Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von.. Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Vf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 7 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet d wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſ beträgt: „ 5 1 1„ 1 5 1—„„— Ir 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verloͤrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Iu ſandezeri. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. † für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 8 auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Nk.— e 3 — ——y—õy— „ 5 4 —y— — Fausend und Ein Pag. Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. Aus dem Versischen, Türkischen und Arabischen nach Petis de la Croix, Galland, Cardonne, Chawis und Cazotte, dem Grafen Caylus und Anderen, i berſez von F. H. von der Hagen. Fuͤnfter Band. Prenzlau, Druck und Verlag der Ra goczyſchen Buchhandlung. 1822. Tauſend und Ein Tag. Morgenlaͤndiſche Erzaͤhlungen. Inhalt des fuͤnften Bandes. Seite Gſchiche Haleſchalbehs und der unbekannten Dam Fercden und fünf und funfzigſter Tag 2* 2 I 256ſter Tag o 7 257ſter Tag F a„ 10 25 8ſter Tag E,,,.„ 15 259ſter Tag⸗- ⸗ ⸗ ⸗ ⸗„„n Te 20 260ſter Tag„ 2, z ⸗ 26 26 1Iſter Tag o 29 262ſter Tag 5. ⸗ 34 263ſter Tag v 40 26 4ſter Tag ⸗ ⸗ ⸗„ 43 265ſter Tag. · 48 266ſter Tag Eä ⸗. 52 26 2 ſter Tag 5, e.„ 59 Geſchichte Farluns des s Bloͤdſinnigen. 26 8ſter Tag, ⸗„ ⸗ 64 26 9ſter Tag. 2 68 27oſter Tag 2 2.⸗ 2⸗ 72 27 Iſter Tag öꝑ“ 77 272 ſter Tag ö 81 27 3ſter Tag 2.⸗. 84 IV 27 4ſter Tag 275ſter Tag 27 6ſter Tag 27 /·ſter Tag 27 8ͤſter Tag 27 9ſter Tag 280ſter Tag 281ſter Tag 282ſter Tag 283ſter Tag 284ſter Tag 285ſter Tag 286ſter Tag 287 ſter Tag 288ſter Tag 289ſter Tag 290ſter Tag 29 Iſter Tag ⸗ GRn- AaNYn ͤ ͤW. A Wü:n A un.. Rw w 2 x AUR=A/ dN n J K.„ Geſchichte des Schebandad's ner Familie 1 2 2* 7 2 2* 5 2 2 2 2 7 2 2 2 2 7 a 1 KA ANNAA Na R A N K.. K. 88 AGon U a K NnN „ u„ Rn Vy w n a 2 Geſchichte des Liebhabers der Sterne. 292ſter Tag 293ſter Tag 294ſter Tag 295ſter Tag 296ſter Tag n u R H vn u N y d9 n NͤB K NK u d F uU N u uu N N u A RN A*³ KWNnNn Knn v 8 AAN N uu n AR ANNNN8u/N Gn H. e. AuK NKRKwWn un 8 a GN u m N von Szurat und ſei⸗ A U A A K6 GAG- V. uu n A A A 2 uu u N V Seite 88 92 96 101 105 I1I1I 114 118 122 126 12²9 133 138 14² 145 150 155 159 164 166 174 179 183 188 Seite 292ſter Tag r ⸗ ⸗⸗⸗ ⸗ 194 29 8ſter Tag ⸗ ⸗ 203 29 9ſter Tag rz ,«, ⸗ ⸗** 208 30oſter Tag ⸗ ⸗, ⸗⸗⸗ ⸗ 214 Heldenthaten und Tod des Hauptmanns Berg⸗ ſpalter und ſeiner tapfern Genoſſen. 30 1ſter Tag ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗, ⸗ 2 225 302ter Tag, ⸗,* ⸗ 230 303ter Tag⸗ ⸗« ⸗-e* ⸗ ⸗ 235 304ter Tag tr ⸗ 240 305ter Tag r e, 246 306ter Tag ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗* 253 307ter Tag„ 2 2 r⸗⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 2 260 308ter Tag, ⸗- 2* 267 309ter Tag ⸗ ⸗ s ⸗ 271 310ter Tag„ ess s ⸗ ⸗ 276 311ter Tag ⸗⸗, ⸗ 2281 Valid⸗Haßens Traum 2⸗ 2 2 ⸗ 287 Geſchichte Simuſtapha's und der Prinzeſſinn Ilſe⸗ tilſone. 1 312ter Tag 4. 2 ⸗ 296 313ter TCag⸗⸗⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 301 314ter Tag r ⸗⸗ ⸗ ⸗ 310 315ter Tag r ⸗⸗ ⸗ 315 316ter Tag⸗-s⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ 320 VI 312ter Tag 318ter Tag 319ter Tag 320ſter Tag 32 1ſter Tag 322 ſter Tag 323ſter Tag 32 4ſter Tag 325ſter Tag 326ſter Tag 327 ſter Tag 328ͤſter Tag 32 9ſter Tag NKR N UNn KAn A N n a 2 3 5 Nu N A Vnnuangnnn n NR Amwmanu a an n u dn Knnunudnn An n — KVNev-vuan u N N RN N n A N ANN A u A KN BU gJ U gunnn u n n VUunnun UWwu u un u uüunaann unnn u N u a AGnAnARuA KNnn mn n „dUgdognnununnn n Seite 327 332 337 343 348 353 358 363 369 373 378 383 388 Geſchichte Haleſchalbeh's und der unbekannten Dame. Zweihundert und fuͤnf und funfzigſter Tag. „Der Chalyf Harun Alraſchid berief eines Tages ſeinen Großveſyr Giafar und Meßrur, den Ober⸗ ſten der Verſchnittenen, und ſprach zu ihnen: „Ich will heute unerkannt Bagdad durchwandern und die Krankenanſtalten beſuchen, um mich ſelber zu uͤberzeugen ob die Verwaltung derſelben gewiſſenhaft und verſtaͤndig iſt, und ob die Kranken darin alle die Huͤlfe und Pflege erhalten, deren ſie beduͤrfen. Ich werde mich als Derviſch verkleiden, und ihr beide, die ihr mich begleiten ſollt, waͤhlet euch auch eine v. 1 255. Tag. Verkleidung, vermittelſt welcher ihr durchaus uner⸗ kannt bleiben koͤnnt.“ Geſagt gethan, und bald iſt der Chalyf mit ſeinen Begleitern auf dem Wege. Angelangt in den Anſtalten, welche er zu beſuchen ſich vorgeſetzt hatte, findet er alles in der erwuͤnſchten Ordnung, bis er an die Thuͤre eines ſehr geraͤumigen Hofes kam, in welchem er lautes Getoͤſe hoͤrte. Er wandte ſich an Giafar, und fragte ihn: „Woher koͤmmt dieſer Laͤrm?“ „Herr,“ antwortete der Veſyr,„dieß iſt der Ort, wo die Narren eingeſperrt ſind: diejenigen, deren Tollheit nicht gefaͤhrlich iſt, koͤnnen in dieſem großen Hofe frei umhergehen, und ſie haben ihre Zellen oder kleinen Gemaͤcher rings um denſelben.“ „Laß uns hineingehen,“ ſagte der Chalyf;„dieſer Gegenſtand iſt nicht minder wichtig. Wir wollen zu⸗ voͤrderſt ſehen, ob auch alle aus triftigen Gruͤnden hier eingeſperrt ſind: man laͤßt gar viele Leute in Freiheit, welche, ihrer Unſinnigkeit wegen, wohl ver⸗ dienten eingeſperrt zu werden; dagegen befinden ſich hier vielleicht manche, fuͤr welche es, um ihrer ſelbſt und um der Geſellſchaft willen, beſſer waͤre, wenn ſie wieder in Freiheit geſetzt wuͤrden. Jeder von uns beſonders ſoll einen von den Bewohnern dieſes Hofes pruͤfen. Wir wollen looſen, wer von uns dreien Die unbekannte Dame. 5 zuerſt eine ſolche Pruͤfung uͤbernehmen ſoll, und ſo⸗ gleich ans Werk gehen.“ Das Loos entſchied, daß Meßrur den Anfang ma⸗ chen ſollte. Als ſie alle drei in den Hof gekommen waren, ging der Oberſte der Verſchnittenen gleich nach der er⸗ ſten Zelle: hier fand er einen Mann von ungefaͤhr vierzig Jahren, der eine Pfeife rauchte, ſehr ernſthaft ausſah, und den Ellnbogen auf einen Tiſch geſtuͤtzt hatte, auf welchem etliche Papiere lagen. Meßrur bot dem Tabacksraucher einen Gruß, der ihm auf der Stelle erwiedert wurde, und redete ihn an: „Vermuthlich biſt du der Aufſeher derjenigen, die in dieſem Hofe ſo laͤrmen.“ „Dieſe Aufſicht,“ antwortete der Tabacksraucher, „iſt eine Laſt, von welcher ich frei bin. Ich fuͤhre nur die Aufſicht uͤber mich ſelbſt, und habe vollauf zu thun.“ „Aber,“ fuhr Meßrur fort,„man ſperrte dich doch gewis nicht auch als einen Verruͤckten hier ein?“ „Und warum ſollte man mich hier nicht als einen ſolchen feſthalten? haͤltſt du mich fuͤr kluͤger, als jeden andern? Man hat mir die Gerechtigkeit widerfahren laßen, welche alle Einwohner von Bagdad verdienten. Ich kann mich nicht beklagen; ich bin durch meines⸗ gleichen gerichtet worden, und ſie haben die Aufmerk⸗ ſamkeit, mich taͤglich hier zu beſuchen.“ 255. Tag. „Ich verſtehe,“ ſagte Meßrur,„wir haben Alle einen kleinen Sparren; wenn er indeſſen nicht ein ge⸗ wiſſes Maaß uͤberſchreitet, ſo thut man wohl, uns die Hinterthuͤr offen zu laßen: nur gegen die außer⸗ ordentlichen Tollheiten..“ „Ja, du haſt Recht,“ unterbrach ihn der Ta⸗ backsraucher,„die Menſchen ſehen ſich alle ihre ge⸗ woͤhnlichen Tollheiten nach, wie laͤcherlich ſie auch ſein moͤgen: aber wenn einer von ihnen durch ſeine Gedanken, ſeine Einſichten oder ſeine Beobachtungen ſich uͤber die anderen emporſchwingt, ſo iſt dieſes fuͤr ſie eine Art Vorwurf der Niedrigkeit, in welche ſie ſich hinabſinken laßen, und ſie ſuchen ſich alsdann, ſeinen Blicken zu entziehen. Das iſt eben meine Ge⸗ ſchichte: ich wußte mehr als der große Haufe; man hat mich in den Ruheſtand verſetzt.“ „In welchem Fache zeichneteſt du dich aus?“ fragte Meßrur weiter. „In der Wiſſenſchaft, welche der Schluͤſſel aller uͤbrigen iſt, in der Sterndeutung.“— „Und du hatteſt ſie ganz inne?“— „Ich war nahe daran; aber man hat meine Fort⸗ ſchritte unterbrochen.“— „Du ſtandeſt alſo in Verkehr mit den Geſtir⸗ nen?“— „Allerdings.“— „Und welches Geſtirn war dir beſonders guͤnſtig?“— ——— —— Die unbekannte Dame. „Die Mondgoͤttinn.“— „Stehſt du denn nicht mehr bei ihr in Gnaden?“— „Seitdem ich nicht mehr frei bin, benimmt ſie ſich ſehr launiſch gegen mich; ſie iſt mir große Ver⸗ bindlichkeiten ſchuldig, denkt aber gegenwaͤrtig nicht ſonderlich daran: ſie hatte eine ungeheure Warze auf der Naſe, welche ich ihr vertrieb: ſie verdankt mir alſo das glatte Geſicht, welches du zuweilen an ihr ſiehſt. Noch mehr, ich rettete ſie von einer Verfin⸗ ſterung, welche alle Sterngucker erwarteten, indem ich ihren Lauf ſeitwaͤrts richtete. Sie bezeugte mir anfangs einige Erkenntlichkeit; aber ſeit dem Augen⸗ blicke, daß ich hier eingeſperrt bin, verlaͤßt ſie mich: wende ich mich an ſie beim Zunehmen, ſo iſt ſie noch zu ſchwach, um zu meinen Gunſten zu wirken; und wende ich mich an ſie, wenn ſie voll iſt, ſo verhuͤllt ſie ſich in Gewoͤlk und Nebel: aber beim Abnehmen ſtehen alle ihre boͤſen Einfluͤſſe mir zu Gebote; dann ſind es Fluͤſſe, Schnupfen und Huſten, die auf mich herabregnen. Ich bin jetzt eben damit beſchaͤftigt, mich von den letzten Beweiſen ihrer Gunſt zu befreien. — Ha! wenn ich ſie einmal faſſe, ſo ſoll ſie inne werden, daß ſie keinen Undankbaren verpflichtet hat.“— „Und wie willſt du es anſtellen, ſie zu faſſen?“ fuhr Meßrur fort. „Nichts iſt leichter, als das,“ ſagte der Raucher, n„wenn jemand wie du, mir helfen wollte: ſie koͤmmt 6 256. Ta g. dieſen Abend um neun Uhr, um ſich in dieſem Brun⸗ nen zu ſpiegeln und zu baden, den du hier mitten auf dem Hofe ſiehſt; ich will dir meinen Tiſch geben, dich darunter zu verſtecken; ſie wird ſich deiner nicht verſehen, und waͤhrend ſie ſich nun damit ergetzt im Waſſer zu plaͤtſchern, mußt du ploͤtzlich den Brunnen zuſchlagen: alsdann haben wir ſie; es wird ein guter Fang fuͤr uns beide ſein, und wir wollen ſehen, wie ſie es anſtellen wird, ihre Auffuͤhrung zu recht⸗ fertigen.“ „Sie wird alſo ſprechen,“ fragte Meßrur,„und wir werden es hoͤren?“ „Ich will eben nicht ſagen, daß du es genau hoͤ⸗ ren wirſt,“ antwortete der Raucher:„aber ich, deſ⸗ ſen Ohr ſo geuͤbt iſt, daß es ſogar den Takt in der Harmonie der Himmelskoͤrper vernimmt, ich werde kein Wort verlieren. Was dich betrifft, ſo koͤmmt es darauf an, wie dein Ohr gebauet iſt. Indem der Raucher dieß ſagte, legte er ſeine Pfeife weg, unterſuchte Meßrurs Ohr in der Naͤhe, ergriff es dann ploͤtzlich, zog es mit aller Kraft em⸗ por, und rief dabei aus: „Dein Ohr iſt gar zu kurz!“ Meßrur ſtieß vor Schmerz einen lauten Schrei aus, ein Waͤchter lief herbei, und machte ihn von dem Sterndeuter los. So kam Meßrur, ſein Ohr Die unbekannte Dame. 7 mit beiden Haͤnden feſthaltend, wieder zu dem Cha⸗ lyfen, und erzaͤhlte ihm ſein klaͤgliches Abenteuer. Zweihundert und ſechs und funfzigſter Tag. „Es iſt mir laͤngſt geſagt,“ ſprach Harun lachend, „daß man ſich am meiſten vor den Narren huͤten muß, die einen Anſtrich von Weisheit haben.— Nun iſt die Reihe an dir, Giafar,“ ſagte er zu ſeinem Großveſyr,„du biſt zum voraus gewarnt, daß man ſich nicht muß beim Ohre zupfen laßen. Geh hin und fang deine Pruͤfung an: Meßrur und ich, wir wollen in der Naͤhe der Zelle bleiben, in welche du eintrittſt, damit wir gleich bei der Hand ſind, dir noͤthigenfalls zu Huͤlfe zu kommen.“ Der Großveſyr hatte ſchon ſeine Augen auf eine Thuͤre gerichtet, an welcher er einen Mann mit ehr⸗ wuͤrdigem Barte ſitzen ſah, deſſen Anſehen Ehrfurcht gebot. Er begann damit, dem Greiſe ein Almoſen zu reichen, und begruͤßte ihn dann. Der Alte nahm es an, ſchien aber mehr auf die Hoͤflichkeit, als auf das Almoſen zu achten; er erwiederte Giafars Gruß, und machte ihm ein Zeichen, daß er ſich auf einen Stuhl einige Schritte von ihm ſetzen ſollte. „Junger Mann,“ ſprach er zu ihm,„du koͤmmſt ohne Zweifel hieher, dich zu unterrichten: du kannſt dem Himmel danken, daß du an den rechten Mann gekommen biſt: von welchem Kapitel meines Buchs verlangſt du den Text oder die Auslegung zu ver⸗ nehmen?“ Das Buch, von welchem der Mann zu ſprechen ſchien, war ein kleines viereckiges Brett von Cedern⸗ holz, auf welchem durchaus keine Schriftzuͤge zu ſe⸗ hen waren. „Was iſt das fuͤr ein Buch?“ fragte Giafar.— „Wie! du erkennſt alſo in dieſen Schriftzuͤgen nicht den Finger Gottes und die Eingebung des Engels Gabriel? Ein Muſelmann erkennet nicht den goͤtt⸗ lichen Koran, und in demjenigen, der ihm denſelben vorhaͤlt, ganz ſo wie er eingegeben worden, den gro⸗ ßen Propheten Mahomed?“ Bei dieſem Ausrufe ſtand der Veſyr auf und ent⸗ fernte ſich; er nahte dem Chalyfen und ſagte zu ihm: „Beherrſcher der Glaͤubigen, ich bin gendthigt worden, das Spiel aufzugeben: der Menſch, den ich verlaßen habe, laͤſtert zum Entſetzen: er giebt ſich fuͤr den großen Propheten aus.“ „Wer weiß, ob er auch laͤſtert,“ erwiederte der Chalyf:„jedermann kann ſich fuͤr einen Propheten ausgeben, ſobald er ſeine Sendung durch Wunder be⸗ weiſet: geh hin und fordere eins von ihm.“ Giafar gehorchte, ging hin und nahm ſeinen Platz wieder ein: Die unbekannte Dame. 9 „Wenn du Mahomed biſt,“ ſagte er zu dem alten Narren,„wer hat dich denn an einen Ort verſetzen koͤnnen, wie dieſer hier iſt?“ „Mein undankbares Volk,“ antwortete der vorgeb⸗ liche Prophet,„hat nicht an mich glauben wollen, und das hat mich gekraͤnkt, ohne mich zu verwun⸗ dern; es glaubt ja faſt nicht einmal an Gott.“ „Aber,“ fuhr Giafar fort,„ein Prophet bewaͤhrt ſeine Sendung durch Wunder: warum haſt du nicht auch dergleichen gethan?“ „Mein Volk,“ erwiederte der vermeintliche Pro⸗ phet,„haͤtte dergleichen von mir fordern ſollen: aber es fuͤrchtet, uͤberzeugt zu werden, und will lieber in ſeinem Unglauben beharren.“ „Du kannſt alſo Wunder thun?“ fragte Giafar. „Zweifelſt du daran, daß Mahomed es koͤnne?“— „So thu doch auf der Stelle eins.“ „Es ſoll dir nicht verſagt ſein. Beſteig auf dieſer aͤußern Treppe die Zinne dieſes Minaretthurms, ſtuͤrze dich ohne Bedenken von oben herab: und wenn du auch in tauſend Stuͤcken zerſchmettert am Boden laͤ⸗ geſt, dennoch will ich durch Ein Wort dich wieder auferſtehen laßen, gerader und geſunder, als du jetzo biſt.“ „Ah!“ ſagte Giafar, indem er ſich zuruͤckzog, nich will dich lieber ſo fuͤr einen Propheten halten, als dich bemuͤhen, es zu beweiſen.“ „Verabredung. 256. 257. Tag. Damit kam er wieder zu dem Chalyfen und er⸗ zuͤhlte ihm, welchen Vorſchlag man ihm gemacht hatte. 1 „Du wirſt nicht viel lernen,“ ſagte Harun zu ihm:„du willſt nichts verſuchen.“ „Wenn jemand ſich auf dieſem Wege unterrichten will,“ erwiederte Giafar,„der Wundermann und der Thurm ſind da: er mag das Abenteuer verſuchen, ich werde ihn nicht darum beneiden.“ . Die Unterhaltung des Fuͤrſten mit ſeinen Vertrau⸗ ten wurde durch einige Tollhaͤusler unterbrochen, welche ſich ihnen nahten. Einer derſelben gab ſich fuͤr den Chalyfen ſelber aus, und machte Harun den An⸗ trag, er ſollte ſein Derviſchkleid ablegen und die Ve⸗ ſyrsſtelle bei ihm annehmen. Er wollte ihn mit einem praͤchtigen Pelze bekleiden: dieſer beſtand aus einem alten zerriſſenen ſchmutzigen, und von Wuͤrmern zer⸗ freſſenen Stuͤcke Zeug. Ein andrer kam mit einem Kuche voll Nußſchalen, und bot ihnen Zuckerwerk zum aufe. Zweihundert und ſieben und funfzigſter Tag. Dieſe kurzen und oͤffentlichen Auftritte genuͤgten aber nicht der Abſicht Haruns, noch dem Zwecke der Es war jetzt an ihm, in eine der Die unbekannte Dame. 11 Zellen zu treten, um ſo wie ſeine beiden Gefaͤhrten, eine beſondere Unterhaltung anzuknuͤpfen. Er kam an ein Gemach, welches ihm groͤßer und beſſer eingerichtet ſchien, als die uͤbrigen. Ein junger Mann von eben ſo ſanfter als einnehmender Bildung, ſaß darin auf einem Sopha, und ſchien in Schwer⸗ muth verſunken: in der Hand hielt er den Koran. Der Chalyf trat naͤher, begruͤßte ihn, und redete ihn mit dem liebreichen und vertraulichen Ton an, welchen das Derviſchkleid berechtigte anzunehmen:. „Ei! ſchoͤner junger Mann,“ ſagte er zu ihm, „warum finde ich hier unter den Wahnſinnigen einen ſo verſtaͤndigen Menſchen, wie ihr zu ſein ſcheint?“ Auf dieſe Frage machte der junge Mann ſein Buch zu, erhub beſcheiden die Augen, betrachtete den Der⸗ viſch, und antwortete ihm: Nicht alle Handlungen meines Lebens ſind ver⸗ ſtaͤndig geweſen: ich habe Anlaß gegeben zu dem Mis⸗ brauche, welchen man jetzo von der Gewalt macht, mich hier feſtzuhalten.“ „Und koͤnnte ich nicht,“ ſagte hierauf der Derviſch, „eure Geſchichte von euch vernehmen, da ihr ſo gut im Stande ſcheinet, ſie zu erzaͤhlen?“ „Frommer Derviſch,“ antwortete der junge Mann, „wenn ihr der Chalyf waͤret, ſo wuͤrde ich euch auf⸗ fordern, euch bei mir niederzulaßen, und euch mein Herz oͤffnen. Taͤglich bitte ich Gott, mir dieſen 12 257, Tag. gerechten Fuͤrſten herzuſenden. Aber es wuͤrde mir unnuͤtz ſein, einen andern als ihn zu meinem Vertrau⸗ ten zu machen. Ihr ſeht hier ein Schlachtopfer ſei⸗ nes Großveſyrs Giafar, auf deſſen Befehl ich hieher gebracht wurde, aus einer damals triftig ſcheinenden Urſache; aber ich kann ſagen, daß ich gegenwaͤrtig noch ohne Grund hier feſtgehalten werde; und wenn nicht die Religion mich aufrecht erhielte, ſo wuͤrde ich der Laſt meines Ungluͤcks und dieſer ſchauderhaften Gefangenſchaft erliegen.“ 1 Der Chalyf war aufs hoͤchſte erſtaunt, eine ſo zu⸗ ſammenhangende und ſo verſtaͤndige Rede zu verneh⸗ men. Er winkt Giafar und Meßrur heran, und wiederholt ihnen, was er ſo eben gehoͤrt hat. Der Großveſyr betrachtet den jungen Menſchen aufmerkſam, und verſichert den Chalyfen, daß der Gefangene und ſeine Geſchichte ihm durchaus unbe⸗ kannt ſind. Die Neugier des Chalyfen ward um ſo lebhafter und dringender; er trat, mit jener Freiheit, deren ſich gemeinlich alle Derviſche bedienen, in die Zelle, ſetzte ſich neben dem angeblichen Schlachtopfer der Befehle Giafars nieder, und ſprach zu ihm:. „Ungluͤcklicher junger Mann, ihr wißt, daß Leute meines Standes mancherlei Vorrechte haben, und be⸗ ſonders den Großen ſich nahen und ihnen die Wahr⸗ heit ſagen duͤrfen. Der Beherrſcher der Glaͤubigen iſt 1 Die unbekannte Dame. 13 von Allen der zugaͤnglichſte fuͤr uns: drum bauet auf meinen Eifer; ich bin im Stande, euch zu dienen, und ihr werdet eure Schickſale einem verſchwiegenen Ohr und einem wahrhaft liebreichen Herzen anver⸗ trauen.“ Der junge Mann ſeufzte von neuem, ſaß einen Augenblick in tiefen Gedanken, vergoß einige Thraͤnen, und begann dann ſeine Geſchichte alſo: „Ich heiße Haleſchalbeh, mein Vater iſt Vor⸗ ſtand der Kaufmannſchaft von Bagdad. Eines Tages lud er die vornehmſten Kaufleute der Stadt zu einem Abendeſſen ein. Jeder hatte ſeinen aͤlteſten Sohn mitgebracht, und nach dem Mahle, welches glaͤnzend und froͤhlich geweſen war, unterhielten ſich die Gaͤſte aͤber die mancherlei Abſichten, welche ſie mit ihren Kindern haͤtten.. Der eine ſchickte ſeinen Sohn in ein auswaͤrtiges Handelshaus; der andre vertraute dem ſeinigen ein mit Waaren befrachtetes Schiff an; der dritte uͤber⸗ gab ihm irgend einen Zweig ſeines Handels: mit Ei⸗ nem Worte, ich hoͤrte, wie alle meine Altersgenoſſen vortheilhaft angeſtellt, oder ausgeſtattet werden ſollten. Nachdem man ſich uͤber dieſe mannigfaltigen Auord⸗ nungen beſprochen hatte, ging die Geſellſchaft aus einander. Als ich mit meinem Vater allein war, machte ich ihm bemerklich, daß ich, als Sohn des erſten unſers Standes, allein ohne Beſtimmung geblieben waͤre. Er fuͤhlte, daß ich Recht hatte, und erbot ſich, ein Waarenlager fuͤr mich in einem der Stadtviertel Bag⸗ dads, wo ich es wuͤnſchte, zu eroͤffnen. Dieſes Erbieten ſchmeichelte meiner Neigung fuͤr den Handel und fuͤr die Unabhaͤngigkeit. Ich nahm es an, und ſchon am naͤchſten Tage war ich im Be⸗ ſitz eines reichen Vorraths der ſchoͤnſten Perſiſchen und Inndiſchen Stoffe. Ich hatte Sklaven, die ſich gut auf den Handel verſtanden und mir bei dem neuen Geſchaͤfte zu Huͤlfe kamen. Am Tage war ich nun mit der ganzen vornehmen Welt Bagdads in Verkehr, deren Bekanntſchaft mir auf dieſe Weiſe offen ſtand, und des Abends kam ich heim zu meinem Vater. Ich betrieb mein Geſchaͤft eifrig, und fuͤhrte ein thaͤtiges Leben; voll Abwechſe⸗ lung, kurz, ganz nach meinem Geſchmacke. Mein Vater beſuchte mich haͤufig in meinem Laden; er ſah hier mit Wohlgefallen das Gedraͤnge der Neugierigen und der Kunden beiderlei Geſchlechts. Er machte ſich ein Vergnuͤgen daraus, mir alles was er Seltenes aus der Fremde bekam, zuzuſchicken; der Geſchaͤfts⸗ fuͤhrer ſeines eigenen Handels hatte den Befehl dazu. Eines Tages war ich in meinem Laden von vielen Kunden umgeben, als zwo Frauen von ſehr ſtattlichem Anſehen hereintraten. Aus Hoͤflichkeit machten ihnen die uͤbrigen Anweſenden Platz, und eine der beiden Die unbekannte Dame. 15 Frauen verſchob ihren Schleier weit genug, um mich eine Schoͤnheit erblicken zu laßen, von welcher meine Augen ploͤtzlich geblendet wurden. Beide ſetzten ſich auf ein Sopha; ſie verlangten die reichſten Stoffe zu ſehen, wurden uͤber den Preis mit mir einig, und kauften mir fuͤr dreitauſend Tha⸗ ler ab. An dieſem Handel gewann ich, nach meiner Rechnung, fuͤnfhundert Thaler. Die Waaren wurden eingepackt, und Sklaven trugen ſie auf Befehl derje⸗ nigen, die ich fuͤr die Herrinn hielt, hinweg. Ich war im Begriff, ſo zu ſagen, die Hand nach meiner Bezahlung auszuſtrecken, als die junge Dame das Wort nahm, und alſo zu mir ſprach: „Haleſchalbeh, ich habe kein Geld bei mir;— aber ihr duͤrft wegen eurer Bezahlung nicht beſorgt ſein, in wenigen Tagen komme ich wieder her, ſie euch zu bringen, und ich gedenke bei euch noch an⸗ ſehnlichere Einkaͤufe zu machen.“ Zweihundert und acht und funfzigſter Tag. f Ihre Begleiterinn nahm hierauf das Wort, und agte:. „Oh Gebieterinn, ihr redet ja mit dem Sohne des Vorſtehers der Kaufmannſchaft, einem Manne von bekanntem Reichthum, und deſſen Werth der Chalyf 258. T a g. ſelbſt zu ſchaͤtzen weiß,— als ob ihr zweifelt, daß er es ſich zur Ehre anrechnet, einer Dame, wie ihr ſeid, eine ſolche Kleinigkeit zu borgen.“ Die Rede dieſer Frau, der Eindruck, welchen die ſchoͤnen Augen ihrer Gebieterinn unter ihrem verſcho⸗ benen Schleier gemacht hatten, bewirkten, daß ich nicht nur nicht wagte, meine Bezahlung zu fordern, ſondern mich auch nicht einmal nach dem Namen der Dame erkundigte, der ich dieſe Summe borgte. Nachdem ſie ſehr hoͤflich Abſchied genommen hatte, verließ ſie mich, und ich blieb an meiner Thuͤre ſte⸗ hen, wie eine Bildſaͤule, ohne daß ich die Vorſicht gebrauchte, ihr einen Sklaven nachzuſchicken. Als ich allein war, fiel mir die Unvorſichtigkeit, zu welcher ich mich hatte hinreißen laßen, aufs Herz: Wem hatte ich meine Waaren uͤberliefert? Wie konnte ich der Warnungen meines Vaters vergeſſen, daß Bagdad von Abenteurern wimmelt, die alle moͤglichen Geſtalten anzunehmen und alle Rollen zu ſpielen wiſ⸗ ſen? Jetzo ward mir alles verdaͤchtig, bis auf die ſchoͤnen Augen, welche man mich hatte ſehen laßen. Ich hielt mich fuͤr betrogen, und als ich am Abend wieder nach dem Hauſe meines Vaters kam, zitterte ich, die Vorwuͤrfe zu hoͤren, welche ich verdient zu haben glaubte.“ Die unbekannte Dame. 17 Meine Mutter gewahrte bald meinen Kummer; ſie wußte mir geſchickt das Geſtaͤndnis deſſelben zu entlocken, und troͤſtete mich, ſo viel ſie konnte: „Der Kaufmann, der nicht zu verlieren weiß,“ ſagte ſie zu mir,„verdient auch nicht zu gewinnen: wenn du etwa bei der Berechnung mit dem Vater in Verlegenheit koͤmmſt, ſo ſoll meine Boͤrſe dir aus⸗ helfen.“ Voll Verdruß, ſo angefuͤhrt zu ſein, und uͤber den erlittenen Verluſt, begab ich mich am folgenden Mor⸗ gen nach meinem Laden. Indeſſen war ich nicht ganz ohne Hoffnung, daß die Dame wiederkommen wuͤrde: aber der Abend kam heran, ohne daß ſie er⸗ ſchien. Dieſem truͤbſeligen Tage folgten noch zwei andere aͤhnliche, und meine Mutter ſah meine Be⸗ truͤbnis zunehmen, ohne daß ſie dieſelbe zu heilen vermochte. Sie mochte mir noch ſo viel wiederholen, daß ſie den Verluſt aus ihrer eigenen Boͤrſe decken wollte; daß ich dieß Begegnis als ein nuͤtzliches Ungluͤck be⸗ trachten muͤßte, weil der Menſch nur durch Schaden klug werde: alle ihre Reden waren fruchtlos, und nichts konnte mich daruͤber troͤſten, daß ich mich durch zwei ſchoͤne Augen, durch Prunk und glatte Worte hatte hinters Licht fuͤhren laßen: meine gekraͤnkte Ei⸗ telkeit ſchmerzte mich tief. V. 2 258. Ta g. Endlich, am vierten Tage, erſchien die unbe⸗ kannte Dame ploͤtzlich wieder, im Gefolge ihrer Skla⸗ ven, und ein voller Beutel wird auf meinen Tiſch geworfen. 1 „Schoͤner junger Mann„“ ſagte ſie zu mir,„ich bringe euch hier euer Geld; ſehet zu, ob es richtig gezaͤhlt iſt.“ Bei dieſem von mir eben ſo erſehnten als uner⸗ warteten Anblicke verſchwand alle meine Furcht, all mein Kummer: mit Einem Worte, ich fuͤhlte mich ploͤtzlich wie neugeboren. Meine Unbekannte ließ ſich neue Stoffe vorlegen, waͤhlt darunter aus, und nimmt aus meinem Laden wieder fuͤr dreihundert Goldſtuͤcke Waaren mit: ich haͤtte ihr, in meinem Eifer, wohl fuͤr zweitauſend hingegeben. So bald ſie verſchwunden war, kam ich heim zu meiner Mutter, mit eben ſo viel Freude auf dem Ge⸗ ſicht, als ich zuvor Traurigkeit und Niedergeſchlagen⸗ heit hatte blicken laßen. Ich erzaͤhlte ihr mein heuti⸗ ges gluͤckliches Abenteuer, und ward nun empfaͤnglich fuͤr alle die Lehren, welche ſie bis dahin vergeblich wiederholt hatte, um mich zu uͤberzeugen, daß, wer im Handel nicht wagt, der gewinnt nicht. Kurz, mein verehrter Derviſch, ich ſetzte dieſen Verkehr mit der jungen unbekannten Dame fort, bis ſie mir fuͤr alle die Stoffe, welche ſie taͤglich uͤber die Die unbekannte Dame. 19 mitgebrachte Zahlung mitnahm, gegen zehntauſend Thaler ſchuldig war: ſo viel als ungefaͤhr der ganze Gewinn betrug, welchen ich in den verſchiedenen Ge⸗ ſchaͤften mit ihr gemacht hatte. Eines Tages, als ich eben mein Waarenlager geoͤffnet hatte, und auf meinem Sopha ſaß, trat eine alte Frau zu mir herein; ich glaubte, ſie ſuchte Pelzwerk oder Stoffe, und wollte ihr dergleichen vor⸗ legen laßen. „Mein Sohn,“ erwiederte ſie mir,„ich habe ei⸗ nen Auftrag von ganz andrer Wichtigkeit an euch; ich komme zu euch im Namen der jungen Dame, die euch zehntauſend Thaler ſchuldet. Ich bringe euch nicht eure Bezahlung, bin aber beauftragt, euch von ihr zu ſagen, daß ſie bloß deshalb vor allen anderen Kaufleuten in Bagdad bei euch allein ihren Bedarf an Stoffen entnommen hat, weil. ihr Herz euch einen Vorzug andrer Art einraͤumte: Mit Einem Worte, mein Sohn, ſie iſt ſchoͤn, jung und reich, und wuͤnſcht ſich mit euch zu vermaͤhlen. Wenn ihr ſie demnaͤchſt geſehen und mit ihr geſprochen habt, und dieſer neue Handel euch anſteht, ſo ſoll der ganze Brautſchatz, den ihr zu entrichten habt, in den zehntauſend Tha⸗ lern beſtehen, welche ſie euch ſchuldig iſt: wenn nicht, ſo ſollen ſie euch ausgezahlt werden, und ihr koͤnnt ſie heimtragen. Um mich aber in den Stand zu ſetzen, 2⁰ 258. 259. Ta g. zu beurtheilen ob der Handel euch anſteht, muͤßt ihr euch entſchließen, mir zu folgen.“ Zweihundert und neun und funfzigſter Tag. Bei dieſer Rede der Alten durchdrang ein mir bis⸗ her unbekanntes Feuer meine Adern, deſſen Heftigkeit ſich noch durch die Hoffnung vermehrte, welche ſie mir eroͤffnete: ich war ganz entbrannt von Liebe. Die ſchoͤnen Augen der Dame hatten gleich anfangs, als ſie mich dieſelben erblicken ließ, mich dermaßen über meinen Vortheil verblendet, daß ich ſie meine Waaren mitnehmen ließ, ohne zu wiſſen, ob ich auch die Bezahlung derſelben erhalten wuͤrde; ſeitdem hatte zwar bei allen folgenden Beſuchen ihr Schleier mir die Zuͤge ihres Geſichts voͤllig verhuͤllt, aber ihr weites Gewand hatte mir doch nicht die Zierlichkeit ihrer Ge⸗ ſtalt, die Anmuth aller ihrer Bewegungen, die Schoͤn⸗ heit ihres Fußes und ihrer Haͤnde entziehen koͤnnen. Ueberdieß handelte ſie mit mir uͤber den Preis der Waaren mit ſo viel Anſtand und mit einem ſo engli⸗ ſchen Tone der Stimme, daß ſie niemals meinen Laden verließ, ohne noch etwas mehr, als meine Waaren, mitzunehmen; aber ich wußte eben nicht, was es war: kaum war ſie von mir weggegangen, ſo befand ich mich unbehaglich, und ſagte bei mir Die unbekannte Dame. 21 ſelber:„dieſe Dame iſt ſehr reizend!“ ſodann verfiel ich in eine lange und tiefe Traͤumerei. Als nun die Alte mir zu verſtehen gegeben hatte, daß die unbekannte Dame mich liebte, fuͤhlte ich mich von hoͤchſter Leidenſchaft entbrannt. Ich befahl mei⸗ nen Sklaven, meinen Laden zu ſchließen, und heim⸗ zugehen, um meinen Vater und meine Mutter zu benachrichtigen, daß ich nicht nach Hauſe kommen wuͤrde, weil ich zur Beluſtigung mit meinen Freun⸗ den nach einem von der Stadt entlegenen Garten ginge; und ſo uͤberließ ich mich der Fuͤhrung der Alten. „Euer Vertrauen zu mir,“ ſagte ſie unterweges, „wird euch nicht gereuen; ihr muͤßt mir aber einen neuen Beweis deſſelben geben: wenn nun die Dame euch nicht anſtaͤnde, wenn die Antraͤge, welche ſie euch machen wird, nicht nach eurem Geſchmacke waͤ⸗ ren, ſo iſt, nach eurer Trennung, ihr ſehr daran gelegen, euch immer unbekannt zu bleiben; ihr Zart⸗ gefuͤhl fordert es, und ich habe Befehl, euch eine Binde um die Augen zu legen, damit ihr niemals baß Haus wiederfinden koͤnnet, welches ihr betreten 0. 3 4 Ich unterwarf mich ohne Muͤhe dieſer Bedingung; wir traten unter eine Vorhalle, und dort hinter zwei vorſtehenden Saͤulen, verband ſie mir die Augen mit einem ſehr dichten ſeidenen Tuche. Dann ließ ſie mich 259. Ta g. drei⸗ oder viermal auf meinem Abſatz umdrehen, nahm mich bei der Hand, und ließ mich ſo eine gute Viertelſtunde neben ihr hingehen. Auf einmal ſtehen wir ſtill, ich hoͤre an eine Thuͤre klopfen, ſie oͤffnet ſich, ich trete hinein, und die Thuͤre ſchließt ſich wieder. Einen Augenblick darauf, wurde mir das Geſicht wieder frei gemacht, und ich der Fuͤhrung zweier ſehr ſchoͤnen und zierlich gekleideten Sklavinnen uͤbergeben. Dieſe fuͤhrten mich durch ſieben Thuͤren; worauf mich vierzehn andere ſo ſtattliche und reich gekleidete Skla⸗ vinnen empfingen, daß ich ganz davon geblendet wurde. Jetzo befand ich mich in einem praͤchtigen Zimmer, wo alles von Marmor, Jaspis und Ver⸗ goldung war. Ich riß die Augen weit auf, um mich zu uͤberzeugen, daß ich wirklich wachte, ſo ſehr hatte mein Abenteuer das Anſehen eines Traums. Hier trennte ſich die Alte, die mir ſtaͤts gefolgt war, einen Augenblick von mir, und kam bald wieder mit einer Sklavinn zuruͤck, welche auf einer großen vergoldeten Schuͤſſel ein Fruͤhſtuͤck hereintrug. Ich ſetzte mich, um mich zu erfriſchen. Waͤhrend ich nach Gefallen aaß, zaͤhlte die Alte die mir ſchuldigen zehntauſend Thaler auf einem Tiſche hin, und ſagte zu mir: „Da habt ihr all euer Geld; beunruhiget euch nicht, daß meine Gebieterinn noch nicht erſcheint: ihr Die unbekannte Dame. 23 duͤrft euch beide nicht eher ſehen, als bis der Heirats⸗ vertrag abgeſchloſſen iſt; ſo gebietet es das Geſetz, und fordert es der Anſtand.“ Kaum hatte die Alte ausgeſprochen, ſo erſchien ein Kadi, mit zehn Perſonen ſeines Gefolges. Ich ſtand auf, und begruͤßte ihn; worauf die Alte ihn alſo an⸗ redete: „Die junge Dame, die ſich mit dieſem Kaufmanne verheiraten will, hat euch zum Vormund erwaͤhlt: willigt ihr ein, ihr dieſen Dienſt zu leiſten?“ Der Kadi antwortete, daß er ſich durch die ihn getroffene Wahl ſehr geehrt fuͤhlte; er fertigte auf der Stelle den Heiratsvertrag in allen Foͤrmlichkeiten aus, und ließ ihn von den mitgebrachten Zeugen un⸗ terſchreiben. Sodann wurde fuͤr ihn und ſein Gefolge ein reichliches Mahl aufgetiſcht, und ihm ein praͤchti⸗ ges Kleid nebſt dreihundert Zeckienen uͤberreicht: wor⸗ auf er ſich entfernte, indem er der Alten auftrug, ihrer Gebieterinn ſeinen Dank abzuſtatten. Ich war von allem dem was ich ſah, ſo betaͤubt, daß ich, ohne auf die Zuruͤcklaßung meines Geldes zu achten, beim Weggehen des Kadi's auch eine Bewe⸗ gung machte, als wenn ich ihm folgen wollte. Die Alte aber noͤthigte mich, mich wieder zu ſetzen und ſagte zu mir: „Seid ihr bei Sinnen? muß man euch erinnern, daß auf den Heiratsvertrag die Hochzeit folgt? Seid 259. Tag. verſtaͤndig, und geduldet euch bis zur Nacht, wo al⸗ les zur Vollendung der Feierlichkeit bereit ſein wird.“ Ich blieb alſo in dem Saale; eine Menge von Sklaven war auf meine geringſten Bewegungen auf⸗ merkſam, um allen meinen Wuͤnſchen zuvorzukommen. Ich befand mich in einem ſeltſamen Zuſtande: ich fuͤhlte, ſo zu ſagen, nicht mehr die Gewalt der Lei⸗ denſchaft, welche mich ſo leichtſinnig, mit verbunde⸗ nen Augen, hiehergefuͤhrt hatte; die Liebe hatte ſich auf den Grund meines Herzens zuruͤckgezogen, erſtaunt uͤber den Glanz um mich her und uͤber das Gepraͤnge dieſer ſonderbaren Heirat. Gegen Abend trug man mir ein herrliches Mahl auf, allerlei eingemachte Sachen und koͤſtliche Weine; ich machte nur ſehr maͤßigen Gebrauch davon. So bald ich ein Zeichen gegeben, daß man abtragen koͤnnte, kam die Alte, nahm mich bei der Hand und fuͤhrte mich ins Bad. Hier wurde ich von acht mit Seidenzeug bekleideten ſchoͤnen Sklavinnen empfan⸗ gen: ſie huͤllten mich in eben ſolches Zeug, traten mit mir ins Waſſer, und bedienten mich mit ſolcher Aufmerkſamkeit und Ehrerbietung, als wenn ich der Chalyf ſelber geweſen waͤre. Ihr koͤnnt euch denken, mein ehrwuͤrdiger Derviſch, wie groß mein Erſtaunen uͤber dieß alles war! ich war faſt ganz verdutzt davon. Ich wurde aber bald durch Die unbekannte Dame. 25 die Erſcheinung von zwanzig anderen Sklavinnen dar⸗ aus erweckt, die noch ſchoͤner und noch geputzter waren, als alle, die mich bisher umgeben hatten. Einige von ihnen trugen Wachsfackeln, andere Gefaͤße voll des koͤſtlichſten Raͤucherwerks, deſſen Geruch, vermiſcht mit dem des Aloeholzes, womit man das Bad geheizt hatte, die Luft durchduftete; und dieſe Wohlgeruͤche erfuͤllten das Zimmer bis an die Decke. Man entzog mich dieſen Genuͤſſen, um mich noch andere koſten zu laßen. Zwanzig Sklavinnen gingen voraus, und fuͤhrten mich in ein praͤchtiges Zimmer, wo ich mich auf ein Sopha von Goldſtoff niederlaßen mußte: eine wohllautsvolle Muſik erwartete mich hier, die zugleich ſo froͤhlich und lebhaft war, ſo geeignet zur Freude zu begeiſtern, daß ich mich alsbald dadurch etwas ermuthigt fuͤhlte. Hierauf erboten ſich die Sklavinnen, mich in das Hochzeitgemach zu fuͤhren. Ich ſtand auf: eine große Thuͤre oͤffnete ſich, und ich ſah die mir zur Gattinn beſtimmte hereintreten, in Begleitung von zwanzig Sklavinnen, welche ſie allein an Schoͤnheit uͤbertref⸗ fen konnte. 26 260. T a g. Zweihundert und ſechzigſter Tag. Bei ihrem Anblicke ſtand ich faſt beſinnungslos da; aber augenblicks wich dieſer erſte Eindruck der Liebe, und meine Leidenſchaft gewann vollends die Herrſchaft uͤber mich, deren Gewalt mir noch gegenwaͤrtig, je⸗ den Augenblick meines Lebens, Quaalen bereitet, welche grauſamer ſind, als der Tod. Die ſchoͤne Unbekannte ging mit mir, jeder von zwanzig Sklavinnen begleitet, in das zur Hochzeitfeier bereitete große Zimmer, wo wir uns beide auf ein Sopha niederließen. Die Alte erſchien jetzo mit vier Sklavinnen, die auf goldenen Schuͤſſeln allerlei Erfriſchungen, Einge⸗ machtes und Fruͤchte brachten, von denen wir uns gegenſeitig darboten. Darnach verſchwand alles, und wir blieben allein. 3 Ich zitterte faſt; meine reizende Unbekannte aber beruhigte mich, und indem ſie mich bei der Hand faßte, ſagte ſie zu mir: „Haleſchalbeh, ich liebe euch von dem Tage an, da die Neugier mich in euern Laden zog; daſſelbe Gefuͤhl fuͤhrte mich mehrmals dahin zuruͤck, unter dem Vorwande, Stoffe einzukaufen. Der kleine Handel, welchen wir mit einander getrieben haben, hat mir Gelegenheit gegeben, euch kennen zu lernen, und hat nur meine Neigung vermehrt, in dem Maaße, daß Die unbekannte Dame. 27 ich wuͤnſche, mich fuͤr immer mit euch zu verbinden: wollt ihr mir nun das Opfer eurer Freiheit bringen?“ „Herrinn,“ antwortete ich ihr,„eure Reize haben ihre Wirkung auf mich nicht verfehlt, ſeit dem erſten Augenblicke, da ihr mir erſchienet. Ich ſah euch nie⸗ mals, ohne eine unbegreifliche Unruhe zu empfinden, die gleichwohl mit ſuͤßem Vergnuͤgen gemiſcht war; niemals verließet ihr mich, ohne mir innige Sehnſucht zu erregen: indem ich jeden Tag euch erwartete, war ich unaufhoͤrlich mit euerm Bilde beſchaͤftigt. Ich wagte es nicht, mir ſelber meine Leidenſchaft zu geſtehen: aber weil ihr mir nun durch das Geſtaͤnd⸗ nis eurer Liebe zuvorkommet, ſo ſchwoͤre ich euch, daß die Lebhaftigkeit meiner Gefuͤhle mit nichts zu vergleichen, und daß das Opfer der Freiheit fuͤr den⸗ jenigen etwas ſehr geringes iſt, der gern ſein Leben fuͤr euch hingaͤbe.“ „Ah, Haleſchalbeh,“ erwiederte ſie mir,„die Wahrheit ſcheint eurem Munde zu entſtroͤmen! Gebet nicht euer Leben hin, es iſt zu meinem Gluͤcke noth⸗ wendig. Aber wenn wir uns fuͤr immer mit einander verbinden ſollen, ſo hoͤret jetzo die Bedingungen, welche mit dem Beſitze meiner Perſon und meines Herzens unerlaͤßlich verknuͤpft ſind.. Ihr duͤrft meinen Namen und meinen Stand nicht wiſſen, bis gewiſſe Umſtaͤnde, welche ich beruͤckſichti⸗ gen muß, mich in den Stand ſetzen, euch oͤffentlich als 260, Ta g. meinen Gemahl anzuerkennen: ihr duͤrfet in dieſem Hauſe keine Nachforſchungen anſtellen, um euch hier⸗ über aufzuklaͤren; die Thuͤre deſſelben dͤffnet ſich nur einmal des Jahres.“ „Ah! Herrinn,“ rief ich aus,„ich will ſchwei⸗ gen, ich will nichts wiſſen!“ „Haltet inne,“ ſagte ſie,„ich habe euch eine noch ſtrengere Bedingung aufzulegen. Da ich mich euch ganz hingebe, ſo iſt es billig, daß ihr auch ganz mein ſeid. Meine Sklavinnen, welche die eurigen werden, ſollen euch in allem gehorchen, aber ihr duͤrfet nur in Betreff ihrer Dienſte mit ihnen ſprechen: ließet ihr euch mit einer derſelben zu der geringſten Vertraulich⸗ keit herab, die mehr, als bloßer Ausdruck der Guͤtig⸗ keit waͤre, wenn ihr... Ich muß euch mit meiner Gemuͤthsart bekannt machen: ich habe Hang zur Ei⸗ ferſucht; und wuͤrde ich durch eure Schuld das Opfer dieſer unſeligen Leidenſchaft, ſo weiß ich nicht, bis zu welchem Aeußerſten mich die Rache gegen euch treiben koͤnnte.“ „Beruhiget euch,“ ſagte ich zu ihr:„Oh! meine anbetungswuͤrdige Gemahlinn, die Staͤrke meiner Liebe uͤberhebt euch der leichteſten Unoorſichtigkeit von meiner Seite. Ich koͤnnte ſterben, weil ich euch mis⸗ fiele; aber ich fuͤrchte niemals das Ungluͤck zu haben, euch zu beleidigen.“— Die unbekannte Dame. 29 Bei der Lebhaftigkeit und der Aufrichtigkeit, mit welcher ich meine Betheurungen ausdruͤckte, fuͤllten ſich die Augen meiner Unbekannten mit Thraͤnen. „Haleſchalbeh,“ ſprach ſie zu mir,„leget die Hand auf mein Herz, und fuͤhlet, wie bewegt es durch die Furcht iſt, welche ich hegte, daß ihr meine Bedingungen nicht annehmen wuͤrdet: wir ſind nun fuͤr immer vereinigt. Haͤttet ihr aber nur im gering⸗ ſten angeſtanden, ſo haͤtte ich mein Gluͤck meinem Zartgefuͤhl geopfert, und wir waͤren fuͤr immer ge⸗ ſchieden.“ Zweihundert und ein und ſechzigſter Tag. Waͤhrend ſie ſo ſprach, hielt ich meine Hand an ihrem Herzen, deſſen Bewegung bald in das meine uͤberging. Ich druͤckte meine Gattinn zaͤrtlich in meine Arme; ſie ſank ohnmaͤchtig hin. Ich rief eine Skla⸗ vinn, und die leichteſte Huͤlfe vertrieb einen Unfall, deſſen Urſache nicht gefaͤhrlich war: die Abgoͤttinn meines Herzens oͤffnet wieder ihre beiden ſchoͤnen Au⸗ gen, und ich ſehe ſie liebevoll ſich zu mir wenden... Ich kuͤrze, ehrwuͤrdiger Derviſch, den Bericht von den uͤbrigen Begebenheiten meiner Heirat ab; er kann eure Theilnahme nicht in Anſpruch nehmen, obwohl 30⁰ 261. Tag. die Erinnerung, welche ich davon hege, gegenwaͤrtig die Quaal meines Lebens ausmacht. In der Bezauberung, in welcher meine Leidenſchaft mich feſthielt, verlebte ich vierzehn Tage in Vergeſ⸗ ſenheit der ganzen uͤbrigen Welt, und ſelbſt, wie ich zu meiner Beſchaͤmung geſtehen muß, meiner wichtig⸗ ſten Pflichten, indem ich keinesweges an die Unruhe dachte, in welche mein Vater und meine Mutter mei⸗ netwegen verſenkt ſein mußten. Endlich, nachdem die Natur allmaͤhlich wieder ihre Rechte geltend machte, begann ich traurig an den Schmerz zu denken, welchem die mich ſo zaͤrtlich lie⸗ benden Urheber meiner Tage, nothwendig hingegeben ſein mußten. Es entſchluͤpften mir einige Seufzer, welche aus dem Grunde meines Herzens kamen, und die neue Stimmung meiner Seele malte ſich auf mei— nem Antlitze. Meine aufmerkſame Gattinn gewahrte bald die Unruhe meines Gemuͤths; ſie entwand mir das Geheimnis, und indem ſie an meinem Kummer Theil nahm, eroͤffnete ſie mir auch ſelber einen Weg, mich davon zu befreien. „Geliebter Haleſchalbeh,“ ſagte ſie zu mir,„ich lobe deine Anhaͤnglichkeit an deinen Vater und deine Mutter, ſie ſind mir theuer um deinetwillen: wir haben uns zwar Geſetze auferlegt, aber wir ſind auch ſelber die Richter derſelben; ſie duͤrfen nicht die Natur verletzen: geh heim zu deinen Aeltern, und bleib Die unbekannte Dame. 31 ſieben Tage bei ihnen. Zugleich fang auch dein Ge⸗ ſchaͤft wieder an. Ich habe triftige Gruͤnde, dich zur Fortſetzung deſſelben aufzufordern.— Zuboͤrderſt wird es zum Deckmantel unſrer Verbin⸗ dung dienen: es giebt dir Gelegenheit, nach Belieben, zu erſcheinen und zu verſchwinden, ohne den Verdacht zu erregen, daß dieß wegen einer heimlichen Verbin⸗ dung, wie die unſrige, geſchaͤhe. Sodann ſetzt es dich in den Stand, durch ein ehrenvolles, freies und edelmuͤthiges Benehmen die oͤffentliche Achtung zu er⸗ werben, deren wir einſt zur Ausſoͤhnung beduͤrfen wer⸗ den; denn der Chalyf Harun herrſcht hier, und er hat uͤberall Ohren, ungerechnet die ſeinigen, von denen er fleißig Gebrauch macht. Geh alſo hin; mein Herz folgt dir uͤberall, wo du ſein magſt; koͤnnte es ſich ſichtbar machen, ſo wuͤrdeſt du es unaufhoͤrlich dich umſchweben ſehen. Uebrigens bleibſt du an meiner Hand: wir haben un⸗ ſre alte Vertraute; durch ſie kann ich dir das Ver⸗ gnuͤgen verſchaffen, von mir reden zu hoͤren, waͤhrend ich das Vergnuͤgen habe, von dir Nachricht zu erhal⸗ ten und dir meine Wuͤnſche mitzutheilen.— Vor allen Dingen,“ fuͤgte ſie hinzu,„weil deinen Aeltern un⸗ ſre Heirat nicht verborgen werden kann, empfiehl ih⸗ nen das tiefſte Stillſchweigen uͤber dieſelbe.“ Nach dieſen Worten befahl meine Gattinn, da der Abend nahte, mir wieder eine Binde um die Augen 261. Sag. zu legen und mich aus dem Palaſte bis nach der Halle zu fuͤhren, wo ich mich das erſtemal dieſer Foͤrmlichkeit unterworfen hatte. So bald meine Fuͤhrerinn mir das Geſicht wieder⸗ gab, flog ich nach dem Hauſe meines Vaters. Eine unſerer Nachbarinnen wollte eben hinein gehen; ſie erkannte mich bei dem Scheine des Lichtes, aus einem Laden, an welchem ich vorbeiging, und rief aus: „Wie, Haleſchalbeh, ihr ſeid's! Um Gotteswillen gehet nicht hin und zeiget euch ſo ploͤtzlich eurer Mut⸗ ter. Tretet einen Augenblick bei mir ein, waͤhrend mein Mann hingeht, ſie auf eure Ruͤckkehr vorzube⸗ reiten; der Kummer uͤber euern Verluſt ſetzt ſie in Verzweiflung, die Freude uͤber eure ploͤtzliche Wieder⸗ erſcheinung koͤnnte ihr den Tod zuziehen.“— „Wo kommt ihr denn her, ihr boͤſer junger Menſch?“ ſagte ſie zu mir, ſobald wir uns geſetzt hatten:„wie habt ihr eure guten Aeltern ſo lange in der Ungewißheit laßen koͤnnen, was aus euch gewor⸗ den ſei?“ Ich wußte nicht, was ich antworten ſollte, weil ich meine Verheiratung vor aller Welt verbergen mußte, und hatte fuͤr den erſten Neugierigen nicht ſogleich eine Geſchichte in Bereitſchaft. Ich half mir durch Gegenwart des Geiſtes, und war genoͤthigt, zu einer Luͤge meine Zuflucht zu nehmen. Die unbekannte Dame. 35 „Ihr ſetzet mich in Verwunderung,“ antwortete ich,„indem ihr von dem Kummer ſprechet, welchen ich meinen Aeltern verurſacht habe. Da ich eine guͤn⸗ ſtige Gelegenheit fand, nach Balſora zu reiſen, wo ich eine eben ſo dringende als wichtige Erkundigung aͤber einen meiner anſehnlichſten Glaͤubiger einzuziehen hatte, war kein Augenblick zu verlieren, und ich reiſte ab, ohne daß mir Zeit uͤbrig blieb, melnen Vater von meiner Reiſe zu benachrichtigen: aber ich habe, ſobald ich gekonnt, einen Boten an ihn abgeſendet, dem irgend ein Unfall begegnet ſein muß, weil man von mir keine Nachricht erhalten hat. Die Nachbarinn ließ ſich mit dieſer Ausrede abſpei⸗ ſen, und erwiederte mir: „Unterdeſſen ſeid ihr hier todt„ fuͤr ganz Bagdad, und was noch mehr iſt, praͤchtig begraben; denn ge⸗ ſtern iſt euer feierliches Leichenbegaͤngnis geweſen. Ich will euch dieß alles erzaͤhlen, waͤhrend mein Mann die Nachbarn darauf vorbereitet, daß ſie den Todten bei guter Geſundheit wiederſehen werden,“ Der Mann uͤbernahm mit Vergnuͤgen dieſen Auf⸗ trag, und die Nachbarinn fuhr in ihrer Erzaͤhlung fort: „Euer Sklave kam heim, und meldete eurer Mut⸗ ter, daß ihr den uͤbrigen Tag und die Nacht in einem Garten bei euren Freunden bleiben wuͤrdet. Dabei be⸗ ruhigte man ſich den Abend und den naͤchſten Morgen: V. 3 34 261. 262. Ta g. Aber die folgenden Tage waren alle Kaufleute von Bagdad in Bewegung, euch aufzuſuchen. Man forſchte in allen Gaͤrten rings um die Stadt, in den Gehoͤlzen und Gefilden weit umher: da man euch aber nirgends fand, und niemand traf, der euch ge⸗ ſehen hatte, ſo vermuthete man, daß jugendliche Un⸗ vorſichtigkeit euch in eine der in Bagdad nur zu gewoͤhnlichen Schlingen haͤtte fallen laßen, in welchen junge ſittenloſe, oder unerfahrene Leute ſo haͤufig den Tod finden, indem ſie der Luſt in die Arme zu eilen waͤhnen. Euer Vater und eure Mutter zerrauften in ihrem Schmerze ſich die Haare. Eure Verwandten und Freunde legten Trauer an, und man gedachte eine Art von Troͤſtung in dem leeren Leichengepraͤnge zu finden, wobei alle Klageweiber von Bagdad ihre Rolle geſpielt haben, wobei aber auch viel wahrhafte Thraͤnen vergoſſen ſind; denn die Betruͤbnis eurer Aeltern ruͤhrte alle Leute.“ Zweihundert und zwei und ſechzigſter Tag. Es war mir bei dieſer Erzaͤhlung, o frommer Derviſch, ſehr unbehaglich zu Muthe. Ich erkannte nun die traurigen Folgen der Vergeſſenheit meiner ſelbſt und meiner Pflichten; und ich habe mein Un⸗ Die unbekannte Dame. 35 gluͤck und die Verirrung, welche die Folge davon waren, ſtaͤts als eine Strafe des Himmels betrachtet, daß ich in den Armen der Liebe der heiligſten Pflich⸗ ten der Natur vergeſſen konnte. Nachdem die Nachbarinn mir ſo viel von meiner Geſchichte erzaͤhlt hatte, als mir zu wiſſen noͤthig war, ſtand ſie auf und ſagte: „Es iſt nun Zeit, daß ihr hingehet und euch zei⸗ get. Mein Mann muß euch jetzo ſchon angemeldet haben: Gehet hin und beſtaͤtiget ſeine Verkuͤndigung eurer Heimkehr.“ 5 Ich trat alſo in das vaͤterliche Haus. Ich kann euch die Freude meines Vaters nicht beſchreiben, noch weniger die meiner Mutter, welche ohnmaͤchtig in meine Arme ſank. „Wie, du koͤmmſt von Balſora?“ rief mein Va⸗ ter aus:„du armes Kind! Der Verluſt, welchen du erleiden konnteſt, verlohnte ſich in meinen Augen nicht der Gefahr, welcher du dich ausgeſetzt und den Beſchwerden, welche du uͤberſtanden haſt.“ „Mein Vater,“ ſagte ich, indem ich vor den Nachbarn meine erſonnene Geſchichte weiter bekraͤftigte, nich weiß nicht, ob unſer Schuldner Zahlung leiſten wird, aber ich bringe euch hier Unterpfaͤnder, welche binreichend ſind, alle eure Beſorgniſſe zu zerſtreuen: bier iſt ein Diamant fuͤr euern Turban; hier ein andrer fuͤr den Knopf eures Dolchs, noch ein andrer Sag. fuͤr euern Schwertgriff, und hier ein Armband fuͤr meine Mutter. Ich denke, dieß wird ziemlich die Summen decken, welche bei ihm in Gefahr ſtehen.“ Man umarmte mich von neuen, ohne weitere Er⸗ klaͤrungen von mir zu fordern; in einem Augenblick verſchwand die vorher im Hauſe verbreitete Trauer, jeder legte feſtliche Kleider an. Spielleute erfuͤllten das Haus, tauſend Kerzen erleuchteten es, und ein glaͤnzendes Freudenfeſt verſammelte darin die Freunde meines Vaters und die meinigen. Der Abend und die Nacht verging unter Vergnuͤgungen und Wohlleben. Am folgenden Morgen, hielt ich es fuͤr Pflicht, die Urheber meiner Tage uͤber die Angaben aufzuklaͤren welche ich kluͤglich erſonnen hatte, um die Menge zu taͤuſchen. Ich erzuͤhlte ihnen alſo meine Vermaͤhlung mit allen Umſtanden, und bat ſie, das Geheimnis zu bewahren, weil mein Gluͤck daran hinge. Ihr Erſtaunen wuchs mit jedem Umſtande meiner Erzaͤhlung; und die reichen Kleinode, welche ich ihnen von meiner Gattinn uͤberbrachte, waren eben ſo viel ſprechende Beweiſe. „Er muß,“ ſagte meine Mutter,„die Tochter ei⸗ nes Geiſtes geheiratet haben!“ „Zu einer ſolchen Hochzeit laͤßt man aber nicht den Kadi kommen,“ ſagte mein Vater darauf; und beide wußten nicht, was ſie davon denken ſollten: 36 262. Die unbekannte Dame. 37 aber ſie ſahen, daß ich gluͤcklich war, und ſie waren zufrieden. Ich ſagte meinen Aeltern, daß ich meinen Handel fortſetzen wollte; ſie waren erfreut, zu ſehen, daß mein Gluͤck mir nicht den Geiſt der Thaͤtigkeit und der Wirthſchaftlichkeit benahm; und ſchon am folgen⸗ den Morgen erſchien ich wieder in meinem Laden. Man bezeugte mir in dem dortigen Stadtviertel allge⸗ meine Freude uͤber mein Wiederſehen. Da ich nun nicht mehr auf Gewinn geſtellt war, ſo zeigte ich mich willfaͤhrig und uneigennuͤtzig im Handel, und ich zog ganz Bagdad an mich. Des Abends ging ich, wie gewoͤhnlich, heim ins aͤlterliche Haus. Am Morgen des ſiebenten Tages kuͤndigte ich mei⸗ nem Vater an, daß ich wieder verſchwinden wuͤrde. Er machte Anſtalt, daß ich durch einen geſchickten Handelsdiener vertreten wurde, der ſich bemuͤhte, die von mir angenommenen Grundſaͤtze zu befolgen. Meine neue Abweſenheit betreffend, ſo war es leicht, ſie unter dem Vorwand eines auswaͤrtigen Geſchaͤfts zu verhuͤllen. Gegen Abend dieſes ſiebenten Tags erſchien die Alte bei mir, und ſagte: „Eure Gemahlinn erwartet euch mit Ungeduld.“ Da meine Ungeduld, ſie wiederzuſehen, nicht minder lebhaft war, ſo ließ ich mich nicht lange mahnen, meiner Fuͤhrerinn zu folgen. Ich wurde auf dieſelbe 262. Tag. geheimnisvolle Weiſe, wie zuvor, in den Palaſt gefuͤhrt, und meine Gattinn erwartete mich an der der erſten Thuͤre: ihre eigenen ſchoͤnen Haͤnde befrei⸗ ten mich von der Binde. Ich verlebte hier abermals vierzehn noch koͤſtlichere Tage, als zuvor, in Freuden, wie ſie nur einm gegenſeitige Liebe gewaͤhren kann, und unter Vergnuͤ⸗ gungen und Luſtbarkeiten, wie ſie nur die Bemuͤhung und der Reichthum meiner Gattinn um uns verſam⸗ meln konnte. Nach Verlauf dieſer Zeit, welche mir ſehr kurz vorkam, kehrte ich zuruͤck ins vaͤterliche Haus, und von dort wieder zu meinen Geſchaͤften. Meine Aeltern empfingen mich mit den groͤßten Beweiſen der Zaͤrt⸗ lichkeit: aber ich erfreute mich derſelben kaum, als ich ſchon wieder wuͤnſchte, daß der ſiebente Tag erſchiene, und die gute Alte kaͤme, mir die Binde um die Augen zu legen, und mich nach einem Orte zu fuͤhren, welcher fuͤr mich das irdiſche Paradies gewor⸗ den war. Meine Gattinn ihrerſeits empfand unſere Tren⸗ nung eben ſo wie ich. So bald ich den Palaſt verla⸗ ßen hatte, war das einzige Mittel ihrer Zerſtreuung, daß ſie ein Saitenſpiel nahm, und mit Begleitung ihrer Sklavinnen die Verſe ſang, welche die Liebe ihr eingegeben hatte. Da ſie mir dieſelben bei meiner Ruͤck⸗ kehr mittheilte, ſo habe ich einige davon behalten, Die unbekannte Dame. 39 welche ich euch herſagen will, waͤr's auch nur, um euch zu beweiſen, daß ich eben ſo leidenſchaftlich geliebt wurde, als ich ſelber liebte: Oh! mein Geliebter, weh der Trennung Leiden! Ich ſchmachte, wieder dich zu ſehn, Wie Augen, die in ew'ger Nacht vergehn, Sich ſehnen, ſich am Tageslicht zu weiden. O weh! warum verläßt du mich? Dein Anblick entzückt mein Geſicht; Komm wieder, meines Lebens Licht: Ich lebe nur allein durch dich. Mein Herz giebt ganz ſich der Verzweiflung hin; Nichts kann mir Freude hier gewähren, Wenn deines Anblicks ich beraubet bin: Ertränken könnt' ich mich in meinen Zähren. Bis hieher habe ich euch mein Gluͤck geſchildert: es bleibt mir nur noch uͤbrig, euch den ſchrecklichen Um⸗ ſturz deſſelben zu erzaͤhlen. Er hat ſeinen Grund in einer Leidenſchaft, welche Saliſa, die Lieblingsſkla⸗ vinn meiner Gattinn, fuͤr mich faßte; ſie verbarg dieſelbe ſorgfaͤltig vor den Blicken ihrer Gebieterinn und ihrer Gefaͤhrtinnen, erklaͤrte ſie mir aber ohne Ruͤckhalt. Ich war genoͤthigt, um ihrer Zudringlich⸗ keit Einhalt zu thun, ihr zu drohen, daß ich es mei⸗ ner Gattinn entdecken wuͤrde. Wuth und Nachgier bemaͤchtigten ſich von nun an des Herzens dieſer Sklavinn. 40 263, Tag. Zweihundert und drei und ſechzigſter Tag. Eines Tages, in meiner Abweſenheit, beſang meine Gattinn mein Lob und unſere Liebe; Saliſa mit den anderen Sklavinnen, begleitete ſie, aber bei einem Verſe von meiner Treue, that ſie, als ließe ſie, aus einer Bewegung des Unmuths, ihre Laute fallen, und nahm ſie nicht wieder auf. „Warum,“ fragte ſie meine Gattinn,„laͤßt du deine Laute auf den Boden fallen?“ „Weil ich,“ antwortete Saliſa,„nicht von der Treue der Maͤnner ſingen hoͤren mag; denn ich glaube nicht daran.— Haleſchalbeh iſt ſehr liebens⸗ wuͤrdig, er liebt euch zweifelsohne; und wer ſollte euch nicht lieben? Aber iſt ſeine Zaͤrtlichkeit der euren gleich? Ich glaube es nicht; er iſt nicht treuer, als ein andrer, und ich koͤnnte es euch wohl beweiſen, wenn ihr es wolltet.“, Dieſe heimtuͤckiſchen Worte floͤßten meiner Gattinn den unſeligen Verdacht der Eiferſucht ein: indeſſen ließ ſie mich nichts davon gewahr werden. Auf die unter uns verabredete Weiſe kehrte ich zu meinen Aeltern und zu meinen Geſchaͤften zuruͤck; und wenn ich dann wieder zu meiner Gattinn kam, ſo ſah ich mich eben ſo herzlich, eben ſo zaͤrtlich empfangen, wie gewoͤhnlic. Die unbekannte Dame. 41 Eines Tages, als ich mich in meinem Laden befand, zwei Stunden vor der Zeit, wo die Alte ſich einzuſtellen pflegte, bot ein oͤffentlicher Ausrufer auf der Straße ein goldenes mit Diamanten beſetztes Rauchfaß, fuͤr zweitauſend Zeckienen feil. Ich ließ den Ausrufer durch einen Sklaven heran rufen, und fragte ihn:. „Wem gehoͤrt dieſes Rauchfaß?“ „Es gehoͤrt,“ antwortete mir derſelbe,„dieſer Dame hier, und zeigte auf eine wohlgebildete und ſehr gut gekleidete Frau. „Erſuchet ſie,“ fuhr ich fort,„mit mir zu reden.“ Die Frau nahm hierauf das Rauchfaß dem Aus⸗ rufer aus der Hand, bezahlte ihm ſeinen Lohn, und nahte ſich mir. „Schoͤne Frau,“ ſagte ich zu ihr,„da euch das Rauchfaß gehoͤrt, ich weiß es anzubringen, wenn wir uns uͤber den Preis vereinigen koͤnnen.“ „Da es euch gefaͤllt, Haleſchalbeh,“ antwortete mir die Frau,„ſo iſt es euer, und ich verlange kein Geld dafuͤr.“ „Es iſt nicht meine Art,“ erwiederte ich ihr, „dergleichen Handel zu machen.“ „Noch die meinige,“ ſagte die Frau,„Geld zu nehmen fuͤr ein Geſchenk, welches ich dem liebens⸗ wuͤrdigſten und geliebteſten aller Maͤnner zu machen wuͤnſche. 263. Tag. Haleſchalbeh,“ fuhr ſie fort,„ich beſuche ſchon ſeit langer Zeit euern Laden: leider, habt ihr mich nicht bemerkt; aber mich haben eure Geſtalt und euer Betragen bezaubert, und bezaubern mich je mehr und mehr. Ich ſchaͤtze mich zu gluͤcklich, euch dieß Rauch⸗ faß anbieten zu koͤnnen, weil es euch anſteht.“ „Ich nehme es an, ſchoͤne Frau,“ erwiederte ich ihr,„wenn ihr den Werth deſſelben von mir an⸗ nehmet.“ „Weder Silber noch Gold,“ ſagte ſie darauf, „haben Werth in meinen Augen. Die Liebe, welche ich fuͤr euch fuͤhle, hat mir die Ruhe geraubt: ſeid nicht grauſam gegen mich; die Erwiederung meiner Zuneigung wöͤrde euch nicht erniedrigen; dem Himmel ſei Dank, ich koͤnnnte auf meine Herkunft einigerma⸗ ßen ſtolz ſein: wenn ich aber, miskannt von euch, nicht an die hoͤchſten Gunſtbezeigungen denken darf, ſo laßt mich euch doch nur einen einzigen Kuß geben, und das Rauchfaß iſt euer.“ „Ich kann nicht einwilligen, ſchoͤne Frau,“ erwie⸗ derte ich ihr,„daß ihr einen ſo ſchlechten Handel machet; nehmet euer Geld, oder behaltet euer Raͤu⸗ chergefaͤß: ein Kuß iſt kein kaufmaͤnniſcher Preis.“ „'Er iſt unſchaͤtzbar,“ antwortete die Frau,„fuͤr jemand, der vor Liebe ſtirbt. Ich habe dieſes Rauch⸗ faß nicht hergebracht, um es zu verkaufen, ſondern Die unbekannte Dame. 43 um es euch zu geben; nehmet es fuͤr dieſen Preis, und ihr rettet mir das Leben.“— Ach! ehrwuͤrdiger Derviſch, ich bekenne meine Schwachheit, ich ließ mich durch dieſe verliebten Reden und Schmeicheleien verleiten. Ohne Mistrauen, da ich die Geſichtszuͤge der Schoͤnen durch den Schleier nicht erkennen konnte, und eben ſo ſehr von meiner Eigenliebe, als durch ihre dringenden Bitten bewogen, trete ich mit ihr in einen dunkeln Winkel meines Ladens, und halte ihr die Wange hin: aber anſtatt eines Kuſſes, fuͤhle ich einen ſo heftigen Biß, daß ich einen lauten Schrei ausſtoßen muß; und ſo laͤßt ſie mich ſtehen, das Rauchfaß in der Hand, die Wange in Blut gebadet, und das Geſicht entſtellt. Es gelang mir, das Blut zu ſtillen; aber ich konnte die Geſchwulſt nicht vertreiben, noch die Spu⸗ ren des boshaften Biſſes wegbringen. In dieſem Augenblick trat die Alte herein, mich abzuholen; ſie ſchien verwundert uͤber den Zuſtand, worin ſie mich fand. Zweihundert und vier und ſechzigſter Tag. Ich gab vor, ich waͤre auf ein zerbrochenes Glas gefallen. Ich nahm mir vor, meiner Gemahlinn daſſelbe Maͤhrchen zu erzaͤhlen, aber die Verraͤtherinn 44 26 44. Tag. Saliſa war mir ſchon zuvorgekommen und hatte ſie von allem unterrichtet. Sie ſelber hatte mir dieſen tuͤckiſchen Streich geſpielt, welchen ſie meiner Gemah⸗ linn ohne Zweifel auf eine Weiſe erzaͤhlt hatte, welche mich noch viel ſchuldiger erſcheinen ließ, als ich war. Als ich in dem Palaſt ankam, wurde ich nicht, wie gewoͤhnlich, von einer liebevollen und zaͤrtlichen Gattinn empfangen, ſondern fiel in die Gewalt eines erzuͤrnten und unverſoͤhnlichen Richters. „Wer hat dir die Wange verwundet?“ fragte mich meine Gattinn, ſo bald ich vor ihr erſchien. Ich wollte ihr von dem zerbrochenen Glaſe erzaͤh⸗ len; aber gleich bei den erſten Worten unterbrach ſie mich und fragte: „Wo haſt du das Rauchfaß her, welches du in der Hand haͤltſt?“ „Es koſtet mich zweitauſend Zeckienen,“ antwor⸗ tete ich ſtammelnd. „O du Luͤgner! es koſtet dich noch weit mehr,“ verſetzte meine Gattinn mit zornfunkelnden Augen, „die Rechnung ſteht auf deiner Wange. Niedertraͤchti⸗ ger und nichtswuͤrdiger Menſch! du treibſt Handel mit deinen Gunſtbezeigungen: aber dieſe Schaͤndlichkeit ſoll dir theuer zu ſtehen kommen.— Morizan,“ rief ſie, indem ſie ſich zu ihrem oberſten Verſchnittenen wandte,„hau ihm den Kopf ab.“ Die unbekannte Dame. 43 Schon hatte Morigan mich ergriffen, als die Alte, unſre Vertraute, ſich meiner Gattinn zu Fuͤßen ſtuͤrzte, und zu ihr ſagte: „Ach Gebieterinn, begehrt nicht ein ſolches Ver⸗ brechen! ſetzet euch nicht Gewiſſensbiſſen aus, welche ihr unmoͤglich ertragen koͤnntet.“ Die Fuͤrſprache der Alten brachte meine Gattinn zur Beſinnung; ſie ſchien einen Augenblick nachzuden⸗ ken, und aͤnderte ihren Ausſpruch dahin, daß ſie befahl, mir die Baſtonnade zu geben. Waͤhrend der Verſchnittene Morizan dieſen ſtrengen Befehl gegen mich vollzog, deſſen ſchmerzhafte Wir⸗ kungen ich ohne Klagen auszuhalten ſuchte, ergriff ſie eine Laute und ſchlug die Saiten auf eine Weiſe, welche Wuth und Eiferſucht und zugleich befriedigte Rache ausdruͤckte, und ſang dazu aus dem Stegreif folgende Reime: Bricht mir mein Gatte ſeine Treue, Geh' er, den tief ich verabſcheue, Zu ihr, nach der er buhlend blickt: Wie ſehr es immer mich verdrieße, Ich duld' es, daß ſie ſein genieße, Doch erſt nachdem ich ihn zerknickt. Der Schmerz, welchen ich litt, verhinderte mich, mehr davon zu verſtehen. Ich verlor gaͤnzlich das Bewußtſein, und bekam es nicht eher wieder, als in dem Hauſe meines Vaters, wo ich mich auf einem 264. Ta g. Bette von den Meinigen und von heilkundigen Leuten um⸗ geben fand, die beſchaͤftigt waren, mir Linderung zu verſchaffen. Man hatte mich, nach der grauſamen Zuͤchtigung weggetragen, und an die Hausthuͤre meines Vaters geklopft, nachdem man mich auf der Schwelle niedergelegt. Es waͤhrte vierzig Tage, bis ich mich von den Folgen der erlittenen Mishandlung erholte. Als ich, nach Verlauf dieſer Zeit, wieder anfing aufzuſtehen, ſuchte mein Vater in mein Geheimnis einzudringen, und ich verhehlte ihm nicht den geringſten Umſtand meines letzten Abenteuers.— „O Himmel, mein Sohn,“ ſagte er hierauf zu mir,„du haſt dich mit einem Ungeheuer von Rach⸗ ſucht und Bosheit verbunden.“ „Haltet ein, mein Vater,“ rief ich aus;„ich geſtehe es, meine Gattinn war grauſam, aber ſie glaubte Grund zu haben, ſich zu beklagen; ich habe ſie beleidigt, waͤhrend ſie mich mit Zaͤrtlichkeit und Huld uͤberſchuͤttete; ich fuͤhle, daß ich ſie noch anbete, und meine Liebe waͤchſt noch durch das Gefühl mei⸗ nes Vergehens und durch die Verzweiflung, worin ich bin, mich fuͤr immer von ihr getrennt zu ſehen. Ach! wollte der Himmel, daß ſie mich zum niedrigſten ihrer Sklaven aufnaͤhme!“ „Deine Gefuͤhle,“ verſetzte mein Vater,„ziemen ſich nicht fuͤr einen Mann; erkenne beſſer die Wuͤrde Die unbekannte Dame. 47 deines Geſchlechts. Ich vermag nicht zu entſcheiden, welche Art Weſen diejenige iſt, mit welcher du dich durch eine feierliche Heirat verbunden haſt; ich wuͤrde ſie fuͤr ein Weſen der Einbildung halten, wenn ſie uns nicht, zumal zuletzt, ſo derbe Beweiſe ihrer Wirklich⸗ keit gegeben haͤtte. Erroͤtheſt du aber nicht, junger Menſch, von guten Aeltern, der du Anſpruch machen kannſt mit den beßten Haͤuſern von Bagdad in Ver⸗ bindung zu treten, daß du dich von einer thoͤrichten Leidenſchaft haſt hinreißen laßen, eine ſo ſeltſame und ungleiche Verbindung einzugehen, wie diejenige, in welche du verſtrickt biſt? Vergiß deine abſcheuliche Furie!“ Jedes Wort, welches mein Vater gegen meine Verbindung und meine Gattinn ausſtieß, war mir ein Dolchſtich ins Herz. „Ich werde ſie ſchon noch eines Tages entdecken, dieſes abſcheuliche Geſchoͤpf,“ ſetzte mein Vater hinzu: nich gehe hin, ſie dem Chalyfen anzuzeigen, um ihr die Mittel zu benehmen, neue Schlachtopfer zu finden.“ Anſtatt meinem Vater ſeiner Entruͤſtung Dank zu wiſſen, empoͤrte ſich mein Herz gegen ſeine Gedanken der Rache, und trat zwiſchen ihn und meine grau⸗ ſame, aber reizende Gattinn ins Mittel. Bald verſchlimmerte mein Seelenzuſtand, krotz den Arzneimitteln, wieder meine Geſundheit, und verwirrte meinen Geiſt; ich verſank in Traͤumerei, Schwermuth und Truͤbſinn; ich ſtieß alle Troͤſtung zuruͤck, ich 48 264. 265. Ta g. wies meine nur zu zaͤrtliche Mutter von mir, und war eine Plage fuͤr das Hausgeſinde; nichts konnte man nach meinem Geſchmacke bereiten, und ich ſchalt auf die Ungeſchicklichkeit der Koͤche. Zweihundert und fuͤnf und ſechzigſter Tag. Einer von dieſen kam eines Tages, um ſich zu entſchuldigen:„Sieh,“ ſagte ich zu ihm, indem ich den Tiſch umſtieß, und alle Schuͤſſeln mit Fuͤßen trat,„wie hoch ich deinen Eifer und deine Geſchick⸗ lichkeit achte.“ Er wollte fetwas erwiedern, ich aber ſtuͤrzte uͤber ihn her, und ſchlug ihn nach Herzensluſt. Sein Ge⸗ ſchrei und Geheul riefen meine Mutter herbei: ſie will den Gegenſtand meiner Entruͤſtung meinen Haͤn⸗ den entreißen, ſie wagt es, ihren Vorwuͤrfen einige Zurechtweiſungen mit der Hand beizufuͤgen, und ich, in meiner blinden Wuth, habe das Ungluͤck, ſie zu ſchlagen. Mein Vater koͤmmt jetzo dazu, und wird nicht mehr geſchont. Endlich feſſelt man mich. Ich erinnere mich, daß ich mit meiner Hand an den Mund kam, und ſie ganz mit Schaum bedeckt war. Mit Einem Worte, ich verlor das Bewußtſein, und bekam es nur wieder, um mich an dieſem traurigen Orte zu finden, wo ihr mich gegenwaͤrtig ſehet. Man Die unbekannte Dame. 49 ſagte mir hierauf, daß ich hier auf Befehl des Groß⸗ veſyrs Giafar feſtgehalten wuͤrde. Es ſind viele Monden verlaufen, ſeitdem ich in dieſer unwuͤrdigen Gefangenſchaft ſchmachte. Die Ein⸗ ſamkeit, und vor allen die Freiheit, mich hier ganz meiner Leidenſchaft, wie ungluͤcklich ſie ſei, hinzuge⸗ ben, ohne diejenige mit Verwuͤnſchungen uͤberhaͤufen zu hoͤren, die ich mein lebelang lieben werde, haben mir die Ruhe des Geiſtes wiedergegeben. Hier, mein ehrwuͤrdiger Derviſch, werde ich gegenwaͤrtig nur noch von der Traurigkeit beherrſcht, und nie mehr von Launen: ich bin mir nichts mehr bewußt, was berechtigen koͤnnte, mich in dieſem Ir⸗ renhauſe gefangen zu halten. Ach! es ſcheint, die Meinigen haben mich hier vergeſſen: aber der Groß⸗ veſyr ſollte doch ein Einſehen haben, da ich auf ſeinen Befehl hier ſitze, und mich wieder mit meinen Aeltern zu vereinigen ſuchen, weil ich ſie nur in einem An⸗ falle des Wahnſinns beleidigte, und jetzt wieder genugſam bei Sinnen bin, um mich gebuͤhrlich zu betragen. Dies iſt, ehrwuͤrdiger Derviſch, meine gan Geſchichte. Mein einziger Troſt iſt der Koran, ud die Hoffnung, daß der Chalyf, der alles mit eigenen Augen zu ſehen trachtet, eines Tages ſeine Schritte zu dieſem traurigen Aufenthalte lenken werde. Ich V. 4 50 265. Ta g. bitte Gott taͤglich hundertmal darum: aber ach! meine Gebete ſind nicht bis zu ihm gedrungen.“ „Fahret fort in euren Gebeten, mein liebes Kind,“ ſagte hierauf der Chalyf:„ihr werdet bald die Wirk⸗ ſamkeit derſelben inne werden, und eure Bitte wird erhoͤrt werden.“ Nach dieſen troͤſtenden Worten, kehrte Harun mit Giafar und Meßrur nach ſeinem Palaſt zuruͤck. „Was duͤnkt euch,“ ſagte der Fuͤrſt zu den Ge⸗ faͤhrten ſeines Abenteuers,„von der Geſchichte, welche wir eben gehoͤrt haben? denn ihr ſtandet in der Naͤhe, und muͤßt kein Wort davon verloren haben.“ „Ich denke,“ ſagte Giafar,„dieſer junge Menſch, von welchem ich niemals gehoͤrt habe, obwohl er mir ſein gegenwaͤrtiges Ungluͤck Schuld giebt, ſpricht ins Blaue hinein, und hat euch Geſichte oder Luͤgen erzaͤhlt.“ „Alles kann doch nicht erlogen ſein in ſeiner Er⸗ zaͤhlung,“ erwiederte der Chalyf,„und ich befehle dir, auf Mittel zu denken, der Sache auf den Grund zu kommen: du wirſt mir morgen mehr davon ſagen.“ Am folgenden Morgen kam der Großbveſyr und berichtete, was er erſonnen haͤtte, um auszumitteln, in wiefern die Klagen und die Geſchichte Haleſchalbehz gegruͤndet waͤren: „Die Leute,“ ſagte der Miniſter,„welche an Verſtandesverwirrung leiden, weichen ſtaͤts in ihren Die unbekannte Dame. 51 Ezaͤhlungen ab: wenn Ener Hoheit ſich den jungen Menſchen vorfuͤhren laͤßt, und er vor euch ſeine lange Geſchichte wiederholt in derſelben Folge wie geſtern und ohne die Umſtaͤnde zu veraͤndern, dann wird es Zeit ſein, die noͤthigen Nachforſchungen anzuſtellen, um ſich uͤber die Wahrheit der Thatſachen aufzuklaͤren.“ Da der Vorſchlag des Veſyrs ſehr verſtaͤndig er⸗ ſchien, ſo wurde der Befehl, Haleſchalbeh herbei zu holen auf der Stelle ertheilt. So bald der junge Mann am Fuße des Thrones war, redete der Chalyf ihn alſo an: „Haleſchalbeh, man hat mich verſichert, du ſeieſt in Folge einer Reihe ſeltſamer Abenteuer in das Nar⸗ renhaus eingeſperrt worden: raffe all deine Geiſtes⸗ kraft zuſammen, und zweifle nicht an meinem Wunſche, allen meinen Unterthanen Gerechtigkeit wie⸗ derfahren zu laßen: aber in dem Berichte, welchen ich von dir fordre, uͤbergeh keinen Umſtand, und gedenke der Ehrfurcht, welche du der Wahrheit und meiner Gegenwart ſchuldig biſt.“ Haleſchalbeh ſah die Weiſſagung des Derviſch ein⸗ treffen; voll Vertrauen, und von ſeinem Gegenſtande durchdrungen, begann er ſeine Geſchichte von neuen und wich ſelbſt nicht in den Ausdruͤcken ab. Giafar war nun genoͤthigt zu geſtehen, daß, was er hier zum zweitenmale hoͤrte, einen Anſtrich der Wahrheit haͤtte, welchen man unmoͤglich verlaͤugnen 52² 265. 266. Ta g. konnte. Es kam jetzo nur noch darauf an, die ſo geliebte und ſo grauſame Feindinn Haleſchalbehs zu entdecken; der Scharfſinn des Veſyrs ließ ihn bald Mittel dazu finden. Ein Befehl an alle Kadi's von Bagdad, um zu erforſchen, wer von ihnen den Heiratsvertrag ausge⸗ fertigt, haͤtte die Geſchichte verbreiten koͤnnen, ohne daß man den Knoten derſelben gefunden: wenn einer von ihnen durch Ausfertigung eines ſo außerordentli⸗ chen Vertrags das Geſetz uͤbertreten haͤtte, wuͤrde er es nicht geſtehen wollen; uͤbrigens konnte man ſich auch eines andern Menſchen bedient haben, dieſe Rolle zu ſpielen. Wurde aber Haleſchalbeh mit ſeinem Vater ver⸗ ſoͤhnt; bewog man dieſen, ſeinem Sohne von neuem das Handelsgeſchaͤft anzuvertrauen, ſo war voraus⸗ zuſetzen, daß die Alte ſich wieder einſtellen wuͤrde, waͤre es auch nur aus bloßer Neugierde: ausgeſtellte Spaͤher konnten ſich dann ihrer bemaͤchtigen und ſie zwingen, ihre Gebieterinn zu nennen. Zweihundert und ſechs und ſechzigſter Tag. Der Chalyf billigte dieſen Entwurf, und auf der Stelle wurde der Vorſteher der Handelſchaft herbeige⸗ holt. Der durch die Geiſtesverwirrung, worin er Die unbekannte Dame. 55 ſeinen Sohn noch immer waͤhnte, gebeugte Vater, war ſehr uͤberraſcht, ihn am Throne des Chalyfen zu finden, und noch mehr, ihn mit Haruns Huld beehrt zu ſehen. Auf die erſten Vorſchlaͤge zur Verſoͤhnung, welche der Veſyr ihm machte, ſtreckte er die Arme nach Haleſchalbeh aus, der ſich ſogleich hineinſtuͤrzte. Dann beſprach man ſich uͤber die Maaßregeln, um die Entwickelung des Abenteuers herbeizufuͤhren, und Haleſchalbehs Vater verpflichtete ſich, alles getreulich auszufuͤhren, was man ihm auferlegte. Vater und Sohn gingen hierauf, von der Freige⸗ bigkeit des Chalyfen, mit zwei reichen Kleidern beſchenkt, nach Hauſe, und ſchon am folgenden Morgen war Haleſchalbeh wieder in ſeinem eben ſo reich ausgeſtatteten Laden, wie zuvor. Der junge Mann beſtrebte ſich ſichtlich, durch ſeine Unterwuͤrfigkeit, Zuvorkommen und Liebkoſungen ſeine Aeltern vergeſſen zu machen, daß ſie Grund gehabt hatten, ſich uͤber ihn zu beklagen. Noch ſtaͤts von ſeiner Leidenſchaft erfuͤllt, bemuͤhte er ſich, ihnen die Wirkungen derſelben zu verbergen und ſeiner Schwer⸗ muth Herr zu werden. Er gab ſich derſelben nur in den Augenblicken hin, wo er frei von all a anderen Ge⸗ ſchaͤften ſich allein und ſich ſelbſt uͤberlaßen blieb.— Die Gattinn Haleſchalbehs hatte ſich nicht lange der Genugthuung ihrer Rache erfreuet. Als ſie wieder 54 266. Tag. zur Beſinnung kam, warf ſie ſich bald ihre Grau⸗ ſamkeit und Heftigkeit vor; es kam dahin, daß ſie ſich uͤber das Schickſal ihres Geliebten beunruhigte, welchen ſie zu ſtrenge behandelt hatte, ſelbſt wenn er ſo undankbar und ſchuldig geweſen waͤre, als ſie waͤhnte. Bald gewann die Liebe ihre ganze Herrſchaft wie⸗ der; ſie kaͤmpfte noch einige Tage gegen ein Gefuͤhl⸗ welches ſie nicht zu geſtehen wagte: aber das Still⸗ ſchweigen ward ihr zu laͤſtig, und ſie befahl, wie aus bloßer Regung des Mitleids, der alten Sklavinn, ſich zu erkundigen, was aus ihrem ungluͤcklichen Gatten geworden ſein moͤchte. „Ach! gnaͤdige Frau,“ antwortete ihr dieſe,„das Mitleid, welches ich mit ihm habe, hat mich ſchon nach dem Hauſe ſeines Vaters getrieben, und von den Leuten in der Nachbarſchaft habe ich vernommen, daß der arme junge Mann in Lebensgefahr iſt.“ „In Lebensgefahr?“ wiederholte die junge Frau: „ach, wie unglüͤcklich bin ich! ich habe den einzigen Menſchen getoͤdtet, den ich liebte, den einzigen auf der Welt, den ich lieben kann! Warum kann ich ihn nicht wiſſen laßen, daß mein Lebensfaden mit dem ſeinigen verknuͤpft iſt! aber alles verbietet es mir... geh indeſſen hin, und ſaͤume nicht, Erkundigung uͤber ihn einzuziehen, ſo viel du unbeſchadet meiner Ehre vermagſt.“ Die unbekannte Dame. 55 Die gute Alte uͤbernahm mit Vergnuͤgen dieſen Auftrag. Eine Zeitlang konnte ſie ihre Gebieterinn in der Hoffnung erhalten, daß ihr Gemahl wieder gene⸗ ſen wuͤrde; aber bald waren ihre Nachforſchungen durchaus fruchtlos, die Nachbarsleute verſtummten uͤber ihn von dem Augenblick an, wo Haleſchalbeh im Wahnſinne heimlich nach dem Irrenhauſe gebracht worden war.. Da uͤberließ ſich ſeine Gattinn der Verzweiflung; ſie ſchloß ſich mit ihrer Vertrauten ein, um ungeſtoͤrt zu weinen und ſich ihrem Schmerze hinzugeben. Die Laute, deren ſie ſich bedient hatte, den Ungluͤcklichen zu verhoͤhnen, diente ihr jetzt, ihre Klagen auszu⸗ druͤcken. Die Untroͤſtliche konnte aber jetzt keine Verſe mehr machen, wie damals, als die gluͤckliche Liebe, oder die Rache ſie begeiſterte: ſie brachte nur einzelne, von Seufzern und Thraͤnen unterbrochene Laute hervor. „Wehe! er flieht mich,“ ſagte ſie,„er hat ſich meinetwegen von hier verbannt!. Geh, mein Geliebter, zu den Tigern in die Waͤlder: du haſt ſie weniger zu fuͤrchten, als deine Gattinn!... Du vergißt mein? Du haſt Recht; ach, das iſt eine Linderung, welche ich niemals finden werde!“ Die gute Alte durchſtreifte eines Tages die Stadt, ohne eben zu denken, daß ſie ihrer Gebieterinn eine angenehme Neuigkeit bringen koͤnnte, als ſie in dem Stadtviertel, wo Haleſchalbehs Laden war, dieſen 56 266. Ta g. offen ſah: ſie blickt hinein, und erkennt ihn ſelber, in tiefen Gedanken auf dem Sopha ſitzend; ſie ent⸗ ſchließt ſich, einzutreten. Sie wollte ihn eben umar⸗ men; und er, ſobald er ſie erblickte, wollte ihr ent⸗ gegen eilen: aber die Kundſchafter des Veſyrs, welche die Sklavinn nicht aus den Augen ließen, traten zwiſchen ſie beide, ergriffen die Sklavinn und fuͤhrten ſie zu Giafar. Wie groß war die Ueberraſchung des Veſyrs, als er in der Frau, welche man ihm vorfuͤhrte, Nemana, die alte Hofmeiſterinn ſeiner geliebten Tochter Seraide erkannte! „Wie!“ redete er ſie an,„du, die meine Tochter mit ihrer Huld beehrt, dich ſinde ich in Haleſchalbehs Liebeshandel verwickelt! Was iſt das fuͤr eine Frau, welche du ihn haſt heiraten laßen?“ „Ach! mein Fuͤrſt und Gebieter,“ antwortete Nemana, ganz vernichtet,„wem haͤtte ich anders dienen koͤnnen, als der Prinzeſſinn Seraiĩde, eurer Tochter?“ Giafar ſtand wie angedonnert, als er vernahm, daß ſeine Tochter ſich ohne ſein Wiſſen und Willen verheirathet hatte. Weil er aber wußte, welchen leb⸗ haften Antheil der Chalyf an der Entwickelung dieſes Handels nahm, verfuͤgte er ſich, anſtatt nach ſeinem eigenen Palaſt heimzukehren um ſich mit Seraiden zu verſtaͤndigen, auf der Stelle zu dem Beherrſcher der . Die unbekaunte Dame. 67 Glaͤubigen, und ließ ſich Nemana ſammt den Kund⸗ ſchaftern, welche er gegen ſie ausgeſchickt hatte, da⸗ hin folgen. 4 „O hochweiſer Chalyf,“ ſprach er,„die in die Heiratsgeſchichte des Haleſchalbeh verwickelte Alte iſt gefunden, ſie ſteht vor der Thuͤre, ich habe ſie be⸗ fragt.— Die Gattinn Haleſchalbehs,“ fuhr der Veſyr fort,„hat nur das im Koran enthaltene Geſetz gel⸗ tend gemacht, als ſie ihren Gatten fuͤr ein uͤberwie⸗ ſenes Vergehen beſtrafte, wie er es verdiente: die Rechte der Ehegatten auf einander ſind gegenſeitig; Haleſchalbeh hat ſich den Liebkoſungen einer fremden Frau hingegeben.“. „Mich duͤnkt doch,“ ſagte Harun zu Giafar,„du thuſt den Ausdruͤcken des Geſetzes einigen Zwang an. Du machſt es ſehr moͤrderiſch, und wuͤrdeſt zu viel Koͤpfe in Bagdad in Gefahr ſetzen, wenn das Recht, ſich ſelber Genugthuung zu verſchaffen, allen ohne Unterſchied zugeſtanden wuͤrde, die auf ſolche Weiſe beleidigt ſind, oder zu ſein waͤhnen.“ „Nicht alle Ehen,“ erwiederte Giafar,„koͤnnten der ſtrengen Anwendung dieſes Geſetzes unterworfen werden. Aber wenn das Mauͤdchen, die ſich verheira⸗ tet, ſich ſelbſt der ganzen Strenge deſſelben unter⸗ wirft, und uͤberdieß im Stande iſt, zu fordern, daß derjenige, mit dem ſie ſich vermaͤhlen will, ſich dem⸗ ſelben unterwerfe, und er ſich freiwillig ihm unter⸗ 58 266. TDag. worfen hat, ſo hat die Beleidigte bei ihrer Rache nur von ihrem geſetzmaͤßigen Rechte Gebrauch gemacht.“ „Noch immer,“ ſagte Harun,„fuͤhle ich mich trotz deinen ſchoͤnen Gruͤnden, fuͤr den ungluͤcklichen Haleſchalbeh geneigt; ich muß aber noch erſt diejenige kennen lernen, deren Sache du ſo geſchickt verthei⸗ digeſt.“ „Es iſt meine Tochter,“ antwortete der Veſyr etwas verlegen. „Jetzt verſtehe ich,“ fuhr der Chalyf fort:„ich ſehe, daß die Beſorgung meiner Angelegenheiten dich zu ſehr die deinigen vernachlaͤßigen macht. Du weißt nicht, was in deinem eigenen Hauſe vorgeht: man verheiratet ſich darin, man ſchaltet uͤber das Leben eines Mannes, ohne dich im geringſten davon in Kenntnis zu ſetzen. Du begreifſt doch wohl, welche Folgen es haben wuͤrde, die Anwendung eines ſtren⸗ gen Geſetzes einer von der Leidenſchaft gewaffneten Hand zu uͤberlaßen. Ich weiß, welcher Rechte ſich die Frauen, bei ſolchen ungleichen Heiraten anmaßen. Wenn hoͤhere Staatsgruͤnde ſie zuweilen noͤthigen, einem Geringeren die Hand zu geben, ſo koͤnnen ſie, bis auf einen gewiſſen Punkt dieſelben fuͤr ſich geltend machen; es iſt eine Entſchaͤdigung fuͤr das Opfer, welches ſie bringen: aber deine Tochter Seraide hat nur ihrem Wohlgefallen ein Opfer gebracht, und auf alle Weiſe iſt der Sohn des Vorſtehers der Handelſchaft Die unbekannte Dame. 59 ihresgleichen geworden; er liebt ſie, er vergoͤttert ſie, trotz den gegen ihn veruͤbten Grauſamkeiten, ſollte ſie da nicht nur zu gluͤcklich ſein, wenn er wieder ihr Gemahl wird? Du weißt ſehr wohl, daß ich durch einen Blick aus dem geringſten meiner Unterthanen einen Fuͤrſten machen kann: ich will, der Gerechtigkeit zu Liebe, den Vater Haleſchalbehs erheben, und fuͤr den Sohn ſorgen, ſowohl ſeinetwegen, als in Ruͤckſicht auf dich. Erforſche den Namen des Kadi's der den Ehevertrag vollzogen, und warum er es gewagt hat, ihn ohne dein Wiſſen und Willen auszufertigen; um ſo mehr, als ohne dieſe Zuſtimmung, die Urkunde nichtig werden konnte. Gieb Acht, daß in der Form nichts verſaͤumt werde.“ Zweihundert und ſieben und ſechzigſter Tag. Nachdem der Chalyf alſo zu ſeinem Großveſyr geſprochen hatte, ließ er Haleſchalbeh vortreten und ſagte zu ihm: „Junger Mann, deine Frau ſoll dir wiedergegeben werden und es in deiner Gewalt ſtehen, ihr zu ver⸗ zeihen oder ſie zu beſtrafen. Sie iſt die Tochter mei⸗ nes Großveſyrs, aber nichts darf dich deshalb abhal⸗ ken, den Bewegungen deines Herzens oder den Neigungen deiner Seele zu folgen.“ 60 267. Ta g. „O Beherrſcher der Glaͤubigen,“ rief der junge Haleſchalbeh aus,„koͤnnte ich auf diejenige noch zuͤr⸗ nen, welche ich mehr, als mein eigenes Leben liebe? Ich verlange nichts, als das Gluͤck, ſie wiederzuſe⸗ hen, und wenn ich ihr Herz wiedergewinnen kann, mit Zuſtimmung ihres Vaters, ſo widme ich beiden eine Liebe und eine Ehrfurcht, welche nur mit mei⸗, nem Leben aufhoͤren wird.“ „Giafar,“ ſagte der Chalyf hierauf,„ich em⸗ pfehle dir die Wohlfahrt deiner Tochter und deines Schwiegerſohns; betrachte ihn von heut' an als einen Mann, der in meinen Dienſten ſteht, und mit dem ich meine Abſichten habe.“ Der Großveſyr begab ſich nun, mit Haleſchalbeh an der Hand, nach ſeinem Palaſte. Die Alte folgte, und ſo bald ſie ſich in Freiheit ſah, entſchluͤpfte ſie, und eilte voraus, ihre Gebieterin auf den ihr wahr⸗ ſcheinlich bevorſtehenden Beſuch vorzubereiten. Als der, von ihr angekuͤndigte Veſyr, hereintrat, ſtand Seraide auf, ihm entgegen zu gehen, und ihm, wie gewoͤhnlich, ihre Liebe und Ehrfurcht zu bezeu⸗ gen: ein Wink mit der Hand und eine ſtrenge Miene noͤthigten ſie aber, zuruͤckzubleiben. „Unterlaß dieſe Gebaͤrden,“ ſprach Giafar zu ihr, nda kann keine Liebe ſein, wo das Vertrauen fehlt, noch kann Ehrfurcht mit Ungehorſam beſtehen. Du haſt dich, ohne mein Wiſſen, verheiratet, und in einem Die unbekannte Dame. 6²1 Ausbruche von Wahnſinn haſt du das Anſehn mis⸗ braucht, welches ich dir uͤber die Leute unſers Hauſes gegeben hatte, und dich zur ſtraͤflichſten Uebertretung gegen deinen Gemahl hinreißen laßen, zu einem Ver⸗ gehen, welches uns dem Zorne des Chalyfen ausſetzt. Waͤhnteſt du,“ fuhr der Veſyr fort,„als du deine Hand dem Sohne des Vorſtehers der Kaufmannſchaft von Bagdad reichteſt, eines angeſehenen, von aller Welt geehrten, und von dem Chalyfen geachteten Mannes, waͤhnteſt du dich da mit einem niedrigen Sklaven zu verbindend Und wenn auch das Leben dieſer Sklaven zu ſchonen iſt, wie durfteſt du ſo will⸗ kuͤrlich uͤber das Leben deines Gemahls ſchalten? Ich bringe ihn dir hier; er iſt dein Herr, er hat nun ſei⸗ nerſeits uͤber dein Leben zu gebieten; fall ihm zu Fuͤ⸗ ßen, und wiſſe, daß du nur dadurch meine Achtung wiedergewinnen kannſt, daß du durch deine Unterwuͤr⸗ figkeit die unwuͤrdige und grauſame Behandlung wie⸗ der gutmacheſt, welche er von dir erlitten hat.“ Waͤhrend der Veſyr alſo ſprach„ waͤre die zitternde Seraide leblos zu ſeinen Fuͤßen hingeſunken, haͤtte ſie nicht in Haleſchalbehs Augen noch etwas mehr als Mitleid mit dem Zuſtande der Verwirrung wahrgenom⸗ men, in welchen ſie ſich verſetzt ſah; es ward ihr nicht ſchwer, ihm zu Fuͤßen zu ſtuͤrzen, ſie kuͤßte ſie mit Inbrunſt. Der junge Gatte, auf dem Gipfel 62 267. Tag. ſeines Gluͤcks, hub Seraide'n auf, umarmte ſie, und ihre Thraͤnen vermiſchten ſich eine Weile mit einander. Dieſer zaͤrtliche Auftritt ruͤhrte Giafar, der ſeine Tochter leidenſchaftlich liebte: Vater und Miniſter zu⸗ gleich, ſah er ſich entwaffnet. Aber er mußte den Kadi rufen laßen, um die Unregelmaͤßigkeit des Ehe⸗ vertrags zu verbeſſern. Er erfuhr, daß er Jalled⸗ din hieß, und ließ ihn auf der Stelle holen. Jalleddin erſchien, und ließ Giafar nicht Zeit, ihn zu fragen, warum er Seraide'n heimlich und ohne Zuſtimmung jemand anders, außer ihr ſelber, verhei⸗ ratet haͤtte, ſondern ſagte ſogleich: „Eure Tochter ließ mich rufen, ſie ſchilderte mir die Glut ihrer Leidenſchaft, und ich glaubte, ihrem Verlangen nachgeben zu muͤßen, um ihr, obwohl durch eine Unregelmaͤßigkeit von meiner Seite, eine noch unregelmaͤßigere Auffuͤhrung zu erſparen: ſie ſchlug mir vor, ihr Vormund zu ſein, und in dieſer Eigenſchaft, welche ich annahm, und weil ich ihre Wahl nicht misbilligte, glaubte ich dieſem anziehenden Paare einen weſentlichen Dienſt zu leiſten und ſah wohl voraus, daß ihr es einſt nicht misbilligen wuͤrdet.“ Giafar, weit entfernt, dem Kadi Misvergnuͤgen blicken zu laßen, bezeugte ihm vielmehr großmuͤthig ſeine Erkenntlichkeit. Aber er befahl, ihm die Skla⸗ vinn Saliſa zu uͤberliefern, um ſie zu beſtrafen, Die unbekannte Dame. 63 nachdem er ſie zum Geſtaͤndnis der boshaften Liſt ge⸗ bracht, welche ſie angewendet, die Gatten zu trennen. Dieſe beiden uͤberließ er ſich ſelbſt, nachdem er Ha⸗ leſchalbeh verſichert hatte, daß er ihm eben ſo lieb ſein ſollte, wie ſein eigener Sohn. Hierauf ſtellte er praͤchtige Feſte an, um einer Vermaͤhlung allen moͤglichen Glanz zu verleihen, welche von dem Chalyfen gebilligt und beguͤnſtigt, und ein Gegenſtand der Freude fuͤr alle Einwohner von Bagdad war. So geſchah es, daß Haleſchalbeh, faſt unerwartet, aus dem Tollhauſe zu den hoͤchſten Ehren uͤberging, zu welchen Harun⸗Alraſchid ihn erhub, und aus der Fſchenlichſia Lage auf den Gipfel des Gluͤcks empor⸗ ieg.— Gaeſchei chte Failuns, oder der Blödſinnige. Zweihundert und acht und ſechzigſter Tag. „In Bagdad lebte ein junger Menſch namens Eailun, guter Leute Kind, und ſchon in fruͤhen Jahren Waiſe, bei wenig Vermoͤgen. Sein kurzer und ſtaͤmmiger Wuchs verkuͤndigte eine ſtarke Leibes⸗ beſchaffenheit. Seine Geſichtszuͤge waͤren angenehm geweſen, wenn ſie nicht gaͤnzlich des Ausdrucks er⸗ mangelt haͤtten. Von Kindheit an diente er, da es ihm an Urtheilskraft fehlte zum Spielballe ſeiner Ge⸗ ſellen; uͤbrigens war er von ſehr ſanfter Gemuͤthsart. Sobald er das Alter der Mannbarkeit erreicht hatte, gedachten ſeine Verwandten, daß eine verſtaͤndige Gat⸗ tinn ihn leiten und wenigſtens einen anſtaͤndigen Mann aus ihm machen koͤnnte, ſie beſchloſſen alſo, ihm eine Frau zu geben, und verheirateten ihn mit Der Bloͤdſinnige. 65 einem Maͤdchen, die zwei Jahre aͤlter war, als er, dabei ſittſam, verſtaͤndig, und ſeinem Stande gemaͤß. Oatbha, ſo hieß ailuns Gattinn, gewahrte bald die Maͤngel ihres Mannes. Dieſer Faullenzer ſchlief, ſo bald ſein Bauch gefuͤllt war, und wachte nur auf, um von neuen zu eſſen. Wenn er ſich etwa eine Bewegung machte, ſo geſchah es, die Stadt zu durchſtreifen, ſich unter die Menge zu mi⸗ ſchen, und alles anzugaffen, ohne etwas zu ſehen. Von Zeit zu Zeit zog dieſe naͤrriſche Zudringlichkeit ihm Mishandlungen zu, und kam er mit blutruͤnſtigen Backen oder blauen Augen nach Hauſe. Das kraͤnkte Oatbha; ſie liebte ihren Mann, weil er, abgeſehen von ſeiner Gefraͤßigkeit, ſeiner Faulheit und ſeiner großen Einfaͤltigkeit, ein guter Menſch ohne Arg war. Bei dieſer Lebensart kailuns verſchlimmerten ſich aber ſeine Umſtaͤnde; er verzehrte ſein kleines Erbtheil in Unthaͤtigkeit und Schlaf, und ſank allmaͤhlich zum Bloͤdſinn herab. Oatbha hatte alles verſucht, Liebkoſungen, und Scheltworte, aber Parlun aͤnderte ſeine Lebensweiſe nicht. Seine Frau wollte ihn wenigſtens zu einer kleinen Arbeit noͤthigen um ihn allmaͤhlich auf den Weg zu bringen, ſich ſelber zu ernaͤhren, aber es war nicht moͤglich, ihn dahin zu bringen, irgend et⸗ was zu thun. V. 5 268. Tag. Endlich hatte er ſich eines Tages auf dringendes Ermahnen entſchloſſen, hinzugehen und Waͤſche auszu⸗ breiten, um ſie an der Sonne trocknen zu laßen. Als Oatbha eine Weile darnach hinkam, um zu ſe⸗ hen, ob er ſeinen Auftrag erfuͤllt haͤtte, fand ſie ihn niederhockend und in voller Unterhaltung mit einem Karduon,“) der auf einem Steinhaufen ſaß. Pailun redete zu ihm, und das kleine Thier ſchien ihm durch Bewegung des Kopfs, welche ihm natuͤr⸗ lich iſt, zu antworten: unterdeſſen lag die Waͤſche auf der Erde. „Was machſt du da, Railun?“ ſagte Oatbha. „Ich rede mit meinem Vetter.“ „Der Karduon iſt dein Vetter?“ „Ja, freilich,“ und hierauf redete er das Thier⸗ chen an:„biſt du nicht mein Vetter, Karduon?“ Das Thier antwortete darauf durch ſein gewoͤhn⸗ liches Kopfnicken. Oatbha, die lebhaft war, verlor jetzo die Geduld; ſie nahm eine Terebinthen⸗Ruthe, die ihr zu Hand war, und gab damit Kailun drei oder vier Streiche. *) Karduon heißt ein kleines, vierzehn Zoll langes Thier, welches in ſeiner ganzen Geſtalt dem Nil⸗Krokodil ähnlich iſt. Wenn man es anſieht, ſo bewegt es den Kopf von oben nach unten, wie wenn jemand einer Sache Beiſtimmung zunickt. Es iſt unſchädlich. Der Bloͤdſinnige. 67 Dieſer ſah ſie ſtumpfſinnig an, und ſputete ſich, die Waͤſche aufzuraffen und auszubreiten. Oatbha ſtellte jetzo Betrachtungen an:„Unſer Hausſtand wird ſich vermehren: ich werde durch meine Arbeit allein mich ſelber, meine Kinder und dieſen ſtarken Faullenzer nicht ernaͤhren koͤnnen; da ich ihm aber Furcht einjagen kann, ſo muß ich ihm das Laſter des Muͤſſiggangs austreiben. Er iſt ſtark, ich will ihn zwingen, zu arbeiten, um ſich zu ernaͤhren.“ Nachdem ſie dieß bei ſich ſelber beſchloſſen hatte, nahm ſie, als Pailun nach Hauſe gekommen war, alsbald wieder ihre Terebinthen⸗Ruthe zur Hand, und noͤthigte ihn, ihren wenigen Hausrath erſt von der Stelle zu ruͤcken und dann wieder in Ordnung zu ſtel⸗ len; ließ er einen Augenblick nach, ſo regnete es Schlaͤge auf ihn.— Failun gehorchte; aber ſo bald die Arbeit abge⸗ than war, machte er ſich davon, durchſtreifte Bag⸗ dad, und kam erſt ſehr ſpaͤt, und arg mishandelt nach Hauſe. Er hatte ſich unbedacht in eine Pruͤge⸗ lei gemiſcht, und Schlaͤge davon getragen. Oatbha ſah, daß die Terebinthen⸗Ruthe nicht hinreichend war, ihr Anſehen, deſſen ſie bedurfte zu begruͤnden:. „Wo koͤmmſt du her?“ fragte ſie ihn.„Ich will dich lehren, ohne meine Erlaubnis auszugehen und dich ſo entſtellen zu laßen, wie du biſt!“ 68 268. 269. T a g. Zugleich zuͤhlte ſie ihm zwanzig derbe Stockſchlaͤge auf die Schultern, ließ ihn dann niederſitzen und ver⸗ band ihm die Wunden, welche er an den Haͤnden und im Geſicht erhalten hatte. Als der Verband beendigt war, hieß ſie ihn ſchla⸗ fen gehen, und ſagte: „Jetzt lege dich nieder; morgen werden wir anders mit einander reden. Du mußt durchaus anders wer⸗ den, du großer Tropf, oder du wirſt uns noch alle vor Hunger und Kummer umkommen laßen; du haſt noͤthig zu arbeiten, um dich zu ernaͤhren, du mußt es alſo thun; du biſt groß und ſtark, du mußt dir in Bagdad Arbeit ſuchen, und wenn du keinen Erwerb nach Hauſe bringſt, ſo ſoll der Stock ſeine Pflicht thun.“ Pailun ſchlief ſehr traurig ein, indem er bei ſich ſelber ſagte:„Ich ſoll Pruͤgel kriegen, wenn ich mich nicht aͤndere: aber wie ſoll ich es anſtellen, mich zu aͤndern und nicht mehr ailun zu ſein?“ Zweihundert und neun und ſechzigſter Tag. Am folgenden Morgen ſah Oatbha, daß das Ge⸗ ſicht ihres Mannes von den geſtern empfangenen Schlaͤgen noch zu ſehr entſtellt war; ſie verband ſeine Wunden, und ſagte dabei: Der Bloͤdfinnige. 69 „Liege und kaͤu' wieder, du Dummkopf! aber denke daran, dich von Grund aus zu aͤndern.“ Als die Folgen der Mishandlung bei dem Faullen⸗ zer verſchwunden waren, hieß ſeine Frau ihn aufſte⸗ hen, und ſagte zu ihm: „Verlaß das Haus, und verdinge dich auf Tage⸗ lohn bei irgend einem Herrn in Bagdad; hier zu Hauſe iſt kein Brot fuͤr dich, und wenn du heimkoͤmmſt ohne welches mitzubringen, ſo ſiehſt du hier den Stock: der ſoll dich alle Tage empfangen, bis du dich gaͤnzlich geaͤndert haſt.“ Failun's Kopf war von der Beſchaffenheit, daß er immer nur die letzten Worte behalten konnte. Er ſoll alſo Brot bringen und ganz veraͤndert heimkommen, oder mit Stockſchlaͤgen empfangen werden, an welche ihn ſeine Schultern noch ſchmerzhaft mahnen. Er kam an einen Beckerladen vorbei. Das friſch aus dem Ofen gezogene Brot lag vorn aus unter dem Zelte: es reizte durch ſeine Farbe, ſeine Geſtalt und ſeinen guten Geruch die Eßluſt. Es war Winter und kalt, und die aus dem Ofen ſich verbreitende Hitze war ein Reiz mehr fuͤr ihn, denn er war nur duͤnne gekleidet. 1 Der wohlbeleibte und rothbaͤckige Becker, der neben ſeinem Ofen ſaß, hatte ein ſehr einladendes Anſehen von Wohlhabenheit, die reinlich gekleideten Geſellen, 7⁰ 269. Tag. die den Teig knaͤteten, boten ein Bild der Heiterkeit, der Geſundheit und des Gluͤcks dar.. „Oh!“ ſagte Pailun,„wenn ich in dieſen Laden kommen koͤnnte, das waͤre grade meine Sache: da iſt ja das Brot, das ich mir holen ſoll. Wenn ich nur acht Tage lang ſo gutes Brot eſſen koͤnnte, wie dieſes da, ſo wuͤrde ich fett und roth werden, wie alle dieſe Leute, und ganz veraͤndert ſein.“ Nach dieſer Betrachtung, trat er in den Laden; der Becker ſchaute ihn an, und ſeinem ſtarken Aus⸗ ſehn nach hielt er ihn fuͤr einen Tageloͤhner, der Arbeit ſuchte, und redete ihn an: „Was willſt du, Freund ſuchſt du Beſchaͤftigung? willſt du mir bei meiner Arbeit helfen?“ „Ich will es gern,“ antwortete Failun. „Wenn das iſt, ſo nimm hier das Beil, binde dieß Reißbuͤndel auf, und hacke die Zweige klein, ſo daß ich ſie in meinen Ofen ſtecken kann.“ Pailun ſetzte ſich hin, und verrichtete ſeine Arbeit. Als die Mittagsſtunde kam, gab man ihm eins von den Broͤten, wonach ihn ſo ſehr geluͤſtet hatte. Der Becker vernahm, daß ſein neuer Arbeiter Frau und Kinder haͤtte, und als er ihn am Abend entließ, gab er ihm noch drei andere Broͤte fuͤr dieſelben mit, und ließ ihn froͤhlich nach Hauſe gehen. Oatbha empfing ihn ſehr freundlich, und als ſie vernahm, was er gethan hatte, ſagte ſie zu ihm: Der Bloͤdſinnige. 71 „Du ſiehſt, wenn man ſich Muͤhe giebt, erwirbt man ſein Brot. Praͤge es dir ein, daß du alle Tage deines Lebens arbeiten und dich gaͤnzlich aͤndern mußt.“ Am folgenden Morgen wollte Rarlun etwas laͤnger ſchlafen, aber Oatbha weckte ihn mit ihrer Gerte, und ſagte: „Auf, und geh nach dem Laden, oder ich nehme den Stock!“ Fazlun kleidete ſich an, und ging hurtig hinweg. „Ach!“ ſagte er,„wann werde ich ſo veraͤndert ſein, daß ich nicht mehr vom Stocke reden hoͤre.“ Hiemit begab er ſich wieder an ſeine Arbeit. Dieſes Gewerbe trieb er acht Tage lang, und die kleine Haushaltung war reichlich mit dem Nothwendigen verſehen. Alle Morgen wurden die Ermahnungen wiederholt, und manchmal kam auch der Stock dran, wenn Pazlun ſich zu traͤge zeigte. Unterdeſſen fand Farlun das Brot nicht mehr ſo gut, als am erſten Tage; er mußte ſich auch noch nicht veraͤndert haben, weil ſeine Frau ihn noch alle Morgen ſchalt und ſchlug, und es kam ihm hart an, nachdem er ſo gern in Bagdad umhergeſtrichen war, jetzo den ganzen Tag vor dem Ofenloche gefangen zu ſein, und nicht in den vollen Morgen hineinſchlafen zu koͤnnen. 72 269. 270., Tag. Er machte alſo den Schluß, daß dieſe Art der Veraͤnderung nichts taugte, und daß er eine andre aufſuchen muͤßte. Die Frau weckte ihn am Morgen mit dem ge⸗ woͤhnlichen Nachdrucke: „Steh hurtig auf, geh aus, deinen Unterhalt zu erwerben, und bring etwas mit zu Hauſe, wenn ich dich nicht mit Schlaͤgen empfangen ſoll. Wir werden nicht mehr als Mann und Frau mit einander leben, bevor du nicht gaͤnzlich veraͤndert biſt.“ „Schon gut,“ murmelte ailun zwiſchen den Zaͤh⸗ nen,„aber jetzo bin ich ein Gefangener und dieſe Veraͤnderung gefaͤllt mir keinesweges: ich muß etwas anderes aufſuchen.“ Damit durchlief er ganz Bagdad, ohne eben zu wiſſen, was er ſuchte. Zweihundert und ſiebzigſter Tag. Indem er ſo umherſtrich kam er an den Laden Szeydi⸗Haſſans von Damask, des beruͤhmte⸗ ſten Speiſewirths in Bagdad; das Haus hatte eine ſchoͤne Lage am Ufer des Daddſchala. Der Bloͤdſinnige. 73 Unter dem Zelte vor dem Hauſe,*) ſtand ein gro⸗ ßes Becken hochaufgehaͤuft voll Reis, der von dem koͤſtlichſten Gewuͤrz durchdrungen, mit gehacktem Flei⸗ ſche belegt, und mit eben ſo viel Sauberkeit, als Wohlgeſchmack zugerichtet war: der Duft dieſer Schuͤſſel machte Sailun luͤſtern. Er ſah in dem Laden ſechs junge Leute bei der Arbeit beſchaͤftigt, die hoͤchſt ſauber gekleidet, bild⸗ ſchoͤn, und eben ſo vergnuͤglich waren, als ſie ſich wohl zu befinden ſchienen. Es verwunderte ihn nicht, daß Leute, denen ein ſo koͤſtlicher Pilau⸗) zu Gebote ſtand, als er hier ſah, ſich ſo vieler Vorzuͤge erfreu⸗ ten, und er bildete ſich ein, wenn er ſo lebte, wie ſie, ſo wuͤrde er bald ihnen gleichen. Dazu mußte er aber den Speiſewirth anſprechen, ihm zu verſtat⸗ ten, in ſeinem Laden zu arbeiten. Der Hunger, das Verlangen ſich zu veraͤndern, machten Pailun beredt, und er fragte Szeydi⸗Haſſan:„Haͤttet ihr wohl Arbeit fuͤr mich?“ „Daran fehlt es hier nicht,“ antwortete der Spei⸗ ſewirth;„geht zu meinen Leuten, ſie werden euch alsbald etwas zu thun geben.“ *) Ein ſolches Zelt ſteht vor jedem Laden. **) Pilau oder Pelau heißt bei den Arabern der auf obige Weiſe zugerichtete Reis. 74 270. Ta g. Parlun wurde ſogleich an die Arbeit geſtellt. Zu Mittageſſen bekam er von den Ueberbleibſeln aller Art und in Fuͤlle. Er ſaͤttigt ſich, er ſtopft ſich voll da⸗ von, nicht zweifelnd, daß er endlich das einzige Mit⸗ tel gefunden, zu der erwuͤnſchten Veraͤnderung zu gelangen. 3 Nach dem Eſſen ging er wieder an die Arbeit; ſie war nicht ſchwer, und beſtand darin, die Tiſche fuͤr die zum Speiſen kommenden Gaͤſte zuzurichten, die Schuͤſſeln aufzutragen, wieder wegzunehmen, und aufzuraͤumen. Am Abend kam er mit einer großen Schuͤſſel auf⸗ gehaͤuft voll allerlei Ueberbleibſel nach Hauſe. Es war ſchon ſpaͤt, und Oatbha beſorgt; als ſie ihn ſo ſchwer beladen, aber kein Brot von ſeinem Beckermei⸗ ſter bringen ſah, ſo zweifelte ſie nicht, daß er, wie gewoͤhnlich die Stadt durchſtrichen und die Schuͤſſel, mit dem was darauf war, irgendwo entwendet haͤtte. „Wo koͤmmſt du, Herumſtreicher her? Wo haſt du dieſe Schuͤſſel geſtohlen, du Dieb?“ Mit dieſem Willkommen empfing ſie ihn, und einige derbe Stock⸗ ſchlaͤge begleiteten ihre Worte. Parlun wollte ſie verſtaͤndigen, wie es ihm mis⸗ fallen bei dem Backofen wie ein Gefangener zu leben, und wie er, um ſich vortheilhafter zu veraͤndern, bei Szeydi⸗Haſſan gearbeitet haͤtte. Oatbha aber ant⸗ wortete:— Der Bloͤdſinnige. 75 „Man kann dir dieß nicht alles gegeben haben; komm mit mir; ich will nicht, daß man uns fuͤr Diebe halte.“ Sie nahm ihren Schleier, hieß Parlun mit der Schuͤſſel folgen, und eilte zu dem Speiſewirthe. Szeydi verwunderte ſich uͤber die große Ehrlichkeit; er fuͤgte noch einige andere Geſchenke derſelben Art hinzu, und ließ die guten Leute nach Hauſe gehen. So war Kaꝛlun eine zeitlang ganz gluͤcklich, ging taͤglich zu Szeydi, aaß nach ſeinem Gefallen, und brachte alle Abend Ueberfluß in die Haushaltung heim. Wenn er nun fruͤh aufſtand, ſo bekam er keine Schlaͤge und Scheltworte, denen er ſich aber immer ausgeſetzt ſah, wenn er ſaͤumte. Er hatte ſich in den Kopf geſetzt, er muͤßte ſich dergeſtalt veraͤndern, daß er ſeiner Frau unkenntlich wuͤrde, und in dieſer Hoff⸗ nung aaß er ſo viel er nur konnte, um voll und rothbaͤckig zu werden, wie die anderen Bedienten des Speiſewirths; er ging oft hin und betrachtete ſich in einem Spiegel, der in dem Laden hing, und beobach⸗ tete, ob er nicht ſchon etwas zunaͤhme. Eines Tages bemerkte dieß Szeydi⸗Haſſan und fragte ihn, was er da machte. 3„Ich beobachte, ob ich nicht ſchon veraͤndert bin;“ antwortete Tarlun; dann betaſtete er abwechſelnd ſein Geſicht, und ſeine Kleider, und zuckte die Schultern, zum Zeichen des Misvergnuͤgens. 76 27o. Tag. „Du willſt dich alſo veraͤndern?“ fragte Szeydi. „Ja, Herr;“ antwortete Pailun. „Aber du kannſt im Augenblick dazu gelangen, wenn du willſt;“ fuhr der Speiſewirth fort;„ich kann dir ein andres Amt geben: der Kuͤchenjunge iſt geſtorben, du ſollſt ſeine Stelle haben.“ „Werde ich auch ſeine Kleider kriegen?“ fragte Kailun. „Ohne Zweifel,“ ſagte Szeydi,„das verſteht ſich von ſelbſt.“ 4 „So will ich mich ſogleich veraͤndern,“ ſagte Xa⸗ ilun;„ſchon lange bitte ich Gott taͤglich, veraͤndert zu werden.“) Man machte ſich in dem Hauſe des Speiſewirths einen Spaaß daraus, den neuen Kuͤchenjungen mit ſeinen Amtskleidern zu bekleiden. Failun war außer ſich vor Freuden, daß er nun wirklich veraͤndert wor⸗ den und bald den uͤbrigen Bedienten Szeydi⸗Haſſans aͤhnlich ſein ſollte. Der bloße Geruch ſchon haͤtte ihn das Unvortheil⸗ hafte ſeines neuen Aufzuges verrathen ſollen; aber er vermochte immer nur Einen Gedanken zu verfolgen. So war er denn fettig von Kopf bis zu den Fuͤßen, und hatte eine ſchmutzige Schuͤrze vor; man fuͤhrte ihn an das Waſchfaß und gab ihm das Geſchirr und die Keſſel zu ſcheuern: aus Mangel an Geſchicklichkeit und Uebung ſchmierte er ſich faſt eben ſo viel Schmutz Der Bloͤdſinnige. 77 und Ruß an die Haͤnde und ins Geſicht, als er von den Gefaͤßen abwiſchte. Man brachte ihm gut zu eſſen, und er war be⸗ wundernswuͤrdig bald damit fertig. Dann gab man ihm neue Arbeit, und er beeiferte ſich, ſie zu vollen⸗ den, um bald in dem Spiegel die gluͤckliche Wirkung ſeiner Veraͤnderung wahrzunehmen. Als er ſich nun aber darin erblickte, erſchrak er vor ſich ſelber. Er ſprang aus dem Hauſe und lief weg, mit den Worten: „Ach Gott, ach Gott! ich bat dich um eine Ver⸗ aͤnderung, aber nicht in einen Gefangenen, noch in einen Kuͤchenjungen.— Indeſſen,“ bedachte er ſich, „dieſe Veraͤnderung koͤnnte mich doch meiner Frau un⸗ kenntlich machen und ſie verhindern, mich zu ſchlagen. Fort alſo nach Hauſe!“ Zweihundert und ein und ſiebzigſter Tag. So kömmt er, in vollem Laufe, mit leeren Haͤn⸗ den an die Hausthuͤre. Als Oatbha dieſes Scheuſal in ihr Haus treten ſah, ergriff ſie den Stock, ſich zu vertheidigen und es wegzujagen. An der Stimme und an dem Bart erkannte ſie endlich ihren Pailun, ſchlug aber nur um ſo derber drauf los, und mit deſto mehr Recht, als ſie nichts zum Abendeſſen hatte, und er nichts mit heimbrachte. 78. 271. Tag. Oatbha jaͤgt ihn ins Bette, ſie nimmt die Kleider des Kuͤchenjungen, traͤgt ſie nach Szeydi's Haus, und vernimmt nun ausfuͤhrlich die Verwandlung ihres Mannes. Sie koͤmmt ſehr uͤbler Laune zuruͤck, und kuͤndigt nun Xailun an, wenn er morgen nicht zu dem Speiſewirth zuruͤckkehren wolle, ſo muͤſſe er ſich einen andern Herrn ſuchen, oder ſich auf den ſtreng⸗ ſten Empfang gefaßt machen: es ſolle ihm nicht ein⸗ mal Stroh zum ſchlafen gegeben werden. So war denn Parlun abermals gendthigt, ſich Arbeit und Veraͤnderung zu ſuchen, und durchlief die Straßen von Bagdad. In der Naͤhe einer der groͤß⸗ ten Moſcheen gewahrte er den Laden eines Paſteten⸗ baͤckers: hier herrſchte noch mehr Sauberkeit, als in jenem des Speiſewirths; die Leute, welche mit auf⸗ geſtreiften Armen den Teig bearbeiteten, ließen ein friſches, weißes und rundliches Fleiſch ſehen, ſo wie Farlun ſich es wuͤnſchte. Die ſaftigen Paſteten, welche ihnen dieß friſche Anſehn gaben, waren unter dem Zelte vor der Thuͤre ausgelegt, und verbreiteten einen Geruch, der ſelbſt einen weniger hungrigen, als Farlun, luͤſtern machen konnten. Er gedachte, wenn er eine zeitlang hiemit ſeinen Magen fuͤllen, und ſeine Arme in dieſen ſchoͤnen Teig ſtecken koͤnnte, ſo wuͤrde ſein Anſehn unfehlbar gaͤnzlich veraͤndert werden. Der Bloͤdſinnige. 79 Er trat alſo in den Laden, und bot ganz dumm⸗ dreiſt dem Paſtetenbecker ſeine Dienſte an. Dieſer betrachtete ihn mehr, als er auf ihn hoͤrte. Seine derbe Leibesbeſchaffenheit, die ſich in ſeinem Aeußern zeigte, kuͤndigte ihn als einen Menſchen an, der gut zu brauchen waͤre: ſeine Dienſte wurden auf der Stelle angenommen. Der neue Paſtetenbeckergeſell war auf dem Gipfel der Freude. Die Arbeiten, welche man ihm auflegte, waren leicht; er ſtopfte ſich voll von koͤſtlichem Pa⸗ ſtetengebaͤck, und am Abend brachte er ſeiner Frau gute Biſſe davon nach Hauſe. Oatbha war verwundert, ihn mit dieſen neuen Fruͤchten ſeiner Arbeit heimkommen zu ſehen. „Das koͤmmt daher,“ ſagte ihr Failun,„daß ich mich veraͤndert habe;“ und erzaͤhlte ihr, welches neue Gewerbe er ergriffen haͤtte. Oatbha war zufrieden, als ſie ihn ſo im Zuge ſah, zu arbeiten. kailun war aber noch nicht auf dem Gipfel ſeiner Wuͤnſche, denn ſeine Haͤnde arbeiteten noch nicht in dem Paſtetenteige. Weil es im Monat Ramadan war, ſo hatte man ihm eine Ladung Paſteten gegeben, welche er auf den Plaͤtzen und in den Straßen ver⸗ kaufen ſollte. Man hatte ihn deshalb das kleine Geld kennen gelehrt: er wußte, daß er eben ſo viel Geld⸗ ſtuͤcke heimbringen muͤßte, als er Paſteten ausgaͤbe, und er legte treulich Rechnung ab. Das war alles, 30 271. Tag. was ſein Verſtand erſchwingen konnte, und bis dahin hatte der Paſtetenbecker nicht mehr von ihm verlangt: aber es kam nun der Augenblick, wo er einen weſent⸗ lichern Dienſt von ihm forderte. Die Feſtzeit uͤberhaͤufte den Laden mit Arbeit; es begann an friſchem Mehle zu fehlen, weil der Eſel, welcher die Muͤhle drehte, geſtorben war. Railun hatte eben nicht auf die Arbeit dieſes Thiers acht ge⸗ geben. Der Paſtetenbecker ſagte jetzt zu ihm: „Das Mehl geht uns aus, und wir koͤnnen keine Paſteten mehr backen; ich habe meinen Arbeiter in der Muͤhle verloren, und kann mir erſt nach einigen Ta⸗ gen wieder einen andern verſchaffen: Railun, du mußt alſo dein Amt veraͤndern, und mir Mehl mah⸗ len; ich werde waͤhrend der Arbeit beßtens fuͤr dich ſorgen.“ „Ich verlange nichts mehr, als mich zu veraͤn⸗ dern,“ ſagte ailun hierauf;„deshalb bin ich ja eben hier; ich werde aber doch auch die Kleider veraͤndern?“ „Verſteht ſich,“ antwortete der Paſtetenbecker, „wenn du die Arbeit des Todten verrichteſt, mußt du auch ſeine Kleider tragen.“ Pailun war auf dem Gipfel der Freude:„End⸗ lich,“ ſagte er bei ſich ſelber,„werde ich wirklich veraͤndert werden.“ Der Bloͤdſinnige. 3² Zweihundert und zwei und ſiebzigſter Tag. Man fuͤhrte ihn unter den Schuppen, in welchem die Muͤhle ſtand; man begann damit, ihm ein Tuch um die Augen zu binden, legte ihm das Geſchirr an, und band ihm den Arm fe; dann rief ihm der Pa⸗ ſtetenbecker zu: „Vorwaͤrts, vorwaͤrts! lege dich recht ins Zeug, und es wird ſogleich gehen.“ Pailun that einen tuͤchtigen Zug, und die Muͤhle drehte ſich. Die Arbeit ging etwas leichter von ſtat⸗ ten, blieb aber immer ſchwer genug. „Iſt es genug?“ rief Xailun, noch ganz Neuling in dieſer Arbeit. „Nein, nein,“ antwortete der Paſtetenbecker; „nur immer vorwaͤrts; du arbeiteſt gut; das Mehl wird ſchoͤn, du ſollſt es auch noch zu beuteln kriegen.“ „Beuteln!“ ſagte Pailun„ das iſt vermuthlich wieder eine Veraͤnderung. Deſto beſſer, denn dieſe hier iſt eben nicht gut.“ Und dabei ſchnaufte er und war ganz in Schweiß. Der Paſtetenbecker ermunterte ihn zwar nur durch die Stimme, ließ ihn aber keinen Augenblick ausruhen: kurz, er ließ ihn erſt zur Stunde des Mittagseſſens anhalten. Jetzo band man ihn los, und nachdem man ihn aus der Muͤhle gefuͤhrt hatte, nahm man ihm die V. 6 82 272. Tag. Binde ab. Und als es nun ans Eſſen ging, da ſah er nicht mehr Paſtetengebaͤck vor ſich, ſondern eine Schuͤſſel voll grober Bohnen und Zwiebeln, mit Lein⸗ dhl zugerichtet. Er bedurfte jetzt einer ſtarken Nah⸗ rung, welche der von ihm geforderten Arbeit ange⸗ meſſen war. Die Veraͤnderung an ſich war nicht, was ihm misfiel; er hoffte immer noch, dabei ſeine Rechnung zu finden: aber die Bohnen waren zaͤhe und das Oehl ſchnuͤrte ihm die Kehle zu. Doch quaͤlte ihn der Hunger; er mußte alſo anbeißen. Kaum hatte er genug gegeſſen, als man ihm vorſchlug, ſich zur Verdauung dieſer ſchlechten Mahlzeit, eine Bewegung zu machen. „Auf, auf, Nailun, hier iſt nicht zu zaudern; das Korn muß abgemahlen werden, ſonſt muß die Bude morgen feiern.“ Damit macht man ſich uͤber ihn her; der eine legt ihm wieder die Binde an, der andre das Geſchirr, und ſo iſt er abermals an die Muͤhle geſpannt. Dießmal, mit vollem Magen, und von den Blaͤ⸗ hungen der groben Nahrung aufgetriebenen Leibe, dabei ſchon ermuͤdet von der Arbeit des Vormittags, ganz in Schweiß und außer Athem, ſtand er von Zeit zu Zeit ſtill. —„Vorwaͤrts doch!“ rief ihm der Paſtetenbecker zu, „vorwaͤrts! Wenn dir die Luſt dazu fehlt, ſo will Der Bloͤdſinnige. 83 ich ſie dir geben, wie ich ſie deinem Vorgaͤnger gege⸗ ben habe.“ „Luſt!“ wiederholte Pailun bei ſich ſelber,„was iſt das, Luſtd? das mag vielleicht gut ſein.“ Er ſtand ſtill, und ſchob die Binde zuruͤck, um zu ſehen, was man ihm geben wollte. Da ſah er ſeinen Herrn mit einer Peitſche in der Hand, welche er in der Luft klatſchen ließ. Er ſchob ſogleich die Binde wieder vor, und fuhr fort, ſeine Arbeit zu verrichten, ohne ſich darum bitten zu laßen, der Luſt ſchon uͤberdruͤßig, bevor er ſie noch geſchmeckt hatte. Endlich neigt ſich der Tag; Rallun wird ausge⸗ ſpannt, er reißt ſich haſtig die Binde ab, tritt in den Laden, und da er die Thuͤre offen ſieht, ſpringt er hinaus, weiß wie ein Geſpenſt, und noch aufge⸗ ſchirrt, und ſo rennt er, wie ein Pfeilſchuß, dahin, voll Furcht, daß man ihn wieder an den Muͤhlbaum ſpannen, und ihm Luſt geben werde. Man denke ſich nun einen ſtarkbaͤrtigen Menſchen, vom Kopf bis zu den Fuͤßen mit Mehl beſtaͤubt, ſo daß die Siehlen, worin er geſchiert war, ein Theil ſeiner Kleidung zu ſein ſchienen. Als Oatbha dieſes Geſpenſt ankommen, und ſich dreiſt neben ihr nieder⸗ ſetzen ſah, erſchrak ſie anfangs; aber, bald erkannte ſie ihren Mann an der Geſtalt. 1— „Wie!“ rief ſie aus,„du biſt es, dummes Thier? wo haſt du dich ſo aufzaͤumen laßen, anſtatt 34 272. 273. Tag. bei deinem Herrn zu arbeiten, und etwas zu leben mitzubringen?“. Alsbald ließ ſie den Stock ſpielen, und ſtaͤubte ihm das Mehl aus dem Wamſe. Parlun bemuͤhte ſich das Ungewitter zu beſchwoͤren, und ſagte: „Du heißt mich immer Gott bitten, daß er mich veraͤndere; ich bitte ihn auch darum: ich bin Holz⸗ hacker und Kuͤchenjunge geweſen, und ſieh jetzo bin ich ein Eſel, der Mehl mahlen ſoll.“ „Oh! das dumme Thier!“ ſagte Oatbha; und das Mitleid verhinderte, die Zuͤchtigung noch weiter zu treiben. Sie befreit ihn von dem Siehlenzeuge, ſchließt ihn zu Hauſe ein, traͤgt dem Paſtetenbecker das Geſchirr zuruͤck, und unter Vorwuͤrfen, die Ein⸗ faͤltigkeit des armen Menſchen ſo misbraucht zu haben, laͤßt ſie ſich asluns Rock und ſein Tagelohn geben, und kehrt heim. Zweihundert und drei und ſiebzigſter Tag. Die Ermattung von der Arbeit, die Stockſchlaͤge, und eine von dem Oehlgericht verurſachte Unverdau⸗ lichkeit, hielten Failun den ganzen folgenden Tag im Bette zuruͤck, ohne daß ſeine Frau ihn noͤthigte auf⸗ zuſtehen. Aber am dritten Tage, ſelber von der Der Bloͤdſinnige. 85 Noth bedraͤngt, war ſie gezwungen, ihren Toͤlpel von Mann wieder auf Arbeit auszuſchicken. „Auf,“ ſagte ſie zu ihm,„entſchließe dich, und kehre zu demjenigen deiner Herren zuruͤck, der dich wiederhaben will: aber wenn du nicht mit einigem Erwerb deiner Arbeit heimkoͤmmſt, ſo kannſt du auf der Straße dein Lager ſuchen. Aendere deinen Wandel, denn, was mich betrifft, ich werde den meinigen niemals aͤndern.“ „Aendre deinen Wandel!“ wiederholte ailun bei ſich ſelber,„ich moͤchte wohl wiſſen, wie man das macht. Zum Beiſpiel, wenn ich durch die Straßen wandle, um nach dem Fluſſe zu gehen, ſo kann ich den einen Weg, oder den andern gehen: ſie fuͤhren mich aber immer nur zu dem Fluſſe. Laß ſehen... Wenn ich ins Feld hinauswandelte, anſtatt durch die Stadt zu wandeln, ich glaube, ich wuͤrde beſſer thun. Ich bitte Gott alle Tage, mich zu veraͤndern, aber in Bagdad iſt ein ſolcher Laͤrmen, daß er mich nicht hoͤren kann: im freien Felde wird es beſſer gehen, wenn er nicht taub iſt.“ „Nach dieſer Ueberlegung eilte Failun vor die Stadt hinaus, um im freien Felde ſein Gebet zu verrichten, verſichert, dort bequemlich die Mittagsgegend*) *) Die Muſelmänner wenden ſich bei ihren Gebeten gegen Mittag, gen Mekka. 36 273. Tag. zu finden, ohne durch die Haͤuſer verſchattet zu werden. In einiger Entfernung von der Stadt lud eine große offene Thuͤre ihn ein, in einen weitlaͤuftigen Garten zu treten: er ſah uͤberall Birnbaͤume, Aepfel⸗ baͤume, Granatbaͤume, kurz, Obſtbaͤume aller Art, gebogen unter der Fuͤlle der Fruͤchte, womit ſie bela⸗ den waren. Dieſer Ort erſchien ſeinen Augen als das irdiſche Paradies; er liebte das Obſt ungemein, und hatte niemals zur Genuͤge davon gegeſſen: ein ſolcher Anblick ſetzte ihn in Entzuͤcken. „Hier,“ ſagte er,„iſt gute Weide fuͤr einen Men⸗ ſchen. Ich erinnere mich unſrer Eſelinn; als meine Frau ſie kaufte, war ſie mager, abgetrieben und ſchaͤbig: da that ich ſie auf eine gute Weide, und vierzehn Tage darnach war das Thier ſo verändert, daß ich es nicht wiedererkannte. Ich bin von Fleiſch und Bein, ſo gut wie ſie, es wuͤrde mir eben ſo gehen, wenn ich hier bleiben koͤnnte. Der Mann, dem alle dieſe Fruͤchte gehoͤren, hat deren ſo viel, daß er ſie nicht alle verzehren kann; er wird mir ſo viel davon geben, als ich will, und ich werde mich verwandeln, wie unſre Eſelinn. Ich werde mich ſel⸗ ber nicht mehr erkennen; denn ich meine, wenn ſie ſich im Spiegel geſehen haͤtte, ſie wuͤrde ſich auch nicht erkannt haben.“ Der Bloͤdſinnige. 87 In Folge dieſer Betrachtungen, ſchritt Failun weiter in den Garten hinein; ſo kam er endlich dahin, wo der Eigenthuͤmer auf einem großen Granatenbaume ſaß und Fruͤchte abnahm, welche ſeine Frau in einem Korbe zurecht legte. Farlun erbot ganz dreiſt ſeine Dienſte. Der Gaͤrt⸗ ner ſah ſeine Frau an, und auf einen Wink, den ſie ihm gab, nahm er ſie an. Man ließ ihn auf einen ſehr vollen Apfelbaum ſteigen, und er nahm die Fruͤchte ab, wohl bedacht, faſt eben ſo viele davon zu eſſen, als er pfluͤckte. Der Eigenthuͤmer wehrte es ihm nicht.— Man ward einig, ihm monatlich ein kleines Lohn auszuſetzen fuͤr die Arbeit, welche er hier verrichten ſollte. Von dem Gelde verſtand er nichts; die Arbeit aber, ſah er, beſtand darin, Aepfel, Pflaumen, Abrikoſen und andere Fruͤchte abzunehmen, von denen er nach Gefallen eſſen koͤnnte, und er war mit allem zufrieden. Man ließ ihn auch einige kleine Hausarbeiten ver⸗ richten, die er bei dem Speiſewirth und dem Paſteten⸗ becker gelernt hatte. Mittags aaß er mit ſeinem Herrn Pilau, den ganzen Tag Obſt, und ſo zweifelte er nicht, daß er bald eben ſo gluͤcklich verwandelt ſein wuͤrde, als ſeine Eſelinn. Von Zeit zu Zeit ward ihm aufgetragen, zwei mit Obſt beladene Eſel nach Bagdad zu fuͤhren: da 88 273. 274. Tag. dieſe Thiere den Weg kannten, ſo hatte ailun nicht einmal die Muͤhe, ſie zu fuͤhren. Waͤhrend dieſer Zeit war Oatbha in Wochen, und konnte ſich nicht regen, ihren Mann aufzuſuchen. Parlun hatte ſie nicht vergeſſen: aber er erwartete die gluͤcklichen Folgen der Weide, auf welche er ſich be⸗ geben hatte, um gaͤnzlich veraͤndert heimzukommen. Ungluͤcklicherweiſe war im Hauſe ſeines Herrn kein Spiegel, worin er die Fortſchritte ſeiner Verwandlung haͤtte beobachten koͤnnen. Zweihundert und vier und ſiebzigſter Tag. Die Zufriedenheit und die Hoffnung Parluns war aber ihrem Ziele nahe. In dem Stalle bei dem Hauſe ſtanden zwei Ochſen, welche zum Landbau dienten; Parlun fuͤhrte ſie taͤglich an die Traͤnke; ſie waren ſehr vertraut mit ihm, und er nannte ſie ſeine Geſellen. Eines Tages fiel, aus Zufall oder aus Schuld des Fuͤhrers, einer der Ochſen in ein Loch und brach ſich ein Bein. Der Gaͤrtner ward unwillig, der Feldbau draͤngte, und er konnte ſein Joch vor dem naͤchſten Markte nicht wieder vollſtaͤndig machen; da ſprach er zu Fa⸗ llun: Der Bloͤdſinnige. 39 „Wohlan, du haſt einen meiner Feldarbeiter un⸗ brauchbar gemacht, und ich kann ihn nicht ſogleich wieder erſetzen: damit aber die Arbeit ihren Fortgang habe, mußt du deine Verrichtung bei mir veraͤndern.“ „Veraͤndern!“ wiederholte Farlun;„das iſt es ja, warum ich Gott alle Tage bitte; und ich glaube, er hat mich deßhalb hieher kommen laßen.“ „Wenn das iſt, und du ſo guten Willen haſt, ſo mußt du deinem noch uͤbrigen Geſellen helfen, ein Stuͤck Land bearbeiten, welches er angefangen hat.“ Farlun war nicht viel aus dem Garten gegangen und wußte nicht, was der Feldbau waͤre, den man ihm anmuthete. Sein abgenutztes Kleid misfiel ihm, und er ſagte zu ſeinem Herrn: 4 „Gebt ihr mir auch das Kleid dazu?“ „Du ſollſt es vollſtaͤndig haben,“ antwortete der Gaͤrtner,„vom Kopfe bis zu Fuͤßen, mein Freund, damit du es dir bequemer machen kannſt.“ „Wenn das iſt,“ ſagte Failun,„ſo will ich die⸗ ſes ſogleich ausziehen.“ „Nein,“ erwiederte der Herr,„die Kleidung, walche ich dir geben will, paßt ſehr gut uͤber die alte. Zwei Kleider, eins uͤber dem andern, duͤnkten Fanlun eine entſchiedene Veraͤnderung: dießmal, ge⸗ dachte er, ſich ſeiner Frau in doppelten Kleidern zu zeigen. 9⁰ 274. Tag. Die Sonne brannte damals ſehr heiß, die Fliegen, und beſonders die Bremſen ſetzten dem Vieh grauſam zu. Der Gaͤrtner nahm alſo ein Halodutzend Ziegen⸗ felle, bedeckte Xailun damit von Kopf bis zu Fuͤßen, ſo daß er ihm nur Oeffnungen zum Sehen und Ath⸗ men ließ; der ganze uͤbrige Leib war verhuͤllt. Der Bloͤdſinnige ſchaut drein, und laͤßt gewaͤhren, ſtaͤts auf ſeine Veraͤnderung bedacht; ſo wird er ins Joch geſpannt, und der Gaͤrtner laͤßt ſeine Peit⸗ ſche kraͤftig in der Luft erſchallen, um ihn zur Arbeit anzutreiben. Als Xailun die Peitſche klatſchen hoͤrte, waͤre er nicht ſchon ſtark wie ein Stier geweſen, die⸗ ſer aus der Muͤhle ihm wohlbekannte Ton haͤtte ihn dazu gemacht; er riß ſeinen Gefaͤhrten mit ſich vor⸗ waͤrts: aber wäͤhrend der Arbeit fuͤhrten die Fliegen einen grauſamen Krieg mit beiden; die kleinſte Oeffnung ſeiner Bekleidung auf dem Ruͤcken ward ihm verderb⸗ lich; die Fliegen fanden alle Fugen ſeines Harniſches. Zu Mittage wurde ausgeſpannt. Rallun waͤre gern davongelaufen, aber er wagte es nicht, die Peitſche an der Seite des Gaͤrtners hielt ihn zuruͤck. Man hieß ihn eſſen; der Hunger, der ihn verzehrte, gebot es ihm: aber bald wird er wieder, ohne daß er zu muckſen wagt, ins Joch geſpannt. Der Abend kam, und die Arbeit war zu Ende. Der Gaͤrtner bringt ſein Vieh wieder in den Stall, und Parlun benutzt den Augenblick, ſchluͤpft aus der Der Bloͤdſinnige. 91 Hausthuͤre, und laͤuft nach Bagdad, bedeckt mit den zuſammengenaͤhten und durch das Joch feſtgehaltenen Fellen, ohne daß er ſich umzublicken wagte, ſo ſehr fuͤrchtete er, daß er verfolgt wuͤrde und die Peitſche ihn erreichte.. Es war ſchon Nacht geworden und die Stadtthore geſchloſſen; der ungluͤckliche Fluͤchtling hatte alſo keine andre Zuflucht, als die Grabſtaͤtten vor der Stadt: er begiebt ſich in die erſte beßte, die ihm Schutz bie⸗ tet, und hier ſinkt er bald, ermattet von der Anſtren⸗ gung des Tages, in tiefen Schlaf. Gegen ſechs Uhr des Morgens wurde er aber ploͤtzlich durch lauten Laͤrmen aufgeweckt: die Todten⸗ graͤber kamen, in der Naͤhe ſeiner Lagerſtaͤtte ein neues Grab zu machen. Die Erde war hier friſch aufgewuͤhlt, von wilden und reißenden Thieren, welche einen Leichnam ausgeſcharrt hatten, deſſen Gebeine noch auf dem Grabe zerſtreut und halbzernagt um⸗ herlagen. Waͤhrend die Arbeiter ſich von den Unternehmun⸗ gen dieſer Thiere unterhielten, und einer unter ihnen behauptete, daß dieſe Thiere nicht drei Fuß tief gra⸗ ben koͤnnten und ſolcher Leichenraub vielmehr von den boͤſen Geiſtern herruͤhrte, welche die kalten Ueberbleib⸗ ſel der Todten zu verſchlingen kamen,— da erblickte einer von ihnen den armen ungluͤcklichen Failun, an ſeinem Zufluchtsort im Schlafe liegen. Die Ziegenfelle 92 274. 275. Ta g. mit denen er bedeckt war, gaben ihm ein ſo ungeheu⸗ erliches Anſehen, daß der Todtengraͤber aufſchrie: „Ah! da iſt der boͤſe Geiſt!“ Zweihundert und fuͤnf und ſiebzigſter Tag. Auf dieß Geſchrei erwachte Parlun und richtete ſich empor; es war ein Gluͤck fuͤr ihn, daß ſeine Widerſacher von Furcht und Schrecken ergriffen waren: ſo hatte er Zeit aufzuſtehen. Haͤtten ſeine Gegner in ſeinen Blicken und auf ſeinem Antlitze den Schreck leſen koͤnnen, von welchem er ſelber ergriffen war, als er drei eiſerne Spaten gegen ihn aufgehoben er⸗ blickte, ſo waͤre es um ihn geſchehen; aber die Maske des Ziegenfells verdeckte ihnen ſeine Seelenangſt, und waͤhrend ſie ſo mit aufgehobenen Armen daſtanden, floͤßte die Furcht ihm Muth ein, er fuhr wie ein Schuß auf ſie los, ſprang mitten durch ſie hin, und ergriff die Flucht. Da faßten die Gegner Rarluns wieder Muth; als ſie ihn ſo furchtſam entweichen ſahen, ſchleuderten ſie die Spaten ihm nach und liefen hinter drein, aus aller Macht ſchreiend: „Da iſt der boͤſe Geiſt, der die Leichen auf den Kirchhoͤfen frißt! Lauft nach, toͤdtet ihn, vertil⸗ get ihn!“ Der Bloͤdſinnige. 9³ Das Volk lief herbei; aber ſo bald ſie dieß Unge⸗ heuer erblickten, rannten ſie vor ihm her, und ſchrien auch: 55. iſt der boͤſe Geiſt, der die Leichen frißt!“ Die Hunde miſchten ſich ebenfalls drein: aber das ihnen ganz unbekannte Thier hielt ſie mistrauiſch zu⸗ ruͤck; ſie verfolgten ihn bellend, aber in gewiſſer Ent⸗ fernung. Die Todtengraͤber, durch die jeden Augenblick anwachſende Volksmenge aufgehalten, unterſtuͤtzten von Ferne die Hunde und riefen: „Werft mit Steinen nach ihm! ſchleudert Knuͤttel auf ihn!“ Aber die Vorſtellung von der Gewalt und Bosheit der Geiſter laͤhmte den Muth. Die Kinder fuͤrchteten, von dem boͤſen Geiſte, der die Todten fraͤße, lebendig verſchlungen zu werden. 8 Unterdeſſen gelangte Parlun, durch ſeine ſcheuß⸗ liche Verkleidung geſchuͤtzt, mitten durch dieſen Auflauf und Laͤrmen, der ſich ſchon bis in die aͤußerſten En⸗ den der ungeheuern Stadt Bagdad verbreitete, bis an ſein Haus; er trat hinein, und vor der Thuͤre entſtand nun ein großes Gedraͤnge. Hier erwartete ihn ein unvermeidlicher Hagel von Schlaͤgen. Als Oatbha, um ſo furchtloſer, als ſie jetzo Mutter und Amme war, das ſcheußliche Thier bereinkommen ſah, ergriff ſie den Stock, welchen ſie 275. meiſterhaft zu handhaben wußte, und waͤhrend der arme Mann, noch ganz außer Athem vom Laufen, nicht einmal ſeinen Namen hervorbringen konnte, zwang ſie ihn, das Haus wieder zu verlaßen. Hier fiel er den Todtengraͤbern in die Haͤnde; ſie ergriffen ihn bei allen ſeinen Fellen, und ſchleppten ihn nach dem Gefaͤngniſſe inmitten einer jubelnden Volksmenge; und von Mund zu Mund fliegt die Neuigkeit, daß man den boͤſen Geiſt ins Gefaͤngnis bringe, welcher, das Schrecken der Todtenaͤcker, in Oatbha's Haus gedrungen ſei, um ihr Kind zu freſſen.+ Der Kerkermeiſter zitterte ſchon zum voraus vor Furcht, als er von dem Gefangenen erzaͤhlen hoͤrte, Tag. von welchen man ihm dreißig Beſchreibungen machte, ne immer ſchrecklicher, als die andre. ndlich wurde ihm das Ungethuͤm ſelbſt vorge⸗ uhrt. Einer der Todtengraͤber hatte dem Farlun ein Stuͤck ſeiner Bekleidung abgeriſſen, und entdeckt, daß der ſo hitzig verfolgte Geiſt ein mit Ziegenfellen bedeck⸗ ter Menſch war: aber dieſer erſchien nun nicht minder ſchuldig, weil er ſich als Thier verkleidet haͤtte, um die Todten und die kleinen Kinder zu freſſen. „Boͤſewicht,“ redete ihn einer der Beamten des Gefaͤngniſſes an,„biſt du vom Teufel beſeſſen, daß du auf den Grabſtaͤtten der frommen Muſelmaͤnner dein Mahl haiiſ, und dich von ihrem Fleiſche naͤhreſt?“ Der Bloͤdſinnige. 95 „Ich?“ ſagte Xailun, dem man jetzo die Maske abnahm,„ich ging nicht dahin, um zu eſſen, ſondern um zu ſchlafen. Ich habe wohl im Gehen auf Ge⸗ beine getreten, aber ſie nicht angeruͤhrt.“ Die Dummdreiſtigkeit der Antwort und die Gebaͤrde Failuns machte alle Anweſenden ſtutzig, und beſchwich⸗ tigte ſie. Man that dem entlarvten Ungeheuer nur noch eine Frage: „Aber biſt du nicht in Oatbha's Haus gedrungen, um ihr Kind zu freſſen?“ Ich!— ich werde doch wohl nicht mein eigenes Kind freſſen: ich trat ja in mein Haus.“ 3 Draußen vor der Thuͤre ſtanden, unter den Neu⸗ gierigen, drei oder vier Nachbaren Oatbha's: als nun die Ausſage des boͤſen Geiſtes dort bekannt ward, verlang⸗ ten dieſe Nachbarn eingelaßen zu werden: ſie tana Farlun ſogleich, und legten einſtimmig ein ſo vollguͤl⸗ tiges Zeugnis von ſeiner Gutmuͤthigkeit und Einfaͤltig⸗ keit ab, daß der zur Unterſuchung herbeigekommene Richter, den arlun, ſammt allen ſeinen Fellen zu ſeiner Frau zu fuͤhren befahl. Oatbha wurde ſchon die Heimkehr ihres Mannes angekuͤndigt, bevor er ankam. Es gereuete ſie jetzo ſehr, ihn unerkannt ſo uͤbel empfangen und Anlaß zu noch mehr Mishandlungen gegeben zu haben: das Aufſehn welches dieß Abenteuer machte, war nun ein⸗ mal unvermeidlich; es mußte am naͤchſten Tage in 96 275. 276. Tag. ganz Bagdad bekannt werden, daß Kailun der ver⸗ meintliche Geiſt waͤre, der die Todten fraͤße: aber es that ihr Leid, daß ſie ihn mit dem Stocke ſo hart geſchlagen, denn ſie hatte ihn diesmal wirklich als Feind behandelt. Zweihundert und ſechs und ſiebzigſter Tag. Als ſie nun Kallun erblickte, fuͤhlte ſie ſich von Mitleid bewegt; ſie dankte ihren Nachbaren, daß ſie ihn ihr wiedergebracht hatten, und bemuͤhte ſich, aus ihm herauszuziehen, wo er, nach einer ſo langen Abweſenheit herkaͤme, und wer ihn ſo laͤcherlich ver⸗ wandelt haͤtte. Pazlun, der immer nur Eine Art ſich zu erklaͤren hatte, ſagte ihr, was ihn bewogen, ſich von der Stadt zu entfernen, um eine vortheilhaftere Veraͤnde⸗ rung zu ſuchen, und wie er das Ungluͤck gehabt in einen Ochſen, und dann ſogar, ohne zu wiſſen, wie, in einen boͤſen Geiſt verwandelt zu werden. Oatbha wußte, daß er nicht luͤgen konnte; ſie ließ ihn ſich niederlegen, und verband mit großer Sorgfalt, die Quetſchungen, welche er davon getra⸗ gen, und die Wunden, welche ihm die Bremſen ge⸗ ſtochen hatten. Darnach gab ſie ihm zu eſſen, und Der Bloͤdſinnige. 97 ging mit ſich zu Rathe, wie ſie am folgenden Mor⸗ gen ſich benehmen ſollte. Sobhbald es Tag ward, nahm ſie ihr Kindlein, das ſie nicht verlaßen konnte, und legte es in einen der Koͤrbe, die ihre Eſelinn trug, und in den andern die Felle und das Geſchirr, ſo dem Gaͤrtner gehoͤrte; dann ging ſie hin und bat die Nachbaren, die ihren Mann geſtern zuruͤckgebracht hatten, ſie nach dem Hauſe außerhalb Bagdad zu begleiten, wo Failun in Arbeit geſtanden; und nachdem ſie ihren Schleier uͤbergeworfen hatte, machte ſie ſich mit ihnen auf den Weg dahin. Als ſie bei dem Gaͤrtner angekommen war, ver⸗ wies ſie ihm ſehr ernſtlich, daß er die Einfalt eines Muſelmanns ſo misbraucht und ihn zum Thier ernie⸗ drigt hatte; ſie hielt ihm die Beſchimpfungen vor, denen er ihren Mann ausgeſetzt, gab ihm ſeine Zie⸗ genfelle und das Geſchirr wieder, und forderte gebie⸗ teriſch das Lohn, welches Xailun verdient hatte: „haͤtte ich nicht meines Mannes zu ſchonen, ſo wuͤrde ich euch vor den Kadi fordern; es iſt euer Gluͤck, daß ich das Aufſehen nicht noch vermehren mag, welches ſein Abenteuer ſchon gemacht hat.“ Der Gaͤrtner war beſchaͤmt; er zog zwei Zeckienen aus der Taſche: das war viermal mehr, als das Lohn, welches er Kailun verſprochen hatte. Oatbha V. 4 7 98 wuͤrde ſich geweigert haben, eine fuͤr ſie ſo uͤbergroße Summe anzunehmen, da ſie wohl denken konnte, daß es zu viel war: aber ſie hatte zwei Nachbaren bei ſich, und es war ihr nicht unlieb ſie glauben zu la⸗ ßen, daß ihr Mann monatlich zwei Zeckienen verdie⸗ nen koͤnnte. Nachdem ihr Geſchaͤft abgethan war, nahm ſie Xailuns Rock und ging wieder nach Hauſe. Fuͤnf Tage vergingen nun, ohne neue Abenteuer. Waͤhrend dieſer Zeit genas der Verwundete vollkom⸗ men: und jetzt hub Oatbha ihre Ermahnungen wieder an, daß er ſich nothwendig, nicht in einen Kuͤchen⸗ jungen, einen Ochſen oder Eſel, noch in einen boͤſen Geiſt, ſondern auf eine ſolche Weiſe verwandeln müͤßte, daß er ein thaͤtiges und fuͤr ſeinen Hausſtand nuͤtzliches Leben fuͤhrte. Kailun zog aus ſeiner Geſchicklichkeit, daß er in der Stadt Paſteten zum Kauf umgetragen hatte, den Schluß, daß er wohl ſelber einen Handel mit Kinder⸗ erde*) anſtellen koͤnnte. Er ging hin, ließ ſich von 276. Tag. 1 *) Dieß iſt eine Art rother, ſehr trockener, zerreiblicher und wohlriechender Erde, deren man ſich in Arabien bedient, ſie den Kindern in der Wiege von den Hüften bis zu den Knien unterzulegen, indem man ſtie nur mit einem Lein⸗ tuche bedeckt: ſie zieht die Feuchtigkelt an ſich, und wehrt den übeln Geruch und das Aufſpringen der Haut ab. Der Bloͤdſinnige. 99 dieſer Erde ausgraben, fuͤllte damit die beiden Koͤrbe der Eſelinn, und machte ſich auf, dieſe Waare in Bagdad zu vertreiben, fuͤr ſo und ſo viel das Maaß; er mußte ſich aber den Kundleuten durch einen wieder⸗ holten Ausruf empfehlen:„Kindererde, wer kauft! Kindererde, wer kauft!“. Der Spruch war nicht lang; ein Peitſchenſchlag von Oatbha's Hand bringt die Eſelinn in den Gang, die naͤchſte Straße hinab, und Xallun ruͤcklings auf den Koͤrben ſitzend, ſchrie aus vollem Halſe:„Kinder⸗ erde, wer kauft!“ Die Sache ging eine zeitlang ziemlich gut; aber bald ſank der Ton der Stimme, den Ausrufer uͤber⸗ waͤltigte der Schlaf, und die Eſelinn ging nach ihrem Gefallen durch die Straßen; ſo kam ſie an das Ufer des Euphrats, trank dort gemaͤchlich, ſo viel ſie wollte, kehrte dann, zu ihrem im Stalle gebliebenen Fuͤllen getrieben, heim, und wollte mit ihrer Laſt in das Haus treten. Die Thuͤre war zu niedrig, KFai⸗ luns Kopf ſtieß heftig an die Oberſchwelle; der Schlag, von dem das Haus erdroͤhnte, und der ihn faſt hinuntergeſtuͤrzt haͤtte, weckte ihn auf, und er fing ſogleich wieder an zu rufen:„Kindererde, wer kauft!“ mit blutender Naſe und einer dicken Brauſche vor der Stirne. 4 Als Oatbha ihren Mann ſo heimkommen ſah, er⸗ rieth ſie bald, welches Gewerbe er trieb. Während 276. Tag. ſie ihm nun die Naſe mit Waſſer und Salz wuſch, verſetzte ſie ihm zugleich einige Maulſchellen, und ſagte zu ihm: „Nichtsnutziger Faullenzer, du verdienſt, daß man dich mit der Peitſche antreibt, wie einen Eſel. Ha! du ſollſt mir anders werden, oder ich will dich ſo viel ſchlagen, daß du aller der Schläͤge vergeſſen ſollſt, die du ſchon gekriegt haſt. Geh hin zu dem Becker, dem Paſtetenbecker, dem Speiſewirth, ja ſelbſt zu dem Gaͤrtner, und ſuche dir Arbeit bei einem deiner vorigen Herren; ſie werden dich alle wieder an⸗ nehmen, Dummkopf, der du biſt! Aber denke nicht daran heimzukommen, ohne etwas zu leben mitzubrin⸗ gen. Ich habe fuͤr einen ſolchen Taugenichts, wie du, keine Zuflucht.“ Somit war Kailun abermals vor die Thuͤre gewie⸗ ſen, ſein Gluͤck zu ſuchen. Er dachte nun, daß er ſich das letztemal nicht weit genug von der Stadt entfernt haͤtte, um ſich dem lieben Gott verſtaͤndlich zu machen, welchen er taͤglich bat, ihn anders zu machen. Dießmal ging er alſo von dem Wege ab, ins Gefilde hinein; hier kam er an große Steinhaufen, die Truͤmmer eines Palaſtes, welcher die Wohnung. eines ſehr maͤchtigen Mannes geweſen ſein mußte. Der Bloͤdſinnige. 101 Zweihundert und ſieben und ſiebzigſter Tag. Indem er ſich daran ergetzte, dieſe Ueberbleibſel zu betrachten, erblickte er einen Karduon, der auf einem zufaͤllig uͤber einander geſchuͤtteten Steinhaufen ſaß; das Thier ſchien die Augen auf ihn gerichtet zu haben, und er redete es an: „Ha, ha! mein Vetter, ich glaubte, du wohnteſt in der Stadt, du biſt alſo hier?“ Das Thierchen ſchien durch ſein gewoͤhnliches Kopf⸗ nicken zu antworten. „Du erkennſt mich alſo doch?“ fuhr Kailun ffort; „du verſtehſt mich? was verhindert dich denn, mit mir zu reden?“ Der Karduon konnte nur ſein gewoͤhnliches Zeichen machen..— „Oh! jetzo machſt du mich ungeduldig!“ ſagte kailun:„rede, oder ich werfe einen Stein nach dir.“ Der Karduon ſchien durch ſein wiederholtes Kopf⸗ nicken den armen Tropf aufzufordern; er warf einen Stein nach ihm, und das Thier ſchluͤpfte in den Steinhaufen, worauf es ſaß. Parlun ward erpicht auf das Spiel; er dachte, der Karduon, ſchwiege nur aus Tuͤcke, er wollte ihn alſo in ſeinem Schlupfwinkel fangen, und ihn zwin⸗ gen, mit ihm zu ſprechen. 277. Tag. 102 Binnen einer Viertelſtunde waren die Steine weg⸗ geraͤumt und der Boden aufgedeckt. Der Karduon war durch die hinteren Ausgaͤnge ſeiner Veſte ent⸗ ſchluͤpft; aber Tailun wurde jetzo durch einen andern Gegenſtand ſeiner Neugier, der ſich ihm darbot, von ſeiner Verfolgung abgelenkt. Beim Wegraͤumen der Steine entdeckte er eine oiereckige Platte von ſchwarzem Marmor, an welche ein Ring befeſtigt war: er ergreift dieſen, ſtrengt ſich an, und hebt den Stein auf. Jetzo zeigte ſich ihm ſiag rebde⸗ welche in ein unterirdiſches Gewoͤlbe uͤhrt: „Ha, ha!“ ſagte er,„da iſt die Wohnung mei⸗ nes Vetters; ich muß doch ſehen, ob er drinnen iſt. 44 Und damit ſtieg er hinab. Das durch die Oeffnung in das Gewoͤlbe hereinfal⸗ lende Licht, ließ ihn am Eingange mehrere Urnen unterſcheiden. „Das ſind,“ ſagte er,„vermuthlich die Toͤpfe, worin mein Vetter ſeine Vorraͤthe aufbewahrt.“ Er deckte einen davon auf, griff mit der Hand hinein, und zog ſie voll Goldſtuͤcke wieder daraus her⸗ vor. Er naͤherte ſich der Oeffnung, um zu ſehen, was er in ſeiner Hand haͤtte: ohne auf die Haͤrte und das Gewicht zu achten, weil er noch niemals Goldmuͤnzen geſehen hatte, waͤhnte er, es waͤren in Scheiben geſchnittene Mohrruͤben, wie er ſeine Frau Der Bloͤdſinnige. 1035 dergleichen an der Sonne hatte trocknen ſehen; und in der Vorausſetzung, ſie gehoͤrten ſeinem Vetter, der ſich in den Hintergrund des Kellers zuruͤckgezogen haͤtte, wo die Dunkelheit verhinderte, ihn aufzuſuchen, rief er ihm zu: „Holla! Vetter, komm und rede mit mir, oder ich nehme dir deine Mohrruͤben weg und bringe ſie unſrer Eſelinn!“ Da es dem Karduon nicht gefiel, zu antworten, noch ſich zu zeigen, uͤberlegte Tailun, wie er es an⸗ ſtellen ſollte, die Mohrruͤben wegzubringen. Er erin⸗ nerte ſich, daß, als er einſt mit ſeiner Frau einen Nachbar beſucht, und man ihr Pflaumen gegeben, ſie dieſelben in Blaͤtter gewickelt, und damit die Maͤtze ihres Turbans gefuͤllt hatte. Am Eingange des Gewoͤlbes hatte er Klettenkraut bemerkt, er ging alſo hin, pfluͤckte Blaͤtter ab, fuͤtterte damit das Innere ſeiner Mutze, genau wie er es von ſeiner Frau geſe⸗ hen, und fuͤllte ſie mit den vermeintlichen Ruͤben⸗ ſchnitten. Nach dieſer Verrichtung, welche ihm ſel⸗ ber ſehr kluͤglich duͤnkte, ſagte er ſeinem Vetter Lebewohl, und kehrte nach Bagdad zuruͤck. Unterweges wollte er nur ein Schnittchen von dem Eſelsfutter verſuchen; aber es kam ihm ſehr hart vor: er meinte, ſein Vetter muͤßte gute Zaͤhne haben, wenn er das ungekocht aͤße, und warf das angekaute Stuͤck weit weg. So kam er nach Hauſe. 1⁰4 277. Tag. Oatbha war verwundert, ihn ſchon ſo bald heim⸗ kehren zu ſehen. „Wo koͤmmſt du her?“ fragte ſie ihn,„und was bringſt du da in den Blaͤttern?“ „Ich habe den Vetter in ſeinem Landhauſe be⸗ ſucht,“ antwortete Failun,„er hat nicht mit mir reden wollen, ich habe ſeine Thuͤre aufgemacht, und bin in ſein Haus getreten; da habe ich in ſeine Vor⸗ rathstoͤpfe gegriffen, und bringe hier dieſe Mohrruͤben mit, welche ein gutes Futter fuͤr unſre Eſelinn abge⸗ ben; aber ſie muͤſſen gekocht werden, denn ſie ſind ſehr hart.“. Waͤhrend dieſer Erzaͤhlung hatte Oatbha den Tur⸗ ban genommen, und geſehen, daß es Gold waͤre. Sie wußte, daß ihr Mann es nicht vorſaͤtzlich geſtoh⸗ len haben konnte, weil er nicht einmal wußte, was es war; aber es lag ihr daran, zu wiſſen, wo er es gefunden haͤtte. „Das iſt ſchoͤn;“ ſagte ſie, indem ſie den Inhalt des Turbans ſogleich verſchloß, aus Furcht, von je⸗ mand uͤberraſcht zu werden; ſodann brachte ſie es auf freundliche Weiſe dahin, daß Kailun ihr ſein gan⸗ zes Abenteuer erzaͤhlte, und erkannte nun, daß er einen Schatz gefunden haͤtte. Der von Failun bezeichnete Ort konnte nur eine halbe Stunde von Bagdad entfernt ſein. Der Tag war noch nicht ſo weit vorgeruͤckt, daß nicht noch der Der Bloͤdſinnige. 105 uͤbrige Theil deſſelben benutzt werden konnte; und das offenſtehende Gewoͤlbe konnte Neugierige herbeiziehen, die kluͤger waren, als ihr Mann. Ihr Entſchluß iſt alſo auf der Stelle gefaßt: ſie ſattelt ihre Eſelinn, nimmt zwei Queerſaͤcke, welche ſie in die Koͤrbe legt, laͤßt Xailun aufſteigen, kauft zwei Brote, damit er unterweges etwas zu eſſen hat, und laͤßt ſich ſo von ihm nach dem Landhauſe des Vetters fuͤhren.. Sie fand den Eingang des Gewoͤlbes offen, ſo wie Xailun ihr erzaͤhlt hatte, und die Urne, aus wel⸗ cher er die Ruͤbenſchnitte genommen, noch aufgedeckt. Sie ließ ſich nun die Saͤcke bringen, fuͤllte ſie der⸗ maßen, daß die Eſelinn daran ihre volle Ladung hatte, und laͤßt ſie von Xailun, der ſie etwas ſchwer fand, aus dem Keller hinauftragen. Zweihundert und acht und ſiebzigſter Tag. Waͤhrend Oatbha bei ihrer Arbeit war, rief Xar⸗ lun aus Leibeskraͤften ſeinem Vetter. Dieſer Laͤrmen beunruhigte ſeine Frau; aber ſie ſpuͤrte, daß ſie keine Zeit zu verlieren hatte: endlich war ſie wieder oben aus dem Keller, und die Eſelinn hatte ihre Ladung. Jetzo ließ die vorſichtige Frau von Xailun den Stein wieder auf den Eingang legen, und denſelben 106 278. Tag. mit den Truͤmmern bedecken, welche Xailun davon weggeraͤumt hatte. Hierauf ging ſie zu Fuße nach Hauſe, und ließ die ſchwer beladene Eſelinn mit lang⸗ ſamen Schritten am Zaume fuͤhren. Oatbha verſchloß ſorgfaͤltig die Saͤcke. Da ſie eine kluge Frau war, ſo diente dasjenige, das ſie aus dem Turban gewickelt, dazu, ihr allmaͤhlich einen Wohlſtand zu verſchaffen, welcher niemands Blicke auf ſich ziehen koͤnnte. Jetzo, anſtatt ihren Mann zu zwingen, das Haus zu verlaßen, forderte ſie ihn viel⸗ mehr auf, ja gebot ihm, daheim zu bleiben: ſie pflegte ihn mit guter Nahrung, und erneuerte ſeine Kleidung: da es aber immer Kleider von demſelben Zeuge waren, ſo duͤnkte er ſich, obwohl neu gekleidet, doch immer noch nicht veraͤndert, und darnach trach⸗ tete er doch aus Herzensgrunde, um nicht mehr ge⸗ ſcholten oder geſchlagen zu werden. Unterdeſſen, da ſeine Frau ihm guͤtlich thun wollte, und noch keinen Sklaven angenommen hatte, trug ſie ihm auf, Fleiſch, Reis, und Kichererbſen einzukaufen; das Geld fuͤr jeden einzelnen Gegenſtand war in ein beſonderes Papier gewickelt. Damit geht er zu dem Fleiſcher, und richtet ſeinen Auftrag aus; und eben ſo macht er es mit dem Reis: aber die Ki⸗ chererbſen vergaß er, und brachte das Geld dafuͤr mit den eingekauften Sachen wieder zuruͤck. Der Bloͤdſinnige. 107 „Kichererbſen, habe ich dir geſagt, ſollteſt du auch kaufen,“ ſagte Oatbha zu ihm:„geh geſchwinde wie⸗ der hin und vergiß es nicht.“ „Kichererbſen,“ wiederholte ailun, und dießmal dachte er es gewiß nicht zu vergeſſen. Aber einer ſei⸗ ner Geſellen begegnete ihm, und da er ihn beſſer ge⸗ kleidet und wohler ausſehend, als gewoͤhnlich fand, wollte er ſich auf ſeine Koſten luſtig machen, und ſagte zu ihm: „Ho, ho! Xailun, jetzo biſt du ja beſſer gekleidet, als da du noch ein boͤſer Geiſt warſt, und du haſt recht zugenommen, ſeitdem du nicht mehr auf dem Todten⸗ acker lebſt.“ Durch dieſe Erinnerung an ſein grauſamſtes Mis⸗ geſchick wurde Failun von neuen verwirrt:„Wenn meine Frau mir auch nicht taͤglich ſagte, daß ich mich aͤndern ſoll,“ ſagte er bei ſich ſelber,„ſo wuüͤrde ich doch immer darum bitten, damit man mir nicht mehr vorwerfen mag, daß ich ein Eſel, ein Ochs, ein boͤſer Geiſt geweſen.— Aber, was ſoll ich denn holend— es ſind... es iſt... es ſind..“ Er konnte ſich durchaus nicht auf die Kichererbſen beſinnen. Er wollte anfangs nicht wieder nach Hauſe gehen, um ſich die Beſchaͤmung zu erſparen, ſeine Frau nochmals um die ſo ſchwer zu behaltenden Worte zu 108 278. Tag. befragen: aber ihn geluͤſtete nach dem Fleiſch und dem Reis; er mußte es alſo darauf wagen. Als Oatbha ihn abermals mit leeren Haͤnden heim kommen ſah, waͤre ihr beinahe die Geduld ausgegan⸗ gen: aber wenn ſie ihm ſeine Faulheit zum Vorwurf gemacht hatte, ſo lange es ihr noͤthig war, ihn in Thaͤtigkeit zu erhalten: ſo konnte ſie ihm ſeine Bloͤd⸗ ſinnigkeit doch nicht ebenſo vorwerfen: „Kichererbſen verlange ich von dir,“ wiederholte ſie:„verſtehſt du? Kichererbſen. Wiederhole dir „Kichererbſen“ bis du auf dem Markte biſt: wenn du dießmal nicht behaͤltſt, was ich dir ſage, ſo werde ich dir einen nachdruͤcklichen Denkzettel geben.“ „Xailun, voll Furcht uͤber dieſe Drohung, ging wieder hin, unaufhoͤrlich wiederholend:„Kichererbſen, Kichererbſen.“ So koͤmmt er an eine Straßenecke, wo ein Kauf⸗ mann Perlen feil hatte, und ſeine Waaren ausbot, mit dem ſehr lauten Ausruf:„Im Namen Gottes! Perlen, Perlen! 1**) Tailun, durch dieſen fuͤr ihn neuen Gegenſtand angezogen, und zugleich beſchaͤftigt, ſeine Aufgabe zu behalten, ſteckt ſeine Hand in die Perlen⸗Schachtel, 3²) Arabiſch: Beſſim Allah Lünos! Man bietet alle Waa⸗ ren mit dem Ausruf Beſſim Allahl d. h. im Namen Gottesl! aus. Der Blödſinnige. 109 wäaͤhrend er laut ausruft:„Kichererbſen, Kicher⸗ erbſen!“*) Der Kaufmann waͤhnte, daß Xailun ihn verſpot⸗ tete und ſeine Waare verrufen wollte, als wenn ſie unecht waͤre, und gab ihm einen ungefuͤgen Schlag. „Warum ſchlaͤgſt du mich?“ fragte ihn Xailun. „Weil du mich beſchimpfſt,“ antwortete der Kauf⸗ mann;„glaubſt du, daß ich die Leute betruͤgen will?“ „Nein,“ erwiederte kailun;„ich ſagte nur.. Aber wie ſoll ich denn ſagen?“ d „Wenn du es recht ſagen willſt,“ verſetzte der Kaufmannn,„ſo rufe, wie ich: im Namen Got⸗ tes, Perlen!⸗ „Ja,“ ſagte Xailun,„ich glaube, ſo hat meine Frau mir geſagt, daß ich ſagen ſollte.“ Er ſetzte alſo ſeinen Weg fort, indem er halblaut wiederholte:„Im Namen Gottes, Perlen!“ So kam er an der Bude eines Kaufmanns vorbei, dem man eben dergleichen geſtohlen hatte. Dieſe un⸗ gewoͤhnliche halblaute Weiſe, Perlen auszurufen, kam dem Kaufmanne verdaͤchtig vor:„Mein Dieb,“ ſagte er bei ſich ſelber,„hat mich vermuthlich ſo eben erkannt, und er daͤmpft nun, da er hier vorbeikoͤmmt, ²) Die Kichererbſen heißen im Arabiſchen Schummos, und die Perlen Lünos. Man ſieht, daß die Klangähnlichkeit beider Wörter den blödſinnigen Tarlun irreführen konnte. 278. T a g. ſeinen Ausruf der Waare, deren er ſich entledigen will.“ Auf dieſen bloßen Verdacht hin, laͤuft er Xai⸗ lun nach, und haͤlt ihn an: „Zeiget mir doch eure Perlen,“ ſagte er zu ihm. Xailun wird verwirrt, der Kaufmann waͤhnt, ſei⸗ nen Dieb zu haben; er packt ihn ſehr unſanft beim Kragen, und ruft die Wache herbei. Man umringt den vermeinten Perlenverkaͤufer, und der Kaufmann entdeckt endlich, daß er einen Bloͤdſinnigen angehalten und mishandelt hat. „Warum aber,“ fragte er ihn,„rufſt du, daß du Perlen zu verkaufen haſt?“ „Wie ſoll ich denn ſagen?“ fragte Kailun. „Das iſt nicht wahr,“ ſagte der Kaufmann, ohne weiter auf ihn zu hoͤren,„das iſt nicht wahr.“ „Das iſt nicht wahr!“ wiederholte Xailun;„ich will alſo immer ſagen: das iſt nicht wahr,“ um es nicht zu vergeſſen,„und ſo wiederholte er im Wei⸗ tergehen aus Leibeskraͤften:„das iſt nicht wahr!“ Der Bloͤdſinnige. Zweihundert und neun und ſiebzigſter Tag. Sein Weg fuͤhrte ihn auf einen Platz, wo ein Mann Maſch⸗) verkaufte, und ausrief:„Im Na⸗ men Gottes, Maſch!“ Kailun, durch ſeine gewoͤhnliche Neugierde ange⸗ lockt, und ſtaͤts die zuletzt behaltenen Worte im Munde fuͤhrend, ſteckt, wie die Anderen, die Hand in den Sack, indem er ſagt:„das iſt nicht wahr.“ Der vierſchroͤtige Bauer giebt ihm einen Schlag, daß er ſich rundum dreht, und ſagt dabei:„Es kömmt dir auch zu, meine Waaren Lügen zu ſtrafen, da ich ſelber ſie doch aͤrnte und ſaͤe.“ „Ich!“ ſagte Kailun:„ich ſtrafe nicht Luͤgen; ich moͤchte nur wiſſen, wie ich ſagen ſoll.“ „Wohlan,“ antwortete der Bauer,„ſo ruf, wie ich: im Namen Gottes, Maſch!“ Failun, um heimkehren zu koͤnnen und weitere boͤſe Abenteuer zu vermeiden, fing nun an, dieſen neuen Ausruf zu wiederholen. Der Zufall fuͤgte, daß er ſo ans Ufer des Euphrats gelangte, wo ein Fiſcher ſchon zwei Stunden lang ſich vergeblich abmuͤhte und ſeine Netze auswarf; wie oft er auch die Stelle wech⸗ *) Maſch heißt eine Art kleiner Linſen, welche das Fieber vertreiben, und nur an gewiſſen Tagen des Jahres zu Markte gebracht wetden. 112 279. Tag. ſelte, er fing doch keinen Fiſch. Xailun, den alles ergetzte, ging hinter ihm her, indem er ſtaͤts wieder⸗ holte, um es nicht zu vergeſſen:„Im Namen Gottes, Maſch!“ Auf einmal, ehe es Xallun ſich verſah, ergriff der Fiſcher, der ſich geſtellt, als wenn er ſein Netz auswinden wollte, aber den Strick an demſelben dop⸗ pelt und vierfach zuſammengefaßt hatte, den Bloͤdſin⸗ nigen beim Kragen, und ſchlug ihn damit je laͤnger je ſtaͤrker, mit den Worten: 3 „Du verfluchter Zauberer, wirſt du endlich aufhoͤ⸗ ren mein Fiſchen zu behexen im Namen Gottes!“ Nailun ſtrengte alle ſeine Kraft an, und machte ſich los:„Ich ein Zauberer!“ ſagte er:„das iſt wieder was neues,“ und damit fing er an zu weinen. Der Fiſcher betrachtete ihn, und fragte:„Warum, wenn du kein Zauberer biſt, bringſt du denn durch deine Worte all meinem Auswerfen des Netzes Un⸗ gluͤck?“— „Ich bringe kein Ungluͤck; man hat mir geſagt, daß ich ſo ſagen muͤßte, wie ich geſagt habe.“ Jetzo dachte der Fiſcher, ein Feind koͤnnte den ein⸗ faͤltigen Menſchen, den er geſchlagen hatte, aufgeſtif⸗ tet haben, ſein Fiſchen zu beſprechen, um ihm zu ſchaden, ohne ſich dabei auszuſetzen. „Es thut mir Leid, Bruder, dich geſchlagen zu haben,“ ſagte er zu Xailun,„aber du thateſt uͤbel, 114 279. 280. Tag. Gottes, ſieben der groͤßten und maͤchtig⸗ ſten fuͤr einen!“ So ſprach er dieſe Worte mitten in einem Volks⸗ haufen aus; denn das Gedraͤnge zog ihn immer an, ohne daß er wußte, warum: er ſtand gerade in der Naͤhe eines Leichenwagens, der einen Kadi zu Grabe brachte; die Mollah's welche die Leiche umgaben, waren empoͤrt uͤber die ſchreckliche Verwuͤnſchung, welche ſie vernahmen, und ſagten zu ihm: „Unſeliger, wagſt du es, eine Feierlichkeit, wie dieſe hier, zu ſtoͤren, indem du herkoͤmmſt, und ganz laut den groͤßten Herren von Bagdad den Tod an⸗ wuͤnſcheſt! Genuͤgt es dir nicht, daß er den getrof⸗ fen hat, den wir hier zur Ruhe bringen?“ Zweihundert und achtzigſter Tag. Parlun, als guter Muſelmann, war in großer Ehrfurcht gegen die Mollah's aufgezogen; die Art und der Ton, womit ihm dieſer Verweis gegeben wurde, waren ihm noch empfindlicher, als die Schlaͤge mit dem Stricke.— Am ganzen Leibe zitternd zog er ſich zuruͤck, und rief laut aus:„Ach! mein Gott, mein Gott, wie ſoll ich denn ſagen?“ 63. Eine alte Sklavinn, die dem Leichenzuge folgte, zog ihn beim Aermel, und ſagte zu ihm: Der Bloͤdſinnige. 115 „Gott bewahre ſeinen Leib, und rette ſeine Seele!“ „Ei! warum hat man mir das nicht eher geſagt?“ ſagte Xatlun, und ging nun, dieſe Worte wiederho⸗ lend, weiter, bis er in eine Gaſſe kam, welche durch einen todten Eſel verſperrt war, den man auf einem Karren fortfuͤhrte. Er folgte hinterdrein, ſtaͤts rufend: „Gott bewahre ſeinen Leib, und rette ſeine Seele!“ Die um den Karren verſammelten Leute aͤrgerten ſich daran, und riefen:„Hoͤrt den Unſeligen, wie er laͤſtert! ha, der unglaͤubige Hund!“ Und zugleich ſchlaͤgt ihn der eine mit der Hand, der andre mit dem Stocke. Parlun ſprang uͤber eins der Raͤder des Karrens, rannte in vollem Laufe davon, ſo ſchnell ſeine Beine ihn tragen wollten. „Ungluͤckſeliger Falun!“ ſprach er jetzt bei ſich ſelber, in Thraͤnen zerfließend,„da biſt du nun noch ſchlimmer verwandelt, als da du ein Eſel, ein Kuͤ⸗ chenjunge, ein boͤſer Geiſt wurdeſt: du biſt ein Zau⸗ berer, und was noch ſchlimmer iſt, ein Unglaͤubiger!“ So beweinte er ſein Schickſal, und wagte nicht heim⸗ zukehren, aus Furcht vor Schlaͤgen, weil er die Worte, welche ſeine Frau ihm eingeſchaͤrft, durchaus vergeſſen hatte, und nichts nach Hauſe brachte: er wußte nicht mehr, wo ihm der Kopf ſtand. 116 280. Tag. In dieſer Rathloſigkeit fuͤhrte der Zufall ihn vor die Hausthuͤre von Oatbha's Mutter; drinnen waren viel Leute um eine der Schweſtern Oatbha's verſam⸗ melt, die krank lag. Er, uͤberall bloͤde, außer auf den Straßen, wird ermuthigt, einzutreten, als er eine ſo zahlreiche Geſellſchaft ſieht; doch hielt er ſich Sas der Thuͤre, und guckte nur mit dem Kopfe erdor. „Da iſt Pallun,“ ſagte die Schwiegermutter, und redete ihn an:„was willſt du, Pailun? ein Stuͤck Ziegenfleiſch— „Oder Reis?“— „Nein.“— „Etwas zu trinken?“ „Nein.“ Alle Anweſenden nannten ihm nun wechſelsweiſe dieſes und jenes, indem ſie alles durchliefen, was getrunken oder gegeſſen wird; und der Bloͤdſinnige antwortete ſtaͤts:„Nein.“ „Ah!“ ſagte endlich die Kranke:„ich ſehe wohl, was er haben will, es ſind Kichererbſen.“ Bei dieſem Worte ſtuͤrzt Rarlun, außer ſich vor Freuden, ins Zimmer hinein, draͤngt ſich durch nach dem Sopha, auf welchem ſeine Schwiegerinn lag, und um ihr ſeine Dankbarkeit zu bezeugen, umfaßt er ihre beiden Arme mit ſolcher Gewalt, daß ſie, halb Der Bloͤdſinnige. 117 85 Schreck, halb vor Schmerz, in Ohnmacht ſinkt. Waͤhrend man ſich beeilt, der Kranken zu Huͤlfe zu kommen, ſagte die Schwiegermutter zu Parlun: „Du Dummkopf, du Mauleſel, was koͤmmſt du hieher, meine Tochter umzubringen?“ „Kichererbſen!“ wiederholte Parlun. „Hab' ich denn Kichererbſen zu verkaufen?“— „Kichererbſen!“ fuhr Parlun fort, obwohl ver⸗ wundert ſich jetzt Mauleſel nennen zu hoͤren: Eſel war er ſchon geweſen, aber noch kein Mauleſel. „Was willſt du mit deinen Kichererbſen?“— „Kichererbſen! meine Frau hat mir geſagt: Kicher⸗ erbſen.“ Dabei hatte er noch das Paͤckchen Geld dafuͤr in der Hand, welches er mitten durch alle ſeine Abenteuer ſorgfaͤltig bewahrt hatte. Die Mutter Oatbha's errieth nun, daß ihre Toch⸗ ter dem Bloͤdſinnigen den Auftrag gegeben, Kicher⸗ erbſen einzukaufen. Gradeuͤber wohnte ein Kaufmann; ſie zeigte Farlun ſeinen Laden, und ſagte zu ihm: „Da geh hin, und fordre deine Kichererbſen.“ „Der Kaufmann nahm das Geld, und gab ihm die Kichererbſen. Parlun lief nun frohlockend nach Hauſe, wiederholte aber immer noch:„Kichererbſen, Kicher⸗ erbſen!“ bis er ſeinen heimgebrachten Einkauf auf den Tiſch gelegt hatte. Das Vergeſſen dieſes Wortes war ihm ſo theuer zu ſtehen gekommen, daß er ent⸗ 118 280, 281. T a g. ſchſoſer war, es fortan ſein lebelang im Munde zu uhren. Oatbha konnte jetzo nicht mehr daran denken, die Kichererbſen zu kochen; ſie bemuͤhte ſich zu erfahren, wo Parlun den ganzen Tag umhergeſtrichen war. Er machte ihr eine verworrene Erzaͤhlung ſeiner Abenteuer, und beklagte ſich vor allen bitterlich daruͤber, daß man ihn fuͤr einen Zauberer, ja fuͤr einen Unglaͤubi⸗ gen ausgeſchrien hatte, waͤhrend er doch nur Kicher⸗ erbſen ſuchte. 1 Das einzige, was aus ſeinem Berichte klar her⸗ vorging, war, daß eine Schweſter Oatbha's krank lag, und daß Pailun bei ihrer Mutter geweſen war. Oatbha ſeufzte, daß ſie es nicht dahin bringen konnte, ihren Mann dergleichen laͤcherlicher Abenteuer zu uͤberheben: indeſſen beſchloß ſie, bis ſie ihre Reich⸗ thuͤmer dazu anwenden koͤnnte, noch einige Zeit zu dulden, und ihn ſo viel als moͤglich vor neuen Unfaͤl⸗ len zu bewahren. Zweihundert und ein und achtzigſter Tag. Am folgenden Morgen ruͤſtet ſich Oatbha, ihre kranke Schweſter zu beſuchen. Sie ſtillet ihr Kind, empfiehlt Xarlun, es zu wiegen, wenn es aufwacht und ſchreiet; wenn die Eſelinn durſtig iſt, ſoll er ſie Der Bloͤdſinnige. 119 traͤnken, und der Henne, welche bruͤtet, ſoll er zu freſſen geben. „Schließ dich feſt im Hauſe ein,“ ſagte ſie zu ihm;„du koͤnnteſt einſchlafen, und Diebe koͤnnten uns beſtehlen.“ Nachdem ſie ihn ſo gut als moͤglich unterrichtet hatte, ging ſie weg, und ließ ihm ein reichliches Fruͤhſtuͤck zuruͤck. Kailun entledigt ſich dieſer erſten Verrichtung auf eine Weiſe, daß man ihm nichts vorwerfen konnte; darauf macht er ein Schlaͤfchen. Das Kind wacht auf und ſchreiet; er wiegt es, und bis dahin geht alles bewundernswuͤrdig. Weil er nichts beſſeres zu thun hat, beſchaͤftigt er ſich mit den Gegenſtaͤnden um ihn her; er ſieht, daß die Henne ſehr unruhig iſt, und ſich fortwuͤhrend mit dem Fuße den Kopf kratzt.„Das arme Thier hat Laͤuſe,“ ſpricht Kailun:„ich habe auch welche, und meine Frau kaͤmmt mich; es wird gut ſein, wenn ich die Henne auch kaͤmme.“ Er ſteht auf, nimmt den Kamm und die Henne, und bemuͤht ſich, das kleine Gewuͤrm, welches er ſieht, zu erwiſchen; aber die Henne ſtraͤubt ſich, und der Kopf gleitet unter dem Kamme weg. Jetzo duͤnkt es ihn beſſer, die Feinde des Thiers mit einer großen Nadel zu toͤdten; indem er aber dabei nicht ſaͤuberlich verfaͤhrt, ſticht er die Henne durch den Schaͤdel, und 120 281. T a g. ſie iſt todt. Als Katlun den begangenen Mord ſieht, i*ſt er beſtuͤrzt: aber was ihn noch mehr beunruhigt, iſt, daß die Eier kalt werden ſollen. Um ſeine Verlegenheit voll zu machen, faͤngt die Eſelinn an zu bruͤllen.. „Oh! jetzt,“ ſagt er,„habe ich nicht Zeit, dir Waſſer herauf zu ziehen: du weißt recht gut, wenn ich auf deinem Nuͤcken ſitze, mich gerade nach dem Ufer des Fluſſes zu bringen; du kannſt jetzo auch ohne mich dahin gehen.“ Damit ſteht er auf, oͤffnet die Thuͤre, laͤßt die Eſelinn hinaus, und ſchließt wieder zu; und die Eſe⸗ linn mit ihrem Fuͤllen trabet nun durch die Straßen von Bagdad dahin. Nach dieſer Verrichtung ſchiebt unſer Freund die Wiege des Kindes nahe an die große irdene Schuͤſſel, in welcher die Huͤhnereier liegen, und ſetzt ſich drauf: er konnte es wohl thun, ohne ſie zu zerbrechen, aber er mußte das Gleichgewicht beobachten. Das Kind wacht auf, er wieget es, ohne ſeine Stellung zu veraͤndern; es wacht abermals auf, und jetzt will das Wiegen nichts mehr helfen: es ſchreiet vor Hunger, und nichts kann es ſtillen. Xarlun, der keine groͤßere Quaal kannte, als den Hunger, fuͤhlte herzliches Mitleid, und ſagte: „Du armes kleines Ding! du wirſt umkommen, wenn du keine Milch kriegſt; deine Mutter koͤmmt Der Bloͤdſinnige. 121 nicht heim: aber ich muß ja auch Milch haben, ich habe eben ſo wohl Bruſt, als ſie.“ Hierauf macht er ſein Kleid auf, nimmt das Kind, und waͤhrend er zugleich ſtaͤts ſeine Eier bebruͤtet, legt er das Kind an ſeinen Buſen, wie eine Amme, ſo daß er es faſt ganz mit ſeinem Barte bedeckt. Das getaͤuſchte Kind hoͤrt auf zu ſchreien und druͤckt ſeine Lippen an die ihm gebotene nahrungsloſe Bruſt; und Xarlun, hoͤchſt vergnuͤgt, wieget es in ſeinen Armen, wie er es von der Mutter geſehen hat; er verſucht auch, dazu zu ſingen. Dann ſagt er bei ſich ſelber: „Meine Frau will immer, ich ſoll mich aͤndern: ſie wird recht verwundert ſein, mich in eine Henne und in eine Amme verwandelt zu finden.“ Unterdeſſen beginnt das Kind, weil es nichts von dem findet, was es aus natuͤrlichem Triebe ſucht, von neuen unablaͤßig zu ſchreien. Xarluns Verlegenheit wächſt, und ſteigt bald aufs hoͤchſte; denn ſeine Frau klopft an die Thuͤre, und iſt ſchon nicht gut gelaunt, weil ſie die Eſelinn mit dem Fuͤllen auf der Straße gefunden hat, und wohl vermuthet, daß Xarlun ſich ſeine Auftraͤge mehr als nachlaͤßig entledigt haben wird. 1 „Oeffne doch!“ ruft ſie ihm zu. „Ich kann nicht;“ antwortet ihr ihr Mann. 122 281. 282, Tag. Oatbha, die ihr Kind ſchreien hoͤrt, ruft aber⸗ mals:„Wirſt du bald aufmachen, Dummkopf!“ „Ich kann nicht,“ antwortete Xailun,„ich bruͤte, ich ſaͤuge.“ Die handfeſte Oatbha rafft einen Stein auf, und ſprengt mit einem einzigen Schlage das Schloß. Da ſieht ſie nun Xarlun in ſeiner laͤcherlichen Stellung: aber, wie erzuͤrnt ſie auch iſt, die Mut⸗ terliebe geht uͤber alles; ſie nimmt ihm ihr Kind ab und giebt ihm ihre eigene Bruſt; dann wirft ſie einen zornigen Blick auf Xailun und auf ſeine ganze Umge⸗ bung; ſie ſieht die todte Henne neben ihm; und fraͤgt: „Wer hat die Henne getoͤdtet?“— „Es geſchah, als ich ſie kaͤmmte.“— „Und wo ſind die Eier?d“— „Ich bruͤte ſie.“ Zweihundert und zwei und achtzigſter Tag. Bei dieſen beiden neuen Zuͤgen von Einfaͤltigkeit, reißt Oatbha die Geduld aus, und ſie giebt ihm mit der Hand, die ſie frei hat, eine Maulſchelle. „Steh auf da, du Einfaltspinſel!“ ſagt ſie zu ihm,„wenn einer unſrer Nachbarn mit mir hereinge⸗ kommen waͤre, ſieh, was wuͤrde der geſagt haben? Biſt du nicht ſchon genugſam das Maͤhrchen der Stadt?“ —— ——ʒ—ÿ—y———.,·— Der Bloͤdſinnige. 123 Obwohl die Maulſchelle nicht eben gewichtig war, ſo brachte ſie Pailun jedoch aus dem Gleichgewicht, und die ganze Brut zerbricht unter ihm. Er wird es gewahr, und aus Furcht, daß das neue Ungluͤck wie⸗ der auf ihn zuruͤckfalle, legt er ſich auf die Seite, und mit einem Ellbogen auf den Boden geſtuͤtzt faͤngt er an zu weinen, wie ein Kind. „Willſt du gleich aufſtehen, dummes Thier!“ ſagt die Frau drohend zu ihm. Jetzo richtet Nailun ſich auf, und dreht ſich dabei ſo, daß Oatbha nicht ermangelt, das neue Meiſterſtuͤck ihres Mannes zu ſchauen. Oatbha war es nicht um die Henne, noch um die Eier: aber ſie dachte nach, wie ſie es anſtellen koͤnnte, daß ihr Mann weniger bloͤdſinnig waͤre, oder mindeſtens doch ſchiene. Die Hauptſache war zuvoͤr⸗ derſt, ihn zu Hauſe zu behalten: er war ihr Mann, der Vater ihrer Kinder; durch ihn war ſie im Beſitz eines Reichthums, von welchem ſie nur durch ſeine Mitwirkung Gebrauch machen konnte: ſie hatte alſo Gruͤnde genug, fuͤr ihn Sorge zu tragen, und ſich zu bemuͤhen, ihn den Unfaͤllen zu entziehen, welchen ihn ſeine Neugierde und ſeine Bloͤdſinnigkeit unauf⸗ hoͤrlich ausſetzte.* Sie that alſo alles was ſie konnte, um ihn bei ſich zu Hauſe zu halten, pflegte ihn ſehr gut, und bediente ſich abwechſelnb guter Worte und Drohungen, 124 282. TL a g. um ihn zu verhindern, ſeiner Luſt zum Herumſtreichen nachzuleben. Aber ſie bekaͤmpfte einen unuͤberwindli⸗ chen Hang. Narlun, noch ſtaͤts mit ſeiner Veraͤnderung be⸗ ſchaͤftigt, welche ſein einziger Gedanke geworden war, entſchluͤpfte, ſobald er ſich unbewacht ſah, aus dem Hauſe, um ſich endlich die Mittel dazu zu verſchaffen. Wir ſind ſchon gewohnt, ihn ſtaͤts daſſelbe wieder⸗ holen zu hoͤren:„Ich habe Gott gebeten, mich zu verwandeln, er hat mich aber nicht erhoͤrt, weder in Bagdad noch außerhalb Bagdad: es iſt vielleicht meine Schuld und nicht die ſeinige; hat man mir nicht im⸗ mer geſagt, daß ein Muſelmann ſich zum Gebete gegen Mittag wenden muͤßed er wohnt alſo gegen Mittag, ich muß hingehen ihn aufzuſuchen, und er wird mich gewiß erhoͤren.“ Waͤhrend er dieſe Ueberlegung anſtellte, war er ſchon weit weg von der Stadt, ſtaͤts auf ſein neues Ziel gerichtet. Da erblickte er einen Wald, und ſagte bei ſich ſelber:„Ich muß in dieſen großen Garten hineingehen; da koͤnnte ich wieder Fruͤchte nach mei⸗ nem Gefallen eſſen: er iſt groͤßer, als jener, in welchem ich bei dem Gaͤrtner war, es werden alſo noch viel mehr Fruͤchte drin ſein, und wenn ich nun auch noch viel mehr davon eſſe, ſo werde ich vielleicht verwan⸗ delt; denn, obſchon ich kein Eſel bin, ſo bin ich doch auch von Fleiſch und Bein, wie unſre Eſelinn.“ Der Bloͤdſinnige. 125 arlun ſchloß ſo, ganz ſeiner Geiſtesfaͤhigkeit ge⸗ maͤß. Als er in den Wald kam, verwunderte ihn die Hdhe der Baͤume; aber er ſah keine Fruͤchte daran. Indem er tiefer in den Wald hinein ging, hoͤrte er Laͤrmen; er lief, ſeiner Gewohnheit nach, gerade dorthin, und ſo gerieth er mitten unter eine Bande Raͤuber, die eine ſo eben gemachte Beute theilten. Die Raͤuber umringten ihn, und uͤberlegten, nachdem ſie ihn ergriffen hatten, ob ſie ihm den Kopf und die Fuͤße abhauen ſollten. „Ach, mein Gott, mein Gott!“ rief Parlun aus: „wollt ihr mich denn in einen Todten verwandeln?“ Noch war ihm kein Schlag geſchehen, als einer der Raͤuber zu Pferde heranſprengte, und ſeine Geſel⸗ len warnte, daß ſich am Eingange des Waldes Rei⸗ terſchaaren blicken ließen. Die Raͤuber verließen ſogleich Xallun ſammt der Beute und ſprangen zu Pferde, um zu entfliehen, ſo gut ſie konnten. Als ſo dem Bloͤdſinnigen die Furcht entſchwunden war, nahm die Neugierde wieder ihr Recht ein: er ergetzte ſich, das Gepaͤck aufzumachen„ um zu ſehen, was darin waͤre, als ein Theil der zur Verfolgung der Raͤuber ausgeſchickten Reiter ankam und ihn um⸗ ringte: man hielt ihn fuͤr einen der Bande, band ihm unter Schimpfreden die Haͤnde, und fuͤhrte ihn ſo nach Bagdad ins Gefaͤngnis. Er wurde dem Ker⸗ kermeiſter als einer von jenen Raͤubern uͤbergeben, 126 282, 283. TC 4 g. die einen verwegenen Streich ausgefuͤhrt hatten; und die Reiter verkuͤndigten, daß man auch bald ſeine Spießgeſellen bringen wuͤrde. „Das hab' ich alſo von meinem Laufen gegen Mittag,“ ſagte Narlun bei ſich ſelber,„daß ich in einen Raͤuber verwandelt werde! Sicherlich, was man mir auch mag geſagt haben, dort wohnt Gott nicht. Aber ich bin nicht lange Eſel, Ochs, noch boͤſer Geiſt geweſen, ich werde auch nicht lange Raͤu⸗ ber bleiben.“ 3 Zweihundert und drei und achtzigſter Tag. Waͤhrend er in dem Loche, worin er eingeſperrt war, dieſe Betrachtung anſtellte, erregte er die Neu⸗ gier eines Mitgefangenen, den aber nicht ſo wohl das Misgeſchick als Verbrechen ihm zugeſellt hatte: es war Fetah, ein eben ſo beruͤchtigter, als gefuͤrchteter Raͤuber, welchen man Tages zuvor uͤber einem bedeu⸗ tenden Diebſtal ertappt hatte. Schon laͤngſt war Fetahs Urtel geſprochen; ſchon dͤfter der Gerechtigkeit in die Haͤnde gefallen, hatte er ſtaͤts Mittel gefunden, zu entwiſchen, und als Xarlun ankam, beſchaͤftigte er ſich mit einem neuen Entwurf, um ſich auch dießmal aus der Schlinge zu ziehen. Der Bloͤdſinnige. 12„ Fetah betrachtete beim Schein einer Lampe, die das Gefaͤngnis erleuchtete, ſeinen Ungluͤcksgefaͤhrten; er redete ihn an, um zu erfahren, weshalb er ins Gefaͤngnis geworfen worden. Farlun, der ſich nur Gelegenheit zu reden wuͤnſchte, erzaͤhlte ihm, wie er gen Mittag gegangen, um Gott zu bitten, ihn zu verwandeln, damit ſeine Frau ihn weder ſchlagen, noch hindern moͤchte auszugehen, und wie er ploͤtzlich in einen Raͤuber verwandelt worden. Fetah zog aus dieſem Anfang ſchon eine gute Vor⸗ bedeutung fuͤr ſeinen Entwurf: er erkannte ſeinen Gefaͤhrten fuͤr einen Bloͤdſinnigen, auf deſſen Vorſtel⸗ lungen er eingehen muͤßte, um ihn in irgend einer Schlinge zu fangen. Nach Verlauf einer Stunde iſt er voͤllig im Klaren uͤber Eazlun, was er ſein lebelang gethan und gedacht hat; und auf die Wuth des Bloͤd⸗ ſinnigen, durchaus verwandelt zu werden, baute der Raͤuber ſeinen Plan, ſich ſelber auf der Stelle derge⸗ ſtalt zu verwandeln, daß er entwiſchen koͤnnte. Fetah hatte ſich, um ſich unkenntlich zu machen, auf den Fall daß er, bei dem letzten Diebſtal ,ergriffen wuͤrde, den Bart und die Haare ſchwarz gefaͤrbt, und ſeine Augenbraunen buſchig gemacht, da ſie von Natur ſehr licht waren, eben ſo wie Parluns Augen⸗ braunen. Bei dem Anſchwaͤrzen des Bartes und der Haare hatte der Raͤuber auch keinesweges ſeiner Haut 128 3 283. T a g. geſchont, und er hatte mehr das Anſehn eines Schwar⸗ zen, als eines Arabers: eigentlich hatte er ein roth⸗ wangiges Geſicht, auch ſo wie Parlun. Wenn er ſich ſelber nun wuſch, dagegen Farlun anſchwaͤrzte, und ihn beredete, die Kleider zu wechſeln, ſo war die Ver⸗ wandlung bald gemacht, und vollſtaͤndig. Dieß war Fetahs Plan. „Bruder,“ ſprach er zu ailun,„du haſt mit Unrecht Gott gegen Mittag geſucht: er hat ſeinen Palaſt uͤberall. Was die Verwandlung betrifft, wenn wir beide mit einander tauſchen wollten, ſo wuͤrde das hier auf der Stelle mit ein wenig Gebet bald abge⸗ than ſein: du waͤreſt dann nicht mehr du, du waͤreſt ich; da wollten wir doch einmal ſehen, ob man dich noch fuͤr einen Raͤuber naͤhme, und ob deine Frau es noch wagte, dich zu ſchlagen.“ „Du biſt aber ſehr ſchwarz,“ entgegnete Failun. „Mein Geſicht ſah beinah ebenſo aus, als ich in ei⸗ nen Kuͤchenjungen verwandelt wurde, und meine Frau ſchlug mich nichts deſto weniger.“— „Dieſe Farbe gefällt dir alſo nicht?“ „Nein,“ antwortete ailun. „So ſollſt du ſehen,“ fuhr Fetah fort,„daß es ſehr leicht iſt, eine andre zu erhalten: es koͤmmt nur auf ein andaͤchtiges Gebet an. Wir wollen uns den Ruͤcken zukehren: du ſuchſt Gott im Suͤden, und ich ſuche ihn im Norden; wir finden ihn uͤberall. So Der Bloͤdſinnige. 129 bitten wir beide ihn ganz leiſe um unſre Verwandlung: ich werde es dir ſagen, wenn alles geſchehen iſt.“ ailun gehorchte mit großem Eifer. Fetah tauchte ein Schnupftuch in ſeinen Waſſerkrug, und wiſchte behende alle Schwaͤrze ab, welche ſein Haar, ſeinen Bart und ſein Geſicht entſtellte. Dann ſchwaͤrzte er ein zinnernes Gefaͤß, in welchem man ihm Eſſen ge⸗ bracht hatte, mit dem Qualm der Lampe, und beſu⸗ delte ſich damit die Haͤnde. Ploͤtzlich drehte er ſich um, und ſprach zu ailun: „Sieh mich an; findeſt du mich nicht ganz verwandelt?“ Zweihundert und vier und achtzigſter Tag. Failun ſtand ganz verwundert da; denn der Spitz⸗ bube Fetah hatte ein ganz huͤbſches Anſehn. „Wie!“ rief der Bloͤdſinnige aus:„ich ſoll mich auch ſo verwandeln, wie du eben gethan haſt?“ „Ja;“ antwortete Fetah,„du mußt dir aber meine Zuͤge auf das Antlitz zeichnen laßen.“ Pailun ließ es geſchehen, und in einem Augen⸗ blick machten ihn Fetahs Haͤnde noch ſchwaͤrzer, als er ſelber geweſen war. „Das iſt noch nicht genug,“ fuhr er fort;„wir muͤßen auch die Kleider wechſeln; du ſiehſt wohl, die meinen ſind ganz neu.“ V. 9 130 284. Tag. Somit war denn allun vollſtaͤndig verwandelt. Fetah wollte ihm ſogleich einen Beweis geben, daß alles dieß zu ſeinem groͤßten Vortheile gereichte: „Du wirſt bald ſehen,“ ſprach er,„wie man dich nunmehr hier bedienen wird. Ich hoͤre die Thuͤren oͤffnen, der Gefangenwaͤrter koͤmmt, gieb ihm dieſes Stuͤck Geld, und ſage zu ihm, mit feſtem Tone: „Man gehe hin und hole mir Pilau, und eine Ham⸗ melſchulter zum Mittagseſſen.“ Palun, ſchon gewohnt, alles zu wiederholen, was man ihm vorſagte, gab das Geld hin, ohne es zu beſehen, und ertheilte dem Gefangenwaͤrter den Befehl. Dieſer naͤherte ſich der Lampe, ſah, daß man ihm ein Goldſtuͤck gegeben hatte, verneigte ſich dafuͤr ehrerbietig gegen arlun, und ging hin, ſeinen Auftrag auszurichten. Waͤhrend arlun ſich nun freute, endlich ſo ver⸗ wandelt zu ſein, daß er Ehrerbietung einfloͤßte, und Fetah vermittelſt ſeiner Liſt zu entwiſchen hoffte, wurde fuͤr beide im entgegengeſetzten Sinne gearbeitet. Als dem Chalyfen berichtet wurde, daß der be⸗ ruͤchtigte Fetah eingefangen waͤre, befahl er, ihn ſogleich vor die Stadt hinauszufuͤhren und das ſchon uͤber ihn gefaͤllte Urthel nach aller Strenge zu voll⸗ ziehen. Unterdeſſen war auch ein Theil der Raͤuber, unter welche Xarlun ſich gemiſcht hatte, gefangen und ver⸗ Der Bloͤdſinnige. 131 nommen, und dabei befragt worden, wer dieſer Menſch waͤre; und alle hatten einſtimmig ausgeſagt, es waͤre ein Bloͤdſinniger, dem ſie zu ihrer Beluſti⸗ gung Furcht eingejagt haͤtten: es wurde demnach ent⸗ ſchieden, daß er in Freiheit geſetzt werden ſollte. Ein Richter kam nun nach dem Gefaͤngnis, und befahl, ihm den Bloͤdſinnigen vorzufuͤhren. Der Ge⸗ fangenwaͤrter trat herein, ſchlug Fetah auf die Schul⸗ ter, und ſagte zu ihm: „Marſch, vorwaͤrts, Bloͤdſinniger! man will dir die Rechnung machen.“ Und Fetah folgte ihm. „Du biſt frei,“ ſprach der Richter zu Fetah; ngeh nach Hauſe, armer Menſch, und ſei kuͤnftighin weniger naͤrriſch, wenn du kannſt. Jetzo fuͤhre man den Fetah vor,“ fuhr der Rich⸗ ter fort. Der Gefangenwaͤrter ging nun zu Xailun und ſagte: „Gnaͤdiger Herr, ihr habt nicht mehr Zeit, eure Hammelſchulter zu verzehren, der Richter laͤßt euch rufen; ich werde euch nicht erſt das uͤbrige Geld her⸗ ausgeben, es verlohnt ſich nicht der Muͤhe. Und habt ihr etwa noch mehr dergleichen Geldſtuͤcke, ſo koͤnnt ihr ſie mir auch immer geben; euer Handel wird bald abgethan ſein, und binnen kurzer Zeit wer⸗ det ihr gar nichts mehr noͤthig haben.“ 132 284. C a g. Nailun hoͤrte den Gefangenwaͤrter mit dummdreiſter Miene an, er blieb feſt uͤberzeugt, daß er gaͤnzlich verwandelt waͤre: er hatte ſeinen Mitgefangenen als einen Bloͤdſinnigen behandeln ſehen; mit ihm ſelber dagegen hatte man aus einem ganz andern Tone ge⸗ ſprochen; und jetzo verſicherte man ihm noch, und er glaubte es auch, daß ihm bald gar nichts mehr man⸗ geln wuͤrde. Indeſſen ruͤhrte er ſich nicht vom Flecke. „Vorwaͤrts doch!“ ſagte der Gefangenwaͤrter; „erſparet mir die Muͤhe, euch mit Gewalt hinauszu⸗ ſchleppen; laßt euch rathen, und geht gutwillig.“ „Ich,“ erwiederte Failun,„ich will niemand Muͤhe verurſachen, ich gehe ſchon.“ Der Gefangenwaͤrter ſah ihn an, und ſagte: „Folget mir.“ ailun gehorchte, wie ein Kind, und wurde in die Gerichtsſtube gefuͤhrt. Der Richter redete ihn mit folgenden Worten an: „Fetah, hier iſt dein Urthel; hoͤre, man wird es dir vorleſen.“ Alsbald las der Gerichtsſchreiber eine lange Liſte bewieſener Verbrechen her, fuͤr welche der Schuldige verurtheilt wurde, vor den Thoren von Bagdad an der gewoͤhnlichen Richtſtaͤtte gehenkt zu werden. „Wer hat das alles gethan?“ fragte Pailun; „ſteht denn nicht auch auf dem Papiere da, daß ich verwandelt bin? Ich bin es ja doch, ſeht nur.“ Der Bloͤdſinnige. 133 Der Richter, der den Raͤuber nicht kannte, dachte, daß Fetah den Bloͤdſinnigen ſpielen wollte, um ſich der Strafe zu entziehen, und befahl nichts deſtoweni⸗ ger, ihn nach der Richtſtaͤtte abzufuͤhren. Oatbha war unterdeſſen ſeit dem Verſchwinden ihres Mannes nicht ruhig geblieben; ſie hatte alle Arten von Unfaͤllen uͤberdacht, welche einem Menſchen dieſes Gelichters begegnen konnten. Sie dachte nicht, daß er ſich von Bagdad entfernt haͤtte: er konnte im Euphrat ertrunken ſein, ſich in eine Schlaͤgerei ge⸗ miſcht haben, verwundet worden und in ein Kranken⸗ haus gebracht ſein. Sie hatte ſchon die ganze Stadt durchlaufen und ſich uͤberall nach ihm erkundigt. Zweihundert und fuͤnf und achtzigſter Tag. „Endlich kam ſie auch in das Gefaͤngnis, wo man ihr ſagte, daß ſo eben ein Bloͤdſinniger entlaßen waͤre. Sie kehrte hierauf heim, fand dort aber Railun nicht, und noch immer beunruhigt, ging ſie wieder nach dem Gefaͤngniſſe. Da vernahm ſie, daß ein in Bagdad beruͤchtigter Naͤuber, kurz Fetah, ſo eben hinaus zur Hinrichtung gefuͤhrt wuͤrde: er ging mit bloßem Kopfe dahin, war ihr aber darum noch nicht kenntlicher. Die An⸗ ſchwaͤrzung ſeiner Haare, ſeines Barts und Geſichts 154 285. Tag. entſtellte ihn, und die Kleidung taͤuſchte ſie vollends: aber in der Gebaͤrde und in dem Gange des Mannes, in ſeinem dummdreiſten Umherſchauen, bald zur Rech⸗ ten balb zur Linken des Weges, lag etwas, das ihr jeden Augenblick ihren Railun vergegenwaͤrtigte, und ſie konnte ſich nicht enthalten, dem Zuge zu folgen. Deit ließ ein neuer Auftritt ihr keinen Zweifel mehr uͤbrig. Als man naͤmlich vors Thor gekommen war, ſah Farlun einen Karduon auf einem Steinhaufen am Wege ſitzen; er ſtand auf der Stelle ſtill, und ſagte: „Ah! guten Tag, lieber Vetter!“ Man wollte ihn vorwaͤrts treiben; er aber ant⸗ wortete, er muͤßte erſt mit ſeinem Vetter reden, und von ihm hoͤren, ob er ihn jetzo recht verwandelt faͤnde. Der Richter und die Wache verwunderten ſich uͤber dieſen Zug wahren oder verſtellten Bloͤdſinns; aber in demſelben Augenblick hatte Oatbha, mit zuruͤckgeſchla⸗ genem Schleier ſich dem Richter zu Fuͤßen geworfen, und redete ihn alſo an: „Gnaͤdiger Herr, dieſer da iſt nicht Fetah, den ihr ſuchet; ſondern es iſt ein unſchuldiges Geſchoͤpf⸗ das niemals einem etwas zu Leide that: es iſt mein armer Mann, der bloͤdſinnige Pailun, der ſich, in ſeiner Einfaͤltigkeit, weiß Gott von wem, ſo hat Der Bloͤdſinnige. 135 entſtellen laßen. Erlaubet, daß ich ihn reinige, und wir werden hier Leute genug finden, die ihn erkennen. Komm her, Unſeliger!“ ſagte hierauf Oatbha zu Pailun mit ihrem gebietenden Tone, den ſie gegen ihn ſo gut anzunehmen wußte:„wo haſt du geſteckt, und dich ſo zurichten laßen wie du da biſt?— „Der andre, der mit mir zuſammen war, hat mich verwandelt.“— „Schaͤmſt du dich nicht, nach allen deinen laͤcher⸗ lichen Verwandlungen, dich gar noch in einen Raͤuber, einen Verbrecher verwandeln zu laßen und der Hin⸗ richtung auszuſetzen?“ Pailun antwortete nichts, und ließ ſeine Frau mit einem Tuche ſich die Schwaͤrze von den Haaren und dem Geſicht abwiſchen, und ſogleich fingen die Kinder aus der Nachbarſchaft des Gefaͤngniſſes an zu ſchreien: 1 „Ah! da iſt der boͤſe Geiſt, der die Todten frißt! Waͤhrend dieſer Vorgaͤnge nahte ſich einer der Rei⸗ ter dem Richter, und verſicherte ihn, jener da waͤre nicht der Raͤuber Fetah: ich habe ihn drei Tage in meinem Gewahrſam gehabt, ich ſoll ihn alſo wohl kennen; dieſer Menſch hier iſt beſtimmt jener Dumm- kopf, den wir vor einigen Tagen im Walde antrafen, und den ihr befohlen habt zu entlaßen: Fetah iſt ge⸗ ſes ſo durchtrieben geweſen, ſich an ſeine Stelle zu etzen.. 136 285. Tag. Der durch ſo viele Berichte aufgeklaͤrte Richter konnte jedoch nur die Hinrichtung aufſchieben, bis er ſeinen Vorgeſetzten und dem Chalyfen von dem Vor⸗ gange Bericht abgeſtattet hatte, und ließ Xarlun nach dem Gefaͤngniſſe zuruͤckfuͤhren. Oatbha folgte ihm. Alsbald ging ſie hin und holte ihm neue und anſtauͤndige Kleider, und ließ ihn die ausziehen, welche ihn einem ſchimpflichen Tode aus⸗ geſetzt hatten. Sie bezahlte dem Kerkermeiſter reichlich zum voraus alle die Sorgfalt, welche ſie ihm fuͤr Parlun empfahl, bis der Befehl zu ſeiner Freilaßung käme. Da ſagten die Leute im Gefaͤngniſſe:„Das iſt ein gluͤcklicher Bloͤdſinniger!“ Parlun anlangend, ſo waͤre ihm ein Kleiderwechſel unter jeden anderen Umſtaͤnden angenehm geweſen: aber ſeitdem ſeine Frau ihn erkannt hatte, und er ſich wieder ihren Drohungen und Schlaͤgen ausgeſetzt ſah, gab es keine Verwandlung mehr, welche ihm Vergnuͤgen machen konnte. Der Befehl, Karlun zu entlaßen, kam, und Oatbha fuͤhrte ihn mit ſich nach Hauſe. Man kann ſich vorſtellen, daß ſie ihn eben nicht ſanft behandelte, weder unterweges, noch daheim. Es war wohl noͤ⸗ thig, ihm Furcht einzujagen, um ihn zu verhindern, daß er nicht von neuen auf Abenteuer ausginge. Aber es war unmoͤglich, ihm die Luſt dazu zu beneh⸗ Der Bloͤdſinnige. 137 men, noch ihm andere Vorſtellungen einzupraͤgen, als diejenigen, welche ihm einmal gelaͤufig waren. Um ſicher zu ſein, daß er nicht mehr geſcholten, mishandelt, und zu Hauſe eingeſperrt wuͤrde, mußte er durchaus verwandelt werden; und dieß ſollte ein Wee Gottes ſein, den er bisher vergeblich geſucht atte. „Gott,“ ſagte Kanlun bei ſich ſelber,„iſt doch nicht von geringerm Stande, als ein Veſyr; hier in der Nachbarſchaft iſt der Palaſt eines Veſyrs, zu die⸗ ſem geht man, und ſpricht mit ihm: ich will alſo auch nach ſeinem Palaſt gehen, und mit ihm reden.“ Eines Tages fand er wieder Gelegenheit zu ent⸗ ſchluͤpfen, und als er jedermann nach dem Palaſte Gottes fragte, fuͤhrte man ihn nach einer Moſchee. „Das meine ich nicht,“ ſagte er,„dieß iſt der Ort, wo man fuͤr die Muſelmaͤnner zu Mahomed betet.“ Er fuhr alſo fort zu fragen, bis er in die Ge⸗ gend des Palaſts des Chalyfen kam. Ein Thuͤrhuͤter hoͤrte ihn an, und fand Mittel, ſich von ihm erklaͤren zu laßen, welche Art von Gnade er zu erlangen wuͤnſchte. Als er uͤber die Geiſtesverfaſſung und das Begehren Parluns im Klaren war, bedachte er, daß es den Chalyfen beluſtigen koͤnnte.. „Komm,“ ſagte er zu arlun,„ich will dich hin⸗ uͤhren, wo du hin willſt.“ 138 285. 286. Ta g. „Und ich ſoll mit Gott reden?“ fragte der arme Bloͤdſinnige.— „Ja, du ſollſt mit ihm reden, du ſollſt ihn von Angeſicht zu Angeſicht ſehen.“ Mit dieſen Worten ließ er ihn in den Palaſt tre⸗ ten, ſich niederſetzen, und hieß ihn einen Augenblick warten. Zweihundert und ſechs und achtzigſter Tag. Obgleich Kailun erſt innerhalb der erſten Ring⸗ mauer des Palaſts und in dem Gemache eines Unter⸗ beamten war, ſchien ihm doch alles ſchon ſehr ſchoͤn; als nun aber der Thuͤrſteher mit ihm durch die Hoͤfe und die Saͤle ging, die nach dem Divan fuͤhrten, da hoͤrte er nicht auf, auszurufen: „Gottes Palaſt! Ah! wie ſchoͤn iſt er!“ Als er endlich den Chalyfen auf ſeinem Thron er⸗ blickte, war er voͤllig geblendet. Der Thuͤrſteher faßte ihn bei dem Arm, ließ ihn vortreten, und ſagte zu ihm: „Da iſt er, wirf dich nieder, und rede mit Ihro Hoheit.“ Ses ſoll ich ſagen?“ fragte Failun ganz ver⸗ dutzt.— V V 1 Der Bloͤdſinnige. 139 „Bitte ihn, daß er dich verwandle, und ſetze ihm deine Gruͤnde auseinander.“ Pailuns Rede iſt nicht wieder zu geben. Er war ſo von Staunen ergriffen, ſo verwirrt, daß er nicht einmal ſein gewoͤhnliches Maaß von Verſtand beiſam⸗ men hatte. Seine Frau, ſein Haus, ſeine Straße, die Stockpruͤgel, die Verwandlung in einen Kuͤchen⸗ jungen, in einen Eſel, in einen Ochſen, in einen boͤ⸗ ſen Geiſt, in einen Zauberer, in eine Amme, in eine Henne, und in einen Raͤuber, der eben gehenkt wer⸗ den ſollte: dieß alles ging kunterbunt in ſeiner Rede durcheinander, gedankt ſeds der Huͤlfe des Thuͤrſtehers, der ihn ſtaͤts von einer Erzaͤhlung auf die andre brachte. Er ſchloß endlich damit, daß er ein fuͤr allemal ſagte:„Lieber Gott, weil du mich nun wirk⸗ lich hoͤreſt, ſo bitte ich dich, verwandle mich; aber dergeſtalt, daß meine Frau mich nicht wiedererkennt, ja daß ich mich ſelbſt nicht mehr erkenne: verwandle mich noch beſſer, als du unſre Eſelinn verwandelt haſt; denn ſie kriegt immer noch einige Schlaͤge.“ Harun⸗Alraſchid und ſeine Hofleute hatten alle Muͤhe, das Lachen zu verbeißen; indeſſen hielt der Chalyf an ſich, und befahl dem Thuͤrhuͤter, Failun in ein Gemach zu bringen, wo er auf der Stelle verwandelt werden koͤnnte. Waͤre Pailun nicht ſo weit entfernt geweſen, ſo wuͤrde er ſich dem Chalyfen zu Fuͤßen geworfen und ſie umfaßt und gekuͤßt haben, 140 286. T ꝗ g. 4 dermaßen, daß er ſie ihm haͤtte zerbrechen koͤnnen; aber er befand ſich außerhalb der Schranken. Die Verſchnittenen fuͤhrten ihn nun in ein Zimmer, wo ihm alsbald ein reichliches Mahl aufgetragen ward. Die Speiſen ſind ihm unbekannt; ſie reizen ſeinen Geſchmack durch ihre Neuheit, und gefallen ihm nur um ſo mehr; er findet alles vortrefflich, und uͤberlaͤßt ſich ganz ſeiner Eßluſt, indem er ſich in dem Gedanken beſtaͤrkt, daß der Menſch nur durch die Nahrung verwandelt werden kann, weil Gott ſelber, in deſſen Palaſt er ſich befindet, kein andres Mittel anwendet. Dem guten Eſſen folgen koͤſtliche Weine; er weiß nicht, was es iſt, uͤberlaͤßt ſich aber dem Vergnuͤgen, davon zu trinken. Sie ſind mit einem ſtarken Schlaf⸗ trunke gemiſcht, deſſen Wirkung er bald empfindet, und bevor er noch vom Tiſche aufſtehen kann, ver⸗ ſinkt er in den tiefſten Schlaf. Dieſen Augenblick erwarteten die Sklaven nur, um ſich ſeiner zu bemaͤchtigen; man badet ihn, reibt ihn ab, und ſchiert ihm alle Haare ab, vom Kopf bis zu den Fuͤßen. Aus dem Harem wird eine Alte herbeigeholt, welche in Bereitung der Salben und Schminke, und allen Kuͤnſten des Putztiſches ſo ge⸗ ſchickt war, daß ſie dem Kopf einer Leiche das friſche Anſehn der Jugend zu geben vermochte: Fatlun wird von ihr bearbeitet, und geht aus ihren Haͤnden hervor, Der Bloͤdſinnige. 142 friſch wie eine Roſe und mit einem leichten Flaum auf der Haut. Schoͤne nachlaͤßig gelockte blonda Haare erſetzen ſeine ſtruppichten braunen Haare; ſeine Augenbraunen ſind ſo gelichtet, daß ſie feine Boͤgen bilden, welche wie ſeine Locken gefaͤrbt werden. Man ſchnuͤrt ihn in ein himmelblaues Bruſtkleid, welches vorn etwas offen ſteht, um ſeinen Hals und ſeine Bruſt ſehen zu laßen, deren kuͤnſtlich gemalte Adern die Weiße der Haut erhoͤhen; eine aus Edelſteinen zuſammengeſetzte Sonne bedeckt ſeinen Bauch; die von ſeinem Halſe herabfallenden Perlenſchnuͤre ver⸗ maͤhlen ſich mit den Diamanten; man zieht ihm reichgeſchmuͤckte Halbſtiefeln an. Sein Guͤrtel iſt eine praͤchtige Schaͤrpe; und ein durchſichtiges ſilbergeſtirn⸗ tes Gewand, mit einer Rubienſpange zierlich zuſam⸗ mengeheftet, umwallet ſeine Schultern. Man wuͤrde ihm auch noch Fluͤgel angeſetzt haben, aber ſie haͤtten ihn in ſeinen Bewegungen gehindert, von denen man nichts verlieren wollte. Als die alte Sklavinn mit der Verwandlung des vierſchroͤtigen Railun in einen Engel fertig war, trug man ihn in einen praͤchtigen Saal, und legte ihn, unter einem reichgeſchmuͤckten Thronhimmel auf einen Sopha; vier gegenuͤberſtehende Spiegel wiederholten und vervielfaͤltigten ſein Bild. In dieſem Aufzuge ſchlaͤft er hier vollends aus. 142 2387. Tag. Zweihundert und ſieben und achtzigſter Tag. Man feierte in eben dieſer Nacht das Blumen⸗ feſt;*) und nach der Abſicht des Chalyfen ſollte Xai⸗ luns Verwandlung die Luſt dieſes Feſtes noch erhoͤhen. Verſchnittene mußten Acht geben, wenn bekannte Zeichen ankuͤndigten, daß die Wirkung des Schlaf⸗ trunks nachließe, um ſogleich den Spielleuten oben auf einer durchſichtig verhangenen Loge des Saals, wo der Chalyf ſelber ſich an dem Schauſpiele von Pazluns Erwachen beluſtigen wollte, ein Zeichen zu geben, damit die Muſik beginnen ſollte mitzuwirken. Die Nacht war gekommen, und Pailun ſchlief noch immer; das kuͤnſtliche Mittel ſeiner Einſchlaͤfe⸗ rung wurde durch ſeine natuͤrliche Neigung kraͤftig unterſtuͤtzt. Endlich fing er an, ſich zu recken und zu dehnen: ſogleich beginnt die Muſik, anfangs ſehr ſanft; aber bald belebt ſie der Ton rauſchender In⸗ ſtrumente, und Xailun wacht auf. Zweihundert Kerzen erhellen den Saal um ihn her: er ſchaut vor ſich hin, und erblickt in dem Spiegel einen Engel; der Spiegel hinter ſeinem Sopha zeigt ihm einen andern Engel; er blickt nach der einen ¹) Bei demſelben ſetzt man einen Spleges und zwei Kerzen vor jede Blume im Garten. Dieſes Feſt iſt ſehr glänzend und wird jeden Frühling wiederholt. Der Bloͤdſinnige. 143 Seite, dann nach der andern: uͤberall Engel. End⸗ lich beſieht er ſeine Haͤnde, ſeine Fuͤße, ſeinen ganzen Leib, und alles was er ſieht, blendet ihn; er ſpricht kein Wort, ſondern ſtoͤßt nur einzelne Laute des Er⸗ ſtaunens aus. Er laͤuft durch den ganzen Saal, geht von einem Spiegel zum andern, ſo nahe daß er ſie mit der Naſe beruͤhrt, und es ſcheint ihm, daß die Engel ſich ihm naͤhern und ihn kuͤſſen:„Oh! oh!“ ruft er aus, ohne etwas anderes ſagen zu koͤnnen, ſo ſehr iſt er von Staunen uͤberwaͤltigt. Endlich ſcheint er wieder zur Beſinnung zu kommen. „Ich ſehe wohl dieß alles,“ ſpricht er,„aber wo bin ich denn, ich ſelber? was iſt aus mir geworden? Oh! Narlun, Parlun! komm doch, und ſieh dieß alles an, um es meiner Frau wiederzuerzaͤhlen.“ Sodann laͤuft er zu einem Spiegel, und ſagt: „Ihr anderen, die ihr ſo ſchoͤn ſeid, ſaget mir doch, wo iſt der arme Karlund Wahrhaftig, ſo ſchoͤn ich auch bin, ich muß doch weinen, wenn ich den armen Kailun nicht wieder ſehe.“. Da ertoͤnte eine ſanfte und wohlklingende Stimme von oben herab: „Suche nicht mehr den Paslun, den du gekannt haſt, den ſeine Frau ſchlug: du biſt es ſelber; du haſt um Verwandlung gebeken, da biſt du nun ver⸗ wandelt.“— 144 287. T ag. „Und wer ſind die ſchoͤnen Juͤnglinge, die hier im Saale mich umgeben, und mir entgegen kommen, wenn ich zu ihnen gehe, die mich kuͤſſen, und die eine ſo kalte Naſenſpitze haben; die auch ſprechen, aber ohne daß ich ſie verſtehe?“ „Das ſind deine Ebenbilder, welche ſich im Spie⸗ gel darſtellen. Haſt du dich denn niemals geſpie⸗ gelt?“— „Oh wohl! aber ich habe niemals mehr als Ein Bild geſehen: hier ſehe ich dagegen unzaͤhlige, und da hinten ſind welche, die mir den Ruͤcken zudrehen.“— „Es ſind gleichwohl alle nur deine Bilder.“— „Nun gut, ſo bitte du, der du mit mir redeſt, den lieben Gott, der ſo reich iſt, daß er mir alle dieſe Bilder ſchenke, um ſie meiner Frau zu geben.“— „Willſt du denn zu deiner Frau zuruͤck, die dich ſo ſchlaͤgt?“— „Ja; ſie wird mich nicht mehr ſchlagen, weil ich nun verwandelt bin.“— „Aber, Xailun, du willſt alſo nicht bei Gott bleiben?“— „Ich will bei Gott bleiben und bei meiner Frau: wir haben ein Kind, und ſie iſt ſchwanger. Ich will fuͤnfmal taͤglich herkommen, mein Gebet zu verrichten.“ Der Chalyf ergetzte ſich ſehr an dieſer Unterhal⸗ tung; es war aber Zeit, auch alle Frauen ſeines Hofes an dieſem Vergnuͤgen Theil nehmen zu laßen. Der Bloͤdſinnige. 145 Bediente traten ein und meldeten Karlun, daß er in den Gaͤrten des Palaſtes erwartet wuͤrde. Er nahm Abſchied von allen ſeinen Bildern, welche es erwiederten; und da er gewohnt war zu gehorchen, ſo folgte er denen, die ihn einluden. Das Feſt, welchem karlun im Garten beiwohnte, war geeignet, ihn vollends zu entzuͤcken. An dem Stengel jeder Blume ſtand ein Spiegel; und die Bil⸗ der, welche er im Saale verlaßen hatte, ſchienen ihm uͤberall hin zu folgen. Viertauſend Kerzen erleuchteten aus den Blumen und Spiegeln empor dieſes glaͤnzende Schauſpiel; und zehntauſend farbige Lampen ſchmuͤck⸗ ten alle Schauſeiten des Palaſtes. Zweihundert und acht und achtzigſter Tag. Kailuns erſter Gedanke war, er befaͤnde ſich im Paradieſe. „Ihr ſeid noch nicht ganz darin,“ ſagte ihm einer der Verſchnittenen, die ihn begleiteten,„man will euch nicht taͤuſchen: dieß hier iſt nur das irdiſche Pa⸗ radies, und ihr ſeid bei dem Statthalter Gottes; wir wollen euch jetzt zu ihm fuͤhren.“ Das Wort Statthalter Gottes wollte arlun niht in den Kopf, weil es nach ſeinem Glaubensbe⸗ 10 146 288. Tag. kenntniſſe nur einen Gott giebt. Unterdeſſen hatte er nicht Zeit eine Ketzerei zu begehen, denn er erblickte jetzt unter einem praͤchtigen Zelte den Chalyfen im vollen Glanze auf ſeinem Throne, umgeben von allen Schoͤnheiten ſeines Harems. Bei dieſem Anblicke rief Xailun aus:„Ah! was Bilder!“ Man fuͤhrte ihn in den Umkreis des Thrones, und alle Frauen wetteiferten in Liebkoſungen gegen ihn. Er trat ganz nahe zu ihnen heran, und ſagte zu ihnen: „Kuͤſſet mich doch! habt ihr auch eine ſo kalte Naſenſpitze, als die anderen? Ah! ihr redet auch: erkennet ihr michb Oh! unſere Eſelinn und ich wir werden unſere Nachbaren recht in Erſtaunen ſetzen: es iſt in dem ganzen Stadtviertel noch keine ſolche Ver⸗ wandlung vorgegangen.“ Die Frauen des Chalyfen erſtickten ſchier vor La⸗ chen. Sie wollten aber arluns Treue verſuchen, und forderte ihn auf, bei ihnen zu bleiben. „Wartet doch,“ ſagte er zu ihnen,„ich ſehe wohl daß ihr Huris ſeid, aber ich bin noch nicht geſtorben, und ich bin verheiratet.“ „Und du willſt dieſe Frau noch lieben, die dich ſchlaͤgt?“ fragte eine der Sultaninnen. Der Bloͤdſinnige. 147 „Was iſt das: lieben?“ ſagte Farlun:„ich muß mit Oatbha leben, ſie iſt meine Frau. Kann man vom Lieben leben?“ Als der Chalyf bemerkte, daß man mit Xarlun ungefaͤhr ſo viel Spaaß getrieben hatte, als er gewaͤh⸗ ren konnte, befahl er, ihm ein koſtliches Abendeſſen aufzutiſchen, und ihn von neuen in Schlaf zu verſen⸗ ken, in der Abſicht, am folgenden Morgen Oatbha ſagen zu laßen, daß ſie ihren Mann abholen ſollte. Xarlun ſchmauſte mit voller Eßluſt, ohne daß die Liebe zu ſo viel ſchoͤnen Weſen, die er geſehen hatte, ihm den Kopf verdrehte. Er war entzuͤckt uͤber ſeine Verwandlung, aber um damit heimkehren zu koͤnnen. Unterdeſſen bereiteten die Verſchnittenen und Skla⸗ ven der Frauen, ohne Wiſſen des Chalyfen, ſich noch eine Luſt auf Koſten des Bloͤdſinnigen. So bald er eingeſchlafen war, entkleideten ſie ihn ſeines ganzen Staats und Schmucks und huͤllten ihn in Ziegenfelle; die Aermel derſelben endigten, anſtatt in geſpaltene Klauen, in Geierkrallen, die an das Fell befeſtigt waren, und das Geſicht bedeckte man ihm mit einer ungeheuren Bocksmaske, aus deren ſcheußlicher Fratze zwei dicke feuerfarbige Kryſtallaugen vortraten. Als die Sklavinnen den armen Xarlun ſo entſtellt hatten, um ihn ſich ſelber unkenntlich zu machen, legten ſie ihn auf eine Matte in einem unterirdiſchen Gewoͤlbe des Palaſts, wo die Sklaven zur Strafe fuͤr 83 148 288. Tag. leichte Vergehungen eingeſperrt wurden; und um ihm die grauſame Gelegenheit zu verſchaffen, ſich ſelber zu ſehen, erleuchteten ſie dieſes dunkle Loch mit zwei Lampen und befeſtigten an der Wand einige Spiegel. Nachdem ſie alles veranſtaltet hatten, um die Wirkung dieſer neuen Verwandlung zu beobachten, uͤberließen ſich die Frauen und Verſchnittenen, bis Xarlun erwachen wuͤrde, den noch uͤbrigen Ergetzlich⸗ keiten des Feſtes in den Gaͤrten, wo die Nacht unter mannigfaltigen fuͤr den Chalyfen und ſeine Frauen veranſtalteten Vergnuͤgungen verſtrich. Als es Tag ward, gewahrte der Oberſte der Ver⸗ ſchnittenen uͤberall Vernachlaͤßigung des Dienſtes. Er ſuchte die Sklavinnen und Sklaven auf, denen der⸗ ſelbe oblag, und fand ſie endlich, wie ſie ſich an dem Entſetzen, den Qualen und dem Geheule des armen Xarlun ergetzten. Der Oberſte der Verſchnittenen wuͤrde auf der Stelle dieſe Ausſchweifung beſtraft haben, waͤre nicht die Favoritinn der Favorit⸗Sultaninn an der Spitze der laͤcherlichen Peinigung geweſen, der man den Unglaͤcklichen unterworfen hatte. Wenn man bedenkt, daß Karlun binnen vierzehn Stunden zwei Schlaftraͤnke genommen; daß er von den Entzuͤckungen des Paradieſes unmittelbar zu dem Entſetzen der Hoͤlle uͤbergegangen, wo das Kryſtall vor ſeinen Augen ihm alles in Flammen malte; daß er nach den Vergnuͤgungen der Tafel und den Liebko⸗ Der Bloͤdſinnige. 149 ſungen der Schoͤnen nun in die Haͤnde einer ſchonungs⸗ loſen und wilden Menge gefallen war: ſo wird man eingeſtehen, daß auch ein verſtaͤndiger Mann an ſeiner Stelle haͤtte zum Narren werden koͤnnen. Der arme Xarlun befand ſich hier wieder, wie in der Muͤhle, wie am Pfluge. Eins nur troͤſtete ihn: nach ſeiner bisherigen Erfahrung, dauerten die ſchlim⸗ men, wie die guten Verwandlungen nicht lange. Als er ſich nun aus einem Engel in einen Teufel verwan⸗ delt ſah, erinnerte er ſich dunkel, daß man ihm in dem Garten geſagt hatte, er waͤre bei dem Statt⸗ halter Gottes: daraus ſchloß er, er waͤre noch nicht zu dem rechten Gotte gekommen, und dieß die Urſache, daß er ſo ſcheußlich verwandelt worden. „Ach! mein Gott, mein Gott!“ rief er aus, „verwandle du ſelber doch den armen Karlun, da je⸗ ner ihn wieder ſo uͤbel verwandelt hat!“ In demſelben Augenblick wurde Narluns Gebet erhoͤrt. Der Oberſte der Verſchnittenen ſchickte alle ſeine Sklaven fort an ihre Verrichtungen, und ließ den armen Karlun aus ſeiner ſcheußlichen Verkleidung be⸗ freien; ſodann ließ er ihn von Kopf bis zu Fuͤßen, ſeinem Stande gemaͤß, neu kleiden, und bedeckte ſei⸗ nen abgeſchorenen Kopf mit einem ſchoͤnen Turban. So laͤßt er ihn in ein aͤußeres Gemach des Palaſtes fuͤhren, und ihm ein ſehr gutes Fruͤhſtuͤck vorſetzen, 150 288. 289. Tag. welches Karlun verzehrte, und dabei ſeine gewoͤhnli⸗ chen Betrachtungen anſtellte. Er war nun abermals verwandelt; er konnte ſich in einem Spiegel beſchauen, und obwohl ſein Bart verſchwunden, und ſein Kopf mit einem dicken Turban bedeckt war, ſo glaubte er ſich doch zu erkennen: „Ah!“ ſprach er:„da bin ich in einen jungen Muſelmann verwandelt: meine Frau ſagt mir oft, daß ich geringer als ein Kind bin, dieß wird ihr nun ganz anders vorkommen; unterdeſſen finde ich, daß ich nicht uͤbel ausſehe, und wenn mir der Bart wie⸗ der wuͤchſe, ſo wuͤrde ich nicht unzufrieden ſein, ſo zu bleiben.“ Zweihundert und neun und achtzigſter Tag. Parlun, der dem Spiegel gegenuͤber fortfuhr, ſich ſo mit ſich ſelber zu unterhalten, verlor daruͤber keine Zeit, ſondern trank und aaß mit ſtarker Eßluſt alles was ihm vorgeſetzt war. Unterdeſſen war der Chalyf erwacht; und der Oberſte der Verſchnittenen hatte ihn ſchon von den Ausſchweifungen der Bedienten unterrichtet, und daß die Sklavinn der Favorit⸗Sultaninn an der Spitze geweſen. Der Bloͤdſinnige. 151 Der Fuͤrſt zog daruͤber niemand zur Rechenſchaft, ſondern gab ſich ſelber die Schuld: „Wir gaben,“ ſprach er,„das Beiſpiel des Mis⸗ brauchs, und da iſt es denn kein Wunder, wenn un⸗ ſere Sklaven unſere Thorheiten noch uͤberbieten. Ich habe dieſen Menſchen beobachtet: er hat keinen Ver⸗ ſtand, aber er hat eine Seele. Ich bin neugierig, dieſe Oatbha zu ſehen, dieſe Frau, welche, wie es ſcheint, durch Furcht und Schlaͤge dieſe vernunftloſe Art von Baͤren ſo zu zaͤhmen und gewoͤhnen gewußt hat, daß er immer wieder zu ihr heimkehren will. Ich will ihr Gemuͤth pruͤfen, wie ich es mit ihrem Manne gemacht habe, und wenn ich mit ihr zufrieden bin, ſo will ich das gegen ſie begangene Unrecht wie⸗ der gut machen.“ Er befahl einem ſeiner Verſchnittenen, dem Thuͤr⸗ huͤter, der Xarlun hereingebracht hatte, zu ſagen, daß er deſſen Frau Oatbha holen, und ſie zuvor von allem unterrichten ſollte, was dieſe Nacht vorgegan⸗ gen war. „Iſt ſie achtungswerth,“ fuͤgte der Chalyf hinzu, „wie ich Grund habe zu vermuthen, ſo will ich nicht ſaͤumen, mich meiner Schuld gegen ſie zu entledigen.“ Der Thuͤrhuͤter vollzog den Befehl, und Oatbha vernahm, daß ihr Mann im Palaſte des Chalyfen waͤre. Man berichtete ihr alle Ereigniſſe des vorigen 152 289. TCag. Tages und der Nacht; ſie erfuhr endlich, daß der Chalyf ſelber ſie erwartete. Sie hatte einen durchdringenden Geiſt, und ge⸗ wahrte augenblicklich den ganzen Vortheil, welchen ſie aus dem Misbrauche ziehen konnte, welchen man mit dem Bloͤdſinne ihres Mannes getrieben hatte. Bis⸗ her hatte ſie, obwohl ſie ſich im Innern des Hauſes allmaͤhlich eine anſtaͤndige Bequemlichkeit verſchafft, jedoch kluͤglich ihren gluͤcklichen Fund verborgen. Konnte ſie nun einen Theil deſſelben vor dem Cha⸗ lyfen ſehen laßen, ohne ſich auszuſetzen, ſo vermied ſie eine große Gefahr, daß etwa ein Kadi zuerſt Ver⸗ dacht gegen ſie ſchoͤpfte. Sie kleidete ſich alſo anſtaͤndig, nahm zwei Boͤr⸗ ſen, jede mit tauſend Goldſtuͤcken, welche ſie an ih⸗ rem Guͤrtel befeſtigte, bedeckte ſich mit einem großen neuen Schleier, und begab ſich mit dem Thuͤrhuͤter nach dem Palaſt. Der Chalyf ſaß auf ſeinem Throne: Oatbha wurde ihm vorgefuͤhrt; ſie warf ſich vor ihm nieder, und er befahl ihr aufzuſtehen. Hierauf ſchlug ſie ihren Schleier zuruͤck, und ſprach: „Ich komme auf Befehl des unumſchraͤnkten Be⸗ herrſchers der Glaͤubigen: was gebietet er Oatbha, ſeiner demuͤthigſten Sklavinn?“ „Oatbha,“ ſagte der Chalyf,„Nailun, dein Mann, iſt geſtern in meinen Palaſt gebracht worden, Der Bloͤdſinnige. 153 und ich habe dich benachrichtigen laßen, daß ſeine ungemeine Bloͤdſinnigkeit zur Unterhaltung meines Ho⸗ fes gedient hat. Aus ſeinem eigenen Bekenntnis und aus den Berichten, die mir gemacht worden, weiß ich, daß ſein unruhiges Weſen und ſein Mangel an Verſtand ihn ſogar ſchon dem Tode ausgeſetzt haben: es iſt unbillig, daß eine junge Frau, wie du, unauf⸗ loͤslich mit einem ganz von geſundem Menſchenverſtand entbloͤßten Manne verbunden bleibe. Ich erbiete dir, eure Ehe aufzuldſen, und will ſelber die Sorge fuͤr ihn uͤbernehmen, in einem der Haͤuſer, worin man diejenigen einſperrt, welche man der Folgen ihrer thoͤrichten Handlungen uͤberheben muß, indem man zugleich die Geſellſchaft vor dem Schaden bewahrt, der ihr daraus entſtehen koͤnnte.“ „O hochweiſer Chalyf!“ ſagte Oatbha hierauf, „der arme Xailun iſt vor Gott mein Ehemann, und kann folglich durch das Geſetz nicht aufhoͤren es zu ſein. Ich wuͤrde untroͤſtlich ſein, wenn er irgendwo eingeſperrt wuͤrde, wo es mir unmoͤglich waͤre, ihm die Pflege zu gewaͤhren, welche ich ihm ſchuldig bin. Er iſt der Vater meiner Kinder; er iſt meine Krone in den Augen des Himmels, welche nur durch das Licht meiner eigenen Auffuͤhrung glaͤnzen kann. Er thut niemand Boͤſes oder Leid; weil er aber ſchwach an Verſtand iſt, ſo habe ich alle Kraͤfte des meinigen fuͤr ihn aufbieten muͤßen. Der Muͤßiggang, dem er 154 289. Tag. ergeben iſt, haͤtte ihn in voͤlligen Stumpfſinn verſin⸗ ken laßen und ihm unfehlbar einen verderblichen Un⸗ fall zugezogen: da mußte ich Strenge, Drohungen und ſelbſt Schlaͤge anwenden, weil ich nur mit Furcht durchdringen konnte. Nachdem ich ihn mir ſo unter⸗ worfen hatte, entſchloß ich mich, mein Betragen ge⸗ gen ihn zu aͤndern, und zu verſuchen, ob ich ihn nicht, ſo zu ſagen, zu einem andern Menſchen ma⸗ chen koͤnnte. Ich hielt ihn zu Hauſe, von aller Arbeit frei, als er zu unſerm Ungluͤcke, entſchluͤpft und hie⸗ her gekommen iſt. Warum hat er in dieſer hehren Wohnung keine Freiſtatt gefunden, wie doch alle Mu⸗ ſelmaͤnner der Erde ſie hier ſuchen koöͤnnen? Das iſt der Spott ſeines und meines Schickſals, gegen welchen ich euch um Rache anzuflehen wage. O weiſer Cha⸗ lyf, gebet mir Xarlun wieder! meine Pflicht macht ihn mir theuer; er iſt zwar ein Menſch ohne Ver⸗ ſtand, aber doch ein frommer Muſelmann, ohne Falſch, und die Unſchuld ſelber. Hat er aber das Ungluͤck gehabt, irgend jemand in Bagdad Schaden zuzufuͤgen, ſo ſind hier viertauſend Goldſtuͤcke; das iſt unſer ganzes Vermoͤgen: ich bringe ſie zu ſeiner Ausloͤſung, und ich ſetze ſelbſt meine Freiheit zum Pfande desjenigen, was etwa noch daran fehlen moͤchte, ihm die ſeinige zu verſchaffen.“ — ——VO;⏑—B—:—O— — Der Bloͤdſinnige. 155 Zweihundert und neunzigſter Tag. Oatbha war nicht ſchoͤn, aber hatte viel Ausdruck im Geſicht, war jung, friſch, und zeigte etwas Edles in ihren Bewegungen. Der Chalyf war beſchaͤmt, ſo im Unrecht gegen ſie zu erſcheinen, daß er ſich auf Koſten des Bloͤdſinns ihres Mannes eine augenblick⸗ liche Beluſtigung verſchafft hatte: aber es ſtanden ihm ſtaͤts Mittel zu Gebote, ſich aus der Verlegenheit zu ziehen. Er fluͤſterte ſeinem Oberſten Verſchnittenen etwas ins Ohr, und einen Augenblick darnach kam dieſer wieder herein mit einem Kaͤſtchen, und fuͤhrte Eilun⸗ mit einem ſchoͤnen Pelze bekleidet in den daal. „Oatbha,“ ſprach Harun,„da iſt dein Mann; den Pelz, womit ich ihn geehrt habe, verdankt er der Theilnahme, welche er, ſo wie er nun iſt, dir einzufloͤßen gewußt hat. Und ich ſehe, daß ich dich richtig beurtheilt habe, nach der außerordentlichen Anhaͤnglichkeit, welche dieſer Menſch gegen dich gezeigt hat, den man nicht des Gefuͤhls faͤhig glauben ſollte. Ich nehme euch beide in meinen Schutz, und weit entfernt fuͤr Xarluns Freiheit ein Loͤſegeld zu fordern, ſo ſind hier viertauſend Zeckienen, welche ich denen hinzufuͤge, die du darbringen wollteſt.“ Das erſte, was Harlun, bei ſeinem Eintritt er⸗ blickte, war ſeine Frau; nachdem er ſich wegen ſeiner 156 290. Tag. letzten Flucht bei ihr entſchuldigt hatte, ſaͤumte er nicht, ihr ſeinen Pelz zu zeigen, indem er ſagte: de Derwandelt, Verwandelt! Viel beſſer verwan⸗ Indem erblickte er den Chalyfen, und rief aus: „Ach! Klauen, Hoͤrner! Herr Gott, Herr Statthalter Gottes!“ Und nun wollte er ſich hinter ſeine Frau ver⸗ ſtecken. Dieſe nahm, nach einer ehrerbietigen Verneigung, das Kaͤſtchen mit dem Geſchenke des Chalyfen aus den Haͤnden des Verſchnittenen, legte die beiden mit⸗ gebrachten Boͤrſen hinein, und uͤbergab es kallun; 4 dann machte ſie eine tiefe Verbeugung, und ging hinweg. Die viertauſend Goldſtuͤcke waren eben kein großer Zuwachs des unermeßlichen Reichthums, welchen ſie ſich zueignen konnte, aber ſie gewaͤhrten ihr den Vor⸗ wand, nunmehr deſſelben zu genießen. Der Chalyf hatte viertauſend Goldſtuͤcke gegeben: eine Stunde darnach hieß es ſchon uͤberall in Bagdad, er haͤtte ihr einen ganzen Kaſten voll geſchenkt. Auf dem Wege nach dem Palaſt hatte Oatbha ein ſehr anſtaͤndiges Haus in der Naͤhe des großen Platzes 51 verkaufen geſehen; ſie trat jetzo hinein, und ver⸗ ieß es nicht eher wieder, als bis der Handel abge⸗ ————·˖—— Der Bloͤdſinnige. 157 ſchloſſen war, ſo daß ſie ſogleich die Schluͤſſel mit ſich nahm. bu ſie heim kam, lud ſie die beiden Queerſaͤcke, welche ihr gegenwaͤrtiges Vermoͤgen enthielten, auf die Eſelinn, und fuͤhrte ſie ſelber nach dem neuen Hauſe; ailun mußte ſie begleiten; er war ihr Ge⸗ ſchaͤftstraͤger fuͤr die geheimen Angelegenheiten: fuͤr die uͤbrigen, dergleichen das Fortſchaffen ihres Haus⸗ geraͤths, miethete ſie gewoͤhnliche Laſttraͤger, und noch an demſelben Abend bezog ſie das erkaufte Haus: ein reicher Kaufmann hatte es zuvor bewohnt, und ſo fand ſie alle Bequemlichkeit darin. In dem Stadt⸗ viertel welches ſie verließ, wußte man auch ſchon, daß der Chalyf ihr einen Kaſten voll Gold geſchenkt hatte. Oatbha misbrauchte aber ihren Reichthum nicht. Gleich am folgenden Tage kaufte ſie ein ſtarkes Maulthier und ein Paar Queerſaͤcke; und den Tag darauf ſchlug ſie Tailun vor, das Maulthier zu be⸗ ſteigen und mit ihr ſeinen Vetter zu beſuchen. Man kann denken, daß Pailun mit dieſer Luſtreiſe ſehr zu⸗ frieden war. Oatbha beſtieg die Eſelinn, und Xarlun, auf dem Maulthiere, folgte ihr nach. Als ſie an die Truͤmmer kamen, ſaß der Karduon gerade wieder auf dem Steinhaufen, welcher den Ein⸗ gang des Gewoͤlbes bedeckte. Bei Annaͤherung der Reitenden verbarg er ſich: aber Pailun hatte ihn ſchon erblickt, und rief aus: 158 290, Ta g. „Ah! da iſt unſer Vetter!“ „Wir muͤßen in ſein Haus gehen,“ ſagte Oatbha; „wir haben gegenwaͤrtig zwei Thiere, und brauchen Futter fuͤr beide. Auf, Xailun, raͤume die Steine hier weg, damit wir in ſein Haus treten koͤnnen.“ Pailun macht ſich eifrig ans Werk; die Stein⸗ platte mit dem Ringe koͤmmt zum Vorſchein, er hebt ſie auf, und der Eingang des Gewoͤlbes ſteht offen. Oatbha hatte ſich mit Feuerzeug verſehen: ſie zuͤndet Licht an, wandert nun in dem Gewoͤlbe umher, und findet darin eine Menge koſtbarer Gefaͤße, welche fuͤr ſie unbrauchbar ſind. „Was ſuchſt du denn?“ fragte ſie Nailun. „Ich ſuche den Vetter; er iſt aber nicht hier: wir muͤßen wieder von ſeinen Ruͤben nehmen.“ So geht ſie zu den mit Goldſtuͤcken gefuͤllten Ur⸗ nen, fuͤllt daraus die vier Queerſaͤcke, und laͤßt ſie von Kailun hinauf tragen und auf die beiden Saum⸗ thiere laden, welche am Eingange des Gewoͤlbes an⸗ gebunden ſtehen. „Wohlan,“ ſagte ſie darauf,„laß uns wieder zumachen und heimgehen; Nachmittag wollen wir wie⸗ der herkommen, und ſehen, ob der Vetter hoͤflicher iſt.“ Und nachdem ſie ihn die Platte wieder mit Stei⸗ nen hatte bedecken laßen, wanderte ſie mit ihm zu Fuße nach Hauſe. Der Bloͤdſinnige. 159 Zweihundert und ein und neunzigſter Tag. Nachmittag machte ſie einen zweiten Beſuch, und leerte gaͤnzlich die Urnen, welche die Goldſtuͤcke ent⸗ hielten. Darnach ließ ſie von Failun die Platte wie⸗ der einfuͤgen, ſie mit ſo viel Steinen als moͤglich bedecken, und kehrte nach Bagdad zuruͤck. Sie hatte in dem Gewoͤlbe noch große Reichthuͤmer an koſtbaren Gefaͤßen zuruͤckgelaßen: ſie konnte dieſes Geheimnis dereinſt ihren Kindern entdecken, erachtete aber gegen⸗ waͤrtig dieſen Ueberfluß fuͤr unnutz.. Als Oatbha ſich nun in ihrem eigenen Hauſe wohl eingerichtet ſah, und die oͤffentliche Meinung von ih⸗ rem Gluͤcke durch den Schutz und die Freigebigkeit des Chalyfen hinlaͤnglich begruͤndet war, beſchaͤftigte ſie ſich damit, auch Nailun deſſelben genießen zu laßen. Die Zahl ihrer Kinder mehrte ſich; dieſe haͤtten dereinſt uͤber einen bloͤdſinnigen Vater erroͤthen muͤßen: ſie mußte ihn alſo ſicher ſtellen, daß er nicht mehr ͤffentliche Handlungen ſeines Bloͤdſinns beging, und demjenigen, was ſie nicht verheimlichen konnte, doch einen gewiſſen Anſtrich geben. 3 Sie kaufte zuvoͤrderſt Sklaven zu ihrem und ihrer Kinder Dienſte; wandte aber beſondere Sorgfalt auf Pailuns Bedienung. Sie hatte Muͤhe, zu finden, was ihr zuſagte. Endlich erkaufte ſie zwei Sklaven, von geſetzten Jahren, verſtaͤndig, mit Einem Wort, 160 291. Tag. von der Art, daß ſie ihnen ihr Vertrauen ſchenken konnte. Dieſe mußten nun Pailun uͤberall hinfuͤhren, wo⸗ hin es ihm beliebte. Es machte ihm beſonders Ver⸗ gnuͤgen, die Truͤmmerhaufen zu beſuchen, und mit dem erſten beſten Karduon, den er dort antraf, ſich zu un⸗ terhalten. Seine Fuͤhrer hatten Befehl ihm ganz ſei⸗ nen Willen zu laßen; ſobald er aber die Steinhaufen wegraͤumen wollte, um ſeinen Vetter zu beſuchen, wie er ſagte, ſo ſollten ſie ſich ihm mit den Worten widerſetzen:„Oatbha will's nicht haben.“ Gleich in den erſten Tagen bediente ſich Kailun dieſer Art von Freiheit, und begab ſich, auf ſeinem Maulthiere nach den Truͤmmern. Als er dort ankam, wollte er ſeinen Vetter beſuchen und Mohrruͤben holen; aber auf das einzige Wort:„Oatbha will's nicht haben!“ unterließ er es. Seine Fuͤhrer hielten ihn ab, ſich uͤberall einzu⸗ mengen; war er auf eine Sache neugierig, ſo holte man ſie ihm: man erklaͤrte ihm den Gebrauch derſel⸗ ben; und wenn er Gefallen daran fand, ſo kaufte man ſie ihm. War aber ſein Einfall ungereimt, ſo war alles mit dem einzigen Worte abgethan:„Oat⸗ bha will's nicht haben!“ Von Ausfluͤgen außerhalb Bagdad war nicht mehr die Rede. Oatbha hatte ihn uͤberredet, daß er jetzo durchaus verwandelt waͤre, er alſo nicht mehr darauf Der Bloͤdſinnige. 161 auszugehen brauchte; er muͤßte nun aber gehorſam ein. 4 Im Verlaufe dieſer Zeit erlitt einer der angeſehen⸗ ſten Kaufleute von Bagdad und Nachbar Oatbha's großes Ungluͤck in ſeinem Handel, und ſah ploͤtzlich durch einen Verluſt auf der See ſein Zutrauen er⸗ ſchuͤttert; es fehlte ihm am Gelde: Oatbha vernahm es, ſie ging hin, und ſprach zu ihm: „Ihr bezeiget euch immer freundlich und liebreich gegen den guten Failun, meinen Mann, wo ihr ihn nur antreffet: das rechne ich euch hoch an. Ihr ſeid ein redlicher Mann, und da ich weiß, daß euch eben ein Ungluͤck betroffen hat, ſo komme ich, euch zehn⸗ tauſend Goldſtuͤcke anzubieten, welche ihr euch holen laßen koͤnnt: ich leihe ſie euch, ohne alle andere Zin⸗ ſen, als die, welche mir das Vergnuͤgen verſchafft, einem Manne, wie ihr ſeid, zu dienen.“ Der Kaufmann nahm mit Dank ein ſo freundliches Erbieten an, erhielt dadurch ſein Geſchaͤft bei Ehren, befeſtigte und vermehrte ſein Zutrauen und ſein Ver⸗ moͤgen. Er theilte dieß edelmuͤthige Benehmen Oat⸗ bha's gegen ihn ſeinen beßten Freunden mit, und ſo ward dieſe ſchoͤne Handlung bald ſtadtkundig. Sobald man wußte daß man gelegentlich auf eine ſolche Huͤlfe rechnen koͤnnte, wenn man liebreich mit Kailun umging, ſo beeiferte man ſich um die Wetté V.. 11 162 291. Tag. darum. Die Sklaven, die ihn begleiteten, hatten Muͤhe, ihn den Freundſchaftsbezeigungen zu entziehen, womit man ihn auf ſeinem Wege uͤberhaͤufte; ſie lie⸗ ßen ihn aber nichts von dem annehmen, was man ihm darbot. Oatbha, welche ihr Geld von dem erſten Kauf⸗ manne, dem ſie geholfen, zuruͤckerhielt, hatte bald Gelegenheit, ihr Gluͤck noch mit drei anderen zu ver⸗ ſuchen. Der eine von ihnen ermangelte gaͤnzlich, ſeine Verpflichtungen zu erfuͤllen: das machte ihr aber nicht den geringſten Kummer. Sie empfing uͤberall, wo ſie ſich in Bagdad ſehen ließ, Zeichen der Hochachtung, und galt dafuͤr, in den wichtigſten Handelsangelegen⸗ heiten verwickelt zu ſein. Seitdem konnte ſie ohne Gefahr, oͤffentlich von ihrem Ueberfluſſe Gebrauch machen⸗ und es auf dergleichen Verluſte ankommen aßen. Pailuns Tafel war vortrefflich. Die Beamten des Chalyfen kamen manchmal bei ihm zu Gaſte, und ailun ſagte faſt gar keine Dummheiten mehr, weil die beiden Sklaven ihm die Antwort in den Mund legten, oder fuͤr ihn antworteten. Er kam endlich dahin, ſich mit dem Verſtande anderer Leute zu behel⸗ fen: was nicht ſo ſchwer iſt, als man denkt, wenn man ſich nur enthaͤlt, etwas von dem ſeinigen ein⸗ miſchen zu wollen. Der Bloͤdſinnige. 163 Oatbha lebte gluͤcklich mit ailun; ſie gab ihren Kindern eine treffliche Erziehung, und ſtattete ſie in Bagdad reichlich aus. Sie erhielt ſich durch ihre Wohl⸗ thaͤtigkeit das allgemeine Wohlwollen und Bewunderung bis an ihren Tod, der bald nach dem Tode ihres Mannes folgte, und fuͤr alle, die ſie kannten, ein Gegenſtand der Trauer war.“ V ———:D2D.y.y—— Geſchichte 1 des Schebandads von Szurat und ſeiner Familie. — „Ein Schebandad*) von Szurat hatte vier Soͤhne, welche er vortheilhaft verheiratet und ausge⸗ ſtattet hatte. Durch ein Spiel des Zufalls blieb, nach Verlauf von zwanzig Jahren, einem jeden von ihnen nur ein einziges Kind; die drei aͤlteren Bruͤder hatten jeder einen Sohn, und der juͤngſte eine Tochter. Dieß junge Mauͤdchen hieß Vaßuͤmeh; Natur und Erziehung hatten etwas Vollendetes aus ihr ge⸗ bildet; man ſprach in Szurat nur von ihren Reizen, ihrer Geſtalt, ihrer Bildung und ihrem Geiſte. Ihre —) Schebanbad iſt Vorſteher der Handelſchaft. Der Schebandad von Sturat. 165 drei Vettern waren ſterblich in ſie verliebt, und ſtreb⸗ ten nur nach dem Gluͤck, ihre Hand zu erhalten. Die Folgen dieſer Nebenbuhlerſchaft konnten gefaͤhrlich werden; der Schebandad, welcher ſie vorausſah, ver⸗ ſammelte ſeine Familie, und der ehrwuͤrdige Alte ſprach zu den jungen Leuten alſo: „Meine Kinder, Vaßuͤmeh kann nur Einem Mann zu Theil werden. Ihr Vater und ich, wir halten euch alle drei gleich wuͤrdig, um ihre Hand zu werben; aber da es hier beſonders auf das Gluͤck eurer liebenswuͤrdigen Muhme ankoͤmmt, ſo ſcheint es mir nothwendig, ihr die Wahl anheim zu ſtellen; der⸗ jenige von euch dreien, den ſie waͤhlt, darf unſrer Einwilligung verſichert ſein.“ Die drei Bruͤder konnten einem ſo verſtaͤndigen Vorſchlag ihren Beifall nicht verſagen. Der Scheban⸗ dad uͤbernahm es, ihn ſeiner Enkelinn mitzutheilen. Vaßuͤmeh ſchien verlegen, und ſagte: „Mein Vater, ich liebe meine drei Vettern gleich ſehr, und es ſollte mir Leid thun, einen von ihnen zu betruͤben. Weil ihr mir indeſſen die Wahl aufer⸗ legt, und mir dieſelbe faſt gleichguͤltig iſt, ſo habe ich ein Mittel im Sinne, ſie zu beſtimmen. Meine Vet⸗ tern haben viel Verſtand, jeder von ihnen ſoll mir eine Geſchichte erzaͤhlen und ich will denjenigen zu meinem Gatten nehmen, deſſen Erzaͤhlung mir am beßten gefaͤllt; denn, bei ſonſt gleichen Verdienſten⸗ 166 291. TC d g. glaube ich wird der Mann am meiſten zum Gluͤcke ſeiner Frau beitragen, der die meiſte Bildung hat.“ „Ich will ihnen deinen Vorſchlag mittheilen,“ antwortete der Schebandad;„da ſie nicht Zeit gehabt haben, ſich vorzubereiten, ſo kannſt du deſto beſſer aͤber die Urſpruͤnglichkeit ihrer Einbildungskraft urthei⸗ len; ich kenne ihr Geſchick, und uͤberdieß wird der ausgeſetzte Preis ſie reizen, alles daran zu wagen, und alle Bedenklichkeiten werden leicht gehoben ſein.“ Nachdem der Schebandad die drei Juͤnglinge hie⸗ von unterrichtet hatte, kam er bald wieder zu Vaßuͤ⸗ meh, in Begleitung ihres Vaters und der drei anderen Bruͤder. Die ganze Geſellſchaft nahm Platz, und der Wettſtreit ſollte beginnen. Der aͤlteſte begann ſchon ſeine Erzaͤhlung, als die ſchoͤne Preisertheilerinn ihn unterbrach: „Meine liebenswuͤrdige Vettern,“ ſprach ſie,„er⸗ laubet vor allem, daß ich eine Frau herkommen laße, welche im Stande iſt, mein Urtheil zu leiten.— Dara,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſich zu einer Skla⸗ vinn wandte,„geh hin, und ſage meiner guten Na⸗ neh, daß ich ſie hier erwarte.— Das iſt meine Amme,“ ſetzte ſie hinzu;„und den ſchoͤnen Erzaͤhlun⸗ gen, welche ich vormals von ihr hoͤrte, verdanke ich einen guten Theil meines Unterrichts. Keiner von euch haͤtte dieſen Richter einnehmen oder beſtechen koͤn⸗ Der Schebandad von Sturat. 167 nen, denn ſie iſt blind. Demnach kann ihre Ent⸗ ſcheidung dem wahren Verdienſte nur guͤnſtig ſein. Komm naͤher, meine gute Amme,“ ſagte ſie zu Naneh, als ſie eintrat,„laß dich zu mir heranfuͤh⸗ ren, und bereite dich, mit allen deinen Ohren zuzuhoͤ⸗ ren. Mein Vater iſt mit einer guten Geſellſchaft hier gegenwaͤrtig: man wird uns Geſchichten erzaͤhlen; ſetze dich her auf mein Sopha.“ Naneh tappte ſich hin, und ſetzte ſich neben Vaßuͤ⸗ meh, die ſie an der Stimme erkannte. Hierauf begann derjenige, der ſchon angehoben hatte zu ſpre⸗ chen, ſeine Erzuͤhlung alſo: Der Liebhaber der Sterne. Erzählung Kabil⸗Haßens. Zweihundert und zwei und neunzigſter Tag. „Dalhuk, ein Toͤpfer in Bagdad, war in ziem⸗ lich guten Umſtaͤnden: nach einer ſiebenzehnjaͤhrigen Ehe, verlor er ſeine Frau, welche vor Aerger krank eworden war; ſie hinterließ ihm einen Sohn von echzehn Jahren. Der Toͤpfer beſuchte ſeit dieſer Zeit haͤufig das Haus einer Wittwe, die juͤnger war, als er: ſie hieß Narilha, und ihr Gewerbe beſtand in einem Handel mit jenen Salben, welche die Friſche der Farbe und der Haut erhalten, und die Jugend zu verewigen ſcheinen. Ihre kuͤnſtlichen Schoͤnheitsmittel hatten ihr den Eingang in den innern Palaſt des Cha⸗ lyfen und der vornehmſten Hareme der Stadt verſchafft; aber ihr Ruf war nicht von langer Dauer: nach ei⸗ nem voruͤbergehenden Schimmer der Schoͤnheit ſahen Der Liebhaber der Sterne. 169 etliche ihrer Kunden ihre Reize nur um ſo ſchneller verſchwinden; die Zeit furchte bald ihre Runzeln in dieſe verfaͤlſchten Geſichter; und unſre Witwe, die ſo ihren Abſatz abnehmen ſah, beſchloß nun, ſich das kleine Vermoͤgen ihres Freundes, des Toͤpfers, zuzu⸗ eignen, dadurch daß ſie ihn heiratete. Dallhuk war ſchon zu ſehr gefeſſelt, um dieſen An⸗ trag abzuweiſen; und ſo gelangte die Salbenhaͤndle⸗ rinn, kraft alter Rechte und eines Heirathsvertrags, der vor dem Kadi vollzogen wurde, zur unbeſchraͤnk⸗ ten Herrſchaft in ſeinem Hauſe. Narilha hatte einen Sohn, von demſelben Alter, wie Dalhuks Sohn: er war der plumpſte und aber⸗ witzigſte Bengel in ganz Bagdad, aber nichts deſtowe⸗ niger der Abgott ſeiner Mutter. Dieſer aufgeblaſene und grobe Geſell, der Badur hieß, ermuthigt durch die Schwachheit Dalhuks fuͤr ſeine Mutter, ſuchte Streit mit dem Sohne ſeines Stiefvaters, der, bald ſeiner natuͤrlichen Sanftmuͤthigkeit vergeſſend, ſeine Mishandlungen raͤchte und ihn ſchlug. Die erboſte Mutter jagte nun den Sohn ihres Mannes aus dem Hauſe; ſo daß der Ungluͤckliche, beinahe nackt, genoͤthigt war, bei einem Bruder ſeiner Mutter Zuflucht zu ſuchen. Als Narilha ſich von dieſem unbequemen Zeugen befreiet ſieht, ſchmeichelt ſie ſich, noch die wenigen Bekanntſchaften, welche ihr im Palaſte geblieben wa⸗ ren, benutzen zu koͤnnen, laͤßt Dalhuk die Ueberbleib⸗ 270 292, T a g. ſel ihres Krams verkaufen, beredet ihn, einen Garten vor der Stadt anzukaufen, richter eine Obſtbude ein, und wird durch Vermittelung des Hoflieferanten Obſt⸗ haͤndlerinn des Chalyfen.. Der arme, aus ſeinem vaͤterlichen Hauſe vertriebene Dalhuk, war ſehr traurig zu ſeinem Oheim Kaſſa⸗ nak gekommen: dieſer war einer der bravſten und geſchickteſten Arbeiter in Bagdad, hatte aber ſelber zu diel Kinder, als daß er ſeinem Neffen ſo nuͤtzlich haͤtte werden koͤnnen, wie er wohl wuͤnſchte. Erzuͤrnt uͤber das Unrecht, welches ſeinem Neffen angethan war, ent⸗ ſchloß er ſich, die Huͤlfe eines zauberkundigen Freun⸗ des anzuſprechen, und bewog dieſen auch, daß er ſich der Sache mit Eifer annahm. „Welche Art von Rache wollt ihr an der Stief⸗ mutter eures Neffen nehmen?“ fragte ihn der Weiſe. „Ich will dieſes anmaßende Weib demuͤthigen,“ antwortete Kaſſanak,„ihren Haͤnden das Geld ent⸗ reißen, welches ſie Dalhuk genommen hat, und es zur Einrichtung fuͤr meinen Neffen anwenden. Dieſer junge Mann war mit der einzigen Tochter eines rei⸗ chen Barbiers verſprochen, liebte ſie, und glaubte ſich wieder geliebt: aber Narilha hat ſeinen Vater herumzubringen gewußt, und dieß junge Maͤdchen iſt gegenwaͤrtig ihrem Sohn Badur beſtimmt. Ich wuͤnſchte,“ beſchloß Kaſſanak,„ſie vor den Augen ihres Mannes zu entlarven.“ Der Liebhaber der Sterne. 121 „Ich ſtehe euch ganz fuͤr die Erfuͤllung eures Be⸗ gehrens,“ erwiederte der Zauberer;„ihr ſollt ſelber die ganze Ausfuͤhrung des Anſchlags uͤbernehmen, welchen ich nur leiten will. Gehet auf der Stelle hin, und miethet in der Naͤhe des Palaſts die bequemſte Bude, ſo zu finden iſt, um Obſt darin feilzubieten: wenn der Handel abgeſchloſſen iſt, ſo kommt wieder hieher, und ihr werdet alles uͤbrige in Bereitſchaft Kaſſanak, voll Freuden, Gelegenheit zur Rache an Narilha gefunden zu haben, ſpringt ſogleich hin, al⸗ les zu befolgen: er behandelt eine Bude, giebt An⸗ geld darauf, und koͤmmt zuruͤck.“ „Ihr ſeid ſchnell fertig!“ ſagte der Zauberer zu ihm;„ich meinerſeits bin auch nicht unthaͤtig gewe⸗ ſen, und uͤbergebe euch hier die zur Ausfuͤhrung eures Vorhabens noͤthigen Mittel. Hier iſt zuvoͤrderſt ein Armeniſcher Rock mit einer ſpitzen Muͤtze; ſodann nehmet dieſes Papier, es enthaͤlt genaue Vorſchriften uͤber die Verrichtungen, welche ihr morgen fruͤh vor⸗ zunehmen habt: lernet wohl die Worte, welche ihr ganz leiſe ausſprechen ſollt; und welcherlei Wunder ihr immer noͤthig habt, gebietet ſie dreiſt, ich habe euch gut ausgeruͤſtet, und werde euren Abſichten ſchon zu Huͤlfe kommen. Sobald ihr morgen aus dem Hauſe gegangen ſeid, laßt euern Neffen ſich nach der von euch gemietheten Bude begeben; und er ſoll ſich 172 292. Tag. nicht verwundern, was er daſelbſt vorgehen ſieht, um nicht die Blicke der Neugierigen anzuziehen, welche man vermeiden muß. Kaſſanak ging nach Hauſe, und verſchloß ſich in ſeinem Zimmer, um im Stillen die Rolle zu lernen, welche er ſpielen ſollte. Mit Ungeduld erwartete er die Wiederkehr der Morgenroͤthe; ſo bald er ſie er⸗ blickte, zog er den Zauberrock an und ſetzte die ſpitze Muͤtze auf; und nachdem er Dalhuk auf ſeinen Poſten eſchickt hatte, nahm er ſelber den Weg nach Naril⸗ a's Hauſe. Er trat in die Bude, und fand die Fruͤchte kunſtreich ausgeſtellt; er bewunderte laut ihre Schoͤnheit. „Koſtet doch davon, mein lieber fremder Herr;“ ſagte die Obſthaͤndlerinn zu ihm;„ihr Geſchmack iſt noch beſſer, als ihr Ausſehn.“ Kaſſanak laͤßt ſich nicht lange bitten, und findet in der That, daß ſie Recht hat. „Ich war ſchon drauf gefaßt,“ ſprach er,„nach Damask reiſen zu muͤßen, um dort Fruͤchte zu kau⸗ fen: aber hier finde ich was ich brauche, und wenn wir mit einander einig werden koͤnnen, ſo erſpare ich mir die beſchwerliche Reiſe.“ „Nicht um meine Waare anzupreiſen, Herr,“ er⸗ wiederte Narilha,„aber die Gaͤrten des Chalyfen ſelber liefern nichts ſo ſaftiges; auch iſt alles was ihr hier ſehet, zum Theil fuͤr ſeine eigene Tafel und fuͤr Der Liebhaber der Sterne. 175 die Tafeln ſeines Hauſes beſtimmt: aber um einen Mann, wie ihr ſeid, zu verpflichten, will ich etwas davon ablaßen.“— „Eure Gefaͤlligkeit iſt mir ſehr ſchmeichelhaft; und ich bin uͤberzeugt, daß ihr nicht Urſache haben wer⸗ det, die Guͤte zu bereuen, welche ihr mir bezeu⸗ get.. Aber, in Wahrheit, dieß ſind Fruͤchte, auf welche ſelbſt die Engel neidiſch ſein koͤnnten: uͤberla⸗ ßet mir zwei von dieſen Granaten, und ſaget mir den Preis.“ Narilha war, nach ſo verſchwenderiſchen Lobes⸗ erhebungen, ſehr verwundert, daß er nur Granaten brauchte; ſie beſchloß, ſich durch den Preis dafuͤr zu rächen, und forderte uͤbermaͤßig dafuͤr. Der Armenier bezahlte es auf der Stelle, und fuͤgte hinzu; „Wenn man eure Fruͤchte wird gekoſtet haben, ſo hoffe ich, mit euch einen bedeutenderen Handel abzuſchließen.“ Indem er dieſes ſagte, trat er mitten in die Bude, und warf mit aller Kraft die Granaten in die Luft, wo ſie ſogleich verſchwanden. Narilha und ihr Sohn ſchrien vor Verwunderung laut auf: der vorgeblich⸗ Armenier zog ein kleines ſilbernes Rohr aus der Ta⸗ ſche, in welches er mit leiſer Stimme einige Worte hinein zu ſprechen ſchien; eine Weile darnach ſetzte er ein Hoͤrnchen von demſelben Metall ans Ohr, und ſtellte ſich, als wenn er auf dasjenige horchte, was 174 292. 293. Tag. man zu ihm ſagte; dann ſteckte er ſein Werkzeug wie⸗ der ein, nahm eine zufriedene Miene an, und ſprach: „Man hat ſo eben eure Fruͤchte verſucht, und ſie koͤſtlich befunden; ich habe Befehl, euch die uͤbrigen abzukaufen und ſie auf der Stelle nachzuſchicken; die Arbeit wird nicht lange dauern, denn man hat mir Leute geſchickt, mir zu helfen. Hier iſt meine Boͤrſe, nehmet ſo viel Geld heraus, als ihr zur Bezahlung eurer Fruͤchte billig erachtet.“ Der Anblick des Goldes reizte Narilha's Geluͤſt und Habſucht: ſie haͤtte gern die ganze Boͤrſe genom⸗ men; aber ſie begnuͤgte ſich mit dreißig Zeckienen, um ſich fuͤr den Werth von fuͤnf bis ſechs Zeckienen bezahlt zu machen. Zweihundert und drei und neunzigſter Tag. Weit entfernt, daruͤber Misvergnuͤgen zu bezeigen, gab der Armenier nicht einmal Acht darauf: er be⸗ maͤchtigt ſich alsbald der Fruͤchte, wirft eine Melone zur Rechten, einen Apfel zur Linken; bald ſind alle Fruͤchte der Bude in Bewegung, ſie fliegen, wie be⸗ fluͤgelt, dahin, und verſchwinden in der Luft. Badur und Narilha folgten dieſer ſeltſamen Verſendung mit den Augen, und ſie fragte den Armenier: 4 Der Liebhaber der Sterne. 175 „Auf welche Weiſe, wohin, und durch wen habt ihr alle dieſe Fruͤchte weggeſchickt?“ „Ich bin der Hoflieferant der Sterne,“ antwor⸗ tete er,„auf welchen es ſtaͤts zu heiß oder zu kalt, zu feucht oder zu trocken iſt, als daß etwas zur voͤl⸗ ligen Reife gelangen koͤnnte. Ich war auf die Erde herabgekommen, um Vorraͤthe einzukaufen, und ich verhehle euch nicht, daß ich auf den Ruf der ſchoͤnen Fruͤchte zu Damask, auf dem Wege nach dieſer Stadt war, als der Zufall mich an eurer Bude vorbel fuͤhrte: der Anblick eurer Fruͤchte zog mich an, ihr Geruch verdoppelte meine Verwundrung, und ihr Ge⸗ ſchmack entzuͤckte mich vollends: ich ſchickte zwei Gra⸗ naten zum Verſuch hin, und ſogleich habe ich Befehl bekommen, alles in Beſchlag zu nehmen. Wenn ihr morgen und in der Folge eben ſo gut verſehen ſeid, ſo ſoll wieder nichts in eurer Bude bleiben, und ihr ſollt die Obſthaͤndlerinn des Sternenhimmels werden.“ Narilha rieb ſich die Augen, ſie wußte nicht, ob ſie wachte, oder von Sinnen waͤre, als ſie eine ſo gute Neuigkeit vernahm. Der toͤlpiſche Badur gaffte mit offenem Maule wechſelsweiſe ſeine Mutter, den Armenier und die Decke an. „Das iſt ja ein recht huͤbſcher junger Menſch,“ ſagte der boshafte Hoflieferant;„es iſt ohne Zweifel euer Bruder, ſchoͤne Frau Er hat viel Aehnlichkeit mit euch.“ 176 293. Ta g. „Nein, mein Herr, es iſt mein Sohn“ antwortete die Obſthaͤndlerinn.— „Wie! in euerm Alter habt ihr ſchon einen ſo großen Sohn? das iſt unglaublich. Man muß daran denken, ihn zu verheiraten.“— „Ich denke auch daran, mein Herr: er iſt ſchon ſo gut wie verſprochen mit der Tochter eines reichen Barbiers von unſrer Freundſchaft.“ „Ein Barbier! ein Barbier! und ein reicher Bar⸗ bier!.. Es giebt wohl ſeltſame Erſcheinungen im Himmel, aber nicht dergleichen: ſollte er nicht auch noch ſchweigſam ſein? dann waͤre das Wunder voll⸗ fimdi— Wißt ihr wohl, ſchoͤne Frau, daß der loße Verkauf eurer Fruͤchte binnen eines Jahres euch in den Stand ſetzen kann, fuͤr euren Sohn um die Tochter eines Veſyrs anzuhalten? Ja, das waͤre fuͤr euch immer noch eine Herablaßung. Wir haben da oben Maͤdchen zu verheiraten, welche die Verbindung mit euerm Sohn als ein wahres Gluͤck anſehen wuͤrden.“ „Wie, mein Herr! man verheiratet ſich alſo dort oben auch?“— „Ob man ſich verheiratet! denkt ihr denn, daß der Himmel ſich ſelber gemacht hat? Alles was ihr dort glaͤnzen ſeht, hat Vater und Mutter. Wie koͤnnte man taͤglich neue Sterne entdecken, wenn nicht welche geboren wuͤrden? Woher hat die Mllchſtraße Der Liebhaber der Sterne. 177 ihren Namen? Weil ſie der Aufenthalt der Ammen iſt. Laßt mich nur machen, ſchoͤne Frau, ich habe meine Abſichten mit euerm Sohn. Ich will ihn mit der juͤngſten, der friſcheſten und glaͤnzendſten aller un⸗ ſerer Schoͤnheiten verheiraten.“— „Eil wer iſt denn die?“— 1„Es iſt die Schoͤne, die als Morgenſtern glänzt!— „Sie iſt in der That glaͤnzend; friſch iſt ſie auch, denn ſie wandelt nur bei Nacht: aber jung, mein Herr, kann ſie nicht mehr ſein; denn ich kenne ſie, ſo lange ich auf der Welt bin, und als ich ſie das erſtemal erblickte, hatte ſie ſchon ihre ganze Fuͤlle.“— „Diejenige, die ihr gekannt habt, hat ſich ſeit ei⸗ nigen Jahren verzogen; aber ihr Frauen hier unten laßt die Sterne voruͤberziehen, ohne zu fragen, wo ſie hingehen: freilich ſieht man ihrer ſo viele, daß man eben nicht auf diejenigen achtet, die da feh⸗ len. Aber ich ſpreche im Ernſte mit euch: woll⸗ tet ihr wohl, daß euer Sohn der Gemahl der ſchoͤn⸗ ſten unter den Sternen wuͤrde?“ „Ah! mein Herr, wenn das geſchehen koͤnnte, ſo ſollte es mich freuen. Wuͤrde er dann auch am Him⸗ mel glaͤnzen?“—. „Er wuͤrde dort gewiß keinen Schatten machen, e, dafuͤr buͤrge ich euch; aber ſeine Geliebte naͤhert ſich V. 12 178 293. Tag. taͤglich regelmaͤßig der Erde: wenn euch alſo die Verbindung anſteht, ſo wollen wir ſehen, ob es moͤg⸗ lich iſt, ſie zu Stande zu bringen. Verſchließet die Thuͤre eures Ladens, und laßt hier mitten in demſel⸗ ben ein Becken voll Waſſer herbringen.“ Man that, was der Armenier verlangte, und ein Waſſerbecken wurde an den bezeichneten Ort geſetzt. „Kommt her, junger Mann,“ ſagte er nun zu Badur,„und beſpiegelt euch in dieſem Waſſer, ihr muͤßt euch gar huͤbſch darin finden. Bemuͤhet euch, eine ſelbſtzufriedene Miene anzunehmen, damit eure Geſichtszuͤge noch annehmlicher werden... Gut! vollkommen gut... jetzo koͤnnt ihr wieder zuruͤck⸗ treten.“ Sobald Badur ſeine Stellung verlaßen hatte, hub der Armenier das Becken empor und goß das Waſſer in die Luft hinaus, ohne daß ein einziger Tropfen auf den Boden der Stube fiel.. „Was macht ihr denn, Herr?“ ſagte Narilha anfangs beunruhigt durch ein Ereignis, welches ihren Laden mit einer Ueberſchwemmung bedrohte, dann aber ſehr uͤberraſcht, als ſie das ausgegoſſene Waſſer des Beckens gaͤnzlich verſchwinden ſah. „Ich habe ſo eben das Bildnis eures Sohnes an die ſchoͤnſte der Sternenfraͤulein geſendet,“ antwortete er.„Wir wollen uns ſetzen, in einem Augenblick Der Liebhaber der Sterne. 179 werden wir die Wirkung, welche daſſelbe auf ſie her⸗ vorgebracht hat, vernehmen.“ Zweihundert und vier und neunzigſter Tag. In dieſer Zwiſchenzeit knuͤpfte der Armenier eine gleichguͤltige Unterhaltung an; dann ſtand er ploͤtzlich auf, ſtellte ſich mitten in die Stube, hielt ſeine Roͤhre an den Mund und ſein Hoͤrnchen ans Ohr, und nach einer Weile, hub er an: „Euer Sohn gefaͤllt ſehr, ja unendlich! Er iſt zu einem großen Gluͤcke beſtimmt: aber ihr muͤßt eu⸗ ern Sohn nach meiner Angabe aufſtutzen; ich kenne den Geſchmack unſrer Frauen. Badur hat eine rothe friſche Farbe, deren Glanz dieſer buſchige Bart nicht verdecken muß, der ſich faſt in die Augenbrau⸗ en verlaͤuft, durch welche Augen verſchattet werden, deren lebhafte und durchdringende Blicke neue Reize verleihen wuͤrden; man muß die Augenbrauen lichten, und den ſtarken Bart verduͤnnen. Laßt ihn bis unter die Unterlippe abſcheeren; mit dieſer Veraͤnderung ver⸗ heiße ich ſeiner Liebſchaft einen ſichern Erfolg. Mor⸗ gen fruͤh werde ich noch beſtimmter ſprechen koͤnnen, als heute; ich rathe, daß euer Sohn ſeiner Geliebten eine kleine Artigkeit erweiſe, er muß ſich mit einem Strauße der ſchoͤnſten Blumen verſehen; und ihr, 180 294. Ta g. ſchoͤne Frau, ſorget dafuͤr, daß eure Bude morgen wieder eben ſo gut verſehen ſei, wie heute: hier iſt Handgeld auf den Abſatz, welchen ich euch verſpreche. Das einzige, was ich von euch verlange, iſt Geheim⸗ haltung des Verkehrs, welchen wir fortan mit einan⸗ der haben werden: Schwatzhaftigkeit koͤnnte euch um euer Gluͤck bringen; die Sterne ſind nur allzu ſehr in dem Munde der Menſchen, welche ſie in ihre kleinſten Angelegenheiten verwickeln; das iſt fuͤr Himmelskoͤrper ſehr laͤſtig: ihr ſeht, daß ich freimuͤthig mit euch rede. Lebet wohl, einige Geſchaͤfte rufen mich anders⸗ wohin; morgen werde ich ſehr zeitig wieder hier ſein.“ Hierauf machte Kaſſanak eine Verneigung und ging weg. „Ich wuͤrde glauben, ich traͤumte,“ ſprach Na⸗ rilha zu ihrem Sohne,„wenn ich nicht die dreißig Zeckienen in meiner Hand hielte, welche mir gewichtig und von ſehr gutem Golde ſcheinen.“ „Drum,“ ſagte Badur zu ſeiner Mutter:„muß ich wohl auf der Stelle zum Barbier gehen?“ „Wie! ſo eilig! Am Tage, glaube ich, ſehen die Sterne eben nicht, und morgen fruͤh, ganz friſch ge⸗ ſchoren, wirſt du um ſo ſchoͤner ſein.. Aber in Wahrheit,“ fuͤgte Narilha hinzu,„ich kann unſer Abenteuer nicht aus dem Kopfe kriegen: und man muß bekennen, daß dieſer Armenier ein recht ehrlicher Menſch iſt; denn mit derſelben Geſchicklichkeit, womit Der Liebhaber der Sterne. 18²4 er unſere Fruͤchte verſchwinden ließ, konnte er ſich auch wohl davon entbinden, ſie uns ſo gut und ſo theuer zu bezahlen.— Du aber, mein Freund, ſoll⸗ teſt, anſtatt zum Barbier zu gehen, lieber einige Koͤrbe voll ſchoͤner Fruͤchte aufzutreiben ſuchen, um unſere Bude damit zu verſehen, damit wir den Hof⸗ lieferanten des Chalyfen nicht mit leeren Haͤnden muͤ⸗ ßen gehen laßen; denn wir duͤrfen uͤber den großen Gewinn den kleinen nicht vernachlaͤßigen.“ Pudem ſie dieſes ſagte, trat der Hoflieferant erein. „Was iſt das?“ ſagte er,„ich haͤtte heute alle eure Fruͤchte noͤthig, und finde hier nichts!“— „Lieber Herr, geduldet euch einen Augenblick; un⸗ ſere Eſel ſind noch nicht angekommen.— Badur, geh ihnen entgegen.— Habt ihr nicht Zeit zu war⸗ ten, ſo gehet nur wieder nach dem Palaſt, ich werde euch alles ſchicken, was ihr noͤthig habt.“ „Ich will nicht,“ antwortete der Hoflieferant, „daß ihr mir die Wanren ſchicket, ich will ſie ſelber ausſuchen; noch weniger mag ich von der Saͤumnis eurer Eſel abhangen.“ Mit dieſen Worten drehte er ſich um, und ging weg. Narilha, uͤber dieſe bittere Rede betroffen, fuͤhlte ihre Eitelkeit zu ſehr gedemuͤthigt: es ſchien ihr ſeltſam und ungebuͤhrlich, daß man der Obſthaͤndle⸗ rinn der Sterne ſo wenig Achtung bezeigte. 18²2 294. Tag. „Du ſiehſt,“ ſagte ſie zu ihrem Sohne,„wie die Sklaven der Großen ſich vergeſſen: ha! wenn wir erſt unſer Gluͤck gemacht haben, will ich alle dieſe Geſchoͤpfe in ihr Nichts zuruͤckweiſen.“ Darnach kamen auch noch andere Einkaͤufer, und ſagten, einer nach dem andern: „Wie! man findet alſo nichts bei euch? Wenn man ein Gewerbe aufgiebt, ſo muß man es doch kund thun.“ „Nein,“ antwortete ſie,„ich habe nichts hier; und ſo unhoͤfliche Leute, wie ihr, werden hier nie mehr etwas finden: ihr redet ja, als wenn ihr mit Leuten zu thun habt, welche von euren Almoſen „Fuͤrwahr,“ ſagten jene, indem ſie weggingen, „ihr ſeid nicht auf dem Wege, euer Gluͤck zu machen.“ Da die aus Narilha's Bude verſchwundenen Fruͤchte ſich von ſelber in Dalhuks Bude geordnet hatten, ſo fanden die Einkaͤufer hier Entſchaͤdigung ihrer fruchtlo⸗ ſen Erkundigungen bei der Obſthaͤndlerinn. Kaſſanak war, nachdem er ſein Armenier⸗Kleid abgelegt hatte, auch hingekommen, und leitete ſeinen Neffen bei dem Verkaufe: mit Einem Worte, alles was ſich in ſeiner Bude vorraͤthig fand, wurde um jeden Preis aufge⸗ kauft: das Zuſammentreffen der Kaͤufer hatte den Werth der Waare entſchieden. Der Liebhaber der Sterne. 183 Man war verwundert, wie Dalhuk ſo ſchleunig eine ſo gut verſehene Bude hatte eroͤffnen koͤnnen. „Ich verdanke dieſes Gluͤck,“ antwortete er,„der Guͤte meines Oheims.“ „Und das hat ohne Zweifel,“ erwiederte einer der Einkaͤufer,„eure Stiefmutter naͤrriſch gemacht; bei ihr findet man nichts mehr, als Hochmuth: erhaltet euern Handel ſtaͤts auf einem ſo guten Fuße, und wir wollen nur mit euch zu thun haben.“ Zweihundert und fuͤnf und neunzigſter Tag. Waͤhrend Dalhuk ſo gute Geſchaͤfte machte, ver⸗ ſteckte ſeine Stiefmutter ihre Zeckienen ſorgfäͤltig in einem vor aller Welt verborgenen Winkel; ſie hoffte ſo mit der Zeit einen Schatz zu ſammeln, welcher ſie von ihrer ganzen Umgebung unabhaͤngig machen ſollte. „Huͤte dich wohl,“ ſagte ſie zu Badur,„meinem Manne etwas von dem guten Geſchaͤfte zu ſagen, welches wir gemacht haben, ſo wie von denen welche uns die Zukunft noch verheißt: das iſt ein Menſch, der nicht mehr im Stande iſt, ein Geheimnis zu be⸗ wahren, er iſt zur Traͤgheit und zum Trunke geneigt, er wuͤrde ſich von neuen ſeinen Laſtern ergeben, und wir wuͤrden, ſo viel wir auch gewinnen, aͤrmer als jemals werden. Ueberdieß iſt er neugierig, und wenn 184 295. Tag. wir ihm von dem Manne erzaͤhlten, der morgen wie⸗ derkommen ſoll, ſo wuͤrde er zu Hauſe bleiben wollen, ihn zu erwarten, und alles waͤre entdeckt. Es iſt noͤ⸗ thig, daß er uns Obſt pfluͤcke, damit wir was zu verkaufen haben; drum muͤßen wir ihn bewegen, fruͤ⸗ her als gewoͤhnlich in den Garten hinaus zu gehen. Du aber wirſt wohlthun, in die Vorſtaͤdte zu gehen, und dieſe Zeckiene, die ich dir gebe, zu verwenden, um dich mit zwei Laſten Obſt mehr zu verſehen; denn eine gluͤckliche Vorahndung verkuͤndigt mir morgen ei⸗ nen betraͤchtlichen Abſatz; uͤberdieß haſt du einen Blu⸗ menſtrauß noͤthig.“ Badur machte ſich auf den Weg, ſeiner Mutter zu gehorchen. Kaſſanak hatte ſich unterdeſſen zu ſei⸗ nem zauberkundigen Freunde begeben, um ihm von ſeinem Tagewerke Rechenſchaft abzulegen, und beide verſtandigten ſich uͤber das, was morgen zu thun waͤre. So bald der Tag anbrach lief Badur, mit einem ungeheuren Blumenſtrauße verſehen, zu dem Barbier, (der ſein Schwiegervater werden ſollte), um ſich den Bart und die Augenbrauen nach dem Geſchmacke der Sterne zuſtutzen zu laßen. Er fiel Lehrburſchen in die Haͤnde, die ihn, nachdem ſie vernommen hatten, auf welche ungewoͤhnliche Weiſe der einfaͤltige Badur ge⸗ ſchoren ſein wollte, nach der Urſache davon befragten. Der Liebhaber der Sterne. 185 „Was kuͤmmert's euch?“ antwortete er ihnen: „thut, was ich euch ſage; ich muß meiner Mutter gehorchen: ſie will, daß ich den Sternen zum Spie⸗ gel diene.“ Die jungen Leute konnten ſich nicht enthalten, laut auf zu lachen; ihr Gelaͤchter zog die Voruͤbergehenden herbei, die neugierig waren, den Spiegel der Sterne kennen zu lernen. Als der Sohn Narilha's mit der Zuſtutzung ſeines Bartes und ſeiner Augenbrauen zufrieden war, nahm er wieder ſeinen dicken Blumenſtrauß und wollte weg⸗ gehen. „Ei! wo tragt ihr denn dieſen Blumenbeſen hin?“ fragten ihn die jungen Leute;„hattet ihr ihn denn nicht fuͤr die Tochter unſers Herrn mitgebracht? wollt ihr ihn nicht hier laßen?“ „Nein, ich bringe ihn meiner Mutter.“— „Hat denn eure Mutter ihren Kram veraͤndert, und iſt ſie gegenwaͤrtig Blumenhaͤndlerinn?“— len„Es iſt ein Geſchenk, welches wir machen wol⸗ „Und an wen denn? Wir ſind ja doch jetzt nicht in der Harafat⸗Zeit: mit dieſem Blumenhaufen koͤnnte man da die Opferkuͤhe bedecken.“— „Das ſind auch wohl Blumen fuͤr die Kuͤhe!“ ſagte Badur aufgebracht;„meine Mutter verſteht es beſſer, ihre Geſchenke anzubringen.“ 186 295. Tag. Mit dieſen Worten verließ er die Barbierſtube. Bald darauf kam der Barbier nach Hauſe, und man erzaͤhlte ihm die ſeltſame Erſcheinung, welche Badur dort eben gemacht hatte. „Es laufen,“ ſagte er,„uͤber ſeine Mutter boͤſe Geruͤchte um. Ich fuͤr mein Theil glaube, dieſe Leute ſind behext: meine Tochter iſt nicht fuͤr ihn, ich will hingehen, ihm ſein Wort zuruͤckzugeben, und das meinige zuruͤckzunehmen.“ Badur, der ſich eben ſo ſchoͤn waͤhnte, als der Stern, auf deſſen Eroberung er ausging, kam wieder nach der Bude ſeiner Mutter: er fand ſie, ihres Mannes entledigt, ſtolz auf die Schoͤnheit ihrer Fruͤchte und voll Bewundrung ihrer ſchoͤnen Anord⸗ nung derſelben; es fehlte nur noch der Kaͤufer, und der Armenier erſchien. „Laßt uns hurtig machen,“ ſagte er zu ihr,„ich habe einige Geſchaͤfte: wie theuer verkaufet ihr mir im Ganzen alles, was ich hier ſehe?“ „Die ſchoͤnen Fruͤchte ſind ſelten,“ antwortete Narilha,„dieſe hier ſind von auserleſener Vollkom⸗ menheit, es giebt gar keinen Ausſchuß darunter; auch iſt es um ein Viertel mehr, als geſtern, folglich ſollt ihr mir vierzig Zeckienen dafuͤr geben.“ „Die Summe iſt ſtark,“ verſetzte Kaſſanak;„aber ich habe Verbindlichkeiten uͤbernommen, welche ich Der Liebhaber der Sterne. 187 erfuͤllen muß; morgen werdet ihr ohne Zweifel billiger ſein: unterdeſſen ſind hier eure vierzig Zeckienen.“ So bald das Geld hingezaͤhlt war, nahm der Kaͤufer, wie geſtern, eine Frucht von jeder Art, und warf ſie in die Luft, wo ſie ſogleich verſchwand: die unſichtbaren Haͤnde erwarteten nur dieſes Zeichen, um ſich alles zu bemaͤchtigen, was nur in der Bude war: in einem Augenblick iſt ſie ausgeleert, und ſelbſt die Blaͤtter, welche zur Zierde der Fruͤchte dienten, fan⸗ den alsbald ſich in Dalhuks Bude wieder. Nachdem dieß Wunder abgethan war, richtete der Armenier ſeine Aufmerkſamkeit auf den närriſchen Ba⸗ dur, der mit einem neuen Kleide geputzt, die Augen⸗ brauen bis auf ein Drittel abgeſchoren, und mit einem kleinen Stutzbart auf der Spitze des Kinnes, die Blicke ſeines neuen Beſchuͤtzers erwartete. „Ah! das iſt ſchoͤn, mein Freund!“ ſagte Kaſſa⸗ nak zu ihm;„ihr ſeid zum Bewundern: habt ihr euch auch mit einem Blumenſtrauße verſehen?“ „Ich habe es nicht vergeſſen,“ antwortete Badur, indem er ihm denſelben zeigte.— „Das ſind viel zu viel Blumen! ihr muͤßt dis ſchoͤnſten auswaͤhlen, die friſcheſten die wohlriechend⸗ ſten... die ihr jetzt abgeſondert habt, ſind hinrei⸗ chend; bindet ſie zuſammen und gebet ſie mir.“ 295. 296. Tag. Der Armenier nahm den Blumenſtrauß, warf ihn in die Luft, wo er, wie es ſchien, den Fruͤchten nachfolgte. 188 „Ah!“ fuhr er dann fort,„wenn ihr die Sprache der Sterne verſtuͤndet, ſo koͤnnte ich vermittelſt meines Sprachrohrs und meines Hoͤrrohrs euch eine reizende Unterhaltung verſchaffen: aber dieſe Sprache iſt um ſo ſchwerer auszuſprechen, da ſie keine Selb⸗ lauter hat, und ihr werdet in der Folge einen Lehr⸗ meiſter erhalten, der ſie euch leichter lehren wird, als ich. Unterdeſſen muͤßt ihr, um eure Bewerbung fortzuſetzen, wenn's euch gefaͤllig iſt, eurer Geliebten ein genaueres und annehmlicheres Bildnis von euch ſenden, als das geſtrige: es war noch durch einen dichten Bart und buſchige Augenbrauen verſchattet: heute aber iſt die Schoͤnheit euer Zuͤge nicht mehr ver⸗ dunkelt; laßt wieder das Becken voll Waſſer herein⸗ bringen.“ Zweihundert und ſechs und neunzigſter Tag. Badur zauderte nicht, dieſen Befehl zu erfuͤllen. Sobald das Becken mitten in der Stube ſtand, buͤckte er ſich ſo nahe als moͤglich auf das Waſſer nieder, um ihm ſeine Geſichtszuͤge deſto beſſer einzudruͤcken: aber ploͤtzlich ergriffen ihn zwei unſichtbare Haͤnde Der Liebhaber der Sterne. 189 beim Bart, und riſſen ſeinen Kopf unters Waſſer hinab; ſein ganzer Leib waͤre nachgefolgt, wenn er nicht beide Haͤnde mit Macht auf den Rand des Bek⸗ kens geſtemmt, und ſo der Gewalt widerſtanden haͤtte. Die Mutter ſtieß einen Schrei aus, Badur ſtand wie⸗ der auf, und der Armenier lachte aus Leibeskraͤften. „Der reizende Scherz!“ rief er aus:„ihr kennt noch nicht die Geſchicklichkeit unſrer Schoͤnen! man zog euern Sohn auf den Grund des Beckens hinab, um ihm einen Kuß zu rauben: dunkt euch nicht, als wenn ſein Geſicht mit Perlen bedeckt ſei, als wenn ſeine Lippen von Ambra duften?— Wohlauf! mein Sohn,“ ſagte er zu Badur,„buͤcket euch abermals uͤber eine Stelle, wo ihr nur Liebkoſungen empfangen koͤnnt: zeiget ihr ein laͤchelndes Antlitz und verliebte Blicke. Da man jetzt euer Bildnis behalten will, ſo wird man ſich wohl huͤten, etwas zu thun, das ſei⸗ nen Ausdruck entſtellen koͤnnte.“ „Ja mein Sohn,“ ſetzte Narilha hinzu, indem ſie ihm mit der Hand uͤber das Geſicht ſtreichelte,„der Herr hat Recht; man hat dir Liebkoſungen erwieſen, welche du nicht wahrgenommen haſt; ſie haben auf deinen Lippen den Duft von Roſen und Veilchen zu⸗ ruͤckgelaßen. Auf, mein Sohn, man muß ſich den Scherzen der himmliſchen Schoͤnen darbieten, und ge⸗ faͤllig ſein, um ihnen zu gefallen: geh, ſpiegele dich 190 296. Tag. in dem Waſſer, und lache aus vollem Herzen, um zu zeigen, daß du recht zufrieden biſt.“ Der Dummkopf gehorchte ſeiner Mutter, kniete vor dem Becken nieder, und hielt ſein Geſicht uͤber dem Waſſerſpiegel, worin es ſich abbilden ſollte, und lachte dabei auf eine Weiſe, daß man glaubte, eine Ziege meckern zu hoͤren. „Sehr gut! ſehr gut!“ rief Kaſſanak aus;„ſo fahret fort: ihr ſehet, man ſucht euch nicht mehr ins Waſſer hinabzuziehen. Lachet noch viel ſtaͤrker. Außer der ganz abſonderlichen Anmuth, welche ihr dabei ent⸗ faltet, gebt ihr dadurch auch eine ſehr vortheilhafte Vorſtellung von der Heiterkeit eures Gemüuͤths.“ Badur wollte nun durch neues Gelaͤchter all das vorige verdunkeln; der Laͤrm davon erſcholl bis auf die Straße, und zog ſo den Hoflieferanten des Cha-⸗ lyfen herbei, der ſtark an die Thuͤre klopfte. Narilha ging hin, zu oͤffnen, und waͤhrend ihr Sohn hurtig aufſtand, trat der Hoflieferant herein, und ſprach: „Was iſt denn das, gute Frau? ſeid ihr keine Obſthaͤndlerinn mehr? macht ihr aus eurem Hauſe einen Stalld da ſteht ja ſchon die Traͤnke in der Mitte. Ich habe indeſſen vernommen, daß bei euch viel Obſt angekommen iſt, koͤnnte ich nicht davon haben?“ „Da muͤßt ihr fruͤher aufſtehen,“ antwortete Na⸗ rilha ſpitzig;„einer der beſſer bezahlt, als ihr, iſt Der Liebhaber der Sterne. 191 euch zuvorgekommen; und mein Haus kann nur wie ein Stall ausſehen, wenn ihr darin ſeid.“ „Das ſind ja hoͤchſt unverſchaͤmte Reden,“ ver⸗ ſetzte der Hoflieferant,„vergeßt ihr, daß ich im Dienſte des Chalyfen ſtehe?“— „Und vergeßt ihr, daß meine Bude auf dem Markte ſteht, daß ich jedermann zu Dienſten ſtehe, und daß, wer zu ſpaͤt koͤmmt, leer ausgeht?“— „Lebt wohl, Frau Obſthaͤndlerinn! mit Recht ſagt man, daß ihr naͤrriſch geworden ſeid: ich werde nie wieder den Fuß uͤber eure Schwelle ſetzen.“— „Lebt wohl, Herr Hoflieferaut! Wenn ihr Wort haltet, ſo wird man mit Recht ſagen, daß ihr ver⸗ ſtaͤndig ſeid.“— „Ich gehe, Frau Obſthaͤndlerinn, man ſoll im Palaſt von euch hoͤren.“— „Gehet, Herr Hoflieferant, ich werde dafuͤr ſor⸗ gen, daß man auch von euch hoͤren ſoll.“ Der Hoflieferant ging wuͤthend weg; Narilha war erboſt, und der Armenier ſuchte ſie zu beſaͤnftigen: „Vergeßt dieſen Unverſchaͤmten, ſchoͤne Frau, ich verſpreche euch, daß ihr nie mehr in den Fall kommen ſollt, mit ihm Geſchaͤfte zu machen. Aber laßt uns unſer angefangenes Werk vollenden: heißt euern Sohn, ſein Bild nochmals in dem Becken ſpiegeln; er wird aber gut thun, weniger laut zu ſein, um nicht wieder Zudringliche herbei zu ziehen.“ 296. Tag. 192 Badur nahm ſeine vorige Stellung wieder ein; ſo bald der Armenier das Bildnis fuͤr vollendet erkannte, ſandte er es auf demſelben Wege, deſſen er ſich bei dem vorigen bedient hatte, dem Morgenſtern zu. Nachdem er dann ſein Sprach⸗ und Hoͤrrohr in Be⸗ wegung geſetzt halte, ſprach er alſo zu Narilha: „Euer Sohn macht viel Gluͤck; ſein Loos iſt ſehr zu beneiden: aber wenn er dort oben hinauf geht, ſo muß er recht bedaͤchtig ſein; er darf ſeine Vorzuͤge nicht misbrauchen. Morgen kann ich euch vielleicht noch erfreulichere Dinge ſagen; ſeid nur darauf bedacht, mir täͤglich ſo ſchoͤne Fruͤchte zu verſchaffen, wie heute, und in Fuͤlle.“ Mit dieſen Worten ging er hinweg. „Hoͤrſt du's, Badur?“ ſagte Narilha zu ihrem Sohne:„du mußt hingehen, Fruͤchte aufzukaufen; denn unſer Garten, ſo groß er iſt, liefert nicht hin⸗ reichend; bringe zugleich einen Blumenſtrauß fuͤr deine Geliebte mit, welchen ich meinerſeits ihr morgen ſchicken will.“ Kaſſanak war unterdeſſen zu ſeinem Neffen gegan⸗ een, um ſeinen Rock und ſeine Muͤtze abzulegen; er ſand ihn, wie er ſeine Fruͤchte an den Hoflieferanten des Chalyfen und an die Einkaͤufer der Veſyre und vornehmſten Emire abſetzte; und da er ihm hiebei nicht mehr noͤthig war, ſo eilte er zu ſeinem Freunde, dem Zauberer. b Der Liebhaber der Sterne. 195 „Nun hoͤret, was noch zu thun aͤbrig iſt,“ ſagte dieſer zu ihm:„die Bude eures Neffen hat gegenwaͤr⸗ tig Zuſpruch genug; aber wir koͤnnen nicht ferner bei Narilha Fruͤchte kaufen, die ſie ſich ſo weit uͤber dem Werthe bezahlen laͤßt: einer der ſchoͤnſten Gaͤrten in der Umgegend von Bagdad ſteht eben zu verkaufen; ihr muͤßt auf der Stelle mit baarem Gelde hingehen, und den Handel abſchließen: er wird euch, mit einem alten ſchwarzen Sklaven und vier Saumthieren zum Betrieb, etwa fuͤnfhundert Zeckienen koſten; ihr findet dort einen guten Gaͤrtner, den ihr behalten muͤßt, und weil euerm Neffen die unſichtbaren Haͤnde, die ſeine Fruͤchte brachten und anordneten, nicht ferner zu Huͤlfe kommen werden, ſo muͤßt ihr ihn mit einem Sklaven verſehen: alles dieß muß augenblicklich aus⸗ gefuͤhrt werden.“ „Aber wo ſoll ich die fuͤnfhundert Zeckienen herneh⸗ men?“ fragte Kaſſanak,„weil ich nicht einmal im Stande bin, euch die wieder zu geben, welche ihr mir ſchon geliehen habt.“ „Ihr ſeid mir nichts ſchuldig,“ erwiederte der Zau⸗ berer;„der Schatz, der euch ſechshundert Zeckienen verſchaffen wird, hat mir mein Geld ſchon wieder er⸗ ſtattet; er iſt in den Haͤnden der Stiefmutter: ſie hat mehr als zwoͤlfhundert Goldſtuͤcke, von denen ſie die Haͤlfte Dalhuk geſtohlen, ſeitdem er das Ungluͤck V. 3 13 194 296, 297. Tag. Neffen, und wir wollen ſeinen Vater ein Mittel lehren, ſich des uͤbrigen zu bemaͤchtigen. Die Zeckienen welche ihr empfangen und dieſem Weibe gegeben habt, ſind zugleich geſtohlene und ſtehlende: ſobald ſie dieſelben in ihrem Winkel verborgen hat, kommen ſie mit eben ſo viel Gefaͤhrten in meinen Kaſten zuruͤck: wenn ich wollte, ſo bliebe nichts in ihrem Verſteck; aber ich will nur ſo viel davon nehmen, als Dalhuk ſeinem gehabt, ſie zu heiraten: alles dieß gehoͤrt eurem Sohne haͤtte geben muͤßen, um ihn auszuſtatten. Hier iſt das Gold, mein lieber Kaſſanak, gehet hin, und machet euern Handel richtig. Morgen, zum letz⸗ tenmale, muͤßt ihr zu der Obſthaͤndlerinn zuruͤckkehren; es iſt noͤthig, ſie und ihren Sohn ſo lange in der an⸗ genehmen Taͤuſchung zu erhalten, bis ihr die Heirat eures Neffen mit der Tochter des Barbiers geſchloſſen habt; und alles dieß kann morgen auf die Weiſe wie ich euch ſagen werde, abgethan werden.“ Zweihundert und ſieben und neunzigſter Tag. — Waͤhrend die beiden Freunde ſich ſo beſprachen, that der Barbier ſeinerſeits einen ihnen ſehr gelegenen Schritt. Er war zu Narilha gegangen, ſich gegen ſie zu erklaͤren: Der Liebhaber der Sterne. 195 „Wie betraͤgt ſich denn Badur?“ ſprach er zu ihr;„er koͤmmt nur in mein Haus, um unſinnige Reden zu fuͤhren, er laͤßt ſich auf laͤcherliche Weiſe ſcheeren und zuſtutzen: habt ihr ihn zum Narren ge⸗ macht, oder laßt ihr ihn beſchneiden? Er prangt immer mit einem dicken Blumenſtrauße, ohne meiner Tochter eine einzige Blume zuruͤckzulaßen. Ich ſehe ihn hier zu euren Fuͤßen: laßt ihr euch etwa von ihm anbeten? denn er iſt ſo dumm, daß ihr ihn leitet, wie ihr wollt. Ich mag keinen ſo wunderlichen Ge⸗ ſellen zum Schwiegerſohn; wenn dieſer, aus Mangel an Verſtand, einer Leitung bedarf, ſo verlange ich, duß keine andre Frau, als die ſeinige, ſich damit be⸗ faſſe.“ Der Barbier, der dieſe Worte mit der den Leuten ſeines Gewerbes eigenthuͤmlichen Gelaͤufigkeit ausſprach, bemerkte, daß Narilha vor Zorn roth ward und er⸗ Hrimmete; er fand es fuͤr gut, ſie aufs Aeußerſte zu treiben: „Verſteht ihr mich, gute Frau?“ ſprach er, in⸗ dem er zwei Schritte vortrat.— „Ob ich dich verſtehe! du Bartkratzer des Satans, du beſchnittener Schuft; willſt du Narren zu befehlen haben, ſo ſuche ſie bei deinesgleichen! behalt deinen Bankhart von Tochter fuͤr dich; mein Sohn iſt nicht fuͤr ſie: ihr ſeid ſolche Leute, daß wir errthen muͤß⸗ ten, mit euch irgend eine Verbindung zu haben.“— —— —õ—⁵6—ͤͤn 196 297. Tag. „Ihr gebt mir alſo mein Wort zuruͤck,“ antwor⸗ tete der Barbier, der an ſich zu halten ſuchte,„ich bin euch dafuͤr verbunden, und werde euch nie mehr daran mahnen. Aber es ſind wohl ſchon zwei Jahre, daß euer Mann und euer Sohn meine Barbierſtube beſuchen, ohne jemals einen Pfennig zu bezahlen: ich muß wenigſtens ein Trinkgeld fuͤr meine Lehrburſchen dafuͤr haben.“ „Eil wer hat dir denn ſchon deinen Lohn ſammt dem Trinkgelde verweigert?“ erwiederte die Obſthaͤnd⸗ lerinn:„giebt es irgend einen Handwerker in Bag⸗ dad, der ſich uͤber uns beklagen kann?— Da,“ ſetzte ſie hinzu, in dem ſie hoͤhniſch ſechs Zeckienen auf den Tiſch warf,„da iſt Geld fuͤr den Herrn Bartſcheerer und fuͤr ſeine Burſchen; man kann es nicht theuer genug bezahlen, ſich nur von ihnen zu befreien:— und jetzo verlaß mein Haus auf der Stelle.“ Bei dem Anblicke des Goldes, riß der Barbier die Augen weit auf.„Dieſes Weib iſt entſchieden naͤrriſch,“ ſprach er bei ſich ſelber;„ſie wirft mir ihr Geld an den Kopf; und wenn ich mir einfallen laße, ihr noch ferner zu widerſprechen, ſo koͤnnte ihren Haͤnden gar etwas moͤrderiſches entwiſchen: ich will alſo nur ge⸗ hen.“ Mit dieſen Worten, drehte er ſich kurz um und ging weg. Auf dem Wege nach Hauſe begegnete der Barbier dem Kaſſanak, der ſo eben von dem Garten Beſitz Der Liebhaber der Sterne. 197 genommen und alles angeordnet hatte, um den Han⸗ del ſeines Neffen ſicher zu ſtellen; noch voll von ſei⸗ nem Abenteuer, redete der Barbier ihn an und fragte: „Stehet ihr noch in irgend einer Verbindung mit Dalhuk, eurem vormaligen Schwager?“— „Gar nicht mehr, ſeitdem er auf Anſtiften ſeines boshaften Weibes meinen lieben Neffen aus dem Hauſe gejagt hat, den ich zaͤrtlich liebe, und der es ſo ſehr verdient geliebt zu werden.“ „Wißt ihr,“ fuhr der Barbier fort,„daß das Weib, von welcher ihr redet, ganz verruͤckt iſt?“— „Ich kenne ſie ſchon ſeit langer Zeit, ſie iſt nie verſtaͤndig geweſen; aber es iſt wahr, daß ſie gegen⸗ waͤrtig einen entſcheidenden Anfall hat, der alle Kun⸗ den von ihrer Bude verſcheucht, welche ſie ſo ſchlau an ſich gezogen hatte. Ich habe dieſen Umſtand be⸗ nutzt, meinem Neffen ein Gewerbe einzurichten, wel⸗ ches, wie ich hoffe, bluͤhender werden ſoll, als das ſeines Vaters; er hat jetzo die ſchoͤne Bude an der Ecke des Platzes, wo nunmehr alle Kunden Narilha's ſich einfinden; ſie ſcheinen hoͤchſt zufrieden mit mei⸗ nem Neffen, der auch der bravſte Junge in Bag⸗ dad iſt.“—. „Aber wenn euer Neffe gendthigt iſt, die Fruͤchte ſt einzukaufen, um ſie wieder zu verkaufen, ſo wird er keine ſonderlichen Geſchaͤfte machen.“— eMrsrsrs˖eee 198 297. Tag. „Mein Neffe bezieht alles nur von ſich ſelbſt. Er iſt Eigenthuͤmer des ſchoͤnſten Gartens in unſrer Um⸗ gegend; ſehet hier den Kaufbrief, und die Quitung. Der arme junge Menſch hat theilnehmende Freunde gefunden; man hat ſich beeifert, ſein Gedeihen zu befoͤrdern: es fehlt ihm nur noch, daß er eine Frau finde, welche ihm helfen kann; denn, allein wie er iſt, und da ſein Verkehr taͤglich zunimmt, ſo bedarf er jemands, der ſein Hausweſen beſorgt.“ 4 „Ich habe fruͤherhin bemerkt,“ ſagte der Barbier hierauf,„daß er Zuneigung zu meiner Tochter hatte, der er auch keinesweges misfiel, und ich ſelber hatte ihn herzlich lieb: Dalhuk waͤre auch mit dieſer Heirat zufrieden geweſen; aber ſein Weib wollte ſich von kei⸗ ner Zeckiene trennen. Ihr ſeid auch Vater, und wißt ſo gut, als ich, daß unſer erſtes Trachten iſt, unſere Kinder zu verſorgen: mich bindet aber jetzo keine Ver⸗ pflichtung mehr, euer Neffe iſt anſaͤßig, und will er noch die Hand meiner Tochter haben„ ſo gebe ich ſie ihm gern.“ „Ich nehme ſie fuͤr ihn an,“ antwortete Kaſſanak, indem er dem Barbier die Hand reichte.„Morgen Vormittag will ich zu Dalhuk gehen, ihm unſere Uebereinkunft mittheilen, und ich habe ihm dabei ſolche Neuigkeiten zu erzaͤhlen, daß er ſich gern unſe⸗ ren Wuͤnſchen fuͤgen wird. Ich bringe ihn ſodann mit mir nach der Stadt, wir holen im Vorbeigehen den Der Liebhaber der Sterne. 199 Kadi ab, die Heirat wird auf der Stelle geſchloſſen, und am Abend iſt die Hochzeit. Narilha muß nichts davon erfahren, als bis alles abgethan iſt, damit ſie ſich nicht mehr widerſetzen kann.“ Der Barbier kam ſo voll Freuden nach Hauſe, daß er ſie kaum zuruͤckhalten konnte; der maͤchtige Hebel des Goldes allein hatte ihn zu der Heirat des albernen Badur mit ſeiner Tochter bewogen: aber der neue Braͤutigam ſchien ihm in aller Hinſicht weit vorzuͤglicher; er eroͤffnete alles ſeiner Tochter, die eben keine Muͤhe hatte, ſich zu Gunſten ihres erſten Geliebten zu entſcheiden. Waͤhrend dieſe Heirat veranſtaltet wurde, gingen der Narilha und ihrem Sohne die ſeltſamſten Einbil⸗ dungen durch den Kopf. Beide waren hoͤchſt zufrieden, mit dem Barbier alle Verbindung abgebrochen zu haben:. „Das Pack, das Hundevolk!“ ſagte die Mutter. „Oh! ich gehoͤre nicht mehr zu dieſer Naſſe da,“ ſagte Badur,„und ich vermeine, daß man mir nicht znehr ſ in die Naſe lachen ſoll, wie man ſonſt wohl that. Darnach traͤumte jedes von ihnen auf ſeine Weiſe weiter. „Ah!“ ſagte Narilha bei ſich ſelber,„wenn ich auch nur taͤglich mein Obſt, und das Obſt von Ande⸗ ren, fuͤr einen ſo guten Preis verkaufte, ſo wuͤrde 200 297. Ta g. ich bald mein kleines Behaͤltnis gefuͤllt haben! Ich waͤre genoͤthigt einen Geldkaſten anzuſchaffen... aber wo ſollte ich den verbergen? Nun, wir werden nicht immer in dieſem Hauſe bleiben, und anderswo mehr Raum haben... Wenn man in Bagdad inne wird, daß meine Fruͤchte verſchwinden, ohne daß jemand aus der Stadt etwas davon gekauft habe, ſo muß man wohl ein Geheimnis vermuthen; ich mag mein hohes Gluͤck auch noch ſo tief verſchweigen, man wird dennoch wider meinen Willen erfahren, daß ich die wirkliche Geheime Ober⸗Obſthaͤndlerinn des Ster⸗ nenhimmels bin DOh, das iſt ein praͤchtiger Stand! Ich werde einen praͤchtigen Palaſt beziehen, und anſtatt meine Waaren unter einem Zelte vor mei⸗ ner Thuͤre auszuſtellen, werde ich die Fruͤchte in Py⸗ ramiden zwiſchen den Saͤulen um meinen Palaſt aufſchichten; ich ſehe ſchon alle dieſe ſchoͤnen Fruͤchte bis zum Gewoͤlbe aufſteigen.. Ohl welch ein ſchoͤner Anblick! was fuͤr praͤchtige Pyramiden! Man koͤnnte keine ſo praͤchtigen aus Saphieren, Smarag⸗ den, Topaſen und Rubienen aufbauen!... Gewiß wird der Chalyf ſich dieſes bezaubernden Schauſpiels erfreuen wollen, er wird ſeine Favoritinnen herfuͤhren, und ſie werden uͤbergluͤcklich ſein, aus meiner Hand die Fruͤchte zu empfaugen, welche fuͤr die Sterne be⸗ ſtimmt ſind.. Man wird uͤberall nur von der Obſthaͤndlerinn des Himmels reden, und alle uͤbrigen Der Liebhaber der Sterne. 201 in Bagdad werden neidiſch auf mich ſein. Dann wird man auch vernehmen, daß mein Sohn mit dem Mor⸗ genſtern vermaͤhlt iſt... und da die Sterne auf das Schickſal aller Menſchen Einfluß haben, ſo werden mir alle Großen des Reichs den Hof machen; vielleicht ſind ſogar einige Koͤnige unter dem Haufen; denn, wie maͤchtig ſie ſein moͤgen, doch ſind ſie ſelten mit ihrem Schickſale zufrieden... Ich werde mich auf Bedingungen mit ihnen einlaßen; und da es erniedri⸗ gend fuͤr mich waͤre die Frau eines Toͤpfers zu blei⸗ ben, ſo werde ich ihm eine ehrenvolle Stelle geben laßen... Er iſt zwar unwiſſend; aber mit etwas Gepraͤnge wird er ſie eben ſo gut ausfuͤllen, als ein andrer. Ahl binnen kurzer Zeit muß ich eine Emirsfrau ſein.. Auf dem Wege nach dem Palaſte werde ich dieſem Hoflieferanten begegnen, der ſich ſo gegen mich vergeſſen hat, ich werde den Vorhang meiner Saͤnfte aufheben, und mit einem Blicke werde ich ihn fuͤr ſeine Unverſchaͤmtheit beſtrafen: er ſoll den Abſtand gewahr werden zwiſchen dem Hoflieferanten des Chalyfen und der Obſthaͤndlerinn des ganzen Ster⸗ nenhimmels; denn wenn ich auch eine Emirsfrau werde, will ich jedoch ſtaͤts die Kundſchaft des Him⸗ mels behalten; das dabei abfallende Geld ſtreicht ſich ſo gut ein... Was meinen Sohn betrifft, ſo wird ihn ſeine Gemahlinn gewiß zu einem Prinzen machen, vielleicht laßt ſie ihn ſogar irgendwo regieren! Er 2⁰2 297. Tag. hat zwar nicht viel Verſtand, aber ſeine Miniſter wer⸗ den ihm ſchon damit aushelfen.“ Alſo traͤumte Narilha. „Morgen,“ ſagte ſeinerſeits Badur fuͤr ſich,„werde ich mich wieder ſcheeren laßen; denn ich finde mich ſo unendlich viel ſchoͤner.. Ich bin alſo verliebt in einen Stern! Die Liebe iſt doch wahrlich ein ſeltſa⸗ mes Ding, denn ich habe ſie, und ich fuͤhle es nicht; es wird indeſſen wohl noch kommen.. Aber wie ſoll ich es anſtellen, mich dem Gegenſtande meiner Zaͤrtlichkeit zu naͤhern?.. Wird ſie herabkommen, oder muß ich hinaufſteigen? Ich habe Melonen in die Luft aufſteigen ſehen; waͤren es Kuͤrbiſſe geweſen, es wuͤrde nicht minder geſchehen ſein. Ich will alſo in einem Kuͤrbiß aufſteigen... Meine Mutter hatte mich gelehrt, der Barbierstochter Suͤßigkeiten zu ſagen, als ich ſie heiraten ſollte; was ſoll ich nun zu mei⸗ ner Sternenbraut ſagen?„Ihr ſeid recht rund, recht weiß, recht glaͤnzend!“. Ich glaube, das wird nicht uͤbel ſein.. Auf alle Faͤlle kann ich den Herrn Armenier zu Rathe ziehen; er hat mir von einer Sprache geſagt, welche keine Selblauter hat, ich will ihn bitten, mich die Worte zu lehren, welche ich ſa⸗ gen ſoll, und mein Benehmen zu leiten; denn er kennt die Gebraͤuche der Sterne viel beſſer, als ich.“ Waͤhrend Badur ſich ſo ſeinen ausſchweifenden Traͤumereien uͤberließ, kam die Nacht heran, und am Der Liebhaber der Sterne. 2⁰³3 Himmel erſchienen die zahlloſen Sterne, einer immer glaͤnzender, als der andre. „Welches iſt denn meine Braut?“ ſagte der laͤcher⸗ liche Liebhaber;„je mehr ich ſuche, je weniger kann ich ſie herausfinden... Aber weil man ſagt, daß ſie die Heiterkeit lieben, ſo will ich ſie alle anlachen; meine Geliebte wird wol wiſſen, daß ich ihr zu ge⸗ fallen lache.“ Und alsbald ſtieß er ein gezwungenes Gelaͤchter aus, welches die Saumthiere im Chor beantworteten, die Dalhuk eben in den Stall brachte. „Sehr brav, Badur!“ ſagte ſein Stiefvater zu ihm,„du ermunterſt meine armen von Arbeit ermuͤ⸗ deten Thiere; das wird ihnen wohlthun.“ Zweihundert und acht und neunzigſter Tag. Aber der folgende Tag ſollte alle Abenteuer zur Entwickelung bringen. Die Obſthaͤndlerinn, beſſer ver⸗ ſehen, als gewoͤhnlich, erwartet mit Ungeduld den Hoflieferanten; endlich koͤmmt er an, ſie verkauft ihm ihre Fruͤchte noch theurer, als an den vorigen Tagen, und wird noch freigebiger dafuͤr bezahlt; ſie ſcheint ſich ſchon zum voraus der Reichthuͤmer zu uͤberheben, welche ſie ſich verſpricht, und bemuͤht ſich jetzo ſchon, ein vornehmes Weſen anzunehmen. Der Armenier 204 298. T d g. bemerkt es wohl, er ſcheint ſich daran ſehr zu beluſti⸗ gen, iſt aber zugleich ſehr geſchaͤftig, die Waaren aus der Bude verſchwinden zu laßen. Der naͤrriſche Ba⸗ dur verſuchte es auch, einige Granaten in die Luft zu werfen, und da er ſah, daß ſie nicht wieder her⸗ abfielen, fing er an, ſich ſchon im Verkehr mit dem Himmel zu waͤhnen, und fuhr in der Arbeit fort, bis er ſich ganz in Schweiß geſetzt hatte. „Brav, mein Freund, brav!“ ſagte der Armenier zu ihm;„eure Dienſte, wie ich ſehe, werden immer angenehmer.“— „Ihr glaubt es alſo?“— „Ob ich es glaube! ihr ſeid ohne Zweifel der gluͤcklichſte der Menſchen, und binnen kurzer Zeit wer⸗ det ihr den Beweis davon haben.“ „Ich moͤchte wohl wiſſen,“ ſagte Badur,„wie dieſes Gluͤck da beſchaffen ſein mag; denn mich duͤnkt, daß ich meine Geliebte in meiner hohlen Hand tragen koͤnnte!“ „Die Entfernung taͤuſcht euch,“ erwiederte der Armenier,„ſie iſt eben ſo groß, als ihr.“— 3 „Aber wenn das iſt, ſo muß ſie ganz Geſicht ſein, wie der Mond?“— „„‚Nein, nein: ſie hat Arme, Haͤnde, Beine und Fuͤße, ganz wie ihr: es iſt, als wenn ihr nachts ein junges reizendes Maͤdchen ſehet, die ein großes Der Liebhaber der Sterne. 205 leuchtendes Johanniswuͤrmchen auf ihrem Kopf⸗ putze traͤgt.“— 1 „Ah! ich verſtehe; meine Frau darf nur ihren Kopfputz abnehmen, und ſie iſt ein Weib wie andere: ich aber will ein ſolches Leuchtwuͤrmchen auf meinen Kopf ſetzen, und dann bin ich auch ein Stern.“— „Wie ihr doch den Himmel errathen habt, als wenn ihr ſchon einmal dort oben geweſen waͤret!“ „Es faͤllt mir aber etwas ein,“ fuhr Badur fort: „wenn ich nun in der Luft bin, wie werde ich darin gehen koͤnnend?“’?“?.* „Viel leichter, als auf der Erde,“ verſetzte der Armenier,„die Wege ſind dort viel beſſer gebahnt.“ Dann wandte er ſich zu Narilha, und ſagte: „Wohlan! da ſeht ihr nun die Fortſchritte eures Soh⸗ nes: in einem Augenblicke hat er mehr gelernt, als die beruͤhmteſten Sterndeuter, welche ihr Geſicht ver⸗ derben, um die Sterne zu beobachten.“ Obwohl es Narilha nicht an Verſtand fehlte, ſo war ſie jedoch ſehr unwiſſend, und ſuchte ſich in Be⸗ treff ihres Sohnes noch mehr zu verblenden. Zer⸗ ſtreuet bei ſeinem Geſpraͤche mit dem Armenier, ließ ſie ſich uͤberreden, daß Badur nur verſtaͤndige Reden gefuͤhrt haͤtte, und ſchmeichelte ſich, die Entwickelung ſeines Geiſtes reißende Fortſchritte machen zu ſehen. Ihrerſeits wollte ſie nun auch einige Neugier uͤber die Bewohner des Himmels bezeigen, und fragte Kaſſanak: 206 298. Tag. „Sind ſie denn auch ſchoͤn geputzt?“ „Ihre Gewande,“ antwortete er,„ſind, wie ein zarter Lufthauch: man ſollte ſie mit dem Bluͤtenſtaube der Tamarinden beſtreut waͤhnen; und dieſes, verbun⸗ den mit dem natuͤrlichen Wohlgeruch ihrer Leiber, be⸗ wirkt, daß ich die Empfindung bei ihrer Annaͤherung mit nichts anderm vergleichen kann, als mit dem Duft eines Straußes von Roſen, Nelken und Oran⸗ genbluͤten.“ „Oh! das iſt was fuͤr mich,“ ſagte Badur;„ich bin ganz vernarrt in die Blumen, ich werde die Naſe beſtaͤndig uͤber dem Strauße haben... Ei, wann kann ich denn dieſen koͤſtlichen Duft einathmen?“ „Dieſen Abend noch, wenn ihr wollt,“ antwortete der Armenier;„gehet hinaus vor die Stadt in den Garten eures Vaters: gegen eilf Uhr wird eure Ge⸗ liebte in dem ſchoͤnen Kanal, der ſich laͤngs eurem Grundſtuͤcke hinzieht, ein Bad nehmen; entkleidet euch, und ſchwimmet zu eurer ſchoͤnen Sternenbraut hin, liebkoſet, aber ſehr leiſe und beſcheiden, dem Waſſer, in welchem ihr ſie ſehet; denn wenn ihr ungeſtuͤm zu⸗ fuͤhret, ſo koͤnnte das Johanniswuͤrmchen herabfallen, und die Schoͤne wuͤrde euch entſchluͤpfen: folget ihr bis ans Ende des Kanals, und ſetzt nicht eher den uß ans Land, als bis ihr ſie erreicht habt; ſie wird ich leichter als ihr auf den Sand ſchwingen. Fuͤr das Uebrige, mein lieber Badur, brauche ich euch Der Liebhaber der Sterne. 207 keine Anweiſung zu geben; es genuͤgt euch, zu wiſ⸗ ſen, daß ihr, um euch auf der Stelle mit ihr zu vermaͤhlen, weder Kadi noch Zeugen noͤthig habt; die Maͤdchen des Himmels machen keine Umſtaͤnde.“ „Da wird auch Geld geſpart!“ ſagte Badur;„es iſt ſchon genug an dem, was ich morgen dem Barbier geben muß. Aber wer wird mich meine Braut unter allen den anderen Sternen kennen lehren?“— „Euer Gaͤrtner. Saget ihm, er ſolle euch im Euphrat den Morgenſtern zeigen, und er wird ihn euch auf der Stelle ſchauen laßen; denn nicht am Himmel duͤrft ihr ihn ſuchen.“ „Darnach nahm Kaſſanak Abſchied von Mutter und Sohn, und verſprach am naͤchſten Morgen wie⸗ derzukommen. Als er weggegangen war, und Narilha uͤber das, was ſie eben gehoͤrt hatte, nachdachte, kam es ihr ſehr ſeltſam vor: aber das Gold in ihrer Hand be⸗ ruhigte ſie; ſie ging hin und verſchloß es in ihr Be⸗ haͤltnis. In dem Maaße wie dieſes ſich fuͤllte, ward ihr Kopf leer, und verdunſtete ihr Verſtand: ſie ver⸗ ſtattete ihrem Sohne, ſein Gluͤck ihm Euphrat zu verſuchen. 1 208 299. Tag. Zweihundert und neun und neunzigſter Tag. Waͤhrend beide ſich ſo mit den laͤcherlichen Anſtal⸗ ten zur Foͤrderung ihres Gluͤckes beſchaͤftigten, war Kaſſanak zu ſeinem Schwager Dalhuk in den Garten gegangen, wo er beſchaͤftigt war, Fruͤchte zu ſam⸗ meln. Er fand ihn eingenommen gegen ſeinen Sohn Il⸗Dalhuk: als er aber vernahm, in welches gute Gewerbe ſich ſein Sohn durch ſein gutes Betragen geſetzt hatte, als er den Kaufbrief des Gartens und die Quitung ſah, war er gendͤthigt, einzuraͤumen, daß er von Narilha verleitet worden war. Er ver⸗ nahm zu gleicher Zeit, daß ſein alter Freund, der Barbier, die fruͤhere Verabredung mit ſeiner Frau aufgehoben haͤtte, ſeine Tochter an Il⸗Dalhuk geben wollte, und man nur ihn erwartete, um den Heirats⸗ vertrag zu vollziehen. Er war hocherfreut uͤber dieſe Nachricht, uͤberließ es ſeinem Gaͤrtner, die Fruͤchte einzuſammeln, und ging alsbald mit Kaſſanak hinweg zu dem Kadi. Unterweges vernahm er noch ganz andere Dinge: er erfuhr, daß ſeine Frau einen Schatz beſaͤße, wel⸗ chen ſie vor ihm verheimlichte, daß derſelbe aus allem beſtaͤnde, was ſie ihm ſchon geſtohlen haͤtte und noch taͤglich entwendete; daß ſie innerhalb dreier Tage an einen Armenier fuͤr mehr als hundert und funfzig Zeckienen Obſt verkauft, und ſich mit allen Einkaͤu⸗ Der Liebhaber der Sterne. 209 fern in Bagdad uͤberworfen, die gluͤcklicherweiſe in Il⸗Dalhuks Bude alles Noͤthige gefunden haͤtten; daß dieſer alle ihre Kunden an ſich gezogen, und alſo fuͤr ſein Haus nichts verloren waͤre. „Bedenket, mein lieber Dalhuk,“ fuͤgte ſein Schwager hinzu,„wie ſehr dieſes Weib euer Ver⸗ trauen misbraucht hat! Sie verbarg euch alles, und uͤberhaͤufte euch mit Arbeit, um einen Schatz zuſam⸗ men zu raffen, deſſen ſie allein genießen wollte: ich weiß den Ort, wo er verborgen liegt, wir koͤnnen uns leichtlich deſſelben bemaͤchtigen; demnach muͤßt ihr euch von dieſem verbrecheriſchen Weibe trennen; verſtoßet ſie vor dem Kadi. Ihr werdet in ihrem Ver⸗ ſtecke viermal mehr Geld finden, als ihr beduͤrft, um ihr das Heiratsgut zu geben, zu welchem ihr euch verpflichtet habt; und weil ſie ſich geſtellt hat, als ſei ſie nackt und bloß zu euch gekommen, ſo laßt ſi eben ſo wieder gehen.“„ ſo laß ſie Dieſe Aufklaͤrungen ſetzten Dalhuk in Wuth gegen Narilha; aber es bedurfte nicht weniger, um ihm die Augen zu oͤffnen. Sie gingen zu dem Kadi, und von dort nach dem Hauſe des Barbiers, wo die Hochzeit mit allen Aus⸗ drüten einer reinen und ungetruͤbten Freude gefeiert wurde. V. 14 210 299. Tag. Unterdeſſen herrſchte die Unruhe in Narilha's Hauſe. Die Nacht war gekommen; Badur war zu ſeinem Stelldichein gegangen; Dalhuk kam nicht mit dem Obſte: was konnte vorgegangen ſein? Wenn morgen keine Fruͤchte da ſind, womit dann die Himmelskör⸗ per verſehen? Endlich, in dem Augenblick, als die Stadtthore ſollten geſchloſſen werden, koͤmmt der Gaͤrtner Dal⸗ huks mit einer halben Ladung Obſt, und berichtet, daß ſein Herr ſeit zehn Uhr Morgens mit einem Manne weggegangen, der ihn abgeholt habe. Was ſollte Narilha thun, da ſie nicht einmal ih⸗ ren Sohn bei ſich hatte, um ihn in Bagdad wenig⸗ ſtens nach den vom vorigen Tage uͤbriggebliebenen Fruͤchten auszuſchicken? Sie ſah ſich ſchon in Gefahr, ihr Gluͤck zu verſcherzen. Ach! welches Unwetter ſollte uͤber den armen Dalhuk ausbrechen!. „Ja,“ ſagte ſie,„zu welcher Stunde er auch nach Hauſe kommen mag, er ſoll auf der Stelle hingehen, mir Obſt zu ſchaffen; giebt es keines innerhalb der Stadt, deren Thore geſchloſſen ſind, ſo will ich ihn lieber zwingen uͤber die Mauer zu ſpringen, als es finen Tag an dem Bedarfe der Sterne mangeln Schon hatte die Haͤlfte der Nacht ihren Lauf zu⸗ ruͤckgelegt, als mitten unter den Beunruhigungen die⸗ ſes thoͤrichten Weibes, Dalhuk an ſeine Thuͤre pochte, Der Liebhaber der Sterne. 211 nicht als ein Mann der uͤber ſein ſpaͤtes Ausbleiben Vorwuͤrfe befuͤrchtet, ſondern als Herr des Hauſes. „Er iſt ohne Zweifel betrunken,“ ſagte Narilha; „aber er ſoll ſeine Ausſchweifung theuer bezahlen!“ Zu gleicher Zeit oͤffnete ſie die Thuͤre mit einem Strome von Scheltworten. „Nichtswuͤrdiger Trunkenbold!“ ſprach ſie zu ihm, „du willſt uns alſo an den Bettelſtab bringenn Was haſt du gemacht? wo koͤmmſt du her? So verlaͤßt du deine Frau und dein Kind, um dich deinen Laſtern hinzugeben? Ich werde meine Klage vor den Kadi bringen; er ſoll mir Genugthuung gegen dich verſchaf⸗ fen, du liederlicher Schandbube! Denkſt du denn, daß ich dich nach Gefallen deinen Rauſch werde aus⸗ ſchlafen laßen, bevor die Bude fuͤr morgen mit Obſt verſehen iſts Ich weiß nicht, was mich zuruͤckhaͤlt, dir Arme und Beine entzwei zu ſchlagen?“ Dalhuk war etwas angetrunken; aber er hatte ſeine Unterweiſung von Kaſſanak und dem Barbier ſo gut inne, daß er, mit einem dicken Stocke bewaff⸗ net, und entſchloſſen, Gewalt mit Gewalt zu ver⸗ treiben, dennoch die Geiſtesgegenwart behielt, keins von beiden zu gebrauchen. „Zornwuͤthiges Weib!“ ſprach er,„ſetze dich nie⸗ der, und beſinne dich. Wir ſind uns gegenſeitig ge⸗ naue Rechenſchaft von unſerm Betragen ſchuldig. Hier iſt die meinige. 21¹² 299. Tag. Geſtern war ich in meinem Garten, als mein Schwager Kaſſanak mich aufſuchte, um mir zu mel⸗ den, daß mein Freund, der Barbier, ſeine Tochter meinem Sohn Il⸗Dalhuk zur Frau gaͤbe, und daß ich auf der Stelle kommen muͤßte, den Heiratsvertrag zu vollziehen: alles das iſt nun geſchehen, und ich komme dorther.“ „Und du haſt die freche Stirn, mir zu ſagen,“ verſetzte Narilha,„daß du meine Geſchaͤfte verlaßen haſt, um deinen Dummkopf von Sohn mit der Toch⸗ ter eines Unverſchäaͤmten zu verheiraten, der geſtern hieher kam, uns, mich und meinen Sohn, zu be⸗ ſchimpfen?“ „Gemach! der Barbier iſt mein Freund, und er iſt nicht unverſchaͤmter, als ein andrer; und wenn es hier einen Dummkopf giebt, ſo iſt dein Sohn der ein⸗ zige, welchen ich deshalb in Verdacht haben kann.“ Die Feſtigkeit und Kaltbluͤtigkeit Dalhuks verwun⸗ derten Narilha dermaßen, daß ſie, gereizt, dieſe ihr zugefuͤgte Beſchimpfung zu raͤchen, es gern durch die Pihält ante Mittel gethan haͤtte; aber Waffen und ntſchloſſenheit fehlten ihr: ihre ohnmaͤchtige Wuth verwandelte ſich ploͤtzlich in Verzweiflung, ſie waͤlzte ſich auf dem Boden, rang die Haͤnde, ſtieß ein graͤß⸗ licches Geſchrei aus, und endigte damit, in Thraͤnen zu zerfließen und in Ohnmacht zu ſinken. Der Liebhaber der Sterne. 213 Dalhuk war auf dieſen Auftritt vorbereitet; alles war ihm gleichguͤltig, wofern ihm nur die Zeckienen nicht entwiſchen konnten, welche ihn in den Stand ſetzten, ſich ſchleunig von einem Weibe zu befreien, deren Falſchheit er nun erkannt hatte; er legte ſich nicht nieder, ſondern wartete ruhig den Verlauf ab. So vergingen die Stunden, und der Tag kam. Als Narilha aus ihrer Ohnmacht ſich wieder etwas erholt hatte, lauerte ſie auf eine Regung des Mit⸗ leids und der Schwachheit ihres Mannes, um ſie zu misbrauchen: ſie wartete aber vergeblich; Dalhuk blieb in ſeiner Gleichmuͤthigkeit ihr gegenuͤber ſitzend, das Kinn auf ſeinen Stock geſtuͤtzt. „Dieſer Menſch da,“ ſagte ſie bei ſich ſelber,„iſt ploͤtzlich ganz verwandelt. Es iſt Kaſſanak, es iſt der verwuͤnſchte Bartſcheerer, die ihn ſo unbeugſam ge⸗ macht haben! Wie ſoll ich es anſtellen, mich zu raͤ⸗ chen? wie meinen Mann wieder herumbringen?... Aber, zuvoͤrderſt, wie kann ich hier den Hoflieferan⸗ ten der Sterne empfangen, mit dem ich heimlich zu ſprechen habe? Er allein koͤnnte mir helfen; er hat ſo maͤchtige Freunde, daß er mir leicht Mittel ver⸗ ſchaffen kann, mich von Leuten zu befreien, die mir übelwollen. Ich will mich ſanftmuͤthig ſtellen, um meinen Mann von hier zu entfernen.“ Hierauf nahm ſie einen weichen Ton der Stimme an, und ſprach zu ihm: 299. 300. Tag. 214 „Ihr muͤßt ermuͤdet ſein, mein lieber Freund; und ich fuͤrchte, ihr koͤnntet krank werden: geht und leget euch ſchlafen. Ich will unterdeſſen, ſo gut ich ver⸗ mag, die wenigen Fruͤchte anordnen, welche wir haben.“ „Und fuͤr wen denn?“ fragte Dalhuk: ich weiß, daß kein Einkaͤufer aus Bagdad mehr herkoͤmmt, ihr habt alle Kunden verſcheucht.“ „Das iſt eben kein großer Schade, ich habe Fremde gefunden, an die ich ſie verkaufe und von denen ich gut bezahlt werde.“ Zugleich zeigte ſie ihm fuͤnf bis ſechs Zeckienen und etwas Muͤnze, und fuͤgte hinzu: „Hier iſt Geld, es hat der Haushaltung an nichts gefehlt, und mein Obſt iſt verkauft worden.“ Dreihundertſter Tag. Dalhuk war nicht wenig uͤberraſcht, ſeine Frau dieß Geld vorzeigen zu ſehen; es war das erſtemal, daß es ihr eingefallen war: alles was ſie ſonſt einge⸗ nommen hatte, war immer ſchon, wie es hieß, zum voraus verwendet. Aber er war vorbereitet, und be⸗ merkte zugleich die Schlinge und die Unredlichkeit. Er nahm die Zeckienen nicht, ſondern blieb ruhig auf ſei⸗ nem Sitz, und beobachtete Narilha, die unter erzwun⸗ Der Liebhaber der Sterne. 215 genen Thraͤnen die Fruͤchte, welche der Gaͤrtner ihr gebracht hatte, aufs beſte anordnete. „Ihr wollt euch alſo nicht ſchlafen legen, mein Lieber?“ ſprach ſie zu ihm;„ihr werdet euch Scha⸗ den thun.“ „Nein,“ erwiederte er,„ich bedarf keiner Ruhe.“ „Aber, in dieſem Fall,“ fuhr ſie fort,„wuͤrdet ihr, anſtatt hier zu verweilen, beſſer thun, in irgend einen Garten zu gehen, um unſere Bude vollſtaͤndig mit Obſt zu verſehen: ich erwarte einen vortheilhaften Kunden, den wir mit dem Beßten bedienen muͤßen; er hat mich gebeten, es geheim zu halten, und wenn ihr thut, was ich euch ſage, ſo ſollt ihr bei eurer Ruͤckkehr erfahren, wer er iſt.“— „Ich will es lieber von ihm ſelber vernehmen, und euch euer Geheimnis laßen.“ „Der abſcheuliche Menſch!“ murmelte Narilha zwiſchen den Zaͤhnen;„er wird unſern ganzen Handel verderben. Warum hatte ich auch nur fuͤnf bis ſechs Zeckienen in der Taſche behalten? haͤtte ich ihm drei⸗ h oder vierzig gezeigt, er wuͤrde weniger hartherzig ein.“— „Da ihr nicht ausgehen wollt,“ fuhr ſie fort,„ſo muß ich ſelber einen Korb nehmen und ausgehen, Obſt zu ſuchen.“— 216 300, Tag. „Nein, ich will nicht haben, daß ihr ausgehet: ihr muͤßt mir hier die Geſellſchaft empfangen helfen, die ſich bald einſtellen wird.“— „Er bleibt, bis der Armenier koͤmmt,“ fuhr ſie fort vor ſich ſelber zu ſprechen;„und ich werde nicht mehr Zeit haben, dieſen insgeheim von allem zu un⸗ terrichten, was vorgegangen... Aber es faͤllt mir ein, die unſichtbaren Haͤnde, welche ihn ſo gut bedie⸗ nen, koͤnnen uns auch wohl, wenn er will, von ei⸗ nem Ueberlaͤſtigen befreien, der unſer Gluͤck umſtuͤrzen will. Ich bin in einer Ungeduld.. Es fehlt nicht viel daran, daß ich ihm die Augen auskratze.. daß ich... Die lange verhaltene Wuth Narilha's begann ge⸗ faͤhrlich zu werden: aber die Sonne war ſchon am Himmel herauf geſtiegen, und die Stunde des Han⸗ dels und Wandels kam heran, als man ploͤtzlich mit verdoppelten Schlaͤgen an die Hausthuͤr pochte. „O Himmel!“ ſagte ſie,„da koͤmmt der Arme⸗ nier!“ Sie ſprang ſogleich auf, ihm entgegen zu gehen; aber Dalhuk kam ihr zuvor und oͤffnete ſelber. Es war ein Gerichtsbeamter, der anklopfte, naͤm⸗ lich der Kadi in ſeinem Faradſchi,*) der den Hei⸗ ratsvertrag des Neffen Kaſſanaks mit der Tochter des *) Amtskleid. Der Liebhaber der Sterne. 217 Barbiers ausgefertigt hatte; er war nicht allein: der Oheim Kaſſanak und zwei Gerichtsdiener begleite⸗ ten ihn. „Was giebt es, Dalhuk?“ ſprach der Kadi beim Eintritt:„ihr wollt eure Frau verſtoßen? Ich komme, die Beweggruͤnde dazu zu vernehmen und der Handlung die geſetzliche Form zu geben.“ „Gnaͤdiger Herr,“ antwortete Dalhuk,„ich habe dieſe Frau geheiratet, um mein Hausweſen zu beſor⸗ gen und mir in meinem Gewerbe zu helfen. Sobald ſie aber in mein Haus gekommen iſt hat ſie Unordnung darin geſtiftet, und Zaͤnkereien mit meinem Sohn an⸗ gefangen; ſie hat ihn gezwungen, nackt und bloß anderswo eine Zuflucht zu ſuchen. Ich hatte einen Obſthandel angefangen, der gluͤcklichen Erfolg ver⸗ ſprach: aber nicht zufrieden damit, ſich allen Gewinn dabei zuzueignen, hat ſie noch durch ihre auffallende Narrheit alle Kunden von mir entfernt, um ihnen ei⸗ nen aus den Wolkin gefallenen Menſchen vorzu⸗ ziehen. 21 7— „Ja wahrlich, aus den Wolken gefallen!“ unter⸗ brach ihn Narilha;„g iſt aber ganz dazu gemacht, auch wieder hinaufzuſtigen und euch als einen bos⸗ haften und unverſchaͤnten Menſchen zu zuͤchtigen; und weil man mich dem doch zwingt, alles zu ſagen, ich will ihn bitten, mine Rache zu uͤbernehmen; er 218 300. TDa g. wird es mir nicht abſchlagen, ſondern aller Welt zu erkennen geben, wer er iſt, und wer ich bin.“ „Hoͤrt ihr es, gnaͤdiger Herr?“ ſagte Dalhuk. „Ja,“ antworkete der Kadi,„ihr Kopf iſt gaͤnz⸗ lich in Verwirrung; aus dieſem Geſichtspunkte will ich alles betrachten, was ſie eben geſagt hat, um ſie der Strenge der Geſetze zu entziehen.“ Zugleich ſchrieb er alles nieder. „Ha! behandelt man ſo, auf die Anklage eines Bloͤdſinnigen, die allgemeine Obſthaͤndlerinn des Ster⸗ nenhimmels?“ rief jetzt Narilha mit zornfunkelnden Augen aus.„Oh! kaͤme nur der Hoflieferant des Himmels oder mein Sohn unter dem maͤchtigen Schutze der Morgenſterngoͤttinn, welche er dieſe Nacht geheiratet hat! und ich wuͤrde alle diejenigen, die heute gegen mich die Ehrfurcht aus den Augen ſetzen, in ihr Nichts zuruͤckweiſen!“ 3 7da hoͤrt ihr's, gnaͤdiger Herr!“ fuhr Dalhuk ort. „Leider! ja, ich hoͤre es,“ antwortete der Kadi; „thut, was ihr beſchloſſen hattet zu thun, ihr ſeid nur allzu ſehr dazu berechtigt.“ Und er fuhr fort, alles nidderzuſchreiben. „Narilha! Beguͤnſtigte des Hoflieferanten der Sterne!“ hub jetzt Dalhuk an,„Schwiegermutter des Morgenſterns! Geh, ich verſtoße dich einmal, zweimal, dreimal!“ Der Liebhaber der Sterne. 2¹9 Unterdeſſen wurde die Urkunde daruͤber aufgeſetzt; Dalhuk unterzeichnete ſie, und der Kadi uͤbergab ſie der Verſtoßenen, nachdem er ſie zwiefach hatte aus⸗ fertigen laßen. Dieſe Vorſicht war kluͤglich, denn Narilha zerriß das Papier in tauſend Stuͤcke. „Nun aber,“ ſagte ſie,„wo iſt mein Heiratsgut? Es koͤmmt mir zu. Man muß mir zweihundert Zeckie⸗ nen herbeiſchaffen, oder mir den mit meinem Schweiße begoſſenen Garten zuerkennen.“ „Zuvor,“ erwiederte Dalhuk,„gebet mir Rechen⸗ ſchaft von dem Obſthandel, welchen ihr ſeit drei Ta⸗ gen mit dem Fremden treibt.“ „Da iſt die Rechenſchaft,“ ſagte ſie, indem ſie Hnflehs Zeckienen nebſt etwas Muͤnze an den Kopf warf. Jetzo nahm Kaſſanak das Wort, und ſagte: „Ihr gebt da nicht ein halbes Viertel von dem, was ihr empfangen habt; ich bin's, der das Geld verſchafft hat, es belaͤuft ſich auf hundert und vier⸗ zig Zeckienen; der Armenier, dem ich ſie geliehen habe, hat mir dafuͤr ſeinen Rock und ſeine Muͤtze zum Pfande gegeben; hier iſt beides.“ Bei dieſer Erklaͤrung ward Narilha beſtuͤrzt; aber ihre Verwirrung ſtieg aufs hoͤchſte, als jetzo Badur hereintrat: er erſchien ganz entſtellt durch einen Fluß, der ſein Geſicht nochmal ſo dick gemacht hatte; ſein Hals war geſchwollen, und mit heiſerer Stimme, 220 300. Tag. durch welche er ſich kaum verſtaͤndlich machen konnte, Lenebaſchte er die Sterne von ganzem Herzen, und agte: „Ha! wenn ich mich jemals wieder in ſie verliebe, ſo ſoll man mir dreimal ſo viel Ruthenſtreiche geben, als ich dieſe Nacht empfangen habe.“ 3 „Was iſt euch denn begegnet, mein Freund?“ fragte ihn der Kadi;„wenn man euch geſchlagen hat, ſo bin ich dazu da, euch Gerechtigkeit zu verſchaffen.“ „Gnaͤdiger Herr,“ ſagte Badur,„laßt doch den Sternen die Baſtonnade geben! Einer von ihnen ſollte meine Frau werden; ich habe ihr einen Blumen⸗ ſtrauß, und mein Bildnis in einem Waſſerbecken ge⸗ ſchickt; ſie hat mich in den Euphrat beſtellt, worin es uͤber diemaßen kalt war; indem ich ihr nachging, habe ich mehr als zwanzigmal den Grund verloren, ich habe eine Viertelmeile weit ſchwimmen müuͤßen; und als ich nun denke, daß ſie mit mir ans Land tritt, da habe ich kaum den Fuß auf den Sand ge⸗ ſetzt, als man mich von hinten derbe mit Ruthen ſtreicht; ich drehe mich um, und fehe niemand; man peitſcht mich von neuen, ich drehe mich wieder um, aber vergebens. Die mich ſchlugen, waren immer hinter meinem Ruͤcken; ich floh, und ſie verfolgten mich mit unablaͤßigen Schlaͤgen bis an die Garten⸗ thuͤre. Ach! ich liebe wohl das Gold, welches uns von dort herkoͤmmt, aber mit ihren Gunſtbezeigungen Der Liebhaber der Sterne. 2a1 mag ſich vertragen, wer da kann: ich habe die ganze Nacht das Fieber gehabt.“. Bei dieſer Erzaͤhlung war Narilha's Hochmuth ge⸗ ſunken; ſie gewahrte, daß ſie getaͤuſcht worden, und ſah ſich voͤllig entlarot. Der Kadi hatte ſiebenzig Zeckienen auf dem Tiſche hinzaͤhlen laßen, und ſie ſah, daß ſie nicht mehr als Heiratsgut herauskriegen ſollte. „Wenigſtens wird man mir erlauben,“ ſagte ſie, „meine Sachen mitzunehmen?“ „O ja,“ antwortete der Kadi,„einer meiner Die⸗ ner mit Dalhuk und Kaſſanak ſoll euch dabei helfen.“ Als Narilha ſah, daß es ihr unmoͤglich war, ih⸗ ren Schatz mitzunehmen, gedachte ſie, Dallhuk deſſel⸗ ben zu berauben; ſie raffte ihre Geraͤthſchaften zuſam⸗ men, ohne ein Auge auf den Winkel zu werfen, wo ſie ihr Gold verſteckt hatte. Darnach ſprach ſie zu dem Kadi:. „Gnaͤdiger Herr, ſo lange ich Dalhuks Frau war, mußte ich ihm gehorchen; jetzt aber, da ich verſtoßen bin, trete ich in meine Rechte zuruͤck. Er hatte mir verboten, zu ſagen, daß er in einem alten eiſernen Topf einen Schatz gefunden hat, der ſich noch dort befindet, wo er ihn ausgegraben: dieſer Schatz gehoͤrt dem Beherrſcher der Glaͤubigen, und die Religion er⸗ laubt mir nicht, einen Diebſtahl zu verheimlichen, den 222 500. Tag. man an ihm begehen wollte; habt die Guͤte, mir zu folgen, und ihr koͤnnt ihn ſogleich wegnehmen laßen.“ „Dieſer Schatz,“ antwortete der Kadi,„iſt dem Chalyfen bekannt, und er erkennt fuͤr Recht, daß Dal⸗ huk ſich deſſelben bemaͤchtige, als eines Gutes, das ihm geſtohlen worden.“ Bei dieſer Antwort war Narilha außer ſich; dieſer Zuſtand konnte gefaͤhrlich werden; und da ſie ſich an⸗ ſchickte, wegzugehen, ſagte der Kadi zu ihr: „Wo wollt ihr hin? ihr beduͤrft der Heilung, man wird euch mit euerm Sohne nach einem Orte fuͤhren, wo man alle die Mittel anwenden wird, welche fuͤr euch noͤthig ſind.“ Und auf der Stelle fuͤhrte das Gefolge des Kadi's ſie mit ihrem Sohn aus dem Hauſe. Dallhuk blieb nun allein daheim, und bei ihm Kaſſanak, dem er von neuen ſeine Erkenntlichkeit bezeugte.“ Der Schebandad von Sturat. 223 Waͤhrend dieſer Erzaͤhlung hatte die ſchoͤne Vaßuͤ⸗ meh fortwaͤhrend gelaͤchelt; die gute Naneh war von Zeit zu Zeit in lautes Lachen ausgeplatzt, der Schebandad und Vaßuͤmehs Vater ſchienen zufrieden, und die Ne⸗ benbuhler des Erzaͤhlers hatten Unruhe bezeigt. Alle erwarteten ſchweigend Vaßuͤmehs Ausſpruch, als der Schebandad alſo anhub: „Geliebte Tochter,“ ſprach er zu ihr,„mich duͤnkt, dieſe Erzaͤhlung hat dir gefallen.“— „Ja, mein Vater; es ſchien mir, als wenn ſie niemand misfiel, und beſonders hat ſie meine Amme zum Lachen gebracht.“ „Man hat wenigſtens gelacht,“ erwiederte Naneh; „ich habe aufmerkſam zugehoͤrt und mein Theil davon behalten, und ich hoffe wohl, daß dieſe Erzaͤhlung meine kleine Sammlung vermehren wird; aber ich zweifle, daß ſie eben ſo angenehm aus meinem Ge⸗ daͤchtniſſe wieder hervorgehe, als ſie demſelben einge⸗ gangen iſt.“ „Nein, meine gute Naneh,“ derſetzte Vaßuͤmeh, nich bin im Gegentheil uͤberzeugt, daß du ſie ſehr gut wiedererzaͤhlen wirſt. Aber man bereitet uns noch eine andre Erzaͤhlung, welche dich vielleicht die vorige vergeſſen macht.“ 3 224 300. Tag. „Da muͤßte ſie viele Vorzuͤge in ſich vereinigen,“ ſagte Naneh;„aber laßt uns zuhdren; ich ſterbe vor Ungeduld den Anfang zu vernehmen.“ Die Amme ſchwieg, und der zweite Vetter benutzte die ihm geſchenkte Aufmerkſamkeit, und begann ſeine Erzaͤhlung: Heldenthaten und Tod des Hauptmanns Bergſpalter und ſeiner tapfern Genoſſen. Erzahlung Dobil⸗Hahens. Dreihundert und erſter Tag. * „Nachdem der Hauptmann Bergſpalter) viele Laͤnder und Yoͤlker beſiegt hatte, befand er ſich in Aegypten in der Naͤhe der Gebirge dieſes Reichs; ſeine ungeheure Gefraͤßigkeit war kaum zu erſaͤttigen„ und *) Im Arabiſchen Raggade. V. 15 226„ 301. Tag. der Schreck, welchen er aller Welt einjagte, entfernte von ihm die Mittel, ſeine Beduͤrfniſſe zu befriedigen. Eines Tages, als er durch eine Wuͤſte wanderte, fuͤhrte ihn der Zufall zu der Hoͤhle eines Derviſchs: „Heiliger Mann,“ ſprach er ihn an,„ihr ſehet hier einen Krieger, der vor Hunger umkoͤmmt: habt ihr nicht etwa ein paar hundert Nuͤſſe zu knacken?“ „Die Ratten haben gute Zaͤhne,“ antwortete der Derviſch, ohne aufzuſtehen, und indem er fortfuhr uͤber ſein Buch nachzuſinnen;„ſie haben alle Nuͤſſe gefreſſen, die ich von der Mildthaͤtigkeit der Glaͤubi⸗ gen hatte, und haben mir nur die Schalen davon gelaßen: der einzige Vorrath, der mir uͤbrig, iſt die⸗ ſer Nil⸗Zwieback, den ihr vor meiner Thuͤre ſehet.“ Zu gleicher Zeit wies er auf einen Stein hin, der ſechs Fuß lang, und drei Fuß dick war.— „Das da eſſet ihr?“ verſetzte Bergſpalter:„Potz⸗ tauſend, ihr ſeid nicht lecker! Ich kenne dieß Back⸗ werk, die Pyramiden Aegyptens ſind davon gemacht, und ich kann euch Beſcheid thun. Dieß iſt fuͤr andere Maͤgen, als die unſrigen, ein etwas ſchwer verdauli⸗ cher Biſſen; erlaubet, daß ich mir ein Stuͤck davon abſchneide.“ Zu gleicher Zeit zieht er ſeinen Saͤbel, und mit Einem Streiche haut er ein Stuͤck von der Dicke dreier Palmblaͤtter ab: dieß bricht er in mehrere kleine Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 227 Stuͤcke, zermalmt ſie mit den Zaͤhnen und ſchlingt ſie hinunter. „Welch ein Saͤbel! welch ein Arm! welche Zaͤhne!“ ſprach der Einſiedler bei ſich ſelber:„mein Hausgeraͤth iſt ziemlich dauerhaft, aber dieſer Menſch da koͤnnte in vier Mahlzeiten alles aufraͤumen: ich muß mir ihn zum Freunde machen.— Herr,“ ſprach er zu ihm,„ich bewundre zugleich die Staͤrke eures Arms und ſeine Geſchicklichkeit, und ich finde außer⸗ ordentliche Gaben an euch; ich wuͤnſche, eure Be⸗ kanntſchaft zu machen, und ich hoffe, ihr werdet mich dieſer Ehre nicht unwuͤrdig achten: gegen Aben⸗ teurer iſt man gewoͤhnlich mistrauiſch, aber fuͤr einen Mann, wie ihr ſeid, darf ich keine Geheimniſſe ha⸗ ben, noch Umſchweife machen. Tretet mit mir in das Innere meiner Hoͤhle; ich habe dort einen Vor⸗ rath von Ziegenkaͤſen und Fladen, welche ich mir ein Vergnuͤgen mache, mit euch zu theilen: kommt her⸗ ein, wir wollen ſie ganz gemaͤchlich verzehren und dabei frei mit einander reden.“ „Sehr gern,“ antwortete Bergſpalter;„ich liebe die Leute eures Standes. Ich habe deren mehr als einen gekannt, die nicht ihr ganzes Leben damit ver⸗ bracht haben, uͤber den Buͤchern zu murmeln, und ich will euch, mit dem Becher in der Hand, gern die Beichte meiner begangenen Suͤnden ablegen:“ 2828 3⁰1. T a g. „ch habe weder Becher noch Schalen, ich bediene mich nur der Kruͤge,“ ſagte der Derviſch.— „Und ich behelfe mich lieber ohne Kruͤge, als ohne Wein.“ „Wein!“ rief der Einſiedler aus:„Wein bei ei⸗ nem Derviſch! Ihr macht, daß mir die Haare in meinem Barte zu Berge ſtehen! Bedenket, daß ich mich hieher zuruͤckgezogen habe, um ein bußfertiges Leben zu fuͤhren: ich trinke nur reines Waſſer mit ein wenig Honig vermiſcht, und bereite daraus ein ziem⸗ lich gutes Getraͤnk.“ Der Hauptmann ſchuͤttelte den Kopf; aber er mußte ſich in die Umſtaͤnde ſchicken. Er half ſeinem Wirthe, die Kaͤſe und die Fladen auf dem Tiſche, der aus einem breiten Steine beſtaud, hoch aufſchich⸗ ten: es war ein Vorrath fuͤr acht Menſchen; indeſſen war es nicht zu viel fuͤr die beiden Tiſchgenoſſen. Sie ſaßen auf Sopha's von demſelben Stoffe, wie der Tiſch, jeder hatte neben ſich einen ungeheuern Krug voll Meeth, und die Mahlzeit begann. Nachdem der Einſiedler den erſten Kaͤſe gegeſſen hatte, ohne nur die Rinde abzuſchaͤlen, ſprach er: „Laßt uns eins darauf trinken, Bruder!“ Er ſetzt ſeinen Krug an, und leert ihn auf Einen Zug. „Thut mir Beſcheid!“ ſagte er dann zu Bergſpal⸗ ter, der ihn mit Erſtaunen anſah. Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 2a9 „Ihr muͤßt ohne Zweifel,“ ſprach dieſer, bevor er auch trank,„vom Kopf bis zu den Zehen hohl ſein, weil ihr dieſen Krug ausleeren konntet, ohne einmal abzuſetzen? Wenn euch, wie mir, der Magen mit Steinen gepflaſtert waͤre, ſo wuͤrde aus eurem Leibe ein vollſtaͤndiger Strom hervorgehen.“ „Ach, mein Bruder!“ ſagte der Derviſch,„ich habe mich ſchon ſehr gebeſſert: ſeht, weil ich zu viel getrunken, habe ich dieß bußfertige Leben ergriffen: gegenwaͤrtig ſtille ich wohl noch meinen Durſt, aber ich trinke nie mehr zu viel. Ihr habt mich in Er⸗ ſtaunen geſetzt, als ihr meinen Zwieback geſchnitten und zermalmt: ich meinerſeits will euch durch die Erzaͤhlung meiner Geſchichte in Verwundrung ſetzen. Ich heiße Saufaus;*) und waͤre mir, waͤhrend ich in der Welt lebte, das Waſſer nicht zu geſchmack⸗ los vorgekommen, ſo wuͤrde ich die Stroͤme ausgetrock⸗ net haben; indeſſen haͤtte man mir nicht aus dem Meere zu trinken geben duͤrfen, denn die Wuͤrze die⸗ ſeencehraus haͤtte mich vielleicht gereizt, es auszu⸗ aufen. ²) Im Arabiſchen Ballaab. 3⁰2. Tag. Dreihundert und zweiter Tag. Eines Tages,(ich war damals in Georgien bei einem Manne, der mich gaſtfreundlich aufgenommen,) hatte man gerade die Weinleſe vollendet, und jener den Ertrag der Seinigen eingelegt. Ungluͤcklicherweiſe befand ſich mein Bette zu nahe bei dieſer Niederlage: ploͤtzlich wurde ich durch einen ſo angenehmen Geruch aufgeweckt, daß es mir unmoͤglich war, der Verſu⸗ chung zu widerſtehen, mich den Gefaͤßen zu naͤhern, welche ihn ausdufteten. Ich wagte es, dieſes Ge⸗ traͤnk zu koſten, und ſein Wohlgeſchmack uͤbte auf mich eine ſolche Gewalt aus, daß ich in der Nacht zehn Aroben) ausleerte: dieß war der ganze Ertrag der Weinleſe; ich hatte indeſſen nur zehn Zuͤge gethan. Daruͤber kam mein Wirth herbei; er behandelte mich als einen Trunkenbold, und ich, empfindlich uͤber dieſen Vorwurf, ſchlug ihn todt. Darnach bereute ich dieſe Lebhaftigkeit, ich nahm das Derviſchkleid, und zwang mich, nichts anders mehr als Honigswaſſer zu trinken. In Folge dieſer Entſchließung, irrte ich von Ort zu Ort, waͤhlte die entlegenſte Gegend, und habe mich endlich hier niedergelaßen, wo ich mich in Muße nit der Kraͤuterkunde und der Sterndeutung beſchaͤf⸗ ge. *⁴) Ein Maaß von fünf und zwanzig Kannen. —ÿjüüü Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 231 „Mein guter Heiliger!“ verſetzte der Hauptmann Bergſpalter,„weil ihr aus einem Trunkenbold euch zu einem Sterndeuter gemacht habt, ſo muß ich euch von meinem Zwiſt mit den Sternen erzuͤhlen. Ich bin etwas erboſt auf mein Geſtirn, und wuͤrde es nicht uͤbel nehmen, wenn ihr mir dazu verhuͤlfet, ihm einige Fuchtel mit meiner flachen Klinge zu verſetzen, ſo wie einem ſeiner Geſellen, um beiden ihren Eigen⸗ ſinn gegen mich auszutreiben. Ich heiße Bergſpalter, und bin in der Haupt⸗ ſtadt Circaſſiens geboren. Nach dem Bericht eines Sterndeuters, der einer von meines Vaters guten Freunden war, befanden ſich am Tage meiner Ge⸗ burt zwei Sterne, mit guten und boͤſen Einfluͤſſen ſchwanger, unterweges; der minder Begabte von bei⸗ den ging voran. Drei Frauen hatten an demſelben Tage geboren, und jede von ihnen einen Knaben; ſie bewohnten drei der vornehmſten Haͤuſer, welche eine von den Ecken der Straße bilden, die nach dem Pa⸗ laſte des Koͤnigs fuͤhrt:„Wir wollen dorthin laufen,“ ſagten die Sterne,„und uns, zu Gunſten der Neuge⸗ borenen, der Beute entledigen, womit wir uns bela⸗ den haben.“ So dahinziehend, ſtreifte der erſte uͤber das Haus meiner Mutter, in dem Augenblicke, wo ſie mir das Leben gab. Dieſes Ereignis machte, daß er einen Augenblick anhielt.“„Geh doch weiter Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 233 ich ſchon manches Mittel angewendet habe, um die Sterndeutung Luͤgen zu ſtrafen. Ich habe Kriegsheere verſammelt; ich fuͤhrte ſie gut, ich ſchlug mich noch beſſer: aber meine Solda⸗ ten waren nur Feiglinge; es waren ſtaͤts zu viele beim Eſſen, und zu wenige beim Treffen. Eines Tages drang ich in eine Stadt, ohne zu gewahren, daß meine Leute mir nicht folgten: ich haue alles in Stuͤcken, was ſich mir widerſetzt; ich verfolge und vernichte alles, was vor mir fliehet; ich ſchleudre den Brand, wo es zu lange aufgehalten haͤtte, das Schwert zu gebrauchen; ich pluͤndre alles: mein Heer aber giebt mich verloren, und nicht mehr auf mich rechnend, wird es von einem paniſchen Schrek⸗ ker befallen und ergreift die Flucht. Was geſchieht nun? Da ich das Land verwuͤſtet hatte, da ich nie⸗ mand am Leben gelaßen, da mein Kriegsheer zer⸗ ſtreuet war, und ich nun durch die Staͤrke meines Arms und die Schaͤrfe meines Saͤbels Koͤnig gewor⸗ den war, da fand ſich, daß ich uͤber nichts regierte.“ „Wie,“ ſagte Saufaus,„ihr hattet auch die Weiber vertilgt?“ „Bei Mahomed!“ antwortete der Hauptmann,„ich liebe die Weiber bis zur Wuth: aber bei meinem An⸗ blicke ſchrien ſie, als wenn ſie am Spieße ſtaͤken; ſie flohen, ſie warfen eben von den Daͤchern mit Steinen nach mir, ſie ermuthigten ihre Maͤnner, und ließen 234 30a. Tag. die Hunde gegen mich los. Mein Helm und mein Schild war an zehn Stellen durchloͤchert, und ein Bullenbeißer hatte mir das Fleiſch aus der Wade ge⸗ riſſen. Ich liebe die Weiber, aber nicht, wenn ſie in Wuth ſind; denn alsdann vertilge ich alle, die mir vorkommen, alte und junge, haͤßliche und huͤbſche; ich ſchone nichts, was mir Widerſtand leiſtet.“ „Ihr habt etwas heißes Blut, mein Feldherr,“ ver⸗ ſetzte der Derviſch; ihr ſolltet es machen, wie ich, und euch auf Meeth ſetzen, anſtatt alles andern Getraͤnks.“ „Schock Mahomed!“ rief Bergſpalter aus,„euer Meeth macht, daß mir die Zunge am Gaumen klebt, anſtatt meinen Durſt zu loͤſchen: mein boshaftes Ge⸗ ſtirn wuͤrde frohlocken, wenn es ſaͤhe, daß ich dahin gebracht bin; laßt uns darauf bedacht ſein, es zu zuͤchtigen, wenn's moͤglich iſt. Wenn ich nur hinauf⸗ ſteigen koͤnnte, ſo wollte ich ihm ſchon Vernunft bei⸗ bringen: aber ihr, der ihr ein Sterndeuter ſeid, koͤnnt ihr nicht mit Huͤlfe eurer Werkzeuge mich in den Stand ſetzen, mir ſelber Genugthuung zu verſchaffen?“ „Es laͤßt ſich eine andre Rache bewerkſtelligen,“ ſagte Saufaus,„naͤmlich, euerm Unſtern ungefaͤhr denſelben Poſſen zu ſpielen, wie ich dem meinigen. Hatte er nicht beſtimmt, daß ich ein Landſſreicher, ein Taugenichts, werden ſollte? Hatte er mich nicht verdammt, zu ſaufen, wie ein Loch? Ihr ſeht aber, was ich gethan habe: ich habe mich in die Einſamkeit Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 235 zuruͤckgezogen, ich trinke Meeth, aber mit Maaßen; und ihm zum Trotze, tauge ich dennoch etwas. Ihr, ein Kriegsmann, muͤßt einen andern Weg einſchlagen. Ihr muͤßt, um die Uebelſtaͤnde zu vermeiden, welche mit euren Thaten verknuͤpft zu ſein ſcheinen, dahin ſtreben, ein Feldherr ohne Kriegsheer zu ſein, und euch einer feſten Stadt bemaͤchtigen, die weder Thore, noch Graͤben, noch Mauern hatk, damit die Anſtren⸗ gung, zu welcher ihr genoͤthigt werdet, alle dieſe Widerſtaͤnde zu uͤberwinden, euch nicht ſo ſehr er⸗ grimme, alles zu vernichten.“ „Halt einen Augenblick, mein lieber kleiner Heili⸗ ger!“ ſagte Bergſpalter:„weißt du wohl, daß du mit deinen Vorſchlaͤgen mir den Kopf ſchwindlig machſt? Biſt du verruͤckt? Oder biſt du ſo tief⸗ ſinnig, daß man dich nicht ergruͤnden kann? Was iſt das, ein Feldherr ohne Kriegsheer? Wo findet man Veſtungen ohne Graͤben und Mauern?“ Dreihundert und dritter Tag. „Ein Feldherr ohne Kriegsheer,“ antwortete Sauf⸗ aus,„das iſt morgen, ſpaͤteſtens, der Hauptmann Bergſpalter, der, ohne Krieger und ohne Troß, ins Feld ruͤcken kann, um zehn Stunden von hier, die Stadt Kallakahabalaba anzugreifen, eine ſtarke 235 303. Tag. Veſtung, obwohl ohne kuͤnſtliche Vertheidigungs⸗ werke.“— „Und woraus ſoll das Heer beſtehen, welches ſich unter meinen Fahnen verſammelt?“— „Aus acht Feldherrn, deren jeder auf ſeine Weiſe im Stande iſt, ein Reich zu erſchuͤttern; und um euch eine Vorſtellung davon zu geben, ſo wiſſet, daß ich der ſchwaͤchſte von ihnen allen bin: indeſſen haͤtte es nur an mir gelegen, wenn ich gewollt, mich zum Herrn von Damask zu machen: das iſt eine wohl⸗ bewaͤſſerte Stadt; und gleichwohl wuͤrde es binnen acht Tage an Waſſer gemangelt haben, nur die Huͤh⸗ ner zu traͤnken.“— „Mein guter Deroiſch, mit Recht nennet man euch Saufaus; und jetzo, da ich eure Eigenſchaften kenne, finde ich euch ungemein nuͤchtern: ihr habt da eine furchtbare Gabe; es ſtaͤnde nur bei euch Aegypten zu Grunde zu richten.“ „Oh! dazu,“ antwortete Saufaus,„muͤßte ich hingehen, den Nil an ſeiner Quelle auszuſaufen, und das iſt ein zu weiter Weg.“ „Aber ſaget mir,“ fuhr Bergſpalter fort,„ſind die anderen Geſellen, von denen ihr ſprachet, auch ſo außerordentlich, als ihr? Ich brenne vor Verlangen, ihre Bekanntſchaft zu machen.“ „Ihr werdet ſie morgen ſehen,“ ſagte der Der⸗ viſch,„ſie werden die Beweiſe ihrer Tuͤchtigkeit vor Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 237 euch ablegen. Sie beduͤrfen eines Kopfes, ihre Un⸗ ternehmungen zu leiten, denn ſie beſitzen alle mehr Faͤhigkeiten, als Verſtand; ſie muͤßen ein Oberhaupt haben, das ihnen mit Nachdruck befiehlt und mit ſei⸗ nem Beiſpiele vorangeht: und das ſollt ihr ſein.“ „Bei Mahomed!“ rief der Hauptmann aus, in⸗ dem er die Augen gen Himmel rollte,„ich bin ver⸗ ſucht, meinem Hundegeſtirn zu verzeihen, daß es mich hieher geleitet hat, weil es mich in den Stand ſetzt, meinesgleichen anzufuͤhren!.. Aber, erzaͤhlet mir noch von eurer feſten Stadt: wer befiehlt darin? was ſoll man damit machen?“— „Sie iſt einem fremden Zwingherrn, namens Bigſtaf, unterworfen; ihr muͤßt ihn vertreiben. Ein Zwingherr nimmt die Stelle des andern ein, und euer Geſtirn wird ſomit Luͤgen geſtraft; denn, bis auf den Namen, werdet ihr eben ſo gut herrſchen wie ein andrer, und vielleicht noch beſſer; denn ihr kennet kein andres Geſetz, als euern Vortheil und euern Willen.. Habt ihr Religion?“— „Nicht durchaus; indeſſen bin ich beſchnitten.“— „Das iſt ſchon hinreichend.“—— „Mein lieber Saufaus, du biſt ein bequemer Hei⸗ liger, und ſo liebe ich ſie; wenn ich mich nur an deinen Meeth gewoͤhnen koͤnnte, um mich mit dir zu berauſchen! Indeſſen, bevor ich mich ſchlafen lege, moͤchte ich gern noch eine deutlichere Vorſtellung von 238 3 3. Tag. deiner Stadt Kallakahabalaba haben; denn in meinem Bette pflege ich meine Angriffsplaͤne zu machen.“ „Kallakahabalaba,“ antwortete der Derviſch,„liegt auf einem hohen, einzeln ſtehenden Berge, deſſen Waͤnde ringsumher ſechzig Fuß hoch ſenkrecht behauen ſind; nur eine Schnecke vermag ſie zu erklimmen.“— „Und wie machen es die Einwohner, wenn ſie herabſteigen?“— „Sie ſteigen nicht herab; man laͤßt ſie in Koͤrben an eiſernen Ketten hernieder: dieſe Maſchienen ſind ſo eingerichtet, daß ſie hundert Koͤrbe zu zehn Mann auf einmal mit Waffen und Gepaͤck niederlaßen, und das ganz leicht und ohne Schwierigkeit; die Bewohner der Umgegend ſind ſo in Furcht vor dieſem Schauer von gewaffneten Maͤnnern, daß ſie ſich beeifern, ihre Ab⸗ gaben an den Fuß des Berges zu bringen; ſie fuͤllen damit die Koͤrbe, welche ſie vorfinden.“ „Bei meinem Barte!“ ſagte der Hauptmann, „ich will mein bischen Ruhm einbuͤßen, oder in dieſem Handel einen Queerſtrich machen... Aber was fuͤr ein Mann iſt dieſer Bigſtaf, von dem ihr geſprochen habt? Wuͤrde er wohl die Ausforderung ſich Stirne an Stirne mit mir zu meſſen ritterlich aufnehmen?“— „Seine Geſtalt iſt etwas rieſenmaͤßig, er ſchreitet, vom Kopfe bis zu den Fuͤßen mit Eiſen bedeckt, eben ſo leicht einher, als wenn es Federn waͤren; er be⸗ dient ſich uͤbrigens nur ſeiner Keule: ſie iſt von ver⸗ Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 239 goldetem Erz und wiegt fuͤnf und ſiebenzig Pfund; er ſpielt damit wie mit einer Aloeruthe, und ich glaube, daß er nur mit demjenigen einen Zweikampf annehmen wuͤrde, der ihm eine gleiche Waffe entgegenſtellte.“ „Ha!“ rief Bergſpalter aus,„welche Luſt ſoll es mir ſein, mich ihm gegenuͤber zu ſehen, ſo daß ihn mein Arm erreichen kann! Ich will ihm mit meiner Klinge nur die Naſenſpitze wegputzen, um das Ver⸗ gnuͤgen zu haben, ihn die Zaͤhne fletſchen zu ſehen, bevor er unter meinen Streichen den Geiſt aufgiebt. Aber ich bin dazu geboren, mit meinem Saͤbel zu ſie⸗ gen oder zu ſterben, und uͤberlaße den Gebrauch der Keule denjenigen, die dazu berufen ſind, die Ochſen todt zu ſchlagen... Koͤmmt denn dieſer Mann nie⸗ mals ganz allein heraus? Koͤnnte man ihn nicht treffen und angreifen, ohne ihm Zeit zu laßen, ſeinen Vortheil zu benutzen?“ „Er koͤmmt niemals heraus,“ antwortete der Der⸗ viſch,„außer wenn er er vernimmt, daß jemand ſein Gebiet betritt. Leider! hat es zweien unſerer Geſellen, Eiſenarm*) und Stahlzahn,*) das Leben ge⸗ koſtet, die ſich erdreiſtet hatten, auf ſeinen Gefilden zu jagen. Sie waren fuͤr jeden andern unuͤberwindlich; er aber hatte ſie von ſeinen Leuten umringen laßen, *²) Im Arabiſchen Senhadib. 2²⁸) Im Arabiſchen Senbulad. 3⁰3. 3 4. Tag. und waͤhrend Eiſenarm eine Menge derſelben mit Fauſtſchlaͤgen erlegte, und Stahlzahn vielen anderen die erſtaunliche Kraft ſeines Gebiſes fuͤhlbar machte, kam er ſelber herbei und erſchlug ſie allebeide mit ſei⸗ ner Keule.“ „Beim Teufel! ich will ſie raͤchen,“ rief der Hauptmann Bergſpalter aus;„eure Erzaͤhlung bringt mir das Blut ſo in Wallung, als wenn er eben meine eigenen Bruͤder umgebracht haͤtte; ich brenne vor Un⸗ deduld, alle eure Leute kennen zu lernen. Laßt uns ſchlafen gehen, um ſie zu beſchwichtigen; denn ich kenne nur dieſes Mittel dagegen.“ Dreihundert und vierter Tag. Saufaus folgte dieſer Aufforderung; und beide ſtreckten ſich auf einigen Blaͤttern und Thierhaͤuten im Hintergrunde der Hoͤhle hin. 3 Sie erwachten mit den erſten Strahlen der Morgenroͤthe, und verließen die Hoͤhle, um ſich zu ergehen, als der Deroiſch fernher drei Maͤnner kom⸗ men ſah. 4 „Da ſind unſere Leute,“ ſprach er.— „Wie heißen ſie?“— Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 241 „„Ihre Namen verkuͤndigen ihre Faͤhigkeiten. Der erſte heißt Scharfblick:*) er kann auf vierzig Stunden weit eine Nadel auf der Erde erkennen; er iſt unſer Kundſchafter. Der zweite heißt Zieltref⸗ fer:*s) er vermag ſeinen Pfeil, auf dieſelbe Entfer⸗ nung, mitten in das Herz eines Apfels zu bohren. Und Schneidewind, ⸗ss) der ihm folgt, kann bin⸗ nen fuͤnf Minuten, den Pfeil wiederholen. Sie ſollen vor euren Augen ihre Geſchicklichkeit zeigen, und ihr moͤget darnach beurtheilen, welchen Vortheil ihr aus ihnen ziehen koͤnnet.“ Waͤhrend dieſer Zeit waren die drei Geſellen heran⸗ gekommen. „Freuet euch, Bruͤder!“ rief ihnen Saufaus ent⸗ gegen:„das Schickſal hat uns hier in dieſem braven Ritter weit mehr wiedergegeben, als es uns an Ei⸗ ſenarm und Stahlzahn geraubt: dieß iſt der furcht⸗ bare Hauptmann Bergſpalter, deſſen Arm, Saͤbel und Haupt uns in den Stand ſetzt, uns an unſerm Todfeinde zu raͤchen, und in Freuden und Frieden auf Erden zu leben. Aber ihr wißt doch, daß wir *) Im Arabiſchen Gillariſch. * ⁸) Im Arabiſchen Nadhertavil. 2°) Im Arabiſchen Karaamek. 4 V. 16 3%. Tag. heute Mittag eſſen muͤßen: ſolltet ihr ohne Lebens⸗ mittel herkommen?“ „Nein,“ antwortete Zieltreffer,„wir werden nicht uͤbel ſpeiſen, wenn ihr nur Fladen habt. Gutruͤk⸗ ken*) kam mit uns und trug auf ſeinen Schultern ein Kalb von ſechs Monaten, und unter den Armen zwei Faͤſſer Wein, als es ihm noch einfiel, in einen Garten zu treten, um Salat zu pfluͤcken; er geht ei⸗ nen guten Schritt, und wird nicht lange ausbleiben, wenn ihm kein Unfall zuſtoͤßt.“ Kaum hatte er ausgeſprochen, als Gutruͤcken mit dem Salat um den Hals ankam: es waren drei un⸗ geheure Kohlkoͤpfe an einem Stricke, die ſeinen Leib auf allen Seiten umhingen: ungeachtet ſeiner ganzen Ladung, erſchien doch ſein Gang ſo leicht, als wenn er einen Sack voll Nuͤſſe getragen haͤtte. Er ſetzte ſeine Laſt auf den Boden, und Saufaus ſtellte ihn dem Hauptmann Bergſpalter dar: „Mein Feldherr,“ ſprach er, indem er Gutruͤcken auf die Schultern ſchlug,„dieß iſt unſer Ruͤſtwagen. Zerſtoͤret Staͤdte, ſchlaget die Kriegsheere, und machet Beute, ſo viel ihr wollt: dieſer Ruͤcken hier laͤßt nichts nachſchleppen; er wuͤrde ſelbſt unter dem Gewichte der Schaͤtze Salomons nicht biegen.“ *) Im Arabiſchen Bilamiſch. Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 245 „Bisher,“ ſagte Bergſpalter,„haͤtten diejenigen, die meinen Gewinn weggetragen, nicht eben unter der Laſt zu keichen gehabt. Wenn ich Beute mache, ſo ſetze ich mich in einen Winkel, und eſſe, ſo das nichts uͤbrig bleibt. Wer mich ſo ſitzen und verſchlingen ſaͤhe, ſollte glauben, daß ich ſtaͤts von Raͤubern oder Mordbrennern verfolgt wuͤrde: das iſt mein huͤndiſcher Unſtern, daß ich faſt immer an allem Mangel leiden muß, und dann gendthigt bin, nichts zu verſchonen. Aber, mit eurer Huͤlfe, mein lieber Sterndeuter, duͤr⸗ fen wir hoffen, uns zu raͤchen... Sehet, aus al⸗ ter Angewoͤhnung, wuͤnſchte ich, daß jenes kleine Kalb, das ſeine hundert und achtzig Pfund wiegt, ſchon gefreſſen waͤre.“ „Es iſt dazu beſtimmt,“ erwiederte Saufaus: „Hola! ho!“ rief er ſeinen Leuten zu:„Gutrüͤcken, zieh das Kalb ab, und mach einen Bratſpieß! Scharf⸗ blick, Schneidewind, wo iſt der Koch?“ Scharfblick durchſpaͤhete mit ſeinen Blicken die ganze Erde, und entdeckte, was das Auge des Men⸗ ſchen ſelbſt mit dem ſchaͤrfſten Fernrohre nicht zu un⸗ terſcheiden vermoͤchte. „Ha, ha!“ ſprach er,„ich ſehe ihn: er iſt ganz in der Naͤhe, aber er erluſtigt ſich, Wachteln zu bra⸗ ten, die uͤber ſeinen Kopf hinfliegen; er rupft ſie im Fluge, und frißt ſie.“„ 244 3⁰4. T a g. „Ei ſeht doch,“ ſagte Saufaus,„womit der Landſtreicher ſich am Tage der Muſterung beſchaͤftigt! er bratet die Wachteln in der Luft, damit ſie ihm gahr ins Maul regnen!..Und wo iſt denn der Faullenzer Immerſchlummer,*) um Laͤrmen zu ſchlagen, damit jeder zur Stelle kommen ſoll?“ „Ich ſehe ihn auch,“ ſagte Scharfblick:„er ſchlaͤft auf einer Heide im Schatten, und ſchnarcht, daß die Erde bebt; ich begreife nicht, wie ihr ihn hier nicht oͤret.“ b„Nun ſehet, meine Freunde,“ ſagte Saufaus, „ob wir nicht Kriegszucht hoͤchſt noͤthig haben? und ob wir nicht uͤbergluͤcklich ſind, daß der Zufall uns ein Oberhaupt hergefuͤhrt hat?... Auf, Schneide⸗ wind, laß dir anzeigen, wo der Wachtelfreſſer und der Schnarcher ſind, und bringe ſie hurtig hieher. Ihr ſehet,“ fuͤgte Saufaus hinzu,„welche Art Leute jene beiden ſind. Der Koch Blaſefeuer**) wird euch ein Proͤbchen geben von dem, was er ver⸗ mag; er koͤnnte eine Erzmiene in den Eingeweiden der Erde in Fluß bringen. Was Immerſchlummer be⸗ trifft, ſo iſt ſein Geſchick ſehr mittelmaͤßig, aber er hat eine Gabe, die uns ſehr noͤthig iſt: wenn wir ihn im Treffen loslaßen, ſo verbreitet er uͤberall *) Im Arabiſchen Batteniltabur. Im Arabiſchen Baſſaknar. — — Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 245 Furcht und Schrecken; indem er auf ſeinen Bauch ſchlaͤgt, bringt er einen Schall hervor, der dem Laͤr⸗ men von vierzig Trommeln gleichkoͤmmt, waͤhrend er nur ſeine zehn Finger an einander reibt; auch ſtoͤßt er ein entſetzliches Gebruͤll aus: er vermoͤchte die Mauern zuſammenzuſtuͤrzen.“ Waͤhrend Bergſpalter dieſe Erklaͤrungen gemacht wurden, langten Immerſchlummer und Blaſefeuer an. „Trommelſchlaͤger,“ ſagte der Derviſch zu dem erſten,„ruf unſere Leute zuſammen.— Du, Blaſe⸗ feuer, brate das Kalb, welches Gutruͤcken an den Bratſpieß ſtecken wird.“ Sodann mandte er ſich zu Bergſpalter und ſagte: „Mein Feldherr, es iſt jetzt an euch, dieſen bra⸗ ven Leuten zu zeigen, was ihr vermoͤget. Ihr ſeht das Kalb am Spieße, und die Kohlkoͤpfe zerſchnitten: aber wir haben keine Pfanne, die Bratenbruͤhe aufzu⸗ fangen, keine Schuͤſſel, den Kohl zuzurichten: hauet geſchicklich ein Schnittchen von dem Zwieback vor mei⸗ ner Thuͤre, ſeiner ganzen Laͤnge nach ab, und ver⸗ ſchaffet uns ſo die noͤthigen Gefaͤße fuͤr unſre Bruͤhe und unſer Gemuͤſe.“ 246 3 5. Sa g. Dreihundert und fuͤnfter Tag. Der Hauptmann ergriff begierig dieſe Gelegenheit, ſeine Geſchicklichkeit zu zeigen. Er zieht ſeinen Saͤbel, und mit Einem Streiche hauet er ein Blatt, eines halben Daumens dick, von der Steinbank, ihrer gan⸗ zen Laͤnge nach ab: er druͤckt hierauf eine Vertiefung in dieſelbe fuͤr die Bratenbruͤhe, und das abgehauene Blatt dient zur Kohlſchuͤſſel. Die Zuſchauer, um ſo geeigneter, etwas zu be⸗ wundern, als jeder von ihnen ſelber in ſeiner Art be⸗ wundernswuͤrdig war, ließen der Leichtigkeit und der Genauigkeit der Arbeit Gerechtigkeit widerfahren. Indeſſen war Bergſpalter ſeinerſeits neugierig, ein Kalb braten zu ſehen, an einem Orte, wo er weder Feuer, noch Kohlen, noch Holz dazu ſah. Gutruͤcken diente als Bratenwender, und der Bratſpieß ruhte auf zwei großen Steinen, welche mitten auf einen recht friſchen Raſen gelegt waren. „Wohlan, Blaſefeuer,“ ſagte Saufaus,„thu deine Pflicht; du weißt, daß der Braten nicht ver⸗ brennen muß, wir brauchen ein gelindes und durch⸗ dringendes Feuer; miß es gut ab.“ Blaſefeuer war ein Mann von That und von we⸗ nig Worten; er gebrauchte ſeinen feurigen Athem auf ſolche Weiſe, daß er den ungeheuren Braten, der ſich vor ihm drehte, mehr zu vergolden als zu braten 3 Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 247 ſchien; in dem Maaße, wie die Bruͤhe auf den Kohl träufelte, ſandte er dieſem auch einigen Feuerathem zu, ihn zu kochen. Der Hauptmann war ſehr zufrieden mit der Ge⸗ ſchicklichkeit des Kochs, und beeiferte ſich auch je mehr und mehr Beweiſe der ſeinigen abzulegen: er ſah, daß in der Grotte des Derviſchs nicht Platz fuͤr die Tafel war, wegen eines Granitfelſens, ſechs Fuß hoch und eben ſo breit, der die Mitte der Hoͤhle einnahm, und ſagte zu den Umſtehenden: „Tretet ein wenig beiſeite, ich will von dieſem kleinen Felſen etliche Spaͤne abhauen, welche euch in die Augen ſpringen koͤnnten: wir muͤßen hier Raum haben fuͤr unſern Tiſch.“ Zu gleicher Zeit hieb er mit ſeinem Saͤbel in den Felſen, und mit einer ſolchen Geſchicklichkeit, daß je⸗ des Stuͤck, welches er abſchlug, wie eine Marmor⸗ platte erſchien, der nur noch die Abglaͤttung fehlte. „Welch ein furchtbarer Arm! welch ein gewaltiges Schwert!“ riefen die Augenzeugen dieſes Stuͤcks Ar⸗ beit aus..— „Bruͤder,“ ſprach Saufaus zu ihnen,„dieſer iſt es, der uns den Weg des Ruhms und des Gewinns bahnen ſoll.“ Man bemuͤht ſich nun, den von dieſem eben ſo unfoͤrmlichen als hinderlichen Block befreiten Raum zu ſäubern: die beßten ſorgfaͤltig aufgehobenen Stuͤcke 24683 305. Tag. dienen zu Baͤnken um den Tiſch, welchen vier oder fuͤnf Saͤbelhiebe des Hauptmanns zum vollkommenen Viereck gemacht und unterhalb genugſam ausgehoͤhlt haben, um die Beine zu laßen. „Niemals hat einer unſerer Spießgeſellen,“ ſagte Saufaus,„ſein Meiſterſtuͤck ſo leicht gemacht!“ Immerſchlummer ſtrich ſich„ zum Zeichen der Be⸗ wundrung, den Bauch, und dieſe leichten Reibungen machten ſchon die Hoͤhle von einem fuͤrchterlichen Ge⸗ toͤſe wiederhallen. Indeſſen bereitete man den Tiſch; Blaſefeuer trug den Braten auf. „Wein her, Wein her!“ rief Saufaus, indem er ei⸗ nen Sack voll Fladen, funfzig Pfund ſchwer, brachte. Gutruͤcken ging hin, die Weinfaͤſſer zu holen: aber Berg⸗ ſpalter, der den Durſt des Derviſchs fuͤrchtete, glaubte, ihn an ſeine Verpflichtungen mahnen zu muͤßen: „Iſt denn eure Buße ſchon beendigt, heiliger Mann?“ „Nein,“ antwortete Saufaus,„ich muß allerdings einige Zuͤge Meeth thun: aber ich behalte mir einen Krug Wein vor, um mir den Mund auszuſpuͤlen.“ Man ſetzte ſich zu Tiſche und jeder that dem Feſt⸗ mahl Ehre an. Man ſprach wenig: indeſſen erzaͤhlte von Zeit zu Zeit jeder der Genoſſen einen Zug ſeiner Art; und das war immer ein Wunderwerk. Um die Mitte der Mahlzeit, als Saufaus ſeinen erſten Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 249 Hunger etwas geſtillt hatte, warf er einen Blick um ſich her, und ſprach: „Bruͤder, wir ſind nicht vollzaͤhlig; es fehlen uns Wolkengreifer*) und Allvergroͤßrer,**) und doch ſind ſie herbeigerufen, da Immerſchlummer der⸗ maßen getrommelt hat, daß es weit und breit zu hoͤ⸗ ren war.“ Indem der Derviſch dieſe Bemerkung machte, er⸗ ſchienen jene beiden an dem Eingange der Grotte. „Ihr verdientet,“ ſprach er zu ihnen,„daß man euch nicht eine Brotrinde zu eſſen gaͤbe; ich halte was auf geſchickte Maͤnner, aber nur wenn ſie ihre Pflicht thun: und wenn ihr morgen auch im Dienſte nachlaͤßig ſeid, ſo habt ihr euch gegen einen gewaltigern Hauptmann, als ich bin, zu verantwor⸗ ten. Indeſſen ſetzet euch, und trinket. Nach Tiſche ſollt ihr herrliche Dinge vernehmen. Ihr ſeid hier un⸗ ter den Augen eines großmaͤchtigen Herrn: es iſt der beruͤhmte Hauptmann Bergſpalter; wir haben ihn zu unſerm Feldherrn erkoren, und er wird Heerſchau uͤber uns halten. Ich fuͤr mein Theil, lege hier meine Probe ab, wie ihr ſehet.“ 3 Indem er dieß ſagte, ſoff er ſeinen ganzen Krug voll Weins auf Einen Zug aus. *) Im Arabiſchen Thalahava. *½) Im Arabiſchen Ilnafak. 250 3⁰5. Tag. Die neuen Ankoͤmmlinge hatten nichts zu erwie⸗ dern, verneigten ſich beſcheiden, und man fuhr fort zu eſſen. Als die Mahlzeit beendigt war, ſagte Saufaus: „Auf jetzt, meine Bruͤder, zur Muſterung! zu⸗ gleich laßt uns die noͤthigen Speiſen fuͤr unſer Abend⸗ eſſen beſorgen. Scharfblick, Zieltreffer, Schneidewind, aufgepaßt! Scharfblick, ich verlange hundert Pfund Wildpret in vier Stuͤcken. Durchſpaͤhe die entlegenen Geſtade der Gewaͤſſer, ſuche uns junge Damhirſche, Rehe, Gaſellen. Alles muß zart und leicht verdaulich ſein.“ Der Hellſeher ging ſogleich ans Werk: anfangs ſchienen ſeine Blicke die Umgegenden zu durchſtreifen, allmaͤhlich entfernten ſie ſich immer weiter, und ſchweiften ſchrankenlos umher.: „Ha!“ rief er aus:„ich habe etwas fuͤr euch gefunden, hinter dieſem Huͤgel, zehn Stunden weit von hier.“ „Zieltreffer,“ ſagte der Derviſch,„ſpanne deinen Bogen.“ Zieltreffer ſteckte ein Stab vor Scharfblick hin, zur Richtung des Ziels, ſpannte ſeinen Bogen, und ſchickte ſich an, den Pfeil abzudruͤcken: „Alſo zehn Stunden?“ fragte er Scharfblick.— „Und dreißig Schritt.“— Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 251 Der Pfeil fliegt von der Senne, Scharfblick ver⸗ folgt ihn mit den Augen, und ruft aus:.n „Der Damhirſch iſt getroffen!“— „Auf, Schneidewind, lege deine Siebenmeilenſtie⸗ feln an, und hole das Wild her!“ Der Befehl ward auf der Stelle ausgefuͤhrt. Saufaus wiederholte dieſe Befehle dreimal, und bin⸗ nen einer halben Stunde waren die vier Stuͤcke Wild herbeigeſchafft. Man brachte ſie Gutruͤcken, der ſie abzog und an den Spieß ſteckte. Saufaus unterſuchte ſodann den Brotſack, und agte: „Wiel wir haben nur noch dreißig Pfund Brot? Scharfblick, ſchau dich um, wo es friſches Brot giebt.“ „Da iſt zu Maſſer ein Backofen voll, noch ganz warm;“ antwortete er,„der Becker wendet ſo eben den Ruͤcken, um ſeinen Ofen zu reinigen.“— „Das iſt eine gute Gelegenheit, Brot umſonſt zu kaufen; auf, Schneidewind, nimm den Sack, und mache den Einkauf!“ Der Befehl wird auf der Stelle erfuͤllt, und das Brot iſt in der Hoͤhle, noch ehe der Becker es ver⸗ mißt. „Ihr ſeht, mein Feldherr,“ ſprach der Deroiſch, „daß die Speiſekammer ſich fuͤllt. Ah! wenn Gut⸗ ruͤcken nur Fluͤgel haͤtte, ſo koͤnnten wir auch Wein haben; aber gleichwohl wollen wir nicht verdurſten.— 252 3⁰5. T 6 g. Auf, Wolkengreifer, ergreif dieſe Wolke, die vorbei⸗ zieht, und zwinge ſie, hier ihren traurigen Vorrath auszugießen; wenn Hagel dabei iſt, deſto beſſer, denn ich liebe ſehr das Eiswaſſer.“ Die Wolke ſchwebte ziemlich hoch: Wolkengreifer zog ein Knaͤuel Seide aus ſeiner Taſche, und warf es empor in die Wolke: das Knaͤuel wickelte ſich ab, und das Ende des Fadens kam ſo weit hernieder, daß man es greifen konnte: jetzo hing ſich Wolkengreifer daran, und mit erſtaunlicher Schnelligkeit ſchien er von dem Gewoͤlk emporgezogen zu werden. „Gefaͤhrten,“ ſagte Saufaus,„laßt uns unſere Kruͤge unter das Waſſer ſtellen, welches herabfallen wird; und da wir keine Kleider zu wechſeln haben, ſo treten wir ſo lange in die Hoͤhle.“ Alle gehorchten, die Wolke ſtroͤmte hernieder; Wol⸗ kengreifer hatte ihr die Seiten gedruͤckt, und kam mit Ki⸗ ſeines Fadens, zugleich mit dem Regen wieder erab. Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 255 Dreihundert und ſechſter Tag. Bergſpalter ſah dieſes Wunder mit Erſtaunen an. „Geſtehet, mein Feldherr,“ ſprach Saufaus,„daß man mit ſo braven Leuten, unter euren Befehlen, ſich glaͤnzende Erfolge verſprechen darf. „Ich habe niemals,“ antwortete Bergſpalter, „eine Verſammlung ſo ſeltener und ſo gut in einander greifender Geſchicklichkeiten geſehen: es giebt nichts, das wir nicht unternehmen koͤnnten. Ich waͤlze ſchon neaucherle große Entwuͤrfe in meinem Kopfe um⸗ er.“— „Wartet, ſaget mir gegenwaͤrtig nichts mehr da⸗ von; es wuͤrde mich nur zerſtreuen.— Ich habe noch etwas Weſentliches vergeſſen: weil wir nichts als Waſſer haben, unſern Durſt zu ſtillen, ſo beduͤrfen wir wenigſtens einiger Flaſchen Brandwein. Wir ha⸗ ben noch drei Stunden bis Abend, drum laßt uns dafuͤr ſorgen, daß es uns an nichts fehle.“ Hierauf rief der Derviſch ſeine Leute zuſammen, und ſprach: 2 „Scharfblick, und du, Schneidewind, gehet hin, und ſuchet etliche Flaſchen Brandwein. Ihr wißt wohl, daß man ſie gewoͤhnlich auf die flachen Daͤcher ſtellt, um ſie von der Mittagsſonne durchgluͤhen zu laßen: laßt euch auf dieſelben nieder, und was man 25 3H 306. Tag. in einer Tracht nicht fortſchaffen kann, vollbringt man in zweien.“ Der Befehl ward erfuͤllt, und binnen einer Vier⸗ telſtunde ſtand der Schenktiſch mit vier großen Fla⸗ ſchen Brandwein beſetzt. „Dieſer Schneidewind iſt gewandt, ſchlau, und raſch,“ ſagte Saufaus;„es iſt recht Schade, daß er nicht ſtaͤrker von Huͤften iſt, man wuͤrde unglaublichen Gewinn von ihm ziehen koͤnnen.“ „Bei Mahomed!“ ſagte Bergſpalter,„ohne dieſe kleine Herzſtaͤrkung wuͤrde ich die ganze Nacht Froͤſche im Bauche geſpuͤrt haben: aber, mein guter Derviſch, koͤnnten wir nicht auch Feigen haben?“— „Ihr habt zu waͤhlen, auf der ganzen Erde, wo ihr ſie her haben wollt.“ „Ich nehme euch beim Worte,“ erwiederte der Hauptmann:„ich verlange die ſchoͤnſten Feigen, ſo in Afrika wachſen.“— „Wohlauf, Schneidewind, du hoͤrſt, was der Hauptmann verlangt. Nimm einen Korb an den Arm, pfluͤcke mit Auswahl, und ſei ſpaͤteſtens binnen einer halben Stunde wieder hier; denn man koͤnnte dich ſonſt noch noͤthig haben.“ Schneidewind verſchwand im Augenblicke. Das Wildpret ſtak am Spieße, Gutruͤcken drehte ihn, Blaſefeuer briet es, und Immerſchlummer war —— Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 255 ein paar hundert Schritte abſeiten gegangen, um nie⸗ mand zu belaͤſtigen, ſchnarchte jedoch hoͤrbar. „Ihr habt da,“ ſagte Bergſpalter,„einen etwas unbequemen Schnarcher.“ „Man muß ihn ruhen laßen,“ antwortete Sauf⸗ aus,„denn in ſeiner uͤbermaͤßigen Wohlbeleibtheit beſteht ſein Verdienſt, ſie erhaͤlt ihm den Bauch an⸗ geſpannt; uͤbrigens dient er uns auch zur Erheiterung, er ahmt das Tamburin nach, indem er ſich auf die Backen paukt, und das beluſtigt uns: man muß jede Eigenſchaft zu benutzen wiſſen.“— „Ihr habt Recht; aber ſaget mir, wer iſt dieſer Menſch, den ich mit gekreuzten Armen dort ſitzen ſehe? Ich kenne ſeine Geſchicklichkeit noch nicht.“— „Er iſt derjenige, der fuͤr unſre Herberge zu ſor⸗ gen hat, wenn wir ins Feld ziehen; mit drei kleinen Huͤlfsmitteln zieht er großen Vortheil aus allem: er heißt Allvergroͤßrer. Seine Arbeit iſt ſehr ermuͤ⸗ dend; ihr werdet beſſer daruͤber urtheilen koͤnnen, wenn ihr ſie ſehet.“ Waͤhrend dieſer Unterhaltung verlief der Tag, und man ſah Schneidewind nicht zuruͤck kommen. Sauf⸗ aus ward daruͤber unruhig, und ſagte: „Holla, Scharblick, ſpaͤhe in den Gebuͤſchen Afri⸗ ka's, und bemuͤhe dich, Schneidewind zu entdecken, der ſich dort verliert oder vergißt.“ 256 306. Tag. Scharfblick ſchaute aufmerkſam umher, und ſagte dann: als er geſammelt hat. Er liegt ganz nahe bei Da⸗ mask, und ſchlaͤft neben ſeinem Korbe; die dort um⸗ herſtreifenden Araber werden ihm denſelben ſtehlen: ſie werden ihm ſeine Stiefeln ausziehen, ſo daß wir ihn nie wiederſehen. Auf dem Aſte des Baums, unter welchem er ſchlaͤft, ſitzt ein großer Vogel: wenn Zieltreffer den Vogel toͤdtete, ſo wuͤrde ſein Fall Schneidewind aufwecken.“ „Wie weit iſt jener Vogel von hier?“ ſragte Ziel⸗ treffer. „Gerade fuͤnf und ſiebenzig Stunden.“ Hierauf ſteckt Zieltreffer ſeinen Zielſtab hin, ſpannt ſeinen Bogen, und der Pfeil fliegt ab. Scharfblick beobachtet den Schuß, und ruft: „Der Vogel iſt gefallen, und der Schlaͤfer iſt auf⸗ gewacht, er macht ſich auf den Weg.“ Hoͤhle. „Grollet nicht auf unſern Schaffner/“ ſagte Berg⸗ ſpalter zu Saufaus;„dieſer Vorfall hat uns die Nuͤtz⸗ Einen Augenblick darnach ſind die Feigen in der „Ah! der Ungluͤckliche hat mehr Feigen gegeſſen,. lichkeit Zieltreffers und Scharfblicks bewaͤhrt.. Aber ich meine, das Abendeſſen iſt bereit, laßt uns zu Tiſche gehen.“ Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 2357 „Das kann, wenn's euch beliebt,“ verſetzte Sauf⸗ aus,„nicht eher geſchehen, als bis unſer Lager auf⸗ geſchlagen iſt, und ich den Zapfenſtreich habe ſchlagen laßen.“ be gleicher Zeit rief er Allvergroͤßrer, der alsbald auf ſeinen Befehl erſchien: „Haſt du alle Vorkehrungen getroffen, und einen Lagerplatz erwaͤhlt?“ „Der Platz iſt hier vor euren Augen,“ antwortete Allvergroͤßrer,„euer Zelt iſt in meiner Bruſt, und ſeine Ausſpannung in meinen Lungen.“ „Bei Mahomed!“ rief der Hauptmann aus,„das iſt ein ſeltſames Raͤthſel!“ „Es iſt kein Raͤthſel,“ ſagte der Derviſch,„oder wenigſtens ſoll das, was ihr ſehen werdet, es euch auslegen. Laßt uns nach dem Orte gehen, wo der Arbeiter ſein Werk beginnt.“ Allvergroͤßrer hatte ein Beutelchen von der Grͤße eines Eies am Guͤrtel, den er um den Leib trug; es ſchien an vier kleinen Schnuͤren zu hangen, an deren Enden kleine ſtaͤhlerne Nadeln befeſtigt waren. Dieſes Beutelchen oͤffnete er, und bließ hinein: da hatte daſſelbe die Groͤße einer Melone; er blies noch⸗ mals, und er konnte ſchon ſeinen Kopf hineinſtecken; dieß that er, und nun blies er aus aller Macht in dieſe Muͤtze, die er ſich gebildet hatte: mit jedem V. 17) 258 306. Ta g. Zuge dehnte ſie ſich weiter aus, und als ſie bis auf die Erde hinabreichte, war der ganze Leib des Bla⸗ ſenden darin verhuͤllt. Jetzt ergriffen ſeine Geſellen die kleinen Schnuͤre des Beutels, welche zu Stricken geworden waren, und zogen ſie nach allen vier Seiten an; der obere Theil des Luftballs hatte die Geſtalt eines Zeltes angenommen, geſtuͤtzt von vier Stangen, welche es uͤberall mit ſich fuͤhrte. Allvergroͤßrer ſetzte ſeine Arbeit fort, und das Zelt erweiterte ſich derma⸗ ßen, daß es bequemlich zwanzig Menſchen beherber⸗ bergen konnte; und die Stahlnadeln, welche zu eiſer⸗ nen Zeltſtangen geworden und in die Erde geſtoßen waren, gaben dieſer Herberge die vollkommenſte Fe⸗ ſtigkeit. „Schock Mahomed!“ rief Bergſpalter in Entzuͤk⸗ kung aus,„ich habe hier den Koͤnig, den Gott der Feldpilze geſehen; das iſt etwas unglaubliches!“ „Ohne euch zu ſchmeicheln, mein Feldherr,“ ſagte Saufaus,„wer eure Thaten geſehen hat, kann alles glauben, und darf ſich mit nichts bruͤſten: aber All⸗ vergroͤßrer maͤßigt ſich noch; ſeine Lungen vermoͤchten ein Zelt aufzublaſen, welches alle Wallfahrer von Mekka ſammt ihrer Begleitung beherbergen koͤnnte.“ In demſelben Augenblick hoͤrte man in der Ferne ſtark trommeln; man haͤtte es, ohne das vollkommene Busleich aller Schlaͤge, fuͤr funfzig Trommeln halten ollen. —; Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 259 „Was iſt das fuͤr ein Laͤrmen, den ich da hoͤre?“ fragte Bergſpalter. 7 „Es iſt nichts,“ antwortete der Derviſch:„Im⸗ merſchlummer ſchlaͤgt den Zapfenſtreich; er ſtreichelt ſich nur den Bauch: ihr ſolltet den braven Kerl erſt zum Angriff pauken hoͤren!“— „Guter Derviſch, ihr thut hier in ſehr erſtaunli⸗ cher Geſellſchaft Buße.“— „Sie ſind, ſo wie ich, gezwungen, in der Zu⸗ ruͤckgezogenheit zu leben, weil die Welt ſie unguͤnſtig beurtheilt: aber mit eurer Huͤlfe koͤnnen wir nun die⸗ ſen Aufenthalt verlaßen, und uns die Gerechtigkeit erzwingen, welche man uns verweigert; zumal wenn wir dieſen Bigſtaf aus dem Neſte jagen koͤnnen, die⸗ ſen Geier, der aus den Koͤrben ſein mit Eiſen ge⸗ ſpicktes Gefluͤgel auf uns los laͤßt, welches unſre Schaar ſtaͤts in Unruhe erhaͤlt.“ „Ha! wenn dieſer Kerl,“ erwiederte Bergſpalter, „ſeine Veſtung mit einem dreifachen Waſſergraben haͤtte, und man etwas Honig hineinthaͤte, ſo koͤnntet ihr ſie bald austrinken. Ich wuͤrde dann die Mauer mit meinem Saͤbel angreifen, und bei Mahomed! ihr wißt, was fuͤr Spaͤne ich hauen kann. Ich wuͤrde mich in den Wall hineinarbeiten, ehe man ſich noch beſinnen koͤnnte, Steine auf mich herabzuſchleu⸗ dern; ich wuͤrde durch Gutruͤcken die Truͤmmer in den Graben werfen laßen, und in dem Augenblick in der 260 3⁰6. 307, Tag. Veſtung erſcheinen, wo man mich nicht erwartete: da ſolltet ihr dann ſehen, wie ich in das Eiſenzeug Fbrechen wollte, womit alle jene Spitzbuben bedeckt ſind. „Das iſt ein euer hoͤchſt wuͤrdiger Entwurf, mein Feldherr,“ erwiederte Saufaus,„aber der Wuͤthrich iſt gegen eine ſolche Unternehmung geborgen.“— „Ich beſchwoͤre dich bei deinem Buche, mein Ehr⸗ wuͤrdiger, doch einen Plan zu erſinnen, vor welchem er ſich nicht ſichern kann.. Ahber jetzt laß uns zum Abendeſſen gehen.“ „Das iſt gegenwaͤrtig das beßte, was wir thun koͤnnen,“ ſagte der Derviſch;„denn der Braten wuͤrde kalt werden, wenn Blaſefeuer ihn nicht warm erhielte.“ Dreihundert und ſiebenter Tag. Das ganze kleine Kriegsheer ſaß um eine wohlbe⸗ ſetzte Tafel, welche eine Lampe mit drei Armen be⸗ Iä htete, und man ſprach von Entwuͤrfen fuͤr die Zukunft: „Gefaͤhrten,“ hub Bergſpalter an,„rechnet auf alle meine Anſtrengungen, um eure Lobſpruͤche zu verdienen; weil ihr mich aber zu euerm Befehlshaber machet, ſo kuͤndige ich euch an, daß wir geordnet und ſehr ſchnell vorruͤcken muͤßen.. Ich habe nur Haunptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 251 einen Schluck Waſſer getrunken, und es hat mir ſthon Ekel errege Morgen, mit Anbruch der orgenroͤthe, will ich Heerſchau halten, und meine Befehle ertheilen; gleich darauf werde ich zum Aus⸗ rucken ins Feld trommeln laßen; das Lager kann waͤhrend der Muſterung abgebrochen werden.. Nun laßt uns noch einen Schluck Brandwein trinken, und dann wollen wir uns ſchlafen legen, und von den Siegen traͤumen, welche uns erwarten.. Und waͤre mein Magen hohl wie ein Brunnen, doch wollte ich auf dieſen Felsſteinen, wie auf Roſen, ſchlaf8en Laßt uns noch die Ueberbleibſel verzeh⸗ ren; da wir morgen mit großen Entwuͤrfen im Kopfe von hier ausziehen, ſo wollen wir damit anfangen, hier die Ratten auszuhungern, indem wir ihnen auch nicht eine Brotrinde zu nagen uͤbrig laßen Da⸗ mit ſei das Mahl beſchloſſen; das ganze Heer folge mir, und ziehe mit mir wieder ins Lager. Es gehoͤrt ſich, daß wir unter dem Zelte ſchlafen... Komm her, Scharfblick, kannſt du auch in der Nacht ſehen?“— „Wie am Tage, mein Feldherr.“— „Das iſt gut; du ſollſt rings um das Lager Wache halten, und kannſt dafuͤr morgen auf Gutruͤk⸗ kens Schultern ein Schlaͤfchen machen.. Wolken⸗ ſreifer. komm her, und ergreif die Wolke, die du ber unſerm Kopfe ſiehſt, und zwing ſie, etwas zu 262 3 7h. Tag. ſprengen, um die Luft zu erfriſchen... Immer⸗ ſchlummer muß außerhalb des Lagers ſchnarchen, in dem Bereiche Scharfblicks, um ſogleich Laͤrmen zu ſchlagen, wenn etwas Außerordentliches vorginge... Wohlan, meine Freunde, jeder von uns nehme eins von dieſen Fellen hier zum Kopfkiſſen; die Kriegs⸗ maͤnner verzichten auf die Bequemlichkeiten des Lebens nur, wenn ſie derſelben entbehren.“ „O! der große, der tapfre, der weiſe Feldherr!“ ſagte Saufaus, indem er dem Befehle gehorchte, und an der Spitze der Schaar dahin ſchritt. Als ſie ſo voruͤbergezogen war, trat Bergſpalter zuletzt in das Zelt: er legte ſich in der Mitte nieder; und jeder nahm, in ehrerbietiger Entfernung von dem Haupt⸗ mann, die Stelle ein, welche ihm die bequemſte duͤnkte. Der Derviſch verrichtete das Gebet, und alle ſchliefen ruhig ein. Sobald der Morgenſtern am Himmel erſchien, weckte Scharfblick den Schnarcher Immerſchlummer, der, noch gaͤhnend, ſich auf den Bauch ſchlug, daß die Hoͤhlen der Umgegend davon wiederhallten. So⸗ gleich iſt Bergſpalter auf den Beinen; er weckt ſeine Leute, mit den Worten: 4 „Wohlauf, Stallbruͤder! daß der Tag uns ſchon unter den Waffen finde!— Allvergroͤßrer, brich das Lager ab.“ Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. Auf dieſen Befehl, verließen alle das Zelt, bis auf Allvergroͤßrer, der ſogleich an die Arbeit ging, waͤhrend man die Zeltſtangen herauszog, und noch vor Aufgang der Sonne war das Zelt wieder zuſam⸗ mengefaltet, und hing an ſeinem Guͤrtel, an dem er es forttrug.. Alle waren nun zu der großen Heerſchau verſam⸗ melt: Saufaus hatte das Hintertreffen eingenommen. „Bruder,“ ſprach Bergſpalter zu ihm,„du ſtehſt nicht an deiner Stelle; da du unſer Kriegsrath biſt, ſo ſollteſt du in der Mitte ſtehen: aber die Kriegs⸗ kunſt hat ſich etwas veraͤndert, man ſtellt dich in die letzte Reihe; zwar manchmal, wenn das Vordertref⸗ fen ſchon den Kampf begonnen hat, koͤmmt der Rath zu ſpaͤt: hier jedoch, da unſere Reihen nicht ſehr dicht ſind, wird nichts dich hindern, mir zu Huͤlfe zu kommen Dein Buch iſt es, in gutem Stande, fehlen keine Blaͤtter darand“— „Bei Mahomed! ich habe ſie nicht gezaͤhlt; aber gleichviel, ich kann ſie ſehr leicht erſetzen.“ „Bruder Scharfblick,“ fuhr Bergſpalter fort, „deine Augen ſind etwas entzuͤndet; bade ſie mit fri⸗ ſchem Waſſer, du koͤnnteſt dir ſonſt einen Fluß zuzie⸗ hen... Zieltreffer, ſind dein Bogen und Pfeile in gutem Stande?“— „Nichts fehlt daran, mein Feldherr.“— 263 3%. Tag. „Ich kann es kaum erwarten, deine Geſchicklich⸗ keit durch eine Botſchaft gerad in das Auge des Fein⸗ des, zu pruͤfen.. Laß dein Knaͤuel ſehen, Wol⸗ kengreifer: es iſt recht rund, und die Seide iſt fein geſponnen! Es iſt eine Herausforderung an die Spinnen. Aber, mein lieber Freund, wenn du die Weiſung eines alten Kriegers, wie ich bin, anneh⸗ men willſt, ſo wirſt du bald einſehen, daß eine ſo koſtbare Gabe, wie die deinige, ſich nicht darauf be⸗ ſhränken muß, die Luft zu erfriſchen und das Ge⸗ chirr abzuwaſche. Zlaſefeuer, ich kann den Feuerheerd in deinem Magen zwar nicht muſtern; aber ich ſetze voraus, daß er mit Schwefel und Pech fuͤr einen Feldzug hinlaͤnglich verſehen iſt: da wir an⸗ deren Leuten in die Kuͤche fallen wollen, ſo beduͤrfen wir der deinigen nicht, uns zu verſorgen; aber ich gebe dir auf, alle Koͤpfe zu braten, welche uns hin⸗ eerlich werden moͤchten. Schneidewind, deine Stiefeln ſcheinen mir in gutem Stande; aber nimm dich in Acht vor deinem Geluͤſte nach Feigen: du haſt Gefahr gelaufen, entſtiefelt zu werden, und du wuͤr⸗ deſt dir einen boͤſen Schnupfen geholt haben, haͤtteſt du baarfuß ſo weit herwandern muͤßen.. Allver⸗ groͤßrer, du haſt das Zelt wieder zuſamengezogen; aber laß ſehen, ob die Pfaͤhle daran ſind, ob die Stricke gut ſind, ob das Zeug nicht nachgegeben hat Niein, es fehlt nichts daran. Sage mir, Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 265 wenn du in eine Melone blieſeſt, koͤnnteſt du ſie auch wohl ſo groß als einen Kuͤrbiß machen?“— „Nein, mein Feldherr.“— „Man hat wohl Recht zu ſagen, daß es keine unbeſchraͤnkte Faͤhigkeit giebt.. Tritt vor, Gut⸗ ruͤcken; man muß dich mit ledernen Tragbaͤndern verſehen, um deine Laſten zu befeſtigen. Wahrhaftig, das iſt ein Ruͤcken, dem nur die wagerechte Stellung mangelt, um eine Pyramide darauf zu ſetzen!.. Du beſchneideſt deine Naͤgel? Das iſt ein Fehler, du weißt doch wohl, daß man zum Greifen nicht lange Finger genug haben kann.. Hieher, Immer⸗ ſchlummer: dein Trommelfell iſt gut geſpannt, aber du mußt die innere Seite nicht zu ſehr mit heißen Getraͤnken anfeuchten, das koͤnnte die Haut austrock⸗ nen. Laß mich jetzo doch auch einmal einige ge⸗ linde Toͤne deiner Trompete hoͤren.“ Immerſchlummer gehorchte, und gab einige halbe Noten mit gedaͤmpfter Stimme von ſich; aber es war hinreichend, um der ganzen Schaar Schrecken und Entſetzen einzujagen: Schneidewind wäͤre hundert Schritte weit weg geſprungen, haͤtte er ſeine Beine finden koͤnnen; Gutruͤcken fuͤhlt ſeine Knie unter ihm wanken; Scharfblick ſieht keinen Stich; Zieltreffer laͤßt Bogen und Pfeile ſinken; Wolkengreifer ergreift eine Wolke, ſich dahin zu fluͤchten; Allvergroͤßrer ver⸗ liert den Athem; und Blaſefeuer erſtarret vor Froſt. 266 507f. Tag. „Bei Mahomed!“ ſprach Bergſpalter, indem er Saufaus bei der Hand faßte, der den Schluckauf hatte,„das iſt ein wunderzartes Stimmlein! Ich bin keine feige Memme, und gleichwohl zittere ich, wie ein Espenlaub. Bruder Immerſchlummer, du haſt uͤbergroße Gaben! aber wir wollen, wenns dir beliebt, nur in verzweifelten Faͤllen davon Gebrauch machen; geh wieder an deine Stelle.— Und nun, meine Freunde, die ihr mich zu euerm Feldherrn er⸗ waͤhlt habt, hoͤret den Kriegsplan, welchen wir aus⸗ fuͤhren wollen..— Es koͤmmt darauf an, ſich der Veſtung Kallaka⸗ habalaba zu bemaͤchtigen, und den Wuͤthrich Bigſtaf zu vernichten. Er iſt zu klug, ſich ſelber der Gefahr auszuſetzen: er wird uns ſein Hundevolk entgegenſtel⸗ len, wir werden es ſchlagen, aber das wird nichts entſcheiden. Der Hunger muß ihn zur Uebergabe zwingen: laßt uns alſo das Land verwuͤſten, aus wel⸗ chem er ſeinen Unterhalt zieht, und bringen wir ihn dahin, daß er ſeinen Felſen freſſen muß, um zu le⸗ ben! Ihr habt alle Elemente in eurer Gewalt: ſen⸗ gen und brennen, erſaͤufen, rauben, morden und vertilgen, das ſind die Mittel, dieſes Land binnen kurzer Zeit in eine Wuͤſte zu verwandeln. Ein gemaͤ⸗ ßigter Krieg koͤnnte durch ſeine Folgen viel verderbli⸗ cher werden; dagegen, wenn das Schrecken dabei herrſcht, dreiviertel des Volks ſich durch die Flucht zu Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 257 retten ſucht. Es koͤmmt nur darauf an, zu wiſſen, wo wir die Verheerung beginnen ſollen.— Dreihundert und achter Tag. Scharfblick,“ ſprach der Hauptmann zu dieſem vortrefflichen Kundſchafter,„laß deine Augen nach allen vier Weltgegenden umhergehen. Wir brauchen eine leichte Arbeit, welche uns nahe bei der Hand iſt. Was ſiehſt du im Niedergang?“— „Zwanzig Stunden von hier, mein Feldherr, er⸗ blicke ich eine Karavane, welche gegen uns heranzieht.“ „Wenn wir ſie auch am Abend erreichen koͤnnten,“ ſagte Bergſpalter,„ſo wuͤrden wir doch ermuͤdet und mit leerem Magen ankommen; und pluͤnderten wir ſie dann auch, ſo wuͤrden wir damit dem Bigſtaf doch keinen Schaden zufuͤgen. Das iſt alſo nichts fuͤr uns: ſpaͤhe im Aufgang.“— „Mein Feldherr! ich ſehe eine fette Wieſe, auf welcher ſehr ſchoͤne Schafe weiden, und einige Hirten ſind dabei.“— G „Dieſer Gegenſtand koͤnnte in der Folge unſre Aufmerkſamkeit verdienen, aber das iſt noch kein zu⸗ gerichtetes Fleiſch, und da wir ganz nüͤchtern ausruͤk⸗ ken, ſo haben wir noͤthig, unſer Mahl ſchon fertig aufgetragen zu finden...“. 268 3 308. Ta g. „Ah!“ ſagte Scharfblick,„da gegen Mittag wird es eben zugerichtet! Ich ſehe die Zuruͤſtungen einer ſtattlichen Hochzeit.“— „Das iſt unſre Sache.. wie weit von hier?“ „Zehn Stunden.“— „Iſt es in einem Burgflecken?“— „Ja, und ziemlich bevoͤlkert.“— „Deſto beſſer; da haben wir Gelegenheit, deſto mehr Schaden und Laͤrmen zu machen; die Leutchen dort werden uns nicht wehren, unſre Arbeit zu ver⸗ richten: bei dieſem Plane wollen wir bleiben. Blaſefeuer geht mit mir in den Burgflecken, und ſteckt den dem Hochzeithauſe gegenuͤberſtehenden Theil beſſelben in Brand; ich trete in das Haus, ich be⸗ maͤchtige mich der Braut, und wenn der Braͤutigam, der Vater oder die Verwandten daruͤber zuͤrnen, ſo theile ich etliche Maulſchellen aus; und wenn dieß ſie noch nicht beſaͤnftigt, ſo wird Immerſchlummer ihnen in meinem Namen ein Moͤrtchen ins Ohr raunen, und ich denke, ſie werden es ſich nicht zweimal ſagen laßen. Blaſefeuer verbrennet unterdeſſen alles, aus⸗ genommen das Hochzeithaus, in welchem wir ruhig unſer Mittagsmahl halten wollen. Da die Einwoh⸗ ner ſich zuſammenrotten und mit Steinen nach uns werfen koͤnnten, ſo befehle ich Wolkengreifer, ſich auf die erſte beßte Wolke zu ſetzen, viele andere Wolken zu verfolgen, alle zu verſammeln und uns mit ſeinem Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 269 Gewoͤlke zu folgen: er muß dann tauſend Fuder Ha⸗ gel auf die Koͤpfe der Misvergnuͤgten herabſchleudern, und wir werden Sorge tragen, ihm ſein gutes Theil an dem Mittagsmahle aufzubewahren.“ „Bei Mahomed!“ rief Saufaus,„nimmer ward eine Unternehmung mit mehr weiſer Vorſicht ent⸗ worfen.“ „Du biſt alſo zufrieden, mein Derviſch?“ ſagte Bergſpalter:„ich denke, alle Welt muß es ſein.— Wohlauf, vorwaͤrts marſch!— Immerſchlummer, trommle lieblich, wie wenn man zur Hochzeit geht.“ Der Trommelſchlaͤger gehorchte, und die Schaar ſetzte ſich wohlgeordnet in Bewegung. Als ſie nur noch eine halbe Meile von dem Burg⸗ flecken waren, gab Bergſpalter dem Schneidewind Befehl, zu beobachten, was bei dem Feſte vorginge, und zu ſehen, ob man das Mahl auch etwa zu zeitig auftiſchte. Binnen drei Minuten war der Abgeſandte wieder zuruͤck, und berichtete: „Es ſind Goͤtzenanbeter, ſie opfern vor einem hoͤlzernen Goͤtzenbilde eine Fäͤrſe mit vergoldeten Hoͤr⸗ dern„ welche hoͤchſtens erſt in einer Stunde gahr ſein ann. „Bei Mahomed!“ ſagte Bergſpalter zu Saufaus, „Derviſch, du mußt hoͤchſt erfreut ſein: wir ziehen gegen den Goͤtzendienſt aus! Es ſoll dein Geſchaͤft 270 508. Tag. ſein, das Goͤtzenbild umzuſtuͤrzen: beſchwoͤre es recht mit deinem Buche, ich empfehle es dir... Eine Heirat vor einem Goͤtzenbilde, und ohne Kadi! das taugt nichts: ich will dieſe Jungfrau auf gut muſel⸗ maͤnniſch heiraten, um ſie auf den rechten Weg zu bringen.“ Waͤhrend dieſer Unterhaltung ging der Marſch vorwaͤrts; endlich erreichte man den Burgflecken, und ruͤckte gerade vor das Haus, wo die beiden Familien verſammelt waren. Bergſpalter trat hinein, als wenn es ſein eigenes Haus waͤre, und ſprach: „Wie! man verheiratet ſich hier, ohne es mir kund zu thun, man ſetzt ſich zu Tiſche, ohne mich?“ Man denke ſich das Erſtaunen dieſer guten Land⸗ leute; ſie ſahen alle einander an, ohne ein Wort zu ſprechen, ſie betrachteten zitternd den gepanzerten Mann, der alſo zu ihnen ſprach. „Wir ſind verloren!“ riefen ſie aus:„es iſt Big⸗ ſtaf, es iſt der Wuͤthrich ſelber!“— „Das luͤgt ihr Hundepack! es giebt hier keinen Wuͤthrich: fuͤr wen ſeht ihr mich an? Viſſet, ich bin der Braͤutigam dieſer Schoͤnen, und daß ſie kei⸗ nen andern haben ſoll!“ 2 Mit dieſen Worten ergriff er ſie beim Arm; der Braͤutigam und die Aeltern ſprangen herbei, ſie ſeinen Haͤnden zu entreißen: mit einer Maulſchelle und zwei Schlaͤgen mit der verkehrten Hand ſtreckte er ſie zu Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 271 Boden. Jetzt griffen alle nach Stoͤcken, Meſſern, Hausgeraͤth, und was ſich ihren Haͤnden darbot, um es auf den Raͤuber zu ſchleudern: aber ploͤtzlich fing Immerſchlummer an zu nieſen. Das war wieder eine Faͤhigkeit, welche Bergſpalter noch nicht kannte: er wurde davon dermaßen betaͤubt, daß er ſeinen Raub haͤtte fahren laßen, waͤre er minder erhitzt darauf ge⸗ weſen. Indeſſen wurden Maͤnner und Weiber, alles was in dem Hauſe war, davon zu Boden geſtuͤrzt; das Gebaͤude ſelbſt, das nicht ſehr feſt war, wurde dadurch erſchuͤttert. Dreihundert und neunter Tag. Als Bergſpalter von ſeiner Betaͤubung wieder zu ſich gekommen war, rief er ſeinem brauſenden Schilde knappen zu: „Auf! und befreie mich von dieſem Lumpenvolk; wirf alle aus dem Fenſter, die zu weit von der Thuͤrt liegen.“ Immerſchlummer gehorchte„ und das Haus wurde von allen ſeinen Gaͤſten geſaͤubert. Die Braut allein blieb zuruͤck, welche, ohnmaͤchtig vor Schrecken, eben ſo wie die Anderen, umgeſunken waͤre, wenn der handfeſte Hauptmann ſie nicht gehalten haͤtte. 272 309. Ta g. Unterdeſſen hoͤrte man in dem ganzen Burgflecken Feuer! rufen, und Geſchrei und Geheul ausſtoßen. „Auf!“ ſagte Bergſpalter zu Immerſchlummer, „jetzt iſt nicht Zeit zu ſchnarchen; unſere Gefaͤhrten koͤnnten ſich in all dieſem Laͤrmen verlieren: du mußt ſie durch Trommelſchlag zuſammenrufen.“ Der Trommelſchlaͤger vollzog den Befehl, die Schaar verſammelte ſich, und das Hochzeitmahl wurde verſchlungen. Die Braut, die gezwungen war, mit⸗ ten unter dieſer Geſellſchaft zu bleiben, und die rohen Liebkoſungen Bergſpalters zu dulden, hoͤrte nicht auf zu weinen. „Wie ſoll es mich freuen, dich zu troͤſten, mein ſchoͤnes Kind,“ ſagte der Hauptmann zu ihr;„laß eine von deinen ſuͤßen Thraͤnen in meinen Becher traͤufeln, das wird mir den Trank noch koͤſtlicher machen.“ Sie aber wandte das Haupt weg, auf eine Weiſe, hache zugleich ihren Schmerz und ihren Abſcheu aus⸗ ruͤckte. Waͤhrend dieſe Raͤuber fraßen und ſich uͤberſaͤttig⸗ ten, war der Vorfall einem kleinen Trupp von funf⸗ zehn Mann der Beſatzung von Kallakahabalaba ge⸗ meldet worden, welcher gewoͤhnlich in der Gegend die Runde machte; man beſchrieb ihnen den Anfuͤhrer der Bande. Bergſpalter duͤnkte ihnen nicht furchtbar, ſie kamen herbei, beſetzten das Haus, worin er ſich mit ſeinen Leuten befand, und bereiteten ſich, es anzu⸗ Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 273 greifen. Der Anfuͤhrer der Schaar trat herein und ſchwang den Saͤbel uͤber Immerſchlummer, der aber durch Nieſen dem Streich auswich. Bergſpalter, von dieſem Getͤſe betaͤubt, ſprang auf und ſetzte ſich zu Wehr: ein Saͤbelhieb von ihm ſpaltete den Keckſten von oben bis unten; mit dem zweiten Streiche hieb er den nachdringenden mitten durch; dem dritten wurde eine Schulter abgehauen; der vierte verlor die Haͤlfte des Arms; dem fuͤnften flog der Kopf vom Rumpfe, und der ſechste ließ ſeine beiden Beine auf dem Platze. Als die uͤbrigen Soͤldlinge Bigſtafs die⸗ ſes Gemetzel ſahen, machte der Schreck ihnen Fluͤgel, ſie warfen ihre Ruͤſtung und Schilde weg, um ſich die Flucht zu erleichtern. Als Bergſpalters Gefaͤhrten ſie ſo in Verwirrung ſahen, verfolgten ſie ſie unabläͤ⸗ ßig: Wolkengreifer ließ Hagel auf ſie herabregnen; Blaſefeuer briet ſo viele von ihnen, als er erreichen konnte, und ſelbſt Saufaus erſchlug welche mit ſeinem Buche; alle ſtuͤrzten betaͤubt nieder und wur⸗ den dem Saͤbel Bergſpalters uͤberliefert, der ihnen vollends den Garaus machte: dergeſtalt, daß auch nicht einer uͤbrig blieb, der die Botſchaft dieſes ge⸗ meinſamen Unfalles haͤtte uͤberbringen koͤnnen. Nach dieſer Niederlage, kehrte der ſiegreiche Feld⸗ herr in das Hochzeithaus zuruͤck, um in den Armen ſeiner Eroberung die Fruͤchte ſeines Sieges zu genießen: . dV. 28 274 3⁰9. TC a g. aber waͤhrend der Schlacht war ſie entflohen. Er ge⸗ rieth in Wuth, und rief Scharfblick herbei: „Hola!“ ſprach er zu ihm:„willſt du es leiden, daß dein Oberhaupt aller der Freuden beraubt ſei, welche er ſich verſprechen durfte? Suche mir dieſes treuloſe Weib auf. Bei Mahomed! wehe dem, der ſie verbirgt!“ Scharfblick bot alle ſeine Geſchicklichkeit und Sorg⸗ falt auf, und ſagte dann: „Mein Feldherr, ich erblicke ſie nirgends; ich ſehe wohl drei Stunden von hier eine Schaar Weiber die ſich fluͤchten und ihre Kinder und Habſeligkeiten mit ſich fortſchleppen: aber die Braut iſt nicht darun⸗ ter. Die Mauern des Burgfleckens koͤnnen ſie mir indeſſen nicht verbergen, denn ſie waren von Holz und ſind alle verbrannt! ſie muß unter der Erde ſtecken, und da ſehe ich keinen Stich.“. „Ha! Schock Mahomed!“ rief Bergſpalter aus, „es iſt hoͤchſt verdrießlich zu ſiegen, ohne ſich ſeines Sieges zu erfreuen. Das iſt abermals ein Streich von meinem Hundegeſtirn! Potz Bomben und Grana⸗ ten! es macht mir jede Erobrung ſtreitig, ich bin in Verzweiflung Geh hin und ſage Immerſchlum⸗ mer, er ſoll unſere Leute zuſammentrommeln; wir wollen uns wieder zu Tiſche ſetzen, hier giebt es noch was zu trinken, und mein Aerger iſt von der Art, daß er durchaus erſaͤuft werden muß.“ Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 275 Die kleine Schaar verſammelte ſich bald wieder um ihren Feldherrn, und nahm Theil an ſeiner Be⸗ truͤbnis, ſo wie an der Troͤſtung, welche er ergrif⸗ fen hatte. „Ah! mein lieber Gutruͤcken!“ ſprach Bergſpalter zu ihm,„welche niedliche Beine wuͤrdeſt du um dei⸗ nen Hals getragen haben! du waͤreſt nimmer mit ei⸗ ner ſo lieblichen Buͤrde beladen geweſen! Aber wir ſind nun gezwungen, wie der Derviſch, ein bußferti⸗ ges Leben zu fuͤhren; laßt es uns wenigſtens bis Mitternacht fortſetzen, damit es deſto verdienſtlicher ſei Du, Immerſchlummer, weil ich ſo viel Vertrauen in deine Faͤhigkeit ſetze, du ſollſt unſere Ruhe bis Sonnenaufgang bewachen: geh und mache eine halbe Stunde von hier die Runde; wenn du Neugierige erblickſt, ſo ſchlag Laͤrmen, wie mit acht⸗ zig Trommeln, und ſtoß etwas ſtark in die Trom⸗ pete. Immerſchlummer gehorchte, waͤhrend ſeine Gefuͤhr⸗ ten fortfuhren ſich zu beluſtigen und uͤbermaͤßig zu ſaufen, bis alle unter dem Tiſche lagen, die zuvor daran geſeſſen hatten. Es werden nicht alle Tage Hochzeiten gehalten, wo man ſeine Mahlzeit bereit findet, ohne ſich darum gemuͤhet zu haben. Am folgenden Morgen beging Bergſpalters Schaar hier und dort allerlei Raͤubereien, mit um ſo groͤßerer Verwegenheit, als ſie ſich ſchmei⸗ 276 309. 310. Tag. chelte, es unter einem ſolchen Hauptmann ungeſtraft thun zu duͤrfen: aber ſie waren genoͤthigt, ſelber zu⸗ zurichten, was ſie eſſen wollten. Alle Naͤchte lagerten ſie unter ihrem Zelte, deſſen Stelle man nicht wußte, weil es erſt unter Beguͤnſtigung der Dunkelheit aufge⸗ ſchlagen wurde. Am Tage mußten ſie oft kaͤmpfen, weil ſie auf kleine Schaaren ſtießen, wie diejenige, welche ſie in dem Hochzeithauſe hatte aufheben wollen: aber alle wurden erſchlagen oder verſtummelt. Was dem Schwert und dem Feuer entrann, fiel vor Im⸗ merſchlummers Donnerſtimme, der ihnen dann voll⸗ ends das Trommelfell zerſprengte, indem er ihnen etwas ins Ohr raunte; zuletzt ſchickte man den Hagel hernieder, um das Unheil und die Verwuͤſtung zu vollenden. Dreihundert und zehnter Tag. Ein Mann hatte indeſſen ein Mittel erſonnen, das Land von dieſer furchtbaren Plage zu befreien; naͤm⸗ lich, ſich mit Schleudern zu bewaffnen, und die Ur⸗ heber dieſer Verwuͤſtungen aus der Ferne mit Steinen anzufallen. Scharfblick beobachtete dieſen Mann, wie er die neue Waffe verſuchte, welche er vorſchlagen wollte; er ſah ihn im Begriff, ſeine Entdeckungen den umſtehenden Leuten mitzutheilen: aber in dem 1 Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 277 Augenblicke, da er den Mund oͤffnete, fuhr ein Pfeil, den Zieltreffer abdruͤckte, ihm gerade in die Kehle, und hemmte den guten Rath auf dem Wege. Verzweiflung verbreitete ſich in der ganzen Gegend; die Kunde davon kam von allen Seiten nach Kallaka⸗ habalaba, durch hundert Pfeile, welche man hinauf⸗ ſchoß:(auf ſolche Weiſe naͤmlich ſandte man Bitt⸗ ſchriften an Bigſtaf, und ließ Klagen oder Botſchaften an ihn gelangen.) Der Zwingherr rief ſeinen Rath zuſammen; der⸗ ſelbe beſtand aus einem zauberkundigen Sterndeuter. „Sieh die Lage, in welche wir verſetzt ſind,“ ſprach er zu ihm:„zwar kann niemand hier herauf kommen, uns zu beunruhigen, aber nichts kann uns vor der Hungersnoth ſchuͤtzen, womit wir bedroht ſind. Bisher hatten meine Waffen mit Vortheil dieſe ſeltſamen Raͤuber bekaͤmpft, welche mein Land heim⸗ ſuchen: aber ihre Verwegenheit iſt ohne Zweifel mit ihrer Macht geſtiegen. An ihrer Spitze ſteht ein Hauptmann, der allein ſchon mehrere Schaaren mei⸗ ner Soldaten aufgerieben, die uͤber die Sicherheit dieſer Gegend wachten und die Abgaben einhoben. In den Berichten und Klagen, welche mir zukommen, iſt viel Uebernatuͤrliches; ſinne demnach auf Mittel, un⸗ ſere Sicherheit zu befeſtigen.“ „„Sch beſchaͤftige mich ſchon ſeit einiger Zeit da⸗ mit,“ antwortete der gelehrte Mann:„ich habe die . 278 310. Tag. Geſtirnung*) bei der Geburt aller jener Leute erforſcht: ewoͤhnliche Waffen koͤnnen euch keinen Vortheil uͤber ie gewaͤhren; die vermeintlichen Gaben, welche ſie ſo uͤbel anwenden, ſind mehr oder minder zauberiſch: aber dieſe Kunſt hat den Fehler, daß das ſtaͤrkſte Mittel, welches ſie anwendet, durch das kleinſte, demſelben gerade entgegengeſetzte Mittel aufgehoben werden kann. So will ich mich jenem Immerſchlum⸗ mer mit Baumwolle in den Ohren naͤhern, und ſeine Trommel wird ohne Wirkung ſein; ich ſpeie dem Glaſefeuer ins Maul, und ſein Brand erliſcht; Scharfblick wird unnuͤtz in dem Maaße, wie die Ge⸗ fahr naͤher ruͤckt; Zieltreffers Pfeil erſtumpft an dem Stahle; Schneidewind iſt nur ein Laͤufer, den man leicht aufhalten kann; Wolkengreifers Kunſt haͤngt an einem Faden, den man Mittel findet zu zerſchneiden; Saufaus iſt eine Memme, wie ein Derviſch, und wo es kein Waſſer zu trinken giebt, iſt er unnuͤtz; aber man muß ſich vor ſeinem Buch in Acht nehmen; Allvergroͤßrer und Gutruͤcken gehoͤren zum Gepaͤck, und ſind nicht furchtbar. Aber der groͤßte Feind, welchen wir zu bekaͤmpfen haben, iſt der Hauptmann Bergſpalter, der Anfuͤhrer dieſer verfluchten Brut; er iſt von jeher den Sternen verhaßt, und wirklich von ihnen ſo begabt, das er alles moͤgliche Boͤſe ver⸗ 8) Conſtellation. Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 279 uͤben kann, ohne jemals etwas Gutes zu thun; er hat einen gewandten und erfinderiſchen Geiſt, einen unerſchrockenen Muth, und eine außerordentliche Lei⸗ besſtaͤrke: aber er iſt ſtaͤts das Opfer ſeiner Entruͤ⸗ ſtung; er fuͤhrt einen gefaieten Saͤbel, welchem ſelbſt der Diamant nicht widerſtehen wuͤrde; und hieltet ihr ihm eure eherne Keule entgegen, er wuͤrde ſie in tau⸗ ſend Stuͤcke zerſchmettern, und ihr waͤret entwaffnet. Es iſt ſeine Gewohnheit, Ausforderungen zu ſenden; aber man hat ihm ſchon kund gethan, daß ihr ſie nur auf Bedingungen annehmen wuͤrdet, welche ihm nicht gefallen. Indeſſen, Herr, wenn ihr eure Krie⸗ ger nach meiner Angabe bewaffnen wollt, ſo wage ich euch einen ſichern Erfolg uͤber ihn und ſeine ganze Bande zu verſprechen.“ „Geh in mein Zeughaus,“ ſagte Bigſtaf,„und laß dort alle Waffen fuͤr meine Krieger und fuͤr mich ſelbſt, nach deinem Gutduͤnken bereiten: deine Weiſung hat zu viel Gewicht bei mir, um ihr nicht blindlings zu folgen.“ „Ich ſage es euch voraus,“ ſprach der Sterndeuter, „daß dieſe Waffen ſeltſam ſein werden.“— „Gleichviel; ſie werden nur um ſo tauglicher ſein, den Feind zu ſchlagen: man muß dem Wunderbaren Wunderbares entgegenſetzen.“ Waͤhrend nun der Hauptmann Bergſpalter fort⸗ fuhr, die Ebene zu verwuͤſten, ruͤſtete Bigſtaf, nach 28⁰0 310., Tag. der Angabe ſeines Weiſen, das kleine Heer aus, wel⸗ ches er ins Feld ſtellen wollte. Man verſammelt und verfertigt heimlich in den Zeughaͤuſern die Waffen und die Kriegswerkzeuge, womit es verſehen werden ſollte. Als alles bereit war, ſtieg eine Schaar von dreihun⸗ dert Mann, ganz leuchtend von Stahl, in den Roll⸗ koͤrben aus der Feſtung herab, und bedeckte die Ebene. „Der Feind! der Feind!“ rief Scharfblick aus. „Hat er ſich von ſeinen Minaretthuͤrmen herabge⸗ laßen?“ fragte Bergſpalter.— „Ja, mein Feldherr: jetzt eben leeren ſich die Koͤrbe; dreihundert Mann ſteigen heraus, und ein Hauptmann fuͤhrt ſie an... Es iſt der Zwingherr ſelber; ich erkenne ihn an dem Wuchs; er erſcheint noch groͤßer, als gewoͤhnlich. Ahl welchen wunderlichen Helm hat er auf dem Kopfe! es iſt ein großer Kochtopf: Blaſefeuer muß ihn ſelber darin ſchmoren... ſein Schild iſt fuͤnf Finger dick; ſeine Blicke funkeln wie Feuer... Mein Feldherr, ſoll ich vor Zieltreffer den Zielſtock hinſtellen, damit er ihm einen Gruß von euch ins linke Auge ſende?“ „Du biſt ſehr dienſteifrig, Soldat!“ ſagte Berg⸗ ſpalter: beobachte, aber gieb keinen Rath... Mein Feind iſt alſo im Felde, ſo laͤcherlich verwahrt gegen meine Streich!.. Auf, Immerſchlummer, ruf alle unſere Leute herbei, und laßt uns auf den Feind losgehen.“ Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 281 Dreihundert und eilfter Tag. Bald ſtanden die beiden Heere in der Entfernung eines Pfeilſchuſſes einander gegenuͤber. Bergſpalter ſtellte ſich in die Mitte zwiſchen Immerſchlummer und Blaſefeuer; Saufaus und Scharfblick ſtanden auf dem rechten Fluͤgel, Schneidewind und Zieltreffer auf dem linken; Gutruͤcken und Allvergroͤßrer bildeten die Nach⸗ hut; Wolkengreifer zog einen Zug Gewitterwolken mit ſich fort, welche er in der Luft ſchweben ließ, bis zur gelegenen Zeit, ſie zu entladen. Bigſtaf ſeinerſeits machte auch ſeine Anoednungen; er ſtellte ſein Heer in Schlachtordnung, in einer Reihe drei Mann hoch. Die erſte Reihe fuͤhrte blinkende Waffen; in der zweiten war jeder Krieger mit einer Handſpritze bewaffnet, und in der dritten Reihe jeder mit einer Scheere: alle waren mit Schutzwaffen vom haͤrteſten Stahle bedeckt. Als Bergſpalter dieſe drei Reihen vor ihm ſich entfalten ſah, ruͤckte er, voll Vertrauen auf ſeine Staͤrke, zuverſichtlich vor, und waͤhnte zum gewiſſen Siege zu gehen: er ſchritt zehn Schritte vor ſeiner Schaar her, als wenn er ſeinen Feind zum Zweikam⸗ pfe herausforderte. Bigſtaf trat auch vor, denſelben anzunehmen; die beiden Heere ſtanden ſtill, und Berg⸗ ſpalter befahl Immerſchlummer, zum Angriff zu bla⸗ ſen. Nur dieſer Befehl wurde noch ausgefuͤhrt; denn 2882 311. Tag. ubrigens vereitelten unvorhergeſehene Zufaͤlle alle Ent⸗ wuͤrfe Bergſpalters und vernichteten ſeine Anſtren⸗ gungen. Sobald Bergſpalter mit ſeinem Gegner Schild ge⸗ en Schild ſtand, wollte er auf Bigſtafs Haupt einen jener entſcheidenden Streiche fuͤhren, wodurch er ſo manchmal die Staͤrke ſeines Arms und die Schaͤrfe ſeines Saͤbels bewaͤhrt hatte; aber bevor er zuſchlug, glaubte er, ſeinen Feind, deſſen Beſiegung er ſicher war, noch alſo anreden zu muͤßen: „Bigſtaf,“ ſprach er zu ihm,„Oberhaupt der Kuͤchenjungen, ſchaͤmſt du dich nicht, dich mit dem Kochtopf auf dem Kopfe zum Kampfe zu ſtellen? Waͤhnſt du denn, daß deine Kuͤchenruͤſtung dich vor den Streichen ſchuͤtzen werde, welche dir drohen? oder hat mein Unſtern dir eingegeben, mir dieſe laͤcherliche Bewaffnung entgegen zu ſtellen, damit ich von mei⸗ nem Siege nur den Schimpf haben ſoll, den Fuͤrſten der Koͤche erlegt zu haben? Sollen denn die tapfern Kaͤmpfen Bergſpalters mit Apothekern und Schneidern fechten..Wage es, deine Keule gegen mich zu ſchwingen, die deiner entwuͤrdigten Hand minder ziemt, als der Bratſpieß, welcher taͤglich deinen Braten wendet: das waͤre ein wuͤrdiges Seitenſtuͤck zu dem Helm und dem Schilde, die du traͤgſt.“ „Bergſpalter,“ antwortete Bigſtaf,„deine Reden gleichen deinen Thaten. Ich bin nicht hieher gekom⸗ Hauptmann Bergſpalter und ſeine Genoſſen. 285 men, einen Krieger zu bekaͤmpfen, ſondern einen Schlaͤchter vom Handwerk; und wenn es mir geziemt, in allen Dingen edel zu Werke zu gehen, ſo gebuͤhrt es dir, auf eine ſchimpfliche Weiſe umzukommen. Du forderſt mich auf, den erſten Streich zu thun: wage du ſelber, ihn zu fuͤhren.“ „Bei Mahomed! du ſollſt nicht gelogen haben,“ ſagte Bergſpalter, und ein Donnerſchlag glich nicht der Gewalt des Streichs, welchen er auf den Topf auf dem Kopfe ſeines Feindes niederſchmetterte: aber anſtatt einzuſchneiden, prallte der Saͤbel, ſobald er den Topf beruͤhrte, dermaßen ab, daß er die ſtarke Fauſt, die ihn feſthielt, erſchuͤtterte. Bergſpalter, erſtaunt uͤber dieſen Widerſtand, will nun mit Einem Streiche den Arm und den Schild ſeines Gegners von einander hauen: aber die Klinge ſeines Schwertes zerſpringt daran in Stuͤcke; anſtatt auf Eiſen zu hauen, wie er waͤhnte, war es ein hohler Kuͤrbiß und eine ſchimmlichte Kaͤſerinde, woran die Zauber⸗ kraft ſeines Saͤbels zerſcheiterte. „Tauſend Schock Schwerenoth!“ rief Bergſpalter aus, indem er vier Schritte zuruͤckprallte;„hola! Blaſefeuer, roͤſte mir dieſen Kopf da, blas ein hoͤlli⸗ ſches Feuer an.“ Blaſefeuer will gehorchen, aber alsbald uͤber⸗ ſchwemmen hundert gegen ſein Maul gerichtete Feuer⸗ ſpritzen es dermaßen mit Waſſer, daß nur ein dicker 284 311. Tag. Rauch daraus hervorqualmt. Dieſer Huͤlfe beraubt, ruft der beſtuͤrzte Feldherr Wolkengreifer herbei, der mit einer Ladung Hagel und Ungewitter uͤber dem Heere ſchwebte: aber alsbald erheben ſich alle Schee⸗ ren der dritten Reihe von Bigſtafs Soldaten in die Luft, zerſchneiden die unſichtbaren Faͤden, und wen⸗ den das Unwetter auf das feindliche Heer ab. Bergſpalter dachte jetzt auf einen ehrenvollen Ruͤckzug, und wollte ſein letztes Huͤlfsmittel anwen⸗ den: er ließ Immerſchlummer zum Marſch trommeln. Aber das feindliche Heer wurde dadurch nicht in Schrecken geſetzt; ſondern mit Huͤlfe der Baumwolle, womit die Ohren der Soldaten verſtopft, dringen ſie heran, und ſchließen Bergſpalter ein. Der Trommel⸗ ſchlaͤger trommelt nun mit verdoppelten Schlaͤgen auf ſeinen ungeheuern Bauch: das entſetzliche Getoͤſe be⸗ täubt aber nur ſeine eigenen Genoſſen, die im vollen Lauf entfliehen. Bergſpalter blieb jedoch das Schlacht⸗ opfer; der Zwingherr von Kallakahabalaba zerſchmet⸗ terte ihn mit ſeiner Keule. Immerſchlummer zerplatzte der Bauch, und Blaſefeuer erſtickte in ſeinem eigenen Rauche. Die Uebrigen retteten ſich, ſo gut ſie konn⸗ ten, und ſuchten ihre Sicherheit in den Hoͤhlen, die ihnen zum Schlupfwinkel dienten.“ Der Schebandad von Sturat. 285 Hiemit beſchloß Dobil⸗Haßen ſein Maͤhrchen. Die ihm geſchenkte Aufmerkſamkeit, die Zufriedenhelt, welche er auf den Geſichtern ſeiner Zuhoͤrer zu bemer⸗ ken glaubte, gaben ihm eine gute Meinung von ſei⸗ nem Erfolge. 1 „Ich habe da,“ fuͤgte er hinzu,„ſehr außeror⸗ dentliche Dinge erzaͤhlt, aber die Bedingungen, welche wir eingegangen ſind, zwangen mich zu einer Erzaͤh⸗ lung, deren Begebenheiten durchaus neu waͤren; ich habe ſie ebenſo unbekannte Perſonen erleben laßen: mein groͤßtes Verlangen iſt geweſen, meiner liebens⸗ wuͤrdigen Muhme zu genuͤgen; ich weiß nicht, ob ich ſo gluͤcklich geweſen bin.“— „Gewiß,“ ſagte Vaßuͤmeh,„euer Maͤhrchen hat uns Allen großes Vergnuͤgen gemacht; und meine gute Naneh wird nicht laͤugnen, daß ſie herzlich dar⸗ uͤber gelacht hat.“— „Ich will es bekennen,“ ſagte die Amme,„ich war ganz Ohr; jeden Augenblick erwartete ich ein neues Abenteuer. Dieſe Art von Erzaͤhlungen war mir bisher unbekannt, und durchaus neu fuͤr mich Aber iſt das nun alles, was wir hoͤren ſollten?“ „Nein, meine Gute,“ antwortete Vaßuͤmeh,„es iſt uns noch eine Erzuͤhlung uͤbrig, und wir erwarten mit Ungeduld, daß derjenige, an dem nun die Reihe iſt, ſie beginnen moͤge.“ 3 286 311. Tag.⸗ Mit dieſen Worten blickte ſie den juͤngſten ihrer Vettern an, dem Furchtſamkeit den Mund verſchloß. Valid⸗Haßen liebte Vaßuͤmeh leidenſchaftlicher, als die beiden anderen Vettern; eine zartere und min⸗ der eigennuͤtzige Neigung beſeelte ihn, und er zog ſie den vortheilhafteſten Verbindungen in Szurat vor: aber die Furcht, ſie zu verlieren, beraubte in dieſem Augenblick ſeinen Geiſt aller Quellen der Einbildungs⸗ kraft: obwohl er mit ungemeinem Gedaͤchtnis und Verſtande begabt war, ſo bot ſich gegenwaͤrtig doch ſeinem Geiſte gar nichts dar, was ihm nicht ſchon von ande⸗ ren verbraucht ſchien; vielleicht war auch die Eigen⸗ liebe dabei im Spiele: wie dem nun ſei, man bemerkte wohl ſeine Verlegenheit; ſeine Lippen zitter⸗ ten, und eine unwillkuͤhrliche Roͤthe uͤberzog ſeine Stirn. Dieſe Ungewißheit beunruhigte die ſchoͤne Va⸗ Fuͤmeh, welche beſonders dieſem juͤngſten Vetter hold war, und im Stillen ihm den Sieg wuͤnſchte, und die gute Naneh wartete immer noch auf eine Exzaͤh⸗ lung. Endlich ermuthigte ſich Valid⸗Haßen, und wagte den gefaͤhrlichen Schritt, vor welchem er ſich ſo ſehr fuͤrchtete, indem er alſo begann: Valid⸗Haßens Traum. — „Nach den angenehmen Erzaͤhlungen, welche ich eben gehoͤrt habe, wuͤrde es ſehr vermeſſen von mir ſein, ſie allein mit den Fluͤgeln meiner Einbildungskraft er⸗ reichen zu wollen: indeſſen ſagt man, daß den Traͤu⸗ men oft etwas Goͤttliches inwohne, und der Traum, welchen ich dieſe Nacht gehabt habe, iſt ſo außeror⸗ dentlich, daß ich ſelbſt, ohne ihn zu verſtehen, gend⸗ thigt bin, ihn zu ehren; und dieſer Eindruck welchen er auf mich gemacht hat, ermuthigt mich, ihn euch zu erzaͤhlen. Bei meinen wiſſenſchaftlichen Arbeiten, welche mich taͤglich beſchaͤftigen, und deren Fruͤchte ich noch zu aͤrnten boffe, war ich ſgeſtern Abend, ermuͤdet vom Leſen einer Streitſchrift, an meinem Tiſche, mit dem Kopf auf die Haͤnde geſtuͤtzt, eingeſchlummert. „Kaum war ich feſt eingeſchlafen, als ich mich mitten auf eine duͤrre Ebene verſetzt ſah, wo ein bren⸗ 288 311. Tag. nender Durſt mich verzehrte. Ueberall ſuchte ich mit den Augen eine labende Quelle: aber wie war die mitten in dem brennenden Sande zu finden, der mich rings umgabe Endlich erblickte ich an einem ſchon verdorrten Stiel eine ſchoͤne Melone. Ich nahm mein Meſſer, und buͤckte mich uͤber die Frucht, ſie anzuſchneiden: ſobald aber die Klinge hineindrang, folgte das Heft nach; es zog meine Hand hinterdrein, dann den Arm, den Ellenbogen, die Schulter, kurz mein ganzer Leib fuhr hinein, ohne daß ich Zeit hatte, die geringſte Betrachtung daruͤber anzuſtellen. In einem Augenblick ſaß ich, ohne zu wiſſen, worauf, mitten in der Melone, deren Inneres mei⸗ nen Blicken einen dicken, faſt voͤlliger Finſternis glei⸗ chen Nebel darſtellte; mich duͤnkte, ich arbeitete aͤngſtlich mit den Haͤnden, ihn zu entfernen, als er ſich ploͤtzlich von ſelber in leichten Duͤnſten zu zer⸗ ſtreuen ſchien, wie ſie uͤber die Gipfel der Gebirge hin⸗ ziehen. Er verſchwand voͤllig, und ich konnte nun ungehindert die mich umgebenden Gegenſtaͤnde be⸗ trachten. Ich ſaß auf einem ſchoͤnen, mit wunderſamen Blumen und Kraͤutern durchwirkten Raſen; der Him⸗ mel ſtand uͤber mir, und die Sonne beleuchtete mich von Oſten her mit ihren Strahlen: ein einziger Ge⸗ genſtand zog fortwaͤhrend meine Aufmerkſamkeit an. Es war ein praͤchtiger Nußbaum, von ſolcher Groͤße — Valid⸗Haßens Traum. 289 und Schoͤnheit, daß ſein Gipfel den Himmel zu beruͤh⸗ ren ſchien, waͤhrend ſein Schatten das ganze Erdreich bedeckte, auf welchem ich ſaß. Dieſer ſtolze Baum hatte ſo viel Zweige, und dieſe waren von ſo wun⸗ derbarer Groͤße, daß fuͤnfhundert Menſchen, deren jeder auf einem Aſte ſaß und die Nuͤſſe abſchlug, ein⸗ ander nicht verſtehen konnten, wenn ſie ſich zuriefen; aber ich bemerkte an ihrem Drohen mit den Stoͤcken, daß ſie ſich die Nuͤſſe ſtreitig machten, welche auf der Erde lagen, und demjenigen gehoͤren ſollten, der ſie abgeſchlagen hatte; indeſſen zankten ſie ſich nur von Zeit zu Zeit, und die Arbeit ging ihren Gang. Ich nahm zwei Nuͤſſe auf, oͤffnete ſie, fand aber nur leere Schalen:„Wozu doch ſo viel Laͤrmens,“ ſprach ich bei mir ſelber,„und ſo viel Muͤhe, um taube Nuͤſſe abzuſchlagen, und ſich daruͤber zu zanken?“ Indeſſen brachte dieſer Hagel von Nuͤſſen, der auf meinen Kopf herabfiel, mich in einige Gefahr, ich ſuchte mir alſo eine andre etwas entferntere Stelle, wo ich nur Blaͤtter abſchlagen ſah; aber man ſchien eben ſo eiferſuͤchtig uͤber dieſe, als uͤber die Fruͤchte. Indem ich nun rings um den Baum ging, be⸗ merkte ich, daß in ſeinem Gipfel noch eine einzige Nuß ſaß; ſie ſchien nicht beſſer zu ſein, als die uͤbri⸗ gen, aber die ungeheure Hoͤhe taͤuſchte den Blick. Sne. 29 Kein Stock und kein Arbeiter konnte ſie erreichen; auch ſahen dieſe ſie nicht einmal. Ich fuͤhlte mich angeſpornt, die einzige Frucht herab zu holen, welche noch uͤbrig war; aber wie ſollte ich es anfangen? ich hatte keinen Stock, und ich konnte auch nicht einmal an dem Stamme des Baumes hinaufklettern. Ich hatte junge Leute mit Schleudern Steine wer⸗ fen ſehen, und dieß brachte mich darauf, aus mei⸗ nem Tuche eine Schleuder zu machen, ich legte einen Kieſel, etwa ein halb Pfund ſchwer, hinein, und ſchleuderte ihn hinauf, ohne faſt nach dem Ziele zu blicken: die Nuß war getroffen, ſie fiel herab, und ihr Fall war ſtark genug, die Aufmerkſamkeit der auf dem Baume ſitzenden Arbeiter zu erregen. Verwundert uͤber meinen gluͤcklichen Wurf, nahm ich die Nuß auf, oͤffnete ſie, und o Wunder! die Schale ent⸗ hielt Millionen von Baͤumchen, alle in ihrer Art eben ſo vollkommen, als der große Nußbaum, welcher ſie trug. So wie ich ſie aus einander las, nahmen ſie mir die Arbeiter, welche mich beobachtet und ſich auf meine Schulter geſetzt hatten, und riefen aus: „Seht doch, was ich Schoͤnes gefunden habe!“ Vergeblich wollte ich mein Vorrecht an dieſer Entdek⸗ kung geltend machen.„Was!“ ſagten ſie zu mir, —— „ihr habt dieſe Nuß abgeſchlagen? ihr habt ja nicht einmal einen Fuß auf den Baum geſetzt.“—„Aber,“ Valid⸗Haßens Traum. 291 erwiederte ich,„mit einem Stein iſt es mir gelungen, ich habe ihn mit meinem Tuche hinaufgeſchleudert, welches in den Zweigen hangen geblieben, wo ihr es „ noch ſehet!“ Meine Nebenbuhler zuckten die Achſeln; und ich, gekraͤnkt, mir einen Schatz entriſſen zu ſehen, wel⸗ chen ich meiner Geſchicklichkeit und dem Zufalle ver⸗ dankte, und aͤrgerlich, nur noch eine leere Schale in Haͤnden zu haben,— ich erwachte, ſehr bewegt von einem Traume, der eine Bedeutung haben muß, und um deſſen Auslegung ich denjenigen inſtaͤndig bitte, der ſie zu finden vermag.“. 292 311. Tag. „Ihr lobt hiemit den Erzaͤhler,“ ſagte Vaßuͤmeh hierauf,„und ich bekenne, daß er es verdient. Wenn man ſo angenehm traͤumt, iſt es ſehr verdrießlich aufzuwachen.“ „Nun /“ ſagte Naneh,„laßt uns wieder eine an⸗ dre Geſchichte hoͤren; denn alle, die man hier erzaͤhlt, ſind ſo, daß ich Eſſen und Trinken daruͤber vergeſſe.“ „Es giebt hier keine Erzuͤhlung mehr zu hoͤren, meine liebe Amme,“ ſagte die ſchoͤne Vaßuͤmeh; ich habe dich wegen der drei nun vollendeten Erzaͤhlungen rufen laßen; ich hatte bei denſelben Neuheit zur Be⸗ dingung gemacht, findeſt du dieſe nun wohl. erfuͤllt?“ „Vollkommen wohl„“ ſagte die Blinde;„ich habe in meinem Leben viele Erzäͤhlungen gehoͤrt, und ſelber welche gemacht, aber ich kenne keine eigenthuͤmlicheren, als die, welche ich hier vernommen habe, ſo wohl was den Inhalt betrifft, als die Art des Vortrages.“ „Du ſollſt mir nun ſagen, meine gute Naneh,“ fuhr Vaßuͤmeh fort,„welcher der drei Erzaͤhlungen du den Vorzug geben würdeſt; dein Geſchmack ſoll meine Wahl entſcheiden; dein Ausſpruch kann nicht durch irgend ein Vorurtheil zu Gunſten eines der drei Erzaͤhler beſtimmt werden, weil du ſie nicht kennſt; demnach, meine liebe Amme, erwarte ich deinen Beſcheid.“— —— Der Schebandad von Sturat. 293 „Ich kann dir nichts abſchlagen, meine geliebte Tochter; und ſo vernimm denn meine Meinung uͤber die erſte Erzaͤhlung. Nichts iſt ſinnreicher,“ fuhr die blinde Naneh fort,„als die Art, wie der vorgebliche Armenier arilha und ihren Sohn anfuͤhrt: aber hat man nicht zu viel Erfindung aufgewendet, ein wahnwitziges Weib und einen dummen Jungen zu taͤuſchen? Has man nicht zu viel Anſtalten verſchwendet, um die Tochter eines Barbiers mit dem Sohn eines Toͤpfers zu verheiraten? und hat man mich auf die Hochzeit begierig gemacht, fuͤr welche ich theilnehmen ſollte? ich habe die Braut nicht kennen gelernt, und von dem Braͤutigam wenig reden gehoͤrk. Ueberdieß, duͤnkt mich, war es unnͤthig, das Gold mit vollen Haͤnden und ſo wunderbar auszuſtreuen, waͤhrend eine Hand voll Zeckienen hingereicht haͤtte, alles abzumachen. Endlich, liebe ich nicht die hinterdrein folgenden Be⸗ ſtrafungen, und ich haͤtte bis zum Schluſſe fortlachen moͤgen; denn ich bekenne es, dieſe Erzaͤhlung hat mich, ungeachtet dieſer kleinen Ausſtellungen, ſehr vergnuͤgt, und es that mir Leid, daß das Ende min⸗ der heiter war. Die zweite Erzaͤhlung hat mich mitten unter eine Menge außerordentlicher Weſen verſetzt: ich habe uͤber die Tollheiten aller Art, die darin vorkommen, herz⸗ lich gelacht; ſie hat mich hoͤchlich ergetzt: aber das 294 311. Tag. iſt auch alles; ich habe dieſe taͤuſchenden Luftgebilde, ohne Bedauern verſchwinden ſehen; und die ganze Erzaͤhlung hat weder mein Gefuͤhl, noch meinen Geiſt angeregt. Wenn ich viel gelacht habe, meine liebe Tochter, ſo mag ich gern, daß die Veranlaßung dazu mir eine freudige Erinnerung zuruͤcklaße. Die dritte Erzaͤhlung betreffend, ſo iſt ſie zwar nur ein kurzer Traum, aber der unendlich viel zu denken giebt. Ich glaube indeſſen die Hauptzuͤge deſ⸗ ſelben deuten zu koͤnnen. Der auf dem duͤrren Sande verirrte Traͤumer zeigt mir den forſchenden Gelehrten: er durſtet nach Kennt⸗ niſſen. Die Natur iſt unter der Schale der Melone verborgen, welche er anſchneidet; ſein ganzer Leib folgt der Klinge des Meſſers, weil er ſich ruͤckhalts⸗ los der Nachforſchung der Wahrheit hingiebt: anfangs findet er ſich in Dunkel gehuͤllt, bis der Augenblick koͤmmt, daß er ſich ſelber erkennen kann. Der ſchoͤne Nußbaum iſt der Gegenſtand ſeiner Wißbegierde; der⸗ ſelbe iſt mit Neugierigen beſetzt, die uͤbelverſtandene Dinge thun, indem ſie leere Schaalen und Blaͤtter abſchlagen, und ſich neidiſch die Frucht ihrer nutzloſen Arbeit ſtreitig machen. Ein geſchickterer Mann ſchleu⸗ dert einen Stein hinauf, der die Nuß vom Gipfel des Baumes herunter bringt; er oͤffnet ſie, und die Wahrheit iſt darin verborgen unter dem Bilde einer Unzahl kleiner Nußbaͤume, welche aus einem einzigen — Der Schebandad von Sturat. 295 Kerne hervorgehen: man verdankt dieſe Entdeckung dem Zufalle, dem Vater aller nuͤtzlicher Entdeckungen. Ich bekenne, meine Tochter, daß dieſer kleine Traum mir mehr Vergnuͤgen gewaͤhrt hat, als die beiden Erzaͤhlungen, und daß dieſe gar viel von ih⸗ rem Werthe verlieren, wenn ich an die ſinnreiche Allegorie von dem Nußbaume denke.“ Vaßuͤmeh ſtimmte dem Ausſpruche ihrer Amme bei: „Eine gute Erzaͤhlung,“ agte ſie,„muß zugleich belehren und vergnuͤgen, das Gefuͤhl aufregen, und das Nuͤtzliche mit dem Angenehmen verbinden.“ : Sie gab alſo ihrem Vetter Valid⸗Haßen den Preis; ihre Hochzeit wurde in Szurat mit großer Pracht ge⸗ feiert, und ihr Gluͤck war kein Traum.“ Simuſtapha und die Prinzeſſinn Ilſetilſone. Dreihundert und zwoͤlfter Tag. „Unter der Regierung des Chalyfen Harun⸗Al⸗ raſchid,“ fuhr die Amme fort zu erzaͤhlen,„ließ ſich ein junger Mann zu Bagdad nieder, der ſich durch ſeine Geſtalt, die Regelmaͤßigkeit ſeiner Zuͤge, die Schoͤnheit und Anmuth ſeiner Geſichtsbildung, und durch die Hoheit und Zierlichkeit ſeines Wuchſes auszeichnete. Er kaufte ein anſehnliches Haus, wel⸗ ches durch den Tod eines Großen der Stadt erledigt war; er verſchoͤnte die Gaͤrten, ſeinen Abſichten ge⸗ maͤß, gab den Zimmern eine andre Eintheilung: mit Einem Worte, er verwandelte dieſen kleinen Palaſt in ein praͤchtiges Speiſehaus, dergleichen bisher niemals in Bagdad, und vielleicht in keiner andern Stadt Aſiens, zu finden war.. Simuſtapha und Ilſetilſone. 297 Man wurde hier auf Silber und Porzelan durch Sklaven bedient, welche mit ausgeſuchtem Geſchmack und Sauberkeit gekleidet waren. Die Paſteten und uͤbrigen Speiſen waren auf eine ſo ſchmackhafte Art zugerichtet, daß ſelbſt die Koͤche des Chalyfen ſie nicht erreichen konnten. Dieſer in ſeiner Art außerordentliche Speiſewirth nannte ſich Simuſtapha. Seine ſchoͤne Geſtalt, ſein verbindliches und hoͤfliches Weſen, und die gute Bewirthung bei ihm, zogen bald eine Menge von Liebhabern in ſein Haus; die vornehmſten Leute in Bagdad konnten der Neugier nicht widerſtehen, ſeine Geſchicklichkeit kennen zu lernen; und da er die Kunſt verſtand, durch ſeine Wuͤrzen auch den abgeſtumpfte⸗ ſten Gaumen zu reizen, ſo ward er bald der Lieblings⸗ koch aller Vornehmen und Reichen des Hofes und in der Stadt. Seine Saͤle und ſeine Gaͤrten wurden nicht leer von ſolchen Leuten, die mehr leben um zu eſſen, als eſſen um zu leben. Die Hofleute des Chalyfen unterhielten ſich taͤglich in ſeiner Gegenwart von der auserleſenen Bedienung, welche ſie bei dem ſchoͤnen Speiſewirth gefunden; aber dieſer Fuͤrſt war entweder zu ſehr beſchaͤftigt, um ſol⸗ chen Kuͤchengeſpraͤchen ſeine Aufmerkſamkeit zu leihen, oder die Luſt, ſich ſelber von Simuſtapha's Geſchick⸗ lichkeit zu uͤberzeugen, ſollte ihm erſt auf eine ſeinem 298 4 312. Tag. Charakter und ſeinen bekannten Eigenheiten entſpre⸗ chende Weiſe entſtehen. Die Sklaven, beſonders die Weiber, aus Haruns Palaſt, gingen niemals aus, ohne Simuſtapha’s Speiſehaus zu beſuchen, und ohne einige kleine Mei⸗ ſterſtuͤcke ſeiner Kunſt mitzubringen. Die geſchaͤftigſte von allen war Namuna, die Pflegerinn, von der Wiege an, der Prinzeſſinn Ilſetilſone, der gelieb⸗ ten Tochter des Chalyfen und einzigen Frucht ſeiner Ehe mit Sobeide'n, welche er von allen ſeinen Frauen am meiſten liebte, und der er bis an den Tod zugethan blieb. Namuna genoß der den Frauen ihres Alters zu⸗ ſtehenden Freiheit, und wanderte taͤglich durch die Straßen von Bagdad. Die kleinſten Kinder kannten ſie unter ihrem Schleier und gruͤßten ſie bei ihrem Namen, ſobald ſie ſie erblickten. Simuſtapha, deſſen Haus ſie oft beſuchte, wie er von Natur gegen jeder⸗ mann hoͤflich war, war es noch mehr gegen ſie. Er bat ſie, ſich niederzulaßen, bediente ſie zuerſt, und erwies ihr durch ſein Benehmen und ſeine Reden alle Aufmerkſamkeit und ungezwungene Hoͤflichkeit, deren Anmuth bezaubert, ohne in Verlegenheit zu ſetzen. Hoͤchſt vergnuͤgt uͤber dieſe zuvorkommende Be⸗ handlung, ſagte die gute Alte, auf dem Heimwege bei ſich ſelber: Simuſtapha und Ilſetilſone. 299 „Ah! ſchoͤner junger Mann, der Himmel ſegne dich! Du verachteſt nicht das Alter.“ Wenn ſie dann die junge Prinzeſſinn von den mancherlei Neulgkeiten unterhielt, welche ſie auf ihren Wanderungen durch die Stadt vernommen hatte, ſo endigte ſie immer mit dem Lobe des reizenden Simu⸗ ſtapha: er hatte ihr mit ſo großer Gefaͤlligkeit alle ſeine Gaͤrten gezeigt; er hatte ſie ſo ehrerbietig und mit ſo viel Aufmerkſamkeit behandelt, und das alles ohne ſie zu kennen. Dieß ganze Benehmen war ihm natuͤrlich und floß von ſelber aus einer wohlwollenden Seele und einer innigen Achtung und Verehrung des weiblichen Geſchlechts. „Seine Reden,“ fuͤgte ſie hinzu,„ſind ſo ver⸗ bindlich, der Ton ſeiner Stimme ſo einſchmeichelnd, ſo lieblich, daß man mit ſeinen Worten allein ſchon zufrieden waͤre. Seine Haltung iſt edel, wie ſeine Gebaͤrden, und er iſt ſo ſchoͤn, daß er alles in Ver⸗ geſſenheit bringt, was von dem Sohne Jacobs, dem ſchoͤnen Joſeph von Aegypten, geſchrieben ſteht. Gott behuͤte die vor allem Uebel, die verſucht wird, ihn beim Mantel feſt zu halten; aber das waͤre vergeblich, denn er iſt ſo ſittſam, wie eine Taube.“ Ilſetilſone ergetzte ſich an dem Geſchwaͤtz ihrer al⸗ ten Vertrauten. Sie war die erſte, wenn dieſelbe aus der Stadt zuruͤckkam, ſie zu fragen, ob ſie wie⸗ Zoo. 312. Tag. 3 ihr Gluͤck bei dem ſchoͤnen Speiſewirthe gemacht tte. „Ich wuͤrde mich wohl gehuͤtet haben,“ antwortete eines Tages Namuna,„es zu verſaͤumen; ich bin nicht ſo thoͤricht, mich in ihn zu verlieben, aber ich vergoͤnne mir, mich mit dem guͤtlich zu thun, was er zurichtet; er ſelber waͤre ein Biſſen fuͤr eine Koͤni⸗ ginn. Man muͤßte ſehr ekel ſein, wollte man ſich nicht einen jungen Mann gefallen laßen, der ſchoͤner iſt, als alle Prinzen der Erde. Warum ſollte ich mir das Vergnuͤgen verſagen, ihn zu ſehen, und die Freundlichkeit, welche er mir erzeigt; ein einziger ſei⸗ ner Blicke ſcheint mich zu verjuͤngen, und ich glaube, es iſt der Zauber ſeiner Augen, womit er ſeine Pa⸗ ſteten wuͤrzt, deren Koͤſtlichkeit nichts gleichkoͤmmt: ich habe Meßrur, dem Oberſten der Verſchnittenen, ein Proͤbchen davon mitgebracht, wovon man in dem ganzen Palaſt wird ſprechen hoͤren.“ Namuna taͤuſchte ſich nicht. Meßrur, der Oberſte der Verſchnittenen, hatte die Torte, welche die gute Hofmeiſterinn ihm mitgebracht, der Favoritſultaninn gegeben; dieſe hatte den Chalyfen damit bewirthet, ohne ihm zu ſagen, daß dieſes Backwerk von außen herkaͤme. Harun hatte deſſen Trefflichkeit laut ge⸗ ruͤhmt, und vernahm nun, daß es aus der Kuͤche des Speiſewirths Simuſtapha kaͤme, von welchem ſo oft die Rede geweſen war. Die Favoritinn erbot Harun, — y;— ) Simuſtapha und Ilſetilfone. 30⁰1 ihn morgen mit einem vollſtaͤndigen Mahle aus der Kuͤche dieſes ausgezeichneten Speiſewirthes zu bewir⸗ then, und Meßrur erhielt Befehl, hinzugehen und die Zurichtung bei ihm zu beſtellen. Der Chalyf ſpeiſte nun bei ſeiner Favoritinn mit außerordentlicher Eßluſt und Behagen. Am folgenden Tage ließ er ſeine eigene Tafel mit Gerichten aus derſelben Kuͤche beſetzen, und ſeine Frauen thaten ſich hoͤchſt guͤtlich daran: kurz, das Vorurtheil ging bald ſo weit, daß man in dem Palaſt ſchlecht gegeſſen zu haben meinte, wemn man nicht eine oder zwei Schuͤſſeln von Simuſtapha's Hand auf der Tafel gehabt hatte. Dreihundert und dreizehnter Tag. Namuna frohlockte, als ſie den Ruf ihres Abgotts ſo zunehmen ſah: der Chalyf hatte von ſeiner Tafel ſchon mehrere Gerichte, welche ihm die leckerſten duͤnkten, ſeiner Tochter Ilſetilſone geſandt: ſie hatten aber ihrem Gaumen nicht ſo geſchmeichelt, als die Hofmeiſterinn ſich einbildete. Die unaufhoͤrlichen Er⸗ zaͤhlungen derſelben gewaͤhrten ihr zwar Zerſtreuung, aber die Leckerhaftigkeit hatte keinen Theil daran. „Sehet,“ ſprach die gute Alte zu ihr,„wie ſehr dieſes ſchon dem Auge ſchmeichelt: athmet den Wohh⸗ geruch dieſes Kuchens!“ Sodann ging ſie zur 3⁰2 4 313. C a g. Beſchreibung der Kuͤche Simuſtapha's uͤber:„ſie iſt ſo glaͤnzend, als wenn die Waͤnde mit Spiegeln be⸗ deckt waͤren; der Fußboden iſt von geglaͤttetem Mar⸗ mor; das Geraͤth hat einen blendenden Glanz: um⸗ geben von ſieben ſchoͤnen jungen Leuten, die wie zu einem Hochzeittage geſchmuͤckt ſind, und an den Back⸗ oͤfen Acht geben, wacht Simuſtapha uͤber alles, was um ihn her gethan wird: ſein Haupt, welches ſeine Arbeiter uͤberragt, giebt ihm das Auſehn des Mondes, von ſieben Sternen umgeben. An jeder Schuͤſſel, wenn ſie bereit iſt, legt er die letzte Hand, und giebt ihr dieſen geheimen und unnennbaren Reiz, der allem eigen iſt, was von ihm herkoͤmmt.“ Die Alte, welche bei jeder Wiederholung die Lob⸗ preiſungen des Speiſewirths ſteigerte, bemerkte nicht die Wirkung, welche ihre Reden auf die junge Prin⸗ zeſſinn machten: ſie entzuͤndeten darin eine eben ſo lebhafte als gefaͤhrliche Flamme. Ilſetilſone, die ſich ſelber, ſo wie anderen, die Neigung verbergen wollte, welche ſie unwiderſtehlich hinzog, einen Mann von Simuſtapha's Gewerbe zu lieben, und eine aufkeimende Leidenſchaft zu bekaͤmpfen ſtrebte, verlor daruͤber Schlaf, Eßluſt und Seelen⸗ ruhe, und verſank in ein Hinſchmachten, deſſen Fol⸗ gen Haruns Zaͤrtlichkeit beunruhigten. Die arme Hof⸗ meiſterinn bejammerte den Zuſtand, worin ſie ihre reizende Gebieterinn ſah; die Seufzer, welche ihr „„Sie iſt alſo unpaͤßlich?“ fragte er mit beſorgter Miene. Simuſtapha und Ilſetilſone. 3⁰3 entfuhren, ließen ſie dunkel den Gegenſtand ihrer Un⸗ ruhe ahnden. Endlich, beſtaͤtigte ein Befehl, den ſie erhielt, obwohl an ſich unbedeutend, ihre Vermu⸗ thungen. Ilſetilſone hatte ſeit zwei Tagen nichts eſſen moͤ⸗ gen:„Ich ſehe wohl,“ ſprach Namuna zu ihr,„daß ich genoͤthigt ſein werde, hinzugehen und fuͤr euch, wie fuͤr mich, ein Gericht von Simuſtapha's Hand zu holen.“ Die Schoͤne laͤchelte, ohne zu antworten, und die beſcheidene Alte lief nach dem Hauſe des Speiſewirths: „Bedienet mich ja recht gut, ſchoͤner junger Herr,“ ſprach ſie zu ihm:„ich habe eine Tochter, deren Le⸗ ben mir mehr am Herzen liegt als das meinige: wendet alle eure Kunſt an, eine Schuͤſſel zu bereiten, deren Wuͤrze ihr die Eßluſt wiedererwecken kann: es ſind zwei Tage, daß ſie nichts gegeſſen hat, und ich fuͤrchte, ſie ſtirbt. Findet ihr Mittel, ihr ein Gericht zu bereiten, welches ihr gefaͤllt, ſo achte ich hundert Zeckienen fuͤr nichts, euch zu belohnen.“ Simuſtapha ſah der Alten unter die Augen: er kannte ſie genau, und wußte wohl, daß ſie keine Tochter hatte; uͤberdieß waren die erbotenen hundert Zeckienen geeignet, ihn uͤber die Sache zu verſtaͤndl⸗ gen, wenn er es noch bedurft haͤtte. 303 313. TDag. „Mehr als unpaͤßlich,“ antwortete Namuna:„ihr ſeht mich deshalb in einem Kummer..„ Aber alles was von euch koͤmmt, iſt ſo gut, daß ich hoffe, wenn ihre Lippen es nur beruͤhren, ſie wird ſich beſſer be⸗ finden.“ „Ich fuͤrchte das erſtemal in meinem Leben,“ er⸗ wiederte Simuſtapha,„daß es mir nicht recht gera⸗ then werde.“ Er geht ſogleich ans Werk, und giebt nicht zu, daß ein andrer außer jihm die Hand daran lege. Nach kurzer Zeit kann die Alte wieder nach dem Palaſt zu⸗ ruͤckkehren, aber zuvor will ſie bezahlen, was ſie mitnimmt. Simuſtapha ſchlug jede Bezahlung aus, und ſagte: „Wenn das Gericht eßbar iſt, ſo bin ich uͤbrig bezahlt; iſt es aber nicht werth, gegeſſen zu werden, ſo darf ich auch keine Bezahlung dafuͤr nehmen.“ Namuna kam zuruͤck, und ſetzte der Prinzeſſinn das Gericht vor. Ilſetilſone verſuchte es, fand es koͤſtlich, und aaß es ganz auf. Die Augen der Alten funkelten vor Freuden, als ſie den Erfolg ihrer kleinen Liſt ſah; ſie erhub die Gefaͤlligkeit, den Eifer und die Geſchicklichkeit Simu⸗ ſtapha's bis zu den Wolken: 4 „Er hat geglaubt,“ ſagte ſie,„es waͤre fuͤr meine Tochter: augenblicklich hat er ſich an die Arbeit gemacht. Ich habe ihm hundert Zeckienen angeboten, Simuſtapha und Ilſetilſone. 3o5 er aber hat gar nichts nehmen wollen„ es war ihm genug, mir einen Dienſt zu erweiſen.“ „Wo hat doch die Seele und der Edelmuth eines Fuͤrſten ihre Wohnung genommen!“ ſagte Ilſetilſone ſeufzend. „Sie wohnt,“ antwortete Namuna,„in einem Leibe, in welchem Salomon ſelber ſich geehrt fuͤhlen wuͤrde zu wohnen, wenn er wieder auf Erden er⸗ ſchiene, und er wuͤrde Muͤhe haben, mit eben ſo viel Auſand zu herrſchen, als Simuſtapha die Kuͤche be⸗ ellt.“ Als das Mahl der Prinzeſſinn beendigt war, und ſich die junge Schoͤne von neuen ihren Traͤumereien hingab, ſagte Namuna zu ihr: „Wie! ihr wollt noch, nachdem ihr ſo gut gegeſ⸗ ſen, forttraͤumen, anſtatt Zerſtreuung zu ſuchen, um euch in den Stand zu ſetzen, den Chalyfen angeneh⸗ mer zu empfangen, als ihr bisher gethan, und ihm Troſt zu gewaͤhren!“ „Ich kann nicht anders, meine liebe Namuna,“ erwiederte die Prinzeſſinn;„mir iſt das Herz wider meinen Willen beklommen.“ „Ich verſtehe es wohl,“ ſagte die Hofmeiſterinn; „ihr traget in euch ein ſchweres Geheimnis, welches euch erdruͤckt, und ihr verberget es mir; mir, die ich euch mehr liebe, als mein Leben.“ V. 20 3⁰6 313. Tag. „Das koͤmmt daher,“ antwortete Ilſetilſone, „weil mein Geheimnis mir nicht zur Ehre gereicht, und mit mir ſterben muß: wenn ich es nicht bewah⸗ ren kann, darf ich da hoffen, daß ein andrer es be⸗ wahre?“. „Mit dieſen Bedenklichkeiten,“ verſetzte die gute Hofmeiſterinn,„werdet ihr euch ins Grab bringen, meine ſchoͤne Prinzeſſinn; meine Bruſt iſt ein Brun⸗ nen, in welches euer Geheimnis ſich verſenken kann, um nie wieder aufzutauchen; und vielleicht kann ich ein Mittel erſinnen, euch Linderung zu verſchaffen.“ „Oh! Namuna,“ unterbrach ſie die Prinzeſſinn, „bitte Gott mit mir, mich zu heilen: es kann nur durch ein Wunder von ihm geſchehen.“— „Nun gut! wenn wir nur erſt wiſſen, worauf es ankoͤmmt, ſo wollen wir ihn gemeinſchaftlich bitten, und er wird uns dieſes Wunder gewaͤhren: er hat ſchon mehr als eins in dieſen Gegenden gethan; hier hat er die Juden, ſein zuerſt erwaͤhltes Volk, herge⸗ fuͤhrt, als er ſie den Haͤnden Pharao's entriß. Um euch aus der Bedraͤngnis zu ziehen, meine Prinzeſ⸗ ſinn, bedarf es nicht der Austrocknung des Meeres. Anſtatt eines großen Mannes, wie Moſes, bedarf er nur eines untergeordneten Werkzeuges, und ihr ſehet mich ganz bereit, ihm dazu zu dienen: habet Ver⸗ trauen zu mir, befuͤrchtet weder Treuloſigkeit noch Schwatzhaftigkeit von einer, die euch mehr liebt, als Simuſtapha und Ilſetilſone. 307 ihr Leben, welches ſie bereit iſt, aufzuopfern, ſo bald es auf euer Gluck ankoͤmmt. Ich habe Jahre und Erfahrung; ich kann euch heilſamen Rath geben, und Huͤlfsmittel erſinnen, von welchen eure Unerfah⸗ renheit ſich nimmer eine Vorſtellung machen koͤnnte. Mit Einem Worte, ich verlaße euch nicht eher, als bis ihr in meinen Buſen den Gegenſtand eurer Schwermuth ausgeſchuͤttet habt, der ihr euch mit Gefahr eures Lebens hingebet.“ „Oh! meine gute Namuna,“ erwiederte die Prin⸗ zeſſinn,„die Beſchaͤmung ſollte mir den Mund ver⸗ ſchließen; aber mein Vertrauen zu dir noͤthigt mich, ihn zu oͤffnen: du kennſt viel beſſer, als ich, den wahren Grund meines Uebels, und ich haͤtte dir vor⸗ zuwerfen, daß du mehr, als jemand anders, dazu beigetragen haſt, wenn ich nicht deutlich einſaͤhe, daß aie unvermeidliches Schickſal iſt, welches mich trifft. Ich hege eine thoͤrichte Liebe: alles hier hat dazu beigetragen, mir den Kopf zu erhitzen und zu verwir⸗ ren; du, Namuna, die Frauen im Palaſt, der Cha⸗ lyf mein Vater, alles, bis zu meinen eigenen Traͤu⸗ men, in welchen ich ihn zu zwei verſchiedenen Malen geſehen habe.. Nunmehr nenne, wenn du es wagſt, den Gegenſtand meiner Liebe: ſage, wer iſt der einzige Mann, fuͤr welchen die Tochter des Be⸗ berrſchers der Glaͤubigen, des Koͤnigs der Koͤnige der 3⁰8 3 313. Tag. Erde, leben moͤchte; ohne welchen das Leben ihr unertraͤglich iſt: entſchuldige, wenn du kannſt, dieſe unglaubliche Verirrung, und verzeih dir ſelber, ſie durch deine Erzaͤhlungen und Lobeserhebungen bis zu dieſer Hhe getrieben zu haben.“ „Ihr habt ihn im Traume geſehen?“ fragte die alte Hofmeiſterinn mit nachdenklicher Miene;„man muß ſich zuvoͤrderſt verſichern, ob er es auch wirklich war: war er auch ſo ſchoͤn, als der Engel, welcher dem großen Propheten den Scherbet verſchuͤttete, als Mahomed bis in den ſiebenten Himmel verzuͤckt wurde? Erinnert ihr euch ſeiner Zuͤge?“ „Nein, das iſt mir unmoͤglich,“ antwortete Ilſe⸗ tilſone;„ich war verwirrt und entzuͤckt durch den An⸗ blick eines himmliſchen Juͤnglings; er lag zu meinen Fuͤßen, er ſchwur, nur mich anzubeten: aber in bei⸗ den Traͤumen war es ſtaͤts dieſelbe Geſtalt, die ich geſehen habe; ich wuͤrde ihn wieder erkennen, wenn er mir nochmals erſchiene; aber es iſt mir eben ſo unmoͤglich, ihn zu beſchreiben, als zu vergeſſen. So geſchieht es denn, Namuna,“ fuͤgte die Prin⸗ zeſſinn mit verſchaͤmter Miene hinzu,„daß, waͤhrend die Koͤnige des Morgenlandes ſich einer nach dem an⸗ dern einer abſchlaͤglichen Antwort meines Vaters aus⸗ ſetzen, und vergeblich nach der Ehre trachten, meine Hand zu erhalten,— daß der Gegenſtand der Liebe und des Ehrgeizes ſo vieler Fuͤrſten nur darin ſein Simuſtapha und Ilſetilſone. 3⁰9 Gluͤck finden wuͤrde, ſich fuͤr immer zu verbinden mikt.. „Mit Simuſtapha,“ fuhr die Alte fort;„nen⸗ net ihn nur dreiſt; ſein Name ſchon iſt ein Lob. Es giebt viele Kronen auf Erden, und ſielen auch alle auf Simuſtapha's Haupt, ſo wäͤre doch nicht eine an der unrechten Stelle. Es giebt hundert Koͤnige, aber es giebt nur Einen Simuſtapha.“ „Nimm dich in Acht, Namuna,“ ſagte Ilſetilſone, „du richteſt mich vollends zu Grunde.“— „Wer, ich? meine theure Prinzeſſinn, ich liebe euch mehr, als mein Leben. Ich verſtatte es dem Engel des Todes, mir die Augen zu ſchließen, ſo bald ſie Zeugen eurer Gluͤckſeligkeit geweſen ſind. Wir muͤßen mitſammen Simuſtapha beſuchen, und wenn ihr ihn fuͤr denſelben erkennet, der euch zweimal im Traum erſchienen iſt, ſo iſt der Ausſpruch des Schick⸗ ſals, der euch ihm beſtimmt, unwiderruflich, und ich mache mich auf der Stelle zum Werkzeug eurer Beſtimmung.“ „Aber wie,“ ſagte Ilſetilſone,„wie kann ich ihn ſehen, ohne mich auszuſetzen.“ 3 „„Merlaßet euch dieſerhalb auf mich,“ antwortete die Alte;„ſchlafet dieſe Nacht ganz ruhig, und laßt den Schlummer die Roſen eurer Wangen und den Purpur eurer Lippen wieder hervorrufen. Morgen, und nicht ſpaͤter, ſollt ihr euern Geliebten ſehen, und 3¹⁰⁶ 4 313. 314. Tag. erkennen, ob er es iſt, welchen ein zauberiſcher Traum euch gezeigt hat; und da ich hier zu euerm Dienſt uͤber alles zu ſchalten habe, ſo will ich es ſchon ſo einrichten, daß ihr weder beſchraͤnkt, noch bloßgeſtellt werdet.“ Hiirauf ging Ilſetilſone, etwas getroͤſtet, zu Bette. Dreihundert und vierzehnter Tag. Gleich am folgenden Morgen fruͤh flog die Alte nach Simuſtapha's Hauſe: „Ich komme,“ ſprach ſie zu ihm,„euch von dem Gerichte zu erzaͤhlen, welches ihr mir geſtern uͤberge⸗ ben habt: ihr ſeid dafuͤr nach eurem Wunſche bezahlt, denn es iſt auch keine Spur davon uͤbrig geblieben. — Aber, mein ſchoͤner junger Herr,“ ſetzte ſie hinzu, „was gebt ihr mir, wenn ich euch eine Botſchaft bringe, welche fuͤr einen Mann von euerm Alter und eurer Geſchicklichkeit die gluͤcklichſte von der Welt iſt?“ „Alles was ihr von mir fordert,“ antwortete Simuſtapha. 8 „So will ich euch ſagen,“ fuhr die Alte fort, „daß das Fraͤulein, die ihr ſo trefflich bewirthet habt, heute aus eurer Kuͤche zu Mittag ſpeiſen will: aber Simuſtapha und Ilſetilſone. 312 ſeid wohl darauf bedacht, daß alles von eurer elgnen Hand zugerichtet werde.“ „Ihr gebt mir da,“ antwortete Simuſtapha,„ei⸗ nen Befehl, deſſen Ausfuͤhrung mich mit Freuden er⸗ fuͤllen wird.“ „Wenn das iſt,“ ſagte Namuna,„ſo ſeid ihr mir ſchon einen Kuß ſchuldig; aber laßt ſehen, ob ich eure Verpflichtungen gegen mich noch vermehren kann. Wißt ihr wohl, daß euer Mittagsmahl der hoͤch⸗ ſten und ſchoͤnſten Prinzeſſinn auf Erden, der unver⸗ gleichlichen Ilſetilſone beſtimmt iſt?“ „Mein Herz,“ erwiederte Simuſtapha erroͤthend, „hatte es mir ſchon verkuͤndigt.“ „Wie!“ ſagte Namuna,„euer Herz.. was will das ſagen, euer Herz? Solltet ihr meine Prin⸗ zeſſinn gar lieben?“ „Die Herzen der Koͤnige Aſiens,“ antwortete Si⸗ muſtapha,„brennen fuͤr ſie, und duͤrfen es bekennen: ihre Schoͤnheit, ihre Tugenden unterwerfen ihr alles, was irgend von ihr reden hoͤren kann: ich dagegen begnuͤge mich, nur zu ihren Sklaven zu gehoͤren.“ „Wenn ihr fuͤr ſie eingenommen ſeid,“ erwiederte Namuna,„ſo habe ich euch auch bei ihr keinen uͤbelen Dienſt erwieſen; und wenn ihr ungeduldig ſeid, ſie zu ſehen, ſo kann ich euch ſagen, daß ſie faſt dieſelbe Neugier in Betreff eurer hegt.“ 3¹² 314. Sag. „Ihr Sklave,“ ſagte Simuſtapha,„iſt bereit zu ihren Fuͤßen zu fliegen.“ „Da ihr in ſolcher Stimmung ſeid,“ ſagte die Alte,„ſo wird es gut ſein, wenn ihr ſelber euch eure Bezahlung abholt; ihr werdet ſie aus ihren ſchoͤnen Haͤnden empfangen. Bereitet das Mittagseſſen, ſchicket es nach dem Palaſt, durch das große Thor, und mit euren eigenen Sklaven. Sobald die Mahlzeit vorbei iſt, ſo kommet an einen geheimen Eingang, welchen ich euch bezeichnen werde. Jetzo geſtehet, mein lieber Simuſtapha, daß ihr mir noch einen Kuß mehr ſchuldig ſeid.. „WTauſend bin ich euch ſchuldig,“ ſagte Simuſta⸗ pha, indem er die Alte mit Entzuͤcken umarmte. Hierauf ſchieden ſie von einander. Simuſtapha bereitete nun das Mahl, und wandte alle ſeine Kunſt dabei an. Zehn junge blonde Skla⸗ ven, rothwangig, ſchoͤn wie Liebesgoͤtter, und aufs geſchmackvollſte gekleidet, wurden beauftragt, es nach dem Palaſt zu bringen. Ilſetilſone wurde durch dieſe Artigkeit angenehm uͤberraſcht. Die alte Vertraute machte die Haushof⸗ meiſterinn, und die junge Prinzeſſinn aaß die von ih⸗ rem Geliebten gewuͤrzten Speiſen, und that eine Mahlzeit, von deren Koͤſtlichkeit ſie zuvor keine Vor⸗ ſtellung gehabt hatte. Simuſtapha und Ilſetilſone. 3¹3 Sie belobte gegen Namuna alle Gerichte, eins nach dem andern. „Eſſet, eſſet,“ ſagte die gute Alte zu ihr;„was von liebenden Haͤnden koͤmmt, kann keinen Scha⸗ den thun.“ „Liebt mich denn Simuſtapha?“ fragte die Prin⸗ zeſſinn:„er hat mich ja niemals geſehen.“ „Habt ihr ihn denn geſehen?“ erwiederte Namuna: „ihr, die ihr eure Ruhe ſeinetwegen verloren habt? Was in dem Himmel geſchrieben ſteht, mein liebes Kind, geht hier unten durch außerordentliche Mittel in Erfuͤllung. So bald ich ihm geſagt, daß ein hohes Fraͤulein, ſehr zufrieden mit der erſten von ihm zugerichteten Schuͤſſel, ein vollſtaͤndiges Mittagsmahl von ſeiner Hand verlangte, hat er gleich gerathen, daß ihr es waͤret, weil ſein Herz es ihm verkuͤndigt hatte; und in dem Entzuͤcken, worein die Freude ihn verſetzte, fuͤr euch arbeiten zu koͤnnen, und in der Hoffnung euch zu ſehen, hat er mich, ſo alt ich bin, recht herzlich umarmt. Ihr werdet mir zu gute halten, meine Prinzeſ⸗ ſinn, daß ich die erſten Liebkoſungen eures Geliebten empfangen habe, weil ich euch die gute Botſchaft bringe, daß er ſterblich in euch verliebt iſt: uͤbrigens bin ich bereit, euch das Empfangene wiederzugeben.“ 314 3 314. Tag. Mit dieſen Worten ſiel die alte Hofmeiſterinn ihrer Gebieterinn um den Hals, und kuͤßte ſie von ganzem Herzen. „Du biſt recht thoͤricht, meine gute Namuna,“ ſagte Ilſetilſone. „Nicht mehr, als alle Frauen in Bagdad,“ er⸗ wiederte Namunga.„Wenn die Kuͤſſe des ſchoͤnen Speiſewirths zu verkaufen waͤren„ da wuͤrdet ihr eine ſchoͤne Verſteigerung ſehen! Ein Ausrufer koͤnnte da⸗ bei ſein Gluͤck machen.“ Waͤhrend dieſes kleine Geſpraͤch im Palaſt vorfiel, kamen die jungen Sklaven Simuſtapha's, welche die Schuͤſſeln fuͤr die Tafel der Prinzeſſinn gebracht hat⸗ ten, voller Freuden zuruͤck, da ſie ſo freundlich waren aufgenommen worden, und jeder von ihnen fuͤnf Gold⸗ ſtuͤcke aus den eigenen ſchoͤnen Haͤnden der Prinzeſſinn empfangen hatte. Simuſtapha, durch die guͤnſtige Vorbedeutung des freundlichen Empfangs ſeiner Sklaven ermuthigt, V ſelber ſeinen Beſuch zu machen, beſorgte ſeine Ge⸗ ſchaͤfte, begab ſich dann ins Bad, ließ ſich Wohlge⸗ ruͤche dahin bringen, und legte ſeine ſchoͤnſten Kleider an. Hierauf verfuͤgte er ſich nach dem Palaſt, auf dem ihm bezeichneten Wege zu der geheimen Thuͤre. Neemuna erwartete ihn an derſelben, und fuͤhrte ihn erein. 3 4 Simuſtapha und Ilſetilſone. 515 Die Prinzeſſinn ſchaute von der Terraſſe des Pa⸗ laſts, ſchwebend zwiſchen Liebe, Hoffnung und Furcht, nach dem Manne, welchen man ihr zufuͤhrte: „Er iſt es!“ rief ſie aus,„ganz ſo wie ich ihn zweimal im Traume geſehen habe; in eben dieſem Kleide erſchien er mir auch das erſtemal: das zweite⸗ mal war er ſo praͤchtig gekleidet, daß ich den Glanz davon nicht ertragen konnte.“ Dreihundert und funfzehnter Tag. Waͤhrend ſie dieſe kurzen Bemerkungen machte, war Simuſtapha in das zur Zuſammenkunft beſtimmte Gemach getreten. Die Prinzeſſinn trat von der an⸗ dern Seite herein. So bald Simuſtapha ſie erblickte, machte er die ehrerbietigſte Verbeugung, und erwar⸗ tete mit niedergeſenkten Augen und uͤber die Bruſt gekreuzten Armen, bis er angeredet wuͤrde.“ „Ihr ſeid alſo,“ ſagte die Prinzeſſinn Ilſetilſone, „der Speiſewirth Simuſtapha, von dem ich ſo viel Ruͤhmliches gehoͤrt habe.“. „Man hat mir,“ antwortete Simuſtapha,„mehr Ehre angethan, als ich verdiene.“ „Ich bin nicht dieſer Meinung,“ fuhr die Prin⸗ zeſſinn fort,„ihr erſcheinet in Allem ſo ſehr uͤber euer Gewerbe erhaben, obwohl ihr daſſelbe mit unendlicher 3¹6 4 315. Ta g. Geſchicklichkeit ausuͤbt: ihr benehmet euch darin auf eine ſo edle Weiſe, daß, obwohl es fuͤr euch gemacht ſcheint, ihr doch keinesweges fuͤr daſſelbe gemacht ſcheint. Aber welche Urſachen koͤnnen euch bewogen haben, Bagdad zu eurem Wohnorte zu waͤhlen?“ „9 Prinzeſſinn, der Bewunderung der ganzen Erde wuͤrdige Prinzeſſinn,“ antwortete Simuſtapha, „wollt ihr, daß euer Sklave aufrichtig zu euch rede, ſo nehmet dieſen Schleier ab, der ſein Vertrauen ſchwaͤcht, damit die Wahrheit, welche aus ſeinem Munde kommen ſoll, auf dem Wege zu euch dadurch nicht aufgehalten werde. Ich habe ſchon zu viel ge⸗ litten, daß ich ſo lange des Gluͤckes beraubt geweſen, dieſe Reize zu bewundern, welche dieß auͤberlaͤſtige Hindernis hier noch meinen Blicken entzieht.“ „Ihr ſeid erſt,“ ſagte die Prinzeſſinn,„ein Jahr in Bagdad, und wenn mein Schleier euch laͤſtig iſt, ſo kann dieß erſt ſeit einem Augenblicke ſein, wie koͤnnt ihr da von langen Leiden ſprechen? Wann koͤn⸗ nen die begonnen haben?“ „Seit dem Augenblick,“ antwortete Simuſtapha, „da ich das erſte Entzuͤcken einer Liebe empfand, die nur mit meinem Leben endigen wird.“ „Ein ſtrenges Geſetz,“ erwiederte Ilſetilſone,„ver⸗ bietet mir, meinen Schleier aufzuheben.“ „Eine ehrerbietige Scheu,“ antwortete Simuſta⸗ pha,„haͤlt mein Geheimnis auf meinen Lippen zuruͤck.“ Simuſtapha und Ilſetilſone. 3¹⁷7 „Dieſe Kinderei,“ rief die gute Namuna dazwi⸗ ſchen,„bringt uns um die ſchoͤne Zeit, und wir muͤßen befuͤrchten, den Oberſten der Verſchnittenen berkommen zu ſehen, der nicht in großen Zwiſchen⸗ raͤumen ſeine Runde macht.“ Mit dieſen Worten naͤherte ſie ſich der Prinzeſſinn, und entriß ihr den Schleier. Es ſchien, als wenn die Bloͤdigkeit und ſelbſt die Zuruͤckhaltung an dieſes leichte Stuͤck Zeug gebunden waͤre: ſo bald Ilſetilſone von dieſer laͤſtigen Huͤlle befreiet war, trat ſie einen Schritt Simuſtapha entgegen, und ein gegenſeitiger unwiderſtehlicher Zug riß beide dahin, ſich mit der in⸗ nigſten Zaͤrtlichkeit zu umarmen. Ein Fruͤhmahl ſtand bereit: die beiden Liebenden — denn dieſes Wort war ihnen gegenſeitig entſchluͤpft, — ſetzten ſich: ſie ſahen einander an, ſeufzten, aaßen aus Zerſtreuung, und gleichwohl verflog eine gluͤckſe⸗ lige Viertelſtunde. Namuna mahnte ſie daran. Sie trennten ſich, mit Thraͤnen in den Augen; es war, als wenn ſie ſich ihr Lebelang geliebt haͤtten, und als muͤßten ſie hier zugleich von den Feſſeln der Wonne und der Gewohnheit ſich losreißen. Ilſetilſone verſank bald aus dem Uebermaaße der Freude in das der Betruͤbnis. Vergeblich beſetzte man taͤglich ihren Tiſch mit Speiſen, welche ihr Geliebter bereitet hatte: ihr Geiſt konnte nicht mehr durch die Feinheiten der Kunſt befriedigt werden. Sie hatte 518 315. Tag. eines zu wonnevollen Augenblicks genoſſen, als daß ihr nicht alles Uebrige abgeſchmackt vorkommen ſollte. Sie ward mager, und verzehrte ſich augenſcheinlich. Namuna beunruhigte ſich deshalb, und ſagte zu ihr: „Seid doch vernuͤnftig. Genießet des Vergnuͤgens zu lieben und geliebt zu werden. Ihr verlanget, eu⸗ ern Geliebten zu ſehen und bei ihm zu ſein. Aber die Klugheit gebietet euch Maͤßigung: ihr koͤnnt durch eure Ungeduld alles verderben und von eurem Antlitze dieſe Bluͤte der Jugend vertreiben, welche der hoͤchſte Reiz eurer Schoͤnheit iſt. Laßt uns die Umſtaͤnde in Acht nehmen. Man kann das Gluͤck mit ſo viel Hef⸗ tigkeit und Uebereilung nicht heranziehen. Betrachtet an dieſem ſchoͤnen Nachthimmel alle Sterne: wenn einer von ihnen ſeinen Lauf beſchleuni⸗ gen will, verirret er ſich, ſtuͤrzt herab, und erſcheint nicht wieder. Das Geſtirn, das eure gluͤckliche Liebe leitet, haͤlt gleichen Schritt mit den uͤbrigen; es waͤre gefaͤhrlich, ſeinen Lauf beſchleunigen zu wollen.“ „Ich erkenne wohl, wie vernuͤnftig dein Rath iſt,“ ſagte Ilſetilſone,„aber ich vermag ihn nicht zu be⸗ folgen. Willſt du mich dahin bringen, wieder zu eſſen, ſo verſprich mir, daß du mich Simuſtapha ſe⸗ hen laßen willſt.“—. „Wohlan! weil ihr denn doch auf euern Kopf be⸗ ſtehet, ſo ſetzet euch zu Tiſche und eſſet. Ich will euch das Mittel mittheilen, welches ich erſonnen habe.“ Simuſtapha und Ilſetilſone. 3¹9 Die Prinzeſſinn ließ ſich Speiſen bringen, genoß maͤßig davon, und forderte auf der Stelle die Beloh⸗ nung ihrer Folgſamkeit.. „Weil ihr denn meinen Entwurf wiſſen wollt,“ ſagte Namuna,„ſo hoͤret. Es ſind ſchon einige Tage, daß ihr das Bette huͤtet, und dem Chalyfen nicht euern gewoͤhnlichen Beſuch gemacht habt. Ich ſehe voraus, daß der Oberſte der Verſchnittenen herkom⸗ men wird, ſich nach den Urſachen zu erkundigen, welche euch in euerm Zimmer zurüuͤckhalten. Auf ſeinen Bericht, wird der Chalyf ſelber und Sobeide, eure Mutter herkommen, zu ſehen, welcher Art eure Un⸗ paͤßlichkeit iſt. Macht euch auf alle die Fragen ge⸗ faßt, welche die aͤlterliche Liebe ihnen eingeben kann. Erwartet, daß man euch fragen wird:„Fuͤhlſt du ir⸗ gend einen Schmerz? Iſt etwas hier, das dich kraͤnkt oder dir misfaͤllte Womit kann man dir Linderung verſchaffen?“ und bereitet euch zum voraus auf die Antwort. Huͤtet euch wohl, zu ſagen, daß ihr an irgend elnem Uebel leidet. Man wuͤrde euch Arznei ſchicken, eine langweilige Krankenpflege wuͤrde folgen, und de⸗ ren beduͤrft ihr nicht: ſondern ſaget, ihr fuͤhlet ein Misbehagen, deſſen Quelle die Langeweile ſei, und daß ein wenig Zerſtreuung euch heilen werde. Ihr muͤßt ganz dreiſt verlangen, daß man euch ausgehen laße, in Bagdad Unterhaltung zu ſuchen, 320 1 315. 316. Ta g. daß man euch zu einem Spaziergange zwei Tage be⸗ willige, welche ſich nahe genug folgen, daß ihre Wirkung in einander greife, und doch weit genug ab⸗ ſtehen, daß ſie den Lauf der oͤffentlichen Geſchaͤfte nicht hemmen; weil Ausrufer euern Ausgang zuvor ankuͤndigen muͤßen, damit ihr niemand auf euerm Wege treffet, deſſen Anblick euch in Verlegenheit ſetze, und dem es verderblich werden koͤnnte, euch geſehen zu haben. Verlanget, den erſten Tag ins Bad zu gehen, und den andern die Kauflaͤden der Stadt zu beſuchen. Es kann geſchehen, aber in der Folge erſt, daß die Andacht uns auch die Moſcheen beſuchen laͤßt: ich werde alles ſo einrichten, daß ihr die Erlaubnis gehoͤ⸗ rig benutzen koͤnnet, welche man euch in ihrer ganzen Ausdehnung bewilligen wird.“ Dreihundert und ſechzehnter Tag. Namuna hatte kaum ihren Entwurf dargelegt, als Meßrur, der Oberſte der Verſchnittenen, im Namen des Chalyfen die Prinzeſſinn zu beſuchen kam. Die Folge dieſes kleinen Ereigniſſes rechtfertigte voͤllig Na⸗ muna's Vorausſetzung. Harun und Sobeide kamen, ihre Tochter zu beſuchen, und ſie erhielt von ihnen die Erlaubnis, an den beſtimmten beiden Tagen und Simuſtapha und Ilſetilſone. 324 unter den zuvor uͤberlegten Bedingungen in Bagdad umherzugehen. 9 Als Harun wieder in ſeinen Zimmern war, gah er Giafar Befehl, alle noͤthigen Vorſichtsmaßregeln zu treffen, damit die Prinzeſſinn Ilſetilſone, gleich am naͤchſten Tage, ſich das Vergnuͤgen machen koͤnnte mit ihrem Gefolge in allen Straßen von Bagdad um⸗ her zu gehen, um alles Merkwuͤrdige daſelbſt zu ſe⸗ hen, ohne jemands Blicken ausgeſetzt zu ſein. Der Großveſyr gab dieſen Befehl weiter an das Oberhaupt der Polizei, und noch denſelben Abend wurden alle Bewohner Bagdads durch die oͤffentlichen Ausrufer angewieſen, in ihren Laͤden die merkwuͤrdig⸗ ſten Sachen aller Art auszuſtellen; es ſollte aber zur Stunde des Gebets ſich niemand in den Straßen, noch ſelbſt in den Haͤuſern zeigen, um nicht den Gang, noch die Neugier der Prinzeſſinn Ilſetilſone zu ſtoͤren, welche zu dieſer Stunde in der Stadt umhergehen wuͤrde. Alles was ſie durch die Leute ihres Gefolges mitnehmen wuͤrde, ſollte genau bezahlt, und fuͤr die geringſte Beſchaͤdigung Erſatz geleiſtet werden; aber die ſtrengſte Strafe ward denjenigen angedrohet, die ſich von Unruhe oder Neugier zum Ungehorſam verlei⸗ ten ließen. Als alles ſo veranſtaltet war, kam Namuna Ilſetilſone, und frohlockte zum voraus uͤber den Erfol V. 21 u g: 3²² 316. Tag⸗ „Wohlan! Prinzeſſinn, iſt euch nun alles zu Dank angeordnet? Werden die Straßen Bagdads morgenfruͤh fuͤr euch frei genug ſein?“ „Sie werden es nur zu ſehr ſein,“ antwortete die Prinzeſſinn,„wenn alle Einwohner ſich entfernen muͤ⸗ ßen, wenn niemand ſelbſt in den Haͤuſern bleibt.“— „Ihr verſteht nicht, wie ich, den Sinn des Be⸗ fehls, meine Gebieterinn: alle Laͤden, alle Haͤuſer an der Straße, oder welche die Ausſicht nach derſelben haben, ſollen ganz leer ſein; wenn aber morgen alle Einwohner Bagdads gendoͤthigt waͤren, draußen vor der Stadt zu lagern, ſo wuͤrden ſie, in Ermangelung von Zelten, vor Sonnenhitze umkommen. Jeder zieht ſich nur in den Theil ſeines Hauſes zuruͤck, wo er von euch weder etwas hoͤren noch ſehen, noch weni⸗ ger ſelber geſehen werden kann. Die reichen Leute be⸗ geben ſich nach ihren Landhaͤuſern, die Armen ſuchen ſich irgendwo zu verbergen; die Stadt gleicht einer Wuͤſte, und ſo dient ſie zu unſerm Vorhaben. Ihr koͤnnt darin alles thun, was euch beliebt; eure Frauen werden ſich mit einer Neugier und Luͤſternheit in den Kauflaͤden zerſtreuen, von welcher ihr keine Vorſtel⸗ lung habt. Die Verſchnittenen werden ihnen folgen, um ſie zu beobachten, und aufzuzeichnen, was ſie etwa daraus mitnehmen, und zugleich ihre eigenen kleinen Anliegenheiten zu beſorgen; und waͤhrend dieſer Zeit koͤnnen wir den unſrigen nachgehen. Seid gutes Simuſtapha und Ilſetilſone. 3²³ Muthes; nehmet ein Bad; ſpeiſet froͤhlich zur Nacht, ſchlafet aufs beßte, und vernachlaͤßiget keine Sorgfalt, welche ihr eurer Schoͤnheit ſchuldig ſeid. Ich will morgen die Genugthuung haben, vor meinen Augen ein Paar ohnegleichen auf Erden zu ſehen..“ Ilſetilſone that alles, was ihre gute Hofmeiſterinn von ihr forderte; dieſe aber ging noch vor Ablauf des Tages hin zu Simuſtapha, um ihn auf den morgen⸗ den Beſuch vorzubereiten. Der ſchoͤne Speiſewirth war in Verzweiflung, als er durch die Ausrufer vernahm, daß, waͤhrend ſeine Prinzeſſinn in Bagdad umhergehen wuͤrde, jedermann ſich zuruͤckziehen ſollte, und daß denjenigen die Todes⸗ ſtrafe treffen wuͤrde, der die Kuͤhnheit haͤtte, ihren Blicken zu begegnen. Da kam Namuna, und fand ihn in tiefer Be⸗ truͤbnis: „Wie!“ ſprach ſie zu ihm, als ſie ihm den Be⸗ weggrund ihres Beſuchs erklaͤrt hatte,„ihr betruͤbet euch uͤber einen Befehl, welchen ich ausdruͤcklich aus⸗ gewirkt habe, um eure Zuſammenkunft mit meiner Prinzeſſinn zu erleichtern! Morgenfruͤh ſchicket alle eure Sklaven nach eurem Landhauſe; ihr ſelber ſtellet euch, als wenn ihr ihnen folgtet: ihr kommet aber durch eine Hinterthuͤre in euer Haus zuruͤck, und er⸗ wartet uns dort im Hintergrunde eures Gartens. Wenn wir in euern Laden treten, wird das Geraͤuſch, welches 316. Tag. wir machen werden, uns hinlaͤnglich ankuͤndigen; und auf alle Faͤlle weiß ich zum voraus, wo wir euch finden, ohne daß ihr euch der Gefahr ausſetzet, euch zu zeigen. Bereitet heut Abend noch, womit ihr uns morgen bewirthen wollt: ich weiß wohl, daß Geiz nicht euer Fehler iſt, und dennoch wollte ich wetten, daß ihr euch gegen mich karg bezeigen werdet.“ „Das ſollte mich wundern,“ erwiederte Simuſta⸗ pha,„zumal, da ich gegen euch ſo geſonnen bin, wie ich es bin.“ „Ich ſtelle euch ſogleich auf die Probe,“ fuhr die Alte fort;„was ich euch geſagt habe, muß euch ent⸗ zuͤcken: ihr erinnert euch, wie ihr mich fuͤr die erſte gute Botſchaft, welche ich euch gebracht, belohnt habt: haͤttet ihr wohl noch etwas von dieſer Muͤnze fuͤr mich?“ „Ich verſtehe euch, meine Gute,“ antwortete Simuſtapha; ihr ſeid hier mitten unter allen meinen Beſitzthuͤmern, waͤhlet: aber was ihr von mir ver⸗ langet, gehoͤrt mir nicht mehr, ich habe es ver⸗ pfaͤndet.“ „Bloßer Geiz!“ rief Namuna neckend aus;„ich werde es eurer Herrinn ſagen, daß ich an euch einen Fehler gefunden habe, welcher den Leuten eures Alters nicht gewoͤhnlich iſt. Ich werde mich fuͤr dieſen Geiz an euch raͤchen. Simuſtapha und Ilſetilſone. 3²⁸ Indeſſen will ich meinem lieben Kinde nicht wehe thun; ſie hat, ſeit ſie euch geſehen, keinen Augenblick Ruhe gehabt; ſie hat nichts gethan, als ſeufzen; ja ſie waͤre nicht mehr am Leben, wenn ich nicht ein Mittel erſonnen haͤtte, in Bagdad alles aus dem Wege zu raͤumen, um euch beiden mitten unter einer blind und taub gemachten Volksmenge, eine Zuſam⸗ menkunft zu verſchaffen; ich moͤchte ihr gern ein freundliches Woͤrtchen von euch bringen: laßt hoͤren, was ſoll ich ihr ſagen?“ „Daß ich bezaubert, entzuͤckt bin!“ antwortete Simuſtapha;„daß die Ausdruͤcke mir fehlen; daß die Ungeduld ſie zu ſehen mich verzehren wird, bis zu dem gluͤcklichen Augenblicke, der uns wieder vereinigen ſoll. Wenn ſie, ſeitdem wir uns zum erſtenmal ge⸗ ſehen, wenig Ruhe gehabt, ſo bin ich nicht einen Augenblick meiner ſelbſt froh geworden; mein Kopf iſt von ihrem reizenden Bilde dermaßen erfuͤllt, mein Herz ſo davon durchdrungen, daß ihr Name fort⸗ waͤhrend auf meinen Lippen ſchwebt. Ich bin genoͤ⸗ thigt, mich zum voͤlligen Stillſchweigen zu verurthei⸗ len, um ihn nicht entſchluͤpfen zu laßen.“ „Gut!“ ſagte die Alte;„vorausgeſetzt, daß ich dieß alles zu wiederholen vermag, kann ich ſagen, daß ich mit vollen Taſchen weggehe; aber daß ſind alles nur Worte: anlangend die Thaten.. ihr gebt 326 316. T a g. mir alſo nichts mit auf den Weg? Ich wuͤrde es doch treulich uͤberbringen.“ Mit dieſen Worten bot die gute Alte ihre Wange dar, aber vergeblich. Sie mußte es endlich aufgeben, und ſagte: „Lebet wohl, geiziger Simuſtapha!“ Namuna eilte wieder nach dem Palaſt, und wie⸗ derholte faſt Wort fuͤr Wort ihre Unterredung, bis auf den Scherz, welcher ſie beſchloſſen hatte. „Wie! im Ernſt, meine Gute,“ ſagte Ilſetilſone, „ihr wolltet einen Kuß von ihm haben? Seid ihr denn noch verliebt?“ „Das ſage ich eben nicht,“ antwortete Namuna; „aber unter meinen Runzeln trage ich ein Herz von zwanzig Jahren, und wenn ich auch hundert Jahre alt werde, ſo werde ich doch nie eine Maͤnner⸗Feindinn, wenn ſie von der Art des ſchoͤnen Simuſtapha ſind. Meine Anforderungen gehen nicht weit, ich begnuͤge mich mit einer Kleinigkeit: aber dieſe macht mir gro⸗ ßes Vergnuͤgen. Wenn ich mit einem male ganz auf⸗ hoͤrte zu lieben, ſo koͤnnte ich zu boshaft werden.— Aber jetzo gehet ſchlafen, und ſchlafet wohl: der naͤchſte Tag iſt ein großer Tag fuͤr euch.“ Simuſtapha und Ilſetilſone. 3²7 Dreihundert und ſiebzehnter Tag. Am folgenden Tage, ſo bald die Stunde des Ge⸗ bets voruͤber war, ging Ilſetilſone mit ſechzig ſchoͤnen jungen Sklavinnen in die Stadt hinab. Die Prinzeſ⸗ ſinn nahm, unter der Leitung ihrer Hofmeiſterinn, den Weg nach den von dem Hauſe des ſchoͤnen Spei⸗ ſewirths am wenigſten entfernten Baͤdern. Sie trat hinein, und ſagte zu ihrem oberſten Verſchnittenen: „Ich will mich hier von den Sklavinnen des Hau⸗ ſes bedienen laßen: alle die meinigen moͤgen ſich unterdeſſen erluſtigen und der Freiheit genießen; fuͤhre ſie in ganz Bagdad umher.“ Der Verſchnittene gehorchte; ſie trat in das Bad, blieb kurze Zeit darin, und ging allein in Begleitung Namuna's, wohin die Liebe ſie zog. Simuſtapha harrte mit Ungeduld in einer abgelege⸗ nen Gegend ſeines Gartens, unter einer natuͤrlichen Grotte, an einer Quelle, in welcher er gewoͤhnlich ſeine Getraͤnke abkuͤhlte; er bereitete das Fruͤhmahl, und ſang von Zeit zu Zeit Verſe, in welchen er die Glut ſeiner Leidenſchaft und das ihm bevorſtehende Gluͤck zu ſchildern ſuchte. Er hatte von all ſeinem Geſinde nur einen jungen, ſehr geſchickten, ungemein ſchoͤnen, aber ſtummen Sklaven bei ſich behalten. Ploͤtzlich trifft ſein Ohr ein Geraͤuſch, welches ſich in ſeinem Garten vernehmen laͤßt; er ſpringt auf, und 328 3 317. Tag. laͤuft hin: es iſt der Gegenſtand ſeines Verlangens, ſeiner ſuͤßen Traͤumereien, und ſeiner Lieder. Ilſetilſone war ſchon ſeit einigen Augenblicken im Garten. Sie hatte ſich unbemerkt der Grotte genaͤ⸗ hert, und mit dem innigſten Vergnuͤgen die Verſe ih⸗ res Geliebten gehoͤrt: der Inhalt derſelben war ſo anziehend fuͤr ſie, und die Schoͤnheit der Stimme verlieh ihnen noch einen Reiz mehr. Um nicht zu verrathen, daß ſie ihn behorcht hatte, entfernte ſie ſich wieder, und machte ein Geraͤuſch, um ſich ver⸗ nehmlich zu machen. Endlich waren die beiden Lie⸗ benden vereint. Es war nicht eine gewoͤhnliche Leidenſchaft, ent⸗ ſprungen aus der Ueberraſchung der Sinne, welche ſie zu einander hinzog: es war die Gewalt der Sym⸗ pathie; ja, es war noch mehr, wenn, wie beide einigen Grund hatten zu glauben, die Beſtimmung 1„hiebei im Spiele war. 1 Sie ſtanden ſich nun gegenuͤber und betrachteten ſich mit Neugierde, in welche ſich die lebhafteſte Freude miſchte, mit gegenſeitiger Bewundrung: ihre Arme 1 erhuben ſich zu gleicher Zeit, ſie umſchlangen ſich, und beide ſanken mit dieſer erſten Umarmung in Ohnmacht. Gluͤcklicherweiſe war der Boden der Grotte mit Moos bedeckt, und die vorſorgliche Na⸗ muna hatte immer etwas zur Staͤrkung bei ſolchen Vorfaͤllen bei ſich. Simuſtapha und Ilſetilſone. 329 Man mußte dieſen fuͤr eine ſo anziehende Zuſam⸗ menkunft zu wenig bequemen Ort verlaßen. Simu⸗ ſtapha fuͤhrte ſeine Geliebte am Arm in eine den Strahlen der Sonne undurchdringliche Laube, wo ſie ein bequemes Sopha und ein Fruͤhmahl von den erle⸗ ſenſten Gerichten fand. Dieſer Ort vereinigte ſonſt alles, was der Prinzeſſinn Erquickung gewaͤhren konnte. Ein tiefes Becken empfing ein kryſtallhelles Waſſer aus den Maͤulern und Schnauzen verſchiedener Thiere, deren Mannigfaltigkeit das Auge vergnuͤgte, und verbreitete unter dem Laubdache die koͤſtlichſte Kuͤhlung. Ilſetilſone und Simuſtapha ſetzten ſich zu⸗ ſammen an den Tiſch, Namuna und der Stumme bedienten ſie. Sie aaßen wenig, und ſprachen noch weniger; die Sprache der Augen genuͤgte ihnen; ſie iſt die Sprache der ſtarken Leidenſchaften. Endlich, unterbrach die Prinzeſſinn dieſes beredte Stillſchweigen, und rief mit einer Engelsſtimme aus: „9 Simuſtapha! ich liebe euch, und ich fuͤhle, es wuͤrde mir unmoͤglich ſein, einen andern zu lieben, als euch. Ich weiß nicht, wie die furchtbare Kluft verſchwinden kann, welche das Schickſal zwiſchen uns befeſtigt hat. Beduͤrfte es, zur Ausfuͤllung derſelben, nur des Hinabwerfens meiner hohen Anſpruͤche, ſo ſollte es auf der Stelle geſchehen. Meine Seele kann nichts einbuͤßen, indem ſie ſich mit der eurigen verei⸗ nigt, deren Adel ihrer Hoheit gleich iſt. Ihr macht SZo 8 317. Tag. das Schickſal erroͤthen, welches, wie es ſcheint, euch hat herabwuͤrdigen wollen; und ich wuͤrde ſtolz dar⸗ auf ſein, koͤnnte ich durch eure Erhoͤhung ſeine Unge⸗ rechtigkeit beſchaͤmen.“ „Ich bin ſchon zu ſehr erhoͤhet, meine Herrinn,“ erwiederte Simuſtapha,„durch die Neigung, welche ihr mir gewaͤhret. Sie macht meinen Stolz, meinen Ruhm aus, eben ſo wie mein Gluͤck. Ihr liebt mich; mein Ehrgeiz iſt befriedigt: und waͤre ich auch im Beſitz einer Krone, ich wuͤrde doch keine andre Be⸗ friedigung von ihr haben, als die, euch einen gekroͤn⸗ ten Sklaven zu Fuͤßen zu legen.“ „Wir wollen uns zuſchwoͤren,“ ſagte die Prinzeſ⸗ ſinn,„immerdar fuͤr einander zu leben, trotz allen Begegniſſen, und keine Bande einzugehen, welche unſrer Vereinigung hinderlich ſein koͤnnte.“ „Ich ſchwoͤre es zu euren Fuͤßen, beim Namen des großen Propheten,“ rief Simuſtapha aus. Die ſchoͤne Prinzeſſinn hub ihn auf, und die zaͤrt⸗ lichſten Kuͤſſe waren das Siegel ihrer Eide, und machten wechſelsweiſe ihre Thraͤnen fließen und ver⸗ ſiegen. Namuna, die eben nicht dazu gemacht war, den Werth dieſer Thraͤnen zu empfinden, wollte ihren Lauf hemmen, und ſprach:. „Wie! ihr verbringet die Zeit mit Weinen, an⸗ ſtatt euch zu erfreuen! Wie verhaßt ſind mir die Simuſtapha und Ilſetrilſone. 53¹ ſchmachtenden Liebenden! Trinket, eſſet, und fort mit der Schwermuͤthigkeit!“ Zu gleicher Zeit legte ſie ihnen mehrere Speiſen vor, und ließ ſie wechſelsweiſe aus derſelben Schaale trinken. „Habt ihr kein Saitenſpiel?“ fragte ſie Simuſta⸗ pha;„laßt eins holen; wir ſind vor allen Blicken geborgen, und waͤhrend ihr euch zuſammen auswei⸗ net, will ich euch lehren, wie man ſich vergnuͤgt.“ Der Stumme flog, auf einen Wink ſeines Herrn, dahin, und kam ſogleich mit verſchiedenen Saitenſpie⸗ len zuruͤck; Namuna nahm eins davon, und fing ein Vorſpiel an, welches eben ſo froͤhlich war, als ihre Gemuͤthsſtimmung: da hub Ilſetilſone mit zaͤrtlicher und ſchmelzender Stimme an, liebliche Verſe zu ſin⸗ gen, welche durch die wohlklingenden Toͤne der Laute, die ſie mit Anmuth ſpielte, noch ruͤhrender wurden. Simuſtapha antwortete ihr auf der Stelle, indem er eben ſo viel Geiſt und Gefuͤhl in ſeinen Verſen vereinigte, als Geſchmack in der Tonbegleitung; es war ein wechſelſeitiges Ueberbieten in zaͤrtlichen und ruͤhrenden Ausdruͤcken. Damit war Namuna zufrieden; es hatte doch das Anſehen, daß man ſich vergnuͤgte: aber ſie ſetzte die⸗ ſer Unterhaltung ein Ziel, indem ſie daran mahnte, daß man ſich trennen muͤßte, um bei den Verſchnit⸗ tenen und den Frauen des Gefolges keinen Verdacht 23² 1 317. 318, Sag. zu erwecken. Nicht ohne Herzeleid wichen die beiden Liebenden der Nothwendigkeit: ſie verſiegelten ihr Lebe⸗ wohl durch zuͤrtliche Umarmungen und neue Thraͤnen. „Bei Mahomed!“ ſagte Namuna, ungeduldig, hendet doch einmal dieſe Klagelieder, und laßt uns elligſt gehen.“ Die Liebenden trennten ſich endlich. Die Prinzeſ⸗ ſinn wußte ihren Geſichtszuͤgen ſolche Gewalt anzu⸗ thun, daß man den Sturm der Leidenſchaften, von denen ſie war bewegt worden, nicht darauf bemerkte; und ſo kam ſie wieder zu ihren Sklavinnen, und kehrte mit ihnen nach dem Palaſt zuruͤck, getroͤſtet durch die Hoffnung, ihren geliebten Simuſtapha bald wiederzuſehen. Dreihundert und achtzehnter Tag. Der Chalyf erwartete ſeine Tochter mit Ungeduld; ſobald der Oberſte der Verſchnittenen ihm ihre Ruͤck⸗ kehr gemeldet hatte, ging er mit der groͤßten Eile der Prinzeſſinn entgegen, um von ihr ſelber zu verneh⸗ men, wie ſie ſich nach dem Bade und nach dem Spa⸗ ziergange befaͤnde. Ilſetilſone bezeugte, daß die Bewegung, und die Mannigfaltigkeit der Gegenſtaͤnde, welche ſie in den Laden geſehen, ihr das groͤßte Vergnuͤgen gewaͤhrt Simuſtapha und Ilſetilſone. 333 haͤtten. Der Chalyf fand ihre Augen lebhafter, als gewoͤhnlich, ihre Farbe friſcher, als den Tag vorher, und freute ſich uͤber den Erfolg ſeiner Wilfaͤhrigkeit, daß er ihr das Vergnuͤgen verſchafft hatte, ſich in den Straßen von Bagdad ergehen zu koͤnnen. Die Fuͤr⸗ ſtinn Sobeide war nicht minder zufrieden, als ſie ihre Tochter heimkommen, und nicht mehr die bisherige Schwermuth an ihr ſah, deren Folgen gefaͤhrlich wer⸗ den konnten. Kurz, es wurde beſchloſſen, daß Ilſetilſone zwei Tage ausruhen, und nach Verlauf derſelben, aber⸗ mals in Bagdad umhergehen und neue Zerſtreuungen und Geſundheit aufſuchen ſollte; den Ausrufern wurde be⸗ fohlen, den Willen des Chalyfen oͤffentlich zu verkuͤn⸗ digen. 9„Ach! wie lang ſind zwei Tage!“ ſagte die Prin⸗ zeſſinn;„begreifſt du meinen Zuſtand, theure Namuna, waͤhrend dieſer grauſamen Trennungd wie kann ich ſo lange fern von Simuſtapha leben?“ „Wenn dieſe beiden Tage den meinigen zugeſetzt wuͤrden,“ erwiederte Namuna,„ſie ſollten mir ſchnel⸗ ler verfließen, als euch.“—. „Und wie wollteſt du ſie ausfuͤllen?“—— „Ich wuͤrde eine gute Haͤlfte davon verſchlafen, und das uͤbrige damit hinbringen, zu eſſen, zu trin⸗ ken, und mich zu erfreuen, indem ich an das Ver⸗ gnuͤgen daͤchte, meinen ſchoͤnen Simuſtapha bald 318. Tag. wiederzuſehen. Es iſt aber auch recht der Muͤhe werth, ſich nach dem Wiederſehen zu ſehnen, wenn man die ganze Zeit deſſelben damit verbringt, zu wei⸗ nen wie die Kinder, oder ſich ſo ernſthafte Hoͤflich⸗ keiten zu erzeigen, daß es mir vorkam, als ſaͤhe ich die Vorſtellung eines Mufti.*) Ich bin nicht immer alt geweſen; ich habe auch meine Liebſchaft gehabt, obwohl es nicht ruchtbar geworden iſt; aber ich be⸗ nahm mich anders dabei: man meint, ſo froͤhliche Leute, wie unſer eins, denken an nichts, weil wir ſo viel lachen; aber oft lachen wir uͤber das, was die anderen meinen. Und wenn ich vormals ein Abenteuer der Art gehabt haͤtte, wie das eurige, ſo wuͤrde ich es ganz anders benutzt haben.“— „Namuna, du warſt nicht die Tochter des Chaly⸗ fen. Der Stolz meines Vaters, ſein Rang und ſeine Zaͤrtlichkeit bekaͤmpfen meine Gefahle, und mein Ge⸗ liebter, in meinen Augen der Abſtammung eines Koͤnigs wuͤrdig, iſt nur ei.. „Sprecht es aus, Prinzeſſinn,“ ſagte lebhaft Na⸗ muna,„iſt nur ein Speiſewirth. Er mag nun ſein, was er will: aber ſicherlich giebt es nichts Liebens⸗ wuͤrdigeres auf Erden. In jedem Stande erfreuet man ſich des Gluͤcks; ich verachte eine laͤſtige Hoheit, und finde mehr Anziehendes fuͤr mich bei dem ſchoͤnen *) Mahomedaniſchen Oberprieſters, Simuſtapho und Ilſetilſone. 33⁵ Speiſewirth, als in dem Beſitz aller Koͤnige des Mor⸗ genlandes.“. 1 „Du biſt eine Thoͤrinn, Namuna,“ erwiederte Ilſetilſone. „Es muß doch eine von uns beiden froͤhlich ſein,“ ſagte die Alte,„ſonſt wuͤrde dieſer Palaſt gar ein Haus der Trauer werden. Seid auf euer Wohlſein bedacht, damit ihr nicht in Bagdad wie eine lebendige Mumie umherwandelt.“ Die Munterkeit der Hofmeiſterinnn gewaͤhrte der Prinzeſſinn unmerklich Zerſtreuung und beſaͤnftigte ihre Ungeduld. Simuſtapha ſeinerſeits beſchwichtigte die ſeinige durch Beſchaͤftigung mit neuen Vorbereitungen, ſeine Geliebte angenehm zu uͤberraſchen. Goldenes Geſchirr und koͤſtliche Gefaͤße nahmen die Stelle des Silbers und Porzelans ein; die Speiſen wurden noch ſorgfaͤl⸗ tiger zugerichtet; das Haus war von Wohlgeruͤchen erfuͤllt; alles darin verkuͤndigte Geſchmack und Sam berkeit; alle Sklaven waren in Bewegung: es wuͤrde noch mehr gethan werden, fuͤrchtete man nicht die Neugierde derjenigen zu erregen, deren man ſich zur Arbeit bedienen mußte. Endlich ſind die beiden Tage abgelaufen, und die erſehnte Stunde iſt gekommen: Ilſetilſone, im vollen Glanze ihrer Reize aus dem Bade ſteigend, erhoͤhte denſelben noch durch den Schmuck des reichſten und 3⁵⁶ 318. Ta g. eſchmackvollſten Anzuges, und trat, im Gefolge aller ihrer Sklavinnen in die Straßen von Bagdad hinab. In der Naͤhe des Hauſes ihres Geliebten ging ſie in alle Laͤden, welche ſie antraf; ihr Gefolge zer⸗ ſtreute ſich in den mancherlei Krambuden, und war daruͤber her, alles zu beſchauen und zu unterſuchen. Als ſie nun Aller Aufmerkſamkeit hinlaͤnglich gefeſſelt glaubte, trat ſie ſogleich mit Namuna in Simuſta⸗ pha's Haus, wo nur der Stumme zuruͤckgeblieben war. Gleich am Morgen hatte der Speiſewirth ſeinen Leuten angekuͤndigt, daß die Tochter des Chalyfen wieder durch die Straßen von Bagdad kommen wuͤrde, ſie ſollten ſich alſo aus Vorſicht entfernen, und jen⸗ ſeits der Fluͤſſe Dſchalla und Ilphara ihr Mit⸗ tagseſſen halten, wozu er ihnen alles Noͤthige mitgab; dieſer Befehl, begleitet von einigen Goldſtuͤcken, war ihnen allen ſehr willkommen geweſen. Ilſetilſone ging durch das Haus in den Garten, der Stumme gab ein Zeichen, und bald lagen die bei⸗ den Liebenden einander in den Armen. Fruͤchte und allerlei Erfriſchungen wurden aufgetra⸗ gen. Ilſetilſone beſchaute neugierig die mancherlei Schoͤn⸗ heiten des Gartens und die Einrichtung des Hauſes, wo mehr Geſchmack und Zierlichkeit, als Reichthum zu herr⸗ ſchen ſchien: aber im Innern des Hauſes uͤberraſchte ſie ein Zimmer uͤber das andre durch die ausgeſuchteſte und durchaus ſchicklich angebrachte Pracht. Simuſtapha und Ilſetilſone. 3³⁷ „Meine Prinzeſſinn,“ ſagte Simuſtapha zu ihr, „ihr ſollt ein Gemach betreten, welches noch niemand geſehen hat, und worein ich ſelber nie den Fuß ſetze: es war nur fuͤr eine einzige Perſon beſtimmt, und ich wagte nie, mir zu ſchmeicheln, daß ſie es eines Tages durch ihre Gegenwart verſchoͤnern wuͤrde.“ Dreihundert und neunzehnter Tag. Dieſe Rede verſetzte Ilſetilſone'n in außerordentliche Spannung; ſie war ſchon ſehr uͤberraſcht, bei einem Speiſewirth, ſo viel Reichthum zu finden, und ſollte nun ein noch praͤchtigeres Gemach ſehen, welches fuͤr eine einzige Perſon beſtimmt waͤre, und alles ſagte ihr, daß ſie dieſe eine waͤre. Die Thuͤre ging auf, und es zeigte ſich zuerſt ein Saal, welcher mit mehr Reichthum ausgeſtattet, als in Bagdad irgendwo zu finden war, und zum Em⸗ pfange des maͤchtigſten Koͤnigs gemacht ſchien. Von hier trat man in ein andres praͤchtiges Zimmer, mit Sopha's und Kiſſen von Brokat geſchmuͤckt. Die Prinzeſſinn konnte ſich nicht erwehren, das hoͤchſte Erſtaunen zu bezeugen. Namuna machte große Au⸗ gen; alles was ſie ſah, uͤberraſchte ſie von neuen, ſo daß ſie ganz verſtummte; ſie wagte nicht, etwas . 22 3³⁸ 319. Tag. anzuruͤhren, und ſtand wie verſteinert inmitten ſo vie⸗ ler Reichthuͤmer. „Fuͤr wen iſt denn dieſes Gemach beſtimmt?“ fragt e die Prinzeſſinn. „Es ſoll keiner andern,“ antwortete der verliebte junge Mann,„als der ſchoͤnſten und geliebteſten aller Prinzeſſinnen angehdren.“ „Ah!“ rief ſie aus,„gebe der Himmel und Ma⸗ homed, daß ſie ſich einſt deſſelben erfreuen moͤge!“ Indem ſie dieſes ſagte, machte eine ploͤtzliche Auf⸗ wallung, daß ſie in Ohnmacht ſank: man brachte ſie auf das Sopha, wo ſie bald wieder zu ſich kam. „Wer hat mich hieher gebracht?“ fragte ſie. „Ich bin es.“— „Er iſt es,“ wiederholte Namuna:„alles iſt hier fuͤr euch beſtimmt, gebietet als Sultaninn.“ „Ihr bleibet doch bei mir, Simuſtapha?“ ſagte die Prinzeſſinn. „Derjenige, der euch ſein ganzes Leben gewidmet hat, kann euch keinen Augenblick deſſelben entziehen.“— „Was fuͤr Umſtaͤnde, was fuͤr Redensarten!“ ſprach Namuna, indem ſie ungeſtuͤm das Zimmer erließ„ich werde mit dem Verſchnittenen den Tiſch decken.“. Als die beiden Liebenden allein waren, ſetzte die Leidenſchaft ſie in Entzuͤcken; aber ihre Pflichten blie⸗ ben ihnen vor Augen; die ausdrucksvollſten Reden Simuſtapha und Ilſetilſone. 3³9 wurden mit den zaͤrtlichſten Liebkoſungen verſchmolzen: Betheurungen gegenſeitiger Liebe; Wuͤnſche, den Bund einer ewigen Gluͤckſeligkeit zu knuͤpfen; Vorſtellungen der Schwierigkeiten, welche die Hoffnung darauf zu vereiteln ſchienen; einige durch die Furcht entlockte, durch die Hoffnung bald wieder abgetrocknete Thraͤnen: dieß war der Inhalt des Gemaͤldes, welches Namuna verſchloß. „Mein theurer Simuſtapha,“ ſagte die zaͤrtliche Ilſetilſone,„ihr ſcheint ſo große Reichthuͤmer zu be⸗ ſitzen! ihr ſcheint dazu gemacht, derſelben auf eine edlere Weiſe zu genießen: wer hat euch denn gezwun⸗ gen, euch zu dem Stande herabzulaßen, in welchem ihr lebt?“— „O! meine Prinzeſſinn, ich bin durch eine unwi⸗ derſtehliche Gewalt dazu gezwungen; ihr habe ich mein Leben geweihet, und ihr gelobe ich hier in euren Haͤnden voͤlligen blinden Gehorſam: denken wir gegen⸗ waͤrtig nicht an das Vergangene, ſondern nur an die Zukunft: ich kann nur in der Hoffnung eures Beſitzes leben.“— „Und ich, Simuſtapha, nur in der Gewißheit, euch zu ſehen: aber wie wollen wir dazu gelangen?“— „Dieſe Sorge laßt euch nicht kuͤmmern, meine theure Prinzeſſinn,“ antwortete Simuſtapha; eures Herzens verſichert, iſt es allein meine Sache, die Ruhe und den Beſitz deſſelben zu bewahren: ich werde 540 1 319. T a g. alle Hinderniſſe uͤberwinden, und nur der Tod vermag uns zu trennen.“ In dieſem Augenblick hoͤrte man den Schluͤſſel im Schloſſe ſich drehen; es war Namuna; ganz vergnuͤgt trat ſie herein, und ſagte: „Auf, meine Kinder, der Tiſch ſteht beſetzt; die Stunden verfliegen ſchnell, und wir muͤßen die uns noch uͤbrige Zeit gut anwenden.“ Indem ſie dieſes ſagte, warf ſie einen Blick auf die beiden Liebenden: Simuſtapha, neben ſeiner Ge⸗ behten ſitzend, bedeckte ihre Hand mit Thraͤnen und Kuͤſſen. „Habt ihr nicht abermals,“ ſagte ſie,„eure Zeit mit Weinen verbracht? Ihr ſeid unverbeſſerlich, das ſehe ich wohl: kommt denn, ſchoͤner Celadon! ihr habt eure Sinne in Thraͤnen ertraͤnkt, ihr werdet ſie bei dem bereitſtehenden Mahle wiederfinden.“ Die Liebenden begaben ſich wieder nach der Laube: der Ausdruck ihrer Gefuͤhle mahlte ſich in ihren Au⸗ gen, ihr Mund legte ſie aus; ihre Blicke waren Lieb⸗ koſungen; feines Zuvorkommen und leiſe Aufmerkſam⸗ keit, alles trug das Gepraͤge der zaͤrtlichſten und innigſten Leidenſchaft.— „Vortrefflich!“ ſagte Namuna,„Entzuͤcken und Bewundrung haben die Stelle der Thraͤnen eingenom⸗ men; wohlan, einige Seufzer noch! beſchauet euch in einander; und wenn ihr alles geſagt zu haben Simuſtapha und Ilſetilſone. 341 puͤhnt, ſo bleibt euch noch unendlich viel zu ſagen rig. Die ſchoͤne Ilſetilſone laͤchelte uͤber ihre Hofmeiſte⸗ rinn. Die Liebenden ſtanden auf, und ſuchten die Einſamkeit an den heimlichen Plaͤtzchen des Gartens. „Theurer Simuſtapha,“ ſprach ſie,„die Stunde unſerer Trennung nahet: ich bin euer fuͤr immer; betheuret mir durch einen neuen Eid, daß ihr auch immer nur mir angehoren wollt.“ „Ich rufe den Himmel und den goͤttlichen Pro⸗ pheten deshalb zu Zeugen an!“ antwortete Simu⸗ ſtapha:„empfanget dieſen Ring zum Unterpfande meines Verſprechens! Eher ſoll dieſer Diamant er⸗ weichen, als mein Herz gegen euch ſich veraͤndern!“ Der Glanz und die Schoͤnheit dieſes Diamanks erregten von neuen die Bewundrung und Neugierde der Prinzeſſinn. „Ihr duͤrft mich nicht eher verlaßen,“ ſagte ſie zu ihrem Geliebten,„als bis ihr mir uͤber euer Schickſal Aufklaͤrung gegeben habt, mit welchem das meinige fortan unaufloͤslich verknuͤft iſt: eure Reichthuͤmer ſetzen mich je mehr und mehr in Erſtaunen; dieſer Adel in euerm ganzen Benehmen, dieſer Geiſt, dieſe Anmuth, dieſe Bildung, die Frucht einer ſeltenen Erziehung, alles uͤberraſcht mich hier, und verraͤth eine beſondere Gunſt der Vorſehung gegen euch; noch ſo jung, wie ihr ſeid, von Sklaven umgeben, mitten unter Zer⸗ 342 5 319. Tag. ſtreuungen, welcher Leitung folgt ihr da? und durch welchen wunderlichen Eigenſinn ſeid ihr dazu gebracht, ein euch ſo wenig angemeſſenes Gewerbe zu treiben? Loͤſet meine Zweifel, wenn es moͤglich iſt, und kroͤnet meine Gluͤckſeligkeit durch das Geſtaͤndnis, welches ich von euch fordre.“ „Es iſt wahr,“ antwortete Simuſtapha,„ich ſtehe bier allein, und niemand wacht uͤber mich: aber i hatte vormals einen Lehrmeiſter, der mich in den Wiſſenſchaften und Kuͤnſten unterrichtete; unter ihm lernte ich erkennen und denken, und dieſer ehrwuͤrdige Weiſe pflegte in mir den Keim der Tugenden, worin ich gegenwaͤrtig meinen Ruhm ſetze. Eure Zaͤrtlichkeit darf ſich nicht uͤber meine Huͤlfsquellen, noch uͤber meine Lebensweiſe beunruhigen. Ich bin fremde hier in Bagdad; ich habe noch Aeltern; befraget mich jetzt aber nicht um die Urſache, welche mich gezwun⸗ gen hat, mich von ihnen zu trennen, noch warum ich in dieſem Stande lebe: mein Geheimnis ſoll bald keins mehr fuͤr euch ſein; ich werde derjenigen nichts verbergen, welche ich mehr liebe, als mein Leben, und mit welcher ein heiliges Band mich fuͤr immer verknuͤpfen wird.“ 7 „Ah!l wann wird dieſer gluͤckliche Tag kommen!“ ſagte die Prinzeſſinn mit zaͤrtlicher Beunruhigung. „Das Mittel dazu ſteht in meiner Hand erwie⸗ derte Simuſtapha;„aber die Anwendung deſſelben Simuſtapha und Ilſetilſone. 343 erfordert große Vorſicht, und die Folgen davon koͤnn⸗ ten gefaͤhrlich werden.“— „Ah! mein theurer Simuſtapha, thut es, ganz auf meine Gefahr.“ Indem ſie dieſe Worte ausſprach, kam Namuna, welche ſie aufſuchte, und ſagte zu ihr: „Laßt uns gehen, Gebieterinn, es iſt Zeit, wieder zu eurem Gefolge zu kommen; hier iſt eine heimliche Thuͤre, zu welcher der Stumme mir den Schluͤſſel gegeben hat, durch dieſelbe wollen wir hinausgehen, und mit einem Umwege uns das Anſehen geben, als kaͤmen wir fern her, ſo daß es unmoͤglich iſt, zu er⸗ rathen, wo wir unſre Zeit zugebracht haben.“ Die Liebenden waren gezwungen zu gehorchen. Dreihundert und zwanzigſter Tag. Die Prinzeſſinn kam bald wieder zu einigen Leuten ihres Gefolges: „Was macht ihr hier, ſo weit entfernt von den Augen, welche euch bewachen ſollen?“ ſagte Namuna ſcheltend zu ihnen:„wenn euch ein Ungluͤck zugeſto⸗ ßen waͤre!— Ihr hattet wohl Urſache, Gebieterinn,“ ſagte ſie zu Ilſetilſone,„zu befuͤrchten, daß dieſe Jugend ſich Gefahr ausſetzen wuͤrde.“ 344 K 320. Tag. Die jungen Sklavinnen ſammelten ſich nun wieder um ihre Herrinn, und die Prinzeſſinn kam wieder zu ihrem ganzen Gefolge, ohne daß jemand ſich zu ruͤh⸗ men wagte, daß er ſich von ihr getrennt haͤtte. Harun und Sobeide erwarteten mit einer Art von Ungeduld die Heimkehr ihrer geliebten Tochter; ſobald dem Chalyfen gemeldet wurde, daß ſie in den Palaſt zuruͤckkaͤme, begab er ſich in die Wohnung der Prin⸗ zeſſinn, ſie dort zu empfangen und ſich ſelber der guten Wirkungen des Vergnügens zu erfreuen, wel⸗ ches er ihr verſchafft hatte. Endlich erſchien ſie, und der Chalyf konnte nicht genug die Veraͤnderung ruͤhmen, deren Urheber er ſich waͤhnte; er umarmte ſeine Tochter mit Entzuͤcken, und alles ſchien ſich zu ſeiner Zufriedenheit zu vereinigen: Ilſetilſone, von Liebe und Hoffnung belebt, war ein neues Weſen geworden; und der gluͤckliche Vater eilte, Sobeide'n eine ſo freudige Nachricht zu bringen. „Ich verſah mich nicht,“ ſagte die Prinzeſſinn zu Namuna,„ſo großer Theilnahme von dem Chalyfen; ſeine Zaͤrtlichkeit ruͤhrt mich: ach! wenn er den Ge⸗ genſtand meiner Leidenſchaft wuͤßte!“ „Genug der Wehklagen, ich bitte euch!“ ſagte die Alte,„lebet fuͤr den ſchoͤnen Simuſtapha, und laßt mich nur machen: denket an ihn, ihr ſollt von ihm Nachricht erhalten, und er von euch; aber wei⸗ net nicht mehr, eine wie der andre.“ Simuſtapha und Ilſetilſone. 345 „Ich will alles thun, was du verlangſt, meine Gute,“ ſagte Ilſetilſone,„wenn ich nur die Hoffnung habe, bald meinen Geliebten wiederzuſehen, und wenn du mit mir unaufhoͤrlich von ihm redeſt; dieſe ſuͤßen Thraͤnen, deren Werth du ſo verkennſt, werden ver⸗ ſiegen, ſobald ich ſeiner Beſtaͤndigkeit gewiß bin: ach! wenn er treulos waͤre, ſo hoͤrte ich auf zu leben!“ Zu erfinderiſch ſich zu quaͤlen, kannte die Prinzeſ⸗ ſinn das Herz ihres Geliebten zu wenig. Simuſtapha war nicht ſo bald allein, als er ſich mit den Mitteln beſchaͤftigte ſich des Beſitzes des geliebten Gegenſtan⸗ des ſeiner Liebe zu verſichern: er flog in ſein Zimmer; dort bewahrte er unſchaͤtzbare Geſchenke ſeines Lehr⸗ meiſters, dem er ſeine Erziehung verdankte: wiſſen⸗ ſchaftliche Buͤcher, Vorſchriften zur Anfertigung heil⸗ ſamer Dinge, und unter anderen Seltenheiten auch eine kleine geheimnisvolle Buͤchſe, welche aus einem einzigen koſtbaren Steine beſtand. Dieſe Buͤchſe durfte er nur bei einer Sache von der groͤßten Wichtigkeit oͤffnen, und wenn es ihm unmoͤglich waͤre, den Erfolg einer Angelegenheit, von welcher ſein Gluͤck abhinge, auf natuͤrlichem Wege zu bewirken. Simuſtapha nahm die Buchſe, welche in ein Pa⸗ pier gewickelt war, worauf von der Hand ſeines wei⸗ ſen Lehrmeiſters folgende Vorſchriften ſtanden: „Mein liebes Kind, vergreif dich nicht in der Wahl des Gegeßſtandes welcher dein Gluͤck 546 320. Tag. machen ſoll; pruͤfe ihn wohl in allen Beziehun⸗ gen; mistraue inſonderheit dem Anſcheine. Wenn es dir dereinſt begegnete, daß du eine ſolche Verbindung eingingeſt, mit deren Entbehrung dein Ungluͤck verknuͤpft waͤre; und wenn dabei dein Gewiſſen dir keine Vorwuͤrfe uͤber die Mittel macht, welche du ſchon angewendet haſt, dieſen Gegenſtand deines Troſtes zu erhalten: alsdann nimm deine Zuflucht zu meiner Buͤchſe; ſetze ſie auf deinen Tiſch, waſche dich, verneige dich ehr⸗ erbietig vor ihr, und ſprich zu ihr: „Meine theure Buͤchſe, meine einzige Hoff⸗ nung, gewaͤhre mir deine Huld, im Namen des Freundes, welcher dich mir geſchenkt hat, hilf mir in meiner Nathloſigkeit; ich beſchwoͤre dich, im Namen deiner Gebieterinn!“ Die Buͤchſe wird ſich oͤffnen, und alsdann nimm deine ganze Standhaftigkeit zuſammen, um dich nicht von dem furchtbaren Gegenſtand, der vor dir erſcheinen wird, niederwerfen zu laßen; und wie er auch beſchaffen ſei, gebiete ihm; du wirſt von ihm ſelber vernehmen, was er fuͤr dich zu thun vermag. Aber, mein liebes Kind! dieſes Huͤlfsmittel iſt nicht ohne Gefahr; die ge⸗ ringſte Unvorſichtigkeit kann dir das groͤßte Un⸗ gluͤck zuziehen; ſchwere Pruͤfungen werden darauf folgen; und wenn du ihnen erlaͤgeſt, ſo wuͤrde Simuſtapha und Ilſetilſone. 347 das Geſchenk, welches meine Freundſchaft dir hinterlaͤßt, dir hoͤchſt verderblich werden.“ „O mein theurer Benalab!“ ſagte Muſtapha, nachdem er dieſe Schrift mit Aufmerkſamkeit geleſen hatte, „dein Schuͤler erkennt den ganzen Werth der Guͤtigkeit, welche dich fuͤr ihn beſeelte, indem du ihm dieſen koſtbaren Schatz und dieſe weiſe Vorſchrift hinterließeſt. Als die Flammen der Liebe mein Herz ergriffen hatten, und ich auf Gefahr meines Lebens alle Hinderniſſe beſiegen wollte, da kamſt du mir zu Huͤlfe, mein wuͤrdiger Lehrer! Ich verdanke dir das Gluͤck meiner Tage, du haſt mich dem Gegenſtande meiner Liebe genaͤhert, und ohne dich wuͤrden noch immer unzugaͤngliche Mauern mich davon trennen; waͤre ich in ſie eingedrungen, ſo haͤtte ich das Geſetz des Propheten verletzt, und meine Geliebte verloren, ohne Hoffnung, jemals un⸗ ſere Herzen zu vereinigen. Bisher, mein theurer Benalab, hat dein Geiſt meinen Lebenswandel geleitet; deine Ausſpruͤche ſind meine Vorſchrift geweſen: ſteh deinem Freunde jetzt auch bei; lenke den gefaͤhrlichen Verſuch, den ich nun machen will. Ich ſoll ſchwere Pruͤfungen beſtehen: aber, o mein weiſer Freund! derjenige, der leiden⸗ ſchaftlich entbrannt fuͤr das ſchoͤnſte Meiſterſtuͤck der atur, ſich zu beſiegen und ſich ſelber in ſeiner Liebe zu ehren vermocht hat, iſt doch wohl einiges Ver⸗ trauens wurdig. Seine Maͤßigung und ſein Gluͤck 543 2 12 Pzo. 321. Ta g. ſind dein Werk, und du wirſt ruͤhmlich vollenden, was du begonnen haſt.“ Nach dieſer Anrufung, ſtand Simuſtapha muth⸗ voll auf, nahm die Buͤchſe, riß das keine Siegel da⸗ von ab, und ſprach alle Worte der Beſchwoͤrung, deren Formel er vor Augen hatte, mit Nachdruck aus.... Dreihundert und ein und zwanzigſter Tag. Ploͤtzlich beginnen die Kerzen zu flimmern und kniſtern; ein Getoͤſe, gleich dem dumpfen und maje⸗ ſtaͤtiſchen Donner des heraufziehenden Gewitters, laͤßt ſich vernehmen; die Buͤchſe oͤffnet ſich von ſelber, nichts ſcheint daraus hervorzukommen, indeſſen ver⸗ breitet ſich ein ſchwarzer Dunſt in dem Gemache; er waͤchſt allmaͤhlich, bis eine dicke Wolke den Raum vom Boden bis zur Decke ausfuͤllt. Endlich zertheilt ſich der Dunſt, eine unfoͤrmliche Maſſe erſcheint, und das Auge erſchrickt vor dem An⸗ blick einer eben ſo ſcheußlichen, als furchtbaren Geſtalt. In dem Maaße wie das Geſpenſt deutlicher vortrat, machte der beherzte Simuſtapha ſich vertraut mit ihm: „Wer biſt du? Wer ſendet dich her?“ redete er das Ungethuͤm an. Simuſtapha und Ilſerilſone. 34d „Meine Herrinn ſendet mich,“ antwortete die Schreckgeſtalt;„ich muß den Befehlen Benalabs und ſeines Schuͤtzlings gehorchen.“ „Wer iſt deine Herrinn?“ fuhr Simuſtapha fort; nich befehle dir, mir ihren Namen zu ſagen.“ „Ich kann dir nicht gehorchen, ohne ihre Erlaub⸗ nis,“ antwortete die Geſtalt. „Kehre denn zu ihr zuruͤck,“ ſagte Simuſtapha, „und ſage ihr, daß der Freund des weiſen Benalab in die Fußſtapfen ſeines Lehrers zu treten wuͤnſcht; daß er ſich beſtrebt, durch ſein Betragen, die große Huld zu verdienen, womit ſie ihn beehrt, und den Namen der Macht, welche zu ſeinen Gunſten ins Mittel tritt, zu wiſſen wuͤnſcht, um ihr die ſchuldige Huldigung darzubringen.“ Der Geiſt verſchwand, und war wie ein Blitz wieder da.⸗ „Dein Begehren iſt bewilligt,“ ſagte er:„du biſt der einzige Zoͤgling Benalabs, und er hat dich, wie ſein andres Selbſt empfohlen. Meine Gebieterinn iſt die Koͤniginn der Geiſter: ihr Name iſt Setel⸗ pedur, das heißt Stern der ſieben Meere; ſie ſendet mich wieder her, mit der noͤthigen Macht ausgeruͤſter, all dein Begehren zu erfuͤllen. Und weil meine Geſtalt dir abſchreckend erſcheinen moͤchte, ſo habe ich Befehl von ihr, die is uͤber vermag, * * 32r. Tag. die Geſtalt anzunehmen, welche es dir beliebt, mir zu geben.“ „So nimm,“ ſagte Simuſtapha,„die Geſtalt Dſchemals an, des erſten Sklaven, der zu meinen Dienſten war, und den ich das Ungluͤck gehabt habe zu verlieren.“ „Ich gehorche mit Freuden,“ ſagte der Geiſt. Hierauf zog er ſich in den Hintergrund des Zim⸗ mers zuruͤck, loͤſte ſich von neuen in Dunſt auf und bildete eine Wolke, aus welcher man einen jungen Mann von angenehmer Bildung hervortreten ſah. „Was befehlet ihr nunmehr?“ fragte der Neu⸗ verwandelte;„ich bin euch ergebener, als es Dſche⸗ mal je war; ſo bald ihr meiner Dienſte noͤthig habt, duͤrft ihr nur die Buͤchſe beruͤhren, und mich rufen: ich erwarte eure Befehle.“— „Ich liebe die reizende Ilſetilſone, die Tochter des Chalyfen; ſie erwiedert meine Liebe. Aber darf ich mich mit ihr vereinigen, ohne Einwilligung unſerer Aeltern, und allein unter Beguͤnſtigung der Geiſter⸗ koͤniginn? Eile, Dſchemal, und bedenke, daß mein Gluͤck von der Antwort abhaͤngt, welche ich erwarte.“ Er ſprach's, und Oſchemal verſchwand. Jetzo rief Simuſtapha die weiſen Lehren ſeines Er⸗ ziehers in ſein Gedaͤchtnis zuruͤck: „In der Lage, in welche deine Liebe dich verſetzt hat,“ hatte Benalab zu ihm geſagt,„wird die Huͤlfe Simuſtapha und Ilſetilſone. 352 der Geiſter dir vielleicht nothwendig ſein; aber ver⸗ nachlaͤßige unterdeſſen nicht, auch ſelber an deinem Gluͤcke zu arbeiten; die uͤbernatuͤrliche Huͤlfe wuͤrde dir unnuͤtz werden, wenn du aufhoͤrteſt, an ihrem Erfolge durch alle dir zu Gebote ſtehende Mittel mit⸗ zuwirken. Ich hinterlaße dir Reichthuͤmer, welche deine Beduͤrfniſſe weit uͤberſteigen.“ Simuſtapha beſaß in der That alles was Arabien nur koſtbares hervorbringt; aber es fehlten ihm Frauen, die Prinzeſſinn zu bedienen, und wo waren dergleichen in Bagdad zu finden, die weder Augen, noch Zungen, noch Ohren hatten; die auf den Wink gehorchten, bei Nacht ſtaͤts thaͤtig, und am Tage unſichtbar waren, — ohne die wunderbare Huͤlfe der Buͤchſe, die Dienſte Dſchemals, und die Begüͤnſtigung der Fee? In dieſer Ungewißheit kam Dſchemal zuruͤck, und legte Rechenſchaft von ſeiner Sendung ab: „Unſre Herrſcherinn,“ ſprach der Geiſt,„erkennt in deinem Betragen die Wirkungen der guten Lehren des weiſen Benalab: ſie hat dein Vorhaben uͤberlegt, und du kannſt dich morgen Abend mit der Prinzeſſinn vermaͤhlen, indem ihr die Geſtirne zu Zeugen eurer Vereinigung anrufet; ich habe Befehl mich, mit ſin⸗ kendem Tage, nach dem Palaſte des Chalyfen zu be⸗ geben, dort die Wachen einzuſchlaͤfern, die Prinzeſfinn zu entfuͤhren und ſie hieher zu bringen.“ 352. 321. Tag. „Bor allen Dingen,“ ſagte Simuſtapha,„zeige dich meinen Sklaven als Dſchemal, deſſen Verluſt ſie mich oft bedauern gehoͤrt haben; nimm viere der juͤng⸗ ſten von ihnen mit dir; ſie ſind die einzigen, die Dſchemal gekannt haben koͤnnen; ſie werden dir viele Liebkoſungen erzeigen, laß ſie dir unbefangen gefallen. Hier auf meinem Tiſche findeſt du die Vorſchrift, was du zu thun haſt, den großen Saal meines Hauſes in gehdrigen Stand zu ſetzen. Hier iſt der Schluͤſſel des Schenktiſches in welchem alles Geraͤth verwahrt iſt, deſſen Aufſtellung ich deiner Sorgfalt und Einſicht uͤberlaße; meine vier kleinen Sklaven werden deine Befehle vollziehen. Wenn du aber die meinigen aus⸗ gerichteſt haſt, kannſt du mir auch noch ſolche Frauen verſchaffen, wie ich zur Bedienung der Prinzeſſinn bedarf?“— „Wollt ihr hundert,“ antwortete der Geiſt,„der ſchoͤnſten, welche den Thron der Koͤniginn Setelpedur umgeben? deine Befehle werden ihnen Geſetze ſein.“— „Ihre Guͤte beſchaͤmt mich,“ ſagte Simuſtapha; „ſechs Frauen ſind hinreichend.“ „Ihr ſollt ſie haben,“ ſagte der Geiſt. Der neue Oſchemal ging hin und gab ſich den Skla⸗ ven des Hauſes als ſolchen zu erkennen: die vier jungſten uͤberhaͤuften ihn mit Liebkoſungen; man nimmt an, daß dieſer geſchaͤtzte Diener wieder in ſeine Vorrechte eingeſetzt iſt, und daß er fortan die Befehle Simuſtapha und Ilfetilſone. 35⁵ eines Herrn ertheilt; alle beeifern ſich, ihm zu ge⸗ ehnees Er kuͤndigt ihnen an, daß Simuſtapha die große Wohnung beziehen will, welche niemand von ihnen kannte, und daß er mit den vier kleinen Skla⸗ ven alles dazu noͤthige einrichten werde. 7 Dreihundert und zwei und zwanzigſter Tag. Am folgenden Morgen war Simuſtapha fruͤher auf, als die Sonne, und machte ſich an die Arbeit. Alle Gerichte, welche zu dieſem Feſtmahle beſtimmt waren, ſollten das Werk ſeiner Haͤnde ſein; ſein Ge⸗ ſchmack bezeigte ſich dabei deſto ſtrenger, um den der Geliebten zu reizen und ihm zu ſchmeicheln. Unterdeſſen verrinnen die Stunden, und das Ge⸗ ſtirn des Tages vollendet ſeinen Lauf. Simuſtapha ging ins Bad, und erhoͤhte darnach die Anmuth ſei⸗ ner Geſtalt durch den Glanz eines praͤchtigen Anzugs: Kunſt und Natur verſchoͤnen dieſes Meiſterſtuͤck der Bildung, Verlangen und Liebe beſeelen ſeine Blicke; alles vereint ſich zum Gluͤcke der zaͤrtlichſten Geliebten. ſ Schon verbreitete die Nacht ihre Schatten uͤber Bagdad; Simuſtapha ließ die Kerzen in ſeinen Zimmern anzuͤnden, und die Vorrichtungen eines praͤchtigen Mahles machen, welches zum Voraus 4 V. 8 23 322. Tag. ſchon dem Geruch und den Augen ſchmeichelte. Die vier Sklaven entfernten ſich, auf Oſchemals Befehl; er ſelber ſchien ihnen zu folgen; aber dieſer dienſtbare Geiſt hatte noch andere Verrichtungen: er flog nach dem Palaſte des Chalyfen. Ilſetilſone lag traurig auf ihrem Bette, ohne Nachricht von Simuſtapha; Namuna hatte ihre gute Laune verloren, und legte ſich auch muͤrriſch nieder; die Sklavinnen und Verſchnittenen hatten ſich vorge⸗ nommen, die Nacht froͤhlich zuzubringen: aber auf einmal wurden alle in Schlaͤfrigkeit verſenkt, das Wort erſtarb ihnen auf den Lippen, ihre wankenden Fuͤße hielten ſie nicht mehr aufrecht, und die Polſter wurden von der Laſt ihrer Leiber erdruͤckt. Die Ver⸗ ſchnittenen der Wache wurden eben ſo eingeſchlaͤfert, und die Macht der Fee verbreitete uͤber den ganzen Palaſt einen Zauberſchlaf. Sobald der Gott des Schlafs ſeine Mohnhaͤupter uͤber Alle geſchuͤttelt hatte, hub der gewaltige Diener Setelpedurs, gehorſam Simuſtapha's Befehlen, die Prinzeſſinn auf, und brachte ſie ohne Geraͤuſch in das fuͤr ſie bereitete Zimmer. Das Flackern der Lichter, uͤber welche auf einmal ein ſtarker Wind hinwehte, verkuͤndigte die Ankunft des Geiſtes. Die Prinzeſſinn wurde auf das Hochzeit⸗ bette hingelegt, und Oſchemal, der ſich wieder ſicht⸗ bar gemacht hatte, ſprach zu Simuſtapha: Simuſtapha und Ilſetilſone. 353 „Herr, deine Befehle ſind erfuͤllt: verlangſt du ſonſt noch etwas von deinem Sklaven?“— „Wo ſind die zur Bedienung der Prinzeſſinn be⸗ ſtimmten Frauen?“ „Alles iſt bereit,“ antwortete der Geiſt,„und wenn eure Hoheit ſich die Muͤhe geben will, in das naͤchſte Zimmer zu treten, ſo werden ſie nicht ſaͤumen, zu erſcheinen.“ Er ſprach's, und Simuſtapha folgte. Augenblick⸗ lich ſpruͤhet eine Feuerkugel Lichtſtrahlen aus, welche das Auge blenden; allmaͤhlich mildert ſich der Glanz, und an ſeiner Stelle erſcheinen ſieben Fraͤulein, deren Schoͤnheit dem Reichthum ihrer Kleider gleich iſt; jede trug ein Muſikinſtrument in der Hand. Ehe man dieſe reizende Erſcheinung noch naͤher betrachten konnte, verneigten ſich alle vor Simuſtapha. Er befahl Dſchemal dieſe neuen Dienerinnen zu den noͤthigen Verrichtungen anzuweiſen, ging wieder in das Zimmer, wo die Prinzeſſinn noch ſchlief, und ſchloß die Thuͤre hinter ſich zu. Er naͤherte ſich nun dem Gegenſtande, deſſen Beſitz alle Wuͤnſche ſeines Herzens befriedigen ſollte. Oh! wie wuͤrdig erſchien ſie aller der Opfer, welche er fuͤr ihren Beſitz dargebracht hatte! Der junge Fuͤrſt war ſo in Liebe entbrannt, daß er gern den Gegenſtand derſelben geweckt haͤtte: aber die Ruhe und die Gluͤckſeligkeit, welche ſich in ihren Zuͤgen 322. Tag. malten, hielten ihn ab, einen ſo ſuͤßen Schlummer zu unterbrechen. „Ach!“ ſagte Simuſtapha,„ich werde ſie vieb⸗ leicht niemals ſo gluͤcklich machen, wie ſie es im Traume ſein mag!“ Indeſſen riß ihn die Macht der Leidenſchaft hin, er wagte einen Kuß auf ihre Roſenlippen: der Liebes⸗ zauber loͤſte die Bezauberung des Geiſtes, und Ilſetil⸗ ſone ſchlug ihre ſchoͤnen Augen auf. „Ah! welch ein entzuͤckender Traum!“ rief ſie aus. „Es iſt kein Traum,“ ſagte der liebevolle Simu⸗ ſtapha;„ihr ſeid bei demjenigen, der in wenigen Au⸗ genblicken euer Gemahl ſein wird.“ „Mein Gemahl!“ wiederholte Ilſetilſone, erſtaunt aͤber dieſe Bezauberung:„durch welche außerordentliche Beguͤnſtigung?“— „Beruhiget euch, o Koͤniginn meiner Seele! ein Ausſpruch des Himmels beſtimmt uns fuͤr einander. Eine euch unbekannte Macht, welche auch mir faſt unbekannt iſt, vereinigt uns heute, und fuͤr unſer ganzes Leben: aber, bevor wir dieſes feierliche Buͤnd⸗ nis eingehen, vernehmet noch Simuſtapha's Herkunft, und ſehet hier vor euch den Erben des großen Hil⸗ mar, Beherrſchers von Indien.“ Mit dieſen Worten nahm Simuſtapha ſeinen Tur⸗ ban ab, und zeigte ihr ein mit Perlen und Edelſteinen Simuſtapha und Ilſetilſone. 357 geſchmuͤcktes Band, uͤber welchen ein Diamant blen⸗ dend hervorſtrahlte; auf der Faſſung dieſes Diamants ſtanden folgende Worte eingegraben: „Geſchenk des Chalyfen Harun⸗Alraſchid an ſeinen geliebten Simuſtapha, Sohn ſeines Bru⸗ ders Hilmar, des großen Koͤnigs von Indien.“ Welche Entdeckung fuͤr die zaͤrtliche Ilſetilſone! Wenn ihre Liebe auch keiner Erhdhung faͤhig war, ſo ward ſie nun doch ſtolz auf ihre Wahl; Hoheit und Ehre vollendeten ein Gluͤck, welches nur von der Liebe abzuhangen ſchien. Simuſtapha ſeinerſeits genoß des Vergnuͤgens, ſie ſo uͤberraſchend aus einer Taͤuſchung gezogen zu haben, welche ſeine Verkleidung zu beſtaͤtigen ſchien. „Aber warum,“ fragte ſie jetzt,„habt ihr euch zu dem Stande herabgelaßen, in welchem ihr hier in Bagdad erſcheint?“ „Die Liebe ſoll euch davon Rechenſchaft geben,“ antwortete der Prinz;„gegenwaͤrtig,“ fuͤgte er hinzu, „duͤrfen wir nur noch die himmliſchen Weſen zu Zeu⸗ gen unſrer Vereinigung anrufen, bis unſere Aeltern ſie durch ihre Zuſtimmung beſtaͤtigen.“ „Moͤgen Mahomed, die Geſtirne, und der Stern der ſieben Meere,“ ſprachen beide zugleich, indem ſie die Arme uͤber die Bruſt kreuzten,„die Buͤrgen unſe⸗ rer Eide ſein! Moͤge euer himmliſcher Einfluß ſich von uns abwenden, wenn wir jemals die heiligen 5⁵⁸ 322. 323. T g g. Verpflichtungen brechen, welche wir heute einge⸗ 17. 1 Urploͤtzlich antwortete der Himmel auf dieſe Anru⸗ fung durch einen Donnerſchlag; eine unſichtbare Hand verbreitete Dunkelheit, die Kerzen erlaſchen, und die beiden Liebenden waren allein. Dreihundert und drei und zwanzigſter Tag. Das Schweigen hatte mit der Dunkelheit ziemlich lange geherrſcht, bis endlich Ilſetilſone, neugierig, die Geſchichte ihres Geliebten umſtaͤndlicher zu verneh⸗ men, ihn um die Gruͤnde befragte, welche ihn bewo⸗ gen hatten, ſeine erlauchte Abkunft zu verbergen; da beider Aeltern ſchon durch Freundſchaft und durch Staatsverhaͤltniſſe verbunden waren, ſo ſchien ihr, daß dieſe vereinten Umſtaͤnde eine ſo vortheilhafte Verbindung beguͤnſtigen muͤßten. „Unſer Rang,“ antwortete Simuſtapha,„ent⸗ fernte uns weit mehr, als du denkſt; vielleicht war unter allen den Fuͤrſten, denen deine Hand verſagt wurde, nicht einer, mit dem eine Verbindung deinem Vater in aller Hinſicht ſo angemeſſen geweſen, als die mit uns, welche durch die Bande einer alten und beſtaͤndigen Freundſchaft vorbereitet war. Unſer Ge⸗ ſchlecht iſt noch in den Irrthuͤmern des Goͤtzendienſtes Simuſtapha und Ilſetilſone. 359 geboren, aber, Dank den eifrigen Bemuͤhungen Haruns, des Statthalters Gottes und rechten Arms ſeines großen Propheten auf Erden, wir ſind zur Erkenntnis der Wahrheit zuruͤckgefuͤhrt, durch die Leſung und das Verſtaͤndnis des goͤttlichen Korans. Dieſer weiſe Beherrſcher der Glaͤubigen hat ſtaͤts wie ein guter Vater uͤber uns gewacht; der Koͤnig Hilmar, mein Vater, unterhielt ſich mit meiner Mutter unaufhoͤrlich uͤber deſſen Gefaͤlligkeit gegen uns, und ſeine Anhaͤnglichkeit an ihn: „Er hat eine ſo ſchoͤne Tochter!“ ſagten meine Aeltern:„ah! wenn er uns doch die reizende Ilſetil⸗ ſone zur Schwiegertochter gewaͤhren wollte! Aber andere Herrſcher haben ſchon vergeblich um ſie ange⸗ halten; er liebt ſie zu zaͤrtlich, und wird niemals in eine Verbindung willigen, welche ſie von ihm ent⸗ fernet.“ Dieſe Geſpraͤche machten tiefen Eindruck auf mich; ich war fortan allein mit dir beſchaͤftigt. Mein Vater hatte einen Perſiſchen Weltweiſen, namens Benalab, an ſeinen Hof gezogen; dieſem war meine Erziehung anvertraut, und er pflegte in meinem Herzen den Keim der Tugend, waͤhrend er zugleich meinen Geiſt mit ſeltenen Kenntniſſen ſchmuͤckte, wo⸗ mit er ausgeruͤſtet war. Benalab entfernte ſich von Zeit zu Zeit zu Nach⸗ forſchungen fuͤr die großen wiſſenſchaftlichen Arbeiten, 360 323. Tag. mit welchen er beſchaͤftigt war. Einſt war er abwe⸗ ſend, Kraͤuter auf den Armeniſchen Bergen zu ſuchen. Meine Aeltern hoͤrten nicht auf, deine Reize und Faͤ⸗ higkeiten zu ruͤhmen, und die Unmoͤglichkeit zu bedau⸗ ern, welche ſie vorausſahen, eine ſo paſſende Ver⸗ bindung zu bewirken; zugleich dachten ſie darauf, mir eine andre Gattinn zu verſchaffen. Ich begab mich in unglaublicher Unruhe in mein Zimmer. Kaum hatte ich mich niedergelegt und war in tiefen Schlaf verſun⸗ ken, als du mir in einem Traume erſchienſt, ganz ſo, wie ich dich zum erſtenmal in der Wirklichkeit ſah: mein Traum verſchwand, und ich erwachte; aber eine unbekannte Stimme rief mir ganz deutlich deinen Namen zu. Du kannſt, meine geliebte Ilſetilſone, aus dem Zuſtand, in welchem ich mich befand, und aus den Unternehmungen, zu welchen die Liebe mich begeiſtert hat, die Gewalt ermeſſen, welche dein Bild uͤber mich gewann. Ich wagte nicht, meine Leidenſchaft zu geſtehen, und uͤberließ mich derſelben ohne Ruͤck⸗ halt, ohne Huͤlfe; ſie warf mich bald darnieder, ver⸗ geblich erſchoͤpften die Aerzte ihre Kunſt, und ich war auf dem Wege, dem Siechthum zu erliegen, welches mich verzehrte. 3 Da kam Benalab aus Armenien zuruͤck; er be⸗ fragte und beobachtete mich; und nachdem er uͤber Simuſtapha und Ilfetilſone. 36² die Beſchaffenheit meiner Krankheit nachgedacht hatte, naͤherte er ſich mir, und fluͤſterte mir ins Ohr: „Theurer Prinz, ich kenne eure Krankheit vollkom⸗ men: Ilſetilſone iſt die Urſache derſelben.“ Bei dieſen Worten uͤberzog eine ploͤtzliche Roͤthe meine Wangen: „Beruhiget euch,“ ſprach mein Lehrer zu mir; „euer Uebel iſt nicht unheilbar; faſſet wieder Muth. Ihr ſeid beide fuͤr einander geſchaffen: uͤberlaßet mir die Leitung; ich will euch in den Stand ſetzen, ſie nach Gefallen zu ſehen und ihre Hand zu erhalten.“ Die Hoffnung ermunterte meine Kraͤfte wieder, und ich ſchien ein neues Leben zu beginnen. Benalab ſchlug eine Seereiſe vor, als zu meiner Geneſung noͤthig; er ließ ein Fahrzeug ausruͤſten, deſſen Leitung er ſelber uͤbernahm. Um meine Aeltern uͤber dieſe Entfernung zu troͤſten, zeigte Benalab ihnen einen faſt verdorrten Roſenſtock, nahm eine Schaufel, haͤufte damit Sand und Erde auf, vermiſchte beides, und bedeckte damit den Fuß des Roſenſtrauchs, goß dann auf denſelben einige Tropfen eines Elixirs, welches er in ſeiner Taſche trug, und ſprach zu meinen Aeltern: „Dieſer Buſch wird wieder gruͤnen; je mehr er ſich mit Blaͤttern und Blumen bedeckt, je mehr duͤrft ihr euch der Geneſung eures Sohnes gekroͤſten. Hier wuͤrde er von dem Todesengel getroffen werden; 362— 323. Ta g. anderswo wird er am Leben bleiben: ſetzet Vertrauen in Benalab.“— d Der Roſenbuſch fing wieder an zu gruͤnen. Bena⸗ lab, jetzo mein Hofmeiſter, konnte aus dem Schatze meines Vaters alles nehmen, was er fuͤr noͤthig hielt; er fuͤgte dazu ſeine eigenen Schaͤtze, von welchen du ſchon einige Stuͤcke bewundert haſt. Wir ſchifften uns ein, landeten an den Kuͤſten der Staaten deines Va⸗ ters, und kamen nach Baßra, wo wir uns einige Zeit aufhielten. Sobald wir den Fuß ans Land geſetzt hatten, ſchickte Benalab mit dem Schiffe, welches uns herge⸗ bracht hatte, alle unſere Indiſchen Sklaven zuruͤck; ſo blieben wir in Baßra, und uͤberlegten, auf welche Weiſe ich unbekannt zu Bagdad leben, und welches Gewerbe mich in den Stand ſetzen koͤnnte, dich zu ſehen und dir bekannt zu werden, ohne meinen Rang und Stand zu entdecken: wenn wir nur in Baßra geſchickte Koͤche kauften, ſo waren wir wohl gewiß, vermittelſt Benalabs Elixire den Speiſen einen ſo koͤſt⸗ lichen Geſchmack zu geben, welcher uns zum voraus einen fuͤr unſere Abſicht noͤthigen Zuſpruch und Vor⸗ zug verſicherte. Laß uns gegenwaͤrtig dem Entwurfe des weiſen Benalab Gerechtigkeit widerfahren: ein Gahrkoch machte in der Stadt Bagdad bald mehr Aufſehn, als ein großer Mann von irgend einem andern Stande Simuſtapha und Ilſetilſone. 363 gethan haͤtte; ich ſah unſern Ruf mit jedem Tage wachſen, und die Hoffnung, nachdem ich fuͤr die wichtigſten Leute im Staate gearbeitet hatte, auch zu Haruns und deiner Bedienung zu gelangen, ſtieg, als ih das Ungluͤck hatte, meinen weiſen Lehrer zu ver⸗ jeren.— Mit ihm war auch die Hoffnung entflohen, waͤre nicht Namuna, welche mir unbekannt zu ſein waͤhnte, von ſelber gekommen, und haͤtte mir gluͤcklicherweiſe die Mittel dargeboten, welche mich dir genaͤhert haben.“ Dreihundert und vier und zwanzigſter Tag. Waͤhrend dieſer ganzen Erzaͤhlung Simuſtapha's, konnte Ilſetilſone kaum athmen und haͤtte ihn nicht zu unterbrechen vermocht. 1 „Alſo,“ ſagte ſie jetzt,„iſt unſre Vereinigung ein⸗ zig das Werk der Liebe und die Fuͤgung des großen Propheten! Ah! wie ſuͤß iſt es, die Erfüͤllung einer ſolchen Beſtimmung zu erleben! Aber erklaͤre mir, wie ich, im Palaſte meines Vaters eingeſchlafen, mich nun hier in deinen Armen finde? Wie lebhaft auch die Gefuͤhle ſind, welche mich durchdringen, doch fuͤrchte ich immer noch, alles ſei nur ein Traum⸗ geſicht, ſo außerordentlich erſcheint es mir.“ 524. Tag. Hiierauf erzaͤhlte Simuſtapha der Prinzeſſinn, welche Dienſte ihm die Buͤchſe Benalabs geleiſtet hatte, und verbreitete ſich uͤber die Huͤlfe, welche er noch in der Folge von ihr erwartete. Die Nacht hatte nun die Haͤlfte ihres Laufs zu⸗ ruckgelegt, als, auf ein von dem Indiſchen Prinzen mit dem Geiſte verabredetes Zeichen, dieſer in einem Augenblick alle Kerzen wieder angezuͤndet hatte; zu gleicher Zeit oͤffnete ſich die Thuͤre nach dem Saale, und ein Geſang der lieblichſten Stimmen ließ ſich hoͤren. „Welches neue Wunder iſt dieß?“ fragte die Minzeſſinn. „Es ſind deine Sklavinnen, die mein Gluͤck feiern,“ antwortete Simuſtapha. „Meine Sklavinnen ſollten auch hier ſein, und ekwas davon wiſſen?“— „Die hier gegenwaͤrtigen ſind dir unbekannt, und koͤnnen dich nicht verrathen.“ Ilſetilſone ſtand nun auf; ſie fand ein praͤchtiges Kleid zur Hand, und legte es an. Simuſtapha fuͤhrte ſie in den Saal, wo ein koͤſtliches Mahl bereit ſtand. Die ſechs Sklavinnen warfen ſich vor der Prinzeſſinn nieder, und waren bemuͤht, ſie zu bedienen. Sie hatte ſeit ihrer letzten Wanderung in Bagdad alle Eß⸗ luſt verloren: aber hier war alles von der Hand ihres Geliebten bereitet, und es ward ihr nicht ſchwer, dem Mahl Ehre anzuthun. Muſik und Tanz verſchoͤnten Simuſtapha und Ilſetilſone. 363 dieſes Feſt, und die Sklavinnen boten alles auf, das Vergnuͤgen der gluͤcklichen Gatten zu erhoͤhen. Die Prinzeſſinn bedurfte bald wieder der Ruhe. Simuſta⸗ pha fuͤhrte ſie in das Brautgemach zuruͤck: die Thuͤre ſchließt ſich und die Lichter verloͤſchen von neuen. Beide ſchliefen noch, als der Geiſt, durch den Hahnenruf an die Wiederkehr der Morgenroͤthe ge⸗ mahnt, erſchien, die Prinzeſſinn aufhub, und ſie in den Palaſt des Chalyfen zuruͤckbrachte. Nachdem er ſie, waͤhrend ſie eines wohlthaͤtigen Schlummers ge⸗ noß, wieder eben ſo hingelegt hatte, loͤſte er den Zauber, welcher noch alle Leute dort in Schlaf ver⸗ ſenkt hielt; jeder Stand von der Stelle auf, wo er ſich fand, und ging hin, in einer bequemeren Lage auszuſchlafen. Die Sonne hatte ſchon einen Theil ihres Laufs vollbracht und Ilſetilſone ſchlief noch. Die alte Hof⸗ meiſterinn hatte ſchon dreimal hinter die Vorhaͤnge geblickt, und ſagte leiſe: „Ich wage es nicht, ihren ſuͤßen Schlummer zu unterbrechen: ſchlaf, mein holder Engel!“ Endlich gingen die beiden Sterne, welche den Le⸗ benslauf des Prinzen von Indien beherrſchten, in ſhem vollen Glanze auf. Namuna naͤherte ſich, und agte: 1 e 366 523. Ta g. „Wie ſtrahlet ihr heute, meine ſchoͤne Prinzeſſinn! habt ihr in Roſen geſchlafen, daß ihr noch ſchoͤner erwachet, als die Morgenroͤthe?“ „Ich habe einen himmliſchen Traum gehabt.“— „Ihr habt Simuſtapha geſehen?— „Ja, ich habe ihn geſehen, und recht nach meis nem Gefallen.“ „War er eben ſo beſcheiden, wie gewoͤhnlich?“— „Nicht ſo ganz.“— „Deſto beſſer fuͤr euch, meine Prinzeſſinn; ihr werdet heute doch gut zu Mittag eſſen? Ich gehe hin, euch von Simuſtapha eine Schuͤſſel zu holen.“ Ddie Alte eilte zu dem Speiſewirth.„Ich bin nicht ſo gluͤcklich,“ murmelte ſie fuͤr ſich zwiſchen den Zaͤhnen,„ſo ſchoͤn zu traͤumen; was iſt es doch fuͤr ein ander Ding, wenn man jung iſt!— Hurtig, hurtig!“ ſagte ſie als ſie hinkam:„eure Prinzeſſinn hat die ganze Nacht geſchlafen, und an euch gedacht; jetzo hat ſie Eßluſt, gebet mir etwas fuͤr ſie.“ Simuſtapha ſah, daß Namuna von nichts wußte, und ſagte:. 8 „Da, nehmet dieſe Schuͤſſeln, meine Gute, und ſaget eurer reizenden Gebieterinn, daß ſie zu Mittage, nicht viel eſſen ſoll; es wird ihr dieſen Abend deſto beſſer ſchmecken.“ Simuſtapha und Ilſetilſone. 36) Die Alte wollte ſich in ein laͤngeres Geſpraͤch ein⸗ laßen, aber Simuſtapha entſchuldigte ſich hoͤflich, und entließ ſie. So ſtanden hier die Sachen, als Dſchemal durch eine Wolke zu den himmliſchen Gegenden entruͤckt wurde. Er kam, von den Ereigniſſen der vergangenen Nacht Bericht abzuſtatten. Sobald Setelpedur ihn erblickte, ſprach ſie zu ihm: „Rede, Koſſak, haſt du meine Befehle zu Gun⸗ ſten des Zoͤglings Benalabs ausgefuͤhrt?“ „Große Koͤniginn,“ antwortete Koſſak,„ich habe allen Eifer und alle moͤgliche Behutſamkeit dabei ange⸗ wendet.“ „Erinnere dich,“ fuhr die Fee fork, warum du in die Buͤchſe verſperrt worden, und der ſcheußlichen Geſtalt, welche du darin erhalten haſt, ſo wie der Gruͤnde einer ſo gerechten Strafe. Zeige dich fortan getreu, und rede die Wahrheit. Sind die jungen Koͤ⸗ nigskinder vermaͤhlt, und was denkſt du von ihrer Vereinigung?“—— „Die Vermaͤhlung iſt vollzogen. Nichts gleicht den Tugenden und der Schoͤnheit dieſes gluͤckſeligen Paares; und es waͤre unmoglich, ein aͤhnliches im ganzen Dſchinniſtan) zu finden: ihr ſeht mich von Bewundrung deſſelben erfuͤllt. *) Das Reich der Dſchinnen, Genien, Geiſter. 358 7 324. T a g. Wenn Ilſetilſone durch ihren Glanz alle Sterne des Himmels verdunkelt, ſo iſt Simuſtapha der Sonne zu vergleichen. Aber was beide vor allen auszeichnet, ſind die edelen Eigenſchaften des Herzens und des Geiſtes, welche ſie im hoͤchſten Maaße verbinden.“ „Du kannteſt das Gute, Koſſak,“ verſetzte die Koͤniginn,„bewundre es nun, um es endlich lieben zu lernen. Ich empfehle dir dieſe beiden Gatten, diene ihnen treulich. Ich will ſie dieſe Nacht ſehen, du ſollſt ſie mir, ſo bald ſie in ſuͤßen Schlaf geſun⸗ ken ſind, hieherbringen; und bis ich deine Auffuͤhrung gepruͤft habe, erlaube ich dir, dich kuͤnftig unter der Geſtalt und dem Namen Dſchemals zu zeigen, welche du von Benalabs Zoͤgling empfangen haſt.“ Der Geiſt entfernte ſich vergnuͤgt. Setelpedur aber war beunruhigt:„Wie!“ ſagte ſie,„Unſchuld und Liebe ſind in meinem Reiche ſo ſelten, und auf Erden findet man ſie? ich kann es nicht glauben!... Wie verlangt mich, dieſen ſo ſchoͤnen, ſo tugendhaften, ſo efuͤhlvollen Sterblichen zu ſehen!... Wie gluͤcklich iſt Il⸗ etilſone, eine Seele, wie die ſeinige, gefunden zu haben!“ So ſprach die Geiſterkoͤniginn: ſie hatte bis daher ihre Freiheit bewahrt; der bloße Gedanke an einen Sterblichen ſetzte ſie ſchon dem Untergange aus. Sie begab ſich in dieſe Gefahr, als Oſchemal den zuletzt von ihr empfangenen Befehl ausfuͤhrte. Simuſtapha und Ilfetilfone. 369 Dreihundert und fuͤnf und zwanzigſter Tag. Ilſetilſone hatte aus Namuna's Botſchaft vollkom⸗ men verſtanden, daß ſie noch denſelben Abend eine Zuſammenkunft mit ihrem Geliebten haben ſollte. Die Nacht, mehr erſehnt als der ſchoͤnſte Tag, kam heran; die Schoͤne begab ſich zur Ruhe, um ſich einer Er⸗ wartung zu freuen, welche keine Taͤuſchung befuͤrch⸗ tet. Bald verbreitete ſich der einſchlaͤfernde Dunſt um ſie her; ſie bemerkte die Annaͤherung deſſelben, und wuͤnſchte die Wirkung herbei. Der ganze Palaſt war bald von neuen in Schlaf verſunken, Dſchemal er⸗ ſchien, und entfuͤhrte die Prinzeſſinn zu ihrem Gat⸗ ten, wo alles zu ihrem Empfange bereit war. Die Speiſen waren aufgetragen, das Konzert begann, und eine noch praͤchtigere Bekleidung ſchmuͤckte das Gemach: aber was vermag glaͤnzender Aufwand und ſeine Erfindungen der Wonne hinzuzufuͤgen, welche aus der Hingebung zweier liebevoller Herzen entſpringt? Da beide vor Liebe geſtorben waͤren, wenn ſie haͤtten verzweifeln muͤßen, jemals vereint zu wer⸗ den, ſo begreift man, daß ſie gegenwaͤrtig ohne ſo viel Anſtalten leben konnten.. Die Stunde der Ruhe war gekommen: Simuſta⸗ pha lud die Prinzeſſinn zaͤrtlich ein, ſich ihr hinzu⸗ V. 247 370 325. Ta g. geben, und die jungen Sklavinnen ſetzten alles dazu in Bereitſchaft. Viele Leute bilden ſich ein, daß die Naͤchte der allein durch die Liebe vereinten Gatten ſich alle glei⸗ chen muͤßen: die jetzo beginnende kann aber das Ge⸗ gentheil beweiſen. Kaum lag Simuſtapha mit der Prinzeſſinn auf dem Kiſſen, als der Geiſt ſie in tiefen Schlaf verſenkte, und ſie nach dem Palaſt der Geiſterkoͤniginn brachte. Setelpedur erwartete ſie mit Ungeduld; ſie ließ beide auf zwei praͤchtige Sopha's legen. Zuerſt zog Ilſetilſone ihre Aufmerkſamkeit an; ſie wollte ſehen, ob ihre Schoͤnheit voͤllig den Lobeserhebungen ent⸗ ſpraͤche, welche man von ihr gemacht hatte, und fand nichts, daß nicht Oſchemals Preis weit uͤber⸗ troffen haͤtte. Als ſie hierauf aber anfing, Simuſtapha zu be⸗ trachten, ſo war ſie uͤberzeugt, daß nichts auf Erden mit ihm zu vergleichen und ſeiner wuͤrdig waͤre. Waͤhrend ſie nur waͤhnte, ſich der Bewundrung hin⸗ zugeben, ließ ſie ſich bald viel weiter verleiten; und indem ſie ſich ſelber die Bewegung verhehlte, in welche ſie verſetzt war,— um den Geiſtern ihres Hofes die unwiderſtehliche Neigung zu verbergen, welche ſie zu einem der beiden Geliebten hinzog, rief ſie aus:— — Simuſtapha und Ilſetilſone. 371 „Oh! ſchoͤnſter der Sterblichen! wie gluͤcklich ſchaͤtze ich mich, fuͤr dich meine Macht angewendet zu haben!“ Mit dieſen Worten druͤckte ſie zwei Kuͤſſe auf Il⸗ ſetilſonens Lippen, um berechtigt zu ſein, eben ſo viele, noch zaͤrtlichere Simuſtapha's Lippen zu rauben. Die Koͤniginn der Geiſter erfuhr was ihresgleichen begegnet, wenn ſie ſich zu ſehr dem gefaͤhrlichen Lei⸗ men dieſer Erde naͤhern: Setelpedur ward ein Raub der Verwuͤſtungen ihres eigenen Elements. Aber dieſe Wirkung hatte noch nicht ihr fuͤr ihre Nebenbuhlerinn gefaßtes Wohlwollen verloͤſcht, deren Gluͤck gemacht zu haben ſie gleichwohl bald bereuen ſollte. Sie band ihr ein Halsband von außerordentlicher Pracht um den Hals, und ſteckte ihr einen Ring an den Finger, deſſen Diamant eben ſo viel Feuer ausſtrahlte, wie ein Karfunkel; und was den Werth dieſes Kleinods noch erhoͤhte, waren die in den Ring eingegrabenen Namen der beiden Gatten. Sie wand hierauf in die Haarflechten des Prinzen eine Diamantenkette und ſteckte ihm einen noch ſchoͤ⸗ nern Ring an den Finger, als jener, den ſie der Prinzeſſinn gegeben hatte: fuͤr beide ließ ſie zwei Kleider bringen, deren Beſatz aus Rubienen, Saphie⸗ ren, und Smaragden ſo kunſtreich zuſammengewirkt war, daß ſie die Mannigfaltigkeit der Blumen nach⸗ bildeten. 372— 3²5. Tag. Als ſie ihren Reichthum und ihre Huld genugſam dargethan hatte, war ſie darauf bedacht, die Beloh⸗ nung dafuͤr auf den Lippen des ſchoͤnen Simuſtapha zu ſuchen. Nachdem ſie ſo ihre Neugier und einen Theil ihres Verlangens befriedigt hatte, rief ſie wie⸗ der den Geiſt herbei. eerieſ „Oſchemal,“ ſprach ſie zu ihm,„laß dir durch andere Geiſter helfen, und bringe dieſe Gatten auf demſelben Sopha, den du hier ſiehſt, in das Gemach zuruͤck, woher du ſie entfuͤhrt haſt; den Sopha, wor⸗ auf ſie zuvor gelegen haben, mußt du anderswohin ſchaffen; lege dieſe beiden Kleider vor ihnen hin, und beobachte ſie bis ſie erwachen, um mir darnach von allem Bericht abzuſtatten, was vorgegangen iſt.“Ä“ Der Geiſt gehorchte, und brachte die Gatten wie⸗ der nach Bagdad in das Gemach des Prinzen von Indien; er verdoppelte den Glanz der Lichter, und hub die Wirkung des Zauberſchlafs auf. Simuſtapha und Ilſetilſone öffneten die Augen, und wurden beide von dem Glanz ihres Schmuckes geblendet, und die Pracht ihrer ganzen Umgebung er⸗ fuͤllte ſie mit Bewundrung. Simuſtapha ergriff die Buͤchſe; der Geiſt erſchien auf ſeinen Befelll. 1 „Sprich, Dſchemal, ich befehle es dir! woher koͤmmt dieſer uͤberſchwaͤngliche Reichthum?“ Simuſtapha und Ilſetilſone. 373 „Von der Hand, welche eure Verbindung beguͤn⸗ ſtigt hat,“ antwortete der Geiſt. G „Bezeug' ihr morgen,“ ſagte der Prinz,„unſre Erkenntlichkeit:„wenn zwei dem Willen der Koͤniginn gaͤnzlich ergebene Herzen ihr Gluͤck erhoͤhen koͤnnen, ſo bring' ihr die Huldigungen der unſrigen.“ Dſchemal verſchwand, und unſere Liebenden entle⸗ digten ſich bald des Schmuckes der ihnen beſchwerlich war: die gluͤckliche Liebe verlangt Bequemlichkeit. Simuſtapha ſah in der Aufmerkſamkeit der Geiſterkoͤ⸗ niginn nur ihre Geneigtheit, ihnen bei dem Chalyfen behuͤlflich zu ſein, daß er ihre Verbindung genehmigte: bald vergaßen beide, viel angenehmer beſchaͤftigt, aller ihrer Reichthuͤmer, und die uͤbrige Nacht verfloß unter gluͤckſeligen Zerſtreuungen. 1 Dreihundert und ſechs und zwanzigſter Tag. Als die Morgenſtunde kam, bezeugte Ilſetilſone ihrem Geliebten, daß es ihr großes Vergnuͤgen gewaͤh⸗ ſen wuͤrde, ihn in dem Kleide ſeiner Beſchuͤtzerinn zu ehen. „Ich gehorche, Licht meines Lebens,“ antwortete der Prinz;„ich bedarf alles, um dir zu gefallen: nichts dagegen ſoll hier meinen Augen die Reize ver⸗ huͤllen, deren Beſitz mich hinreißt und entzuͤckt.“ 4 326. Tag. Simuſtapha zog hierauf ſein praͤchtiges Kleid an. Ilſetilſone erfreute ſich des Anblicks dieſes Putzes. „Der meinige,“ ſagte ſie,„iſt mir gegenwaͤrtig unnuͤtz; wenn ich dieſen Staat im Palaſte meines Vaters zur Schau truͤge, wuͤrde ich eine Neugier er⸗ regen, welche ich unmoͤglich befriedigen koͤnnte.“ Indem ſie dieſe Worte ausſprach, beſchlichen ſie die Vorlaͤufer des Schlafs. Simuſtapha empfand die⸗ ſelbe Wirkung, und hatte kaum noch Zeit, ſich auf ein Sopha hinzuwerfen, ohne ſich ſeiner Kleidung zu entledigen. Die Prinzeſſinn ſchlief ſchon, und der Geiſt brachte ſie in den Palaſt des Chalyfen zuruͤck. Hierauf flog Dſchemal zu Setelpedur, und erſtat⸗ tete ihr Bericht, auf welche Weiſe ihre Geſchenke aufgenommen worden, und welcher Ausdruͤcke ſich Simuſtapha bedient hatte, ſeine Dankbarkeit zu be⸗ zeugen: er ſagte mehr, als die Koͤniginn hoͤren wollte. Setelpedur glich nicht mehr ſich ſelber; ſeitdem ſie von Simuſtapha's Reizen eingenommen worden, war ſie inneren Kaͤmpfen hingegeben, deren Gewalt ſie zuvor niemals erfahren hatte; die Eiferſucht begann, ihr Herz in Unruhe zu ſetzen; ſie erſtaunte uͤber ihren eigenen Zuſtand: ſie, die bisher nur beſchaͤftigt war, die Leidenſchaften Anderer zu zuͤgeln, die niemals die Macht derſelben empfunden hatte, und ſtaͤts unem⸗ pfindlich geweſen war fuͤr die Reize der Bewohner Simuſtapha und Ilſetilſone. 325 Dſchinniſtans:„Ich ſollte mich ſo herablaßen,“ ſprach ſie,„einen Sterblichen zu lieben!... aber Simuſta⸗ pha iſt ein Zoͤgling Benalabs, er iſt ſelber ein Muſter der Tugend und Weisheit: welche von meinesgleichen haͤtte die Ehre verſchmaͤht, ſich der Gunſt des großen Soleiman zu erfreuend Unſre Koͤniginn kam aus den entfernteſten Gegenden des Nordens zu ihm.“*) Waͤhrend Setelpedur alſo ſprach, erwartete der Geiſt ihre Befehle. „Kehre zu deinem Herrn zuruͤck,“ ſagte ſie zu ihm,„und ſei, ſichtbar oder unſichtbar, ſtaͤts zu ſei⸗ nen Dienſten. Bemerkſt du an ihm das geringſte Verlangen, mich kennen zu lernen und mir ſeine Hul⸗ digungen darzubringen, ſo ermuntere ihn dazu und bring' ihn mir auf der Stelle her. Meine Graͤnzen ſind von noch entſetzlicher geſtalteten Weſen bewacht, als du zuvor wareſt. Ich werde Befehl ertheilen, dieſe furchtbaren Waͤchter zu entfernen, und die Graͤn⸗ zen ſo zu beſetzen, daß ſie keinen abſchreckenden An⸗ blick darbieten.“. Der Geiſt verneigte ſich vor der Koͤniginn, begab ſich wieder zu Simuſtapha, und fand ihn noch auf *) Es wird im Morgenlande angenommen, daß die Königinn von Saaba, die um Soleimans, oder Salomons, Huld zu werben kam, ein weiblicher Geiſt und die Köni⸗ ginn der himmliſchen Geſichte war. 5746 326. Ta g. dem Sopha im Zauberſchlafe liegen. Er weckte ihn auf, zeigte ſich ihm, und gab ihm den Rath, eine bequemere Lage fuͤr ſeine Ruhe zu waͤhlen. Der Prinz oͤffnete die Augen: Ilſetilſone war verſchwunden; er ſah um ſich her nur die praͤchtigen Geſchenke, mit welchen er uͤberſchuͤttet war, und ohne welche er waͤhnen wuͤrde, nur ſo ſchoͤn getraͤumt zu haben. Beim Anblicke dieſer Gegenſtaͤnde wurde er von Dankbarkeit durchdrungen, welche ihn an noch groͤßere Wohlthaten erinnerte; er brannte vor Ungeduld, ſeine ehrerbietige Huldigung dem erhabenen Weſen darzubringen, deſſen Huld und Macht er bewunderte. Er ergriff ſeine Buͤchſe, und der Geiſt erſchien. „Dſchemal,“ ſprach er zu ihm,„wenn meine Bitte nicht unbeſcheiden iſt, ſo befehle ich dir, mich zu den Fuͤßen meiner Wohlthaͤterinn, der Koͤniginn der Geiſter, zu bringen.“ „Ich gehorche,“ antwortete der Geiſt,„dem Herrn der Zauberbuͤchſe und dem Guͤnſtlinge des ſtrah⸗ lenden Sterns der ſieben Meere, welche die Erde theilen.“ Simuſtapha begab ſich ins Bad, ſchmuͤckte ſich mit allen Koſtbarkeiten, welche er der Großmuth der Fee verdankte, und uͤberließ ſich der Fuͤhrung des Geiſtes. Dſchinniſtan iſt ein weit von uns entferntes Reich; gleichwohl umgiebt es uns und beruͤhrt uns von allen Simuſtapha und Ilſetilſone. 377 Seiten; es beſteht aus ſo weiten Raͤumen, daß ſie mit dem kleinen Raum, welchen wir einnehmen, nicht zu vergleichen ſind: in wenigen Augenblicken aber hatte ſie der Prinz von Indien durchmeſſen, und wurde am Eingange von Setelpedurs Palaſt niedergeſetzt. Die Koͤniginn trat ihm daraus entgegen; obwohl von ihrer Schoͤnheit geblendet, vergaß er doch nicht der Ehrerbietung, und wollte ſich vor ihr auf ein Knie niederlaßen: ſie aber hub ihn eilig auf, faßke ihn bei der Hand, und fuͤhrte ihn in ihren Palaſt, indem ſie mit ihm durch ihre Gaͤrten ging, in welchen Wunder aller Art ihn uͤberraſchten und bezauberten. Simuſtapha, von ſo viel vereinten Genuͤſſen uͤber⸗ ſtrdmt, empfand eine Aufregung, deren Wirkung Setelpedur mit Vergnuͤgen betrachtete: „O liebenswuͤrdigſter der Sterblichen!“ ſprach ſie bei ſich ſelber,„moͤchten doch die Schoͤnheiten, welche du hier antriffſt, dich aller derjenigen vergeſſen machen, welche du auf Erden zuruͤckgelaßen haſt.“ Endlich kamen, faſt ohne mit einander zu reden, die Koͤniginn und ihr neuer Gaſt an ein Waſſerbecken, welches mit dreihundert ſechs und ſechzig Thierbildern umgeben war, deren jedes, von dem andern verſchie⸗ den, das Sinnbild eines Tages im Jahre darſtellte. Sie beſtanden aus Jaspis und Porphyr, und ihnen entſtroͤmten beſtaͤndig geiſtige und liebliche Getraͤnke. 578 4 326. 327. T a g. Die Mittagstafel war an dieſem Orte, unter einer Laube von Roſen und Schasmin, errichtet; Sophas, mit Raſen bedeckt, boten bequeme Sitze dar; Veilchen und Maiblumen dienten zum Teppich: man kann ſich vorſtellen, wie uͤppig inmitten ſo vieler Schoͤnheiten das Mahl war. Unſichtbare Diener brachten und holten die Spei⸗ ſen; man ſah nur die ſchoͤnen Haͤnde Setelpedurs, die eben ſo geſchickt waren, jedem Geluͤſte zuvorzukommen, dies ihre Augen ſich aufmerkſam zeigten, es zu er⸗ rathen. Dreihundert und ſieben und zwanzigſter Tag. Der Prinz von Indien ſchien verwirrt; aber ein belebteres Gemaͤlde ſtellte ſich jetzo ſeinen Augen dar: eine im Halbrund ihm gegenuͤber aufſteigende Buͤhne bevoͤlkerte ſich auf einen Wink. Sechshundert Geiſter beiderlei Geſchlechts, ſetzten ſich auf den Ra⸗ ſen und begannen ein Konzert, welches der Feenkoͤni⸗ ginn wuͤrdig war, und die Sterblichen zu entzuͤcken vermochte. Simuſtapha war in Bewundrung ver⸗ ſunken. 9 „Ihr ſehet,“ ſprach Setelpedur zu ihm,„welcher Vergnuͤgungen man hier genießt; findet ihr darunter einige, die euch reizen, o mein theurer Simuſtapha! Simuſtapha und Ilſetilſone. 379 ſo wird das Herz, welches euch ſie darbietet, ſich be⸗ müͤhen, ſie unaufhoͤrlich abwechſeln zu laße n.“ Mit dieſen Worten ſtand die Koͤniginn vom Tiſche auf, und ging mit Simuſtapha nach ihrem Palaſt; Gold und Aſur wechſelten hier unter allerlei Geſtalt. Simuſtapha mußte ſich auf ein Sopha niederſetzen, und die Koͤniginn der Geiſter, an ſeiner Seite ſitzend, ſprach folgendermaßen zu ihm: „Theurer Prinz, die Zuruͤckhaltung iſt nicht fuͤr mich gemacht: ich liebe euch, ich will euer Gluͤck, und das meinige iſt damit verknuͤpft. Ihr waret der Zoͤgling und Freund des weiſen Benalab, der meine Blicke auf eure Beſtimmung lenkte. Seit eurer zarte⸗ ſten Kindheit wirkte ich unſichtbar auf die Begeben⸗ heiten ein, von welchen ihr eure Gluͤckſeligkeit abhaͤn⸗ gig gemacht habt. Ihr verdanket mir Ilſetilſonens Beſitz; ich bin erfreut uͤber eure Vereinigung mit ihr, und empfinde keine Eiferſucht deshalb: aber ſeitdem ich euch nun naͤher kenne, beſeelen mich fuͤr euch die zaͤrtlichſten Gefuͤhle; eure Tugenden und die Anmuth eures ganzen Weſens haben aus der Koͤniginn der Geiſter eine demuͤthige Sklavinn der Liebe gemacht.“ „O anbetungswuͤrdige Koͤniginn,“ erwiederte Si⸗ muſtapha,„ich bin nicht ſo ſtolz, auf ein volle Eroberung Anſpruch zu machen: er euch mein Lebelang zu verehren und zu dienen. Ich verdanke euch das Gluͤck, mit der Tochter des Cha⸗ e ſo ruhm⸗ laubet mir, 380 11AkI2 Za,, al g. lyfen vereinigt zu ſein: aber wenn auch meine durch euch beguͤnſtigte Liebe mir erlaubte, euch mein Herz darzubieten, ſo bin ich doch Muſelmann, durch die Gnade Gottes und des großen Propheten, ſo wie durch die ſegensreiche Bemuͤhung des frommen Beherr⸗ ſchers der Glaͤubigen, und ich werde mein Glͤck in der Beobachtung des Geſetzes ſuchen.“ „Ihr uͤbertreibet, mein theurer Simuſtapha,“ ver⸗ ſetzte die Koͤniginn,„ſo wohl meine Anſpruͤche auf euch, als die Strenge des Geſetzes. Ich will Ilſe⸗ tilſone'n nicht aus eurem Herzen verbannen; liebet ſie immerhin: ſie ſoll der Gegenſtand meiner Huld ſein, wie ihr der Gegenſtand meiner Liebe ſeid. Mahomed hat ſich mehr als Eine Frau verſtattet.“ „Ich pruͤfe nicht,“ ſagte Simuſtapha,„die Hand⸗ lungsweiſe des Propheten: aber als Ilſetilſone ſich mir gaͤnzlich hingab, haben wir ein unverletzliches und heiliges Buͤndnis geſchloſſen.“ „Das ſoll es auch nicht minder bleiben,“ erwie⸗ derte die Koͤniginn;„Ilſetilſone kann weder eure, noch meine Feindinn werden: und wenn ſie mir erlaubt, euch zu lieben, kann ſie da eure Undank⸗ barkeit gut heißens Mit Einem Worte, theurer Prinz, mein Herz gehoͤrt euch ganz, koͤnnt ihr mir nun verſagen, das eure zu theilen, wenn niemand dadurch gekraͤnkt wird? Bedenket, daß ich meine große Macht nur zu neuen Gunſtbezeugungen Simuſtapha und Ilſetilſone. 381 fuͤr euch anwenden werde, und daß diejenige, die euch anflehet, die unbeſchraͤnkte Gebieterinn eures Schick⸗ ſals iſt.“ „O meine Koͤniginn!“ ſagte Simuſtapha, nermeſ⸗ ſet die Quaal eures Sklaven, dem das Zugeſtaͤndnis, wie die Weigerung deſſen, was ihr verlanget, gleich unmoͤglich duͤnkt.“ „Genug davon, mein theurer Prinz,“ erwiederte Setelpedur;„ihr muͤßt gegenwaͤrtig auf eure Erhal⸗ tung bedacht ſein; ich habe euch die Mittel dazu ge⸗ waͤhrt, und darunter ſolche, um die ihr nicht wiſſet, und deren Wichtigkeit ihr vielleicht in der Folge noch kennen lernen werdet. Aber ich muß euch ſagen, daß die Buͤchſe Benalabs euch großen Gefahren ausſetzt: dieſe Buͤchſe gehoͤrte einſt dem Aegyptiſchen Zauberer Mamuk, der ſie zu Frevelthaten misbrauchte: ich habe ihn, zur Strafe, derſelben beraubt. Ich uͤberließ dieſen Elenden dem Gerichte ſeines Verhaͤngniſſes: Ich beſtrafte Koſſak, euern jetzigen Sklaven Oſchemal, der durch ſeine niedertraͤchtige Willfaͤhrigkeit ſeinen verderhten Meiſter vollends zu Grunde gerichtet hatte. Ich rechne daranf, daß dieſer Sklave meiner Befehle ſich gegen euch nicht vergeſſen wird. Mamuk lebt noch, er hat einen Sohn in ſeiner Kunſt unterrichtet, der ehen ſo gefaͤhrlich iſt, als er ſelber: ganz Dſchinniſtan verflucht ihn; aber die Laſterhaften finden immer lrgendwos Schutz. 4 382 27. Ta g. Mamuk iſt noch maͤchtig, und arbeitet unablaͤßig daran, die Buͤchſe, welche ich Benalab gegeben, wie⸗ derzufinden: ſeid auf eurer Hut, daß niemals, weder ein Aegypter, noch jemand, der aus Aegypten koͤmmt, bei euch Eingang finde.“ Simuſtapha wußte keine Worte zu finden, um fuͤr ſo viele Beweiſe der Huld zu danken. Indeſſen fing es ſchon an ſpaͤt zu werden, und es war Zeit, heimzukehren, um dort ſeine Gattinn zu empfangen. Er ſuchte der Koͤniginn die Nothwendigkeit ſeiner Ent⸗ fernung bemerklich zu machen, indem er bedauerte, daß er gezwungen waͤre, ſich von ſo vielen Freuden loszureißen. „Meine Gunſtbezeigungen,“ erwiederte Setelpedur, „folgen meiner Neigung, und koſten mich nichts. Die Reichthuͤmer hier verlieren alsbald all ihren Werth, wenn ihr euch entfernet. Wollt ihr ſie mir theuer machen? Kommt mit Ilſetilſone'n her, euch derſel⸗ ben zu erfreuen, und von dem Augenblick an, wird nichts mehr hier ſein, das meinen Augen nicht wahr⸗ haft theuer waͤre: kommet, hier zu gebieten, und ſeid der Unterwuͤrfigkeit aller Geiſter verſichert, welche mich umgeben.“ „Ach, Herrinn,“ erwiederte Simuſtapha,„huͤtek euch, weil ihr mich liebt, mich uͤber meine Pflichten zu verblenden; ich bedarf es, mich zu erinnern, daß ich der Sohn des Indiſchen Koͤnigs bin, den ſeine 1 Simuſtapha und Ilſetilſone. 3³³3 Aeltern ſo zaͤrtlich lieben, und der ihren Unterthanen uͤber die Beſtimmung des vermuthlichen Thronerben Rechenſchaft ſchuldig iſt.“ „Lebet wohl, mein geliebter Simuſtapha,“ ſagke die Koͤniginn, indem ſie ihn umarmte;„lebet wohl, Prinz, Muſter eines Fuͤrſten, Licht der Welt, und Schatz aller Tugenden!“ Dreihundert und acht und zwanzigſter Tag. Simuſtapha wurde von dem Geiſte wieder heimge⸗ bracht: ſein von Dankbarkeit aufgeregtes, aber ſtaͤts von Ilſetilſone'n erfuͤlltes Herz brannte, ſie wieder⸗ zuſehen; er beſchaͤftigte ſich mit den Vorbereitungen zu ihrem Empfange: die ſeltenſten Fruͤchte ſtanden auf dem Tiſche, die Rauchfaͤſſer dufteten, und die Prinzeſſinn erſchien. Sie ſchmuͤckte ſich mit dem praͤchtigen Kleide, welches Setelpedur ihr geſchenkt hatte; Simuſtapha hatte das ſeinige anbehalten. Die Muſik ließ ſich hoͤren, das Mahl begann, und inmit⸗ ten all dieſer Freuden beſchaͤftigte man ſich nur mit Entwuͤrfen kuͤnftiger Gluͤckſeligkeit. Unterdeſſen erzaͤhlte Simuſtapha ſeinen Beſuch in dem Palaſt der Fee, beſchrieb die Schoͤnheiten, welche er dort geſehen, die Huld, womit er dort uͤberhaͤuft worden; er uͤberging keinen Umſtand, und ſeine — 384 8 328. Ta g. Erzaͤhlung erregte weder Verdacht, noch Eiferſucht. Und wenn die Prinzeſſinn alle Herzen ihrem Geliebten zufliegen ſaͤhe, ſo wuͤrde ſie dieſe Huldigung nur als einen Tribut anſehen, welche alle lebenden Weſen ihm ſchuldig ſind. Als Simuſtapha auf die Vorſicht kam, zu welcher er gegen den Aegypter Mamuk, den alten Beſitzer der Buͤchſe, aufgefordert war, wollte ſie den Prinzen bereden, ein ſo gefaͤhrliches Geſchenk der Kda niginn zuruͤckzugeben: aber beide haͤtten, ohne deſſen Huͤlfe, auf das Vergnuͤgen verzichten muͤßen, ferner zuſammen zu kommen, und es waͤre vielleicht unmoͤg⸗ lich geworden, den Chalyfen zu bewegen, ſo ſuͤße Bande zu beſtaͤtigen. Alle Befuͤrchtungen mußten ſo maͤchtigen Beweg⸗ grunden weichen:„Aber wenigſtens,“ ſagte Ilſetil⸗ ſone,„ſei darauf bedacht, dich vor der Annaͤherung dieſer treuloſen Fremdlinge zu verwahren. Verſchließ deine Thuͤren und Fenſter ſelbſt vor den Winden, die aus Aegypten herkommen moͤgen.“ Waͤhrend ſie ſo ihre Ruhe zu ſichern ſuchte, zog ſich in Oſchinniſtan ein Gewitter zuſammen, welches dieſelbe bald ſtoͤren ſollte. Als der Geiſt, der Sklave der Buͤchſe, die Prinzeſſinn aus dem Palaſt zu Simu⸗ ſtapha, und von hier wieder zuruͤckgebracht, und der Prinz von Indien ihm nichts weiter zu befehlen hatte, verfuͤgte er ſich zu ſeiner Gebieterinn, und brachte ihr Bericht von allem, was er geſehen hatte. Simuſtapha und Ilſetilſone. 385 Der Geiſt lieferte ein wahrhaftes Gemaͤlde deſſen, wovon er Augenzeuge geweſen, und ſagte: „Noch niemals bot eine eheliche Verbindung ein ſo anziehendes Bild dar! Niemals ſchienen zwei Herzen ſich ſo innig zu verſtehen und ſich zu entſprechen! Niemals vereinigten zwei Weſen Tugend und Schoͤn⸗ heit in einem ſo hohen Grade! Niemals..“ „Halt ein, Unſeliger!“ unterbrach ihn die Koͤni⸗ ginn,„deine Begierden brennen ſchon wieder lichter⸗ loh! Erinnere dich was du, als Koſſak im Dienſte des verfluchten Aegypters gethan haſt! Mein Finger hat auf deiner ſchuldvollen Stirne die Brandmale dei⸗ nes laſterhaften Wandels eingegraben. Ich werde dießmal noch ſchlimmer mit dir verfahren, wenn du wieder aus der Bahn weichſt: ich will alle deine Ge⸗ ſichtszuͤge verzerren, ich will deine Ohren lang recken, und du ſollſt mit den Ferſen vorwaͤrts gekehrt gehen.“ „Oh! meine Herrſcherinn,“ ſagte der Geiſt,„euer Zorn thut mir weher, als eure Drohung mich er⸗ ſchreckt. Ilſetilſonens Schoͤnheit und Tugend iſt ſo groß, daß ſie mir die hoͤchſte Ehrfurcht einfloͤßt: ah! wie ſehr verdient ſie die Liebe Simuſtapha's!“ „Sie iſt zu groß,“ erwiederte Setelpedur,„ſie macht, daß er der Sorge fuͤr ſeine Sicherheit, und ſelbſt ſeiner Pflichten vergißt. Der einzige Sohn des Koͤnigs von Indien laͤßt ſeinen Vater in Unwiſſenheit V. 25 386. 328. Tag. äber ſeine Abenteuer, und ohne einen von Benalab verjuͤngten Roſenſtrauch, deſſen Laub ich ſorgfaltig erneuen laße, wuͤrden ſeine Aeltern der Ungewißheit preisgegeben, und in tiefen Kummer verſunken ſein. Dſchemal, man muß deinen jungen Herrn aus einer fuͤr ihn ſo gefaͤhrlichen Bezauberung befreien: ſtelle dich unſichtbar zwiſchen ihnen beiden; verbreite einen giftigen Hauch um Ilſetilſone..“ „Große Koͤniginn, ich gehorche,“ ſagte der Geiſt, indem er hinwegeilte. „Bleib! Elender,“ ſagte aber Setelpedur zu ihm: „du biſt ſehr hurtig, dich in den Pfuhl zu ſtuͤrzen, um auf der Stelle ſeinen Qualm zu verbreiten... Bleib!“ wiederholte ſie, nachdem ſie ſich einen Au⸗ genblick wieder gefaßt hatte;„ſei geſchaͤftiger, das Gute zu thun, als das Boͤſe, wenn du nicht wieder ein Ungeheuer werden willſt... Ich befehle dir von neuen, ſorgfaͤltig uͤber alle Beduͤrfniſſe und Gefahren der beiden Gatten zu wachen. Dſchemal entfernte ſich; er vermochte nicht, in der Seele ſeiner Gebieterinn zu leſen, und waͤhnte, ſie haͤtte ihn auf die Probe ſtellen wollen. Setelpedur aber blieb ein Raub der Unruhe; ihre Leidenſchaft quaͤlte ſie; ſie waͤhnte, dieſelbe durch Opfer befriedi⸗ en zu koͤnnen, und um ſich in ihrem Vorhaben be⸗ ſtaͤrken zu laßen, befahl ſie auf der Stelle ihren Simuſtapha und Ilſetilſone. 387 Großveſyr Asmonſchar“) herbeizurufen. Er erſchien ſogleich, ſie ließ ihn neben ihr niederſitzen, und ſprach folgendermaßen zu ihm: „Veſyr, noch hat niemand auf mein Herz Ein⸗ druck machen koͤnnen, und ich bin unabhaͤngig geblie⸗ ben, bis auf dieſen Tag. Gegenwaͤrtig aber iſt mein Verhaͤngnis eingetreten und ſchreibt mir Geſetze vor: ein Sterblicher, der uͤber alle anderen erhaben iſt, hat meine ganze Zuneigung auf ſich gezogen: es iſt Simuſtapha, der Sohn des großen Koͤnigs von Indien. Ich weiß, daß der Stolz der Geiſter, meiner Vaſallen, ſie auf die Menſchen veraͤchtlich herabſehen laͤßt, weil ſie gewoͤhnlich ihren Spielball aus ihnen machen: ſie haben vergeſſen, daß ſie ſelber alle das Knie gebeugt haben vor dem großen Mahomed, dem Beſieger meines Vaters, des unſterblichen Kokopileſobeh, u*) der aller Strahlen ſeines Ruhms beraubt wurde. Unſer Wirkungskreis iſt beſchraͤnkt: von allen ge⸗ ſchaffenen Weſen iſt der Menſch der einzige, der den ſeinen erweitern kann. Die Tugenden Simuſtapha's koͤnnen ihn zu der hoͤchſten Erhebung fuͤhren, und ich will mich ſeinen Hoffnungen zugeſellen; wenn du nun, ²) Asmodeus. 2) Kokopileſobeh iſt einer von den Arabiſchen Namen Lucifers.. 328. 329. Ta g. wie ich glauben muß, meine Wohlfahrt und meinen Ruhm im Auge haſt, ſo erwarte ich von dir einen deiner Weisheit und deiner Anhaͤnglichkeit wuͤrdigen Rath.“ Dreihundert und neun und zwanzigſter Tag. Waͤhrend dieſer Rede ſchien Asmonſchar, mit nie⸗ dergeſenkten Augen, in tiefem Nachſinnen; er brach endlich das Stillſchweigen, und antwortete: „Große Koͤniginn, deine Entwuͤrfe ſind ſtaͤts von der Weisheit geleitet, und koͤnnen ihren Urſprung al⸗ lein in einem edlen Ehrgeize haben. Ich ſehe hier nur zwei Schwierigkeiten. Ihr habt edelmuͤthig die Verbindung des Prinzen von Indien und der Tochter des Chalyfen beguͤnſtigt; ihr habt die Staͤrke und Unaufloͤslichkeit derſelben ge⸗ gen euch ſelbſt durch die beiden Ringe geſichert, welche ihr ihnen angeſteckt habt: eure Befriedigung haͤngt nur von ihrer Einwilligung ab. Wir haben von unſe⸗ ren Ahnen verfaßte Geſetze, deren Urkunden ſie ſelber aufbewahren: ſie werden viel beſſer als ich entſcheiden, worin ſie euerm Verlangen genuͤgen koͤnnenz und es wird euch annehmlicher ſein, die Verbindung, welche ihr im Sinne habt, mit Zuſtimmung aller eurer Ge⸗ walt unterworfener Weſen einzugehen, als nur mit Simuſtapha und Ilſetilſone. 389 dem Rathe eures gaͤnzlich euerm Willen gewidmeten Miniſters.“ Setelpedur, nur mit ihrem Vorhaben und den Mitteln es zu befoͤrdern beſchaͤftigt, durchdrang nicht die Abſichten Asmonſchars. 8* Der heuchleriſche Veſyr hatte nicht ſo bald den Befehl, die Verſammlung zu berufen, empfangen, als er ſich zu Bahlisbull,*) ſeinem Großvater, begab, dem aͤlteſten und boshafteſten aller Geiſter in Dſchinniſtan: die Wuth verlieh ſeinen Schwingen Staͤrke und Schnelligkeit. Er verabſcheute Bahlisbull; aber es kam darauf an, die Koͤniginn von einem Vor⸗ haben abzubringen, welches ihm verhaßter war, als jedem andern, weil er leibhaftig der die menſchliche Natur verderbende Geiſt, und ihr erklaͤrteſter Feind war; und weil er den Namen Mahomed nicht konnte ausſprechen hoͤren, ohne vor Wuth zu ſchaͤumen, und jetzo die Koͤniginn gar einen Muſelmann heiraten wollte. Er wußte, daß durch einen beruͤhmten Ver⸗ trag zwiſchen Kokopileſobeh und Mahomed, der Prophek ſich alle Geburten aus den Ehen der Menſchenkinder mit den Kindern Dſchinniſtans vorbehalten hatte. Der alte Bahlisbull ſah mit einer Art von Erſtau⸗ nen ſeinen Enkel zu ihm kommen; ſie hatten ſeit lan⸗ ger Zeit keinen andern Verkehr mit einander gehabt, *) So viel als Beelſebub. als um ſich gegenſeitig zu ſchaden. Er vernahm nun das Vorhaben der Koͤniginn, und ſagte darauf zu Asmonſchar: „Ich ſehe, du fuͤrchteſt, deinen Einfluß zu verlie⸗ ren; die Koͤniginn iſt nicht die einzige, welche eine ungleiche Verbindung eingegangen; ſie iſt die Tochter des großen Kokopileſobeh, und darf uns gegenuͤber wichtige Vorrechte behaupten: die Geſetze anlangend, welche, wie du weißt, bei mir verwahrt liegen, weil ich den mit Mahomed eingegangenen Vertrag unter⸗ zeichnete, ſo koͤmmt es dir nicht zu, auf Mittel zu ſinnen, denſelben zu umgehen, oder auf die Moͤglich⸗ keit, ihn zu uͤbertreten: verſammle den Divan; das iſt deine Pflicht.“ Asmonſchar kehrte zuruͤck; Bahlisbull aber, von Bosheit und Ehrgeiz erfuͤllt, beſchaͤftigte ſich mit ei⸗ nem Anſchlage, die Koͤniginn zu entthronen, den Großveſyr, ſeinen eigenen Enkel, zu verderben und ſich ſelber auf dem Untergang aller emporzuſchwingen. Der Divan war verſammelt. Setelpedur erſchien und nahm ihre Stelle ein; alle Geiſter verneigten ſich vor ihr. Auf einen Wink der Koͤniginn erhuben alle ſich wieder und ſetzten ſich; niemand wußte den Grund einer ſo feierlichen Zuſammenberufung: Asmonſchar erhielt Befehl, die Sache vorzutragen. Der Veſyr warf die Augen ringsumher, und be⸗ merkte einen leeren Sitz; es war derjenige, den ſein Simuſtapha und Ilſetilſone. 391 Großvater Bahlisbull einnehmen ſollte; da zoͤgerte er noch, ſeine Rede anzuheben, er fuͤrchtete, die Mehr⸗ heit moͤchte dem Antrage der Koͤniginn beiſtimmen; ein großer Theil der Stimmenden war von demſelben Ge⸗ ſchlechte, wie Setelpedur, und folglich jedem Geſetze feind, welches die Freiheit feſſeln und einer ſolchen Schwachheit vorbeugen ſollte. Der uͤbrige Theil be⸗ ſtand aus leichtſinnigen Geiſtern, die ſich aus ihrer Willfaͤhrigkeit ein Verdienſt machten, und jedem Wunſche der Koͤniginn nachgaben. Alſo ſah der Mini⸗ ſter ſich in Gefahr, unter die Herrſchaft eines Men⸗ ſchen und Muſelmanns zu kommen; er laͤſterte im innerſten ſeiner Seele gegen Mahomed, und fuͤhlte zugleich alle ſeine Kraͤfte gelaͤhmt. Setelpedur gebot ihm abermals, zu reden, und er begann nun zu ſtammeln, als ploͤtzlich der alte Bahlisbull erſchien, geſtuͤtzt von den Seinigen, die ihn zu den Fuͤßen des Throns fuͤhrten. „Verzeih, o meine Herrſcherinn!“ ſprach der ge⸗ faͤhrliche alte Schlaukopf,„wenn ich ſo ſpaͤt euren Befehlen Folge leiſte. Die Zeit hat meine Kraͤfte aufgezehrt, die Jahrhunderte haben meine Schwingen gelaͤhmt: ich wurde in dem erſten großen Kampfe, welchen wir beſtanden, von Michaél ſchwer verwundet, und in einem vom Alter gaͤnzlich geſchwaͤchten Leibe wie der meinige, brechen die alten Wunden wieder auf.“ 392 3 529. Ta g. Setelpedur nahm die Entſchuldigung des alten Geiſtes an, und befahl ihm, ſeinen Sitz einzunehmen. Asmonſchar, durch die Gegenwart ſeines Großvaters wieder ermuthigt, nahm nun das Wort, und ſetzte den Gegenſtand aus einander, woruͤber die Koͤniginn den Divan zu Rathe ziehen wollte. ——— fffffffffffffff 11 12 13 14 15 16 17 18— 19 20 f 8 1 4 8 44. 5 & 4 4* 3 8 8