o Seee— 3& H 45 6 5 G 76 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oklktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 8 5„„— u.—„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexrriſſene, verlorene und defeecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. dusoieeite Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch de kür zu ſtehen haben. ——j— ——— Taugsend und Ein Tag. Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. Aus dem Persischen, Türkischen und Arabischen nach Petis de la Croix, Galland, Cardonne Chawis und Cazotte, dem Grafen Caylus und Anderen, ü berſezl 4 von F. H. von der Hagen. Sechſter Band. Prenzlau, Druck und Verlag der Ragoczyſchen Buchhandlung. 182 7. Tauſend und Ein Tag. Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. Sechſter Band. Inhalt des ſechſten Bandes. Fortſetzung der Geſchichte Simuſtapha's Prinzeſſinn Ilſetilſone. Dreihundert und dreißigſter Tag 33 1ſter Tag 332ſter Tag 333ſter Tag 334ſter Tag 335ſter Tag 336ſter Tag 337 ſter Tag 338ſter Tag 339ſter Tag 340ſter Tag 34 1ſter Tag 342 ſter Tag 343ſter Tag 344ſter Tag 345ſter Tag 2 unna nunu nnn nnunn u Aannnon üUnnnnnnn n n un n un Annnnnnn Nunnnnnunnmn gn Ruun n N u U N Nou8uuan nunnmn u u nu n d n „un a w n n ARnenu n v. n u „ nͤuöun ngunnun u a n n n und der 8 u nu Ludan nnyNnnmny n n un n n „ An n a XNd u unn n Seite 346ſter Tag 342ſter Tag 348ſter Tag 349ſter Tag 350ſter Tag 35 1Iſter Tag 352ſter Tag 353ſter Tag 354ſter Tag 355ſter Tag 356ſter Tag 357 ſter Tag 358ſter Tag 359ſter Tag 360ſter Tag nuAAASNMuNN un a 2 2Q 8 nuA ANA aA KR R R RRA u 8 anu uN u RN N N N N NR RN * * 5 nNNu N N N N R 2* 7* * — 84 AuNANN A K R u n T 2 A U N 2 * nu AN N A N A nAANNW A N a u Aau N Au Geſchichte Ali⸗Ben⸗Dſchads, Sultans von Irak, mit den falſchen Paradiesvoͤgeln 2 7 2* a uu AS ANA MN au N u A 2* 2 a a un N n u 2 2 uu NA ASVNN N A 2 2 2 36 1ſter Tag⸗ ⸗ Habib und Doratil⸗Goas, oder Geſchichte des Fahrenden Ritters⸗ ⸗ ⸗ 362ſter Tag;g⸗ e⸗ 363ſter Tag 2 2,-⸗ ⸗ 364ſter Tag 4-„ r ⸗ 3 2 ⸗ 365ſter Tag 3 3 2,-. 2 — Inhalt. VII Seite Geſchichte Illabuſatru's, Schal⸗Goaſens und Ka⸗ marilſamans. 366ſter Tag ⸗ 5 ⸗.. 188 Fortſebung der Geſchichte Habibs und Doratil⸗ Goaſens. 362 ſter Tag„ ⸗ ⸗⸗ ⸗ ⸗ 2 193 368ſter Tags⸗⸗ ⸗-. ⸗ 197 36 9ſter Tag„ r,⸗:⸗ 202 37 oſter Tag„⸗ ⸗ ⸗ ⸗ s 207 37 Iſter Tag 2 z ⸗ ⸗ 2 ⸗-» 212 37 2ſter Tgges⸗⸗ ⸗ ⸗ 213 373ſter Tag 22⸗⸗ ⸗ 2 222 37 4ſter Tag„ ⸗ 2 ⸗ ⸗ 2⸗» ⸗ 226 375ſter Tags⸗,⸗⸗⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 231 376fter Tag⸗ ⸗ ⸗ 236 372 ſter Tag 5 z ⸗ 243 378ſter Tage⸗⸗⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 247 37 9ſter Tag:⸗ ⸗⸗ ⸗ 252 38oſter Tgg⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 2 257 38 1ſter Tag ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 2⸗ 2 264 382ſter Tag 2 ⸗ 7 ⸗ 2 ⸗* 2698 383ſter Tag ⸗ ⸗ ⸗. 273 384ſfter Tagg⸗⸗⸗⸗⸗⸗⸗ ⸗ ⸗ 277 385ſter Tag ⸗ 2» 232 386ſter Tag ⸗. ⸗ ⸗⸗ ⸗⸗ ⸗ 287 8 = „* — VIII J 382ſter Tag,⸗ ⸗ ⸗⸗ ⸗ 388ſter Tag ⸗ 2 7 ⸗ ⸗ ⸗ Geſchichte der Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren. 389ſter Tag 7 7 2 2 2 u u u Seite 202 296 299 302 Vorbericht. Cazotte hat der Geſchichte Habibs und Doratil⸗Goa⸗ ſens folgende Bemerkungen beigefügt. „Man kann ſich über den Inhalt dieſer Erzählung, welche die Fortſetzer der Tauſend und Einen Nacht der ſchö⸗ nen und geiſtreichen Scheheraſade in den Mund gelegt haben, einiger Betrachtungen nicht erwehren; und der Herausgeber berläßt ſich denſelben, während der Sultan von Indien ausruhet. Dieſes Werk würde durch ſeine bedeutſame Anlage, ſo wie durch ſeine Ausführung, theils in Verſen, theils in einer mit allen Farben der Dichtkunſt belebten Proſa, vielmehr ein Gedicht, als eine bloße Erzählung ſein, wäre es nicht ent⸗ ſchieden ein Ritterroman, indem er die beiden Bedingungen erfüllt, welche die Darſtellung eines ſolchen Romans erfor⸗ dert, nämlich, Unterhaltung und Belehrung. VBorbericht. Es iſt darauf angelegt, die Seele und den Leib eines Ritters mit allen den Gaben, mit allen den Eigenſchaften auszuſtatten, welche ihn vollkommen machen können; und der alſo gebildete Held wird als fahrender Ritter in Thä⸗ tigkeit geſetzt. . Zur Bildung dieſes Helden bedient man ſich des im Telemach angewendeten Mittels; es iſt ein Weſen aus der Klaſſe der Geiſter, welches hier die Rolle ſpielt, wie dort Minerva unter Mentors Namen. Sein Leib iſt durch Uebungen abgehärtet, wie Jean Jacques Rouſſeau in ſeinem Emil es anräth; aber wie ein echter Ritter Gott und ſeine Dame verehren muß, ſo iſt der Koran das erſte was man dem jungen Araber vor Au⸗ gen hält. Man wird ſich erinnern, daß Rouſſeau empfiehlt, und zwar ſehr ernſthaft, ſeinen Zögling durch die Reiſen des Robinſon Cruſoe zum Nachdenken zu erwecken. Hier iſt dieſer Rath in Anwendung gebracht, und man läßt den Jüngling alle Arbeiten Cruſoe's verrichten, ſo weit die Bahn, welche er durchlaufen muß⸗ Gelegenheit dazu bietet. Rouſſeau ſchlägt vor, das Herz der jungen Zöglinge durch Schilderung einer eingebildeten Schönheit zu entflammen. Vorbericht.. X* Die Dame der Gedanken des jungen Arabers iſt nicht eingebildet; aber er wird auf eine bloße Schilderung für ſie entflammt. Hieraus iſt aber nicht zu folgern, daß Fenelon oder der Verfaſſer des Emil irgend Kenntnis von der Arabiſchen Handſchrift gehabt haben, in welcher dieſe Beziehungen ſich finden: aber es beſtärkt in der Ueberzeugung, daß auf dem ganzen Erdboden und zu aller Zeit die Menſchen über die⸗ ſelben Gegenſtände ungefähr dieſelben Vorſtellungen gehegt haben. Der Arabiſche Verfaſſer, der in viel kürzerer Zeit zu ſeinem Ziele hineilt, als unſere modernen Schriftſteller thun, ſetzt ſeinen Helden viel früher in Thätigkeit, als ſie. Der aufknospende Dichter ſpricht auf der Stelle in Verſen; und der Zögling empfängt keinen Unterricht, wovon er nicht im Augenblicke darauf ſchon die Früchte wahrnehmen ließe. „Dieſer kleine Roman muß nach der Zeit des ſiegreichen Saladin verfaßt ſein, und iſt vielleicht von einem Dichter ſeines Hofes; man findet darin eine zu deutliche Miſchung des Europäiſchen und des Arabiſchen Ritterthums, als daß dieſes Ganze von einem Kopfe hätte ausgehen können, dem nur die Vorſtellungen des einen der beiden Welttheile be⸗ kannt geweſen wären: es iſt hier nicht bloß von natürlichen Vorbericht. Gegenſtaͤnden die Rede, deren Wirkung überall ähnliche Ge⸗ danken hervorbringt. Nachdem der Araber alle Sorgfalt angewendet hat, ſeinen Zögling auszubilden, zeigt er ihn am Ende faſt voll⸗ kommen; denn er läßt ihn nicht ſo jung dieſes Ziel erreichen. Er ſtellt ihm auf der einen Seite ſeinen Vater zum Vorbilde auf; auf der andern Seite läßt er ihn ſehr ge⸗ ſchickt einen kleinen Verſuch mit der Entzifferung der räth⸗ ſelhaften Bilderſchrift Salomons machen, um ihn zu beleh⸗ ren, daß die Vollkommenheit nur die Frucht der Reife und des Fleißes ſein kann. Der Charakter Sirs, der ihm kurze Zeit gegenüber ſteht, läßt den ſeinen im vollſten Glanze erſcheinen. Aber weil es darauf ankömmt, alle ſeine ritterlichen Tu⸗ genden ins Spiel zu bringen, da ſeine Treue in der Liebe hervorſtrahlen ſoll, ſo iſt es keine thörichte Leidenſchaft, welche auf den Schauplatz geführt wird, damit er ſich trübſelig ge⸗ bärde, wie im Grandiſon. Man ſtellt ihm ein junges, ganz unbefangenes Mäd⸗ chen in den Weg, deren Charakter einen angenehmen Ge⸗ genſatz bildet mit dem ſonſt etwa zu ſtrengen Ernſte der übrigen Geſtalten; ſie liebt, ohne darum zu wiſſen, und ihre Vorbericht. XIII anmuthige Leidenſchaft hat eine ſo heitere Stimmung, daß ſie dadurch niemand, nicht einmal ſich ſelber zur Laſt fällt. Dieß gibt eine Abſtufung der Empfindungen, welche das Verdienſt des Helden noch mehr hervorhebt, und niemand wird in den Schatten geſtellt. Clementine ſtellt im Grandiſon ein höchſt rühren⸗ des Gemälde von ſo großer Wirkung dar, daß es bald herz⸗ zerreißend wird. Indem der Verfaſſer die Tugend ſeines Helden in eine ſehr große Gefahr brachte, über welche er zwar ſeines Sie⸗ ges gewiß war, hat er nicht vermieden, das Mitgefühl ſeiner Leſer auf eine zu ſtarke Probe zu ſtellen, ſo daß es noth⸗ wendig dahin kommen mußte, daß Viele für Clementinen Partei nahmen und ſogar ſo weit gingen die Tugend und die Grundſätze zu verurtheilen, welche die Liebende ſo un⸗ glücklich machten.— Während dieſer eingeflochtenen Liebe erliſcht in dieſem Romane Richardſons jedes andre Intereſſe; der Charakter der Miß Biron verliert gänzlich ſeine Farbe, der des Hel⸗ den ſelber wird trocken und beinahe hart: die Mittel, wo⸗ durch Gegenſätze geſucht wurden, haben zerſtörend gewirkt, m die Hauptfabel iſt nicht ſo wohl aufgehallen, als ver⸗ nichtet. Vorbericht. Es gibt Leute, welche behaupten möchten, wenn Gran⸗ diſon ſechs Wochen lang faſt Hand in Hand mit Ilſaide'n gereiſt wäre, würde er, ſelbſt ohne ihr ſo viele Verpflichtun⸗ gen zu haben, bei den mancherlei rückſichtloſen Aeußerungen derſelben nicht im Stande geweſen ſein, ſein ernſthaftes We⸗ ſen zu behaupten, ohne Geſichter zu ſchneiden. Im übrigen ſind die Hauptperſonen beider Romane, wie Grandiſon und Habib, nicht mit einander zu ver⸗ gleichen. Grandiſon iſt gleich vornherein ein gemachter Held;*) aus Habib ſoll erſt ein Held werden. Demnach kann der erſte von beiden auch nicht in den geringſten Fehler verfallen; wenn der andre dagegen einen Fehltritt begeht, für welchen die Tugend und die Liebe ihm zur Entſchuldigung dienen, ſo ſchwebt derſelbe ihm glücklicher⸗ *) Grandiſon iſt der Emil der Engländer, aber ein ſchon vollſtändig ausgebildeter Emil. Seine Reden ſind ſtäts Be⸗ lehrungen, ſeine Handlungen Muſter. Miß Biron iſt die Dame ſeiner Gedanken; aber man möchte ihr die Dulci⸗ nea von Toboſo oorziehen, ſo bald man die liebenswür⸗ dige, gefühlvolle und unglückliche Ctementine kennen ge⸗ 3 lernt hat. — Vorbericht. xV weiſe fortan vor Augen, und macht ihn natürlich eben ſo be⸗ ſcheiden, als er unternehmend, tapfer und zurückhaltend iſt. Man beabſichtigt bei dieſer Vergleichung eines kleinen Romans mit Werken vom größten Ruf und vom größten Verdienſte nichts weiter, als einige Beziehungen anzudeuten, welche ſie unter einander haben mögen. Derſelbe iſt nur eine leichte Skizze, deren glückliche Federſtriche man gern her⸗ vorheben möchte, und deshalb müßte man ſie mit den großen Gemälden zuſammenhalten, mit welchen ſie vielleicht etwas Gemeinſames in der Zeichnung haben. Der Verfaſſer des Habib war viel mehr Dichter, denn Erzähler; man ſieht, er verweilt gerne, wo er ſich ſeiner Dichtergabe erfreuen kann; er war vertrauter mit der Litte⸗ ratur, als die übrigen, die mit ihm gewetteifert haben, ohne daran zu denken, die Sammlung der Tauſend und Einen Nacht zu vermehren; ſeine Erfindungen nehmen eine andre Wendung, und man ſieht wohl, er ſtrebte unter ſeinesgleichen in Darſtellung und Bildern neu zu ſein. Seine Geiſterlehre, deren Ausführlichkeit ſein Werk et⸗ was beläſtigt, iſt von der ihrigen verſchieden; ſichtlich liegt ihr die Vorſtellung zum Grunde, daß die abtrünnigen Gei⸗ Vorbericht. * ſter, um wieder zu Gott zurückkehren zu können, endlich Menſchen werden müßen. Auch hat er ſeine eigenthümliche Weiſe die Zauberruthe zu handhaben. Uebrigens kömmt es nicht dem Herausgeber zu, den unbedingten Werth dieſer Dichtung zu beurtheilen, obwohl er der Meinung iſt, daß ſie keine der zur Unterhaltung der Leſewelt beſtimmten Sammlungen verunzieren könne.“ Tauſend und Ein Tag. Morgenlaͤndiſche Erzuͤhlungen. Fortſetzung der Geſchichte Simuſtapha's und der Prin⸗ zeſſinn Ilſetilſone. Dreihundert und dreißjigſter Tag. Die Gegenwart Bahlisbulls war Allen druͤckend: man kannte ſeinen eingewurzelten Haß gegen das Menſchengeſchlecht; man fuͤrchtete ſeine Tuͤcke, ſeine Macht, und ſeine Grauſamkeit. Gab es irgend eine Vorſchrift im Geiſterreiche, deren Beobachtung laͤſtig war, ſo wußte man, daß er ſie erfunden hatte. Setelpedur redete den gefaͤhrlichen Alten an und ſprach: VI. 2 330, Tag. „Bahlisbull, der du alle drei Herrſchaften*) erlebt haſt, ſage mir, ob es nicht mehr als ein Beiſpiel der Verbindung giebt, welche ich jetzt eingehen will?“— „Große Koͤniginn, ich kann ſehr gut beglaubigte Beiſpiele davon anfuͤhren, welche wohl geeignet ſind, die Meinung Aller zu beſtimmen. Ich koͤnnte mich ſelber dafuͤr anfuͤhren: ich ſtamme aus der Zeit der Schoͤpfung jenes erhabenen Geiſtes, deines Großva⸗ ters; und als ich mit ihm aus dem Himmel geſtuͤrzt wurde, ſtritt ich an ſeiner Seite. Er betrachtete mich als das aͤlteſte ſeiner Kinder.“ Darf ich den Sproͤßling unſers erlauchten Ober⸗ haupts an die Zeiten unſerer alten Herrlichkeit erin⸗ nern, und an den furchtbaren Schlag der uns herab⸗ ſtuͤrzte, als wir uns des Genuſſes derſelben zu verſichern waͤhnten? Ruhig und unbeſchraͤnkt in unſeren unzugaͤnglichen Wohnungen, ſollten wir gezwungen werden, vor Mahomed das Knie zu beugen: dieſem verwegenen Neurer, welchen wir wechſelsweiſe kriechen und herrſchen geſehen haben, ſchien das Scepter der Welt beſtimmt zu ſein: aber 5) Dieſe ſind: erſtlich, die Herrſchaft Lucifers, bevor er auf die Erde herabgeſtürzt wurde; dann, die Herrſchaft deſ⸗ ſelben bis zu der Zeit, wo Mahomed angeblich den Götzen⸗ dienſt ſtürzte; endlich, die gegenwärtige Herrſchaft Setel⸗ pedurs. Simuſtapha und Ilſetilſone. 8 indem wir ſeine Anhaͤnger wurden, verloren wir un⸗ ſre Herrſchaft; dieſe Schmach ſchien uns unertraͤglich und die Unterwerfung eine Feigheit. Wir hoͤrten auf, denjenigen als ein wohlthaͤtiges Weſen anzuſehen, der uns durch ein eigenmaͤchtiges Geſetz erniedrigte, und von gerechtem Zorne beſeelt, griffen wir zu den Waffen. Der große Kokopileſobeh und ich, wir kaͤmpften einige Zeit gegen Michael und Dſchibrian mit gleichen Kraͤften; aber endlich ſtuͤrzten unſere Feinde unter Mahomeds Anfuͤhrung unwiderſtehlich uͤber uns her: wir wurden beſiegt, beraubt, aus unſeren Be⸗ ſitzungen verjagt, und retteten mit Noth dieſe vergol⸗ deten Fluͤgel, ohne welche wir in unſerm Sturze waͤren zerſchmettert worden. 1 Berufen, uͤberall zu herrſchen, bemaͤchtigten wir uns nun dieſes Erdballs, und verbanden uns mit den Kindern der Menſchen, um ihn gemeinſam zu bevoͤl⸗ kern: Mahomed aber verfolgte unſer neues Geſchlecht, und vernichtete es durch die Suͤndflut.— Unerſchoͤpflich in unſeren Huͤlfsmitteln, ſahen wir bald wieder ein neues zahlloſes Volk anwachſen, und unterwarfen es unſeren Geboten: die Erde wurde mit unſeren Altaͤren bedeckt; ſie vermochte kaum alle die Schlachtopfer zu liefern, welche uns dargebracht wur⸗ den, und ſelbſt das Menſchenblut wurde nicht geſpart. „* Simuſtapha und Ilſetilſone. 3 aber du verhehlſt mir die Uebertretungen derſelben, die mehr als einmal geſchehen ſind. Die Uebelſtaͤnde anlangend, welche aus der von mir beabſichtigten Verbindung hervorgehen koͤnnten, ſo werde ich meine Nachkommen ſchon davor zu bewahren wiſſen. Und weil dir doch der Inhalt unſerer alten Urkunden gegen⸗ waͤrtig iſt, ſo ſage mir, ob darin nicht auch eines noch heiligeren Geſetzes gedacht wird, als das von dir angefuͤhrte iſt?“ „Weiſe Koͤniginn,“ erwiederte der Geiſt,„erlaß mir, es dir herzuſagen; es wuͤrde fuͤr dich ein ver⸗ drießliches Hindernis ſein: Unwiſſenheit des Geſetzes kann demjenigen zur Entſchuldigung dienen, der es verletzt hat.“ „Ich will es wiſſen,“ ſprach Setelpedur;„Unwiſ⸗ ſenheit entwuͤrdigt die Geiſter. Die Geſetze ſollen allen bekannt ſein, weil es meine Pflicht iſt, die Ausuͤbung derſelben zu handhaben, und ich befehle dir, jenes Geſetz herzuſagen.“ „Ein Geiſt darf ſeine Hand nur einer Jungfrau geben,“ ſagte hierauf Bahlisbull;„und ein Ehemann kann nicht euer Gemahl wer⸗ den, ohne den Verluſt aller eurer Vorrechte und eurer Macht.“ 6 351. Ta g. Dreihundert und ein und dreißigſter Tag. Auf dieſe Erklaͤrung verfluchte die Koͤniginn inner⸗ lich das Geſetz und ſeinen Ausleger, und durchdrang ohne Muͤhe die boshafte Hinterliſt Bahlisbulls und und des Veſyrs Asmonſchar; die Verſtellung aber be⸗ herrſchte ihren Unwillen, und ſie ſprach alſo: „Du haſt eben, weiſer Geiſt, einen Ausſpruch ge⸗ than, welcher alle meine Hoffnungen unwiderbringlich zertruͤmmern wuͤrde, wenn ich nicht wuͤßte, wie ſehr deine tiefe Weisheit, und eine Erfahrung, welche mit der Schoͤpfung begonnen hat, dich uͤber alle andere Geiſter erhoben, und daß es fuͤr dich, nachdem du ſo oft den dich bedrohenden Feſſeln entſchluͤpft biſt, keins unſerer Geſetze giebt, welches du nicht zu umgehen wuͤßteſt: ich hoffe, dein Eifer und deine Anhaͤnglich⸗ keit fuͤr mich werden dich auffordern, auch hier deinen Scharfſinn zu beweiſen. Da wir ſelber die Geſetzgeber ſind, koͤnnen wir dieß Geſetz nicht zuruͤcknehmen? und ſollte es kein Mittel geben, es zu uͤbertreten, ohne es ſcheinbar zu verletzen? Bedenke, daß mein Beweggrund zur Berufung dieſes Divans) mich 2) Divan iſt hier in der eigentlichen Bedeutung Verſammlung der Diven, Geiſter, Götter(Lat. divi, Altnordiſch diar) 3 wie auch bei Moſes die Richter Götter genannt werden⸗ Darnach heißt Divan der Sitz der Verſammlung. Ueb. Simuſtapha und Ilſetilſone. 7 antreiben wuͤrde, mich uͤber alle Ruͤckſichten hinweg zu ſetzen, wenn meine Wuͤnſche nicht befriedigt werden!“ Bahlisbull frohlockte insgeheim uͤber die Unruhe der Koͤniginn und uͤber ihre Leidenſchaft fuͤr Simuſta⸗ pha; er hielt ſie fuͤr eben ſo verblendet durch die Liebe, als er ſelber es durch die Bosheit und Ehr⸗ ſucht war; und er hoffte, ſie durch ſeine treuloſen Rathſchlaͤge um die Herrſchaft von Dſchinniſtan und die Zuneigung ihres Volks zu bringen. „Koͤniginn,“ hub der gefaͤhrliche Heuchler wieder an,„das Vertrauen, womit du mich zu ehren wuͤr⸗ digſt, muß deine Wuͤrde und dein Gluͤck ſichern. Kein Geſetz kann diejenigen binden, welche, ſo wie du, das Recht haben, es zu geben. Jene Geſetze, uͤber welche du dich beklagſt, ſind von Kokopileſobeh in ei⸗ ner Zeit verfaßt, als er ſelber noch hier herrſchte, und unter Umſtaͤnden, denen er gezwungen war nach⸗ zugeben. Gegenwaͤrtig wuͤrde er ſich durch andere Ruͤckſichten beſtimmen, wenn er noch Koͤnig von Dſchinniſtan waͤre; und obwohl deine Macht von ihm herruͤhrt, ſo haͤngt jedoch die Ordnung, welche hier herrſchen ſoll, von deinem Willen und von deiner Weisheit ab. Du haſt noch nicht den Gipfel der Groͤße erreicht, fuͤr welchen du beſtimmt biſt. Du biſt der Stern der ſieben Meere, welche die Erde umgeben, und wuͤrdeſt auch, ohne die Ehrſucht deines Vorgaͤngers, das wohlthaͤtige Geſtirn ſein, 531. Tag. welches jeden Morgen dem Weltall die Guͤte desjeni⸗ gen verkuͤndet, der den Tag erſcheinen laͤßt. Ohne Zweifel hatte das Verhaͤngnis den Fall des großen Kokopileſobeh beſtimmt, aber ſeine Unternehmung war dem Geiſterreiche hoͤchſt nachtheilig. Indem du ihn ſelber und ſeinen Muth ehreſt, mußt du jedoch den unſeligen Abfall verfluchen, zu welchem er ſich hat hinreißen laßen, und die Weisheit der Geſetze Maho⸗ meds erkennen; du darfſt, frei nach deinen Wuͤnſchen ſchaltend, ſelber ein Geſetz aufſtellen, welches dir die Erfuͤllung derſelben ſichern kann.“ Der Vorſchlag Bahlisbulls erſtaunte alle Geiſter, die den Grund davon nicht argwoͤhnten. Setelpedur ſtellte ſich, als ſetzte ſie das groͤßte Vertrauen in die Rathſchlaͤge des alten Geiſtes. „Du bewaͤhreſt je mehr und mehr,“ erwiederte ſie ihm,„wie weit der durch das Ungluͤck belehrte Geiſt demjenigen uͤberlegen iſt, der immer nur die Wohl⸗ fahrt kannte. Ja, du haſt mich uͤberzeugt. Ich darf ohne Bedenken alles verfluchen, was den Unfall mei⸗ nes Vorgaͤngers verurſacht hat; und ich bin durch meine Neigung dem Menſchengeſchlechte zu nahe ge⸗ ruͤckt, als daß ich mich erwehren koͤnnte, in Maho⸗ med ein uͤber das meine erhabenes Weſen anzuerken⸗ nen. Aber ich verlange von dir die Abſchwoͤrungsformel, welche ich ausſprechen muß.“ Simuſtapha und Ilſetilſone. 9 „Du ſprichſt mit feſter und vernehmlicher Stimme,“ antwortete der Geiſt, ungeduldig, das Ziel ſeines Anſchlags zu erreichen:„Verflucht ſeiſt du, Ko⸗ kopileſobeh! du, dein Ehrgeiz, und dein Unternehmen!“ Hierauf ſchwoͤreſt du deinen Glau⸗ ben ab, und nimmſt den Glauben Mahomeds an, indem du folgendes Bekenntnis ausſprichſt: „Aſchad. en. la. illa. kala. bella. Moha⸗ mad. Raßud. Alla!“ Die Koͤniginn ſtellte ſich nun, als wollte ſie dieſe Formeln ausſprechen. Bahlisbull warf dem Veſyr Asmonſchar einen Blick des Einverſtaͤndniſſes zu; der ganze Divan verſtand alsbald dieſen Wink, und er⸗ wartete mit Ungeduld den Erfolg. Setelpedur nahm endlich das Wort und ſprach zu dem alten Geiſte: „Du lehrſt mich da Dinge, und ſprichſt mir Worte vor, welche mir bisher voͤllig unbekannt waren: du mußt dieſe Formel erſt ſchriftlich abfaſſen, bevor ich ſie ausſpreche.“ 1 HerNedit Hand zittert zu ſehr,“ entgegnete Bah⸗ isbull „Du kannſt dir Zeit nehmen,“ fuhr die Koͤniginn fort;„und nachdem ich ſie unterzeichnet habe, ſollſt du mit dem Veſyr ſie Mahomed uͤberbringen.“ „ Ich kann weder ſchreiben, noch gehen,“ ant⸗ wortete der Geiſt. 10 331. Tag. „So muß ich es denn, ſo gut ich kann, ausſpre⸗ chen, was ich davon behalten habe, indem ich dasje⸗ nige hinzufuͤge, was mein Herz mir eingiebt.“ Mit dieſen Worten erhub ſie ſich, und fuhr alſo „Verflucht ſeiſt du, und auf immer, verruchter Bahlisbull! der du durch deine boshaften Schmeiche⸗ leien das Herz meines Ahnherrn vergiftet und lihn gereizt haſt, ſich gegen jede Art von Oberherrſchaft zu empoͤren. Verflucht ſeiſt du Urheber der Zwietracht! der du beſtaͤndig die Liebe zur Ordnung auf den Lip⸗ pen fuͤhrſt, aber die Zerruͤttung im Herzen traͤgſt. Verflucht ſeiſt du! du, und dein ganzes Geſchlecht auf ewig! hoͤlliſcher Urſprung des Unheils, welches die Welt verwuͤſtet! Verflucht ſeiſt du, und dein En⸗ kel Asmonſchar! die ihr euch ſtelltet, als wenn ihr mir den rechten Weg vorzeichnen wolltet, waͤhrend ihr mir den Abgrund unter den Fuͤßen grubet.— Man reiße ihnen auf der Stelle die Fluͤgel aus! Man ſtuͤrze ſie auf die Erde hinab!— Lebet fortan in Koth und Schmutz! Das iſt euer Verhaͤngnis und mein Urtheilsſpruch.“. Simuſtapha und Ilſetilſone. 21 Dreihundert und zwei und dreißigſter Tag. An dieſer unerwarteten Rede erkannten die Geiſter ingrimmig ihre Koͤniginn; ihre Feſtigkeit gab ihr ſelbſt bei den Boshafteſten Nachdruck: ihre Herrſcherinn ſchien wieder in dem alten Glanze zu ſtrahlen, wel⸗ chen ſie eingebuͤßt hatten. Ihr Befehl wurde alsbald vollzogen; hierauf entließ ſie die Geiſter, und der Divan ging aus einander. Setelpedur ſtellte ſich nun die Gefahren vor, wel⸗ chen die Liebe ſie jetzt eben ausgeſetzt hatte, und fuͤhlte nichts deſto minder ihre Gewalt. „Waͤreſt du, mein geliebter Simuſtapha,“ ſprach ſie bei ſich ſelber,„Zeuge geweſen von allem, dem ich deinetwegen getrotzt habe... Wie viel menſch⸗ liche Vorurtheile koͤnnteſt du mir aufopfern! Aber, was ſage ich! Ich liebe an dir ſelbſt dieſe ſtrenge Tugend, die dich zu Weigerungen ermuthigt, welche jedoch meine Eigenliebe nicht verwunden. Du wuͤrdeſt mich geliebt haben, wenn du mich zuerſt geſehen haͤt⸗ teſt; und wenn ich dir nicht, auf den Wunſch meines Schuͤtzlings Benalab, der mich fuͤr ſeine Abſicht zu gewinnen wußte, die liebenswuͤrdige Ilſetilſone im Traumgeſichte gezeigt haͤtte, ſo wuͤrdeſt du jetzo mein Leibeigner ſein; und ich wuͤrde bieſer Treue verſichert ſein, welche nichts zu erſchuͤttern vermag.— Ich will nicht dein Gluͤck ſtoͤhren, noch die Ruhe deiner 12. 332. T K g. Gattinn: aber du wirſt mich lieben; du wirſt mir ebenſo angehoͤren, wie ihr; wir brauchen nicht jenen herkoͤmmlichen Geſetzen zu gehorchen; die Liebe und die Dankbarkeit ſchreiben uns andere Pflichten vor.“ So täuſchte ſich die Enkelinn des abgefallenen, aber muthvollen Kokopileſobeh. Sie beſaß den hohen Sinn ihres Ahnherrn; aber menſchliches Blut floß in ihren Adern, ohne daß ſie es wußte; nichts war voll⸗ kommen an ihr, als der Muth und die Schoͤnheit: indeſſen war ihr Herz nicht verdorben. Sie war einem Geſetz anheimgefallen, welches Bahlisbull ihr unbe⸗ ſtimmt ausgelegt hatte, und mit der Zeit ſollte ſie die Wirkung deſſelben erfahren... Mit dem Verlangen beſchaͤftigt, Simuſtapha wie⸗ derzuſehen, hatte ſie nicht die Geduld, ihn in ihrem Palaſt zu erwarten; das haͤtte nur ein Vergnuͤgen verſchoben, welches ſie ſich augenblicklich verſchaffen konnte, indem ſie ſich nach Bagdad verſetzte. Sie rief den Sklaven der Buͤchſe. „Wenn du dieſen Abend,“ ſprach ſie zu ihm, „Ilſetilſone'n in das Gemach ihres Gemahls gebracht haſt, ſo melde es mir ſogleich: ich will durch meine Gegenwart ihr Gluͤck erhoͤhen.“ Dſchemal vollzog die Befehle der Fee mit derſelben Aufmerkſamkeit, wie bisher. Setelpedur vernahm es ſogleich, daß die Prinzeſſiun bei ihrem Geliebten waͤre; ſie eilte nach Bagdad, und ſchickte Dſchemal Simuſtapha und Ilſetilſone. 13 voraus, den beiden Liebenden die Ankunft der Geiſter⸗ Koͤniginn zu verkuͤndigen. Dieſe wuͤrden verlegener geweſen ſein, wenn die Koͤniginn ſie nicht bei ihrem Eintritte durch wieder⸗ holte Beweiſe der Zaͤrtlichkeit beruhigt haͤtte; ſie um⸗ armte beide, und ſetzte ſich in ihrer Mitte zu Tiſche. „Ich wage nichts,“ ſprach ſie,„daß ich bei ei⸗ nem Sterblichen, dem Zoͤglinge meines vielgeliebten Benalab, zu Gaſte komme. Ich habe geholfen, meine theure Prinzeſſinn, euch das Muſter aller Gat⸗ ten zu verſchaffen; erlaubet wenigſtens, daß ich eure Gluͤckſeligkeit theile. Indem ich euch den Werth einer ſo großen Wohlthat zu erkennen gebe, will ich fort⸗ fahren, euch beide durch meine Macht und meinen Rath zu beſchuͤtzen. Beunruhiget euch alſo nicht, Simuſtapha, uͤber meine uͤberſchwaͤngliche Liebe zu euch; ſie iſt voll Zartgefuͤhl, und wird euch niemals Unfrieden, noch Verdruß verurſachen, den einzigen Fall ausgenommen, daß ihr aufhoͤrtet, meine Liebe zu erwiedern.— Werdet ihr es ihm erlauben, meine theure Ilſetilſone?“ fragte ſie, indem ſie ſie um⸗ armte. 1 „Wenn mein Gatte,“ antwortete die junge, un⸗ befangene Prinzeſſinn,„euch nicht liebte, ſo wuͤrde ich mit Recht an ſeiner Liebe zu mir zweifeln; ich habe ihm mein Herz geſchenkt, und er hat euch ſo zwei Herzen darzubieten, zur Vergeltung der Huld, womit 14 332. Ta g. ihr uns aberſchuͤttet. Eure Tugenden und eure Schoͤnheit haben einen zu lebhaften Eindruck auf uns gemacht, als daß wir ihrer Macht widerſtehen koͤnnten.“ „Ihr uͤbertreffet meine Hoffnung, reizende Prin⸗ zeſſinn,“ erwiederte die Koͤniginn;„ich empfinde eine Zufriedenheit, welche nur noch durch ein gleiches Be⸗ kenntnis, das ich von Simuſtapha erwarte, erhdͤhet werden kann.“ 1 „Große Koͤniginn,“ ſagte er hierauf,„ich kann die Gefuͤhle, von welchen ich durchdrungen bin, nur durch meine Hingebung in euern Willen ausdruͤcken.“ Setelpedur, zufrieden mit dieſen Verſicherungen ihrer Zaͤrtlichkeit, hoͤrte nicht auf, ihnen waͤhrend des Mahles ihre Erkenntlichkeit zu bezeugen. Man uͤber⸗ ließ ſich gemeinſam den Vergnuͤgungen, welche ſich darboten: Muſik, Tanz, Wohlgeruͤche, nichts wurde geſpart; aber, was ſonſt gewoͤhnlich nicht geſchieht, gegen Ende des Mahles ſtellte man ernſtliche Ueberle⸗ gungen an. „Theurer Prinz,“ ſprach die Kdniginn,„bis auf die Einwilligung des Chalyfen, welche ich euch eben⸗ falls verſchaffen werde, ſcheint eure Gluͤckſeligkeit auf ihrem hoͤchſten Gipfel: indeſſen iſt jetzt gerade der Augenblick da, wo ſie, ohne die groͤßte Vorſicht von eurer Seite, und ohne die groͤßte Sorgfalt von der meinen, herabgeſtuͤrzt werden koͤnnte. Die Zauber⸗ buͤchſe, welche Benalab euch hinterlaßen hat, iſt der Simuſtapha und Ilſetilſone. 15 Gegenſtand der Habgier Mamuks, des verruchten Zauberers, welcher ſie vormals beſaß. Es iſt euch unmoͤglich, dieſen Schatz ſtaͤts bei euch zu tragen; aber ihr habt von mir einen Ring, welchen ihr nim⸗ mer ablegen muͤßt, weil er euch vor den Gefahren warnt, denen ihr ausgeſetzt ſeid, und euch zu gleicher Zeit Huͤlfe gewaͤhren wird. Der Ring der Prinzeſſinn hat andere Eigenſchaften, welche nur in dem Falle, daß ihr vom Tode bedrohet waͤret, oder daß ihr ſei⸗ ner Huͤlfe nothwendig beduͤrftet, ſich wirkſam zeigen werden. Seid ſtaͤts darauf bedacht, eure Thuͤren und Fenſtern gegen alles zu verſchließen, was aus Aegyp⸗ ten kommen mag.“ Darnach ließ ſie die beiden Gatten allein, um⸗ armte ſie, und verſchwand. Die Nacht verging, wie die vorhergehenden; und ſo folgten, ohne merkwuͤrdige Ereigniſſe, manche Tage auf einander. Dſchemal, ſeiner Pflicht eingedenk, er⸗ fullte ſtaͤts ungeſaͤumt die ihm ertheilten Befehle. Jeden Abend wurde die Prinzeſſinn zu ihrem Gelieb⸗ ten gebracht; jeden Morgen war ſie wieder im Pa⸗ laſte des Chalyfen. Alle drei Tage wurde Simuſtapha nach Oſchinniſtan entruͤckt, um dem Geſtirne der ſieben Meere ſeine Huldigung darzubringen: aber waͤhrend ſein Herz ſich in dem Genuſſe ſuͤßer Wolluſt zu berauſchen ſchien, athmete das Herz des Aegypters Mamuk nur 16 332. 333. Tag. Rache gegen den Beſitzer der Wunderbuͤchſe, deren er ſich wieder zu bemaͤchtigen trachtete. Dreihundert und drei und dreißigſter Tag. Der feindſelige Zauberer hatte den Stern Benalabs erbleichen ſehen; er verfolgte denſelben, und ſah, daß er nicht wieder erſchien: das war ein Vorzeichen ſei⸗ nes Todes. Der Boſewicht, der bisher die Macht des Perſiſchen Philoſophen fuͤrchtete, konnte nunmehr ohne Gefahr einen Schatz wiedererobern, deſſen die Geiſterkoͤniginn ihn beraubt hatte: er mußte aber zu⸗ vor auskundſchaften, in weſſen Haͤnde die Buͤchſe gerathen war. Er benutzte die naͤchſte Nachtgleiche, die zu den Arbeiten derer, welche die Mitwirkung der Geiſter aufrufen, allein guͤnſtige Zeit. Er beſchrieb einen Kreis, zog darin ein Viereck, welches er dann durch zwei Dreiecke theilte; er berechnete die verſchiedenen Raͤume, welche die Zahl neun ergaben, und ihm eben ſo viele Kammern eroͤffneten, die er durchforſchen mußte, um die Kette der Begebenheiten zu verfolgen, welche er ſuchte. Er drang mit der gruͤnen Kerze in jede dieſer dunkelen Kammern, und dieſes traurige Licht entdeckte ihm alle Abenteuer des Perſiſchen Wei⸗ ſen und des Indiſchen Prinzen, ſeit ihrer Einſchiffung, Simuſtapha und Ilſetilſone. 27 bis zu ihrer Ankunft in Bagdad: hier ſah er Benalab ſterben, und die Buͤchſe in den Haͤnden Simuſtapha's. Naraës, Mamuks Sohn, und ebenſo verderbt wie ſein Vater, half ihm bei ſeinen Arbeiten; beide unterſuchten die Kennzeichen der Buͤchſe: ſie erſchien ihnen mit ſtaͤhlernen Stacheln bewaffnet, und ein Feuerkreis leuchtete ringsumher. Die Schwarzkuͤnſt⸗ ler ließen ſich dadurch nicht abſchrecken; die Koſtbar⸗ keit des Schatzes, dem ſie nachtrachteten, verblen⸗ dete ſie. Der Vater machte nun in ſeinem Garten am Fuß eines Huͤgels eine Grube; alsbald ſprang eine Quelle hervor, welche er ſeinem Sohne zeigte, und dabei ſagte: „Hier haſt du ein treues Abbild der Bege⸗ benheiten, welche mir bevorſtehen: ſo lange du dieſen Springquell klar ſieheſt, kannſt du uͤber mein Schick⸗ ſal ruhig ſein; ſiehſt du ihn aber truͤbe werden, ſo ſende mir ſchleunig Huͤlfe; und wenn er ſich blutig faͤrbt, ſo bin ich todt. Alsdann uͤbernimm meine Rache; und trachte, unſern koſtbaren Schatz wiederzu⸗ gewinnen, indem du den Schlingen nachforſcheſt, welche man mir gelegt hat, und vor denjenigen auf deiner Hut biſt, welche man dir bereiten wird.“ In demſelben Augenblick entfernte Mamur ſich von ſeinem Sohne, und verwandelte ſich in einen VI. 2 18 333. Tag. Uhu, um ſeinen Weg zu verbergen. So kam er von Oberaͤgypten nach Arabien herab; der uͤber Bagdad leuchtende Stern zeigte ihm den Weg, und er langte ier an. Die Morgenroͤthe verkuͤndigte eben dieſem Theile des Erdkreiſes die Wiederkehr der Sonne, da hemmte er ſeinen Flug inmitten reizender, ſtaͤts von den Ge⸗ waͤſſern des Ilf ara und Addſchala, die Bagdad umſpuͤlen, befruchteter Gaͤrten; hier ſuchte er ſich einen Schlupfwinkel in den Baͤumen, deren dichtes Laub ſeine ſcheußliche Maske am beßten verſtecken konnte. Er wußte, daß Simuſtapha's Haus, von dem Geiſte der Buͤchſe vertheidigt, unzugänglich für ihn waͤre, welcherlei Geſtalt er auch annaͤhme; ſo ſaß er hier, waͤhrend die Sonne ihre Strahlen aus⸗ ſandte, und ſann auf Mittel, denjenigen zu gewinnen, der ihm dienen ſollte: in demſelben Augenblick fuͤhrte ihm der Zufall eben den Menſchen herbel, welchen er aufzuſuchen beſchloſſen hatte... Ein armer Gaͤrtner, namens Abair, bearbeitete den Garten, wo der Schwarzkuͤnſtler ſich niedergela⸗ ßen hatte; die Muͤdigkeit und die Hitze erpreßten dem unter der Laſt der Arbeit gebeugten einige Seußzer. Mamuk bedachte, daß ein ungluͤcklicher Menſch ſich leicht durch die Erbietungen verleiten laße, welche ſeine Leiden und ſeine Armut erleichtern koͤnnen. Der Gaͤrtner lebte nur von einigen Stuͤcken Brot und von N Simuſtapha und Ilſetilſone. 19 den Fruͤchten, welche ihm zur Hand waren; er fuͤllte damit einen kleinen Korb fuͤr ſeine Frau und Kinder, und als der Abend gekommen war, nahm er ſeinen kleinen Vorrath, und ging damit nach der Stadt zuruͤck. „Fuͤrwahr,“ ſagte Mamuk bei ſich ſelber,„wenn dieſer Mann, ſo arm er iſt, nur eine Behauſung hat, ſo will ich ihn vermoͤgen, ſie mit mir zu thei⸗ len; und ich muͤßte ſehr ungeſchickt ſein, wenn es mir nicht gelaͤnge, ein Werkzeug meiner Entwuͤrfe aus ihm zu machen.“ Mit dieſen Worten nahm er ſeine natuͤrliche Ge⸗ ſtalt wieder an, eilte dem Gaͤrtner nach, und geſellte ſich zu ihm. „Guten Abend, Abair, redete er ihn an;„nicht ohne Muͤhe habt ihr den Eurigen die Fruͤchte erwor⸗ ben, welche ihr nach Hauſe traget.“ „Eil wer ſeid ihr doch, guter Herr,“ fragte der Gaͤrtner, verwundert, ſeinen Namen zu hoͤren,„daß ihr mit einem ſo armen Manne redet, als ich bin?“ „Ich bin jemand, der euch beſſer kennt, als ihr ſelber; ich koͤnnte euch alle Baͤume eures Gartens nen⸗ nen, und inſonderheit diejenigen, welche ihr am ſorg⸗ fältigſten pfleget: ich liebe die Armen, und auf mei⸗ nen Reiſen kehre ich immer bei ihnen ein, verſichert, daß mir da nichts mangelt, weil ich alles dorthin 20 333. Tag. bringen laße; und ich achte nichts zu gut fuͤr mich, ſo bald ich weiß, daß ich es mit ihnen theilen kann.“ „Ach!“ ſagte Abair,„warum bin ich nicht ſo gluͤck⸗ lich, daß ich mir ſchmeicheln duͤrfte, einen ſolchen Gaſt⸗ wie ihr ſeid, bei mir aufzunehmen! Aber wir haben kein Lager fuͤr euch.“ „Hier ſind zehn Goldſtuͤcke,“ fuhr der Schwarz⸗ kuͤnſtler fort,„fuͤr welche ihr alles Noͤthige einkaufen koͤnnet. Ich weiß mir keine ſuͤßere Freuden, als die, guten Leuten den ihnen mangelnden Wohlſtand zu ver⸗ ſchaffen. Das iſt ein Geheimnis der Gluͤckſeligkeit, von welchem ich nicht fuͤrchten darf, daß es mir ent⸗ riſſen werde. Die Pracht und Ueppigkeit verhaͤrten das Herz des Reichen; und waͤhrend der Arme ſein Brot im Schweiße ſeines Angeſichts ißt, wie viel Leute giebt es da nicht in Bagdad, welche ihre Eßluſt durch die koͤſtlichſten und leckerſten Gerichte Simuſta⸗ pha's reizen muͤßen!... Ihr kennt doch Simu⸗ ſtapha?“—. „Ob ich ihn kenne, Herr! Giebt es wohl einen einzigen Armen in Bagdad, der dieſen großmuͤthigen und mitleidigen Mann nicht kennete? Ich wohne nicht weit von ihm; ich komme, auf Befehl meines Herrn, haͤufig in ſein Haus, ihm die beßten Fruͤchte unſers Gartens zu verkaufen, und er ſchenkt mir jedesmal etwas fuͤr mich.“ 3 Simuſtapha und Ilſetilſone. 25 Dreihundert und vier und dreißigſter Tag. Waͤhrend dieſes Geſpraͤchs, kamen ſie in die Stadt: Abair fuͤhrte ſeinen Gaſt nach ſeiner ſchlechten Woh⸗ nung. „Frau,“ ſprach er beim Eintritt,„hier bringe ich dir dieſen guten Herrn; frage mich nicht, womit wir ihn bewirthen wollen: ſieh hier meine Hand voll Gold; ich gehe hin, ein Sopha zu kaufen, welcher uns verbleiben ſoll.“ Mamuk trat in eine Stube, deren einziges Geraͤth aus zwei hoͤlzernen Schemmeln und einem Tiſche be⸗ ſtand; die Frau und die Kinder waren faſt nackt; die ganze Behauſung war ein Bild des Elends, und wenn Mamuk einige Bequemlichkeit darin finden wollte, ſo mußte er ſeine Freigebigkeit noch weiter ausdehnen. „Abair,“ ſprach er zu dieſem,„ich liebe, wohl⸗ zuthun; hier ſind noch zehn Goldſtuͤcke, fuͤr welche du alles anſchaffen kannſt, was hier noch mangelt: ſorge fuͤr deinen kuͤnftigen Wohlſtand und fuͤr meine Ge⸗ maͤchlichkeit hier.) Der arme Gaͤrtner waͤhnte beim Anblicke ſo vieler Reichthuͤmer zu traͤumen. Er dankte der Vorſehung und dem großen Propheten, und ging hin, alles ein⸗ zukaufen. Die Frau ihrerſeits bemuͤhte ſich, ihrer Wohnung einen Anſtrich von Sauberkeit zu geben: 22 334. Ta g. „Laßt mich nur machen,“ ſagte Mamuk zu ihr, „das iſt meine Sorge, und ich will dabei zu Huͤlfe kommen. Unterdeſſen gehet ihr hin, und kaufet Klei⸗ der, fuͤr euch, fuͤr euern Mann und fuͤr eure Kinder; hier ſind zwanzig Zeckienen dazu. Die Kleider duͤrfen aber durch ihren Glanz nicht auffallen, und ihr muͤßt euch huͤten, es jemand zu ſagen, daß ihr dieſelben von eurem Gaſte habt: wuͤrde dieß entdeckt, ſo wuͤrde ich mich auf der Stelle von euch entfernen; das Gute, das ich thun kann, verliert in meinen Augen all ſei⸗ nen Werth, ſobald ich weiß, daß es bekannt wird. Wenn euer Mann zuruͤckkoͤmmt, wollen wir auch fuͤr Lebensmittel ſorgen.“ Abairs Frau ging hin, und nahm ſich feſt vor, zum erſtenmal, ein Geheimnis zu bewahren, bei welchem ihre Eigenliebe im Spiele war; ſie hatte nur zu oft uͤber ihre Armuth erroͤthen muͤßen, und es ward ihr nicht ſchwer, dieſe Wohlthat zu verlaͤugnen. Beide kamen bald wieder zuruͤck; der Gaͤrtner war nicht wenig uͤberraſcht, ſein Haus in beſſerm Stande, und die Seinigen wohlgekleidet zu finden. Der Urhe⸗ ber dieſer gluͤcklichen Verwandlung ſetzte ſich mit ihnen 9 Tiſch, und ſchien ſich ganz der Genugthuung zu etfreuen, deren Quelle ſeine Wohlthaten waren: aber er erfreute ſich, inmitten dieſer guten Leute nur des Erfolges ſeiner Liſt, durch welche er dieſe einfachen Simuſtapha und Ilſetilſone. 23 und ehrlichen Seelen dergeſtalt verblendete, daß er in ihren Augen als ein wohlthaͤtiges Weſen erſchien. Als die Stunde der Ruhe gekommen war, uͤberließ Abair mit den Seinigen ſich der Suͤßigkeit des Schlafs, waͤhrend der Aegypter ſich mit den Mitteln beſchaͤf⸗ tigte, das Kleinod, welches der Prinz von Indien beſaß, zu rauben. Er wußte aus der Einſicht der neunten, nach den Regeln der Kabala entworfenen Kammer, daß dieſer Priuz jede Nacht der Freuden der Liebe in den Armen ſeiner reizenden Gattinn genoß. Wie guͤnſtig war dieſe Zeit, ihn zu uͤberraſchen, wenn der Geiſt der Buͤchſe nicht uͤber die beiden Gatten wachte, wenn die Wachſamkeit der Geiſterkoͤniginn ſie nicht gleichmaͤßig vor natuͤrlichen, wie vor zauberiſchen Angriffen beſchirmte! Der Schwarzkuͤnſtler, voll Ungeduld, ſein Werk zu beginnen, konnte nicht laͤnger in dem Hauſe blei⸗ ben; er verwandelte ſich wieder in einen Uhu, und flog um das Haus Simuſtapha's. Alle Eingaͤnge wa⸗ ren gegen ihn verwahrt, und unter welcherlei Geſtalt er ſich auch denſelben nahte, ein gewiſſer Tod erwar⸗ tete ihn: da ergriff ihn Schrecken, und er begab ſich wieder nach Mamuks Hauſe, ſich zu erholen. Die einzige Sorge Mamuks war nun, das Vertrauen des Gaͤrtners in einem ſolchen Maaße zu gewinnen, daß er ſich ruͤckhaltlos ſeinen argliſtigen Abſichten hingaͤbe. Er hatte ſeine Menſchengeſtalt wieder angenommen. 24 334. Tag. Am folgenden Morgen begleitete er Abair nach ſei⸗ nem Garten, beſprach ſich mit ihm uͤber ſeine Kunſt, lehrte ihn allerlei Geheimniſſe, theilte mit ihm ſein laͤndliches Mahl, und trank dazu aus derſelben Quelle. „Ihr habt recht ſchoͤne Fruͤchte,“ ſagte er zu ihm; „aber wenn dieſer Garten euer waͤre, wuͤrde ich darin ſolche Fruͤchte hervorbringen, daß man bei dem Cha⸗ lyfen ſelber keine beſſeren eſſen ſollte.“ „Ach!“ ſagte der Gaͤrtner,„ich beſitze auf der Welt nur zwei Baͤume, einen Apfelbaum und einen Birnbaum, beide aus Indien gekommen. Ich hatte ſie auf dem kleinen zu meinem Hauſe gehoͤrigen Raume gepflanzt; aber der Boden ſcheint ihnen nicht zuzuſagen, und ſie tragen nur ſolche Fruͤchte, die niemals zur Reife kommen.“ „Seid verſchwiegen und vorſichtig,“ fuhr Mamuk fort,„laßt euch nichts merken, und ich will euer Gluͤck machen; wir wollen gemeinſam daran arbeiten. Unter der Bedingung, daß eure Frau und eure Kinder nichts davon erfahren, ſollen eure beiden Baͤume Fruͤchte hervorbringen, die noch ſchoͤner ſind, als die, welche ſie getragen haͤtten, wenn ſie ſtaͤts in Indien, und in der guͤnſtigſten Lage, verblieben waͤren: aber die geringſte Schwatzhaftigkeit kann alles verderben, was wir beginnen, und wir muͤßen das ſtrengſte Stillſchweigen uͤber die Verrichtungen beobachten, welche wir gemeinſchaftlich vornehmen wollen: binnen Simuſtapha und Ilſetilſone. 25 weniger Tage ſollt ihr von eurem Apfelbaum eine Frucht pfluͤcken, deren Schoͤnheit euch in Erſtaunen ſetzen wird.“ Abair und Mamuk gingen hierauf nach Hauſe, wo ein gutes Mahl ſie erwartete, welches die groß⸗ muͤthige Vorſorge des Schwarzkuͤnſtlers verſchafft hatte, und demſelben noch alles hinzufuͤgte, was das Herz ſeiner Wirthsleute gewinnen konnte. Am folgenden Morgen ſtand der Aegypter vor der Morgenroͤthe auf, und ging hinaus, die beiden Baͤume aufzuſuchen, von welchem der Gaͤrtner ihm geſagt hatte; er durfte nur eine Thuͤre oͤffnen, welche nach einem Hofe fuͤhrte, der kaum zwanzig Fuß ins Ge⸗ vierte hatte: hier ſtanden die beiden Baͤume, der Sonnenhitze beraubt, und kraͤnkelten; indeſſen trug der Birnbaum eine Bluͤte. Abair ſah beim Aufſtehen die Thuͤre offen, be⸗ merkte den Zauberer draußen, und trat zu ihm: „Ihr beſeht hier meine armen Baͤume, welche das Moos verzehrt.“ „Ich bin aufgeſtanden,“ ſagte Mamuk,„um es abzukratzen: aber ſehet, wie die zweite Rinde darun⸗ ter friſch und geſund iſt; machet die Thuͤre zu, und laßt uns die Arbeit vollenden, waͤhrend alles noch ſchlaͤft; ich will euch binnen kurzer Zeit etwas ſchoͤnes ſehen laßen. Indeſſen, weil es hier euer Gluͤck gilt, ſo muß ich mich hier zuvor eurer Verſchwiegenheit 26. 334. 335. Ta g. verſichern: verbindet euch mit mir durch einen feierli⸗ chen Eid, und ſchwoͤret mir bei dem Koran und auf mein Schwert eine unverbruͤchliche Treue, indem ihr die Worte nachſprechet, welche ich euch vorſage: „Alles was Mamuk vornimmt, geſchieht zu Abairs Beßten, und Abair will alles be⸗ folgen, was Mamuk ihm befiehlt.“ Dreihundert und fuͤnf und dreißigſter Tag. Der gute Gaͤrtner zauderte nicht, eine Verbindung einzugehen, welche durchaus nur vortheilhaft fuͤr ihn erſchien. Mamuk ließ ſich nun einen Pfahl, drei Enden Stricke und zwei Schaufeln bringen. Als das Geraͤth da war, ſprach er zu Abair: „Nehmet dieſes Strick, bindet das eine Ende an den Baum, befeſtiget an dem andern den Pfahl, und ziehet damit drei Fuß weit von dem Baum einen Kreis, ſo genau ihr koͤnnet; ſodann loͤſet das Strick wieder von dem Baum, und wir wollen innerhalb des Kreiſes graben, bis wir den Wurzeln wieder Friſche und Nahrung zugefuͤhrt haben. Soll etwas gelingen, ſo muß man wiſſenſchaftlich zu Werke gehen; und ich verhehle euch nicht, daß ihr da eine Anwendung der Meßkunſt vornehmet.“ Simuſtapha und Ilſetilſone. 27 In einem Augenblick war der kleine Kreis um den Baum durchgearbeitet. „Sollte ſich etwa eine Bluͤte an eurem Baume finden?“ fragte Mamuk. 85 1„Ja, wie gerufen,“ antwortete der leichtglaͤubige rtner. „Nichts iſt gelegener fuͤr uns,“ fuhr der Schwarz⸗ kuͤnſtler fort:„naͤhert euch derſelben, ſprechet mit ihr, liebkoſet ihr; alles iſt beſeelt, alles hat Gefuͤhl in der Natur, obwohl es nicht alſo erſcheint. Saget zu ihr: „Meine liebe kleine Bluͤte, du ſollſt mir eine Birne hervorbringen, die groͤßer iſt, als irgend eine derjenigen, welche in In⸗ dien wachſen: ich wuͤnſchte ſie ſo, daß ein Menſch ſich darin verbergen koͤnnte.“ Abair laͤchelte unſchuldig indem er dieſe Worte ausſprach:„da wuͤrde ſie ja,“ ſprach er zu Mamuk, I„der Kuppel eines Minaretthurms gleichen.“ „Die Aehnlichkeit ſoll uns nicht kuͤmmern;“ ſagte der Schwarzkuͤnſtler;„es genuͤgt uns, eine Birne zu haben, welche unſerer Abſicht entſpricht.“ Als alles abgethan war, verſchloſſen unſere Arbei⸗ ter die Thuͤre, deren Schluͤſſel Mamuk zu ſich ſteckte, und nahmen beide den Weg nach dem Garten, wo Abair ſein Tagewerk zu verichten hatte. Der Aegyp⸗ ter theilte die Arbeit mit dem Gaͤrtner, er bequemte ſich nach ſeiner Lebensweiſe und Unterhaltung; und 28 335. Tag. ein Dritter, der ihnen beiden zugehoͤrt, haͤtte ſie fuͤr ein Paar einfaͤltige Leute gehalten. Man ſchien die Arbeit an dem Birnbaum und die Hoffnung auf die Aernte vergeſſen zu haben; der gute Abair dachte, er haͤtte nur ein Kinderſpiel vorgenom⸗ men, und aus Gefaͤllikeit den Einfaͤllen eines Man⸗ nes entſprochen, deſſen Gegenwart und Wohlthaten in ſeinem Hauſe Wohlſtand verbreiteten. Acht Tage vergingen, ohne daß Mamuk die ge⸗ ringſte Neugſer bezeigte, die Wirkung ſeiner Arbeit zu ſehen. Endlich, am neunten Tage, als Abair eben ausgehen wollte an ſeine gewoͤhnlichen Beſchaͤftigungen, ſagte der Aegypter, indem er ſich anſchickte, mit ihm zu gehen:.— „Habt ihr nicht einmal Luſt, zu ſehen, was aus unſerer Frucht geworden iſt?“ „Ich will es gern, wenn es euch gefaͤllt,“ ant⸗ wortete Abair;„aber ich fuͤrchte, unſre Arbeit am Fuß eines dreimal verfluchten Baumes iſt verloren; ich habe ihn fruͤher ſchon ganz anders bearbeitet, aber es hat nichts gefruchtet: freilich war es mir noch nicht eingefallen, ihm Schmeicheleien zu ſagen. Drum laßt uns hineintreten und zuſehen.“ 1 Man ſieht, daß der gute Gaͤrtner, nur an her⸗ koͤmmliche Arbeit und gleichmaͤßige Erzeugniſſe ge⸗ woͤhnt, nicht darauf dachte, an einem Aſte, wo er nur eine welke und kuͤmmerliche Bluͤte gelaßen hatte, Simuſtapha und Ilſetilſone. 29 ein ſo außerordentliches Wunder zu ſchauen. Wie groß war ſein Erſtaunen, als er anſtatt derſelben nun eine ſo wundergroße Birne ſah, daß ſie die ſchoͤnſte Frucht dieſer Art, welche es jemals gab, viermal an Umfang uͤbertraf. „Das haͤtte ich nimmer geglaubt!“ ſagte er in ſeiner Ueberraſchung.„An wen ſoll ich nun dieſe Birn verkaufens Bringe ich ſie nach dem Palaſte, ſo bemaͤchtigen die Beamten des Chalyfen ſich ihrer fuͤr etliche Zeckienen, und machen ſich groß damit: wenn ich ſie aber Simuſtapha zeige, ſo iſt er der Mann, dem nichts zu theuer iſt.“ „Ihr habt Recht,“ ſagte Mamuk,„er iſt der Mann, der euch beſſer bezahlt, als ſonſt jemand, und ihr findet bei ihm ſichern Abſatz. Bedenket es wohl, mein lieber Abair, euer Baum wird fortan bluͤhen, wie der Roſenbuſch im Mai, und nur Si⸗ muſtapha kann euch dieſe Fruͤchte bezahlen. Wohlan, leget eure Birne auf eine Schuͤſſel, und bedecket ſie mit einem Linnentuch; ſo wartet den Augenblick ab, wo Simuſtapha vor ſeinem Laden iſt, und gehet wie gewoͤhnlich bei ihm voruͤber; er wird neugierig ſein, eure Fruͤchte zu ſehen; zeiget ihm dann dieſe Birn, er wird ſie begehren, großes Geluͤſt darnach haben, und ihr ſeid ſicher, einen unmaͤßigen Preis dafuͤr zu erlangen. Aber ich habe euch geſagt, daß ich in die —,— 3⁰ 335. Tag. Birn kriechen wollte, und ich will es noch: das wa⸗ ren unſere Bedingungen.“. „Ei, wahrlich, ich habe nichts dagegen,“ ſagte Abair lachend:„machet euch ſo klein, daß ihr Raum darin habet; ihr werdet einen huͤbſchen kleinen Birn⸗ kern darin abgeben.“— „Ihr wollt alſo, daß ich ein Kern darin werde?“— „Ja, wenn es moͤglich iſt.“— —„Befehlet es mir.“— „Wohlan, ich befehle es euch!“— „Reißet doch den Stiel ab, um mir den Eingang zu oͤffnen.“— Abair, in heitere Laune verſetzt, wollte auf den Scherz eingehen, und machte eine kleine Bewegung, als wenn er den Birnſtiel abreißen wollte: dieſer blieb ihm aber ſogleich in der Hand, und er war ſehr be⸗ truͤbt daruͤber. „Das iſt ein geringes Ungluͤck,“ ſagte Mamuk; „denn ohne dieß muͤßte ich draußen bleiben. Stecket den Stiel wieder hinein, gehet hin, die Schuͤſſel zu holen, und eilet damit zu euerm Abnehmer: die Birn wird ihm ſo nicht minder anlockend erſcheinen, ſie hat nichts von ihrer Groͤße, noch von ihrem Geſchmacke verloren; die naͤchſte Woche wollen wir mit den an⸗ deren Fruͤchten achtſamer umgehen.“ Der Gaͤrtner ging hin, und holte die Schuͤſſel; als er zuruͤck kam, fand er Mamuk nicht mehr dort; Simuſtapha und Ilſetilſone. 31 er dachte, derſelbe waͤre hingegangen, den Birnbaum zu beſehen, und da er zum Verkauf der Frucht ſeiner nicht bedurfte, ſo ging er, unbekuͤmmert, damit nach dem Hauſe Simuſtapha's. 1 Mamuk hatte die Einfalt Abairs vollkommen ge⸗ misbraucht: dieſer Betruͤger war durch eine hoͤhere Gewalt der Haͤlfte ſeiner Macht beraubt und in einen leidenden Zuſtand verſetzt, und ſomit genoͤthigt, den unwiſſenden Gaͤrtner in einen Schwarzkuͤnſtler zu ver⸗ wandeln, ohne daß dieſer etwas Unheimliches ahndete; er verband ſich ihn, indem er ihn die Heiligkeit des Eides entweihen ließ, und ließ ſich argliſtig alles von ihm befehlen, was zu erfullen ſein eigner Vortheil war. So groß ſind die Gefahren der Unwiſſenheit! Dreihundert und ſechs und dreißigſter Tag. Kaum hatte Abair den Ruͤcken gewendet, die Schuͤſſel zu holen, als der Aegypter, gehorſam dem Befehle, den er ſich hatte geben laßen, den Umfang ſeines Leibes zuſammendruͤckte, einzog und verkuͤrzte, in die Birn hineinſchluͤpfte, und darin die Geſtalt eie nes Kerns annahm. Wenn nun die Birn zerſchnitten wurde, ohne daß das Meſſer den Kern verletzte, und beſonders wenn man ſich von dem koͤſtlichen Ge⸗ ſchmacke der Frucht verfuͤhren ließ, ſo konnte der ver⸗ 3² 336. Tag. ruchte Mamuk ſeinen Verluſt wieder einbringen und ſeine Rache vollfuͤhren. Bisher beguͤnſtigte alles den Anſchlag des Kaba⸗ liſten: Simuſtapha ſtand in ſeiner Thuͤre, als Abair vorbeiging, und ließ ſich die Frucht zeigen. Der Gaͤrtner ſagte, er wollte damit hingehen, ſie dem Chalyfen ſelber zu zeigen, von dem er zweihundert Zeckienen dafuͤr zu bekommen gedaͤchte. „Ueberlaßet ſie mir,“ ſagte Simuſtapha,„ſo braucht ihr nicht weiter zu gehen, euch euer Geld zu holen: hier ſind zweihundert Zeckienen, und noch funfzig daruͤber, fuͤr das Vergnuͤgen, welches ihr mir macht, daß ihr mir den Vorzug gewaͤhret.“ Abair; von ſeinem großen Gluͤcke berauſcht, haͤtte gern die Schuͤſſel und das Tuch zuruͤckgelaßen, um ungeſaͤumt denjenigen zu umarmen, dem er ſo viel Geld verdankte. Er eilte nach Hauſe, fand aber Mamuk daſelbſt nicht; in der Vorausſetzung, er waͤre in dem Garten vor dem Thore, lief er dorthin, fand ihn jedoch auch hier nicht; er ſuchte ihn uͤberall, und rief vergeblich in der Umgegend nach ihm; nur der Wiederhall antwortete ihm. Waͤhrend dieſer fruchtloſen Nachſuchung, erwartete Simuſtapha mit Ungeduld die Stunde, wo er ſich des Wiederſehns ſeiner reizenden Ilſetilſone erfreuen, und ihr die ſchoͤnſte Frucht darbieten konnte, welche man jemals auf Erden geſehen hatte. 3 Simuſtapha und Ilſetilſone. 35 Die Nacht war endlich gekommen, der Geiſt hatte ſeinen Dienſt verrichtet, und die beiden Gatten hatten ſich mit den koſtbaren Geſchenken ihrer reizenden Be⸗ ſchuͤtzerinn geſchmuͤckt: Kleider, Ringe, Halsband, und Diamantenketten in den Haarflechten, nichts war vergeſſen. Der ſtumme Verſchnittene ſetzte nun die ſchoͤne Frucht auf, welcher der Prinz von Indien einen ſo hohen Werth beilegte; Ilſetilſone bewunderte ſie, und fand ihren Duft koͤſtlich: beim Durchſchneiden der Birn vernahm man ein kleines Geraͤuſch, ein Kern ſprang heraus, und fiel auf den Boden. Schon beruͤhrte die verhaͤngnisvolle Frucht die Lippen der beiden Liebenden, als Simuſtapha ploͤtzlich einen lauten Schrei ausſtieß: ſein Ring hatte ihn der⸗ maßen geſtochen, daß er einen heftigen Schmerz fuͤhlte. Ilſetilſone ließ ſogleich ihr Stuͤck von der Birne aus der Hand fallen; der Prinz ſtrengte ſich an, den Ring, der ihm ſo wehe that, vom Finger zu ziehen, und indem er ihn ſo rieb, zwang er den dienſtbaren Geiſt des Ringes zu erſcheinen. Dieſer Geiſt war ſo entſetzlich von Geſtalt und ſo ſcheußlich, daß die Prinzeſſinn bei ſeinem Anblick in Ohnmacht ſank. „Wer biſt du? was willſt du von mir?““ fragte ihn Simuſtapha. 8 VI. 3 34 336. Tag. „Ich bin der Sklave des Ringes, welchen meine Gebieterinn dir gegeben hat,“ antwortete das Unge⸗ thuͤm.„Ich warne dich, weil du in der groͤßten Ge⸗ fahr ſchwebſt; dein Feind befindet ſich in deinem Hauſe, dieſe Frucht iſt vergiftet, und ich eile der Buͤchſe zu Huͤlfe: ſo bald ſie in Sicherheit iſt, komm ich zuruͤck.“ 2 Simuſtapha und ſeine Sklavinnen ſprangen der Prinzeſſinn zu Huͤlfe. Unterdeſſen wehrte Dſchemal, in der Zauberbuͤchſe eingeſchloſſen, aus allen Kraͤften die Angriffe ſeines alten Herrn ab, in deſſen Gewalt er wieder zu fallen fuͤrchtete. Mamuk druͤckte einen Zauberring an das Schloß des Schrankes, 25 die Buͤchſe verwahrt war: das Schloß ſprang auf; aber in demſelben Augenblick erſetzte der Schutzgeiſt es durch ein andres. Dieſer Kampf hatte ſich ſchon ſechsmal erneuet; Dſchemal war endlich ſchon im Begriff, ſich zu ergeben, als der Geiſt des Ringes erſchien. „Verruchter Boͤſewicht!“ ſprach er zu Mamuk,„du ſollſt nun von meiner Hand ſterben.“ Zu gleicher Zeit zog er alle Luft ein, die in dem Zimmer war, und hub den Arm auf, den Aegypter zu ſchlagen, der, wie erſtickt, zu Boden ſtuͤrzte. Er ward alsbald mit Eiſenketten gefeſſelt; man entriß ihm ſeinen Zauberring, ſeinen Zauberſtab, und ſein Buch, und ließ ihn ſo, aller ſeiner Macht beraubt, halbtodt auf dem Boden liegen. 4 Simuſtapha und Ilſetilſone. 35 Nach dieſem Siege, kam der Geiſt des Ringes wieder zu Simuſtapha, ihn von den Gefahren zu un⸗ 4* terrichten, in welchen er durch Mamuks Argliſt ge⸗ 1 ſchwebt hatte. 8 „Kommet,“ ſprach er zu ihm,„euern Feind zu ſehen, und entſcheidet ſein Schickſal, nicht nach der oßmuth eures Herzens, ſondern nach aller Bosheit des ſeinigen.“ Simuſtapha folgte dem Geiſte nach dem Zimmer, aber Mamuk war nicht mehr darin. „Verfluchter Schwarzkuͤnſtler, unerſchoͤpflich an Huͤlfsmitteln!“ rief der Geiſt aus:„welche Macht hat dich von hinnen fuͤhren koͤnnen? Aber du biſt gefeſſelt, und kannſt nicht weit kommen.“ Er rieth jetzt Simuſtapha, die Buͤchſe zu nehmen, Dſchemal zu rufen, und ſich mit ihnen zur Aufſuchung des Boͤſewichts zu vereinigen, der ihnen entrinnen wollte. 4 Die beiden Geiſter fanden ihn in dem Garten, wo er ſich ſchon zum Theil aus den Feſſeln befreiet hatte: ſo bald er ſeine Widerſacher erblickte, ſtuͤrzte er ſich in den Kanal. Sogleich erhuben ſich zwei Deiche und ſchloſſen ihn ein. Hierauf ſchwang er ſich als Springbrunnen in die Luft: aber er war gendthigt, in das Becken zuruͤckzufallen, welches ſich alsbald un⸗ ter ihm bildete. Jetzo ſtrebte er, ſich als Flamme zu 36 336. 337. Tag. verfluͤchtigen: aber ein dicker Dampf, der ſich von allen Seiten erhub, vereitelte ſeine Abſicht. Bei dieſer Vermiſchung der Elemente, ſchien der Kanal von gaͤhrendem und brennendem Kalk erfuͤllt, dem man ſich zu naͤhern ſcheute: da warf der Geiſt des Ringes die beiden Birnſchnitte hinein, und augenblick⸗ lich zerſchmolzen ſie darin. Hierauf ſagte der Geiſt zu Simuſtapha: „Prinz, ſprechet jetzo dieſem Boͤſewicht das Ur⸗ theil! wir ſind zur Vollſtreckung deſſelben hier; ſpre⸗ chet zu ihm: ¹ „Verruchter Schwarzkuͤnſtler! ich ver⸗ ſchließe dich in deine eigenen Werke, durch deine Werke und mit deinen Werken, da⸗ mit du durch ſie ſelber beſtraft werdeſt!“ Dreihundert und ſieben und dreißigſter Tag. Simuſtapha ſprach es aus, und der Zauberer ward auf der Stelle ein unfoͤrmlicher Marmorklumpen, un⸗ ter der Geſtalt eines Uhus, und aͤhnlich jenen Schreck⸗ bildern, welche vor der Ankunft des großen Propheten bei den Goͤtzendienern zu ſehen waren. Die Geiſter trugen dies ſcheußliche Bild aus dem Garten. Simuſtapha eilte nun wieder zu ſeiner Gattinn, die ſich von dem erſten Schreck etwas erholt hatte, in⸗ Simuſtapha und Ilſetilſone. 37 deſſen ſeinetwegen nicht ohne Beſorgnis war: ſeine Ruͤckkehr beruhigte ſie. Beide gingen hierauf in das Zim⸗ mer, worin die Buͤchſe ſtand; Simuſtapha beruͤhrte ſie, und Oſchemal erſchien: „Herr, was verlanget ihr von euerm Sclaven?“ fragte der Geiſt. „Daß du mir alles ausfuͤhrlich erzaͤhleſt, was hier jetzt eben vorgegangen iſt.“ Der Geiſt ſetzte ſich rittlings auf die Buͤchſe, und ge⸗ horchte Simuſtapha's Befehlen: er erzaͤhlte die Vorar⸗ beiten, die Reiſe, die Ankunft des Schwarzkuͤnſtlers Mamuk zu Bagdad; ſeine Verfuͤhrung des Gaͤrtners, den Aufenthalt bei dieſem, ſeine Verwandlungen, die Bezauberung des Apfelbaums, und wie er ſich in Si⸗ muſtaphas Haus eingeſchlichen, der ſelber die Frucht hereingetragen, in welcher der Boͤſewicht ſich als Kern verborgen, und wie er daraus entſprungen, als die Birn zerſchnitten worden. Dann beſchrieb er ſeinen eigenen Kampf in der Buͤchſe, wie er unaufhoͤrlich ein neues Schloß an die Stelle des durch den Zauberring des Aegypters zerſprengten ſetzte. „Bei dieſem Kampf, als er ſich zur Vertheidigung in die Buͤchſe zuruͤckgezogen, war ihm zur rechten Zeit der Geiſt des Ringes zu Huͤlfe gekommen: er erzaͤhlte nun, wie der Zauberer zu Boden geworfen, gefeſſelt und ſeiner Zauberwerkzeuge beraubt wurde; und wie in dem Augenblick, als der Geiſt des Ringes das N 58 337. Tag. immer verlaſſen, tief aus Aegypten von Naraés, amuks Sohne, geſandte Geiſter ihm zu Huͤlfe gekom⸗ men, ihn ploͤtzlich entfuͤhrt und in den Stand geſetzt hatten, den letzten Kampf zu beſtehen, in welchem er endlich untergelegen. Dieſe Aufklaͤrungen nahmen einen Theil der Nacht weg, und die beiden Gatten hatten kaum Zeit, ſich des Gluͤcks zu erfreun, ſo vielen Schlingen, ſo gefaͤhrlichen Angriffen, und ſo tief angelegten Anſchlaͤgen entgangen zu ſein. Ilſetilſone war gendtigt, ſich den Dienſten des getreuen Dſchemal anzuvertrauen, und auf ihrem gewoͤhnlichen Wege nach dem Palaſt des Chalyfen heimzukehren. Simuſtapha begab ſich ins Bad um ſich von ſo viel Beunruhigungen zu erholen. Sodann beſchloß er, nach Oſchinniſtan zu reiſen; er ergriff die Buͤchſe, und rief den Geiſt; damit machte er ſich auf den Weg, und langte bei der Geiſterkoͤniginn an, der er durch ſeine Gefahren noch theurer geworden war. Sie kam ihm entgegen, und bezeugte ihm durch die zaͤrtlichſten Liebkoſungen den lebhaften Antheil, wel chen ſie an ſeinem Ungluͤcke genommen hatte. Sie er⸗ ſparte dem jungen Prinzen die Erzaͤhlung eines Aben⸗ teuers, welches ihr nach allen ſeinen kleinſten Umſtaͤnden bekannt war: aber ſie benutzte dieſen Vorfall zu Er⸗ mahnungen, ſorgfaͤltiger uͤber die Buͤchſe und den Ring zu wachen; ſie warnte ihn vor den Anſchlaͤgen Simuſtapha und Ilſetilſone. 39 von Mamuks Sohne, der eben ſo gefaͤhrlich waͤre als ſein Vater. „Vergeblich,“ ſagte ſie zu ihm,„wachen ſtaͤts meine offenen Augen uͤber euch, vergeblich umgebe ich euch mit den mir unterworfenen Maͤchten, wenn ihr ſelber euch nicht vor menſchlichen Schlingen zu verwahren ſu⸗ chet; dem meine Huͤlfe erſtreckt ſich nur auf uͤberna⸗ tuͤrliche Mittel: wachet uͤber euch; ſetzet euch in den Stand, euch auf eure eigene Kraft und Klugheit zu verlaßen, wie euer Lehrmeiſter Benalab that: meine Liebe verbuͤrgt euch das Uebrige.“ Genug hiemit von den heilſamen Ermahnungen Se⸗ telpedurs und von der lebhaften Erkenntlichkeit Simu⸗ ſtaphas. Er nahm wieder Abſchied von der Koͤniginn, und der Geiſt brachte ihn zuruͤck nach Bagdad, wo große Staatsbewegungen uns wichtigere Begebenheiten vorbereiten. Der Chalyf hatte vernommen, daß die Stadt Damask von zweimalhunderttauſend Unglaͤubigen be⸗ lagert wuͤrde, und an alle Muſelmaͤnner das Aufgebot ergehen laßen, die Waffen zu ergreifen, und mit ſei— nem Heere dieſer wichtigen Veſtung zu Huͤlfe zu kom⸗ men. Simuſtapha empfand bei dieſer Neuigkeit jenes den großen Seelen natuͤrliche Gefuͤhl: er wurde von Muth und Eifer fuͤr den muſelmaͤnniſchen Glauben entflammt; die Liebe zum Ruhm und das Verlangen, ſeiner Ge⸗ 337. Tag. liebten wuͤrdig zu erſcheinen, ſpornten ihn an, nach den Lorbeeren zu ringen, welche er ſich im Gefolge des Chalyfen erwerben konnte. Er rief Dſchemal. „Du haſt,“ ſprach er zu dem Geiſte,„das Aufge⸗ bot des Chalyfen vernommen; ich will an ſeinem Feld⸗ zuge theilnehmen. Fuͤhre mir auf der Stelle ein Roß vor, und bringe mir eine meinem Range und meiner Geburt angemeſſene Waffenruͤſtung.“ Der Geiſt durchflog die Luͤfte, er benachrichtigte Setelpedur von dem Vorhaben des jungen Prinzen. Die Koͤniginn bezeigte ihren Beifall, und wollte den Helden in den Stand ſetzen, die Hoheit zu erreichen, zu welcher er beſtimmt war. Sie befahl, ihm augen⸗ blicklich einen der ſchoͤnſten Renner vorzufuͤhren, die in allen drei Arabien zu finden waͤren. Die deshalb ausgeſandten Geiſter trafen ihre Wahl zu Sardie, einem wuͤſten Landſtriche, acht Tagereiſen von Damas! wo ſich das edelſte Pferdegeſchlecht findet. Darunter fand ſich ein Pferd, welchem kein andres ver⸗ glichen werden konnte; es war von dem Geſchlechte Gelpha, welches einſt das Roß des großen Prophe⸗ ten geliefert, als dieſer, nachdem er ſeine ſiegreiche Fahne auf den Thuͤrmen von Medina aufgepflanzt hatte, Palaͤſtina und beide Syrien uͤberzog, und bald ganz Aſien den Streichen ſeines ſiegreichen Schwertes und den weiſen Geſetzen des goͤttlichen Korans unterwarf. Simuſtapha und Ilſetilſone. 41 Dreihundert und acht und dreißigſter Tag. Die beruͤhmteſten Sterndeuter weiſſagten aus der Geſtirnung bei der Geburt des fuͤr Simuſtapha beſtimm⸗ ten Pferds, daß es dem groͤßten Fuͤrſten der Erde dienen, und das Gluͤck und die Dauer zweier maͤchti⸗ ger Reiche befeſtigen ſollte.— Die Eigenſchaften dieſes Thiers rechtfertigten fruͤh⸗ zeitig den Ausſpruch ſeiner Beſtimmung: es war ge⸗ ſchmeidig, geſchickt, muthig, unermuͤdlich, und niemals der Sclave ſeiner Beduͤrfniſſe; es ertrug Durſt und Hun⸗ ger, ohne daß ſeine kraͤftige Leibesbeſchaffenheit dadurch angegriffen ſchien; es konnte ohne Schlaf ausdauern, und lebte von der Luft. Mit dieſen ſeltenen Eigen⸗ ſchaften verband es den ſchleunigſten Gehorſam, das leiſeſte Verſtaͤndnis, und eine unerſchuͤtterliche Anhaͤng⸗ lichkeit: wie viel Menſchen giebt es nicht, die dieſem Thiere nachſtehen! Setelpedur wollte das fuͤr ihren Liebling beſtimmke Pferd ſehen. Der Renner wieherte vor Freuden: er ſollte vor der Geiſterkoͤniginn erſcheinen, und zu dem Nuhme des Helden beitragen, welchen ſie beſchuͤtzte. Er wurde nach dem Oſchinniſtan gebracht, und erregte Setelpedurs Bewundrung. Man legte ihm alsbald ein ſeiner Schoͤnheit wuͤrdiges, aber nicht auffallend glaͤnzendes Geſchirr an. Zugleich wurde er mit der vollſtändigen Ruͤſtung des Prinzen beladen: der Bruſt⸗ 42² 338. Tag. harniſch und die uͤbrigen dazu gehoͤrigen Stuͤcke waren aus Stahl von Damask geſchmiedet; die Schwertklinge war von einer Schaͤrfe, daß nichts ihr zu widerſtehen vermochte; alle ſeine Waffenſtuͤcke waren braun ge⸗ ſchweißt. Simuſtapha erwartete auf dem Soͤller ſeines Hau⸗ ſes mit Ungeduld die Ruͤckkunft Dſchemals, als dieſer mit dem ſtolzen Roſſe in den Hof trat. Bei dem Anblick eines ſo ſchoͤnen Geſchenks fuͤhlte ſich der junge Prinz von Dankbarkeit durchdrungen, und von neuer Glut erfuͤllt: er brannte vor Begierde, ſeinen Muth zu zeigen; aber die Liebe ſtellte ihm noch einige Hin⸗ derniſſe entgegen. Als der Geiſt, unter dem Schutze des Dunkels der Nacht Ilſetilſonen aus dem Palaſt des Chalifen ge⸗ bracht, und die beiden Gatten wieder vereint hatte; als nun die ſchoͤne Prinzeſſinn von dem Vorhaben ih⸗ res Geliebten unterrichtet wurde, ſank ſie in Ohnmacht, und kam nur wieder zur Beſinnung, um ſich der herz⸗ zerreißendſten Verzweiflung hinzugeben: und ſo verging dieſe Nacht unter Thraͤnen. Unterdeſſen war der Chalyf ſchon aufgebrochen; Simuſtapha, ſeinen Heldenruhm dem zaͤrtlichen Flehen der Liebe opfernd, ließ ſein Roß ungeduldig das Gebiß zerknirſchen, es wieherte, daß die Luft davon wiederhallte; Dſchemal hatte Muͤhe es zuruͤckzuhalten; es wollte ſtaͤts geſattelt und gezaͤumt ſein; und ſein Simuſtapha und Ilſetilſone. 453 ſtampfender Huf ſchien vergeblich die Stunden zu ſchla⸗ gen, da Simuſtapha ihn ſchon haͤtte beſteigen ſollen. Mehr als Ein Tag verging, ohne daß der Prinz ſich den Armen Ilſetilſonens zu entreißen vermochte; er fuͤrchtete ſich, ihr ſo wehe zu thun. 3 Setelpedur, die ſeine Verwirrung ſah, errdthete über ſeine Schwachheit, und eiferſuͤchtig auf ſeinen Ruhm, eilte ſie zu ihm. 4„Ihr verſaͤumet eure Pflicht,“ ſprach ſie zu ihm, „ihr gefaͤhrdet euren Ruhm und die Sicherheit des Staats, in welchem ihr lebt! Ihr ſchmachtet in ei⸗ ner ſchimpflichen Schwachheit: brechet alsbald auf; wenn ihr noch einen Augenblick ſchwanket, ſo verlaße ich euch. Mein Sclave ſoll euch auf den Weg nach Damask bringen; ich werde fuͤr eure Gattin Sorge tragen. Lebet wohl.“ Bei dieſer Anrede erkannte Simuſtapha ſeine Schwach⸗ heit; er erroͤthete, fiel der Fee zu Fuͤßen, und flehte um ihren Schutz und ihre Verzeihung. Er beſtieg jetzo ſeinen Renner, der ihn, von den dienſtbaren Geiſtern der Fee geleitet, auf dem Wege nach Bagdad wie der Blitz dahin trug. Auf einer An⸗ hoͤhe angelangt, erblickte er Damask: die Unglaͤubigen beſtuͤrmten ſo eben die Stadt. Das Heer des Chaly⸗ fen war mit den Feinden im Handgemenge, und ſicht⸗ lich im Nachtheil: die beiden Fluͤgel waren von ihnen durchbrochen und zum Weichen gebracht. 4 338. Tag. Die Fahne Mahomeds bezeichnete ihm die Stelle, wo Harun⸗Alraſchid ſelber kaͤmpfte: es war im Mit⸗ telpunkt ſeines Heeres; die Unglaͤubigen durchbrachen hier die Schlachtreihen; ſie drangen bis zu dem Cha⸗ lyfen vor, und dieſer Fuͤrſt ſchwebte in Gefahr, unter ihren Streichen zu erliegen. Schneller als der Blitz, war Simuſtapha ploͤtzlich mitten im Gedraͤnge; jeder Streich ſeines Schwertes war toͤdtlich, jeder Tritt ſeines Roſſes zerſtampfte die Unglaͤubigen. In einem Augenblicke hatte er ſein Ober⸗ haupt aus der drohenden Gefahr befreiet; ſein Don⸗ nerruf erſchreckte die Feinde, und ermuthigte die Mu⸗ ſelmaͤnner; alle ſammelten ſich wieder unter der Fahne des heiligen Propheten, die Simuſtapha ergriffen hatte; er ließ ſie inmitten der Heerſchaar wehen, welche er um ſich vereinigte. Auf dieſes Zeichen wuchs den Krie⸗ gern wieder der Muth, und der Kampf erneuerte ſich mit verdoppelter Kraft: aber der Tod wechſelte jetzo die Wahlſtatt, er traf die Unglaͤubigen, und richtete dort ſeine Verwuͤſtungen an. Simuſtapha's feuriges Roß ſprengte mit ihm in einem Augenblicke durch alle Reihen; er bemaͤchtigte ſich des Oberbefehls, und je⸗ dermann gehorchte: die Anfuͤhrer wie die Gemeinen bielten ihn fuͤr einen Engel, welchen der Himmel ih⸗ nen zur Huͤlfe geſchickt haͤtte. Er ließ die Fluͤchtigen verfolgen, waͤhrend er mit dem uͤbrigen Heere in gu⸗ ter Qrdnung an die Mauern von Damask vorruͤckte. Simuſtapha und Ilſetilſone. 4 Die zum Sturm angeſetzten Leitern wurde zertruͤm⸗ mert, die Stuͤrmenden von den Waͤllen herabgeſtuͤrzt, die Stadtthore ihrem Befreier erdffnet. Dreihundert und neun und dreißigſter Tag. Simuſtapha zog triumphierend an der Spitze der Sieger herein; die Menge draͤngte ſich ihm in den Weg, um ſeine Knie zu umfaſſen, und der Retter Damasks empfing die Huldigungen eines Volks zu deſ⸗ ſen Rettung er ſo große Tapferkeit bewieſen hatte. Man zog nach der Hauptmoſchee, um dort dem Him⸗ mel und Mahomed fuͤr eine ſo ausgezeichnete Befreiung zu danken. Simuſtapha, der ſein Helmoiſier nieder⸗ gelaſſen hatte, hielt ſich in der Naͤhe des Chalyfen: ſo bald man vor der Thuͤre der Moſchee anlangte, ſtieg er vom Pferde, und trat heran, mit einem Knie auf der Erde dem Beherrſcher der Glaͤubigen ſeine Huldigung darzubringen, indem er ihm abſteigen half. Harun nahm mit Wohlgefallen die Huͤlfe des jum gen Kriegers an; ward aber beſorgt beim Anblick einer Wunde, welche er an der ihm dargebotenen Hand be⸗ merkte, die mit Blut bedeckt war. „Tapfrer Held,“ ſprach er zu ihm,„ihr ſeid ver⸗ wundet.“ 3 46 339. Tag. „Erhabener Beherrſcher der Glaͤubigen,“ antwortete der Prinz von Indien,„gewiß iſt die Wunde nicht ge⸗ faͤhrlich, weil ich keinen Schmerz davon empfinde.“ „Edelmuͤthiger Krieger,“ erwiederte Harun,„die Hitze des Kampfs und euer unerſchrockener Muth ha⸗ ben ſie euch vergeſſen laßen; aber wir werden nicht eher die Moſchee betreten, als bis ein Verband uͤber eure Wunde gelegt iſt.“ 3an „Eure Guͤte beſchaͤmt mich,“ rief Simuſtapha aus; „dasjenige was euch gegenwaͤrtig beſchaͤftigt, muß der Sorge vorangehen, welche nur den geringſten, aber ergebenſten eurer Unterthanen betrifft.“ Der Chalyf wurde von dieſer Demuth entzuͤckt, und ſagte, indem er aus ſeinem Guͤrtel ein Tuch zog, auf welchem ſein Name mit goldnen Buchſtaben ge⸗ ſtickt war: „Braver Muſelmann, verſchmaͤhet doch nicht, euch gegen den Einfluß der Luft zu bewahren, und wickelt eure Hand in dieſes Tuch, bis wir euch andere Huͤlfe verſchaffen koͤnnen.“ Simuſtapha gehorchte, und man trat in die Mo⸗ ſchee, welche bald von den Geſaͤngen und Dankſagun⸗ gen des ganzen Volks widerhallte. Hierauf begab ſich der Chalyf nach dem fuͤr ſeinen Aufenthalt in Damask beſtimmten Palaſt. Mehrere Kriegsoberſten, die ſich nicht geſcheuet hatten, ſich waͤh⸗ rend der Schlacht von ihm zu entfernen, waren * . Simuſtapha und Ilſetilſone. 47 gegenwaͤrtig eiferſuͤchtig auf ihren Platz, ihn im Triumpf zu begleiten. Simuſtapha dagegen trug wenig Verlan⸗ gen nach dieſen eitelen Vorzuͤgen, er entſchluͤpfte, beſtieg ſeinen Renner, und verſchwand gaͤnzlich. Er hatte dem Ruhm alles dargebracht, was er ihm ſchuldig war: es war nun Zeit, daß die Liebe ihn uͤber die Bekuͤmmernis ſeiner Geliebten troͤſtete. Es war, als wenn ſein hurtiger Renner ſeine Unge⸗ duld theilte; er flog uͤber den Weg dahin, und bald ſah Simuſtapha die erſehnten Minaretthuͤrme der Stadt Bagdad wieder. 3 Waͤhrend ſeiner Abweſenheit, wollte die liebreiche Geiſterkoͤniginn Ilſetilſonen nicht zu ſehr der Unruhe uͤberlaßen: gleich in der erſten Nacht nach der Abreiſe des Prinzen, befahl ſie dem Geiſte, die Tochter des Chalyfen zu ihr zu bringen. Wie groß mußte das Er⸗ ſtaunen derſelben ſein, als ſie ſich, beim Erwachen, in den Armen der Koͤniginn fand, anſtatt in den Ar⸗ men Simuſtapha's.! „Beruhiget euch,“ ſprach Setelpedur zu ihr, ſte zaͤrtlich umarmend,„die Pflicht rief euern Gemahl unter die Fahnen des Chalyfen. Euer Gluͤck haͤngt mehr, als ihr denket, von den Dienſten ab, welche er ihm zu leiſten vermag; es iſt kein eitler Ruhm, welchen Her ſucht: ich aber werde, ſo viel ich vermag, uͤber ſeine Erhaltung wachen; ja ich wuͤrde an ſeiner Seite kaͤmpfen, wenn es mir verſtattet waͤre; aber ich bin 48 3zg. T ag. einem andern Geſetz unterworfen. Dieſes wird mir ſchwer, ſeitdem Simuſtapha's Verdienſte mich die Liebe kennen gelehrt haben, und ſeitdem meine Theilnahme fuͤr ihn die boshaften Geiſter meines Reichs aufſaͤtzig gemacht hat. Ich habe ſie ſchon dafuͤr beſtraft, und ich bin entſchloſſen, ihnen allen Trotz zu bieten, und ſollte ſelbſt noch mehr Gefahr dabei ſein. Beruhiget euch, liebenswuͤrdige Prinzeſſinn, helfet mir, das Gluͤck desjenigen machen, den wir mehr lieben als das Le⸗ ben, und laßt uns nicht die Gegenſtaͤnde ſeiner Beſorg⸗ nis vermehren. Erſparet ihm die Vorwuͤrfe uͤber eine Trennung, welche ſein Ruhm und euer eigner Vortheil ihm nothwendig machten. Bald werdet ihr ihn wie⸗ derſehen: vertrauet ſeiner Vorſicht und der Sorgfalt der Geiſterkoͤniginn.“ Ilſetilſone fand ſich dadurch getroͤſtet, und wurde bald wieder nach dem Palaſt ihres Vaters gebracht. Waͤhrend der Beherrſcher der Glaͤubigen in Da⸗ mask, im feierlichen Aufzuge, ſich nach dem fuͤr ihn heſtimmten Palaſt begab, warf er die Augen rings⸗ umher, um den Helden zu entdecken, dem er ſeine eigne Rettung verdankte, ſo wie die Rettung ſeines Heers, die Befreiung Damasks, und einen vollſtaͤn⸗ digen Sieg; er erblickte ihn aber nirgends. Er befahl hierauf, ihn uͤberall ſuchen zu laßen; aber alle Nach⸗ forſchungen waren vergebens. Er ließ ihn nun durch ſeine Wappenherolde innerhalb und außerhalb der Simuſtapha und Ilſetilſone. 49 Stadt aufrufen; aber gleichfalls ohne Erfolg. Der Held war mit ſeinem Renner verſchwunden; er hatte ſein Helmviſier nicht aufgezogen; alſo war er allen unbekannt geblieben. 4 Das Volk beharrte in dem Glauben, daß der Himmel ihm einen Engel zu Huͤlfe geſandt haͤtte; aber das Blut, welches Harun fließen geſehen, war menſch⸗ liches Blut, und das Tuch welches er ihm gegeben, davon gerͤthet worden. Der Beherrſcher der Glaͤubigen war unmuthig, daß er ſeinem Retter nicht ſeine Dankbarkeit bezeigen konnte. Nachdem er verſichert war, daß die Unglaͤu⸗ bigen, welche der Schaͤrfe des Schwertes entgangen waren, ſich wieder eingeſchifft hatten, und nachdem er fuͤr die fernere Sicherheit von Damask geſorgt hatte, entließ er das uͤbrige Heer, und zog an der Spitze von zwoͤlftauſend Reitern nach Bagdad heim. Simuſtapha hatte ſich ſchon des Wiederſehns ſei⸗ ner zaͤrtlichen Gattinn erfreuet, und ihrer holden Be⸗ ſchuͤtzerinn ſeinen herzlichen Dank dargebracht: indem er ſo die Naͤchte der einen, und die Tage der andern widmete, war er ſo gluͤcklich, wie nur irgend ein Sterblicher ſein kann. Er hatte ſeiner geliebten Ilſetilſone keinen Umſtand ſeiner kriegeriſchen Thaten verſchwiegen; ſie zogen die liebenswuͤrdige Prinzeſſinn um ſo mehr an, als ſie zu VI. 50 339. 340. Tag. dem Ruhme des Chalyfen beitrugen: ſie nahm das Tuch, welches um die Hand ihres Geliebten gewun⸗ den war, und bethaute abwechſelnd die Schriftzuͤge welche den Namen ihres Vaters darſtellten, und die Flecken des Blutes, welches zu ſeiner Vertheidigung gefloſſen war. „Ich will dieſes Tuch behalten,“ ſagte ſie;„es wird mich unaufhoͤrlich an den Augenblick erinnern, wo der Gegenſtand meiner kindlichen Zaͤrtlichkeit durch den Gegenſtand meiner Liebe gerettet wurde.“ Dreihundert und vierzigſter Tag. Unterdeſſen zog der Chalyf unter lautem Zujauchzen des Volks in Bagdad ein; Siegesbogen waren zu ſei⸗ nem Empfange errichtet: er fand den Lohn ſeiner An⸗ ſtrengungen in der Liebe ſeiner Unterthanen, und in der Zaͤrtlichkeit ſeiner Familie. Sobeide und ſeine Tochter druͤckten ihr Entzuͤcken durch die herzlichſten Liebkoſungen aus. Aber der Chalyf, ermuͤdet von ſo viel Ehrenbezeigungen, war nur mit dem unbekannten Helden beſchaͤftigt, der ſich ſeiner Dankbarkeit entzogen hatte. „Er hat von mir,“ ſprach der Fuͤrſt,„nur ein Tuch empfangen, ſeine Wunde zu verbinden; das iſt der einzige Dank, welchen er hat annehmen wollen. Aber Simuſtapha und Ilſetilſone. 31 ich habe demjenigen, der mir ſeinen Namen, ſeinen Stand und Wohnort anzeigen kann, zehntauſend Zeckienen ver⸗ heißen; ich will den Helden belohnen, der die Fahne des großen Propheten den Haͤnden der Unglaͤubigen entriſſen, der mein Volk befreiet hat, und dem ich Leben und Krone verdanke. Vergebens entzieht er ſich den ihm gebuͤhrenden Ehren; ich will ihm zu Ehren ein Feſt anſtellen, welches ganz Damask, die Zeugen ſeiner Tapferkeit herbeiziehen wird. Ich kann die Zuͤge ſeines Geſichts nicht abbilden laßen, weil er nicht ein⸗ mal das Viſier ſeines Helms aufgezogen hat, aber ich will ſeine Ruͤſtung mahlen laßen, deren Bild ich in mir bewahrt habe, und ſein feuriges Streitroß. Je⸗ der gute Muſelmann meines Reichs wird ſich beeifern, das Feſt des Helden in der braungeſchweißten Ruͤſtung zu verherrlichen, und dieſer wird denen nicht lange verborgen bleiben, die Zeugen dieſer kriegeriſchen Fei⸗ erlichkeit ſind.“ Ilſetilſone freute ſich dieſer Lobeserhebungen ihres Geliebten und der Begeiſterung des Chalyfen fuͤr ihn. Wie oft war ſie nicht verſucht, ihrem Vater zu ſagen: „Ich kenne ihn, den Helden in der braungeſchweißten Ruͤſtung; der Sieger der Unglaͤubigen iſt auch mein Sieger.“ Die Befehle des Chalyfen wurden vollzogen: das Freudenfeſt uͤber die Befreiung von Damask ſollte drei⸗ ßig Tage dauern, von denen die letzten eine kriegeriſche 52 340. Ta g. Vorſtellung der Thaten des Ritters in der braunge⸗ ſchweißten Ruͤſtung geben ſollten. Dieſes Feſt erfuͤllte die Abſicht des Chalyfen, zwar auf eine Weiſe, welche mit den Anſtalten, die dieſer Fuͤrſt erſonnen, gar kei⸗ nen Zuſammenhang hatten. Am letzten Tage des Feſtes ſtand Sobeide mit ih⸗ rer Tochter auf dem Soͤller: da traf ein Sonnenſtrahl die junge Prinzeſſinn dermaßen, daß ſie einen lauten Schrei ausſtieß, und ihrer Mutter an die Bruſt ſank. Dieſe käm ſogleich ihrer Tochter zu Huͤlfe, und be⸗ merkte dabei an untruͤglichen Zeichen, daß ſie die Frucht der ehelichen Liebe in ihrem Schooße trug. Durch eine ſo uberraſchende Entdeckung erſchreckt, lief ſie un⸗ verzuͤglich zu dem Chalyfen, ihm dieſes wichtige Ge⸗ heimnis mitzutheilen; es waren nicht bloß Vermu⸗ thungen, durch welche ſie ihre Entdeckung bewaͤhrte, ſondern voͤllig uͤberzeugende Gewißheit. Beide begaben ſich nun nach Ilſetilſonens Gemach, ihr das fuͤr ihre Ehre und ihren Ruhm ſo wichtige Bekenntnis zu ent⸗ reißen. „Seit manchen Monden,“ geſtand die Prinzeſſinn, „werde ich alle Naͤchte entfuͤhrt, ohne daß ich es ge⸗ wahre; ich werde durch die Luft getragen, und finde mich beim Erwachen in einem praͤchtigen Zimmer, in den Armen eines unbekannten Mannes, welcher, ich bekenne es, mir die heftigſte Leidenſchaft einzufloͤßen gewußt hat.“ Simuſtapha und Ilſetilſone. 53 Aus der Erzaͤhlung ſeiner Tochter erkannte der Chalyf wohl, daß irgend eine wunderbare Bezauberung ſie verfuͤhrt hatte, und fand es nicht angemeſſen, uͤber ein Vergehen, welches unter ſolchen Umſtaͤnden zu ent⸗ ſchuldigen ſchien, viel Vorwuͤrfe zu erheben. „Es hat den Anſchein,“ ſprach er zu Sobeiden, „daß ein Geiſt in unſre Tochter verliebt iſt; wenn wir uns dem widerſetzten, wuͤrden wir ihn nur reizen; wir muͤßen ſie, ſo wie uns, dem Schutze des heiligen Propheten empfehlen.“ Mit dieſen Worten umarmte er ſeine Tochter, wie ſonſt, und verließ ſie, um ihr Ruhe zu vergoͤnnen, deren ſie ſo ſehr bedurfte. Sobeide befolgte auch das weiſe Benehmen ihres Gemahls. Ilſetilſone aber nahm ſich vor, den ihri⸗ gen gleich in der naͤchſten Nacht von allem zu unter⸗ richten damit er ſich beeilete, das blutige Tuch dar⸗ zubringen und ſich im Palaſt als den Ritter in der braungeſchweißten Ruͤſtung zu erkennen zu geben. Er ſollte daſelbſt auf ſeinem praͤchtigen Streitroß, in ſei⸗ nem ganzen kriegeriſchen Aufzug erſcheinen. Der Chalyf berief ſeinen geheimen Rath, der aus Giafar und Meßrur beſtand. Giafar vernahm den Vorfall mit Erſtaunen; weniger verwunderte ſich Meßrur, der ſchon ſeit langer Zeit bemerkt hatte, daß man die Wache bei den Zimmern der Prinzeſſinn nicht aus dem Schlaf erwecken konnte. 54 340. Tag. „Wie ſollen wir es anſtellen,“ ſagte der Chalyf⸗ „um den Zauberer, der meine Tochter verfuͤhrt hat, zu erforſchen, und zu ertappen? Jede Nacht wird ſie durch die Luft zu ihm gebracht.“ „Mir faͤllt ein leichtes Mittel ein,“ ſagte Meßrur, „welches wir auf der Stelle anwenden koͤnnen. Ich habe einen Phosphor, den ein Sterndeuter mir gege⸗ ben hat; er beſteht aus dem Oele, welches aus einem Thiere gezogen iſt, das Baſilisk genannt wird: ſobald er in die freie Luft koͤmmt und in Bewegung geſetzt wird, entzuͤndet er ſich, ohne zu verbrennen. Ich will davon einige Tropfen auf die Teppiche der Prin⸗ zeſſinn ſchuͤtten, er wird auf der Stelle trocknen und keinen Geruch zuruͤcklaßen. Wenn nun die Teppiche mit der Prinzeſſinn durch die Luft gefuͤhrt werden, erſcheinen ſie mit leuchtenden Sternen beſaͤet, und koͤnnen den dazu ausgeſtellten Leuten zum Leitſtern nach dem Hauſe des Entfuhrers dienen.“ Der Chalyf billigte den Vorſchlag; Meßrur ging hin, ihn auszufuͤhren, und Gaafar ſeinerſeits befahl dem Polizeimeiſter, der leuchtenden Lufterſcheinung zu folgen, wohin ſie auch zoͤge, und das Haus, worin ſie verſchwaͤnde, auf der Stelle umringen zu laßen. Alsbald waren fuͤnfhundert Mann ausgeſtellt, dem neuen Geſtirne zu folgen, welches in der Nacht er⸗ ſcheinen ſollte; aber das darunter verborgene Geheim⸗ Simuſtapha und Ilſetilſone. 5⁵ nis blieb zwiſchen dem Chalyfen und ſeinen beiden Raͤthen verwahrt. Dreihundert und ein und vierzigſter Tag. Die Nacht kam; der Geiſt hatte ſeine Blicke nicht auf die Erde gerichtet, und wußte nicht, was vor⸗ ging: er gehorchte, wie gewoͤhnlich, Simuſtapha's Befehlen. Kaum hatte er ſich mit ſeiner Buͤrde uͤber dem Palaſt erhoben, als der Phosphor in hellem Glanze leuchtete: die Wachen liefen von allen Seiten hinter⸗ drein. Der Geiſt hatte ſcharfe Augen, aber nicht uͤberall; er legte ſeine reizende Laſt in dem von hun⸗ dert Kerzen erleuchteten Zimmer des Prinzen von In⸗ dien nieder, und man gewahrte hier nicht mehr die mindeſte Spur von dem Lichte des Phosphors. Ei⸗ nen Augenblick darnach, ſtroͤmten die Wachen aus u Straßen herbei und umringten Simuſtapha's aus. Der junge Prinz hoͤrte den Laͤrmen, er rieb ſeinen Ring, und befragte die Buͤchſe; die beiden Geiſter erſchienen, und erhielten den Befehl, zu beobachten, was vorginge, und vor allen Dingen das Haus vor der Beunruhigung zu bewahren, womit es bedroht 56 341. T a g. war: in einem Augenblick hatten beide die Thuͤren und Fenſtern vermauert. Der Polizeimeiſter ließ die Nachbarn wecken, ſie zu fragen, wo Simuſtapha's Hausthuͤre waͤre. Die guten Leute rieben ſich die Augen, fanden ſie aber nicht. Es wurden nun mehrere Fakkeln angezuͤndet, aber keine verhalf dazu, ſie zu entdecken. Der Poli⸗ zeimeiſter lief hin und her, und ward ungeduldig. Giafar und Meßrur kamen dazu; ſeitdem der letzte das Mittel mit dem Baſiliskenoͤhl angegeben, hatte er eine hohe Meinung von ſeiner Erfindungskraft: da man keine Thuͤre fand, ſo befahl er, das Dach mit Leis tern zu erſteigen. Bald war das Haus mit Leitern umgeben, und es fehlten nur noch Sturmboͤcke, Ha⸗ ken und Schirmdaͤcher, um die Belagerung vollſtaͤn⸗ dig zu machen. Vierzig Leitern ſtanden aufgerichtet, jede von ihnen uͤberragte das Dach um mehrere Fuß; man wetteiferte, wie von der Ausſicht zur Pluͤnderung angeſpornt, einander zuvorzukommen: aber je mehr die Sturmlaufenden ſich anſtrengten, je weniger ka⸗ men ſie vorwaͤrts; die Leitern ſanken in demſelben Maaße in den Boden, wie ſie die Sproſſen hinanſtie⸗ gen, und verlaͤngerten ſich ebenſo nach oben. „Fuͤrchtet ihr euch denn?“ rief der Polizeimeiſter ihnen zu:„ſteiget doch hinauf!“ „Wir ſteigen aus Leibes-Kraͤften,“ antworteten einige von ihnen. Und in der That, ſie waren ganz Simuſtapha und Ilſetilſone. 57 in Schweiß von der Arbeit, ohne ſich jedoch nur ei⸗ nen Zoll breit von der Erde zu erheben. Der Polizeimeiſter ſtieg ungeduldig vom Pferde, und trieb mit Gewalt die Stuͤrmenden an, indem er ihnen zurief:„So ſteiget doch raſcher!“ 5 „Bei Mahomed! ſteiget ihr ſelber hinauf!“ er⸗ wiederten ſie ihm;„denn dieſe Leitern ſind behext.“ Der Polizeimeiſter verlor die Geduld, beſtieg ſelber in ſeinem Amtskleide die Leiter, und wollte, um ſchneller vorwaͤrts zu kommen, zwei Sproſſen auf ein⸗ mal uͤberſchreiten; aber da die Leiter um eben ſo viel in den Boden ſank, ſo verlor er das Gleichgewicht, fiel, und riß ſie mit ſeinem Rock um. Ein allgemei⸗ nes Gelaͤchter begleitete dieſen unerwarteten Fall. Indeſſen verſtrich die Nacht unter verdoppelten, und eben ſo vergeblichen Anſtrengungen bei dieſem laͤ⸗— cherlichen Stuͤrmen, wo man nicht vom Flecke kam; jeden Augenblick ſchmeichelte man ſich, zum Ziele zu gelangen. In den Straßen von Bagdad war alles in Auf⸗ ruhr, und weil man den eigentlichen Zuſammenhang der Sache nicht wußte, ſo bildete das Volk ſich ein, daß man das Feſt des Ritters in der braungeſchweiß⸗ ten Ruͤſtung noch fortſetzte, und in dem ſpaßhaften Sturmlaufen an dem Hauſe Simuſtapha's die Belage⸗ rung von Damask vorſtellte. 58 341., Tag. Harun erwartete jeden Augenblick den Schuldigen, und hatte ſich vorgeſetzt, ihn auf der Stelle hinrichten zu laßen, ohne ihm Zeit zu reden zu vergoͤnnen; man kann ſich alſo vorſtellen, wie hoch ſeine Unge⸗ duld geſtiegen war: der Laͤrmen und das Geſchrei, wel⸗ ches dieſes Ereignis verurſachte, brachte ſtaͤts noch weit laͤcherlichere und uͤbertriebene Geruͤchte davon zu ſeinen Ohren; ſeine Unruhe war eben ſo groß, als ſein Verlangen nach Rache. Dagegen war es im Innern von Simuſtaphars Hauſe ſo ruhig, daß man darin den Flug einer Fliege haͤtte hoͤren koͤnnen. Sobald die Geiſter die Liſt wahr⸗ genommen, wodurch Meßrur den gewoͤhnlichen Weg der Prinzeſſinn entdeckt, hatten ſie alle Vorkehrungen getrof⸗ fen, das Haus vor einem ploͤtzlichen Ueberfalle zu verwah⸗ ren, und dann die Prinzeſſinn in einem Nebel, welcher die Wirkung des Phosphors aufhob, nach dem Palaſt des Chalyfen zuruͤckgebracht. Sie ließen dieſes Dunſtge⸗ woͤlk uͤber dem Palaſte ruhen; es ſchlaͤferte alle Le⸗ bensgeiſter ein, und der Chalyf ſelber war ſeiner ge⸗ wohnten Thaͤtigkeit beraubt. 3 Der Prinz von Indien berieth ſich mit den Gei⸗ ſtern der Buͤchſe und des Ringes uͤber die Vorkehrun⸗ gen auf morgen, und uͤberließ ſich dann ruhig, un⸗ ter dem unmittelbaren Schutze des Geſtirns der ſieben Meere, der Suͤßigkeit des Sehlaſts Simuſtapha und Ilſetilſone. 59 Der Tag brach endlich an; Simuſtapha trat auf das flache Dach ſeines Hauſes, die erſten Sonnenſtrah⸗ len zu genießen; er erkannte Giafar und Meßrur un⸗ ten in dem Gewuͤhle, rief ſie an, und ſprach zu dem letzten alſo:— „Hochweiſer Miniſter! warum laßt ihr das Haus eines frommen und den Geboten des Beherrſchers der Glaͤubigen unterworfenen Muſelmanns umringen? Ich beſchwoͤre euch, ihm zu melden, daß er, weil er mich in ſeiner Gewalt haben will, dieſes Belagerungsheer abziehen laße; alsdann will ich ſelber mich ſeinen Haͤn⸗ den uͤberliefern. Meßrur begab ſich nach dem Palaſt, und rieth dem Chalyfen, einen Antrag anzunehmen, welcher ihm den Zauberer uͤberlieferte. Dem Polizeimeiſter wurde dem gemaͤß Befehl ertheilt, er zog alsbald mit allen ſeinen Leuten ab, und die umgeſtuͤrzten Lei⸗ tern blieben am Fuße der Mauern liegen., Als alle Zugaͤnge ſeines Hauſes frei waren, trat Simuſtapha aus ſeiner Thuͤre, die ſich ſogleich vor ihm oͤffnete, un ſchritt unbekuͤmmert nach dem Palaſte des Cha⸗ en. Harun war erſtaunt uͤber die Verwegenheit des Zauberers; er wollte ihn nicht ſehen, und befahl ihn mitten auf dem erſten Hofe des Palaſts, im Ange⸗ ſicht alles dort verſammelten Volks enthaupten zu laßen. Die innere Wache verhaftete den Prinzen von 60 341. Tag. Indien; er bot willig ſeine Haͤnde den eneede womit man ihn belaſtete; der Scharfrichter bemaͤch⸗ tigte ſich ſeiner, und nahm ihm den Turban ab, im ihm die verhaͤngnisvolle Binde um die Augen zu legen: da fand man unter ſeinem Turban das Tuch des Chalyfen. 8 Giafar und Meßrur erkannten es ſogleich; das Volk welches bei dem Feſte ein Abbild davon geſehen hatte, rief aus: „Da iſt das Tuch des Ritters in der braunge⸗ ſchweißten Ruͤſtung!“— Ein noch merkwuͤrdigerer Gegenſtand zog jetzo die Aufmerkſamkeit des Großveſyrs an: Simuſtapha trug um ſeine Stirn die mit Edelſteinen geſchmuͤckte Binde und den Diamant, welchen er von dem Chalyfen hatte. Giafar las mit lauter Stimme die auf der Binde ſtehenden Worte: „Geſchenk des Chalyfen Harun⸗Alraſchid an ſeinen Neffen Simuſtapha, Sohn des großen Koͤnigs von Indien.“ Ein verworrenes Geſchrei erhub ſich von allen Seiten: „Es iſt ein Koͤnigsſohn von Indien, es iſt der Prinz Simuſtapha!“ Simuſtapha und Ilſetilſone. 61 Ddrrihundert und zwei und vierzigſter Tag. Unterdeſſen hatte Meßrur das Tuch dem Chalyfen uͤberbracht. „Wer hat dir dieſes Tuch gegeben?“ fragte der Fuͤrſt.— „Es befand ſich auf dem Kopfe des Mannes, welchen ihr verurtheilt habt.“ „Iſt mein Befehl ſchon vollzogen?“— „Nein, Herr; ich warte auf neue.“— „Lauf, fliege, Meßrur, und erhalte das Leben des edelmuͤthigſten Helden, der das meine gerettet hat. Man fuͤhre ihn mir auf der Stelle her.“ Giafar war ſchon ſeinen Befehlen zuvorgekommen; die Ueberraſchung und das Geſchrei des Volks hatten ihn bewogen, Simuſtapha zu dem Chalyfen zu fuͤhren. Der Prinz nahte dem Fuße des Throns, und das erſte, was dem Beherrſcher der Glaͤubigen in die An⸗ gen ſiel, war der Diamant, welchen er einſt dem gro⸗ ßen Koͤnige von Indien geſandt hatte.. „Wie!“ ſagte er zu Simuſtapha,„du biſt der Sohn meines Bruders von Indien?“— „Ihr ſehet den Beweis davon, ruhmwuͤrdiger Chalyf.“— „Und du biſt der Krieger, dem ich das Leben der⸗ danke?“— 62 342. Tag. „Hier ſehet die Wunde, welche ich vor Damask empfing und welche mir einen ſolchen Beweis der Huld von euch zuzog.“— „Du biſt auch der Geliebte meiner Tochter Ilſe⸗ tilſone?“— „Ihr ſehet in mir ihren Sclaven und den euren.“— „Tauſend Dank dem großen Propheten!“ rief der Chalyf aus;„du biſt es alſo, Simuſtapha, den ich von Kindheit an ſo lieb hatte? dem ich die Hand meiner Tochter beſtimmte? Du konnteſt keinen andern itbewerber haben, als den Ritter in der braunge⸗ ſchweißten Ruͤſtung, deſſen Dienſte ich durch die Hand Ilſetilſonens und durch die reichſte Krone des Morgen⸗ lands noch nicht genug zu belohnen geglaubt haͤtte. Ich halte nun den Gegenſtand meiner Dankbarkeit und meiner Liebe in meinen Armen: aber warum mußteſt du dich ſo lange unter der Maske eines Speiſewirths meinen Blicken entziehen?“.— „Erlauchter Beherrſcher der Glaͤubigen,“ antwor⸗ tete Simuſtapha,„die Reize der himmliſchen Ilſetil⸗ ſone machten ſchon fruͤhzeitig einen tiefen Eindruck auf mein Herz; kaum war es von dem erſten Hauche des Lebens beſeelt, als ich mich in Liebe entzuͤndet fuͤhlte; das Verlangen, ſie zu beſitzen, war das einzige, welches mein Herz erfuͤllte. Ein weiſer Perſer, deſſen Zoͤgling ich war, bahnte mir den Weg zum Gluͤck, Simuſtapha und Ilſetilſone. 63 und ſchlug mir vor, in Bagdad die Luft zu athmen, welche allein meine Geſundheit herſtellen konnte, die taͤglich mehr verfiel; er beſaß das Zutrauen meines Vaters, und es ward ihm nicht ſchwer, ſeine Einwil⸗ ligung zu erlangen, indem er ihm den wahren Beweg⸗ grund einer Reiſe verbarg, von welcher meine Ruhe und meine Gluͤckſeligkeit abhing. Seiner Vermittelung ſei es gedankt, der Sohn des großen Koͤnigs von In⸗ dien verſetzte ſich in einen Stand, welchem er das Vergnuͤgen verdankt, die Schoͤnheit zu ſehen, und von ihr geſehen zu werden, die er anbetete. Der Tod entriß mir bald meinen weiſen Lehrer, konnte jedoch nicht die Geheimniſſe mit hinwegnehmen, welche er mir anvertraut hatte: jung, leidenſchaftlich, ohne Erfahrung, uͤberließ ich mich ruͤckhaltlos meiner Liebe. Wenn ſie euch beleidigt, und wenn ſie das zu empfindliche Herz eines Vaters verwundet hat, ſo liegt hier mein Haupt zu euren Fuͤßen; dieſes allein moͤge die Strafe treffen; ich nehme eure vaͤterliche Guͤte fuͤr die Unſchuld der Prinzeſſinn in Anſpruch, deren gan⸗ zes Verbrechen in ihrer Liebe zu Simuſtapha beſteht.“ Der Chalyf war durch ein ſo liebevolles Geſtaͤnd⸗ nis geruͤhrt, hub den Prinzen mit Zaͤrtlichkeit auf, und nachdem er ihn von neuen umarmt hatte, ſprach er zu ihm: „Komm, mein geliebter Sohn„ laß uns den Kum⸗ mer vergeſſen, welchen du verurſacht haſt; und moͤge 64 342. Tag.. deine Gegenwart die Betruͤbnis verſcheuchen, womit unſeliger Argwohn das Herz der zaͤrtlichſten Mutter umwoͤlkt hat!“ Sobeide war allein mit ihrer Tochter und ver⸗ langte von ihr noch Aufklaͤrung uͤber das geſtrige Geſtaͤndnis, als der Chalyf mit dem Prinzen von Indien an der Hand hereintrat, und Freude und Ent⸗ zuͤcken verbreitete. Simuſtapha, mit der koͤniglichen Binde uͤber den herabwallenden Locken geſchmuͤckt, wurde ſo der Gemahlinn des Chalyfen und ſeiner Tochter vorgeſtellt. „Empfanget hier von der Hand des großen Pro⸗ pheten und aus der meinigen,“ ſprach der Chalyf zu ihnen,„du einen Schwiegerſohn, und du einen Gat⸗ ten: es iſt der ſchoͤne Simuſtapha, der Sohn des großen Koͤnigs von Indien, des aͤlteſten, maͤchtigſten und getreueſten meiner Verbundeten.“ Hierauf ſich zu ſeinem Gefolge wendend, fuhr er ort: 1„Man hole augenblicklich den Kadi und den Mufti her! man oͤffne die Moſcheen! Mein ganzes Volk feire Freudenfeſte! Allen Armen ſpende man Almoſen aus! Ganz Bagdad theile die Freude des Beherrſchers, und ſie verbreite ſich uͤber die entlegenſten Theile mei⸗ nes Reichs! Sehet hier meinen Retter, meinen Schwiegerſohn, und den Befreier der heiligen Fahne. Simuſtapha und Ilſetilſone. 65 Die Pflicht der Dankbarkeit geht uͤber alle andere Gebote.“ Ilſetilſone und ihr Gemahl erhielten nun ihre Woh⸗ nung in dem ſchoͤnſten Theile des Schloſſes. Simuſta⸗ pha theilte die Arbeiten und Vergnuͤgungen des Cha⸗ lyfen; er ſaß im Divan zu ſeiner Rechten, und keine Angelegenheit ward ohne ſein Gutachten entſchieden; ein graͤnzenloſes Zutrauen ſtiftete zwiſchen ihnen die innigſte Vertraulichkeit. Der Chalyf ermangelte nicht, ſich nach den außer⸗ ordentlichen Mitteln zu erkundigen, welche ſein Schwie⸗ gerſohn zur Verwirklichung ſeiner Wuͤnſche angewandt hatte. Simuſtapha bekannte die uͤbernatuͤrliche Beguͤn⸗ ſtigung, deren er ſich erfreute; er erzaͤhlte ihm von der Geiſterkoͤngginn und von den in der Buͤchſe und in dem Ringe eingeſchloſſenen Geiſtern; aber er ver⸗ ſchwieg die Willfaͤhrigkeit Namunas und die Rolle, welche ſie in dieſem Liebeshandel geſpielt hatte; man kann ſich leicht die Urſache dieſer Schonung denken. Harun, ſchon mit wunderbaren Abenteuern ver⸗ traut, glaubte Simuſtapha leichtlich alles. Er tadelte ihn nicht uͤber den Gebrauch, welchen er von der ka⸗ baliſtiſchen Magie gemacht, deren Bearbeitung er ſel⸗ ber an ſeinem Hofe beguͤnſtigt hatte: aber er machte es ihm zum Vorwurfe, daß er es vernachlaͤßigt, den VI. 5 66 342. Ta g. Koͤnig von Indien uͤber das Schickſal ſeines einzigen Sohns zu beruhigen. „Seine Unruhe,“ antwortete der Prinz,„muß durch den Anblick des Roſenbuſches ſehr gemaͤßigt ſein,/ welchen mein Lehrer Benalab in dem Garten des Pa⸗ laſts zuruͤckgelaßen hat: derſelbe giebt taͤglich Kunde von meinen guten oder ſchlimmen Abenteuern; und weil ich nun das Gluͤck habe, mit der Huld des groͤß⸗ ten Herrſchers der Erde uͤberſchuͤttet zu werden, ſo n der Roſenbuſch gegenwaͤrtig in der hoͤchſten Bluͤte ehen.“ Simuſtapha dachte hierin ganz richtig. Der Koͤnig und die Koͤniginn von Indien beobachteten jeden Tag ihren Roſenbuſch; er entlud ſich der Blumen, womit er prangte, nur um deſto ſchoͤnere hervorzutreiben: und ſo troͤſteten ſie ſich uͤber die Abweſenheit ihres Sohns, verſichert, daß ihm kein Unfall zuſtieße. Sie hatten ſogar eines Tages eine hoͤchſt freudige Ueberraſchung: ſie ſahen aus einer ſchon aufgebluͤhten Roſe eine noch friſchere und glaͤnzendere Bluͤte emporſteigen. Dieſe Erſcheinung kam ihnen ſehr wunderbar vor: aber man mußte zu Bagdad ſein, um ſie ſich zu erklaͤren. 4 Ilſetilſone hatte hier eben einem jungen Prinzen das Leben gegeben; Simuſtapha, Harun und Sobeide waren auf dem Gipfel der Freude; alle frommen Muſelmaͤnner feierten durch Freudenfeſte dieſes gluͤckliche Ereignis. Der Chalyf nannte ſeinen Enkel Harun⸗ 8 Simnuſtapha und Ilſetilſone. 67 Ben⸗Alraſchid; die Geiſterkoͤniginn war bei ſeiner Geburt gegenwaͤrtig, und beſchenkte ihn mit allen Ga⸗ ben ihrer Macht; waͤhrend der Beherrſcher der Glaͤu⸗ bigen und ſein Schwiegerſohn in der großen Moſchee von Bagdad hoͤheren Segen auf ihn herabflehten. Alles weiſſagte dem Hauſe des Chalyfen eine un⸗ unterbrochene Folge von Gluͤckſeligkeit, waͤhrend in Aegypten ſich ein Gewitter gegen dieſelbe zuſammenzog. Naraés, der Sohn des Zauberers Mamuk, ſah bei ſeiner aufmerkſamen Beobachtung des Springbrun⸗ nens, deſſen Erſcheinungen ſein Benehmen leiten ſollte, das Waſſer truͤbe werden: er ſchickte ſogleich zwei „Geiſter ſeinem Vater zu Huͤlfe; aber bald darnach er⸗ ſchien das Waſſer von Blute geroͤthet. Da ſah er, daß ſeine Macht unwirkſam, und Mamuk todt war, und er ſann nunmehr auf Mittel und Wege zur Rache. Die letzte Kammer ſeines entworfenen Zauberkreiſes, zeigte ihm alle Abenteuer Mamuks bei Simuſtapha; er verſah ſich mit allem, was er zu ſeinem Vorhaben noͤthig erachtete, und machte ſich auf den Weg nach Bagdad. Er legte es nicht darauf an, ſich nur in das Haus eines geringen Mannes einzuſchleichen, ſondern in den Palaſt des Chalyfen ſelber. Allerdings hatte Naraés einen großen Vortheil vor ſeinem Vater: ſeine Kunſt war noch in ihrer ganzen Kraft; er bedurfte nicht ſo vieler Kunſtgriffe, ſich einen Gehuͤlfen zu 68 342. 343. Tag. ſchaffen, ſondern der erſte beßte konnte ihm bei ſeinen Arbeiten helfen. Dreihundert und drei und vierzigſter Tag. Nach manchen Muͤhſeligkeiten, auf abgelegenen Wegen, langte Naraës, wie vor ihm ſein Vater, an den Ufern des Ilfara und Addſchala an. Ein Fiſcher hatte dort ſein Netz ausgeworfen, und war troſtlos, daß er den ganzen Tag noch nichts gefangen hatte: womit ſollte er nun die Seinigen ernaͤhren? Der Schwarzkuͤnſtler, der ſchon die Urſache ſeines Kummers durchſchauet hatte, trat zu ihm hin, druͤckte ihm ein Goldſtuͤck in die Hand, und ſprach dabei:; „Troͤſtet euch, guter Mann; ich habe euern Kum⸗ mer getheilt, als ich euch ſo fruchtlos arbeiten ſah: aber ihr kennet noch nicht genugſam die Koͤder, womit man die Fiſche heranzieht: laßt euer Netz liegen, neh⸗ met eine Angel, und etliche Schritte von hier werdet ihr einen Fiſch einziger Art finden. Ich werde ein we⸗ nig Erde aufheben, daraus eine kleine Kugel drehen, und ſie mit einem wunderkraͤftigen Waſſer beſprengen: dieſen Koͤder laßt nun an eurer Angel von dem Felſen herab, und mit ein wenig Geduld werdet ihr einen wunderſchoͤnen Fiſch fangen. Dieſe ſeltene Art zelgt ſich nur von Zeit zu Zeit in dieſen Fluͤſſen; gegen⸗ — — Simuſtapha und Ilſetilſone. 69 waͤrtig iſt ihre Zeit: ſie wird Sultan Ibr alm ge⸗ nannt, nach dem Patriarchen, welcher dieſe Fiſchart bewahrte. Wenn ihr den Fiſch gefangen habt, muͤßt ihr ihn nicht dem Chalyfen bringen; dieſer in allen andern Dingen ſo praͤchtige Fuͤrſt begnuͤgt ſich ſelber jedoch mit zu einfacher Koſt: ſondern verkaufet ihn an den Prinzen Simuſtapha, der euch ſoviel dafuͤr geben wird, als ihr fordert. Befolget meinen Rath. Ich habe heute nicht Zeit, mich aufzuhalten, um Zeuge eures Fanges zu ſein, ich muß nach meinem Laden zuruͤck⸗ kehren. Ich bin gleich der erſte Porzelanhaͤndler zur Rechten, wenn ihr in das große Thor des Baſars ein⸗ tretet. Kommet Morgen fruͤh zu mir, ich will euch ein oder zwei Flaͤſchchen von meinem Waſſer geben, und vielleicht koͤnnen wir den Nachmittag zuſammen fiſchen. Mit dieſen Worten gab er ihm noch ein Goldſtuͤck, und fuͤgte hinzu: „Da habt ihr etwas zur Entſchaͤdigung, wenn ich euch um eure Zeit gebracht habe; oder es kann euch auch zum Handgeld auf dasjenige dienen, was ihr Morgen durch mich erwerben ſollt.“ Hierauf verließ er den Fiſcher, der ſogleich den Felſen beſtieg, und geduldig den Erfolg von Naraés Verheißung erwartete. Simuſtapha und ſeine Gemahlinn verſahen ſich keinesweges, daß ſich am Ufer des Stromes ein ge⸗ faͤhrlicher Anſchlag gegen ſie entſpann. Sie hatten 7⁰ 343 ⸗· T A g. eben, mit Einwilligung des Chalyfen, bei der liebens⸗ wuͤrdigen Geiſterkoͤniginn einen Beſuch gemacht, die ſie mit Huld uͤberſchuͤttete. Ilſetilſone hatte in dem Palaſt der Fee einen Vogel bemerkt, der durch den Glanz und die Mannigfaltigkeit ſeines Gefieders ſehr anzog: er war zum Bewohner des irdiſchen Paradieſes er⸗ ſchaffen; weil er aber Salomon die Huldigung ver⸗ ſagt, und ſie dem Kokopileſobeh geleiſtet hatte, ſo war er nach DOſchinniſtan verwieſen. Freundlich, zu⸗ traulich und anmuthig, wie er war, hatte dieſer ſchoͤne Vogel Erinnerung des Vergangenen, erkannte das Ge⸗ genwaͤrtige, und ahndete das Zukuͤnftige. Er ſprach wenig, aber ſehr verſtaͤndlich fuͤr diejenigen, die ge⸗ wohnt waren, ihn zu hoͤren. Die ſchoͤne Prinzeſſinn von Indien liebkoſte dieſem Vogel gar ſehr. Setelpedur ergriff mit Vergnuͤgen dieſe Gelegenheit, ſich ihren Schuͤtzling von neuen zu verbinden, und bat ſie, den Vogel von ihr anzuneh⸗ men: „Ich ſchenke euch,“ ſagte die Koͤniginn zu ihr, „ein ſehr anziehendes kleines Thier; es ſcheint mir geneigt, euch anhaͤnglich zu werden, und kann euch heilſame Weiſungen geben; vernachlaͤßiget keine davon, und gebet auf alles Acht, was er ſagt. Uebrigens wird er bei euch, unter euren ſchoͤnen Haͤnden, ſich nicht in der Verbannung waͤhnen; denn er hat ſich, ich weiß nicht, warum, in ſeinen kleinen Kopf geſetzt, Simuſtapha und Ilſetilſone. 71 daß er nur durch eine Reiſe auf Erden wieder in ſeine Heimat gelangen kann. Hier iſt ſein Kaͤfig, er iſt nicht verſchloſſen; denn die Freiheit dieſes Vogels iſt nicht zu feſſeln, er bleibt wo es ihm gefaͤllt. Aber bevor ich mich von ihm trenne, muß er mir noch et⸗ was von ſich hier laßen.— Wohlan, mein kleiner Vogel, gieb mir zwei von deinen niedlichen Federn.“ Der Vogel gehorchte, ſpreizte ſeinen Schwanz aus, und ohne ſie ſich erſt ausziehen zu laßen, blieben zwei Federn in den Haͤnden der Koͤniginn. Nachdem die beiden Gatten der Fee gedankt hat⸗ ten, begaben ſie ſich, mit dem Vogel in ſeinem Kaͤfig, wieder nach dem Palaſte des Chalyfen. Sie kamen in ihre Wohnung, als der Verſchnittene Haſchim, ihr Kuͤchenmeiſter, eben einen praͤchtigen, noch lebenden Fiſch gekauft hatte:„er heißet Sultan Hibraim,“ ſagte er,„weil dieſer Patriarch den Propheten Ma⸗ homed damit zu Medina bewirthet hat.“ Der gute Koch berichtete ſehr ſchlecht die Abkunft dieſes Fiſches, welche der Fiſcher ihm ſchon verwirrt uͤberliefert haben mochte; aber er hatte ſechzig Zeckienen fuͤr den Fiſch bezahlt. Man war neugierig, dieſes Thier zu ſehen; er ſchwamm in einem großen Silberbecken in dem Waſſer des Fluſſes, darin er gefangen war. Dieß Waſſer um ihn erſchien wie mit Topaſen, Rubinen und Sma⸗ ragden erfuͤllt: der Kopf des Fiſches ſah aus wie ein 72 343. Ta g. goldner Helm, deſſen Zierat mit Perlen beſetzt war; die Schuppen der oberen groͤßeren Haͤlfte ſeines Leibes waren purpurfarbig mit Goldraͤndern, und bildeten einen praͤchtigen Mantel; ſeine korallenfarbigen Floßfedern waren mit aſurblauen Sternen beſaͤet. „Ah! wie ſchoͤn iſt dieſer Fiſch! wie praͤchtig!“ riefen wechſelweiſe Simuſtapha und Ilſetilſone. „Fi, fi, fi, fi!“ rief dazwiſchen der Vogel in ſeiner Sprache, und mit einem die Ohren durchdrin⸗ genden Tone. „Der ſchoͤne Vogel hat ein garſtiges Geſchrei!“ ſagte die Prinzeſſinn; er verurſacht mir Kopfweh... Aber wie ſchoͤn iſt dieſer Fiſch! betrachte ſein Auge, er hat etwas zaͤrtliches.“ „Falſch, falſch, falſch, falſch!“ ſchrie der Vogel mit noch ſchneidenderem Tone. „Mein lieber Simuſtapha,“ ſagte die Prinzeſſinn, „wenn dieſer Vogel ein ſo durchdringendes Geſchrei hat, ſo kann ich ihn nicht behalten: dieſer Fiſch iſt mir viel lieber.“ „Schlimm, ſchlimm, ſchlimm, ſchlimm!“ ſchrie der Vogel, ſtaͤts die gellenden Toͤne verſtaͤrkend, die er aus ſeiner kleinen Kehle hervorſtieß. „Oh! der haͤßliche Vogel mit ſeinem ſchoͤnen Gefſie⸗ der! ſagte Ilſetilſone.„Wir haben in unſeren Bä⸗ dern ein Waſſerbehaͤlter, da will ich meinen niedlichen Fiſch hineinſetzen; ich will ihn mit meinen eigenen Simuſtapha und Ilſetilſone. 73 Haͤnden fuͤttern.— Man nennt dich Sultand Du ſollſt mein Sultan ſein.“ „Nein, nein, nein, nein!“ ſchrie abermals der Vogel, außer ſich vor Wuth. Zugleich ſchwang er ſich aus dem Kaͤfig, ſchoß in das Becken nieder, auf die Gefahr darin zu verſinken, und hackte dem Fi⸗ ſche die beiden Augen aus; dann griff er ihm beim Kopf an, ſo daß die Perlen von ſeinem Helmzierat zerſtoben. Der Fiſch vertheidigte ſich, und Ilſetilſone kam ihm zu Huͤlfe; aber der Vogel entſchluͤpfte ihr, flog wieder auf den Fiſch los, und hackte ihn an al⸗ len empfindlichen Stellen des Leibes. Die Prinzeſſinn ergriff den Vogel endlich, und aus Furcht, ihn wie⸗ der entſchluͤpfen zu laßen, druͤckte ſie ihn ſo ſtark in ihren Haͤnden, daß er erſtickte. Dreihundert und vier und vierzigſter Tag. Simuſtapha, der bei dieſem Vorgange zugegen war, wußte nicht, was er von dem Vogel und dem Fiſche denken ſollte. Dieſer kaͤmpfte mit dem Tode; aber das Becken fuͤllte ſich mit Blut, und der Fiſch war nicht mehr zu ſehen. Der Prinz, uͤber dieſes Wunder erſchrocken, rief den Geiſt des Ringes. Die⸗ ſer erſchien ſogleich. 344. Tag. .„Sage mir,“ ſprach Simuſtapha zu ihm,„wo⸗ her koͤmmt die Menge Blut, welche dieſer Fiſch ver⸗ loren hat, und noch verliert?“ 74 „Dieſer Vogel,“ antwortete der Geiſt,„hat euch von einem Menſchen befreiet, der hieher kam, euch zu ermorden: es iſt der Aegypter Nara6s, Mamuks Sohn, der letzte deiner Feinde, der ſich in einen Fiſch verwandelt hatte, und ſich von einem armen Fiſcher fangen laßen, der ihn euch gebracht hat.“ „Trag ihn in eben dieſem Becken,“ ſagte der Prinz,„hin zu der Geiſterkoͤniginn, damit ſie nach Gefallen mit ihm ſchalte.“— Der dienſtbare Geiſt verſchwand auf der Stelle, den Befehl ſeines Herrn zu vollziehen. Simuſtapha hatte hieruͤber noch nicht Zeit gehabt, die Augen auf ſeine Gemahlinn zu richten: er ſah ſie traurig beſchaͤftigt, den Vogel, den ſie getoͤdtet hatte, ins Leben zuruͤck zu rufen; ſie ſuchte ihn an ihrem Bu⸗ ſen wieder zu erwaͤrmen, und ihre Augen waren in Thraͤnen gebadet. „Was fehlt dir denn?“ fragte ſie der Prinz. „Ich bin recht ungluͤcklich!“ antwortete ſie;„ich habe dieſen lieblichen, dieſen trefflichen Vogel getoͤdtet, der ſein Leben fuͤr die Erhaltung des meinen aufop⸗ ferte, und deſſen die Koͤniginn ſich beraubt hat, um ihn der moͤrderiſchen Hand einer Unverſtaͤndigen, Wunderlichen zu uͤberliefern. Ich wage es nicht, vor ———— Simuſtapha und Ilſetilſone. 75 unſerer Wohlthaͤterinn wieder zu erſcheinen. Wie be⸗ klage ich dich, mein lieber Simuſtapha! Die Koͤni⸗ ginn, die Buͤchſe, der Ring, und deine Klugheit koͤnnen dich gegen deine Feinde ſchuͤtzen: wer aber kann dich vor meinem Eigenſinn ſicher ſtellen?“ „Deine verſtaͤndigen Betrachtungen,“ antwortete der Prinz, mehr bewegt von der Betruͤbnis ſeiner Gemahlinn, als von der Gefahr, worin er geſchwebt hatte.„Warum wollteſt du uͤbrigens dir alle Schuld allein beimeſſen? habe ich mir nicht vorzuwerfen, daß ich dir nicht mit meinem Rathe zu Huͤlfe gekom⸗ men bin? Durfte ich, bei unſrer Lage, da wir von gefaͤhrlichen Nachſtellungen bedroht ſind, mein Ohr dem laͤcherlichen Maͤhrchen leihen, welches der Ver⸗ ſchnittene uns von dieſem Fiſch erzaͤhlte? ich, der ich ſchon durch meine eigene Erfahrung gewitzigt worden, da ich mich durch die Schoͤnheit einer Frucht verfuͤh⸗ ren ließ, ſie ſelber in mein Haus zu tragen? Warum verſaͤumte ich, meine Buͤchſe zu befragen, anſtatt mit dir die glaͤnzenden Schuppen des verkappten Ungeheu⸗ ers zu bewundern? Maͤßige deine Betruͤbnis, meine ge⸗ liebte Ilſetilſone, damit ich ſelber in meinen Augen weniger ſchuldig erſcheine. Es iſt meine Pflicht, hin⸗ zugehen und mich der Geiſterkoͤniginn zu Fuͤßen zu werfen, um Verzeihung fuͤr meine ſtrafbare Fahrlaͤ⸗ ßigkeit zu erhalten.“ 76 3444. Tag. „Ihr duͤrft nicht weit danach gehen,“ ſprach Se⸗ telpedur zu ihnen, indem ſie ſich ploͤtzlich den beiden Gatten zeigte; ihr ruͤget ſelber eure Fehler ſo ſtark, daß es grauſam waͤre, ſie euch noch mehr empfinden zu laßen. Umarmet mich beide, und laßt uns ins⸗ kuͤnftige vorſichtiger ſein!“ „Aber dieſer ſchoͤne Vogel!“ ſagte traurig die Prinzeſſinn. „Ich bin ſchon darauf bedacht geweſen,“ ſagte die Koͤniginn; hier ſind die zwei Federn, welche ich zu⸗ ruͤckbehalten hatte, fuͤr den Fall, daß ſein Muth ihn zu ſehr in Gefahr ſtuͤrzen wuͤrde. Fuͤr die Voͤgel der Feen giebt es immer noch Huͤlfe.“ Zu gleicher Zeit nahm Setelpedur das Thierchen, und ſteckte ihm die beiden Federn wieder ein: alsbald ſtand der Vogel wieder auf, er ſpreizte ſeine Fluͤgel, ſchuͤttelte ſie, ſtieß ein Freudengeſchrei aus, und flog im Zimmer umher, indem er ſich wechſelsweiſe, bald auf die Schulter der Fee, bald auf Simuſtapha's Finger, bald auf den Buſen der Prinzeſſinn ſetzte, und dabei in ſeiner Sprache zwitſchernd, ſich des Ver⸗ gnuͤgens der Wiederbelebung erfreute. Dann flog er wieder in ſeinen Kaͤfig, fing an zu freſſen, und ließ darnach den wohllautendſten Geſang hdren. Allgemach kehrte hiemit die Freude in Ilſetilſonens Herz zuruͤck. Simuſtapha und Ilſetilſone. 77 „Meine geliebten Freunde,“ ſprach die Koͤniginn, „wir wollen zuſammen eſſen und einen Theil der Nacht bei einander bleiben; ich darf mich nicht lange von Dſchinniſtan entfernen; und will die Zeit, die ich mich losmachen kann, aufs beßte benutzen. Simuſta⸗ pha wird uns durch DOſchemal und ſeinen kleinen Stummen bedienen laßen; und wir wollen allen Prunk denjenigen uͤberlaßen, die den Werth der Freiheit nicht kennen. Ueberdieß darf ich mich nicht von jedermann ſehen laßen; meine Unterthanen beklagen ſich ſo ſchon, daß ich mich zu viel mit der Welt abgebe; und wir haben nur uͤber Gegenſtaͤnde zu reden, welche Geheim⸗ haltung und Stillſchweigen erfordern.“ Setelpedur ſetzte ſich zwiſchen den beiden Gatten, welche ſie mit Freundlichkeiten und Liebkoſungen uͤber⸗ haͤufte. Sie erzaͤhlte ihnen ihre Rache an dem Schwarzkuͤnſtler Naraés. Sie hatte ihn mit Dan⸗ ßuk, einem ſcheußlichen Geiſt, und Gehuͤlfen und Mitſchuldigen aller Unthaten des Aegypters, binden, und beide in einen Schwefelpfuhl ſtuͤrzen laßen, in welchem ſchon der Vater des Naraés ſein Leben geen⸗ digt hatte. „So ſind die Gefahren vermindert,“ fuͤgte die Kͤniginn hinzu,„aber ihr ſeid noch nicht vor allen geborgen: in demſelben Maaße, wie ich euch von eu⸗ ren Feinden befreie, erweckt meine Theilnahme fuͤr euch, unaufhoͤrlich neue Feinde. 78 344. T a g. Bisher hatte ich nur die natuͤrliche, dem Herzen meiner Unterthanen angeborne Bosheit zu bekaͤmpfen: gegenwaͤrtig ſind auch noch ihre argliſtigen Entwuͤrfe zu vereiteln. Sie vernachlaͤßigen gefliſſentlich meine Befehle, und bruͤten verderbliche Anſchlaͤge: ich werde ſie unterſuchen, und es iſt nicht unmoͤglich, daß aus dieſen finſteren Umtrieben bald ein helles Licht hervor⸗ breche. Ich ſage heute nicht mehr: ich muß vor al⸗ lem auf meine Sicherheit bedacht ſein, und mich uͤber die Gefahren aufklaͤren, welche mich bedrohen. Das wichtigſte fuͤr mich aber iſt, mein theurer Simuſtapha, mich eures Herzens zu verſichern.“ „Es gehoͤrt euch ganz,“ ſagte der Prinz, in der erſten Bewegung, deren er faſt nicht Herr war. „Ich werde niemals die geliebte Ilſetilſone daraus verbannen,“ fuhr Setelpedur fort. „Ich will darin bleiben,“ ſagte die junge Prin⸗ zeſſin,„um es euch vollends zu erobern: vermaͤhlet euch mit Simuſtapha, behauptet euern Thron, und meine Wuͤnſche ſind erfuͤllt.“ 4 „Was ſagt ihr dazu, Prinz?“ fragte die Koͤniginn. „Ich gehre Ilſetilſone'n an; ſie kann nach Gefal⸗ len uͤber mich ſchalten,“ antwortete Simuſtapha. „Bezaubernde Gatten!“ rief Setelpedur aus:„der eine hat mich gelehrt, daß man leidenſchaftlich einen Sterblichen lieben kann; und die andre verſoͤhnt mi mit allen Frauen. Ihr beide gebt mir die Macht des Simuſtapha und Ilſetilſone. 79 Edelmuths in tugendhaften Herzen zu erkennen!— Lebet wohl,“ ſagte ſie, indem ſie aufſtand,„bleibet ſtaͤts gefuͤhlvoll, edel und großmuͤthig; ihr habt mir hier den ſuͤßeſten Genuß gewaͤhrt: kein Misbrauch von meiner Seite ſoll ihn jemals truͤben.“ So verließ ſie Setelpedur, und nahm die Liebe der beiden Gatten mit, die einander nicht minder theuer waren. Dreihundert und fuͤnf und vierzigſter Tag. Wir uͤbergehen hier die Empfindungen der drei Liebenden bei ihrer Trennung, und ihre taͤglichen Be⸗ ſuche, ſo oft Setelpedur ſich von dem Zwange ihres Hofes los machen konnte. Monden verliefen, ohne merkwuͤrdige Ereigniſſe, ohne eine merkliche Veraͤnderung, weder in den Leiden⸗ ſchaften, noch in den Verhaͤltniſſen. Simuſtapha ſah den Kreis ſeiner reizenden Familie zunehmen, die ſich um eine Tochter vermehrt hatte. Er war mit den Staatsangelegenheiten beſchaͤftigt, de⸗ ren Laſt großentheils auf ihm ruhte; und wenn er nicht in Dſchinniſtan Beſuch machte, ſo vergnuͤgte er ſich mit den Leibesuͤbungen der Jagd. Die Vergeſſenheit der Gefahren, denen er entgan⸗ gen war, machte ihn fahrlaͤßig bei den Schlingen, —— 80 345. Ta g. welche ihn bedrohten. Er ſetzte vielleicht zu viel Stolz darin, ſeine Sicherheit nicht ſtaͤts von der Huͤlfe ab⸗ hangen zu laßen, welche er von ſeinem Ring und von ſeiner Buͤchſe erwarten durfte. Bewaffnet mit ſeinem guten Schwert und auf ſeinem ſtolzen Renner ſitzend, liebte er es, ſein Gluͤck der Staͤrke ſeines Arms, ſeinem unbegraͤnzten Muthe anzuvertrauen. Er hatte in den Lehren Benalabs einen Spruch geleſen, der ſeine Ent⸗ ſchloſſenheit noch erhoͤhte:„Was der Menſch durch ſich ſelber ausrichten kann, dazu muß er kein Wunder in Anſpruch nehmen.“ Der Weiſe haͤtte hinzufuͤgen ſollen:„Wenn das Wun⸗ derbare einmal deine eigenthuͤmlichen Kraͤfte verſtaͤrkt hat: ſo laß niemals die Waſſen aus den Haͤnden.“ Aber Benalab hatte nicht alles vorausgeſehen; Bena⸗ lab konnte nicht alles aufſchreiben. Eines Tages, als Simuſtapha auf der Jagd war, ſtieß ihm ein Rothwild auf; er jagte dem nach, es floh mit großer Schnelligkeit, aber das Roß des Prin⸗ zen holte es bald ein; er ſchoß, und das Thier wurde in die Schulter getroffen. Der Wurfſpieß, der durch⸗ hin gefahren war, blieb indeſſen auf eine ſolche Weiſe ſtecken, daß es den Lauf des Thieres nicht hindern konnte, welches nun ſeine Schnelligkeit verdoppelte. Der nachjagende Renner blieb nicht einen Daumbreit dahinter zuruͤck: es war, als wenn ein Blitz dem an⸗ dern folgte. Der Prinz verlor den Athem, aber die 1 4 Simuſtapha und Ilſetilſone. 81 Glut, die ihn beſeelte, verſtaͤrkte ſeine Kraͤfte, und er befand ſich bald weit weg von ſeinen Leuten. Endlich, mit ſinkendem Tage, hielt das Thier an, und verſchwand ploͤtzlich vor Simuſtapha's Blicken; ein wuͤthender Sturm erhub ſich, der Prinz wurde vom Pferde geſtuͤrzt, und lag zu den Fuͤßen eines ſcheußlichen Unthiers. Die Ohren dieſes Ungeheuers hingen ihm uͤber die Bruſt hinab; ſein furchtbares Maul ging von einem Ohr bis zum andern, ſeine Lippen waren zwei dicke Wuͤlſte, und ſtießen an ge⸗ quetſchte Naſenloͤcher, die einen verpeſteten Dampf ausſchnoben. Mitten auf der breiten Stirn hatte er ein Auge, welches den ſinkenden Tag erſetzte, indem es ein duͤſteres Licht verbreitete, aͤhnlich demjenigen, welches aus dem brennenden Schwefel eines Vulkans aufſteigt. Das erſte, was Simuſtapha beim Anblicke dieſes entſetzlichen Geſpenſtes that, war, ſeine Seele zu Gott zu erheben, und Mahomed anzurufen; das zweite, ſich ihm beherzt entgegenzuſtellen. Das Un⸗ gethuͤm ſchien verwundert uͤber dieſe Kuͤhnheit, war aber nicht minder ſeines Sieges uͤber einen einzelnen und faſt wehrloſen Menſchen gewiß. „Elender Muſelmann,“ rief ihm das Geſpenſt zu, „Sklave eines Sklaven! komm her und empfange die Strafe, welche ſchon laͤngſt deinem Lehrer Benalab VI. 6 82 345. Tag. beſtimmt war; komm und leide die gebuͤhrende Zuͤch⸗ tigung fuͤr deinen Hochmuth, daß du dir anmaaßteſt, Geiſtern zu gebieten, deren Befehlen zu gehorchen du nicht wuͤrdig biſt; komm und buͤße hier den Uebermuth, die Ungerechtigkeit und die Grauſamkeit deiner falſchen Koͤniginn Setelpedur gegen den großen Fuͤrſten Bahlis⸗ bull, meinen Herrn: fall und ſtirb, als ſein Opfer und ſein Sklave!“ Bei dieſen Worten ſchwang das widrige Ungeheuer ſeine gewaltige Keule, deren Knoten ſpitzige Diaman⸗ ten waren, und war im Begriff, Simuſtapha zu zer⸗ ſchmettern: der tapfre Prinz aber wich dem Streiche aus, und ſpaltete zugleich mit ſeinem Schwerte das Ungethuͤm vom Scheitel bis zum Guͤrtel. Augenblicklich erklang in Simuſtapha's Ohren ent⸗ ſetzliches Geſchrei und Geheul, welche das Grauen der Finſternis, die ihn umhuͤllte, noch furchterlicher machte. Aber der Sieger des Geſpenſtes konnte da⸗ durch nicht erſchreckt werden; ſein muthiges Roß hatte ſich ihm genaͤhert, und bezeugte durch ſein Gewieher und ſeine Liebkoſungen ſeine Freude uͤber Simuſtapha's Sieg. Das Geheul hoͤrte auf, und die Taͤuſchung verſchwand: aber ungluͤcklicherweiſe ſah ſich der Prinz von Indien noch Gefahren ausgeſetzt, welche weder Taͤuſchung, noch Bezauberung waren. 1d Umgeben von den Schatten der Nacht, hatte Si⸗ muſtapha die Gegenden nicht beachten koͤnnen, welche *½ Simuſtapha und Ilſetilſone. 83 er mit der Schnelligkeit ſeines Renners durchmeſſen, und wußte durchaus nicht, wo er ſich befand: es war ihm unmoͤglich, zu beurtheilen, wie weit er von Bag⸗ dad entfernt waͤre. Ueberdieß von den Anſtrengungen erſchdpft, ſtreckte er ſich auf dem Raſen hin, und erwartete den Aufgang der Morgenroͤthe, welche ihm die Richtung ſeines Ruͤckweges nach Bagdod andeuten konnte. Sein Roß ließ er frei neben ſich weiden. Jetzo fuͤhlte der Prinz die ganze Unvorſichtigkeit, welche er begangen, indem er ſich allein, ohne ſeine Buͤchſe und ohne ſeinen Ring, ſo weit gewagt hatte: aber die Macht, welche ihn zum Sieger des Unge⸗ thuͤms gemacht und ihm die Staͤrke verliehen hatte, ein geiſtiges Weſen mittendurch zu hauen, troͤſtete ihn wieder: er ſchlief ein, unter dem Schutze dieſer Macht, welche vermittelſt des geringſten Urtheilchens der Schoͤpfung die Ausgeburten der Hoͤlle vernichtet. Dreihundert und ſechs und vierzigſter Tag. Simuſtapha war weit entfernt zu glauben, daß er ſich in ſolcher Entfernung von der Prinzeſſinn befaͤnde, daß er Jahre beduͤrfte, um auf gewoͤhnlichem Wege wieder zu ihr zu gelangen: ein maͤchtiger Zauber hatte 1 Fs auf den Gipfel des Berges Kaukaſus ge⸗ uͤhrt. Simuſtapha und Ilſetilſone. 85⁵ pedur durfte den Ort und die Zeit ſo vieler Grauſam⸗ keiten nicht erfahren. Augenblicklich berief der alte Geiſt die in dieſelbe Gegend verbannten Geiſter, welche ihn gleich bei ſei⸗ ner Ankunft als ihr Oberhaupt anerkannt hatten. „Eilet hin,“ ſprach er zu ihnen,„und huͤllet den Prinzen von Indien, den ihr am Abhange des Berges Kaukaſus treffen werdet, in einen dichten Nebel, wel⸗ cher ihn dem geſammten Dſchinniſtan verberge.“ Die Geiſter gehorchten mit Freuden den Befehlen des boshaften Fuͤrſten, und waͤhrend ſie Simuſtapha den Blicken der ihn beſchuͤtzenden Geiſter entzogen, ſah Setelpedur alle Reiterſchaaren von Bagdad im Felde umher zerſtreuet, die Staͤdte, Flecken, Hoͤfe, und Waͤlder durchſtreifen und uͤberall nach ihm forſchen. Der Chalyf ſetzte alles in Bewegung, um einen Schwiegerſohn wiederzufinden, der ſeinem Herzen theu⸗ rer war, als das geliebteſte Kind. Er verbreitete in den Frauen⸗Zimmern das Geruͤcht, daß Simuſtapha, in ſeinem Auftrage, wegen einer geheimen und aͤußerſt wichtigen Angelegenheit ſchleunig haͤtte ahreiſen muͤßen. Sobeide und ihre Tochter mochten dieß fuͤr baare Muͤnze annehmen, aber Setelpedur konnte ſich dadurch nicht taͤuſchen laßen. Die Geiſterkoniginn ſchickte ſogleich ihre thaͤtigſten und erfahrenſten Geiſter aus, welche ſie fuͤr ihre an⸗ haͤnglichſten hielt, um einen Liebling zu retten, deſſen 86 346. Ta g. Untergang ſie insgeheim wuͤnſchten. Die ganze Erde wurde durchlaufen, aber man brachte keine Anzeige zuruͤck, welche die Unruhe der Koͤniginn beſaͤnftigen konnte; ſie hatten zwar den Nebel am Fuße des Kau⸗ kaſus geſehen, aber niemand hatte ſich die Muͤhe ge⸗ geben, ihn zu unterſuchen; Setelpedur war untroͤſtlich. An dem Hofe der Geiſterkoͤniginn befand ſich eine alte Elfinn, namens Bakbak; ſie war eine Men⸗ ſchen⸗Freundinn, und ohne Bosheit: ihr einziger Feh⸗ ler war, daß ſie alles wiſſen wollte, unaufhoͤrlich ſprach, und uͤber alles ſprach. Seit langer Zeit hatte ſie ſich aus dem Divan entfernt, weil darin jeder nur nach der Reihe reden durfte. Sie hatte einen noch ſehr jungen Urneffen, der Dſchaſſel hieß; ſie erzog ihn ſo gut, wie man ein Kind erziehen kann, welches man unaufhoͤrlich vom Morgen bis zum Abend lobt oder tadelt. Dieſe Elfinn hatte weder fuͤr, noch gegen Setel⸗ pedur Partei genommen, um ohne Leidenſchaft ihr Betragen bei allen Gelegenheiten zu beurtheilen. Sie hoͤrte jetzo von den Sendungen nach allen vier Enden der Erde reden, um die Spur des Prinzen von Indien zu entdecken.— „Mach' dich auf,“ ſprach ſie zu Dſchaſſel,„du mußt dir was verſuchen; deine Fluͤgel ſind noch ganz neu, und werden dich ſobald nicht in Stich laßen; eile von einer Seite zur andern, ſchwebe auf den v Simuſtapha und Ilſetilſone. 87 Hoͤhen umher, ſo kannſt du deſto weiter ſchauen; ſtreife nahe an der Erde hin, und bringe mir Neuig⸗ keiten; hdre im Vorbeifliegen auf die Menſchen; ſie wiſſen nicht, was ſie ſagen, aber ein Geiſt muß aus allem Vortheil zu ziehen wiſſen. Darnach komm und erzaͤhle mir alles, was du geſehen und gehoͤrt haſt; und wenn ich mit dir zufrieden bin, will ich dich noch ein Geheimnis lehren, der Elfinn zu gefallen, welche du am meiſten liebſt. Komm her, ich will einen Bal⸗ ſam auf deine Fluͤgel ſtreichen, wodurch du viermal geſchwinder fliegen kannſt, als die Anderen. Dſchaſſel flog mit den anderen Geiſtern hinweg, vergnuͤgt, ſeine neuen Fluͤgel zu verſuchen. Er ſchwang ſich uͤber Alle empor, und ſah, wie ſie ſich zur Erfuͤllung ihres Auftrags theilten. Keiner von ihnen naͤherte ſich der Erde genugſam, um alles ge⸗ nau zu erſpaͤhen; ſie ließen ſich nieder, um ſich aus⸗ zuruhen; ſie naͤherten ſich den Menſchen, um ihnen einige Streiche zu ſpielen: aber keiner ſuchte etwas auszuforſchen. Der Zufall fuͤhrte Dſchaſſel auf die Bahn derjeni⸗ gen, die den Kaukaſus durchſpaͤhen ſollten. Er be⸗ merkte den Nebel; er wollte hindurch blicken, aber der Schleier war fuͤr ſeine noch ungeuͤbten Augen zu dicht: die Abgeſandten Setelpedurs ſchwebten weit daruͤber hin, ohne es zu unterſuchen. Er entdeckte 88 346. 347. Tag. endlich am Fuße des Berges Leute, die mit einander ſprachen, und hielt an, ſie zu behorchen. „Das iſt,“ ſagten ſie,„ein recht dichter, ein recht giftiger Nebel! Wie hat der nur aus dem Sande aufſteigen koͤnnen, wo es keinen Tropfen Waſſer giebt? Das iſt eine ſehr außerordentliche Er⸗ ſcheinung; da ſteckt gewiß etwas Boͤſes dahinter, es iſt ein Vorzeichen von Unheil!“ Dſchaſſel nahm im Voruͤberfliegen dieſe kleine Beob⸗ achtung mit, und verfolgte ſeinen Weg; er vermehrte ſie hie und da mit anderen unbedeutenden Umſtaͤnden, um ſeiner alten Großmuhme etwas erzaͤhlen zu koͤnnen; * denn das ihm verheißene Geheimnis lag ihm ſehr am Herzen. Als er nun die Boten Setelpedurs zuruͤckkeh⸗ ten ſah, flog er auch heim zu Bakbak, und gab ge⸗ treuere Rechenſchaft von ſeiner Fahrt, als jene von der ihrigen vor ihrer Koͤniginn ablegten. Dreihundert und ſieben und vierzigſter Tag. Die Elfinn erwog alle Umſtaͤnde, und ſagte dann: „So werden jetzo die Angelegenheiten unſrer Koͤniginn betrieben, ſeitdem ſie ſich die Liebe in den Kopf ge⸗ ſetzt hatl Iſt es denn aber ein ſo großer Feh⸗ lerd ich glaube, ich ſelber wuͤrde ihn mir verzeihen ... Aber nein, nein, nein,... einen Menſchen! Simuſtapha und Ilſetilſone. 89 fi, einen Menſchen!.. Zwar, es giebt einen und den andern darunter— Aber, Dſchaſſel, ſagteſt du mir nicht, daß jene Landleute von dem dichten Nebel als von einer Erſcheinung ſprachen, hinter wel⸗ cher etwas Boͤſes ſtaͤke? Ich will es unſrer Koͤniginn melden.“ Und auf der Stelle trabte die Alte hin, Setelpe⸗ dur die Entdeckungen, welche der junge Elfe auf ſei⸗ ner Reiſe gemacht hatte, mitzutheilen. Die Koͤniginn hoͤrte ſie geduldig an. Als ſie aber aus dem Geſchwaͤtze der alten Bakbak die Nachlaͤßig⸗ keit ihrer Boten erkannte, argwoͤhnte ſie mit Recht eine Liſt, und der Nebel ward ihr verdaͤchtig. Sie ruͤſtete ſich ſogleich mit ihrer ganzen Macht und mit allen ihr zu Gebote iſtehenden Mitteln: wenn gleich ein großer Theil ihrer Unterthanen ſie verrathen hatte, ſo blieb ſie doch immer fuͤr ſie, ſo wie fuͤr die Ele⸗ mente, die Enkelinn Kokopileſobehs. Der Chalyf ſeinerſeits, beunruhigt durch alle ver⸗ geblichen Nachforſchungen, welche er hatte anſtellen laßen, mochte jedoch ſeine Befuͤrchtungen Sobeide'n und ſeiner Tochter noch nicht mittheilen, und benutzte das jaͤhrliche Haraphat⸗Feſt,*) um feierlicher als gewoͤhn⸗ *) Haraphar heißt ein Berg in Arabien, auf welchem die Wallfahrer von Mekka gewöhnlich Opfer darbringen: man ſchlachtet die Thiere, und ſtürzt ſie hinab. 347. Tag. lich die Opfer darzubringen, durch welche man die Gunſt des Himmels und den beſondern Schutz des großen Propheten auf die frommen Muſelmaͤnner her⸗ abzuziehen trachtet. Harun, umgeben von dem Mufti und den hoͤchſten Beamten des Gottesdienſtes, ſchlach⸗ tete eigenhaͤndig zwei gelbe junge Kuͤhe von funfzehn Monaten, und zwei Haͤmmel von der groͤßten Art.*) Er begleitete dieſe Handlung der Andacht mit den hei⸗ ßeſten Gebeten fuͤr das Leben und die Wiederkehr Si⸗ muſtapha's; das Volk ſtimmte durch ſeine Wuͤnſche darin ein. Unterdeſſen wohnte Traurigkeit in dem Palaſt. Sobeide verbarg ihrer Tochter den Kummer, welcher ſie verzehrte, und die Prinzeſſinn ſelber war einſam und troſtlos; die Geiſterkoͤniginn beſuchte ſie nicht mehr; ſie ſah ſich nur von trauernden Geſichtern umgeben; Thraͤnen entfloſſen aller Augen, und Namuna ſchluchzte laut. Ilſetilſone widerſtand nun auch nicht laͤnger, ſie ließ ſich auf ein Sopha ſinken, und brach in Weh⸗ klagen aus. „Ruhe! Ruhe! Ruhe!“ rief da der kleine Vogel.. „Ruhe?“ ſagte ſie darauf.„Ach! es giebt keine mehr fuͤr mich: Simuſtapha iſt todt!“ *) Die Fettſchwänze dieſer Hämmel wiegen bis auf funfztg Pfund. Simuſtapha und Ilſetilſone. 91 „Nein! nein! nein!“ rief abermals der Vogel. „Wie, mein Voͤgelchen, er ſollte nicht todt ſein? Lebt er noch fuͤr mich? werde ich ihn widerſehen?“— „Ja! ja! 1a 1 ⸗— „Wann wird denn der gluͤckliche Augenblick kom⸗ men? ſag' es mir!“— „Bald! bald! bald!“— „Wie ſehr du mich beruhigeſt!— Weine doch nicht mehr, meine gute Namuna, wir werden Simu⸗ ſtapha wiederſehen.“ 4 Hierauf nahm ſie ihren niedlichen Vogel und lieb⸗ koſte ihm:„du giebſt mir das Leben wieder, liebſter Vogel,“ ſprach ſie zu ihm,„und ich hatte alles ge⸗ than, dir das Deine zu rauben; kann ich es mir je verzeihen?“ Es iſt wohl zu bemerken, daß bei aller Unruhe der Prinzeſſinn doch niemals ein Gedanke von Eifer⸗ ſucht ſich einmiſchte: ſie hatte waͤhrend der Abweſenheit ihres Geliebten die Geiſterkoͤniginn nicht geſehen, und es fiel ihr nicht ein, das ſie faͤhig waͤre, ihr ihren Gatten zu entfuͤhren. Sobeide war in dieſer Hinſicht nicht ſo ruhig, ſie wollte aber ihre Befuͤrchtungen nicht mittheilen. Den Chalyfen anlangend, ſo war er durch ſeine und ſeines Schwiegerſohns Religion beruhigt. Der Stern der ſieben Meere erreichte bald den Gip⸗ fel des Berges Kaukaſus: ſie bemerkte den Nebel, das Werk des boshaften Bahlisbull. Der Wind, den ſie 92² 347. Ta g. erregte, zerſtreute auf einmal dieſe Duͤnſte, und ſie er⸗ blickte endlich den Abgott ihres Herzens, bleich, abge⸗ mattet, niedergeſchlagen, und in einem Zuſtande, wel⸗ cher auch das unempfindlichſte Herz geruͤhrt haͤtte. Seit zehn Tagen irrte Simuſtapha in graunvollen Einoͤden umher, und konnte ſeinen Weg nur nach den Geſtirnen richten; er wußte nicht, in welcher Gegend der Erde er ſich befand; er durchwuͤhlte ſie mit ſeinem Saͤbel, um ſich einige Wurzeln auszugraben, oder kletterte auf die Baͤume, um ſich wilde und unbekannte Fruͤchte abzubrechen, und befreite ſich ſo von dem quaͤ⸗ lenden Hunger. Er ritt den ganzen Tag hindurch, und beſchleunigte durch ſeine Ungeduld noch die ſeines braven Renners; eine unermeßliche Wuͤſte hatte er zu⸗ ruͤckgelegt, da lag wieder eine andere graͤnzenlos vor ihm; Nachts ſchlief er auf der Erde, und am Tage kaͤmpfte er mit den Beſchwerden und Einfluͤſſen eines rrennenden und wuͤſten Himmelſtrichs. Von ſo viel Muͤhſeligkeiten ermattet, hielt der Indi⸗ ſche Prinz bei einer Quelle an, um dort ſeine bren⸗ nenden Lippen zu laben; er wollte ſich eben uͤber dem Bache niederbuͤcken, als ploͤtzlich aus dem nahen Walde ein Loͤwe hervorkam, und auf den Renner des Helden losſtuͤrzte. Simuſtapha zog alsbald ſein Schwert und ſpaltete mit dem erſten Streiche den Schädel des Ld⸗ wen, daß er todt zu ſeinen Fuͤßen ſtuͤrzte. Das Pferd ſprang vor Freuden; aber der Prinz von dieſer letzten Simuſtapha und Ilſetilſone. 93 Anſtrengnug erſchoͤpft, ſank leblos auf den Raſen nie⸗ der: und in dieſem Zuſtande erblickte ihn die Koͤniginn. Dreihundert und acht und vierzigſter Tag. Beim Anblicke der Gefahren, welchen der Prinz von Indien durch dielboshaften Zaubereien Bahlisbulls ausge⸗ ſetzt geweſen, wollte Setelpedur von Rache und Liebe beſeelt, beide Leidenſchaften zugleich befriedigen: jedoch uͤberwaͤltigte ſie die letzte; ſie ſtuͤrtzte zu dem Prinzen hin auf den Boden, und die innigſten Liebkoſungen rie⸗ fen denjenigen wieder ins Leben, den ſchon die Schatten des Todes zu umhuͤllen ſchienen. Sie belebte den Geliebten allein durch die Beweiſe ihrer Zaͤrtlichkeit, und wandte keinen andern Zauber an, als den der Liebe. Bald ſah ſie dieſe Augen wien der glaͤnzen, deren Licht ſie uͤber alle die ſtrahlenden WVeſen ſchaͤtzte, von welchen ſie beſtaͤndig umringt war; ſie bemuͤhte ſich, ſie noch mehr zu beleben, um ihre Wonne noch zu erhoͤhen. Sprache und Beſinnung kehrten Simuſtapha wieder: er ſah ſich in den Armen derjenigen, die er einige Augenblicke zuvor vergeblich angerufen, weil er die Mittel vernachlaͤßiget hatte, ſich mit ihr in ſtaͤter Verbindung zu erhalten: ſein ſchweres Athmen vergoͤnnte ihm noch nicht, den Aus⸗ 94 348. Tag. druck ſeiner Erkenntlichkeit uͤber ſeine Lippen zu brin⸗ gen. „Ich verſtehe euch genugſam,“ ſagte die gefuͤhl⸗ wvolle Koͤniginn;„aber laßt uns gegenwaͤrtig nur an die Herſtellung eurer Kraͤfte und eurer Geſundheit denken.“ Mit dieſen Worten ſtand ſie auf: der naͤchſte Baum bot ihr eine Ruthe dar, ſie zog damit einen Kreis um Simuſtapha, die zu ihrer Bezauberung noͤthigen Kraͤu⸗ ter waren bei der Hand, und die Worte, welche ſie daruͤber ausſprach, erſetzten die ihnen etwa abgehenden Kraͤfte. Augenblicklich verſpuͤrte der indiſche Prinz eine heilſame Umwandlung; bald darnach hatte er all ſeine Kraͤfte wieder erlangt; er ſtand auf, und kuͤßte mit Inbrunſt die wohlthaͤtigen Haͤnde, denen er eine ſo er⸗ wuͤnſchte Huͤlfe verdankte: alle Empfindungen ſeines Herzens moͤchten ſich gern auf einmal Luft machen, ſie ſtroͤmten in Verwirrung uͤber, und waren derjenigen, an die ſie gerichtet waren, nur um ſo ſuͤßer. Aber zu gleicher Zeit bezeigte er die lebhafteſte Unruhe in be⸗ treff Ilſetilſonens. „Beruhiget euch, mein geliebter Simuſtapha,“ ſagte Setelpedur zu ihm;„ich habe mich, ſeitdem ihr in Gefahr ſchwebt, nur mit euch allein beſchaͤfti⸗ gen koͤnnen; wenn ich mich zu weit von meinem Pa⸗ laſt entfernte, ſo mußte ich befuͤrchten, Raͤnke ihr We⸗ ſen treiben zu laßen, welche euren Feinden Vorſchub —— Simuſtapha und Ilſetilſone. 95 leiſten konnten. Weil uͤbrigens eure Gattinn faſt immer bei ihrer Mutter iſt, ſo habe ich mich begnuͤgt, bei ihr ein verſtaͤndiges Weſen zu laßen, welches gewiß nicht ermangelt hat, ſie zu troͤſten; das iſt mein kleiner Vogel: ſein Rath iſt nie laͤſtig, denn er ſpricht nie mehr als ein Wort, und dieſes Wort iſt Wahrheit. Ge⸗ genwaͤrtig habt ihr euch erholt, und wir koͤnnen uns nach meinem Palaſt begeben; ihr muͤßt nach der lan⸗ gen Entbehrung, zu welcher ihr hier gezwungen ſeid, Nahrung beduͤrfen; darnach will ich euch zu eurer lie⸗ benswuͤrdigen Gattinn bringen.“ Hierauf befahl die Koͤniginn ihrem Wagen, ſich der Erde zu naͤhern: drei mit allen Farben des Regen⸗ bogens ſchillernde Wolken ſenkten ſich hernieder, und bildeten zwei Sitze, welche bequemer waren, als nur ir⸗ gend ein Sopha erdacht werden kann. Setelpedur und der Prinz ſetzten ſich hinein. Er war wegen ſeines Roſſes beſorgt; aber ſeine Sorge war ſchon zuvor be⸗ dacht und beſeitigt, er ſah ſein Roß von goldigen Fluͤ⸗ geln beſchwingt: ſich in die Luͤfte empor heben, und neben dem aͤtheriſchen Sitze dahin fliegen, auf welchem das liebende Paar nach Oſchinniſtan ſchwebte. Unterweges wollte Simuſtapha ſeine Abenteuer er⸗ zaͤhlen. Setelpedur unterbrach ihn: „Laßt uns jetzo die Schlingen vergeſſen, welche man euch gelegt hat; ich kenne ihre ganze Schwaͤrze; die Bosheit eurer Feinde, und die Qualen, welche ſie 95 348. Ta g. euch verurſacht haben, ſind mir nicht unbekannt: aber wir ſind hier, mein geliebter Simuſtapha, mitten in der erhabenen Natur, und ich wuͤrde das Geluͤbde thun, hier immerdar mit euch zu bleiben, wenn ich dadurch nicht zwei Herzen verletzte, deren Gluͤckſeligkeit mir eben ſo werth iſt, als die meinige: redet von eurer Liebe mit mir, und laßt uns der Treuloſigkeiten ver⸗ geſſen, welche an uns veruͤbt worden, und ſelbſt unſe⸗ rer Rache.“. „Und was vergaͤße man nicht,“ ſagte der Prinz, von Liebe entzuͤckt,„bei dem allerſchoͤnſten Weſen, ſo es unter dem Himmel giebt, die ſich begnuͤgt geliebt zu werden, waͤhrend ſie Altaͤre verdiente, die nur thaͤ⸗ tig iſt, um gefaͤllig zu ſein, die alle Opfer auf ſich nimmt?“ Die Wolken hielten in der Vorhalle des Palaſts an. Simuſtapha wurde darin mit allerlei Saͤften un- ter den reizendſten Formen und den lieblichſten Farben bedient; der Magen wurde dadurch geſtaͤrkt, ohne ſich zu beladen, und verkuͤndigte die Wiederkehr der no⸗ thigen Eßluſt. „Laßt uns aufbrechen,“ ſprach Setelpedur,„und bei unſrer geliebten Ilſetilſone zur Nacht ſpeiſen; wir wol⸗ len ihr von dieſen Gerichten mitbringen, es ſoll mir eine Freude ſein, ihr den Genuß derſelben zu verſchaf⸗ fen: ich habe nichts, was ich nicht mit ihr theilen Simuſtapha und Ilſetilſone. 97 moͤchte, und willig wuͤrde ich meine Macht hinzufuͦ⸗ gen, wenn ich mehr Werth darauf legte.“ „Laßt uns hin reiſen,“ erwiederte Simuſtapha;„aber zuvor muͤßt ihr mir ſagen, warum ihr eine Macht herab⸗ ſetzet, welche euch ſo viele Freuden gewaͤhrt? „Wir wollen erſt unſern Wagen beſteigen,“ antwor⸗ tete die Koͤniginn,„das laͤßt ſich nur ins Ohr fluͤ⸗ ſtern:... Es geſchieht, weil ſie mich hindert, mich mit einem Menſchen zu vermaͤhlen, den ich leidenſchaft⸗ lich liebe. Dreihundert und neun und vierzigſter Tag. Die Ankunft des Prinzen und der Fee wurde auch in dem Palaſt zuvor verkuͤndigt; der niedliche Vogel uͤber⸗ nahm dieſes Amt. Sobeide hatte ſo eben das Gemach ihrer Tochter verlaßen, als das reizende Thier anfing zu ſchreien:„Simuſtapha!“— „Simuſtapha!“ wiederholte Namuna. „Was ſagſt du, mein Voͤgelchen?“ fragte die Prin⸗ zeſſinn. Aber der kleine Schwaͤtzer antwortete nichts ande⸗ res, als:„Simuſtapha! Simuſtapha!“ VI. 7 98 349. Tag. „Wo, von welcher Seite?“ fragte Namuna, indem ſie, wie wahnſinnig, nach der Thuͤre lief, welche nach dem Eingange des Palaſtes fuͤhrte. Unterdeſſen war die von dem Vogel angemeldete Ge⸗ ſellſchaft ſchon durch das Fenſter angelangt. Simu⸗ ſtapha lag in Ilſetilſonens Armen, die ihn mit Thraͤnen und Kuͤſſen bedeckte; zugleich umarmte ſie die Geiſter⸗ koͤniginn, und der kleine Vogel ſchlug mit den Fluͤgeln, und ſchrie dazwiſchen:„Schoͤn! ſchoͤn! ſchoͤn!“ 8 Namuna, die einen vergeblichen Gang gemacht hatte, kam bald, von dem Geraͤuſch angezogen, zuruͤck, und horchte hinter der Thuͤre. „Komm herein, gute Alte!“ ſagte Setelpedur zu ihr, eben nicht von ihrer Neugier uͤberraſcht:„du biſt neugierig, mich zu ſehen?!“— „Ja, Herrinn, ich ſehe daß ihr eben ſo gut, als ſchoͤn ſeid.“— „Du biſt ſehr guͤtig, Namuna, und ich wuͤnſche, dir wohlzuthun.“—. „Ach! Herrinn, das waͤre euch ſehr leicht, euch, die ihr alles koͤnnet: verjuͤnget mich!“ „Fch will dir einen beſſern Dienſt leiſten, naͤmlich, dir ſtaͤte gute Geſundheit wuͤnſchen; und mein kleiner Vogel wird dich das Geheimnis dazu lehren.“ „Schlaf! ſchlaf! ſchlaf!“ ſprach der Vogel.— „Ich bin eben ſo klug, als er,“ ſagte Namunga; „gleichwohl, Herrinn, bin ich keine Hexe.“— Simnſtapha und Ilſetilſone. 99 „Aber wenn ich dir einen Schlaftrunk ſchenkte, der dir die Friſche der Jugend wiedergaͤbe?“ „Gebet mir nur den hundertſten Theil der eurigen, Herrinn, und ich werde mich ſchoͤner duͤnken, als der Mond am vierzehnten Tage.“ „Still, Namuna, ſchweig: du haſt Luſt zu ſcherzen. Ich aber will dir mehr Anmuth verleihen, als du je⸗ mals gehabt haſt; du ſollſt Gruͤbchen in den Wangen vuber einen reizenden Wuchs, und einen niedlichen uß. „Tauſend Dank, Herrinn.“— Ilſetilſone entließ ihre Hofmeiſterinn; das Mahl war geendigt, und die Geiſterkoͤniginn kehrte nach Dſchinni⸗ ſtan zuruͤck. Simuſtapha war in den Palaſt heimgekommen, nach⸗ dem der Chalyf ſich ſchon in ſeine Zimmer begeben hatte, und man verſchob die gute Neuigkeit, die man ihm zu bringen hatte, bis morgen. Indeſſen hatte ſich die Freude ſchon durch die ganze Wohnung des Prinzen voeerbreitet: die Verſchnittenen weckten alle Sclaven, die ſoglaich aufſtanden, und ſich von Namuna alles erzaͤh⸗ len ließen, was ſie geſehen hatte: alle uͤberließen ſich dem Entzuͤcken der Freude; und dieſe war ſo ſtark, daß ſie äne gluͤckliche Umwandlung in den Sprachwerkzeu⸗ gen des kleinen Stummen hervorbrachte, und ihm die Sproche wiedergab. 100 349. Tag. Sobald der Chalyf die Augen gedffnet hatte, lag Simuſtapha zu ſeinen Fuͤßen: beide uberhaͤuften ſich ge⸗ genſeitig mit Liebkoſungen. Harun ließ auf der Stelle Sobeiden eine Neuigkeit mittheilen, welche ſo wichtig fuͤr ihre Ruhe und fuͤr ihr Gluͤck war. Alsbald ſtanden die Muͤeßins*) auf den Minaret⸗ thuͤrmen und riefen das Volk in die Moſcheen. Fuͤr dieſe Gnade mußte dem Allmaͤchtigen und ſeinem großen Propheten Dank dargebracht werden: das Reich der Mufelmaͤnner hatte denjenigen wiedererlangt, dem es all ſeinen Glanz verdankte. Erlaßung von Abgaben, Spendung von Almoſen, Befreiung der Gefangenen, der Schall der Kriegsin⸗ ſtrumente, und kriegeriſche Feſte beſchloſſen die Freuden⸗ bezeugungen des Beherrſchers der Glaͤubigen, und er⸗ hoͤhten die Freude des Volks, das endlich ſeinen Helden wiederſah. Simuſtapha theilte den Seinigen die Abenteuer mit, welche ihn ſo ungluͤcklicherweiſe von Bagdad verlockt hatten; er geſtand ſein Unrecht, die uͤbernatuͤrlichen Mit⸗ tel, womit ſeine Beſchuͤtzerinn und der Perſiſche Weiſe ihn ausgeruͤſtet, vernachlaͤſſigt zu haben, und er er⸗ zaͤhlte, auf welche Weiſe die wohlthaͤtige Fee ihn aus den Schlingen, worin er durch ſeine Unvorſichtigkeit — *) Was bei uns die Thuͤrmer: ſie rufen, in Ermangelurg der Uhren, die Stunden aus, beſonders zum Gebet. 8 Simuſtapha und Ilſetilſone. 101 gefallen war, gerettet hatte: er verweilte bei den ge⸗ ringſten Umſtaͤnden, und ſprach davon mit einem Feuer, welches Sobeide'n beunruhigte. Sie ergriff den erſten gelegenen Augenblick, mit ih⸗ rer Tochter davon zu reden: „Fuͤhlſt du keine Unruhe,“ ſprach ſie zu ihr,„uͤber die Anhaͤnglichkeit, welche die Geiſterkoͤniginn fuͤr deinen Gatten hegt, und uͤber die unmaͤßige Dankbarkeit, von welcher er durchdrungen ſcheint?““? „Ich, liebe Mutter!“ erwiederte Ilſetilſone;„ich ſollte auf die Huld eiferſuͤchtig ſein, womit die Koͤniginn uns uͤberſchuͤttet!— Ah! wenn ſie, abgeſehen von ih⸗ rer Macht und ihren liebenswuͤrdigen Eigenſchaften, in meinen Augen nur das Verdienſt haͤtte, Simuſtapha's Werth zu erkennen, ſo wuͤrde ſie ſchon der Abgott mei⸗ nes Herzens ſein: gabe es nur einen einzigen Stern am Himmel, der von den Reizen und Tugenden meines Gatten bezaubert waͤre, er wuͤrde meine Sonne werden. „Entweder hat die Liebe auf meine Tochter eine ganz eigene Wirkung,“ ſagte Sobeide fuͤr ſich,„oder ſie artet viel weniger nach mir, als nach ihrem Vater; denn ich, an ihrer Stelle, wuͤrde nicht ſo zufrieden ſein.“ — 350. T a g. Dreihundert und funfzigſter Tag. Der Chalyf hatte die letzten Abenteuer Simuſta⸗ pha's mit großer Aufmerkſamkeit angehoͤrt; er ließ ſich auch alle die vorhergehenden wiederholen, ſeit der Ver⸗ maͤhlung des Prinzen mit ſeiner Tochter, und befahl ſie aufzuzeichnen und in ſeinem Archio niederzulegen. 1 Der Prinz von Indien nahm ſeine Stelle im gehei⸗ men Rathe des Chalyfen und im Divan wieder ein; er verband, wie zuvor, mit ſeinen gewoͤhnlichen Ge⸗ ſchaͤften das ſuͤße Vergnuͤgen, die liebenswuͤrdige Feen⸗ königinn zu beſuchen, und ihr ſeine Huldigungen darzu⸗ bringen. Dieſe empfing niemals den Beſuch des Paa⸗ res, ohne ihn in der folgenden Nacht zu erwiedern, und war unablaͤſſig darauf bedacht, ſie mit neuen Gunſt⸗ bezeugungen zu äberſchuͤtten. Sie wuͤnſchte, daß Ilſe⸗ tilſone etliche Tage bei ihr in ihrem Palaſte bliebe; dazu bedurfte es der Einwilligung des Chalyfen, wel⸗ cher ſie mit Freuden gab. Harun wollte aber ſeine Tochter, die mit Geſchenken der Feenkoͤniginn uͤberhaͤuft war, nicht mit leeren Haͤn⸗ den vor ihr erſcheinen laßen; er wollte eben ſo wenig, daß ſie von ſeinem Hofe auf uͤbernatuͤrliche Weiſe ver⸗ ſchwaͤnde, was das Volk beunruhigt, und ihm uͤber Dinge die Augen eroͤffnet haͤtte, deren Unwiſſenheit ihm ohne Zweifel heilſam war. Der Chalyf befahl alſo, ſeine Schaͤtze fuͤr Simuſtapha aufzuthun, und zugleich 102 Simuſtapha und Ilſetilſone. 103 alle noͤthigen Anſtalten zur Abreiſe ſeiner Tochter zu machen, welche die ſchoͤne Jahreszeit in Kaſſer⸗il⸗Ha⸗ rais, ſeinem Luſtſchloſſe, drei Tagereiſen von Bagdad, zubringen ſollte. Kaſſer⸗il⸗Harais iſt ein praͤchtiges Schloß an den Ufern des Fluſſes Addſchala, zu welchem der große Prophet den erſten Grundſtein legte. Die Hauptſeite nach dem Garten hatte dreihundert fuͤnf und ſechzig Fenſter; das Aeußere war mit Alabaſter und morgen⸗ laͤndiſchem Marmor bekleidet, oben mit Kranzleiſten vom koſtbarſten Jaspis geſchmuͤckt; die Thuͤren von Aloë⸗ und Sandel⸗Holz drehten ſich in goldenen Angeln. Innen war der Boden und die Decke mit Roſenholz getaͤfelt; die Schoͤnheit des Geraͤths, und der Reichthum der Einrichtung war mit nichts zu vergleichen: Rubi⸗ nen, Smaragden, Topaſen waren dabei verſchwendet. Mahomed begann und vollendete dieſes praͤchtige Ge⸗ baͤude bei Gelegenheit der Vermaͤhlung ſeiner Tochter Fatme mit Omar⸗Jlalab. In den letzten Tagen ſeines Wohnens auf Erden, begab der große Prophet ſich haͤuſig nach dieſem Palaſt, um daſelbſt, vermittelſt des Engels Gabriel, die Eingebungen von oben zu vernehmen. Die Feder, womit er die zwoͤlf letzten Hauptſtuͤcke des Korans geſchrieben, wird noch daſelbſt in einer mit Diamanten geſchmuͤckten Buͤchſe von Berg⸗ kryſtall aufbewahrt. 104 350. Tag. Der zu dieſem Luſtſchloſſe gehdrige Garten uͤbertraf an Schoͤnheit alle uͤbrigen auf Erden. In dieſem Wohn⸗ ſitze ſtaͤter Segnungen war die Luft beſtaͤndig rein; kein Woͤlkchen verdunkelte die Sonne. Die Baͤume ſtan⸗ den hier in ewiger Jugend, wurden nimmer von aͤtzen⸗ dem Mooſe verzehrt, und Schmarotzerpflanzen beraub⸗ ten ihre Zweige nicht der Fuͤlle ihrer Saͤfte; die Blaͤt⸗ ter, Bluͤten und Fruͤchte theilten die Unſterblichkeit ih⸗ rer Staͤmme, und erneuten ſich unaufhoͤrlich, ohne ab⸗ zufallen, noch zu vertrocknen. Die Duͤfte, welche die Blumen aushauchten, erſchoͤpften nimmer ihre Kelche, ſie durchbalſamten die Luft, und waren vor allem ſchaͤd⸗ lichen Gewuͤrm, und giftigen kriechenden Gethier gebor⸗ en: heilkraͤftige Gewaͤſſer erhielten ſtaͤte Friſche und Fruchtbarkeit in dieſem paradieſiſchen Aufenthalte. Voͤgel, mit dem glaͤnzendſten Gefieder geſchmuͤckt, ließen hier ihre wohllautenden Stimmen hoͤren. End⸗ lich, was ſo vielen Wundern die Krone aufſetzte, alles dies wechſelte taͤglich ab, ohne Verwirrung fuͤr die Landſchaft, ohne Stoͤrung in den Gebilden. Der Eintritt dieſes Gartens war jedem andern ver⸗ ſagt, außer dem rechtmaͤßigen Nachfolger Mahomeds und ſeinem Geſchlechte: waͤre ein Ungeweihter hinein⸗ getreten, ſo wuͤrde er nur eine furchtbare Wuͤſte erblickt, und das Gebruͤll reißender Thiere ihn daraus vertrie⸗ ben haben.. —.,— Simuſtapha und Ilſetilſone. 105 Nach dieſem Orte ſollten Simuſtapha und ſeine Ge⸗ mahlinn ſich begeben; ſie hatten hier volle Freiheit, die Geiſterkoͤniginn zu beſuchen, ohne von dem Palaſt ent⸗ fernt zu ſcheinen: man konnte ſie hier mit den Ver⸗ gnuͤgungen des praͤchtigen Gartens beſchaͤftigt, mit himm⸗ liſcher Nahrung geſpeiſt und getraͤnkt waͤhnen. Setelpedur beſchaͤftigte ſich mit den Anſtalten zu dem Empfange der beiden Geliebten in Oſchinniſtan: aber ſie hatte Grund zu fuͤrchten, daß Bahlisbull die gluͤck⸗ lichen Augenblicke ſtoͤren koͤnnte, welche ſie ihnen hier zu bereiten wuͤnſchte. Dieſes Ungeheuer war freilich ge⸗ ſtuͤrzt, und in den entlegenſten Wuͤſten Oberaegyptens; aber ſie hatte ihn nicht ſeiner ganzen Macht berauben koͤnnen: er war ein geborner Fuͤrſt, und erfreute ſich uͤberall, wie unwuͤrdig er derſelben auch war, der Vor⸗ rechte ſeiner erlauchten Abkunft. Dreihundert und ein und funfzigſter Tag. Oberaegypten war mit boshaften Geiſtern bevoͤlkert, welche ein Auswurf Oſchinniſtans, und ein Abſcheu des Himmels und der Erde waren: ſie hatten ſich mit Freuden unter den Befehlen eines zum Herrſchen ge⸗ ſchaffenen Geiſtes verſammelt. Die erſte Unternehmung, welche ſie, kraft ſeiner Befehle, auf dem Berge Kau⸗ kaſus ausgefuͤhrt, war freilich nicht gluͤcklich ausge⸗ 106 351. TC a g. ſchlagen: aber ſie wuͤrden ſelbſt durch eine vollſtaͤn⸗ dige Niederlage nicht entmuthigt ſein; die Wuth hielt ſie empor, und verblendete ſie uͤber alle Gefahren. Geſchaffen zur Thaͤtigkeit, waren ſie ſelbſt durch ihre Natur gezwungen, ſtaͤts etwas neues zu unternehmen. Setelpedur kannte wohl die neuen Huͤlfsquellen ih⸗ res Feindes, und ſuchte ihm eine Schlinge zu legen, in welcher er ſich ſelber fangen ſollte. Sie ließ die Duͤrre der verfluchten Gegend, welche Bahlisbull zu ſeinem Aufenthalte gewaͤhlt hatte, verdoppeln; dies zwang ihn, ſie zu verlaßen: er begab ſich von hier nach einem an⸗ dern Ort, der aber noch duͤrrer war, und nirgends fand er Ruhe. Endlich erblickte er ein wenig gruͤnen Raſen im Schat⸗ ten einer Granitſaͤule, die ihm vor den brennenden Strah⸗ len der Sonne Schutz bot; er naͤherte ſich und ſetzte ſich. Sechs Fuß uͤber der Erde, am Fuße eines Denk⸗ nade⸗ ſah er eine Hieroglyphe, und bemuͤhte ſich, ſie zu leſen: „Saͤule, vollzieh den Befehl der Koͤni⸗ ginn Setelpedur!“ Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als eine Eiſenkette ihm den Leib umſchlang, und ihn an der Saͤule feſſelte. Die Wuſte erſcholl alsbald von ſeinem Gebruͤlle; die Ungeheuer, welche ſie bewohnten, wurden dadurch aufgeſchreckt und genoͤthigt, ihre Schlupfwinkel Simuſtapha und Ilſetilſone. 107 zu verlaßen. Die Geiſter, die ihm gefolgt waren, ent⸗ flohen voll Schrecken: ſo blieb er an dieſem graunvollen Orte allein; auf eine ohnmaͤchtige Wuth folgte ein dumpfes Hinbruͤten. Er warf endlich ſeine Augen auf ſeine Kette, und auf die verhaͤngnisvolle Inſchrift, de⸗ ren Kraft ihn damit belaſtet hatte; er hatte noch nicht alle hieroglyphiſchen Schriftzuͤge derſelben durchlaufen, als ſchon der Sinn derſelben ſeine Verzweiflung auf's hoͤchſte trieb. Folgenden furchtbaren Ausſpruch ent⸗ hielten ſie: „Du kannſt nur durch einen noch boshaf⸗ tern Geiſt befreit werden, als du biſt!“ Und wenn die Welt in das Chaos zuruͤckkehrte, und wenn die Schluͤnde des Abgrundes ſich aufthaͤten, koͤnnte noch ſeinesgleichen daraus hervorgehen? Waͤre noch ein andrer Kokopileſobeh zu finden, als der Ahnherr und Beſchuͤtzer des Geſtirns der ſieben Meere? Als Setelpedur ihre Ruhe geſichert hatte, wollte ſte auch den Dienſt belohnen, welchen ihr die alte Elfin geleiſtet, und rief ſie herbei: „Sage mir, Bakbak, was kann ich fuͤr dich thun 20 „Koͤniginn,“ antwortete die Alte,„ihr koͤnntet gar viel thun; aber was ihr thaͤtet, koͤnnte viel Gefahr mit ſich bringen: man ahndet nicht, daß ich es bin, der euch davon geſagt hat, weil man wohl weiß, daß ich, obſchon ich gern reden mag, doch verſchwiegen bin, und nicht plaudere, oder doch ſehr wenig. Dennoch giebt 108 351. 2 4 g. es einen kleinen Gefallen, welchen ihr mir erzeigen koͤnn⸗ tet, und der keine Folgen nach ſich ziehen wuͤrde: weil mir die Zaͤhne fehlen, ſo murmele ich, und habe nicht die Genugthuung, mich ſelber zu hoͤren; verſchaffet mir zwei und dreißig Stuͤck Zaͤhne.“ „Dieß Geſchenk wuͤrde in die Augen fallen,“ ant⸗ wortete die Koͤniginn,„und dir alle die Feinde zuziehen, welche du fuͤrchteſt; ich kann vorſichtigerweiſe dir nur vier recht feſte Zaͤhne hinten im Munde gewaͤhren.“ „Setzet ſie mir immer ein,“ ſagte die Alte;„dieſe vier Zaͤhne da werden nicht gegen euch arbeiten.“ Wir laſſen hier die alte Bakbak durch eine Zauberei die gewoͤhnlichen Huͤlfsmittel des Putztiſches erſetzen, und beſchaͤftigen uns nun mit den Vorbereitungen der maſe welche Simuſtapha mit ſeiner Gattinn antreten oll.. Die Schaͤtze des Chalyfen waren vor den Augen des Prinzen aufgethan; die Vereinigung der Reichthuͤ⸗ mer aller Fuͤrſten der Erde gewaͤhrten nicht ihres glei⸗ chen: dennoch ſah er darunter nichts, ſo mit dem zu vergleichen waͤre, was er in Dſchinniſtan geſehen hatte. Er fand hier ein Schwert, deſſen Griff mit ſo vollkom⸗ menen und ſo ſchoͤn gefaßten Diamanten geſchmuͤckt war, daß ſie nur einen einzigen Stein zu bilden ſchienen. Es fiel ihm weniger durch ſeinen Glanz, als durch ſeine Groͤße auf: dieſes Schwert mußte einem Helden weit uͤber gewoͤhnlichen Wuchs gehoͤrt haben; er wollte ver⸗ Simuſtapha and Ilſetilſone. 109 ſuchen, ob er es zu fuͤhren vermoͤchte, er zog es aus der Scheide, ſchwang es in der Luft, und ſchien ploͤtzlich von Blitzen umringt, ſo funkelte der Stahl der Klinge; er ſuchte nach einem Zeichen auf derſelben, und fand hieroglyphiſche, ihm unverſtaͤndliche Zuͤge. Sogleich rief er den Geiſt der Buͤchſe herbei, ſie ihm zu erklaͤren. Dſchemal erſchien. „Betrachte dieſe Zeichen,“ ſprach der Prinz zu ihm. „Unſre Koͤniginn allein,“ antwortete der Geiſt,„kann euch dieſe Bilderſchrift deuten, es ſind maͤchtige Zeichen; aber ich kenne dieſes Schwert: es entſank den furcht⸗ baren Haͤnden Kokopileſobehs in dem großen Kampfe, den er gegen Mahomed verlor; dieſer hat es dann ſei⸗ nem Nachfolger hinterlaſſen.“ Der Prinz von Indien nahm das Schwert, und zeigte es dem Chalyfen als das einzige Geſchenk, wel⸗ ches wuͤrdig waͤre, der Geiſterkoͤniginn dargebracht zu werden. Unterdeſſen verkuͤndigte das Gefolge, welches die beiden Gatten nach dem Schloſſe Kaſſer⸗ il⸗Harais begleiten ſollte, durch den Schall kriegeriſcher Inſtru⸗ mente, ſeine Ankunft vor dem Palaſte des Chalyfenz man zaͤhlte zweitauſend Reiter, die aus der ſchoͤnſten jungen Mannſchaft in Haruns Heer erwaͤhlt war; ſecha⸗ hundert vollſtändig gewappnete Ritter, die Lanze in der Hand, den breiten Schild am Arm, folgten ihnen, und begleiteten die Saͤnfte der Prinzeſſinn, welche von ſechs 210 351, 352. Tag. der ſchoͤnſten Elephanten getragen wurde, ſo man jemals in Indien geſehen hat; zwoͤlf Kameele trugen das Ge⸗ paͤck, und die Verſchnittenen beſchloſſen den Zug. Simuſtapha, auf ſeinem ſtolzen Renner, ritt zur Seeite der Saͤnfte; er trug eine Ruͤſtung, deren Schie⸗ nen mit Goldranken geziert und mit Diamanten beſetzt waren: das von zwei Schildknappen gehaltene Roß wieherte vor Freuden, und ſchuͤttelte ſeine praͤchtigen Maͤhnen. Ilſetilſone bewunderte die Anmuth ihres Gat⸗ ten, und die Gewandtheit, womit er das auf ſeine Laſt ſtolze Roß lenkte. Dreihundert und zwei und funfzigſter Tag. Dieſer glaͤnzende Zug bewegte ſich nach dem Luſt⸗ ſchloſſe: die Wege waren geebnet, und kein Hindernis hielt ihre Fahrt auf. Die zu dem Schloſſe gehdrigen Gebaͤude waren unermeßlich, und boten dem ganzen Gefolge bequeme Herberge dar. Simuſtapha und die Prinzeſſinn allein durften den Garten betreten; die Schoͤnheiten, welche er enthielt, ſetzten ſie in Entzuͤcken: aber fuͤr die Prinzeſfinn war hier eine vor allen anziehende Seltenheit, naͤmlich ein Baum, deſſen verhaͤngnisvolle Frucht das Menſchenge⸗ ſchlecht verderbt hat. Eine Schlange umwindet den Stamm, von welchem ſie ſich nimmer zu loͤſen vermag, —— Simuſtapha und Ilſetilſone. 142 dichtes Dunkel verhuͤllet ihre Augen; ein aßurfarbiger Vogel mit goldfarbigem Kopf und Fuͤßen, umkreiſet be⸗ ſtaͤndig den Baum, indem er ſich nach einander auf alle Zweige ſetzt; er hat keinen Geſang, aber er ſpricht ſeine Gedanken im reinſten Arabiſch aus. Sobald dieſer Vogel die beiden Gatten erblickte, breitete er, zum Zeichen der Freude, ſeinen Schweif aus, und bewillkommte ſie mit dem gewoͤhnlichen Gruße: Heil dem Menſchengeſchlechte! Es giebt nur Einen Gott, und Mahomed iſt ſein Pro⸗ phet!“ Ilſetilſone war von ſeinem deutlichen Ton und von der Reinheit ſeiner Sprache bezaubert. Sie brannte vor Verlangen, ihn zu befragen: „MReizender Vogel,“ ſprach ſie zu ihm,„macht es dir Freude, uns hier zu ſehen?“— „Ihr ſeid Kinder des Propheten, ihr ſeid durch die gute Thuͤre hereingekommen, ihr muͤßt durch die zum Himmel fuͤhrende wieder hinausgehen.“— „Aber wir gehen nach Dſchinniſtan.“— 3 Dieſe Reiſe macht der Menſch taͤglich auf Er⸗ en.— „Misbilligſt du die unſrige?“— „MNein, weil du mir meine Gattinn wieder zufuͤhren wirſt, und wir beide vereint unſern Sohn hieher zuruͤck⸗ bringen koͤnnen, den du im Schloſſe gelaßen haſt.“— 112 352. T a g. „Wie! du biſt der Vater des ſchoͤnen Vogels, den ich habe, und der ſo gut iſt?“— „Er muß es noch mehr werden.“—. „Warum ſpricht er nicht eben ſo gut, wie du?“— „Weil er ſich nicht die Zeit genommen hat, es zu lernen, ſondern dem Lichte den Ruͤcken zugekehrt hat, indem er dem großen Auserwaͤhlten Gottes die Huldi⸗ gung verſagt.“— „Und deine Gattinn?“— „Meine Gattinn iſt in Dſchinniſtan; ſie war fuͤr⸗ witzig, und leidet dafuͤr die Strafe: man koͤmmt eher dorthin, als man will; aber man kann nicht zuruͤck, wenn man will.“— „Sie iſt doch bei Setelpedur?“— „Eben dort.“— „Liebſt du Setelpedur?“— „Ich liebe alles, was unberuͤhrt aus der Hand des Allmaͤchtigen hervorgegangen iſt; ich werde Setelpedur ſehen, wenn ſie nicht mehr Fee iſt.— 4 „Kann ſie aufhoͤren, es zu ſein?“— „Sie darf es nur wollen.“— „Thue ich Unrecht zu ihr zu gehen?“— „Du erfaͤllſt deine Beſtimmung, ohne es zu wiſſen.“— „Du entzuͤckſt mich, ſchoͤner Vogel; ſoll ich dir dein Kind herbringen?“— Simuſtapha und Ilſetilſone. 113 „Es iſt noch Fee, ich wuͤrde es toͤdten; ich darf es nur zur geſetzten Zeit ſehen, und zugleich mit ſeiner Mutter.“— 4 „Darf ich von der Frucht dieſes Baumes eſſend“— „Du haſt da ein Weibesgeluͤſt; ebenſo zog eure Stammmutter den Zorn des Himmels auf euch herab: uͤbrigens iſt dieſe Frucht nur Schein, du wuͤrdeſt nichts eſſen, und die Schlange, welche du hier ſiehſt, wuͤrde dich in die Ferſe ſtechen; und ſo haͤtteſt du ein wirkli⸗ ches Uebel, ohne einigen Genuß.“— „Dieß iſt alſo der Baum der Erkenntnis?“— „Er iſt das Sinnbild davon.“— „Und wo iſt der Baum des Lebens?“— „In dem Garten des großen Propheten.“— „Weil du alles weißt, mein ſchoͤner Vogel, ſo ſage mir, warum und wann das Meer gemacht iſt.“— „Nur der Schoͤpfer weiß alles; das Meer wurde an dem Tage der Empoͤrung und der Beſtrafung Koko⸗ pileſobehs geſchaffen: die abtruͤnnigen Geiſter wurden verurtheilt, ſein Bette auszugraben.“— „Liebenswuͤrdiger Vogel, darf ich von den anderen Fruͤchten eſſen, die hier ſind?“— „Geh in das Gartenhaus am Ende dieſes Ganges, dort wirſt du bedient werden: das iſt der Ort, wo Ma⸗ homed ſein Gebet und ſeine Abwaſchung verrichtete.“ VI. 8— 114 352. Tag. Aus dieſem ganzen Geſpraͤch erkannte Simuſtapha mit Leidweſen, daß die liebenswuͤrdige Setelpedur als Koͤniginn der Geiſter, dem großen Propheten nicht lieb ſein konnte: die Religion kaͤmpfte in ſeinem Herzen mit der Liebe zu dieſer Koͤniginn. Die beiden Gatten traten in das Gartenhaus Ma⸗ homeds; ſie fanden hier alle erſinnlichen Fruͤchte, welche Schoͤnheit mit dem koͤſtlichſten Geſchmack vereinten. Nachdem ſie davon gekoſtet hatten, ließ Simuſtapha Ilſetilſone'n ſich ferner mit dem Vogel unterhalten, und ging nach dem Schloſſe zuruͤck, um dem Oberſten der Verſchnittenen anzudeuten, daß er mit ſeiner Gattinn ſechs Tage lang in dem Gartenhauſe verweilen werde, waͤhrend welcher Zeit ſie nichts weiler beduͤrften. Ein Vorſatz der Andacht iſt ſtaͤts loͤblich, und die Sklaven waren weit entfernt, etwas anderes zu argwoͤhnen. Simuſtapha kam zu ſeiner Gattinn bei dem Baume zunide und wollte den Vogel uͤber ihre Reiſe zu Rathe ziehen. „Soll ich dazu,“ fragte er ihn,„den Geiſt der Buͤchſe oder den des Ringes gebrauchen.“ „Was ſelber unſicher iſt,“ antwortete der weiſe Vogel,„hat hier gar keine Macht, und ſein groͤßter Gewinn waͤre hier, Sklave zu werden: aber du bedarfſt keiner Huͤlfe dieſer Art. Nimm eine von meinen Fe⸗ dern, ſie allein wird dich zu Setelpedur bringen; gieb dieſelbe meiner Gattinn, ſie wird ſie an mich erinnern Simuſtapha und Ilſetilſone. 115 und ihr Mittel verſchaffen, wieder zu mir zu kommen. Sie muß ſie ſorgfaͤltig in ihrem Schweife verbergen: alles was von mir koͤmmt, erregt dort Verdacht. Was ich euch hier gebe, ſcheint nur ein ſehr geringes Mittel: aber in der Hand des Schoͤpfers iſt nichts unwirkſam.“ Dreihundert und drei und funfzigſter Tag. Der goͤttliche Vogel breitete ſeinen praͤchtigen Schweif aus; eine Feder fiel daraus nieder, die ſich augenblicklich in einen bequemen und glaͤnzenden Wagen verwandelte. Die beiden Gatten beſtiegen ihn, und wurden darin zu Setelpedur an die Stufen des Throns getragen. Sie flog herab, in ihre Arme, und entließ ihren Divan, mit dem ſie nicht Urſach hatte zufrieden zu ſein. Die Gei⸗ ſter entfernten ſich, nicht ohne veraͤchtliche Blicke auf die Ankoͤmmlinge zu werfen; die Koͤniginn gewahrte es wohl, maͤßigte aber fuͤr den Augenblick die Empfin⸗ dungen des Zorns, der ſie erfuͤllte.. „Ich wuͤrde euch einladen, meinen Thron einzuneh⸗ men,“ ſprach ſie zu ihren Gaͤſten;„aber ich fuͤrchte, ihr moͤchtet dort eben ſo unbequem ſitzen, als ich. Meine Unterthanen tragen die Empͤrung im Herzen; meine Anhaͤnglichkeit fuͤr euch ergrimmt ſie, ſie ſchreiben ihr alle Entſcheidungen zu, welche von mir ausgehen. Wenn ich ſie verhindere, die Erde umzukehren, auf de⸗ 353. Tag. ren gewaltſame Beherrſchung ſie Anſpruch machen; wenn meine Maͤßigung den Stuͤrmen und Kriegen vor⸗ beugt, ſo iſt es meine Liebe zu Simuſtapha, welche ſie verhindert, ihre Anſchlaͤge auszufuͤhren. Ich habe den Bahlisbull mitten in einer Wuͤſte anketten laßen, aber ſein Geiſt wirkt hier gegen mich. Dieſe Schwierigkeiten ſollen euch jedoch nicht abhalten, euch lieb zu haben; ich will alle Bande, welche mich mit jenen verknuͤpfen, aufld⸗ ſen, ich will ſie zerbrechen; ſie haben ſie entweihet, und nichts ſoll mich mehr mit ihnen verbinden. Ich ſehne mich nach dem Augenblicke, welcher die unſrigen noch feſter verknuͤpfen ſoll; mein Herz hat ſich ſchon von je⸗ der andern Feſſel frei zu machen gewußt: aber ihr muͤßt mir helfen, auch meinen Geiſt zu bezwingen. Kommet und belebet durch eure zaͤrtlichen und unbefangenen Liebkoſungen eine durch die Verwirrungen, welche mich umgeben, und durch die Kuͤmpfe, welche ich zu beſtehen habe, ermuͤdete Seele. Ich weiß, daß ihr von Kaſſer⸗ il⸗Harais kommet. Die hier befindlichen Wunder koͤn⸗ nen euch fuͤr die unſchuldigen Freuden, welche ihr ver⸗ laßen habt, nicht entſchäͤdigen; die Gefaͤhrtinn des Vo⸗ gels, den ihr dort geſehen habt, unterhaͤlt mich unab⸗ laͤßig von den hinreißenden Wundern des Gartens Kaſſer⸗ il⸗Harais. „Von dort,“ ſagt er zu mir,„ging das Licht der Wahrheit aus, welches die Welt erleuchtet; es ſtrahlt dort fortwaͤhrend unter den mannigfaltigſten Sinnbil⸗ — 9 Simuſtapha und Ilſetilſone. 117 dern.“ Warum kann ich nicht heute ſchon mich mit euch nach dieſem paradieſiſchen Aufenthalt zuruͤckziehen! Wenn ich zu meinem Vogel von Gluͤckſeligkeit ſpreche, ſo ſchwebt ihm immer nur das Wort Kaſſer⸗il⸗Harais auf der Zunge; aber er ſagt mir, daß der Garten ſich nur fuͤr eine Muſelmaͤnninn oͤffnet, die mit dem Statthalter Gottes auf Erden verbunden iſt. Es iſt alſo nicht ge⸗ nug, daß Simuſtapha mir die Hand reiche; wenn die edelmuͤthige Ilſetilſone ſich nicht mit mir vermaͤhlt, ſo ſind Zelehrung, Gluͤck und Ruhe auf immer fern von mir. „Ich ſollte mich weigern, euch zu meiner Schweſter anzunehmen!“ ſagte die Prinzeſſinn;„eure Zweifel zer⸗ reißen mein Herz; ihr habt es erobert, es gehoͤrt eben ſo wohl euch, als Simuſtapha. Wie gluͤcklich bin ich, daß ich euch die Haͤlfte meiner ſelbſt geben kann, um zu empfinden, wie viel euch das Ganze verdankt!“ „Meine geliebten Freunde,“ fuhr Setelpedur fort, „alles iſt fuͤr unſern Zweck zwar weit vorgeruͤckt, aber noch nicht abgethan: ich herrſche noch. Ich habe we⸗ der die Zauberruthe zerbrochen, welche mir zum Zepter dient, noch den Talisman, welchen ich von meinem Großvater habe: hier aber muß ich meine Herrſchaft niederlegen, hier muß ich meine Krone unter die Fuͤße treten: wenn ich es anderswo thun wollte, wuͤrde meine von der erforderlichen Oeffentlichkeit entbloͤßte Hand⸗ lung mich mit Schmach bedecken; ich wuͤrde mich in 118. 353. Tag. Gefahr ſetzen, Bahlisbulls Stelle an der Saͤule einzu⸗ nehmen, wo ich ihn in der Thebaiſchen Wuͤſte angeket⸗ tet habe, und wuͤrde mich der Rache aller meiner Un⸗ terthanen uͤberliefern. Aber wenn ich dieſen großen Entwurf ausgefuͤhrt habe, wer vermag, mich von dieſem gefaͤhrlichen Orte wegzufuͤhren und nach Kaſſer⸗il⸗Harais zu bringen?⸗ „Das bin ich,“ ſagte die Prinzeſſinn, indem ſie die niedliche Feder des Vogels in die Hand nahm;„ſeht hier den Wagen, der uns hergebracht hat: dieſe Feder hat mir der Gatte des Vogels gegeben, der ſich bei euch befinden muß, und den ich noch nicht geſehen habe.“ „Er iſt in der That hier,“ ſagte die Koͤniginn,„und iſt nicht weniger kundig, als der, welchen ihr zu Kaſſer⸗ il⸗Harais geſehen habt, deſſen Gefaͤhrtinn er war, und ſtaͤts ſein wird. Ihr Sohn, den ich euch geſchenkt habe, hatte ſich, nach ſeinem Ungehorſam, zu mir begeben, und ergetzte mich durch ſein einſylbiges, aber ſtaͤts wahr⸗ haftes Geſchwaͤtz; wenn er unwiſſend waͤre, ſo wuͤrde er aus der Art ſchlagen; aber, obgleich ſeine Kunde ſich über das Vergangene, Gegenwaͤrtige und Zukuͤnftige erſtreckt, ſo weiß er von jeglichem Dinge doch nur Ein Wort. Seine Mutter iſt ohne Zweifel deshalb hieher gekommen, ihn aufzuſuchen und ihn zu unterrichten; denn ſie ſprach unaufhoͤrlich mit ihm. Ich beobachtete dieſe Unterhaltungen, obwohl ich ſie nicht verſtand; ſie endigten ſich immer mit der Antwort, welche ausdruͤcken — Simuſtapha und Ilſetilſone. 1¹9 ſollte, daß er es nicht verſtanden haͤtte:„Nichts! nichts! nichts!“ Es ſcheint, daß Widerſtreben gegen Belehrung den Sinn verſtocken kann. Endlich ward die Mutter ungeduldig. Ich ſchenkte euch den Sohn, der euch nuͤtzlich geworden iſt: ſie be⸗ zeigte kein Leid uͤber ſeine Entfernung. Seitdem ich mich zauberiſch zu euch hingezogen fuͤhlte, trug ich Ver⸗ langen, mich zu unterrichten, und ich bat dieſen goͤtt⸗ lichen Vogel um Belehrung.„Wenn eure Stirn nicht mehr ſo ſtrahlt,“ ſprach er zu mir,„und wenn ich mei⸗ nen ſchoͤnen Schweif wiederhabe, dann wollen wir von Belehrung reden.“ Hieraus ſchloß ich, daß meine Krone ihn zuruͤckhal⸗ tend machte, und ihn zu ſchweigen zwang. Und ſeinen Schweif betreffend, hatte ich bemerkt, wenn er flog, daß derſelbe nicht ſpitz auslief, wie bei den anderen Voͤ⸗ geln; und ich war um ſo wohlwollender gegen ihn. Die Feder, welche ihr mitgebracht habt, koͤnnte wohl die ihm fehlende ſein; wir wollen ſie ihm darbieten, und verſuchen, ihn zum Sprechen zu bringen.“ Man muß ſich vorſtellen, daß waͤhrend dieſer lan⸗ gen Unterhaltung die Koͤniginn ſchon fuͤr alle Beduͤrf⸗ niſſe ihrer Gaͤſte geſorgt hatte. Es fanden Unterbre⸗ chungen dabei ſtatt, und alle dieſe Dinge wurden im Saale des Divans bei Tiſche, und in den Gaͤrten ge⸗ ſprochen, wo Setelpedur jetzo ſchon keine Annehmlich⸗ 120 1 353. T a g. keiten mehr fand. Endlich verkuͤndigten leichte Schat⸗ ten die herannahende Nacht. „Dies iſt der Augenblick, der meinem Vogel am lieb⸗ ſten iſt; anderswo floh er die Dunkelheit, hier iſt das Licht ihm laͤſtig; aber ich fange an, ſeinen Grund ein⸗ zuſehen.“ Sie ließ den Kuͤfig des Vogels bringen, Ilſetilſone trat heran, und ſagte zu ihm: „Mein ſchoͤner Vogel, dein Gatte hat mir ſeine ſchoͤnſte Feder gegeben, ſie dir zu uͤberbringen.“ „Heil der Tochter des Propheten!“ erwiederte der Vogel:„Heil der Abkoͤmmlinginn des Abgeſandten Got⸗ tes! Heil der Erbinn der Tugenden ſeines Stellvertre⸗ ters auf Erden! die Voͤgel des Himmels muͤſſen ihr dienen, und mein Gatte hat nur ſeine Pflicht gethan. Seine ſchoͤne Feder iſt fuͤr mich, was eine Krone fuͤr eine Koͤniginn.“ Mit dieſen Worten nahm der Vogel ſie in ſeinen Schnabel, und ſteckte ſie in ſeinen Schweif, der um viel laͤnger und glaͤnzender erſchien. „Warum biſt du nicht bei deinem Gatten?“ fragte die Prinzeſſinä. „Jeder von euch hat ſein Geſchaͤft.“— „Wird das deine bald abgethan ſeind“— „Ihr ſeid euer drei hier.“— „Wirſt du heute der Koͤniginn antworten, wenn ſie dich um Belehrung anſpricht?“— Simuſtapha und Ilſetilſone. 121 „Es iſt erſt die Haͤlfte gethan.“— „Wovon haͤngt die andere Haͤlfte ab?“— „Von oben und von unten?“— „Willſt du mir beantworten, weiſer Vogel, was ich dich frage?“— „Ich bin dir Wahrheit ſchuldig, ſo viel ich weiß.“— „Dein Gatte hat mich belehrt, wann das Meer ge⸗ ſchaffen worden: aber zu welcher Zeit wurden die Sterne geſchaffen?“— „Zu eben derſelben Zeit, um am Himmel die Zahl der Abtruͤnnigen zu erſetzen, welche daraus vertrieben worden.“— „Wer iſt dieſer glaͤnzende Stern, den man von zehn kleineren umgeben ſieht?“— „Der groͤßte iſt Mahomed, die uͤbrigen ſind die zehn vornehmſten Propheten.“— Dreihundert und vier und funfzigſter Tag. Setelpedur war keinesweges unwillig uͤber die Ant⸗ worten des Vogels, ſondern laͤchelte wohlgefaͤllig dazu. Simuſtapha bemerkte es, und war jetzo ſo dreiſt, ihr das mitgebrachte Geſchenk, das Schwert Kokopileſobehs, darzubieten. „Theurer Prinz,“ erwiederte ihm die Koͤniginn, „waͤre ich noch Herrinn meines Herzens und ruhte mein 122 354. Tag. Vertrauen auf mir ſelbſt, ſo wuͤrde ich den Werth eines Reichs dafuͤr hingegeben haben, um die furchtbare Waffe zu beſitzen, welche ihr mir anbietet: aber gegenwaͤrtig kann ſie nur in eurer Hand mir Sicherheit gewaͤhren, und ſie iſt mir um ſo koſtbarer, als ſie mir ſo zugleich eure Sicherheit verbuͤrgt. Laßt ſie nicht mehr von euch, als bis die ſtuͤrmiſchen Zeiten voruͤber ſind, welche uns bedrohen.— O meine liebe Ilſetilſone! wann werden wir alle drei keinen andern Zauber mehr kennen, als den der Liebe?“ Unſere Liebenden verbrachten drei Tage in den ſuͤ⸗ ßeſten Herzensergießungen: aber dieſe ſeligen Augenblicke wurden durch Befuͤrchtungen getruͤbt, welche nicht ohne Grund waren. Sceetelpedur, obſchon ſehr maͤchtig, als Beherrſcherinn der Heerſchaaren Kokopileſobehs, herrſchte jedoch nur in ſeinem Namen: ihr Benehmen war den in Dſchin⸗ niſtan herkoͤmmlichen und durch den Gebrauch geheilig⸗ ten Geſetzen zuwider. Man konnte hier nur herrſchen, wenn man ſich dem Kokopileſobeh, oder Bahlisbull gaͤnz⸗ lich unterwarf: ſie dagegen hatte aus eigener Macht den Muſelmann Benalab ſo hoch erhoben, der nur vor Gott und ſeinem Propheten das Knie gebeugt hatte. Uebri⸗ gens herrſchte ſie ſo ruhmvoll, und entfaltete ſo glaͤn⸗ zende Eigenſchaften, daß ihre Unterthanen, in der Be⸗ geiſterung, ſie das Geſtirn der ſieben Meere benannten, und ſo dem ſtrahlenden Geſtirne Mahomeds entgegen Simuſtapha und Ilſetilſone. 125 ſtellten; ſie ſagten in ihrem Stolze:„Kokopileſobeh iſt der Koͤnig der Koͤnige; Setelpedur iſt ſein Statthalter.“ Aber Benalab hatte ſeine Macht mit Vorſicht ge⸗ braucht: auch war die Koͤniginn nicht in ihn verliebt geweſen, und hatte ihn nicht an allen Feſten, noch an allen Geheimniſſen des Hofes und des Reichs Theil nehmen laßen; kurz, ſie hatte ihn nicht zu ihrem Herrn gemacht, waͤhrend ſie gegenwaͤrtig fuͤr Simuſtapha alles aufopferte, ja jetzt eben noch etwas viel Außerordent⸗ licheres that. Sie empfing eine Frau bei ſich, welche ſie nicht nu ganz als ihresgleichen behandelte, ſondern ſie auch bei jeder Gelegenheit noͤthigte, ſich an ihre Seite zu ſetzen. Und, um ſterbliche Weſen ungeſtraft triumphieren zu laßen, hatte ſie Bahlisbull und Asmonſchar verbannt, und den aͤlteſten und maͤchtigſten der Geiſter naͤchſt Ko⸗ kopileſobeh, anketten laßen. Die Kunde von allem die⸗ ſem war durch die tiefen Hoͤhlen gedrungen, in welchen der hochmuͤthige Koͤnig der Geiſter verſenkt war: der Aufruhr war dem Ausbruche nahe. Setelpedur war zu ſcharfſichtig, als daß ſie dieß nicht haͤtte erwarten und ihm zuvorkommen ſollen. Voll Bangigkeit uͤber ihr Vorhaben, umarmte ſie die jungen Gatten, und ſprach zu ihnen: „Kehret wieder heim nach Kaſſer⸗il⸗Harais, ich werde nicht ſaͤumen, euch fuͤr immer dahin zu folgen; aber Simuſtapha muß auf das erſte Zeichen bereit ſein, 124½ 556. Tag. mir zu Huͤlfe zu fliegen. Bedienet euch der Vogelfeder zu eurer Fahrt, und laßt uns fortan auf alle aus Ko⸗ kopileſobehs Macht herfließende Huͤlfe verzichten.“ Simuſtapha und ſeine Gattinn kehrten zuruͤck in den Garten von Kaſſer⸗il⸗Harais, und erwarteten hier voll Unruhe die Folge dieſes großen Ereigniſſes.— Sie gaben dem Vogel die Feder wieder, und dieſer ſagte: „Meine Gattinn hat ihre Pflicht gethan; meine Fe⸗ der iſt ſtaͤts zu euren Dienſten: halt dich bereit, Simu⸗ ſtapha, du wirſt ihrer bald beduͤrfen.“ Die Koͤniginn war zu vorſichtig, um das Ungewitter anwachſen zu laßen, ohne es zu beſchwoͤren. Schon hatten die alte Bakbak und ihr Neffe Oſchaſſel, aus Furcht vor einigen verſteckten Drohungen, welche man unvorſichtig gegen ſie fallen laßen, ſich zu ihr gefluͤch⸗ tet; und die Koͤniginn ſah, daß ſie keinen Augenblick mehr zu verlieren hatte. Gleich am Tage nach der Abreiſe der beiden Gat⸗ ten, berief ſie einen allgemeinen Divan, und ſandte durch Dſchaſſel, vermittelſt einer andern Feder des Vogels, folgendes Schreiben an Simuſtapha: „Theurer Prinz, eilet ſchleunig herbei, auf dem Fahr⸗ zeuge, welches ich euch ſende, und bringet den Koran und den Saͤbel meines Großvaters mit. Ihr koͤnnt mein Vorhaben wohl ahnden, und mein Benehmen wird es euch vollends erklaͤren. Unſere theure Ilſetilſone kann uns an dem Baume von welchen ſie mir erzaͤhlt hat, Simuſtapha und Ilſetilſone. 125 erwarten: der weiſe Vogel wird nicht zugeben, daß ſie ſich eitler Furcht hingebe.“ Simuſtapha war zu hochherzig, um einen Augenblick zu ſchwanken. Er nahm das goͤttliche Buch, bewaffnete ſich mit dem furchtbaren Schwerte, und wenn die Fe⸗ der der Fee ihn nicht ſo ſchnell dahin getragen, haͤtte er auf Fluͤgeln der Liebe nach Oſchinniſtan fliegen koͤnnen. Der Divan war verſammelt. Setelpedur ſaß auf ihrem Throne. Die Geiſter beobachteten unruhig ihre Haltung, und waren uͤber ihre Feſtigkeit erſtaunt. Sie hub folgendermaßen an: „Ich weiß, daß man mein Benehmen tadelt, und daß man Raͤnke gegen mich ſchmiedet; ich haͤtte dreiſt ſehr harte Strafen dafuͤr verhaͤngen koͤnnen, aber ich verſchmaͤhe alle geheime Unthaten. Wenn man ſich ge⸗ demuͤthigt fuͤhlt, meinem Willen zu gehorchen, ſo fuͤhle ich mich noch mehr erniedrigt, Geſetzen unterworfen zu ſein, deren Weisheit ich nicht einſehe; und ich will lie⸗ ber ein Knecht der Wahrheit ſein, als durch die Luͤge uͤber verderbte Unterthanen herrſchen.“ In dieſem Augenblick erſchien Simuſtapha, zum gro⸗ ßen Erſtaunen der ganzen Verſammlung; ſie rief ihn herbei, und ließ ihn neben ihr ſitzen. „Kommet und helfet mir,“ ſprach ſie zu ihm mit ſteigender Feſtigkeit,„den letzten Divan halten, bei wel⸗ chem ich den Vorſitz fuͤhren will. Und ihr, Empoͤrer! hoͤret mich an. Ich will es euch nicht vorwerfen, daß 126 354. 355. T a g. ihr euch gegen mich aufgelehnt habt, ihr ſeid nur dem Hange eurer Herzen gefolgt: aber wenn ich eure Em⸗ poͤrung vergeſſen ſoll, ſo ſchwoͤret mit mir die Macht ab, welche wir durch Kokopileſobeh haben; laßt uns die Frevel meines Ahnherrn und die, zu welchen er uns ver⸗ führte, dem verhaͤngnisvollen Schickſale beimeſſen, wel⸗ ches uns dazu hinriß; und ſchwoͤret mit mir auf den goͤttlichen Koran, daß ihr fortan Diener Gottes und des großen Propheten ſein wollet.“ Dreihundert und fuͤnf und funfzigſter Tag. Und wenn eine Donnerwolke ſich mitten im Divan entladen haͤtte, ſo wuͤrde ihre Wirkung minder fuͤhlbar geweſen ſein, als dieſe unerwartete Rede Setelpedurs. Das Schrecken laͤhmte Allen die Zunge; Schwefelflam⸗ men fuhren aus ihrem Munde, und ihr Peſthauch er⸗ fuͤllte den Saal. Auf einmal ließ ein entſetzliches Ge⸗ toͤſe ſich hoͤren: es wurde durch die Ankunft Bahlisbulls verurſacht, der durch Kokopileſobeh ſelber von ſeinen Feſſeln befreiet war. Dieſer furchtbare Geiſt, von ungeheurer Groͤße und ſcheußlicher Geſtalt, in gluͤhender Ruͤſtung, fuhr ploͤtz⸗ lich herein, und wollte mit einer feurigen Lanze Setel⸗ pedur durchbohren. Simuſtapha aber zuͤckte ſein Schwert, und wehrte den toͤdlichen Stoß ab; der Blitz von dem Simuſtapha und Ilſetilſone. 12) ſtrahlenden Schwerte des Indiſchen Prinzen blendete augenblicklich ſeinen Widerſacher und deſſen Genoſſen: alle ſchienen wie vom Donner geruͤhrt. Graunvolle Nacht umhuͤllte ploͤtzlich Dſchinniſtan, die Sonne erſchien niemals dieſem unſeligen Aufenthalt; das zuvor hier herrſchende Licht war die Wirkung einer ſtaͤtigen Bezauberung, deren Kraft von der Krone aus⸗ ging, welche Setelpedur unter ihre Fuͤße getreten hatte. Simuſtapha und Setelpedur drangen muͤhſam durch dieſe Finſternis; ſie gelangten zu dem Gemache, wo der Paradiesvogel ſich befand, deſſen leuchtender Kopf alles um ihn her erhellte; ſo oft er ihn bewegte oder ſeine Fluͤgel ſchuͤttelte, ſtrahlte er neuen Glanz aus. „Laßt uns von hinnen eilen, meine theure Herrinn,“ ſagte der ſchoͤne Vogel;„alle meine Federn ſind zu eu⸗ ren Dienſten; aber nehmet die alte Bakbak und ihren Neffen mit; ſie ſind, beide von Furcht entſeelt: ich weiß nicht, wer ſie geheißen hat, ſich unter meinen Kaͤfig zu fluͤchten, aber man hat ihnen gut gerathen.“ Bakbak und DOſchaſſel lagen in Ohnmacht; beide wurden vorn auf dem Wagen gebunden, welchen die Fe⸗ dern des Vogels bildeten, und das ſiegreiche Paar ſchneht ſo, von aller Gefahr befreiet, nach Kaſſer⸗il arais. Die Feder, welche Simuſtapha nach Dſchinniſtan getragen hatte, loͤſte ſich ab, Ilſetilſone'n die Ankunft zu verkuͤnden. Sie nahte ſich der Prinzeſſinn in Ge⸗ 128 353. Tag. ſtalt einer weißen Taube, ſetzte ſich auf ihre Schulter, und ſprach zu ihr: Herrinn, Simuſtapha und Setelpedur werden ſo⸗ gleich hier ſein: aber ihr koͤnnt die Koͤniginn nicht in dem Garten empfangen; ſie darf ihn noch nicht betre⸗ ten: kommet in den großen Saal des Palaſts, dort werdet ihr ſie finden.“ Die Prinzeſſiun flog dahin, und der Vogel folgte ihr: die drei Liebenden umarmten ſich, ſie konnten ihr Entzuͤcken nicht genugſam ausdruͤcken; die Vorſtellung einer Vereinigung, welcher kein Hindernis mehr entge⸗ gen ſtand, ſchien ſie auf den Gipfel des Gluͤcks erho⸗ ben zu haben. Ein andrer Auftritt der Wiedervereinigung ging auf einem Leuchtergeſtelle vor, wo Simuſtapha den Koran hingelegt hatte. Die beiden Voͤgel hatten jedes ihren Kaͤfig verlaßen, waren einander entgegengeflogen, und hatten ſich auf das heilige Buch niedergeſetzt; nachdem ſie daſſelbe mit den Schnaͤbeln und Fluͤgeln ehrerbietig begruͤßt hatten, machten ſie einander die ruͤhrendſten Liebkoſungen. Auf einmal kam der kleine Vogel herbei, welchen Setelpedur der Tochter des Chalyfen geſchenkt hatte, und der ſtaͤts im Schloſſe geblieben war, weil er nicht in den Garten kommen durfte; er wagte es nicht, ſich auf dem Koran zu ſetzen, ſondern blieb auf dem Leuchter, und wartete bis ſein Vater und ſeine Mutter ihn heran riefen. Sie halfen ihm auf das Buch, und Simuſtapha und Ilſetilſone. 129 ₰ liebkoſten ihm; und das kleine Thier ſchrie nun in ſei⸗ ner bisher ſo uͤbel abgekuͤrzten Sprache:„Wahr! wahr! allein wahr!“ Dießmal brachte er ſchon zwei Woͤrter hervor; der auf ihm ruhende Fluch war nun aufgehoben, und er konnte fortan, von Vater und Mutter belehrt, und glaͤubig, wie ſie, aller Vorrechte der Paradiesvoͤgel genießen. Mit Vergnuͤgen verweilten die Blicke der drei Lie⸗ benden bei dieſem anziehenden kleinen Schauſpiele; aber es war Zeit, ſich daruͤber zu beſprechen, was ſie ſelber betraf. „Scetelpedur erzaͤhlte Ilſetilſone'n, wie ſie ihre Krone niedergelegt, und wie tapfer der Held ſich gegen den An⸗ griff des graͤulichen Bahlisbull vertheidigt hatte: die Erinnerung an dieſen Auftritt begeiſterte ihre Blicke, ſie ſchien im Siegesglanze zu ſtrahlen. Ilſetilſone lud ihre neue Gefaͤhrtinn ein, mit ihr die Freuden des Gartens zu theilen. „Meine theure Prinzeſſinn,“ antwortete Setelpe⸗ dur,„weder ihr noch Simuſtapha vermoͤget allein mir die Thore dieſes wonnevollen Aufenthalts zu eroͤffnen; ſelbſt die Gattinn Simuſtapha's kann ihn nicht eher betreten, als bis der Statthalter Gottes auf Erden, der große Chalyf Harun⸗Alraſchid ſie als Tochter annimmt, und ihr alle Rechte derſelben gewäͤhrt. Ich verdanke Simuſtapha das Gluͤck, Muſelmaͤnninn zu ſein; und es VI.. 9 130 355. Tag. iſt nun an euch, der vormaligen Koͤniginn des Goͤtzen⸗ dienſtes, alle Mittel zu verſchaffen, wodurch ſie zu der vollkommenen Bekehrung gelangt, welche ſie fuͤr immer zum Diener Gottes und zum Verkuͤndiger des Vertil⸗ gers der Goͤtzen macht. Ich will mich in das heilige Buch verſenken, von welchem ich bisher meine Blicke abgewandt hatte; die Engelsſtimme dieſer Voͤgel hier wird mir zum Ausleger dienen. Gehet hin, eure Aeltern wiederzuſehen, deren Gluͤck ihr ausmacht, und eure Kinder, die das ihrige von euch erwarten, und euch ihre Arme entgegen ſtrecken. Redet wegen meiner mit dem Chalyfen; ſaget ihm, daß Setelpedur ſchmachtet, wie die von dem Ulmbaume geloͤſte Rebe, ſo lange ſie noch nicht die Gemahlinn Simuſtapha's iſt; daß der Prinz von Indien nur die von dem Beherrſcher der Glaͤubigen angenommene Tochter heirathen darf; aber wenn ſie ſich dieſes Ranges auch noch ſehr ruͤhmt, ſie wirdegleich⸗ wohl ſtaͤts der liebenswuͤrdigen Ilſetilſone an Tugenden und Reizen nachſtehen.“ „Große Koͤniginn,“ erwiederte Ilſetilſone,„ich ſinke zu euren Fuͤßen.“ „Es giebt hier keine Koͤniginn mehr,“ ſagte Setel⸗ pedur, indem ſie ſie aufhub,„mein Thron iſt fortan in euerm und in Simuſtaphas Herzen.“ Dieſe Erklaͤrungen wurden mit den zaͤrtlichſten Lieb⸗ koſungen zwiſchen den drei Liebenden beſiegelt, und wenn Simuſtapha und Ilſerilſove. 131 dieſelben etwas nachzulaßen ſchienen, ſo ſchrie der kleine Vogel:„Nochmals! nochmals! nochmals!“ Dreihundert und ſechs und funfzigſter Tag. Endlich machten ſich Simuſtapha und Ilſetilſone wieder auf den Weg nach Bagdad, mit demſelben Ge⸗ folge, welches ſie her begleitet hatte. Als ſie in dem Palaſt ankamen, eilten ſie, Harun und Sobeide'n alle die Wunder mitzutheilen, welche ſie erlebt hatten, und die Gefuͤhle, welche in ihnen erregt worden. Die großmuͤthige Prinzeſſinn bat ihren Vater, Setel⸗ pedur als Tochter anzunehmen, damit ſie Simuſtapha's Gemahlinn werden koͤnnte. Sobeide konnte die Vere blendung ihrer Tochter nicht begreifen, welche ſich muth⸗ willig eine Nebenbuhlerinn zu erbitten ſchien. „Ah! liebe Mutter,“ erwiederte ihr Ilſetilſone,„eine Frau, die meinen Simuſtapha eben ſo ſehr liebt, als ich, kann nicht meine Nebenbuhlerinn ſein; ſie kann mir nur helfen ſein Gluͤck zu machen.“ Der Chalyf, kundiger als Sobeide, begriff wohl die Beweggruͤnde ſeiner Tochter; er hegte uͤberdies die hoͤchſte Achtung fuͤr Setelpedur, und alles beſtimmte ihn, ſel⸗ ber nach ſeinem Schloſſe Kaſſer⸗il⸗Harais zu reiſen, ſobald die Staatsgeſchaͤfte es ihm verſtatteten. 52 556. Ta g. Unterdeſſen begann Setelpedur eine Umwandlung, deren ſie bedurfte, um das goͤttliche Geſetz des Pro⸗ pheten anzunehmen; ſie ſuchte ſich von den neuen ihr unbekannten Lehren zu erfuͤllen, ſie maͤßigte ihren hoch⸗⸗ ſtrebenden Herrſchergeiſt; zuvor ſchon großmuͤthig und wohlthaͤtig, ſtrebte ſie nach einer einfacheren und reine⸗ ren Tugend, welche jeden eigennuͤtzigen Beweggrund verwirft, und die der Geſellſchaft ſo nachtheilige Selbſt⸗ ſucht verbannt, naͤmlich, nach der wahren Menſchen⸗ liebe: dieſe erſtreckt ſich uͤber alles und zeigt ſich durch allerlei Mittel; oft hat man nicht noͤthig, die Hand zu oͤffnen, um viel zu geben. Setelpedur hatte Bakbak und ihren Neffen Dſchaſſel der Rache der Geiſter entzogen: aber was ſollte nun aus beiden werden, da ſie Fremdlinge auf Erden, aus Dſchinniſtan verbannt, und vom Himmel verſtoßen wa⸗ ren? Sie unternahm es, ihnen denſelben Schutz zu ver⸗ ſchaffen, welchen ſie ſelbſt geſucht hatte. Die Alte, die ihre Koͤniginn ſo eifrig leſen ſah, fragte ſie: „Herrinn, iſt das der Koran, worin ihr leſet?“— „Ja, Bakbak, und ich wuͤnſchte, daß auch du darin leſen koͤnnteſt; verlangſt du ihn kennen zu lernen, und dich, nebſt deinem Neffen, den Wahrheiten, die er ent⸗ haͤlt, zu unterwerfen?“— „Niemand liebt mehr die Wahrheit, als ich; ich habe mir ſogar einen uͤbeln Ruf gemacht, indem ich ſie uͤberall ſuchte, und vom Morgen bis zum Abend ſie Simuſtapha und Ilſetilſone. 133 ſtaͤts im Munde fuͤhrte; ich habe ſie mir nie abſtreiten laßen. Freilich giebt es bei dem, was man Wahrheit nennt, viel dafuͤr und wider zu ſagen; aber man darf auch nur das Fuͤr und Wider ausſprechen, und damit iſt alles geſagt.“— „Kannſt du leſen, Bakbak?“— „Ja, Herrinn, wenn es nur nicht zu klein geſchrie⸗ ben iſt.“— Mit dieſen Worten richtete ſie ihre Augen auf die erſte Seite des Korans. Es iſt zu wiſſen, daß man ſich in Dſchinniſtan weit von der urſpruͤnglichen Sprache entfernt hatte; man redete dort ein verderbtes Arabiſch, und ein ſolches fuͤhrte auch die Alte im Munde. Setelpedur hatte die Geduld, ihr alle Buchſtaben der erſten Zeile einzeln vor⸗ zuſagen:„Es giebt nur Einen Gott, und Mu⸗ hamed iſt ſein Prophet.“ Als Bakbak dieſe Worte oft genug wiederholt hatte, rief ſie aus: „„Ah!l wie ſchoͤn iſt das! man ſoll mich davon reden hdren; es wird Aufſehn machen, dafuͤr ſtehe ich. Da ſind unten im Vorzimmer die beiden Spitzbuben, die Geiſter der Buͤchſe und des Ringes, die Faullenzer mit ſtaͤts verſchraͤnkten Armen: das hat noch nie die Naſe in ein Buch geſteckt; ah! die ſollen davon hoͤren... Laßt ſehen, wir wollen's nochmal zuſammen leſen... Es giebt nur Einen“ DOhl! wie das ſchoͤn 134 356., Tag. eſagt iſt.„Es giebt nur Einen Gott.“.. Fa, das iſt ſchon genug! Ich gehe den ganzen Tag kicht eher von ihnen, als bis ich ſie mit mir habe leſen en. Setelpedur laͤchelte uͤber den Bekehrungseifer der Elfinn, und dieſe ſtieg ſogleich ins Vorzimmer hinab.— „Kommt her, kommet her, ihr Unglaͤubigen! die ihr die Geiſter nur liebt, weil ihr ſelber zwei von ihnen ſeid! hier iſt das Buch, welches unſre Koͤniginn ſo groß, ſo gut, ſo ſanft gemacht hat, und zugleich ſo furchtbar, daß die Geiſter daruͤber erſtaunt, und bei hellem Tage in die Finſternis geſtuͤrzt ſind: ſehet, wie dieß hier ge⸗ ſchrieben iſt! Die Feder war aus dem Fluͤgel eines Engels gezogen! ihr haͤttet nimmer eine ſolche geliefert, ihr Fledermaͤuſe! Und dieſe Dinte iſt aus dem Augen⸗ ſchwarz des Raben gemacht, der zuerſt aus der Arche Noahs kam: aber das iſt noch alles nichts, man muß auch, ſo wie ich, alles Wort fuͤr Wort leſen, was hier geſchrieben ſtehh.„Es giebtnur Es giebt nur einen Gott, der iſt, Einen einzigen... und Muhamed iſt nur.. nur ein Prophet.“ Was ſagt ihr dazu, ihr Tau⸗ genichtſe? ihr habt niemals etwas loͤbliches gethan, und r werdet ebenſo fortfahren: indeſſen muß man das Ende bedenken; denn, wie das Buch ſagt:„Es giebt nur Einen Gott, und nur Muhamed, der ein Prophet iſt.“ — Simuſtapha und Ilſetilſone. 135 Dſchemal, mit ſeiner traurigen Lage beſchaͤftigt, und mit der Unthaͤtigkeit, in welche er durch die Abdankung ſeiner Koͤniginn verſetzt war, gab keine Antwort hier⸗ auf, ſondern ſagte zu der Alten: „Ich finde dich ſehr verfallen Bakbak, ſeitdem du hier biſt, und du haſt uͤbel gethan, deine falſchen Zaͤhne zu vergeſſen! „Ich verfallen!“ antwortete ſie:„Was will dieſer ſpindelbeinige Kauz da ſagen? Es ziemt dir auch recht, von meinen falſchen Zaͤhnen zu ſprechen, du, dem gar nichts gehoͤrt, was du an dir traͤgſt, nicht einmal dein Geſicht! Nimm dich in Acht, denn wenn ich dich eines Tages verwuͤnſche, ſo wirſt du wieder Ransrak und ſetzeſt dein boͤſes Leben fort: aber bedenke, daß dieß auch einſt ein Ende nimmt; denn wenn Gott Gott iſt, ſo iſt Nuhamed ſein Prophet!“ Hierauf ging Bakbak mit ihrem Buche wieder weg. „Nun!“ fragte ſie Setelpedur,„haſt du die Be⸗ kehrung vollbracht?“ „Oh! Herrinn,“ antwortete die Alte,„man kann dieſen Spitzbuben keine Vernunft beibringen: ich mochte ihnen noch ſo viel predigen, daß es nur einen ein⸗ zigen Propheten giebt, und nur einen Ma⸗ homed der Gott iſt...“ 136 356. 357. Ta g. „Halt inne, Bakbak, du laͤßt da den Koran Unſinn ſagen; es heißt: Es giebt nur Einen Gott, und Muhamed iſt ſein Prophet.“ Dreihundert und ſieben und funfzigſter Tag. Dieſes Geſpraͤch wurde durch einen angenehmen Beſuch unterbrochen, es war der ſchoͤne Simuſtapha auf ſeinem Renner. Er war am Morgen aus Bagdad geritten, und niemand hatte ihm folgen koͤnnen. Er fand Setelpedur bei ihrem Buche und bei ihren Voͤgeln. Mit einem Vergnuͤgen, von welchem ihre errͤthende Stirn zeugte, vernahm ſie, daß der Chalyf ſie als ſeine Tochter, Ilſetilſone ſie als ihre Schweſter, und beide ſie als die Gattinn des Ueberbringers einer ſo freudi⸗ gen Botſchaft anerkennen wollten; und daß Harun bald ſelber herkommen wuͤrde, ein Buͤndnis zu weihen, wel⸗ ches ihm ſo viel Freude erregte. Man befragte die Voͤgel, ob nichts dieſe Vermaͤh⸗ lung ſtoͤren wuͤrde. Setelpedurs Vogel antwortete, er waͤre nur deshalb in Dſchinniſtan geweſen, um dieſelbe zu befoͤrdern. Der Vogel des Baums ſagte, dieſer Er⸗ folg wuͤrde ihm die lange Trennung von ſeiner Gattinn verguͤten; und ihr beider Kind, deſſen Zunge ſich gaͤnz⸗ lich geloͤſt hatte, behauptete, daß eine Vermaͤhlung, welche ſein Heil bewirkt, nur gluͤckſelig ſein koͤnnte. Die Simuſtapha und Ilſetilſone. /137 Liebenden ließen ſich hundert und hundert Mal dieſe frohen Verkuͤndigungen wiederholen. Endlich mußte Simuſtapha das Luſtſchloß Kaſſer⸗ il⸗Harais wieder verlaßen; Pflicht und Liebe riefen ihn nach Bagdad zuruͤck, wo er noch einen Monat zu⸗ brachte, bevor Setelpedurs Wuͤnſche erfuͤllt wurden. Der erſehnte Augenblick kam endlich: der Chalyf, ſeine Gemahlinn und ſeine Tochter machten ſich auf den Weg nach dem Schloſſe, in der Mitte von viertauſend Rittern und zwanzigtauſend Mann Reiterei, voran krie⸗ geriſche Muſik, kurz, in einem der großen Feierlichkeit des Gegenſtands entſprechendem Aufzuge. Am Morgen der letzten Tagereiſe, eilte Simuſtapha voraus, Sekel⸗ pedur den nahen Beſuch anzukuͤndigen. Die ſchoͤne Feen⸗ koͤniginn eilte den Saͤnften bis in den erſten Schloßhof entgegen, und weil ſie den Huldigungen nicht zuvor⸗ kommen konnte, war ſie genoͤthigt, dieſelben anzuneh⸗ men. Ihre Schoͤnheit erſtaunte den Chalyfen, beun⸗ ruhigte Sobeide'n, bezauberte Ilſetilſone'n und Simu⸗ ſtapha, und war die Bewunderung des ganzen Hofes des Beherrſchers der Glaͤubigen. Wir wollen uns nicht bei den Feſtlichkeiten des praͤch⸗ tigen Gaſtmahls aufhalten, zu welchem die Schaͤtze des Chalyfen aufgethan, und deſſen koͤſtlichſtes die Fruͤchte des Gartens waren; wir wollen nicht bei den Feierlich⸗ keiten des Muftis, noch bei dem Foͤrmlichkeiten der Ge⸗ ſetzbeamten verweilen; wir wollen ſelbſt nicht die Freu⸗ 238 3⁵7. T a g. den einer Hochzeit ſchildern, welche zum erſtenmal drei Herzen mit einander verband; wir enthalten uns aller Betrachtungen uͤber die allgemeine Gluͤckſeligkeit des Hauſes des Chalyfen, des Prinzen von Indien, und des Luſtſchloſſes Kaſſer⸗il⸗Harais; denn wir ſind durch die unermeßlichen Raͤume, welche wir durchlaufen mußten, durch die Menge und Mannigfaltigkeit der Begebenhei⸗ ten dergeſtalt fortgeriſſen, daß wir die Zeit, die allge⸗ meine Ordnung der Dinge hienieden, ganz aus dem Geſichte verloren haben: Wir wollen uns alſo wieder zu den Gegenſtaͤnden wenden, an welchen ſie ſo merk⸗ liche Spuren zuruͤcklaͤßt, daß wir uns bei ihrem Anblick unmoͤglich uͤber ihren Verlauf taͤuſchen koͤnnen. „Der Bart Harun Alraſchids war allmaͤhlig weit ehrwuͤrdiger geworden; daſſelbe Feuer belebte noch ſei⸗ nen Blick, aber tiefe Runzeln furchten ſeine erhabene Stirn. Er hatte ſeit zehn Jahren ſeine naͤchtlichen Wanderungen in Bagdad eingeſtellt, durch welche er ſo heilſam ſich uͤber das Betragen ſeiner Beamten aufzu⸗ klären, und uͤber das Gluͤck der Muſelmaͤnner zu wachen wußte. Er gewahrte die zu raſchen Schritte des Todes⸗ engels nach ihm: aber er ſah ſich in der lieblichſten Nachkommenſchaft wieder aufleben. Sein Enkel Harun⸗ ben⸗Alraſchid vereinigte in einem Alter von zehn Jah⸗ ren ſchon alle Vollkommenheiten, welche an dem Prin⸗ zen von Indien und an ſeiner Gattinn Gegenſtand un⸗ ſrer Bewunderung geweſen ſind. Andere nicht minder ——— — Simuſtapha und Ilſetilſone. 159 liebliche Sproͤßlinge troͤſteten ſein Alter; er ſah ſich in der glücklichen Fruchtbarkeit ſeiner angenommenen Toch⸗ ter wieder verguͤngt, in einen kleinen Simuſtapha, der eben ſo ſchoͤn war, wie ſein Vater. Aber nicht alle Vaͤter ſind gluͤcklich: der Vater des Prinzen, weit entfernt, die Freuden des Chalyfen zu theilen, fuͤhlte ſich ſehr ungluͤcklich, und ſeine Gemahlinn theilte ſeinen Schmerz. Es waren bald zwoͤlf Jahre abgelaufen, daß ſie ih⸗ ren geliebten Sohn, ihre einzige Hoffnung, aus dem Geſichte verloren hatten. Zu ihrer Beruhigung gruͤnte der Roſenbuſch noch, welchen Benalab ihnen zuruͤckge⸗ laßen; er hatte je laͤnger, je mehr gebluͤhet, und ver⸗ ſchoͤnte ſich noch immer. Sie troͤſteten ſich durch den Anblick dieſes Buſches, der ihnen die Wohlfahrt ihres Sohnes verbuͤrgte, und erwarteten jeden Augenblick, ihn wiederzuſehen. Simuſtapha hatte abſichtlich, um ſeine erſte Unter⸗ nehmung, deren Erfolg ſehr zweihelhaft war, zu ver⸗ ſchleiern, ihnen ſeine erſten Abenteuer verborgen, von denen er ſich nicht wollte ablenken laßen. Als es ihm nach Wunſche gegluͤckt war, verſchob er die Mittheilung an ſeine Aeltern auf morgen; und indem er uͤber einen Aufſchub erroͤthete, welcher ihm durch nichts zu ent⸗ ſchuldigen ſchien, fuhr er dennoch fort, ſich deſſelben ſchuldig zu machen. Wie gefaͤhrlich iſt es, ſtaͤts auf den folgenden Tag zu verſchieben! 240 1 3⁵7. T 68 g. So kam indeſſen der Tag, wo dieſes Stillſchweigen Simuſtapha's fuͤr die Seinigen ſehr ſchmerzlich war. In dem Augenblicke, da Setelpedur ſich dem Geſetze des Propheten unterwarf, und die Macht Kokopileſobehs gaͤnzlich abſchwur, verſchwanden alle Bezauberungen, welche von ihr herruͤhrten, oder in ihrem Namen ge⸗ ſchehen waren: der ſchoͤne Roſenbuſch des Koͤnigs von Indien verdorrte; Trauer und Troſtloſigkeit erfuͤllte den Palaſt, und der Tod drohte, ihnen zu folgen. Da kam ein Vogel, als Bote der guten Geiſter, aus Indien uͤber Kaſſer⸗il⸗Harais geflogen, er er⸗ zaͤhlte dieſe Neuigkeit den Paradiesvoͤgeln dort. Der Vogel des Baumes ſagte darauf zu ſeiner Gattinn: „Eile hin in die Zimmer der Prinzeſſinnen, und hole mir ein ganz kleines Flaͤſchchen, fuͤlle es mit Waſſer aus dem Becken hier im Garten, und binde es mir mit einem kleinen Bande um den Hals; unſer Sohn ſoll mich begleiten. Ich fliege nach Indien; fraͤgt man nach uns, ſo ſage, ich habe meinen Sohn mit mir auf den Baum genommen, ihn zu belehren.“ Das gute kleine Weibchen that alles, was ihr ge⸗ ſagt wurde. —— Simuſtapha und Ilſetilſone. 141 Dreihundert und acht und funfzigſter Tag. Die beiden Voͤgel eilten auf ſchnellen Fluͤgeln dahin. Bei ihrem Erwachen fanden Simuſtapha's Aeltern den Roſenbuſch wieder verjuͤngt, und ſchoͤner als zuvor. Es ſtieg ein neuer Stamm auf, der aus dem erſten zu entſprießen ſchien: die beiden Zweige verſchlangen ſich, und ließen zweifeln, welcher von ihnen beiden die glaͤn⸗ zenden Bluͤten hervortrieb, womit ſie bedeckt waren. Die Hoffnung wurde durch dieſes Wunder alsbald wieder belebt: der Koͤnig und die Koͤniginn von Indien ließen ihre Sterndeuter entbieten, ihnen dieſe Erſchei⸗ nung des Abſterbens und der ploͤtzlichen Wiederbelebung des Roſenbuſches zu erklaͤren. Die Weiſen zauderten nicht, zu verkuͤnden, daß der Prinz in der groͤßten Le⸗ bensgefahr geweſen, aber gluͤcklich daraus befreiet wor⸗ den:„alle Roſen, welche der Buſch traͤgt, ſind die Tu⸗ genden, welche er erworben, die Wiſſenſchaften, womit er ſich geſchmuͤckt hat; eine Tugend erzeugt die andre, und ſo verflechten ſich alle dieſe Vollkommenheiten.“ Dieß war die Auslegung des doppelten Stammes:„man weiß nicht mehr, welcher von ſeinen trefflichen Eigen⸗ ſchaften man die glaͤnzenden Bluͤten zueignen ſoll, welche ſie hervorbringen.“ „Alle dieſe Deutungen, die eben ſo klar als paſſend ſchienen, ſtimmten vollkommen zu der Beobachtung der 242 358. T a 9. Geſtirne bei der Geburt des Prinzen Simuſtapha, wel⸗ cher dereinſt das vollkommene Muſter aller Koͤnige der Erde werden ſollte. Wie troͤſtlich war dieſes geheim⸗ nisvolle Sinnbild des Roſenbuſches! Und wie weit war die Wirklichkeit noch uͤber dieſem Zaubergebilde! Der Koͤnig von Indien und ſeine Gattinn waren endlich muͤde, vergeblich nach allen vier Weltgegenden Boten zur Entdeckung ihres Sohnes auszuſenden, und entſchloſſen ſich, ihn ſelber aufzuſuchen; ſie zweifelten nun nicht mehr an ſeinem Leben in der bewohnten Welt, und machten ſich auf den Weg. Wenn ein ſtrenger Richter das Schweigen Simu⸗ ſtapha's gegen die Seinigen, die ihm ſo theuer ſein mußten, zu ſeltſam faͤnde, und ihm der Eigenſinn des Schickſals auffiele, daß es alle angeſtellten Nachfor⸗ ſchungen der Aeltern vereitelte, ſo giebt man ihm zu bedenken, daß, wenn der Prinz von Indien ſich fruͤher zu erkennen gegeben haͤtte, er zur Zeit ſeiner Vermaͤh⸗ lung mit Ilſetilſone'n in die Staaten ſeines Vaters heimgerufen worden, und dann Setelpedur, die eines beſſern Schickſals wuͤrdig war, Koͤniginn des graunvollen Dſchinniſtans geblieben waͤre: und ſo wird man auch hier die hoͤhere Weisheit der Vorſehung bewundern, welche durch die blinden Handlungen der Sterblichen die Erfuͤllung ihrer tiefen Beſchluͤſſe herbeifuͤhrt. In Bagdad und Kaſſer⸗il⸗Harais lebte alles fort⸗ waͤhrend in Gedeihen und Gluͤckſeligkeit. Die kluge Simuſtapha und Ilſetilſone. 145 Sobeide beurtheilte, ſeitdem ihre Tochter Simuſtaphas Herz mit Setelpedur theilte, das Gluͤck derſelben weit richtiger, und geſtand endlich, daß aus der Verbindung eines Mannes mit zwei Frauen allerdings ein großer Vortheil fuͤr alle drei erwachſen koͤnnte, zumal wenn die eine davon die Gaben einer Fee hatte. Da kam ein Kriegsgeſchrei ins Land, dieſe gluͤckliche Vereinigung zu trennen. Aus Baßra wurde geſchrie⸗ ben, eine unzaͤhlbare Flotte drohete mit einer Landung. Der Chalyf waͤhnte, die Unglaͤubigen kaͤmen, ihre Nie⸗ derlage vor Damask zu raͤchen; er befahl in ſeinem ganzen Reiche Truppen auszuheben, zweimal hundert⸗ tauſend Mann ſollten Baßra und den uͤbrigen einem Angriffe ausgeſetzten Staͤdten zu Huͤlfe zu eilen; Simu⸗ ſtapha hatte den Oberbefehl derſelben. Das Heer verſammelte ſich, und ſetzte ſich in Be⸗ wegung; bald erreichte es Baßra; alle zur Landung gelegenen Stellen wurden befeſtigt. Man beobachtete die Richtung der Flotte; der Wind ſchien ihre Annaͤhe⸗ rung ans Land zu beguͤnſtigen, und ſie konnte ſich auf der Rheede von Baßra vor Anker legen. Der Anblick der Schiffe, aus welchen ſie beſtand, zeigte eine furcht⸗ bare Zuruͤſtung; indeſſen hatte ſie noch keine Feindſelig⸗ keiten ausgeuͤbt; die Fiſcher, welche in ihre Naͤhe ge⸗ kommen, waren nicht beunruhigt worden, und man konnte ſicher ſein, daß die Flotte nicht von Unglaͤubigen bemannt war: ſie fuͤhrte die Indiſche Flagge. 144 358. Ta g. Bei dieſem Zeichen fuͤhlte Simuſtapha ſein Herz bewegt. Ein Boot wurde von dem Hauptſchiffe nieder⸗ gelaßen, und naͤherte ſich mit vollen Rudern dem Lande. Simuſtapha beſtieg mit dem jungen Harun, ſeinen Sohn, eins ſeiner Fahrzeuge, und ruderte dem Indi⸗ ſchen Boot entgegen. Als beide ſich ſo nahe gekommen, daß ſie einander zurufen konnten, bat der Indiſche Be⸗ fehlshaber um Erlaubnis, bei Baßra landen zu duͤrfen; er machte kund, daß der Koͤnig von Indien am Bord des Hauptſchiffes waͤre, um uͤberall ſeinen Sohn Simu⸗ ſtapha zu ſuchen, und daß er jetzo ſeinem Freunde und Verbuͤndeten, dem Chalyfen Harun⸗Alraſchid ſeine Huldigung darbringen, und zugleich die Nachſpuͤrung ſeines Sohnes fortſetzen wollte; er fuͤgte hinzu, daßs die Gemahlinn des Koͤnigs von Indien ihn begleitete. Simuſtapha ſuchte ſeine Freude und ſeine Thraͤnen zu verbergen:„Rudert nach dem Schiffe zuruͤck, ſagte er zu dem Befehlshaber; ich will in euer Boot ſteigen und mit euch hinfahren.“ u gleicher Zeit befahl er ſeinem Sohn, alsbald die Schaluppe des Chalyfen in den Stand ſetzen, und ſie von allen uͤbrigen im Hafen begleiten zu laßen. Dar⸗ nach beſtieg er die Indiſche Schaluppe, und ließ ſich nach ihrem Schiffe bringen. 8 Simuſtapha und Ilſetilſone. 1465 Dreihundert und neun und funfzigſter Tag. Unterdeſſen beobachtete der Koͤnig von Indien, was bei der Begegnung der beiden Schaluppen vorging; er ſah einen Krieger in glaͤnzender Ruͤſtung die zuruͤckkeh⸗ rende Schaluppe beſteigen; er ließ ſeine Leute an den Treppen aufſtellen, um ihn an Bord zu helfen, und erwartete ſelber ihn auf dem Verdecke. Simuſtapha ſtuͤrzte ſich ſogleich ſeinem Vater zu Fuͤßen, noch ehe er von ihm erkannt war, und badete ſie mit ſeinen Thraͤnen. Der Koͤnig, uͤber eine ſo auffal⸗ lende Huldigung in einem fremden Lande verwundert, hub den vor ihm niedergeſunkenen Mann auf: die uͤber⸗ ſtroͤmenden Thraͤnen vermochten jedoch nicht, die ſeinem Herzen und ſeinem Geiſte ſo gegenwaͤrtigen Zuͤge zu verſchleiern; die Natur ſprach maͤchtig in ihm, die ploͤtz⸗ liche Ueberraſchung bewaͤltigte ſeine Sinne, er taumelte an den Maſtbaum des Schiffes, und rief aus:„Ja, das iſt mein Sohn!“ Dieſer Ruf, und der ganze Vorfall zog die Koͤni⸗ ginn herbei, die nun ihre Thraͤnen und ihre Umarmun⸗ gen mit denen ihres Sohnes und ihres Gatten ver⸗ miſchte; alle drei uͤberließen ſich den ſuͤßeſten Gefuͤhlen der Natur. Dieſe Empfindungen belebten ſich von neuen bei dem Anblick des Juͤnglings, der jetzt ankam: der junge VI. 10 * 146 359. Ta g. reizende Harun, eilf Jahr alt, in vollſtändiger Waffen⸗ ruͤſtung, voll Anmuth und Hoheit der Unſchuld, wurde von den angeſehenſten Befehlshabern des muſelmaͤnni⸗ ſchen Heeres an Bord gefuͤhrt, und befand ſich auf einmal in den Armen der Groß⸗Aeltern, von denen Simuſtapha ihm ſo oft erzaͤhlt hatte. Wer koͤnnte je die Freude dieſer gluͤcklichen Aeltern und Kinder ſchildern? Der Koͤnig von Indien ſchiffte ſich nun in Baßra aus; der Chalyf war nicht mehr in Unruhe uͤber dieſe Flotte; die Hoffnung, ſeinen alten Freund wiederzuſe⸗ hen, erheiterte ſeine alten Tage. Dieſe große Neuigkeit kam auch nach Kaſſer⸗il⸗ Harais, und die herzliche Freude der Prinzeſſinnen theilte ſich ihren Kindern mit; ſelbſt die Voͤgel ſchienen ſie zu theilen: es war ein allgemeines Entzuͤcken. Das Heer des Chalyfen wurde wieder entlaßen. Das Schiffsheer des Koͤnigs von Indien blieb zu Baßra; er ſelber begab ſich nach Bagdad, im Geleite ſeines Sohnes Simuſtapha, und der Chalyf kam ihnen mit nen praͤchtigſten Gefolge entgegen, und vereint zogen ie ein.— Bagdad hatte ganz ſeine Geſtalt verwandelt: der Indiſche Koͤnig zog uͤberall durch Ehrenbogen; der Cha⸗ lyf entfaltete alle ſeine Herrlichkeit, um ſeinen Freund und Bundesgenoſſen wuͤrdig zu empfangen; die feier⸗ lichſten Handlungen der Religion weihten dieſes glaͤn⸗ zende Gepraͤnge, und oͤffentliche Freudenfeſte kroͤnten es. Simuſtapha und Ilſetilſone. 147 Dem Koͤnig und der Koͤniginn von Indien ſtand noch eine anziehende Reiſe bevor, die nach Kaſſer⸗ il⸗Ha⸗ rais, wo die beiden Prinzeſſinnen, Simuſtapha's Ge⸗ mahlinnen, mit ihren Kindern wohnten. Der Chalyf ließ ſchleunig alle Anſtalten dazu machen, welche in nichts denen nachgaben, von welchen Bagdad ſo eben Zeuge geweſen war. Die Prinzeſſinnen wurden davon benachrichtigt, und bald ſah man die Fahnen des Cha⸗ lyfen und des Koͤnigs von Indien in den Luͤften wehen. Boten eilten dem Zuge voraus; endlich langten die Gaͤſte an, und die vereinte vielverſchlungene Familie wurde unter gegenſeitigen Herzensergießungen, von den ſußeſten Gefuͤhlen der Natur beſeligt. Die Koͤniginn von Indien erkannte jetzt alle Bluͤten des Roſenbuſches, und konnte ſich nicht ſaͤttigen ſie auzuſchauen, und zaͤrt⸗ lich an ihren Buſen zu druͤcken. Nach einem praͤchtigen Gaſtmahle, gingen alle in den Wundergarten, wo ein eben ſo reizendes als un⸗ verhofftes Feſt ſie erwartete. Auf Befehl der drei Pa⸗ radiesvoͤgel hatten alle uͤbrigen Voͤgel ſich verſammelt, und ſtimmten zuſammen einen wohllautenden Geſang an; ſie ließen ſich auf den Raſen nieder, und ſtellten hier dem Auge ein Beet voll lebender Blumen dar. Beim Klange dieſes Geſanges, ſchienen die Gaſellen und andere kleine Thiere vor Freuden zu huͤpfen und laͤndliche Taͤnze darzuſtellen. Die ſilberblinkenden Fiſche der Waſſerbecken ſtiegen aus dem klaren Sandgrunde 148 359. T ꝗ g. empor, und ließen ihre bunten Schuppen in den Strah⸗ len der Sonne ſpielen; das Waſſer erſchien wie ein fluͤſſiger Regenbogen, deſſen liebliches Farbenſpiel die Augen entzuͤckt. Die ſeligen Liebenden irrten in den reizenden Gebuͤſchen umher, unterhielten ſich von ihren Freuden, und theilten ſie mit einander. Aber es war Zeit, daß der Koͤnig von Indien auch ſeine Unterthanen an dem gluͤcklichen Erfolge ſeiner Reiſe theilnehmen ließ; er ſollte Simuſtapha und deſſen beide Gemahlinnen mitnehmen. Zur Entſchaͤdigung fuͤr dieſe Entfuͤhrung, behielt der Chalyf den jungen Harun⸗ ben⸗Alraſchid bei ſich, der mit der einzigen Tochter ei⸗ nes verſtorbenen Sohnes des Beherrſchers der Glaͤubi⸗ gen vermaͤhlt, und zugkeich zu ſeinem Nachfolger er⸗ nannt wurde. Simuſtapha, Ilſetilſone und Setelpedur mit den Ihrigen ſchifften ſich nun nach Indien ein; unter Thraͤ⸗ nen ſchieden ſie von dem jungen Harun: dieſer beglei⸗ tete ſeine Aeltern bis ans Meer; und nachdem er ſie umarmt hatte, ſprach er zu ſeinem Vater: „Vater, ruͤſte ein Kriegsheer aus; ich will mir auch eins von dem Chalyfen erbitten, und vereint wollen wir dann alle Unglaͤubigen baͤndigen und uns wieder unter⸗ werfen. So werde ich die Freude haben, dich wieder⸗ zuſehen; ich will auch meine kleine Gemahlinn Jalid eh mitbringen; wir werden uns ſehen, uns umarmen, ich 1 Simuſtapha und Ilſetilſone. 149 werde meine Mutter und meine Schweſtern herzen, und wir Alle werden gluͤcklich ſein.“ Schon hatten die Schiffe das Meer von Baßra ver⸗ laßen; ſie ſegelten nach den Kuͤſten Indiens, wo ſie nach einer gluͤcklichen Fahrt anlangten. Die Wuͤnſche des Volks gingen nun in Erfuͤllung: Setelpedur fand hier den Frieden und das Gluͤck, welches allen Kronen Dſchinniſtans weit vorzuziehen war; und Simuſtapha aͤrntete endlich den Preis der Tugenden, deren Keim der Perſiſche Weiſe in ihm gepflegt hatte.“ 1250 Sauſend und Ein Tag. Nachdem die Amme die Geſchichte Simuſtapha's hiemit beſchloſſen hatte, fragte die Prinzeſſinn: „Iſt die Geſchichte ſchon aus? ſie hat mich ſehr angezogen, beſonders wegen der Voͤgel.“ Es thut mir leid, daß ſie nicht alle drei mit nach Indien gezogen ſind: ſie wuͤrden nicht wenig dazu bei⸗ getragen haben, den Hausfrieden zu erhalten.— Ich Hauſche⸗ ſelber wohl einen ſolchen Paradiesvogel zu angen. „Dieß Geluͤſt waͤre ſehr gefaͤhrlich,“ antwortete die Amme;„die Voͤgel des Paradieſes laßen ſich nicht fan⸗ gen: ihr koͤnntet andere aus Oſchinniſtan dafuͤr nehmen, welche euch eben ſo ſchoͤn erſchienen, aber ſo wohl außen als innen nur Lug und Trug ſind. Weil es noch Zeit iſt, ſo koͤnnte ich euch eine nur kurze, aber ſehr un⸗ gluͤckliche Geſchichte erzaͤhlen, welche dazu dienen wuͤrde, euch vor dem Verkehr mit dergleichen wunderbaren Voͤgeln zu warnen: es iſt die Geſchichte Ali⸗ben⸗Dſchads, Sultans von Irak.“ „Ich will ſie gern anhoͤren,“ antwortete die Prin⸗ zeſſinn, und die Amme begann alſo: —.—— Geſchichte Ali⸗Ben⸗Dſchads, Sultans von Irak, mit den falſchen Paradiesvoͤgeln. „Ali„ben⸗Dſchad, Sultan von Irak, ein Abkoͤmm⸗ ling Ali's, kriegte gegen den Chalyfen Moavia. Er glaubte ihm eine Schlinge zu legen, indem er ihn in eine Schlucht lockte, deren Hoͤhen er beſetzt hielt. Moavia ließ ſein Heer langſam vorruͤcken, um ſeinen Feind waͤhnen zu laßen, daß er ohne Mistrauen in die ihm geſtellte Falle ginge: aber ploͤtzlich wandte er ſich, Ali⸗Ben⸗Dſchads Heer wurde in Stuͤcken gehauen, und dieſer ſelber gefangen. Er wurde in einer Veſtung am Fluß Addſchala, einige Meilen von Kaſſer⸗il⸗ Harais, eingeſperrt. 152 359. Tag. Dieſer Gefangene, ein Menſch von wilder Gemuͤths⸗ art, hatte waͤhrend ſeiner Regierung piele Leute ins Un⸗ gluͤck geſtuͤrzt, und konnte nun das ſeinige nicht ertra⸗ gen: er ging beſtaͤndig von feiger Verzagtheit zu einer Heftigkeit uͤber, welche an Wahnſinn graͤnzte. Er hatte keine andre Geſellſchaft, als einen Ver⸗ ſchnittenen von funfzehn Jahren, der bei ihm eingeſperrt war, und verbrachte ſeine Zeit im Geſchwaͤtze mit dieſem eben ſo einfaͤltigen als unwiſſenden Jungen. Er ver⸗ wunderte ſich mit ihm, wie Moavia, der ſeine Zeit mit beten zubraͤchte, im Kriege ploͤtzlich einen Streich aus⸗ fuͤhrte, der ſeine Feinde in Verwirrung ſetzte, und wie er feindliche Entwuͤrfe vereitelte, ohne daß er ſie beach⸗ tet zu haben ſchiene. 3 G „Unſer Chalyf,“ ſagte der Verſchnittene,„braucht weder Kundſchafter, noch ſich viel Muͤhe zu geben: wenn man ihm meldet, daß die Feinde heranziehen, beſteigt er ſein Kameel, und nimmt einigen Vorrath mit; ſein Paradiesvogel fliegt vor ihm her, und verraͤth ihm die ſchwachen Stellen des Feindes; ſeine Entwuͤrfe und ſeine Mittel.“ „Was iſt das fuͤr ein Vogel?“ fragte Ali⸗Ben⸗ Dſchad. „Habt ihr niemals von den Voͤgeln gehoͤrt,“ ant⸗ wortete der Verſchnittene,„welche in dem Garten Kaſſer⸗ il⸗Harais hier ganz in der Naͤhe ſindd Mahomed hat ihre Art in dieß Luſtſchloß gebracht, und ſie verlaßen Ali, Ben⸗Dſchad. 153 es nie, außer, um einem Propheten zu dienen. Man ſpricht oft davon im Palaſte, weil die Frauen ſie ge⸗ ſehen haben: dieſe Voͤgel ſind heilig, ſie wiſſen den Koran auswendig, und ſprechen ſehr deutlich. Man ſagt, daß ſie allerlei dinge thun. Ich habe mehr als hundert Ge⸗ ſchichten davon erzaͤhlen gehoͤrt, dergeſtalt, daß ich manch⸗ mal von ihnen traͤume: aber ich habe ſie auch immer nur im Traume geſehen. Sie ſind ſehr ſchoͤn, wenn ſie in der Luft ſchweben; man koͤnnte ſie fuͤr ein fliegendes Buͤndel Seide halten, ſo fein und leicht ſind ihre Federn. Unſer großer Chalyf hat ſicherlich einen ſolchen Vo⸗ gel, der ihm dient und ihm alles ſagt: aber er allein nur ſieht und hoͤrt ihn; auch weiß er alles, was in dem Palaſt vorgeht. Wir hatten einen Schwarzen unter uns, der ſich ruͤhmte, einen dergleichen Vogel zu be⸗ ſitzen, durch welchen er alle verlorenen Sachen wieder⸗ faͤnde: aber ſein Vogel bewahrte ihn nicht davor, in dem Ilfara zu erſaufen.“ Dreihundert und ſechzigſter Tag. Der ſo ſchon ſchwache Kopf des Sultans wurde durch die Erzaͤhlung von dieſen Wundern und vielen anderen, womit der Verſchnittene ihn unaufhoͤrlich un⸗ terhielt, taͤglich mehr erhitzt:„Koͤnnte ich,“ ſprach er bei ſich ſelber,„einen ſolchen Vogel kriegen, wie Moavia 154 360. Ta g. hat, der wuͤrde mir hier heraushelfen; ich wuͤrde durch ſeine Huͤlfe wieder meine Staaten erreichen, ein neues Heer aufbringen, und herkommen, den Chalyfen zu be⸗ kriegen; die Macht wuͤrde dann an natuͤrlichen und wun⸗ derbaren Mitteln auf beiden Seiten gleich ſein, und wir wuͤrden ſehen, wer von uns beiden den Sieg davon truͤge. Es iſt nicht weit von hier nach Kaſſer⸗il⸗Ha⸗ rais; wenn meine Stimme bis dorthin dringen koͤnnte, ſo wuͤrde ich einen der Bewohner des Gartens vermoͤ⸗ gen, mir zu helfen: „Kommt her, kommt her zu mir!“ rief der Sultan in ſeiner Begeiſterung aus,„kommt herbei, ihr himm⸗ liſchen und maͤchtigen Voͤgel! der Thron von Irak und eis maͤchtigſte Reich, ſo ich erobern kann, ſoll euer Kaͤfig ein. Ali⸗ben⸗Dſchad war von dieſer Vorſtellung ſo ein⸗ genommen, daß er ſein Abend⸗ und Morgen⸗Gebet daruͤber vergaß. Er war ſonſt, obwohl ein Unglaͤubi⸗ ger, ſehr ſtrenge hierin: aber jetzo richtete er ſeine An⸗ dacht nur auf die wunderbaren Voͤgel; ſie allein be⸗ ſchaͤftigten ſeine Gedanken. „Ich habe dieſe Nacht einen geſehen,“ ſagte eines Tages der Verſchnittene zu ihm,„es war mir, als ſpraͤche er mit mir im Traume.“ „Ah! wie gluͤcklich biſt du!“ ſagte der Sultan dar⸗ auf:„ich moͤchte die Haͤlfte meines Bluts hingeben, um ſie nur im Traume zu ſehen.“ —-——-——— Ali, Ben Oſchad. 155 In der Nacht hielt dieſer Gedanke den Sultan wach; dieß war nicht das Mittel, den gewuͤnſchten Traum zu haben: aber ploͤtzlich hoͤrt er um Mitternacht an ſein Fenſter klopfen, welches außen wohl hundert Fuß uͤber der Erde hoch war. Er ſchaute hin, und es erſchien ihm erhellt, wie vom Tageslichte: er betrachtete es naͤ⸗ her, und ſah einen ſchoͤnen Vogel draußen auf dem Gitter ſitzen. Bei dieſem Anblick war Alt⸗Ben⸗Dſchad hingerißen von Freuden und Erſtaunen. Er lud den Vogel ein, hereinzukommen. 1 „Ich kann nicht,“ antwortete das wunderbare Thier, aber ſo verſtaͤndlich, daß es ihm vorkam, als wenn ihm jemand ins Ohr ſpraͤche:„wenn du indeſſen mich zu haben wuͤnſcheſt, ſo werden wir leicht uͤber die Bedin⸗ gungen einig werden.“ Nach dieſen wenigen Worten, verſchwand der glaͤn⸗ zende Vogel, und Ali⸗Ben⸗Dſchad waͤhnte ſich auf dem Sprunge, der gluͤcklichſte der Menſchen zu werden. Der Verſchnittene hatte geſchlafen und nichts geſe⸗ hen, der Sultan theilte ihm ſein gutes Gluͤck mit; und in der folgenden Nacht blieben beide wach, aber ſie hatten nichts weiter davon, als eine ſchlafloſe Nacht. Mehrere Tage verfloſſen ſo, in Erwartung, Ungeduld und Schlafloſigkeit: endlich erſchien der Vogel abermals um Mitternacht. 156 360. Tag. „Ich war,“ ſprach er zu dem Sultan,„aus eigener Bewegung, und angezogen durch deine Bitten, welche ich in dem Garten Kaſſer⸗ il⸗Harais hoͤrte, zu dir ge⸗ kommen: nunmehr habe ich die Erlaubnis erhalten, mit dir zu verkehren; wollen wir nun unſern Vertrag mit einander machen?“ 1 „Von ganzem Herzen,“ antwortete Ali⸗Ben⸗Dſchad. „Wenn das iſt, ſo ſteh auf und laß mich hinein.“ Der Sultan ſtand auf.„Stelle dich mitten ins Zim⸗ mer,“ fuhr der Vogel fort,„und wiederhole Wort fuͤr Wort alles, was ich dir vorſagen werde: Zimmer, oͤffne dich! ich befehle es dir im Namen Mahomeds. Vogel, komm her zu mir! ich befehl es dir im Namen des Fuͤrſten der Erde.“ Ali⸗Ben⸗Dſchad, außer ſich vor Freuden, ſprach dieſe Worte nach, und alsbald ſaß der Vogel auf ſei⸗ ner Schulter: das Licht, welches er ausſtrahlte, warf einen hellen Schein ins Zimmer: der erſchrockene Ver⸗ ſchnittene ſtuͤrzte langhin auf den Boden. „Was willſt du von mir,“ fragte der Vogel,„und von dem Herrn, dem ich angehdre?“ „Ich will hier heraus,“ antwortete der Sultan, „mach Irak heimkehren, meinen Thron wieder beſteigen, und mich an Moavia raͤchen.“—. „Das alles wird mit der Zeit geſchehen, aber wir muͤßen damit beginnen, hier heraus zu kommen. Be⸗ — Ali⸗ Ben Ddſchapd. 197 fiehl dem Eiſengitter, welches uns aufhaͤlt, im Namen Mahomeds niederzuſinken.“ Ali⸗Ben⸗Dſchad zauderte nicht, zu gehorchen.— „Befiehl mir weiter im Namen des großen Gottes der Erde, dir einen Wagen zu machen, der dich noch vor Ende des Tages nach Irak bringe.“ Ali⸗Ben⸗Dſchad, voll Freuden und Hoffnung, gab dieſen neuen Befehl mit Vergnuͤgen, nachdem er ſchon das Gitter vom Fenſter verſchwinden geſehen hatte. „Du haſt genug an der Muͤtze des Turbans: Gieb mir die Mußelinbinde deſſelben: daraus ſoll der Wagen gemacht werden, der dich mit dem Verſchnittenen hin⸗ weg fuͤhren ſoll.“ Der Sultan beeiferte ſich, auch dieſer Forderung zu genuͤgen.— „Nunmehr,“ ſagte der Vogel,„gehe ich ans Werk.“ Er nahm den einen Zipfel der Binde in den Schnabel und flog damit zum Fenſter hinaus. Einen Augenblick darnach, erblickte Ali⸗Ben⸗Dſchad draußen vor dem Fenſter einen ſehr bequemen Wagen, an welchem der Vogel mit einem leichten Bande von Gold und dunkel⸗ rother Seide geſpannt war. Er trat dreiſt von ſelber hin ans Fenſter, und buͤckte ſich, hindurch zu ſchluͤpfen und in den Wagen zu ſteigen. „Noch einen Augenblick,“ ſagte der Vogel:„indem du den Fuß in den Wagen ſetzeſt, mußt du das Glau⸗ 158 860., Ta g. benebet;nkäls nachſprechen, welches ich dir vorſagen werde. „Unbedenklich,“ antwortete der Sultan, ſehr begierig von hinnen zu kommen.— „Wenn du aber ein Wort davon auslaͤßt, ſo findeſt du in dem Addſchala die letzte deiner Abwaſchungen. Steig nun ein, und ſprich, bevor du dich niederſetzeſt, ſehr deutlich: Im Namen des großen Kokopileſobeh, des alleinigen Gottes der Erde! Ich will von hinnen nach Irak.“ „Was ſagſt du da, Vogel?“ fragte Ali⸗Ben⸗Dſchad: 23 giebt nur Einen Gott und Mahomed iſt ſein Pro⸗ phet. Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, als der Wagen ſich aufloͤſte, und wieder zu Mußelin ward; der Vogel flog davon, und Ali⸗Ben⸗Dſchad ſtuͤrzte mit dieſem leichten Stoffe durch ſeine Schwere zu Boden: er fiel auf die Felſen, welchen die Fluten des Stroms am Fuße des Thurmes beſpuͤlten: aber er wurde nicht zerſchmettert; denn es haftete noch einige Zauberkraft in der Binde des Turbans. Indeſſen war Ali⸗Ben⸗ Dſchad von dieſem Falle dermaßen betaͤubt, daß er den wenigen geſunden Verſtand, der ihm noch geblieben war, vollends verlor; er ward ganz bloͤdſinnig. Fiſcher fan⸗ den ihn, huben ihn auf, und brachten ihn zu Moavia. — * Ali, Ben⸗ DOſchad. 1259 Dreihundert und ein und ſechzigſter Tag. Deer Chalyf war durch den jungen Verſchnittenen, der noch nicht den Fuß auf den Wagen geſetzt hatte, als er wieder verſchwand, von dem Abenteuer unterrich⸗ tet, und glaubte in dieſer Beſtrafung des Sultans von Irak, den Willen Gottes und die Lenkung Mahomeds zu erkennen: er gab nun demjenigen die Freiheit des Leibes, den ein hoͤherer Rathſchluß der Freiheit des Geiſtes beraubt hatte. Der Verſchnittene fuͤhrte ihn, wie zur Schan, in Bagdad umher, und verdiente ſich einiges Geld, indem er ihn den Fremden in den Chans als den Sultan des Vogels zeigte. Ali⸗Ben⸗Dſchad, durchaus unempfind⸗ lich, beantwortete alle Fragen, welche man ihm thun mochte, nur durch Lachen.“ 160 Tauſend und Ein Tag. „Haſt du geendigt?“ ſagte hierauf die Prinzeſſinn zu der Amme:„delne Geſchichte iſt anzuͤglich: haͤltſt du mich denn fuͤr einen Schwachkopf, weil ich die Voͤ⸗ gel liebe?“ „Erhabene Hrinzeſſinn,“ antwortete die Amme,„ich „habe euch nur warnen wollen.“— „Genug davon; aber laß dir ein fuͤr allemal ge⸗ ſagt ſein, ich liebe es nicht, daß man ſich uͤber meine Liebhaberei luſtig macht; und ſei kuͤnftig vorſichtiger in der Wahl deiner Geſchichten.“ „So will ich euch denn eine Geſchichte ganz andrer Art erzaͤhlen,“ ſagte die Amme, und hub alſo an: Habib und Dorat⸗il⸗Goas oder Geſchichte des fahrenden Ritters. Den zahlreichſten und tapferſten der arabiſchen Staͤm⸗ me, genannt Ben⸗il⸗Helal,*) beherrſchte vormals der Emir, Ben⸗il⸗Helal⸗Salamis, der beruͤhm⸗ teſte Mann ſeiner Zeit, durch ſeinen Muth, ſeine Tap⸗ ferkeit, ſeine Froͤmmigkeit, ſeine Redlichkeit, mit Einem Worte, durch alle Tugenden, welche einen Helden und Fuͤrſten auszeichnen. So viele vereinigte Eigenſchaften hatten ihn zum Oberhaupte von ſechs und ſechzig Staͤm⸗ men gemacht, welche er mit Weisheit beherrſchte, und *) Dieſer bei Herbelor(Orient Bibl.) Benk⸗Helal genannte Stamm bewohnte eine an Palmen fruchtreiche Gegend zwi⸗ ſchen Medina und Kufa. VI. 7 162 361 Kag. deren Zutrauen er ſich erworben hatte. Das Gluͤck und die Wohlfahrt, welche haͤufig die Fruͤchte eines guten Wandels ſind, hatten ihn im Kriege begleitet, und ver⸗ ließen ihn auch nicht in den Zeiten des Friedens. Zu reiferem Alter gelangt, wuͤnſchte ſich dieſer Fuͤrſt, zur Vollendung ſeiner Gluͤckſeligkeit, nur noch einen Erben: eine Gunſt des Himmels, welche ihm noch nicht zu Theil geworden war. Waͤhrend des Haraphat⸗Feſtes hoͤrte Salamis nicht auf, den Altar mit Opfern zu bedecken; auf den Stu⸗ fen des Heiligthums kniend, ſchickte er heiße Gebete zu dem großen Propheten empor, und erwartete mit Erge⸗ bung und Ehrfurcht eine zu ſeinem Gluͤcke ſo noth⸗ wendige Gnade. Eines Tages, als er den Weihrauch ſeiner Opfer verdoppelt hatte, empfand er ploͤtzlich eine wohlthaͤtige Beruhigung, welche ihn mit der ſuͤßeſten Hoffnung er⸗ fuͤllte. Dieſe wurde nicht getaͤuſcht: einige Zeit darauf fuͤhlte ſeine Gemahlinn Amirala) ſich ſchwanger, und nach neun Monden gebar dieſe Fuͤrſtinn einen Knaben, an Schoͤnheit dem Geſtirne vergleichbar, welches uns in den Sommernaͤchten fuͤr die Abweſenheit der Sonne entſchaͤdigt. Amirala nahm ihr Kind in die Arme, lieb⸗ koſte ihm mit Zaͤrtlichkeit und Entzuͤcken, und ſprach: —2 *) In Cauſſins Ergänzung von 1001 Nacht heißt ſie Kamar⸗ Alasſchraf d. i. Mond der Edlen. — —2 — Der fahrende Ritter. 263 „Liebliches Kind, du ſchoͤnes Bild des Stammes, deſſen Frucht du biſt, moͤgen die Kuͤſſe meines Mundes dir eben ſo gedeihlich ſein, als die Strahlen der Sonne der jungen aufkeimenden Pflanze ſind! Komm an meine Bruſt, die erſten Fruͤchte meiner Zaͤrtlichkeit zu koſten. Und du, großer Prophet, dem der Allmaͤchtige den Schluͤſſel zu den Gnaden des Himmels anvertraut hat! du, dem wir dieſen koſtbaren Schatz verdanken, ſende auf ihn die Einfluͤſſe deines goͤttlichen Geiſtes hernieder! Laß durch dein maͤchtiges Gebot, das gewaltigſte, das glaͤn⸗ zendſte, und zugleich mildeſte der Geſtirne ſeine Beſtim⸗ mung leiten! Heil euch, ihr Staͤmme der lachenden Gefilde Ara⸗ biens! fuͤr euch iſt unſer Habiba) uns geſchenkt wor⸗ den! Kommet herbei, das Haupt meiner jungen Ceder zu ſchauen! ihr werdet es uͤber alle anderen hervorra⸗ gen ſehen. Frohlocket, ihr gluͤcklichen Staͤmme, eines Tages wird er euch mit ſeinem Schatten beſchirmen!“ Waͤhrend Amirala ſo die Wohlthat des Allerhoͤch⸗ ſten feierte, hatte der Emir alle Sterndeuter des Volks verſammelt, und ließ die Sterne uͤber die Beſtimmung ſeines Sohnes befragen. Zur geſetzten Stunde waren die Augen der Sterndeuter auf das tiefblaue Himmels⸗ gewoͤlbe gerichtet: es war, als ob ein Kampf an dem⸗ *) Habib bedeuter der Vlielgeliebte. 164 361. Tag. ſelben vorginge; ein Geſtirn ſchien ſich dem andern zu widerſetzen; ein ſehr glaͤnzender Stern wurde verdunkelt, verſchwand, oder erloſch, gleich den feurigen Erſcheinun⸗ en, welche zuweilen vom Nachthimmel niederfahren; der Stern verließ indeſſen nicht ſeine Stelle, und einige Augenblicke darnach ſtrahlte er in neuem Glanze und zeigte ſich in der guͤnſtigſten Stellung zu den uͤbrigen Geſtirnen. Jetzo nahm der aͤlteſte unter den Sterndeutern das Wort, und ſprach zu Salamis: „Mein Fuͤrſt, dein Sohn wird mit hohem Ruhm und Bewundrung leben: aber niemals wird ein Sterb⸗ licher ſo viel Gefahren zu beſtehen haben, als er; Zu⸗ faͤlle und Unfaͤlle erwarten ihn, aber ſeine Huͤlfsmittel ſind unverſieglich: die Liebe und der Ruhm werden ſeine Anſtrengungen kroͤnen, wenn ſein Muth und ſeine See⸗ lenſtaͤrke alle dieſe Pruͤfungen uͤberwindet.“ „Welche wunderſame Beſtimmung!“ erwiederte der Emir:„kann nichts ihre Strenge mildern?“— „Mein Fuͤrſt, wir haben uns augenſcheinlich uͤber⸗ zeugt, daß das große Geſtirn und die ſieben es umge⸗ benden Wandelſterne, nicht im Einklange ſind; ſie ſchie⸗ nen uns alle ihre Kraͤfte aufzubieten, dem Geſtirne dei⸗ nes Sohnes zu Huͤlfe zu kommen, oder die boͤſen Ein⸗ fluͤſſe von demſelben abzuleiten; der Anblick dieſer Kaͤm⸗ pfe war furchtbar: aber da Habibs Stern wieder zum Vorſchein gekommen iſt, ſo darfſt du einige Hoffnung Der fahrende Ritter. 165 hegen. Die Gefahren ſind uns ſehr deutlich gezeigt worden: aber, wie der Menſch zum Theil den Schlaͤ⸗ gen des Schickſals ausweichen kann, ſo vermag auch Habib durch ſeine Tugenden jene boͤſen Einfluͤſſe zu mil⸗ dern und ſeinen Stern zu zwingen, ihm guͤnſtig zu ſein.“ Salamis war der muthvollſte und zugleich der er⸗ gebenſte Mann:„die Unfaͤlle, die meinen Sohn bedro⸗ hen,“ ſprach er bei ſich ſelber,„werden zweifelsohne menſchliche Kraͤfte nicht uͤberſteigen: man muß alſo ei⸗ nen Mann aus ihm bilden, und die Keime aller Tu⸗ genden in ihm pflegen; Amirala wird mir dabei helfen, und wir werden ihn durch unſer Beiſpiel und unſere Lehren in den Stand ſetzen, die ihm drohenden Gefahren ſiegreich zu beſtehen.“ Dreihundert und zwei und ſechzigſter Tag. Kaum konnte Habib, nachdem er beſchnitten war, einige Worte hervorbringen, als ſeine zarte Stimme, anſtatt ſinnloſe Toͤne zu ſtammeln, ſchon ſein Glaubens⸗ bekenntnis ausſprach: er pries ſchon den Schoͤpfer, Ma⸗ homed ſeinen Propheten, den Himmel, die Erde, die darin wohnenden Weſen, die unermeßlichen Raͤume, welche ſie trennen. Die Buchſtaben des Abe waren ſein Spielzeug, er ſetzte ſie zuſammen, und bildete dar⸗ aus Woͤrter, welche hald ein Sinn verband; beim Spiele 166 362. Tag. mit Rohrſtaͤben baute er daraus, anſtatt einer Huͤtte, eine Moſchee: ſeine Spiele, ſein Sinn, ſeine Neigungen verkuͤndigten fruͤhzeitig ein uͤber das Gemeine erhabe⸗ nes Weſen. So bald ſein Leib erſtarkte, waren die Stunden ſeiner Mahlzeit nicht mehr beſtimmt: er ſollte ſich mit den Draͤngern der Menſchheit, den Beduͤrfniſſen vertraut machen; man fing damit an, ihn die erſten Wirkungen derſelben fuͤhlen zu laßen, um ihn abzuhaͤrten, ſie der⸗ einſt ohne Murren zu ertragen. Er mußte ſich an alles gewoͤhnen: die Matte, worauf er lag, wurde ihm ent⸗ zogen, und er ſchlief eben ſo ruhig auf dem haͤrteſten Boden; er wurde dem Unwetter der Jahrzeiten ausge⸗ ſetzt, damit ſein Leib nie ihre Strenge empfaͤnde. Man ließ ihn junge unbaͤndige Pferde beſteigen: aber ſeine ſchon durch minder gefaͤhrliche Spiele erwor⸗ bene Geſchicklichkeit, ließ ihn auf der Stelle das Gleich⸗ gewicht finden; und wenn er es zufaͤllig einmal verlor, ſo nahm ſein ſchlanker und gewandter Leib bald ſeine Stellung wieder ein. 3 Auf ſolche Weiſe uͤbte Amirala ihren Zoͤgling: in einem Alter von ſieben Jahren uͤbertraf er an Kraft und Gewandtheit alle uͤbrigen Knaben. Dabei wurde auch ſein Geiſt nicht vernachlaͤßigt; er konnte alle Ka⸗ pitel des Korans herſagen, und den Sinn derſelben aus⸗ legen. Durch ſeine Mutter gewoͤhnt, die Wunder der Der fahrende Ritter. Natur mit einer Art von Begeiſterung anzuſchauen, ſchil⸗ derte er ſelbſt ihre Schoͤnheiten. Es war nun Zeit, daß Salamis eine ſo gluͤcklich begonnene Erziehung vollendete; aber dazu mußte er einen eben ſo geſchickten Lehrer fuͤr den Juͤngling finden, als Amirala fuͤr ſeine Kindheit geweſen war. In ſei⸗ nem Lager befand ſich ein alter Weiſer, namens Ilfa⸗ kis, aller Wiſſenſchaften kundig und von tadelloſem Wandel; aber er war von einer Krankheit befallen, welche ihn langſam dem Grabe zufuͤhrte. „Ah! wenn Gott mir den weiſen Ilfakis wieder⸗ ſchenken wollte!“ ſprach Salamis in Gegenwart eines ſeiner Leute.. „Was wolltet ihr mit ihm machen?“ fragte dieſer hierauf:„ich komme eben aus ſeinem Zelt; er ſagte mir, er habe einen Trank eingenommen, welcher Wun⸗ der gewirkt: ich fand ihn aufrecht ſtehend, er that vor mir einige Schritte mit feſtem Fuß, und ich zweifle nicht, wenn ihr ihn zu ſehen wuͤnſchet, daß er im Stande ſei, hieher zu kommen.“ „Geh hin, und bitte ihn darum,“ ſagte der Emir; „ich betrachte ſeine Wiederbelebung als ein Wunder, welches noch mehr zu meinem Gunſten bewirkt worden, als zu dem ſeinen.“ 88 Ilfakis erſchien auf Befehl des Emirs; er nahm den Antrag deſſelben an; der junge Habib wurde ſeinem neuen Lehrmeiſter uͤbergeben, und beide wohnten fortan 167 168 362. Ta g. unter demſelben Zelte. Die Bemuͤhungen des Lehrers*) fanden einen ſo gedeihlichen Boden, daß alles darin ohne Schwierigkeit aufkeimte. Habib konnte ſchon alle Ge⸗ ſtirne des Himmels nennen, den Lauf der Wandelſterne beſchreiben, ihre Groͤße und ihren Abſtand berechnen. Er kannte die verſchiedenen Arten von Baͤumen und Pflanzen und ihre Eigenſchaften; er wußte, wie die Hitze und die Feuchtigkeit auf die Fruchtbarkeit einwir⸗ ken. Er berechnete die Gewaͤſſer, welche die Stroͤme in das Meer ergießen; er verfolgte die Duͤnſte, welche die Sonne daraus auf die Gipfel der Gebirge empor⸗ hebt, um ſie in befruchtenden Quellen wieder herabfal⸗ len, und ſo den bewundernswuͤrdigen Haushalt der Natur im ſtaͤten Kreislaufe zu ſehen. Es gab kein Thier, wel⸗ chem er nicht ſeine Stelle anzuweiſen wußte; und wenn er uͤber die mannigfaltigen Wunder ihrer dunkeln Triebe erſtaunte, ſo erkannte er ſie doch ſtaͤts den Wundern der Vernunft unterworfen. Waͤhrend er ſo mit Ilfakis beſchaͤftigt war, dieſe Fuͤlle von Vorſtellungen zu ordnen, bemuͤhte er ſich zu⸗ gleich, ſie feſtzuhalten, und er lernte die ſiebenfache Art der Schreibkunſt. *) Die Araber ſind die erſten, welche uns die Wunder der Na⸗ tur kennen und ergründen gelehrt; wir verdanken ihnen die Ueberſetzungen der Griechiſchen Philoſophen: demnach darf alles, was hier von den reißenden Fortſchritten des jungen Habib geſagt wird, niemand befremden. C. Der fahrende Ritter. 169 Eines Tages forderte Salamis ſeinen Sohn auf, von ſeinen Kenntniſſen etwas mitzutheilen.„Mein Va⸗ ter“ erwiederte dieſer,„du mußt meinen Lehrer daruͤber befragen, er vermag davon zu reden: ich dagegen muß noch lange Zeit ganz Auge und ganz Ohr ſein, die Uebung der Hand muß noch lange dem Gebrauche der Zunge vorausgehen; die Schriftzuͤge muͤſſen aus meiner Hand ſo rein hervorkommen, wie die Perlen aus dem Waſſer.“ . Salamis, von dieſer Antwort entzuͤckt, fragte den üiſe Lehrer, ob er den Prinzen noch etwas zu lehren aͤtte. „Der junge Prinz,“ antwortete Ilfakis,„koͤnnte ſich alle Fragen, welche er mir noch thut, ſchon ſelber beantworten. Ich habe vor ſeinen Augen das große Buch der Welt eroͤffnet, jeder Schritt, welchen er nun⸗ mehr allein darin thut, wird ihn beträͤchtlich vorwäͤrts bringen; der Unterricht, wodurch haͤufig die vor allen wichtige Selbſtthaͤtigkeit ausgeſchloſſen wird, wuͤrde nur ſeine Fortſchritte hemmen. Es iſt Zeit, mein Fuͤrſt, daß mein Zoͤgling ſich mit den fuͤr einen Prinzen nothwen⸗ digen Kuͤnſten beſchaͤftige, der einſt ſechs und ſechzig krie⸗ geriſche Staͤmme beherrſchen ſoll; meine Huͤlfe wuͤrde ihm hiebei nicht mehr foͤrderlich ſein, und mein Leib, welchen die Erde zuruͤckfordert, ſehnt ſich nur nach ſei⸗ ner Ruheſtaͤtte.“ ¹70 362. Ta g. „Welche truͤbe Vorahndung!“ erwiederte der Emir. „Du kannſt dir noch lange Jahre verſprechen, und durch meine Schaͤtze ſollſt du dich ihrer im Ueberfluß erfreuen.“ „Mein Fuͤrſt,“ ſagte der Weiſe,„ein Sandkorn und alle Reichthuͤmer der Erde gelten in meinen Augen gleich; ich bin ſeit langer Zeit allen Beduͤrfniſſen abge⸗ ſtorben. Dieſer gebrechliche Leib, den ich nicht mehr zu erhalten trachte, verdankt die Verlaͤngerung ſeines Da⸗ ſeins nur den geheimen Abſichten der Vorſehung zu euern Gunſten; heute iſt ihm ſeine Aufloͤſung beſtimmt... Ich habe meinen Lohn in der Erfuͤllung meiner Pflich⸗ ten gefunden, und verlange hienieden keinen andern.“ „So fahr denn wohl, tugendhafter Ilfakis,“ ſagte der Emir,„laß dich von meinem Sohn und von mir umarmen; deine Entfernung wird uns viel Thraͤnen koſten, aber wir wollen uns die Bitterkeit derſelben da⸗ durch verſuͤßen, daß wir dich oft in deinem Zelte be⸗ ſuchen.. ⸗. „Ihr werdet nicht wieder dahin kommen,“ ant⸗ wortete der Alte,„mein Zelt iſt, wie ein Dunſt, wel⸗ chen der Wind zerſtreuet, und ich bin gleich dem Staube, welchen er fortweht. Lebe wohl, Salamis, lebe wohl mein theurer Habib, gedenket meiner in den Truͤbſalen, welche euch zuſtoßen werden. Der fahrende Ritter. Dreihundert und drei und ſechzigſter Tag. Hoͤchſt geruͤhrt war der junge Habib von dieſer Trennung: aber bald wurde ſein Gefuͤhl auf eine noch haͤrtere Probe geſtellt. Sein weiſer Lehrer ſtarb gleich nach ſeiner Ruͤckkehr in ſein Zelt; der Leichnam wurde auf der Stelle beerdigt, um das Lager vor dem Peſt⸗ hauche zu bewahren, welchen er ſeit dem Augenblick ver⸗ breitete, daß die Seele ihn verlaßen hatte. Sein jun⸗ ger Zoͤgling weinte ſich am Buſen ſeiner Mutter aus; Amirala freute ſich ſeines innigen Gefuͤhls, indem ſie ihn zu troͤſten ſuchte; ſie ermahnte ihn, ſeine Blicke uͤber dieſe fuͤr unſre Gluͤckſeligkeit ungenuͤgende Erde zu er⸗ heben. Dieſe troͤſtlichen Vorſtellungen beruhigten den jungen Habib; aber er wollte ſeinem Wohlthaͤter die letzte Pflicht erweiſen, einige Blumen auf ſein Grab ſtreuen, und dem Allerhoͤchſten ſeine Gebete darbringen. Er ging nach Ilfakis Zelte, mit drei Kraͤnzen von bedeutſamen Blumen in der Hand. Eine ſuͤße Schwer⸗ muth bemaͤchtigte ſich ſeiner Seele, und ließ den Thraͤ⸗ nen, die ſeine Wangen uͤberſtroͤmten, freien Lauf; er ſtand einen Augenblick ſchweigend da, einer Trauer hin⸗ gegeben, welche nichts peinliches hatte; endlich erhub er die Stimme, und rief aus: „Ich betrete die Erde, unter welcher die Leiche mei⸗ nes theuern Ilfakis ruhet. Ihr Engel des Todes! als 172 363. T a g. ihr euch ihm nahetet, ſeine Seele abzufordern, waret ihr da nicht eben ſo geruͤhrt, als ich? § großer Prophet! Du haſt dieſen tugendhaften Muſelmann in deinen Schooß aufgenommen. Du reich⸗ teſt ihm die unvergaͤngliche Krone: mache auch dieſe Kraͤnze unſterblich, welche ich hier ſeiner Aſche darbringe. Die Seele meines theuern Ilfakis weilet nicht mehr an dieſem Orte: ſie wuͤrde auf dieſem duͤrren Boden Kräͤuter und Blumen hervortreiben; ſo wie ein einziger ſeiner Blicke und ein Wort ſeines Mundes in meinem Herzen die Schaͤtze der Weisheit und den Schmuck der Tugend aufgehen ließ. Schlaf ſelig, ruhe in Frieden, wohlthaͤtige Seele! Empfang die Huldigung meiner Dankbarkeit, ich komme, deine kalten Ueberbleibſel zu bekraͤnzen! Du lehrteſt mich die Vernunft erkennen, meine Pflichten lieben, die Suͤ⸗ ßigkeiten der Freundſchaft empfinden: nimm hier den Lohn meiner Liebe.“. Salamis erwartete die Ruͤckkunft ſeines Sohnes. „Habib,“ ſprach er zu ihm,„nachdem du nun den natuͤrlichen Pflichten der Dankbarkeit genuͤgt haſt, mußt du jetzo darauf denken, dir die Kenntniſſe zu erwerben, welche beſtimmter deinem Stande entſprechen. Du biſt mein Sohn, der Himmel beſtimmt dich zu meinem Nach⸗ folger als Fuͤrſt der tapferen Staͤmme, welche unter meiner Herrſchaft ſtehen; du biſt berufen, bei allen Feld⸗ zuͤgen an ihrer Spitze zu ſtehen: du mußt alſo lernen, Der fahrende Ritter. 175 ſie anzufuͤhren, dich zu allen Beſchwerden abhaͤrten, und dich in den Stand ſetzen, jeden Feind zu Boden zu ſtre⸗ cken, der es wagte, dir zu widerſtehen; Staͤrke mit Geſchicklichkeit verbunden muͤßen dich zum unerſchrocken⸗ ſten Krieger deiner Heere machen. Du haſt angefangen dich an das Tragen der Waffen zu gewoͤhnen: nur der Feige erliegt unter ihrem Gewichte, der beherzte Mann macht ſich mit ihnen vertraut. Ah! warum kann ich unter allen meinen Kriegern keinen Mann finden, der ſo geſchickt waͤre, dich in dieſer Kunſt zu unterrichten, als Ilfakis dich in den Wiſſenſchaften unterwies. Ein vollkommener Kriegsmann iſt ſo ſelten, als ein Phoͤnix. Der große Prophet that zu unſeren Gunſten ein Wun⸗ der, indem er uns Ilfakis im Leben erhielt, und nur er koͤnnte mir den außerordentlichen Mann ſenden, dem ich dich anvertrauen moͤchte.“ „Mein Vater,“ ſagte Habib,„ich baͤndige in mei⸗ nen Spielen deine muthigſten Roſſe; Staͤrke und Muth verlaßen mich niemals: verwandle dieſen leinenen Rock, den ich trage, in ein Panzerhemd, und mit dem dickſten Schild am Arm, mit der ſtaͤrkſten Lanze in der Hand, werde ich dir ein wuͤrdiger Waffengefaͤhrte ſein! Ah! wann ſoll ich endlich dieſe Kleider ablegen, welche mein Geſchlecht faſt zweideutig machen, und nichts von der Staͤrke ahnden laßen, womit die Natur mich begabt hat? ſie bedarf der Unterweiſung, und ich duͤrſte dar⸗ *½ 1274 363, Ta g. nach, die Kunſt kennen zu lernen, wodurch ihre Anwen⸗ dung geleitet wird.“ „Waͤrdiges Geſchenk des Himmels!“ rief der Emir aus, indem er ſeinen Sohn umarmte;„gluͤckliches Kind! Hoffnung meiner Staͤmme! Derjenige, der ſo ruͤhmliche Neigungen in dir legte, wird uns auch Mittel finden laßen, ſie auszubilden.“ Kaum war dieſes Geſpraͤch geendigt, als an den Schranken des Lagers ein Krieger erſchien; er bat um die Ehre, Salamis vorgeſtellt zu werden. „Man laße ihn herkommen,“ ſagte der Emir;„mein Herz, das dafuͤr eifert, Gerechtigkeit und Frieden auf Erden herrſchen zu ſehen, wuͤnſcht nur in Geſellſchaft der Tapfern zu leben, die beides beſchuͤtzen.“ Der Fremde erſchien. Das ſtolze Roß, das ihn trug, bedeckte ihn mit der Fuͤlle ſeiner ſchoͤnen Maͤhnen und ließ faſt nur ſeinen Helmſchmuck mit dem daruͤber we⸗ henden Federbuſch erkennen: ſo nahte er dem Zelte, und ſtieg ab. Habib, der ihm entgegen gegangen war, faßte das Roß beim Zuͤgel, und uͤbergab es einem Stallmeiſter des Emirs. „Tapfrer Ritter,“ ſprach dieſer zu dem Fremden, „welche Abſicht fuͤhrt dich hieher?“ 4 „Ich komme,“ antwortete der Unbekannte,„den Tugenden, dem Muthe und der Macht des großen Emirs Ben⸗il⸗Helal⸗Salamis meine Huldigung darzu⸗ bringen, und den jungen Habib zu bitten, daß er die Der fahrende Ritter. 175 Gunſt, womit die reizende Tochter Yemens ihn uͤber⸗ ſchuͤttet, mit mir theile: der Krieger, der ſie aus ſeiner Hand empfaͤngt, wird, von ihrem Genuſſe berauſcht, bald der beſtandenen Gefahren vergeſſen.“ Der Emir, der von dieſer Anrede kein Wort ver⸗ ſtanden hatte, verlangte von ſeinem Sohne die Erklaͤ⸗ rung derſelben.. „Mein Vater,“ antwortete Habib mit zaͤrtlicher Theilnahme,„dieſer edle Ritter wuͤnſcht euern Gruß zu erwiedern, und meine Taſſe Kaffee mit mir zu theilen.“ Hierauf wandte er ſich zu dem Fremden und ſagte: „Ritter, nach der Gunſt der Tochter Yemens ver⸗ langen, heißt ſich der Freuden wuͤrdig beweiſen, womit ſie den Ruhmliebenden begluͤckt; nichts ſoll dir hier verſagt ſein: der Held, den du vor dir ſiehſt, iſt Sala⸗ mis, und ich bin ſein Sohn Habib.“ Dreihundert und vier und ſechzigſter Tag. Hierauf begruͤßten ſich die beiden Helden. Sala⸗ mis hatte niemals einen Mann von ſchoͤnerem Wuchſe, von einer zugleich ſo koͤniglichen und anmuthigen Ge⸗ ſtalt geſehen. Der Stahl ſeiner Ruͤſtung warf die Sonnenſtrahlen ſo lebhaft zuruͤck, daß ſie mehr Glanz aus ihm zu empfangen, als ihm zu verleihen ſchien; 176 364. Tag. gleich den feurigen Lufterſcheinungen, leuchtete und fun⸗ kelte ſein Helm, und weithin flammte die Klinge ſeines Schwertes. Weder Gold, noch Diamanten ſchmuͤckten irgend einen Theil ſeiner Ruͤſtung, ſie verdankte ihren Glanz allein ihrer Einfachheit und der Sorgfalt des Helden. Waͤhrend der Unbekannte den ihm dargebotenen Kaffee trank, war Salamis neugierig, aus ſeinem Munde die Beweggruͤnde zu vernehmen, welche ihn in dieß La⸗ ger gefuͤhrt hatten. „Maͤchtiger und ruhmvoller Emir,“ antwortete der Ritter,„ich bin ein Parther von Geburt und ſtamme tief aus Indien. Von Kindheit an liebte ich den Ruhm, und ſuchte ihn in dem Waffenhandwerke: der Ruhm, welchen du dir in Arabien erworben haſt, er⸗ weckte meine Nacheiferung; mich verlangte, denjenigen naͤher zu kennen, der mir zum Vorbilde diente. Bei meiner Ankunft bei dem erſten Stamme deiner Herr⸗ ſchaft, vernahm ich, daß du einen Lehrmeiſter fuͤr den jungen Habib ſuchteſt; und obwohl dieſer alles von ſei⸗ nem Vater Salamis lernen kann, ſo glaubte ich jedoch, da er eines ſtaͤten Aufſehers bei allen ſeinen Uebungen bedarf, daß meine Dienſte ihm nuͤtzlich ſein koͤnnten; und ich komme, ſie euch anzubieten.“ 4 „Ritter,“ erwiederte der Emir,„dein edles Erbie⸗ ten ruͤhrt mich, und deine Biederkeit beſtimmt mich, es anzunehmen. Weil aber mein Sohn dereinſt die Laͤn⸗ Der fahrende Ritter. 177 der meines Reichs beherrſchen ſoll, die mein Arm ero⸗ bert hat, ſo kann nur derjenige, der mich im Zweikampfe beſiegt, darauf Anſpruch machen, ſein Lehrmeiſter zu werden. Laß uns alſo unſere Kraͤfte gegen einander meſſen und ehrlich um den Sieg kaͤmpfen: ich wuͤnſche nichts mehr, als beſiegt zu werden, um einen Mann zu finden, dem ich meinen Sohn anvertrauen kann.“ „Das iſt eine Ehre, um welche ſich die ruhmvoll⸗ ſten Helden bewerben moͤchten,“ antwortete der Unbe⸗ kannte;„ich nehme die Ausforderung des großen Sa⸗ lamis an, und werde ohne Beſchaͤmung denjenigen fuͤr meinen Sieger erkennen, der niemals beſiegt worden iſt.⸗⸗ Die bei dieſer Ausforderung gegenwaͤrtigen Beam⸗ ten wollten ſie Salamis ausreden, und ſtellten ihm vor, daß er Unrecht thaͤte, ſich mit einem Menſchen einzu⸗ laßen, deſſen Stand und Herkunft ihm unbekannt waͤre. „Was gelten hier Rang und Geburt?d“ antwortete ihnen der Emir;„ich ſuche einen Helden, und keinen Koͤnig; wenn die Anmaaßung dieſen Ritter verblendet, ſo bin ich dadurch nicht bloßgeſtellt: wenn aber ſeine Tapferkeit ſeinem edlen Selbſtvertrauen entſpricht, ſo es keiner von uns beiden, und ich bin mit meines⸗ gleichen in die Schranken getreten.“ Hierauf wandte er ſich zu dem Fremden, und fuhr ort:. 3 VI. „Ritter, ruhe dich etwas aus, und laß dein Roß verſchnaufen; du ſollſt nicht im Nachtheile mit mir kaͤm⸗ pfen: wenn ich mit dir mich zu meſſen wuͤnſche, ſo ge⸗ ſchieht es nicht, um dir meine Achtung zu verſagen, ſondern, um dich in den Stand zu ſetzen, ſie zu erwer⸗ ben: uͤbermorgen wollen wir den Kampfplatz betreten.“ Habib fuͤhrte den Unbekannten in ein fuͤr ihn be⸗ reitetes Zelt. Geruͤhrt von der Freundlichkeit und Auf⸗ merkſamkeit, welche man ihm bewies, ſagte der Gaſt zu dem Juͤngling, indem er ihn herzlich anblickte: „Die junge fruchtbeladene Rebe fordert den Vor⸗ übergehenden auf, ihm eine Stutze zu geben! Wenn die Traube zur Reife gelangt, ſo bietet ſie ſich von ſelber der Hand des Reiſenden dar.“. Hierauf ſchieden ſie mit einem Gruße, und Habib begab ſich wieder in das Zelt ſeines Vaters. Sobald der Tag anbrach, eilte er nach dem Zelte desjenigen, der ſchon Ilfakis Stelle in ſeinem Herzen einzunehmen begann. Er fand ihn beſchaͤftigt, ſeine Waffen zu putzen, und die Ruͤſtung ſeines Roſſes zu muſtern. „Wie!“ ſagte der junge Prinz zu ihm,„du ſel⸗ ber thuſt das?“— „Ja, mein Prinz! wenn man auf ſeinen Ruhm eiferſuͤchtig iſt, ſo darf man nicht das Geringſte ver⸗ nachlaͤßigen, was dazu gehoͤrt: der wahre Ritter hat keinen andern Spiegel, als ſeine Waffen.“ Der fahrende Ritter. 279 Unterdeſſen war der Kampfplatz, wo Salamis mit dem Unbekannten in die Schranken treten wollte, be⸗ reitet; der kriegeriſche Ton der Drommeten rief alles herbei; eine zahlloſe Menge von Zuſchauern umringte die Schranken: die Kaͤmpfer erſchienen, und beide in ſo gleicher Ausruͤſtung, daß es unmoͤglich war, voraus zu entſcheiden, auf welcher Seite ſich die Waage neigen wuͤrde. Die Lanzen, welche ſie fuͤhrten, waren gleich an Gewicht, die Roſſe gleich an Geſtalt und Feuer; ſie ſtuͤrzten wie der Blitz auf einander los. Trotz dieſem erſten gewaltigen Anlaufe, blieben die Ritter unbeweg⸗ lich im Sattel, und ihre Lanzen flogen in Splittern da⸗ von. Salamis, der niemals ſolchen Widerſtand erfah⸗ ren hatte, war erſtaunt, vergeblich einen ſo gewaltigen Stoß gefuͤhrt zu haben; und ſein Gegner war, aus an⸗ deren Gruͤnden, welche ſpaͤter enthuͤllt werden ſollen, noch mehr uͤberraſcht: der Emir winkte ſeinem Gegner, daß er mit ihm reden wollte; der Unbekannte hielt an, ſtieg vom Pferde, und nahte ſich ihm. „Tapferer Ritter,“ ſprach der Emir,„du haſt mir hier einen ſtarken Beweis deiner Tapferkeit gegeben: ſie laͤßt mich hoffen, morgen auch in dem Schwertkampf einen wuͤrdigen Gegner zu treffen.“. „Großer Fuͤrſt,“ antwortete der Unbekannte,„noch kein Sterblicher hat uͤber mich einen Vortheil davon getragen; ich habe hier, zu meinem groͤßten Erſtaunen, erfahren, daß es Maͤnner giebt, die mir zu widerſtehen 180 364. Tag. vermoͤgen. Ich ſchaͤtze die mir erbotene Ehre zu hoch, um deine neue Ausforderung auf morgen auszuſchlagen.“ Nachdem die beiden Kaͤmpfer ſich hierauf die Hand gedruͤckt, trennten ſie ſich, und ließen ſich entwaffnen. Habib begab ſich zuerſt nach dem Zelte ſeines Va⸗ ters, ſich der Pflichten zu entledigen, welche die kindliche Liebe ihm unter dieſen Umſtaͤnden auferlegte; und als⸗ dann dem Zuge der Freundſchaft folgend, eilte er zu dem Zelte des Fremden, der ſich durch die zu ſeinem Dienſte beſtellten Leute entwaffnen ließ. „Endlich,“ ſagte Habib zu ihm,„verſchmaͤheſt du doch nicht mehr, dich der Leute zu bedienen, die deinen Befehlen gewaͤrtig ſind?“ „Nein, mein liebenswuͤrdiger Prinz! Ich will dir ein Gleichnis ſagen, deſſen Sinn ich nur auf das Hand⸗ werk anwende, zu dem ich mich bekenne, und welches das erſte in der Welt iſt. Wenn die Sonne emporſteigt, bedient ſie ſich kei⸗ ner anderen Haͤnde, als der ihrigen, mit den Strahlen zu ſchmuͤcken, welche ſie umleuchten ſollen: wenn ſie aber niederſinkt, ſo uͤberlaͤßt ſie es den Fluten des Mee⸗ res, worin ſie hinabtaucht, ſie auszuldſchen.“— „Ich will durch ein andres Gleichnis antworten,“ ſagte Habib,„oder vielmehr durch eine Wahrheit, mit welcher du auch durchdringeſt. Der Held, der ohne zu wanken, die ungeheure Ge⸗ walt der Lanze meines Vaters ausgehalten, hat durch ——;—Vꝛÿ, Der fahrende Ritter. 181 ſeinen Glanz meine Augen geblendet, und der Glanz, vfenn ich ihn jetzt noch ſtrahlen ſehe, wird nimmer er⸗ en. „Ein junger Adler,“ hub der Unbekannte wieder an,„noch nicht mit dem erſten Flaume bedeckt, oͤffnete ſeine Augen zum erſtenmale dem Lichte: er erblickte ei⸗ nen Gluͤhwurm auf einem nahen Blatt, und wurde da⸗ von geblendet: der Koͤnig der Voͤgel ahndete damals noch nicht, daß er eines Tages feſt in die Sonne ſchauen wuͤrde.“ „Ohne Zweifel ſteigt der Phoͤnix, der mit mir re⸗ det,“ erwiederte Habib,„ganz friſch aus der Aſche em⸗ por und miskennt noch ſeine Vorzuͤge.“ „Ich habe keine Vorzuͤge vor dir, mein edler Ha⸗ bib,“ ſagte der Held, indem er ihn umarmte,„es ſei denn, daß die herzliche Zuneigung, welche du mir ein⸗ gefloͤßt haſt, mir einen Vorzug in der Liebe gebe.“ „Koͤnnte ich dir mein Herz oͤffnen,“ ſagte Habib, „ſo wuͤrdeſt du dich darin uͤbertroffen bekennen. Aber mein Vater darf nicht laͤnger des Vergnuͤgens beraubt ſein, dich zu ſehen; ich weiß, er liebt die Helden, und du biſt einer, obwohl du es nicht geſagt haſt.“ „Vielleicht,“ antwortete der Fremde,„daß noch einſt aus einem von uns beiden ein Held werde: fuͤr jetzt ſehe ich noch keinen hier.“ Indem ſie alſo ſprachen, gingen beide Hand in Hand nach Salamis Zelte. Der Emir ſah mit Ver⸗ 2* 182 364. 365. Tag. gnuͤgen eine gegenſeitige Zuneigung entſtehen, welche er zu befoͤrdern entſchloſſen war. Dreihundert und fuͤnf und ſechzigſter Tag. Sobald Salamis den unbekannten Ritter erblickte, trat er ihm mit den Aeußerungen der hoͤchſten Achtung entgegen. „Ich bin uͤberzeugt,“ ſprach er zu ihm,„daß es dir ein Spiel iſt, alle Proben zu beſtehen, und nicht um meine Meinung von dir erſt zu begruͤnden, verlange ich noch weiter, deinen Muth und deine Kraft an mir zu meſſen: aber ich herrſche uͤber ein kriegeriſches und auf ſeinen Ruhm eiferſuͤchtiges Volk, und will ihm keinen Zweifel uͤber das vorragende Verdienſt desjenigen laßen, dem ein Vorzug vor allen eingeraͤumt werden ſoll. Ja, ich will dieſem Ehrgefuͤhl in dem Maaße genug thun, (und du wirſt es mir Dank wiſſen), daß ich, nach Beendigungen deiner Proben mit mir, einem jeden die Schranken eroͤffne, der ſich berechtigt glaubt, dir den Sieg ſtreitig zu machen. Unterdeſſen laß uns des ge⸗ — genwaͤrtigen Augenblicks genießen; morgen wollen wir ſelbſt den Neid zwingen, uns zu bewundern.“ Der folgende Tag beſchien den erſtaunlichſten Zwei⸗ kampf, von welchem die Araber jemals Zeuge geweſen waren. Die beiden Helden, Schild an Schild geſtemmt, Der fahrende Ritter. 183 fuͤhrten die furchtbarſten Streiche auf einander; dieſe waren eben ſo ſchnell errathen als erdacht, und ſie wur⸗ den ſtaͤts aufgefangen, bevor ſie niederfielen. Hierauf warfen die Kaͤmpfer Schild und Schwert weg, und begannen mit einander zu ringen: die ſtuͤr⸗ menden Winde wuͤrden eben ſo vergeblich die Cedern des Libanons zu erſchuͤttern ſtreben; die Erde erbebt unter ihnen, aber keine Gewalt vermag ſie zu entwurzeln. Der Emir Salamis fand es unnthig, das Erſtau⸗ nen der Zuſchauer noch zu verlaͤngern. Vergnuͤgter, ſei⸗ nesgleichen gefunden zu haben, als er es uͤber einen Sieg geweſen waͤre, ſprach er zu ſeinem Gegner: „Laß uns einen Augenblick innehalten, tapferer Rit⸗ ter! Meine Ueberraſchung verdoppelt ſich mit jedem Au⸗ genblick; ich hatte bisher niemand gefunden, der mir widerſtanden; ich war weniger ſtolz auf meine Siege, als gedemuͤthigt von der Schwaͤche unſrer menſchlichen Natur in Vergleich mit gewiſſen Thieren. Jetzo komme ich von meinem Vorurtheile zuruͤck, und preiſe minder die Staͤrke des Loͤwen, ſeitdem ich die deine erfahren habe. Wir wollen uns von dem ſchweren Kampfe er⸗ holen, den wir beſtanden haben, unſere Roſſe ſatteln laßen und uns mit dem Wurfſpeere gegen einander verſuchen.“. Dieſer neue Wettkampf war ein neuer Triumph fuͤr die beiden Kaͤmpfer: alle Mittel, welche Gewandt⸗ heit, Liſt und Staͤrke gewaͤhren konnten, wurden bei 184 365. C d g. dieſer Gelegenheit entfaltet. Indeſſen begann der Emir aus dem Vortheil zu kommen; die Jugend ſeines Geg⸗ ners war ein Hindernis, welches er trotz ſeiner Tapfer⸗ keit nicht zu uͤberwinden vermochte. Hinlaͤnglich uͤber⸗ zeugt, daß der Unbekannte im hoͤchſten Grade alle zu dem ihm beſtimmten Amte erforderlichen Eigenſchaften beſaͤße, ſetzte er weislich dem Zweikampf ein Ziel. Er hielt inne, und winkte dem Fremden, desgleichen zu thun: ſie faßten ſich bei der Hand, und gingen nach dem La⸗ ger zuruͤck. „Ritter!“ ſprach Salamis,„mein Sohn wird in dir einen zweiten Vater wiederfinden; du weißt, wie ſehr deine Kraͤfte durch ſtaͤtige Uebung geſtaͤrkt worden, was es gekoſtet hat, ſo viel Gewandtheit damit zu ver⸗ binden; und wie ſehr man ſich an Gefahren gewoͤhnen muß, um niemals die Kaltbluͤtigkeit zu verlieren. Ich uͤbergebe dir den einzigen Gegenſtand meiner Hoffnun⸗ gen; lehre ihn den wahren Ruhm kennen, und alle Mit⸗ tel, welche den Krieger dazu fuͤhren.“ Der junge Habib war ſchon laͤngſt durch ſeine Wuͤnſche und Neigung den Abſichten ſeines Vaters zu⸗ vorgekommen; und mit Entzuͤcken folgte er ſeinem neuen Lehrmeiſter. 1 „Endlich werde ich mich deiner Lehren erfreuen,“ ſprach er zu ihm;„ich ſoll meinem Vater und dir nach⸗ eifern: moͤge ich nur nicht zu weit hinter meinen Vor⸗ bildern zuruͤckbleiben!“ Der fahrende Ritter. 1835 „Wir werden unſere Beſchaͤftigungen mit einander theilen, mein lieber Habib,“ ſagte Fl⸗Habul ſſo hieß der Indiſche Ritter) zu ihm: der Tag iſt dazu beſtimmt, dich in der Kunſt zu vervollkommnen, welche dich eben ſo ſtark, eben ſo gewandt, als tapfer machen ſoll. Am Abend werden wir uns von den Eigenſchaften unterhal⸗ ten, welche dir nothwendig ſind, um das unabhaͤngigſte Volk auf Erden zu beherrſchen. Es opferte jederzeit die Freuden der Ueppigkeit der Freiheit auf; der von der Weisheit geleitete Muth iſt ſein Abgott. Durch dieſe Eigenſchaften beherrſcht der Emir dein Vater ſechs und ſechzig Staͤmme; du wirſt ſeine Macht nicht erben, wenn du dir nicht ſeine Tugenden aneigneſt.“ Dieß war der Entwurf, welchen Il⸗Habul bei Ha⸗ bibs Erziehung befolgte: ſie brachte bald die erwuͤnſch⸗ teſten Fruͤchte. Der Emir Salamis hatte einen Krieg auszufechten, in welchem der junge Prinz Wunder der Tapferkeit that. Bei der Ausfuͤhrung eines bedenklichen Auftrags zeichnete er ſich durch ſeine Vorſicht und Feſtig⸗ keit aus; in den Rath ſeines Vaters berufen, verwun⸗ derte er die Veſyre durch die Weisheit ſeiner Ausſpruͤche. Il⸗Habuls Werk war vollendet; eine unvermeid⸗ liche Nothwendigkeit zwang ihn, ſich von ſeinem Zoͤg⸗ tihgs zu trennen, und er mußte ſich hieruͤber gegen ihn erklaͤren. 186 363. Tag. „Mein Sohn,“ ſprach er zu ihm,„ich muß dich verlaßen, hoͤhere Befehle rufen mich nach einer andern Gegend.“ „Wiel du willſt mich verlaßen?“ erwiederte Habib.— „Ich bin dir hier nicht mehr noͤthig; uͤberdies muß ich der Macht des Verhaͤngniſſes weichen.“ „Wie ungluͤcklich bin ich!“ rief der junge Zoͤgling aus:„der Tod raubte mir meinen erſten Lehrer Ilfa⸗ kis, und noch bin ich nicht daruͤber getroͤſtet, ſo will ein ſtrenges Gebot mich nun auch wieder von dir tren⸗ nen! Aber ſoll es denn auf immer ſein?... darf ich nicht den Grund davon wiſſen?d.. Koͤnnte mein Va⸗ ter deinen Entſchluß nicht aͤndern?“ I 3 „Alle menſchliche Macht vermag hier nichts,“ ant⸗ wortete Il⸗Habul;„aber ich hoffe, wir werden uns einſt wiederſehen. Indeſſen kann ich, mein theurer Ha⸗ bib, einen Theil deines Kummers lindern: derjenige, den du unter dem Namen Ilfakis geliebt haſt, iſt dir noch ſtaͤts zugeſellt, er iſt nicht todt.“ „Wie!“ verſetzte Habib;„ich habe ſelber ſeine Leiche begleitet, und habe Thraͤnen auf ſeinem Grabe vergoſſen!“ „Mein Sohn,“ fuhr Il⸗Habul fort,„die Ge⸗ ſchichte des Todten, von dem du redeſt, haͤngt mit vie⸗ len anderen Geſchichten zuſammen, welche dich ange⸗ Der fahrende Ritter. 187 ben, vielleicht ſelbſt mit der meinigen. Hoͤre, was ich dir erzaͤhlen will; erinnere dich der Beobachtung der Geſtirne bei deiner Geburt, und du wirſt nicht verwun⸗ dert ſein uͤber das, was du vernimmſt. Viſſſe zuvoͤrderſt, daß derjenige, der mit dir redet, nicht ein menſchliches Weſen, ſondern ein Geiſt iſt, dem es aufgetragen, deine erſten Schritte zu deiner hohen Beſtimmung zu leiten.. Geſchichte Illabuſatru's, des Koͤnigs Schal⸗ Goas und Kamarilſamans. Dreihundert und ſechs und ſechzigſter Tag. Dir iſt nicht unbekannt, mein theurer Prinz, daß un⸗ ter den Geiſtern vom Geſchlechte Eblis mehrere ſind, die vor dem großen Salomon ihr Knie gebeugt ha⸗ ben: Illabuſatru iſt einer der erſten von ihnen; ich ſtamme von dieſem Geſchlecht, ich habe daſſelbe gethan, und bin durch die Gnade Gottes und Salomons unter den Meinigen, was man hier einen Kadi nennt. Um uns der Ahndung und der Rache derjenigen zu entzie⸗ hen, deren Partei wir verlaßen haben, und um den Pro⸗ pheten, dem wir unterworfen ſind, zu vermoͤgen, daß er das uns auferlegte Joch erleichtere, verbinden wir uns mit den Kindern Adams, und genießen durch ſie der irdiſchen Freuden. Illabuſatru, Schal⸗Goas und Kamarilſaman. 189 Illabuſatru hatte von einer ſterblichen Gattinn eine Tochter von großer Schoͤnheit, welche er Kamarilſa⸗ man genannt hatte: er wuͤnſchte ihre Ruhe und Gluͤck⸗ ſeligkeit durch Vermaͤhlung mit einem maͤchtigen Fuͤrſten der Erde zu ſichern. Zu jener Zeit herrſchte auf den Inſeln mitten in den ſieben Meeren, im aͤußerſten Aufgange, ein maͤchti⸗ ger Koͤnig, namens Schal⸗Goas. Illabuſatru er⸗ ſchien ihm unter der Geſtalt eines Greiſes, und trug ihm eine Verbindung an, deren Unterpfand die ſchoͤne Kamarilſaman ſein ſollte: der Köͤnig ſah die Prinzeſſinn, entbrannte in Liebe zu ihr, und heirathete ſie. Ein großer Theil der dem Illabuſatru unterwuͤr⸗ figen Geiſter ließ ſich in den von Schal⸗Goas beherrſch⸗ ten Laͤndern nieder; das Meer ringsumher wurde da⸗ von bevoͤlkert, und nirgends unter dem Himmel lebten die Geiſter mit den Kindern der Menſchen in ſo gutem Einverſtaͤndniſſe. Dieſes Gluͤck ſchien ſich noch durch die Geburt der reizenden Doratil⸗ Goas) zu ver⸗ doppeln, welche die erſte Frucht der Vereinigung des Schal⸗Goas mit Kamarilſaman war. Wenn die Geſchenke des Himmels auf dieſer Welt immer Buͤrgen der Wohlfahrt waͤren, ſo duͤrfte niemand einer vollkommneren Gluͤckſeligkeit genießen, als dieſe * Bei Cauſſin Dorrat⸗Algoas, d. h. Perle des Tau⸗ chers. 290 366. Tag. liebenswuͤrdige Prinzeſſinn. Sie ſchien die Wiege zu verklaͤren, welche ſie umfing; jeder Tag ſah in ihr neue Vollkommenheiten ſich entfalten. Aber als ihr Vater und Großvater die Geſtirne uͤber ihre Beſtimmung be⸗ fragten, ſo zeigte ſich dieſelbe Verwirrung, welche bei deiner Geburt die Kreiſe der Wandelſterne ſtoͤhrte, ſo uͤbereinſtimmend, daß daraus kund ward, du waͤreſt der Arabiſche Prinz des von dem Propheten vor allen ge⸗ liebten Stammes, welchem das Schickſal ſie mitten un⸗ ter den groͤßten, beiden den Untergang drohenden Ge⸗ fahren beſtimmte; und dieſe Verbindung allein koͤnnte ihre Ruhe, ihre Gluͤckſeligkeit, und die deine ſichern. Von dieſem Augenblick an uͤbertrug mir Illabuſa⸗ tru die Sorge deiner Erziehung, aber die Gebote Sa⸗ lomons erlaubten mir noch nicht, mich dir zu naͤhern. Ich konnte nicht eher Erlaubnis dazu erhalten, als in dem Augenblicke, wo du aus der Kindheit trateſt und man einen Lehrer fuͤr dich ſuchte. Ilfakis, auf welchen der Emir dein Vater vergeblich ſein Auge geworfen hatte, lag auf dem Sterbebette: ich ergriff den Augen⸗ blick, wo der Engel des Todes ſeine Seele entfuͤhrte, und mein Geiſt nahm ihre Stelle ein; vermittelſt eines kraͤftigen Heiltranks belebte ich den Leib wieder, deſſen ich mich bemaͤchtigt hatte, und dieſem erſten Wunder derdankteſt du deinen Lehrer. Als ich ſah, daß es Zeit waͤre, dich mit anderen Uebungen zu beſchaͤftigen, trug ich den Leib des Ilfakis Illabuſatru, Schal⸗Goas und Kamarilſaman. 191 in ſein Zelt zuruͤck, ich uͤberließ ihn wieder dem Laufe der menſchlichen Natur, welcher in ihm gehemmt wor⸗ den, und in einem Augenblick war er zerſtoͤhrt. Ich ließ es mir nun angelegen ſein, einen tapfern Ritter fuͤr dich zu ſuchen. Ich fand einen, der ſo eben auf dem Schlachtfelde verſchied, welches er zuvor mit Leichen beſaͤet hatte; ich bemaͤchtigte mich ſeines Leibes, ich ſtillte das Blut, welches ſeinen Wunden entſtroͤmte, ich heilte ſie durch einen Balſam, kraͤftiger als jener von Mekka, ich ſtellte ihn in ſeiner ganzen vorigen Kraft her, ich bewaffnete ihn mit dem Schwerte, wel⸗ ches einſt Salomon gefuͤhrt hatte,— und du ſiehſt hier vor dir dieſen Ritter: unter dieſer Geſtalt ſtellte ich mich dem Emir Salamis dar, ſo bat ich dich, die Gunſt der Tochter Yemens mit mir zu theilen, und ſo wurdeſt du abermals mein Schuͤler. Mein theurer Habib, du haſt unter beiden Geſtal⸗ ten zaͤrtliche Freundſchaft fuͤr mich gefaßt; dein Herz hat dich nicht betrogen: niemals hat ein Weſen meiner Art eine ſo zaͤrtliche Zuneigung fuͤr ein Kind Adams empfunden, als ich fuͤr dich empfinde; du darfſt ohne Mistrauen ſein. Erinnere dich der Lehren, welche ich unter Ilfakis Namen dir gegeben habe; indem ich dir die Kenntnis der Talismane mittheilte, erklaͤrte ich dir ihren Gebrauch, aber hieß dich zugleich auf deiner Hut ſein gegen die Geiſter, welche dir dadurch dienſtbar wer⸗ den moͤchten. Die Abkoͤmmlinge von Eblis ſind insge⸗ 192 366. Tag. mein ſehr boshaft und verderbt: gluͤcklich derjenige von uns, dem der große Salomon ſein Siegel aufgedruͤckt hat! die uͤbrigen ſind nur mit unſerm und euerm Ver⸗ derben beſchaͤftigt. Deshalb verfolgen ſie in der ſchoͤ⸗ nen Doratil⸗Goas diejenige, welche ſie von dem Fluche, der ſie getroffen hat, befreien koͤnnte, da ſie die Toch⸗ ter eines Menſchen und eines Geiſtes iſt. Deshalb biſt auch du ihnen ſchon verdaͤchtig, als ein frommer Mu⸗ ſelmann, und als der dazu beſtimmte Held, ihre Unter⸗ nehenangen und Verraͤthereien gegen Doratil⸗Goas zu raͤchen. Dieſe Prinzeſſinn iſt durch den Tod ihres Vaters Koͤniginn geworden. Illabuſatru, ihr Großvater, hat ihr die erfahrenſten Geiſter zu Veſyren gegeben: aber die Inſel, auf welcher die Hauptſtadt liegt, iſt die ein⸗ zige, wo Ruhe herrſcht; die ſechs anderen Inſeln, ſammt den ſieben Meeren, welche ihr Reich ausmachen, ſind entweder in Aufruhr oder in Gaͤhrung: es giebt nur eine einzige Rettung fuͤr ſie, und die Geſtirne fuͤhrten ſie herbei; es iſt der Augenblick, wo der junge Habib, dem ſie ihr Herz geſchenkt hat, zu ihr gelangen kann, ſie von ihren Feinden zu befreien.“ —— Der fahrende Ritter. Fortſetzung der Geſchichte Habibs und Doratil⸗ Goaſens. Dreihundert und ſieben und ſechzigſter Tag. Dieſe ganze Erzaͤhlung Il⸗Habuls hatte der junge Prinz, wechſelsweiſe von Hoffnung zu Furcht, von Ueber⸗ raſchung zu Ueberraſchung, von Wunder zu Wunder uͤbergehend, mit ſtarrem Auge und verhaltenem Athem angehoͤrt; bisher unbekannte Empfindungen beſtuͤrmten auf einmal ſein Herz und ſeinen Geiſt. Von ſeiner Bes ſtimmung zum Throne der ſieben Meere und zum Ge⸗ mahl einer Prinzeſſinn berufen, deren Gluͤckſeligkeit von ihm allein abhing, fuͤhlte er eine unwillkuͤhrliche Aufre⸗ gung, er brannte ſchon vor Verlangen, ſich den Gefah⸗ ren auszuſetzen, womit er bedroht war, und die Glut der Liebe und der Durſt nach Ruhm befeuerten ihn zu einer Unternehmung, deren Erfolg ihm eine doppelte Krone verhieß. G „Theurer und maͤchtiger Geiſt,“ ſprach er zu ſei⸗ nem Beſchuͤtzer,„welchen Weg ſoll ich einſchlagen? Wuͤrdige mich, bevor du dich von mir trenneſt, mir die wirkſamſten Mittel anzuzeigen, um derjenigen zu Huͤlfe zu fliegen, die alles von meiner Tapferkeit erwartet. VI. 23 194 367. Tag. Das Opfer meiner Ruhe und meines Lebens iſt viel zu gering, um die Neigung, welche ſie zu meinen Gunſten beſtimmt, und die Beſchluͤſſe des Schickſals, welches uns mit einander vereinigen will, zu rechtfertigen.“ „An dieſem Aufſchwunge des Ruhms,“ antwortete Il-⸗Habul,„erkenne ich meinen Zoͤgling und den Sohn des großen Emirs Salamis; aber erinnere dich, mein geliebter Habib, daß die Geiſter, als deine Nebenbuhler bei Doratil⸗Goas und deine erklaͤrten Feinde, dir ent⸗ gegenwirken werden; ſie werden die verderbten Menſchen aufwiegeln, die ihnen gehorchen, ohne es zu wiſſen; die Thiere, die Elemente, kurz die ganze Natur, werden ih⸗ ren feindſeligen Umtrieben dienen.“ „Gott nd mein Muth werden mich nicht verlaßen,“ ſagte Habib,„und du ſelbſt wirſt mein Unternehmen foͤrdern.“ „Ahl ſicherlich,“ erwiederte der Geiſt,„ich koͤnnte dir von großem Nutzen ſein, waͤre ich nicht gendthigt, der Erde die ſterbliche Huͤlle des Indiſchen Ritters wie⸗ derzugeben: aber ich bin einem ſtrengen Geſetz unter⸗ worfen, welches ich nicht umgehen kann. Beharre mu⸗ thig in deinen edelen Vorſaͤtzen; erwarte nicht, daß ich dir gegenwaͤrtig den Weg anzeige, welchen du einſchla⸗ gen ſollſt: du biſt durch die ganze Ausdehnung der Erde von deiner Geliebten getrennt, und nur die Gebote des Schickſals koͤnnen dir ihr Reich eroͤffnen, welches die Bosheit ihrer Feinde unzugaͤnglich macht.“— Der fahrende Ritter. 195 „Du haſt mir einſt geſagt, mein theurer Il⸗Ha⸗ bul, daß der beherzte Mann das Schickſal zu zwingen vermag.“— „Du kannſt allemal das aͤußerſte Mittel ergreifen, wenn dir keine andre Wahl uͤbrig bleibt; aber jetzo warte ab, daß irgend ein Ereignis dich uͤber das belehrt, was du thun ſollſt; denn ich glaube, was du gegenwaͤrtig auch unternehmen moͤchteſt, wuͤrde nur gegen dich aus⸗ ſchlagen. Geh unterdeſſen auf die Loͤwenjagd; du haſt ſchon ohne meine Huͤlfe mit deinem Dolch einen Loͤwen erlegt; mache dich ſo mit den Gefahren vertraut, und bereite dich auf diejenigen vor, welche dich erwarten.... Lebe wohl, mein theurer Habib, ich werde nicht mehr in Salamis Lager zuruͤckkehren, ich muß allen Erkläaͤ⸗ rungen mit ihm ausweichen; und wenn er auch von dir vernehmen darf, wer ich geweſen und wer ich bin, ſo muß es doch ſonſt aller Welt ein Geheimnis bleiben. Rechne ſtaͤts auf die Anhaͤnglichkeit desjenigen, der nicht immer ein Freund von deinesgleichen war: aber du haſt mich mit den Menſchenkindern ausgeſöohnt.. Um⸗ arme mich.“) 1 Mit dieſen Worten beſtieg er ſeinen Renner und ritt hinweg. So bald er den jungen Prinzen aus dem Geſichte verloren hatte, ritt er tief in eine Wuͤſte hinein, und hielt am Fuß eines Huͤgels an: er ſtieg ab vom Pferde, und nachdem er ſich eine tiefe Gruft gemacht, ſtreckte 196 367. T a g. er den menſchlichen Leib darin aus, den er angenommen hatte. Von dieſer ſterblichen Huͤlle befreiet, benutzte er nun noch die beiden letzten, von Salomons Geboten ihm verſtatteten Tage, und begab ſich ſogleich nach den Graͤnzen von Doratil⸗Goaſens Reiche. Eine ſchwarze ſchlagfertige Schaar verwehrte ihm den Eingang; aber er vernahm durch einen Ueberlaͤufer, daß die Weiße, die Gelbe, die Gruͤne, die Rothe und die Blaue Inſel von dem abtruͤnnigen Geiſt Aba⸗ rikaf unterjocht waren, der anfangs nur Herr der Schwarzen Inſel, ſich allgemach aller uͤbrigen Inſeln und der Meere zwiſchen ihnen bemaͤchtigt hatte. Die Koͤniginn, in ihrer Hauptſtadt Medinas⸗ill⸗ balor“) eingeſchloſſen, war nur noch Herrinn des Lan⸗ des, in welchem dieſe Stadt lag. Das war alles, was der Schutz ihres Großvaters Illabuſatru und die An⸗ ſtrengungen der Geiſter, die ihre Veſyre waren, vor den Angriffen des Empoͤrers retten konnten, der aus den Abgruͤnden des Meeres eine große Schaar abtruͤnniger Geiſter zuſammengebracht hatte. Die ſechs von dieſen Boͤſewichtern uͤberwaͤltigten Inſeln wurden von noch bos⸗ hafteren und grimmigeren Geiſtern beherrſcht; die Voͤl⸗ ker waren das Schlachtopfer ihrer Frevel, und der ſtuͤte Spielball ihrer ſchwarzen Zaubereien. Doratil⸗Goas ſehnte ſich vergeblich nach dem ihr vom Schickſal an⸗ *) Das heißt Stadt von Kryſtall. Der fahrende Ritter. 197 gekuͤndigten Befreier, alle Ausgaͤnge waren bewacht, und der Zugang zu ihr war fuͤr Menſchen undurchdringlich; die ganze Natur ſchien dieſen boshaften Geiſtern dienſt⸗ bar geworden zu ſein. . Il⸗Habul ſeufzte im Stillen uͤber die gefaͤhrlichen Hinderniſſe, welche ſich der Tapferkeit ſeines Zoͤglings entgegenſtellten: aber fuͤr jetzo zur Unthaͤtigkeit und zum Stillſchweigen gezwungen, erwartete er ungeduldig den Augenblick, wo ſein Schutz ihm noͤthig ſein wuͤrde. Er unterzog ſich wieder ſeinen fruͤheren Obliegenheiten, nahm ſeine vorige Stelle wieder ein, und hatte ein wachſames Auge auf die Ereigniſſe. Dreihundert und acht und ſechzigſter Tag. Unterdeſſen eilte Habib, nach der Entfernung ſeines Lehrmeiſters, zu Salamis und Amirala, und theilte ih⸗ nen die uͤberraſchenden Dinge mit, welche er ſo eben erfahren hatte; das Feuer ſeiner Blicke, die Erhebung ſeiner Stimme, die Verwirrung ſeiner Reden, malten zugleich die Gefahren und die Reize Doratil⸗Goaſens, ſeine Beſorgnis und ſeine Hoffnung. „Nur auf mich allein ſoll ſie ſich verlaßen,“ ſagte er mit edlem Selbſtvertrauen;„es giebt fuͤr mich keine Ruhe mehr, bis ich ſie befreiet habe; die Augenblicke ſi ſind koſtbar, und niemand kann mir den Weg bahnen, wel⸗ 198 368. T a g⸗ cher zu ihr fuͤhrt!. Was ſoll ich in dieſer Unge⸗ wißheit beginnen?“ Seine Aeltern erkannten wohl, daß dieſe außeror⸗ dentliche Leidenſchaft weniger die Wirkung des Mitge⸗ fuͤhls, als der Macht der Geſtirne war, denen ſie nicht entgegenarbeiten konnten; auch begnuͤgten ſie ſich, an⸗ ſtatt ſeinen Entſchluß zu bekaͤmpfen, ihm ſeine Pflichten vorzuhalten, und ihn an die weiſen Lehren ſeines Hof⸗ meiſters zu erinnern. Der junge Prinz, ſowohl um ſich dem zu fuͤgen, als um einer ihm verhaßten Unthaͤtigkeit auszuweichen, verließ die Zelte, und ſuchte die einſame Freiſtaͤtte auf, welche er ſich mit Il⸗Habul in einem kleinen laͤndlichen Thal erwaͤhlt hatte, welches die Berge in der Naͤhe des Lagers einſchloſſen. Hier war es, wo ſie, zur Erholung von ihren krie⸗ geriſchen Uebungen durch eine ſanftere Beſchaͤftigung, den Lauf eines kleinen Baches durch einen Damm ge⸗ hemmt hatten; ſeine Gewaͤſſer hatten ſich in einem von der Natur gebildeten Becken geſammelt; Baͤume uͤber⸗ ſchatteten daſſelbe lieblich, und ihre dichten Zweige lie⸗ Fen das Auge kaum auf die Huͤgel umher hindurchblicken. Die mannigfaltigſten Blumen, die ſeltenſten Gewaͤchſe, die duftendſten Kraͤuter wuchſen in Ueberfuͤlle an den Ufern des Baches, und die Erde, durch das friſche Waſſer gegen die Sonnenhitze bewahrt, breitete verſchwen⸗ deriſch die Reichthuͤmer der Natur aus. Weiterhin ſtand eine Huͤtte, oder vielmehr ein Landhaus, von Baum⸗ Der fahrende Ritter. 199 zweigen errichtet, gedeckt mit Binſen, und innen mit Matten behaͤngt; die Haͤute der wilden Thiere, welche ſie erlegt hatten, bedeckten ihre Sopha's. Eine Umzaͤu⸗ mung von engverbundenen Pfaͤhlen verwahrte dieſe ab⸗ gelegene Freiſtatt vor dem Anlaufe der Feinde. Indem Il⸗Habul ſeinen Zoͤgling zur Anlage dieſer Einſamkeit aufforderte, lehrte er ihn zugleich die Mittel, ſich eines Tages ſelbſt genug zu ſein. An der Thuͤre dieſer eigenthümlichen Wohnung ſitzend, machte er ihn aufmerkſam auf die ſchoͤne Umgebung welche ſein Blick beherrſchte:. „Gewaͤhrt es dir nicht Vergnuͤgen,“ ſprach er zu ihm,„nur dir ſelber die kleinen Freuden zu verdanken, deren wir hier genießen? So koͤnnen wir nur durch uns ſelbſt vollkommen gluͤcklich werden.“. Dieſer Aufenthalt, der Habib ſehr gefiel, war ganz geeignet, ſeine aufkeimende Leidenſchaft zu naͤhren. Hie⸗ her zog er ſich zuruͤck, um von dem einzigen Gegenſtande ſeiner Gedanken zu traͤumen, und von den Mitteln ihn zu erreichen. Eines Tages, als er ſich hier ſeinen Traͤumer 5 äͤberließ, die Augen auf den Koran geheftet, ohne darin zu leſen, und tief in ſeine verliebten und kriegeriſchen Gedanken verſenkt, hoͤrte er ploͤtzlich ein ungewoͤhnliches Geraͤuſch in den Luaͤften; er buͤckte ſich nieder, bog leiſe die ſeinen Blick beſchraͤnkenden Zweige zuruͤck, und er⸗ blickte einen großen Schatten auf dem Waſſerſpiegel. 200 368. Tag. Derſelbe kam von oben herab, und nachdem er eine Strecke fortgezogen, ließ ſich der Gegenſtand, der ihn verurſachte, am Ufer des Waſſers nieder: es war ein ſchwarz und grau gefiederter Vogel von ungeheurer Groͤße; auf ſeinem Ruͤcken trug er ein Zelt, deſſen Waͤnde von Flor ſchienen; die Thuͤren und Fenſtern waren mit Blumen eingefaßt. Als der Vogel ſich niedergeſenkt hatte, oͤffnete ſich das Zelt; eine goldene Leiter fiel daraus herab, und oben an derſelben erſchien eine Geſtalt, von anderen nicht minder durch ihre Schoͤnheit ausgezeichneten Frauen umgeben. Um ihr Haupt wand ſich eine Binde aus den Flech⸗ ten ihrer Haare, mit Perlſchnuͤren durchzogen: Lllien, im Widerſcheine von Roſen erglimmend, war die Schoͤn⸗ heit ihrer Geſichtsfarbe zu vergleichen; der Glanz ihrer Augen, und die Gruͤbchen neben ihren Roſenlippen ſchie⸗ nen wechſelsweiſe die Anmuth des Laͤchelns und die Glut der Empfindung zu beſeelen. Sie hub die Augen zum Himmel empor, und die Sonne wurde dadurch verdun⸗ 9 kelt; ſie ſenkte ſie zur Erde, und dieſe wurde mit Blu⸗ men bedeckt; ſie laͤchelte, und die ganze Schoͤpfung um ſſiie her ſchien zu laͤcheln. 1 Aber wie ward Habib, als er ſie gehen und ſich bewegen ſah, und ſie keine Gebaͤrde machte, welche nicht von eben ſo viel hinreißender Anmuth, als Hoheit be⸗ gleitet war? Der fahrende Ritter. 20 Endlich nahte ſie ſich, geſtuͤtzt auf eine ihrer ſchoͤ⸗ nen Gefaͤhrtinnen, dem Orte wo Habib lauſchte, und ſetzte ſich auf eine Raſenbank, zwei Schritte von ihm, ohne ihn zu gewahren. Sie blickte nach beiden Seiten umher, und ſeufzte: „Er iſt nicht hier,“ ſprach ſie;„man hat mich ge⸗ taͤuſcht, er weilet hier nicht!.... Aber dieſe lachen⸗ den Gebuͤſche, das ſuͤße Murmeln dieſer Gewaͤſſer, dieſe Blumen, welche Kunſt und Natur im Bunde erzielen, alles hier iſt ſein Werk!... Aber er iſt nicht hier!... So ſprach die untroͤſtliche Prinzeſſinn, indem ſie ihre Haͤnde zu ihren Augen erhub, als wenn ſie die her⸗ vorbrechenden Thraͤnenſtroͤme zuruͤckhalten wollte. Habib ergriff dieſen Augenblick, und ſtuͤrzte ſich zu ihren Fuͤßen; er badete ſie mit ſeinen Thraͤnen, bevor ſie noch dieſer Bewegung inne werden und ihr zuvor⸗ kommen konnte. 202 368. 369. Tag. „Du biſt es alſo, den ich hier vor mir ſehe!“ rief ſie aus, indem ſie zugleich ihre Augen auf den zu ihren uͤßen Liegenden und auf das Bildnis warf, welches 5 ſtaͤts in ihrem Buſen trug.„Iſt es keine Taͤuſchung, mein geliebter Habib?“ „Es iſt dein Geliebter, dein Befreier, o Koͤniginn meines Lebens!“ antwortete er, indem er ihre Haͤnde mit Kuͤſſen bedeckte. Das Schweigen war jetzo der ein⸗ zige Ausdruck der Liebe und der Bewundrung. Dreihundert und neun und ſechzigſter Tag. Aber dieſer eben ſo ſuͤße als reine Genuß dauerte nur einen Augenblick: ein ploͤtzliches Geraͤuſch ließ ſich hoͤren, und ein Vogel erſchien in den Luͤften; er naͤherte ſich, verwandelte ſich auf der Stelle, und man erblickte einen Geiſt in Menſchengeſtalt, der zu Doratil⸗Goas herantrat. „Wie! du biſt es Ilbarakas?“ ſprach ſie zu ihm:„welche dringende Urſache hat dich bewogen, Me⸗ dinas⸗ilbalor zu verlaßen, und mich hier aufzuſuchen?“ „Koͤniginn,“ antwortete der Geiſt,„deine Abweſen⸗ heit bedrohet dich mit dem gaͤnzlichen Verluſte deines Reichs. Der Empoͤrer Abarikaf benutzt ſie, um die einzige dir noch uͤbrige Inſel anzugreifen; dein Groß⸗ Veſyr widerſetzt ſich vergeblich den zahlloſen Feinden, von denen deine Kuͤſten uͤberſchwemmt ſind: alle ab⸗ Der fahrende Ritter. 203 truͤnnigen Geiſter haben ſich unter den Fahnen deines Widerſachers geſammelt, die Fluten des Meeres erſchei⸗ nen ſchwarz davon, und die Geſtade ſind von ihnen be⸗ deckt; das Gebruͤll der Seeloͤwen, der Meerrinder, der Flußpferde, erſchreckt deine Voͤlker; der Wiederhall da⸗ von traͤgt das Schrecken bis in deine Hauptſtadt. Eile, und beſchwoͤr durch die Kraft deines Talismans dieſen Sturm; benutze den einzigen Zugang, der dir noch uͤbrig iſt, indem du uͤber der mittleren Luftſchicht dahin ſchwebeſt.“ Bei dieſer Erzaͤhlung kochte dem jungen Habib das Blut in den Adern; ſeine Blicke flammten, ſein Wuchs ſchien ſich uͤber ſeine gewoͤhnliche Hoͤhe zu erheben, ſeine toͤnende muthvolle Stimme erklang furchtbar: „Auf, dieſen Ungeheuern entgegen!“ rief er aus: nich will die Erde und das Meer von ihnen reinigen, ich will den Himmel und die Koͤniginn an ihnen raͤchen.“ „Prinz,“ antwortete Ilbarakas erſtaunt,„wenn du bewaffnet waͤreſt, wie ſichs gehoͤrt, ſo wuͤrdeſt du dieſer Unternehmung gewachſen ſein: aber die Feinde des gro⸗ ßen Salomon koͤnnen nur durch Salomons Waffen be⸗ ſiegt werden; du mußt dieſe auf den Hoͤhen des Kau⸗ kaſus ſuchen, und tauſend Gefahren ſind auf dem Wege dahin zu beſtehen. Hierauf wandte er ſich zu der Koͤniginn, und ſagte: „Laßt uns eilen, Herrinn, die Zeit iſt koſtbar, ein ein⸗ ziger durch Unthaͤtigkeit verlorner Augenblick kann dem frevelhaften Abarikaf den Sieg verſchaffen.“ 2⁰4 369. Tag. Die beiden Liebenden trennten ſich, nachdem ſie ſich zaͤrtlich umarmt hatten, mit einer ihres großen Herzens wuͤrdigen Standhaftigkeit. Doratil⸗Goas begab ſich wieder in ihr Zelt, der Vogel Rock erhub ſich in die Luͤfte und verſchwand. Habib folgte ihm mit den Au⸗ gen, und uͤberließ ſich darnach mit mehr Leidenſchaft, als je, der Glut der Liebe und der Begierde des Ruhms. „Lebe wohl, heilbringende Quelle,“ rief er aus „die du mich mit deinem Waſſer erauickteſt, und dur dein Bad ſtaͤrkteſt! du kannſt mir fortan nicht mehr Labung gewaͤhren; mein Herz, mein Blut, meine Ein⸗ geweide brennen von einem Feuer, welches du nimmer loͤſchen kannſt. Lebe wohl, du Raſen, den meine Ge⸗ liebte betreten hat! bewahre fuͤr immer den Eindruck ihrer Tritte, wenn meine Augen dich einſt wiederſehen ſollen. Lebet wohl, ihr Gebuͤſche, die ihr ſie uͤberſchat⸗ tet habt! ruͤhmet euch immerdar ſo viel Reize umhuͤllet zu haben. Lebe wohl, du Erde, Zeuge meiner Gluͤckſelig⸗ keit! fuͤrchte nicht, daß Habib dein jemals vergeſſen werde. Alle Palaͤſte der Erde werden in meinen Au⸗ gen ſtaͤts gering in Vergleich mit dir ſein: hier war es, wo meine Seele ſich der Gluͤckſeligkeit erſchloß, wo ich zum erſtenmale die heiße Glut der Liebe fuͤhltel... Aber hier war es auch, wo ich das grauſamſte Herze⸗ leid erfuhr; hier wurde Doratil⸗Goas mir entfuͤhrt!.. Ja, ich will der Hoͤlle Trotz bieten, welche ſie mir ſtrei⸗ tig macht! Großer Prophet, bahne mir den Weg, wel⸗ Der fahrende Ritter. 205 cher mich dahin fuͤhren kann! Ich will dort dem Ver⸗ raͤther Abarikaf das Herz durchbohren. Und du, großer Salomon! wenn ich nicht unwuͤrdig bin, die Werkzeuge deines Ruhms zu fuͤhren, ſo verleih mir Fluͤgel, damit ich auf den Kaukaſus fliege. Moͤchte ich doch, mit dei⸗ nem Schilde bedeckt, die Feinde der Koͤniginn meines Herzens zu Boden ſtrecken!“— Nachdem Habib hierauf ſein Gebet und ſeine Ab⸗ waſchung verrichtet hatte, ging er wieder zu den Zelten ſeines Vaters, entſchloſſen, ſich nach dem Kaukaſus auf⸗ zumachen, ſobald er die Erlaubnis dazu erlangt haͤtte. Man kann ſich vorſtellen, mit welcher Lebhaftigkeit er ſeinem Vater und ſeiner Mutter alle Umſtaͤnde ſeines letzten Abenteuers ſchilderte; alle ſeine Worte waren eben ſo viel ſprechende Gemaͤlde: aber wie groß war die Ueberraſchung ſeiner Aeltern, als er vor ihnen das feier⸗ liche Geluͤbde ablegte, daß er ſein Haupt unter keinem andern Zelte mehr niederlegen wollte, als welches auf dem Berge Kaukaſus aufgeſchlagen waͤre! „Welche verzweifelte Unternehmung, mein Sohn!“ ſagte der Emir zu ihm:„iſt dir unbekannt, daß dieſes Gebirge am außerſten Ende der Erde liegt, und daß man, um dahin zu gelangen, graunvolle Wuͤſten durch⸗ ziehen muß? du vermagſt Maͤnner zu beſiegen: aber wie willſt du den Grimm der Himmelsſtriche ertragen, welche du nicht kenneſt? Welche Huͤlfsmittel haſt du gegen den gaͤnzlichen Mangel in den unermeßlichen 2⁰6 369. Tag. Wuͤſten, welche du durchlaufen mußt? Dieß ſind Feinde, welche du nicht zu beſiegen vermagſt.“ „Ah! mein Vater,“ erwiederte Habib,„kann irgend eine Furcht mich zuruͤckhalten, wenn die Liebe, der Ruhm und die Beſtimmung mir gebieten? Und haͤtte ich dieſe auch nicht fuͤr meine Gebieter erkannt, ſo beſeelt der Haß gegen die Unterdruͤcker mein Herz: ich wuͤrde die Eingeweide der Erde durchwuͤhlen, um Abarikaf darin zu finden.“ Salamis war gendthigt, den Geſinnungen nachzu⸗ geben, welche er ſelber in dem Herzen ſeines Sohns genaͤhrt hatte: und was konnte er erwiedern, das nicht ſeine eigenen Lehren widerſprochen haͤtte? Er waͤhlte demnach zwanzig Ritter aus, deren Muth und Behut⸗ ſamkeit ihm wohl bekannt waren, geſellte ſie ſeinem Sohne zu, und ruͤſtete ſie mit allem Noͤthigen auf die leichteſte Weiſe aus: zwei Kameele ſollten ihre Zelte und ihr Gepaͤck tragen. Als der Tag der Abreiſe gekommen war, mußte er ſich den Armen ſeines zaͤrtlichen Sohnes entreißen: die Trennung war leidvoll und ſchmerzlich; die betruͤbte Amirala rief weinend aus: „ Meine Ceder, von ſtarken Wurzeln gehalten, uͤber⸗ ragte an Schoͤnheit die Cedern vom Libanon; die Vd⸗ gel des Himmels bauten ihr Neſt in ihren Zweigen, unſere Heerden weideten in ihrem Schatten: und ſiehe, — Der fahrende Ritter. 207 jetzt iſt ſie ploͤtzlich mitten in brennende Sandwuͤſten verſetzt! Ihr ungeſtuͤmen Winde, ſtrebet nicht, ſie zu er⸗ ſchuͤttern! ſie war geſchaffen, eure Wuth zu brechen. Ihr duͤſteren Gewoͤlke, Blitze, Stuͤrme, Vorlaͤufer des Donnerſtrahls, ehret, ſcheuet den Stamm, dem das Sie⸗ gel des großen Propheten aufgedruͤckt iſt!“ „Es iſt genug, meine theure Amirala,“ ſagte Sa⸗ lamis zu ihr,„der Vorſatz unſers Sohnes iſt edel, ſein Geluͤbde verbindet ihn zu dieſer Unternehmung. Die Löwinn ſaͤugt ihre Jungen nicht fuͤr ſich allein: wenn das Alter und der Feind ſie zum Kampfe rufen, ſo hetzt ſie ſelber ſie gegen die Tieger.“. Dreihundert und ſiebenzigſter Tag. Endlich reiſte Habib mit ſeinem Gefolge ab. Er trug einen Davids⸗Harniſch;*) ſein Schild, der ihm leicht duͤnkte, wuͤrde den kraͤftigſten Arm ermuͤdet ha⸗ benz; ein Baum von der Staͤrke ſeiner Lanze wuͤrde ſchon Schatten gewaͤhrt haben, und das Gewicht ſeines ») Laut des Korans(Surat 54, V. 10), erweichte Gott das Eiſen zwiſchen Davids Fingern. Daher heißen Bruſthar⸗ niſche im Arabiſchen dauüdi.(Cauſſin.) 2⁰⁸ 370. Tag. Schwertes wuͤrde den Feind zerſchmettern, welchen die Schaͤrfe der Klinge nicht zerſtuͤckt haͤtte. Die Maͤhſeligkeiten der Reiſe waren nichts in den Augen desjenigen, deſſen Ziel der Ruhm und Doratil⸗ Goas war; die Pfade ſchienen ihm mit Blumen beſaͤet. Indeſſen befand ſich Habib nun mitten in der Wuͤſte, von jeder Gemaͤchlichkeit entbloͤßt, und der Quaal des Durſtes und des Hungers ausgeſetzt. Von Zeit zu Zeit bot der Zufall ihm einige wilde Fruͤchte und das Waſſer einzelner rieſelnder Quellen: dieſe kleinen Erquickungen ließen ihn bald des Ungemachs vergeſſen, welches er erfuhr. Aber die Kriegsmaͤnner, die den jungen Prinzen be⸗ gleiteten waren weder Verliebte, noch Helden; zwei⸗ monatliche Anſtrengungen fingen an, ſie zu ermuͤden: anfangs waren ihre Klagen noch gemaͤßigt. Ein gluͤck⸗ licher Zufall fuͤhrte ſie in eine Gegend, wo Hirten wohn⸗ ten, und wo ſie Milch fanden, und etliche Schlaͤuche damit fuͤllten. Habib waͤhnte, daß dieſes unverhoffte Labſal ihren Muth erfriſchen und ihre uͤble Laune zer⸗ ſtreuen wuͤrde: aber ſeine Gefaͤhrten erachteten es fuͤr unmoͤglich den Kaukaſus zu erreichen, ohne dem Hun⸗ gertode und der Erſchoͤpfung zu erliegen. Sie aͤußerten dem jungen Prinzen ihre Gedanken hieruͤber. „Ich waͤhnte, daß mein Vater mir Maͤnner zu Gefaͤhrten gegeben haͤtte,“ erwiederte er ihnen,„aber ich ſehe, ihr ſeid Weiber im Harniſch: ich will die Der fahrende Ritter. 209 Schwaͤche eures Geſchlechts nicht mißbrauchen. In⸗ deſſen gebe ich euch zu bedenken, daß ihr ſchon zu weit gegangen ſeid, als daß ihr ohne Gefahr umkehren koͤnn⸗ tet: weil ihr jedoch die Gefahren, welche ich noch zu beſtehen habe, fuͤr groͤßer achtet, ſo gebet mir meinen Antheil des Schatzes, welchen mein Vater euch anver⸗ traut hat. Nehmet euer Gepaͤck und eure Kameele mit euch. Ich kann unter freiem Himmel mich hinſtrecken und ſchlafen. Es geſchah nicht meinetwegen, daß ich einwilligte, euch mitzunehmen: ich waͤhnte, ihr waͤret fuͤr den Ruhm gemacht und liebtet ihn. Ich beeiferte mich, meinen Ruhm mit tapferen Arabern und Bruͤdern zu theilen: dieſer Ehrenname kommt euch nicht mehr zu, drum trennen wir uns! Kehret zu Salamis heim; ſaget ihm, daß ihr ſeinen Sohn auf der Bahn des Ruh⸗ mes verlaßen habt, gewaffnet mit Kraft und Muth, un⸗ ter dem Schutze des großen Propheten, und voll Hoff⸗ nung des Erfolgs.“ 9 Die Feſtigkeit dieſer Rede ſetzte die Reiſegefaͤhrten des jungen Prinzen in Erſtaunen, erſchuͤtterte ſie jedoch nicht; ſie betrachteten ihn als einen hartnaͤckigen Nar⸗ ren, der ſeinen Hirngeſpinnſten alles aufopferte.“ „Wir ſind unſeren Frauen und Kindern fuͤr unſer Leben verantwortlich„“ ſprachen ſie unter einander, Lund wir waͤren unſinnig, den Einfaͤllen eines jungen Thoren zu folgen, der den Tod ſucht, indem er dieſem VI. 24 210. 370. Tag. Gebirge Kaukaſus nachrennet, das vor uns zu fliehen ſcheint: unſer Reiſezeug vernutzt ſich, unſere Pferde ver⸗ kommen, wir werden mitten in den Wuͤſten ohne alle Huͤlfsmittel ſein..... Indeſſen,“ fuͤgten ſie hinzu, „wenn wir ohne ihn nach Arabien heimkehren, wird Salamis uns als Feiglinge anſehen, die ſeinen Sohn verlaßen haben, und wir werden ſeiner Rache nicht ent⸗ gehen koͤnnen..... Wenn dieſer Habib hier um⸗ kaͤme!.... Es mangelt nicht an Kraͤutern ihn ein⸗ zubalſamieren; wir wuͤrden ſeinen Leichnam auf eins unſerer Kameele legen, und ihn ruhig ſeinem Vater heimbringen.“ Die Feigheit fuͤhrt zur Undankbarkeit, und dieſe bahnt dem Verbrechen den Weg: die treuloſen Gefaͤhr⸗ ten langten bald bei dem letzten an, und machten einen Anſchlag gegen Habibs Leben. Wie ſollten ſie aber dem wachſamen Helden beikommen? Staͤts gewaffnet, ſtaͤts bereit, ſein Leben gegen jeden, der es anzutaſten wagte, theuer zu verkaufen, ſchlief er Nachts auf ſeinem Schilde; er erwachte bei dem leiſeſten Geraͤuſche, ſeine Tapfer⸗ keit und Thaͤtigkeit verſenkten ſich nimmer in tiefe Ruhe. Unter den Verſchworenen war einer, dem der An⸗ ſchlag zuwider war: aber er wagte nicht, ſeine wahre Geſinnung kund zu geben; er fuͤrchtete, ſich der Rache der uͤbrigen auszuſetzen, um ſo mehr, da er eben ſo wie ſie gemurrt hatte. Wenn er den Anſchlag Habib ent⸗ deckte, ſo gab er die ganze Bande ſeiner Rache preis, — Der fahrende Ritter. 211 ao ſetzte ſein eigenes Leben aufs Spiel; wenn der Held Sieger blieb, ſo blieb er nothwendigerweiſe ſein einziger Gefaͤhrte. In dieſer Ungewißheit ſprach er zu ſeinen Ge⸗ noſſen alſo: „Warum wollt ihr euch einem gefaͤhrlichen Kampf ausſetzen? Habib laͤßt niemals ſeinen Dolch von der Seite, und wenn ihr auch mit euren Harniſchen bedeckt waͤret, wuͤrde ſeine Hand doch, bevor ihr ihn des Le⸗ bens beraubt, leichtlich den Weg zu eurem Herzen zu finden wiſſen. Es giebt aber ein minder blutiges und ſichereres Mittel: ich kenne ein beſonderes Kraut, wel⸗ ches in dieſer Gegend waͤchſt; die Blaͤtter deſſelben ſind mit einem weißen Staube bedeckt, welcher noch ſtaͤrker als Opium wirkt; ich will etwas davon ſammeln, und da mir beſonders die Beſorgung des Abendeſſens obliegt, ſo werde ich Gelegenheit finden, ihm dieſes Schlafpul⸗ ver einzutraͤnken; und ihr koͤnnt alsdann um ſo gefahr⸗ loſer euern Anſchlag ausfuͤhren. Gelingt es uns, ihn in Schlaf zu verſenken, und unſern Vorſatz ins Werk zu richten, warum ſollten wir unſere Haͤnde in ſein Blut tauchen? Er hat niemals einen von uns beleidigt; wenn er uns noͤthigt, unſer Leben fuͤr ein Hirngeſpinnſt unnuͤtz in Gefahr zu ſetzen, ſo ſchont er des ſeinigen nicht mehr; ſeine Verſtandesverwirrung reißt ihn in einen unvermeidlichen Untergang, und wir koͤnnen auf unſere Sicherheit bedacht ſein, ohne ihm nach dem Leben 2¹² 370. 571. Tag. zu trachten. Er iſt der Sohn des tapfern Salamis; unſere Weiber und unſere Kinder wohnen friedlich in ſeinem Reiche; unſere Heerden weiden ſicher unter dem Schirme ſeines Schildes; er war gegen uns ſtaͤts ein guͤtiger Vater: iſt einer unter uns, mit dem er nicht gern alles bis aufs Aeußerſte getheilt haͤtte? Laßt uns alſo unſere Haͤnde nicht mit unſchuldigem Blute beflecken; der große Prophet wuͤrde es dereinſt von uns fordern. Wir wollen Habib in dieſer Wuͤſte verlaßen: wenn wir ihn ſeiner Waffen und aller Huͤlfe beraubt haben, ſo duͤrft ihr nicht mehr fuͤrchten, daß er uns jemals unſere Undank⸗ barkeit vorwerfen werde.“ Dreihundert und ein und ſiebenzigſter Tag. Die Verſchworenen folgten dem Rathe Rabirs (ſo hieß dieſer Ritter), und uͤbertrugen ihm die Ausfuͤh⸗ rung des Anſchlags. Er ſammelte von dem ihm be⸗ kannten Kraute das gefaͤhrliche Gift; er nahm ſorgfaͤle tig nur ſo viel davon, daß es ihm keinen ploͤtzlichen Tod zuziehen konnte, und hielt es fuͤr die Gelegenheit bereit, welche ſich noch denſelben Abend darbot. Die Reiſegeſellſchaft gelangte am Abend in eine Ebene, wo ein Baͤchlein eine treffliche Weide unterhielt; Habib ließ ſich bereden hier auszuruhen, und mehr aus Vorſicht, als aus Beduͤrfnis befolgte er ihren Rath. Er begab ſich ſorglos in ſein Zelt, nahm einige Erfriſchung Der fahrende Ritter. 215 zu ſich, und verſchluckte mit einem Zuge das fuͤr ihn bereitete Gift, welches man in eine Schale voll Milch gethan hatte. Die Verſchworenen benutzten nun den Todesſchlaf ihres Herrn, nahmen alles was ſie konnten mit ſich hinweg, und verließen ihn ſchleunig: ſie ließen dem jungen Habib nur ſeinen Schild, der ſeinen Kopf ſtuͤtzte, den Mantel auf welchem er lag, und den Dolch der tief in ſeinem Guͤrtel ſtach. Auf ſolche Weiſe verließen die zwanzig von Salamis zur Begleitung ſeines Soh⸗ nes erwaͤhlten Ritter, ihren Herrn. Sie kehrten nach Arabien heim, und nach vielen Muͤhſeligkeiten, ſahen ſie dench wieder die Wimpel auf den Zelten des Emirs wehen. Dieſer Augenblick, der ihnen die Erfuͤllung ihres Gluͤcks verkuͤnden ſollte, ward fuͤr ſie der Beginn der Verlegenheit, der Unruhe und der Reue. 1 „Wie ſollen wir vor Salamis erſcheinen?“ ſpra⸗ chen ſie unter einander:„was ſollen wir ihm von dem Ende ſeines Sohns ſagen?— Rabir, der du unſern Anſchlag ſo gut begonnen und durchgefuͤhrt haſt, hilf uns nun auch ihn gluͤcklich vollenden.“ „Ihr habt euch uͤber meine wahre Abſicht ge⸗ taͤuſcht,“ antwortete er:„als ich euch entſchloſſen ſah, Habibs Blut zu vergießen, ſuchte ich euch von einer Unthat abzulenken, indem ich euch dabei zu rathen ſchien; und deshalb allein trat ich als euer Mitſchuldiger auf: gegenwaͤrtig nagen mich Gewiſſensbiſſe; ich waͤre nicht 4 214 371. Tag. im Stande, eine Luͤge zu erſinnen, um unſern Verrath zu verſchleiern; meine Blicke, meine Gebaͤrden, mein Schweigen, meine Verwirrung, alles wuͤrde nur dazu dienen uns zu verrathen. Erfindet ihr ſelber ein Maͤhr⸗ chen; der keckſte unter euch mag es erzaͤhlen, ich will euch nicht Luͤgen ſtrafen: aber es iſt mir unmoͤglich, euch dabei zu helfen.“ „Wohlan!“ ſprach einer von den uͤbrigen,„ſo will ich es uͤbernehmen.“ Der Zug langte in Salamis Lager an: der Emir und ſeine Gemahlinn Amirala kamen ihnen entgegen, voll Verlangen, ihren Sohn wiederzuſehen: aber wie groß war ihre Ueberraſchung! ſie ſahen nur Thraͤnen fließen, ſie hoͤrten nur Seufzer ſtoͤhnen. Derjenige, der ſich zum Wortfuͤhrer erboten hatte, trat hervor, und ſprach zu Salamis: „Maͤchtiger Emir! wir kommen heim von Schmerz durchdrungen uͤber die traurige Botſchaft, welche wir dir zu bringen haben: aber was koͤnnten hier Umſchweife nuͤtzen? du ſuchſt deinen Sohn, und der Himmel hat ihn deinen Hoffnungen entriſſen. Die Wuͤſten, die wir durchzogen haben, wimmeln von giftigen Schlangen; das Gewuͤrm haͤlt ſich im Sande verborgen. Eines Abends wollte der junge Prinz ſein Gebet verrichten, und breitete ſeinen Mantel auf der Erde aus, um dar⸗ auf zu knien: in dem Augenblicke da er ſich buͤckte, ſchoß eine Schlange auf ihn zu, und ſtach ihn ins Geſicht; Der fahrende Ritter. 215 die ſchrecklichſten Zufaͤlle ſtellten alsbald ſich ein, und der Tod endigte ſie. Wir wollten ſeinen Leichnam bal⸗ ſamen, um ihn mit uns heimzubringen, aber die Wuth des Giftes hatte ihn dergeſtalt zerſtoͤrt, daß wir gend⸗ thigt waren, ihn mit Sand zu bedecken, um die Ver⸗ peſtung abzuwehren, mit welcher er uns bedrohte.“ Bei dieſer Nachricht zerriß der Emir ſeinen Rock, zerraufte ſich den Bart, und beſtreuete ſeinen Leib mit Staub. Die untroͤſtliche Amirala ließ das Lager von ihrem Klagegeſchrei wiederhallen, und die ſechs und ſech⸗ zig Staͤmme des Emirs waren in Trauer verſenkt. Was machte unterdeſſen der junge Habib? hat er die Augen dem Lichte wieder geoͤffnet, oder hat die Wir⸗ kung des Gifts die Koͤniginn der ſieben Meere ihrer ſuͤßeſten Hoffnung beraubt? Die Sonne ſtieg im Oſten in all ihrer Pracht em⸗ por, an einem von allen Duͤnſten freien Geſichtskreiſe: ihre brennenden Strahlen trafen Habibs Augenlieder; die von ihr erweckten Voͤgel ließen auf den Baͤumen, welche die Wieſen beſchatteten, ihr Gezwitſcher hoͤren; der Duft der Blumen drang in das Innere des jungen Helden: waͤhrend ein leichter Morgenwind in ſeinen Locken ſpielte, und ſeine Wangen kuͤhlte, ſchien die ganze ſchon erwachte Schoͤpfung umher ihn ſelber aus dem Schlafe zu wecken, und die verdunſtete Kraft des Ge⸗ traͤnks konnte dieß nicht laͤnger verhindern. Er ſchlug die Augen auf, und entzuͤckt von dem Schauſpiele rings 2¹6 371. Tag. um ihn her, waͤhnte er ſich noch in die Taͤuſchungen eines zauberiſchen Traumes verſenkt. Aber ſein Irrthum klaͤrte ſich bald auf. Er ſtand auf, beſann ſich, und dachte nach, an welchem Ort er ſich wohl befinden moͤchte. Schweigen herrſchte rings um ihn her; er blickte weit hinaus in die Ferne, und ſah nichts als die Wuͤſte; er rief nach ſeinen Gefaͤhrten, ſeinen Waffen, ſeinem Roſſe: alles war verſchwunden. „ Verrath!“ rief er nun aus:„meine ungluͤck⸗ liches Arabien! deine Ritter ſind ohne Tugend; ſie fuͤrch⸗ teten die Anſtrengungen und den Tod; um der Gefahr zu entgehen, ſind ſie in Ehrloſigkeit geſtuͤrzt! Du haſt deinen Ruhm eingebuͤßt, ungluͤckliches Ara⸗ bien! zerraufe deine Haare, beſtreue dich mit Staub, bade dich in deinen Thraͤnen! Schrei, ſtoͤhne, heule, bruͤlle, daß die Tieger und die Panther darob erſchrecken! Du haſt jetzo das Scheuſal Falſchheit geboren! Ah! wer ſoll fortan auf Erden redlich ſein, wenn der Ara⸗ biſche Ritter aufgehoͤrt hat, es zu ſein? Ihr Maͤnner! ihr ſeid fuͤr immer entwuͤrdigt; der große Prophet hat die Seinen verworfen. Ihr reichen Gefilde unſers Lan⸗ des! eure Saaten werden verdorren; ihr werdet nur noch wilde Fruͤchte hervorbringen. Ihr fruchtbaren Heerden unſerer Thaͤler! eure ſchwellenden Euter wer⸗ den vertrocknen. Du thaͤtiges und fleißiges Volk, das den Ueberfluß bis in die duͤrren Steppen Heſebons und Philarioths mitbrachte, und zu der Wuͤſte ſprach: Der fahrende Ritter. 217 „du ſollſt nicht mehr Wuͤſte ſein!“ ſieh die Wimpel un⸗ ſerer Zelte im Winde wehen; genieße deines wohlerwor⸗ benen Gluͤcks. Aber du einſt gluͤckliches Volk! verlaß dieſes Land, wo du alles beſaßeſt; wirf deine Waffen weg, deine Schilde, deine Lanzen beſchweren unnuͤtz deine Arme; bereite dich zur Flucht, oder zur Knechtſchaft! Die Lanzen, die ihr ſchwinget, die Pfeile, die ihr vom Bogen abdruͤcket, ſind zerbrechliches Rohr, ſeitdem die Ehre aus Arabien entſchwunden iſt! Bietet eure Haͤnde den Feſſeln dar: da wo es keine Tugend mehr giebt, hat die Freiheit ihre Herrſchaft verloren. Schmaͤhet fuͤrder nicht die Weichlichkeit Aegyptens, ſpottet nicht mehr des Syrers, der ſich der Unbeſtaͤn⸗ digkeit der Wogen hingibt, um Reichthuͤmer zu erwer⸗ ben: bedenket, daß ihr keine Vertheidiger mehr habt! O Salamis! o mein Vater! wenn du jenen Elen⸗ den den ihnen anvertrauten Schatz wieder abforderſt, wenn deine furchtbare Stimme fräͤgt:„wo iſt mein Sohn?“. Hal wie werden ſie voll Entſetzen ſein! die Eingeweide der Erde werden zu ſpaͤt ſich aufthun, ſie zu verſchlingen. Ihr Feiglinge! kehret nicht heim nach Arabien, betruͤbet nicht durch eure verhaßte Gegen⸗ wart diejenigen, welche durch euch entehrt werden! Ihr habt in meinem Gefolge Muͤhſal, Mangel und den Tod gefuͤrchtet: moͤge der Tod, Mangel und Elend euch von Wuͤſte zu Wuͤſte verfolgen! 218 371. 372. Tag. Und du Geſtirn, das bei Habibs Geburt leuchtete und ihn mitten durch tauſend Gefahren zu hoher Be⸗ ſtimmung berief: blick' auf ihn hernieder! Er verach⸗ tet die gegenwaͤrtigen Gefahren, und geht getroſt an⸗ deren entgegen. Moͤge ſo dein Einfluß allen Hinder⸗ niſſen trotzen und ihn auf ſeiner Bahn foͤrdern!— Bollwerk der Muſelmaͤnner, fall ihm zu Fuͤßen!“ Dreihundert und zwei und ſiebenzigſter Tag. Mit dieſen Worten kniete Habib neben einer Quelle nieder, verrichtete, ſeine Abwaſchung, und richtete ſein Gebet zu Gott und zu dem großen Propheten, mit mehr Inbrunſt ohne Zweifel, aber mit eben ſo viel Seelen⸗ ruhe, als wenn er unter den Zelten ſeines Vaters ge⸗ weſen waͤre. Er richtete ſeine Blicke nach dem Geſtirne des Nor⸗ dens, welches fortan ſein Leitſtern ſein mußte; er er⸗ blickte ein hohes und ſteiles Gebirge, welches er zu uͤber⸗ ſteigen beſchloß. Da ſah er neben ſich ſeinen Mantel und ſeinen Schild, und rief aus: „Theure Geſchenke des Himmels! ihr wurdet den Haͤnden der Treuloſen entriſſen, ihr ſollt mein Bollwerk und meine Schutzwehr ſein!“ Da fand er auch ſeinem Dolch in ſeinem Guͤrtel, und fuhr fort: Der fahrende Ritter. 219 „Fuͤrchte nichts, meine geliebte Doratil⸗Goas! dein Ritter iſt nicht mehr wehrlos, man hat ihm noch etwas gelaßen, womit er dich an deinen Feinden zu raͤchen vermag!“ Bevor er fuͤrder ging, verſorgte er ſich mit etlichen Kraͤutern, welche Il⸗Habul ihn kennen gelehrt hatte, und deren Wurzeln ihm zur Nahrung dienen konnten; ſo machte er ſich endlich auf den Weg, ſeinem Ziele entgegen, mit minder Beſorgnis, als da er von zwanzig Misvergnuͤgten begleitet war: er ertrug, mit entbloͤßtem Haupte, die volle Glut der Sonne, und trotzte dem Un⸗ gemach. Seine Gewandtheit bei ſeiner Staͤrke fuͤhrte ihn reißend vorwaͤrts: er hielt nur an, um ſeine drei Gebete zu verrichten, und erfriſchte von Zeit zu Zeit ſei⸗ den Mund durch die Wurzeln, womit er ſich verſorgt atte. Er erſtieg vor Anbruche der Nacht ein Drittel des Gebirges, das er am Morgen vor ſich geſehen hatte: er fand hier einen Gießbach, aber ſo tief unten in der Felsſchlucht ſtroͤmend, daß er nur kuͤnſtlich dazu gelan⸗ gen konnte. Ein Baum neigte ſich uͤber die Schlucht, welche der reißende Sturz des Waſſers gebildet hatte; er entwurzelte mit ſeinem Dolch einen andern Baum, verband ihn mit dem erſten, und ließ ſich allmaͤhlich auf den Grund des Baches hinab, um ſeinen brennenden Durſt zu loͤſchen. Indeſſen, geruͤhrt von der ihm un⸗ erwartet wiederfahrenen Gnade, ſtillte er nicht eher ſein 220 372. Tag. Beduͤrfnis, als bis er andaͤchtig ſeine Abwaſchung ver⸗ richtet, und dem Urheber der Schoͤpfung und ſeinem Propheten Mahomed Dank geſagt hatte. Darnach ſtieg er wieder empor aus der Schlucht. Er mußte an dieſem Orte die Nacht zubringen, und ſich gegen die wilden Thiere ſchuͤtzen: er erblickte einige Schritte von ihm einen vom Waſſer ausgehoͤhlten Fel⸗ ſen; da waͤlzte er bald ungeheure Bloͤcke heran, und baute ſich eine Art von Hoͤhle, worin er ſicher ſchlafen konnte; er breitete darin ſeinen Mantel aus, legte ſei⸗ nen Schild unter ſeinen Kopf, und uͤberließ ſich dem Schlummer, nicht ohne Betrachtungen uͤber ſeine Lage. „Der Beherzte,“ ſprach er bei ſich ſelber,„findet ſein Zelt uͤberall, waͤhrend der Verzagte nicht weiß, wo er ſein Haupt hinlegen ſoll. Gluͤcklich derjenige, der im Lager gelernt hat beim Schmettern der Trompeten einzuſchlafen! er erwacht nicht beim Rollen des Don⸗ ners! Il⸗Habul und mein Vater lehrten mich, ein Mann zu ſein; und hier bin ich der von Salamis und Il⸗Habul gebildete Mann. Salamis! Il⸗Habul! Doratil⸗Goas! ſehet hier euern Sohn, euern Zoͤgling, euern Geliebten! Er ruhet in Frieden unter einem Fel⸗ ſen, und erwartet, daß der Ruhm ihn wecke. Ihr unſerm Gluͤcke feindſeligen Geſtirne! ihr wi⸗ derſetzet euch den Beſchluͤſſen des Himmels: dereinſt wer⸗ det ihr von ihm verbannt ſein; ich trotze euch, unter dem Schirme des Gebirges, welches mich bedeckt: ein Der fahrende Riteer. 1 Dach von Menſchenhaͤnden wuͤrde mich euren Schlaͤgen preisgeben.“ Mit dieſen Worten ſchlief Habib ein. Die wilden Bewohner der Waͤlder, kamen, von der Spur des Rei⸗ ſenden nach dieſem Felſen gelockt, herbei, und ſtreiften um ſeine Hoͤhle her; ſie ſtießen ein furchtbares Gebruͤll aus, und machten ſich zum voraus den Raub ſtreitig, welchen ſie ſchon in ihrer Gewalt waͤhnten. Die Liebe konnte den Geliebten Doratil⸗Goaſens wach erhalten, aber die Furcht vermochte nicht, ſeinen Schlaf zu ſtoͤh⸗ ren. Er bedurfte der Ruhe, und trotz dem entſetzlichen Gebruͤlle der Loͤwen und der Tieger, ſchuͤttelte der wohl⸗ thaͤtige Schlummer uͤber ihn ſeine Mohnhaͤupter. Endlich drang die Sonne durch die Spalten der ungeheuren Felſenburg, welche Habib um ſich aufge⸗ thuͤrmt hatte; er ſtieg daraus hervor, ließ ſich wieder zu dem Bache hinab, verrichtete dort ſeine Abwaſchung und ſeine Gebete, erfriſchte die wenigen ihm noch uͤbri⸗ gen Wurzeln, ſtieg wieder herauf, nahm ſeinen Mantel und Schild, und machte ſich auf den Weg. Kaum war er auf dem Gipfel des Berges ang langt, als ein andrer, noch unzugaͤnglicherer Berg 8 ihm darſtellte. Keine Straße, kein gangbarer Weg bot ſich ſeinen Augen dar; er mußte von Felſen zu Felſen klimmen. Kam er wieder in eine Ebene, ſo watete er durch tiefen und brennenden Sand; kein Gras, kein Blatt war auch an den zumeiſt gegen die Sonnenhitze 2²2 372. 373. Kag. geſchuͤtzten Stellen zu finden, kein Tropfe Waſſers: der Himmel hatte dieſen furchtbaren Landſtrich voͤllig aus⸗ gedoͤrret, und ſchien dem Wanderer den Pfad zur Hoͤlle zu weiſen. Habib, von Anſtrengung erſchoͤpft, von Durſt und Hunger verzehrt, ſah ſeinen Wurzelvorrath ſchwinden; er verdoppelte ſeine Schritte, um noch vor der Nacht den vor ihm liegenden Berg zu erreichen: er langte end⸗ lich, nach vieler Anſtrengung, daſelbſt an, fand aber we⸗ der Quellen noch Gießbaͤche. Er baute ſich eilig wie⸗ der eine Huͤtte aus Felsſtuͤcken, und verſchloß ſich darin, gequaͤlt von Muͤdigkeit und Mangel. Indeſſen ergriff er das einzige ihm noch uͤbrige Mittel ſeine Zunge und ſeinen Gaumen zu erfriſchen, welche die Sonnenhitze und der Staub ganz ausgedoͤrret hatten: er hatte be⸗ merkt, daß es in dieſen Gegenden ſeiner Wanderung Nachts ſehr ſtark thaute, er breitete alſo außen vor ſei⸗ ner Hoͤhle ein Tuch auf einem Felſen aus, um den Thau auszudruͤcken, wenn es hinlaͤnglich davon getraͤnkt waͤre. Dreihundert und drei und ſiebenzigſter Tag. Durch dieſe Vorſicht, vor aͤrgerem Uebel bewahrt, legte er ſich nieder, nachdem er zuvor die Pflichten des Muſelmanns erfuͤllt hatte. Aber er konnte nicht ein⸗ Der fahrende Ritter. 223 ſchlafen, bevor er ſich nicht mit ſich ſelber unterhalten hatte. „Rede,“ ſprach er,„antworte, Habib! Hat das Schickſal dir auf dem Pfade zum Ruhme, mitten durch Gefahren, Gemaͤchlichkeiten verheißen? Du befindeſt dich in der Wuͤſte; frage Mahomed, warum nicht Moſes befohlen hat, auf dich Milch und Manna herabzuregnen, wie er den Kindern Abrahams that? Zum Kampfe gebohren, kaͤmpfeſt du jetzo! Sei ſtandhaft, Habib! der Himmel iſt fuͤr dich, aber du mußt ihm entgegen kommen. Der Beifall Salamis, Amirala's, Il⸗Habuls, des Himmels ſelber, das Herz und die Hand Doratil⸗ Goaſens, der Thron der ſieben Meere, ſind der Preis deiner Anſtrengungen: ſchreite uͤber das Feuer hin, ohne zu wanken; du gehſt dem Ruhme entgegen!“ Unter ſolchen Ermunterungen ſeiner Geduld und ſeines Muthes, ſchlief Habib ruhig ein. Er erwachte mit der Morgenroͤthe, ſtieg aus ſeiner Felſenburg her⸗ vor und griff nach ſeinem Tuche. O guͤtige Vorſehung! dieß Tuch, deſſen Feuchtigkeit er in einem hohlen Kieſel ausdruͤckte, gewaͤhrte ihm einen Segenskelch voll des koͤſtlichſten Getraͤnks, weil es von dem Beduͤrfniſſe ge⸗ wuͤrzt war. Berauſcht von Dankbarkeit, rief er aus, indem er ſeinen Weg kraͤftiger als jemals fortſetzte: ————————— ————— 224 373. Tag. „Derjenige, der mir den Thau ſchenkte, lehrte mich, ihn ſammeln! Geheiligt ſei der Urheber des Weltalls! Ihr ſchroffen, von der Sonne verkalkten Felſen, auf das Gebot des Schoͤpfers wuͤrdet ihr euch in Sprinquellen verwandeln! der Durſt und der Hunger entfliehen vor dem Herrn der Schoͤpfung; die Schaͤtze des Ueberfluſſes erdͤffnen ſich vor ſeinem Willen.“ 4 Mitten zwiſchen zwei Felſen ſtieß der Wanderer auf eine Tiegerhdͤhle; das Weibchen hatte eben ihre Jun⸗ gen geworfen: beim Anblicke des Fremdlings funkelten ihre Augen von verdoppelter Glut; ihr Haar ſtraͤubte ſich empor, ſie peitſchte die Luft mit ihrem Schwanze, und der Wiederhall verſtaͤrkte ihr Gebruͤll. So ſtuͤrzte ſie auf den Helden los; dieſer hielt ihr ſeinen Schild entgegen, zuckte ſeinen Dolch und ſtieß ihn mit ſicherer und kraͤftiger Hand dem Thier ins Herz. Der Tieger ſtuͤrzte todt nieder, und Habib benutzte die ihm gebotene Wohlthat, er machte ſich aus der Haut einen Mantel, ſchnitt ſich die zur Nahrung dienlichen Stuͤcke Fleiſch ab, und dankte dem Himmel und Mahomed fuͤr ſeinen Sieg. 9s war ſchon ſpaͤt, und er mußte an eine Zuflucht fur die Nacht denken: die Tiegerhoͤhle bot ihm eine ſchon ganz fertige dar. Nachdem er die junge Brut erwuͤrgt, und das Innere der Hoͤhle fuͤr ſich eingerichtet hatte, verrammte er den Eingang durch ein ungeheures Fels⸗ ſtuck; er breitete darauf wieder ſein Tuch zum Einſau⸗ Der fahrende Ritter. 226 gen des Thaues aus, und ſtreckte ſich in der Hoͤhle auf der Tiegerhaut hin. Gegen Ende der Abenddaͤmmerung war das Tuch vom Thau getraͤnkt; er nahm es wieder hinein, und druͤckte es in dem Tiegerſchaͤdel aus: dieß und einige Stuͤcke des am Tage in der Sonne gedoͤrrten Fleiſches, verſchafften ihm ein koͤſtliches Mahl. Er ſtilte reichlich ſein Beduͤrfnis, und um ſich voͤllig von allen Beſchwer⸗ den zu erhohlen, legte er ſich nieder, und ſchlief ein, nachdem er ſeine Seele zu hoͤheren Gedanken erhoben hatte. „Deine Wohlthaten, du Allmaͤchtiger, ſind in der ganzen Schoͤpfung verbreitet; ſie wagte es, damit zu geizen, aber der erfindſame Menſch hat ſie gezwungen, von denſelben Rechenſchaft abzulegen. Dank ſei dir dargebracht, o Mahomed! du warfſt deine Blicke auf den von den Seinen verlaßenen Habib! du gabſt ihm einen der Geiſter, denen du gebieteſt, zum Schutze! Alles iſt mir leicht geworden: der Feind trat mir entgegen, er ſank unter dem erſten Streiche; ſeine Haut dient mir zur Kleidung, ſein Fleiſch naͤhret mich, und ich trinke aus ſeinem Schaͤdel.. Zittert, ihr verwegenen Feinde Dorat⸗il⸗Goaßens! ihr Ritter hat ohne Waffen geſiegt; er ſchreitet, unter VI. 15 22²6 3753. 374. Ta g. dem Schutze des großen Propheten, zur Eroberung der Waffen Salomons!“ Habib, von Muth und Kraft erfuͤllt, eilte dem Tage zuvor, und ſetzte ſeinen Weg ruͤſtiger, als jemals, fort. Indeſſen erſah er noch nicht das Ziel ſeiner Anſtrengun⸗ gen; die Schwierigkeiten und Gefahren ſchienen unter ſeinen Tritten zu wuchern. Steile Felswaͤnde ſchienen jeden Ausgang zu verſperren; von ihren ſchwindligen Gipfeln erblickte man weit umher nur Wuͤſten. Auf dieſen Wegen, welche noch kein menſchlicher Fuß betre⸗ ten hatte, ſah man nur reißende Thiere, welche ſcheu entflohen, oder die Habib mit dem Dolche bekaͤmpfen mußte; hier krochen nur ſcheußliche Schlangen, welche er mit Felſen zerſchmettern mußte; und der von der Ungewißheit des Erfolges gelaͤhmte Muth erſchlaffte die Leibeskraͤfte des Helden. Dreihundert und vier und ſiebenzigſter Tag. Beim Herabſteigen von einem der hoͤchſten Berge, ſo er noch uͤberſtiegen, und als er nur noch wenige Wurzeln uͤbrig hatte, erblickte er eine Sandebene welche nur durch den Geſichtskreis begraͤnzt wurde: dieſen un⸗ ermeßlichen Raum ſollte er durchwandern, ohne Hoff⸗ nung, darauf irgend eine Erquickung zu finden; das waͤre fuͤr einen gewoͤhnlichen Menſchen Grund zur grim⸗ Der fahrende Ritter. 227 migen Verzweiflung geweſen, aber Habib dachte nur auf Mittel, dieſe neue Schwierigkeit zu uͤberwinden. Er konnte am Tage nicht fort wandern, ohne von den Strahlen der Sonne verbrannt zu werden, und ohne ſeine Fuͤße in dem gluͤhenden Sande unbrauchbar zu machen; dabei durfte er nicht hoffen, zur Stillung ſei⸗ nes Durſtes Waſſer anzutreffen. Und des Nachts, wie ſollte er ſich mitten im Sande eine ſichere Ruheſtäͤtte bereiten? Die Tieger und Panther, welche am liebſten zur Nachtzeit umherſtreifen, konnten ihn ſo ſchutzlos uͤberfallen und zu ihrer Beute machen. Habib faßte demnach den Entſchluß, am Tage zu ruhen, und beim Lichte des Geſtirns, welches ihm in der Nacht zum Weg⸗ weiſer diente, fortzuwandern. Im Angeſichte des Sandmeeres, welches vor ihm lag, gerade als die Sonne im Mittage ſtand, hielt er an: mit Huͤlfe ſeines Dolchs ſtellte er ſeinen Schild ſo, daß er ihm den Kopf gegen die Sonne ſchirmte; dann ſtreckte er ſich auf die Tiegerhaut hin, und ſchlief ein. So bald die Nacht ihren Schleier ausbreitete, ent⸗ riß er ſich den Armen des Schlafs, und machte ſich auf den Weg: das zum Auffangen des Thaues be⸗ ſtimmte Tuch war an ſeinem Halſe befeſtigt und flatterte um ſeine Schultern: ſo konnte er zwar ſeinen Durſt loſchen; wie ſollte er aber ſeinen Hunger ſtillen? Er hatte nur noch zwei Wurzeln uͤbrig, und er wußte nicht, wann die Vorſehung ihm andere Huͤlfsmittel beſcheren 228 374. Tag. wüͤrde. Gleichwohl uͤberließ er ſich im Fortwandern der Bewunderung des Schauſpiels, welches der Himmel vor ſeinen Blicken ausbreitete: „Das praͤchtige Himmelsgewoͤlbe umhüllet die ganze V Erde; es bedeckt die Bloͤßen der Wuͤſte. Gibt es einen einzigen Winkel der Erde, wo der Menſch nicht gend⸗ thigt waͤre, die Wunder des Schoͤpfers anzuſtaunen? Wuͤhle ich in ihren Eingeweiden, ſo finde ich darin Gold und Rubienen, und die noch viel koͤſtlicheren Quellen. Der Mond erhebt ſich am Himmel, und nimmt die Stelle der Sonne ein; die thautraͤufelnden Geſtirne ſind ſchon vor ihm hergegangen.. Ihr werdet erfriſcht werden, ihr Sandwuͤſten; aber die auf euch niederſtrahlende Sonne vermochte nicht, euch zu beleben; nichts wird jemals eure Unfruchtbar⸗ keit aufheben. Das Herz des Undankbaren iſt gleich dem Sande der Wuͤſte: die Gnaden des Himmels regnen auf ihn hernieder, ohne daß Spuren ihrer Wohlthaten darauf zurüuͤckbleiben. — Muthig, Habib! du verkannteſt niemals, was fuͤr dich gethan wurde. Betrachte die Bewegung, welche am Himmel vorgeht! Dort iſt es, wo in dieſem Augen⸗ blick deine Geſchicke abgewogen werden! Entferne drum allen Anſchein von Furcht! Setze einen feſten und kraͤf⸗ tigen Fuß in die Wagge, und du wirſt ſie auf deine Seite neigen! Sieh die furchtbare Ruhe, welche den hoͤchſten Himmel einnimmt: dort ſitzen deine Richter; Der fahrende Ritter. 229 Mahomed und ſeine ſieben Propheten bitten dort fuͤr dich! Großer Prophet, Freund Gottes! ein Muſelmann ſchreiet in der Wuͤſte zu dir; vernimm ſeine Stimme, erhoͤre ſie! Sein Ziel iſt eines Helden wuͤrdig; und du warſt das Muſter aller Helden. Der Ruhm und die Liebe entflammen ſein Herz! Du verſchmaͤhteſt auf Erden nichts, als was nicht das hohe Gepraͤge der Tugend trug. Auf ſolche Weiſe vergaß Habib im Gehen der Be⸗ ſchwerden und des Mangels. Gegen Morgen glaubte er, bei Durchſpaͤhung des fernſten Geſichtskreiſes, einen kleinen ſchwarzen Fleck zu erblicken. „Endlich,“ ſprach er,„hat die Ebene, welche ich durchwandere, ihre Graͤnze, ich ſehe ein Ende abz was ich dort erblicke, iſt ohne Zweifel ein Berg oder irgend ane Anhaͤufung von Duͤnſten uͤber bewohnten Ge⸗ genden. Du wirſt wieder Menſchen ſehen, Habib; die Lei⸗ denſchaften moͤgen uns noch ſo ſcharf gegen einander bewaffnen, der Menſch erfreut ſich immer beim Anblicke von ſeinesgleichen. Jene dort haben vielleicht niemals ein Kind der Vorſehung geſehen: ich will es ihnen zei⸗ gen, und ſie noͤthigen an die Vorſehung zu glauben. Ich werde nicht zu ihnen ſagen:„Ich brauche Gold und Silber, Heerden und Zelte und Sklaven!“ Ich werde ſie um einen Krug Waſſer, um eine Hand voll 250 374. Ta g. Reis bitten, und nach dem Weg auf den Kaukaſus fragen.. Vergeblich machte Habib die wunderwuͤrdigſten An⸗ ſtrengungen, um jenem ſchwarzen Flecke zu nahen: der⸗ ſelbe erſchien ſtaͤts in gleicher Entfernung. Von gluͤ⸗ hender Hitze uͤberwaͤltigt, hielt er an, und legte ſich nieder; ſeine mit hochfliegenden Hoffnungen erfuͤllte Ein⸗ bildungskraft, wiegte ihn bald in wohlthaͤtigen Schlummer. Die Kuͤhle des Abends erweckte ihn; er war von aͤngſtlichen Traͤumen beunruhigt worden: ein Bach ſtroͤmte zu ſeiner Quelle zuruck, und verſagte das Waſſer ſeinen brennenden Lippen; man bot ihm Speiſen im Ueber⸗ fluſſe dar, und ploͤtzlich wurden ſie durch unſichtbare Haͤnde ihm wieder entriſſen. Von Muͤhſal belaſtet, ſtand er auf, und ſchmei⸗ chelte ſich, indem er die ganze Nacht fortwanderte, mit Anbruche der Morgenroͤthe, das Ziel zu erreichen, wor⸗ auf ſeine Augen ſtaͤts geheftet waren, und auf welches ſein Herz ſchon ſeine Hoffnung gegruͤndet hatte. Er ſtrengte alle ſeine Leibeskraͤfte an, er bot alle ſeine Huͤlfsmittel auf, um ſo viel Muͤhſeligkeiten zu wider⸗ ſtehen, und durch ſeinen Muth geſtaͤrkt, uͤberwand er nochmals, und Kuh ſich uͤber ſich ſelbſt.. Der fahrende Ritter. 231 Dreihundert und fuͤnf und ſiebenzigſter Tag. Der Tag brach an, um eine unerhoͤrte Wanderung zu beleuchten: aber in dem Maaße, wie er vorwäͤrts ſchritt, ſchien der ſchwarze Fleck zu entweichen, und blieb ſtaͤts in derſelben Groͤße, wie er ihn zuerſt entdeckt hatte. Unterdeſſen war Habib ohne Schuhe; der von der Sonnenhitze durchgluͤhete Sand hatte ſeine Fuͤße verbrannt; die Wuͤſte bot uͤberall nur ein Sand⸗ meer dar; ſeine Kraͤfte erſchoͤpften ſich gaͤnzlich; alles ſchien ihm zu mangeln, außer der Hoffnung. Er brei⸗ tete ſeine Tiegerhaut auf dem Boden aus, ſank auf ſeine Knie, verrichtete ſeine Abwaſchung mit Staub, und die Haͤnde emporhebend richtete er ein inbruͤnſtiges Gebet zum Himmel, und rief mit einem von Schmerz und Vertrauen gemiſchten Ton der Stimme aus: „Ich bin auf ein Sandmeer verſchlagen, deſſen Schranken meine Augen nicht abſehen koͤnnen; das Land fliehet vor mir, wie ein Gewoͤlk. Ich habe dem bren⸗ nenden Sande geboten mir als Waſſer zu meiner Ab⸗ waſchung zu dienen, er hat gehorcht, und ich bin gerei⸗ nigt: der Schoͤpfer wird mir das Land naͤher bringen und es zwingen, meine Beduͤrfniſſe zu befriedigen. Siehe, meine Fuͤße verſagen mir den Dienſt, meine Beine wanken, meine Knie ſinken zuſammen, und ich muß auf dem Bauche bis zu dem Orte fortkriechen, wohin der Ausſpruch des Schickſals mich berufen hat: 252 375. Tag. 4 aber was wirſt du ſagen, großer Prophet, wenn du ei⸗ nen Sproͤßling deines Stammes wie einen Wurm krie⸗ chen ſiehſt?“ Waͤhrend er alſo ſprach, und ſeine Augen ſtaͤts auf das Ziel geheftet waren, dem er vergeblich nachzuſtre⸗ ben ſchien, gewahrte er, wie ein Fleckchen ſich davon abloͤſte, ſich in die Luͤfte erhub, und auf ihn zukam; es ſchwebte einige Zeit uͤber ihm, und ließ ſich dann nie⸗ der: es war ein Vogel von ungeheurer Groͤße, naͤmlich ein Rok, der ſich funfzig Schritte von ihm geſetzt hatte, und dort blieb, ohne ſich zu bewegen. Habib ſtand auf, und ging auf den Vogel zu. So bald er ſo nahe war, daß derſelbe ihn hoͤren konnte, ſprach er zu ihm: „Vogel, du biſt ein Geſchoͤpf des Herrn, und ich ehre dich als ein Werk ſeiner Vorſehung: biſt du her⸗ geſendet, um einem ungluͤcklichen, aber frommen Muſel⸗ mann zu Huͤlfe zu kommen, den ſeine Bruͤder treulos verlaßen haben, ſo gebiete ich dir im Namen Gottes und ſeines Propheten, ein Zeichen zu geben, welches mich deine Sendung erkennen laße.“ Alsbald breitete der Rok ſeine Fluͤgel aus, that drei Schlaͤge damit, und neigte ſein Haupt vor Habib. Der junge Prinz nahte ſich ihm, da ſah er an ſeinen Fuͤßen an Seidenſtricken ein Kiſſen von Damaſt be⸗ feſtigt: er ſetzte ſich darauf, hielt ſich an den Stricken, Der fahrende Ritter. 233 und kaum hatte er dieſen Sitz eingenommen, als der Vogel ſich in die hoͤchſten Luͤfte emporſchwang. „Die Erde, die vor mir zuruͤckwich, entfliehet jetzt unter meinen Fuͤßen,“ ſprach Habib, uͤber die Wolken emporgetragen.— „Ihr furchtbaren Sandhaufen, ihr ſeid gegenwaͤr⸗ tig in meinen Augen nur ein Sandkorn! Bietet den Mangel und den Tod den Ungeheuern, dem giftigen Gewuͤrm: ihr vermoͤget nun nichts mehr gegen den Knecht Gottes und den Diener des großen Propheten; ihm iſt der Weg durch die Luͤfte erdffnet. Du Vogel, Bote des Allerhoͤchſten, gehorche den Befehlen eines frommen Muſelmanns, trag ihn auf den Berg Kau⸗ kaſus zu der Ruͤſtkammer des weiſen und maͤchtigen Salomon.“ Der gehorſame Rok brachte den jungen Habib auf den Berg, der das Ziel ſeiner Reiſe war. Die reißende Schnelligkeit des Fluges hatte Habib alle Sinne be⸗ nommen und ſeine Ermattung noch vermehrt. Il⸗Ha⸗ bul empfing ihn hier, und brachte ihn ſogleich an ei⸗ nen Ort, wo eine ſanfte und durchdringende Waͤrme ihn bald wieder belebte. So wie er ſeiner Beſinnung und Kraͤfte wieder maͤch⸗ 9 ward, flog der Ausdruck der Dankbarkeit uͤber ſeine ippen: 3. „Wie! du biſt es, mein theurer Il⸗Habul! du haſt mich alſo nicht verlaßen?“ 234 375. Tag. „Hoͤhere Befehle als die meinen, o tapferer Prinz,“ antwortete der Geiſt,„haben dich hieher gefuͤhrt. Ein Vogel des großen Salomon hat dich hergetragen, meine Pflicht iſt, dich hier zu empfangen, und du kannſt er⸗ meſſen, mit welchem Vergnuͤgen ich mich derſelben ent⸗ ledige. Nicht unbekannt iſt mir der Verrath, den man an dir veruͤbt hat, noch die Leiden, welche du in den Wuͤſten ausgeſtanden haſt, noch die grimmige Ver⸗ zweiflung, der dein Vater Salamis preisgegeben iſt: als Huͤter der Schaͤtze Salomons, welche in den Ein⸗ geweiden der Erde verſchloſſen ſind, durfte ich nicht, ohne ſeinen Befehl, von hier mich entfernen, und konnte dir nicht zu Huͤlfe kommen. Der Himmel will, daß die Tugend durch Unfaͤlle gepruͤft werde, und du haſt jetzt eben ſehr ungewoͤhnliche erfahren; die Leiden des Emirs Salamis und Amirala's ſind den deinen gleich; die Kraͤnze des Sieges erwarten euch; aber ſie ſind nur durch Kampf zu erringen: das iſt das Loos der Begnadigten unter den Kindern Adams.“ Waͤhrend er alſo redete, bereitete ſich ein Mahl auf einem Tiſche: es beſtand aus Speiſe, welche einen durch das ſtrengſte Faſten geſchwaͤchten Magen nicht beſchweren konnten. Habib genoß davon, und verwun⸗ derte ſich zugleich, eine ſo koͤſtliche und reichliche Be⸗ wirthung mitten in der grauenvollſten Wuͤſte der Erde anzutreffen. 28 Der fahrende Ritter. 288 „ Du biſt hier in dem Wohnſitze der Bezauberun⸗ gen“ ſagte Il⸗Habul;„durchaus nichts kann dem gro⸗ ßen Salomon mangeln, der ſich durch ſeine tiefe Weis⸗ heit die ganze Natur unterworfen hat. Bevor er ſei⸗ nen Platz bei dem hoͤchſten Propheten einnahm, ver⸗ ſenkte er hier ſeine Schaͤtze, um ſie der frechen Habgier der Menſchen zu entziehen, die nur im Mißbrauche Ge⸗ nuß finden; hier liegen auch die Waffen verwahrt, mit welchen er die abtruͤnnigen Geiſter und Menſchen ſchlug. Illabuſatru, der Vater Doratil⸗Goaſens, ich und die Geiſter vom Stamme Eblis, wir erkannten zur rechten Zeit ſeine Ueberlegenheit und unterwarfen uns ohne Wi⸗ derſtand; andere waren minder vorſichtig, und die Hoͤh⸗ len, worin ſie verſperrt liegen, ſind nicht weit von hier. Der furchtbare Abarikaf, den du bekaͤmpfen ſollſt, und eine Unzahl anderer Empoͤrer, entzogen ſich der Knecht⸗ ſchaft durch die Flucht, durch Liſt, und ſelbſt durch Gewalt. rr 3 1 Bis hieher, mein theurer Habib, haſt du Feſtigkeit und Standhaftigkeit bewieſen, du haſt im Kampfe gegen die wilden Thiere muthvoll deine Kraͤfte aufgeboten; Hinderniſſe und Mangel haben deinen Standmuth nicht erſchuͤttert: das Auge, das uͤber dich wachte, hat dir Huͤlfe geſendet, als du nichts mehr durch dich ſelber vermochteſt; als der Vogel Rok vor dir erſchien, blie⸗ ben dir noch fuͤnf Eisberge zu uͤberſteigen, bevor du auf den Gipfel des Kaukaſus gelangteſt, welchen du in 236 375. 376. Tag. einer Entfernung von zweihundert Stunden erblickteſt. Aber die Gefahren, welche dir nunmehr bevorſtehen, ſind von andrer Art: dieſen haſt du keine Gewalt mehr ent⸗ gegenzuſetzen; nur durch kaltbluͤtige Ruhe, durch uner⸗ ſchrockenen Muth, ſind aus den Schaͤtzen Salomons die furchtbaren Waffen zu gewinnen, denen keine Macht widerſteht. Sobald du dich ausgeruhet und wieder ge⸗ ſtaͤrkt haſt, werde ich dir mittheilen, was du nun zu thun haſt, und welche Mittel du anwenden mußt.“ Dreihundert und ſechs und ſiebenzigſter Tag. Darnach fuͤhrte Il⸗Habul ſeinen Zoͤgling in das Innere ſeiner Hoͤhle, wo dieſer alles fand, was zur Er⸗ holung von ſeinen Anſtrengungen noͤthig war. HKabib bedurfte, in ſeiner Erſchoͤpfung, mehr als einen Tag, um ſich herzuſtellen und ſich in den Stand zu ſetzen, ſeine muͤhſelige Unternehmung zu vollenden. Ohne die Herrſchaft, welche der Geiſt von fruͤheſter Fu⸗ gend uͤber Habib gewonnen, wuͤrde es ihm ſchwer ge⸗ weſen ſein, einen leidenſchaftlich Liebenden zuruͤckzuhal⸗ ten: aber der weiſe Il⸗Habul gebrauchte ſeine durch lange Gewohnheit befeſtigte Gewalt, und vermochte ſei⸗ nen Zoͤgling, ſich nicht eher neuen Pruͤfungen auszu⸗ ſetzen, als bis er voͤllig wieder zu Kraͤften gekommen waͤre. Er benutzte dieſe Zwiſchenzeit, ihn zu unterrich⸗ Der fahrendo Ritter.„ 257 ten, was er zu thun haͤtte, um den Zweck ſeiner Reiſe auf den Berg Kaukaſus zu erreichen. „Mein theurer Habib,“ ſprach er zu ihm,„du biſt vom Schickſale berufen, Doratil⸗Goaſen an dem heillo⸗ ſen Empoͤrer Abarikaf zu raͤchen. Die Laͤnder dieſer Koͤ⸗ niginn ſind noch ungeheuer weit von hier; eben ſo un⸗ ermeßliche Wuͤſten, wie diejenigen, welche du durchwan⸗ dert haſt, trennen dich von den Meeren, welche ſie um⸗ geben, und wenn du von hieraus das Geſtade aufſuchen wollteſt, um dich einzuſchiffen, ſo waͤre der Weg dahin nicht kuͤrzer und bequemer; es iſt dir nur moͤglich, durch den Mittelpunkt der Erde dahin zu gelangen. Aber welche Vorſicht, welche Aufmerkſamkeit wird dazu er⸗ fordert! Welche Seelenſtaͤrke gehoͤrt dazu, mein theurer Prinz, um dieſe gefaͤhrliche Reiſe mit Erfolg zu unter⸗ nehmen! Wenn vierzig eherne Pforten, von boshaften, mit uͤbernatuͤrlicher Staͤrke und Macht ausgeruͤſteten Geiſtern bewacht, dich aufzuhalten vermoͤgen; wenn ein einziger Augenblick der Vergeſſenheit oder der Zerſtreuung ieinhenaſcht ſo biſt du den groͤßten Unfällen aus⸗ geſetzt! Du mußt durch alle Saͤle gehen, in denen Salo⸗ mon ſeine Schaͤtze verwahrt hat. Der erſte enthaͤlt die koſtbarſten, die echten Waffen, durch welche er dieſe hohe Stufe der Macht erreichte, woruͤber die Erde er⸗ ſtaunte. Dieſer Raum iſt am wenigſten bewacht, und den Nachforſchungen der Menſchen am meiſten ausge⸗ 258 376. Ta g. ſetzt: wie gluͤcklich waͤren ſie, wenn ſie dorthin gelangen koͤnnten, und ſich damit begnuͤgten, ohne noch weiter dringen zu wollen!.. Salomon uͤbertraf durch ſeine Weisheit alle Men⸗ ſchen der Erde. Er hat die Grundſaͤtze und Auslegun⸗ gen derſelben in dreihundert ſechs und ſechzig Hierogly⸗ phen(Schriftbildern) verfaßt, deren jede fuͤr den geub⸗ teſten Geiſt einen ganzen Tag erfordern wuͤrde, um den geheimen Sinn derſelben zu enthuͤllen: willſt du dir die Muͤhe geben, ſie zu durchdringen?““ „Ich liebe Doratil⸗Goaſen,“ antwortete Habib, „ſie ſchwebt in Gefahr, und ich bedarf der Waffen, um Abarikaf zu bekaͤmpfen! Wenn ich geſiegt habe, will ich mich zu belehren ſuchen.“ „Man koͤnnte weniger zu entſchuldigen ſein, als du,“ verſetzte der Geiſt;„aber ſeitdem Salomon von dieſer Erde verſchwunden iſt, ſind fuͤnfhundert Ritter in dieſe Wuͤſten eingedrungen; alle haben die Erforſchung der Weisheit verſchmaͤht, welche ich auch dir vorſchlage, und ſind nach den Schaͤtzen geeilt, welche in den Ge⸗ woͤlben dieſer unermeßlichen Hoͤhlen verborgen liegen; ſie wollten vor allen Dingen ihre Leidenſchaft befriedi⸗ gen, ſo wie auch du der deinigen nachgibſt: nicht einer von ihnen iſt zuruͤckgekehrt; ihre Unwiſſenheit hat ihnen den Untergang bereitet. Wir wollen uns indeſſen be⸗ muͤhen, dich vor demſelben Ungluͤcke zu bewaheen Der fahrende Ritter. 239 Ich will dich bis an die erſte Thuͤre fuͤhren; dort wirſt du einen goldenen Schluͤſſel finden, nimm ihn auf, und oͤffne damit. Die Feder des Schloſſes wird bei der geringſten Anſtrengung aufſpringen. Bewege die Thuͤre vorſichtig, damit ſie ſich hinter dir ohne das min⸗ deſte Geraͤuſch wieder ſchließe. In dem erſten Saale wirſt du einen rieſengroßen ſchwarzen Sklaven finden; die vierzig Schläͤſße der uͤbrigen Zimmer, welche du durchſchreiten mußt, hangen an einer Demantkette, welche er in der linken Hand haͤlt. Bei deinem Anblicke wird er ein furchtbares Ge⸗ ſchrei ausſtoßen, daß die unterirdiſchen Gewoͤlbe davon erbeben, und zugleich wird er die Klinge eines ungeheu⸗ ren Schwertes uͤber dir ſchwingen: aber verbanne jeg⸗ liche Furcht aus deiner Seele, und wirf die Augen auf ſeinen Saͤbel; ich habe dich hinlaͤnglich in der Kenntnis der talismaniſchen Schriftzuͤge unterrichtet: ſprich es laut aus, was du auf dieſer Stahlklinge lieſeſt, und grab dieſe Worte ſo tief in dein Gedaͤchtnis; daß ſie nimmer darin erloͤſchen, welche Stuͤrme du auch je zu beſtehen haſt: deine Sicherheit haͤngt davon ab. Alsbald wird der Sklave ſich dir unterwerfen; ent⸗ waffne ihn, und nimm die Schluͤſſel und das Schwert des großen Salomon; aber vergeblich wirſt du dann noch die geheimnisvollen Schriftzuͤge darauf ſuchen: ſie ſind verſchwunden, indem du die Worke ausſpracheſt, welche ſie bilden. Oeffne hierauf die erſte der vierzig 240 376. Tag. Pforten, und ſchließ ſie wieder mit derſelben Vorſicht: hier wirſt du die Ruͤſtung Salomons finden; aber be⸗ ruͤhre weder ſeinen Helm, nach ſeinen Harniſch, noch ſeinen Schild: du haſt ja ſein Schwert, und nicht Eiſens bedarf es, dich zu waffnen. Salomon ſiegte durch Muth, durch Staͤrke, durch Ausdauer und Weisheit. Vier mit Bilderſchrift bedeckte Standbilder werden dir dieſe vier Tugenden vor Augen ſtellen: denke lange nach uͤber dieſe tiefen Sinnbilder, und ſuche, dir die Bedeutung derſel⸗ ben zuzueignen; das wird dir Waffen verleihen, welche man dir niemals entreißen kann. Erforſche eben ſo ſorg⸗ faͤltig dieſe Waffen des Propheten, wie das Schwert in der Hand des Sklaven; die Erleuchtung, welche dir daraus zu Theil wird, ſetzt dich in den Stand, alle Feinde zu beſiegen, welche dir entgegentreten: aber ohne dieß, und wenn du die auf dem Schwerte eingegrabenen Schriftzuͤge vergiſſeſt, ſo wiſſe, daß du nur eine Stahl⸗ klinge in der Hand haͤltſt, welche der Roſt und die Zeit verzehren werden. „Nachdem du in dieſem erſten Saale ſo lange ver⸗ weilt haſt, als dir angemeſſen ſchien, ſo ſetze mit einen Sprung uͤber die Kluft, welche den zweiten Saal davon trennet, deſſen Thuͤre du mit derſelben Vorſicht oͤffnen. und hinter dir ſchließen mußt: die Waffe an deinem Wehrgehenke, die von dir ausgeſprochenen Worte machen dich zum Herrn der dort huͤtenden Sklaven, welcher Art fie auch ſein moͤgen. Ich will hier nicht die unermeß⸗ Der fahrende Ritter. 241 lichen Reichthuͤmer einzeln herzaͤhlen, welche du darin finden wirſt; in Salomons Augen waren Gold und Edelgeſtein das Geringſte, und obwohl er ſich derſelben bediente, um Werke auffuͤhren zu laßen, deren Gedaͤcht⸗ nis ewig dauern wird, ſo gab er ſie jedoch willig den Eingeweiden der Erde zuruͤck, aus welcher ſeine Wiſſen⸗ ſchaft ſie hervorgezogen hatte: er achtete ſie nicht noth⸗ wendig fuͤr das Gluͤck der Sterblichen. Sollte bei der Durchwanderung dieſer vierzig Saͤle ſich irgend ein Gegenſtand finden, deſſen Erklaͤrung ſich deinem Verſtaͤndnis entzoͤge, ſo reib die Klinge deines Schwertes, und wiederhole die Worte, welche darauf geſtanden haben, und du wirſt alsbald den Sinn des dir vorliegenden Raͤthſels finden. 4 Ich habe nicht noͤthig, mein wackerer Prinz, dich vor Begehrlichkeit und Fuͤrwitz zu warnen, welche die Urſache des Untergangs der Ritter war, die vor dir die⸗ ſes gefaͤhrliche Abenteuer verſuchten. Du haſt unter den Zelten des Emirs Salamis gelernt, worin der wahre Reichthum und die wahre Macht beſteht; das Gold veerlieh dort ſeinem Gezelte keinen Glanz, er hatte nicht ndͤthig, Gold aufzuhaͤufen und auszutheilen; ein furcht⸗ bares Heer zog auf ſeinen erſten Wink aus; die gute Auswahl des Nuͤtzlichen und Verſchmaͤhung des Ueber⸗ fluͤſſigen bildeten ſeinen Reichthum. iVI 16 242. 4 376. T K g. Die Neugier iſt ebenfalls ein Fehler, dem man vorbeugen muß. Sei eingedenk, daß alles, was auf dem dir bevorſtehenden Wege ſie erwecken kann, demje⸗ nigen durchaus gefaͤhrlich iſt, der nicht jene dreihundert ſechs und ſechzig Wahrheiten, die einzige Grundlage der Weisheit Salomons, kennet. Vor allen huͤte dich, wenn du die vierzigſte Thuͤre geoffnet haſt, und du am Ziele deiner unterirdiſchen Reiſe ſtehſt, mit deinen Blicken bei dem zu verweilen, was du dort ſehen wirſt. Dort haͤngt ein ſeidener Vorhang, und goldene Schriftzuͤge auf demſelben werden dir in die Augen blitzen: wende ſie ab; du wuͤrdeſt dein To⸗ desurtheil darin leſen, und daſſelbe auf der Stelle voll⸗ ſtreckt werden. Aber hebe den Vorhang auf, und du wirſt von dem ſchoͤnſten Schauſpiele uͤberraſcht werden, wenn du bis dahin die Klugheitsregeln beobachtet haſt, welche ich dir gegeben habe: du wirſt das erſte der ſie⸗ ben Meere erblicken, welche du durchfahren mußt, um zu Doratil⸗Goaſen zu gelangen, und dort alle noͤthigen Mittel dazu bei der Hand finden. Wenn du aber in einem einzigen Stuͤcke die dir ertheilten Vorſchriften ver⸗ nachlaͤßigt haſt, ſo ſiehſt du dich den furchtbarſten Ge⸗ fahren ausgeſetzt.. „Es iſt vielleicht ein Ungluͤck fuͤr mich,“ unterbrach Habib,„daß ich das Gefuͤhl der Furcht nicht kenne, und ich muß mich dieſerhalb an dich, an Salamis und Amirala halten: ihr bemuͤhtet euch, mich gegen jegliche Der fahrende Ritter. Furcht zu waffnen, ſo daß ich mich vielleicht zu ſehr auf mich ſelbſt verlaße; aber ich will mich bemuͤhen, deine weiſen Lehren zu befolgen.“— „So zieh denn hin, tapfrer Held, unter der Obhut des großen Salomon: moͤge ſein Geiſt dich geleiten! dir folgen meine heißeſten Wuͤnſche fuͤr das Gelingen deines Unternehmens; ich werde darin den Lohn fuͤr alle die Arbeiten finden, welche mir deinetwegen aufgetragen worden. Dreihundert und ſieben und ſiebenzigſter Tag. Il⸗Habul behielt in ſeiner Hoͤhle die Tiegerhaut, den Schild und den Dolch des Prinzen; er kleidete ihn auf einfache und bequeme Weiſe fuͤr die ihm bevorſte⸗ hende Wanderung; ſodann faßte er ihn bei der Hand, und fuͤhrte ihn durch einen unterirdiſchen Irrgang zu der erſten ehernen Thuͤre, deren Schluͤſſel ſie dort fanden. „Nimm dieſen Schluͤſſel,“ ſprach ſein Fuͤhrer zu ihm;„und vergiß nicht, ſo bald du den Sklaven den Saͤbel gegen dich emporſchwingen ſiehſt, die talismani⸗ ſchen Schriftzuͤge, welche du auf der Klinge leſen wirſt, laut auszuſprechen; praͤge ſie dir dergeſtalt ein, daß du ſie nimmer wieder vergeſſen kannſt; ſprich ſie bei jedem Anſcheine von Gefahr abermals aus, ſo wohl innerhalb als außerhalb der unermeßlichen Gewoͤlbe, welche du ————. 244 77. Tag. durchwandern mußt. Oeffne und ſchließ alle Thuͤren mit der groͤßten Vorſicht; bedenke, daß alles in dieſem Aufenthalte ſinnbildlich iſt, und daß deine Handlungen dem gemaͤß ſein muͤßen. Vergiß auch nicht meine uͤbri⸗ gen Lehren; aber ich mahne dich vor allen nochmals an diejenigen, welche die wichtigſten fuͤr dich ſind. Um⸗ arme mich, mein theurer Habib! ich kehre dahin zuruͤck, wo meine Pflicht mich ruft.“ Il⸗Habul ſchied. Habib oͤffnete die erſte Pforte, und verſchloß ſie leiſe wieder. Er erblickte einen ſchwar⸗ zen Rieſen von furchtbarer Geſtalt, der bei ſeinem An⸗ blick ein Geſchrei ausſtieß, daß die Gewoͤlbe dieſer erſten Hoͤhle erbebten. Das Ungeheuer zuckte das ſchreckliche Schwert; Habib warf ſchleunig die Augen auf die Klinge, und ſprach mit lauter Stimme das Wort Macht aus, welches mit goldenen Buchſtaben darauf eingegra⸗ ben ſtand: augenblicklich war der Sklave entwaffnet; das Schwert und die Schluͤſſel entſanken zugleich ſeinen Haͤnden, und er neigte ſich vor ſeinem Sieger. Der junge Prinz bemaͤchtigte ſich der furchtbaren Waffe, und ſchritt auf die zweite Thuͤre zu; er oͤffnete ſie, und ſieben verſchiedene Wege ſtellten ſich ſeinen Blik⸗ ken dar, aber keiner derſelben war erhellt. Ungewiß, welchen er waͤhlen und einſchlagen ſollte, ſprach er mit ſtarker Stimme das obige Zauberwort aus: da erſchien am Eingange des vierten Weges ein bleiches und un⸗ ſtaͤtes Licht; er folgte demſelben, und ſtieg vierzehnhun⸗ Der fahrende Ritter. 243 deetcun neunzig Stufen auf einer halbdunkeln Treppe ina ·*.. Er kam an die dritte Thuͤr, und beobachtete ſtaͤts dieſelbe Vorſicht. Hier wurde er von zwei Ungeheuern, halb Mann, halb Weib, empfangen, welche zwei große Eiſenhaken nach ihm warfen, ihn damit an ſich zu reißen: er aber ſprach das Wort Macht aus, und das Eiſen erweichte ſich, und die Ungeheuer verſchwanden. Habib wurde hierauf durch ein wundervolles Schau⸗ ſpiel uͤberraſcht: ein Kronleuchter von Karfunkeln er⸗ hellte einen runden Saal, der von Jaspisſaͤulen getra⸗ gen wurde. Die Ruͤſtung des großen Salomon ſtand in der Mitte als Siegesdenkmal aufgeſtellt, der Phoͤnix breitete als Helmſchmuck ſein ganzes Gefieder daruͤber aus; die Augen konnten den Glanz des Harniſches und des Schildes nicht aushalten, der Stahl der Lanze fun⸗ kelte wie Feuer; das Schwert war nicht dabei; aber Habib bemerkte mit Vergnuͤgen, daß dasjenige, deſſen er ſich bemaͤchtigt hatte, den uͤbrigen Waffenſtuͤcken voͤllig entſprach. Alle waren mit geheimnisvollen Schriftzuͤ⸗ gen bedeckt, deren Sinn er zu durchdringen trachtete. Er las auf dem Bruſtharniſch: „Die Feſtigkeit der Seele iſt der wahre Bruſthar⸗ niſch des Menſchen.“) „Er fuhr fort, und las auf den uͤbrigen Waffen⸗ ſtuͤken:„die Geduld iſt ſein Schild.— Die Zunge iſt ſeine ſtaͤrkſte Lanze.— Die Weisheit ſoll ſein Helm 246 377. Tag. ſein, die Vorſicht ſein Viſier.— Ohne die Tapferkeit iſt ſein Arm entbloͤßt; ſeine Beine ſind unnuͤtz ohne die Standhaftigkeit.“— „O großer Salomon!“ rief der Held aus:„der Phoͤnix entfaltet noch immer mit Stolz ſein Gefieder uͤber deinem Helm!— bedecket euch mit ehernen Schie⸗ nen, ihr ohnmaͤchtigen Krieger der Erde! der Prophet des Allmaͤchtigen ſchritt in der Ruͤſtung der Tugenden zum Siege einher.“ Habib betrachtete ſodann die dreihundert ſechs und ſechzig Hieroglyphen(Schriftbilder), welche die Waͤnde des Saals zierten: eine darunter war einzig durch ihre Einfachheit, aber ihr Verſtaͤndnis war nicht hinreichend, ſie zu erklaͤren; eine andere, mehr zuſammengeſetzte ent⸗ huͤllte augenblicklich ihr Geheimnis: und ſo erklaͤrten ſich wohl die dreihundert ſechs und ſechzig Hieroglyphen, konnten jedoch nur aus jener einzigen voͤllig verſtanden werden. „Wiſſenſchaft!“ ſprach Habib,„du biſt fuͤr mein Herz gemacht, ich fuͤhle es: aber mein Geiſt iſt ferne von dir. Wer will mir die Augen des Luchſes verlei⸗ hen, um in deine Geheimniſſe einzudringen? Gegenwaͤr⸗ tig zwingt der Glanz, mit welchem du mir in die Au⸗ gen ſtrahleſt, ſie niederzuſchlagen.— Auf, Habib! folge dem Rufe deiner Beſtimmung; ſie hat dir Ruhm verheißen. Aus dem hoͤchſten der Himmel koͤmmt die Der fahrende Ritter. 2 Weisheit hernieder: trachte fuͤrder darnach, und verfolge deine Laufbahn unter der Beguͤnſtigung deines Geſtirns!“ Indem er alſo ſprach, trat er an die Thuͤre, welche ihm die Raͤume eroͤffnete, worin die Reichthuͤmer Salo⸗ mons verwahrt lagen. Er mußte ſtaͤts von neuen viele Stufen hinabſteigen, und auf viel verſchlungenen Pfa⸗ den gelangte er zu den verſchiedenen Thuͤren, welche er oͤffnete und ohne Geraͤuſch wieder verſchloß; uͤberall traf er Ungeheuer, welche durch ihre ſcheußliche Geſtalt, ihr Geſchrei und ihre Drohungen ihn abzuſchrecken ſuch⸗ ten. Der Kopf des einen hatte einen Menſchenſchädel, war mit Hoͤrnern bewaffnet und endigte in einen Schna⸗ bel; das andere vereinigte in ſich die drei Geſtalten des Loͤwen, des Tiegers und des Elephanten; jenes trug den Rachen eines Krokodils auf menſchlichen Schultern; und ein Drache mit drei Weiberkoͤpfen ſchuͤttelte vor dem Helden ſeine Schlangenhaare. Dreihundert und acht und ſiebenzigſter Tag. Aber Habib, voll feſten Muths, und eingedenk der Lehren des Geiſtes, beſchwichtigte mit Einem Worte alle dieſe drohenden Ungethuͤme, und warf gleichguͤltige Blicke auf die Haufen von Gold und Diamanten, auf die zer⸗ brochenen koſtbaren Goͤtzenbilder: er ſchritt unaufhalt⸗ ſam von einer Thuͤr zur andern, ſobald die Gegenſtaͤnde, 248 378. Tag. welche er antraf, ihm kein ſinnbildliches Zeichen der Siege des Propheten darboten: indeſſen verweilte er an einem einzigen Orte. Es war ein unabſehlicher Saal, in welchem rings⸗ umher eine Unzahl von Weſen in menſchlicher Geſtalt ſaß; ſie ſchienen dem ehrwuͤrdigſten unter ihnen zuzu⸗ hoͤren, der auf einem erhabenen Stuhle vor einem Pulte ſaß und las. Als Habib eintrat, erhub ſich die Ver⸗ ſammlung und verneigte ſich vor dem Helden; die Ehr⸗ erbietung unterbrach die Vorleſung, und der Prinz wandte ſich zu dem Vorleſer und ſprach: „Wenn es euch verſtattet iſt, mich zu belehren, ſo ſaget mir, wer ihr ſeid, und was ihr leſet?“ „Ich bin ein Geiſt und Knecht Salomons,“ ant⸗ wortete der Vorleſer,„und von ihm dazu beſtellt, die Bruͤder zu unterweiſen, welche du hier ſieheſt: ſie wer⸗ den frei, ſobald ſie die noͤthigen Kenntniſſe erworben ha⸗ ben, ſich ſelbſt uͤberlaßen zu bleiben. Das Buch, wel⸗ ches ich vorleſe iſt der Koran; Leider! ſind ſchon zwei Jahrhunderte verfloſſen, daß ich ihnen denſelben erklaͤre, und doch verſteht ein Achtel von ihnen noch nicht die erſte Zeile davon! Geh weiter, junger Muſelmann, du haſt hier nichts, weder von ihnen, noch von mir zu ler⸗ nen: folge unverruͤckt deiner Beſtimmung, und ſei ſtaͤts ſo umſichtig, wie du es bisher geweſen biſt.“ 4 Habib verließ dieſen Lehrſaal, indem er daruͤber nachdachte, wie ſchwer es iſt, die Wahrheit zu faſſen, Der fahrende Ritter. 249 wenn man nicht geneigt iſt, darauf zu achten; er ſegnete Gott und ſeinen Propheten, ihn ſo früh in den Wahr⸗ heiten des Korans unterrichtet zu haben. Schon hatte der junge Prinz neun und dreißig Thuͤren geoͤffnet und wieder zugemacht; ſchon war er fuͤnf Tage lang dieſe unterirdiſchen Wohnungen durch⸗ wandert, wo die Sonne keine Stunden anzeigte; wo die Zeit, durch nichts abgetheilt, verfließt, ohne daß man ſie zu berechnen vermag; wo Jahrhundert uͤber Jahr⸗ hunderte hingehen, ohne daß man ihren Ablauf bemerkt; und wo jene wohlthaͤtigen Geiſter wohnen, deren rege Thaͤtigkeit nur mit dem Gluͤcke der Glaͤubigen beſchaͤf⸗ tigt iſt, und die nicht der Gewalt des Beduͤrfniſſes un⸗ terworfen ſind. Habib war nicht in die anderen Hoͤhlen dieſer Un⸗ terwelt gekommen, wo die boshaften Geiſter unter ganz widerſprechendem Geſetze leben: die Sichel der Zeit druͤckt auf ſie mit unermeßlicher Schwere; alle Laſter der Welt keimen und gaͤhren in ihren verderbten Seelen, und es gibt kein Beduͤrfnis, deſſen Pein ſie nicht fuͤhlten. unſer Held hatte die Thuͤren, durch welche er ſchon gegangen war, nicht gezaͤhlt: ſo wie ſich eine neue Thuͤre darſtellte, loͤſte der Schluͤſſel, welcher ſie oͤffnete, ſich von ſelber von dem Ringe, den er in der Hand hielt, und fuhr in das Schloß hinein. Endlich ſtand er der vier⸗ zigſten Thuͤre gegenuͤber: ſie oͤffnete ſich, und er er⸗ blickte den verhaͤngnißvollen ſeidenen Vorhang, von wel⸗ 250 3578. Tag. chem der Geiſt ihm geſagt hatte. Die ſtrahlenden Schrift⸗ zuͤge, welche er nicht leſen durfte, blenden ſeine Augen; er zieht ſchleunig den Vorhang weg, und erblickt nun das Meer, welches er durchſchiffen ſoll, um endlich das Ziel ſeiner Muͤhſeligkeiten zu erreichen, und ungeſtuͤm ſpringt er hinaus, um ans Ufer zu gelangen. Aber in demſelben Augenblick rollt die Thuͤre, welche er ver⸗ geſſen hat, wieder zu ſchließen, in ihren Angeln, mit ſo furchtbarem Getoͤſe, daß der Kaukaſus in ſeinen Grundveſten davon erbebt. Alle Thuͤren, durch welche er gekommen war, und alle Thuͤren der anderen Hoͤhlen ſpringen auf und zer⸗ ſchmettern mit einem Gekrache, daß es ſelbſt die Ge⸗ woͤlbe des Himmels zu erſchuͤttern ſcheint; zahlloſe Gei⸗ ſterſchaaren von den ſcheußlichſten Geſtalten ſtuͤrmen her⸗ vor, und ſtuͤrzen auf Habib los; die ſchrecklichſten Ge⸗ ehen⸗ die fuͤrchterlichſten Drohungen begleiten ihren Anfall. Habib drehte ſich um, ihnen die Stirne zu bieten; waͤre er eben ſo der Furcht faͤhig geweſen, wie der Zer⸗ ſtreuung, ſo waͤre es um ihn geſchehen. Aber die aͤu⸗ ßerſte Gefahr, machte ihn wieder kaltbluͤtig; er erinnerte ſich jenes furchtbaren Wortes, und indem er den Stahl Salomons ſchwang, ſprach er das Zauberwort aus: und alsbald ſtuͤrzten ſich die grimmigen Schaaren voll Schrecken in ihre Hoͤhlen zuruͤck, die Pforte nach dem Meere ſchlug donnernd hinter ihnen zu.— Der fahrende Ritter. 251 Indeſſen waren doch nicht alle boͤſe Geiſter wieder darin verſperrt. Ein Theil derſelben hatte ſich ins Meer geſtuͤrzt; ſie ruͤhrten die Abgruͤnde deſſelben auf, daß die Wogen hoch in die Luͤfte emporſtiegen; andere trieben fernher alle Duͤnſte zuſammen und thuͤrmten ein fuͤrchterliches Gewoͤlk auf: der Tag erloſch, die Sonne verdunkelte ſich, die Donner rollten, die zuſam⸗ mengepreßten Wolken kaͤmpften mit den losgelaßenen Sturmwinden, und die dumpf aufrauſchenden Wogen des Meeres waͤlzten ſich gegen einander, und ſtellten eine ſchwarze Maſſe dar, welche durch das Feuer der Blitze von Blut gerdthet erſchien. Der Orkan bricht von allen Seiten los; die ein⸗ geengten Winde und Blitze dringen uͤberall hervor; das Meer fliehet vor ihnen in die Abgruͤnde welche es ſich ſelber ausgewuͤhlt hat; das Geraͤuſch der Wogen, das Sauſen der Stuͤrme erſchuͤttern die Felſen im Grunde, und die ſchmetternden, ſtaͤts ſich verſtuͤrkenden Donner⸗ ſchlaͤge ſcheinen dem Erdball die Ruͤckkehr in das an⸗ faͤngliche Chaos anzukuͤndigen. Es war nicht alles natuͤrlich bei dieſem Aufruhre, welches die Elemente gegen einander empoͤrte. Il⸗ Habul, der zur Bewachung der Waffen und Schaͤtze des Propheten beſtellt war, hatte in dem Augenblick, wo die abtruͤnnigen Geiſter hinausgebrochen waren, ſeine gewoͤhnliche Stelle, an der Spitze der ihm untergebe⸗ 252 378. 379. T a g. nen Geiſter, verlaßen; und die Erde, das Meer und die Luft waren der Schauplatz von drei hartnaͤckigen und fuͤrchterlichen Kaͤmpfen geweſen. Dreihundert und neun und ſiebenzigſter Tag. Habib, erſtaunt uͤber die Verwirrung, welche ihn umringte, konnte die Schuld davon nur ſeiner Unvor⸗ ſichtigkeit beimeſſen: als er den verhaͤngnisvollen Vor⸗ hang aufhub, erſchien Himmel und Erde heiter, das Meer ruhig. Er warf ſich mit der Stirn auf den Boden und rief aus: „Wo iſt einer, der ſich weiſe duͤnkt? er betrachte mich, und zittere bei ſeinem Duͤnkel. Wo iſt einer, der ſtaͤts vorſichtig zu Werke geht? er nahe mir, und beſchaͤme mich. Meine Augen hatten das Gluͤck erblickt, und es iſt entſchwunden; ich hielt den Schluͤſſel meines Schickſals in der Hand, und er iſt mir entſchluͤpft. Doratil⸗Goas, dein Geliebter liebt dich, wie ein Unſinniger, er iſt deiner nicht wuͤrdig. Wie ſoll ich in der Lage, worin ich mich befinde, die Maͤchte der Erde um Huͤlfe anſchreien? Suche ich den Himmel zu bewegen, ſo hoͤre ich eine Stimme im Grunde meines Herzens rufen:„gib ihm Rechenſchaft von ſeinen Wohlthaten!“ Die Araber meines Stammes 1 Der fahrende Ritter. 253 haben mich verrathen: was darf ich ihnen vorwerfen, wenn ich ſelber mich verrathen habe? Salamis, Ami⸗ rala, Il⸗Habul! ihr habt auf einem unfruchtbaren Boden geſaͤet: wie wollt ihr da Fruͤchte einaͤrnten? Ich werde Thraͤnen vergießen wie feige Seelen; die Beſchaͤmung wird meine Augen verhuͤllen, nachdem ich die Binde des Hochmuths davon weggenommen habe. O großer Prophet! ein Schuldiger wagt nicht ſeine Stimme zum Himmel zu erheben. Aber du bewieſeſt deine Gnade an Habib, als er kein Verdienſt hatte: gegenwaͤrtig da er ſeine Schuld erkennt, verzeih ihm! wende deine Antlitz auf ihn!“ Nachdem Habib dieſes Gebet verrichtet hatte, ſtand er auf, und ſchaute ſich um, wo er ſich befaͤnde. Er ſtand auf dem Gipfel der Klippen, an deren Fuße die Meereswogen ſich mit Gewalt brachen; auf der andern Seite ſchienen ſchroff abſtuͤrzende Felſen ihn von der ganzen uͤbrigen Welt zu trennen. Er ſprang von Klippe zu Klippe, wohl tauſend Schritte weit. Das Sonnen⸗ licht war durch dichtes Gewoͤlk verhuͤllt; die daraus hervorblitzenden Strahlen gaben allen Gegenſtaͤnden, worauf ſie fielen, einen gluͤhenden und kupferfarben Schein. Giftige und ſalzige Duͤnſte verpeſteten die Luft, welche er einathmen mußte. Der Tag der dieſes ſchauervolle Gemaͤlde beleuch⸗ tete diente nur dazu, das Grauen deſſelben zu erhoͤhen. Habib betrachtete eine Weile die Zerſtoͤrung, welche 254 379. Tag. ihn umgab; ſodann blickte er auf ſein Schwert, und ſah die darauf eingegrabenen talismaniſchen Schriftzuͤge glaͤnzender als zuvor blitzen. Er hatte von Il⸗Habul gelernt, daß die Vorſehung niemals ohne Abſicht Wun⸗ der wirket; der neue Glanz des Talismans mußte alſo denjenigen, der ihn trug, beſtimmen, die Kraͤfte deſſel⸗ ben anzuwenden, um den Aufruhr der gegen ihn ver⸗ ſchworenen Elemente zu beſchwichtigen: er zuckte als⸗ bald die geheimnisvolle Klinge, und indem er ſie dreimal durch die Luͤfte ſchwang, rief er aus: „Ihr Maͤchte des Feuers, der Erde, der Luft und des Waſſers! ich gebiete euch, in eure gewoͤhnlichen Schranken zuruͤckzukehren, ſonſt werde ich euch zur Ruhe zwingen.“ In demſelben Augenblicke ſah man das Schwert einen Glanz ausſtrahlen, welcher die Blitze uͤberleuch⸗ tete; man hoͤrte ein verworrenes Getoͤſe, wie wenn Sand⸗ berge ſich an einander zerrieben; das Meer ward ſtill und ruhig; die Stuͤrme verwehten; der Hauch des Weſt⸗ winds folgte den grimmigen Nordſtuͤrmen, und das glaͤn⸗ zende Tagesgeſtirn vergoldete mit ſeinen Strahlen die furchtbaren Felſen, deren Gipfel der Zufluchtsort des Helden war. Bei dieſem erſtaunlichen Wunder konnte der Prinz ſich eines gewiſſen Grauens nicht erwehren, welches die Freude begleitete: Der fahrende Ritter. 255 „Welche Macht,“ rief er aus,„bedient ſich meiner ſchwachen und ſchuldvollen Haͤnde, um hier ihre Wir⸗ kung zu beweiſen? Wie konnten die Elemente meiner Stimme gehorſam ſein? Schoͤpfer der Welt! du haſt dein Antlitz nicht von mir abgewendet. Großer Pro⸗ phet! Habib iſt in deinen Augen noch ein Sproͤßling des Stammes Ben⸗il⸗Helal!“ Indem er, mit zu Boden geſenkter Stirne, dieſes Gebet ausſprach, gewahrte er, daß ſich etwas neben ihm bewegte; er blickte auf, und ſah Il⸗Habul. „ mein Beſchuͤtzer! o mein Meiſter!“ ſprach er zu ihm:„du biſt es ohne Zweifel, der alle die Wun⸗ der gewirkt hat, welche ich hier geſehen habe?“ „Nein, mein theurer Habib,“ antwortete der Geiſt, „ſie ſind Wirkungen der Macht des großen Salomon, deſſen Werkzeug du geworden biſt. Du weißt nicht, welche Verwirrung deine Vergeſſenheit meiner Lehre und deine Nachlaͤßigkeit verurſacht hat. Ohne dich wuͤrde das Unheil, welches du angerichtet haſt, ſchwer wieder gut zu machen ſein. Als du, anſtatt die vierzigſte Thuͤre zu verſchließen, ans Geſtade des Meeres hinaus ſtuͤrzteſt, ſprangen die Thuͤren der Hoͤhlen, welche die abtruͤnnigen Geiſter ver⸗ ſperrt halten, ploͤtzlich auf, und ſie ſtuͤrmten ſchaaren⸗ weiſe hinaus: du waͤreſt ihr erſtes Schlachtopfer gewor⸗ den, haͤtteſt du nicht von dem Talisman Gebrauch ge⸗ macht, kraft deſſen ſie vormals unterworfen wurden: 256 379. Ta g. durch ſeinen Anblick erſchreckt, ſchwangen ſie fich in die Luͤfte empor, ſtuͤrzten ſich in die Fluten hinab, und er⸗ regten den Orkan, von welchem du Zeuge geweſen biſt. Ich, an der Spitze meiner Schaaren, verfolgte ſie; wir begannen den gewaltigen Kampf, deſſen Wirkungen du geſehen haſt, ohne ſie zu begreifen: nunmehr wand⸗ teſt du das einzige Mittel an, welches in deiner Ge⸗ walt war; ſein Erfolg in den Haͤnden eines glaͤubigen Muſelmanns war nicht zweifelhaft. Auf der Stelle ent⸗ ſanken die Waffen den Haͤnden der boͤſen Geiſter; von ploͤtzlicher Betaͤubung ergriffen, ſtuͤrzten ſie, wie lebloſe Erdkloͤße zu Boden; meine Krieger ſchlugen ſie in Feſ⸗ ſeln, und verſperrten ſie wieder in den Hoͤhlen, welche ſie ausgeſpien hatten: aber ohne deine Huͤlfe wuͤrde der Kampf noch fortdauern. Ich will dir keine Vorwuͤrfe uͤber die Zerſtreuung machen, welche dich vom Ziele entfernet und dich un⸗ erhoͤrten Muͤhſeligkeiten ausſetzt, um es zu erreichen. Die Liebe hat mehr Schuld daran, als du ſelber; und deine Leidenſchaft iſt die Einwirkung deines Geſtirns. Sei eingedenk der Kenntniſſe, welche du bei Be⸗ trachtung der Schaͤtze des großen Salomon dir mußt erworben haben. Du wirſt uͤberall, und in dir ſelber die Waffen finden, welche dem wahren Ritter den Erfolg verbuͤrgen: er weiß, daß ſie ſich eher in Widerwaͤrtig⸗ keiten, als bei gluͤcklichen Umſtaͤnden darbieten. Der fahrende Ritter. 237 Die Weiſungen, welche ich dir hier gebe, ſind die letzten, welche du von mir empfaͤngſt..... Du biſt in einer Laufbahn, wo man erroͤthen muß, kleinen Mit⸗ teln den Erfolg zu verdanken; nur vom Himmel kann man ihn ohne Schaam annehmen, und ihn darf man unablaͤßig darum anflehen, wenn man nur gute Abſich⸗ ten hat, und ohne Hochmuth nach dem Siege trachtet. Lebe wohl, mein theurer Habib; ich verlaße dich von Noth bedraͤngt und neuen Abenteuern preisgegeben: aber ich vertraue, daß dein Muth allem Genuͤge leiſten wird.“ Dreihundert und achtzigſter Tag. Il⸗Habul verließ Habib auf einem Felſen: das Meer war zuruͤckgewichen, und brach nicht mehr ſeine Wogen am Fuße des Felſens: er konnte hinabſteigen, und auf einem beſchraͤnkten Raume von einer Klippe zur andern ſpringen; aber er fand hier nirgend Schutz fuͤr die Nacht, keine Mittel, ſeinen Durſt und ſeinen Hunger zu ſtillen: ſo war die Lage des Helden beſchaffen, als ſein Schutzgeiſt verſchwand. Eiine weniger hohe Seele als die ſeinige, wuͤrde ſich der Beſorgnis hingegeben haben; aber das Schwert des großen Salomon hing ſtaͤts an ſeiner Seite, und bedrohte fortwaͤhrend die Feinde des Allerhoͤchſten; er 3 27 VI. 258 380. Ta g. babe keinen andern Gegner mehr zu fuͤrchten, als ſich elbſt. „Mein Vergehen hatte mich niedergeſchlagen,“ rief er aus,„aber die Hand Gottes richtet mich wieder auf. Kaukaſus, uͤberhebe dich nicht deiner ungeheuren Groͤße und der Feſtigkeit deines Geſteins: Gott wollte es, und ich durchdrang deine Eingeweide! Erde, du ſtehſt hinter mir, wie eine furchtbare Mauer. Meer, du ſchei⸗ neſt graͤnzenlos, und meinen Blicken nur Abgruͤnde dar⸗ zubieten: aber die Hoffnung durchſchwimmt alle deine Gewaͤſſer, ſie leuchtet mir mitten durch die Gewoͤlke, welche dich umhuͤllen!“ In der That ſah Habib jetzo Land, ohne es zu wiſſen: es war die aͤußerſte Spitze der Weißen Inſel, welche zu dem Reiche Doratil⸗Goaſens gehoͤrte. Un⸗ terdeſſen kam die Nacht heran, und um ſich ihrer em⸗ pfindlichen Kaͤlte zu entziehen, ſuchte er ſich eine Lager⸗ ſtatt zwiſchen drei Felſen, wo er gegen einen ſcharfen Wind geſchuͤtzt war, deſſen unabläßiges Wehen ſeinen Leib erſtarrt haͤtte. Mit Anbruche des Tages verrichtete der junge Mu⸗ ſelmann ſeine Abwaſchung und ſein Gebet. Hierauf durchlief er emſig das Geſtade umher, um ſich Lebens⸗ mittel aufzuſuchen: er fand einige Hoͤhlen voll Muſcheln; und die Fluten hatten Bruchſtuͤcke von Kraͤutern ange⸗ ſpuͤlt, welche er von der Luft trocknen ließ: ſo konnte er ſeine Beduͤrfniſſe befriedigen, in Erwartung daß ſeine Der fahrende Ritter. 259 Beſtimmung ihn zu anziehenderen Abenteuern abrufen wuͤrde. Eines Morgens, als Habib auf den aͤußerſten ins Meer vorragenden Felſen geklettert war, um, wo moͤg⸗ lich, irgend ein Fahrzeug zu entdecken, ließ er ſich von einem leichten Schlummer beſchleichen: da erhuben drei Meerfraͤulein ploͤtzlich ihre Koͤpfe uͤber dem Waſſer empor. „Er ſchlaͤft, meine Schweſter,“ ſagte eine der Nixen zu den beiden anderen:„wir wollen uns ihm naͤhern, um zu erforſchen, wer er iſt. Sein Anblick wird euch erfreuen, er iſt ſchoͤn, wie der erſte Strahl des Tages. Geſtern ſah ich ihn, wie er ſich uͤber das Waſſer buͤckte, ſeine Abwaſchung zu verrichten; ſein auf den Perlmut⸗ terſchalen ſich ſpiegelndes Antlitz ſchien ſie noch lebhaf⸗ ter zu faͤrben; es war, als wenn der Boden des Mee⸗ res mit Roſen beſtreuet waͤre. Damit wir ihn aber gemaͤchlicher betrachten koͤnnen, muͤßen wir ihn derma⸗ ßen einſchlaͤfern, daß das Geraͤuſch, welches wir um ihn machen, ihn nicht erwecke; gebet mir die Hand, wir wollen um ihn her tanzen, bis er tief eingeſchlafen iſt.“ So bald die Meerfraͤulein ſich der Wirkung ihres Zaubers verſichert hatten, entſtiegen ſie dem Waſſer: ſie ließen ihre in Flechten gefeſſelten blonden Haare frei um die Schultern wallen; das ſanfte Spiel der Luͤfte gab dieſen feuchten Locken bald ihre volle Anmuth und Leichtigkeit; ein von Meerpflanzen ſo fein wie Flor ge⸗ 260 380. Tag. webtes Gewand ſiel ihnen von den Schultern und um⸗ guͤrtete ihre Huͤften; ihre Beine waren mit Baͤndern voon Perlen, ihre Arme mit Korallenſpangen geſchmuͤckt, und vollendeten ihre eben ſo reizende als verfuͤhreriſche Erſcheinung. Alle drei warfen einen Blick auf ihren Waſſerſplegel, und zufrieden mit ſich ſelber und mit ih⸗ rem Putz, umringten ſie den Ritter. „Welch ein ſchoͤner Juͤngling!“ ſagte die aͤlteſte der drei:„wenn es doch ein Ritter waͤre!“ „Es iſt ſicherlich einer,“ ſagte die Juͤngſte:„ſehet nur ſein Schwert; aber ruͤhret es ja nicht an; denn ich wollte mit der Hand den Griff anfaſſen, und er hat mich verbrannt.“)„ „Ilſaide, agte die Aelteſte zu der Juͤngſten,„wir müußen wiſſen, wer es iſt und woher er koͤmmt. Er kann vom Sturme hieher verſchlagen ſein; indeſſen ver⸗ raͤth nichts in ſeinem ganzen Aufzuge, daß er Schiff⸗ bruch gelitten haͤtte: hole mir eine der groͤßten Mu⸗ ſcheln, ſo auf dem Strande zu finden iſt, und fuͤlle ſie mit Waſſer.“— Ilſaide gehorchte, und brachte die Muſchel; die alteſte der Meerfraͤulein zog hierauf Habib ſanft ein Haar aus, und ſagte: „Wir wollen dieß Haar hier zum ſprechen bringen, es wird uns alle Geheimniſſe des Hauptes erzaͤhlen, auf dem es gewachſen iſt.“ 1 Der fahrende Ritter. 2621 Sie tauchte es alsbald ins Waſſer und drehte es n der Muſchel im Kreiſe umher, und ſagte zu ihren Schweſtern: „Ruͤhret das Waſſer recht auf; je truͤber es iſt, je zeſſer kann ich darin ſchauen.“ „Sieh doch, Schweſter,“ ſagte Ilſaide,„ich glaube das Haar iſt auf den Grund geſunken; man ſieht Sterne drunten und nicht mehr den Grund der Muſchel.“ „Deſto beſſer,“ verſetzte die Aelteſte:„auf die Nacht folget der Tag. Buͤcke dich und betrachte das Gemaͤlde, welches ſich bildet: da iſt ein mit Baͤumen beſetztes Ge⸗ filde, unter deren Schatten Heerden weiden!.. ſind Zelte!.... Er iſt in Arabien geboren.“ „In Arabien! liebe Schweſtern,“ ſagte diejenige von den dreien, die noch nicht geſprochen hatte: das iſt das Land, aus welchem unſre Koͤniginn Doratil⸗ Goas ihren Befreier erwartet! Wie gluͤcklich waͤren wir, wenn wir hier ihren tapfern Ritter vor uns ſaͤhen! Er wuͤrde uns ſicherlich von Rakaſchik und ſeinem gan⸗ zen Gezuͤchte befreien.. Aber das Waſſer beſagt nichts davon: truͤbet es von neuen, um zu erfahren, welche Fahrt er gemacht hat.“ „h, Schweſter,“ ſagte Ilſaide,„das Waſſer wird ſchwarz, ganz ſchwarz!“ d „Das iſt gut,“ hub die Aelteſte wieder an,„die Wahrheit wird um ſo klarer daraus hervorgehen. Ver⸗ doppelt die Bewegung!“ 262 380. Tag. „Schweſter,“ ſagte die zweite,„ſieh, das Waſſer wird weiß: oh! wie traurig iſt das, was man darin ſieht!“ „Es ſind Gebirge und Sandwuͤſten,“ fuhr die Aelteſte fort;„er hat dieß alles ohne Gefaͤhrten durch⸗ wandert; denn ich ſehe ihn ganz allein darin... Truͤbet nochmals das Waſſer! denn der Weg, welchen ich ihn nehmen ſehe, hat ihn nicht hieher fuͤhren koͤn⸗ nen. O Himmel!“ rief ſie aus,„ich ſehe die Eingeweide der Erde. Es iſt genug, meine Schweſtern; denn das Waſſer wird uns, ſo viel ich ſehe, nichts von den Geheimniſſen ſeines Herzens verrathen: aber ich weiß ein natuͤrlicheres Mittel, ſie zu erfahren. Es iſt, wie ihr wißt, fuͤr uns von der groͤßten Wichtigkeit, ſie zu kennen; wir wiſſen, daß wir von unſeren Leiden und von unſeren Bedruͤckern nur durch einen vollkommenen Liebenden, der nicht der unſrige iſt, befreiet werden koͤnnen.“ „Gewißlich kann dieſer Ritter, wer er auch ſei,“ verſetzte lebhaft Ilſarde,„nicht unſer Geliebter ſein, weil wir ihn niemals geſehen haben.“ „Aber ſo bald er die Augen oͤffnet,“ fuhr die Aelteſte fort,„muß er uns wohl ſehen: und dann un⸗ terlaß ja nicht, meine Schweſter, die deinen niederzu⸗ ſchlagen; denn du haſt eine maͤchtigere Zauberkraft darin, als wir; und wenn er ſich in dich verliebte, ſo waͤre alle Hoffnung verloren.“ Der fahrende Ritter. 263 „Liebe Schweſter,“ erwiederte Ilſaide,„er wird dich eher lieben, als mich.“ 4 „Salomon bewahre uns, eine wie die andre, da⸗ vor!“ fuͤgte die Aelteſte hinzu;„aber mich duͤnkt, wir ſind ſtark in Gefahr: da wir uns indeſſen in ſeine Gunſt ſetzen muͤßen, um Anſpruch auf ſeine Dienſte zu machen, abast uns daruͤber nachdenken, was wir dazu zu thun aben. Zuvoͤrderſt ſehe ich, daß es ihm hier an allem man⸗ gelt: der Strand, auf welchem er ſich befindet, hat ihm nur etliche Seegewaͤchſe und Muſcheln geboten, welche er roh verzehrt hat: laßt uns ihm, zu ſeinem Erwachen, ein Mahl bereiten, wie unſer Bereich es zu gewaͤhren vermag. Eile, Ilſaide, du biſt behender, als jene Gemſe, die von Klippe zu Klippe ſpringt; zwing ſie, dir von ih⸗ rer Milch zu geben; fuͤlle damit eine Muſchel, welche du unten und oben mit wuͤrzigen Kraͤutern verſchließen mußt. Durchdringe die Schluchten des Gebirges, du wirſt an heimlichen Stellen Blumen und Fruͤchte finden; waͤhle davon, was dir das Koͤſtlichſte von Geſchmack, Anſehen und Duft erſcheint; ich und die andre Schweſter, wir wollen das Uebrige beſorgen; wir werden genug zu thun haben, um ihm eine ſo gute Mahlzeit zu bereiten, als in dieſen Wuͤſten moͤglich iſt.“ 264 361. Tag. Dreihundert und ein und achtzigſter Tag. Kaum war Ilſaide hinweg geeilt, als die aͤlteſte Schweſter der andern, bei ihr zuruͤckgebliebenen ihren Entwurf mittheilte. „Ich weiß,“ ſprach ſie,„im Grunde des Meeres Korallenbaͤume, deren zwei eine Kameellaſt ausmachen wuͤrden: wir wollen hingehen und welche davon holen; wir richten viere derſelben im Viereck auf, behaͤngen ſie mit Zeugen, denen aͤhnlich, womit wir bekleidet ſind; ſo machen wir eine Art Gezelt; alsdann ſammeln wir Seemoos, trocknen es und machen es wohlriechend, daß es zum Sopha dienen kann; aus Steinen errichten wir einen Tiſch, und bedecken ihn mit einem ungefaͤrbten Gewebe; wir beſetzen ihn mit den beßten Seefiſchen, die an der Sonne getrocknet und geſotten ſind; Vogel⸗ eier, welche ich in den Neſtern zu ſuchen gehe, und Fruͤchte und Milch, die unſre Schweſter bringen wird, werden das gute Mahl vollenden.“ So bald ein Geiſt außer ſeinem Elemente iſt, iſt ſeine Macht beſchraͤnkt. Hier mußte die Erfindſamkeit das Vermoͤgen erſetzen, die Ordnung und der Geſchmack den Ueberfluß vertreten: das Beduͤrfnis macht alles ſchaͤtzbar, die Erkenntlichkeit verleihet auch Kleinigkeiten Werth. 1 Ilſaide kam zuruͤck; das Gezelt ſtand aufgerichtet und geſchmuͤckt; der Tiſch war beſetzt: es kam nur noch Der fahrende Ritter. 265 darauf an, den Zauber, welcher den Schlummer Habibs verlaͤngerte, wieder aufzuheben; aber er ſollte auf dem Sopha, neben welchem der Tiſch errichtet war, erwachen, den drei Schweſtern gegenuͤber. „Wir wollen gleich erfahren, meine Schweſtern,“ ſprach jetzo die Aelteſte,„ob dieß der Arabiſche Ritter, der Geliebte Doratil⸗Goaſens iſt. Ich weiß ein un⸗ truͤgliches Mittel: hebet die Haͤnde empor, und beweget ſie ſo lange, als ich ſpreche:„Kraft des großen Pro⸗ pheten Salomon, Ritter, ich erwecke dich im Namen Doratil⸗Goaſens!“ 3 „Doratil⸗Goas!“ rief Habib aus, indem er er⸗ wachte und ſich emporrichtete; er blickte um ſich her, und war zugleich geblendet und erſtaunt: drei junge Schoͤnheiten, beinahe halb nackt, eine mit einladenden Speiſen beſetzte Tafel, Fruͤchte, Blumen, ein Gezelt, wo alles von Purpur und Korallen iſt, und der Name Doratil⸗Goas, brachten dieſe Wirkung hervor. „Doratil⸗Goas!“ rief er aus, indem er ſich wieder niederſetzte und um ſich her blickte:„wo iſt meine geliebte Doratil⸗Goas?“——. „Sie iſt nicht hier, Herr Ritter,“ antwortete die aͤlteſte der Schweſtern;„aber ihr ſeid hier im Angeſicht einer der Inſeln, welche die empoͤrten Geiſter ihr ent⸗ riſſen haben: ihr koͤnnt das Land jenſeit dieſes Meer⸗ arms entdecken; es iſt dieſer blaͤuliche Streif an der Graͤnze des Geſichtskreiſes.“. 266 381. Tag. „Seid ihr von ihrem Gefolge? Wohin bin ich ver⸗ ſetzt?“ fragte der junge Prinz mit Bewegung. „Wir ſind,“ antwortete die aͤlteſte der Meerfraͤu⸗ lein,„im Grunde des Herzens noch ihre Unterthanen, obwohl gegenwaͤrtig wider unſern Willen von dem Em⸗ poͤrer Abarikaf unterjocht, und in der unmittelbaren Gewalt des Ungeheuers Rakaſchik.“ „Wo ſind ſie?“ fragte Habib, von Zorn entbrannt; nich will die Erde von ihnen reinigen.“ „Herr,“ antwortete die aͤlteſte der Meerfraͤulein, „weder den einen, noch den andern kann euer Schwert erreichen: Abarikaf iſt auf der Schwarzen Inſel, und ihr muͤßt ſechs andere Inſeln durchdringen, um zu ihm zu gelangen; Rakaſchik iſt auf der Weißen Inſel, welche man von hier ſieht.“ „Ich will ihn auf der Stelle angreifen,“ ſagte Habib.—. „Dieß waͤre moͤglich, aber es gehoͤren dazu neue Huͤlfsmittel.“—— „Die werden leicht zu finden ſein,“ verſetzte der Held;„denn ich bin hier umgeben von Bezauberungen, welche ich ohne Zweifel der Guͤte Il⸗Habuls oder Do⸗ ratil⸗Goaſens ſelber verdanke. Aber wo bin ich?“— „Auf demſelben Felſen, wo ihr eingeſchlafen waret; wir haben uns bemuͤhet, ihn euch bequemer zu machen.“ „Ich danke euch dafuͤr,“ ſagte Habib;„eure Macht ſcheint auf mehrfachen Zauber gegruͤndet: aber, wenn Der fahrende Ritter. 257 ihr mir fuͤrder eure Huld beweiſen wollet, koͤnntet ihr da nicht die geringſte eurer Zauberkraͤfte anwenden, die⸗ ſes Gezelt in ein Fahrzeug zu verwandeln, welches mich ſofort nach der Inſel braͤchte, welche der Feind der Koͤ⸗ niginn Doratil⸗Goas beherrſchet?“ „Ritter,“ antwortete die aͤlteſte der Meerfraͤulein, „obwohl wir drei Schweſtern Geiſtertoͤchter, und ſelber Geiſter ſind, ſo gibt es hier jedoch keine Zauber, noch Bezauberung. Dieſes Gezelt und dieſes einfache Mahl ſind nur durch ſehr natuͤrliche Mittel herbeigeſchafft; die Muͤhſeligkeiten welche ihr hier und ſeit eurer Abreiſe aus Arabien beſtanden, muͤßen eure Kraͤfte erſchoͤpft haben; bedienet euch vertrauensvoll dieſer Speiſen, welche freundliche Haͤnde euch bereitet haben. Unſer Dienſt⸗ eifer kann euch nicht verdaͤchtig ſein, wenn ihr verneh⸗ met, daß ihr durch eure Rache der Koͤniginn an dem Unterdruͤcker Rakaſchik noch mehr fuͤr uns thun wuͤrdet, als wenn ihr uns die Freiheit und Ruhe wiedergegeben haͤttet... Aber ich werde nichts mehr ſagen, wenn ihr euch weigert, von den Speiſen zu genießen, welche wir euch darbieten.“ 5 Habib gab ihren Bitten nach, und das Waſſer⸗ fraͤulein fuhr alſo fort: — 268 382. Tag. Dreihundert und zwei und achtzigſter Tag. „Seitdem Abarikaf ſeinen Anſchlag ausgefuͤhrt hat, indem er in allen von Doratil⸗Goaſen beherrſchten Laͤn⸗ dern Empoͤrung geſtiftet, hat er die Weiße Inſel, die Graͤnze ſeines Gebiets, den Befehlen Rakaſchiks uͤber⸗ geben, dem grimmigſten und ſcheußlichſten der verruch⸗ ten ihm unterworfenen Geiſter. 3 Ehe dieſes Ungeheuer unter Abarikafs Fahnen trat, durchſtrich es unter der Geſtalt eines ungeheuern Hay⸗ fiſches die Meere; er verfolgte die Schiffe und bezau⸗ berte durch ſeine giftigen Blicke alle Matroſen oder Rei⸗ ſende, denen er ſich zeigte: wehe denjenigen, deren Blicke er feſſelte! der Kopf ward ihnen ſchwindlig, ſie ſtuͤrzten ins Meer, und das Ungeheuer riß ſie in die Tiefe hinab, um ſie zu verſchlingen. Noch ſtaͤts iſt er von derſelben Wuth beſeſſen, und wenn die Fremdlinge ſeiner Gefraͤ⸗ ßigkeit nicht genuͤgen, ſo ſaͤttigt er ſich an den Unter⸗ thanen der Koͤniginn. Der Zwingherr Abarikaf beſtaͤrkt ihn darin, und einer wie der andre haben geſchworen, das Geſchlecht Adams auszurotten. Was uns betrifft, ſo kann er uns zwar nicht toͤd⸗ ten, aber uns ſind haͤrtere Qualen aufbehalten, als der Tod waͤre. Er waͤhlt aus uns ſeine Weiber und Skla⸗ vinnen; mit jedem Neumonde nimmt er neue, und meine Schweſtern und ich ſollen beim naͤchſten Mondswechſel in einen großen Weiher voll ſalzigen Waſſers kommen, Der fahrende Ritter. 269 der ihm zum Harem dient; uͤbermorgen iſt der beſtimmte unſelige Tag! Wenn ihr nun das Ungeheuer angreifet, welche heiße Geluͤbde werden wir nicht fuͤr euern Sieg thun! Indeſſen duͤrfen wir euch nicht die Gefahren ver⸗ hehlen, in welche ihr euch begebet. Um am Lande zu wohnen, hat das Ungeheuer Menſchengeſtalt angenommen, dabei aber ſeinen Haykopf behalten, wegen der drei Reihen Zaͤhne, womit ſein Ra⸗ chen bewaffnet iſt; er wuͤrde ihn ablegen, wenn er ei⸗ naen noch gefraͤßigeren zu erſinnen wuͤßte. Sein Rieſen⸗ leib iſt mit gefaieten Schuppen gepanzert, die ihm an⸗ ſtatt Ruͤſtung dienen; die Schale einer Rieſen⸗Schild⸗ kroͤte iſt ſein Schild; eine ungeheure Schnecke in Geſtalt eines Helms traͤgt er auf dem Kopfe, und das Horn eines Schwertfiſches, ſechs Ellenbogen lang, dient ihm zur Lanze. Er reitet ein Seepferd, das eben ſo fuͤrch⸗ terlich iſt, als er; und wenn beide ſich gegenſeitig zum Kampfe anfeuern, ſo iſt das Geſchrei des Reiters noch graunvoller, als das des Roſſes. Als Saͤbel fuͤhrt er eine Wallfiſchrippe, welche er ſchaͤrfer als Stahl geſchliffen hat; ſein Arm und ſeine Waffen ſind ſo gewaltig, daß er niemals zuſchlaͤgt, ohne zu zerſchmettern; menſchliche Kraft vermag nichts ge⸗ en ihn, weil alles, womit er ſich ausgeruͤſtet hat, ge⸗ aiet iſt.“ „Meine Freundinn,“ unterbrach Habib ſie lebhaft; „kann ich nicht vor uͤbermorgen auf die Inſel gelan⸗ 270 382. Tag. gen, welche Rakaſchik ſo verwuͤſtet? Verſchaffet mir als⸗ bald die Mittel dazu; ich ſtehe auf, und ſchwoͤre mich nicht eher wieder zu ſetzen, als bis ich die Rache des Himmels an dieſem graͤulichen Feinde des Menſchen⸗ geſchlechts vollſtreckt habe.“ Indem Habib dieſen Schwur ausſprach, begeiſterte ſich ſein Antlitz und nahm einen ſo hohen Ausdruck an, daß er einem ganzen Heere Vertrauen mitgetheilt haͤtte. Er that unter dem Gezelt einige Schritte, und ſeine kd⸗ nigliche Haltung, die edle und ſtolze Anmuth ſeiner Be⸗ wegungen erhoͤhten noch den Ausdruck ſeiner Zuͤge. Ilſaide ſagte, indem ſie ihr Geſicht hinter den Kopf ihrer aͤlteſten Schweſter verbarg: 4 „Das iſt ein Held! meine Schweſter: ich hatte noch niemals einen geſehen... Was fuͤr ein ſchoͤ⸗ nes Weſen iſt doch ein ſolcher Held!... Ich zit⸗ tere. ihn zu lieben.“ „Ich beſorge,“ erwiederte die Aeltere,„daß dieſe Furcht fuͤr dich ſchon zu ſpaͤt koͤmmt.“ „Tapfrer Ritter,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich zu dem Prinzen wandte,„es liegt uns noch mehr daran als euch, euch die Mittel zu verſchaffen, damit ihr uns von unſerm Unterdruͤcker befreiet. In eine der Buchten dieſes Gebirges iſt ein Sumpf, worin Rohr von außer⸗ ordentlicher Laͤnge und Dicke ſteht; wir wollen daraus ein Floß zimmern, auf welchem wir ſelber euch, bei Windſtille, nach der Weißen Inſel fuͤhren wollen: aber Der fahrende Ritter. 277 he ruhet euch noch aus, und beendigt gemaͤchlich euer a. 4 Meine Schweſter,“ ſagte ſie hierauf zu Ilſaide'n, Komm und laß uns auf der Stelle dieſes Floß anfer⸗ tigen. 1 „Ich will euch folgen,“ verſetzte Habib,„es fehlt mir weder an Geſchicklichkeit, noch an Kraft, und ich will eure Arbeit theilen.“ „Meine Schweſtern und ich ſind hinreichend dazu,“ erwiederte die Aelteſte;„wir muͤßen an einer Stelle durchs Waſſer, wo ihr uns unmdglich folgen koͤnntet. Binnen kurzer Zeit ſehet ihr uns wieder; wir brennen vor Verlangen, dich des gethanen Geluͤbdes zu entle⸗ digen, und morgen fruͤh wollen wir nach der Weißen Inſel abfahren.“ Mit dieſen Worten entfernten ſich die drei Schwe⸗ ſtern; ſie ſchwangen ſich von Klippe zu Klippe, und gelangten ſo an eine kleine Erhoͤhung am Geſtade des Meeres: hier legten ſie ihr Gewand ab und flochten ihre Haare, um durchs Waſſer zu ſchwimmen; und da⸗ bei ſagte die juͤngſte Schweſter zu ihren Gefaͤhrtinnen: „Er wird ſich allein recht langweilen!“ „Du haͤtteſt ihm wohl gern Geſellſchaft geleiſtet,“ erwiederte ihr die Aelteſte;„und waͤhrend wir anderen beide das Floß gezimmert, haͤtteſt du dich bemuͤhet, ihn wankend zu machen. Meine Schweſter! du haſt zwar 272 382. Tag. ſchon vielfach das Meer durchſtrichen, kenneſt aber noch nicht alle Klippen deſſelben. Auf! wohin unſere Pflicht uns ruft!“ Damit ſtuͤrzten ſich alle drei ins Meer und ſchwam⸗ men dahin, das Floß zu bereiten. Da Habib ſeine Mahlzeit vollendet hatte und den Tag ſich neigen ſah, verrichtete er ſeine Abwaſchung und ſein Gebet und ſchlief, in Erwartung der drei Meer⸗ fraͤulein, ruhig ein. Die erſten Strahlen der Sonne trafen bald wieder ſeine Augenlieder; ſeine Blicke richteten ſich zuerſt nach der Meeresflaͤche, welche ihn von der Weißen Inſel trennte: ſeine Augen maaßen ſehnſuͤchtig die Ausdehnung derſelben. Indem bemerkte er auf dem Meer, welches ein ſanfter Weſtwind kaum ſtreifte, eine ungewoͤhnliche Bewegung: er unterſchied einen Gegenſtand, der mit reißender Schnelligkeit ans Geſtade trieb, und daneben mehrere Koͤpfe uͤber dem Waſſer, die ihm zuriefen: „Kommt zu uns herab, Herr Ritter, und beſteiget dieſes Floß!“ Da erkannte er die Stimme der Meerfraͤulein, er ſprang hin auf das Floß, und das gebrechliche Fahrzeug ſchwamm auf den Wogen dahin. 1 Acht Delphine waren an das Floß geſchirret; die aͤlteſte der Nixen⸗Schweſtern, bis zum Guͤrtel uͤber das Waſſer erhoben, und mit beiden Haͤnden auf das Hin⸗ tertheil des Fahrzeugs geſtützt, diente ihm als Steuer⸗ Der fahrende Ritter. 273 ruder; die beiden juͤngeren, jede auf einer Seite ſchwim⸗ mend, hielten es mit ihren Haͤnden im Gleichgewicht; und Habib, von ſeinem Unternehmen erfuͤllt, ſtand auf dem Floſſe. Dreihundert und drei und achtzigſter Tag. Bald entdeckte man die Weiße Inſel; der Palaſt des Zwingherrn ſtand, von Korallen und Muſcheln er⸗ bauet, auf der aͤußerſten Spitze der Inſel. Als die Schildwachen von fern den Helden erblickten, machten ſie Laͤrmen und verkuͤndigten dem Rakaſchik ſeine An⸗ kunft. Das Ungeheuer waͤhnte ſchon eine neue Beute gepackt zu haben, und ſagte:— „Man laße ihn herankommen, und fraget ihn, was er will? Er wird ohne Zweifel auf ſeine Koſten erfah⸗ ren, daß kein Fremdling hier anlanden darf, ohne ſich mit mir zu meſſen; ich gehe, mich zu waffnen, um ihn gebuͤhrend zu empfangen.“ Unterdeſſen erreichte das Floß die Inſel, und Ha⸗ bib ſprang hurtig ans Land. Eine der Schildwachen, auch ein Seeungeheuer, nahte ſich ihm und befragte ihn, ſeinen Befehlen gemaͤß. „Geh und ſage deinem Herrn,“ antwortete ihm Habib,„daß ich herkomme, mit ihm zu kaͤmpfen.“— VI. 3* 18 274 383. Tag. „Du biſt ja ungewaffnet,“ erwiederte das Unge⸗ heuer,„und haſt kein Streitroß.“ „Du verſtehſt dich nicht darauf,“ entgegnete der Prinz:„mein Turban iſt mein Helm; mein Schwert dient mir zum Harniſch und zum Schilde; und ich be⸗ darf keines Roſſes. Moͤge dein Herr es wagen, mich anzugreifen! ich fordre ihn und ſeine ganze Macht auf einmal heraus.“ Dieſe Botſchaft wurde uͤberbracht, und Rakaſchik ward wuͤthend. Bedeckt mit ſeinen Schuppen, ſprengte er auf ſeinem furchtbaren Seepferde, deſſen ſchwerfaͤlli⸗ ges Galopp eine Staubwolke vor ihm aufregte, nach dem Geſtade, und erblickte den Helden. „Veraͤchtliches Gezuͤcht Adams!“ ſprach er zu ihm, „niedriger Knecht Mahomeds! du biſt ſehr vermeſſen, weil du nicht, wie das uͤbrige Gewuͤrm am Boden kriechſt, ſondern dich drei Ellen uͤber den Koth erhebſt, aus wel⸗ chem du gebildet biſt! Du wagſt es, den maͤchtigen Geiſt Rakaſchik zu ſchmaͤhen und ihm zu trotzen? So nimm denn die Strafe deiner Tollkuͤhnheit.“ Und zu gleicher Zeit ſpornte er ſein Roß gegen Habib an, und ſchwang die furchtbare Lanze, ihn damit zu durchbohren. Der junge Held zuckte ſein Schwert, und die Lanze ſeines Gegners flog in Stuͤcken davon, bevor ihr Stoß ihn erreichte: die Gewalt der Erſchuͤtterung laͤhmte den Arm des Ungethuͤms, ſein Roß baͤumte ſich, es ge⸗ Der fahrende Ritter. 275 horchte nicht mehr der Hand des Reiters, ſprang mit ihm aufs Geſtade hin, und uͤberſchlug ſich mit ihm. Rakaſchik erkannte die Gefahr, worin er ſchwebte, und rief alle ihm zu Gebote ſtehenden Maͤchte herbei. Augenblicklich truͤbte ſich das Meer und ſpie ſie aus: Seekaͤlber und Seeldwen bedeckten den Strand, Wall⸗ fiſche nahten ſich, und ſpien Waſſerſtroͤme aus, welche eine Scheidewand zwiſchen dem Prinzen und ſeinem Feinde zu bilden ſchienen; das Geſtade hallte wider von dem entſetzlichen Gebruͤlle. Alle dieſe Ungeheuer ſtuͤrz⸗ ten zugleich auf den Helden los: er bekaͤmpfte ſie eine Zeitlang mit ſeinem Schwerte, aber von der Menge bedraͤngt, und bald die Unzulaͤnglichkeit ſeiner Kraͤfte fuͤrchtend, ſchwang er das Schwert dreimal durch die Luͤfte und ſprach zuverſichtlich das furchtbare Wort Macht! aus. Die Wirkung war augenblicklich; die Ungeheuer, die dem Schwerte widerſtanden hatten, ſtuͤrz⸗ ten ſich jetzo, von einer hoͤhern Gewalt fortgeriſſen, in die Schluͤnde, welche ſie ausgeſpien hatten. Rakaſchik wagte es nochmals, ſich ihm entgegen zu ſtellen, und verſuchte ſeine Wallfiſchrippe, die ihm als Schwert diente, gegen das furchtbare Schwert Salomons; ſie zerſprang aber in tauſend Stuͤcke, und ſein beſchuppter Leib, ſeine gefaiete Ruͤſtung, wurden in Staub verwandelt. „Hinweg, Verruchter!“ rief Habib,„hinweg, und aſe wehtlage durch alle Ewigkeit in den Hoͤhlen des Kau⸗ aſus! 3 276 383. Tag. In demſelben Augenblicke verſchwanden alle Truͤm⸗ mer der zerſtuͤckten Ungeheuer, das Geſtade ward frei und einſam, und Rakaſchik lebte nur noch in dem An⸗ denken der Empoͤrer. Ein duͤſteres Schweigen folgte auf dieſen furcht⸗ baren ſtuͤrmiſchen Auftritt. Habib, als Sieger, erkannte den Willen des Schickſals, warf ſich vor dem Geſtirne, das ihn beleuchtete, auf beiden Knien nieder, und rief 5:— „O Allmaͤchtiger, dem nichts widerſteht! deine Feinde ſind zu Boden geſtuͤrzt; dein Odem hat ſie zerſtaͤubt: wo ſind ihre Ueberbleibſel? Das Feuer, welches die Spreu der Aernten ver⸗ zehrt, laͤßt doch Spuren davon uͤbrig: deine Feinde ſind verzehrt, wo aber iſt ihre Aſche? Das ſchwache Rohr, in der Hand des Knechtes Gottes, hat mehr Gewalt, als die Eiche in der Fauſt des Gottloſen! Ich war der Pfeil auf dem Bogen Ma⸗ homeds und Salomons: ſie haben mich abgedruͤckt auf dieſes verfluchte Gezuͤcht, und ich habe alles vernichtet!“ Habib ſtand auf, voll Demuth bei der Gnade, welche ihm zu Theil geworden war, und gewahrte nicht die Verſuchung, welche die Dankbarkeit ſeiner Beſcheidenheit bereitete. Das Geſtade war bedeckt mit Meerfraͤulein: mit Seeblumen gekraͤnzt und umguͤrtet, kamen ſie, ihrem Befreier ihre Huldigung darzubringen und die Reichthäͤ⸗ Der fahrende Ritter. 277 mer ihres Elements zu ſeinen Fuͤßen niederzulegen; der Wohllaut ihrer Geſaͤnge und die Anmuth ihrer Gebaͤr⸗ den wuͤrden auch das unempfindlichſte Herz erweicht ha⸗ ben. Sie umringten den Helden, und warfen ſich ihm zu Fuͤßen; die junge Ilſaide und ihre Schweſtern wa⸗ ren eifriger dabei, als die uͤbrigen: Habib aber, be⸗ ſchaͤmt, weigerte ſich, dieſe Huldigungen anzunehmen: „Ich habe nichts für euch gethan,“ ſagte er zu ihnen,„und ihr verdanket einem Manne nichts, der kaum ſeine Pflicht erfuͤllt hat. Gibt es hier Moſcheen, worin die Gottheit angebetet wird, ſo laßt uns dahin gehen; ich gehe euch voraus. Gibt es hier keinen ge⸗ treuen Unterthan eurer Koͤniginn Doratil⸗ Goas? ihm will ich die Geſchenke uͤbergeben, welche ich nur fuͤr ſie in Empfang nehmen darf.“ —— Dreihundert und vier und achtzigſter Tag. In demſelben Augenblicke trat ein alter Geiſt in ſeiner natuͤrlichen Geſtalt hervor: ſein Haupt war ge⸗ beugt unter der Laſt der Jahrhunderte, ſeine Fluͤgel zer⸗ brochen, und ſein Leib von den Ketten zerſchunden, wo⸗ mit der Wuͤthrich ihn belaſtet hatte; ſein Name war Balaſan. „Herr,“ ſprach er,„zu der Zeit, als die Koͤniginn Kamarilſaman hier herrſchte, hatten wir drei Mo⸗ 278 384. Tag. ſcheen, Rakaſchik aber hat ſie entweihet und zerſtoͤrt. Dieſe Steinhaufen, die du hier ſiehſt, ſind die Truͤmmer einer Stadt, welche er verwuͤſtet und deren Einwohner er verſchlungen hat; die Inſel iſt alles Handels und Landbaues beraubt. Illabuſatru hatte mir die Ver⸗ waltung derſelben anvertrauet. Rakaſchik aber ließ mich bei ſeiner Ankunft hieſelbſt in das Gefaͤngnis werfen, aus welchem ich jetzo durch deine Macht befreiet bin. Ich komme, dem Abgeſandten Salomons zu huldigen, der hier das Schwert dieſes Propheten blitzen laͤßt, und mich dem Befreier der Kinder Gottes und dem Raͤcher Doratil⸗Goaſens zu unterwerfen.“ G 3 „Wohlan, Balaſan,“ erwiederte Habib,„ich gebe dir im Namen des großen Propheten und der Koͤniginn Doratil⸗Goas, deren Ritter ich bin, alle die Macht wieder, womit du zuvor bekleidet wareſt: nimm dieſe Schaͤtze, die du zu meinen Fuͤßen ſiehſt, laß die Mo⸗ ſcheen wieder aufbauen, und von ihren Minaretthuͤrmen herab ſoll der Muͤeßin*) die glaͤubigen Unterthanen wieder zuſammenrufen, welche die Furcht zerſtreuet hatte! Verwalte hier alles im Namen Mahomeds, des großen Salomon und deiner Koͤniginn; ſtelle die Ord⸗ nung uͤberall her, und verſchaffe mir Mittel, mich nach Medinasilbalor zu begeben.“ 4 *) Der vom Thurme die Stunde, beſonders des Gebets, aus⸗ ruft, in Ermangelung der Glocken und Uhren. Der fahrende Ritter. 299 „Edler und tapferer Ritter,“ erwiederte Balaſan, „vertrauensvoll empfange ich deine Befehle, und un⸗ terwerfe mich ihnen im Namen des maͤchtigen Schͤp⸗ fers aller Dinge. Aber es iſt mir unmoͤglich, Herr, dir behuͤlflich zu ſein, daß du den Ort deiner Beſtim⸗ mung erreicheſt: die Inſel iſt von allem entbloͤßt, was zur Schiffahrt gehoͤrt. Der Weg durch die Luͤfte iſt auch verſperrt; denn meine Fluͤgel ſind zerbrochen, wie du ſieheſt. Aber haͤtten ſie auch noch ihre ganze Staͤrke, Abarikaf hat ſich der Wege dort oben dergeſtalt bemei⸗ ſtert, daß meine Huͤlfe zu nichts dienen wuͤrde. Du mußt von Inſel zu Inſel auf dieſelbe Weiſe fortſchrei⸗ ten, wie du hieher gekommen biſt; benutze die Begeiſte⸗ rung, welche deine Erſcheinung und deine Thaten bei den Meergeiſtern hervorgebracht haben; mache, daß ſie der Gefahren vergeſſen, denen ſie, mit dir verbunden, ſich ausſetzen, und es iſt moͤglich, daß ſie dich bis in die Mitte deiner Feinde bringen: das Uebrige wird deine Tapferkeit und der Beſchluß des Verhaͤngniſſes vollfuͤhren. Das Schrecken hat ſich ſchon uͤber die Gelbe und Rothe Inſel verbreitet. Mokilraß, der Seetieger, beherrſcht dieſe beiden; er iſt ein Sohn des ſcheußlichen Wüthrichs, von welchem du uns befreiet haſt. Unter⸗ richtet von der Niederlage ſeines Vaters, hat er ſchon alle Vorkehrungen getroffen, welche die Furcht erheiſcht. Schwierigkeiten erwarten dich dort; wenn es dir aber gelingt, ſie zu uͤberwinden, ſo bemaͤchtige dich der Haut 280 84 384. T a g. dieſes Ungeheuers, mache daraus eine Fahne, und bei ihrem Anblicke wird die Rothe Inſel ſich unterwerfen.“ Habib wandte ſich hierauf an die aͤlteſte der Meer⸗ fraͤulein und ſagte zu ihr: „Wenn ich hier nur ein Fiſcherboot, oder einen klei⸗ nen Nachen finden koͤnnte, ſo wuͤrde ich mich auf der Stelle nach der Gelben Inſel einſchiffen: aber in Er⸗ mangelung dieſer Mittel, werden mir wohl die Geiſter deines Elements nicht ihre Huͤlfe verſagen?“ „Wenn die Furcht ſie davon abhalten ſollte,“ ant⸗ wortete ſie,„wenn ſie verkenneten, welchen hohen Grad des Vertrauens ein Ritter, wie ihr verdiente, ſo wuͤrden meine Schweſtern und ich ihnen ihre Pflicht zeigen. Die Delphine koͤnnen euer Floß noch bis auf eine Stunde vom Ufer ziehen; weiter zu ſchwimmen, wuͤrde fuͤr ſie zu gefaͤhrlich ſein, wegen der Vorkehrungen, welche Mokilraß getroffen hat.“ „Was iſt eine Stunde zu ſchwimmen,“ ſagte Ha⸗ bib darauf,„fuͤr einen Mann, der entſchloſſen iſt, alles zu wagen, um ſeiner Pflicht zu genuͤgen?“ „O edelmuͤthiger Ritter,“ erwiederte das Meerfraͤu⸗ lein,„wer koͤnnte ſich weigern, euch zu folgen, waͤre es auch nur, um euch zu hoͤren und zu bewundern? Aber fuͤrchtet ihr nicht ſelber von den Meerungeheuern verſchlungen zu werden?“ Der fahrende Ritter. 281 „Ich fuͤrchte nichts, holdes Fraͤulein, als meinem Geſtirne nicht genug zu thun, indem ich eurer Koͤniginn nicht ſo diene, wie ich ſoll.“— „So verlaßet euch auf mich, tapferer Held; meine Schweſtern und ich, wir behalten uns ſelber die Ehre vor, euch zu dienen.“ 4 Auf der Stelle fuhr das Floß ab, und ſchien uͤber die Wogen dahin zu fliegen. Schon unterſchied man die Bewegungen, welche auf der Gelben Inſel vorgingen; es war nur noch eine Stunde bis dahin, als die Del⸗ phine, durch ihren Inſtinkt gewarnt, ploͤtzlich anhielten, und ſich anſtrengten, die Seile zu zerreißen, womit ſie an das Floß geſchirret waren. Eine der Schweſtern ſchwamm vorn hin, und ſchnitt ſie ab: das Fahrzeug ſtand nun unbeweglich. Bald aber ſtuͤrzte eine Woge heran, welche von den Seeungeheuern erregt wurde, und drohte das Floß zu verſenken: Habib ſah, daß er keinen Augenblick mehr zu verlieren hatte, ſeine liebens⸗ wuͤrdigen Gefaͤhrtinnen von der drohenden Gefahr zu retten; er nahm ſein Schwert in die Hand, ſprang ins Waſſer, und ſprach das furchtbare Zauberwort aus. Alsbald war es, als wenn die Gewaͤſſer ſich von ſelber getheilt haͤtten, um ihm einen ſichern Weg durch⸗ hin zu bahnen; die Wogen verſanken, die Fluten ebne⸗ ten ſich, und der Held gelangte an eine Stelle des Ge⸗ ſtades, wo er ohne Widerſtand ans Land treten konnte. 28² 4 384. 385. T a g. Seine Feinde, in Haufen zerſtreuet, ſchienen nur ſeinen Anblick zu erwarten, um ſich auf die Flucht zu begeben. Er drang vor, wo der Haufe am dickſten war; wie der Vorbote des Blitzes, ſtuͤrzte er mit ſeinem Schwert auf ſie ein, und alles was der Schaͤrfe deſſelben wider⸗ ſtand, wurde im Augenblicke zerſtreuet. Mokilraß, ein ungeheurer Tieger, hielt auf ſeinen Hinterbeinen, noch Stand; er ſchleuderte die plumpe Keule, womit er bewaffnet war, nach dem Helden, nahm dann aber ſchleunig ſeine Tiegerart wieder an, und ent⸗ floh auf ſeinen vier Pfoten. Habib verfolgte ihn; aber ſeine nur menſchlichen Kraͤfte reichten nicht hin, ihn ein⸗ zuholen; er ſprach mit lauter Stimme wieder jenes verhaͤngnisvolle Wort aus, und rief dabei: 1 „Mokilraß! ich banne dich feſt, im Namen Salo⸗ mons!“ Auf der Stelle ſtand das Ungeheuer unbeweglich. Ein Schwertſtreich ließ ihm den Kopf vom Rumpfe fliegen, und alsbald wurde ihm die Haut abgeſtreift. Dreihundert und fnf und achtzigſter Tag. Sobald der Zwingherr der Gelben Inſel vertilgt war, traten alle Elemente wieder in die gewohnte Ord⸗ nung zurüuͤck, und dem furchtbare Aufruhre, welcher ſie emporte, folgte tiefes Schweigen. Der fahrende Ritter. 285 Unterdeſſen hatten die drei Meerfraͤulein ſich wie⸗ der bei dem Floſſe eingefunden. Die junge Ilſaide ſtand auf dem Fahrzeuge, ſie ſetzte eine lange Seeſchnecke an den Mund, und rief die erſchreckten Delphine aus der Ferne herbei; ihrem Rufe folgſam, kamen dieſe in Schaaren zuruck; alle Bewohner der Gewaͤſſer ſchwammen heran, in dieſen Jubel einzuſtimmen, die Luͤfte hallten wider von Siegesgeſaͤngen, und das ganze Gefolge kam eben ans Geſtade, als der Held dem Mokilraß die Haut abgezo⸗ gen hatte. 5 Habib kam damit zuruͤck; er lehnte die an Anbetung graͤnzenden Huldigungen ab, und ſagte zu ihnen: „Geſchoͤpfe des Allerhoͤchſten! erhebet die Augen zum Himmel! dort iſt der einzige Gegenſtand eurer Dankbarkeit. Unterthanen Doratil⸗Goaſens! ihr allein gebuͤhrt eure Ehrfurcht, Huldigung und Unterwerfung: ihr Ritter behaͤlt ſich nur das Recht vor, ſeine Wuͤnſche mit den eurigen zu vereinigen, und eure Befreiung zu theilen.“ 81 Waͤhrend er alſo ſprach, ſtroͤmte von allen Seiten das Volk herbei, und draͤngte ſich, ſeinen Triumph und ſeine Verlegenheit zu vermehren; alle wollten ihm Ge⸗ horſam ſchwoͤren, alle verlangten neue Geſetze: gluͤckli⸗ cherweiſe erſchien der alte Balaſan. Sobald auf der Weißen Inſel alles wieder unter die Gebote dieſes Geiſtes zuruͤckgekehrt war, ſuchte die⸗ ſer ſich in die Luft zu erheben, um, wo moͤglich, den 385. TD a g. Siegen des jungen Habib zu folgen; und mit vieler Muͤhe gelang es ihm, denſelben auf der Gelben Inſel einzuholen, gerade in dem Augenblick, wo die Voͤlker dieſer Gegenden ihm ihre Huldigungen darbrachten. „Unterthanen Doratil⸗Goaſens,“ ſprach der alte Geiſt bei ſeiner Ankunft,„dieſer tapfere Ritter geneh⸗ migt die Ausdruͤcke eurer Erkenntlichkeit, kehret zu euren Beſitzthuͤmern zuruͤck: von heut an ſtehet ihr wieder unter den Geſetzen eurer Koͤniginn.— Und du Ritter,“ ſprach er zu Habib,„ruhe einen Augenblick aus: die Unterwerfung der Rothen Inſel iſt keine deiner wuͤrdige Eroberung; ich allein will das Floß beſteigen, welches dich hieher gebracht hat, und die Haut des Mokilraß und ſeine Waffen mit mir nehmen: beim Anblicke des ſchreckbaren Siegeszeichens, welches ich daraus bereiten will, werden die Empoͤrer von ſelber ihre Haͤnde den Feſſeln darbieten, welche ich ihnen bringe. Sparet eure Kraͤfte zum Angriffe der Gruͤnen und Blauen In⸗ ſel, und beſonders fuͤr die Schwarze Inſel!“ Habib kannte keinen Sieg ohne Gefahr; er uͤber⸗ ließ dieſe Unternehmung Balaſan auszufuͤhren, und ver⸗ goͤnnte ſich die noͤthige Ruhe fuͤr die ihm bevorſtehenden Arbeiten. Er ſchlief noch, als Balaſan von der Rothen Inſel zuruͤckkam, mit zwei Bocksſchlaͤuchen in der Hand: „Ritter,“ ſprach er zu Habib, indem er ihn auf⸗ weckte,„hier ſind die Ueberbleibſel der einzigen gefaͤhr⸗ Der fahrende Ritter. 285 lichen Feinde, die in dem Lande waren, welches ich den Geboten der Koͤniginn wieder unterworfen habe; ich habe ſie in dieſe Bocksſchlaͤuche verſperrt, und will ſie auf der Stelle nach den Hoͤhlen des Kaukaſus ſchicken. Morgen kannſt du dich, ohne Widerſtand, nach der Ro⸗ then Inſel begeben, und dort auf Mittel denken, deine Eroberungen fortzuſetzen: aber es iſt unmoͤglich, dir die Gefahren zu beſchreiben, welchen du entgegen geheſt. Niſabik, beherrſcht die Gruͤne Inſel, und ſeine Ge⸗ walt erſtreckt ſich auch uͤber die Blaue Inſel: dieſer Geiſt iſt an Zauberei vielleicht dem Abarikaf gleich. Es iſt vergeblich, zum voraus auf die Mittel zu ſinnen, welche man ſeinen Angriffen entgegenſtellen ſoll, weil er dieſe unaufhoͤrlich wechſelt; und wenn die Wirkungen davon auch ſichtbar ſind, ſo muß dein Geiſt doch auch dem begegnen, was er dir verbirgt: dieß wuͤrde fuͤr uns unmoͤglich ſein; aber nichts iſt es fuͤr den Ritter Do⸗ ratil⸗Goaſens.“.. Der Widerſtand und die Schwierigkeiten entflamm⸗ ten den Muth des Arabiſchen Prinzen; er benutzte die erſten Strahlen des Tages zur Abfahrt, und die Del⸗ phine fuͤhrten ihn nach der Rothen Inſel. Er ſchiffte an der Landſpitze derſelben voruͤber, um ſich der Gruͤnen Inſeln zu naͤhern, welche er am folgenden Morgen an⸗ greifen wollte.. Die Meerfraͤulein hatten ihren Befreier nicht ver⸗ laßen, ſondern ſorgten unablaͤßig fuͤr alle ſeine Beduͤrfniſſe. 286 4 385. T a g. Der Held, in Betrachtungen vertieft, erinnerte ſich der Lehren des weiſen Il⸗Habul:„Ich furchte fuͤr dich weniger die offene Gewalt, als die Hinterliſt,“ hatte ſein Lehrmeiſter zu ihm geſagt. Demzufolge war er auf ſeiner Hut gegen die Argliſt des Geiſtes, welchen er bezwingen ſollte. Im Vertrauen auf den Arm der Vorſehung, ſchlief er ein, und erhub ſich am Morgen, das Herz voll Kampfluſt und Hoffnung. Der Held ſchiffte ruhig ſeiner Beſtimmung entge⸗ gen: ploͤtzlich ſtießen die drei Schweſtern ein Geſchrei aus; der Kopf und die Haͤnde Ilſaidens, die neben dem Floſſe ſchwamm, verſchwanden. Habib zuckte ſein Schwert und ſprang ins Waſſer: da fuͤhlte er ſich ſogleich von Netzen umſchlungen: er ſprach aber das furchtbare Wort aus, indem er zugleich ſein Schwert gebrauchte, und die Netze wichen uͤberall. Er ergriff Ilſaiden, ſetzte ſie auf das Floß, und flog nun ihren Schweſtern zu Huͤlfe. Nachdem er ſie auch gerettet hatte, gewahrte er, daß das Floß ſich bewegte, ohne fortzuruͤcken, und daß die Delphine in dieſelben Netze verſtrickt waren; er ſchwamm um ſie her, und befreite ſie ebenfalls. Um ſeine Fahrt zu ſichern, beſtieg er den erſten Delphin, und drang ſo nach dem Lande vor, indem er rechts und links die auf ſeinem Wege geſpannten Netze durchhieb. Der fahrende Ritter. 287 Dreihundert und ſechs und achtzigſter Tag. Von der Zinne eines der hoͤchſten Thuͤrme ſeiner ſtahlernen Burg, beobachtete der Zwingherr den zum Ufer herandringenden Gegenſtand. Er ſah die Zauber⸗ netze durchfahren, womit er das Meer verſperrt hatte; er erblickte den Prinzen von Arabien nicht, aber er ſah auf einer reißend ſchnell daher fahrenden Buͤhne eine Gruppe von drei faſt nackten Frauen, und konnte nicht klug werden, gegen welche Art von Gefahr er ſich ver⸗ wahren ſollte. Man wuͤrde ſeine Art ſchlecht kennen, wenn man ihn durch die Schoͤnheit zu bethoͤren waͤhnte; und die Vorkehrungen, welche er ſchon getroffen hatte, machten ihn ſicher gegen jegliche Bezauberung. Die Burg, darin er hauſete, war von gediegenem Stahle; man gelangte dahin nur durch ein in den Felſen ge⸗ hauenes Gewoͤlbe, welches mit eiſernen Spitzen geſpickt und durch einen Schlußſtein zuſammengehalten war, der nur an einem Faden hing. Dieſe Befeſtigung konnte weder durch Beſchwoͤrungen noch durch irgend eine Art der Zauberei uͤberwaͤltigt werden. Alſo auf ſeine Macht trotzend verließ Niſabik die Burg, ſchritt durch das furchtbare Gewoͤlbe, und trat ſeinem Widerſacher entgegen. Die Gruppe, welche er entdeckt hatte, naͤherte ſich dem Lande, und der Ritter ſprang ans Ufer. Das Ungeheuer verachtete einen ſol⸗ chen Gegner, weil es vom Kopfe bis zu den Fuͤßen 298 386. Tag. geharniſcht war, und aus den uͤber ſein Schickſal befrag⸗ ten Geſtirnen wußte, daß man, um ſich ſeiner Perſon zu bemeiſtern, zuvor Herr ſeiner ſtaͤhlernen Burg ſein mußte. Es duͤnkte ihn unmoͤglich, daß ſein Gegner der Gefahr des geheimnisvollen Gewoͤlbes entrinnen koͤnnte; und wenn er auch ſo gluͤcklich ſein ſollte, ſo fande er doch kein Mittel, die Veſte zu zerſtoͤren, vor welcher er ſich befaͤnde, nachdem er durch das gefaͤhr⸗ liche Gewoͤlbe gedrungen waͤre. Niſabik, mit einer ſtaͤhlernen Keule von ungeheurer Wucht in der Fauſt, trat Habib entgegen, und redete ihn an: „Wer biſt du, Tollkuͤhner? Welche Raſerei treibt dich an, hier dein Leben zu enden?“ „Ich bin der Rikter Doratil ⸗Goaſens,“ antwor⸗ tete Habib;„und ich komme, die Emprer gegen Gott und den Propheten Salomon zu zuͤchtigen.“ „Elender Wurm!“ erwiederte der Geiſt wuͤthend, „du haſt nur Ein Leben zu verlieren, und du wagſt es, ohne Waffen, Niſabik Trotz zu bieten! So ſtirb denn den Tod, welchen ich ſonſt nur fuͤr meine Sklaven aufſpare.“ Zu gleicher Zeit ſchwang er mit unglaublicher Ge⸗ ſchwindigkeit ſeine Keule und ſchmetterte ſie auf das Haupt des Helden nieder. Der Arabiſche Prinz hielt ihrem Schwunge nur die Klinge ſeines Schwertes ent⸗ gegen: die Wirkung war faͤrchterlich; die Keule entfuhr Der fahrende Ritter. 289 Niſabiks Haͤnden, und riß ihn mit ſich fort. Der Ta⸗ lisman verſchwand, und Niſabik ſah, daß er in die Hand ſeines Feindes fallen wuͤrde; da nahm er zu naͤcht⸗ lichen Beſchwoͤrungen ſeine Zuflucht. Habib naͤherte ſich, den niedergeſtuͤrzten Geiſt zu durchbohren, fand aber nur ſeine Ruͤſtung, und ſah daß er ſich nur der Schale eines Kriegers bemaͤchtigt hatte. Niſabiks leibliches Weſen war verſchwunden, und der Arabiſche Prinz ahndete nicht, daß dieſe Beute ihm wichtiger waͤre, als der Geiſt ſelber; denn ſie erfullte in der That jene Weiſſagung, daß man, um ſich des Empoͤrers zu bemaͤchtigen,„zuvor Herr ſeines ſtaͤhler⸗ nen Hauſes ſein muͤßte,“ womit dieſer Spruch die Ruͤſtung gemeint hatte, auf welche der Geiſt ſein ganzes Vertrauen geſetzt zu haben ſchien. Habib zertrat dieſe Ruͤſtung, deren Maaße die ge⸗ woͤhnliche Groͤße weit uͤberſchritten; mit, vier Schwert⸗ ſtreichen vernichtete er die Baͤnder derſelben, zerſtreute die Scherden, und erfuͤllte ſo im andern Sinne die Weiſſa⸗ gung:„die Niſabik unterworfenen Maͤchte ſollen aufge⸗ loͤſet und zerſtreuet werden.“ Das Ungeheuer hatte, indem es ſich unſichtbar ge⸗ macht, und ſich unter das Gewoͤlbe am Eingange ſei⸗ nes Schloſſes begeben, das letzte Mittel ſeiner Macht ergriffen. In ſeiner natuͤrlichen Geſtalt trat er mit ſeinem Schwerte hervor, und erwartete Habib am Ein⸗ VI. Muttes 19 290 386. Tag. gange des Gewoͤlbes, als wenn er ihn zum Zweikampfe herausforderte. Der junge Prinz ließ ſich in die Schlinge locken; der Geiſt trat zwei Schritte zuruͤck, und zerhieb den Faden, woran der Schlußſtein des Gewoͤlbes hing: die Felſen ſtuͤrzten auf der Stelle mit enkſetzlichem Kra⸗ chen zuſammen.— Sobald der Prinz das erſte Getoͤſe vernahm, ſprach er ſtandhaft das furchtbare Zauberwort aus, und hielt dem Felſenſturze die blitzende Klinge entgegen: ſogleich glitten die fallenden Truͤmmer rechts und links ab, ohne ihm den geringſten Schaden zuzufuͤgen, und er hoͤrte um ſich her nur Geſtoͤhne und Geſchrei: es war Niſabik ſelber, der es ausſtieß. „Araber!“ ſprach der Geiſt zu ihm,„ich bin durch das Ungluͤck gewitzigt worden, ich erkenne deine und meine Beſtimmung: ich glaubte an Weiſſagungen, welche mich getaͤuſcht haben; ich erwartete dich lange, und habe dich doch nicht erkannt; du verbargeſt deine Macht un⸗ ter ſchwachem Anſchein; ich habe mich unvorſichtig dir uͤberliefert, und du haſt mich beſiegt. Misbrauche dei⸗ nen Sieg nicht: ich liege unter dieſen Truͤmmern zer⸗ ſchmettert, mein Bleiben hier wuͤrde entſetzlich ſein: laß mich nach den Hohlen des Kaukaſus bringen; dort werde ich wenigſtens nicht allein jammern.“ „Geiſt!“ antwortete Habib,„du haſt dich großer Verbrechen ſchuldig gemacht: aber mein Ritterſinn hoͤrt auch den Feind an, der um Gnade bittet. Indeſſen Der fahrende Ritter. 291 kann ich mich ohne Berathung nicht entſcheiden, und i erf Antwort geben, nachdem ich drei Gebete gethan habe.“ Habib war wie in einem Felſenſchlunde vergraben; kaum aber hatte der Staub ſich zerſtreuet, als er es uͤber ſeinem Haupte wie zwei Sterne leuchten ſah: es waren die reizenden Augen des juͤngſten Meerfraͤuleins. „Ihr ſeid es, Herr!“ rief ſie ihm zu;„wie gluͤck⸗ lich ſind wir! Wir zitterten fuͤr euer Leben, als wir dieſen Berg uͤber euch zuſammenſtuͤrzen ſahen! Faſſet hier meine Haare, Ritter; fuͤrchtet nicht, mir wehe zu thun, ich habe Kraft und Muth.“ Indem ſie dieſes ſagte, ließ ſie ihre Flechten zu ihm hinab: er ergriff das Ende, hielt ſich feſt, und ſo zog ſie ihn aus dem Schlunde empor. Das erſte was Habib that, war, ſeiner Befreierinn Dank zu ſagen. „Ich habe nichts fuͤr euch gethan, 4 erwiederte ſie ihm:„danket mir alſo nicht: ich moͤchte euch gern zum gluͤcklichſten der Menſchen machen!“ Zu gleicher Zeit reichte ſie ihm die Hand, und half ihm von Felſen zu Felſen, bis ſie endlich an den aͤußern Wall um die Graͤben der ſtaͤhlernen Veſte gelangten, welche ſonſt Niſabiks gewoͤhnlicher Sitz war. 292 387. Tag. Dreihundert und ſieben und achtzigſter Tag. Kaum waren ſie dort angekommen, als ſie die bei⸗ den anderen Schweſtern am nahen Geſtade erblickten. „Kommet, meine Schweſtern,“ rief ihnen Ilſaide zu:„hier iſt er!“ Nur eine maͤchtige und wahrhafte Leidenſchaft konnte unſern Helden gegen die Angriffe Ilſaidens ſichern, welche um ſo gefaͤhrlicher waren, als ſie unſchuldig wa⸗ ren: aber er war ſchon von ſeiner Beſtimmung beſiegt, und die Koͤniginn durfte nichts fuͤrchten. Indeſſen war die Eroberung der Gruͤnen Inſel noch nicht vollendet: die ſtaͤhlerne Burg war unzugaͤnglich, die Befeſtigungen waren beſetzt, und die Thore und Bruͤcken waren geſperrt. „Noch weiß ich nicht,“ ſprach Habib,„wie ich eine ſo ſchwierige Unternehmung anfaſſen ſoll: hier ſteht eine unangreifbare Veſte, menſchliche Kraͤfte vermoͤgen nichts dagegen; ich vertraue nicht mehr auf mich ſel⸗ ber, ſondern auf die Rathſchluͤſſe des Himmels, welche mich leiten. Es waͤre moͤglich, daß Niſabiks Geſtaͤndnis ſeiner Niederlage nur eine Schlinge waͤre, mich in neuen Kampf zu verwickeln, und daß mich hier Gefahren er⸗ warteten, welche ihr nicht theilen duͤrfet: kehret in euer Element zuruͤck, betet fuͤr den Ritter Doratil⸗ Goaſens, und beruhiget mich wenigſtens durch eure Entfernung uͤber eure Sicherheit.“ Der fahrende Ritter. 293 „Wir werden euch nimmer verlaßen,“ antworteten e Meerfraͤulein;„mit euch laͤuft man nirgends Ge⸗ ahr.“ „Wenn ihr immer an meiner Seite waͤret,“ fuͤgte die juͤngſte hinzu,„ſo wuͤrde ich den Stuͤrmen Trotz bieten, welche die Felſen niederſchmettern.“ Habib naͤherte ſich mit geſchwungenem Schwerte der Zugbruͤcke, und rief aus: „Im Namen Salomons! und kraft ſeines Talis⸗ mans, befehle ich dir, Bruͤcke, dich niederzulaßen!“ Auf der Stelle drehte ſie ſich in ihren Angeln, und der Eingang war eroͤffnet. Der Held zerhieb mit ſei⸗ nem Schwerte die beiden Ketten, wodurch die Bruͤcke aufgezogen wurde, und drang in den Hof der Feſtung. Mitten auf dieſem Hofe erhub ſich eine Saͤule, auf deren Gipfel ein eiſerner Kaͤfig ſtand; dieſes Denk⸗ mal war ganz mit Talismanen bedeckt, und man las darauf folgende Inſchrift:„Du kannſt nur durch die Kraft Arabiens zerſtoͤrt werden.“ Habib zerhieb mit ſeiner Klinge alle Talismane: da erſcholl ploͤtzlich ein Getoͤſe aus den unterſten Tiefen bis in die hoͤchſten Gewoͤlbe. Die Saule ſtuͤrzte zu⸗ ſammen, und die hier in Banden gehaltenen Untertha⸗ nen Doratil⸗Goaſens kamen allzumal aus den Loͤchern herbor. Der Kaͤfig von der Saͤule ſtand nun auf dem Boden, und Habib erblickte darin einen ſeltſamen Ge⸗ genſtand, deſſen Beſchaffenheit er kaum erkennen konnte: 294 387. Tag. es war eine nackte Frau, deren Geſicht mit ihren Haa⸗ ren bedeckt war. „Wer ſeid ihr, ſchoͤne Frau?“ fragte ſie der Held. „Herr,“ antwortete ſie,„befreiet mich aus meinem Gefaͤngnis, und gebet mir etwas Kleidung, um anſtaͤn⸗ dig vor euch zu erſcheinen. Dieſer Kaͤfig iſt durch einen Talisman verſchloſſen, welchen der graͤuliche Niſabik ſtaͤts bei ſich traͤgt: bemuͤhet euch, ihn zu oͤffnen, gebet mir die Freiheit wieder, und ich werde nicht aufhoͤren, Gott, Mahomed und euch zu ſegnen.“ „Ihr werdet auch des großen Salomons nicht ver⸗ geſſen,“ verſetzte der Ritter,„in deſſen Namen ich alle Eiſenſtaͤbe zerbreche.“ Zu gleicher Zeit zerhieb er ſie mit ſeinem Schwerte. 3 Die drei Meerfraͤulein hatten ihre Umguͤrtung ge⸗ theilt, und bedeckten damit die Gefangene dergeſtalt, daß ſie ſich den Blicken des Ritters zeigen konnte, ohne daß ihre Schamhaftigkeit darunter litt. Sobald die Unterthanen Doratil⸗ Goaſens aus ih⸗ ren Ketten befreiet waren, warfen ſie ſich vor der un⸗ bekannten Frau nieder, und gaben ihr alle Beweiſe ei⸗ ner Anhaͤnglichkeit und einer Ehrfurcht, deren Beweg⸗ gruͤnde Habib verborgen waren. „Was macht ihr da?“ fragte er ſie:„wer iſt dieſe Frau?“ „Ach, Herr,“ antwortete einer darunter,„es iſt die Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren: ſie war 1 Der fahrende Ritter. 295 unſre Koͤniginn vor Abarikafs Empͤrung, und iſt eine Verwandte der ſchoͤnen Doratil⸗Goas.“. „O Himmel!“ rief der Arabiſche Prinz aus:„eine Koͤniginn, eine Verwandte Doratil⸗Goaſens! wie kann ich ihr alles wiedergeben, was ſie verloren hat?“ „Nichts iſt in dieſer Ruͤckſicht fuͤr euch ſchwer,“ antwortete der, den er gefragt hatte:„der Empoͤrer hat in dieſer Feſtung, ſammt den Reichthuͤmern unſrer Koͤniginn, auch alle Reichthuͤmer der Inſel aufgehaͤuft, deren er ſich bemaͤchtigt hat; und ſeitdem ihr Herr der Burg geworden, ſeid ihr im Ueberfluſſe. Die Frauen, welche ihr im Hintergrunde des Hofes ſehet, und welche ihr Zuſtand hindert, euch zu nahen, waren in ihrem Dienſte; ſie bezeigten, nach ihrem Ungluͤcke, zu große Anhaͤnglichkeit fuͤr ſie, und ein Gefaͤngnis war der Lohn ihrer Treue.“ „Suchet hier,“ ſagte Habib,„alle diejenigen auf, die ſonſt um eure Fuͤrſtinn waren, und dieſe nehme wie⸗ der Beſitz von einem Palaſt, worin alles ihr angehoͤrt.“ „Ich ſelber war in ihren Dienſten,“ erwiederte der, mit dem Habib ſprach,„und zwar in einer Stelle, welche ihr Vertrauen vorausſetzte.“ „Du ſollſt ſie wieder einnehmen,“ ſagte Habib, „wenn ſie es fuͤr gut befindet. Unterdeſſen verſammle hier alles um ſie, was zu ihrer Bequemlichkeit dienen kann; und wenn du die Gemaͤcher dieſes Schloſſes ken⸗ neſt, ſo begleite mich, nachdem du alle Leute zu ihrem 296 387. 388. Ta g. Dienſte herbeigerufen haſt, damit ich ſie in das praͤch⸗ tigſte Zimmer fuͤhren kann.“ In einem Augenblicke hatten ſich alle, die zur Be⸗ dienung der Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren gehoͤrten, verſammelt; Habib ſtellte ſie ihr vor, und bat ſie, die⸗ ſelben aus ſeiner Hand anzunehmen. „Ihr ſeid in alle eure Rechte wieder eingeſetzt Fuͤr⸗ ſtinn,“ ſprach er zu ihr;„vergoͤnnet dem Ritter Dora⸗ til⸗Goaſens die Ehre, euch wieder in euern Palaſt zu fuͤhren.“ Dreihundert und acht und achtzigſter Tag. Die Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren ſchlug die Augen nieder, und ließ ſich in ein Gemach fuͤhren, wel⸗ ches der Empoͤrer fuͤr ſie bereitet hatte, welchem ſie aber den Kaͤfig vorgezogen, aus dem ſie nun befreiet war: alles darin glaͤnzte von Pracht; Reichthuͤmer aller Art waren darin aufgehaͤuft, und die Fuͤrſtinn fand auf der Stelle weit mehr, als noͤthig war, ſie und ihren ganzen Hofſtaat zu kleiden. Die drei Meerfraͤulein waren ihr gefolgt, und als Gefäͤhrtinnen des Arabiſchen Ritters, baten ſie ſie um die Gnade, ihr die ſchoͤnen Haare ordnen zu duͤrfen. „Ach!“ ſagte ſie zu ihnen,„ſie waren die Urſache meines Ungluͤcks; indeſſen weil ſie ſelbſt in meinem Der fahrende Ritter. 297 Jammer mein einziger Troſt geweſen ſind, ſo kann ich mir uͤber meine zu große Vorliebe fuͤr dieſelben keine Vorwuͤrfe machen: ich uͤberlaße ſie euch alſo mit Ver⸗ gnuͤgen.“ Der Fuͤrſtinn wurde nun aus ihren ſchoͤnen Haa⸗ ren ein Geflecht in Geſtalt eines Diadems, mit Perlen und Rubinen geſchmuͤckt, um das Haupt gelegt; und zwei andere Flechten fielen ihr auf dem Ruͤcken bis uͤber die Huͤften hinab.. Kaum war ſie angekleidet, als Bediente eintraten und meldeten, daß aufgetragen waͤre. Habib nahm ſie bei der Hand, und fuͤhrte ſie hin; ſie lud die liebenswuͤrdigen Meerfraͤulein ein, mit ihr zu ſpeiſen: und ſo befand ſich der Arabiſche Ritter zum erſtenmale mit Frauen am Tiſche; und zum erſtenmale, ſeit ſechs Monaten, einem Mahle gegenuͤber, welches nicht das abgenoͤthigte Werk ſeiner eigenen oder frem⸗ der Erfindung war. Man hatte in den Kuͤchen und Speiſekammern Niſabiks alles Erforderliche gefunden. Die Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren war jung, wohlgeſtalt und vollkommen ſchoͤn. Ueberdieß athmeten ihre feurigen Blicke eine anziehende Sehnſucht; und ein Herz, das noch nicht eingenommen geweſen waͤre, wuͤrde leicht fuͤr ſie leidenſchaftlich entbrannt ſein: niemand aber konnte ſich der Theilnahme erwehren, welche ihre Perſon und ihr Ungluͤck einfloͤßen mußten. Habib warf herzliche Blicke auf ſie. Ilſaide belauſchte ſie unwill⸗ 298 83388. Tag. kuͤhrlich; und empfindlich, ohne es zu ahnden, war ſie eiferſuͤchtig, ohne es zu wiſſen. Das Mahl ging unter gegenſeitigen Aufmerkſam⸗ keiten zu Ende. Nach demſelben begab ſich die Geſell⸗ ſchaft in einen andern Saal, und Habib bat die Fuͤr⸗ ſtinn, wenn es ſie nicht zu ſehr beſchwerte, ihm die Ge⸗ ſchichte ihrer Leiden zu erzaͤhlen. Die Fuͤrſtinn ſtieß einen neuen Seufzer aus, fuhr mit der Hand uͤber ihre ſchoͤnen Augen, um die Thraͤ⸗ nen darin zu trocknen, und begann alſo: Geſchichte der Fuͤrſtinn mit den ſchoͤnen Haaren. „Mein Vater verdankte die Krone der Gruͤnen und der Blauen Inſel der Guͤte ſeines Bruders, des Vaters Doratil⸗Goaſens, und entrichtete ihm, als Oberherrn, eine jaͤhrliche Abgabe. Ich war, wie Doratil⸗Goas, die einzige Frucht der Ehe eines Fuͤrſten mit einer Gat⸗ tinn aus dem Geiſterreiche. Illabuſatru, der Vater meiner Baſe Kamaril⸗ ſaman, hatte den Entwurf gemacht, in dieſer Gegend alle dem Salomon unterwuͤrfigen Geiſter zu verſammeln, zu deren Oberhaupt dieſer Prophet ihn ernannt hatte; und um ihrer Unbeſtaͤndigkeit und ihren Ruͤckfaͤllen vor⸗ zubeugen, wollte er ſie dahin bringen, ſich mit den Kin⸗ dern Adams zu vermaͤhlen. Mehrere von ihnen wei⸗ 300 388. Tag. gerten ſich deſſen, unter anderen Abarikaf, Mokil⸗ raſcham mit den Seinigen, und Niſabik; ſie gaben ihrer Weigerung einen ſcheinbaren Anſtrich, der wahre Grund aber war die ſchon in ihrem Herzen aufgegangene Em⸗ poͤrung, welche ausbrechen ſollte, ſo bald ſie ſich ſchmei⸗. cheln durften, ſich dadurch maͤchtig zu machen. Ich verlor die Urheber meiner Tage faſt zu der⸗ ſelben Zeit, als Doratil⸗Goas die ihrigen verlor. Ich ward Koͤniginn, unter der Vormundſchaft eines alten Veſyrs, welchen mein Vater dazu erwaͤhlt hatte. Der freche Niſabik, einer der Guͤnſtlinge Abarikafs, hatte ſich, nicht in mich, ſondern in meine Haare verliebt. Unauf⸗ hoͤrlich mit Zauberei und Sterndeuterei beſchaͤftigt, hatte er ſich uͤberzeugt, daß er, wenn er mich heirathen koͤnnte, ſeiner Macht eben ſo viel Geiſter unterwerfen wuͤrde, als ich Haare auf dem Haupte haͤtte: dieſe ſollten ihm dazu dienen, die Geiſter an ihn zu feſſeln, und jede Be⸗ ſchwoͤrung haͤtte mich ein Haar gekoſtet. Ich kannte ſein ausſchweifendes Unternehmen von Grund aus, weil er die Frechheit hatte es mir ausein⸗ ander zu ſetzen, um mich durch die Vorſpiegelung der Macht, deren ich einſt mich erfreuen koͤnnte, zu verleiten. Ich verwarf ſeine Anerbietungen, und gab meine Hand dem Prinzen Dal⸗Ilſcha, dem ich ſchon mein Herz geſchenkt hatte. Kaum waren wir vermaͤhlt, als Abarikafs Empoͤrung ausbrach. Er riß alle Einwohner der Schwarzen Inſel, deren Statthalter er war, mit Fuͤrſtinn Schoͤnhaar. 301 hinein; zahlloſe Schaaren abtruͤnniger Geiſter kamen aus den entlegenſten Gegenden der Erde herbei, und geſellten ſich zu ihm. Illabuſatru konnte ſich mit ſeiner Enke⸗ linn kaum auf der Inſel von Medinas⸗ilbalor halten, und dieſen Inſeln hier keine Huͤlfe gewaͤhren, die Mo⸗ kilraſcham und Niſabik, unter Abarikafs Befehlen, uͤber⸗ waltigten. Dal⸗Ilſcha, mein Gemahl, wurde beſiegt und nach der Schwarzen Inſel geſchleppt, wo der abtruͤnnige Aba⸗ rikaf ihn als Geiſel bewahrte; und der verruchte Niſabik kam abermals und bot mir ſeine verhaßte Hand an. „Koͤniginn,“ ſprach er zu mir,„deine Hand iſt er⸗ ledigt, du kannſt ſie nicht fuͤr meinen Sklaven bewah⸗ ren, ſie muß in die Hand des Siegers uͤbergehen.“ „Schnoͤder Empoͤrer!“ erwiederte ich ihm:„die Geſtirne werden es einſt verantworten mußen, daß ſie dir den Sieg verliehen haben.“ Wuͤthend entfernte er ſich, und machte mich in mei⸗ nem eigenen Palaſt zur Gefangenen. Jeden Tag kam und erneuerte er ſeine Unverſchaͤmt⸗ heit; ich aber ſann recht darauf, ihn mit Verachtung abzuweiſen. Dennoch wollte er, verblendet wie er war, durchaus meine Hand, welche durch die Sterndeuterei ihm ſo wichtig geworden war. 4 Endlich, am Erfolge verzweifelnd, beſchloß er gegen mich die aͤußerſte Haͤrte zu gebrauchen. Ich drohte ihm, 3⁰² 388. 389. Tag.. mir die Haare Stuͤck fuͤr Stuͤck auszuraufen. Er ſchaͤumte vor Wuth, und ſagte zu mir: „Ich will dich ſchon daran verhindern: ſie ſollen dein einziger Troſt werden.“ Dreihundert und neun und achtzigſter Tag. Da geſchah es, daß dieſes Ungeheuer beſchloß, mich in einen Kaͤfig zu verzaubern, aus welchem ihr mich befreiet habt, wo er mich mit Luft ſaͤttigte, und mich mit meinen Thraͤnen traͤnkte; meine Haare waren die einzige Huͤlle, welche mir uͤbrig blieb, mich gegen die rauhe Jahrszeit und uͤble Witterung und vor der Be⸗ ſchaͤmung zu ſchuͤtzen, daß ich ganz nackt allen Blicken blosgeſtellt war. Ich konnte ſie nur mit meinen Fin⸗ gern kaͤmmen: ſo zwang er mich, meine Haare zu er⸗ halten, welche der Urſprung meines Ungluͤcks und ſeiner thoͤrichten Hoffnungen waren. Jeden Morgen kam er an den Fuß der Saͤule, und fragte mich, ob ich nicht muͤde waͤre ſo zu leiden, und ihm endlich meine Hand geben wollte. Ich bat ihn inſtaͤndig um den Tod; er aber antwortete mir, indem er mit der Hand Waſſer in die Luft emporſpritzte. „Lebe, leide, ſeufze, weine, und kaͤmme dich.“ Je⸗ den Abend kam er wieder und drang in mich, ſeine Fuͤrſtinn Schoͤnhaar. 3⁰3 Bette zu beſteigen, und wiederholte dieſelbe Gebaͤrde mit denſelben Worten. „Da habt ihr, Herr Ritter, meine truͤbſelige Ge⸗ ſchichte. Es iſt mir unmoͤglich, euch zu ſagen, wie lange meine Leiden gedauert haben: ich war in die Betrach⸗ tung meines Jammers verſunken und gaͤnzlich davon verſchlungen. Ihr habt einem Theile meiner Leiden ein Ende gemacht; getrennt von einem Gatten, den ich zaͤrtlich liebe, bekuͤmmert durch die ſchrecklichen Qualen, welche er ohne Zweifel erduldet, bin ich noch weit ent⸗ fernt, mich der Freude uͤberlaßen zu koͤnnen, welche mir der Anblick meines Befreiers und die Bennderäng mei⸗ nes Schickſals gewaͤhren ſollte.“ S *