deinem Vater und von deiner Mutter? du biſt aus den Kernen meines Apfels erzeugt,“ verſetzte der Schwarzkuͤnſtler. „Ich verſichere euch,“ ſagte der junge Prinz,„daß ich von meiner Mutter geboren bin, und daß Habed⸗ il⸗Kaleb mein Vater iſt: alle Welt hat es mir geſagt.“ „Alle Welt hat daran gelogen,“ erwiederte der Mograby, indem er ihm abermals eine noch ſtaͤrkere Maulſchelle als die erſte gab;„dein vermeintlicher Vater und deine vermeintliche Mutter taugen nur dazu, Mauleſel fuͤr meinen Stall zu erzeugen: laß ſehen, ob du zu der Raße gehoͤrſt, von welcher du zu ſein meinſt.“ — Der Schwarzkuͤnſtler. 131 Zu gleicher Zeit ſchoͤpfte der Mograby aus einer Felsſpalte in der Naͤhe etwas Regenwaſſer mit ſeiner hohlen Hand, ſpritzte es dem Prinzen ins Geſicht, und verwandelte ihn in ein Maulthier, welches er auf der Stelle beſtieg. Der junge Prinz mußte ſogleich ſeine Beine in Bewegung ſetzen, denn ein Hagel von Schlaͤ⸗ gen beſchleunigte ſeinen Lauf. Habed⸗il⸗Ruman wollte die ganze Welt zu Huͤlfe rufen und den großen Propheten anflehen: er konnte aber nur Toͤne hervorbringen, welche ihn ſelber er⸗ ſchreckten. Unterdeſſen ließ der grauſame Schwarzküuͤnſt⸗ ler ihm weder Tag noch Nacht Ruhe, bis er ihn ans Ziel ſeiner Reiſe getragen hatte. Sie befanden ſich an dem Fuß eines entſetzlichen Gebirges, deſſen Gipfel ſich in die Wolken zu verlie⸗ ren ſchien; eine Wuͤſte, noch furchtbarer, als alle die, welche ſie durchlaufen hatten, umgab ſie von allen Seiten. Hier ſtieg der Schwarzkuͤnſtler ab, und band ſein Maulthier an einen Dornſtrauch am Ufer einer Quelle, welche aus den Bergſpalten hervorſprudelte. „Elendes Vieh,“ ſprach er, indem er nochmals den ungluͤcklichen Juͤngling auf den Ruͤcken ſchlug, „deine Erziehung hat dich verweichlicht; wir wollen bald ſehen, ob ich dich noch beſſern kann.“ Zu gleicher Zeit naͤherte er ſich der Quelle, und ſchoͤpfte Waſſer daraus. 132 416. 41)y. Tag. Die vier Fuͤße hatten dem ermuͤdeten, ausgemer⸗ gelten und mit Schlaͤgen bedeckten Leibe, worin der ungluͤckliche Prinz von Syrien gebannt war, ihren Dienſt verſagt, und er war regungslos hingeſtuͤrzt. Der Mograby naͤherte ſich ihm, ſpritzte ihm das Waſ⸗ ſer auf den Kopf, und ſprach dabei ganz laut: „Unterthan Satanal's, im Namen Satanars nimm deine Geſtalt wieder an!“ 456 Vierhundert und ſiebenzehnter Tag. 5 Auf der Stelle konnte der arme Habed⸗il⸗Ru⸗ man inne werden, daß er wieder Arme und Beine hatte, obgleich ſie mit Wunden und Blut bedeckt und entſtellt waren. Der Schwarzkuͤnſtler tauchte ihn in den Bach, deſſen Friſche die Kraͤfte des Armen, der dem Tode nahe war, wieder etwas belebte; und nach dem ſein erbarmungsloſer Verfolger ihn hier aufgerich⸗ tet und mit dem Ruͤcken an einen Felſen gelehnt hatte, ſprach er in etwas minder rauhem Tone zu ihm:. „Sprich Habed, weſſen Sohn biſt dud“ „Ach!“ antwortete der junge Prinz mit ſchwacher Stimme,„ich bin das Kind jenes Apfels, jener Kerne, von welchen ihr mir geſagt habt: ich bin der eurige; moͤge das Mitleid euer Herz fuͤr mich ruͤhren!“— „ Der Schwarzkuͤnſtler. 133 „Du haſt wohl gethan, zu antworten, wie du geantwortet; ich habe dich in dem Bache den letzten Tropfen des verhaßten Blutes verlieren laßen, welches du von einem undankbaren und meineidigen Manne und Weibe bekommen hatteſt, die mir dreimal nach dem Leben getrachtet haben, um mich fuͤr die Wohl⸗ that zu belohnen, welche ich ihnen erzeigt hatte; du haſt die Strafe ihres Frevels gegen mich davon getra⸗ gen; du haſt das allgemeine Geſetz erfahren, welches die Kinder der Buße fuͤr ihre Aeltern unterwirft; un⸗ gern habe ich mich genoͤthigt geſehen, dich einen Theil der Rache treffen zu laßen, welche ihre Treuloſigkeit auf ſie herabzog: ſei verſtaͤndig und gehorſam in allem, und du wirſt an mir einen Vater finden, der dich ohne Schwachheit lieben, ohne Nachlaͤßigkeit dich erziehen wird; und der, anſtatt dich von der Macht und der Groͤße bethoͤren zu laßen, an welche, als an deine kuͤnftige Beſtimmung, du von deiner ganzen Umgebung unaufhoͤrlich erinnert wurdeſt, dich mit einer Macht verbinden kann, auf welche alle Koͤnige der Erde nei⸗ diſch ſind: willſt du unter dieſen Bedingungen mein Sohn ſein, Habed?“ „Ach ja!“ antwortete der junge Prinz, welcher fuͤrchtete, bald gar nichts mehr zu ſein, weil er die voͤllige Entkraͤftung, worin er ſich befand, als den Vorboten des Todes anſah. 134 417. Tag. „Wir wollen alſo, mein liebes Kind,“ fuhr der Schwarzkuͤnſtler fort,„nachdem durch die harte Be⸗ handlung, welche ich dich habe erfahren laßen, die unumſchraͤnkte Macht, welche dein vermeinter Vater gegen ſich und gegen dich ſelber gereizt hat, beſaͤnftigt worden, ſie gemeinſam anrufen, damit in ihrem Na⸗ men dieſer Berg ſich oͤffne, und uns freien Durchgang gewaͤhre nach einem Orte der Wonne, wo alles Noͤthige vorhanden iſt, um dich wieder herzuſtellen, wo du die Vergnuͤgungen deines Alters, und endlich auch die Be⸗ lehrungen findeſt, welche ein unwiſſender Scheich dir nicht geben konnte, der es ſich zur Pflicht machte, zu glauben, daß alle Geheimniſſe der Natur in einem ein⸗ zigen Buche enthalten ſind, welches doch nur ein Ge⸗ webe von Traͤumereien iſt.“ Habed⸗il⸗Ruman fuͤhlte ſich dem Tode nahe, und wuͤnſchte doch zu leben:„Ich will alles thun, was ihr verlanget,“ ſagte er zu dem Manne, welcher jetzo, nachdem er ſich ſo grauſam, ſo furchtbar gezeigt hatte, fuͤr ihn die zaͤrtlichſte Geſinnung anzunehmen ſchien. Hierauf erhub ſich der Schwarzkuͤnſtler, zog aus einem an ſeinem Guͤrtel hangenden Beutel ein kleines Buch, eine kleine Wachskerze und ein Feuerzeug; er raffte trockenes Laub zuſammen, ſchlug Feuer an, warf Raͤucherwerke hinein, murmelte mit leiſer Stimme An⸗ rufungen und Beſchwoͤrungen, und ſchloß mit folgen⸗ den lauten Worten: ———— ——— Der Schwarzkuͤnſtler. 135 „Allmaͤchtiger Satanar, Koͤnig der ganzen Erde, zwei deiner Kinder verlangen den Durchgang, um an dem gluͤckſeligen Orte auszuruhen, welchen ſie deiner Herrlichkeit verdanken: laß in deinem Namen die Erde ſich oͤffnen, um ihnen den Eingang zu verſtatten.“ Der junge Prinz konnte in ſeinem erſchoͤpften Zu⸗ ſtande kaum mit Gedanken den Worten folgen, welche in ſeinen Ohren erklangen: ploͤtzlich erbebte die Erde unter ihm, und er ſank wieder in Ohnmacht. Aber der Schwarzkuͤnſtler nahte ſich ihm, und ließ ihn jetzt eine Eſſenz einathmen, welche ihm auf der Stelle einen Theil ſeiner Kraͤfte wiedergab; dann reichte er ihm die Hand, half ihm aufſtehen und fuͤhrte ihn in eine Hoͤhle, welche ſich eben in den Eingeweiden des Ber⸗ ges aufgethan hatte. Die Kerze, welche der Schwarz⸗ kuͤnſtler in der Hand trug, leuchtete ihnen auf den verſchlungenen Pfaden, welche ſie betreten mußten, bis ſie auf eine herrliche Ebene kamen, auf ein Ge⸗ filde, wo unter einem heitern und ſanften Himmel die Fruchtbarkeit der Erde ſich durch die Kraft und Schoͤn⸗ heit der Gewaͤchſe verkuͤndigte, welche ſie bedeckten, un durch die Fuͤlle der kleinen Baͤche, welche ſie be⸗ netzten. 3 Nach allen Seiten hin boten ſich angenehme Aus⸗ ſichten dar. Hie und da ſah man Thiere weiden und umher laufen, und Voͤgel die Luft durchfliegen: aber keins von ihnen ſchien wild oder ſcheu zu ſein, un⸗ 136 417. Tag. beſorgt gingen ſie ihrem Vergnuͤgen oder Beduͤrfniſſe nach. „Wie findeſt du das Land, welches dir vor Au⸗ gen liegt?“ fragte der Mograby den jungen Prinzen. „Sehr ſchoͤn,“ antwortete Habed⸗il⸗Ruman. „Wohlan, mein Sohn,“ fuhr der Schwarzkuͤnſtler fort,„es gehoͤrt dir, ſo wie mir, wenn du artig biſt; und was du hier ſiehſt, iſt noch gar nichts.“ In dieſem Augenblick entdeckten ſie einen Palaſt von außerordentlicher Groͤße und Pracht. „Wem, glaubſt du, gehoͤrt dieſes Haus, mein Kind?“ fragte der Schwarzkuͤnſtler. „Ohne Zweifel euch,“ antwortete der junge Prinz. „Ja,“ ſagte ſein Fuͤhrer,„es gehoͤrt dem Mo⸗ graby, deinem Vater, und es iſt auch dein, wenn du ihm Zufriedenheit gewaͤhreſt.— Als ich dich ſo mis⸗ handelte, mein Kind, wuͤrdeſt du nicht geahnet haben, daß ich dich liebte und dir ſo viel Schoͤnes aufbe⸗ wahrte. Die Kinder halten diejenigen, welche ihnen liebkoſen, fuͤr ihre beßten Freunde: aber ſo muß man nicht mit der Jugend verfahren; ſie muß fuͤrchten ler⸗ nen, bevor ſie erkennt, was ſie lieben ſoll. enn du noch bei jenem Koͤnige von Syrien waͤ⸗ reſt, wuͤrde man dir alle deine Einfaͤlle hingehen laßen, ſo daß du, wenn du zum Mannsalter gekommen, du uͤberzeugt waͤreſt, das Koͤnigreich umſtuͤrzen zu duͤrfen und noch Dank dafuͤr zu verdienen. Der Schwarzkuͤnſtler. 137 Hier dagegen darfſt du uͤberzeugt ſein, daß dir kein Vergehen ohne ſtrenge Zuͤchtigung nachgeſehen wird: ſo wie das Gute, welches du thueſt, dir taͤglich Belohnungen erwerben wird. Auf ſolche Weiſe erzieht man die Kinder, welche man liebt; Ungehorſam wird nicht verziehen, ſo wenig als Mangel an Vertrauen. Du glaubſt vielleicht, mein liebes Kind, daß wir in die⸗ ſem weitlaͤuftigen Palaſte, welchen du hier ſiehſt, viel Leute antreffen werden: aber als ich beabſichtigte, mei⸗ nen Sohn dahin zu fuͤhren, um ihn bei mir zu erzie⸗ hen, habe ich Alle daraus vertrieben, damit er keinen Schmeichler dort finde. Es wird dir darin an nichts fehlen, weil ich fuͤr alles zu ſorgen weiß, und weil ich fuͤr dich, den ich, ohne daß du es ahnen konnteſt, von der Geburt an liebte, mich in den Stand geſetzt habe, waͤhrend der Zeit deines Unterrichts bei mir, die Stelle des ganzen Hausgeſindes zu vertreten, deſſen ich dich berauben zu muͤßen glaubte, damit du deſto beſſer bedient wuͤrdeſt.“ Vierhundert und achtzehnter Tag. Man kann ſich keine Vorſtellung von dem Ein⸗ drucke machen, welchen dieſe Miſchung von Haͤrte und Liebkoſungen, von Drohungen und Verſprechungen, womit der Mograby ſeine Reden durchflocht, und vor 138 418. Ta g. allen der uͤble Anſtrich, welchen er der Erziehung des Prinzen im Palaſt zu Thadmor zu geben wußte, auf das Gemuͤth Habed⸗ il⸗Rumans hervorbrachte. Alles war fuͤr den jungen Prinzen neu, ſo wohl in den Handlungen, welche ihn betroffen hatten, als in den Verſprechungen, welche ihm jetzo gemacht wur⸗ den. Mehr von Furcht eingeſchuͤchtert, als durch ei⸗ nen andern Beweggrund getrieben, verbarg er ſo gut es ihm moͤglich war, ſeine Verwirrung; und dieſer Zuſtand wuͤrde noch laͤnger bei ihm gedauert haben, wenn er nicht bald hierauf die anſcheinend einſame Wohnung des Mograby betreten haͤtte. Die Bauart derſelben war großartig, edel, ein⸗ fach und maͤchtig zugleich; aber dieß war nicht geeig⸗ net, die Blicke eines jungen Prinzen zu feſſeln, deſſen Augen an Pracht gewoͤhnt waren; er verwunderte ſich vielmehr, die Thuͤren offen und niemand zur Bewa⸗ chung derſelben zu finden. Der Schwarzkuͤnſtler fuͤhrte ihn von Saͤulengaͤn⸗ gen zu Saͤulenhallen, von Vorhallen zu Vorhoͤfen, von Saͤlen zu Saͤlen, nach einem Gartenhauſe, deſſen vier Ecken vier Springbrunnen von kryſtallhellem Waſſer zierten. In der Mitte des Gebaͤudes ſtieg eine Waſ⸗ ſergarbe aus einer Tafel von Jaspismarmor empor, und ſank in Abſaͤtzen nieder, und verlor ſich unten, nachdem ſie das Schmelzwerk des Beckens umſpielt hatte. Eine der Hoͤhe des Gebaͤudes angemeſſene Thuͤre Der Schwarzkuͤnſtler. 159 ließ die Sonnenſtrahlen gerade auf dieſe Waſſergarbe fallen, welche dann einen beweglichen Regenbogen dar⸗ ſtellte. Das Gemach war ringsum mit praͤchtigen So⸗ pha's geziert; vor jedem der vier großen Fenſter die es erleuchteten war ein Gitter von Golddrath, welche Voͤgel von dem glaͤnzendſten und mannigfaltigſten Ge⸗ fieder und von dem reizendſten Geſange belebten; ſie ſpielten zwiſchen den Blumen und duftenden Gebuͤſchen, womit der Boden beſetzt war. „Sieh, mein Kind,“ ſprach der Mograby zu ſei⸗ nem Zoͤgling,„dieß iſt dein Studierzimmer, wenn es dir dazu gefaͤllt; denn, weil ich dich hier zum Herren uͤber alles mache, ſo haſt du die Wahl. Setze dich auf einen dieſer Sopha's, du mußt der Ruhe beduͤr⸗ fen: waͤhrend ich dir das Abendeſſen bereite, kannſt du hier wieder Kraͤfte ſammeln. Hier neben an iſt ein Badezimmer; ich gehe hin, Holz anzuzuͤnden, um es zu heizen: du haſt ohne Zwei⸗ fel an den Haͤnden und am Leibe noch Wundmaͤler der harten Behandlung, welche du erfahren haſt; wir wol⸗ len unſer beßtes thun, um allgemach den Schmerz und die Spuren davon zu vertreiben. Aber, mein Sohn, mitten unter den Wohlthaten, welche man erfaͤhrt, iſt es nicht uͤbel, wenn uns irgend etwas die Vorſtellung des Ungemachs, dem wir aus⸗ geſetzt geweſen, vergegenwaͤrtigt. Ich verlaße dich einen Augenblick, um alles zu bereiten, deſſen du bedarfſt.“ 418. Tag. Mit dieſen Worten ging der Mograby hinaus, und Habed⸗il Ruman blieb auf einem Sopha hingeſtreckt, wo er ſich mancherlei Betrachtungen uͤberlaßen haͤtte, wenn nicht der wohllautende Geſang der Voͤgel, der eben die untergehende Sonne begleitete, ihn zur Zer⸗ ſtreuung gezwungen haͤtte. Sein Pfleger kam mit einem Korbe voll herrlicher Fruͤchte wieder herein, und ſagte:„Waͤhle, und iß.“ Hierauf verſchwand er abermals, trat nach eini⸗ ger Zeit wieder herein, und ſagte:„dein Bad iſt be⸗ reit, komm, dich deſſelben zu bedienen.“ Er fuͤhrte ihn in ein Nebenzimmer, wo alles ganz koͤſtlich war, und nachdem er ſelber ihn entkleidet hatte, fuͤhrte er ihn in die Badſtube, deren von den ange⸗ nehmſten Wohlgeruͤchen duftende Luft ſanft erwaͤrmt war. Der Mograby trat ſelber in das Bad hinein, und umhuͤllte ſeinen Zoͤgling mit den feinſten Seidenzeugen; er druͤckte ſanft die noch ſchmerzhaft ſcheinenden Quet⸗ ſchungen, und in kurzer Zeit entfernte er daraus alle Empfindlichkeit, und vertrieb alle Entzuͤndung, ſo daß man kaum noch die Narben davon gewahren konnte. 1 „Wenn mein Kind zu Thadmor waͤre,“ ſagte der Schwarzkuͤnſtler,„wuͤrde man ihn der Wartung eines Sklaven uͤberlaßen: aber um wie viel heilkraͤftiger iſt die Hand eines Vaters! ſie gewaͤhrt eine ganz andre Behandlung. Du biſt jetzt wieder hergeſtellt, mein 5⸗ Der Schwarzkünſtler. 141 lieber Sohn; wir wollen nun in den Saal gehen, wo du ſpeiſen ſollſt.“ 1 Zugleich ließ er ihn Beinkleider und einen Rock von Seide anziehen. Nachdem er ihn mit der groͤßten Sorgfalt gekaͤmmt und das Haupt mit Wohlgeruͤchen beſprengt hatte, fuͤhrte er ihn in ein andres Zimmer, welches von hundert Kerzen auf praͤchtigen Kronleuch⸗ tern erhellt war, und ließ ihn ſich auf einen Sopha von der uͤppigſten Weichheit hinſtrecken. „Ich werde dich nicht immer ſo weich ſitzen la⸗ ßen,“ ſprach er zu ihm;„aber ich laße gern eine be⸗ hagliche Ruhe auf eine große Anſtrengung folgen. Schlaf einen Augenblick; ich gehe unterdeſſen, unſer Mahl zu bereiten, alles dazu ſteht mir ſchon zur Hand; ich habe ſelber das Gemuͤſe geholt und das noͤthige Vieh dazu geſchlachtet. Ich bin ein ſehr hurtiger Koch, und du ſollſt auch lernen, es fuͤr dich ſelber zu ſein.“ Mit dieſen Worten ging er wieder hinaus. Ha⸗ bed⸗il⸗Ruman war uͤber alles, was er hier ſah, mehr als jemals erſtaunt; aber die Ermattung und das Bad hatten ihn ſchlaͤfrig gemacht, und er ſchlief ein. Vierhundert und neunzehnter Tag. Waͤhrend er ſo ausruhte, bedeckte ſich vor ihmn eine Tafel mit einem koͤſtlichen Mahle von Wildpret, 142 419. Tag. Fiſchen und gewuͤrztem Reis, und ein neben der Tafel aufgeſtellter Schenktiſch war mit Fruͤchten, eingemach⸗ ten Sachen und koͤſtlichen Weinen beſetzt. Der Mo⸗ graby weckte nun den Prinzen: „Auf, Habed!“ ſprach er zu ihm,„es iſt Zeit zu eſſen.“ Der junge Prinz richtete ſich auf; in ſeinem Alter iſt das Beduͤrfnis noch viel gebieteriſcher, als in jedem andern. Sein Wirth ſaß ihm gegenuͤber und bediente ihn mit der groͤßten Aufmerkſamkeit, waͤhrend er ihm ſtaͤts etwas Angenehmes zu ſagen ſuchte, auf eine Weiſe, welche ſelbſt der Ton der Stimme ein⸗ ſchmeichelnd machte. Dieſe Veraͤnderung in der Stimme ſeines Entfuͤh⸗ rers war das erſte, was dem jungen Prinzen von Sy⸗ rien auffiel; allgemach betrachtete er auch das Ant⸗ litz des Mannes, der mit ihm ſprach: es war noch vortheilhafter veraͤndert, als die Stimme; es war das Antlitz eines ehrwuͤrdigen Greiſes, deſſen Blicke von einem ungewoͤhnlichen Feuer funkelten, aber deſſen Zuͤge ſonſt angenehm waren. „Aber,“ ſagte auf einmal Habed-il⸗Ruman, in ſeiner Unbefangenheit herausplatzend,„ihr ſeid gewiß nicht jener boshafte Einaͤugige, der mich entfuͤhrt, in einen Mauleſel verwandelt und ſo ſehr geſchlagen hat.“ „Oh! mein Kind, ich bin wohl haͤßlich, wohl ein⸗ augig fuͤr diejenigen, welche ich mit einem boͤſen Auge anſehen muß: aber fuͤr einen gehorſamen Sohn, wie Der Schwarzkuͤnſtler. 145 du es ſein wirſt, bin ich immer ſo, wie du mich hier ſieheſt. Erkenneſt du mich gegenwaͤrtig fuͤr deinen wah⸗ ren Vater?“ Ein Blitz, der ploͤtzlich den Augen des Mograby entfuhr, ließ Habed⸗il⸗Ruman in ſeiner Antwort nicht zaudern:„Oh, ſicherlich,“ ſagte er,„ſeid ihr mein Vater.“ Bei dieſen Worten ſtand der Schwarzkuͤnſtler auf, umarmte ihn mit entzuͤckter Zaͤrtlichkeit und ſagte: „Ach! ich dachte es wohl, daß das Blut reden wuͤrde. Geh nun in das Gemach, wo du ſchlafen ſollſt, mein Sohn: ich erwarte von dir einen großen Troſt fuͤr mein Alter, und werde nun nicht ſterben, ohne einen Erben zu hinterlaßen, deſſen Macht ihn uͤber alle Herrſcher der Erde erhebt.“ Mit dieſen Worten nahm der Mograby den jun⸗ gen Prinzen bei der Hand, und fuͤhrte ihn in ein Ge⸗ mach, wo ein praͤchtiges Bette fuͤr ihn bereit ſtand. „Schlaf wohl,“ ſagte er zu ihm;„morgen werde ich dir hier meine kleinen Einrichtungen zeigen; und wenn du dich recht ausgeruhet haſt, wollen wir uns daruͤber beſprechen, was deinen Unterricht betrifft.“— Bei dieſer Stelle unterbrach ſich die Amme wieder einmal und ſagte: „Bewundert, Prinzeſſinn, die hoͤlliſche Liſt dieſes abſcheulichen Mograby! Wer ſollte nicht glauben, daß er dieſen Juͤngling zaͤrtlich liebt? Wer daͤchte nicht, 144 419. Tag. daß er aufrichtig deſſen Gluͤck will? Aber er will ihn nur durch die Furcht einſchuͤchtern, und durch die Ver⸗ gnuͤgungen anlocken, um ihn, wo moͤglich, ſich voͤllig zu unterwerfen, ſeine Seele zu verderben, und ihn eben ſo boshaft und dem Satanat eben ſo ergeben zu ma⸗ chen, wie er ſelber iſt. Er ſpielt bei ihm die Rolle des Sklaven, des Kochs, des Erziehers; er bietet ſich zu allem dar: Aber waͤhrend er ſein Zutrauen zu gewinnen ſucht, legt er ihm, um ſich zu ſeinem unbeſchraͤnkten Herrn zu ma⸗ chen, arge Schlingen, und entfernt ſich nur, um noch andere vorzubereiten. Unterdeſſen war der junge Prinz von Syrien, dem der Gebrauch des Weins bisher unbekannt geweſen, davon betaͤubt und eingeſchlafen. Als die Sonne auf⸗ ging kam ſein Wirth, mit aller erdenklichen Aufmerk⸗ ſamkeit um ihn bemuͤht, und oͤffnete die Vorhaͤnge ſei⸗ nes Bettes. „Auf, mein Sohn,“ ſagte er zu ihm,„der ſchoͤ⸗ ne Morgen ladet uns ein, zu luſtwandeln; wir wol⸗ len ihn nicht ungenoſſen voruͤber gehen laßen. Laß uns jeder einen Bogen und Pfeile nehmen: du biſt ein Ara⸗ ber und ich ein Maure, wir muͤßen beide damit um⸗ zugehen wiſſen. Waͤhrend wir einige Merkwuͤrdigkeiten unſrer Ein⸗ ſamkeit durchlaufen, wollen wir in der Luft, auf dar Erde, und ſelbſt im Waſſer etwas fuͤr unſre Tafel auf⸗ ——j Der Schwarzkuͤnſtler. 145 ſuchen: wir muͤßen mit Annehmlichkeit uns ſelbſt zu genuͤgen lernen.“ Indem der Mograby alſo ſprach, half er Habed⸗ il⸗Ruman ein fuͤr die Wanderung und fuͤr die Jagd bequemes Kleid anlegen. Sie machten ſich auf den Weg: der Himmel er⸗ ſchien in der groͤßten Reinheit; dicke Wolken, die auf einer Bergkette ruhten, begraͤnzten rings umher den Geſichtskreis: aber ſo weit der Blick reichte, ſchien die Sonne alles zu beleben, ohne daß ihre Strahlen brannten, und der Wind bewegte nur die Luft, um ſie noch leichter zu machen. „Ich muß dich jetzt belehren, mein lieber Sohn,“ ſprach der Mograby,„an welchem Orte der Erde wir uns befinden: dieſe kleine Ebene iſt auf allen Seiten von den Gipfeln des Atlasgebirges umgeben; ſie war wuͤſt, duͤrr, unbewohnbar. Als ich es unternahm, ſie anzubauen, um ſie zu meinem gewoͤhnlichen Aufenthalte zu machen, wa⸗ ren hier nur Sandflaͤchen mit ſolchen Duͤnſten bedeckt, wie du am Geſichtskreiſe ſiehſt; aller Wachsthum war daraus verbannt; weder ein einziges Wuͤrmchen, noch das kleinſte Kraut war darauf zu finden; die Winde allein beherrſchten ſie mit ihrer Wuth und wuͤhl⸗ ten unaufhoͤrlich den Sand um; die Luft war uner⸗ traͤglich; kein Tropfe Waſſers war vorhanden: kurz, VII. 10 146 419. 420. Tag. die vereinten Kraͤfte aller Beherrſcher der Erde haͤtten nicht vermocht, hier die geringſte Anſiedlung zu bewerk⸗ ſtelligen. Aber nichts c denjenigen unmoͤglich, die ſo wie du und ich, das Gluͤck gehabt haben, vom Augenblick ihrer Geburt an, dem großen Geiſt unterworfen zu ſein, der uͤber die Schaͤtze der Natur ſchaltet, wenn ſie ſich alle Kenntniſſe erworben haben, durch welche ber Menſch ſich zur Kunde ſeiner Geheimniſſe erheben ann. 5e Mit ſo maͤchtiger Huͤlfe hatte ich bald aus den fruchtbarſten Gefilden, ſo nur auf Erden ſind, alles hergeſchafft, was noͤthig war, dieſe Ebene mit den Wundern des Wachsthums zu ſchmuͤcken, und aus der Erde Quellen hervorſteigen laßen, welche ſie befeuch⸗ ten ſollten. Dieſelben Mittel gewaͤhren mir die An⸗ nehmlichkeiten aller Art, deren wir uns gegenwäͤrtig erfreuen. Vierhundert und zwanzigſter Tag. Waͤhrend der Mograby durch die Erzaͤhlung der Wunder, womit er ihn bekannt machte, die Aufmerk⸗ ſamkeit ſeines Zoͤglings feſſelte, befanden ſie ſich am Ufer eines lebhaften und klaren Stromes, der ſehr fiſchreich ſchien: da ließ eine Gaſelle ſich an dem Ge⸗ Der Schwarzkuͤnſtler. 147 ſtade ſehen; der Mograby verſcheuchte ſie durch eine Bewegung mit der Hand, und druͤckte einen Pfeil auf ſie ab, der ſie auf dem Raſen hinſtreckte. Habed-⸗il⸗Ruman, dadurch zum Wetteifer ge⸗ ſpornt, erſah einen jungen Rehbock, der aus einem Gebuͤſche nach einem andern hinuͤber lief; er zielte darnach und traf ihn, das verwundete Thier machte noch einige Saͤtze, und fiel. „Vortrefflich, mein Sohn,“ ſagte der Zauberer. Zu gleicher Zeit nahte er ſich dem Strome und durch⸗ bohrte einen Fiſch, der dicht an der Oberflaͤche ſchwamm; Habed ſprang hinein, und ergriff geſchickt den Fiſch, welchen der Strom mit ſich hinwegriß. „Wir wollen,“ ſagte der Mograby zu dem jun⸗ gen Prinzen,„die Ausbeute unſrer Jagd hier laßen; ich werde wieder her kommen und ſie abholen; wir ha⸗ ben nicht noͤthig, uns gegenwaͤrtig damit zu beladen, es wuͤrde uns nur bei unſerer Wanderung beſchweren. — Ich will dich heute,“ fuhr er fort,„noch einen beſonders zu unſerm Nutzen beſtimmten Gegenſtand kennen lehren, das iſt der Huͤhnerhof. Da ich mich oft von hier entfernen muß, ſo findeſt du darin reich⸗ lich alles, deſſen du bedarfſt, wenn deine Studien dich iu ſehr beſchaͤftigen und verhindern, dich dem Vergnuͤ⸗ jen der Jagd hinzugeben. Wir wollen heute nur dieſen Gegenſtand vorneh⸗ nen; wir haben noch mehr als eine Wanderung 148 42o. Ta g. mit einander zu machen, und es iſt gut, wenn jeden Tag ein neuer Reiz damit verbunden wird.“ Mit dieſen Worten fuͤhrte der liebkoſende Schwarz⸗ kuͤnſtler den Prinzen nach einem Vogelhauſe, mitten in einem Gehoͤlze von Baͤumen aller Art, deren Man⸗ nigfaltigkeit von Bluͤten und Fruͤchten, womit ſie be⸗ deckt waren, einen reizenden Anblick gewaͤhrte. Das Vogelhaus hatte hundert Schritt ins Ge⸗ vierte, und war hundert Fuß hoch; es war umſchloſ⸗ ſen von einem goldenen, mit ſanftem gruͤnem Schmelz uberzogenen Gitter, welches ſo fein gearbeitet war, daß man ſehr nahe heran treten mußte, um es gewahr zu werden. Unter den Gewaͤchſen und Baͤumen, welche es ſchmuͤckten, waren vor allen ſolche ausgewuͤhlt, deren Fruͤchte und Saamen die Voͤgel aus allen Welttheilen gern fraßen. Um die Baͤume, deren Hoͤhe die Durch⸗ ſuchung der Neſter beſchwerlich gemacht haͤtte, befan⸗ den ſich bequeme Drehleitern, auf welchen man bis hoch in den Gipfel ſteigen konnte. Ein Springbrunnen ſtieg in der Mitte des Vogel⸗ hauſes empor und fiel in ein großes Becken herab, welches mit Raſen umkleidet war, von wo das Waſ⸗ ſer ſich in kleinen flachen Rinnen durch alle Raͤume des Vogelhauſes verbreitete. Der Boden, an ſich ſelber fruchtbar, und durch dieſe ſtaͤtige Befeuchtung und ſchoͤne Sonnenwaͤrme be⸗ Der Schwarzkuͤnſtler. 149 fruchtet, bedeckte ſich uͤppig mit allen Gewaͤchſen, wel⸗ che zur Nahrung der mannigfaltigen, hier vereinigten Voͤgel, am meiſten geeignet waren. Der Schwarzkuͤnſtler beobachtete mit Vergnuͤgen die Wirkung, welche dieſes Schauſpiel auf die noch ganz neue Seele ſeines Zoͤglings hervorbrachte; er mußte ihn von den Erinnerungen losmachen, welche ihm noch uͤbrig bleiben mochten, damit er ihn leicht und gaͤnzlich ſeinen eigenen Abſichten unterthan ma⸗ chen und ihn zu ſeinen verderblichen Entwuͤrfen be⸗ nutzen koͤnnte. Von jugendlichem Geluͤſte getrieben, war Habed⸗ il⸗Ruman bis in den Gipfel einer Ceder geklettert, um ein Neſt Ringeltauben auszunehmen; er ſteckte zwei Paͤrchen davon in ſeinen Buſen und ſtieg, ver⸗ gnuͤgt mit ſeinem Fange, wieder herab. Haͤtte er eben dieſes zu Thadmor thun koͤnnen, ſo waͤre er wahrhaft froͤhlich geweſen: aber, trotz den Liebkoſungen des Mograby, blieb das Herz des jungen Prinzen immer beklommen. „Es ſcheint,“ ſagte der Schwarzkuͤnſtler zu ihm, „daß dir an deinem Fange genuͤgt, mein liebes Kind. Als du oben auf der Ceder wareſt, mußteſt du den Palaſt ſehen koͤnnen: er iſt nicht weit von uns, trag dieſe Ringeltauben dahin. Geh und lege dieſes Kleid ab, welches dir fuͤr den uͤbrigen Tag unbequem ſein moͤchte: ich aber gehe hin, die Ausbeute unſerer Jagd 150 420. Tag. zu holen, und komme im Augenblick wieder, um unſer Mahl zu bereiten.“ Habed⸗il⸗Ruman ging allein hin, und wuͤrde ſich vielleicht allerlei Betrachtungen uͤberlaßen haben: aber der Weg, der ihn zum Palaſt fuͤhrte, ging durch ein Gebuͤſch von ihm unbekannten Baͤumen, die mit man⸗ cherlei Fruͤchten von hinreißender Schoͤnheit beladen waren. Er pfluͤckte davon, und fand ſie koͤſtlich; er aß welche, und konnte ſich nicht daran ſaͤttigen. Endlich nahm er einen Vorrath davon mit. Er kam in das Gartenhaus mit den Springbrunnen zuruͤck, und legte ſeine Laſt ab. Es war, als wenn die Voͤgel in den Gittern an den Fenſtern ſich freuten, ihn wiederzuſe⸗ hen, ſolche Froͤhlichkeit bezeigten ſie, mit ſolcher Man⸗ nigfaltigkeit und Lieblichkeit erhuben ſie ihr Gezwitſcher. Der Prinz von Syrien fand hier ein eben ſo rei⸗ ches als zierliches Kleid; er zog es an, nachdem er das ſeinige abgelegt hatte. Daruͤber kam auch der Schwarzkuͤnſtler heim, und ſagte zu ihm: „Ach! mein Kind, du haſt dich ohne mich ange⸗ kleidet? Es iſt nicht uͤbel, daß du dich dazu gewoͤh⸗ neſt; aber es thut mir Leid, daß ich dir nicht die Muͤhe dabei erſpart habe. So ſehr Habed⸗il⸗Ruman auch an Schmeiche⸗ leien gewoͤhnt war, ſo machte dieſe ihn doch erroͤthen; denn ſeine von der Vater⸗ und Mutterliebe eingenom⸗ Der Schwarzkuͤnſtler. 151 mene Seele konnte ſich noch nicht den Liebkoſungen und zuvorkommenden Gefaͤlligkeiten hingeben, womit er ſich uͤberhaͤuft ſah.— Der Schwarzkuͤnſtler bemerkte das Obſt auf dem Tiſche, und ſagte: „Ach! da iſt Obſt: ich wollte wetten, daß du da⸗ von gegeſſen haſt.“ 4 Der Prinz erroͤthete.„Meinſt du,“ fuhr der Schwarzkuͤnſtler fort,„daß ich dir einen Vorwurf daruͤber mache? Du biſt mein Kind; alles was hier in meiner Gewalt ſteht, gehoͤrt dir. Ich bin keiner von jenen Vaͤtern, die alles was ſie haben fuͤr ſich allein behalten; die, unter dem Vorwande, ſie unter⸗ richten zu laßen, ihre Kinder weit von ſich entfernen, um ſich der Muͤhe zu uͤberheben, fuͤr ſie zu ſorgen, und um nicht ihre Vergnuͤgungen mit ihnen zu theilen. Mein Sohn iſt hier eben ſo gut Koͤnig, wie ich es bin; wenn er ſtaͤts meinem Willen folgen ſoll, ſo liegt es mir ob, ihn ſeine Pflichten zu lehren, und ihm die Ausuͤbung derſelben zu verſuͤßen. Hoͤre mich, Habed! ich verbiete dir, dieſe Fruͤchte hier zu eſſen, weil ſie dir die Eßluſt rauben wuͤrden, welche die erſte und beßte Wuͤrze des Mahles iſt, wel⸗ ches wir bald mit einander halten wollen. Ruhe dich auf einem Sopha aus; es iſt heute nicht Arbeitstag; ergetze dich an dem Geſange dieſer Voͤgel: dein Koch 420, 421. T a g. iſt zu eifrig, dich zu bedienen, als daß er dich lange ſollte warten laßen.“ Vierhundert und ein und zwanzigſter Tag. Der Juͤngling, der ungewiß und zerſtreut war, und gleichſam unwillkuͤhrlich allem dem nachdachte, was ihm war geſagt worden, ging umher zu allen Vo⸗ gelhaͤuſern und ließ ſich an die Fingerſpitzen picken. Kaum war eine halbe Stunde verfloſſen, da ſtand die Tafel beſetzt: der Fiſch, die Gaſellc, der Rehbock, die Tauben, alles war koͤſtlich. Der Schwarzkuͤnſtler bezeigte ſich ſo aufmerkſam, ſo zuvorkommend, ſo ein⸗ ſchmeichelnd, daß der Zauber ſeiner Reden, ſeiner Handlungen und ſeines ganzen Benehmens uͤber das unſchuldige Geſchoͤpf zu ſiegen begann, welches er mit ſeinen Schlingen umſtellte. Der junge Prinz war ge⸗ neigt zu glauben, daß der Mann, der ihn ſein Kind nannte, in Wahrheit vermittelſt des Apfels, von wel⸗ chem ihm ſo viel erzaͤhlt worden war, ſein Vater ſein koͤnnte; und noch vor dem Ende des Mahles hatte er auf die Geſundheit des Mograby getrunken und ihn dabei Vater genannt.„Aber,“ fuͤgte er hinzu,„El⸗ mennur iſt doch immer meine Mutter?“ „Noch weniger, als es deine Amme war,“ ant⸗ wortete ihm der Schwarzkuͤnſtler.„Ich verbiete dir, Der Schwarzkuͤnſtler. 153 an jene Leute nur zu denken, welche dich, um ſich dei⸗ ner zu entledigen, einem alten Schwaͤtzer uberliefert hatten, der dich in beſtaͤndigem Zwange hielt, und dich nur Albernheiten lehrte. Wenn man dir einen Vogel gab, mein Sohn, ſo dachte man Wunder, welch ein Geſchenk man dir machte: ich gebe dir deren hunderttauſend. Man wieder⸗ holte ſtaͤts deinen Ohren, daß du zum Herrſchen be⸗ ſtimmt waͤreſt, und du mußteſt beſtaͤndig einem alten Graubarte gehorchen, der dich unaufhoͤrlich die Naſe in ein Buch ſtecken ließ, welches nur Narrheiten enthaͤlt. Dein vermeinter Vater ließ ſich von ſechzigtau⸗ ſend Mann Leibwache umgeben, als ein wer weiß wie wichtiger Menſch: dich dagegen, armer kleiner Ungluͤck⸗ licher! dich ließ man unter einer Rotte von Kindern, von denen ich dich weggenommen habe. O mein theures Kind! ich zuͤrne auf jene beiden Geſchoͤpfe, welche du deinen Vater und deine Mutter waͤhnteſt, mehr wegen des Boͤſen, welches ſie an dir gethan haben, und thun wollen, als wegen ihres Wort⸗ bruches, ihrer Treuloſigkeit, ihrer abſcheulichen Undank⸗ barkeit gegen mich. Ich hatte ſie mit Wohlthaten uͤberhaͤuft, und drei⸗ mal haben ſie mir nach dem Leben getrachtet. Ich werde vielleicht Muͤhe haben, deine Rache zuruͤckzuhal⸗ ten, wenn du ſie erſt recht kennen gelernt haſt.“ 15 421. Tag. Der Mograby mußte, ungeachtet ſeiner ſcheinba⸗ ren Gruͤnde, doch zu weit gegangen ſein; denn, ob⸗ ſchon er mit eben ſo geruͤhrtem, als heftigem Tone geſprochen hatte, ſo fuͤhlte doch der junge Prinz eine. ſolche Beklommenheit des Herzens, daß er die Augen niederſchlagen mußte und ihm einige Thraͤnen entlockt wurden. Der ſchlaue Schwarzkuͤnſtler gewahrte dieß: er mußte nun die Vorſtellungen, welche er hervorgerufen, wieder zerſtreuen, die Gefuͤhle wieder einſchlaͤfern, wel⸗ che er aufgeregt hatte. Ein Glas voll koͤſtlichen Brand⸗ weins, ein eben ſo verführeriſches als neues Getraͤnk fuͤr den Prinzen, war das Mittel, welches er an⸗ wandte; die Wirkung davon ſtieg dem Juͤnglinge bald zu Kopfe, und der vorgebliche Vater nahm mit der b groͤßten Sorgfalt das Schlachtopfer ſeiner Argliſt und trug es auf ein Sopha. Bei ſeinem Erwachen wurde der unſchuldige junge Prinz von neuen mit allen von Schmeichelei gewuͤrzten Liebkoſungen uͤberhaͤuft. Er ſank aus den Schlingen eines uͤppigen Schmauſes in die Arme des auf mehr als eine Weiſe herbeigerufenen Schlafs, und der an⸗ brechende Tag bereitete ihm ein neues Schauſpiel. Abermals wurde eine Luſtwanderung mit ihm an⸗ getreten. Die Hoͤfe der Hausthiere, ſo wie die Gehaͤge der ſogenannten wilden Thiere oͤffneten ſich ihm. Die einen machten ihm tauſend Liebkoſungen, die anderen Der Schwarzkuͤnſtler. 155 gehorchten auf ſeinen Ruf; und die Thiere, von denen man gewoͤhnlich nur als von Gegenſtaͤnden des Schrek⸗ kens ſpricht, kamen demuͤthig zu ſeinen Fuͤßen heran⸗ gekrochen. „ Sieh, mein Sohn,“ ſprach der Schwarzkuͤnſtler, „das Vorrecht des unterrichteten Mannes: alle Weſen der Schoͤpfung hoͤren auf ſeinen Ruf. Der Hund, welcher die Thuͤre deines graubaͤrtigen Scheichs huͤtete, wuͤrde ihn ſelber gebiſſen haben, wenn er zu nahe her⸗ an getreten waͤre, und wenn er ihm auch den ganzen Koran vorgeſagt haͤtte: ich dagegen will dich hier nur ein einziges Wort lehren, welches bewirken ſoll, daß die Ceder, der ſtolzeſte aller Baͤume, ſich vor dir beu⸗ get. Du begreifſt nunmehr wohl, daß man dich ſehr unnuͤtzes Zeug gelehrt hat!“ Habed⸗il⸗Ruman kehrte, voll Bewunderung und Erſtaunen uͤber alles, was er geſehen hatte, nach dem Gartenhauſe mit den Springbrunnen zuruͤck. Das Mit⸗ tagseſſen wurde ihm vorgeſetzt, und jede Ruͤckſicht ge⸗ gen ihn beobachtet. Bis auf die Aufmerkſamkeiten, welche keine Unterbrechung leiden, uͤberließ man ihn, ſo zu ſagen, ſich ſelber. Nachmittags beſchaͤftigte man ihn in dem Buͤcher⸗ ſaale: hier eroͤffnete man ihm alle Quellen, ſeine Muße nuͤtzlich anzuwenden. Von der Tonkunſt bis zur Stern⸗ deutung und den geheimen Wiſſenſchaften, gab es keine 156 421. Ta g. Kenntnis, zu welcher der unermeßliche Saal, welchen er durchlief, ihm nicht die Mittel dargeboten haͤtte. „Der Menſch iſt nichts ohne die Wiſſenſchaft,“ ſprach der Schwarzkuͤnſtler;„er ſteht in Anſehung der Staͤrke und Hurtigkeit unter dem Thiere, und hat nur den geringen Vorzug, ſeine Empfindungen auf man⸗ cherlei Weiſe auszudruͤcken, ohne meiſtentheils zu wiſe ſen, was er ſagt; waͤhrend dasjenige, was er ein Thier nennet, ſich ſtaͤts auf gleiche Weiſe und angemeſſen ausdruͤckt. Hier wirſt du deine Studien beginnen; du wirſt alles benutzen, was ich zuſammengebracht habe, alles was ich weiß; und ich werde dir anzeigen, wo du aufhoͤren ſollſt, wenn ich mit deinen Fortſchritten zufrieden bin. Zuvoͤrderſt mußt du lernen, dich mit Leichtigkeit auszudruͤcken; ſodann die Kunſt ſtudieren, deine Ge⸗ danken beſtimmt und folgerichtig zu entwickeln: alle moͤgliche Gegenſtaͤnde werden dir hier nach einander vor Augen kommen, um deine Vorſtellungen zu be⸗ reichern. Aber, mein liebes Kind, du kannſt nur durch meine Gegenwart und durch meine Huͤlfe zu dieſen Kenntniſſen gelangen, bis du durch deine unbedingte Unterwerfung und deinen unausgeſetzten Fleiß dich demjenigen angenehm gemacht haſt, der hier mit allen anderen Weſen ſein Spiel treibt, und zwar auf noch viel leichtere Weiſe, als du mit den Fangknoͤcheln ſpie⸗ Der Schwarzkuͤnſtler. 157 len konnteſt, mit welchen du dich in dem verhaßten Loche ergetzteſt, wo dein alter Scheich dich gefangen hielt. Laß dich die Menge der Gegenſtaͤnde, auf welche ich dich, ſie zu durchdringen und zu erforſchen, hinweiſe, nicht abſchrecken: die Wiſſenſchaft iſt nicht ſo ſchwer zu erwerben, als man waͤhnt, wenn nur die Anfangs⸗ gruͤnde einfach dargeſtellt werden, und die Gegenſtaͤnde von denen ſie handeln ſoll, ſich nicht der Unterſuchung entziehen. Die Natur iſt nur fuͤr diejenigen ein uner⸗ klaͤrliches Geheimnis, die ihr nicht, wie wir thun wol⸗ len, den Schluͤſſel dazu entwunden haben.“ Vierhundert und zwei und zwanzigſter Tag. Habed⸗il⸗Ruman hatte eine lebhafte Faſſungs⸗ kraft, und war beſonders mit großer Emſigkeit begabt. Seine Wißbegierde war wunderſam aufgeregt, und er eilte von ſelber den argliſtigen Bemuͤhungen zuvor, wel⸗ che man anwenden wollte, ihn zu unterrichten. Jetzt vereinigten ſich der Meiſter und der Juͤnger uͤber die Folge, wie die Gegenſtaͤnde abgehandelt wer⸗ den ſollten, und uͤber die Eintheilung der Stunden, und die Arbeiten begannen auf beiden Seiten mit un⸗ glaublichem Eifer. Man mußte den jungen Prinzen von den Gegenſtaͤnden ſeiner Nachforſchungen mit Ge⸗ 158 422., Tag. walt losreißen, um ihn zum Vergnuͤgen der Jagd oder des Fiſchfanges zu bewegen, und ſein Geiſt war, ver⸗ moͤge ſeiner natuͤrlichen Kraft und in Folge ſeiner Hin⸗ gebung, unerſaͤttlich. Er machte beſonders in der Ma⸗ thematik erſtaunliche Fortſchritte. Der Mograby frohlockte, endlich ein Weſen ge⸗ funden zu haben, welches ihm in ſeinen Entwuͤrfen helfen koͤnnte, deren Umfang zu enthuͤllen noch nicht Zeit iſt. Aber wenn er ſeinen Zoͤgling allmaͤhlich eben ſo boshaft machen wollte, als er ſelber war, ſo mußte er ihn ſtaͤts auf einer tieferen Stufe des Wiſſens und der Macht erhalten; und als er gewahrte, daß Habed, ſich ſelber uͤberlaßen, zu weit ging, ſo warf er einen Gegenſtand der Zerſtreuung dazwiſchen ein: „Komm, mein liebes Kind, laßen wir jetzt Aſtro⸗ labium und Zirkel liegen,“ ſprach er dann zu ihm, „wir haben genug gearbeitet: wir wollen einmal unſe⸗ ren Marſtall beſehen.“ Habed⸗il⸗Ruman gehorchte, und war uͤberraſcht, an einem ſo abgelegenen Orte, ſo herrliche Pferde zu finden, und noch in groͤßerer Anzahl, als er im Palaſt von Thadmor geſehen hatte. „Es wird dir Vergnuͤgen gewaͤhren, mein gelieb⸗ ter Sohn,“ ſagte er zu ihm,„auf dieſen Pferden ei⸗ nen Luſtritt zu machen; waͤhle dir eins aus, welches ir gefaͤllt; ich habe bald das meinige gefunden, und vir wollen zuſammen reiten.“ Der Schwarzkuͤnſtler. 259 So bald der Prinz ſeine Wahl getroffen hatte, ſattelte und zaͤumte der Schwarzkuͤnſtler das Pferd, that dem ſeinen aber nur einen gruͤnen Seidenfaden in den Mund, und beide ſprengten im Galopp dahin. Man hatte ſeit drei Jahren ſchon zu Thadmor den Prinzen taͤglich zu reiten gewoͤhnt; er ſaß feſt, und hielt ſich anmuthig: ſein jetziger Lehrer zeigte ihm noch natuͤrlichere und leichtere Huͤlfsmittel, das von ihm be⸗ ſtiegene Thier zu lenken; mit Einem Worte, er lehrte ihn, mit dem Pferde ſprechen und ſich ihm verſtaͤnd⸗ lich machen. Damit war nun Habed⸗il⸗Ruman etwas von dem Studium der Mathematik entfernt, in wel⸗ cher er ſo reißende Fortſchritte machte: indeſſen da ſeine Neigung ihn immer wieder darauf zuruͤckfuͤhrte, mußten andere Mittel erſonnen werden, ihn zu be⸗ ſchaͤftigen. Der Mograby hielt ſogar Elephanten, und zwar in großer Menge. So bald der junge Prinz dieſe koͤ⸗ niglichen Thiere erblickte, verlangte er, die wunderba⸗ ren Wirkungen ihres Inſtinkts zu ſehen. Nachdem er ſich genugſam an den Zuͤgen von Ver⸗ ſtand und Gehorſam des Elephanten ergetzt hatte, fuͤhrte der Mograby ihn in ſeine Kuͤche, deren Geheimniſſe er ihm nunmehr enthuͤllen konnte, ohne ſein Erſtaunen zu befuͤrchten. Nichts war einfacher, als ſeine Zurichtung und Waͤrze der Speiſen: er befahl der getoͤdteten Gaſelle 160 422. Tag⸗ ſich ſelber die Haut abzuſtreifen und ſich zu vierteln; er ſchlug nur mit einer Ruthe auf ſie, und damit war alles abgethan. Er legte das Stuͤck, welches er wollte, in einen Tiegel, und ſagte zu ihm:„Tiegel, thu deine Pflicht!“ Das Feuer gehorchte ebenfalls dem Befehle; kurz, es hatte das Anſehn, als wenn er alles thaͤte, und er that gar nichts. „Ich zeige dir hier, liebes Kind,“ ſagte er,„eine Kunſt, welche dir noͤthig iſt; du wirſt, wenn ich nicht hier bin, daſſelbe thun, was du mich thun ſiehſt, in⸗ dem du bloß die Worte ausſprichſt: „Im Namen des großen Geiſtes, des Meiſters der Geiſter, gehorchet dem Kinde vom Hauſe!“ Ich kuͤndige dir an, daß du mich morgen beim Erwachen nicht mehr hier finden wirſt. Ich habe Pflichten, die mich abrufen, ich muß hingehen, ſie zu erfuͤllen; alles auf Erden erkennt eine Unterordnung an; es gibt nur eine Unterordnung, die ſuͤß iſt, das iſt die kindliche, die deine. Gegenwaͤrtig gebietet mir die meine, dich hier allein zu laßen, waͤhrend meine Ge⸗ danken beſtaͤndig bei dir bleiben werden; ſei verſichert, daß ſie hier ſind; ſtelle dir immer vor, daß ſie dir alles gebieten, was du zu deinem eigenen Frommen noth⸗ wendig thun mußt. ———n nůpůpöpöpöp ·—üyꝗſ Der Schwarzkuͤnſtler. 161 Setze alle deine Studien fort, mein Sohn, ſo wie deine Uebungen; laß ſie mit Vergnuͤgungen abwech⸗ ſeln, und huͤte dich, durch zu ſtarke Anſtrengung des Geiſtes deine Geſundheit zu zerruͤtten, wenn ich nicht hier bin, dir Heilmittel zu reichen. Uebrigens durch⸗ ſtreife den ganzen luſtigen Raum, deſſen Beſitzer wir ſind: im Namen desjenigen, den ich dir genannt habe, werden alle Thuͤren ſich dir oͤffnen. Wenn du jaͤgeſt, wird das Waſſer, welches dir den Weg verſperrt, vor dir zuruͤckweichen: das Kind vom Hauſe iſt Herr vom Hauſe.“ Indem er alſo zu ihm ſprach, ließ er ihn in ſein Bette ſteigen, umarmte ihn mit den waͤrmſten Aus⸗ druͤcken der Zaͤrtlichkeit, und ſchien denjenigen zum Herrn alles des Seinigen zu machen, den er, zu ſei⸗ nem eigenen Nutzen, mit den haͤrteſten Feſſeln der Sklaverei zu belaſten gedachte. Vierhundert und drei und zwanzigſter Tag. Am folgenden Morgen ſtand Habed⸗il⸗Ruman auf, und theilte ſein Tagewerk genau ſo ein, wie es ihm war vorgeſchrieben worden: er verließ ſeine Be⸗ rechnungen und Werkzeuge der Sternkunde, um zu de⸗ nen der Tonkunſt uͤberzugehen. Dann ging er auf die VII. 12 162 423. Tag. Jagd; er wollte lieber von ſeinem Wildprete leben, als die Voͤgel ihrer unſchuldigen Jungen berauben. Er holte Gemuͤſe und Obſt, und mit Huͤlfe ſeines gu⸗ ten Gedaͤchtniſſes, wie ſeines leichtfaſſenden Verſtan⸗ des, ließ er ſich eben ſo leicht bedienen, als der Zau⸗ berer nur immer ſelber vermocht haͤtte. Die Beſchaͤf⸗ tigungen des jungen Prinzen waren ſo mannigfaltig, ſeine Wißbegierde durch ſo mannigfaltige Gegenſtaͤnde bald befriedigt, bald von neuen gereizt, daß, wenn in ſeinem Herzen noch einige Erinnerung der Gegenſtaͤnde zuruͤckblieb, welche ihn zu Thadmor beſchaͤftigt hatten, ſie doch darin wie eingeſchlummert lag. Vor allen konnte er ſich nicht erwehren, mit Ver⸗ achtung auf die Beſchaͤftigungen zuruͤck zu blicken, mit welchen man ihn dort unterhalten hatte, auf ſeinen Unterricht, und den geringen Gewinn, welchen er da⸗ von gezogen hatte. Die Natur weigerte ſich zwar der ſuͤßen Regungen der Zaͤrtlichkeit gegen den Schwarz⸗ kuͤnſtler: aber die Ueberlegung ſprach zu Gunſten der Verpflichtungen, welche der Prinz ſo unablaͤßiger und eifriger Sorgfalt, und einer Behandlung ſchuldig war, welche das Gepraͤge des Wohlwollens trug. Es war ihm nicht moͤglich, ſeine Erkenntlichkeit auf andre Art zu beweiſen, als durch einen ſtrengen Gehorſam in Befolgung der ihm vorgeſchriebenen Le⸗ bensweiſe. Dieß ſetzte Habed⸗il⸗Ruman ſich feſt vor, und er ſagte zu ſich ſelber uͤberlaut: —— —— Der Schwarzkuͤnſtler. 16 „Du moͤchteſt gern unaufhoͤrlich die Mathematik und Phyſik ſtudieren: aber man hat es dir verboten, und du kannſt fuͤr ſo viel Guͤte gegen dich nur durch einen blinden Gehorſam dankbar ſein.“ Wie wohl that der junge Prinz, ſo zu denken, und es laut auszuſprechen! Sein gefaͤhrlicher Spaͤher, der Mograby, war unſichtbar um ihn: er hatte ſich nur geſtellt, als wenn er ſich entfernte, um die Geſin⸗ nungen ſeines Zoͤglings zu durchdringen. Nachdem er ihn in dieſem Stuͤcke genugſam gepruͤft zu haben glaubte, zeigte er ſich wieder. Dieß geſchah an einem Morgen, als Habed⸗il⸗ Ruman bei den erſten Strahlen der Sonne, welche der Geſang der Voͤgel begruͤßte, die Augen aufſchlug: ſein argliſtiger Meiſter half ihm ſeine Kleider anlegen, in⸗ dem er ihn mit den zaͤrtlichſten Liebkoſungen uͤberhaͤufte, welche der Prinz nach Vermoͤgen erwiederte; hierauf begann wieder der gewoͤhnliche Gang der taͤglichen Be⸗ ſchaͤftigungen. Ohne von den Fortſchritten ſeiner Studien zu ſpre⸗ chen, machte der Schuͤler ſich ein Vergnuͤgen daraus, zu beweiſen, daß er ſeine den Erholungen gewidmete Zeit wohl angewandt haͤtte, und zeigte mit dem Bo⸗ gen, daß er im Schießen viel ſicherer geworden; beim Reiten hatte er alle Bewegungen des Roſſes in ſeiner Gewalt; er traf in der Ferne und in der Naͤhe, wie 164 423. Ta g. er wollte, mit der Lanze; und im vollen Laufe hieb er einen Apfel mit dem Schwerte mitten durch. Er war uͤbrigens uͤberall wo er wollte, als Herr eingetreten, und hatte die Kleiderkammer gezwungen, ſeine Kleider zu erneuen, ſo oft er es noͤthig zu haben glaubte; mit Einem Worte, er hatte alles gebraucht, und nichts misbraucht. Wer wußte dieß beſſer, als der argliſtige Schwarzkuͤnſtler? Aber er ſtellte ſich, als wenn er jetzt erſt alles ſaͤhe und mit Vergnuͤgen vernaͤhme. Zwei Monate verſtrichen, und der Mograby hatte von keiner Entfernung geſprochen. Endlich nahte fuͤr ihn der Augenblick, ſeinen großen Entwurf auszufuͤh⸗ ren. Ein kleiner Umſtand,— und nicht alle waren vorauszuſehen,— konnte ihn zwingen, ſeine Maske fallen zu laſſen; und wenn er erkannt wurde, ſo haͤtte Habed⸗il⸗Ruman auf der Stelle alle Bande, die ſie beide verknuͤpften, zerriſſen, oder aufgehoͤrt, das unſchuldige Schlachtopfer zu ſein, welches der Schwarz⸗ kuͤnſtler dem Satanai, ſeinem Herrn, darbringen ſollte, um noch hoͤher in ſeiner Gunſt zu ſteigen. Er mußte ſich alſo beeilen, den Prinzen in den Stand zu ſetzen, daß er an dem Orte dargebracht wer⸗ den konnte, wo jener boͤſe Geiſt die Opfer annimmt, wel⸗ che ſeine gottloſen Anbeter ihm pflichtig ſind, naͤmlich die Seelen derer, die ſie durch ihre Nachſtellungen dem Der Schwarzkuͤnſtler. 165 Dienſte des allmaͤchtigen Schoͤpfers und dem Schutze des Propheten Mahomed entwendet haben. Der zur Aufnahme dieſer heilloſen Opfer beſtimmte Tempel liegt unter dem Meere, welches die Kuͤſte bei der Stadt Tunis beſpuͤlt: durch neun Pforten ge⸗ langt man in dieſen Dom⸗Daniel, und zu jeder der⸗ ſelben fuͤhrt eine Treppe von vierzehnhundert Stufen. Alle Schwarzkuͤnſtler, die ſich auf den Abwegen einer von dieſen neun unſeligen Pforten befinden, ſind genoͤthigt, ſich zu gewiſſen beſtimmten Zeiten dorthin zu begeben. Jeder tritt durch die ihm bekannte Pforte ein, der Mograby aber kann durch alle Zugaͤnge hin⸗ ein kommen. Dort haͤlt Satanai, oder ſein Stellver⸗ treter, mit ſeinen Getreuen den Divan,*) und rath⸗ ſchlagt uͤber die Mittel, noch mehr Boͤſes als bisher auf Erden zu ſtiften, ſtaͤts unter dem Anſcheine des Guten. An den Stufen dieſes Graͤuel⸗Thrones ſollte nun der unſchuldige und unbefangene Habed⸗il⸗Ruman dargebracht werden, um daſelbſt, ohne darum zu wiſ⸗ ſen, ſeine Unſchuld gaͤnzlich aufzuopfern, allen goͤttli⸗ chen Geſetzen zu entſagen, und ein willenloſes und blin⸗ des Werkzeug der grauſamſten und ſcheußlichſten Herr⸗ ſchaft zu werden, waͤhrend er waͤhnte, die Bahn des ») Nathsverſammlung: hier im urſprünglichen Sinne, Ver⸗ ſammlung der Diven, Dämone. 166 423. 424. T a g. Lichts und des Guten zu wandeln. Aber um zu den Stufen des Throns Satanaus zu gelangen, mußte man durch den Dom⸗Daniel; und um dieſen Weg zu betreten, mußte man die Kenntnis der erſten zwoͤlf von den vierzig Buͤchern beſitzen, welche die Pforten der geheimen Wiſſenſchaften benannt ſind. Nie⸗ mand kann dieſelben einem andern auslegen, jeder muß ſelber den Schluͤſſel dazu finden. Dieſe zwoͤlf erſten Buͤcher lehren Bezauberungen zu Stande bringen, das heißt Boͤſes thun; keins von ihnen lehrt aber, dieſelben wieder aufloͤſen: dieß letzte Geheimnis iſt in dem dreizehnten Buche enthalten, und kann nur denjenigen enthuͤllet werden, die bald Boͤſes, bald anſcheinend Gutes thun duͤrfen, zum Nutzen des Meiſters, dem ſie ſich uͤberliefert haben; aber dazu muß ihnen durchaus der Schluͤſſel mitgetheilt, oder der Weg gezeigt werden, denſelben zu finden. Vierhundert und vier und zwanzigſter Tag. Bald war der Schwarzkuͤnſtler genoͤthigt, wirklich eine Reiſe zu machen, welche ihn in den Fall ſetzte, ſich ſo weit von ſeiner Wohnung zu entfernen, daß es ihm unmoͤglich war, uͤber dasjenige zu wachen, was daſelbſt vorgehen moͤchte. Aber er war ruhig hieruͤber: da alles hier durch ſeine Bezauberungen beſtand, war ———ʒ—᷑—᷑—˖—˖——˖——ͤ— Der Schwarzkuͤnſtler. 167 denſelben alles unterworfen; und der unbefangene Ha⸗ bed⸗il⸗Ruman ſchien es noch mehr zu ſein, als alles uͤbrige; ſeine Offenheit und ſeine Unwiſſenheit beruhig⸗ ten uͤber dasjenige, was er etwa von Einſicht und Geiſt blicken ließ. Zwar mußte der Schwarzkaͤnſtler ihn nunmehr in den Stand ſetzen, einen Schritt weiter in der Wiſſenſchaft der Bezauberungen zu thun, aber Habed konnte davon an einem Orte keinen Gebrauch machen, wo alles ſchon bezaubert war. „Mein lieber Sohn,“ ſprach der Mograby zu ihm, indem er ihn auf die Reiſe vorbereitete, welche er antreten mußte,„ich werde mich fuͤr einige Zeit, de⸗ ren Dauer ich gar nicht beſtimmen kann, von dir ent⸗ fernen: fuͤr meine zaͤrtliche Liebe aber wird ſie immer zu lang ſein. Wohin ich auch gehe, uͤberall werde ich mit dir beſchaͤftigt ſein. Erinnere dich der Weiſungen, welche mir meine Zaͤrtlichkeit fuͤr dich eingegeben hat: dieſe iſt eben ſo eiferſuͤchtig, als ſie ſtark iſt; was ſie anraͤth, will ſie durchaus befolgt wiſſen, und ſchon der Gedanke des Ungehorſams iſt ihr unertraͤglich. Gebrauche alles, was hier iſt, ſo wie du es bis⸗ her gethan haſt. Du kennſt noch nicht alle Huͤlfsquel⸗ len des Ortes, welchen du bewohneſt; und was du nicht geſehen haſt, iſt vielleicht noch wichtiger, als al⸗ les, was du zu ſehen vermochteſt. Aber ich will es dich durch den Zufall finden laßen, um deinen Luſt⸗ wanderungen ein anlockendes Ziel zu gewaͤhren. 268 42²4. T a g. Bisher, mein Kind, habe ich dich zuruͤckgehalten, wenn du dich zu eifrig den wiſſenſchaftlichen Arbeiten hinzugeben ſchienſt; ich fuͤrchtete, du wuͤrdeſt dich zu ſehr an die ſitzende Lebensart gewoͤhnen: aber nun⸗ mehr iſt deine Leibesbeſchaffenheit, die ich ſchonen wollte, geſtaͤrkt, und der Augenblick iſt gekommen, wo du deine Anſtrengungen verdoppeln mußt. Wenn ich wieder zuruͤckkomme, werde ich dich an einen Ort fuͤhren, zu welchem die Wiſſenſchaft dir die Pforten oͤffnen muß. Tritt mit mir in den Buͤcher⸗ ſaal, deſſen Schluͤſſel ich dir uͤbergeben will. Sieh hier dieſe Reihe Buͤcher, du wirſt ihrer vier⸗ zig Baͤnde zaͤhlen: ich empfehle dir das Studium der zwoͤlf erſten; aber du mußt dir dieſe Werke dergeſtalt zu eigen machen, als wenn du ſelber ſie verfaßt haͤt⸗ teſt; ſie werden dich eine Menge Geheimniſſe lehren, zu deren Kenntnis du durch dich ſelber gelangen mußt: aber ich verbiete dir durchaus, von denſelben ohne mich Gebrauch zu machen, und ich fordre von dir die Zu⸗ ſage, daß du dich deſſen enthalten willſt.“ Habed⸗il⸗Ruman verſprach, alles zu thun, was man von ihm verlangte, und der Schwarzkuͤnſtler ver⸗ ließ ihn, nachdem er ihn zaͤrtlich umarmt hatte. Bald darauf ließ ein leichtes Erdbeben ſich ſpuͤren, und ver⸗ kuͤndigte jedem andern, außer ſeinem Lehrlinge, daß er der Erde Gewalt anthat, um ſeinen Aufenthalt zu verlaßen. — Der Schwarzküunſtler. 169 So war der junge Prinz von Syrien abermals allein; aber indem ihm geboten war, zu ſtudieren, hatte man ihm das beßte Mittel gewaͤhrt, die Lange⸗ weile der Einſamkeit zu vermeiden. Er nahm das erſte der zwoͤlf Buͤcher zu Hand; der Anfang hielt ihn auf, aber er entſchleierte bald, daß das Verſtaͤndnis der Berechnung unterworfen war; er wandte ſie an, und merkliche Fortſchritte kroͤnten ſeine erſten Anſtrengungen. Je mehr er arbeitete, je leichter ward es ihm; und was ſelbſt fuͤr einen Menſchen von mehr als gewoͤhn⸗ licher Faſſungskraft das Werk eines Jahres geweſen waͤre, war fuͤr ihn das Werk weniger Tage. Als er das Studium der zwoͤlf Buͤcher vollendet hatte, wollte er zum dreizehnten uͤbergehen, gereizt, da⸗ durch die Menge der ſchon erworbenen Kenntniſſe zu vermehren: aber es war ihm unmdoͤglich, darin auch nur eine Zeile zu entziffern: alle Geſchicklichkeit, welche er ſich in Berechnungen zu eigen gemacht hatte, ließ ihn hier im Stiche. Er mochte ſich noch ſo viel quaͤ⸗ len, einen Sinn in das, was er vor ſich ſah, zu brin⸗ gen, es war ihm unmoͤglich. Endlich erinnerte er ſich, daß, als er noch bei dem Scheich, ſeinem alten Lehrer, in der Schule war, dieſer zu ihm zu ſagen pflegte:„Zerbrich dir nicht den Kopf, mein liebes Kind, wende dich an den großen Propheten; bitte ihn, dir das Verſtaͤndnis zu eroͤff⸗ nen, und darnach ſetze dich wieder an die Arbeit.“ Er 170 424. T a g. hatte nicht unterlaßen, zu thun, was ſein Lehrer ihm empfohlen, und es war ihm dann immer gelungen. Seitdem Habed-il⸗Ruman bei dem Schwarzkuͤnſt⸗ ler war, hatten die Reden, die Handlungen und Kunſt⸗ griffe dieſes Menſchen alle ſolche religidſen Vorſtellun⸗ gen aus ſeiner Seele entfernt; gluͤcklicherweiſe zwang die Noth den jungen Prinzen, wieder auf ſeine alte Weiſe zuruͤck zu kommen; er erinnerte ſich der Gebets⸗ formel, welche der Scheich ihm gelehrt hatte, und ſprach ſie von ganzem Herzen aus. Er war gerade im Begriffe zu Bette zu gehen; er legte ſich nieder und ſchlief ein. Da erſchien ihm zwiſchen Wachen und Schlum⸗ mer ein Geiſt in Menſchengeſtalt:„Mein Kind,“ ſprach die Erſcheinung zu ihm mit ſanftem Tone,„all deine Anſtrengung vermag nicht, dich zum Verſtaͤndniſſe der Schrift zu fuͤhren, auf welches du ausgehſt: hier haſt du den Schluͤſſel des Buchs. Die erſte Zeile von der Linken zur Rechten gele⸗ ſen, lautet alſo:„Dieſes erſte Kapitel wurde am dritten Monde des Monats Niſan ver⸗ faßt.“ Sie ſcheint dir ſo einen Sinn zu gewaͤhren; aber dieß iſt nicht ihre wahre Bedeutung. Zaͤhle ſofort die Buchſtaben, aus welchen dieſe Zeile beſteht, unterwirf jeden Buchſtaben der Berech⸗ nung, und ſeine Zahl wird dir die Zeile angeben, wel⸗ che du aufſuchen mußt; reihe die Zeilen an einander, Der Schwarzkuͤnſtler. 171 und du wirſt das ganze erſte Kapitel vor dir haben, welches nur ſo viel Zeilen enthaͤlt, als die erſte Zeile Buchſtaben. Denſelben Weg beobachte bei allen folgenden Ka⸗ piteln bis ans Ende, und damit beſchließ deine For⸗ ſchungen: dieſe hier ſind hinreichend fuͤr alles, was du zu thun haſt. Wenn du deine Arbeit beendigt haſt, ſo geh in das Zimmer des Schwarzkuͤnſtlers; dort wirſt du ein Standbild von weißem Marmor finden, gib ihm einen Schlag auf die rechte Backe, und ſprich dabei:„Thu deine Pflicht fuͤr das Kind vom Hauſe!“ Sie wird beiſeite treten, die Mauer wird ſich hinter ihr oͤff⸗ nen, und du wirſt Dinge ſehen, welche du kennen ler⸗ nen mußt.“ Vierhundert und fuͤnf und zwanzigſter Tag. Nachdem Habed⸗il⸗Ruman dieſe lange Rede auf⸗ merkſam angehoͤrt hatte, befand er ſich vollkommen wach, und es waͤre ihm unmdglich geweſen, wieder einzuſchlafen: in dem Saale brannten noch Kerzen, er lief dahin, nahm eine, ging damit nach dem Buͤ⸗ cherſaale, holte ſein Buch, und ſetzte ſich auf der Stelle an die Arbeit, mit ſolchem Eifer und ſolchem 172 426. Tag. Erfolg, daß der anbrechende Tag ihn im vollen Be⸗ ſitze desjenigen fand, was er wiſſen wollte. Ein Kapitel hatte ihn beim Leſen laͤnger aufge⸗ halten, als die uͤbrigen; es handelte davon, wie man erkennen koͤnnte, ob irgend ein Thier ein verwandelter Menſch waͤre; und es war deutlich angegeben, auf welche Weiſe man ihm die Sprache wiedergeben koͤnnte. Der Prinz von Syrien dachte dabei an die vielen Thiere, zahme und wilde, welche er hier in den Staͤl⸗ len und Hoͤfen geſehen hatte:„Ach!“ ſprach er,„dieſe Löwen, dieſe Tieger, die mir geliebkoſet haben, ſind vielleicht eben ſo wohl Menſchen, als ich! Ich will verſuchen, einen davon zum Sprechen zu bringen. Dieſe Verrichtung iſt nicht in den zwoͤlf Buͤchern ent⸗ halten, von deren Geheimniſſen ich verſprochen habe, keinen Gebrauch zu machen: aber ich will nichts thun, bevor ich dem wohlthaͤtigen Geiſte gehorcht habe, der mir befohlen hat, in das Zimmer des Schwarzkuͤnſt⸗ lers zu gehen.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf; aus Vorſicht ſteckte er ein Feuerzeug, eine Kerze und Raͤucherwerk zu ſich, bevor er ſich dem Zimmer ſeines gefaͤhrlichen Meiſters nahte. Er fand das Marmorbild, und ließ ſich von ihm die Thuͤre oͤffnen. Dieſe fuͤhrte in ein Vogelhaus, wel⸗ ches voll von Papageien, Nußhaͤhern, Elſtern, Staa⸗ ren und Amſeln war, die alle anfingen zu ſchreien, b Der Schwarzkuͤnſtler. 173 jedes in ſeinem eigenen Tone:„Wer iſt dar wer iſt da?“ Hierauf ſprach der eine Vogel dieſes Wort, der andre jenes, ohne daß es einen Sinn gab. „Sicherlich,“ ſagte Habed,„gibt es hier keine verwandelte Menſchen, denn alle dieſe Voͤgel ſprechen.“ Indeſſen ſaß ein großer Hara*) aus Indien auf einer Stange mit einer Stahlkette am Fuße gefeſſelt; dieſer Vogel allein ſchwieg ſtill. Der junge Prinz näͤ⸗ herte ſich ihm, und redete ihn an: „Warum hat man dich angekettet, dich allein? biſt du etwa ſo boͤſe?“ Der Vogel ſenkte traurig den Kopf.„Sprich doch, wie die andern!“ fuhr der Prinz fort:„ſollteſt du etwa ein verwandelter Menſch ſein?“ Der Vogel ſenkte noch den Kopf, und nahm eine Stellung an, welche Mitleid anzuflehen ſchien. „Ah!“ ſagte Habed⸗il⸗Ruman,„ich bin nicht umſonſt hieher geſchickt worden; Mahomed, an den ich mich gewandt habe, wird mich nicht taͤuſchen wollen.“ „Mahomed! Mahomed! Mahomed!“ ſchrien auf einmal alle Voͤgel, und ſchlugen mit den Fluͤgeln; und der Hara, zwar ſtumm, bewegte ſich haſtiger, als die uͤbrigen. „Das iſt ſeltſam,“ ſagte der junge Prinz;„ich muß verſuchen, den Hara zum Sprechen zu bringen, *) Arabiſch Darra, das algemeine Wort fuͤr Papagei. 174 425. Tag. um zu erfahren, ob er ein Menſch iſt.— Komm her, Vogel, laß mich drei Federn von deinem Kopf neh⸗ men.“ Und auf der Stelle ſtreckte der Hara ihm den Kopf hin. Als Habed-il⸗Ruman die drei Federn in ſeinen Buſen geſteckt hatte, ſchlug er Feuer, zuͤndete die Kerze an, ſetzte das mitgebrachte Raͤucherwerk in Brand, und warf die drei Federn ins Feuer, mit den Worten: „Wenn du ein menſchliches Geſchoͤpf biſt, ſo gebe ich dir die Sprache wieder.“ „Ach ja! ich bin ein Menſch,“ antwortete der Hara mit traurigem Tone,„und zwar ein ſehr ſtraͤfli cher, weil ich mich habe verleiten laßen, mit dem M graby, dem Sohne des Teufels, Boͤſes zu thun: aber ich bin zu gluͤcklich, weil Gott ſich meiner erbarmt hat, und Mahomed uns allen in dir einen Boten ſendet.“ en „Mahomed! Mahomed! Mahomed!“ wie⸗ dersee von neuen alle uͤbrigen Bewohner des Vogel⸗ auſes. „Sage mir, Menſch, weil du einer biſt,“ fuhr der Prinz fort,„kann ich dir deine Geſtalt wieder geben?“ „Du kannſt es,“ antwortete der Hara,„wofern Gott dir Gewalt uͤber den Boͤſewicht verleihet, der mich hier feſthaͤlt. Aber ich bin durch meinen eigenen Willen, vereint mit dem meines Feindes, hier angefeſe Der Schwarzkünſtler. 175 ſelt; du mußt erſt Herr ſeiner Macht werden, bevor ich irgend hoffen kann meine natuͤrliche Geſtalt wieder anzunehmen. Ach! junger Abgeſandter des Propheten, nmiicch duͤnkt, du weißt nicht, wo du dich befindeſt. Auf welchem Wege hat Mahomed dich hieher gefuͤhrt, um hier ſchon ein Wunder zu meinem Gunſten zu ver⸗ richten?“,. Der Prinz erzuͤhlte mit wenigen Worten ſeine Ge⸗ ſchichte, und endigte mit der Erzaͤhlung von ſeiner Traumgeſchichte.. „, Vorſehung!“ rief der Vogel aus:„du be⸗ .. dich eines der Schlachtopfer, welches der ver⸗ ruchteſte aller Menſchen ſich bereitete, um den Tag der Rache herbei zu fuͤhren.— Junger Prinz, meine Gefangenſchaft dauert ſchon ſehr lange, aber die Hoff⸗ nnung, ſie geendigt zu ſehen, wird mir Geduld verlei⸗ hen, das Ungluͤck derſelben noch laͤnger als einen Tag zu ertragen. Es gibt hier noch ungluͤcklichere Men⸗ ſchen, als ich bin: Gott gebe, daß noch welche von ihnen uͤbrig ſind, die dir helfen koͤnnen, meine Feſſeln zu zerbrechen; denn jeden Tag ſehen einige von ihnen ihre Leiden durch den Tod abgekuͤrzt. Dieß hier iſt der Schauplatz der langjaͤhrigen Grauſamkeiten des Mograby; anderswo aber verüͤbt er noch ſchrecklichere. Geh, mein theurer Prinz, und bereite auf der Stelle ein Mahl von ſehr leichten Speiſen. Bei deinen Beluſtigungen haſt du vielleicht auch gelernt, einen 176 426. 426. TC A g. Wagen zu lenken;— denn ich weiß, was alles unſer grauſamer Feind ſeinen vermeintlichen Zoͤglingen vor⸗ gaukelt, um ſie zu taͤuſchen und im Irrthume zu er⸗ halten;— ſpanne die Pferde vor, verſieh dich mit ei⸗ ner Flaſche heilkraͤftiger Tropfen, und fahr gen Mor⸗ gen bis an den Fuß eines Berges: dort wirſt du ein Standbild von ſchwarzem Marmor finden, gib ihm ei⸗ nen Schlag auf die linke Backe, es wird beiſeite tre⸗ ten und eine Fallthuͤre aufheben; da wirſt du eine Hoͤhle vor dir ſehen, in welche du mit einem Lichte hinabſteigen mußt: und was du dann noch alles zu thun haſt, uͤberlaße es deinem Mitleid und deiner Ein⸗ ſicht. Du biſt vielleicht ſo gluͤcklich, einigen Ungluͤckli⸗ chen das Leben zu retten, deren trauriges Schickſal du ohne Zweifel bald theilen ſollteſt; und wenn ihrer noch viere am Leben ſind, ſo kannſt du mich von hier be⸗ freien und den Mograby uͤberwinden.“ Vierhundert und ſechs und zwanzigſter Tag.* Dieſe letzten Worte erregten in Habed⸗il⸗Rumans Herzen einen Schauer: er war nicht im Stande, die innerliche Wirkung dieſes Gefuͤhls zu hemmen; aber er ließ ſich nicht Zeit, daruͤber weiter nachzudenken; er verließ die traurige Behauſung der Thiere, in wel⸗ cher er ungern den angekettenen Hara zuruͤckließ, und Der Schwarkuͤnſtler. 177 flog nach dem Gemache, in welchem ſich die Tropfen befanden; und von dort nach der Kuͤche, das Mahl zu bereiten. Er verſah ſich mit Raͤucherwerk, und ging hin, in den Schuppen des Palaſts, in welchem aalles Moͤgliche zu finden war, einen Wagen zu ſuchen. Er hatte an einem Orte, wo alles im Namen des Herrn und fuͤr das Kind vom Hauſe ge⸗ ſchah, die Pferde bald angeſpannt. Aber indem er dieſe Worte ausſprach, konnte er ſich nicht enthalten inner⸗ lich hinzuzuſetzen:„O großer Prophet! welch einem abſcheulichen Herrn diene ich! welches grauenvollen Hauſes Kind bin ich!“ Unterdeſſen vermehrten dieſe Betrachtungen nur 3 ſeinen Eifer, nach dem bezeichneten Orte hin zu eilen: er mußte der Ruͤckkehr des Schwarzkuͤnſtlers zuvorkom⸗ mmen, oder von ihm eine Rache gewaͤrtigen, deren bloße VTorſtellung ihm ſchon Schauder erregte. In kurzer Zeit hatte, ungeachtet der ziemlich bee— ¹ traͤchtlichen Entfernung, Habed⸗il⸗Ruman den ihm von dem Hara bezeichneten Ort erreicht: er fand das Marmorbild und gab ihm einen Schlag auf die linke Backe; der Stein drehte ſich um, wie auf einer Spin⸗ del, ſchob ſich beiſeite, und zeigte, daß ſein Fußgeſtell den Eingang einer Hoͤhle bedeckte, in welche eine Treppe hinabfuͤhrte. Er zuͤndete Feuer an, und machte VII. 12. 178 426. Tag. ſich mit einer brennenden Kerze in der Hand auf den Weg.— Bald vernahm er Aechzen und leiſes Wimmern, welches aber hoͤrbar von den tiefſten Schmerzen aus⸗ gepreßt war. Endlich gelangte er an die Oeffnung ei⸗ ner Art von Brunnen ohne Gelaͤnder: todte und halb⸗ lebende Leichname waren darin mit dem Kopfe nach unten bei den Beinen aufgehenkt. Habed zog ſchleunigſt einen davon heraus: er war todt, in ſeinen Kleidern zuſammengetrocknet, faſt nur noch Haut und Knochen. Habed hakte einen andern los: dieſer athmete noch. Habed oͤffnete ihm den Mund, foͤßte ihm einige der mitgebrachten Tropfen ein, und gewahrte mit Vergnuͤ⸗ gen, daß er ſich wieder belebte. Kurz, indem er rings um den Brunnen ging, fand er ihrer fuͤnfe, die noch im Stande waren, Huͤlfe an⸗ zunehmen, und mehr oder minder merklich ins Leben zuruͤckgerufen wurden. Er trug ſie einen nach dem an⸗ dern an die friſche Luft, legte ſie auf den Wagen, und fuhr ſchleunig nach dem Palaſte zuruͤck. Die Tropfen hatten unterweges gewirkt: die Le⸗ bensgeiſter waren, mit Huͤlfe der friſchen Luft, wieder angefacht, und als man von dem Wagen ſteigen ſollte, halfen die minder entfraͤfteten ſich ſchon ſelber herab; die anderen trug ihr Retter unter die Vorhalle des Palaſts. — Der Schwarzkuͤnſtler. ¹79 Habed⸗il⸗Ruman lief ſogleich nach dem Gemache der Heilmittel und holte davon. Mit Huͤlfe der Worte: „Dienet dem Kinde vom Hauſe!“ und an einem Orte, wo alles durch Bezauberung zuging, wirkten die Tropfen auf der Stelle, und die vom nahen Tode wie⸗ der ins Leben gerufenen hatten mit dem Leben auch alle ihre Seelenkraͤfte wieder erlangt: aber der Hunger verzehrte ſie, und ihr Befreier ließ ſie in den Saal treten, wo ſie ihn ſtillen konnten. Der Heißhunger des ſo lange der Nahrung be⸗ raubten Magens wuͤrde ſie den Gefahren des Ueber⸗ maaßes ausgeſetzt haben: aber die heilſamen Tropfen wirkten in ihrer ganzen Kraft, und am Ende der Mahl⸗ zeit waren die Tiſchgenoſſen Habed⸗il⸗Rumans, bis auf die Magerkeit und Blaͤſſe, wieder voͤllig lebendige Weſen. Nachdem ſie endlich genug gegeſſen nnd getrunken hatten, gingen ſie mit Habed⸗il⸗Ruman in den Saal der Springbrunnen. Hier ließ der Prinz von Syrien ſie ihre beſudelte Kleidung ablegen und neue und be⸗ queme Kleider anziehen, und bat ſie dann, daß einer nach dem andern ſeine Neugier befriedigen moͤchte. „Wie,“ fragte er ſie,„und warum ſeid ihr in je⸗ nes ſcheußliche Loch geworfen worden, aus welchem ich euch ſo eben befreiet habe?“ „Ach!“ antwortete einer von ihnen,„bevor wir euerm Verlangen genuͤgen koͤnnen, muͤßt ihr ſelber uns 160 426. T a g. die Gnade erzeigen, uns zu ſagen, wer ihr ſeid, was ihr hier machet, und in welchem Verhaͤltnis ihr zu dem abſcheulichen Menſchen ſtehet, der hier ſo furcht⸗ bar herrſcht, damit wir Vertrauen faſſen und uns uͤber⸗ zeugen koͤnnen, daß dieſem Augenblicke der Erloͤſung, der uns zu Theil wird, nicht eben ſo grimmige Qua⸗ len folgen, wie diejenigen, in denen wir ſo lange ge⸗ ſchmachtet haben. Ihr habt uns,“ fuhr er fort,„aus einem graͤß⸗ lichen Zuſtande befreiet, in welchem wir, zwiſchen Schlaf und Wachen, unter den fuͤrchterlichſten Traumbildern, tauſendfachen Tod litten, ohne jedoch ſterben zu koͤn⸗ nen: iſt nun der gegenwaͤrtige Augenblick nicht ein an⸗ genehmer Traum, durch welchen der Schwarzkuͤnſtler uns die Qualen, womit er uns von neuen uͤberhaͤufen wird, deſto ſchaͤrfer will empfinden laßen? Euer Ant⸗ litz floͤßt Zutrauen ein; was ihr an uns gethan habt, erheiſcht Erkenntlichkeit: aber wir haben mit einem ver⸗ ruchten Menſchen zu thun, der ſich jeglicher Mittel be⸗ dient, um zu taͤuſchen.“ „Er iſt ohne Zweifel mein Feind, ſo wie der eu⸗ rige,“ erwiederte Habed⸗il⸗Ruman. Und auf der Stelle entwarf er ihnen ein fluͤchtiges Gemaͤlde ſeiner Abenteuer, bis zu dem Augenblicke, wo ein geheimnis⸗ voller Traum ihm angezeigt hatte, was er thun ſollte, und wo ein in einen Hara verwandeltes menſchliches Der Schwarzkuͤnſtler. 181 Giſchöpf ihn aufgefordert hatte, ihnen zu Huͤlfe zu eilen. Vierhundert und ſieben und zwanzigſter Tag. „Gott ſei gelobt und ſein großer Prophet Maho⸗ med!“ ſagte bierauf der junge Mann, der zuerſt gere⸗ det hatte;„ich ſehe, daß ein Strahl der Sonne der Gerechtigkeit die Finſternis durchdrungen hat, in welche die Graͤuelthaten gehuͤllt ſind, die hier begangen wer⸗ den. Ich ſehe, daß ihr, vom Mograby zum Schlacht⸗ opfer beſtimmt, gleich uns, auch uns mit euch erret⸗ ten werdet: Ach! wenn es uns vergoͤnnt waͤre, die Erde von dieſem Ungeheuer zu befreien! Aber um euch von der Wahrheit deſſen, was ich euch geſagt habe, zu uͤberzeugen, will ich euch meine Geſchichte erzaͤhlen.“). Geſchichte Halajaddins, des Prinzen von Perſien. Birminvan⸗Schah, mein Vater, wurde mit ſieb⸗ zehn Jahren auf den Perſiſchen Thron erhoben, nachdem er das Ungluͤck gehabt, meinen Großvater zu fruͤh zu verlieren. Waͤhrend er ſich mit den Zuruͤſtungen zu ſeiner Hochzeit mit der Tochter des Sultans der Kurden beſchaͤftigte, erſchien ſein erſter Veſyr, der unter der Hand eine Empdrung angezettelt hatte, und umringte den Palaſt, deſſen Wache er auf ſeine Seite gebracht hatte. Mein Vater hatte kaum ſo viel Zeit, ſich zu verkleiden, und auf dem beßten Renner ſeines Mar⸗ ſtalles allein in die Wuͤſte zu entfliehen. * Halajaddin, Prinz von Perſien. 183 Wohl befuͤrchtend, daß er verfolgt wuͤrde, ſpornte er ſein Pferd uͤber deſſen Kraͤfte, ſo daß es, nachdem es Tag und Nacht gerannt hatte, von Anſtrengung erſchoͤpft, in der Naͤhe einer Felſengrotte zu Boden ſtuͤrzte. Mein Vater bemuͤhte ſich, das Thier wieder aufzurichten und es in die Hoͤhle zu fuͤhren, welche er bemerkt hatte, um es gegen die Sonne zu ſchuͤtzen. Ein Mann, in der Tracht der gemeinen Leute, welche ſich den Karavanen zugeſellen, um die Wall⸗ fahrt nach Mekka zu machen, lag darin und ſchlief; er erwachte bei dem durch den Eintritt des Pferdes verurſachten Geraͤuſche, rieb ſich die Augen, und re⸗ dete meinen Vater alſo an: „Reiſender, ſo wie ich, in der Wuͤſte, wohin rei⸗ ſeſt du? Du kannſt von Gluͤck ſagen, daß du dieſe Hoͤhle angetroffen haſt, um dich auszuruhen; denn ich kenne auf zwanzig Stunden in der Runde keine an⸗ dre Zuflucht, und du ſcheinſt ermuͤdet.“ „Ich reiſe nirgend hin,“ antwortete mein Vater, der nicht anſtand, ſich einem einzelnen Manne zu ent⸗ decken:„ich fliehe; vorgeſtern noch war ich Koͤnig, mein erſter Miniſter hat ſich meiner Krone bemaͤchtigt, und ich ſuche mein Leben zu retten.“ „Es iſt hier in Sicherheit,“ erwiederte der Pilger. „Ja,“ verſetzte mein Vater,„wenn ich, ausge⸗ hungert, wie ich bin, fuͤr mich und fuͤr mein Pferd etwas zu eſſen finden koͤnnte.“ 184 42)y. Tag. „Wir ſind nicht ſo ganz darohne,“ ſagte der Pil⸗ ger,„ich habe Teig von Reis und Gerſte, Brot, Zwie⸗ beln, Datteln, und eine Flaſche trefflichen Brandweins; ruhe dich aus; auch weiß ich eine Weide fuͤr dein Pferd, und will es dahin fuͤhren; in einem Schlauche werde ich Waſſer mitbringen, und ſo wollen wir leben, wie Reiſende leben koͤnnen.“ Mein Vater, der nichts beſſeres zu thun wußte, ließ den Pilger in den guten Abſichten, welche er kund gab, gewaͤhren. Der Mann kam mit dem Waſſer zu⸗ ruͤck, und holte aus einem Winkel der Grotte einen Schnappſack hervor: es befand ſich darin noch mehr, als man gedacht hatte, ein Ziegenkaͤſe, Nuͤſſe, mit Einem Wort, alles was in einem Lande, wo die Erde nichts hervorbringet, das Mahl eines Einſiedlers aus⸗ machen kann. „Du ſollteſt mir deine Geſchichte erzaͤhlen, armer Koͤnig,“ ſagte der Pilger zu Birminvan⸗Schah;„ich kann dir vielleicht uͤber eins und das andre eine Art von Troſt geben; ich habe einen großen Haß gegen die Thronraͤuber. Der deine iſt zuverlaͤßig ein Boͤſewicht: du biſt noch zu jung, als daß du Zeit gehabt haͤtteſt, Boͤſes zu thun: du biſt das Schlachtopfer des Ehrgei⸗ zes und nicht der allgemeinen Wohlfahrt.“ „Du haſt es errathen, Pilger,“ ſagte mein Va⸗ ter;„ich regierte erſt ſeit vierzehn Tagen, als mein erſter Veſyr, dem mein Vater die Macht des Reiches Halajaddin, Print von Perſien. 185 anvertrauet hatte, dieſelbe misbrauchte, ſich meines Thrones zu bemaͤchtigen: er iſt ein Ehrgeiziger, der ſeine Leidenſchaft unter der Maske der abſcheulichſten Heuchelei zu verbergen gewußt hat.“— „Oh! die Heuchelei! die Heuchelei! mein Fuͤrſt, das iſt ein abſcheuliches Laſter. Ich will nimmer mit meinen Augen die Kuppel der heiligen Moſchee ſehen,“ ſagte der Pilger,„wenn ich dich nicht ein Mittel lehre, dich an dem Heuchler zu raͤchen.“ „Eil welches Mittel dazu koͤnnteſt du mich leh⸗ ren?“ fragte mein Vater. „Hier iſt es,“ antwortete der Pilger;„hoͤre mich an: kehre auf der Stelle nach deiner Hauptſtadt zu⸗ ruck, wir wollen die Kleider wechſeln, und du nimmſt in der Karavanſerei gleich am Thore deine Herberge.“ „Aber, Pilger, mein Pferd wird mich kenntlich machen.“— 1 „War es nicht ſchwarz, dein Pferd? von Stund' an, will ich, ſoll es weiß ſein, mit ſchwarzem Schweif und Maͤhne.“— „Du willſt es: aber iſt das hinreichend?“— „O mein Koͤnig! du haſt noch nicht lange genug regiert, um zu wiſſen, was es heißt, wenn ein Koͤnig will; das iſt ungefaͤhr ſo viel, als wenn ich will: was ich will, das will ich, und dein Pferd iſt weiß; da ich ihm ſeine ſchwarzen Ringe um die Augen gelaßen habe, 186 427. T a g. ſo verliert es nichts bei der Farbe, welche ich ihm ge⸗ geben. Komm und laß es uns in Augenſchein nehmen.“ Mein Vater folgte dem Pilger; er ſah ein wei⸗ ßes Pferd am Ufer einer Quelle in einer Ebene zwi⸗ ſchen zwei ſchroffen Felſen weiden; er wagte es, das Pferd bei dem Namen zu rufen, welchen er ihm ge⸗ geben hatte, und auf der Stelle kam das Thier zu ihm heran. „Wir wollen uns hier niederſetzen,“ ſagte mein Vater zu ſeinem Wirthe;„ich ſehe wohl, daß du ein andrer biſt, als wofuͤr du dich ausgegeben haſt. Mein Vater hat deinesgleichen immer ſehr geſchaͤtzt, und meine Abſicht war auch, ſie zu beguͤnſtigen; in der Lage, worin ich mich befinde, verlaßen, wie ich bin, wuͤrde ich gern jede Huͤlfe der Zauberei in An⸗ ſpruch nehmen.“ „Mein Koͤnig,“ erwiederte der Pilger,„kann es etwas Verbotenes geben, wenn es darauf ankoͤmmt, ſich an einem Heuchler zu raͤchen? ein ſolcher iſt ver⸗ haßt bis in die Hoͤlle. Oh! das iſt eine abſcheuliche Art Menſchen; ſie iſt mir am meiſten zuwider: uͤber⸗ all wo ich dergleichen finde, vertilge ich ſie. Du haſt ſchon einigen Begriff von meiner Macht; hoͤre nun, wie ich dieſelbe fuͤr dich zu gebrauchen denke: deine gedemuͤthigten Feinde ſollen kommen und dich bitten, wieder deinen Thron zu beſteigen, und du ſollſt ſie un⸗ ter deinen Fuͤßen zermalmen.“ Halajaddin, Prinz von Perſien. 187 „Und wann darf ich die Erfuͤllung deines Verſpre⸗ chens hoffen?“ „Binnen drei Tage,“ antwortete der Pilger,„wenn ich von dir eine anſtaͤndige Belohnung erwarten darf; denn jeder Arbeiter iſt ſeines Lohnes werth.“— „Du haſt uͤber alle meine Schaͤtze zu gebieten.“ „Pfui doch!“ ſagte der Pilger,„Schaͤtze, mir, der nur von Kaͤſe und trockenen Fruͤchten lebt. Ich bin alt, ich bedarf Troſt und Huͤlfe in meinem Alter; ich koͤnnte ſie nur in der Geburt eines Sohnes finden, und darf nicht mehr hoffen, einen zu bekommen. Du kannſt bis ſechzig Frauen heiraten und von ihnen die zahlreichſte Nachkommenſchaft erwarten: uͤberlaß mir dein erſtes maͤnnliches Kind, es ſoll mir angehoͤren: du wirſt ſehen, daß ich nicht ſehr ungeduldig bin, dich deſſelben zu berauben; und wenn es dann auch in den Fall kaͤme, in der Wuͤſte etliche Tage mit mir zu faſten, ſo wuͤrde es ihm ergehen, wie dir, es wuͤrde nicht davon ſterben, ſondern ſich nur um ſo beſſer be⸗ finden.“ 5 Vierhundert und acht und zwanzigſter Tag. Miein Vater erinnerte ſich, daß man ihm, in dem Augenblick, als er genoͤthigt war, die Flucht zu ergrei⸗ fen, geſagt hatte, der Abgeſandte der Kurden waͤre 188 428. Ta g. ſchon damit einverſtanden, daß Laila, die Kurdiſche Prinzeſſinn, den Sohn des Thronraͤubers heiraten ſollte. Birminvan⸗Schah war ſehr verliebt in ſie, und in ſeiner gegenwaͤrtigen Lage waren ihm alle Frauen der Erde und die Kinder, welche ſie ihm gebaͤren moch⸗ ten, gleichguͤltig; was iſt ein Kind, welches man noch nicht kennt, und deſſen man zum voraus ſich entaͤußern ſoll, in Vergleichung mit einer Krone? in Vergleichung mit dem Vergnuͤgen der Rache? Er nahm den ihm gemachten Antrag an. „In dieſem Falle,“ ſagte der Pilger,„will ich al⸗ les fuͤr dich daran ſetzen, und ſogar meine Pilgerfahrt aufgeben. Morgen fruͤh wollen wir aufbrechen; und um uns in den Stand zu ſetzen, die Anſtrengung der Reiſe auszuhalten, wollen wir zuſammen eine ganze Flaſche Schiras⸗Wein ausleeren.“ Der Tag oerging ſchnell, ohne einen Augenblick Langeweile. Der Pilger hatte viel Verſtand, und ſprach von allen Dingen mit Annehmlichkeit. Am Abend war die Hoͤhle bequemer eingerichtet; die Steine, welche als Sopha dienten, waren mit Moos bedeckt, und drei Lampen verbreiteten darin ein ſanftes Licht. Der Pilger zog ſeine Vorraͤthe aus dem Sacke. Birminvan⸗Schah erwarette wieder einige Zwiebeln daraus hervorkommen zu ſehen, wie bei dem Mittag⸗ mahle: aber an ihrer Stelle erſchienen ein Faſan, Halajaddin, Prinz von Perſien. 189 Rebhuͤhner und andere kalte Speiſen von koͤſtlichem Geſchmack. „Der Schaffner fuͤr den Abend,“ ſagte jetzo der Pilger,„iſt minder knauſerig, als der fuͤr den Mittag; wir muͤßen der Muͤhe, die er ſich gegeben hat, Ehre anthun.“ Mit dieſen Worten zerſchnitt er geſchickt die Spei⸗ ſen, legte zierlich vor, und lud meinen Vater zum eſſen ein, der ſich auch nicht lange bitten ließ. Die Flaſche Schiraswein war in zwei Zuͤgen aus⸗ geleert, und eine andre nahm ihre Stelle ein, bis end⸗ lich der Schlaf den Gaſt und ſeinen Wirth befiel. Die aufgehende Sonne weckte beide von ihrem Mooslager, worauf ſie ſich hingeſtreckt hatten. „Laß uns aufbrechen, mein Koͤnig,“ ſagte der Pil⸗ ger,„das Pferd ſteht geſattelt; laß uns den Weg nach deiner Hauptſtadt nehmen.“ .„Aber willſt du denn zu Fuße gehen?“ fragte Birminvan⸗Schah ſeinen Gefaͤhrten. „Nein,“ antwortete dieſer;„ich wuͤrde deine Reiſe dadurch verzoͤgern: aber ich will hinter dir auf dem Pferde ſitzen.“— „Da wirſt du erſchrecklich ſchlecht ſitzen.“— „Nicht ſo ſehr, als du waͤhneſt.“— „Wohlan, Blitz!“ ſprach jetzt der Pilger, indem er das Pferd anredete;„iſt das nicht dein Name? Verlaͤngere dich nur um zwei Rippen, damit der Stall⸗ 190 428. Tag. meiſter deines Herrn Platz hat: es iſt der Mograby, der es dir befiehlt..“ „Und wer iſt dieſer Mograby?“ fragte mein Vater. „Es iſt 17 Diener, der hier vor dir ſteht. Du haſt vielleicht ſes nachſaget. Uebrigens erkennt man die Leute an ih⸗ ren Werken, und du ſollſt ſehen, wie ich die Heuchler behandle. Ich verhehle dir keinen einzigen der Strei⸗ che, welche ich ihnen ſpielen will: ſie muͤßten ſehr hartnaͤckig ſein, wenn ſie ſich meinem Willen widerſetzen wollten.“— Unterdeſſen hatte das Pferd ſich wirklich verlaͤn⸗ gert, und trug ſie beide wie der Wind der Hauptſtadt zu; dergeſtalt, daß Birminvan⸗Schah und ſein Pilger, vie mit Aufgang der Sonne aufgebrochen waren, ſich beim Untergang derſelben an den Stadtthoren befanden. Der Pilger, jetzt in dem Stallknechtskleide, mit deſſen Huͤlfe mein Vater vor fuͤnf Tagen ſich gerettet hatte, ſtieg ab, nahm das Pferd beim Zuͤgel, und zog es in die naͤchſte Karavanſerei. Wegen der Schoͤnheit des Pferdes, welches mein Vater geritten hatte, hielt ihn jedermann fuͤr einen vornehmen Pilger, unter einer mehr als beſcheidenen Kleidung. Der ſchlaue Mograby hatte ſchon ein Zim⸗ mer fuͤr ihn gefunden und eingerichtet, ließ dahin zu ſchon von mir reden gehoͤrt; aber du wirſt mit der Zeit erfahren, daß man aller Welt Boͤ⸗ Halajaddin, Prinz von Perſien. 191 eſſen bringen, nahm in der Eile ſelber etliche Biſſen zu ſich, und kuͤndigte ihm an, daß er wegginge. „Ruhe aus, mein Koͤnig,“ ſprach er zu meinem Vater,„ich muß in dem Palaſt und in der Stadt mich auf Kundſchaft legen, die Wuͤnſche der Herzen, die Stimmung der Gemuͤther erforſchen, und aus dem was man thut, abnehmen, was man zu thun geſon⸗ nen iſt.“— Mit dieſen Worten ging er hinaus, und kam erſt ſpaͤt wieder. „Was ſagſt du,“ ſprach er zu meinem Vater, „zu deinem thoͤrichten Volke? Man beluſtigt es mit Fe⸗ ſten zur Hochzeit des Sohnes deines Thronraͤubers mit der Prinzeſſinn Laila, und es iſt zufrieden, es ißt und trinkt, es tanzt, es hat dich vergeſſen. Wuͤßten wir nicht, wie bloͤdſinnig es iſt, wir wuͤrden auf Rache ſinnen: aber man muß ſich niemals, weder fuͤr noch gegen dieß Geſindel ereifern, es iſt nicht der Muͤhe werth; wenigſtens ſind es keine Heuchler. Ich haſſe nichts ſo ſehr, als die Larve der Weisheit. Dieſen Abend noch lege ich fuͤr dich die Hand ans Werk; aber ich muß Sicherheit haben: was gibſt du mir zum Un⸗ terpfande des Verſprechens, welches ich von dir for⸗ dere, und welches du mir hier erneuen mußt?“ Mein Vater war jetzo voll Ingrimm, Laila in den Armen eines andern zu wiſſen; die Eiferſucht verzehrte ihn, er hatte noch keine andre, als dieſe Prinzeſſinn 192 428. T a g. geliebt; ſie war ſeine erſte Leidenſchaft; uͤberdieß ver⸗ blendete ihn das Verlangen der Rache. „Ich weiß, was du verlangſt,“ ſagte er zu dem Mograby, p„es iſt das erſte Kind, welches ich mit ei⸗ ner rechtmaͤßigen Frau erzeuge: ich gebe es dir, ich wiederhole es, und wenn du es willſt, mein Pferd zum Unterpfande, weil es das einzige iſt, was ich hier be⸗ ſibe.— „Dein Pferd? das iſt ein gutes Thier, ich bin's zufrieden; ich will es morgen beſteigen, um darauf un⸗ ſre Angelegenheiten zu betreiben. Laß uns zu Nacht eſſen und dann ſchlafen: nicht Alle in dieſer Stadt wer⸗ den ſo gut ruhen, als wir.“ Am folgenden Morgen ritt der Mograby weg, und blieb den ganzen Tag aus. Am Abend erſchien er wieder: „Ich habe dir gute Zeitung zu bringen,“ ſagte er zu meinem Vater:„der Koͤnig, ſeine Veſyre und Emire haben die vergangene Nacht entſetzliche Traͤume gehabt; Geſpenſter haben ihnen ihre Treuloſigkeit, ihren Abfall vorgeruͤckt, und die fuͤrchterlichſten Drohungen hinzu⸗ gefuͤgt; heute war großer Divan,*) und du wuͤrdeſt recht gelacht haben uͤber ihre Beſtuͤrzung, als ſie ein⸗ ander ihre Traͤume mittheilten. *) Rathsverſammlung. b Halajaddin, Prinz von Perſien. 193 Der Thronraͤuber, als der ſchlaueſte, war am zu⸗ ruͤckhaltendſten mit Worten; aber er war beſtuͤrzter als alle uͤbrigen. Ich weiß nicht, welchen Beſchluß ſie gefaßt haben; wir werden morgen davon hoͤren, und uͤbermorgen wollen wir handeln. Die einzige Neuigkeit, welche ich ſonſt vernom⸗ men habe, iſt, daß man Befehl gegeben hat, die Feſte zur Vermaͤhlung des Sohns des Thronraͤubers mit der Kurdiſchen Prinzeſſinn einzuſtellen; und man weiß, daß ſie acht Tage laͤnger dauern ſollten. Das iſt ſchon ein kleiner Eingang zu einer voͤlligen Umwaͤlzung; man mmuß eine nachdruͤckliche Maaßregel ergreifen, um alle dieſe Leute zu entſcheiden, daß ſie zu ihrer Pflicht zu⸗ ruͤckkehren. Wir wollen uns morgen mit einander dar⸗ uͤber berathen.“ Vierhundert und neun und zwanzigſter Tag. Der Morgen kam; am Abend erſchien der Mo⸗ graby wieder, dem Anſcheine nach, in uͤbler Laune: „Wir haben,“ ſprach er,„mit Leuten zu ſchaffen, die ohne alle Staͤtigkeit ſind, ausgenommen im Boͤſen. Eine ſchlimme Nacht hatte Alle auf ihre Pflicht zu⸗ ruck gewieſen: ſie haben wieder eine gute Nacht ge⸗ habt, und alle ihre guten Entſchließungen ſind verflo⸗ VII. 13 429. Tag. gen. Ich ſehe, man muß derbe drauf ſchlagen, um ſie zu entſcheiden; und wenn es dir einige Genug⸗ thuung gewaͤhrt, deine Feinde in der groͤßten Angſt zu ſehen, ſo kannſt du dich hier daran ergetzen; denn ohne daß einer von uns beiden geſehen werde, will ich ſie in deiner Gegenwart traͤumen laßen: ſogleich will ich, damit das Schauſpiel deſto ſtaͤrkern Eindruck auf ſie mache, dieß ganze Zimmer ſchwarz ausſchlagen la⸗ ßen; meine dienſtbaren Geiſter haben Befehl, ſie her⸗ bei zu holen, ſo bald ſie zu Bette gegangen ſind; wir wollen hier, auf dem Sopha hinter dieſem Vorhange, beobachten, was vorgeht.“ Kaum hatte der Mograby ſeine Vorrichtungen beendigt, als ein großer Schwarzer von grimmigem Anſehn erſchien und zu dem Mograby ſagte: „Mein Herr und Meiſter, der Koͤnig iſt zu Bette gegangen, um die Nacht mit einer Circaſſierinn von großer Schoͤnheit zuzubringen, welche ein Sklavenhaͤnd⸗ ler ihm dieſen Morgen verkauft hat: deine Sklaven haben das Weib in Schlaf verſenkt und den Koͤnig aufgehoben, den man dir ganz ſchlaftrunken vorfuͤhrt.“ — Fladſch⸗Kadahé,“ ſagte der Mograby,„ſpiele deine Rolle gut. Laß den Koͤnig herein bringen und ihn auf dieſen hoͤlzernen Stuhl ſetzen; zuͤnde Feuer an, dich deſſelben noͤthigenfalls zu bedienen.“ Der Schwarze brachte ein Becken voll gluͤhender Kohlen, deren Glut ſein Athem noch mehr anfachte. —.,— Halajaddin, Prinz von Perſien. 195 Sobald der Thronraͤuber niedergeſetzt war, redete der Schwarze ihn mit einer Donnerſtimme an: „Wer biſt du, Elender?“ Der Schuldbewußte, von einer ſo drohenden Stim⸗ me befragt, ſuchte ſich zu ſammeln, und ſeine Sinne zu befragen, ob er denn wirklich erwacht waͤre; dann antwortete er mit einem Tone, der ſein Grauen bezeugte: „Bin ich denn nicht der Koͤnig von Perſien?“ „Du! der Konig von Perſien?— Sklaven,“ ſprach der Schwarze zu den vier anderen, die den Thronraͤuber hereingebracht hatten,„gebet ihm hundert Stockſchlaͤge auf die Fußſohlen, dieſem Sklaven des Vaters Birminvan⸗Schahs, der ſeinen Herrn durch eine abſcheuliche Heuchelei hinterging und ſich der ihm anvertrauten Macht des Reiches bedient hat, ſie ge⸗ gen den Sohn ſeines Wohlthäters zu kehren: ſo lautet der Befehl Nakaronkirs.“*) Der Ungluͤckliche ſtieß unter den Streichen der Ba⸗ ſtonnade ein ſo fuͤrchterliches Geheul aus, daß es die ganze Karavanſerei aufgeſchreckt haͤtte, wenn der Mo⸗ graby nicht Aller Ohren verſchloſſen haͤtte. Man er⸗ loͤſte ihn von dieſer Strafe, um ihn einer andern preis⸗ zugeben. *) Nakaronkir heißt ein Geiſt, welchen Mahomed den Schul⸗ digen im Traume ſendet, um ſie zur Reue zu bekehren. 196. 4 9. Ta g. I Der Schwarze befahl, ihn wieder auf den Schem⸗ mel zu ſetzen: V „Dieſer verruchte Heuchler will Koͤnig ſein,“ ſprach er,„man gebe ihm das Scepter in die Hand, und ſetze ihm die Krone auf den Kopf.“ Beide waren von Eiſen und roth gluͤhend gemacht. „Er will das Scepter nicht nehmen,“ ſchrie der Schwarze,„man ſetze ihm die Krone auf!“ Und man naͤherte die Krone ſeinem Kopfe, ſo daß ſie ihm die Haare verſengte; er griff nun, das klei⸗ nere Uebel zu waͤhlen, nach dem Scepter, und ver⸗ brannte ſich daran. „Ach! Gnade! Gnade!“ rief er aus:„Nakaronkir, ich will nicht mehr Koͤnig ſein.“ So viel Stunden du noch herrſchen wirſt, ſo viel feurige Kohlen wirſt du auf deinem Kopfe anzuͤnden,“ ſprach der Schwarze. „Ich will gar nicht mehr herrſchen, Nakaronkir; ich will nicht mehr Koͤnig ſein: wo iſt Birminvan⸗ Schah, daß er an meiner Statt wieder Koͤnig ſei?“ „Das iſt deine Sache, ihn ſuchen zu laßen,“ ant⸗ wortete ihm der Schwarze;„laß deinen ganzen Hof, die ganze Hauptſtadt, das ganze Reich Trauer anle⸗ gen; man ſuche den großen Fuͤrſten uͤberall, und ſo⸗ bald man ihn dir verkuͤndigt, ſo geh und fall ihm mit allen deinen ſchnoͤden Hofſchranzen zu Fuͤßen, thu' es baarhaupt und baarfuß.“ Halajaddin, Prinz von Perſien. 197 „Ach! entferne nur dieß gluͤhende Eiſen“ ſagte der Thronraͤuber, noch mehr von Furcht als von Schmerz gequaͤlt,„und ich will alles thun, was Na⸗ karonkir gebietet.“ „Fuͤr heute mag es genug ſein: hinweg mit ihm!“ ſagte der Schwarze Iladſch⸗Kadahé. Die vier Sklaven ergriffen ihn augenblicks, ver⸗ ſenkten ihn in Schlaf, und legten ihn an die Seite der Circaſſiſchen Schoͤnheit, welche jetzt aufwachte und nicht begreifen konnte, warum man ſie ſo lange hatte ſchlafen laßen, und woher ein brannſtiger, ſehr widri⸗ ger Geruch kaͤme. Als der Mograby mit meinem Vater allein war, begann er damit, das Zimmer wieder aufzuraͤumen. „Ich wollte dir zeigen,“ ſagte er,„wie ich mei⸗ nen Freunden zu dienen weiß: wenn dieſem Koͤnig abel mitgeſpielt iſt, ſo ſind ſeine Veſyre und die Be⸗ fehlshaber ſeiner Truppen nicht beſſer daran; nur ei⸗ nen habe ich verſchont, das iſt der Sohn des Thron⸗ räͤubers, weil die ſchoͤne Laila ihn ſchon derbe gezuͤch⸗ tigt, und er ſich ſehr ehrerbietig gegen ſie betragen hat.“ Hier wurde die Aufmerkſamkeit meines Vaters ſehr geſpannt:„Was hat denn Laila gethan, das ſo ſehr deinen Beifall hat?“— „Die Neuigkeit iſt eigentlich ſchon alt; aber die Verſchwiegenheit hat verhindert, daß ſie außerhalb des Palaſts ruchbar geworden, und ſie iſt nur noch bis 198* 429, Tag. zu mir gelangt, und zwar heute erſt. In der Hoch⸗ zeitnacht nahte ſich der junge Bräͤutigam, ſich der Umarmungen ſeiner Braut zu erfreuen: ſie aber lie ihn heran kommen, und ſpie ihm ins Geſicht: „Verwegener Sklave,“ ſprach ſie zu ihm,„der du es gewagt haſt, die Hand der Gemahlinn deines Herrn anzunehmen, ich erwartete dich hier, um dir deinen Lohn zu geben.“ Der Sohn des Thronraͤubers, der nicht nach ſei⸗ nem Vater ſchlachtet, trat beſtuͤrzt zuruͤck, blieb aber beſcheiden, und ohne ſich auf Entſchuldigungen einzu⸗ laßen, ſagte er: „Erlaubet, Herrinn, daß ich zu euren Fuͤßen ſchlafe; ich ehre euren Zorn, und das Zeichen wel⸗ ches ich davon trage, obwohl es mich demuͤthigt, ent⸗ ehrt mich doch nicht in meinem Herzen; ich kann dieſe Schmach ohne Murren ertragen: aber ich fuͤrchte mei⸗ nen Vater, und ich wollte lieber ſterben, als euch ei⸗ nen ſo gefaͤhrlichen Feind erwecken.“ „Ihr habt ein edles Herz,“ antwortete Laila,„ich verzeihe euch: verzeihet auch mir, und ſchlafet.“ 1 Alle folgenden Naͤchte ſind ſo wie dieſe hingegan⸗ gen, und deine Gemahlinn iſt deiner noch wuͤrdig: das iſt, wie ich meine, die beßte Neuigkeit, welche ich dir bringen kann, in Erwartung der Dinge, die morgen kommen werden. A Halajaddin, Prinz von Perſien. 199 Dieſe muͤßen ſehr ſeltſam ſein. Ich habe nicht allen Mitſchuldigen die Baſtonnade ertheilen laßen; ich will, daß ſie in dem Divan erſcheinen koͤnnen, der ſich morgen verſammeln ſoll; ich werde, unter irgend einer Geſtalt, auch dabei gegenwaͤrtig ſein, und dir treulich Bericht davon erſtatten. Aber die Nacht ruͤckt vor, und du wirſt wohl thun, ſie zu benutzen.“ Vierhundert und dreißigſter Tag. Mein Vater befolgte dieſen Rath um ſo leichter, als dasjenige, was er ſo eben von dem Benehmen der Kurdiſchen Prinzeſſinn gegen den Sohn des Thronraͤu⸗ bers vernommen hatte, ihm Stoff zu ſehr angenehmen Traͤumen gab. Was den Mograby betrifft, ſo glaube ich, er ſchlaft nur mit Einem Auge: er war, obwohl er ſich ſpat niedergelegt hatte, ſchon vor Tage wieder aufge⸗ ſtanden, und noch vor Aufſchluß des Thores aus der Karavanſerei gegangen. 37 Dieſen Tag kam er fruͤher zurüͤck, als gewoͤhnlich: „O Birminvan⸗Schah„“ ſprach er,„wie wuͤrdeſt du dich ergetzt haben, wenn du mit mir bei dem Di⸗ van haͤtteſt gegenwaͤrtig ſein, und die Unterredungen eine nach der anderen anhdren koͤnnen! 200. 430, Tag. Ich hoͤrte, wie die vier Veſyre, welche das Grauen zutraulich und aufrichtig gemacht hatte, einander ihre vier Traͤume mittheilten, bevor ſie ihre Sitze einnah⸗ men. Der Schreck malte ſich auf ihrem Antlitze, ſo wie das Erſtaunen uͤber die Uebereinſtimmung ihrer Traͤume. Sie riefen die vornehmſten unter den anwe⸗ ſenden Schriftgelehrten herbei und hielten mit ihnen eine geheime Sitzung. Das Erſtaunen derſelben war nicht minder groß; das entſtellte und beſtuͤrzte Anſe⸗ hen derjenigen, die ihnen dieſe Wunderdinge erzaͤhlten, bezeugte die Wahrheit davon; ſie wurde bald noch mehr durch die Ankunft der Emire, der Befehlshaber der Truppen, beſtaͤtigt. Jetzo haͤtteſt du dieſe Verſammlung ſehen ſollen, die mit Inbegriff der Thuͤrhuͤter und der Unterbeam⸗ ten aus hundert Perſonen beſtand, wie ſie ſich haufen⸗ weiſe zerſtreute, und man ſich uͤberall nur von Traͤu⸗ men und von Nakaronkir unterhielt: wenn dieſer Geiſt Gefallen daran findet, gefuͤrchtet zu werden, ſo iſt er niemals beſſer bedient worden, als durch mich. Endlich,“ fuhr der Mograby fort,„entſchieden die Vornehmſten der Verſammlung, verbunden mit den Aelteſten, nach einer langen verworrenen Berathung, man ſolle die Pforten des Divans verſchloſſen halten, um dem Willen Nakaronkir's gemaͤß verfahren zu koͤn⸗ nen, der denſelben ſo gut kund zu geben wiſſe. Halajaddin, Prinz von Perſien. 201 Man hatte vernommen, daß der Koͤnig unpaͤßlich waͤre; man zweifelte nicht, daß der Himmel ihn eben⸗ falls den Zuͤchtigungen Nakaronkirs hingegeben haͤtte; und da nunmehr die Furcht, welche dieſes ſchreckbare Geſpenſt erregt hatte, jede andre Furcht beſiegte, ſo wurden drei Abgeordnete beauftragt, dem Koͤnig an⸗ zukuͤndigen, man muͤße Birminvan⸗Schah uͤberall ſu⸗ chen laßen, um ihn wieder auf den Thron zu ſetzen. Ich folgte den Abgeſandten,“ fuͤgte der Mograby hinzu:„waͤre der Geiſt des Herrſchers nicht ſchon durch die heftigen Erſchuͤtterungen der Nacht darauf vorbe⸗ reitet geweſen, ſo wuͤrden ſie ſehr uͤbel empfangen wor⸗ den ſein; aber bewundert die Verſtellung und Heuche⸗ lei: ſeine Haare, ſeine Stirn, ſeine Fingerſpitzen ſind verbrannt, er fuͤhlt den heftigſten Schmerz davon; der Wille Nakaronkirs iſt niemand ſo nachdruͤcklich einge⸗ praͤgt worden, als ihm: und gleichwohl laͤßt er, mit unglaublicher Geduld, ſich die Abenteuer der Anderen erzaͤhlen, verbirgt ſeine Verwirrung und ſein Grauen, und haͤlt ihnen folgende Rede: „Ich hatte,“ hub er an,„die Zuͤgel des Staats ergriffen, aus Beſorgnis, daß die zu große Jugend Birminvan⸗Schahs ihn noch nicht in den Stand ſetzte, ſie feſtzuhalten; mein Vorſatz war, ſie ihm wieder zu übergeben, wenn das Alter und mein Beiſpiel ihn ge⸗ ſtaͤrkt haͤtten; durch ſeine Flucht hat er ſich meinen guten Abſichten entzogen: weil aber der Himmel, der 202. 430. TDag. ihn beſſer kennt, als ich, ihn fuͤr faͤhig erklaͤrt zu re⸗ gieren, ſo bin ich bereit, mich der Buͤrde zu entladen, welche ich fuͤr ihn uͤbernommen hatte; und er ſoll er⸗ kennen, daß, wenn ich eine Art von Gewalt habe ge⸗ brauchen muͤßen, um die Lenkung der oͤffentlichen An⸗ gelegenheiten zu jungen Haͤnden zu entreißen, ich eine noch viel groͤßere Gewalt anwenden will, ihn wieder auf den Thron zu berufen, von welchem er ſich ent⸗ fernt hat. Ich laße,“ fuhr er fort,„meinen ganzen Palaſt Trauer anlegen, und befehle darin ein allgemeines Fa⸗ ſten, welches nicht eher aufhoͤren ſoll, als bis man den Koͤnig wiedergefunden hat, deſſen Werkzeug ich hier nur ſein wollte. Dieſer Befehl ſoll ſich auch uͤber die ganze Stadt, uͤber das ganze Land erſtrecken, und demjeni⸗ gen eine Belohnung verheißen werden, der angeben kann, in welche Gegend der Erde Birminvan⸗Schah ſich zuruͤckgezogen hat. Dieß war mein Vorſatz, bevor ich eure leidvollen Berichte angehoͤrt hatte; ſie vermeh⸗ ren die Niedergeſchlagenheit, worin ich mich befinde. Meldet dem Divan, daß ich mich nur erheben werde, um Trauer anzulegen, wie alle meine Unterthanen; aber die meine ſoll noch tiefer ſein, denn ich will ſo lange mit geſchorenem Haar und Bart einhergehen, bis ich die Genugthuung erlangt habe, euren rechtmaͤßigen Herrſcher wieder auf den Thron zu ſetzen. In dieſem Zuſtande will ich mich aller Geſchaͤfte enthalten, und Halajaddin, Prinz von Perſien. 203 ihr werdet in meinem Namen den Veſyren die Lenkung des Staates befehlen.“ Da ſiehſt du, mein theurer Fuͤrſt,“ ſagte der Mograby zu meinem Vater,„den letzten Zug von Heuchelei des Thronraͤubers, deſſen Strafe dir nun aufbehalten iſt! Betrachte, mit welcher Kunſt er be⸗ ſonders die Wirkung des Feuers an ſeinem Haar und ſelbſt an ſeinem Barte dem Volke zu verbergen ſucht! Oh! das iſt ein bodenloſer Boͤſewicht! Nunmehr ſei unbeſorgt: laß das Volk ſich von ſelber aufregen, dich herbei wuͤnſchen, nach dir verlan⸗ gen, an allen Thoren dich erwarten; und wenn die Umwaͤlzung ſo weit vorbereitet iſt, daß uͤberall nur Eine Stimme fur dich ertoͤnt, ſo will ich dir das Pferd leihen, welches du mir verpfaͤndet haſt. Auf demſel⸗ ben, im ſtattlichen Anzuge, erſcheinſt du wieder; Jladſch⸗ Kabahé, mein Schwarzer, ſoll deinen oberſten Ver⸗ ſchnittenen, und ich will deinen Sklaven vorſtellen.— Nur noch vier Tage Geduld, und alles iſt abgethan; zumal, da ich nichts verabſaͤume, dir zu dienen; nichts ſchwebt uͤbrigens hiebei in Gefahr, denn deine Ge⸗ mahlinn wird fortwaͤhrend ehrerbietig behandelt.“ Mein Vater ließ den Mograby gewaͤhren. Am fuͤnften Tage ließ der Schwarzkuͤnſtler ihn, auf dem weißen Pferde mit ſchwarzen Maͤhnen, in Pilgertracht, aus einem Thore der Stadt hinaus reiten, und in ein andres wieder auf einem ſchwarzen Pferde, ſo wie es 2⁰4 430. 431. T a g9. bei ſeiner erſten Flucht war, herein reiten. Ein Rock und ein Turban von gutem Stoff, ohne praͤchtig zu ſein, hatten die Stelle des Pilgerkleides eingenommen; Iladſch⸗Kadahé und der Schwarzkuͤnſtler gingen ihm zur Rechten und zur Linken, die Hand hinten auf ſein Pferd geſtuͤtzt. Die erſten Leute aus dem Volke, die meinen Va⸗ ter erblickten, kamen herbei und warfen ſich ihm zu Fuͤßen; die Thorwache gerieth in Bewegung; in ei⸗ nem Augenblick lief eine große Volksmenge zuſammen, und mein Vater war genoͤthigt, in das Haus eines Emirs zu treten: es erſcholl ein allgemeiner Ausruf: „Es lebe unſer Koͤnig Birminvan⸗Schah!“ Vierhundert und ein und dreißigſter Tag. Dieſer Ruf verbreitete ſich bald bis zu den Tho⸗ ren des Palaſts, wo der Divan verſammelt war. Der Koͤnig, deſſen Brandmale ſich etwas verzogen hatten, begab ſich in die Verſammlung, und hier trat er, mit bloßem und geſchorenem Haupte und baarfuß, an der Spitze der Veſyre und Emire, meinem Vater entgegen, und bat ihn, ſeine Stelle auf dem Thron wieder ein⸗ zunehmen. Ich uͤbergehe die Erzaͤhlung der Feſtlichkeiten bei der Hochzeit meines Vaters mit der getreuen Lailla, Halajaddin, Prinz von Perſien. 205 deren Beſchreibung unnoͤthig waͤre; ich uͤbergehe, wie mein Vater ſich an dem Thronraͤuber und deſſen An⸗ haͤngern raͤchte, wobei allein der Sohn dieſes Boͤſe⸗ wichts verſchont blieb, weil er ſich gegen die Kurdiſche Prinzeſſinn, obgleich er empfindlich von ihr beleidigt worden, ſo ehrerbietig betragen hatte: ich komme auf die Abreiſe des Mograby. Als dieſes Ungeheuer, unter ſtaͤten Verwuͤnſchun⸗ gen gegen die Heuchelei, das Blut aller Mitſchuldigen hatte fließen ſehen, ſtellte er ſich voͤllig beruhigt uͤber die Lage meines Vaters, und ſprach: „Du biſt nunmehr auf deinem Throne befeſtigt; du bedarfſt meiner Huͤlfe nicht mehr; ich beurlaube mich: erinnere dich meiner, wenn dir ein Sohn gebo⸗ ren wird; denke daran, daß er der meinige iſt, dieſen Lohn habe ich wohl verdient; ich habe viel gearbeitet, ich werde hinfaͤllig, und bedarf eines Stabes fuͤr mein Alter. Erzieh' ihn gut, damit er, nach mir, auch die Stutze deines Alters werden moͤge.“ Nach dieſen Worten ließ er ſich ſein Pferd geben, und entſchwand. Mein Vater dachte damals, im Dran⸗ ge der Geſchaͤfte, und betaͤubt von Arbeiten ſo wie von Luſtbarkeiten, die mit ſeinem Range verknuͤpft wa⸗ ren, nicht weiter an die Bedingungen, unter welchen er denſelben wiedererlangt hatte, und die Reue ſtellte ſich erſt mit meiner Geburt ein. 2⁰06 431. Tag. Thraͤnen aus, als er bedachte, daß die erſte Frucht ſeiner Liebe zu der theuren Lalla von ihm ſelber dem Mograby uͤberlaßen war, einem Weſen, gegen welches er ſich des Verdachts nicht erwehren konnte, es fuͤr ſehr boshaft zu halten, trotz deſſen Eiferns gegen die Heuchelei. Jedesmal daß er mich in ſeine Arme nahm, er⸗ neuten ſich ſeine Thraͤnen. Meine Mutter hielt ſie anfangs fuͤr Ausbruͤche der Zaͤrtlichkeit: aber ſie tru⸗ gen ein Gepraͤge von beunruhigender Traurigkeit. „Du weinſt uͤber dieß Kind,“ ſprach ſie zu ihm; „was ſiehſt du an ihm ſo betruͤbendes? es iſt ſchoͤn wie der Tag, ein Koͤnigsſohn, beſtimmt zu herrſchen.“ „Laß uns nicht von ſeiner Beſtimmung reden, meine geliebte Laila,“ erwiederte mein Vater;„der Gedanke daran erfuͤllt mich jedesmal mit Grauen. Ich beſitze dich, und wir herrſchen, das iſt zweifelsohne ein großes Gluͤck: aber wir ſollen es ſehr theuer be⸗ zahlen.“ Hierauf erzaͤhlte er ihr alle ſeine Abenteuer. Mei⸗ ne Mutter Laila war nicht ſo erſchrocken, als er wohl gedacht hatte: man iſt bei den Kurden ohne Zweifel ſehr der Zauberei ergeben.— „Nun wohl,“ ſprach ſie,„was hat der Mograby damit ſagen wollen, als er deinen Sohn zum Stabe ſeines Alters von dir verlangtes Er wird ihn ohne Nach ſeinem eigenen Geſtaͤndniſſe preßte ſie ihm — Halajaddin, Prinz von Perſieu. 207 Zweifel zu einem Zauberer machen, wie er ſelber iſt: und iſt das ein ſo großes Ungluͤck fuͤr einen Prinzen? braucht er ihn deshalb von uns wegzunehmen? Es wird mich erfreuen, wenn unſer Sohn ſo ſchoͤne Kennt⸗ niſſe erwirbt, er wird in vielen Faͤllen nicht gendthigt ſein, ſich bei anderen Raths zu erholen. Ich finde, daß es die Wuͤrde eines Herrſchers erniedrigt, wenn er gendthigt iſt, die Huͤlfe ſeines Sterndeuters in An⸗ ſpruch zu nehmen.“ Mein Vater ließ ſich durch dieſe Betrachtungen verblenden; ich wurde mit aller erdenklichen Sorgfalt erzogen, und man war beſonders darauf bedacht, mich von den einzelnen Umſtaͤnden meiner Geſchichte zu un⸗ terrichten, ſobald ich in dem Alter war, daß ich ſie verſtehen und verſprechen konnte, ſie geheim zu halten. Obwohl ich mir nichts merken ließ, ſo konnte ich jedoch niemals von dem Mograby reden hoͤren, ohne eine Beklemmung des Herzens zu empfinden. Indeſ⸗ ſen erreichte ich faſt mein funfzehntes Jahr, und die Beſorgniſſe meiner Aeltern, ſo wie mein Grauen, be⸗ gannen zu verſchwinden, als eines Tages der Ober⸗ ſtallmeiſter meines Vaters in den Palaſt trat, ihm die Ankunft des ſtolzeſten und ſchoͤnſten aller Roſſe mel⸗ dete, und ihm vorſchlug, es zu erkaufen. Mein Vater hatte eine uͤbermaͤßige Leidenſchaft fuͤr dieſe Thiere, und fragte ſeinen Stallmeiſter: „Wo iſt dieſes Pferd?“ 203 431. Tag. „Herr,“ antwortete jener,„ich ritt an der großen Traͤnke vorbei, da fuͤhrte ein Menſch einen Apfelſchim⸗ mel heran, mit ſchwarzem Schweif und Maͤhnen, und einem vollkommen runden Streif um die Augen. Ich ſtieg ab, um dieſes praͤchtige Thier in der Naͤhe zu betrachten; ich bezeugte meinen Wunſch, es zu be⸗ ſteigen; der Menſch, dem es gehoͤrte, ſchien gern dar⸗ ein zu willigen. Niemals, Herr, iſt mir noch ein ſo gehorſames, ſo muthiges, ſo verſtaͤndiges und ſo ge⸗ wandtes Reitpferd vorgekommen; ich ſprach mit ihm, und es gehorchte aufs Wort: man ſollte glauben, daß das Perſiſche ſeine angeborene Sprache waͤre. Ich wollte es kaufen; der Fuͤhrer aber antwortete mir, es waͤre nicht zu verkaufen.„Es iſt fuͤr den Koͤnig,“ ſagte ich.—„Wenn das iſt,“ wurde mir antwortet,„ſo gehoͤrt es ihm.“ Ich nahm den ann beim Worte, und er iſt mit ſeinem Pferde in dem Hofe des Palaſts.“ Ich war bei meinem Vater, als der Stallmeiſter ihm dieſe Botſchaft brachte, und ich hatte großes Ver⸗ langen, das ſchoͤne Thier zu ſehen: aber Birminvan⸗ Schah, uͤber dieſe Nachricht betroffen, und nicht zwei⸗ felnd, daß es der Mograby waͤre, der ihm ſein Pferd zuruͤckbraͤchte, nahm mich bei der Hand und fuͤhrte mich zu meiner Mutter. „Meine geliebte Laila,“ ſprach er zu ihr,„jetzt iſt der Augenblick der Pruͤfung da: der Mograby hat Halajaddin, Prinz von Perſien. 209 unſer nicht vergeſſen, wie wir uns ſchon ſchmeichelten; er koͤmmt, unſer Kind abzufordern, und die Verweige⸗ rung ſetzt uns zahlloſen Gefahren aus.“ „Man muß ihn hier empfangen,“ ſagte Laila: „ich fuͤrchte mich vor keinem Zauberer; man hatte mei⸗ ne Amme in Verdacht, eine Zauberinn zu ſein; ſie hat mir nie etwas zu Leide gethan, und gleichwohl erzaͤhlten die Sklavinnen meiner Mutter, ſie haͤtten ſie Haare in ein Waſſerkuͤbel werfen und Froͤſche daraus machen ſehen.— Wenn er koͤmmt, werde ich mit ihm reden.“ Vierhundert und zwei und dreißigſter Tag. Man fuͤhrte den Mograby herein, und er erſchien mit großer Ehrerbietung. Mein Vater erwiederte ſei⸗ nen Gruß ſo freundlich, als er vermochte; jedoch be⸗ merkte man wohl den Zwang in ſeinem Benehmen. „ͤSterndeuter oder Zauberer,“ ſprach Laila zu ihm, „denn du biſt zweifelsohne beides, du haſt unſer Kind in deinen Schutz genommen; du haſt uns verſprochen, ſein zweiter Vater zu ſein: du haſt dich jedoch ziemlich lange nicht um ihn bekuͤmmert. Er iſt indeſſen in dem Alter, wo man Unterricht annimmt; aber du wirſt ihn gut vorbereitet finden, und wir hoffen, wenn du VII. 14 210 43²2. Dag. hier ihn ferner unterrichten willſt, du wirſt taͤglich zu⸗ friedener ſein mit der Sorgfalt, womit wir ihn erzo⸗ gen haben. Uebrigens wirſt du hier von jedermann gern geſehen ſein, und beſonders von mir, der ich im⸗ mer die Gelehrten geachtet habe; wir wollen dich zum Augen, als in den Augen anderer, zu erheben.“ Der Mograby lehnte dieſes freundliche Erbieten ab. Er kaͤme nicht, ſagte er, um an meiner Erzie⸗ „hung zu arbeiten, noch ein fremdes Kind abzuholen, ſondern ſein eigenes, kraft eines ausdruͤcklichen Vertra⸗ ges, wofuͤr man von ihm das Pfand zuruͤckgenommen habe. Man ſaͤhe nur, fuhr er fort, Undankbarkeit und Wortbruͤchigkeit auf Erden, und man vermeinte ſich aller Schuld zu entledigen, wenn man ſeinen Wohlthaͤ⸗ ter mit einem leeren Titel ehrte und ihn mit honigſuͤ⸗ ßen Worten abſpeiſete. Mit dieſen Worten faßte er mich bei der Hand, welche ich ihm wieder zu entwinden ſtrebte. Meine Mutter, in Thraͤnen zerfließend, ergriff mich bei dem Rocke, aber er blieb ihr in den Haͤnden. Ich ent⸗ ſprang, in ein Windſpiel verwandelt, durch ein Fenſter; der Mograby aber folgte mir durch daſſelbe nach, und bald befanden wir uns beide im freien Felde. Er hielt eine Peitſche in der Hand, womit er mich unmenſchlich ſchlug, und die ſich in eben dem Maaße zu verlaͤn⸗ Veſyr machen, nicht ſo wohl, um dich in unſeren * —— Halajaddin, Prinz von Perſien. 211 gern ſchien, wie ich mich anſtrengte, ſeinen Streichen zu entrinnen. Ich vermag nicht zu ſagen, ob, waͤhrend ich ſo dahin floh, das Licht des Mondes auf Erden die Stelle des Sonnenlichts eingenoemmen. Sterbend vor Hun⸗ ger und Durſt, an allen Theilen meines Leibes voll Schmerzen, und ſtaͤts zum Laufen angetrieben, ob⸗ ſchon von Muͤdigkeit erſchoͤpft, ſtuͤrzte ich endlich in die Quelle, welche ihr am Fuße des Berges geſehen habt, und roͤthete ſie mit dem Blute, das aus den Wunden hervorquoll, welche die Peitſchenhiebe auf mei⸗ nem Leibe gemacht hatten. Nachdem er mich gezwungen, einige Zeit darin zu bleiben, zog er mich in dem Augenblicke, wo die Fri⸗ ſche des Waſſers mir das Blut erſtarrte, wieder her⸗ aus und gab mir meine erſte Geſtalt wieder zuruͤck. Ich wiederhole euch nicht die Laͤſterungen, welche er jetzt gegen mich und meinen Vater ausſpie, noch die Schmeichelreden, wodurch er mich dann zu gewinnen ſuchte, als er mich hieher gebracht hatte, um mich zu vermoͤgen, die uͤbrige Welt zu vergeſſen und mich ganz ihm zu uͤberliefern: ihr habt dieß Gemaͤlde ſeiner Arg⸗ liſt ſchon entworfen. Er wechſelt ohne Zweißel darin nach den Unſtaͤnden, nach Beſchaffenheit der Grund⸗ ſaͤtze, welche er zu zerſtoͤren ſtrebt, und der Vorſtellun⸗ gen, welche er ausrotten oder verwirren will. 212 4 4 452. TC a g. Indeſſen fing ich an, mich in Geduld zu faſſen, als er mich allein gelaßen, und mir das Studium der Buͤcher empfohlen hatte, von welchen ihr auch Kennt⸗ nis genommen habt, und ich erſah, daß ich mich von Dingen unterrichtete, welche mir nuͤtzlich werden koͤnnten. In Erwartung ſeiner Ruͤckkehr, frohlockte ich, daß ich alles gelernt hatte, was die erſten zwoͤlf Buͤcher enthielten, und daß in denſelben keine Verrichtung ge⸗ lehrt war, welche ich nicht im Stande war vorzuneh⸗ men, als er ploͤtzlich erſchien. Ich naͤherte mich ihm mit zutraulicher Miene, und kramte ihm meine Wiſſenſchaft aus. Er aber gab mir eine Maulſchelle, und ſagte zu mir: „Unwiſſender, Faullenzer, der nichts thut, wenn er ſich ſelber uͤberlaßen iſt! Waͤhnſt du, daß ich Zeit habe, dich immer wie einen Schuͤler anzuleiten?“ Ich war mir nichts Boͤſes bewußt, und wollte reden, um ihn von ſeinem Unrecht zu uͤberzeugen. Er aber gab mir noch eine Ohrfeige, die mich faſt zu Bo⸗ den ſtuͤrzte: „Man widerſpricht mir nicht,“ ſagte er;„ich komme nur auf kurze Zeit her, und gehe wieder weg. Wenn ich zuruͤckkomme und nicht Urſache habe beſſer — mit dir zufrieden zu ſein, ſo werde ich zu nachdruͤckli⸗ cheren Zuͤchtigungen greifen.“ Halajaddin, Prinz von Perſien. 213 Mit dieſen Worten ging er in ſeinen Palaſt, ſtellte ſich, als ſuchte er darin etwas, das er brauchte, machte mir ein Zeichen, als wenn er Abſchied von mir naͤhme, und wirklich ſah ich ihn nicht mehr. Ich warf mich auf mein Bette und badete es mit meinen Thraͤnen; ich verwuͤnſchte meinen Verfolger zu Nakaronkir, von dem ich meinen Vater und meine Mutter ſo oft erzaͤhlen gehoͤrt hatte; ich fuͤhlte ein „gluͤhendes Verlangen, mich in die Arme derjenigen zu werfen, von denen ich ſo viel Liebkoſungen empfangen hatte. Da fiel mir die Wiſſenſchaft wieder ein, wel⸗ che ich mir zugeeignet hatte: ich konnte mich vermit⸗ telſt derſelben in einen Voögel verwandeln; aber ich mußte ein Raubvogel werden, um mich ſehr hoch erhe⸗ ben zu koͤnnen und nicht die Beute der anderen Voͤgel zu werden. Ich beſchloß alſo, mich in einen Adler zu ver⸗ wandeln:. „Ich will mich,“ ſprach ich bei mir ſelber,„den Blicken der Jaͤger entziehen, und mich nur niederlaßen, um Nahrung zu ſuchen. So werde ich die Hauptſtadt von Perſien erreichen: ich ſchluͤpfe bei Nacht in das Schloß meines Vaters, am Morgen findet man mich auf der Terraſſe vor ſeinem Zimmer, und ich halte im Schnabel meinen Namen auf ein Stuͤck Rinde ge⸗ ſchrieben.“ 215. 432. Tag. Ich brachte die Nacht damit zu, meinen Entwurf auszubilden. Mit der Sonne ſtand ich auf; ich ſchrieb auf ein Stuͤck Rinde, die ich tragen wollte, die Worte: „Der arme Halajaddin, Prinz von Per⸗ ſien.“ Sodann beſchaͤftigte ich mich mit meiner Ver⸗ wandlung, und wollte lieber mein lebelang ein Vogel bleiben, als laͤnger der Mishandlung des Schwarz⸗ kuͤnſtlers unterworfen ſein. Die Bezauberung, die ich mit mir vornehmen wollte, fing ſchon an zu wirken; ſchon fuͤhlte ich meine Naſe ſich in einen Schnabel verwandeln, meine Arme in Fluͤgel, und ich ſah mich mit Federn bedeckt. Voll Freuden und Hoffnung neh⸗ me ich meinen Zettel, packe ihn mit einer meiner Krallen, und ſchwinge mich empor. Aber da fuͤhlte ich mich ungeſtuͤm bei dem Schwanze feſtgehalten, und einen ſolchen Schlag auf meinen Ruͤk⸗ ken, daß er haͤtte brechen moͤgen; es war der Schwarz⸗ kuͤnſtler der mich anhielt; er hub kaltbluͤtig den mei⸗ ner Kralle entfallenen Zettel auf und las: der arme Halajaddin. „Ja wohl arm,“ ſprach er,„wie ſein Vater und ſeine Mutter, aber arm an Gefuͤhl, an Dankbar⸗ keit, an jeder Art von Tugend. Du haſt dich zum Vogel gemacht, Undankbarer! aber Raubthiere kom⸗ men nicht in mein Vogelhaus, ich werde dir deinen Platz anweiſen.“ Halajaddin, Prinz von Perſien. 215 Ich war mehr todt, als lebendig; ich erhielt mein Bewußtſein nur wieder, um inne zu werden, daß ich an den Beinen zwiſchen Sterbenden und Leichnamen aufgehaͤngt war, an dem Orte, wo ihr uns gefunden habt. Hier blieb ich ſeitdem in einen qualvollen Zu⸗ ſtand verſenkt, ohne mir meiner Leiden deutlich bewußt zu ſein. Mir war, als wenn der Mograby, einem Teufel aͤhnlicher als einem Menſchen, mich mit einer Peitſche voll eiſerner Stacheln verfolgte, die mich un⸗ aufhoͤrlich traf, waͤhrend ich dem Geſpenſte des Todes nachlief, das vor mir floh; und aus dieſem Traume erwachte ich nicht eher, als in dem Augenblicke, da ihr mich aus der Grube zoget.“ Man kann ſich vorſtellen, welche Wirkung die Er⸗ zaͤhlung des Prinzen von Perſien auf den Geiſt und das Herz Habed⸗il⸗Rumans machte: aber er maͤßigte ihren Ausdruck, ſelbſt in ſeinem Antlitze. Er wandte ſich hierauf an einen andern ſeiner Un⸗ gluͤcksgefaͤhrten, und bat ihn, auch ſeine Abenteuer umſtaͤndlich zu erzaͤhlen. Dieſer Juͤngling, der neun⸗ duhn Jahr alt ſein mochte, that es auf der Stelle, alſo:— Geſchichte Jamaladdins, des Prinzen von Groß⸗Katai. Vierhundert und drei und dreißigſter Tag. „Mein Großbater war Barbier in der Stadt Schi⸗ ras;*) hier lebte er ganz gemaͤchlich von ſeinem Ge⸗ werbe, weil er arbeitſam und geſchickt war. Er beſaß mehr Verſtand, als gemeinlich die Leute ſeines Stan⸗ des haben; was ſeine Unterhaltung auch denen ange⸗ nehm machte, die durch Reichthum oder andere Gaben uͤber ihm ſtanden. Ein geſchickter Sterndeuter, der in der Nachbar⸗ ſchaft wohnte, kam haͤufig in unſer Haus. Eines Ta⸗ *) Hauptſtadt von Perſien. Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 217 ges ſah dieſer ſeine Frau haſtig ihren Schleier nebmen, um auszugehen:„Wo willſt du hin?“ fragte er ſie. Der Frau unſers Freundes, des Barbiers, die in Wochen iſt, Huͤlfe leiſten.“ „Bringe mir doch,“ ſagte ihr Mann darauf, „wenn du zuruͤckkoͤmmſt, die Namen des Kindes, des Vaters, der Mutter, des Großvaters und der Groß⸗ mutter mit; man befraͤgt uns nur bei der Geburt der Großen, als wenn ſie allein wichtig auf Erden waͤren. Unſer Freund, der Barbier, hat manchmal ſehr gluͤck⸗ liche und geiſtreiche Einfaͤlle, und es koͤnnte wohl ſein, daß er ein Kind erzeugte, welches nicht zu den ge⸗ woͤhnlichen Menſchen gehoͤrte.“ Die Frau verſprach den Auftrag auszurichten. Meine Großmutter kam ſehr gluͤcklich mit einem Sohn nieder, der Schaskar genannt wurde, und un⸗ ſre Nachbarinn brachte ihrem Manne, dem Sterndeu⸗ ter, was er von ihr verlangt hatte. Der Sterndeuter begann ſogleich ſeine Arbeit, und beſtimmte genau die Stunde der Geburt. Mein Vater war unter dem Planeten Il-Marlik*) im Aufſtei⸗ gen geboren, und in demſelben Augenblick erſchien die⸗ ſer Planet, durch das Aſtrolabium beobachtet, ſehr hell. Indem er nun die Summe der Buchſtaben aller der Namen berechnete, welche er vor Augen hatte, ſah *) d. i. der Saturn. 213 433. TDag. er, daß ſie verkuͤndigte, das Kind wuͤrde einſt Koͤnig werden; und ſein hellleuchtender Stern warf ſeine Shaben auf eine weite Strecke des großen Reichs von ina. Aber der Stern begann in einem roͤthlichen Lichte zu ſchimmern; und das verkuͤndigte fuͤr denjenigen, den ſein Einfluß beherrſchte, wenigſtens große Hinderniſſe auf ſeinem Wege zu einem ſo hohen Gluͤcke. „Ich habe es dir wohl vorausgeſagt,“ ſprach der Sterndeuter zu ſeiner Frau;„das Kind unſers Nach⸗ barn, des Barbiers, wird einſt ein großes Gluͤck ma⸗ chen: wir muͤßen hingehen und ſeinem Vater und ſei⸗ ner Mutter dazu Gluͤck wuͤnſchen.“ Meinem Großvater ſchmeichelte die Sterndeutung ſeines Nachbarn ſehr. Er und ſeine Gattinn wandten alle moͤgliche Sorgfalt auf die Erziehung meines Va⸗ ters; der Sterndeuter war auch dabei behuͤlflich, und als mein Vater ſechzehn Jahr alt war, gab es keinen Juͤngling in ganz Schiras, der ſo gut unterrichtet war, als er: man ſtellte ihn den Kindern der beßten Haͤuſer zum Muſter auf. „Da ſpiegelt euch,“ ſprach man zu ihnen,„an Schaskar, dem Sohne des Barbiers!“ Es iſt wahr, er verband damit eine ſchoͤne Ge⸗ ſtalt und eine gluͤckliche Geſichtsbildung; von ſeiner Beſtimmung unterrichtet, ſuchte er ſich derſelben durch ſein Betragen und ſeine Haltung wuͤrdig zu zeigen. Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 219 Eines Tages, als Schaskar ins Bad ging, war er der erſte daſelbſt; nachdem er durch den Saal ge⸗ gangen war, wo man die Kleider ablegt, und durch einen zweiten Saal, um in die Badſtube zu treten, glitſchte ſein Fuß, obwohl er ſonſt einen ſehr feſten Gang hatte, auf einer naſſen Marmorplatte aus. Er ſtampfte, um das Gleichgewicht wieder zu gewinnen, mit dem Fuße heftig auf die Platte: augenblicklich oͤff⸗ nete ſich dieſe, es ſtieg ein Dampf aus der Oeffnung, dieſer Dampf zog ſich zuſammen, und ſtellte den Au⸗ gen Schaskars einen Geiſt in Menſchengeſtalt dar. „Laß Alltagsmenſchen ſich baden,“ redete der Geiſt ihn an,„und reiſe du nach China; nimm deinen Weg dahin durch die Große Mauer;*) du wirſt zu Aſtrakan n) eine Karavane treffen, welcher du dich anſchließen kannſt; geh, nimm deine Kleider wieder, wo du ſie gelaßen haſt: man hat eine Summe Geldes daßn gelegt, welche ſich, ſo oft es ndthig iſt, erneuen wird.* Wenn du am Fuße der großen Mauer biſt, wirſt du andre Huͤlfe bekommen: aber vertraue das Geheim⸗ nis deiner Abreiſe niemand.“ “) Welche China im Norden gegen die Mongolei, Tatarei u. ſ. w. 150 Meilen lang(die vielen Krümmungen ungerech⸗ net,) einſchließt, und vor 2000 Jahren gebauet iſt.. *) Stadt an der Wolga unweit des Kaspiſchen Meeres. 22G 433. Tag. Mein Vater ging hin, nahm ſeine Kleider wieder, und fand dabei einen Beutel mit zweihundert Gold⸗ ſtuͤcken. Er nahm davon zwanzig, ſteckte ſie unter das Kopfkiſſen ſeiner Mutter, und verließ die Stadt; da— begegnete er einem Manne, der mit Kameelen den ihm angedeuteten Weg zog, er kaufte eins davon, und be⸗ gab ſich ſo ſchleunig als moͤglich nach Aſtrakan. Die Karavane langte dort an, er geſellte ſich zu ihr, feſt entſchloſſen, ſich nicht von ihr zu trennen, als er an demſelben Tage, da man den Fuß der gro⸗ ßen Mauer zu erreichen gedachte, des Morgens einſchlief. Sein Kameel entfernte ſich unbemerkt von den uͤbrigen, und als er erwachte, befand er ſich ganz al⸗ lein mitten in einer Wuͤſte. Er beſchleunigte ſeinen Ritt, in der Hoffnung, ſeine Reiſegefaͤhrten noch ein⸗ holen zu koͤnnen: aber als die Nacht kam, gewahrte er durch Beobachtung der Sterne, daß er eine ganz ent⸗ gegengeſetzte Richtung genommen hatte, und ritt die ganze Nacht durch, um wieder auf den verlornen Weg zu kommen. Z Der Tag brach wieder an: er ließ ſein Kameel d kaum einen Augenblick ruhen; kaum ließ er ihm ſo viel Zeit, etwas von dem kleinen, noch uͤbrigen Mund⸗ vorrath zu freſſen; er trieb es den ganzen Tag vor⸗ waͤrts, ebenſo die folgende Nacht, und befand ſich, als die Sonne die Schatten derſelben zerſtreute, am Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 221 Fuße der großen Mauer, aber an einer Stelle, wo kein Durchgang war. Er war erſchoͤpft von der Anſtrengung, und ſein Kameel vermochte ihn nicht mehr zu tragen. Er war im Begriff, ſich der Verzweiflung hinzugeben, als er einen Derwiſch erblickte, der mit einem Buche in der Hand, hinter einem Geſtraͤuche hervortrat. Dieſer An⸗ blick belebte ihn wieder, er ſtieg von ſeinem Kameel, und ging auf den Geiſtlichen zu. „Heiliger Mann,“ ſprach er zu ihm,„ich bin ein Perſer, von Gewerbe ein Kaufmann, und von meiner Karavane verirrt, die nach China zieht; kannſt du mir nicht ſagen, ob ich nahe bei dem Thore bin, welches von der Seite der großen Tatarei hinein fuͤhrt?“ „Du biſt fuͤnf gute Tagereiſen davon entfernt, und gebrauchſt viel laͤngere Zeit, um dahin zu gelan⸗ gen,“ antwortete ihm der Derwiſch,„weil du nicht langs der Mauer hin reiſen kannſt: du mußt den Weg wieder aufſuchen, ſonſt wuͤrdeſt du in Suͤmpfe gera⸗ then, welche dir zur Rechten und zur Linken ſind. Ueberdieß, haſt du einen Paß?“ „Nein,“ antwortete mein Vater. „In dieſem Falle,“ ſagte der Derwiſch,„wuͤrde man dich nicht durchlaßen; kein Fremder wird in China eingelaßen, außer denjenigen, die mit den Karavanen ankommen, und ordentliche Paͤſſe haben.“ 222 433. 434. Tag. „So bin ich ſehr ungluͤcklich,“ ſagte Schaskar ſeufzend. „Es gibt fuͤr alles Rath, wie du weißt, mein Bruder,“ ſagte der Derwiſch,„außer fuͤr den Tod. Komm in meine Huͤtte, ſie iſt nicht weit von hier, du wirſt dort eine Quelle und Weide fuͤr dein Kameel fin⸗ den. Ich thue hier Buße, du kannſt ſie mit mir thun, und wenn du mir dein Herz oͤffneſt, ſo erſinnen wir vielleicht ein Mittel, dir aus der Noth zu helfen.“ Mein Vater folgte dem Derwiſch, zog das Ka⸗ meel am Halfter hinter ſich her, und ſo gelangten ſie an die Huͤtte; dieſe beſtand aus einer nicht ſehr tiefen Hoͤhle, die außen mit einer Laube bedeckt war. „Du wirſt hungrig ſein, mein lieber Gaſt,“ ſagte der Derwiſch;„ich habe hier Milch von einer Ziege, die ich unterhalte; auch habe ich eine friſche Honig⸗ wabe, welche ich heute in einem Baume gefunden, und einige getrocknete Fruͤchte: das iſt mein ganzer Vorrath.“ Indem er dieß ſagte, ſetzte er auf einen Stein, der als Tiſch diente, die genannten Speiſen hin. Vierhundert und vier und dreißigſter Tag. Obgleich mein Vater in dieſem Augenblick waͤhnte, daß ſein Unſtern ihn irre gefuͤhrt hatte, dennoch dankte Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 223 er ihm fuͤr dieſe kleine Huͤlfe. Er aß, er trank, und betrachtete dabei den Derwiſch, der das Kameel ſpannte, um es im Freien weiden zu laßen.. Als der geſchaͤftige Derwiſch das Thier beſorgt hatte, kam er eilig wieder zu ſeinem Gaſt und ſagte zu ihm: „Du mußt mit einem einfachen Mahle vorlieb nehmen; ohne Zweifel biſt du an einen beſſer beſetzten Tiſch gewoͤhnt; dein edles Ausſehn verkuͤndigt, daß du nicht von gemeinem Stande biſt.“ „Ach nein!“ antwortete mein Vater, der von Na⸗ tur ſehr offenherzig war;„du biſt ſo freundlich gegen mich, dein Stand floͤßt mir ſo viel Zutrauen ein, und ich fuͤhle ein ſo ſtarkes Beduͤrfnis, mein Herz auszu⸗ ſchuͤtten, daß ich nicht anſtehen darf, dir aufrichtig meine Geſchichte zu erzuͤhlen. Du ſiehſt in mir, was die Gelehrten, welche ſich mit der Sterndeutung abgeben, ein Sternenkind nen⸗ nen; mein Geſtirn verſprach mir, laut ihrer Berech⸗ nungen, eine Krone; und wenn ich dich nicht ange⸗ troffen, haͤtte ich vielleicht morgen ſchon die Krone er⸗ halten, welche Mahomed den Muſelmaͤnnern verheißt, welche, dem Uebermaaße des Ungluͤcks erliegend, ohne Murren ſterben. Mein Name iſt Schaskar, und ich bin der Sohn eines Barbiers in Schiras.“— Nachdem mein Vater ſeinen Namen und Herkunft geſagt hatte, erzaͤhlte er treulich ſeine ganze Geſchichte, 224 434. Tag. mit Auslaßung keines Umſtandes; und als er auf den Beutel mit zweihundert Zeckienen kam, welche man ihm gegeben hatte, warf er ihn auf den Tiſch: „Da iſt er,“ ſagte er,„ich habe auf meiner Reiſe bis hieher mehr als vierhundert Goldſtuͤcke aus⸗ gegeben, und des Morgens, wann ich erwache, iſt er immer wieder voll.“ Der Derwiſch hoͤrte die Erzaͤhlung meines Vaters mit der groͤßten Aufmerkſamkeit an, und ſagte dann: „Ich kenne dieſen Beutel, ich weiß, woher er koͤmmt, er mahnet mich, daß ich gegen dich Pflichten von groͤßerem Umfange habe, als gegen einen gewoͤhn⸗ lichen Gaſt. Du haſt dich mir vollſtaͤndig zu erkennen gegeben, und ich muß mich nunmehr auch dir entdecken. Du biſt, mein theurer Schaskar, ein Sternenkind, und ich bin durch meine Beſtimmung dem Dienſte der⸗ jenigen gewidmet, welche durch das Geſtirn beguͤnſtigt ſind; und hat es dich hieher gefuͤhrt, ſo hat es mir Befehl ertheilen laßen, dich hier zu erwarten. Du befreieſt mich von einer großen Unruhe; denn weil es in den Befehlen, welche wir empfangen, im⸗ mer Dunkelheiten gibt, und ich durch die meinigen ge⸗ noͤthigt war, mich in Derwiſchtracht in eine von allen Straßen abgelegene Gegend an der großen Mauer von China zu begeben, ſo bin ich hier ſchon ſeit vier Ta⸗ gen, ſchlecht bekleidet und bekoͤſtigt, um dem empfan⸗ genen Befehle nachzuleben. — 21 Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 225 Der Endzweck meines Auftrags fing an, mich zu beunruhigen: aber ich erkenne nunmehr die Wichtigkeit deſſelben; es handelt ſich darum, dem Reiche von Groß⸗Katai*) einen Beherrſcher zu geben, und dieſe Krone ſoll auf dein Haupt fallen, Herr Schaskar.“ Hierauf zog der falſche Derwiſch ein Staͤbchen von Ebenholz aus einem Sacke, den er unter dem Arme trug, ließ es auf ſeinen Fingerſpitzen ſo geſchickt ſich dre⸗ hen, daß es ſchien als wenn es darauf herum huͤpfte. „Wohlauf,“ ſprach er,„Medſchine, thu' deine Pflicht!“ Sogleich ließ eine unendlich liebliche Stimme ſich hoͤren:„Was verlangt mein Herr, der maͤchtige Mo⸗ graby, von ſeiner Dienerinn?“ „Hatte ich dir erlaubt, mich zu nennen, kleine Schmeichlerinn?“ antwortete der falſche Derwiſch:„du ſiehſt docch, daß mein Gaſt ein Mann von der hoͤch⸗ ſten Wichtigkeit iſt; er hat ſehr ſchlecht gefruͤhſtuͤckt, und befindet ſich hier ſehr ungemaͤchlich: rufe meine Leute herbei, und laß ſchleunig ein beſſeres Gemach fuͤr uns bereiten, wo wir behaglich zu Mittag eſſen *) Ein andrer Name für China. Katai heiten eigentlich die ſechs Nordprovinzen, im Gegenſatze von Maha⸗Lſchin, d. i. Groß⸗China, im Süden. VII. 15 226 3 434. Tag. koͤnnen; bedenke, daß mein Gaſt ein edler Perſer iſt, und daß wir eine Flaſche Schiraswein haben muͤßen.“ Die feine Stimme ließ ſich nochmals hoͤren:„Mein Herr,“ ſagte fie,„ſoll ſogleich bedient ſein.“ Mein Vater war etwas verwundert, jedoch weni⸗ ger, als es ein andrer geweſen waͤre, der nicht ſchon durch ein Wunder an den Fuß der Mauer von China gefuͤhrt worden. Der falſche Derwiſch bemerkte es, und ſagte zu ihm: „Meine kleine Schaffnerinn hat dir meinen Na⸗ men geſagt, Herr Schaskar: ich hoffe, dir Anlaß zu geben, daß du ihn zeitlebens nicht vergeſſen wirſt. Waͤhrend unſer Mahl bereitet wird, muß ich dich uͤber das aufklaͤren, was dir durch deine Beſtimmung aufbehalten iſt, wenn du dich dem Gluͤcke nicht wei⸗ gerſt, welches dich erwartet; denn ungluͤcklicherweiſe hat es der Menſch ſtaͤts in ſeiner Gewalt, ſich ſelber Hinderniſſe in den Weg zu legen, und ich habe man⸗ chen durch die Schwaͤche ſeines Betragens ſeine Be⸗ ſtimmung Luͤgen ſtrafen ſehen. Es ſind dabei einige Opfer zu bringen, ich ſage es dir zuvor. Die Krone von Groß⸗Katai iſt erledigt durch den Tod des Herrſchers, der ihren Scepter fuͤhrte, und der keine maͤnnliche Erben hinterlaßen hat; man muß binnen fuͤnf Tagen durch eine Feierlichkeit und nach einem in dieſem Lande herkoͤmmlichen Brauche, zur Wahl eines Beherrſchers ſchreiten. Es haͤngt jetzo Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 227 nur von dir ab, Koͤnig von Groß⸗Katai und Gemahl der ſchoͤnſten Prinzeſſinn auf Erden, der einzigen Toch⸗ ter des verſtorbenen Koͤnigs, zu werden: ihre Anmuth, ihre Reize, ihre Tugenden uͤbertreffen noch beiweiten die Reichthuͤmer, welche ihre Hand begleiten.“ Man kann ſich denken, welche Wirkung eine ſolche Eroͤffnung auf meinen Vater machte: von Kindheit auf mit ehrgeizigen Vorſtellungen genaͤhrt, ſah er ſich nun ſo nahe am Ziele, daß er es faſt im Augenblicke er⸗ reichen konnte; es war zwar nur ein als Derwiſch gekleideter Mann, der ihm dieſen Antrag gemacht hatte; aber er hatte das Staͤbchen tanzen geſehen und die Stimme Medſchinens gehoͤrt. „Herr Mograby,“ ſprach er zu ſeinem Wirthe, „ich habe die muͤhſelige Reiſe, welche ich gemacht, nicht unternommen, um am Fuße der Mauer von China ſte⸗ hen zu bleiben, und weigere mich keiner Forderung, vorausgeſetzt, daß es kein Verbrechen iſt.“ „Weit entfernt, daß dasjenige, was ich von dir fordre, fuͤr dich ein Verbrechen ſein ſollte,“ verſetzte der Mograby,„iſt es vielmehr in mancher Ruͤckſicht, wie du ſelber einſehen wirſt, eine Handlung der Tugend, ein leichtes Opfer, ein Zeugnis deiner Erkenntlichkeit zu Gunſten desjenigen, der dir ſo gut gedient hat.“ — 228. 435. T a g. Vierhundert und fuͤnf und dreißigſter Tag. Als der Mograby dieſe Worte ausgeſprochen hatte, erſchien ein Schwarzer von rieſenhafter Geſtalt, praͤch⸗ tig gekleidet und mit einer ſilbernen Keule in der Hand: „Ihr Herren,“ ſprach er zu dem Herrn der Huͤtte und zu meinem Vater,„es iſt aufgetragen.“ Beide ſtan⸗ den auf und folgten ihm. Sie traten in ein Gezelt, das von außen mit großgemuſtertem Seidenſtoff uͤberzogen war. Das In⸗ nere war noch zierlicher ausgeſchmuͤckt; den Boden be⸗ deckte ein gruͤner Teppich, und ihn durchrieſelte eine natuͤrliche Quelle, uͤber welcher das Gezelt aufgeſpannt ſtand; ein kleiner Raum an ihren Ufern war unbe⸗ deckt gelaßen, fuͤr den Blumenteppich, welcher ſie einfaßte.. fluß, beſetzt; die Gerichte reizten zugleich die Augen und den Geruch. Die beiden Tiſchgenoſſen ſetzten ſich auf Sopha's von ausgeſuchter Weichheit und Bequem⸗ lichkeit; auf einen Wink des Schwarzen mit dem gol⸗ denen Halsbande, den er mit ſeiner Keule gab, erſchie⸗ nen vier Sklaven, von denen zwei ſich meinem Vatet zur Seite ſtellten, und die beiden anderen neben den Herrn des zierlichen Gezeltes. Das Mahl ging hin 2. unter angenehmen Geſpraͤchen uͤber die Auswahl der Der Tiſch war mit mehr Geſchmack, als Ueber⸗ Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 229 Speiſen auf dem Tiſche und unter Lobeserhebungen der Feinheit ihrer Zurichtung. Als die letzte Tracht abgenommen wurde, ſprach der Mograby zu ſeinem Schwarzen: „Iladſch⸗Kadahé, wir ſind hier im Kuͤhlen; wir wollen ausruhen, aber mein Gaſt und ich, wir ſind Reiſende, ein Bad wuͤrde uns erquicken, bereite uns ein bequemes. Dieſen Abend wirſt du dafuͤr ſorgen, daß das Nachteſſen beſſer ſei, als das Mittagsmahl, welches du aufgetiſcht haſt; und kuͤndige Medſchinen an, daß ich meinem Gaſt eine angenehme Geſellſchaft zu geben wuͤnſche.“ Der Schwarze entfernte ſich, meinen Vater uͤber⸗ waͤltigte der Schlaf, und er uͤberließ ſich demſelben auf ſeinem Sopha, ohne Zeit zu haben, uͤber alles das nachzudenken, was er hier geſehen, gethan und gehoͤrt hatte. Nach zwei Stunden erweckte ihn ein Geraͤuſch. Sein Wirth war ſchon auf, und ſagte: „Herr Schaskar, das Bad erwartet uns, und wir brauchen nicht weit darnach zu gehen, denn es iſt im Nebengemache.“ Die Oeffnung des Zeltes, welche ins freie Feld ging, hatte ſich geſchloſſen, und es zeigte ſich eine an⸗ dre, durch welche man in ein von Kerzen erleuchtetes Zimmer ſah, wo zwei kleine Marmorkufen ſtanden, in welche zwei Löwenrachen von der einen Seite warmes, von der andern kaltes Waſſer ergoſſen. 435. Tag. „Wir wollen hier unſere Kleider ablegen,“ ſagte der Mograby,„und hinein ſteigen.“ Mein Vater folgte ihm und ſtieg in ſein Bad. Als beide darin waren, traten vier ſchwarze junge Maͤdchen mit Rauchfaͤſſern und Kaͤſtchen voll Salben herein. Nachdem beide genug gebadet, ſtieg der Mo⸗ graby wieder heraus; mein Vater folgte ſeinem Bei⸗ ſpiele; die ſchwarzen Maͤdchen waren verſchwunden, an ihrer Stelle erſchienen vier weiße Verſchnittene, in Kleidern von den friſcheſten Farben und dem geſchmack⸗ vollſten Schnitte. In der Kleidung, welche der Derwiſch jetzt ange⸗ legt hatte, war er den Augen meines Vaters faſt un⸗ kenntlich geworden, ſolch ein edles Weſen hatte er an⸗ genommen: er erſchien zwar ſehr bejahrt, aber ſein langer weißer Bart gab ihm ein ehrwuͤrdiges Anſehen. Mit zufriedener Miene ſagte er zu meinem Vater: „Ich ſehe an deinem ſehr friſchen Ausſehen, daß dieſes Bad dir gut gethan hat; ich kann dir nicht ſagen, wie es mich entzuͤckt, daß ich dazu erwaͤhlt bin, dir dieſe kleinen Bequemlichkeiten zu verſchaffen; ich wuͤnſchte nur, daß du noch groͤßere Dienſte von mir verlangteſt. Wir treffen nicht alle Tage Sternenkinder an; es iſt ein Vergnuͤgen fuͤr uns, wenn wir dazu mitwirken koͤnnen, ſie gluͤcklich zu machen. Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 231 Du bedarfſt jetzo,“ fuhr er fort,„der friſchen Luft; der Spaziergang hier um das Zelt iſt nicht ſehr angenehm: aber hinter jenem Huͤgel iſt ein kleines Thal, in welchem dein Kameel weidet; man gelangt dahin uͤber einen ſanften Raſen am Ufer dieſer Quelle, die uns hier Waſſer gibt; und dort bietet die Ausſicht der zwar nur beſchraͤnkten Gegend doch eine große Mannigfaltigkeit der Gegenſtaͤnde dar. Wer ſich mit einem Raſenbette zu behelfen weiß, findet darin eine gute Lagerſtatt; und wenn man nicht der Verſchwie⸗ genheit der Voͤgel mistrauet, ſo iſt der Ort fuͤr trau⸗ liche Unterhaltungen geeignet.“ Indem er ſo den Spaziergang beſchrieb, zu wel⸗ chem er meinen Vater einladen wollte, fuͤhrte er ihn ſchon unbemerkt dem Thale zu: es hatte keine große Tiefe, ein Felſen, der hoch empor ſtieg, ſchloß es im Hintergrunde. Der Bach ſtuͤrzte in mehreren Faͤllen zwiſchen unfoͤrmlichen, von der Zeit aufgehaͤuften Mar⸗ morbloͤcken, hernieder; unter dieſen boten etliche einen bequemen Sitz dar, und hier entſpann ſich eine Unter⸗ haltung, deren Koſten der Mograby faſt allein trug. Er noͤthigte meinen Vater, die Annehmlichkeit die⸗ ſer lieblichen Einſamkeit zu bewundern: „Solltet ihr glauben,“ ſagte er zu ihm,„daß ich euch Leute beklage, die ihr vom Schickſale zur Regie⸗ rung der großen Staaten berufen ſeid? Ihr entſaget 232 435. Tag. gleichſam dem Genuſſe der Schoͤnheiten der Natur und der Stille. 4 Betrachte dieſe vor aller Welt verborgene Ein⸗ ſamkeit; ſie hat gar ſehr meine Waͤnſche angezogen, ſeitdem ich in dieſer Gegend bin, um dich zu erwar⸗ ten. Sollteſt du glauben, daß ich mich hier in dem Vorſatze beſtaͤrkt habe, eines Tages hieher zuruͤckzu⸗ kehren, und das Derwiſchkleid wieder anzunehmen, unter welchem ich mich verborgen hatte, um dein Ver⸗ trauen zu gewinnen: wenn ich aber das Gluͤck habe, es wieder anzunehmen, ſo lege ich es zeitlebens nicht mehr ab. Auf jener Stelle will ich mein Haͤuschen bauen; es hat dort die Morgenſonne, und ich lichte ein wenig dieſe Gebuͤſche, die mir zu viel Feuchtigkeit geben; ich beſetze die Ufer des Baches mit mannigfal⸗ tigeren und angenehmeren Gebuͤſchen. Dort wird meine kleine Ziegenheerde weiden, und hier ſoll mein Bienen⸗ nenhaͤuslein ſtehen. So werde ich ruhig leben zwiſchen meinen Buͤchern und der Natur, waͤhrend du auf ei⸗ nem Throne von der Schmeichelei und Luͤge umlagert ſein wirſt. Ich male dir deinen kuͤnftigen Stand nicht ſo, um ihn dir zu verleiden; die Erde bedarf der Beherr⸗ ſcher, und du biſt dazu gemacht; uͤberdieß biſt du noch ſehr jung, und mußt dich willig deiner Schuld gegen die Geſellſchaft entledigen. — Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 2533 Mich aber, mein theurer Gaſt, fuͤhrt gegenwaͤrtig die Liebe zu mir ſelber auch zu mir ſelber zuruͤck: ich arbeite ſchon ſo lange, und bin es muͤde, fuͤr Andere Wunder zu thun, deren Zauber keine Gewalt mehr uͤber mich hat, und ich wollte, daß es mir vergoͤnnt waͤre, mich zur Ruhe zu ſetzen.“ „Kannſt du ſie nicht,“ ſagte mein Vater,„von den uͤbernatuͤrlichen Weſen erlangen, uͤber deren Macht du zu gebieten ſcheineſt?“— „O Schaskar, du wirſt es erfahren; man erlangt nichts ohne Opfer; ich koͤnnte mich wohl in die Ein⸗ ſamkeit zuruͤckziehen, wenn ich einen Juͤnger unterrich⸗ tet und gebildet haͤtte, der eben ſo gut als ich im Stande waͤre, ſich der Pflichten zu entledigen, welche mir obliegen. Um einer Beſtimmung von ſolcher Wichtigkeit zu genuͤgen, dazu gehoͤrt ein, ſo zu ſagen, von der Mut⸗ ter Bruſt vorbereitetes Kind; es muß in der groͤßten Unſchuld erzogen und zur Mannbarkeit gelangt, durch Uebungen aller Art zu den Arbeiten, denen der Menſch unterworfen iſt, abgehaͤrtet, und durch das Studium aller Wiſſenſchaften zu den Kenntniſſen vorbereitet ſein, welche er unter mir erlernen ſoll. Es muß zur gluͤcklichen Stunde geboren ſein; alſo iſt die Wahl des Blutes, aus welchen es entſpringen 234 4356. 436. TC a g. ſoll, nicht gleichguͤltig. Dieſe Bedingungen ſind ſchwer zu erfuͤllen; die ſchwierigſte aber iſt: es muß ein Koͤ⸗ nigsſohn ſein.“ Vierhundert und ſechs und dreißigſter Tag. Mit dieſen Worten ſtand der vorgebliche Einſiedler auf, indem er einen tiefen Seufzer ausſtieß, der aus dem Grunde ſeines Herzens zu kommen ſchien. „Wir wollen uns weiter daruͤber beſprechen, mein theurer Schaskar,“ ſagte er zu meinem Vater, und forderte ihn auf, den Spaziergang durch das Thal fort⸗ zuſetzen. Mein Vater glaubte blindlings alles, was der Mo⸗ graby ihm geſagt hatte; er hielt ihn fuͤr einen heili⸗ gen Mann. Unterdeſſen war bei ihrer Ruͤckkehr aus dem Thale nach der kleinen Ebene, auf welcher das Zelt aufgeſchlagen war, die Nacht angebrochen; da er⸗ blickte mein Vater eine hell erleuchtete Stelle daſelbſt, und bezeugte daruͤber ſeine Verwunderung. „Mein Bruder,“ ſagte ſein Gefaͤhrte zu ihm,“ ſeit⸗ dem ich mein Amt verwalte, habe ich gelernt, die Menſchen, mit denen ich verkehren muß, jeden nach ſeinem Stande zu behandeln: beginne hier, dich an das zu gewoͤhnen, was dir bevorſteht; binnen vierzehn Ta⸗ gen wirſt du keinen Schritt mehr thun, ohne ſagen zu Jamalaoͤdin, Prinz von Groß⸗Katai. 255 hoͤren: da iſt der Koͤnig! Du wirſt keinen Fuß in ein fremdes Haus ſetzen, ohne daß man es mit Weih⸗ rauch erfuͤlle und erleuchte, und ſelbſt in deinem Pa⸗ laſte wirſt du nicht von Feierlichkeiten verſchont bleiben. Ich will dich,“ fuhr er fort,„noch auf einen an⸗ dern Gegenſtand der Verwunderung vorbereiten: du wirſt in Geſellſchaft von Frauen eſſen; es gibt keine ſchoͤneren in Georgien, aus welchem Lande ſie kom⸗ men: eine ſchoͤne Frau iſt etwas ſehr liebliches; aber ich gehe mit ihnen um, wie mit den Blumen, welche ich ſehr liebe, und nicht abpfluͤcke; auf ſolche Weiſe iſt es ihnen unmoͤglich, meine Grundſaͤtze in Verwir⸗ rung zu bringen.“ Waͤhrend dieſer Unterhaltung hatte die Dunkelheit zugenommenz da erſchien der Schwarze mit dem golde⸗ nen Halsbande, die ſilberne Keule in der Hand, und zwanzig Fackeln gingen vor ihm her:„Meine Herren,“ ſprach er,„es iſt aufgetragen.“ 1 „Sind die Frauen angekommen?“ fragte der Wirth meines Vaters. „Sie ſitzen auf den Sopha's,“ antwortete IJladſch⸗ Kadahé,„und man unterhaͤlt ſie mit Muſik.“ „Ich miſche mich in dergleichen Dinge nicht,“ ſagte der Mograby zu meinem Vater,„es iſt die klei⸗ ne Medſchine, die ihre Pflicht thut: ſie kennt ihre Leute, und laͤßt es an nichts fehlen.“ 1 14 236 4* 1a20 436. Tag. Beide traten jetzt in ein großes Gezelt, deſſen Pracht meinen Vater erſtaunte. Die Tafel ſtand un⸗ ter einem praͤchtigen Thronhimmel auf einer Erhoͤhung; zwei lange Sopha's von unſchaͤtzbarem Reichthum wa⸗ ren einander gegenuͤber geſtellt; zwei Frauen ſaßen dar⸗ auf, abgeſondert, auf jedem eine. Bei der Ankunft des Herrn des Gezeltes ſtanden ſie auf; aber der Mograby trat raſch an ſie heran, und ſagte zu ihnen: „Schoͤne Frauen, ich ſtelle euch hier den Fuͤrſten Schaskar vor, einen meiner Freunde, deſſen Bekannt⸗ ſchaft euch Vergnuͤgen machen wird: ſo glaͤnzende Ge⸗ ſtirne, wie ihr, ſind dazu gemacht, einen Perſer, ein Sternenkind, zu beguͤnſtigen.“ Mein Vater ſchilderte dieſe Frauen eben ſo ſchoͤn, als praͤchtig geputzt; ſein Wirth lud ihn ein, ſich an die Seite der einen niederzulaßen, und ſetzte ſich ſel⸗ ber neben der andern hin. Achtzehn Sklaven von großer Schoͤnheit warteten bei Tiſche auf; ſieben und zwanzig andere, auf Stufen in drei Choͤre getheilt, ſpielten und ſangen; Wohlgeruͤche durchdufteten die Luft, und noch vor Ende der Mahlzeit bedeckten Weine und Brandweine aller Art die Tafel. Der Mograby bezeigte ſich ſehr aufmerkſam gegen ſeine Nachbarinn; mein Vater ahmte ihm nach, und begann eine Unterhaltung mit der ſeinigen: aber er er⸗ hielt nur einſylbige Antworten; dagegen warf ſie ihm Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 237 ſehr einladende Blicke zu, trank und forderte zum trin⸗ ken auf. Mein Vater hat das Uebrige vergeſſen: der Kopf war ihm von den Duͤnſten der Griechiſchen und Perſiſchen Weine, die er getrunken hatte, ganz betaͤubt; er oͤffnete erſt am andern Morgen ziemlich ſpaͤt die Au⸗ gen, und fand ſich auf demſelben Sopha hingeſtreckt, auf welchem er in ſo glaͤnzender Geſellſchaft zu Nacht gegeſſen hatte. Sein Wirth lag ihm gegenuͤber und ſchien noch zu ſchlafen; er trat leiſe hinaus, um friſche Luft zu ſchop⸗ fen: aber der Mograby fand ſich bald bei ihm ein. „Junger Mann,“ ſprach er zu ihm,„du weißt ſittſam mit Frauen umzugehen, und wirſt ein treffli⸗ cher Gatte fuͤr die Prinzeſſinn von Katai ſein. Ich will dir jetzo bekennen, daß ich dich auf die Probe ſtellen wollte; nimm es mir nicht uͤbel, ſo heiſchte es mein Auftrag. Laß uns heute den geſtrigen Spazier⸗ gang wiederholen; wir wollen in meiner lieblichen Ein⸗ ſamkeit uͤberlegen, was wir nunmehr zu thun haben.“ Meinem Vater war der Kopf noch von den Duͤn⸗ ſten des geſtrigen Mahles eingenommen, und der Spa⸗ ziergang war ihm willkommen. Beide gingen hin und ſetzten ſich wieder bei dem Waſſerfalle auf dieſelbe Stelle, wie geſtern Abend, und hier erſt knuͤpfte der Mograby das entſcheidende Geſpraͤch an. 2533 436. Tag. „Schaskar, willſt du auf der Stelle nach Katai abreiſen? Du weißt, daß binnen fuͤnf Tagen die Koͤ⸗ nigswahl vor ſich geht.“— „Erlaube mir, dir zu erwiedern, Herr, daß ich nicht weiß, wie ich durch die Mauer kommen ſoll, wie viel Tagereiſen ich von der Hauptſtadt von Katai ent⸗ fernt bin, und wie es mir, als einem Unbekannten moͤglich werden ſoll, mich erwaͤhlen zu laßer da ich alle Großen des Landes zu Mitbewerbern haben muß.“ „Der Durchgang der Mauer,“ ſagte der Schwarz⸗ kuͤnſtler,„iſt auf Fußſteigen, welche ich kenne, funfzig Stunden von hier; von dort koͤnnte man die Haupt⸗ ſtadt deines Reiches, auf einem Kameel, in vierzehn Tagen erreichen; und unter deinen Mitbewerbern gibt es ſogar Koͤnigsſoͤhne.. Wenn du mir aber das verſprichſt, was ich von dir fordre, ſo ſollſt du morgen ſchon auf dem Platze ſein, wo die Wahl vorgehen wird; morgen ſchon ſollſt einen daran ſtoßenden Palaſt bewohnen; und drei Tage darnach ſollſt du dich mitten unter deinen Mitbewerbern befinden, und wenn du dich vor ihnen nicht auf die auffallendſte Weiſe auszeichneſt, ſo magſt du ſagen, daß ich nicht der Mograby bin, und mit mir, wie mit dei⸗ nen Sklaven ſchalten: ich ſchwoͤre es bei dem Beherr⸗ ſcher der Geiſter, dem alle weltliche Macht unterwor⸗ fen iſt. Aber wenn es mir gelingt, dich auf den Thron zu erheben, dir die reizendſte Prinzeſſinn der Erde zur Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 239 Gattinn zu verſchaffen, ſo bedinge ich mir dafuͤr, daß das erſte maͤnnliche Kind, welches aus eurer Ehe ge⸗ boren wird, mein ſei: ich habe dir alle meine Beweg⸗ gruͤnde dazu entdeckt, und du mußt mir auf Fuͤrſten⸗ wort und bei Mahomed ſchwoͤren, es mir zu gewaͤhren.“ Vierhundert und ſieben und dreißigſter Tag. Mein Vater war noch betaͤubt von dem Mahle des geſtrigen Abends, wo er ſich durch die argliſtigen Reden des Mograby hatte einnehmen laßen; in Ver⸗ ehrung fuͤr die Sterndeutung auferzogen, deren Wei⸗ ſung er jetzo zu folgen waͤhnte, verwechſelte er ſie mit der Zauberei, vor welcher er eben nicht auf ſeiner Hut war; ohne Zweifel geſellte ſich zu den uͤbrigen Beweg⸗ gruͤnden auch das ihm faſt angeborene Verlangen zu herrſchen: wie dem nun ſei, er ließ ſich den Schwur entlocken. Des Mograby's Augen funkelten vor Freuden: „Umarme mich,“ ſprach er zu meinem Vater, „unumſchraͤnkter Beherrſcher von Groß⸗Katai!“ Hierauf ſich zu dem Thale wendend, welches ſie verließen, ſprach er: „Ich werde dich alſo noch eines Tages wiederſe⸗ hen, reizende Einſamkeit! aber es wird nur geſchehen, um dich nie mehr zu verlaßen.“ 437. Tag. Nachdem er dieſen Ausruf gethan hatte, erſchien der Schwarze, und meldete, daß das Fruͤhſtuͤck bereit ſtuͤnde.. „Sehr gut, Iladſch⸗Kadahé; aber Medſſchine ſoll uns dabei bedienen; du, begib dich nach Nantaka,*) verſchaffe uns einen Palaſt in der Naͤhe des großen Platzes, muͤßteſt du ihn auch kaufen, anſtatt zu mie⸗ then, und erwarte uns dort dieſen Abend.“ Auf dieſen Befehl verſchwand Iladſch⸗Kadahé. Die beiden Reiſenden ſetzten ſich zu Tiſche und aßen. „Wie findeſt du das Sopha, worauf du ſitzeſt?“ „Vortrefflich,“ antwortete mein Vater. „Ich habe Luſt,“ fuhr der Schwarzkuͤnſtler fort, „unſern Reiſewagen daraus zu machen; wir werden ganz bequem darin fahren.“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſich neben meinen Va⸗ ter, zog dann ſein Staͤbchen hervor, ließ es auf ſeinen Fingerſpitzen tanzen, und ſprach: „Auf, Medſchine, laß anſpannen und ſei hurtig!“ — Einen Augenblick darnach ſchwebte der Sopha zum Zelte himaus, und erhub ſich in die Luft uͤber die Mauer weg. Mein Vater ſchlief darauf ein, und erwachte erſt von einem lauten Gelaͤchter, welches ſein Beſchuͤ⸗ tzer aufſchlug. *) Wol Nanking, d. h. ſüdliche Hauptſtadt China's. Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 241 „Wo biſt du?“ fragte ihn dieſer. Mein Vater oͤffnete die Augen, und ſah ſich in einem ſchoͤnen Zimmer, welches ihm durchaus unbe⸗ kannt war. „Strecke den Kopf aus dem Fenſter, und ſieh, ob du den Ort erkenneſt.“ Mein Vater gehorchte, und ſah bei ſchoͤnem Mond⸗ ſcheine(denn es war jetzo Nacht) einen großen Platz, und eine Menge Leute, die unter den Baͤumen der Abendkuͤhlung genoſſen.. „Du biſt zu Hauſe, Schaskar,“ ſagte ſein Fuͤhrer zu ihm;„denn der Palaſt, den du bewohneſt, iſt be⸗ zahlt; und dieß iſt der große Platz deiner Hauptſtadt. Sollte jemand ſich einfallen laßen, deine Wahl verei⸗ teln zu wollen, ſo uͤberlaß mir die Sorge, ihn zu be⸗ ſtrafen. Das Abendeſſen ſteht bereit, wir wollen es einnehmen, und morgen fruͤh gehe ich aus, zu ſehen, was hier vorgeht.“ Am folgenden Morgen, als mein Vater ſich al⸗ lein befand, vertrieb er ſich die Zeit damit, aus einem Fenſter ſeines Palaſts ein Volk und deſſen Sitten und ebraͤuche zu betrachten, welche ihm ganz neu waren. Weil er allein und ſein Kopf ſehr beſchaͤftigt war, aß er nur wenig, und erwartete mit einer Art von Un⸗ geduld die Ruͤckkehr ſeines Fuͤhrers und ſeiner Stuͤtze; endlich erblickte er ihn. VII. 16 242 7125 437. Tag. Der Mograby ſtellte ſich ermuͤdet und ſagte: „Man erfaͤhrt nichts ohne Muͤhe: ohl welche Springfedern ſetzen Raͤnke, Habſucht und Heuchelei in Bewegung! Das Spiel iſt gut abgekartet: morgen werden dem Dagon und ſeinem Sohne Bil⸗il⸗ſa⸗ nam ¹) feierliche Opfer dargebracht; uͤbermorgen wird man den Vogelflug befragen: der Vogel wird ſich auf das Haupt des Großveſyrs niederſetzen, und damit iſt er Koͤnig.“ „Und was iſt das fuͤr ein Vogel?“ fragte mein Vater. „Es iſt,“ antwortete der Mograby,„ein Ter⸗ il⸗bas,**) welchen die Dagons⸗Prieſter ſeit dem Tode des letzten Koͤnigs wild zu machen ſuchen; man hat einem andern Vogel ſeiner Art, welchen die Land⸗ leute vor einigen Tagen feierlich herein gebracht, im Stillen den Hals umgedreht, weil er keine Gelehrig⸗ keit hatte. Es iſt die Pflicht dieſer guten Leute, den Vogel, den ſie gebracht haben, Tag und Nacht zu bewachenz das Volk bauet auf ihre Treue, und es hat Recht, *) Dagon hieß der aus der Bibel bekannte Philiſter⸗Götze. Bei Bil⸗il⸗ſanam iſt etwa an Baal⸗zephon zu den⸗ ken, wohin die Kinder beim Auszuge ans Rothe Meer ka⸗ men, und welches Jüdiſche Ausleger durch einen Aegypti⸗ ſchen Götzen erklären. **½α) Eine Pfauen⸗Art. Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 243 denn ſie wachen, ſo lange ſie koͤnnen: aber ſie haben einen Fehler, ſie merken nicht, daß man ſie berauſchet. Oh! ich will den Dagon und Bil raͤchen! ich will die⸗ ſes Gewebe zerreißen, oder nicht der Mograby ſein! Morgen, mein Fuͤrſt,“ fuhr er fort,„mußt du in den Tempel gehen; denn man muß dich zuvor ſchon irgendwo geſehen haben, und vor allen dort: Dagon darf nicht beſchuldigt werden, einen ihm unbekannten Menſchen erwaͤhlt zu haben. Du wirſt dort Prinzen von Korea, von Tunkin, von Cochin⸗China ſe⸗ hen, und trotz dem wird dein Anſehen dich bemerklich machen: Jladſch⸗Kadahé wird dafuͤr ſorgen, daß du anſtaͤndig gekleidet, und mit einem angemeſſenen Ge⸗ folge erſcheineſt; was mich betrifft, ſo habe ich bei dieſer Feierlichkeit nichts zu thun, und bin dir anders⸗ wo nüuͤtzlich.“ Am folgenden Morgen begab mein Vater ſich nach dem Tempel des Dagon, um keine Weiſung ſei⸗ nes Fuͤhrers zu vernachlaͤßigen; und er ſah, daß er in der That aller Blicke auf ſich zog. Die Prieſter ſchienen nichts zu unterlaßen, die Gottheit gnaͤdig zu machen; man opferte Stiere, junge Kuͤhe, Schafe, Tauben und Sperlinge; jeder Stand wurde durch ſein Opfer vertreten. 244 438. Tag. Vierhundert und acht und dreißigſter Tag. Nach der ſcheinbaren Andacht der Opferer, und nach den Gebeten zu urtheilen, welche die Prieſter an Dagon und Bil⸗il⸗ſanam richteten, haͤtte man glau⸗ ben ſollen, daß ſie in der That von der Wahl ihrer Goͤtter den Koͤnig erwarteten, welcher am naͤchſten Tage dafuͤr anerkannt werden ſollte; das Volk war auch davon uͤberzeugt. Mein Vater aber durchſchaute alles, was er hier ſah, und ging voll Aerger uͤber ſo viel Heuchelei hinweg. Sein getreuer Rathgeber geſellte ſich bald wieder zu ihm und ſagte: „Du haſt geſehen, was vorgeht: morgen werden aber alle dieſe Opferer hoͤchſt beſtuͤrzt ſein, wenn ſie ſehen, daß ihr Vogel alles vergeſſen hat, was ſie ihn gelehrt haben. Aber ſei getroſt, mein Fuͤrſt, und beun⸗ ruhige dich uͤber nichts, was dir begegnen mag; ich werde dir zur Seite ſein, die Streiche abzuwehren, wenn man dich mit dergleichen bedrohete; und auf alle Faͤlle ſollſt du die kleine Medſchine bei dir haben.“ Kurz, der Augenblick der Wahl kam; man hatte mitten auf dem großen Platze von Nantaka einen ſeht hohen Altar errichtet; ringsumher waren Stufen und Sitze, welche ungefaͤhr tauſend Menſchen faſſen konnten, und einen großen Kreis in mehreren Raͤngen bildeten. —— 2 Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 245 Der Großveſyr und die ihm Untergebenen, die Prinzen, die Emire, die angeſehenſten Maͤnner des Staats nahmen die naͤchſten Plaͤtze um den Altar ein: die Opferprieſter ſtanden umher, und waren mit ihren Amtsverrichtungen beſchaͤftigt. Deer Ter⸗il⸗bas erwartete in einem vergoldeten und mit Blumengehaͤngen bedeckten Kaͤfige die Oeff⸗ nung deſſelben, und wurde noch ſtaͤts von den Land⸗ leuten bewacht, welche ihn in die Stadt gebracht hat⸗ ten; man raucherte ſo viel, daß die Luft davon bei⸗ nahe verfinſtert wurde. Ploͤtzlich verkuͤndigte der Schall der geweihten Drommeten, daß Dagon und Bil nun ihre Wahl tref⸗ fen wuͤrden. Der Oberprieſter naͤherte ſich dem Kaͤfig, und oͤffnete dem Ter⸗il⸗bas die Thuͤre, dem die Wahl eingegeben ſein ſollte. Kaum ſah der Vogel ſein Gefaͤngnis halb offen, als er ſich mit Gewalt vollends Bahn machte, dem Oberprieſter gegen die Naſe flog, ihn mit dem Schna⸗ bel hackte, mit den Fluͤgeln ihn ſchlug, und ſich in die Luft empor ſchwang. Er ſenkte ſich dann wieder herab, und flog im Kreiſe dicht uͤber allen denjenigen umher, die man auf der oberſten Stufe ſitzen ſah; er ſchien durch ſein hin und her fliegen ſeine Wahl zu uͤberlegen. Er verließ hierauf dieſen Kreis und begann daſſelbe Spiel uͤber den unterſten Stufen, und ſchien zu ſuchen, aber nicht zu finden, was er ſuchte. 266 438. Ta g. Beim Anblicke dieſer Bewegungen des Ter⸗il⸗bas ſtand das Volk in Bewunderung; die Prieſter waren in Erſtaunen; der Oberprieſter und Großveſyr ſaßen voll Unruhe auf ihren Stuͤhlen; ſie erhuben ſich von Zeit zu Zeit und machten ſich Zeichen, durch welche ſie einander ihre Ueberraſchung bezeugten. Mein Vater ſtand hinter den Stufen; der Ter⸗il⸗ bas ſchwebte von Zeit zu Zeit in einer gewiſſen Ent⸗ fernung uͤber ſeinem Haupte umher; einige junge Prie⸗ ſter, die den Altar verlaßen hatten, um dem Vogel zu folgen und ihn zu beobachten, machten um meinen Vater ſtarke Bewegungen, um den Ter⸗il⸗bas wegzu⸗ ſcheuchen, und ihn naͤher nach dem Altar hinzutreiben: aber er gehorchte ihren Winken nicht. Ploͤtzlich ent⸗ ſchied er ſich, ſetzte ſich auf das Haupt nieder, welches er ſo lange umſchwebt hatte, faltete ſeine Fluͤgel und ſchlug mit ſeinem Schweife ein Rad. Das Volk ſchrie Wunder; die Prieſter und die Veſyre ſchrien Graͤuel. Dienſtbare Arme draͤngten ſich herbei, mit aller Gewalt den Vogel von ſeiner Stelle zu verſcheuchen, aber er hielt ſich feſt auf meinem Va⸗ ter angeklammert. Man ſtieß meinem Vater die Muͤtze ab; der Vo⸗ gel war nun gendthigt ſeinen Fang fahren zu laßen, aber erhub ſich und ſetzte ſich wieder auf das bloße Haupt meines Vaters. Da erhuben ſich zwanzig uð&ᷣ—⏑ Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 247 Arme, ihn von dort zu vertreiben; aber das Volk ſchrie: „Das iſt der Koͤnig, welchen der große Dagon uns gibt!“ „Daſt iſt falſch, das iſt falſch!“ riefen die unter der Menge verbreiteten Prieſter und Altardiener. Einer von ihnen naͤherte ſich meinem Vater und ſagte zu ihwtm: „Man kennet dich nicht, aus welcher Gegend von China biſt du?“ „Ich bin,“ antwortete ihm mein Vater,„aus keiner Gegend von China: ich bin ein Perſer.“ „Ein Perſer! ein Perſer!“ wiederholten zehn oder zwoͤlf Stimmen zugleich:„man mache dieß unter dem Volke bekannt; Dagon hat keinen Fremden zu unſerm Koͤnig erwaͤhlen koͤnnen; es iſt hiebei Gaukelei im Spiele.“ Der Vogel war verſchwunden; mein Vater hatte ſeine Muͤtze wieder aufgehoben; es entſtand ein großes Gedraͤnge um ihn: da zeigte ſich der Mograyh.“ „Wir wollen uns nach euern Palaſt zuruͤckziehen,“ ſprach er zu ihm;„es gibt hier hitzige Koͤpfe: du biſt. offenbarlich durch Dagon und ſeinen Sohn Bil erwaͤhlt worden, und du ſollſt Koͤnig werden, oder ich will nicht laͤnger der Mograby ſein. Jene Leute ſollen durch mich inne werden, wie gefaͤhrlich es iſt, den Namen der Goͤtter zum Deck⸗ 248 438. 459. Tag. mantel eines Betruges zu misbrauchen, und der offen⸗ baren Abſicht derjenigen zu widerſtreben, die man von Amts wegen anrufet. Es iſt ein falſches, abgefeimtes, habſuͤchtiges, heuchleriſches und widerſpenſtiges Gezuͤcht: ſie haben ſich einem Ehrgeizigen verkauft. Ich will jetzt ihren Handel ein wenig in Verwirrung bringen. Du aber, mein theurer Koͤnig,— denn du biſt's,— beunruhige dich uͤber nichts, was dir begegnen mag; ſei verſichert, daß alles zur groͤßten Beſchaͤmung dei⸗ ner Feinde ausſchlagen wird.“ Vierhundert und neun und dreißigſter Tag. Mein Vater blieb in dem Palaſt; er gewahrte aber den Tag hindurch viele Leute, welche ſpaͤhend um⸗ her zu ſchleichen ſchienen. Am folgenden Tage, kaum zwei Stunden nach⸗ dem er aufgeſtanden war, ſah er eine bewaffnete Schaar heran kommen und ſeine Wohnung umringen. Ein Oberrichter trat herein, und redete ihn mit einer Donnerſtimme alſo an: „Elender Fremdling! verruchter Hexenmeiſter! ab⸗ ſcheulicher Heiligthumsſchaͤnder! du ſollſt in ein Ge⸗ faͤngnis geworfen werden, wo die Folter dir das Ge⸗ ſtaͤndnis deiner Frevel entreißen wird.“— Zu gleicher Zeit wurde er hinweg geſchleppt. Jamalaodin, Prinz von Groß⸗Katai. 249 Die Veranlaßung zu dieſem Gewaltſtreiche war, daß die Prieſter beim Eintritt in den Tempel des Da⸗ gon zur gewoͤhnlichen Stunde, die Bilder Dagons und Bil⸗il⸗ſanams herabgeſtuͤrzt und zerſchmettert gefun⸗ den hatten: ſie waren voll Entſetzen zum Großveſyr gelaufen, und hatten es ihm berichtet; worauf dieſer Miniſter den Divan bei ſich verſammelt hatte. Hier hatte der Oberprieſter die Thatſache vorge⸗ tragen, und einſtimmig hatte man dieſen Frevel dem Perſer zugeſchrieben, deſſen Zaubereien den Flug des Ter⸗il⸗bas verlockt haͤtten, und der nun durch ſeine Zauberkuͤnſte in den Tempel gedrungen waͤre, um durch eine offenbare Schaͤndung des Heiligthums ſeinen uͤbrigen Freveln die Krone aufzuſetzen. Man berieth ſich auf der Stelle hieruͤber, und be⸗ ſchloß, den Fremdling ins Gefaͤngnis werfen zu laßen. Der Veſyr begab ſich wieder in ſein Zimmer, um ſchleunig das Urtheil⸗ ausfertigen und beſiegeln zu la⸗ ßen, das ihn verdammte, den naͤchſten Tag verbrannt zu werden. Er ſetzte ſich auf ſein Staatsſopha, und befahl, ihm ſeine Pfeife zu bringen, welche die Geſtalt einer kleinen mit Schmelzwerk uͤberzogenen Schlange hatte, die ſich in einem koͤſtlichen bergkryſtallenen Bek⸗ ken voll Schneewaſſer badete. Indem er anfing zu rauchen, brachte ein Diener ihm die Feder und das Schreibzeug, um das Todes⸗ urtheil des fremden Zauberers zu unterzeichnen. 250 439. T a g. Er tauchte ſeine Feder tief ein, um ſie recht zu fuͤllen, zog ſie wieder hervor, und unterſchrieb; aber ſeine Schriftzuͤge waren hochroth, anſtatt ſchwarz zu ſein. Er erſchrak, und verſchuͤttete unwillkuͤrlich den ganzen Inhalt des Schreibzeugs, das mit Huͤhnerblut gefuͤllt war, uͤber das Todesurtheil und uͤber ſeinen Aermel. „O Himmel!“ rief er aus,„das iſt wieder ein Streich des verkappten Perſers; was wird das noch fuͤr ein Ende nehmen?“ 3 Miit dieſen Worten ging er hinaus, die Kleider zu wechſeln. Der Diener blieb, voll Erſtaunen, mit dem Pa⸗ pier und dem Schreibzeug in der Hand ſtehen, und ſtarrte nach der Thuͤre, durch welche der Veſyr hin⸗ aus gegangen war. Dieſer kam einen Augenblick dar⸗ nach wieder herein, um einer unwiderſtehlichen Ge⸗ wohnheit zufolge, trotz ſeiner Beſtuͤrzung, ſeine Pfeife zu rauchen: aber der mit Saphieren und Smaragden ausgelegte Tiſch von Sandelholz, das Becken von Bergkryſtall, und die kleine Schlangenpfeife, alles war verſchwunden. Der Diener ſtand noch in derſelben Stellung, das Schreibzeug und das blutige Papier in der Hand. „Was thuſt du damit?“ ſagte der Veſyr zu ihm: „geh und wirf dieſen Unrath ins Feuer.“ n Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 251 Der Diener drehte ſich um, und wollte hinausge⸗ hen:„Warte noch,“ ſagte zu ihm der Miniſter,„wo iſt mein Tiſch und meine Pfeife?“ 4 „Ich weiß es nicht,“ antwortete der Diener. „Aber wo iſt,“ fuhr jener fort,„der Thronhim⸗ mel, der Sopha und die Fußbank dazu?“— .„Es muß hier jemand ſein, der euch euern Haus⸗ rath entwendet, gnaͤdiger Herr: was mich betrifft, ich zittere am ganzen Leibe.“ „O Dagon! o Bil! was geht mit uns vord* rief der Veſyr aus:—„Fch will mich ein wenig auf mein Bette werfen; geh und melde den Mitgliedern des Divans, daß ſie ſich morgen bei guter Zeit hier verſammeln; der Oberprieſter und die vier Oberhaͤup⸗ ter der Prieſterſchaft ſollen ſich auch dabei einfinden: wir ſind in einer außerodentlichen und vielleicht ſehr gefaͤhrlichen Lage.“ Waͤhrend der Großveſyr ſich ſo abaͤngſtigte, pflegte mein Vater auf Koſten deſſelben ſeiner Bequemlichkeit. Man hatte ihn in einem von allen uͤbrigen Gefaͤngniſ⸗ ſen abgeſonderten Loche in einem Winkel des Gefaͤng⸗ nishofes, auf halbverfaultes Stroh hingeworfen. Hier ſetzte ihm ein Gefangenwaͤrter auf einen halbvermoder⸗ ten Block, der als Tiſch diente, einen irdenen Krug voll Waſſer und ein Stuͤck ſchimmeliges Brot. Dieſe truͤbſelige Umgebung aber vermochte nicht einmal die Augen des Gefangenen zu beleidigen: er war voll 439. Tag. Schlafs, als er in das Gefaͤngnis trat; und kaum lag er auf dem Strohe, ſo ſchlief er ein. Bei ſeinem Erwachen ſaß er bequemlich auf dem Staatsſopha des Großveſyrs, beide Arme auf Kiſſen von Eiderdaunen geſtuͤtzt; ein glaͤnzend geſtickter Thron⸗ himmel ſchwebte uͤber ſeinem Haupte, und ſeine Fuͤße ruhten auf einer mit dem reichſten Teppich belegten Fußbank.— Vor ihm lag die Pfeife auf dem mit Saphieren ausgelegten Tiſchchen; ein goldenes Gefaͤß in welchem Wohlgeruͤche brannten, ſtand daneben, mit den dazu gehoͤrigen kleinen Zangen; und ein Seitenſtuͤck zu die⸗ ſen Koſtbarkeiten war eine Chineſiſche Pagode, acht Zoll hoch. „Mein Faͤrſt,“ ſprach die kleine Pagode zu ihm mit einer Stimme, deren Klang ihm bekannt vorkam, „erkenneſt du mich nicht in dieſer Verkleidung? Ich bin Medſchine, die kleine Dienerinn des Mograby, dei⸗ nes Wohlthaͤters. Man hat dich ins Gefaͤngnis ge⸗ worfen, und er hat mich abgeſchickt, dich zu troͤſten und dich hier auf Koſten des Veſyrs, deines groͤßten Feindes, mit allen Bequemlichkeiten zu verſehen. Rau⸗ che ſeine Pfeife, hier iſt ſie; ſie iſt mit dem koͤſtlich⸗ ſten Opium gefuͤllt, welchen die Braminen an den Ufern des Ganges zu bereiten verſtehen, und deſſen er ſich bedient, um ſich angenehme Traͤume zu ver⸗ ſchaffen: gegenwaͤrtig aber hat es mein Herr uͤbernom⸗ Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 253 men, ihn traͤumen zu laßen. Du ſittzeſt auf ſeinem Staatsſopha, und um dir die Langeweile zu vertreiben, biete ich dir hier die Wahl alles ſeines Beſitzthums, mit Inbegriff ſeiner Weiber.“ Vierhundert und vierzigſter Tag. Mein Vater dankte der Pagode, und ſagte zu ihr: „Dein Herr hat mir eine reizende Gattinn be⸗ ſtimmt, der ich mein Herz geweihet habe, und ich verlange nach keinen anderen Frauen. Aber ſage mir, weſſen man mich beſchuldigt, daß man mich ins Ge⸗ faͤngnis geſetzt hat?“ „Mein Herr,“ antwortete die Pagode,„hat, um deine Feinde in Schrecken zu ſetzen, die Goͤtzenbilder des Landes umgeſtuͤrzt, und man denkt, daß dieſer Graͤuel die Wirkung deiner Zauberei iſt. Sieh doch, wie gut man es hier meinet! man wuͤrde dich mor⸗ gen verbrennen, wenn mein Herr es nicht hintertriebe: erinnere dich deſſen, wenn du Koͤnig biſt. Alles Leid, was ſie dir haben zufuͤgen koͤnnen, beſteht darin, daß ſie dich ins Gefaͤngnis geworfen haben; aber es ſoll dir nichts darin mangeln, weil ich ganz zu deinen Be⸗ fehlen bin. Deine Haft wird auch nicht lange dauern; denn wir verlaßen dieſen Ort noch heut Abend, um nach unſerm Palaſt zuruͤckzukehren.“. 254— 440. Tag. Miein Vater wurde durch das Geſpraͤch der klei⸗ nen Pagode ooͤllig beruhigt: Er that ihr hierauf noch einige Fragen in Betreff des Mograby. „Ich habe Befehl, Herr,“ antwortete ſie,„dir in allem gefaͤllig zu ſein: aber ich bin ſo jung, daß du meinen Herrn beſſer kennen mußt, als ich, und ich wuͤßte dir nichts uͤber ihm zu ſagen. Kann man einem Puͤppchen, wie ich bin, wohl ernſthafte Fragen thun? Man hat mich meinem Herrn geſchenkt, und ich diene ihm von ganzem Herzen. Er behandelt mich guͤtig; das iſt alles, was ich von ihm weiß.“ Mein Vater argwoͤhnte, wider Willen, mehr Schalkheit in der Pagode, als ſie blicken laßen wollte. Der Mograby ward ihm, nach allen den Geſtalten, welche er angenommen hatte, etwas verdaͤchtig: aber er hatte nur noch einen Schritt zu thun, um den Thron zu beſteigen und ſich im Beſitze der ſchoͤnſten Prinzeſſinn der Erde zu ſehen; welche Verſuchung fuͤr den achtzehnjaͤhrigen Sohn eines Barbiers! Ich erinnere mich, wie er meinem Großvater von den kleinen Kaͤmpfen erzaͤhlte, welche damals in ſei⸗ nem Innern vorgingen; er ſprach nicht weiter mit der Pagode, er verlangte zu eſſen, um ſich zu zerſtreuen; anhaie die Nacht vorgeruͤckt war, ſagte die Pagode zu ihm: 1 5 „Setze mich auf deine Hand, wuͤnſche, nach dei⸗ Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 255 nem Palaſte verſetzt zu werden, und augenblicklich wer⸗ den wir dort ſein.“ 1 Mein Vater that's, und wurde bis in ſein Bette getragen, in welchem er in tiefen Schlaf ſank. Er lag noch um Mittag darin, als der Mograby zu ſeinen Haͤupten erſchien, und zu ihm ſprach: 4 „Ich komme, dir zu berichten, was im Divan vorgegangen iſt, und welche Beſchluͤſſe man darin ge⸗ faßt hat. Als der Großveſyr herein trat, war alles in ſtuͤrmiſcher Bewegung; der Kerkermeiſter deines Ge⸗ faͤngniſſes brachte eine Klage uͤber zwei ſeltſame Vor⸗ faͤlle an, woruͤber er viele Zeugen mitbrachte. Am Morgen, als er nach dir ſehen, und ſelber dir Brot und friſches Waſſer bringen wollte, ſuchte er vergeblich dein Gefaͤngnis: es befand ſich daſelbſt nur ein alter ganz offener Stall, und dreißig Menſchen wa⸗ ren darin, wie Eſel mit den Halftern an die Raufe ringsumher gebunden, ihr Anfuͤhrer an der Spitze, und ſchliefen auf einer ſchlechten Streu. Der Kerkermeiſter mußte außerordentliche Mittel anwenden, um ſie aufzuwecken: da er die Halfter we⸗ der abloͤſen noch zerreißen konnte, ſo war er genoͤthigt, ſie zu zerſchneiden; und als nun die Eſel aufgeſtanden waren, fand es ſich, daß es die Wache war, welche ausgeſchickt worden, von deinem Hauſe Beſitz zu er⸗ greifen, aus welchem ſie aber, ohne zu wiſſen, wie, 256 440. und ganz wider ihren Willen, mit leeren Baͤuchen und Haͤnden, wieder abgezogen waren. „Die Leute da ſind Narren,“ ſagten hierauf die Einen;„ſie luͤgen,“ ſagten die Anderen. „Welche Wahrſcheinlichkeit hat es,“ ſagte der Oberprieſter,„daß man ein Gefaͤngnis geſtohlen habe? hat man jemals von einem irgendwo geſtohlenen Ge⸗ faͤngniſſe gehoͤrt? und zwar eines Gefaͤngniſſes, deſſen Mauern zehn Fuß dick waren?“ „Man hat mir gleichwohl,“ ſprach der Großveſyr, „meine Pfeife unter der Naſe weggeſtohlen, ſammt meinem eingelegten Tiſchchen, meinem Staatsſopha, der Fußbank, dem Thronhimmel und den ſchoͤnſten Eiderdaunen⸗Kiſſen, die es in ganz China gibt!“ „Ei! warum laͤßt du deine Sklaven, die dich be⸗ ſtehlen, nicht ans Kreuz ſchlagen?“ ſagte der Ober⸗ prieſter.“ 4 „ Da wuͤrde ich es gut machen,“ antwortete der Veſyr,„wenn ich meine Sklaven fuͤr die Streiche be⸗ ſtrafte, welche uns hier ein tuͤckiſcher Zauberer ſpielt! Du, Oberprieſter, glaubſt nicht an die Wirkungen der Zauberei; du ſchreibſt alle dieſe außerordentlichen Er⸗ eigniſſe ſolchen Geheimniſſen zu, wie die deinigen ſind: aber ich ſage dir, derſelbe Perſer, der deinen Ter⸗il⸗ bas verfuͤhrt, deine Goͤtter von Erz umgeſtuͤrzt, eine ganze Wache von einem Ende der Stadt nach dem an⸗ dern und aus einem Palaſt in einen Stall verſetzt, der Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 257 hat auch ein Gefaͤngnis geſtohlen, wie er mir meine Pfeife entwandt hat. Du ſetzeſt was darein, unglaͤu⸗ big zu ſein: ich aber halte es fuͤr ein großes Ungluͤck, zumal in dieſem Augenblicke, wo ein verſchmitzter Boͤ⸗ ſewicht uns verfolgt, und wo dieſer ſich vielleicht, nach⸗ dem er unſere Soldaten, wie Eſel, hat anhalftern la⸗ ßen, ſich damit beſchaͤftigt, uns Maulkoͤrbe anzulegen, wie den Baͤren.“ „Aber wie iſt da zu helfen?“ ſagte der Prieſter, etwas wankend gemacht. 4„Wir werden,“ antwortete der Veſyr,„durch Nachſuchung in unſeren Archiven Mittel dazu finden; vor Alters ſchon wurde dieß Land von einem Zauberer geplagt: man nahm damals ſeine Zuflucht zu Feier⸗ lichkeiten, deren Beſchreibung bei uns, oder bei euch aufbewahrt liegen muß. Was mich uͤberzeugt, daß in dem Vorgegangenen nichts Goͤttliches obwalte, iſt, daß eine Gottheit ſich nicht darin gefallen wuͤrde, eine Pfeife zu entwenden: es iſt gewiß vielmehr das Werk eines gottloſen Zaube⸗ rers, die in einem Tempel verehrten Goͤtterbilder um⸗ zuſtuͤrzen. Das iſt meine Meinung.“ VII. 17 258— 441. Tag. Vierhundert und ein und vierzigſter Tag. Der Oberprieſter mußte den Gruͤnden des Veſyrs beipflichten, und verſprach, die ganze Prieſterſchaft auf⸗ zufordern, ſich unverzuͤglich mit der Nachſuchung in den Archiven zu beſchaͤftigen. Beide theilten ihre Ge⸗ danken den drei anderen Veſyren, und alsdann der ganzen Verſammlung mit; worauf der Divan ausein⸗ ander ging.. Da ſiehſt du, mein theurer Fuͤrſt, den Vertheidi⸗ gungsplan unſerer Feinde; ich halte ihn nicht fuͤr ge⸗ faͤhrlich, und er ſoll noch fruͤher vereitelt werden, als man die Mittel beiſammen hat, ihn in Ausfuͤhrung zu bringen. Verwundere dich nicht, wenn ich dich dieſen Abend verlaße; ich werde die ganze Nacht fuͤr dich kaͤmpfen.“ Der Mograby hielt Wort. So bald die vier Ve⸗ ſyre in ihren Betten lagen, ließ er ſie durch die ſeinem Staͤbchen dienſtbaren Geiſter aufheben und auf den hoͤchſten Gipfel des Gebirges Kaukaſus verſetzen. Hier waren ſie nackt, einander gegenuͤber, an Pfaͤhle gebunden, und von einem duͤſteren Schimmer ange⸗ leuchtet, der ſie einander leichenblaß erſcheinen ließ, wenn auch die Schmerzen, welche ſie hier ausſtehen ſollten, ſie nicht bald wirklich erbleicht haͤtten. Ein ſchneidender Wind, von den eiſigſten Schauern des Nordens durchdrungen, weckte ſie hier ploͤtzlich auf: „ 3 Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 259 eine Bezauberung ſchuͤtzte ſie gegen den Tod, und ließ ſie zu gleicher Zeit alle Schrecken und Aengſte deſſel⸗ ben empfinden. Ploͤtzlich erſchien der Mograby mitten unter ihnen in einer blendenden Geſtalt: „Kennet ihr mich, ihr elenden Wichte? Ich bin Bil⸗il⸗ſanam, der Sohn Dagons, eures Gottes. Du wollteſt alſo,“ ſprach er zum Großveſyr, „Koͤnig werden? Deine habgierigen Genoſſen haͤtten die Macht, ſo wie die Schaͤtze deines Vorgaͤngers, mit dir getheilt! Ihr habt den Koͤnig verſchmaͤhet, wel⸗ chen wir erwaͤhlt haben; ich ſelber habe meines Va⸗ ters und mein eigenes Bild zertruͤmmert; wir wollen uns einem Volke entziehen, welches ihr verleitet habt. Bleibet hier, ihr Boͤſewichte, bis euer Ehrgeiz und eure Habſucht ſich abgekuͤhlt haben.“ — Hierauf verſchwand er, und uͤberließ ſie ihren Ge⸗ wiſſensbiſſen, und dem Grauſen, welches ſich bald durch ein allgemeines Zittern und Beben ausdruͤckte. Bald darauf ließ der Schwarzkuͤnſtler den Ober⸗ prieſter und drei andere Oberhaͤupter der Prieſterſchaft aufheben, und ſie mitten in die brennendſten Sandwu⸗ ſten Libyens verſetzen. Hier waren ſie, ebenfalls nackt und feſtgebunden, den gluͤhendſten Strahlen der Sonne ausgeſetzt, welche ſie bald getoͤdtet haͤtten, waͤren ſie ihnen nur mit ih⸗ ren natuͤrlichen Kraͤften preisgegeben: der Zauberer 260 8 441. TC a g. aber erhielt ſie am Leben, um ſie die grauſamſten Qualen erleiden zu laßen. Er erſchien ihnen eben ſo, wie den Veſyren, und ſprach zu ihnen: „Verworfene Diener unſerer Altaͤre! ihr bringet meinem Vater und mir nur deshalb Opfer dar, um euch mit dem Fleiſche der Opferthiere zu maͤſten. Ihr nennet euch die Verkuͤndiger unſers Willens, und ihr waget es, ihm zu widerſtreben; ihr verkaufet die Koͤ⸗ nigswahl durch ein Thier, deſſen Natur ihr verdorben habt; ihr Heuchler! ihr Tagediebe! ihr abgefeimte Betruͤger! Aber ich will unſere Tempel dem Boden gleich machen, damit ihr fuͤrder keine Herberge mehr darin findet: waget es fortan noch in unſerm Namen herrſchen zu wollen! Wiſſet, daß der Mann, den wir der Krone wuͤrdig achten, nirgendwo Fremdling iſt. Die Prieſter ſtießen ein ſchreckliches Geheul aus; aber ihre ausgetrocknete und am Gaumen klebende Zunge verſagte ihnen den Dienſt, ein einziges Wort auszuſprechen. Als der Mograby nach ſeinem Gefallen diejenigen gezuͤchtigt hatte, deren Willen er ſich unterwerfen mußte, loͤſte er das ſchreckliche Traumgeſicht auf, wo⸗ mit er ſie geaͤngſtigt hatte; denn alles war nur ein Traumgeſicht: ihre Leiber waren nicht aus ihren Bet⸗ ten gekommen, obwohl ſie die Male der ausgeſtande⸗ nen Leiden an ſich trugen; den Veſyren war von der bittern Kaͤlte die Haut aufgeſprungen; den Prieſtern Jamalaoͤdin, Prinz von Groß⸗Kataj. 261 war ſie zuſammengeſchrumpft, als wenn ſie uͤber gluͤ⸗ hende Kohlen gefahren waͤre. Nach dieſen ſchweren Leiden wurden ſie wieder in tiefen Schlaf verſenkt; dieſer mußte ihnen wieder Kraͤfte geben, damit ſie einander den Eindruck mitthei⸗ len konnten, welchen der fuͤrchterliche Vorgang auf ſie gemacht hatte. Nachdem ſie ſich unter einander berathen hatten, waren alle der Meinung, daß der Oberprieſter das Wort nehmen und alſo ſprechen ſollte: „Gewaltige Prinzen, Emire und Schriftgelehrte, die ihr hier verſammelt ſeid! Wir haben uns geirrt, als wir die Wahl verwarfen, wodurch unſere Goͤtter einen Fremdling zu unſerm Herrſcher berufen haben. Sie haben uns ihren Zorn daruͤber bezeugt, indem ſie ſelber ihre Standbilder umſtuͤrzten; ſie haben uns außerdem noch beſonders bedrohet und ſchreckliches Un⸗ heil uͤber uns und uͤber euch verkuͤndigt, wenn wir noch einen Augenblick zaudern, uns ihrem Willen zu unterwerfen: ſie ſind die Urheber der Wunder, welche uns erſchreckt haben; huͤten wir uns, ihre furchtbare Rache zu reizen; laßt uns den Fremdling aufſuchen, den ſie uns zum Koͤnige geben, und den Gemahl, den ſie der Tochter unſers ſeligen Koͤnigs beſtimmt haben.“ In demſelben Augenblick, als der Oberprieſter dieſe Rede geendigt hatte, verkundigte man in dem Di⸗ van, daß der Ter⸗il⸗bas ſich oben auf dem Hauſe A 262² 44r. 442. Tag. meines Vaters zeigte und dort ſein Rad ſchluͤge. Das zuſammen gelaufene Volk ſtaunte dieſes neue Wunder an, und fing ſchon an zu murren, als es den ganzen Divan feierlich daher kommen ſah, um demjenigen Scepter und Krone darzubringen, den es zu ſeinem Koͤnige wuͤnſchte. Ich uͤbergehe die Erzaͤhlung von dieſer unerwar⸗ teten Kroͤnung, und von den Vermaͤhlungsfeierlichkeiten meines Vaters, weil ich davon weniger unterrichtet bin, als von den uͤbrigen Umſtaͤnden, welche man mir wohl hundertmal vorerzaͤhlt hat. So bald die Feſtlichkeiten voruͤber waren, ver⸗ ſchwand der Mograby, nachdem er meinen Vater dach nals an ihre gegenſeitige Verpflichtung erinnert atte. Vierhundert und zwei und vierzigſter Tag. Meine Mutter ward ſchwanger; ſie kam mit mir nieder, und ich weiß, daß mein Vater bei meiner Ge⸗ burt Thraͤnen uͤber mich vergoß, indem er ſich der un⸗ ſeligen Verbindlichkeit erinnerte, welche er uͤbernom⸗ men hatte.. Der Urheber meiner Tage, obwohl nur ein Bar⸗ biersſohn, ließ ſich jedoch nicht von dem Glanze ſei⸗ nes großen Gluͤckes verblenden, auf welches er fruͤh⸗ Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 263 zeitig vorbereitet war. Er wurde in Kriege verwickelt, und fuͤhrte ſie mit Ruhm; er herrſchte gerecht; kurz, er war von ſeinen Unterthanen geliebt. Als er ſich in ihren Herzen befeſtigt, von ſeinen Feinden gefuͤrchtet, in ſeinem Reiche geehrt ſah, ſtand er nicht laͤnger an, ſich den Troſt zu gewaͤhren und meinen Großvater zu ſich zu berufen; er ſchickte eine Geſandſchaft nach Perſien, ihn von dem Koͤnige zu erbitten. Die Geſandſchaft wurde ſehr gut aufgenommen: mein Großvater und meine Großmutter waren noch nicht in ſo hohem Alter, um ſich vor der weiten Reiſe zu fuͤrchten; ihr Freund, der Sterndeuter, verſicherte, ſie wuͤrde ſehr gluͤcklich gehen, und erbot ſich ſelber ſie zu begleiten, obſchon er viel aͤlter war, als ſie; aber er war Wittwer geworden, und hatte keine Kinder: wir ſahen ihn alſo mit nach Nantaka kommen. Nichts wuͤrde nunmehr an dem Gluͤcke meines Vaters und meiner Mutter gefehlt haben, wenn das Andenken an die mit dem Mograby eingegangene Ver⸗ pflichtung in Betreff meiner, ſie nicht beiderſeits beun⸗ ruhigt haͤtte; denn ſie hatten, außer mir, keine Kinder, ſahen ſich maͤchtig, faſt verehrt, und von allem umge⸗ ben, was ihnen auf Erden das Liebſte war. Ich war acht Jahr alt, als alle die Meinigen ſo verſammelt wurden: mein Vater und meine Mutter machten es ſich zum Vergnuͤgen mich ſelber zu unter⸗ 264 442. Tag. richten, ſo ſehr liebten ſie mich. Ich war bei ihnen, als der erſte dem alten Sterndeuter im Vertrauen er⸗ zaͤhlte, was der Mograby ſich von ihm dafuͤr bedun⸗ gen hatte, daß er ihn auf den Thron erhuͤbe; denn er hatte dieſen betruͤbenden Umſtand meinem Großva⸗ ter verſchwiegen, um nicht ſeine Freude zu ſtoͤren. „Ich fuͤhle,“ ſagte mein Vater zu ſeinem alten Freunde,„wie unvorſichtig ich geweſen bin: aber ich gewahrte, daß die Boͤrſe, welche man mir gegeben und welche mir waͤhrend der Reiſe unerſchoͤpflich geſchie⸗ nen hatte, damals beinahe leer war, und ich befand mich an dem Fuße der großen Mauer, welche uͤber⸗ ſtiegen werden mußte, um zur Herrſchaft zu gelangen. Wenn ich mich des Gluͤckes erfreuen wollte, zu wel⸗ chem mein Geſtirn mich berufen hatte, ſo duͤnkte es mich unmoͤglich, zuruͤck zu treten. Du ſelber, mein Freund, haͤtteſt mir gerathen, es nicht zu thun.“ „Es war damals nicht mehr Zeit, mich um Rath zu fragen,“ erwiederte der Sterndeuter;„du haͤtteſt zu mir kommen muͤßen, als der Geiſt, welchen du in dem Bade ſaheſt, dich aufgefordert hatte, die Reiſe zu unternehmen, und dir die Boͤrſe gab, von welcher du redeſt; ich haͤtte die Boͤrſe genommen, ſie mit Huͤlfe meines Sandes unterſucht, und herausgebracht, aus welcher Hand ſie kaͤme. Meine Sterndeutung bei deiner Geburt war un⸗ truͤglich; die boͤſen Geiſter hatten davon Kunde, und Jamalaodin, Prinz von Groß⸗Katai. 265 es ſcheint, du biſt in eine Schlinge gefallen, welche ſie dir gelegt haben, dich irre zu fuͤhren. Aber gib mir jene Boͤrſe, die mir verdaͤchtig iſt, weil ſie immer voll war, um dich bis an den Fuß der Mauer zu ziehen, aber leer geblieben waͤre, wenn du dich entſchloſſen haͤtteſt, zuruͤck zu treten. Ich will ſie nach den Regeln der Kunſt unterſuchen, und wir wollen auf Mittel ſinnen, dein Kind zu befreien, wenn die uͤberſchwaͤngliche Bosheit, welche ich hierin ahne, ſie nicht zum voraus vereitelt hat. O Schaskar! Schaskar!“ ſetzte der gute Stern⸗ deuter hinzu,„mußteſt du auch abreiſen, ohne Vater und Mutter, ohne mir, der dich ſo herzlich liebte, Le⸗ bewohl zu ſagen? Mußteſt du ſo thoͤrigt einem Throne nachjagen, welchen du ſo theuer bezahlen ſollteſt?“ Bei dieſen Worten zerſchmolz mein Vater in Thraͤ⸗ nen. Ich hatte mich in ſeine Arme geworfen, ihn durch meine Liebkoſungen zu troͤſten, das gab aber ſeinem Schmerze nur neue Staͤrke. Meine Mutter kam dazu, und vermiſchte ihre Thraͤnen mit denen ihres Gatten.— Der Sterndeuter ſagte ihnen alles, was er ver⸗ mochte, ſie zu troͤſten, und nachdem er ſich die Boͤrſe hatte einhaͤndigen laßen, begab er ſich damit in ſeine Werkſtatt, und wartete die zu ſeiner Arbeit guͤnſtige Stunde ab. 266 442. Tag. Aber ach! er gewann daraus nur ſehr traurige Aufklaͤrungen, die geeignet waren, meine zaͤrtlichen Aeltern voͤllig niederzuſchlagen. „Der Mograby,“ ſprach er zu ihnen,„iſt der maͤchtigſte und gefaͤhrlichſte Schwarzkuͤnſtler, den es auf Erden gibt; ihm iſt das Kind im Namen Ma⸗ homeds abgetreten worden: es iſt unmoͤglich, die Wir⸗ kung dieſes Vertrages aufzuheben, und man wagt al⸗ les dabei, den furchtbaren Mann zu reizen, mit dem er geſchloſſen iſt. Bedenke wie er deine Feinde behan⸗ delt hat. Aber es iſt dir nicht verwehrt, deinen Sohn be⸗ ſchneiden zu laßen, was noch nicht geſchehen iſt, und ihn im Grunde deines Herzens Mahomed zu empfeh⸗ len, wenn der gefaͤhrliche Schwarzkuͤnſtler koͤmmt, ihn euch abzufordern. Der große Prophet wird ihn nicht verlaßen: er vermag die Seinigen aus der Tiefe des Abgrundes zu ziehen.“ Weil mein Vater uͤber Goͤtzendiener herrſchte, ſo wurde ich im Geheimen von meinem Großvater be⸗ ſchnitten, und die Meinigen waren um etwas beruhig⸗ ter meinetwegen. Unterdeſſen wuchs ich heran, im Schooße einer Familie, die es ſich hoͤchſt angelegen ſein ließ, mir Unterricht zu ertheilen; und da ich mich anſtrengte, denſelben zu benutzen, ſo darf ich wohl ſa⸗ gen, daß ich ziemlich gute Hoffnungen erregte. Aber der Tod raubte mir meine Lehrer, einen nach dem an⸗ Jamalaodin, Prinz von Groß⸗Katai. 267 dern. Im zwoͤlften Jahre verlor ich meinen Großva⸗ ter und den Sterndeuter, im dreizehnten meine Groß⸗ mutter; endlich, im vierzehnten Jahre, erſchien der Mograby. Ich konnte vor dieſem Ungeheuer die Beklemmung des Herzens nicht verbergen, welche ſeine Gegenwart mir erregte; mein Vater, gewohnt ſich zu zwingen, bezeigte ſo viel Freundlichkeit als moͤglich bei ſeinem Empfange. Sollte man denken, daß der Unmenſch ſich ſtellte, als wenn er dadurch getaͤuſcht wuͤrde? er uͤberhaͤufte meinen Vater und mich mit Liebkoſungen. Er war zu Pferde angekommen und hatte noch ein andres, ſchoͤne⸗ res Pferd zur Hand, welches fuͤr mich beſtimmt war; er fuͤhrte es mir vor, und diente mir als Stallmeiſter. Bei allen dieſen Aufmerkſamkeiten ſchienen mein Vater und meine Mutter ſich ein wenig zu beruhigen. Sie umarmten mich, und ich ſchied von ihnen.. Mein Fuͤhrer ritt vor mir, und wir verließen bei⸗ de die Stadt, ohne mit einander zu reden. So bald wir an einem abgelegenen Orte waren, fuͤhlte ich ploͤtz⸗ lich mein Pferd unter mir zergehen, ich ſtuͤrzte zu Bo⸗ den und ſtand auf meinen beiden Fuͤßen. Der Mograby ſtand mir gegen uͤber und blickte mich mit den Augen an, welche ihr auch an ihm ge⸗ ſehen habt, wenn die Wuth ihn befaͤllt. Schrecken er⸗ 268. 442. 443. T a g. griff mich, ich ſchrie, und er gab mir eine entſetzliche Maulſchelle. „Wie,“ ſprach er zu mir,„du ſchreieſt? biſt du denn nicht beſchnitten? was haſt du bei mir zu fuͤrchten?“ Zu gleicher Zeit ergriff er mich beim Halſe, warf mich wie ein Pack Baumwolle unter ſeinen Arm, und ich fuͤhlte mich mit reißender Schnelligkeit empor ge⸗ hoben: endlich ſtuͤrzte er mich, am Fuße des Berges, in daſſelbe Waſſer hinab, in welches er euch verſenkt hat. Vierhundert und drei und vierzigſter Tag. Unter ſeinem Arme war ich federleicht: ich ward ein Klumpen Blei in meinem Sturze, und ich fuͤhlte meinen ganzen Leib zerſchmettert. Er zog mich wieder heraus, ſtreckte mich, faſt entſeelt, auf das Gras hin, und nahm ſeine gewoͤhnlichen Raͤucherungen vor. End⸗ lich brachte er mich hieher. Ich kuͤrze hier eine fuͤr euch und fuͤr mich wider⸗ waͤrtige Schilderung ab, naͤmlich wie der Schwarz⸗ kuͤnſtler acht Tage lang die ſorgfaͤltigſte Pflege an⸗ wandte, um mich wieder ins Leben zu rufen, dem ſeine Grauſamkeit mich faſt entriſſen hatte. Er ſchlief auf Matten mir zur Seite, bewachte mich, half mir bei allen meinen Beduͤrfniſſen. Er konnte mich, ich Jamaladin, Prinz von Groß⸗Katai. 269 weiß es, in einem Augenblick von allen den Leiden hei⸗ len, welche er mir abſichtlich zugefuͤgt hatte: aber er verlaͤngerte dieſelben, damit ich, durch ſeine ſcheinbar ſo liebreiche Pflege, alles das glauben moͤchte, was er mir von ſeiner Zuneigung zu mir vorſpiegeln wollte. Ich habe ſeine Kuͤnſte hier ſchon ſo vollkommen ſchildern gehoͤrt, daß ich dem Gemaͤlde davon nichts mehr hinzu fuͤgen kann. Es gelang ihm ſo, mir ein⸗ zubilden, daß er bei den Mishandlungen, welche er mir zugefuͤgt hatte, wohl nicht durchaus Unrecht ge⸗ habt haͤtte, und daß ich nur freundliche Behandlung von ſeiner Seite erfahren haben wuͤrde, wenn mein Vater nicht, mit Huͤlfe eines Sterndeuters, an mei⸗ nem Leibe Veraͤnderungen vorgenommen haͤtte, welche die Erneuung deſſelben nothwendig gemacht. „Der Barbiersſohn, den ich zum Koͤnige gemacht habe,“ ſagte er zu mir in Beziehung auf meinen Va⸗ ter,„iſt ſo undankbar, ſo verwegen geweſen, mir, ſei⸗ nem Wohlthaͤter, entgegen zu arbeiten! er wollte mich eines Sohnes berauben, welchen ich mir durch ſo viel Anſtrengungen erworben hatte! Denn du, Jamalad⸗ din, biſt wohl das Kind der Prinzeſſinn von Katai, aber nicht der Enkel eines elenden Handwerkers: du biſt mein Kind, Dank den Geſtirnen! und diejenigen, die dich um alle deine Rechte auf einen weit hoͤheren Stand, als den der Koͤnige bringen wollten, ſollen mir dafuͤr haften.“. 270 443. Tag. Auf ſolche Weiſe ſuchte er bei mir die Gefuͤhle der Natur zu erſticken, in Erwartung, daß er auch Gelegenheit finden wuͤrde, die Grundſaͤtze auszurot⸗ ten, welche ich mir eingepraͤgt hatte, damit ich ihm gaͤnzlich unterworfen waͤre. Als ich hergeſtellt war, fuͤhrte er mich in allen den Bezauberungen umher, welche er euch hat kennen gelehrt; er ließ mich der angeblichen Vorrechte eines Kindes vom Hauſe genießen. Nachdem er mich vollkommen mit ihm vertraut glaubte, gab er mir dieſelben Buͤcher in die Hand, de⸗ ren Studium er euch empfohlen hat; ich verſchlang ſie faſt beim Leſen, und ich ſuchte um ſo eifriger in ihr Verſtändnis einzudringen, als ſie mich von Ge⸗ heimniſſen unterrichteten, deren Kenntnis mir ſehr be⸗ friedigend ſchien. 4 Aber das dreizehnte Buch kam mir unerklaͤrlich vor, ich gab es auf, in den Sinn deſſelben einzudrin⸗ gen, und wurde dafuͤr, bei der Ruͤckkehr meines Mei⸗ ſters mit einer Maulſchelle beſtraft, welche mich auf den Boden hinſtreckte. „Du Ungehorſamer,“ ſagte er,„du Faullenzer! werth, der Enkel eines Barbiers zu bleiben!“ Auf ſolche Weiſe pruͤfte er meine Geduld und mei⸗ ne Unterwuͤrfigkeit. Ich ſtand, beſchaͤmt und im Grunde meiner Seele verzweifelnd, wieder auf. Der Mograby nahm ſein kaltbluͤtiges Weſen wieder an, er fuͤhrte Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 271 mich in das Studierzimmer zuruͤck, und gab mir das dunkle Buch, deſſen Sinn ich durchdringen ſollte, wie⸗ der in die Hand. 4„Ich bin nicht,“ ſagte er,„Herr meiner erſten Aufwallung, wenn derjenige, den ich bilden will, ver⸗ ſaͤumt, was er mir und ſich ſelber ſchuldig iſt.— Ich bin,“ fuhr er fort,„genoͤthigt, mich auf einen Monat von hier zu entfernen, ich gebe dir nur auf, ein einziges Buch zu ſtudieren, und du haſt alles zu hoffen oder alles zu fuͤrchten.“ Mit dieſen Worten verließ er mich. „O Ungeheuer von Grauſamkeit und Ungerechtig⸗ keit!“ rief ich aus, als ich waͤhnte, daß er mich allein gelaßen haͤtte:„du ſollſt mich nicht wiederfinden, wenn du hieher zuruͤckkoͤmmſt, oder alles iſt erlogen, was ich in deinen Buͤchern geleſen und gelernt habe! Man darf ja nur drei Zaubercharaktere zeichnen und drei Woͤrter ausſprechen, welche ich auswendig ge⸗ lernt habe, um ſich zu verſetzen, wohin man will. Ja, ich will mich aus dieſer Gefangenſchaft befreien, und ſchon den Weg nach dem Reiche meines Vaters finden./. Nachdem ich dieſen Entſchluß gefaßt hatte, ging ich in den Marſtall: ich nahm eins von den Pferden, das am beßten ausſah, zog um daſſelbe einen Kreis, in deſſen Mitte die Charaktere ſtanden, welche ich mir wohl eingepraͤgt hatte; ich ſetzte mich dann zu Pferde, 27² 2 5 443. 4⅜. T a g. und ſprach die Zauberworte aus: augenblicks waͤhnte ich mich außerhalb des unſeligen Gebiets zu befinden, aus welchem ich entfliehen wollte, auf einem Wege, dem ich nur zu folgen brauchte, und mich duͤnkte, ich ſprengte raſch vorwaͤrts. Die Nacht ſchien bald hereinzubrechen; ich waͤhnte von ferne ein Haus zu erblicken, und eilte, es zu er⸗ reichen, um daſelbſt um Herberge zu bitten. Als ich nahe heran kam, entdeckte ich, daß es eine gaͤnzlich verfallene Huͤtte war; aber ein Baͤchlein floß daneben, und mein Pferd konnte in einer nur halb zerſtoͤrten Umzaͤunung ſicher weiden. Ich ſelber richtete mich, ſo gut es anging, ein, um in einem kleinen Winkel des Gemaͤuers die Nacht zuzubringen; hier verſank ich in einen tiefen Schlaf. Wie groß aber war meine Ueberraſchung bei mei⸗ nem Erwachen, als ich ſah, daß die Herberge, welche ich mir gewaͤhlt hatte, nur ein niedriges Gefaͤngnisge⸗ woͤlbe ohne Thuͤre war! Der Tag fiel durch ein drei⸗ fach vergittertes Loch herein, und ließ mich die unge⸗ heure Dicke der Mauern erkennen.. Vierhundert und vier und vierzigſter Tag. Von den Gegenſtaͤnden, welche ich am vorigen Abend erblickt hatte, erkannte ich nichts mehr, als ei⸗ Jamaladdin, Prinz von Groß⸗Katai. 273 nen dicken, mit Moos bedeckten Stein, welcher mir zum Kopfkiſſen gedient hatte, und mein Pferd, welches ich durch das Gitter ruhig in der Umzaͤunung weiden ſah, wo ich es hinein geſtellt hatte. Ich brach ſogleich in Thraͤnen aus, und uͤberließ mich bald der Verzweiflung, als ich mich von Hunger und Durſt gequuͤlt fuͤhlte. Ich dachte, noch beſſer, als ſo ſchmaͤhlich umzu⸗ kommen, waͤre es, mich ſelber wieder der Gewalt des Schwarzkuͤnſtlers zu uͤberliefern, was mir dann auch geſchehen moͤchte. Ich zog mit meinen Fingern einen Kreis um mich, ſchrieb die Charaktere hinein, ſprach die mir bekannten Zauberworte aus, und wuͤnſchte, wieder hieher verſetzt zu werden. Kaum hatte ich dieſe Worte ausgeſprochen, als ich mich auf demſelben Pferde und in demſelben Kreiſe befand, von welchem ich ausgeritten war; ich wollte ihn eben mit den Fuͤßen verwiſchen, als ich den Schwarz⸗ kuͤnſtler erblickte: ein Donnerſchlag uͤber meinem Haupke haͤtte mich nicht ſo niedergeſchmettert. „Zerſtoͤre nicht dein Werk,“ ſprach er mit hoͤhni⸗ ſcher Miene zu mir;„es iſt tuͤchtig ausgefuͤhrt, du haſt dadurch viele Laͤnder geſehen, und gleichwohl haſe du nicht einen Schritt aus deinem Kreiſe gethan, wuͤr⸗ diger Enkel eines elenden Barbiers von Schiras! Du wuͤrdeſt allzu gluͤcklich ſein, wenn ich dich in die Bar⸗ VII. 18 444. Tag. bierſtube deines Großvaters zuruͤckkehren ließe: aber ich bedarf eine Rache andrer Art, und eines Opfers fuͤr denjenigen, den ich beleidigte, als ich ein ſo ver⸗ achtliches Geſchoͤpf, wie du biſt, erwaͤhlte, um es ſei⸗ nem Dienſte zu weihen!“ Mit dieſen Worten ergriff er mich bei den Haa⸗ ren, wand ſie ſich vier⸗ oder fuͤnfmal um ſeine Fauſt, und ſchwang mich empor, ſo daß mir nicht einmal ſo viel Kraft blieb zu ſchreien. Das Uebrige meiner Ge⸗ ſchichte wißt ihr, mein Prinz; ich weiß ſelbſt nicht einmal, wie lange ich unter den Qualen der graͤßlich⸗ ſten aller Bezauberungen geſchmachtet habe.“ Nachdem Jamaladdin die Erzaͤhlung ſeiner Ge⸗ ſchichte geendigt hatte, nahm der ihm zur Seite ſitzen⸗ de das Wort: Geſchichte Baha-Ildins, des Prinzen von Cinigas. ◻ „Ich ſehe, meine Prinzen,“ ſprach er zu ſeinen Zu⸗ hdrern,„daß unſere Unfaͤlle einander ſehr aͤhnlich ſind; unſere Aeltern ſind das Opfer derſelben Argliſt geworden. Ich heiße Baha⸗Ildin, und bin der Sohn des Koͤnigs von Cinigaé, eines Landes, das zwiſchen Aegyp⸗ ten und Aethiopien liegt. Mein Vater wurde von dem ſeinigen in einem Alter von ſechzehn Jahren mit der Tochter eines meiner Oheime vermaͤhlt: ſie war vier Jahre juͤnger, als er; er war ſterblich in ſie ver⸗ liebt, und auf dem Gipfel des Gluͤcks, als er ſich in ihrem Beſitze ſah. 444. Ta g. Bald nach der Vermaͤhlung fuͤhlte meine Mutter ſich ſchwanger; dieß machte ſie ſehr gluͤcklich: aber weil ſie bei der Niederkunft noch zu jung war, befand ſie ſich, nach zehntaͤgigen unſaͤglich ſchmerzhaften Ge⸗ burtswehen, in der aͤußerſten Gefahr. Man hatte ver⸗ geblich die Aerzte des Landes und ſelbſt einen Araber zur Huͤlfe gerufen, welcher durch die haͤufigen luͤckli⸗ chen Erfolge in der Ausuͤbung ſeiner Kunſt beruͤhmt war. Ach! die Wiſſenſchaft war zu Ende und ließ die Natur erliegen! Vielleicht war die ſchwarze Bosheit, welche ihr endlich zu Huͤlfe kam, mit Schuld an dem Uebel, welches ſie ſo in Gefahr ſetzte. 2. — Von dem Augenblicke an, wo meine Mutter in Lebensgefahr zu ſchweben ſchien, wiederholte ein Kauf⸗ mann, der mit Reiherbuͤſchen handelte, und ſich durch die Schoͤnheit ſeiner Waare in den Palaſt Eingang verſchafft hatte, im Geſpraͤche mit den Frauen meiner Mutter, unaufhoͤrlich die Worte: „Es gibt hier nur Einen Mann, welcher der Prinzeſſinn helfen kann; es iſt ein Afrikaniſcher Arzt, welchen ich bei den ſchwerſten Geburten habe Wunder thun ſehen: er wohnte damals zu Maſſer, wo ich ihn in dem groͤßten Rufe ſtehen ſah; er beſitzt einen Trank, von welchem man behauptet, daß er gegen alles hilft; man glaubt, daß er vermittelſt dieſes Geheimniſſes bis zu dem Alter gelangt iſt, worin er ſich befindet; denn er iſt wenigſtens hundert und funfzig Jahr alt.“ -— Baha⸗Ildin, Prinz von Cinigaé. 277 Die Reden des Federhaͤndlers machten anfangs keinen großen Eindruck; aber als er wieder in den Palaſt kam, wie wenn er durch Theilnahme und Mit⸗ leid mit der kranken Prinzeſſinn dahingefuͤhrt wuͤrde, ließ er die Worte fallen: „Ach! wenn der Afrikaniſche Arzt nur nicht ſo alt waͤre! wenn er ſich nur bis hieher ſchleppen koͤnnte!“ Da die Gefahr aufs hoͤchſte geſtiegen war, wagte die Amme, die den Tod der Prinzeſſinn vor Augen ſah, dem Vater und der Mutter von dem Afrikaniſchen Arzte zu ſagen; dieſe ſprachen daruͤber mit dem Koͤ⸗ nige, der die Kranke herzlich liebte, die ſeine Nichte, und nun auch ſeine Tochter war. Man ließ den Federhaͤndler rufen, man fragte ihn⸗ wo der Afrikaniſche Arzt ſich aufhielte. Er gab deſſen Wohnung an, und ſagte: „Sie iſt hier an dem großen Platze; aber er kann nicht mehr gehen.“ Ein Veſyr wurde abgefertigt, ihn zu holen. Der Arzt war das Bild der Hinfaͤlligkeit: ein Mann mußte ihn auf den Schultern nach dem Palaſt tragen, und hier ließ er ſich auf einem Haufen Kiſſen ans Bette der Kranken ſetzen. „Ach!“ ſagte er, nachdem er eine Zeit lang den „Puls befühlt hatte,„ſie iſt noch ſehr jung, und wenn 278 444. 446. Tag. man ihr nicht ſchleunig zu Huͤlfe koͤmmt, ſo wird ſie augenblicklich eben ſo alt ſein, als ich.“ Er zog hierauf aus ſeiner Taſche ein Flaͤſchchen, in welchem ungefaͤhr zwoͤlf Tropfen von jenem beruͤhm⸗ ten Tranke waren.— „ Ich habe mich,“ ſprach er mit der Stimme ei⸗ nes ſterbenden Menſchen,„aus Maſſer gefluͤchtet, da⸗ mit man mir nicht dieſe zwoͤlf Tropfen entriſſe, wel⸗ che aus den balſamiſchen Saͤften aller Theile der Erde gezogen ſind: ich kann nicht mehr die Welt durchſtrei⸗ fen, um ſie zuſammen zu ſetzen; ſie allein erhalten mir das Leben: ich will mit der Kranken theilen, das iſt alles, was ich thun kann. Betrachtet mein Flaͤſch⸗ chen; es iſt aus einem einzigen Edelſtein geſchliffen: gleichwohl wiegt es nicht einen Tropfen des Saftes auf, welchen es enthaͤlt.“ — Vierhundert und fuͤnf und vierzigſter Tag. Waͤhrend er ſo ſprach oͤffnete er mit zitternder Hand ſein Flaͤſchchen, ließ einen Tropfen daraus in einen Loͤffel fallen, und bot ihn ſelber dem Munde der Prinzeſſinn dar, welche die wenige Arzenei hinunter ſchluckte. In den Zwiſchenraͤumen beim Eingeben der einzelnen Tropfen, bemerkte man, daß die Kranke ſicht⸗ lich an Kraͤften zunahm, und ſie gab davon deutliche Baha⸗Ildin, Prinz von Cinigaé. 279 Beweiſe, indem ſie ſich begierig nach dem Loͤffel auf⸗ richtete. Mit dem ſechſten Tropfen hatten ihre Schmer⸗ zen aufgehoͤrt, ſie hatte die Sprache ſo weit wieder bekommen, daß ſie ſagen konnte:„Ach! wie wohl be⸗ finde ich mich!“. Die Vaͤter, die Mutter, der Gatte, alle Angehoͤ⸗ rigen waren entzuͤckt:„Du haſt ſie uns alſo wiederge⸗ ſchenkt?“ ſagte der Koͤnig zu dem Arzte. „Ja, ſie wird am Leben bleiben, ich hafte dafuͤr,“ antwortete der alte Arzt. „Aber das Kind?“ fuhr der Koͤnig fort. „Ja!“ antwortete der vorgebliche Heilkuͤnſtler, „dafuͤr ſtehe ich nicht. Ihr koͤnnt von mir nicht ver⸗ langen, daß ich auch noch die ſechs Tropfen aufopfern ſoll, welche mir noch uͤbrig ſind: wollt ihr, daß ich mein Leben fuͤr das Leben eines Kindes hingebe, wel⸗ ches deſſelben noch nicht einmal genießt, deſſen Ge⸗ ſchlecht man noch nicht einmal weiß?“ „Ach!“ rief mein Vater aus:„guter Greis, gib meinem Kinde, weil es in deiner Gewalt ſteht, das Leben wieder, von welchem Geſchlecht es auch ſei, und ſollte ich es dir auch ſchenken!“ „Mir es ſchenken!“ wiederholte der Afrikaner: „ja freilich, damit waͤre uns beiden geholfen; das laͤßt ſich hoͤren. Du kannſt alle neun Monden einen Erben bekommen: ich aber, wenn du mich zwingeſt, um dir 280 445. Tag. zu dienen, ſechs Monate fruͤher in die Grube zu fah⸗ ren, ich werde keinen haben. Wehe dem,“ fuhr er fort,„der keinen Erben hin⸗ terlaäßt! Ich habe immer darnach getrachtet, dieſem Fluche auszuweichen; meine Erbſchaft iſt nicht ſo ſehr zu verſchmaͤhen, wie man waͤhnen moͤchte. Wenn dein Kind ein Knabe iſt, und du mir es im Ernſte ſchenkeſt, ſo will ich, nachdem ich mich der ſechs letzten Tropfen beraubt, welche dieſes Flaͤſchchen noch enthaͤlt, ihm daſſelbe zum Spielzeug hinterlaßen: es iſt das mindeſt koſtbare Kleinod, welches meine Wiſſenſchaft mir verſchafft hat; und ich will ihn lehren, wo die uͤbrigen zu finden ſind. Laß uns ein Ende ma⸗ chen: ſoll der Neugeborene mein ſein?“ Die Prinzeſſinn, der die Tropfen unglaublich wohl gethan hatten, waͤnſchte nichts ſehnlicher, als ein Kind wieder belebt zu ſehen, welches ſeit ſieben Tagen ſich nicht geregt hatte:„Laß uns,“ ſprach ſie zu ih⸗ rem Gatten,„dem guten Alten einen Erben ſchenken.“ Mein Vater willigte ein. Mein Großvater und mein Oheim waͤhnten auch, daß man ein vielleicht tod⸗ tes Kind nur einem ſterbenden Manne ſchenkte, und gaben ebenfalls ihre Einwilligung zu dem Vertrage. Meine Mutter nahm die ſechs letzten Tropfen ein, und eine halbe Stunde darnach kam ich, ohne Kraͤmpfe, noch Schmerzen zu verurſachen, zur Welt. Der alte Afrikaner nahm mich in ſeine Arme, und Baha⸗Ildin, Prinz von Cinigas. 281 haͤngte mir an einem Bande das Flaͤſchchen um den Hals, deſſen Inhalt mir das Leben gerettet hatte. „Top,“ ſprach er zu meinem Vater, indem er ſeine Hand forderte,„ſchlag ein in die Hand des Mograby, mit dem du einen guten Handel gemacht haſt: es hat keinen Anſchein, daß du mich je wieder⸗ ſehen wirſt, es waͤre denn, daß ich zuruͤckkaͤme: in⸗ deſſen erzieh unſer Kind ſo gut, als wenn du mich alle Tage erwarteteſt; ich ſage dir zum voraus, daß es mir nur in ſo fern annehmlich ſein kann, als es gehor⸗ ſam, verſtaͤndig und wohlunterrichtet iſt. Du ſiehſt mich hier auf alles gefaßt, wenn es ſein muß, zu ſter⸗ ben: aber ich bin ſicher, mit meinen Tropfen einen gu⸗ ten Tauſch getroffen zu haben.“ Nach dieſen Worten verlangte der verhaßte Be⸗ truͤger wieder ſeine Stelle auf dem Ruͤcken des ſtarken Aethiopiers einzunehmen, der ihn hergebracht hatte, und machte ſich den Spaß, auf dem Ruͤckwege ſeine Laſt zu verdreifachen, um den armen Laſttraͤger zu er⸗ druͤcken, der an der Thuͤre unter der Laſt hinſtuͤrzte, und ſie fallen laßen mußte. Seit dieſer Zeit verſchwand der Afrikaniſche Arzt und eben ſo der Federhaͤndler aus Cinigaé. Ich aber wuchs zuſehens heran: in meinem ſechſten Jahre haͤtte man mir neune gegeben; im elften konnte ich ſchon die gewaltſamſten Uebungen aushalten; man bildete 28² 445. Tag. ſorgfaͤltig mein Gedaͤchtnis und alle meine Seelen⸗ kraͤfte aus. Mein Großvater war geſtorben, mein Vater war Koͤnig. Man erinnerte ſich des Handels mit dem Mo⸗ graby nur, als einer ſeltſamen Geſchichte, deren An⸗ denken bei irgend einer außerordentlichen Begebenheit wieder aufgefriſcht wurde; meine Amme war die ein⸗ zige, welche den Namen des Alten behalten hatte, als ein gelehrter Araber, auf der Reiſe nach den Quellen des Nils, am Hofe meines Vaters verweilte. Er erzaͤhlte außerordentliche Dinge, von welchen er in den verſchiedenen Gegenden, die er durchreiſet haͤtte, von ungefaͤhr Zeuge geweſen, und ſprach von den nuͤtzlichen Entdeckungen, welche er, beſonders in der Heilkunde, gemacht hatte. Dieſe Unterhaltung brachte natuͤrlich meinem Va⸗ ter den Afrikaniſchen Arzt in Erinnerung, ſo wie ſeine Tropfen, welche meiner Mutter und mir das Leben gerettet hatten. Meine Mutter, die bei dieſem Geſpraͤche gegen⸗ waͤrtig war, ſagte, daß der Beſitzer dieſes Saftes ſich der letzten ihm uͤbrigen Tropfen deſſelben beraubt haͤtte, um ihrem Sohn das Leben zu retten, unter der ſeltſa⸗ men Bedingung, daß man ihm dieſes Kind ſchenken ſollte, welches er zu ſeinem Erben machen wuͤrde. „Wir willigten darein,“ erzuͤhlte ſie,„um uns ſei⸗ ner Grille zu fuͤgen. Nicht, daß ſeine Erbſchaft ver⸗ Baha⸗Ildin, Prinz von Cinigas. 283 aͤchtlich ſein duͤrfte; denn nach einem Flaͤſchchen zu urtheilen, welches er uns zuruͤckgelaßen, und das aus einem einzigen Diamant beſteht, muß er große Schaͤtze beſitzen.— Leider!“ fuhr meine Mutter fort:„dieſe Erbſchaft mag ſchon am naͤchſten Tage erledigt wor⸗ den ſein; der arme Mann hatte, als er hier war, kaum noch einen Hauch des Lebens in ſich: als man ihn nach ſeinem Hauſe zuruͤcktrug, war er ſo ſchwer, wie ein Todter; und ohne Zweifel iſt er auf der Stelle geſtorben, da er nicht mehr von ſeinen Tropfen neh⸗ men konnte.“ Vierhundert und ſechs und vierzigſter Tag. Ich kam dazu, als meine Mutter dieſe Erzuͤhlung endigte:„Baha⸗Ildin,“ ſprach ſie zu mir,„geh und hole das Flaͤſchchen her, welches der Afrikaniſche Arzt dir zuruͤck gelaßen hat, und frage deine Amme, wie er hieß; dein Vater und ich, wir haben es vergeſſen.“ „Liebe Mutter,“ ſagte ich, als ich ihr das Kleinod brachte,„meine Amme ſagt, der alte Arzt, welcher dir und mir das Leben gerettet, nannte ſich der Mo⸗ graby,“ Der Arabiſche Gelehrte hatte meinem Vater und meiner Mutter mit großer Aufmerkſamkeit zugehoͤrt. Mein Vater bemerkte ſchon Unruhe in ſeinen Augen; 284— 1 446. T a g. als der Gelehrte aber den unſeligen Namen ausſpre⸗ chen hoͤrte, konnte er ſich nicht erwehren auszurufen: „Gerechter Himmel! der Mog raby!“ Dieſer Ausruf machte meinen Vater und meine Mutter beſtuͤrzt:„Was hat denn,“ fragten ſie,„der Name dieſes ungluͤcklichen Greiſes ſo Fuͤrchterliches?“ „Ihr werdet es erfahren,“ antwortete er ihnen; „die Hinfaͤlligkeit, welche er angenommen hat, um eure Augen zu taͤuſchen, iſt nur eine Larve, um euch zum Opfer ſeiner Argliſt zu machen. Der Boſewicht, ein Abſcheu des Himmels und der Erde, iſt nicht todt, und in dieſem Augenblick, da ich von ihm rede, haben vielleicht zehn Herrſcher der Erde ihre Kinder von ihm zu fordern. Ohne Zweifel fuͤhrt er ſie in den Dom⸗ Daniel bei Tunis, von welchem er eins der vornehm⸗ ſten Werkzeuge iſt; er unterrichtet ſie in den Geheim⸗ niſſen der gefaͤhrlichen Kunſt, welche er ſelber treibt. Die Tieger, die Krokodile und das giftige Gewuͤrm ſind nicht das gefaͤhrlichſte Gezuͤcht Afrika's: es ſind die Schwarzkuͤnſtler, welche es erzeugt und deren Wiege, Ruͤſthaus und Schlupfwinkel der Dom⸗Daniel iſt: Ach! wann wird doch unſer großer Prophet die Erde von dieſer Werkſtaͤtte der Ungeheuer befreien! Komm, junger Knabe,“ ſprach der Araber zu mir, indem er mich aufforderte, mich ihm zu naͤhern; legte mir dann die Hand auf das Haupt, und fuhr fort:„Ich ſtelle dich unter den Schutz Mahomeds.“ — —— Baha⸗Ildin, Prinz von Cinigaé. 285 Mein Vater und meine Mutter widerſetzten ſich dieſer Handlung des gelehrten Arabers nicht, aber ſie theilten nicht ſeine Begeiſterung. Als er abgereiſt war, entfernten ſie aus ihrem Herzen alle Furcht, welche ſeine Reden ihnen eingefloͤßt hatten. Sie meinten, wenn der Mograby haͤtte kommen und mich abfordern wollen, ſo wuͤrde er laͤngſt ſchon dieſen Schritt gethan haben. Ueberdieß betrachteten ſie die Zauberei nicht mit einem ſo ſtrengen Auge, wie der Araber, und die⸗ ſer Gelehrte ſchien ihnen zu ſtark gegen Afrika einge⸗ nommen. Es konnte ihm als ein Vorurtheil ausgelegt wer⸗ den, das ſich auf die Vorſchriften des Geſetzes gruͤn⸗ dete, zu welchem er ſich bekannte; und die Lehre Ma⸗ homeds iſt in Cinigaé noch nicht bekannt: aber ſie ſoll es werden, ich lege einen Eid darauf ab, wenn wir das Gluͤck haben, der Gefahr zu entrinnen, in welcher wir uns befinden; man hat mich unter den Schutz des großen Mahomed geſtellt, und ich rufe ihn hier von ganzem Herzen an.—. Ich erreichte ruhig, im Schooße meiner Aeltern, das Alter von vierzehn Jahren, in welchem, wie ich ſehe, unſer Peiniger uns fuͤr ſeine Abſichten reif haͤlt. Eines Tages, als ich mich vergnuͤglich mit mei⸗ nem Vater unterhielt, erſchien der Mograby, ohne ſich anmelden zu laßen, mit denſelben Runzeln im Geſichte, welche ihm das erſtemal zur Larbe gedient hatten. 446. Ta g. Er ſchleppte ſich, in einem Zuber von Binſen nie⸗ dergehockt herein, indem er ihn durch zwei hoͤlzerne Kruͤcken in ſeinen Haͤnden mit erſtaunlicher Schnellig⸗ keit fortſchob. „Da bin ich,“ ſprach er,„wider alle Hoffnung: ich komme wieder, und bin noch nicht geſtorben.“ Meinem Vater und meiner Mutter entſank bei dieſem verhaßten Anblicke das Herz, und es erfuͤllte ſie die Furcht, welche der Araber ihnen ſchon hatte einfloͤßen wollen. Sie wollten mit dem Mograby dingen, und lu⸗ den ihn ein, bei ihnen im Palaſte zu bleiben: man wuͤrde hier, ſagten ſie, ſein Alter pflegen, er wuͤrde taͤglich das Vergnuͤgen haben, ſeinen Erben zu ſehen; ſie aber koͤnnten ihr Kind nicht von ſich laßen. Die Augen des Schwarzkuͤnſtlers ſchoßen Blitze; er warf die beiden Kruͤcken, welche er in den Haͤnden hielt, meinem Vater und meiner Mutter nach dem Kopfe, daß ich glaubte, ſie waͤren des Todes. Waͤhrend dieſer Zeit fuͤhlte ich mich ſelbſt zerflie⸗ ßen und wie in Nichts aufldſen. Einen Augenblick dar⸗ auf gewahrte ich, daß ich in Geſtalt eines Schmetter⸗ lings im Zimmer umherflatterte: der Mograby, in der⸗ ſelben Geſtalt, noch kleiner als ich, ſaß auf meinem Ruͤcken. Ich flog aus einem Fenſter. In dem Maaße, wie ich mich erhub, fuͤhlte ich meinen Leib ſich aus⸗ Baha⸗Ildin, Prinz von Cinigas. 287 dehnen; endlich ward ich ein ungeheurer Hahn, noch halbmal ſo groß, als ein Vogel derſelben Gattung, der in den Hoͤfen meines Vaters war, und auf deſſem Ruͤcken ich taͤglich zur Kurzweil zu reiten pflegte: dieß⸗ mal aber diente ich ſelber unſerm erbarmungsloſen Feinde zum Reitpferde. Ach! wie bald ward ich es inne! er ſchlug mich mit ſeinen Ferſen in die Seiten; er ſtachelte mich mit einer langen ſtaͤhlernen Nadel, daß mir allenthalben das Blut entſtroͤmte; er uͤber⸗ haͤufte mich mit Schimpfreden und Vorwuͤrfen; und wenn gleich die Muͤdigkeit und die brennenden Schmer⸗ zen, welche ich erduldete, mich uͤberwaͤltigt und nieder⸗ geſtuͤrzt haͤtten, ſo riß jedoch ſeine Grauſamkeit und die Verzauberung mich unaufhaltſam fort, meinen Flug zu beſchleunigen. Wir gelangten an dieſelbe Quelle, in welcher ihr ſeid gebadet worden; ſie wurde von meinem Blute ge⸗ roͤthet, wie von dem eurigen; und ich war, ſo wie ihr, das Opfer des erheuchelten Mitleids und der uͤbri⸗ gen Raͤnke unſers Raͤubers, unſers Verderbers. Auch ich wollte ihm entfliehen, ſo wie ihr uns er⸗ zaͤhlt, daß ihr es verſucht habt. Die Verwandlung in einen Vogel ſchien mir die vortheilhafteſte: aber um mich uͤber die dicken Duͤnſte, welche die Hoͤhen rings um uns her bedecken, erheben und mich ſchleunig nach dem Reiche meines Vaters begeben zu koͤnnen, nahm 288 446. Tag. ich die Geſtalt eines Lois⸗il⸗Teras*) an, von welchem Vogel ich wußte, daß er jedes Jahr ſo leicht von Arabien nach Aethiopien zieht, und ſchwang mich ſo mit ungemeiner Leichtigkeit empor. Ich ſah unter meinem Fluge ſchon jene Duͤnſte, aber welche ich hinaus zu fliegen wuͤnſchte; ich befand mich ſchon in freier Luft, und ſuchte an den Himmels⸗ gegenden die Richtung meines Weges, als ein Adler erſchien und auf mich Jagd machte. Ich wollte mich jetzt in den Wolken verbergen: aber er erhub ſich hoͤher, als ich; ich ſenkte mich auf die Erde nieder, um in ein Geſtraͤuch zu ſchluͤpfen: aber mein Widerſacher ſtieß auf mich herab, und ich fuͤhlte ſeine grauſamen Krallen mir faſt bis ins Herz dringen. Der ſchreckliche Raubvogel trug mich zu den uͤbrigen Schlachtopfern ſeiner Wuth, und machte mich zum Ungluͤcksgenoſſen derjenigen, welche der Himmel hier fuͤr einen Augenblick mit mir aufathmen laͤßt.“ Hiemit endigte der Prinz von Cinigaé ſeine Ge⸗ ſchichte. 8 „Ich hoffe,“ ſagte der vierte von denen, welche der Prinz von Syrien befreiet hatte,„daß wir alle auch außerhalb dieſes Ortes noch aufathmen, und vom Himmel die uns gebüuhrende Rache erhalten werden. Von meinem mutterlichen Großvater, der mich zwei ») Lols⸗il⸗Teras heißt eine Art wilder Enten. Baha⸗Ildin, Prinz von Cinigas. 289 Jahre lang gewiegt, habe ich gehoͤrt, daß man im Un⸗ gluͤcke nicht verzweifeln ſoll. Als der Schwarzkuͤnſtler mich in ſeinen Brunnen warf, war mein letztes Wort, bevor ich voͤllig den Kopf verlor,— obwohl er dort hing, wo die Fuͤße ſtehen ſollten,— noch ein Trotz gegen dleſen Boͤſe⸗ wicht, der mich in den Moder hinab ſtuͤrzte: „Wirf mir,“ ſagte ich,„wenn du willſt, zwan⸗ zig Fuß hoch Erde uͤber den Leib: mein Herz ſagt mir, daß ich mich dennoch daraus befreien werde!“ Nun hoͤret meine Geſchichte: VII.— 19 Geſchichte Badvildins, des Prinzen der Tatarei. Vierhundert und ſieben und vierzigſter Tag. & In einer der Vorſtaͤdke von Samarkand lebte ein Holzhauer, namens Shamakda, der eine Frau mit drei Kindern zu ernaͤhren hatte. Sein Beſitzthum be⸗ ſtand in einem mit Stroh gedeckten Haͤuschen, drei Eſeln, einer Axt, und zweien der kraͤftigſten Arme, welche es in der ganzen Tatarei gab. Alle Morgen weckte er die Haͤhne mit ſeinem Geſange, zog mit ſei⸗ nen Eſeln nach dem Walde, und brachte ſchon ſein Holz zum Verkaufe, wenn die uͤbrigen kaum die Haͤlfte ihrer Ladung hatten. Man ſah ihn froͤhlich nach der Stadt zuruͤckkommen, wo jedermann ihn kannte:„Ah!“ Badoildin, Prinz der Tatarei. 291 ſagte man,„da iſt Shamakda!“ Man draͤngte ſich, ihm ſein Holz abzukaufen, um zugleich einen von ſei⸗ nen Spaͤßen zu hoͤren; denn er war ein Spaßvogel. Bei den Großen iſt ein ſolcher Ton, ſelbſt unter ihresgleichen, ein Fehler: bei den Armen aber iſt er eine Gnade, ein Beweis, daß ſie uͤber ihren Stand erhaben, wenigſtens nicht davon niedergedruͤckt ſind. Shamakda machte eines Tages, als er mit ſeinen Eſeln in den Wald ging, die Bemerkung, daß das leicht zu faͤllende Holz ſich je mehr und mehr von der Stadt entfernte: es ſtanden an ſeinem Wege noch Baͤu⸗ me von ungeheurer Staͤrke, aber ſehr ſchwer zu faͤllen. „Meine Genoſſen die Holzhacker,“ ſprach er,„op⸗ fern ihre Zeit und ihre Beine, um ihre Arme zu ſcho⸗ nen. Ich will das Eiſen meiner Axt in einen von die⸗ ſen Rieſen eindringen laßen; liegt er am Boden, ſo finde ich an ſeinen Zweigen einen ganzen Wald, und wenn der Stamm auch von Eiſen waͤre, ſo ſoll er mir doch nuͤtzen.“ Alsbald that er ſeine Thiere auf die Weide, ſtreifte ſeine Aermel auf, und begruͤßte den Fuß des Baums mit Hieben, daß dicke Spaͤhne umher flogen, und der Wald davon widerhallte. Pl;tzlich ſchien der Stamm des Baumes zu wanken, er that ſich auf, und es zeigte ſich eine Thuͤre, wohl zwanzig Fuß hoch. Ein ſchwarzer Rieſe trat, ſich buͤckend, im Hemde, in Pan⸗ 292 44. Sag. toffeln, und in der Nachtmuͤtze, daraus hervor, und ſchrie mit fuͤrchterlicher und aufgebrachter Stimme: „Wer klopft da? was will man um dieſe Stunde von mir? ſoll ich denn nicht einmal ruhig ſchlafen? Ich hatte mich eben erſt aufs Ohr gelegt: es ſind noch keine dreihundert Stunden, daß ich zu Bette ge⸗ gangen bin.“ Indem er dieſes ſagte, rieb er ſich die Augen, um ſie ſich erſt vollends zu oͤffnen. Der Holzhauer, der von unerſchrockenem Gemuͤ⸗ the war, ſah und hoͤrte das Ungeheuer, das ihm ge⸗ genuͤber ſtand, ruhig an; er merkte gleich, daß es ein Geiſt waͤre, eine Art von Weſen, deren Launen man ſich fuͤgen muß, um ſich nicht ihrem Zorn aus⸗ zuſetzen. Der Anblick dieſes Rieſen hier wuͤrde jeden andern entſetzt haben: ſein Leib war ſo ſtark, wie einer der Thuͤrme von Bagdad, und ſeine Nachtmuͤtze glich der Spitze des hoͤchſten Minaretthurms von Jahme⸗ Jlaſahr, der großen Moſchee von Maſſer. „Wer biſt dud was willſt du?“ fragte der Rieſe den Shamakda, indem er that, als wenn er ihn nicht ſaͤhe:„weißt du nicht, daß die dreihundert und drei⸗ zehnte Stunde des Tages eine ungehdrige Stunde iſt, an die Thuͤre der Leute zu klopfen, wie du thuſt?“ „Geſtrenger Herr,“ antwortete der Holzhauer,„es ſind ſchon funfzehnhundert und ſechzehn Minuten dar⸗ Badvildin, Prinz der Tatarei. 295 uͤber: ihr koͤnnt es am Monde und an den Sternen ſe⸗ hen, und es iſt voller Tag.“ „Ihr gemeinen Leute,“ erwiederte der Geiſt,„ſeid zudringliches Pack; wenn euch etwas einfaͤllt, gleich kommt ihr, die Ruhe von Leuten meiner Art zu ſtoͤren, unſer Schlaf muß durch eure Grillen unterbrochen wer⸗ den. Laß hoͤren, was willſt du?“— „Geſtrenger Herr, ich wußte nicht, daß dieſes hier euer Haus waͤre, und daß ein ſo großer Prinz, wie ihr, keinen Thuͤrſteher haͤtte: ich komme, Holz zu holen, und meine drei Eſel damit zu beladen.“— „Wozu ſoll es, dieſes Holz?“ „Um das Brot fuͤr ſolche Herren zu backen, wie ihr ſeid.“— „Fehlt es uns denn an Brot? iſt nicht bei allen Baͤckern fertiges Brot zu haben?“ „Ja, aber fuͤr morgen, geſtrenger Herr.“— „Was heißt das„morgen“? Morgen iſt fuͤr Leute euresgleichen gemacht: wir kennen nur die Ge⸗ genwart.— Dieſes Volk iſt unertraͤglich mit ſeinen kleinen Beduͤrfniſſen: Holz! Holz! ſie gebrauchen Holz; die Waͤlder ſind voll davon: was wollteſt du doch mit dieſem Holze machen?“— 1 „Meine drei Eſel damit beladen, damit nach der Stadt gehen, und es zu Geld machen, um meine Frau und Kinder zu ernaͤhren.“ 447. Tag. „Ei! warum ernaͤhren ſie ſich nicht ſelber? Man braucht ja nur zu eſſen, um ſich zu ernaͤhren; ich ernaͤhre mich, indem ich eſſe: aber was ihr fuͤr wun⸗ derliche Leute ſeid! ihr habt nicht die mindeſte Erfind⸗ ſamkeit.“— „Es iſt wahr, geſtrenger Herr, wir ſind Schwach⸗ koͤpfe: aber wenn ich nicht mit meinen drei beladenen Eſeln nach der Stadt zuruͤckkomme, ſo haben wir kein Geld, und ohne Geld kann ich mit den Meinigen nicht leben.“— „Und warum ſagteſt du das nicht gleich, anſtatt ſo anzupochen, als wenn du taub waͤreſt? Geld alſo fehlt dir? Um mich von dir Ueberlaͤſtigen zu befreien, will ich dir ſo viel Geld geben, daß du deine drei Eſel damit beladen kannſt; folge mir.“ Der Rieſe trat in ſeinen Baum zuruͤck, und Sha⸗ makda folgte ihm. Da ſah der Holzhauer ſich in einer praͤchtigen Vorhalle: ſie war von laͤnglich runder Geſtalt, und ruhte auf Saͤulen von Jaspis, zwiſchen welchen Ge⸗ faͤße von vergoldetem Erze und herrliche Standbilder zu ſehen waren. 294 Badoildin, Prinz der Tatarei. 295 Vierhundert und acht und vierzigſter Tag. Da er eilen mußte, dem Rieſen nachzukommen, durchlief er nur fluͤchtig dieſen Saal, und kam dann durch eine Reihe noch reicher geſchmuͤckter Zimmer, bis beide in eine Kammer gelangten: hier lagen Geldſaͤcke in Haufen, unten ſechs Fuß ins Gevierte, in entſpre⸗ chender Hoͤhe aufgethuͤrmt. „Verlangeſt du nicht Geld?“ ſprach der Rieſe, indem er einen Beutel oͤffnete. „Das iſt Gold da,“ verſetzte der Holzhauer. „Gold oder Geld,“ ſagte der Schwarze,„iſt das nicht einerlei? Aber der Poͤbel iſt von erſtaunenswuͤr⸗ diger Dummheit. Nimm dir hievon, was du brauchſt, und ſpute dich; denn ich falle faſt um vor Schlaͤf⸗ rigkeit.“ Shamalda nahm furchtſam nur ein Goldſtuͤck. „Was, du willſt Stuͤck fuͤr Stuͤck die Laſt fuͤr drei ſolche Eſel nehmen, wie du biſt?“ ſagte der Schwarze, indem er vor Ungeduld mit dem Fuße ſtampfte.„Willſt du dich wohl ſputen, du Dummkopf!“ Der Holzhauer belud nun einen ſeiner Arme mit fuͤnf Beuteln, zwei aber fielen wieder herunter: „Ha! das iſt einmal ein ungeſchickter Toͤlpel, der mich noch zweitauſend Jahre fruͤher ins Grab bringen wird!“ ſagte der Rieſe. 448. Ta g.— Er lief nach einem Gewoͤlbe, holte einen großen Kaſten heraus, und fuͤllte ihn mit einer Ungeduld, welche ſein Misvergnuͤgen ausdruͤckte. Er trug dann dieſen Kaſten mit ſo wunderbarer Schnelligkeit hinaus, daß man haͤtte fliegen muͤßen, um ihm folgen zu koͤn⸗ nen, und ſchleuderte ihn mitten aufs Feld hin. „Da,“ ſagte er zu dem Holzhauer,„einmal fuͤr allemal, raff' es auf und geh' deine Wege. Koͤnnen deine Eſel und du nicht alles tragen, ſo vergrab das uͤbrige. Ich hatte nicht Luſt, meine Zeit mit deiner Rechnung zu verlieren: ich meine, du haſt jetzo nichts mehr hier zu thun. Betrachte wohl meine Thuͤre: wenn du binnen hier und neunhundert Jahren dich unter⸗ ſtehſt, in dieſer Gegend den geringſten Laͤrmen zu ma⸗ chen und das Ungluͤck haſt, mich aufzuwecken, ſo falle ich uͤber dich her.“ „Ihr ſeid meines Gehorſams verſichert, geſtrenger Herr,“ ſagte Shamakda:„ich wuͤnſche euch eine gute Nacht.“ „Schon gut,“ antwortete das ſchwarze Ungeheuer, indem er ſeine gewaltigen Arme ausreckte, und ſo uͤber⸗ maͤßig gaͤhnte, daß ſein Rachen den ganzen auf dem Boden liegen gebliebenen Kaſten haͤtte verſchlin⸗ gen moͤgen. Wenn die Geiſter ſich auf ſolche Weiſe freigebig zeigen, wie gegen den Holzhauer, ſo hat uns alle, die wir hier beiſammen ſind, die Erfahrung gelehrt, daß 295 Badvildin, Prinz der Tatarei. 297 ſie eine Abſicht darunter haben, der man zu mistrauen Urſache hat. Ihr werdet gleich hoͤren, wie das ploͤtz⸗ liche Gluͤck des Holzhackers Shamakda ihn zu der ge⸗ faͤhrlichen Ehre fuͤhrte, mein Großvater zu werden. Der kraͤftige, geſchickte und flinke Handarbeiter hatte bald die leeren Saͤcke losgebunden, welche den Ruͤcken der Eſel bedeckten, um ſie zu ſchuͤtzen, daß das Holz ihre Haut nicht ſcheuerte; er fuͤllte ſie, und band ſie ſorgfaͤltig wieder auf. Es blieben aber noch drei volle Ladungen uͤbrig: er machte ein Loch, grub ſie ein, und bedeckte ſie mit einem Steinhaufen. Sodann zog er froͤhlich ſeiner Huͤtte zu. Als er heim kam, vertraute er ſein Abenteuer ſei⸗ ner Frau, die ein verſtaͤndiges Weib war; und nach⸗ dem beide die Zeit, daß ihre Kinder ſchliefen, wahrge⸗ nommen und ihren Schatz verborgen halten, beſchloſſen ſie, gleich in der folgenden Nacht beim Mondſcheine das Uebrige zu holen. G Ihr Entwurf wurde auch gluͤcklich ausgefuͤhrt. So waren ſie auf einmal ſehr reich: aber ſie wuß⸗ ten ihre Wohlhabenheit zu verbergen: ſie zeigten ſie nur allmaͤhlich; ſie ſchien die Frucht ihrer Betriebſam⸗ keit; und da ſie nur beſcheidenen Gebrauch davon machten, ſo wurden ſie von niemand beneidet. Sie ſparten nichts an der Erziehung ihrer Kinder: drei der⸗ ſelben widmeten ſich dem Handel auf ehrenvolle Weiſe. 298 448. Tag. Sie hatten auch eine Tochter, ſchoͤn wie der Tag, und dazu geſchaffen, demjenigen, dem ſie zu ſehen ver⸗ goͤnnt war, die heftigſte Leidenſchaft einzufloͤßen: aber kein Mann durfte ſich ihr nahen, und ſie ging nie an⸗ ders aus, als mit einem Schleier bedeckt und in Be⸗ gleitung: ihr Name war Billah⸗Dadil. Eines Tages als die ſchoͤne Billah⸗Dadil von Sklavinnen begleitet ins Bad ging, wurde ſie gend⸗ thigt, ſich hinter einen Pfeiler zu fluͤchten, welcher das Thor eines Palaſts in der Mitte ſtuͤtzte, um ſich dem Gedraͤnge von Pferden und Kameelen zu entziehen, welche eben die Straße verſperrten. Der ſchoͤne Sultan Shaſſa⸗Rikdin, Sohn des Koͤnigs von Samarkand, der mit ſeinem Gefolge auf die Jagd ritt, ſah ſich ebenfalls von den Kameelen ei⸗ ner ganzen Karavane aufgehalten. Die Bewegungen, welche er machte, die Hitze ſeines Roſſes zu baͤndigen, gaben ihm Gelegenheit, alle ſeine Geſchicklichkeit und ſeine Schoͤnheit vor den Augen der Tochter Shamak⸗ da's zu entfalten, auf welche er von Stund' an einen ſo lebhaften Eindruck machte, daß ſie daruͤber gaͤnzlich ihre Ruhe und Freiheit verlor. War es eine reine Wirkung der Liebe? Ich kann es nicht glauben; mir muß alles bei Abenteuern ver⸗ daͤchtig ſein, in welchen wir unſern abſcheulichen Ver⸗ folger unter einer neuen Verlarvung werden auf den Schauplatz treten ſehen. Badoildin, Prinz der Tatarei. 299 Billah⸗Dadil, von einem Feuer entbrannt, wel⸗ ches ſie ihren Aeltern nicht zu geſtehen wagte, verging zuſehens, zehrte aus, und nahm vergebens zu den ge⸗ ſchickteſten Aerzten von Samarkand ihre Zuflucht: ſie ſahen in ihr ſchon ein dem Tode geweihtes Schlacht⸗ opfer. 3 Ihr Vater, ihre Mutter, ihre Bruͤder, alle wa⸗ ren untroͤſtlich. Vierhundert und neun und vierzigſter Tag. Seit ſechs Monaten hatte eine Frau, welche mit Wohlgeruͤchen, Salben, Schminke und anderen Be⸗ ſtandtheilen des weiblichen Putztiſches handelte, ſich in Shamakda's Haus eingeſchlichen: ſie gab vor, ſie waͤre aus Muſſul. Ihre Waaren hatten viel Abgang, ſie war bei allen Damen der Stadt beliebt, ihr Alter machte ſie ehrwuͤrdig. Sie hatte liebkoſende Augen; ſie wußte ihre verbindlichen Reden auf eine Weiſe ein⸗ zukleiden, daß man keine Schmeichelei argwoͤhnen konnte; ſie erzaͤhlte Maͤhrchen oder Geſchichten, je nachdem man eins oder das andre gern hoͤrte; und wenn ſie dabei etwa einen ſpoͤtFtiſchen Zug einfließen ließ, war er dergeſtalt verſteckt, daß man ihn nicht fuͤr abſicht⸗ lich halten konnte. 1 300 449. Tag. Gefaͤllig gegen die Sklaven ihres Geſchlechts, uͤberließ ſie ihnen faſt umſonſt, was ſie ihren Herrin⸗ nen ſehr theuer verkaufte, und hoͤrte ihre kleinen Ver⸗ traulichkeiten ſichtlich mit Eifer und Theilnahme an; und im Nothfalle leiſtete ſie ihnen auch Dienſte. Die Salbenhaͤndlerinnn von Muſſul war auch der ſchoͤnen Billah⸗Dadil wohl bekannt, welche ſie waͤhrend ihrer Krankheit alle Tage unausgeſetzt beſuchte. Sie hielt ſich, bei den Berathungen der Aerzte, in einem Winkel, und wenn jene ihre Meinung geſagt hatten, zuckte ſie gegen die Sklavinnen der ſchoͤnen Kranken die Achſeln, und ſagte zu ihnen:. „Dieſe Leute hier verſtehen gar nichts davon; ſie werden eure reizende Gebieterinn ſterben laßen. So bald ich aber ſehe, daß ſie mit ihrer Weisheit gaͤnzlich zu Ende ſind, kann ich nicht unterlaßen, ein geheimes Mittel anzuwenden, welches ich beſitze. Ich habe die Kunſt, ſo nuͤtzliche und ſo vollkommene Sal⸗ ben und Pommaden zuſammenzuſetzen, nicht erfunden, ohne mich ein wenig mit der Arzeneikunde zu befaſſen; und was gewiſſe Frauenkrankheiten betrifft, ſo verſtehe ich mehr davon, als alle dieſe gelehrten Herren hier.“ Indeſſen ward Billah⸗Dadils Zuſtand taͤglich be⸗ truͤbter; eine Neuigkeit, welche in ihrem Zimmer er⸗ zaͤhlt wurde, hatte ihn verſchlimmert, ohne daß man es ahnete. Es war die Rede von einem Geſandten von China, der gekommen war, einen Vertrag zwi⸗ Badvildin, Prinz der Tatarei. 301 ſchen beiden Voͤlkern abzuſchließen und die Hand der Prinzeſſinn von China, der Tochter ſeines Herrn, fuͤr den Prinzen Shaſſa⸗Rikdin anzubieten. Dieſe Neuigkeit hatte die Kranke vollends nieder⸗ geſchlagen; ſie ſank in eine Ohnmacht, welche das Ende ihres Lebens zu ſein ſchien. Das ganze Haus gerieth dadurch in Unruhe. Als man durch allerlei Mittel die ſchoͤne Ohnmaͤchtige wieder ins Leben geru⸗ fen hatte, blieb die Salbenhaͤndlerinn von Muſſul dort und wachte bei ihr mit den zwei Sklavinnen, an denen die Reihe war. Als ſie ſo mit gekreuzten Beinen auf einem Teppich ſaßen, ſprach ſie zu ihnen: „Nein, nunmehr werde ich es nicht leiden, daß die Aerzte durch ihre Quackſalbereien und Unwiſſenheit das reizendſte Frauenbild in Samarkand, ja in der ganzen Tatarei vollends toͤdten. So bald ſie etwas verlanget, ſo laßet mich an ihr Bett treten und ſie be⸗ dienen: und wenn ich von ihr weggehe, ohne ihr Lin⸗ derung verſchafft zu haben, ſo ſoll die Schachtel, wel⸗ che ihr hier ſehet, euer ſein; und ihr wißt, daß ich nur die koſtbarſten Waaren hieher bringe.“ Die Sklavinnen ließen die Salbenhaͤndlerinn ge⸗ waͤhren. Auf den erſten Wink naͤherte ſie ſich dem Bette der Kranken, und ſagte zu ihr: „Ihr kennet mich wohl, ſchoͤnes Fraͤulein? eure Mutter kann euch nicht zaͤrtlicher lieben, als ich. La⸗ ßet mich eure Haut anfuͤhlen. Oh! wie ſie brennt! 3⁰² 449. Tag. ihr habt ſtarke Hitze, von einem Feuer, das ihr ver⸗ berget; euer Puls zieht ſich zuſammen, er zeigt mir die Gewalt, welche ihr euch ſelber anthut, nicht zu reden; eure Augen ſelbſt, welche ſo ſchoͤn der Spiegel feurer reinen Seele ſind, verrathen eine Art von Verle⸗ genheit, welche der gewoͤhnlichen Unbefangenheit eurer Blicke widerſpricht. Wolltet ihr es mir verſagen, mir ein wenig Ver⸗ trauen zu ſchenken? mir, der ihr theurer ſeid, als meine eigene Tochter; mir, die ich noch dieſen Mor⸗ gen zu den Fuͤßen des Bildes des großen Aſtaroth*) eine Taube, ſo unſchuldig wie ihr, dargebracht habe? Ach! indem ihr euch mir anvertrauet, entdecket ihr mir nichts, was ich nicht ſchon weiß, und was ich nicht gruͤndlich heilen wollte und koͤnnte. Ihr ſeid verliebt! Ihr erroͤthet! ich ſehe, daß ich es errathen habe; aber erroͤthen iſt mir noch nicht genug, um das treffliche Mittel anwenden zu koͤnnen, welches ich im Sinne habe: ich muß auch wiſſen, in wen ihr verliebt ſeid.— „Ich wage es nicht, zu bekennen.“— „Wir werden gleich hoͤren, daß ihr in einen ſchoͤ⸗ nen Prinzen verliebt ſeid; und anſtatt daß ihr ſtolz darauf ſein ſolltet, eure Neigung ſo wuͤrdig verſchenkt zu haben, faͤllt es euch ein, daruͤber beſchaͤmt zu ſein.“ *) Ein aus der Biber bekannter Philiſter⸗Götze. Badoildin, Prinz der Tatarei. 3⁰3 „Aber, Trauteſte, weil ihr meine Krankheit ſo gut errathen habt, wie waͤre es moͤglich, daß er mich ſaͤhe und liebte, wenn er ſich vermaͤhlt?“— „Das ſind drei Dinge, welche ich auf mich neh⸗ me,“ ſagte die Salbenhaͤndlerinn.„Ich werde es be⸗ werkſtelligen, daß derjenige, den ihr liebt, euch ſehe; und ich biete ihm Trotz, euch zu ſehen, ohne euch zu lieben. Anlangend die Chineſer, welche ihm eine Ge⸗ mahlinn antragen, ſo will ich ſie mit einem Wohlge⸗ ruch bedienen, welcher ſie wieder dahin ſenden wird, wo ſie her gekommen ſind. Stellet alle Quackſalbereien eurer Aerzte beiſeite, ſchoͤnes Fraͤulein: laßt die Hoffnung eurer Herz einneh⸗ men; das iſt der Balſam, deſſen es bedarf. Laßt Zufriedenheit der Seele die Lilien und Roſen auf eu⸗ rem Antlitze wieder hervorrufen; und wenn ihr, fol⸗ get ihr meinem Rathe, nicht binnen drei Monaten die gluͤcklichſte der Sterblichen ſeid, ſo moͤgen alle Wohl⸗ geruͤche meines Ladens auf der Stelle in Rauch ver⸗ dampfen, und ſoll Muſſul, meine geliebte Vaterſtadt, mich niemals wiederſehen.— Ich ſehe, daß ihr euch ſchon wieder belebt; die Eßluſt wird alsbald zuruͤck⸗ kehren; ihr werdet eſſen wollen: aber ohne eine Vor⸗ ſicht zu gebrauchen, wuͤrde es euch nicht wohl bekom⸗ men; ich will euch drei Tropfen von meinem Safte geben, von welchem ich in eurer Gegenwart etwas nehme; er wird euch den Magen ſtaͤrken, dermaßen, 3⁰⁴4 449. 450. Ta g. daß Speiſen, ſelbſt in Menge genoſſen, euch keinen Schaden thun werden. Ihr koͤnnt verſichert ſein, daß ich euch keine Tropfen geben werde, welche ich nicht vollkommen kenne, weil ich ſie ſelber bereite.“ Vierhundert und funfzigſter Tag. Die ſchoͤne Kranke uͤberließ ſich gaͤnzlich der Sal⸗ benhaͤndlerinn. Der eingenommene Saft wirkte eben ſo kraͤftig, als der gute Rath; niemals ging eine Gene⸗ ſung raſcher von ſtatten, als die ihrige, und drei Tage nach dieſem Geſpraͤche hatte ſie nicht allein ihre volle Bluͤte wieder erlangt, ſondern man ſagte ihr ſogar, daß ſie ſich noch verſchoͤnert haͤtte. Die Aerzte waren daruͤber erſtaunt, und das An⸗ ſehen, welches die Salbenhaͤndlerinn aus Muſſul ſich jetzt in dem Hauſe erworben hatte, entfernte dieſelben gaͤnzlich daraus. unterdeſſen wurde die Neuigkeit von dem Gegen⸗ ſtande der Chineſiſchen Geſandtſchaft taͤglich in dem Hauſe wiederholt, und wie es gewoͤhnlich geſchieht, noch ehe der Geſandte die Unterhandlungen angeknuͤpft, hatten die Muͤßiggaͤnger von Samarkand ſchon alle Stuͤcke derſelben in Ordnung gebracht. Ddie Salbenhaͤndlerinn kam, und ſagte zu Billah⸗ Dadil: G Badoildin, Prinz der Tatarei. 305 „Wie! ihr beunruhiget euch, mein ſchoͤnes Fraͤu⸗ lein! ihr zweifelt an meinem Eifer, an meiner An⸗ haͤnglichkeit, an meiner Erfindſamkeit? Und waͤhrend dieſer Geſandte noch damit beſchaͤftigt iſt, ſeine Stoffe auszupacken, ſeine Pagoden aus den Schachteln zu kramen, laßt ihr euch einbilden, daß er das Herz eu⸗ res Prinzen zu Gunſten ſeiner Chineſiſchen Prinzeſſinn entſchieden habe? Es iſt ein ſchoͤnes Schaͤtzchen, dieſe Prinzeſſinn! mit ihren Brimborien, die in ihren durch⸗ borten Naſeloͤchern, Lippen und Ohren bummeln: ſie ſieht aus, wie die Bude eines Juweelenhaͤndlers! das waͤre auch die Nebenbuhlerinn, die euch euren ſchoͤnen Prinzen entfuͤhren ſollte! Es ſind laͤnger als acht Jahre, daß er nicht mehr mit Puppen ſpielt. Saget kein Wort, ſeid ganz ſtill; um euch von aller eurer Furcht zu heilen will ich euch, vielleicht morgen ſchon, ihn ſelber herbringen.“. Bei dieſer Zuſicherung ſchlug Billah⸗Dadil die Au⸗ gen nieder, erroͤthete, und ſagte: „Und meine Mutter? und meine Sklavinnen?“ „Alle dieſe,“ antwortete die verſchmitzte Salben⸗ haͤndlerinn,„werden ſchon vorher eingeſchlaͤfert. Koͤnnte ich euch wohl in irgend eine Gefahr ſetzen? euch, die ich mehr liebe, als mich ſelbſt. Noch einmal, mein ſchoͤnes Fraͤulein, erwartet mich dieſen Abend; ich kom⸗ me, auf welche Art es auch ſei; und verſehet euch VII. 20 3⁰6⁶ 450. Tag. eines ſehr erfreulichen Beſuchs: vergeßt nicht, daß ihr von jemand bedient werdet, dem noch nie etwas fehl⸗ geſchlagen iſt.“ 3 Hier unterbrach Badvildin die Erzaͤhlung ſeiner Geſchichte, und ſagte zu ſeinen Zuhdrern: „Ihr errathet wohl, meine Prinzen, und ich er⸗ kenne es, nach euren Erzaͤhlungen, ganz deutlich, wer diejenige war, die ſich in Shamakda's Haus eingeſchli⸗ chen hatte. Es war ohne Zweifel derſelbe, der, in ei⸗ nen Rieſen verwandelt, ihm eben ſo naͤrriſch als frei⸗ gebig ſeine Schaͤtze geoͤffnet; kurz, es war derjenige, dem alle Geſtalten willkommen ſind, ſo bald ſie ſeinen Betruͤgereien dienen koͤnnen; mit einem Worte, ihr er⸗ kennet hieran den verruchten Mograby. Waͤhrend er dieſe Rolle in Shamakda's Hauſe ſpielte, vernachlaͤßigte er ſein Werk auch im Palaſte nicht. Unter ſeiner Verkleidung als Salbenhaͤndlerinn hatte er ſich das Zutrauen aller Frauen, aller Ver⸗ ſchnittenen erworben, war vertraute Freundinn der Amme und der Hofmeiſterinn des Prinzen gewor⸗ den, und hatte ihnen die Prinzeſſinn von China mit ſo laͤcherlichen Zuͤgen geſchildert, daß ſie ihnen einen au⸗ ßerordentlichen Widerwillen gegen die beabſichtigte Ver⸗ maͤhlung eingefloͤßt. „Sehet,“ ſprach das argliſtige Geſchoͤpf zu ihnen, „ich kenne ſie, denn ich habe ihr Salben verkauft, um ihr zum Theil die Roͤthe zu vertreiben, welche ihre Na⸗ Badoildin, Prinz der Tatarei. 3⁰7 ſenſpitze ziert. Ich will ſie euch leibhaft zeigen: aber ich muß mich zuvor gewiſſer Tropfen bedienen, um meine Augenlieder aufzuſchwellen, dergeſtalt, daß ſie faſt an einander kleben und daß die Anſtrengung, das Licht dazwiſchen herein zu laßen, die winzige Oeffnung, welche ich dazu laße, tief zuruͤckzerret.“ Nachdem ſie ſich ſo zugerichtet hatte, ſteckte ſie die Haͤnde in ihre Aermel, verlaͤngerte den Hals, und watſchelte ſo auf den Knoͤcheln ihrer Fuͤße von einem Ende des Zimmers zum andern. Die Frauen brachen bei dieſem Anblick in ein un⸗ maͤßiges Gelaͤchter aus. Der Prinz kam dazu, und fragte nach der Urſache ihrer Luſtigkeit. „Kommet und ſehet eure Braut, die reizende Prin⸗ zeſſinn von China!“ antworteten ſie ihm. Shaſſa⸗Rikdin fand die Sache ſo ſpaßhaft, daß er ſich nicht erwehren konnte, ſelber daruͤber zu lachen. Die vorgebliche Salbenhaͤndlerinn von Muſſul knuͤpfte ein Geſpraͤch mit ihm an; er kannte ſie ſchon, und indem er ſie beiſeite zog, fragte er ſie: „Was ſpielſt du da fuͤr eine Poſſe? Kennſt d die Prinzeſſinn von China?“ „Ob ich ſie kenne?“ antwortete das falſche Ge⸗ ſchdpf;„ich verſichere euch, mein Prinz, daß ſie nicht fuͤr euch gemacht iſt: ihr ſeid ſchlank, wie das Rohr 3⁰8 450, Tag. des Nils, gebildet zum Entzüͤcken, bluͤhend wie die Roſe, und glaͤnzend wie der Schmetterling; es wuͤrde euch freuen, Kinder zu erhalten, welche euch gleichen: und dieſer Breithut koͤmmt euch mit dem Antrage, euer edles Blut mit einer Art von Halbaffen zu ver⸗ miſchen! Ei! was braucht ihr, ſchoͤner Prinz, um gluͤcklich zu ſein, eine Koͤnigstochter zu heiraten? wenn die Vor⸗ haͤnge zugezogen ſind, will man da ſich auf Sceptern und Kronen waͤlzen? und iſt eine Fuͤrſtentochter ih⸗ rem Manne unterwuͤrfiger als eine andre? Ohl folget mir, machet das Gluͤck des ſchoͤnſten Fraͤuleins in eurem ganzen Reiche, die all ihren Ruhm darin ſetzt, die eurige zu ſein. Ich kenne eine ſolche, welche die Sonnenſtrahlen noch nie erblickt haben, und auf welche ſie ſtolz ſein wuͤrden, ſie an eurer Seite glaͤnzen zu laßen. Die Taube iſt nicht reiner, als ſie; gleichwohl hat ſie eben ſo viel Lebhaftigkeit des Geiſtes, als Feuer in den Au⸗ gen; ihre Seele iſt gefuͤhlvoll und ſtark: kurz, mein Prinz, ich kenne euch beide, und je mehr ich euch be⸗ trachte, je mehr ſehe ich, daß das Schickſal euch beide deshalb ſo vollkommen ausgeſtattet hat, um euch zu vereinigen. 3 Ich habe die Welt durchſtrichen, und ihr koͤnnt euch hierin auf mich verlaßen: ich kenne keine, als die Badoildin, Prinz der Tatarei. 3⁰9 reizende Billah⸗Dadil, die Tochter eines der ſchaͤtzbar⸗ ſten Einwohner von Samarkand, welche wuͤrdig waͤre, die Blicke des großen Prinzen Shaſſa⸗Rikdin auf ſich zu ziehen.“ Vierhundert und ein und funfzigſter Tag. Das Lob der falſchen Salbenhaͤndlerinn war nicht aͤbertrieben; außerdem hatte ſie in dem Ton ihrer Stimme, in ihrer Geſtalt, in ihren Gebaͤrden etwas Ueberredendes; der Prinz der Tatarei fuͤhlte ſich auf⸗ geregt, nicht von einer gewoͤhnlichen Neugier, ſondern von der heftigſten Leidenſchaft, die ſeltene Schoͤnheit zu ſehen, welche man ihm eben geſchildert hatte. Er fragte die Salbenhaͤndlerinn von Muſſul, ob ſie ihm dieſes Gluͤck verſchaffen koͤnnte. Sie ſtellte ſich, als wenn ſie große Schwierigkei⸗ ten dabei faͤnde; jedoch erbot ſie ſich, alles zu verſu⸗ chen, alles zu wagen, um ſie zu beſiegen, und ver⸗ ſprach, ſehr bald von dem Erfolge ihrer Bemuͤhungen Bericht abzuſtatten. Nach dieſem Geſpraͤche ging ſie wieder zu der ſchoͤ⸗ nen Kranken, ihre Hoffnungen zu beleben. So bald ſie dieſelbe beredet hatte, den Beſuch des Prinzen an⸗ zunehmen, wenn ſie ihr denſelben zufuͤhrte, ging ſie 310 451. T A 9. hin, fuͤr die Verkleidung zu ſorgen, welche der verliebte junge Prinz anlegen ſollte. Am folgenden Morgen erſchien ſie wieder in dem Palaſt, und nachdem ſie, wie gewoͤhnlich, mit der Hofmeiſterinn und Amme geſchwatzt hatte, fand ſie Eeieheibele ſich dem Prinzen zu naͤhern, der ſie ſchon uchte. „Euer Handel iſt richtig,“ ſprach ſie zu ihm,„es koſtet mich nur eine kleine Luͤge und ein Opfer. Das Haus, wohin ich euch heute Abend fuͤhren will, iſt dasjenige, in welchem ich die freundlichſte Aufnahme in ganz Samarkand gefunden; ich habe verlauten la⸗ Fen, ich erwarte meine Tochter, die zwei Tagereiſen von hier wohnt; und man bezeigt große Ungeduld, ſie zu ſehen. Die Schoͤne, welche ich euch ſo geruͤhmt habe, iſt eben erſt von einer Krankheit geneſen, und ihre Aeltern ſind zufrieden, daß meine Tochter kom⸗ men und einen großen Theil des Abends in ihrem Hauſe bei ihrer geliebten Tochter zubringen wird. Ich habe in meinem Korbe eine Frauenkleidung, ſie wird euch bewundernswuͤrdig ſtehen; ihr muͤßt es ſo einrichten, daß wir, mit Anbruch der Nacht, durch eine geheime Thuͤre den Palaſt verlaßen koͤnnen. Wir be⸗ geben uns dann nach dem Hauſe der Schoͤnen, und waͤre es moͤglich, daß ich mich bei der Schilderung ge⸗ taͤuſcht haͤtte, welche ich euch von einem Fraͤulein ge⸗ macht, die mir eben ſo lieb iſt, als meine Tochter, ſo Badoildin, Prinz der Tatarei. 311 betraget ihr euch dort als meine Tochter, und gehet wieder weg, ohne euch zu erkennen zu geben.“ Alle Anſtalten wurden getroffen, die Zuſammen⸗ kunft hatte ſtatt, und Shaſſa⸗Rikdin empfand augen⸗ blicklich eben ſo heftige Liebe, als er erregt hatte. Bald war ſeine Verkleidung ihm laͤſtig, und die mehr als gewandte Vertraute half ihm, ſich zu erkennen zu geben, und brachte die beiden jungen Liebenden dahin, ſich gegenſeitig eine Zaͤrtlichkeit, eine Hingebung, eine Treue ohne Ende zu ſchwoͤren. Der Prinz vernahm nun, daß die junge Schoͤne in Gefahr geweſen, aus Liebe zu ihm zu ſterben; dieß ward der Gegenſtand von tauſend zaͤrtlichen Ergießun⸗ gen; mit Einem Worte, beide wuͤrden ſich nicht ge⸗ trennt haben, wenn die ſchlaue Unterhaͤndlerinn ſie nicht auf die zarte Schonung aufmerkſam gemacht haͤtte, welche ſie einander ſchuldig waͤren. Der Prinz der Tartarei wurde von ſeinem Vater zaͤrtlich geliebt, und ſtand nicht an, ihm die Empfin⸗ dungen ſeines Herzens zu entdecken, um den Antraͤgen zuvor zu kommen, welche der Chineſiſche Geſandte ma⸗ chen ſollte. „Mein Vater,“ ſprach er zu dem Koͤnig,„du haſt den Geſandten des Koͤnigs von China erſt zweimal vor dich gelaßen, und er hat dir noch nicht alles geſagt, was er hier zu verrichten hat; aber ſein minder ſchweig⸗ ſames Gefolge ſpricht davon. Er macht dir Vorſchlaͤge, 3¹² 451., Tag. welche Schwierigkeiten erregen, weil er noch darauf rechnet, dir die Hand der Tochter des Koͤnigs, ſeines Herrn, fuͤr mich anzubieten, um ſich vortheilhaftere Bedingungen zu verſchaffen. Dieſe engherzigen Leute haben einen falſchen Be⸗ griff von Groͤße; ſie waͤhnen, ein Mann muͤße in ſeiner Verbindung mit einer Frau eine Ehre ſuchen: als wenn unſere Tataren mich einſt desbalb ehren ſoll⸗ ten, daß ich einen Koͤnig zum Schwiegervater habe. Laß uns, mein koͤniglicher Vater, mit dieſem geizigen, kleinlichen und erſchlafften Volke in Frieden leben, aber nicht zugeben, daß ſein ſchnoͤdes Blut den Adel des unſrigen truͤbe; es koͤnnte nur ein entartetes Geſchlecht daraus erwachſen. Es koͤmmt mir zu, der Gattinn, welche ich mir erwaͤhlt habe, die Verehrung des Volks zu erwerben.“ Dem Koͤnige ſchienen die Vorſtellungen des Prin⸗ zen ſeines Sohns zu gefallen, und er erwiederte ihm: „Mein theurer Shaſſa⸗Rikdin, du denkeſt, wie ein echter Tatar, und ich werde mich wohl huͤten, dei⸗ ne Wahl durch irgend eine Staatsruͤckſicht zu beſtim⸗ men: aber es iſt Zeit, dich zu vermaͤhlen, und ich wuͤnſchte wohl im Umfange meines Reichs die holde Schoͤnheit zu kennen, welche dein Gluͤck machen koͤnnte.“ „Ich kann ſie dich, mein Vater, mit vollem Ver⸗ trauen ſehen laßen, daß du meine Wahl billigen wirſt.“ Der Koͤnig bezeugte ſeine Ungeduld, Shaſſa⸗Rik⸗ 4 Badoildin, Prinz der Tatarei. 3¹3 din verſchaffte ihm den Anblick Billah⸗Dadils, und der Fuͤrſt, von den Reizen und von der Unterhaltung der Tochter Shamakda's bezaubert, verkuͤndigte ſeinem ganzen Hofe die bevorſtehende Vermaͤhlung des Prin⸗ zen ſeines Sohns mit ihr. Der Chineſiſche Geſandte ſah nun, daß ſeine Un⸗ terhandlung beendigt war, da man ſeinem Antrage des Preiſes, wodurch er vortheilhaftere Bedingungen zu er⸗ halten gedachte, zuvorkam, um nicht gendthigt zu wer⸗ den, ihn durch eine abſchlaͤgliche Antwort zu kraͤnken. Ich habe euch, meine Prinzen, die Geſchichte der beſonderen Umſtaͤnde erzaͤhlt, welche der Vermaͤhlung meines Vaters mit meiner Mutter vorangingen; denn ich bin der Sohn Shaſſah⸗Rikdins und Billah⸗Dadils. Es waͤre unnuͤtz, hier auch umſtaͤndlich die Hochzeitfeier⸗ lichkeiten zu beſchreiben: hoͤret, was darauf folgte. Obwohl man in der Leidenſchaft, welche die Urhe⸗ ber meiner Tage fuͤr einander erfuͤllte, etwas Ueberna⸗ tuͤrliches ahnen darf, weil der Mograby ſelber den Lie⸗ beshandel vorbereitet und eingeleitet hatte, ſo waltete jedoch ohne Zweifel auch die Liebe ſehr maͤchtig darin. Vierhundert und zwei und funfzigſter Tag. Als beide ſich vereinigt ſahen, hielten ſie ſich fuͤr das gluͤcklichſte Paar auf Erden: aber, ohne es zu ah⸗ nen, waren ſie das Spielwerk unſers Feindes, der 452, Tag. ſchon ſeit langer Zeit ſich ein Schlachtopfer vorberei⸗ tete, welches auch ſeit dem Augenblicke, wo es das Tageslicht erblickte, nicht aufgehoͤrt hat, es zu ſein. Seine unſelige Einwirkung hat mich von der Geburt an der ſuͤßen Liebkoſungen beraubt, der ich im aͤlterli⸗ chen Schooße mich haͤtte erfreuen ſollen. Oh! wenn ihr das ſcheußliche Ungeheuer noch nicht genugſam haſſet, ſo findet ihr neue Beweggruͤnde des Abſcheus in der Bitterkeit, womit ſeine verruchte Argliſt die ſchoͤnſten Tage meines Lebens vergiftet hat. Um euch dieß zu erklaͤren, muß ich hier eine Schilderug wiederholen, welche mich noch empoͤrt, und wider meinen Willen die ehrwuͤrdigen Geheimniſſe des Ehebettes derjenigen verletzen, die mir das Leben gege⸗ ben haben. Vergeblich bluͤhte mein Vater in der vollen Kraft der Jugend, geſchmuͤckt mit ihren koſtlichſten Gaben; vergeblich hatte die Liebe ſein Herz lichterloh entbrannt: ein uͤber Kraft, Alter und Macht der Leidenſchaft ſie⸗ gender Zauber erkaͤltete ihn und ſchlaͤferte ihn ein, ſo bald er das braͤutliche Lager beſtieg. Man kann leicht denken, daß die hinterliſtige Salbenhaͤndlerinn von Muſſul gleich am Morgen kam, den Erfolg ihres Sieges uͤber Natur und Liebe zu er⸗ ſpaͤhen. Sie las ihn in den Blicken der beiden Lieben⸗ den: aber ſie durfte ſich nicht voreilig in ihr Ver⸗ trauen eindraͤngen:„es wird ſich noch einige Tage zu⸗ Badvildin, Prinz der Tatarei. 5¹5 ruͤckhalten, die Verzweiflung muß es herbei fuͤhren.“ Mein Vater wurde auch bald dahin gebracht, ſich ihr zu entdecken. „O Aſtaroth!“ rief die treuloſe Vertraute aus, indem ſie die gefalteten Haͤnde gen Himmel erhub, „das iſt ein Werk der unſeligen Chineſen! An dieſem Zuge erkenne ich ſie; dergleichen Hexereien machen ſie mit ihrem großen Drachen. Sehr mit Recht iſt dieſes ganze Gezuͤcht verflucht; und ſehet auch, wie verkruͤp⸗ pelt es iſt! ſie ſind gegen die uͤbrigen Menſchen, was der Pilz gegen die Melonen. Auch ſind ſie ſchnell ab⸗ gereiſet, nachdem ſie ihren Streich ausgefuͤhrt haben. Aber Aſtaroth muͤßte kein Gott ſein, wenn der Ball, welchen ſie ausgeworfen haben, nicht auf ihr Haupt zuruͤckprallen ſollte. Ich koͤnnte euch wohl, mein Prinz, eine Schleu⸗ der verſchaffen, womit ihr ſie erreichen wuͤrdet: aber ihr allein koͤnnt nicht an einem Geſandten Rache neh⸗ men, der von viertauſend Mann begleitet wird. Laßen wir alſo fuͤr einen Augenblick unſre Rache beruhen; man muß zuvoͤrderſt fuͤr das Dringendſte ſorgen. Als eure Gemahlinn in Liebe zu euch ſchmachtete, brachte ich dem Aſtaroth einige Opfer dar, und er gab ihr die Geſundheit wieder. Ich habe im Sinne, hinzugehen und dieſe Nacht ſelbſt in ſeinem Tempel zu ſchlafen; ſeine Prieſter kennen mich, und die Andacht, welche mich taͤglich dahin fuͤhrt, iſt ihnen nicht verdaͤchtig. Ich will 3¹6 452. Tag. das beßte, was ich von Raͤucherwerk habe, mitneh⸗ men, und nachdem ich es verbrannt, will ich mein Haupt auf ein Kiſſen voll weißer Mohnkoͤrner nieder⸗ legen.— Beruhiget euch, mein Prinz, und bauet auf den Einfluß, die Kunde und die Huͤlfsmittel der Salbenhaͤndlerinn von Muſſul.“ Mein Vater ging hin und erzaͤhlte es ſeiner Gat⸗ tinn, und beide erwarteten, gleich verblendet, mit Un⸗ geduld die Ruͤckkehr der Salbenhaͤndlerinn von Muſſul. Sie kam den folgenden Morgen mit frohlockender Miene, und ſagte: „Freuet euch mit mir; ich habe mein Raͤucher⸗ werk nicht geſpart, aber es hat mir auch gute Dienſte geleiſtet; niemals habe ich einen angenehmeren Traum gehabt: der große Drache ſoll es auf ſeinen Fittigen und auf ſeinem Ruͤcken fuͤhlen.— Ihr muͤßt aber von allem dieſem,“ fuhr ſie fort,„niemand, außer dem Koͤnige euerm Vater, etwas ſagen; es gibt Dinge, welche nicht fuͤr das Volk gemacht ſind. Es iſt nicht Aſtaroth ſelber, der mir erſchienen, ſondern der große Mograby, ſein Stellvertreter auf Erden. Ah! welch ein edles, ehrwuͤrdiges Weſen iſt das! ihr werdet ihn einſt auch ſehen: nein, es gibt nichts ſo Ehrfurchtge⸗ bietendes auf der Welt! Er war ganz in Pergament von einer unbeſchreiblichen Weiße und Feinheit geklei⸗ det; das Rauſchen der Falten ſeines Gewandes ver⸗ Badoildin, Prinz der Tatarei. 3¹⁷ urſachte, daß ich den Kopf nach ſeiner Seite drehte. Er nannte ſich mir, und ſprach zu mir: „ Aſtaroth nimmt dein Rauchopfer wohlgefaͤllig an; der Prinz der Tatarei ſoll von den truͤbſeligen Wirkun⸗ gen der Angriffe des großen Drachen befreiet werden; er ſoll an ſeinen Feinden gerochen, durch eine zahlreiche Nachkommenſchaft begluͤckt, und mit Jahren uͤberhaͤuft werden: aber die hohe Gottheit, welche du anrufeſt, verlangt mehr, als Raͤucherwerk. Sie will ein Herz, welches ihr ganz geweihet ſei, und fordert ein beſtimm⸗ tes Pfand.— 8 Der Prinz und die Prinzeſſinn der Tatarei muͤßen ihr die erſte maͤnnliche Frucht ihrer Umarmungen wei⸗ hen, und du mußt mir das mit ihrem Eide beſiegelte Verſprechen derſelben herbringen.“ Zu gleicher Zeit ſchnitt er ein Stuͤck von ſeinem Rocke, vorn an der Bruſt ab, er gab es mir, und ich bringe es euch hier. Laßt uns in das Zimmer der Prinzeſſinn eurer Gemahlinn gehen, und machet ihr recht bemerklich, welche Ehre Aſtaroth euch erweiſet, und welcher Vor⸗ theil euerm Kinde daraus erwaͤchſt, der angenommene Sohn einer ſo maͤchtigen Gottheit zu ſein.“ Mein Vater war in ſeiner ſo unangenehmen Be⸗ zauberung wohl zu entſchuldigen, wenn er dayvon be⸗ freiet zu ſein verlangte. Meine Mutter war nicht min⸗ der ungeduldig, ihn von den Wirkungen dieſes ſchmaͤh⸗ 3¹8 452. Tag. lichen Zaubers erloͤſet zu ſehen. Beide waren, wie ich ſelber, von Kindheit an, in dem aberglaͤubiſchen Dien⸗ ſte Aſtaroths aufgewachſen. Ihre Vertraute ſagte ihnen die Verſchreibung in die Feder, zog jedem von ihnen einen Blutstropfen aus dem Arm, miſchte ihr eigenes Blut dazu, und ließ ſie die foͤrmliche Urkunde unterzeichnen, welche mich dem groͤßten Feinde uͤberlieferte, den wir nur haben konn⸗ ten. Denn ihr ſeid nunmehr wohl hinlaͤnglich aufge⸗ klaͤrt uͤber den vorgeblichen Gott Aſtaroth, deſſen aner⸗ kannter Stellvertreter der verhaßte Mograby iſt. Neun Monate nach dieſem unſeligen Vertrage kam ich zur Welt, und meine Aeltern ließen mich, in dem Wahne, daß ich ihnen nicht gehoͤrte, ihrer Gottheit darbringen.. Der Oberprieſter empfing mich mit Gepraͤnge, und bedeckte mich feierlich mit einer Windel von Linnen mit purpurnem Saume, um meinen doppelten Stand, als Prieſter und Koͤnigskind, zu bezeichnen. Eine Amme ſaugte mich in dem Tempel, von wo man mich von Zeit zu Zeit nach dem Palaſte trug. Dort empfing ich Liebkoſungen von meinen Aeltern, aber der Prieſter, der mich dahin begleitete, erlaubte nicht, mich ihnen hin zu geben. Badvildin, Prinz der Tatarei. 3¹9 Vierhundert und drei und funfziſtger Tag. So bald ich im Stande war, aufrecht am Altar zu ſtehen, mußte ich allen Opfern beiwohnen; ein un⸗ uͤberwindlicher Widerwille entfernte mich von Stund' an von den Pflichten, welche man mir aufzuerlegen trachtete. Unterdeſſen ſchienen mein Vater und meine Mut⸗ ter in ihrer Ehe des groͤßten Gluͤckes zu genießen; ein reicher Kinderſegen war die Folge davon; ich habe drei juͤngere Bruͤder in voller Geſundheit daheim gelaßen; und obgleich ich, als Aſtaroths Geweihter, vom Thro⸗ ne ausgeſchloſſen war, ſo durfte mein Vater doch nicht beſorgen, ohne Nachfolger zu bleiben. Was mich betrifft, ſo war mir dieſer gezwungene Beruf ſehr zur Laſt; ich legte mich auf nichts, was mein Prieſterſtand erforderte, und wenn ich in dem, was man mich lehrte, unterrichtet ſchien, ſo war es allein der Natur zu verdanken, welche mich mit einer großen Leichtigkeit begabt hatte. Wenn ich dagegen den Haͤnden meiner Waͤrter entſchluͤpfen konnte, beſtieg ich das erſte beßte Pferd, oder rannte ins Feld hinaus, einen Bogen in der Hand. Unter dieſen verſchiedenen Beſchaͤftigungen, denen ich mich entzog, oder mit Un⸗ luſt uͤberließ, erreichte ich mein funfzehntes Jahr. Eines Tages, als ich, in Linnen gekleidet und mit Roſen bekränzt, dem Oberprieſter bei einem gro⸗ dich abzuholen, um dich dahin zu fuͤhren, wo du deine 320 453. Tag. ßen Opfer den Weihrauch darreichte, kam man, mir zu melden, daß mein Vater und meine Mutter mich nach dem Palaſte rufen ließen. Ich warf hurtig mein Rauchfaß weg, und, gekleidet wie ich war, flog ich dahin, wo ich erwartet wurde. Da fand ich in dem Zimmer meiner Mutter jenen weißbaͤrtigen Greis, mit demſelben Pergamentrocke be⸗ kleidet, welchen ich ſo oft beſchreiben gehoͤrt, wenn man mir die Beweggruͤnde erklaͤrte, warum man mich aus dem Palaſte entfernt hatte. Bei meiner Ankunft ſtand er auf, und ich ſah, daß er mit der vollen Hoͤhe ſeiner Stirn meinen Vater uͤberragte. Ich fand meinen Vater ſehr ernſthaft, ich gewahrte einige Thraͤnen in den Augen meiner Mutter. „Mein Sohn,“ ſprach Shaſſa⸗Rikdin,„der Stell⸗ vertreter der Gottheit, der du gewidmet biſt, koͤmmt, Einweihungen empfangen ſollſt.“ „Herr,“ ſprach der Mograby,„du haͤltſt mir dein Wort, und ich gebe dir deine Verſchreibung zuruͤck. Iſt hier auch etwas, womit ich nicht Urſache habe zu⸗ frieden zu ſein, ſo kann ich mich deshalb doch nicht an dich halten.— 1 Junger Menſch,“ ſprach er, ſich zu mir umdre⸗ hend,„du wirſt dich fortan ernſtlicher beſchaͤftigen, als du bisher gethan haſt!“ Indem er dieß ſagte, hielt er mich bei der Hand, Badvildin, Prini der Tatarei. 321 welche er nicht mehr losließ, waͤhrend mein Vater und meine Mutter mich umarmten. Bald ging er hinaus, und fuͤhrte mich mit ſich. Wir fanden vor dem Pa⸗ laſt ein zu unſerer Reiſe beſtimmtes Kameel; man ließ mich den bequemſten Sitz einnehmen; und ein großer ſchwarzer Sklave ging vor uns her und fuͤhrte das Kameel beim Halfter. So bald wir außerhalb der Stadt an einem ab⸗ gelegenen Orte waren, ſagte mein Herr und Meiſter zu dem Sklaven: „Iladſch⸗Kadahsé, halt an, wir wollen ein an⸗ dres Fuhrwerk nehmen, dieß hier iſt zu langſam fuͤr uns.“ Mit dieſen Worten ſchwang er ſich leicht von dem Kameele, und der Sklave reichte mir den Arm, mir hinab zu helfen. Noch ehe der Schwarze mich auf die Erde geſetzt hatte, fagte der Herr zu ihm: „Weil du ihn in Haͤnden haſt, ſo kleide ihn ſo⸗ gleich bequem fuͤr die Reiſe.) Der Schwarze fuhr mir hierauf mit ſeinen beiden Haͤnden leicht uͤber den ganzen Leib, und hielt bei der Stirne an, welche er unſanft knaͤtete: allmaͤhlich ging nun in mir eine ſo ſeltſame Veraͤnderung vor, daß es mir unmdglich iſt, ſie zu beſchreiben; ſie begann mit einem ſo ungeheuren Schwindel des Kopfes, daß ich das Gleichgewicht verlor und auf die Seite fiel. Aber wie groß war meine Ueberraſchung, als ich wahrzuneh⸗ 241 VII. 453. Tag. men glaubte, daß ich, anſtatt ein Menſch zu ſein, nur ein kleines, kugelfoͤrmig gehauenes, und am Ende ge⸗ ſpitztes Stuͤck Holz war, welches an der Spitze einen dicken goldenen Nagel hatte. Ich ſage euch, ich glaubte, es wahrzunehmen, weil ich in der That aus den Buͤchern, welche ich ſeitdem geleſen, den wahren Gehalt der durch die Schwarz⸗ kunſt bewirkten Taͤuſchungen kennen gelernt habe, und gegenwaͤrtig uͤberzeugt bin, daß ich keinesweges ſah, was ich war, und nicht war, was ich ſah. Ich hatte nur einen Traum, der ſtaͤrker war, als die gewoͤhnlichen Traͤume: aber es war zugleich Wirklichkeit darunter, wie ihr gleich ſehen werdet, und die Sinnenwerkzeuge waren nicht vollig in ſich verſunken. „Wohlauf, Jladſch⸗Kadahé!“ ſprach mein Herr, der ſeinen Bart und ſeinen Rock abgelegt hatte und ſcheußlich anzuſehen war,„nimm eine Peitſche, und gib mir die andre, und laß uns dieſen ſchlaͤfrigen Kreiſel auf⸗ wecken, das wird uns unterweges die Zeit vertreiben.“ Und ich fuͤhlte einen Hagel von Schlaͤgen auf mich herabfallen, der mir genugſam bemerklich machte, daß ich nicht von Holz war. Man verſetzte mir mit den ledernen Riemen Strei⸗ che, welche mich empor und auf hundert Schritte weit weg ſchnellten: aber augenblicklich hatten meine beiden Spieler mich wieder eingeholt. Hohn geſellte ſich zu der Grauſamkeit: Badvildin, Prinz der Tatarei. 325 „Ha! das war ein trefflicher Hieb, Iladſch⸗Kada⸗ hé! Aber unſer Kreiſel geht herrlich; ich wußte wohl, daß es manche Kreiſel in der Genoſſenſchaft unſerer Prieſter gibt: aber dieſer hier uͤbertrifft alle Vorſtellung von Vollkommenheilt.“ Mehr konnte ich nicht davon verſtehen, ich ſank in Ohnmacht, und kam nicht eher wieder zu mir, als in dem Bache, worin man meine Wunden auswuſch; denn es geſchah kein Schlag auf den Kreiſel, der mir nicht einen Blutstropfen abgezapft haͤtte. Vierhundert und vier und funfzigſter Tag. Dieſe Unmenſchlichkeit war eine Kleinigkeit gegen die, welche ich euch noch zu erzaͤhlen habe, und deren Schlachtopfer ich ungluͤcklicherweiſe ein Jahr lang ge⸗ weſen bin, ſo wie ich das Opfer ihrer erſten Wuth war. Ich behielt noch ſo viel Beſinnung, ihre Reden zu verſtehen; aber ich war zu ſchwach, um es aͤußerlich kund zu geben. 9 „Jladſch⸗Kadahé!“ ſprach der abgefeimte Herr, „wir haben den Befehlen gehorſamt, denen wir nicht widerſtreben konnten, und haben dieſen jungen Tempel⸗ diener Aſtaroths gezuͤchtigt, der ohne Fleiß, ohne Ei⸗ fer, ohne Andacht, ſogar gedankenlos war: aber ich ungluͤcklicher Vater! ich werde meinen Gehorſam theuer bezahlen muͤßen, denn ich werde mein liebes Kind, mei⸗ nen einzigen Sohn verlieren! 3²4 454. Tag. Du weißt es,“ fuhr er nach einigem Schluchzen fort,„Iladſch⸗Kadahs; denn du warſt es, der den Shaſſa⸗Rikdin aus dem Bette Billah⸗Dadils nahm, um mich an ſeine Stelle zu legen, indem es kein an⸗ dres Mittel gab, die Bezauberung des großen Drachen zu loͤſen. Seit ſo langer Zeit trug ich dieſen jungen Men⸗ ſchen in meinem Herzen; ich ſehnte mich darnach, frei zu ſein, um ſeiner vernachlaͤßigten Erziehung die zaͤrt⸗ lichſte Sorgfalt zu widmen. Aber da wo ich hin gehe, darf nichts Unreines eintreten; die Befehle der Goͤtter ſind unwandelbar, und ihre Vollziehung wird mich viel⸗ leicht fuͤr mein ganzes uͤbriges Leben zu Thraͤnen ver⸗ dammen.“ Bei dieſen Worten vergoß der Boͤſewicht Thraͤnen, daß es einen Stein haͤtte erweichen moͤgen. Man hatte mich am Boden auf einen Haufen Moos gelegt; hier fuhren beide mit der Hand uͤber meine Lippen:„Er athmet noch,“ ſagten ſie. Sie be⸗ fuͤhlten meinen Puls, und fanden ihn ſehr ſchwach. „Wie waͤr' es, wenn ihr einen Tropfen eures Le⸗ bensbalſams daran wagtet?“ ſagte der Schwarze. „Er iſt ſehr ſtark,“ ſagte mein vorgeblicher Va⸗ ter:„ich habe daheim ſo milden: aber ein Tropfen iſt kein Tropfen; wir wollen's verſuchen.“ Man hub mir den Kopf auf: die Boͤſewichter kannten wohl die Wirkung des Mittels, welches ſie an⸗ Badvildin, Prinz der Tatarei. 325 wendeten; es gab mir mit meinen Kraͤften auch die Empfindlichkeit fuͤr alle die Schmerzen zuruͤck, welche ſie mir zugefuͤgt hatten. Es ſtand in ihrer Gewalt, ſie aufzuheben: es diente aber zu ihrer Abſicht, ſie mir in ihrer ganzen Schaͤrfe empfinden zu laßen, und ich ſtieß ein ſchmerzliches Geſchrei aus. „Ah! er leidet, er fuͤhlt, ich werde ihn noch ret⸗ ten,“ rief der Mograby, wie entzuͤckt vor Freuden;„ich will ihn nach meinem Hauſe tragen, wo der Tod nicht einzudringen vermag. Geh deines Weges, Iladſch⸗Ka⸗ daheé, du weißt, du kannſt mir nicht folgen, wohin ich gehe: berichte meinen Gehorſam als treuer Sklave.“ Ich werde mich nicht weiter uͤber das Benehmen dieſes Teufels gegen mich verbreiten. Ihr wiſſet ohne⸗ dieß, welchen Nutzen er aus einem Maͤhrchen zu ziehen weiß, wenn er Mittel gefunden hat, ihm Eingang zu verſchaffen; ihr kennet alſo die Vortheile, deren er ſich bei mir bedienen konnte, um mich zu uͤberreden, mein Vater waͤre nicht mein Vater; und ungluͤcklicherweiſe war die Zaͤrtlichkeit meines Vaters gegen mich immer mit etwas Zuruͤckhaltung begleitet geweſen. Indeſſen, da meine Erziehung hier keine ſolche war, wie ſie meine Natur vertragen haͤtte, und ich, aus an⸗ geborener Unabhaͤngigkeit, mich auf keine Arbeit des Fleißes legen konnte, ſo war ich, ungeachtet jener Ueber⸗ redung, nachlaͤßig in dem, was mir mein vorgeblicher Vater befahl zu thun, und manchmal ungehorſam. 326 Dann erlitt ich die Mishandlungen, von welchen auch ihr einen Begriff habt. Einſt blieben mir von ei⸗ ner Maulſchelle die Lippen acht Tage lang aufgeſchwol⸗ len: ich bekam ſie, weil ich bei einer ſeiner vorgeblichen Abweſenheiten, anſtatt an einer Berechnung zu arbeiten, welche er mir aufgegeben hatte, ein Buch ſeiner Schwarz⸗ kunſt aus einem Winkel hervor geholt, worin er es ver⸗ borgen hatte, ohne Zweifel abſichtlich ſo, daß ich es ſah: er erſchien ploͤtzlich, entriß mir das Buch, und ſchlug mich. Sechs Tage nach dieſem Abenteuer nahm er ſeine gewoͤhnliche Freundlichkeit gegen mich wieder an, und ſtellte ſich ſogar noch zutraulicher, als zuvor. Er ging mit mir auf die Dannhirſch⸗Jagd; wir waren beide mit Speeren bewaffnet, und ich war um ſo vertrauter mit dieſer Waffe, als man mir ihren Gebrauch ſelbſt in dem Prieſterhauſe verſtattet hatte. Mein boͤſer Feind ging vor mir; da trat er auf ei⸗ nen dornigen Baumaſt, der im Graſe verborgen lag, und zog den Fuß blutig zuruͤck; ein ſtarker Dorn war ihm durch das duͤnne Leder ſeines Halbſtiefels durch den Fuß gefahren. Er ſtieß einen Schrei aus, hielt an, und ſetzte ſich. Ich bezeugte mein Erſtaunen:„Es hat nichts zu bedeuten, mein lieber Sohn,“ ſagte er zu mir. Er legte meine Bewegung falſch aus, wenn er ſie dem Mitgefuͤhle zuſchrieb: aber ohne Zweifel wollte er ſo getaͤuſcht ſcheinen.„Beunruhige dich nicht,“ ſprach er, „ich gehe nie ohne einen gewiſſen Balſam aus.“ Badvildin, Prinz der Satarei. 3²⁷ Es befand ſich an dieſer Stelle ein aufgeworfener, mit Raſen bedeckter Erdhuͤgel, der eine Art von Sitz bildete. Darauf ſetzte ſich der Mograby, entkleidete ſei⸗ nen Fuß, und zog aus ſeiner Taſche zwei Flaͤſchchen, das eine zum Blutſtillen, das andere zum Verbinden der Wunde. Sein Blut floß ſtark heraus, und erweckte in mir dieſe Betrachtung:„Er iſt ein Menſch, wie ich, ein Dorn verwundet ihn: ein Speer wuͤrde ihn toͤdten.“ Die Erinnerung der erſten Behandlung, welche ich von ihm erfuhr, kehrte in ihrer ganzen Staͤrke zuruͤck, und wie ſcheußlich er mir erſcheinen war, als er mich mit Schlaͤgen, Schimpfreden und Hohn bedeckte.„Er nennt ſich meinen Vater,“ ſprach ich bei mir ſelber,„er⸗ weiſet mir uͤbertriebene Liebkoſungen, und drohet mir fuͤrchterlich, wenn ich ihm nicht gehorche: ſein Aſtaroth werde mich vertilgen. Das ſoll aber nicht durch ihn ge⸗ ſchehen, denn ich will ihn ſelber vom Erdboden vertilgen, und ihn wohl hindern, ſich ſeines Balſams zu bedienen.“ Vierhundert und fuͤnf und funfzigſter Tag. Nach dieſem Selbſtgeſpraͤche ziele ich mit meinem Speere nach ſeinem Ruͤcken, den er mir zukehrte, treffe ihn zwiſchen den Schultern, ſtuͤrze ihn vorn uͤber, und ſpieße ihn ſo an den Boden. Der Gedanke:„Was wird hier allein aus mir werden?“ fiel mir damals nicht ein. Ich fuͤrchtete nur, er moͤchte wieder aufſte⸗ hen und ſeine ſchreckliche Rache an mir ausuͤben; ich 32383 485. Ta g. ſchritt alſo uͤber die Raſenbank, die uns trennte, um ihn vollends abzuthun: aber ich glitſchte dabei aus und fiel. Ich wollte wieder aufſtehen, fuͤhlte mich aber an Fuͤßen und Haͤnden gefeſſelt; und der Mograby ſtand aufrecht mir gegenuͤber, mit jenem entſetzlichen Blicke, welcher ſein eigener iſt, ſo oft er ſich nicht verſtellt. „Niedertraͤchtiger Meuchelmoͤrder!“ ſprach er zu mir,„du biſt ſogar faͤhig, einen Vatermord zu bege⸗ hen! Ich habe dich entlarvt: du wirſt fortan keinen Frevel mehr auf Erden veruͤben.“ Der Schreck, der mich ergriffen hatte, verhinderte mich, auf die bittern Verhoͤhnungen, welche er gegen mich und alle meine Verwandten ausſtieß, Acht zu ge⸗ ben. Mein Großvater, der Holzhacker, wurde dabei nicht verſchont; und das Ungeheuer, welches mich jetzo peinigte, ruͤhmte ſich der Stifter des Gluͤcks geweſen zu ſein, welches die Familie meiner Mutter gemacht haͤtte. Er ſchleppte mich nach ſeiner ſcheußlichen Todtengruft: ich weiß nicht, wie lange ich darin gelebt habe, wenn lei⸗ den ohne zu denken irgend noch leben genannt werden kann.“ Die fuͤnf uͤbrigen Prinzen hatten Badvildins Ge⸗ ſchichte mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit angehoͤrt. Als er geendigt hatte, wandten ihre Blicke ſich auf den einzigen unter ihnen, der ſeine Geſchichte noch nicht er⸗ zaͤhlt hatte. Dieſer ſchickte ſich nun auch an, ihre Un⸗ geduld zu befriedigen. 4